Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zwanzigſter Theil. So Stuttgart: Scheible, Nieger« Sattler. 1843. Bruder Jakob. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Derweil ein Einz'ger lebt von ſeinem Spielgewinn, Sieht tauſend Spieler man vor Hunger ſterben hin. 1 Der Spieler von Regnard. — Zweiter Theil. So⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1843. 4 E Erſtes Kapitel. Jakob bringt Clairette in magnetiſchen Schlaf und thut Wunder. Als ich wieder zu meinem Reiſegeſellſchafter kam, erwartete ich einige ernſte Verweiſe über mein Be⸗ nehmen gegen das kleine Dienſtmädchen, und ich hatte mir bereits vorgenommen, meinem Buckligen zu er⸗ widern, daß ich nur unter der Bedingung, frei nach meinem Belieben handeln zu dürfen, ferner bei ihm bleiben würde; aber ich wurde ſehr überraſcht, als ich ihn lachen und höchſt vergnügt auf mich zu⸗ kommen ſah. Der Tauſend! das heißt etwas jung anfangen. Ich will Euch indeſſen nicht hindern; außerdem bin ich ja weder Euer Vater noch Euer Vormund, und Ihr hörtet doch nicht auf mich, wenn ich Euch auch Weis⸗ heit predigte. Erlaubt mir nur, Euch meinen, von der Klugheit und unſerem gemeinſchaftlichen Intereſſe gebotenen Rath zu ertheilen.— Ich höre.— Ich habe Takt und ſehe, daß das junge Mädchen Euch gefällt, das ſo eben da war.— Wahrlich! es gehörte eben kein beſonderer Takt dazu, dies zu errathen.— 6 Es kommt aber weſentlich darauf an, zu wiſſen, ob ſie an Euch Gefallen findet.— Warum ſollte ich ihr nicht gefallen?— Ihr ſeid zu jung.— Sie glaubt, ich ſei dreißig Jahre alt.— Das iſt wahr, an das habe ich nicht gedacht. So müſſen wir uns Mühe geben, ſie in unſer Intereſſe zu ziehen. Ihr werdet einſehen, mein lieber Jakob, daß ich meine Mitbelfer haben muß, wenn ich in einer Stadt großen Erfolg haben will.— Wie? das iſt nothwendig? dann ſeid Ihr eben auch nicht beſonders geſchickt, wie ich merke! — Mein kleiner Jakob, Ihr fangt mit Euren Reiſen und luſtigen Streichen erſt an und kennt die Welt nicht; wenn Ihr ſie ſchon, wie ich, ſtudirt hättet, würdet Ihr wiſſen, daß die ſchlauſten Menſchen, um ihren Zweck zu erreichen, oft der Hülfe Anderer be⸗ dürfen, und das eben nenne ich Helfershelfer. Die Kaufleute verſtehen ſich, um ihre Waaren theuer zu verkaufen; der Intendant verſteht ſich mit den Lie⸗ feranten über die Bezahlung ihrer Rechnungen; die Höflinge verſtehen ſich darin, ihrem Fürſten den Speichel zu lecken und die Wahrheit zu verhehlen; ein junger Strolch verſteht ſich mit einer Ballettänzerin, einen reichen Generalpächter zu prellen; der Arzt verſteht ſich mit dem Apotheker, der Schneider mit dem Tuch⸗ händler, die Nätherin mit der Kammerjungfer, der Schriftſteller mit den Klatſchern, und dieſe verſtehen ſich unter ſich wieder darin, die Billets zu verwerthen, die ſie zum Applaudiren erhielten; die Wucherer ver⸗ ſtehen ſich, die Kurſe ſteigen und fallen zu laſſen, die Kabaliſten, einen Schriftſteller zu Grunde zu richten, 7 der nicht zu ihrer Zunft gehört, die Muſiker, die Compoſition eines Kameraden zu verderben, die Schau⸗ ſpieler, die Aufführung eines Stücks zu verhindern, worin ſie keine willkommenen Rollen erhalten haben, und die Frauen verſtehen ſich gut mit den Freunden ihrer Männer. Alles das, Freundchen, ſind Helfers⸗ helfer. Und darf es nun uns befremden, wenn auch ein Taſchenſpieler Gehülfen nöthig hat!... deſto ſchlimmer für die Narren, die ſich anführen laſſen, oder vielmehr deſto beſſer, denn wenn ſie nicht getäuſcht würden, hätten ſie kein Vergnügen... Ich nun muß nothwendig die Leute vorher kennen, die mich conſultiren; Ihr kennt wohl denken, daß ich nicht mehr zaubern kann, als Andere. Damit Ihr im mag⸗ netiſchen Schlafe die Uebel, die man empfindet oder empfunden hat, errathet, muß ich Euch zuvor darüber belehren. Das Alles hindert uns nicht zu heilen, wenn's Gott beliebt; aber man muß der Menge imponiren, und den Menſchen gefällt nun einmal das Wunderbare, und wird ihnen immer gefallen. Das kleine Dienſtmädchen ſcheint mir nun ſehr leicht⸗ fertiger und liſtiger Natur zu ſein, wir müſſen ſie alſo zu unſerer Gehülfin machen; Ihr beredet ſie durch Liebe, ich durch Geld; wir müßten ſehr unglück⸗ lich oder ungeſchickt ſein, wenn wir ſie damit nicht gewinnen könnten.“ Ich war entzückt über den Vorſchlag meines Herrn und Meiſters, denn Clairette war mein einziger Ge⸗ danke, mein einziger Wunſch. Obſchon der kleine Bucklige nicht aufhörte, mir Klugheit anzuempfehlen 8 und mich zu bewegen, nichts ohne ſeinen Rath zu thun; ſo ſagte ich ihm doch nichts von meinem Rendez⸗ vous mit dem jungen Mädchen; er hätte das zu vorlaut, zu voreilig finden können, und um keinen Preis der Welt hätte ich mein erſtes Rendezvous ver⸗ ſäumen mögen. Meiſter Gravyraicus machte mich ſodann mit dem Reſultat ſeines Spaziergangs in der Stadt bekannt; er wußte ſchon alle Anekdoten, Intriguen und neueſten Begebenheiten, die Ernennungen, die noch geſchehen ſollten; die Perſonen, die beſonders geehrt wurden, alle Heirathen, die geſchloſſen werden ſollten, kurz, Alles, was im Orte intereſſirte. Das Gute hat eine kleine Stadt, daß man in kurzer Zeit mit allen Neuigkeiten bekannt werden kann; man darf nur Bäcker, Barbier und Obſthändlerin beſuchen. Mein Begleiter hatte ein ungewöhnliches Gedächt⸗ niß, es erſetzte ihm die Kenntniſſe, wie es ſo vielen Menſchen den Verſtand erſetzt. Man beſorgte unſer Abendeſſen. Der Wirth kam ſelbſt, den Tiſch zu decken und erwartete unſere Be⸗ fehle; endlich erſchien auch Clairette; ſie war ver⸗ legener als bei ihrem erſten Beſuche; ſie hielt die Augen niedergeſchlagen und gab auf meine feurigen Blicke und das ſarkaſtiſche Lächeln des kleinen Buck⸗ ligen nicht Acht. Ich ſaß wie auf Kohlen; ich fürch⸗ tete ſchon, daß ſie ihren Entſchluß geändert habe; ich war Neuling in verliebten Intriguen und wußte noch nicht, wie liſtig ein weibliches Weſen ihre Ge⸗ danken und Wünſche zu verbergen wiſſe. 9 Sie ging wieder hinaus und ich that, was ich konnte, um die Mahlzeit zu beeilen, aber mein Kame⸗ rad, der nicht verliebt war, ergab ſich mit Wohl⸗ behagen den Tafelfreuden; er ſchmunzelte bei jedem Gericht und ſpottete über meinen geringen Appetit; indeſſen dachte er entfernt nicht daran, den Grund meiner unruhigen Haſt zu argwöhnen. Das Abendeſſen war endlich verzehrt, und, wir entfernten uns in das Schlafzimmer, wo unſere Betten dicht neben einander ſtanden. Ich machte mich ſchnell in mein Bett hinein, und legte meine Beinkleider auf meine Füße, um ſie leicht wieder finden zu können. Endlich entſchloß ſich auch mein kleiner Reiſegefährte, ſich zu Bett zu legen, nachdem er mindeſtens ein Dutzend Mal im Zimmer auf und abgegangen war, und bei ſeinen Schachteln und Flaſchen gekramt und mich dadurch faſt in Verzweiflung gebracht hatte; ich erwartete ſein Niederlegen wie das Zeichen meines Glücks, denn ich wußte, daß er, wenn er kaum lag, ſchon wie eine Ratze ſchlief. Endlich iſt der lang erſehnte Augenblick gekommen, mein College liegt im Bett, ich überzeuge mich, daß er ſchnarcht, ſtehe auf, ziehe meine Hoſen an und laufe, ohne mir Zeit zum Schuhanziehen zu nehmen, zur Thüre, öffne ſie leiſe und befinde mich auf der Treppe. Ich ging auf den Zehen und hielt den Athem an, ſo ſehr fürchtete ich, die Leute im Gaſthofe auf⸗ zuwecken. Endlich befinde ich mich oben, an dem be⸗ zeichneten Orte, ich höre leiſe huſten, und mein Herz ſagt mir, dies ſei Clairette. In der That bemerke 10 ich eine geöffnete Thüre, und beim Schein einer Nachtlampe erblicke ich endlich meine niedliche Brünette. Das junge Mädchen hatte nur ein leichtes Röck⸗ chen und ein Nachtleibchen an, weil ſie wahrſcheinlich vermuthete, daß eine weitere Toilette in den Myſte⸗ rien des Somnambulismus überflüſſig ſei; ſie erſchien mir aber bei ihren ausdrucksvollen Blicken nur um ſo reizender. „Ich habe Sie erwartet, ſagte ſie, als ich ein⸗ trat, laſſen Sie uns nun den Unterricht fortſetzen, den Ihr College ſo ungeſchickt unterbrochen hatte... Ich bin neugierig auf Ihre Manier, mich jünger zu machen.“ Ich erwiderte:„Ihr habt nicht nöthig, jünger zu werden, die Hauptſache iſt, daß Ihr bleibt, wie Ihr ſeid.— Ja, ja, das meinte ich eben... aber nun hurtig... ſeht! ich werde mich hinſetzen und die Augen zuſchließen, wie heute Abend.“ 1 Und ohne meine Antwort abzuwarten, ſetzte ſich Clairette am Fußende aufs Bett, wahrſcheinlich weil nur ein einziger Stuhl ſich im Zimmer befand; ich hütete mich ſehr, meine Schülerin daran zu hindern und ſaß raſch neben ihr. Ich drückte feurige Küſſe auf ihre netten Händchen, auf ihre Roſenlippen, und Clairette begnügte ſich damit, bei geſchloſſenen Augen zu ſagen: Wie? ſo iſt es, alſo das macht jung?“ Ich hatte dieſe meine Experimente mehrmals wie⸗ derholt, und meine Schülerin war eben im Begriff in den magnetiſchen Schlaf zu verfallen, als wir plötzlich durch einen gewaltigen Lärmen daraus erweckt 141 wurden. Der Lärmen ſchien aus dem Zimmer unter uns zu kommen; wir hörten mehre Stimmen und unter andern auch die des Wirths, der Clairette rief und Licht begehrte. Was nun beginnen? wohin mich verbergen, wenn der Wirth vielleicht heraufkäme? In Clairettens Kammer war dazu nichts vorhanden. Das junge Mädchen ſtößt mich hinaus und bittet mich, ſie vor der Wuth ihres Herrn zu bewahren, der keinen Spaß verſtehe. Während ſie ihr Licht auslöſcht und thut, als ob ſie von Neuem Feuer ſchlüge, gehe ich hin⸗ unter, ohne zu wiſſen, wie ich mich weiter benehmen werde. Kaum bin ich auf der zweiten Etage, ſo faßt mich Jemand beim Arm und ſagt mir ins Ohr: „Spiele den Nachtwandler; ich habe die Kolik gehabt und in der Noth eine Terrine mit Gelee ergriffen. Fürchte nichts, ich helfe Dir aus der Verlegenheit.“ Ich erkannte die Stimme meines Reiſegefährten und bekam wiederum Muth. Der Gaſtwirth, unge⸗ duldig, weil er kein Licht bekam, ſtieg jetzt nach Clairettens Zimmer hinauf, die noch ohne Zunder Feuer ſchlug. Endlich kommt er mit zwei brennenden Lichtern wieder herunter und bemerkt mich, als er eben in ſein Zimmer gehen will, wie ich in Hemd und Hoſen ernſten Schrittes auf der Hausflur auf und abgehe. „Was ſoll das heißen? frug er, mich voll Schrecken und Staunen anglotzend... Was machen Sie da, mein Herr!... was ſuchen Sie hier, nackt, mitten in der Nacht? Waren Sie es, der in mein Zimmer 12 2 kam, und mich ungebührlich aus dem Schlafe weckte? Antworten Sie doch!“ Ich hütete mich wohl, zu antworten und ſetzte meinen Spaziergang langſam fort; der Wirth folgte mir mit ſeinen beiden Lichtern, und Peter und Hiero⸗ nymus, die beiden Kellner im Hauſe, die der Lärm herbeigeführt hatte, harrten mit Neugierde auf den Ausgang dieſes Auftritts. Endlich läßt ſich im Zimmer des Gaſtwirths ein leiſes Geſtöhn hören.„Ha! es iſt Jemand in meinem Zimmer, ruft der Wirth er⸗ bleichend, folgt mir, ihr Leute, nur vorwärts, voran!* Er ſtößt Peter und Hieronymus vor ſich her, man tritt in das Zimmer, worin ſich mein kleiner Buck⸗ liger befindet und läßt mich auf dem Corridor. Bald höre ich Ausbrüche des Zorns unſeres Wirths gegen Meiſter Gravyraicus; ich denke, es iſt Zeit, den Frieden herzuſtellen und ſchreite mit Pathos ins Zimmer. Bei meinem Anblick hört der Lärmen auf.„Still! Achtung! ſagt mein Begleiter halbleiſe, da iſt Tatouos, nachtwandelnd; ich werde ihn mit mir in Rapport ſetzen und ihr ſollt ſehen, er wird mir Alles erzählen, was ich dieſe Nacht gethan habe.“ Sogleich nähert ſich mir der kleine Bucklige, fährt mir mit den Händen übers Geſicht, legt mir den Zeigefinger auf die Naſenſpitze, um nach ſeiner Angabe die magnetiſche Communikation zwiſchen uns herzu⸗ ſtellen, und fängt an zu fragen:„Was habe ich dieſe Nacht empfunden?— Kolik!— Was weiter?— Seitenſtiche!“ „Heh, was ſagte ich euch ſo eben? rief mein 5 13 College, indem er ſich an die erſtaunten Zuhörer wendete, aber fahren wir ſo fort, das iſt noch gar nichts, ich wette, wir erfahren weit mehr... Woher kam mein Uebel?— Von einer Unverdaulichkeit!— Und dieſe Unverdaulichkeit?— Von allzu vielem Eſſen!“ „Erſtaunlich! merkwürdig! rief der Gaſtwirth, ſich dicht an ſeine beiden Leute drückend.— Still! ſagt mein College, daß wir den Zauber nicht löſen... Was that ich darauf?— Ihr ſtandet auf!— Weß⸗ halb?— Um nach einem gewiſſen Ort zu gehen!— Hatte ich ein Licht?— Nein!— Und wie ging ich? — Auf den Zehen, die Hände vorhaltend!“ „Sie ſahen, ich ging, die Hände vorhaltend, weil ich kein Licht hatte; er weiß die größte Kleinigkeit. Aber weiter... Wohin ging ich?— Auf die Haus⸗ flur, Ihr hattet aber nicht mehr daran gedacht, daß man Euch das Kabinet links bezeichnet hatte, Ihr öffnetet die Thüre rechts und tratet in dies Zimmer! — So war es, aber was nun?— Ihr fandet eine Terrine, und...— Richtig, nun weiter?— Der Lärmen weckte den Wirth, er ſchrie, lief hinaus, um Licht zu holen, und während der Zeit verbarget Ihr die Terrine unter dieſem Bette!“ „Das iſt Alles wahr... Unterſucht nun Alles ſelbſt und überzeugt euch, ob er ſich auch nur in einem Punkte geirrt hat.“ Die Kellner fanden die Terrine und der Wirth ſtand wie verblüfft da. Sein verdorbenes Gelée, das auf die ganze Woche berechnet war, machte ihn jedoch . übel gelaunt. Mein College, der dies bemerkte, näherte ſich mir und frug weiter:„Was iſt meine Abſicht, nachdem ich meinen Mißgriff eingeſehen habe? — Dem Gaſtwirth zwölf Franken Entſchädigung zu zahlen!— Ja, ſo iſt es!... zwölf Franken! ſagte ich's Euch nicht ſo eben, um Euren Zorn zu beſänf⸗ tigen?— Nein, mein Herr, davon haben Sie mir kein Wort geſagt!— So hatte ich es auf der Zunge. Nun, ich denke, jetzt ſeid Ihr zufrieden, ich kann jetzt den jungen Mann aufwecken.“ Er kam auf mich zu und drückte mir die Finger⸗ ſpitzen. Ich ſchüttelte den Kopf, rieb die Augen wie Jemand, der aus dem Schlafe erwacht, und frug unbefangen, wie ich hieher komme. Mein College ſah ſeine Umgebung an; Alle waren ſo überraſcht von dem, was ſie geſehen und gehört hatten, daß ſie mich für ein übernatürliches Weſen hielten. » Laßt uns jetzt wieder ins Bett gehen, ſagte der kleine Bucklige, indem er ein Licht machte... Schlafen Sie wohl, Herr Gaſtrath; ich verſpreche Ihnen, Sie ſollen noch mehr Wunder ſehen, wenn Sie uns unge⸗ ſtört unſere Experimente machen laſſen.“ Er faßte mich unter dem Arm, und wir gingen in unſer Zimmer zurück, während der Wirth und ſeine Leute ſich gegenſeitig fortwährend verſicherten, daß Alles, was ſie geſehen hätten, eben ſo wahr als unbegreiflich ſei. 15 Zweites Kapitel. Große Experimente des Buckligen. Als wir wieder in unſerem Zimmer waren, fiel mir mein College aus voller Freude um den Hals. „Mein Freundchen, ſagte er, ich bin entzückt über Euch, Ihr habt Eure Rolle wie ein Engel geſpielt!... Ihr ſeid ein prächtiger Junge, ein unſchätzbares Kleinod, und unſer Glück iſt gemacht. Das Ereigniß dieſer Nacht wird Aufſehen erregen.“ Wir legten uns beide, ſehr zufrieden über die Vorgänge dieſer Nacht, wieder zu Bette. Ich ſchlief mit dem Gedanken an Clairette, ihre Reize, ihre Liebe, ſanft ein, und mein Reiſegefährte träumte von dem Gewinn, den ihm die erſte Sitzung in einer Stadt einbringen ſollte, in der ſein Ruf ſich ſo gut zu befeſtigen ſchien. Der kleine Bucklige hatte ſich darin nicht geirrt, daß uns die Begebenheit der Nacht viel Neugierige zuführen würde. Die Leute im Gaſthofe waren früh aufgeſtanden, um ſo ſchnell als möglich Alles zu er⸗ zählen, was ſie geſehen und gehört hatten. Die Fri⸗ ſeurs, Bäcker, Kaufleute erfuhren es zuerſt; das reichte ſchon hin, unſere Talente und Kenntniſſe in der ganzen Stadt auszubreiten. Auf ſolche Weiſe wird aber eine Begebenheit ſo entſtellt und vergrößert, daß man Mühe hat, aus anderem Munde ſeine eigene Geſchichte wieder zu erkennen. Ein Jeder will etwas Sonderbares und Wunderbares zuſetzen, um ſeine 16 Zuhörer zu überraſchen, und ſo wird oft ein Bach zu einem reißenden Strom, ein Kind, das einen Vers ohne anzuſtoßen herſagt, zum Wunder, ein Taſchenſpieler zum Zauberer, ein Sänger mit hoher Stimme zum Kaſtraten und ein Komet zum Vorboten fürs Weltende. Das Dienſtmädchen, indem es ſein Loth Kaffee kauft, hört von dem Ladendiener, daß im Gaſthof zum Mohrenkopf zwei ſeltene Menſchen wohnen, die einem Alles, was man thun will, prophezeihen können. — Ei der Tauſend! das muß ich meiner Madame erzählen, ſagt das Mädchen und verläßt ſchnell den Laden; ſie iſt letzthin mit ihrem Better ſpazieren ge⸗ gangen und wünſcht nicht, daß ihr Mann es erfahre; ich werde ihr den Rath geben, die Sache nicht durch die Zauberer kund werden zu laſſen.“ „Was gibt's Neues? fragt der alte Hageſtolz ſeinen Barbier, indem er ſich auf den Stuhl ſetzt und das Handtuch vorhält!— Was es Neues gibt? Herr Sauvogeon, Traun! wir haben höchſt ſonder⸗ bare, höchſt pikante Neuigkeiten.— Nun, ſo laßt ſie hören, ſprecht!— Die beiden fremden Doktoren im Mohrenkopfe haben ſchon Experimente gemacht! — Wirklich?— Gewiß, gewiß! ich habe es von Hieronymus, dem Kellner daſelbſt, der iſt Ohren⸗ und Augenzeuge geweſen.— Nicht möglich!— Dieſe Nacht hat der Somnambule ſeine nächtlichen Wan⸗ derungen begonnen.— Nächtliche Wanderungen bei Nacht!... dieſe Somnambulen ſind alſo Nyktalogen? — Ja, mein Herr, ſie ſind Nykta... Wie heißt 17 es?2.— Ryktalogen, mein Freund.— Gewiß! ſie ſind Nyktalogen... Nun, was ſoll das eigentlich heißen, Nyktalogen?— Das bedeutet, daß ſie bei Nacht klar und deutlich ſehen können.— Ahl ich ver⸗ ſtehe, wie die Katzen. Um aber wieder auf den im Mohrenkopfe zu kommen, er erräth Alles, was man gemacht hat, und dieſe Nacht hat er etwas entdeckt, was allen Augen verborgen war! Sein Reiſegefährte hatte dieſe Nacht heftige Kolikſchmerzen bekommen! — Vielleicht von einigen ſchlecht zubereiteten Gerich⸗ ten, von einigen ſchlecht geputzten Kaſſerolen, denn man ißt ſchlecht im Mohrenkopfe; ich habe einmal ein Fricandeau dort gegeſſen, das mir drei Tage lang Magendrücken verurſachte, weil Muskatnuß darin war, und das bekommt mir nie gut. Muskatnuß in einem Fricandeau!... Ihr müßt geſtehen, daß dies abſcheulich iſt.— Es iſt wahr, der Gaſthof verdient ſeinen Ruf nicht, denn auf der Hochzeit meiner Schwe⸗ ſter...— Eurer Schweſter? welcher denn?— Welche Lagrippe, den Kammerdiener des Unterpräfekten, ge⸗ heirathet hat. Sie wiſſen ja, die kleine Blonde mit den blauen Augen und der rothen Naſe.— Ach ja, der der Nätherin hier gegenüber den Hof machte.— Ah, da iſt kein wahres Wort daran, das kömmt von böſen Zungen.— Nehmt Euch doch in⸗Acht, Ihr ſchneidet mich ja.— Es iſt nichts, es ſprang nur ein Härchen aus... Sie können wohl denken, wenn Lagrippe das gethan hätte, würde meine Schweſter ihn nicht geheirathet haben.— Nun, und warum ſollte denn dies, unter uns geſagt, Eure Schweſter.— Paul de Kock. XX. 2 7 Wie! was wollen Sie damit ſagen, Herr Sauvo⸗ geon?— Genug davon, mein Lieber, ſtillt nur das Blut und erzählt dafür von dem Nachtwandler... Ihr ſagt alſo, er hat dieſe Nacht ſeinen Begleiter von der Kolik geheilt?— Ich behaupte gerade nicht, daß er ihn geheilt hat, ſondern daß er die verbor⸗ genſten Sachen entdeckt hat, unter andern eine Terrine unter dem Bette des Gaſtwirths.— Vielleicht eine Terrine, die man geſtohlen und einſtweilen da ver⸗ ſteckt hatte!— Es iſt möglich, aber ſo viel iſt gewiß, er hatte ſogleich errathen, was darin war!... Donner und Wetter!... das iſt viel, nun, ich er⸗ rathe es jetzt auch. Nehmt etwas Vanillepomade.“ Unſer alter Junge iſt friſirt und raſirt, und ſein Barbier verläßt ihn, um ſeine Geſchichte andern Kun⸗ den zu erzählen und von Neuem etwas hinzuzuſetzen. Es iſt eine gar zu ſchöne Sache damit, Neuigkeiten in Umlauf zu ſetzen und ſich damit bei den Leuten wohl daran zu machen. „Aber was Ihre Geſchichten anbelangt, Herr Autor, ſo ſind Sie gewaltig ſchwatzhaft und ſcheinen ein großes Vergnügen daran zu haben, alle Klat⸗ ſchereien einer kleinen Stadt auszukramen. Das iß doch ſchwerlich Bruder Jakob, der die Unterhaltung des alten Hageſtolzen mit ſeinem Barbier an Sans⸗ ſouci erzählt.— Es iſt wahr, lieber Leſer, ich bin ſchuldig und verſpreche nicht mehr mitzureden, wenn Jakob erzählt, er ſoll daher ſogleich ſeinen Vortrag wieder aufnehmen.“ Kaum waren wir aufgeſtanden und hatten wegen 19 des Frühſtücks geklingelt, als der Gaſtwirth ins Zimmer trat und meinem Reiſegefährten ein großes Papier überreichte.— Meine Herren, ſagt er mit tiefer Verbeugung:„Da iſt die Liſte aller der Perſonen, die ſich haben einſchreiben laſſen, um Sie dieſen Abend zu conſultiren.— Gut, ſehr gut! ſind die Namen, Titel, Alter und ſonſtigen Eigenſchaften der Perſonen mit bemerkt?— Alles, mein Herr.— Sehr gut, ſehr gut, geht jetzt und ſchickt mir auf einen Augen⸗ blick Euer Dienſtmädchen Clairette; ich habe ihr wegen heute Abend einige Aufträge zu geben.“ Der Wirth' verbeugt ſich wie ein Chineſe, dem ein Mandarin begegnet und entfernt ſich mit der Ver⸗ ſicherung, das Mädchen ſogleich heraufzuſchicken. Mein Begleiter rollte die Liſte auf; ſie war be⸗ deutend und verſprach viele Proſelyten. Der Bucklige las ſie laut ab und machte ſeine Bemerkungen gerade darüber, als Clairette eintrat. Die Kleine ſchien etwas verlegen; ſie heftete die Augen zur Erde und ſpielte mit ihrer Schürze; auch ich ward flammenroth und wußte nicht, was ich ſagen ſollte. Clairettens Gegenwart verwirrte mich ganz und gar; ich war furchtbar verliebt, und nach ihren Zärtlichkeitsbeweiſen zu ſchließen, meinte ich daſſelbe von ihr. Hätte man damals an mich das Anſinnen geſtellt, ich ſolle entweder die Kleine heirathen oder ſie völlig aus dem Sinne ſchlagen, ich glaube, ich hätte ihr ſogleich Herz und Hand angeboten, und ſtehe dafür, was ich empfand, haben ſchon viele junge Leute von meinem Alter empfunden. Man liebt ja 20 das erſte Mal ſo aufrichtig!... Ach, mein lieber Sans⸗ ſouci, ich war damals noch recht unerfahren! Seit⸗ dem aber habe ich mich überzeugt, daß das Vergnügen deſto geringer wird, je mehr man Erfahrungen macht. Mein Herr und Meiſter ſchloß die Thüre ab, denn unſere Unterredung mit Clairette durfte kein Unge⸗ weihter hören. Er kam zurück und begann das Ge⸗ ſpräch mit einem ſchallenden Gelächter, worüber ich nicht wenig ſtaunte, während Clairette an ihren Schürz⸗ enden kaute. 8 „Lieben Kinder, ihr ſeid noch ein wenig einfältig, ſagte er endlich; Ihr, mein lieber Jakob, daß Ihr ein junges Mädchen liebt, die morgen nicht mehr an Euch denkt; und Ihr, meine kleine Clairette, daß Ihr an Oexereien glaubt und Euch einbildet, man könne ſein ganzes Leben jung bleiben. Wir ſind keine Zauberer, mein Kind, und Ihr ſollt uns behülflich ſein, die Narren zum Beſten zu haben, die uns con⸗ ſultiren wollen. Ihr werdet Alles thun, was wir wünſchen, einmal, weil das Euch Gelegenheit ver⸗ ſchafft, viele Perſonen auszulachen, was ſtets ange⸗ nehm iſt, und zweitens, weil wir Euch gut bezahlen werden, ich mit Geld und Jakob mit Liebe; wenn Ihr aber auf unſern Vorſchlag nicht eingeht, ſo ent⸗ zieht Ihr Euch manche Vortheile, die in einer kleinen Stadt ſelten ſind.“ Dieſe Rede ſtellte Jedes zufrieden. Clairette ſah, daß der kleine Bucklige von Allem Kenntniß hatte und nahm lächelnd den Doppellouisd'or an, den jener ihr in die Hand ſchob; ſie war nun ganz die Unſrige. 21 Nachdem man einig war, nahm Meiſter Gravyraicus die Liſte, befahl mir die Antworten des jungen Mäd⸗ chens niederzuſchreiben, um uns weniger zu irren, und begann den Inquirenten zu ſpielen. „Annette Luzanne Eſtelle Guignard, ſechsund⸗ dreißig Jahre alt?— Sie lügt, ſie iſt wenigſtens fünfundvierzig. Eine alte Jungfer, die um jeden Preis heirathen möchte; aber man mag ſie nicht, weil ſie hinkt und Tabak kaut.— Genug! Anton Nikolas La Giraudiere, vierzig Jahre alt, Beamter der Mairie?— Ein guter, dicker, runder Herr; man ſagt, er habe das Pulver nicht erfunden; er wird vielleicht Verſtand von Ihnen verlangen.— Das iſt unmöglich... Ein Jeder hält ſich für klug. — Ach, warten Sie... Seine Frau hat vier Mäd⸗ chen und wünſcht ſehnlichſt einen Knaben.— Schön, ſchön, das paßt... Er wird verlangen, ich ſolle ihm zu einem Jungen helfen. Weiter! Romonald Ceſar Herkules de la Louche, Marquis von Vieux⸗Buiſſons, fünfundſiebenzig Jahre alt, vormals Kammerherr, vor⸗ mals bei den Chevauxlegers, vormals Page... Der Teufel! das Wort vormals hätte er weglaſſen können, ich glaube gern, daß er nicht mehr reitet und Pagenſtreiche macht... Aber was mag er wollen? — Er hat in der Umgebung ein kleines Gut gekauft und liegt mit den Bauern im Streite; er behauptet, ſie wären ſeine Leibeigenen, auch verlangt er das ſogenannte Vorzugsrecht bei Hochzeiten, und davon wollen die Bauern nichts wiſſen.— Schön! ſchön! von dem weiß ich genug. Angelika Prudhomme, ver⸗ 22 ehlichte Jolicoeur, zweiunddreißig Jahre alt, Fein⸗ wäſcherin in den erſten Häuſern der Stadt.. Tauſend, welche Ehre!— Ahl das iſt mir eine ſaubere Schöne, dieſe Madame Jolicoeur!... von der weiß man Geſchichten... Sie wäſcht für die Offiziere der Gar⸗ niſon und geht mit ihnen auf den Ball!— Sie iſt alſo ſchön?— Nun ja, ſo ſo! etwas abgelebt... und hat einen Blick wie ein Küraſſier... Ihretwegen haben ſich gewiß ſchon zwölf Perſonen duellirt, und noch beim letzten Feſte walzte ſie mit einem Tambour⸗ major, der mit einem Sappeur Streit bekam, weil ſie dieſem den Tanz verſprochen hatte... Es wäre ernſthaft geworden, wenn Herr Jolicoeur nicht dazu gekommen wäre!. Aber das iſt eine ehrliche Haut; er verglich den Tambour mit dem Sappeur und be⸗ theuerte dieſem, daß ſeine Frau nicht die Abſicht gehabt habe, ihn zu beleidigen und es aus reiner Vergeſſen⸗ heit geſchehen ſei.— Der Mann verſteht zu leben; aber weiter: Kunigunde Adeline Trouillard, vierund⸗ vierzig Jahre alt, Eigenthümerin eines ſehr beſuchten Kaffeehauſes.— Ah! die Limonadière! ſie leidet be⸗ ſtändig an Vapeurs und Migräne... ſie hält ſich ſtets für krank und nimmt alle Tage ein, ſtatt ſich um ihre Gäſte zu bekümmern.— Das iſt eine unſchätz⸗ bare Frau für die Apotheker.— Ihr Mann ſpielt den Gelehrten, den Chemiſten, er macht Kaffee aus Spar⸗ gelſamen und Zucker aus Runkelrüben. O! ich bin gewiß, der frägt Sie um Rath.“ Ich ſetzte meine Notizen fort und wir waren faſt mit der Liſte zu Ende, als an der Thüre geklopft 23 wurde. Ich öffnete; es war unſer Wirth, der uns ſagte, daß der Maire uns zu ſehen wünſche und uns bei ſich erwarte. Dieſer Einladung mußten wir nach⸗ kommen. Mein Buckliger zog ſeinen beſten Rock an und lieh mir ein paar ſchwarzſeidene Hoſen, die mir bis an die Abſätze reichten, weil er ſie gelegentlich von einem großen Dichter gekauft hatte, der ſie von einem Schauſpieler auf den Boulevards erhalten; dieſer hinwiederum hatte ſie von einem Akademiker, der eine kleine Tänzerin pouſſirte, bei der er ſie ein⸗ mal in Gedanken liegen ließ. Wir machten uns, ein wenig ängſtlich wegen unſeres Beſuchs, auf den Weg. Mein Gefährte hoffte indeſſen, ſich mit ſeinem Verſtand aus der Verlegenheit zu helfen. Wir kamen bei dem Maire an und man führte uns in ſein Zimmer. Wir ſahen einen kleinen hagern Mann vor uns, deſſen Augen voll Geiſt und Leben waren. Bei ſeinen erſten Fragen ſah mein Kollege wohl, daß er es mit keinem Dummkopf zu thun habe. Der Maire beſaß Kenntniſſe, er war in der Medizin, Chemie und Aſtronomie bewandert. Ihm gegenüber vorlor ſich die Geſchwätzigkeit und Verwegenheit meines Buckligen bedeutend. Der Maire bemerkte unſere Ver⸗ legenheit und wollte ſie endigen. „Ich habe nicht die Abſicht, Sie zu hindern, Ihr Brod zu verdienen, ſagte er lächelnd, im Gegen⸗ theil!... Sie lehren, hat man mir geſagt, den Mag⸗ netismus und heilen damit alle Uebel; das iſt ganz gut. Ich wünſche von Herzen das Wohl der mir an⸗ vertrauten Einwohner der Stadt, und es liegt mir 24 hauptſächlich daran, ſie von ihren Vorurtheilen und von dem alten Aberglauben zu befreien, wozu die Menſchen nur zu leicht geneigt ſind. Magie, Zauberei, Magnetismus, Somnambulismus haben für Lieb⸗ haber des Wunderbaren viel Anziehendes. Ich weiß, es iſt umſonſt, die Schwächen der Menſchen zu be⸗ kämpfen! es gibt nur ein Mittel, ſie durch Schaden klug zu machen. Darum ſehe ich es nicht ungern, wenn Charlatans in die Stadt kommen. Sie dienen den Einwohnern jederzeit zur Lehre; denn dieſe Zau⸗ berer verlaſſen nie einen Ort, ohne viele ihrer An⸗ hänger zuletzt doch eines Beſſern belehrt zu haben. Ich gebe Ihnen daher die Erlaubniß, nach Belieben zu magnetiſiren.“ Der Herr Maire machte uns eben keine Compli⸗ mente; aber mein Kollege verbeugte ſich vor ihm bis zur Erde und dankte ihm für ſeine Güte. „Sie verkaufen ohne Zweifel auch Arzneimittel, wie das gewöhnlich der Fall iſt, ſagte er, zeigen Sie doch einmal welche.“ Der Bucklige reichte ihm eine Schachtel mit Pillen dar, der Maire nahm eine davon, that ſie in ein Glas mit Flüſſigkeit, worin ſie ſich auflöste, und nachdem er unſere Brodkrume eine Weile beobachtet hatte, rief er lächelnd:„Meine Herren, verkaufen Sie davon, ſo viel Sie können, das iſt nicht gefährlich.“ So endigte ſich unſer Beſuch. Wir kehrten in unſern Gaſthof zurück und waren ſehr vergnügt dar⸗ über, dem Maire nichts von unſern Zaubertränken gewieſen zu haben. 25⁵ 4 Endlich nahte die bezeichnete Stunde zu unſerer öffentlichen Sitzung heran. Mein Kollege hatte mir alle möglichen Anweiſungen gegeben und meine Rolle mehrmals überhört. Er zog ſein Staatskleid an, den ſchwarzſeidenen Mantel, der ſchlanke Figuren größer, kleine und verwachſene aber noch kleiner macht, und unſer Buckliger ſah darin vollſtändig wie ein Magier oder Zauberer aus, denn dieſe dürfen ja nicht wie gewöhnliche Menſchen gebaut ſein; dazu kam nun noch der falſche Bart und die große bauſchige Mütze, und unſer Gravyraicus befand ſich in ſeinem Ornate. Was mich betrifft, ſo mußte ich eine rothe, mit gelben Sternen überſäete Tunika anziehen, die mein Meiſter für ein Geſchenk des Großmoguls ausgab; ich ſollte dazu noch einen großen Turban aufſetzen; da ich aber ſah, daß mich das Ding nicht gut klei⸗ dete und auch vorausſetzte, daß mich Clairette in dieſem Anfzug ſehen würde, ſo konnte ich mich nicht dazu entſchließen, und mein Kollege mußte ſich damit begnügen, daß ich mir die Haare a la Carl XII. hin⸗ ten überſtrich; das paßte zwar nicht zur Tunika, aber große Geiſter legen auf ſolche Erbärmlichkeiten keinen Werth. Der Saal war zu unſerer Sitzung eingerichtet; ein großer Zuber mit Waſſer, ein eiſerner Ring, ein Stab von demſelben Metall, Fauteuils für die Kran⸗ ken, Stühle für die Wißbegierigen, Bänke für die Neugierigen und eine einzige Lampe, die nur ein ſchwaches Licht verbreitete— dies war die ganze Einrichtung. 26„ Sobald mein Kollege dem Wirth hatte ſagen laſſen, daß der Zutritt geſtattet ſei, ſtürzte die Menge in den Saal. Einige kamen mit vertrauensvollem, Andere mit bangem Herzen, der größere Theil aber aus Neugier; wir hatten viele Zuſchauer, und das war die Hauptſache. Als alle Plätze beſetzt waren, das Geflüſter auf⸗ gehört und man uns lange genug betrachtet hatte, grüßte Meiſter Gravyraicus die Verſammlung wür⸗ devoll, ſtellte ſich auf einen Stuhl, um von Jeder⸗ mann gehört zu werden, und hielt folgende Rede: „Meine Herren und Damen, Sie wiſſen oder wiſſen es vielleicht nicht, daß es in der Natur ein materielles, bisher noch unbekanntes Prinzip gibt, das auf die Nerven wirkt. Iſt Ihnen das bekannt, ſo lehre ich Sie nichts Neues, iſt es Ihnen aber unbekannt, ſo werde ich es Ihnen näher erklären. Wir wiſſen alſo, daß ein ſolches Prinzip vorhanden iſt; vermittelſt deſſelben und in Folge beſonderer Geſetze der Mechanik entſteht eine gegenſeitige Be⸗ ziehung zwiſchen den lebenden Geſchöpfen, der Erde und den Himmelskörpern; hieraus folgt, daß in den thieriſchen Körpern, bemerken Sie wohl, meine Her⸗ ren, in den thieriſchen Körpern und beſonders im Menſchen ſich Eigenthümlichkeiten vorfinden müſſen, die dem Magnete ganz analog ſind. Dieſer thieriſche Magnetismus nun enthält das Geheimniß, auf alle Krankheiten einzuwirken, und gerade mir iſt es ge⸗ lungen, die Methode ausfindig zu machen, durch die man alle Krankheiten zu heilen im Stande iſt.“ — — 27 „Das magnetiſche Prinzip kann andern Körpern mitgetheilt werden. Dieſe zarte Materie durchdringt Mauern, Thüren, Glas, Metall, ohne an ihrer Kraft zu verlieren; ſie kann angehäuft, zuſammen⸗ gedrängt, im Waſſer fortgepflanzt, vom Spiegel zurückgeworfen, ja ſelbſt durch den Ton weiter ver⸗ breitet, mitgetheilt und vermehrt werden. Kurz, ihre Kraft hat keine Grenzen, und was ich Ihnen hier ſage, habe ich nicht erfunden, ſondern ich wiederhole bloß, was die hochgelehrten Mesmer, Deslon und Andere Ihnen vortragen würden, wenn ſie noch lebten.“ Die Verſammlung hörte mit der größten Auf⸗ merkſamkeit und Stille zu; die jungen Leute machten große Augen; die Mädchen lachten, die Greiſe ſchüt⸗ telten den Kopf, die Frauen ſahen ſich nachdenklich an, und Niemand wagte es ſeinem Nachbarn zu geſtehen, daß er von der Explikation des großen Wunderthäters nichts verſtanden habe. Dieſer be⸗ merkte das und fuhr fort: „Ich ſehe, meine Herrn und Damen, daß ich Sie überzeugt habe, ich will daher meine Erläuterungen nicht weiter fortſetzen, doch muß ich noch, ehe ich meine Experimente beginne, hinzufügen, daß es Körper gibt, die für den thieriſchen Magnetismus durchaus nicht empfänglich ſind, und eine ganz entgegengeſetzte Eigenthümlichkeit haben, ſo daß ſie ſelbſt die Wirk⸗ ſamkeit in andern Körpern zerſtören. Ich hoffe, daß wir unter uns dergleichen unglückliche Körper nicht finden werden! aber ich habe hierauf doch für mög⸗ 7 28 liche Fälle aufmerkſam machen müſſen. Suchen Sie nunmehr ſo viel als möglich das Erhabene der Wiſſenſchaft, die uns beſchäftigt, zu faſſen, erheben Sie Ihren Geiſt zu ihr hinauf und überzeugen Sie ſich ſelbſt, daß hier nicht von Charlatanismus die Rede iſt, ſondern daß die lauterſte Klarheit, die ent⸗ ſchiedenſte Macht, der wirkſamſte Einfluß vorherrſchen . daß... In demſelben Augenblick brach der Stuhl unter dem Redner, und er purzelte ziemlich unſanft auf den Boden, ſtand aber ſchnell wieder auf und ſprach mit erhöhtem Feuer zur Verſammlung: „Meine Herrn, ich wollte ſo eben mit einem Experimente endigen; während ich ſprach, magnetiſirte ich den Stuhl unter mir mit meinem linken Fuße, ich war ſicher, daß ich ihn durchdringen würde; Sie ſehen, es iſt mir gelungen.“ Lauter Beifall erſcholl von allen Seiten des Saales.„Ihr ſeht, Freundchen, ſagte er leiſe zu mir, ohne die Faſſung im geringſten zu verlieren, ein kluger Menſch weiß aus Allem Vortheil zu ziehen.“ Der Augenblick war gekommen, wo die Experi⸗ mente beginnen ſollten, und da ſich die Unverſchämt⸗ heit noch leichter als der Magnetismus verbreitet, ſo wartete ich in meinem Fauteuil mit Ungeduld darauf, endlich auch mein Licht leuchten zu laſſen. Madame Jolicoeur kam trotz der Entgegnungen des Marquis de Vieux⸗Buiſſons, daß ein Mann von ſeinem Range Allen vorangehen müſſe, zuerſt an die 8 — — 29 Reihe, denn die Wäſcherin gab ſo leicht nicht nach, außerdem war ſie jung und hübſch, der Marquis aber alt und häßlich; Madame Jolicoeur mußte alſo den Sieg davon tragen. 3 Der große Magnetiſeur ergriff ſie bei der Hand, führte ſie um den Waſſerzuber herum, ließ ſie dann niederſitzen und magnetiſirte ſie mit dem Ende ſeines Stäbchens. Die junge Frau ſchien zum Einſchlafen gar keine Luſt zu haben.„ Ich werde Sie jetzt mit meinem Somnambulen in Rapport ſetzen,“ ſagte er. Die Wäſcherin ſah mich lächelnd an und ſchien nicht verdrießlich darüber, mit mir in Rapport zu kommen. Ich wußte meine Rolle und hatte die Notizen über Madame Jolicoeur im Kopfe.„Jetzt gilt es, ſagte mein Kollege leiſe zu mir, denn die Frau wäre im Stande, uns auszuſpotten.“ Die Wäſcherin wurde mir gegenüber placirt; man empfahl ihr Stillſchweigen und verlangte von ihr, ſich berühren zu laſſen, was ſie ſehr bereitwillig zugab; indeſſen lachte ſie boshaft, als ich eine ihrer Hände hielt, und während ſie ſich ſtellte, als ſchlafe ſie, hörte ich ſie leiſe murmeln:„Ach, mein Gott, was iſt das für dummes Zeug! Der Sappeur hatte mir doch geſagt, daß man nur ſeinen Scherz mit mir treiben würde.“ Ich brachte ſogleich Alles zum Vorſchein, was ich von Clairetten über die Liebesgeſchichten der Wäſcherin wußte. Ich vergaß nichts, weder den Tambourmajor, noch den Walzer, nebſt dem beleidigten Sappeur und den Folgen des Streits. Bei den erſten Worten fing 30 die Verſammlung an zu lachen, Madame Jolicoeur kam in Verlegenheit, und ehe ich noch meine Rede geendigt hatte, ſprang ſie auf, machte ſich mit den Ellbogen Platz durch die Menge neugieriger Zuſchauer und verſchwor ſich beim Verlaſſen des Saals, einmal über das andere, daß wir Zauberer ſeien. Dieſer erſte Verſuch geſtattete keinen Zweifel über die Vorzüge des Magnetismus, und der Marquis de Vieux⸗Buiſſons ſchritt jetzt ernſt auf uns zu, und bat meinen Kollegen, ihn ſogleich mit mir in Rap⸗ port zu ſetzen. Nachdem die üblichen Vorbereitungen zu Ende waren, entſpann ſich zwiſchen uns folgendes Geſpräch: „Wer bin ich?— Ein ſehr hoher und gewaltiger Herr in Eurem alten Schloß, wovon nur noch ein Flügel ſteht; darum habt Ihr Euch eine neue Herr⸗ ſchaft hier in der Gegend gekauft.— Sehr richtig; aber was will ich jetzt thun, was verlange ich?— Ihr wollt, daß Eure Bauern ſich vor Euch beugen, wie Lämmer vor einem Löwen, ergeben, zitternd und furchtſam; Ihr wollt der Herr ihres Schickſals ſein, Ihr wollt, ſie ſollen Euch das Beſte geben, was ſie beſitzen, was ſie im Schweiße ihres Angeſichts ver⸗ dient haben, und obendrein Euch dafür noch bezahlen. — Sehr richtig!— Ihr wollt, daß die jungen Mädchen ohne Eure Erlaubniß nicht über ihre Jung⸗ frauſchaft verfügen.— Das iſt wahr!— Und obſchon Ihr ihnen nicht mehr gefährlich ſeid, ſo wollt Ihr doch Euer Vorzugsrecht geltend machen, wie in jenen it guten Zeiten des alten Ritterthums, wo man mi der Lanze in der Hand Stirn gegen Stirn ſich Bahn brach, für ſeine Holde wider Rieſen ſtritt, die trotz ihrer gewaltigen Keule vom erſten beſten Ritter, der kam, ſich wie Gliederpuppen durchbohren ließen!— So iſt es, ja, ſo iſt's... Ich will einen Zwerg vor der Thüre meines Taubenſchlags halten und den erſten Rieſen, der ſich auf meinem Grund und Boden blicken läßt, niederſchmettern.— Nun, Herr Marquis, ſo nehmen Sie die Pillen des Meiſter Gravyraicus, und gebrauchen Sie dieſelben oft und viel. Sie werden jung, kräftig und heiler davon werden; Ihre grauen Haare färben ſich dann wieder ſchwarz, Ihre Taille verjüngt ſich, Ihre Runzeln ſchwinden, Ihre Wangen füllen ſich und röthen ſich wieder und Sie werden aufs Neue Zähne erhalten. Ich ſtehe dafür, daß Ihre Vaſallen, wenn dieſe Verwandlung mit Ihnen vor ſich geht, ſich Ihrem Willen fügen, und insbeſondere die jungen Mädchen Sie nicht fliehen werden.“ Der Marquis, von meinen Antworten entzückt, kaufte ſich zwölf Schachteln Pillen, ohne zu handeln. Er füllte ſeine Taſchen damit, verſchluckte ſogleich ein halb Dutzend davon und ging mit hochtragendem Kopfe und feurigem Auge jubelnd nach Hauſe, indem er ſich ſchon um zehn Jahre jünger fühlte. Nach dem Marquis kam Kunigunde Adeline Trouillard an die Reihe; es waren durchaus keine Vorbereitungen und Unterredungen nöthig, um Ma⸗ dame Trouillard Glauben an den Magnetismus bei⸗ zubringen; die arme Frau hatte ſo zarte Nerven, daß ſie ſogleich in Ohnmacht fiel, ſowie mein Kollege ſie nur mit dem Stäbchen berührte. Ich ſagte ihr Alles, was mir durch den Kopf ging; ſie hatte alle Krankheiten, die ich ihr nur nannte, alle Schmerzen, die ich ihr ankündigte, und alle Zufälle, die ich an⸗ führte. Welch ein Glück ſind ſolche ſchwache Ge⸗ ſchöpfe für die Charlatans! Madame ſtopfte ſich ihren Strickbeutel mit Pillen voll und entfernte ſich nachdem ſie ſich auf alle unſere öffentlichen und Pri⸗ vatſitzungen abonnirt hatte.. 1 Wir erwarteten nun Eſtelle Guignard, die ſich hatte einſchreiben laſſen, als ein großer ſtarker Mann in Holzſchuhen und blauem Ueberhemd durch die Menge drang und auf uns zukam. Ich war auf die⸗ ſen neuen Gaſt nicht vorbereitet und ließ ihn daher ſich an meinen Kollegen wenden, indem ich mit den Augen Clairette ſuchte, in der Hoffnung, von ihr einige nöthige Andeutungen zu erhalten; aber das junge Mädchen glaubte nicht, daß wir ihrer noch bedürften, und war in die Küche hinunter gegangen. Es mußte alſo ohne weitere Hülfe gehandelt werden. Mein Buckliger hoffte, ſich leicht aus der Verlegen⸗ heit zu helfen, zumal er mit einem Bauer zu ſchaf⸗ fen hatte. Er näherte ſich dem Mann, der erſtaunt in den Waſſerzuber blickte, und indem er ſich ein möglichſt wichtiges Anſehen gab, fing er an, ihn zu befragen. „Wer ſeid Ihr?— Ei, potz Blitz! das wißt Ihr ſo gut als ich, da Ihr ein Zauberer ſeid Allerdings weiß ich es; aber ich habe meine 33 geheimen Gründe dazu, daß ich Euch darnach frage. Antwortet alſo ohne Umſchweife... Was ſoll das heißen?— Ich verlange Euren Namen zu wiſſen.— Ich heiße, wie mein Bruder, Euſtachius Nicolas.— Was treibt Ihr?— Der Teufel, ich ſchaffe auf dem Acker, oder ich fahre Feldfrüchte nach der Stadt.— Warum ſeid Ihr hierher gekommen?— Nul wie die Andern, um einen Zauberer zu ſehen.— Wer hat Euch geſagt, daß ich einer ſei?“— Der Friſeur, der mir dieſen Morgen das Haar geſchnitten hat, und weil ſchon lange her in unſerem Dorfe kein Hexenmeiſter geweſen iſt, ſo bin ich heute expres deß⸗ halb in die Stadt gegangen, um Euch zu ſehen.— Wollt Ihr magnetifirt ſein?— Magne..? Wie heißt Ihr das?— Wollt Ihr, daß ich meine gehei⸗ men Kräfte an Euch verſuche?— Meinetwegen, ja doch! verſucht, was Ihr könnt!— Nun denn, was wünſcht Ihr zu wiſſen?— O! Teufel! allerlei!... Errathet Ihr es denn nicht?— Gewiß, und ich will Euch ſogleich magnetiſiren.— Ich bin's zufrieden; wird mich das viel koſten?— Ich nehme nichts dafür. — O dann ſehe ich wohl, daß Ihr ein Zauberer ſeid, da Ihr Euren Handel treibt, ohne daß man Euch die Hand ſchmiert.“ Mein kleiner Buckliger ließ jetzt den Bauer auf einen großen Stuhl ſich niederſetzen, beſtrich ihn mit ſeinem magiſchen Stäbchen, aber der Lümmel ließ ſich be⸗ rühren und ſtreichen, ohne daß es die geringſte Wir⸗ kung hatte. Mein Kollege fuhr ihm jetzt mit den Fingern leicht an den Augen vorüber, um ihm das Paul de Kock. XX, 3 —— magnetiſche Fluidum beizubringen. Der Bauer ließ Alles mit ſich anfangen und begnügte ſich damit, von Zeit zu Zeit ſich auf dem Stuhle hin und herzudrehen und ſeine Augen zu reiben. Ich hätte große Luſt ge⸗ habt, über meinen Kollegen zu lachen, wie dieſer ſich anſtrengte und in Schweiß brachte, den plumpen Eu⸗ ſtachius Nicolas zu magnetiſiren. Endlich wurde der Bauer ruhiger und hörte auf, ſich zu bewegen und die Augen zu reiben.—„Der Zauber wirkt, ſagte Gravyraicus leiſe, während er ſeine Arbeit immer fortſetzte; das iſt eine Natur, die mir viel zu ſchaffen macht, aber endlich gelingt es mir doch... Sie ſehen, er kommt jetzt in den Zuſtand des magnetiſchen Schlafs; bald wird er ſprechen.“ Aber ſtatt zu reden, gab der Bauer, der wirklich eingeſchlafen war, einen ſo entſetzlichen Ton von ſich, daß der beherzteſte Magnetiſeur aus der Rolle hätte fallen müſſen. Mein Buckliger machte einen Sprung zurück und hielt ſich die Naſe zu. Ich brach in lautes Lachen aus, und die ganze Geſellſchaft folgte meinem Beiſpiele. Dieſer allgemeine Lärm weckte unſern Bauer auf, der aufſtand und frug, ob das Experiment zu Ende ſei.„Ihr ſeid ein ungeſchliffner Grobian! ſchrie mein Kollege, ganz wüthend vor Zorn. Ihr habt die ganze Geſellſchaft beleidigt, und ſeid nicht werth, maggetiſirt zu werden.“ Der Bauer war nicht ſehr lammartiger Natur; er wurde ſeinerſeits auch rabiat und ſchrie, daß wir die Menſchen für Narren haben wollten, und eben ſo 35 wenig Zauberer ſeien, als er. So wie Meiſter Gra⸗ vyraicus das hörte, wollte er dieſen Unverſchämten züchtigen; er fuhr mit ſeinem Stabe auf ihn los, der Bauer aber ergriff den Magnetiſeur an ſeinem Bart und mein Buckliger ſchrie jetzt aus Leibeskräften. Die Neugierigen drängten ſich herbei, die Frauen riefen um Hülfe, die Vernünftigen lachten, und die Anhänger des Magnetismus ſuchten dem armen Zauberer zu Hülfe zu kommen, der ſich mit ſeinem Gegner herumbalgte, welcher den Bart nicht fahren ließ. Die Kämpfer kamen indeſſen zu nahe an den Waſſerzuber, verloren das Uebergewicht und fielen alle beide mit der Naſe hinein. Das Waſſeer erfriſcht und beruhigt die Sinne. Der Bauer zog ſeinen Kopf aus dem Zuber zurück, ließ den Bart fahren und entfernte ſich ganz beruhigt aus dem Saal, indeß mein ganz durchnäßter Kollege wohl einſah, daß er in ſeinem Zuſtande keine Pro⸗ ſelyten machen könne, und die Sitzung für aufgehoben erklärte. Drittes Kapitel. Wirkung der Zaubertränke.— Bruder Jakob verläßt ſeinen Reiſe⸗ gefährten. Trotz des ſchlechten Ausgangs unſerer erſten mag⸗ netiſchen Vorſtellung machten wir im Mohrenkopfe doch ſehr gute Geſchäfte; Clairette gab uns ſtets die Aus⸗ kunft, die wir wünſchten, und um eine Scene, wie die des Euſtachius Nicolas für die Zukunft zu ver⸗ meiden, ließen wir fortan nur ſolche Perſonen unſeren Verſammlungen anwohnen, die ſich zuvor hatten ein⸗ ſchreiben laſſen. Die Neugierde ließ indeſſen auch nach, und die Wirkung der Pillen entſprach nicht immer den Erwar⸗ tungen unſerer Käufer. Meine Liebe zu Clairetten war nicht mehr ſo heftig, und es verurſachte mir daher gar keinen Schmerz, als mir mein Kollege eines Tages ankündigte, daß wir abreiſen würden. Sechs Monate hindurch verlebten wir auf die gleiche Weiſe; wir hielten uns, je nachdem wir mehr oder weniger Thoren oder vielmehr Anhänger unſeres Sy⸗ ſtems fanden, kürzere oder längere Zeit an einem Orte auf, und waren mit unſerer finanziellen Lage ſehr zufrieden. Wir fanden jedoch nicht überall unſere Ge⸗ hülfen und machten dann zuweilen bedeutende Verſtöße. So ſagte ich zum Beiſpiel eines Tags einem Wucherer, daß er das Geld, einem Trunkenbold, den Wein, einem Spieler die Karten nicht liebe, und einem Junggeſellen, daß er von ſeiner Frau betrogen werde. Du kannſt Dir vorſtellen, Sansſouci, daß wir in der Stadt kein Glück machten Ein ſolches Leben fing an mich zu langweilen; ich hatte meinem Biuttigen ſchon etliche Male geſagt, daß ich mich von ihm trennen wolle, aber er überredete mich immer, wieder zu bleiben; eines Tags beſchloß ich endlich, meinen Thorheiten eine andere Richtung zu geben und ihm einen ſolchen Streich zu ſpielen, daß ihm die Luſt verginge, mich länger aufzuhalten. Wir waren gerade in einer kleinen Stadt, wo wir Wunder thaten. Der Magnetismus und Som⸗ V 7 — 37 nambulismus verdrehte alle Köpfe; man drängte ſich nach unſerem Rath, unſerer Hülfe; ich konnte dem Verlangen nach Pillen nicht Genüge leiſten und ſelbſt unſere Tränke gingen herrlich ab; da entſchloß ich mich denn, ein Experiment auf eigene Manier zu machen, um Dummköpfe zu prellen. Ein alter Advokat machte ſeit einiger Zeit einer ſchon ziemlich bejahrten Kokette den Hof, die ſeiner Flamme zwar widerſtand, aber ſeinen zärtlichen Lieb⸗ koſungen nicht ungern Gehör ſchenkte. Die Dame war liſtig; ſie fand ein Vergnügen daran, Leidenſchaften zu erwecken, fürchtete aber, ihre Macht über ihn zu verlieren, wenn ſie ſeinen Wünſchen nachgebe. Beide conſultirten uns, der Advokat, um zu dem Mittel zu gelangen, ſeine Holde zu erweichen, und ſie, um ſich den Zauber zu erhalten, womit ſie ſich ſo viele An⸗ beter ſchuf. Mein Kollege verſprach Herrn Gerard, ſo hieß der alte Geck, einen Trank, womit er ſich auch die kälteſte Frau geneigt machen könne, und der Ma⸗ dame Dubelair ein Mittel, um ihre Reize vor dem Zahn der Zeit zu verwahren. In dem Hauſe der Madame Dubelair wohnte der Adjunkt des Maires von jener Stadt. Herr Roſe war ein gutes Männchen, aber ſeine Frau beklagte ſich über ihn, daß er ſie zu wenig liebe und gar nicht eiferſüchtig ſei. Sie verlangte daher ebenfalls unſern Beiſtand, die Gleichgültigkeit ihres Mannes zu heilen. Einen Mann nach fünfzehnjähriger Ehe in ſeine Frau verliebt zu machen, war keine kleine Aufgabe. Nichts deſtoweniger verſprach mein Kollege der Madame Roſe 38 einen Wundertrank für die Eiferſucht, und die zärt⸗ liche Ehegattin war ſelig, daß ſie in ihrem Gemahl das längſt erloſchene Liebesfeuer wieder aufs Neue würde anfachen können. Mein Buckliger bereitete die Tränke und gab mir den Auftrag, ſie den Beſtellern zu überbringen und ſie mir gleich baar bezahlen zu laſſen. Unterwegs dachte ich, wie ſpaßhaft es ſein müſſe, die Fläſchchen zu ver⸗ wechſeln. Meiner Treu! dachte ich, du mußſt ſehen, welchen Erfolg dies haben wird! Du gibſt der Madame Roſe ſtatt des Tranks für die Eiferſucht den, der verliebt macht, Herrn Gerard dagegen den, der zornig macht und der Madame Dubelair den, der eiferſüchtig macht, ſo muß das jedenfalls komiſche Re⸗ ſultate hervorrufen. Ich führe meinen Plan aus, übergebe meine Tränke, verſichere die ausgezeichnetſte Wirkung und harre mit Ungeduld auf den Erfolg meines muthwilligen Streichs. Herr Gerard hatte von Madame Dubelair die Er⸗ laubniß erhalten, ihr unter vier Augen ſeine Aufwartung zu machen. Er erhielt am Morgen den Trank, und um ſich möglichſt mit Verwegenheit und Entſchloſſen⸗ heit zu waffnen, genoß er eine ſtarke Doſis davon; Madame Dubelair ſäumte ihrerſeits auch nicht, von ihrem Wundertrank zu koſten, um ihren Reizen neue Feſtigkeit zu geben, und Madame Roſe hatte einen Theil ihres Fläſchchens ihrem Mann in die Ehotolade gegoſſen. Du weißſt, mein lieber Sansſouci, aus werben Droguen mein Buckliger ſeine Zaubertränke zuſam⸗ 39 menſetzte und wie er ihren unfehlbaren Erfolg berechnet hatte; mache Dir nun eine Vorſtellung von den Er⸗ eigniſſen, die an dieſem merkwürdigen Abend ſtatt⸗ fanden. Herr Gerard geht zu ſeiner Angebeteten; unterwegs empfindet er leichte Kolikſchmerzen; ſein Kopf brennt ihn und er meint, der Trank müſſe ſo wirken; er kommt zu Madame Dubelair und findet ſie auf dem Sopha nachläſſig hingeworfen! Aber wie groß iſt ſeine Ueberraſchung! ſeine zärtlich geliebte Freundin iſt kaum noch zu erkennen: ihre Naſe iſt roih und geſchwollen, die Haut bleich und welk;. medre Puſtelchen ſchmücken die Stirne. „Wie finden Sie mich heute Abend, Herr Gerard? fragt Madame Dubelair ſchalkhaft lächelnd, o ich bin gewiß, Sie werden mich unverändert finden.— In der That, Madame, erwidert der arme Advokat, in⸗ den er ſich den Bauch hält und teufliſche Grimaſſen ſchneidet, ich finde Sie verändert, ohne Zweifel ſind Sie krank?— Krank!... Krank!... Und Sie, mein Herr, krümmen ſich ja ganz merkwürdig.— Madame, ich muß geſtehen, daß ſeit einem Augen⸗ blick.— Fifine, meinen Spiegel... ich muß doch ſehen, ob ich ſo krank ausſehe, wie der Herr be⸗ hauptet.“ Der arme Gerard kann ſich nicht mehr halten; der Trank thut Wunder, Migräne und Kolik ſind in vollan Anmarſch. Die Kammerjungfer bringt der Mad me Dubelair den Spiegel. Die Kokette ſieht hinein, ſchreit fürchterlich auf, zerbricht den Spie⸗ gel, kommt Nervenzufälle und der arme Liebhaber 40 beſchwört Fifine, ihm eiligſt den Garderobeſchlüſſel ihrer Madame zu geben. Das junge Mädchen, ſchalkhaft und ausgelaſſen wie alle Kammerkätzchen, lacht aus vollem Halſe über den beklagenswerthen Zuſtand des Herrn Gerard, und um die Scene noch intereſſanter zu machen, rennt jetzt Madame Roſe herbei und jammert, daß ſie verrathen, entehrt ſei! daß ihr Mann, ein Ungeheuer, ſie vernachläſſige und es mit der Frau des Portiers halte. Unſer Liebestrank hatte Herrn Roſe hölliſch in Flammen gebracht; er kommt nach Hauſe und hofft ſeine Frau zu treffen; dieſe aber hat ſich verſteckt und im Feuereifer erklärt er der fünf⸗ zigjährigen Portiersfrau ſeine unwiderſtebliche Flaume. Das Jammergeſchrei der Madame Roſe, die ganz rabiat war, der Portiersfrau, die ſich ſo ſtellte, der Madame Dubelair, die ſich die Naſe ausreißen wollte, des Herrn Gerard, der ſich den Bauch hielt, und des Herrn Roſe, der über ſeine Tollheit troſtlos war, brachte das ganze Stadtviertel in Aufruhr. Man ſief herbei, frug, ſtieß und drängte ſich; man gab der Madame Roſe Fleur⸗d'Orangeliqueur, der Portiers⸗ frau Eau de Cologne, der Madame Dubelair Aether, Herrn Gerard ein Klyſtier und Herrn Roſe weißen Seeblumenſamen. 4 Als der erſte Lärmen ſich etwas gelegt hatte, be⸗ mühte man ſich, die Urſache ſo vielen Unheils auf⸗ zuſuchen. Jedenfalls mußten magiſche Künſte mit im Spiele ſein. Madame Dubelair verſicherte, ſie habe in ihrem ganzen Leben weder auf der Naſe, nochſonſt wo nur das kleinſte Puſtelchen gehabt, Herr Grard . 41 lebte ſehr mäßig, und Madame Roſe geſtand trotz ihrer Wuth, daß ihr Mann keiner Frau zu nahe kamme, wenn man ihm nicht etwas in den Kopf ge⸗ ſetzt habe. Die Ereigniſſe mußten alſo ihre geheime Urſache haben. Man erinnerte ſich der Tränke; man vertraute ſich die gegenſeitig geſchehenen Schritte an und das Reſultat war, daß mein kleiner Buckliger für einen Charlatan, Betrüger und Falſchmünzer der Hölle ausgeſchrien wurde, den man vorerſt ins Ge⸗ fängniß werfen müſſe, um ihn an weiteren Teufels⸗ ſtreichen zu verhindern. Der Adjunkt Roſe ging zum Maire, erzählte ihm den Hergang der Sache und erhielt ſodann die noth⸗ wendigen Polizeibeamten zur Arretirung des Schul⸗ digen. Der alte Advokat verſammelte alle Honora⸗ tioren der Stadt, um mit ihnen zu berathen; ſie theilten ſeine Wuth und meinten, daß ein Schurke, der einer Gerichtsperſon abſichtlich die Kolik beibringe, nicht genug beſtraft werden könne. Madame Dubelair und Madame Roſe brachten alle Frauen in Aufruhr; die erſtere brauchte nur ein Wort zu ſagen; ein Mann, der ſchönen Frauen die Naſe roth und den Teint blaß mache, ſei ein dem Henker verfallener Böſewicht!... Was nun noch den Trank des Herrn Roſe anbelangt, ſo verlangten alle Damen davon einige Tropfen und meinten, in ſo kleiner Doſis ge⸗ genommen, müſſe der Trank hüchſt wohlihätige Folgen haben. Alle dieſe Ereigniſſe hatten Zeit gekoſtet; es fing an Tag zu werden, als man den Weg zu unſerer 42 Wohnung nahm, um uns zu arretiren; ich ſage uns⸗ denn mir wäre ſicher das Loos meines Kollegen zu Theil geworden. Aber ſeit dem Abend zuvor war ich⸗ auf den Beinen, durchlief die Stadt, ſpionirte und forſchte die Leute aus; kurz, ich brachte es heraus, daß man uns feſtnehmen wolle, und hielt es natürlich nicht für gerathen, dieſen Augenblick abzuwarten. Während mein Herr und Meiſter ſchlief, ſchnürte ich mein Bündelchen, ſteckte mein verdientes Geld zu mir, wünſchte meinem kleinen Buckligen alles mögliche Glück und verließ ſehr vorſichtig den Schauplatz unſerer Wunderthaten. Ich weiß nicht, was aus dem Meiſter Gravyrai⸗ cus geworden iſt, denn ich habe ihn nie mehr im Leben wieder geſehen; da man aber die Zauberer nicht mehr hängt, ſeitdem man weiß, daß es keine gibt, ſo glaube ich wohl, wird mein armer Char⸗ latan mit einigen Monaten Gefängniß davon ge⸗ kommen ſein. Viertes Kapitel. Schluß von Jakobs Abenteuern. Ich hatte praeter propter dreißig Louisd'ors in der Taſche, denn es iſt ein höchſt vortheilhafter Handel⸗ Pillen aus Brodkrume zu verkaufen; man hat faſt keine Auslagen und kreditirt nie. Du kannſt Dir wohl einbilden, lieber Sansſouci, daß ich aller Orten, wo ich hinkam, nur ans Vergnügen dachte, als ein 43 Abenteuer in Brüſſel plötzlich meinem luſtigen Leben ein Ende machte. Ich logirte ſeit zwei Tagen in einem Gaſthof, ſchlug meine Zeit, wie alle Müßiggänger, mit Eſſen, Trinken, Spazierengehen todt, beſuchte alle öffent⸗ lichen Orte und beſah alle Seltenheiten. Am zweiten Tage ging ich ins Theater und kam neben einen jungen Mann von anſtändigem Aeußern zu ſitzen. Er mochte etwa drei oder vier Jahre älter ſein als ich und ſchien viel Weltton zu haben. Wir plauderten mit einander. Ich erfuhr von ihm, daß er aus Lyon ſet, und eine Reiſe machte, um einer Heirath auszuweichen, zu der ſeine Eltern ihn zwingen wollten. Sein Vertrauen erweckte das meinige, ich erzählte ihm alle erlebten Ereigniſſe und dieſe ſchienen ihn ſehr zu intereſſiren. Die Uebereinſtimmung unſeres Geſchmacks, unſerer Anſichten machte uns ſchnell zu Freunden. Breville, ſo hieß mein neuer Freund, lud mich ein, am andern Tage bei einem der beſten Traiteurs mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen, und ich nahm es mit großem Vergnügen an; denn es iſt ſehr angenehm, in einer Stadt, wo man fremd iſt, gleich bekannt zu werden. Breville bewirthete mich aufs Beſte; wir ſpeisten ganz vortrefflich, und dann ging es auf Promenaden, Theater, Kaffeehäuſer; als Fremder ſchien er ſehr bekannt in der Stadt und durchſtreifte mit mir alle öffentlichen Gärten und Luſtörter; ich machte ihm lachend darüber mein Compliment, daß er ſich ſo gut ausfinden könne und an einem fremden Ort ſo ſchnell 44 Beſcheid gelernt habe. Nach manchen Streifereien in ein Uhr, betrunken von Punſch, Liqueurs, Porter und Pharao, auf der Straße. Ich konnte mich kaum aufrecht halten und ſehnte mich nach meinem Bett, in das mich jedoch eine wohl⸗ thätige Fee hätte tragen müſſen, denn meine Beine waren zu ſchwach hiezu. Breville ſchien weniger er⸗ ſchöpft als ich, doch klagte er auch über Mattigkeit; die Straßen waren nur noch ſchwach erleuchtet. Seit einer Stunde bat ich meinen Begleiter, mich nach Hauſe zu bringen; aber wir durchliefen Straßen und Plätze, ohne meinen Gaſthof zu ſehen. Mein Führer geſtand mir endlich, daß er den Weg verfehlt habe und wir ſehr entfernt von meiner Woh⸗ nung wären, die ſeinige aber nahe ſei und er mir daher ſein Bett anbiete. Du kannſt leicht denken, daß ich ſein Anerbieten ohne Bedenken annahm; ich konnte nicht mehr von der Stelle, kaum daß ich noch einige Beſinnung behielt; die unvermeidliche Folge der über⸗ häuften Genüſſe.. Breville klopfte an eine Hausthüre; ein altes Weib öffnete. Ich ging, oder vielmehr man führte mich eine ſchmutzige krumme Stiege hinauf, und ich befand mich endlich in einem faſt ganz leeren Zimmer, was mir zu einer andern Zeit eben keinen ſehr glän⸗ zenden Begriff von meiner neuen Bekanntſchaft bei⸗ gebracht haben würde; jetzt aber dachte ich nur an Ruhe, und in zwei Minuten lag ich ſchon auf einer ſchlechten Matratze im tiefſten Schlafe. den Beluſtigungsorten befanden wir uns morgens um 45 War es die Wirkung des Punſches und der Liqueurs, daß ich mich während des Schlafs lebhaft bewegt fühlte; ich weiß es nicht, nur ſo viel, daß ich nicht aufwachte und es ſchon ſpät am Morgen war, als wiederholte Stöße mich endlich aus dem Schlafe brachten. „He! Holla! Freund... aufgewacht... Ihr ſchlaft ſchon lange hier, das kann Euch ſchaden!“ Dies waren die erſten Worte, die ich vernahm. Ich öffnete die Augen, ſah um mich, ſprach aber kein Wort, denn der Anblick, den ich hatte, ließ mich im Ungewiſſen, ob ich wirklich erwacht ſei. Urtheile von meinem Erſtaunen, lieber Sansſouci, ſtatt mich in einem Zimmer und in dem Bett, in das ich mich Abends zuvor gelegt hatte, zu befinden, ſehe ich mich auf einer Steinbank an einer Straßen⸗ ecke, ohne Rock, ohne Hut, bloß im Hemde, Weſte und Hoſen, ausgeſtreckt und um mich herum mehre Kerls, die mich neugierig anſahen. „He, munter, Kamerad! ſagte einer zu mir, kommt doch endlich zu Euch; wahrſcheinlich habt Ihr geſtern Abend gut gegeſſen und noch beſſer getrunken, und das greift an, wir kennen das!... am andern Morgen iſt man ganz verwirrt und weiß nicht mehr, wo man ſeinen Kopf hat!... aber nach und nach findet ſich das wieder.“ 3. Die Worte des Mannes riefen mir in der That alle meine Thorheiten vom geſtrigen Tage ins Ge⸗ dächtniß zurück. Mit haſtiger Bewegung griff ich in meine Taſchen. Ach, ſie waren leer! mein ganzes Vermögen trug ich auf dem Leibe.. ich war ſchänd⸗ lich betrogen worden... Vergebens frug ich die Um⸗ ſtehenden nach der Wohnung des jungen Brrville, Niemand kannte ihn. Ich ſuchte das Haus, in das mich der Elende geführt hatte, aber keiner ſah ihm ähnlich! Voll Wuth und Scham im Herzen erhob ich mich endlich; ich weiß nicht, zu welcher That ich mich hätte hinreißen laſſen, wenn der Betrüger mir jetzt unter die Augen getreten wäre! Aber Du kannſt Dir wohl denken, daß er ſich vor mir hütete. Ich frug nach dem Weg zu meinem Gaſthof und begab mich dahin. Aber was ſollte ich nun beginnen, was ſollte aus mir werden?... ich hatte nicht einen Sous mehr und ſah aus wie ein Bettler!... Nachdem ich den 3 Herrn geſpielt und alle meine Wünſche befriedigt geſehen hatte, ſollte ich nun von Almoſen leben... welch ein ſchrecklicher Wechſel... Wie ſehr ſehnte ich mich jetzt nach meinem kleinen Buckligen und unſern magnetiſchen Vorſtellungen... Wenn ich das Metier deſſelben wenigſtens allein hätte ergreifen können... Aber es fehlte mir ja durchaus Alles; ſelbſt das Nothwendigſte zur Fertigung der Pillen konnte ich mir nicht anſchaffen, und ich fühlte wohl, daß ein Somnambule, der weder Nock noch Strümpfe hat, eine traurige Figur ſpielen und Niemand in den magnetiſchen Schlaf zu bringen im Stande ſein würde. Ich war indeſſen feſt entſchloſſen, lieber zu ſterben, als mir mein Leben zu erbetteln, und kam endlich in meinem kläglichen Zuſtande in dem Gaſthofe an, den d 47 ich den Abend zuvor ſo glücklich verlaſſen hatte. Ih trat in den Saal, wo Reiſende frühſtückten... Man erkannte mich nicht, und die Kellner wollten mich ſchon fortjagen, als ich meine traurige Geſchichte zum Beſten gab. Der Wirth bedauerte mich, bot mir aber mein Zimmer nicht wieder an, worin ſich meine wenigen Effekten befanden, die nicht hinreichten, meine Zeche zu decken. Ich blieb unbeweglich vor den Reiſenden ſtehen; ich ſprach nichts mehr, aber zwei Thränen xollten mir über das Geſicht, und mein Stillſchweigen war beredter, als meine Worte es hätten ſein können. „Nun, junger Freund, was wollt Ihr jetzt be⸗ ginnen,“ rief eine Stimme mir zu, die plötzlich in meinem Innerſten wiederhallte. Ich drehte den Kopf um und ſah zwei Militärs am Tiſche beim Frühſtück. „Mein Gott, mein Herr, erwiderte ich dem, der ſich für mich zu intereſſiren ſchien, ich weiß es nicht... ich habe keine Mittel mehr!— Keine Mittel! daran fehlt es nie, wenn man brav iſt und keine Schlech⸗ tigkeiten begangen hat Da ſetzt Euch, frühſtückt mit uns.. und faßt Muth; potz Blitz! in Eurem Alter muß man nicht verzweifeln.“ Dieſe Worte gaben mir meine ganze frohe Laune wieder; ich ließ mich nicht zweimal nöthigen und aß mit tüchtigem Appetit ein gutes Theil von dem Schinken und Käſe, woraus das Frühſtück der Militärs beſtand. Als ich ſatt war, fing jener wieder an:„Freund, Ihr habt Eure Eltern verlaſſen, um Thorheiten zu begehen, Euer erſter Fehler; Ihr habt Euch mit 48 Betrügern und Taugenichtſen abgegeben, Euer zweiter Fehler, und Ihr habt Euch beſtehlen laſſen, Euer dritter Fehler. Bis jetzt ſeid Ihr indeſſen noch zu entſchuldigen, aber nehmt Euch in Acht. Wenn man betrogen worden iſt, wird man oft ſelbſt zum Be⸗ trüger. Das iſt jungen Strolchen ſchon zuweilen paſſirt, die gleich Euch am Morgen nach einem Feſte kein Geld mehr hatten. Man folgt ſeinen Leidenſchaften, dem Hang zur Ausſchweifung und zum Müßiggang, man begeht gemeine Handlungen, um exiſtiren zu können, und wird wirklich ſchlecht, nachdem man zuvor nur leichtſinnig war. Ihr ſeid auf dem beſten Wege hiezu und müßt nunmehr einen Entſchluß faſſen. Ihr kommt weder zu einem Mittagseſſen, noch zu einem Rock, wenn Ihr mit müßigen Armen nach den Sternen gafft. Verſteht Ihr ein Handwerk?— Nein, mein Herr.— Nun, ſo werdet Soldat. Nehmt die Muskete über die Schulter und tragt ſie mit Ehren. Ihr ſeid jung, groß, gut gebaut. Seid dabei auch drav, Eurem Vorgeſetzten ergeben, und ich verſpreche Euch, Ihr ſollt vorwärts kommen.“ Dieſer Vorſchlag gefiel mir ſo wohl, daß ich von meinem Stuhl hoch aufſprang, und indem ich meinen Gönner umarmen wollte, den Tiſch umwarf, worauf zum Glück nichts mehr ſtehen geblieben war. Meine lebhafte Freude gefiel dem Sergeanten und ſeinen Kameraden. Sie führten mich ſogleich zu ihrem Kapi⸗ tän, der mich in ſeine Compagnie aufnahm, und ſeither, ich darf dies ſagen, habe ich ſtets meine Pflicht ehrenvoll erfüllt. 2 — 44—— Jetzt weißt Du alle meine Abenteuer, mein lieber Sansſouci. Von denen, die ich beim Regiment erlebt habe und de ren Zeuge Du warſt, ſpreche ich nicht weiter. Sie ſind übrigens bei allen Braven gleich; Liebſchaften, Schlachten, Händel, Verſöhnung, gutes Leben, Hunger, Siege, Rückzüge, dies iſt ja immer der Inhalt der Lebensgeſchichte eines Soldaten. Jahre vergingen; ich hatte meine Famillie nicht vergeſſen; aber ich geſtehe es, ich wollte nur in einem höheren Grade vor ihr erſcheinen; ich hatte Ausſicht zum Avancement, ſchon ward mein Herz freudiger über dies Ehrenkreuz!... Da nahmen die Ereigniſſe plötzlich eine andere Wendung. Als ich aus dem Felde zurückkehrte, dachte ich, meine Eltern würden ſich an einem ehrlichen und braven Soldaten nicht ſchämen, und ſuchte ſie in Paris auf, erfuhr aber ihren Tod!... Dieſer Schlag war furchtbar, aber der kalte Empfang, der gemeſſene und verächtliche Ton meines Bruders erbitterte vollends mein Herz!... Es iſt abgemacht, Sansſouci, er ſoll mich nicht wieder ſehen, der Un⸗ dankbare, niemals ſoll er von mir wieder hören. So endigte Jakob ſeine Erzählung und eine Thräne befeuchtete bei den letzten Worten ſeine Wange; ſie floß ſeinem Bruder, den er, trotz ſeines Benehmens gegen ihn, dennoch liebte. Es fing an dunkel zu werden; Jakobs Erzählung hatte lange gedauert, und Sansſouci hatte mit ſolcher— Aufmerkſamkeit zugehört, daß er es nicht bemerkt hatte, wie die Mittagszeit längſt vorüber war. Aber als ſein Kamerad geendigt hatte, ſprang er auf, Paul de Kock. XX. 4 ſchüttelte den Kopf, ſchlug ſich auf den Bauch und ſah ſeinen Freund an. „Kamerad, Du biſt jetzt fertig?— Ja.— Nun denn, vorwärts, weiter.— Wozu, wo willſt Du hin?— Gleichviel wohin, wenn wir nur an einen Ort kommen, wo es was zu eſſen gibt.— Ah, Du haſt Hunger?— Ja, Bomben und Granaten! furcht⸗ baren Hunger! mein Magen wird von bloßen Ge⸗ ſchichten nicht ſatt. Die deinige hat mir zwar viel Spaß gemacht, aber nun ſie aus iſt, fühle ich erſt recht, wie nöthig mir etwas Solides thut!— Soll ich wieder anfangen?— Nein, nein, Du ſollſt mir folgen.— Aber wo denn hin?— Komm Du nur, immer friſch vorwärts!“ Jakob und ſein Kamerad machen ſich guerfeld⸗ ein auf den Weg... Man konnte nicht mehr deutlich ſehen, und ihnen war jeder Weg gleich. Jakob ſchwieg. Sansſouci, ſang und verfluch te abwechſelnd alle Zäune und Hecken, die ihnen den Weg verſperrten. Nach einer Stunde endlich bemerkten ſie in der Ferne ein Licht. „Ha! dort auf das Licht los, ruft Sansſouci bei verdoppelten Schritten, da wird man uns gaſt⸗ freundlich aufnehmen.— Sansſouci, haſt Du Geld? — Nicht einen Heller, und Du?— Ich auch nicht! — Gleichviel, nur immer vorwärts!“ Man kam dem Gebäude näher, woraus ihnen das Licht entgegen leuchtete; es ſchien groß genug, um eine Pächterwohnung zu ſein, aber es war ſchon zu dunkel, um die Gegenſtände unterſcheiden zu können. 5₰ von er ihm erzählt habe und dieſe eine ſehr 51. Sansſouci geht, tappend, voran und ſchlägt mit aller Kraft ſeine Fäuſte und Füße gegen die erſte Thüre, die ihm in den Weg kömmt. Umſonſt bittet ihn Jakob, weniger Lärm zu machen. Sansſouci will vor Hun⸗ ger umkommen, und hört nur auf ſeinen Magen. Zwei Hunde im Hofe erwidern ſeinen Lärmen; auf ihr Gebell erheben die Kühe ein Gebrüll und die Eſel ein Geſchrei. Bei all dieſem Getöſe hat eine weibliche Stimme von einem Fenſter aus die größte Mühe, ſich verſtändlich zu machen. „Wer iſt da?.. Was wollt ihr?— Ei! tau⸗ ſend Donnerwetter! ich irre mich nicht... ſie iſt es ... meine Brünette! Habe ich Dir nicht geſagt, Jakob, wir würden was zu Eſſen bekommen?... wir ſind in der Pächterwohnung; mache auf, mein Mäuschen... geſchwind mach' auf!... die Liebe und der Hunger bringen mich zu Dir zurück!..— Wiel ſollte er's ſein?— Freilich iſt er's... ja ich... wir find es!.. Geſchwind, Luiſe, ziehe Dein züch⸗ tiges Röckchen an und öffne die Thüre... Aber bringe Deine Thiere wieder in Ru Die Pächterin verläßt das Fenſter, um unſere „ und Sansſouci unterrichtet in⸗ bei der Ungetreuen ſeien, wo⸗ 3 gute, gefühlvolle, freundliche, dienſtfertige Frau ſei. „Aber ihr Mann, ſagt Jakob, iſt doch Herr im Hauſe, und...“— Nein, pro primo iſt Luiſe Herr im Hauſe, und pro secundo iſt er eine gute ehrliche 52 Haut... Ol ſie hat mir alles das heute Morgen geſagt. Sie verlangt, ich ſollte als entfernter Ver⸗ wandter, der aus dem Felde zurückkehre, einige Zeit bei ihnen bleiben, ich nahm es aber nicht an, weil ich Dir verſprochen hatte, Dich aufzuſuchen, und unſere Freundſchaft geht doch allem vor. Aber da wir nun einmal hier ſind und wir thun können, was wir wollen, meiner Treu! ſo... Unſer gutes Glück hat uns wieder hieher geführt... doch ſtill! da kommt fe... Und wirklich öffnete Luiſe die Thüre; beim An⸗ blick Jakobs ſchien ſie überraſcht.— Ich ſtelle Euch hier meinen beſten Freund vor, ſagt Sansſouci, einen Biedermann, einen Kameraden, von dem ich mich nicht trennen kann.— O, ſchön, wenn das iſt... ſo iſt's auch unſer Freund.. Aber mein Mann ſchläft, doch s'iſt gleichviel, Sansſouci, vergiß nicht, daß Du mein Vetter biſt.— Das iſt klar!... ab⸗ gemacht... aber jetzt nach der Küche.— Ich werde euch einen Speckeierkuchen machen!— Das iſt deli⸗ kat!... Aber biſt Du denn ſo allein?— Ja! unſer Knecht verheirathet ſich übermorgen, und da ſchläft er etwas im Voraus, Vetter.— O, ja was iſt ſchon vorgekommen; gebt nur her, ich werde die Pfanne halten.“ 3 In kurzer Zeit war das Abendeſſen fertig, und Jakob und Sansſouci machten ihm alle Ehre. Luiſe ſah beide lächelnd an und dachte an die Ueberraſchung ihres Mannes am andern Morgen, wenn er erfahren würde, daß zwei Freunde im Hauſe geſchlafen hätten! — 53 „Ich werde euch in die kleine Käſeſtube betten, ſagte die Pächterin, ſie iſt hier nahe und ihr könnt hinein kommen, ohne durch die unſrige zu gehen und meinen Alten zu wecken. Morgen wollen wir ihm Alles erzählen.“ Luiſe legte großes Gewicht darauf, daß ihr Mann nicht geweckt werde; ſie führte ihre Gäſte in ein kleines Zimmer, wo der Wintervorrath an Käſe, längs der Mauer auf Brettern, aufgepflanzt war. Das gab nun eben keinen ſehr lieblichen Geruch, aber zwei Soldaten ſind nicht ſo verwöhnt. Jakob, warf ſich aufs Lager und ſchlief ſehr bald ein; Sansſouei behauptete, daß die Käſe ihn incommo⸗ dirten, ſtand auf, um friſche Luft oder was anders zu ſchöpfen; dem ſei, wie ihm wolle, die Nacht ver⸗ ging ſehr angenehm, und der Pächter wachte nicht zur Unzeit auf. 5 Am andern Morgen war Alles frühe auf den Beinen. Der Pächter Guillot machte bei der Er⸗ zählung ſeiner Frau große Augen; er eilte, um ſei⸗ nen Vetter, den alten Soldaten, und ſeinen Freund zu umarmen; er bewillkommte ſie ſehr freundlich, ſtieß mit ihnen an; fand in ihnen ein paar herrliche, fidele Seelen und zeigte ihnen im Jubel ſeines Her⸗ zens ſeine Hühner, Eſel, Ochſen, nebſt ſeinem Korn und Heu. Unſere beiden Soldaten fanden Alles ſehr ſchön und im Stande, ſie machten ihrem Wirth Complimente darüber und waren bald ſeine beſten Freunde.— Jakob liebte das Landleben, Wieſen, Wald und 54 Feldarbeiten; Sansſouci liebte die Pächterin und die Küche. Jakob erzählte Abends ſeine Schlachten, Belagerungen und Abenteuer. Der Pächter war ganz Ohr und athmete kaum; Sansſouci ſelbſt theilte das Vergnügen der guten Landleute und ermangelte nicht, auch ſeinerſeits hübſche Geſchichten zum Beſten zu geben. Dieſe Erzählungen machten ein ſolches Vergnügen, daß man noch einmal ſo heiter und froh des Morgens zur Arbeit ging, wenn die Sol⸗ daten neue Geſchichten für den Abend verſprachen. Die Dorfbewohner erbaten es ſich als eine be⸗ ſondere Gunſt, an den Vorträgen von Luiſens Vetter und ſeinem Kameraden Theil nehmen zu dürfen, und da man auf dem Lande weder Zwang noch Ceremo⸗ niell kennt, ſo ward das große Zimmer der Pächter⸗ wohnung, ſobald die Feldarbeiten beendigt waren, mit Landleuten angefüllt. Die alte Bauerfrau brachte ihr Spinnrad, die jüngere ihr Nähzeug mit; das junge Mädchen ſtrickte oder haſpelte; in einer Ecke reinigte der Knecht in der Schwinge das Korn für ſeine Pferde; in einer andern tranken und rauchten die Alten, während die Kinder auf dem Fußboden herum tummelten oder mit Sansſouci's Bart ſpiel⸗ ten, alle aber hörten dabei aufmerkſam auf die Schlachtgeſchichten Jakobs. Wenn das Gefecht hitzi⸗ ger wurde und Jakob in Feuer gerieth, dann drückte ſich Angſt, Furcht und Schrecken auf allen Geſichtern aus.. Die Alte ließ ihr Spinnrad ſtehen, der Bauer nahm die Pfeife aus dem Munde, der Greis vergaß ſein Glas, der Knecht ſeine Schwinge; ein pf 5⁵ jeder ſtreckte mit offenem Munde den Hals vor und wartete auf den Ausgang der Schlacht, um nachher erſt wieder ſeine Arbeit fortzuſetzen.* So vergingen ſchnell acht Tage. Unſere beiden Gäſte wollten indeſſen die Gaſtfreundſchaft des Päch⸗ ters nicht bloß mit Geſchichten bezahlen und halfen ihren Wirthsleuten daher bei ihren Arbeiten. Jakob folgte Guillot aufs Feld und pflügte und grub nach Herzensluſt. Anfangs wollte der Pächter es nicht zugeben; aber Jakob beſtand darauf, und in kurzer Zeit war er ſchon ſehr geſchickt. Sansſouci blieb lieber auf dem Pachthofe; Luiſe machte ſich anhei⸗ ſchig ihn zu beſchäftigen, und ſo hatte er denn auch immer zu thun. Sie war eine tüchtige Frau und konnte einem jungen Kerl ſchon zu ſchaffen machen... auf dem Boden, im Keller, im Garten, ſogar in der Küche, überall wußte ſie ihn zu gebrauchen. Nach einiger Zeit verließ der Knecht, der ſich verheirathet hatte, den Pachthof, und Guillot brauchte Jemand an ſeiner Stelle; die Pachtung war nicht unbedeutend, viel Land zu bebauen, und der Pächter dachte, er würde nicht zu viel Hände haben, wenn er Jakob und Sansſouci bei ſich behielte. Er wagte es nicht, beiden Freunden den Vorſchlag zu machen; aber Luiſe, der viel daran gelegen war, ſie im Hauſe zu behalten, nahm es auf ſich, die Sache ins Reine zu bringen. „Schon bei den erſten Worten fiel Jakob vor Freuden der Pächterin um den Hals.—„Ich fürch⸗ tete ſchon, ſagte er, Euch überläſtig zu werden; nun 56 bietet Ihr mir die Mittel an, ehrlich mein Brod zu verdienen, und ich nehme das mit vielem Dank an. Ich will ein tüchtiger Arbeiter ſein, und verſpreche 3 Euch, Sansſouci wird es gleichfalls werden. Wir ſind beide Soldat geweſen, aber das Gewehr tragen oder hinter dem Pfluge hergehen, heißt beides nicht, ſeinem Vaterlande dienen?“ Jedermann war zufrieden. Jakob widmete ſich eifrig ſeinen neuen Geſchäften; manchmal trat bei ſeinen Arbeiten das Bild ſeines Bruders vor ſeine Seele; dann wurden ſeine Züge ernſt, ſeine Hand ruhte, ſeine Augen ſahen auf den Weg nach Ville⸗ neuve⸗Saint⸗George; aber ſchnell verſcheuchte er dann wieder die trüben Gedanken, ergriff von Neuem mit größtem Eifer Hacke oder Pflug und gab ſich Mühe, das Bild Eduards aus ſeinem Innern zu verbannen. 4 — Fünftes Kapitel. Vier Monate der Ehe.— Neue Pläne. Eduard, ſeine Frau und Mama Germeuil waren in dem hübſchen Landhauſe zu Villeneuve⸗Saint⸗ George eingerichtet. Eduard, der von ſeinem Bru⸗ der kein Wort geſprochen hatte, zitterte, als er ſich dem Dorfe näherte, und war höchſt erſchüttert, als er zuerſt wieder den Fuß in ſein Vaterhaus ſetzte. Jeden Augenblick glaubte er ſeinem Bruder zu be⸗ gegnen, und am Tage ihrer Ankunft wollte er durchaus — 57 nicht mehr im Garten ſpazieren gehen. Indeſſen war er feſt entſchloſſen, Jakob gut aufzunehmen und ſeiner Familie vorzuſtellen, wenn gleich er bei dieſem Entſchluſſe eine gewiſſe Verlegenheit und Furcht empfand, und ſein Gemüth ſich dadurch in eine fort⸗ dauernd unzufriedene Stimmung verſetzte. Am zweiten Tage befrug er heimlich den Haus⸗ wärter:„Iſt Jemand in meiner Abweſenheit hier geweſen?... habt Ihr den Fremden wieder geſehen, den Mann, der ſich immer am Ende des Gartens aufhielt?— Nein, mein Herr, ich habe ihn nicht wieder geſehen, auch hat Niemand nach Ihnen ge⸗ fragt.“ N8 Eduard holt leichter Athem und kehrt froher zu den Damen zurück. Die Zeit vergeht, man bemerkt das bärtige Geſicht nicht mehr. Madame Germeuil fängt manchmal lachend davon an und denkt nicht daran, daß ſie ihrem Schwiegerſohn dadurch wehe thue, aber endlich vergißt man die Begebenheiten gänzlich und Eduard findet ſeine Ruhe wieder. Adelinens Herz hat ſich nicht verändert; immer zärtlich, gefühlvoll betet ſie ihren Mann faſt an; ſie iſt ganz glückſelig, wenn er bei ihr iſt und ſie in ſeinen Blicken dieſelben Gefühle, dieſelbe Liebe, daſ⸗ ſelbe Glück liest. Sie trägt ein Pfand ſeiner Zärt⸗ lichkeit unter dem Herzen; ein neuer Beweggrund der Freude, Hoffnungen und Pläne für die Zukunft. Ganz mit dem Glück beſchäftigt, Mutter zu werden, iſt Adeline jetzt weniger leichtſtnnig und lebhaft; ſie „ 58 denkt daran, daß eine Unvorſichtigkeit ihrem Kinde ſchaden kann. Man ſieht wenig Geſellſchaft, aber Eduard iſt auch noch in ſeine Frau verliebt und fühlt keine Langeweile. Manchmal findet er wohl die Abende lang, die Partie Piquet mit Madame Germeuil end⸗ los, und die Promenaden in der Umgegend etwas einförmig, aber Adelinens Liebkoſungen und Küſſe bleiben immer angenehm und ſüß. An einem ſchönen Tage hält plötzlich ein Wagen vor dem Hauſe; zwei Damen und ein Herr ſteigen aus und treten in den Hof. Der Diener fragt nach dem Namen der Fremden, um ſie ſeiner Herrſchaft, die im Garien iſt, melden zu können; allein man will die Familie Murville überraſchen, und die eine der beiden Damen geht ohne Umſtände in den Gar⸗ ten und bittet die Andern, ihr zu folgen. 8 Endlich erblickt man die Geſellſchaft. Madame Germeuil und Adeline ſtehen überraſcht auf und lau⸗ fen der Madame Dolban entgegen. „Eil Sie ſind es, theuerſte Freundin, wie lie⸗ benswürdig!— Ich habe Sie überraſchen wollen, ſchon lange hatte ich es mir vorgenommen, denn den Aufenthalt auf dem Lande liebe ich leidenſchaftlich. Ich habe meine kleine Couſine Jenny mitgebracht, die entzückt iſt, mich zu begleiten, und da wir doch einen Cavalier haben mußten, ſo habe ich mir die Freiheit genommen, Herrn Düfresne einzuladen, dem es zur großen Freude gereicht, ſeine Huldigung darzu⸗ bringen.“ er 59 Herr Dufresne macht den Damen eine tiefe Ver⸗ beugung, und Mama Germeuil verſichert der Madame Dolban, daß die Perſonen, die ſie mitbringt, jeder⸗ zeit willkommen ſind. „Der Herr iſt Ihnen übrigens auch nicht unbe⸗ kannt, erwidert Madame Dolban, denn er war auf der Hochzeit der lieben Adeline; Madame Denaur hatte ihn mitgebracht.— In der That, ich erinnere mich, ſagt Madame Germeuil, aber an jenem Tage war man wohl zu entſchuldigen, alle junge Leute dem Gedächtniſſe nicht beſſer eingeprägt zu haben... Er⸗ innern Sie ſich noch der ſonderbaren Ereigniſſe an jenem Abend!... die arme Madame Volenville und der unglückliche Herr Robineau!.— Ach! ſprechen wir davon nicht, meine Liebe, ſonſt muß ich aufs Neue zu lachen anfangen!... Aber wo iſt denn Herr Murville?— Er durchſtreift die Umgegend, aber er muß bald kommen, haben Sie die Güte, indeſſen im Hauſe auszuruhen.“ Man geht nach dem Salon; Dufresne bietet der Madame Germeuil ſeinen Arm und Adeline führt Madame Dolban und ihre Couſine. Eduard bleibt nicht lange aus. Er ſcheint angenehm überraſcht, Geſellſchaft bei ſich zu finden. Man mag noch ſo verliebt ſein, die angenehmſten Téte-à-téte langweilen zuletzt; darum weiß eine Kokette ſie auch dann und wann zu unterbrechen, um den Wunſch darnach von Neuem anzuregen. Aber Adeline war nicht kokett. Madame Dolban war noch eine junge Frau; ſie 60 war nicht hübſch, hatte aber angenehme Züge, An⸗ muth und geſelligen Takt.— Die kleine Jenny war achtzehn Jahre alt, einfach, ſanft und verſtand zu ſchweigen, wenn ihre Couſine ſprach. Was Düfresne betrifft, ſo kennen wir ihn ſchon, zwar noch unvollkommen, aber mit der Zeit werden wir ſeine nähere Bekanntſchaft ſchon noch machen. Auf Adelinens Hochzeit war er mit Madame Dol⸗ ban bekannt geworden. Hatte er ſich in ſie verliebt? Das war zu bezweifeln; indeſſen betrug er ſich gegen ſie wie ein leidenſchaftlicher Anbeter; indem er ihr angelegentlich den Hof machte, war es ihm gelungen, alle ſeine Wünſche zu krönen. Madame Dolban war geerade kein Tugendſpiegel, aber ſie verſtand die Kunſt, ihre Schwächen zu verbergen, um in den Geſellſchaften immer gern geſehen zu werden, in denen man auf Sitte und Anſtand hält, und das Haus der Madame Germeuil gehörte zu dieſen Geſellſchaften. 4 Dufresne hatte eine vollkommene Herrſchaft über Madame Dolban gewonnen, denn dieſe liedte ihn leidenſchaftlich, und hätte Alles für ihn aufgeopfert, obwohl ſie es bald bemerkt hatte, daß dieſer junge Mann, der ſich Geſchäftsmann, Courtier, Wechſel⸗ agent nannte und je nach Umſtänden alle mögliche Titel annahm, nichts weiter als ein Glücksritter war, der keinen Stand, kein Amt hatte und deſſen Sub⸗ ſiſtenzmittel ganz zweifelhaft waren. Eine kluge Frau hätte ſofort mit einem ſolchen Mann gebrochen; Madame Dolban fühlte ſich dazu aber nicht ſtark genug; im Gegentheil gab ſie ſich ihm 4 & 61 ganz hin, öffnete ihm ihre Börſe und machte ihn zu ihrem unumſchränkten Herrn, und Dufresne bemäch⸗ tigte ſich ohne Schonung des kleinen Vermögens ſeiner Freundin, indem er ſie mit der Verſicherung täuſchte, daß er die ausgezeichnetſten Geſchäfte mache und bald ihre Kapitalien verdreifachen werde. 3 Von einem unbekannten Beweggrunde geleitet, erkundigte er ſich oft nach Adeline und ihrem Gemahl. Eines Tages äußerte er den Wunſch, ſie in ihrem Landhauſe zu beſuchen, und Madame Dolban willigte ein; ſie nahm ihre kleine Couſine mit, um jeden Ver⸗ dacht einer zu vertraulichen Verbindung mit einem jungen Mann zu entfernen, den ſie bei Madame Ger⸗ meuil einführen wollte.. Dufresne war geiſtreich, heiter und unterhaltend, wenn er ſich liebenswürdig zeigen wollte, und bei unſern jungen Eheleuten that er Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, um Jedermann zu gefallen. Zuvor⸗ kommend, galant, felbſt gegen Madame Germeuil (denn er wußte, daß Galanterie den Müttern beſon⸗ ders gefällt) war er liebenswürdig, zurückhaltend und ehrfurchtsvoll gegen Adeline; Eduard aber wußte er durch ſeinen Geiſt beſonders zu feſſeln, und ließ ſich vor allen Dingen angelegen ſein, deſſen Charakter, Geſchmack und Anſichten zu ſtudiren.— Alles erhielt jetzt den Anſtrich der Feſtlichkeit im Hauſe von Villeneuve⸗St.⸗George. Drei Perſonen mehr in einem Hauſe können ſchon eine Veränderung darin hervorbringen. Geſang, Muſik, Promenaden, Jagdpartien, Fiſchfang wechſelten mit einander ab. — 62 Die Zeit verſtrich jetzt ſehr raſch für den vergnügungs⸗ ſüchtigen Eduard, erſchien aber ſehr lange für Adeline, die jetzt weniger Gelegenheit fand, mit dem Geliebten ihres Herzens allein zu ſein. Am dritten Tage nach ihrer Ankunft ſprach Ma⸗ dame Dolban ſchon davon, wieder nach Paris zu⸗ rückzukehren, aber Eduard drang in ſie, noch einige Tage länger zu bleiben. Er konnte ohne Dufresne nicht mehr leben. Schon vor dem Aufſtehen der Da⸗ men gingen beide auf die Jagd oder unternahmen weite Morgenpromenaden; Murville war über ſeinen neuen Freund entzückt. Geiſt, Frohſinn, immer gleiche Laune, Uebereinſtimmung des Geſchmacks und der Lebensanſichten machten ihm die Gegenwart Dufresne's gleichſam unentbehrlich. Adeline konnte auf dieſe neue Freundſchaft zwar nicht eiferſüchtig ſein; indeſſen empfand ſie doch einen geheimen Kummer bei der Ueberzeugung, daß ihre Zärtlichkeit nicht mehr allein das Herz ihres Mannes auszufüllen im Stande war. Die Liebe iſt egoiſtiſch, ſelbſt auf die Freundſchaft wirft ſie neidiſch ihr Auge; was einen Augenblick den geliebten Gegenſtand feſſeln kann, thut ihr Abbruch. Aber dieſe allzugroße Liebe iſt zu entſchuldigen und wird nur dann eine Laſt, wenn ſie aufhört, erwidert zu werden. Madame Dolban und ihre Begleiter nahmen von den jungen Eheleuten Abſchied; Adeline war ſehr froh darüber: fie konnte mit Eduard nun wieder allein ſein, ſie konnte ohne Zwang ſich mit ihm über ihre Pläne für die Zukunſt, die Erziehung ihres Kindes,⸗ — ——;ʒ— —— Dufresne noch nicht genau genug kennen gelernt! 1 63 und über alle die Freuden, die ihnen im kleinen Fa⸗ milienkreiſe noch bevorſtanden, unterhalten!... Mur⸗ ville ging die Trennung nahe, aber er lud Dufresne ein, ihn recht oft zu beſuchen, und die Zeit, die ſeine Geſchäfte ihm übrig ließen, wo möglich nur in Vil⸗ leneuve⸗St.⸗George zuzubringen. 5 Am Abend zog Adeline ihren Mann mit ſich in den Garten; ſie äußerte ihre Freude darüber, daß ſie nun wieder mit ihm allein ſein könne, ſie drückte ſeine Hände zärtlich in den ihrigen; ſie heftete auf ihn ihre ſchönen liebeathmenden Augen, und manch⸗ mal, wenn ſie ſich ſchon im Voraus von ihrem Mut⸗ tergefühle hinreißen ließ, machte ſie ihn auf die leiſen Bewegungen des kleinen Weſens, das ſie unter ihrem Herzen trug, aufmerkſam. Eduard aber war zerſtreut, und obwohl er auf ihre Fragen antwortete, ſchienen doch ganz andere Dinge ihm im Kopf herumzugehen. Adeline bemerkte das, ſeufzte und der Spaziergang wurde früher als gewöhnlich beendigt. Als man am andern Morgen beim Frühſtück ver⸗ ſammelt war, ſprach Eduard von Dufresne und dem Vergnügen, ſeine Bekanntſchaft gemacht zu haben. Es ſei ein ſehr liebenswürdiger Mann von Geiſt und Vermögen, dem es gar nicht fehlen könne, dereinſt ein ſeltenes Glück zu machen.—„Aber, mein Lieber, ſagt Adeline, es ſcheint mir, als habeſt Du Herrn — In der That, bemerkt Madame Germeuil, ich halte ihn für einen feinen Mann, er iſt in Geſell⸗ ſchaft ſehr angenehm und Madame Dolban kennt ihn 3 3 64 unzweifelhaft ſeit längerer Zeit!... aber, lieber Eduard, ſeit acht Tagen erſt haſt Du ihn geſehen, denn Deinen Hochzeittag können wir nicht rechnen, da konnteſt Du nur zu wenig auf ihn Acht geben.— O, gewiß, ſagt Adeline ſeufzend, an jenem Tage dachte er nur an mich...— Meine Damen, Sie ſind ſonderbar! gehört denn ſo viel Zeit dazu, Je⸗ mand kennen zu lernen und zu beurtheilen? Ich halte zwei Tage dazu für genug. Was ſollte übrigens Du⸗ fresne für ein Intereſſe haben, ſich uns anders zu zeigen, als er iſt?... Er bedarf unſerer Dienſte nicht, und Sie wiſſen, in der Welt herrſcht nur das Intereſſe; aber wo das nicht iſt, warum ſich da 1 Zwang anthun? Dufresne hat Vermögen, macht gute Geſchäfte.— Was für Geſchäfte?— Hal. Ge⸗ ſchäfte an der Börſe, Handelsſpekulationen, kurz, ſehr brillante Geſchäfte, wie er mir ſagt.— Hat er ein Comptoir, ein Bureau, ein Amt, iſt er Advokat, Agent?— Nein!... nein!... aber man hat das alles jetzt nicht nöthig, um Geld zu verdienen... Ueberdies, meine Damen, erlauben Sie mir die Be⸗ merkung, daß Sie von derlei ernſten Dingen nichts verſtehen.— In der That, lieber Freund, Du biſt ſehr artig!... Und warum glaubſt Du denn, daß wir nicht eben ſo gut, als die Männer, es zu beur⸗ theilen verſtehen, was uns nützlich ſein kann oder nicht?— Weil Ihr nicht dazu erzogen ſeid!“ „Lieber Freund, erwidert Madame Germeuil, Er⸗ ziehung gibt uns weder Geiſt noch Urtheil. Glaube mir, eine Frau kann ſehr guten Nath ertheilen, und 6⁵ die Männer haben in der Regel Unrecht, darauf nicht zu achten. Der einzige„den ich Dir jetzt geben will, iſt der, nicht zu leicht eine eng vertrauliche Verbin⸗ dung mit Jemanden zu ſchließen, den Du erſt ſeit acht Tagen kennſt. Freundſchaft ſoll vorſichtig ſein.— Aber Eduard iſt von zu gutem leichtgläubigen Cha⸗ rakter.— Ol ich kenne meine Leute... Ich ſtehe dafür, daß Dufresne's Freundſchaft mir ſehr nützlich ſein wird.— Wie denn?— Ei der Tauſend! ich werde es machen, wie er, um unſer Vermögen zu vermehren, werde ich auch ſpekuliren. Ich fühle übrigens ſehr wohl, daß ein Mann ohne Geſchäfte nicht leben kann. Wenn wir in Paris ſind, werde ich nicht vom Morgen bis Abend ſpazieren gehen, mich mit der Jagd und dem Fiſchfang abgeben.— Habe ich Dir das nicht geſagt, als Du Deine Anſtellung aufgeben wollteſt? erwiderte Mama Germeuil, aber damals wollteſt Du nicht auf mich hören.— Ei! liebe Mutter! wenn ich zwanzig Jahre hinter dem Bureautiſch ſitze, was habe ich am Ende davon?... vielleicht zwei Jahre vor meiner Penſionirung Bureau⸗ chef zu werden; eine ſchöne Ausſicht!... ſtatt deſſen kann ich jetzt ſehr reich werden— Wie Eduard, ſo gewinnſüchtig biſt Du auf einmal?— Ich bin nicht gewinnſüchtig, liebe Adeline; und wenn ichs wäre?.. unſere Familie kann ſich noch vermehren, und es iſt wohl zu rechtfertigen, an das Fortkommen ſeiner Kinder zu denken...— Ohne Zweifel... ohne Zweifel... verſetzte Madame Germeuil, aber oft ſetzt man das Gewiſſen aufs Spiel, um eitlen Paul de Kock. Xxx. 5 66 Chimären nachzujagen.— Ol ſorgen Sie nicht, bloß eitlen Chimären werde ich nicht nachjagen... ich werde nur ganz ſicher gehen, nur wenig riskiren, um⸗ ſichtig handeln und übrigens nur den guten Rath Dufresne's befolgen.“ So endigte ſich dieſe Unterredung. Eduard ging hinaus, um ſeine neuen Glückspläne allein beſſer ver⸗ folgen zu können, Madame Germeuil ging traurig auf ihr Zimmer und Adeline ſuchte die einſamſten Gartengänge auf, um ihren Träumereien nachzuhängen. Sechstes Kapitel. Rückkehr nach Paris.— Der Geſchäftsmann. Nach einigen Tagen beſuchte Dufresne unſern Landbewohner. Eduard empfing ihn wie einen alten Freund, Madame Germeuil mit Höflichkeit und Ade⸗ line etwas kalt. Er ſprach viel von ſeinen Geſchäften, Spekulationen, Unternehmungen. Alles das reizte Murville, der ſchon vor Begierde brannte, ſich in die neue durch ſeinen Freund ihm eröffnete Carriere zu ſtürzen, um ſo mehr, als er, über das geringe Ver⸗ trauen ſeiner Schwiegermutter piquirt, lebhaft wünſchte, ſie von ihrer unbegründeten Furcht zu überzeugen. Trotz aller Ueberredung Eduards blieb Dufresne doch nur einen Tag. Seine Zeit war zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen.. ſein Intereſſe rief ihn nach Paris zurück. Aber mit der ſchönen Jahreszeit war es ziemlich vorbei, man konnte nicht mehr lange auf dem Lande 67 bleiben, denn man war zu Ende Oktobers und bereits ſechs Monate in Villeneuve⸗St.⸗George. Eduard ſah mit Freuden dem Augenblick entgegen, wo man nach Paris zurückkehren wollen würde. Adeline machte ihm hierüber Vorwürfe; Madame Germeuil ſchwieg, aber ſie fürchtete für die Zukunft, denn ihre Hoffnungen und Wünſche bei der Verheirathung ihrer Tochter ſchienen ſich nicht beſtätigen zu wollen. Murville war ſchwach und unentſchloſſen, und überdies richtete ſich Adeline ganz nach ſeinem Willen.„ Ach, dachte die gute Mutter oft, meine Tochter iſt zu zärtlich, zu nachgiebig und ſanft, ſie iſt keine Frau für Eduard. Sie ſollte Herrin im Hauſe ſein, aber ſie kann ihn nur liebkoſen und ſeufzen!... und wird er dumme Streiche machen wollen, wird ſie ſich ihm nicht wider⸗ ſetzen können!... Wir wollen hoffen, daß es anders kommt.“ Man iſt wieder in Paris angelangt. Hier denkt Eduard an nichts anderes, als an die Realiſirung ſeiner Pläne. Alle Tage geht er nach der Börſe und in die Kaffeehäuſer, wo ſich die Geſchäftsleute ver⸗ ſammeln; er ſchließt noch kein Geſchäft ab, aber er horcht hie und da, ſchwatzt mit Dieſem und Jenem und macht Bekanntſchaften; Dufresne findet ſich oft ein und hat Eduard verſprochen, ihn an ſeinen aus⸗ gezeichneten Spekulationen Antheil nehmen zu laſſen. Und geht es auch mit den Geſchäften nicht, ſo bringt man ſeine Zeit angenehm mit Lachen, Tagesneuig⸗ keiten, Geſprächen über Theater, Bälle, Moden, Con⸗ zerte und galante Abenteuer hin. Der Curs der 68 Renten hindert nicht, ſich auch mit dem Curs der Literatur, Muſik und des Tanzes zu beſchäftigen. Indem man den Curs von Wien auf London no⸗ tirt, kann man wohl auch leicht nach der Schau⸗ ſpielerin fragen, die in dem neuen Stück auftreten ſoll; man verkauft Papiere und miethet zugleich eine Loge in der Oper; man lobt die Nechtſchaffenheit dieſes oder jenes Handlungshauſes, gleichzeitig aber auch die Originalität Byrons, die Pünktlichkeit eines Courtiers und die Pirouetten einer Taglioni; man kennt den Grund eines Falliments, aber auch die Scenerie des Melodramas, das ſo viel Glück macht; man weiß, was auf dem letzten Ball eines Bankiers und in der kleinen Gitterloge ſeiner Frau vorgefallen iſt. Kurz, man weiß, man kennt Alles, weil man über Alles ſpricht. In allen ſolchen Verſammlungen macht man Krieg und Frieden, Regen und ſchönes Wetter; man theilt, vereinigt oder vergrößert die Länder mit dem Stockknopf oder der Reitpeitſche; man kennt die Kabinetsgeheimniſſe jedes Hofs!... aber man kommt manchmal zu ſeiner Frau nach Hauſe und weiß nicht, was in ſeinen eigenen vier Wänden vor⸗ gekommen iſt. Adeline beklagt die ſchönen Tage, die ſie in der erſten Zeit ihrer Ehe auf dem Land verlebt hat. Ihr Mann liebt ſie jedoch immer noch, ſie zweifelt nicht daran; aber ſie ſieht ihn ſeltener, und wenn er bei ihr iſt, ſo ſpricht er nicht mehr von Liebe, Beſtändigkeit und ehelichem Glück, ſondern von ſeinen glänzenden Geſchäften, Spekulationen und bedeutenden Vortheilen. 69 „Aber wozu haben wir denn ſo viel Geld nöthig, lieber Freund! fragt darauf Adeline, ihn an ſich drückend, ich werde Mutter werden, das iſt für mich das Werthvollſte; dazu Deine Liebe, weiter wünſche ich nichts.— Liebes Kind, was Du da ſagſt, iſt recht hübſch; ich theile Deine Geſinnungen, aber ich ſehe weiter als Du... Sei nur ruhig, wir werden der⸗ einſt ſehr glücklich werden...— Ach, lieber Eduard, nie ſo ſehr, als ich es ſchon warz bevor Du Dufresne kennen lernteſt, beſchäftigteſt Du Dich nur mit mir! — Nun fängſt Du wieder von Dufresne an?2.. Du kannſt ihn nicht leiden, verabſcheuſt ihn.. Aber was hat er denn gethan? er gibt mir guten Rath, zeigt mir den Weg zum Glück; ich ſehe nicht ein, was darin ſo Widerwärtiges liegt!— Ich verab⸗ ſcheue Niemand...— Und doch nimmſt Du ihn ſo kalt auf, ſowie auch Madame Dolban— Ich nehme ihn auf wie jeden Andern.— O gewiß, Du möchteſt wie ein Murmelthier leben!... Niemand bei Dir ſehen!— Das ſage ich nicht, aber ſonſt genügte ich Dir, und es gehörte nicht Geſellſchaft dazu, wenn Du Dir im Hauſe gefallen ſollteſt.— Nun ja, nun wirſt Du weinen!... Thränen find keine Gründe!... Du biſt ſo kindiſch!... Du weißt ja, daß ich Dich liebe, nur Dich allein liebe!— Nun... ich will nicht mehr weinen, und wenn es Dir Vergnügen macht, ſo wollen wir recht viel Geſellſchaft bei uns ſehen.— O, das will ich gerade nicht ſagen, indeſſen, wir werden ſehen, wenn meine Pläne glücken; Du⸗ fresne hat mir geſagt, es würde nicht übel ſein, 70 wenn ich kleine Abendgeſellſchaften... einen kleinen Punſch mit einem Paar Violinen, einigen Ecarté⸗ tiſchen gäbe. O, aber ſprich nicht davon mit Deiner Mutter... Du weißt... ſie iſt ſo ſonderbar..— Ich werde nichts ſagen, lieber Eduard!“ Eduard geht ſeinem Geſchäfte nach und Adeline bleibt allein zu Hauſe. Sie läßt jetzt ihren Thränen freien Lauf, denn ſie fühlt es nur zu gut, daß ihr Mann nicht mehr derſelbe iſt. Er liebt ſie ja aber noch, iſt ihr auch nicht untreu; warum denn ſich über eine Veränderung ſo betrüben, die in der Natur liegt und die nichts verhindern kann? Acht Monate Ehe⸗ ſtand haben in Adelinens Zärtlichkeit nichts geändert; ihre Liebe iſt immer noch ſo leidenſchaftlich und unge⸗ ſchwächt wie früher, aber das Herz eines Mannes bedarf der Ruhepunkte: es kann nicht lange mit gleichem Feuer lieben, es ſchlägt heftig und ſteht bald wieder ſtill, es entzündet ſich leicht und erkaltet bald wieder, es iſt kein gleichmäßiges Feuer darin, bei der kleinſten Veranlaſſung lodert es auf und ver⸗ löſcht eben ſo leicht. Die junge Frau ſagt ſich das Alles, um ſich zu tröſten; hauptſächlich nimmt ſie ſich vor, ihrer Mutter ihren Kummer zu verbergen; aber ihre Meinung über Dufresne vermag ſie nicht zu ändern: dieſer Menſch erregt in ihr ein widerwärtiges Gefühl, worüber ſie ſich keine Rechenſchaft geben kann. Und doch iſt er artig, galant gegen ſie, und hat nie die Achtung und zuvorkommende Beſcheidenheit gegen ſie aus den Augen. geſetzt; was iſt ihr denn da an ihm zuwider... 71 Sie weiß es nicht, aber ſie mag ihn nicht leiden, ſein Blick macht ſie verlegen; ſie glaubt in ihm einen ge⸗ wiſſen Zwang zu bemerken, den ſie nicht erklären kann; wenn ſie ins Zimmer tritt, ſcheint Dufresne unruhig und verwirrt; er entfernt ſich, wenn Ma⸗ dame Dolban kömmt; er ſchweigt, wenn er zufällig allein mit Adelinen im Zimmer iſt, aber ſeine Augen verfolgen alsdann alle ihre Bewegungen, und haben einen Ausdruck, den ſie nicht ertragen kann. Einige Tage nach jener Unterredung mit ſeiner Frau kommt Eduard voll Triumph nach Hauſe; ſein Geſicht iſt heiter, ſein Auge ſtrahlt vor Freude.„Was haſt Du denn, lieber Sohn, was iſt denn geſchehen, fragt Madame Germeuil, Du ſcheinſt ja ſehr zu⸗ frieden zu ſein?— In der That, ich habe auch Urſache dazu.— Lieber Freund! Du wirſt unzweifelhaft an Deiner Freude Theil nehmen laſſen.— Ja, meine Damen, und ich denke, Sie werden aufhören zu ſagen, daß ich bloßen Chimären nachhänge; durch den glücklichſten Zufall der Welt machte ich vor Kurzem die Bekanntſchaft mit einem ſehr reichen Ausländer, der ſich in Frankreich niederlaſſen will. Er ſuchte in der ſchönſten Gegend der Stadt ein ſehr großes, ſchönes und ganz möblirtes Hotel. Ich ſchaffe ein ſolches an, er beſieht es, iſt ganz entzückt darüber, kauft es und gibt mir ſechstauſend Franken für meine Mühe, und ebenſoviel ſchickt mir der Verkäufer an Proviſion... Nunl iſt das nicht ſchön... zwölftauſend Franken in einem Augenblicke verdient, nicht wahr?— O ja, lieber Sohn, aber ſeit drei Monaten biſt Du einem 72 ſolchen Augenblick ſchon nachgelaufen!— Zwölftau⸗ ſend Franken!... das verlohnt ſchon der Mühe!.— Das iſt wahr! aber ſolche Aufträge müſſen ſelten ſein!— Dann gibt es andere.— Immer glücken ſie aber auch nicht ſo.— O, wenn man auch alle Tage zwölftauſend Franken verdienen wollte, das wäre zu viel!— Ich denke doch, bei dieſem Geſchäfte haſt Du Dufresne nicht nöthig gehabt?— O, er wird mir noch beſſere verſchaffen.. Aber jetzt muß ich ein Bureau, ein Comtoir haben... Sie können wohl denken, daß ich meine Kunden und Geſchäftsleute weder im Salon, noch im Schlafzimmer empfangen kann... Ein beſonderes Zimmer mit Repoſitorien und Cartons angefüllt, das imponirt, und da ich ein ſolches hier nicht haben kann, ſo müſſen wir aus⸗ ziehen.— Was, mein Sohn, Du wiliſt dieſe Woh⸗ nung verlaſſen?— Ach, lieber Freund, hier wurden wir von unſerer guten Mutter vereinigt, hier hat Hymen unſere Wünſche gekrönt, hier war ich ſo glück⸗ lich!— Liebe Adeline, man gefällt ſich überall, wenn man reich iſt. Wir werden uns eine viel ſchönere Wohnung miethen... Dieſer Salon iſt zu klein.— Um Freunde darin aufzunehmen, iſt er groß genug. — Ja, aber man empfängt nicht bloß Herzensfreunde, auch Geſchäftsfreunde!...— Lieber Sohn! Du willſt einen Luxus anfangen, wozu Deine Mittel nicht hin⸗ reichen, erwägſt Du das auch?— Ich will mich be⸗ ſtreben, reich zu werden, und ich glaube, das iſt ein ſehr löbliches Streben; warum ſoll ich nicht ver⸗ ſuchen, was tauſend Anderen geglückt iſt? Habe ich ☛—᷑ 73 etwa weniger Fähigkeiten, weniger Mittel als Andere? Ich kann Ihnen das Gegentheil beweiſen. Wer war jener Fabrikant, deſſen Namen überall mit ſo viel Achtung genannt wird, der ſo ungeheure Reichthümer, einen ſo unbegrenzten Kredit hat? Er kam nach Paris, ohne einen Sous in der Taſche zu haben; er konnte bloß ſchreiben und rechnen; als Commis trat er in ein Geſchäft, deſſen Eigenthümer er jetzt iſt; aber er hatte Ambition, er war fleißig und Alles glückte ihm. Und jener Financier, der jetzt die großen Geſchäfte macht, er kam aus ſeinem Dorfe, bat um freies Unterkommen in den Gaſthäuſern, ſchlief auf Stroh, und war zufrieden, wenn er ſeinen Hunger mit trockenem Brode ſtillen konnte. Auf dem Platze du Peron trieb er ſich umher, im Kampfe mit ſich, ob er betteln oder ſich ins Waſſer ſtürzen ſollte! Da gab ihm ein Kaufmann einen Brief zu beſorgen; die Pühktlichkeit, der Eifer, womit er ſeinen Auftrag ausführte, nahm für ihn ein. Ein Jeder gab ihm Commiſſionen; es gelang ihm, einiges Geld zu verdienen; er machte für eigene Rechnung Geſchäfte; das Steigen und Fallen der Curſe war ihm günſtig; kurz! er wurde ein Millionär. Hundert ſolche Beiſpiele könnte ich anführen!... und wenn man aus Nichts Etwas werden kann, ſo ſcheint es mir noch leichter, reich zu werden, wenn man ſchon einige Hülfsquellen hat.— Mein Sohn, wenn man nichts hat, ſo ſetzt man auch nichts aufs Spiel, und kann ſich nicht ruiniren.— Ei, Madame, nur Thoren ruiniren ſich.— Es iſt beſſer ein Thor, als unredlich ſein, und viele Menſchen 74 haben auf Koſten Anderer Reichthümer geſammelt.— Ich hoffe, Madame, daß Sie nicht vorausſetzen wer⸗ den, ich wolle mich auf ſolche Weiſe bereichern?— Nein, gewiß nicht!... aber vor allen Dingen bedarf es der Orduung und der Sparſamkeit... dadurch, und nicht durch Geſellſchaften und koſtbare Bälle ſind jener Fabrikant und Financier reich geworden!— Madame, andere Zeiten, andere Hülfsmittel; heut⸗ zutage macht man die größten Geſchäfte ſpielend, beim Vergnügen; bei einem Glaſe Punſch ſchließt man einen Handel ab, man unterzeichnet ein Geſchäft beim Bouillot oder Ecartétiſch, man kauft Renten, indem man eine Anglaiſe tanzt, und dabei ſehe ich kein Unrecht!... Das nennt man ſeine Geſchäſte ſpielend treiben!.— Das freilich, aber nicht ſolide. Was mich betrifft, ich werde zu meinem Geſchäftsmann Niemand wählen, der große Féten gibt, und wenn es Dein Vorſatz bleibt, dieſe Wohnung zu verlaſſen und ſo zu handeln, ſo erkläre ich im Voraus, daß ich nicht mit Euch ziehen werde. 1 Eduard antwortet hierauf nichts, nimmt ſeinen Hut, verläßt das Zimmer und verwünſcht die Weiber, die ſich in Dinge miſchen, wovon ſie nichts verſtehen. Madame Germeuil bleibt mit ihrer Tochter zurück. „Ach, Mamal ruft Adeline, indem ſie ihre Mutter umarmt, ſeien Sie doch auf Eduard nicht böſe!... Ich allein bin die Schuldige, ich habe ihn damals veranlaßt, ſeine Anſtellung aufzugeben. Aber konnte ich das auch vorherſehen?.. Dieſer Dufresne, ſeine Rathſchläge gehen meinem Manne im Kopfe herum.— 75 Liebe Adeline, ſchon in den erſten Tagen nach Deiner Verheirathung mußteſt Du Dich des Geiſtes Deines Mannes verſichern, ihn gewöhnen, nach Deinem Willen ſich zu richten; damals war Dir das leicht!... Du haſt aber das Gegentheil gethan!...— Ich dachte nur daran, ihm zu gefallen, und wir hatten ja da⸗ mals beide nur einen Willen! aber bald werde ich Mutter werden... Ach! ich erwarte dieſen Augen⸗ blick mit Ungeduld, ich bin überzeugt, daß ſein Kind ihn alle ſeine Ideen von Reichthum und Macht ver⸗ geſſen laſſen wird.— Möchte es wahr werden!“ Der von der Natur beſtimmte Termin rückte immer näher, und Eduard ſah wohl ein, daß es jetzt nicht Zeit zum Ausziehen ſei. Er ſprach alſo nicht mehr von ſeinen Plänen und Adeline glaubte ſchon er habe ſie aufgegeben. Bald darauf wurde ſie von einem niedlichen, geſunden Mädchen entbunden, das ein treues Ebenbild der Mutter war. Eduard wünſchte, Du⸗ fresne ſollte Pathenſtelle bei dem Kinde vertreten, aber Mama Germeuil war entſchieden dagegen; er mußte wohl nachgeben und ſtatt ſeiner ſich mit einem alten, ſehr rechtlichen, geregelten und gemeſſenen Ren⸗ 7 tier begnügen, der ſeiner Frau Gevatterin drei Schach⸗ teln Bonbons und zwei paar Handſchuhe verehrte, und verſprach, alle Wochen einmal bei der jungen Mama zu eſſen, um ſich nach dem Befinden ſeiner kleinen Pathe zu erkundigen. Eduard ließ Alles gehen, aber er wartete nur auf die vollkommene Wiederherſtellung ſeiner Frau, um ſeine Projekte auszuführen; im Stillen wünſchte 76 er, daß ſeine Schwiegermutter auf ihrer Drohung, nicht mit ihnen die neue Wohnung zu beziehen, be⸗ harren möchte, um ihrer ferneren Rathſchläge und Ermahnungen, die ihm allmälig zuwider wurden, überhoben zu ſein. 3 Adeline überläßt ſich ganz ihrem Muttergefühle; ſie ſtillt ihr Kind ſelbſt, trotz Eduards Einwendungen, daß das durchaus keinen feinen Ton verrathe; dies⸗ mal aber widerſteht ſie ſeinen Anſichten; die Mutter⸗ liebe behauptet ihre Rechte, und dieſe neue Empfin⸗ dung mäßigt einigermaßen die Neigung, die bisher in ihrem Herzen vorherrſchend war. Seit einiger Zeit läßt ſich Madame Dolban ſeltener im Hauſe Murville's ſehen; Adeline und ihre Mutter kennen die Veranlaſſung dazu nicht, aber ſie ſind nicht unzufrieden, ſich jetzt ſeltener in der Geſellſchaft Düfresne's zu befinden, der jene regelmäßig begleitet, ſie leben der Hoffnung, daß Eduard ſo dem überwie⸗ genden Einfluß Düfresne's weniger ausgeſetzt ſein werde. 4 3 Sie irren ſich jedoch. Düfresne hütet ſich wohl, die Bekanntſchaft Murville's zu vernachläſſigen, deſſen Charakter er jetzt vollkommen kennt;z er weiß ſehr gut, welche Vortheile er hievon zu ziehen beabſichtigt. Er hat übrigens ſehr große Pläne, mit denen wir uns bald näher vertraut zu machen Gelegenheit finden werden. Als ſchlauer, umſichtiger Intriguant wartet er nur auf den günſtigen Moment, ſeinen Plan auszuführen. Er ſieht, daß Madame Germeuil ihn nicht leiden kann, ihre Gegenwart iſt ſeinem —— — 77 Vorhaben hinderlich; er weiß daher geſchickt den Samen der Uneinigkeit zwiſchen ihr und ihrem Schwiegerſohn auszuſtreuen, und findet das Mittel, ſie zu entzweien, darin, daß er Eduard überredet, eine größere Wohnung zu miethen, um glänzende Abendgeſellſchaften geben zu können. Täglich ſehen ſich die beiden Freunde; ſie bringen einen Theil des Vormittags zuſammen zu, und wenn Murville des Abends ſeine Wohnung verläßt, ſo geſchieht es nur, um irgendwo mit Düfresne zuſammen zu kommen. Eduard kann ohne ihn nicht mehr fertig werden, ohne ſeinen Rath nichts mehr thun und unternehmen!. Wenn aber ſeine Frau eine Meinung ausſpricht oder ſeine Schwiegermutter ihm Vorſtellungen macht, ſo fährt er auf und behauptet, ſein eigener Herr zu ſein, während er doch nur der Spielball deſſen iſt, der ſeinem Geſchmack zu ſchmeicheln weiß. Wunderlicher Charakter! von Natur ſchwach und halsſtarrig ohne Grund. Er will Charakterfeſtigkeit zeigen, und von Andern ſich nicht leiten laſſen, und hat doch nicht Verſtand genug, Recht von Unrecht zu unterſcheiden; ſo überläßt ſich Eduard ganz dem Willen deſſen, der ihm insgeheim beſtändig rathet, beharrlich in ſeinen Plänen zu ſein, und wohl weiß, wie man einen ſchwachen Menſchen behandeln muß, der in ſeinen Augen nur weiches Wachs iſt, das jede Form an⸗ nimmt. Adelinens Geſundheit leidet nicht bei den neuen Sorgen, denen ſie ſich hingibt; im Gegentheil er⸗ ſcheinen ihre Züge jetzt noch reizender, ihre Augen noch ſanfter, ihr Gang noch graziöſer; ſie iſt wun⸗ derlieblich mit ihrem Kinde auf ihrem Arme; ein anderer als Murville würde ſie jetzt noch weit ſchöner finden, aber ein Ehemann macht ſelten ſolche Beobach⸗ tungen, ja er glaubt oft das Gegentheil. Zu ſeinem Nachtheil bemerken dann oft Andere die Schönheit ſeiner Frau, bewundern, was er nicht erkennt, loben, was er aufgehört hat zu loben, und entbrennen für das, was er vernachläſſigt; daran denken die Herrn Ehemänner nicht, machen ſich deßhalb nur wenig Sorgen darüber, und eben deßhalb wird ihnen oft⸗ mals ſo hart mitgeſpielt. —— Ein Mann ſah Alles, worauf Eduard nicht mehr achtete; er verfolgte Adeline mit den Augen, ohne daß ſie es bemerkte; er bewunderte ihre Reize, er⸗ rieth die, die er nicht ſah, und verſchlang mit ſeinen Blicken alles, was er nicht ſehen konnte. Eine hef⸗ tige Leidenſchaft beherrſchte ihn und er harrte nur Hauf den günſtigen Augenblick, ihr freien Spielraum zu laſſen. Er hatte zwar wenig Hoffnung, wieder geliebt zu werden, das wußte er wohl. Adeline war die Tugend ſelbſt; ſie lebte nur für ihren Ge⸗ mahl und ihr Kind, aber der leidenſchaftlich Liebende kennt kein Hinderniß... nichts kann den ungeſtümen Strom aufhalten, den das Ungewitter nur noch dro⸗ hender macht, nichts ſeine Liebe zurückſchrecken; wenn man zügelloſe Wünſche, tollkühne Begierden, die ſeit lange her ſein Herz ſchon erfüllen, ſo nennen darf. Er iſt entſchloſſen, alles zu verſuchen, alles zu unter⸗ nehmen und zu wagen, um Adeline zu beſitzen; ſeine . 79 längſt zurückgehaltene Leidenſchaft hat deßhalb nur an Stärke gewonnen; das Feuer, das in ihm lodert, ſoll alles entzünden, wenn es losbricht. Aber wer iſt denn dieſer geheimnißvolle Mann, deſſen Liebe uns bisher noch verborgen war, wer iſt es?.. Du kennſt ihn, lieber Leſer, und ich ſtehe dafür, du haſt ihn ſchon errathen. Eduard beſchäftigt ſich mehr als je mit ſeinen Handelsprojekten, wovon er nichts verſteht, die ihm aber deßhalb nicht weniger verführeriſch erſcheinen. Er miethet ein elegantes Hotel, ein modiſches Ca⸗ briolet; kauft prächtige Möbel, richtet ſich ein ſchö⸗ nes Arbeitsbüreau ein, was von allen Seiten mit Repoſitorien verſehen iſt, worauf ſauber beſchriebene Cartons ſtehen, die freilich noch leer ſind, aber bald in Folge überhäufter Geſchäfte voll ſein werden. In ihrer Erwartung nimmt er bereits einen Commis an, der ſeine Zeit mit Zeitungleſen und Federſchnei⸗ den zubringt. Adeline wird in die neue Wohnung eingeführt. Sie betrachtet Alles, ſeufzt und ſchweigt. Madame Germeuil dagegen bricht in Vorwürfe aus und be⸗ reitet ihrem Schwiegerſohn eine ſehr heftige Scene. Sie prophezeiht ihm, daß er ſich an den Bettelſtab bringen werde, Eduard wird beleidigend und aus⸗ fahrend, und ein völliger Bruch iſt die Folge davon. Madame Germeuil verläßt ihren Schwiegerſohn mit dem Schwur, ihn nie wieder zu ſehen; ſie bleibt unerbittlich bei den Thränen ihrer Tochter, Thränen, welche die gute Mutter im Grunde ihres Herzens 80 ſich ſelbſt vorwirft; denn ſie fühlt ſehr wohl, daß ſie ihre Tochter an einen feſten, vernünftigen, und nicht an einen ſchwachen, charakterloſen Mann hätte ver⸗ ehelichen ſollen, der nicht Verſtand genug hat, ſeine Fehler einzuſehen und zu viel Halsſtarrigkeit und Eigenſinn, ſie abzulegen. Aber das Unglück war geſchehen. Nach der Trennung von Madame Germeuil folgt eine neue Scene zwiſchen den Eheleuten, denn Ade⸗ line kann nicht umhin, auf ihren Mann zu ſchelten; ſie beſchwört ihn, ihre Mutter wieder zu ihr zurück⸗ zuführen; aber er iſt hartherzig genug, ſich einer Verſöhnung oder irgend einer Ausgleichung zu wi⸗ derſetzen, und erklärt ſeiner Frau, daß er entſchloſſen ſei, ganz nach ſeinem Willen zu handeln, daß alle Vorſtellungen ihrerſeits künftig in ſeinem Verfahren nichts ändern würden, und daß er es überdrüſſig ſei, ſich von Frauen leiten zu laſſen. So iſt denn alſo die brillante Wohnung des neuen Geſchäftsmanns mit Thränen eingeweiht; Murville aber läßt ſich dergleichen klägliche Dinge nicht zu Herzen gehen; er hat ganz andere Sachen im Kopfe. Durch Dufresne ſoll er an einem reichen Seefahrer, der nach Paris kommt, fünfzigtauſend Franken für Unter⸗ bringung ſeiner Kapitalien verdienen. Um mit die⸗ ſem Millionär bekannt zu werden, will er einen glänzenden Ball geben, auf welchem jener durch einen Dritten bei ihm eingeführt werden ſoll. Der Ball iſt beſchloſſen, und dem Rath ſeines Freundes zufolge, trifft Eduard die größten Vorkehrungen 81 zu einer Fete, die ſeinen Rang in der großen Welt feſtſtellen ſoll. Die Koſten dazu ſind freilich unge⸗ heuer, die unlängſt gewonnenen zwölftauſend Franken ſind ſchon ausgegeben; man muß einige Anleihen machen, denn die Einnahmen haben zum Ankauf der Möbel und der Dekorirung des Hauſes nicht hinge⸗ reicht; aber das ſchadet alles nichts; man muß ſäen, um zu ernten, das iſt Düfresne's Grundſatz, und er ſelbſt beweist es, daß man ſich gut dabei befindet. Nie hat ſich Eduard glücklicher und heiterer gefühlt; er hat ein Cabriolet, einen Jokei, Diamanten, ein ſchönes Hotel, es iſt keine Frage, er muß glänzende Geſchäfte machen. Siebentes Kapitel. Große Abendgeſellſchaft.— Liebeserklärung, wenn man will. „Liebe Frau, ſagt eines Morgens Eduard zu Adelinen, ich gebe morgen eine große Fete, einen Ball; triff Deine Einrichtungen, um die Honneurs zu machen.— Du gibſt eine Fete, und wem denn? Sollteſt Du Dich mit Mama wieder ausgeſöhnt haben?— Von Deiner Mutter iſt nicht die Rede 1... das iſt eine Frau, die ſich in Sachen miſcht, wovon ſie nichts verſteht, und die uns hindern will, uns angemeſſen auszudehnen, weil ſie es vorzieht, in ganz kleinem Kreiſe zu leben.. Du wirſt einſehen, daß darin nicht Sinn und Verſtand iſt. Wenn ich aber einmal fünfzigtauſend Franken Renten haben werde, Panl de Kock. XX. 6 4 8² wird ſie, denk' ich, es mir ſchon verzeihen, ihren Rath nicht befolgt zu haben.— Dann wird es wohl ſobald noch nicht geſchehen!— Eher, als Sie es glauben, Madame, ich handle dem gemäß.— Und darum gibſt Du die Geſellſchaft?— Gerade deßhalb. — Was für Perſonen werden denn eingeladen?— Ah, wir werden ſehr viele Gäſte haben. Das gehört jetzt dazu; iſt feiner Ton, wenn man in einem Sa⸗ lon ſich nicht drängt und ſtößt, glaubt man, ſich nicht amüſirt zu haben.— Ach, lieber Mann, welche Narrheit! wer hat Dir denn das geſagt?— Das ſind keine Narrheiten, Frau, ich komme in die große Welt, während Du Dein Kind wiegſt.— O, ich weiß es ja, daß Du bei mir es nicht mehr aushältſt. — Das iſt nothwendig, ich muß in allen Geſellſchaf⸗ ten ſein, um Geſellſchaftsbekanntſchaften zu machen. — Auch gefährliche manchmal!..— Und wenn.. bei Gott! ich bin kein Kind mehr, ich kenne meine Leute... Freilich, wenn man Dich und Deine Mutter hört, ſo ſollte man glauben, ich ſei ſehr erieheen — Lieber Mann, ich habe das nie geſagt... aber ich kann nicht umhin, mit Wehmuth an feue Zeit zurückzudenken, wo ich allein Dir genügte, wo Du Deine ganze Zeit bei mir zubrachteſt und nicht die große Welt aufſuchteſt.. Warſt Du denn damals nicht glücklich?— O gewiß!— Warum haſt Du denn damals Deine Lebensweiſe geänderte— Warum?... warum?. Du machſt mir da eine komiſche Frage!... Man kann doch nicht immer ver⸗. liebt ſein, nicht wahr?— Ach ja! das ſehe ich!. 83³ aber nach einem Jahre glaubte ich es nicht ſchon zu erfahren.— Nicht wahr, nun wirſt Du mir wie⸗ der Vorwürfe machen?. Die Frauen können doch nie vernünftig ſein!— Ich mache Dir ja keine Vor⸗ würfe, lieber Eduard, gib Geſellſchaften, ſo viel Du willſt, wenn es Dir Vergnügen macht, ich werde mich nicht widerſetzen.— Ahl ſo biſt Du liebens⸗ würdig.. O! Du biſt nicht ſo eigenſinnig, wie Deine Mutter!.. Und ich wiederhole es Dir, es iſt ja alles zu unſerem Glücke. Triff alſo die nöthigen Vorkehrungen. Ich habe ſchon Alles beſtellt, einge⸗ richtet, angeordnet, Du haſt nur die Ausführung meiner Befehle zu überwachen..— Schon gut. Aber wovon werde ich mit Leuten ſprechen, die ich nicht kenne?— O, ſei deßhalb unbeſorgt!... man begrüßt ſich, man lächelt jedem zu! Mit Deiner Grazie, Deinem Verſtand wirſt Du Dich ſchon lie⸗ banswürdig zeigen!..— Ich möchte es für Dich allein ſein.— Bin ich Dir denn untreu? Ich bin gewiß ſo vernünftig.— Wenn es nur immer ſo bleibt!— Fürchte nichts, ich liebe nur Dich.. ich gehe, noch einige Einladungen zu machen, und be⸗ ſchäftige Du Dich indeſſen mit unſerer Geſellſchaft.“ Eduard küßt ſeine Frau und geht. Adeline er⸗ kundigt ſich nach Allem, was am andern Tage ge⸗ ſchehen ſoll; ſie iſt über die ungeheuren Koſten, die erfordert werden, im höchſten Grade erſchrocken, aber es läßt ſich jetzt nichts mehr ändern. Nachdem ſie ihre Befehle gegeben hat, beſucht ſie ihre Mutter. Ihr will ſie ihren Kummer anvertrauen, und doch 84 verbirgt ſie ihr den größten Theil ihrer Beſorgniſſe, um ſie nicht noch mehr gegen ihren Mann aufzubrin⸗ gen.„Ach! ſagte ſie, ſo lange er mir treu bleibt, werde ich mich nicht beklagen, denn Alles kann ich ihm verzeihen, nur ſeine Gleichgültigkeit nicht.“ Am andern Tage iſt vom frühen Morgen an Alles in Murville's Hauſe in Bewegung. Die Dienerſchaft reicht zu den vielſeitigen Verordnungen nicht hin; Arbeiter bringen Teppiche, Kronleuchter, Candelaber, und ſtellen längs der Treppe Blumenvaſen auf. Ta⸗ pezierer, Möbelhändler, Dekorateurs füllen die Säle, und drängen ſich überall mit den Dienern des Hau⸗ ſes; bald erſcheinen auch die Traiteurs, Conditors, Eishändler, Limonadiers, bemächtigen ſich der Spei⸗ ſezimmer und verzieren die Buffets, die aufs Pracht⸗ vollſte Alles darbieten ſollen, was nur dem Auge, Geruch und Geſchmack ſchmeicheln kann. Adeline will ſich durch einige Zimmer in das Kabinet ihres Gemahls begeben; ſie iſt ganz betroffen über das Geſchrei und den Lärmen überall, ſie erkennt ihre Wohnung nicht wieder. Endlich erblickt ſte Eduard, der mit frohlockender Miene in den Salons auf und abgeht.—„Nun, liebe Freundin, ruft er ihr ſchon von weitem zu, was ſagſt Du dazu?— Ich begreife es nicht, daß man ſich ſo viele Mühe gibt, Leute zu empfangen, die man nicht kennt, und denen man durchaus keine Verbindlichkeiten ſchuldig iſt.— Aber, liebe Adeline, denke doch nur, daß man das alles ſeines Rufes wegen thut. Bei Gott! auch mich kümmern die Menſchen wenig, die herkommen, auch 1 8⁵ frage ich nichts nach ihrer Freundſchaft! aber es liegt mir daran, daß man in der Welt ſage: Der Ball bei Murville war prächtig, nichts hat gefehlt, Alles war im neueſten Geſchmack.. die Geſellſchaft muß ihn ungemein viel gekoſtet haben!.. Du begreifſt wohl, daß dies Ehre verſchafft, man hält mich für außerordentlich reich, und ich erhalte mehr Geſchäfte, als ich nur haben will... Wähle nur eine recht ausgeſuchte Toilette und ziehe recht viele Brillanten an. Sie ſind zwar nicht ſo ſchön, als ich es wohl gewünſcht hätte; aber bald hoffe ich Dir eine ganz neue, herrliche Garnitur zum Geſchenk zu machen.— Lieber Freund, Du weißſt ja wohl, daß mir nichts daran liegt, Deine Liebe allein..— Es iſt ſchon ſpät, geh' und kleide Dich an.“ Der Augenblick iſt gekommen, wo die Gäſte ſich einfinden. Zwiſchen neun und zehn Uhr füllt ſich der Hof mit Wagen und Fußgängern(denn auch bei den größten Bällen gibt es letztere), man drängt ſich auf der Hausflur; die Kutſcher fluchen, ein Jeder will der erſte ſein; die jungen Damen in ihren Pelzen und Mänteln ſpringen leichten Fußes aus dem Wagen und erwarten auf den Treppenſtufen die einen ihre Mütter, die andern ihre Männer, um von ihnen in den Saal geführt zu werden. Der junge Zierbengel in einem weiten, mit breitem Sammt ausgeſchlagenen Mantel bis an die Naſe eingehüllt, bietet mit Anſtand einer jungen Dame ſeine Hand an, welche die Angſt vor den Pferden auf dem Hofe von ihrem Begleiter ge⸗ trennt hat; der feine Herr entdeckt nur ein ausdrucks⸗ 86 volles Auge und einige Haarlocken, denn alles Uebrige iſt unter dem großen Pelzkragen verſteckt, aber er hat genug geſehen, um die reizendſten Züge und die ſchlankeſte Taille zu vermuthen; er drückt ihre zarte Hand, ladet ſie zum erſten Contretanz ein, und wiegt ſich in den ſchönſten Hoffnungen, bevor er noch das Vorzimmer betreten hat. Dieſes iſt ſchon gedrängt voll; vor einem Spiegel bringen die Damen ihre Toilette in Ordnung, und muſtern gegenſeitig ihre vom Wagen zerdrückten Kleider; weiterhin in einer minder erhellten Zimmerecke holen einige Ladenſchwen⸗ gel ihre Ballſchuhe hervor, wechſeln ſie mit ihren leichten Stiefeln, wickeln dieſe in einen großen Bogen Papier und verbergen ſie irgendwo unter einem Möbel; dann ziehen ſie das Jabot unter der Weſte hervor, geben der Halsſchleife den kühnen verwegenen Anſtrich, fahren mit den Händen in die Haare, ſtreichen ſie glatt oder machen eine Loce, je nachdem es ihre Phyſiognomie kleidet und treten dann ſtolz und an⸗ maßend in den Saal ein, damit Jedermann glaube, ſie ſeien in ihrem Wisky hergefahren. Der Salon iſt ſchon mit eleganten Damen von jedem Alter geſchmückt, und nicht am Anzug, ſondern nur am Geſicht kann man die Mutter von der Tochter, die Tante von der Nichte unterſcheiden. Die Herren ſpazieren, die Lorgnette in der Hand, auf und nieder, und treten trotz dieſes Hülfsmittels den Damen dicht unter die Augen, muſtern dieſelben und verziehen das Geſicht, wenn ſie nicht nach ihrem Geſchmack ſind; dieſe aber lächeln ihnen freundlich zu, ſtatt ſie für 87 ihre Unverſchämtheit zu züchtigen. Bald iſt die Menge ſo zahlreich, daß man ſich nicht mehr rühren kann. Das iſt der ſchönſte Augenblick. Der junge Stutzer drängt ſich dicht vor ein junges Mädchen, die beſcheiden neben ihrer Mutter ſitzt, und wirft ihr die unanſtän⸗ digſten Blicke zu, während ſie nur beſchämt die Augen niederſchlagen kann; aber der junge Laffe ſteht wie angefeſſen und hat die Frechheit, die Röthe auf ihrem Geſicht zu ſeinen Gunſten zu deuten und deßhalb noch dreiſter zu werden. Einige Schritte davon entfernt, zeigt ein anderer Fant mit dem Finger auf eine hübſche Frau, deren Mann nicht weit davon ſteht und ver⸗ traut vier oder fünf ſeiner Freunde, daß er ſie ſehr genau gekannt habe; die jungen Herren wünſchen ihm Glück und verlangen nähere Details über die Schöne; er antwortet ihnen mit lautem Gelächter, brüſtet ſich und geſtikulirt dabei wie ein Wahnſinniger und erregt dadurch die Neugierde aller Umſtehenden. Glücklicher⸗ weiſe iſt auch der Ehemann darunter; er nähert ſich und will wiſſen, wovon die Rede iſt.„Worüber lachen Sie denn ſo ſehr, meine Herren? fragt er. — Ah! über nichts, ein Spaß, den er uns erzählt. — Gewiß, verliebte Poſſen, ich wette... Sie ſind leichtfertige Meſſieurs!— Später ſollen Sie eeſaß ren, was es war.“ Die jungen Dandys zerſtreuen ſich und lachen noch mehr, und der Ehemann lacht mit, ohne zu wiſſen worüber, aber um ſich den Schein zu geben, als ſei er au ſait.. Das Zeichen zum Tanz iſt gegeben, ein tüchtiges 88 Drcheſter läßt ſich hören, und ladet zum Vergnügen ein; die ſchönſten Melodien aus den herrlichſten Opern unſerer erſten Componiſten bilden jetzt das Thema zu den Quadrillen, Walzern und Anglaiſen. Wie ſoll man nicht Luſt zum Tanzen bekommen, wenn man nach Roſſini's, Mozarts und Boͤyeldieu's Schöpfun⸗ gen Pirouetten, Entrechats und Balancees machen kann. Das Ohr iſt durch die Ausführung nicht minder erfreut; die neuen Contretänze ſind wahre Conzerte für Streich⸗ und Blaſeinſtrumenten; ſie aufzuführen erfordert Talent. Den armen Blinden und Gaſſen⸗ mufikern überlaſſen wir die Tanzmuſik früherer Zeit à la Monaco, Perigord und Fürſtenberg; wir be⸗ dürfen jetzt der ausgezeichnetſten Künſtler, eines Weber, Collinet, Rubner u. ſ. w., um Terpſichoren zu huldigen. Man hat nur wenig Platz, man tritt ſich auf die Füße, man kann ſich kaum drehen und wenden; aber man tanzt, das iſt die Hauptſache; welch' ein Ver⸗ gnügen für das junge Mädchen, ihre Grazie zu zeigen, und für die ältere Frau, noch leichtfüßig zu erſcheinen! Diejenigen, welche Muſik und Tanz nicht reizt, ſetzen ſich an den Ecartetiſch; ſie ergeben ſich leiden⸗ ſchaftlich dem Spiel und harren auf einen glücklichen Treffer; ſie ſuchen ihren Mitſpieler kennen zu lernen und aus ſeinem Geſicht ſeine Karten zu errathen; ſie vergeſſen dabei ihre Frauen und Töchter und wer⸗ den von dieſen auch oft vergeſſen. 1 Aber um die Spieler bilden ſich Gruppen; rechts und links werden oft nicht unbedeutende Wetten ge⸗ macht; junge Leute, die ſich nur mit dem Tanz 89 beſchäftigen ſollten, harren ängſtlich darauf, daß ihr Gegner den König umſchlägt; ihr Blut geräth in Wallung; der Anblick des Goldes, die Hoffnung auf Gewinn reißt ſie fort; mehr als einer, den Tiſch mit leeren Taſchen verlaſſend, kann morgen den Schneider und Schuſter nicht zahlen, und unſere ökonomiſchen Herrchen, die ihre Schuhe in der Taſche mitbrachten, ſagen am andern Morgen:„VHätte ich doch lieber einen Wagen genommen und ſtatt deſſen den verdamm⸗ ten Spieltiſch gemieden!“— Andere, um ſich zu tröſten, laufen zu den Buffets und fallen über Backwerk und Erfriſchungen her; der Gourmand nimmt die ausgeſuchteſten Leckerbiſſen unter dem Vorwande, ſie den Damen zu bringen; welch eine Verſchwendung findet hier mit den koſtbar⸗ ſten Speiſen ſtatt. Alles drängt ſich durcheinander; Teller werden entzwei geworfen, man verwirft feines Geflügel, um nach Cremen und Trüffelpaſteten zu greifen; Bonbons und feines Confekt verſchwinden von den Tellern, ohne daß man darauf achtet; rothe ‚und weiße Tiſchweine werden nur wenig berührt, aber die Champagnerbatterien erleiden furchtbare Angriffe; ſo geht es bei den Collationen der großen Geſell⸗ ſchaften zu; die Buffets ſind einer ewigen Plünderung unterworfen, und die jungen Leute, die ſie umgeben, ſcheinen ſeit acht Tagen gehungert zu haben. Welch ein ſeltſames Benehmen für Leute von ſogenanntem feinem Ton! Adeline ſuchte in der Menge einige bekannte Ge⸗ ſichter zu finden, aber vergebens. Müde der Com⸗ 9 90 plimente, die ihr von allen Seiten gemacht wurden, benutzt ſie einen freien Augenblick, um ſich zu über⸗ zeugen, ob ihr Töchterchen ſchläft, und in ſeinem Anblick ſich eines höheren Genuſſes zu erfreuen, als ihr die glänzenden Säle und die prunkende Menge zu gewähren vermögen. Um zu dem Schlafzimmer ihrer kleinen Ermance zu kommen, muß ſie ſich ganz von der Geſellſchaft entfernen; ſie wollte ja nicht, daß ihr Kind von dem Lärmen geſtört würde; ſie geht durch mehre beleuchtete Zimmer und kommt endlich zur Wiege der Kleinen, die ruhig und ungeſtört in ihrem Bettchen ſchläft. Nachdem ſie eine zeitlang mit Wonne ihren kleinen Liebling betrachtet hat, will ſie ſich leiſe wieder zur Geſellſchaft begeben, bemerkt aber, indem ſie in ein ziemlich dunkles Kabinet neben dem Schlafzimmer der kleinen Ermance treten will, eine Geſtalt ſich längs der Wand hin bewegen; plötzliches Angſtgefühl über⸗ fällt ſie.„Fürchten Sie nichts, Madame Murville, ich bin untröſtlich, Sie erſchreckt zu haben.. Adeline beruhigt ſich, denn ſie erkennt Dufresne an der Stimme.„Aber was ſuchten Sie denn hier? fragt ſie.— Die Hitze, der Lärmen incommodirten mich... Ich wollte mich, entfernt von der Geſell⸗ ſchaft, ein wenig erholen.“ Adeline holt eine Aſtrallampe aus den Nebenzim⸗ mern und ſetzt ſie in dem Kabinet auf den Tiſch. Dufresne verfolgt jede ihrer Bewegungen und ſcheint ſehr aufgeregt. „Wenn Sie nicht wohl ſind, ſo werde ich Ihnen — 91 1 eine Erfriſchung holen.— O! nein, Madame, bleiben Sie, ich bitte; Ihre Gegenwart iſt Alles, was ich wünſche.“ Dufresne hat Adelinens Hand ergriffen, und dieſe, über deſſen ſonderbaren Ton und das Feuer in ſeinen Augen erſtaunt, weiß nicht, was ſie antworten ſoll 3 und bleibt verlegen vor ihm ſtehen. Dufresne drückt ihre Hand an ſich, Adeline zieht ſie aber erſchrocken ſogleich zurück und will ſich entfernen, er aber tritt ihr in den Weg.„Was wollen Sie von mir? fragt ſie mit zitternder Stimme und voll Schrecken.— Daß Sie mich anhören, Madame.— Was haben Sie mir denn Heimliches zu ſagen, wir können das ebenſowohl im Saale abmachen.— Nein, Madame, hier, hier! Ach, ſeit lange ſehne ich mich nach dieſem Augenblick, aber ich fühle es, länger kann ich das Feuer nicht beſchwichtigen, das mich perzehrt; nein, ich bin nicht mehr Herr über mich, ſo viel Reize zu bewundern, ohne Ihnen meine Leidenſchaft zu geſtehen. — Was ſagen Sie? Herr Düfresne?— Daß ich Sie liebe, daß ich Sie anbete, ſchöne Adeline... und daß Sie mein werden müſſen!— O Himmel! was muß ich hören!— Erfahren Sie endlich, daß Sie ſeit dem Augenblick, wo ich Sie zuerſt ſah, der Gegenſtand aller meiner Gedanken und Wünſche, der Zweck aller meiner Handlungen waren; ich habe die Bekanntſchaft der Madame Dolban bloß benützt, um bei Ihnen eingeführt zu werden; dieſe Hoffnung und die, Ihnen zu gefallen, haben mich allein ſeit dem . Tage Ihrer Verheirathung vor Verzweiflung bewahrt. 92 Aber wie habe ich bisher gelitten, um mich zu be⸗ zwingen, Aller Augen die Flamme zu verbergen, die in mir lodert; und welchen Qualen unterlag ich nicht, als ich ſo viele Liebkoſungen meinem glücklichen Ne⸗ benbuhler verſchwenden ſehen mußte, der ſie nun mit Gleichgültigkeit empfing, während eine einzige mich auf den Gipfel aller Glückſeligkeit erhoben hätte!— Das iſt zu viel, mein Herr, bis jetzt habe ich meinen Unwillen zurückgehalten, aber länger vermöchte ich es nicht, hörte ich noch mehr.— Unwillen?... und wodurch habe ich ſolchen verdient?— Meinen Mann Ihren Nebenbuhler zu nennen und zum Preiſe ſeiner Freundſchaft ſeine Frau verführen wollen... ſolch ein Betragen iſt abſcheulich!..— Ein ſolches Be⸗ tragen iſt ganz gewöhnlich, und erſcheint Ihnen nur abſcheulich, weil Sie meine Gefühle nicht theilen, denn wenn Sie mich liebten, wäre ich in Ihren Augen ſtatt eines Ungeheuers ein armer Unglücklicher, den eine unwiderſtehliche Leidenſchaft aufreibt, der jedem, ſelbſt der Urheberin ſeines Schmerzes ſeine Klagen verbirgt; ein ſolches Betragen würde Ihnen dann nicht verbrecheriſch erſcheinen, ſo viel Liebe und Beſtändigkeit würde dann wenigſtens Ihr Mitleid rege machen; Sie würden mich ohne Zorn anhören, und vielleicht würde ein ſchöneres Gefühl meine Sache bei Ihnen verfechten, und mich von meinen Sorgen und Qualen befreien. Ja, Madame, ſo betrachten Sie die Sache. Ich bete Sie an, das iſt mein einziges Verbrechen; es hört auf, eines zu ſein, wenn Sie meine Gefühle theilen; der Erfolg gewährt den 93 verwegenſten Unternehmungen Verzeihung, und ich bin nur ſtrafwürdig, wenn Sie mich haſſen.— Ihre Worte können Sie in meinen Augen nicht rechtferti⸗ gen. Ihre Liebe kann ich entſchuldigen, aber nicht Ihre Hoffnung, daß ich Sie theilen könnte. Man iſt nicht Herr ſeines Herzens, ich will es glauben, aber man iſt Herr ſeines Benehmens, und das Ihrige eines feinen gebildeten Mannes unwürdig.— Madame!... — Sprechen Sie mir nie wieder von Ihrer Liebe, nur unter dieſer Bedingung kann ich ſie vergeſſen und ſie meinem Manne verſchweigen.— Ihr Mann!.. er würde Ihnen nicht glauben!— Was ſagen Sie? — Nein, Madame, er würde Ihre Beſchuldigungen gegen mich nur belächeln, glauben Sie denn, daß ich nicht Alles vorher wohl überlegt habe? Ich habe mich des Kopfes von Ihrem Mann in dem Grade bemäch⸗ tigt, daß er nur durch meine Augen ſieht, nach mei⸗ nem Willen ſich richtet; er iſt, mit einem Worte, eine Maſchine, die ich nach meinem Willen handhabe. Aber, wenn Sie meine Wünſche verwerfen, ſo zittern ſie über die Gewalt, mit der ich Ihren Eduard re⸗ gieren werde. Dann ſollen Sie mich kennen lernen; Sie werden Ihren Stolz bereuen, wenn es zu ſpät iſt, mein Haß ſoll dann ſo energiſch werden, wie meine Liebe heftig war..— Verwerflicher Menſch!... Ich fühle meinen Abſcheu gegen Sie ſich verdoppeln, aber ich trotze Ihren Drohungen, und verbiete es Ihnen, mir wieder vor die Augen zu kommen.“ Das Geſicht Dufresne's drückt Wuth und hölliſche Jronie zugleich aus; ſeine Nerven ziehen ſich zuſam⸗ 94 men, ein bitteres Lächeln liegt auf ſeinen Lippen, während ſeine Augen Feuer ſprühen. Adeline in höchſter Angſt will entfliehen; er hält ſie zurück, umfängt ſie mit ſeinen kräftigen Armen, preßt ſie heftig an ſich, drückt einen Kuß auf ihre Wange und will in ſeiner zügelloſen Leidenſchaft noch weiter gehen, als die junge unglückliche Frau einen gellenden Schrei aus⸗ ſtößt; man läuft herbei, nahende Schritte laſſen ſich hören, Dufresne öffnet ein Fenſter dem Garten zu und ſpringt hinaus. Bediente und einige junge Leute umgeben Adeline; man fragt nach der Verwirrung. Ihre Augen ſchweifen umher; das geöffnete Auge erinnert ſie an das, was geſchehen, und ſie fühlt die Nothwendigkeit, ihre innere Aufregung zu verbergen.„Was haben Sie denn, Madame, was iſt denn geſchehen, beeilt’ man ſich von allen Seiten zu fragen.— Ich weiß nicht, ſagte ſie, indem ſie einige Ruhe erheuchelt, ich fühlte mich unwohl.. die Hitze überwältigte mich... ich ging in dies Zimmer, um friſche Luft zu ſchöpfen, öffnete das Fenſter, aber plötzlich überfiel mich ein Schwindel, ich wollte Hülfe rufen und hatte nicht die Kraft.“ Dieſe Erklärung erſchien ſehr natürlich; man er⸗ ſuchte Madame Muryille, nicht in die Geſellſchafts⸗ zimmer zurückzugehen, wo die große Hitze von Neuem ſchaden könne. Adeline hatte dazu ebenſowenig Luſt; ſie hätte Dufresne's Gegenwart nicht ertragen können. Sie zog ſich daher in ihr Zimmer zurück und bat, daß man ſie bei der Geſellſchaft entſchuldigen möchte. Sie befiehlt ihrer Kammerjungfer, ihrem Mann 95 auszurichten, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche, ſobald er einen freien Augenblick habe. Das Mädchen richtet ihren Auftrag aus, aber Eduard nimmt nur wenig Notiz davon; er hatte ſo eben vierzig Louisd'ors an eine junge, ſehr hübſche Dame am Ecartätiſch ver⸗ loren, die ihm ſehr ausdrucksvolle Blicke zuwarf, ihm zulächelte, dabei die ſchönſten Zähne ſehen und un⸗ zweifelhaft aus Unachtſamkeit ihre Füße auf den ſeinen ruhen ließ. Wie ſollte man ſich von einer ſo liebens⸗ würdigen Spielerin nicht hinreißen laſſen; ſie ſchmollte ſo anmuthig, wenn er ihr die Karten verweigerte, und Eduard erlag ſolcher Zauberei; wie wird ihm aber erſt, als ſie ihn bat, ihr den Schweiß im Nacken mit einem Tuch abzutrocknen; mit Zittern entledigt er ſich dieſes Geſchäfts, man dankt ihm mit einem Händedruck und luͤd ihn ein, ſich in einer neuen Partie Ecarté zu revanchiren. Um fünf Uhr Morgens tanzte man zum Schluſſe des Balls die gebräuchliche Anglaiſe. Man ſprang und bewegte ſich wild durcheinander; man machte ſo viel Lärmen als Staub; endlich ging man nach Hauſe, indem man einen alten Hut ſtatt eines neuen ergriff und das zierliche Stöckchen vermißte, das man doch abſichtlich in den dunkelſten Winkel geſtellt hatte; glücklich konnten die ſich ſchätzen, die wenigſtens ihren Mantel oder Ueberrock nicht verwechſelt hatten. Ihr jungen Leute, die ihr ſolche Geſellſchaften beſucht, laßt es euch zur Lehre dienen; nehmt keine werthvollen Stücke mit und bedient euch nur eines alten Huts, wenn ihr ihn nicht ſtets in der Hand 96 tragen wollt, was jetzt freilich häufig geſchieht, um jenen Unannehmlichkeiten vorzubeugen. Eduard ging mit vollem Herzen und leerem Beutel in ſein Zimmer, ganz mit der jungen Frau beſchäf⸗ tigt, die ihn ſo zu feſſeln wußte, und ohne an die ſeinige zu denken, die ſchon lange vergebens auf ihn gewartet hatte. Achtes Kapitel. Verblendung.— Thorheit.— Schwäche. Adeline war voll Beſorgniß wegen ihres Mannes in der Nacht aufgeſtanden, wollie aber, als ſie er⸗ fuhr, daß er ſich ſyät niedergelegt habe, ſeine Ruhe nicht ſtören und ſein Erwachen abwarten, um ihn oon dem Auftritt mit Dufresne in Kenntniß zu ſetzen und denſelben ihm in ſeinem wahren Lichte zeigen. Eduard ſteht endlich auf und erſcheint beim Früh⸗ ſtück; ſie macht ihm leichte Vorwürfe über ſeine Gleich⸗ gültigkeit von geſtern; aber er hört ſie kaum an, ſo ſehr iſt er zerſtreut und mit andern Gedanken be⸗ ſchäftigt; er klagt über heftiges Kopfweh und will ausgehen, um ſich an der friſchen Luft zu ſtärken. Adeline hält ihn zurück und ſagt zu ihm, daß ſie ihm etwas Wichtiges zu ſagen habe. Eduard, der über den Ton ſeiner Frau erſtaunt, wirft ſich nachläſſig auf einen Stuhl und bittet ſie zu eilen, weil Ge⸗ ſchäfte ihn drängen. Man ſchickt die Dienſtboten 97 hinaus, und Adeline erzählt jetzt ihrem Manne die mit Dufresne ſtattgehabte Unterredung. Anfangs hört Eduard gleichgültig zu, aber in Bälde malen ſich Unzufriedenheit und Ungeduld auf ſeinem Geſichte. „Nun, mein Lieber! ſchließt Adeline ihre Erzäh⸗ lung, was denkſt Du jetzt von Deinem aufrichtigen Freunde?— Ich denke... ich denke, daß Du aus einer Kleinigkeit ein Verbrechen, aus einer Fliege einen Elephanten machſt!— Was, lieber Freund!— Ja, ja, wie ich ſage... einer Frau eine Liebeser⸗ klärung!... mein Gott, iſt denn das ſo etwas Sel⸗ tenes, braucht man davon ſo viel Aufhebens zu machen? Alle Tage geſchieht ſo etwas, und die Frauen legen nicht mehr Gewicht darauf als die Sache verdient! Aber Du biſt wegen eines Wortes gleich außer Dir!... eine einfache Galanterie ſcheint Dir ſchon ein Verſuch zur Verführung!... So muß man die Sache gar nicht betrachten!... Ja, aber ich kenne Dich, Du magſt Dufresne nicht leiden, ja, Du haſſeſt ihn. Seit langer Zeit ſchon wünſcheſt Du ihm in meinen Augen zu ſchaden und ergreifſt nun dieſe Ge⸗ legenheit zur Erreichung Deines Zwecks; aber ich ſage Dir, das Spiel ſoll Dir nicht gelingen.— Iſt's möglich, Eduard, mich klagſt Du an, mich hältſt Du für fähig, Dich zu hintergehen?— Oder hintergangen zu werden; wer ſteht Dir dafür, daß Dufresne ſich nicht den kleinen Spaß in der Abſicht gemacht hat, um ſich über Dich aufzuhalten und ſich an Dir zu rächen, da er Deinen Haß ſehr wohl bemerkt.— Und Paul de Kock. XX. 7 98 darum alſo hat er die Verwegenheit ſo weit getrieben, mich zu küſſen?— Geküßt.. ich will geſtehen, daß er Unrecht hat, Dich wider Willen geküßt zu haben, und ich werde ihm darüber Vorwürfe machen; aber ein Kuß darf Dich doch nicht ſo ſehr aufbringen!— Du willſt alſo Herrn Dufresne nach wie vor bei Dir ſehen?— Ganz gewiß, denn ich werde mitch nicht lächerlich machen und mit Fingern auf mich zeigen laſſen, bloß deßhalb, weil man ſich einen Scherz, ein Küßchen erlaubt!... das wäre ja ohne Sinn und Verſtand! Aber beruhige Dich, ich werde Dufresne verbieten, künftig von Liebe Dir vorzu⸗ ſchwatzen!.— Wie, Eduard, iſt's möglich, aus Allem, was ich Dir ſage, machſt Du Dir gar nichts! — Ich weiß, was ich davon zu halten habe und muß mich zu benehmen wiſſen.— Ach!... ſo liebſt Du mich nicht mehr, ich ſehe es wohl... Sonſt warſt Du eiferſüchtiger!..— Man kann ohne Eiferſucht lieben, und übrigens... aber die Zeit ver geht, meine Geſchäfte rufen mich.— Und der reiche See⸗ fahrer, wegen deſſen Du die koſtſpielige Geſellſchaft gegeben haſt?— Er konnte nicht kommen.— Alſo waren alle Koſten unnütz?— Unnütz? nein, gewiß nicht. Man hat mir große Lobeserhebungen deßhalb gemacht. Sie wird mir viel Kredit verſchaffen, die beſten Folgen haben... Doch ich gehe jetzt, ich habe keinen Augenblick langer Zeit.“ Tduard entfernt ſich raſch, um zu Dufresne zu gehen; dieſer erſcheint bei ſeinem Anblick etwas ver⸗ legen, ſammelt ſich aber ſehr bald wieder. Nicht um 5 —,———— — ˖—— 99 mit ihm von ſeiner Frau zu ſprechen, iſt Murville zu ihm gegangen, nein, bloß um mit ihm ſich über die hüͤbſche Dame, mit der er geſtern Abend geſpielt hat, zu unterhalten und zu erfahren wer ſie iſt, wo ſie wohnt, kurz, um ſich ganz ſeinen Wünſchen und Hoffnungen hinzugeben, die er vor ſeinem Freunde nicht verbirgt. Dufresne befriedigt Eduards Neugierde und theilt ihm mit, daß Frau von Geéran die Wittwe eines Generals und unumſchränkte Herrin ihrer Handlungen ſei, daß ſie Vermögen habe, aber aus Hang zum Vergnügen keine Ausgaben ſcheue; er ſetzt noch ab⸗ ſichtlich hinzu, daß ſie viele Anbeter habe, aber alle gleichgültig behandle, mit den Empfindungen, die ſie anregt, nur ihr Spiel treibe und überhaupt wohl nur ſehr ſchwer zu erobern ſein dürfte. Dieſe Mittheilungen können Eduards aufkeimende Leidenſchaft bloß verſtärken. Welch ein Glück, über ſo viele Anbeter den Sieg davon zu tragen, und Frau von Geran hat ihn auf eine Art und Weiſe behandelt, die ihn allerdings mit Hoffnungen erfüllen muß. So viel iſt ausgemacht, daß ſie ihm den Kopf verdreht hat, und Dufresne, der nur zu gut im Herzen des ſchwachen und unbeſtändigen Murville liest, be⸗ nützt den Augenblick, um zuerſt von dem anzufangen, was zwiſchen ihm und Adelinen vorgefallen, indem er ihm die Sache als einen einfachen Scherz vor⸗ ſtellt, der keineswegs irgendwie andere Folgen haben könne.— Ja, ja, ich weiß, antwortet Eduard, meine SFrau hat mir ſchon davon erzählt.— Ahl ſie hat 1 1⁰⁰ davon geſprochen?— Ja! daß Ihr ein Ungeheuer, ein Verwegener, ein falſcher Freund wäret!— Wirk⸗ lich!— Und wer weiß, was noch Alles!... denn ich muß Euch ſagen, ſie iſt wüthend auf Euch!... Aber ſeid nur ruhig, ich werde ſie ſchon beruhigen! ſie wird bald einſehen, daß ſie die Sache von einer ganz falſchen Seite genommen hat, wenn ſie erfährt, daß Ihr mit mir zuerſt davon geſprochen habt.— Es thut mir wahrhaftig ſehr leid, mir den Spaß erlaubt zu haben, aber Eure Frau iſt auch ſo ſon⸗ derbar!— Ihre Mutter, Madame Germeutll, iſt daran ſchuld, die hat ihr den Kopf mit romanhaften Ideen angefüllt.— Man ſollte wirklich nicht glau⸗ ben, daß ſie in Paris erzogen iſt.— O! ſie ſoll in der großen Welt ſchon noch anders werden... Könnt Ihr wohl glauben, daß ſie darauf beſtand, Euch nicht mehr bei ſich zu ſehen?— Wenn meine Gegenwart ihr zuwider iſt, ſo werde ich dafür ſorgen, ſie nicht wieder zu beläſtigen.— Warum nicht gar? das will ich ja gerade nicht, oder ich werde auf Euch auch böſe. Ich verlange vielmehr, daß Ihr uns noch öfter als ſonſt beſucht; ich wünſche es, und das muß ge⸗ nügen. Liebt Ihr mich nicht genug, um Euch über die lächerlichen Anſichten meiner Frau hinwegzuſetzen? — O gewiß! meine Freundſchaft für Euch kennt keine Grenzen!— Der gute Dufresne! Seht, um Euch einen Beweis meines Vertrauens zu geben und zu zeigen, wie wenig ich den Erzählungen meiner Frau Werth beilege, will ich Euch etwas mittheilen und ‧* ähle auf Euren freundſchaftlichen Beiſtand in dſ * 101 Sache.— Ich bin ganz der Eurige, redet!— Lieber Freund! ich liebe Frau von Geran zum Wahnſinnig⸗ werden.— Wäre es möglich, und Ihr kennt ſie erſt ſeit geſtern!— Die Zeit genügte, um ſie anzubeten; was wollt Ihr, man iſt ja nicht Herr über ſich ſelbſt... es iſt eine Caprice, eint Schwäche!... aber ich ver⸗ liere den Kopf darüber.— Ihr, Murville, ſonſt ſo vernünftig!... und verheirathet!...— Ach, lieber Freund! ſind die Ehemänner beſſer als die Jungge⸗ ſellen! Ihr wißt das veſſer als ich, man kann nicht immer für ſeine Frau leben.— Wenn nun die Eurige wie Ihr dächte?— O! von der Seite habe ich nichts zu fürchten, meine Frau iſt die Tugend ſelbſt; ſie kennt ihre Pflichten; mit einer Frau iſt es auch etwas Anderes.— Ja, was die Folgen betrifft, denn in moraliſcher Hinſicht und ſelbſt nach dem Geſetz der Natur, glaube ich, iſt der Fehler durchaus gleich.— Ihr ſpaßt, ubrigens ſind die Folgen nicht allein. Mit dem öffentlichen Schein iſt es zweierlei. Wird man eine Frau verſpotten, deren Mann einer Andern den Hof macht? Nein, man wird nichts darüber ſagen, weil man das gewöhnlich findet; aber wenn eine Frau ihren Mann betrügt?— Das i*ſt auch ſehr gewöhn⸗ lich.— Und demungeachtet ſpottet man über den armen Ehemann und deutet mit Fingern auf ihn 2... Ueberdies, was kann für ein Unglück aus der Untreue eines Ehemannes entſtehen? Keines? Die Schönen, die ihn erhört haben, werden ſich deſſen nicht überall rühmen. Mit einer Frau iſt es was anders. Ihre Anbeter ſchaden immer ihrem Ruf, ſei es durch Worte 102 oder durch Handlungen, die den Augen der Nachrede oder Neugierde nie entgehen. Kurz, eine Frau, die ihren Mann untreu findet, kann nur weinen und ſich beklagen; ein Mann aber, der ſeine Frau über der Untreue ertappt, hat das Recht ſie zu beſtrafen; Ihr ſeht alſo, lieber Freund, daß der Fehler nicht der⸗ ſelbe iſt, da die Strafe verſchieden ausfällt.— Ich ſehe nur, daß wir die Geſetze gemacht haben und dabei ſehr gut angekommen ſind.— Werdet Ihr mir nicht auch noch Moral predigen! Wahrlich, Dufresne, Ihr ſeid beinahe eben ſo ſtreng tugendhaft als meine Frau!— Nein, lieber Freund, ach! Ihr kennt mich noch nicht. Ich habe nur, bevor ich Euch diene, wiſſen wollen, ob Ihr die Folgen Eurer Liebesin⸗ trigue auch gehörig erwogen habt...— Alles iſt berechnet und erwogen! Ich liebe Frau von Geran und will wieder geliebt ſein. Ich fühle, daß kein Opfer zu groß ſein kann, um meinen Zweck zu er⸗ reichen.. Ihr verſteht mich doch?— O, ſehr gut... weil Ihr entſchloſſen ſeid, ſo will ich Euch behülflich ſein; aber Ihr werdet ſodann mir es wenigſtens nicht vorwerfen, Euch verführt zu haben.— O nein, nein! ich bin es, der Euch bittet, mir zu dienen, und die 1 kleine Intrigue vor meiner Frau verheimlichen zu helfen.— Seid beruhigt und überlaßt mir dieſe Sorge. Ich übernehme Alles. Wann denkt Ihr denn zur Frau von Geran zu gehen?— Heute Abend.. Aber da wird wohl geſpielt?— Ja, und das hoch. Teufel! und ich habe kein Geld mehr... Die Fete hat mich ganz ausgebeutelt.— Es wäre leicht Geld 1 — 103 zu bekommen. Die Papiere ſtehen jetzt hoch... Ver⸗ kauft! In einiger Zeit müſſen ſie wieder fallen, und dann, wenn wir inzwiſchen wieder Geſchäfte gemacht haben, kauft Ihr wieder... Ihr ſeht, dabei iſt zu⸗ gleich ein Coup zu machen.— Ja, das iſt wahr, Ihr habt Recht... Aber die Papiere lauten auf den Namen meiner Frau.— Könnt Ihr ſie Euch nicht endoſſiren laſſen, wenn Ihr eine brillante Spekulation vorgebet?— Ja, ja, oh! ſie wird unterzeichnen, ich bin deſſen gewiß, ſie unterzeichnet was ich verlange. — So benützt ihre gute Laune, um Eure Kapitalien zu verkaufen; ich wiederhole es Euch, ſie ſtehen auf dem Punkte zu fallen, und in einigen Tagen könnt Ihr mit wenigerem Gelde dieſelben Papiere wieder kaufen. Wenn Ihr es wünſcht, will ich gern das Geſchäft beſorgen.— Ihr würdet mir einen großen Gefallen erweiſen... denn ich bin in derlei Sachen noch unerfahren, und ohne Euch käme ich oft in Ver⸗ legenheit!— Fürchtet nichts, und betreibt Eure Ge⸗ ſchäfte mit Dreiſtigkeit; ich verſichere Euch, daß Eure geſtrige Geſellſchaft Euch einen ungeheuren Kredit verſchafft hat... Wenn Ihr dreißigtauſend Franken brauchtet, Ihr würdet ſie leicht finden.— Ihr ent⸗ zückt mich, ich gehe zu meiner Frau, erwartet mich nur in unſerem Kaffeehauſe, bald bin ich mit den Papieren wieder bei Euch.— Ich werde da ſein... aber Verſchwiegenheit gegen Eure Frau!— Haltet Ihr mich für ein Kind 2... Ohne Adieu, mein lieber Dufresne!“ Eduard eilt nach Hauſe, geht ins Zimmer ſeiner 104 Frau und findet ſie mit ihrem Kinde auf dem Arme. Beim Anblick ihres Mannes, der nicht mehr am Tage ſie zu beſuchen pflegt, erfüllt Hoffnung ihr Herz; ſie denkt, ſeine Liebe führe ihn zu ihr zurück, und ein Lächeln der Freude verſchönert ihre anmuthsvollen Züge. 3 Eduard ſteht ſtumm und verlegen vor ſeiner Frau; er empfindet ein drückendes Gefühl, will aber ſein Unrecht ſich nicht eingeſtehen.— Du biſt es, lieber Eduard? ſagte Adeline im ſanfteſten Tone, wie freue ich mich, Dich zu ſehen... es iſt ja ſo ſelten.. aber da, gib doch Deinem Töchterchen einen Kuß. Er nähert ſich der Kleinen kalt, küßt ſie zerſtreut und bleibt, ohne auf ihre niedlichen Bewegungen zu achten, in ſeiner Träumerei verſunken und weiß nicht, wie er von ſeinem Projekte anfangen ſoll.—„Du ſcheinſt betrübt, ſagt Adeline, ſollteſt Du Verdruß gehabt haben, o, ich bitte Dich, theile ihn mir mit, Du haſt keine zärtlichere und aufrichtigere Freundin, als Deine Frau.— Ich weiß es, liebe Adeline, ich habe aber keinen Verdruß gehabt! Nein, mir geht nur ſo Manches durch den Kopf, ich bin mit einer großen Spekulation beſchäftigt, durch die ich ſehr viel Geld gewinnen kann!— Immer Spekulation, und niemals Liebe, Ruhe, wahres Glück.— O wenn wir erſt reich ſein werden... dann... Aber... ich habe eine Bitte, ich wollte Dich erſuchen, etwas zu unterzeichnen... Es betrifft einen ſehr vortheil⸗ haften Handel.— Biſt Du deſſen auch gewiß, lieber Eduard!— O ganz gewiß... denn. 3 —— 105 5 Murville wollte hinzuſetzen,„denn Dufresne hat es verſichert,“ aber er fühlte wohl, daß dies nicht das Mittel ſei, ſeine Frau zu überzeugen. Nachdem er aus einem Sekretär alle nothwendigen Papiere ge⸗ nommen hatte, ſetzte er eine Verhandlung auf, wo⸗ durch ſeine Frau in den Verkauf ihrer Kapitalien willigt, bot ihr mit Zittern die Feder dar, und Ade⸗ line, voll Vertrauen und Ergebenheit, unterſchrieb, ohne nur die Verſchreibung geleſen zu haben. „So, nun iſt's gut, ſagt Murville, indem er die Papiere einſteckte, jetzt eile ich nach der Börſe, um dies wichtige Geſchäft ins Reine zu bringen.“ Er umarmt ſeine Frau und läuft haſtig davon. Dieſe bemerkt wohl, daß er nicht ihrethalben gekom⸗ men iſt, aber ihr Herz entſchuldigt ihn; ſie glaubt ihn ganz in ſeinen Geſchäften vertieft.—„Er liebt ja nur mich, und das iſt die Hauptſache. Man muß ihm dieſe Luſt zur Thätigkeit zu Gute halten; es iſt ja ein ſo verzeihlicher Wunſch, ſeine Frau und Kin⸗ der bereichern zu wollen.“ Arme Adeline! Du weißt nicht, welchen Ge⸗ brauch Dein Mann von Deinem Gelde machen will! 1 106 Neuntes Kapitel. Es iſt nicht ihre Schuld, oder: die Unſchuld ſiegt. Eduard kömmt im Triumphe zu Dufresne; er iſt jetzt Beſitzer eines beträchtlichen Kapitals und kann nach Gefallen darüber verfügen, denn ſeine Frau wird von ihm keine Rechenſchaft dafür verlangen, und ſeine Schwiegermutter kümmert ſich nicht mehr um ſeine Angelegenheiten. Dufresne erwartet Mur⸗ ville mit Ungeduld; er fürchtete einige Schwierigkei⸗ ten von Seiten Adelinens, aber beim Anblick der werthvollen Papiere umſpielt ein teufliſches Lächeln ſeine Lippen, das er ſogleich wieder zu unterdrücken ſucht, ſeinen Zügen einen ganz eigenen Ausdruck verleiht und jedem andern außer Eduard auffallen würde; dieſer aber läßt Dufresne gar nicht Zeit zum Sprechen; er drängt ihn, doüde zu verkau⸗ fen und letzterer beeilt ſich aus Beſorgniß, jener möchte ſeinen Entſchluß ändern, deſſen Wunſch zu erfüllen. Adeline wartet vergebens auf die Rückkehr ihres Mannes, der Tag vergeht und er kommt nicht nach Hauſe. Sie denkt, er werde bei irgend einem ſeiner neuen Geſchäftsfreunde zu Tiſche geladen ſein und tröſtet ſich hiemit; was ihr aber den größten Kum⸗ mer verurſacht, iſt ſeine Verblendung über Dufresne, ſeine Gleichgültigkeit, womit er ihre Erzählung von deſſen unwürdigem Benehmen aufgenommen hat. Die Drohungen Dufresne's fallen ihr ein, ſie denkt — bereue ich das, abe 107 an die Schwäche ihres Mannes, und der Gedanke macht ſie ſchaudern, daß ihr Glück, ihre Ruhe, viel⸗ leicht die ihres Kindes, in den Händen eines laſter⸗ haften Menſchen ſind, der jeder Handlung fähig zu ſein ſcheint, um ſeine Leidenſchaften zu befriedigen. Sie war in ihren Betrachtungen vertieft; es war Abends neun Uhr, und vergebens wartete ſie auf ihren Mann, als plötzlich heftig an die Thüre des Hotels gepocht wird; bald darauf hört ſie Jemand die Treppe herauf kommen... man nähert ſich... unzweifelhaft iſt es Eduard... ſie ſteht auf, die Thüre zu öffnen; aber er iſt es nicht, ein Bedienter bringt einen Brief, den ein Fremder mit dem aus⸗ drücklichen Beifügen übergeben hat, ihn der Madame Murville ſelbſt einzuhändigen; der Unbekannte hat ſich ſogleich wieder entfernt. Adeline erbricht das Siegel; die Schriftzüge ſind ihr unbekannt, ſie ſcheinen von einer ſchwachen und zitternden Hand zu ſein und ſind von Madame Dol⸗ ban unterzeichnet.„Was kann ſie mir zu ſchreiben haben? ſagt Adeline, ich will doch einmal ſehen.“ „Madame, ſeit langer Zeit bin ich ſehr leidend; ich kann mein Zimmer nicht mehr verlaſſen; aber ich will es doch nicht länger anſtehen laſſen, Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen. Ich habe ein Un⸗ recht begangen, ich m daher auch verſuchen, es wieder gut zu machen Ich habe bei Ihnen einen Mann Namens dufe ee etngerihe... Gott! wie mals hielt ich ihn noch für unfähig, das Zartgefühl zu verletzen. Eine unſelige . & Leidenſchaft hatte mich lange Zeit verblendet; jetzt aber kann ich an der abſcheulichen Wahrheit nicht mehr zweifeln. Dieſer Dufresne iſt ein Schurke und jeder Ehrloſigkeit fähig... Ich habe nur zu viele Beweiſe von der Niederträchtigkeit ſeines Charakters. Er hat mich von allem entblößt, was ich beſaß; aber ich beklage weniger den Verluſt meines Ver⸗ mögens, als von ihm ſo ſchändlich betrogen worden zu ſein. Spiel, Ausſchweifung, kurz alle Laſter liebt er und verſteht ſich auf die Kunſt, ſeine niedrigen Leidenſchaften zu verbergen. Ich wage nicht alles zu ſagen, was ich weiß, aber ich beſchwöre Sie, ohne Aufſchub die Verbindung, in der er mit Ihrem Manne ſteht, abzubrechen, oder fürchten ſie alles von den Rathſchlägen eines Ungeheuers, dem nichts heilig iſt. Wittwe Dolban.“ Adeline ſchaudert, ihre Seele iſt von Schrecken ergriffen, ſie liest die unglücklichen Zeilen noch ein⸗ mal, erhebt ihre mit Thränen erfüllten ſchönen Augen zum Himmel und klagt:„Das iſt alſo der Mann, wegen deſſen Eduard ſich mit meiner Mutter entzweit hat, der ſein Rathgeber, ſein Vertrauter, ſein Freund iſt! O Gott! welche Zukunft ſteht mir bevor! wie kann ich dem Uebel vorbeugen? Mein Mann hört nicht auf mich, verwirft meinen Rath, iſt taub für meine Bitten... Aber meine Thränen werden ihn erwheichen.„Nein, Eduard hat kein ſchlechtes Herz, er liebt mich noch, e er wird ſeine Adeline nicht von ſich ſtoßen; ich werde ihn im Namen unſers Kindes 109 beſchwören, mit einem Mann zu brechen, der ihn ins Unglück ſtürzt... Dieſer Brief, höffe ich, wird ein genügender Beweis ſein; er wird die Augen öff⸗ nen und einen Umgang aufgeben, der mir ſchon ſo viele Qualen bereitet hat.“ Dieſe Gedanken beruhigen Adelinens Schmerz etwas; feſt entſchloſſen, ihrem Manne den Brief ſo⸗ gleich bei ſeiner Rückkehr zu zeigen, nimmt ſie ſich vor, ihn zu erwarten. Er kann ja nicht mehr lange ausbleiben, es iſt ja ſchon ſpät; es bedarf ja nur noch einer kurzen Zeit des Muthes. Arme Frau! wenn ſie wüßte, was ihren Mann jetzt beſchäftigt, während ſie traurig und verlaſſen, allen Qualen der Angſt, der Unruhe und der Eiferſucht preisgegeben iſt! Du, die im Buche des Schickſals zu leſen dich bemühſt, wie höchſt beklagenswerth wäreſt du, wenn du den Schleier lüften könnteſt, der dir die Wahrheit verhüllt!... Die Täuſchung wurde zum Glück der Sterblichen erfunden! ſie iſt beinahe eben ſo wohl⸗ thätig als die Hoffnung. 1 Die junge Frau zucht ſich mit Plänen für die Zu⸗ kunft die Zeit zu vertreiben. Sie ſieht mit Entzücken der ſchönen Jahreszeit entgegen; bald wird man wieder aufs Land ziehen können; ſie war ja anfangs ihrer Ehe daſelbſt ſo überaus glücklich, daß ſie ſich ſchmeichelt, dort das Glück wieder zu finden, das ihr in Paris fremd geblieben iſt. Eduard wird ſie be⸗ gleiten, ſeine Pläne, ſeine Sucht nach glänzenden Geſchäften aufgeben und völlig mit dem treuloſen Dufresne brechen. Nichts wird dann ihre Zufrieden⸗ 110 heit ſtören und ihre Mutter wird wieder bei ihnen wohnen. Die kleine Ermance wird unter den Augen ihrer Eltern aufwachſen und ſie lieben und ſchätzen lernen. Welch eine glückliche Zukunft!... Wie kurz wird da die Zeit erſcheinen! wie herrli ſoll ſie ange⸗ wendet werden!. Adelinens Herz fühlt ſich bei dem reizenden Ge⸗ mälde ihrer Phantaſie erleichtert... aber die Uhr ſchlägt... ſie ſieht auf den Zeiger und ſeufzt... die⸗ Träume des Glücks verſchwinden und die kalte Wirk⸗ lichkeit umfängt ſie wieder. So bemühen ſich die Unglücklichen, ſ ſich ſelbſt zu betrügen und ſich ihre eigenen Schmerzen zu ver⸗ bergen. Der, welcher die Geliebte ſeines Herzens verloren hat, kann ihr Bild nicht aus ſeinem Ge⸗ dächtniß entfernen; er ſieht ſie unaufhörlich vor ſich, ſpricht zu ihr, verſetzt ſich mit ihr in die glückliche Vergangenheit, an die Orte, welche die Zeugen ſeiner entflohenen Freuden waren; er hört ihre zarte Stimme, die Bekenntniſſe ihrer Liebe, er erinnert ſich jeder traulichen Unterredung, er glaubt ihre Hände noch in der ſeinigen zu halten, er ſucht ihre brennenden Lippen, von denen er die ſüßeſte Wonne ſog; aber die Täu⸗ ſchung hört auf, ſie iſt nicht mehr da, und welche ſchreckliche Leere, welche um ſo grauſamere Exiſtenz wird dann ſein Loos!... Adeline hat der Wechſel von Furcht und Hoffnung lebhaft in Bewegung gebracht; zwanzigmal ſetzt ſie ſich an die Wiege ihres Kindes und eben ſo oft läuft ſie ans Fenſter und horcht ängſtlich auf das leiſeſte 111 Geräuſch, aber nur dann und wann ſtört das Rollen einiger Wagen die Ruhe der Nacht; jedesmal, wenn ſie etwas hört, klopft ihr Herz gewaltig... das iſt mein Mann... ja... er iſts... der Wagen kommt näher, aber er fährt vorüber, ohne anzuhalten. Viele Stunden ſind ſo vergangen. Die Kälte der Nacht, die Ermattung vom Wachen umſchleiern Ade⸗ linens Sinne. Trotz ihres Wunſches, Eduard zu er⸗ warten, fühlt ſie, daß ſie dem überwältigenden Schlaf nicht länger widerſtehen kann und entſchließt ſich end⸗ lich, ſich niederzulegen, aber auf den Tiſch vor ihrem Bette legt ſie den Brief der Madame Dolban; ſie will ihn nahe bei ſich haben, um ihn ſogleich ihrem Gemahl zeigen zu können. Von dieſen koſtbcten Zeilen erwartet ſie ja ihre Ruhe, ihr Glück. Sie zündet die Nachtlampe an, die jede Nacht ihr Schlafzimmer erhellt und legt ſich endlich, obgleich ungern, nieder; aber es iſt ihr ganz unmöglich, länger wach zu bleiben, die Müdigkeit ſiegt über die Unruhe, die Augenlieder ſchließen ſich und ſie ſchläft feſt ein. Eine Stunde etwa mag Adeline geſchlafen haben, als ein ziemlich lautes, durch den Fall eines Stuhls veranlaßtes Geräuſch ſie plötzlich erweckt; ſie öffnet die Augen, kann aber nichts erkennen, die Lampe iſt ausgelöſcht; ſie macht eine Bewegung, um aufzu⸗ ſtehen, aber ein Arm umfängt ihren Leib, hält ſie zurück und verſchließt ihren Mund mit Küſſen. Ade⸗ line weiß, daß Niemand als ihr Mann den Schlüſſel zu ihrem Schlafzimmer hat, kein Anderer kann bis zu ihr dringen es iſt alſo Eduard, der vor ihr ſteht. 112 „Ach, mein Freund, wie lange habe ich Dich erwartet; ich wünſchte ſo ſehr Deine Gegenwart, Dich zu ſprechen... wenn Du wüßteſt!.. Ich habe einen Brief von Madame Dolban erhalten... die arme Frau!.. ſie iſt ſehr unglücklich!... Du wirſt Dich tberzeugen, daß ich mich hinſichtlich Dufresne's nicht geirrt hatte... o, der Böſewicht!... Er iſt ein ſehr gefährlicher Menſch, er iſt, ſagt ſie, zu Allem fähig! er hat ſie ruinirt.. er fröhnt allen Laſtern... Lieber Eduard, ich bitte Dich, gehe nicht mehr mit dem Menſchen um... er würde Dich unglücklich machen. Du wirſt nicht mehr ſagen, daß das Hirn⸗ geſpinſte ſind.. Da.. dort auf dem Nachttiſch liegt der Briefz wenn die Lampe nicht ausgelöſcht wwärs, ſollteſt Du ihn auf der Stelle leſen.“ Sie will aufſtehen, um die Nachtlampe wieder anzuzünden, aber die Liebe hält ſie zurück; gern gibt ſie nach, denn ſie hat ja ihren Eduard wieder; der gehabte Kummer iſt nur noch ein Traum, das innigſte Freudengefühl hat ihn verbannt.. So vergeht unter Liebeständeleien und ihren Herzensergießungen die Zeit, ein ſchwacher Tagesſchimmer dringt bereits durch die Fenſtervorhänge, ihre Seele iſt noch voll Entzücken, Sie wendet den Kopf, um ihren Gemahl auf dem Stuhl vor ſich zu brtrachten, aber ein Schrei des Entſetzens entfährt ihr.. ſie zittert, will erſticken; ihre Augen ſtehen ſtarr... ihr Herz hört auf zu ſchlagen. Es iſt Dufresne, den ſie erblickt... ihm, und nicht ihrem Eduard hat ſie ihr Herz ausgeſchüttet. V Der Schrei der jungen Frau rührt Dufresne nicht; 113 er ſieht ſie mit einem teufliſchen Lächeln, einer bar⸗ bariſchen Freude an; Adelinen ſcheint das Leben ent⸗ flohen, ſie iſt wie vernichtet; er will ſie umarmen, aber ihre Seele kehrt wieder zurück, ſie nimmt alle ihre Kräfte zuſammen, ſtößt das Ungeheuer von ſich, ſpringt auf, wirft einen Mantel um, und die Feſtig⸗ keit ihrer Haltung, der Stolz in ihrem Blick ſcheinen jedem neuen verrätheriſchen Verſuche widerſtehen zu können. Dufresne beobachtet ein augenblickliches Still⸗ ſchweigen, dann ſagt er mit ſpöttiſchem Lächeln: „Wie, Madame, wozu der Widerſtand... keine Affek⸗ tation!.. In der That, jetzt wäre ſie nur kindiſch 1... Ihr Stolz iſt gegenwärtig gar nicht am Platze!... Ohne weitere Umſtände glauben Sie mir und laſſen uns Frieden ſchließen... Ich verſpreche Ihnen, Ihr Mann ſoll von meinem Beſuche nichts erfahren... Uebrigens kann ich Sie verſichern, daß er eine Andere liebt; Sie haben ſich alſo gegenſeitig keine Vorwürfe zu machen.“ Dufresne macht einige Schritte, ſich ihr zu nähern, ſie weicht aber mit Abſcheu zurück, wehrt ihn ab und ſcheint mit übernatürlichen Kräften begabt; von ihrem Rufen nach Eduard hallt das Zimmer wieder. Du⸗ fresne läßt nach, denn er überlegt, daß auf das laute Geſchrei der jungen Frau die Dienerſchaft, ſowie ſie es gehört, herbeieilen könnte und das alle ſeine Plane zerſtören würde. Wider Willen muß er ſich daher von Adelinen trennen, aber Zorn und Wuth leuchten aus ſeinen Blicken. Er ergreift den Brief der Madame Paul de Kock. XX. 8 114 Dolban und zeigt ihn der Geängſteten, die jetzt nur damit beſchäftigt iſt, ſeinen Anfällen Trotz zu bieten. „Das iſt ja, ſagt er mit hölliſcher Ironie, das Schreiben, wovon Sie ſo viele Vortheile zu ziehen hofften... Sie verwerfen, verabſcheuen meine Liebe... ſo zittern Sie denn vor meinem Haß und meiner Rache. Den Brief nehme ich mit mir; Madame Dolban ſoll fernerhin nicht mehr an Sie ſchreiben.“ Bei dieſen Worten eilt Dufresne aus Adelinens Zimmer. Finſnſnnnfſſſſnſnn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17