. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ 4 Aℳ Eduard Ottmaan in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. Wibliathek ſteht zur Em⸗ 1. Offensein der Bibliothek. D 3 pfangnahme und Rückgabe der Bucher Jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 353.„ für Bachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4——————ã—— auf 1 Monat: 4 Wit.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 4„ 3„=„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, de bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Fünfzehnter Theil. So⸗ Stuttgart: Scheible, Uieger& Sattler. 1843. 1 — ͤ Der Mann mit drei Hoſen, oder die Republik, das Kaiſerthum und die Reſtauration. Von * Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Aufzunehmen pflegt man den Mann nach dem Kleide, das er trägt; man verabſchiedet ſich von ihm nach dem Geiſte, den er bewieſen hat. 3ug Erſter Theil. 9, allein 4 en hob ihn 4 SSe dunkeln Kat⸗ reiften Schürze Stuttgart: enſtreifen, wie ſie Scheible, Rieger le Frauen frugen. 1848. Angeſicht di Frau Krankheit anzudeutenz Erſtes Kapitel. Paris im Jahr II der Republik. Es war im Monat Ventoſe im Jahr II der fran⸗ zöſiſchen Republik, worunter Viele weit leichter den Monat März des Jahres 1794 begriffen. Die Witterung war düſter, regneriſch und ver⸗ drießlich; es ſchlug in der kleinen, nach dem Hofe gehenden Parterreſtube eines Hauſes in der Straße Poiſſonnière eben vier auf einer hölzernen Uhr, und kaum ſah man in dieſem kleinen Gemache noch hell genug, um die nächſten Gegenſtände zu unter⸗ ſcheiden. Neben einem Kamin, worin ein ſchwaches Feuer brannte, ſaß eine etwa fünfzigjährige Frau, mit der Ausbeſſerung einer Mannsjacke beſchäftigt. Der Anzug dieſer Frau war einfach und beinahe armſelig, allein die außerordentliche Reinlichkeit deſſelben hob ihn etwas hervor. Er beſtand aus einem dunkeln Kat⸗ tunkleide, einer ſchwarz und rothgeſtreiften Schürze und einer großen Haube mit Backenſtreifen, wie ſie zur Zeit der Republik beinahe alle Frauen trugen. Das blaſſe, abgemagerte Angeſicht dieſe Frau— ſchien eine kaum überſtandene Krankheit anzudeuten; und ihr ſchwermüthiger Blick zeigte an, daß bei ihr die Leiden des Gemüths mit denen des Körpers ſich vereinten. Zuweilen jedoch zwang ſie ſich zu einem Lächeln, und ihr Antlitz wurde ein wenig heiterer, wenn ihre Blicke auf einem jungen Manne ruhten, der auf der andern Seite des Kamins ſaß. Derſelbe war ein einundzwanzigjähriger großer, magerer aber wohlgeſtalteter Jüngling, deſſen ganzes Weſen mehr bedeutete, als von ſeinem Alter zu er⸗ warten geweſen wäre; die dunkelbraune Geſichtsfarbe, die pechſchwarzen Haare und Augen verliehen ſeiner Phyſiognomie auf den erſten Anblick etwas Ernſtes, ſogar Hartes; allein bei längerer Betrachtung ſeines antikgeſchnittenen Profils und aller ſeiner Züge, de⸗ ren männlicher Ausdruck ihrer Schönheit keinen Ein⸗ trag that, konnte man nicht läugnen, daß dieſer Mann einige Aehnlichkeit mit den auf uns gekommenen Ab⸗ bildungen der römiſchen und athenienſiſchen Helden habe. Der ſchöne Jüngling hielt ein Buch in der Hand und las; er war mit einer weiten, grautuchenen Hoſe und einer Shawlweſte gekleidet, trug blaue Strümpfe und plumpe Schuhe; zu ſeinem vollſtändigen Anzuge fehlte nichts als die Jacke, oder vielmehr die Car⸗ magnole, die man neben ihm flickte. Der junge Mann legte ſein Buch auf den Mantel des Kamins, blickte die gute ihm gegenüberſitzende Frau an und ſagte zu ihr: „Sie ſehen nicht mehr, Mutter, Sie verderben * 4 ſich die Agen!“ 5 5 „Ol ich ſehe noch genug, mein lieber Maximus, ich möchte die Jacke geſchwind vollends fertig machen, denn Du haſt keine andere und mußt frieren in Hemdärmeln.“ „Laſſen Sie ſich Zeit, es iſt hier nicht kalt. Ich bin allerdings Willens, heute Abend auszugehen; aber ich habe noch eine andere Carmagnole... die übri⸗ gens, glaub' ich, noch ſchlechter iſt, als dieſe.“ „Wie, Maximus, Du willſt dieſen Abend aus⸗ gehen?.. ich hoffte Du werdeſt bei mir bleiben.“ „Das kann nicht ſein, Mutter, ich habe in der Druckerei zu thun, und der Bürger Hebert würde mich morgen zanken, wenn ich nicht dort geweſen wäre... er verläßt ſich ganz auf mich wegen der Korrektur ſeines Blattes!“ „Ach, ja! Le Pèére Duchesne!“ entgegnete die Mutter des jungen Mannes mit Achſelzucken;„das iſt auch ſo ein ſauberes Journal! das nur von Mord, Blut und Metzelei predigt!...“ „Um Gottes Willen, ſchweigen Sie Mutter... Schweigen Liet wenn man Sie hörte, wären Se verloren!..“ Mit veen Worten war der junge Mann aufge⸗ ſtanden und ſchaute rings um ſich her, ja, er öffnete ſogar eines der auf den Hof hinausgehenden Fenſter, um ſich zu überzeugen, daß Niemand in der Nähe ſei: denn im Hofe hätte man leicht verſtehen können, was im Zimmer des Erdgeſchoſſes geſprochen wurde. Allein es regnete zu ſtark, es war zu ſchlechtes Wetter, als daß Jemand Luſt gehabt hätte, ſich außerhalb aufzuhalten. Maximus machte beruhigt † das Fenſter wieder zu und kehrte auf den Sitz neben ſeiner Mutter zurück, zu welcher er in ſanfterem Tone ſagte: „Zudem wiſſen Sie, Mutter, daß Sie nichts von der Politik verſtehen... auch hatten Sie mir ver⸗ ſprochen, ſich nicht mehr um dieſe Geſchichten zu be⸗ kümmern...“ „Gewiß, mein Freund, maße ich mir nicht an, etwas von den großen Intereſſen des Staates zu ver⸗ ſtehen... aber es gibt Dinge, zu deren richtiger Be⸗ urtheilung man nur ſein Herz und ſein Gewiſſen befragen darf! Wie kannſt Du verlangen, man ſolle ſich in unſerer gegenwärtigen Zeit nicht um Politik bekümmern?... wo doch Jedermann davon ſpricht... Jedes in unſerer Umgebung nach ſeiner Weiſe eine 1 Regierung träumt und bildet, wo man jeden Augen⸗ 4 blick eine neue Verhaftung oder ein neues Todesur⸗ 6 theil erfährt, wo man für ſich ſelbſt und all ſeine Lieben zittert, wo man nicht ſeine Wohnung zu verlaſſen wagt aus Furcht, man begegne irgend einem blutigen Karren, oder jenen blutdürſtigen Men⸗ ſchen, die auf Piken die Köpfe ihrer Opfer einher⸗ 4 tragen.. „Mutter! Mutter! Sie übertreiben!“. „Ach! nein, mein Freund! ich ſpreche nur von dem, was wirklich iſt... was wir alle geſehen haben. Ol ich weiß wohl, daß Du ein Republikaner biſt, Maximus, ich weiß wohl, daß Du Dein Blut für Dein Vaterland verſpritzen würdeſt, um Frankreich —— — s 2 4 ——— —— frei, ſtolz und unabhängig zu ſehen! Ich weiß wohl, daß Du im Jahre neunundachtzig vor Freuden Thrä⸗ nen vergoſſeſt, und warſt doch damals erſt ſechzehn Jahre alt, aber gleichviel, Du weinteſt Freuden⸗ thränen über die ſchöne Antwort Mirabeau's, als man die Verſammlung der Generalſtaaten auflöſen wollte. Ach! wenn alle Republikaner Dir glichen, ſo würde Niemand erzittern als die Strafbaren, und nicht würde in Paris und ganz Frankreich der Schrecken herrſchen! O! Du weißt es auch, denn ſeit einiger Zeit biſt Du traurig und mißvergnügt, weil Du ſiehſt, daß es nicht geht, wie Du und ſo viele Andere gehofft hatten.“ „Allerdings, Mutter, ſah ich mit Betrübniß die Exceſſe, denen man ſich hingab... ſah ich Rachege⸗ danken und ſchmutzige Berechnungen die Stelle der Gerechtigkeit einnehmen... rohe Menſchen oder tolle Köpfe ſich der Gewalt bemächtigen; allein was wollen Sie? eine Revolution kann nicht ohne Uebertreibung und Mißbrauch zu Stande kommen! Das war zu allen Zeiten ſo!“ „Das Beiſpiel Anderer hätte zu eurer Beſſerung dienen ſollen. Die Engländer erröthen über den Mord ihres Königs... und ihr habt den eurigen hingerichtet, als ob es euch darum zu thun geweſen wäre, die Hälfte ihrer Schande zu übernehmen!“ „Stille! ſtille! ol ſchweigen Sie, ich bitte Sie... und geben Sie mir meine Carmagnole, damit ich die Korrektur des Père Duchesne beſorgen kann! Ach! Mutter, hätte nicht in Deiner Nähe bleiben wollen, ſo — ‿ RER fühle ich wohl, daß es mir lieber geweſen wäre, gegen die Ausländer, die unſere Grenzen bedrohen, ins Feld zu ziehen, wie als Faktor in einer Druckerei zu ſein! Alle Männer meines Alters ſind zum Aufgebot ab⸗ gegangen... und ich... durfte durch die Verwendung des Bürgers Hebert zurückbleiben... Ach! ich ſchäme mich deſſen zuweilen!“ „Was ſprichſt Du da? Du ſchämſt Dich, bei Deiner Mutter zurückgeblieben zu ſein, um ſie durch Deine Arbeit zu nähren.. denn ohne Dich äße ich nur trockenes Brod... und das nicht alle Tage. Dein Vater, dieſer gute Bertholin, hatte eine Stelle im Marineminiſterium, die zu unſerem Unterhalte und Deiner Erziehung hinreichte; denn Du haſt, Gott ſei Dank, eine gute Erziehung genoſſen! Allein Dein Vater iſt vor ſechs Jahren geſtorben, und die mir als ſeiner Wittwe ausbezahlte Penſion ſeit der Revo⸗ lution aufgehoben worden. Aber Du biſt gelehrt! Du verſtehſt das Griechiſche, Lateiniſche und die Ge⸗ ſchichte und haſt ohne Schwierigkeiten einen Platz in einer Druckerei gefunden, wo man Dich liebt und⸗ ſogar hochſchätzt; denn man kennt die Reinheit Deiner Grundſätze... Man weiß, daß Du ein Republikaner aber kein Terroriſt biſt. O! was das anbetrifft, iſt Dein Betragen kadellos. Und Dil wollteſt Dich von mir entfernen... Deine Stelle und Deine arme Mutter verlaſſen, um in den Krieg zu gehen und Dich um⸗ bringen zu laſſen? Ach! Maximus! das iſt ſehr un⸗ recht, und ich kann nicht begreifen, wie man ſich ſchã⸗ men möchte, ſeiner Mutter Stütze und Schutz zu ſein.“ 4 ——. 1 8 11 Am Schluſſe dieſer Worte wendete Frau Bertholin ihr Geſicht ab, um einige aus ihren Augen fallende Thraͤnen zu verbergen; aber M rimus ſtand eilig auf, küßte ſeine Muͤller. und ſagte:„Nun denn. Unrecht. 1 verzethen Ste mir.. Sverzeihen und Ferheſſen Sie es... Du willſt 4 icht mehr davon reden, mich zu Serlãſſeñ und Soldat 2b werden?...— Nein. nein, ich werde bei Ihnen bleiben.. aber geben Sie mir meine Car⸗ magnole, damit ich in die Druckerei gehen kann.“ Maximus hatte die Jacke angezogen und ſchickte ſich eben zum Weggehen an, als man mehrmals an die Thüre pochte, und ſich von einer weiblichen Stimme folgende Worte dabei vernehmen ließen:„Bürgerin Bertholin... ich bins, Euphraſia Picotin⸗Horatius. — Die Bürgerin Picpotin ſteckt alſo immer im Hauſe, ſagte Maximus kopfſchüttelnd; es ſcheint mir, ſie ſei alle Tage da.— Sie ſchwatzt gerne... es ſcheint auch, ſie habe daheim nicht viel zu thun... Und dann...“ Mutter Bertholin vollendete ihren Satz nicht, ſon⸗ dern blickte lächelnd ihren Sohn an. Dieſer öffnete die Thüre und eine neunzehnjährige hübſche, runde, roſige Frau mit lebhaftem Blicke und heiterer Miene trat alsbald ins Zimmer ein. Ihre Kleidung war ſo elegant, als es die damalige Mode geſtattete, je⸗ doch nicht geſchmackvoll, denn ſie trug eine Ueberladung mit allen Gegenſtänden des Damenpatriotismus und der Mode jener Zeit an ſich. So hatte dieſe junge Dame an ihrer Haube mit Backenſtreifen breite Spitzen⸗ rz und lie lgeformten —yy 7 u eiſchige Schultern der Bewu derung preis, waͤhrend das Auge auf zwei Alabaſterkugeln hinabſah, die lich nicht ſcheuten, am hellen Tage zur Schau getragen zu werden. Die junge Frau hüpfte ins Zimmer herein und rief aus:„Guten Tag, Bürgerin! befindeſt Du Dich beſſer? guten Tag, Bürger Maximus, ich hatte ſchon lange nicht mehr das Vergnügen, Dich zu treffen.“ Dieſe Worte wurden von einem ſehr anmuthigen, gegen den jungen Mann gerichteten Lächeln begleitet; dieſer ſchien jedoch nicht darauf zu achten, ſondern antwortete einfach:„Du haſt mich doch meines Wiſſens vorgeſtern hier geſehen, Bürgerin..— Vorgeſtern... glaubſt Du?... war's am Nonidi oder Octidi... nein, ich glaube es war am De⸗ cadi... bin ich am Decadi da geweſen, Bürgerin? — Ich erinnere mich deſſen nicht mehr... Auch verwirren mich dieſe Namen alle... ich finde mich niemals zurechte.— Wahrhaftig, Bürgerin, Dir geht's wie meinem Manne, dem armen Picotin⸗Horatius, ihn verwirrt Alles! glücklicherweiſe bring' ich ihn allemal wieder auf den rechten Weg... ich habe zum Glücke Kopf für uns Beide! Ach! Picotin wurde nicht für Handelsgeſchäfte geboren... eigentlich beſinne ich mich immer noch, wozu er geboren wurde.— Sag 13 ihm viel Schönes von mir, Bürgerin, verſetzte Ma⸗ rimus, im Begriffe ſich zu entfernen.— Wie, Bür⸗ ger Maximus, Du gehſt fort? ſagte die junge Frau in etwas beleidigtem Tone; bin ich vielleicht Schuld, daß Du ſo ſchnell durchgehſt 2...— O! nein, aber... — Mein Mann wollte Dich ſprechen... er will Dich in Betreff ſeines Schildes, den er verändern will, um Etwas befragen, er wünſcht Deinen Rath zu hören... Er weiß, daß dieſer immer gut iſt. Dann habe ich auch Deinem Freund Roger begegnet; er geht morgen zur Armee ab und will Dir vor ſeiner Entfernung Lebewohl ſagen...— So will ich mich beeilen, damit ich bald wieder zurückkehre... Mutter, wenn Roger kommt, ſo ſagen Sie ihm, er ſoll war⸗ ten; es würde mir ſehr leid thun, wenn er ohne Umarmung von mir abreiſen würde. Auf Wieder⸗ ſehen, Bürgerin!“ Mit dieſen Worten nahm Maximus einen runden Hut, worauf die Nationalkokarde ſteckte, und entfernte ſich, ſeiner Mutter zum Abſchied noch einmal zulächelnd. Während die gute Frau Bertholin, um ihrem Sohne nachzuſehen, in einem Nebenzimmer das Fenſter öff⸗ nete, welches auf die Straße ging, betrachtete ſich Madame wohlgefällig in einem auf dem Kamine be⸗ findlichen Spiegel und ſagte, indem ſie ihre Haube zurechtſetzte:„Weißt Du, Bürgerin Bertholin, daß Dein Sohn ein recht hübſcher Junge... ein ſchöner wohlgeſtalteter Mann iſt? Schade, daß er immer eine ſo ernſte, finſtere Miene hat... er lacht nie... das iſt bei einem jungen Manne auffallend.— Wir 14 leben in keiner Zeit, die zum Lachen ſtimmt, entgeg⸗ nete Maximus' Mutter, ſich wieder auf ihren Platz ſetzend.— Ach was!... wenn man immer traurig wäre, würde man mager und verlöre von ſeiner Friſche... Ich halte viel auf meine Farbe, um ſo mehr, als ich die Hoffnung hege, bei dem erſten Nationalfeſte, welches zu Ehren des höchſten Weſens veranſtaltet wird, die Göttin der Freiheit darzuſtellen. — Was?... Du willſt die Freiheit darſtellen! rief Frau Bertholin aus, indem ſie die junge Frau mit Staunen anblickte.— Warum nicht?. Ich bin, meine ich, hübſch genug dazu— Und das Koſtüm, das man anziehen muß, ſchreckt Dich nicht ab?— Das Koſtüm im Gegentheil verführt mich... Es iſt ein griechiſches Koſtüm, eine leichte Tunika und ein Mantel darüber her... Ah! ich weiß wohl, daß man die Formen hindurch ſieht, aber ſogar wenn man ſich nackt zeigen müßte, würde ich es im Augenblick, wo es für die Nation geſchähe, thun... Ol ich bin eine echte Sansculottin!— Ich merke es! Und Dein Mann?.. billigt er es, daß Du die Freiheit darſtellen willſt?— Das möcht' ich gerne ſehen, daß er es nicht billigte!... Iſt es nicht eine Ehre? O! und hat der arme Picotin einen andern Willen als den meinigen? Er wird entzückt ſein, wenn er ſeine Frau mit der phrygiſchen Mütze auf dem Kopfe in einem Wagen einhergezogen ſieht! O! ich wollte, es wäre ſchon ſo weit.“ Damit hüpfte die junge Frau im Zimmer umher und ſang: Ah! ga ira, ga ira, ca ira! — 15 Während Madame Picotin tanzte, erſchallte eine Stimme von der Straße her: es war die des Aus⸗ rufers, der die neuen am Vorabend vom Revolutions⸗ tribunale ausgeſprochenen Todesurtheile, deren Voll⸗ ziehung im Laufe des Tages Statt gefunden hatte, bekannt machte. Die Mutter des Maximus war wieder in das Zimmer hineingegangen, deſſen Fenſter Ausſicht auf die Straße gewährte, und horchte mit banger Sorge, ſank aber gleich, nachdem ſie den Namen Franz Bre⸗ mont vernommen hatte, auf einen Stuhl zurück und flüſterte:„Franz Bremont! armer Mann! er auch.. Ei, mein Gott! was konnte man den ſechsundſiebzig⸗ jährigen doch beſchuldigen?“ Euphroſia Picotin blieb auf einem Beine ſtehen, blickte Maximus' Mutter an, eilte, als ſie dieſe in Thränen ſah, auf ſie zu, und ſagte mit ziemlich ge⸗ rührter Stimme zu ihr:„Iſt Jemand Bekanntes von Ihnen darunter?“ „Ja, ein Greis, ein ſo braver Mann; er war der Freund, der Beſchützer meines Gatten, und man hat ihn verurtheilt...“ „Ol! unſtreitig gehen Dinge vor... die... aber was wollen Sie anfangen?... man darf nicht ein⸗ mal ſein Bedauern mit den Verurtheilten merken laſſen, ſonſt würde man ſelbſt für verdächtig ge⸗ halten, und vom Verdächtigſein bis zur Guillotine iſt es nicht ſehr weit... deßhalb ſtellt ſich auch Picotin ſo eifrig für die Republik, ſetzt eine rothe Mütze 16 auf und trägt eine Carmagnole, darum hat er ſeinem Namen noch Horatius beigefügt und tobt gegen die Ariſtokraten... Er fürchtet ſich ſo ſehr, der arme Mann!“ „Ah, das laſſe ich mir gefallen, entgegnete Mutier Bertholin, der jungen Frau die Hand drückend: ge⸗ ſteht mir, daß Ihr das Alles aus Furcht thut, dann werde ich Euch doch wenigſtens nicht verabſcheuen!“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein verworrener Lärm von der Straße her vernehmen: Geſchrei, Ge⸗ ſang, unzuſammenhängende Ausrufungen; bald kamen die Stimmen, ſchreiend und brüllend, näher. Dieſer Tumult wurde meiſt von Männern mit entblöster Bruſt, in Lumpen gekleidet, und mit rothen Mützen auf dem Kopfe, wovon die einen Säbel, die andern Piken, Flinten oder Piſtolen trugen, verurſacht; und in ihrer Mitte ſah man Weiber mit ſtarrem Blicke, leichenblaſſem oder weingeröthetem Antlitze, deren Haare furienartig um ihre Schultern herumflatterten, ebenfalls bloße Säbel in den Lüften ſchwingend und noch lauter als die Männer ſchreiend: „An die Laterne mit den Ariſtokraten! an die Laterne!..“ Dieſe ſchreckliche Gruppe umringte einen kleinen Greis in blauem Fracke mit gepuderten und durch eine Bandſchleife geknüpften Haaren, der blaß und zitternd denen, die ihn arretirt hatten, begreiflich zu machen ſuchte, er ſei kein Ariſtokrat, obgleich er ſich pudere und einen Sammetkragen auf ſeinem Frack trage, und man müſſe einen Mann deßhalb, weil er 6 Panl de Kock. XV., 17 im Verdachte ſtehe, verdächtig zu ſein, noch nicht aufhängen.. Wo die Wüthenden vorüberkamen, zogen ſich eilends die Kaufleute in ihre Hallen zurück und faſt alle ge⸗ öffneten Fenſter wurden zugemacht; aber Euphraſia Picotin blieb an dem Fenſter und während Maximus' Mutter in das vordere Zimmer entfloh, um das ſie angreifende Geſchrei nicht zu hören, neigte ſich die junge Frau vor das Fenſter hinaus, klatſchte in ihre Hände und ſchrie: „Ja, nieder mit den Ariſtokraten! Alles an die Laterne!“ Dieſer Ausruf, der hätte mißdeutet werden können, entzückte im Gegentheil einen der Herrn mit den Pi⸗ ken, und da das Erdgeſchoß, worin ſich Euphraſta befand, nur einen Schuh über die Straße erhaben war, ſo näherte ſich der Sansculotte dem Kreuzſtock und ſagte zu der jungen Frau: „Du biſt ein braves M. ſch! Wahrhaftig, Du verſtehſt die öffentlichen Angelegenheiten... willſt Du mich küſſen?“ „Mit Vergnügen, Bürger! entgegnete Euphraſia, indem ſie ſich aus dem Fenſter beugte, während der Sansculotte auf die Zehen ſtand, um die friſchen und roſigen Wangen zu erreichen, die man ihm darbot. Dann wurde ein ſehr hörbarer Kuß auf das Geſicht⸗ der jungen Frau gedrückt, ihr eine Hand gegeben, und der Mann eilte ſeinen Genoſſen nach. Als er ſich entfernt hatte, machte die Bürgerin Picotin das Fenſter wieder zu und ſetzte ſich, ihre Wangen abreibend, 2 1 18 mit einer Miene, worin ſich einiges Mißvergnügen über die eben ſtattgefundene Liebkoſung ausdrijt neben Frau Bertholin nieder. Zweites Kapitel. Die holländiſche Familie. Eine halbe Stunde war ſeit dem Vorfall am Fenſter verfloſſen; Frau Bertholin hatte wieder eine Arbeit zur Hand genommen; Euphraſia tanzte nicht mehr, rieb aber von Zeit zu Zeit ihre Wangen ab und brummte: „Picotin kommt nicht aus der Sektion zurück... ich hatte ihn hierher beſtellt... Dein Sohn bleibt auch hübſch lange aus.. Und Roger der zum Abſchied⸗ nehmen kommen wollte... Armer Roger!... er ſagt, er reiſe gerne... Ei! er war recht verliebt in mich... und es hat ihm vor zwei Jahren, als ich Picotin heirathete, ſehr wehe gethan, obgleich er ſich darein zu fügen ſchien. Mir hat er auch nicht übel gefallen; jedenfalls beſſer als Anacharſis Picotin... denn vor allen Dingen iſt er hübſcher; nicht als ob mein Mann häßlich wäre, aber er ſieht dumm aus! ... und das nimmt mit den Jahren immer mehr zu! aber meine Tante wollte, daß ich Picotins Gattin werde, ſie ſprach zu mir: Er hat Vermögen und iſt ein gemachter Mann, während Dein kleiner Roger ein armer Schlucker iſt. Ich gehorchts meiner Tante. 19 Denn ich dachte bei mir: wenn ich verheirathet bin, wird uns Roger beſuchen... und ich werde ihn oft zum Mittageſſen einladen. Aber der Herr hat einen Groll gegen mich im Herzen behalten und achtzehn Monate mit mir getrutzt, kaum ſeit ſechs Monaten kommt er in unſer Haus, und jetzt geht er zur Ar⸗ 5 mee ab! Sehr ärgerlich; das wird eine Leere in mir, ſo wie in meinem Manne, der Roger ſehr lieb hatte und alle Abend ſeine Partie Domino mit ihm ſpielte, zurücklaſſen!“— Maximus' Mutter ſchenkte dem Geſpräch der jun⸗ gen Frau äußerſt wenig Aufmerkſamkeit, ſie ſchien ganz in ihre Betrachtungen verſunken zu ſein; zu⸗ weilen aber ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus, flü⸗ ſterte den Namen Franz Bremonts, und wiſchte ſich die aus ihren Augen fallenden Thränen ab. Plötzlich hörte man das Geraſſel einer Chaiſe; bald hielt ſie vor dem Hauſe ſtill, und man vernahm die Stimme des Kutſchers, der bat, man möchte ihm die beiden Flügel des Hofthores aufmachen. „Das iſt der Wagen des Her..., des Bürgers Derbrouck, ſagte Frau Bertholin; er kommt ohne Zweifel mit ſeiner Frau von Paſſy.“ „Wer iſt denn der Bürger Derbrouck?“ fragte Euphraſia, nachdem ſie den hübſchen bürgerlichen, vor dem Hauſe haltenden Wagen betrachtet hatte. „Ein holländiſcher Bankier, der ſich ſeit einigen Jahren in Frankreich niedergelaſſen hat; ach! das iſt ein ſehr braver Mann, und ebenſo gutmüthig und gefällig, als rechtſchaffen.“ 20 „Wie mag er es riskiren in gegenwärtiger Zeit noch eine Equipage zu halten, wo ſich Jedermann Hütet, reich zu ſcheinen, aus Furcht, man könnte ihn für einen Ariſtokraten halten?“ 3„Es ſcheint, He... der Bürger Derbrouck fürchtet ſich nicht. Er iſt ein Mann, der den freiſinnigen Ideen ergeben iſt, der das Volk liebt und die Unter⸗ drückung haßt. Er ſteht mit mehren Mitgliedern des Wohlfahrtsausſchuſſes in genauer Verbindung; He⸗ bert, General Ronſin und viele andere ausgezeichnete Perſonen dieſer Epoche gehen bei ihm aus und ein. Ich geſtehe, das ſetzt mich in Verwundrung! Herr Derbrouck ſieht ſo ſanft, ſo liebenswürdig aus... Wie mag er mit Männern von ſo erxaltirten Anſich⸗ ten umgehen!... Allein, wie mein Sohn ſich aus⸗ drückt, ich verſtehe nichts von der Politik.“ „Wie alt iſt dieſer Bankier?“ „Einige dreißig Jahre; er iſt ein prächtiger Mann und hat ein ſo merkwürdig ſchönes Geſicht, daß ihn beinahe alle Frauen und viele Männer des Quartiers den ſchönen Holländer nennen.“ „Ach! ich bin neugierig, ihn zu ſehen... Iſt er verheirathet?“ „Ja; ſeine Frau iſt jung, hübſch und ſehr mild⸗ thätig; nie hat ſie die Bitte eines Unglücklichen zu⸗ rückgewieſen, und in jetziger Zeit, wo das Brod ſo theuer und ſo rar iſt, kenne ich mehr als einen, der es ohne ihre Unterſtützung entbehren müßte. Schreck⸗ lich und beklagenswerth iſt nur, daß gerade Diejeni⸗ gen, welche die Wohlthaten des wackern Herrn Derbrouck 21 genießen, die erſten ſind, die ihn verdammen!... Davon muß ich jedoch Prosper ausnehmen. Ol der iſt ein guter Junge und ginge, dafür kann ich ſtehen, trotz ſeines Leichtſinns und ſeiner gewöhnlichen Locker⸗ heit... weiß nicht wohin, um der Familie Derbrouck von Nutzen zu ſein“ „Wer iſt der Prosper?“ „Ein ganz junger, etwa achtzehnjähriger Mann. Prosper Breſſange iſt der Sohn eines Seidewaaren⸗ händlers; unglücklicherweiſe wurde er frühe ſchon Waiſe; ſein Vater hatte einiges Geld erſpart, damit war aber der kleine Prosper bald fertig! Mit ſech⸗ zehn Jahre gab dieſer junge Herr ſchon Gaſtmähler, regalirte ſeine Freunde in den beſten Reſtaurants, hatte den Teufel im Leib, warf Fenſterſcheiben ein, beſchimpfte die Vorübergehenden und ſcheute ſich ſogar nicht, zuweilen in den Sektionsausſchuß zu gehen, um dort die Redner, wenn ihnen irgend eine Dumm⸗ heit entfuhr, was häufig genug vorkam, laut zu ver⸗ höhnen und auszulachen.“ „Ach! ja... ja. Prosper Breſſange... ich erinnere mich... ich habe ihn hier geſehen... Er iſt ein Freund von Deinem Sohne; hat auch ſehr hübſche Augen... ſieht zwar etwas leichtſinnig aus... aber das gefällt mir bei einem Manne; man darf wenig⸗ ſtens etwas von ihnen hoffen. Was? dieſer Junge iſt erſt achtzehn Jahre alt!... er ſcheint ſchon vierund⸗ zwanzig! er iſt bereits vollkommen ausgebildet... Und was treibt er jetzt?“ „Nachdem er die ganze Hinterlaſſenſchaft ſeines * — 22 Vaters aufgezehrt hatte, durfte er es für ein Glück halten, Beſchäftigung in der Druckerei zu finden, wo Maximus iſt, aber er arbeitet leider nicht oft! So⸗ bald er eine Aſſignate verdient hat, läuft er davon, um ſie wieder zu verſchwenden... außerdem ſucht er immer Abenteuer, Streitigkeiten, Zänkereien... ſchlägt die Leute, wirft ihnen die Fenſter ein, und ohne Herrn Derbrouck, der ihn oft aus Verlegen⸗ heiten riß, indem er für ihn bezahlte, wäre Prosper ſchon längſt in Verhaft!“ „Wodurch iſt der Junge dem holländiſchen Bankier bekannt?— Prosper wohnt im Hauſe... ganz hoch oben, in einem Manſardenſtübchen, und als Frau Derbrouck vor zehn Monaten niederkam, gerieth Prosper auf den Einfall, im Hofe ein Kunſtfeuerwerk abzubrennen! An demſelben Tage prügelte er ſich mit Goulard, dem Portier, der behauptete, es ſei ihm eine Rakete ins Aug' gefallen... ich weiß nicht, ob es wahr iſt, aber ich geſtehe, daß ſein vorher ſchon falſcher und ſchielender Blick ſeitdem noch ab⸗ ſcheulicher iſt.“ „Hat Madame Derbrouck noch mehre Kinder?— Nein, ſie hat nur ihr einziges kleines zehn Monate altes Töchterlein, welches ſie ſäugt. O! ſie iſt ſchön wie ein Engel... Aber es ſcheint mir, während wir mit einander reden, durchaus nicht, als ob der Por⸗ tier das Hofthor aufmache...“ Straße.“ „Dann will ich aufmachen; Goulard iſt vielleicht „Nein, der Wagen ſteht immer noch auf der 23 nicht zu Hauſe, er genirt ſich nicht beſonders! ſtatt ſeine Thüre zu bewachen, perorirt er in der Sektion. Der muß ſchöne Dinge ſprechen! ein ſo bösartiger Mann.“ Beim Schluſſe dieſer Worte erhob ſich die gute Dame und öffnete die Thüre ihres Zimmers, welche auf einen kleinen Vorplatz und dann in den Hof führte, dort hob ſie eilig die Eiſenſtangen aus, welche die beiden Flügel des Hoſthores ſchloſſen, und das Gefährt des Bankiers fuhr in den Hof herein. Ein Mann von einigen dreißig Jahren ſtieg ab; Maximus' Mutter hatte dem Bilde, welches ſie bei Euphraſia von ihm gemacht hatte, nicht geſchmeichelt; man konnte nicht leicht ein ſchöneres Angeſicht neben einer vornehmeren, regelmäßigeren Geſtalt antreffen; eine edle, ſanfte, leutſelige Miene erhöhte noch den über das ganze Weſen des holländiſchen Bankiers verbreiteten Reiz. Herr Derbrouck war ſchwarz gekleidet und mit Puder friſirt; dieſe obgleich einfache Kleidung war für die damalige Zeit doch zu geſchmackvoll und bildete einen auffallenden Contraſt mit allen Car⸗ magnolen, die man ſah. Der Holländer reichte ſogleich einer ſechs⸗ bis ſiebenundzwanzigjährigen Frau, die nebſt ihrer Kam⸗ merjungfer, welche ein kleines Kind auf den Armen trug, aus dem Wagen ſtieg, die Hand. Madame Derbrouck trug eine geſchmackvolle aber höchſt be⸗ ſcheidene Kleidung. Man bemerkte, daß ſie nicht durch ihre Toilette auffallen wollte. Sie war eine 24 mehr hübſche als ſchöne Frau, deren Züge eher an⸗ genehm als geregelt genannt werden konnten; klein, weiß und zärtlich: man mußte ſtaunen, daß ſie kräf⸗ tig genug war, ihr Kind zu ſäugen. Aber kaum ſtand ſie auf dem Boden, ſo nahm ſie eilends wieder das Kind auf die Arme, welches die Kammerjungfer trug. Euphraſta war an das auf den Hof gehende Fen⸗ ſter getreten und bemühte ſich, obwohl es dunkel war, die aus dem Wagen ſteigenden Perſonen zu ſehen; bald wurde jedoch ihre Neugierde vollſtändig befriedigt; denn ſtatt ſogleich in ihre Wohnung im erſten Stock hinaufzugehen, lenkten Herr und Frau Derbrouck ihre Schritte gegen das von Frau Ber⸗ tholin bewohnte Erdgeſchoß und traten in dem Augen⸗ blick ein, wo dieſe ein eben angezündetes Licht auf den Kamin ſtellte. „Ich ſtatte Dir meinen Dank ab, Bürgerin Ber⸗ tholin,“ ſagte der Bankier ins Zimmer tretend: „Du warſt ſo gütig, uns das Hofthor aufzumachen. Denn wie es mir ſcheint, iſt der Portier ausgegangen. — Ja, Bürger; aber es lohnt ſich der Mühe nicht, Dich aufzuhalten, um mir zu danken und Mada... die Bürgerin hier herein zu nöthigen, ſie könnte vielleicht frieren... und das iſt gefährlich beim Säugen.“ „Ol es iſt keine Gefahr zu fürchten! erwiderte lächelnd des Holländers Gattin. Ich bin zu warm eingemacht, als daß ich mich erkälten könnte. Es freut mich, Bürgerin, dieſe Gelegenheit zu benützen, 2⁵ um Dir meine kleine Pauline zu zeigen. Schau, wie findeſt Du ſie?“ „Allerliebſt! o! das kleine Herzchen!“ rief die Wittwe, das ihr dargebotene Kind betrachtend, aus. Jetzt näherte ſich auch Euphraſia, ſtieß einen Schrei der Bewunderung aus und küßte die Kleine, während ſie ſprach:„O! ja... das iſt ein Engel! Du er⸗ laubſt es, Bürgerin 2.. Ich liebe die Kinder ſehr! . das ſage ich unaufhörli meinem. ſeit den zwei Jahren, die wir ver⸗ eirathet ſind... Aber umſonſt! Picotin iſt ſo dumm.. es hilft nichts! de ommt vielleicht noch.. mit der Zeit Ich habe jedenkalls nichts. dagegen.⸗ adame Derbrouck lächelte über Euphraſia's Ge⸗ plauder, die, während ſie das Kind bewunderte, fort⸗ während den Vater anblickte. „Und Dein Sohn, Bürgerin, arbeitet noch immer in ſeiner Druckerei?“ fragte der Holländer, als Frau Picotin zu reden aufgehört hatte. „Ja, Bürger, immer; o! Marimus iſt kein Faulenzer; er iſt ſogar dieſen Abend noch zum Ge⸗ ſchäft gegangen.“ „Dein Sohn iſt ein braver, tüchtiger Junge, Bürgerin! voll Kenntniß, Talent und Fähigkeit! wenn ihm etwas daran liegt, ſo wird es, davon bin ich überzeugt, nicht lange anſtehen, und man trägt ihm ein ebrenvolles Amt an... das wäre zum Wohl der Republik zu wünſchen; Männer wie Deinen Sohn ſollte man auf der Rednerbühne und im Convente ſehen... Ah! dann ginge Alles weit beſſer!“ 26 „Ich danke Dir, Bürger, im Namen des Maxi⸗ mus, allein mein Sohn iſt nicht ehrgeizig... viel⸗ leicht nur zu wenig... Seit einiger Zeit, da er ſteht, daß es nicht geht, wie er hoffte, iſt er traurig, flieht die Menſchen und kehrt nach beendigter Arbeit zu mir zurück, liest mir die römiſche und griechiſche Geſchichte vor und entflammt und begeiſtert ſich und denkt ſich an die Stelle der großen Männer des Alterthums.“—— „Nun ſo iſt er wie mein Mann, ri aua: der hat eine wahre Leidenſchait, mir von Rö⸗ mern vorzuleſen und zu „Das iſt ganz richtig,“ entgegnete Herr Der⸗ bouck lächelnd; dann zog er eine Börſe aus der * Coque, cocu, unüberſetzbares Wortſpiel; cocu heißt auf deutſch: Hörnerträger, Hahnrei.. 27 Taſche, nahm mehre Sechslivresthaler heraus und überreichte ſie Maximus' Mutter mit den Worten: „Bürgerin Bertholin, Du warſt ſchon ſo gütig, mich mit den meiſt bedürftigen verſchämten Armen dieſes Quartiers bekannt zu machen; ſeit einigen Tagen jedoch war ich in Paſſy und es wird ſich ohne Zweifel während deſſen irgend ein neues Unglück um uns her zugetragen haben; das Unglück naht ſich in unſerer Schreckenszeit oft ſo haſtig. Die Republik will das Glück des Volkes, aber es gibt tauſend geheime Leiden, die ſie nicht erfahren oder worauf ſie keine Nückſicht nehmen kann. Nun! willſt Du wohl ſo gefällig ſein, Bürgerin, und noch einmal die Mühe übernehmen, dieſes in meinem Namen an Solche ver⸗ theilen, deren Noth am dringendſten iſt?— Ach! Bürger Derbrouck, wie gut biſt Du! antwortete die arme Wittwe, während ſie das ihr überreichte Geld annahm; ja gewiß werde ich Deinen Auftrag mit Stolz beſorgen und mich glücklich ſchätzen, ihn treu und eifrig zu erfüllen. Ach! die ganze Welt ſollte Dich ſegnen, und doch...“ 3 Die gute Frau hatte dieſe letzten Worte ſehr leiſe ausgeſprochen, aber Euphraſia war ihr ſchon in die Rede gefallen und rief aus:„Klingende Münze.... Potz Tauſend! die trifft man ſelten. Picotin behaup⸗ tet, die Aſſignaten hätten einen höhern Werth... das iſt eine weitere Dummheit meines Gatten! er wollte unſer ganzes Beſitzthum: Juwelen, Silber, Mö⸗ beln, Alles in Aſſignaten vertauſchen. Ich glaube, er hätte mich auf Aſſignaten gebettet, wenn ich ihm 28 ſeinen Willen gelaſſen hätte, aber ich widerſetzte mich, und ſagte zu ihm: Horatius Cocu... Coquès ... doch gleichviel, der Namen thut nichts zur Sache; kurz ich ſagte zu ihm: Lieber Gemahl, gute Matrazen ſcheinen mir in einer recht einträchtigen Ehe das erſte Bedürfniß! Deine Aſſignaten ſind ganz prächtig, aber wenn man zu viel auf einmal... wenn ich zu meinem Mittageſſen für ſechzig Franken Fleiſch, oder für achtzig Franken eine Henne kaufe, ſo bemerke ich, daß man weit lieber ein Achtzigſousſtück nehmen würde.“ Herr Derbrouck und ſeine Frau verabſchiedeten ſich von der Wittwe Bertholin und waren im Begriff, in ihre Wohnung hinaufzugehen, als plötzlich die Thüre aufgeriſſen wurde und eine weitere Perſon in's Zimmer trat. Es war ein kleiner, unterſetzter Mann, deſſen krumme ſäbelförmige Beine einen beinahe eben ſo breiten als hohen Körper trugen. Das Angeſicht dieſes Menſchen war von abſtoßender Häßlichkeit, denn außer einer platten eingekrümmten Naſe, rothen Haaren und einem ungeheuren Munde drückte ſich in ſeinen blaßgrünen Augen, die er immer um ſich herrollte, eine fürchterliche Wildheit aus, die ſich zuweilen hinter einem falſchen und teufliſchen Lächeln verbarg.. Sein Koſtüm war das nämliche, wie däs jener Leute, die den kleinen im Verdacht des Verdäch⸗ tigſeins ſtehenden Greiſen verfolgten; es beſtand aus kurzen, weiten Beinkleidern, einer offenen Car⸗ magnole und einem groben vorn voneinander ſtehenden 4 29 Hemde, weßhalb man ſeine mit langen, rothen Haaren bedeckte Bruſt nackt ſah; auf dem Kopfe trug er eine ungeheure Mütze von Otternfell, mit einem langen hinten über die Schultern herabhängenden Fuchs⸗ ſchwanze; eine breite Kokarde an der Kappe, eine Pfeife im Munde und die Aermel ſeiner Jacke bis zu den Ellbogen zurückgeſtülpt, vollendete in dieſem Au⸗ genblicke das Bildniß Goulards, genannt Leonidas, des Portiers im Hauſe. „Wer hat ſich erlaubt, mein Hofthor aufzumachen?“ ſchrie der Portier mit einer Stentorſtimme beim Ein⸗ tritt in Frau Bertholins Zimmer, ohne zu grüßen oder nur mit der Hand an ſeine Mütze zu langen. Beim Anblick Goulards konnte Madame Derbrouck eine Bewegung des Schreckens und Abſcheus nicht unterdrücken, dann richtete ſie ihre Blicke auf ihren Gatten, als ob ſie ihn anflehen wollte, ſich zu bemei⸗ ſtern und dieſen Mann nicht zu behandeln, wie er es verdienen würde. Ein Blick ihres Mannes beruhigte ſeine Frau, während die Wittwe Bertholin mit ganz ruhigem Tone antwortete:„Ich habe die Thüre auf⸗ gemacht, es hat wohl ſein müſſen, weil Du nicht zu Hauſe warſt.— Nein, es hat nicht ſein müſſen!... Meine Thüre iſt meine Sache. Man braucht ſich nicht darein zu miſchen, ich dulde es nicht!... Ich ſitze auf mein Recht hinauf wie auf die Menſchenrechte! — Was der Teufel, Bürger Goulard, Du biſt ſehr despotiſch für einen Republikaner! verſetzte Herr Der⸗ brouck, der ſich bemühte, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.— Vor allen Dingen bin ich nicht Goulard & 30 mehr! ich heiße nicht mehr Goulard, mein Name iſt jetzt Leonidas! So wird man mich nennen, wenn man eine Antwort von mir erhalten will.— Leoni⸗ das, es ſoll geſchehen!... Nun wenn Du Dich auf Deinem Poſten befunden hätteſt, ſo wäre ein Anderes nicht genöthigt geweſen, ſich zu bemühen, um mir Deine Hofthüre aufzumachen... Du konnteſt doch ohne Zweifel nicht verlangen, ich ſoll mit meinem Gefährt auf der Straße bleiben?— Iſt es eine Nothwendigkeit, Chaiſen und Karoſſen zu haben! Haben unter der einzigen und untheilbaren Regierung die guten Patrioten nicht Füße zum laufen?— Ich glaube, daß die Menſchen zu allen Zeiten Füße zum Laufen hatten; aber wenn man einen weiten Weg zu machen hat und ſich nicht ermüden will, ſo ſehe ich keinen Grund, warum man ſich nicht einer Chaiſe bedie⸗ nen ſollte, wenn man eine hat... Es beſteht noch kein Geſetz, welches das verbietet. Uebrigens bin ich zu gut, Dir alles das auseinander zu ſetzen, denn ich brauche Dir keine Rechenſchaft zu geben. Du ſollteſt Dich entſchuldigen, daß Du nicht bei Deiner Thüre geweſen biſt.“ Man hörte an Herrn von Derbroucks Stimme, daß ihm die Geduld auszugehen anfing, und er nur noch mit Mühe ſeinen Zorn zurückhielt. Allein ſeine Frau ſchaute ſortwährend mit flehendem Blicke zu ihm auf; und während die Wittwe Bertholin den Portier verachtend anſah, war die blaſſe und zitternde Euphraſia keines Wortes mehr mächtig. „Mich entſchuldigen, weil ich nicht bei meiner 31 Thüre war! entgegnete der Portier mit Achſelzucken. Wahrhaftig!... da müßte ich mich oft entſchuldigen! ... Muß ich nicht bei meinem Sektionsausſchuſſe ſein, wenn ich Berichte zu erſtatten habe... oder Motio⸗ nen für die Gemeinſchaft und Gleichheit... der Un⸗ theilbarkeit vorzuſchlagen habe! Und abgeſehen davon, liebe ich die Gefährte nicht und will mich der Ari⸗ ſtokraten wegen nicht ſtören laſſen...— Was hat Euch berechtigt, mich ſo zu nennen?“ rief Derbrouck aus. Der Portier wollte antworten, als ſich die Wittwe Bertholin zwiſchen ihn und den Holländer ſtellte und zu Goulard ſagte:„In der That, Bürger Leo... Leonidas, ich begreife Dein Benehmen nicht... Was! Du ſcheinſt den Bürger Derbrouck herausfordern zu wollen... Du vergißt alſo, daß dieſer wackere Mann auch Dein und der Deinigen Wohlthäter war?... Wer ſchickte Dir vor drei Monaten, als Du krank warſt, Kraftbrühe und Fleiſch?... Dieſe gute Dame war es... Und als Du Dich beklagteſt, keine gehörig warme Kleidung zu beſitzen, wer gab Dir Geld hiezu und auch zu Anſchaffung von Holz und Wein?... der Bürger Derbrouck... Er unterſtützte Dich jeder⸗ zeit!— Nun! was beweist das?... Hat er mir gegeben, ſo geſchah es, weil er im Ueberfluß hat, das iſt's Ganze!... Und wer im Ueberfluß hat, dem muß man nehmen.“ Der Portier brummte dieſe Worte zwiſchen den Zähnen, während Maximus' Mutter die Augen gen Himmel erhob und flüſterte:„Mein Gott! da thue Je⸗ mand Gutes, um ſolchen Dank zu ernten!— Es handelt ſich nicht darum, was ich gethan habe! fuhr der Bankier fort, und ich verlange durchaus keinen Dank dafür; den Bedürftigen Gutes zu thun, iſt eine Pflicht, worauf man nicht ſtolz zu ſein braucht. Aber heute, wo ich Dir Dein Unrecht, daß Du zum Oeffnen der Thüre nicht zugegen warſt, bemerklich machen will, ſollteſt Du mir, denke ich, höflich antworten.— Und ich denke, man brauche mir keine Lektionen zu ertheilen, noch auch meinen geſellſchaftlichen Werth und meine mit Jedem gleichen Menſchenrechte zu er⸗ niedrigen! Sorg' für Dich, Bürger Derbrouck, ſprich nicht ſo von oben herab und mach kein ſolches Weſen, denn man könnte Dir Dein Maul... ordentlich ſtopfen!— Was ſoll das heißen, Elender, ich glaube Du wagſt es, mir zu drohen?— Schon gut, ſchon gut! man weiß, was man weiß... man kennt das Einverſtändniß der Ariſtokraten mit den Ausländern. Man wird der Nation die Augen öffnen, über die⸗ jenigen, die Chaiſen haben.— Ahl das geht zu weit, ich muß den Kerl züchtigen!“ Mit dieſen Worten hebt der Bankier ſeinen Arm gegen den Portier auf; aber Madame Derbrouck ſtößt einen Schrei aus und ſtürzt ſich auf ihren Gat⸗ ten, um ihn zurückzuhalten; Mutter Bertholin thut ein Gleiches, ſogar Euphraſia vergißt ihren Schreck und eilt herbei, um mit beiden Armen den ſchönen Holländer zu umfaſſen und zurückzuziehen. Während deſſen ſtellt Goulard eines ſeiner Beine zurück, breitet beide Arme aus und nimmt ſomit eine Stellung an, wie ein Menſch, der das Pantoffelſpiel beginnen will. 33 Aber Jemand, der eben haſtig ins Zimmer ein⸗ trat, gab dieſer Scene eine andere Wendung. Der Neuangekommene war ein junger, ſchlanker, hochgewachſener Mann; er hatte ſchlechte Beinkleider und eine ziemlich elegante Jagdjacke an, und trug eine Art aus Papier gemachte Mütze auf dem Kopfe, die recht kokett auf dem Ohre ſaß; ſeine Geſichtszüge waren fein und geiſtreich, ſeine großen, blauen Augen hatten einen kühnen, zuweilen höhniſchen, aber ſtets heitern Ausdruck, und ſeine breite und hohe Stirne zeugte von einem Kopfe, der große Gedanken zu faſſen und auszuführen im Stande war. Als Prosper Breſſange, dieſer war der eben Ein⸗ getretene, Goulards Bewegung ſah, die Herrn Der⸗ brouck zu bedrohen ſchien, ſtellte er ſich vor den Por⸗ tier, packte ihn bei den Armen und ſchleuderte ihn mehrmals im Zimmer herum, indem er ausrief: „Was ſoll das heißen?. Leonidas will gymnaſtiſche Uebungen anſtellen, ſeine ſchöne Taille... und ſein Dachsgeſtell bewundern laſſen. Wohlan denn! wir wollen uns drehen, tanzen und der Geſellſchaft zeigen, wie hübſch wir ſind!“ Während deſſen drehte er den Portier an einem fort im Kreiſe herum. Dieſer wehrte ſich und ſuchte ſich loszumachen, indem er ſchrie:„Willſt Du mich loslaſſen, kleiner Galgenſtrick! es handelt ſich nicht vom Tanzen und Spaßen... verſtehſt Du? und ein Rotzbube darf ſich nicht in Angelegenheiten miſchen, die das Wohl der Republik betreffen!— Ein Rotz⸗ bube! entgegnete Prosper, den Portier feſt an den Paul de Kock. XV. 3 Fäuſten haltend, daß dieſer ſich nicht rühren konnte. Ol Du mußt in dieſem Augenblicke ſpüren, daß dieſer Rotzbube Meiſter über Dich iſt, und Dich tüchtig durchwalken würde, wenn Du Dir in ſeiner Gegen⸗ wart noch die geringſte Unverſchämtheit gegen Leute erlaubteſt, die Du achten, ehren und ſegnen ſollteſt! Mich wie ein Kind zu behandeln!... Du vergißt, Leonidas, daß es in unſerer Zeit keine Kinder mehr gibt... und wenn Du im Nationaltheater geweſen wäreſt, ſo hätteſt Du dieſe Verſe behalten: „..In Herzen rechter Art Wächst Muth und Kraft, bevor die Wange bräunt der Bart.“ „Das hat Voltaire geſagt, und Voltaire war nicht links... Ach, denk Dir, Scheim! armer Leoni⸗ das, wenn er Dich jetzt in Deiner ſchönen Stellung geſehen hätte, ſo bin ich überzeugt, würde er Dich aufgefordert haben, Schauſpieler zu werden... Du hätteſt prächtig ausgeſehen mit einem Helm und einer Tunika; nicht wahr, Bürger Derbrouck?“ Während dieſes Geſpräches zwiſchen dem Portier und dem jungen Manne hatte der Bankier Zeit ge⸗ habt, ſich zu beruhigen und die Bitten ſeiner Frau anzuhören; mit ſeiner ihm gewöhnlichen freundlichen Miene klopfte er Prosper auf die Schulter und ſagte: „Gute Nacht, Prosper, gute Nacht, mein Sohn; Du kamſt ſehr gelegen.. Du haſt mich wieder zu mir ſelbſt gebracht... und ich fühle nun, wie unver⸗ nünftig ich war, mich ſo aufbringen zu laſſen. Doch es iſt Zeit, zu uns hinaufzugehen, Du mußt müde 35 ſein, meine Liebe... Ich empfehle mich, Bürgerin, gute Nacht!“ Herr Derbrouck hatte ſeiner Frau den Arm ge⸗ reicht, während er ſich freundlichſt von Frau Bertho⸗ lin verabſchiedete. Die Gattin des Holländers, er⸗ freut, eine Scene, deren Folgen ſie ſchon gefürchtet hatte, ſo ausgehen zu ſehen, eilte, ſich mit ihrem Manne zu entfernen, beim Hinausgehen drückte ſie jedoch die Hand der guten Wittwe und warf einen dankbaren Blick auf Prosper, während ſie ihm zu⸗ flüſterte:„Ich danke Dir, mein Freund... ich danke!“ Euphraſta machte dem ſchönen Holländer ein gra⸗ ziöſes Compliment, indem ſie ihm bis zur Thüre mit den Augen folgte; der Portier zog die Augbrauen zuſammen, wendete den Kopf ab und brummte: „Geh! Ariſtokrat, das ſollſt Du mir bezahlen.— Und nun, fragte Prosper, ſich ans Feuer ſetzend, als die holländiſche Familie weggegangen war, nun ſage mir doch, mein kleiner Goulard, was Du ſo eben mit dem guten Bürger Derbrouck hatteſt?... Hat er Dich in der Sektion peroriren hören und Dir ſein Compliment über Deine neu ausgeſprochenen Ideen gemacht? Ach! ach! wie Schade Mutter Bertholin, und Sie, ſchöne Bürgerin, daß Sie nicht zugegen waren, als Leonidas ſeine Rede hielt... Sie hätten ſchöne Dinge gehört!— Sie kommen alſo aus dem Ausſchuß? ſagte Euphraſia, ſich neben Prosper nie⸗ derlaſſend.— Allerdings... es unterhält mich ſehr, mich dort herumzutreiben, man hört oft komiſche Motionen... wie heute zum Beiſpiel..— Das iſt 36 ihm lieber als arbeiten, verſetzte Mutter Bertholin mit unzufriedener Miene.— Man muß doch wiſſen, was die Redner ſeines Quartiers ſprechen. Stellen Sie ſich vor, Bürgerin, daß Leonidas Goulard... oder Goulard Leonidas, der hier vor Ihnen mit Tigerkatzenaugen auf und abgeht, zuerſt den Vor⸗ ſchlag machte, den Hafen von Havre nach Gros⸗ Caillou zu verſetzen, damit man in Paris leichter Auſtern bekommen könne; ſodann ſchlug er, wahr⸗ ſcheinlich um ſeine Stelle einträglicher zu machen, vor, man ſolle alle Bewohner eines Hauſes zwingen, das Viertheil ihres Einkommens, und im Falle, daß nur zwei Miethleute darin wären, die Hälfte deſſelben an den Portier abzugeben; Sie ſehen hieraus, daß ſich dieſer Schelm nicht vergißt und in ſeiner Vater⸗ landsliebe und ſeinem Gleichheitseifer die Portiers vor allen Dingen reicher machen will, als alle Uebrigen; und in ſeinem letzten Antrage ſtellte er die Behaup⸗ tung auf, daß der Weiberwechſel durch die Scheidung noch nicht genug erleichtert ſei, und man deßhalb ein Geſetz gründen ſolle, welches den Männern geſtatte, ſich nach Willkür auf einen Monat, vierzehn oder acht Tage zu verheirathen! Ich muß Ihnen mit Bedauern geſtehen, daß die drei Vorſchläge des Bür⸗ gers Leonidas wenig Anklang fanden!“ „Auf acht Tage heirathen, ſagte Euphraſia lä⸗ chelnd, das wäre ein wenig türkiſch... vielleicht aber nicht allzu unangenehm!— Nach meiner Anſicht, ſagte Prosper, wäre es dann beſſer, gar nicht zu heirathen! 17 37 „Du verhöhnſt meine Motionen! verſetzte Gou⸗ lard, fortwährend im Hintergrund des Zimmers auf⸗ und abſpazierend, aber ich wiederhole Dir, Du ver⸗ ſtehſt nichts von den politiſchen Angelegenheiten... Siehſt Du, wir laſſen uns jetzt nicht mehr wie Schlachtthiere herumführen... Heutzutage iſt Jeder unterrichtet!— Schreib mir doch einmal, was Du gerade geſagt haſt?— Man muß nicht nothwendig ſchreiben können, um Gedanken zu haben!— Ganz richtig, aber man muß gute Gedanken haben, oder ſich nicht in Dinge miſchen, wovon man nichts ver⸗ ſteht... Du und Deinesgleichen ſchaden der Republik mehr, als ihr nützet... während ihr öffentlich wider⸗ ſinniges Zeug ſchwatzt und alberne Vorſchläge macht, bringet ihr uns um die Achtung des Auslandes!— Sehet doch dieſen Naſeweis, der den Gelehrten ſpielen will!— Nimm Dich in Acht, Goulard, der Naſe⸗ weis hat Dir gezeigt, daß er ſtarke Fäuſte hat! „ Der Holländer ſoll ſich in Acht nehmen... er iſt ein Ariſtokrat. Außerdem war er ein Freund des Dumouriez... ein intimer Freund ſogar!... Da er mit dem General in Belgien gereist iſt... und bei der Einnahme von Gertruidenberg mit zugegen war; Dumouriez hat den Holländer zu dem Nang eines Dragoneroberſten ſeiner Armee erhoben... Aus welchem Grunde macht man einen Bankier zum Oberſten?“ 3 „Wahrſcheinlich, weil der Bankier dem General Geld geliehen hat, erwiderte Maximus' Mutter. Uebri⸗ gens, was ſoll das Alles beweiſen? Man ſagt, Dumouriez ſei zu den Feinden übergegangen; das iſt jedoch nicht herausgeſtellt; Andere behaupten, er habe ſich ganz einfach nach England zurückgezogen, weil er die Wendung nicht billige, welche die Revolution genommen hat, und der Partei des Berges nicht dienen wolle. Indeß iſt der Bürger Derbrouck ihm nicht dahin gefolgt, ſondern im Gegentheil nach Paris zurückgekehrt... Wäre er, wenn er ſich ſtrafbar ge⸗ fühlt hätte, zu einer Zeit nach Frankreich gekommen, wo ſchon der geringſte Fehler den Tod nach ſich ziehen kann?“ „Ta ta tal... man weiß, was man weiß! ent⸗ gegnete Goulard kopfſchüttelnd, und die Republik weiß auch, daß die Soupers, die der Bankier in ſeinem Hauſe zu Paſſy gibt, Aufwieglerverſammlun⸗ gen.. freiheittödtende Soupers ſind!“ „Freiheittödtende! rief Prosper aus; ol der Teufel, Leonidas! das iſt einmal ein Wort, welches Du ſehr froh ſein mußt, behalten zu haben! Ich bin überzeugt, Du wirſt es in Deinen Geſprächen oft in Anwendung bringen.“ „Man muß übrigens ſo bösartig ſein, wie Du, Goulard, verſetzte die Wittwe, um Geſellſchaften zu verdächtigen, worunter ſich die wärmſten Patrioten, die eifrigſten Republikaner befinden...“ „Ol es gibt darunter, die nur dergleichen thun... allein man läßt ſich nicht für Narren halten.“ — Bravo, Leonidas! Du ſprichſt wie auf der Redner⸗ bühne!“ rief Prosper lachend aus. „Mein Gott! ſagte Euphraſia leiſe, wird dieſer 39 garſtige Portier nicht mehr fortgehen!... Seit er eingetreten iſt, konnte ich noch keine vier Worte an⸗ bringen!... er iſt unerträglich... und ſo häßlich... ſo ſchmutzig... Er dürfte wohl wenigſtens ſein Hemd zumachen, wir brauchen nicht zu wiſſen, daß er ein Fell hat wie ein Bär.— Ich halte ihn ſicher nicht zurück, entgegnete Prosper, und wenn Sie es wünſchen, ſo werfe ich ihn zur Thüre hinaus?— O! nein... nein!... flüſterte die alte Dame; er iſt ſo bösartig... man muß ſich hüten...“ Goulard ging immer noch im Zimmer auf und ab, blickte ſeitwärts und lauſchte, wenn man leiſe ſprach. Nach einer Pauſe allgemeinen Schweigens verſetzte er:„Es iſt noch eine junge Ariſtokratin im Quartier, auf die ich ein offenes Auge halte... Ihr Vater iſt emigrirt, deßhalb ſollte ſie eingekerkert ſein; wenn dies nicht der Fall iſt, ſo hat man ſie nur vergeſſen... ich werde ſie in Erinnerung bringen.“ „Und von wem ſprichſt Du denn?“ rief Prosper aus, der ſeit einigen Augenblicken ernſt und aufmerk⸗ ſam auf den Portier horchte. „Von wem ich ſpreche?.. potz Donnerwetter!... von der Tochter des Grafen Trevilliers... von der kleinen Camilla.“ „Von dem jungen Mädchen, welches noch nicht einmal ſechzehn Jahre alt... ſo hübſch... ſo ſchön gewachſen iſt... und ſo ſchöne ſchwarze Augen mit langen Wimpern und gewölbten Brauen... ſo blen⸗ dend weiße Zähne.. und einen ſo reizenden Mund hat?...“ „Ei der Tauſend! mein Schelm! Du ſcheinſt Camillen genau betrachtet zu haben! das ändert aber nicht, daß ſie die Tochter eines Emigranten und dem⸗ zufolge eine leine Ariſtokratin iſt, die man ver⸗ haften muß... „Du willſt die Tochter des Grafen von Tre⸗ villiers verhaften laſſen!... ſchrie Prosper ſich er⸗ hebend; doch ehe es ſo weit kommt.. haue ich Dich in Stücke zuſammen!“ Und alsbald auf den Portier losſtürzend, packt ihn der Jüngling an der Gurgel, wirft ihn nieder und ſtemmte bereits ein Knie auf Goulards Bruſt, ehe dieſer Zeit fand, ſich zu beſinnen. Indeſſen baten die beiden Frauen Prosper inſtändig, den Portier, der laut zu ſchreien anfing, loszulaſſen, als mehr⸗ mals an die Thüre geklopft wurde; ganz bekannte Stimmen laſſen ſich vernehmen. Hierauf entſchloß ſich der junge Mann, von Goulard abzulaſſen, der ſich auch plötzlich erhod, und auf die eintretenden Per⸗ ſonen ſoſc ud entſohs 3 S ss Kpikol. Das Pehae peer— e lunger Soldat.— Picotin und ſein Schild. Eintrat zuerſt ein höchſte riger Mann, der ſich jedo vermöge ſeiner Klei⸗ dung, Friſur und ieren die geſetzte Miene eines Mannes von reiferem Alter zu geben ſchien. Sein beinahe immer lachendes Antlitz, ſein halbge⸗ vierundzwanzigjäh⸗ 41 öffneter Mund und ſeine beſtändig in der Luft getra⸗ gene Naſe verkündeten mehr Gutmüthigkeit und Neu⸗ gierde, als Geiſt und Fähigkeiten. Seine zwar ſtreng republikaniſche, aber höchſt reinliche und ſorgfältige Kleidung zeigte einen vermöglichen Mann an, der aus Neigung das populäre Koſtüm erwählte; wäh⸗ rend des Sprechens hatte er die Gewohnheit, den Kopf zu bewegen, als ob er dadurch ſeine Rede nach⸗ drücklicher machen wolle; außer dem rieb er ſich ſtets ſelbſtvergnügt die Hände. Dieſer Mann hieß Poupardot; er war der Sohn reicher Handelsleüte, der,. er ſein Vermögen groß genug und für überflüſſt g gefunden hatte, es weiter zu vermehren, 1 ſich jung Beendie. um ſeine Ein⸗ künfte in Ruhe zu p 1an Ound weithr nichts, als die Aufſicht über ſeine und Häuſet zu beſorgen hatte. Denn Pouyardo d heſaß, dyßer ſeinen Renten ein Haus in Paris, ein Pachtgut im der Umgegend von Monterau, ein Landhaus in Clichy und ein klei⸗ nes Häuschen bei der Barrisre v'Enfer. Madame Poupardot war eine kleine, hübſche, ſanfte haushälteriſche Frau, die ihren Mann an Geiſt weit übertraf und ihm deßhalb beinahe durchgängig ge⸗ horchte; denn kluge Leute geben lieber nach, als daß ſie ſtreiten. Indeſſen betrachtete ſie die Ereigniſſe ge⸗ wöhnlich von einer andern Seite, als ihr Mann; aber ſie wollte Poupardot, der ein glückliches Gemüth hatte, Alles im ſchönſten Lichte erblickte, Alles billigte, was geſchah, und nie etwas Uebles ahnte, nicht durch ihren Widerſpruch betrüben. 42 Hinter den beiden Gatten trat eine dritte Perſon ein: ein junger Mann mit ſanftmüthiger Miene, deſſen Geſichtszüge, ohne gerade regelmäßig zu ſein, doch einen angenehmen Ausdruck hatten, und deſſen obwohl dunkeln Augen höchſt zärtlich ſtrahlten, wenn er ſie auf ein junges hübſches Frauenzimmer heftete. Es war Roger, den die Requiſition getroffen hatte; und dem es, nach der lebhaften Euphraſia Behauptung, ſehr wehe that, als ſie Anacharſis Picotin heirathete. Maximus, Roger und Poupardot waren Schul⸗ kameraden geweſen, deren Freundſchaft immer noch fortdauerte, obgleich ſie ſich in verſchiedenen Lebens⸗ lagen befanden, und auch ihre politiſchen Anſichten von einander abwichen. Wahr iſt, daß ſie niemals etwas von einander begehrt hatten, und ihr wißt, daß es das beſte Mittel iſt, ſeine Freunde zu erhalten, wenn man nie etwas von ihnen entlehnt und ihnen nie etwas leiht.* „Was hat denn Der?“ fragte Poupardot, den Goulard beim Hinausſtürzen beinahe umgeworfen hatte, dem preſſirts teufelmäßig... Er hat mir beinahe einen Zahn hineingeſchlagen... Doch, gleichviel, das hindert mich nicht, der Geſellſchaft einen guten Abend zu wünſchen... Wie ſtehts mit der Gefundheit, Bür⸗ gerin Bertholin?— Seht gut, Bürger Poupardot... ich danke Dir.— Ich befinde mich ganz herrlich... mit Ausnahme eines häßlichen Schnupfens, der meinen Athem hemmt... Und hier ſeht ihr meine Frau, die ſo dick wird, wie eine Wachtel... Das Dickſein iſt hübſch... nur genirts etwas beim Gehen!— Gott 43 ſei Dank, ſo weit bin ich noch nicht! entgegnete die junge Frau, während ſie auf Frau Bertholin zuging und ſie küßte.— Es iſt ſehr ſchön von euch, daß ihr mich beſuchet, ſagte Maximus' Mutter.— Ja, ver⸗ ſetzte Poupardot, wir beabſichtigten es ſchon längſt... nur heute Abend dachte ich durchaus nicht daran... Ich war ſogar im Begriff, meine Frau in's Schau⸗ ſpiel... in's Feydeautheater zu führen, um die Ent⸗ führung der Sabinerinnen von Bürger Picard zu ſehen... Man ſagt, das Stück ſei gut... Er hat Geiſt, der Bürger Picard!.. er iſt ein Schrift⸗ ſteller, der ſich einen Namen verſchaffen wird... Aber während wir auf dem Wege nach dem Schau⸗ ſpielhauſe waren, begegneten wir Roger. Er ſagte: Ich gehe zu Maximus, um von ihm und ſeiner wer⸗ then Mutter Abſchied zu nehmen. Dann ſagte meine Frau zu mir: Statt in's Feydeau zu gehen, ſollten wir Roger zu Deinem Freunde begleiten. Ich ſtimme ſtets mit meiner Frau überein... weil ſie mir nie widerſpricht... und ſo kamen wir mit Roger hierher. Wo iſt denn Maximus?— In ſeiner Druckerei; er wird aber nicht mehr lange ausbleiben, denn er hat von der Bürgerin Picotin erfahren, daß Roger kommen werde, und mir aufgetragen, ihm zu ſagen, er ſoll warten.“. Als Poupardot den Namen Euphraſiens nennen hörte, die ihm unbekannt war, machte er ihr ein tiefes Compliment, und ſeine Frau betrachtete ſie mit jener kleinlichen Neugierde, die den Frauen bei ge⸗ genſeitiger Betrachtung eigen iſt, und wodurch ſie auf 44 den erſten Blick das Nachtheilige des Aeußern oder der Kleidung entdecken. Was Euphraſia betrifft, ſo warf dieſe Roger ſeit ſeiner Ankunft häufig Liebesblicke zu, welche böſe Zungen ſehr zum Nachtheil der Stirne des Hora⸗ tius⸗Cocles Picotins hätten deuten können. Prosper hatte ſich in eine Ecke geſetzt: ſeit ſeinem Zwiſte mit Goulard war er in Nachdenken verſunken und ſchien nicht mehr auf das, was um ihn her ge⸗ ſprochen wurde, zu achten. „Nun! mein armer Roger, Du wirſt alſo zur Armee einrücken? fragte Frau Bertholin den jungen Soldaten mit Theilnahme betrachtend.— Ja, meine gute Mutter, ich werde gegen Frankreichs Feinde kämpfen, und bin wahrlich ſehr erfreut darob!— Schön, was Du da ſagſt, Bürger, raunte ihm Eu⸗ phraſia ärgerlich zu. Es ſcheint Dir um Niemand in Paris leid zu thun?— Doch, Bürgerin, ich laſſe Freunde.. geliebte Perſonen zurück; auf der andern Seite habe ich aber die Hinrichtungen und Schaffote ſatt. Bei der Armee muß ich doch wenigſtens dieſen ſchrecklichen Anblick nicht ertragen; empfängt man dort ſeinen Tod, ſo geſchieht es während man ſich vertheidigt oder ſeinen Feind tö et; man kann Ruhm erwerben, und, das gehört ſich bei einem Franzoſen. — Ohl ich wette, Du kommſt als General zurück, Bürger, verſetzte Euphraſta, ihre Blicke auf Roger heftend.— Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme und als was ich zurückkomme; aber das iſt gewiß, daß ich mich eher tödten laſſen, denn als gemeiner Soldat 45 zurückkehren werde... Nun! Prosper, biſt Du nicht meiner Anſicht?... An was denkſt Du denn ganz allein dort hinten?... Willſt Du nicht auch unters Militär treten?“, Prosper blickte Roger an, ſtrich mit der Hand über die Stirne, als ob er ſeine Gedanken ſammeln wollte, und entgegnete ſodann:„Ja.. ich gehe auch zur Armee... aber jetzt noch nicht... man könnte mich hier nöthig haben... und wer ſorgte... wenn ich nicht da wäre, für...— Für wen? fragte Roger lächelnd. Aber Prosper wendete ſich ab und brummte: Das iſt meine Sache.— O! man erräth es leicht, ſagte Euphraſia, denn Du haſt Dich ſo eben verra⸗ then, als Du den Portier durchprügeln wollteſt.— Bürger, begann Poupardot, eine Doſe aus der Taſche ziehend und der Geſellſchaft zu ſchnupfen anbietend, Bürger, ich wundere mich, daß ihr euch über den Gang der Regierung beklaget. Mir kommt es vor, es gehe Alles gut... ſehr gut ſogar... Ich bin für die neuen Gedanken! nur wäre es mir lieber, es könnte Alles ohne Aufopferung von Menſchenleben geſchehen.— Ich liebe die Revolutionen nicht! flü⸗ ſterte kopfſchüttelnd ſeine Frau.— O! Du, Eliſa, biſt ein ängſtliches Ding... die Republik will nux unſer Wohl!— Möglich, aber wir hatten ein ſo hübſches Haus in der Straße der Petites⸗Ecuries, erwiderte Madame Poupardot ſeufzend, kam ihnen nicht der Einfall, es zu unterſuchen, die Wände abzukratzen, und ſie zu probiren, ob ſie Salpeter enthielten? und das Reſultat davon iſt— die Zer⸗ 46 ſtörung unſeres Hauſes.— Ja, ſprach Poupardot dagegen, weil ich es an ſie verkauft habe, man be⸗ zahlt mir aber den dreifachen Werth deſſelben!— Ach! es iſt wahr, man bezahlt es Dir... in Aſſi⸗ gnaten!— Wohlan! was ſchadet's? die Aſſignaten ſind im Kredit etwas geſunken, aber ſie werden wieder ſteigen... ol ſie werden wieder in Geltung kommen, dann iſt der Handel äußerſt vortheilhaft für mich!— Mir wäre unſer Haus weit lieber!“ „Ich bin derſelben Anſicht, wie die Bürgerin, ſprach Euphraſia, das baare Geld ſcheint mir weit zuverläſſiger, als eure Papierfetzen, und da ich Herrin im Hauſe bin, ſo habe ich es nicht geduldet, daß Picotin unſer Mobiliar in Aſſignaten vertauſchte. Da ich übrigens gerade von meinem Manne rede, ſo möchte ich doch auch wiſſen, was aus ihm geworden iſt? ich fange an unruhig zu werden, obgleich ich überzeugt bin, daß er unfähig iſt, ſich zu compromit⸗ tiren und in Streitigkeiten einzulaſſen.— Ich höre ſingen im Hofe, verſetzte Roger, ich erkenne Picotins Stimme.— Er ſingt! ſagte Euphraſia, dann fürchtet er ſich, es muß ihm etwas zugeſtoßen ſein.“ Kaum konnte Euphraſia ihren Satz beendigen, ſo öffnete ihr Gatte die Thüre und trat ein. Anacharſis Picotin war ein junger, großer, aber unvortheilhaft geſtalteter Mann, deſſen Gang etwas Lendenlahmes an ſich hatte; geſchah es aus Gewohnheit, um ſich mehr Sicherheit zu geben, oder war es eine Folge ſeines Körperbaues, bei jedem Schritte, den er machte, ſchwankte er von einer Seite auf die andere, wie ein ———— 47 Menſch, der fürchtet, mit dem Fuße in eine Lache zu treten. Sein Angeſicht war lang, mager und ſpitzig. Seine dicken Haare fingen gleich über den Augbrauen an; mit ſeiner Carmagnole endlich und beſonders mit ſeiner Mütze auf dem Kopfe ſuchte er etwas Abſtoßendes anzunehmen, was durchaus nicht zu ſeiner Phyſiognomie paßte. „Hier bin ich! ſagte Picotin eintretend, guten Abend, Bürger und Bürgerinnen, Gruß und Brüder⸗ ſchaft oder Tod. Frau, Du wußteſt nicht, was aus mir geworden war... Du warſt ſicher fürchterlich in Sorgen... Du dachteſt ſchon: Iſt wohl mein Horatius, ohne mich davon zu unterrichten, gegen die Feinde des Vaterlandes gezogen?— O! nein, das dachte ich gewiß nicht! rief Euphraſta aus.— Nun! meine werthe Gemahlin, ich ſchwebte nichts deſto weniger in großer, ungeheurer Gefahr.— Das iſt nicht möglich!— So wahr ich ein Sansculotte bin... ich werde der Geſellſchaft auseinander ſetzen, in welch höchſt kritiſchem Falle ich mich befand! Die Sache ver⸗ hält ſich ſo: vor allen Dingen muß ich jedoch für ſolche, die mich nicht kennen, vorausſchicken, daß ich Kürſch⸗ ner bin und mit Pelzwaaren, Tiger⸗, Bären⸗, Fuchs⸗ und andern Fellen handle, kurz, daß ich alle Dinge, auf die ich mich lege, mit Eifer betreibe... meine Frau, die zugegen iſt, kann es beſtätigen.— Zur Sache, Anacharſis, entgegnete Euphraſia ungeduldig, wenn Du erzählſt, nimmt es kein Ende.“ „Gleich, meine liebe Gemahlin. Ich wollte einen Schild... ich hatte noch keinen.. und ein Laden 48 ohne Schild ſcheint mir ſehr einfältig. Ich weiß wohl, daß man oft ſagt: Ein guter Wein braucht keine Etikette! aber nie: Ein guter Pelzladen braucht keinen Schild. Während ich hierüber nachſann, fiel mir etwas ſehr Hübſches und beſonders für meinen Stand Paſſendes ein. Ich hatte meiner Frau. nichts geſagt, um ihr eine Ueberraſchung zu bereiten, und die Ausführung einem berühmten Schildmaler über⸗ tragen! Dieſen Morgen überbrachte er mir den Schild und ich unterſtellte ihn der Billigung meiner Sektion. Hatteſt Du gar keine Vermuthung, Euphraſia?— Nun, was war denn auf dem Schilde?— Eine ſehr ſchöne, prächtige Angorakatze, mit einem herrlichen Pelze! ſie ſaß bei einem Teller, worauf ſich nur noch der Ueberreſt einer ungeheuren Paſtete befand; die Katze hatte, wie man ihrem Bauche anſah, ſo eben ihr Mahl beendigt, überdies ließ ich mit großen gol⸗ denen Buchſtaben darunter ſetzen:„Zum ſchönen, vollen Kater!(Au beau chat plein!)“ Dies war mein Schild; ich meine der Gedanke war nicht übel.“ Die Geſellſchaft lächelte, ſtatt zu antworten; Picotin fuhr fort:„Ich begebe mich alſo, meinen Schild unter dem Arm, in den Sektionsausſchuß; aber kaum hatte ich ihn den Augen des Präſidenten enthüllt, ſo rief eines der Mitglieder aus: Du biſt ein Ariſtokrat! Du willſt die Pfaffenbrut wieder bei uns einſetzen! wir wollen keinen Kaplan(Chapelain) mehr. Dein Schild iſt ein Schimpf gegen die Nation! Ich blieb ſtarr vor Schrecken; ich hatte dieſe Anſchul⸗ diguug ſo wenig erwartet, das ich keiner Antmol 1 49 fähig war. Hierauf ſchrieen mehre Stimmen: Man muß dieſen Menſchen feſtnehmen... er conſpirirt gegen die Republik. O! dann kam mir die Sprache wieder, und ich rief aus: Aber, Bürger, auf meinem Schild iſt ein Kater... Ich hätte nie geglaubt, da⸗ durch die Republik zu beleidigen, daß ich einen großen Kater malen ließ, wovon ich nur den Pelz bewun⸗ dern laſſen wollte!— Du haſt Au Chapelain, Au beau Chapelain darunter geſetzt! riefen eine Maſſe Leute aus, worunter beſonders eine alte Fiſchhänd⸗ lerin, die Mutter Gueuleton, die beinahe beſtändig betrunken iſt und nun ihre Zeit in den Sektionen und Klubbs zubringt, wo ſie ſich die Mutter des Craques † und ihren Sohn den Grattekus nennen läßt, weil man in ihrer Gegenwart einmal von Cornelia, der Mutter der Gracchen geſprochen hat, deren einer Sohn, Gracchus, für die Vertheidigung des Vaterlandes ſtarb. Ich befand mich folglich in einer widerlichen, ich darf ſagen gefährlichen Lage, als zum Glück für mich der Präfident, dem mein Bürgerſinn und meine Grundſätze bekannt ſind, das Wort nahm und ſprach: Bürger, ich kenne Horatius⸗Cocles⸗Picotin und glaube nicht, daß er die Abſicht hatte, es an Achtung gegen die Republik fehlen zu laſſen, noch auch die Kapuziner wieder einzuſetzen; es war allerdings ein Irrthum von ihm, Worte auf ſeinen Schild zu ſchreiben, die uns an ein von uns geächtetes erin⸗ * Des Craques: der Lügen, ſtatt des Gracques: der Gracchen⸗ iſt ein unüberſetzbares Wortſpiel. Paul de Kock. XV. 4 50 nern; er wird ſie aber ausſtreichen und andere dar⸗ auf ſetzen laſſen.“ „Mit großem Vergnügen! rief ich dann aus. Der Präſident hat mich ganz richtig verſtanden; da man nun den ſchönen, vollen Kater nicht will, ſo ſchlage ich vor, ich wolle: Zum ſchönen, ſans⸗ culotten Kater darauf ſetzen! Kaum hatte ich dieſe Worte beendigt, als ein allgemeiner Beifall von allen Seiten des Saales her ertönte; man drückte mir die Hand, man beglückwünſchte mich; Mutter Gueuleton wollte mich durchaus küſſen, ob⸗ gleich ſie den Schluchzer hatten und ich verließ die Verſammlung mit meinem Schilde, nachdem ich zu⸗ vor die unten ſtehenden Worte weggewiſcht hatte.“ „Das iſt ein Vorfall, welcher der Wiſſenſchaſt der Ausſchußmitglieder wenig Ehre macht, verſetzte Noger lachend. Wenn ſie orthographiſch ſchreiben könnten, würden ſie wohl eingeſehen haben, daß ſich Dein Schild nicht auf Pfaffen bezieht.“ „Ein ander Mal, ſagte Euphraſia, thuſt Du nichts mehr, ohne mich zu fragen, das iſt weit beſſer; wir konnten bisher einen Schild entbehren, es war alſo überflüſſig, einen machen zu laſſen... Zum ſansculotten Katerl wie ſchön muß ſich das über meiner Thüre ausnehmen... Du machſt nur Dummheiten, Picotin! Und wie ſteht's um mein Geſuch, die Göttin der Freiheit zu machen, bin ich angenommen?“ V. „Hal meiner Treu... das war nicht der Augen⸗ blick, ein Geſuch vorzutragen, wo mich die ganze 51. Verſammlung durchprügeln wollte!“ erwiderte der arme Picotin, ſich mit verlegener Miene in eine Ecke ſetzend. „Wie! Du willſt die Freiheit machen, Bürgerin? fragte Roger, Euphraſia mit etwas ſpöttiſcher Miene anblickend.— Warum nicht? ich meine, mir mangle nichts hiezu.“ „Mir wäre es auch recht geweſen, ſagte Poupar⸗ dot, wenn dieſe Ehre meiner Frau zu Theil gewor⸗ den wäre, nur befürchte ich, ſie möchte ſich in dieſer leichten Kleidung einen Schnupfen holen; allein meine Frau will ſich nicht durch ſo etwas auszeichnen und ſagt, ſie wolle lieber ihre Haushaltung beſorgen.“ „Deine Frau hat Recht, verſetzte Roger, das weibliche Geſchlecht ſoll ſich nichts um Politik be⸗ kümmern. Frauen, die ſich in den Bereich der Männer eindrängen, ſetzen einen großen Theil ihrer Liebens⸗ würdigkeit aufs Spiel.“ „Soll ein Mann die Freiheit darſtellen? fragte Euphrafia geärgert.— Nein, entgegnete der junge Soldat, aber ich glaubte eben, nicht gerade Du, Bür⸗ gerin.“ Euphraſia ſchien erzürnt, ſie blickte ſeitwärts und ſprach nicht mehr; Roger war verſtimmt; Prosper ſchwieg fortwährend; Picotin gab keinen Laut mehr von ſich, ſeit ihn ſeine Frau gezankt hatte; Madame Bertholin ſchien ſich ihren Betrachtungen zu über⸗ laſſen; Poupardots Frau war nicht beſonders red⸗ ſelig, ſomit blieb nur er zur Unterhaltung des Geſpräches übrig, und trotz all ſeiner Anſtrengungen und ſeiner„nur,“ gelang es ihm nicht, die Unter⸗ redung in Gang zu bringen; er führte bereits ſeit einiger Zeit allein das Wort, als die Thüre aufging. Maximus kehrte zurück. 9 Viertes Kapitel. Das Teſtament eines Komödianten.— Eine Verhaftung. Maximus war bläſſer, und ſeine Miene noch trauriger und finſterer, als vor ſeinem Weggehen. Beim Eintritt ins Zimmer blickte er zuerſt nach ſeiner Mutter; ſie verſtand ihn. Er hatte die Hinrichtung Franz Bremonts, jenes Greiſen erfahren, welcher der Freund und Beſchützer ſeines Vaters geweſen war. Auch erwiderte Maximus die Begrüßungen der meiſten Anweſenden nur kalt. Und Poupardot ſagte ganz leiſe zu Picotin:„Teufel! ich fürchte etwas!... wird's wohl ſchlimm gehen?... ich bin nicht ruhig, wenn Maximus nicht zufrieden iſt, denn das iſt ein Mann, der in die Zukunft ſieht, und ein echter Republikaner!“ Picotin ſperrte ſeine zwei großen, mit der Stirne gleichſtehenden Augen auf, drückte ſeine rothe Mütze e Ohren und flüſterte:„Ich könnte auch noch ſetz um ſansculotten Kater oder den junge Bertholin hatte ſich Roger genähert, zom herzlich die Hand und folgendes Geſpräch 5³ wurde zwiſchen ihnen gehalten:„Du gehſt zur Armee ab, Roger... Du wirſt für das Vaterland käm⸗ pfen. Du biſt glücklich!— Das meine ich, mein lieber Maximus, auch gehe ich mit Freuden! warum thuſt Du nicht ein Gleiches?— Du weißt es wohl... meine Mutter!— Ach! ja, Du haſt Recht. Bleibe hier. Ueberdies biſt Du ein Republikaner, Du bil⸗ ligſt jedes Verfahren, Alles, was geſchieht; Dir kann's am Emporkommen nicht fehlen!— Roger, Du beur⸗ theilſt mich falſch! gerade weil ich Republikaner bin, weil ich eine freiſinnige Regierung und die Abſchaf⸗ fung der früheren Mißbräuche wünſchte, ſehe ich mit größerer Betrübniß als ein Anderer die beklagens⸗ werthen Exceſſe, denen man ſich hingegeben hat, die Ungerechtigkeiten und Verbrechen, welche man begeht und die unfehlbar den Sturz dieſer Republik, die ich gerne ſo groß und dauernd geſehen hätte, herbeiführen werden. Heute erſt haben ſie wieder einen Greiſen... einen alten Freund meines Vaters geopfert! Welches Verbrechen konnte er begangen haben 2... keines.. Er wurde, wie man mir ſagt, angeklagt, weil er an ſeinem Rocke große Knöpfe trug, worauf ſich Blu⸗ menſträuße befanden, worunter einige Lilien zu be⸗ merken waren! Ach! mein Freund, ſo lange die Menſchen toll oder bösartig genug ſind, das Leber ihres Nächſten von ſo elenden Kleinigkeiten abhängig zu machen, ſo lange ſind ſie auch nicht im Stande, ſich ſelbſt zu regieren.“ „Die Bürger ſprechen leiſe mit einander, ſagte Euphraſia, nach Maximus und Roger hinblickend. 54 Das iſt unterhaltend! im Allgemeinen ſind die Männer liebenswürdiger unter vier Augen, als in Geſellſchaft, nicht wahr, Bürgerin?“ Dieſe Frage war an Poupardots Frau gerichtet, die ruhig erwiderte:„Mein Mann gefällt mir immer, wie er iſt!“ „Was für ein Teig von einem Weib! ſagte Euphraſia leiſe zu Frau Bertholin. Wenn die Hun⸗ gersnoth fortdauert, könnte man Butterkuchen aus ihr machen.“ „Ich vermuthe, ſprach Poupardot wieder gegen Picotin gewendet, neben dem er ſich befand, ich ver⸗ muthe, Maximus weiß etwas, irgend eine intereſſante Neuigkeit... die wir morgen im Pere Duchesne leſen werden. Aber dann ſollte er ſie, ſtatt leiſe mit Roger zu ſprechen, uns ſagen... es ſei denn, wenn es etwas wäre, was die Frauen erſchrecken würde. Was meinſt Du dazu, Bürger?“ „Ich meine, entgegnete Picotin nach einer Weile, daß, wenn ich ſtatt einem Kater einen Bären hätte malen laſſen, ich nicht hätte darunter ſchreiben kön⸗ nen: Zum vollen Kater(Au chat plein) und dann auch dieſen Morgen hätte keine ſolche Angſt in meiner Sektion ausſtehen müſſen.“ Als Maximus ſein Geſpräch mit Roger beendigt * hatte, wendete er ſich um und gewahrte jetzt erſt Prosper, der ſchweigend in einer finſtern Ecke des Zimmers ſaß, weßhalb Bertholin ſeine Gegenwart nicht bemerkt hatte. „Wie, Du biſt da, Prosper! rief Maximus, ſich 5⁵ dem Jüngling nähernd, aus. Ich hatte Dich bei meinem Eintritt nicht bemerkt. Weil Du nun da biſt, ſo will ich Dir einen Brief übergeben, den ich für Dich in Händen habe. Ein ehrlicher Bauersmann hat ihn in die Druckerei gebracht, in der Meinung, Dich dort zu finden. Er kam von Melun her. „Von Melun? fragte Prosper, der brachte mir ohne Zweifel Nachricht von meinem Pathen?— In der That, aber Dein Pathe iſt ſeit acht Tagen geſtorben.— Geſtorben! der arme Papa Brillan⸗ court! Das thut mir leid, er war ein braver Mann, obgleich er mich oft verſpottete... denn er war ein beißender Spötter, mein lieber Pathe; indeß hatte er beinahe achtzig Jahre zurückgelegt, und in dieſem Alter muß man ſich auf die große Reiſe gefaßt machen. Iſt der Brief von ihm? Das würde mich wundern; denn ſeit mehren Jahren wollte er weder Leſen noch Schreiben, aus Furcht, ſich die Augen zu verderben.“ „Der Brief iſt, wie mir der Landmann ſagte, von einem Notar aus Melun, der zum Teſtaments⸗ vollſtrecker des Verſtorbenen ernannt iſt.“ „Lies doch ſchnell, Bürger, ſagte Picotin mit neugieriger Miene. Dein Pathe hat Dich vielleicht zum Univerſalerben eingeſetzt.“ „Univerſalerben!... Vor allen Dingen muß mein Pathe Brillancourt kein Vermögen hinterlaſſen haben. Er war ein alter Komödiant, der luſtig gelebt, und wie er ſelbſt zu ſagen pflegte, genoſſen hatte, was er nur immer genießen konnte. Er lebte von einer 56 kleinen Penſion, die ihm das Theater verabreichte, und einigen Erſparniſſen, die er auf eine lebensläng⸗ liche Rente ausgethan hatte. Außerdem hatte er eine Haushälterin bei ſich, welche er ſeine Dulcinea nannte, und der er längſt ſchon ſein Mobiliar und das wenige baare Geld, welches er hinterlaſſe, verſprochen hatte; Dulcinea hat dieſes auch in der That wohl verdient, denn ſie war ſehr beſorgt für den alten Schauſpieler, der beinahe jeden Abend Scenen aus dem Tartuffe lund den klugen Weibern mit ihr durchging.“ „Nun, der Notar hat Dir doch nicht umſonſt geſchrieben, Bürger, verſetzte Poupardot; nur wenn 1 Du vermuthen würdeſt, es wäre ein Geheimniß...“ „Ein Geheimniß! entgegnete Prosper. O! ich mache aus Nichts ein Geheimniß, und um dieſes zu beweiſen, will ich, wenn es euch Vergnügen macht, den Brief laut vorleſen.“ Mit dieſen Worten öffnete er den Brief des No⸗ tars, und alle Anweſenden erwarteten, neugierig, den letzten Willen des alten Schauſpielers zu Gunſten ſeines Pathen zu vernehmen, die Eröffnung des In⸗ halts. Prosper las laut: „Gruß und Brüderſchaft, Bürger! „Ein Greis Namens Brillantcourt, ein alter Schauſpieler, iſt in unſerer Stadt mit Tod abge⸗ gangen. Er hat mich zum Vollſtrecker ſeines letzten Willens ernannt; was mich jedoch nicht ſehr beſchäf⸗ tigt, da der Bürger Brillancourt durchaus kein Ver⸗ mögen hinterlaſſen hat; ſein Einkommen erloſch mit ihm und was ſein Mobiliar betrifft, ſo hat er ſolches 57 der Haushälterin zum Geſchenk gemacht, die in ſeinen Dienſten ſtand...“ „Was hatte ich Dir vorausgeſagt? rief Prosper ſich unterbrechend aus, um ſich gegen Picotin zu wenden. Mein Pathe hinterläßt mir wahrſcheinlich nichts als ſeinen Segen und ſeinen guten Rath... Denn damit war er nicht geizig!...“ „Iſt der Brief des Notars aus? fragte Euphraſia. — Nein, noch nicht.— Nunl! ſo leſen Sie ihn vollends; das Wichtigſte iſt ohne Zweifel auf den Schluß vorbehalten.“ „Ich fahre fort... der Haushälterin zum Geſchenk gemacht, die in ſeinen Dienſten ſtand... Indeſſen... (ah! ein Indeſſen) findet ſich in dem Schreiben, wo⸗ mit er mich mit ſeinem letzten Willen beauftragt, ein Paragraph, der ſeinen Pathen anbetrifft... hier folgt er, ich ſchreibe ihn Wort für Wort ab:„Ich hatte nie Kinder, oder glaube wenigſtens, nie welche gehabt zu haben; aber ich habe irgendwo in der Welt einen Pathen, der jetzt ein paar Monate über achtzehn Jahre alt iſt und Prosper Breſſange heißt: er iſt ein ziemlich leichtſinniger Burſche,... der in kurzer Zeit die ganze Hinterlaſſenſchaft ſeines Vaters vergeudet hat, und wenn ich Vermögen hätte, würde ich es ihm nicht vermachen, denn er würde es ebenfalls vergeuden.““ Die Zuhörer konnten ſich in dieſem Augenblicke einiger Ausbrüche des Lachens, welches durch die ſon⸗ derbare Miene Prospers noch in höherem Grade er⸗ regt wurde, nicht erwehren; er hatte inne gehalten und rief, die Augen höchſt komiſch gen Himmel ge⸗ ————ꝛ— 58 richtet, aus:„Habet Pathen!... und zählet auf ihren Schutz... Doch man muß den Kelch bis auf die Hefe leeren. Ich fahre fort:„denn er würde es ebenfalls vergeuden.. Aber Prosper hat Geiſt und Fähigkeiten, er iſt ein Junge, aus dem Etwas werden kann, wenn er will, und da es die Pflicht eines guten Pathen iſt, ſeines Täuflings Fortkommen zu befördern, ſo hinterlaſſe ich dem meinigen als voll⸗ ſtändiges Eigenthum, was Du Bürger Notar in der unterſten Schublade meiner Commode finden wirſt; es ſind... drei Hoſen...““. Hier wurde Prosper abermals durch Gelächter unterbrochen; aber deſſen ungeachtet fuhr er weiter fort: „„. Drei Hoſen! mit der einen habe ich den Masca⸗ rill im Leichtſinnigen begründet, es iſt die prächtige ſcharlachrothe; mit der zweiten(der blauen), habe ich einen Veteran in einem Soldatenſtück dargeſtellt; mit der dritten endlich, die von weißem Atlas und an allen Näthen geſtickt iſt, ſpielte ich einen Marquis oder Rouè aus der Zeit der Regentſchaft. Mit dieſen drei Hoſen habe ich meine glänzendſten Erfolge er⸗ langt. Es iſt mir, als ob ſie mächtig zu dem Glücke meines Pathen beitragen werden, wenn er ſie zur richtigen Jeit anzuziehen weiß. Uebergib ſie deßhalb meinem Pathen, Prosper Breſſange, der, glaub' ich, in Paris in einer Druckerei arbeitet, eigenhändig; meine Haushälterin wird Dich mit ſeiner Adreſſe bekannt machen.““ „Dies, Bürger, iſt der Paragraph, den Dein Pathe zu Deinen Gunſten niedergeſchrieben hat. Ich 59 Ich habe in der That die oben erwähnten Gegen⸗ ſtände in der Commodeſchublade des Bürgers Brillan⸗ court vorgefunden; und wenn Du nach Melun kom⸗ men willſt, ſo ſtehen Dir die drei Hoſen zu Dienſt. Ich werde ſie Dir dann eigenhändig übergeben, wie ſolches gleichfalls der Wunſch Deines Pathen iſt. Gruß und Brüderſchaft Dumont, Notar.“ „Ach! der Tauſend! das iſt ein ſonderbares Te⸗ ſtament, ſagte Picotin, nachdem Prosper das Schrei⸗ ben vorgeleſen hatte, der Pathe war ein Poſſen⸗ reißer... denn das ſcheint mir eine Poſſe, hm?2“ „Das denke ich auch, verſetzte Poupardot; es iſt ein Scherz... es müßte nur einer jener wunderlichen Einfälle eines alten Komödianten ſein... Bei dieſem Geſchäfte hat man, wie mir geſagt worden iſt, ge⸗ wiſſe Manien... eine gewiſſe Vorliebe... man paſſionirt ſich für ein Koſtüm... ſogar für eine Perüke... und dann... ſtellt man ſich vor... Sie verſtehen müch?... nicht wahr, Eliſa, Du verſtehſt mich?... 4 Die Bürgerin Poupardot war gefällig genug, mit dem Kopf zu nicken, als ob ſie errathen hätte, was ihr Gatte zu ſagen beabſichtigte; allein Picotin rief us:„Nein, ich verſtehe durchaus nicht!“ „Gewiß iſt, ſagte Roger lächelnd, daß der Pathe des Bürgers Prosper nicht für die neuen Ideen war, denn er will nicht, daß ſein Täufling ſans⸗culotte (ohne Hoſe) ſei!“ „Das iſt klar, brummte Picotin, und wenn er nicht geſtorben wäre, ſo hätte man ihn deßhalb an⸗ klagen müſſen.“ „Nun, Bürger, ſagte Euphraſia, gegen Prosper gewendet, was gedenkſt Du zu thun?2... wirſt Du dieſem Notar antworten?“ Mehr noch, Bürgerin, ich werde mich morgen nach Melun aufmachen, und mein Erbtheil in An⸗ ſpruch nehmen.“ 3 „Ah! bah! warum nicht gar! wendete Picotin ein, was! eine Reiſe nach Melun machen, um drei Hoſen zu holen... und wahrſcheinlich drei alte Hoſen, denn wie es ſcheint, haben ſie dem alten Komödian⸗ ten ſchon oftmals gedient!“ „Ja, Bürger, ich werde nach Melun gehen, um dieſe Hinterlaſſenſchaft meines Pathen in Empfang zu nehmen.. Und, wer weiß?... ſie bringt mir vielleicht Glück! Ich bin einigermaßen Fataliſt, und hege großes Vertrauen auf die Meinung geiſtreicher Leute, und der Papa Brillancourt war es. Er hat mir dieſe drei Hoſen in der Abſicht hinterlaſſen, daß ſie mir auf meiner Laufbahn im Leben dienlich ſein möchten, wie ſie ihm ſolches auf dem Theater ge⸗ weſen!... Er wußte wohl, daß die Welt ſelbſt nur ein großes Theater iſt, worauf ein Jeder den Beruf hat, ſeine Rollen mit mehr oder weniger Erfolg zu ſpielen. Ueberdies iſt im gegenwärtigen Augenblicke meine Garderobe nicht ſo gut verſehen, daß ich Ur⸗ ſache hätte, die Gabe meines Pathen zu verſchmähen. Morgen will ich nach Melun gehen.. und meine Erbſchaft in Beſitz nehmen.“ 3 61 „Du kannſt ſie ſogar auf dem Leibe zurücktragen, verſetzte Picotin; im Winter kann man leicht drei Hoſen auf ſich leiden!— Ich wette, ſagte Roger, die Erbſchaft iſt durchgebracht, ehe Prosper wieder nach Paris zurückkehrt.“ „Du irrſt. Dich, Bürger!“ entgegnete der Jüng⸗ ling, ſeine papierne Mütze auf die Seite ſetzend. „Hätte mir der alte Schauſpieler Geld hinterlaſſen, ſo könnte Deine Vorausſetzung richtig ſein, denn das Geld exiſtirt nur, um ausgegeben zu werden. Geld haben, und es nicht anwenden, iſt gerade ſo viel, wie wenn man keines hätte; das iſt wenigſtens meine Denkungsart; aber Hoſen, womit mein Pathe glänzende Erfolge erlebte.... ol das iſt ein großer Unterſchied, dieſe achte ich... ich glaube an ihre vortrefflichen Eigenſchaften und würde ſie nicht um hundert Thaler verkaufen... wenn man mir ſie böte!— Selbſt in der Noth nicht? fragte Picotin. — Auch in der Noth nicht... nicht einmal um baares Geld... und doch gelten hundert Thaler klingende Muünze in dieſem Augenblick für ein Vermögen!“ Nachdem man noch einige Zeit über Prospers Erbſchaft und den ſonderbaren Einfall des alten Komö⸗ dianten geſprochen hatte, dachte die Geſellſchaft an's Nachhauſegehen; Maximus war traurig, ſprach wenig und bemühte ſich durchaus nicht, die Anweſenden zu⸗ rückzuhalten, als ſie ſich zum Fortgehen anſchickten. „Komm, Frau, ſprach Poupardot, ſeiner Ehehälfte den Arm reichend; man muß nicht ſo gar ſpät nach Hauſe gehen... Ich fürchte zwar nichts... nur die Diebe... aber ich muß morgen bald aufſtehen, um Zeuge des erſten Schlages zu ſein, der an meinem Haus in der Petites⸗Ecuriesſtraße geſchieht.— Läßt Du Reparationen an Deinem Hauſe machen? fragte Maximus ſeinen Freund.— Nein, die Republik läßt es zuſammenhauen, weil ſie ſich überzeugt hat, daß viel Salpeter unter meinen Mauern iſt... Welches Glück für mich, ſie bezahlt mir dreimalhunderttau⸗ ſend Franken in Aſſignaten dafür. Das iſt ein guter Handel für mich!..“ Maximus antwortete nichts und Poupardots Frau erwiderte mit düſterer Miene:„Ah!... die Revo⸗ lutionen!... Wir wollen ſchlafen gehen, mein Freund.“ „Bürgerin Euphraſia, dein Gatte Horatius Cocles ſteht zu Deinen Befehlen, ſagte Picotin, ſich ſeiner Frau nähernd und ihr den Arm anbietend; allein dieſe nahm Roger beim Arme und begnügte ſich, ihrem Gatten mit herriſchem Tone zu erwidern: „Gut, geh voraus und ſag es uns vorher, wenn wir über eine Goſſe kommen.“ Picotin ließ ſich dieſen Auftrag nicht wiederholen, ſondern eilte nach der Thüre und ſagte:„Recht gute Nacht, meine Herrſchaften... Gruß und Brüder⸗ ſchaft, gute Nacht oder Tod.“ Poupardot und ſeine Frau hatten ſich bereits ent⸗ fernt. Roger küßte zärtlich die gute Mutter Bertho⸗ lin, deren Augen in Thränen zerfloſſen, als ſie Abſchied von dem jungen Rekruten nahm. Maximus drückte noch einmal die Hand ſeines Freundes, und dieſer ſagte zu ihm:„Ich weiß nicht, ob ich uurictehre 63 Maximus; aber wenn, ſo glaub' ich, wird ſich bis dorthin vieles geändert haben.“ Nun befand ſich nur noch Prosper Breſſange bei Bertholin; dieſer wohnte aber im Hauſe, in einem Manſardenſtübchen. Indeſſen verabſchiedete er ſich auch von Wittwe und Sohn, indem er ſprach:„Ich lege mich ſchlafen, denn ich will mich morgen frühe nach Melun aufmachen und da wird es gut ſein, vorher ein wenig auszuruhen. Auf Wiederſehen, Mutter Bertholin... gute Nacht, Maximus... Ich bin überzeugt, mir träumt es von den drei Hoſen meines Pathen.“ „Welch glücklicher Charakter! rief Maximus dem ſich entfernenden Prosper nachblickend aus. Er lacht über Alles... und nimmt die Zeit an, wie ſie kommt. — Ol er lacht nicht über Alles, verſetzte Mutter Bertholin ihren Stuhl an's Feuer rückend. Und dieſen Abend ſah ich wohl, daß dieſer ſcheinbar ſo tolle, ſo leichtſinnige Jüngling im Innern ſeiner Seele ſchon ein tiefes Gefühl für Jemand hegt... Du vermu⸗ theſt nicht, Marimus, daß Prosper ſchon verliebt iſt? ...— Verliebt! wie das in ſeinem Alter der Fall iſt.. wo man meint, man ſei in alle Frauenzimmer verliebt... und ſich einbildet, dieſe Neigung dauere ewig... während das nächſte beſte hübſche Geſichtchen das Herz wie eine Wetterfahne umdreht.— Nein... ich glaube, Prosper empfindet diesmal eine wahre Leidenſchaft... Indeſſen iſt Deine Behauptung ganz richtig, eine andere wird dieſe verdrängen..— Und wer iſt denn das Frauenzimmer, für welches er ——— 64 begeiſtert iſt?— Fräulein Camilla von Trevilliers... Tochter des Grafen von Treoilliers, welche in dieſer Straße beinahe gegenüber von uns wohnt.— Die Tochter eines Emigranten! Ein junges noch nicht einmal ſechzehnjähriges Frauenzimmer, welches jetzt ſchon eben ſo ſtolz und hochmüthig iſt, als es ihr Vater war! Armer Prosper, ich glaube, er hat ſeine Zuneigung nicht auf die rechte Perſon geworfen, und fürchte, daß er nie mit Gegenliebe belohnt wird. Wer hat Ihnen jedoch Prospers Gefühle entdeckt, Mutter?— Während Deiner Abweſenheit kam der Pportier Goulard hier herein.— Weßhalb? Ich verachte, ich verabſcheue dieſen ſchändlichen Menſchen, ich dulde ſeine Beſuche nicht. Man hätte ihm die Thüre weiſen ſollen.— Ach! mein Freund, in un⸗ ſern Zeiten ſind die bösartigen Menſchen zu fürch⸗ ten..— Ich habe nichts zu fürchten, Mutter, und nichts kann mich zwingen, einen Menſchen bei mir zu empfangen, den ich verachte.— Ach! mein Freund, wie Viele haben gleich Dir nichts gefürchtet, weil ſie ein reines Gewiſſen hatten, und mußten doch zu Grunde gehen... wie Bremont! dieſer arme Bre⸗ mont!..“ Maximus wiſchte die Thränen aus den Augen und rief aus:„Ach! wir wollen nicht davon ſprechen, Mutter, es ſchmerzt zu ſehr... Nun! von Prosper... wollten Sie mir etwas erzählen...— Goulard ſprach in ſeiner Gegenwart von der Tochter des Grafen von Trevilliers; er ließ ſeine Abſicht merken, ſie öffentlich anzuklagen. Ol da ſtürzte Prosper auf ihn zu, packte 65 ihn bei der Gurgel, und wenn nicht Leute dazu ge⸗ kommen wären, ſo hätte er ihn, trotz meiner und Euphraſia's Fürbitten, erwürgt.— Er hätte wohl daran gethan; dieſer elende Goulard! er und Seines⸗ gleichen erregen den Haß gegen unſere Revolution. Fragen Sie dieſen Menſchen, was Vaterland und Freiheit ſei, er wird Ihnen antworten: er wolle Geld und Nichtsthun. Ach! ich will ihn nicht mehr hier treffen, denn ich fühle wohl, ich hätte nicht Kraft genug, meinen Zorn zu bemeiſtern. Ein junges ſech⸗ zehnjähriges Mädchen anklagen... weil ſie die Tochter eines Adeligen iſt! Wie vernünftig! wie gerecht! Und ſollen, wenn der Vater ſtrafbar iſt, unter einer Regierung, die Gerechtigkeit und Freiſinnigkeit aus⸗ üben will, die Fehler der Väter auf die Kinder zu⸗ rückfallen?“ Maximus' Mutter antwortete nichts; ſie begnügte ſich, ſeufzend die Achſeln zu zucken. Ein langes Schwei⸗ gen herrſchte zwiſchen ihr und dem Sohne. Sie waren beide zu traurig geſtimmt, als daß ſie Luſt gehabt hätten, miteinander zu reden. Der Regen goß wiederum in Strömen herab, der Wind wehte heftig; die Nacht war finſter und ſchwer⸗ müthig, wie die Gedanken der Bewohner des untern Stockwerkes. Mitternacht hatte es ſchon lange geſchlagen, aber weder Marimus noch ſeine Mutter ſich zu Bette ge⸗ legt. Endlich rief der Jüngling aus ſeinen Betrach⸗ tungen erwachend aus:„Legen Sie ſich zur Ruhe, Mutter; es iſt ſehr ſpät, Sie müſſen müde ſein.— Paul de Kock. XV. 5 66 Zur Ruhe! Ich habe keine Hoffnung, dieſe Nacht Ruhe finden zu können. Ich habe heute zu viel Kum⸗ mer erlebt... Aber Du, mein Freund, wirſt Du Dich nicht auch ſchlafen legen?— Ja, Mutter, ja... gleich. Ich weiß nicht, was ich dieſen Abend habe... mein Herz iſt ſo beklommen... mir iſt's, als ob ich ein neues Unglück fürchtete. Was Sie mir über Gou⸗ lard geſagt haben, will mir nicht aus dem Sinne.— Ich hatte Dir übrigens noch nicht Alles erzählt, denn als er den guten Holländer und ſeine Frau hier fand, denen ich, weil Goulard nicht da geweſen, das Hof⸗ thor für ihren Wagen aufgemacht hatte, wagte er es, dieſem großmüthigen Manne, der ihm hundertmal Gutes erwieſen, zu drohen und ihn zu beſchimpfen. Ach, wenn ſeine Frau nicht zugegen geweſen wäre, ſo hätte der Bürger Derbrouck, glaub' ich, Goulards Unverſchämtheit gezüchtigt. Glücklicherweiſe trat in dieſem Augenblicke Prosper ein; Prosper iſt ein wackerer Junge... Ei... hörſt Du keinen Lärm auf der Straße?— Nein.. ich höre nur den Regen und Wind.— Sonderbar... es war mir, als ob ich mehre Stimmen gehört hätte... und doch iſt jetzt nicht die Zeit, auf die Straße zu ſtehen und miteinander zu ſprechen. Bald ein Uhr Morgens... ich werde mich getäuſcht haben... doch höre... es tönt wie das Geraſſel eines Gefährts... es nä⸗ hert ſich!“ Das Wagengeraſſel kam in der That näher, und hörte bald vor dem Hauſe auf. Maximus, der horchte, blickte ſeine Mutter an und ſagte:„Es hält hier an.“ übrig. 3 67 Und ein Ausdruck düſtern Entſetzens malte ſich zugleich in den Zügen des Jünglings und ſeiner Mutter, denn beiden war es bekannt, daß damals die Verhaftungen oft mitten in der Nacht vorgenom⸗ men wurden. Man that einen heftigen Schlag gegen das Hofthor. „Freilich gilt es unſerem Hauſe, flüſterte Frau Bertholin, aber zu wem wollen ſie? o mein Gott!“ Und ſchon umſchloß die arme Mutter ihren Sohn mit den Armen, als ob ſie es verhindern wollte, daß man ihr ihn entreiße, während der junge Repu⸗ blikaner, der die Mutter zu tröſten ſuchte, ſeine ru⸗ hige Miene wieder angenommen hatte, als er ihr erwiderte:„Haben Sie doch keine Furcht. Wir täuſchen uns vielleicht auch; man hat ohne Zweifel nicht aus dieſem Grunde an die Thüre geklopft!“ Das Hofthor war bereits aufgethan, denn dies⸗ mal hatte ſich der Portier nicht erwarten laſſen. Man konnte meinen, er ſei vorher unterrichtet geweſen und habe darauf gewartet. Maximus und ſeine Mutter waren an das auf den Hof hinaus gehende Fenſter getreten, ſie hörten den Tritt mehrer Männer, dann wurde der Namen Derbrouck laut ausgeſprochen und Goulard antwortete mit gefälligem Ton:„Hier, Bürger... im erſten Stocke.. rechts, die hintere Treppe.“ Die Männer ſchritten über den Hof und gingen hinauf; ſie waren von Gendarmen begleitet; es blieb kein Zweifel über den Grund ihrer Erſcheinung mehr 68 „Sie verhaften den holländiſchen Bankier! rief Frau Bertholin, ihr Angeſicht bedeckend, aus. O! Ungeheuer von Goulard! Er hat ſeine Drohungen in Erfüllung gebracht; ſeinen Wohlthäter angeklagt! Und Derbroucks Frau, ſeine arme Frau, die ihr Kind ſäugt! Großer Gott, welches Erwachen!... welche Verzweiflung für ſie! Eine ſo glückliche Ehe... ſo friedliche Gatten!“ „Nein, nein, das iſt nicht möglich! rief Maxi⸗ mus aus. Damit ſtürzte er zur Thüre hinaus, eilte über den Hof und ging auch die Treppe hinauf, wäh⸗ „rend ſeine Mutter ihm nachrief, zurückzubleiben und ſich nicht unnöthig zu compromittiren.“ Allein der junge Mann ſtand ſchon im erſten Stocke vor der Thüre zu des Bankiers Wohnung. Der Eingang war von drei Gendarmen bewacht, indeſſen ließ man Maximus hinein, der durch ein Vorzimmer in einen kleinen Salon eintrat, als ge⸗ rade der in der Mitte der Nacht aus dem Schlafe geſtörte und erſchreckte Verhaftete ſich, nachdem er eiligſt einige Kleidungsſtücke angezogen hatte, den Gerichstbeamten vorſtellte. 3 Derbroucks Antlitz drückte nichts als Staunen aus, er war immer noch gleich vertrauensvoll und edel, und beinahe lächelnd redete er die im Salon anweſenden Perſonen folgendermaßen an:„Was gibt es, Bürger, welcher Grund führt euch mitten in der Nacht zu mir her?“* „Wir haben den Befehl, Dich zu verhaften!“ antwortete mit rauher Stimme ein Mann mit drei⸗ — 69 farbigen Schärpe, welcher der Anführer der übrigen zu ſein ſchien. „Mich... verhaften! Und weßwegen... was habe ich gethan?“ „Ol hier wird man Dir das nicht auseinander ſetzen... Darnach kannſt Du Dich beim Revolutions⸗ Tribunal erkundigen... wenn Du gerichtet wirſt.“ „Aber, Bürger, es muß ein Irrthum ſein... Ich habe mir nichts vorzuwerfen...“ „Ol nein! rief Maximus, während er haſtig Derbroucks Hand ergriff und innig in der ſeinigen drückte; nein, der Bürger Derbrouck that nichts, um verhaftet zu werden... Sein Betragen iſt ſo rein wie ſeine Grundſätze, ich ſtehe dafür! und man weiß wohl, daß ich keinem Verräther die Hand drücken würde. Darunter muß irgend eine Bosheit, eine ge⸗ heime Angebung ſtecken.“ „Das Alles geht uns nichts an! entgegnete der Abgeſandte des Auſchuſſes, wir haben den Auftrag, den Bürger Derbrouck, einen holländiſchen Bankier, der ſich erſt ſeit wenigen Monaten in Frankreich be⸗ findet, zu verhaften... Biſt Du das?“—„ Ja, Bürger.“ „Dann mußt Du uns folgen... nachdem zuvor in Deiner Gegenwart bei Dir verſiegelt wurde.— „Thut es, Bürger; aber meine Frau ſchläft, wenn man nur wenigſtens ihre Ruhe nicht ſtörte!“ In dieſem Augenblick drang aus einem anſtoßen⸗ den Gemache ein Schrei, der verkündete, daß die Frau des Bankiers nicht mehr ſchlief und wußte, 70 1 warum man ihre Ruhe geſtört hatte; ſie rannte blaß, troſtlos, bebend und kaum mit einem Kleide und einem Tuche bedeckt, die ſie in der Eile um ſich ge⸗ worfen hatte, herbei; ſie ſtürzte ſich in die Arme ihres Gatten und rief aus:„Iſt es wahr... ſie kommen, Dich zu verhaften... O! dann, mein Freund.. verlaſſe ich Dich nicht. O! Ich will mit Dir fortgeführt werden. Ich will Dein Schickſal theilen.“ „Beruhige Dich, meine liebe Freundin, ſprach der Holländer, ſeine Gattin zärtlich ans Herz drückend. Man verhaftet mich, weil mich irgend ein böſer, niederträchtiger Menſch angeklagt hat! Du weißt aber wohl, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe, daß mein Gewiſſen rein iſt. Ich darf alſo nichts fürchten. Meine Richter werden, daran zweifle ich gar nicht, leicht ihren Irrthum und meine Unſchuld einſehen, und ich Dir bald wieder zurückgegeben werden.“ Madame Derbrouck weinte bitterlich; die ruhige Miene ihres Gatten tröſtete ſie nicht. Maximus be⸗ mühte ſich ebenfalls, die Hoffnung in ihrem Innern wieder zu beleben und ſagte zu ihr:„Es kann nur ein Irrthum oder die Folge einer Privatrache ſein, Bürgerin; übrigens will ich vor's Tribunal gehen, und wenn, wie ich hoffen darf, meine Zeugſchaft von einigem Gewicht iſt, ſo wird der Bürger Der⸗ brouck ſchnell wieder ſeine Freiheit erlangt haben!“ Dieſe Worte waren nicht im Stande, die aus den Augen der armen Frau fließenden Thränen zu ſtillen, und ſie flüſterte immer fort:„Ihn verhaften.. o mein Gott! das habe ich gefürchtet!“ 71 Indeſſen hatten die Gerichtsbeamten auf Alles ihr Siegel gelegt, und der Anführer ſprach, während er zugleich ſchrieb:„Wir ernennen als Siegelwächter den Bürger Leonidas Goulard, Portier des genann⸗ ten Hauſes und Mitglied der Sektion Bonne⸗Nou⸗ velle.“ Beim Namen Goulard ſchauderte die junge Frau zuſammen und des Holländers Stirne bedeckte ſich mit einer finſtern Wolke. Dann neigte er ſich gegen ſeine Gattin hin und flüſterte ihr in's Ohr:„Geh nach Paſſy zurück, bleibe nicht hier... Du hätteſt zu viel auszuſtehen.“ „Sind wir bereit?“ fragte der Abgeſandte, indem er dem Bankier ein Zeichen gab, den Gendarmen zu folgen. „Ja Bürger, erwiderte Derbrouck, ich folge euch. Aber geſtattet mir, vor meiner Entfernung mein Kind zu küſſen.“. Madame Derbrouck hatte ihren Gatten dieſe Worte nicht vollenden laſſen. Sie war ſchon in das Nebenzimmer geeilt, aus dem ſie unverzüglich mit dem kleinen Mädchen auf dem Arme, das ſie noch mit Muttermilch nährte und welches in dieſem Augen⸗ blicke feſt ſchlief, wieder zurückkam. Der Holländer betrachtete ſein Kind eine Weile, und ſprach ſo leiſe, daß er nur von Maximus verſtanden werden konnte:„Armes Kind! das erſt einige Monate alt iſt und ſeinen Vater noch nicht einmal kennen kann... Vielleicht liegt es in ſeiner Beſtimmung, ihn niemals kennen zu lernen! Aber 72 ich hinterlaſſe ihm einen fleckenloſen Namen, einen Namen, worauf man, eine innere Ahnung ſagt es mir, einſt ſtolz ſein wird!“ Trotz ſeiner Feſtigkeit fühlte Derbrouck ſein Auge feucht werden; aber alsbald dieſe Schwäche über⸗ windend, drückte er einen Kuß auf die Stirne ſeiner kleinen Pauline, ſchloß zärtlich ſeine Gattin an die Bruſt, entriß ſich ihrer Umarmung und verließ dann das Gemach mit dem Ausrufe: Laßt uns gehen, Bürger! Des Holländers Frau wäre ohnmächtig nieder⸗ geſunken, wenn Maximus ſie nicht in ſeinen Armen aufgefaßt hätte. Derbrouck ſchritt bereits von Gen⸗ darmen umringt durch den Hof. Dann ſtellte ſich Goulard neben das Hofthor und lächelte ſataniſch, als er den Verhafteten vorbeigehen ſah. 4 Füunftes Kapitel. Die Tochter eines Emigranten. Prosper hatte, tiefſchlafend, während der Nacht nichts gehört, und trat am folgenden Morgen, als er bei Tagesanbruch das Haus verließ, nicht mehr zu Maximus ein, weil er ſich ſchon am Vorabend von ihm verabſchiedete. Er hatte nur den Portier geſehen, der ſchon auf war und wie ein Spion in einem Winkel des Hofes ſtand, von wo aus er die Fenſter jedes Miethsmannes beobachtete, um irgend ein Zeichen oder ein paar Worte zu belauſchen. 73 Als Goulard den hinausgehen ſah, der ihn ge⸗ ſtern beinahe erwürgt hatte, begnügte er ſich mit einem Lächeln, allein es lag in ſeinen abſtoßenden Zügen ein triumphirender, freudiger Ausdruck, den der junge Mann bemerkt und der ihn einen Augen⸗ blick in Schrecken geſetzt hatte. Ein raſcher Einfall beruhigte ihn jedoch wieder; er erinnerte ſich, daß man ihm am Vorabend geſagt hatte, Fräulein Tre⸗ villiers ſei aufs Land gegangen, und das Landhaus, wohin ſich die Tochter des Emigranten zuweilen begab, lag gerade ganz in der Nähe von Melun. Und nun wollen wir berichten, wie dieſe roman⸗ tiſche Leidenſchaft entſtanden war, welche dieſer bisher ſo tolle, ſo leichtſinnige Jüngling für ein Frauen⸗ zimmer empfand, welches durch Stand und Vermögen ferne von ihm gehalten worden wäre, wenn man damals Werth auf die Geburt gelegt hätte, und die Glücksgüter nicht ſo häufigem Wechſel unterworfen geweſen wären.. Camilla von Trevilliers war noch nicht ſechzehn Jahre alt, allein ſie war bereits ſchön, groß und wohlgeſtaltet; ihr Wuchs war ſchon elegant und an⸗ muthig, obgleich ſie in ihrem Gange, ihrem Blicke und in der Art, ihren Kopf zu halten, etwas hatte, was eine adel⸗ und geldſtolze Dame verkündete, eine Dame, die weiß, daß ſie ſchön iſt, und meint, Jeder müſſe überglücklich ſein, ihr ſeine Huldigungen darzu⸗ bringen. Ihre großen, ſchwarzen Augen, die zwei, zwar für eine weibliche Stirne etwas dichte Brauen beſchatteten, ſtrahlten oft verächtlich und höhniſch; 74 wenn aber ein wohlwollender, zärtlicher Ausdruck ſie milderte, ſo war es ſchwer, ihrer Macht zu wider⸗ ſtehen. Der Graf von Trevilliers, Camilla's Vater, war einer jener Hofroues, die Alles dem Vergnügen und der Gunſt aufopfern. Frühzeitig Wittmer geworden, bekümmerte ſich der Graf wenig um ſeine Tochter, deren Erziehung er einer Gouvernante mit dem be⸗ ſtimmten Befehle übertragen hatte, niemals gegen Camilla's Willen zu handeln; dieſer hielt e möglichen Lehrmeiſter, geſtattete ihr aber trotzdem, ſich nach ihrer Laune dem Unterrichte zu widmen. Camilla hatte von dieſer Erlaubniß Gebrauch gemacht; kapriciös und phantaſtiſch, wie ſie war, gab † ſich zuweilen einige Wochen mit angeſtrengtem ifer den Studien hin, andere dagegen that ſie durchaus nichts; eine Zeit lang leidenſchaftlich für Muſik eingenommen, gab ſie dieſe auf, um ſich der Malerei zu widmen, die ſie ſpäter ebenfalls liegen ließ. Das Reſultat hievon war eine der in jener Periode häufig vorkommenden Erziehungen; man hatte von Allem eine oberflächliche Kenntniß, wußte aber nichts gründlich. Judeſſen kam die Revolution heran. Der Graf von Trevilliers, der wunderſchöne Güter in Frank⸗ reich beſaß, beeilte ſich, zu emigriren, indem er ſeine Tochter nebſt ihrer Gouvernante auf einem ſehr ſchönen Landgute bei Melun zurückließ. Aber nach kurzer Zeit wurden alle Beſitzungen des Grafen ſequeſtrirt, und die junge Camilla 7⁵ gezwungen, das väterliche Schloß zu verlaſſen, und genöthigt, ſich in ein kleines Landhaus zu flüchten, welches ihre Gouvernante von ihren Erſparniſſen in der Gegend gekauft hatte. Und da dieſes Landhaus nur eine halbe Stunde von dem ſchönen Beſitzthum entfernt war, wo die Tochter des Grafen das Licht der Welt erblickt hatte, ſo liebte es Camilla, in der Nähe dieſes Schloſſes ſpazieren zu gehen, welches das Eigenthum ihres Vaters geweſen war und deſſen Anblick ſie an die erſten Spiele ihrer Kindheit erin⸗ nerte. Immer lenkte ſie ihre Schritte nach dieſer Richtung, wenn ſie einen Ausflug machte; dann ſtand ſie traurig vor das Parkgitter, betrachtete von ferne die ſchönen belaubten Alleen, wo ſie zuvor ſo oft umherrannte und ſpielte; ihre Bruſt ſchwoll, ihr He zog ſich zuſammen... aber ſie weinte nicht, denn ſie hatte Muth und Stolz in ſich, und wollte nicht, daß die Landleute ihre Thränen fließen ſehen. Außerdem wiederholte ihre alte Gouvernante un⸗ aufhörlich:„Seien Sie ruhig, gnädiges Fräulein, Alles das dauert nur eine Zeitlang... das iſt ein Sturm, der vorübergeht; Ihr Vater wird wieder zu⸗ rückkehren, ſeine Güter wieder in Beſitz nehmen; dieſe ſchöne Herrſchaft wird einſt gleich den übrigen wieder Ihnen angehören, und Sie nach Herzensluſt in den herr⸗ lichen Alleen umherſpazieren und laufen wie ehemals.“ Camilla ſeufzte, ohne zu antworten; obgleich noch ſehr jung, überließ ſie ſich doch keinen eiteln Hoff⸗ nungen, und ihre frühzeitig gereifte Vernunft ſah klarer, als die ſechzigjährige ihrer Gouvernante. Während eines dieſer Spaziergänge um die Mauern ihres väterlichen Schloſſes war Camilla zum erſten Male von Prosper geſehen worden, der häufig zum Beſuche ſeines Pathen, des alten Komödianten, nach Melun ging und manchmal mit ihm in der Umge⸗ gend herumſpazierte. Camilla zählte damals erſt fünfzehn Jahre, aber ſie war durch ihre Schönheit, ihre elegante Taille und ihren edeln Wuchs ſchon auffallend. „Das iſt ein recht hübſches Frauenzimmer, ſagte Prosper zu ſeinem Pathen; kennen Sie dieſelbe?— Ja, das iſt die Tochter eines Cidevant, oder wenn Du's vorziehſt, des Grafen von Trevilliers.— Die ſchönen Augen! die ſchönen Brauen!— Sie wäre bewundernsmürdig auf dem Theater zu Fürſtinen oder den vornehmſten Rollen!— Mein Pathe, Sie beziehen Alles auf das Theater!— Was liegt Er⸗ ſtaunliches darin? Ich habe mein Leben dabei zuge⸗ bracht, und ſeit ich es verlaſſen habe iſt mein größtes Glück, noch daran zu denken. Ueberdies, mein kleiner Prosper, iſt hienieden Alles Komödie... wenn nicht gar Tragödie... wie in unſerer Zeit zum Beiſpiel.“ „Dieſe junge Dame iſt ſehr ſchön, aber ſie ſieht traurig aus.— Sie hat Grund dazu; ſie ſpaziert um den Park des Schloſſes herum, das noch vor kurzer Zeit ihrem Vater angehörte, ſeit ſeiner Aus⸗ wanderung aber eingezogen wurde.— Armes Mäd⸗ chen... welch reizende Taille!— Ei! Du Schelm, Du ſpielteſt gerne den Liebhaber mit ihr!“ In dieſem Augenblicke gingen Camilla und ihre N — 77 Gouvernante, die ſich auf dem Rückwege befanden, an ihnen vorüber; der alte Schauſpieler, der ein wenig mit der Gouvernante bekannt war, begrüßte die Damen, welche freundlichſt dankten; Prosper verbeugte ſich und wollte ein Geſpräch anknüpfen; allein ſie ſetzten, ohne darauf zu achten und zu ant⸗ worten, ihren Weg weiter fort. 3 „Dein erſter Verſuch fiel nicht glücklich aus, ſagte der alte Brillancourt mit ſarkaſtiſcher Miene, Du biſt aber auch noch zu jung für das Fach, welches Du übernehmen willſt.“— „Wohlan, mein Pathe, Sie ſollen ſehen, daß man mir Gehör ſchenkt und ich Beifall finden werde,“ entgegnete Prosper.„ Hierauf fing der Jüngling ſo zu laufen an, daß er den Damen voraus kam; an einem ziemlich hohen Baume kletterte er mit Gewandtheit hinauf, ſetzte ſich auf einen ſchwachen Aſt, ſchaukelte einen Augen⸗ blick darauf und fiel alsbald auf die Erde, weil der Aſt gebrochen war. Die Damen ſtießen einen Schreckensſchrei aus; der Komödiant zuckte mit den Achſeln und brummte: „Wenn er das Beifall finden heißt!“ Dann eilte man auf den Jüngling zu, der auf dem Raſen lag, die Augen verdrehte und Geſichter ſchnitt. Camilla war die jüngſte, die ſchnellſte, ſie langte zuerſt neben Prosper an, und während ſie ihm zu ſeiner Stärkung ein Fläſchchen vorhielt, welches ſie immer bei ſich trug, fragte ſie ihn:„Sind Sie ver⸗ wundet, mein Herr?(Camilla wollte nicht Bürger ſagen.) Wo thut es Ihnen weh?“ 4 Prosper betaſtete ſich allenthalben und antwortete ſodann:„Ich glaube, es thut mir nur der Fuß weh; es wird vielleicht nur eine Verrenkung ſein.— Eine Verrenkung, das iſt ſchon arg genug! Warum klet⸗ tern Sie auch auf einen Baum hinauf und ſchaukeln ſich auf einem ſo ſchwachen Aſt?— Um Sie zu hö⸗ ren... um mit Ihnen zu ſprechen... um das Glück zu genießen, welches mir in dieſem Augenblicke zu Theil wird.. O! das iſt mit einer Verrenkung nicht theuer genug erkauft.“ Die ſchöne Camilla blieb wie verſteinert; ſie war durchaus nicht auf dieſe Erklärung eines ganz jungen Mannes gefaßt, den ſie zum erſten Male ſah; ſie erröthete, nahm eine ſtrenge Miene an und gab Prospern keine Antwort, aber im Innern ihrer Seele fühlte ſie ſich geſchmeichelt, daß er auf ſolche Weiſe ſein Leben ausgeſetzt hatte, um mit ihr zu ſprechen; es lag eine Ueberſpanntheit in dieſer Handlung, die zugleich Liebe, Einbildungskraft und Muth bewies, drei Dinge, wofür die Frauenzimmer eine große Schwachheit haben. Die Gouvernante und der alte Brillancourt kamen herbei; Prosper ſuchte ſie zu beruhigen, er ſtand auf und wollte gehen, als er aber auf ſeinen linken Fuß trat, ſchnitt er verzweifelte Grimaſſen; man war zwar nicht mehr fern von Melun, mußte ſich aber doch noch hin begeben. Es wäre unmenſchlich gewe⸗ ſen, Jemanden, der ſo beſchwerlich ging, nicht mit 79 ſeinem Arme zu unterſtützen. Papa Brillancourt wollte ſeinem Pathen den Arm reichen, allein ein achtzigjähriger Mann iſt eine ſchwache Stütze; die Gouvernante führte Prosper auf der einen Seite und Camilla mußte ſich entſchließen, ihn auf der an⸗ dern zu führren; ſie war die Jüngſte und Stärkſte, daher befahl ſie ihm immerfort ernſtlich:„ Stützen Sie ſich auf meinen Arm, mein Herr; fürchten Sie nicht, mich zu ermüden, ich bin ſtark!“ Der Jüngling machte von dieſer Erlaubniß Ge⸗ brauch; er ſtützte ſich feſt auf die linke Seite, wäh⸗ rend man ihn rechts kaum fühlte; Fräulein von Tre⸗ villiers konnte es nicht Unrecht finden, daß er ihren Arm drückte, da ſie ihm als Stütze diente; aber wenn Prosper es wagte, einen Blick auf ſie zu werfen und ihren Augen zu begegnen ſuchte, ſo wendete ſie ſich ſchnell ab und ſagte mit trockenem Tone:„Geben Sie Acht, wo Sie Ihren Fuß hinſetzen, mein Herr!“ Man langte in Melun vor der Wohnung des alten Schauſpielers an; dort krennten ſich die Damen, nach⸗ dem der junge Mann und ſein Pathe ſich bei ihnen bedankt hatten. Und der alte Brillancourt ſprach alsdann:„Weißt Du, daß dieſes junge Frauenzimmer für die Tochter eines Cidevant ſehr gefällig war? Das iſt ſchön von ihr, denn ſie iſt von Natur ſtolz und ſpricht mit Niemand.— Und um ſo ſchöner, als ich niemals nur die geringſte Verrenkung verſpürte!“ entgeg⸗ nete der Jüngling vor ſeinem Pathen her ein Rad ſchlagend. Der Greis ſtaunte einen Augenblick, aber bald lachte er bis zu Thränen, indem er ausrief:„ Köſtlich! prächtig! ausgezeichnet geſpielt! O! mein Freund! wie vortrefflich würdeſt Du Dich zu Liebhabern, Roues und Marquis eignen! Ich hatte Dich früher falſch Bbeurtheilt, aber ich ſehe jetzt ein, daß Du viele An⸗ lagen zum Komödianten haſt.“ Und ſolchermaßen hatte Prosper die Bekannt⸗ ſchaft des Fräuleins von Trevilliers gemacht, und ſo oft er zu ſeinem Pathen ging, ſuchte er die reizende Camilla auf dem Spaziergange anzutreffen; dies war aber nicht ſo leicht: ſeit der Begebenheit mit der Verrenkung ging ſie weniger aus, man konnte meinen, daß ſie ſchon eine Ahnung von der Sehnſucht und den Qualen habe, die ſie erwecke, und, weit entfernt, die Liebe zu nähren, die ſie eingeflößt hatte, ſich im Gegentheil vergeſſen ſehen wollte. Aber im ſiebzehnten Jahre vergißt man das Frauen⸗ zimmer, welches unſere erſte Liebe erweckt, nicht. In dieſem Alter iſt dieſes Gefühl eine Religion, eine Abgötterei oder vielmehr ein Wahnſinn, wovon wir erſt durch das Uebermaß des Glücks geneſen. Prosper träumte unabläſſig von Camilla; er ſuchte ſich zwar allerdings zu zerſtreuen, indem er irgend einer hüb⸗ ſchen Arbeiterin nachlief, wenn er einer begegnete, allein dieſe Zerſtreuung war nur vorübergehend, und die wahre Liebe erloſch nicht. Man kann ſich die Freude des armen Verliebten denken, als er eines Tages beim Nachhauſegehen Camilla und ihre Gouvernante, einige Schritte weit 81 von ſeiner Wohnung in Paris entfernt, in ein Haus hineingehen ſah. Kaum waren ſie eingetreten, ſo lief er ihnen nach und ſchlich ſich in einen großen Hof ein; er erkundigte ſich bei der Thürhüterin und erfuhr, daß die Tochter des Grafen von Trevilliers in der That ſeit längerer Zeit in einem prachtvoll möblirten Logis wohne, welches ſonſt ihr Vater inne gehabt hatte, und darum noch nicht unter Siegel gelegt ſei, weil es in jener Zeit ſo viel Angeklagte, Verdächtige, Verhaftete und Emigranten gab, daß man nicht an Alles denken konnte. Dann hatte Prosper nicht mehr nöthig, nach Melun zu reiſen. Er ging vor dem von Camilla bewohnten Hauſe auf der Straße auf und ab und bemühte ſich, die Blicke nicht von den Fenſtern des zweiten Stockwerks abwendend, diejenige durch die Scheiben durch zu ſehen, für die er beinahe den Hals gebrochen hätte. Aber Camilla trat nie an das Fenſter. Da ſie nur wilde Geſichter um ſich her ſah und nur unheil⸗ vollen Blicken begegnete, die ſie, wie es ſchien, ſtraf⸗ bar finden wollten, weil ſie die Tochter eines Emi⸗ granten war, ſo lebte ſie zurückgezogen bei ihrer Gouvernante und zeigte ſich ihren Nachbarn ſo wenig als möglich. Prosper wünſchte indeß, die ſchöne Camilla möchte erfahren, daß er ihr Nachbar ſei, denn wenn man Stundenlang nach den Fenſtern eines Frauenzimmers lorgnettirt, das ſich nicht erblicken läßt, ſo iſt es noch eine Beruhigung, wenn man denken kann: ſie weiß Paul de Kock. XV. 6 8² wenigſtens, daß ich da bin, und ſieht mich vielleicht, ohne ſich wahrnehmen zu laſſen. Beſonders lieb wäre es dem Jüngling geweſen, wenn er zu der Tochter des Emigranten hätte ſagen dürfen:„Wenn Ihnen irgend eine Gefahr droht, wenn man Sie beſchimpfte, wenn man Sie verhaften wollte, ſo bin ich da, hier gegenüber in den Man⸗ ſarden; geben Sie mir ein Zeichen, laſſen Sie mich holen, und ich werde herbeifliegen und Sie verthei⸗ digen. Ich bin allerdings noch jung, aber ich habe Kraft und Muth, ich fürchte Niemand, habe nichts zu verlieren und ſchere mich den Kuckuk um die Welt; unter ſolchen Umſtänden wiegt ein Mann oft viere und auch noch mehr auf.“ 1 Um dieſes Camilla ſagen zu können, mußte er ſich ihr nähern, ſie ſprechen. Vergebens zerkaute ſich Prosper die Nägel, während er aus ſeinem kleinen Dachladen im ſechsten Stockwerk nach den Fenſtern der Wohnung hinabſah, welche diejenige umſchloß, in die er verliebt war. Wenn ſich zufällig die Tochter des Grafen am Fenſter zeigte, während er ſich zu ſeinem Dachladen hinauslehnte, ſo huſtete, ſang und ſchrie er. Aber umſonſt, ſeine Stimme verhallte in der Luft und drang nicht bis zu dem jungen Mädchen; und wenn auch, ſo achtete dieſe nicht darauf, und erhob ihre Blicke nicht bis zu den benachbarten Dächern. Einmal gerieth Prosper auf den Einfall, ſich von ſeinem Dachfenſter auf die Straße hinabzuſtürzen. Indeß beſann er ſich noch zu rechter Zeit, daß man nach einem Falle aus dem ſechsten Stockwerke nicht 83 ſo leicht wieder aufſteht, wie wenn man von dem Aſte eines Baumes fällt, und ſein Tod hätte nicht zu Camilla's Schutze beigetragen. Eines Tages, als Prosper wieder lange am Fenſter ſtand, um ein Mittel zu erſinnen, wie er mit dem jungen Mädchen, welches jetzt, mitten in der Winterszeit, auch nicht mehr nach Melun ging, ſprechen könne, bemerkte er gegenüber von ſich in einem Hauſe, das mit dem von Camilla bewohnten zuſammenſtieß, einen ſeiner Bekannten, einen jungen Buchdrucker, am Fenſter eines kleinen Manſarden⸗ ſtübchens. Plötzlich fuhren ihm tauſend der wunderlichſten Gedanken in den Kopf. Er betrachtete einige Zeit das Dach von Camilla's Hauſe; von ſeinem Freunde aus konnte man leicht hinüberklettern. Dann ſuchte Prosper die Kaminröhre aufzufinden, welche von dem Gemache ausging, in das er zu gelangen wünſchte; das Reſultat ſeiner Berechnungen war, daß eine große, mitten von der Verdachung aufſteigende Röhre, unfehlbar in Verbindung mit dem zweiten Stock⸗ werke ſtehen mußte. Kurz, Alles wohl erwogen und genau beobachtet, verließ der junge Mann ſeine Stube und ging zu ſeinem Geſchäftgenoſſen hinüber. „Guten Tag, Binet,“ ſagte Prosper, zu ſeinem Freunde hineinſchlüpfend, der einen gebratenen Apfel und eine Kartoffel zum Mittageſſen verſpeiste(das Brod war damals ſehr theuer). „Schau, Du biſt's Prosper... ah! Du wußteſt nicht, daß ich Dein Nachbar bin.. ich bin erſt ſeit 84 8 Nonidi hier... Willſt Du mit mir eſſen?... genire Dich nicht... wir theilen mit einander... „Nein, Binet, ich danke Dir... behalte Dein Eſſen, es reicht kaum für Dich... „Ach, mein Gott! gegen das Ende der Dekade werden Beutel und Taſchen leicht... da ſind die Säcke hohl.“— „Ich werde Dir alsbald ein anderes Eſſen be⸗ zahlen... und bin der Ueberzeugung, daß Du es annimmſt... denn das, was Du jetzt iſſeſt, kann Dich nicht daran ſtören. Ich habe noch zwei Vierund⸗ zwanzigſousſtücke baares Geld, die wollen wir mit einander verzehren und dafür werden wir ein präch⸗ tiges Mahl bekommen. Aber vorher biſt Du ſo ge⸗ fällig und läßt mich auf das Dach Deines Hauſes hinausklettern.“ „Auf das Dach hinausklettern?... biſt Du von Sinnen?2...— Nein, aber verliebt, was ungefähr das Nämliche iſt.— Und deßhalb willſt Du auf den Dächern herumklettern! Biſt Du in eine Katze ver⸗ liebt?— O! nein... warum nicht gar! Wenn meine Schöne eine Katze wäre, ſo liefe nicht ich ihr, ſondern ſie mir nach. Es muß Dir genug ſein, wenn ich ſage, daß ich auf dieſem Wege zu dem Gegen⸗ ſtande meiner Liebe zu gelangen hoffe; das Uebrige, denke ich, könne Dir gleichgültig ſein.“. „Mein Gott! ſo geh' aufs Dach, ich habe durch⸗ aus nichts dagegen, nur thäte es mir leid, Dich auf des Todes!“ die Straße hinunterpurzeln zu ſehen, denn Du wäreſt — 8⁵ „Ich purzle nicht hinunter.. ich kenne die Dächer... ich gehe vorzüglich auf dem Eiſe, hier iſt's nicht ſchlüpfriger. Geh' und erwarte mich bei dem Traiteur an der Ecke des Boulevurds, ich werde mich bald einſtellen.“ Mit dieſen Worten zog Prosper ſeine Schuhe ab, ſteckte ſie in die Taſche ſeiner Jacke, ſchwang ſich dann aufs Fenſterkreuz hinauf, ſtieg mit einem Fuße hin⸗ aus, drehte ſich links und rutſchte auf den Knieen fort. Sein Freund rief ihm nach:„Sei vorſichtig, ſchau nicht in die Tiefe, es würde Dich ſchwindlig machen!“ Prosper horchte nicht auf ſeinen Freund, ſondern ſtrebte vorwärts. Bald kam er in die Nähe des Nach⸗ barhauſes, und mittelſt Ueberſteigung eines kleinen Mauerwerkes befand er ſich ſofort darauf. Dort war ſein Pfad minder gefährlich, weil das Dach platter war. Der Jüngling ſuchte ſich inmitten aller der ihn umgebenden Kaminröhren zu orientiren; end⸗ lich erkannte er die von ſeinem Fenſter aus wohlbe⸗ merkte, ſchritt auf ſie zu, erreichte ſie, und beſchloß, in dieſelbe hineinſchlüpfend, ſich darin hinabzulaſſen, indem er bei ſich dachte:„Ich war zwar niemals Schornſteinfeger, aber es muß doch nicht allzu ſchwierig einen Kamin hinabzuklettern ſein.“ Der Weg war nicht ſo leicht, als es Prosper vermuthet hatte, und er ſtieß überdies auf ein Hin⸗ derniß, welches die Schornſteinfeger gewöhnlich nicht antreffen; ehe ſie nämlich den Kamin fegen, werden immer alle Feuer abgelöſcht, und in dem, wodurch 86⁶ der junge Mann hinabkletterte, brannte zwar nur ein mäßiges; aber deſſen ungeachtet wäre der ange⸗ gehende Schornſteinfegersjunge faſt erſtickt, wenn er ſich nicht, um ſchneller hinabzukommen, mit einem Male hätte hinabrutſchen laſſen. Der junge Verliebte hatte ſich indeß in ſeinen Berechnungen geirrt; ſtatt in den zweiten Stock, in Fräulein von Trevilliers Gemach zu gelangen, war er in den dritten, zu einer etwa vierzigjährigen Dame hinabgefallen, die hier allein mit ihrem Stuben⸗ mädchen wohnte, zwei Drittheile ihres Lebens mit Schlafen und den dritten mit ihrer Toilette und den Bemühungen zubrachte, ihre Friſche und Feſtigkeit zu erhalten, die ſich mit abnehmender Fettleibigkeit zu vermindern ſchienen. Die Dame war ſo eben in ein Bad geſtiegen. Man hatte drei Fläſchchen Kölniſchwaſſer, ein Fläſch⸗ chen Lavendelwaſſer, zwei Stücke Mandelſeife, Kleie und Roſenölſeife hineingethan. In dieſem Allem ſaß die Dame, rieb ſich am ganzen Körper, kniff ſich dann in die Wade oder ſonſt etwas und murmelte mit befriedigter Miene:„Es iſt feſt, es iſt noch ſehr feſt!... und meine Haut iſt ſo zart wie Atlas... Ich begreife nicht, warum ich magerer werde... ich ſchlafe doch täglich ſechzehn Stunden... Die Bäder werden mich wieder dicker machen... hat mich der Arzt verſichert... ich will meine Haut reiben... Plötzlich entſteht ein großes Geräuſch im Kamine, und es fällt etwas bis zu der Badwanne her; das war Prosper, der mit Ruß bedeckt, eine verwundete 87 Naſe, ein Loch im Kopfe und einen Theil ſeiner Haare verſengt hatte, aber noch glücklich genug, nicht ganz und gar erſtickt zu ſein, ſich ſogleich wieder erhob, einen Sprung im Zimmer umher machte und ausrief:„Sakerlott! ich werde kein Schornſteinfeger, das erhitzt doch zu arg.“ Als die im Bade befindliche Dame den mit Ruß bedeckten, aus dem Kamine herabgefallenen Menſchen ſah, fing ſie entſetzlich zu ſchreien an, und in der Vorausſetzung, es ſei ein Dieb, der ſich in ihr Zimmer eingeſchlichen habe, vergaß ſie ihre Situa⸗ tion, ihre Nacktheit, ſtand auf und ſtieg aus der Wanne heraus, ergriff in der Eile das erſte beſte Kleidungsſtück, welches ihr unter die Hände kam, ſchlüpfte mit den Armen in die Aermel und rannte im Zimmer umher, indem ſie ausrief:„Zu Hülfe! herbei! es iſt ein Menſch bei mir herunter gefallen... Haltet den Dieb!“. Unglücklicherweiſe war das Kleidungsſtück, welches der Dame in die Hände kam, eine Nachtjacke, wor⸗ aus erfolgte, daß zwar ihr Oberkörper bedeckt, aber ihr übriger Leib vollſtändig nackt war. Als nun das Stubenmädchen ihre Gebieterin nur mit einem Nacht⸗ leibchen bedeckt umherrennen ſah, glaubte ſie, dieſelbe habe einen Fieberanfall und ſchrie ebenfalls:„Zu Hülfe! meine Herrſchaft hat ein Bad genommen, worin zu viele Geſchichten waren, das muß ihr in Kopf geſtiegen ſein! ſie läuft ganz nackt im Zimmer herum.“ Während das Stubenmädchen und die Gebieterin 88 mit einander ſchrien, beeilte ſich Prosper, der ſchnell ſeinen Mißgriff einſah, den Ausgang zu ſuchen, und indem er die Dame im Nachtleibchen, im Augen⸗ blicke, als dieſe auf die Flur hinausrennen wollte, ein Rad machen ließ, ſprang er ihr voran und raſch eine Treppe hinab. Dort machte eben ein junges Mädchen eine Thüre auf, um zu horchen, wo das Geſchrei herkäme. Es war Camilla. Prosper flog auf ſie zu und flehte:„Ums Himmelswillen, retten Sie mich! Ver⸗ bergen Sie mich einen Augenblick... Man hält mich für einen Dieb, während ich nur ein Verliebter bin. Nur zwei Minuten Aufenthalt bei Ihnen, um mich ein wenig zu reinigen, dann gehe ich ganz ruhig wieder weiter.“ Trotz des Rußes, der einen Theil ſeines Ge⸗ ſichtes bedeckte, hatte Camilla doch den jungen Mann erkannt, der, um mit ihr zu ſprechen, ſich von einem Baume herabfallen ließ; die jungen Mädchen haben ein ſcharfes Auge. Sie lauſchte einen Augenblick; das Geſchrei wurde lauter und kam näher; Gebieterin und Zofe befanden ſich auf dem Flur, die Hausbe⸗ wohner traten allmälig aus ihren Thüren; Camilla zögerte nicht länger, und obgleich ſie in dieſem Mo⸗ mente allein zu Hauſe war, ließ ſie Prosper ein⸗ treten und verſchloß ſorgfältig die Thüre hinter ihm. „O tauſendfachen Dank, Fräulein! rief der Jüng⸗ ling aus: wie glücklich bin ich...“ Camilla ließ ihn nicht vollenden, ſondern ſiel ihm mit ſtrengem Ton in die Rede:„Sie kommen alſo 89 aus einem Kamine, mein Herr?— Ja, Fräulein. — Was bedeutetet das, mein Herr, ſind Sie Schorn⸗ ſteinfeger geworden?— „Ja, Fräulein, nur heute, um Sie zu ſehen... um wiederum einen Verſuch zu machen, mit Ihnen ſprechen zu können... Ich kletterte auf den Dächern herum... von dort in einen Schornſtein hinein.... Ich hoffte, mich zu Ihnen hinablaſſen zu können... aber ich täuſchte mich... ich fiel zu einer Dame hinein, die ſich eben badete, Furcht bekam und mich für einen Dieb hielt.— Aber wenn ich Sie auf ſolche Weiſe hätte zu mir kommen ſehen, würde ich mich auch gefürchtet haben, wie dieſe Dame.“ „O! nein, Fräulein... denn Sie hätten mich erkannt... und Sie wiſſen wohl, daß ich kein Dieb bin... ſondern, daß ich Sie liebe... Sie anbete... Ich wohne hier in dieſer Straße, beinahe gegenüber von Ihnen... Dies wollte ich Ihnen zu wiſſen thun... damit Sie... wenn Sie vielleicht meiner bedürfen... O! ich wäre ſo glücklich, wenn ich Ihnen etwas dienen, in etwas nützlich ſein könnte... Aber Sie erſchienen nie an Ihrem Fenſter, Sie gingen nie aus... Sie gehen nicht mehr aufs Land nach Me⸗ lun... Und, meiner Treu, in meinem Aerger... in meiner Troſtloſigkeit... entſchloß ich mich, über die Dächer hinzuklettern, um es zu verſuchen, auf dieſem Wege zu Ihnen gelangen zu können.“ Wenn man, um ſich uns zu nähern, zweimal ſein Leben aufs Spiel ſetzt, indem man ſich von der Höhe eines Baumes herabſtürzt und dann auf den 90 Dächern herum klettert, ſo vermögen wir nicht leicht, an der Neigung zu zweifeln, die wir eingeflößt haben. Die Tochter des Grafen ſchien einen Augenblick ge⸗ rührt, aber ſchnell wieder ihre gewöhnliche Miene annehmend, führte ſie Prosper zu einem Waſſergefäß und ſagte zu ihm:„Waſchen Sie ſich das Geſicht, die Hände... reinigen Sie Ihre Kleider... bürſten Sie ſich ab... Weiter brauchen Sie nicht... machen Sie ſchnell.“ Prosper gehorchte; als er fertig war, kam Ca⸗ milla zu ihm her; ſie hielt ein Stückchen engliſches Pflaſter, welches ſie abgeſchnitten hatte in der Hand, und klebte es auf die Kopfwunde des jungen Mannes hin. Dieſer wollte ihr danken, ſie ließ ihm aber keine Zeit. Sie geleitete ihn zur Thüre, öffnete dieſe und und ſprach:„Gehen Sie, mein Herr, es iſt Niemand auf der Treppe... und außerdem ſind Sie nicht mehr zu erkennen.“ Prosper wollte ſprechen, danken, einige Worte der Liebe ſtammeln, allein man ſchenkte ihm kein Gehör mehr. Er ſtand außen und man hatte die Thüre hinter ihm geſchloſſen. Dann ging er die Stiege hinab zum Hauſe hinaus, ohne daß Jemand den Geſuchten in ihm vermuthete, und eilte zu dem kleinen Traiteur, wo ihn ſein Kamerade erwartete, mit dem er die zwei Vierundzwanzigſousſtücke verzehrte, und dabei ausrief:„Ach! mein Freund! ich ſchwimme im Uebermaß des Entzückens... ich habe ſie ge⸗ ſehen.. ich habe ſie geſprochen.“ 8 „Und haſt Dir die Naſe geſchunden.“— Eil ,“ 91 was liegt daran! Sieh, das hat ſie mir auf meine Wunde gelegt... O! auf mein Herz gehört dieſes Pflaſter... und ſoll mich nie wieder verlaſſen.“ Damit riß Prosper das Pflaſter von der Wunde ab, küßte es und ſchob es ſorgfältig in ſeine Bruſt, ſein Kamerad lachte, ſpeiste für zweie und brummte: „Man macht gräuliche Dummheiten, wenn man ver⸗ liebt iſt.“ Nun da wir die ganze Geſchichte von Prospers Liebe kennen, wollen wir ihm nach Melun folgen, wohin, wie er erfahren hatte, Camilla am Vorabend gegangen war. 6. Sechstes Kapitel. Die erſte Hoſe. 3 Nach Prospers Ankunft in Melun war ſein erſtes Geſchäft, ſich zu dem Notar zu begeben, der ihm ge⸗ ſchrieben hatte. Er ſtellte ſich dem Bürger Dumont mit dem empfangenen Schreiben in der Hand vor und ſagte zu ihm:„Bürger Notar, haſt Du mir wirklich dieſes geſchrieben, oder iſt es nur ein Scherz, den man mit mir vorhatte?“ Der Notar ſah den Brief an und entgegnete: „Dieſes Schreiben iſt wirklich von mir, Bürger, und enthält die reine Wahrheit; Du biſt ohne Zweifel Prosper Breſſange, der Pathe von Brillancourt?“ „Der bin ich... Ich habe auf den Fall, daß Du mir nicht trauteſt... meine Papiere mitgebracht.. Außerdem kennnt mich die Haushälterin meines armen Pathen ſehr wohl, ſie kann, wenn es nöthig iſt, meine Identität beweiſen.“ „Das iſt unnöthig, Bürger, mein Brief in Dei⸗ nen Händen iſt Urkunde genug zur Verabfolgung Deiner Erbſchaft... die überdies nicht beträchtlich iſt... Et, ei, ei! ich meine, der Pathe hätte ſich freigebiger zeigen dürfen!“ Hiemit näherte ſich der Notar einem alten Möbel woraus er die für Prosper beſtimmte Hinterlaſſen⸗ ſchaft hervorzog; er überreichte dem jungen Mann die drei Hoſen und brach von Neuem in ein Gelächter aus, welches er mit den Worten endete:„ So lange ich Notar bin, iſt mir noch nie eine ähnliche Erb⸗ ſchaft übertragen worden... wenn man etwa noch in den Taſchen jeder Hoſe einen hübſchen Wechſel oder eine gefüllte Geldbörſe hinterlaſſen hätte... Dieſen Gedanken hatte ich einen Augenblick, und ge⸗ ſtehe Dir, Bürger, daß es mein erſtes Thun war, die Taſchen dieſer... unentbehrlichen Kleidungsſtücke zu durchſuchen.. allein ſie enthielten nichts; nicht einen rothen Heller, ſonſt dürfteſt Du verſichert ſein, Du hätteſt Alles redlich wieder gefunden.“ „Daran zweifle ich gar nicht. Allein man muß zufrieden ſein mit dem, was das Schickſal uns ver⸗ leiht. Lebe wohl, Bürger Notar, ich nehme meine Hoſen mit. Gruß und Brüderſchaft!“ 3 Und Prosper entfernte ſich mit ſeiner Erbſchaft unter dem Arm, die er in ſein Taſchentuch einge⸗ bunden an einem Stocke forttrug, indem er bei ſich * 93 dachte:„All dieſe Leute ſehen aus, als ob ſie mich verhöhnen wollten... und das langweilt mich... Alles wohl erwogen, war mein Pathe kein Dummkopf... und ich werde ſeine Erbſchaft nicht verachten... Um ihr Ehre anzuthun, will ich gleich eine der mir hin⸗ terlaſſenen Hoſen anziehen... Meine Beinkleider ſind zudem gerade ſchmutzig und abgetragen... dieſe werden mich ein wenig herausputzen... Aber wo ſoll ich meine Toilette machen?... ich kann doch meine Hoſen nicht auf der Straße wechſeln... ich könnte zwar zu meinem verſtorbenen Pathen hin⸗ gehen... aber er iſt todt, und ſeine Dienerin liebe ich nicht... ich werde nie wieder einen Fuß in ſein Haus ſetzen. Wenn ich aber kein gaſtliches Lager in Melun finde... ſo kann ich nicht lange dort ver⸗ weilen... denn meine Baarſchaft reicht kaum für einen Tag in einem Gaſthofe hin... und wenn ich nur einen Tag dort bleibe, ſo habe ich nicht Zeit genug, Camilla zu begegnen... und ihr auf dem Spazier⸗ gang nachzufolgen! Teufel! All' das hätte ich vor meiner Abreiſe denken ſollen... Aber wenn ich auch daran gedacht hätte, ſo würde ich doch keinen Kreuzer mehr daheim gefunden haben... Meine Freunde ſind nicht reich! Es gibt nur einen Menſchen, der mir hätte einen Dienſt leiſten können... und dieſer hätte ihn mir nicht verweigert, wenn ich ihn darum erſucht hätte! Das iſt der gute Holländer, der Bürger Der⸗ brouck... aber er hat mir ſchon ſo oft ausgeholfen! und es iſt nicht anſtändig, Geld zu entlehnen, wenn man weiß, daß man es nicht mehr zurück erſtatten kann.“ 4 94 Während er dieſe Betrachtungen anſtellte, ſpazierte Prosper mit ſeinem Stock und ſeinem Erbtheil auf dem Rücken in Melun herum, betrachtete die Häuſer, Schilde und Gaſthöfe; und dann griff er mit der Hand nach ſeiner Hoſentaſche, worin ſich nur noch einige kleine Münzen befanden, die dem Beſitzer nicht geſtatteten, gleich einem großen Herrn zu leben. Der Laden eines Perükiers, fiel dem jungen Mann in die Augen; er las über der Thüre:„Hier wer⸗ den die Patrioten raſirt und die Ariſto⸗ kraten barbirt.“ Prosper hatte noch keinen Bart, aber lange, hinten hinabhängende Haare, die nur mit einem Bande in einen Zopf zuſammengeknüpft waren. Er trat in den Perükierladen und ſchrie mit anmaßendem Tone: „Bürger! ich verlange, daß Du mich auf die revo⸗ lutionärſte Weiſe, die Du erſinnen kannſt, friſireſt... und Höllenwetter! wenn ich nicht zufrieden bin, kün⸗ dige ich Dir zum Voraus an, werde ich allen Perüken die Hölle heiß machen!“ Der Perükier war ein kleiner, äußerſt zaghafter Mann, der in den einfachſten Begebenheiten außer⸗ ordentliche Dinge und in allen Fremden, die in ſeinen Laden kamen, wichtige Perſonen entdecken wollte. Er raſirte eben einen dicken, etwa ſechzigjährigen Mann, deſſen Angeſicht höchſt gewöhnlich, roth und finnig war, der aber ein paar kleine graue Augen hatte, worin ein Ausdruck von Freimüthigkeit und Gutherzigkeit lag. Beim Anblick Prospers und nachdem er geſprochen 95 hatte, ſagte Citron, ſo hieß der Perükier, dem dicken Mann, den er raſirte, in's Ohr:„Ei der Tauſend! ei der Teufel! diesmal... zum Beiſpiel, ſag' ich... es iſt Et 1 ü urouleau? Der dicke Mann bog ſeinen Kopf zurück und ſchrie: „Nimm Dich in Acht, Citron! Du ſchneideſt mich... mach doch nicht ſo viel Faxen mit dem Raſirmeſſer in der Hand!“ Der Perükier packte, ohne dem dicken Manne zu antworten, wie wenn er ſein Geſchäft fortſetzen wollte, deſſen Naſe mit zwei Fingern ſeiner linken Hand, und begrüßte Prosper folgendermaßen:„Gruß und Brüderſchaft... Bürger... Ich werde Dich friſiren, wie ich mir ſchmeicheln darf Du noch nie friſirt worden biſt... Du haſt ohne Zweifel die Bedeutung meines Schildes verſtanden: Ich barbire die Ariſto⸗ kraten! das heißt, ich mach' es ihnen, wie ſie es ver⸗ dienen; das heißt...— Citron, laſſ' doch meine Naſe los, wenn Du nicht raſirſt! ſprach der dicke Mann, ſeinen Kopf zurückbeugend, dazwiſchen. Aber der Perükier ließ nichts los und fuhr, gegen Prosper gewendet, fort:„Ich wette, Du kommſt von Paris, Bürger, und biſt vielleicht vom Wohlfahrts⸗Ausſchuß geſchickt, um den Geiſt dieſer Gegend zu beobachten... Du wirſt zufrieden ſein, ich darf es wohl ſagen... — Citron, ich bitte Dich, laß meine Naſe los!— Bürger, fuhr der Perükier weiter fort, verlangſt Du, daß ich Dich augenblicklich friſire oder willſt Du mir Zeit laſſen, dem Bürger Durouleau, einem der eif⸗ rigſten und wärmſten Sansculotten unſeres Orts, den Bart vollends abzunehmen?— Jal rief der dicke Mann aus, dem es endlich gelungen war, ſeine Naſe aus den Fingern des Perükiers zu befreien, ja, warm für die öffentliche Sache.. Durouleau, ehemaliger Bier⸗ brauer.. man iſt belan.. Ich war immer warm .. Es lebe die Republilk!.— Nimm dem Bürger den Bart vollends ab, verſetzte Prosper, ich will unterdeſſen in Deinen Hinterladen gehen und mich ein wenig umkleiden... Du erlaubſt es doch?..— Mein Laden ſteht zu Deinen Dienſten,“ erwiderte der Perükier mit einem tiefen Bückling gegen den Jüng⸗ ling, der eilig in das kleine Gemach im Hintergrunde ging, und dort, nachdem er ſeine alten Beinkleider ausgezogen hatte, eine unter den drei Hoſen aus⸗ wählte, und die von ſcharlachrothem Tuche anzog. Die Kleidungsſtücke des Pathen waren für ſeinen Täufling etwas zu weit; aber Prosper zog die Schnalle hinten an, ſchob ſeine Stiefelumſchläge in die Höhe und befeſtigte die Schnalle ſeines Knieriemens an den Haken ſeiner Stiefelſtülpen, ſo daß die Stiefeln bis an ſeine Knieriemen hinaufreichten; dann ſeine Hoſe bewundernd, die glänzend roth und noch ganz gut war, fand er ſich allmälig recht hübſch in dem Erb⸗ ſtück ſeines Pathen. Wiäßhrend der junge Mann ſeine Toilette machte, barbirte der Perükier den ehemaligdn Bierbrauer vol⸗ lends ſo gut es ging und ſagte zu ihm:„Der junge Burſche, der eben kam, iſt, ich wette darauf, von den großen Mützen in Paris hierher geſchickt worden! — Du meinſt, das ſei ein Volksrepräſentant! rief . 97 der dicke Mann mit ſtaunenden Augen aus; er iſt aber doch zu jung...— Er verläugnet ſein Alter. Uebrigens behaupte ich nicht, er ſei ein Volksreprä⸗ ſentant, aber ich lege mein Brenneiſen darauf in's Feuer... ich will ſagen, meine Hand darauf in's Feuer, daß er eine wichtige Perſon iſt. O! ich habe einen richtigen Takt! und das kecke Weſen... die Sicherheit, mit welcher er bei mir eintrat... hm? haſt Du's nicht bemerkt, Bürger Durouleau?— Ja, ich habe bemerkt, daß er mit Dir ſprach, wie mit ſeinem Bedienten.— Ich wette d'rauf, er iſt, mit einer geheimen Sendung beauftragt, nach Melun ge⸗ kommen. Mich kann das nicht bekümmern; man kennt mich: ich bin ein wahrer Jakobiner. Jeder⸗ mann weiß, daß ich die Adeligen, die Ariſtokraten verabſcheue.— Und Du haſt ſchon elf Perſonen de⸗ nuncirt?— Vierzehn!— Vierzehn!... das iſt noch verdienſtvoller.— Wir brauchen uns zwar nicht zu fürchten; aber es iſt gleich, ich meine doch, es wäre geſcheid, wenn wir dieſen jungen Patrioten günſtig für uns ſtimmten... Ich, meines Theils bin ent⸗ zückt, daß er mich zu ſeinem Friſeur erwählt hat.“ Als Citron dieſe Worte beendigte, kehrte Prosper aus dem Hinterladen zurück und ſtolzirte in ſeiner ſcharlachrothen Hoſe herum. Der dicke Mann und der Perükier ſchienen durch den Anblick dieſes neuen Kleidungsſtücks des Fremden beinahe geblendet; ſie betrachteten ſich gegenſeitig und Citron lächelte mit bedeutungsvoller Miene, als ob er hätte ſagen wollen: Hm!.. hatte ich's nicht Paul de Kock. XV. 7. ——— ͤ 8 98 errathen?— Biſt Du mit dem Raſiren des Bür⸗ gers fertig? fragte Prosper in ganz cavaliermäßigem Tone.— Ja, ja, ich bin fertig...“ „Er iſt fertig! verſetzte Durouleau; und wenn er auch nicht fertig wäre, würde ich Dir doch meinen Platz abtreten... überglücklich, Dir gefällig.. Du verſtehſt mich?“ „Vollkommen! rief Prosper aus, indem er ſich auf den Stuhl ſinken ließ, von welchem der dicke Mann ſo eben aufgeſtanden war. Wohlan, friſire mich nach dem guten Style.“ „Sei ruhig... Du wirſt zufrieden ſein, entgeg⸗ nete Citron, ſeinen Kamm zur Hand nehmend. Ich will Dir einen Zopf a la Brutus machen.— Brutus hat keinen getragen, Bürger.— Das gilt mir gleich! Ich mache Zöpfe ä la Brutus, und auf der Seite friſire ich Dich a la Guillotine. Das wird herrlich ausſehen.“— Während Prosper ſeinen Kopf dem Perükier über⸗ ließ, ſpazirte der Exbierbrauer pfeifend und lächelnd im Laden auf und ab; er brannte vor Begierde, den jungen Mann auszufragen, und entſchloß ſich endlich, eine Unterhaltung anzuknüpfen. „Bürger, Du haſt eine hübſche Hoſe?— Ja, ſie iſt auffallend.— Ich meine, Du habeſt ſie bei Deiner Ankunft nicht angehabt?— Nein.— Du wollteſt vielleicht bei Deinem Eintritt in die Stadt nicht gleich bemerkt werden?— Möglich.— Du kommſt viel⸗ leicht in Angelegenheiten... die nicht Jedem mitge⸗ theilt werden dürfen?— Dies könnte leicht der Fall 99 ſein.— Ich bin im Reinen... Es handelt ſich um das Wohl der Republik— Das geht Dich nichts an.— Ganz richtig; verzeih mir, Bürger. Jeden⸗ falls mach' ich mir ein Vergnügen daraus, Dich zu verſichern, daß Du auf mich zählen darfſt.— Schönen Dank.“ „Ich wage es nicht, Fragen an den Bürger zu ſtellen, begann Citron ſeinerſeits. Nur nehme ich mir die Freiheit, mich zu erkundigen, ob er vielleicht wünſcht, daß ich ihm einen guten Gaſthof nenne, falls er nicht ſonſt wo logirt?“ „Einen Gaſthof, verſetzte Prosper... Ach! ja... in der That, mir iſt hier keiner bekannt... und auf der andern Seite bin ich nicht gern in einem Gaſt⸗ hof... Das ſind Häuſer... man weiß gar nicht, wie man daran iſt.“ „Vortrefflich geſprochen! ſagte der dicke Mann, dem plötzlich ein Gedanke einzuleuchten ſchien, und Prosper anblickend rief er aus: Bürger, wenn ich es wagen dürfte, würde ich Dir einen Vorſchlag machen!— Wag' es immerhin, Bürger!“ „Du langſt in Melun an, weißt nicht wo Du logiren ſollſt... das heißt, es iſt Dir widerlich, in einen Gaſthof zu gehen... Wohlan! ich bin Jung⸗ geſelle, bin allein mit meiner Köchin, meinem Gärt⸗ ner, der mein Pferd beſorgt, und einer Magd. Ich habe ein großes Haus... Raum genug... ſogar viel Raum. Willſt Du mir die Ehre anthun und bei mir logiren? Ich bin reich... es ſoll Dir in meinem Hauſe an nichts fehlen; und was meine Bürgertugend betrifft... ſo erkundige Dich nach Nicole Durouleau, der alte Römer genannt; ich ſchmeichle mir, Du wirſt zufrieden ſein.“ „Bürger, entgegnete Prosper, eine wichtige Miene annehmend, da er gewahrte, daß er es mit zwei treuherzigen Menſchen zu thun hatte, Dein Vorſchlag rührt mich, aber um mich zu beherbergen, ſollteſt Du wiſſen, wer ich bin; allerdings liegt es nur an mir, Dir es zu ſagen, aber das will ich eben gerade nicht.“ „Ol das kann man leicht errathen! erwiderte der ehemalige Brauer; ich verſtehe mich darauf... und Citron auch! man braucht Dich nur einen Augen⸗ blick zu ſehen, um ſich zu überzeugen, daß Du ein wahrer Sansculotte(Ohnehoſe) biſt... obgleich Du eine prächtige an haſt; denn ſie hat die Farbe der Freiheitsmütze.“ „Ich bin im höchſten Grade erfreut, daß Dir meine Hoſe meine Anſichten verrathen hat, ſagte Pros⸗ per, und wahrlich, wenn ich nicht fürchtete, indiscret zu erſcheinen... ſo würde ich, glaube ich, Dein Anerbieten annehmen!— Indiscret... zwiſchen Brü⸗ dern und Freunden! Niemals... Schau, Du gefällſt mir... Hier, gib die Hand darauf... Es iſt aus⸗ gemacht, Du wohnſt bei mir, ſo lange Du in Melun bleibſt, überhaupt, ſo lange es Dir gefällt.— Nun da es einmal ausgemacht iſt.. ſo nehme ich's an!“ „Bürger, Du biſt friſirt, ſagte der Perükier, dem Jüngling die Serviette von den Schultern nehmend; dann näherte er ſich dem dicken Manne und flüſterte ihm ins Ohr: Du haſt ein ausgezeichnetes Geſchäft 101 gemacht, Bürger... ich will mich bei Dir in Betreff des Repräſentanten... wenn es einer iſt.. empfohlen haben.“ „Was bin ich ſchuldig? fragte Prosper, mit der Hand nach der Börſe greifend, den Perükier.— Ich hoffe, Bürger, daß Du mich mit Deiner Kundſchaft beehrſt, entgegnete Citron mit einem Bückling. Wir werden das ſpäter finden.— Gut denn!“ „Wir wollen gehen, ſagte Durouleau; Du mußt müde und hungrig ſein.— Ich geſtehe, daß ich gerne etwas eſſen würde; gehen wir. Ach! mein Paket hätte ich beinahe vergeſſen.“ „Wenn Du Dich nicht damit beläſtigen willſt, Bürger, rief Citron ſchnell, ſo will ich es zu Deinem Wirth hinbringen.— Nein... ich danke Dir, ent⸗ gegnete Prosper, haſtig ſein Paket ergreifend. Der Inhalt deſſelben iſt zu koſtbar, als daß ich mich einen Augenblick davon trennen könnte.“ „Es ſind Papiere... Inſtruktionen! Staatsge⸗ heimniſſe!“ murmelte der Perükier ganz leiſe, mit einem Blicke auf den dicken Mann, und dieſer ver⸗ ließ ſodann am Arme Prospers den Laden, indem er triumphirend rings um ſich her ſah, und die ſchar⸗ lachrothe Hoſe Aller Blicke auf ſich zog, zuweilen ſogar die Vorübergehenden zum Nachgehen bewegte. Das Haus des Bürgers Durouleau war eines der ſchönſten in der Stadt; er hatte es von einem Cidevant gekauft, der in Vorausſicht der revolutio⸗ nären Stürme ſeine Liegenſchaften, ſo lange den Adeligen noch freie Verfügung darüber geſtattet war, 10² verwerthet hatte. Durouleau hatte, wie es viele Leute nennen, einen guten Handel gemacht, den aober viele Andere ausſchlagen würden, weil er ihr Zartgefühl verletzte. Der ehemalige Brauer führte Prosper in ſein Haus ein mit jenem Vergnügen eines Mannes, der ſich durch ſeinen Beſuch geehrt fühlt. Er geleitete ihn durch mehre Zimmer, die ohne Geſchmack und ohne Ordnung mit Möbeln überladen waren und nichts als die Eitelkeit und Einfalt des neuen Beſitzers be⸗ wieſen. In einen Speiſeſaal hatte man einen Bücher⸗ ſchrank mit Spiegeln, drei Theetiſche, mehre Garten⸗ ſeſſel und drei Badewannen gethan. Im Schlafzimmer ſtanden zwei Schreibtiſche, zwei Sekretaire und drei Commoden; in einem ungeheuer großen Saale befand ſich eine vollſtändige Garnitur rother Möbeln, eine halbe Garnitur gelber, und Ruhbette und Lehnſtühle, die aus ganz andern Zeiten herſtammten. Durouleau betrachtete ſeinen Gaſt, um zu beob⸗ achten, welche Wirkung der Anblick ſeines Mobiliars auf ihn mache; aber Prosper warf ſich auf ein Ka⸗ nape hin und rief aus:„Biſt Du Möbelhändler, Bürger?— Nein... warum?— Es ſcheint mir, Du habeſt einen hübſchen Vorrath in Deinem Hauſe. — Allerdings, es ſoll mir nichts abgehen... ich will mit Möbeln verſehen ſein.. außerdem denke ich an Alles... Ich habe drei Sekretaire, damit man, wenn einer zerbricht, ſich gleich des andern bedienen kann!— Ganz richtig! aber ein Sekretair bricht 3 nicht ſo leicht zuſammen, wie ein Teller! Aber Du 103 ſchreibſt vielleicht viel?— Nie. Ei, ich laſſe Dich einen Augenblick allein... Du erlaubſt...— Biſt Du nicht daheim? auch ſind mir die Complimente verhaßt!“ „So geht mir's auch... Ich will Dir ein Zimmer einrichten laſſen, und Anordnungen treffen wegen un⸗ ſeres Mittageſſens... ich habe vortreffliche Weine... die ich von mehrern Cidevants kaufte, die Geld brauch⸗ ten.. Ich habe ihn billig erhandelt, warte! wir werden die Pfröpfe ſpringen laſſen... Saufſt Du ordentlich?“ „Wie ein Tempelherr!— Das verſteh' ich nicht! — Alſo wie ein Loch!— Bravo, das verſteh ich! Ich will einige Freunde zu unſerem Eſſen einladen laſſen!... aber brave, eifrige, feurige Kerls... die Dir gefallen werden, ol ich bin deſſen gewiß.— Deine Freunde ſollen auch meine Freunde ſein; geh, ich ruhe unterdeſſen aus.“ „Ach! entſchuldige mich, Bürger... wäre es vielleicht unbeſcheiden, Dich um Deinen Namen zu befragen? Ich möchte ihn nur wiſſen... um Dich im Laufe des Geſprächs benennen zu können.“— Mit dem Familiennamen heiße ich Prosper Breſſange... dieſe Namen ſtehen aber mit dem neuen republika⸗ niſchen Kalender nicht in Einklang, daher ließ ich mich Carotte nennen.“— Carotte, ganz gut; auf Wiederſehn, Bürger Carotte!“ Durouleau entfernte ſich und Prosper blieb allein, über ſeine Lage nachdenkend, in dem Saale ſeines neuen Wirthes zurück; er hatte wohl eingeſehen, daß ) 104 ihn der dicke Mann und der Perükier, trotz ſeiner Jugend, für einen Abgeſandten der Regierung hiel⸗ ten; ſeine kecke Miene, ſein anmaßender Ton und die ſcharlachrothe Hoſe ſeines Pathen hatten ſchon ihre Wunder gethan; er ſann über die Vortheile nach, die er aus ſeiner neuen Stellung ziehen konnte; er dachte beſonders an Camilla, welcher er von Nutzen ſein wollte, und entſchloß ſich, alles Mögliche zu thun, um ſeinen Gaſt und deſſen Freunde in der von ihm gefaßten Meinung zu befeſtigen. Um ſeine Rolle mit Nachdruck durchzuführen, ſtreckt er ſich der Länge nach auf einem Kanape von Utrechter Sammet aus, liegt mit den ſchmutzigen Stiefeln auf die Kiſſen und ſtützt ſeinen von Citron pomadifirten Kopf auf die Lehne, fängt ein patrio⸗ tiſches Lied zu pfeifen an und erwartet in dieſer Po⸗ ſition die ihm angekündigte Geſellſchaft. Nach einiger Zeit kehrte Durouleau mit zwei Männern zurück; der eine derſelben war groß, dürr und gelblich, und in ſeinen tiefliegenden Augen lag immer ein verſtörter Ausdruck; er hatte eine ſchwarze, ſehr abgeſchabte Kleidung an und trug eine ungeheure Mütze von Otternfell mit einem un⸗ geheuer langen Zipfel auf dem Kopfe. Der andere, mit einer Carmagnole angethan, hatte ein gutmüthi⸗ ges vergnügliches Ausſehen und eine bedeutend ge⸗ röthete Naſe. „Hier ſind ſchon zweie! begann Durouleau, mit ſeinen beiden Freunden in den Saal eintretend. Es 105 werden gleich noch mehre kommen, und während deſſen wird unſere Tafel beſtellt. He! he!“ Beide Männer begrüßten Prosper, der jedoch, ohne ſich von der Stelle zu bewegen, nur den Kopf umdrehte und ſie mit unverſchämter Miene von oben bis unten maß. „Laß Dich nicht ſtören, Bürger Carotte, fuhr Durouleau fort, meine Freunde wiſſen, was ſie Dir ſchuldig ſind!— Ich laß mich auch durchaus nicht ſtören,“ entgegnete Prosper, und fing die Melodie von Marlborough zu pfeifen an. Auf den dürren Mann zeigend, fuhr Durouleau weiter fort:„Das iſt mein Freund Ducornard. Ach! nein, ſo heißt Du nicht mehr. Wie heißt Du doch, Ducornard?— Ich bin jetzt Cornelius Nepos.“ Ach! richtig, Nepos; er iſt ein Gelehrter, er ſchriftſtellert; er ſchreibt Dinge, die man für das Wohl der Regierung drucken wird; nicht wahr, Nepos, Du wirſt gedruckt?“ „Ich ſchmeichle mir. Uebrigens ſoll der Bürger mein Werk ſehen; ich werde ihm Auszüge daraus vorleſen.“ „Und das iſt Benedikt, der Gewürzkrämer... eine ehrliche Haut, ein wackerer Patriot.“ „Meinen Gruß Bürger, Du befindeſt Dich wohl und ich auch, reich' mir die. Haud⸗ und ſei meiner Achtung verſichert.“ Mit dieſen Worten hatte der Mann mit der ver⸗ gnüglichen Miene Prospers eine Hand genommen und gedrückt, daß ſie beinahe blau wurde. Um dieſe 106 liebenswürdige Manier paſſend zu erwidern, beeilte ſich der Jüngling, dem Gewürzkrämer einen tüchtigen Schlag auf den Bauch zu verſetzen, der auch über dieſe Höflichkeit entzückt ſchien und leiſe zu Durou⸗ leau ſagte:„Der junge Burſche iſt koſtbar! er pfeift ausgezeichnet!“ Nach einer Weile kam ein kleiner Mann in einer Mütze, mit einer Lederſchürze, die Hemdärmel bis an die Ellbogen hinaufgeſtülpt und Holzſchuhe an den Füßen. Die Haut in ſeinem Geſicht ſah aus wie ein Kaſtrol und ſeine Hände wie Kohlen; er hüpfte ins Zimmer herein und ſchlug ſich auf ſein Hinter⸗ theil, als er ausrief:„Gruß der Geſellſchaft auf Le⸗ ben und Tod; man ſagt, man wolle ſichs hier wohl ſein laſſen! Das jagt mir den Sporn ordentlich in den Leib! Die Republik verbietet den Hunger nicht, nicht wahr Durouleau, alter Römer? Wo haſt Du Deinen jungen Sansculotten? iſt er ein ordentlicher Kerl? Wenns kein ordentlicher Kerl iſt, ſo verläugne ich ihn!“ „Du wirſt mich nicht verläugnen, Bürger, ſagte Prosper, den Kopf nach dem Neuangekommenen wen⸗ dend. Hier, ſiehſt Du dieſe Hand? das iſt die Hand eines Mannes, der keine Furcht kennt und der Dir ſein Meſſer in den Leib bohren würde, wenn Du an ſeiner Geſinnung zweifelteſt.“ „ Bravo! bravo! rief der kleine Mann, indem er ſich wiederholt auf ſein Hintertheil klopfte:„Du ſprichſt wie eine kreuzfidele Haut! ich muß Dich 1 küſſen! Auf Leben und Tod!“ 107 und Ducroquet, ſo hieß der Mann mit den Holz⸗ ſchuhen, eilte, Prosper zu küſſen; der hätte ihm gerne dieſen Beweis ſeiner Zuneigung geſchenkt, allein er mußte es geſchehen laſſen. Eine weiter hinzukommende Perſon machte die Ge⸗ ſellſchaft vollſtändig; es war ein ſchlau und tückiſch ausſehender Mann, welcher einen langen Oberrock trug, der ihm beinahe bis an die Ferſen ging. Trap⸗ peur, ſo nannte man ihn, begrüßte Prosper wie die Andern, küßte ihn aber nicht, ſondern richtete nur einige Artigkeiten an ihn, die allerdings etwas beſſer klangen, als die Redensarten ſeiner Genoſſen, und Durouleau ſagte hierauf dem Jüngling ins Ohr: „Das iſt ein alter Abbe, der, wie man ſagt, die Kutte abgelegt hat, und nun einer der eifrigſten Anhänger der Revolution iſt; er beabſichtigt, die Annahme eines Geſetzes zu bewerkſtelligen, wodurch den Franzoſen Zweiweiberei oder Vielweiberei ge⸗ ſtattet werden ſoll... oder... kurz, Du verſtehſt mich?2...“ „Vollkommen, und der mit der Lederſchürze, welcher mich geküßt hat?“ „Ah! das iſt Ducroquet, ein Rothgerber; er hat einen großen Einfluß in der Gegend, weil er geſcheid iſt... O! er iſt ein Redner, ein Groß⸗ ſprecher!... und Meiſter im Fauſtkampf; übrigens ein wahrer, zuverläſſiger Sansculotte.“ In dieſem Augenblicke machte ein junges, großes, braunes, ziemlich hübſches Bauernmädchen, deren Blicke Anlagen zu verſchiedenen Dingen verkündeten, 108 die Thüre auf und rief herein:„Wenn man eſſen will, es iſt aufgetragen!— Bürger, ſagte Durouleau, ihr hört es... die Schüſſeln ſind warm! Kommt zu Tiſche, dort lernt man ſich am beſten kennen!— Zum Eſſen! rief Benedikt aus, ich ſtimme dafür, daß wir lange dabei verweilen ſollen!— Gut geſprochen, verſetzte Ducroquet, Benedikt, Du haſt zuweilen er⸗ habene Gedanken... Ich will trinken... Ich will einen Tapps von dem Wein des alten Römers! O alter Römer... ich verehre Dich! und beſonders Deinen Keller!... Auf Leben und Tod!.“ Prosper entſchloß ſich endlich, vom Kanape auf⸗ zuſtehen, und begab ſich, während er ſich herab⸗ laſſend auf die Schulter ſeines Wirthes ſtützte, vor den Andern hergehend, in den Speiſeſaal; Durou⸗ leau ließ den jungen Mann neben ſich ſitzen und die Uebrigen nahmen nach Belieben Platz, ſodann ging man mit ſolcher Luſt und ſo übereinſtimmendem Eifer an Eſſen und Trinken, daß man längere Zeit nichts als das Geklirre der Beſtecke, der Flaſchen, der Gläſer und das Kauen der Kinnladen hörte. „Es wird allmälig hübſch! begann Benedikt, nachdem er ſchon fünfmal Brod abgeſchnitten und zwei Flaſchen geleert hatte.— Ich werde auch nicht ſo ſchnell wieder aufſtehen! rief Ducroquet aus.— So lange der Magen noch mit Luſt empfängt, ſo lange iſt es ungefährlich, Speiſe zu ſich zu nehmen... verſetzte Cornelius Nepos, den Mund ungeheuer auf⸗ reißend, indem er beinahe einen ganzen welſchen Hah⸗ nenſchlegel auf einmal hineinſchob, worüber der Bürger 3 109 Trappeur lächelte und ihm entgegnete: Es ſcheint, Ihr Magen empfängt noch mit Luſt?“ Prosper gab keinen Laut von ſich, ſpeiste aber für viere und trank mehr als alle Andern; jeden Au⸗ genblick leerte er ſein Glas, hielt es ſeinen Nachbarn hin und ſchrie mit einer Stentorſtimme: Zu trinken, potz Donnerwetter! zu trinken!“ Und die Tiſchgenoſſen betrachteten ſich gegenſeitig mit ſtaunender Miene, und Durouleau flüſterte ſeinen Freunden zu:„Ich habe euch nicht betrogen... ihr ſeht, es iſt ein eifriger Sansculotte!— Hm! ſagte Benedikt, in Worten gibt er ſich eben nicht zu er⸗ kennen, aber er trinkt wacker.— Er wird ſich erſt beim Nachtiſch zu erkennen geben, dann muß man ſeine Geſinnungen hören!“ brummte der Bürger Trap⸗ peur, nachdem er gerade geſchluckt hatte. Prosper, der bemerkte, daß geziſchelt wurde, füllte ſelbſt ſein Glas bis an den Rand und erhob ſich mit den Worten:„Bürger, ich trinke auf die „ Geſundheit der Republik, auf Frankreichs Wohlerge⸗ hen, auf das Glück unſerer Waffen!... und wer nicht ſein Glas mit mir ganz austrinkt, dem werfe ich das meinige in's Geſicht!..— Bravo! verſetzte Ducroquet, das heißt geſprochen.— Und das iſt auch der Ausdruck meiner Geſinnung! ſagte Durouleau mit ſtolzer Miene.— Er hat ſich zu erkennen gegeben, und ich achte ihn hoch,“ ſprach Benedikt. Die Gläſer wurden gefüllt und pünktlich geleert, beſonders von Cornelius und Trappeur, auf welche 110. Prospers Worte einen ziemlich ſtarken Eindruck des Entſetzens gemacht zu haben ſchienen. Die Köpfe erhitzten ſich allmälig, man ſprach über Politik, Jeder ſchlug Geſetze zur Sicherſtellung der Republik vor, Jeder wollte nach ſeiner Weiſe eine Regierung einführen; dann kam endlich der Au⸗ genblick, wo man ſich gegenſeitig nicht mehr verſteht, weil Alles zugleich ſpricht. Inmitten dieſes Tummultes beherrſchte Prospers Stimme ſtets die übrigen; er ſchrie lauter, als alle Andern, er wußte aus Erfahrung, daß bei Vielen derjenige, der den ärgſten Lärm macht, der die beſte Lunge, das lauteſte Organ hat, es iſt, dem man am meiſten Verdienſt zuerkennt. Er hatte von der Natur eine vorzügliche Bruſt und eine jener biegſa⸗ men Stimmen erhalten, die man nach Willkür dämpfen oder verſtärken kann, und verſtand es, dieſen Vorzug mit Glück zu benützen; er ſetzte ſeine Zuhörer in Staunen, betäubte ſie und brachte ſie außer Faſſung; Ducroquet ſelbſt war gegenüber von ihm nur ein Knabe; wenn der Rothgerber die Stimme erhob, ſo überſchrie ihn Prosßer mit Flüchen, Geſang oder ſchallendem Gelächter. Auch that der Wein bei ihm, wie bei den Andern, ſeine Wirkung, er ſchwatzte was ihm in den Kopf kam, da aber ſeine unbedeutend⸗ ſten Worte mit einem ſo gebieteriſchen Ton und einem ſolchen Nachdruck ausgeſprochen wurden, daß der Ge⸗ ſellſchaft hätte das Trommelfell zerſpringen mögen, ſo lachte man hell auf über ſeine Scherze, billigte alle ſeine Vorſchläge und würde ihn nach jedem Glas 111 geküßt haben, wenn er nicht erklärt hätte, er küſſe nur Frauen. 8 Indeſſen drang mitten unter dieſer Flut von Worten dieſer angefangenen und abgeſchnittenen Geſpräche, dieſes Geſchreis und dieſer Toaſte der Namen Ca⸗ milla's von Trevilliers zu Prospers Ohren, dann ſchlug er mit der Fauſt wüthend auf den Tiſch und ſchrie mit Donnerſtimme:„Wer hat von der jungen Camilla von Trevilliers geſprochen?— Ich, antwor⸗ tete Trappeur mit ſchlauer Miene.— Und was haſt Du über dieſes junge Mädchen geſagt? laß hören, oder ich werfe Dir dieſen Teller in's Geſicht.“ Durch Prospers Ton, deſſen Augen jetzt Blitze ſchleuderten, erſchreckt, entgegnete der Bürger Trap⸗ peur zögernd:„Ich ſagte... das heißt, ich dachte... da ſie die Tochter eines Emigranten... eines Cide⸗ vant ſei... ſo könnte man ſie in Verhaft nehmen... — Ei beim Kuckuk! er hat Recht! rief Ducroquet aus, dazu braucht er die Augen nicht niederzuſchla⸗ gen.. Die kleine Camilla muß verhaftet werden... Ich werde ſie morgen anklagen.— Das verbiete ich Dir! ſprach Prosper vom Stuhl aufſtehend und den Rothgerber mit drohender Miene betrachtend.— Du verbieteſt es mir! entgegnete Ducroquet, ſich ebenfalls erhebend und ſeine Hemdärmeln weiter zurückſtül⸗ pend. Ei, was, junger Bürger, Du nimmſt einen Ton.. eine Miene an.. mit welchem Recht ver⸗ bieteſt Du mir, eine Cidevant verhaften zu laſſen?— Weil ich mich ſelbſt, ich allein, verſtehſt Du? mich hier um dieſes junge Mädchen kümmern muß, weil 112 ich beauftragt bin, jeden ihrer Schritte, ihre mindeſte Handlungen zu beobachten, da ſie im Verdacht ſteht, eine verbrecheriſche Korreſpondenz mit dem Auslande zu unterhalten, und wenn ſie verhaftet wird, ſo hört die Korreſpondenz auf und man entdeckt nichts... während, wenn man thut, als ob man gar kein Aug' auf ſie habe, und doch insgeheim ihr geringſtes Thun überwacht, man das ganze Gewebe der Verſchwörung . wenn eine ſolche ſtattfindet... entdecken kann. Hm? begreifſt Du's jetzt?— Ah! Bravo! riefen alle Tiſchgenoſſen.— Nun, das i*ſt ein Unterſchied, und jetzt verſtehe ich Dich, verſetzte Ducroquet.— Er hat ſich abermals zu erkennen gegeben, ſagte Benedikt zu Durouleau.— Ich habe es doch errathen; er iſt hier⸗ her geſendet worden, um die Ariſtokraten, die Ver⸗ dächtigen zu beſpioniren.“ „Nun laßt uns trinken!“ rief Prosper. Und während ſeine Blicke auf einen ſchönen türkiſchen Säbel fielen, der an der Wand aufgehängt war, trat er vom Tiſche weg, betrachtete den Säbel und hängte ihn an ſeinen Gürtel, indem er ſprach: Sacker⸗ lott! Bürger Durouleau, das iſt ein hübſcher Säbel... — Ja, er ſtammt von einem Marquis, der behaup⸗ tete, ſeine Ahnen hätten ihn aus Paläſtina mitge⸗ bracht..— Und das ſind auch ſchöne.. prächtig damascirte Piſtolen, fuhr Prosper fort, ein paar Piſtolen zur Hand nehmend, die auf einem Bücher⸗ ſchranke lagen.— Sie ſtammen aus dem gleichen Hauſe wie der Säbel!“ Prosper ſteckte die Piſtolen in ſeinen Hoſengürtel, 113 und rief, nachdem er ſich mit ſeinen Waffen bewundert hatte, aus:„Bürger Durouleau, ich entlehne dieſen Säbel und dieſe Piſtolen von Dir.— Ich thue mehr, als Du verlangſt, erwiderte der dicke Mann, ich ſchenke Dir dieſe Waffen.— Du haſt Recht, denn ich hätte ſie Dir nie zurückgegeben.— Deine Freimüthigkeit entzückt mich und ich ſchätze mich glücklich, Dir dienen zu können.— Schau, ich ſehe auch eine hübſche Pelzmütze, die mir, glaub' ich, nicht übel ſtehen würde...“ Mit dieſen Worten hatte der junge Mann eine ungeheure Mütze aufgeſetzt, deren hornförmig geſtal⸗ teter Zipfel bis auf die Schultern herabfiel, und die, da ſie für Prospers Kopf zu groß war, ihm beinahe die Augen bedeckte. „Behalte die Mütze, ſie wird Dir warm geben, ſagte Durouleau.— Meinen Dank dafür. Und nun, Bürger, kann dieſen Abend nichts mehr für das Wohl des Staates in der Stadt geſchehen?“ Bei dieſen Worten zog Prosper den Säbel und ſchwang ihn mit feuerſprühendem Blicke über ſeinem Haupte, ſo daß Cornelius und Trappeur es nicht mehr wagten, ihn anzuſehen, während die Andern ihn mit Bewunderung betrachteten. „Wahrhaftig, ſagte Benedikt, ich ſehe nicht ein⸗ was wir dieſen Abend draußen machen ſollten... es iſt jetzt Nacht... Man ſitzt ganz gut bei Tiſche.“ „Wißt ihr, verſetzte Ducroquet, daß der Wind dieſen Morgen den Freiheitsbaum umgeriſſen hat, den man auf dem Marktplatze aufgepflanzt hatte?“ Paul de Kock. XV. 8 f 114 „Der Freiheitsbaum iſt umgeriſſen! rief Prosper aus, und ihr ſitzt hier wie Vielfraße um dieſen Tiſch herum! Ha! beim Donner! ich will ihn wieder auf⸗ richten und die wahren Patrioten werden mir folgen!“ „Der Bürger Carotte hat Recht, ſprach Durou⸗ leau, das iſt ein ſchöner Gedanke, und wir folgen ihm Alle!“ „Aber es iſt dunkel!“ brummte Cornelius, ſein Glas leerend. „Es iſt nie dunkel, wenn uns der Ruhm leuchtet! Vorwärts, man zünde Fackeln an, auf den Weg Es lebe die Freiheit!“ „Er hat ſich ganz zu erkennen gegeben;“ ſagte Benedikt.“ Prospers Befehle wurden plötzlich befolgt. Du⸗ rouleau hatte Pechfackeln holen laſſen, man zündete ſie an, gab Jedem der Geſellſchaft eine davon, und verließ ſchreiend und patriotiſche Lieder ſingend das Haus. Prosper marſchirte mit einer brennenden Fackel in der einen und den gezogenen Säbel in der andern Hand an der Spitze der Truppe; er ſchrie, brüllte und küßte alle Frauen, die ihm auf dem Wege be⸗ gegneten. Sein Anblick hatte etwas Fürchterliches, denn die Dünſte des Weines verliehen ſeinen Augen einen ungewöhnlichen Glanz, und die Sonderbarkeit ſeines Koſtüms, ſeine Bewaffnung, ſein Geſchrei, ſeine Geberden, kurz, Alles zuſammengenommen war wohl von der Art, daß es Eindruck machen konnte. Bald verſammelte ſich die Menge um Prosper⸗ 115 man zeigte ſich denſelben mit den Fingern, und wenn ein ängſtlicher Vorübergehender zu fragen wagte, was es gebe, ſo antwortete man ihm:„Das iſt der Mann mit der rothen Hoſe, der den Freiheitsbaum aufpflanzt.“ Indeſſen waren Durouleau's Tiſchgenoſſen auf dem Platze angelangt, wo der umgeſtürzte Freiheitsbaum lag. Prosper verlangte laut eine Hacke und eine Schaufel; kaum hatte er ſeinen Wunſch ausgeſprochen, ſo wurde ihm das Verlangte gereicht; man wollte ihm bei ſeiner Arbeit behülflich ſein, aber er wies die ihn Umgebenden barſch zurück; er will allein den Freiheitsbaum wieder aufrichten, allein die Ehre dieſer Verrichtung genießen. Mit kräftigem Arme durch⸗ wühlt er die Erde, in kurzer Zeit hat er ſein Ge⸗ ſchäft vollendet, und der verſammelten Menge den Baum zeigend, ruft er aus:„Diesmal, ſtehe ich dafür, wird ihn der Wind nicht mehr umreißen!“ Beifallklatſchen ertönte von allen Seiten und das Geſchrei: Es lebe der Mann mit der rothen Hoſe! ließ ſich darunter vernehmen. Endlich reichte man ſich die Hand. Prosper ging mit ſeinem Beiſpiel voran, er ſtimmte das famoſe Lied: Ga ira! an, und man tanzte rings um den von ihm aufgerichteten Frei⸗ heitsbaum. Nachdem man lange getanzt hatte, trennte man ſich endlich, und Prosper kehrte mit den Glückwün⸗ ſchen des ganzen verſammelten Volkes und den Hand⸗ drücken ſeiner Tiſchgenoſſen, welche nunmehr die größte Hochachtung für ihn empfanden, zu Durouleau zurück. Am folgenden Morgen ging Prosper aus und 8 116 begab ſich zu dem einzeln ſtehenden Hauſe, worin Fräulein von Trevilliers wohnte; er ſpazierte den ganzen Tag davor auf und ab und lauerte, ob Nie⸗ mand herauskomme. Aber Camilla verließ die Woh⸗ nung ihrer Gouvernante nicht; ſie erſchien einen Augenblick am Fenſter, als ſie aber den fürchterlich — bewaffneten Mann in der rothen Hoſe, mit der Pelz⸗ mütze auf dem Kopfe, ſah, der vor ihrer Thüre Schildwache zu ſtehen ſchien, erkannte ſie Prosper nicht, fürchtete ſich und wagte es nicht, ſich im Freien zu zeigen. Prosper kam erſt gegen Abend wieder zu Durou⸗ leau zurück und war ſehr geärgert, daß er Camilla nicht hatte davon unterrichten können, daß er ſie bewache, und ahnte nicht im Geringſten, daß er ſie am Ausgehen verhinderte. Mehre Tage verſtrichen auf dieſe Weiſe. Da Durouleau wußte, daß ſein Gaſt unaufhörlich um das von der Tochter des Emigranten bewohnte Haus herumſtreifte, ſo ſagte er zu ſeinen Freunden:„Der Bürger Carotte hat uns nicht belogen, er überwacht die Tochter des Emigranten fortwährend.“ Und wenn ſich Prosper in Geſellſchaft von Durou⸗ leau's Freunden befand und den Namen einer Perſon V V ausſprechen hörte, welche man für verdächtig hielt und die angeklagt werden ſollte, ſo legte er die Hand auf den Griff ſeines Degens und rief mit gerunzelter Stirne aus:„Ich verbiete Jedem, wer es auch ſei, dieſe Perſon anzuklagen! Ich bin hier, um die Ver⸗ dächtigen zu überwachen, ich allein kann ſie, wenn — 117 der paſſende Moment gekommen iſt, verhaften laſſen, und dem erſten, der ſich um mein Geſchäft beküm⸗ mert, renne ich dieſen Degen in den Leib!“ 3 „Das iſt richtig, ſagte Durouleau, da er für die Züchtigung der Strafbaren zu ſorgen hat, ſo brauchen wir nicht in ſeine Fußſtapfen zu treten.“ Und Trappeur ſagte leiſe Cornelius ins Ohr: „Ich weiß nicht, ob er hier iſt, um Jemand zu ver⸗ haften, aber es ſcheint mir, er thut es nicht, ver⸗ haftet Niemand.“ Vierzehn Tage verfloſſen auf dieſe Art; eines Morgens, als es ſchönes mildes Wetter war, wagte es Camilla, welche Niemand in der Nähe ihres Hauſes bemerkt hatte, auszugehen, um mit ihrer Gouvernante einen kleinen Spaziergang aufs Land zu machen. Kaum waren die Damen dreihundert Schritte vom Hauſe entfernt, ſo begegnete ihnen der Mann mit der rothen Hoſe und trat ihnen in den Weg. Camilla ſtieß einen Schreckensſchrei aus und wollte fliehen, aber eine wohlbekannte Stimme hielt ſie zurück und ſagte:„Mein Gott, Fräulein, Sie geſtatten mir alſo nicht mehr, mit Ihnen zu ſprechen?“ „Was höre ich!... iſt es möglich?2... Sie ſind's, Herr Prosper 2... Sie... in dieſer Klei⸗ dung... mit dieſen Waffen?— Ja, Fräulein...“ „Ach, ganz Melun ſpricht nur von Ihnen.. Jedes zittert bei Ihrem Anblick... man bezeichnet Sie unter dem Namen: der Mann mit der rothen 118 Hoſe! man hält Sie für einen wüthenden Terroriſten, einen Septembriſirer.“ „Das war gerade mein Zweck, Fräulein, denn dadurch bin ich hoffentlich in den Stand geſetzt, Sie zu retten... Man glaubt, ich ſei beauftragt, Ihre Handlungen zu beſpioniren... und klagt Sie wenig⸗ ſtens nicht an, ſo lange man mich fortwährend Ihre Schritte verfolgen ſieht.“ „Wäre es möglich? was, Herr Prosper, um meinetwillen... um mir nützlich ſein zu können, thun Sie das Alles!“ Bei dieſen Worten ließ Camilla ihren Blick voll Dankbarkeit auf Prosper ruhen; dieſer Blick war ſo ſanft, daß der junge Mann, um ähnliche zu ver⸗ dienen, ſich in die größten Gefahren geſtürzt haben würde, und er ſtammelte, ſie mit Zärtlichkeit an⸗ blickend:„Sie erlauben mir alſo, Ihnen zu folgen, wenn Sie ausgehen? es ärgert Sie nicht, wenn ich unaufhörlich um Ihre Wohnung herumſtreiche?— Nein, gewiß nicht; da ich nun weiß, daß Sie es ſind... fürchte ich mich nicht mehr... ich bin im Gegentheil beruhigt.“ Prosper war trunken vor Entzücken und die Zeit des Spaziergangs ſchien ihm ſehr kurz. Am nächſten, am übernächſten und den darauf folgenden Tagen ſah er Camilla wieder, und wenn er ſie nicht ſah, ſo blickte er nach ihrem Hauſe, ihrem Zimmer, ihren Fenſtern hin, ganze Stunden Btachir er auf ſeinem Poſten zu. Und Durouleau ſagte alle Abende beim Anſtoßen — 119 zu ihm:„ Sackerlott, Bürger Carotte, wenn Dich die Regierung für die Bewachung der Tochter des Emigranten bezahlt, ſo muß man geſtehen, gibt ſie ihr Geld nicht umſonſt aus.“. Und die große Jeannette, das Dienſtmädchen mit den kecken Augen, war ganz erſtaunt, daß es dem jungen Mann mit der rothen Hoſe noch nicht einge⸗ fallen war, ſie zu küſſen, mit ihr zu ſcherzen und kurz, die Liebesblicke zu erwidern, welche ſie ihm zuwarf. Beinahe einen Monat war Prosper in Melun, als er eines Morgens beim Durchſehen der öffent⸗ lichen Blätter, die ſein Wirth eben erhalten hatte, die Namen der zuletzt durch den Beſchluß des Revo⸗ lutionstribunals in Paris hingerichteten Perſonen las. Plötzlich wurde ſein Antlitz blaß, wie der Tod, ein Schleier trat vor ſein Geſicht und er ſchwankte, während er flüſterte:„Derbrouck!... iſt es mög⸗ lich... dieſer gute Holländer, mein Wohlthäter!... todt!... todt!... vorgeſtern in Paris hingerichtet!...“ „Was haſt Du denn, Bürger Carotte?“ fragte der dicke Durouleau, über den Schrecken und die Bläſſe ſeines Gaſtes ganz erſtaunt. Ohne ihm zu antworten, ſtand Prosper auf, ſetzte ſeine Mütze auf den Kopf, gürtete ſein Schwert um, ſteckte ſeine Piſtolen zu ſich, ſchüttelte die Hand ſeines Wirthes und ſprach:„Lebe wohl, ich gehe nach Paris.— Nach Paris?... Wie.. warum denn ſo ſchnell?... Haſt Du Befehle erhalten? Etwas geleſen, was Dich betrifft?...— Ja... ich muß 1²⁰ augenblicklich nach Paris gehen... die Pflicht ruft mich dorthin.— Ahl wenn Dich die Pflicht ruft... Aber Du kehrſt doch wieder zurück?— Ich hoffe.“ „Meiner Treu, ſieh, ich habe Dich lieb gewonnen, Du trinkſt tüchtig! Du biſt mir werth geworden... Deine Geſellſchaft gefällt mir.— Meinen Dank, Bürger... Ich will mich beſtreben, bald wieder zurückzukommen.“ „Aber wie ſteht's während Deiner Abweſenheit um die Tochter des Cidevant, die kleine Ariſtokratin? — Du wirſt über ſie wachen... Du ſtehſt mir mit Deinem Kopfe dafür.— Mit meinem Kopfe!... Aber..— Ja, Bürger Durouleau... Dir ver⸗ traue ich ſie an. Schwöre mir, daß ich Camilla bei meiner Rückkehr wieder antreffen, und noch Herr ihres Geſchickes ſein werde.— Ich ſchwöre es Dir auf alte Römertreue.“ „Leb wohl. Du haſt ein Pferd... ich nehme es mit, um ſchneller nach Paris zu kommen... Aber ſei beruhigt, ich bring' es Dir wieder zurück, es ſei denn, daß es unterwegs krepirte.“ Der dicke Mann betrachtete Prosper mit verwun⸗ derter Miene; dieſer aber entfernte ſich ohne Wei⸗ teres raſch, warf ſich im Stall aufs Pferd und jagte nach Paris. ſſiiſſſſſmmſiſſiſnſfſiſſnſſfiſſſſſifnſſinſinſſiiſſſiſſimſſniſſſnſiniſſſüſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ——-C;Conñ