Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Sechzehnter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. — . Der Mann mit drei Hoſen, 3 oder die Nepublik, das Kaiſerthum und die Reſtanration. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Aufzunehmen pflegt man den Mann nach dem 3 Kleide, das er trägt; man verabſchiedet ſich von ihm nach dem Geiſte, den er bewieſen hat. Zweiter Theil. SGo Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Erſte Vorſtellung von Epicharis und Nero. Prosper hatte die zehn Stunden, die zwiſchen Melun und Paris liegen, bald hinter ſich; nicht ein Gendarme ſtellte ihn auf dem Wege, um ſeine Pa⸗ piere zu viſitiren, denn ſein ſonderbares Koſtüm, ſeine herausfordernde Miene und ſeine Bewaffnung ver⸗ kündeten einen Mann, welcher im Stande wäre, den erſten Beſten, der ihm in den Weg träte, niederzu⸗ metzeln. Man hielt ihn für einen Agenten der Re⸗ gierung, und wenn er ein Gläschen Branntwein verlangte, während ſein Pferd einige Augenblicke aus⸗ ſchnaufte, ſo bediente man ihn mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, welche das Entſetzen bewieſen, das er einflößte. Prosper langte vor ſeinem Hauſe an. Beim Ein⸗ tritt forſchten ſeine Augen nach Goulard, an welchem er Luſt gehabt hätte, ſeinen von Durouleau erhalte⸗ nen türkiſchen Säbel zu probiren. Aber der Portier war nicht mehr da, ein altes Weib verſah ſeine Stelle und hatte ſeine Loge inne. Prosper erkannte mit Ab⸗ ſcheu jene alte Strickerin, die in den Sektionen pe⸗ rorirte, die Mutter Gueuleton, welche ſich die Mutter der Craques nennen ließ. Der junge Mann hatte ſein Pferd im Hofe abge⸗ ſtellt; er ſchaute nach den Fenſtern von Maximus und ſeiner Mutter; die Laden waren geſchloſſen und man ſah kein Licht, obgleich es bereits nachtete. Er kam zur Loge des Portiers zurück und entſchloß ſich, die Mutter Gueuleton anzureden. „Biſt Du jetzt an der Stelle unſeres Portiers, Mutter Gueuleton?“. „Ach! ſchau, Du biſt's, mein Sohn, mein Lieb⸗ ling, mein Schelm von Prosper! entgegnete das alte Weib, ihren zahnloſen Mund öffnend, während ſie eine ungeheure Priſe in die Naſe ſchob. Woher kommſt Du denn, kleiner Lump? um wieder Teufelsgeſchich⸗ ten anzurichten, und wieder irgend einem jungen Mädchen nachzulaufen? Denn Du biſt ein Erzgal⸗ genſtrick für Dein Alter! Aber ich liebe die Galgen⸗ ſtricke... Ach! der Teufel! wenn ich Mann geworden wäre, ich hätte eine Hochzeit gehalten! Sapperment! weißt Du, daß Du auf dieſe Weiſe prächtig ange⸗ ſchirrt biſt? Ich habe Dich noch nie ſo herausgeputzt geſehen... Wo haſt Du denn das Zeug alles geſtoh⸗ len 2.. Deine Hoſe ſticht mir recht ins Auge!“ „Mutter Gueuleton, es handelt ſich jetzt nicht von mir, ich möchte gerne einige Auskunft erhalten.“ „Kann ſchon ſein, mein kleiner Meſſidor(Ernte⸗ monat)... Ach! was für eine ſchöne Hoſe! Heiliger Sabbat!... es iſt doch heute nicht Dekadi, weil Du ſo aufgeputzt biſt.“ „Potz Henker! willſt Du mir Antwort geben, alte Hexe?“ 3 “ „Sei nicht böſe, Stutzerchen, ich höre ja.“ „Iſt es wahr, daß dieſer gute Holländer... der Bankier Derbrouck, hingerichtet wurde?...— Ja, . mein Kleiner... Ich geſtehe, er war ein ſehr ſchöner Mann! aber die Verräther und Verſchwörer müſſen umgebracht werden!...— Er ein Verſchwörer!... mer dachte nie daran.“ 1 „Aha! Du wirſt's beſſer verſtehen, als das Tri⸗ bunal? Und der famoſe Fouquier⸗Tinville, der öffent⸗ liche Ankläger, der jeden Augenblick eine neue An⸗ klage vorträgt... Ach! wie Viele der der Guillotine liefert! auch ſagt man, er wolle ſie im Gerichtshofe ſelbſt anbringen, da man durch das Hin⸗ und Her⸗ führen der Verurtheilten Zeit verliert, und es nach ſeiner Anſicht noch nicht ſchnell genug geht.“ „Wer konnte aber meinen Wohlthäter angeben? — Ei, Leonidas; er hat ſich deſſen oft gerühmt.— Goulard!... der Niederträchtige? Wo iſt er gegen⸗ wärtig?...“ „Heute Abend?— Ja, heute Abend.— Im Thea⸗ ter der Republik... Man ſpielt eine neue Tragödie, Epi... Epichat... Epi... Dings, oder wie man mir geſagt hat! Wahrhaftig, ich weiß es nicht mehr, Epi iſt dabei.“ „Und die Bürgerin Derbrouck, die arme Frau! wie groß muß ihr Schmerz ſein!... iſt ohne Zwei⸗ fel von dem Schickſal ihres Mannes unterrichtet?— Das kann ich nicht ſagen. Nur ſo viel, daß die Frau des Bankiers am Tage nach der Verhaftung ihres Gatten nach Paſſy gegangen iſt.“ — „Hält ſie ſich noch dort auf?— Ja, ja... aber ich vermuthe, daß, wenn ſie noch dort iſt, ſie nicht mehr lange dort bleiben wird.“ Bei dieſen Worten ſchüttelte die Alte mit bedeu⸗ tungsvoller Miene den Kopf. 3 „Was willſt Du damit ſagen?... Du weißt Et⸗ was, Mutter Gueuleton... laß hören, ſprich!...“ „Vor allen Dingen, mein Sohn, weiß ich nicht, warum Du darauf beharrſt, mich Mutter Gueuleton zu heißen, da ich Dir doch ſchon hundertmal ge⸗ ſagt habe, daß ich mich die Mutter der Craquen nen⸗ nen laſſe... nach der berühmten Cornelia, die den Gratacus gebar... Du weißt? es waren Römer... — Darum handelt es ſich nicht... was weißt Du in Betreff der Bürgerin Derbrouck? Warum meinſt Du, daß, wenn ſie noch in Paſſy ſei, ſie nicht mehr lange dort bleiben werde?... Gib Antwort... ich will es haben... oder wenn nicht...“ Mit dieſen Worten zog Prosper ſeinen Säbel halb aus der Scheide, ſeine Miene nahm einen ſo fürch⸗ terlichen Ausdruck an, ſein Blick war ſo entſchloſſen, daß die Alte, obgleich nicht leicht einzuſchüchtern, doch eilig erwiderte:„Nun! weil man die Bürgerin Der⸗ brouck auch verhaften wird...“ „Verhaften... wer hat Dir das geſagt?— Ei, Leonidas. Er hat ſie auch angegeben... er hatte heute den Befehl zu ihrer Feſtnehmung in der Taſche, allein er wollte ihn nicht ſelbſt vollziehen.— Dieſer Menſch hat folglich dieſer unglücklichen Familie den Tod geſchworen?— Weil ſie conſpirirt haben!... 8 — Leonidas iſt ſehr bedeutend in der Sektion.— Und Marimus hat dies geduldet?... Maximus! ein ſo reiner, ſo geachteter Republikaner!“ „Er iſt nicht mehr hier; er iſt mit ſeiner Mut⸗ ter, ich weiß nicht wohin, gereist... Er fand keine Arbeit mehr...— Keine Arbeit mehr! wie? aber Hebert... der Pere Duchesne...— Hebert wurde am nämlichen Tage, wie der Bürger Derbrouck, guillotinirt...“ „Und Maximus iſt nicht mehr hier, um mich auf⸗ zuklären, mich zu leiten! Gleichviel, ich werde meine 5 Wohlthäterin retten!... Du ſagſt, Goulard habe den Befehl bei ſich... und er iſt dieſen Abend im Theater der Republik?“ „O! deſſen bin ich gewiß... er hat von dem Bedienten des Bürgers Legouvé, dem Verfaſſer von Epi... Epichat... kurz des Trauerſpiels, ein Billet bekommen.“ „Genug, Mutter Gueuleton! habe Acht auf mein Pferd, gib ihm zu freſſen.— Bah! Du haſt jetzt ein Pferd? Ei, wie biſt Du dazu gekommen?— Ich werde es wahrſcheinlich dieſe Nacht brauchen. Adieu, ich gehe ins Theater der Republik.“ Prosper barg ſeine Piſtolen in die innern Taſchen ſeiner Jacke und begab ſich eiligſt in den Palaſt Ega⸗ lite, wo das neue Stück geſpielt wurde. Man hatte ihm geſagt, Goulard befinde ſich im Schauſpielhauſe, und er wollte ihn dort antreffen, ſelbſt wenn er auf alle Plätze gehen, jeden Zuſchauer ſtören und ſogar doas Stück unterbrechen müßte. 10 Zum Glück für Prosper, dem es nie einfiel, daß man auch Geld brauchen könnte, hatte ſein freigebi⸗ ger Wirth ſtatt ſeiner daran gedacht und dem Jüng⸗ linge eine Thalerrolle in die Jacke geſchoben. Dieſer bemerkte es mit Vergnügen, als man ihm ſein Bil⸗ let abforderte; glücklich, hier auf kein Hinderniß zu ſtoßen, nahm er einen der erſten Plätze und trat in den Saal, als eben das neue Stück begann. Das Haus war voll; denn ſogar mitten in dieſen Schreckenstagen, wo Jeder für ſich ſelbſt und die Seinigen zittern mußte, behielten die Franzoſen ſtets ihren Geſchmack am Theater bei; ſie verlangten Schau⸗ ſpiele nach den Blutgerüſten; des Morgens hatte man gezittert, Abends beluſtigte man ſich; man konnte noch über die Vaudevilles lachen, die ſich leichte Scherze über die Mißbräuche des Tages erlaubten; Piis, Barre, Radet fingen an, ihren Ruf und glück⸗ liches Triumvirat zu begründen; kurz, die große öffentliche Noth ſtörte die großen Erfolge auf dem Theater nicht, denn der Räuberhauptmann Ro⸗ bert hatte ungeheures Glück gemacht und Niko⸗ demus im Monde wurde zweihundertmal auf⸗ geführt. Prosper ging in den Gängen des Saales auf und ab und verlangte, daß man ihm eine Loge auf⸗ ſchließen ſolle. „Es gibt keinen Platz mehr!“ antworteten ihm die Logenaufſchließerinnen. „Keinen Platz mehr! Donnerwetter! ich muß ei⸗ nen haben, denn ich habe ein Billet dazu, und laſſe 11 5* das Stück nicht anfangen, wenn man mir keinen Platz macht.“ Der Lärm, den Prosper in den Gängen verur⸗ ſachte, zog einen Aufſeher her. Der anmaßende Ton des jungen Mannes imponirte, ſein Säbel erſchreckte, und ſein ganzes Weſen ſchüchterte ein. Der Aufſeher ſah eine gemiethete Loge, worin ſich nur drei Damen befanden, er bat ſie um die Erlaubniß, eine wich⸗ tige Perſon von der Regierung zu ihnen herein zu laſſen. Die Damen wagten nicht, ſich zu weigern, und zitterten, als ſie einen jungen, wunderlich aus⸗ ſtaffirten Mann in ihre Loge treten ſahen, deſſen Angeſicht ſchmutzig und feuerroth war(denn der Reiſende hatte keine Zeit genommen, ſich vorher zu reinigen), und der, während er ſich auf ſeinen Säbel ſtützte, immer mit der Hand am Griffe deſſelben ſpielte. 1 Ganz von dem Beweggrund eingenommen, der ihn hergeführt hatte, vergaß Prosper, ſich bei den Damen zu bedanken, die ihm einen Platz in ihrer Loge einräumten; ſchon ſchweiften ſeine Blicke nach allen Richtungen, in der Hoffnung Goulard zu ent⸗ decken, und ſich wenig darum bekümmernd, daß er die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſtützte er ſich, rückſichtslos gegen die beiden die Vorderſitze ein⸗ nehmenden Damen, jeden Augenblick mit dem Arme auf das Vordertheil der Loge und beugte den hal⸗ ben Leib hinaus, um beſſer nach unten und oben um ſich her blicken zu können. Indeſſen hatte das Trauerſpiel ſeinen Anfang genommen; man wollte Talma hören, der anfing einen Ruf zu erlangen, und Monvel, welchem der ſeine gebührte. Prosper machte unaufhörlich bei jeder ſeiner Bewegungen, beim Vorbeugen und Vorliegen ein Geräuſch. Einige Pſt, einige Still wurden hör⸗ bar, aber Prosper achtete nicht darauf, er fuhr fort unruhig zu ſein und ſich zu bewegen, und blickte im Saale umher, ſtatt auf die Bühne hinab. Endlich ließ eine Stimme folgende Worte vernehmen:„Wird die rothe Hoſe dort oben nicht bald ruhig ſein?“ Dieſe Stimme drang aus dem Parquet. Prosper, der es gehört hatte, beugte ſich vor und betrachtete mit unverſchämter Miene die Menſchenmaſſe, welche ſich unter ihm befand. „Ja, mit Dir ſpricht man, Bürger! rief eine andere Stimme. Sei ein bischen ruhig, und laß uns die Tragödie beurtheilen! deßhalb ſind wir herge⸗ gekommen.“ „Und ich bin wegen etwas Anderen hergekommen! entgegnete Prosper mit drohemden Tone; und der erſte unter euch, beim Teufel! der mich zur Ruhe nöthigen will, hat nur heraufzukommen, dann will ich mit ihm fertig werden.“ Dieſe gegen ein ganzes Publikum gerichtete Dro⸗ hung imponirte der Menge. Man hat ſchon oft Be⸗ weiſe erlebt, daß ein einziger entſchloſſener Mann ſich ganzen Haufen widerſetzen und ihnen die Stirne bieten konnte; auch hier blieb dieſes ganze von Men⸗ ſchen angefüllte Parterre von Staunen ergriffen über — den Trotz, den ihm ein Einziger vot; man blickte 13 mit Verwunderung den ſonderbaren Menſchen an, der ſich ſolche Anmaßungen erlaubte, und ließ, ohne ihm weiter zu erwidern, das neue Stück fortſpielen, in⸗ dem man ſich bemühte, daſſelbe trotz des Geräuſches, welches der Mann in der rothen Hoſe verurſachte, zu verſtehen. Da Prosper von dem Platze aus, worauf er ſich befand, den Gegenſtand, den er ſuchte, nicht ent⸗ decken konnte; ſo entfernte er ſich aus der Loge und ſchlug wüthend die Thüre hinter ſich zu. Die drei Damen waren entzückt, den jungen Lär⸗ mer nicht mehr zum Nachbarn zu haben; das Pu⸗ blikum glaubte, die rothe Hoſe ſei aus dem Theater fortgegangen, Jeder war froh, endlich das Trauer⸗ ſpiel hören zu können, und vald darauf belohnte ein ſtürmiſcher Applaus, die von Epicharis an den Dich⸗ ter Lucan gerichteten Verſe, den ſie mit in die Ver⸗ ſchwörung gegen Nero hineinzieht: „Mehr, als ein gutes Werk, gilt eine gute That. Aber der Beifall des Publikums wurde abermals durch den Lärm geſtört, der beim Eingang ins Or⸗ cheſter entſtand. Prosper hatte ſich dorthin begeben, und verlangte durchaus Platz, obgleich man ihm wie⸗ derholte, es ſei Alles voll, und zum Beweis auf eine Menge Perſonen hinzeigte, die ganz dicht auf⸗ einander gedrängt am Eingang ſtanden. Prosper gab den ihm vorgebrachten Gründen kein Gehör; er ſtieß den Billetabnehmer auf die Seite und ſagte:„Laß mich mit Frieden! Ich habe auf alle 14 Plätze bezahlt... Wenn ich nicht genug gegeben habe, ſo nimm, hier ſind Thaler, ich kann noch mehr be⸗ zahlen, aber in den Gängen bleibe ich nicht ſtehen.“ Damit hatte der junge Mann bereits die Thüre geöffnet; ohne über die Menſchenmenge zu erſchrecken, die den Eingang des Orcheſters anfüllte, ſtieß er mit dem Ellbogen rechts, mit der Fauſt links, und ver⸗ ſchaffte ſich auf ſolche Weiſe Bahn, während die von ihm geſtauchten Perſonen ſchrieen: „Aber, Bürger, nimm Dich doch in Acht... Du trittſt mir auf den Fuß.“ „Bürger, Du bohrſt mir Deine Fauſt in meinen Rücken... Ich will hoffen, daß es nicht abſichtlich geſchieht.“ „Glaub, was Du willſt, mir gilt's gleichviel,“ murmelte Prosper, und fuhr fort die Andern zu tre⸗ ten und zu ſtauchen. „Haſt Du Deinen Platz im Orcheſter, Bürger? — Möglich!— Dann tritt man aber im Zwiſchen⸗ akt ein und nicht, wenn das Stück ſchon angefangen hat; ſo ſtört man das Schauſpiel nicht...“ Prosper drängte ſich immer weiter vor; er war bereits bis zu den Sitzen gekommen, er ſtrebte aber in die Mitte des Saales, weil er hoffte, von dort aus Goulard entdecken zu können. Nun ſchlüpfte er durch die Reihen der Sitzenden, tappte ihnen auf die Füße, achtete weder die Klagen des Einen noch das Fluchen der Andern, bis das Parterre, welches end⸗ lich müde war, dieſen Menſchen mit der ungeheuern Mütze in den Reihen des Orcheſters ſpazieren gehen 15 zu ſehen, ihm zornig zurief:„Sitzen! ſitzen!— Ganz richtig, entgegnete Prosper mit höhniſcher Miene gegen das Parterre gewendet; ich werde mich ſetzen, weil ich vom Gehen ermüdet bin.“ Mit dieſen Worten ließ ſich der junge Mann auf die Bank nieder; da aber kein Platz leer war, ſo ſank er nothwendig auf den Schooß einer Perſon herab, und dieſe Perſon ſtieß einen Schrei aus, indem ſie rief:„O! Bürger, Dein Säbelgriff bohrt ſich mir in den Leib... Gleichheit! Brüderſchaft! Du erſtickſt mich... Wirſt Du denn auf meinem Schoße ſitzen bleiben?— Wo Teufels ſoll ich mich denn hinſetzen? — Aber, ich meine, mein Schooß ſei doch kein Platz. — Ei, potz Tauſend! wenn's keinen andern gibt.— Abermich ſehe nichts mehr.— Was ſchadet's?— Aber.= Werden wir nicht bald ſtillſcheigen?“ Indieſem Augenblicke betrachtete ein Herr neben der Perſon, worauf Prosper ſaß, dieſen letztern auf⸗ merkſam und begann:„Ich täuſche mich nicht... ich habe Dich ſonſt ſchon geſehen... Ich kenne Dich... Wir haben uns, wenn ich nicht irre, bei dem Bür⸗ ger Maximus Bertholin getroffen.“ Bei dieſem Namen blickte Prosper ſeinerſeits den Sprechenden an und erkannte Poupardot, den er in der That bisweilen bei Maximus geſehen hatte. „Du irrſt Dich nicht, Bürger, ich kenne Dich auch, Du biſt ein Freund des Maximus... der Bürger Poupardot.— Derſelbe.. und Du— Prosper Breſ⸗ ſange... Aber dieſe Mütze... und Dein ganzes Ko⸗ ſtüm. gibt Dir ein verändertes Ausſehen. Ah! Dn willſt das neue Stück des Bürgers Legouve ſehen 2... bis jetzt ſcheint mir's gut... einiges Schleppende abgerechnet...“ Ein unter Prosper hervordringendes Stöhnen er⸗ innerte ſodann Poupardot, daß Derjenige, der ihn ins Theater begleitet hatte, ſich in einer äußerſt un⸗ bequemen Lage befinde, und etwas dichter zu ſeinem Nachbarn von der andern Seite hinrückend, ſagte er zu dem eben Gekommenen:„Bürger Prosper, wir müſſen Dir doch ein kleines Plätzchen einräumen, denn Du kannſt nicht während des ganzen Schauſpiels auf dem armen Picotin ſitzen bleiben.“ „Wie! auf dem Bürger Picotin bin ich! rief Pros⸗ per ſich umkehrend aus: Ei der Tauſend!.. lde mir leid, daß ich nicht lieber auf ſeiner Frau bin, denn ich erinnere mich, daß ſie ſehr hübſch iſt; allein, aus Rückſicht für Deine reizende Gemahlin... ſchau... will ich es verſuchen, mich zwiſchen euch beide ein⸗ zuzwängen.“ 3 Und Dank den Anſtrengungen Poupardots, der Prosper ein kleines Plätzchen eingeräumt hatte, war dieſer dies Mal im Stande, ſich auf die Bank zu ſetzen, und Picotin konnte wieder die Schauſpieler ſehen. Endlich war die Ruhe hergeſtellt. Das Stück nahm mitten unter den Beifallsbezeugungen des Pu⸗ blikums ſeinen Fortgang. Poupardot war ganz Auge, ganz Ohr; er wollte keinen Reim verlieren. Was Picotin betrifft, ſo beunruhigte ihn ſeine neue Nach⸗ barſchaft; er warf von Zeit zu Zeit einen Seitenblick 17 auf Prosper und ſeinen Säbel; bei jedem neuen Blicke rückte er mehr von ihm hinweg. Da Prosper mitten im Saale ſaß, ſo brauchte er Niemand mehr zu ſtören, um nach allen Seiten hin zu ſehen, aber er drehte ſich häuſig um und ſchenkte dem Stücke nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit, da er unaufhörlich Goulard unter den Zuſchauern ſuchte. „Das iſt ſchön! herrliche Verſe!“ ſagte Poupardot mehrmals zu Prosper, worauf ihm dieſer erwiderte: Er muß doch da ſein!... Mutter Gueuleton hat mich's verſichert... O! ich muß ihn entdecken.“ Poupardot, der nicht begriff/ in welcher Beziehung die Mutter Gueuleton zu dem Trauerſpiele ſtehen könne, hörte auf, Prosper ſeine Eindrücke mitzuthei⸗ len, und dachte bei ſich: der junge Menſch muß nicht recht bei Troſt ſein, oder etwas im Kopfe haben. Picotin hütete ſich wohl mit Prosper zu ſprechen, er hatte Angſt vor ihm und fürchtete, der Jüngling möchte wieder den Einfall bekommen, auf ſeinen Schooß zu ſitzen; und wenn ſich Prosper gegen Euphraſig's Gatten wendete, ſo blickte dieſer unbeweglich auf die Scene. Indeſſen mußte Picotin endlich Antwort ertheilen, weil man ihm mehre Fauſtſtöße in die Rippen gab, wobei man folgende Worte an ihn richtete:„Biſt Du taub, Bürger?— Ich! Bürger... Ich ſchmeichle mir ein vortreffliches Gehör zu haben...— Weil ich Dich ſchon mehrmals anredete, und Du mir keine Antwort gibſt.— Sonderbar, ich habe nichts gehört. Die Schauſpieler ſchreien ſo! Es iſt unaushaltbar! Paul de Kock, XVI. 2 18 — Ich fragte Dich, ob Du Goulard kenneſt... ob Du ihn hier geſehen habeſt?— Goulard... wer iſt Goulard?— Ein Lump, ein Schuft! dem ich hof⸗ fentlich heute Abend noch den Rückgrat einſchlagen werde!...— Bürger, ich kenne ihn durchaus nicht! Ich bitte Dich, ſei überzeugt, daß er nicht zu mei⸗ nen Freunden gehört!“ Prosper erkundigte ſich nicht weiter bei Picotin, aber war troſtlos und in Verzweiflung, den Geſuchten nicht finden zu können. Das Stück nahte ſich dem Ende. Nero ſtand auf der Bühne; Talma, dem die Darſtellung dieſer Rolle übertragen war, erntete t eben einen unermeßlichen Beifall, als er ausrief: „Ein Dolch! und dies allein in ſeinem tiefen Fallen Bleibt Cäſar übrig noch von ſeinen Neichen allen!“ In dieſem Augenblick ſtieß Prosper einen Freu⸗ denſchrei aus und erhob ſich mit dem Ausrufe:„Dort iſt er, er iſt's! O! dort beim Eingang in die Ga⸗ lerie... dies Mal wird er mir nicht entrinnen!“ Dann ſtürzte er ſich von Neuem durch die Sitzen⸗ den und ſchickte ſich an, ſich auf die nämliche Art, wie er hereingekommen, einen Ausweg zu per⸗ ſchaffen. Allein dies Mal war die Geduld des Pu⸗ blikums zu Ende; dies Mal empörte ſich der ganze Saal gegen den Störer ſeines Vergnügens; man verlangte die Beſtrafung ſeiner Unverſchämtheit; man forderte die bewaffnete Macht zu Hülfe. Zwei Gen⸗ darmen erſchienen beim Eingang zum Orcheſter, eben als es Prosper verließ, und der eine derſelben wollte 19 ſeine Hand an den Kragen Prospers legen und ſprach: „Im Namen der Freiheit verhafte ich Dich!“ Prosper betrachtete den Gendarmen, zuckte mit den Achſeln und entgegnete ihm:„Mein Freund, Du ſagſt da eine entſetzliche Dummheit! Im Namen der Freiheit verhafteſt Du mich... Verſteht man unter Freiheit nicht vor allen Dingen das Freiſein, und daß man in Folge deſſen ſprechen und machen kann, was man will?“ Der Gendarme ſann einen Augenblick nach und ſagte ſodann: „Alſo... im Namen der Republik verhafte ich Dich...— Ahl das iſt ein Unterſchied! Und ich klopfe Dich im Namen der Freiheit durch.“ Und indem Prosper dem Gendarmen, der eben einen Schritt vorwärts gemacht hatte, um den jun⸗ gen Mann zu ergreifen, ein Bein ſtellte, faßte er ihn zugleich und legte ihn der Länge nach auf den Boden, gab ſeinem Kameraden einen tüchtigen Rip⸗ penſtoß, ſtürzte ſich auf den Gang hinaus und ver⸗ ſchwand unter der herausſtrömenden Menge, die ihm einen Durchgang ließ, indem ſie ſagte:„Bah! laßt ihn gehen!... er ſcheint ein wackerer Sansculotte! er hat etwas zu viel getrunken, das iſt's Ganze! das Schauſpiel war heute nicht für ihn.“ Prosper entfernte ſich ſo ſchleunig aus dem Saale, weil er bedachte, daß es weder zu Goulards Züchti⸗ gung noch zu Madame Derbroucks Rettung beitrage, wenn er ſich auf die Waͤche ſetzen laſſe; er hoffte, der Geſuchte werde ſich nach dem Theater nach Hauſe 20 begeben, und beſchloß, in der Nähe ſeiner Wohnung auf der Straße zu warten. Eine halbe Stunde verging, und wieder eine; Prosper fürchtete ſchon, der Portier möchte die Nacht in irgend einer Schenke zubringen, denn das Thea⸗ ter mußte ſchon lange aus ſein; er wußte nicht, was er anfangen ſollte, als er ſchwere Tritte auf der öde gewordenen Straße hörte. Prosper horchte und bebte vor Freuden, denn er glaubte den Erwarteten zu er⸗ kennen. Er ſtellte ſich neben das Hofthor, man kam näher: es war Goulard. Prosper trat ihm in den Weg. „Was gibt's... ich habe keinen Heller mehr... ich habe Alles verſoffen, was ich bei mir hatte! be⸗ gann Goulard; Du findeſt folglich bei mir nichts zu ſtehlen.“ „Ich bin kein Dieb... ſieh mich recht an, Gou⸗ lard... dieſe Laterne leuchtet hell genug... Du mußt mich erkennen...“ 1 „Horch! dieſe Stimme... man könnte glauben, der leichtſinnige Strick von Prosper...“ „Ja, es iſt in der That Prosper, der einige Wochen von Paris abweſend war, und zu ſpät kommt, um ſeinen Wohlthäter zu retten, der aber nicht dul⸗ det, daß Du die unglückliche Frau deſſelben verhaf⸗ ten läßt.“ „Was leierſt Du mir da vor? Laß mich mit Frieden... ich gehe heim, ich will mich ſchlafen le⸗ gen.— O! nein, Du entrinnſt mir nicht!— Was ſoll das heißen? willſt Du mich etwa mit Gewalt d 21 2. zurückhalten?— Ja...— Zu Hülfe... zu..— Still!... ſchweig, Elender, oder ich zerſchmettre Dir das Gehirn!“ Damit zog Prosper eine ſeiner Piſtolen aus der Jacke und ſetzte die Mündung auf Goulards Stirne. Der Portier fing an zu zittern, ſchrie nicht mehr und flüſterte mit unterwürfigem Tone:„Ich ſchweige. Was wünſcheſt Du von mir?“ „Du haſt meine Abweſenheit benützt, um den Bankier Derbrouck verhaften zu laſſen.— Nicht ich... — Du lügſt.— Er war dewürdig... „Dgs iſt nicht wahr, Du wirſt Lügen erfunden haben, um ſeine Richter zu täuſchen; doch kurz, da es nun zu ſpät zu ſeiner Rettung iſt, ſo gib mir wenigſtens den Verhaftsbefehl heraus, den Du gegen ſeine Frau erhalten haſt.“ „Gegen ſeine Frau... wer hat Dir das geſagt?... — Du haſt ſie auch angeklagt, Du brauchſt Dich nicht zu verſtellen, und haſt einen Befehl erhalten, ſie verhaften zu laſſen...— Ich ſchwöre Dir.— Soll ich Dich niederſchießen?— Nun jal es iſt wahr... aber dieſen Befehl... habe ich nicht mehr.— Was haſt Du damit angefangen?— Ich habe ihn den Ge⸗ richtsbeamten übergeben.— Du haſt ihn übergeben... und wann?— Heute Abend, bevor ich in das Thea⸗ ter der Republik ging.— Alſo wird die Bürgerin Derbrouck...— Morgen bei Tagesanbruch verhaf⸗ tet werden.— Ha! Ungeheuer! ich ſollte Dich um⸗ bringen... aber ich bin kein Meuchelmörder. Hier, nimm eine dieſer Piſtolen... verheidige Dich— 22 Ich mich auf Piſtolen ſchlagen... ich will nicht... — Vertheidige Dich, ſag' ich Dir...— Ich duel⸗ lire mich nicht.— Du willſt mich lieber beim Ge⸗ richt anklagen... aber heute Abend wenigſtens nicht mehr, ich will Dir für's Laufen thun.“ Seiner Piſtole eine andere Richtung gebend, ſetzte Prosper die Mündung tiefer unten an, drückte ab und zerſchmetterte Goulard, der niederſank und Verwün⸗ ſchungen ausſtieß, das Bein. Der junge Mann eilte ſchnell ins Haus hinein und ſuchte ſein Pferd, wel⸗ ches er im Hof angebunden fand. „Nun, mein Söhnchen, mein Jüngelchen! rief ihm Mutter Gueuleton zu, theile mir doch auch et⸗ was von dem Trauerſpiele Epichat... Epi... Dings mit. Man hat mir geſagt, es ſei von der Mutter 6 der Craques die Rede darin.“ Aber ohne dieſem Weibe zu antworten, ſtieg Prosper auf's Pferd und ſchlug im Galopp den Weg nach Paſſy ein. Zweites Kapitel. Das Belvedere in Paſſy. Prosper trieb ſein Pferd nach Kräften an; ſtatt der Sporen bohrte er ihm die Ferſen in die Weichen, ſchrie ihm zu und zerrte mit dem Zügel daran, ſo daß er die Strecke, die Paſſy von der Hanptſtadt trennt, in kurzer Zeit zurückgelegt hatte. Er langte 8 . vor dem Hauſe des holländiſchen Bankiers an, es lag in der tiefen Straße neben der Kirchſtraße; von. einem auf dem Dache erbauten Belvedere aus genoß man einer wunderſchönen Ausſicht: man hatte alle Krümmungen der Seine, die umliegenden Landſitze und einen Theil von Paris vor den Augen. In die⸗ ſem Belvedere brachte Madame Derbrouck täglich mehre Stunden zu. Sie ließ ſogar oft die Wiege ihres Säuglings hinauftragen, und während ſie über ihre Tochter wachte, kehrten ſich ihre Blicke der Straße voon Paris zu, woher ſie ihren Gatten kommen zu ſehen hoffte, welchen ſie ſtets erwartete, denn ihre Dienſtboten hatten ihr ſorgfältig die ſchreckliche Nach⸗ richt verborgen gehalten, indem ſie fürchteten, ihre Geſundheit werde, wenn ſie den Tod ihres Mannes erfahre, einen bedeutenden Stoß erleiden. Prosper klopfte leiſe an das Hofthor, er wollte die Bewohner des Hauſes nicht erſchrecken und doch gehört ſein. Beim zweiten Schlag öffnete der Gärtner, wel⸗ cher auch zugleich Portier war, ſein auf die Straße gehendes Fenſter und fragte, wer klopfe. „Ich, mein guter Hermann, Prosper.. kennſt Du meine Stimme nicht?— Ah doch!... ich erkenne Dich, mein Junge... Ei, mein Gott! was thuſt Du zu dieſer Stunde hier... Du haſt vielleicht kein Nacht⸗ lager?... Warte, ich will Dir aufmachen.“ Der Gärtner zog ſeine Beinkleider an und öffnete das Hofthor; Prosper ging mit ſeinem Pferde hinein, band es im Hofe an und ſagte zu Hermann:„Wo 24. 1 iſt Deine Gebieterin?— Oben... Ich hoffe, die gute Dame ſchläft... Ach! mein armer Prosper! weißt Du, daß unſer guter Herr...— Ich weiß Alles... Ich habe in Melun dieſe ſchreckliche Nachricht erfah⸗ ren!... Aber ſeine Frau?“ „Weiß es nicht... ſeit drei Tagen haben wir, ich und die übrige Dienerſchaft, es ihr geheim ge⸗ halten. Es könnte ihr in ihrer Lage... einer Frau, die ſäugt! Schaden bringen.“ „O! Du haſt Recht, Hermann! Ihr ſeid alle brave Leute!... ihr liebt eure Herrſchaft ſehr.“ „Mein Gott! das iſt ganz natürlich... ſie hat uns nur Gutes gethan!“ „Ach! mein Freund, die Erkenntlichkeit iſt heut⸗ zutage nichts Gewöhnliches mehr, ſie iſt eine ſeltene Eigenſchaft geworden. Allein ich muß durchaus mit Madame Derbrouck ſprechen.“ „Wie! dieſe Nacht noch?“ „Eil natürlich, ſogleich ſogar... es iſt keine Zeit zu verlieren, denn es handelt ſich um ihre Rettung.“ „O mein Gott! ſteht ihr Gefahr bevor?“ „Man wird bei Tagesanbruch... vielleicht wäh⸗ rend der Nacht noch... kommen, um ſie zu verhaf⸗ ten.— Sie verhaften!“ „Ja, das Ungeheuer, welches den Mann ange⸗ klagt hat, hat auch die Frau angegeben. Es benützt den Schrecken, den es in ſeiner Sektion einflößt, zur Kühlung ſeiner Privatrache; und auf ſolche Weiſe wagen viele vorgebliche Patrioten zu behaupten, ſie dienen der Republik.“ „Ach! dieſe Neuigkeit lähmt mir Arme und Füße.“ „Jetzt iſt nichts nöthig, als Muth und beſonders Thätigkeit. Wir wollen die andern Dienſtboten nicht aufwecken, es wäre ein Ueberfluß. Laß uns zur Ma⸗ dame hinaufgehen; Du klopfſt leiſe an und rufſt ſie, um ſie von meiner Ankunft zu benachrichtigen.“ „Ja, ja! wir wollen hinauf.“ Der arme Gärtner hatte den Kopf verloren; er wollte ſich beeilen, und wußte nicht mehr, was er that: er wollte eine Jacke anziehen, um nicht halb⸗ gekleidet vor ſeiner Gebieterin zu erſcheinen, aber er fand ſeine Kleidungsſtücke nicht; er war außer Stand, ein Licht anzuzünden. Endlich gelang es ihm mit Hülfe Prospers, ſeinen Anzug zu vollenden, und er ſtieg zitternd die Treppe hinauf, während er zu dem Jüngling ſagte:„Wir wollen fachte auftreten, damit wir die arme Dame nicht erſchrecken.“ Prosper folgte dem Gärtner; als er ſah, daß der Gärtner immer weiter hinauf ging, ohne im er⸗ ſten Stock anzuhalten, wo Madame Derbroucks Ge⸗ mächer waren, dachte er, der Schrecken mache ihn verwirrt, er wiſſe nicht mehr recht, wo er ſich be⸗ ſinde, daher zog er ihn an der Jacke und fragte: „Wo gehen wir denn hin? wir ſind ſchon über die erſte Treype hinaus?“ „Ich weiß es wohl und gehe hin, wo wir hin müſſen,“ entgegnete der Gärtner, weiter hinaufſteigend. „Wie? ſind die Zimmer der Madame Derbrouck nicht mehr im erſten Stocke?“ „Ja, aber Du weißt nicht, mein braver Prosper, daß dieſe gute Dame ſeit der Verhaftung ihres Man⸗ nes den ganzen Tag im Belvedere iſt, wo ſie ihn früher zurückkehren zu ſehen hofft, und ſeit drei Ta⸗ gen... gerade ſeit der Zeit, daß er guillotinirt wor⸗ den iſt... hat ſie ſich ein Bett ins Belvedere hinauf bringen laſſen... ſie ſchläft jetzt auch dort, damit ſie, ſobald ſie erwacht, die Straße von Paris vor Augen hat!“ 3 Prosper war ſtille geſtanden, er vermochte nicht weiter zu gehen, denn ſeine Augen ſchwammen in Thränen und ſein Herz war zerriſſen. Nach einigen dem Schmerze gewidmeten Augenblicken jedoch eilte er dem Gärtner wieder nach, indem er bei ſich dachte: „Thränen ſind hier nicht am Platze.“ Sie langten ganz oben im Hauſe auf einer Ter⸗ raſſe an, worauf das Belvedere errichtet iſt. Nun traten ſie ganz leiſe vorwärts, um Madame Der⸗ brouck nicht aus der Ruhe zu ſtören. Vor der Thüre ſtanden ſie ſtille und horchten, und alsbald vernah⸗ men ſie folgenden Geſang einer zarten Stimme: „Du armer Jakob, als ich war bei Dir, Empfand ich nicht der Noth Beſchwerden; Doch jetzo, da Du ferne biſt von mir,. Fehlt Alles, Alles mir auf Erden“* Es war die damals beliebte Romanze Jean⸗Jac⸗ ques Rouſſe au's, welche Madame Derbrouck zur Wiege ihres Kind ſang, weil dieſe melancholiſche Melodie und der Inhalt dieſes Liedes vollkommen mit der Traurigkeit ihres Gemüthes übereinſtimmten. 27 „Sie ſchläft nicht! ſagte Prosper, klopf' an die Thüre, Hermann.“ Der Gärtner gehorchte, und gleich darauf rief Madame Derbrouck mit bebender Stimme:„Wer iſt da?— Ich, Madame... Ihr Gärtner, Hermann. — Und was wollt Ihr ſo ſpät, mein guter Her⸗ mann?— Ich bin nicht allein, Madame, Prosper iſt bei mir, der junge Buchdrucker, er iſt eben ange⸗ kommen, und möchte gerne... wegen ſehr wichtiger Angelegenheiten... mit Ihnen ſprechen.— War⸗ tet, ich will gleich aufmachen.“ Madame Derbrouck öffnete in der That; da ſie ſich nicht niedergelegt hatte, befand ſie ſich noch in dem vollſtändigen einfachen Anzuge, den ſie den Tag über getragen. An der Bläſſe ihres Angeſichtes, an dem ſchmerzlichen Ausdruck ihrer Züge bemerkte man deutlich, daß die Leiden ihres Gemüthes, ihre Un⸗ ruhe und die Nachtwachen ihre Geſundheit raſch zer⸗ ſtörten. Prosper trat in Begleitung des Gärtners ein, begrüßte Madame Derbrouck achtungsvoll, und dieſe ſagte:„Sie ſind's, Prosper? ich habe Sie recht lange nicht mehr geſehen... ſchon ſeit jenem Abend nicht mehr, wo wir bei ihrem Freunde Maximus Bertho⸗ lin zuſammentrafen... Ach! in derſelben Nacht hat man meinen armen Gatten verhaftet... Sie wiſſen es doch, daß er verhaftet iſt?“ „Ja, Madame, ich weiß es,“ entgegnete der Jüng⸗ ling die Augen niederſchlagend, um nicht den Blicken der Madame Derbrouck zu begegnen. 28 „Ja, mein Freund, ſie haben meinen Gatten ver⸗ haftet!... Und weßhalb? was hat er gethan?... Ach! ich ſchwöre Ihnen, er hat niemals ein Com⸗ plot gegen die Republik angezettelt. Er war mit Dumouriez bekannt, das iſt wahr... aber damals kämpfte Dumouriez für Frankreich... und ſeit er zu den Ausländern übergegangen iſt, hat mein Mann jede Verbindung mit ihm abgebrochen. Ach! ich be⸗ zweifle nicht, daß Derbroucks Unſchuld an den Tag kommt! Auch hoffe ich, ihn jeden Augenblick in meine Arme zurückkehren zu ſehen... und eben jetzt... als Sie anklopften, empfand ich eine ſtürmiſche Bewe⸗ gung!... ich glaubte mein Gatte komme zurück. Aber Sie ſind ohne Zweifel da, um mir Nachricht von ihm zu bringen... Sie haben ihn vielleicht im Ge⸗ fängniß geſehen... oder er Ihnen einen Brief für mich mitgegeben... Ach! Sie thaten wohl daran zu kommen, gleichviel um welche Stunde!... Wohlan, Prosper, ſprechen Sie doch!“ Prosper bekämpfte gewaltſam die Thränen, die ihm ſein Herz aufſchwellten; er war der Sprache nicht mehr mächtig, ſich auszudrücken; Madame Der⸗ broucks Worte ſetzten ſeinen Muth auf eine eiſerne Probe. Das Vertrauen dieſer jungen Frau war ſo groß, die Liebe zu ihrem Gatten ſo wahr, daß man ihr durch die Zerſtörung ihres Wahnes den Lebens⸗ faden abſchneiden konnte. „Nun! Prosper, Sie antworten nicht?“ fuhr Madame Derbrouck, über des jungen Mannes Schwei⸗ gen erſtaunt, fort. 29 Endlich ſammelte ſich dieſer und begann:„ Ent⸗ ſchuldigen Sie, Madame, entſchuldigen Sie... ich bin nicht... aus dem Grunde, den Sie ſich vorſtel⸗ len, in der Mitte der Nacht zu Ihnen gekommen... — Wie?.. Sie haben meinen Mann nicht geſehen? — Nein, Madame, ich habe nur erfahren, daß man auch Sie verhaften wird, und bin hergeeilt, um Sie zu bewegen, noch vor Tag zu entfliehen.“ „Mich verhaften 2... mich auch verhaften?... verſetzte Madame Derbrouck mit einem Tone, worin ſich mehr Erſtaunen, als Furcht ausſprach. „Ja, Madame, ich weiß es ganz beſtimmt; man kommt vielleicht noch vor Tag... Sie werden alſo einſehen, daß keine Zeit zu verlieren iſt. Ich werde Sie begleiten... wohin? weiß ich ſelbſt noch nicht! aber ich will Sie retten... Ol vertrauen Sie mir ohne Furcht!“ „Ich danke, Prosper, ich danke, mein Freund! entgegnete die junge Frau mit melancholiſchem Lächeln. Ach! ich zweifle weder an Ihrem guten Herzen, noch an Ihrem Muthe, aber ich kann Ihren großmüthigen Beiſtand nicht annehmen... ich will nicht.... „Was, Madame!... Sie wollen ſich einer un⸗ gerechten Verhaftung nicht entziehen?...“ 3 „Nein! denn, wenn ſie mich verhaften, werden ſie mich ohne Zweifel mit meinem Manne vereinigen. Ich werde ſie flehend bitten, mich in ſein Gefängniß zu thun; ſie können mir's nicht verweigern, und ſo⸗ mit wird, wie Sie ſehen, dieſe Verhaftung, weit entfernt, ein gefürchtetes Unglück für mich zu ſein, . 30 8 meine höchſten Wünſche in Erfüllung bringen! Ich uin ract verdrießlich, ſo lange von Derbrouck ent⸗ fernt zu ſei 1 und ſoll ihn jetzt wiederſehen! Ach! Prosper, ich habe nicht die geringſte Luſt, mich zu retten! und ſehe im Gegentheil mit Freuden dieſe Männer ankommen, die mich zu meinem Gatten füh⸗ ren werden.“ Prosper war wie vernichtet, und erſt nach einer Weile im Stande zu erwidern:„Aber, Madame, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß man Sie mit Ihrem Gatten in ein Gefängniß thun wird, darauf dürfen Sie ſich nicht verlaſſen.“ „Warum ſollte man es mir verweigern? bin ich nicht Derbroucks Frau? Ich werde ſie dringend bitten.“ „Man wird nicht auf Sie hören!“ „Doch; meine Zärtlichkeit für meinen Gatten kann in ihren Augen kein Verbrechen ſein; ſie wird ſie im Gegentheil rühren.“ „Aber ihr Kind, Madame, ihren Säugling wol⸗ len Sie ſomit verlaſſen? was wird aus Ihrer Toch⸗ ter werden, wenn ſie ſie der Mutter und Amme be⸗ rauben?“ Madame Derbrouck blieb einen Augenblick in ſchmerzliches Nachſinnen verloren, und ihre Blicke wendeten ſich kummervoll nach der Wiege Ihrer Toch⸗ ter; doch bald ſtrahlte wieder Hoffnung auf ihrem Antlitz und ſie rief aus:„Ich nehme ſie mit, man. kann mich nicht hindern, meinen Säugling mitzu⸗ nehmen, dies wird noch ein weiterer Grund ſein, daß man meiner Bitte nachgibt, mich mit meinem 31 Manne zu vereinigen. Ach! ich wiederhole es Ihnen, Prosper, weit entfernt, die Ankunft dieſer Männer zu fürchten, wünſche ich ſie von ganzer Seele ſobald als möglich herbei! denn nun iſt es ein Monat, daß Derbrouck von mir entfernt iſt, der Muth geht mir allmälig aus. Ich habe nichts, als dieſen einzigen Brief von ihm; er konnte mir nur einmal ſchreiben. Dieſen Brief leſe ich an einem fort; er iſt ſehr trau⸗ rig, obgleich man ſieht, daß er mich tröſten wollte... Ach! er langweilt ſich auch ſehr, ferne von mir! Hier, hören Sie, Prosper, ich will Ihnen den Brief mei⸗ nes Mannes vorleſen.“ Madame Derbrouck zog ein ganz zerknittertes Pa⸗ pier aus ihrem Buſen, näherte ſich dem auf dem Tiſche brennenden Lichte, und las, jedes Wort dehnend, wo⸗ durch ſie den Brief zu verlängern ſuchte, Folgendes: „Meine zärtliche Freundin, ich ſchreibe Dir aus dem Luxemburg, worin ich mit einer Menge Un⸗ glücksgenoſſen, die ebenſo wenig ſtrafbar ſind, als ich, verhaftet bin. Wie lange ſind die Tage ohne Dich! und wann wird dieſe unverſchuldete Gefangenſchaft endigen? Ich kann es nicht erwarten, bis ich vor meinen Richtern erſcheinen darf; ich habe es ſchon mehmals verlangt, allein man antwortet mir ſtets mit ſpöttiſchem Tone:„Du haſt große Eile; die Reihe wird ſchon an Dich kommen.“ Dieſe Menſchen begrei⸗ fen nicht, was man leidet, wenn man von Weib und Kind getrennt iſt! Und Du, wie geht es Dir? Ich bin überzeugt, daß Du ſehr viel leideſt, allein gib Dich dem Schmerze nicht hin; denk an Deine 8 32 Tochter, an unſere kleine Pauline; um ihretwillen mußt Du Muth haben. Lebe wohl, theure Gattin; dieſe Woche wird nicht vergehen, ohne daß ich ge⸗ richtet werde; ich hoffe folglich bald in Deine Arme zurückzukehren. Mein Kerkermeiſter verſprach mir, für die Ueberlieferung dieſes Schreibens Sorge zu tra⸗ gen; belohne den Ueberbringer reichlich. Küſſe die ſchöne Stirne meiner Tochter. Mein Gott! wann werde ich wieder bei Dir ſein!“ Die junge Frau konnte das Durchleſen dieſes Briefes nicht ohne Thränen vollenden; dann trat ſie an die Wiege ihres Kindes, küßte es mehrmals auf die Stirne und flüſterte: „Ach ja! er iſt ſchon zu lange von uns weg, und ich fühle es, jeden Tag wird mein Muth ſchwä⸗ cher. Ach! Prosper! Sie ſehen, es iſt hohe Zeit, mich mit meinem Gemahl zu vereinen.“ Der junge Mann hielt nichts mehr entgegen; er hätte der Frau des Bankiers geſtehen müſſen, daß ihr Gatte nicht mehr ſei; er hätte dieſe Hoffnung zerſtören müſſen, die allein noch die Gattin und Mut⸗ ter aufrecht hielt, und ein geheimes Schauern, eine Todeskälte lagerte ſich ſchon beim Gedanken an die Verzweiflung, welche dieſe ſchreckliche Enthüllung her⸗ vorbringen würde, auf Prospers Stirne. Der alte Hermann ſchwieg ebenfalls; der arme Mann ſtand regungslos in einer Ecke des Zimmers und ſtarrte mit den Augen zu Boden, während Pros⸗ per, an das nach der Straße gehende Fenſter ge⸗ lehnt, in tiefe Betrachtungen verſunken zu ſein ſchien. 33 Eine ziemlich lange Zeit verſtrich auf dieſe Weiſe. Madame Derbrouck ſaß an der Wiege ihrer Tochter, welche in der Umgebung von Perſonen, die tauſend⸗ fache Sorgen quälten, ruhig und friedlich ſchlief; aber das Kind war ja erſt elf Monate alt, und in dieſem Alter kennt man nur erſt die körperlichen Lei⸗ den, und es iſt daran ſchon genug. Endlich bildete ſich eine ſchwache Helle am Hori⸗ zonte; Prosper gewahrte ſie und zitterte bei dem Ausrufe:„Der Tag!... der Tag bricht an, Ma⸗ dame!...“ 1 „Um ſo beſſer, Prosper, entgegnete die junge Frau lächelnd; ich ſehe ihm mit Freuden entgegen... denn ohne Zweifel werden nun dieſe Männer bald erſcheinen... Nicht wahr, man hat Ihnen geſagt, ſie kommen Morgens?...“ „Ja, ja, Madame,“ erwiderte Prosper mit er⸗ ſtickter Stimme, indem er haſtig im Zimmer auf und ab ſchritt. „Ich werde ihnen ſagen, ſie ſollen mich ſogleich ins Luxemburg führen; denn nicht wahr, im Luxem⸗ burg ſitzt mein Mann?...“ „Aber, Madame, rief Prosper, wie von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet, aus: es iſt mir, als ob ich... ja... ich habe ſagen hören, man thue nur Männer in dieſes Haus... die Frauen ſind in einem andern Gefängniſſe... alſo ſehen Sie wohl ein, daß Sie Unrecht haben, ſich verhaften zu laſſen... Sie werden durch Ihre Gefangenſchaft nicht mit Ihrem Gatten vereint.“ Paul de Kock. XVI.. 3 „Sie täuſchen mich, Prosper; Sie ſagen dieſes nur, um mich zur Flucht zu beſtimmen; aber ich bin überzeugt, daß die Frauen auch ins Luxemburg kom⸗ men.. und wenn ich meinen Gatten nur eine Stunde, einen Augenblick des Tages... durch ein Gitter ſehen darf... ach! ſo iſt es immer weit beſſer, als wenn ich ferne von ihm ſein muß.“ Mehre heftige Schläge an das Thor drangen bis zu den im Belvedere verſammelten Perſonen. „Sie ſind's! rief Madame Derbrouck mit freudi⸗ gem Gefühle, während der alte Gärtner ſein Geſicht mit den Händen bedeckte und Prosper auf einen Stuhl niederſank, wo er flüſterte:„O mein Gott!... und ich konnte ſie nicht retten 14 „Nun! Prosper, fragte Madame Derbrouck, warum dieſes Entſetzen 2... Kommen Sie, laſſen Sie uns hinunter gehen... man muß dieſe Herren nicht war⸗ ten laſſen... Mache ihnen auf, Hermann... Pros⸗ per, wollen Sie ſo gut ſein und die Wiege meiner Tochter hinabtragen?... die arme Kleine! ſie ſchläft immer fort; wir wollen Acht geben, daß wir ſie nicht erwecken.“ Prosper hatte die Wiege genommen, und folgte Madame Derbrouck in ihre Zimmer im erſten Stockt, wo ſie die Commiſſäre der Republik mit Ruhe er⸗ wartete. Der alte Hermann machte auf: die übrigen Dienſt⸗ boten waren bereits, durch die Schläge an die Thüre aus dem Schlafe geſchreckt, auf den Beinen. Bald war der ganze Hof mit Gendarmen angefüllt, und 35⁵ drei Männer, wovon einer den Verhaftsbefehl in Händen trug, erſchienen vor Madame Derbrouck. „Bürgerin, Du mußt uns folgen, begann einer der Beamten; hier iſt der Befehl, kraft deſſen wir verpflichtet ſind, Dich, als verdächtig ins Gefäng⸗ niß abzuführen.“ „Ich erwartete euch, Bürger, antwortete ruhig die junge Frau; ich wußte, daß man mich dieſen Morgen verhaften werde... und, ſeh't... ich habe ſchon meine Zurüſtungen gemacht.“ „Ah! Du wußteſt es... und biſt nicht geflohen! verſetzte der Commiſſär erſtaunt⸗ Gut... das be⸗ weist, daß Du Vertrauen in die Gerechtigkeit des Revolutionstribunals ſetzeſt... Das kann Dir bei den Richtern von Nutzen ſein.“ „Und warum hätte ich fliehen ſollen?... Die Ge⸗ fangenſchaft kann mich nicht ſchrecken, da ſie mich mit Allem, was mir theuer iſt, vereiniget. Aber vor allen Dingen geſtattet ihr mir, mein Kind mitzunehmen, nicht wahr? Meine Tochter iſt erſt elf Monate alt, ich ſäuge ſie... ich kann mich nicht von ihr trennen...“ „S8 Kinder von elf Monaten!... was ſoll da die Republik mit anfangen?“ rief einer der drei Beam⸗ ten aus, der unter der Laſt ſeines Bauches und ſei⸗ nes dreifachen Kinnes beinahe zu erliegen ſchien, wäh⸗ rend er zugleich überall hinter den Vorhängen und unter den Möbeln herum ſpähte.„Nein, nein, Du mußt Deinen Breimarder hier laſſen!“ „Mich von meiner Tochter trennen!“ ſchrie Ma⸗ dame Derbrouck, indem ſie auf die Wiege zueilte und ſie mit den Armen umſchloß.„Ol niemals... Bür⸗ ger, ihr habt vielleicht Kinder; ach! um deretwillen flehe ich euch an, laßt mich meine Tochter mitnehmen!“ Der Beamte, welcher zuerſt geſprochen hatte, und einiges Gewicht über ſeine Begleiter zu haben ſchien, ſchien von dem Schmerze der jungen Mutter gerührt, und ſagte, gegen ſeinen Kollegen gewendet:„Warum ſollte man der Bürgerin ihren Säugling entreißen? Sie erfüllt eine der heiligſten Pflichten, und die Re⸗ publik kann es nicht mißbilligen, wenn wir Rückſicht auf ihre Lage nehmen.“ Der dicke Mann verzog bloß ſein Geſicht, wackelte mit dem Bauche und entgegnete barſch:„Wie Du willſt! Aber die Gefängniſſe mit Wickelkindern an⸗ füllen... es fehlt ſchon an Raum für die Großen.“ „ Du kannſt Deine Tochter mitnehmen, Bürge⸗ rin,“ antwortete der oberſte Beamte, gegen Madame Derbrouck gekehrt. „Ach! ich danke euch! ich danke euch, Bürger!“ rief die junge Frau mit ſanftem Lächeln gegen die ſie Verhaftenden aus;„und nun habe ich nur noch eine Bitte an euch zu richten... und ich hoffe gleich⸗ falls, daß ihr mir ſie nicht abſchlagen werdet!“ „Worin beſteht ſie, Bürgerin?“ „Mein Mann iſt auch Gefangener... er iſt im Luxemburg... Schon ſeit einem Monat iſt er ver⸗ haftet, und dieſe Zeit wurde mir ſehr lang!... wollt ihr waht die Güte haben, und mich zu ihm einſper⸗ ren... oder, wenn es nicht geſtattet wird, daß ich daſſelbe Zimmer mit ihm theile, ſo ſorgt dafür, daß 37 ich nicht gar zu weit von ihm wegkomme... daß ich ihn bisweilen von meinem Fenſter aus ſehen kann... Ach! Bürger, verſagt mir dieſe Gnade nicht... bringet mich in daſſelbe Gefängniß mit meinem Gatten.“ Während die junge Frau ſprach, betrachteten ſich die drei Beamten ſchweigend und erſtaunt; zwei ſchie⸗ nen gerührt, aber derjenige, welcher zuvor ſchon die die junge Mutter von ihrem Kinde trennen wollte, rief jetzt unmuthig aus:„Was leierſt Du uns da vor von Deinem Manne.. und demſelben Gefäng⸗ niſſe... Iſt nicht Dein Mann der Bankier Derbrouck, jener Holländer und Freund des Dumouriez 2..— Ja, Bürger...— Wohlan denn! der iſt vor vier Tagen guillotinirt worden!...“ 4 Als die unglückliche Frau dieſe entſetzlichen Worte vernahm, gab ſie keinen Laut von ſich, aber alles Blut wich ihr aus dem Angeſichte, und ſie wäre zu Boden geſtürzt, wenn Prosper nicht herbeigeflogen wäre und ſie in ſeinen Armen aufgefaßt hätte. „Ihr habt ſie getödtet! Ihr habt ſie getödtet!“ rief der Jüngling, Madame Derbrouck auf ein Bett tragend, während ein Kammermädchen herbeieilte, um ſie ins Leben zurückzurufen. „Noiroud! ſprach der Oberbeamte zu dem Dicken, Du hatteſt nicht nöthig der Bürgerin den Tod ihres Mannes ſo plötzlich mitzutheilen!“ „Konnte ich mir vorſtellen, daß er ihr unbekannt ſei,“ verſetzte der Bürger Noiroud, ſeine dummen Augen um ſich her wälzend.„Ein Mann, der vor vier Tagen hingerichtet wurde!... Das weiß man, 38 das ſchreit man in den Straßen umher. Ich glaubte, ſie ſage das nur zum Spaßel..“ „Was fangen wir aber jetzt an; dieſe Frau iſt in einem bedenklichen Zuſtande!“ „Bah! bah! das gibt ſich unterwegs im Wagen, die friſche Luft wird ihr gut thun!“ „Im Wagen!“ ſchrie Prosper haſtig, zwiſchen die Commiſſäre tretend.„Wäret ihr im Stande eine ſterbende Frau wegzuführen, ſie beſinnungslos in ein Gefängniß zu ſchleppen, damit ſie dort hülflos ohne Freundesnähe den Geiſt aufgebe! O! Bürger, das könnet ihr nicht thun, denn dann wäret ihr keine Menſchen, ſondern Tiger!...“ „Was will der von uns?“ entgegnete Noiroud, Prosper mit Staunen anblickend,„das iſt, ich wette drauf, ein Achſelſchnurträger,* ein Parteigänger Ron⸗ ſin's.— Was ich will? Du ſollſt die Bürgerin hier in ihrem Hauſe laſſen; ſie kann ſich nicht aus demſelben entfernen, ſie wird nicht entfliehen, dafür ſtehe ich, aber ins Gefängniß nach Paris geht ſie nicht.“ „Ah! Du ſtehſt dafür. Wer biſt Du denn, daß Du ſo ſtolz ſprichſt?“ „Ein wahrer Republikaner, ein braver Sanscu⸗ lotte, der weder Dich noch ſonſt Jemand fürchtet! Wollen wir hinunter gehen und uns im Hofe den Kopf zerſchlagen? ſo komm', es iſt bald vorbei; ich habe ein Paar prächtige Piſtolen.“ Der Bürger Noiraud machte ein ſaures Geſicht, indem er ſeine Kollegen anſah, und der Obercommiſſär * Damals ein Schimpfname. 39 ſprach zu Prosper:„Bürger, ich glaube an die Reinheit Deiner Geſinnungen. Ich geſtehe, der be⸗ klagenswerthe Zuſtand dieſer jungen Frau rührt mich; allein rathe, was ſollen wir beginnen* wir haben den Befehl, ſie zu verhaften und nach Paris zu führen.“ „Und wenn ich vom Wohlfahrtsausſchuß eine Er⸗ laubniß auswirkte, dieſe Frau, unter Aufſicht eines Wächters, in ihrem Hauſe zu laſſen?“ 8 „Ol dann verſtände ſich's von ſelbſt. Dazu müßte man aber nach Paris gehen, ein Mitglied des Aus⸗ ſchuſſes aufſuchen, und...“ „Dafür laßt mich ſorgen. Ich habe ein Pferd unten, ihr müßt hier eure Siegel auflegen. Erwartet mich!... ol verſprecht mir, eine Stunde auf mich zu warten!...In einer Stunde, ſchwöre ich, bin ich zurück.“ „Nun denn, es ſei!... eine Stunde wollen wir warten...“ Prosper achtete kaum noch auf dieſe letzten Worte, ſchon war er im Hofe auf ſeinem Pferde; er nöthigte das arme Thier, Galopp einzuſchlagen, verſchwand auf der Straße nach Paris, und Hermann rief, ihm mit den Augen folgend, aus:„Armer Junge! möchte es ihm gelingen!“ Während die Regierungsbeamten die Möbeln durch⸗ ſtöberten, die Papiere durchſuchten, und auf Alles, wo ſie es nöthig hielten, die Siegel drückten, blieb Ma⸗ dame Derbrouck immer noch beſinnungslos; verge⸗ bens war ihre Dienerſchaft um ſie bemüht, ſie kehrte nicht zu dem Leben zurück, und der Bürger Noiroud, 40 der im Ab⸗ und Zugehen nach ihrem Bette hinblickte, ſagte achſelzuckend:„Ich glaube der junge Burſche mit der rothen Hoſe macht eine überflüſſige Reiſe... dieſe Ariſtokratin wird todt ſein, ehe er zurückkehrt.“ „Arme Frau! rief Hermann aus, es wäre viel⸗ leicht beſſer für ſie, wenn ſie die Augen nicht mehr aufſchlüge!... aber ihr Kind! ihre arme Tochter!“ Die Zeit verſtrich; die Siegel waren gelegt, der dicke Noiroud ſchaute nach der Uhr und ſagte:„Es iſt wohl eine Stunde, daß wir hier ſind... der An⸗ dere kehrt nicht zurück. Die Frau macht auch kein Ende... man muß ſie in den Wagen tragen laſſen. Ich habe keine Luſt, einen ganzen Tag hier zu bleiben. Ich habe in Paris zu thun... man ſpricht in meiner Sektion... es ſind ohnehin nicht viel Redner dabei, und ich bin einer davon. Ich will fort.“ „Noch eine Weile, Noiroud, verſetzte der Ober⸗ commiſſär, auf die Uhr ſehend, ich habe dem jungen Sansculotten verſprochen, eine Stunde auf ihn zu warten... und es fehlen noch fünf Minuten dazu!“ „Du biſt heute ſehr gemäßigt, Herr Kollega! Wenn Du ſo der Republik dienſt!...“ „Ich diene ihr vielleicht beſſer als Du, denn ich ziehe nicht den Haß auf ſie.“ Der Redner wußte nichts zu entgegnen, und in demſelben Augenblick vernahm man einen lauten Lärm im Hofe; es war Prosper, der zurückkehrte, und der, um noch zu rechter Zeit anzulangen, ſein Pferd un⸗ aufhörlich zum Galopp angeſpornt hatte; beim Her⸗ einreiten in den Hof fiel das arme Thier nieder, um 41 nie mehr aufzuſtehen, allein Prosper eilte raſch zu den Commiſſären, hielt ein Papier in der Hand, wel⸗ ches er ihnen vorwies, und rief aus:„Hier iſt die Erlaubniß!... ich habe reuſſirt... Ich ſtellte mich dem Ausſchuſſe vor, redete die anweſenden Mitglie⸗ der an, doch, was ich ſprach, weiß ich nicht mehr, nur ſo viel, daß ſie mich ohne Unterbrechung anhör⸗ ten, und als ich aufgehört hatte, unterzeichnete und überreichte mir einer dieſes Papier mit den Wor⸗ ten:„Diene der Republik wie Deinen Freunden, dann kann ſie auf Dich zählen.“ „Ja.. dieſes Papier iſt in Ordnung, ſagte der Oberbeamte; die Bürgerin kann in ihrem Hauſe blei⸗ ben, man gibt ihr nur einen Wächter bei, den ich erwählen darf, und dazu ernenne ich den Portier des Hauſes. Vorwärts, Kameraden, wir können gehen.“ Prosper ergriff die Hand des Beamten und drückte ſie innig in der ſeinigen; dies galt für tauſend Worte des Dankes, und überdies hatten ſich dieſe beiden Männer verſtanden. „Gehen wir, ſagte der Bürger Noiroud, es war übrigens nicht der Mühe werth, uns umſonſt in Be⸗ wwWegung zu ſetzen.“— Wenige Augenblicke darauf hatten ſich die Gerichts⸗ beamten entfernt, und die Dienerſchaft ſegnete Pros⸗ per, daß er die Wegführung ihrer Gebieterin ver⸗ hindert hatte. Der junge Mann begab ſich an's Bett und ver⸗ einte ſeine Sorgfalt mit den Uebrigen, um Madame Derbrouck Beiſtand zu leiſten. Seit einigen Minuten 42 ſchien ein convulſiviſches Athemholen das Ende dieſer Kriſis anzudeuten; Alle wünſchten und fürchteten den Augenblick, wo die Unglückliche zur ganzen Erkennt⸗ niß ihres Unglücks erwachen werde. Dieſer Moment trat indeß ein. Madame Derbrouck ſchlug die Augen auf, richtete ſich in die Höhe, blickte um ſich, ſtieß einen Schmerzensſchrei aus und ſagte:„Ach! nein, nein! es iſt nicht möglich! ſie haben ihn nicht ge⸗ tödtet... es iſt ein Traum... ein ſchrecklicher Traum!... Alle Umſtehenden vergoſſen Thränen; die junge Frau begriff, daß ihr Unglück wirklich war. Dann wurde ihr Blick ſtarr, und ihre Vernunft hätte ſie vielleicht verlaſſen, aber Prosper, der dieſen Augen⸗ blick zum Voraus ahnte, eiltezur Wiege, nahm das Kind heraus und überreichte es der Mutter. Beim Anblick ihres Kindes traten wieder Thrä⸗ nen in Madame Derbroucks Augen, ſie drückte ihre Tochter an's Herz und rief aus:„Ja... ja... Sie haben Recht, Prosper... um ihretwillen muß ich leben... ich muß dieſen fürchterlichen Schlag aus⸗ halten, damit Pauline keine Waiſe wird... Achl ich will mich bemühen, mein Leben zu erhalten... ob⸗ wohl es ohne ihn ein endloſer Schmerz iſt... Aber meine Tochter... meine arme Kleine... liebes Kind, theures Kind... ſie haben Deinen Vater um⸗ gebracht!“ Die arme Mutter konnte nicht endigen, Thränen erſtickten ihre Stimme, und Alle um ſie her antwor⸗ teten nur durch Schluchzen. — 43 Als dieſer erſte Anfall von Verzweiflung einem ruhigeren Schmerze gewichen war, entfernten ſich die Dienſtboten, und Madame Derbrouck ſprach zu Pros⸗ per:„Wie kommt es, daß ich noch hier bin? Waren dieſe Männer nicht da, um mich zu holen?“ „Doch, Madame; aber ich war in Paris beim Wohlfahrtsausſchuß, um die Erlaubniß auszuwirken, Sie als Gefangene in Ihrem Hauſe zu laſſen... Ich habe geſagt, Sie ſäugen ihr Kind, und man hat mei⸗ nen Bitten nachgegeben... Es gibt noch Leute, welche die ſüßen Gefühle der Natur noch achten. Man hat Ihnen geſtattet, in Ihrem Hauſe zu bleiben... Und der Mann... der Anführer der mit Ihrer Verhaf⸗ tung beauftragten Commiſſäre... war auch gerührt von Ihrer Verzweiflung, er hat den Portier zu Ihrem Wächter ernannt... wodurch Ihnen deutlich genug die Flucht leicht gemacht iſt...“ 3 „Ich danke, Prosper, ich bin Ihnen viel ſchul⸗ dig, mein Freund... Ach! das unſelige Ereigniß war Ihnen ohne Zweifel bekannt... Sie wußten, daß mein Mann nicht mehr lebte... und wagten nicht, es mir zu ſagen... nun begreife ich die Urſache Ihrer Traurigkeit, Ihres dumpfen Schweigens, als ich Ihnen ſagte, ich ſei ſo glücklich, wieder zu mei⸗ nem Gatten zu kommen.„. Und ſie haben ihn um⸗ gebracht! Ach! und er war ſchuldlos! Sie wiſſen es wohl... Doch, ich habe Muth verſprochen... ich werde mich beſtreben, für meine Tochter zu leben... Allein ich will nicht fliehen, ich will hier bleiben und hier mein Schickſal erwarten. Sie müſſen recht müde 44 ſein, mein Freund, nach ſo viel Unruhe und An⸗ ſtrengung, die Sie meinetwegen hatten. Gehen Sie, legen Sie ſich zur Ruhe; gehen Sie, ich bitte Sie, denken Sie an Ihre koſtbare Geſundheit; bedenken Sie, daß Sie jetzt mein... und achl ich fürchte ſehr, dieſes Kindes einzige Stütze ſind... Gehen Sie, mein Freund, Hermann wird, ich zweifle nicht daran, ſor⸗ gen, daß Ihnen nichts abgeht.“ Prosper gab den Bitten der Madame Derbrouck nach; er fühlte außerdem ein großes Bedürfniß zu ſchlafen; ſeitdem er von Melun hergerast war, hatte er keine Sekunde ausgeruht; mag man gleich nur achtzehn Jahre alt und kräftig ſein, man merkt doch, daß man nicht von Eiſen iſt. Hermann führte den jungen Mann in ein kleines Zimmer, worin ſich ein gutes Bett befand. Prosper legte ſich nieder und verfiel alsbald in einen tiefen Schlaf. Einige Stunden der Ruhe genügten Prosper; er hätte ſich jetzt wieder im Stande gefühlt, in geſtreck⸗ tem Galopp nach Melun zu jagen, wäre ſein Pferd nicht todt geweſen. Aber beim Hinuntergehen, um ſich nach Madame Derbroucks Geſundheit zu erkun⸗ digen, begegnete ihm Hermann mit blaſſem und be⸗ ſtürztem Antlitz. 2 „Was iſt für ein neues Unglück begegnet? rief Prosper aus. Sprecht, was iſt wieder geſchehen?“ „Ach, mein Gott! meine arme Gebieterin em⸗ pfindet einen neuen Schmerz! entgegnete weinend der Gärtner; und ich fürchte, alle dieſe Leiden zuſammen 1 4⁵ werden die arme Frau tödten! Eben hatte ſie ihr Kind bei ſich, und es fing an zu ſchreien; dann er⸗ innerte ſie ſich, daß ſie ihm ſeit heute Nacht die Bruſt nicht mehr gereicht hatte: ſchnell wollte ſie dieſe Ver⸗ geſſenheit wieder gut machen; aber ſtellen Sie ſich ihren Jammer, ihre Verzweiflung vor!... ſie hatte keine Milch mehr! Die arme Mutter iſt nunmehr außer Stands, ihr Kind zu ſäugen. Zwar, da dieſes ſchon elf Monate alt iſt, kann man es wohl mit et⸗ was Anderem aufziehen, und es hat auch in ihrer Gegenwart Alles, was man ihm darbot, eingeſogen; aber deſſen ungeachtet empfindet Madame Derbrouck einen großen Schmerz, und ich fürchte ſehr, ſie möchte deßhalv recht krank werden.“ „Hermann, man muß einen Arzt holen... geh, ſchaffe ſogleich einen an; ich will unterdeſſen Madame Derbrouck zu tröſten und zu beruhigen ſuchen.“ Der Gärtner ging eiligſt fort, und Prosper trat, nachdem er ſich vorher bei dem Kammermädchen er⸗ kundigt, ob er hinein dürfe, in Madame Derbroucks Zimmer; er fand ſie, ihr Kind an die Bruſt haltend und Ströme von Thränen vergießend, als ſie ſah, wie ihr Paulinchen vergebens nach der Nahrung ſuchte, die ſie ihm nicht mehr gewähren konnte. Der junge Mann ſuchte die arme Mutter zu tröſten, allein dieſe ſchüttelte traurig den Kopf und ſprach:„Ich kann meine Tochter nicht mehr ſäugen; Sie ſehen folglich, mein Freund, daß mein Leben überflüſſig iſt, und der Himmel mir geſtattet, zu meinem Gatten hinüber⸗ zugehen.“ 46 „Ach! Madame, was ſprechen Sie da! rief Pros⸗ per aus, reicht eine Mutter ihrem Kinde nur körper⸗ liche Nahrung? iſt denn die Sorgfalt, welche ſie auf daſſelbe verwendet, und wodurch oft ſeine Geſundheit erhalten wird, die Bildung ſeines Herzens, die Auf⸗ klärung ſeines Geiſtes, das Beſtreben, es vor Laſtern zu behüten, während man ihm Tugenden einflößt... überflüſſig? Nicht alle Mütter ſind im Stande, ſelbſt ihre Kinder zu ſäugen, die Natur verweigert ihnen zuweilen dieſe Gunſt; aber alle haben die Verpflich⸗ tung, die erſten Schritte derſelben und ihren Eintritt daß die junge Frau ein heftiges Fieber hatt befahl Ruhe und Stille der Seele... jene Mi die man nicht in den Apotheken findet. 5 Die kleine Pauline aß ohne Schwierigkeit Alles, was man ihr darreichte. Prosper machte Madame Derbrouck hierauf aufmerkſam, und wiederholte ihr, der Arzt habe erklärt, es ſei nichts für die Geſund⸗ heit ihres Kindes zu fürchten. Die junge Mutter lächelte ſchwermüthig, und reichte Prosper die Hand, indem ſie ſagte:„Mein Freund, ich bin Ihnen ſchon ſo ſehr verpflichtet, geben Sie mir einen letzten Be⸗ weis Ihrer Ergebenheit.— Reden Sie, Madame, befehlen Sie über mich.— Wohlan! entfernen Sie ſich nicht aus dem Hauſe, verlaſſen Sie mich nicht, 47 bevor ich vollſtändig hergeſtellt bin; denn es iſt mir, als ob Sie mir noch einen großen Dienſt leiſten könnten... wollen Sie?— Ich bleibe, Madame, ol ich bleibe, ſo lange Ihnen meine Gegenwart von Nutzen iſt.“ Madame Derbrouck ſchien durch dieſes Verſprechen veruhigt, und Prosper verließ ihr Zimmer, nachdem er ſie vorher dringend gebeten hatte, ein wenig auszu⸗ ruhen. Er ging in Garten hinab, und während er in den Alleen herumſpazierte, die der holländiſche Ban⸗ kier mit ausländiſchen Pflanzen und Geſträuchen hatte verzieren laſſen, dachte der Jüngling an Camilla, die ſich in Walun befand, wo ſie auch großen Ge⸗ fahren ausgeſetzt war; aber die Liebe ſiegte nicht über die Erkenntlichkeit, und trotz ſeines lebhaften Verlanaens, über Camilla zu wachen, galt Prosper ſein prechen theuer; er war feſt entſchloſſen, ſo lan b. Madame Derbrouck zu bleiben, als dieſe ſein⸗ Gegenwart wünſchen würde. Am folgenden Tag ſchien die Wittwe des Ban⸗ kiers gefaßter, aber aus ihren Augen leuchtete eine düſtere Glut, und das Fieber hatte nicht nachgelaſ⸗ ſen. Der Arzt kam wieder, befühlte den Puls, ſchüt⸗ telte unzufrieden den Kopf und rieth, wie geſtern, ſtrenge Ruhe und Stille. Vierzehn Tage verfloſſen: Madame Derbrouck be⸗ klagte ſich nicht mehr, aber ſie wurde außerordentlich ſchwach, ihre Stimme ganz matt, und ihr erloſche⸗ ner Blick ſtrahlte nur bisweilen vom Fieberglanze. Nach Verlauf dieſer Zeit verlangte die junge Frau, die nicht mehr im Stande war, ihr Bett zu verlaſ⸗ ſen, ins Belvedere gebracht zu werden, wo ſie ſo lange ihren Gatten erwartet hatte. Man beeilte ſich, ihren Wünſchen zu willfahren. Sie wurde ins Belvedere hinaufgetragen, und die Wiege ihrer Tochter neben ſie hingeſtellt; Prosper wich faſt nicht mehr von ihrer Seite, und indem er die Kranke betrachtete, ſah er ein abermaliges Unglück voraus, welchem durch keinerlei Sorge vorgebeugt werden konnte. Aber obgleich ihn ſein Herz oft an Camilla erinnerte, obgleich ihn die Unruhe über deren Schickſal faſt verzehrte, ſtieg doch kein Gedanke in ihm auf, die arme Kranke zu verlaſſen. In einer Nacht, da ſich Madame Derbrouck noch ſchlechter fühlte, gab ſie Prosper einen Wink, ſich ihr zu nähern, dann nahm ſie ihn bei der Hand, drückte ſie in ihren brennenden Händen und ſagte zu ihm: „Ich habe Sie gebeten, hier zu bleiben... weil ich zum voraus ahnte, daß ich bald ſterben werde, und ich fühle, ich habe mich nicht getäuſcht.“ Prosper wollte ſie unterbrechen, ſie winkte ihm aber, zu ſchweigen, und fuhr fort:„Mein Freund, kein Arzt vermöchte mir das Leben wieder zu geben. Ich habe den Tod empfangen, als ich den meines Gatten erfuhr. Ich bin nicht zu beklagen, aber meine Tochter, die ſo jung ſchon Waiſe iſt, und kein Ver⸗ mögen hat, denn was wir hier beſitzen, wird ver⸗ kauft! Mein Mann hatte zwar Gelder bei einem Bankier in Antwerpen und hat kürzlich ein prächtiges Landgut in der Touraine gekauft, das iſt übrigens 8 49 Alles, was ich weiß, denn ich war nicht mit dem Geſchäftsgang vertraut, und bei ſeiner Verhaftung wurden alle Papiere hinweggenommen. Wenn nun folglich der Bankier in Antwerpen kein ehrlicher, rechtſchaffener Mann iſt, ſo kann er läugnen, Gelder von meinem Manne in Verwahrſchaft zu haben... Mein Gott! die Kraft verläßt mich... Prosper, wollen Sie für meine Tochter ſorgen, ſie ſchützen, Elternſtelle bei ihr vertreten? Ihnen, mein Freund, vertraue ich meine Pauline an... Ach! ich verlange viel von Ihrer Freundſchaft für uns... „Madame, rief Prosper aus, ich bin ſtolz auf das Vertrauen, welches Sie in mich ſetzen! Ich will für Ihre Tochter Sorge tragen und ſie überwachen, wenn es das Schickſal verlangt... aber Sie werden nicht ſterben, Madame; o! nein, faſſen Sie Muth, der Himmel wird Sie Ihrem Kinde erhalten.“ Madame Derbrouck verſuchte zu lächeln, zu erwi⸗ dern, ab r das Vorhergeſagte ſchien den Reſt ihrer Kräfte er chöpft zu haben. Ihre Augen ſchloſſen ſich und ſie ſchien mehre Stunden einer ſanften Ruhe zu genießen. Prosper hoffte, daß ſich die Kranke nach ihrem Erwachen beſſer befinden werde, aber gegen Morgen ergriff Madame Derbrouck ein heftiges Fie⸗ ber; als ſie die Augen aufſchlug, blickte ſie verwirrt um ſich, dann wollte ſie ſich aus dem Bett erheben und an's Fenſter eilen, um zu ſehen, ob ihr Mann zurückkomme, ob er nicht auf der Straße herannahe. Dieſem Delirium folgte eine ſchreckliche Abmat⸗ tung; nur machte ſie von Zeit zu Zeit eine Bewegung, Paul de Kock. XVI. 4 50 als ob ſie ihr Kind nehmen wollte, ſie glaubte es an ihrer Bruſt zu halten, und bildete ſich ein, ſie ſäuge es noch. Und mitunter flüſterte ſie die Romanze vom ar⸗ men Jakob, weil ſie dann der Meinung war, ſie wiege ihr Kind in Schlaf. Doch gegen Abend hatte ſich das Fieber und das Delirium gelegt; und nicht lange darauf wurde die Unglückliche mit dem vielgeliebten Gatten vereint. Nachdem Prosper dem Schickſal dieſer Frau, welcher das Loos eine ſo ruhige, heitere Zukunft zu verſprechen ſchien, und die ſo jung und unglücklich ſterben mußte, reichliche Thränen gewidmet hatte, fragte es ſich, was er noch länger in Paſſy machen ſolle. Er bat Hermann ihm ein Päckchen der noth⸗ wendigſten Effekten für die kleine Pauline zuſammen zu machen, und ſagte, das Kind in ſeine Arme neh⸗ mend, zu dem alten Gärtner:„Ich nehme die mir anvertraute Waiſe mit mir! Von nun an muß ich ſorgfältig über dieſe arme Kleine wachen. Sie iſt erſt ein, ich erſt achtzehn Jahre alt. Ich bin etwas jung, um Vaterſtelle bei ihr zu vertreten, allein ich hoffe, dennoch des Vertrauen, welches ihre Mutter in mich ſetzte, würdig zu ſein. Lebe wohl, mein guter Hermann.“ Der Gärtner wollte Prosper zurückhalten und ſagte:„Aber dieſes Haus gehört Herrn Derbrouck, und Alles, was darin iſt, iſt das Erbtheil ſeiner Tochter.— Nein, mein Freund, dieſe Güter werden zum Vortheil der Nation verkauft. So geht man in 51 unſern Tagen zu Werke. Aber ſei nicht in Sorgen wegen dieſer Waiſe... ſo lange Prosper lebt, wird es der Tochter meines Wohlthäters an nichts fehlen.“ Und Prosper kehete mit dem Päckchen Effekten und dem Kinde in den Armen nach Paris zurück. 9 122 h. 1 E ſhurc=e / Drittes Kapitel 4 5— Die guten Leute, nn hehan kam, immer noch das kleine Mädchen im Arme haltend, in Paris an; er war ganz mit dem Aühne beſchäftigt: bald fürchtete er, es habe kalt, und bedeckte es, dann deckte er es wieder auf und ſprach mit ihm, küßte es und ſuchte es zum Lachen zu brin⸗ gen; der arme Junge hatte ſo viel zu thun, das Ge⸗ ſchäft war ihm ſo neu, daß es ihm keine Zeit ließ, zu bedenken, was er, wenn er einmal in Paris ſei, anfangen, und wie er ſich und ſeiner kleinen Schutz⸗ befohlenen für ein Nachtlager ſorgen wolle. Einmal innerhalb Paris, lenkte Prosper die Schritte ſeiner frühern Wohnung zu; doch bald hielt er, ſich an Goulard erinnernd, ſtille: denn dieſer Mann mochte Beſchwerde gegen ihn eingereicht haben, und könnte überdies das Kind des unglücklichen Der⸗ broucks mit dem Elenden in einem Hauſe wohnen, der ſeine Eltern angeklagt hatte? „Nein, ſprach Prosper bei ſich, nein, ich will 52 nicht mehr in dieſem Hauſe bleiben! es iſt mir jetzt verhaßt... und meine kleine Pauline wäre nicht in Sicherheit!... Ach! wenn ich wüßte, wo Maximus' Mutter, die gute Frau Bertholin iſt! wie ſchnell würde ich ihr das theure, mir anvertraute Gut über⸗ bringen! ſie hätte ſo treulich für die Kleine geſorgt! Ach! ich ſelbſt, ich fühle es wohl, bin mit dem beſten Willen nicht im Stande, dieſes theure Kind aufzu⸗ ziehen; es iſt noch zu klein... ein Frauenzimmer muß Mutterſtelle bei ihm vertreten... und zwar ein Frauen⸗ zimmer, welches würdig iſt, einen ſolchen Schatz zu bewahren!... die für das Kind ſorgt und es liebt, wie ich es liebe. Wo find' ich dieſes Frauenzimmer? was ſoll ich anfangen? wo gehe ich hin? Die liebe Kleine muß Hunger haben... ich weiß nicht, was ich ihr geben ſoll... Soll ich ihr ein Stückchen Ku⸗ chen, eine Bretzel kaufen?... ach nein! ſie würde daran erſticken... O! ich bin grauſam in Verlegen⸗ hrit!... Damit lief Prosper weiter in den Straßen von Paris umher, hielt das Kind in ſeinen Armen, wiegte es, wenn es ſchrie, reichte ihm ein Stängelchen Ger⸗ ſtenzucker, den er gekauft hatte, und war überglück⸗ lich, als er die Kleine daran ſaugen ſah. 3 Die Vorübergehenden betrachteten dieſen jungen, ſonderbar gekleideten Mann, der einen Säbel an ſei⸗ nem Gürtel hangen, eine ungeheure Mütze auf dem Kopf hatte, und die Rolle einer Kindsmagd ſpielte. 3„Gib ihm zu trinken, ſagte der Eine.— Halt es voch beſſer! rief ihm ein Anderer zu.— Iſt's Dein * 53 kleines Brüderchen?— Wenn das ſein Kind iſt, iſt es ein famoſer Papa.— Steck es in Deine Kappe, ſie iſt groß genug dazu, dann wird's nicht mehr ſchreien.“ 4* Prosper erwiderte nichts auf dieſe ſchlechten Witze, aber er fing an, ungeduldig zu werden, und wenn er das Kind nicht auf den Armen gehabt hätte, ſo würde er Denjenigen, die ſich ſolche unverſchämten Bemerkungen erlaubt hatten, die gehörige Züchtigung gegeben haben. Der arme Junge hatte ſchon im Sinn, nach Me⸗ lun zurückzukehren; aber dort war er eben ſo verle⸗ gen, die Waiſe Jemand anzuvertrauen, als in Paris. Bei ſeinem Freunde Durouleau durfte er nicht hoffen, eine Mutker für dieſes Kind zu finden. So lief Prosper immerfort planlos umher, reichte der Kleinen, ſo oft ſie ſchrie, den Gerſtenzucker und dachte:„ unglücklicherweiſe kann man das Kind nicht bloß mit Gerſtenzucker aufziehen!... Ach! wenn nur Fräulein Camilla nicht ſo jung wäre!... Doch, an was denke ich? dürfte ich es wagen, die Tochter eines Grafen mit der Aufziehung eines armen klei⸗ nen Mädchens zu beläſtigen?... Und wenn es Fräu⸗ lein von Trevilliers auch auf ſich nehmen wollte, ſchwebt ſie nicht ſelbſt in tauſend Gefahren? könnte man ſie nicht auch verhaften? O! nein, nein, dort wäre die Tochter des unglücklichen Derbrouck nicht in Sicherheit... Sackerlott! ich hätte gute Luſt, zu einem Reſtaurateur hineinzugehen, und Brei für uns beide zu verlangen.. ich würde mit dem Kind eſſene* 54 6 In dieſem Augenblicke befand ſich Prosper in der Bärenſtraße; beim Vorübergehen an einem Pelzladen ſah er eine höchſt eitel gekleidete Frau mit einem ſehr ausgeſchnittenen Halſe, die auf der Schwelle ihrer Thüre ſtand, wo ſie ſich mehr mit ihrem Anzuge als mit ihrem Handel zu beſchäftigen ſchien. Es war Euphraſia. Sie erkannte Prosper, lächelte ihm anmuthig zu und rief:„Ach, mein Gott! Bür⸗ ger Prosper, was trägſt Du denn da? Ei, das iſt ja... ein Kind, wahrhaftig!— Ja, entgegnete Prosper, vor dem Laden ſtehen bleibend, es iſt ein Kind.— Tritt doch ein, ruhe ein wenig aus! glaubſt Du das Haus falle Dir über den Kopf?“ Prosper verlangte nichts Beſſeres. Er trat in den Pelzladen des Bürgers Picotin ein, über wel⸗ chem der Schild mit dem ſansculotten Kater angebracht war, ſetzte ſich und ſagte:„Da Du es erlaubſt, Bürgerin, bin ich ſo frei einen Augenblick auszuruhen, denn ich bin müde.— Ich will's wohl glauben, wenn Du das Kind ſchon lange auf den Armen haſt... Was iſt's denn? ein Knabe oder ein Mädchen?— Ein Mädchen.“ „Wie, laßt es einmal ſehen... Ach, wie hübſch! Schau!.. ich meine, ich hätte es ſonſt ſchon geſehen ... Das iſt aber kein Wunder, in dieſem Alter glei⸗ chen ſich die Kinder alle... Ach! wie glücklich wäre ich, wenn's mein gehörte... Aber mein Mann iſt ſo tappig... Uebrigens komme ich allmälig auf den Gedanken, es ſei nicht ſeine Schuld, ich ſelbſt bin 5 Tbörig organiſirt, um Mutter zu werden. 55⁵ Ach! die arme Kleine ſchreit... muß man ihr Etwas geben?“ „Ja, wenn Sie Milch hätten... würde ſie welche trinken.— Milch habe ich keine; aber die Kaufmännin gegenüber muß welche haben, ſie hat ſieben ganz kleine Kinder, worunter drei paar Zwillinge ſind... man ſieht nur Breilöffel und Klyſtirſpritzen in ihrem Hauſe: Familien⸗Gemälde! Ich will ſie um Milch bitten.“ Euphraſia ging fort und Prosper dachte:„Dieſe junge Frau hat ein gutes Herz; aber ich möchte ihr doch mein Kind nicht anvertrauen, ſie iſt zu leicht⸗ ſinnig, zu eitel.“ er K md 5,— Aahe Das kleine Mädchen fing zu weinen an, Prosper war nicht im Stande es zu beſchwichtigen, als Pi⸗ cotin, mit einem Pack Felle beladen, in den Laden trat und ausrief: Ich bin betrogen! ſchimpflich be⸗ trogen!.. Dies ſind Schaffelle, die man für weiße Bärenfelle an mich verkauft hat!.. Der Teufels⸗Ro⸗ mulus ſchmiert mich immer ſo an.“ V Picotin warf ſeine Felle auf den Ladentiſch; als er Prosper in einer Ecke ſitzen ſah, war er ganz erſtaunt und ſchien nicht ſehr erfreut über deſſen Be⸗ ſuch. In dieſem Augenblicke kam ſeine Frau mit einer Taſſe Milch wieder zurück. 1 „Hier bringe ich Etwas zur Beruhigung der Klei⸗ nen, ſagte Euphraſia, ohne zu thun, als ob ſie die Anweſenheit ihres Mannes bemerkte; aber wie gibt 1 man ihr zu trinken? ich verſtehe es nicht.— Sie nimmt's aus einem Löffel, entgegnete Prosper.— „ 56 Gut, ich will einen Löffel holen... Warte ein we⸗ nig, Bürger.“ Picotin betrachtete nach einander ſeine Frau, Pros⸗ per und das Kind, und machte eine höchſt lächerliche Figur; als endlich Euphraſia mit einem Löffel zurück⸗ gekehrt war und dem Kinde die Milch eingab, rief er aus:„Bürgerin, Frau, ſiehſt Du nicht, daß ich da bin?— Eil o mein Gott, freilich! man ſieht Dich nur zu gut... was denn? Warum ſagſt Du dem Bürger Prosper nicht guten Tag?.. erkennſt Du ihn nicht?.. Er iſt ein Freund von Maximus Ber⸗ tholin.“ 8— „Doch, doch, ich erkenne den Bürger, ich erinnere mich ſogar, daß er bei der erſten Aufführung von Epicharis und Nero im Theater der Republik auf meinem Schoße ſaß.“ „Wahrhaftig! verſetzte Prosper, ich war ſo zer⸗ ſtreut an jenem Abend... Ich habe Dich vielleicht abſichtslos-beleldigt.. wenñ Du jedoch Genuͤgthuung verkangſt, ſo ſtehe ich zu Deinen Dienſten, Bürger.“ Bei dieſen Worten ſchlug Prosper auf ſeinen Sä⸗ belgriff; allein Picotin, der beim Klirren des Säbels bleich wurde und zitterte, ſuchte 24 liebenswürdige Miene anzunehmen und entgegnete:„Warum nicht gar? Bürger!.. Habe ich geſagt, Du hätteſt mich beleidigt?.. im Gegentheil, Du haſt mir ein Ver⸗ gnügen dadurch gemacht; unter Bekannten ſetzt man ſich, wo Platz iſt. Gleichheit, Brüderſchaft... man ſitzt auf einander hinauf... oder Tod!.. Geht's gut, Bürger?— Ja.. ich danke Dir.“ 37 „Frau, Du weißt es noch nicht, Romulus hat d mich wieder angeführt; er hat mir Schaf für weißen Bären gegeben.— Eil mein Gott, das wundert † mich nicht! Du biſt ſo dumm. Demnächſt gibt man Dir Seidenhaſenpelz(lapin) ſtatt Fuchspelz.“. „Ol was das betrifft, da iſt keine Gefahr zu, X fürchten; ich verſtehe mich zu gut auf die Seiden⸗ X½ haſen... um ſo mehr, als ich ſelbſt... ohne daß X es ſo ſcheint... ein ausgezeichneter Seidenhaſe* ☚. bin.— Thatſache iſt nur, daß es durchaus nicht ſo X ſcheint! ſagte Euphraſia achſelzuckend.“ 8 „Ei aber, Bürger Prosper, was iſt denn das für ein Breimarder, den Du auf den Armen haſt? fragte X Picotin nach einer Pauſe.— Das iſt... das iſt ein 1 Kind, erwiderte Prosper, welches ich ſehr lieb habe..— — Es ſcheint ſo.“ „Sie iſt allerliebſt dieſe Kleine! rief Euphraſia ₰ aus. Ach! mein armer Picotin, ſchämſt Du Dich nicht, mir nicht eine ähnliche gemacht zu haben? 3 Schwelg doch! umner daſſelbe Geſchwätz, ſagte Pi⸗ „ N cotin zornig und mit dem Fuße ſtampfend, wenn ich 4 meiner Frau 54 ſo müßte ich meine ganze Zeit 8 8 4, 1 A — 1. damit zubringen. beim Pelzgeſchäfte hat man ohne⸗ dies genug zu thun... Um aber wieder auf das— Kind zurückzukommen, Bürger... Iſt es mit Dir— verwandt... oder wäre es vielleicht gar... ſchau, ſchau!... das würde mich nicht wundern; Du biſt ein Burſche, der ſchon ſo viele„Streiche gemacht hat... 4 ag L⸗ +— l. Lapin drückt 7 ein unüberſetzbares Wortſpiel aus.. 00— 5 Vr R. en Bu A S ͤͤ Sln le., zeeeee. 58 Prosper blickte mißlaunig nach Picotin und brummte:„Ei was geht's Dich an! muß ich Dir Rechenſchaft geben?— Nein, ſicher nichte Du biſt vollkommen frei. Es lebe die Freiheit!.“ Ich ſagte das ohne Arg. Apropos, Euphrm a, ich bin eben Poupardot begegnet, der iſt verg ügt; ſeine Frau iſt's.“ 1 „Seine Frau iſt's! was? iſt es möglich, ſich ſo unvollkommen auszudrücken?— Nun, beim Kuckuk, ſeine Frau iſt... ſchwanger... das erräth man, das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Ach! ſie iſt ſehr glücklich.“.1I., „Ja, ſie iſt ſchon mehre Monk wanger; ſie hat es ihrem Manne geheim gehalten, um ihm eine ſüße Ueberraſchung zu bereiten. Poupardot iſt ent⸗ zückt; er hat mir ſchon geſagt, er werde das Kind, wenn es ein Knabe ſei, Rübe, oder wenn es ein Mädchen ſei, Schalotte heißen. Ich habe ihn mei⸗ nes Beifalls verſichert; das wird dem neuen Nalender lieb ſein.“ Euphraſia ſchenkte dem Geſpräche ihres Gatten keine Aufmerkſamkeit mehr; da aber Prosper den Namen Poupardot ausſprechen hörte horchte er eifrig auf Picotin. Als dieſer zu ſprechen aufgehört hatte, fragte er:„Nicht wahr, Bürger, das Ehepaar Pou⸗ pardot lebt gut miteinander?“ „Sie führen einen muſterhaften Eheſtand! ſie ſchnäbeln in einem fort, wie ein paar Turteltau⸗ ben!..— Ja, verſetzte Euphraſia höhniſſch, ſie ſoll⸗ ten in einem Vogelneſte auf einem Baume oben ſein.“ 59 „Möchteſt Du mir ſagen, wo ſie wohnen? fragte Prosper weiter.— Ach! ja... wo ſie ihr Neſt haben, wie ſich meve Frau ausdrückt; nicht weit von da... vorn in der Norſtadt Denis Numero ſieben, acht, oder dreißig, in nem Hauſe, wovor eine Maſſe Koth liegt.. „Schon gut, ſagte Prosper aufſtehend; und nun, Bürgerin, empfange meinen Dank für die Sorgfalt, die Du dieſem Kinde gewidmet haſt.— Wie, gehſt Du ſo ſchnell wieder? fragte Euphraſia den jungen Mann mireer freundlichſten Miene.“ 1 „Ja, Bürg— Achl das iſt nicht Recht; Du häceſt mit u Nittag eſſen ſollen; das hätte mir und meinene ne ein großes Vergnügen gemacht, nicht wahr, Picoun?— Ja, ja, es wäre mir ſehr angenehm geweſen! verſetzte Picotin mit einer ellen⸗ langen Naſe.“ „Ich erkenne eure Gefälligkeit mit Dank an, er⸗ widerte Prosper, aber ich kann nicht bleiben.— Du kommſt aber doch hoffentlich ein ander Mal wie⸗ der, Du weißt jetzt das Haus?— Abgeſehen davon, iſt der ſansculotte Kater überall bekannt, ſagte Picotin.“ „Sobald ich Zeit habe, beſuche ich euch wieder. Ich werde Deinen freundlichen Empfang nicht ver⸗ geſſen, Bürgerin. Lebt wohl, Bürger Picotin, ich wünſche Dir wohl zu leben.— Oder den Tod! brummte Picotin, ſich vor dem, den er mit Freuden aus dem Hauſe hinausgehen ſah, bis auf den Boden verbeugend.“ 60 Prosper ſchlug, immer mit dem Kinde auf dem Arm, den Weg zum Thore Saint⸗Denis ein, wel⸗ ches man damals nur ſchlecht weg Denis⸗Thor hieß, weil alle Heiligen verboten waren, und weil es im Reiche der Freiheit nicht geſtattet war, Religion zu haben. Der junge Mann fand Poupardots Wohnung bald; er ging bebend hinauf, denn er war ſehr er⸗ griffen und fürchtete ſeine Hoffnung vereitelt zu ſehen; ein Dienſtmädchen machte ihm auf und führte ihn in das Wohnzimmer, wo die beiden Gatten beiſam⸗ men waren. Prospers Anzug machte einen ſonderbaren Ein⸗ druck. Er trug keine entblößte Bruſt, ſah aber deſſen ungeachtet dem Räuberhauptmann Robert bedeutend ähnlich; als ihn Poupardots Frau gewahrte, fing ſie zu zittern an, ſie faßte jedoch wieder Muth, als ſie das kleine Weſen in ſeinen Armen bemerkte. Poupardot hatte Prosper unverzüglich erkannt und rief ihm zu:„Das iſt der Bürger Prosper Breſſange, den ich vor ungefähr drei Wochen im Theater der Republik traf... Guten Tag, Bürger, es iſt recht ſchön von Dir, daß Du uns beſuchſt... Eliſa, Du mußt den Bürger kennen... wir haben ihn bei Maxi⸗ mus geſehen.“ „Ja, jetzt iſt er mir wieder erinnerlich, obwohl ihm dieſe große Mütze ein ſehr verändertes Anſehen gibt.“ „Biſt Du nicht mehr in einer Druckerei, Bürger? fragte Poupardot, ich meine, das war ſonſt Dein Ge⸗ ſchäft.— Allerdings, entgegnete Prosper, aber ich 61 habe es aufgegeben... Wir leben jetzt in einer Zeit, wo mehr gehandelt, als gearbeitet wird.“ „Du haſt Recht... Ja! wir ſchreiten vorwärts! wir werden aufgeklärt! es geht gut, ganz gut! einige Fehler ausgenommen.“ Dabei rieb ſich Poupardot mit freudiger Miene die Hände, während ſeine Frau Prosper einen Stuhl anbot und zu ihm ſagte:„Setz Dich doch, Bürger... Mein Gott! welch hübſches Kind haſt Du auf dem Arme! Es iſt aber noch gar zu jung, um einem Manne anvertraut zu werden!..“ „Nicht wahr, Bürgerin, dieſe Kleine iſt ſchon recht intereſſant?— O ja... Und ich liebe die Kinder über die Maßen!..“ „Wir werden bald eines bekommen! verſetzte Poupardot ſelbſtvergnügt. Sieh, Bürger... man merkts ſchon deutlich.“ — S 1 die junge Frau erröthend. Spricht man auch über ſolche Dinge!— Eil warum nicht! Zwiſchen Mann und Frau... iſt's erlaubt, es iſt uns ſogar durch die heilige Schrift anempfoh⸗ len, worin es heißt: Wachſet und vermehret euch.⸗ „Ach! ich wollte, mein Kind wäre ſchon ſo groß wie dieſe hübſche Kleine da!.. Wie alt iſt ſie, Bür⸗ ger?— Ein Jahr.— Ein Jahr... Sieh doch, Poupardot, wie friſch und roſig ſie iſt... Willſt Du ſie mir ein wenig geben, Bürger?“ Statt aller Antwort reichte Prosper der jungen Frau das Kind hin, dieſe küßte es herzlich und rief aus: Es lächelt mich an, das liebe Kind!.. Ach! 62 wie glücklich muß ſeine Mutter ſein!.. Obwohl ich nicht an dem Antheil zweifle, den Du für die Kleine hegſt, muß ich Dir doch geſtehen, Bürger, daß, wenn ich ihre Mutter wäre, ich ſie Niemand anvertraute.“ „Ihre Mutter! flüſterte Prosper mit zu Boden gehefteten Blicken, ihre Mutter!... ach! ſie hat keine Mutter mehr! ſie iſt eine Waiſe... Ihr Vater iſt ein Opfer der Revolution. Sie hat keine Eltern und kein Vermögen mehr... Sie hat nur mich als Stütze auf der Welt! mich... der nicht einmal weiß, wie er ihr das Eſſen eingeben ſoll!“ Poupardot ſchien erſtaunt und ergriffen, ſeine Frau bedeckte das Kind auf ihrem Arme mit Thränen und ſtammelte:„Arme Kleine!... keine Eltern mehr! Was ſoll denn aus ihr werden! Du biſt zu jung, Bürger, um dem Kind alle ihm nöthige Hülfe zu leiſten! Du wäreſt es überhaupt außer S 10 „In der That, entgegnete Prosper traurig, fühle ich wohl, daß mein beſter Wille nicht zureichen würde. Auch habe ich deßhalb an Maximus' Mutter... an die gute Frau Bertholin gedacht... und wollte ihr das Kind bringen; aber ſie hat ſich mit ihrem Sohn aus Paris entfernt, und man weiß nicht, wohin ſie ſich gewendet haben.“— Während Prospers Erzählung drückte die junge Frau das Kind an ihr Herz, küßte es zärtlich, blickte nach ihrem Manne hin, und ſchien ihn mit ihren Augen zu demſelben Gedanken, den ſie hatte, aufzu⸗ muntern. Endlich konnte ſie nicht mehr an ſich halten und rief aus:„O! Bürger, wenn Du mir das kleine — — 63 Mädchen anvertrauen wollteſt, ich würde treulich für ſie ſorgen! Mutterſtelle an ihr vertreten... Das Kind, worauf ich hoffe, wird mich nicht an der Liebe zu dieſem verhindern, ſondern im Gegentheil!... Sie werden mit einander ſpielen... und immer um mich ſein! bis der glückliche Zeitpunkt kommt, werde ich all meine Aufmerkſamkeit auf dieſe Kleine richten, mich ſomit zum voraus als Mutter einüben, und bis der Himmel mir mein Kind zuſendet, ſchon in Allem unterrichtet ſein... Nicht wahr, Poupardot, Du wünſcheſt, daß wir dieſe hübſche Kleine behalten? Ver⸗ ſichere doch den Bürger unſerer Sorgfalt für ſie.“ Poupardot ſprach nichts; er ſchien durch den Vor⸗ ſchlag ſeiner Frau allzugerührt, Thränen traten ihm in die Augen; nach einer Weile faßte er ſie beim Kopf, küßte ſie vielmals, wendete ſich dann gegen Prosper und ſagte:„Nicht wahr, ich habe eine brave Frau, hm?— Daran hatte ich nie gezweifelt,“ ent⸗ gegnete Prosper mit höchſter Rührung. „Du willſt dieſe Kleine behalten... Nun ſo ſoll ſie da bleiben... Mir iſt's Recht... deßhalb können wir unſere eigenen Kinder doch lieben und gut erzie⸗ hen!.. Ich bin's ja im Stande... ich habe ja Ver⸗ mögen! Man hat mir mein Haus mit Aſſignaten be⸗ zahlt... nur verlieren ſie alle Tage an ihrem Werthe, die Aſſignaten... Allein ſie werden auch wieder ſtei⸗ gen!... Ol es wird ſchon gut gehen... Alſo wir behalten das Kind... es iſt ausgemacht.“ „Dieſe Kleine wurde mir von ihrer ſterbenden Mutter anvertraut, ſagte Prosper. Ich gebe ſie mit Freuden in Ihre Hände; aber unter der Bedingung, daß Sie mir ſie zurückgeben, wenn ich ſie ſpäter wie⸗ der verlange.“ „Du ſollſt immer die Rechte eines Vaters an ſie haben, entgegnete Eliſa; aber ich denke, daß Du mit der Zurücknahme warten wirſt, bis ſie gehen und ſprechen kann... Sei ruhig, ich werde ihr die Liebe zu Dir einpflanzen... Ich bin überzeugt, ſie bekommt ein gutes Herz!... „Suche, ſie Dir ähnlich zu machen! rief Prosper aus, indem er Eliſa's Hand ergriff, das wird ihr größtes Lob ſein... Ach! Bürgerin, wie viel Dank bin ich Dir ſchuldig... denn ich geſtehe Dir, ich war ſehr verlegen, was ich mit dieſem Kinde anfangen ſollte!... 3 „Wir ſind Dir dankbar, vaß Du zu uns gekom⸗ men biſt... Ei, wie heißt dieſe Kleine.— Pauline.“ „Pauline... Und mit dem Familiennamen?“ fragte Poupardot. Aber Eliſa blickte unwillig nach ihrem Mann hin und tadelte ihn:„Deine Frage iſt vielleicht indiscret... Was geht uns der Namen der Eltern... der Familie dieſes Kindes an! Müſſen wir ihn wiſſen, um daſſelbe zu lieben, um dafür zu ſorgen? Wenn es ein Geheimniß iſt, Bürger Pros⸗ per, ſo verſchweig es... Die Kleine heißt Pauline, das genügt uns!“ Poupardot ſchien etwas beſchämt über die von ſeiner Frau erhaltene Lektion, und doch war ſeine Neugierde ſehr natürlich. Prosper beeilte ſich, dieſelbe zu befriedigen und begann:„Es iſt kein Geheimmiß 8 6⁵ darunter, wenigſtens für euch nicht, die ihr die Er⸗ ziehung der Waiſe übernehmen wollt, was ich nicht im Stande wäre. Das kleine Mädchen iſt das ein⸗ zige Kind des holländiſchen Bankiers Derbrouck, der mit Maximus und mir in einem Hauſe wohnte... Dieſer Mann hatte mir mehrmals große Dienſte ge⸗ leiſtet; er war voll Güte gegen mich, und ich allein habe ſeine Wohlthaten nicht vergeſſen! Ach! der Him⸗ mel hat mich dafür belohnt, weil mir Madame Der⸗ brouck ihr Kind anvertraut hat.“ „Derbrouck!... deſſen erinnere ich mich! ſagte Poupardot, ich hatte mehrmals in Handelsangelegen⸗ heiten Geſchäfte mit ihm... Es war ein Mann, deſſen Anblick allein ſchon Achtung und Verehrung ein⸗ flößte... Und er wurde hingerichtet?“ „Er war ein Bekannter Dumouriez's... das hat ihn ruinirt...“ „Und Du ſagſt, es gehe gut, Poupardot!“ rief die junge Frau mit gen Himmel gerichteten Blicken aus. „Goulard... der Portier des Bürgers Derbrouck, ein Elender! hat den Bankier angeklagt. Er klagte auch deſſen Frau an; aber ſie iſt dieſen Morgen, mit einem Rufe nach ihrem Gatten, verſchieden. Dieſer Miaenſch, dieſes Ungeheuer ſcheint raſend gegen die Familie, von der er doch nur Wohlthaten genoß.“ „So lange die Kleine bei uns iſt, verſetzte Eliſa, haſt Du nichts für ſie zu fürchten.— Zudem be⸗ ſuchſt Du uns manchmal... ſo oft Du willſt... Du weißt, daß Du uns immer angenehm biſt,“ ſagte Poupardot, dem jungen Mann die Hand ſchüttelnd. Paul de Kock. XVI. 5 “ „Ich danke Dir, entgegnete Prosper, aber ich weiß nicht recht, was mir Alles bevorſtehen wird... Es liegt mir noch Jemand am Herzen, für den ich ſorgen möchte; dieſe Perſon wohnt jedoch nicht in Paris... und heute werde ich die Stadt noch ver⸗ laſſen.“ „In jedem Fall, Bürger, damit Du weißt, wo Du uns finden, oder wo Du hinſchreiben kannſt, um Nachrichten über das Kind zu erhalten, künde ich Dir zum voraus an, daß wir gleichfalls Paris verlaſſen werden; meine Frau und ich haben uns entſchloſſen, uns auf ein Landgut zu begeben, welches ich in der Nähe von Clichy beſitze; dort leben wir ruhiger, wenn man uns nicht ſtört... und können unſer Kind... das heißt, jetzt unſere Kinder beſſer erziehen. Allein Clichy iſt nicht ferne, es liegt vor den Thoren von Paris.— Ich kenne den Ort und hoffe euch bald dort zu beſuchen. Nun dieſer Kleinen noch einen Kuß, euch beiden einen Handdruck, und dann lebet wohl. — Was! ſchon...“ „Du gehſt ſo bald wieder... bleibſt nicht bei uns zu Tiſche?.“ „Nein, ich wiederhole euch, ich erwarte ungedul⸗ dig Nachrichten von einer andern Perſon... Lebet wohl, meine guten Freunde; ihr erlaubt mir doch dieſen Ausdruck, nicht wahr?“ 4 „Und ich verlange ſogar, daß Du mir und mei⸗ ner Frau einen Kuß gibſt; ſchau, ich kenne Dich noch nicht lange, aber ich betrachte Dich ſchon wie einen Bruder.“ 67 Prosper ſchloß Poupardot und deſſen Frau in ſeine Arme, empfahl ihnen Pauline noch einmal, küßte die Kleine abermals und entfernte ſich, dem Himmel dan⸗ kend, daß er ihm den guten Gedanken eingegeben hatte, die Waiſe zu dieſen guten Leuten zu thun. Viertes Kapitel. Die zwei Nächte. „Und nun, dachte Prosper, da ich über das Schick⸗ ſal des mir anvertrauten Kindes beruhigt bin, iſt es mir erlaubt, auch an mich, das heißt, an meine Liebe zu Camilla zu denken. Seit meiner ſechswöchigen Abweſenheit von Melun, kann ihr ein Unglück zuge⸗ ſtoßen ſein; ich habe Durouleau den Auftrag gege⸗ ben über ſie zu wachen, aber es fragt ſich, ob der ehemalige Brauer, der im Grunde kein böſer Mann zu ſein ſcheint, immer Meiſter über den Eifer der ihn umgebenden Patrioten blieb!... Wer weiß, ob ſeine Freundſchaft für mich nicht kühler geworden iſt! gleichviel, ich will wieder zu ihm gehen. Ich kann ihm ſein Pferd zwar nicht wieder zurückbringen, denn es iſt hin, aber ich ſage, es ſei im Dienſte der Re⸗ publik d'rauf gegangen.“ Prosper hatte kein Geld mehr in der Taſche, aber er war kräftig, muthig und erſt achtzehn Jahre alt; ein Alter, wo man nichts fürchtet. Er begab ſich um drei Uhr Mittags auf den Weg, und langte Abends zehn Uhr in Melun an. Er hatte innerhalb ſieben Stunden elf zurückgelegt und fühlte ſich nicht müde, weil er verliebt war und auf dem ganzen Wege an Camilla dachte. Wer hieran zweifeln ſollte, den frage ich: Sie waren alſo nie verliebt oder eiferſüchtig? wollten nie eine Geliebte überraſchen, heimlich beobachten, oder unverhofft in ihre Nähe gelangen 2 Denn, wenn dies der Fall geweſen wäre, ſo wüßten Sie, daß man in ſolchen Fällen nicht läuft, ſondern fliegt. Prosper klopfte an Durouleau's Haus; Jeannette, das junge Dienſtmädchen, machte ihm auf und ſtieß einen Freudenſchrei aus, als ſie ihn erkannte; denn Jeannette fühlte viel Freundſchaft für den Schützling ihres Herrn und ſie war ein großes, hübſches Mäd⸗ chen, deren ſchwarze und ſanfte Augen Alles aus⸗ drückten, was in ihrem Herzen vorging. „ Ach! unſer Herr wird froh ſein, Dich wieder zu ſehen, Bürger Prosper, er ſehnt ſich recht nach Dir. Alle Tage ſagt er: iſt mein junger Freund mit der rothen Hoſe wohl an den Miſſi... Miſſi... ach! mein Gott, ich weiß nicht mehr recht... ach ja! pipi, Miſſippi geflohen?“ „Nein, Jeannette, hier bin ich, entgegnete Pros⸗ per, das junge Mädchen anlächelnd, welches immer ſo erfreut war, ihn zu ſehen; aber Dein Herr iſt vielleicht ſchon ſchlafen gegangen?“ 4 „Nein, Bürger, mein Herr hat, ſeit Du fort biſt, einen heftigen Gichtanfall gehabt; erſt ſeit acht 69 Tagen geht es wieder beſſer, und heute Abend hat er, als er wieder nach Hauſe kam, ein Nachteſſen ver⸗ langt. Er hat ſich eben in ſeinem Zimmer an den Tiſch geſetzt; Du kommſt gerade recht, um ihm Ge⸗ ellſchaft zu eißten. 1 „Meiner Treu! das kommt mir nicht ſchwer an, denn ich ſterbe vor Hunger.“ Prosper wartete nicht lange, bis ihm Jeannette leuchtete, er eilte die Treppe hinauf und fand Du⸗ rouleau vor einem gut verſehenen Tiſche, wie er eben ein Rebhuhn mit Trüffeln tranchirte. „Guten Appetit!“ rief Prosper, ſeinem Freunde die Hand hinſtreckend. „Ach! Du biſt es, mein braver Rothhoſe! rief der dicke Durouleau aus, indem er entzückt die Hand ſeines Freundes drückte. Ich bin glücklich, Dich wie⸗ derzuſehen; ſeit Deiner Entfernung ging's nicht mehr gut: es fehlt an Appetit; die verfluchte Gicht zog in mein Bein; der Arzt hat mich auf's Waſſer geſetzt! ſchöne Lebensweiſe! Doch jetzt geht's etwas beſſer, und nun biſt Du da; nun wollen wir unſere heitern Mahlzeiten wieder beginnen... Nun, nun, ſetze Dich doch... Prosper verlangte nicht mehr als Ruhe und Stär⸗ kung. Jeannette brachte ein Gedeck, Durouleau ließ Volney und Champagner auftragen. „Ich glaubte, es ſei Dir befohlen, nur Waſſer zu trinken,“ ſagte Prosper, als er den Gichtleidenden Champagner in große Gläſer einſchenken ſah.“ „Ganz gewiß, aber, ſobald es beſſer geht, ſpotte ich des ärztlichen Rathes. Er hat mir auch geſagt, ich ſoll nichts als Kartoffeln eſſen, daher ſtopfe ich mich mit Trüffeln voll.. Ach! meiner Treu, mein Junge, wenn man ſechzig Jahre alt iſt, meine ich, ſollte man ſich nichts mehr verſagen; man hat nicht mehr viel Zeit zum Genuſſe übrig... Nun, nun! Deine Geſundheit Prosper. Ach! wenn Du wüßteſt, wie froh ich bin, Dich wiederzuſehen, wie ungeduldig ich Dich erwartete...“ „Danke! danke! alter Römer, entgegnete Prosper, noch einmal ſeines Freundes Hand drückend. Auch ich habe mich nach Dir geſehnt, denn ich habe vielerlei Fragen an Dich zu ſtellen.“ „Vor allen Dingen wollen wir eſſen und trinken. — O! nein, gib mir ſogleich Antwort! Camilla... die Tochter des Grafen von Trevilliers?— Sei ruhig, Du wirſt ſie ſehen! ſie iſt unverletzt!— Es iſt ihr Nichts geſchehen! Gottlob! ich athme wieder auf.— Nichts geſchehen! das iſt anders, ſagte Du⸗ rouleau, eine Paſtete anſchneidend.— Wie? iſt ihr etwas geſchehen? war ſie Gefahren ausgeſetzt. Du hatteſt Dich mir mit Deinem Kopfe für dieſes junge Mädchen verpfändet.— Ei, Sapperment! ich weiß es wohl. Ich habe Dir gelobt, Du ſolleſt bei Deiner Rückkehr noch Herr ihres Schickſals ſein, und ich habe meinen Eid gehalten. Aber laß uns zu Nacht eſſen; wir haben noch lange Zeit über Geſchäfte zu ſpre⸗ 1 chen... Deine Geſundheit!“ Prosper that, Durouleau zu gefallen, ſeiner Neu⸗ gierde Gewalt an; außerdem war er ſelbſt ſo hungrig, — 71 daß er kein langes Geſpräch hätte aushalten können. Aber nachdem er drei Viertel von der Paſtete verzehrt und hintereinander ein paar Flaſchen geleert hatte, betrachtete er ſeinen Wirth und ſprach:„Hoffentlich wirſt Du jetzt reden.“ „Ja, ja! wir haben es uns ordentlich ſchmecken laſſen... Ja, ich erkenne Dich wieder, Du biſt immer der Mann auf dem Platze. Du wirſt Dich übrigens wundern, mich ſo allein bei Tiſche gefunden zu ha⸗ ben, da doch ſonſt immer die Freunde, die Getreuen daran Theil nahmen.“ „Wahrhaftig... haben ſie Dich verlaſſen?.. Das ſcheint eben nicht wahrſcheinlich, man ſpeist zu gut bei Dir.“ „Benedikt, der Gewürzkrämer, iſt einer Erbſchaft wegen verreist; Ducroquet hat ſich mit einem ſeiner Buſenfreunde geprügelt, der ihm das Schlüſſelbein eingeſchlagen hat, und mußte längere Zeit das Bett hüten. Cornelius Ducornard iſt nach Paris gegangen, um Robespierre ſein Werk anzutragen, welches er über die Nothwendigkeit, in Frankreich nur lateiniſch zu ſprechen, damit man den Römern ähnlicher werde, geſchrieben hat. Ich geſtehe Dir, daß es mich bedeu⸗ tend genirte, wenn ſeine Motion genehmigt würde, obgleich Cornelius mich verſichert hat, er lehre mich ein wenig Küchenlatein, ſoweit es für mich nöthig ſei. — Weiter?— Was Trappeur anbetrifft, ſö iſt dies ein Duckmäuſer, dem ich meine Thüre gewieſen habe; doch das hängt mit der Tochter des Emigranten zu⸗ ſammen.— Ach! ſprich, ſprich, ich bitte Dich.“ 2 72 „Deine Geſundheit! Ich fange ſchon an. Nun, ſo wiſſe denn, daß Trappeur, einige Zeit nach Dei⸗ ner Entfernung, von Dir zu ſprechen anfing; er er⸗ laubte ſich beleidigende Aeußerungen über Dich.“ „Was ſagte er? Erkläre Dich, ich verlange es.“ „Zuerſt behauptete er, Du habeſt uns betrogen; Du ſeieſt kein Abgeſandter von Paris; kurz, Du ſeieſt ein falſcher Sansculotte. Ich und die Andern ergriffen Deine Partei, ich beſonders... Ich erinnerte ſie an jenen Abend, wo Du den Freiheitsbaum wie⸗ der aufgepflanzt haſt, und machte mich für Deine Grundſätze und Deinen Bürgerſinn verantwortlich; als Trappeur nun merkte, daß ich nicht ſeiner An⸗ ſicht war, fing er an, von der Tochter des Grafen von Trevilliers zu ſprechen, und daß Du geſagt habeſt, Du ſeieſt mit ihrer Bewachung beauftragt; hierauf ſchlug er vor, da Du ſie nicht mehr über⸗ wacheſt, ſolle man ſie zur Vorſicht verhaften. Dieſes Verfahren wollte ich bekämpfen, dann hat er mich einen haltloſen Gemäßigten, einen Freund der Ade⸗ ligen geſchimpft! Alsdann habe ich ihm ein Flaſche an den Kopf geworfen, die unglücklicherweiſe nur ſeinen Hut getroffen hat. Du kannſt Dir vorſtellen, daß er ſich ſeitdem nicht mehr bei mir ſehen ließ; aber um ſich zu rächen und Dir einen Streich zu ſpielen, hat er die Tochter des Emigranten angeklagt. Zum Glück habe ich überall meine Freunde... Ci⸗ tron, der Perükenmacher, hat mich in Zeiten hievon unterrichtet; dann begab ich mich ſelbſt zu der kleinen Ariſtokratin, ſagte ihr, Du ſchickeſt mich, man wolle 73 ſie verhaften, ſie müſſe ſich retten und ſich plötzlich verbergen. Die Kleine folgte mir ohne Zögern und ich verſteckte ſie an einem Orte, wo, ich ſtehe Dir dafür, ſie Niemand ſuchen wird.“ Prosper ſtand vom Tiſche auf, um ſich Durou⸗ leau an den Hals zu ſtürzen und rief aus:„Du biſt ein braver Mann, Du haſt Camilla gerettet!... Du begreifſt gar nicht, welchen Dienſt Du mir geleiſtet haſt! Ich verdanke Dir das Leben.“ „Ja... ich habe Deine Camilla gerettet... ich hatte Dir verſprochen, Du könneſt bei Deiner Rück⸗ kehr noch über ſie verfügen; ich habe mein Wort ge⸗ halten. Ob ich dadurch, daß ich die Verhaftung die⸗ ſer jungen Ariſtokratin verhinderte, der Republik einen Dienſt leiſtete, weiß ich nicht recht... denn, ſiehe, unter uns geſagt... wenn Du verlangſt, daß ich frei von der Bruſt ſprechen ſoll, ſo muß ich Dir geſtehen, daß ich nun in der That glaube, Du ſeieſt aus eige⸗ nem Antriebe und nicht im Dienſte der Regierung immer um das Mädchen herumgeſtrichen.. kurz, ich bin der Meinung, Du ſeieſt in Camilla verliebt... Hm!l iſt es ſo?— Ja... ja, ich liebe ſie, ich bete ſie an! Ich will Dir's nicht mehr verbergen... Aber glaubſt Du denn, Durouleau, die Verhaftung dieſes jungen Mäd⸗ chens ſei zur Sicherheit Deines Vaterlandes nöthig?... Nein, nein, gib keinen ſolchen Dummheiten Gehör... Denkt man in Camilla's Alter an Verſchwörungen?... Glaub' mir, durch die Rettung derſelben haſt Du ein gutes Werk vollbracht, welches Du keinen Grund zu bereuen haſt.“ 74 „Ol ich bereue nie etwas... Abgeſehen davon, wiederhole ich Dir, ich habe Dich lieb gewonnen... Du haſt die kleine Cidevant... verlangt... ich habe ſie Dir aufbewahrt... Nun, laß uns doch trinken!— 4 Und ſage mir.. wo iſt ſie?— Sei unbeſorgt... ich ſtehe dafür, ſie iſt ganz in Sicherheit, und es geht ihr durchaus nichts ab.“ „Kann ich ſie morgen ſehen?— So lange Du willſt.— Iſt ihre Gouvernante bei ihr?— Die Gouvernante! ach! warum nicht gar, nein; ich habe das junge Mädchen verborgen, das iſt ſchon genug; aber ich verberge keine Gouvernantinnen....“ „Und wie lange iſt es, ſeit ſich Camilla aus ihrem Hauſe geflüchtet hat?— Fünf Tage.— Fünf Tage erſt... Man hat ohne Zweifel Nachſuchungen nach ihr angeſtellt?“ „Ah! das will ich meinen: Trappeur that wü⸗ thend, als ihm die Kleine entwiſcht war... er iſt vielleicht auch in ſie verliebt...“ „Und ihr Zufluchtsort wurde nicht entdeckt?— O! nein. Ich ſage es Dir noch einmal, es iſt nichts zu fürchten... Komm, trink, iß. Du biſt hoffent⸗ lich zufrieden?— O! gewiß... ich weiß nicht wie ich Dir meine Erkenntlichkeit beweiſen ſoll..— Stoß mit mir an!— O! ſo oft Du willſt!— Nun, ſo laß ich mir's gefallen.“ Man leerte noch eine weitere Flaſche Champagner; Prosper war entzückt über ſeinen Wirth, und dieſer, der auch höchſt vergnügt ſchien, ſchüttelte, ſo oft er 75 nach ſeinem jungen Freunde hinblickte, auf ganz be⸗ ſondere Weiſe mit dem Kopfe. „Ei!l und mein Pferd, fragte Durouleau, biſt Du mit ihm zufrieden geweſen?— Sehr wohl... Ich habe es Dir nicht mehr zurückgebracht... es iſt in Paſſy krepirt... „Schon gut! mach' Dir aber deßhalb keine Sor⸗ gen, ich habe noch andere Pferde, die Dir zu Dienſte ſtehen.— Meinen Dank, alter Römer; wahr⸗ haftig, Du zeigſt eine Freigebigkeit gegen mich... wie habe ich ſie verdient?“ „Meiner Treu, dieſe Frage könnte ich nicht leicht beantworten... ich war allein... ich habe keine An⸗ verwandten... keine Kinder... langweilte mich in meinem großen Hauſe... und wußte nicht, obgleich es mit Möbeln überfüllt iſt, was ich darin anfangen ſollte. Seit Du bei mir wohnteſt, hatte ich Unter⸗ haltung... Du haſt Leben und Bewegung in mein Haus hereingebracht... ich möchte Dich immer bei mir behalten... Deine Geſundheit!“ Als die beiden Tiſchgenoſſen noch bei ihren Glä⸗ ſern ſaßen, hörte man zwei Uhr ſchlagen. „Teufel! es iſt ſchon ſpät in der Nacht, ſagte Durouleau; aber wenn man bei Tiſche ſchwatzt, ver⸗ geht die Zeit ſchnell. Du wirſt müde ſein, mein Junge, Du mußt ſchlafen gehen.— Gerne. Aber morgen, ſobald ich auf bin, will ich Camilla be⸗ ſuchen.... 3— „ Beruhige Dich... ich ſage Dir... morgen wirſt Du zufrieden ſein, ha, ha, ha!— Warum lachſt 76 Du denn, wenn Du mich anſiehſt?— Ach, es fährt mir ein Gedanke durch den Kopf... Darf ich denn aber nicht lachen, wenn ich mit mir zufrieden bin... Geh, lege Dich ſchlafen; Du weißt, wo Dein Zimmer iſt?.. „Gewiß...— Warte, warte... ich will Dir den Schlüſſel geben...— Haſt Du denn mein Zimmer abgeſchloſſen?..— Niemand als ich kann hinein... Hatteſt Dur t ein kleines Päckchen darin liegen laſſen?.. V „Ach! fa.. Meiner Treu, ich dachte nicht mehr daran! es enthält den Reſt von meines Pathen Erb⸗ ſchaft.— Ich weiß nicht, was es iſt, allein ich ſtehe Dir dafür, es iſt nicht angerührt worden... Hier iſt Dein Zimmerſchlüſſel!... gute Nacht.— Schlafe wohl, Durouleau.“ „Du auch, mein wackerer Rothhoſe... ha, ha, gute Nacht. Ach! höre... geh ſtill in Dein Bett... damit Niemand aufgeweckt wird... denn Alles im Hauſe ſchläft ſchon.— Ganz recht... ol ich werde bald in meiner Ruhe ſein; ich ſtehe Dir dafür. Gute Nacht.“ 4 Durouleau lachte abermals, indem er Prosper die Hand ſchüttelte, und dieſer nahm, von dem öftern Anſtoßen und Gläſerleeren etwas erhitzt, eine Kerze und verließ das Zimmer ſeines Wirthes. Die Zimmer, welche Prosper in dem geräumigen Hauſe des ehemaligen Brauers bewohnte, befanden ſich ich zweiten Stockwerke; ſie beſtanden aus eineme kleinen Vorzimmer und einem großen Sclrſgenaß 77 mit einem tiefen Alkov, der mit ungeheuren Damaſt⸗ Vorhängen verhängt war. Dieſes Zimmer war von aller Art Möbeln dergeſtalt angefüllt, daß man ſich kaum darin umkehren konnte. Prosper ſchloß die Thüre des Vorzimmers auf, dann ging er vorſichtig weiter, um ſich nicht an eines der vielen Möbeln zu ſtoßen, und während er ſich zugleich in Gedanken über den ſonderbaren Einfall Durouleau's wunderte, welcher meinte, man könnte den Schlaf ſeiner Leute ſtören, trat er ganz leiſe auf. Nachdem der junge Mann ſein Licht irgendwo hingeſtellt hatte, kleidete er ſich eilends aus; dies war bald geſchehen, dann löſchte er die Kerze und ſchritt auf den Alkov zu; ſein Bett fand er ſchnell und ſchlüpfte hinein. In demſelben Augenblicke drang ein Schrei in ſeine Ohren; es lag Jemand neben ihm... Er brei⸗ tete ſeine Arme aus, es war ein Frauenzimmer. „Wiel Sie ſind es, Jeannette! flüſterte Prosper, das junge Mädchen küſſend.— Nein, nein... es iſt anicht Jeannette, wiederholte dieſelbe Stimme. O! das als die Vernunft, ſo muß dies beſonders in der Lage 4 iſt ſchändlich!.. abſcheulich!..“ „Camilla... Camilla iſt es!... rief Prosper vor Freude und Liebe außer ſich.— Ja, es iſt Camilla .. die Sie flehend bittet, ſie zu ſchonen...“ Allein es war ſchon zu ſpät, als daß Prosper den Bitten der Jungfrau hätte Gehör ſchenken können; wenn es Augenblicke gibt, wo die Leidenſchaft ſtärker iſt der Fall ſein, worin ſich unſer junger Verliebter * 78 befand; wenige Männer gleichen dem heiligen Robert von Arbriſſel. Es gibt Verſuchungen, wo man ſehr von der Natur vernachläſſigt ſein müßte, um ihnen nicht zu unterliegen. Dieſe Nacht ſchien Prosper ſehr kurz, obgleich er jeden Augenblick Thränen zu ſtillen und Vorwürfe zu beſchwichtigen hatte; vergebens ſchwur er Camilla, er habe nicht gewußt, daß ſie in ſeinem Zimmer ſei, Durouleau habe ihm nicht geſagt, wo er ſie ver⸗ borgen halte; Camilla wollte es nicht glauben. Sobald der Tag graute, ſtand das junge Mäd⸗ chen auf und, ſich gegen Prosper wendend, ſprach ſie mit ſtolzem Tone:„Sie haben mich betrogen, Sie, der ſich meinen Beſchützer nannte, und auf den ich mein Vertrauen ſetzte!... Ich habe mich in die⸗ ſes Haus geflüchtet, weil man in Ihrem Namen erſchien... weil ich mir in meinem Innern ſagte: Er iſt da... er wird über mich wachen... Und Sie legten mir eine Schlinge... Sie waren im Einver⸗ ſtändniſſe mit dieſem Durouleau... um mich zu Grunde zu richten... um Ihrer Leidenſchaft zu fröhnen... Ha! das iſt nichtswürdig, und Sie verdienen die Achtung nicht, die ich für Sie hegte.“ „Ich wußte nicht, daß Sie in dieſem Hauſe waren! rief Prosper, ſich zu Camilla's Füßen wer⸗ fend, aus. Gezwungen, mich auf einige Zeit zu entfernen, beauftragte ich Durouleau, Sorge für Sie zu tragen. An dem Intereſſe, welches ich an Ihnen nahm, errieth dieſer Mann, daß ich Sie liebe; er hat vielleicht gedacht, Sie lieben mich auch... Ach! 8 79 ich ſehe wohl ein, er hat ſich ſehr getäuſcht... Er hatte den Einfall, Sie in meinem Zimmer zu verbergen; aber ich ſchwöre Ihnen abermals, er hatte mir nichts davon geſagt. Ich bin dieſen Abend ganz ſpät von Paris zurückgekommen und ſogleich zu Dem geeilt, dem ich Sie überantwortet hatte.„Ich habe ſie ge⸗ rettet, ſprach er, denn man wollte ſie verhaften; ſei beruhigt, ſie iſt in Sicherheit, morgen wirſt Du ſie ſehen!“ Mehr brachte ich nicht aus ihm heraus... das Uebrige wiſſen Sie. Ach! Camilla, wenn ich ſtrafbar bin, glauben Sie denn, daß es möglich war, zu widerſtehen?.. Ich bete Sie an... und Sie lagen in meinen Armen... Wenn aber dieſe Nacht, deren Erinnerung ewig in mir fortleben wird... Schuld an Ihrem Haſſe gegen mich iſt, ſo muß ich ja mein Glück verfluchen! O! verzeihen Sie mir, ſein Sie barmherzig und verzeihen Sie mir...“ „Und meine Schmach, mein Herr, meine öffent⸗ lich bekannte Schmach... Wer wird ſie von nun an von mir abwaſchen?“ O! Fräulein, Durouleau allein kennt unſer Geheimniß... und er wird ſchweigen... Ja, ich ſtehe Ihnen dafür, denn ich werde ihm ſagen, mein Leben hänge von ſeinem Schweigen ab... Dieſer zu rohe, ungebildete Mann iſt nicht aller guten Gefühle baar, er hegt eine aufrichtige Freundſchaft für mich. O, er wird nichts ſagen. Wenn Sie mich geliebt hätten... wenn Sie eingewilligt hätten, meine... Doch, was ſage ich... was wage ich zu hoffen?.. Die Revolution, die alle Abſtände ausgleichen will wird es, ich ſehe das wohl ein, doch nie dahin bringen, daß Sie den Unterſchied der Geburt, der zufällig zwiſchen uns beſteht, vergeſſen Perden „Wenn ich an Ihre Reue g auben und wirklich davon überzeugt werden ſoll, daß Ihnen die nieder⸗ trächtige Abſicht, die mein Verderben herbeigeführt hat, unbekannt war... ſo bleibt nur ein Mittel übrig...— Sprechen Sie, Camilla... ſprechen Sie, Fräulein... Ol ich will Alles thun, um Ihrer Ver⸗ achtung zu entgehen.“ „Nun! ſo müſſen Sie mir heute noch Gelegenheit zur Abreiſe nach Boulogne verſchaffen... dort habe ich einige Bekannte, und man wird Mittel finden, mich nach England überzuſchiffen, wo ich mich zu meinem Vater begeben werde. Aber bedenken Sie wohl, mein Herr, ich will keinen Tag länger in dieſem Hauſe bleiben... Ich will dieſen unwürdigen Menſchen nicht mehr ſehen, der Schuld an meiner Entehrung iſt... Ach! ich ſtürbe vor Schande bei ſeinem Anblicke... Wenn Sie meinen Bitten nicht nachgeben... ſo gehe ich fort und überliefere mich den Commiſſären der Republik... Und wenn Sie mich mit Gewalt hier zurückhalten wollen... nun ſo mache ich dieſes Fenſter auf und ſchreie hinaus, es ſei hier Jemand eingeſperrt.“ Prosper erblaßte vor Beſtürzung, als er Camil⸗ la's Entſchluß vernahm; allein er war bald entſchie⸗ den und, ſeinen Schmerz beſiegend, entgegnete er: „Sie ſollen reiſen, Fräulein; ferne ſei der Gedanke von mir, Sie gewaltſam hier zurückzuhalten... aber 81 Sie werden mir erlauben, Sie zu begleiten, Sie erſt dann zu verlaſſen, wenn ich die Gewißheit habe, daß Sie außer aller Gefahr ſind.“ „Nein, mein Herr... wenn ich mit Ihnen reiste, ſo ſchiene es, als ob mir das hier Geſchehene recht wäre. Ich will allein und heute noch abreiſen; mein Entſchluß iſt unabänderlich.“ Trotz der Verzweiflung, die Camilla's Entſchluß in Prosper hervorbrachte, ſuchte er ihn nicht mehr zu bekämpfen, und verließ Fräulein von Trevilliers mit der Verſicherung, er werde ihren Wünſchen nach⸗ zukommen ſuchen. Prosper begab ſich zu Durouleau; der Exbier⸗ brauer lag noch in tiefem Schlafe; das Nachteſſen des geſtrigen Tages that eine wunderbare Wirkung, es ſchläferte auch die Gicht ein; und doch iſt es ein Mittel, welches man nicht zu verordnen wagen würde. Ohne auf das Schnarchen des dicken Mannes zu achten, rüttelte ihn Prosper tüchtig am Arme, und Durouleau, der endlich die Augen aufſchlug und um ſich herblickte, brummte:„Was iſt das? was gibt's ... Ich ſchlief ſo gut... warum weckt man mich auf?... Ich arbeite nicht mehr! Ich brauche Nichts mehr zu thun. Ich habe mir Vermögen geſammelt, damit ich ausſchlafen kann...— Ich wecke Dich!.. rief Prosper aus, Schnell, Durouleau... ſteh auf! es hat Eile...“ Der dicke Mamm rieb ſich die Augen, ſetzte ſich aufrecht hin und brummte:„Schau... Du biſt es!.. Wie! ſchon auf?.. das wundert mich! Warſt Paul de Kock, XVI. 6 8² Du nicht zufrieden mit der Ueberraſchung, die ich Dir bereitet hatte?... ha, ha, ha!“ „Ach! ſchweig! ſchweige!... Nie ein Wort über das in dieſer Nacht Geſchehene! Durouleau, ich ſollte Dich haſſen, denn es iſt abſcheulich, was Du da an⸗ geſtellt haſt... Ein junges, tugendhaftes Mädchen... welches ſich vertrauensvoll in Dein Haus flüchtete... die Tochter eines Grafen... lieferſt Du in meine Hände...“ „Ei! laß mich doch in Frieden... die Tochter eines Grafen! gibt es in unſerer Zeit noch Grafen? Du liebſt dieſe Kleine; nun, ich habe euch zuſam⸗ mengegeben... das iſt eine republikaniſche Heirath... die wiegt wohl nach meiner Anſicht die Carriers auf den Loire⸗Schiffen auf.“ „Aber Du weißt nicht, daß mich Camilla jetzt haßt und verabſcheut!— Ahl bah! Du biſt jung, Du kennſt die Weiber noch nicht! noch drei bis vier mit Dir zugebrachte Nächte, und ſie wird Dich an⸗ beten.“ „Dieſe Nacht wird die einzige ſein... mein Glück war nur von kurzer Dauer!... denn Camilla will heute noch abreiſen, und ich muß ihren Wünſchen Genüge leiſten.— Abreiſen! Vergißt Du, daß ein Verhaftungs⸗Mandat gegen ſie ausgeſprochen iſt? Wenn ſie ſich zeigt, wird ſie ergriffen.“ „Ich weiß nur, daß man ihr Gelegenheit zur Flucht verſchaffen muß. Höre mich; Du ziehſt Dich an, begibſt Dich ſogleich mit Jeannette auf's Paß⸗ Bureau und verlangſt einen Paß für dieſelbe... Du b V V 83³ ſagſt, ſi ee habe in Boulogne eine ſchwer erkrankte Tante... Man kennt Dich, man achtet Dich, und wird Dir den verlangten Paß ohne Schwierigkeiten ausſtellen:“ „Daran zweifle ich auch nicht... aber weiter?— Begreifſt Du denn noch nicht, daß dann Camilla in Jeannettens Kleidern abreiſen wird?— Camilla... aber das Signalement?“ „Sie ſind von einem Alter, haben ungefähr die⸗ ſelbe Geſtalt und ſind beide braun. Das Uebrige überlaſſen wir der Vorſehung...— Teufel! was Du da verlangſt, kann mein Anſehen compromittiren.“ „Wenn Du Dich weigerſt, ſo geht Camilla aus dem Hauſe fort, liefert ſich aus und ſagt, Du habeſt ſie verſteckt gehalten; das compromittirt Dich noch weit mehr.— Ach, ach, iſt denn das Mädchen ein Ungeheuer?“ „Sie beſitzt einen ſtolzen, eniſchiedene Charakter; und hat ſie einmal einen Entſchluß gefaßt, ſo ſehe ich wohl, kann ſie nichts mehr davon abbringen. Vorwärts! Durouleau, ziehe Dich an. Wenn Du wirklich Freundſchaft für mich empfindeſt, ſo mußt Du mir es dadurch beweiſen, daß Du mir das durch Dich begangene Uebel wieder gut zu machen hilfſt.“: „Aber Jeannette...— Mußt Du damit bekannt machen, ſie zum Voraus unterrichten... Du wirſt wohl irgend einen Pachthof in der Gegend haben... wo Du ſie auf etwa vierzehn Tage hinſchicken kannſt. — Aber...— Keine Reflexionen mehr! oder Camilla liefert ſich aus, und ich jage mir eine Kugel durch den Kopf.. nachdem ich jedoch Dir vorher zur ſchul⸗ digen Dankſagung das Hirn zerſchmettert habe.— Ich ſtehe ſogleich auf.“ Prosper ſuchte das junge Dienſtmädchen auf, welches ihm zärtlich ergeben war. Jeannette ver⸗ ſprach ihm, ſeinen Anweiſungen Folge zu leiſten, und brachte ihm unverzüglich eine vollſtändige Klei⸗ dung von ihr, Haube, Halstuch, Schuhe, kurz, Alles, was ſie am Dekadi zum Tanze anzog. Durouleau ließ ſich nicht lange erwarten. Er war angekleidet, nahm Jeannette beim Arm und ging mit ihr auf das Paß⸗Bureau. Prosper blieb daheim. Er hielt es nicht für klug, ſie zu begleiten; aber er wagte nicht, zu Camilla hinaufzugehen, ehe er wußte, daß ihr Plan gelingen werde. Er ging mit großen Schritten im Salon auf und ab; jeden Augenblick horchte er, blickte nach dem Fenſter oder ſah nach der Uhr; nie war iym die Zeit ſo lang geworden!. Mehr als zwei Stunden verſtrichen, bis endlich Durouleau mit ſeiner Magd nach Hauſe kehrte. „Wir haben den Paß! ſchrie der dicke Mann, aber nicht ohne Schwierigkeiten gelangten wir dazu... Es ſind gewöhnlich ſo viele Formalitäten dabei zu beobachten, man muß am andern Tage noch einmal hingehen. Glücklicherweiſe kennt man mich... Ich ſagte: Bis dahin kann Jeannettens Tante ſterben... und die Kleine erbt nichts... Kurz, ich erdichtete eine Maſſe Lügen.. und hier iſt der Papierfetzen.— Gut.. ganz gut... aber jetzt muß man auf die Poſt 8⁵ gehen... und in der Diligence, die zuerſt abgeht, einen Platz auf ihren Namen beſtellen...“ „Von hier aus geht kein Wagen nach Boulogne.— Eil gleichviel, die Hauptſache iſt, daß ſie aus dieſer Stadt hinauskommt...— Aber ich habe noch nicht gefrühſtückt...— Nachher... nachher... Ich eſſe nicht eher wieder, bis Camilla gerettet iſt.“ „Sonderbarer Menſch! Iſt in ein Frauenzimmer verliebt und hat keine leibliche Ruhe, bis ſie von ihm fort iſt. Nun, ich will hingehen.“ Durouleau machte ſich wieder auf den Weg. Prosper küßte Jeannette aus Dankbarkeit; das junge Dienſtmädchen ließ ſich küſſen, und ſchien geneigt, Alles, was der junge Mann wollte, mit ſich an⸗ fangen zu laſſen; aber dieſer blieb dabei ſtehen; er dachte nur an Camilla. Durouleau kam zurück und ſagte:„Der Platz iſt für Jeannette Bridoux auf heute Abend um fünf Uhr beſtellt; der Wagen fährt nach Rouen.“ „Ganz gut, erwiderte Prosper. Ich will Camilla davon benachrichtigen und ihr die zu ihrer Verklei⸗ dung nöthigen Gegenſtände bringen. Ach! noch einen Dienſt, Durouleau...“ „Welchen?... Wenn ich noch einmal ausgehen muß, ſo geſtehe ich Dir, meine Beine tragen mich nicht mehr.— Nein... Geld ſollte ich haben; Ca⸗ milla wird unterwegs welches brauchen...— Das koſtet nicht ſo viel Mühe und nicht ſo viel An⸗ ſtrengung... Hier in dieſer Börſe ſind fünfzig Louis⸗ d'or... ſtecke ſie in ihre Kleider; iſt's genug?— 6 86 Ja, ja; mehr, als man zu einer Reiſe nach England nöthig hat.“. Prosper ging zu Camilla hinauf, überreichte ihr Jeannettens Kleider und ſprach mit ergriffener Stimme: „Hier das Nöthige zu Ihrer Verkleidung, Fräulein, und hier der Paß... merken Sie ſich die Namen, damit Sie ſie im Gedächtniß behalten; Ihr Platz iſt auf fünf Uhr nach Rouen beſtellt; von dort aus wird es Ihnen nicht ſchwer ſein, nach Boulogne zu ent⸗ kommen. Um fünf Uhr werde ich ſelbſt Sie zum Wa⸗ gen hinführen, damit ich überzeugt bin, daß nichts Ihre Reiſe verzögert hat. Sie ſehen, ich habe keine Zeit verloren, um den Augenblick zu beſchleunigen, der Sie mir entreißt; und doch werde ich von nun an, ferne von Ihnen, ewig unglücklich ſein. Werden Sie, ohne mir zu verzeihen, ohne mir ein Wörtchen der Hoffnung zu gönnen, abreiſen? verdammen Sie mich, Sie nie wieder zu ſehen?“ Camilla wendete, um den Blicken Prospers nicht zu begegnen, ihr Geſicht ab, aber ihre Stimme war ſanfter, als ſie zu ihm ſprach:„Ihr gegenwärtiges Verfahren, mein Herr, überzeugt mich in der That, daß Sie kein Mitverſchworner des Mannes ſind, der an meiner Entehrung ſchuld iſt. Ich glaube an Ihre Reumüthigkeit, an Ihre Liebe; allein ich weiß nicht, welche Zukunft meiner wartet. Indeſſen verſpreche ich Ihnen, Nachricht von mir zu geben, und wenn die Verhältniſſe eine Vereinigung zwiſchen uns ge⸗ ſtatten, ſo werde ich Sie es wiſſen laſſen.“ „Ach! Camilla! ach! Fräulein, beherzigen Sie, — —— 87 daß ein Wort, ein Andenken von Ihnen mich vom Tode errettet, mich dem Glücke wiedergibt; bedenken Sie, daß jetzt ein Geheimniß... eine Nacht... uns miteinander verbunden hat.“ „Ha! erinnern Sie mich nicht an Etwas, was ich aus meinem Gedächtniß vertilgen möchte... Ich will dieſe Kleider anziehen; vor fünf Uhr bin ich bereit.“ Prosper ging traurig von Camilla hinweg, er fürchtete, ſeine Liebe werde ihren Stolz nie beſiegen; da begegnete ihm Jeannette, die ihn ſeufzend anblickte. „Jeannette, redete ſie Prosper an, das Frauen⸗ zimmer, welches Deinen Namen annimmt, reist um fünf Uhr ab; alſo mußt Du um dieſe Zeit auch fort⸗ gehen und Dich ein paar Wochen in der Entfernung aufhalten. Dein Herr wird Dir ſagen, wo Du hin⸗ gehen ſollſt. Warum weinſt Du, Jeannette? Du wirſt nicht lange von hier weg ſein; in vierzehn Tagen kannſt Du wieder zurückkehren.“ „Meiner Treu, entgegnete das große Mädchen, mit der Schürze ihre Augen auswiſchend, als ich Dei⸗ nem Wunſche folgte, Bürger, vermuthete ich nicht, daß Du mich dann fortgehen heißen werdeſt. Ich mag nicht fort, ſo lange Du da biſt.“ „Du mußt aber doch begreifen, daß, wenn man Dich in Melun ſehen würde, während man in Dei⸗ nem Namen abgereist iſt, Alles entdeckt wäre; man käme derjenigen, welche ich retten will, auf die Spur, und würde ſie vielleicht einholen.“ „Ach! Du liebſt jene ſehr, nicht wahr, Bürger? 88 Sei beruhigt, um fünf Uhr werde ich fortgehen. Man ſoll mich nicht mehr ſehen.“. „Prosper verließ ſie und dachte:„Warum fühlt Camilla nicht, wie Jeannette, für mich? Mag es daher rühren, weil ſie die Tochter eines Grafen iſt, und ihr von Jugend auf eingeprägt wurde, diejenigen, die nicht von Adel ſind, geringer zu betrachten?... Oder habe ich niemals ihr Herz gerührt? Ich wollte, ich hätte nur ihren Stolz zu bekämpfen... Aber nach dem, was zwiſchen uns vorgekommen iſt, würde ein anderes Frauenzimmer hingebender ſein, und Ca⸗ milla behandelt mich im Gegentheil mit größerer Strenge.“ Einige Minuten vor fünf Uhr ſtellte ſich Prosper bei Camilla ein. Die Tochter des Grafen von Tre⸗ villiers hatte die Kleider der einfachen Magd ange⸗ zogen. Der junge Mann fand ſie noch hübſcher in dieſem beſcheidenen Koſtüm; ſo geht's allen Liebha⸗ bern, wenn ſie ihre Geliebte in einem neuen Anzug ſehen; ſelbſt wenn derſelbe häßlich iſt, würde ſie ihnen ſchöner erſcheinen, weil der von uns geliebte Gegen⸗ ſtand Alles verſchönert, was er an ſich trägt, und ſich dazu noch das Pikante der Neuheit geſellt. „Ich bin bereit! rief Camilla aus. Laſſen Sie uns ſchnell fortgehen.“ Prosper antwortete nichts, ſondern nahm ſie beim Arme. Sie verließen Durouleau's Haus, ohne ihm zu begegnen. Der dicke Mann hatte begriffen, daß es dem jungen Mädchen nicht angenehm ſein konnte, ihn wiederzuſehen. —— ———— 89 Der Weg bis zu den Diligencen war nicht weit. Indeſſen zitterte Prosper nicht um ſeinetwillen, denn er kannte keine Furcht, ſondern für Diejenige, der er den Arm reichte. Camilla ſchritt ziemlich feſt ein⸗ her, aber ihr Begleiter fühlte o der ſah vielmehr ihre Bruſt ſich häufig heben, und errieth die Bewegung, welche ſie gewaltſam zu verber Eben langten ſie am Ziele gen ſuchte. ihres Weges an, als ein Mann an ihnen vorüberkam, Camilla betrachtete, dann ſtill ſtand und ausrief:„ „Ei! ei! warum ren⸗ nen wir ſo, Bürger Carotte, genannt Rothhoſe, mit einem ſo hübſchen Mädchen am Arme? Alle Wetter, die Bürgerin iſt hoffentlich eine Sansculottin?“ Es war der Rothgerber Duc ſeinem Rippenſtoß geneſen, ei roquet, der, kaum von nen Ausgang gemacht, und da er in mehrern Schenken eingekehrt, ſich be⸗ trunken hatte, ſo daß er bereits ſehr geſchwätzig und lärmiſch war. Prosper, welcher Durouleau's Freund gleich er⸗ kannt hatte, beſchleunigte ſeine Schritte mit Camilla noch mehr und entgegnete nur:„Gute Nacht, Bür⸗ ger, es geht wieder beſſer mi Gleichheit, Brüderſchaft...“ „Ganz gut! allein davon t Dir, das freut mich, iſt nicht die Rede! rief der Rothgerber aus, ſich an Prospers Arm hängend. Du haſt eine Eroberung gemacht... Halb Part!... Ich will Deine Kleine auch! Was iſt das für ein ... hübſches Geſichtchen? Ich will ſeine Bekanntſchaft machen... Komm, wir wolle n irgend wo einkehren.“ „Bürger Ducroquet, wir haben Eile, ich bitte 90 Dich, uns nicht zurückzuhalten, ſonſt... Nimm Dich in Acht, ich bin keiner von den Geduldigen...“ „Bürger Carotte... der Rothe... ich ſchere mich nichts um Dein Geſchwätz; Du biſt tapfer, das weiß ich. Um ſo beſſer. Ich achte Dich und werde mir eine Ehre daraus machen, mich mit Dir zu ſchlagen... Es juckt mich ſchon lange darnach...“ „Ein ander Mal! ſchrie Prosper, indem er ſich von Ducroquet loszumachen ſuchte, will ich Dir mei⸗ nen Mann ſtellen. Aber jetzt muß ich dieſer jungen Bäuerin das Geleit geben.“ „Du willſt Dich nicht mit mir ſchlagen, alſo werde ich ſie küſſen.“ Damit war der Rothgerber im Begriff, ſein finniges Geſicht mit Camilla's edlem Antlitze in Berührung zu bringen; aber ehe ſein vom Weine erhitzter Athem die Wangen des jungen Mäd⸗ chens ſtreiften, hatte ihm Prosper einen ſo heftigen Stoß verſetzt, daß er mitten in die Goſſe hinein⸗ plumpte.— Jetzt ſchnell weiter!“ ſagte Prosper Camilla mit ſich ziehend. „Mein Gott! haben Sie den Mann getödtet?“ „Nein, nein! Er iſt betrunken und ſchwer nieder⸗ gefallen, das iſt Alles. Dieſer Elende beleidigte Sie, durfte ich das dulden?.. Hier ſind wir bei den Wagen.. Ahl man ruft Jeannette Bridoux. Geben Sie Acht, antworten Sie mit Sicherheit und thun Sie nicht furchtſam... Ein Gendarme prüft die Rei⸗ ſenden und ſieht ihre Reiſepäſſe durch.“ „Ahl es ſoll mir nicht an Muth fehlen...“ „So leben Sie denn wohl, Fräulein.. Aber 91 Sie geben mir doch Nachricht von ſich? Sie haben es mir verſprochen, Camilla; werden Sie meiner gedenken?...“ „Jeannette Bridoux! Vorwärts, Jeannette Bri⸗ doux! rief der Poſt⸗Conducteur. Man wartet nur noch auf Euch...“ Camilla hatte keine Zeit mehr, Prospern zu ant⸗ worten; ſie eilte dem Wagen zu. Ein Gendarme hielt ſie an, fragte nach ihrem Paſſe, unterſuchte ihn, ſah ſie an und ging dann weg mit den Worten:„Es iſt gut! Ihr könnt reiſen.“ Camilla ſtieg in den Wagen, und Prosper ſah ihr nach, bis er ſie völlig aus den Augen verloren hatte. Dann kehrte der junge Mann langſam zu Du⸗ rouleau zurück. Er war erfreut über ihre Rettung, aber traurig beim Gedanken einer ausſichtsloſen Trennung. 4 4 „Nun! fragte Durouleau, als er ſeinen jungen Freund wiederſah, Deine kleine Ariſtokratin?— Iſt gerettet...— Alſo biſt Du zufrieden... Dann wol⸗ len wir aber eins trinken.— Nein, ich have keine Luſt zu trinken... denn ich bin traurig!“. „Traurig, jetzt, wo Deine Schöne fort iſt. Du wollteſt Dich und die ganze Welt umbringen, wenn man ihr nicht ſchnell auf die Flucht helfe! Merkſt Du, daß man bei Dir gar nicht weiß, wie man daran iſt!— Ach! Durouleau, Du begreiſſt die Liebe nicht!“ „Alle Wetter! ich meine ich begriff ſie ehedem, ehe ich eine Trommel zum Bauche hatte, nicht übel. Ich glaubte mir durch den Einfall, Dir Deine Schöne in die Hände zu ſpielen, Deinen Dank zu verdienen. Statt deſſen machſt Bu mir nichts als Grobheiten; es ſcheint, Du habeſt Recht: ich begreife die Liebe nicht mehr. Drum laß uns trinken... ha! das, zum Beiſpiel, verſtehe ich noch!“ „Und Jeannette... haſt Du ſie auf einen Dei⸗ ner Pachthöfe geſchickt?— Jeannette!... Man mag mich einen Tyrannen, einen Despoten heißen! ich weiß nicht, wo ſie hingekommen iſt... Sie verſchwand zu gleicher Zeit mit Dir und Deiner Schönen.— Arme Jeannette! wo mag ſie hingerathen ſein?— Ach! beim Kuckuk! wirſt Du Dir nicht auch um die⸗ ſer willen Sorgen machen? Sie hat ohne Zweifel einen Liebhaber, und hat den aufgeſucht... Komm her, mein Braver... Deine Geſundheit.“ Prosper that ſein Möglichſtes, um die Traurig⸗ keit ſeines Gemüthes zu verſcheuchen; aber die Erxin⸗ nerung an Camilla trat unaufhörlich vor ſeine Seele, und er ſtieß ſchwere Seufzer aus, wenn ihn Durou⸗ leau zum Trinken aufforderte, ſo daß der Exbrauer endlich zu ihm ſagte:„Du taugſt heute Abend zu nichts, lege Dich ſchlafen, wir wollen hoffen, daß Du morgen ein Mann biſt.“ Prosper ging mit dem Gedanken an die ver⸗ floſſene Nacht in ſeine Zimmer; er machte ſeine Thüre auf, trat in ſein Zimmer, ſtellte ſein Licht auf einen Tiſch und warf ſich auf einen Stuhl nieder; dann heftete er ſeine Blicke auf den Alkov, deſſen 93 Vorhänge, wie geſtern, geſchloſſen waren, und ſagte ſeufzend:„Geſtern war ſie dal..“ In dieſem Augenblicke ſchien es ihm, als ob ſich ein leiſes Geräuſch, wie ein Kürkgehaltener Athem, von der Richtung des Bettes her, vernehmen laſſe: er lauſchte einen Augenblick; doch bald erröthete er über ſeine Schwäche und ſprach bei ſich:„Es iſt nur eine Täuſchung! Ich möchte mir mit der Einbildung ſchmeicheln, ſie ſei noch da; aber ſie iſt fort und jetzt ſchon weit von mir entfernt.“ Prosper entkleidete ſich eilig, um im Schlafe ſei⸗ nen Schmerz zu vergeſſen. In ein paar Minuten war er ausgezonen, löſchte ſein Licht aus und ſtieg ins Bett. Aber dann ſtieß er einen Schrei des Stau⸗ nens aus. Es war abermals Jemand da; es lag abermals an ſeiner Seite und eine bebende Stimme ſagte zu ihm:„Sie hat meinen Platz im Eilwagen genommen, und ich nahm den ihrigen hier ein.. Iſt das nicht in Ordnung?“ „Was, Jeannette! Du biſt es; biſt Du nicht fortgegangen!... ol mein Gott... wenn man Dich ſieht, iſt Alles entdeckt. „Man wird mich nicht ſehen. Ich bleibe in die⸗ ſem Zimmer und rühre mich nicht, bis Du glaubſt, daß ich mich wieder ſehen laſſen darf. Du biſt dem⸗ nach ſehr böſe, daß ich da geblieben bin? O! zanke mich nicht, ich bitte Dich; denn ich liebe Dich auch! und.. vielleicht mehr als die Andere... Wenn Du aber böſe biſt, ſo ſtehe ich auf und ringe die Nacht auf einem Stuhle zu; ich will kein Geräuſch machen, — nur Dich anſehen, Dich ſchlafen hören und ich werde dennoch glücklich ſein.“— Er hätte ein ſehr hartes Herz haben müſſen, wenn er die arme Jeannette ihre Nacht hätte auf einem Stuhle zubringen laſſen; Prosper war keiner ſo ſchlechten Handlung fähig, und ſtatt fortzuzanken, was doch nichts mehr genützt hätte, that er, was jeder Andere an ſeiner Stelle gethan haben würde, indem er der Vorſehung für die viele Gnade dankte, die ſie ihm ſchon ſeit zwei Nächten beſchert hatte. Fünftes Kapitel. 4 Jeannettens Liebe. Mehre Tage verſtrichen: Jeannette verließ Pros⸗ pers Zimmer, wohin Niemand kam, als er, nicht, und es war ihm eine Kleinigkeit ihr Nahrungsmittel beizuſchaffen; denn in Durouleau's Hauſe war nichts verſchloſſen, Jedes konnte den ganzen Tag nach Be⸗ lieben eſſen und trinken; man genoß der vollkom⸗ menſten Freiheit in demſelben. 1 Von Ducroquet hörte man nichts. Prosper hatte ſeinem Wirth ſein Zuſammentreffen mit dem Roth⸗ gerber auf der Straße und die hieraus erfolgte Be⸗ gebenheit erzählt, und Durouleau ſagte hierauf:„ Du thatſt wohl daran, ihn zu prügeln; übrigens bin ich überzeugt, daß er Dir deßhalb nichts nachträ 5 — ühnen geprügelt haben.“ er fürchtete die Nachricht daraus zu verd vergangen, ohne daß er irgend etwas Unangene Prosper doch bei dem Gedanken, daß ſie nun bei nes Zimmer verſteckt, und legte nicht das mindeſte Dich bei Deiner Tante glaubt; Du kannſt Dich jetzt 9⁵ Ducroquet gehört zu den Menſe ſchaftlicher mit den Leuten ſind, Prosper las alle Tage die öffent die Tochter des Grafen von Trevilliers ers verhaftet worden ſei. Aber vierzehn Tagen geleſen hätte, ſeine Befürchtungen ſchwanden, er vermuthete, der Gegenſtand ſeiner Liebe ſei in England und vor jeder Gefahr geſchützt. Obgleich ihn Camilla's Rettung beglückte, ſeufzte ihrem Vater und von Leuten umgeben ſei, welche ihre Vorurtheile beſtärken und ihren Stolz ſteigern werden. „Sie hat verſprochen, mir Nachricht von ſich zu geben, ſprach er bei ſich; wird ſie mir Wort halten? Ich meine doch, ſie ſollte mich wie ihren Gatten be⸗ trachten.“ Jeannette war noch immer in des jungen Man⸗ Verlangen an den Tag, daſſelbe zu verlaſſen, als Prosper eines Morgens zu ihr ſagte:„Jeannette, nun ſind fünfundzwanzig Tagenverfloſſen, ſeit man wieder im Hauſe zeigen und Deine gewöhnlichen Dienſtleiſtungen verrichten; wer Dich fragt, dem antworteſt Du, Du ſeieſt geſtern Abend zurückge⸗ kommen.“ 96 on, daß ich Dein Zimmer ver⸗ unette, den jungen Mann zärt⸗ meine, das ſei unklug.— Nein, er, Deine Reiſe hat lange genug aangweilt es Dich, daß. daß ich Dir leiſte?“ fuhr Jeannette mit beleidigtem rt. tatt aller Antwort küßte ſie Prosper und ſchob it den Worten zur Thüre hinaus:„Meine liebe reundin, Alles hat ein Ende.“ „Schade! flüſterte Jeannette, in ihr kleines Man⸗ ſardenzimmerchen zurückkehrend. Wenn die Weiber Männer wären, würde es länger dauern.“ B Die Zeit verſtrich, ohne daß Prosper Nachricht von Camilla erhalten hätte. Endlich trat der neunte Thermidor ein; Robespierre war nicht mehr; der in Frankreich verbreitete Schrecken ſchwand allmälig; die Communikationen wurden leichter und die Tracht der Carmagnole kam alle Tage mehr aus der Mode. Prosper bemerkte eines Morgens, daß ſeine rothe Hoſe an verſchiedenen Stellen ſchadhaft ſei. Jean⸗ nette hatte ihm ſchon geſagt, ſie habe ſehr lichte Stellen daran geſehen. Trotz der Dankbarkeit, die er dieſen Geſchenk ſeines Pathen ſchuldig war, entſchloß er ſich daſſelbe auszuziehen und ſich wie die Stutzer jener Zei zu kleiden. Er kämmte ſeine Haare rückwärts in einen Zopf zuſammen, ſteckte ſie hinten mit einem Kamme fet und trug einen Frack mit einem grünen Kragen. Des Wunſch zu gefallen, lebte in Frankreich wieder auf. 6 war bereits kein Verbrechen mehr, Handſchuhe zu tragu 97 4⁴ bedeutend; doch ließ ſie ihn das Kind nicht vergeſſen, welches ihm eine unglückliche Mutter gnvertraut hatte. Er dachte an die kleine Pauline; er brannte vor Be⸗ gierde ſie zu küſſen, und hatte Durouleau mehr als einmal ſeine Abſicht angekündigt, ſich zu guten Freunden zu begeben, die in der Nähe von Paris wohnen. Aber der ehemalige Brauer hatte häufige Gichtanfälle, und hielt ſeinem jungen Freunde ent⸗ gegen:„Was Teufels ſoll aus mir werden, wenn Du mich verläßt; dann ſoll ich allein bleiben, wie eeiin fauligter Apfel. Alle Freunde ſind verſchwunden, auseinander gejagt, oder todt! Nur Du bleibſt mir als Geſellſchafter und Trinkgenoſſe übrig; wenn Du auch gleich nicht mehr ſo heiter biſt, ſeit der Entfer⸗ nung Deiner kleinen Ariſtokratin, ſo thut das meiner Liebe doch keinen Eintrag, und ich langweile mich nicht, wenn Du da biſt, obgleich Du meinen Mei⸗ nungen ſtets widerſprichſt.“ 2 Prosper war nicht gefühllos gegen die väterliche -Freundſchaft Durouleau's; um ihn nicht zu betrüben, verſchob er ſeine Abreiſe; auch hoffte er täglich auf Nachrichten von Camilla; aber die Tage vergingen nacheinander, die Nachrichten blieben aus. Eines Morgens jedoch kam ein Brief mit der Adreſſe des Bürgers Prosper Breſſange beim Bür⸗ ger Durouleau; Jeannette überbrachte denſelben dem jungen Mann; er nahm ihn mit zitternder Hand und riß das Siegel ab; nachdem er aber auf die Paul de Kock. XVI. Die Liebe beſchäftigte Prospers Herz und Kopf X 2 ₰& 2 . G 6 Unterſchrift geſehen hatte, ſchwand die Freudigkeit, die ſeine Züge belebt hatte, plötzlich. „Noch nicht von ihr!“ rief Jeannette mit einem ſchlecht verhehlten Lächeln aus. „Nein, nicht von ihr, entgegnete Prosper. Der Inhalt dieſes Schreibens jedoch erinnert mich an meine Pflicht.“ 3 Der Brief war von Poupardot; er ſchrieb an Prosper, daß die kleine Pauline allerliebſt ſei, allein gehen könne und zu ſprechen anfange, man wundere ſich, warum er nicht auch komme, um ſeine Adoptiv⸗ Tochter zu küſſen, man erwarte ihn jeden Tag und brenne auch, ihn den ſchönen Knaben ſehen zu laſſen, mit dem die Bürgerin Poupardot niedergekommen ſei, und dem man den Namen Nayet(Rübe) bei⸗ gelegt habe. 4 Prosper begab ſich zu Durouleau, zeigte ihm den Brief und ſagte zu ihm:„Ich muß fort, ich kann es nicht länger verſchieben.— Verſprich mir aber wenigſtens wieder zu kommen,“ entgegnete der dicke Mann, ſeinem jungen Freunde die Hand reichend. „Wenn ich nicht wieder zurückkehrte, müßte ich ſehr undankbar ſein, erwiderte Prosper, denn ich habe... einen Umſtand abgerechnet... nur Wohl⸗ thaten von Dir empfangen, und damit ſogar glaub⸗ teſt Du, mein Glück zu bezwecken. Ja, Du ſollſt mich wiederſehen.“— „Wohlan! fuhr Durouleau fort, laß mir, damit ich beruhigt bin, das kleine Päckchen in deinem Zim⸗ mer hier, welches Du das Erbtheil Deines Pathen 99 nennſt; dann bin ich doch gewiß, daß Du wieder⸗ kommſt, um es abzuholen.— Gerne, aber ich käme ohne dies..— Und nun nimm dieſe Börſe, es iſt Gold darin, welches jedenfalls einen zuverläſſigeren Werth hat, als Aſſignaten.“ „Ich danke, ſagte Prosper, den Beutel zurück⸗ weiſend, den ihm der Erbrauer hinſtreckte. Ich brauche kein Geld. Du thatſt ſchon zu viel für mich.“ „In Deinem Alter braucht man immer Geld. Ich habe zu viel und weiß nicht, was ich damit anfan⸗ gen ſoll. Wenn ich auch alle Tage fünf Flaſchen trinke, ſo kann ich doch mein Vermögen nicht auf⸗ zehren. Wenn Du ihn ausſchlägſt, ſo willſt Du nicht mehr mein Freund ſein, ſondern biſt ein Ariſtokrat! Ha! Kerl!“. Es war unmöglich, der barſchen und freundſchaft⸗ lichen Manier, womit der dicke Mann ſeine Dienſte anbot, zu widerſtehen; man mußte annehmen, oder mit ihm in Feindſchaft gerathen. Prosper nahm es an, und fühlte ſich in ſeinem Innern äußerſt glück⸗ lich, nicht ganz ohne Geld zu Poupardot zu kommen. Da Prosper es nicht für nöthig hielt, von Jean⸗ netten Lebewohl zu nehmen, weil er zum Voraus wußte, daß er nur Thränen zu trocknen und Klagen anzuhören haben würde, ſo verließ er, da er kein Gepäck zuſammenzurichten hatte, das Haus, mit ei⸗ nem Stock in der Hand, wie gewöhnlich alle Tage zum Spazierengehen in der Stadt. Er ſchickte ſich an, den Weg nach Paris einzuſchlagen, als er, wie er ſich umwendete, in einiger Entfernung ein junges 100 Mädchen ſah, die mit einem Päckchen unter dem Arme hinter ihm drein ging. 1 Es war Jeannette; ſie ſtand ſtill und ſchien ganz verlegen, als ſie bemerkte, daß ſie von Prospern ge⸗ ſehen worden war. Der junge Mann ging wieder zurück, gerade auf die hübſche Dienſtmagd zu und ſagte mit ſtrengem Tone, ohne ſie zu dutzen, zu ihr:„Jeannette, wo gehen Sie denn hin?“ 3 Das junge Mädchen ſchlug die Augen nieder, er⸗ röthete und ſtotterte:„Ich, ich gehe ſpazieren.— Was haben Sie denn unter dem Arme?— Nichts, nichts... Kleider von meinem Herrn.— Jeannette, Sie lügen! Sie ſagen mir die Wahrheit nicht.— Mein Gott! warum ſagſt Du mir denn jetzt Sie? Biſt Du kein Republikaner mehr?“ „Jeannette, Du gingſt mir nach, und in dieſem Päckchen ſind Kleider für Dich auf die Reiſe.“ „Nun denn! ja, es iſt wahr! Ich merkte, daß der Brief, den Du erhalten haſt, Dich abrufe; und ohne zu horchen, habe ich gehört, daß Du Abſchied von meinem Herrn nahmſt. Dann habe ich ſchnell ein kleines Päckchen mit den nöthigſten Effekten zuſam⸗ mengemacht und meine Sparbüchſe eingeſteckt. O! ich nehme nichts mit, was nicht mein gehört! Hierauf verbarg ich mich hinter einer Straßenecke, paßte Dir ab und folgte Dir. Ich werde Dir immer nachfolgen, gleichviel, ob Du auch weit gehſt. Ich habe Muth und Kraft; ich werde nicht leicht müde. Aergert es Dich, wenn ich Dir folge? bin ich nicht mein eigener 101 Herr und kann hingehen, wo ich will? Nur wenn es Dir mißfiele... aber ich bitte Dich, laß mich hingehen, wo Du hingeheſt... ich will Dir dienen, Deine Magd ſein und Dich immer gleich lieben; wenn es Dich aber verdrießt, werde ich Dir es nicht mehr ſagen; ich will bei Dir ſein, das iſt mein ein⸗ ziger Wunſch.“ 4 Prosper war gerührt, entzückt über die aufrich⸗ tige Liebe, welche das junge Mädchen für ihn an den Tag legte, aber er fühlte wohl, daß, wenn er ihren Bitten nachgäbe, ſie ſich an ſein Schickſal ketten und es ihm ſpäter ſchwer werden würde, ſie zu nöthigen, ihn zu verlaſſen. Wäre ſein Herz nicht ganz und gar von Camilla angefüllt geweſen, ſo würde er ohne Zweifel dieſe Bemerkungen nicht gemacht haben, denn gewöhnlich ergreift man in Prospers Alter das Ver⸗ gnügen und das Glück, wenn es ſich bietet, ohne ſich um die Reſultate daraus zu bekümmern. Prosper nahm Jeannettens Hand, drückte ſie und erwiderte ihr in ſanftem, aber entſchiedenem Tone: „Nein, Jeannette, Du folgſt mir nicht; ich will Dich nicht zu meiner Magd; meine Geliebte kannſt Du auch nicht ſein... ich weiß noch nicht, welches Schick⸗ ſal mir bevorſteht... welcher Laufbahn ich folgen ſoll... Gegenwärtig, wie Du wohl weißt, beſchäf⸗ tigt mich nur ein Gedanke: ich möchte Camilla wie⸗ derfinden, und um ſie zu ſuchen, ihr näher zu kom⸗ men, iſt es nicht ſchicklich, daß ich immer ein anderes Frauenzimmer in meiner Nähe habe.“ Jeannette antwortete nicht, ſie weinte und zog 10²2 ihre Hand zurück, die der junge Mann noch in ſei⸗ nen Händen hielt. Prosper bewaffnete ſich mit Muth; der iſt auch nöthig, um den Thränen eines jungen und hübſchen Mädchens zu widerſtehen, das uns um Gegenliebe bittet. „Leben Sie wohl, Jeannette, ſagte er, glauben Sie mir ſicher, daß ich ſtets die aufrichtigſte Freund⸗ ſchaft für Sie empfinden werde. Sollte ſich einſt das Schickſal günſtig für mich geſtalten, und ich Ihnen nützlich ſein können, ol ſo ſuchen Sie mich auf, ſuchen Sie mich eilends auf, Jeannette, und Sie werden einſehen, daß Prosper Ihr treuſter Freund iſt. Bis dahin kehren Sie zu Durouleau zurück.“ „Nein, ich werde nicht dorthin zurückkehren, ent⸗ gegnete das junge Mädchen; denn jetzt, wo Sie nicht mehr dort ſind, wäre es zu traurig für mich, ich würde weinen in Ihrem Zimmer... und das wäre nicht das beſte Mittel, Sie zu vergeſſen... Leben Sie wohl, Herr Prosper... ſuchen Sie Ihr ſchönes Fräulein... ich finde vielleicht auch einen ſchönen Herrn, der ſich meiner annimmt.“ Beim Schluſſe dieſer Worte wendete ſich das junge Mädchen ab, entfernte ſich haſtig und bedeckte iyre Augen mit dem Taſchentuch. Prosper iſt einen Augenblick verſucht, Jeannetten nachzulaufen, daß er ſie tröſte; aber er beſann ſich, er überlegte, wie doch eigentlich nicht er es geweſen, der dem Mädchen nachgeſtellt hatte, ſie zu verführen; daß vielmehr ihr Unglück ihr eigener Fehler ſei, er ſich keinen Vorwurf zu machen habe, und was dergleichen 6 1 103 Gründe mehr ſind, deren einzig wahrer darauf hin⸗ auslief, daß er nur an Camilla dachte. Und warum auch Motive für unſer Betragen ſuchen, da doch beinahe in allen Lebensumſtänden in unſerm Herzensgrunde ein anderes Gefühl lebt, das uns zum Handeln treibt? Sechstes Kapitel. Eine Athenienſerin von Paris. Prosper fühlte ſein Herz gewaltig pochen, als er ſich dem von Poupardot bewohnten Landhauſe näherte, aber jetzt war es nicht mehr die Liebe, die ihn bewegte, ſondern eine Empfindung, in welche ſich weder Unruhe, noch Mißtrauen, noch Bedauern miſchte; er erinnerte ſich ſeiner Verpflichtung gegen Nadame Derbrouck und des ehrenvollen Zutrauens, wovon ſie ihm Beweis gegeben, indem ſie ihm die Sorge für ihr Kind überlaſſen hatte, und ſehnte ſich, dieſe arme Kleine, welche er auf ſeinen Armen von Paſſy weggetragen hatte, zu ſehen und zu küſſen. Ein Mann von Clichy zeigte dem jungen Reiſen⸗ den Poupardot's Wohnung; es war ein einfaches Haus von angenehmem Ausſehen, welches von einem hübſchen Garten umgeben und mit Allem verſehen war, was man allerdings nicht in der Stadt vereinen 3 tann, aber nothwendig auf dem Lande haben muß. 7 4 104 Allein, Prosper beſchäftigte ſich nicht lange mit Betrachtung des Hauſes; er trat ſchnell in den Vor⸗ hof, eine Magd ſagte ihm, ihre Herrſchaft befinde ſich mit den Kindern hinten im Garten, und er be⸗ eilte ſich dorthin zu gelangen. 1 In einer Rebenlaube ſaß Madame Poupardot und hielt ein einige Monate altes Kind auf dem Schooße; vor ihr wälzte ſich ein kleines Mädchen auf dem Raſen, welches ſeit Kurzem das Gehen gelernt hatte, einige Schritte machte, niederfiel und wieder aufſtand, um auf's Neue zu laufen und zu fallen; in einiger Entfernung war Poupardot mit dem Pfropfen eines Zwetſchgenbaumes beſchäftigt. Mann und Frau ſtießen, als ſie Prosper erblick⸗ ten, einen Schrei der Freude und des Staunens aus, und dieſer eilte, ehe er ſie anredete, auf das kleine im Graſe liegende Mädchen zu, nahm es in ſeine Arme und bedeckte es dergeſtalt mit Küſſen, daß dieſes, ganz erſchreckt darüber, nicht wußte, ob es lachen oder weinen ſollte. Madame Poupardot tröſtete jedoch die Kleine ſchnell, indem ſie ſagte:„Pauline, dieſer Herr da iſt Dein Freund... Du weißt wohl, daß wir Dir alle Tage ſagen, er werde kommen, und daß wir oft von Deinem Freunde Prosper mit Dir ſprechen, der Dich ſo lieb hat, und den Du auch lieben ſollſt Nun!.. ſag' ihm guten Tag.“ Das Kind heftete ſeine großen blauen Augen anf Prosper und ſagte endlich mit furchtſamer Stimme zu ihm:„Guten Tag... mein lieber Freund.. 1405 „Hm! ich hoffe, man merkt die gute Erziehung wohl! begann Poupardot, dem jungen Manne die Hand reichend.— Biſt Du endlich da... das iſt ein Glück... Schau, hier iſt mein Sohn, mein kleiner Navet, hoffentlich wirſt Du ihm auch einen Kuß geben.“ Prosper küßte das kleine Herzchen, dann die Mutter, kurz die ganze Familie, indem er den bei⸗ den Gatten ſeinen Dank für die dem ihnen anver⸗ trauten Kinde gewidmete Sorgfalt ausdrückte. „Und wofür bedanken Sie ſich? entgegnete Eliſa, weil Sie uns Vergnügen und Freude verſchafft haben 2.. Das kleine Mädchen iſt ſo artig, und Sie werden ſehen, wie viel Sanftmuth und Empfindſamkeit in ſeinem Charakter liegt.— Wie auch bei meinem kleinen Navet, verſetzte Poupardot, er iſt ein Wun⸗ der von Empfindſamkeit... nur beißt er gerne!“ „Wenn mein Mann Sie in ſeinem Briefe ge⸗ beten hat, uns zu beſuchen, ſo werden Sie ſich doch hoffentlich nicht vorſtellen, es ſei deßhalb geſchehen, um Ihnen Ihr Paulinchen zurückzugeben... Sie iſt überhaupt auch noch viel zu klein, als daß Sie ſich ihrer annehmen könnten... Nicht wahr, Sie kommen nicht, um ſie abzuholen?“ Prosper beruhigte Madame Poupardot, welche die Waiſe mit der Zärtlichkeit einer Mutter liebte, ohne daß dieſes der innigen Neigung zu ihrem Sohne den mindeſten Eintrag gethan hätte. Fein fühlende Seelen ſind nicht engherzig, bei dhnten findet die Liebe immer ihren Raum. 106 „Aber Bürger, weißt Du auch, daß Du gar nicht mehr zu erkennen biſt? rief Poupardot, Pros⸗ per betrachtend, aus. Das letzte Mal, da wir Dich ſahen, warſt Du als wahrhaftiger Sansculotte ge⸗ kleidet, jetzt biſt Du ein Stutzer.— Mir gefallen Sie ſo beſſer, fügte Eliſa lächelnd hinzu.“ „Ich bin meiner rothen Hoſe untreu geworden, weil ſie mir untreu wurde, erwiderte Prosper, aber ich bin nicht undankbar, und werde nie vergeſſen, was ich ihr ſchuldi⸗ bin. Was gibt's für Neuig⸗ keiten in Paris?... y habe mich ſeit einigen Mo⸗ naten durchaus nichts um Politik bekümmert.“ „Es geht gut, es geht ganz gut, entgegnete Poupardot, ſich die Hände reibend. Der Schrecken iſt vorüber... der Convent machte gute Geſetze; nur wird es, da man alle Tage welche macht, ſchwer ſein, inne zu halten; indeß hoffe ich doch, daß man, wenn es genug ſind, aufhören wird.“ 4 „Die Aſſignaten ſtehen ſchlechter als je, verſetzte Eliſa, und ich fürchte, wir werden wenig aus dem Verkaufe unſeres Hauſes in Paris ziehen.“ „Bah! bah!l ſie werden wieder ſteigen, wendete Poupardot ein. Der Verkauf der Nationalgüter wird dem Staate mehre Milliarden Aſſignaten eintragen, wenn dann weniger in Umlauf ſind, ſo ſteigen ſie wieder, das iſt ganz natürlich; ausgenommen es tre⸗ ten unvorhergeſehene Umſtände ein!..“ „Haſt Du Nachrichten von unſerem Freunde Maxi⸗ mus?— Keine. Man weiß gar nicht, was aus ihm geworden iſt!. Das macht mich troſtlos; ich fürchte, 107 er möchte im Elende ſein... Ich würde ihm gerne dienen; aber Maximus iſt ſtolz!.. er will Niemand etwas verdanken, als ſich ſelbſt.“ „Ja, er gehört zu denen, die ſich im Unglücke nie zeigen, weil ſie fürchten, man könne ihre Lage einſehen und vorausſetzen, ſie wollten einem zur Laſt fallen... Es iſt vielleicht ein übertriebenes Zartge⸗ fühl, welches jedoch nur von einem übermäßig ge⸗ ſteigerten Ehrgefühle herrühren kann. Und was macht unſer wackerer Soldat Roger?“ „O! von dieſem habe ich Nachrichten erhalten. Roger war bei unſerer ruhmwürdigen Belagerung von„Toulon... wo der junge Artillerie⸗Offizier Bonaparte ſich ſo ausgezeichnet hat... Roger iſt nicht mehr gemeiner Soldat, er iſt ſchon Lieutenant... Unſere Armeen bedecken ſich mit Ruhm; Roger iſt voll Glut und Tapferkeit; ich bin überzeugt, er wird raſch avanciren... wenn er anders nicht auf dem Felde bleibt.“ „Und Picotin?— Hat vor kurzem ſeinen Schild geändert; er hat ſeinen ſansculotten Kater wegthun, und an ſeiner Stelle einen Bären hinmachen laſſen, welcher bedeutend einem Hammel gleicht. Ich weiß nicht, ob der arme Picotin gute Geſchäfte macht, aber ich glaube, ſeine Frau kümmert ſich wenig um ſeinen Handel! ſie iſt ſo eitel!... Seit die Franzo⸗ ſen ſich wieder den Vergnügungen hingeben, ſeit die Schauſpielhäuſer wieder eröffnet ſind, geht Madame Picotin nur noch auf Bälle und in Concerte!.. allein 108 nicht in Begleitung ihres Mannes erſcheint ſie an ſolchen Orten...“ „Ach! mein Freund, verſetzte Eliſa, es iſt nicht ſchön, den Leuten Uebles nachzuſagen... Madame Picotin kann leichtſinnig ſein, das Vergnügen lieben, das iſt aber noch kein Grund, Dinge zu glauben...“ „Eil mein Gott! entgegnete Poupardot, ich ſage das nur, weil Picotin alle Augenblicke kommt, ſich über ſeine Euphraſia beklagt... und mir irgend einen Streich erzählt, den ſie ihm geſpielt hat; doch, Du haſt Recht, Eliſa, das geht uns nichts an; nun zu dem, was uns wichtiger iſt, zu unſerem neuen Gaſte, den muß man gut aufnehmen und gut behandeln, damit er lange bei uns verweilen mag... Komm, Bürger Prosper, ich will Dich in das für Dich be⸗ ſtimmte Zimmer führen. Mein Haus iſt zwar nicht ſehr geräumig, aber es iſt bequem; wenn Du aus⸗ geruht haſt, ſo will ich Dich Alles, vom Keller bis auf den Dachboden hinauf... nur die Pflanzungen in meinem Garten ausgenommen... ſehen laſſen. 1 Wahrhaftig, ich bin entzückt, mich in Clichy nieder⸗ gelaſſen zu haben; die Luft iſt hier ſo friſch, ich umn 6 überzeugt, daß mein kleiner Navet gedeihen wird wie ein Erdſchwamm.“ „Ja, mein Auguſt geräth vortrefflich hier, ſagte Eliſa, ihren Sohn küſſend.— Navet hat ſchon zwei Zähne, fiel Poupardot ein, indem er den kleinen Jungen auf den Arm nahm.— Und doch iſt Auguſt erſt fünf Monate alt, verſetzte wieder die junge Mutter.“. 3 109 „Und ſeine Waden... Schau doch einmal nach Navets Waden!— Mir iſt es, als ob ihr ihm beide nicht denſelben Namen gäbet... ſagte Prosper, der, während die Eheleute ſprachen, die kleine Pauline auf den Arm genommen hatte und zum Lachen zu bringen ſuchte.“ „Das iſt richtig, erwiderte Poupardot, meine Frau liebt den Namen Navet nicht, ſie will ihren Sohn Auguſt heißen... Ich halte das für ſehr un⸗ politiſch. Auguſt iſt der Name eines Kaiſers, eines Despoten.“ „Und Navet der Name eines Gemüſes, verſetzte die junge Mutter.— Da man aber dieſe Namen ſtatt der Heiligen in den neuen Kalendern geſetzt hat.. „Dein republikaniſcher Kalender ſteht ſchon nicht mehr in rechtem Anſehen... Ich wette, dieſe Namen halten ſich nicht länger als die Dekaden, und man wird ſicher wieder auf die Sonntage zurückkommen.“ „ Still, Eliſa! ſchweige; zieh Deinen Jungen auf und miſche Dich nicht in politiſche Angelegenhei⸗ ten; mein Sohn ſoll Navet heißen.“ Prosper machte dieſer Erörterung der beiden Gat⸗ ten ein Ende, indem er ſie um Erlaubniß bat, ſich zur Ruhe begeben zu dürfen, worauf ihn Poupardot in ein kleines, hübſches Zimmerchen führte, und auf⸗ forderte, zu thun, als ob er zu Hauſe wäre. Ddie Freundſchaft, welche die Familie Poupardot ihrem Gaſte erwies, die Liebkoſungen der Kinder, das bequeme und friedliche Leben, welches man in ihrem Hauſe genoß, ſchien Prosper um ſo angenehmer, als er bei Durouleau immer hatte bei Tiſche ſein, trinken und rauchen, kurz, eine Lebensweiſe führen müſſen, die einem Verliebten bald entleidet iſt. Die kleine Pauline gewöhnte ſich ſchnell daran, mit dem zu ſpielen, den ſie ihren Freund nannte; ja, ſie kletterte oft unaufgefordert auf ſeinen Schooß hinauf. Die Kinder errathen die Perſon, von denen ſie geliebt werden; dies iſt eine Gabe der Natur, die man mit dem zunehmenden Alter verliert. Prosper verwendete das Geld, welches ihm Durouleau gegeben hatte, zu Spielzeug für Paulinen und Poupardots Söhnchen; er ſuchte auf jede mög⸗ liche Weiſe ſeinen Wirthen ſeine Erkenntlichkeit an den Tag zu legen, und wenn er von der Rückkehr nach Melun ſprach, ſo ſagten dieſe immer:„Sie haben alſo Langeweile bei uns?“ Wenn Prosper dann traurig wurde und ſrufzte, blickte Poupardot ſeine Frau bedeutungsvoll an und flüſterte:„Es iſt ihm etwas... ich wette, er iſt verliebt... er müßte denn von ſonſt etwas gedrüct ſein... Frau, Du ſollteſt ihn darüber befragen... „Nein! entgegnete Eliſa, die Leiden der Liebe wollen geheim gehalten ſein; wer alle Geheimniſſe ſeines Herzens auskramt, weiß nicht recht zu lieben.“ Poupardot ſchien nicht recht der Anſicht ſeiner Frau zu ſein, und um ihr ſolches zu beweiſen, nahm er ſchnell ſein Söhnchen auf den Arm und nannfe es ſeinen lieben Navet. 111 3 Hierauf zuckte die Mutter die Achſeln und ſagte: „Laſſen Sie doch den Auguſt in Ruhe!“ Doch dieſe unbedeutenden Zwiſte waren die ein⸗ zigen, welche die Eintracht dieſer Gatten ſtörte, und man konnte mit Recht ſagen, daß ſie eine glückliche Ehe führten.— Picotin kam ziemlich häufig zum Beſuche nach Clichy. Das erſte Mal, als er Prosper wieder ſah, erkannte er ihn nicht, ſo groß war der Unterſchied zwiſchen dem widerwärtigen Sansculotten, der ſich im Theater der Republik auf ſeinen Schooß geſetzt hatte, und dem jungen Stutzer, der Tage lang mit den Kindern ſpielte und die kleine Pauline auf ſeinen Armen herumtrug. Als Picotin endlich den jungen Freund von Maximus erkannte, drückte er ihm innig die Hand und ſprach auf tauſenderlei Weiſe ſeine Freundſchaft aus. Da er es aber bei jedem Bekann⸗ ten ſo machte, ſo legte man wenig Gewicht auf ſolche Worte, und ſchlug dieſe Freundſchaft, der er dadurch, daß er ſie Jedermann anbot, den Werth benahm, nicht hoch an. Picotin beklagte ſich oft über ſeine Frau, die, wie viele Perſonen der damaligen Zeit, enthuſiaſtiſch für die Sitten, Gebräuche und Koſtüme der Griechen eingenommen war, und wünſchte, man ſolle in Paris alle athenienſiſchen Moden nachahmen. „Ich weiß nicht, was aus meinem Handel wer⸗ den ſoll, ſagte eines Morgens Picotin, als er mit troſtloſer Miene zu Poupardot kam; denn Euphraſia ſchwatzt mir nur noch von den Griechen, hat nur 8 noch Athen und Lacedämonien im Munde, und be⸗ hauptet, wir ſollen ihnen nachahmen, weil ſie aus⸗ gezeichnete Republikaner geweſen ſeien.“ „Nun! Bürger Picotin, biſt Du nicht mehr dieſer Anſicht? fragte Prosper. Vor Kurzem hatteſt Du den Beinamen Horatius Cocles angenommen, um den großen Männern Roms zu gleichen; warum nimmſt Du jetzt nicht einen griechiſchen Namen an, da dieſe den Vorzug erhalten?“ „Der Vorzug!.. der iſt vor allen Dingen nicht allgemein anerkannt; der Gedanke, die Griechen nachzuahmen, ſtammt nur aus den Salons, wo ſich die großen Koketten und Stutzer verſammeln. Das Schönſte iſt, daß die Frau eines Conventmitglieds mit einer Freundin im Tutleriengarten, beide als Athenienſerinnen gekleidet, ſpazieren gingen: das heißt in einem Kleide ohne Hemd, oder vielmehr in einem Hemde ohne Kleid, mit nackten Beinen und nur Kothurnen an den Füßen...“ „Iſt es wirklich möglich? fragte Eliſa mit un⸗ gläubiger Miene.— Ich weiß nicht, ob es möglich iſt, aber ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß es ſo iſt; mein Freund Romulus hat ſie geſehen und iſt ihnen nachgegangen... Eine Menge Männer folgten ihnen, das verſteht ſich von ſelbſt... um ſo hr als man behauptet, dieſe beiden Damen ſeien ehr ſchön und ſehr gut gewachſen...“ 3 „Beim Kuckuk! ſagte Poupardot, Buckelige hätten dieſes Koſtüm nicht angezogen!— Wohlan! fuhr Pi⸗ cotin fort, nachdem ich von allen Seiten die beiden 113 Bürgerinnen, welche dieſen Verſuch gemacht haben, tadeln hörte, würdet ihr glauben, daß meine Frau ſie vertheidigt, und behauptet, wir müſſen die athe⸗ nienſiſchen Trachten annehmen!.. Denkt euch mich mit einer Tunika, die bis um's halbe Bein reicht, und einem leicht über die Schultern geworfenen Man⸗ tel!.. wenn ein Wind geht, muß man da ſchöne Dinge ſehen!.. Gleichviel, Euphraſia denkt und träumt nur von Griechenland, und um den Anfang zu machen, hat ſie mir dieſen Morgen eine mit Honig und Thymian geſchmelzte Brodſuppe gekocht und ge⸗ ſagt, das ſei griechiſche Küche... und zum Trinken hat ſie mir ſtatt des Weines eine Arznei vorgeſetzt, die ſie für Naxos oder Chio ausgibt. Ich habe alles abſcheulich gefunden und bitte euch um ein Frühſtück.“ Man bemühte ſich, den armen Gatten zu tröſten und gab ihm ein Frühſtüͤck; Poupardot füllte ihm öfters ſein Glas, damit er den Meth vergeſſe, und als Picotin, von dem genoſſenen Weine erhitzt, vom Tiſche aufſtand, war er mehr, denn je, gegen die griechiſche Küche eingenommen. Nach dem Frühſtücke forderte Picotin Poupardot und Mhaader auf, mit ihm nach Paris hinunter zu gehen, um zu ſehen, was es Neues gebe, denn ob⸗ gleich die Schreckensherrſchaft ein Ende hatte, ſo fehlte doch noch viel zur völligen Wiederherſtellung der Ruhe, und jeder Tag führte noch neue Streitigkeiten im Convente, Murren unter dem Volke und Drohungen in den Sektionen herbei. Paul de Kock, XVI. 3 8 114 Prosper war, ſeit er bei Poupardot wohnte, öf⸗ f ters in Paris geweſen, aber er miſchte ſich nicht mehr in die öffentlichen Angelegenheiten; ſein einziger Wunſch war, Jemand zu begegnen, der von England zurück⸗ komme, um möglicherweiſe Nachrichten über den Gra⸗ fen von Trevilliers und deſſen Tochter einzuziehen, und bis dahin war dieſer Wunſch nie in Erfüllung gegangen. Die drei jungen Männer verließen Clichy und gingen Arm in Arm nach Paris hinab. Prosper, der immer in Träumereien verſunken und zerſtreut war, achtete wenig auf das, was um ihn her vorging. Poupardot dagegen betrachtete Alles, ſuchte auf allen Geſichtern zu leſen und zu errathen, was die ver⸗ ſchiedenen Gruppen miteinander ſprachen. Picotin, den das Frühſtück beinahe kühn gemacht hatte, träl⸗ lerte die Carmagnole; wenn aber ein Stutzer an ihm vorbeiging, der ihm zuzuhören ſchien, ſo wußte er von ſeiner Melodie geſchickt in die Narlboro ug h's überzugehen.— Die Herren langten auf den Boulevards an. „Wo gehen wir hin? fragte Prosper.— In die elyſäiſchen Felder! rief Picotin aus, der Tag iſ wunderſchön, es muß eine Maſſe Menſchen dort ſein. — Wohlan denn! verſetzte Poupardot, wir erfahren vielleicht Neuigkeiten dort.“ Man ſetzte ſeinen Marſch fort und kam bald in die elyſäiſchen Felder, wo in der That eine Menge Menſchen aller Klaſſen hin und her wogten, die Einen um zu ſehen, die Andern, um ſich ſehen zu laſſen, — 1 115 4 Einige um zu erfahren, was geſprochen werde, und der größte Theil, um dem Müßiggang zu fröhnen. Unſere drei Spaziergänger waren ſchon durch mehre Alleen gegangen; Prosper ſchaute um ſich her und ſpähte, ob er nicht unter den vielen Vorübergehen⸗ den Maximus, ſeinen theuren Maximus, den er ſo ſehnlich zu finden wünſchte, entdecken könnte. Pou⸗ pardot beſtrebte ſich, auf allen Geſichtern eine fröh⸗ liche Miene zu ſehen, und Picotin ſtellte eine Menge Betrachtungen an, worauf ſeine beiden Begleiter es für überflüſſig fanden, zu antworten. Mit Einemmale ſtießen einige junge Leute zu⸗ ſammen, ſprachen lachend mit einander, und gingen dann in eine entgegengeſetzte, weniger beſuchte Allee hinein, die ſich aber bald voll Menſchen anfüllte. „Dort muß es etwas geben, Bürger!“ rief Pi⸗ cotin aus, ſeine beiden Begleiter nach der Gegend hinziehend, wo ſich die Spaziergänger zuſammenge⸗ drängt hatten.„Seht, ſeht! man läuft, man eilt. Ol gewiß gibt es dort etwas, kommt, laßt uns ſehen.“ Poupardot und Prosper ließen ſich fortſchleppen. Picotin wendete ſich an einen Vorübergehenden und fragte:„Was gibt es denn dort, Bürger?2. Was läuft man?.. Was will man ſehen?“ „Wieder ein als Griechin gekleidetes Frauenzim⸗ mer... Die Damen haben doch den Teufel im Leib... Dieſe iſt beinahe nackt... Sie hat nichts als eine muſſelinene Tunika an.. kein Unterkleid darunter... nun können Sie ſich vorſtellen, was man ſieht... ſie hat wohl eine kleine Draperie über die Schultern 116 her, die aber nicht das Mindeſte bedeckt... Geht, geht, Bürger, das Frauenzimmer iſt hübſch, es iſt ſchon der Mühe werth, ſie zu ſehen.“ „Ol beim Kuckukl ich wäre entzückt, eine zu ſehen! rief Picotin aus; das iſt ein Beweis, daß Romulus mich nicht belogen hat. Es iſt aus, die Weiber wer⸗ den Griechinnen... Wir wollen dieſe einmal ſehen!“ Picotin zog ſeine Begleiter mit ſich, ſtieß die Vor⸗ übergehenden auf die Seite, drang durch die Menge und bemerkte endlich in einer Entfernung von dreißig Schritten die moderne Athenienſerin, welche mitten unter der Menge ganz allein und ungenirt ſpazieren ging, und durch die Wirkung, die ihr Koſtüm hervorbrachte, durchaus nicht außer Faſſung zu gerathen ſchien. „ Donnerwetter! ſie iſt hübſch gebaut, rief Pius⸗ tin aus; ſchöne Beine... Waden... Hüften.. man das Alles ſo gut ſieht!...— Sie hrint in dieſem Koſtüm nicht verlegen zu ſein! verſetzte Pou⸗ pardot, und doch iſt es raſend unſchicklich!“ „Das iſt wahr, ſagte Picotin, aber es iſt ſehr aufmunternd!.. beim Henker! jetzt finde ich Geſchmack an den Griechinnen.. Ich ſehe das Angeſicht dieſer hier nicht... aber von der Seite iſt ſie prächtig.. Was ſagt ihr dazu, Bürger?— Sie iſt gebaut, wie ein Engel! rief Poupardot aus.“ Prosper antwortete nichts, er zuckte nur mit den Achſeln. „Vorwärts, vorwärts! ſchrie Picotin, ich will ihr Angeſicht ſehen; ich muß mich überzeugen, ob Alles, was man uns zeigt, eben ſo feſt als ſchön iſt.“ 117 „Ha! Picotin, Du wirſt hoffentlich vernünftig ſein und Dir nicht erlauben, dieſes Frauenzimmer zu beleidigen!“ ſtellte ihm Poupardot vor. „Sei doch beruhigt, Bürger; es handelt ſich nicht von einer Beleidigung... aber ein Frauenzimmer, welches beinahe nackt ſpazieren geht, muß eben nicht ganz unbändig ſein. Kommt doch, kommt doch. Ich will die Athenienſerin erobern.“ Picotin verdoppelte ſeine Schritte, das Frühſtück hatte ihn unternehmend gemacht: das griechiſche Ko⸗ ſtüm ſpukte ihm im Kopfe. Endlich kam er dicht angezogen habe, um ihre Bewunderer zu beohrfeigen. Einige machten bereits den Vorſchlag, ihr, wie den 118 unartigen Kindern, eine Züchtigung aufzuerlegen. Eu⸗ phraſia war erſchreckt, erblaßte, zitterte, ſie wollte ſprechen... Ein allgemeines Hurrah übertönte ihre Stimme... Sie ſuchte mit den Augen nach ihrem Gatten; er hatte ſich, ſeine Wange haltend, davon gemacht. Die arme Athenienſerin wußte nicht, wie ſie ſich von dieſer Menſchenmaſſe befreien ſollte, als ein junger Mann bis in ihre Nähe durch die Menge hindurchdrang, Euphraſia beim Arme nahm, und ſie, während er Alle, die ihm in den Weg traten, heftig zurückſtieß, mit großen Schritten aus den elyſäiſchen Feldern hinaus⸗ und davonführte und in einen Fiaker ſteigen ließ. „Ach! ich danke Dir, ich danke Dir! Bürger Pros⸗ per,“ rief Euphraſia aus, als ſie wieder die Kraft zum Sprechen gefunden und ihren Befreier erkannt hatte;„ich weiß nicht, was mir ohne Dich geſchehen wäre!... Ol es iſt vorbei, ich ſchwöre Dir, ich werde mich nie wieder als Athenienſerin anziehen.“ „Du wirſt, glaube ich, wohl daran thun, ſagte Prosper lächelnd, die Franzoſen ſcheinen mir nicht geeignet, Griechen zu werden.“ „Und doch iſt der Dummkopf, mein Mann, an Allem dem Schuld... hätte er mich nicht... belei⸗ digt, ſo würde ich ihm keine Ohrfeige gegeben und man ſich nicht um mich verſammelt haben. Liegt auch ein Verſtand darin, mich zu kneifen, als ob er zu Hauſe nicht immer Zeit dazu hätte! da denkt er aber nie daran.— Wenn er Dich erkannt hätie, würde er es nicht gethan haben.“ ———— —-— 119 „Wie! er hat mich nicht erkannt? Alſo gegen ein fremdes Frauenzimmer wollte er ſich... ſo etwas erlauben? Ha! das Ungeheuer! er verdiente wohl... das ſoll er mir übrigens büßen... Wo führſt Du mich hin, Bürger?— In Dein Haus, denke ich.“ „O! noch nicht... ich möchte nicht vor Nacht heimkommen. Ich fürchte mich vor einem neuen Auf⸗ tritt, wenn man mich in dieſem Koſtüm in meinem Quartier ſähe. Ich habe mich nicht zu Hauſe ange⸗ zogen, ſondern bei einer meiner Freundinnen.— Nun! ſoll ich Dich zu Deiner Freundin hinführen?— Sie iſt vielleicht nicht zu Hauſe... Wenn Du keine Eile haſt, ſo ſage zum Kutſcher, er ſoll uns ins Boulo⸗ gner Wäldchen führen... Es wird bald Nacht ſein, dann kehren wir nach Paris zurück.“ Prosper war geneigt, Alles zu thun, was der jungen Frau angenehm ſein konnte, denn er fand ſie ſehr verführeriſch in ihrem griechiſchen Koſtüm. Er befahl folglich dem Kutſcher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren. Da ſich Euphraſia nicht mehr fürchtete, ſo kehrte auch ihre Heiterkeit und Koketterie zurück; ſie gab ſich Mühe, ſich in ihr Mäntelchen einzuhüllen, aber die geringſte Erſchütterung des Wa⸗ gens derangirte ihre Bedeckung und hob bisweilen einen Theil ihrer Tunika in die Höhe. Dann lachte Euphraſia wie eine kleine Närrin und Prosper ſuchte ſie zu bedecken, damit ſie nicht friere; aber er griff es ungeſchickt an, und wurde nie damit fertig. Un⸗ terdeſſen brach die Nacht herein und es fing an kühl zu werden. Prosper zog alle Fenſter des Gefährtes 120 8 erauf, damit ſich die junge Griechin nicht erkälte, allein trotz dieſer Vorſicht lehnte ſich dieſe dicht an ſeine Seite, um ſich zu erwärmen. Es war ſchon zwei Stunden ſtockfinſtere Nacht, und der Fiaker, worin Prosper und Euphraſia ſaßen, fuhr immer noch im Boulogner Wäldchen herumz der Kutſcher war beinahe eingeſchlafen, ſeine Hand überließ den Rennern die Zügel, als Pros⸗ per und die Athenienſerin, die beide längſt nicht mehr froren, an die Rückkehr nach Paris dachten. Man langte in der Bärenſtraße an, die junge Frau ſtieg zwei Schritte vor ihrem Hauſe aus dem Wagen, drückte Prosper zärtlich die Hand, eilte auf ihren Laden zu und rief aus:„Gleichviel! ich werde fürchterlich mit meinem Manne aufbegehren!“ Ungefähr ſechs Wochen nach dieſem Tage erhielt Prosper einen ſchwarz geſiegelten Brief aus Melun, er öffnete ihn voll Beſorgniß; er war von demſelben Notar, der ihn aufgefordert hatte, die Hinterlaſſen⸗ ſchaft ſeines Pathen abzuholen, und enthielt folgende Worte:„Der ehemalige Bierbrauer, Bürger Durou⸗ leau, iſt an einem Gichtanfall verſtorben; er hinter⸗ läßt weder Kinder noch Seitenerben, und hat Dir, Bürger Prosper Breſſange, ſein ganzes Vermögen vermacht; diesmal handelt es ſich um etwas Anderes, als drei Hoſen, denn kurz vor ſeinem Tode hat ſich Durouleau noch ein Nationalgut angeeignet; der Landſitz des ehemaligen Grafen von Trevilliers ward ſein Eigenthum. Wenn Du kommen willſt, ſo hängt es nur von Dir ab, Deine Erbſchaft in Beſitz zu nehmen.“ 3 2 5* 121 Prospey hielt ſich einen Augenblick für das Spiel⸗ werk eines Traumes; denn wenn wir ein Glück er⸗ leben, ſo fürchten wir immer, es möchte eine Täuſchung ſein; nicht ſo iſt es mit der Trübſal der Fall, die wir immer als eine alte Bekanntſchaft aufnehmen. Indeſſen war ihm dieſes Glück wirklich begegnet, er hielt den Brief in ſeinen Händen, der es ihm verkündete, und war faſt über ſich ſelbſt böſe, daß er durch den Tod dieſes armen Durouleau dazu gelangte, wflcher ihm ſelbſt im Scheiden noch ei⸗ nen Beweis der für ihn empfundenen Anhänglich⸗ keit gab. Aber in dem vorliegenden Falle war es ſehr natürlich, daß die Freude den Sieg über das Be⸗ dauern davon trug. Tauſend Gedanken, tauſend Hoffnungen ſtiegen in Prospers Seele auf; beſonders entzückte ihn der Beſitz des Graf Trevilliers'ſchen Gutes, jener ſchönen Herrſchaft, wo Camilla ihre Jugendzeit verlebte, und deren Verluſt ſie fortwährend bedauerte, da ihr einziges Glück, ſeit ſie nicht mehr das Recht hatte, ſie zu bewohnen, darin beſtand, ſich in den Umgebungen derſelben zu ergehen. Die Einbildungs⸗ kraft eines Verliebten reicht weit! Schon ſah ſich Prosper als Camilla's Gatte, und führte ſte in den Wohnſitz ihrer Väter ein.. Der neue Erbe beeilte ſich, ſeine Wirthe den Brief leſen zu laſſen, den er eben erhalten hatte; ddiieſe theilten ſeine Freude... Poupardot küßte und beglückwünſchte ihn; Eliſe gab ihm die Verſicherung, er verdiene ein ſolches Loos, und ihre Worte waren 4 122 der völlige Ausdruck der Wahrheit, denn die beiden Gatten kannten keinen Neid, und freuten ſich auf⸗ richtig und herzlich mit ihrem Freunde. „Und Du, liebe Kleine, ſagte Prosper, die Tochter des unglücklichen Darbrouck in ſeine Arme ſchließend, Du, die Du im Schooße des Glücks geboren wardſt, und arm geworden biſt, Deine Zukunft kann ich nun auch ſicher ſtellen. Ach! wenn ich mich freue über meinen Reichthum, ſo geſchieht es nur deßhalb, weil ich fühle, wie ſüß es ſein muß, Diejenigen zu be⸗ glücken, die man liebt.“ Prosper wollte den folgenden Tag, nachdem er den Brief erhalten hatte, nach Melun abreiſen, aber die neuen Ereigniſſe, die ſich in Paris zutrugen, ge⸗ ſtatteten ihm eine ſo ſchleunige Entfernung nicht. Die Sektionen waren eben in völliger Empörung gegen den Convent; die Trommel ſchlug in Paris, man griff von allen Seiten zu den Waffen, und Poupardot, der eines Tages trotz der Bitten ſeiner Frau fortgegangen war, um zu ſehen, was vorgehe, kam ganz erſchöpft, ganz blaß, und mit einer Wunde am Knie nach Hauſe zurück; deſſenungeachtet rieb er ſich aber die Hände und rief aus:„Es geht gut, ol es geht vortrefflich... die Empörung iſt vorüber ... der General Bonaparte hat Kartätſchen auf die Sektionen richten laſſen... ol er hatte ſie bald weg⸗ geblaſen... der Convent triumphirt.. ich denke, man wird den 13. Vendemiaire nicht ſobald vergeſſen! „Aber warum biſt Du verwundet? fragte Eliſa, haſt Du Dich geſchlagen?— Nein.. aber ich wollte — 123 im Augenblicke, als die Kanonen loskrachten, durch die Straße Saint⸗Honoré gehen... die Kanonen treffen weit hin, und wenn man neugierig iſt... ſo begegnet einem bisweilen eine Unannehmlichkeit... Es ging mir ein Stück von einer Kartätſchenkugel in das Knie, was mir ſehr weh thut... allein ich bin zufrieden, denn ich habe die Hoffnung, daß wir endlich glücklich ſein werden.“ Eliſa verband eilig ihren Gatten; Prosper ver⸗ weilte einige Tage länger bei dem Verwundeten, um ſich zu überzeugen, daß es keine Gefahr mit ihm habe. Poupardot ward bald wieder hergeſtellt; da aber die empfangene Wunde einen Nerven des Knies angegriffen hatte, ſo fühlte er beim Gehen eine Beſchwerlichkeit, eine Steifheit, die ihn zu hinken nöthigte, und der Arzt verſicherte ihn, ſein Gang werde ſich nie mehr ändern. Als endlich Prosper Paris wieder in Ruhe ſah, entſchloß er ſich nach Melun abzugehen; er ſagte ſei⸗ nen Freunden Lebewohl, küßte Pauline, die er mit einem Blicke noch einmal der guten Eliſa empfahl, auf's Zärtlichſte, und begab ſich ſodann auf den Weg, um die Erbſchaft einzuziehen, die er der Vor⸗ ſehung und der rothen Hoſe ſeines Pathen verdankte. ſſiiſſſſſmmſiſſiſnſfſiſſnſſfiſſſſſifnſſinſinſſiiſſſiſſimſſniſſſnſiniſſſüſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ——-C;Conñ