Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 8 deutſch bearbeitet von 4 Dr. Heinrich Elsner. 8 Achtzehnter Theil. SSo⸗ 2 5 Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1843. Der Mann mit drei Hoſen, oder die Republik, das Kaiſerthum und die Reſtauration. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Aufzunehmen pflegt man den Mann nach dem Kleide, das er trägt; man verabſchiedet ſich von ihm nach dem Geiſte, den er bewieſen hat. Vierter Theil. Go⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Die Generalin. Pauline wuchs heran und fuhr fort liebenswür⸗ dig und gut zu ſein. Maximus hatte ſie in Allem, was zur wiſſenſchaftlichen Bildung eines Frauenzim⸗ mers, das nicht pedantiſch ſein ſoll, gehört, unter⸗ richtet. Prosper ſchaffte ihr Alles, was ihr gefiel, zu ihrem Putze an, und die Jugend der Waiſe floß heiter und friedlich in Geſellſchaft Deſſen hin, der nur an ihr Glück dachte. Allein Prospers Vermögen war nicht unerſchöpf⸗ lich. Er ging übel mit den hundertfünfzigtauſend Fran⸗ ken um, die er nach Frankreich zurückgebracht hatte. Er hatte eine ſchöne Wohnung, zwei Dienſtboten, eine Kammerfrau für Pauline, verlangte, daß dieſe ſich immer prachtvoll kleidete, ſchaffte ihr Koſtbarkei⸗ ten an, und brachte ihr unaufhörlich von jenen rei⸗ zenden Kleinigkeiten mit, die den Frauen gefallen und die Männer ruiniren. Er empfing auch gerne ſeine Freunde bei ſich, und nöthigte zuweilen die gute Mut⸗ teer Bertholin, in der Lotterie zu gewinnen, da dieſes das einzige Mittel war, Maximus' Schickſal zu ver⸗ beſſern.* Paul de Kock. XVIII. 1 ——Q——————— 2 Gewiß war dieſes ein anmuthiges Leben; aber um es lange fortführen zu können, hätte Prosper ein anderes Einkommen haben müſſen, als ſolches der Fall war. Maximus ſagte mitunter zu ihm:„Du betreibſt weder ein Geſchäft noch einen Handel, Du haſt keine Anſtellung und gibſt doch ſo viel Geld aus. Deine Lage muß alſo ſehr geſichert und Dein Ver⸗ mögen gut angelegt ſein? Wenn ich dieſe Fragen an Dich ſtelle, ſo weißt Du wohl, daß es nicht aus ein⸗ fältiger Neugierde, ſondern einzig aus Intereſſe für Dich geſchieht.“ Prosper lächelte, drückte Maximus' Hand und ant⸗ wortete:„Sei getroſt! mache Dir meinetwegen kei⸗ nen Kummer. Ich bin nicht mehr ſo keichtſinnig, ich bin ſehr georonet.“ Aber, wenn er zuweilen allein war, erin ſich an Maximus' Rathſchläge und dachte: Recht... Mein Geld wird nicht ewig währen. ſollte auch an die Zukunft denken. Beſonders um Paulinens willen möchte ich reich ſein. Denn in Kur⸗ zem wird es ſich darum handeln, ſie zu verheirathen; dann muß ich ihr ein Heirathsgut mitgeben. Das arme Kind, ich wünſchte ſo ſehr, ſie glücklich zu ſehen! Kein Opfer, wenn es erforderlich iſt, ſoll mir zu ſchwer ſein, ihr Glück zu ſichern. Ich muß mich um ein Geſchäft umſehen, oder eine Anſtellung ſuchen und unnterdeſſen ſparſam ſein. 4 Nachdem Prosper ſolche Vorſätze gefaßt hatte, ging er aus und dachte an ganz andere Dinge; da aber ſ 3 4 8 wenn er an einem Laden vorbeiging, wo er einen hübſchen Stoff oder ein geſchmackvolles Geſchmeide ſah, daſſelbe und brachte es eilig Paulinen, welche ihn wegen ſeiner Freigebigkeit ſchmälte. „Mein lieber Freund, ſagte ſie zu ihm, Sie geben mir zu viel; Sie verſchwenden zu viel Geld für mich. Ich brauche nicht ſo viel Kleider und Geſchmeide. Bin ich nicht geputzt genug, wenn Sie mich hübſch finden; nicht ganz glücklich, wenn ich bei Ihnen bin?“ Dann drückte Prosper einen Kuß auf die Stirne der Waiſe und ſprach:„Meine theure Freundin, ich wünſche, daß Ihnen dies Alles zu Theil werde, weil Ihre Eltern reich waren; ohne die Begebenheiten der Revolution würden Sie vermöglich ſein und ein prächtiges Gut beſitzen, welches Ihr Vater in der Tourraine gekauft hatte! Da man Sie mir anver⸗ traut hat, ſo muß ich ſo viel als möglich Ihnen das zu erſetzen ſuchen, was Ihnen genommen worden iſt. Abgeſehen davon, glaube ich jedoch Ihnen, wenn ich Ihnen etwas bringe, einen Gefallen zu erweiſen, und es macht mir ſo viel Freude, daß es Unrecht von Ihnen wäre, mich dieſes Glückes zu berauben.“ Wie war es möglich, ein Geſchenk auszuſchlagen, welches auf ſolche Weiſe überreicht wurde! Es gibt Leute, die einer Gabe, durch die Art, womit ſie die⸗ ſelbe darbringen, den Werth benehmen; es gibt da⸗ gegen wieder andere, die eben dadurch den Werth derſelben verdoppeln. Picotin war ſeit jenem Tage, wo er ſo tüchtig getafelt hatte, nicht wieder zu Prosper gekommen: 4 man vermuthete, ſeine Frau werde ihm einen Ver⸗ weis gegeben haben, weil er ſich erlaubt, ohne ſie in der Stadt zu eſſen; allein es machte Prosper gro⸗ ßes Vergnügen, daß er nicht mehr von Euphraſia ſprechen hörte, die ohne Zweifel darüber geärgert war, daß er ſie nicht mehr beſucht hatte. Es war ihm um ſo lieber, Madame Picotins Beſuch nicht er⸗ halten zu haben, da die Leidenſchaft dieſer Dame für das Militär gar keine Grenze kannte; man war ihr mehrmals auf dem Spaziergang mit einem Regi⸗ mentstambour und ſpäter mit einem Pompier am Arme begegnet. Es war im Jahr 1811; Pauline hatte ihr acht⸗ zehntes Jahr erreicht; ſie war reizend, nicht ſowohl wegen der Regelmäßigkeit ihrer Geſichtszüge, als wegen dem ſanften und zarten Ausdruck ihrer Phy⸗ ſiognomie, der ihrem Geſichte etwas Melancholiſches verlieh, welches ſie noch intereſſanter machte. Maximus gab ihr keinen Unterricht mehr, beſuchte ſie aber noch häufig. Er unterhielt ſich gerne über Geſchichte und Philoſophie mit ihr; das richtige Ur⸗ theil und der Geiſt dieſes Mädchens ſprachen ihn an. Und als endlich ein ſchmerzliches, obwohl leicht vor⸗ auszuſehendes Ereigniß eintraf, als Marimus ſeine alte Mutter verlor: da weinte Pauline mit ihm; und um ſeinen Gram zu lindern, ſprachen ſie, ſo oft ſie ihn ſah, von der guten Mutter Bertholin mit⸗ einander. Viele glauben, man müſſe in unſerer Gegenwart nicht von theuren Weſen ſprechen, die wir verloren 5 haben! Dieſe Leute kommen mir vor wie ſolche, die ſich vor dem Tode fürchten, und ſobald ein Freund, eine Gattin, oder eine Schweſter die Augen ſchloß, davon fliehen!... Wer ſich vor einem theuren Bilde ſo fürchtet, der iſt ſehr ungeduldig, daſſelbe zu ver⸗ geſſen! Wahrhaft Liebende tröſten ſich in der Erin⸗ nerung. DOſft betrachtete Prosper Paulinen ſchweigend; ihre Anmuth, ihre Reize fielen ihm auf und er dachte: „Sie iſt ein Engel und wird den, der ſie heirathet, glücklich machen... Ich bin überzeugt, ſie würde, wenn ſie in die Welt käme, irgend eine glänzende Eroberung, eine vortreffliche Partie machen; allein ſie will nicht unter die Leute. Zu Poupardots kommt Niemand und zu mir nur meine alten Freunde. Was Teufels... zum Heirathen muß man ſie doch vorher ſehen t...“ Wenn die Waiſe bemerkte, daß die Blicke ihres Beſchützers auf ihr hafteten, ſo rötheten ſich ihre Wangen; ſie ſchien bewegt, verlegen; dann folgte dieſer Röthe eine auffallende Bläſſe und ſie ließ zu⸗ weilen die Arbeit, womit ſie beſchäftigt war, aus den Händen fallen. Seit 1807 war Roger, der den Krieg in Spa⸗ nien mitgemacht hatte, als Oberſt zurückgekehrt; er hatte eine Wunde empfangen, die nicht gut geheilt war, und deßhalb die Erlaubniß erhalten, ſich einige Zeit in Paris zur Ruhe zu ſetzen. Prosper, der ihn häufig beſuchte, ging eines Morgens zu ihm und ſprach:„Ich wünſche, Sie in einer Angelegenheit, 6 die mir ſehr nahe geht, um Rath zu befragen; denn Maximus zankt mich und predigt mir immer. Die mir anvertraute Waiſe, Pauline Derbrouck, iſt jetzt achtzehn Jahre alt, herangewachſen und voll Reize und Anmuth; überdies hat ſie ein gutes Herz und alle Eigenſchaften, welche ein Frauenzimmer ſchätzbar machen. Ich thue mein Möglichſtes, um ihr Glück zu befördern; doch ſeit einiger Zeit wird ſie, wie es mir ſcheint, ſchwermüthig und ihr Lächeln iſt nicht mehr ſo ungezwungen wie früher... In ihrem Alter werden in den jungen Mädchen neue Gedanken, neue Wünſche rege; ich meine daher, ich müſſe ſie ver⸗ heirathen, und das wäre gewiß das Mittel zur Rück⸗ kehr ihres Frohſinnes.“ „Ein junges Mädchen zu verheirathen, ſcheint mir ein ganz richtiger Gedanke, entgegnete Roger, ſich auf einem Lehnſtuhle ausſtreckend; aber was ſoll ich in dieſer Angelegenheit thun? Willſt Du mir Fräu⸗ lein Derbrouck zur Ehe vorſchlagen? Sie iſt unſtrei⸗ tig hübſch und liebenswürdig, und verdient die Liebe eines Mannes; aber, lieber Freund, ich bin zwanzig Jahre älter als ſie, und obgleich man im achtund⸗ dreißigſten Jahre noch einen vollkommenen Liebhaber abgeben kann, ſo tauge ich doch gar nichts mehrl.. Meine Feldzüge haben mich ermattet und meine Wun⸗ den übel zugerichtet; und wenn ich einem Frauen⸗ zimmer den Hof machen ſollte, würde ich mich be⸗ nehmen wie ein Rekrute!... Nein, ich finde keinen Geſchmack am Eheſtand! Lieber will ich meine Pfeife rauchen, bei einem Glas Champagner, mit Freunden v——x 7 ſchwatzen und ſobald ich gänzlich hergeſtellt bin, noch einmal ins Feld ziehen.“ „Oberſt, ſagte Prosper lächelnd, ich habe nie an eine Heirath zwiſchen Ihnen und Paulinen gedacht!“ „Nun! was willſt Du alſo von mir?... erkläre Dich!— Ich wünſchte für Fräulein Derbrouck einen jungen, hübſchen, geiſtreichen, guten... und reichen Mann zu finden..— Sol weiter nichts..— Ich denke, Pauline verdient einen vollkommenen Mann. — Möglich; aber man trifft nicht immer, was man verdient; mach nur fort!“ „Um einen Mann für meine Pauline zu finden, müßte ich in Geſellſchaften gehen: dort macht man Bekanntſchaften, die man ſpäter zu ſich einladet. Nun! ich gehe nirgends hin, als zu Poupardot; denn im Schauſpielhauſe werde ich doch keinen Gatten ſuchen? Aber Sie, Oberſt, Sie haben in allen großen Häu⸗ ſern Zutritt; kurz, Sie beſuchen Geſellſchaften... wollen Sie mich zuweilen mitnehmen?“ „Recht gerne, lieber Freund; mit einer Narbe auf der Stirne wie Du, findet man überall Auf⸗ nahme. Schau, heute Abend ſchon, wenn Du willſt, gehe ich zum General Bloumann; er iſt ein Elſäßer, ein alter Soldat der kaiſerlichen Armee, der alle ſeine Grade auf dem Schlachtfelde erworben hat; er iſt ein vortrefflicher Mann, durchaus nicht ſtolz... flucht ein bischen gerne, und legt ſeine Worte eben nicht auf die Wage.. Ol er weiß nichts von Um⸗ ſtändlichkeiten; er wird Dich mit Vergnügen aufneh⸗ men, ebenſo ſeine Frau, die Generalin, welche ſehr 8 liebenswürdig... und ganz ungeziert iſt... ſie muß ausgezeichnet hübſch geweſen ſein, iſt jetzt noch er⸗ träglich... ihre Erziehung ſcheint etwas vernachläſ⸗ ſigt, ſie wird Dich, aber herzlich empfangen. Der General gibt oft Abendgeſellſchaften, große Eſſen, Bälle: wohlan! dort findeſt Du vielleicht, was Du für Dein Fräulein ſuchſt.“ „Ich danke Ihnen, mein lieber Oberſt; dieſen Abend will ich Sie abholen und mit Ihnen gehen. — Um acht Uhr... eine militäriſche Stunde.— Es bleibt dabei.“ Abends verabſchiedete ſich Prosper, nachdem er ſich in großen Staat geworfen hatte, von Paulinen. Dieſe, welche es nicht gewöhnt war, ihren Beſchützer ſo prächtig gekleidet zu ſehen, fragte ihn lächelnd: „Gehen Sie auf den Ball, lieber Freund?— Nein, meine theure Pauline: wenn ich auf den i ſo würde ich Sie eingeladen haben, mich z ten.— Ich danke Ihnen; denn ich hätte es an ſchlagen.— O! das ſind Redensarten!... ke nicht daran.— Sie wiſſen wohl, daß ich die. die großen Geſellſchaften nicht liebe... und mich voll⸗ kommen glücklich in dem ruhigen Leben fühle, wel⸗ ches ich in Ihrer Nähe zubringe...— Und ich bin Anſicht, daß dieſes nicht der Fall ſein kann... In Ihrem Alter wünſcht man tauſend Dinge, und wagt nicht ſie zu begehren.— Was ſollte ich auch wün⸗ ſchen? Sie ſind ſo gütig gegen mich!— Ol ich merke es wohl... Seit einiger Zeit ſind Sie nicht mehr ſo heiter wie früher, Sie ſeufzen oft... Sie —,— 9 langweilen ſich..— Ach nein! mein Freund, ich langweile mich nicht... ol ich ſchwöre Ihnen, das iſt nicht ſchuld...— Alſo etwas Anderes...— Nein; es fehlt mir. nichts... ich bin ganz glucklich Me es iſt höchſt Unrecht zu glauben, ich langweile mich..) 4 Thränen traten in Paulinens Augen, ſie ſchluchzte und war außer Stand fortzuſprechen. Prosper reichte ihr die Hand und ſagte lächelnd:„Sie ſind ein Kind.. ich wollte Ihnen keinen Kummer machen; laſſen Sie nur mich für Ihr⸗Glück ſorgen.“ Die Jungfrau ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Prosper verließ ſie und begab ſich zu dem Oberſt Roger, der ihn vom Kopfe bis zu den Füßen be⸗ trachtete und ausrief:„Tauſend Schwadronen! Pros⸗ 4 per, weißt Du, daß Du noſf yec ſanber biſt?... Finden Sie, Oberſt?— Wiß alt biſt Du?— Fünf⸗ Ahude Leidenſchaften u 4 ſe⸗Narbe muß die Weiber ... Es ärgert mie Mol, daß ich nicht diee ans Geic m.“ N „Oberſt, Sie haben Wunden genug frhalten, auchen dieſe nicht.“ A⸗ 4 „Ei, apropos! Poupardot hat mir gelegenhe t. lich einmal geſagt, Du habeſt Dich aus Frankreich entfernt, um eine unglückliche Liebe zu vergeſſen... DSaſt Du den Gegenſtand Deiner Leidenſchaft hier Je wiedergeſehen?“ 85 4 Prospers Angeſicht verdüſterte ſich, ſeine Stirne wurde ernſt und er entgegnete ſeufzend:„ Nein, Fumg E 3 3 X 8 10 ich habe ſie nicht wiedergeſehen. Ich hörte niemals von ihr ſprechen, nirgends war etwas von ihr zu vernehmen! Aber nichts weiter davon, Oberſt! be⸗ rühren Sie dieſe Saite nicht, ſie klingt ſchmerzlich! — Vergib mir, Freund, es thut mir leid, daß ich das geſagt habe; aber ich hielt dieſe Geſchichte für beendigt! Bei uns Soldaten, ſiehſt Du, dauert die Liebe gewöhnlich nicht ſo lange. Es iſt in Ordnung, vergeſſen wir die Sache und gehen wir zu dem Ge⸗ neral.“— Der General Bloumann bewohnte ein ſchönes Ho⸗ tel in der Straße Saint⸗Honoré. Die beiden Freunde ſtiegen eine mit Teppichen belegte Treppe mit einem vergoldeten Geländer hinauf; ſie traten in ein hell⸗ erleuchtetes Vorgemach, wo ſie beim Eingang zum Saale einen Jäger fanden, der mit der Anmeldung der ankommenden Perſonen beauftragt war. Roger ſagte zu dieſem:„Melden Sie den Oberſt Noger und den Herrn Prosper Breſſange.“ Beim Namen Prosper Breſſange zuckte der Jäger zuſammen und ſchnitt eine ſonderbare Grimaſſe, allein die beiden Freunde achteten nicht darauf. Indeſſen machte der Bediente eilig die Thüre auf und meldete die beiden Herren. Der Oberſt führte Prosper in einen prachtvollen Saal ein, der bereits mit Menſchen angefüllt war. Elegante Frauen, Offiziere, Künſtler und Gelehrte unterhielten ſich ſtehend oder ſitzend miteinander; zwei Spieltiſche waren ſchon beſetzt, und in einem Neben⸗ zimmer ſpielte man Klavier. — — 11 Der General Bloumann war ein großer, ſtarker Mann von fünfzig Jahren, mit einem ungeheuren ſchwarzen Schnurrbarte, deſſen Geſichtszüge übrigens Offenheit und Liebenswürdigkeit ausdrückten. Roger ſtellte ihm Prosper mit den Worten vor:„General, ich nahm mir die Freiheit, meinen Freund Prosper Breſſange bei Ihnen einzuführen, von welchem ich bisweilen ſchon mit Ihnen geſprochen habe.“ „Sie thaten ſehr wohl daran, Oberſt. Reichen Sie mir die Hand, Herr Breſſange, Sie tragen ein Merkmal auf Ihrer Stirn, welches mir ſehr wohl gefällt. Ha! beim T.... ich verſtehe mich auf die Säbelhiebe, ich habe ſchon einige ausgetheilt und einige hingenommen; Sie erhielten die Wunde in der Gegend von Auſterlitz, ich kenne dieſe Geſchichte. Ich war auch bei Auſterlitz, ha! der T..... dort war es warm.“ „General, iſt Ihre Frau Gemahlin nicht hier? Ich möchte ihr gerne meinen Freund vorſtellen.— Doch, doch, ſie iſt dort im Nebenzimmer. Sie klim⸗ pern auf dem Klavier und ſingen, ich weiß ſelbſt nicht was für alte Arien!“. „Iſt die Frau Generalin muſikaliſch? fragte Pros⸗ per.— Meine Frau? Ach! warum nicht gar! wie mein Pantoffel! Ich habe ſie nie ſingen hören, als: „Tunk dein Brod in meine Saucel— Tunk dein Brod in meine Saucel ac.“ Aber ſie hört den Andern zu. Es muß Alles ſeine Unterhaltung haben. Das iſt die Hauptſache!... Ach! da ſehe ich einen alten Kameraden.“ 12 Der General verließ die beiden Freunde, um einem eben eingetretenen Offizier entgegen zugehen, und Roger fragte Prosper:„Was hältſt Du von dem General?— Er ſcheint eben ſo offenherzig als ungezwungen in ſeiner Rede. Ich liebe ſolche Män⸗ ner... man weiß gleich, wie man mit ihnen daran iſt.— O, es iſt ein tapferer und ein vortrefflicher Mann. Nun mache der Dame des Hauſes Deine Aufwartung, dann iſt Alles geſchehen, und Du kannſt thun, als ob Du zu Hauſe wäreſt.“ Prosper folgte ſeinem Führer in das Zimmer, wo man Muſik machte, und von wo aus man nicht hören konnte, wer im Saale angemeldet wurde. Unter mehrern neben dem Pianoforte ſprechenden und lachenden jungen Damen, befand ſich eine große Frau, welche mit mehr Pracht als Geſchmack geklei⸗ det, und deren Angeſicht, ohne gerade edel zu ſein, noch hübſch war, und beſonders durch einen Ausdruck von Freimüthigkeit und Anmuth gefiel. Roger näherte ſich dieſer Dame und ſtellte ihr Prosper mit den Worten vor:„Madame, ich habe mir erlaubt, einen meiner Freunde bei Ihnen einzuführen, dem es ſehr ſchmeichelhaft ſein wird, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Die Gemahlin des Generals, denn ſie war es, ſtand auf, machte gegen Prosper eine etwas linkiſche Verbeugung, und erwiderte:„Das Vergnüngen iſt im Gegentheil auf unſerer Seite... Sie haben ſehr wohl daran gethan, Oberſt... Wenn dem Herm vielleicht etwas gefällig iſt.. 1 — 13 „Ich danke tauſendmal, Madame“, entgegnete Prosper, der ſich beſann, wo er das Geſicht der Ge⸗ neralin ſchon geſehen hatte; dieſe ſchien gleichfalls, als ſie Prospers Stimme vernahm, ganz ergriffen, eine lebhafte Bewegung ſpiegelte ſich in ihren Blicken, welche ſie ſodann auf die ihr vorgeſtellte Perſon hef⸗ tete und in ihren Zügen zu leſen ſchien. Als Roger ſeinen Freund unbeweglich vor der Frau Generalin ſtehen ſah, wendete er ſich um und kehrte in den Saal zurück. Die jungen Damen tra⸗ ten an's Klavier und ſpielten; Prosper befand ſich ſomit in einem Theile des Zimmers ganz allein, der Hausfrau gegenüber, welche ihn auf ſonderbare Weiſe betrachtete, und die er ſelbſt überzeugt war, irgendwo ſchon geſehen zu haben. Die Frau des Generals entſchloß ſich zuerſt, das Geſpräch wieder anzuknüpfen.„Mein Herr, ſagte ſie mit bewegter Stimme, die Art, wie ich Sie be⸗ trachte, muß Ihnen ſehr... ungenirt... unpaſ⸗ ſend.. erſcheinen... aber es iſt mir, als ob ich Sie früher... ſchon geſehen hätte...“ „Ich meine auch, Sie zu kennen, Madame— Wie heißen Sie, mein Herr?...— Prosper Breſ⸗ ſange...“ Die Generalin fing an zu zittern und vermochte kaum zu ſtottern:„Sie ſind es... Du biſt es... Prosper!— Aber wer ſind Sie?...— Jeannette .. die früher in Melun bei Herrn Durouleau war... — Sie! Jeannette! wäre es möglich!..“ „Ja, ich bin es... Achl welches Glück für mich, 14 Sie wieder zu ſehen!.“ Der General, welcher in's Muſikzimmer trat, unterbrach dieſes Geſpräch; er näherte ſich ſeiner Frau und ſagte zu ihr: Nun! Johanna, Du unterhältſt Dich mit dieſem Herrn, dem Freunde des Oberſt Roger. Ha der Tauſend! er hat eine ordentliche Schmarre auf der Stirne... Was treibt man hier?... Singt man ein wenig? lacht man? Ich liebe eure langwierigen Gurgeleien nicht . Singt mir das Lied von der Mutter Godichon, das iſt eine Melodie, die das Herz hebt; oder: Wenn ich rutſche, rutſchet Alles ac., das klingt ſchön im Chore.“ Die Damen lachten ſehr über des Generals Lieder. In kurzer Zeit war Jeannette von Leuten umringt; ſie konnte nicht mehr mit Prospern allein ſprechen, aber ſie folgte ihm mit den Augen und konnte ſich nicht ſatt an ihm ſehen. Prosper ſah dem Spiele zu und horchte auf die Muſik; aber während er ſich um das, was um ihn her vorging, zu bekümmern ſchien, ruhten ſeine Blicke oft auf der Generalin. Er hatte ſich noch nicht von ſeinem Staunen erholt, und möchte gerne einige Worte mit Jeannette wechſeln. Sie ihrerſeits ſuchte auch jede mögliche Gelegenheit, ſich Prospern zu nähern, aber als Dame des Hauſes war ſie faſt ſtets von Leuten umgeben, und gezwungen, ſich mit ihren Gä⸗ ſten zu beſchäftigen. Gegen das Ende des Abends jedoch ſaß der General am Spieltiſche, viele Beſuche hatten ſich ſchon entfernt, und in dem Muſikzimmer waren nur noch ein Herr und eine Dame beim Kla⸗ e 15 vier, welche ungeſtört mit einander ſprechen zu wollen ſchienen. Als nun Prosper auf die Seite trat, um dem Pärchen nicht läſtig zu ſein, ſah er im Hinter⸗ grunde eine Thüre öffnen, und Jeannette, welche auf der Schwelle erſchien, gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Prosper gehorchte dieſer Aufforderung, und ſah ſich bald in einem kleinen hübſchen Boudoir mit der Generalin allein; er ließ ſich neben ihr auf einen Divan nieder, und Jeannette ergriff ſeine Hände, drückte ſie mit Innigkeit und begann:„Sie ſind es, Prosper!.. Sie ſind nicht geſtorben!.. und ich ſehe Sie endlich wieder... Ach! nun bin ich glücklich!“ „Meine liebe Jeannette.. achl entſchuldigen Sie, Madame, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie noch bei dieſem Namen zu nennen!..— O! nennen Sie mich immer ſo... Glauben Sie, weil ich die Frau eines Generals geworden ſei, wolle ich vergeſſen, was ich einſt war... ol nein... Ich bin emporge⸗ kommen, aber ich will wenigſtens meinen Urſprung nicht vergeſſen...“ „Aber, wie hat es ſich denn zugetragen..— Ach! ja, ich begreife Ihr Erſtaunen... Sie glaubten nicht... das arme Mädchen, welches Sie verſtoßen haben, dem Sie verboten... Ihnen nachzufolgen... in einem reichen Hotel wiederzufinden...“. „Verſtoßen... Ach! das Wort i*ſt allzu grauſam... habe ich Ihnen verboten, mir nachzufolgen, ſo be⸗ weiſen ja die Ereigniſſe, daß ich wohl daran that, 16 denn bei mir, Jeannette, hätten Sie die Stellung nicht erlangt, die Sie jetzt einnehmen.“ „Werden Sie nicht böſe.. ich wollte Ihnen keine Vorwürfe machen... obgleich ich damals recht un⸗ glücklich war. Hören Sie mich an; in wenig Worten ſollen Sie meine Lebensgeſchichte erfahren. Als ich Sie auf der Heerſtraße verließ, kehrte ich nicht mehr zu Herrn Durouleau zurück, dazu war ich feſt ent⸗ ſchloſſen. Ich lief lange Zeit plan⸗ und ausſichtslos umher; plötzlich kam mir ein Gedanke; ich dachte: Wenn die Geliebte eines jungen Mannes treulos wurde, ſo zieht er in's Feld, um ſeine Liebe zu ver⸗ geſſen; wohlan! ich will guch in's Feld ziehen; ich marſchirte, bis ich auf ein franzöſiſches Armeecorps ſtieß; dann ſchaffte ich mir an, was zu meinem neuen Stande gehörte und wurde Markedenterin. In die⸗ ſer Lage, können Sie ſich wohl denken, machte ich Eroberungen, und hatte Hofmacher genug... denn ich war hübſch, obgleich Sie das nicht beachteten... allein, ich gab Keinem Gehör, und dachte immer an Sie zurück... ſo daß ich, von Liebhabern umringt, doch tugendhaft blieb; eine Frau kann es immer bleiben, wenn ſie nur will, gleich wie ſie, trotz aller Vorſicht, womit man ſie umgibt, um ſich ihrer Tugend zu verſichern, das Gegentheil thun kann. Der Ruf meiner Tugend erwarb mir die Achtung der Offiziere in der Armee; kurz, Herr Bloumann, welcher da⸗ mals Hauptmann war, verliehte ſich in mich. Ich werde kein Soldat, aber eine Markedenterin. Mein Plan war gefaßt, ich machte mich auf den Weg und † 17 ſchenkte ihm nicht mehr Aufmerkſamkeit als den An⸗ dern; aber er machte mir den Vorſchlag, mich zu heirathen, und ich willigte ein, nachdem ich im jedoch zuvor geſtanden hatte, daß ich ſchon Einen von ganzer Seele geliebt habe. Allein dieſes frei⸗ müthige Geſtändniß vermehrte die Liebe des Haupt⸗ manns noch. Jetzt iſt mein Mann General geworden, und hat mich immer noch gleich lieb; und ich werde nie vergeſſen, was ich ihm ſchuldig bin. Ich werde ihm treu bleiben, weil es meine Pflicht iſt. Aber ich darf mich wohl freuen, Sie wiederzuſehen und zu Ihnen ſagen: Küſſen Sie mich, denn es kann kein Unrecht darin liegen, einen alten Freund zu küſſen.“ Mit dieſen Worten neigte Jeannette ihr Angeſicht gegen Prosper, der ſie von ganzem Herzen küßte. Ein leiſes Geräuſch, als ob ſich Schritte entfernten, ließ ſich hierauf vernehmen; Jeannette erhob ſich und ſagte:„Ich meine, man habe uns belauſcht... Wir wollen daher wieder in den Saal zurück, mein lieber Prosper, denn ſeit ich in die großen Geſellſchaften komme, habe ich erfahren, daß man in den unſchul⸗ digſten Dingen ein Unrecht ſieht, und man ſoll nicht bemerken, daß wir eine heimliche Unterredung hatten ... doch von nun an werde ich ganz glücklich ſein, denn ich habe Sie wieder gefunden, Sie geküßt, und hoffe Sie in Zukunft öfters zu ſehen.“. Jeannette und Prosper trennten ſich. Der Letztere kehrte durch das Muſikzimmer in den Saal zurück, und die Generalin erſchien ebenfalls bald wieder von einer andern Seite. Paul de Kock. XVIII. 2 ——⁹⁴ — —— 1 18 Nach einer Weile verabſchiedeten ſich Roger und ſein Freund von dem General; dieſer reichte Prosper die Hand und ſprach:„Sie gehören zu den Män⸗ nern, die mir gefallen... Sie ſind ſo recht nach meiner Art. Solche ſind mir lieber wie die Stutzer und Zierbengel!... Wenn Sie ſich öfters bei mir einfinden wollen, ſo machen Sie mir ein Vergnügen und meiner Frau auch, nicht wahr, Johanna?“ Jeannette lächelte nur und verbeugte ſich. Prosper ging mit dem Oberſt weg; er bedankte ſich bei die⸗ ſem für den angenehmen Abend, welchen er ihm ver⸗ ſchafft hatte, hielt es aber für überflüſſig, ihm das Verhältniß mitzutheilen, das ehemals zwiſchen ihm und der Generalin beſtanden. An dem auf dieſen Abend folgenden Morgen war es kaum ſechs Uhr in der Frühe, Prosper ſchlief noch, als ihn ſein Bedienter, der ihn am Arme ſchüttelte, weckte und zu ihm ſagte:„Verzeihen Sie, Herr, wenn ich Sie aufwecke... aber da hat ein Livree⸗Bedienter, ein Jäger, glaube ich, einen Brief gebracht und geſagt, ich müſſe ihn durchaus plötzlich übergeben.“ Prosper rieb ſich die Augen, nahm den Brief und las Folgendes:„Ich erwarte Sie um halb ſieben Uhr am Maeillot⸗Thore; ich werde meine Piſtolen bei mir haben, verſehen Sie ſich mit den Ihrigen, wenn Sie wollen. Es iſt überflüſſig, Ihnen den Grund dieſes Zweikampfes anzugeben, er wird Ihnen von ſelbſt einleuchten. Sie ſind tapfer, ich auch; wir brauchen keine Sekundanten. Nur mein Bedienter 19 wird bei mir ſein, nehmen Sie den Ihrigen eben⸗ falls mit. Wenn Sie, was ich jedoch nicht voraus⸗ ſetze, ſich nicht zu dieſem Stelldichein einfinden, ſo werde ich mich genöthigt ſehen, Ihnen, ſobald ich Ihnen begegne, einen Hundstritt zu geben... General Bloumann.“ Prosper begriff dieſe Herausforderung nicht, in⸗ deſſen zog er ſich eiligſt an, befahl ſeinem Bedienten ſeine Piſtolen mitzunehmen und ihm zu folgen; dann ſtieg er in einen Fiaker und ließ ſich an den bezeich⸗ neten Ort führen. Unterwegs erinnerte ſich Prosper an die geſtrige Unterhaltung mit der Generalin; er vermuthete, daß ihr Gemahl davon unterrichtet worden, und wahr⸗ ſcheinlich außerordentlich eiferſüchtig ſei. Da indeß dieſe Unterhaltung nichts Verbrecheriſches an ſich ge⸗ habt hatte, ſo ſchmeichelte ſich Prosper, daß ſein Gegner, ehe er es zum Kampfe kommen laſſe, ihm eine Erklärung geſtatten werde. Der Wagen hielt beim Eingange zum Boulogner⸗ Wäldchen; Prosper ſah von ferne den General, wel⸗ cher ſich ſchon am Orte des Rendezvous befand, und mit großen Schritten und ungeduldiger Miene auf und ablief. Sein Jäger war bei ihm. Prosper näherte ſich dem General und ſagte: „Entſchuldigen Sie, Herr General, wenn ich Sie warten ließ... allein ich beeilte mich ſo viel als möglich.— Sie ſind da, alſo genug... Wir wollen zu jenem Buſch hingehen... dort finden wir einen geeigneten Platz...“ — — —— 20 Damit ſchritt der General vorwärts. Während des Gehens fuhr Prosper fort:„Herr General, Sie ſehen, daß ich Ihrer Einladung Folge geleiſtet habe. — Daran zweifelte ich gar nicht, mein Herr.“ „Indeſſen möchte ich doch, ehe wir uns ſchießen, wiſſen, warum es geſchieht; ich verſichere Sie, ich begreife es nicht.— Bah! bah! bah!... Was ſind das für Geſchichten... Worte ſind bei herzhaften Leuten überflüſſig; man handelt, das iſt mehr werth.“ „Aber noch einmal, General, ich möchte den Grund kennen— Ah! Sie wollen mich nicht übel für Narren halten... mit Ihrem Nichtwiſſen! Potz Donnerwetter! vorwärts, machen Sie ein Ende! ſehen Sie... hier iſt der richtige Punkt... Zehn Schritte auseinander.. Sie können Ihre Piſtole oder eine von den meinigen nehmen... Mein Jäger wird dreimal in die Hände klopfen... beim dritten Schlag ſchießen wir beide zugleich... Sind Sie einver⸗ ſtanden?“ a bur⸗ General, wir könnten uns doch zuvor er⸗ klären...— Ich ſage Ihnen, Worte ſind überflüſſig . Ha, beim Blitz! ſtellen Sie ſich auf Ihren Platz! oder ich glaube, daß Sie ſich fürchten.“ Prosper erwiderte nichts mehr, er nahm eine der Piſtolen ſeines Gegners und wartete; der Ge⸗ neral zählte die Schritte ungefähr ab, ſtellte ſich, und ſagte zu ſeinem Jäger:„Nun klopfe dreimal in die Hände.“* Der Jäger ließ ſich dieſen Befehl nicht wieder⸗ holen, er ſchien ihn im Gegentheil mit Eifer zu 8. 21 befolgen. Beim dritten Schlag drückten beide Gegner ab. Prosper war in die Seite getroffen und fiel. Man hörte einen Freudenſchrei, jedoch nicht aus dem Munde des Generals. 3 Herr Bloumann kehrte ſich gegen ſeinen Jäger und ſprach:„Du wirſt dem Bedienten dieſes Herrn helfen, ſeinen Gebieter in den Wagen zu tragen... Auf Wiederſehen, Herr Prosper Breſſange; wenn Sie geheilt ſind, wollen wir von Neuem anfangen.“ Der General entfernte ſich. Prospers Bediente holte den Wagen herbei. Dann näherte ſich der Jä⸗ ger dem Verwundeten, neigte ſich über ihn her und ſagte höhniſch zu ihm:„Das iſt eine Revanche für den Piſtolenſchuß, den Du mir ins Bein gejagt haſt. — Goulard! hauchte Prosper, den Jäger ſtarr an⸗ ſehend.— Ja! Goulard... der geſtern dem General geſagt hat, daß er Dich überraſchte, wie Du ſeine Frau küßteſt... Ha, ha, hal...“ Prosper war nicht im Stande zu antworten, ſeine Kräfte verließen ihn; er wurde ohnmächtig. Als er wieder zu ſich kam, war er in ſeinem Bette. Pauline ſaß in Thränen gebadet an ſeiner Seite; er reichte ihr die Hand und ſprach:„Machen Sie ſich keinen Kummer, liebe Kleine, meine Wunde iſt un⸗ bedeutend... der Blutverluſt allein iſt an meiner Oynmacht Schuld... ich bin gewiß, daß ich bald wieder auf den Beinen ſein werde.— Ach! wenn das nur wahr iſt!... aber ich glaube Niemand, als dem Arzte.“ Der Arzt kam; er ſprach dem jungen Mädchen, 22 nachdem er den Verwundeten verbunden hatte, eben⸗ falls Troſt ein, indem er ſagte, es ſei durchaus keine Gefahr zu befürchten, in vierzehn Tagen werde der Patient vollkommen wiederhergeſtellt ſein. Dann erſt konnte Pauline wieder lächeln, und Prospers Hand ergreifend, drückte ſie dieſelbe an ihr Herz und ſprach:„Ach! wenn Sie geſtorben wären, wäre ich Ihnen bald nachgefolgt!..— Liebes Kind! Wie ſehr geht mir Ihre Anhänglichkeit zu Herzen! — Wenn Sie Ihnen zu Herzen ginge, würden Sie Ihr Leben nicht ſo auf's Spiel ſetzen; warum haben Sie ſich geſchoſſen?...— Warum?... Ich ſchwöre Ihnen, daß ich es ſelbſt eigentlich nicht weiß.“ Die Klingel unterbrach dieſes Geſpräch. Der Be⸗ diente eilte herbei und ſagte:„Der General Blou⸗ mann wünſcht Sie zu ſprechen, Herr...“ O! mein Gott! rief Pauline aus, Ihr Bediente hat mir geſagt, daß Sie ſich mit dieſem General ge⸗ ſchoſſen hätten.. Kommt er abermals aus einem ſol⸗ chen Grunde?“ „Beruhigen Sie ſich, entgegnete Prosper lächelnd, ſo raſch geht das nicht; ich bin noch außer Stand, auf's Neue anzufangen... Laſſen Sie mich den Be⸗ ſuch des Generals empfangen... ich bitte Sie.“ Nur ungern willigte Pauline ein, ſich zu entfer⸗ nen. Kaum hatte ſie Prospers Zimmer verlaſſen, ſo trat der General ein, eilte auf den Verwundeten zu, packte ihn beim Kopfe, küßte ihn einmal über das andere und rief aus:„Ach! das Kreuz⸗Donnerwet⸗ ter!... mein armer Prosper!... welches Vieh bin 23 ich!... ich weiß jetzt Alles... Johanna, die nichts von unſerm Duell wußte... ich hatte es ihr ver⸗ ſchwiegen... hat mir, wie ich nach Hauſe kam, Alles erzählt... Euer geſtriges Erkennen... eure Unter⸗ haltung in ihrem Boudoir... und dieſer Schurke von Goulard, mein Jäger... ein Tropf, den ich vom Elend erretete!... er hat ſich bei mir für ein Opfer der Revolution ausgegeben... der Kerl erbarmte mich... hat mir ſo ehrloſes Zeug hinterbracht! aber ich habe ihn mit Hundstritten zum Hauſe hinausge⸗ jagt.. Ich ſtehe Ihnen dafür, er wird ſich eine gute Weile nicht auf ſeinen H...... ſetzen können. Hof⸗ fentlich iſt Ihre Wunde nicht von Bedeutung... Sie werden mir doch nichts nachtragen... mein Haus iſt von nun an das Ihrige... Wohlan denn! geben Sie mir einen Kuß.“ 4 Prosper küßte den General und ſprach:„Ihre Frau, General, iſt Ihrer ganzen Liebe würdig, und deßhalb werde ich ſtets die aufrichtigſte Freundſchaft für Sie hegen.— Eil ich weiß es ja... reden Sie nicht mehr davon... Schlagen Sie ein... und ver⸗ ſprechen Sie mir, ſobald Sie hergeſtellt ſind, bei uns zu Mittag zu eſſen.“ Prosper verſprach es, und der General entfernte ſich endlich wieder, indem er die Melodie der Mut⸗ ter Godichon pfiff. ————y Zweites Kapitel. Ein Zuſammentreffen auf dem Balle. Während der ganzen Zeit, welche Prosper genö⸗ thigt war, das Bett zu hüten, pflegte ihn Pauline mit der zärtlichſten Sorgfalt; eine Schweſter, eine Tochter hätte keine rührendere Anhänglichkeit an den Tag legen können, und der Verwundete ſagte zuwei⸗ len:„Wahrhaftig, theure Pauline, Sie bringen es beinahe dahin, daß es mir leid iſt, zu geneſen... Sie verwöhnen mich, wenn Sie nicht mehr um mich ſind, werde ich zu viel entbehren.— Ei! und warum ſollte ich nicht mehr um Sie ſein? flüſterte das junge Mädchen.— Wenn Sie verheirathet ſind, wird Ihr Gatte den größten Theil Ihrer Zuneigang anſpre⸗ chen... und zwar mit Recht.“ Auf ſolche Worte erwiderte Pauline nichts, ent⸗ fernte ſich aber dann gewöhnlich von ihrem Beſchützer und kehrte nicht ſobald wieder zurück. Der General hatte Prosper öfters beſucht, und ſobald er geneſen war, nahm er ihn mit in ſein Haus, um mit ihm und ſeiner Frau zu ſpeiſen. Er gab ihm Beweiſe ſeines vollkommenſten Zutrauens; allein Pros⸗ per machte keinen Mißbrauch davon, und obwohl er durchaus nicht beabſichtigte, mehr als ein Freund für Jeannetten zu ſein, ſo mied er doch dieſelbe, außer in Gegenwart ihres Mannes, zu beſuchen. Dieſes rück⸗ ſichtsvolle Betragen gewann ihm die wärmſte Freund⸗ ſchaft des Generals, welcher trotz ſeines Zutrauens doch gerne ſah, daß man es nicht auf die Probe ſtellte. 25 Pauline ging in ihr neunzehntes Jahr; der Ge⸗ neral, der ſie bei Prosper geſehen hatte, forderte dieſen auf, ſie mit in ſeine Geſellſchaften zu bringen, und Jeannette vereinte ihre Bitten mit denen ihres Mannes. Prosper hätte es auch gewünſcht, daß die Waiſe aus ihrer Einſamkeit herausgekommen wäre, und erſuchte ſie oft, ihn in die Soireen des Gene⸗ rals zu begleiten, aber das junge Mädchen weigerte ſich beharrlich. „ Warum wollen Sie mich in dieſe großen Ge⸗ ſellſchaften führen? fragte Pauline. Ich bin ſo glück⸗ lich in meiner gegenwärtigen Lage!... Ich brauche keine andere Bekanntſchaften anzuknüpfen.“ Einmal übrigens drang er inſtändiger als ge⸗ wöhnlich in ſie, ihn auf einen Ball des Generals zu begleiten. Pauline fürchtete, ihren Wohlthäter zu beleidigen, wenn ſie ſich ſtets weigere, ſeinen Wün⸗ ſchen nachzugeben; ſie willigte folglich ein, und ver⸗ ſprach ihm, mit ihm auf den Ball zu gehen. Prosper wünſchte, daß die Tochter des holländi⸗ ſchen Bankiers mit Glanz in der Welt auftrete, und kaufte deßhalb, ohne Paulinens Wiſſen, einen glän⸗ zenden Schmuck für ſie; kurz, er ſorgte, daß ihrer Toilette nichts fehlte. Als der Tag der Feſtlichkeit herbeigekommen, als es Zeit war, in die Geſellſchaft des Generals zu gehen, fühlte ſich Prosper ſtolz beim Anblicke der Jungfrau, welche ein prachtvolles Seidenkleid mit eben ſo viel Anmuth und Ungezwun⸗ genheit trug, als ob ſie ihr ganzes Leben unter der vornehmen Welt zugebracht hätte. 26 Es war eine Maſſe Menſchen in den Sälen des Generals verſammelt, aber Pauline konnte unter die hübſcheſten der anweſenden Damen gerechnet werden. Jeannette empfing die junge Waiſe auf's Freundlichſte; ſie kannte Prospers Zuneigung für dieſelbe, und dies war ein Grund für ſie, das junge Mädchen ebenfalls zu lieben. „Ihre Mündel iſt ausgezeichnet hübſch, ſagte der General zu Prosper. Sie haben, glaube ich, Luſt, ſie an Mann zu bringen?— Ja, General; aber ich möchte gewiß ſein, daß ſie glücklich wird.— Ei, der Kuckuk! das müßte ein H...... ſein, der ſich nicht beſtreben würde, das Glück einer ſo hübſchen kleinen Roſe auszumachen. Hat ſie einiges Vermögen?“ Prosper beſann ſich einen Augenblick. Er hatte noch etwa ſechzigtauſend Franken im Beſitze. Ent⸗ ſchloſſen, nur wenig für ſich zu behalten, um Pauli⸗ nens Glück ſicher zu ſtellen, antwortete er:„Gene⸗ ral, ich gebe ihr fünfzigtauſend Franken mit... ſie hat übrigens außerdem ſchon zwanzigtauſend.“ „Nunl! das iſt eben nicht zu verachten. Wir wer⸗ den einen Mann für ſie finden, einen guten, braven Burſchen... wie ich bin etwa... Ueberlaſſen Sie das nur mir... Unterdeſſen handelt es ſich aber darum, dieſe Dämchen heute Abend ihre Sprünge machen zu laſſen... Ah! da kommt unſer Freund, der Oberſt Roger... Sie werden hoffentlich tanzen, Oberſt?“ Roger, der eben eintrat, begrüßte den General, reichte Prosper die Hand und entgegnete:„ General, ich tanze nur noch beim Schall der Kanonen...“ 27 „Warum nicht gar! ſchon wieder ein Invalide! rief der General aus. Potz Donnerwetter, meine Herren, man muß dieſe Damen doch tanzen laſſen... Es ſind ſo viele da... daß der Teufel mich holen ſoll, wenn ich die Hälfte davon kenne!“ „Wir wollen einmal dieſe Schönheiten in Augen⸗ ſchein nehmen, ſagte Roger, Prosper beim Arm neh⸗ mend, nachdem ſich der General von ihnen entfernt hatte. Komm, wir wollen ſie die Revue paſſiren laſ⸗ ſen... Deine Jungfrau tanzt, Du brauchſt hoffent⸗ lich nicht neben ſie hinzuſtehen.“ „Nein, ſicher nicht, erwiderte Prosper, auch hat mir Madame Bloumann verſprochen, ſich Paulinens anzunehmen. Aber ich geſtehe Ihnen, Oberſt, daß ich, anſtatt die Damen zu betrachten, mich lieber nach den Männern umſchauen möchte, um zu ſehen, ob keiner darunter iſt, der meiner jungen Waiſe wür⸗ dig wäre.“ „Laß doch Dein Fräulein ſelber wählen, ſie wird beſſer wiſſen, was für ſie taugt.“ Mit dieſen Worten zog Roger Prosper weiter. Man tanzte in mehren Sälen. Der General hatte ſein ganzes Haus zur Dispoſition der Geſellſchaft ge⸗ ſtellt, und trotz dem war Alles ſo angefüllt, daß man oft längere Zeit in einem Gemache verweilen mußte, ehe man Zugang in ein anderes finden konnte. Der Oberſt betrachtete jedes Frauenzimmer, machte ſeine etwas ſoldateske Bemerkung über ſie, und ging dann zu einer andern über. Prosper lächelte nur und ſchaute nicht immer nach der, von welcher Roger 28 ſprach. Mit Einemmale ſtand der Oberſt ſtille und rief aus:„Ahl tauſend Schwadronen! da iſt einmal eine hübſche... Sie iſt nicht mehr in der erſten Ju⸗ gend; aber noch ſehr ſchön. Welche edle Haltung... welche ſtolze Miene... Dieſes Frauenzimmer muß in ihrem zwanzigſten Jahre zum Entzücken geweſen ſein. Laß hören, Prosper, wie alt ſchätzſt Du ſie.“ „Welche? fragte Prosper.— Jene Dame dort, welche nicht tanzt, ſondern dort neben dem Kamine ſitzt und die ganze Geſellſchaft mit ziemlich hochmü⸗ thiger Miene zu betrachten ſcheint.“ Prosper blickte gleichgültig auf die ihm bezeich⸗ nete Perſon; aber bald, nach näherer Betrachtung dieſer Dame, fühlte er ſein Herz gewaltig pochen; ſein ganzer Körper fing plötzlich an zu zittern und er ſtützte ſich ſo feſt auf den Arm des Oberſts, daß ihn dieſer fragte:„Was haſt Du denn? Willſt Du umfallen?— Nein, Oberſt, entgegnete Prosper, der vor innerer Bewegung kaum ſprechen konnte; nein, aber dieſe Dame...— Mag etwa dreißig Jahre alt ſein, nicht wahr?— O! mein Gott! wenn es mög⸗ lich wäre...— Ich ſehe nichts Staunenswerthes daran... Uebrigens gefällt ſie mir jetzt minder, weil ſie gar zu ſpöttiſch ausſieht... Ich wette, ſie bekri⸗ tiſirt Alles hier... Nun, was Teufels haſt Du denn, daß Du ſo zitterſt?— Was ich habe? Ach! Oberſt, jene Frau iſt die, welche ich ſo innig liebte und ſo ſchwer vergeſſen konnte!“ „Nach der Bewegung zu urtheilen, die Du an den Tag legſt, fürchte ich, daß Du ſie noch ganz — — 29 und gar nicht vergeſſen haſt... So! das war Deine Leidenſchaft... Beim Donner, Du hatteſt keinen übeln Geſchmack.— Ach! ja... es iſt Camilla... immer noch ſchön, ſtolz und herrlich. Die jetzt über ihr Antlitz verbreitete Bläſſe macht ſie noch reizender.— Aha! Camilla heißt ſie.— O! ich erkenne ſie; aber mich, das bin ich überzeugt, wird ſie nicht erkennen... Oberſt, ich bitte Sie, erkundigen Sie ſich beim Ge⸗ neral nach ihr... Sehen Sie, da geht er eben an Ihnen vorüber.“ Roger ſtellte den General und fragte ihn, auf die Dame zeigend, welche Prosper zu erkennen meinte, wer dieſe ſei. „Kenne ich alle die Weibsbilder, welche heute Abend da ſind! entgegnete der General. Die Frau Baronin von Montaurey hat dieſe mitgebracht, jene große, gelbe dort, die trotz ihrer Vierzig wahnſinnig für's Tanzen eingenommen iſt. Fordern Sie Frau von Montaurey zum Tanze auf, Oberſt, beingen Sie ſich zum Opfer, und ſie wird Ihnen, ſo lange Sie wollen, von ihrer Freundin und vielen Andern erzäh⸗ len: die Baronin iſt ſo geſchwätzig als ein Regiment. Elſtern.“ Roger hatte ſchon lange nicht mehr getanzt, um aber Prosper einen Gefallen zu thun, opferte er ſich auf; er engagirte Frau von Montaurey; ſie nahm es an, und nach einem Contre, bei dem er alle Fi⸗ guren verdorben, zwei Kleider zerriſſen und ein paar Füße entzwei getreten hatte, kam er mit triumphiren⸗ der Miene zu Prosper zurück, der unbeweglich noch auf demſelben Platze ſtand, und ſagte zu dieſem: „Um Dir einen Gefallen zu erweiſen, habe ich Die⸗ jenige zum Tanze aufgefordert, welche jene Dame hier eingeführt hat. Ich habe mich beſſer aus der Sache gezogen, als ich geglaubt hätte, abgeſehen von ein paar Kleidern, die ſich in meinen Beinen verwickel⸗ ten, iſt mir kein Unfall begegnet, und dieſe gehen mich nichts an.“ „Nun, Oberſt, was haben Sie erfahren?— Dieſe Dame iſt die Marquiſe von Clairville, die Tochter des verſtorbenen Grafen von Trevilliers.— Ganz richtig; ol ſie iſt es freilich.— Es iſt eine Frau von altem Adel... ſie iſt Wittwe.— Wittwe! wäre es möglich!“ „Warum denn nicht? ſie iſt Wittwe ohne Kinder. Hat aber kein Vermögen; der Marquis von Clair⸗ ville, ihr Gatte, hat beinahe Alles durchgebracht, was ſie hatten, der Reſt reicht kaum hin, daß ſeine Wittwe anſtändig leben kann; allein ſie iſt deßhalb nicht min⸗ der ſtolz, und um ſie zu bewegen, auf den Ball eines Generals des Kaiſerreichs zu kommen, hat ihre Freun⸗ din tauſendmal in ſie dringen müſſen. Das iſt Alles, was ich herausbrachte... Biſt Du zufrieden?“ „Ich danke Ihnen, Oberſt.— Willſt Du nun aber den ganzen Abend auf demſelben Fleck ſtehen pleiben?— Lieber Roger, laſſen Sie mich einen Augenblick allein; ich will ſehen, ob ſie mich er⸗ kennt.— Ah! ich verſtehe: Du willſt die Bekannt⸗ ſchaft wieder anknüpfen.— Sein Sie ſo gefällig und gehen Sie zu Paulinen hin. Sagen Sie ihr, ich ſei 31 beim Spiele, und werde mich bald wieder bei ihr einfinden.“ „Schon gut, ſchon gut! Höre, ich habe Luſt Fräu⸗ lein Derbrouck zum Tanzen zu engagiren, ich bin jetzt ſchon im Zuge! Es iſt ſonderbar, die Luſt zu tanzen kommt Einem, wie die... zu nieſen.“ Roger verließ Prosper; dieſer ſchlich ſich hinter Camilla's Stuhl, welche eben mit der Baronin, ihrer Freundin ſprach, und zuweilen ein etwas ſpöttiſches Lächeln entgleiten ließ. Die Baronin entfernte ſich aber wieder, um zu tanzen. Dann näherte ſich Pros⸗ per der Marquiſe von Clairville und ſagte halblaut zu ihr:„Und Sie, gnädige Frau, Sie tanzen nicht?“ Camilla drehte den Kopf gegen Prosper hin, maß ihn mit ſtrengem Blicke und entgegnete ziemlich trocken: „Nein, mein Herr, ich bin hierher gekommen, um Andern zuzuſehen, und nicht, um ſie zu unterhalten. — Und doch machen Sie, gnädige Frau, die Zierde dieſes Balles aus; und nach fünfzehn Jahren finde ich in der Wittwe des Marquis von Clairville das Fräulein von Trevilliers eben ſo ſchön als ehemals wieder.“ 3 Die Marquiſe betrachtete Prosper noch einmal und diesmal ſagte ſie mit etwas liebenswürdigerer Stimme:„Sie kennen mich, mein Herr?— Ja, gnä⸗ dige Frau, und ſchon lange.— Wollen Sie dann ſo gefällig ſein und mir ſagen, wo wir uns getroffen haben? Ihre Stimme, ja Ihre Stimme iſt mir be⸗ kannt, aber Ihre Geſichtszüge...— Ol dieſe haben Sie ohne Zweifel nicht im Andenken behalten. Außerdem 32 haben allerdings die Jahre, die Reiſen und vielleicht mehr noch als dieſe, ein tiefer Gram, den ich nicht beſiegen konnte, in meinen Zügen eine Veränderung hervorgebracht.“ Camilla hörte Prosper aufmerkſam zu; bei jedem Worte, welches er ſprach, ſchien ſie ihm mehr Inter⸗ eſſe zu widmen; endlich ſah ſie ihn noch einmal an und ſtotterte:„Ich glaube zu träumen! Ach! ich täuſche mich, nicht wahr? Der, den ich nennen will, iſt ſchon lange todt.“ „Es wäre Ihnen alſo ſehr leid, gnädige Frau, wenn Prosper Breſſange noch leben würde.— Ach! Sie ſind es!“ „Ja, gnädige Frau, ja, Camilla... Ach! ver⸗ zeihen Sie, ich vergeſſe die ſeither verfloſſenene Zeit, da ich Sie eben ſo ſchön wiederfinde. Mein Herz ſchlägt wie ehemals, und ich war eben im Begriffe Ihnen zu ſagen, daß ich Sie immer noch gleich liebe.“ Die Marquiſin fühlte eine lebhafte Bewegung in ihrem Innern, ſie gab ſich jedoch Mühe, ſich zu be⸗ meiſtern, und entgegnete mit leiſer Stimme:„Schwei⸗ gen Sie, mein Herr, ich bitte Sie; nicht auf einem Balle kann man von der Vergangenheit ſprechen... Sie könnten mich compromittiren.“ „Das würde ich unendlich bedauern, gnädige Frau; würden Sie mir übrigens nicht erlauben, Sie wieder zuſehen, würden Sie mir nicht einen Augen⸗ blick der Unterhaltung gewähren?“ Camilla ſchien ſich einen Augenblick zu bedenken, endlich erwiderte ſie ganz leiſe:„ Kommen Sie zu 33 mir, ich wohne in der Grenelleſtraße, nächſt der Ringſtraße im Faubourg Saint⸗Germain.“ „Sie geſtatten mir, Sie zu beſuchen! rief Pros⸗ per freudetrunken aus, ach! tauſend und aber tauſend mal Dank.“ Doch die Marquiſin, welche befürchtete, man möchte Prospers Freude gewahren, zwang ſich zum Lachen und ſagte ganz laut:„Was, ich die Gavotte tan⸗ zen? ol warum nicht gar, Sie ſind nicht bei Troſt, mein Herr, es kann Ihnen nicht Ernſt damit ſein.“ Die Quadrille hatte geendet; Frau von Mon⸗ taurey kehrte zu ihrer Freundin zurück, und Prosper entfernte ſich; aber das Entzücken ſtrahlte aus ſeinen Blicken, und in dieſem Momente befand ſich kein glücklicherer Mann im Saale als er. In dieſer Stimmung wollte er zu Paulinen zu⸗ rückkehren, allein der General, der an ihm vorbei ging, hielt ihn an und fragte:„Nun, mein Tapferer, wie finden Sie unſern Ball?— Herrlich, General, köſtlich!... ich habe mich nie ſo gut unterhalten.“ „Ahl weil Sie die Weiberröcke lieben, und ſich hier von allen Arten finden. Wiſſen Sie auch, daß Ihre Waiſe Eroberungen macht? man reißt ſich um ſie beim Tanze.— Wirklich, General?“ „Ich glaube, wir haben ſchon etwas für ſie ge⸗ funden. Sehen Sie jenen jungen Mann dort? einen hübſchen, blonden Jungen, der die Hand auf ſeinen Jabot legt?— Ich ſehe ihn.“ 3 „Er iſt der einzige Sohn eines Lieferanten, und ſie haben Batzen, die Lieferanten! Es iſt der junge Paul de Kock. XVIII. 3 Alfred Ramincourt. Nun! er hat ſchon dreimal mit Ihrer Mündel getanzt, dann kam er zu mir her, zog mich in eine Ecke und ſagte: Potz Blitz und Donner, General, was iſt das für ein hübſches Mäd⸗ chen! Das heißt, er hat mir es vielleicht nicht gerade in dieſen Ausdrücken geſagt, ich ſuche nur ſeinen Ge⸗ danken wieder zu geben. Hierauf fragte er mich, wer ſie ſei. Als er erfuhr, daß ſie eine Waiſe ſei, und daß ihre Verheirathung nur von Ihnen abhänge, drückte er mir die Hand wie ein Raſender, und rief aus: General, ich bitte Sie, ſtellen Sie mich bei Herrn Breſſange vor. Alsdann entgegnete ich: Wir wollen ſchon ſehen. Und ohne meine Abſicht merken zu laſſen, ſagte ich ihm, was die Kleine Mitgift bekäme; hm! bringe ich die Sache nicht ſchnell vor⸗ wärts?“ „Meinen Dank, General, dieſe Partie ſcheint mir in der That ſehr vortheilhaft, und wenn der junge Mann Paulinen gefällt...“ S Allein der General horchte ſchon nicht mehrzauf Prosper, er eilte in ein anderes Zimmer und ſchrie: „Ei, wo iſt denn das Gefrorene? Ich kann gar keins bekommen, es ſind eine Maſſe Diebe da, die es unterwegs abfaſſen. Ich muß Ordnung in dieſe Sache bringen!“ Prosper wollte auf Paulinen zugehen, welche ihn mit den Blicken unter der Menge ſuchte; endlich be⸗ merkte ſie ihn und winkte ihm zu ihr her zu kommen. Er war ſchon im Begriffe ihrem Wunſche zu fol⸗ gen, als in demſelben Augenblicke die Muſik wieder 35 begann. Diesmal bot Roger Paulinen die Hand zum Tanze; der Oberſt fand ſo viel Geſchmack am Tanzen, daß er keine Quadrille mehr ausſetzte, welches den General ſo lächerte, der, als er ihm zuſah, ſagte: „Ha, beim Kuckuk, wenn mein Boden nicht feſt wäre, würde er bei jedem Sprunge, den der Oberſt macht, zuſammenbrechen! 4 Pauline überließ ſich dem Vergnügen des Tanzes, und ſchien jene Freude zu empfinden, der ſich ſelbſt die beſcheidenſte Frau hingibt, wenn ſie ſich als den Gegenſtand allgemeiner Verehrung ſieht. Prosper gratulirte ſich, daß er ſie mit auf den Ball des Ge⸗ nerals genommen hatte, und begab ſich in ein anderes Zimmer, wo er Camilla noch einmal zu ſehen hoffte. Hier war er ſchon einige Zeit, die Quadrille hatte eben aufgehört, als die Generalin auf ihn zutrat, ihn beim Arme nahm und zu ihm ſagte:„Kommen Sie, kommen Sie ſchnell. Ihre Kleine fühlt ſich unwohl.“ „Wie! Pauline? Sie tanzte ja vorhin noch mit Roger.— Ja, ja, ſie hat getanzt, ſie konnte aber nicht fortmachen.. vielleicht iſt die Hitze daran Schuld .. Ich habe ſie in mein Zimmer geführt... ſie weint .. es muß ein Nervenanfall ſein...“ Prosper folgte Jeannetten eiligſt. Er trat in das entlegene Zimmer, wohin man Paulinen geführt hatte, damit ſie vom Geräuſche der Menge entfernt ſei. Roger war bei ihr; der arme Oberſt, welcher ein kleines Fläſchchen und Zuckerwaſſer in der Hand hielt, war troſtlos, und wiederholte in einem fort: 36 „Welches Unglück!... Wir tanzten ſo gut mit einan⸗ der! Das Fräulein iſt ſo leicht wie eine Feder... ſie ſchien durchaus nicht unwohl... wir ſprachen zu⸗ 2 luman... ich erzählte ihr eine Menge Geſchichten . und auf einmal ſehe ich ſie erblaſſen... erblaſſen . und ich glaube, wenn ich ſie nicht gehalten hätte, wäre ſie umgeſunken.“ Prosper ſah Pauline an; ſie war in der That entſetzlich blaß; ihre Blicke hatten einen traurigen, ſogar düſtern Ausdruck, und ſie wendete haſtig ihr Geſicht ab, als ſie ihren Beſchützer eintreten ſah. „Was haben Sie, meine theure Pauline?“ fragte Prosper, indem er die Hand der Jungfrau ergreifen wollte; aber dieſe zog ſie ſogleich wieder zurück und entgegnete:„Ich fühle mich ſehr leidend... und wünſchte nach Hauſe zu gehen... indeſſen möchte ich Sie des Vergnügens an dieſem Balle nicht berau⸗ ben.. bleiben Sie hier... die Frau Generalin gibt mir Jemand von ihren Leuten zur Begleitung mit.“ „Können Sie dem Gedanken Raum geben, Pau⸗ line! daß ich hier bliebe, während Sie leidend ſind! .. nein, nein.. wir gehen fort... Es ſtehen ohne Zweifel Gefährte unten!“ 3 „Ja, ja, erwiderte Jeannette, aber wenn Sie eine Zeitlang gewartet hätten, meine liebe Freun⸗ din, ſo wäre es Vien vielleicht wieder beſſer ge⸗ worden.— O!.. nein, Madame.. ich gehe lieber nach Hauſe.. Die gute Jeanne tte wickelte das junge Mädchen ſorgfältig in einen großen Shawl ein, dann führte 37. ſie Prosper weg und ſtieg in einen Fiaker mit ihr. Unterwegs richtete er mehre Fragen an Paulinen, um ſich nach dem Zuſtande ihres Befindens zu er⸗ kundigen; allein ſie erwiderte ihm nur in einzelnen Worten, und als ſie zu Hauſe angekommen waren, zog ſie ſich eiligſt in ihr Zimmer zurück. Drittes Kapitel. Camilla und Pauline. Am folgenden Morgen nach dem Balle begab ſich Prosper, der wegen Paulinens Geſundheit ſehr in Unruhe war, bei Zeit zu ihr. Er fand ſie blaß und mit gerötheten Augen, als ob ſie viel geweint hätte, auch ſchien ſie traurigen Gedanken nachzuhängen; bei ſeinem Anblick zwang ſie ſich übrigens zu einem Lächeln und ſagte abermals:„Mein Gott, wie ſehr bedaure ich es, daß Sie um meinetwillen dieſen Ball verließen, wo Sie ſich ſo vorzüglich unterhielten!... Sie ſehen, ich bringe Unglück. Nehmen Sie mich von nun an nicht mehr in Geſellſchaften mit, laſſen Sie mich zu Hauſe... das wird beſſer ſein.“ „Es thut mir leid, Sie ſo ſprechen zu hören, verſetzte Prosper. Ich glaubte, Sie hätten ſich bei Madame Bloumann unterhalten. Jedermann fand Sie reizend, meine liebe Pauline; man hat mir Ihretwegen nichts als Complimente gemacht... Ich 38 glaubte, Sie hätten Gefallen an der Geſellſchaft ge⸗ funden.“ „Die Frau Generalin war voll Aufmerkſamkeit gegen mich... Ach! ich habe dieſe Dame ſehr gerne ... aber trotz dem halte ich mich lieber von der Geſellſchaft fern.“ „Welch ſonderbarer Einfall! Weil es Ihnen un⸗ wohl geworden iſt?— O! nicht deßhalb...“ „Was hat wohl Ihr Uebelſein herbeigeführt?... vielleicht das Gefrorene?... die Hitze?... oder das Tanzen?...“ Ein bitteres Lächeln trat auf Paulinens Lippen, und ſie flüſterte:„Nein, das iſt nicht ſchuld..— Es hat Ihnen doch hoffentlich Niemand etwas Unan⸗ genehmes geſagt, was Sie hätte betrüben können?... — Ol nein, Niemand... Mein Gott, Sie haben Recht, die Hitze war ohne Zweifel ſchuld daran.“ Pauline ſchlug die Augen nieder und ſprach nichts weiter. Prosper verließ ſie wegen ihres Befindens beruhigter, nahm ein Cabriolet und und ließ ſich in die Vorſtadt Saint⸗Germain an das ihm von Ca⸗ milla bezeichnete Haus führen. Das Aeußere dieſes Hauſes war höchſt beſcheiden, und der Portier hieß Prosper in das vierte Stock⸗ werk oberhalb des Entreſols hinaufgehen. „ Sie wohnt beinahe eben ſo hoch oben wie Maxi⸗ mus! dachte Prosper, während er die Treppe hinauf⸗ ging. Es ſcheint wirklich, daß ihr Mann ihr nur ſehr wenig hinterlaſſen hat... Arme Camilla!.. ſie, die 39 4 im Ueberfluſſe erzogen wurde... und an alle Genüſſe des Luxus und des Reichthums gewöhnt war... muß vielleicht in der Dürftigkeit leben!... und ich bringe meine Habe ſo verſchwenderiſch durch!“ Prosper befand ſich vor der Thüre der Frau 4¼ Marquiſin von Clairville. Eine Dienerin öffnete ihm; es war eine alte, zwar reinlich, aber äußerſt einfach gekleidete Perſon, die eher einer Köchin, als einer V Kammerfrau ähnlich ſah. Prosper trat in ein ganz kleines Zimmerchen ein, welches ein Vorzimmer vor⸗ V ſtellte, und fragte, ob er die Frau von Clairville ſprechen könne. Die Dienerin befragte ihn um ſeinen Namen und ſagte:„Ich will ſehen, ob die Frau Marquiſin zu ſprechen iſt. Wollen Sie ſo gefällig ſein, mein Herr, und im Salon warten.“ Damit machte ſie eine Thüre auf und Prosper trat in ein anderes, etwas größeres Gemach, worin ſich zwei ſchlechte Lehnſtühle, ein So⸗ pha, vier Stühle und einige Familiengemälde be⸗ fanden. „Das hat Alles kein ſonderlich wohlhabendes Ausſehen! ſprach Prosper bei ſich, indem er ſich um⸗ ſchaute. Aber trotz dem herrſcht immer noch dieſelbe Förmlichkeit bei ihr, es iſt immer noch eine Marqui⸗ ſin, mit der ich ſprechen werde.“ Nach einer Weile ging eine andere Thüre auf, . und Camilla erſchien. Sie hatte ein ſchwarzes, äußerſt f einfaches Kleid an, aber die Anmuth, womit ſie es trug, das edle Weſen, welches ſie im unbedeutend⸗ ſten Neglige beibehielt, ſtellte die Einfachheit ihres 40 Anzuges in Hintergrund; nur ihre Schönheit und ihr Anſtand fielen in's Auge. Camilla nahm Prosper mit einer liebenswürdigen, obgleich etwas zurückhaltenden Höflichkeit auf; ſie hieß ihn Platz nehmen und ſagte:„Wenn es nicht unbe⸗ ſcheiden iſt, mein Herr, ſo wäre ich ſehr neugierig, eine Erzählung Ihrer Abenteuer zu hören. Im Laufe der vielen Jahre, welche wir uns nicht geſehen haben ... müſſen Sie allerlei erlebt haben!“ Prosper folgte mit größtem Vergnügen ihrem Wunſche. Er machte ihr eine Schilderung von ſei⸗ nen Reiſen, und ließ, während er von ſeinen Erleb⸗ niſſen ſprach, öfters einige Worte fallen, welche daran erinnerten, daß ſein einziger Zweck immer der⸗ jenige geweſen ſei, eine Leidenſchaft aus ſeinem Herzen zu verbannen, die ihn zur Verzweiflung brachte. Allein dann ſchien ihn Camilla nicht zu verſtehen, oder ſie lenkte ſchnell das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand. Als Prosper ſeine Erzählung beendigt hatte, ſagte er zu der Marquiſin:„Wenn ich nun nicht meiner⸗ ſeits befürchtete, unbeſcheiden zu ſein, Madame, ſo würde ich Sie ebenfalls... um einige Worte über Ihr Schickſal bitten... Seit fünfzehn Jahren habe ich nichts mehr von Ihnen gehört... und doch ver⸗ ging kein Augenblick, wo mir Ihr Glück nicht am Herzen lag. „Ich, mein Herr, entgegnete Camilla, habe Ihnen nur ſehr wenig zu berichten. Bald darauf, nachdem ich Sie in England geſehen hatte, heirathete ich den 41 Herrn Marquis von Clairville.. Ich war nur wenig mit ihm bekannt, aber mein Vater wünſchte dieſe Verbindung. Wir kamen wieder nach Frankreich, als den Emigranten die Rückkehr dahin wieder ge⸗ ſtattet ward. Mein Vater ſtarb ein Jahr darauf, und vor fünf Jahren verlor ich auch meinen Mann... Das iſt Alles, mein Herr.“ „Und Ihre Lage, gnädige Frau, iſt ſie von der Art, daß ſie Ihnen nichts zu wünſchen übrig läßt?“ fragte Prosver nach langem Zögern; doch Camilla antwortete ihm ſchnell mit ſtolzem, beinahe unwilli⸗ gem Tone:„Ja, mein Herr, meine Lage iſt ſehr angemeſſen... Allerdings könnte ich reicher ſein... ein anderes Haus machen... allein ich bin zufrieden, wenn ich nur von Niemand Unterſtützung nöthig habe.“ Prosper ſchwieg, denn er ſah ein, daß wenig dazu gehören würde, dieſe Frau zu verletzen, deren Stolz unbeugſam war. Indeſſen wunderte er ſich, daß ſie im Verlaufe ihres Geſpräches nicht ein Wort des Dankes für ſein Benehmen gegen ihren Vater, in Beziehung auf das Gut bei Melun, an ihn richtete. Nachdem Prosper zwei Stunden bei Camilla zu⸗ gebracht hatte, die ihm ſehr kurz geſchienen, empfahl er ſich der Marquiſin, indem er ſie um die Erlaub⸗ niß batz ſie wieder beſuchen zu dürfen, welche ſie ihm auch ſehr huldvoll bewilligte. Ein Monat verſtrich. Prosper ging oft zu Frau von Clairville, ſie empfing ihn ſtets mit großer Höflichkeit, behielt aber einen zurückhaltenden und ceremoniellen Ton bei, der ihm zu verbieten ſchien, mehr als ein gewöhnlicher Bekannter für ſie zu ſein, und wenn er im Begriffe ſtand, ſie daran zu erin⸗ nern, daß ihr Verhältniß inniger geweſen ſei, ſo hielt ein ſtrenger Blick der Marquiſin die Ergüſſe, denen ſich ſein Herz hingeben wollte, if ſeinen Lip⸗ pen zurück. Prosper hatte gewünſcht, Camilla zärtlicher, ge⸗ fühlvoller zu finden, und beſonders erwartet, daß ſie ihn ihres Vertrauens für würdig erachten und ihm ihre bedrängte Lage nicht verbergen werde. Eines Morgens, als er ihre Bedienung allein antraf und bemerkte, daß das Mädchen rothe, ge⸗ ſchwollene Augen hatte, gelang es ihm vermöge in⸗ ſtändiger Bitten und ein ihr in die Hand gedrücktes Goldſtück ſie zum Sprechen zu bewegen. „Ich habe geweint, mein Herr, ſagte das Dienſtmäd⸗ chen, weil ſich meine gnädige Frau todt arbeitet, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.. und ſich ſtan⸗ desgemäß zu kleiden... ſie bringt ganze Nächte mit ſticken zu, ich trage die Arbeiten aus und hole wieder neue her... aber heute hatte man mir keine Aufträge zu geben... die gnädige Frau iſt deßhalb ſelbſt aus⸗ gegangen, um ſich umzuſehen... und anderwärts nach Beſchäftigung zu ſuchen! Sie begreifen wohl, daß ſie nicht ſagt, es ſei für ſie ſelbſt! O! das hält ſie durchaus geheim... und wenn ſie erführe, daß ich Ihnen dieſes Geſtändniß gemacht hätte, ſo würde ſie mich plötzlich fortjagen.“ Prosper verſprach dem Mädchen hierüber zu r 43 ſchweigen, aber ſein Plan war gefaßt; und als er am andern Morgen zu Camilla ging, war er feſt entſchloſſen, endlich von ihr zu erfahren, was er zu hoffen habe. 3. Frau von Clairville nahm Prosper mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Höflichkeit auf; ihr Antlitz war ſo liebens⸗ würdig, ſo ruhig wie immer, und man hätte ihr die pekuniären Verlegenheiten ihrer Lage nicht anſehen können; ſie gab Prosper einen Wink, ſich einen Stuhl zu nehmen, aber dieſer ſetzte ſich näher, als ſonſt neben ſie, betrachtete ſie ſtarr und begann end⸗ lich:„Nun! Madame, werden wir fürder nur kalte Bekannte für einander bleiben?... Iſt nichts vor⸗ handen, was uns einander näher bringen könnte... und iſt die Vergangenheit in Ihrem Andenken ganz erloſchen?“ Camilla's Angeſicht wurde ernſt und düſter; erſt nach einem langen Schweigen antwortete ſie:„Mein Herr, wenn uns die Vergangenheit erröthen macht, iſt es dann nicht eine Pflicht, ſie zu vergeſſen?“ „Erröthen!.. Immer dieſes Wort! rief Pros⸗ per aus. Ach! Madame, Sie haben mich ſchwer für ein Vergehen beſtraft... das doch nicht mit Vor⸗ bedacht ausgeführt wurde!... Muß es mir denn ewig Ihr Herz verſchließen? war meine Liebe nicht wahrhaft, nicht beſtändig genug, daß Sie für die⸗ ſelbe empfänglich ſein dürften? In England hat Ihr Vater meine Bitte mit Verachtung zurückgewie⸗ ſfen... Er gab Sie dem Marquis von Clairville zur Frau. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, was 44 ich gelitten habe, als ich Ihre Vermählung erfuhr! Doch damals waren Sie noch von Ihrem Vater abhängig... Ich konnte glauben... daß Sie, ſelbſt wenn Sie an mich dachten, dem Herrn von Tre⸗ villiers Gehorſam ſchuldig waren. Aber jetzt lebt Ihr Vater nicht mehr; Sie ſind Wittwe, vollkommen unabhängig; wer alſo außer Ihnen kann mich hin⸗ dern von meiner Liebe zu ſprechen?“ „Ich meine, da wir von nun an nur Freunde ſein wollen, ſei es überflüſſig, uns von einem Gefühle zu unterhalten, welches nicht mehr beſtehen ſoll...“ „Nicht mehr beſtehen!... Ach! Camilla... denn ich will Sie noch einmal bei dieſem theuern Namen nennen!... Warum wären wir nur zwei Freunde? Sind Sie nicht immer noch ſchön, reizend... und zum Lieben geſchaffen, wie früher? Und habe ich nicht ein eben ſo glühendes Herz, eine eben ſo flam⸗ mende Seele erhalten?... O! ja... ich fühle es! Die Liebe, die Sie mir eingeflößt haben... iſt noch unverändert... ſie ſchlummert in der Tiefe meines Herzens, aber ein Blick von Ihnen würde hinreichen ſie zu erwecken.“ „Mein Herr! rief Camilla mit entrüſteter Miene aus, welcher Hoffnung geben Sie ſich hin? Wo will dieſe Sprache hinaus?“ „Betrachten Sie mich nicht mit ſo unwilligen Blicken, Madame... Was ich will... was mein Glück ausmachte... wäre, mich Ihren Gatten nennen zu dürfen.. Sie ſind frei..„reichen Sie mir Ihre Hand...“ * * 4 — 4⁵ Eine lebhafte Bewegung malte ſich in Camilla's Zügen... ihre Bruſt wogte ſtürmiſch, ſie kehrte das Geſicht ab, um nicht Prosper's Blicken zu begegnen, welche feſt auf ihr hafteten, es war als ob ein hef⸗ tiger Kampf im Grunde ihrer Seele vorging. End⸗ lich antwortete ſie:„Nein... nein... das iſt un⸗ möglich... Ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, mein Herr.“ „Sie können es nicht annehmen! ſagte Prosper, ſich von ſeinem Sitze erhebend. Genug, Madame, jetzt bin ich nicht mehr im mindeſten Zweifel über Ihre Gefühle... denn Sie... Sie allein ſtoßen meine Liebe zurück. Von nun an werde ich Ihnen mit meinen Beſuchen nicht mehr zur Laſt fallen...“ „Ich bin Ihnen doch freundſchaftlichſt zugethan, mein Herr...— Man will die Freundſchaft einer Frau, die unſere Liebe verſchmäht hat, nicht... Wenigſtens ich denke ſo; meine Lage in Ihrer Nähe wäre zu peinlich; ich ſehe ein, daß künftig jede Ver⸗ bindung zwiſchen uns beiden aufhören muß. Leben Sie wohl, gnädige Frau, ſeien Sie glücklich... das wird mein beſtändiger Wunſch bleiben.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich Prosper vor Camilla; dieſe war ſehr ergriffen, ſie machte eine Bewegung, als ob ſie ſich erheben und Prospern zurückhalten wollte, allein, ſie ſank wieder auf ihren Stuhl zurück, und ließ den Mann weggehen, der ihr ſchon ſeit ſo vielen Jahren mit der zärtlichſten Liebe ergeben war. Prosper entfernte ſich raſch. Diesmal überließ er * 46 ſich nicht der Verzweiflung, denn die Marquifin hatte ſeine Eigenliebe verletzt; nur ſeine Schwachheit ver⸗ fluchte er, und bedauerte, Camilla noch einmal eine Liebe zu Füßen gelegt zu haben, die ſie ſchon einmal verachtet hatte. „Dieſe Frau hat mich nie geliebt! ſprach er ber ſich; heute habe ich den Beweis davon erhalten... Und ich verwünſchte mein ganzes Leben hindurch das Schickſal, welches mich von ihr trennte!.. O! es iſt aus!... es iſt aus!... Ja, aber ſo lange ich ſie im Elende weiß, kann ich ſie nicht vergeſſen, und abgeſehen davon, darf ich nicht dulden, daß Dieje⸗ nige, welche der Abgott meiner Jugend war, ihre Nächte durchwacht... und durch übermäßige Arbeit ihre Augen anſtrengt... Eine Unterſtützung von mei⸗ ner Seite würde ſie ausſchlagen... aber wenn ſie nicht wüßte, daß ſie von mir herrührte!... Ach! ich beſinne mich... Sie hat mir im Geſpräche von eini⸗ gen Schuldnern ihres Mannes erzählt, von welchen ſie nichts erhalten konnte... das gibt einen Vor⸗ wand.“ Prosper trat zu einem öffentlichen Schreiber ein, und diktirte ihm folgendes Billet: „Gnädige Frau! Ein alter Schuldner des Herrn von Clairville, der nunmehr im Stande iſt ſeine Schuld zu bezahlen, bittet Sie, die inliegenden zwanzigtauſend Franken in Empfang zu nehmen. Er unterzeichnet ſein Schrei⸗ ben nicht, weil er ſich ſchämt, ſeine Schuld nicht früher ſchon abgetragen zu haben.“ 8* 47 Dieſen Brief nahm Prosper mit ſich, ging nach Hauſe, holte zwanzigtauſend Franken in Kaſſenſchei⸗ nen, machte alles zuſammen, und begab ſich Abends mit einem zuverläſſigen Commiſſionair vor Camilla's Haus; dort ließ er das Päckchen an den Portier ab⸗ geben, mit dem Auftrage, es ſogleich zu Frau von Clairville hinaufzutragen. Prosper fühlte ſich glücklicher, beruhigter, nach⸗ dem er dieſen edelmüthigen Plan ausgeführt hatte. „Von nun an, ſprach er in ſeinem Sinne, will ich nur noch an Paulinen denken, mich nur mit ihr beſchäftigen. Sie iſt ſeit einiger Zeit... ſeit jenem Ballabend bei dem General... traurig und träume⸗ riſch... Eil welcher Gedanke! wenn ſie dort Jemand geſehen hätte... jenen jungen Alfred, der ſo oft mit ihr tanzte... ja, das muß die Urſache ſein... Wenn ein junges Mädchen ſeufzt, wenn ſie ihre Munterkeit verliert, ſo iſt beinahe immer die Liebe ſchuld daran. In wen ſonſt könnte ſie verliebt ſein?... es kommt la Niemand zu uns... und auch die Veränderung, die mir an ihr auffiel, ſchreibt ſich von jenem Balle her... Dummkopf, der ich bin! daß ich das nicht früher ſchon errathen habe... Ach! ich dachte nur an Camilla... dieſe Frau ließ mich alles Andere ver⸗ geſſen... ſogar meine theure Pauline, deren Glück zu begründen ich geſchworen habe.“ Prosper ging eilig zu Paulinen; er fand ſie trau⸗ rig und ſchweigſam. Seit der von dem General ge⸗ gebenen Soiree, ſchien in der That die Stimmung des jungen Mädchens verändert. Sie war weniger 48 umgänglich als ſonſt; ſie wußte wohl, daß ihr Be⸗ ſchützer beinahe alle Tage ausging, aber ſie befragte ihn nicht mehr hierüber wie früher; ſie ſchien im Gegentheil ſeiner Unterhaltung auszuweichen; ſie be⸗ mühte ſich zwar immer noch, ihn mit einem Lächeln zu empfangen, aber es war nicht mehr ihr liebevoller Blick von ehedem. Prosper ſetzte ſich neben die Waiſe, welche eine Arbeit in den Händen hatte; er nahm ſie bei der Hand, aber ſie zog ſie ſachte zurück und ſagte:„Das hindert mich am Arbeiten....“ „Nunl meine liebe Freundin, ſagte Prosper, auf's Neue Paulinens Hand ergreifend, ich denke, es drängt Sie nichts dazu. Hören Sie, liebes Kind, Sie zür⸗ nen mir ein wenig... und Sie haben Recht.“ „Ich zürne Ihnen?... ich begreife Sie gar nicht,“ entgegnete das junge Mädchen bis in das Weiße der Augen erröthend. „Ich will damit ſagen, daß ich mich ſeit einiger Zeit weniger um Sie bekümmert, Ihnen ſeltener Ge⸗ ſellſchaft geleiſtet habe. Sie müſſen mir aber deßhalb nicht böſe ſein; es hat etwas meine Gedanken in Anſpruch genommen. Ich will Ihnen das ſpäter er⸗ zählen, meine theure Pauline; denn Sie ſind meine Freundin, meine beſte Freundin! Indeſſen ſind auch Sie Ihrerſeits nicht mehr die Nämliche: Ihre Heiter⸗ keit iſt verſchwunden; Sie ſprechen nicht mehr mit mir, wie früher.— Ich?... aber... Sie täuſchen ſich, ich verſichere Sie...“ verſetzte das junge Mäd⸗ chen mit unſicherer Stimme. 49 „Nein... und von dem Ball beim General Blou⸗ mann ſchreibt ſich Ihre Aenderung her. Von demſel⸗ ben Tage an, habe auch ich... doch nicht um mich han⸗ delt es ſich, ſondern um Sie allein... Wenn Sie zutraulicher wären, meine theure Freundin, wenn Sie * mir die Geheimniſſe Ihres Herzens mittheilen woll⸗ ten, ſo wäre es mir vielleicht leichter möglich, Ihnen zur Rückkehr Ihrer frühern Munterkeit zu verhelfen.“ „Meine Geheimniſſe! ſtotterte Pauline; aber ich habe keine Geheimniſſe; ich weiß nicht, was Sie da⸗ mit ſagen wollen; ich bin ſo heiter, als gewöhnlich.“ Mit dieſen Worten fing das junge Mädchen an zu ſchluchzen, und Thränen floſſen über ihre Wan⸗ gen herab. „Wohlan, meine Fragen betrüben Sie, wie ich fehe; ich will nicht weiter in Sie dringen; aber ich wiederhole Ihnen, daß ich mich von nun an nur mit Ihrem Glück beſchäftigen werde, und ich hoffe, das Mittel ausfindig zu machen, womit ich es ſicherſtelle. — Und was wollten Sie dafür thun? fragte Pau⸗ line mit bewegter Stimme.“ „Was ich thun werde? Sie ſollen es bald erfah⸗ ren. Ach! vor allen Dingen will ich Ihnen ankün⸗ digen, daß ich eine Geſellſchaft geben und Gäſte hier empfangen werde; ich will muſiciren und tanzen laſſen. Sie beſitzen Talent, Pauline; Ihre Stimme iſt wohl⸗ tönend und Sie ſpielen ſehr gut Klavier... zu was dient das Alles, wenn Niemand zu uns kommt?“ „Aber Sie wiſſen, daß ich die Geſellſchaften nicht liebe.— Ol ich weiß nicht Alles... wenn man die Paul de Kock. XVIII. 4 Zierde der Geſellſchaft ausmacht, iſt es ein Unrecht, ſie zu fliehen... Bei dem General hat Sie Jeder⸗ mann reizend gefunden; kurz, ich wiederhole es Ihnen, ich will am nächſten Sonnabend Geſellſchaft geben; ich gehe, meine Einladungen zu machen, und hoffe, daß Sie ſo gefällig ſind, bei meiner Soiree mit Ihrer gewöhnlichen Anmuth die Wirthin vorzuſtellen.“ Pauline verneigte ſich ſchweigend, und ſchien kei⸗ neswegs von Prospers Vorhaben entzückt zu ſein; allein dieſer beſchäftigte ſich... in der Ueberzeugung, er habe das Mittel, die Schwermuth des jungen Mäd⸗ chens zu heben, gefunden... ſogleich mit den betref⸗ fenden Einladungen. Die Familie Poupardot, ſo wie Maximus und einige andere Perſonen, welche mit den Bewohnern von Clichy gut bekannt waren, gehörten zu den Erſt⸗ geladenen; an Roger durfte man nicht mehr denken, der hatte ſich auf's Neue wieder zur Armee begeben, aber der General Bloumann befand ſich noch in Paris; Prosper ſuchte ihn auf, lud ihn ein und fragte ihn, ob er nicht den jungen, hübſchen Blondkopf, den Sohn des Lieferanten, mitbringen könnte?. „Alfred Ramincourt? rief der General aus. Da glaube ich doch, daß ich den mitbringen kann! das kommt mir gerade vor, wie wenn Sie einen alten Soldaten des Kaiſerreichs fragten, ob er ins Feuer gehe? So oft ich den jungen Mann ſehe, ſpricht er von Ihrer Pauline mit mir... er muß ganz toll verliebt ſein... Wenn ich ihm ſage, daß ich ihn mit zu Ihnen hinnehmen wolle, ſo iſt er im Stande und 51 platzt vor Freude auseinander... Rechnen Sie auf mich, mein Tapferer, und auf meine Jeannette.. Meine Frau mag die ceremoniellen Leute nicht, aber bei Ihnen weiß ſie, daß es Einem wohl iſt: daher wird ſie auch mitkommen.“ Prosper ließ auch an mehre Leute, die er beim General hatte kennen lernen, Einladungen ergehen. Er beſchäftigte ſich ausſchließlich mit dieſer Geſell⸗ ſchaft und Paulinens projektirter Heirath; auf dieſe Weiſe zwang er ſich, Camilla zu vergeſſen und das Bild dieſer heißgeliebten Frau aus ſeinem Herzen zu vertilgen. Aber während Prosper die verſchiedenen Zurüſtun⸗ gen zu dem feſtlichen Abend machte, mußte er auch in ſeine Kaſſe greifen. Dann ſchlug er ſich zum erſten Mal vor die Stirn und rief aus:„Ach! mein Gott! ich habe Camilla zwanzigtauſend Franken zugeſchickt, was ich zwar ſicherlich nicht bereue, aber die Mit⸗ gift, die ich Paulinen zu geben verſprochen, die fünf⸗ zigtauſend Franken... wie ich dem General geſagt... habe ich nicht mehr... es bleiben mir kaum achtund⸗ dreißigtauſend übrig... Ich gebe immer mein Geld aus, ohne zu rechnen... Maximus hat Recht!... durch Sparſamkeit zeichne ich mich eben nicht aus... Was Teufels ſoll ich anfangen... An meiner Soirée darf nichts fehlen; ſie ſoll mich koſten, was ſie will. Aber wie ſoll ich nun dieſes Heirathsgut, dieſe fünf⸗ zigtauſend Franken ergänzen?... wie konnte ich auch das vergeſſen.“ Um die ihm fehlende Summe zu ergänzen, kaufte 52 Prosper einen Spitzenſchleier und ein wunderſchönes Halsband für Paulinen; kurz, er machte ungeheure Ausgaben, damit ſeine Soiree prachtvoll werde. Er ließ Kron⸗ und Armleuchter in ſeinem Saale anbrin⸗ gen, beſtellte ein Orcheſter, Muſikanten; nachdem er zuerſt nur ein kleines Concert veranſtalten wollte, entſchloß er ſich nachher, einen großen Ball zu geben; nachdem er anfangs nur auf etwa zwanzig Perſonen gerechnet hatte, lud er nachher achtzig ein, und gab, ſtatt hundert Thaler, nachher fünfzehnhundert Franken aus; auf dieſe Art verſtand er das Sparen. Pauline wagte es nicht, ihm eine Vorſtellung zu machen; aber man bemerkte wohl, daß ſie ſich über dieſe großartigen Vorbereitungen zu der Geſellſchaft mehr wunderte, als daß ſie ihren Beifall erhalten hätten; doch ihr Beſchützer wollte ſo, und um ge⸗ fällig gegen dieſen zu ſein, unterſtützte ſie ihn nach Kräften. Seitdem Prosper ſeine Kaſſe durchwühlt hatte, verging kein Augenblick, wo er nicht an die fünfzig⸗ tauſend Franken dachte, die er ſeiner Schutzbefohlenen zur Mitgift verſprochen hatte. Die Zurüſtungen zur Soirée zerſtreuten ihn einige Zeit, als aber der Tag gekommen, wo man ſich bei ihm verſammeln ſollte, als Alles gerichtet und bis zum Abend nichts mehr zu thun war, da trat der Gedanke, der ihn unauf⸗ hörlich verfolgte, noch lebhafter vor ſeine Seele. Plötzlich lief Prosper an ſeinen Sekretär, ſchloß ihn auf, langte mehre Kaſſenſcheine heraus, ſteckte ſie in die Taſche und ging aus, indem er bei ſich ſelbſt 53 ſprach:„Ich ſehe kein anderes Hülfsmittel vor mir, ich will mein Glück im Spiel... mit der Roulette verſuchen... Man ſagt, man könne in wenigen Au⸗ genblicken ungeheure Summen damit gewinnen... Das geht mir eben ab... ich habe Gefallen an raſchen Mitteln. Beim Kuckuk! daran hätte ich ſchon bälder denken können. Ich will für Pauline ſpielen, um dieſer lieben Kleinen ein Heirathsgut mitzugeben, ich muß gewinnen.“ Prosper war ſchon einige Male mit Roger in eines jener Spielhäuſer im Palais⸗Royal gegangen, wo das Roulette und Trente⸗et⸗un die Spieler und Fremden hinzog; aber damals hatte ihn die Neugierde allein zu jenen grünen Tiſchen hingeführt, worauf das Gold und die Kaſſenſcheine aufgehäuft waren; diesmal jedoch brachte ihn der Wunſch zu ſpielen und die Hoffnung zu gewinnen in ein ſolches Haus. Er ſtieg raſch die Treppe hinauf, durcheilte die Säle, ſtellte ſich vor einen Roulettetiſch und zog einen Kaſ⸗ ſenſchein heraus; er ſetzte tauſend Franken auf einen Satz; er glaubte ſeine Abſicht bälder zu erreichen, wenn er hoch ſpiele.. 3 Alle Blicke richteten ſich auf den Menſchen, der mit Einemmale tauſend Franken ſetzte, und dabei ſo ruhig und ſo heiter ſchien, als ob er nur ein einfacher Zuſchauer wäre.. Das Spiel ging vor ſich: die tauſend Franken waren verloren. Prosper ſchien erſtaunt, fuhr aber fort. In kurzer Zeit verlor er fünfzehntauſend Fran⸗ ken, die ganze Summe, die er bei ſich hatte. Jetzt 54 fing ſich ſeine Stirne an zu verfinſtern. Er konnte nicht weiter ſpielen, und die Farbe, worauf er geſetzt hatte, kam heraus, ſobald er zurückgetreten war. Prosper ballte die Fauſt mit Zorn und rief aus: „Einen Bankzettel mehr, und ich hätte gewonnen... ich hätte Alles wieder eingeſtrichen, was ich verloren hatte... ich hätte ſogar, wenn ich immer wieder um meinen Verluſt geſpielt haben würde... ſieben... acht Rothe nach einander gewinnen können... Ach! ich muß dieſen Fehler ſchnell wieder gut machen.“ „Er entfernte ſich aus dem Spielhauſe, ſtieg in ein Cabriolet, ließ ſich nach Hauſe fahren, eilte an ſeinen Sekretär, nahm alle ſeine Kaſſenſcheine her⸗ aus, und kehrte damit zu dem grünen Tiſche zurück. Aber nun war nicht mehr jenes Vertrauen, jene Ruhe in ihm, womit er das erſte Mal geſpielt hatte. Seine Hand zitterte, wenn er das Geld auf den Tep⸗ pich legte, ſein Auge ſtarrte mit Todesangſt auf die rollende Kugel; er athmete kaum: ſeine Hoffnung, ſein Leben hing davon ab. Der Ball rollte und ſtand ſtille. Prosper verlor, gewann und verlor wieder. Er war außer ſich, er brannte vor Ungeduld, er wollte das Schickſal bezwingen, er verdoppelte, er verdreifachte ſein Siel... die Chance war ihm un⸗ günſtig; der heilloſe Rechen ſtrich ſeine Bankzettel ein; nach kurzer Zeit wühlte er vergebens in ſeiner Taſche... er fand nichts mehr, er hatte Alles ver⸗ loren. Ein kalter Schweiß troff über Prospers Stirne herab, aber keine Klage kam über ſeine Lippen; er 5⁵ ging vom Spiele weg, verließ dieſes unſelige Haus und lief lange, ohne zu wiſſen wo, in der Irre her⸗ um... er wagte es nicht mehr zu denken... er fürch⸗ tete ſich vor der Beſinnung. Endlich brach die Nacht herein, und die Friſche des Abends wirkte einigermaßen beruhigend auf Pros⸗ pers Geiſt und Gemüth; nun erinnerte er ſich, daß jetzt die von ihm eingeladenen Perſonen in ſeinem Hauſe eintreffen werden, gedachte Paulinens, die ſei⸗ ner Abweſenheit wegen in Unruhe ſein mußte, und ſprach bei ſich:„Ich will nach Hauſe gehen... und mich bemühen, die Beſtürzung meines Innern zu ver⸗ bergen... Dieſes Geld! wenn ich allein wäre, würde ich bald getröſtet ſein... aber das junge Mädchen, welches man mir anvertraut hat... ich kann nichts mehr für ſie thun... Ach! Maximus, Maximus!... Du haſt ſehr Recht gehabt... ich bin noch nicht ver⸗ nünftiger als früher! Und dieſe Heirath, die ich be⸗ werkſtelligen wollte... Ach! ich ſollte mich umbrin⸗ gen... doch nein... das wäre eine Feigheit... das hieße, das junge Mädchen, welches ich ſo ſehr liebe, preisgeben!... Ich kehre nach Haus zurück und ver⸗ berge vorſichtig, was in mir vorgeht... Glücklicher⸗ weiſe habe ich alle Koſten dieſer Geſellſchaft zum Voraus bezahlt.. Die Vorſehung hat mir ſchon oft geholfen!... ſie ſteht mir vielleicht auch diesmal noch bet... Hierauf ſchaute Prosper um ſich, in welchem Quar⸗ tier er ſich befinde; dann beſchleunigte er ſeine Schritte und begab ſich eilig in ſeine Wohnung. Als er 56 ankam, befanden ſich ſchon mehre Perſonen im Saale; Pauline war verdrießlich und unruhig, ſie begriff Prospers Abweſenheit nicht; ſeine Ankunft brachte ihre Heiterkeit zurück. „Mein Gott! ſagte ſie leiſe zu Prosper, Sie kamen ſo lange nicht, und ich wußte nicht, was ich anfangen, was ich zu all dieſen Leuten ſagen ſollte. Ohne Sie, ſcheint es mir, könne es kein Vergnügen geben.— Verzeihen Sie, theure Pauline, ein uner⸗ wartetes Geſchäft..— Sie ſcheinen ſehr aufgeregt. — Weil ich ſo ſchnell hergelaufen bin... Vergeſſen wir dieſe Widerwärtigkeit, unſere Beſuche nehmen uns in Anſpruch... und Sie ſollen die Königin die⸗ ſes Feſtes ſein.“ Um Prosper zu gefallen, bemühte ſich Pauline gegen Jedermann liebenswürdig zu ſein. Die Familie Poupardot langte an. Herr Navet war lang und dünn in die Höhe geſchoſſen, wie eine Spargel; aber ſeine Neigungen blieben noch dieſelben; kaum einge⸗ treten, ging er zum Buffet hin, leerte zwei Gläſer Mandelmilch und ſtopfte ſich den Magen mit Back⸗ werk voll; der kleine Napoleon hatte immerwährend Zahnweh, weßhalb er ſehr mürriſch war. Allein Pou⸗ pardot legte ſtets daſſelbe Entzücken über ſeine Söhne an den Tag und ſtellte ſie Prosper mit den Worten vor:„Hm! wie die heranwachſen! gerade ſo nehmen ſie auch in geiſtiger Hinſicht zu... ſie beißen Alles an.. nur lernt Navet nicht addiren.“ Bald darauf kam Maximus, immer beſcheiden, rückſichtsvoll, ſchweigſam und zurückgezogen; allein er 57 wußte die Dinge weit richtiger zu beobachten und zu beurtheilen, als jene Schwätzer, die ſich über Alles ausſprechen und Alles wiſſen wollen. Dann der General Bloumann und ſeine Frau: dieſe war hocherfreut, bei Prosper zu ſein, und drückte gegen Pauline das innigſte Intereſſe, die wahrhaf⸗ tigſte Freundſchaft aus. Endlich erſchien auch der große, blonde, junge Mann, Herr Alfred Ramincourt; er war prächtig gekleidet; zwar ſchien er etwas ſteif in ſeiner Cra⸗ vatte und ſeinem Fracke; aber ſeine Blicke ſtrahlten von Glück, und er bedankte ſich tauſendfach bei Pros⸗ per, daß er ſo gütig geweſen, ihn zu ſeiner Geſell⸗ ſchaft einzuladen. Der Hausherr that ſein Möglich⸗ ſtes, um den Abend vergnügt zu machen. Er ſorgte für den Geſang, für das Spiel, für den Tanz; die Getränke, der Punſch, das Eis, wurden im Ueber⸗ maaß herumgereicht. „Ha! tauſend Granaten! hier iſt's ſchöner als bei mir! rief der General aus. Bei mir konnte ich nicht einmal Gefrornes bekommen, und hier habe ich ſchon dreimal gegeſſen.“ „Und ich elfmal!“ murmelte der große Navet, indem er nach einem Kuchen lief. Der Sohn des Lieferanten engagirte Pauline oft zum Tanze; er war faſt immer neben ihr und verlor ſie nicht aus den Augen. Das junge Mädchen ſchien gelangweilt durch das unaufhörlich zuvorkommende Weſen dieſes jungen Mannes und wußte nicht, wie ſie ſich demſelben entziehen ſollte. Was Prosper 58 betrifft, ſo that dieſer ſein Möglichſtes, um ſich zu betäuben und vergnügt zu ſcheinen; aber zuweilen hielt eine unſelige Erinnerung das Lächeln auf ſeinen Lippen zurück, und gab ſeinen Geſichtszügen einen düſtern Ausdruck. Maximus, der Alles beobachtete und bis in die Tiefe der Seele ſeines Freundes las, trat auf Pros⸗ per zu und ſagte leiſe zu ihm:„Du haſt etwas... — Wie?— Ja, Deine Heiterkeit iſt heute Abend erheuchelt... Dein Lächeln erzwungen... Iſt es denn ein Kummer, den Du Deinem Freunde nicht mit⸗ theilen kannſt?— Du irrſt Dich, ich habe nichts.— Das heißt, Du willſt Deinen Gram für Dich behal⸗ ten, Du glaubſt, ich ſei nicht im Stande Dich zu tröſten; ich will Dich nicht weiter fragen.“ Maximus entfernte ſich von Prosper, und dieſer beſtrebte ſich auf's Neue, eine Fröhlichkeit zu erheu⸗ cheln, wovon ſein Herz weit entfernt war; aber nichts ermüdet ſo ſehr, als eine Verſtellung des Ge⸗ ſichtes. Gegen das Ende des Abends zog ſich Pros⸗ per, dem die Rolle, die er ſich auferlegt hatte, ſchwer fiel, einen Augenblick in ein vom Tanzſaale entle⸗ genes Gemach zurück; dort warf er ſich auf einen Sopha und glaubte ungeſtört zu ſein; aber Jemand, der ihm von ferne nachgefolgt war, ſtellte ſich als⸗ bald auch dort ein: es war der junge Alfred, der zu ihm ſagte:„Entſchuldigen Sie, mein Herr... ich bin vielleicht unbeſcheiden... allein ich wünſchte Sie gerne ohne Zeugen zu ſprechen... das Glück meines Lebens hängt von dieſer Unterhaltung ab.“ 59 Prosper gab dem jungen Mann einen Wink ſich zu ſetzen und ſagte zugleich:„Sprechen Sie, mein Herr, ich höre.“ „Sie haben ohne Zweifel errathen, was ich Ihnen zu ſagen habe; denn die Liebe, welche ich für Fräu⸗ lein Pauline empfinde, iſt von der Art, daß ich ſie unmöglich verbergen kann... Ja, mein Herr, ich liebe dieſes reizende Frauenzimmer, deren Beſchützer Sie ſind; ich weiß, daß ſie eine Waiſe iſt und nur von Ihnen abhängt; wohlan! mein Herr, ich komme, Sie um ihre Hand zu bitten.“ Prosper hatte dieſe Bitte vorausgeſehen; aber er wußte nicht mehr, was er darauf erwidern ſollte. Nach einem Augenblick des Zögerns entgegnete er: „Mein Herr, der General Bloumann hat von Ihnen in ſehr lobenswerthen Ausdrücken mit mir geſprochen. Ihr Anſuchen kann für meine junge Waiſe nur ſchmei⸗ chelhaft ſein; aber... Sie ſind ſehr reich, mein Herr, und können eine vorzügliche Partie machen, während Pauline, welche fünfzigtauſend Franken mitbekommen ſollte... durch einen mißlichen Umſtand...“ „Ach! mein Herr, Sie beleidigen mich! rief der junge Mann aus, ich bin Keiner von Denen, die eine Frau kaufen, die um ſie handeln. Ihre reizende Mündel will ich, nichts als ſie, keine Mitgift! Ich bin reich, und mein Vater läßt mich eine Frau neh⸗ men, wie ich ſie will.“ Prosper fühlte wieder Hoffnung in ſeine Seele zurückkehren; das Herz ging ihm auf; er drückte die Hand des jungen Mannes und flüſterte:„ Was!. 60 Sie würden Pauline ſelbſt ohne Mitgift heirathen? ..— Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ich will nichts als ſie, und ich wäre überglücklich... bewilli⸗ gen Sie mir Paulinens Hand?“ „Herr Alfred, Ihre Liebe ſcheint mir aufeicßttg.. fürchten Sie von meiner Seite keine Einwendung... dieſe Verbindung hängt jetzt nur noch von Paulinen ab; aber ich glaube nicht, daß ſie unempfindlich für Ihre Gefühle ſein wird; morgen werde ich Ihnen die Antwort derſelben mittheilen.“ Alfred ſchwamm im Entzücken; er bedankte ſich faufendmal bei Prosper, beide kehrten zur Geſell⸗ ſchaft zurück, und nun ſtrahlte eine wahrhafte Freude aus ihren Augen. 4 Der Abend war bald zu Ende; die Geſellſchaft entfernte ſich, der General mit der Betheuerung, daß er ſich vorzüglich unterhalten habe, die Genera⸗ lin mit einem Lächeln gegen Prosper, Navet, indem er überzählte, was er gegeſſen hatte, und der junge Alfred, indem er noch einen leidenſchaftlichen Blick auf Paulinen warf. Am folgenden Tage ging Prosper, ſobald Pau⸗ line im Wohnzimmer war, zu ihr, ſetzte ſich neben fie und ſprach:„Meine theure Freundin, ich habe Ihnen etwas höchſt Wichtiges zu eröffnen... es han⸗ delt ſich um Ihre Zukunft, um Ihr Glück... Ich leſe in Ihren Blicken, daß Sie ungeduldig ſind meine Erklärung zu vernehmen. Wohlan! Pauline... es hat mich Jemand um Ihre Hand gebeten... Sie errathen ohne Zweifel wer.. Der junge Alfred 61 Ramincourt, welcher Sie ſchon bei dem General geſehen hat, iſt wahnſinnig in Sie verliebt... Er iſt ſehr reich... Er liebt Sie... und ich habe gedacht, dieſe Verbindung würde Ihr Glück begründen.“ Pauline war ernſt geworden beim Beginne von Prospers Rede, aber je länger ſie ihm zuhörte, deſto trauriger wurde der Ausdruck ihrer Miene. „Iſt alſo dieſes der Grund, warum Sie geſtern dieſe Geſellſchaft gegeben haben? ſagte endlich das junge Mädchen; glaubten Sie dadurch die Rückkehr meiner frühern Munterkeit zu bezwecken? Ach! dann haben Sie ſich ſehr getäuſcht!“ Prosper blickte Pauline erſtaunt an und mur⸗ melte:„Ich habe alſo Ihre Traurigkeit falſch ge⸗ deutet? Ich geſtehe Ihnen, ich war der Meinung, Sie hätten dieſen jungen Alfred auf dem Balle vom General ausgezeichnet; er hat Ihnen die Cour ge⸗ macht.“ „Ahl ich hatte es nicht einmal bemerkt!— Aber jetzt wiſſen Sie, daß er Sie liebt, daß er Ihre Hand begehrt. Er iſt reich, der junge Mann, und außer⸗ dem auch hübſch.“ „Ich finde ihn abſcheulich!— Abſcheulich? ol wie ungerecht! Welche Antwort darf ich ihm von Ihrer Seite ertheilen?— Sie ſagen ihm, ich laſſe ihm danken, aber ich wolle ihn nicht heirathen.“ „Wie, Pauline, Sie ſchlagen eine ſo glänzende Partie aus? Ueberlegen Sie doch vorher!— Ol ich habe ſchon überlegt. Ich werde ihn nicht heirathen.“ „Prosper ſtand auf, ging einige Zeit mit großen 62 Schritten im Zimmer auf und ab, und rief endlich aus:„Ich will Sie nicht zwingen... aber wahr⸗ haftig, Pauline, als ein ſo vernünftiges Mädchen müſſen Sie in dieſem Augenblicke den Verſtand ver⸗ loren haben.“ Pauline bedeckte das Geſicht mit ihrem Taſchen⸗ tuche und entgegnete mit thränenerſtickter Stimme: „Es iſt Ihnen, wie es ſcheint, darum zu thun, daß ich heirathe... es wäre Ihnen vielleicht ſehr lieb... unabhängig zu ſein... und mich nicht mehr bei ſich zu haben... meine Gegenwart iſt Ihnen wahrſchein⸗ lich zur Laſt... Wohlan! ich will gehen... ich will Sie verlaſſen, wenn Sie es wünſchen, aber heirathen werde ich nicht.“ „Sie mir zur Laſt! Ach! Pauline, welches Wort haben Sie da ausgeſprochen! Ich liebe Sie doch ſo ſehr! Mein Gott, jetzt weint ſie, das theure Kind; beruhigen Sie ſich, Sie wiſſen wohl, daß Sie jeder⸗ zeit nur nach Ihrem Wunſche handeln dürfen, aber ich hätte Sie ſo gerne glücklich geſehen.“ „Da ich es aber bei Ihnen bin... warum wollen Sie mich dann durchaus verheirathen?— Warum? ach! wenn Sie wüßten... wenn ich Ihnen ſagen dürſte.. e. ging auf's Neue im Zimmer auf und ab; man ſah ihm an, daß er litt, und ſich auszu⸗ ſprechen fürchtete. Nun ging Pauline auf ihn zu und ſagte mit jener Stimme, die bis in die Tiefe der Seele dringt, zu ihm:„Wenn Sie mich ſo lieb hätten, mein Freund, ſo würden Sie mir ſagen⸗ 63 was Sie betrübt, denn ich ſehe, daß Sie Kummer haben.. und Sie finden mich nicht würdig, mir ihn mitzutheilen.“ „Nun denn! Pauline.. ſo will ich Ihnen Alles ſagen... Alles beichten... Sie werden ſich überzeu⸗ gen, wie ſtrafwürdig mein Betragen iſt... aber ich will lieber Ihre Vorwürfe erdulden, als Ihnen et⸗ was verhehlen.“. „Vorwürfe? o! nie.— Hören Sie mich an... Ich habe fünfzigtauſend Thaler mit nach Frankreich gebracht... Ich habe nie rechnen können... und glaubte ſomit, dieſe Summe ſei nicht durchzubringen ... Vor einiger Zeit, als wir auf den Ball des Generals gingen, unterſuchte ich den Beſtand meiner Kaſſe... es blieben mir noch ſechzigtauſend Franken übrig. Ich wollte Ihre Zukunft durch eine Heirath ſichern, und nahm mir vor, Ihnen fünfzigtauſend mitzugeben...“ „Alſo beinahe alles!.. Sie wollten für ſich nichts behalten?...— Ich? ol meinetwegen war ich nicht in Sorgen!... aber auf dieſem Balle traf ich Je⸗ mand... Sie haben vielleicht von einer Dame ſprechen hören.. die ich früher ausgezeichnet liebte...“ „Camilla von Trevilliers, nunmehr Wittwe des Marquis von Clairville... und Sie haben ſie auf dem Balle bei dem General wieder geſehen?— Ganz richtig... wie wiſſen Sie das aber?“ Pauline erröthete, ſchlug die Augen nieder und entgegnete:„Der Oberſt Roger hat mir es erzählt, während er mit mir tanzte...“ 64 „Roger... was... er hat Ihnen geſagt..— Daß Sie dem Gegenſtand Ihrer erſten Liebe wieder begegnet wären... daß Sie ſo glücklich... ſo ver⸗ gnügt ſeien...“ Prosper ſchwieg lange. Tauſend Erinnerungen, tauſend Gedanken traten ihm plötzlich vor die Seele . Es war, als ob ſich ein Schleier theilte, der bisher ſeine Augen bedeckt hatte; einen Moment blickte er auf Paulinen; aber er wendete ſchnell ſein Geſicht ab, wie wenn er gefürchtet hätte, ihren Blicken zu begegnen; ſeine Stimme war nicht mehr die näm⸗ liche, und mit weniger freundlichem Tone antwortete er ihr:„Roger hat Ihnen wahr berichtet... ich habe Camilla... das heißt die Marquiſe von Tre⸗ villiers wieder geſehen... denn es war nicht mehr jene frühere Camilla... Sie nahm mich höflich auf . aber kalt... und ich, Pauline, war ſchwach ge⸗ nug von Liebe mit ihr zu ſprechen und ihr meine Hand anzutragen.“ „Sie werden ſie heirathen? flüſterte die Jung⸗ frau mit leiſer Stimme.— Ol nein... ſie hat mein Anerbieten zurückgewieſen... ſie hat meine Liebe aber⸗ mals verſchmäht... und jetzt iſt es aus, ganz aus .. ich werde ſie nie wiederſehen!“ „Wäre es möglich! rief Pauline aus, indem ſie Laum die Freude mäßigen konnte, die aus ihren Augen leuchtete; Sie lieben Sie nicht mehr... Sie werden ſie nie wiederſehen?“ „Nein... nie... Allein ſie lebte in der Dürf⸗ tigkeit.. ich wollte ihr ihre Lage etwas erleichtern, 65⁵ und überſchickte ihr... ohne daß ſie wußte, daß es von mir kam, einen Theil meines Vermögens, aber zugleich auch, ohne zu bedenken, daß dieſes ſchon zu Ihrer Mitgift beſtimmt war.“ „Ol Sie haben wohl daran gethan, mein Freund, Sie hätten ihr alles geben ſollen.“— „Hierauf wollte ich das mir fehlende Geld wie⸗ der einbringen... ol dann erſt war ich ſtrafbar... Ich ging zum Spiele... und dort ſetzte ich wie ein Narr, wie ein Wahnſinniger„ und verſpielte Alles, was mir übrig blieb!“. „Alles... ol um ſo bfſſer! o! welches Glück, jetzt wird man mich nicht mehr heirathen wollen!“ Damit hüpfte das junge Mädchen vor Freude im Zimmer herum. „Sie irren ſich, Pauline, verſetzte Prosper, man will Sie dennoch... Herr Alfred verlangt keine Mit⸗ gift... Er iſt außerordentlich reich... bei ihm wer⸗ den Sie in der Welt glänzen; während Sie dagegen bei mir auf dieſen Wohlſtand... dieſe Dienerſchaft . dieſe prächtige Wohnung Verzicht leiſten müſſen. Sie ſehen wohl ein, daß Sie thöricht wären, dieſe reiche Partie, welche ſich darbietet, auszuſchlagen... und daß ich Recht hatte, dieſe Heirath zu wünſchen . Nun, ſind Sie jetzt überzeugt?“ „O jal... ich bin feſt entſchloſſen... Hier, mein lieber Freund, iſt eine Feder und Papier, ſetzen Sie ſich hin und ſchreiben Sie an Herrn Alfred: Mein . Herr, Fräulein Derbruck iſt äußerſt geſchmeichelt durch die Chre, welche Sie ihr erweiſen wollten, aber ſie Paul de Kock. XVIII. 5 „ 66 3 weigert ſich entſchieden, Ihnen ihre Hand zu reichen.— Was! Pauline— Schreiben Sie... ol ſchreiben Sie, ich bitte Sie darum.“ „Aber bedenken Sie doch, daß ich Alles verloren habe... Alles.“ „Nun! kann man denn nicht arbeiten? Wir verlaſſen dieſe große Wohnung, in der man ſich ver⸗ irrt... wir ſchaffen die drei Dienſtboten ab, die mich langweilen... wir geben keine große Geſell⸗ ſchaften mehr, die mir in der Seele zuwider ſind... ol wie glücklich werde ich dann ſein!... Schreiben Sie, mein Freund, ſchreiben Sie doch!“ „Wenn aber..— Und meine zwarzigtauſend Franken, die im Zinſe ſind, und woran wir gar nicht gedacht haben! Sie ſehen wohl, wir ſind noch reich, ſogar noch allzureich.“ „Dieſe Summe, Pauline, gehört Ihnen allein.. — Mir oder Ihnen, iſt das nicht einerlei? Doch abgeſehen davon, wenn ich Herr darüber bin, ſo trage ich ſie Ihnen jetzt an... Vorwärts, mein Freund.. keinen Aufſchub mehr, ſchicken Sie ſchnell dieſem Herrn meine Antwort.“ Prosper widerſtand nicht länger; er ſchrieb an den jungen Alfred, daß ihm Pauline ihre Hand ver⸗ weigere, und während er ſchrieb, empfand er ein ihm unerklärliches Gefühl, welches viele Aehnlichkeit mit Befriedigung hatte. 67 Viertes Kapitel. Politiſche Ereigniſſe.— 1814— 1815. Einige Wochen, nachdem Alfred den Abſagebrief auf ſeinen Heirathsantrag erhalten hatte, befanden ſich Prosper und Pauline in einem beſcheidenen Logis auf dem Marais. Dort trieb man keinen Luxus mit Möbeln und Dienerſchaften, ſondern man begnügte ſich einfach mit dem Nothwendigſten. Pauline be⸗ wohnte das ſchönſte Zimmer; Prosper hatte es ſo verlangt; er begnügte ſich mit einem kleinen Stüb⸗ chen ohne Kamin; außer dieſem beſtand die Wohnung noch aus einem Wohnzimmer, einer Küche und einem Kabinette, wo eine alte Magd ſchlief. Aus dem Ver⸗ kaufe ſeines reichen Mobiliars hatte Prosper noch einiges Geld gezogen, welches er übrigens Paulinen übergab und ſagte:„Von nun an, meine liebe Freun⸗ din, müſſen Sie die Kaſſe verwalten, denn in mei⸗ nen Händen ruht ſie nicht gut. Ich werde mich um irgend ein Aemtchen, irgend eine Anſtellung umſehen, und das, was ich verdiene, redlich Ihnen zuſtellen.“ Und Pauline antwortete ihm mit einem liebevol⸗ len Lächeln:„Machen Sie ſich keine Sorgen, wir haben tauſend Franken Renten und einiges baare Geld vor uns. Ich will ſparſam ſein, Alles wohl eintheilen, und Sie werden ſehen, daß uns nichts abgeht, ſelbſt wenn Sie kein Amt finden.“ Um mit dem Sparen anzufangen, wollte Pauline gar keine Bedienung annehmen, allein Prosper war 2 1 68 bei dem Anblicke, daß ſie Alles ſelbſt thun mußte, ſo unglücklich, daß ſie doch einwilligte, eine Magd zu dingen. Man ging nicht mehr ins Theater, nicht mehr ins Conzert, nicht mehr in Geſellſchaften, aber man machte Spaziergänge in den Umgebungen von Paris; Pauline trug keine prachtvolle Kleider, keine Juwe⸗ len mehr; aber ihr einfacher Anzug war geſchmack⸗ voll, und ſie in einem beſcheidenen Hütchen eben ſo ſchön; wenn man nicht ausging, ſo leiſtete ihr Pros⸗ per Geſellſchaft, las ihr vor, oder er erzählte ihr von ſeinen Reiſeabenteuern, und dabei verfloß die Zeit ſo ſchnell, daß man ſich oft wunderte, wie ſchnell der Tag um war. Kurz, ſeit dieſe zwei Perſonen nicht mehr reich waren, ſchienen ſie weit glücklicher, beſonders Pauline: ihre Heiterkeit war mit den Ro⸗ ſen auf ihren Wangen zurückgekehrt, und das Glück ſtrahlte aus ihren Augen, wenn ſie dieſelben auf ihren Beſchützer heftete. Indeſſen war eine merkwürdige Veränderung in Prospers Benehmen gegen Pauline vorgegangen: es war nicht mehr jene freimüthige Offenheit, jene Ver⸗ traulichkeit von früher; es war eine gleich zärtliche, aber eine zurückhaltendere Freundſchaft; eine ebenſo 3 ſüße Intimität, aber nicht mehr ſo ungezwungen; kurz, es war, als ob ſich ſchweigend ein neues Ge⸗ fühl in Prospers Herz einſchliche, das ſein Daſein nur durch das ungekannte Glück verkündete, adelches es in demſelben erweckte. 3 Jetzt erſchien Prosper eine von Pauline entfernt . 69 verlebte Stunde tödtlich lange, auch ging er ſelten aus. Außerdem war der General wieder bei der Ar⸗ mee und die Generalin auf einem ihrer Güter. Maxi⸗ mus hatte, einige Stunden von Paris entfernt, eine Lehrerſtelle angenommen; es blieben ihm folglich nur die Bewohner von Clichy zu beſuchen übrig; aber die beiden Söhne Poupardots wurden ſo unerträg⸗ lich, und ihr Vater verdarb ſie dergeſtalt, daß man oft nicht hingehen mochte.⸗ Warum ſollten wir auch, wenn es uns zu Hauſe gefällt, wenn unſer Herz ein inneres Wohlbehagen empfindet, auswärts Vergnügen und andere Geſich⸗ ter aufſuchen: das war Prospers Meinung, indem er treulich bei Paulinen aushielt. Zuweilen jedoch verdüſterte ſich ſeine Stirne und trübte ſich ſein Auge. Das junge Mädchen bemerkte es ſchnell, dann be⸗ trachtete ſie ihren Freund mit fragenden Blicken und ſagte manchmal auch mit Seufzen zu ihm:„ Ich bin überzeugt, Sie denken an Camilla.“ „O! nein... Sie irren ſich, entgegnete Prosper. Seit einiger Zeit habe ich ganz aufgehört, an die Marquiſe zu denken, und wenn mich etwas an ſie erinnert, ſo ſchwöre ich Ihnen, bringt mich das nicht mehr zum Seufzen.“ „Wirklich?.. Warum ſind Sie denn aber öfters ſo traurig?...“ „ Ach! dieſen Morgen habe ich wieder einen neuen Stoff... einen prachtvollen Shawl geſehen... wenn ich nun daran denke, daß ich Ihnen ſolche Dinge nicht mehr mitbringen kann wie früher...“ 70 „Und das macht Sie traurig?... In der That, mein Freund, Sie beurtheilen mich ſehr falſch, wenn Sie glauben, mein Glück liege in einer mehr oder minder glänzenden Toilette... Wie oft muß ich Ihnen wiederholen, daß ich glücklicher bin, ſeit wir beſchei⸗ den für uns leben als früher, wo wir die Geſell⸗ ſchaften beſuchten! Ich meinte übrigens, Sie hätten es ſelbſt bemerkt.“ Dieſe freundlichen Worte trugen ſtets zur CErhei⸗ terung Prospers bei. Er nahm Paulinens Hand und drückte ſie in der ſeinigen; oft hielten ſich ihre Hände lange verſchlungen, und das junge Mädchen beklagte ſich nicht mehr, es ſtöre ſie am Arbeiten. Nach Verlauf von einiger Zeit gelang es Pros⸗ per, eine Stelle in einem Handlungshauſe zu erhal⸗ ten; ſein Einkommen war gering und er mußte bei⸗ nahe den ganzen Tag dafür ſchreiben; allerdings eine große Ueberwindung für einen Mann, der bis dahin an ein unthätiges, vollkommen unabhängiges Leben ge⸗ wöhnt war; aber es handelte ſich um die Vermeh⸗ rung ihres Wohlſtandes, um die Möglichkeit, Pauli⸗ nen bisweilen noch ein Geſchenk zu machen, und Prosper unterwarf ſich willig dieſer neuen Lebensart; außerdem erwartete und empfing ihn Jemand, wenn er von ſeinem Bureau kam, mit zärtlichem Lächeln, worüber er alsbald das Läſtige ſeiner Arbeit vergaß. Die Zeit verfloß auf dieſe Weiſe ruhig für die beiden Leutchen, welche ſich allmälig verſtanden; aber der politiſche Horizont war nicht ſo friedlich und ſturmlos wie Prospers Wohnung. Das Glück hatte 1 — ,— 71 Den verlaſſen, den es ſo hoch erhoben; der Kaiſer hatte große Unfälle erlitten; die Franzoſen ſchlugen ſich immer noch mit demſelben Muthe, aber die übri⸗ gen Nationen, eiferſüchtig auf zwanzig Jahre des Ruhmes, vereinigten ſich zu ihrer Unterdrückung. Prosper und Pauline bekümmerten ſich nichts um Politik, bei ihnen verdrängte ein anderes Gefühl alle übrigen. Bisweilen fragte übrigens die Waiſe ihren Freund:„Was geht denn vor? Man verbreitet be⸗ ängſtigende Gerüchte; man ſagt, die Feinde wollen gegen Paris ziehen?“ Dann antwortete Prosper:„Das iſt unmöglich! ſo weit dringen ſie nie vor, nur Lärmmacher ver⸗ breiten ſolches Geſchwätz!“ Pauline ließ ſich leicht beruhigen, und man ſprach nicht mehr vom Krieg. Eines Tages jedoch, als Prosper, wie gewöhnlich, auf ſein Bureau gegangen war, kehrte er blaß und aufgeregt zurück; er langte ſeinen Säbel und ſeine Piſtolen, und küßte Paulinen mit den Worten:„Gehen Sie nicht aus, meine theure Freundin, verlaſſen, Sie Ihr Zimmer nicht, treten Sdie nicht an das Fenſter, wenn Sie Lärm auf der Straße hören.— Mein Gott! was gibt es denn? fragte Pauline entſetzt.— Man ſagt, die Feinde ſtehen vor den Thoren von Paris; ſie wollen die Stadt angreifen.— O mein Gott! und wo gehen Sie mit dieſen Waffen hin?— Wo ich hingehe?... Beim Kuckuk!... ich will für die Vertheidigung mei⸗ nes Vaterlandes kämpfen.— Sie wollen kämpfen? wenn man Sie aber tödten wüͤrde?— So ſterbe 72 ich den Tod eines Tapfern, und bin Ihres Bedauerns würdig. Geben Sie ſich keine Mühe mich zurückzu⸗ halten, theure Pauline; in dieſem Augenblick darf man nur auf den Ruf der Ehre achten.“ Die Jungfrau zerfloß in Thränen, ſie wollte ſich an ihn hängen; allein Prosper machte ſich aus ihren Armen los, eilte davon und flog zur Barriere von Clichy. 3 Dort erkannte Prosper unter einer Menge von Weltmännern, Künſtlern und Gelehrten, welche die Gefahr des Vaterlandes zu Soldaten gemacht hatte, Maximus, der mit einem Säbel und einem Karabi⸗ ner bewaffnet war. „Wie, Du biſt hier? rief Prosper aus, indem er auf ſeinen Freund zueilte.— Ich bin ſeit acht Tagen nach Paris zurückgekehrt.— Aber Du, als Republikaner, ſchlägſt Dich für den Kaiſer?— Ich ſchlage mich für mein Vaterland; wenn es vom Feinde bedroht iſt, darf keine Meinungsverſchieden⸗ heit mehr beſtehen, man vertheidigt es und erörtert ſeine Anſichten nachher.“ Prosper drückte Maximus die Hand, und beide ſtellten ſich unter die Reihen der Tapfern aller Klaſ⸗ ſen, welche, ſelbſt in den wichtigſten Umſtänden die franzöſiſche Heiterkeit beibehaltend, Witze miteinander machten und muntere Lieder ſangen, bis daß es Zeit ſei, ihr Gewehr abzufeuern. Maximus, ungeduldig den Feinden zu begegnen, überſchritt die Barriere, Prosper begleitete ihn; ein alter Invalide hatte ihm eine Flinte und Patronen 1 8 7 73 3 gegeben. Die beiden Freunde erreichten das Feld und lenkten ihre Schritte nach der Gegend der Hügel von Saint⸗Chaumont zu, und es dauerte nicht lange, ſo ſahen ſie in der Ebene Koſaken vorbeiſprengen, ei⸗ nige näherten ſich ſogar bis auf Schußweite; ſchon hatten ſie zwei derſelben gefällt, als Prosper ein Piſtolenſchuß traf, und derſelbe, einige Schritte von ſeinem Freunde entfernt, niederfiel. Maximus warf ſeine Waffen weg, nahm Prosper und trug ihn in ſeinen Armen davon; ungeachtet der Koſakenkugeln, gelang es ihm, mit ſeiner koſtbaren Laſt wieder nach Paris hinein zu kommen; dort bot ihm ein Milchweib, welches ſeine Hütte verlaſſen hatte, weil es ſich nicht mehr ſicher darin fühlte, ſei⸗ nen Eſel und ſeinen Wagen zum Transporte des Verwundeten an. Man legte Prosper, ſo gut es ging, darauf; er hatte viel Blut aus der Wunde, die in die Bruſt gegangen war, verloren, und war ohn⸗ mächtig geworden. Maximus zog durch die Vorſtadt des Tempels; er kannte Prospers neue Adreſſe nicht, aber er erin⸗ nerte ſich nach einiger Zeit, daß er Picotin eines Abends in die Rothe⸗Kinderſtraße begleitet habe, von dort war er nicht mehr ferne, daher entſchloß er ſich, ſeinen Freund zu dieſem zu führen. 8 Man langte vor Picotins Wohnung an.„Er wird vielleicht nicht zu Hauſe ſein, dachte Maximus, denn heute müſſen ſich alle Franzoſen vor den Barrièren einſtellen; aber ich treffe dann doch ſeine Frau, und bin überzeugt, daß ſie meinem Freunde gerne beiſteht.“ 74 Maximus wendete ſich an den Portier und fragte nach Picotin; der Portier lächelte, indem er erwi⸗ derte:„Er hat mir aufgetragen, wenn ihn Jemand holen wolle, zu ſagen, er ſei nicht zu Hauſe;... aber ſehen Sie, mein Herr, wenn man Ihren Ver⸗ wundeten zu dem Apotheker dort nebenan brächte.. ſo wäre es beſſer, als ihn vier Stiegen hinauf zu ſchleppen.“ „Ach! Ihr habt Recht, mein Freund.. helft mir, wir wollen ihn hinüber tragen.“ 2 Der Portier und Maximus nahmen Prosper in ihre Arme und trugen ihn in eine benachbarte Apo⸗ theke, wo man ihm mit aller nöthigen Hülfe eifrig beiſtand. „Die Wunde iſt gefährlich, ſagte der Pharmaceut, wenn der Herr weit weg wohnt, ſo kann er nicht nach Hauſe transportirt werden.— Seine Wohnung . warten Sie, mein Herr, ich will mich geſchwind darnach erkundigen, ſo lange Sie meinem Freunde Beiſtand leiſten.“ 1 Damit eilte Maximus aus dem Laden hinaus und kehrte zu Picotin zurück; dort flog er raſch die vier Treppen hinauf. Unter die Kupferplatte, wor⸗ auf der Name des Schaffellhändlers ſtand, war mit Kreide groß hingeſchrieben: Es iſt Niemand zu Hauſe. Trotz dieſer Warnung, drehte Maximus doch die Klinke, rüttelte heftig an der Thüre, brachte ſie endlich auf und drang zu Euphraſia's Gatten ein. Das Bureau war leer, aber im Nebenzimmer ſaß 7* —— Picotin mit einer baumwollenen Mütze auf dem Kopfe in einem Lehnſtuhle, ſein rechtes Bein, welches mit Lappen umwunden war, ſtützte er auf einen Stuhl.— „Ich bin krank! ich bin verwundet! ſchrie Pico⸗ tin, als er Jemand hereinkommen hörke... Ich kann nicht in Kampf ziehen, da ich nicht laufen kann.“ Als der vorgeblich Verwundete übrigens Maxi⸗ mus erkannte, ſo flog eine leichte Röthe über ſein Geſicht, und er flüſterte:„Schau, unſer lieber Freund Maximus... Ich bin am Beine verwundet, wie Du ſiehſt... das bannt mich hiether... ich habe mich an einen Fleiſchtopf geſtoßen.“ „Ol beim Kuckuk, ich bilde mir wohl ein, daß das nicht mit einem Säbel oder einer Flinte geſchehen iſt.— Aber es hätte der Fall ſein können... wenn ich im Stande geweſen wäre zu laufen. Höre, Maximus, glaubſt Du, daß die Feinde in die Stadt eindringen? Schlägt man ſich noch immer?“ „Was geht es Dich an, da Du doch daheim bleibſt?— Was!l es geht mich ſehr viel an, ob ich megepiundert und beſtohlen werde... das iſt nicht übel.. J- habe Luſt in den Keller hinunter zu gehen. „Gib mir Antwort, Picotin...Sag nur, weißt Du Prosper's neue Wohnung?— Prosper's Woh⸗ nung.. ſeit er nicht mehr reich iſt, denn wie es ſcheint, iſt er auch ordentlich heruntergepurzelt...“ „Sag mir doch ſchnell... wo er wohnt... er iſt verwundet.. vielleicht tödtlich verwundet..— Ahl 76 bahl der arme Prosper... Ich wette, er iſt mit Dir zum Kampfe ausgezogen...So gehis wenn ihr es gemacht hättet, wie ich.. „Wirſt Du mir auf meine Frage antworten?— Hier... ganz in der Nähe... in der Karlsſtraße Nr. 22... Ich begegne ihm öfters, wenn ich auf den Markt gehe...— Karlsſtraße... ſchan gut.. Adieu!“ Picotin, der vergaß, daß er Lerwundet war, ſtand auf, eilte hinter Maximus drein, und rief ihm die Treppe hinunter nach:„Höre, Maximus, wenn Du meiner Frau auf der Straße oder bei den Bar⸗ rieren begegneſt, ſo ſage ihr doch, die Milch ſei ſchon lange übergelaufen... Ihr Kaffee gerinne... es ſei kein guter Schluck mehr daran... Ich weiß der Teufel nicht, wo mein Weib hingegangen iſt... Ich habe zu ihr geſagt: Geh' nicht aus... Du könn⸗ teſt Koſaken begegnen... dann hat ſie mir entgeg⸗ net: Das iſt ein Grund mehr dazu!l;, Maximus hörte nicht auf Picotin, er war ſchon auf der Straße und bei dem Apotheker. Prosper hatte ſeine Beſinnung wieder erlangt, war aber kaum im Stande zu ſprechen, indeſſen erkannte er ſeinen Freund doch, drückte ihm die Hand und ſtammelte den Namen Pauline. „Ja, ja, ich verſtehe Dich, ſagte Maximus, Du willſt nach Hauſe... zu ihr... gebracht ſein... Vorwärts, meine Herren, leiſten Sie mir einen letzten Dienſt, laſſen Sie uns eine Art Tragbahre zur Weiterſchaffung unſeres Verwundeten bilden... Er wohnt ganz in der Nähe, ih weiß jetzt ſeine Adreſſe.“ Jedermann beeiferte ſi ſch, Maximus Hülfe zu leiſten; wenn die Franzoſen immer, ſelbſt unter den ernſt⸗ hafteſten Umſtänden, zum Lachen und Scherzen auf⸗ gelegt ſind, ſo muß man auch zugeben, daß ſie ſtets bereit ſind, einem Leidenden Hülfe zu leiſten, oder eine gute Handlung zu verrichten. In wenigen Augen⸗ blicken wurde Prosper auf eine in der Geſchwindig⸗ keit errichtete Tragbahre gelegt und in ſein Haus gebracht. Maximus wollte Pauline Lorberette damit der traurige Anblick, der ihr bevorſtand, keinen allzu lebhaften Eindruck auf ſie mache; er fürchtete ihre Thränen, ihr Geſchrei, ihre Verzweiflung, welche eine ſchädliche Einwirkung auf den Verwundeten aus⸗ üben konnten. Aber die empfindſamſten Seelen zeigen oft in großen Leiden eine Kraft und einen Muth, deren man ſie nicht für fähig gehalten hätte... Als die Jungfrau Maximus blaß und beſtürzt ein⸗ treten ſah, glaubte ſie ihr Unglück noch größer. „Prosper iſt todt! rief ſie aus.— Nein.. nein .. aber durch einen Schuß verwundet...— Wo iſt er?.. führen ie mic zu ihm.“ „Er kommt... man bringt ihn hierher... Sie werden ihn ſehen. 4 Pauline ſprach kein Wort, vergoß keine Thräne, ihr Schmerz war ſtumm; aber ſie flog aill den Ver⸗ wundeten zu, nahm ihn ber der Hand, druckte ſie in der ihrigen, und er fand noch Kraft ihr zuzulächeln. 78 In wenigen Augenblicken hatte man Prosper in ſein Bett gelegt, und Maximus einen Chirurgen und einen Arzt'herbeigeholt, welche, nachdem ſie den Ver⸗ wundeten unterſucht hatten, beängſtigend den Kopf ſchüttelten, indeſſen doch ſagten:„Es iſt möglich, daß er davon kommt!.. Aber es iſt ſehr gefährlich.“— Dann nahm Maximus Paulinen bei der Hand und ſagte zu ihr:„Faſſen Sie Muth, liebes Kind... Der Himmel wird Ihnen Ihren Beſchützer nicht rau⸗ ben. Was mich betrifft, ſo vermag ich jetzt nichts mehr für ihn zu thun, und kehre auf den Poſten der Ehre zurück!“ Hierauf gab Maximus Paulinen einen Kuß und entfernte ſich; auch der Chirurg und der Arzt zogen ſich zurück, nachdem ſie verordnet hatten, was zu thun ſei, und verſprochen am Abend wieder zukommen. Als nun das junge Mädchen allein bei Prosper war, welchem verboten worden zu ſprechen, und keine Zeugen mehr um ſich wußte, da warf ſie ſich auf ihre Kniee nieder, flehte zum Himmel, er möge ihr den Mann laſſen, der Alles für ſie ſei, und vergoß Ströme von Thränen. Die Nacht brach herein. Alle Augenblice kam die alte Dienſtmagd, welche auf Erkundigungen aus⸗ ging, zu ihrer Gebieterin herauf und ſagte zitternd: „Achl. Fräulein!... man ſagt, wir ſeien verloren!... die Feinde dringen in die Stadt ein... man wird ſich ſchlagen... wir werden geplündert.. und viel Aergeres noch!.“ Pauline gab ihrer Magd kaum Gehör; für ſie 5 79 gab es nur noch eine wichtige Sache auf der Welt, dies war das Leben Prospers.. Indeſſen blieb die Nacht ruhig; nur gegen neun Uhr Abends hörte man einen Kanonenſchuß, dem aber nichts weiter folgte. Vierzehn Tage ſpäter ſaß Pauline an Prospers Bett; ein Strahl der Freude belebte ihre vom Nacht⸗ wachen und Weinen abgematteten Züge; denn erſt ſeit dieſem Morgen hatte der Arzt eine günſtige Wendung in dem Befinden des Verwundeten wahr⸗ genommen, und dem jungen Mädchen, während er ihr zugleich ankündigte, daß die Heilung langſam vor ſich gehen werde, verſprochen, er werde ihren Beſchützer retten. Hierauf hatte ſich Pauline ſo glück⸗ lich gefühlt, daß ſie willig dem Arzte an den Hals geſprungen wäre; was kümmert es ſie, wenn auch die Geneſung noch lange anſtand, man ſtand ihr doch für Prospers Leben, ſomit ſchenkte man ihr auch das ihrige wieder. 4 Man hatte dem Kranken, der außerordentlich ſchwach war, Schweigen anempfohlen; nur durch Blicke konnte er ſich für die Sorgfalt ſeiner jungen Wärterin bedanken; wenn er ein Wort ſprechen wollte, ſo legte dieſe einen Finger auf ſeinen Mund und rief aus:„Es iſt verboten!... ſchweigen Sie, mein Freund; wenn Sie wieder geſund ſind, wollen wir uns hiefür entſchädigen; dann dürfen Sie den ganzen Tag reden, und ich werde Ihnen mit Freuden zu⸗ hören.“ 2 An dieſem Tage übrigens hatte Prosper, der ſich 80 weit beſſer fühlte, ein wenig geſprochen; vor allen Dingen, um ſeiner jungen Freundin ſeine Erkennt⸗ lichkeit für die Sorgfalt auszudrücken, die ſie ihm gewidmet hatte, ſodann um ſie um einige politiſche Nachrichten zu befragen und zu erfahren, was ſeit ſeiner Verwundung bei den Hügeln von Saint⸗Chau⸗ mont geſchehen ſei. 8 „Politiſche Nachrichten! entgegnete Pauline; mein Gott! lieber Freund, ſeit vierzehn Tagen habe ich mich um nichts bekümmert, als um Sie... Ich weiß, daß man ſich nicht mehr ſchlägt, und daß wir eine andere Regierung haben.. Aber mehr müſſen Sie mich nicht fragen, denn ich wäre wahrhaſttg nicht im Stande darauf zu antworten.“ Der Schall der Glocke, welcher Beſuch ankündete, unterbrach dieſes Geſpräch. Bald darauf vernahm man Poupardots Stimme, und in einer kleinen Weile. ſtanden die gute Eliſa und ihr Gatte an Pros⸗ pers Bett. „Hier ſind wir! rief Poupardot aus. Wie, armer Prosper, Du warſt verwundet?... Du haſt Dich alſo geſchlagen?...— Gewiß, entgegnete Prosper, und Du?— Ol ich, ich hatte ganz andere Dinge zu thun!“ „Die Koſaken haben unſer Haus abgebrannt... Alles verheert, zerſtört und zu Grunde gerichtet!“ ſiel die gute Eliſa mit einem ſchweren Seufzer ein.— „Ol das iſt gleichgültig! es geht gut, es geht ſehr gut! fuhr Poupardot, ſich die Hände reibend, fort, jetzt haben wir unſern legitimen Prinzen wieder. Wir bekommen nun eine väterliche Regierung, das muß uns glücklich machen; und abgeſehen von dem kleinen Heinrich IV., den wir nicht bekommen, weil er geſtorben iſt, wird es ganz daſſelbe ſein.“ Prosper machte große Augen und konnte kaum glauben, was er hörte. „Wir ſind hier im fliegenden Lager, ſagte Eliſa, da wir nicht mehr in Clichy wohnen können, wollen wir uns auf unſerem kleinen Pachthofe in Montereau niederlaſſen, und bis alle unſere Vorbereitungen ge⸗ troffen ſind, wohnen wir hier in einem möblirten Logis.“ d— „Wo wir unſere beiden Jungen gelaſſen haben, die ſich mit einem gebratenen Huhn unterhalten... ich fürchte nur, ſie prügeln ſich, denn ſie eſſen beide die Schlägel ſo gerne... Eil weil ich darauf komme, Sie wiſſen die Neuigkeit noch nicht: Madame Pou⸗ pardot wird mir noch einen kleinen Sprößling ſchen⸗ ken... Hal hal eine letzte Tollheit... das ſoll der Neſtkegel ſein...“ „Still! ſtill! mein Freund, ſchweigen Sie doch!“ fiel Eliſa erröthend ein. „Ei! warum denn 2.. es freut mich, noch ein Kind zu bekommen... das iſt nicht verboten... Ich wette, es wird abermals ein Knabe... wie ſoll ich ihn heißen?... Ich muß mich darüber beſinnen... Uebrigens muß ich machen, daß ich nach Montereau komme, damit meine Frau dort ausruhen kann.“ „Und Maximus?“ murmelte Prosper. „Maximus... ol der iſt fort aus Paris; er iſt Paul de Kock. XVIII. 1 6 82 ſchlechter Laune... Ein ſonderbarer Burſche! unter allen Regierungen habe ich ihn mißlaunig geſehen; der iſt nicht wie ich. Nun, mache, daß Du bald ge⸗ ſund wirſt, lieber Prosper; dann kommſt Du mit Deiner theuern Pauline zu uns nach Montereau... wir werden ſehr gerne dort ſein, ich bin's zum Vor⸗ aus überzeugt; außer die Luft dort wäre meiner Frau ſchädlich, aber ich glaube es nicht.“ Eliſa ſeufzte nochmals, indem ſie ſagte:„Ach! unſer armes Haus in Clichy... es war ſo hübſch!“ Pauline, welche befürchtete, Prosper möchte ſich anſtrengen, machte Poupardot darauf aufmerkſam, daß, wenn man ſeine Geneſung wünſche, man ihn nicht zum Sprechen nöthigen dürfe, weil der Arzt es ihm verboten habe. Die beiden Gatten ſahen die Rich⸗ tigkeit dieſer Bemerkung ein, und nachdem ſie den Kranken und ſeine junge Wärterin zärtlich geküßt hatten, verabſchiedeten ſie ſich von ihnen, und lu⸗ den ſie nochmals ein, zu ihnen nach Montereau zu kommen. Einige Wochen ſpäter ſaß Prosper an einem Fen⸗ ſter und athmete die milde Frühlingsluft ein. Pau⸗ line war immer um ihn und ſuchte ihm in den Augen den leiſeſten Wunſch anzuſehen. Mit der Geneſung ging es langſam vor ſich; die Kräfte kehrten immer nicht zurück; aber endlich ward der Kranke gerettet und die Waiſe für ihre Mühe belohnt. Der Verdruß über den Verluſt ſeiner Anſtellung verzögerte Proapers völlige Geneimmg; er ſah, daß V * t 83 man für ſeine Verpflegung viel Geld hatte ausgeben müſſen, und machte ſich Sorgen wegen der Zukunft. Pauline, die ſeine Gedanken errieth, bat ihn, ſich deßhalb nicht zu bekümmern und ſich ganz auf ſie zu verlaſſen; allein die Furcht, die Waiſe möchte einſt in Entbehrung gerathen, ſetzte den Kranken in Be⸗ trübniß, und erſchwerte ſeine gänzliche Wiederher⸗ ſtellung. Ein alter Freund leiſtete Prosper oft Geſellſchaft, dies war nämlich der Oberſt Roger, der ſich vom Militärdienſte zurückgezogen hatte, als er ſich nicht mehr für ſeinen Kaiſer ſchlagen durfte. Roger war auch traurig und mürriſch geworden; während er mit den Fingern ſeinen Schnurrbart ſtrich, fluchte er bis⸗ weilen zwiſchen den Zähnen durch, und wenn er ſei⸗ nen Platz neben dem Geneſenden eingenommen hatte, verſtrichen oft ganze Stunden, während Prosper bloß mit gen Himmel gerichteten Augen ſeufzte und Ro⸗ ger, ſeinen Schnurrbart ſtreichend, fluchte. Um die beiden Freunde zu erheitern, ſuchte Pau⸗ line eine Unterredung anzuknüpfen; ſie ſprach vom General. „Der hat ſi ſich, gleich mir, penſioniren laſſen, agte Nage er pflanzt... mit ſeiner Frau... ſeinen Kohl ſelber... er muß auch ſeinen Grimm verſchlucken, wie dch., 44 4„Und Maximus? fragte Prosper; er hat mich aufgehoben und auf ſeiner Schultern hergetragen, als ich verwundet war... ſeitdem in er nicht wiederge⸗ kommen.“ 84— „Er hat von Deinem Chirurgen erfahren, daß Du außer Gefahr ſeieſt... weiter wollte er nicht wiſſen; er iſt nicht mehr in Paris.. ich glaube, er iſt Unterlehrer in einer Dorfſchule.“ „Und was mag, inmitten dieſer Ereigniſſe, aus dem armen Picotin geworden ſein?“ „Picotin! ol tauſend Granaten! der hat ſich nicht geſchlagen! da iſt nichts zu fürchten. Ich weiß nicht, was er jetzt treibt, aber ſeiner Frau bin ich mehr⸗ mals auf der Straße begegnet. Sie hatte ein Meß⸗ buch in der Hand... und ich ſah ſie ſogar in eine Kirche hineingehen.“ „Nach dieſem Geſpräche lief Roger noch zwei⸗ oder dreimal im Zimmer auf und ab, ſtieß noch einige Flüche aus, drückte die Hand ſeines Freundes, nickte Paulinen zum Abſchiede und ging. Sobald Prosper im Stande war auszugehen, machte er, auf Paulinens Arm geſtützt, kleine Spa⸗ ziergänge; dann wollte er ſich auch alsbald wieder nach einer Beſchäftigung, nach einem Amte umſehen, obgleich ihm ſein Arzt völlige Ruhe anempfohlen hatte. Allein Pauline ärgerte ſich hierüber; ſie ſchalt ihn ſogar deßhalb. 3 3 „Soll ich denn die ganze Frucht meiner Mühen wieder einbüßen? ſagte ſie zu ihm. Wollen Sie, in⸗ dem Sie ſich anſtrengen, wieder krank werden. und die Rückkehr Ihrer Kräfte verhindern? Nein, nein, mein Freund, Sie müſſen mir gehorchen, Sie haben es mir verſprochen, und ich dringe jetzt darauf. Ich verlange eine vollſtändige Ruhe... beſonders kein — 8⁵ Geſchäft und keine Beſorgniſſe...— Aber... die Zukunft... das Geld! fiel Prosper ein.— Das iſt meine Sache... ich führe die Kaſſe, und Sie haben mir verſprochen, ſich nicht weiter darein zu miſchen.“ Beinahe ein Jahr verfloß. Prospers Geſundheit war noch ſehr ſchwankend; indeſſen hatte ihm Pau⸗ line, um ihn zufrieden zu ſtellen, geſtattet, Abſchreib⸗ geſchäfte anzunehmen; eine Arbeit, die ihn nicht zum Ausgehen nöthigte, und die er in ihrer Nähe beſor⸗ gen konnte. Eines Tages arbeitete die Waiſe, wie gewöhn⸗ lich, neben Prosper, als der Oberſt Roger raſch ins Zimmer trat und voll Freude ausrief:„Triumph! meine Freunde.. er kehrt zurück... er kommt... wir werden ihn wiederſehen... Ha! tauſend Schwadro⸗ nen! ich habe wohl gewußt, daß er nicht auf immer fortging.— Wer kehrt zurück? wer kommt wieder? — Eil! beim Kuckuk! der Kaiſer! ich kenne nur ihn! ich liebe nur ihn!... und werde mich noch einmal für ihn ſchlagen.— Wäre es möglich! der Kaiſer kommt zurück!... Iſt es keine falſche Nachricht?— Nein! ol es iſt die lautere Wahrheit!... er iſt in Cannes gelandet... Grenoble hat ihm ſchon die Thore geöffnet... und ich eile ihm entgegen... um ihm meinen Degen und mein Blut anzubieten.. O Kinder! welcher ſchöne Tag... Wie ſchade, Pros⸗ per, daß Du nicht im Stande biſt, mit mir zu gehen! Doch lebt wohl, lebt wohl, ich halte es nicht mehr hier aus. Ich muß meinen Kaiſer wiederſehen. Lebt wohl, liebe Freunde! ich gehe..“ 86 Roger war wie närriſch; er küßte ſeinen Freund, er küßte Pauline, und eilte davon, ohne ihren Ab⸗ ſchiedswünſchen Gehör zu geben. Als ſich der Oberſt entfernt hatte, ging Pauline auf Prosper zu, betrachtete ihn mit zärtlicher Be⸗ ſorgniß und ſagte zu ihm:„Diesmal werden Sie mich hoffentlich nicht verlaſſen, um in den Kampf zu ziehen..— Nein, meine theure Pauline, beruhigen Sie ſich, entgegnete Prosper lächelnd; ich habe meine Pflicht gegen mein Vaterland erfüllt, und außerdem wäre mein Arm noch zu ſchwach. Wir wollen hoffen, daß die Tage des Mißgeſchickes vorüber ſind.“ Einige Tage darauf war der Kaiſer in Paris; einige Monate ſpäter änderte die Schlacht von Wa⸗ terloo das Schickſal Frankreichs abermals. Prosper hatte durchaus keinen Antheil an den po⸗ litiſchen Ereigniſſen genommen: ſeine Schwäche und Kraftloſigkeit hatte ihn bei Paulinen zurückgehalten. Warum ſollten ſie auch einander verlaſſen? er fühlte ſich beſſer bei ihr, und ihr war es nur wohl bei ihm. Roger beſuchte ſie noch zuweilen, aber ſelten. Seit den hundert Tagen war der arme Oberſt mür⸗ riſcher geworden als je; jetzt ſprach er ſeine Flüche laut aus, während er den Schnurrbart dazu ſtrich. Aber eines Morgens machte Pauline ihre Thüre der Familie Poupardot auf, die ſich um einen Kna⸗ ben von neun Monaten vermehrt hatte. „Wie! ihr habt euer Pachtgut in Montereau ver⸗ laſſen? fragte Prosper ſeinen Freund.— Unſer Pacht⸗ gut, erwiderte Eliſa in Thränen, exiſtirt ſchon lange — 5 87 nicht mehr... als wir uns dorthin zurückziehen woll⸗ ten, fanden wir nur noch die Trümmer davon. Man hat ſich im Jahr 1814 dort in der Gegend geſchla⸗ gen.. und es iſt zuſammengeſchoſſen und zerſtört worden.“ „Ach! mein Gott, ja, ſagte Poupardot, es ſteht keine Mauer mehr davon; als ich dieſes ſah, wollte ich mit dem Erlös aus dem Grundſtück einen kleinen Handel anfangen, ich kaufte Pferde zuſammen... und hatte bereits eine hübſche Anzahl, als man ſie während der hundert Tage zur Armee requirirte... Alle meine zum Verkauf beſtimmten Pferde gingen in den letzten Schlachten drauf, und ich werde ſchwer⸗ lich einen Erſatz dafür bekommen! Doch, davon abgeſehen, geht es gut... ganz gut... Wir haben unſere Alten wieder, ich hoffe, daß es jetzt ein Ende hat und man wieder in Ruhe leben wird.“ „Es iſt Zeit, daß es jetzt ein Ende nimmt, ver⸗ ſetzte Eliſa, bei jeder Revolution haben wir etwas verloren!... Früher waren wir reich... und nun bleibt uns kaum genug, unſere Kinder aufzuziehen!“ „Daͤs iſt einerlei, entgegnete Poupardot, ich bin entzückt, einen Jungen mehr zu haben... Er heißt Ignaz, dieſer... Nun, mein kleiner Ignaz, lache mit dem Papa!... Er will nicht lachen... er zahnt.“ Die Familie Poupardot entfernte ſich wieder, um eine Wohnung in Paris zu ſuchen, wo ſie ſich anſie⸗ deln will, und Prosper rief, während er ſeinem Freunde nachblickte, aus:„Welch ein glücklicher Cha⸗ rakter! er iſt beinahe zu Grunde gerichtet und dabei 88 ſtets zufrieden!... Jede Revolution erhält ſeinen Beifall!... und doch würde es, wenn alle Menſchen wie er wären, gar keine geben.“ Fünftes Kapitel. Eine vornehme Dame. Es war gegen das Ende des Jahres 1815, Pau⸗ line und Prosper wohnten nicht mehr in ihrem Logis in der Karlsſtraße; ſie hatten ein noch kleineres und wohlfeileres gemiethet; überdies hatte Pauline, da ſie genöthigt geweſen, ohne es Prosper zu geſtehen, einen großen Eingriff in ihre zwanzigtauſend Fran⸗ ken zu machen, auch ihre Dienſtmagd entlaſſen. Aber trotz des Sparens und Einſchränkens, we ſches ihre Lage erforderte, war ſie nicht weniger heiter, und ſchien nicht minder glücklich. Nicht ſo war es mit Prosper; ſeine Geſundheit war zwar beinahe vollkommen wieder hergeſtellt, aber er hatte keine Anſtellung mehr gefunden, und was er mit ſeinen Abſchriften verdiente, erleichterte ihre Umſtände nur unbedeutend, daher fühlte er im Innern ſeiner Seele eine tiefe Betrübniß. 3 Eines Nachmittags war Prosper eben ausgegan⸗ gen, als eine prächtige Chaiſe vor ſeinem Hauſe an⸗ hielt. Eine Dame ſtieg heraus; ſie war wunderſchön gekleidet, und ihr Aeußeres edel und vornehm; ein⸗ — — — 89 bordirter Lakai hatte mit dem Portier geſprochen, kehrte wieder zu der Dame zurück und ſprach:„In dieſem Hauſe im fünften Stockwerk wohnt wirllich Herr Prosper Breſſange. Er iſt eben ausgegangen, aber ſeine Mündel, das Fräulein Pauline, iſt zu Hauſe.“ 3 Die Dame beſann ſich einen Augenblick, dann entſchloß ſie ſich aber doch, die Treppe hinaufzugehen. Pauline war eben mit Sticken beſchäftigt. Ohne es ihrem Freunde mitzutheilen, arbeitete ſie für eine Leinwandhändlerin; oft arbeitete ſie Nächte hindurch, während Prosper ſie in der Ruhe glaubte. Als Pauline die Thüre öffnete, blieb ſie ſtarr vor Erſtaunen beim Anblick einer großen, ſchönen, prachtvoll gekleideten Dame von einigen dreißig Jah⸗ ren, deren ganzes Weſen eine Perſon von Rang ankündete. „Herr Prosper Breſſange? fragte die Dame näher kommend.— Wohnt hier, iſt aber ausgegangen! ent⸗ gegnete Pauline. Ich glaube übrigens nicht, daß er lange wegbleibt, und wenn Git ein wenig herein⸗ kommen und warten wollen?. Statt aller Antwort, trat die Dane in das kleine Zimmer, wo Pauline arbeitete; dieſe bot ihr einen Stuhl an und ſagte:„Wollen Sie die Güte haben und Platz nehmen, Madame; wenn man ſo hoch heraufkommt, muß man müde werden... beſonders wer nicht daran gewöhnt iſt.— Ich bin daran ge⸗ wöhnt, Fräulein, denn ich habe lange Zeit faſt eben ſo hoch gewohnt.“ 90 Mit dieſen Worten hatte ſich die Dame nieder⸗ geſetzt, und ſah ſich dann im Zimmer umz ein Aus⸗ druck der Schwermuth malte ſich in ihrem Antlitze, und ein tiefer Seufzer rang ſich aus ihrer Bruſt. In Paulinen, deren Neugierde mehr und mehr ge⸗ ſteigert wurde, ſtiegen ſchon tauſend verdächtige Ge⸗ 6 danken auf, und ſie fühlte neben dieſem Frauenzim⸗-⸗ mer, welches ſie zum erſten Male ſah, eine außer⸗ ordentliche Bewegung. „Erlauben Sie, Madame, daß ich an meiner Arbeit fortfahre? fragte Pauline, ſie hat Eile... ich habe verſprochen...“ „Machen Sie fort, Fräulein; es würde mir un: endlich leid thun, Sie in irgend etwas zu ſtören... Es iſt noch nicht lange her, ſo ſtickte ich auch... ich 1 durchwachte oft ganze Nächte dabei... und ich er⸗ röthe jetzt nicht, es zu ſagen; es geſchah, um mir meinen Unterhalt zu verdienen, denn das Wenige, was ich beſaß, hätte nicht dazu hingereicht.“ Jedes Wort dieſer Dame vermehrte Paulinens Verdacht; da ſie ihre Empfindung nicht mehr bemei⸗ ſtern konnte, ſtotterte ſie:„Mein Gott! Madame... Ihre Worte bringen mich auf die Vermuthung, in Ihnen eine Perſon zu ſehen, von welcher mein Be⸗ ſchützer oft mit mir geſprochen hat... und wenn ich ſo frei ſein dürfte Sie um Ihren Namen zu bitten...“ „Camilla von Trevilliers, Marquiſe von Clair⸗ ville.. Pauline wurde todtenblaß, ihre Bruſt zog ſich zu-= ſammen, eine ungeheure Laſt drückte auf ihr Herzz* 91 indeſſen ſtrengte ſie ſich an, ihre Aufregung zu ver⸗ bergen, und erwiderte:„Ach! ja... gnädige Frau ... ja...es iſt ſo... ich erinnere mich Ihres Na⸗ mens. Aber es fällt mir jetzt ein, gnädige Frau, daß es Ihnen zu lange dauern könnte, Herrn Prosper zu erwarten... er wird erſt ſpät nach Hauſe kom⸗ men.— Wenn Sie es erkauben, Fräulein, ſo will ich einen Augenblick bei Ihnen bleiben und mich mit Ihnen unterhalten.“ Pauline wußte nichts zu erwidern, ſie machte nur eine Verbeugung mit dem Kopfe und ſchwieg; aber an dem heftigen Wogen ihres Buſens konnte man leicht bemerken, daß ſie höchſt aufgeregt war. „Da Sie Herrn Prosper von mir haben ſprechen 3 hören, fuhr Camilla fort, ſo müſſen Sie auch wiſſen, daß ich großes Unglück durchgemacht habe und er mir bedeutende Dienſte geleiſtet hat.“ „Er hat von Ihrem Unglück mit mir geſprochen, gnädige Frau, aber nie von den Ihnen geleiſteten Dienſten.“ „Wohlan! Fräulein, es iſt ein Vergnügen für mich, bekannt zu machen, daß ich ihm viel verdanke; ſein Betragen gegen mich war äußerſt zartſinnig, denn er wollte es mich nicht einmal erfahren laſſen, daß er mir Gutes that. Er glaubte vielleicht, die Erkenntlichkeit ſei eine zu ſchwere Laſt für mein Herz. Ach! ich geſtehe es, ich habe ſeine ſchöne Seele lange mißkannt... Ich war ſehr undankbar für alle ſeine Wohlthaten gegen mich. Glücklicherweiſe iſt es im⸗ mer Zeit, ſein Unrecht wieder gut zu machen.“ 92 4* Pauline hörte aufmerkſam zu; ſie konnte nicht mehr arbeiten, ihre Haud zitterte, ſie ſtach ſich in die Finger, ſtatt in ihre Stickerei. Endlich ſagte ſie zögernd:„Es ſcheint, gnädige Frau, daß Ihre Lage eine günſtige Wendung genommen, und Ihr Unglück ein Ende genommen hat.“ 4 „Ja, Fräulein, meine Prüfungszeit iſt jetzt vorüber. Unſere legitimen Prinzen ſind zurückgekehrt; mit ihnen habe ich mein Vermögen wieder erlangt; ich bin wieder in den Beſitz aller Güter meines Vaters einge⸗ treten, die nicht verkauft worden ſind. Ich bin jetzt reich und kann nun meine Erkenntlichkeit beweiſen für das, was man für mich gethan hat.“ 7 Pauline entgegnete nichts; ſie ſtach ſich fortwäh⸗ rend in die Finger, indem ſie ſich anſtellte, als ob ſie arbeitete. Camilla ſchwieg eine Weile, ließ ihre Blicke noch einmal um ſich herſchweifen, und fuhr fort:„Entſchuldigen Sie meine Fragen, Fräulein, Sie können ſich wohl vorſtellen, daß mich nicht bloße Neugierde dazu veranlaßt. Als ich Herrn Breſſange bei dem General Bloumann traf, und er mich be⸗ ſuchte, ließ mich damals Alles vermuthen, daß er reich ſei, und jetzt, verzeihen Sie mir... ſcheint ganz das Gegentheil der Fall zu ſein.“ „Gnädige Frau, mein Beſchützer hat in der That große Verluſte erlitten, aber trotz dem fehlt es uns an nichts... und wir ſind ſehr glücklich.“„ Pauline hatte die Worte„wir ſind“ mit einem gewiſſen Nachdrucke ausgeſprochen, der Camilla's Ohr nicht entging. Die Marquiſe betrachtete die Waiſe 93³ genau; zum erſten Male ſchien ſie dieſelbe von oben bis unten zu beſehen; Pauline fühlte ſich das Blut in die Wangen ſteigen; ſie war verlegen, beinahe unwillig, denn dieſes Betrachten der vornehmen Dame dauerte ſehr lange. Endlich nahm es ein Ende, und Camilla ſagte zu ihr:„Sie, Fräulein, ſind vielleicht das Frauenzimmer, für welches Herr Breſſange Sorge trägt... eine Waiſe... deren El⸗ tern während der Revolution ſtarben... Man hat mir dieſe Sache erzählt...“ „Ja, gnädige Frau, erwiderte Pauline, ſich er⸗ muthigend; ich verdanke Herrn Prosper alles... Er rettete meine Mutter vom Schaffote, er beſchützte meine Kindheit.. und ſeit ſeiner Rückkehr nach Frank⸗ reich hat er ſich unausgeſetzt mit meinem Glücke be⸗ ſchäftigt... Achl! ich wäre höchſt undankbar, wenn ich ihn nicht liebte... Allein ich bin es nicht, denn mein Blut... mein Leben... Alles gäbe ich für ihn hin.“ 8 „Das iſt ſehr lobenswerth von Ihnen, Fräulein, und was Herrn Breſſange betrifft, ſo iſt mir ſeine edle Handlungsweiſe bekannt.“ Mit dieſen Worten ſtand Camilla auf, und Pau⸗ line beeilte ſich ein Gleiches zu thun. „Mein Fräulein, fuhr die Marquiſe fort, wollen Sie wohl die Güte haben und Herrn Prosper ſagen, daß ich morgen gegen zwei Uhr wiederkommen werde, und daß ich hoffe, er werde mich bis dahin erwar⸗ ten, da ich ihn durchaus ſprechen müſſe. Wollen Sie ſo gefällig ſein?“ 1 4 — 94 „Ich werde es ihm ſagen, gnädige Frau.— Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein.“ Camilla empfahl ſich auf ſehr ceremonielle Weiſe von Paulinen, dieſe befolgte ein Gleiches und die Marquiſin ging die fünf Treppen wieder hinab. Als Prosper nach Hauſe kam, war er ganz er⸗ ſtaunt, Pauline blaß, aufgeregt und in Thränen zu finden; er eilte auf ſie zu und rief aus:„Was iſt denn während meiner Abweſenheit geſchehen? Was haben Sie, meine theure Freundin? Welches Unglück ſteht uns wieder bevor?“ 8 Pauline zwang ſich mitten unter den Thränen zu lächeln, indem ſie erwiderte:„Mein Gott! es iſt nichts geſchehen, kein Unglück vorgefallen, es wird im Gegentheil wahrſcheinlich ein Glück für Sie ſein. — Es muß aber doch etwas vorgekommen ſein. Er⸗ klären Sie ſich, ich bitte Sie.— Ein Beſuch kam zu Ihnen; eine Dame wollte Sie ſprechen.— Eine Dame?— Ja, eine Dame, die Sie ſehr gut ken⸗ nen.— Hat ſie Ihnen ihren Namen hinterlaſſen?— Ja, es war... die Marquiſin von Clairville.— Camilla.“ Pauline bedeckte das Geſicht mit einem Tuche und flüſterte:„Ach! ſie wird alſo für Sie immer die Camilla bleiben.— Nun! meine liebe Pauline, weß⸗ halb konnte Sie dieſer Beſuch betrüben?— Ach! ich habe freilich höchſt Unrecht. Ich weiß nicht, warum ich weine.— Was kann aber die Marquiſin von mir wollen?— Das weiß ich nicht, ſie wird es Ihnen aber ſelbſt ſagen, denn ſie kommt morgen wieder; 95⁵ ſie muß Sie durchaus ſprechen und bittet Sie, ſie zu erwarten.— Sie will mich ſprechen! das iſt ſonder⸗ bar.— Es ſcheint, ſie hat nun Alles erfahren, was Sie für ſie gethan haben.— Wer konnte es ihr wohl ſagen.— Das weiß ich nicht; ſie ſcheint aber ſehr erkenntlich dafür. Es iſt einmal Zeit dazu! Und da ſie jetzt Diamanten, Lakaien, eine Equipage hat, ſo wird ſie Ihnen ohne Zweifel den Vorſchlag machen, mit ihr zu gehen, und Sie werden ihr folgen; denn Sie haben dieſe Frau allzuſehr geliebt!... Aber ver⸗ zeihen Sie mir, mein Freund, ich weiß nicht, was ich rede, ich bin außer mir! ſeien Sie glücklich, das iſt Alles, was ich wünſche und vom Himmel herab⸗ flehe!..“ Pauline barg von Neuem ihr Angeſicht in den Händen, denn ſie weinte bitterlich. Es war keine ſchwere Aufgabe, den Grund ihres Schmerzes zu be⸗ greifen. Indeſſen wagte Prosper es nicht, der Ver⸗ muthung Raum zu geben, die Waiſe hege ein anderes Gefühl als Freundſchaft für ihn, weil ein Altersun⸗ terſchied von ſiebzehn Jahren zwiſchen ihnen beſtand. Er fürchtete ſich einer allzuſüßen Hoffnung zu über⸗ laſſen und entgegnete nur:„Es freut mich für Frau von Clairville, daß ſie jetzt reich iſt und eine Equi⸗ page hat; aber ich begreife nicht, wie Sie mei⸗ nen können, dieſes habe einen Einfluß auf meint Gefühle.“ Pauline wiſchte ſich die Augen aus und gab ſich Mühe, ruhig zu erſcheinen, indem ſie aniwortete: „Verzeihen Sie mir, mein Freund, ich weiß nicht, 96 was ich ſpreche; ich weiß gar nicht, wie mir iſt! es wird übrigens... bald vorübergehen.“ Gegen Abend zeigte ſich die Waiſe gefaßt; ſie verſuchte es ſogar, heiter zu erſcheinen; allein es ge⸗ lang ihr nicht. Prosper ſprach wenig, denn er war ſehr mit dem Beſuche beſchäftigt, den er am folgen⸗ den Tage erhalten ſollte, und ſein Geiſt gab ſich tau⸗ ſend Muthmaßungen hin. Am folgenden Morgen war Pauline blaß und ſchien leidend; allein ſie ſuchte die Aufregung ihres Gemüthes zu verbergen. Sie ſprach nicht mehr von Camilla; erſt als der Wagen der Marquiſin vor's Haus fuhr, ſagte ſie mit bebender Stimme zu Pros⸗ per:„Ich ziehe mich zurück und laſſe Sie allein, mein Freund; es würde ſich nicht ſchicken, daß ich hörte, was die Frau von Clairville mit Ihnen zu ſprechen hat... Meine Anweſenheit hier würde ſie auch ohne Zweifel ärgern... Ich werde, bis ſich die Marquiſin wieder entfernt hat, in meinem Zimmer bleiben.“ Prosper antwortete Paulinen nur mit einem Blick, der mehr als Worte ausdrückte; die Waiſe ſchien ihn zu verſtehen, ſie lächelte ihm zärtlich zu und entſchloß ſich endlich, in ihr Zimmer hineinzugehen. Die Marquiſin ließ ſich nicht lange erwarten; die Glocke läutete und diesmal öffnete ihr Prosper die Thür. Als ſich dieſe beiden Perſonen wiederſahen, em⸗ pfanden ſie anfänglich eine gleich große Verlegenheit. Prosper barg die ſeinige unter einer außerordent⸗ lichen Höflichkeit; er hieß die Marquiſin eintreten, 1 97 bot ihr einen Stuhl an, ſetzte ſich in einiger Entfer⸗ nung von ihr und begann:„Ich habe gehört, Frau Marquiſin, daß Sie ſich hierher bemüht haben. Ich weiß nicht, welchem Umſtand ich die Ehre, die Sie mir erzeigen, zuſchreiben ſoll; allein Sie dürfen über⸗ zeugt ſein, daß Sie mich dadurch beglücken.“ 3 Prospers ſteifer Ton ſchien Camilla zu ärgern; ſie heftete ihre Blicke auf ihn, gleich als ob ſie wünſchte, den ſeinigen zu begegnen und andere Gefühle darin zu leſen; aber Prosper ſchlug die Augen ehrfurchts⸗ voll zu Boden. „Herr Prosper, entgegnete Camilla, ich habe Sie zu ſehen und zu ſprechen gewünſcht... denn ich habe viel Unrecht an Ihnen begangen! und hege jetzt den glühendſten Wunſch, es wieder gutzumachen.— Un⸗ recht... Frau Marquiſin, ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich will mich deutlicher erklären... wünſche aber vor allen Dingen... daß Sie dieſen eiskalten Ton aufgeben, der mich erſtarren macht.. Ich möchte für Sie nicht mehr die Marquiſin von Clairville, ſon⸗ dern, wie ehemals, Camilla ſein.“ Prosper betrachtete die Marquiſin mit höchſtem Erſtaunen, indem er erwiderte:„Gnädige Frau... dieſen ceremoniellen Ton habe ich immer bei Ihnen gefunden, wenn ich liebeglühend einen Theil der Em⸗ pfindungen meines Herzens in das Ihrige ausſchüt⸗ ten wollte. Damals freilich war es mein heißeſtes Verlangen, von Ihnen liebevoller behandelt zu wer⸗ den; aber nun denke ich, ſei es nicht mehr nothwen⸗ dig.— Aber jetzt, mein Herr, wiederhole i. Ihnen, Paul de Kock. XVIII. 98 daß ich mein Unrecht einſehe, daß ich endlich aner⸗ kenne, wie lange ich Sie falſch beurtheilt habe... Ol gewiß; denn ich hatte keinen Begriff von dem Zartgefühl Ihres Herzens. Ich glaubte, daß Sie, nachdem Sie, mittelſt eines Verraths, einen Triumph über mich gefeiert hatten... Sie mich dadurch zwin⸗ gen wollten, ſpäter Ihre Gattin zu werden... und dieſer Gedanke verletzte mein Herz. Ich habe mich geirrt, ich ſehe es jetzt wohl ein. Die Opfer, welche Sie mir gebracht haben, beweiſen mir Ihre aufrich⸗ tige Liebe; doch erſt ſeit kurzem bin ich davon unter⸗ richtet worden. Mein Vater hat mir Ihr edles Be⸗ tragen, in Beziehung auf das Gut, das Sie im Beſitz hatten, und welches Sie ihm während Ihres Auf⸗ enthaltes in England zurückgaben, verſchwiegen. Als ich mich jüngſt, ſeitdem mir alle meine Güter wieder zurückgeſtellt worden ſind, damit beſchäftigte, die hin⸗ terlaſſenen Papiere des Grafen von Trevilliers zu durchſuchen, da fand ich einige Worte von ſeiner Hand, worin er Ihrer ſchönen Handlungsweiſe Erwähnung that. Dann begriff ich, daß Derjenige, welcher dieſes gethan, derſelbe ſein mußte, der mir vor einigen Jahren, wo ich, um mein Unglück zu verbergen, ge⸗ nöthigt war, für Andere zu arbeiten, zwanzigtauſend Franken zugeſchickt hatte. Dann fragte ich meine Magd aus, ſuchte den Commiſſionär auf, der mir Brief und Geld überbracht hatte, und erfuhr endlich die ganze Wahrheit.“ „Wohlan, gnädige Frau, wenn ich ſo glücklich war, Ihnen oder Ihrem Herrn Vater einige Dienſte 99 leiſten zu können, ſo habe ich doch auch zugleich mir ein Vergnügen verſchafft... und kann ſomit nicht auf ſo viel Erkenntlichkeit von Ihrer Seite Anſpruch machen.“ Camilla war lebhaft gerührt; ſie blickte lange auf 3 Prosper, der beharrlich die Augen von ihr abwen⸗ 8 dete, und entgegnete endlich:„Sie wollen mir immer noch... ol ich ſehe es wohl.. jetzt muß alſo ich Ihnen entgegenkommen.. Wohlan denn! Herr... Prosper.. dieſe Hand, die Sie ſo oft von mir be⸗ gehrt haben... trage ich Ihnen heute mit meinem Herz an. Das Schickſal hat mir meinen Reichthum zurückgegeben... und ich werde mich glücklich ſchätzen, denſelben mit Ihnen zu theilen.“ Prosper war ganz erſtaunt über dieſes Anerbie⸗ ten, welches er weit entfernt war zu erwarten: einen Moment ſchlug er ſeine Augen zu Camilla empor, blickte aber ſogleich wieder zu Boden und ſchwieg. Die Marquiſin, welche ſich wunderte, ihn kalt blei⸗ b ben zu ſehen, während ſie gehofft hatte, durch ihre Worte das lebhafteſte Entzücken zu erregen, wurde ernſt und ängſtlich; eine hohe Röthe trat auf ihr Antlitz, indem ſie ſtotterte:„Wie, mein Herr, Sie 5 antworten mir nicht?..“ „Frau Marquiſin, ſagte Prosper endlich, der An⸗ trag Ihrer Hand iſt ohne Zweifel eine große Ehre; früher hätte er all meine Wünſche erfüllt; aber jetzt befürchte ich nicht mehr Ihr Glück auszumachen, nicht mehr die Theilnahme, die Sie mir erzeigen, genü⸗ 5 gend erwidern zu können. Erlauben Sie mir deßhalb 100 dieſen Beweis Ihrer Güte auszuſchlagen... wofür ich jedoch mein Leben lang ewig dankbar ſein werde.“ Camilla ſtand auf; ihre Lippen waren blaß, ihr Herz pochte ſtürmiſch, es malte ſich mehr als Ver⸗ druß in ihren Zügen, denn ſie hatte auch Thränen in den Augen; indeſſen that ſie ſich Gewalt an, ruhig zu ſcheinen, indem ſie ſprach:„Sie ſchlagen mich aus, mein Herr, ich hätte mir das zum Voraus denken ſollen... Den Grund Ihrer Weigerung... ol den kenne ich... ich habe ihn geſtern hier in dieſem Zimmer geſehen... Da es einmal ſo iſt... ent⸗ ferne ich mich; aber erlauben Sie mir, bevor ich gehe, mein Herr, Ihnen die zwanzigtauſend Franken zurückzuſtellen... die Sie mir vor vier Jahren zu⸗ geſchickt haben; damit bezahle ich nur eine Schuld heim und Sie haben kein Recht, ſie auszuſchlagen.“ Mit dieſen Worten legte Camilla eine Brieftaſche auf einen Tiſch. Prosper verneigte ſich ſchweigend; hierauf machte ihm die Marquiſin eine tiefe Verbeu⸗ gung und flüſterte:„Leben Sie wohl, mein Herr... Sie vergönnen der Frau von Clairville doch, Sie ſtets als ihren Freund zu betrachten?“ „Dieſen Namen, gnädige Frau, werde ich nie aufhören zu verdienen.“ Camilla warf noch einen Blick auf Prosper, dann verließ ſie ihn raſch. Prosper begleitete die Marquiſin bis zur Thüre, und als er wieder ins Zimmer eintrat, ſtürzte Pau⸗ line außer ſich in ſeine Arme und ſtammelte:„Aus⸗ geſchlagen!... Sie haben ſie ausgeſchlagen!...“ 8 101 Und da ſie das Uebermaaß ihres Entzückens nicht. ertragen konnte, verlor ſie die Beſinnung in den Armen deſſen, dem ſie mit dieſen wenigen Worten ihre Liebe ſo deutlich zu erkennen gegeben hatte. Sechstes Kapitel. Die dritte Hoſe. Das Glück war wieder in Prospers Wohnung zurückgekehrt. Pauline und Prosper verſtanden ſich gegenſeitig, ohne daß ſie einander ihre Gefühle ge⸗ ſtanden hätten. Die von der Marquiſin zurückerhal⸗ tene Summe mußte alle Beſorgniſſe für die Zukunft heben; indeſſen ſchien Prosper unaufhörlich von Etwas eingenommen zu ſein; er war zerſtreut, träumeriſch. Pauline bemerkte es und ſagte zu ihm:„Mein Freund, ſeit vierzehn Tagen, wo Frau von Clairville da war, bin ich ganz glücklich und ganz zufrieden! aber Sie beſchäftigt etwas und ich will den Grund davon kennen; thut es Ihnen vielleicht leid, daß Sie die Hand dieſer Dame ausgeſchlagen haben?“ Prosper blickte Pauline zärtlich an und entgegnete ihr:„Ach! das können Sie nicht glauben!“ „Woran denken Sie denn aber ſeit vierzehn Tagen?“ „Ich wollte es Ihnen verheimlichen, um Ihnen im Falle des Gelingens eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, aber ich fühle es wohl, daß es mir von nun an ſchwer wird, einen Gedanken zu haben, den 10²2 ich Ihnen nicht mittheilen darf. Hören Sie mich an. Frau von Clairville iſt wieder in den Beſitz all der Güter eingetreten, welche ihr Vater, der Graf von Trevilliers, als Emigrant verloren hat. Ihr Vater, meine theure Pauline, war auch reich. Vor allen Dingen hatte er Geld bei einem Bankier in Antwer⸗ pen ſtehen. Ohne Sie davon zu unterrichten, habe ich eine Forderung an dieſen Mann ergehen laſſen, aber er iſt ein Schurke, er hat ſeine Verpflichtung abgeläugnet. Die Schuldſcheine ſind verloren gegan⸗ gen, man darf alſo nicht mehr an dieſes Geld den⸗ ken; aber Herr Derbrouck hatte wenige Monate vor ſeiner Verhaftung ein herrliches Landgut in der Tour⸗ raine angekauft... Warum ſollen Sie, wenn dieſes Beſitzthum nicht als Nationalgut verkauft wurde, jetzt, wo die Regierung der Bourbons den Opfern der Revolution das Verlorene zurückerſtattet, nicht auch wieder in den Beſitz des Gutes eintreten, welches Ihrem Vater angehörte?“ „Ach, mein Freund, warum quälen Sie ſich wegen eines bischen Vermögens! Sind wir nicht glücklich jetzt? wir haben genug und brauchen kein Elend zu fürchten. Ich verſichere Sie, daß ich mir gar nicht mehr wünſche.“ 3 „Aber ich, meine theure Pauline, muß als Ihr Beſchützer, als der von Ihrer ſterbenden Mutter für Sie ernannte Pflegevater, Alles für Sie thun, was zur Wiedererlangung Ihres Eigenthums dienen kann. Wenn es mir nicht gelingt, ſo habe ich doch meine Pflicht gethan, und man kann mir keinen Vorwurf 12 103 machen, daß ich Ihre Intereſſe hintangeſtellt hätte. — Aber wie hoffen Sie in der Sache ein Gelingen zu bezwecken? Dazu gehören Protektionen, die Ver⸗ wendung einflußreicher Perſonen. Wenn Sie zu dieſem Ende zu Frau von Clairville gehen müſſen, ſo ver⸗ ſichere ich Sie, daß ich lieber auf die Güter meines Vaters Verzicht leiſten will.“ „Frau von Clairville würde nicht anſtehen, Ihnen nützlich zu ſein, wenn ſie es im Stande wäre, aber nicht an ſie will ich mich wenden. Roger, mit welchem ich über dieſe Angelegenheit geſprochen habe, und der, trotz ſeiner üblen Stimmung gegen die neue Regierung, denen, die ſich lobenswerth betragen, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt, hat mit einem Fluche zu mir geſagt: Geh zu der alten Herzogin von Delmas, ſie gilt ſehr viel bei Hofe, und hat mehre getreue Diener des Kaiſers protegirt, die ihr früher Dienſte geleiſtet hatten. Dieſe Frau gräbt ſich das Andenken ins Herz, das iſt das Wahre. Hierauf hat mir der Oberſt die Adreſſe der Herzogin gegeben und ich bin entſchloſſen, meine Aufwartuug bei ihr zu machen.“ „Wie! ohne Empfehlungsſchreiben?“— „ Bei Leuten, die gerne Gutes thun, braucht man ſie nicht, und bei ſolchen, die keine Luſt hiezu haben, ſind ſie überflüſſig.“ Pauline gab ſich keine weitere Mühe, Prosper von ſeinem Vorhaben abzubringen, obgleich ſie ſich durchaus nicht auf das Gelingen deſſelben verließ. Am folgenden Morgen begab er ſich, nachdem er ſich paſſend gekleidet und mit allen Papieren verſehen 1⁰4 hatte, welche die Anſprache der Fräulein Derbrouck auswieſen, in die Straße Saint⸗Dominique, im Fau⸗ bourg Saint⸗Germain, zu der Herzogin von Delmas. Prosper trat in den Hof eines alten Hotels, welches ſtolz ſchien, nach ſo vielen Revolutionen noch daſſelbe zu ſein; ein Schweizer hielt ihn an, indem er ihn in einem Kauderwälſch, welches fremd klingen ſollte, übrigens aber bloß lächerlich war, fragte: „Wo wollen Sie hin.. potz Sapperment?“ Prosper betrachtete den vorgeblichen Schweizer, der eine ungeheure ſchwarze Perücke und einen dicken Schnurbart hatte, der ihm die Häffte des Geſichtes bedeckte; die falſchen Augen dieſes Menſchen machten einen widerlichen Eindruck auf ihn, und er antwor⸗ tete ſchnell:„Ich wünſche mit der Frau Herzogin von Delmas zu ſprechen.“ „Die Frau Herzogin läßt noch Niemand vor ... Mein Gott!— Das iſt ein Schweizer, der Franzöſiſch ſpricht, wie eine Pariſer Küchenmagd! ſprach Prosper bei ſich, und wollte wieder fortgehen, da fiel es ihm ein, demſelben ſeine Karte zu geben, indem er ſagte:„Wollen Sie ſo gut ſein und der Frau Herzogin ſagen, daß die Perſon, deren Namen hier auf der Karte ſteht, ſie bitten laſſe, ihr gnädigſt einen Augenblick Gehör zu ſchenken.“ Nachdem der Portier einen Blick auf die Karte geworfen hatte, machte er eine krampfhafte Bewegung und wendete raſch das Geſicht ab; Prosper entfernte ſich mit den Worten:„Ich werde in zwei Stunden wiederkommen.“ 10⁵ Da Prosper nicht wußte, wie er die Zeit bis dorthin zubringen ſollte, und nicht in ſein Logis zu⸗ rückkehren wollte, von dem er ſehr weit entfernt war, ſo ging er im Luxemburger Garten ſpazieren; er ging ſchon einige Zeit darin auf und ab, als er eine ungeheuer dickleibige, ziemlich einfach gekleidete Frau auf ſich zukommen ſah, die ſich einen ſehr ehr⸗ baren Anſtrich zu geben ſchien, ein Meßbuch in der Hand und am Arme einen Korb trug, aus dem mehre kleine Brode herausſahen. Trotz des ungeheuren grünen Hutes, der den Kopf dieſer Dame bedeckte, warf ſie doch einen Blick ſeitwärts auf Prosper, hielt an, lief dann auf ihn zu und rief aus:„Ich täuſche mich nicht! es iſt der liebe Freund Prosper!...“ „Eil mein Gott! ſind Sie es, Madame Pico⸗ tin?... Ach! wie dick ſind Sie geworden!— Der Kummer iſt ſchuld daran, lieber Freund! ich habe ſo viel Leid erlebt!... Alle dieſe Revolutionen erſchüt⸗ tern einen... man wird dick, weil man nicht weiß⸗ was man anfangen ſoll.“ „Und was iſt aus Ihrem Manne geworden?— Ach! ſprechen Sie mir nicht von ihm!. pfuil! was iſt das für ein Lump!... er hat mir alles verthan, ich habe ihn fortgejagt!“ „Und was treibt er jetzt?— Er handelt mit Haſenbälgen! pfui! welcher ſchlechte Kerl.. Gott ſei Dank, daß ich ihn nicht mehr ſehe... er wurde ſo gottlos, daß es mich empörte!“ 106 4 „Und Ihre Freunde, die Küraſſiere... die Dra⸗ goner.. die Pompiers...— Still!... ſtilll was fällt Ihnen da ein... Mein Gott! glauben Sie, ich denke noch an dieſe Herren? Sie wiſſen wohl, daß man zur Zeit des Uſurpators genöthigt war, ſich mit dem Militär gut zu ſtellen.“ „ Ah! Sie heißen Napoleon jetzt einen Uſurpa⸗ tor!— Mein Gottl ich ſpreche nie über Politik .. Ich denke nur noch an mein Seelenheil... Ah! ich ſehe dort den Kirchenvorſteher meiner Gemeinde, der mich zur barmherzigen Schweſter ernennen wird ...Auf Wiederſehen, mein lieber Prosper; verzeihen Sie, daß ich mich ſchon wieder entferne, aber ich muß meinen Kirchenvorſteher einholen.“ Damit lief Euphraſia, ſo ſchnell es ihr dicker Körper geſtattete, davon. Prosper ſchaute ihr nach, indem er ausrief:„So geht es! Unter der Republik wollte ſie die Göttin der Freiheit machen; unter dem Kaiſerreich kleidete ſie ſich als Amazone und verſäumte keine Revue; jetzt will ſie barmherzige Schweſter werden. Mein alter Pathe Brillancourt hatte Recht: es gibt Leute, für welche das Leben nur eine lange Komödie iſt!“ Dann kehrte Prosper wieder in den Palaſt der Herzogin zurück; der Schweizer trat ihm abermals in den Weg und ſagte mit gebücktem Kopfe, als ob er das Geſicht verbergen wollte, in noch rauherem Tone zu ihm:„Die Frau Herzogin will Ihren Be⸗ ſuch nicht!“ 4 „ Sie will meinen Beſuch nicht? entgegnete Pros⸗ — — ℳ 107 per; dieſe Antwort ſetzt mich in Erſtaunen... ich kann es nicht glauben...“ „Vorwärts! marſchiren Sie augenbliecklich hinaus.. es iſt mir verboten, Sie herein zu⸗ laſſen!“ Die Grobheit des Thürſtehers bewog Prosper beinahe ihn zu züchtigen, allein er that ſich Gewalt an und entfernte ſich, indem er bei ſich dachte:„Wenn ich dieſen Menſchen durchprügle, geſchieht nichts, was Paulinens Intereſſe befördern würde.“ Prosper kehrte traurig nach Hauſe zurück, und theilte der Waiſe den geringen Erfolg ſeiner Schritte mit; dieſe ſagte, weit entfernt ſich hierüber zu be⸗ trüben, lachend zu ihm:„Ich hatte es vorausgeſehen! aber Sie wollten mir es nicht glauben. Laſſen Sie das, mein Freund, und denken Sie nicht mehr an eine Vermehrung meines Vermögens; ich wiederhole Ihnen, ich ſuche mein Glück nicht im Reichthum.“ Prosper antwortete nichts, er ſchien auf das Vorhaben zu verzichten. Aber während er am an⸗ dern Morgen die ſchwarzen Beinkleider, die er Tags zuvor getragen hatte, wieder in die Kommode legte, fielen ſeine Blicke auf einen Gegenſtand, den er lange nicht betrachtet hatte. Es war die weißatlaßne Hoſe, die ihm von ſeinem Pathen vermacht worden war, der ganze, noch vorhandene Reſt ſe iner Erbſchaft. Prosper nahm die Hoſe heraus, beſah ſie, dann ſchlüpfte er mit einemmale, wie wenn ihm ein plötz⸗ licher Gedanke in den Sinn gefahren wäre, hinein, zog weißſeidene Strümpfe, eine Piqueweſte und ſeinen 108 ſchönſten Frack an, und in dieſer Kleidung ſtellte er ſich Paulinen vor, welche in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach und fragte:„Ach! mein Gott! lieber Freund! wo gehen Sie denn in dieſem Koſtüm... in einer weißatlaßnen Hoſe hin?“ „Zu der Herzogin von Delmas.— Wirklich?... Geſtern hat man Sie ja nicht zugelaſſen.““ „Heute will ich nochmals einen Verſuch machen, zu ihr zu gelangen...— Aber dieſe Hoſe von weißem Atlas... Es ginge etwa an, wenn Sie auf einen Ball wollten, und ſelbſt dann noch..“ „Aber, liebe Pauline, die Hoſen meines Pathen haben mir immer Glück gebracht. Ich will es mit dieſer verſuchen, welche der letzte Reſt meiner Erb⸗ ſchaft iſt. Halten Sie mich für abergläubiſch, für närriſch, für was Sie wollen, ich werde es einmal probiren. Nur muß ich Sie bitten, mir einen Wagen vor das Haus kommen zu laſſen, denn in dieſem Koſtüm kann ich nicht zu Fuße gehen.“ Pauline gab Prospers Wunſch nach; der Wagen fuhr vor, er ſtieg ein, und ließ ſich bis zum Palaſte der Herzogin fahren. Da Prosper den Hof durchſchritt ohne mit dem Portier zu ſprechen, ſo trat der ſchreckliche Schweizer aus ſeiner Loge heraus und lief ihm nach, indem er ausrief:„Ahl ſo wollen Sie ſich Eingang in den Paläſten verſchaffen... Ich habe Ihnen doch geſtern geſagt, daß die Frau Herzogin Sie nicht vorlaſſen will, warum kommen Sie dann wieder? Potz Sackerment!“ 6 — 109 „Weil ich nicht glauben kann, daß die Frau Herzogin den Befehl gegeben hat, den Sie mir überbrachten, und weil ich durchaus mit ihr ſprechen muß.“ „Sie werden nicht mit ihr ſprechen, Sie dürfen nicht hinein!“ Damit hatte der Portier nach ſeinem großen Stock gegriffen, und bediente ſich deſſelben, um Prosper den Weg zu verrammeln; dieſer ſchien geneigt, ſowohl den Stock als den Schweizer auf die Seite zu werfen. Indeſſen waren aber ſchon einige Bedienten, die den Lärm gehört hatten, zum Beiſtand ihres Kameraden herbeigeeilt, als man ein Fenſter im erſten Stock aufmachte, eine alte Dame herausſah und ausrief:„Mein Gott! was geht denn in meinem Hofe vor? Was bedeutet dieſer Lärm, dieſes Geſchrei?...“ Pprosper, der vermuthete, daß die Herzogin dieſe Worte geſprochen hatte, eilte auf's Fenſter zu, machte einen tiefen Bückling und entgegnete:„Entſchuldigen Sie mich gnädigſt, Frau Herzogin, ich wollte Sie nur unterthänigſt um einen Augenblick Gehör bitten. Geſtern habe ich an Ihren Schweizer meine Karte abgegeben, er hat mir aber geſagt, daß Sie mich nicht vorlaſſen wollten. Ich konnte dieſer Antwort keinen Glauben beimeſſen, Frau Herzogin, da ich unter meinen Namen hingeſchrieben hatte, daß ich Ihre Gnade um eine Dienſtleiſtung anſprechen wolle, und weiß, daß dieſes bei Ihnen ſo viel als eine Empfehlung iſt.“ „Was ſoll das heißen, Goulard? Sie haben 119 4 mir geſtern die Karte dieſes Herrn nicht übergeben, und Sie erfrechen ſich, Jemand ohne meinen Befehl den Eintritt zu verſagen... Sie werden mir nach⸗ her Rechenſchaft über Ihr Betragen geben... Mein Herr, wollen Sie die Güte haben und herauf⸗ kommen!“ „Goulard! brummte Prosper, als er an dem Portier vorbeiging, Goulardl... Ach jetzt wundert es mich nicht mehr, daß man mich ſo ſchlecht auf⸗ nahm... Elender! muß ich Dich überall treffen!“ Goulard wagte keine Erwiderung mehr, er barg ſich eilig in ſeiner Loge, und Prosper konnte endlich bis zu dem Gemache der Herzogin gelangen. Die Frau Herzogin von Delmas war eine Frau von etwa ſechzig Jahren; ihr Antlitz, welches ſehr ſchön geweſen ſein mußte, war noch liebenswürdig, ſanft und geiſtreich; ſie hatte nur das Lobenswerthe des Adels an ſich, ausgezeichnete Manieren, eine außer⸗ ordentliche Höflichkeit und etwas, was Vertrauen und Achtung einflößte... Sie gab Prosper einen Wink, ſich einen Stuhl zu nehmen, und bat ihn, ihr die Veranlaſſung ſeines Beſuches auseinander zuſetzen. Als Prosper ſich ſo gut aufgenommen ſah, fühlte er ſeine Hoffnung wieder aufleben; er erklärte der Herzogin, ohne Umſchweife und hochtrabende Redens⸗ arten zur Ausſchmückung ſeiner Erzählung, was ihn zu dieſem Beſuche bewogen habe, und ſchilderte ihr das traurige Ende von Paulinens Eltern. Als er den Namen Derbrouck ausſprach, ſtieß die —,— 8 — 111 Herzogin einen Schrei aus, und unterbrach ihn mit den Worten:„Derbrouck! ein holländiſcher Bankier, der in Paſſy wohnte?.. Ach!l ich habe ihn gekannt, mein Herr; er hat mir mehrmals Dienſte geleiſtet, indem er mir an den Ort, wo ich verborgen war, Geld hinſchickte. Für deſſen Tochter verlangen Sie meine Verwendung? Ach! ich wäre ſehr erfreut, wenn ich dem Kinde dieſes Unglücklichen nützlich ſein könnte. Hegen Sie von nun an keine Beſorgniſſe mehr, dieſe Sache ſoll mir ſo nahe liegen, als wäre es meine eigene, und wenn das Gut dieſes armen Derbrouck nicht verkauft worden iſt, ſo ſtehe ich Ihnen dafür, daß es ſeiner Tochter zurückgegeben wird.“ Prosper drückte mit Begeiſterung ſeine Erkennt⸗ lichkeit aus, allein die gute Dame machte dieſen Er⸗ güſſen ein Ende, indem ſie ſagte:„Mein Herr, ich muß Ihnen jetzt etwas geſtehen, was Ihnen vielleicht ſonderbar ſcheint... was Sie aber hoffentlich ent⸗ ſchuldigen werden... Sie haben eine Hoſe von wei⸗ ßem Atlas an, die mich im Augenblick zu Ihren Gunſten eingenommen hat, und ſoll ich Ihnen ſagen, weßhalb?... Nun! mein Mann trug eine ganz ähn⸗ liche an unſerem Hochzeitsball. Dieſe hier wurde be⸗ ſtimmt nicht für Sie gemacht?“. „Nein, Frau Herzogin, ich habe ſie von einem Pathen geerbt, deſſen Nachlaß mir ſtets Glück ge⸗ bracht hat; ich finde, daß dieſes heute noch der Fall iſt.— Sie können ſich wohl vorſtellen, daß mich nicht Ihre Kleidung allein bewogen hat, Sie zu empfangen. Indeſſen hätte es doch leicht ſein können, daß, wenn 112 A ich Sie hätte im Hofe mit meinem Portier ſtreiten ſehen, ich Sie weiter nicht angehört hätte, wenn mich Ihr Anzug nicht günſtig geſtimmt haben würde. Ver⸗ zeihen Sie mir dieſe Schwachheit, aber ich bin alt und liebe Alles, was mich an meine Zeit erinnert; deſſenungeachtet liegt mir jedoch das Glück der nach mir Gekommenen am Herzen.“ 3 „Frau Herzogin, wenn man ſo wohlthätig und ſo gut iſt, wie Sie, ſo verdient man die Achtung und Liebe eines Jeden. Sie nöthigen ſelbſt die Re⸗ publikaner, den Adel zu ſchätzen.“ „Eil mein Gott! wenn man nur wollte, ſo könnte man ſich gegenſeitig recht gut verſtehen. Nur das kann ich nicht begreifen, warum mein Portier zu Ihnen geſagt hat, ich wolle Sie nicht vorlaſſen.“ „Frau Herzogin, Sie erinnern mich an einen Menſchen, den ich in Ihrer Nähe vergeſſen hatte. Während ich Ihnen das Unglück der Familie Der⸗ brouck erzählte, habe ich auch von einem elenden Kerl geſprochen, der, nachdem er den Bankier denuncirt hatte, auch Paulinens Mutter ins Gefängniß brin⸗ gen wollte..— Ja; nun?— Nun, Frau Herzo⸗ gin, dieſer Schuft hieß Goulard.. und iſt jetzt Ihr Portier!“ 3 „Er! ein ſolches Ungehener in meinem Hauſe! Ol mein Gott! das Beſtreben, Gutes zu thun, bringt uns alſo auch in Gefahr das Verbrechen zu unter⸗ ſtützen! Dieſer Menſch hat ſich bei mir für ein Opfer der Revolution... für einen während der Schreckenszeit Gemißhandelten ausgegeben!... und 0 6 113 trotz ſeiner rohen Sprache, habe ich ihn in meine Dienſte genommen; aber er ſoll mein Haus nicht länger durch ſeine Gegenwart beſchimpfen.“ Die Herzogin läutete, ein Bediente kam, zu die⸗ ſem ſagte ſie:„Sagen Sie Goulard, daß ich ihm befehle, augenblicklich mein Haus zu verlaſſen.“ Der Diener wollte ſich entfernen; die alte Dame rief ihn zurück, übergab ihm eine Börſe und fuhr fort:„Man muß übrigens die Strafbaren nicht ohne alle Mittel entlaſſen; dadurch werden ſie zu neuen Vergehen gezwungen... Hier, geben Sie ihm die⸗ ſes, er ſoll aber unverzüglich mein Haus räumen. Und nun, ſagte ſie gegen Prosper gewendet, will ich mich mit Ihrem intereſſanten Schützling beſchäf⸗ tigen. Ich habe Ihre Adreſſe; Sie ſollen bald Nach⸗ richten von mir erhalten... Leben Sie wohl, mein Herr...“ Die alte Dame reichte Prosper die Hand, der ſie zum Munde führte, indem er ausrief:„Wie viel verdanke ich Ihnen, Frau Herzogin! wie gütig ſind Sie.— Nein, mein Herr, nein... Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig. Ich bin im Gegentheil Ihnen verbunden, weil ich es Ihnen verdanke, daß ich einen Menſchen aus meinem Hauſe gejagt habe, der es entehrte, und einer armen Waiſe, wie ich hoffe, das Erbtheil ihres Vaters zurückſtellen kann.“ Prosper verbeugte ſich von Neuem und empfahl ſich bei der Herzogin. Während er durch den Hof ging, blickte er nach der Loge des Portiers; aber Goulard hatte ſich ſchon entfernt. Prosper ſtieg wieder Paul de Kock. XVIII. 8 — 114 in den Wagen und kehrte zu Paulinen zurück. An der Freude, die aus ſeinen Augen ſtrahlte, bemerkte die Waiſe, daß er diesmal keinen vergeblichen Gang gemacht hatte.. „Mein Pathe hat mir wieder Glück gebracht! rief Prosper, Paulinens Hände drückend, aus. Dieſe Her⸗ zogin von Delmas iſt die achtungswürdigſte Frau, die man finden kann... Ihr Beſitzthum wird Ihnen, wie ich hoffe, zurückgeſtellt werden... und dann... — Und dann?“ fragte Pauline, ihn anblickend. „Werde ich hinſichtlich Ihrer Zukunft beruhigt ſein. — Wir wollen uns noch nicht feſt darauf verlaſſen, mein Freund; allein hoffen will ich es auch, weil ich ſehe, daß es Ihnen Freude macht!“ Drei Wochen vergingen. Nach Verlauf derſelben wurde Prosper von der Herzogin von Delmas auf⸗ gefordert, ſich in ihren Palaſt zu begeben. Er eilte auf's Schleunigſte zu ihr, und die alte Dame über⸗ reichte ihm ſodann die Urkunden, wodurch der Toch⸗ ter des Bankiers Derbrouck ihr väterliches Gut, welches unter der Republik ſequeſtrirt worden war, zurückgeſtellt wurde.. Prosper wollte ſich der Herzogin zu Füßen wer⸗ fen; ſie entzog ſich aber ſeiner Dankbarkeit, indem ſie ſagte:„Ueberbringen Sie doch Ihrem Schütz⸗ linge dieſe Neuigkeit... Sagen Sie ihr nur, es werde mir Vergnügen machen, die Tochter eines Mannes zu ſehen, der mir manchen Dienſt gelei⸗ ſtet hat.“ Prosper war trunken vor Entzücken; er lief nicht, 115 ſondern er flog nach Hauſe zurück; dann eilte er auf Paulinen zu, überreichte ihr die Urkunden, wodurch ſie wieder in den Beſitz ihres Gutes eingetreten war und rief aus:„Nehmen Sie! Nehmen Sie!... jetzt habe ich meine Pflicht erſt erfüllt.“ Pauline nahm die Papiere mit niedergeſchlagenen Blicken, dann bot ſie dieſelben wieder Prosper an, indem ſie mit vor innerer Bewegung bebender Stimme ſtotterte:„Wenn es mich glücklich macht, dieſes Ver⸗ mögen wieder zurück zu erhalten... ſo iſt es nur deßhalb der Fall, weil ich es mit Ihnen zu theilen wünſche... Nun!... Sie werden hoffentlich mein Anerbieten nicht ausſchlagen?“ Prosper konnte ſeiner Empfindung nicht wider⸗ ſtehen; er drückte die Waiſe in ſeine Arme und rief aus:„Iſt es denn wahr? Sie lieben mich wirklich?“ „Er mag mich noch fragen!.. Und Sie?“ „Ach! Pauline!... haben Sie nicht errathen, warum ich Camilla nicht mehr liebte?“ Doch ich wage es nicht, an den Beſitz Ihrer Liebe zu glau⸗ ben!. Bedenken Sie, daß ich neununddreißig Jahre alt, ſiebzehn Jahre älter bin, als Sie! Sie ſind mir gegenüber ſo jung!...“ „Um ſo beſſer, mein Freund, dann habe ich mehr Zeit vor mir, Sie zu lieben.“ Einen Monat darauf wurde Pauline, welche ſich bei der Herzogin von Delmas für ihre Verwendung bedankt hatte, Prosper Breſſange's Gattin; Zeugen dieſer Vermählung waren Maximus, der ſich bewogen — 116 gefühlt hatte, einmal ſeinen ländlichen Wohnort zu verlaſſen, um Theil an dem Glücke ſeines Freundes zu nehmen; der tapfere penſionirte Oberſt Roger, der an dieſem Tage wieder ſeine gute Laune gehabt hatte und weit weniger fluchte; und Poupardot und ſeine Frau, jedoch ohne ihre Söhne, da Navet, der älteſte, auf Reiſen, Napoleon, der zweite, in der Schule und Ignaz, der dritte, kaum vorher geimpft worden war. Eben als die Geſellſchaft aus der Kirche heraus⸗ kam und in den Wagen ſtieg, bemerkte Prosper einen armen Haſenbalghändler, den ein Gendarme davon führen wollte; er entfernte ſich einen Augenblick von den Uebrigen, erkundigte ſich nach dem Vergehen des armen Handelsmannes, und erfuhr, daß er arretirt worden ſei, weil er ſeine Zeche in einer benachbarten Schenke nicht habe bezahlen können. Prosper lief dem Gendarmen nach, ließ den Ge⸗ fangenen wieder zu ſeinem Gläubiger zurückbringen, bezahlte den Schenkwirth, und ſteckte dem Haſenbalg⸗ händler heimlich eine Börſe zu, denn er hatte Eu⸗ phraſia's Gatten, den unglücklichen Picotin, in ihm erkannt. 4 Die Neuvermählten brauchten zu ihrem Glücke die Vergnügungen und das Geräuſch der Hauptſtadt nicht. Ihr Plan war ſchon gefaßt: ſie zogen ſich in die Tourraine zurück; auf dem ſchönen, Paulinen wieder zurückgeſtellten Gute wollten ſie das häusliche Glück und den Frieden genießen. —— 117 „Ich hoffe, meine Freunde, daß ihr zu uns in die Tourraine kommt,“ ſagte Prosper zu ſeinen Zeugen. „Ja, ich werde manchmal hinkommen, entgegnete Maximus; das Gemälde eures Glückes wird mich für meine verlorenen Illuſionen entſchädigen.“ „Ich werde euch oft beſuchen, ſagte Roger, denn bei guten Freunden darf ich fluchen, rauchen und brummen, ſo lange es mir gefällt... und dann werde ich dort von meinen Feldzügen... von meinem Kaiſer erzählen, und man mir gerne zuhören!“ „Wir werden euch beſtimmt auch einmal beſuchen ... ſagte Poupardot, außer wir hätten keine Zeit dazu und meine Frau würde mich mit einem Vierten erfreuen... was mich übrigens ſehr verwundern würde.“ ——-—-— Siebentes und letztes Kapitel. Fünfzehn Jahre ſpäter.— Schluß. Es war um die Mitie des Julius 1830, ein un⸗ gefähr vierundfünfzigjähriger Herr führte eine Dame von etwa ſiebenunddreißig Jahren, die noch ein fri⸗ ſches und hübſches Ausſehen hatte, am Arme; ſie gingen über die Boulevards des Italiens der Straße Montmartre zu. Die Dame ſchien unruhig und blickte öfters um ſich her. Hierauf ſagte ſie zu dem Herrn, der ihr den Arm reichte:„Mein lieber Prosper, wir woollen ſchnell in unſern Gaſthof zurückgehen... Wir haben jetzt alle unſere Einkäufe gemacht, wir bringen unſern Kindern alles Gewünſchte mit, jetzt möchte ich nur Paris ſchon wieder im Rücken haben.“ „Ei! warum denn, liebe Pauline? Ich begreife wohl, daß Du Dich nach unſern Kindern ſehnſt... Ich freue mich auch herzlich, ſie wieder zu umarmen. Aber Du darfſt ganz außer Sorgen ſein; wir haben ſie zu Hauſe in der Tourraine zurückgelaſſen, weil uns die drei Kinder auf der Reiſe genirt hätten. Aber Du weißſt ja, daß ſie unter der Aufſicht einer braven Gouvernante ſind, daß wir rechtliche Dienſtboten und gute Nachbarn haben, die alle Tage nach ihnen ſehen: wir dürfen ſomit vollkommen beruhigt ſein.“ 1„Auch beunruhigt mich das nicht... in Paris habe ich Furcht... Is ſcheint mir dort etwas vor ſich zu gehen... man ſcheint nicht ruhig zu ſein in jener Stadt.— Ruhig, meine liebe Freundin!... Du ängſteſt Dich ohne Noth, ſeit wir in der Tourraine wohnen, bin ich gewißlich der Politik ganz fremd.— Nicht wahr, mein Freund, wir reiſen mit der Poſt ab.— Ohne Zweifel, da Dir dies Freude macht. — Die Pferde.. die Poſtchaiſe werden uns im Gaſthof abholen?— Ja, aber ich will nicht abreiſen ohne unſern Freunden Maximus, Roger und dem guten Poupardot Lebewohl zu ſagen... Sie werden heute mit uns im Gaſthof zu Mittag ſpeiſen... Sie warten vielleicht auf uns, während wir unſere Ein⸗ käufe gemacht haben. Wir werden es gleich erfahren, denn hier ſind wir ja ſchon.— Und die Poſtchaiſe erwartet uns bereits im Hofe! rief Pauline freudig aus, als ſie dieſelbe erblickte.— —— — Prosper und ſeine Frau gingen eilig in ihr Zimmer hinauf; dort fanden ſie ihre Freunde, die auf ſie warteten; ſie ſchienen aber alle ſehr aufgeregt und die gute Eliſa zitterte. „Was habt ihr denn, fragte Prosper, was iſt geſchehen?... Wollen wir uns nicht zu Tiſche ſetzen? — Ol jetzt wird man wohl an's Eſſen denken, rief Eliſa aus, wo man ſich in Paris ſchlagen wird!— Sich ſchlagen?— Ei, freilich! verſetzte Maximus, Du weißt nichts... aber es wird hier eine große Revolution ausbrechen.— Wäre es möglich!...— Liest Du denn keine Zeitungen? fragte Poupardot; ſonſt hätteſt Du voraus ſehen müſſen, daß etwas vor⸗ gehen werde.— Ach! mein Gott! ich leſe nichts mehr. — Ich ſehe nicht ein, ſagte Roger, warum uns das am Eſſen hindern ſollte; denn, wenn man ſich noch einmal ſchlagen muß, ſo iſt es nicht verboten, ſich vorher zu ſtärken.“ „Ol mein Freund, ruft Pauline, ſich an den Arm ihres Mannes hängend, aus, ich flehe Dich an, reiſen wir auf der Stelle, warten wir nicht, bis es unmög⸗ lich wird... unſere Kinder erwarten uns... habe Er⸗ barmen mit meinen Befürchtungen, meinen Aengſten.“ „Deine Frau hat Recht, ſagte Maximus, da Dein Poſtwagen unten vor dem Hauſe Dich erwartet, wür⸗ det ihr wohl daran thun, auf der Stelle abzureiſen, morgen könnt ihr es vielleicht nicht mehr.“ „Aber vor meiner Entfernung, fiel Prosper ein, möchte ich doch gewiß wiſſen, was geſchieht... und überzeugt ſein, daß ihr euch nicht irrt...“ 120 „Ich wollte mich nach dem, was vor ſich geht, erkundigen, ſagte Poupardot, aber meine Frau ließ mich nicht allein gehen, daher habe ich Jemand... einen alten Bekannten, den ich an der Straßenecke bemerkte... den armen Picotin... der eben mit ſei⸗ nen Haſenbälgen auf der Schulter vorbeilief... fort⸗ geſchickt, zu ſehen, wie die Sachen ſtehen...“ .„Picotin 2...— Ja, ich habe zu ihm geſagt, er ſolle wieder in dieſen Gaſthof zurückkommen, wenn er etwas Neues höre. Ei ſeht!... da kommt er eben in den Hof herein.. er ſucht mich ohne Zweifel... hier herauf, Picotin... in den erſten Stock.“ Der Haſenbalghändler ging die Treppe hinauf, trat in das Zimmer, wo die Geſellſchaft verſammelt war, und blieb erſtaunt ſtehen, als er ſich in der Mitte ſeiner alten Freunde ſah. „Nun! Picotin, was gibt es Neues?“ rief man ihm von allen Seiten entgegen. „Ach! guten Tag, meine Freunde... Wie! ihr ſeid alle in Paris... das iſt doch ſonderbar, wie man zuſammentrifft!“ „ Aber, ſprich doch, was gibt es für Neuigkeiten? — Ol es geht heiß her!... auf dem Boulevard wirft man die Laternen ein und reißt Bäume her⸗ aus... beim Palais⸗Royal, hat man mir geſagt, ſchlage man ſich... Wenn meine Frau nur in einem rechten Gemenge ſtände und eine gute Tracht bekäme; ſie verdient es wohl, denn ſie wollte drei⸗ oder vier⸗ mal die Gendarmen auf mich hetzen. Ah! ihr wißt nicht, eben erſt wollte in der Straße Saint⸗Honoré 8 3 nes Vaterlandes.“ ein Spion einen Haufen zerſtreuen, aber Straßen⸗ jungen verfolgten ihn mit einem Hagel von Würfen; wie er ſich retten wollte, fiel er hart auf eine Maſſe von Pflaſterſteinen... und ſtand nicht wieder auf... als ich mich näherte, ihn zu ſehen, erkannte ich Gou⸗ lard, den alten Pförtner des Maximus.“ „Goulard! rief Prosper aus; ach! der Himmel iſt gerecht und das Volk hat meine Rache vollzogen! Wohlan, meine Freunde, ich ſehe, daß in der That eine Revolution ausbrechen werde, und diesmal iſt es hoffentlich die gute.“ „Die gute, ſagte Maximus, war im Jahre neun⸗ undachtzig; aber man hat ſie uns verdorben!“ „Die gute, ſagte Roger, war das Kaiſerreich; aber Napoleon iſt todt!“ „Die gute, ſagte Poupardot, war die Reſtaura⸗ tion, abgeſehen von den Koſaken.“ „Die gute, ſagte Eliſa, indem ſie Pauline küßte, würde die ſein, wo man nicht etwas einbüßen müßte.“ Prosper ſtieg mit ſeiner Frau in den Wagan, drückte jedem ſeiner Freunde die Hand und ſprach⸗ „Ich weiß nicht, welches Schickſal Frankreich in der Zukunft bevorſteht; Alles, was ich jetzt vermag, be⸗ ſteht in Wünſchen für den Ruhm und das Glück mei⸗ Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel Paris im Jahr II der Republik Zweites Drittes Viertes Füntes Schstes Erſtes gapitel. Erſte Vorſtellung von Epicharis und Mers — Die holländiſche Familie.. — Das Ehepaar Poupardot.— Ein furger Soldat.— Picotin und ſein Schild — Das Teſtament eines Komödianten.— Eine Verhaftung... — Die Tochter eines Emigranten.. — Die erſte Hoſe... ... Inhalt des zweiten Tbeils. Zweites— Das Belvedere in Paſſy.... Drittes— Die guten Leute..... Viertes— Dwzwei Nächt⸗.—.. Fünftes— Jeannerwas Liebe. Sechstes— Eine Atheniesgerin von Paris. Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel⸗ Aufenthalt in England.. Zweites— Die Zeit geht ſchnell vorüber.— die mili⸗ täriſche Regierung.... Drittes— Die blaue Hoſe...... Viertes— Eine Manſardenwohnung.. Fünftes— Pieotin in ſeinem h äuslichen Lehen.= Eine Zuſammenkun alter Freunde—. — Jubau bes vzerten Theils. grhes Kapital. Die Generalin, Zweites— Ei Zuſammentreffen. auf dem Bale Drittes—(milla und Paulin Viertes— Polttiſche Ereigniſſe, Ssu es. Fünftes— Eine vornehme Dame 8 Sechstes— Die dritte Hoſe. Siebentes und letztes Kapitel. Pintiehn ver paiter. Schluß. . ſſiiſſſſſmmſiſſiſnſfſiſſnſſfiſſſſſifnſſinſinſſiiſſſiſſimſſniſſſnſiniſſſüſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ——-C;Conñ