Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Siebzehnter Theil. S⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. 1 Der Mann mit drei Hoſen, oder die Nepublik, das Kaiſerthum und ddie KReſtauration. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Aufzunehmen pflegt man den Mann nach dem Kleide, das er trägt; man verabſchiedet ſich von ihm nach dem Geiſte, den er bewieſen hat. O— Dritter Theil. SSo Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1848. / Erſtes Kapitel. Aufenthalt in England. Kaum war Prosper in Melun angelangt, ſo beeilte er ſich, ſich zu dem Notar Dumont hinzu⸗ begeben; dieſer las ihm das zu ſeinen Gunſten ab⸗ gefaßte Teſtament vor und überreichte ihm die Akten⸗ ſtücke, wodurch ihm das Vermögen zugeſichert war, welches ihm übrigens Niemand ſtreitig zu machen ſuchte. Der vormalige Bierbrauer war kein Millionär, denn bis zu ſeinem letzten Gichtanfall hatte er ſich nichts verſagt und alle ſeinen Neigungen angemeſſene Ver⸗ gnügungen genoſſen. Das nach ſeinem Tode hinter⸗ laſſene Vermögen beſtand aus dem Gute von Tre⸗ villiers und ſeinen Lehen, was ein Einkommen von zehn⸗ bis zwölftauſend Livres abwarf; ſeinem in Melun ſtehenden Wohnhauſe, und ungefähr hundert⸗ tauſend Livres baarem Gelde, welches er in einem alten Kaſten im Hintergrunde ſeines Schreibtiſches verborgen gehabt hatte, ein Beweis, daß er wenig Vertrauen in die Aſſignaten ſetzte, obwohl er das à Gut des Emigranten mit Papiergeld an ſich ge⸗ bracht hatte. — 6 Es war alſo kein ungeheures Vermögen, welches Prosper zufiel, aber für Jemand, der gar nichts hat, grenzt dieſer Wechſel des Geſchickes ans Wun⸗ derbare. Bedenken wir auch, daß Prosper erſt zwanzig Jahre alt war, und wenn gleich die Zufälle und Lebenslagen, worin er ſich ſchon befunden, ſeinen Charakter frühzeitig geſtählt hatten, ſo konnte ſich ſein Herz und ſein Sinn doch noch jenen der Jugend befreundeten Illuſionen überlaſſen, die ſelbſt das rei⸗ fere Alter lange noch beizubehalten ſucht. Beim Eintritt in das Haus, wo er Durouleau freudig und bei Laune verlaſſen hatte, fühlte ſich Prosper tief ergriffen, und würde willig das eben erlangte Vermögen zurückgegeben haben, um wieder die Hand dieſes Mannes zu drücken, der zwar in ſeinem Leben große Fehler begangen haben mochte, ihm jedoch nur Beweiſe der Freundſchaft gegeben hatte. In dem Gemache angekommen, welches Prosper früher inne gehabt hatte, bemächtigte ſich eine andere Erinnerung ſeiner Seele. Hier hatte Camilla eine Nacht mit ihm zugebracht, hier war er ſo glücklich. und ſo ſtrafbar geweſen, doch hoffte er immer, dieſer Fehler werde ſein Glück zur Folge haben, und dachte in ſeinem Sinne:„Kann ſie jemals, nachdem was geſchehen iſt, einem Andern ihre Hand reichen? O, nein! Camilla iſt zu ſtolz, um Jemand zu betrügen. —— Sie weiß, wie ſehr ich ſie liebe, und warum ſollte ich jetzt, wo ich ihr das Gut ihres Vaters zurückgeben kann, jetzt, wo ich reich bin, nicht ihr Gatte werden?“ 7 Prosper blieb einen großen Theil des Tages in Gedanken verſunken und mit der Erinnerung an Ca⸗ milla beſchäftigt in dieſem Zimmer. Die Zeit ver⸗ ſtreicht den Dichtern und Verliebten ſchnell; ſolche Leute langweilen ſich in der Einſamkeit nie, das iſt eine kleine Entſchädigung für all die Täuſchungen, die ihrer warten. Erſt beim Heraustreten aus dem Zimmer gedachte Prosper einer zweiten Perſon, die es ebenfalls mit ihm getheilt hatte; dann ſchweiften ſeine Blicke auf den umſtehenden Gegenſtänden herum und er flüſterte: „Arme Jeannette! dieſe liebt mich innig! und ich habe ſie gezwungen, mich zu verlaſſen, während die an⸗ dere Unſer Herz iſt doch ſehr undankbar, ſehr grau⸗ ſam, ſehr ungerecht! Wenn es nicht liebt, läßt es ſich von nichts rühren; es bleibt kalt bei den Beweiſen der glühendſten Liebe, während es bisweilen für einen Gegenſtand in Flammen geräth und ſich verzehrt, von dem es gering geſchätzt und verachtet wird. Wenn ich aber Jeannette wieder finde, ſo will ich ihr einen Beweis meiner Freundſchaft geben, indem ich ihr eine ſorgenfreie Zukunft bereite.“ Prosper hatte ſchon ſeinen Plan gemacht; ſein Entſchluß ſtand feſt; er beabſichtigte nach England zu gehen, um dort Camilla aufzuſuchen; er konnte nicht glauben, daß ſie ihn ganz vergeſſen habe. Da er ihr Schweigen der Macht der Umſtände und nicht ihrem eigenen Willen zuſchrieb, ſo tröſtete er ſich damit, ſie habe ihm vielleicht Nachricht gegeben und ihre Briefe ſeien aufgefangen worden oder verloren gegangen; 8 der damals zwiſchen Frankreich und England herrſchende Krieg, die Seltenheit und die Schwierigkeit der Com⸗ munikationen, konnten in der That Anlaß zu ſolchen Vermuthungen geben; außerdem ergreift ein Lieb⸗ haber Alles, was ſeiner Leidenſchaft ſchmeichelt; er würde eher an eine Erdumwälzung glauben, als voll⸗ kommen auf die Hoffnung einer Gegenliebe verzichten. Wenn wir lieben, fordern wir Beweiſe, um an unſer Unglück zu glauben, und ſelbſt dann noch!... wie Viele haben ſie und wollen doch nicht daran glauben! Oculos habent et non videbunt, was übri⸗ gens ein großes Glück iſt. Prosper brachte ſeine Erbſchaftsangelegenheiten ſchnell in Ordnung. Er nahm ſodann eine bedeutende Summe Geldes zu ſich, vertraute ſeinem Notar die übrige Baarſchaft an, ließ ſein Haus unter der Auf⸗ ſicht zweier Dienſtboten, die bei Durouleau gedient hatten, und reiste nach Calais ab, wo er eine Gele⸗ genheit zur Ueberſchiffung nach England zu finden hoffte. Mit Gold kommt man zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden faſt immer zum Ziele. Prosper wurde mit dem Kapitän eines leichten Segelſchiffes, das nach Schottland ſteuerte, Handels einig. In einer ſchönen Nacht ſchiffte er ſich ein und verlor bald die Küſten ſeines Vaterlandes aus den Augen. Die Hauptſache für Prosper war ſeine Entfer⸗ nung aus Frankreich. Einmal in Schottland ſchien es ihm ein Leichtes, ſich nach England zu begeben, nur ſah er bald ein, daß er wohl daran gethan hatte, ſich mit einer beträchtlichen Summe Geldes — 9 zu verſehen, denn in England ſchien es, als ob es davon flöge. Vierzehn Tage nach ſeiner Abfahrt von Calais logirte Prosper in London in einem ziemlich hübſchen Hotel der Altſtadt, und rannte in allen Straßen umher, in der Hoffnung, der Tochter des Grafen von Trevilliers zu begegnen. Aber jeden Tag fühlte der arme Verliebte einen Theil ſeiner Hoffnungen ſchwinden. Wie ſollte es ihm auch in der That gelingen, die Geſuchte inmitten einer rieſengroßen Stadt, einer ungeheuren Bevölkerung zu finden, während er kaum ein paar Worte von der Sprache ſtottern konnte, die rings um ihn her geſprochen wurde? Der Gaſtwirth, bei welchem Prosper wohnte, bildete ſich ein, vortrefflich Franzöſiſch zu ſprechen und zu verſtehen. Als der junge Reiſende bei ihm abſtieg und ſagte, er komme nach London, um Landsleute aufzuſuchen, ſo hatte ihm Herr Betteſon, dies war der Namen des Wirths, entgegnet, er werde ihm in ſeinen Nachforſchungen an die Hand gehen und ihm bei der Aufſuchung ſeiner Freunde behülflich ſein. Als aber nach einigen in der Altſtadt zugebrachten Tagen Herr Betteſon Prospern, wenn er Zucker ver⸗ langte, Bier, wenn er eine Feder verlangte, ein Beef⸗ ſteak, und als er einen Commiſſionär wünſchte, einen Schneider geſchickt hatte, da zog der junge Mann aus und quartirte ſich in ein hübſches Hotel des prachtvollen Quartiers Saint⸗James ein. Dort fand Prosper einen Wirth und ſogar Kellner, 10 die ziemlich gut Franzöſiſch ſprachen, und erkundigte ſich nach dem Grafen von Trevilliers. „Emigranten, erwiderte man ihm, haben wir in allen Quartieren der Stadt viele; die einen machen tolle Depenſen, die andern haben keinen Kreuzer und ſind höchſt unglücklich; einige davon ſind ſogar ge⸗ nöthigt, um ſich ihren Unterhalt zu friſten, ihre Fähigkeiten in Anwendung zu bringen; ſie unterrichten in den Künſten und Wiſſenſchaften, die ſie ſich an⸗ geeignet haben, und verbergen aus Stolz ihren Na⸗ men und Rang. Wir kennen keinen Grafen von Tre⸗ villiers; um Nachrichten über ihn einzuziehen, ſollten Sie die großen Zirkel Londons beſuchen, in den Salons einiger Lords Zutritt haben, oder was noch beſſer wäre, bei irgend einer hochgeſtellten Perſon eingeführt zu werden ſuchen.“ Aber Prosper hatte gar keine Bekanntſchaften, keine Empfehlungsbriefe, er war von bürgerlicher Abkunft, früher Buchdrucker geweſen, Republikaner, liebte die Freiheit, die Revolution und war Beſitzer von Nationalgütern; alle dieſe Eigenſchaften konnten ihm keinen Zutritt in die Salons der engliſchen Ariſtokratie verſchaffen. Sechs Monate waren verfloſſen. Prosper hatte ganz London durchſtreift und alle öffentlichen Orte be⸗ ſucht, er ging oft in's Theater und in die Zirkel, ſpeiste in allen bedeutenden Gaſthäuſern, kehrte bei allen Reſtaurants ein, und hatte doch Camilla nie zu Geſicht bekommen, noch einen Franzoſen den Na⸗ men ihres Vaters nennen hören. Der arme Verliebte 4 11 verzweifelte; mehrmals ſchon hatte er im Sinne gehabt, England zu verlaſſen, aber er konnte nicht zum Ent⸗ ſchluſſe kommen, weil ihm eine geheime Ahnung ſagte, ſeine Geliebte ſei in London. Eines Morgens ging er in einem vom Mittel⸗ punkte der Stadt entlegenen Viertel ſpazieren. Er ſuchte nicht mehr, er fragte nicht mehr, denn auch in dieſer, wie in den andern Straßen hatte er ſich ſchon längſt nach dem Grafen von Trevilliers und ſeiner Tochter erkundigt, und nirgends etwas von ihnen erfahren können. Während er ſo auf⸗ und abging hielt eine Poſt⸗ chaiſe vor einem ziemlich einfach ausſehenden Hauſe. Ein Mann von vornehmem Aeußern ſtieg zuerſt aus; an ſeinem Anzuge, an ſeinem ganzen Weſen erkannte Prosper gleich einen Franzoſen in ihm; nach ihm ſprang ein junges Frauenzimmer aus dem Wagen, und dieſes Frauenzimmer, das ſagte ihm ſein Herz, war, obgleich er ſie nur halb geſehen, Camilla, die er endlich entdeckt hatte. Prosper blieb ungefähr hundert Schritte von dem Gefährt entfernt unbeweglich auf der Straße ſtehen, und heftete ſeine Blicke ſtarr auf das Haus, in welches die Perſonen eingetreten waren, die von einer Reiſe zurückzukommen ſchienen. Er wußte nicht, was er anfangen ſollte. Dieſes Glück, worauf er nicht mehr rechnete, betäubte ihn und raubte ihm ſeine Faſſung. Indeſſen ſtieg der Poſtillon wieder auf. Die Poſt⸗ chaiſe rollte von dannen. Dann erſt kehrte Prospers Beſinnung zurück, und hinter dem Gefährt herlaufend, 12 rief er dem Poſtillon und zeigte ihm von Ferne ein Goldſtück. Der Poſtillon hielt ſeine Pferde an. Der junge Mann näherte ſich ihm und ſuchte ſich ver⸗ ſtändlich zu machen. Seit ſechs Monaten, die er be⸗ reits in London zubrachte, hatte er hinlänglich Engliſch gelernt, um ſich einigermaßen ausdrücken zu können. Er fragte, wer die Reiſenden wären, welche eben aus dem Wagen geſtiegen ſeien. Der Poſtillon griff zuerſt nach dem ihm dargebotenen Goldſtücke und ent⸗ gegnete alsdann:„Ves, travellers... comte french emigré, von Birmingham kommen!“ Hlerauf peitſchte der Poſtillon ſeine Pferde und flog davon. Prosper wußte um nicht viel weiter, als zuvor, doch hatte er die Worte comte, french und emigré wohlverſtanden. Außerdem war er über⸗ zeugt, Camilla geſehen zu haben; allein was ſollte er nun beginnen? er fühlte wohl, daß es jetzt nicht der paſſende Augenblick ſei, ſich vorzuſtellen, da man von einer Reiſe zurückkehre; und auch abgeſehen da⸗ von, wollte er Camilla ohne ihren Vater ſehen, und zu dieſem Zwecke mußte er zuvor einigermaßen be⸗ kannt im Hauſe ſein. Prosper ſtand den ganzen Tag wie eine Schild⸗ wache in der Straße. Gegen Abend kam eine Frau, an deren Aeußeres er eine Engländerin erkannte, aus dem Hauſe heraus. Prosper ging ihr nach, redete ſie an, ſtotterte einige Worte, von denen man gar nicht wußte, zu welcher Sprache ſie gehörten, weil er in ſeinem Eifer, ſich verſtändlich zu machen, keine Worte auszudrücken fand. Zu ſeinem Glücke ſprach 13 die Dame, an welche er ſich gewendet, vortrefflich Franzöſiſch, und ſagte lächelnd zu ihm:„Ich glaube es wäre einfacher, wenn Sie nicht Engliſch mit mir ſprächen.“ Prosper war entzückt, er würde die engliſche Dame geküßt haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, ſie zu erzürnen; endlich konnte er die erſehnten Erkundi⸗ gungen einziehen. Miſtreß Wilfort, ſo hieß die Dame, erwiderte ihm mit vieler Höflichkeit:„Die Leute, welche Sie aus dem Wagen ſteigen ſahen, haben ſchon vergangenes Jahr bei mir gewohnt; ich bin Wittwe und mit zwei Dienſtboten allein; mein Haus iſt ziem⸗ lich groß, daher habe ich die Hälfte dieſem Franzoſen und ſeiner Tochter abgetreten. Es iſt ein Emigrant, und heißt Graf von Trevilliers. Sie ſind, wie mir ſcheint, nicht reich; ſie haben einige Monate in Bir⸗ mingham bei einem befreundeten Engländer zugebracht, Heute kamen ſie wieder zurück und werden wahr⸗ ſcheinlich ihre früher gewohnte Lebensweiſe wieder einführen. Der Vater geht alle Tage aus und miethet zuweilen ein Pferd, um ſpazieren zu reiten: die Tochter bleibt beinahe beſtändig zu Hauſe. Sie er⸗ halten von einigen adeligen, gleich ihnen emigrirten Franzoſen Beſuche; ſie ſchwatzen, ſie ſpielen... und trinken durchaus keinen Thee... das ſcheint mir das Auffallendſte an ihnen!...“ Prosper bedankte ſich bei Miſtreß Wilfort, die äußerſt geſprächig zu ſein ſchien; er gab ſich für den Bruder einer von Fräulein von Trevilliers in Frank⸗ reich zurückgelaſſenen Freundin aus, ſagte, er werde 14 ſie beſuchen, ſobald ſie ſich von der Reiſe erholt habe und bat die Engländerin, dem Fräulein von dieſer Unterredung nichts mitzutheilen, weil er ſie zu über⸗ raſchen gedenke. Miſtreß Wilfort verſprach zu ſchweigen; der junge Mann entfernte ſich mit freudeerfülltem Herzen. Zum erſten Mal ſeit ſeinem Aufenthalt in London ſchaute er mit Vergnügen um ſich her. Die Stadt erſchien ihm ſchöner, die Läden prächtiger, die Engländerinnen an⸗ muthiger; es war ihm, als hätte er alle dieſe Dinge noch nie geſehen. Prosper ſchlich einige Tage um Camilla's Haus herum. Der Graf von Trevilliers ging gewöhnlich um ein Uhr Nachmittags aus und kam vor fünf Uhr nicht zurück. Als er den Zeitpunkt genau kannte, wo Camilla allein zu treffen war, faßte er den Entſchluß, ſich bei ihr vorzuſtellen. Dieſer junge Mann, den wir vor Kurzem noch ſo kühn und ſo unternehmend geſehen haben, war nun ſchüchtern und befangen, und ſein von Furcht und Hoffnung bewegtes Herz rang vergebens nach Muth und Zuverſicht. „Wie, wird ſie mich aufnehmen?“ fragte ſich Prosper hundert Male auf dem Wege zu Camilla. Endlich langte er bei Miſtreß Wilfort an und erſuchte ſie, die Tochter des Grafen heimlich zu benachrichten, daß ſie ein Bekannter aus Frankreich zu ſprechen wünſche. Miſtreß Wilfort führte Prosper in einen Salon und hieß ihn dort warten, bis ſie Fräulein von Tre⸗ villiers von ſeiner Anweſenheit in Kenntniß geſetzt habe. —————:— 15.. Nach einer Weile kam ſie wieder zurück nnd ſagte zu ihm:„Das Fräulein hat viele Fragen in Betreff Ihrer an mich gemacht; ich habe jedoch geantwortet, ich kenne Sie nicht: ſie wird übrigens kommen... Erwarten Sie dieſelbe hier, ich gehe. „Mein Gott! welche Förmlichkeiten!“ dachte Prosper, ſich auf einen Stuhl niederlaſſend;„übri⸗ gens muß ich bedenken, daß ich nicht mehr in Frank⸗ reich bin; daß Camilla hier adelig und eine Dame von Rang iſt! daß die republikaniſchen Ideen von der Familie eines Emigranten ſehr übel aufgenommen werden, und daß ich ehrerbietig mit derjenigen ſpre⸗ chen muß, die ſich vielleicht nicht einmal des Inti⸗ mität mehr erinnern will, die zwiſchen uns beſtan⸗ den hat.“ Eine Thüre ging auf und Camilla erſchien. Seit ihrer Entfernung aus Frankreich war der Ausdruck ihrer Züge noch ſtrenger und ernſter geworden; ihre Geſtalt hatte ſich entwickelt, und ihr gemeſſener Gang war nicht mehr der eines jungen Mädchens, welches ſpielend auf den Feldern herumläuft. Prosper fand ſie noch reizender; Staunen und Bewunderung er⸗ griffen ihn bei ihrem Anblicke. Als Camilla den ſie Erwartenden erkannte, er⸗ blaßte ſie, ſtützte ſich auf ein Möbel, und blieb einige Augenblicke ſprachlos. 3 „Sie ſind es, mein Herr! begann Camilla end⸗ lich, und dieſe Worte drückte ſte mit einem ſolch vorwurfsvollen Tone aus, daß Prospers Herz ſich bereits verwundet fühlte. 16 „Meine Gegenwart ſcheint Sie zu überraſchen, Fräulein, verſetzte Prosper mit bebender Stimme, Sie erwarteten mich alſo nicht?... Sie glaubten demnach, ich könnte Sie vergeſſen! ich könnte leben, ohne Sie wieder zu ſehen und ohne zu wiſſen, wie es Ihnen geht!... Sie hatten verſprochen, mir Nachricht von ſich zu geben... ich habe vergebens gewartet... beinahe zwei Jahre ſind verfloſſen... und nicht ein Wörtchen kam von Ihnen, um meine Sehnſucht zu ſtillen und meinem Herzen etwas Ruhe zu verleihen. Ach! wenn Sie wüßten, was ich ge⸗ litten habe!... Da ich es nicht mehr aushalten konnte, verließ ich Frankreich... Seit ſieben Mona⸗ ten bin ich in London... doch endlich habe ich Sie wieder gefunden... und ſehe Sie wieder... ol ich bin überglücklich!“ 5 Während Prosper dieſes ſprach, durchdrang Ca⸗ milla eine Bewegung, die ſie zu bemeiſtern ſuchte; indem ſie einen Stuhl nahm, winkte ſie dem jungen Manne, ſich neben ſie zu ſetzen, und entgegnete ihm in minder geſtrengem Ton:„Herr Prosper... daß ich Ihnen keine Nachrichten von mir gab, rührt da⸗ her, weil... ich es für meine Pflicht hielt, die Ver⸗ gangenheit gänzlich zu vergeſſen... und Erinnerungen aus meinem Gedächtniſſe zu vertilgen... die allzu peinigend für mich ſind... Ja, meine Vernunft ſagte mir, daß jede Verbindung zwiſchen uns abgebrochen werden müſſe... Glauben Sie nicht, daß mir dieſer Entſchluß leicht war... allein wozu würde unſer Wiederſehen dienen?... Selbſt wenn ich Sie liebte, 17 könnten wir keine... Gatten werden. Vergeſſen Sie mich, mein Herr, und glauben Sie, daß ich Ihnen alles Glück vom Himmel herabflehe.“ „Ich ſoll Sie vergeſſen! rief Prosper aus, der bei Camilla's Worten kaum an ſich halten konnte, dies iſt Ihr Empfang... wir dürfen uns nicht wie⸗ der ſehen... wir können keine Gatten werden! Ei, warum denn nicht, Fräulein?.. Jetzt bin ich reich!... kann Ihre Zukunft ſichern... kann Ihnen die Herr⸗ ſchaft zurückgeben, wo Sie Ihre Jugendzeit verlebten und deren Verluſt ſie ſo ſehr bedauerten... ſie ge⸗ hört mein, und ich war ſo glücklich, hieher zu kom⸗ men und ſie Ihnen anbieten zu dürfen!“ „Was, mein Herr, Sie haben das Schloß meines Vaters gekauft! rief Camilla beinahe mit Entrüſtung aus. Ahl! Sie ſind ein Aufkäufer von Nationalgütern!.. ich mache Ihnen mein Compliment; unſer Gut wird Sie nicht theuer gekommen ſein... Sie werden es, ohne Zweifel, mit Aſſignaten bezahlt haben... Wenn Sie ſich dadurch bei meinem Vater empfehlen wollen, ſo ſtehe ich Ihnen für einen ſchlechten Empfang.“ Prosper war beſtürzt, er erwartete keine Vor⸗ würfe und glaubte auch nicht, ſolche zu verdienen; erſt nach einer Pauſe fühlte er ſich im Stande, zu erwidern:„Ich habe das Schloß Ihres Vaters nicht gekauft... wie hätte ich es können? ich war arm... aber... es ſtarb Jemand... und ſetzte mich zu ſei⸗ nem Erben ein; der Verſtorbene hatte dieſe Ihre ehemalige Herrſchaft an ſich gekauft und ſo kam ich in den Beſitz derſelben. Wenn dieſer Erwerb ein Paul de Kock. XVII. 2 18 Unrecht iſt, ſo glaube ich es dadurch wieder auszu⸗ ſühnen, daß ich Ihnen das Gut zurückgebe... Ach! Fräulein... machen Sie mir keine unverdienten Vor⸗ würfe... Indem ich ihr Gatte werde, weihe ich all meine Tage Ihrem Glücke... erkenne keinen andern Willen mehr als den Ihrigen an... Camilla, Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich Sie liebe?... es iſt wahr, Sie ſind von Adel und ich bin es nicht; habe ich denn aber gar keinen Werth für Sie? müſſen dieſe Vorurtheile, die in Frankreich nicht mehr gelten, ewig eine Schranke zwiſchen uns bilden?“ Prosper ſank vor Camilla auf die Kniee nieder, ſie blickte unruhig um ſich und rief aus:„Stehen Sie auf... ſtehen Sie auf, ich bitte Sie... Mein Gott! wenn man käme... Sie brächten mich um meinen Ruf.— Vergönnen Sie mir nur ein Wort der Hoffnung... des Troſtes..— Was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich kann nicht thun, was ich will, ich hänge von meinem Vater ab..— So geſtatten Sie mir wenigſtens, ihn zu beſuchen und um Ihre Hand bei ihm anzuhalten?— Das können Sie thun, allein ich glaube nicht, daß Sie Ihren Zweck er⸗ reichen werden.“ „Sie haben alſo nie zu meinen Gunſten geſpro⸗ chen? Dem Grafen nie Etwas von Ihrem Retter erzählt, der Ihnen zu Ihrer Flucht aus Frankreich verholfen hat?“ „Verzeihen Sie, ich habe meinem Vater von Ihnen als einem Manne, dem ich große Verbindlich⸗ keiten ſchuldig ſei, erzählt. Ich denke, daß ich nicht mehr zu ſagen brauchte; und ohne Zweifel hat er Ihren Namen jetzt vergeſſen; mein Vater iſt ſo zerſtreut, ſo ſehr mit politiſchen Angelegenheiten beſchäftigt.. „Nun, ich werde ihn ſehen; ich werde den Whunn haben, mit ihm zu ſprechen. Und Sie, Camilla, werden Sie ihn nicht vorbereiten, damit er mir ein williges Ohr leiht?“ „Ich habe keinen Einfluß auf den Willen meines Vaters. Hören Sie zuvor, was er Ihnen antwortet... Und nun, adieu; wenn er uns ſo beide beiſammen fände, könnte es ihn nur gegen Sie einnehmen.“ „Sie ſchon wieder verlaſſen, Camilla, nach einer ſo langen Trennung! wo ich Ihnen noch ſo viel zu ſagen habe, wo ich ſo glücklich bin, Sie zu ſehen!“ „Sie werden mich keinen Unannehmlichkeiten aus⸗ ſetzen... mir keinen Verdruß verurſachen wollen...“ „O! nein! ich gehe, ich entferne mich... aber morgen werde ich Ihren Vater beſuchen, morgen ſoll ſich mein Schickſal entſcheiden.“ Prosper ſtand auf, näherte ſich Camilla und machte, von ſeiner Leidenſchaft hingeriſſen, eine Be⸗ wegung, als ob er ſie in ſeine Arme ſchließen wollte, aber dann trat Fräulein von Trevilliers mit einem ſo impoſanten Blicke und einer ſo geſtrengen Stirne einen Schritt zurück, daß der arme Junge verdutzt wurde und außer Faſſung gerieth; er begnügte ſich damit, ihre Hand, die ſie ihm gnädigſt überließ, mit ſeinen Lippen zu berühren, und entfernte ſich, nachdem er ihr noch einen letzten Blick zugeworfen, worin ſich ſeine ganze Seele ausgedrückt hatte. Prosper kehrte mißvergnügt und beſorgt nach Hauſe zurück; der Empfang, der ihm zu Theil ge⸗ worden, war nicht von der Art, ihn zu ermuthigen; indeß ſuchte er ſich immer noch Illuſionen zu machen; er fand es einfach, daß die Tochter des Grafen bei ihrem Vater jene Strenge der Sitten und der Reden wieder angenommen habe, und tröſtete ſich damit, daß ſie ihm geſtattete, ſich um ihre Hand zu bewerben, auch meinte er, ſie würde, wenn ſie ihn nicht ein wenig liebte, nicht zugegeben haben, daß er mit dem Grafen ſpreche. Kurz, er tröſtete ſich mit Allem, was man ſich einbildet, wenn man Jemand liebt und ihm kein Unrecht vorwerfen möchte. Am folgenden Tage begab ſich Prosper, nachdem er ſich ſorgfältig gekleidet und ſein ungezwungenes, republikaniſches Weſen unter dem Koſtüm eines Dandy zu verbergen geſucht hatte, vor der Stunde, wo ge⸗ wöhnlich der Graf von Trevilliers ausging, zu dem⸗ ſelben.. Ein Livree⸗Bedienter, deſſen Kleider aber abge⸗ tragen und an manchen Orten ausgebeſſert waren, öffnete Prospern und fragte, was er wünſche. „Ich möchte mit dem Grafen von Trevilliers ſprechen.“. Der Bediente zögerte, kratzte ſich am Ohr und entgegnete:„Ich weiß nicht, ob der Herr Graf zu ſprechen iſt... wen ſoll ich melden?“ „Sagen Sie ganz einfach, daß ein Franzoſe, der dem Herrn von Trevilliers Mittheilungen über 4 21 ihm intereſſante Dinge zu machen habe, ihn einen Augenblick um eine Unterredung bitten laſſe.“ Der Bediente geht, kommt wieder, dreht ſich ein paar Mal um und entſchließt ſich endlich, ſeinen Auftrag auszurichten. Nach Verlauf von fünf Minuten, die unſerem Verliebten entſetzlich lange ſchienen, kehrte der Be⸗ diente zurück und ſagte:„Der Herr Graf wünſchten zu wiſſen, von wem der Herr geſchickt ſei, und ob er Empfehlungsbriefe habe?“ 3 Prosper vermochte kaum den Unwillen zu bezäh⸗ men, den der unverſchämte Ton dieſes Bedienten in ihm aufſteigen machte, und entgegnete ihm daher ſtolz:„Ich bin von Niemand geſchickt... Ich ſelbſt, verſtehen Sie mich, will Ihren Herrn ſprechen...“ Der entſchiedene Ton, den Prosper annahm, im⸗ ponirte dem Bedienten, der ſich nun mit ehrerbieti⸗ ger Miene verbeugte und entfernte, nachdem er zu⸗ vor halblaut zu ihm geſagt hatte:„Der Herr Graf wird kommen... aber ſehen Sie, wir werden von ſo vielen Bittſtellern überlaufen... die uns läſtig ſind... daß man genöthigt iſt, vorſichtig zu ſein... Warten Sie nur, der Herr wird kommen!...“ „Welche Mühe, zu den Großen zu gelangen!“ dachte Prosper, im Salon auf⸗ und abgehend. Ich muß ihn übrigens entſchuldigen... er hat Gläubiger, ſo viel mir Miſtreß Milford ſagte. Herrn von Tre⸗ villiers' Angelegenheiten ſtehen ſehr ſchlecht. Muß er dann nicht einen Mann, der ſeine Tochter ohne Mit⸗ gift verlangt und ſich im Gegentheil glücklich ſchätzt, ſein ganzes Beſitzthum mit ihm zu theilen, günſtig aufnehmen 2... Ach! wenn es dem ſo wäre!“ Der Graf von Trevilliers erſchien endlich. Es war ein Mann von etwas über fünfzig Jahre, der aber in Geſtalt und Weſen noch einem jungen Manne glich; da er einſt ſehr hübſch geweſen, hielt er außer⸗ ordentlich viel auf ſein Aeußeres; ſein Benehmen war fein und höflich, aber ſein Lächeln ſtets ſpöttiſch und ſein beißendes Naturell drückte ſich auch in ſeinem Blicke aus. Camilla's Vater begrüßte den jungen Mann, wies ihm mit der Hand einen Lehnſtuhl an, warf ſich ſelbſt auf ein Sofa, muſterte mit einem Blicke Prospers Anzug, machte eine Bewegung mit den Lippen, welche andeutete, daß er viel daran auszuſetzen habe, und begann endlich:„Mein Herr, Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht, Sie wiſſen, daß ich der Graf von Trevilliers bin. Ich möchte aber, bevor ich mich in eine Unterredung mit Ihnen einlaſſe, auch wiſſen, wer Sie ſind; das iſt engliſche Mode. In Geſell⸗ ſchaften nennt man Ihnen ſogleich alle anweſenden Perſonen; dieſer Gebrauch gefällt mir ſehr, er ſchützt vor aller Art Mißgriffen und Verwechslungen.“ Der Ton des Hofmannes ſchüchterte Prospern ein, indeſſen bemühte er ſich, ſeine Sicherheit wieder zu erlangen und entgegnete ihm:„Herr Graf, ihre Frage iſt ganz natürlich. Ich heiße Prosper Breſ⸗ ſange... 4 Der Graf ſchien in Erwartung, daß dieſem Na⸗ men noch irgend ein Titel folgen würde, da man ——— 23 aber ſonſt nichts ſagte, ſo brummte er:„Prosper... Breſſange... weiter nichts...“ Der junge Mann fühlte das Blut in ſeine Wan⸗ gen ſteigen, ſchlug jedoch die Augen nieder und ant⸗ wortete:„Iſt mein Namen... nicht genug?2...“ „Ei! wenn er von einigen Titeln begleitet ge⸗ weſen wäre, hätte es ihm, denke ich, auch nichts geſchadet... obgleich ſie in Frankreich alles Derartige abſchaffen wollen... Ach! mein Gott!... die armen Leute, welche den Adel unterdrücken wollen! Ich wette, es wird nicht lange anſtehen, bringen ſie ihn ſelber wieder auf. Nachdem ſie den alten Adel ver⸗ bannt haben, werden ſie einen neuen ſchaffen... Suchen Sie mir eine Welt, wo keine Eitelkeit herrſcht! Doch von all dem handelt es ſich nicht. Laſſen Sie hören, mein lieber Herr, was haben Sie mir zu ſagen? Mit dieſen Worten lehnte ſich der Graf in ſeinem Sofa zurück und ſpielte mit der linken Hand an ſeinem Jabot, während er ſich mit der andern die Wade ſtrich. „Herr Graf, erwiderte Prosper, mit meinem Namen glaubte ich vor allen Dingen Erinnungen in Ihnen zu erwecken... Umſtände in Ihr Gedächtniß zurückzurufen... die Ihr Herz für mich ſprechen laſſen würden.“ 4 Herr von Trevilliers nahm eine Priſe Tabak. ſchüttelte ſeinen Jabot ab und ſprach:„Sie haben nicht das Mindeſte in mir erweckt, mein Herr; erklären Sie ſich deutlicher, denn der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Sie verſtehe.“ 24 Prosper ſammelte ſich einen Augenblick und ente gegnete:„Wohlan, mein Herr, ſo will ich mich er⸗ klären: Sie hatten Ihr Fräulein Tochter in Frank⸗ reich zurückgelaſſen, wo ſie den größten Gefahren ausgeſetzt war. Es hat ſie Jemand überwacht, be⸗ ſtändig vor denjenigen geſchützt, die ihre Verhaftung verlangten, und ihr endlich, als keine Ausſicht mehr für ſie in Frankreich vorhanden war, unter einem falſchen Namen glücklich auf die Flucht geholfen. Dieſer Jemand, Herr Graf, war ich.“ Herr von Trevilliers ſah Prosper mit einer etwas weniger höhniſchen Miene an und antwortete mit größerer Ernſthaftigkeit:„Ah! Sie, mein Herr, haben das Alles gethan! Camilla hat mir in der That dieſe Umſtände erzählt. Nun! ſo empfangen Sie meinen Dank für das, was Sie an meiner Tochter gethan haben. Reichen Sie mir die Hand, junger Mann.“ Prosper beeilte ſich, die ihm dargebotene Hand zu ergreifen und zu drücken, aber der Graf zog ſie ſchnell wieder zurück und fuhr fort:„Anders kann ich Ihnen meine Erkenntlichkeit nicht ausdrücken, denn ich bin in dieſem Augenblicke, wenn nicht ganz, doch 1 beinahe ruinirt.“ 6 „Ach! mein Herr, Sie werden doch hoffentlich nicht glauben, ich ſei wegen einer Belohnung hierher gekommen!“ „Entſchuldigen Sie, Herr Breſſange, ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu verletzen, aber wir leben in einem ſo außerordentlichen Jahrhundert. Ich glaube 4 nicht allzuſehr an ſchöne, uneigennützige Handlungen. 3 Allein ich wiederhole Ihnen, ich ſpreche nur im All⸗ gemeinen; es gibt immer Ausnahmen. Ich verſichere Sie nochmals meines Dankes. Haben Sie mir ſonſt etwas zu ſagen?“ X Prosper fühlte ſeinen ganzen Muth ſchwinden: der Ton des Grafen war eben nicht Zutrauen er⸗ weckend. Indeſſen flößte ihm der Gedanke an Ca⸗ milla doch Herz ein, und er antwortete, indem er ſeiner Bewegung Herr zu werden ſuchte:„Ja, Herr Graf, nun muß ich auf den Zweck meines Beſuches zurückkommen, denn nicht um Dank zu betteln, bin ich bei Ihnen erſchienen.... Ein anderer... für mich weit wichtigerer Grund...— Reden Sie, mein Herr... ich höre.— Nun denn, Herr Graf, ich muß Ihnen geſtehen, daß, dal ich öfters Gelegenheit hatte, mich in der Nähe Ihrer Fräulein Tochter zu befinden, ich mich nicht erwehren konnte... für die⸗ ſelbe eine Leidenſchaft zu empfinden, die... kurz, ich vin wahnſinnig in Fräulein Camilla verliebt... und komme, Sie um die Hand derſelben zu bitten... Ich bin reich, Herr Graf... Ich habe ungefähr achtzehntauſend Livres Einkünfte... welches zwar allerdings kein großes Vermögen iſt... aber ich bin reich... da ich es durch meine Thätigkeit noch ver⸗ mehren kann... Alles, was ich erwerbe, ſoll das Eigenthum Ihrer Fräulein Tochter... und mein ein⸗ ziger Zweck die Sicherſtellung ihres Glückes ſein.“ Der Graf hatte mit einer bewundernswürdigen Kaltblütigkeit zugehört, nur hatte ſeine Phyſiognomie mehr und mehr einen ſpöttiſchen Ausdruck angenom⸗ men; als Prosper zu ſprechen aufgehört hatte, nahm Herr von Trevilliers eine Priſe Tabak und antwor⸗ teee ihm mit ſchleppendem Tone:„Sie ſind jung... ja... das ſehe ich!... Weſſen Sohn ſind Sie Herr Prosper?— Gnädiger Herr, mein Vater war ein äußerſt rechtlicher, aber nur einfacher Kaufmann. Er hatte mir einiges Vermögen hinterlaſſen... da ich aber in meinem ſechzehnten Jahre ſchon Waiſe und mein eigener Herr wurde, ſo hatte ich mein Erb⸗ theil bald verſchleudert... Jetzt bin ich einundzwanzig Jahre alt... die Ereigniſſe, inmitten deren ich lebte, haben meine Vernunft gereift... Vor Kurzem fiel mir eine Erbſchaft zu... und ich ſchwöre Ihnen... — Ganz gut... ganz gut... weitere Details wären überflüſſig; mein lieber Herr Prosper, wiſſen Sie, daß wenn.. mir Jemand vor acht Jahren den Vor⸗ ſchlag gemacht hätte, den Sie heute an mich richten, ich ihn hätte zum Fenſter hinauswerfen laſſen?... — Mein Herr,“ ſchrie Prosper, ſich mit einem zorn⸗ glühenden Blicke auf den Grafen vom Stuhle erhe⸗ bend; aber Herr von Trevilliers ließ ſich nicht er⸗ ſchüttern, und fuhr, ihm mit der Hand zuwinkend, daß er ſitzen bleibe, fort:„Ich ſage Ihnen, daß ich das vor acht Jahren gethan hätte... Setzen Sie ſich doch... Die Zeiten haben meine Stimmung etwas geändert. Sie kommen von Paris, Sie ſind voll re⸗ volutionärer Grundſätze!... Sie wollen den Unter⸗ ſchied des Ranges und der Geburt nicht mehr aner⸗ kennen... Sie haben ſich in Fräulein von Trevilliers verliebt... und weil Sie ihr... allerdings, wie ℳ₰ 27 Sie mir geſagt, einige uneigennützige... Dienſte geleiſtet haben, bildeten Sie ſich ein, Sie könnten mich um ihre Hand bitten, und ich würde Sie Ihnen gewähren... Ich verzeihe Ihnen; denn dieſes Alles ſind die Folgen der großen Worte von Freiheit und Gleichheit, die Sie ſeit einigen Jahren unaufhörlich an Ihr Ohr ſchallen hören. Was aber mich betrifft, ſo kann mich nichts zur Aenderung meiner Grundſätze beſtimmen. Meine Tochter iſt von Adel... ſie wird, wenigſtens ſo lange ich lebe, keinen Andern als einen Adeligen heirathen... Ihre achtzehntauſend Livres Renten wollen nicht viel heißen!... Das thut jedoch nichts zur Sache; wenn Sie keinen Heller hätten, würde ich Ihnen meine Tochter geben, wenn Sie ihr ebenbürtig wären. Sie ſagten, Sie wollen arbeiten, um Ihr Vermögen zu vermehren... Wiſſen Sie, mein Herr, daß ich keinen Eidam will, der arbeitet... beim Kuckuk, wenn ich Ihnen nachgäbe, würden Sie vielleicht aus dem Fräulein von Trevilliers eine Ge⸗ würzkrämerin machen... Gehen Sie, geben Sie, das Alles iſt nur ein Scherz und, nicht der Mühe werth, daß man ſich erhitzt; nicht wahr, Herr Prosper?“ Der arme Verliebte war vernichtet; der ſpöttiſche Ton des Grafen raubte ihm jede Hoffnung; er ſah ein, wie unſinnig es geweſen, ihn um die Hand ſeiner Tochter zu bitten, und doch konnte er ſich nicht vor⸗ ſtellen, daß Camilla ſich einem Andern als ihm hin⸗ geben ſollte. Nach einer Pauſe des Schweigens, während deren Herr von Trevilliers ſich wieder die Wade ſtrich, ſtotterte Prosper:„Verzeihen Sie, Herr Graf, die Liebe ließ mich eine Hoffnung nähren, die ich, wie ich wohl einſehe, aufgeben muß... Ja... ich bil⸗ dete mir ein, Sie könnten, um die Zukunft Ihrer Tochter ſicher zu ſtellen... meine Abkunft vergeſſen. Man hatte mir geſagt, Sie ſeien im Gedränge... und..— Nun, mein Herr! was ſchadet es?... Man entlehnt, macht Schulden, geht ſogar ins Ge⸗ fängniß, wenn es ſein muß, das Alles iſt keine Schande.— Ihr Beſitzthum... in der Gegend von Melun... wurde verkauft... Sie wiſſen es ohne Zweifel?— Ja, ich habe es vor einiger Zeit gehört, ein ehemaliger Bierbrauer, Namens Durouleau, hat, wie mir geſagt worden iſt, ſich erlaubt, mit einem Pack Aſſignaten mein Gut zu kaufen. Das iſt ſehr bequem!... man gelangt jetzt billig in den Beſitz von Gütern! Sie ſind im Stande und kaufen meine Pachthöfe, meine Waldungen und meine übrigen Herr⸗ ſchaften auch!... aber das Alles wird hoffentlich ſein Ende haben!... die Royaliſten werden wieder in ihre Rechte eingeſetzt werden; und dann Alle, die ſich mit unſerem Nachlaſſe bereichert haben, aus ihren vermeintlichen Beſitzungen hinausgetrieben werden.“ Prosper entgegnete nichts mehr; er ſchlug die Augen nieder und wußte nicht, wie er Stand halten ſollte. Jetzt erſt begriff er, daß der Graf den Beſitzer ſeines Gutes mit keinem günſtigen Auge betrachten würde. Als Herr von Trevilliers Prospers Verlegenheit ſah, der mitten im Zimmer ſtand und kein Wort mehr 29 fand, erhob er ſich, ging auf ihn zu und entließ ihn im Tone der ausgezeichnetſten Höflichkeit mit folgen⸗ den Worten:„Ich glaube, wir haben uns gegenſeitig nichts mehr zu ſagen; leben Sie wohl, Herr Breſ⸗ ſange; ſeien Sie überzeugt, daß ich nie vergeſſen werde, was Sie für meine Tochter gethan haben; dies wird die einzige Erinnerung ſein, die ich von dieſer Unterredung behalte.“ Prosper empfahl ſich ſchweigend, und befand ſich bald allein auf der Straße, ohne zu wiſſen, wie er aus Herrn von Trevilliers Hauſe hinausgekommen war. Der arme Junge hatte keine Hoffnung mehr, Ca⸗ milla's Vater für ſich zu gewinnen, aber ſein Ent⸗ ſchluß war in Folge der Unterredung mit dem Grafen gefaßt. Kaum in ſein Hotel zurückgekommen, ſchrieb er an Herrn Dumont, den Notar von Melun, bei dem er alle ſeine Papiere zurückgelaſſen hatte; er bat ihn, ihm ſogleich diejenigen zu ſchicken, die in Bezug zu dem von Durouleau angekauften Gute ſtanden, und eine Urkunde beizulegen, welche er nur zu unterzeich⸗ nen hätte und vermöge deren er dieſes Gut ſchenken könne, wem er wolle. Nachdem dieſes Schreiben abgeſendet war, ſuchte ſich Prosper zu vergeſſen, zu zerſtreuen, den Vergnü⸗ gungen hinzugeben, die ihm der Aufenthalt in London darbot, und beſonders, ſich Camilla aus dem Sinne zu bringen. Aber die Liebe iſt keines jener Gefühle, die man nach Laune aus dem Herzen verbannen kann; und beſonders trägt im zwanzigſten Jahre die Ver⸗ nunft den Sieg über dieſelbe noch nicht davon!. wenn man überhaupt annimmt, daß dies je der Fall ſei, was mir wenigſtens zweifelhaft ſcheint. Der Notar von Melun ſchickte die verlangten Ur⸗ kunden des Beſitzthums, ſo wie das Aktenſtück. Prosper unterzeichnete das Dokument, wodurch er den Verkauf ſeines Schloſſes anerkannte und ſchrieb dem Vater Camilla's folgendes Billet: „Herr Graf! Mir war ſeit einigen Monaten durch eine Erbſchaft Ihr Gut anheimgefallen, da ich mich aber nie als den Beſitzer deſſelben betrachtet habe, ſo denke ich, Herr Graf, hat es auch nie aufgehört, Ihr Eigenthum zu ſein. Empfangen Sie es ſomit zurück! Ich überſende Ihnen anbei die Urkunden dieſes Guts(worüber ich einen Augenblick zu verfügen hatte), überglücklich, Ihnen noch einen Dienſt leiſten zu können, und wünſche,⸗ Ihnen nur zu beweiſen, daß man auch bei revolutio⸗ nären Grundſätzen, die Sie tadelnswürdig finden, doch ein großmüthiges, uneigennütziges Herz haben kann.“ Prosper unterzeichnete dieſen Brief, legte ihn zu den übrigen Papieren und überſendete Alles an Herrn. von Trevilliers. Er hatte einen Kellner des Gaſthofes mit dieſem Auftrage fortgeſchickt, und ihn gebeten, darauf zu dringen, dem Grafen das Päckchen ſelbſt übergeben zu dürfen. Er hatte ihm nicht befohlen, auf Antwort zu warten, aber er hoffte, man werde ihn einer ſolchen würdigen, und harrte mit Ungeduld der Rückkehr ſeines Boten. — 31 Der Kellner blieb lange aus; endlich kam er mit einem Schreiben des Grafen an Prosper; dieſer riß ſchnell das Siegel auf, und las folgendes Briefchen, welches ſchon von Ferne einen Duft von Moſchus und Ambra verbreitete: „Mein lieber Herr Breſſange! Ich bin wirklich gerührt von Ihrer edlen Hand⸗ lungsweiſe gegen mich, und ich glaube, dies nicht beſſer zu beweiſen, als durch den Zurücktritt in das Beſitzthum meines Gutes. Später hoffe ich, mich meiner Schuld gegen Sie entledigen zu können. Ich wiederhole Ihnen, wenn ich Ihnen in Etwas nützlich ſein kann, ſo ſtehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Ihr dankbarer Graf von Trevilliers.“ Prosper überlas den Brief mehrmals. Er hatte etwas Beſſeres erwartet. Die Phraſe: wenn ich Ihnen in Etwas nützlich ſein kann, ſchien ihm beinahe einen Spott zu enthalten. Indeſſen war er zufrieden mit dem, was er gethan, denn er dachte, Camilla werde von ſeinem Benehmen unterrichtet wer⸗ den und nicht umhin können, daſſelbe edel und groß⸗ müthig zu finden, er ſprach bei ſich:„Würde Herr von Trevilliers, wenn er nicht ſpäter die Abſicht hätte, mir die Hand ſeiner Tochter zu reichen, das Doku⸗ ment mit der Zurückgabe ſeines Schloſſes von mir angenommen haben?“ 3 Aber Wochen und Monate verſtrichen, vhne daß der arme Verliebte weder von Camilla noch von ihrem Vater ſprechen hörte. 32 „Man denkt nicht mehr an mich!... dachte er, ich kann England ungehindert verlaſſen,“ und doch blieb er; Etwas hielt ihn noch zurück. Mehr als zehn Monate waren verfloſſen, ſeit Prosper mit dem Grafen geſprochen hatte; öfters ging er, von dem Wunſche getrieben, Camilla wie⸗ derzuſehen, an ihrem Hauſe vorüber, aber nie wurde ſeine Hoffnung verwirklicht; dann kam er immer traurig und nachdenklich in ſeine Wohnung zurück, und an ſeinem langſamen Gange, ſeiner düſtern und ernſten Miene hätte man den Franzoſen nicht in ihm erkannt; die Leidenſchaft, die in ſeinem Herzen gährte, hatte ſeine Stimmung und ſeine Geſichtszüge verän⸗ dert. Es war nicht mehr jener heitere, wilde, ſor⸗ genloſe junge Mann; es war ein unglücklicher Lieb⸗ haber, und nichts macht eine ſorgenvollere Miene, als hoffnungsloſe Liebe. Eines Morgens, da ſich Prosper abermals vor⸗ genommen hatte, England zu verlaſſen, lenkte er ſeine Schritte gegen die Wohnung des Grafen von Tre⸗ villiers. Indem er ſich dem Hauſe näherte, ſah er eine Equipage vor der Thüre ſtehen. Ein unbekanntes Etwas ſagte ihm, dieſe Equipage warte auf Camilla. Er verweilte in einiger Entfernung. Eine Viertel⸗ ſtunde verſtrich, endlich trat man aus dem Hauſe: es war Camilla, prächtig gekleidet; ein noch junger Mann reichte ihr die Hand und half ihr in den Wa⸗ gen; der Graf von Trevilliers folgte ihnen und nahm neben ihnen Platz; dann rollte der Wagen davon, und Prosper ſtand immer unbeweglich, betäubt, außer 33 ſich; er ſah nichts mehr und ſtarrte immer noch auf denſelben Punkt hin. Plötzlich läuft er, da er ſeine Neugierde befriedigen will, und den Ahnungen, die ihn bewegen, nicht wi⸗ derſtehen kann, auf die eben geſchloſſene Hausthüre zu, klopft, und ſtürzt wie ein Wahnſinniger zu Miſtreß Wilfort hinein. Die Engländerin war noch nicht mit ihren Com⸗ plimenten fertig, als er ſchon begann:„Um Gottes⸗ willen, Madame, geben Sie mir einige Nachrichten über Fräulein Camilla von Trevilliers... Ich habe dieſelbe ſchon ſo lange nicht mehr geſehen... Sie ſtieg vorhin mit ihrem Vater... und einem Herrn... in den Wagen... wer iſt denn dieſer Herr? Gehen ſie wieder auf's Land? Fräulein Camilla war doch ſo prächtig gekleidet!...“ Die Engländerin vollendete eben ihre fünfte Ver⸗ beugung und entgegnete endlich:„Das große Ereigniß iſt Ihnen alſo nicht bekannt?.. die Tochter des Grafen von Trevilliers iſt ſeit vierzehn.. fünfzehn... nein, vierzehn Tage, ich ſagte es richtig... mit dem Marquis von Clairville verheirathet... Das iſt der Herr, welchen Sie ihr die Hand reichen ſahen...— Verheirathet!... verheirathet! wiederholte Prosper, den dieſes Wort nie⸗ dergeſchmettert hatte; Camilla iſt verheirathet!— Ja, mein Herr, Fräulein Camilla iſt jetzt Frau Marquiſin von Clairville... Ei... ſie war etwa zwanzig Jahre alt... das iſt ungefähr das rechte Alter... Ich glaube, ſie machen dieſen Morgen Beſuche... oder Einkäufe.. oder... Wie! Sie gehen ſchon wieder, mein Herr?“ Paul de Kock. XVII. 3 34 Prosper gab Miſtreß Wilfort kein Gehör mehr; er wußte, daß Camilla verheirathet ſei, mehr brauchte er nicht zu hören. Er kehrte in ſeinen Gaſthof zu⸗ rück und dort ſchrieb er an Poupardot: „Mein Freund, ich will reiſen, die Welt durch⸗ ziehen. Ich werde vielleicht lange abweſend bleiben, denn ich will nicht eher nach Frankreich zurückkehren, als bis ich von einer thörichten Leidenſchaft geheilt bin, die Schuld daran iſt, daß ich Alle, die mich lieben, vergeſſe. Ich will Ihnen meine kleine Pau⸗ line nicht anempfehlen, ich kenne ja Ihr und Ihrer guten Eliſa Herz. Mein Notar wird Ihnen eine Summe übermachen, womit Sie die Launen und kleinen Be⸗ dürfniſſe des Kindes, welches ich Ihnen anvertraut habe, beſtreiten werden. Leben Sie wohl!“ Nachdem dieſer Brief geſchrieben war, gab er ſeinem Notar in Melun folgenden Auftrag: „Mein lieber Herr Dumont! Haben Sie die Güte und überſchicken Sie mir umgehend das von mir in Händen habende Geld. Was mein Haus in Melun betrifft, ſo verkaufen Sie dieſes und überſenden Sie den Erlös an Herrn Pou⸗ pardot, deſſen Adreſſe ich hier beilege. N. S. Sie werden in dem Zimmer, welches ich in Melun bewohnte, in einer Commodeſchublade zwei Hoſen, eine blaue und eine weiße, vorfinden. Dies iſt Alles, was mir von der Erbſchaft meines Pathen übrig bleibt, allein es liegt mir viel daran; ſeien Sie ſo gefällig und überſenden Sie mir dieſelben m 5 dem Gelde.“ — — 35 Als dieſes Schreiben abgegangen war, machte Prosper ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe, indem er dachte:„Ich gehe... wer weiß wohin! ich mache die Reiſe um die Welt, wenn es ſein muß: aber ich will ſie vergeſſen!... Ach! Camilla! Camilla!... Du haſt mich nie geliebt!... ſonſt hätteſt du deinen Vater erweicht!“ Nach Verlauf einiger Wochen erhielt Prosper von dem Notar den Reſt ſeiner hunderttauſend Livres und die zwei Hoſen ſeines Pathen. Damit trat er ſeine Reiſe an. Zweites Kapitel. Die Zeit geht ſchnell vorüber.— Die militäriſche Regierung. Kehren wir nach Clichy in das beſcheidene Landhaus zurück, wo die beiden Eheleute Poupardot wohnten. Dort finden wir eine friedliche Haushaltung,— etwas Seltenes; eine ſanfte, gehorſame, getreue Frau,— et⸗ was Merkwürdiges! einen Mann, der nur ſeine Frau liebt,— etwas Wunderbares! und dazu noch einen Mann, der Alles von der ſchönen Seite anſieht, was ihn in dieſer Welt, wo das Häßliche, beſonders in moraliſcher Hinſicht, ſo gewöhnlich iſt, oft zu Täuſch⸗ ungen verleiten wird. Poupardot hinkte in Folge des Kartätſchenſtückes, welches am 13. Vendemiaire in ſein Knie gegangen war, aber er war doch entzückt über das Benehmen, welches damals der Convent an den Tag gelegt hatte. 36 Kurze Zeit darauf erwarb ſich auch das Direktorium ſeine äußerſte Zufriedenheit, und als er am 18. Bru⸗ maire ſich zufällig in dem Augenblick in Saint⸗Cloud befand, als der General Bonaparte ſeine Grenadiere gegen den Rath der Fünfhundert marſchiren ließ, und er im Gedränge einen Säbelhieb erhielt, der ihm Drei⸗ viertheile ſeines linken Ohres wegriß, kam er zwar nicht mehr mit zwei Ohren nach Hauſe zurück, aber das hinderte ihn dennoch nicht, den kräftigen Akt zu billigen, vermöge deſſen ſich der General Bonaparte an die Spitze der Regierung geſtellt hatte. Der kleine Navet wuchs heran: ſein Vater ver⸗ götterte ihn und ärgerte ſich nicht mehr, wenn ihn ſeine Frau Auguſt nannte; der alte Kalender ſchien den neuen wieder zu verdrängen. Der kleine Junge log, naſchte, war eigenſinnig und jähzornig, aber der Vater fand in dieſem Allem Charakter, und ſagte: „Mein Sohn hat einen feſten Willen... das freut mich, das zeigt einen großen Mann an. Das Genie muß Unerſchütterlichkeit beweiſen!“ Eliſa wünſchte, obgleich ſie ihrem Gatten nicht zu widerſprechen wagte, ihr Sohn möchte einen weniger unbeugſamen Willen haben, wenn er dafür auch etwas weniger genial geweſen wäre; allein wenn ſie den Knaben zur Strafe einſperrte, ſo ließ ihn Pou⸗ pardot wieder heraus und ſchenkte ihm Zuckerwerk;— ein Erziehungsſyſtem, welches allgemeiner, als man ſich vorſtellt, aber darum nicht beſſer iſt. Zwiſchen die Unarten des Herrn Navet und die Schwachheiten ſeiner Eltern drängte ſich ein kleines, — —— 37 wunderliebliches Mädchen, welches jeden Tag anmu⸗ thiger und vortrefflicher wurde. Mit drei Jahren war Pauline hübſch, ſanft und munter. Mit ſechs Jahren lauſchte ſie ſchon mit kluger Miene auf die Lehren ihrer Adoptivmutter⸗ und ihre Herzensgüte ließ ſich bei der geringſten Ge⸗ legenheit wahrnehmen. Mit elf Jahren war ſie ein liebenswürdiges, lie⸗ bendes Mädchen, welches allen euren Wünſchen zu⸗ vorzukommen wußte und in den Augen der ſie Um⸗ gebenden forſchte, womit ſie ſie erfreuen könnte. Voll Aufmerkſamkeit und Vernunft, wußte ſie eure Leiden zu verſtehen; ſie war noch keine Jungfrau und doch ſchon kein Kind mehr. Picotin und ſeine Frau kamen von Zeit zu Zeit zum Beſuche nach Clichy. Euphraſia kleidete ſich nicht mehr als Athenienſerin, die griechiſche Mode war vor⸗ über. Außerdem wurde Madame Picotin ſo dick, daß ihr die Tunika nicht mehr geſtanden hätte; der Schnür⸗ leib war ihk bereits unentbehrlich geworden; indeſſen war ſie immer noch hübſch: die größere Fülle that ihren Reizen keinen Eintrag, ſondern verlieh ihnen ſogar eine neue Friſche, und ihre natürliche Koketterie, ihre Manier, ſich zu friſiren u. ſ. w., die eigenthüm⸗ liche Weiſe, womit ſie ihre Liebesblicke um ſich warf, machten zuſammen eine höchſt angenehme Frau aus Euphraſia, deren Geſellſchaft die Männer eifrigſt auf⸗ ſuchten. Unter dem Conſulat hatte Picotin ſeinen Pelz⸗ handel aufgegeben; ſeine Frau, die eine Menge 38 4 Militärs von allen Graden kannte, hoffte durch deren Verwendung ihrem Manne irgend eine Lieferung bei der Armee verſchaffen zu können. Man hatte dem ehemaligen Pelzhändler verſprochen, er werde die Lieferung der Torniſter zur Beſorgung erhalten, daher hatte Picotin, um dieſe beſſer zu verfertigen, Alles, was er auf⸗ und antreiben konnte, zum Ankaus von Schaffellen ausgegeben. Aber ſeine Gattin beküm⸗ merte ſich mehr um Bälle und Eroberungen, als um die Leitung ihrer Haushaltung und ihre Zukunft. Jeden Tag kam ein ſchöner, galanter Offizier, um Euphraſta bald in das Theater, bald in irgend eine Geſellſchaft abzuholen. Picotin ſah ſo viel Militärs in ſein Haus kommen, daß er davon geblendet wurde; aber er machte dieſen Herren allen ein freundliches Geſicht, denn ſeine Frau ſagte zu ihm, indem ſie ihrem Ca⸗ valier den Arm gab:„Sei ruhig, Picotin, wir ſtehen unter einer militäriſchen Regierung, und ich bin glücklich, viele Offiziere zu kennen, denn durch die Ver⸗ wendung dieſer Herren mußt Du zu Etwas gelangen.“ Picotin dankte ſeiner Frau für Alles, was ſie für ihn that... dann ging er zu Poupardot und ſagte zu ihm:„Ich bin überzeugt, ich werde mein Glück machen: es wird ſicher dahin kommen. Meine Frau arbeitet daran. Da ſie eingeſehen hat, daß wir eine militäriſche Regierung haben, ſo richtet ſie ſich auch darnach; ſie ſteht mit vielen Offizieren in Verbindung, geht ſogar mit ihnen auf den Ball... Und das Alles nur, damit ich Lieferant werden, und einen ſechsfachen Profit an meinen Schaffellen machen möge. —— Poupardot gab keine Antwort und lächelte nur. Die gute Eliſa achtete wenig auf Picotins Geſchwätz; denn außer der Sorge für ihre Haushaltung, ihren Sohn und Pauline war ihr Geiſt mit neuen Hoff⸗ nungen beſchäftigt, ſie trug ein weiteres Pfand ihrer ehelichen Liebe unter dem Herzen. Es war gegen das Ende des Jahres achtzehnhun⸗ dertundvier; der erſte Conſul hatte ſich zum Kaiſer ausrufen laſſen. Poupardot, der in Paris geweſen, um den prachtvollen Feierlichkeiten der Krönung bei⸗ zuwohnen, kam eben mit ermüdetem Knie, ſich am fehlenden Ohre kratzend, mit heiſerer Stimme vom Schreien: Es lebe der Kaiſer! nach Clichy zurück. In dieſem Augenblick brachte ſeine Frau einen zweiten Sohn zur Welt, den Poupardot mit dem Aus⸗ rufe auf ſeinen Armen in die Höhe hob:„O! dieſer muß Napoleon heißen, denn es wäre unmöglich, ihm einen ſchönern Namen zu geben.“ Der zweite Sohn Poupardots, welcher ungefähr neun Jahre nach ſeinem Bruder geboren wurde, er⸗ hielt den Namen Napoleon. Madame Poupardot theilte ihre Zärtlichkeit getreulich zwiſchen den beiden Knaben, weßhalb ſie aber dennoch ſtets die innigſte Sorgfalt für das ihr anvertraute junge Mädchen hegte. Eine lange Zeit war verſtrichen, ſeit Prosper ſeine Freunde verlaſſen und die kleine Pauline geküßt hatte. Während ſeines Aufenthaltes in England hatte er Nachricht von ſich gegeben; aber ſeit dem Schreiben, worin er ſeine Abſicht ankündigte, die Welt zu durch⸗ Ziehen, um ſich von einer unglücklichen Leidenſchaft zu heilen, hatte man kein Wort mehr von ihm ge⸗ hört. Viele Jahre waren verfloſſen, viele Ereig⸗ niſſe hatten ſich in Frankreich zugetragen; Prosper war immer noch nicht in ſein Vaterland zurückgekehrt. Die Familie Poupardot unterhielt ſich häufig von dem, den ſie jeden Tag in ihrer Mitte erwartete. Mit den Jahren aber ging die Hoffnung, Prospern wieder zu ſehen, in eine zugleich düſtere und ſanfte Erinnerung über. „Er braucht lange, um ſich von ſeiner Leidenſchaft zu heilen!“ ſagte Poupardot oft. „Weil er wahrhaft liebte, entgegnete Eliſa.— Es muß ſein, daß er in irgend einem fremden L Lande geſtorben iſt. Wenn er lebte, ſo ließe er etwas von ſich hören.“ Sprach Poupardot ſolche Worte in Gegenwart der kleinen Pauline, ſo wendete das arme Kind ſein Geſicht ab und weinte; denn man hatte ihr ſo viel von ihrem Freunde Prosper, ihrem Adoptivvater er⸗ zählt, daß ſie ihn liebte, obgleich ſie ihn nicht kannte, und jeden Tag zu Gott flehte, er möchte ſeine Rück⸗ kehr herbeiführen. Wenn Eliſa die Betrübniß der Kleinen ſah, ſo ſchalt ſie mit ihrem Manne und ſagte:„Warum bringſt Du uns auf den Gedanken, Prosper ſei todt? Du thuſt der kleinen Pauline weh, die ſo ſehnlich ihn kennen zu lernen wünſcht, und alle Tage von ihm mit mir ſpricht.“ „Kennen zu lernen? ſie hat ihn ja geſehen. 41 Ach! es iſt richtig, ſie war noch zu klein, um ſich ſeiner zu erinnern! Er würde ſeinen Schützling ſehr verändert finden. Pauline geht jetzt in ihr zwölftes Jahr. Und Navet, ich will ſagen Auguſt, er würde ihn nicht wieder erkennen, und meinen kleinen Na⸗ poleon... Wie viel Dinge hätten wir ihm zu zeigen! Ach! weil ich mir einbilde, er müſſe ſich auch nach uns ſehnen, darum hege ich Befürchtungen wegen ſeiner lange dauernden Abweſenheit!“ Wenn Madame Picotin zu Poupardots kam, ſo fragte ſie faſt immer, ob noch keine Nachrichten von Prosper gekommen ſeien; denn trotz der Zerſtreuungen, die ſie in Geſellſchaft der Offiziere genoß, vergaß ſie ihren Beſchützer von jenem Tage, wo ſie ſich als Athe⸗ nienſerin gekleidet in den elyſäiſchen Feldern zeigte, nicht, und behielt die Spazierfahrt im Boulogner⸗ wäldchen ſtets in zärtlichem Andenken. Prosper war ſomit der gewöhnliche Gegenſtand des Geſpräches, ſowohl bei Picotin als bei Poupar⸗ dot; der letztere hatte auch ſeine beiden andern Ju⸗ gendfreunde, Maximus und Roger, nicht vergeſſen. Man wußte, daß Roger den Feldzug in Italien mit⸗ gemacht, daß er ſich bei Lodi, Rivoli und Caſtiglione tüchtig geſchlagen hatte; daß er zum Lieutenant avan⸗ cirt war; aber von Maximus wußte man nichts; man hatte weder von ihm ſprechen hören, noch ihn irgendwo geſehen. Eines Tags war die Familie Poupardot im Gar⸗ ten an dem kleinen Hauſe von Clichy verſammelt. Eliſa ſäugte ihren Letztgebornen; ihr Gatte ſpielte 42 Kegel mit ſeinem Sohne Navet, der entweder aus Bosheit oder aus Ungeſchicklichkeit jederzeit die Kugel ſeinem Vater zwiſchen die Beine warf; Pauline end⸗ lich liebkoste einen kleinen Vogel, den ſie aufgezogen hatte, und der, obwohl er groß genug zum Fliegen war, und die Freiheit, die man ihm geſtattete, hätte benützen können, doch immer ſeiner kleinen Herrin wieder zu⸗ flog, wenn ſie ihm rief:„Komm, kleiner Tom! komm geſchwind!“ Und ihr könnt euch vorſtellen, wie ver⸗ gnügt das junge Mädchen war, wenn der Vogel, der irgendwo auf einem Baume ſaß, ihrer Stimme ge⸗ horchte und die Luft eilend durchſegelte, um ſich wieder von ihr gefangen nehmen zu laſſen. Tom war jedoch nur ein einfacher Sperling; aber ein getreuer, anhänglicher Sperling iſt beſſer als ein Colibri, der nicht gut bei uns thut, die jungen Mäd⸗ chen verſtehen das bei Zeiten. Plötzlich trat ein Fremder in Huſarenuniform in den Garten, lief auf Poupardot zu, drückte ihn an ſeine Bruſt, erſtickte ihn faſt vor lauter Umarmung, dann eilte er zu Eliſa hin, that bei ihr ein Gleiches, und die beiden Gatten erwiderten ſeine Liebkoſungen mit dem Ausrufe:„Er iſt es! ja wohl, er iſt es!... biſt Du endlich dal...“ Bei dieſen Worten vergaß Pauline ihren Vogel und machte einige Schritte, um in die Arme des eben angekommenen Herrn zu eilen, denn als ſie hörte: „Er iſt es!“ ſchlug ihr Herz voll Freuden, ſie zwei⸗ felte nicht, ihr Beſchützer, den ſie ſchon ſo lange er⸗ wartete, werde es ſein; daher flog ſie auf den Offizier 43 zu und rief:„Ach! das iſt mein lieber Freund Prosper!“ 5 Aber der Soldat ſtand unbeweglich, blickte Pau⸗ linen an, die ihre Arme nach ihm ausſtreckte und ſagte:„Wer iſt die Kleine... gehört ſie euch auch? Sackerlott! ihr habt nicht geichlafen, während ich mich ſchlug. „Nein, entgegnete Poupardot, das iſt nicht unſere Tochter. Ich habe nur zwei Knaben... Navet... den großen dort... einen Jungen mit den ſchönſten An⸗ lagen, Du ollft Dich überzeugen... und dieſen klei⸗ nen da von ſechs Monaten, dem ich den Namen des großen Mannes gegeben habe, was nie etwas ſchaden kann. Die Kleine iſt eine Waiſe... die wir bei uns haben... doch... das ſollſt Du ſpater erfahren.“ „Meine arme Pauline, ſagte Eliſa, das iſt noch nicht Dein Freund Prosper; das iſt Roger, unſer alter Freund Roger, von welchem Du uns oft haſt ſprechen hören, der nun zurückgekehrt iſt.“ Pauline ſchwieg, ihr Herz war beklommen, die Freude verſchwand von ihrem Angeſicht; indeſſen zwang ſie ſich zum Lächeln, begrüßte den Huſarenlieutenant und kehrte, betrübt und in ihrer Hoffnung getäuſcht, zu ihrem kleinen Tom zurück. Elf Jahre waren es, ſeit Roger mit der Requiſition abgegangen war; in dieſer Zeit hatte er in verſchiedenen Regimentern gedient, ohne nach Paris zurückzukehren; jetzt war er Kavallerielieutenant; er war nicht mehr jener zärtliche, blaſſe Mann, der kaum Kraft genug zu haben ſchien, ſich zu ſeinem Regimente zu begeben, 44 elf Jahre und der Aufenthalt im Felde batten große Veränderungen herbeigeführt; der ſchmächtige, ſchwache Körperbau des jungen Soldaten, der ſeinen Freunden Beſorgniſſe eingeflößt hatte, war nun erſtarkt; man ſah einen Mann, mit gebräunten Teint vor ſich, deſſen ganzes Weſen Geſundheit und Kraft verrieth. Kurz, der Lieutenant Roger ſchien mit ſeinem ſchwarzen Schnurrbart und ſeinem dicken Backenbart ein frei⸗ müthiger Huſar, ein heiterer, lebensluſtiger, geſell⸗ ſchaftlicher Soldat; in ſeinen Blicken lag noch der Ausdruck des Vergnügens beim Anblicke einer hübſchen Frau, aber keine Spur mehr von jener Sentimenta⸗ lität in früherer Zeit. Wenn man elf Jahre von ſeinen Freunden ent⸗ fernt war, ſo hat man viele Fragen zu machen; und eine der erſten Rogers war die Erkundigung nach Maximus und ſeiner Mutter; ſein Antlitz trübte ſich, als ihm Poupardot erwiderte:„Ich weiß durchaus nicht, was aus ihnen geworden iſt.“ „Ach! tauſend Schwadronen! das ärgert mich, verſetzte Roger, ich hatte mich ſo ſehr gefreut, Maxi⸗ mus einen Kuß zu geben... Ach! als ich damals Abends zu ihm ging, um Abſchied von ihm zu neh⸗ men. Du warſt auch dabei, Poupardot.. ich erinnere mich wohl, ſagte ich zu ihm: Ich weiß nicht, wann ich Dich wiederſehe, Maximus, aber ich glaube, daß ſich bis dorthin viel geändert haben wird. Nun! mein armer Pourpadot, es hat ſich viel geändert! ich meine, ich habe mich nicht getäuſcht? ſtatt einer Republik haben wir jetzt einen Kaiſer... und allenthalben 45 Siege und Nuhm für die Franzoſen!... Ha, drei⸗ fache Kanonade! wer jetzt nicht zufrieden iſt, iſt ſchwer zufrieden zu ſtellen. „O! was mich betrifft, ſo bin ich ſehr zufrieden! rief Poupardot aus. Meine Frau findet zwar den Zucker und den Kaffee etwas theuer... aber die Wei⸗ ber verſtehen nichts von der Politik. Was Maximus betrifft, ſo weißt Du ja, daß er nichts als Re⸗ publik wollte und träumte... Ich glaube nicht, daß er mit dem Wechſel, der ſich in Frankreich geſtaltete, zufrieden ſein wird.“ „Warum nicht gar! das wäre ſonderbar! gibt es etwas Schöneres als eine millitäriſche Herrſchaft?... Haben die Völker nicht unter großen Feldberren im⸗ mer am meiſten Ruhm geerntet?... Zum Beiſpiel unter Karl XII., Friedrich II., und Guſtav Adolph!* „Ja, ja! Ol ich bin vollkommen Deiner An⸗ ſicht... Ich bin beſeſſen für den Ruhm! Meine Söhne müſſen Soldaten werden... außer Navet... der fürs Seeweſen Neigung hat... er macht kleine Schiffe aus Nußſchalen. „Und was iſt aus dem jungen Mann, der mit Maximus in der Druckerei arbeitete, aus jenem leichtſinnigen, wilden Burſchen... kurz, aus Prosper geworden?“ „Ol der junge Burſche iſt allzuſchnell vernünftig geworden.. Ich ſage vernünftig, das heißt, ich weiß eigentlich nicht, was jetzt aus aus ihm geworden iſt, denn er zieht in der Welt herum, um ſich von einer unglücklichen Leidenſchaft zu heilen. „Ahl bah!... Was! dieſer junge Tollkopf... „Es iſt ihm vielerlei begegnet... aber er iſt jetzt reich; ein Mann, deſſen Zuneigung er ſich erwarb, hat ihn zum Erben eingeſetzt und ihm ein Schloß... und Geld hinterlaſſen... es wäre denn, daß er Alles auf ſeinen Reiſen verzehrt hätte! Meiner Treul ſeit mehr als acht Jahren haben wir nichts mehr von ihm gehört. „Das kleine Mädchen dort unten, ſagte Eliſa, indem ſie auf Paulinen zeigte, gehört ſein.“ „Ihm... was!... er hat ſchon ein Kind von dieſem Alter?“ „Das heißt ihm, weil es ihm die ſterbende Mut⸗ ter deſſelben übertragen hat. Es iſt die Tochter jenes holländiſchen Bankiers... Herrn Derbroucks, der während der Schreckensperiode hingerichtet wurde... Prosper, welcher den Vater nicht retten konnte, ver⸗ hinderte wenigſtens, daß die unglückliche Mutter das Schaffot beſtieg, aber er konnte ſie nicht hindern, am Grame zu ſterben... und ſchwur ihr, Vaterſtelle dei ihrem Kinde zu vertreten.“. „Brav, ganz brav! ſprach Roger, ſeinen Schnurr⸗ bart ſtreichend, um ſeine Bewegung zu verbergen. Ich ſehe, daß dies ein wackerer Junge iſt, und be⸗ daure um ſo mehr, ihn nicht in meine Arme ſchließen zu können. Und ihr ſorgt für dieſe Kleine, während Prosper reist?“ „Er hat uns zwanzigtauſend Livres geſchickt, weil er wahrſcheinlich befürchtete, die Kleine ſei uns zur Laſt, entgegnete Poupardot; aber ſein Geld liegt da... 4 4 47 ich habe es nicht berührt. Es wird Paulinen als Mit⸗ gift dienen, falls ihr Prosper keine andere geben kann.“ „Immer gut und menſchenfreundlich! Darin er⸗ kenne ich euch, meine Freunde!“ „Ei, aber Du fragſt uns nicht nach Picotin?“ „Und nicht nach ſeiner Frau,“ fügte Eliſa ſchel⸗ miſch hinzu.. „Eben wollte ich es thun, erwiderte Roger lä⸗ chelnd. Nun, was iſt aus dem tapfern, immer zit⸗ ternden Anacharſis geworden? Hat er gute Geſchäſte im Pelzwerk gemacht 2... Iſt feine Frau immer noch kokett?“ „Picotin iſt jetzt Schaffellhändler; er hofft Liefe⸗ rant bei der Armee zu werden. Seine Frau iſt ſehr dick geworden, aber immer noch hübſch. Was die Koketterie betrifft, ſo iſt das ein Fehler, der ſich bei den Weibern nicht leicht verliert, und ſie thun recht daran, beſonders, wenn ſie älter werden. Euphraſta iſt noch in den beſten Jahren, und liebt das Ver⸗ gnüngen leidenſchaftlicher, als je. Wir ſtehen recht gut zuſammen; ſie beſuchen uns häufig... Ei! mir fällt etwas ein... Du iſſeſt mit uns...— Beim Kuckuk, das verſteht ſich wohl!“ „Ich will Picotin und ſeiner Frau, ohne ihnen anzukündigen, daß Du da biſt, ſagen laſſen, wir er⸗ warten ſie beim Mittageſſen... Ol das gibt einen herrlichen Spaß.“ 4 „Sehr gut ausgedacht!... Ach! wie Schade, daß Maximus nicht Theil daran nimmt... Armer Junge! was mag aus ihm geworden ſein?“ 48 Poupardot ließ auf der Stelle Herrn und Madame Picotin zum Eſſen einladen, dann nahm er Roger mit ſich und zeigte ihm ſein Gut, während er ſeiner Frau die Beſorgung der Haushaltung überließ, und die kleine Pauline Tom in ſeinen Käfig einſperrte, damit ſie der guten Eliſa bei der Zubereitung des Mittagsmahles helfen konnte, welches glänzend ver⸗ anſtaltet werden ſollte, da man höchlich erfreut war, die Rückkehr eines alten Freundes zu feiern. Gegen vier Uhr war Alles gerüſtet, man erwar⸗ tete nur noch die Gäſte aus Paris. Roger, den es endlich gelangweilt hatte, immer den Kohl und Salat im Pourpardot'ſchen Garten anzuſehen, war in den Salon zurückgekommen, und erzählte dort von ſeinen glänzenden Feldzügen in Italien, die ſeine Wirthe nicht genug hören konnten. Endlich klingelte es. „Das ſind unſere Freunde, ſagte Poupardot; ich will ſehen, ob ſie Dich erkennen.“ Es war in der That das Ehepaar Picotin, aber nicht allein: ein junger Linienoffizier, ein großer, breitſchulteriger, rothbackiger Mann reichte Madame Picotin den Arm, und ſchien ſtolz darauf zu ſein, dieſe Ehre zu genießen, welcher er ſich jedoch mit allem Phlegma eines zu ſolchen Galanterien verpflich⸗ teten Militärs entledigte. Hinter ihnen kam Anacharſis mit einem Regenſchirm, ſeiner Frau Ridicule und einem großen Shawl für dieſelbe, falls es kalt würde. Euphraſia trat, immer noch den Offizier am Arm, 49 in den Salon; dieſer grüßte ſteif, während Madame Picotin mit einem anmuthigen Lächeln gegen die Ge⸗ ſellſchaft begann:„Guten Tag, meine lieben Freunde 3 ihr ſeht, wir haben ohne Umſtände eure liebenswür⸗ dige Einladung angenommen; überdies war ich ſo frei, auch den Herrn Lieutenant Bienlong, einen aus⸗ gezeichneten Militär, mitzubringen, deſſen Bekannt⸗ ſchaft für euch, wie ich mir zum Voraus einbildete, äußerſt ſchmeichelhaft ſein wird.“ „Sie thaten ſehr wohl daran, entgegnete Pou⸗ pardot. Allein abgeſehen davon, ſind die Freunde unſerer Freunde... auch unſere Freunde.“ „Ahl ſie bringt Offiziere mit ſich,“ flüſterte Ro⸗ ger, Eliſa mit ſcherzhafter Miene anſehend. „O, wenn ſie nur einen bringt, dann iſt es ein Glück!“ verſetzte Madame Poupardot, ihren Un⸗ muth bezwingend. „Der Herr Lieutenant wird Gelegenheit finden, ſich über Schlachten zu unterhalten, fuhr Poupardot fort. Hier iſt ein Huſarenoffizier, der alle Feldzüge in Italien mitgemacht hat.“. Picotin machte einen Bückling bis auf den Boden; der Lieutenant begrüßte Roger ſtumm, und Euphraſia nahm ſodann den Huſarenoffizier aufs Korn, den ſie zum erſten Mal zu ſehen glaubte; ſie kniff den Mund zuſammen, um ihn recht klein zu machen, verdrehte die Augen auf eine höchſt beredte Weiſe, lächelte, um die Zähne zu zeigen, kurz, that alles Mögliche, um ſchön zu erſcheinen; aber Roger, der dieſe Koketterie bald ſatt hatte, brach in ein ſchallendes Gelächter aus Paul de Kock. XVII. 4 7 50 und ſchrie:„Was tauſend Kartätſchen: meine kleine Euphraſia erkennt mich nicht! Dann muß ich die Be⸗ kanntſchaft von Neuem anfangen.“ Mit dieſen Worten ſchritt Roger auf Euphraſia zu und küßte ſte, worauf der Herr Lieutenant Bien⸗ long eine Grimmaſſe ſchnitt und ſich den Schnurr⸗ bart ſtrich; allein Madame Picotin, die ſich mit dem beſten Willen küſſen ließ, rief gleich darauf aus:„Iſt es möglich!... das iſt Roger!...“ „Roger! ſagte Picotin, unſer theurer Freund Roger!“ Und damit warf er ſich an die Bruſt des Huſarenoffiziers, der ihm einfach die Hand drückte, indem er ſprach:„Ja, meine Freunde, ich bin es... Roger.. den ihr ſeit elf Jahren nicht geſehen habt. Poupardot wollte euch eine Ueberraſchung bereiten und es iſt ihm gelungen, denn ihr waret ſchwerlich der Erwartung, mit mir zu ſpeiſen.“ „O! meiner Treu, gewiß nicht! rief Picotin aus, wir dachten ſicher nicht an Dich; nicht wahr, Frau, Du dachteſt nicht an ihn?“ Euphraſia ſchien anfangs in Verlegenheit, ſich zwiſchen Roger und dem Lieutenant zu befinden; aber als eine Frau, die gewöhnt war, ſich in ſolche Lagen zu ſchicken, kehrte bald ihre ganze Sicherheit und Heiterkeit wieder zurück und ſie rief aus:„Mein Mann ſchwatzt nur Dummheiten... Entſchuldige ihn, mein lieber Roger; gewiß dachten wir oft an Dich... ich wenigſtens. Man vergißt einen... Jugendfreund nicht. Aber wahr iſt, daß wir Dich hier nicht er⸗ warteten... und es iſt eine ſehr angenehme Ueber⸗ 51 raſchung, wofür ich unſern Wirthen nicht genug danken kann.“ Die Ankündigung des Mittageſſens machte dieſen Freundſchaftsbezeugungen ein Ende. Der Lieutenant Bienlong, der ſtreng an ſeinem Dienſte zu halten ſchien, bot Madame Picotin wieder den Arm an, um ſie in den Speiſeſaal zu führen. Man ſetzte ſich zu Tiſche und Euphraſia hatte das Vergnügen, ihren Platz zwiſchen den beiden Offizieren zu finden. Das Eſſen war ausgezeichnet. Jedes that ihm Ehre an, aber der junge Lieutenant übertraf alle Gäſte an Geſchwindigkeit, womit er das ihm Ange⸗ botene verzehrte. Indeſſen war Euphraſia, die ohne Zweifel befürchtete, ihr Schützling wage nicht, ſich nach ſeinem Appetite zu bedienen, fortwährend be⸗ ſchäftigt, ihn zum Eſſen aufzufordern. Während des Eſſens vernahm man folgende Unterhaltung. „Lieutenant, Sie eſſen vielleicht noch ein Stückchen Ochſenfleiſch?.— Ich werde ſo frei ſein.— Herr Bienlong, nehmen Sie doch von dem Geflügel... Sie lieben ja das Geflügel...— Ich werde ſo frei ſein.— Lieutenant Bienlong, noch ein Stückchen Schinken... nehmen Sie doch, man genirt ſich hier nicht... unter Freunden läßt man es ſich ſchmecken!“ Und der junge Lieutenant, der ſchon fünf Stücke Schinken verzehrt hatte, nahm noch zwei weitere auf einen Teller, indem er erwiderte:„Ich bin außer Stand, Ihnen etwas abzuſchlagen, Madame.“ Und Poupardot dachte bei ſich:„Ei, ich meine, der läßt es ſich ſchmecken.“ 5²2 „Sackerlott! ſagte Roger zu Picotin, der neben ihm ſaß, ich habe auch einen geſunden Appetit... aber da iſt ein Lieutenant, der mich ausſticht... Speist der Herr oft bei Ihnen?“ „Wenigſtens ſechs Mal in der Woche,“ entgeg⸗ nete Picotin mit ſtolzer Miene. „Ich mache Ihnen mein Compliment, lieber Pi⸗ cotin, Ihre Frau hat kräftige Bekanntſchaften... Beim Kuckuk, das iſt ein Burſche, der nicht leicht wankt.“— „Er wird mir zu einer Lieferung verhelfen und machen, daß ich meine Schaffelle anbringe.“ „O, ich denke ſchon, daß er Ihnen zu etwas ver⸗ helfen wird.— Meine Frau gibt ſich auch um meinet⸗ willen außerordentlich viel Mühe bei den Offtzieren, die wir kennen.— Und es ſcheint nicht, daß ſie ma⸗ ger dabei wird.— O! meine Frau iſt von Eiſen!... ſie iſt nicht wie ich, den die Revolutionen krank ma⸗ chen! während der Schreckenszeit war ich fortwährend unwohl.“ Man ſtand vom Tiſche auf, und das Geſpräch des Lieutenants Bienlong, welches ſich während des Mittageſſens auf:„Ich werde ſo frei ſein,“ beſchränkt hatte, ging nun in ein länger oder kürzer andauern⸗ des Nicken mit dem Kopfe über. Und nachdem Euphraſia ſich einige Zeit mit Roger unterhalten und ihm einige erfolgloſe Liebesblicke zu⸗ geworfen hatte, ſtand ſie auf, nahm wieder den Arm des jungen Lieutenants, winkte ihrem Manne, den Ridicule zur Hand zu nehmen, und empfahl ſich der 53 Geſellſchaft mit den Worten:„Wir wünſchen euch eine gute Nacht, denn wir müſſen noch nach Hauſe und Herr Bienlong in ſeine Kaſerne. Lebt wohl, meine lieben Freunde. Herr Roger, ich hoffe, Sie werden mich beſuchen.“ „Ich werde mir das Vergnügen nehmen,“ ent⸗ gegnete Roger, zugleich den ſteifen Gruß des Lieu⸗ tenants erwidernd. „Kommen Sie zu uns, ſagte Picotin, Sie wer⸗ den Offiziere von allen Regimentern antreffen, und wenn Sie von einer Lieferung ſprechen hören...“ „Seien Sie beruhigt, mein Freund, ich werde an Sie denken...“ Das Ehepaar Picotin hatte ſich mit dem Lieute⸗ nant Bienlong entfernt. Roger drückte die Hand Poupardots und rief aus:„Hierher werde ich oft kommen und mit Vergnügen meine freien Stunden zubringen, bis uns der Kaiſer aufs Neue nach Ruhm ausſchickt. Was aber Madame Picotin betrifft, ſo hat mir dieſe zu viele neue Bekanntſchaften, die noth⸗ wendig den alten ſchaden müſſen. Auf Wiederſehen, meine lieben Freunde.“ Damit ging Roger weg, nachdem er noch Pou⸗ pardot und ſeine Frau geküßt, ihre Kinder geliebkost und Paulinen einen kleinen Schlag auf die Wange gegeben hatte. 54 Drittes Kapitel. Die blaue Hoſe. Roger hatte Wort gehalten; er kam oft zu Pou⸗ pardot; an dem Anblick dieſer friedlichen Haushaltung erholte er ſich von den Strapazen des Krieges. Hier ſprach er von ſeinen alten Freunden, von Maximus,⸗ den er nirgends finden konnte, und von Prosper, von welchem man keine Nachrichten mehr erhielt. Aber der Kaiſer, welcher ſeine Soldaten nicht lange müßig ließ, hatte von Neuem die Waffun ergriffen, und Roger, der eiligſt zu ſeiner Fahne zurückkehren mußte, nahm Abſchied von ſeinen Freunden in Clichy, indem er ſagte:„Wenn Ihr mich wiederſehet, ſo bin ich nicht mehr Lieutenant... ich will mein Leben laſſen oder avanciren; doch der Kaiſer kennt ſeine Leute und belohnt die Brapen ſtets.“ „Wenn wir ihn nur wiederſehen! ſprach Eliſa. Ach! wenn ich einen Soldaten zum Manne hätte, verlebte ich keinen einzigen Tag in Ruhe.— Er wird wiederkommen, ich bin es gewiß, entgegnete Poupar⸗ dot ſich die Hände reibend. Trägt der große Napo⸗ leon nicht immer den Sieg davon?... Wir werden Roger wiederſehen, und er dann vielleicht Oberſt! General ſein!... wer weiß? ha! man ſieht, daß er die Schlachten tiebt! Wenn mein kleiner Napoleon je ſolche Neigungen an den Tag legt, ſo laſſe ich ihn ſicher auch zur Armee abgehen, es ſei denn, daß er keine Luſt dazu hätte. Man muß nie der Beſtimmung 2 — — 5⁵ entgegenhandeln, das iſt mein Grundſatz.. Was Navet anbetrifft, ſo weiß ich noch nicht recht, was ich aus ihm machen will..— Aber ich weiß, daß er mir mein Eingemachtes ſtiehlt, verſetzte Eliſa.— Ei, meine liebe Freundin, alle Kinder ſind mehr oder minder naſchhaft. Wenn Du dein Eingemachtes nicht einſchließeſt, ſo nimmt er Dir es, aber er ſtiehlt es Dir nicht.“ Bald ſteigerte ſich die Begeiſterung der Franzoſen für ihren Kaiſer durch die Nachricht eines großen Sieges noch höher; Napoleon hatte die Schlacht von Auſterlitz gewonnen. In Paris feierte man durch Feſtlichkeiten dieſen neuen Triumph der franzöſiſchen Waffen; faſt alle Familien hatten eines ihrer Mit⸗ glieder unter der Armee; und der Ruhm eines Gatten, Vaters, Bruders oder Veiters erſtreckte ſich auch auf ſeine Anverwandten und beglückte ſie doppelt bei der Nachricht eines Sieges. Poupardot ſchwamm in Entzücken, er wollte ſeine Frau jeden Tag mit nach Paris nehmen, um ſie in's Theater oder zu irgend einer Beluſtigung führen; aber Eliſa blieb lieber bei ihren Kindern, das heißt bei ihrem Säugling und der kleinen Pauline, denn Herr Navet wollte immer ſeinen Vater begleiten, und ließ ſich bei jedem Paſtetenbäcker, wo ſie vorbeikamen, „Kuchen kaufen. VPicotin und ſeine Frau beſuchten Clichy nicht mehr; Euphraſia hatte ſich nicht begnügt, wenn ſie bei ihren Freunden Poupardot aß, einen Offtzier einzuführen, ſondern ſogar zwei bis drei mitgebracht, ſo daß ſich 56 Poupardot und ſeine Frau, um nicht befürchten zu müſſen, es kehre ein ganzes Regiment bei ihnen ein, genöthigt ſahen, der Madame Picotin zu bedeuten, ſie möchte ihre militäriſche Begleitung zu Hauſe laſſen. Euphraſia, der mehr an ihren Eroberungen als an ihren Freunden lag, fühlte ſich hierdurch beleidigt, kam nicht mehr nach Clichy und verbot auch ihrem Manne, wieder dort hin zu gehen. Eliſa und ihr Gatte tröſteten ſich leicht über dieſes Unglück. Es gibt Leute, die uns ein großes Vergnügen machen, während ſie glauben, ſie legen uns eine Strafe auf. Es war im Beginne des Jahres 1806; Pauline ging in ihr dreizehntes Jahr. Schon vereinigte ſich in ihr die ſchüchterne Jungfräulichkeit mit der Anmuth der Jugend; aber nicht mit jener lächerlichen Anmaßung eines jungen Mädchens, welches ſich das Anſehen einer Jungfrau geben will. Pauline gedieh an Geiſt und Körper, ohne daß ihr Charakter jene widerliche Ver⸗ änderung erlitt, die gewöhnlich bei dem Uebergang der Kindheit zur Jungfräulichkeit ſtattfindet. Ihr Herz blieb immer gleich gut, ihr Gemüth gleich ſanft, ihr Geſchmack eben ſo einfach und ihr kleiner Vogel Tom ſtets ihr Liebling. Nur Etwas trübte das Glück dieſes jungen Mäd⸗ chens. Seit ſie denken und fühlen konnte, hatte man ihr von Prosper geſprochen. Eliſa hatte ihr hundert Mal wiederholt, was dieſer junge Mann gethan, um ihre Mutter vom Schaffot zu befreien, und wie dieſelbe ihm ihr Kind übertragen hatte. Sie ſchilderte ihr auch oft die Beſorgniß und die Verle⸗ —— — 57 genheit Prospers, welcher ſie auf ſeinen Armen von Paſſy nach Paris getragen hatte. Während Pauline auf Eliſa's Erzählungen lauſchte, floſſen Thränen aus ihren Augen. Ihr Herz fühlte die lebhafteſte Dankbarkeit für dieſen Mann, der ihre Eltern ſo ſehr geliebt hatte. Je älter ſie wurde, je ſtärker ſprach ſich dieſe Empfindung in ihr aus. Man hatte ſie ihren künftigen Beſchützer lieben und ehren gelernt; und das junge Mädchen kannte nur einen Wunſch: ihren Freund Prosper wieder zu ſehen. Allein dieſe Hoffnung wurde jeden Tag ſchwächer. Da man im Laufe ſo langer Zeit nie eine Nachricht von ihm bekommen hatte, mußte man befürchten, er ſei ferne von ſeiner Heimath und ſeinen Freunden ge⸗ ſtorben. Wenn Paulige bisweilen noch von Prosper ſprach, ſo ſchüttelte Eliſa traurig das Haupt mit einer Miene, worin ſich ausdrückte: Daran iſt nicht mehr zu denken! Und Poupardot ſagte:„Mein liebes Kind, der, welcher einſt Dein Beſchützer ſein ſollte, iſt ohne Zweifel in fernen Landen geſtorben; aber wir werden Dich nie verlaſſen... Wenn es Zeit iſt, werden wir an eine Heirath für Dich denken... Und auch ab⸗ geſehen davon, hat Prosper für Dich geſorgt; Du haſt zwanzigtauſend Franken, die er mir für Dich geſchickt hat und die ich angelegt habe; dies gibt einſt.. die Zinſen unberechnet... eine hübſche Mitgift!“ Die kleine Pauline ſeufzte und entgegnete:„Ach! ich wollte lieber, er hätte mir nichts gegeben, und ich wäre überzeugt, daß er zurückkehre!“ 58 Und jeden Morgen und jeden Abend, wenn die junge Waiſe ihr Gebet zum Himmel ſchickte, flehte ſie auch um die Rückkehr deſſen, der die letzten Worte ihrer Mutter vernommen hatte. An einem ſchönen Frühlingsmorgen, als Poupar⸗ dot, nachdem er ſeine Frau geküßt hatte, eben im Begriffe war, mit Navet auf's Feld hinaus zu ſpa⸗ zieren, zog das Geraſſel eines Wagens, welcher vor ihrer Hausthüre anhielt, die Aufmerkſamkeit der beiden Gatten und ihrer Kinder auf ſich. Navet eilte ſchnell zu einem Fenſter; nachdem er Pauline, welche ſich zuerſt davor ſtellen wollte, etwas barſch zurückgeſtoßen hatte, rief er aus:„Ol das iſt kein Fiaker... es iſt eine dreiſpännige Chaiſe.— Es iſt eine Poſtchaiſe, ſagte Pauline.— Eine Poſt⸗ chaiſe!“ rief Poupardot, ſeht doch, wer ausſteigt!— Ein Herr mit einem dreieckigen Hute und Stulpſtie⸗ feln ſpringt heraus und kommt ins Haus herein.— Hat er eine Uniform an? fragte Poupardot.— Nein... aber deſſen ungeachtet etwas Militäriſches in ſeinem Aeußern.— Es iſt ohne Zweifel Herr Roger, der von der Armee heimkehrt..— Nein, es iſt nicht Herr Roger.— Bah! Du wirſt ihn nicht erkannt haben, weil er in Civilkleidern iſt, aber ich wette, er iſt es; übrigens höre ich ſchon die Treppe herauf⸗ kommen... wir werden den Herrn ſehen und da Roger diesmal nur ein Jahr fort war, ſo werde ich ihn ſicher erkennen.“ NMan öffete die Thüre raſch. Ein Mann erſchien auf der Schwelle des Zimmers, ſtand ſtille und — 59 betrachtete alle Anweſenden aufmerkſam. Er war groß und ſchlank; ſeine ziemlich ſchönen Geſichtszüge ſchie⸗ nen von Anſtrengung und Sorgen gelitten zu haben; ſeine braunen Haaren fielen in langen Locken auf beiden Seiten des Geſichts herab; eine Narbe von der Stirne bis oberhalb in die linke Wange trug nicht unbedeutend zu einem ſonderbaren Aeußern dieſes Mannes bei, deſſen Alter auf den erſten Anblick ſchwer zu errathen geweſen wäre. Seine Kleidung war eben ſo außergewöhnlich, als ſeine Phyſiognomie. Ein langer, nicht zugeknöpfter grüner Oberrock, eine weiße bis an die Cravate zugemachte Weſte, eine blaue Hoſe, die ihm viel zu weit ſchien, und deren rothes Paſſepoil ihm einen militäriſchen Anſtrich verlieh, eine ſchwarze Cravate und ein dreieckiger Hut, deſſen Spitze nach vornen ſah, vollendeten den Anzug des Neuan⸗ gekommenen. Alle ſtarrten den auf der Schwelle Stehenden an; man ſchien eine Erklärung von ihm zu erwarten; man konnte nicht begreifen, was ihn am Sprechen hindere, und doch wagte man nichtz ihn zu befragen. Ein ſonderbares Gefühl bewegte alle Anweſenden; aber der Fremde ſchien ſich nicht im mindeſten um die Neu⸗ gierde zu bekümmern, die er erregte, ſondern fuhr ruhig in ſeiner Betrachtung fort. Seine Blicke ſchweif⸗ ten nacheinander von Poupardot zu ſeiner Frau und ſeinen Kindern über, als ſie ſich aber auf Paulinen hefteten, belebte ſie ein unerklärlicher Ausdruck. Thrä⸗ nen benetzten ſeine Wimpern, er ſtieß einen Schrei aus, flog auf das junge Mädchen zu, drückte ſie an 60 ſein Herz und rief aus:„Sie iſt es!... es iſt meine kleine Pauline!... das Kind, welches man in meine Arme legte! O! ich kann mich nicht täuſchen... das iſt das Lächeln ihrer Mutter... dies ſind die Züge ihres unglücklichen Vaters!...“ Als Poupardot und ſeine Frau dieſe Worte hör⸗ ten, näherten ſie ſich dem Unbekannten, ſie betrach⸗ teten ihn mit mehr Aufmerkſamkeit, ſie trauten ihren Ohren und ihrem Herzen noch nicht. Was Pauline betraf, ſo fühlte ſich dieſe aus einem unbegreiflichen Grunde wohl und glücklich in den Armen dieſes Mannes, der ſie mit Liebkoſungen überhäufte. Endlich wendete der Fremde ſein Haupt gegen Poupardot und ſeine Frau, und reichte ihnen die Hand mit den Worten:„Nun! meine Freunde, erkennt ihr mich denn gar nicht?... Ach! ich habe mich freilich ſehr geändert... aber mein Herz iſt immer noch daſſelbe, und Prosper liebt euch wie ehedem.— Er iſt es! Prosper iſt es!... Pauline, da iſt Dein Freund, den Du immer erwartet haſt!.. endlich iſt er zurückgekehrt!“. Mehre Minuten waren dieſes die einzigen Worte, welche man inmitten der Rührung, die ſich aller Herzen bemächtigt hatte, auszudrücken im Stande war; als man ein weniger ruhiger geworden, als Prosper im Kreiſe ſeiner Freunde Platz genommen und das kleine Mädchen, an dem er ſich nicht ſatt bewundern konnte, auf ſeinen Schooß geſetzt hatte, ſammelte man ſich erſt, und fing an miteinander zu ſprechen. ——,— ————-ꝛ— 61 „Wie! Du biſt es! rief Poupardot aus; wir hatten bereits die Hoffnung aufgegeben, Dich wieder⸗ zuſehen. Du lebteſt und gabſt uns keine Nachricht von Dir!. „Ach mein lieber Prosper, ſprach Eliſa, es iſt nicht Recht, daß Sie uns ſo lange in Sorgen ließen . Und dieſe arme Kleine ſprach jeden Tag von Ihnen und flehte jeden Tag zum Himmel, er möchte Sie zu uns zurückführen...“ „Was bedeutet denn dieſe Hoſe mit dem Paſſe⸗ poil... und dieſer Hieb im Geſicht... biſt Du jetzt Soldat?... Uns neun Jahre lang nicht ſchreiben... das iſt abſcheulich!“ „Meine lieben Freunde, verſetzte Prosper, wollt ihr mich hören, ehe ihr mich ſcheltet?“ „Ei, ganz gewiß! mehr verlangen wir gar nicht; wir ſind ſehr neugierig zu erfahreu, was Du in ſo langer Zeit gethan haſt.— So hört mich.“ Prosper ſchaute noch einmal Pauline an, deren Blicke auf ihm hafteten, drückte einen Kuß auf ihre Stirne und begann folgendermaßen die Erzählung ſeiner Abenteuer. „Ich war nach England gegangen, um dort eine geliebte Perſon aufzuſuchen; dieſe fand ich auch; aber nun erſt ſah ich, wie ſehr meine Hoffnungen getäuſcht worden... Die, welche ich meine Gattin zu nennen glaubte, verheirathete ſich mit einem An⸗ dern! Dann fühlte ich, die Verzweiflung im Herzen, das Bedürfniß, zu reiſen, die Welt zu durch⸗ ziehen, und unter andern Himmelsſtrichen, bei andern 62 Völkern neue Zerſtreuungen, neue Eindrücke zu ſuchen, um von dem Uebel zu geneſen, welches an meinam Leben nagte.“ „Damals ſchrieb ich auch an Dich, mein lieber Poupardot; ich weiß nicht mehr welchen Inhalts, ih war ſo ſchmerzlich betrübt! mein Kopf glühte, und bei euch, meine lieben Freunde, hätte ich die Ruhe nicht wieder gefunden. Ich mußte Bewegung, Aben⸗ teuer, ſtarke Erſchütterungen haben; meine Seele be⸗ durfte jener gewaltſameren Mittel, die man Kranken verordnet, für welche man keine Hoffnung mehr hat.“ „Ich hatte ungefähr achtzigtauſend Livres gute Wechſel auf die erſten Bankiers von Europa bei mir; dies war der ganze Reſt meines Vermögens... der Erbſchaft dieſes guten Durouleau's... Das wundert euch? aber ich hatte den g n Theil ſchon Jemand gegeben... das heißt eigentlich pflichtgemäß zurück⸗ erſtattet.“ „Ich begab mich nach Italien, ſah Venedig, Flo⸗ renz, Neapel. Ich lebte wie ein Fürſt, wie ein großer Herr: dort genoß ich alle Vergnügungen, welche der Ueberfluß gewährt. Ich hatte eine wohlbeſtellte Tafel, bald zahlreiche Freunde... oder wenigſtens von jenen Bekanntſchaften, die ſich um die Reichen ſammeln; von jenen Menſchen, die euch für ein Mittageſſen, für einen Ball, ein Feſt ſogleich ihre Freundſchaft, ihre Artigkeiten, ihr Lächeln gewähren. Eine traurige Race! die man überall findet und geringſchätzt, deren man ſich aber wie eines Spielzeugs, gleich Karten oder Würfeln, bedient.“ 63 „Ich brachte drei Jahre in Italien zu; ſein ſchö⸗ nes Klima, ſeine leidenſchaftlichen Frauen, der Wohl⸗ klang ſeiner Sprache und die Ungezwungenheit ſeiner Sitten hatten mich von meinem Gram geheilt; in⸗ deſſen fühlte ich doch die Leere dieſer Freuden, denen ich mich hingab; ich dachte an euch, meine Freunde, und ſprach bei mir: Ein Tag bei ihnen, im Kreiſe ihrer Familie, am Kamine ſitzend, wäre mehr werth, als zwanzig unter Feſtlichkeiten, Spiel und Tanz ver⸗ lebte Nächte. Aber zur Rückkehr nach Frankreich, wo mich ſo viele Erinnerungen erwarteten, fühlte ich mich noch nicht genug geheilt.“ „Eines Tages berieth ich mich mit meiner Kaſſe, es blieben mir nur noch zwanzigtauſend Livres übrig, ich hatte ſechzigtauſend in drei Jahren gebraucht... Um den großen Herrn zu ſpielen, war es nicht zu viel; aber in Betracht meiner Verhältniſſe fand ich, daß ich die Zerſtreuung etwas theuer bezahlt hatte; ab⸗ geſehen davon würde ich, wenn ich ſo fortgemacht hätte, nur noch ein Jahr zu leben gehabt haben. Ich dachte, es ſei Zeit, inne zu halten.“ „ Dann ſtiegen ehrgeizige Gedanken in mir auf; ich hatte alle Annehmlichkeiten des Reichthums em⸗ pfunden, und faßte den Entſchluß, nur mit einem großen Vermögen wieder nach Frankreich zurückzu⸗ kehren. Ich machte die ſchönſten Plane für die Zu⸗. kunft... Ich brauche euch nicht zu ſagen, meine Freunde, daß ich in meinen Träumen euch immer zuerſt im Auge, hatte; auch an dieſe liebe Kleine dachte ich und ſprach bei mir: würde ich nicht beſſer 4₰ 1 64 daran thun, mein Glück zu verſuchen, ſtatt nach Frankreich zurückzukehren, nachdem ich Durouleau's Hinterlaſſenſchaft aufgezehrt habe?... Wenn mir das Schickſal günſtig iſt, ſo kann ich dieſer armen Kleinen, deren ſich meine Freunde ſo gütig annahmen, ein be⸗ neidenswerthes Loos verſchaffen.“ 4 „Vielleicht ſchlummerte auch noch ein anderer Ge⸗ danke in der Tiefe meiner Seele, den ich mir ſelbſt nicht einmal zu geſtehen wagte!... Denn in Frank⸗ reich konnte ich jener Frau begegnen, die mich ver⸗ ſchmäht hatte, und ich hätte ſie gerne durch meinen Glanz vernichten mögen.“ „Mein Entſchluß wurde ausgeführt: ich ſchiffte mich nach den beiden Indien ein, dort ſucht man ſein Glück immer. Nach einer langwierigen Ueberfahrt kam ich auf der Inſel Java an; mit meinem übrigen Gelde kaufte ich Land und Sklaven. Ich pflanzte 5 Zucker und Indigo, und gab mich mit Eifer der Thätigkeit hin. Damals hätte ich euch allerdings ſchreiben können, aber mein Lieblingsplan war, euch eines Tages von Gold ſtrotzend zu überraſchen. Ich ſah ein, daß man in Indien nicht ſo ſchnell reich wird als man uns weiß macht. Doch hatte ich nach Verlauf von zehn Jahren mein Vermögen verzehn⸗ facht. Dann wurde mir ein ausgezeichnetes Unter⸗ nehmen angetragen; indem ich meine zweimalhundert⸗ taufend Livres in Handelswaaren ſteckte, die nach China abgingen, konnte ich mein Beſitzthum ums Vierfache vermehren... Dann wäre ich wirklich reich geworden! Ich verſuchte das Glück. Ein Schiff ging 65 mit meinen Waaren ab. Ich erwartete ſeine Rückkehr, um nach Frankreich heimzukehren: es kam nicht wie⸗ der, es ging unterwegs zu Grunde!...“ „Die ganze Frucht meiner Arbeit war verloren! Ich ertrug dieſes Unglück geduldig. Das Schickſal, dachte ich, will nicht, daß ich reich zu meinen Freun⸗ den zurückkehre; nun! ſo kehre ich arm zurück... ich bin überzeugt, ſie nehmen mich doch gut auf!... dieſen Vortheil habe ich vor Manchem voraus. Ihr ſeht, ich hing nicht am Gelde! ich hatte nur einfach einen Traum genährt.“ „Mit dem Wenigen, was mir geblieben, war ich im Stande, die Ueberfahrtskoſten auf einem Schiffe zu bezahlen, welches mich nach Frankreich zurück⸗ bringen ſollte; allein diesmal war die Fahrt nicht glücklich; nach argem Unwetter und fürchterlichen Stürmen, die uns zu verſchlingen drohten, ſahen wir uns endlich genöthigt, an der Küſte von Dalmatien ans Land zu ſteigen. Ich fügte mich abermals ohne Murren in mein Geſchick; ich fand überhaupt, daß ich mich beſſer ins Unglück als in das Glück zu ſchicken wußte; dies war immerhin eine Entſchädigung.“ „Ich entſchloß mich, meine übrige Reiſe zu Fuße zurückzulegen; ich hatte auch gewichtige Gründe, mit meinen Ausgaben einzuziehen. So pilgerte ich nun, einen Stab in der Hand und ein leichtes Päckchen auf dem Rücken, obwohl ich den Weg nicht kannte, ſorglos vorwärts; nichts trieb mich zur Eile an, und ich ſagte oft bei mir: Ich werde immerhin irgendwo hinkommen.“ Paul de Kock. XVII. 66 „Während ich ſo vorwärts wanderte, gelangte ich, ohne zu wiſſen wie, nach Oeſterreich und Mähren, und dort erfuhr ich, daß es Krieg gebe; die armen Landleute in den Gegenden, die ich durchſtrich, theil⸗ ten mir mit, daß Oeſterreich und Rußland gegen Frankreich im Kampfe ſtünden, daß alle Augenblicke Truppen durchs Lands ziehen, und man in Kurzem einer großen Schlacht entgegenſehe.“ „Ich konnte nichts ſehnlicher als das Glück unſerer ¹ Waffen wünſchen, denn mein Aeußeres glich keines⸗ wegs einem Krieger; meine Kleider waren abge⸗ tragen und meine Garderobe bot mir keine Hülfs⸗ 1 mittel zur Verbeſſerung meiner Toilette an.“ V 1„Indeſſen wißt ihr, meine Freunde, was ich auf meinen langen Reiſen, ſeit meiner Entfernung aus England, ſorgfältig und getreulich mit mir genommen He Nun? den Reſt der Erbſchaft von meinem 1 nthen Brillancourt, zwei Hoſen, eine blaue und eine weiße. Ihr lachte. Das ſcheint euch zum Er⸗ ſtaunen, und ihr begreift ohne Zweifel nicht, daß ich, während ich in Italien das Leben eines großen Herrn führte, während ich ſechzigtaufend Livres in tollen Orgien durchbrachte, an die Aufbewahrung zweier ſo beſcheidenen Kleidungsſtücke denken konnte, die nicht einmal für mich gemacht waren! Und doch iſt es ſoz b * denn ſeht, meine Freunde, trotz meiner Thorheiten, meiner Neigung zur Unabhängigkeit und meinen libe⸗ ralen Grundſätzen, bin ich doch bis zur Aengſtlich⸗ keit gewiſſenhaft und lege einen großen Werth auf die Hinterlaſſenſchaft meines Pathen. Die rothe Hoſe 67 Puttr mir außerdem zu vortreffliche Dienſte geleiſtet, als daß ich nicht einiges Vertrauen in die andern ſetzen ſollte. Kurz, durch alle Länder, wo ich geweſen, hatte ich die beiden Hoſen mitgenommen, und als ich mich jetzt in einem ans Elend grenzenden Zuſtande, beinahe bloß ſah, da meine Beinkleider an verſchie⸗ denen Orten durchlöchert waren, ſagte ich bei mir: Jetzt iſt es Zeit, Zuflucht zu meinem Pathen zu nehmen, ich will eine von ſeinen Hoſen anziehen.“. „Nun knüpfte ich mein Päckchen im freien Felde auf; ich befand mich an einem einſamen Orte, wo mich nichts an dem Wechſel dieſer unentbehrlichen Kleidungsſtücke ſtörte. Ich betrachtete meine beide Ho⸗ ſen: die erſte war von weißem Atlaß mit Gold und Flitter geſtickt; ſie taugte für die gegenwärtigen Um⸗ ſtände nicht; aber die blaue war von feſtem, dauer⸗ haften Tuche und hatte ein rothes Paſſepoil, wel ihr etwas Militäriſches verlieh. Ich zog folglich die blaue Hoſe an... es iſt dieſelbe, die ich jetzt noch trage.“ „Kaum war ich mit meiner Bekleidung fertig, als ich durch Weibergeſchrei und einen Haufen flie⸗ hender Bauern in Kenntniß geſetzt wurde, daß Trup⸗ pen ins Land eingefallen ſeien; es waren Ruſſen, wie man mir ſagte. Da ich durchaus keine Luſt hatte, ihnen zu begegnen, ſo beſchleunigte ich meine Schritte, und lief bis in die Nacht hinein, wo ich eine halbe Stunde von dem Städtchen Auſterlitz entfernt vor einem Landhauſe, deſſen elegantes Aeußere Reichthum und Geſchmack verkündigte, anhielt. Ich war von Müdigkeit und Hunger ganz erſchöpft, und erblickte weder eine Hütte noch ſonſt ein Bauernhaus um mich herum. Meiner Treu, da ich keinen Armen um Gaſt⸗ freundſchaft anſprechen konnte, ſo entſchloß ich mich, mich an einen Reichen zu wenden. Ich klopfte an die Thüre, denn alle Zugänge zu dem Hauſe waren ſorg⸗ fältig verſchloſſen, was mir in Kriegszeiten ganz natürlich vorkam. Man öffnete mir nicht, aber eine Stimme fragte mich auf Franzöſiſch, was ich begehre. Entzückt, dieſe Laute zu vernehmen, entgegnete ich, ich ſei ein armer Reiſender und bitte in dem hinter⸗ ſten Winkel des Hauſes um Obdach für eine Nacht. Ich hatte noch nicht geendet, ſo rief eine Stimme im Innern: Es iſt ein Franzoſe; machen Sie auf, ge⸗ ſchwind Peter machen Sie ihm auf!“ „Man ſchloß mir auf; ich gewahrte einen voll⸗ ſtändig bewaffneten Bedienten, der aber mit Zittern erſchien. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ich allein und unbewaffnet war, ließ er mich eintreten und führte mich in ein wunderhübſches mit eben ſo viel Geſchmack als Eleganz ausmöblirtes Zimmer. Dort hieß der mich ſitzen und warten; nach einigen Minuten kam ein etwa vierzigjähriger in einen pracht⸗ vollen Schlafrock eingehüllter Mann herein. Dieſer Herr, der am Beine verwundet zu ſein ſchien, und kaum gehen konnte, ſtützte ſich auf den Arm einer jungen und reizenden Frau, die voll Aufmerkſamkeit für ihn war. Er ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl und folgendes Geſpräch entſpann ſich zwiſchen uns:„Sie ſind ein Franzoſe?— Ja, mein Herr.— Um ſo 69 beſſer, ich auch. Sie ſind nicht im Militärdienſte?— Nein... Ich komme aus Indien... Das Schiff, welches mein Vermögen trug, ging unter; ich kehre zu Fuße zurück... aber ich fühle Kraft und Muth in mir; in Frankreich hoffe ich Freunde zu finden, und dieſer Gedanke hält mich aufrecht.“ „Ganz gut. Ich bin ſehr reich. Zufällig in dieſes Land gekommen, ließ ich mich hier nieder, weil ich dieſe kleine, hübſche Mährin fand, mit der ich mich verheirathete, und die mein Glück ausmacht. Jetzt können Sie hier bleiben, ſo lange es Ihnen Ver⸗ gnügen macht; Sie werden behandelt wie ein Lands⸗ mann, das heißt mit andern Worten, wie ein Bruder. Nur muß ich Ihnen zum Voraus ankündigen, daß es meine Abſicht iſt, wenn öſterreichiſche oder ruſſiſche Soldaten hier eindringen wollen, mich, weil ich die⸗ ſelben haſſe, und nicht dulde, daß ſie meiner Frau zu nahe kommen, auf das Aeußerſte zu vertheidigen. Sind Sie damit einverſtanden?“ „Vollkommen.“ „Schon vor zwei Tagen wollten einige Plänkler von der ruſſiſchen Armee bei mir eindringen. Ich habe nur vier Bedienten hier, aber trotz dem ſind mehr als fünfzehn Mann von den Feinden gefallen... Sie glaubten, es liege ein franzöſiſcher Poſten hier im Hauſe und haben ſich zurückgezogen. Unglücklicherweiſe wurde ich am Beine verwundet... was mich ſtören würde, wenn ſie wieder kämen. Doch gleichviel, ent⸗ weder fallen oder ſie zurückdrängen. Außerdem ver⸗ ſchonen ſie mich, wenn ich ſie hereinlaſſe, keineswegs... * 70 und meine Frau... Wenn ich denke, daß dieſe Elen⸗ den! Ach!... und ich bin verwundet! „Mein Herr, laſſen Sie mir Waffen geben und zählen Sie auf mich. Wenn man Sie angreift, ver⸗ ſpreche ich Ihnen, Ihre würdige Stelle zu vertreten, und eher zu ſterben als zu dulden, daß Ihrer Gattin ein Schimpf geſchehe.“ „Als der Verwundete mich ſo ſprechen hörte, reichte er mir die Hand, drückte ſie innig und ſprach: „Sie ſind ein tapferer Mann! Der Himmel ſendet Sie mir zu. Uebrigens iſt Napoleon nicht mehr ferne mit ſeinem Heere, und ich zweifle nicht, daß er in Kurzem die Herren Allirten geſchlagen haben wird. Betrachten Sie ſich nun hier wie zu Hauſe!.. Auf Wiederſehen, ich muß für meine Wunde ſorgen...“ „Mein Wirth entfernte ſich mit ſeiner jungen und ſchönen Frau. Ich brauche euch nicht zu ſagen, daß ich bei dieſem Franzoſen hö rückſichtsvoll behandelt wurde. Zwei Tage befand mich bei Herrn von Derneval, dies war der Name meines Landsmannes, als uns gegen Morgen in der Ferne fallende Flinten⸗ ſchüſſe ankündigten, daß man ſich in unſerer Gegend ſchlage. Bald darauf ließ ſich Pferdegetrappel ver⸗ nehmen, und die Bedienten brachten mir mit ſchreck⸗ erfüllter Miene die Nachricht, daß Ruſſen das Haus umringen, und daß ſie zu demſelben Corps gehören, welches ſchon einmal da geweſen ſei und wovon ihr Herr ſo viele getödtet habe. Wohlan denn! ſagte ich zu ihnen, ſo tödten wir noch mehr; Waffen, Be⸗ ſonnenheit und Muth!“ 1 71 „Nach wenigen Minuten griffen uns die Ruſſen an. Herr Derneval wollte mich unterſtützen, er war aber nicht im Stande, ſich auf den Beinen zu balten. Ich ſah bald ein, daß wir verloren waren; alsdann ſtellte ich mich vor die Thüre des Gemaches,Zworin die Gattin meines Gaſtfreundes verborgen war. Ich hatte gelobt zu ſterben, ehe man zu ihr gelange; ich wollte mein Wort halten. Kaum hatte ich mich dort aufgeſtellt, als die Ruſſen von allen Seiten in das Haus eindrangen. In kurzer Zeit ſtanden mir mehre gegenüber und einer derſelben ſagte in ſchlechtem Franzöſiſch zu mir:„Haſt Du vor einigen Tagen von unſern Leuten umgebracht?... Biſt Du der Herr des Hauſes?“ „Ja, ja, fiel ein Anderer ein, der iſt es.., ein franzöſiſcher... Offizier... mit einer militäriſchen Hoſe...“ 4 „Nun, entgegnete ich, was wollt ihr von mir?“ „Dich Deinen Widerſtand theuer zahlen laſſen... Dir zeigen, welche Folgen es hat, wenn man uns den Eintritt verweigert.“ 3„Alsbald wurden mehre Säbel gegen mich er⸗ hoben. Ich vertheidigte mich wie ein Löwe; zwei 5 meiner Gegner fielen; aber endlich traf mich ein Säbel⸗ hieb an den Kopf. Ich fiel... und ſah nichts mehr um mich her.“ 4 „Als ich die Augen wieder aufſchlug, lag ich in einem guten Bette; mein Wirth und ſeine Gattin ſtanden an meiner Seite, und Herr Derneval ſagte mit einem Händedruck zu mir:„Ihre muthvolle 72 Vertheidigung hat die Ehre meiner Gemahlin gerettet, 5 indem unſere Landsleute Zeit dadurch gewannen, zu Hülfe zu eilen... Ich habe Ihr edles Betragen den franzöſiſchen Generalen geſchildert, die hier waren. Sie haben mich beauftragt, Sie zu verſichern, daß ſie daſſelbe dem Kaiſer vortragen werden. Wiſſen Sie, daß Napoleon einen großen Sieg davon getragen hat, und daß die Schlacht von Auſterlitz unter die Zahl jener ſchönen Tage gehört, die den Sieger un⸗ ſterblich machen werden.“ „Und ſeit wann bin ich im Bette?“ fragte ſch mit der Hand nach meiner Wunde greifend. „Seit vierzehn Tagen. Sie waren ſehr ſchlimm daran; man hat für Ihr Leben gefürchtet, aber die Gefahr iſt vorüber; ſie haben nur noch Ruhe und Sorgfalt nöthig. Laſſen Sie ſich alſo verpflegen, Sie ſind mir mehr als ein Bruder, denn ich ver⸗ danke Ihnen meine Ehre und das Glück, meine an⸗ gebetete Frau noch an mein Herz drücken zu fönnen.“ „Statt aller Antwort drückte ich Dernevals Hand und ließ mich pflegen. Das war das Beſte, was ich thun konnte. Meine Geneſung dauerte ſehr lange; denn außer dieſer Kopfwunde hatte ich auch einen Säbelhieb und einen Lanzenſtich erhalten, der beinahe durch den ganzen Schenkel durchging. Ich blieb alſo noch zwei Monate bei dieſen neuen Freunden; ſie 2— ——— wollten mich immer bei ſich behalten, aber ich ſprach unaufhörlich von Paris und von euch, meine Freunde, daher begriffen ſie, daß ich nur in Frankreich voll⸗ kommen geſunden könne. Eines Morgens trat Der⸗ —— 73 neval bei mir ein und ſagte: Sie können nur in Paris glücklich ſein, wir wären egoiſtiſch, wenn wir Sie noch länger zurückhielten. Vor der Thüre ſteht eine Poſtchaiſe, die auf Sie wartet. Gehen Sie, mein lieber Prosper, aber erinnern Sie ſich, daß Sie in Mähren Freunde haben, die Sie nie vergeſſen.“ „Ich war höchſt erſreut, mit der Poſt abzureiſen, aber ich befand mich in großer Verlegenheit, denn ich hatte nur noch einige Stücke kleine Münze bei mir, die mir nicht hingereicht hätten, drei Stationen zu bezahlen. Ich weiß nicht, ob Derneval meinen Ge⸗ danken errieth; aber er kam lächelnd auf mich zu und ſagte: Reiſen Sie ohne Furcht ab, es wird Ihnen an Nichts mangeln unterwegs, ich habe für Alles geſorgt. Dann ſchloß er mich in ſeine Arme; ſeine Frau reichte mir die Hand zum Kuſſe, und Beide nahmen zärtlich von mir Abſchied. Man hatte mir Kleider zur Auswahl in mein Zimmer gebracht, aber ich wies ſie zurück... Ich kehrte gerne mit dieſer blauen Hoſe nach Frankreich zurück, die mir ebenfalls Glück gebracht hatte. Ich ſtieg in den Poſtwagen und fand dort ein Paket mit meiner Adreſſe. Ich öffnete es: eine Börſe voll Gold, eine Brieftaſche mit fünfzigtauſend Livres und folgender Brief von Der⸗ neval war darin enthalten: „Sehen Sie Beifolgendes nicht als einen Lohn für Ihre Dienſtleiſtungen an, denn ſolche Handlungen ſind unbezahlbar; ſondern als einen Beweis meiner Freund⸗ ſchaft. Dieſe Summe, die für mich unbedeutend iſt, kann Ihnen zur Wiederſterſtellung Ihres Vermögens 74 verhelfen. Wenn Sie dieſes Geſchenk nicht annehmen, ſo bilde ich mir ein, daß Sie mich nicht als Ihren Freund betrachten.“— „Während ich das Paket öffnete und das Schrei⸗ ben durchlas, hatte der Poſtillon ſeine Pferde ange⸗ trieben und wir waren ſchon weit von Derneval entfernt. Was ſollte ich thun? zu meinem Lands⸗ mann zurückkehren und ihm das ſo großmüthig An⸗ gebotene zurückſtellen?... Nein, denn ich hatte in ſeiner Seele geleſen und meine Weigerung hätte ſie verwundet. Ich dachte daher, ich wolle dieſes neue vom Schickſal mir vergönnte Vermögen annehmen... Ich that es, indem ich der Freundſchaft dieſes edel⸗ müthigen Franzoſen meinen Dank zollte... und darum, meine Freunde, ſeht ihr mich heute wieder reich, mit der blauen Hoſe meines Pathen... im Poſtwagen ankommen.“ Prosper beſchloß ſeine Erzählung, die Jedes mit der lebhafteſten Aufmerkſamkeit angehört hatte; Pau⸗ line beſonders ließ kein Wort davon verloren gehen; ſie erblaßte, wenn Gefahren ihren Freund bedrohten; ſie bebte vor Freude, wenn ihm ein glückliches Er⸗ eigniß begegnete; und als er geendet hatte, fragte ſie mit ihrer ſanften Stimme:„Aber jetzt bleiben Sie bei uns, nicht wahr?“ „Ja, mein liebes Kind, entgegnete Prosper, ihr wiederum einen Kuß gebend; ich bin lange genug in der Welt herumgereist, ich darf wohl ausruhen. Und abgeſehen davon, haben meine letzten Wunden, ob⸗ gleich ich erſt dreißig Jahr alt bin, die Glut meines 75 Blutes etwas gedämpft. Von nun an werde ich mich nur noch Ihrem Glücke widmen, und das Glück meiner Freunde theilen, denen ich für Alles, was ſie an Ihnen gethan haben, nicht genug zu danken weiß.“ „Das gefällt mir, verſetzte Poupardot; Du woll⸗ teſt mich ohne Zweifel mit den zwanzigtauſend Livres, die Du ſchickteſt, bezahlen! Ich habe ſie für dieſe Kleine auf Zinſen angelegt. O! wenn ich ſie be⸗ dürftig geweſen wäre, hätte ich ſie ohne Erröthen angenommen; aber dem Himmel ſei Dank, ich hatte ſie nicht nöthig... obwohl ſich mein Vermögen etwas verminderte... weil die Aſſignaten nun ganz außer Cours gekommen ſind... habe ich doch genug, um meine Söhne, die Du hier ſiehſt... Navet und Na⸗ poleon... zwei vielverſprechende Jungen... erziehen zu laſſen. „Nun, meine Freunde, ihr ſeid glücklich, das iſt mein höchſter Wunſch, und ihr gebt mir ſtatt des Kindes, welches ich euch zurückließ, ein junges, lieb⸗ liches Mädchen zurück.“ „Wollen Sie uns daſſelbe ſchon abntymte fragte Eliſa mit bewegter Stimme. „Nein, nein... ich möchte dieſem Kinde nicht gleich bei meiner Ankunft Betrübniß verurſachen. Wir wollen ſpäter ſehen, es iſt eine Frage, ob ihr über⸗ haupt meine Geſellſchaft gefällt. Jetzt denke ich nur an das Glück, mich wieder in Frankreich und bei meinen Freunden zu befinden. Ach! gebt mir Nach⸗ richten über ſie... Maximus?— Man weiß nicht, 76 was aus ihm geworden iſt!... man konnte ſeinen Wohnort nicht ausfindig machen.“ „Ol ich werde ihn finden, und wenn er nicht ge⸗ ſtorben iſt, ſo drücke ich ihn ſicher noch in meine Arme. Und Roger?— Iſt Huſaren⸗Lieutenant, und vor einem Jahre wieder zur Armee zurückgekehrt. Ich meine gehört zu haben, er ſei Hauptmann geworden. O!l wir werden ihn bald wieder ſehen.“ 1 „Und Picotin und ſeine Frau?— Picotin han⸗ delt mit Schaffellen, während er auf eine Lieferan⸗ tenſtelle bei der Armee wartet. Seine Frau hat ſehr ausgebreitete Bekanntſchaften unter dem Militär... Es iſt beinahe immer ein Generalſtab um ſie ver⸗ ſammelt.“ 5 Prosper ſchwieg eine Zeitlang. Man ſah ihm an, daß er eine andere Frage zu machen wünſche, jedoch in Verlegenheit war; endlich entſchloß er ſich, und ſagte zögernd:„Und... die Emigranten?2...— Ol die ſind größtentheils wieder nach Frankreich zu⸗ rückgekehrt... vermöge eines kaiſerlichen Dekretes ward es ihnen geſtattet... Es bewerben ſich bereits wieder einige um Stellen bei der Regierung, und man ſieht ſowohl Edelleute vom ehemaligen als ge⸗ genwärtigen Hofe untereinander.“ Prosper blieb einen Augenblick in Nachdenken ver⸗ ſunken, aber bald überließ er ſich, wie es ſchien, alte Erinnerungen verbannend, dem Vergnügen, ſich bei ſeinen Freunden zu befinden, beſonders über Pauline war er erfreut; das verſtändige Betragen, die Sanft⸗ muth und Anmuth des jungen Mädchens verſetzten 77 ihn in Staunen und Entzücken. Als ihm die gute Eliſa erzählte, daß das liebenswürdige Kind keinen Tag hatte vergehen laſſen, ohne von ihm zu ſprechen, und den Himmel um ſeine Rückkehr anzuflehen, da fühlte Prosper ſein Auge naß werden und machte ſich Vorwürfe, ſo lange nicht zu der Waiſe zurückgekehrt zu ſein. Aber früher wäre er ohne Zweifel nicht reich heimgekommen, daher fand er am Ende doch, daß Alles noch zum Beſten geſchehen ſei. Nach einem bei ſeinen Freunden zugebrachten Tage ging Prosper wieder nach Paris. Dort miethete er eine ſchöne Wohnung, ließ ſie elegant möbliren, und beſonders ein für Paulinen beſtimmtes Zimmerchen recht zierlich einrichten. Dann verſah er ſich mit Dienſtleuten, nahm einen Bedienten, eine Köchin und eine Haushälterin an, welche letztere er zugleich zur Erzieherin für die Waiſe beſtimmte. Nachdem alle dieſe Anordnungen getroffen waren, zögerte Prosper doch, obgleich er vor Begierde brannte, ſeine Adoptivtochter in ſeiner Nähe zu ſehen, das junge Mädchen von Poupardot wegzunehmen; er fürchtete, Eliſa zu betrüben, und fürchtete beſonders, Pauline möchte ſich bei ihm langweilen und den Aufenthalt zu Clichy bedauern. Nachdem aber Prosper mehre Tage bei Poupardot zugebracht hatte, bemerkte er, daß Herr Navet das junge Mädchen unaufhörlich neckte und quälte, und dieſe dagegen, um keinen Streit im Hauſe zu ver⸗ anlaſſen, ſtillſchweigend tauſend Widerwärtigkeiten ertrug, die ihr der kleine Knabe zufügte. 78 Eines Tages, als Prosper unverhofft bei ſeinen Freunden eintrat, fand er Pauline in Thränen ge⸗ badet im Garten. „Was gibt es, liebe Kleine? fragte Prosper auf das Mädchen zueilend. Wer verurſacht Ihnen Be⸗ trübniß?... Wer erlaubt ſich, Ihnen Thränen aus⸗ zupreſſen?“ Pauline zögerte, ſie wollte ſich nicht beklagen, um Eliſa keinen Kummer zu bereiten, die ſchon genug durch ihres Sohnes Unarten litt; allein Prosper ließ ſich nicht mit Ausflüchten zufriedenſtellen, er verlangte Wahrheit. Dann geſtand ihm das junge Mädchen weinend, daß Herr Navet ihren kleinen Vogel Tom, den ſie ſo zärtlich liebte, mit Steinwürfen getödtet habe, weil er an einem Rahmkäſe gepickt hatte, den der kleine Junge zum Frühſtück eſſen wollte. Nun nahm Prosper Pauline auf ſeinen Schooß, und ſagte zu ihr:„Wären Sie nicht unglücklich, wenn ich Sie mit mir nähme? Sie bekommen ein hübſches Zimmer, eine Geſellſchafterin, Dienſtboten... Ich werde Ihnen alle Lehrer halten, die Sie wünſchen und alle Vergnügungen gewaͤhren, die für Ihr Alter paſſend ſind. Aber wenn Sie lieber bei Poupardot bleiben wollen, wenn Sie diejenigen nicht verlaſſen wollen, die Sie in meiner Abweſenheit erzogen haben, ſo ſind Sie frei... und ich bin Ihnen darum nicht gram.“— Pauline erhob ihre ſchönen Augen zu Prosper und entgegnete ſchnell:„Meine guten Freunde Pou⸗ pardot können mich entbehren, weil ſie noch andere 79. Kinder haben... Aber Sie... find allein und brauchen Geſellſchaft... Ach, Sie werden mir von meiner Mutter und meinem armen Vater erzählen... und ich mich nie bei Ihnen langweilen.“ Prosper hatte nicht die Kraft zu antworten, ſo ſehr war ſein Herz ergriffen; aber er eilte unverzüglich zu den beiden Gatten und ſagte zu ihnen:„Meine Freunde, ich komme um Pauline abzuholen... ich möchte ſte mit mir nehmen.“ Eliſa blickte das kleine Mädchen an, küßte ſie und ſagte ihr ins Ohr:„Geh, liebe Kleine, Du wirſt recht glücklich bei ihm ſein... und dort wird Dich Niemand zu Thränen bringen!“ Und Poupardot gab Prosper einen Handſchlag und ſagte:„Nun! ich tadle Dich eben nicht... Pauline wächst heran... mein Navet auch... Er iſt ſchon zwölfthalb Jahre alt! ſcheint ein wahrer Herkules zu werden... Solche Leutchen ſind ſchwer miteinander aufzuziehen... abgeſehen von den Vorſichtsmaßregeln, welche man ergreifen würde!“ Am nämlichen Abend noch bezog das junge Mäd⸗ chen das hübſche Zimmer, welches ihr Prosper in ſeiner Wohnung hatte einrichten laſſen. Eine achtungs⸗ werthe Erzieherin war beauftragt, ſtets in ihrer Nähe zu ſein und die Dienſtboten leiſteten all ihren Wün⸗ ſchen Gehorſam. Viertes Kapitel. Eine Manſardenwohnung. Prosper war im höchſten Grade erfreut, endlich das Kind des Bankiers bei ſich zu haben, deſſen Eltern ihm ſo werth geweſen waren. Er dachternichts Anderes, er beſchäftigte ſich mit nichts Anderem als mit der Beglückung des jungen Mädchens, welches nun bei ihm wohnte. Er widmete der Waiſez alle mögliche Sorgfalt, Zuvorkommenheit und Aufmerk⸗ ſamkeit. Den ganzen Tag war er bemüht, ihr ange⸗ nehm zu ſein; unaufhörlich empfahl er ſie ihrer Er⸗ zieherin, und gab ſeinen Dienſtleuten den Auftrag, unbedingt ihren geringſten Wünſchen Folge zu leiſten. Eine Mutter hätte nicht aufmerkſamer ſein, ein Vater nicht mehr thun können. Indeſſen lag in dem Tone und in dem Weſen Prospers nichts, was einen bei Damen galanten oder zuvorkommenden Mann andeutete. Er hatte in ſeinem Betragen und in ſeinen Worten früher immer etwas Ungenirtes gehabt, aber ſeit ſeinen langen Reiſen war er ernſter geworden, und ſein Benehmen bis⸗ weilen ſo lebhaft, daß es an Barſchheit grenzte. Es war ſchwierig, zu behaupten, ob er körperlich häß⸗ lich oder hübſch ſei. Er war groß und hing mit dem Kopfe etwas auf die Seite; ſein vom Reiſen ge⸗ bräuntes Angeſicht hatte einen ſtrengen Ausdruck an⸗ genommen, der bisweilen in Düſterkeit überging. Die Narbe, die bis auf ſeine Wange herabging, 81 entſtellte ihn nicht, ſondern ſie verlieh ihm etwas Un⸗ gewöhnliches; ſeine Augen endlich waren, wenn ſie ſich belebten, was leicht geſchah, wenn er von einem geliebten Gegenſtande ſprach, voll Feuer; ſo war nun Prosper Breſſange, der dem jungen Buchdrucker von ehemals wenig mehr glich, der aber noch immer ſehr gefallen oder gänzlich mißfallen konnte. Wenn Paulinens Beſchützer irgend ein neues Möbel oder einen neuen Gegenſtand des Schmuckes für das junge Mädchen gekauft hatte, wovon er vor⸗ ausſetzte, er werde ihren Beifall erhalten, ſo ſagte er mit haſtigem Tone zu ihr:„Hier, mein liebes Kind, iſt etwas für Sie!“ Und wenn das junge Mädchen ſeine Dankbarkeit ausdrücken wollte, ſo unterbrach er ſie mit den Wor⸗ ten:„Es freut Sie, das iſt die Hauptſache.“ Da⸗ mit entfernte er ſich, um nichts weiter hören zu müſſen. Aber Pauline wußte es Prosper ſchon zu be⸗ weiſen, wie ſehr ſie von all ſeinen Wohlthaten ge⸗ rührt war; die beſte Art, ihm ihre Erkenntlichkeit an den Tag zu legen, war der Ausdruck ihres Glückes, in ſeiner Nähe zu ſein, indem ſie keineswegs ihre Entfernung von Clichy bedauerte. Ihr ganzes Be⸗ ſtreben ging dahin, ihm dieſes begreiflich zu machen; es war übrigens keine ſchwere Aufgabe für ſie: denn die Waiſe genoß bei ihrem Beſchützer das angenehmſte Leben. Wenn Prosper zum Mittageſſen nach Hauſe kam, fand er Pauline beim Klavierſpielen, welches ſie zu Paul de Kock. XVII. 6 kernen gewünſcht hatte, im Salon; dann ſtand ſie auf, eilte ihrem Freunde entgegen, und empfing ihn mit einem anmuthigen Lächeln; hierauf drückte ihr Prosper zärtlich die Hand und ſagte:„Sie ſind alſo zufrieden, mein Kind; Sie langweilen ſich nicht bei mir?. „Ich mich hier langweilen, entgegnete Pauline, während Sie all meinen Wünſchen zuvorkommen? Ach! da müßte ich ſehr undankbar ſein! aber dem Himmel ſei Dank, ich bin es nicht, denn ich liebe Sie ſehr und fühle mich äußerſt glücklich bei Ihnen.“ „Dann bin ich es auch, verſetzte Prosper, denn Ihr Glück iſt von nun an mein einziges Be⸗ ſtreben.“ Während aber Prosper ſolche Worte ſprach, ent⸗ wand ſich oft ein Seufzer ſeiner Bruſt, und ſein Lächeln drückte eher Schwermuth als Freude aus. Das kleine Mädchen, welches mit einer vorzeitigen Klugheit begabt war, bemerkte bald, daß die Heiter⸗ keit ihres Beſchützers nicht ſo natürlich war, als er es glauben machen wollte; dies betrübte ſie oft bis in den Grund ihrer Seele, aber ſie wagte es nicht, ihn deßhalb zu befragen. Prosper brachte einen großen Theil des Tages außer dem Hauſe zu; er wollte Maximus auffinden. Er gab wenigſtens vor, dies ſei der Grund ſeiner vielen Ausgänge; vielleicht verband er auch noch eine andere Hoffnung damit, die er ſich ſelbſt nicht recht geſtehen wollte. Es war Anfangs des Jahres 1807. 83 Die kleine Pauline wohnte ſchon einige Zeit bei ihrem Beſchützer, und ihre Anhänglichkeit an ihn nahm mit jedem Tage zu, denn ſie ſah wohl ein, daß er unter einem zwar ſtrengen und etwas rauhen Aeuße⸗ ren doch ein glühendes Herz für ſeine Freunde und ein weiches Gemüth für alle Unglücklichen barg. Prosper wollte ſeinem Schützlinge gerne alle zur Wiſſenſchaft und Bildung dienende Lehrmeiſter halten; die Erzieherin mußte ihm daher begreiflich machen, daß zu viele Studien das junge Mädchen ermüden würden; darauf hin entſchloß er ſich ſodann, den Unterricht Paulinens eigener Neigung zu überlaſſen. Indeſſen waren im Kreiſe der Familie Poupardots, wo man viel mit den Herren Navet⸗Auguſt und Na⸗ poleon zu ſchaffen hatte, die ernſten Studien etwas vernachläſſigt worden. Pauline ſchrieb ziemlich ſchlecht und machte auch Sprachfehler; deßhalb war Prosper bemüht, ihr einen Sprach⸗ und Schreiblehrer beizu⸗ geben. Prosper hatte mehre Adreſſen von Lehrmeiſtern erhalten und ſie aufgeſucht, aber keiner hatte ihm noch gefallen; er war ſehr vorſichtig in der Wahl derſelben; er ſetzte mit Recht voraus, daß man ſich nicht genug über Perſonen erkundigen könne, die man in ſo nahen Umgang mit jungen Mädchen bringe. Eines Tages kam Prosper vom Beſuche eines in einem hübſchen Hauſe der Vorſtadt Montmartre woh⸗ nenden Profeſſors zurück, deſſen pedantiſcher Ton ihm durchaus nicht zugeſagt hatte, als ſich ihm beim Her⸗ ausgehen aus dem Hauſe eine alte Köchin, die ihn 84 nach dem franzöſiſchen Sprachlehrer hatte fragen hören, ſchüchtern näherte, und ihn folgendermaßen anredete: „Der Herr kommen von dem Lehrer oben 2... Haben der Herr mit ihm abgeſchloſſen?... „Nein, entgegnet Prosper, das alte Weibsbild be⸗ trachtend; warum ſtellt Ihr mir dieſe Frage? hättet Ihr mir einen andern Schreibmeiſter zu empfehlen?“ „Ol ja, mein Herr, ich kenne einen andern... und einen ſehr verdienſtvollen Mann!... und obgleich er keine große Anſprüche macht... iſt er doch ſehr gut erzogen... wenn er keine Unglücke gehabt hätte!...—„Habt Ihr auch bei ihm Franzöſiſch ge⸗ lernt?“ fragte Prosper die Köchin mit höhniſchem Blicke. O! nein, mein Herr; ich habs nur ſo von mir ſelber gelernt; wenn ich eben Zeit hatte!... Aber der Lehrmeiſter, den ich Ihnen empfehlen wollte, kommt zu meiner Herrſchaft; er beſorgt die Erziehung unſeres neunjährigen Kleinen... und der Junge, der vor drei Monate noch wahre Pfannenſtiele machte, ſchreibt jetzt wie Sie und ich, und ſpricht, daß es ein wahres Wunder iſt! und den Unterricht ſo billig... zwölf Franken monatlich, und dazu mit Ausnahme des Sonntags alle Tage Stunden.“— Prosper, welcher dieſer Empfehlung der Köchin durchaus kein Zutrauen ſchenkte, wollte ſich entfernen, ohne weiter auf ihr Geſchwätz zu hören, als dieſe noch beifügte:„Und außerdem, mein Herr, unter⸗ ſtützt dieſer arme Lehrer noch ſeine lahme Mutter... Alles, was er verdient, verwendet er auf ihre Pflege, und bei all dem will ihnen das Glück doch nicht!“ 8⁵ Prosper ſtand ſtille, kehrte wieder um und fragte die Köchin:„Wie heißt und wo wohnt der Lehrer?⸗ „Warten Sie, mein Herr... den Namen... mein Gott! ich erinnere mich deſſelben nicht gleich... ich heiße ihn immer den Lehrer oder den Schulmeiſter des Kleinen... aber ſeine Wohnung, die weiß ich, ich bin eines Tages dort geweſen, als unſer junger Herr keine Stunde nehmen konnte, weil er nach Saint⸗ Cloud auf den Markt gehen durfte. Nicht weit von da wohnt er, dieſer Lehrer, in der Märtyrer⸗ ſtraße... Nr. 66.. ganz oben im fünften Stockwerke unter dem Dache... Ach! mein Gott! nicht ſo ſchön wie der hier im Hauſe... 3 „Märtyrerſtraße... ſechsundſechzig... ſchon gut, und der Name fällt Euch nicht ein?“ „Warten Sie doch... er fängt mit dem B an... wie Mathurin oder Claudius.“ „Ganz gut, ich danke Euch... werde ihn ſchon finden.“ Prosper ließ ſich die Köchin auf den Namen be⸗ ſinnen, der ihr aus dem Gedächtniß entſchwunden war, und begab ſich ſogleich in die Märtyrerſtraße. Er fand das ihm bezeichnete Haus bald. Er trat in einen finſtern Gang, ſuchte vergebens nach einem Portier und entſchloß ſich ſodann, die fünf Stiegen hinaufzu⸗ klettern, wobei er ſich jedoch wegen der Finſterniß auf der Treppe vorſichtig am Geländer hielt. Bei jedem Abſatz werden die Stufen ſteiler und unsbener; auf der fünften Treppe war es eine wahre Galgenleiter; Prosper zauderte und dachte:„Der 86 arme Teufel muß ſehr wenig Zöglinge haben, daß er ſo ſchlecht logirt iſt... das flößt mir kein großes Zutrauen in ſeine Geſchicklichkeit ein... ich will übrigens doch einmal ſehen, zuweilen geht es mit dem Verdienſte wie mit der Tugend, man weiß oft nicht, wo es ſich verbirgt.“ Prosper ſtieg ſomit die Leiter vollends hinauf und befand ſich vor einer Thüre mit einer Klinke; er ſtand ſtille. „Hier muß es ſein, ſprach er bei ſich; armer Schreiblehrer!... die Tanzmeiſter wohnen nicht ſo hoch oben!... Allein die Franzoſen ſind gewöhnt, für ihre Unterhaltung mehr auszugeben als für ihren Unterricht.“ Er klopfte an die Thüre: eine alte und heiſere Stimme rief von Innen:„Drücken Sie auf die Klinke und treten Sie ein.“ Prosper öffnete die Thüre; er befand ſich in einer Dachſtube, deren ganzes Mobiliar aus einem Gurten⸗ bett, einem alten nußbraunen Kaſten, einem Tiſche und einigen Stühlen beſtand; Alles war übrigens ſo reinlich, daß man die Armſeligkeit kaum bemerkte. In einer dunkeln Ecke dieſes Gemaches ſaß eine alte Frau in einem, wie es ſchien, noch neuen, gepolſter⸗ ten Lehnſeſſel, deſſen hübſches Aeußere von den übri⸗ gen Mobilien im Zimmer grell abſtach. Prosper, welcher anfangs die Alte nicht bemerkt hatte, trat auf ſie zu, zog ſeinen Hut ab und begann:„Ent⸗ ſchuldigen Sie, Madame, ich ſuche einen Schreib⸗ und Sprachlehrer, deſſen Namen man mir nicht ſagen konnte; 87 wohnt er hier?— Ja, mein Herr, entgegnete die alte im Lehnſtuhle ſitzende Frau, ja, Sie ſind am rechten Orte... mein Sohn iſt der Lehrer, von wel⸗ chem man Ihnen ſagte... Er wird ſogleich nach Hauſe kommen... wenn Sie gefälligſt Platz nehmen wollen.. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht ſelbſt einen Stuhl hinſtelle... aber ich bin ſeit ſechs Jahren außer Stand, meine Beine zu bewegen!“ Die Stimme der lahmen Frau drang in Prospers Herz; er beſann ſich, wo er wohl dieſe Töne ſchon gehört habe, die eine ſolch erſtaunliche Bewegung in ihm hervorbrachten. Während er nun einen Stuhl nahm und ſich vor die alte Dame hinſetzte, betrachtete er ſie mit Aufmerkſamkeit. „Wir wohnen ein wenig hoch, fuhr die Alte fort, und Sie haben ſich ſo weit herauf bemühen müſſen... Aber die Logis ſind in Paris ſo theuer... und die Schreiblehrer verdienen ſo wenig... Es iſt wahr, mein Sohn iſt zu beſcheiden... und hat doch viele Kenntniſſe: dieſe Lobeserhebung könnte in dem Munde einer Mutter parteiiſch klingen... allein wenn Sie meinen Sohn beſchäftigen, ſo werden Sie ſehen, daß ſie nicht übertrieben iſt... und damit verbindet er ſo viele Tugenden... ſo viele edle Eigenſchaften! Er ſorgt für mich; er entzieht ſich Alles, damit ſeiner kranken Mutter nichts abgehe! armer Junge! er ſchläft hier auf dem Gurtenbett. Ich habe ein ganz gutes Bett mit zwei Matratzen und einem Roßhaar⸗ polſter in dem Nebenzimmerchen dort... er hat es ſo verlangt. Sehen Sie, dieſen guten und ſchönen Lehnſeſſel hat er mir vor zwei Monaten auch gekauft, damit ich bequem ſitze.. Ich habe mit ihm gezankt... aber was! es war ſchon zu ſpät... Wollen Sie ihn nicht erwarten, mein Herr?“ Während die gute Frau ſprach, hatte ſich nämlich Prosper von ſeinem Stuhle erhoben, deßhalb be⸗ fürchtete ſie, er wolle wieder fortgehen; er aber nä⸗ herte ſich im Gegentheil der Gelähmten mehr und mehr und betrachtete ſie mit immer ſteigender Auf⸗ merkſamkeit; dann fing er an zu zittern, ſeine Beine trugen ihn faſt nicht mehr, und Thränen floſſen über ſeine Wangen herab, während er, ſich auf den Rücken dees Lehnſtuhls ſtützend, ſeine Hand auf die der guten Dagme legte, und ſtotterte:„Heißt Ihr Sohn nicht... ſein Name füllt mir eben wieder ein... Maximus Bertholin?...“ „Ja, mein Herr.. ja. Ahl Sie kannten den Namen meines Sohnes?“ „Freilich kenne ich ihn!. Ach! war er denn nicht immer in mein Herz eingegraben 2... Sie ſind es, meine gute Mutter Bertholin, Sie ſind es 2... Endlich finde ich Sie wieder!“ Prosper hatte die gute Fran beim Kopfe ge⸗ nommen, und küßte ſie, wie ein Sohn ſeine Mutter küßt. Dieſe rief ganz erſtaunt, ſolche Aeußerung der Zärtlichkeit von Seiten eines ihr unbekannten Mannes nicht begreifend, aus:„Ja, mein Herr, ich bin die Mutter Bertholin, aber Sie... der uns kennt... wer ſind denn Sie?“ „Wer ich bin! Ach! in der That... von 89 dreizehn Jahren her können Sie mich nicht mehr er⸗ kennen... Aber Sie werden Prosper, den jungen Buchdrucker, den Sie ſo oft ermahnten, bräver zu ſein, nicht vergeſſen haben.“ „Sie.. Du... Prosper!“ Damit küßte die alte Frau Prosper, den ſie end⸗ lich erkannte, ihrerſeits, und rief aus:„Ach! wie wird ſich mein Sohn freuen!“ „Und ich! ſagte Prosper, ſich die Augen aus⸗ wiſchend, ich ſuche ihn ſchon lange genug!... Aber warum verbirgt er ſich denn ſo... lebt wie ein Wolf... beſucht ſeine Freunde nicht mehr... Pou⸗ pardot und ſeine Frau wären ſo glücklich, euch. wie⸗ derzuſehen. Warum läßt er ſich für todt beweinen?. Das iſt nicht Recht. Ich weiß zwar, daß ich es ungefähr ebenſo gemacht habe... Aber Maximus, ein ſo kluger, vernünftiger Menſch, konnte nicht die⸗ ſelben Beweggründe haben wie ich. „Du fragſt mich, lieber Prosper, warum mein Sohn ſeine Freunde nicht beſuchte!... Kennſt Du denn Maximus' Charakter nicht mehr; haſt Du ſein ſtolzes Gemüth vergeſſen 2... Als mein Sohn im Jahre Vierundneunzig ſeine Stelle in der Druckerei verlor, befanden wir uns in großer Noth, daher übernahm er ein kleines Aemtchen, welches man ihm in Limoges antrug; wir zogen alſo von Paris weg und lebten dort fünf Jahre lang ſo gut es ging. Maximus fühlte ſich zu jener Zeit heiter und glück⸗ lich; denn damals war die Republik groß und fieg⸗ reich. Nach Verlauf von fünf Jahren büßte er ſein Amt ein, und wir kehrten hierher zurück; da Maxi⸗ mus keine Anſtellnng mehr hatte, ſo fing er an, Un⸗ terricht im Schreiben und Franzöſiſchen zu ertheilen: wir lebten ziemlich zufrieden, als ich nach einer langen Krankheit von gänzlicher Lähmung an den Beinen heimgeſucht wurde. Maximus veräußerte und ver⸗ kaufte beinahe Alles, was wir beſaßen, um mich gut zu verpflegen; und das hat uns in die bedrängten, ich könnte beinahe ſagen, elenden Umſtände gebracht, worin wir uns jetzt befinden. Allein mein Sohn ar⸗ beitet ſo viel er kann, und klagt nie, wenn er glaubt, es gehe mir nichts ab. Oefters habe ich ihn an Pou⸗ pardot... an ſeine alten Freunde erinnert und ihn aufgefordert, ſie zu beſuchen, doch er antwortete mir ſtets: Mutter, wenn ein armer Mann ſeine reichen Freunde beſucht, ſo ſieht es beinahe immer aus, als ob er ſie um Unterſtützung bitten wollte, dieſe können es wenigſtens vorausſetzen, wenn er ſelbſt auch nicht daran denkt; da ich nicht möchte, daß man ſo etwas von mir vermuthete, da ich mich von Niemand unter⸗ ſtützen laſſen will, wenn ich auch noch ſo arm bin, ſo entziehe ich mir lieber das Vergnügen, zu meinen Freunden zu gehen.“ „Ein Teufelsmenſch mit ſeinen ſtrengen Grund⸗ ſätzen!... Somit würde er von mir, der ich jetzt reich bin, keine Geſchenke annehmen?...“ „Nein, mein lieber Prosper, er ſchlüge Alles aus... er wäre im Stande, beleidigt zu werden, wenn Du in ihn dringen würdeſt...“ „Daher bin ich höchſt erfreut, Sie zuerſt gefunden —— 91 zu haben.. Hier, meine gute Mutter, nehmen Sie dieſe Börſe... dieſes Gold... Ahl ich hoffe, daß Sie nicht ſo ſtolz ſind wie Ihr Sohn... daß Sie mich nicht des Vergnügens berauben, Ihnen gefällig zu ſein...“ Mit dieſen Worten legte Prosper eine fünfzig Louisd'or enthaltende Börſe auf den Schooß der guten Frau, und dieſe ſeufzte während ſie das Gold betrach⸗ tete, deſſen ſie ſo bedürftig war, und ſagte:„Ach, mein Freund Du biſt zu gütig... wenn aber mein Sohn dieſes Gold ſieht... was ſoll ich zu ihm ſagen?.. er wird böſe, wenn er die Wahrheit erräth.“ „Sie machen ihm Etwas weiß... Beim Kuckuk, die Weiber ſind nie verlegen... Sie ſagen... Ach! da fällt mir ein herrlicher Gedanke ein... Sie hätten mit zwölf Sous zwölfhundert Franken in der Lotterie gewonnen! Dieſe Gewinnſte werden bloß in den Straßen ausgerufen...“ „Aber ich kann ja nicht laufen und folglich auch nicht ausgehen, um mir ein Loos zu kaufen.“ „Kommen die Looshändler nicht herauf, wenn man ſie ruft?... Haben Sie nicht außerdem irgend eine gefällige Nachbarin... Gehen Sie! gehen Sie! es iſt ſchon im Reinen, Sie haben in der Lotterie ge⸗ wonnen.— Mein guter Prosper!...“ „Still! ſtill... ſprechen wir nicht weiter darüber ... man kommt die Treppe herauf... Es iſt Ma⸗ rimus... er muß es ſein... mein Herz hat eine Ahnung... Sagen Sie ihm nichts..— O! er wird mich auch nicht mehr erkennen.“ 92 Es war in der That Maximus: die Jahre, welche ſeit der Trennung von ſeinem Freunde verfloſſen wa⸗ ren, hatten ſein Aeußeres nur wenig verändert. Es war immer noch jenes ſchöne, ernſte, etwas ſtrenge Antlitz, nur war es noch bläſſer und magerer gewor⸗ den als früher; und dieſe noch jugendliche Stirne, worauf ſich Sorgen und Unglück abprägten, fing be⸗ reits an, etwas kahl zu werden. Als Maximus einen Fremden bei ſeiner Mutter ſah, begrüßte er ihn und begann:„Darf ich fragen, was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ „Was ich will, entgegnete Prosper, nachdem er ſeine Blicke eine Zeitlang auf ſeinen alten Freund geheftet hatte; was ich will?... o! vor allen Dingen Dir einen Kuß geben.“ Mit dieſen Worten eilte er auf Maximus zu und ſchloß ihn in ſeine Arme. Dieſer betrachtete ihn nun ebenfalls aufmerkſam und rief dann aus:„Du biſt Prosper!— Du erkennſt mich alſo?“ „Ich erkenne Deine Stimme.. Deinen Blick... im Uebrigen geſtehe ich, hätte ich mich irren können.. Dieſe Narbe... Biſt, Du Soldat?“ „Nein... deſſen ungeachtet kann man ſich aber doch ſchlagen, wenn ſich Gelegenheit dazu darbietet... Ich ſehe Dich alſo endlich wieder... nach beinahe dreizehn Jahren.. Welche Ereigniſſe ſeither!...“ Maximus ſeufzte, ſchüttelte traurig den Kopf und erwiderte:„Ja es ſind in der That viele Verände⸗ rungen vorgegangen!“ „Du ſeufzeſt, Marimus; Du ſiehſt verdrießlich ——-ʒ—᷑—.m2-——¶—¶D— ¶ ¶ pnᷓ́ᷓᷓ— — 93 aus, indem Du dieſes ſagſt... Theilſt Du die Be⸗ geiſterung nicht, welche alle dieſe glänzenden Siege hervorbringen, die der Kaiſer davonträgt?... Freut Dich der Ruhm Deines Vaterlandes nicht?“ „Ol das kannſt Du nicht vorausſetzen, Prosper; Niemand iſt empfänglicher für den Ruhm meines Va⸗ terlandes als ich; aber ehe wir einen Kaiſer hatten, waren wir auch Sieger, wir triumphirten bei Lodi, bei Arcole, bei Rivoli... noch zur Zeit der Repu⸗ blik... Für mich war der General der Armee von Italien weit größer als euer Kaiſer. Doch laſſen wir dieſen Gegenſtand... ſprechen wir nicht mehr über Politik... Es würde vielleicht unſer gegenſeitiges Einvernehmen ſtören. Erzähle uns lieber Deine Aben⸗ teuer Sage uns, wie es Dir erging, ſeit wir Dich nicht mehr geſehen haben.“ Prosper ſetzte ſich zwiſchen Maximus und ſeine Mutter und ſchilderte ihnen getreulich ſeine Abenteuer, ſeine Liebe und ſeine Reiſen; er verhehlte ihnen nicht das Mindeſte, doch glitt er nur flüchtig über das hin⸗ weg, was er zur Rettung von Madame Derbrouck gethan hatte. Als Maximus erfuhr, daß die Tochter des unglücklichen Holländers lebe, und Prosper für ſie einen Sprachlehrer ſuche, drückte er ſeinem Freunde gerührt die Hand und ſagte:„Ach! Du biſt immer der Nämliche... einen leichten Sinn, aber ein vor⸗ treffliches Herz!“ 1 „Mein Sinn iſt jetzt weit ſteter und vernünftiger, erwiderte Prosper lächelnd. Du thuſt mir allzuviel Ehre an, wenn Du mich noch für einen Schwindel⸗ 94. kopf hältſt... Ich meine, ich ſehe nicht mehr ſo aus.“ „Ol das thut nichts... Ich kenne Dich... Ich wette, Du denkſt noch an jene kleine Gräfin... die Dich für Narren hielt und Dich nie geliebt hat.“ „Daß ſie mich nie geliebt hat, iſt möglich, aber für Narren hat ſie mich nicht gehalten, weil ſie mir nie Hoffnung gemacht hat... Uebrigens ſchwöre ich Dir, denke ich nicht mehr an ſie.“ „Du lügſt, Du denkſt immer noch an ſie... Ich habe das an Deiner Erzählung bemerkt, und wenn Du ſie wieder fändeſt, wäreſt Du abermals im Stande, alle mögliche Thorheiten für ſte zu begehen... „Was habe ich denn für Thorheiten begangen? Weil ich ihrem Vater ſein Gut wieder zurückgab... Die einzige ihm übrig gebliebene Hülfsquelle, da all ſein ſonſtiges Beſitzthum ſequeſtrirt war?“ „Nein, ich tadle dieſe Handlung nicht; aber Du⸗ rouleau hatte Dir Vermögen hinterlaſſen, Du haſt es verſchwendet... durchgebracht... der Zufall hat Dir ein neues zugeſchickt, ſorge dafür, daß Du dieſes erhältſt.“ „Dieſer Marimus bleibt immer der Alte... er ſchmeichelt ſeinen Freunden nicht... Sei beruhigt, ſtrenger Mann! man wird ſich klug aufführen. Ei, willſt Du meiner jungen Waiſe, dem Kinde dieſer braven Leute, die uns ſo werth waren, Stunden geben?“ „Welche Frage? Ach! Du verſchaffſt mir ein wahres Glück dadurch! die Tochter dieſes unglücklichen 95 Holländers iſt für mich ein Gegenſtand der Liebe und Verehrung.“ „Ganz gut, da man aber hiemit nicht leben kann, ſo biete ich Dir monatlich hundert Franken an..⸗ iſt es genug?“ „Du biſt toll! meine beſten Schüler bezahlen mir nur vierundzwanzig. Mehr nehme ich nicht...“ „Wenn Deine andern Schüler arme Schlucker oder Filze ſind, ſo geht mich das nichts an. Du be⸗ kommſt hundert Franken.“ „Ich nehme nur vierundzwanzig oder ich ver⸗ zichte auf das Vergnügen, der Lehrer dieſes theuren Kindes zu werden.“ „Welcher Eigenſinn!... Mein lieber Maximus, Du biſt entſetzlich ſtarrköpfig! Ich habe die Bemer⸗ kung gemacht, daß man immer thun muß, was Du willſt. Gleichviel... es ſoll geſchehen; aber ſage mir, wird Dir Dein erhabener Stolz auch verbieten, mitunter mein Gaſt zu ſein und an dem Tiſche Deines Freundes Platz zu nehmen?“ Maximus lächelte und ſchüttelte Prospers Hand, während er eengegnete:„Nein, nein, ich werde mit großem Vergnügen bisweilen bei Dir eſſen.“ „Ach, das iſt Recht!... Und ich hoffe, es wird Dir nicht unangenehm ſein, wenn Du dann Poupar⸗ dot und ſeine Frau antriffft..— Nein, gewiß nicht, im Gegentheil...“ 4 „Ach! herrlich!... Nun will ich gleich hingehen und ihnen ſagen, daß ich Dich wieder gefunden habe... Sie werden ſich außerordentlich freuen!... denn ſiehſt 96 Du, wir lieben Dich alle, und ſind nicht ſo ſtolz wie Du, wir ſcheuen uns nicht, das merken zu laſſen. Ich kann es auch kaum erwarten, bis ich Pauline geſagt habe, daß ihr neuer Lehrer ihre Eltern gekannt hat; daß er in Paris in demſelben Hauſe mit den Unglücklichen wohnte. Dieſe arme Kleine! ſie tritt kaum erſt in ihr vierzehntes Jahr. Aber Du ſollſt ſehen, welch ein Engel ſie iſt!... Sie vereint bereits die Vernunft und Empfindſamkeit einer Jungfrau mit der Sanftmuth und Schüchternheit eines Kindes.“ „Armes Kind, ſprach Mutter Bertholin. Als ich ſie ſah, hing ſie noch an der Mutter Bruſt... Ich könnte ſie gewiß nicht erkennen... Aber ich hätte mich ſo glücklich geſchätzt, ſie in meine Arme zu ſchließen... Ach! es iſt unmöglich... ich kann nicht mehr von hier weggehen!...“ „Wohlan, Mutter Bertholin, ich bringe Ihnen Pauline her und dann können Sie das liebe Kind hier umarmen.“ „Wie Prosper... Sie würden die Güte haben?2...“ „Die Güte!... werde ich nicht zugleich auch Paulinen ein Vergnügen verſchaffen... wenn ich ſie zu einer Perſon führe, welche ihre Mutter gekannt und geliebt hat? Ah! ſie wird mir dankbar dafür ſein.“ „Aber... dieſe ſchlechte Treppe heraufſteigen... in dieſe elende Dachwohnung heraufkommen, um eine alte Lahme zu ſehen...“ „Sieht man auf die Schönheit der Wohnung, zählt man die Treppenſtufen, wenn man ſeine Freunde beſucht? Sie ſind alt und gebrechlich, das ſind zwei 97 Gründe, Sie zu lieben und zu achten. O! ſeien Sie beruhigt! meine Pauline iſt keine Zierpuppe; ſie wird ſich glücklich ſchätzen, zu Ihnen kommen zu dürfen. Adieu, Mutter Bertholin; leb wohl, lieber Maxi⸗ mus.. Ach! ich bin ſo erfreut! Ich komme mir vor wie achtzehnjährig.. Ich muß laufen, muß mir Bewegung machen... Ich kann nicht auf dem Platze bleiben. Auf Wiederſehen! auf Wiederſehen! meine Freunde.“ Prosper küßte die alte Frau auf beide Wangen. Dann drückte er Maximus an ſeine Bruſt und verließ unter Lachen und Singen, wie ſolches ihm ſchon lange nicht mehr begegnet war, die Dachſtube. Fünftes Kapitel. Picotin in ſeinem häuslichen Leben.— Eine Zuſammenkunft alter Freunde, Prospers erſter Gang, nachdem er ſich von Ma⸗ rimus entfernt hatte, war zu ſeinem Schützling. Pauline nahm ſo viel Antheil an Allem, was ihm begegnete, ſie bewies ihm eine ſo wahrhaftige Anhäng⸗ lichkeit, daß er überzeugt war, es werde ſie freuen, daß er endlich den Freund gefunden habe, von welchem er ſo oft geſprochen hatte. Er beeilte ſich ſofort, ihr die Begegniſſe dieſes Morgens mitzutheilen. Das junge Mädchen hüpfte vor Freuden in die Höhe, als ſte erfuhr, daß ſie einen Lehrer bekommen werde, der von ihren Eltern mit ihr ſprechen könne; und als ſie Prosper fragte, ob es ihr vielleicht angenehm wäre, Panl de Kock. XVII. 7 98 die alte Mutter Bertholin zu beſuchen, lief ſie ſchnell nach ihrem Shawl und Hut, und rief aus:„O! ſchnell! wir wollen ſogleich hingehen.“— Dieſe Ant⸗ wort erwartete ich zum Voraus von Ihnen, meine liebe Kleine, ſagte Prosper, und war überzeugt, daß Sie, um dieſe gute alte Frau zu beſuchen, die Sie ſo ſehnlich zu umarmen wünſcht, ſich nicht ſcheuen wer⸗ den, fünf Stiegen hinaufzuſteigen, um in ein Dach⸗ logis zu gehen. „Mich ſcheuen, in eine Dachwohnung zu gehen!... Ach!... wenn ich ſo dächte, müßte ich ein ſchlechtes Herz haben! und das ſetzen Sie nicht von mir vor⸗ aus, nicht wahr, mein lieber Freund?“ „Nein, nein! ganz das Gegentheil! Wir werden Frau Bertholin beſuchen; aber vorher will ich mich zu unſern Freunden nach Clichy begeben. Ich muß dieſen auch zu wiſſen thun, daß ich Maximus wieder⸗ gefunden habe. Poupardot wird ſo vergnügt ſein. Kommen Sie mit mir, Pauline; wir nehmen einen Wagen nach Clichy, um die Familie Poupardot morgen mit Maximus zum Mittageſſen einzuladen, und nach⸗ her gehen wir zur Mutter Bertholin.“ Das junge Mädchen war entzückt, ihren Freund begleiten zu dürfen; in einem Augenblick hatte ſte ihre Toilette beendigt. Sie fuhren in einem Wagen weg und langten bald vor Poupardots Wohnung an. Dort erwartete ihn eine neue Ueberraſchung: kaum war er bei ſeinen Freunden eingetreten, als ein neben Eliſa ſitzender Offizier aufſtand, ihm entgegeneilte und ihn küßte und drückte, daß er beinahe erſtickte. 99 „Hier iſt er ja dieſer liebe Prosper! Ah! tau⸗ ſend Kartätſchen! ich war auch bei Auſterlitz und habe von dem edeln Benehmen dieſes Franzoſen gehört, der ſich beinahe zuſammenmetzeln ließ, indem er allein das Haus eines ſeiner Landsleute gegen eine ruſſiſche Schwadron vertheidigte! Aber ich hatte keine Ver⸗ muthung, daß dieſer Tapfere Prosper, jener junge Buchdrucker ſei, der ſo toll, ſo leichtſinnig war, wie ich ihn kannte! Erkennen Sie mich?“ „Ja, ja... Sie ſind Roger... der im Jahr II. der Republik zur Aushebung abging... „Und nun Hauptmann, mein Freund. Ha! Tau⸗ ſend Bomben! unter dem Kaiſer macht man ſeinen Weg, da avancirt man ſchnell! Ich habe es zu un⸗ ſeren Freunden geſagt, als ich ſie vor ungefähr zwei Jahren verließ: wenn ich wiederkomme, bin ich nicht mehr Lieutenant, und ich habe Wort gehalten! Ah! welche ſchöne Regierung, mein Freund, welche herr⸗ liche Epoche für Frankreich! wie Schade, daß Sie ſich nicht dem Waffenſtande gewidmet haben, Sie wären beſtimmt höherer Offizier geworden, ich ſtehe dafür!“ „Es kann nicht Alles Soldat ſein!“ verſetzte Poupardot. „Doch, doch! Unter Napoleons Herrſchaft muß Jeder Luſt zum Soldaten haben. Nur beim Militär macht man ſein Glück.“ „ Meine Herren, ſagte Prosper, ich habe euch eine Neuigkeit mitzutheilen, die euch gewiß viel Vergnügen machen wird.“ 100 „Was denn? rief Roger aus, werden wir einen neuen Feldzug unternehmen?“ „Werden die Aſſignaten eingelöst? fragte Pou⸗ pardot, ich habe für achtzigtauſend Franken in meinem Schreibtiſch liegen. Meine Frau will immer Papilloten daraus machen, aber ich ſage: warte noch, man kann nicht wiſſen... darum habe ich ſie auf die Seite gethan.“ „Von all dem iſt nicht die Rede! ſondern von einem alten Freunde von euch, einem Manne, den wir Alle lieben.“ „Maximus?“ „Ach ich war es überzeugt, daß euer Herz ihn nennen würde; ja, Marimus habe ich wiedergefunden und geſehen. „Wäre es möglich! Tauſend Schwadronen, wo iſt er? daß wir uns in ſeine Arme werfen können!“ „Wo er iſt? in einer armſeligen Manſarden⸗ wohnung, wo er ſeine lahm gewordene Mutter von ſeinem Verdienſte unterſtützt. Der Zufall oder viel⸗ mehr die Vorſehung hat mir zu ſeinem Wiederfinden verholfen, indem ich einen franzöſiſchen Sprachlehrer für meine Waiſe ſuchte. Uebrigens iſt er immer der Alte, gleich ſtolz und gleich ſtreng in ſeinen Grund⸗ ſätzen. Wißt ihr, warum er nicht zu uns kam, ſeine Mutter hat mir es geſagt; weil er in ſeiner Armuth befürchtete, wir könnten meinen, er wolle unterſtützt ſein oder Geld entlehnen. Und heute hat er nur unter der Bedingung eingewilligt, Paulinens Lehrer zu werden, daß ich ihm nicht mehr bezahle als frim 4 andern Schüler.“ —::————————— —j4½½ꝛ——;— 101 „Daran erkenne ich ihn, ſagte Roger, es iſt ein Mann von ächtem Schrot und Korn.“ „Ich glaube nicht, daß er unter irgend einer Re⸗ gierung Glück machen wird!“ murmelte Poupardot. „Obgleich, meine Herren, Maximus nicht über ſeine Armuth zu erröthen braucht, ſo könnte es ihm doch peinlich ſein, euch in ſeiner dürftigen Wohnung zu empfangen... aber morgen kommt er zum Mittag⸗ eſſen zu mir, und ich hoffe, ihr werdet euch auch da⸗ bei einfinden.“ „Von ganzem Herzen,“ mein Tapferer, erwiderte der Soldat mit einem Handſchlage, während Pou⸗ pardot ausrief:„Freilich nehmen wir die Einladung an!... Maximus wieder zu ſehen, wird ein Feſttag für uns ſein... da gehen wir Alle hin, wir nehmen auch unſere Kinder mit, nicht wahr, Eliſa? außer es würde unſern Freund geniren...“ „Mich geniren, entgegnete Prosper, bedenkt doch daß ihr bei mir thun könnt, als wäret ihr zu Hauſe. Auf morgen alſo. Ich verlaſſe euch, denn Pauline und ich haben noch einen Beſuch zu machen. Auf Wiederſehen, Kapitän; auf Wiederſehen meine lieben Freunde.“ Prosper verabſchiedete ſich von ſeinen Freunden und Pauline folgte ihm, nachdem ſie die gute Eliſa. die ſie heimlich gefragt, ob ſie immer noch glücklich⸗ ſei, und der ſie mit einer Erzählung aller Wohlthaten ihres Beſchützers für ſie geantwortet, zärtlich geküßt hatte. 4 Nun führte Prosper die Waiſe zu der guten Mutter 102 Bertholin, und während der Fiaker in die Märtyrer⸗ ſtraße rollte, ſagte er zu dem jungen Mädchen:„ Ich habe Maximus' Wohnung nicht genannt, weil ich fürchtete, eine Indiskretion zu begehen... er wird ja jetzt mit ſeinen Freunden zuſammenkommen, und kann ſie ihnen, wenn er ihre Beſuche wünſcht, ſelbſt ſagen. Glauben Sie, meine liebe Kleine, wenn ſtolze Menſchen im Unglück ſind, ſo iſt es ein großer Be⸗ weis ihrer Freundſchaft, wenn ſie uns geſtatten, ſie zu beſuchen... aber das begreift nicht Jedermann.“ Man langte vor Maximus' Wohnung an; Pros⸗ per reichte Paulinen die Hand, um ſie auf der dun⸗ keln und unſichern Treppe zu leiten, welche man hinauf klettern mußte. Das junge Mädchen achtete die vielen Stufen, die zu erſteigen waren, nicht; ſie war ganz von dem Gedanken ergriffen, Bekannte von ihren Eltern zu ſehen. Endlich erreichten ſie das fünfte Stockwerk. Pros⸗ per drückte auf die Thürklinke und ließ Pauline ein⸗ treten. Die alte Mutter Bertholin ſaß in ihrem Lehnſtuhle und ihr Sohn ſchrieb an einem Tiſche. Als Maximus das junge Mädchen hereinkommen ſah, ſtand er auf, näherte ſich ihr einige Schritte, und ſtand dann ſtille, um ſie achtungsvoll zu betrachten. „Hier iſt die Tochter des Herrn Derbrouck,“ ſagte Prosper. Die alte Frau ſchien völlig hingeriſſen; Thränen floſſen über ihre Wangen herab, während ſie ſich an Paulinen nicht ſatt ſehen konnte. Maximus war faſt eben ſo ergriffen, wie ſeine Mutter, als er das Kind dieſes unglücklichen Paares vor ſich erblickte, welches ein Opfer der Schreckensherrſchaft geworden. Und das junge Mädchen blieb, die Empfindung, welche ihr Erſcheinen hervorbrachte, theilend, unbeweglich mitten im Zimmer ſtehen, ſuchte den ſie anſchauenden Perſonen zuzulächeln, fand übrigens ebenfalls nur Thränen in ihren Augen. Endlich hob Mutter Bertholin die Arme auf, brei⸗ tete ſie gegen Paulinen aus und ſagte mit von Schluch⸗ zen erſtickter Stimme zu ihr:„Wollen Sie... mein Kind.. wollen Sie...“ Mehr zu ſagen fehlte es der Alten an Kraft, aber das junge Mädchen hatte ſie verſtanden, flog in ihre Arme und rief aus:„Ol ja, Madame! ja... und ich will Sie auch recht lieb haben.“ Pauline lag mehre Minuten in den Armen der guten alten Frau, welche ſie in einem fort küßte, be⸗ trachtete und wieder küßte. Hierauf trat Maximus auf ſie zu, nahm ihre Hand, führte ſie ehrerbietigſt zum Munde und ſprach:„Wir fühlen uns glücklich, Fräulein, die Tochter dieſes ehrenwerthen Mannes, dieſer guten und wohlthätigen Frau zu ſehen, deren Nachbarn zu ſein wir das Glückhatten. Ihr Vater, werthes Fräu⸗ lein, ſtarb zu jener Zeit, wo die Revolution ſich in Schrecken verwandelt hatte, wo blutdürſtige Menſchen die ſchönſten Glanzpunkte derſelben beſudelten. Später wird man ohne Zweifel, wenn man die Ereigniſſe der Revolution ſchildert, Herrn Derbrouck in Erwähnung bringen, und ihn, weil er das Unglück hatte, mit Hebert und andern wilden Jakobinern in Verbindung 104 zu ſtehen, falſch beurtheilen, ihm Gefühle zuſchreiben, welche nie die ſeinigen waren! aber ſo wird faſt immer die Geſchichte geſchrieben!... Wenn dies der Fall ſein ſollte, ſo betrüben Sie ſich nicht, Fräulein; Alle, die Ihren Herrn Vater kannten, wiſſen, daß er ein rechtſchaffener Mann und kein Verſchwörer war, und wenn Sie je in ſein Vaterland, nach Holland kommen, ſo werden Sie finden, daß ſein Andenken geehrt und ſein Namen von all ſeinen Mit⸗ bürgern geſchätzt wird.“ Pauline hörte Maximus mit andächtiger Aufmerk⸗ ſamkeit zu und als er geendet hatte, erwiderte ſie: „Ich danke Ihnen für das, was Sie mir über meinen Vater geſagt haben; auch ohne dies war mir ſein Andenken theuer, aber es iſt jederzeit erfreulich, Gutes von ſeinen Eltern zu hören.“ „Die liebe Kleine, rief Mutter Bertholin aus; ſie hat ganz ihrer Mutter Stimme!... und wie ſie ihr ähnlich fieht!... ihre Naſe... ihre Augen... Arme Dame!... wenn ich mir ſie vorſtelle... ſie kam auch öfters zu uns, mein Kind, um mir guten Tag zu ſagen... oder ſich nach meinem Befinden zu erkundigen... ſie ſchämte ſich ebenfalls nicht, in die dürftige Wohnung armer Leute zu kommen Ol ſie war ſo liebenswürdig, ſo anmuthig!... mein Gott! mein Gott! und mußte ſo ünglücklich ſterben!““ „Genug, Mutter, genug.. ſagte Maximus, Sie ſe⸗ hen ja, daß Sie das arme Fräulein zu Thränen rühren!“ „Ol das thut nichts, fiel Pauline ein, ich will lieber weinen und von meiner Mutter ſprechen hören!“ „Ja, aber ich kann das Weinen nicht länger mit anſehen, fiel Prosper ein, laßt uns die Augen aus⸗ wiſchen! Wir kommen von Poupardots, mein lieber Maximus, ſie waren überglücklich, Nachrichten von Dir zu erhalten... Aber Du weißt nicht, wen ich bei ihnen getroffen habe... einen Huſarenhauptmann ... der eben angekommen iſt... Roger...“ „Wäre es möglich! Roger iſt hier?“ „Ei freilich! und Du wirſt ihn morgen ſehen, ſie ſpeiſen Alle bei mir. Ach! wie Schade, daß Deine Mutter nicht dabei ſein kann!“ „Daran müſſen Sie nicht denken, mein lieber Prosper, ſagte die gute Frau; aber ich freue mich ſtets, wenn mein Sohn glücklich iſt, und morgen bin ich entzückt, wenn ich ihn im Kreiſe ſeiner alten Freunde weiß.“ „Und wir trinken auf Ihre Geſundheit, Mutter Bertholin; ol wir vergeſſen Sie nicht.“ Prosper und Pauline verweilten beinahe eine Stunde bei den guten Leuten, und als ſie ſich endlich trennten, geſchah es mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen, denn das junge Mädchen hatte die arme Lahme um Erlaubniß gebeten, ſie öfters beſuchen zu dürfen, und man kann es ſich denken, daß ihr die Mutter Bertholin dies nicht abſchlug. Prosper führte Paulinen nach Hauſe zurück, wo man bereits Anordnungen für die morgige Mahlzeit traf. Dann ging er abermals aus, denn er hatte einen Plan gefaßt, und bei ihm war es vom Gedanken bis zur Ausführung nicht weit. 106 Prosper dachte in ſeinem Sinne:„Morgen ver⸗ ſammeln ſich drei alte Freunde... drei Jugendgenoſſen bei mir; könnte ich nicht mit ihnen noch andere un⸗ ſerer damaligen Bekannten einladen? Seit ich nach Paris zurückgekehrt bin, habe ich Picotin und ſeine Frau noch nicht geſehen; ich habe zwar oft an ſie gedacht, aber andere Dinge haben mich vergeſſen laſſen, ſie zu beſuchen. Picotin war zwar durchaus kein Menſch von großem Verdienſte, aber im Ganzen ge⸗ nommen war dieſer arme Horatius⸗Cocles doch ein guter Junge, der nur einen Fehler hatte, immer zu zittern und ſich von ſeiner Frau leiten zu laſſen. Was Euphraſia anbetrifft, ſo darf ich doch, wenn ſie auch leichtſinnig iſt, nicht vergeſſen, daß ſie meiner kleinen Pauline Milch gegeben hat, als ich mit dem Kinde auf dem Arme nach Paris kam; außerdem hat ſie ſich auch, wie ich ſie in ihrem athenienſiſchen Koſtüme vor der Beſchimpfung des Volkes rettete und aus dem Boulognerwäldchen wegführte, ſehr erkenntlich für meine Dienſtleiſtung gezeigt. Ich wäre wirklich undankbar, wenn ich das vergäße. Ich will mich zu ihnen begeben und Picotin und ſeine Fran auf morgen zum Mittageſſen bei mir einladen.“ Deßhalb war Prosper noch einmal aus⸗ und in die Bärenſtraße gegangen, denn er erinnerte ſich genau, wo der Pelzladen von Picotin geweſen war. Aber Euphraſia und ihr Gatte hatten die Bären⸗ ſtraße ſchon längſt verlaſſen. An der Stelle, wo ſonſt der Pelzladen war, fand Prosper einen Spezereikrämer; er war einigermaßen verwundert, trat aber doch hin⸗ 107 5 ein und fragte, wo der Pelzhändler hingezogen ſei, der ſonſt in dieſem Hauſe gewohnt habe. Der Spezereikrämersjunge ſah Prosper an, ſtreckte gegen zwei Mägde, welche eben in Laden herein kamen, die Zunge heraus, und entgegnete:„Einen Pelzhändler! von dem weiß ich nichts... Es iſt hier nie Pelz verkauft worden.“ 3 Hierauf wendete ſich Prosper an die Ge würzkrä⸗ merin; dieſe wußte eben ſo wenig, rief aber ihren Vater. Der Alte kam und nachdem er lange an ſeinem Kinn geſtrichen hatte, rief er aus:„Ach! ja... ein Pelzhändler... der war vor mir in dieſem Laden... — Ganz richtig, und wo iſt er von hier aus hinge⸗ zogen?— Ich weiß nicht mehr... Ach! doch... in die Straße Saint⸗Honorè, bei der Dürrenbaum⸗ ſtraße.— Bin Ihnen außerordentlich verbunden.“ Prosper begab ſich an den ihm bezeichneten Ort; er ſah in der That einen Pelzladen, ging hinein und glaubte, Euphraſta oder ihren Mann im Comptoir⸗ zzimmer zu finden, allein er begegnete nur unbekannten Geſichtern, und als er nach Picotin fragte, erwiderte man ihm:„Derſelbe hat ſchon längſt ſein Geſchäft an uns übertragen; Herr Picotin handelt nur noch mit Schaffellen... hier iſt ſeine Adreſſe... er wohnt in der Vorſtadt Saint⸗Germain.“ Prosper ging von da in die Straße Saint⸗ ⸗Ger⸗ main. Er fragte nach dem Schaffellhändler Picotin, und man antwortete ihm:„Er iſt vor einem Jahr ausgezogen und wohnt jetzt auf dem Marais in der Rothenkinderſtraße nächſt dem Markte.“ —— 108 „Sapperment, dachte Prosper, dieſe Leute ziehen an einem fort aus, das bringt mir keinen günſtigen Begriff von ihrem Handel bei. Einerlei! ich leide ja nicht darunter, ich will ſie alſo immerhin auf⸗ ſuchen.“ B In der Rothenkinderſtraße angekommen, gelang es Prosper endlich, das Haus des Schaffellhändlers aus⸗ zukundſchaften, und der Portier deſſelben antwortete ihm:„Herr Picotin wohnt im vierten Stocke, gehen Sie nur hinauf, er iſt zu Hauſe.“ „Gott ſei Dank! rief Prosper aus, indem er raſch die ſchlechte Stiege hinaufkletterte, die mit dem Uebrigen im Hauſe zuſammenpaßte. Oben im vierten Stocke las er auf einem über einer Thüre angebrachten kupfernen Schilde folgende Worte: Anacharſis Picotin handelt mit Schaf⸗ und überhaupt mit allen inſein Geſchäft gehörigenFellen. „Er iſt immer noch gleich talentvoll in der Ver⸗ faſſung ſeiner Annoncen,“ ſprach Prosper bei ſich, während er auf die Thürſchnalle drückte. Beim Eintritt zu dem Fellhändler kam man zuerſt durch ein kleines, viereckiges Gemach, welches ſonſt als Speiſezimmer gedient haben mußte, und jetzt, wie es ſchien, ein Bureau vorſtellen ſollte. Mittendurch ging ein vergitterter Verſchlag, der einen Eingang hatte, wie ein Kaſſenbureau. Ueberdies hatte man ein weißes Papier an das Gitter geklebt, worauf mit ſechs Zoll langen Buchſtaben das Wort Kaſſe geſchrieben ſtand. Auf der entgegenſetzten Seite des Gitters war Alles in größter Unordnung. Man ſah 109 ein großes, aufgeſchlagenes Buch, woraus man dem Anſcheine nach halbe Seiten herauszureißen pflegte; ein mit Staub bedecktes Schreibzeug, einige dinten⸗ kruſtige Federn, ein Federmeſſer ohne Klinge und ei⸗ nige mit Oel befleckte Papierbogen; in einer Ecke auf dem Boden lag ein Pack Schaffelle, die nicht von der beſten Sorte ſchienen, und auf der mit Eiſen beſchlagenen Kaſſe hatte man ein Nachtgeſchirr ver⸗ geſſen, welches ohne Zweifel nicht mehr neu war. Nachdem Prosper einen Blick auf dieſes Bureau geworfen hatte, beeilte er ſich, eine gegenüber von dem Gitter befindliche Thüre aufzuſtoßen, welche in ein anderes Gemach führte. Dann befand er ſich in einem Salon, den man in ein Schlafzimmer verwandelt hatte und zugleich als Küche zu benützen ſchien; denn auf dem Kamine, wo ein großes Feuer brannte, ſah man Spieß und Pfanne. In dieſem Zimmer, deſſen Mobilien noch ziemlich hübſch geweſen, wenn ſie nicht beſchmutzt oder zerbrochen geweſen wären, lagen eine Menge weiblicher Kleidungsſtücke umher; auf dem Bette hatte man einen Unterrock vergeſſen, auf einem Stuhle lag ein Kleid, auf einem andern ein Kragen, dort ein paar Pantoffeln; auf einer Kommode ein Kamm und ein paar Strümpfe. Inmitten dieſer Zerſtörung ſchien ein Mann, in einer Jacke, mit einer Mütze auf dem Kopfe, beſchäftigt, die Haushaltung zu beſorgen, denn er hielt in einer Hand einen Beſen, in der andern einen Wiſchlappen und unter dem Arme einen Schaum⸗ löffel. 110 Prosper brauchte den Mann nicht lange zu be⸗ trachten; Picotin hatte ſich nur wenig verändert!... Perſonen, die ein recht dummes Ausſehen haben, be⸗ halten es auch bis ins Alter bei. Als Picotin einen Unbekannten ins Zimmer treten ſah, fing er haſtig an, die Möbeln abzuſtäuben und rief aus:„Madame iſt nicht zu Hauſe!... heute wird nichts ausbezahlt!... ſie hat die Schlüſſel zur Kaſſe... kommen Sie ein anderes Mal wieder!“... Prosper rührte ſich nicht. Er konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als er ſah, welche Beſchäf⸗ tigung Euphraſia ihrem Manne übertragen hatte. Als Picotin gewahrte, daß der Herr, trotz ſeiner Worte, nicht von der Stelle ging, nahm er ſeinen Beſen und ſuchte einen ungeheuren Staub zu machen, während er wiederholte:„Madame Picotin iſt aus⸗ gegangen... man bezahlt heute nichts!... ſie hat die Kaſſenſchlüſſel... es iſt unnöthig, daß Sie war⸗ ten... ſie kommt vor Mitternacht nicht nach Hauſe.“ „Und wenn ich ſowohl mit dem Herrn als mit der Frau zu ſprechen wünſchte?“ entgegnete Prosper vortretend. „O! dann... aber ich... habe die Gelder nicht unter den Händen... ich bekümmere mich nicht mehr um die Kaſſenangelegenheiten“... „Ei! wer Teufels ſpricht denn von Deiner Kaſſe mit Dir, mein armer Picotin? ſieh mich einmal recht an... beſinne Dich... willſt Du nicht Jemand er⸗ kennen, der Dich früher einmal faſt zu Tode ärgerte .. der Dir während der erſten Aufführung von 111 Epicharis und Nero, im Theater français, da⸗ mals noch das Theater der Republik, auf den Schooß ſaß?... 4 Picotin ſchlug ſich an die Stirne, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, und ſchüttelte Prosper die Hand mit den Worten:„Ach! ich hab es!... o, Sackerlott! ich hab es!... Sie find Prosper Breſſange, der junge Buchdrucker... von früher! Wenn Sie mir es aber nicht ſelbſt geſagt hätten, hätte ich es nicht geglaubt!... Ich hätte Sie nie erkannt!.. Ach! wie haben Sie ſich verändert. Mein Gott! wie alt ſind Sie geworden... es iſt unbegreiflich!“ „Nein, mein lieber Picotin, darin liegt nichts Unbegreifliches!... Damals war ich achtzehn Jahre alt, jetzt bin ich einunddreißig... Der Mann kann nicht mehr ausſehen, wie der Wildfang... der Knabe, und beſonders nicht, wenn er ein thätiges, ſtürmiſches Leben durchgemacht hat!"... „Ah! Sie waren ſtürmiſch... finden Sie mich ſehr verändert?— Meiner Treu, nein! Du ſiehſt immer noch aus, wie früher... Und Deine Frau?“ „Ach! ſie iſt mit zwei Küraſſieren, Freunden von uns, ſpazieren geritten... Sie wird aber bald nach Hauſe kommen... ſie kehren zum Mittageſſen zurück ... ich habe nur zum Vorwand geſagt, ſie komme erſt um Mitternacht nach Hauſe. Potz! ich muß nach meinem Braten ſehen..“ es iſt ein Lendenſtück, und wenn er mir verbrennen würde, finge meine Frau einen ſchönen Tanz mit mir an. Ich fürchte auch, 112 mein Fleiſchtopf möchte überlaufen... Ich will ein⸗ mal die Fleiſchbrühe verſuchen... Sie müſſen mit uns eſſen, Prosper, es wird Euphraſia beſtimmt ein großes Vergnügen machen... ſie ſpricht oft von Ihnen... und es genirt uns nicht im mindeſten... denn wo für Viere iſt, reicht es auch für Fünfe, und wo für Fünfe auch für Sechſe... das ſagen mir unſere Freunde, die Küraſſiere, alle Tage, wenn ſie von ihren Kameraden mitbringen.“ Während Picotin ſolches ſprach, wendete er ſeinen Braten um, und verſuchte ſeine Fleiſchbrühe, ſchüttelte dann unzufrieden den Kopf, holte eine Waſſerkanne und ſchüttete die Hälfte des Inhalts in den Fleiſch⸗ topf, wozu er brummte:„Sie wird wohl noch genug geſalzen ſein... außerdem gibt es dann mehr Brühe, und unſere Freunde, die Küraſſiere, eſſen die Suppe ſo gerne“... „Du biſt alſo Köchin und Stubenmagd gewor⸗ den?“ fragte Prosper, Picotin beobachtend. „Meiner Treu! mein lieber Freund, man muß doch etwas thun... der Handel geht ſo ſchlecht!.. meine Frau will kein Dienſtmädchen nehmen... ſie behauptet, ich liebäugele mit ihnen... ſie beſorgt die Schreibereigeſchäfte... und ich die Haushaltung .. Aber, nicht wahr, Sie eſſen mit uns?“ Mit dieſen Worten hatte Picotin die Waſſerkanne wieder zur Hand genommen, und ſchien, im Falle einer bejahenden Antwort, entſchloſſen, den ganzen Inhalt vollends zur Fleiſchbrühe hineinzuſchütten. „Nein, nein, es iſt mir unmöglich, erwiderte 113 Prosper; ich wollte meinerſeits Dich und Deine Frau auf morgen zum Mittageſſen einladen. Maximus Bertholin, Poupardot und ſeine Frau, auch Roger, der jetzt Huſarenhauptmann iſt, werden ſich bei mir einfinden.. Ich hoffe das ſind Gründe genug, daß ihr mir es nicht abſchlaget.“ „Ei, beim Kuckuk! und wenn Sie nur allein wären... würde es mir jedenfalls Vergnügen machen, in der Stadt zu ſpeiſen.. ich habe ohnehin nicht viel Unterhaltung hier... den ganzen Tag habe ich mit der Haushaltung und mit der Küche zu thun... und am Ende muß ich auch noch das Geſchirr ſpüh⸗ len... Ach Gott! ach Gott! aber ich weiß noch nicht, ob ich weg kann... meine Frau hat auf morgen eine Partie ausgemacht.. ſie ſieht das Manöver eines Regiments mit an... und bringt dann fünf Offiziere mit nach Hauſe“... 4 „Nun! wenn Deine Frau nicht kommen will, ſo kommſt Du hoffentlich. Nimm; hier auf dieſer Karte ſteht meine Adreſſe..“ 4 „Ich werde es gewiß einzurichten ſuchen... es würde mich außerordentlich freuen, Maximus wieder zu ſehen... ich glaubte ihn längſt geſtorben!... Mit Roger habe ich vor achtzehn Monaten zu Mit⸗ tag gegeſſen... er iſt ein recht braver Burſche! mit Freuden würde ich mit ihm zuſammentreffen... Lei⸗ der will mich Euphraſia nicht ausgehen laſſen... außerdem muß man ja wieder ein ungeheures Eſſen zurichten... es iſt doch ärgerlich“... In dieſem Augenblick hörte man Geräuſch aus Paul de Kock. XVII.„ 8 1 114 dem Nebenzimmer und eine heiſere Branntweinſtimme ſchrie aus vollem Halſe:„Holla! he! Schaffellhänd⸗ ler!... hoffentlich iſt heute Jemand zu Hauſe!“... Picotin wurde blaß und fing an zu zittern, indem er zwiſchen den Zähnen hindurch brummte:„Ach, der Teufel! da kommt der Wurſthändler Machis wie⸗ der... was dieſer Menſch doch für ein Kerl iſt... das wird luſtig werden...“ „Es iſt Jemand draußen,“ ſagte Prosper, der im Vorzimmer klopfen und laufen hörte. „Ja, ja; ich weiß wer es iſt... in Geſchäfts⸗ ſachen... Sie kommen Alle während ich zu Mittag koche... Ich will ihn aber jagen, den.“ Pieotin ging ins vordere Zimmer und ſprach leiſe mit der eben angekommenen Perſon; dieſe hingegen ſchrie aus allen Kräften, ſo das Euphraſia's Gatte bald einſah, daß es von ſeiner Seite überflüſſig ſei, heimlich zu thun, und ſomit war Prosper Zeuge des folgenden Geſpräches:„Sackerment! Herr Picotin! heute werde ich hoffentlich nicht wieder vergeblich ge⸗ kommen ſein 4... „Es thut mir ſehr leid, Herr Machis, allein Sie haben Unglück... Sie kommen immer, wenn meine Frau nicht zu Hauſe iſt.“ 3 „Sie halten mich ſauber für Narren! mit Ihrer Frau, die immer herumzieht... übrigens brauche ich ſie nicht... bezahlen Sie mich, und machen Sie ein Ende...— Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Machis, daß ich Sie nicht bezahlen kann, weil ſie die Kaſſenſchlüſſel mitgenommen hat.“ 115 „Immer daſſelbe Geträtſche! Sie kriegen mich nimmer dran... Ihre Kaſſe ſieht ſauber aus!... be⸗ zahlen Sie mit der Münze, welche in dieſem Topfe enthalten iſt... Vorwärts, machen Sie ein Ende... Ich habe Ihnen Würſte und Fleiſch geliefert... Sie haben mir einen Wechſel von dreiundſechzig Franken ausgeſtellt... und ſeit ſechs chen ſchieben Sie mich von einem Tag auf den andern mit der Bezah⸗ lung hinaus... Sackerment! läßt man einen Mann wegen dreiundſechzig Franken vierzigmal laufen?— Mein Gott! wenn man kein Geld hat...“ „Dann ißt man keine Trüffelpaſteten und gefüllte Hahnen. Du wirſt mich bezahlen, potz Donnerwet⸗ ter! oder ich erdroſſle Dich!— O! Ol laßt mich doch los!“ Prosper eilte ſchnell ins Nebenzimmer. Es war hohe Zeit; Herr Machis hatte ſeinen Schuldner an der Gurgel gepackt, und ſchien nicht geneigt, ihn wie⸗ der los zu laſſen. Prosper warf ihm dreiundſechzig Franken auf den Schreibtiſch und ſagte:„Hier iſt Ihr Geld, mein Herr, nehmen Sie es und gehen Sie.“ 3 Der Wurſthändler ließ Picotin los, zählte das Geld, ſteckte es in die Taſche, gab den Wechſel zu⸗ rück, und rief aus:„Ahl ſo macht man die Ge⸗ ſchäfte ab, das heißt bezahlt, die Sache iſt im Rei⸗ nen; ich denke weiter nicht mehr daran. Nichts für ungut, Herr Picotin.“. „Ja, warum nicht gar! ſagte Picotin, dem ſich entfernenden Herrn Machis nachſehend; nichts für ungut! wenn er mir die Zunge eine Elle lang aus dem Hals herausgetrieben hat. Ohne Sie, mein lieber Prosper, würde man mich vernichten. Was bin ich Ihnen nicht ſchuldig, mein Freund! Das heißt dreiundſechzig Franken!“ „Du biſt mir gar nichts ſchuldig! ſprechen wir nicht davon! es thut mir nur leid, daß Deine Ge⸗ ſchäfte nicht in gutem Gange ſind.“ „Ach, es iſt wahr, es geht ſehr ſchlecht, die mir verſprochenen Lieferungen werden immer nicht ver⸗ langt! und überdies wüßte ich auch nicht, was ich liefern ſollte! Ich habe nichts mehr als einige Schaffelle, woraus ich mir, dem Wunſche meiner Frau gemäß, Hoſen machen laſſen will; ſie behauptet ich würde einem Engländer darin ähnlich ſehen.“ In demſelben Augenblick vernahm man auf der Treppe Euphraſia's Stimme und das Geklirre der Herrn Küraſſiere. „Da kommt meine Frau!“ rief Picotin mit be⸗ ſtürzter Miene aus, und kniete ſchnell vor den Kamin hin, wo er den Braten umkehrte und nach dem Fleiſchtopfe ſchaute. „Dieſe Stube iſt abſcheulich ſchmutzig! ſchrie Euphraſta beim Eintritt in das erſte Zimmer. Ich bin überzeugt, Herr Picotin kehrt ſie nie aus. Alle Hunde des Hauſes verunreinigen ſie. Wahrhaftig, ich weiß nicht, was mein Mann treibt.“ Prosper, der im zweiten Zimmer ſtehen geblieben war, ſah bald eine ziemlich dicke Dame in einem grünen Reitkleide erſcheinen, welches an mehren Orten 14 117 Fettflecken hatte, und dem an der Bruſt einige Knöpfe fehlten; auf dem Kopfe trug ſie einen runden ſehr unternehmend auf der Seite ſitzenden Filzhut, worauf eine alte ehemals grün geweſene Feder ſteckte, die jedoch in Folge langen Wehens in der Luft allmälig gelb geworden war; ſie hielt eine Reitpeitſche in der Hand, womit ſie, wie es ſchien, ſich beim Eintritt rüſtete, Jemand durchzupeitſchen. Prosper hätte ſchwerlich Euphraſia erkannt, wenn er ſie anderswo als in ihrem Hauſe getroffen haben würde. Die Amazone hielt an, als ſie den mitten im Zimmer ſtehenden Herrn gewahrte, der ſie ſo ſonder⸗ bar anſah. Dann trat ſie näher auf ihn zu und be⸗ trachtete ihn aufmerkſam, hierauf ſtieß ſie einen Schrei aus, ſtürzte ſich in ſeine Arme und rief aus:„Das iſt Prosper!“ Die beiden Kutaſſiere traten eben auf die Schwelle und blieben ſtehen beim Anblick ihrer Amazone, die einen Herrn höchſt zärtlich in ihre Arme ſchloß; was Picotin betrifft, ſo lag dieſer fortwährend auf den Knien, drehte ſeinen Braten um und brummte:„ Hm! wie vergnügt ſie iſt, Sie zu ſehen! Ol ich ſagte es Ihnen ja... ſie ſprach ſo oft von Ihnen!“ „Sie ſind die Erſte, die mich erkannt hat,“ ſagte Prosper, ſich aus Euphraſia's Armen windend. „Olich, lieber Freund, ich habe ein paar Augen... und ein Herz... Sie haben zwar eine Schramme, die Sie etwas entſtellt... aber, gleichviel, ich hätte Sie unter Zehntauſend wieder erkannt!“ Damit kehrte ſich die Amazone gegen die beiden 118 Militärs, machte ihnen eine Verbeugung und ſprach: „Meine Herren, ich ſtelle ihnen hier einen alten... einen bewährten Freund vor.“ Die Küraſſiere langten mit der Hand nach ihrem Tſchako, während Picotin ausrief:„Glaubſt Du wohl Euphraſta, daß Prosper nicht mit uns eſſen will?...⸗ „Ahl bah!... und warum nicht?“ fragte die Amazone. „Weil es mir unmöglich iſt, meine ſchöne Dame... Ich verlaſſe Sie, da man mich zu Hauſe erwartet. Kann ich ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen, bevor ich mich entferne?“ 3 „Warum nicht! ei! zwei, zehn... ſoviel Sie wollen, lieber Freund!“ Hiemit folgte Euphraſta Prosper in das ſoge⸗ nannte Bureau und dort brachte der alte Freund ſeine Einladung auf den künftigen Tag vor. Die Amazone ließ ihre Peitſche ſchwirren, indem ſie ausrief:„Hal tauſend Teufel! wie ärgerlich iſt das! Morgen muß ich zum Manöver eines Regiments, und habe fünf Offiziere zum Mittageſſen eingeladen... Ach! der Kuckuk! Außer ich dürfte dieſe Herren zu Ihnen zum Eſſen mitbringen.“ „Nein, das kann nicht ſein,“ entgegnete Prosper lebhaft, ich habe keinen Platz; mein Speiſeſaal iſt zu klein. Wir wollen lieber die Partie auf ein ander Mal verſchieben. Leben Sie wohl, meine liebe Ma⸗ dame Picotin.“ 8. „Ach! wie dumm!. Heißen Sie mich doch Eu⸗ 6 119 phraſia... Unartiger!...— Sie haben Beſuch, ich gehe.“ 1 „Ei! aber Sie kommen doch hoffentlich ein ander Mal wieder 2. Denken Sie auch an mich, Un⸗ dankbarer, an mich, die Sie nie vergeſſen hat?“ „Ja, ja, ol ich werde Sie bald wiederſehen... Leben Sie wohl!“ Damit entfernte ſich Prosper eifrigſt, indem er dachte:„Wahrhaftig, ich bin froh, daß Madame Picotin morgen nicht am Mittageſſen Theil nehmen wird, und ich werde ſicher den Fuß nicht mehr bei ihr abſetzen, damit ſie nicht an einen Beſuch bei mir denkt; denn ich bin der Anſicht, daß Euphraſia's Geſellſchaft durchaus nicht für meine theure Pauline taugen würde. Wenn man eine Blume bei ſich hat, muß man dafür ſorgen, daß ſie keine jener ſchädlichen Lüfte berühre, die ſie entblättern könnten.“ Am folgenden Tage hatte Alles bei Prosper, der ſeine Freunde würdig empfangen wollte, ein feſt⸗ liches Anſehen; und die hübſch gekleidete Pauline ver⸗ trat ſchon mit Grazie die Stelle einer Hausfrau. Maximus langte zuerſt an, dann kam Poupardot mit ſeiner Frau und ſeinen beiden Söhnen, deren erſtes Wort beim Eintritt war:„Wird man bald eſſen?“ Maximus küßte Eliſa und ihren Gatten; ſogar ihre beiden Kinder, obgleich Herr Navet höchſt mür⸗ riſch ausſah, weil er kein Gedeck für ſich bemerkte, und ſein jüngerer Bruder ein unaufhörliches Bedürf⸗ niß, ſich zu ſchneuzen, äußerte. Aber Poupardot war 120 ſtets begeiſtert von ſeinen Söhnen und zeigte ſie Maximus mit den Worten:„Ei, Du mußt ihr Lehrer werden; es iſt ausgemacht. Ich vertraue Dir ihre Erziehung an und Du wirſt Schüler an ihnen be⸗ kommen, die Dir Ehre machen... ich bin es über⸗ zeugt.“. „Ich will ſie mit Vergnügen in dem Wenigen, was ich weiß, unterrichten, ſagte Maximus; dieſen hier muß man übrigens noch ein wenig heranwachſen laſſen... Was dagegen jenen betrifft, ſo kann er, wenn er gerne lernen mag...“ „Ich will lieber eſſen... Ißt man noch nicht bald zu Mittag?“ entgegnete Navet, ſich auf einem Stuhle hin und her ſchauckelnd. „Siehſt Du den kleinen Schelmen? rief Poupar- dot lachend aus. O! er hat erſtaunlich geiſtreiche Einfälle.“ 4 Die Ankunft Rogers unterbrach dieſes Geſpräch. Der Hauptmann warf ſich an Maximus' Bruſt, und diesmal dauerte die Freude des Wiedererkennens län⸗ ger und war rührender, denn es beſtand eine innigere Freundſchaft zwiſchen Roger und Maximus als zwi⸗ ſchen dieſem und Poupardot. Die beiden Freunde konnten nicht müde werden, ſich anzuſehen, ſich die Hand zu drücken und ſich an die Vergangenheit zu er⸗ innern.— Die Stunde zu Tiſche hatte geſchlagen und ma wollte ſich eben zur Tafel ſetzen, als die Glocke noch einen weitern Beſuch verkündete. Gleich darauf trat Picotin in einem äußerſt abgeſchabten Kleide ein, 121 begrüßte die Geſellſchaft und ſagte:„Hier bin ich, meiner Treu, komme, was wolle!... meine Frau mag ſchimpfen, wenn ſie Luſt hat... Ich bin durch⸗ gegangen. Ich konnte dem Verlangen, ein gutes Mahl ... in Geſellſchaft alter Freunde einzunehmen, nicht widerſtehen... Wo iſt denn Herr Maximus?... Ach hier iſt er... Ach Gott! wie hat auch er ſich verändert!... Ach! da iſt der Hauptmann Roger... Guten Tag, Hauptmann; es lebe der Kaiſer! Maximus drückte Picotin die Hand, hierauf er⸗ ſuchte Prosper ſeine Gäſte in den Speiſeſaal hinüber zu gehen. Man ſetzte ſich zu Tiſche und fing auf die Freundſchaft und das Glück des Beiſammenſeins zu trinken an. Der Hausherr war glücklich und ſtolz, ſeine alten Freunde bewirthen zu können. Er hatte nichts verſäumt, was zum Glanze und Wohlgeſchmack des Eſſens beitragen konnte. Man that demſelben alle Ehre an, während man ſich zugleich dem Ver⸗ gnügen hingab, alte Erinnerungen aufzufriſchen. Das Geſpräch wurde allgemein geführt, denn es gab kein Geheimniß und keinen Rückhalt zwiſchen dieſen Män⸗ nern, die ſich ſo lange nicht geſehen hatten. Indeſſen waren ihre politiſche Anſichten nicht dieſelben. Ma⸗ rimus bedauerte die Zeit der Republik, Roger pries das Kaiſerthum, Poupardot war ſtets mit der Gegen⸗ wart zufrieden und Prosper ſchien für die Zukunft zu fürchten; allein ihre Erörterungen führten keine Zwi⸗ ſtigkeiten herbei, da ſie Alle ein offenes rechtliches Herz hatten und ſich gegenſeitig hochſchätzten. Was Picotin betrifft, ſo war dem Anſcheinen nach * 8 122 ſein Hauptbeſtreben das: gut zu eſſen. Er fand Prospers Küche vortrefflicher, als die von ihm ſelbſt beſtellte und ſchien auf mehre Tage hinein eſſen und trinken zu wollen. Die kleine Pauline ſaß neben Eliſa und ſchien glücklich über die Freude, die aus den Blicken ihres Beſchützers ſtrahlte. Poupardot beſchäftigte ſich, trotz dem Antheil, den er dem Geſpräche ſeiner Freunde widmete, viel mit ſeinen Söhnen, und rief alle Au⸗ genblicke aus:„Navet hat einen geſegneten Appetit!... Der Schelm ſtellt ſeinen Mann bei Tiſche; und mein kleiner Napoleon, ſeht doch, wie brav er iſt!“ Roger, den dieſe Bemerkungen zu langweilen ſchienen, konnte nicht umhin, ſich gegen Maximus zu neigen und ihm ins Ohr zu ſagen:„Findeſt Du nicht auch, Maximus, daß es lächerlich iſt, den Na⸗ men eines großen Mannes ſolchen Knäbchen zu geben, daß es eine geachtete Perſon entwürdigt, und daß man, um Napoleon zu heißen, ein Recht dazu haben muß?“ „Deine Reflexion iſt ganz richtig, entgegnete Ma⸗ ximus; aber das iſt der Fehler vieler Leute, daß ſie in ihrer Begeiſterung denen von ihnen am meiſten geliebten Perſonen und Gegenſtänden Schaden bringen.“ „Ich ſchlage einen Toaſt auf die Freundſchaft vor, ſagte Picotin, der ſchon ein wenig angetrunken war, und nicht dabei ſtehen bleiben wollte. Dieſe Auffor⸗ derung wurde angenommen. Gleich darauf brachte Prosper einen andern aus; er hob ſein Glas in die Höhe und rief: Auf die Geſundheit von Maximus 123 Mutter, der guten Frau Bertholin, welche ihre Ge⸗ brechlichkeit hindert, Theil an unſerem Mahle zu nehmen!“ Mit Eifer trank man die Geſundheit, und Pi⸗ cotin ſchrie während er ſein Glas füllte:„Auf die Geſundheit der guten, guten, alten Bertholin... Es lebe der Kaiſer!“ Beim Nachtiſche wurde die Unterhaltung noch leb⸗ hafter. Prosper ſprach von ſeinen Reiſen, Roger von ſeinen Feldzügen, Maximus von der Zeit des Direk⸗ toriums, Poupardot von ſeinen Aſſignaten und ſeinen zwei Jungen. Picotin hörte zu, indem er ſeine Gabel fortwährend in Bewegung ſetzte, nahm jedoch von Zeit zu Zeit das Wort, um einen Toaſt zu Ehren der Freundſchaft auszubringen. 3 Pauline zog ſich mit Madame Poupardot vom Tiſche zurück, als dieſe ihren kleinen Knaben, wie er eben anfing einzuſchlafen, auf den Armen wegtrug; Navet wollte bei den Männern bleiben und forteſſen, ſo lange etwas auf dem Tiſche ſtand. Die Freunde unterhielten ſich bis beinahe elf Uhr. Dann kam aber Navet, der ſeit einer Weile nicht mehr gegeſſen hatte, zu ſeinem Vater her, fing an zu weinen und ſchrie:„Papa, ich habe Leibſchmerzen!“ Alsbald erhob ſich Poupardot mit den Worten: „Du haſt Leibſchmerzen, mein Junge... es iſt aber auch in der That ſpät.. beinahe elf Uhr... man darf um elfe wohl Leibſchmerzen haben, wenn man von fünfe an gegeſſen hat... Meine Freunde, bei euch bekommt man allerdings keine Langeweile, aber ich denke doch, daß es Zeit iſt, auseinanderzu⸗ gehen Vorwärts, Eliſa, ſetze ſchnell Deinen Hut auf und wirf Deinen Shawl um Navet hat Leibſchmerzen.“ Die übrigen Gäſte folgten Poupardots Beiſpiel, ſie ſtanden auf und ſchickten ſich zum Weggehen an. Nur Picotin rührte ſich nicht. Roger trat auf ihn 124 zu und rief:„Nun, Picotin! wird's bald? Willſt Du die ganze Nacht bei Tiſche bleiben?“ Picotin machte einen Verſuch, aufzuſteben, fiel aber wieder auf ſeinen Stuhl zurück, und ſtotterte: „Ich komme ſchon... ich komme ſchon... ich finde nur.. meine Serviette nicht mehr!“ Jetzt erſt bemerkte man, daß Herr Picotin voll⸗ ſtändig betrunken war. Indeſſen kon ee man ihn mit Hülfe ſeiner Freunde doch auf die Beine bringen, und Roger nahm ihn beim Arme, indem er ſagte:„Tau⸗ ſend Feuerſchlünde! rühre Dich, ſtütze Dich auf mich... Ich will Dich nach Hauſe führen, ſonſt, denke ich, würdeſt Du ſchwerlich heimkommen.— Ich will Dich auch begleiten,“ ſagte Maximus hierauf. Man verabſchiedete ſich und ging fort; Poupardot ſetzte ſich mit ſeiner Familie in einen Fiaker, Maximus und Roger begaben ſich zu Fuß auf den Weg, in ihrer Mitte führten ſie Picotin, der bei jedem Schritte ſchwankte, und zu ſeinen Begleitern ſagte:„Mein guter Maximus.. mein tapferer Hauptmann... es iſt ſonderbar... ich bin ganz außer mir... Nicht wahr, Ihr ſagt es meiner Frau nicht... es ſoll mir nicht mehr vorkommen.. 7 „Sei ganz beruhigt, mein armer Picotin, ſie ſoll es nicht erfahren.“. „Meinen Dank, Hauptmann.. Es lebe der Kaiſer!...“ 3 Als ſich Picotin vor ſeinem Hauſe befand, ver⸗ ließen ihn Maximus und Roger und kehrten mitein⸗ ander zurück. Sie gingen noch lange in den Straßen umher, ſprachen eifrig und ſtritten ſich bisweilen po⸗ litiſcher Anſichten wegen; als ſie ſich aber endlich von einander trennten, waren ſie doch gute Freunde und drückten ſich mit der aufrichtigſten Freundſchaft die Hände. —o— 1 ſſiiſſſſſmmſiſſiſnſfſiſſnſſfiſſſſſifnſſinſinſſiiſſſiſſimſſniſſſnſiniſſſüſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ——-C;Conñ