— —— Keibbibliocber 2 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. I eih- und Jeſebedingungen. 1 t. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 8. T —— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe l hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: 3 für erhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 wet. 59 f. 2 uxr.— Pf. „ à.„=„ 35„—„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Büͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeerte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Wanken verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 4- Neunzehnter Theil. Stuttgart: A Scheible, RUieger« Sattler. 1843. Bruder Jakob. Von . Paul de Koch. 1 Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Derweil ein Einz'ger lebt von ſeinem Spielgewinn, Sieht tauſend Spieler man vor Hunger ſterben hin Der Spieler von Regnard. Erſter Theil. SSo⸗ Stuttgart: 4 Scheible, URieger ½ Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Cine Hochzeit in Cabran⸗Bleg.— Die Famil e Murville. Mitternacht hat geſchlagen; woher doch dieſes Freudengeſchrei, dieſer laute Jubel, dieſes Hellauf, dieſe Muſik, dieſe Geſänge, dieſer Lärm?... Haltet einen Augenblick auf dem Boulevard vor dem Cadran⸗ Bleu, macht es wie die guten Leute, welche allen Hochzeiten, allen Gaſtereien, die bei den Reſtaura⸗ teurs des Boulevard du Temple gegeben werden, beiwohnen, indem ſie vor den Fenſtern oder auf der Straße hin⸗ und hergehen, und auf dieſe höchſt er⸗ „quickliche Art und Weiſe der Ausſicht auf eine eng⸗ liſche Chaine, einen Walzer oder auf eine Milch⸗ Chokolade genießen; freilich riskiren ſie auch dabei, von den Vorübergehenden geſtoßen, von den Wagen mit Koth beſpritzt und von den Kutſchern angeflegelt zu werden. Aber um Mitternacht ſind die Pflaſtertreter, die Gaffer oder Maulaffen(kurz, wie man dieſe Strolche benamſen will) längſt untergeſeſſen; vor dem Thore des Cadran⸗Bleu bleibt nichts mehr ſtehen, als die Fiaker oder Extra⸗Miethkutſchen, je nach der größeren oder geringeren Bedeutung, welche ſich die Eingela⸗ denen beilegen wollen. Um dieſe Stunde jedoch wird erſt das Gemälde pikanter, wechſelvoller, belebter; denn nur dann beginnt man Bekanntſchaft zu machen. Nun denn, wird man mich fragen, was iſt denn der Grund dieſer Geſellſchaft im Cadran⸗Bleu? Iſts ein Namensfeſt, ein Jahrestag, ein Vereinsmahl? — Beſſer als alle das: es iſt eine Hochzeit. Eine Hochzeit!... Wie viele Betrachtungen er⸗ regt doch dieſes Wort! wie viele Hoffnungen und Erinnerungen erzeugt es! wie ſchlägt dabei das Herz des jungen Mädchens, das den Augenblick nicht erwarten kann, wo es die Heldin dieſes feſt⸗ lichen Tages ſein und mit dem Myrten⸗ und Oran⸗ genzweig ſich bekränzen wird, jenem Symbol der Züchtigkeit und Jungfräulichkeit, das leider ſchon ſo manchen Gatten betrog, der aus gutem Grunde auf jenes Zeichen nicht ſtolz iſt. Wie betrübt dagegen der Anblick dieſer Feier mancher erſt ſeit zwei Jahren verehelichten jungen Frau, die das Glück bloß noch⸗ in der Erinnerung kennt! Sie zittert über das Schick⸗ ſal der armen Braut, ſie gedenkt mit Wehmuth an den eigenen Hochzeittag, an die innige und glühende Zuneigung ihres Mannes zu jener Zeit und ver⸗ gleicht dieſe mit der ſpäteren, denn ſie hat es er⸗ fahren, wie wenig man den Liebesſchwüren der Männer trauen darf. Aber laſſen wir dieſe Betrachtungen. Treten wir lieber in den Cadran⸗Bleu ein und machen uns mit den Hauptperſonen dieſes Feſt es bekannt, die uns im Lauf dieſer Geſchichte öfters begegnen werden, ſelbſt wenn unſer Kapitel mit unſrer Erzählung in gar keiner Verbindung ſtände, was ja nicht unmöglich wäre, denn dergleichen liest man zuweilen. Beginnen wir mit den Neuvermählten. Eduard Murville, fünfundzwanzig Jahre alt, iſt von mittlerer Statur, aber guter Haltung; ſeine Geſichtszüge ſind angenehm, ſeine Stimme iſt ſanft, ſein Benehmen verräth Bildung. Er hat viel Talent für das geſellige Leben, ſpielt die Violine ziemlich gut, ſingt mit Geſchmack und tanzt mit Anſtand; er weiß für ſich einzunehmen, hat den Takt der vor⸗ nehmen Welt und weiß ein Geſellſchaftszimmer zu betreten und wieder zu verlaſſen, was, beiläufig ge⸗ ſagt, bei weitem nicht ſo leicht iſt, als ihr vielleicht glaubt. Was? höre ich meine Leſer ſagen, glaubt denn dieſer Mann, daß wir nicht zu gehen, zu grüßen und uns mit Anſtand vorzuſtellen wiſſen? Ach, es ſei fern von mir, über die im Tanzen ausgezeichnetſte Nation ein ſolches Urtheil zu fällen; aber überall gibts Nüancen, und gerade dieſe Nüancen veranlaſſen mich zu ſolchen Bemerkungen. Eine ſehr geiftreiche, aber etwas ſatyriſche Frau, neben der ich kürzlich im Salon eines Finanziers ſaß, machte mir hierüber ihre Bemerkungen, die ſich faſt alle beſtätigten. „Beobachten Sie einmal, ſagte ſie, mit mir all die Perſonen, die in den Salon eintreten werder. ich wette, ich errathe ihren Charakter und ihr Ge⸗ müth aus der Art und Weiſe, wie ſie ſich vorſtellen. Betrachten Sie doch jene große Dame, die dort durch die Geſellſchaft einherſchreitet, ohne ſie nur eines Kopfnickens werth zu achten, die ſich nun auf den beſten Platz vor den Kamin ſetzt, ohne entfernt dar⸗ auf Rückſicht zu nehmen, ob ſie die hinter ihr ſitzen⸗ den Perſonen genirt. Was halten Sie von dieſer Frau?— Daß ſie anſpruchsvoll und auf ihre große Toilette eingebildet iſt.— Das iſt nicht genug; ſetzen Sie noch hinzu, daß ſie eine Närrin iſt. Eine Frau von Geiſt hat tauſend Mittel, ſich bemerkbar zu machen, ohne ſo lächerliche Mittel zu Hülfe zu neh⸗ men;e wenn ſie brilliren will, ſo weiß ſie dabei auch ſicht anſtändiger zu benehmen und ſieht die etwas altmodiſcher oder weniger geſchmackvoll gekleideten Damen nicht über die Achſeln an. Aber, was für ein Lärmen im Vorzimmer?... Erſcheint etwa ein Virtuoſe? Iſt ein Theebrett auf den Boden ge⸗ fallen?.. Der Herr des Hauſes eilt hinaus... gleich werden wir erfahren, was los iſt. Ah!1... ich erkenne dieſe Stimme; es iſt Herr J.... hier, hören Sie nur, Sie verſtehen ihn von da aus.“ „Ach, mein theurer Freund!... ich bin in Ver⸗ zweiflung, ſo ſpät zu kommen!... auf Ehre, ich bin ganz verrückt!.. ich weiß nicht, darf ich's wagen!.. Ich ſehe aus wie ein Vagabund! Ich will mich in eine Ecke verbergen!“ „Nun denn(ſagte meine Nachbarin), was halten Sie von dem Herrn, der nicht geſehen ſein will, der es aber ſo laut ausſchreit, daß alle Köpfe im Salon nach ihm blicken 2. Ach! endlich einmal entſcheidet er ſich.“ Ich erwartete einen jungen Brauskopf zu ſehen, ——— — —— — t⸗ — fünfzig Jahren, mit blonder Perüke, der ſich einfältig geberdete, rechts und links hin grüßte und zuckerſüß lächelte. „Wer iſt denn dieſer Herr?“ fragte ich meine Nachbarin... Herr Juſt, dieſer Allerweltsmann; er kennt ganz Paris und erſcheint in allen, namentlich den muſikaliſchen Zirkeln. Er ſpielt drei oder vier Inſtrumente. Es gibt kein Liebhaberconzert, wobei er nicht wäre, aber auch keinen Künſtler, der ihn nicht kennte. Aus ſeinem Eintritt in den Salon mußten Sie ſchließen, daß ſein Glück darin beſteht, Aufſehen zu erregen; ich habe daher keine ſehr günſtige Mei⸗ nung von ſeinen Talenten, denn das Verdienſt, wie Sie wohl wiſſen, iſt beſcheiden, während die Mittel⸗ mäßigkeit dagegen Spektakel macht, ſich vordrängt⸗ Alles für ſich feſſeln will und immer die Thoren zu blenden vermag.“ „Aber da erblicke ich wieder eine neue Figur: es iſt ein junger Mann; der macht doch wenigſtens keinen Lärmen, denn er iſt ſo ſtill eingetreten, daß man ihn kaum hören konnte... er grüßt ſchüchtern... er bleibt an der Thüre, drückte ſich an der Wand hin und erwiſcht endlich einen Seſſel, auf dem er ſich ſchnell niederſetzt, und den er, ich ſtehe dafür, den ganzen Abend hindurch nicht verlaſſen wird!... Armer Junge! wie linkiſch benimmſt Du Dich noch; er verzerrt den Mund, blinzelt mit den Augen, und weiß nicht, wo er ſeine Hände hinthun ſoll. Sicher glaubt er, alle Damen blicken auf ihn. Im Allgemeinen habe ich die Bemerkung gema daß Schüchternheit und Un⸗ beholfenheit im Benehmen von allzugroßer An⸗ maßung herrühren; die Angſt, lächerlich und unpolirt zu ſcheinen, geben der Haltung das Verſchrobene, dem Geſicht dieſen komiſchen Ausdruck. Wenn Sie ſich davon überzeugen wollen, ſo betrachten Sie nur auf dem Theater einige von unſern jungen Schauſpielern näher, die gar nicht übel ausſehen und vielleicht recht gut ſpielen würden, wenn ſie nicht hauptſächlich mit ihren Haaren, ihrem Hemdkragen, ihrer Haltung und dem Eindruck, den ihre Fig ur auf den Zuſchauer macht, ſich beſchäftigten.“ Meine Nachbarin ſetzte ihre Betrachtungen fort, und ich, meine lieben Leſer, würde ſie auch gern mit⸗ theilen, wenn mir nicht dabei auffiele, daß ihr nicht das Buch zur Hand genommen habt, um meine Un⸗ terhaltung mit ihr, ſondern die Abenteuer des Bruders Jakob kennen zu lernen. Ich kehre daher zum Cadran⸗ Bleu zurück. 3 Ihr wißt noch, daß man daſelbſt die Hochzeit des fünfundzwanzig Jahre alten, wohlgebauten und liebenswürdigen Eduard Murville feiert; aber ihr kennet noch nicht ſeine junge Frau; ich beeile mich, euch mit ihr bekannt zu machen; denn ſie iſt ſchön, ſanft, liebenswürdig und gut erzogen; man kann ſie nicht früh genug kennen lernen. Adeline Germeuil iſt achtzehn Jahre alt, und beſitzt Alles, was anzieht und feſſelt: ſchöne Augen, blen⸗ dend weiße Zähne, feinen Anſtand, Jugendfriſche, Geiſt ohne Boshaftigkeit, Heiterkeit ohne Koketterie, * Anmuth ohne Affektatior ſcheidenheit ohne Blödig⸗ keit. Sie weiß ſehr wohl, daß ſie gefällt, verlangt aber darum nicht, daß alle Männer ihr huldigen ſollen; ſie liebt das Vergnügen, findet aber nicht ihre einzige Beſchäftigung darin. Kurz, ſie iſt für alle Männer, zumal für unverheirathete, eine höchſt inter⸗ eſſante Erſcheinung. Adeline liebt Eduard, und hat ihn mmehrern weit vortheilhafteren Partien vorgezogen; denn er hat nichts als ſeine Regierungsanſtellung, während Adeline etwa 15,000 Franken Renten beſitzt; aber Adeline iſt nicht ehrgeizig; ſie ſucht ihr Glück in den Genüſſen des Geiſtes und nicht im Gelde. Mit 15,000 Franken Renten kann man überdies mit einem ordnungslie⸗ benden Mann, der zu wirthſchaften verſteht, recht angenehm leben, und Murville ſoll ein ſolcher Mann und mit den herrlichſten Eigenſchaften ausgeſtattet ſein; kurz, er gefällt ihr. Fräulein Germeuil hatte bloß noch eine Mutter, eine ſehr achtbare Frau, die ihre Tochter zum An⸗ beten liebt und ihrer Neigung nicht entgegen iſt. Sie wacht über Adelinens künftiges Wohl, und ſobald ſie die Liebe ihrer Tochter für Murville bemerkte, zog ſie Erkundigungen über die Moralität deſſelben und ſeiner Familie ein. Sie erfuhr, daß er aus guter Familie abſtamme, ſein Vater ein ſehr verdienter Juriſt geweſen ſei, je⸗ doch durch einige Bankerotte faſt Alles, mit Ausnahme des Nothwendigſten, verloren habe. Eduard und Jakob waren ſeine einzigen Kinder. Jakob war nur um ein Jahr jünger als C ihre Zärtlichkeit nicht g g auf beide Söhne vertheilt; Eduard war ihr bevorzugter Liebling. Ein ſcheinbar ganz unweſentlicher Umſtand hatte auf das Muttergefühl der Madame Murville eingewirkt; ſie war nichts weniger als geiſtreich, aber ſehr eitel, und hielt daher viel auf alle Kleinigkeiten und Spielereien, welche im geſelligen Verkehr oft als ſehr wichtig gelten. Bei ihrer erſten Niederkunft brachte ſie ihr bischen Verſtand auf die Folter, um für ihr Kind einen Namen ausfindig zu machen, der nicht nur wohlklingend, ſondern auch ſelten wäre. Nach langem Debattiren und Ueberlegen entſchloß ſie ſich endlich zu Eduard für einen Knaben und Celance für ein Mädchen; Herr Murville hatte ihr darin völlig freie Wahl gelaſſen. Das Erſtgeborne war ein Knabe; er erhielt den Namen Eduard und zugleich die ganze mütterliche Liebe. Als ſie zum zweiten Mal niederkommen ſollte, war ſie feſt überzeugt, daß ſie die Welt mit einer kleinen niedlichen Celance beglücken würde, denn die Geburt eines Mädchens war ihr höchſter Wunſch, aber nach langen Leiden gebar ſie einen kräftigen Knaben. Man kann ſich's leicht vorſtellen, daß dieſer nicht ſo empfangen wurde, wie der erſtgeborene; auch war, da man auf keinen Knaben gerechnet hatte, für keinen Namen zuvor geſorgt worden. Allein diesmal würde auch alles Grübeln unnütz geweſen ſein) denn Herr Murville that ſeiner Frau kund, daß einer ſeiner Freunde die Pathenſtelle be e zu vertreten wünſche. Dieſer Freund war ich, man war ihm über⸗ dies beſonders verbindlich und man konnte deßhalb ſein freundſchaftliches Anerbieten nicht zurückweiſen. Er hielt das Kind über die Taufe und zum größten Aerger der Mutter gab er ihm den Namen Jakob. Obſchon Jakob ein Name, wie jeder andere iſt, ſo klingt er doch nicht beſonders harmoniſch und ver⸗ letzte das zarte Ohr der Madame Murville in dem Grade, daß ſie ihn nur für Bediente, Savoyarden und Eckenſtehern paſſend, und daher es abſcheulich fand, ihren Sohn ſo nennen zu müſſen. Vergebens bemühte ſich ihr Mann, ſie zur Vernunft zu bringen; er citirte ihr die Geſchichte Schottlands, wo ſo viele Jakobe auf dem Thron waren; aber nichts deſto we⸗ niger konnte ſie dieſen Namen nicht ohne Seufzer über die Lippe bringen. Uebrigens war nicht daran zu denken, ihn zu ver⸗ ändern, denn der Pathe, der natürlich auch Jakob hieß, beſuchte ſeinen kleinen Schützling oft, und es würde ihn ſehr beleidigt haben, ihn anders nennen zu hören. Der kleine Weltbürger behielt alſo zum Krosin Verdruß der Frau Murville den Namen Jakob. Was nun Eduard anbelangt, ſo nannte er, ſei es aus Bosheit, oder weil er den Namen komiſch fand, ſeinen Bruder Jakob jeden Augenblick, und hatte er Unarten begangen, ſo wußte er ſeinen Bruder Jakob als Sündenbock hinzuſchieben. Beide Brüder hatten ein ſehr verſchiedenes Tempe⸗ rament. Eduard,, gefällig, brachte gern ſeine Zeit bei der uͤhig zu, Jakob lär⸗ mend, muthwillig und heftig, konnte auf einer Stelle nicht ausdauern und kehrte das Oberſte zu unterſt. Eduard lernte leicht, Jakob warf Bücher und Federn in's Feuer und machte ſich Drachen und höl⸗ zerne Säbel. Im ſechzehnten Jahre ging Eduard mit ſeinen Eltern in Geſellſchaft, konnte ſchon an der Unterhal⸗ tung Theil nehmen und einem hübſchen Mädchen freundlich zulächeln; Jakob dagegen verließ im fünf⸗ zehnten Jahre das väterliche Haus und verſchwand, ohne eine Zeile oder eine Andeutung zurückzulaſſen, die über ſeine Pläne oder ſeinen Reiſezweck irgend einen Aufſchluß gegeben hätte. Man veranſtaltete alle möglichen Nachforſchungen, man ſchrieb ſein Signalement in öffentlichen Blättern aus; aber man konnte nichts von ihm erfahren, denn er ließ kein Wort von ſich hören. Herr Murville bekümmerte ſich ſehr über die Flucht des jungen Strolchen; ſelbſt Madame Muroille fühlte, daß ſie Mutter ſei, daß man Jakob heißen und doch ihr Sohn ſein könne; ſie bereute ihr ungerechtes Vorurtheil, aber zu ſpät— der unglückliche Name hatte bereits gewirkt!... er hatte dem Sohne das Mutterherz verſchloſſen, er hatte ihm des Bruders Neckereien zugezogen, und alles dies hatte ſicher den Jungen aus dem Vaterhauſe fortgetrieben. Wer konnte es wiſſen... wie ſeltſam wirken nicht oftmals an ſich unbedeutende Umſtände auf das Menſchenleben ein! 15 „Ich habe den Ausſchlag bekommen, ſagte mir geſtern ein junger Mann, weil der Schuhmacher einer meiner Freundinnen ſeine Brille verloren hat. In welcher Beziehung, frug ich, ſteht Ihr Ausſchlag mit der Brille eines Schuhmachers? Das will ich Ihnen erklären. Die Dame hatte mir zugeſagt, eines Abends mit mir bei einer Bekannten muſiciren zu wollen; am Morgen erwartet ſie ein Paar Roſaſchuhe, um ſie Abends anzuziehen; der Schuhmacher zerbricht am Tage, wo er das Maaß genommen, ſeine Brille, und als der Schuhmacher die Schuhe bringt, ſind ſie zu klein. Man zwingt ſich trotz dem gewaltigen Drücken ſie anzuziehen, denn der Schuhmacher ver⸗ ſichert, daß ſie ſich ausweiten würden; die Damen wollen überdies gern kleine Füße haben. Sie geht damit aus, muß aber hinken; auf dem Boulevard, in Gegenwart mehrer guten Freundinnen, will man ſich nichts merken laſſen und zwingt ſich, leicht ein⸗ herzuſchreiten; der Fuß erhitzt ſich dadurch und ſchwillt an, gewaltige Schmerzen entſtehen hievon und man iſt zuletzt gezwungen, wieder nach Hauſe zu gehen. Hier wirft man die Schuhe weg, und bekommt ſo leidende Füße, daß man acht Tage lang zu Hauſe bleiben muß. Ich, der ich von dieſem ganzen Her⸗ gang nichts weiß, begebe mich an den Ort des Ren⸗ dezvous; meine Virtuoſin iſt aber nicht da, nur die Wirthin; ſie iſt zwar höchſt liebenswürdig, aber vierzig Jahre alt. Ich habe Langeweile, werde un⸗ geduldig und gehe nach einer Stunde vergeblichen Harrens wieder fort, ohne zu wiſſen, wo ich den Abend zubringen Theater und trete ein, um die Zeit zu tödten; ich bemerke ein hübſches Geſicht, und trete nach gewohnter Weiſe näher; ich knüpfe ein Geſpräch an, es wird lachend und ſcherzend erwidert, und ich bin erfreut, mich gelegentlich zerſtreuen zu können. Das Theater geht aus, ich biete meiner niedlichen Nachbarin den Arm, und nach einiger Zögerung nimmt ſie ihn an; ich führe meine Eroberung in ihr Haus, und verlaſſe ſie nur nach der Erlaubniß, ſie öſter beſuchen zu dürfen. Am andern Morgen bin ich ſchon wieder bei ihr; kurz, ich werde ihr Vertrauteſter, und bei einem meiner Beſuche werde ich von dem Ausſchlag angeſteckt, den meine Kleine hatte. Es iſt ſomit klar, daß, wenn der Schuhmacher ſeine Brille nicht zerbrochen hätte, das alles nicht erfolgt wäre.“ Mein junger Mann hatte Recht: die wichtigſten Begebenheiten entſtehen oft aus den unbedeutendſten Urſachen, und ohne Zweifel iſt es wenigſtens, daß der Taufname meines Helden auf ſein Schickſal einen weſentlichen Einfluß hatte. Wie viel Menſchen ver⸗ danken dem berühmten Namen ihrer Voreltern nicht ein Anſehen in der menſchlichen Geſellſchaft, das ſie ſelbſt ſich nie erworben haben würden! Glücklich daher der, welcher ſeinen Nachkommen einen verdienſt⸗ vollen Namen hinterläßt, aber noch glücklicher der, welcher unbekannt und unbeachtet lebt und deſſen Name weder dem Haſſe noch dem Neide Stoff gibt. Ihr ſeid jetzt, geliebte Leſer, mit der Familie Murville bekannt; ich habe euch jetzt nur noch zu ſagen, daß Vater und Mutter ſehr ſchnell hinter einander wegſtarben; ſie nahmen den Kummer mit in die andere Welt hinüber, daß ſie über das Schickſal ihres Jakobs nichts in Erfahrung gebracht hatten, und gaben ſeinem Bruder Eduard den Auftrag, ihm ihre Verzeihung über ſeine Flucht aus dem väterlichen Hauſe zuzuſichern, wenn es ihm je gelingen ſollte, ihn wiederum aufzufinden. Eduard war jetzt unumſchränkter Herr ſeines Willens, er hatte ein Alter von zweiundzwanzig Jahren und eine Anſtellung von zweitauſend Franken; bei einem ſoliden Leben konnte er anſtändig auskommen. Er liebte das Vergnügen; Geſellſchaften, Muſik, Theater konnte er mit ſeinem Einkommen beſtreiten, und das Spiel blieb ihm fremd. Er liebte das ſchöne Ge⸗ ſchlecht, war hübſch und konnte ſich über die Sprö⸗ digkeit der Damen gerade nicht beklagen. Bei ſeiner geringen Charakterfeſtigkeit ließ er ſich leicht fortreißen, aber zu ſeinem Glücke war er noch nicht in ſchlechte Hände gerathen. Kurz, man konnte ihn zwar nicht als Muſter aufſtellen, aber ſein Wandel verdiente doch nicht die geringſte Rüge. Madame Germeutil entſchloß ſich leicht, Eduard ihre Tochter zu geben. Er wird ſie glücklich machen, dachte ſie, denn er hat nicht viel Charakter, ſie wird ihn beherrſchen, und oft ſind die Wirthſchaften am beſten, wo die Frau das Regiment führt. Das war alſo die Hochzeit im Cadran⸗Bleu. Paul de Kock. XIX. 1s Zweites Kapitel. Großes Ereigniß, von der Tanzſucht und einer Tabaksdoſe herbei⸗ geführt. Wie ſchön, wie herrlich gewachſen ſie iſt! wie viele Grazie, wie viel Friſche! ſagten die jungen Leute und ſelbſt die Papa's unter ſich, indem ſie die junge Frau bewunderten und jeden ihrer Pas beim Tanze verfolgten. Wie glücklich muß dieſer Eduard ſein!... war das allgemeine Urtheil. Eduard hörte dies rechts und links, und war in der That ſo glücklich, wie man es nur ſein kann, wenn man auf dem Punkte ſteht, es ganz zu werden. Um ſeine Wünſche und ſeine Ungeduld zu verbergen, tanzt und ſpringt er, ohne ſich einen Augenblick Ruhe zu gönnen. Von Zeit zu Zeit geht er auf die Haus⸗ flur, um nach der Uhr zu ſehen... immer iſt es noch zu früh, nicht für ihn, aber für die Schamhaftigkeit ſeiner Frau. Was würde überdies ſeine Schwieger⸗ mama, ja die ganze Geſellſchaft dazu ſagen! Alſo Geduld!... ach! was wird ihm der Abend lang!... Ihr armen Neuvermählten!... es iſt der ſchönſte Abend eures Lebens, und doch wünſcht ihr, er wäre ſchon vorüber, man iſt doch nie zufrieden. Der Bräutigam ſcheint ſehr verliebt zu ſein, ſa⸗ gen die Mütter leiſe, die Mädchen denken es, aber ſie ſchweigen. „Ach, lieber Volenville! mit ſolchen Augen ſchauteſt Du mich vor zweiundzwanzig Jahren auch an, ſagte zu ihrem Manne eine fünfundvierzigjährige, mit Schminke, Blumen, Spitzen und Bändern überladene Dame, die in einem Winkel des Saales ſaß und ſeit dem Mittagsmahl auf einen Tänzer lauerte. Herr Volenville, früher beliebter Tänzer, jetzt Ge⸗ richtsexekutor in Marais, antwortet nichts, nimmt eine Priſe Tabak und geht ins Nebenzimmer, einer Partie Ecartè zuzuſehen. Madame Volenville iſt außer ſich vor Aerger und verändert ihren Platz, was ſie ſchon mehre Mal ge⸗ than hat; ſie ſetzt ſich zwiſchen zwei junge Damen, und hofft, daß ſie vielleicht hier in der Maſſe mit aufgefordert werden könnte. Aber vergebens; ſie ſieht die jungen Tänzer ankommen, wiegt graziös den Kopf, lächelt ihnen zu, ſtreckt ein ziemlich hübſches Füßchen vor... jetzt ſtehen ſie dicht vor ihr... aber o Himmel!... ſie wenden ſich zu ihrer Rechten und Linken, und ſcheinen ſich für ſie, ihre Toilette, ibre Blicke und ihren niedlichen Fuß gar nicht zu inter⸗ eſſiren. Es iſt in der That auch zum Verzweifeln, ſo vergebens auf dem Präſentirteller zu ſitzen; Madame Volenville weiß nicht mehr, welche Mittel ſie ge⸗ brauchen ſoll, um einen Tänzer anzulocken, und überlegt ſchon, ob ſie nicht einen Theil der Wade zeigen ſoll; ol ihr Bein hat einſt Wunder gethan; man muß noch einmal ſeine Macht verſuchen, da das Füßchen ohne Wirkung bleibt. Sie iſt entſchloſſen, als plötzlich mit lautem Geſchrei ein viertes Paar zu einer Quadrille verlangt wird. Es ſind nur noch wenige Tänzerinnen, da, mehre haben den Saal ſchon verlaſſen, und alle übrigen ſind zum Tanz angeſtellt. Ein junger, fein frifirter und parfümirter Herr durch⸗ läuft mit den Augen den Saal, bemerkt des Gerichts⸗ exekutors Ehehälfte und weiß keinen beſſern Rath, als ſie zum Tanze aufzufodern. Madame Volenville läßt ihm nicht Zeit, ſeine Einladung zu beendigen, ſpringt auf, eilt ihm ent⸗ gegen, faßt ſeine Hand und drückt ſie ſo heftig, daß er ſchreien möchte. Das ſüße Herrchen macht einen Sprung rückwärts, glaubt, die arme Frau müſſe einen Nervenanfall haben, und weiß nicht, wozu er ſich entſcheiden ſoll... aber Madame Volenville läßt ihm nicht lange Zeit zum Nachdenken und zieht ihn mit Heftigkeit zur unvollſtändigen Quadrille hin; ſie placirt ſich, macht ihm einige Entrechats vor und läßt ihn ſchon die große Ronde machen, bevor er noch von ſeinem Erſtaunen zurückkommen kann. 1 Der eben ſo majeſtätiſche als leichte Tanz der Madame Volenville erregt Aufſehen; ein heimliches Gemurmel läuft durch den Saal, die jungen Herren verlaſſen den Ecartétiſch und umgeben die Quadrille, in der unſere Heldin figurirt; dieſe iſt von der Ar⸗ tigkeit ihrer Bewunderer entzückt; ſie verdoppelt ihr Feuer, ihre Lebhaftigkeit, und beeifert ſich, ihren Tänzer noch mehr anzufeuern, der ihren Freuden⸗ taumel ganz und gar nicht theilt, vielmehr roth von Zorn über den ihn umgebenden Spötterkreis ſich auf die Lippen beißt, und wer weiß was darum geben würde, 21 wenn die Quadrille beendigt wäre. Madame Volen⸗ ville läßt ihm jedoch wenig Zeit; ſie ſchwebt beinahe ſtets in der Luft, ſie möchte immerfort chaſſiren, ſich drehen und wenden trotz des Zuredens ihres Cava⸗ liers, der ihr unaufhörlich zuruft: Madame, die Reihe iſt noch nicht an uns, warten Sie doch, jetzt beginnt die Allemande noch nicht... ſo— bleiben Sie doch ſtille ſtehen!... Aber Madame Volenville iſt einmal im Schuß, ſie entſchädigt ſich für fünf langweilige Stunden, und muß ſie einmal einen Moment ſtillſtehen, ſo überſieht ſie mit ſelbſtgefälliger Miene den dichten Kreis ihrer Bewunderer, und ihre umherlaufenden Augen ſcheinen zu ſagen: Ha, ihr hieltet mich für keine ſolche Tänzerin, ein anderes Mal werdet ihr mich ſchon früher auffodern. Die Folter des Herrn Belcour(dies iſt der Name ihres Cavaliers) erreicht indeß ihr Ziel; die Qua⸗ drille geht zu Ende, die letzte Tour iſt ſchon dreimal gemacht, noch einmal, und alles iſt vorbei, als ein junger, leichtfertiger, ſcherzhafter Gerichtsſekretär, lachluſtig wie alle ſeine Kameraden, zum Orcheſter läuft und im Namen der ganzen Geſellſchaft noch einen Kehraus verlangt; die Hochzeitsmuſiker ſind natürlich gleich bereit und fangen die beſtellte Muſik in demſelben Moment an, als Belcour ſich ſeiner Tänzerin empfiehlt und entſchlüpfen will. Die Stimme des Orpheus, als er den Gott der Unterwelt anflehte, machte auf Pluto nicht den Ein⸗ druck, wie die Kehrausmuſik auf Madame Volenville. 22 „Mein Herr!... mein Herr! es iſt ja noch nicht aus,“ ruft ſie Belcour nach; dieſer thut, als höre er nichts, und ſchon befindet er ſich an der Thüre des Saals, als ſie ihn einholt und feſthält. „Aber, mein Herr, was machen Sie denn?... hören Sie denn nicht die Muſik?... ach! es iſt ein Kehraus... Kommen Sie geſchwind.— Madame, ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, aber ich glaubte...— Es iſt ein Kehraus, mein Herr, dieſen Tanz liebe ich wahnſinnig!— Madame, es iſt mir nicht wohl, und...— Sie ſollen nur meine eng⸗ liſchen Pas ſehen, die ſchon oft gefallen haben.— Madame, ich muß etwas Luft ſchöpfen...— Auch mein Mann war ſtark darin, kommen Sie doch nur... — Aber Madame...“. Vergebens wehrt Belcour ſie von ſich ab, ſie läßt nicht nach, und ohne auf ſeine Entſchuldigungen zu hören, zieht ſie ihn zum Tanz zurück. Er ſieht, daß ein längeres Sträuben das Lächerliche ſeiner Lage nur noch mehr vermehren würde, gibt endlich nach und erſcheint wieder unter den Tänzern. Die Menge der Neugierigen macht eifrigſt dem Paare Platz, das Aller Blicke auf ſich zieht.. Das Zeichen iſt gegeben... der Tanz beginnt... Die Herren chaſſiren rechts, die Damen links; Ma⸗ dame Volenville iſt die Erſte: mit welchem Eifer ſchwebt ſie den Tänzern entgegen, und chaſſirt ſie mit dem Vortänzer zurück: der Schweiß läuft ihr über die Stirne und verwiſcht die Schminke; zwei Schönpfläſterchen ſind, von den Schweißtropfen ge⸗ 23 löst, ſchon herunter gefallen, die Ohrgehänge ſind geſprungen und hängen ungeordnet herab, ihre Roſen⸗ guirlande iſt los geworden und dient ihr als Hals⸗ ſchmuck; nichts iſt im Stande, ſie aufzuhalten, ſie lebt rein für den Tanz; aber Belcour iſt nicht mehr da, er hat einen glücklichen Augenblick in der Tour benützt, zu entwiſchen. Madame Volenville muß jedoch einen Tänzer haben, ſie nimmt daher den nächſten beſten; dies iſt ein alter Prokurator in ſteifer Perüke, der ihr gerade gegenüberſteht. Der gute alte Herr hatte ſich aus Reugierde unter die Menge gemiſcht, war zuletzt ganz vornenhin zu ſtehen gekommen und betrachtete ſo eben mit innerer Behaglichkeit eine hübſche Tän⸗ zern; der alte Prokurator bemerkte mit lüſternem Kemerauge, wie die Tanzbewegung die Niedliche faſt gar nicht aufregte, und war darüber ganz erſtaunt, da r ſeit langer Zeit weder auf geſchloſſenen und öffentichen Bällen, noch bei bürgerlichen und länd⸗ lichen Feſten etwas Aehnliches geſehen hatte. Ganz entzück über dieſe Entdeckung, will er gerade mit der niellichen Tänzerin ſich in ein ſchäckerndes Ge⸗ ſpräch enlaſſen, als Madame Volenville mit Blitzes⸗ ſchnelle ſch zwiſchen beide ſchiebt, dabei aber ununter⸗ brochen ihre Pas in reizenden Attitüden fortſetzt. Der alte Herr ſicht überraſcht auf das verwirrte, ver⸗ wilderte Geſict, auf die zerſtörte Toilette der Madame Volenville; er will zurücktreten, aber man faßt ihn mit beiden Händen, und wohl oder übel muß er ſich drehen und ſpringen. . „Madame, ich begreife Sie gar nicht, ruft der Prokurator, ſich ſträubend...— Kommen Sie nur immer, mein Herr, kommen Sie!... es fehlt noch ein Tänzer.— Aber, Madame, laſſen Sie mich doch gehen, ich habe nie in meinem Leben gewalzt!— Es iſt ja kein Walzer, es iſt ein Kehraus.— Ma⸗ dame! halten Sie ein, ich bitte, mir ſchwindelt's ſchon vor den Augen, ich werde fallen.— Sie tanzen ja wie ein Engel.“ Ein wahrer Dämon iſt Madame Volenville, ſie hält ſich noch für ſo verführeriſch, als wie ſie zwanzig Jahre alt war, ſie glaubt feſt, daß ihre Pas, ihre Grazie, ihre Lebhaftigkeit, ihr Mienenſpiel alle Welt entzücke, ſie denkt gar nicht an ihr Alter. Was in zwanzigſten Jahre gefällt, wird zur Anmaßung m vierzigſten; die der Jugend ſo natürliche Leichtigeit wird zur Thorheit im reifern Alter, und die kleiten, affektirten Geberden, die man einem jugendlchen Geſichte verzeiht, werden in ſpätern Jahren zur Grimaſſe. Man kann allerdings im vorgerückten Alta noch gefallen, aber gewiß nicht durch Nachäffen der zugend. Nichts iſt zum Beiſpiel liebenswürdiger als eine Mutter, die anſpruchslos im kleinen Kreiſe, gegenider ihrer Tochter, tanzt; nichts dagegen iſt lächerlicher, als eine alte Kokette, die ganz jugendlich aufgeputzt mit jungen Mädchen in der Leichtigkeit wetyifern will. Madame Volenville iſt, wie ihr ſeyt, eine uner⸗ müdliche Tänzerin, ſie möchte auf ihren neuen Tänzer den Eifer, der ſie belebt, übertragen; aber dem 1 — 2⁵ alten kirſchrothen Prokurator rollen die Augen im Kopfe, daß er nichts mehr ſehen kann; Alles geht mit ihm im Ring herum; der Kehraus, die Hitze, der Zorn vereinigen ſich, ihn zu betäuben. Er hält ſo viel als möglich den Kopf noch im Gleichgewicht, aber.. zum größten Unglück macht ſich ſeine Perüke los, fällt auf den Boden, geräth unter die Füße der Tänzer, und des Prokurators Haupt verräth ſich nackt, wie die Hand, der Geſellſchaft. Dieſe Verlegenheit verdoppelt die Wuth des alten Herrn und gibt ihm die Kraft, ſich von ſeiner Tän⸗ zerin loszumachen; er ſtößt ſie mit Heftigkeit zurück und Madame Volenville fällt auf einen dicken Faktor, der an der Seite des Saales auf einer Ruhebank ſaß und behaglich alle Speiſen des Hochzeitmahles vor ſeinem Gedächtniß vorbeimarſchiren ließ. Der dicke Papa thut einen Schrei des Entſetzens, flucht er werde erſticken, aber Madame Volenville rührt ſich nicht, denn in der feinen Welt darf eine Frau nicht auf Jemand fallen, ohne ohnmächtig zu werden. Herr Tourte(ſo heißt der glückliche Faktor) ſchreit um Hülfe, während Herr Robineau(das iſt unſer Prokurator) ſeine Perüke fordert und ſie in allen Winkeln des Saales vergebens ſucht, weil der Ge⸗ richtsſekretär ſich ihrer bemächtigt und ſie aus dem Fenſter auf den Boulevard geworfen hat, wo ſie einem Kutſcher auf die Naſe fiel, der gerade nach dem Wetter ſah. Eduard und Madame Germeuil ſuchen indeſſen wieder Ruhe und Ordnung herzuſtellen. Adeline aber und die übrigen jungen Damen können ſich über die Lage der Madame Volenville, die traurige Figur des Herrn Tourte und die Wuth des Herrn Robineau des Lachens nicht erwehren. Herk Volenville verläßt endlich auch ſeinen Ecarte⸗ tiſch, nimmt eine Caraffe mit Waſſer und geht damit zu ſeiner Frau, die er kaum wieder erkennt, ſo groß iſt die Unordnung in ihrem Geſichte und Ballſtaate. Nachdem er zuvor ganz bedächtig eine Priſe Tabak eingeſogen hat, befreit er ſie von ihrer Roſenguir⸗ lande und ſchlägt ihr in die flache Hand, indeß Madame Germeuil ihr ein Riechfläſchchen unter die Naſe hält. Nichts wirkt aber mehr auf die ſtarren Sinne der raſenden Tänzerin; Herr Tourte droht, er werde ihr in den Arm oder ſonſt wohin beißen, wenn man ihn nicht ſo bald als möglich von der er⸗ ſtickenden Laſt frei mache, und der Gerichtsexekutor öffnet ſeine Doſe, um daraus neue Ideen zu ſchöpfen. Herr Robineau rennt noch immer nackt, wie ein Jeſuskind, im Saal umher und ſucht unter den Seſſeln und Möbeln nach ſeiner Perüke. Jetzt nähert er ſich der Gruppe, welche die Ohnmächtige umgibt und bemerkt etwas Graues unter der Ruhebank. Plötz⸗ lich ſtürzt er darauf los, gibt Herrn Volenville einen Stoß, wirft ſich auf alle Viere und fährt mit der Hand durch die Füße des Faktors, um die vermeint⸗ liche Perüke zu erhaſchen. Die Bewegung iſt aber ſo raſch, daß Herr Volenville das Gleichgewicht verliert, auf ſeine Frau halb hinfällt und den Tabak aus der 27 offenen Doſe auf Naſe, Mund und Kinn ſeiner theuren Ehehälfts verſchüttet. Dies Ereigniß bringt Madame Volenville wieder ins Leben, ſie niest fünfmal hinter einander, reibt ſich die Augen, öffnet den Mund, verſchluckt eine Menge Tabak, ſchneidet ſo abſcheuliche Geſichter, daß ihr Mann und alle übrigen Perſonen davor erſchrecken, windet ſich wie eine Schlange und ſpuckt Herrn Robi⸗ neau tüchtig ins Geſicht, der ſo eben, fluchend wie ein Wahnſinniger, die Hand zurückzieht und auf⸗ ſtehen will. Aber warum flucht Herr Robineau denn? Warum, lieber Leſer?... weil er ſtatt ſeiner Perüke den Schwanz einer Katze faßt, die wüthend über den unerwarteten Angriff mit ihren Krallen ſe ver⸗ rätheriſche Hand faßt. „Es iſt recht unangenehm, unglücklich zu ſein,“ ſagte kürzlich bei einer Vorſtellung der diebiſchen Elſter und über das Schickſal der kleinen Dienſtmagd des Palaiſeau bis zu Thränen gerührt, ein ehrlicher Bürger aus dem Marais, und ich kann alſo mit Recht behaupten: es iſt grauſam, an einem Abend ſo viel Unglück zu haben, als Herr Robineau. Wenn man wider Willen getanzt, ſeine Perüke verloren hat, wenn man von einer Katze gekratzt und ins Geſicht geſpuckt worden iſt, iſt's wohl ge⸗ ſtattet, übler Laune zu ſein; der arme Prokurator iſt es in dem Grade, daß er bald gelb, bald roth, bald weiß wird; er iſt außer ſich vor Wuth, und ohne das ſchöne Geſchlecht zu reſpektiren, will er ſchon auf Madame Volenville los, welche er mit Recht als Urheberin aller ſeiner Leiden betrachtet, als ein Theil der Geſellſchaft ihn noch glücklich daran hindert. Man hatte Mühe, ihn zu beſänftigen, und es gelang erſt, als Eduard einen hübſchen Foulard aus der Taſche hervorzog und ihn bewog den Kopf damit zu bedecken. Herr Robineau bindet ihn um, ſetzt ſeinen runden Hut darauf und glich nun einem ſpa⸗ niſchen Inſurgenten, einem Guerilla, einem Räuber aus den Apenninen, einem venetianiſchen Gondolier, oder, wenn ihr wollt, den kleinen angekleideten Hun⸗ den, welche majeſtätiſch auf ihren Eſeln ſitzend, auf den Boulevards einherſtolziren. Der Prokurator verläßt den Saal, ohne ſich von den Damen und ſelbſt den Neuvermählten zu verab⸗ ſchieden, rennt unter einem Fegefeuer von Späßen und Spöttereien der Aufwärter und Küchenjungen aus dem Cadran⸗Bleu zu Fuße nach ſeiner nahen Wohnung in der Straße du Perche und vergräbt ſich, Walzer und Kehraus verwünſchend und die Koſten einer neuen Perüke berechnend, in den Federn. Madame Volenville aber, von deren Laſt man endlich Herrn Tourte zu befreien im Stande war, mußte man ſo ſchnell als möglich aus dem Saale ſchaffen, weil der verſchluckte Tabak ihr die heftigſten Zufälle zuzog, und immer ſteigende Uebelkeit und convulſiviſches Würgen ein naturgemäßes Reſultat ahnen ließen, das in einem Ballſaal nichts weniger als erwünſcht ſein kann. Die unglückliche Frau wurde daher von dem Theater ihrer Heldenthaten entfernt, 2 1 29 und als ſie ſich dabei zufällig in einem Spiegel er⸗ blickte, glaubte ſie vor Kummer unter die Erde ſchlüpfen zu müſſen, ſo ſehr war ihr Geſicht vom Tabak verunſtaltet, ihr Haar verwildert, ihr Anzug in Unordnung. Für eine Frau voller Anſprüche, wie Madame Volenville, welch eine Strafe! Man ſucht ihren Mann auf und braucht nicht wenig Mühe, ihn dazuzubringen, ſich ſeiner Frau anzunehmen. Endlich gelang es, beide in einen Fiaker zu bringen, und hier wollen wir ihnen eine glückliche Nachhauſekunft wünſchen, um zu unſern jungen Ehe⸗ leuten zurückzukehren. Terpſichore hatte endlich die Göttin der Zwie⸗ tracht wieder verſcheucht, welche, ſeitdem man die Dummheit beging, ſie zur Hochzeit der Thetis und des Peleus nicht einzuladen, es ſich zur Regel ge⸗ macht hatte, die hochzeitlichen Feſte zu ſtören, und auch ohne Zweifel ſich bei unſerer Hochzeit in Cadran⸗ Bleu einfand. Man behauptet, daß kein Ehebündniß den Beſuch dieſer übelwollenden Göttin vermeiden könne, und daß, wenn ſie am erſten Tag ſi ſich nicht zeigt, ſie ſich dafür im Laufe des Jahres rächt. Aber ſchweigen wir von der Zwietracht, Ter⸗ pſichore, der ganzen Mythologie mit ihren Bildern und Metaphern; überlaſſen wir den ſittlichen Roman⸗ ſchreibern die Blumen, Kaskaden, den Mond, die Sterne und beſonders alle jene poetiſchen Ergießungen, durch die wir am Ende der Phraſe erfahren, was der Held anfangs hat ſagen wollen; alle jene reizenden Wendungen, wo z. B. ein Vater ſtatt der einfachen 30 Worte:„meine Tochter kam zu mir,“ hochtrabend ausruft:„Endlich trat ſie, die Tochter, dem Vater entgegen.“ Wenn erſteres ohne Zweifel klarer und beſtimmter iſt, ſo würde es ja der gemeinen geſell⸗ ſchaftlichen Sprachweiſe gleichen, dem unwürdigen Geſchwätz der Welt, das Leute nicht gebrauchen dür⸗ fen, die in unterirdiſchen Höhlen leben, ohne die Naſe anzuſtoßen und den höchſten Felſen erklimmen, ohne zu ermatten. Und würden übrigens wohl unſere hübſchen Frauen, unſere reizenden Schönen einen Roman in den dritten Himmel erheben, wenn der Held der Geſchichte nur wie ihr Mann oder Lieb⸗ haber ſpräche?... o, pfut, das iſt ja ein ſchlechtes Machwerk, würde man ſagen, und das Buch, das weder engliſchen und franzöſiſchen Urſprungs, noch romantiſch iſt, mit Verachtung weit wegwerfen! das iſt nicht auszuhalten... was kommen darin für Worte vor... zum Beiſpiel das Wort Cocu, o Gott! wie abſcheulich... ol unſere Journale ſollen den Schriftſteller ſchön durchhecheln. Und was geſchieht? die Journaliſten leſen das Buch und finden es von einer empörenden Unmoral! Der Autor iſt von einem Cynismus, einer Unan⸗ ſtändigkeit ohne Grenzen!... er braucht das Wort Cocu, wenn er es für nöthig findet... Hat man je eine ſolche Schamloſigkeit geſehen?... freilich Mo⸗ lière hat das Wort und noch andere eben ſo ſtarke in ſeinen Werken gebraucht; aber welch ein Unter⸗ ſchied! was man auf dem Theater vor dem verſam⸗ melten Publikum ſagt, darf man doch nicht in einen 31 Noman drucken laſſen. Verkehrt eure Phraſen, meine Herren Romandichter, erklärt der Syntax den Krieg, nehmet einen Styl ad usum Tyronum linguae latinae an, häuft Mythologie auf Aſtronomie, Ornithologie, Zoologie, ſelbſt Conchyliologie, miſcht zu Allem etwas alte und bibliſche Geſchichte, viel Träume, Geſpen⸗ ſter, Barden, Druiden und Eremiten, wie es in euren Kram paßt, führet recht ſchwülſtige pathetiſche Redensarten, und ihr werdet ungeheure Erfolge haben. Einige Damen werden ſich beim Leſen ſchon unwohl fühlen, andere hernach, viele werden euch gar nicht verſtehen; aber nichts deſto weniger werden ſie euch vergöttern! Nicht verſtändlich ſein, iſt das Erhabenſte eures Genies. In Geheimniß und Dunkelheit hüllt ſich das große Genie... fragt nur Caglioſtro, der noch lebt, weil er ein Zauberer iſt!... Ihr aber, ihr jungen Autoren, die ihr einfach und natürlich ſein, mit alltäglichen Begebenheiten Lachen erregen und intereſſiren wollt, die ihr anſpruchslos und leicht verſtändlich ſeid, kehrt in euer Nichts zurück oder geht und ſeht George Daudin und den eingebildeten Kranken von Moliere... das iſt euer würdig; aber bildet euch niemals ein, daß jemals unſere zarten Frauen euch leſen und euren Ruhm durch tauſend Kehlen verbreiten werden. Trotzdem bleibe ich, ge⸗ liebter Leſer, bei meiner Gewohnheit zu ſchreiben, wie ich ſprechen werde, laſſe mich nicht irre machen, und es ſteht euch ja frei, mein Buch wegzuwerfen, wenn meine Art und Weiſe euch nicht behagt. Noch tanzte man im Cadran⸗Bleu, aber das Feſt 32 nahte ſich ſeinem Ende, zur großen Freude Eduards, und ohne Zweifel auch Adelinens, die jedesmal er⸗ röthete und lächelte, ſo oft er ſie anſah. Endlich ſchlägt die Scheideſtunde; Madame Ger⸗ meuil begleitet ſelbſt ihre Tochter nach Hauſe; man ſteigt in den Wagen, fährt ab und hält auf dem Boulevard Montmartre; hier werden die Neuver⸗ mählten wohnen und mit ihnen die gute Mutter, die von ihrer Tochter ſich nicht trennen kann, deren größter Wunſch darin beſteht, daß ihre Tochter der⸗ einſt ihr die Augen zudrücke. Ein niedliches Zimmer iſt für ſie bereitetz Ma⸗ dame Germeuil küßt ihre Tochter zärtlich und verläßt ſie, nicht ohne Seufzer!... Es iſt ja ſo natürlich... die Rechte der Mutter hören auf, wann die des Mannes anfangen! Aber was kümmern die Rechte, wenn die Herzen dieſelben bleiben! Natur und Liebe finden ſich leicht in einer gefühlvo Seele, haben aber keine Gewalt über ein kaltes, ſelbſtſüchtiges Herz. Die Menſchen haben die Geſetze gemacht, aber Gefühle laſſen ſich nicht befehlen. Ein Glück für Eduard, daß Adeline ihn liebte, weil er ihr gefiel, und nicht, weil die Kirche ihr befahl, ihn zu lieben. Darum wirft ſie ſich, allein mit ihrem Gemahl, ohne zu weinen, in ſeine Arme, darum erwidert ſie ſeine Liebkoſungen, darum ziert ſie ſich nicht, zu Bett zu gehen, darum brauchen wir endlich nicht mehr zu ſagen, um verſtanden zu werden. 1 33 Drittes Kapitel. Dufresne. In der Menge, die Madame Volenville und Herrn Robineau umgab, und über das Mißgeſchick der Frau Gerichtsexekutorin und des Prokurators gelacht hatte, war nur ein Mann bei den Narrheiten der Anderen unempfindlich geblieben, hatte nur einer an den Späßen und Thorheiten des jungen Gerichtsſchreibers keinen Antheil genommen. Dieſer Mann ſchien höchſtens achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt; er war von großer und pro⸗ portionirter Statur; ſein Geſicht hätte man ſchön nennen können, hätte er ein freieres, offenes Auge gehabt; aber ſein unſteter Blick, dem er ſich den Ausdruck des Wohlwollens zu geben bemühte, flößte weder Freun⸗ t noch Zutrauen ein; und das Lächeln, das tanchmal auf ſeinen Lippen ſpielte, erſchien eher bitter, als ſüß. Dufresne(ſo hieß der junge Mann) war auf Eduards Hochzeit von einer dicken Mama mit drei Töchtern eingeführt worden, welche ſchon ſeit langer Zeit die Gewohnheit hatte, ein halb Dutzend Tänzer in alle Geſellſchaften mitzubringen, worin ſie ſich mit ihren Töchtern ſehen ließ. Madame Devaux(ſo hieß dieſe Dame) ſah viel Geſellſchaft, hauptſächlich viele junge Leute bei ſich, wovon der Grund leicht zu errathen war; wenn man drei Töchter und kein Vermögen hat, hält es ſchwer, Paul de Kock. XIX. 4 3 34 ſie zu verſorgen, da muß man ſie der Welt zeigen und die Gelegenheit zu einer ſoliden Liebesintrigue herbeiführen, die endlich mit einer Hochzeit ſchließt. Unglücklicherweiſe aber ſind dergleichen Liebesintriguen in der Welt ſeltener, als in den engliſchen Romanen, und oft ſtoßen die jungen Damen, wenn ſie nach Freiern ſpähen, auf Verführer, die zwar ſtark an Intriguen, aber ſchwach in der Tugend ſind! Was kann es aber helfen, man muß ſchon etwas wagen, wenn man einen Mann davon tragen will! Madame Devaux hatte alſo Herrn Dufresne bei ſich aufgenommen, der ihr von einem Freund, ihrem Nachbar, empfohlen worden, und da er jung und von angenehmem Aeußern war, ſo hatte ſie ihn mit auf die Liſte der Herren gebracht, die ſie auf die Hochzeit Eduard Murville's bringen wollte, damit es ihren Töchtern nicht an Tänzern fehlte. Defresne kannte weder den Bräutigam noch die Braut; aber es iſt bei einem großen Gaſtmahl ja nichts Ungewöhnliches, die nicht zu kennen, die es geben, und jetzt, wo unſere franzöſiſchen Geſell⸗ ſchaften den engliſchen Routs gleichen und zu dichten Menſchenmaſſen werden, wo man auf ſeinen Nach⸗ bar kaum ſieht, da kommt es oft vor, daß man ſolche gedrängte Geſellſchaften verläßt, ohne weder Wirth noch Wirthin begrüßt zu haben. MNadame Devaux hatte ſich indeſſen geirrt, als ſie auf Dufresne zum Tänzer für ihre Töchter rech⸗ nete, denn er liebte den Tanz nicht ſehr; er eilte, ſeine Schuld abzutragen, indem er eine jede derſelben 35 einmal auffoderte, und begnügte ſich nachher, einen bloßen Zuſchauer abzugeben, wobei er noch die Liſt anwendete, in die Spielzimmer zu gehen, wenn eine Quadrille nicht vollzählig war. Dufresne durchforſchte mit liſtigen Augen alle Perſonen des Feſtes, aber auf Eduard und Adeline verweilten ſeine Blicke am häufigſten; der Anblick der jungen Eheleute ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu feſſeln; er beobachtete ihre Bewegungen, ſpähete ihren unbedeutendſten Handlungen nach und ſuchte im In⸗ nerſten ihrer Herzen zu leſen. Wenn Adeline ihrem Gemahl zärtlich zulächelte, ſtand Dufresne einige Schritte entfernt, beobachtete ihr Mienenſpiel und ſeine Augen verſchlangen gierig jeden Ausdruck deſ⸗ ſelben. 3 „Nicht wahr! liebe Mama, ſagte Cleopatra, die älteſte der Töchter der Madame Devaux, Herrn Du⸗ fresne nehmen wir auf keinen Ball wieder mit; ſehen Sie doch nur ſein Betragen!... er tanzt nicht! und ſchleicht umher wie ein Bär!— Gewiß, liebe Tochter, und wenn er ſich doch wenigſtens neben uns ſetzte, mit uns plauderte, galant wäre!“ „Ach freilich! er kümmert ſich ja gar nicht um uns! Ich bitte Sie, was macht er wohl jetzt da unten im Winkel... bei Madame Germeuil!... Wahrlich! er iſt unausſtehlich... ich werde ihn auch übermorgen nicht bei Herrn Verdure einführen, wo getanzt wird. Ich nehme lieber den kleinen Godard mit; er iſt zwar ſehr einfältig, aber er ſpringt doch, ſo viel man's haben will! Ja, und dann bietet er uns auch immer bereitwillig Erfriſchungen an. Apro⸗ pos, Cleopatra, wer wird uns denn heute nach Hauſe begleiten?“.. „Ja, ich weiß nicht... zwei von unſern Herren find bereits fort... der eine klagte über Kopfweh und der andere wollte frühe zu Bette, weil er mor⸗ gen verreiſen müſſe... aber wir müſſen doch Jemand haben.“ „Sei ruhig, ich werde Dufresne den Hut ver⸗ ſtecken; er ſoll ohne uns nicht fortkommen, ich ſtehe dafür;... er wäre ſchon ſo keck, die Damen im Stiche zu laſſen, die ihn eingeführt haben!... Sie wiſſen wohl, Mama, dies wäre nicht das erſte Mal, daß uns ſo etwas paſſirte. Wenn auch, heute Abend ſoll es nicht der Fall ſein, und Dufresne darf den Wagen bezahlen.“ Während dieſer Unterredung fuhr Dufresne mit ſeinen Beobachtungen fort. Er hatte wahrgenommen, daß Madame Germeuil mit einer jungen Wittwe, Namens Dolban, ſehr vertraut ſchien, und ſogleich wurde dieſe letztere der Gegenſtand ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit; es wurde ihm leicht, mit ihr bekannt zu werden, denn ſie war nicht hübſch, und die Huldi⸗ gungen eines hübſchen jungen Mannes mußten ihr um ſo mehr ſchmeicheln, als ſie ihr nur ſelten zu Theil wurden. Als Dufresne fort wollte, fing er ſich in der Schlinge, die ihm Madame Devaux gelegt hatte; er fand ſeinen Hut erſt in dem Augenblick wieder, als die Mama und ihre drei Töchter zum Nachhauſegehen 2 37 bereit waren, und es gab kein Mittel, dem Dienſt der Höflichkeit auszuweichen. Madame Dolban hatte überdies ſeine Begleitung abgelehnt, ihm jedoch er⸗ laubt, ſie beſuchen zu dürfen, und das war ja Alles was er wünſchte. Der junge Mann machte alſo zum böſen Spiel gute Miene; er packte die Familie Devaux in ein Gefährt, ſetzte ſich rückwärts zwiſchen Cleopatra und Ceraſine, und dann gings nach der Straße des Martyrs. Unterwegs mußte Dufresne einen Strom von Epigrammen aushalten, den die drei Fräuleins gegen die ungalanten, unfreundlichen und langweiligen Männer losließen, die mit den häßlichen Frauen ſich unterhalten und die hübſchen vernachläſſigen; tauſend andere Sarkasmen mußte er hören, die der Verdruß über ſeine Galanterie gegen Madame Dolban her⸗ vorrief. Dufresne hörte das alles mit der größten Re⸗ ſignation an; ich glaube ſogar, er hörte gar nicht darauf, denn ſein Geiſt war anderwärts zu ſehr be⸗ ſchäftigt, als daß alles Geſchwätz der drei empfind⸗ lichen Mädchen ihn hätte intereſſiren können. Endlich langte man an. Dufresne half der Fa⸗ milie aus dem Wagen, und empfing dafür eine Verbeugung von der Mama, einen kalten Gruß von Cleopatra, einen trockenen guten Abend von Ceraſi⸗ nen und einen unterdrückten Seufzer von Cornelien. —ÿ ſchlägt, wollte der Mann eben in Anregung bringen. 38 Viertes Kapitel. Glückspläne. Adeline fühlte ſich an der Seite thres Eduards wie ein ganz neues Weſen. Gegenſeitige innige Zärtlichkeit hatte bei ihr ein ſüßes Vertrauen, eine herzliche Freundſchaft erzeugt und die frühere Zurück⸗ haltung und Furchtſamkeit verbannt. Was werden da nicht Pläne für die Zukunft gemacht, welche angenehme und glückliche Exiſtenz ſpiegelt man ſich vor, wenn man ſich ungehindert allen Täuſchungen hingibt, welche die Einbildungskraft jun⸗ ger Liebenden ſteigern! Die ſanfte, gefühlvolle, liebenswürdige Adeline iſt überzeugt, ſo lange glücklich zu ſein, als ihr Eduard ſie lieben wird, und ihr Eduard wird ſie ja ewig lieben, hieran können beide nicht zweifeln! Wie kann man bei ſo vollkommener Uebereinſtimmung zweier Herzen eine Aenderung für möglich halten... Man iſt gegenſeitig aufrichtig, man empfindet alles, was man ſagt, und gewiß würde man auch alles halten, was man verſpricht, bliebe die Glückſeligkeit nur immer dieſelbe. In den Augenblicken aufrichtiger Herzensergießun⸗ gen glaubt man wahrhaft für einander geſchaffen zu ſein. Man hat denſelben Geſchmack, dieſelben Ge⸗ danken, dieſelben Wünſche; was das Eine ſagt, findet das Andere vortrefflich, was die junge Frau vor⸗ 39 Man erräth ſich gegenſeitig und findet es ganz natür⸗ lich, nur einen Willen, eine Seele zu haben. Glückliche Uebereinſimmung! Süße Einigkeit! Ihr würdet das höchſte Glück bereiten, wenn ihr ewig fortdauertet.“ „Alſo, geliebte Frau, rief Eduard, die niedlichen Hände ſeiner Adeline küſſend, den Winter bringen wir in Paris und vier Monate der ſchönen Jahres⸗ zeit auf dem Lande zu.— Ja, lieber Mann, das iſt abgemacht.— Aber werde ich dann meine Anſtel⸗ lung behalten können 2... ſie wird mich verhindern, Paris zu verlaſſen./— Du wirſt ſie nicht behalten! wozu auch 2... wir haben fünfzehntauſend Franken Renten, reicht das nicht hin, um glücklich zu ſein? — O! das iſt mehr, als wir brauchen!— Ueber⸗ dies würde Dein Amt Dich den ganzen Tag von mir entfernt halten, und das mag ich nicht!— Meine beſte Adeline!... aber was wird Deine Mutter ſagen, wenn ich den Dienſt verlaſſe?— Mama hat nur ei⸗ nen Willen, den, mich glücklich zu wiſſen; ſie wird unſern Plan billigen, ſie iſt nicht ehrgeiziger als wir. — Nun denn! es iſt entſchieden, morgen gebe ich das Geſuch um meine Entlaſſung ein.— Ja, lieber Mann! Und dann kaufen wir uns ein kleines Land⸗ haus, einfach, aber geſchmackvoll, wo wir mit unſe⸗ rer Mutter zuſammen wohnen.— Nach welcher Ge⸗ gend hin müßte das liegen?— Wo du willſt, lieber Eduard!— Nein, das mußt Du beſtimmen.— Du weißt ja, ich bin immer Deiner Meinung.— Gut! ſo wollen wir uns in der Umgegend umſehen... wir 40 leſen den Anzeiger... wir fragen Mama um Rath. — Ganz gut, mein Lieber!— Werden wir oft Ge⸗ ſellſchaft bei uns ſehen?— Wie Du wünſcheſt, lieber Eduard!— Liebe Frau, das iſt ganz Deine Sache. — Nun! dann lieber weniger Geſellſchaften, denn ſie würden uns verhindern, beiſammen zu ſein, allein mit einander ſpazieren zu gehen, und ich fühle, das würde mich ſchmerzen.— Wie liebenswürdig Du biſt! Nur einige gute Freunde laden wir dann und wann ein,.. die Deiner Mutter zum Beiſpiel.— Ja, ſehr ſchön! des Morgens gehen wir in den Garten; denn einen Garten müſſen wir haben, nicht wahr?— O, das verſteht ſich.— Einen großen Garten mit Alleen und Lauben.— Ach, Du denkſt ſchon an Lau⸗ ben!— Aergert Dich das, mein Freund?“ Statt aller Antwort ſchließt er ſie in ſeine Arme, drückt ſie an ſein Herz, empfängt ihre Liebkoſungen, und die Unterhaltung iſt einige Augenblicke lang unter⸗ brochen. Alſo einen großen Garten werden wir haben mit dichten Gebüſchen und Laubengängen, knüpft Eduard das Geſpräch wieder an.— Ja gewiß, mein Einzi⸗ ger, erwiderte hierauf Adeline mit zärtlichem Lächeln und die Augen verſchämt niederſchlagend...— Abends durchſtreifen wir die Gegend, tanzen mit den Land⸗ leuten, oder machen eine Partie mit unſern Nachbarn, wenn ſchlechtes Wetter iſt... iſt es ſo recht?— Ja gewiß! mein Theuerſter, das iſt allerliebſt.“ Die zärtliche Adeline iſt immer der Meinung ihres lieben Gemahls; Eduard will keinen Willen haben, 41 und Beide ſind ſo einig, daß ein jedes dem andern das Recht gern überläßt, das Hausregiment zu führen. 4 Die jungen Eheleute kamen gerade auf einen höchſt intereſſanten Artikel des ehelichen Glücks; ſie dachten an die Kinder, die ſie bekommen würden, an ihre Erziehung und den Stand, den ſie dereinſt wäh⸗ len ſollten, als es leiſe an die Thüre ihres Zimmers klopfte. Es war Madame Germeuil, die nicht länger warten konnte, ihre Tochter zu umarmen, und in ihren Augen das Glück ihres Herzens zu leſen. Welch ſeliges Schauſpiel für eine Mutter!... das ſie an dieſelbe Epoche ihres Lebens erinnert. Adeline drückt ſie erröthend an ihr Herz, die gute Mutter kündigt ihnen an, daß das Frühſtück ſie er⸗ warte, und das Frühſtück iſt eine weſentliche Sache nach der Hochzeit. Die junge Frau nimmt indeſſen nur wenig zu ſich; ſie iſt zu voll von Gedanken, um Appetit zu haben; die Ideen, die ihren Kopf durch⸗ kreuzen, reichen hin, um jedes Bedürfniß zu ent⸗ fernen; mit dem jungen Ehemann iſt es aber anders, er ißt nicht, ſondern er ſchlingt! Ein neuer Beweis, daß die Männer nicht wie Frauen lieben, da dieſelbe Urſache nicht denſelben Erfolg hat. Während des Frühſtücks machen die jungen Leute ihre Mutter mit ihren Plänen bekannt. Madame Germeuil wundert ſich nicht wenig über die Neuig⸗ keit, daß Eduard ſeine Anſtellung aufzugeben gedenkt. Sie will einige Gegenvorſtellungen machen, ſie ver⸗ 42 4 ſucht es, den Nachtheil herauszuheben, den Murville davon haben möchte, da er im Grade weiter vor⸗ rücken, ja ſelbſt Bureauchef werden könne. Eduard ſchweigt; im Herzen fühlt er wohl, daß die Mutter Recht hat, aber Adeline bittet ſo innig, küßt ſie ſo zärtlich, macht ihr eine ſo rührende Beſchreibung von 4 dem Glück, ſich künftig alle drei nicht mehr zu tren⸗ nen; ſie rühmt geſchickt die Vergnügungen des Land⸗ lebens, ihre künftige Lebensweiſe und alle Vorzüge einer ſo zufriedenen Exiſtenz, daß Madame Germeuil nicht den Muth hat, ihren Bitten zu widerſtehen, und der Plan wird angenommen. „Aber, ſagt die verſtändige Frau, Eduard kann doch nicht ohne Beſchäftigung bleiben. Der Müßig⸗ gang iſt ſehr gefährlich und läßt uns oft Thorheiten begehen, wovon wir keinen Begriff gehabt hätten, wenn wir arbeitſam geweſen wären.— O, Mama! ſeien Sie ganz ruhig! Eduard ſoll ſchon zu thun haben, das iſt meine Sorge!... Erſtlich die Beſor⸗ gung unſerer Geldgeſchäfte, er hat ja unſer kleines Vermögen zu verwalten!... dann ſorgt er für unſer Landhaus, für den Garten... dann muß er doch auch mir ſeine Zeit widmen, wir gehen ſpazieren.— Aber, liebe Tochter, man kann doch nicht immer ſpa⸗ zieren gehen.— Ganz gewiß, aber man ruht aus, man arbeitet auch im Garten... Und unſere Kinder, denken Sie denn daran gar nicht? müſſen ſie nicht erzogen werden, muß man nicht auf ihren Unterricht, auf die Richtung ihres Geiſtes Acht haben?— Ach, Du denkſt ſchon an Kinder?— Ja, liebe Mama, — 43 o, wir haben das Alles ſchon in Erwägung gezogen! — Was Du doch für eine kleine Närrin biſt!— O nein, Mama, Sie werden ſehen, wie vernünftig ich bin, und mein Mann auch.“ Madame Germeuil war von den weiſen Plänen nicht ſo entzückt wie dieſe; aber ſie beſchloß, auf das Betragen ihrer Kinder beſtändig ein wachſames Auge zu richten, und wußte, daß Adeline, trotz ihren Luft⸗ ſchlöſern, doch zuerſt von ihren Irrthümern zurück⸗ kommen würde. Was Eduard betraf, ſo that er ja, was man wollte; es kam nur darauf an, ihm gut zu rathen, und nicht, wie Adeline, ſtets ſeiner Mei⸗ nung zu ſein. 3 Nach dem Frühſtück beſchäftigte man ſich mit der Wahl eines Landhauſes. Man hatte den Anzeiger holen laſſen. Adeline brachte ihn ihrem Gemahl. Madame Germeutl überlegte, in welcher Gegend in der Nähe von Paris wohl die geſundeſte Luft ſein mochte, als plötzlich Murville auf ſeinem Stuhl in die Höhe fährt und einen Schrei der Ueberraſchung thut. „Gott, was iſt denn, mein lieber Mann, frug Adeline erſtaunt über deſſen Bewegung.— Ja, es iſt's! ruft Eduard, im Leſen fortfahrend, in Ville⸗ neuve⸗Saint⸗George, das Haus liegt nach dem Felde hinaus, zwei Stöcke hoch... ein großer Gar⸗ ten... ein Pavillon... ein Hof... ein eiſernes Gitter.— Nun! lieber Freund, und das Alles hätte Dich beinahe vom Stuhle geworfen?— Ach! liebe Frau, beſte Mutter, dies Haus!...— Kennſt Du es denn?— Ob ich es kenne? es gehörte meinem A 44 Vater.. ich habe einen Theil meiner Jugend darin verlebt.— Wär' es möglich?— Unglück hatte uns gezwungen, es zu verkaufen... aber ich konnte es nie vergeſſen!..— Aber, lieber Mann, warum haſt Du uns nichts davon geſagt?— Ich wußte ja nicht, daß es jetzt zum Verkauf ausgeſetzt iſt.— Gut, lieber Eduard, dann ſuchen wir nicht weiter, wir haben gefunden, was wir brauchen... die Wohnung, worin Du Deine Kindheit verlebt haſt! Lieber Eduard... wie ſehr werde ich mir darin gefallen!... Mama, Sie geben Ihre Einwilligung, nicht wahr?— Ja, wenn das Haus nicht zu theuer iſt.— O, wie könnte es zu theuer ſein, Eduards Haus!... ach, wie herr⸗ lich!... Villeneuve⸗Saint⸗George... ja, ich glaube, die Luft iſt daſelbſt gut.— Ganz gewiß iſt da eine gute Luft!— Laß uns ſogleich hin, lieber Freund! — Aber, liebe Tochter, es iſt ſchon ſpät; ihr ſeid eben nicht früh aufgeſtanden; wenn wir bis morgen 4 warteten!— Bis morgen! und wenn das Haus heute verkauft würde? Ach! ich würde untröſtlich ſein und Eduard auch.“ Dieſer ſchweigt, ſicher aber kann er auch die Zeit nicht erwarten, bis er hinauskommt.— Nun denn, liebe Kinder, wenn es euch ſo viel Vergnügen macht; es ſind aber vier Meilen.— Wir haben ja ein gutes Cabriolet, ſeit vierzehn Tagen iſt das Pferd ſtehen geblieben... es ſoll ſchon tüchtig laufen.— Wo werden wir denn zu Mittag eſſen?— In Villeneuve⸗ Saint⸗George... da gibt es gute Traiteurs. nicht wahr, lieber Freund?— Ei⸗ freilich! Wir werden 4⁵ ſchon etwas bekommen.— Und bei der Rückfahrt wird es ſchon finſter ſein... Du weißt, Adeline, ich liebe nicht, bei Abend im Cabriolet zu fahren.— O, Mama! Cduard fährt uns, Sie wiſſen, wie vorſichtig er iſt... und der Weg iſt ja prächtig, nicht wahr, lieber Mann?— Er war es wenigſtens vor zehn Jahren.— Sehen Sie wohl, Mama, daß keine Gefahr iſt... Ach! ſagen Sie nur Ja!— Ich muß ja wohl Alles thun, was ihr wollt.— Ach, wie gut ſind Sie, Mama!... ich ſetze gleich den Hut auf.“ Adeline läuft an ihre Toilette. Eduard befiehlt dem alten Raimund, ihrem Diener, anzuſpannen. Madame Germeuil macht ſich reiſefertig, und Marie, das Dienſtmädchen der jungen Eheleute, ſieht mit Bedauern, daß man das Mittagseſſen nicht verſuchen werde, was ſie für heute ſo ausgeſucht zubereitet hat. Die junge Frau iſt zuerſt fertig; man braucht ja nur wenig Zeit zur Toilette, wenn man weiß, daß man gefällt; darum bringen ohne Zweifel die alten Koketten zwei Stunden vor dem Spiegel zu. Adeline hat ein einfaches Muſſelinkleid an; ein Gürtel um die ſchlanke Taille, ein mit Blumen und Federn nicht überladenes Strohhütchen und ein leich⸗ ter, nachläſſig über die Schultern geworfener Shawl bilden den einfachen aber reizenden Putz unſerer jungen Frau; Alles an ihr muß gefallen, ihre Geſichtszüge athmen Glück und Liebe; Freude und Seligkeit ver⸗ ſchönern jedes hübſche Geſicht. Eduard betrachtet ſie mit Wonnegefühl, Madame Germeuil mit Stolz; Adeline umarmt beide und 46 reicht ihrer Mutter den Arm, damit dieſe ſchneller zum Wagen hinunter komme, denn ſie brennt vor Begierde, Eduards Vaterhaus kennen zu lernen, und dieſer wünſcht nicht minder, den Aufenthalt ſeiner Kindheit wieder zu ſehen. Endlich ſitzt die glückliche Mutter im Fond des Cabriolets und Adeline neben ihr; Eduard ergreift die Zügel und nimmt den Weg nach Villeneuve⸗Saint⸗George. Fünftes Kapitel. Der Kopf mit dem Schnurrbart. Eduard läßt ſein Pferd recht auslaufen, und bald erreicht man das Dorf. Als man die Dorfſtraße hinter ſich hat und links dem Felde zu einbiegt, gewahrt man das längſt erſehnte Landhaus. Adeline iſt vor Freude außer ſich und nimmt ihren Hut ab, um beſſer zu ſehen; Eduard treibt ſein Pferd noch ſtärker an, und Madame Germeuil ſchreit laut auf, aus Furcht umgeworfen zu werden. Endlich hält der Wagen vor dem Gitter, das den Hof umgibt.— Ja, das iſt's, das iſt's, ruft Eduard vom Wagen ſpringend; ja, ja! hier iſt es... ich erkenne die Thüre, den Hof, ſogar die Hausklingel wieder, es iſt noch die alte! und da iſt die Tafel mit der Anzeige, daß das Haus zu kaufen ſei. 4 Während er das Haus mit innerer Bewegung betrachtet, hilft Adeline ihrer Mutter aus dem 4 47 Cabriolet; man bindet das Pferd an und tritt durch die offene Thüre in den Hof. „Ach! wie wird es mir hier gefallen, ruft Ade⸗ line, ihre Blicke freudig umherwerfend, nicht wahr, Mama, iſt das Haus nicht herrlich?— Nur Ge⸗ duld, liebe Tochter, wir haben ja noch nichts geſehen.“ Ein langer Bauernknecht kommt mit einem großen Hund ihnen aus dem Hauſe entgegen.—„Was wün⸗ ſchen Sie? fragte er etwas plump.— Wir wünſchen das Haus zu beſehen, antwortet Eduard.— Ja, und es zu kaufen, fügt Adeline hinzu.“ „Dann laſſe ich's mir gefallen, brummt der Bauer zwiſchen den Zähnen, folgen Sie mir, ich führe Sie zu meinem Herrn.“ Er geht voran eine Treppe hin⸗ auf und läßt ſie in einen Speiſeſaal treten, um in⸗ zwiſchen ſeinen Herrn von ihrer Gegenwart in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Alsbald läßt ſich aus dem Zimmer, in das der Diener gegangen iſt, eine dünne, ſcharfe Stimme hören, und unſere Reiſenden vernehmen folgendes Geſpräch:„Was willſt Du, Peter?— Es ſind Käufer zu Ihrem Hauſe da.— Störſt Du mich ſchon wieder, um mir unnützerweiſe einen Dummkopf über den Hals zu ſchicken, wie ſo eben?— O nein, mein Herr, dieſe da ſehen ganz anders aus!— Hat mich der verfluchte Kerl doch geärgert! gewiß werde ich davon krank werden!— Ich ſage Ihnen, die Leute draußen ſind in einem Cabriolet gekommen.— Ach, ſo! das iſt ein ander Ding... dann muß ich ſie ſprechen/. 8 48 Madame Germeuil und ihre Kinder wußten nicht, was ſie von dem Gehörten denken ſollten, als die Thüre des Nebengemachs aufging, und ein kleines, hageres, gelbes, runzliges Männchen in Schlafrock und Nachtmütze erſchien, und ſie mit gezwungen freund⸗ licher Miene begrüßte. „Wir wünſchen Ihr Haus zu beſehen, ſagt Eduard, mir iſt es zwar nicht fremd, aber die Damen möch⸗ ten es gern kennen lernen.— Es iſt doch ſonderbar, erwidert der kleine Herr, ſeinen Diener anſehend, ein Jeder kennt mein Haus!... und Ihre Abſicht iſt, es zu kaufen?— Ei freilich! wenn der Preis an⸗ nehmbar iſt.— Nun, ſo werde ich Sie ſelbſt herum⸗ führen.“ „Welch ein Original, ſagte Adeline leiſe zu ihrem Mann, ich wette, es iſt ein alter Wucherer, der ſich hieher zurückgezogen hat, und nun dem Wunſch nicht länger widerſtehen kann, aufs Neue ſeinen Handel in der Stadt zu treiben.“ Man beſieht das Haus vom Keller bis zur Bühne, der kleine Herr läßt nichts unbeachtet, und Eduard, froh, ſein Vaterhaus wieder zu ſehen, hört ge⸗ duldig alle Lobeserhebungen des Beſitzers an. Von Zeit zu Zeit ſagte er lächelnd zu ſeiner Frau beim Eintritt in jedes Zimmer:„Ja, ja! das iſt die Stube... dort das Kabinet... hier ſind noch die alten Wandſchränke.“... Und dabei ſchaut der alte Herr ſeinen Diener an; beide ſcheinen ſich zu ver⸗ ſtehen. „Sie haben alſo früher ſchon hier gewohnt? 8 49 fragt er endlich.— Ja, mein Herr, ich habe einen Theil meiner Jugend hier verlebt.—„Das iſt doch drollig, brummt der Diener; das iſt zum Erſtaunen,“ der alte Herr. 5 Madame Germeutl findet das Haus bequem und wohnlich; Adeline iſt entzückt darüber, und Eduard wünſcht jetzt den Garten zu ſehen; der kleine Mann entſchuldigt ſich, ſie aus Mattigkeit nicht begleiten zu können, bittet, dem Diener zu folgen, und unſere jungen Eheleute ſind keineswegs unzufrieden, einen Augenblick von dem alten Herrn befreit zu ſein. Der Bauerknecht geht voran; ihm folgt Madame Germeuil, und Adeline und Eduard ſchließen Arm in Arm den Zug. Eduard macht ſeine Frau auf jedes Plätzchen aufmerkſam, das ihn an ſeine Kinderjahre erinnert. „Hier war es, ſagt er, wo ich mit meinem Vater las, hier in dieſer Allee ſpielte gewöhnlich mein Bruder Jakob und ſtieg auf die Aprikoſenbäume.— Der ar ne Bruder Jakob... Haſt Du nie wieder von ihm etwas gehört?— Nein!.. O! er iſt gewiß irgendwo in einem fremden Lande geſtorben, ſonſt wäre er zurückgekommen und hätte ſeine Eltern aufgeſucht!..— Das rührt daher, wenn man auf ſeine Kinder kein wachſames Auge hält, dieſer Jakob hat gewiß ein ſchlechtes Ende genommen.“ Eduard antwortete nicht; die Erinnerung an ſeinen Bruder machte ihn immer traurig und nachdenkend; ler war feſt überzeugt, daß derſelbe nicht mehr lebe, und wahrſcheinlich nährte er hauptſächlich deßhalb dieſen 1 Paul de Kock. XIX. 4 Gedanken, um den andern aus ſeinem Kopfe zu ver⸗ bannen, daß er vielleicht elend und geſunken in der Welt umherirre. Auch mochte er, ſeitdem er gewiß wußte, daß Adeline die Seinige werde, zuweilen fürchten, ſeinen Bruder in erniedrigender Dürftigkeit wieder zu finden, weil ihm das in den Augen der Ma⸗ dame Germeuil nachtheilig werden könnte, und ſo oft ein Bettler von ſeinem Alter ihn anſprach, ſtieg ihm das Blut ins Geſicht; er entfernte ſich raſch, aus Beſorgniß, es könnte ſein Bruder Jakob ſein. Eduard war deſſen ungeachtet nicht gefühllos; er hätte ſeinen Bruder nicht zurückſtoßen können; aber ſo ſind die Menſchen! Eigenliebe erſtickt bei ihnen oft die edelſten Empfindungen; man erröthet über Brüder und Schweſtern! ja es gibt Menſchen, die ſich ihrer Eltern ſchämen. Das ſind aber ſtets nur ſolche, die ſich ſelbſt nicht achten, denn ſonſt würden ſie ihren Stamm in Ehren halten. Aber kehren wir zu unſern jungen Eheleuten zu⸗ rück, die alle Gänge des Gartens durchlaufen, ſich anlächeln und vor jeder dunkeln Grotte oder jedem dichten Gebüſche die Hände drücken. Der Diener blieb einen Augenblick zurück, um das Halsband ſeines Hundes wieder zu befeſtigen, Madame Germeuil und ihre Kinder ſetzten ihre Promenade fort. Man er⸗ reichte Ladlich das Ende des Gartens. Die eine Seite deſſelben ſtößt aufs Feld und iſt von einer hohen Mauer umgeben; in derſelben befindet ſich aber ein Ausgang und dieſer iſt durch ein mit Brettern verſchlagenes Gitterthor verſchloſſen, damit die 4 51 Vorübergehenden nicht in den Garten herein ſehen können. Die Bretter waren indeſſen zum Theil ſchon verfault, und ein Stück derſelben war los. Als die Geſellſchaft vor die Thür kam, bemerkte ſie den Kopf eines Mannes, der denſelben gerade da, wo die Bretter zerbrochen waren, gegen das Gitter drückte, und ſehr aufmerkſam in den Garten herein ſchaute. Madame Germeuil konnte einen Ausruf des Schreckens nicht zurückhalten, Adeline empfand einen geheimen Schauder und ſelbſt Eduard ward durch den unvorbereiteten Anblick einen Augenblick ergriffen. Das Geſicht des Mannes, der in den Garten blickte, mußte allerdings im erſten Augenblick über⸗ raſchen; ſchwarze Augen, bräunliche Geſichtsfarbe, ſtarker Schnurrbart, eine tiefe Narbe quer über der Stirn bis zur linken Augenbraune— Alles das gab dem Geſicht einen wilden Ausdruck und gereichte der Geſtalt keineswegs zum Vortheil. „Ach! mein Gott! was iſt das? rief Madame Germeuil, plötzlich ſtille ſtehend.— Nun, nun! es iſt ein Mann, dem es Vergnügen macht, in den Garten zu ſehen, antwortete Eduard, indem er den Fremden, der nicht vom Gitter wegging, näher betrachtete.“ „Er flößt mir beinahe Furcht ein, ſagte Adeline leiſe...— Beinahe, meine Tochter? Dann kannſt Du froh ſein!... ich geſtehe, ich bin halb des To⸗ des,.. und dabei drängt ſie ſich näher an den Schwie⸗ gerſohn.“ „Aber wie furchtſam ſind Sie, Madame; etwas Neugierde, weiter nichts. Wenn man an einem 52 hübſchen Garten vorbeigeht, kann man doch wohl einen Augenblick hineinſehen? Das iſt uns ſelbſt wohl ſchon zwanzig Mal paſſirt.— Ja gewiß! aber wir haben auch nicht ſolch ſchauderhaften Schnurr⸗ bart! Sieh nur, er bewegt ſich gar nicht und ſcheint gar keine Notiz von uns zu nehmen.“ Jetzt holte der Diener wieder die Geſellſchaft ein, fuhr aber, als er am Gitterthor die Geſtalt ſah, zuſammen und brummte in den Bart:„Iſt er noch da? Den Teufelskerl ſollen wir alſo nicht los kriegen.“ Der Unbekannte warf einige Blicke auf den Haus⸗ knecht, und die Damen laſen in ſeinem Geſicht Zorn und Verachtung. Nachdem er die Perſonen im Gar⸗ ten noch einen Augenblick betrachtet hatte, verſchwand ſein Kopf endlich hinter dem Gitter. „Ich möchte wohl wiſſen, wer der iſt, ſagte Adeline zu Eduard.— In der That, ich ſchließe auf nichts Gutes, erwiderte Mama Germeutll, die jetzt freier Athem ſchöpfte, da ſie den Schnurrbart nicht mehr ſah.— Dieſer Mann führt Böſes im Schilde, nicht wahr, Eduard?— O Mama, das glaube ich nicht; hätten wir den Mann vom Kopf bis zu den Füßen geſehen, ſo würde uns ſein Geſicht vielleicht nicht ſo auffallend erſchienen ſein.“ „Mein Mann hat recht, Mama, ich meine, Vie⸗ les hängt von dem Zuſtande ab, in dem die Dinge ſich uns darſtellen. Ein mit Lumpen bedeckter Menſch flößt uns oft Mißtrauen ein, während wir denſelben Menſchen ohne Angſt anſehen würden, wenn er beſſer 53 9 gekleidet wäre. Die Nacht, die Ruhe, der Mond⸗ ſchein, die langen Schatten der Gegenſtände, Alles wirkt auf uns ein, und bringt unſere Einbildungs⸗ kraft in Bewegung.— Du magſt ſagen, was Du willſt, liebe Tochter, aber jenes Geſicht ſah nicht aus bloßer Neugier in den Garten!— Es kann ſein, ich hätte nur die ganze Geſtalt ſehen mögen.— Potz Blitz! rief der Diener, Sie hätten nichts beſonders Schönes geſehen!— Kennt Ihr denn den Mann?“ fragte Adeline ſogleich. „Ich kenne ihn nicht, Madame, aber ich habe ihn ſchon heute frühe geſehen. Er kommt mir wie ein Vagabund vor, der ſich im Dorf umhertreibt, um irgend einen Streich auszuführen... Aber mir ſoll er nicht wieder kommen, oder mein Hund hat ihn am Kragen...— Und Ihr wißt nicht, was er im Dorfe zu ſchaffen hat?— Meiner Treu, das iſt mir gleich⸗ gültig! wenn er nur meine Schwelle nicht wieder betritt, weiter verlange ich nichts.“ Da man ſo eben vor das Haus kam, wo der Eigenthümer die Geſellſchaft an der Thüre erwartete, ſo hatte dies Geſpräch ein Ende. „Nun, wie gefällt Ihnen der Garten? fragte der kleine Greis Adelinen.— O! recht gut, mein Herr, ich denke, wir werden einig werden, nicht wahr, Mama?— Ja, jal vielleicht!“... Seit Madame Germeuil den Kopf hinter dem Gitter geſehen hatte, fand ſie das Haus und ſeine Umgebung nicht mehr ſo lieblich. Aber ihre Kinder wünſchten den Kauf lebhaft, weßhalb ſie ſich, ihrer kindiſchen Einbildungen ſich ſchämend, nicht länger widerſetzte und der Handel entſchieden wurde. Der kleine Mann machte zuerſt ſehr hohe Foderungen, ging aber, als er hörte, daß er ſogleich baar bezahlt würde, bedeutend herunter, worauf man ſchnell ins Reine kam. In der Luſt ſeines Herzens lud der Eigenthümer die Geſellſchaft ein, im Hauſe noch etwas auszuru⸗ hen, und bot den Damen ſogar Zuckerwaſſer an; allein man ſehnte ſich nicht nach weiterer Bekannt⸗ ſchaft mit dem alten Geizhals; außerdem hatte der Appetit ſich eingefunden, und man mußte noch vor dem Mittageſſen zum Notar des Orts. Das trockene Männchen beſtand nicht länger auf ſeiner Einladung; er nahm ſeine Schlafmütze ab, ließ ſich einen alten Filzhut bringen, den er aus Schonung unter den Arm nahm, zog einen abgeſcha⸗ benen braungelblichten Rock an und vergaß auch nicht ſein ſtarkes Rohr mit krummem Griff, worauf er ſich um ſo lieber ſtützte, als er glaubte, daß, wenn ſeine Füße nicht die ganze Laſt ſeines Körpers zu tragen hätten, dies nothwendig ſeine Schuhe ſcho⸗ nen müſſe. Man kam zum Notar, der ein kurzes Protokoll aufſetzte und die Verkaufsacte in vierundzwanzig Stunden vorzulegen verſprach; Eduard verpflichtete ſich, am andern Morgen mit dem Kaufgeld wieder da zu ſein, und Herr Renare, ſo hieß der Verkäufer, machte ſich anheiſchig, zur beſtimmten Stunde ſämmt⸗ liche Schlüſſel des Hauſes einzuhändigen. 5⁵ Sechstes Kapitel. Das ländliche Mittagsmahl⸗ „Jetzt wollen wir auch an das Mittageſſen den⸗ ken, rief Eduard, als man den Notar verließ, und wo möglich beim erſten Reſtaurateur des Drts.— Lieber Freund! wir hätten uns bei Herrn Renare hiernach erkundigen ſollen.— Ei bewahre, ich bin überzeugt, der alte Geizhals hätte uns in die ſchlech⸗ teſte Schenke gewieſen... aber ſieh da!... jenes Haus macht gute Miene, eine Reſtauration und Wein⸗ handlung... im gekrönten Degen... da lies nur .„Hier werden Hochzeiten und Feſtmahle beſorgt,“ was halten Sie davon?— Alſo hinein in den ge⸗ krönten Degen! Man tritt zum ländlichen Trakteur ein. Die Vorderſeite des Hauſes iſt mit Schinken, Paſteten, gebratenen Hühnern, Spargelbündeln und Wildpret bemalt, aber die Küche dergleichen ländlicher Wirths⸗ häuſer bietet ſelten mehr, als den vierten Theil von dem, womit die Hausthüre verziert iſt; ja ſelten findet man ſogar Feuer auf dem Herd. Als unſere Pariſer das Gaſtzimmer zum gekrön⸗ ten Degen betraten, war der Eigenthümer des Gaſt⸗ hofes, der zugleich die Stelle des erſten Kochs ver⸗ ſah, ſo eben beſchäftigt, ſich zu raſiren; ſein kleiner Küchenjunge ſpielte mit einem Joujou, die Frau des Hauſes ſtrickte und ihre beiden Mädchen wuſchen und bügelten. 56 „Teufel! rief Eduard, das deutet eben auf keine Küche! aber was hilft's, man muß eben mit den Wölfen heulen!...— Allerdings, mein Freund, unſer Appetit iſt der beſte Koch.“ Beim Anblick der eleganten Damen und eines Cabriolets vor der Thüre geräth alles in Bewegung. Der Gaſtwirth wirft Raſirmeſſer und Seifbüchſe bei Seite, wiſcht ſich das Geſicht ab und geht halb raſirt den Gäſten mit tiefen Bücklingen entgegen; ſeine Frau wickelt das Strickzeug zuſammen, wirft es auf den Bügeltiſch, und Goton, eine der Mädchen, ſchaut auf die ſchönen Damen, hebt das heiße Bügeleiſen aus Vergeßlichkeit in die Höhe und fährt damit der Wirthin unter die Naſe; die Hausfrau fährt in Folge des Schmerzens, den ihr das glühende Eiſen verur⸗ ſacht, mit lautem Geſchrei zurück, wirft den Waſch⸗ trog um, worüber der Küchenjunge noch mehr er⸗ ſchrickt und ſein Joujou in ein Kaſſerol verſteckt; die Damen aber entfernen ſich ſchnell, um nicht in das Seifenwaſſer zu treten, womit das Zimmer plötzlich überſchwemmt iſt. Der Reſtaurateur ſtottert tauſend Entſchuldigun⸗ gen, ſucht aber dabei zugleich ſeine Frau zu beruhi⸗ gen.„Ich bitte tauſend Mal um Verzeihung, meine Damen, mein Herr, ſagt er; haben Sie nur die Güte näher zu treten... ſei doch nur ruhig, Frau! es iſt ja nicht ſo bedeutend!... ich brenne mich weit öfter des Tages... Wir können mit allem aufwarten, meine Küche iſt gut beſtellt... das alberne Mädchen, die Goton, gibt nie Acht auf das, was ſie thut. 57 ſetze Kartoffeln ans Feuer, liebe Frau... aber kommen Sie doch nur näher, meine Herrſchaften, und wählen Sie ſich ein Zimmer oder Kabinet nach Belieben.“ Die Damen ſcheuen ſich einzutreten, weil ſie ſich die Füße nicht naß machen wollten; endlich bringt das Mädchen ein langes Brett und bildet damit eine Brücke nach dem Nebenzimmer. Die Paſſage erregt Lachen und unſere Reiſenden verſprechen ſich viel Vergnügen in einem Wirthshauſe, wo der Eintritt ſchon ſo viel Spaß macht. „Nun, mein lieber Herr Gaſtrath, was derden Sie uns vorſetzen können, fragte Murville den Koch, der ihm gefolgt war und ſeine Künſte herausſtrich.— Mein Herr, ein ſchmackhaftes Kaninchenragout.— O, das dacht' ich mir, die Kaninchen fehlen nie bei euch Leutchen, aber wir ſind keine Freunde davon... Können Sie uns Cotelettes geben?— Gewiß, mein Herr, die ſind leicht zu haben.— Ein gebratenes Huhn?— Ich habe gerade eines, das muß delikat ſein.— Friſche weiche Eier?— O! anders als friſch kennen mir ſie nicht!— Nun, weiter bedürfen wir nichts, mit Salat und Ihrem beſten Wein werden wir eine treffliche Mahlzeit halten, was meinen Sie, meine Damen?— Ja wohl, nur hübſch raſch, denn wir verſchmachten vor Hunger.— Tragen Sie keine Sorge, meine Herrſchaften, Sie ſollen augenblicklich bedient ſein.“ Meiſter Bonneau kehrt zu ſeinen Leuten zurück.— „Nun munter, ruft er und ſteckt ſein Schnupftuch im Dreieck als Schürze vor, was nur bei beſonderen ————— — 4 58 Gelegenheiten geſchieht; hübſch munter jetzt, Frau und ihr Mädchen, es gibt zu kochen und zu braten, und es iſt nichts vorräthig, als Kaninchenragout, das ſie nicht mögen, und das alte Teufelshuhn, das ich vor acht Tagen für den Juden braten ließ, der nichts als friſches Schweinefleiſch aß. Nun, hoffe ich, ſoll es endlich einmal geſpeist werden; Goton ſteck es an den Spieß... ich glaube, es iſt nun das fünfte Mal; aber es ſchadet aichts, ich mache eine Sauce von hoeuf à la mode daran, dann wird es ſchon hinunterrutſchen.— Gott, wie habe ich mich ver⸗ brannt, ich lege ſchon das ſiebente Mal geſchabene Kartoffeln auf.— Potz Blitz! Du bringſt mich da auf einen trefflichen Gedanken, die geſchabenen Kar⸗ toffeln laſſen ſich vorzüglich benützen; lege ſie bei Seite, Frau, ich mache ein Souffle für unſere Gäſte davon... Du.,, Fanfan, laufe zum Schlächter und hole mir Hammelcotelettes, und Du, Marianne, kaufe Eier und komm bald zurück, um den Salat zu leſen... Ach! hurtig, zündet ein Licht an... gebt mir Siegellack, daß ich meine Flaſchen verſiegle, das macht den Wein beſſer.“ Ein Jedes beeilt ſich, die Befehle des Herrn zu befolgen, der ſeine Bratöfen heizt und ſeine Hemd⸗ ärmel hoch hinaufſchlägt, um das Waſſer zu den Eiern beizuſetzen; Goton ſpießt das unglückliche Huhn zum ſechsten Male und fleht zum Himmel, es möchte das letzte Mal ſein; Marianne bringt Eier und eilt ſodann in den Garten, um ein Dutzend Salathäupter zu ſchneiden, und Frau Bonneau endlich ſchabt fleißig „ 59 Kartoffeln, legt ſie ſich auf den Brandfleck und ſam⸗ melt ſie hernach pünktlich auf einen Teller, wie ihr Mann es verlangt, denn ein geſchickter Koch weiß von Allem Vortheil zu ziehen. Fanfan kommt aber vom Metzger mit der trau⸗ rigen Nachricht zurück, daß es keine Cotelettes gebe; der Maire hat ſo eben die letzten erhalten; wenn man aber noch eine Stunde warten möchte, ſo ließe ſich's machen; der Knecht läßt nur ſein Meſſer ſchleifen und ſoll, ſowie er zurückkehrt, einen Hammel ſchlach⸗ ten.—„Teufel! das iſt ein dummer Streich! ruft Bonneau, indem er die Eier ins Waſſer legt... nun, ich werde meine Gäſte um ihre Meinung fragen.“ Der Wirth geht ins Nebenzimmer, wo die Damen und Eduard bereits mit Ungednld auf das Mittag⸗ eſſen harren, dabei aber noch immer über die Ein⸗ trittsſcene lachen. „Nun! wie iſt's, werden wir bald ſpeiſen? fragt Eduard, ſowie er den Wirth erblickt.— Im Augen⸗ blick, mein Herr!— Ihre Augenblicke ſind ziemlich lang, Herr Gaſtrath!— Ich wollte nur Ihre Befehle wegen der Cotelettes einholen.— Wie?— Der Metzger hat keine vorräthig; aber ſein Knecht wird ſehr bald zurückkommen, ſodann gleich einen Hammel ſchlachten, was nicht allzu lange dauern wird, zumal wenn Sie einen Spaziergang in meinem Garten machen wollten.— Den Teufel auch, da könnten wir lange warten... ein ſchöner Vorſchlag!... Wir ſind nicht hiehergekommen, um Ihre Salat⸗ und Schnitt⸗ lauchbeete zu bewundern!— Lieber Freund! beruhige 60 Dich nur, bittet Adeline, über des Wirths Kalt⸗ blütigkeit und Eduards Aerger lachend, dann eſſen wir keine Cotelettes.— Kann ich die Schüſſel mit einem delikaten Kaninchenragout aufſetzen, Madame? — Geben Sie uns, was Sie wollen, aber geben Sie uns doch wenigſtens etwas.— Im Augenblick ſollen Sie bedient ſein.“ Meiſter Bonneau iſt ganz ſelig, daß er ſein Kanin⸗ chenragout vorſetzen darf, denn das iſt das Gericht, worin er ſich auszeichnet. Er ergreift das Kaſſerol, worin ſich die Ueberreſte von zwei Kaninchen befinden, ſetzt es, nachdem er es zugedeckt hat, aufs Feuer, befiehlt Fanfan, das Ragout fleißig umzurühren und trägt ſeine weichen Eier der Geſellſchaft auf. „Sie ſehen, meine Herrſchaften, wie flink ich bin, ſagt er, indem er die Eier mit größtmöglichſtem An⸗ ſtand den Gäſten vorſetzt... Ich denke, ein Soufflé von Kartoffeln à la fleur d'orange dürfte der verehr⸗ lichen Geſellſchaft wohl auch nicht mißfallen?— Wie, Herr Wirth, im gekrönten Degen gibt's auch Souffle's?— O ja, mein Herr, und zwar ſehr gute, ich kann mich deſſen rühmen.— Ei, da ſind Sie ja ein Meiſter in Ihrem Fache?— Mein Herr, wenn man in Paris bei Very gelernt hat..— Ach, das iſt was anders; wenn Sie ein Zögling von Very ſind, ſo wundere ich mich freilich nicht und habe alles Vertrauen zu Ihrem Soufflée.“ Bonneau zieht ſich, ganz aufgeblaſen von den ihm gemachten Complimenten zurück; die Damen ver⸗ ſuchen die vermeintlichen weich geſottenen Eier mit 61 Brodſchnitichen zu eſſen, aber es iſt rein unmöglich, ſie ſind ſteinhart und nach abgelöster Schale kaum zu zerſchneiden. Adeline lacht laut auf, Madame Germeuil ſchüt⸗ telt den Kopf, und Eduard findet überdies noch, daß die Eier nicht friſch ſind. „Das bringt mir eben keinen hohen Begriff von ſeinem Soufflé bei, ſagt die Mama, indem ſie ihr Ei wieder auf den Teller legt.— Nur Geduld, wir haben ja noch Hoffnung!... Sie wiſſen, große Männer achten das Kleine nicht, und Very's Zögling kann zuletzt wohl das Weiche⸗Eier⸗ Kochen nicht ver⸗ ſtehen.“ Bonneau trägt jetzt mit beiden Händen eine unge⸗ heure Schüſſel voll Kaninchenragout auf. „Herr Wirth, die Eier beweiſen eben Ihre große Kunſt nicht, ſie ſind hart wie Stein, und dazu nicht ganz friſch.— Wenn ſie Ihnen nicht ganz friſch vor⸗ kommen, ſo muß das an den Hühnern liegen, denn ſie ſind erſt heute gelegt; was aber das Harte be⸗ trifft, ſo geſtehe ich, liegt der Fehler an meiner Uhr, ich laſſe ſie fünf Minuten im Waſſer; wenn aber die Uhr ſtehen bleibt, während ſie auf dem Feuer ſind, ſo kann der beſte Koch getäuſcht werden!— Da haben Sie Recht, es iſt nur ein Glück, daß zum Ragout keine Eier gehören, und es nicht auch nach der Minute zubereitet wird.— Ach, Sie werden damit zufrieden ſein, ich werde unterdeſſen dafür ſorgen, daß das gebratene Huhn recht mild werde.“ Bonneau nimmt ſeine harten Eier, wovon man keines gegeſſen hat, mit fort, um ſie zum Salat zu verwenden und ſie ſich ſo zweimal bezahlen zu laſſen; ein doppelter Vortheil! und damit man nicht mehr ſagen kann, ſie ſeien nicht friſch, holt er eine Sorte Oel herbei, deſſen Geruch und Geſchmack nothwendig vorherrſchen müſſen. „Nun, meine Damen, da wir doch einmal durch⸗ aus Kaninchenragout eſſen müſſen, ſo wollen wir ſehen, ob das unſerem Wirthe Ehre machen wird, aber was der Teufel iſt denn darin?... Bindfaden! Bin2det unſer Very die Kaninchen im Kaſſerol feſt?... Das hängt ja Alles zuſammen, und ich kann das Ende nicht finden. Aber was ſehe ich denn da, meine Damen, iſt das ein Schenkel oder ein Kopf?.. Die Kaninchen müſſen ſonderbar gebaut ſein.— Ach, mein Gott! ruft Adeline, das Ding auf Eduards Gabel näher anſehend, das iſt ein Joujou!“ Die junge Frau läßt ihren Teller wieder fallen und lacht bis zu Thränen, Eduard ebenfalls, und Madame Germeuil ſelbſt kann bei dem Anblick des Joujou's, deſſen Bindfaden alle Stücke des Ragouts umſchlungen hält, nicht ernſthaft bleiben. Man wird ſich noch erinnern, daß bei der Ankunft unſerer Pariſer das ganze Haus in Aufruhr kam; der Küchenjunge ſpielte gerade mit einem Joujou, und als die Wirthin ſich verbrannte und vor Schmerz den Waſchzuber umwarf, fürchtete Fanfan, geſcholten zu werden, und verſteckte ſchnell ſein Joujou in der nächſten beſten Pfanne. Das mußte nun gerade die ſein, worin ſich das Ragout befand. Als ſie Bonneau 63 ſpäter nahm, hatte er ſogleich einen Deckel darauf geſtürzt, ohne vorher hineinzuſehen; der Knabe hatte auf Befehl ſeines Herrn dann fleißig herumgerührt, ohne zu ahnen, daß er ſein Joujou kochen laſſe. Das laute Lachen der Geſellſchaft drang bis zu den Ohren Meiſter Bonneau's. „Ei, eil rief er, es ſcheint, unſere Gäſte ſind zufrieden! ich dachte es doch, mein Ragout würde ſie guter Laune machen... deſto beſſer; da wird das alte Huhn Gnade finden... Geſchwind wollen wir's hineinbringen und den Salat dazu. Goton gib die Oelflaſche... So.. ſind die gehackten Eier darauf? . ſo, ſchön... recht ſchön... Ol dies Eſſen trägt uns einen achttägigen Verdienſt ein.“ Er tritt zu unſern fröhlichen Gäſten ins Zimmer, ſtellt Huhn und Salat auf den Tiſch und erwartet ſchweigend ein neues Compliment. „Meiner Treu, Herr Reſtaurateur, fängt Eduard mit erzwungenem Ernſt an, Sie bewirthen uns auf eine ganz eigenthümliche Weiſe... Was wollen Sie denn mit Ihrem Ragout von Joufou's ſagen.— Wie ſoll ich das verſtehen?— Daß wir davon nichts genießen können, Herr Bonneau.— Was ſoll denn das bedeuten?— Sehen Sie nur, iſt denn das ein Kaninchen?“ Herr Bonneau ſteht ganz verblüfft vor dem mit Sauce überzogenen Joujou.— Da, ſagt Adeline, nehmen Sie Ihr Ragout wieder mit, was wir darin gefunden haben, reizt uns eben nicht, es zu ver⸗ ſuchen.— Madamel ich bin wahrhaftig untröſtlich!... Thier los; das ſechsfache Feuer hat es dermaßen 64 indeſſen werden Sie doch die Ueberzeugung haben, daß ich unſchuldig bin... wenn die Kaninchen Jou⸗ jou freſſen.— Wahrhaftig, das iſt ſtark, wenn ihr Huhn nicht beſſer iſt, müſſen wir ſehen, wo wir anderwärts zu eſſen bekommen.“ Der Wirth geht, ohne weiter hören zu wollen; roth vor Wuth langt er in der Küche an und ſchüt⸗ telt Fanfan tüchtig an den Ohren, um ihn Raiſon zu lehren. „Aber was haſt Du denn, lieber Mann, fragt Frau Bonneau, ihm die Schüſſel mit den geſchabenen Kartoffeln bringend.— Was ich habe, was ich habe? der Schlingel macht nichts als dumme Streiche! thut Spielzeug in meine Ragouts; kürzlich fand man auch zwei Pfropfen in einer Matelotte; zum Glück waren die Gäſte benebelt und hielten ſie für Champignons; heute haben wir es aber mit vornehmen Leuten zu thun, und der Schlingel iſt ſchuld, daß man das Ragout nicht anrührt! und das muß gerade geſchehen, wie ich ihnen das verunglückte Huhn vorſetze!... der Junge iſt ſo ſchmutzig, als diente er bei einem Garkoch!... Frau, kratze Deinen Brandfleck ſauber ab, es iſt ja noch Kartoffelbrei darauf... nur hurtig! ich muß meine Reputation durch das Soufflé wieder herſtellen.“ Während Bonneau ſeine ganze Kunſt auf das Zwiſchengericht verwendet, ſucht Eduard das Huhn zu tranchiren und Madame Germeuil den Salat an⸗ zumachen. Aber vergebens arbeitet er auf das alte 65 ausgetrocknet, daß es unmöglich iſt, mit dem Meſſer hineinzukommen.— Da iſt Alles umſonſt! ruft Eduard und ſtößt die Schüſſel von ſich.— Das Oel iſt auch nicht zu genießen, verſetzt Madame Germeuil.— So ſollen wir alſo heute nicht zu Mittag ſpeiſen, lacht Adeline.“ „In der That, meine Damen, ſagt Eduard, in⸗ dem er aufſteht, ich glaube, es iſt überflüſſig, noch das Kartoffelſouffle abzuwarten, wir könnten viel⸗ leicht gar noch Schuhſohlen darin finden. Nehmen Sie Ihre Shawls, Ihre Hüte, ich werde indeſſen dem Wirth den Marſch machen, daß er uns ſo zum Beſten gehabt hat.— Aber vor Allem, lieber Freund, ärgere Dich nicht, denke, daß es das Vernünftigſte iſt, über unſer Mißgeſchick zu lachen; nicht wahr, Mama?— Ja, meine Tochter, aber das Eſſen wer⸗ den wir doch nicht bezahlen.“ Eduard geht nach der Küche; als er gerade in das Vorzimmer treten will, dringt die Stimme des einen Mädchens in ſein Ohr; er hört vom Soufflé ſprechen, horcht neugierig auf ihr Geſchwätz und ver⸗ nimmt folgende Unterredung:„Ich ſage Dir, Marianne, ich möchte von dem Zeuge nichts um viel Geld ver⸗ ſuchen, was der Herr ſo eben zuſammenrührt!— Nun, wahrlich, Du biſt recht ekel!... Das iſt ja ein Leckerbiſſen.— Ein ſchöner Leckerbiſſen... er wird gut ſchmecken!“— Bah! wer wird denn ſo delikat ſein... Wenn Du aber Brod backen oder Wein kel⸗ tern ſiehſt... da geht es oft noch weit ärger zu!... und beides ſchmeckt doch hernach gut!— Du magſt Paul de Kock. XIX. 5 —— ſagen, was Du willſt, Marianne, ich ſehe nicht zu, wie Brod und Wein gemacht wird, aber ich habe die Kartoffeln auf dem Brandfleck der Frau geſehen, die ſich eben nicht alle Tage ſeift, und ich weiß, daß nach einer Paſtete daraus mich nicht gelüſtet.“ Eduard hat genug gehört;... er ſtürmt in das Zimmer, die beiden Mädchen ſind hierüber ganz ver⸗ wundert und laſſen ihn durch nach der Küche, wo Meiſter Bonneau ſo eben ſein Soufflé mit einer Him⸗ beerſauce übergießt. Murville ſtößt wild um ſich her, ergreift das Gericht und wirft es durchs Fenſter in den Garten. Der Wirth iſt wie verſteinert. „Was iſt Ihnen, mein Herr?... woher dieſer Zorn?— Ha, verteufelter Garkoch!... Ihr macht uns ein Souffle mit Kartoffeln, die Eure Frau ſchon als Umſchlag auf ihrem Brandfleck benutzt hat?— Mein Herr, was wollen Sie damit ſagen?— Ihr verſteht mich ſchon, Ihr verdienet, daß ich Euch recht derb die Meinung ſage.— Mein Herr... ich weiß nicht...— Wir gehen, aber ich komme wieder, Meiſter Bonneau, und werde des Very'ſchen Schülers mit ſeinem gekrönten Degen, ſeinen Hochzeiten und Gaſtmahlen alsdann gedenken.“ Eduard läßt den verblüfften Wirth ſtehen und begibt ſich wieder zu den Damen, die ſo eben das Speßezimmer verlaſſen wollen.— Laſſen Sie uns g⸗on, ſagt er, und uns glücklich ſchätzen, von dem Kartoffelſouffle nichts genoſſen zu haben.— Nun, was iſt denn damit vorgegangen, mein Lieber?— . 67 Ich werde Dir das nachher erzählen; das Dringendſte iſt jetzt, aus dem Hauſe dieſes infamen Giftmiſchers zu kommen.“ Eduard ergreift Adelinens Hand, Madame Ger⸗ meuil ihren Shawl, und ſie verlaſſen das Gaſthaus, als plötzlich der Wirth ihnen nachläuft und ſie anhält. „Einen Augenblick, mein Herr! ruft der Wirth, ſeine baumwollene Mütze hin und herſchiebend, einen Augenblick, ich bitte, ich dächte, bevor man geht, ſollte man doch ſein Mittageſſen bezahlen.— Unſer Mittageſſen!... zum Henker, Herr Reſtaurateur, es ſollte Ihnen ſchwer werden, zu beweiſen, daß wir gegeſſen haben!— Mein Herr, ich habe Ihnen vor⸗ geſetzt, was Sie verlangt haben; wenn Sie nichts davon gegeſſen haben, iſt es nicht meine Schuld!— Sie treiben Scherz, Herr Bonneau, wenn Sie be⸗ haupten, uns nach Wunſch bedient zu haben; wir wollten weichgeſottene Eier, Sie gaben uns ſtein⸗ harte; wir foderten Cotelettes, Sie thun uns Joujou in Ihr Ragout; ſtatt Wein erhalten wir Eſſig, ſtatt Provenceröl Lampenöl zum Salat; ein Huhn, das nicht einmal ein Engländer tranchiren könnte und ein Souffle, womit... kurz, Herr Garkoch, geben Sie ſich zufrieden, oder ich laſſe Sie noch obendrein be⸗ ſtrafen und Ihre Boutique zuſchließen.— Meine Boutique! ſchreit Bonneau, ganz außer ſich vor Wuth; das wollen wir doch ſehen... Bezahlen Sie auf der Stelle hier meine Rechnung. Vierzig Fran⸗ ken fünfzehn Centimes, oder Sie gehen mit mir zum Maire.“ Statt aller Antwort ergreift Eduard die Rechnung und wirft ſie dem Traiteur ins Geſicht, da erhebt Bonneau ein ſo entſetzliches Geſchrei, daß alle Bauern aus dem Orte zuſammenlaufen.„Das ſind Leute aus Paris, die ihren Mittagstiſch nicht bezahlen wollen, ruft das Landvolk, ſtets bereit, dem Städter Unrecht zu geben; das kömmt im Cabriolet an und hat keinen Sous in der Taſche.“ uUnſere jungen Eheleute lachen über das Geſchrei und machen ſich zu dem Maire auf den Weg; Mama Germeuil folgt ihnen im Wagen; alle Bauern um⸗ geben Herrn Bonneau, der voran geht, neben ſich Fanfan mit dem unglücklichen Huhn auf der Schüſſel, weil Eduard verlangt hat, daß daſſelbe einer näheren Prüfung unterworfen werde. Der Zug geht durchs Dorf zur Wohnung des Mairs und vergrößert ſich mit jedem Augenblick, denn eine ſolche Begebenheit iſt jedem willkommen. Endlich iſt man da und ver⸗ langt den Maire zu ſprechen.„Er hat jetzt nicht Zeit, ſagt die Magd, er ißt gerade zu Mittag.“ „Er ſoll aber zwiſchen uns entſcheiden, verſetzt Bonneau; ja! und dies Huhn unterſuchen, ſetzt Eduard mit Lachen hinzu.— Ach! es betrifft ein gebratenes Huhn, das iſt etwas Anderes, antwortet das Mädchen, da rufe ich plötzlich den Maire, denn ſo etwas intereſſirt ihn.“ Sie geht zu ihrem Herrn und erzählt ihm den Hergang ſo ausführlich, daß er nichts davon verſteht und ſich zuletzt entſchließt, ſeine Gäſte auf einige 69 Augenblicke zu verlaſſen, um ſich ins Audienzzimmer zu begeben. Tiefe Stille herrſcht in der Verſammlung, als der Maire eintritt.— Wo iſt das Huhn, der Gegen⸗ ſtand des Streites? fragt er mit pathetiſcher Amts⸗ miene.— Herr Maire! nicht bloß ein Huhn, ſondern ein ganzes Mittageſſen will man mir nicht bezahlen! — Ein ganzes Mittagsmahl!... das iſt von Wich⸗ tigkeit!— Hat man's verzehrt?— Nein! antwortet Eduard, an dem Huhn hier haben Sie den Beweis davon.— Sehen Sie nur die Rechnung nach, Herr Maire! Sie werden ſich ſelbſt überzeugen, wie bil⸗ lig Alles angeſetzt iſt.— Her mit der Rechnung!... Weiche Eier!— Sie waren ſteinhart!— Das iſt gleich!... wer Gläſer entzwei wirft, muß ſie bezah⸗ len, mit Eiern iſt es daſſelbe. Kaninchenragout.— Wir fanden ein Joujou darin.— Das hat mit dem Kaninchen nichts zu thun. Ein Joujou iſt übrigens nicht im Stande, den Geſchmack zu verderben... Weiter... Ein gebratener Kapaun...— Da iſt er, ſuchen Sie mal gefälligſt hineinzukommen.“ Der Maire gibt Fanfan einen Wink, ſich A eler nähern, aber der Knabe, in Gegenwart ſo vie Menſchen eingeſchüchtert, hält die Schüſſel nicht feſt, und der ſogenannte Kapaun rollt auf den Fußboden und macht dabei ein Getöſe, wie eine Kindertrommel, wenn ſie auf Steinpflaſter fällt.—„Oho! ruft der Maire, er ſcheint doch etwas trocken zu ſein.— Der weite Weg in der Sonnenhitze hat ihm freilich zuge⸗ ſetzt,“ meint Bonneau. — — 70 „Der Tauſend... drin iſt ja mein Freund, der Notar, der verſteht ſich auf Kapaunen, wie ſeine Frau ſagt, der ſoll hier entſcheiden. Der Maire öffnet die Thüre des Nebenzimmers, und ruft den Notar, der bei ihm ſo eben als Gaſt iſt. Eduard und Adeline verlieren allmälig die Ge⸗ duld; ſie vermuthen, nach dem ſo eben vom Maire Gehörten, daß ſie ihren betrügeriſchen Wirth werden bezahlen müſſen, und dieſer, ſeines Siegs gewiß, blickt ſie frech an und lächelt den Bauern zu, die ſchon auf den Augenblick harren, ihren ganzen Spott gegen die feinen Pariſer loszulaſſen. Aber der Notar tritt ein, ſieht Eduard und ſeine Frau, erkennt in ihnen die Käufer des Landhauſes, und ſtatt ſich um das Huhn zu kümmern, das Bon⸗ neau ihm unter die Naſe hält, macht er dem jungen Ehepaare eine tiefe Verbeugung. „Was!.. Sie kennen den Herrn und die Dame? fragt mit Verwunderung der Maire.— Ich habe die Ehre; der Herr hat das Haus meines Nachbars Re⸗ 6 narèe erkauft, und bezahlt ſogleich baar... der Kauf⸗ oontrakt iſt bei mir unter der Feder.“ Ddieſe Worte geben mit Einemmale der Sache eine andere Wendung. Der Maire überhäuft Eduard und ſeine Begleiterin mit Artigkeiten; er bittet ſie, in das andere Zimmer zu treten und auszuruhen; als⸗ dann wendet er ſich ganz aufgebracht gegen den ver⸗ blüfften Gaſtwirth.— Ihr ſeid ein Spitzbube, ein Betrüger, fährt er ihn zornig an, Ihr verlangt Geld für ein Eſſen, das man gar nicht angerührt hat. 71 Ihr bietet Euren Gäſten ausgetrocknete Hühner, faule Eier an und fordert vierzig Franken dafür?— Aber, Herr Maire, Sie ſagten doch ſo eben.— Schweigt, oder ich ſtrafe Euch noch dazu... Ich weiß, daß Ihr Euren Wein verfälſcht und Katzen ſtatt Kaninchen ausgebt, aber nehmt Euch in Acht... für die erſte fette Katze, die man vermißt, bleibt Ihr verant⸗ wortlich!“ Der Wirth zieht ſich verwirrt und wüthend auf den Notar, der den Maire wie eine Wetterfahne ge⸗ wendet, zurück; er ſtößt Fanfan vor ſich her und kommt, das alte Huhn in der Hand, zu Hauſe an, wo er ſeinen Leuten zur Strafe befiehlt, den Kapau⸗ nen zu Abend zu ſpeiſen, damit ein jedes ſeinen Aer⸗ ger theile. 7 Der Maire ladet ſogleich Eduard und Adeline ein, bei ihm zu Mittag vorlieb zu nehmen, und er⸗ bietet ſich, Madame Germeuil ſelbſt aus dem Ca⸗ briolet zu holen; aber die jungen Eheleute wider⸗ ſetzen ſich ſeinen Bitten; ſie geben vor, in Paris erwartet zu werden, und ihre Abreiſe nicht länger aufſchieben zu können. 3 4 Man trennt ſich, der Maire mit Betheurungen der Freude über ihre baldige nähere Bekanntſchaft, und unſer Ehepaar mit dem aufrichtigſten Dank für ſeinen Eifer, ſeit der Ankunft des Notars. Die Landleute umgaben noch das Haus des Maire's, als Eduard und Adeline es verließen, machten Ihnen ehrfurchtsvoll Platz und bezeugten 72² auf alle mögliche Weiſe den Pariſern ihre Ergeben⸗ heit, bis dieſe ihren Augen entſchwunden waren. Und doch waren dies dieſelben Bauern, die kurz zuvor ſie mit ihren Schimpfreden verunglimpft hat⸗ ten; aber ſie ahneten da noch nicht die veränderte Stimmung des Maire's! Die Menſchen ſind überall dieſelben. Siebentes Kapitel. Worin der bärtige Mann wieder vorkommt. Ganz ausgehungert kommt man in Paris an. Man verlangt ſchnell zu eſſen. Die Dienſtboten be⸗ eilen, ſtoßen ſich, um recht flink zu ſein; aber beim Laufen, Stoßen, ſchnellen Treiben wird eine Sache für die andere genommen, eine Sauce übergegoſſen, ein Gericht angebrannt, ein anderes kalt aufgetragen; kurz, wie gewöhnlich, wenn es ſchnell gehen ſoll, macht man alles verdreht. Die Bedienung hat ihre Herrſchaft zum Mittag⸗ eſſen nicht mehr erwartet; der alte Raimund kann es nicht begreifen, warum ſie hungrig zurückkommt, und die Köchin ärgert ſich, gar nicht darauf vorbereitet geweſen zu ſein; unſere Reiſenden finden jedoch alles delikat, denn Meiſter Bonneau's Küche iſt ihnen noch in lebhaftem Andenken. Am andern Morgen war Adeline zu angegriffen, um Eduard nach Villeneuve⸗Saint⸗George begleiten zu können, und da man dem alten Renare ſein Wort . 73 gegeben hatte, ſo mußte ſie ihren Mann ſchon allein fahren laſſen. Muͤrville verſprach ſpäteſtens zum Mittag wieder zurück zu ſein.—„Daß Dir nur nichts Unangeneh⸗ mes begegnet, ſagt Madame Germeuil.— Ich wette, Mama, Sie denken noch an den Mann mit dem Schnurrbart am Ende des Gartens.— Ja, ich kann es nicht läugnen, und ich muß ſogar geſtehen, daß ich die ganze Nacht davon geträumt habe.— Das wundert mich nicht, wenn uns bei Tage etwas leb⸗ haft ergriffen hat, ſo ſieht unſere Einbildungskraft im Traume denſelben Gegenſtand; aber darum ſoll uns dies nicht Grund zu traurigen Ahnungen geben. — In der That, Mama, Sie machen mich ordent⸗ lich unruhig, ſagt Adeline, ich wünſchte, Eduard wäre ſchon wieder zurück... Und doch iſt es wirklich kindiſch, ohne Urſache ſich zu fürchten und ſich zu ängſtigen!... Drum reiſe glücklich, lieber Mann, kehre bald wieder zurück, und vor allen Dingen kehre nicht im gekrönten Degen ein.“ Eduard küßt die Hand ſeiner Schwiegermutter und umarmt Adeline, wie man ſeine Frau am zwei⸗ ten Tag nach der Hochzeit umarmt, wenn man alles gefunden hat, was man hoffte, oder wenn man glaubt, alles gefunden zu haben, was ſo ziemlich daſſelbe iſt, und was ſo Manchem begegnet, der recht klug zu ſein glaubt und doch betrogen wird⸗ Er kommt in Villeneuve⸗Saint⸗George an, und ſteigt vor ſeinem künftigen Landhauſe ab.— Iſt Herr Renarè zu Hauſe? fragt er den Diener.— Er iſt 74 ſchon beim Notar, mein Herr!— Der Tauſend, wie prompt! ſo will ich ihn auch nicht länger warten laſſen.“ Murville läßt ſein Cabriolet im Hofe ſtehen und geht zum Notar. Der Contrakt iſt aufgeſetzt und Herr Renareè wartet ſchon mit Ungeduld auf ſeinen Käufer, denn nach dem Auftritt im gekrönten Degen hatten ſich ſeiner ſchon einige Zweifel wegen des Hausverkaufs bemächtigt; aber Eduards Ankunft und hauptſächlich ſeine mit Banknoten angefüllte Schreib⸗ tafel geben ihm ſeine vollſtändige Ruhe wieder. Verhandlung und Kaufcontrakt werden unterzeich⸗ net, die Gelder ausgezahlt, und Herr Renarè über⸗ gibt ſchmunzelnd Eduard die Schlüſſel des Hauſes.— So ſind Sie denn jetzt der Eigenthümer und können von dieſem Augenblick an über Alles, was darin iſt, verfügen, denn ich habe es Ihnen ja ganz mö⸗ blirt verkauft.— Ich bin Ihnen ſehr verbunden, wünſche aber, daß Sie ſich zur Räumung Zeit neh⸗ men und meinethalben nicht geniren.— O! meine Vorkehrungen ſind gleich fertig;... ich nehme nur ein kleines Paket unterm Arm mit mir.— So haben Sie wohl ſchon eine andere Wohnung?— Dafür iſt geſorgt, ſagt der Notar, Herr Renarè hat noch ſechs Häuſer in Paris und drei in der Umgegend, wegen eines Unterkommens iſt er nicht verlegen!“ Sechs Häuſer in Paris, denkt Eduard, und er trägt einen abgeſchabenen Rock, einen durchlöcherten Hut! iſt dabei Hageſtolz und ohne Erben; dieſer Menſch glaubt wohl ewig zu leben! 75 Unſer junger Mann grüßt den alten Geizhals und den Notar, und begibt ſich nach ſeiner neuen Beſitzung; der Hausknecht erwartet ihn im Hofe und ſcheint ihn etwas fragen zu wollen; Eduard erräth ſeine Gedanken. „Dies Haus iſt jetzt mein, ſagt er, der Kauf⸗ contrakt hier macht mich zum Beſitzer; Herr Renare wird es jedoch Euch gleich ſelbſt ſagen.— Mein Herr, ich zweifle nicht daran.— Bleibt Ihr bei Herrn Renare?— Nein, ich gehöre zum Hauſe, und wenn der Herr mich nicht behält, ſo bin ich brod⸗ los.— Nun, ſo ſollt Ihr bei mir bleiben, ich will Euch nicht fortſchicken; von dieſem Augenblick an ſeid Ihr in meinen Dienſten.— Das beruhigt mich; ich werde mich bemühen, Sie zufrieden zu ſtellen.“ Der rohe Bauer gefiel Eduard eben nicht beſon⸗ ders; er war ungehobelt, grob, und die Gewohnheit, mit Herrn Renarè zu leben, hatte ihn mißtrauiſch und unfreundlich gemacht; aber Muroille wollte ſich als Eigenthümer ſeines Vaterhauſes vor den Dorf⸗ bewohnern doch nicht gleich hartherzig zeigen. Da es noch frühe war und er ſeine Geſchäfte ſchneller beendigt hatte, als er glaubte, konnte er dem Wunſche nicht widerſtehen, ſeine neue Beſitzung noch einmal zu durchlaufen; er ließ ſich den Schlüſſel zum Gitterthor am Ende des Gartens geben und be⸗ fahl dem Diener, beim Wagen zu bleiben. Iſt man Herr eines Grundſtücks, ſo unterſucht man Alles aufs Genaueſte. Eduard bemerkte, daß Herr Renarè alle Beete mit Kohl und Salat ge⸗ pflanzt hatte, die urſprünglich für Blumen beſtimmt waren; die ſchönſten Akazienbäume, die freilich nur Schatten gaben, hatte er abhauen laſſen und ſie durch Obſtbäume erſetzt. Statt des Buchsbaumes, womit ſonſt die Gänge eingefaßt waren, fand er Peterſilie und Greſſe, und in den Gebüſchen, die früher von Flieder und Roſen dufteten, roch man nur Körbel und Zwiebeln. „Hier wird es viel zu thun geben, ſagt Eduard, über Renart's Knauſerei lächelnd; in acht Tagen ſchon ſoll das Alles anders ſein, bis auf die Aka⸗ zien, an denen ich ſonſt meine Schaukel befeſtigte!... wie glücklich bin ich doch einſt hier geweſen!“ Er näherte ſich jetzt der Gitterthüre.„Es ſcheint doch, als zeige ſich der furchtbare Kopf, der meine Dame ſo erſchreckte, nicht alle Tage,“ ſagte er, und wollte eben den Schlüſſel ins Schlüſſelloch ſtecken, als plötzlich das ſchnurrbärtige Geſicht über der zer⸗ brochenen Latte wieder vor ſeinen Augen erſcheint. Eduard bleibt betroffen ſtehen und fühlt ſein Herz heftig ſchlagen; er ſammelt ſich jedoch bald wieder. —„Was ſuchen Sie hier, fragt er den Unbekannten, und warum halten Sie ſich immer hinter dieſer Thüre auf, Ihre Augen nach dem Garten gerichtet?— Nichts ſuche ich, antwortete der Fremde in ſtarkem und rauhem Tone. Ich betrachte nur den Garten, weil er mir gefällt, und blicke hier durch das Gitter, weil man mir den Eintritt nicht geſtattet.— Wenn Sie ſonſt nichts verlangen, ſo können Sie Ihren Wunſch befriedigen. Treten Sie ein, nichts ſoll Sie jetzt daran hindern.“ 77 Bei dieſen Worten öffnet Eduard das Thor, denn er iſt neugierig, die ganze Figur des Fremden zu ſehen. Der Unbekannte ſcheint von Eduards Aner⸗ bieten überraſcht, läßt ſich aber nicht zweimal ein⸗ laden und tritt durch die geöffnete Thüre in den Garten. Murville erblickt einen Mann von hoher Geſtalt mit einem alten, blauen, bis zum Kinne zugeknöpſten Ueberrock, ſchwarzen, abgenutzten Siefeln und einem ſchlechten, dreieckigen Hut in der Hand. Beim Anblick dieſer ſonderbaren Geſtalt, der bleichen Geſichtsfarbe, dem langen Bart und dem ſchlechten Anzuge, der nur Elend und Unglück ver⸗ räth, denkt Eduard an den Argwohn ſeiner Schwieger⸗ mutter und ein Gefühl des Mißtrauens bemeiſtert ſich ſeiner. Der Fremde geht im Garten umher, bleibt bald vor einem Gebüſch, bald vor einem alten Baume ſtehen und ſcheint dabei gar nicht daran zu denken, daß er nicht allein iſt. Potz Tauſend, denkt Eduard, ich bin nicht umſonſt gefällig geweſen, ich muß wiſſen, wer dieſer Menſch iſt und was ihn hier intereſſirt... Wenn er nicht ſpricht, ſo werde ich ein Geſpräch mit ihm anknüpfen; er muß mir Antwort geben. Der Fremde ſetzt ſich auf eine Raſenbank, von wo aus man die Facade des Hauſes erblickt, und Eduard ſetzt ſich zu ihm. „ Ach, verzeihen Sie, fängt der Unbekannte an, aus ſeinem Nachdenken auffahrend, ich habe noch nicht X daran gedacht, Ihnen für Ihre Gefälligkeit zu danken, aber es intereſſirte mich ſo ſehr, dieſen Ort wieder zu ſehen.— Es hat gar nichts zu ſagen.— Sind Sie vielleicht der Sohn vom Herrn dieſes Hauſes? — Nein.— Deſto beſſer für Sie.— Warum denn? — Weil er ein alter Schurke iſt, wie ſein Diener, den ich faſt Luſt gehabt hätte, etwas derb Manier zu lehren!— Was hat man Ihnen denn gethan?— Ich beſuche dies Dorf, bloß, um dies Haus wieder zu ſehen. Ich komme geſtern ganz ermattet hier an, trete in den Hof und ruhe auf einer Steinbank aus. Da kommt der Hausknecht auf mich zu und fragt, was ich wolle. Ich ſage ihm, ich wünſchte den Garten zu beſehen; er aber fragt ſogleich, ob ich das Haus zu kaufen Luſt habe. Die Frage ſchon war eine Grob⸗ heit, denn ich ſehe nicht wie ein Hauskäufer aus.— Das iſt wahr! denkt Eduard.— Als er hört, daß ich andere Gründe für meinen Wunſch habe, befiehlt er mir, den Hof zu verlaſſen; ich bitte ihn noch⸗ mals, mich nur einen Augenblick den Garten durch⸗ laufen zu laſſen, er aber ruft ſeinem Herrn; ein alter Jude erſcheint, und beide wollen mich jetzt aus der Thüre werfen!... Kreuz⸗Donnerwetter!... mich zur Thüre hinauswerfen!... mich... einen... Doch nein!.. ich vergeſſe, daß ich es nicht mehr bin!... Aber wenn auch, ohne meine alten Erinnerungen, die mich abhielten, hätte ich Herrn und Diener tüchtig durchgeprügelt!... Ich that es alſo nicht, und da mir nichts Anderes übrig blieb, um den Garten zu ſehen, ſo ſtellte ich mich hinter jene Gitterthüre, wo 79 Sie mich ſchon geſtern bemerkten.— Es iſt mir ſehr lieb, Sie heute wieder gefunden und die Unart der Leute wieder gut gemacht zu haben.— Meiner Treu, es iſt ein bloßer Zufall; wartete ich nicht auf einen Kameraden, der mich hier im Dorfe abholen will, ſo wäre ich wahrſcheinlich nicht mehr hier.— Ah, Sie erwarten einen Kameraden.— Ja, mein Herr!“ Eduard ſchweigt einen Augenblick ſtill, indem er über die Worte des Unbekannten nachſinnt; dieſer hebt endlich wieder an.—„Entſchuldigen Sie, mein Herr, wenn ich mir eine Frage erlaube; wie geht es zu, daß der alte Spitzbube von Eigenthümer Ihnen ſeine Gartenſchlüſſel anvertraut?— Dies Grundſtück gehört nicht mehr Herrn Renare, denn er hat es heute an mich verkauft.— Verkauft! Ach, bei Gott, hierüber bin ich ſehr erfreut, es that mir wehe, dieſe Beſitzung in den Klauen jenes Schurken zu wiſſen. — Sie nehmen alſo viel Antheil daran?— Aller⸗ dings, denn ich brachte hier einen Theil meiner Jugendjahre zu.— Sie?— Ja, ich.“ Eduard betrachtet den Fremden mit größter Auf⸗ merkſamkeit; ein unklarer Verdacht, ein geheimes Vor⸗ gefühl bringen ſein Herz in Aufregung. Er ſieht jetzt erſt, daß der Fremde noch jung iſt, und daß nur Strapazen ſeine Züge gealtert haben und die Sonne ſeinen Teint gebräunt hat; er wünſcht und fürchtet mehr zu erfahren. „Ja, mein Herr, fängt der Unbekannte nach einer Pauſe wieder an, in dieſem Hauſe habe ich gewohnt, ich bin zum Theil hier erzogen worden... damals 80 verlebte ich hier, bei meinen Eltern, die glückſeligſten Tage... Ich hatte einen liebreichen Vater, einen Bruder!... Alles das habe ich verlaſſen!... und habe verdient, was ich jetzt dafür leide!— Sind Ihre Eltern vielleicht todt? fragt Eduard mit angſt⸗ voller Stimme, indem er verſtohlen die Züge und das Aeußere des Mannes näher betrachtet, den er zu erkennen fürchtet.— Ja, mein Herr, ſie ſind ge⸗ ſtorben, vielleicht aus Kummer über mich!... Meiner Mutter lag freilich nicht viel an mir, deſto herzlicher liebte mich aber mein Vater!... und nun ſoll ich ihn nicht wiederſehen! Hm! verdammter Trotzkopf, der mich ſo manche Thorheiten begehen ließ!— Und Ihr Bruder?— Mein Bruder lebt, wie ich in Paris erfuhr; er hat ſich verheirathet... Ich habe ſeine Adreſſe noch nicht erhalten können; aber morgen werde ich ſie bekommen, dann will ich ihn aufſuchen. Der arme Eduard, er wird ſtaunen, mich wieder zu ſehen! er glaubt ſicher, ich lebe nicht mehr!“ Eduard antwortet nicht, er ſchlägt, ungewiß, was er„thun ſoll, die Augen nieder und wagt es nicht, ſich's zu geſtehen, daß es ſein Bruder iſt, der vor ihm ſitzt. Jakob, denn er war es, überläßt ſich wieder ſeinem Nachdenken; mit der einen Hand ſtreicht er ſeinen Schnurrbart und mit der andern reibt er ſich die Stirne, als wollte er neue Gedanken faſſen; Eduard iſt unbeweglich und ſtumm; ſeine Augen fixiren dann und wann den Freund ſeiner Kindheit, aber der grobe Ueberrock, die alten Stiefel und hauptſächlich der 81 1 lange Bart halten ſein Herz zurück, das ihm befiehlt, ſich in die Arme ſeines Bruders zu werfen, ohne ſein Aeußeres, ſeine Lage zu beachten. Plötzlich ſcheint ein Gedanke ſich Jakobs zu be⸗ mächtigen.„Mein Herr, ſagt er, es wäre möglich, daß Sie meinen Bruder kennten; Sie ſcheinen in der großen Welt zu leben und halten ſich gewöhnlich in Paris auf?— Ja, das iſt wahr!— Vielleicht haben Sie etwas von Eduard Murville gehört?— Ja... ich... ich kenne ihn.— Sie kennen meinen Bruder? — Ich bin Eduard Murville.“ Eduard ſpricht dieſe Worte ſo leiſe, daß kein Anderer als Jakob ſie verſtanden hätte, aber dieſer hörte aufmerkſam zu, und ehe ſein Bruder noch geen⸗ digt, ſpringt er auf ihn zu und drückt ihn mit Herz⸗ lichkeit an ſich. Eduard erwidert ſeine Umarmung nicht ohne Wärme, aber der verdammte Schnurrbart iſt ihm zuwider, er iſt nicht mit ſich im Reinen und weiß nicht, ob er ſich darüber freuen oder ärgern ſoll, ſeinen Bruder wieder gefunden zu haben. „Aber warum haſt Du Dich nicht früher zu er⸗ kennen gegeben, fragt Jakob, ihm aufs Neue um den Hals fallend, konnteſt Du Dir denn nicht denken, wer ich ſei?— Doch, doch! allein ich wollte meiner Sache zuvor ganz gewiß ſein.— Du biſt alſo reich, glücklich?— Nun, ja!— Du biſt verheirathet? wo iſt Deine Frau?... es würde mich freuen, ſie kennen zu lernen.— Meine Frau?“ Eduard ſchweigt, die Erinnerung an Adeline, an Paul de Kock. XIX. 6 8² Madame Germeuil, der Schrecken und die Ahnungen der letzteren, die rauhen Manieren und die ärmliche Kleidung Jakobs, worin er gegen ihn ſo ſehr abſticht, das Alles peinigt Eduard, der ohnehin mit ſeinem ſchwachen und unſchlüſſigen Charakter ſich umſonſt bemüht, Eigenliebe und Eitelkeit mit der Bruderliebe in Einklang zu bringen. „An was, der Kuckuk, denkſt Du denn? fragte Jakob ſeinen Bruder, indem er ihn am Arme ſchüt⸗ telte.— Ach! ich denke nur nach... es iſt ſchon ſpät.. ich muß nach Paris zurück, wichtige Geſchäfte erfordern dort meine Gegenwart.“ Jakob antwortet nichts, aber ſeine Stirne zieht ſich in Falten, und er geht um einige Schritte zurück. „Und Du, Jakob, was treibſt Du denn jetzt?— Nichts, erwiderte dieſer ganz trocken und ſah dabei Eduard ſcharf an.— Nichts! aber wovon lebſt Du denn?— Bis jetzt habe ich noch von Niemanden etwas verlangt...— Deine Lage ſcheint nicht die beſte?— Sie iſt es auch wahrlich nicht!— Aber warum trägſt Du denn ſo einen wüthenden Bart? Ich denke doch, daß Du damit nicht meine Frau be⸗ ſuchen willſt.— Mein Bart verläßt mich nicht. Wenn Deine Frau eine Zierpuppe iſt und ſich vor meinem Ausſehen fürchtet, ſo ſei ohne Sorgen, dann wird ſie mich nicht oft zu ſehen bekommen!— Du ver⸗ ſtehſt mich falſch... das meine ich nicht damit... aber... ich muß jetzt fort, man erwartet mich in Paris... ich biete es Dir nicht an, jetzt mit mir zu kommen... übrigens erwarteſt Du ja Jemand 8³ hier im Dorfe, wie ich glaube.— Ja, einen Kame⸗ raden, einen Freund erwarte ich.“ Jakob legte auf das Wort Freund einen beſon⸗ dern Ton und ſah gleichſam mit verächtlichem Mit⸗ leid im Auge auf ſeinen Bruder.— „Nun, ich muß eilen, wir werden uns bald wie⸗ derſehen, hoffe ich... indeſſen... da nimm dies hier von der Hand...“ Bei dieſen Worten zieht Eduard ſeine Börſe, die etwa zehn Louisd'ors enthielt und bietet ſie ſeinem Bruder mit zitternden Händen an; aber Jakob ſtößt ſie voll Selbſtgefühl zurück, drückt ſich den Hut ins Geſicht, fährt mit der Hand ſchnell nach der Bruſt, als ob er unter ſeinem Rock etwas verbergen wollte und ſpricht mit kaltem Tone:„Behalte Dein Gold, ich bin nicht hergekommen, um Deine Hülfe anzu⸗ rufen, und will nicht der Gegenſtand Deines Mit⸗ leids ſein; ich glaubte einen Bruder wieder zu finden, ich habe mich getäuſcht; ich ſcheine Dir nicht würdig genug, Dein Haus zu betreten... mein Aeußeres, mein Geſicht flößen Dir Abſcheu ein... gut denn... lebe wohl... Du ſollſt mich nicht wiederſehen.“ Jakob wirft noch einen zornigen Blick auf ſeinen Bruder und entfernt ſich mit großen Schritten durch die noch offenſtehende Gartenthüre. Eduard bleibt in ſeiner Unentſchloſſenheit noch einige Augenblicke unbeweglich auf ſeinem Platze ſitzen und ſtarrt mit den Augen nach der Thüre hin, durch die ſein Bruder verſchwand. Endlich ſiegt das Gefühl der Natur; er läuft zur Thüre hinaus, ſieht auf ——j 84 dem Feld umher und ruft laut:„Jakob! mein Bruder! aber zu ſpät, Jakob iſt ſchon weit fort, und das Rufen ſeines Bruders vernimmt er nicht mehr. Er kehrt betrübt nach dem Garten zurück und verſchließt die Gitterthüre.—„Ol er wird wieder kommen, denkt er, er iſt ein Hitzkopf, der leicht auf⸗ fährt! Ich glaube indeſſen nicht, ihn beleidigt zu haben... ich bot ihm Gold an... er ſchien es doch nöthig zu haben und ich ſehe nicht ein, wie er das übel nehmen kann. Ich gab ihm zu verſtehen, daß ſeine Kleidung, ſein Betragen nicht in feine Zirkel paſſe.. Hatte ich darin ſo Unrecht? kann ich meiner Frau, meiner Schwiegermutter mit gutem Gewiſſen einen Menſchen vorſtellen, der wie ein entlaufener Sträfling ausſieht... o, ich müßte mich ja zu Tode ſchämen; und das zwei Tage nach meiner Hochzeit!... mit dem Gelde, das ich ihm bot, hätte er ſich an⸗ ſtändiger kleiden können!... aber nein! er will ja ſeinen Bart nicht ablegen; nun, wie's ihm gefällt! ich habe gethan, was ich mußte.“ Eduard ſucht ſich zu überreden, daß er recht ge⸗ handelt habe, und geſteht ſich nicht, daß ſein kaltes und befangenes Benehmen ſeinen Bruder gekränkt haben könne; aber eine geheime Stimme in ſeinem Innern wirft ihm ſein Unrecht vor; unzufrieden mit ſich ſelbſt, unruhig über die Folgen dieſes Ereigniſſes ſteigt er in ſein Cabriolet und verläßt das Dorf, ohne dem Hauswärter irgend eine Weiſung zu ertheilen. Unterwegs beſinnt er ſich lange, was er zu Hauſe ſagen ſoll, endlich entſchließt er ſich, ſeiner Frau und 8⁵ Schwiegermutter das Zuſammentreffen mit ſeinem Bruder zu verſchweigen, und denkt, es ſei Zeit genug, des Vorfalls zu erwähnen, wenn Jakob ihn beſuchen werde. 4. Er kommt an: Adeline ſpringt ihm entgegen, macht ihm über ſein langes Ausbleiben Vorwürfe und verlangt die kleinſten Details über ſeine Reiſe. „Alles in Ordnung, ſagt Eduard, der Contrakt unterſchrieben und das Haus unſer.— Und Du haſt doch keine ſchlimmen Rencontres gehabt? fragt Ade⸗ line lächelnd.— Ei behüte, wie Du ſiehſt.— Du haſt das bärtige Geſicht nicht wieder geſehen? fragt Madame Germeuil.— Nein, auch nicht.— Dann iſt es gut, denn in der That, der Kerl ſah aus wie ein Räuberhauptmann, und ich geſtehe Dir, ich möchte ihm nicht wieder begegnen.“ Eduard wird ſchamroth; ſein Bruder, heißt es, gleiche einem Räuber; dieſer Gedanke bringt ihn in Verlegenheit, er glaubt ſein Geheimniß verrathen und hat kaum den Muth, die Augen aufzuſchlagen. Die Liebkoſungen ſeiner Frau zerſtreuen jedoch einiger⸗ maßen ſeine Unruhe. „Aber was iſt Dir denn, lieber Mann, Du ſcheinſt ſo in Gedanken vertieft, nicht ganz heiter? ſpricht Adeline.— O nichts, liebe Adeline, die lange Tren⸗ nung von Dir iſt mein einziger Kummer geweſen.— Liebſter Eduard! möchteſt Du immer ſo geſinnt ſein, dann werden wir uns nie trennen. Nun, und wann ziehen wir nach unſerem Landhauſe?— Ich denke in acht Tagen.— Acht Tage, das iſt noch lange hin! — Wir müſſen doch dem alten Beſitzer Zeit zum Ausziehen laſſen.— Ach, das iſt wahr, mein Lieber!“ Eduard ſagte nicht die Wahrheit; ein anderer Grund erregte in ihm den Wunſch, die Rückkehr nach Villeneuve⸗Saint⸗George zu verſchieben, und dieſen Grund wagte er nicht ſeiner Frau zu geſtehen. Nach achtundvierzig Stunden der Verheirathung, nach kaum gelobten Schwüren unbegrenzten gegenſeitigen Ver⸗ trauens hatte er ſchon Geheimniſſe vor ihr. 4 Achtes Kapitel. Man urtheite nicht nach dem Schein. Wir wollen jetzt Eduard und ſeine Frau auf einige Zeit verlaſſen und zum Bruder Jakob zurückkehren, den wir näher kennen lernen müſſen. Er lief aus dem Garten und durchſtreifte in ſeinem Zorn lange Zeit die Felder, ohne ſich um ſeinen Weg zu kümmern; ſein einziger Zweck war nur, ſich von ſeinem Bruder zu entfernen, deſſen kaltes Benehmen, deſſen liebloſe Reden ihm das Herz verwündeten. Er ſprach dann und wann einige Worte, richtete die Augen gen Himmel, ſtieß heftig mit dem Fuß gegen die Erde und ſchien in gewaltiger Aufregung. Endlich befand er ſich auf einem freundlichen, von alten Nußbäumen beſchatteten Platze und fühlte das Bedürfniß auszuruhen; er ſah umher, als ob er fürchte, verfolgt zu werden, aber Alles war ſtill und 87 ruhig; die Landleute, beſchäftigt mit ihren Feldarbeiten, belebten allein die Landſchaft; Jakob legte ſich unter einem Nußbaum auf dem Raſen nieder und gedachte der Unterredung mit ſeinem Bruder. Weil ich arm ausſehe, behandelt er mich mit Verachtung! Weil ich einen Bart trage, hat er nicht den Muth, mich mit ſeiner Frau bekannt zu machen! Er bietet mir Gold an, will aber nicht, daß ich bei ihm bleibe! Behandelt man ſo einen Bruder 2... Warum dieſer Ton der Verächtlichkeit? Habe ich den Namen meines Vaters entehrt?... Wenn auch mein Betragen nicht fein und abgeſchliffen iſt, ſo iſt meine Sprache doch offen und mein Gewiſſen rein. Ich kann arm und unglücklich ſein, aber nie werde ich eine Handlung begehen, deren ich mich ſchämen müßte ... Ich habe Thorheiten begangen, manche Jugend⸗ ſtreiche gemacht... das iſt wahr, aber ich habe mir keine ehrenrührige Fehler vorzuwerfen... und was ich hier auf meiner Bruſt trage, ſichert mich vor jedem Verdacht, ſowie vor jeder Verſuchung des Böſen.“ Jakob öffnete dabei ſeinen Oberrock und betrachtete mit Stolz ein Kreuz der Ehrenlegion, das an einer alten Uniformsweſte befeſtigt war. Dieſer Lohn ſeiner Bravour war ſein einziger Troſt, und doch verbarg er dieſe Dekoration, weil er ſeit ein paar Tagen ſich genöthigt ſah, die Gaſtfreundſchaft der Landleute in Anſpruch zu nehmen, und, da ſie nicht immer zu gaſtfreundlich ſind, ſein Kreuz keiner Demüthigung ausſetzen wollte. Er hatte Recht. Wer ein Unterpfand ſeiner Ehre auf der Bruſt trägt, ſoll nicht ein Ge⸗ genſtand des Mitleids für Andere werden. Jakob heftete ſeine Augen auf das theure Ehren⸗ kreuz und dachte an den Tag, wo ſein Oberſt es ihm an die Bruſt ſteckte; er erinnerte ſich der Schlach⸗ ten, denen er beigewohnt, ſah ſich auf dem Schlacht⸗ felde, von ſeinen Kriegskameraden umgeben, wie er gegen den Feind anrückte; dieſe Erinnerungen des Ruhms richteten ſeine niedergebeugte Seele wieder auf, und er vergaß darüber ſeinen Verdruß und die Hartherzigkeit ſeines Bruders. Bald darauf ſchritt ein junger Mann, ungefähr wie Jakob gekleidet, deſſen Geſicht aber von Frohſinn ſtrahlte, und weder Betrübniß noch Mangel verrieth, einen Marſch pfeifend und mit einem Stöckchen den Takt dazu rechts und links auf die Fliederbüſche am Wege ſchlagend, einen Hügel herab dem Platz zu, wo Jakob war. „Pfui Teufel! ruft er, indem er einen Augenblick ſtehen blieb und nach allen Seiten umherſchaute,... nicht einen Flaſchenſtöpſel... nicht die ſchlechteſte Kneipe zu finden! Donner und Wetter, habe ich mich denn verirrt?... nirgends ein Dorf zu ſehen . und doch habe ich hölliſchen Durſt... meinet⸗ halben auch, nur vorwärts!“ Und er beginnt wieder zu ſingen: Ich habe von meiner Nanette Ihr niedliche Füßchen geſehen! Bald werd' ich noch weiter, ich wette— „ 2. 2.. —x 89 „Ach! da iſt ja endlich Jemand. Holla! alter Freund!“ Der junge Mann geht auf Jakob zu; dieſer öffnet die Augen, erkennt ſeinen treuen Kame⸗. raden, ſpringt auf und läuft ihm entgegen.—„Hal ruft er aus, biſt Du's, mein armer Sansſouci? — Ei, das iſt ja Freund Jakob! beſſer konnt' ich mich nicht adreſſiren... Warte, ich ruhe neben Dir aus, im Schatten Deines Nußbaumes; unter einem Faß Burgunder wär's mir freilich lieber... aber was hilft's, man muß mit allem zufrieden ſein.— Immer der Alte, Freund Sansſouci... immer luſtig, immer fidel!— O, was das betrifft!... bleibe ich ſtets derſelbe; die Fröhlichkeit iſt der Reichthum armer Teufel, wie wir... Du weißt, ich ſang auch, wenn's ins Feuer ging... Man hat uns, warte, wie heißen ſie's doch!... abgedankt!... Ja, ja, den Laufpaß gegeben!... anſtatt braver Soldaten ſind wir jetzt Landſtreicher geworden!... Was thut's, man muß ſich drein ſchicken, wir haben uns übrigens ſtets gut aufgeführt, und wenn es darauf ankömmt, noch mal das Vaterland zu vertheidigen, ſind wir wieder die erſten!— Gewiß! aber wovon inzwiſchen leben?— Wie die andern, von der Arbeit.— Mein armer Sansſouci, wie viele leben im Ueberfluſſe, ohne die geringſte Mühe, während Andere mit dem beſten Willen nicht ſo viel Arbeit finden, ihr Leben zu friſten.— Ahl bah! Du ſiehſt Alles ſchwarz!— Iſt Deine Reiſe nicht glücklich geweſen? Du hatteſt ja Deine Gründe, in dieſe Gegend zu gehen.— O, ich habe mehr gefunden, als ich dachte!— Und Du 90 biſt nicht zufrieden?— Ich habe keine Urſache dazu! ich habe meinen Bruder geſehen, und er hat mich wie einen Bettler aufgenommen.— Dein Bruder iſt ein Irokeſe, den ich mit dem flachen Säbel bedienen würde, wenn ich ſo einen hätte.— Meine Kleidung .. mein Geſicht... mein ſtarker Bart... alles hat ihm mißfallen.— Das iſt zu toll!... er hat wohl Dein Ehrenkreuz nicht geſehen?— Nein, es war verſteckt, und iſt mir lieb... mein Bruder verſteht ſo etwas nicht zu ſchätzen... und ich will, er ſoll dereinſt ſich noch über ſein Benehmen ſchämen.— Er iſt wohl reich, Dein Bruder?— Ja.— Alſo haſt Du eine Familie?— Allerdings.— Ah, ſo glücklich bin ich nicht, ich habe weder Vater noch Mutter gekannt... ich bin ein Kind der Natur!... Das hindert mich aber nicht, den Kopf hoch zu tra⸗ gen, die Steifröcke von Vorfahren kümmern mich nicht, und da es übrigens kurz nach Erſchaffung der Welt noch keine Advokaten gab, ſo können die Nach⸗ kommen von Kain doch ſehr angeſehene Leute ſein. Unſer Sergeant, der ganz gut zu ſprechen verſtand, wenn er nicht über Durſt getrunken hatte, behauptete, daß die Kinder der Liebe immer beſſer durch die Welt kämen, als andere, und führte mir Beiſpiele an, die ich Dir wieder erzählen würde, wenn ich ſie nicht vergeſſen hätte. Aber um wieder auf Deine Angele⸗ genheiten zu kommen, Du haſt mir nie etwas von Deiner Familie und Deinem früheren Leben erzählt; wir haben uns beim Regiment gekannt, wir haben mehre Feldzüge zuſammen mitgemacht, wir haben 1 1 91 das gelbe Fieber in Spanien und erfrorene Füße in Rußland gehabt, und das macht Seelenharmonie; Du haſt das Kreuz und ich nicht; das iſt der einzige Unterſchied zwiſchen uns. Aber Du haſt es auch ehrlich verdient. Du haſt dem Oberſten das Leben gerettet, ein braver Mann, das hinderte aber nicht, daß er am andern Morgen doch erſchoſſen wurde! es war ein Unglück, Du konnteſt ja nicht immer bei der Hand ſein!... Endlich, nach ſo vielen Stra⸗ pazen und Aufopferungen hat man uns abgedankt! Schade! wir hätten vielleicht noch Marſchälle von Frankreich werden können. Um einander gegenſeitig zu tröſten, ſind wir beiſammen geblieben, und zum erſten Mal hatten wir uns getrennt, Du, um jenes Dorf zu beſuchen, und ich, um hier in der Umgegend eine kleine Brünette wieder aufzufinden, die ich ehe⸗ mals ſehr gern hatte und die mir ewige Treue ge⸗ ſchworen.— Nun! und haſt Du ſie wieder geſehen? — Leider ja! o, wir haben gleiches Schickſal; wäh⸗ rend Dein Bruder Dich ſo liebreich empfing, kam ſie mir mit drei Kindern entgegen, und das vierte war auch ſchon auf halbem Wege. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, wie's in mir kochte, ich bedachte aber, daß die arme Kleine mich todt glauben mußte!... und das hat mich beruhigt, ich umarmte meine Treu⸗ loſe, und während ihre Kinder mit den Enten ſpiel⸗ ten und ihr Mann Holz haute, ſchloſſen wir Frieden, und.. kurz! wir ſind als gute Freunde von einan⸗ der geſchieden, und nun friſch weiter!— Mein armer Sansſouci!... die Frauen ſind nicht ſchlimmer als die Männer; dieſe ſind nur weniger geſchickt, ihre Falſchheit zu verbergen!... Geh! ich habe die Men⸗ ſchen kennen gelernt!... und ich hätte den Empfang meines Bruders errathen können!... aber man hofft immer, und darin hat man Unrecht...— Höre Freund, erzähle mir Deine Lebensgeſchichte... wir ſind hier ſo hübſch im Schatten, Niemand hört und ſtört uns hier, und indem ich Dir zuhöre, kann ich ausruhen und dabei eine Cigarre rauchen.“ „Wohlan denn! Du ſollſt erfahren, wie es mir ſeit meinem fünfzehnten Jahre erging, denn da fing ich meine Irrfahrt an.“ Jakob knüpfte ſeinen Oberrock wieder zu, lehnte ſich an den Nußbaum, und ſchickte ſich an, ſeine Abenteuer zu erzählen, indeß Sansſouci ein Feuer⸗ zeug aus der Taſche zog, ſeine Cigarre ganz behag⸗ lich anzündete und begierig auf die Mittheilung ſeines Freundes horchte. 3 Neuntes Kapitel. Die Abenteuer Bruder Jakobs. In meinem fünfzehnten Jahre verließ ich das elterliche Haus. Meine Mutter ſchien mir nicht be⸗ ſonders zugethan, ſie ſprach meinen Namen nur mit Widerwillen aus. Ich erinnere mich jedoch eines dicken freundlichen Herrn, der oft zu meinen Eltern kam und mich ſo recht mit Herzensluſt Jakob nannte. Ich glaube, dieſer dicke Papa war mein Pathe und 93 hieß ebenfalls Jakob; dies war wenigſtens gewiß, daß er viel auf mich zu halten ſchien und mir jedes Mal, wenn er kam, Spielzeug und Bonbons mit⸗ brachte. Aber trotz der Freundlichkeit meines Pathen, der Liebkoſungen meines Vaters und der Freundſchaft für meinen Bruder langweilte ich mich zu Hauſe und hatte keinen Augenblick Ruhe; meine Luſt zum Lernen war gering, und da ich nur mit dem Plane umging, die weite Welt zu ſehen und mich tüchtig herumzu⸗ ſchlagen, ſo hielt ich es ſür unnöthig, mich mit La⸗ tein und Mathematik zu plagen. Ah! mein lieber Sansſouci!... dieſen Irrthum meiner Jugend habe ich ſchon theuer bezahlt; auf meine Koſten habe ich es erfahren, daß Kenntniſſe in allen Lebensverhält⸗ niſſen von unſchätzbarem Werthe ſind. Hätte ich mehr gelernt, wäre ich nicht gemeiner Soldat geblieben! und wenn ſelbſt Muth und Tapferkeit mich bis zum Grade eines Kapitäns erhoben hätten, ſo blieb es doch immer unangenehm, in der Geſellſchaft ſeiner Oberen fürchten zu müſſen, mit einer Dummheit herauszuplatzen, wenn man kaum den Mund öffnet und Anderen zum Spott und Gelächter zu werden; aber zur Sache! ich verließ alſo eines Morgens ohne Trommel und Trompetenton, und ohne mich um den Weg zu bekümmern, den ich wählen würde, das Vaterhaus. Ich hatte einen Louisd'or in der Taſche, den mir ein paar Tage zuvor mein Pathe geſchenkt hatte, und glaubte, daß dieſe Summe ewig dauern müßte. 3 3 Nachdem ich lange Zeit marſchirt war, machte ich 7 94 in einem Dorfe vor einem Wirthshauſe Halt, ging hinein und forderte mit der Anmaßung eines Staats⸗ kuriers mein Mittageſſen. Ich war gut angekleidet, hatte ein offenes, heiteres Geſicht und ließ mein Geld in der Taſche klingen, indem ich mir in der Küche das Beſte ausſuchte. Der Wirth ſah mich an und lachte, ließ mich jedoch machen. Er ſetzte mir ein gutes Mittagsmahl vor und gab mir weißen und rothen Wein. Ein kleines bucklichtes Männchen, das in demſelben Zimmer an einem andern Tiſche ſaß, betrachtete mich ſehr aufmerkſam. Er ſuchte ein Ge⸗ ſpräch mit mir anzuknüpfen und zu erfahren, woher ich käme und wohin ich ginge, aber da ich die Neu⸗ gierigen nie leiden konnte und die Fragen des kleinen Bucklichten mir zuwider waren, ſo ſah ich ihn an, ohne zu antworten, oder pfiff und ſang, während er ſprach. Als ich ſatt war, frug ich den Wirth, was ich ſchuldig ſei; und der Gauner forderte mir fünfzehn Franken ab. Ich machte ein verteufelt langes Ge⸗ ſicht, bezahlte jedoch und überlegte, als ich das Haus verließ, daß mein Louisd'or, der nie enden ſollte, keine zweite Mahlzeit aushalten würde, wenn es mir wieder einfiele, den großen Herrn zu ſpielen. Deer Ort, wo ich geſpeist hatte, und den ich für ein Dorf hielt, war Saint⸗Germain; ich frug nach dem Weg durch den Wald und machte mich wieder auf den Weg; ich unterbrach meinen Marſch nur, indem ich rechts und links über die Gräben ſprang, und die Eſel, die mir begegneten, mit Stockſchlägen bediente. 95 Als ich vor Poiſſy ankam, hörte ich einen Reiter hinter mir her traben; ich blieb ſtehen und erkannte meinen Bucklichten, der auf einem kleinen hektiſchen Pferde ritt, das er immerwährend mit Sporn und Peitſche antreiben mußte. Wie er dicht an mir war, hörte er auf mit ſei⸗ ner Peitſche zu knallen und ritt im Schritt, um mir zur Seite zu bleiben. Er begann aufs Neue ein Geſpräch, und da ich allmälig müde wurde und die Kruppe ſogar dieſes dürren Kleppers mir doch ein angenehmes Plätzchen ſchien, ſo war ich jetzt weniger ſtolz und ließ mich mit ihm ein. „Wo ſoll denn die Reiſe ſo zu Fuß hingehen, mein liebes Freundchen? frug er mich.— Das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht recht... Ich will reiſen... die Welt ſehen und mich luſtig machen.— Ihr habt alſo wohl keine Eltern mehr?— O, doch! aber ſie ſind in Paris und wollen, daß ich meine Zeit mit Leſen und Schreiben zubringe; das ward mir zuletzt zuwider und da bin ich davon gelaufen.— Ah, ver⸗ ſtehe!... Luſt zu Thorheiten!... Jugendſtreiche!... O, ich kenne das!... ſo etwas ſieht man jetzt gar häufig... Aber habt Ihr denn zu Euren Reiſen recht viel Geld?— Ich habe noch neun Franken.— Teufel!... da werdet Ihr wildes Kuhfleiſch eſſen müſſen.— Was wollt Ihr mit Eurem Kuhfleiſch? ich habe gebratene Hühner, Aal, Tauben und Enten gegeſſen.— Ja, Ihr habt aber auch fünfzehn Fran⸗ ken verzehrt und mit den neunen, die Ihr noch habt, werdet Ihr keine drei ſolche Mahlzeiten mehr halten.“ Ich antwortete nicht, aber ich ſah ſehr gut ein, daß der Bucklichte recht habe; da ich indeſſen Cha⸗ rakterfeſtigkeit beſaß, ſo ſah ich den kleinen Mann mit entſchloſſener Miene an und ſagte:„Nun gut, ſo eſſe ich Kuhfleiſch.“ „Ich ſehe, daß Ihr Muth habt, verſetzte er, wenn ſich jedoch eine Gelegenheit darböte, auf der Reiſe gut zu leben, ſo meinte ich, wäre das ſo übel nicht, und ich kann Euch die Mittel dazu verſchaffen? — Ihr?— Ja, ich!— Nun, und auf welche Weiſe denn?— Das will ich Euch mittheilen; aber damit Ihr beſſer hören könnt und nicht ſo müde werdet, ſo ſetzt Euch hinten auf die Kruppe meines Pferds!— O, das iſt mir ſehr willkommen.“ Ueber den Vorſchlag meines neuen Reiſegefährten ganz entzückt ſpringe ich wie närriſch auf das arme Thier... aber ich glitſche... klammere mich an den Buckel meines kleinen Führers an... falle... reiße ihn mit herunter, und wir liegen beide im Sande, ohne daß das Pferd ſich nur gerührt. Mein neuer Bekannter ſtand ziemlich guten Muths wieder auf und begnügte ſich damit, mir den Rath zu er⸗ theilen, künftig weniger haſtig zu ſein, weil wir nicht immer ſo ſanft fallen könnten. Ich verſprach es. Er hob ſich wieder in den Sattel, ich gabelte mich vorſichtig hinten auf, und als wir beide endlich ſaßen, und es ihm vermittelſt der Peitſche gelungen war, ſeine Rozinante in Schritt zu bringen, fing er ſeine Rede, die ich ſo ungeſchickt unterbrochen hatte, wieder an. 1 97 „Mein liebes Freundchen! ein Jeder in der Welt, wenn er nicht reich geboren iſt, ſucht Geld zu ver⸗ dienen und ſein Glück zu machen; und man ſieht ſogar Millionäre ſpekuliren, Kapitaliſten große Unter⸗ nehmungen machen und reiche Edelleute vortheilhafte Verbindungen ſchließen, um den Glanz ihres Hauſes zu erhöhen. Ich, der ich weder von Adel, noch Kapi⸗ taliſt, ja nicht einmal Kaufmann bin und auch keine Hoffnung habe, das eine oder das andere zu werden, habe lange hin und her geſonnen, durch welches Mittel ich, wenn auch kein bedeutendes Vermögen ſammeln, doch angenehm leben könne. Endlich fand ich ein ſolches Mittel! mit einigem Verſtand lernt man die Menſchen bald kennen. Ich habe ihre Neigungen, ihren Charakter ſtudirt!... ich fand bald, daß mit ein bischen Schlauheit man das arme Menſchenge⸗ ſchlecht leicht für Narren halten könne; daß es nur darauf ankomme, es bei ſeiner ſchwachen Seite anzu⸗ greifen, und dieſe mit einigem Takt und Scharfſinn leicht aufzufinden ſei.— Ah, Ihr habt alſo Takt und Scharfſinn, ſagte ich zu meinem Begleiter, indem ich mit einigen Nadeln, die ich auf dem Mantelſack zwi⸗ ſchen uns fand, unſern armen Gaul in die Weichen, ſtach.— Ja, Freundchen, ich rühme mich deſſen.— Und warum läuft denn Euer Pferd jetzt ſo raſch?— Weil ich ſo eben mit der Peitſche geknallt habe und es merkt, daß es bald in den Stall kommen wird. — Schon recht! ich ſehe, daß Ihr Takt habt. Nun, fahrt nur fort, ich höre zu.“ „Alſo, indem ich den Leidenſchaften ſchmeichle, Paul de Kock. XIX. 7 98 gelange ich zu dem Mittel angenehm zu leben; ich habe auch außerdem Kenntniſſe in der Botanik, Me⸗ dizin, Chemie und ſogar in der Anatomie, und da⸗ durch nun iſt es mir gelungen, nicht nur Mittel für alle Krankheiten zu bereiten, ſondern auch Tränke zu fertigen, um mittelſt derſelben Liebe, Haß, Eiferſucht zu erregen und Geſunde krank zu machen.. haupt⸗ ſächlich auf dieſen letzten Artikel verſtehe ich mich.— Ah, jetzt merke ich.. Ihr verkauft allerlei Wunden⸗ balſam, wie der große, rothrockige Mann, den ich einmal in Paris an den Straßenecken und auf den großen Plätzen geſehen, ich glaube, man nannte ihn Charlatan?“ Bei dem Worte Charlatan machte mein Geleits⸗ mann einen Satz auf dem Sattel, der uns beinahe beide wieder auf die Landſtraße geworfen hätte; zum Glück aber packte ich ihn ſo feſt, daß wir dis ndaſ bloß mit der Furcht davon kamen. „„Mein Freundchen, ſagte er, nachdem er ſich wieder ein wenig erholt hatte, ich verzeihe Euch den Ausdruck Charlatan! Ihr kennt mich noch nicht; ich will freilich wohl geſtehen, daß ein wenig Char⸗ latanerie mit meiner Kunſt verbunden iſt, und daß drei Viertheile meiner Mittel und Tränke nicht die Wirkung haben, die man ſich davon verſpricht, aber in der Medizin iſt man ebenſowohl Irrthümern unter⸗ worfen als in andern Dingen!... man nimmt ein Laxier ein und macht ſich krank; man hat Schmerzen nur an einem Zahn und braugt ein Elixir, das ⁵ alle Zähne verdirbt; man ſucht ein Amt, dem man 99 nicht vorzuſtehen verſteht; man macht Spekulationen übers Meer, die ein einziger Windſtoß vernichtet; man meint, man habe Verſtand und man entbehrt den nothwendigſten, den, ſich durch die Welt zu hel⸗ fen; man will vernünftig ſein und macht dumme Streiche; man will ſich durch eine Heirath glücklich machen und bereitet ſich durch Weib und Kind tau⸗ ſend Sorgen!.. Kurz, mein Freundchen, man hat ſich zu allen Zeiten geirrt, und es bleibt immer ein großer Zufall, wenn die Ereigniſſe im Leben ſo er⸗ folgen, wie wir ſie berechnet und erwartet haben.“ „Aber, mein Herr, ſagte ich zu meinem kleinen Buckligen, deſſen Geſalbader mich endlich langweilte, was habt Ihr denn eigentlich mit mir vor?— Hört nur! wenn ich in einem Flecken, einer kleinen Stadt ankomme, ſo kann ich mich nicht ſelbſt anzeigen; ich brauche hiezu einen Famulus, der im Orte umher⸗ läuft und meine Ankündigungen austrägt, und wenn ich zu thun habe, die Aufträge, die man mir macht, annimmt und aufzeichnet.— Aber ich mag Euer Famulus oder Zögling nicht ſein, weil ich zum Lernen keine Freude habe.— Ich begreife das ſehr wohl, Freundchen; Ihr dürft Euch aber auch nicht mit an⸗ ſtrengenden Arbeiten den Kopf zerbrechen!... Ihr ſollt mir bloß Pillen machen, das iſt Alles.— Pillen? — Ja, von allen Größen und Farben. Seid nur ruhig, das iſt nicht ſchwer... Aber das iſt noch nicht Alles.— Nun, und was noch?— Ihr müßt ſchlafen und den Nachtwandler vorſtellen, wenn es nöthig iſt. — O, was das Schlafen betrifft, damit will ich 100 ſchon fertig werden.— Schlafend beantwortet Ihr die Fragen, die man an Euch richten wird.— Wie ſoll ich denn antworten, wenn ich ſchlafe?— Ihr ſollt Euch ja nur ſtellen, als ob Ihr ſchliefet, mein Lieber... Ich werde Euch das Alles ſchon zeigen. O, das iſt einer der ausgezeichnetſten Zweige meines Geſchäfts!— Daß Ihr Andere in Schlaf bringt?— Das nicht allein, ſondern wenn ich die Schlafenden reden laſſe, wenn ich ſie den Kranken die nothwendigen Mittel verſchreiben laſſe.— Halt einen Augenblick! ſchlafen will ich wohl, aber weder Mittel verſchreiben, noch nehmen... dafür habe ich bei meinem Vater zu Hauſe manche Schläge bekommen!— O, Ihr ver⸗ ſteht mich noch nicht... Mittel... das ſind Arzneien, die man zu ſich nimmt.— Mit einer Klyſtierſpritze... O! ich kenne das!— Nein, nein, davon iſt gar nicht die Rede. Ihr ſprecht im magnetiſchen Schlaf; ich werde Euch ſchon zuvor Unterricht ertheilen, und Ihr gebt dann dem Kranken oder Neugierigen Eure Antworten.— Wahrlich, ich begreife dies noch nicht. — Den Teufel auch! das glaube ich wohl; denn die, welche den Schlafenden befragen, begreifen auch nichts davon; das iſt eben das Pfiffige an der Sache. Wenn man wüßte, was man davon halten ſoll, ſo könnte man mit dem Magnetismus und Somnambulismus ſein Brod nicht mehr verdienen. Mit einem Worte, wollt Ihr mich begleiten und bei meinem Unter⸗ nehmen mir helfen? Ihr ſollt gut zu leben, ſchöne Kleidung haben und viele Länder zu ſehen bekommen, denn ich bleibe nie lange an einem Orte.— Und 5 101 dafür ſoll ich nichts als Pillen machen und ſchlafen? — Nichts weiter.— Gut! die Sache iſt abgemacht, ich ziehe mit Euch.“, 4 o war ich denn alſo Famulus des kleinen Buck⸗ ligen. Wir kommen bei Nacht in einem Dorfe an; mein Herr und Meiſter kehrte in dem beſten Gaſthof ein und ließ uns ein gutes Abendeſſen vorſetzen. Es ſchien mir ſehr angenehm, zu Pferde zu reiſen und um meinen Unterhalt unbekümmert zu ſein. Uebrigens hing es ja nur von mir ab, meinen Begleiter wieder zu verlaſſen, wenn es mir beliebte, und dieſer Grund genügte, daß ich's mir bei ihm gefallen ließ; die Gewißheit der Freiheit gibt der Exiſtenz einen Reiz, der ſich über alle Lebensverhältniſſe verbreitet, wäh⸗ rend Sklaverei auf den größten Theil unſerer Hand⸗ lungen ein finſteres Licht wirft; ſie verbannt den Frohſinn, nimmt der Liebe jeden Reiz, der Seele alle Kraft und der Einbildungskraft jede Energie. Was ich Dir da ſage, Sansſouci, kommt niccht von mir, ſondern iſt eine Phraſe, die ich oft von meinem Pathen gehört und leicht behalten habe, weil ſte mit meinen Anſichten vollkommen übereinſtimmt. Als wir am andern Morgen aufſtanden, machte mir mein Buckliger, der ſich Meiſter Gravyraicus nannte, ein Name, den er wahrſcheinlich ſelbſt er⸗ funden hatte, und den man ohne Geſichtsverzerrun nicht ausſprechen konnte, den Vorſchlag, mir Unter⸗ richt im Somnambulismus zu geben, da wir in dem erſten größeren Orte davon Gebrauch machen wollten. Ich willigte ein. Er ließ mich niederſitzen, hieß mich ſtier vor mich hinſchauen, ohne den Schein zu haben, als ob ich ſehe, und lehrte mich mit offenen Augen zu ſchlafen; da mir aber dies die Augenlieder angriff, ſo erlaubte er mir die Augen zuzumachen, wenn wir nur Bauern oder arme Teufel zu kuriren haben würden. Jetzt kamen die Tränke an die Reihe; mein Herr hatte keinen Vorrath mehr davon, und es war drin⸗ gend nöthig, neue zu bereiten. Indeſſen ich etwa fünfzehn kleine Fläſchchen zu dieſem Zweck rein machte, ließ Meiſter Gravyraicus aus dem Dorfe die nöthigen Pflanzen, Wurzeln und Ingredienzien herbeiholen. Er zündete ein Feuer an, entlehnte von unſerem Gaſtwirth alle mögliche Schalen und Näpfe, ſo daß unſer Zimmer, worin Alles bunt durcheinander ſtand, jetzt nach dem Ausdruck meines Begleiters das An⸗ ſehen eines chemiſch⸗magiſchen Laboratoriums erhielt. „Nun,“ fragte ich meinen Buckligen, während er Klettenkraut ſchabte und ich Zimmet ſtieß:„wozu ſoll das dienen, was Ihr jetzt bereitet? Ich will wohl Euer Helfershelfer ſein, aber doch nur unter der Bedingung, daß Ihr mich auch in Eure Geheimniſſe einweiht.— Ihr ſollt Alles wiſſen, Freundchen, unter uns bedarf es keiner Geheimniſſe. Ich mache jetzt einen Liebestrank, und das iſt eben nicht ſehr ſchwer; es gehören dazu nur zuſammenziehende Ingredienzien, Spirituoſa und einige Reizmittel. Ich laſſe Zimmet, Nelken, Vanille, Pfeffer, Zucker und Branntwein zu⸗ ſaummenkochen. Hat man davon getrunken, ſo wird man verliebt, und wenn der, welcher meinen Liebes⸗ 10³ trank gekoſtet, ſich mit dem Gegenſtand ſeines Her⸗ zens unter vier Augen befindet, ſo fühlt er dald deſſen Wirkſamkeit und zweifelt nicht, daß ich ein Zauberer ſei. Ueberdies hat dieſe Miſchung die Eigenſchaft, die Zähne zu verderben; das geſchieht nicht ohne Schmer⸗ zen, und da man im gemeinen Leben Zahnweh Lie⸗ besweh nennt, ſo ſetzt man voraus, daß der, der von meinem Liebestrank getrunken hat und Zahnweh bekommt, verliebt geworden iſt. Von dieſem Zauber⸗ trank verkaufe ich viel, hauptſächlich an Damen; wir müſſen daher einen großen Vorrath haben. Wir wollen jetzt den Trank vornehmen, der eifer⸗ ſfüchtig macht; ich geſtehe, daß er ein langes Stu⸗ dium und tiefes Nachdenken erforderte; aber ich glaube, er iſt mir vollkommen gelungen. Woher entſteht zu⸗ nächſt Eiferſucht? Aus Verdacht gegen die Treue des Geliebten. Dieſer Argwohn muß eine Urſache haben, denn es beſteht keine Wirkung ohne Urſache; man iſt wohl manchmal ohne Grund eiferſüchtig, aber meiſt ſind Gründe da. Ich calculirte nun, wenn ich den Einen untreu mache, ſo wird der Andere dadurch eiferſüchtig; aber wie will ich den untreu machen, der nichts von meinen Mixturen nimmt?2... Das war es eben, Freundchen, wo es meines ganzen Ge⸗ nie's bedurfte, was ein Dummkopf nie erfunden haben würde, und ich ohne Hülfe mediziniſcher Abhandlungen erforſcht habe. Ich bereite einen Trank aus Sublimat mit verſchiedenen Kräutern gemiſcht, welche auf die Haut wirken. Dieſer Zaubertrank hat die Gabe, die Augen glanzlos, den Teint bleifarbig und die Naſe ——y 104 dünn und gezogen zu machen; er erzeugt üble Laune, indem er auf der Haut eine Maſſe Puſteln und Ge⸗ ſchwüre von verſchiedener Größe hervorbringt, und macht einen ſo ſtinkenden Athem, daß die Fliegen auf zehn Schritte Entfernung umfallen möchten. Ihr könnt nun leicht denken, daß der, welcher mit der Perſon umgeht, die meinen Trank gebraucht, ihr leicht untreu wird, da ſie nichts Liebenswürdiges mehr an ſich hat, und von dem Augenblick entdeckter Untreue an wird ſie natürlich ſo eiferſüchtig wie ein Dämon!... und noch dazu bleibt ſie es das ganze Leben hindurch, denn ſie mag thun, was ſie will, ſie wird es nie wieder dahin bringen, Liebe einzuflößen. Nun, was ſagt Ihr dazu?... Welch' eine Berechnung, welche Tiefe des Gedankens, welche Kenntniß von den Lei⸗ denſchaften und ihren Wirkungen!.. Ja, aber ſo ſind die Menſchen, von dieſem Trank verkaufe ich weit weniger als von dem andern; es iſt ſogar ſelten, daß ein und dieſelbe Perſon zweimal davon nimmt. „Was dieſen letzten Trank anbelangt, wozu ich hier das Klettenkraut ſchabe, ſo dient er dazu, Wuth, Haß, Zwietracht zu erregen; er verfehlt ſeinen Zweck niemals und beſteht aus Manna, Rhabarber, Wein⸗ eſſig, Terpentin und Kakao, was Alles mit dem Klettenkraut zu einem Syrup eingekocht wird. Dieſe zugleich verſtopfende und erweichende Miſchung macht Kolik und Migräne; hat man aber Schmerzen im Kopf und im Leibe, ſo iſt man natürlich böſer Laune, geräth leicht in Wuth und hadert mit Jedermann, beſonders wenn die Schmerzen im Zunehmen ſind. „ — —C—C— 10⁵5 Ich glaube, daß das auch ganz nett ausſtudirt iſt, und daß mein Takt und Scharfſinn dazu gehörte, um die verſchiedenen menſchlichen Leidenſchaften auf ge⸗ ſchickte Weiſe hervorzurufen.“ Ich hörte meinem Meiſter mit Aufmerkſamkeit zu und frug ihn, als er ſein Geſpräch geendigt hatte, ob er vielleicht Luſt habe, an mir mit ſeinen Tränken Verſuche zu machen; allein er antwortete, daß dies ganz und gar nicht ſeine Abſicht ſei, und dieſe Zu⸗ ſicherung gab mir meine frohe Laune wieder, denn um keinen Preis der Welt hätte ich von den Zauber⸗ tränken des Meiſter Gravyraicus koſten mögen. „Ich habe Euch jetzt nur noch zu zeigen, fing er wieder an, wie die Pillen zubereitet werden; das iſt ſehr leicht, ich mache ſie alle von Brodkrume und beſtreue ſie nachher mit verſchiedenem Pulver, um ihnen verſchiedene Farben zu geben.— Und wogegen braucht man ſie denn?— Um alle Krankheiten zu heilen.— Wie! Ihr kurirt mit Brodkrume?— Ja, ſehr oft, denn viele Krankheiten liegen nur in der Einbildung, und wenn der Kranke glaubt, ein unfehl⸗ bares Mittel zu nehmen, ſo bildet er ſich ein, daß es ihm hilft, und gerade dieſe Ueberzeugung iſt's, die ihn heilt, nicht aber meine Pillen. Sie ſchaden wenigſtens nichts, und das iſt immerhin ſchon etwas. An Ammen und alte Frauen verkaufe ich ausneh⸗ mend viel.“ 106 Zehntes Kapitel. Unterricht im Magnetiſiren. Ich war jetzt in alle Geheimniſſe meines Herrn und Meiſters eingeweiht; ich mußte ihm verſprechen, ihn nicht zu verrathen, und that es; aber ich ver⸗ ſprach nicht, mich auf Koſten der Thoren, die ihn conſultirten, nicht luſtig zu machen, und nahm mir vielmehr vor, dies nach beſten Kräften zu thun, denn ich war, obgleich erſt fünfzehn Jahre alt, doch ſchon ziemlich unternehmend, dreiſt und durchtrieben. Das Dorf, in dem wir übernachtet hatten, gab meinem Buckligen keine Gelegenheit, ſeine Talente an den Tag zu legen und ſeine Mirturen zu verkaufen; wir verließen es daher, und es gelang meinem Be⸗ gleiter bloß, an unſere Wirthin insgeheim eine Schachtel mit Pillen abzuſetzen, welche die Haare vor dem Grau⸗ werden und die Zähne vor dem Schwarzwerden ſchützen ſollten. Wir waren alſo wieder auf der Landftraße und hatten unſere Apotheke in einem Korbe am Sattel unſeres Pferdes befeſtigt. Das Wetter begünſtigte uns nicht; ein heftiges Gewitter überfiel uns, und als wir in der kleinen Stadt ankamen, die von unſeren Wunderkuren wiederhallen ſollte, befanden wir uns in einem ſo betrübten Zuſtande, daß man uns weit eher für erbärmliche Vagabunden als für gelehrte Doktoren gehalten hätte. Wir kehrten jedoch in dem beſten Gaſthof des * 107 Orts ein. Der Wirth achtete anfangs kaum auf uns und ließ ſich in ſeiner Ruhe nicht ſtören; als wir aber die beſten Zimmer und eine ausgeſuchte Mahl⸗ zeit forderten, prüfte er uns mit zweifelhafter Miene, um den Zuſtand unſerer Finanzen kennen zu lernen. Mein pfiffiger Meiſter warf mehre Thaler auf den Tiſch und bewog den Wirth, die Wohiungomielbe auf acht Tage voraus anzunehmen. Dieſes Verfahren wandelte unſern Gaſtwirth plöt⸗ lich um; er glaubte vornehme Incognitoreiſende vor ſich zu haben, räumte uns die beſten Zimmer im erſten Stock ein und bediente uns aufs Allerpünkt⸗ lichſte. „Mein Herr Wirth, ſagte mein Buckliger zu ihm, als wir uns zu Tiſche ſetzten, Sie wiſſen nicht, wer ich bin, ich will zum Beſten dieſer Stadt indeſſen mein Incognito ablegen; laſſen Sie alſo den Ein⸗ wohnern der Stadt wiſſen, daß ſie, aber nur auf acht Tage, ſo glücklich ſind, den berühmten Gravyraicus, Leibarzt des Kaiſers von China, Magnetiſeur der Favoritin des Sultans von Damas, patentirter Phy⸗ ſiker bei dem Hofe des Königs von Maroeco, Che⸗ miſten des Großveziers von Conſtantinopel und Aſtro⸗ logen des Hetmans der Koſaken in ihren Mauern zu beſitzen. Verkündigen Sie ihnen zugleich, daß ich in dieſem Augenblicke den merkwürdigſten und ſelten⸗ ſten Somnambulen bei mir habe, den je die Welt geſehen. Es iſt ein junger Mann von dreißig Jah⸗ ren, der kaum fünfzehnjährig ſcheint, weil er die Hälfte ſeines Lebens geſchlafen hat. Er iſt im höchſten 108 Grade intereſſant, an den Ufern des Ganges ge⸗ boren, kennt alle Sprachen, die er zwar nicht alle ſpricht, aber beſſer verſteht, als Sie und ich. Er enträthſelt im Traume jede Krankheit, ihre Urſache, ihre Wirkungen, die Schmerzen, die ſie hervorbringt, die Perioden des Uebels, und gibt die Arzneimittel ſogar für ſolche Krankheiten an, die erſt entſtehen werden. Er hat die Ehre gehabt, vor Grafen, Mar⸗ quis, Herzogen, ſelbſt Königen einzuſchlafen. Er hat im Schlafe Kuren vollbracht, die ſelbſt zu König Dagoberts oder des weißen Salomons Zeiten für Wunder gegolten hätten; er hat einen Engländer vom Spleen, eine deutſche Baroneſſe von einer Haut⸗ Wurmkrankheit, ihren Mann von der Gicht, eine junge Tänzerin von ihrem Haß gegen die Männer, eine alte Jungfer von der Affenliebe zu ihrem Hunde, einen Hofmann von ſeiner Gewohnheit, einen Katzen⸗ buckel zu machen, einen Rentier von einer Magen⸗ ſchwäche, einen Autor vom Ohrenklingen und einen Muſikus vom Schwind in ſeinen Beinen, einen Thür⸗ hüter von Steifheit der Lenden, einen Prokurator vom Jucken an den Fingern, einen Advokaten vom Stottern, einen Sänger vom kurzen Athem, eine Kokette von ihren Vapeurs, einen alten Verführer von ſeinem Aſthma geheilt, und noch viele andere ausgezeichnete Kuren gemacht, die ich Ihnen nicht weiter aufzählen will, zumal wir keine Charlatans ſind, die den Leuten nur Sand in die Augen ſtreuen. Dieſer kleine Proſpektus hier, den ich Sie bitte, ver⸗ theilen zu laſſen, wird genügen, den Stadtbewohnern 109 hier einen Begriff von unſern Kenntniſſen zu geben. Hier, Herr Wirth, nehmen und glauben Sie.“ Der Wirth war über Alles, was der kleine Bucklige mit vielem Nachdruck und ungewöhnlicher Sicherheit vortrug, ganz verblüfft; er nahm den Proſpektus mit tiefen Bücklingen, betheuerte ſeine Ehrerbietung, wollte den Namen meines Meiſters ausſprechen, ſchnitt Geſichter dabei, kam aber doch nicht damit zu Stande, nahm ſeine Kappe ab und verließ endlich immer rückwärts ſehend das Zimmer. Als er fort war, frug ich unſern Begleiter, ob ich der dreißigjährige Somnambule ſei, der alle Welt kurirt habe.—„Ja, Freundchen, antwortete er, verwundert Euch über nichts, ich ſtehe für Alles. Ihr ſagt mir, Ihr heißt Jakob, der Name iſt jedoch zu alltäglich, wenn ich Beſuch bekomme, werde ich Euch daher immer Tatouos nennen; denkt fein daran. Ich werde jetzt eine Tour durch die Stadt machen und mir das Nöthige aufnotiren; inzwiſchen unter⸗ haltet Euch damit, die Tränke im Schranke dort aufzuſtellen und einige Schachteln Pillen zu machen, ich bin ſehr bald wieder hier.“ Ich war jetzt allein, aber ſtatt Pillen zu machen, naſchte ich vom Zimmet, Kakao und den andern Ingredienzien, die zur Verfertigung der Zaubertränke dienten; auch ſtürte ich im Felleiſen, das mein Be⸗ gleiter offen gelaſſen hatte, und fand einen großen ſchwarz ſeidenen Mantel, eine falſche Naſe, eine Perüke und einen flächſernen Bart darin. Ich wollte 110 eben alles noch genauer unterſuchen, als es leiſe an die Stubenthüre klopfte. „Nur herein, rief ich, ohne mich ſtören zu laſſen. Die Thüre wurde leiſe geöffnet, und eine niedliche Brünette von achtzehn Jahren trat ein. Sie war eine der Dienſtmädchen im Hauſe, und wie alle Ihresgleichen ſehr neugierig und ziemlich ſchlau; als nämlich der Wirth unſer Zimmer verlaſſen hatte, hörte ſie ihn verkünden, daß er die zwei berühmteſten Menſchen des Weltalls beherberge; einen Gelehrten, der die Franzoſen wie Chineſen behandle, und einen Somnambulen von dreißig Jahren, der wie ein Kind von zwölf ausſehe und die aufgeweckteſten Menſchen einſchläfere. Da hatte Clairette auch Luſt bekommen, ſich in den Schlaf bringen zu laſſen, um zu erfahren, wie das wohl thue, und in der Vorausſetzung, daß es ihr, wenn wir einmal bekannter würden, ſehr ſchwer werden möchte, eine Audienz zu erhalten, war ſie unter dem Vorgeben, ſich nach unſern Be⸗ fehlen zu erkundigen, eilig zu uns herauf gekommen. Die Kleine trat, ſcheinbar von Furcht und Neu⸗ gierde getrieben, auf den Zehen einher, blieb zwei Schritte entfernt von mir ſtehen und betrachtete mich ganz aufmerkſam. Auch ich ſah ſie genauer an und fand ſie recht hübſch. Bisher war mir das ſchöne Geſchlecht noch gleichgültig geweſen und überdies hatte ich mich noch nie mit einem jungen Mädchen unter vier Augen befunden; die Gegenwart Clairet⸗ tens, die Aufmerkſamkeit, womit ſie mich beobachtete, nud der angenehme Ausdruck ihrer Phyſiognomie, * — 111 alles das brachte mich in Verwirrung, und es regte ſich in mir ein bisher mir noch unbekanntes Gefühl. Wir ſchwiegen beide ſtill; Clairette ſprach zuerſt. —„Wie, mein Herr, ſagte ſie mit großen Augen, wie!... Sie ſind ſchon dreißig Jahre alt?— Ja, Mamſell,“ antwortete ich, indem ich an die Aeußerung meines Begleiters dachte und überlegte, daß dieſe Lüge zu ſonderbaren Auftritten führen könnte. Uebri⸗ gens weißt Du, daß man im fünfzehnten Jahre gern älter und geſetzter ausſehen möchte, während man es im dreißigſten bedauert, nicht mehr fünfzehn alt zu ſein. A „Ach, mein Gott! iſt's denn möglich! Dreißig Jahre! Sie ſcheinen kaum halb ſo alt!.. Und Clairette blickte mich noch ſchärfer an, und ich ließ mich betrachten und ſpielte den Niedlichen.— Mein Herr, Sie beſitzen wohl ein Geheimniß, was Sie verhindert, alt zu werden?— Ja, Mamſell, o, ich beſitze noch viele andere!— Ach, mein Herr, wenn Sie mich nur mit dieſem bekannt machen wollten!... Wie zufrieden, wie glücklich wäre ich... immer jung zu ſcheinen!... Ach, was muß das angenehm ſein! ... Ich verſpreche Ihnen, von mir ſoll es Niemand erfahren! Uebrigens würde ich es auch nicht gern ſehen, wenn die andern Mädchen gleichfalls jung blieben!... Dann wäre es ja kein Vergnügen mehr ... Nun, mein Herr, wären Sie wohl ſo gut, und ... aber gleich... Sie können dafür verlangen, was Sie wollen!“ Das junge Dienſtmädchen ſchien mir in der That ſehr zugethan; ich fühlte ſchon tauſend Wünſche ſich in meinem Innern regen, aber ich ſprach ſie noch nicht aus; ich war noch Neuling, aber empfand ſchon die Luſt, es nicht mehr zu ſein, und bei Clairetten hätte ich gern meinen erſten Unterricht genommen. Wenn man ſich aber für einen Dreißiger ausgibt, will man kein Ignorant mehr ſein, und um mich nicht albern zu benehmen und auszudrücken, ſchwieg ich und beſchränkte mich darauf, Clairetten anzu⸗ ſchauen. 4 Erſtaunt über mein Stillſchweigen fürchtete ſie ſchon unbeſcheiden geweſen zu ſein; allein der Wunſch, jung zu bleiben, peinigte ſie ſo, daß ſie bald wieder zu fragen begann. „Man ſagt, Sie ſind ein Somnambule, mein Herr?— Ja, das bin ich.— Und daß Sie Jeder⸗ mann in den Schlaf bringen?— Ich bringe die in Schlaf, welche an meine Wiſſenſchaft glauben.— O mein Herr, ich glaube vollkommen daran... und wenn Sie mich einſchläfern wollten... iſt's das vielleicht, was das jugendliche Anſehen gibt?— Nun jaz das iſt der Anfang.— Ach, mein Herr, ſo fangen Sie mit mir an, ich bitte Sie, es wäre doch wenigſtens ſo viel geſchehen! Sehen Sie, wenn Sie wollten, da wir gerade allein ſind und Sie Zeit haben.— Was wollen Sie?— Daß Sie mich in den Schlaf bringen!... ich bin bereit dazu.“ Ich war ſehr in Verlegenheit, und wußte nicht, wie ich mich benehmen ſollte, um den Hexenmeiſter zu machen, und ärgerte mich daher ſehr, von meinem ¹ 113 kleinen Buckligen nicht nähere Details über dieſen Artikel gefordert zu haben. Indeſſen konnte ich der jungen Clairette, die mit ſo viel Anmuth in mich drang, nicht länger widerſtehen, und dachte: Du biſt doch nicht dummer als dein Buckliger; hat er auch dich nicht ſeine Methode, Menſchen einzuſchläfern, gelehrt, ſo willſt du eine neue entdecken, und vielleicht iſt die deinige noch praktiſcher als die ſeinige. „Nun denn, ich willige ein, ſagte ich zu Clai⸗ rette, ich werde Ihnen Unterricht ertheilen, aber der heutige wird nur zu Ihrer vorläufigen Entfaltung dienen; in der Folge ſchreiten wir dann weiter vor. — Ja, ja, mein Herr, wie es Ihnen beliebt.“ Das junge Dienſtmädchen war ſo entzückt über das, was ich mit ihr vornehmen würde, daß ſie wie eine kleine Tollhäuslerin im Zimmer herumſprang. „Nun, jetzt ſetzen Sie ſich, ſagte ich und ſtrengte mich zu einem ernſten Redeton an...— Wohin denn?— Ei hier, auf dieſen Stuhl... neben mir ... ſo..— Hier bin ich.— Geben Sie mir Ihre Hand.— O, alle beide, wenn Sie wollen!“ Ich ergriff Ihre beiden Hände und drückte ſie herzlich in den meinigen; eine wohlthuende Wärme durchſtrömte mich; ich war ſo glücklich, daß ich mich nicht zu bewegen wagte, aus Beſorgniß, der Zauber, welcher meine Sinne betäubte, könne zerſtört werden; meine Augen waren auf die Clairettens geheftet, deren Zärtlichkeitsausdruck in mir die erſte Liebe er⸗ weckte. Statt ihr Unterricht zu geben, ſchien es mir, als könne ich tauſend Dinge von ihr lernen; ich Paul de Kock. XIX. 8 114 zitterte und wurde bald blaß, bald roth; niemals hatte es wohl einen ängſtlicheren Hexenmeiſter gege⸗ ben! ich hatte meine Rolle vergeſſen, und Clairette, ohne es zu ahnen, übernahm ſie ſtatt meiner. „Es iſt auffallend, ſagte das junge Mädchen, der ich ſeit fünf Minuten die Hände drückte, hiedurch werde ich durchaus nicht ſchläfrig.— Warten Sie nur, warten Sie nur, das geht nicht ſo eilends... Jetzt müſſen Sie die Augen zumachen.— Wie? die Augen ganz zumachen?— Ja, das iſt durchaus nothwendig.— So! nun ſehe ich aber gar nichts mehr.“ lor ſich meine Furchtſamkeit, und ich wagte es, ein Küßchen auf die Lippen meiner niedlichen Schülerin zu drücken; ein noch nie gefühltes Feuer durchſtrömte mich, Clairette ließ ſich küſſen, und flüſterte nur halblaut:„Es iſt doch auffallend, hiedurch werde ich durchaus nicht ſchläfrig.“ Ich weiß nicht, welches Ende dieſer erſte Unter⸗ richt genommen hätte, wenn nicht mein Meiſter ge⸗ rade in demſelben Augenblick plötzlich ins Zimmer hereingetreten wäre, als ich Clairette in meine Arme drückte. Seine Gegenwart ſetzte mich ſo in Schrecken, daß ich mit einem Sprung am andern Ende des Zimmers war. Clairette ſchien minder verlegen als ich; ſie blieb auf ihrem Stuhl ſitzen und ſah mich und den kleinen Buckligen an, wie Jemand, der das Ende eines Experiments erwartet. „Was macht Ihr denn da, mein lieber Tatouos,“ Als Clairette mich nun nicht mehr anſchaute, ver⸗ 115 frug lächelnd der kleine Pfiffikus, obgleich er die Ur⸗ ſache meiner Verwirrung ſehr gut errieth...— Ich, ich ſuchte dies junge Mädchen in den magnetiſchen Schlaf zu bringen.— Ah! dabei waret Ihr!... Aber Ihr wißt ja, daß dazu einige nothwendige Vor⸗ kehrungen gehören, auch jetzt die Stunde nicht gün⸗ ſtig iſt... Glaubt mir und verlegt Euren magne⸗ tiſchen Unterricht auf eine andere Zeit.“ Dabei gab er mir einige Winke, die ich ſehr gut verſtand, und näherte ſich Clairetten, die noch immer ruhig auf dem Stuhle ſaß. „Mein liebes Kind, ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihr Euch unterrichten zu laſſen Luſt habt und an unſere Wiſſenſchaft glaubt. Beruhigt Euch, wir wer⸗ den Euch mehr lehren, als Ihr vermuthet... und hauptſächlich der Herr Tatouos, der ſeine Kunſt vor⸗ züglich verſteht und gern Proſelyten macht. Aber noch iſt der rechte Augenblick nicht da... Euer Herr verlangt Euch in der Küche; die Fricaſſes könnten anbrennen, und das würde mich ärgern, denn ich liebe die räucherigen Saucen und ausgetrockneten Braten nicht. Geht, liebes Kind. Morgen beginnen wir unſere großen Experimente,... und wenn Ihr das ſeid, wofür ich Euch halte, ſo ſollt Ihr mit unſern Myſterien näher vertraut werden! Kurz! Ihr ſollt morgen ſchlafen und klar ſehen!“ Ich weiß nicht, ob Clairette verſtand, was mein Buckliger damit meinte, aber ſie machte eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich. Als ſie vor mir vorüber war, warf ſie mir noch einen Blick zu, deſſen 8 116 Ausdruck mir den Kopf vollends ganz verdrehte; da ich meinem Gefühle nicht widerſtehen konnte, und es mir gleich war, was mein Kollege mir vielleicht ſagen möchte, ſo folgte ich dem jungen Mädchen auf die Hausflur. „Wenn Ihr wollt, daß ich Euch Alles lehre, was ich weiß, ſagte ich leiſe zu ihr, ſo ſagt mir, wo ich Euch ſprechen und treffen kann?— O, mir iſt nichts lieber!. Da, Ihr ſteigt hier dieſe Treppe noch weiter hinauf... und ganz oben, die kleine Thüre rechter Hand... ich werde ſie halb offen laſſen.— Schon gut!— Aber ich werde doch auch jünger?— Sorgt nicht!“ Clairette verließ mich; und ich kehrte zu meinem Kollegen zurück. Du ſiehſt, die Liebe hatte mich ſchon erfinderiſch gemacht; ein feſter Charakter, ein feuriger Kopf und eine kräftige Geſundheit führten mich vor der Zeit auf den Weg verliebter Abenteuer. Finſnſnnnfſſſſnſnn 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17