Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zehnter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger& Fattler. 1843. 1 Das Kind meiner Frau. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. — Zweiter Theil. So- Stuttgart: Scheible, AUieger& Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Ein Abenteuer anderer Art. Heinrich und Frank ritten gemächlich auf dem Wege nach Deutſchland fürbaß; der erſtere in Ge⸗ danken über das traurige Ergebniß ſeiner Reiſen. In der That, was gewinnt man auch mit Umher⸗ ſtreichen in der Welt? Die Ueberzeugung der ge⸗ ringen Aehnlichkeit zwiſchen dem wahren Glück und dem von unſerer Einbildungskraft geſchaffenen. Frank, obgleich minder trübſinnig in ſeinen Be⸗ trachtungen als ſein Herr, fand, daß ein ſtilles, ruhiges Leben wohl das Vergnügen aufwiege in der Welt umherzuſchwärmen, und er pries Die⸗ jenigen glücklich, welche ihr Geſchick friedlich an den Orten ihrer Geburt leben läßt. Einige Meilen von Straßburg hielt Heinrich in dem nämlichen Walde an, wo einige Monate ſpäter der Oberſt Framberg und Müller eine Zu⸗ fluchtsſtätte fanden. Da er eine Weile im Schatten 6 zu ruhen wünſchte, ſchickte er Frank mit dem Be⸗ fehl voraus, ihn im erſten Gaſthof zu Straßburg zu erwarten. Die Stille des Orts ſchien den Rei⸗ ſenden zur Ruhe einzuladen; Heinrich, der ſeit einigen Tagen ununterbrochen auf dem Wege war, fühlte das Bedürfniß, einen Augenblick der ihn niederdrückenden Mattigkeit nachzugeben. Er ſetzte ſich unter dichtes, von einer majeſtätiſchen Eiche beſchattetes Strauchwerk und bald ſchloß der Schlaf ſeine Augenlieder. Als er wieder erwachte, begann der Tag ſich zu neigen; er wollte aufſtehen, um ſeinen Weg fortzuſetzen, als er von der andern Seite des Ge⸗ büſches Stimmen vernahm; er ſtreckte leiſe den Kopf vorwärts und erblickte, nur einige Schritte entfernt, zwei Männer. Ihre feindſeligen Geſichter beſtimmten ihn, ſich nicht gleich zu zeigen; und da ſich beide völlig allein glaubten, konnte er leicht folgendes Geſpräch vernehmen: „Du biſt alſo ganz ſicher, daß er es iſt?— Ja, Herr, ich bin's gewiß; und obgleich ich ihn teufelmäßig lang nicht geſehen, iſt mir ſein Geſicht doch zu gut im Gedächtniß, als daß ich ihn nicht erkannt hätte! Ueberdies habe ich in dem Wirthshaus, wo er war, Erkundigungen über ihn eingezogen und weiß gewiß, daß ich mich nicht irrte.— Und Du ſagſt, er werde durch dieſen Wald kommen?— Ja, Herr, er kann keinen andern Weg nehmen, und ich ſuche Sie eiligſt auf, damit wir eine ſo ſchöne Gelegenheit nicht entſchlüpfen laſſen..— Was 4 7 meinſt Du denn, Stoffar, daß wir thun ſollen?— Beim Teufel! es gibt nur einen Ausweg, nämlich ſich ſeiner zu entledigen, damit er uns nicht mehr beunruhigt.“ Hier fühlte Heinrich, wie ihm das Blut in den Adern kochte, und er wollte auf die beiden Schur⸗ ken losſtürzen; aber er bedachte, es moͤchte dies vielleicht nicht das rechte Mittel ſein, ihr Schlacht⸗ opfer zu retten, und bemühte ſich daher, ſeinen Unwillen zu mäßigen.„Aber, nahm Derjenige das Wort, welcher der Herr zu ſein ſchien, wenn wir uns darauf beſchränkten, uns ſeiner Perſon zu ver⸗ ſichern und ihn eingeſperrt zu halten, ſo könnten wir ihn zu dem Bekenntniß zwingen, was er mit... — Nein, Herr, ſiel der Andere ein; das wäre zu nichts nütze!.. Zudem, wo wollen Sie ihn ein⸗ ſperren?... In Ihrem Hauſe?. Von einem Augenblick zum andern könnte man ihn dort ent⸗ decken, oder er dürfte nur entkommen!. Das würde uns einen ſaubern Handel auf den Hals ziehen!... Glauben Sie mir, unter ſolchen Um⸗ ſtänden darf man keine halbe Maßregeln ergreifen. Iſt er einmal todt, ſo ſind Sie ruhig, denn ihn allein haben Sie zu fürchten..— Du haſt Recht, Stoffar, und ich bin entſchloſſen, zu...“ Der Huf⸗ ſchlag eines Pferdes unterbrach das Geſpräch.„Er iſt's, Herr, ſagte einer der Männer, aufſtehend; er kommt näher..Halten wir uns bereit, ihn gut zu empfangen!“ Beide ſtellten ſich hinter Bäumen auf. Auch 8 Heinrich lud ſeine Piſtolen, und dem Himmel dan⸗ kend, daß er ihn zum Vertheidiger eines Unglück⸗ lichen erkoren hatte, war er auf jeden Fall gerü⸗ ſtet. Nach einigen Minuten ſah er einen Mann auf einem Pferde ſich nahen. Noch war es nicht ſo dunkel, daß er die Züge des Reiſenden nicht hätte unterſcheiden können. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren und edlem Wuchſe, deſſen ſanftes, aber melancholiſches Geſicht eine unter der Laſt tiefen Kummers ſeufzende Seele verrieth. Je näher der Unbekannte kam, deſto gewaltiger ſchlug Heinrichs Herz, und er vergaß über der Be⸗ trachtung ſeiner Züge die ſein Leben bedrohende Gefahr. Bald war er jedoch aus dieſem Zuſtand geriſſen. Die beiden Männer brachen plötzlich mit gezücktem Säbel auf den Reiſenden los, der durch einen ſo unerwarteten Angriff betäubt, nicht Zeit ge⸗ habt hatte, nach ſeinen Waffen zu greifen; er wäre unfehlbar unterlegen, hätte ſich nicht Heinrich mit der Schnelle des Blitzes den Mördern ent⸗ gegengeſtellt. Dieſe plötzliche Erſcheinung erſchreckte ſie ſo ſehr, daß ſie ihre Beute los ließen und nur an ihre Flucht dachten. Heinrich feuerte ſeine Pi⸗ ſtolen auf ſie ab; einer der beiden Schurken ſiel todt nieder, der andere war nicht getroffen und entfloh durch das Dickicht des Waldes. Heinrich hielt Verfolgung für unklug und kehrte ſich zu dem Geretteten. Der Reiſende wußte nicht wie er ſeinem Befreier ſeine ganze Erkenntlichkeit bezeigen ſollte.„Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, ——— 9 mein Herr, antwortete ihm Heinrich; indem ich Ihnen zu Hülfe kam, erfüllte ich nur die Pflicht eines Ehrenmannes, und ich bin überzeugt, Sie hätten an meiner Stelle das Nämliche gethan. Wollen Sie aber meinem Rathe folgen, ſo ſputen wir uns, aus dieſem Walde herauszukommen und eine beſuchte Straße zu gewinnen: denn die Nacht wird finſter, und vielleicht wären wir nicht immer gleich glücklich.— Ich bin Ihrer Anſicht, erwi⸗ derte der Unbekannte, aber, wie es ſcheint, ſind Sie zu Fuß?— Wahr, ich habe meinen Diener mit meinem Pferde vorausgeſchickt, denn ich ge⸗ dachte, noch dieſen Abend in Straßburg einzutref⸗ fen.— Nun denn! ſteigen Sie hinten auf, ſo werden wir ſchneller aus dem Walde kommen.“ Heinrich nahm den Vorſchlag an und im Galopp flogen ſie davon. unterwegs ſprachen ſie von den auf dieſen Vor⸗ fall bezüglichen Einzelnheiten.„Ich glaubte nicht, ſagte der Reiſende, daß Räuber dieſen Wald un⸗ ſicher machen.— Sie irren ſich, mein Herr, wenn Sie die Leute, die Sie anfielen, für Räuber hiel⸗ ten: ich bin gewiß, daß es keine waren.“ Nun erzählte Heinrich, wie er Alles gehört habe. Wäh⸗ rend der Erzählung betrachtete er ſeinen Gefähr⸗ ten genau und bemerkte, daß er ſeinen Worten die größte Aufmerkſamkeit ſchenkte.„Wäre es mög⸗ lich? rief der Reiſende aus, als Heinrich geen⸗ det hatte. Aber haben Sie ſonſt nichts gehört, mein Herr?— Nichts weiter; doch vermuthe ich, 10 das werde hinreichend ſein, Sie auf die Fährte zu bringen.— Nun denn! Sie irren ſich, mein Herr! denn ich verſichere Sie, daß ich nichts von dem eben Geſagten begreife; ich wüßte nicht, daß ich Feinde hätte, die einer ſolchen Schlechtigkeit fähig wären.— Beim Henker, das iſt wunderbar!... Ich habe nie Jemanden geſchadet und ſo viel Gu⸗ tes gethan, als ich konnte!..— Durch Gutes⸗ thun zieht man ſich häufig den Haß der Schlechten zu!— Ha! Sie haben Recht, mein Herr, und öffnen mir die Augen!..“ Hier verſank Heinrichs Begleiter in tiefe Träumerei, und erſterer erlaubte ſich keine weiteren Fragen. Nicht lange ſo betraten unſere beiden Reiſenden einen beſuchten Weg, und da die Nacht finſter war, dachte Heinrich, er werde wohl daran thun, den andern Tag zu ſeiner Weiterreiſe nach Straßburg abzuwarten. Vor der erſten Herberge machten ſie Halt.„Sie gehen nach Straßburg und ich komme dort her; weil wir demnach beide eine entgegen⸗ geſetzte Richtung zu nehmen haben, will ich Ihnen Lebewohl ſagen.— Wie? Sie kehren hier nicht ein? entgegnete Heinrich.— Nein, denn ich habe Eile, nach Paris zu kommen, wo ich eine wichtige Angelegenheit beendigen muß; da ich bald wieder nach Straßburg zurückzukehren gedenke, werde ich hoffentlich das Vergnügen haben, Sie dort zu ſehen und nähere Bekanntſchaft mit dem Erhalter mei⸗ nes Daſeins zu machen.“ Heinrich erwiderte ihm, ſein dortiger Aufenthalt werde nicht von langer 0— 11 Dauer ſein:„Aber, fügte er hinzu, da ich eben ſo ſehr wünſche, daß wir uns eines Tages wieder zuſammenfinden, lade ich Sie ein, wenn Sie der Zufall in die Nähe meines Wohnorts führt, nicht zu vergeſſen, daß Sie in Heinrich von Framberg einen Freund haben, der ſich glücklich ſchätzen würde, Ihnen noch einmal nützlich ſein zu können. — Heinrich von Framberg!... rief der Unbekannte aus; wie? Sie wären der Sohn des Oberſten Framberg?— Gewiß! Warum dieſe Ueberraſchung? Sollten Sie etwa meinen Vater kennen?— Ich habe viel von ihm gehört: der Ruf ſeiner Tapfer⸗ keit und ſeiner Thaten iſt zu mir gedrungen.— Nun gut! ein Grund mehr, auf das Schloß zu kommen, ich bürge Ihnen für gute Aufnahme.“ Der Fremdling dankte Heinrich; der Name Framberg hatte eine Aufregung in ihm hervorge⸗ bracht, welche den Blicken unſers Helden nicht entging, aber er wagte nicht, ihn um die Urſache zu fragen, und ſie ſchieden von einander mit wie⸗ derholten Verſicherungen der aufrichtigſten Freund⸗ ſchaft..— Heinrich trat in die Herberge, wo er ſich ein Zimmer anweiſen ließ; hier dachte er über ſein ſonderbares Abenteuer und ſeine neue Bekannt⸗ ſchaft nach. Der Altersungleichheit zwiſchen Hein⸗ rich und dem Fremden ungeachtet, fühlte ſich jener doch mit Bruderliebe zu ihm hingezogen, und er bedauerte ſehr, daß er vergeſſen hatte, ihn um ſeinen Namen zu befragen. Unter ſolchen 4 12 Betrachtungen ſchlief er ein und reiste am frühſten Morgen mit der Poſt nach Straßburg. Zweites Kapitel. Wiederfinden. In dem bezeichneten Gaſthof fand Heinrich den vorausgeſchickten Diener ſeiner harrend. Frank war in Unruhe über das Ausbleiben ſeines Herrn am geſtrigen Abend, und dieſer erzählte ihm ſein gehabtes Abenteuer. „Sie werden zugeben, gnädiger Herr, daß Sie auf einen ſolchen Vorfall nicht gefaßt waren!... Ich bin überzeugt, Der, den Sie gerettet, hegt re⸗ ges Dankgefühl für Sie.. Aber gleichviel, will ſein Verhängniß, daß er ermordet werde, ſo wird er ihm früher oder ſpäter nicht entgehen.“ Heinrich ließ Frank und ſein Verhängniß, um in der Stadt umherzuſtreifen. Seit dem geſtrigen Abenteuer waren ſeine düſtern Gedanken völlig verflogen, und es blieb ihm von der Erinnerung an ſeine Reiſen und tollen Streiche nur noch der feſte Entſchluß übrig, ſich in Zukunft beſſer aufzu⸗ führen. 1 Während er ſo ſeine Tugendplane ſchmiedete, war er, anfangs ohne es zu gewahren, aus der Stadt gekommen; im Begriff aber, den Rückweg einzuſchlagen, hört er hinter ſich um Hülfe rufen; — — — 13 er dreht ſich um und erblickt ein junges Frauen⸗ zimmer, ſich gegen einen Soldaten ſträubend, der ſie wider ihren Willen mit fort ziehen wollte. Er ſpringt auf den Kriegsknecht zu, der in ſeiner Trunkenheit, beim Anrücken von Hülfe, ſeine Beute los läßt; Heinrich will nun der jungen Dame ſeine Dienſte anbieten: aber wie ſoll ich ſeine Ueberraſchung, ſein Entzücken malen, als er in der Befreiten ſeine geliebte Pauline erkennt! „Wie? Sie ſind's mein Fräulein— Sie, mein Herr?...“ war Alles was ſie ſagen konnten, ſo ſehr waren beide ergriffen. Heinrich bewunderte die Reize der Geliebten, welche ſich ſeit ihrer Trennung noch mehr entfaltet hatten; auch Pau⸗ line konnte nicht umhin, Heinrichs Freude und Verwirrung zu theilen. „Ach, mein Herr, ſagte ſie endlich, wie ſehr danke ich dem Himmel, daß er Sie zu ſo gelegener Zeit herſandte, mich von der drohenden Gefahr zu befreien!—„Mein Herr! mein Herr!“ wiederholte Heinrich ſeufzend.. ich bin alſo nicht mehr Heinrich für Sie?... Sonſt nannten Sie mich ſo; die Zeit hat Sie jene glücklichen Tage vergeſſen laſſen, die ich an Ihrer Seite verlebte! Ach, Pauline!... ach, mein Fräulein! ich habe alſo allein über eine ſo lange Trennung geſeufzt; und ſomit hätte ich wohl Sie, nicht aber das Glück wiedergefunden?.— Wie ungerecht ſind Sie, Heinrich!... Aber man hatte mir ſo oft wieder⸗ holt, daß Sie mich nicht liebten, mich vergeſſen 4 hätten!. Ihre lange Abweſenheit. Ihr ge⸗ ringer Eifer, meinen Aufenthalt zu erfahren... — Was ſagen Sie, Pauline?— Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich ſeit unſerer Trennung alles Erſinnliche that, Ihren Wohnort zu erforſchen!— Iſt's wirklich wahr, Heinrich?... Ach! dieſer Glaube iſt mir Bedürfniß! Ihre Worte machen mir zu viel Freude, als daß ich daran zweifeln möchte.“ Unſere beiden Liebenden vergaßen über dem Wie⸗ derſehen, daß es noch etwas Anderes auf der Welt gäbe als ihre Liebe. Pauline gewahrte zu⸗ erſt, daß man ſich trennen müſſe. „Jetzt müſſen wir uns trennen, Heinrich: bei Ihnen vergeſſe ich, daß die gute Madame Rein⸗ hard meiner wartet und vielleicht beſorgt iſt wegen meiner langen Abweſenheit.— Wo wohnen Sie, Pauline?— In dem Hauſe dort unten am Stadt⸗ thore. Ich war allein ausgegangen, einige Ein⸗ käufe zu machen, denn Madame Reinhard iſt krank und unſere alte Dienerin konnte nicht von ihr wei⸗ chen.— Und Ihr Vater?— Iſt in dieſem Augen⸗ blick nicht in Straßburg; doch wird ſeine Abweſen⸗ heit nicht von langer Dauer ſein.— Nun wohlan! was ſteht im Wege, mich in Ihrem Hauſe vorzu⸗ ſtellen?— Dieſen Abend nicht, mein Freund; es iſt zu ſpät, meine gute Mutter zu ſehen: kommen Sie morgen, da haben wir Zeit, mit ihr zu reden.“ Nur mit Mühe willigte Heinrich in die Tren⸗ nung von ſeiner theuern Pauline; aber die Hoffnung 15 auf den andern Tag flößte ihm wieder Muth ein. Er begleitete ſeine Angebetete bis vor die Thüre ihrer Wohnung und ſchied nur mit dem Verſprechen baldigen Wiederſehens. Glück im Herzen, kehrte Heinrich nach ſeinem Gaſthof zurück. Von der Rückkehr zum Vater war keine Rede mehr; ſeine Pauline beſchäftigte all ſeine Gedanken, ſeine Liebe. Bei der Nachricht, ſein Gebieter habe die Geliebte wiedergefunden, rief Frank:„Nun, da war's wohl der Mühe werth, gnädiger Herr, daß wir ſo weit herumreisten wegen einem Fräulein, das ſo nahe bei uns war! Aber es ſtand da oben geſchrieben!“ Kaum graute der folgende Morgen, als Hein⸗ rich ſchon unter den Fenſtern ſeiner Geliebten war⸗ tete. Man war im Monat November, wo es kalt zu werden anfing. Er ging vor dem Hauſe auf und ab, bis ſeine Schöne wach wäre; bald öffnete Pauline, die wahrſcheinlich nicht viel geſchlafen hatte, ihre Jalouſien.„Wie! Sie ſind's, mein Freund, ſo früh!...— Ach, theure Pauline! konnte ich fern von Ihnen ſchlafen?— Auch ich ſchlief nicht, wie Sie wohl ſehen; doch gleichviel, es iſt zu früh, Sie müſſen gehen.— Ach, Pauline! Sie lieben mich alſo nicht?— Aber, lieber Freund, Madame Reinhard ſchlummert noch.— Und ich ſterbe beinahe vor Kälte.— Sie können doch nicht eintreten.— Sie laſſen mich lieber unter Ihrem Fenſter erfrieren?..— Boſer!. Wohlan denn! warten Sie, ich komme herab.“ 16 Nicht lange, ſo öffnete Pauline. Wie reizend erſchien ſie in Heinrichs Augen! Ein einfaches Morgenkleid bedeckte ihren eleganten Wuchs; ihre nachläßig zurückgeſchlagenen Haare beſchatteten eine Stirne, den Sitz der Schamhaftigkeit; ihre ſüß⸗ ſchmachtenden Augen waren zu ſchüchtern, um auf denen ihres Geliebten zu ruhen: Alles an ihr flößte Liebe ein! Wie hätte Heinrich ſo viele Reize nicht verehren ſollen? Unbeweglich blieb er vor dem Gegenſtand ſeiner Bewunderung ſtehen; Pau⸗ line, die Urſache von Heinrichs Verwirrung wohl ahnend, erröthete vor Vergnügen. Wo iſt das Mädchen, dem es entginge, welches Gefühl ſie einflößt? Sie führte ihren Geliebten in ein kleines Ge⸗ ſellſchaftszimmer mit der Ausſicht auf den Garten; dort erwarteten ſie das Erwachen der Madame Reinhard. Die Zeit ward ihnen nicht lange; Lie⸗ bende haben ſich ſo Vieles zu ſagen! Heinrich er⸗ zählte Paulinen ſeine Reiſen und die ihm aufge⸗ ſtoßenen Abenteuer, wobei er indeß über das hin⸗ wegſchlüpfte, was für das Ohr ſeiner Geliebten nicht paßte. Gerne hätte Heinrich wiſſen mögen, wie es Paulinen während ſeiner Abweſenheit ergangen... wo ihr Vater und welches der Grund ſeiner Reiſe wäre, ſo wie tauſend andere, Dinge, die ihn mit der Geburt ſeiner Geliebten und ihrer gegenwär⸗ tigen Lage bekannt gemacht hätten; aber er wagte nicht, zu fragen, und harrte lieber, bis die Zeit 17 ihm ihr Vertrauen erwerben würde, als daß er neugierig oder mißtrauiſch in ihren Augen hätte erſcheinen mögen. Endlich bemerkte Pauline, daß die Stunde gekommen ſei, wo Diejenige, die Mutterſtelle bei ihr vertrat, zum Frühſtück aufzuſtehen pflegte. Sie flog zu Madame Reinhard, mit dem Verſprechen, Heinrich bald zu holen. Während ihrer Abweſen⸗ heit beſchäftigte ſich dieſer mit genauer Betrachtung der Wohnung ſeiner Freundin; Alles war ſo ein⸗ fach als möglich ausgeſtattet und zeigte mehr guten Geſchmack als Reichthum an.„Ha! ſie iſt nicht glücklich, ſprach Heinrich bei ſich ſelbſt, deſſen bin ich gewiß, und ſie hat nicht genug Vertrauen zu mir, um mir ihren Kummer mitzutheilen!... Aber ich werde ſie zum Vertrauen zu nöthigen wiſſen, ihre Leiden verſüßen, und ohne ihren Stolz zu verletzen, das Mittel finden, den Reichthum mit ihr zu theilen, der nur darum einigen Werth in meinen Augen hat, weil er mir zur Bereitung einer ſorgenfreieren Lage für ſie förderlich ſein kann!“. Was Heinrich ſeinen Reichthum nannte, war nichts Anderes, als das in Paris im Spiel ge⸗ wonnene Geld, welches er, wie man ſich erinnert, durchzubringen keine Zeit mehr gehabt hatte, weil er den zweitfolgenden Tag abgereist war. Pauline zog ihn aus ſeinen Betrachtungen durch die Anzeige, daß ihn Madame Reinhard zum Früh⸗ ſtück erwarte. Er folgte ſeiner Freundin und fand Paul de Kock. X. 3 2 18 die gute Dame beim Feuer ſitzen. Heinrich ward durch die Veränderung, welche die Krankheit bei ihr hervorgebracht, ſehr betroffen; die Bläſſe ihres Geſichts und ihre beinahe erloſchene Stimme ließen ihn fürchten, ſie möchte nicht mehr lange zu leben haben; allein er hütete ſich wohl, ſeiner Pauline Gedanken mitzutheilen, welche ihren Kummer nur verdoppeln konnten. Madame Reinhard empfing Heinrich aufs Schmeichelhafteſte und voll Freude, ihn wiederzu⸗ ſehen. Das Frühſtück war ziemlich heiter; Heinrich war bei ſeiner Pauline; was bedurfte er weiter zu ſeinem Glück? Wenn zufällig ſein Fuß den ihrigen berührte, ſeine Hand auf der ihrigen ruhte, und er in ihren Augen die Verwirrung leſen konnte, die ſie empfand, o! dann hätte er gegen alle Schätze der Welt die Wonne, bei ſeiner Geliebten zu ſein, nicht vertauſcht! Leicht erlangte er von Madame Reinhard die Erlaubniß, zuweilen ihre Einſamkeit zu theilen: zuweilen! das hieß täglich; unſere Liebenden wenigſtens verſtanden es ſo. Pauline geſtand Heinrich, daß ſie ſeit ſeiner Abwefenheit die Muſik ſehr vernachläßigt habe, er verſprach ihr, noch am Abend eine Sammlung der neueſten und ſchönſten Stücke zu überbringen; Pauline drückte ihm ſanft die Hand; Madame Reinhard dankte ihm zum Voraus für die Freude, die er ihrer geliebten Tochter bereiten wollte, und Hein⸗ rich ging, um ſein Verſprechen zu erfüllen. Ein Monat verfloß, waͤhrend deſſen unſer Held ¹ 19 jeden Morgen und jeden Abend bei ſeiner Geliebten zubrachte. Man hatte ſich ſo ſehr daran gewöhnt, daß wenn er zu ſeiner gewöhnlichen Stunde bei Madame Reinhard nicht erſchien, er ſeine Pauline in Unruhe fand, wie ſie, traurig durch das Fenſter blickend, ſeiner harrte. Heinrich ſchwamm in Selig⸗ keit, von ſeiner Freundin war er geliebt; Pauline verſuchte nicht mehr, ihm ihre Liebe zu verbergen, und wenn ſie es auch gewollt hätte, würde nicht jedes Wort, jede Bewegung verruthen haben, was in ihrem Herzen vorging? Madame Reinhard ſelbſt behandelte Heinrich wie ihren Sohn und fühlte die zärtlichſte Freundſchaft für ihn. Aber auch er war nicht mehr jener ungeſtüme, aufbrauſende Jüngling, jener Leichtſinn, Spieler und Sauſewind; ſeine Liebe für Pauline hatte alle ſeine Gefühle verändert, denn eine tugendhafte Leidenſchaft allein vermag alle anderen Leidenſchaften zu bezähmen. Doch nicht lange, ſo gewahrte er, daß ſeine Pauline an irgend einem geheimen Grame leide; Madame Reinhard ſelbſt ſchien oft traurig und nachdenklich. Heinrich ſah mit Schmerz, wie die Geſundheit dieſer guten Dame von Tag zu Tag mehr dahinſchwand. Er erblickte für ſeine Pauline tauſend Gefahren, tauſend Verlegenheiten, wenn ihre Pflegmutter ſtarb. Vergebens drang er in ſeine Geliebte, ihm ihren Kummer zu geſtehen, ihre Sorgen und Unruhe anzuvertrauen; ſtets ver⸗ mied ſie es, eine Frage zu berühren, welche ihren Schmerz zu vermehren ſchien. 20 Als ſich Heinrich eines Tages, nach ſeiner Ge⸗ wohnheit, zu der Geliebten begab, erſchrack er, wie er beim Oeffnen die alte Dienerin bitterlich weinen ſah.„Was iſt denn geſchehen? rief er alsbald aus.— Ach, Herr! meine gute Gebieterin iſt ſehr übel auf und hat, wie ich glaube, nur noch wenige Augenblicke zu leben.“ Heinrich fliegt ungeſäumt nach dem Kranken⸗ zimmer, wo er ſeine theure Pauline am Bette der Madame Reinhard, in Thränen gebadet, fand. Ddieſe letztere, obgleich ſchwach und am Rande des Grabes, empfängt Heinrich mit ſanftem Lächeln und richtet mit beinahe erloſchener Stimme fol⸗ gende Worte an ihn: „Ich erwartete Sie mit Ungeduld, mein lieber Heinrich; Ihnen übergebe ich meine geliebte Toch⸗ ter, Ihnen trage ich auf, ihr Sroſt zu ſein. Ich las in Ihrer Seele, welches Gefühl Sie für die⸗ ſelbe hegen, Pauline erwidert es: ſeiet daher vereint und verlaſſet einander nie!“ Heinrich drückt Pauline in ſeine Arme, gelobend, ſich nie von ihr zu trennen; ſeine Freundin hatte keine Kraft zu antworten, ſo ſehr war ſie vom Schmerz niedergebeugt. Madame Reinhard über⸗ wand ihre Schwäche und fuhr folgendermaßen fort: „Sie waren gewiß über das geheimnißvolle Weſen verwundert, lieber Heinrich, welches alle Hand⸗ lungen von Paulinens Vater zu umhüllen ſcheint; Sie kennen dieſen tugendhaften Mann nicht!... Wenn Sie ſeine Unglücksfälle vernehmen, werden 21 Sie ſein Betragen nicht mehr verdammen. Ich habe meine Pauline beauftragt, Sie von Allem zu unterrichten: die Zeit iſt nicht mehr, Ihnen irgend etwas zu verbergen, und in Sie allein ſoll ſie ihre ganze Hoffnung ſetzen.“ „Hier verfiel Madame Reinhard nach ſolcher Anſtrengung in eine Schwäche, den Vorboten ihres nahen Todes. Heinrich und Pauline umfingen ſie mit ihren Armen; ſie ſchlug die Augen noch ein⸗ mal auf, ergriff die Hand ihrer Pflegtochter, legte ſie in die Heinrichs und entſchlief zum ewigen Frieden. Heinrich beeilte ſich, ſeine Freundin dieſer Schmerzensſcene zu entreißen; in ſeinen Armen trug er ſie nach ihrem Zimmer. Dort ſuchte er nicht, ihren Schmerz zu mäßigen, ſondern er be⸗ weinte mit ihr die achtungswerthe Verblichene, — der beſte Troſt, den er ihr bieten konnte. Als nach einigen Tagen Paulinens Schmerz in etwas geſtillt war, wagte Heinrich die Bitte um die verſprochene Mittheilung. Pauline kam ſeinen Wünſchen nach: ſie unterrichtete ihn von der Urſache der Abweſenheit ihres Vaters und den Beweggründen ſeiner häufigen Reiſen. Da Heinrich hieraus entnahm, daß das lange Ausbleiben deſſelben an ihrer Unruhe ſchuld ſei, entſchloß er ſich, nach Paris zu reiſen, um Den⸗ jenigen dort auszukundſchaften, für den er ſich ſo lebhaft intereſſirte. Er reiste daher ab, mit Zurück⸗ laſſung Frank's, als Wächter für die Sicherheit 22 ſeiner Freundin, und begleitet von den heißeſten Wünſchen Paulinens für den glücklichen Erfolg ſeiner Reiſe. Wir wiſſen, daß um dieſe Zeit der Oberſt Fram⸗ berg und Müller, mit der Hoffnung in Straßburg eintrafen, Heinrich dort aufzufinden; dieſer war eben nach Paris abgereist, wohin ſie ihm folgten. Aber unſer junger Mann war nicht glücklich in ſeinen Nachforſchungen; er durchſtreifte die Haupt⸗ ſtadt nach allen Richtungen, ohne eine Spur von dem Geſuchten entdecken zu können. Des bielen vergeblichen Umherrennens endlich müde und von dem Wunſche getrieben, ſeine Pauline wiederzu⸗ ſehen, kehrte er nach Straßburg zurück, ſtets verfolgt vom Oberſt und Müller, welche ihn, ohne den ihnen im Walde zugeſtoßenen Unfall, unfehlbar eingeholt hätten. Heinrich fand ſeine Pauline mit der lebhafteſten Ungeduld ſeiner harrend. Sie eilte ihm entgegen, ſo wie ſie ihn erblickte.„Nun denn, mein Freund! welche Nachricht?— Gar keine, Theuerſte!— Wie? mein Vater...— Ich konnte nichts über ſein Schickſal erfahren.— Wie unglücklich bin ich!... Es iſt alſo aus! ich ſoll ihn nicht wieder⸗ ſehen!. Ich habe Niemand mehr auf Erden, der ſich einer unglücklichen Waiſe erbarmte!... — Was ſagſt Du? rief Heinrich mit Heftigkeit; Du haſt Niemand mehr auf Erden? Hal bin ich nicht Dein Geliebter... Dein Gatte?...— Ach, Heinrich! ſeit Du fort warſt, habe ich nachgedacht 23 und gefunden, daß ich auf dieſes Glück keinen Anſpruch machen darf!... Ich!... eine Waiſe, ohne Namen, ohne Vermögen, ſollte die Gemahlin des Grafen von Framberg werden!.. Ach! ich ſehe nur zu gut, welche Kluft uns trennt!— Biſt wirklich Du es, Pauline, die ich ſo ſprechen höre?... Mit einem einzigen Wort kann ich Dich Deines Irrthums überführen. Sage mir, wenn der Zufall Dich reicher gemacht hätte als mich, würdeſt Du mich darum verlaſſen haben?— Mein Freund, das iſt ein großer Unterſchied!... — Nein, Pauline! ich werde nicht ſo übermüthig ſein, Reichthümer der Dugend und Schönheit vor⸗ zuziehen. Du wirſt meine Gattin; die gute Madame Reinhard hat unſer Gelübde geſegnet, und Du haſt kein Recht mehr, Dich meinem Glück zu wider⸗ ſetzen.“ Was konnte Pauline antworten? Sie betete Heinrich an; ſie unterließ es, ſeinen Bitten zu widerſtehen und willigte endlich ein, ſeine Gattin zu werden. Sobald Heinrich dieſe Einwilligung erlangt hatte, dachte er auf Beſchleunigung ſeiner Hoch⸗ zeit. Er brannte vor Verlangen, ſeine Pauline dem Oberſt vorzuſtellen.„So wie Dich mein Vater ſieht, ſprach er zu ihr, wird er meine Wahl nur billigen können.— Wenn es aber nicht der Fall wäre, mein Freund! wenn er unſere Bande bräche!..— Nein, liebe Pauline!... Du kennſt meinen Vater nicht! er iſt rauh, aber gut und 1 gefühlvoll. Ueberdies braucht er Dich nur zu ſehen, um Dich zu lieben...“ Pauline lächelte und fing an zu hoffen. Heinrich machte alsbald die Vorbereitungen zu ſeiner Vermählung. Frank ward aufgegeben, einen Notar und einen Prieſter zu beſtellen; und Hein⸗ rich erlangte von Paulinen die Erlaubniß, ſie bis dahin nicht mehr verlaſſen zu dürfen. Er ließ daher ſein Gepäcke aus ſeinem Gaſthof abholen und bezog die Gemächer der Madame Reinhard. Frank vollzog pünktlich die Befehle ſeines Herrn; und als dieſer eines Abends neben ſeiner Pauline ſaß, meldete er ihnen, daß der Notar am an⸗ dern Morgen den Heirathskontrakt bringen werde. Heinrich hüpfte vor Freude bei dieſer Nachricht, Pauline theilte ſein Entzücken und Frank war glücklich in dem Glück ſeines Herrn. „Wahrlich, gnädiger Herr! ſprach er zu ihm, ich war ſo vergnügt, meine Aufgabe gelöst zu haben, daß ich in ein Caféhaus trat, um eine Flaſche zur Feier Ihrer bevorſtehenden Vermäh⸗ lung zu leeren.“ Heinrich umarmte Frank und die alte Dienerin; er hätte im Ausbruch ſeines Entzückens die ganze Welt umarmt. Pauline theilte ſeine Glückſeligkeit, und mit Gedanken an den andern Dag trennte man ſich.. Arme Kinder!. Ihr überlaſſet Euch dem Schlafe, indem Ihr Euch tauſend Drugbilder für die Zukunft ſchafft! und Ihr bedenket nicht mit ———— ———— 1 25 Frank, wie bizarr das Verhängniß iſt, und daß es uns im Augenblick, wo wir es am wenigſten ver⸗ muthen, die härteſten Schläge verſetzt. Drittes Kapitel. Wer hätte das gedacht? Mit dem Tage war Heinrich ſchon munter: Freude läßt nicht ſchlafen; da indeß ſeine Pau⸗ line noch ſchlief, ging er bis zu ihrem Erwachen in den Garten hinab. Mit welcher Ungeduld zählte er die Viertelſtunden und Minuten!... Es ſchien ihm, als müſſe die Zeit ihren Lauf verdoppeln, um ſeinen Wünſchen zu Hülfe zu kommen. Endlich erſchien Pauline, welche wahrſcheinlich eben ſo wenig geſchlafen hatte als er, mit der Einladung . zum Frühſtück, in Erwartung des Notars. Hein⸗ rich folgte ihr; traulich neben einander ſitzend, ſchmiedeten ſie Plane für die Zukunft; Heinrich gibt ihr ſchon den Namen ſeiner Gattin... Man pocht ſtark an die Thüre.„Er iſt's! ruft Hein⸗ rich, Frank mach ihm auf!“ Frank eilt nach der Thüre, Heinrich hört die Treppe heraufkommen, das Herz ſchlägt ihm vor Freude. Die Thüre geht auf; er blickt hin... O Wunder! ſtatt des No⸗ tars ſieht er Müller in das Gemach treten.„Ah! ah! finde ich Sie endlich, mein Herr, ſagte Müller, ohne auf Paulinen Acht zu geben. Tauſend Bomben⸗ ſakerment!... Sie laſſen ſich teufelmäßig nach⸗ 26 laufen..— Wie? du biſt's Müller? erwidert Heinrich, indem er ſich zu faſſen ſucht.— Ja, mein Herr, ich bin's; o! mich erwartete man ge⸗ wiß nicht...“ „Wer iſt dieſer Menſch, lieber Freund? fragte Pauline, Heinrich beiſeite nehmend.— Ein braver Soldat, der mich ſehr liebt.— Ah! ah! ſagte Müller, als er ſich umwandte und Pauline er⸗ blickte, das iſt ſie alſo? Sie iſt, meiner Treu, hübſch! das muß ich geſtehen...“ Pauline ward roth bis ins Weiße des Auges; und Heinrich, der dieſem Auftritt ein Ende zu machen wünſchte, bat ſie, einen Augenblick in ihr Zimmer zu gehen und ihn mit Müller allein zu laſſen. Pauline willigte ein und entfernte ſich, noch ganz erſtaunt über die Manieren des Mannes, den ſie zum erſten Male ſah. „Jetzt wo wir allein ſind, mein Herr, ſagte Müller, werden Sie mir hoffentlich Ihre neu⸗ modiſche Aufführung erklären!— Wie befindet ſich mein Vater? das vor Allem!— Sehr gut, ſehr gut, nur hätte er beinahe den Hals gebrochen, als er hinter Ihnen drein fuhr...— Wie ſo denn? — Davon iſt jetzt nicht die Rede. Sagen Sie mir, mein Herr, was machen Sie in dieſem Hauſe? wer iſt das Frauenzimmer, das ich ſo eben bei Ihnen ſah?— Dieſe Frau? iſt die meinige.— Die Ihrige?— Oder wenigſtens beinahe, denn ſie wird es bald ſein.— Gutl ich ſehe, ſie iſt es noch nicht!— Hätteſt Du im Sinn, Hinderniſſe 27 in den Weg zu legen, Müller?— Möglich, mein Herr!— Dann bemerke ich Dir, daß Du Dich vergeblich bemühſt; nichts in der Welt vermag mich von ihr zu trennen.— Das iſt eine ſaubere Aufführung, mein Herr! Sagen Sie mir, darf man ſich in Ihrem Alter verheirathen, ohne daß man's der Mühe werth hält, ſeine Eltern um Rath zu fragen?— Aber ſprich ſelbſt, iſt meine Pauline nicht reizend?— Ah! was Schönheit betrifft, das iſt wahr! da gebe ich zu: ſie iſt ſehr hübſch, aber es gibt ſchöne Weiber, die darum nicht beſſer ſind.— Hüte Dich, Müller, meine Geliebte zu beſchimpfen! ſie iſt ebenſo tugendhaft als ſchön!— Nun wohl! wenn ſie tugendhaft wäre, was zweifelhaft, aber nicht unmöglich iſt: ſoll das ein Grund ſein, daß Sie die nächſte beſte Daher⸗ gelaufene heirathen!... ein Mädchen, deſſen Her⸗ kunft Sie nicht einmal kennen?— Du irrſt Dich, Müller, ich kenne ſie, ſie theilte mir Alles mit. Ich kenne ihren Vater, ſeine Unglücksfälle!... — Poz Henker, lauter Larifari, Herr!— Nein, Müller, meine Pauline kennt keine Lüge; ſie hat mir die Wahrheit geſagt.— Nun gut! laſſen Sie doch dieſe wunderbare Erzählung hören.— Ich will Dir Alles mittheilen, was ſie mir ſagte. Der Vater meiner Pauline iſt ein Franzoſe.— Ein Franzoſe?... Der Name Chriſtiern iſt alſo nicht der ſeinige?— Nein, mein Freund, das iſt ein angenommener, welchen die Umſtände ihm aufge⸗ drungen hatten.— Und wie heißt er denn eigent⸗ 28 lich?— D'Ormeville.— D'Ormeville? rief Müller † voreErſtaunen.— Was haſt Du denn? fragte Heinrich.— Nichts! fahren Sie nur fort, ich höre!“ Heinrich nahm ſeine Erzählung mit folgenden Worten wieder auf:„Du magſt alſo wiſſen, daß der Vater meiner Geliebten, in Militärdienſte getreten, ſchon im Alter von zwanzig Jahren Streit mit einem andern Offizier ſeines Regiments bekam; er ſchlug ſich im Zweikampf und hatte das Ainglück⸗ ſeinen Gegner zu tödten: das war die erſte Urſache all ſeines ferneren Ungemachs. Die Fa⸗ milie des jungen Gebliebenen war reich und mäch⸗ tig: d'Ormeville ſah ſich gezwungen, ſein Vaterland zu fliehen, um dem gegen ihn gefällten Todesurtheil zu entgehen. Er kam nach Deutſchland, in der Abſicht, dort Dienſte zu nehmen, nachdem er ſich eini ge Zeit auf den Beſitzungen des Barons von Froburg aufgehalten hatte..— Des Barons von Froburg?— Ja, mein Freund! er hat, wie man ſagt, meine Mutter gekannt..— Ahl ah!— Er begab ſich nach Wien und trat unter die kai⸗ ſerlichen Truppen. Die Armee war im Begriff, 8 einen Feldzug zu unternehmen; d'Ormeville kämpfte † wider die Ruſſen; aber beim erſten Dreffen erhielt er einen Schuß in den Unterleib und ward für todt auf dem Schlachtfeld gelaſſen. Indeß ge⸗ wahrte ein Mann, menſchlicher als die übrigen, daß er noch athmete. Es war ein armer Bauer, welchen der Zufall hieher geführt hatte. Er rich⸗ tete d'Ormeville auf und trug ihn in ſeine Hütte, 29 — wo er ihn mit vieler Mühe ins Leben zurückrief. Länger als ein Jahr blieb er bei dem guten Baller; erſt nach Verlauf dieſer Zeit erlaubten ihm ſeine nun völlig vernarbten Wunden ſein früheres Corps 4 wieder aufzuſuchen; aber während ſeiner langen Krankheit war das Kriegsglück den Oeſtreichern ungünſtig geweſen; und im Augenblick, wo er zur Armee ſtoßen wollte, waren die Ruſſen Meiſter des kleinen Dorfs, in welchem er ſich verborgen hatte, ſo daß er an kein Fortgehen denken durfte, aus Furcht, als Feind erkannt und von den Ruſſen, die keine Gefangene machten, niedergemetzelt zu werden. D'Ormeville beſchloß, günſtigere Umſtände abzuwarten: er trug die Kleidung eines gewöhn⸗ lichen Bauers und ſah ſich genöthigt, zur Friſtung ſeines traurigen Daſeins auf dem Feld zu arbeiten. Um dieſe Zeit machte er die Bekanntſchaft der Mutter meiner theuern Pauline. D'Ormeville hat ſeiner Tochter weder mitgetheilt, wer ſie war, noch wie er ſie kennen lernte; Alles, was er ſagte, war, daß ſeine Gemahlin ſtarb, als ſie Paulinen das Leben gab. D'Ormeville erzog ſeine Tochter * ſo gut es ging, mit Ungeduld des Augenblicks har⸗ rend, wo er nach Oeſtreich zurückkehren konnte; endlich war ihm das Schickſal holder, die Ruſſen wurden geſchlagen. D'Ormeville ſtieß wieder zum Heere; doch war ſetne Dochter der Gegenſtand ſeiner ganzen Sorgfalt; er wußte nicht, wem er — dies koſtbare Kleinod anvertrauen ſollte, als ihn der Zufall mit Madame Reinhard bekannt machte. Dieſe gute Dame hatte eben erſt ihren Sohn bei der Armee verloren und war von Schmerz nieder⸗ gebeugt. D'Ormeville machte ihr den Antrag, Mutterſtelle bei ſeiner damals vier Jahre alten Pauline zu vertreten. Mit Freuden willigte Ma⸗ dame Reinhard ein, und da der Kriegsſchauplatz ſie unaufhörlich an ihren Verluſt erinnerte, reiste ſie mit dem Kinde ab, um ein ihr zugehöriges Häuschen bei Offenburg zu bewohnen, und d'Orme⸗ ville verſprach, daß er dort ſich mit ihnen verei⸗ nigen wolle, ſo wie ſeine Pflicht es ihm erlaube. Dort, lieber Müller, in jenem hübſchen Hauſe, wohin ich Dich einmal geführt, verbrachte Pau⸗ line ihre Jugend unter den Augen der Madame Reinhard, welche ſie wie ihre Dochter liebte. D'Ormeville kam hie und da, die ihm vom Dienſte freigelaſſene Zeit bei ihr zu verleben. Seine Tapferkeit hatte ihm den Grad eines Hauptmanns verſchafft, und da er ohne Ehrgeiz war, verlangte er nichts weiter. Du weißt, lieber Müller, auf welche Art ich Paulinens Bekanntſchaft machte... — Ja, ja! ich weiß es und wünſchte, der Deufel hätte mich an dem Tage geholt, wo ich ſo dumm war, Sie allein gehen zu laſſen!... Doch weiter! — Um dieſe Zeit nun faßte d'Ormeville, von dem Verlangen gequält, ſein Vaterland wiederzuſehen, den Plan, nach Frankreich zurückzukehren; Pau⸗ line wollte ihren Vater nicht verlaſſen, und Ma⸗ dame Reinhard verſtand ſich zur Begleitung. Sie reisten daher alle Drei nach Straßburg und —— — ——— 31 quartirten ſich in dieſem Hauſe ein: hier lebten ſie anderthalb Jahre ziemlich ruhig; nach Ablauf dieſer Zeit aber entſchloß ſich d'Ormeville, der ſeinen wahrhaften Namen wieder annehmen wollte, damit er ſeine Pauline aus ihrer Einſamkeit ziehen könnte, zur Reiſe nach Paris, in der Hoffnung, das ungerecht gegen ihn verhängte Todesurtheil ungültig zu machen. Seit ſeiner Abweſenheit nun hat mich der Zufall oder mein guter Stern..— Sagen Sie lieber: die Hölle!..— Meine Pau⸗ line auffinden laſſen; unſere Trennung hatte un⸗ ſere Liebe vermehrt...— Da hat ſie etwas Sau⸗ beres gemacht!— Die gute Madame Reinhard hat unſere Verbindung geſegnet!— Alte Weiber machen immer dummes Zeug!— Und wir gaben uns ohne Rückhalt der uns zu einander hinziehenden Neigung hin!.. Der Himmel nahm indeß dieſe gute Dame, welche Mutterſtelle bei Paulinen ver⸗ trat, zu ſich; ſchon lange empfing dieſe keine Nach⸗ richt mehr von ihrem Vater und war in größter Unruhe uber ſein Schickſal. In der Hoffnung, ihn wiederzufinden, eilte ich nach Paris; aber alle von mir angeſtellten nur erdenklichen Nachforſchun⸗ gen führten zu nichts! Und weil das Schickſal ihr dieſe letzte Stütze raubt, iſt es an mir, lieber Müller, dieſe Sorge zu übernehmen: ich werde ihr Gatte werden; meine Pauline gab mir ihr Wort; ſie empfing meine Schwüre, und ich kann nicht glauben, daß mein ſo gütiger, gefühlvoller Vater dieſe Wahl tadeln könnte.“ 32 Müller blieb eine Weile in tiefe Gedanken verſunken. Verwundert über ſein langes Schwei⸗ gen wollte ihn Heinrich um die Urſache befragen, als Müller begann:„Es thut mir leid, beſter Heinrich, ich muß Sie betrüben! aber es iſt un⸗ möglich, zu kapituliren, Sie müſſen auf dieſe Hei⸗ rath verzichten!— Was ſagſt Du, Müller?... auf dieſe Heirath verzichten!.— Ja, wie ich ſage, und Sie verlaſſen mit mir im Augenblick dieſes Haus!.— Und Du glaubſt, Müller, ich werde Dir gehorchen?— Ja, ich hoffe es!— Nun, ſo enttäuſche Dich. Was mich an Paulinen feſſelt, iſt kein vergängliches Feuer, es iſt die wahr⸗ hafte leidenſchaftliche Liebe, und keine Macht der Erde wäre im Stande, mich von ihr zu trennen.— Wohlan denn! ſprach⸗Müller bei ſich ſelbſt, ich ſehe, daß das ſchwere Wort heraus muß!“ Er tritt näher, und ſeine Hand ergreifend ſagt er zu ihm: „Mein lieber Heinrich, waffnen Sie ſich mit Muth, ich ſehe wohl, daß ich Ihnen ein Geheimniß ent⸗ hüllen muß, das ich gerne für immer verborgen hätte!...— Was ſoll das?— Pauline iſt Ihre Schweſter!— Großer Gott! wäre es möglich?... Ach nein, Du irrſt Dich, Müller, willſt mich täuſchen!...“ „Nein, Heinrich, ich habe Ihnen die Wahr⸗ heit geſagt, die Sie lieben iſt Ihre Schweſter; denn nicht der Oberſt Framberg iſt Ihr Vater, nein, d'Ormeville verdanken Sie das Leben!“ Heinrich ſinkt vernichtet auf einen Stuhl und 33 Müller erzählt ihm ausführlich, was er über ſeine Geburt und das edle und großmüthige Benehmen des Oberſten Framberg weiß. Schweigend hört Heinrich zu; ein ſtummer Schmerz, voöllige Er⸗ ſchöpfung folgten auf ſeine heftigen Gemüthsbe⸗ wegungen und Ausbrüche. Müller leidet beinahe eben ſo ſehr, daß er ihn in ſolchem Zuſtande ſieht. „Ermannen Sie ſich, lieber Heinrich, ſprach er, laſſen Sie ſich durch das Schickſal nicht darnieder⸗ beugen und zeigen Sie Gefühle, die deſſen würdiger ſind, der Sie erzog. Thränen dienen zu nichts unter ſolchen Umſtänden; hier bedarf es eines männlichen Charakters. Jetzt müſſen Sie mir folgen und dieſen Ort verlaſſen..— Das werd' ich, Müller; doch ſprich, was ſoll aus ihr werden?— Seien Sie unbeſorgt!.. Ich kenne meine Pflicht. Glau⸗ ben Sie denn, der Oberſt Framberg werde, nach⸗ dem er an Ihnen neunzehn Jahre lang Vaterſtelle derſah, Ihre Schweſter allein ſtehen laſſen in der Welt, als einen Spielball der Zufälle?.. Nein, mein Herr, ſeien Sie gerechter gegen ihn; er liebt Sie zu ſehr, als daß er nicht auch Paulinen lieben ſollte!..— Ach, Müller! Du belebſt meinen Muth wieder!... Wer wird es aber über ſich nehmen, meine theure Pauline zu belehren, welche Bande uns umſchlingen?...— Wer? nun zum Hen⸗ ker! ich, und zwar auf der Stelle, denn je mehr man in der Art Kriſen zögert, um ſo giftiger macht man die Wunde. Doch, vor Allem, mein Herr, müſſen Sie aus dieſem Hauſe.— Ohne ſie zu ſehen— Paul de Kock. X. 3 34 Potz Henker! zu was möchte das gut ſein? Ihre Ver⸗ zweiflung zu vermehren, und das iſt unnöthig.— Und wohin ſolt ich gehen, Müller?— Gleichviel, überall werden Sie beſſer ſein als hier. Ich will Sie begleiten, in dieſem Zuſtand mag ich Sie nicht allein laſſen; alsdann komme ich hieher zurück, und, tauſend Donnerwetter! in zwei Stunden, hoffe ich, ſoll Alles abgethan ſein.“* Müller zieht Heinrich mehr fort, als daß er ihn führt. Noch einmal erhebt dieſer die Augen nach der Wohnung, die ſein Theuerſtes in der Welt umſchließt, und bei jedem Schritte, der ihn von der Theuren entfernt, blutet ihm das Herz. Der gute Huſar geleitet ihn zu Hannchens Tante und empfiehlt ihn der Sorgfalt dieſer Frau; aber Heinrich bemerkte nichts von dem, was um ihn vorging. Nun ſchlug Müller wieder den Weg nach Paulinens Wohnung ein, indem er mit Gewalt die ſein Herz bewegenden Gefühle niederkämpfte. Voll Unruhe erwartete Pauline Heinrichs Zu⸗ rückkunft, welchen ſie mit Müller immer noch im Hauſe glaubte. Ein geheimes Vorgefühl ſchien ſie von der Lage der Dinge zu benachrichtigen, und als ſie Müller allein in ihr Zimmer treten ſah, beugten ſich ihre Kniee, und Dodtenbläſſe bedeckte ihr Geſicht. Langſam ſchritt Müller vorwärts, ohne zu wiſſen, wie er ihr die Abreiſe des Geliebten kund thun ſollte.„Ich komme, begann er, Ihnen Heinrichs Lebewohl zu bringen..— Was, mein Herr! er wäre fort?— Ja, mein Fräulein! 3⁵ — Für lange?— Ich glaube.— Und ohne mich zu ſehen?— Es mußte ſein.— Großer Gott!... Er liebt mich alſo nicht mehr!...“ Und Pauline fällt bewußtlos in Müller's Arme. Der gute Huſar legt ſie ſanft auf eine Ottomane nieder. Nachdem ſie wieder zu ſich gekommen, floßen ihre Thränen reichlich, und mit dem Gefühl des lebendigſten Schmerzes rief ſie aus:„Er liebt mich nicht mehr!.— Alle Wetter! freilich liebt er Sie, mein Fräulein!... Und gerade darum habe ich ihn zur Abreiſe gezwungen.— Wie, mein Herr! Sie ſind's?...— Ja, mein Fräulein! Sie ver⸗ abſcheuen mich, nicht wahr? Wohlan, Sie haben Unrecht; ich that nur meine Schuldigkeit. Ihre Heirath durfte nicht ſtattfinden!...— Warum nicht, mein Herr?— Weil es nicht üblich iſt, daß ein Bruder ſeine Schweſter heirathet.— Was ſagen Sie? Heinrich wäre mein Bruder?— Ja, mein Fräulein! Heinrich iſt nicht der Sohn des Oberſten Framberg, wie er bis jetzt glaubte, ſon⸗ dern der des Hauptmanns d'Ormeville.“ Nun wiederholt Müller Paulinen, was er Hein⸗ rich ſchon erzählt hatte. Dieſe hört ihn ſchweigend; nur ihr Schluchzen unterbrach ſeine Worte. Nach⸗ dem Müller geendigt, ging er mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und ab, wobei er zwiſchen den Zähnen fluchte und ſich Thränen aus dem Auge wiſchte. Der Anblick von Paulinens Schmerz zer⸗ ſchnitt ihm das Herz.„Ha! tauſend Bomben! ſprach er in abgeriſſenen Worten, wäre ich Papſt! 36 wie ſchnell wollte ich ihnen Diſpenſation zum Hei⸗ rathen geben!,.. Aber ich bin's nicht, mein Oberſt auch nicht! zum Henker alſo! nicht mehr geflennt, haben wir kein Herz wie Apfelmuß, und ſuchen wir die Sache beſtmöglichſt zu verändern!“ „Mein Fräulein, ſprach er, auf Paulinen zu⸗ tretend, Sie müſſen ſich faſſen; ich weiß wohl, das iſt nicht ſo leicht; worin läge aber das Ver⸗ dienſt, ſeine Leidenſchaften zu beſiegen, wenn es nichts koſtete.— Aber, werde ich ihn nicht mehr ſehen?— O ja, mein Fräulein, Sie werden ihn wieder ſehen, doch erſt, wenn die Zeit in euren Herzen eine ſtrafbare Leidenſchaft getilgt hat und Freundſchaft an die Stelle einer hoffnungsloſen Liebe getreten ſein wird.— Sie haben Recht, mein Herr; wir mußten uns trennen!.. Aber ach!. was ſoll ich ohne ihn werden?... Ich habe keinen Freund... keinen Beſchützer mehr!... — Sie irren ſich, mein Fräulein! Sie haben Je⸗ mand, der Ihnen beides ſein wird.— Wer denn? — Derijenige, der Ihren Bruder erzog, der ihn wie ſeinen Sohn liebt. Glauben Sie, der Oberſt Framberg werde Sie verlaſſen?...— Nie, mein Herr, werde ich die Hülfe eines Menſchen erbetteln... — Das heiße ich einmal einen ſehr übel angebrach⸗ ten Stolz; ich ſage, Sie reiſen ſogleich nach Schloß Framberg ab.— Ich, mein Herr?— Ja, Sie, mein Fräulein!— Und auf welchen Titel?— Haben Sie's ſchon vergeſſen? als Schweſter Hein⸗ richs. Glauben Sie, mein Fräulein, wir werden 8 37 Sie allein laſſen in der Welt, während Ihr Bruder Titel und Reichthümer genießt, die er mit Ihnen theilen ſollte?... Nein; das iſt eine ausgemachte Sache, Sie reiſen nach dem Schloß; außerdem wird's auch Ihrem Bruder die Ruhe wiedergeben. — Aber, mein Herr!— Was, mein Fräulein?— Wenn der Oberſt Framberg... mich nicht liebt? — Ol er wird Sie lieben, das weiß ich gewiß.— Aber wenn... ich nicht.— Aha! ich verſtehe; wenn Sie ihn nicht liebten?... Deufel! da wären Sie ſehr kitzlich!... Ein Mann, der zwanzig Feldzüge ehrenvoll durchgemacht! ein Mann, vor deſſen Namen ſchon die Feinde zittern!... ein Mann endlich, der Ihren Bruder erzogen, an Kindes⸗ ſtatt angenommen, wie einen Sohn geliebt hat. — Ach! ich werde ihn lieben, mein Herr!— Ja, potz alle Welt! Sie werden ihn lieben, und Alles wird gut gehen, dafür ſtehe ich Ihnen!“ Hatte Müller einmal einen Entſchluß gefaßt, ſo mußte derſelbe ſchleunig ausgeführt werden; er for⸗ derte daher Paulinen auf, augenblicklich ihre nöthigſten Sachen zuſammenzupacken und ſich in einer Stunde zur Abreiſe bereit zu halten.— „Aber, mein Herr, entgegnete Pauline, meine alte Dienerin?..— Die nehmen Sie mit.— Ich kenne den Weg nach dem Schloſſe nicht.— Ei! zum Teufel! halten Sie mich für ein Kind, Fräu⸗ lein?.. Glauben Sie, ich werde Sie allein hinſchicken?... Frank wird Sie geleiten.— Frank, der Diener meines... meines Bruders?— Ja, X 38 der Diener Ihres Bruders. Nun wären alſo alle Schwierigkeiten beſeitigt. Ich will für den Reiſe⸗ wagen ſorgen, und dieſen Abend werden Sie fern von Straßburg ſein.“— Und fern von Heinrich, dachte Pauline, dem abgehenden Müller nachblickend. Sie fand indeß einen geheimen Reiz darin, daß ſie den Ort bewohnen ſollte, an dem ihr Geliebter erzogen worden war. Schloß Framberg wäre ihr als ein himmliſcher Aufenthalt erſchienen, wenn ſie mit ihm dort geweſen wäre. Von Paulinen ging Müller zu Frank und ſagte ihm, was er zu thun habe. Frank, der vor Müller wie ein Schüler vor ſeinem Lehrer ſtand, verſprach ſeinen Vorſchriften treulich nachzukommen. Nach⸗ dem Müller einen Reiſewagen beſtellt hatte, dachte er, es werde am Ort ſein, dem Oberſt zu ſchreiben unb ihm alles Vorgefallene zu erzählen. Bis jetzt hatte er keine Zeit dazu gefunden; er ergriff alſo die Feder und ſchrieb folgenden Brief: „Mein Oberſt! Endlich habe ich unſern jungen Mann ausfindig gemacht, und ich darf mich rühmen, nicht ohne Mühe!.. Aber es war dringend nöthig, daß ich kam. Tauſend Granaten! eine Stunde ſpäter war's nicht mehr Zeit und die Kleine wurde... Aber ich war auf dem Platz, Oberſt, hab's aufs Beſte von der Welt eingerichtet. Heinrich weiß Alles, Oberſt... er weiß Alles; ich mußte es ihm wohl ſagen, denn die Kleine iſt ſeine Schweſter; und hätte ich ihm nicht Alles erzählt, ich verſichere * 39 Sie, Oberſt, ein Regiment Huſaren hätte ſie nicht auseinander gebracht. Ich ſchicke die Kleine nach Schloß Framberg, und Heinrich führe ich Ihnen zu; beide ſind in Verzweiflung und heulen, daß es einen Achtundvierzigpfünder erbarmen möchte!... Sie ſehen, Oberſt, daß Alles gut geht, und ich, hoffe, Sie werden mit meinem Verfahren zufrieden ſein. Ich bin, mein Oberſt, Ihr treuer Soldat und Diener 5 Müller.“ Müller verſiegelte die kurze, aber energiſche Epiſtel und ſandte ſie dem Oberſt zu, indem er dem Boten größte Eile befahl und aufgab, den Oberſt von ſeiner baldigen Ankunft in Kenntniß zu ſetzen. Als dieſe Sache abgemacht war, kehrte er zu Pau⸗ linen zurück, um ihre Abreiſe zu beſchleunigen. Mit ſchwerem Herzen erwartete Pauline den Augenblick, wo Müller ſie von dem Theuerſten, das ſie beſaß, entfernen ſollte; aber unſer Huſar hatte bereits ſo viel Gewalt über ſie, daß ſie bei ſeiner Ankunft ſchnell aufſtand und ſich zur Abreiſe anſchickte. Müller führte ſie mit ihrer alten Die⸗ nerin in den Reiſewagen, drückte ihr kräftig die Hand und ſagte:„Muth! wer im Unglück ſo viel Ergebung zeigt, wird früher oder ſpäter dafür belohnt.“ Sich hierauf an Frank wendend, befahl er dieſem, die Pferde tüchtig anzutreiben, und eilends rollte der Wagen davon. 40 7 Viertes Kapitel. Ein Romanleſer hat es ſchon errathen. „O weh!.. rief Müller, Paulinens Reiſewagen nachblickend, müßte ich oft ſolche Intriguen durch⸗ führen, da wollte ich mich lieber dem Musketenfeuer meines Regiments bloßſtellen!... Doch hoffe ich, mich ehrenvoll aus dieſer Sache zu ziehen. Das Schwerſte iſt geſchehen!... Ich hatte geglaubt, Heinrichs Kummer werde mir am meiſten zu ſchaf⸗ fen machen!.. Aber beim Deufel! jetzt ſehe ich wohl, Weiberthränen wiſſen den Weg zu unſerm Herzen am beſten zu finden! Ich hätte mich nicht für ſo weich gehalten!...“ Unter ſolchen Betrachtungen ſchlug Müller den Weg nach Hannchens Wohnung ein. Er begegnete ihr auf der Treppe und redete ſie an.„Nun Hann⸗ chen, was macht der junge Menſch?— Er iſt immer in dem nämlichen Zuſtand, wie Du ihn gebracht haſt.— Ol.. verfluchte Liebe!— Sag mir doch, Müller, warum er ſich ſo abhärmt? — Ei nun, eines Weibes willen!...— Liebt ſie ihn nicht? Die wäre ſehr wählig!— Potz tauſend! freilich liebt ſie ihn! aber ſie können einander nicht heirathen.— Das thut mir leid, denn der junge Menſch intereſſirt mich... er ſcheint ſo ge⸗ fühlvoll!— Ich habe ihn gebildet, er iſt mein Zögling.— Da mache ich Dir mein Compliment.“ Müller ging ſchnell zu Heinrich hinauf. Der 41 junge Mann ſchien ganz ſeinem Schmerze hinge⸗ geben; ſowie er aber den Ankommenden erblickte, ſtand er mit Lebhaftigkeit auf und warf ſich in ſeine Arme, einen Strom von Thränen vergießend. „Wie kindiſch ſind Sie! ſagte Müller. Auf! Stand gehalten, beim Teufel!— Wo iſt ſie? Sag, was haſt Du aus ihr gemacht?— Sie iſt fort, mein Herr, und hat bei dieſer Gelegenheit einen Muth bewieſen, der über ihrem Geſchlechte iſt. Ahmen Sie ihr nach, mein lieber Heinrich, bleiben Sie nicht hinter einem ſolchen Vorbild zurück. Denken Sie an den Kummer, den Sie Demijenigen, der Ihnen Vater iſt, verurſachen würden, wenn Sie ſich einem unnützen Schmerze überließen!.. Ich ſpreche nicht von dem alten Huſaren, der Sie großzog, Sie wie ſeinen Sohn liebt, und den Ihre Verzweiflung ins Grab ſtürzen würde. Ach! Ihre unglückſelige Leidenſchaft erſtickt alle übrigen Ge⸗ fühle in Ihrem Herzen; denn ſeit wir nach einer ſo langen Trennung wieder beiſammen ſind, haben Sie mir nicht einmal die Hand gedrückt!... mich nicht des unbedeutendſten Freundſchaftswortes ge⸗ würdigt...“ Hier konnte Müller ſeine Thränen nicht zurück⸗ halten; Heinrich bemerkte es; er flog ihm an den Hals, küßte ihn, bat ihn um Verzeihung und ver⸗ ſprach, vernünftiger zu werden. Mehr verlangte Müller nicht, und bald war der Friede geſchloſſen. „Wohlan, lieber Heinrich, jetzt wollen wir mei⸗ nen Oberſt wieder aufſuchen, er erwartet uns gewiß 42 mit Ungeduld.— Warum iſt er aber nicht mit Dir nach Straßburg gekommen?— Weil ein täppiſcher Poſtillon uns ſechs Stunden von hier im Walde umgeworfen hat und der Oberſt ſo un⸗ glücklich war, ſich am Bein zu verletzen.— Und wo iſt er gegenwärtig?— In einem kleinen, mit⸗ ten im Walde vereinzelt gelegenen Hauſe, bei einem Manne, deſſen Geſicht mir gar nicht hinunter will; aber man mußte doch irgendwo unterkom⸗ men!... Heinrich erinnerte ſich an das im ſelben Walde ihm aufgeſtoßene Abenteuer und erzählte es Mül⸗ ler'n.„O! o! wäre ich dabei geweſen, ſagte dieſer, ſo ſollte der andere Schurke auch nicht entkommen ſein! Aber Sie haben ſich brav gehalten!... und ich bin mit Ihnen zufrieden.“ Müller und Heinrich waren zur Abreiſe gerüſtet, ſie verließen daher das Haus der Madame Tapin. Erſterer hatte noch Hannchens Thränen zu trocknen; allein er drückte ihr einen Doppellouisd'or in die Hand mit dem Verſprechen, wieder zu kommen, ſobald die Umſtände es erlaubten. Der Oberſt Framberg, den wir ſchon ſo lange im Hauſe des Herrn von Monterranville verlaſſen haben, war beinahe von ſeiner Verwundung geheilt und ſchickte ſich an, wieder in Straßburg mit Müller zuſammenzutreffen, als er von ihm den Brief empfing, welchen der Leſer bereits kennt. Leicht kann man ſich eine Vorſtellung von ſeiner Ueberraſchung und Unruhe machen, als er die — — — 4³ ihm unbegreiflich vorkommenden Begebenheiten er⸗ fuhr. Aber Müller's Briefſtyl war ſo verwirrt, daß er nicht wußte, was er zu denken hatte; und in größter Aufregung erwartete er die Ankunft der Beiden, welche ſeiner Ungewißheit ein Ende machen ſollte. Dieſe trafen noch am nämlichen Tage im Hauſe des Herrn von Monterranville ein. Carl öffnete ihnen die Thüre. Freundſchaftlich klopfte ihm Müller auf die Achſel und fragte, ob ſein Herr bei dem Oberſt ſei.„In dieſem Augenblick nicht, erwiderte Carl, mein Gebieter iſt ausgegangen.— Um ſo beſſer, ſagte Müller zu Heinrich, ſo wollen wir dieſen Umſtand benützen.“ Eilfertig ſtiegen ſie die Treppe hinan und fanden den Oberſt in großer Bewegung im Zimmer auf und ab gehen. Sowie er Heinrich erblickte, greitete er ſeine Arme aus, und dieſer ſtürzte an ſeine Bruſt.. „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, lieber Sohn, ſagte er, ihn küſſend, wiewohl Deine leicht⸗ ſinnige Aufführung und Dein geringes Vertrauen in mich mir das Recht dazu geben; aber nach dem, was Müller mir geſagt, biſt Du unglücklich, und ich will Deine Leiden nicht vermehren.— Und tadeln Sie, Oberſt, ſprach Müller vortretend, mein Verfahren?— Nein, mein Freund, wiewohl mich Dein Brief nur wenig von dem Vorgefallenen unterrichtete; aber ihr werdet mir hoffentlich jetzt Ausführlicheres mittheilen.“ Um die Neugierde des Oberſten zu befriedigen, * 44 erzählte ihm Heinrich in gehöriger Reihenfolge alle ſeine Abenteuer ſeit ſeiner Abreiſe aus dem Schloſſe, ſowie die Geſchichte ſeiner Pauline und die Art, wie er erfahren, daß er nicht ſein Sohn ſei.„Der Zufall hat Dich zum Herrn meines Geheimniſſes gemacht, das ich Dir Dein ganzes Leben hindurch verborgen hatte, ſagte der Oberſt; Du darfſt da⸗ her überzeugt ſein, daß ich nie aufhören werde, Vaterſtelle bei Dir zu vertreten. Was Deine Schweſter betrifft, ſo wird auch ſie meine Dochter: von dem Augenblick, wo ich ſie an Kindesſtatt an⸗ nehme, ſoll ſie mich nicht mehr verlaſſen. Hat die Zeit aus Deinem und ihrem Herzen eine Leiden⸗ ſchaft verwiſcht, welche nie entſtanden wäre, wenn ihr die euch umſchlingenden Bande gekannt hättet, ſo kommſt Du, Theil an unſerm Glücke zu nehmen und es durch Deine Gegenwart zu vermehren. Bis dahin aber muß ich mich aufs Neue von Dir trennen, mein Sohn, um Dich der Jungfrau nicht nahe zu bringen, welche Du fliehen mußt!.. Da wirſt Dich abermals von Schloß Framberg für einige Zeit entfernen; diesmal aber wird Müller Dich begleiten; nur ihm mag ich die Sorge für ein mir ſo theures Weſen anvertrauen!... Wäh⸗ rend Deiner Abweſenheit werde ich die Thränen einer Tochter trocknen, die ich ſchon liebe und die mich über dieſe neue Trennung tröſten wird.“ Heinrich küßte den Oberſt tauſendmal und drückte ihm die ganze Dankbarkeit aus, welche ihm ſein edles und großmüthiges Benehmen einflößte. Müller war mit den Anordnungen ſeines Oberſten ganz zufrieden, und ſein Plan wurde von Jedem gut aufgenommen. Die Nacht rückte vor, und da der Oberſt, durch die verſchiedenen aufregenden Gefühle angegriffen, der Ruhe bedurfte, dachten ſie an die Trennung; man ſetzte feſt, am andern Morgen mit einander das Haus im Walde zu verlaſſen. Das Schlafzimmer des Oberſten enthielt nur ein Bett, Müller forderte daher Heinrich auf, die Nacht in dem ſeinigen zuzubringen. Dieſer wil⸗ ligte ein, und nachdem ſie den Oberſt umarmt hat⸗ ten, ließen ſie ihn allein, um der Ruhe zu pflegen. Als ſie durch einen langen, zur Dreppe führen⸗ den Gang dahinſchritten, erblickten ſie in der Ferne einen Mann mit einem Licht in der Hand.„Herr von Monterranville, ſagte Müller zu Heinrich: vorüber, vorüber, ich liebe dieſen Menſchen nicht.“ Aber Heinrich dachte, die Höflichkeit erlaube ihm nicht, die Nacht in ſeinem Hauſe zuzubringen, ohne ihn vorher begrüßt zu haben; auch ſei er ihm außerdem Dankſagungen ſchuldig für die dem Oberſt gewährte großmüthige Gaſtfreundſchaft. Dem zufolge ging er auf denſelben zu, und Müller folgte ihm mit etwas ſaurer Miene, unter Flüchen auf die Höflichkeitsformeln. Herr von Monterranville blieb ſtehen, wie er Heinrich herankommen ſah; dieſer redete ihn unter Verbeugungen an, ſagte ihm die ſchuldigen Worte des Dankes; aber die Augen zu ſeinem Wirthe 46 erhebend, erkannte er in ihm einen der beiden Meuchelmörder im Walde. Die Zunge erſtarrte unſerm Helden, plötzliche Bläſſe überzog ſein Geſicht, kaum vermochte er einige unzuſammenhängende Worte hervorzuſtam⸗ meln, er zog dann Müller, der die Urſache dieſer heftigen Verwirrung nicht begriff, mit ſich hinweg. Herr von Monterranville konnte Heinrich nicht wiedererkennen, weil er auf den erſten Waffenlaut entflohen war; wie aber Böſewichte immer Ver⸗ rath befürchten, ſo beſchloß auch Herr von Monter⸗ ranville, über des jungen Mannes Verwirrung bei ſeinem Anblick höchlich erſtaunt, die Urſache der⸗ ſelben zu erforſchen, damit er gegen alle Vorfälle auf ſeiner Hut ſein könnte. Erſt in Müller's Zimmer ſtand Heinrich ſtill, um freier zu athmen; hierauf ergriff er Müller's Hand und ſprach mit halb erſtickter Stimme:„Laß uns forteilen, mein Freund, meinen Vater ſchnell aufwecken, ich kann die Nacht nicht unter dieſem Dache zubringen.— Ha, das noch! beim Deufel! Sie müſſen mir erklären, was das heißen ſoll. Woher dieſe Verwirrung... dies Entſetzen?— Ach, Müller! dies Entſetzen iſt ſehr natürlich.— Sollten Sie etwas befürchten?— Für mich fürchte ich nicht; aber mich ſchaudert vor Abſchen, wenn ich bedenke, daß wir im Hauſe eines Mörders ſind!...— Eines Mörders?— Ja, Müller, in Herrn von Monterranville habe ich einen der beiden Männer des Waldes erkannt!— Wär's möglich? 47 tauſend Granaten! Wie? dieſer Schurke wäre.— Einer von Denen, welche den Unbekannten, den ich aus ihren Händen gerettet, um's Leben bringen woll⸗ ten!— Hal dreifache Kanonade, rief Müller, indem er die Hand an ſeinen Säbelgriff legte, fallen wir üͤber dieſen Schurken her, alle Wetter! und üben wir Gerechtigkeit für ſein Verbrechen!“ Bei dieſen Worten machte ſich Müller zur Ausführung ſeiner Abſicht bereit; doch Heinrich hielt ihn beim Arme zurück.„Halt an, Müller, was willſt Du beginnen? — Ei, zum Henker! die Erde von einem Böſewicht befreien, ſie behält deren noch genug übrig!— Bedenke doch, daß wir keinen Beweis ſeines Ver⸗ brechens liefern können und ſelbſt für eigenmächtige Juſtiz beſtraft werden würden!— Ha! beim Teu⸗ fel! Sie haben Recht! Was iſt aber nun zu ma⸗ chen?— Höre, ich hab's jetzt überlegt und denke, es wäre unklug, ein Geſchrei zu erregen, das zu nichts führte; laß uns bis morgen warten: mein Vater mag unſer Benehmen lenken; wir haben von dieſem Menſchen nichts zu befürchten; denn er kann mich nicht erkennen, und an uns will er nicht.— So ſei's denn... potz Henker, weil es ſo ſein muß, aber ich geſtehe, nur ungern gebe ich nach; denn es hätte mir Freude gemacht, den Roſt meines Säbels an dem Körper dieſes Banditen abzuwetzen!“ Nach dieſem Entſchluß warfen ſich beide völlig angekleidet auf ihr Bett; aber ſie genoßen keinen Augenblick des Schlafs; der Gedanke, im Hauſe eines Meuchelmörders zu ſein, empörte ihr offenes, biederes Gemüth. Am früheſten Morgen dachten ſie, den Oberſt ſchon wecken zu können, ohne daß ſie Verdacht er⸗ regten; aber dieſe Vorſichtsmaßregeln waren über⸗ flüſſig, denn Monterranville wußte Alles. Man erinnert ſich, daß Heinrichs Verwirrung ihm Schrecken verurſachte; daher begab er ſich, ſobald ſich Müller und ſein Schlafkamerad in ihr Zimmer eingeſchloſſen hatten, in ein anſtoßendes Gemach, öffnete einen Schrank, ſtellte ſich dicht an die Scheidewand und hörte da ihr ganzes Geſpräch. Man kann ſich ſeinen Schrecken vorſtellen, als er ſich erkannt wußte; aber das Ende ihrer Unter⸗ redung beruhigte ihn ein wenig. Da er ſah, daß ſie zu Faſſung eines Entſchluſſes den andern Mor⸗ gen abwarteten, hielt er es für klug, ſich eiligſt aus dem Staube zu machen, und mitten in der Nacht verließ er das Haus. Verwundert, ſo früh aufgeweckt zu werden, ließ Oberſt Framberg ſeine Reiſegefährten ein; aber noch mehr war er erſtaunt, als er ſah, mit welcher Vorſicht Müller die Zimmerthüre wieder hinter ſich zuſchloß und welches geheimnißvolle Weſen über ihre Züge ausgegoſſen war. Abſcheu und Entrüſtung folgten bald auf das Staunen, wie er erfuhr, in weſſen Hauſe er ſo lange ſich aufgehalten. Er befahl indeß den Beiden, ſich zu bezwingen und nichts von ihrer Aufregung bemerken zu laſſen.„Wie? mein Oberſt, ſagte Müller, 49 wir ſollen dieſen Schurken da nicht erwürgen?— Nein, Müller, unſere Pllicht ſteht entgegen; be⸗ denke, daß ich faſt einen Monat Gaſtfreundſchaft in dieſem Hauſe genieße: der Beſitzer iſt ein Un⸗ geheuer; aber nicht an uns iſt es, die Gerechtig⸗ keit gegen ihn zu waffnen; ſei überdies ruhig, Müller, und glaube ſicher, daß wenn er auch einen Augenblick der ihm gebührenden Strafe entgeht, es nur geſchieht, damit das Schwert des Geſetzes etwas ſpäter über ihn richte.— Sie wollen es, Oberſt, ich gehorche.— Es muß ſein, denn unter allen anderen Umſtänden wäre ich der Erſte ge⸗ weſen, der euch aufgefordert hätte, meine Freunde, die Erde von dieſem Böſewicht zu ſäubern; doch wir wollen nicht länger in der Höhle des Verbre⸗ chens bleiben; mich drängt es, anderswo eine Luft zu athmen, die nicht durch Banditenhauch ver⸗ peſtet iſt.“ Mit dieſen Worten ging Oberſt Framberg aus ſeinem Zimmer; Heinrich und Müller folgten ihm. Im Hofe trafen ſie auf Carl und vernahmen, daß ſein Herr ſchon vor Tagesanbruch aus dem Hauſe gewandert ſei.„Daran that er wohl... murmelte Müller zwiſchen den Zähnen; denn beim Teufel! hätte ich ihn geſehen, würde ich meine Entrüſtung nicht haben bemeiſtern können.“ Unſere drei Reiſenden ſtiegen zu Pferde und trabten eiligſt davon, um ſich ſchneller von einem Hauſe zu entfernen, welches Entſetzen in ihnen erregte. Paul de Kock. X. 4 50 Fünftes Kapitel. Noch ein Augenblick der Freude. Im beſten Gaſthofe zu Straßburg ſtiegen die drei Reiſenden ab, um einen Augenblick der Ruhe zu genießen, ehe ſie ſich aufs Neue trennten. „Mein lieber Heinrich, ſagte der Oberſt Fram⸗ berg zu unſerm Helden, als ſie allein waren, ich habe Dir keine Vorſchrift für Dein künftiges Be⸗ tragen zu geben, ich überlaſſe Müller gänzlich die Sorge für Dein Wohlergehen. Wenn Du indeß das Waffenhandwerk, als beſtes Mittel den Kummer raſch zu zerſtreuen, ergreifen willſt, ſo werde ich Deiner Neigung nicht hinderlich ſein, im Gegen⸗ theil; doch bitte ich Dich, mich von Deinem jedes⸗ maligen Vorhaben zuvor in Kenntniß zu ſetzen.“ Heinrich verſprach, nichts zu thun, ohne den Oberſt vorher befragt zu haben. Der geheime Kummer, den er in ſeinem Innerſten barg und ſeinen Freun⸗ den zu verhehlen bemüht war, machte ihn unfähig, irgend einen Plan für ſeine Zukunft zu bilden... Nur ein Gegenſtand nahm ſeine ganze Denkfähigkeit in Anſpruch, trotz all ſeinen Anſtrengungen, ihn aus dem Gedächtniß zu verbannen. Müller wünſchte ſehnſüchtig, ſein geliebter Zög⸗ ling möchte ſich dem Waffenhandwerk zuwenden. „Ha! ſprach er zu Heinrich, nach zwanzigjähriger Ruhe würde ich immer noch mit Freuden das Schlachtfeld und die alten Gefährten meines Ruhms 51 wiederſehen.“ Heinrich antwortete nicht, allein Müller hoffte, die kriegeriſchen Gemälde, die er häufig an ihm vorübergehen ließ, werden am En de ſeine Seele bewegen, daß er ſich ſeinen Wünſchen füge. In dieſer Hoffnung forderte er ihn auf, den Weg nach Wien einzuſchlagen, und Heinrich willigte ein. Der Oberſt verabſchiedete ſich von ſeinem Sohne und auf die Frage des letztern, warum er ſie nicht nach Offenburg begleite, entſchuldigte er ſich unter dem Vorwand, daß ihn noch Geſchäfte in Frank⸗ reich zurückhalten. Doch lag darin nicht der wahre Grund; aber er mochte Heinrich ſein gefaßtes Vorhaben nicht mittheilen, aus Furcht, ſein Werk könnte ohne Erfolg bleiben. Müller vertraute er indeß ſeine Abſicht, ihm das ſtrengſte Geheimniß anbefehlend. Des Oberſten Beginnen im Stillen bewundernd, verſprach er dieſes.* Nach dem Abſchied von ſeinem Vater reiste Heinrich, mit dem Wunſche baldigen Wiederſehens, in Begleitung Müller's, auf der Straße nach Deutſchland ab. Wir laſſen den Oberſt Framberg ſich in Ausfüh⸗ rung ſeines edlen Vorhabens nach Paris begeben und machen uns mit unſern beiden Reiſenden auf den Weg, damit wir ſehen, wie Müller es anſtellte, Heinrich von dem ihn verzehrenden Kummer zu heilen. Unſer Huſar und ſein Zögling reisten zu Pferde: 52² „Dies iſt die beſte Art, Zerſtreuung zu ſinden, ſprach er; ſehen Sie einmal, werfen Sie einen Blick auf dieſe herrliche, ſich nun vor unſern Augen ausbreitende Landſchaft!... ſehen Sie die unge⸗ beuern Einöden des Schwarzwaldes, der ſich fern⸗ hin über Freudenſtadt erſtreckt; hier das hübſche Städchen Offenburg, das wir hinter uns laſſen, um uns in dieſe grünen Wieſenthäler zu vertiefen! ſehen Sie die Vögel, welche die Wiederkehr des Frühlings ſingen! die Landleute, welche ſich wieder an ihre Feldarbeiten machen!... Das Alles erhebt das Gemüth und ſtattet mich mit einer Beredtſamkeit aus, deren ich mich nie fähig gehalten hätte!...“ Heinrich lächelte, und Müller, erfreut, daß er denſelben für einen Augenblick ſeinem düſtern Sinnen entriſſen hatte, ſpann ſeine Rede über die Schönheiten der Natur weiter aus. Während Heinrich dieſen Vorſtellungen lauſchte, gewahrte er, daß ſie, ohne darauf Acht zu haben, auf die Straße nach Schloß Framberg geriethen. Er hütete ſich wohl, es ſeinem Begleiter bemerk⸗ lich zu machen; doch nicht lange, ſo nahm dieſer es ebenfalls wahr.„Ho! ho! rief er, plötzlich ſein Pferd anhaltend, ich ſehe, daß ich Sie mit meinen Reden nicht den rechten Weg führe! Donnerwetter! Wir müſſen wieder umkehren...— Warum denn, lieber Müller?— Weil meine Abſicht nicht iſt, Sie nach dem Schloß meines Oberſten zu geleiten.— Ach, Müller! es wiederzuſehen hätte mir indeß große Freude gemacht!— Möglich, mein Herr; 5³ ſpäter, jetzt kann's nicht ſein.— Und Du villſt mich von meinem Kummer zerſtreuen! Glaubſt Du denn, es gebe angenehmere Zerſtreuungen als das Vergnügen des Wiederſehens der geliebten Stätte, wo ich meine Kindheit verlebt!... der Stätte, wo Du mich lehrteſt, ein Mann zu wer⸗ den!.. der Stätte endlich, die ich ſeit zwei Jahren nicht mehr geſehen!...“ Durch die Worte ſeines Heinrichs erweicht, wußte Müller nicht, wie er ihm das mit ſo vieler Herzlichkeit Verlangte abſchlagen ſollte.„Aber zum Deufel! mein Herr! ſagte er endlich mit barſchem, ſtrengem Tone, um Heinrich zu imponiren, wiſſen Sie nicht, daß Ihre Schweſter jetzt auf dem Schloſſe iſt, und daß es Thorheit wäre, wenn Sie dieſelbe ſehen wollten?— Ei! ſo glaubſt Du denn, Müller, das ſei meine Abſicht? Nein, nur dem Schloſſe nahe ſein will ich, die Gegend durchſtreifen, jenen Park, jenẽ Gärten, die Zeugen meiner erſten Freuden, wiederſehen und mich dann entfernen, um in einer glücklichern Zeit wieder⸗ zukehren...“ 3 „Aber Sie könnten Ihrer Schweſter begegnen... — Nein, mein Freund; der Zufall müßte ſie mir denn gerade in den Weg führen, und das iſt nicht wahrſcheinlich... Ich will ihr ausweichen, ſag' ich Dir, zudem bleibſt Du bei mir.— Wohlan, Sie wollen es... ich willige ein... Aber, beim Teufel! ich ſage Ihnen, ſo wie ſich ein Weib uns nähert, führe ich Sie mit verhängtem Zügel davon... 54 — Ich thue, was Du begehrſt.— Wahrhaftig, ich bin zu gefällig.. Doch die Nacht rückt heran; Sie werden zugeben, daß jetzt nicht Zeit zum Beſuche des Parks und der Gartenanlagen iſt, beſonders da wir noch bei zwei Stunden zum Schloß haben.— Nun gut, Müller, ſo wollen wir die Nacht in der Umgegend zubringen... ſieh, in dieſem Pachthof da unten; man wird uns ſicher⸗ lich ein Nachtlager nicht verweigern, und morgen früh, ſo wie der Tag graut, machen wir uns auf den Weg nach dem Schloß..— Wohlan, es ſei, laß uns im Pachthof übernachten.“ Unſere Reiſenden ritten darauf zu, und Müller glaubte das Haus zu erkennen, wo ihm, als er einſt bei Nacht ſeinen Zögling ſuchte, ein ſo ſpaß⸗ haftes Abenteuer begegnet war; er beſchloß, ſich zu überzeugen, ob ſeine Vermuthungen gegründet ſeien. Die Nacht war noch nicht lange hereingebrochen; die Thüre des Gehöftes ſtand offen; Müller trat zuerſt ein. Jeder Gegenſtand, auf den ſeine Blicke ſielen, beſtätigte ſeine Vermuthung; bald trafen ſie den Pächter im Stalle beſchäftigt; ſo wie er ſie aber erblickte, verließ er ſein Geſchäft und kam ihnen unter tiefen Bücklingen entgegen. „Was wünſchen die Herren?— Ein Nacht⸗ lager, mein Freund, wenn's möglich iſt, ſagte Heinrich zum Pächter.— Ihr ſehet hier, nahm Müller, näher tretend, das Wort, den Sohn des Grafen von Framberg, Burgherrn des Schloſſes 55⁵ gleichen Namens, und den Feldwebel Müller, früher unter den kaiſerlichen Huſaren dienend und jetzt Hofmeiſter des Grafen...“ Der Päch⸗ ter machte große Augen bei Anhörung aller die⸗ ſer Titel, wiewohl er nicht viel davon verſtand; mit großem Gelärme rief er ſeine Knechte herbei, damit man Alles für die Herren in Stand ſetze. „Holla, he! Großhans!... Peter! herbei! wo ſteckt ihr denn, ihr Schlingel!“ Großhans kam ſogleich.„Wo iſt denn Peter?— Wahrlich, Herr! das weiß ich nicht!... Vielleicht hilft er der Frau!“ Müller erinnerte ſich wirklich, daß Peter der mit den außerordentlichen Arbeiten beauftragte Knecht ſei und aus den Reden des Großhans, daß die Hausfrau noch ihren alten Gewohnheiten nachhänge. Indeß kamen auf des Pächters Geſchrei Frau Catharine und Peter von verſchiedenen Seiten und beide roth wie geſottene Krebſe herbei.„Vor⸗ wärts, liebes Weib, rühre Dich und bereite dieſen Herren ein gutes Nachteſſen, während Peter die Betten rüſtet.“ Die Pächterin war behend und hatte bald ihr Nachteſſen aufgetragen. Neugierig betrachtete Müller Diejenige genauer, deren Be⸗ kanntſchaft er nur im Finſtern gemacht; mit Ver⸗ gnügen ſah er, daß ſie wohl ihr Verdienſt habe und, obgleich nicht mehr ſo jung wie Hann⸗ chen, doch noch einen Gang auf den Heuboden werth ſei. Catharine führte die Reiſenden in die Wohn⸗ ſtube, und während ſie den Diſch deckte und das 56 Eſſen auftrug, bemerkte ſie Müller's verſtohlene Blicke wohl. Ein Huſar von fünfzig Jahren kommt einem Baurenknecht von zwanzig nicht gleich; hat man aber den Baurenknecht alle Tage bei der Hand, ſo verſucht man's gerne einmal im Vorbeigehen mit dem Huſaren, ohne Nachtheil für das Alltägliche. Heinrich, der nur in der Hoffnung des andern Tags lebte, aß wenig und zog ſich in ſeine Schlaf⸗ kammer zurück, um ſich bälder der Ruhe zu überlaſſen; aber Müller, begierig zu ſehen, was das werden ſollte, blieb am Tiſche und forderte den Pächter auf, Eins mit ihm zu trinken und einen Augenblick zu plaudern. Müller war, wie man weiß, kein übler Zecher. Der Pächter wollte es ihm gleichthun und bald ward das Geſpräch hitziger.„Wißt Ihr, Herr Huſar, daß Euer Titel als Feldwebel des Grafen von Framberg mich an eine vor drei Jahren vor⸗ gefallene Begebenheit erinnert... Sag' einmal, Weib, denkſt Du noch an den Schurken, der ſich auch für einen Huſaren ausgeben wollte?..— Ach! ja, ja! ich erinnere mich, antwortete die Pächterin lächelnd...— Was iſt denn das für eine Begebenheit? fragt Müller ſeinen Wirth.— Ja, mein Seel'! das will ich Euch erzählen... Stellt Euch vor, da kommt mitten in der Nacht ein Dieb und klopft an unſere Thüre. Mein Weib lag im Bett, meine Knechte ſchliefen, nur ich war noch in dieſer Stube an meiner Tagesrechnung. Ich frage: wer klopft? Ja ſeht, da hat der Kerl 57 die Frechheit und antwortet mir, er ſei Feldwebel und Zögling des Grafen von Framberg, kurz, er gab ſich für das aus, was Ihr ſeid!— Wie? fragte die Pächterin ihren Mann, der Herr führt die nämlichen Titel wie der Dieb?— Ja, Catharine; ſchau, wie er log, der Lumpenhund!“ Die Pächterin ahnte das wahre Verhältniß, und ein leichter Stoß Müller's mit dem Fuße zeigte ihr, daß ſie errathen hatte. Als der Bauer ſah, wie ſehr die Geſchichte ſeinen Gaſt ergötze, gefiel er ſich, ſie mit allen Einzelnheiten zu wür⸗ zen. Müller hütete ſich, ihn zu unterbrechen, und begnügte ſich damit, ihm jeden Augenblick einzu⸗ ſchenken! und die Wirthin warf in der Vorausſicht, wo das hinauswollte, ihrem Mann vor, daß er mäßiger als gewöhnlich ſei und ihrem Gaſt mit ſeiner Zurückhaltung keine Ehre anthue. Nun wollte der Pächter dem Huſaren die Stange halten, konnte aber bald nicht mehr ſehen, was um ihn her vorging; er ſchnarchte, daß man glauben durfte, er werde nicht ſo ſchnell wieder aufwachen. Müller benützte den günſtigen Augen⸗ blick, Frau Catharinen einen militäriſchen Kuß zu geben, und ich weiß nicht, ob die Gegenwart des Ehemanns ſeine Unternehmungen gehemmt hätte. Aber indem die Pächterin ſich ſtellte, als wehre ſie ſich, entſchlüpfte ſie ohne Licht, aus Furcht, Peter möchte ihr begegnen, in ihr Schlafkämmer⸗ lein und der Hular ii hr dahin, ohne daß ſie um Hülfe rief. ſ 58 Mit Tagesanbruch ging Müller von ſeiner Schönen und ſetzte ſich neben den immer noch ſchnarchenden Pächter. Nicht lange, ſo ſchloß die Müdigkeit auch ihm die Augen und er leiſtete ſeinem Wirth Geſellſchaft. Heinrich, mit Ungeduld des Augenblicks harrend, wo er Schloß Framberg wieder ſehen ſollte, ſtand mit der Morgenröthe auf.„Wo iſt Müller? fragte er einen Knecht, den er im Hofe traf.— O, Herr! der ſchnarcht, was das Zeug hält!... neben un⸗ ſerm Meiſter.— Wie? er ſchläft noch?— Ja, Herr. Potz tauſend! es ſcheint, ſie haben geſtern nicht übel zu Nacht getrunken.— Ich mag ihn nicht aufwecken. Sagt ihm, mein Freund, er ſolle im Schloß wieder mit mir zuſammenkommen.— Ganz recht, mein Herr!“ Erfreut, daß ihm der Zufall erlaubte, nach ſeinen Wünſchen und Eingebungen umherzuſtreifen, ſtieg er ſogleich zu Pferde und ſchlug eiligſt den Weg zum Schloſſe ein. Je näher er den Orten kam, wo er die glücklichſten Augenblicke ſeines Lebens genoſſen, um ſo freudiger wurden die Schläge ſeines Herzens; ein neues Gefühl durch⸗ drang ſein Inneres; und ſein Araber, der die Gefühle ſeines Herrn zu errathen ſchien, trabte langſamer vorwärts, damit er dieſen Augenblick des Glücks länger genießen könne. Beim Eingang in den Park band Heinrich ſein Pferd an einen Baum und betrat den Schauplatz ſeiner erſten Freuden. Mit welcher Wonne ſah er 59 nicht jedes Gebüſch, jeden Baumgang wieder, der ihm eine Zeit zurückrief, wo ſein Glück darin be⸗ ſtand, die Beete zu verheeren und des Gärtners Setzlinge auszureißen!... Wie ſüß ſind die Erin⸗ nerungen an unſere Kindheit!... Aber warum führen ſie eine geheime Melancholie mit ſich?... Weil man weiß, daß jene ſchöne Zeit nimmer wiederkehrt. An der Einbiegung in eine Allee ſtieß er auf den Gärtner. Der gute Mann erkannte ſeinen jungen Herrn und brach in ein Freudengeſchrei aus. „Stille! ſagte Heinrich zu ihm, ich will nicht, daß die Bewohner von meiner Ankunft unterrichtet werden.— Ah! das iſt was Anders, gnädiger Herr; dann ſchweige ich.— Wo iſt Dein Sohn? — Frank, gnädiger Herr! iſt vermuthlich im Schloſſe. — Gut, ſuch' ihn auf und ſage, daß ich ihn hier erwarte.— Ja, gnädiger Herr, ich gehe.— Aber ſei verſchwiegen gegen die übrige Dienerſchaft!... — Seien Sie unbeſorgt, verlaſſen Sie ſich auf mich 1 Eilends geht der Gärtner an die Beſorgung ſeines Auftrags und Heinrich ſieht ſehnlichſt Frank's Erſcheinen entgegen. Er hat ihn ſo Vieles zu fragen, ſo Manches aus ſeinem Munde zu verneh⸗ men! ſeine einzige Furcht iſt, Müller möchte kom⸗ men und durch ſeine Gegenwart alle ſeine Plane durchkreuzen; doch endlich ſieht er Frank und fliegt ihm entgegen. „Ach! da biſt Du ja, lieber Srant.s wie 60 freut mich's, Dich wieder zu ſehen!— Und mich auch, gnädiger Herr! ich geſtehe, ich war nicht darauf gefaßt; aber das Verhängniß iſt ſo ſeltſam! Seit unſerer Trennung iſt ſo Vieles geſchehen!— Du haſt Recht, Frank, und ich erwarte von Dir Erzählung alles Vorgefallenen.— Gerne, gnädiger Herr,“ ſagte Frank mit einem Seufzer. Heinrich hörte dieſen Seufzer und ſah Frank's traurige, ge⸗ zwungene Miene.„Großer Gott! rief er, was haſt Du mir denn zu verkündigen? Sollte meiner Pauline... meiner Schweſter etwas zugeſtoßen ſein?— Es iſt ihr gerade nichts zugeſtoßen, gnädiger Herr, und doch.— Nun! und doch...— In dieſem Augenblick..— In dieſem Augenblick... — Iſt.. iſt... ſie..— Sie... aber ſo ſprich doch, Henker! Du läßt mich vor Ungeduld ſterben. — Wahrlich, gnädiger Herr, ich wage nicht, Ihnen zu ſagen..— Sprich, verhehle mir nichts; ich befehl' es Dir.— Nun wohl, gnädiger Herr! Fräulein Pauline iſt ſehr krank und in dieſem Augenblick fürchtet man ſogar für ihr Leben.— Großer Gott! rief Heinrich mit den Tönen der Verzweiflung; ha!.. ich eile... ich fliege..— Halten Sie an, gnädiger Herr, ſagte Frank, ihn an ſeinem Kleide zurückhaltend, wenn Sie ſie nicht augenblicklich tödten wollen, denn in ihrem Zu⸗ ſtande würde die Gemüthsbewegung über Ihre un⸗ verhoffte Gegenwart nicht verfehlen, ſie ins Grab zu ſtürzen.— Ach, Frank! ich ſoll ſie alſo nicht ſehen?— Doch, gnädiger Herr, Sie ſollen ſie 61 ſehen: aber erſt wenn ſie Ihre Gegenwart ertragen kann und ich ſie auf Ihre Rückkunft vorbereitet habe.— Doch erzähle mir, warum ich ſie in die⸗ ſem Zuſtand wiederfinde.— Gerne, gnädiger Herr, das iſt bald geſchehen.— Als wir Straßburg ver⸗ ließen, legte Fräulein Pauline eine Feſtigkeit, eine Ergebung an den Tag, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzte; denn ich dachte mir wohl, was ſie in ihrem Innern leide; aber die Gegenwart und die Reden Müller's hatten ihr damals einen Muth gegeben, der nicht immer dauern konnte; unſere Reiſe war, wie Sie wohl glauben werden, ſehr traurig. Um⸗ ſonſt ſuchte ich ſie durch meine Unterhaltung zu zerſtreuen; ſie beobachtete das tiefſte Schweigen. Wie wir indeß nahe bei Schloß Framberg waren, ſchien ſie von einem neuen Gefühle bewegt; ſie fragte mich, ob Sie da geboren wären, ob das Schloß viele Bewohner habe, und ob ſich der Herr Oberſt in demſelben befinde. Als ſie wußte, daß er nicht hier ſei, ſchien ſie gefaßter und trat mit ziemlich ruhiger Miene in das Schloß. Müller's Befehlen zufolge ließ ich ihr eines der angenehm⸗ ſten Gemächer anweiſen: ich führte ſie in den Park, in die Gärten; kurz, ich zeigte ihr alle Schön⸗ heiten des Schloſſes. Sie dankte mir für das, was ſie meine Gefälligkeit nannte, mit jenem ſanf⸗ ten Lächeln, das Sie an ihr kennen; aber alle dieſe Aufmerkſamkeiten konnten nicht verhindern, daß ſie den Dag nach ihrer Ankunft in eine Krank⸗ heit verſiel. Von da an ging es täglich ſchlimmer Gott!... gib mir die Kraft, ſo viele Leiden zu er⸗ tragen! Aber ſage mir, Frank, ſpricht ſie dabei und beſonders ſeit geſtern liegt ſie in erſchreckendem Fieberwahnſinn.— Im Fieberwahnſinn!.. Großer einige Worte aus?— Potz Element! das glaub' ich wohl!... Bald ruft ſie laut nach Ihnen, in⸗ dem ſie Sie ihren Gatten oder auch ihren Bruder nennt; bald iſt ihr Vater der Gegenſtand ihrer Beſorgniſſe und ihrer Wünſche; aber am häufigſten ſind Sie es, gnädiger Herr, nach dem ſie inbrün⸗ ſtig verlangt, und auf eine ſo wehmüthige Weiſe, daß Einem ganz ſchwer ums Herz wird.“ Durch Frank's Erzählung niedergebeugt, bleibt Heinrich einen Augenblick unfähig, nur ein Wort hervorzubringen; aber nach einer Weile ſteht er haſtig von ſeiner Raſenbank auf und läuft aus vollen Kräften auf das Schloß zu.„Ums Himmels⸗ willen halten Sie an! rief Frank, indem er ihm nacheilte und ihn am Kleide zurückhielt.— Laß mich, Frank, laß mich, ſag' ich Dir, ich muß ſie ſehen, ich will's.— Ha, tauſend Donnerwetter! Sie werden ſie nicht ſehen,“ rief eine rauhe Stimme, die Heinrich veranlaßte, ſich umzuwenden; er er⸗ blickte Müller, der ihm den Weg verſperrte und nicht in nachgiebiger Laune zu ſein ſchien. 6³ Sechstes Kapitel. Die Liebe führt nicht immer zum Guten. Beim Erwachen war der Pächter gar nicht ver⸗ wundert, daß er Müller an ſeiner Seite einge⸗ ſchlafen ſah, als aber dieſer die Augen aufſchlug und vernahm, Heinrich ſei ſchon fort, da fluchte er derb vor ſich hin, daß in ſeinem Alter ihn die Weiber noch dumme Streiche begehen und ſeine Pflicht vergeſſen ließen; dann ſchickte er ſich an, ſeinem Zögling auf den Ferſen zu folgen. „Wahrlich! ſagte der Pächter, es iſt nicht zu verwundern, daß Ihr ſo lange geſchlafen habt; geſtern Abend haben wir Alles ſauber ausgetrunken. — Wahr, antwortete Müller; aber Ihr habt auch einen Wein, der teufelmäßig in den Kopf ſteigt.“ Die Pächterin kam herab, und Müller beeilte ſich, aufs Pferd zu ſteigen, aus Furcht, ihr Anblick möchte ihm wieder den Deufel in den Leib jagen. Der Ehemann lud ihn ein, öfters mit ihm zu ſchmauſen und zu trinken, und die Pächterin ver⸗ einigte ihre Bitten mit denen ihres Mannes. Kurz nach Heinrich langte Müller im Bereich des Schloſſes an und wollte denſelben bereits in der Gegend aufſuchen, als er ihn auf ſich zukom⸗ men ſah. Wie er ſeine letzten Worte hörte, wußte er ſchon, um was es ſich handle, ohne indeß die Urſache ſeiner Verzweiflung zu kennen. „Wohin wollen Sie, mein Herr? fragte er, 64 Heinrich aufhaltend.— Ins Schloß, Müller!— Weßhalb?— Sie zu ſehen.— Sie werden nicht hingehen, ſage ich.— Ach, mein Freund, ſie liegt in den letzten Zügen!— In den letzten Zügen? das iſt etwas ſtark. Iſt's wahr, Frank?— Ja, Herr Müller, die reine Wahrheit.— Ich will mich ſelbſt davon überzeugen; es iſt aber unnöthig, daß Sie mitgehen. Iſt's, wie Sie mir ſagen, ſo können Sie das Fräulein nicht ins Leben zurück⸗ rufen: iſt ſie im Gegentheil weniger übel auf, ſo wird Ihr Anblick ihren Schmerz erneuern, ohne demſelben Linderung zu ſchaffen.— Ach, Müller! laß mich mit Dir gehen!— Sie vergeſſen, Herr, daß es ſich um Ihre Schweſter handelt und Ihr Benehmen nicht ſo iſt, wie es ſein ſollte!— All Deiner Vorſtellungen und Widerſprüche ungeachtet, werde ich mich von dieſem Schloſſe nicht eher ent⸗ — fernen, bis ich über ihr Schickſal Gewißheit habe. — Hum! ſprach Müller bei ſich ſelbſt, dieſe Liebe muß ich um jeden Preis mit der Wurzel ausrotten. Gehen Sie, erwarten Sie mich bei dem Gärtner am Ende des Parks, ſagte er dann zu Heinrich; ich werde Sie dort treffen und Ihnen mittheilen, was Sie durchaus wiſſen wollen.“ Heinrich wagte keinen Widerſtand und ließ ſich von Frank zum Häuschen ſeines Vaters führen, das am entgegengeſetzten äußerſten Ende der Garten⸗ anlagen, in ziemlicher Entfernung vom Schloſſe, lag. Müller blickte Heinrich nach, die Schwäche bereuend, womit er denſelben nach Schloß Framberg 6⁵ gelaſſen hatte, und auf ein Mittel ſinnend, wie er ihn wieder wegbringen konnte. Mit unbeſchreiblicher Angſt harrte Heinrich der Rückkunft Müller's; doch Stunden verfloßen, der Huſar kam nicht. Als Heinrich die Nacht herein⸗ brechen ſah, konnte er ſeiner Unruhe nicht mehr gebieten; er ſchickte Frank nach dem Schloſſe, um die Urſache dieſer Verzögerung zu erfahren. Kaum war dieſer fort, als er Jemand auf das Häuschen zukommen ſah. Trotz der Dunkelheit glaubte er Müller'n zu erkennen und flog ihm ent⸗ gegen. Er täuſchte ſich nicht.„Nun, Müller, redete Heinrich ihn an, was haſt Du denn ſo lange im Schloſſe gethan?— Nichts! antwortete dieſer mit düſterer Stimme, wobei er ſeinen Gang gegen das Gärtnerhaus nicht unterbrach.— Ums Himmels⸗ willen unterrichte mich von Allem! In welchem Zuſtande haſt Du Pauline gelaſſen?— Sie hat nichts mehr zu fürchten.— Was willſt Du damit ſagen? Sprich! Dein Schweigen macht mich ſtarr vor Entſetzen!— Sie wollen es.. Nun denn! ſo waffnen Sie ſich mit Muth, Ihre Schweſter, Ihre Schweſter... iſt nicht mehr!“ Heinrich hörte nicht weiter: leblos fiel er zu Boden.„Nun, die Kriſis iſt ſtark, ſprach Müller; doch um ſo bälder wird ſie vorüber ſein!“ Er verſuchte, Heinrich ins Leben zurückzurufen; mit Hülfe des auf ſein Schreien herbeigelaufenen Gärt⸗ ners trug er ihn in das Häuschen des letztern und brachte ihn zu Bette. Hier ſchlug der junge Mann Paul de Kock. X. 5 . 66 die Augen nur auf, um in einen noch beunruhigen⸗ deren Zuſtand zu verfallen: ein hitziges Fieber hatte ſich ſeiner Sinne bemächtigt; grauenvoller Wahnſinn war an die Stelle der Vernunft getre⸗ ten, er ſah und erkannte Niemand mehr. Ueber Heinrichs Zuſtand erſchreckt, zerſchlug ſich Müller den Kopf, raufte ſich die Haare aus und ſchien nur ſich allein die Schuld von ſeines Zöglings Leiden beizumeſſen. Fünf Tage lang blieb unſer Held in ſolchem Zuſtande, und Müller brachte dieſe ganze Zeit an ſeinem Bette zu. Endlich rief ihn die Natur, welche ſtärker war als die Krankheit, wieder ins Leben zurück, und am ſechsten Dage erlangte er ſeine Vernunft und mit ihr etwas Ruhe wieder. „Ach!.. nun iſt die Kriſis vorbei!... ſprach Müller, als er Heinrich etwas ruhiger ſah. Meiner DTreu! ſie war hart, und wären Sie unterlegen, ſo wäre mir nichts übrig geblieben, als den Frö⸗ ſchen im Schloßgraben Geſellſchaft zu leiſten! Aber Sie geneſen wieder, und ich fühle mich um einen Sechsunddreißigpfünder leichter, den ich da auf der Bruſt liegen hatte.— Armer Müller, ſprach Heinrich lächelnd, wie vielen Kummer verurſache ich Dir!..— Erlangen Sie Geſundheit und Muth wieder, und ich bin für meine Sorgen hin⸗ länglich belohnt.“ Heinrich verſprach Alles und Müller küßte ihn, vor Freude weinend. Erſt nach vierzehn Tagen konnte Heinrich das Bett verlaſſen. Müller verlor ſeinen Zögling nicht 67 aus den Augen; allein dieſer fragte zuweilen, wo Frank ſei und warum er ihn nicht bei ſich ſehe. Ich habe Frank aufgetragen, uns einen guten Wagen anzuſchaffen, damit wir reiſen können, ſobald Sie ſo weit hergeſtellt ſind: darum ſehen Sie ihn nicht hier. Sind Sie etwa mit meiner Pflege nicht zufrieden, daß Sie nach Ihrem Diener fragen?— Wie ungerecht Du biſt, lieber Müller! Wenn ich nach Frank frage, geſchieht es nur, damit Du ebenfalls der Dir ſo ſehr nöthigen Ruhe pflegen könneſt.— Seien Sie unbeſorgt; meine Ruhe iſt Ihre Geſundheit, und wenn Sie ſich wohl befinden, bin ich nicht mehr krank.— Guter Müller!...“ Wie Heinrich im Stande war, ein wenig aus⸗ zugehen, führte ihn Müller durch eine kleine Pforte, nur einige Schritte vom Gärtnerhauſe entfernt, ins Freie.„Warum verlaſſen wir den Umfang des Schloſſes? fragte Heinrich.— Weil ein Blick ins Freie Sie mehr zerſtreuen wird als ein Park, den Ste hundertmal nach allen Richtungen durch⸗ ſtreift haben.— Aber, Müller, ich hätte ihn ſo gerne wieder geſehen!.— Nein, mein Herr, das würde Sie angreifen und Sie werden nicht gehen!“ Heinrich wagte keinen Widerſpruch; doch fühlte er im tiefſten Herzensgrunde ein ſehnliches Verlangen, die Orte wiederzuſehen, die er aufs Neue und vielleicht für lange Zeit verlaſſen ſollte. Als Müller glaubte, Heinrich ſei ſtark genug zur Reiſe, zeigte er ihm an, daß ſie in zwei Tagen ts 68 ſich auf den Weg begeben würden.„Frank ißt alſo zurück?— Ja, und der Reiſewagen wird uns vor der kleinen Pforte hier neben, welche auf die Hauptſtraße führt, erwarten.— Wie? wir nehmen den Weg nicht durch das Schloß?— Sie ſehen, es iſt unnöthig.“ Heinrich wagte keine weiteren Einwendungen; aber er nahm ſich vor, gewiß nicht abzureiſen, ohne das Aſyl ſeiner Kind⸗ heit ein letztes Mal geſehen zu haben. Am Abend vor dem zur Abreiſe beſtimmten Tag forderte Müller, der vor Müdigkeit nieder⸗ gedrückt war, Heinrich auf, ſich bald niederzulegen, damit er am andern Morgen früher auf den Beinen ſei. Heinrich, mit ſeinem Plane bereits fertig, ſtellte ſich, als komme er Müller's Begehren nach. Unſer Huſar ging zu Bett und lag bald im tief⸗ ſten Schlafe. Als Heinrich gewiß war, daß er nicht mehr an ihn denke, ſtand er vorſichtig auf, trat leiſe aus der Hütte und ſchlug den Weg nach dem Schloſſe ein. Der Abend war prächtig, herrlicher Mondſchein verbreitete über die ganze Natur einen bläulichen Schimmer, und wenn das Auge auf einem Buſch oder Strauche ruhte, glaubte es, einen unbeweg⸗ lichen Schatten, eine ſeltſame Geſtalt zu erkennen. Tauſend Gegenſtände bieten ſich dann unſerm Blicke dar, verwirren unſere Einbildungskraft und doch danken ſie ihr Entſtehen nur dem Widerſchein des Nachtgeſtirns. Unſichern Tritts wandelte Heinrich weiter; in ſeinem durch die Krankheit geſchwächten 69 Gehirn ſpukten tauſend Geſtalten, es erſchuf ſich tauſend Viſionen; bei jedem Gegenſtand, der ihm aufſtieß, pochte ſein Herz gewaltig; eine geheime Ahnung ſchien ihm anzudeuten, daß etwas Außer⸗ ordentliches ſich ihm zeigen werde. Endlich gelangte er in den dem Schloſſe näher liegenden Theil der Gartenanlagen. Seiner Be⸗ wegung nicht mehr Herr, tritt er in eine Laube, ſich einen Augenblick zu ſetzen... aber hier fällt ihm etwas in die Augen: auf der Bank, die er ſich auserkor, bemerkt er eine weiße Schatten⸗ geſtalt, welche regungslos iſt und ſeine Gegenwart nicht zu gewahren ſcheint. Heinrich fühlt ſich einer Ohnmacht nahe und iſt genöthigt, ſich an einen Baum zu lehnen; er ſucht ſeine Schwäche zu überwinden... aber der Schatten erhebt ſich und kommt langſam auf ihn zu; ein Strahl des Mon⸗ des beleuchtet ſein Geſicht; er erkennt es.„Schatten meiner Pauline!... rief er, auf die Kniee ſinkend, haſt Du den himmliſchen Aufenthalt verlaſſen, um Denienigen heimzuſuchen, der nicht mehr glücklich ſein kann auf einer Erde, die Du nicht mehr mit ihm bewohnſt?...“ „Heinrich!... ſprach eine ſchwache Stimme, und Pauline(denn ſie war es) fiel bewußtlos vor ihrem Geliebten nieder.— Großer Gott!... rief Heinrich, iſt's keine Täuſchung?... Doch nein, ſie iſt es wirklich... meine Pauline!.. Gerührt von meiner Verzweiflung hat der Himmel mir ſie zu⸗ rückgegeben, um mich nicht mehr von ihr zu trennen.“ 70 Schnell ſpringt er ſeiner Geliebten bei; Pauline ſchlägt die Augen wieder auf, erkennt Heinrich, lächelt ihm zärtlich zu und liegt Demjenigen in den Armen, von dem ſie ſich für immer getrennt wähnte: Heinrich drückt ſie in höchſter Freude an ſein Herz, bedeckt ſie mit Küſſen, und ſie, weit entfernt, ihn zurückzuſtoßen, gibt ſich ſeiner Zärt⸗ lichkeit gänzlich hin und beide vergeſſen die Bande, die ſie umſchlingen, um nur noch an die Liebe zu denken, welche ſie von der rechten Bahn ablenkt und in den Abgrund zieht, den zu vermeiden ſie nicht ſtark genug waren. Die Reue folgte dem Vergehen auf dem Fuße nach; aber dieſes Vergehen war keins von denen, welche ein Liebhaber durch neue Liebkoſungen ver⸗ geſſen macht!... Entſetzt über die Größe ſeines Verbrechens, wagt Heinrich nicht mehr, die Augen zu ſeinem Opfer aufzuſchlagen. Pauline weint, ſchluchzt und bleibt bewußtlos auf dem Raſen, dem Zeugen ihrer Schuld, liegen. Und er, der ſie in dieſen Zuſtand gebracht, denkt nicht daran, ihr Hülfe zu leiſten; eilfertig flieht er die unheilvolle Laube, vertieft ſich in den Park, gewinnt das Weite und verſchwindet, ehe die Sonne ſeine Frevel⸗ that beſcheint. Arme Pauline! wer aber wird jetzt Deine Thränen trocknen...Deiner Verzweiflung Einhalt thun?.. Der verläßt Dich, der allein Deine Leiden lindern konnte! er verläßt Dich mit dem Schwure, nie Dich wiederzuſehen!... Doch der V V V b 71 Himmel wird ſich Deiner erbarmen;... wird Dir einen Freund, einen Tröſter ſchicken, in dem Augen⸗ blick, wo Du gegen die Vorſehung und die Härte Deines Geſchickes murrſt. Vor Allem möchte es gut ſein, dem Leſer zu erklären, wie Pauline, die für todt galt, mit Hein⸗ rich in der Laube zuſammentraf. Wir haben geſehen, wie ärgerlich Müller war, daß ſich Heinrich während der Krankheit ſeiner Schweſter nicht vom Schloß entfernen wollte. Der gute Huſar ſah wohl ein, daß der junge Mann im Innerſten ſeines Herzens ſtets eine Liebe bewahren werde, welche das Unglück ſeines übrigen Lebens ausmachen müßte, darum beſchloß er, ſie durch irgend ein gewaltſames Mittel zu erſticken. Wie er von Paulinens Krankheit hörte, ſtieg ſogleich der Gedanke in ihm auf, ſie für todt auszugeben. Deßhalb begab er ſich zu der jungen Kranken, ſich von ihrem Befinden ſelbſt zu überzeugen; er fand ſie ſehr übel auf und meinte, was er als eine Lüge erſonnen, könne wohl zur Wahrheit werden. Nichtsdeſtoweniger wollte er den Lauf der Bege⸗ benheiten nicht abwarten und noch denſelben Abend kam er wieder zu Heinrich. Wir wiſſen, wie er ſein Vorhaben ausführte. Obgleich er ſich aber auf Ausbrüche des Schmerzes gefaßt machte, glaubte er doch nicht, daß ſeine Liſt eine ſo heftige Wir⸗ kung hervorbringen werde; und als er ſeinen geliebten Heinrich am Rand des Grabes ſah, da gereute ihn das Mittel, das er angewendet, ihn 72 von ſeiner Liebe zu heilen. Endlich erlangte Hein⸗ rich die Geſundheit wieder und Müller athmete neu auf. Während deſſen Krankheit hatte er durch Frank erfahren, daß Pauline beinahe völlig her⸗ geſtellt ſei; da aber die Kriſis vorüber war, wollte er Heinrich nichts davon mittheilen, ſondern ihn in einem Irrthum belaſſen, der ihm die Ruhe wieder geben ſollte. Darum trug er Sorge, Frank von ſeinem Herrn entfernt zu halten und dieſen am Spazierengehen im Schloſſe zu verhindern. Müller's Plan war gut ausgedacht, aber das Verhängniß ließ deſſen Vollführung nicht zu. Pau⸗ line, welche ſeit einigen Tagen in dem Garten die friſche Luft genoß, hatte ſich, durch die Schön⸗ heit des Abends angezogen, unter eine ſchattige Laube geſetzt und über ihrem Sinnen vergeſſen, daß die Stunde des Schlafengehens längſt vorüber ſei. Wir haben geſehen, wie der Teufel es anfing, daß er die beiden Liebenden zuſammenbrachte und ſo in einem Nu alle Plane unſers Huſaren über den Haufen warf. Aber Müller konnte nicht immerwährend ſchlafen; der Gedanke an die vorgehabte Reiſe weckt ihn mit Anbruch des Tages auf; er ſpringt aus dem Bett, kleidet ſich an und eilt zu Heinrichs Schlaf⸗ ſtätte, um zu hören, ob er eine gute Nacht gehabt. Wie groß iſt ſein Erſtaunen, ſeine Unruhe... als er denſelben nicht mehr in der Hütte ſieht!... „Ho, ho! ſprach er, mein junger Menſch hat aber⸗ mals ſeine Streiche gemacht! Wir wollen keine 4 73 Zeit verlieren und ſchnell hinter ihm her ſein!..“ Und damit iſt Müller bereits im Park, den er nach allen Richtungen durchſtreift; endlich führt ihn der Zufall in das unheilvolle Bosket; er glaubt von Ferne etwas zu unterſcheiden; näher getreten, ſieht er Pauline leblos am Boden liegen. Unſer Huſar gibt ſich nicht lange Vermuthungen hin.„Der Teufel miſcht ſich ins Spiel, ſagte er, ſie haben einander geſehen, geſprochen und es ging hitzig her, wie es ſcheint. Wo iſt denn aber mein Zögling?“ Müller lud Pauline auf ſeine Schultern und ſchlug den Weg nach dem Schloſſe ein. Dort lag man noch in tiefem Schlafe; aber auf ſein Gepolter und Geſchrei iſt bald Alles auf den Beinen; die Diener ſpringen im Henmde herbei, um zu erfahren, was es gibt:„Vorwärts, meine Freunde, Bomben und Gran aten! Ihr müßt Alle die Umgegend durchſtreifen, und zwar auf der Stelle. Euer junger Herr hat den Teufel im Leib; ich ſehe wohl, es iſt unnöthig, daß ich's euch länger verhehle; macht euch hinter ihm her, Jeder ſetze ſich in Marſch, und man muß ihn zu⸗ rückbringen, wäre er auch am Ende der Welt. Ich ſelbſt werde euch bald folgen.“ Bei dieſen Worten ſchiebt ſie Müller fort ins Freie! Einige wollten ſich widerſpenſtig zeigen und machen die Bemerkung, daß ſie doch nicht im Hemde fortgehen können; Müller aber wirft ſie zur Thüre hinaus, indem er ihnen einen Tritt vor den Staus gibt, welchem Argumente Keiner widerſteht. 74 Nachdem Müller ſeine Geſandten ausgeſchickt hatte, kehrte er eiligſt zu Pauline zurück und leiſtete ihr alle Hülfe, welche ihre Lage erheiſchte. Nach vielen Bemühungen von ſeiner Seite, ſchlug ſie endlich die Augen wieder auf. Der Name Heinrich war ihr erſtes Wort; alsdann erblickte ſie zu ihrer Verwunderung unſern Huſaren an ihrer Seite.„Ja, ich ſehe wohl, Sie ſind erſtaunt über meine Gegenwart, ſprach dieſer, und ich kann Sie ebenfalls verſichern, ich wäre lieber hundert Meilen von Ihnen weg!... Ja, wahrhaftig!... Frank hatte wohl Recht, als er von einem Ver⸗ hängniß ſprach!...“ Pauline begriff nicht viel von dieſer Rede; doch Müller erklärte ihr, was das heißen wolle und auf welche Art er ſie im Bosket gefunden habe.„Und was iſt aus Heinrich geworden? fragte Pauline.— Er wird mei ne Vorwürfe gefürchtet haben und hat ſich daher aus dem Staube ge⸗ macht!... doch ſollte er wiſſen, daß ich trotz meiner ſtrengen Miene kein Felſe nherz habe!...“ Aber Müller machte ſich noch keine Vorſtellung von der Größe des Vergehens. Er verſuchte noch, Pauline zu tröſten, und ver⸗ ließ ihr Gemach, um dem Flüchtigen nachzuſpüren. Als Pauline allein war, ließ ſie ihren Thränen freien Lauf; ſie fürchtete und wünſchte zu gleicher Zeit, es möchte Müller gelingen, Heinrich wieder zurückzuführen; zuweilen machten Vernunft und Pflicht ſie vor ſeiner Wiederkunft erbeben; allein 75 die Liebe, ſtärker als alle Vernunftgründe, gewann ſtets wieder die Oberhand und trug am Ende den Sieg davon. Indeß waren Müller und ſämmtliche Diener im Schloſſe zurück, ohne irgend eine Spur von Heinrich aufgefunden zu haben. Den folgenden Tag dieſelben Nachforſchungen, ohne beſſern Er⸗ folg. Dage und Wochen vergingen, aber Heinrich erſchien nicht wieder! Müller ließ den Muth nicht ſinken und war öfters acht Tage abweſend, in der Hoffnung, glücklicher zu ſein; nach zwei Monaten ging ihm die Geduld aus und er wünſchte Den⸗ jenigen laut zum Deufel, welchen wiederzufinden er im Grunde ſeines Herzens ſo ſehnliches Ver⸗ langen trug. „Warum aber eigentlich dieſe Flucht? ſagte Müller, als er ſich einſt mit Pauline allein be⸗ fand; ich hatte ihm zwar verboten, Sie zu bohen, nicht aber ein Narr zu werden.“ Pauline ſchlug die Augen nieder und antwor⸗ tete nichts. Wie Müller ſah, daß ſeine Fragen ihren Kummer nur vermehrten, ſprach er von etwas Anderem und bemühte ſich, ſie zu zerſtreuen. Das arme Kind ſchien in der That der Zerſtreuung ſehr zu bedürfen. Es war nicht mehr dieſelbe Pauline, wie ein Jahr früher, ſo friſch und lieb⸗ lich, aus deren Augen Freude und Geſundheit leuchtete! Ihre Thränen hatten deren Glanz ge⸗ brochen, ihr bleiches, welkes Geſicht verrieth die 76 Leiden ihrer Seele, und Alles in ihr verkündigte ein Opfer der Liebe! Je mehr die Zeit verfloß, um ſo größer ſchien Paulinens Kummer zu werden. Ganze Tage ſchloß ſie ſich in ihr Gemach ein oder weinte ſie in einer einſamen Laube. Müller dachte, es ſei der Gram über Heinrichs Flucht. Unſer guter Huſar war nicht viel heiterer als ſie und ſehr wenig geeignet, ſie zu tröſten. Eines Abends war er aus dem Schloſſe ge⸗ gangen, um die friſche Landluft zu genießen, als er von Ferne ein Frauenzimmer gewahrte, deren eilfertiger Gang irgend ein beſonderes Vorhaben verkündete.„Ho! ho! dachte Müller, wer iſt dieſe Frau?“ Die Dunkelheit hinderte ihn, ſie zu er⸗ kennen; doch beſchloß er, zu Befriedigung ſeiner Neugierde, ihr zu folgen. Flüchtigen Fußes ſchritt die Unbekannte durch ein kleines Gehölz, welches zu einem in geringer Entfernung vom Dorfe be⸗ ſindlichen Teiche führte; ſie nahm die ungangbar⸗ ſten Pfade, ſchien ſich zu fürchten, daß man ſie ſähe, und ſtand von Zeit zu Zeit ſtill, wie um zu lauſchen, ob man ihr nicht nachſchleiche. Dann verſteckte ſich Müller hinter einen Baum, hielt den Athem und machte nicht die geringſte Bewegung. So ge⸗ langten beide zum Ufer. Auf einer kleinen Anhöhe, welche den Deich beherrſchte, hielt die Unbekannte inne und ließ ſich auf die Kniee nieder. Müller ſeinerſeits blieb gleichfalls ſtehen: ein unbeſtimmtes Grauſen hatte ſich ſeiner Sinne bemächtigt. Bald 77— ließ eine jammervolle Stimme folgende Worte er⸗ ſchallen:„O, mein Gott! vergib mir die Handlung, die ich zu vollführen im Begriff ſtehe! Hab Er⸗ barmen mit meiner Verzweiflung, drücke Den nicht mit Deinem ganzen Zorne nieder, der mein Ver⸗ brechen theilte, und für den ich ein Daſein zum Opfer bringe, das ich nicht mehr zu ertragen vermag!“ 1 Weiter hörte Müller nicht. Da er die Stimme kannte, lief er auf Die zu, die er retten wollte, aber es war nicht mehr Zeit. Pauline, denn dieſe war's, hatte ſich ins Waſſer geſtürzt. Unſer Huſar wirft, ohne einen Augenblick zu verlieren, Mütze, Wamms und was ihm hätte hin⸗ derlich ſein können, bei Seite, ſpringt der Unglück⸗ lichen nach, erreicht ſie ſchwimmend, faßt ſie mit kräftiger Fauſt, bringt ſie ans Ufer und dankt dem Himmel für ſeinen Beiſtand in dieſem Unternehmen. Er hatte Pauline auf den Boden niedergelegt, aber ſie war leblos und ihr Zuſtand erheiſchte ſchleunige Hülfe. Wie ſollte er's indeß machen 2 Es war ſpät, alle Dorfbewohner lagen in der Ruhe. Nur ein Ausweg blieb übrig, nämlich ins Schloß zurückzukehren; ſie waren weit von demſelben ent⸗ fernt, und der gute Huſar fühlte ſich durch alle auf ihn eingedrungenen Stöße erſchöpft; aber der Wunſch, eine gute Handlung zu vollbringen, gab ihm ſeine Kräfte wieder: er lud Pauline auf die Schultern und ſchlug mit dieſer koſtbaren Laſt muthvoll den Weg nach dem Schloſſe ein. Nach einer Stunde mühſeligen Marſches ſah Müller endlich das Ziel ſeiner Wanderungen vor ſich. Jedermann war ſchon zu Bette; allein er hatte immer den Schlüſſel zur kleinen Pforte des Parks: hier legte er Pauline auf die Erde und ſchloß das Pförtchen auf. Wie er das Mädchen wieder aufnahm, fühlte er, daß ihr Herz ſchlug und ſie leicht athmete.„Gottlob, ſprach er, ſie iſt nicht todt und ich bin für meine Mühe belohnt.“ Die Erſchütterung des Marſches hatte ihre Sinne wirklich aufs Neue belebt, und als Müller ſie auf ihr Bett niederlegte, ſchlug ſie die Augen wieder auf, ohne daß er fremder Hülfe bedurfte. „Wo bin ich? ſagte ſie, ihre Blicke, worin ſich Verwunderung und Schmerz malten, umher⸗ werfend.— An einem Orte, den Sie künftig nicht mehr ohne meine Erlaubniß verlaſſen werden, ent⸗ gegnete Mäller mit ſtrengem Tone.— Wie! Ihr ſeid's, Müller? wie kommt es?— Wie es kommt... ich ging Ihnen nach, Fräulein, und der Himmel gab zu, daß ich noch zeitlich anlangte, um Ihre Miſſethat zu verhindern! Wollen Sie mir aber gleichfalls ſagen, wie es kommt, daß Sie in ſolch übermäßigen Wahnſinn verfallen? Welche Troſt⸗ loſigkeit wirkte denn auf Sie ein? Was verwirrte Ihren Verſtand?... Sie ſchweigen?... Sprechen Sie, mein Fräulein, nicht durch Schweigen waſcht man ſich von ſolch einem Verbrechen rein; ja von einem Verbrechen, ich wiederhole es; und was auch der Beweggrund ſein möge, es iſt immer ein 4 Verbrechen, wenn man ſich das Leben nimmt; ich achte die Unglücklichen, welche ihre Leiden muth⸗ voll ertragen, aber ich verachte die, welche ſich durch eine Feigheit von denſelben befreien.“ Aufmerkſam hörte Pauline Müller'n zu, ſeine energiſche Rede brachte die erwartete Wirkung auf ſie hervor: dieſelbe erweichte ihr Gemüth und die Unglückliche vergoß einen Strom von Thränen. Sobald Müller ſie weinen ſah, wich ſeine Strenge und er näherte ſich ihr, um ſie zu tröſten. K „Nun, ich verzeihe Ihnen, ſprach er, ſie bei der Hand faſſend; aber unter einer Bedingung.— Unter welcher?— Daß Sie mir die Urſache Ihrer Verzweiflung ſagen; denn eine ſolche muß doch da ſein.— Ach! zwingt mich nicht, durch Erzäh⸗ lung meiner Schande vor Euch zu erröthen.— Es muß ſein, ſage ich Ihnen! nun, Donnerwetter! Muth gefaßt!— Ihr befehlt es?. O, mein Gott! wie ſchwer wird mir's... Wohlan denn!... — Vorwärts!— Ich bin...— Sie ſind?— Ich bin ſchwanger!“ Müller iſt vernichtet. Pauline birgt das Ge⸗ ſicht in ihren Händen.„Sie ſind ſchwanger!... ſagte Müller, endlich aus ſeiner Betäubung zu⸗ rückkommend, und Sie wollen ſich den Tod geben! Unglückſelige! Sie wollen alſo auch das unſchuldige Opfer, das Sie unter Ihrem Herzen tragen, er⸗ morden? Ha! Sie ſind ſtrafbarer als ich ahnte! — Ich fühle mein Verbrechen nur zu ſehr! aber ach! iſt nicht das unglückliche Geſchöpf, das ich * 80 des Lichts beraubt hätte, ſchon vor ſeiner Geburt der Schande und Verachtung geweiht? Ein Kind des Verbrechens und des Unglücks, wird es je wagen, die Urheber ſeiner Tage zu nennen?— Was wollen Sie damit ſagen?— Muß ich Euch noch belehren wer ſein Vater iſt?— Wie! Hein⸗ rich? mein Zögling? Ha! dreifaches Donner⸗ wetter! das bringt mich unter den Boden! Jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als mir von einem Achtundvierzigpfünder den Kopf wegnehmen zu laſſen.“ Paulinens Geſtändniß hatte den Reſt ihrer Kräfte völlends aufgerieben und bewußtlos fiel ſie auf ihr Bett zurück. Müller's ganzes Geiſtesvermögen war durch das eben Gehörte zu ſehr betroffen, als daß er im Stande geweſen wäre, das um ihn her Vor⸗ gehende wahrzunehmen. Regungslos vor dem Ka⸗ min, ſtarrte er ohne zu ſehen, träumte ohne zu denken, litt ohne zu fühlen und die Nacht ging ihm vorüber, ohne daß er von ſeiner Regungs⸗ loſigkeit ſich erholt hatte. Mehrfache Schläge an das Thor des Schloſſes riefen ihn wieder zu ſich; er rieb ſich die Augen wie Einer, der aus einem ſchweren Traume er⸗ wacht, ſchaute verwundert umher und ſah Pau⸗ line noch in dem gleichen Zuſtande. Dieſer Anblick ruft ihm alles Vorgefallene ins Gedächtniß zurück; zwei große Thränen rollen aus ſeinen Augen; ſeuf⸗ zend wiſcht er ſie ab, ſchüttelt den Kopf, ſtreicht ſeinen Schnurrbart und ſtürzt die Dreppe hinab. Man fuhr fort, gewaltig zu klopfen; der Pfört⸗ ner kleidete ſich gemächlich an; Müller, ungeduldig, öͤffnet ſelbſt. Ein Eilbote händigt ihm ein Schrei⸗ ben ein und entfernt ſich ſchnell wieder mit dem Bemerken, daß es keiner Antwort bedürfe. Müller hielt den Brief in der Hand, dachte an andere Dinge, als ihn zu leſen, bis er, zufällig auf die Adreſſe ſehend, die Handſchrift ſeines Oberſten erkannte.„Ho! ho! ſprach er, ſich die Augen reibend, um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume; es iſt wirklich von meinem Oberſt und an mich ge⸗ richtet! Durch welchen Zufall weiß er, daß ich im Schloſſe bin?... Und das Thier von einem Boten flog wieder davon wie eine Bombe! Ich hätte ihn ausfragen ſollen: nun laß uns leſen... Ich glaube, ich zittere zum erſten Mal in meinem Leben! Weiß mein Oberſt alles Vorgefallene, ſo iſt dieſer Brief meine Verdammung! Gleichviel, ich habe Strafe verdient und hätte den Muth, mich ſelbſt abzuthun, wenn mein Oberſt es beföhle!“ Mit dieſen Worten reißt Müller den Brief ungeſtüm auf und durchfliegt deſſen Inhalt; bald geht eine merkliche Aenderung auf ſeinem Geſichte vor, je weiter er liest; Thränen entſtrömen den Augen des wackern Huſaren, aber es ſind Thränen der Freude, der Luſt, der Rührung. Kaum hat er ausgeleſen, als er wie wahnſinnig nach der Treppe ſtürzt, die zu Paulinens Gemächern hinaufführt. „Vivat! Sieg!“ ſchrie Müller unter mächtigen Sätzen die Treppe hinauf. Endlich gelangt er in Vaul de Kock. X. 6 82²2 das Zimmer Paulinens, welche ihre Kammerfrau wieder zu ſich gebracht hatte. Erſtaunt blickt ſie Müller'n an; ſie faßt nichts von dieſer außerordent⸗ lichen Freude.„Da leſen Sie, leſen Sie ſelbſt, ſagte Müller, ihr den eben erhaltenen Brief dar⸗ reichend, und Sie mögen ſehen, ob ich Unrecht habe, vor Jubel außer mir zu ſein.“ Ehe wir jedoch dem Leſer den Grund von Müller's plötz⸗ licher Freude erklären, müſſen wir wieder den Oberſt Framberg aufſuchen, den wir, im Begriff nach Paris abzureiſen, verlaſſen haben. Siebentes Kapitel. Glück. Der Oberſt hatte Heinrichs Erzählung von d'Ormeville's Abenteuern aufmerkſam mit angehört. Seine edle und großmüthige Seele faßte ſogleich den Entſchluß, nach Paris zu gehen und dort alle nöthigen Schritte zu thun, wodurch er erfahren könnte, was aus dem Vater ſeines theuern Hein⸗ richs geworden ſei. Zwar hatte der letztere bereits umſonſt ſolche Nachforſchungen angeſtellt; allein Heinrich kannte in Paris Niemanden; ſeine Jugend konnte überdies wenig Vertrauen einflößen: der Oberſt hingegen war von einem Alter und einem Rang, die Achtung und Ehrfurcht geboten. Er ließ ſich Empfehlungsbriefe an die hohen Staatsbeamten 3 8³ geben und hoffte auf glücklichern Erfolg in ſeinem Unternehmen. Oberſt Framberg beeilte ſich und bei ſeiner Ankunft in Paris begann er augenblicklich ſeine Nachforſchungen. Seine Schritte wurden ſchnell vom beſten Erfolge gekrönt; der Miniſter benach⸗ richtigte den Oberſt, daß der Geſuchte in der Force, einem der bedeutendſten Gefängniſſe der Haupt⸗ ſtadt, hinter Schloß und Riegel ſitze. D'Ormeville war bei ſeiner Ankunft in Paris feſtgenommen und die über ihn ausgeſprochene Todesſtrafe in zehnjähriges Gefängniß verwandelt worden, was er ſchon eine große Gunſt nennen konnte; und da ſeine Feinde nicht mehr am Leben waren, ſo hoffte er, bald ſeine Freiheit zu erlangen. Dazu aber war es nothwendig, daß ſich Jemand in Frankreich für den Gefangenen intereſſirte. Unglücklicherweiſe kannte er Niemanden hier und hätte wahrſcheinlich die feſtgeſetzte Zeit im Kerker verlebt, wenn nicht der Zufall ihm einen mächtigen Beſchützer in der Perſon des Oberſten zugeführt hätte. Dieſer machte ſich ſogleich daran, die Freilaſſung d'Ormeville's zu erwirken, deſſen Vergehen nicht ſo groß war, daß er ſo beſondere Strenge verdiente, und der durch eine Verbannung von zwanzig Jahren genug gelitten hatte. Die Schritte, welche der Oberſt zu thun ge⸗ nöthigt war, zogen ſich mehr in die Länge, als er geglaubt. Man hatte ihm bereits die Erlaubniß ertheilt, d'Ormeville zu beſuchen; aber er mochte 84 ſich nur als Ueberbringer ſeiner Begnadigung bei ihm vorſtellen. Welch ein großmüthiges Benehmen gegen einen Mann, der ſein Nebenbuhler geweſen war... der ihn der Liebe einer angebeteten Frau beraubt hatte und von dem er fürchten mußte, daß er ihm auch Denjenigen werde entreißen wollen, den er als ſeinen Sohn liebte!... Es gibt wenig Männer wie der Oberſt. Endlich, nach mehr als drei in Umhergehen und Sollicitiren zugebrachten Monaten, wirkte der⸗ ſelbe die Freilaſſung von Heinrichs Vater aus. Welcher Augenblick für ſein edles Gemüth! Mit welch trunkener Freude begab er ſich in das Ge⸗ fängniß! Das Bewußtſein einer guten That belohnte ihn reichlich für die angewandte Mühe! D'Orme⸗ ville hoffte nicht mehr auf Begnadigung: der Unglückliche ſaß in einem Winkel ſeines Kerkers, dachte an ſeine Pauline, und der Kummer, den ſie empfinden mußte, vermehrte nur noch ſeine Traurigkeit. Da gehen plötzlich die Thüren ſeines Gefängniſſes auf: ein ihm unbekannter Mann, deſſen Geſicht jedoch Güte verkündet, zeigt ſich vor ſeinen Blicken(der Leſer hat ſchon heraus, daß es der Oberſt iſt) und wirft ſich ohne Weiteres an ſeine Bruſt; ganz erſtaunt, weiß d⸗Ormeville gar nicht, was er davon denken ſoll.„Zuerſt laßt uns einander umarmen, ſprach der Oberſt zu ihm, Bekanntſchaft machen wir hernach; hier iſt in⸗ zwiſchen Ihr Freibrief: ich bin der Oberſt Fram⸗ berg und ich habe ihn ausgewirkt.“ — 8⁵ D'Ormeville iſt ungewiß, ob er wacht oder träumt; der Name des Oberſten, das Wort Frei⸗ heit machen ihn ſo ſehr betroffen, daß er ganz erſtarrt; doch der Oberſt, auf dieſes Staunen gefaßt, zieht ihn fort aus dem Kerker, drängt ihn in ſeinen Wagen und läßt ſich nach ſeinem Hotel führen. Unterwegs kommt d⸗Ormeville wieder zu ſich:„Es iſt kein Traum! ſprach er; ich bin in Freiheit und Ihnen, Herr Oberſt, habe ich ſie zu danken!— Ich begreife Ihre Verwunderung, lieber d'Ormeville, und ich will ihr ein Ende machen; da aber meine Erzählung etwas lang wird, wollen wir warten, bis wir in meinem Hoͤtel ſind; dort können wir reden, ohne Unterbrechung zu fürchten.“ D'Ormeville willigt ein, und man langt an; der Oberſt verbietet jede Störung und erzählt dem Befreiten, was dem Leſer ſchon be⸗ kannt iſt.— Wer vermöchte d'Ormeville's Erſtaunen bei der Nachricht zu ſchildern, daß ſein Sohn lebe und er ihn bald in ſeine Arme ſchließen werde! Seine Freude gränzt an Wahnſinn: er wirft ſich an die Bruſt des Oberſten und nennt dieſen ſeinen Schutz⸗ engel. Plötzlich hält er inne und verfällt in tiefes Sinnen.„Was haben Sie denn? fragte der Oberſt. Woher dieſes Nachdenken?— Sollten Sie noch einen andern Sohn haben? fragt er nach einer Weile, ſtatt einer Erwiderung.— Nein, ich hatte nie einen andern; nur Heinrich galt mir als ſol⸗ cher.— Heinrich!... Kein Zweifel mehr! er iſt's. 86 — Was ſoll das heißen?— Ich kenne dieſen theuern Sohn!... und der Himmel hat ihn zum Retter meines Lebens auserkoren!— Wär's mög⸗ lich?... Heinrich hat Ihnen das Leben gerettet? — In einem Walde, ſechs Stunden von Straß⸗ burg, wäre ich das Opfer zweier Meuchelmörder geworden, da ſandte mir die Vorſehung meinen Sohn zur Rettung.“ D'Ormeville war in der That jener Reiſende, den Heinrich gerettet. Oberſt Framberg bewunderte die Rathſchlüſſe der göttlichen Vorſehung, welche den Sohn ſeinem Vater zu Hülfe geſandt hatte: alsdann fuhr er in ſeiner Erzählung fort, welche durch d'Ormeville's Ausrufe unterbrochen worden war. Als dieſer letztere von der Liebe Paulinens und Heinrichs und dem Kummer, welche dem Oberſt dieſe unheilvolle Leidenſchaft verurſachte, hörte, unterbrach er dieſen mit den Worten:„Drocknen Sie Ihre Thränen, mein Freund; unſere Kinder ſollen dem Glücke und der Liebe wiedergegeben werden; vernehmen Sie endlich, daß Pauline nicht meine TDochter iſt.— Sie iſt nicht Ihre Tochter?... rief der Oberſt freudetrunken; o! darüber verliere ich noch den Kopf! die theuren Kinder!... ſie hatten ſo vielen Kummer! Noch wage ich nicht, an dieſes Glück zu glauben!...— Es iſt die reine Wahrheit; aber ich ſehe ein, daß ſie Erläu⸗ terungen bedarf. Hören Sie mich an, und auch ich will Ihnen alle Begebenheiten erzählen, die mir von dem Augenblick an aufſtießen, wo ich — —— 87 mich von Derjenigen trennte, die ich meine Gattin zu nennen hoffte. D'Ormeville's Geſchichte. „Als ich meine theure Clementine verließ, be⸗ gab ich mich nach Wien, dem Kaiſer meine Dienſte anzubieten. Zwiſchen Rußland und Oeſtreich war der Krieg erklärt. Leicht ward ich aufgenommen und in Betracht meiner Eigenſchaft als Freiwil⸗ liger und meiner Geburt, wurde ich bald Lieutenant in einem Huſarenregiment, das zu Feld zog. Bei einem Dorfe zwiſchen Nowogrodek und Wilna trafen wir auf den Feind. Das Treffen war blutig, und die Ruſſen erlitten, wie ich in der Folge er⸗ fuhr, eine Niederlage; denn da ich gleich im Anfang des Handgemenges einen Schuß erhielt, fiel ich vom Pferd und wurde für todt auf dem Schlachtfeld gelaſſen. „Ein Bauer, welcher, lange nachdem die bei⸗ den Heere entfernt waren, bei mir vorüberkam, bemerkte, daß ich noch athmete; er war ſo men⸗ ſchenfreundlich, mich auf ſeinen Rücken zu laden und nach ſeiner Hütte zu tragen, um mir dort die meiner Lage angemeſſene Hülfe zu leiſten. „Gegen ein Jahr blieb ich bei dem guten Land⸗ mann, denn erſt nach Verlauf dieſer Zeit erlaubten mir meine nun wieder völlig geheilten Wunden, an Rückkehr zu meiner Fahne zu denken. Aber während meiner langen Krankheit hatte das wan⸗ delbare Kriegsglück die Ruſſen zu Meiſtern des 88 Ortes gemacht, in dem ich verborgen war; ſie hatten auf dem ganzen Wege nach Oeſtreich Poſten aufgeſtellt, und ich ſah, daß ich das Dorf nicht verlaſſen könne, ohne mich beinahe unausweich⸗ lichen Gefahren bloßzuſtellen. „Was konnte ich thun?... Meine Lage war entſetzlich, ich beſaß nicht die geringſte Summe Geldes und mochte dem wackern Manne, der mir das Leben gefriſtet, nicht länger zur Laſt ſein. „Nur ein Ausweg blieb mir, nämlich zu ar⸗ beiten, um zu leben: und ſchnell war mein Ent⸗ ſchluß gefaßt. Der gute Bauer, der mich unterſtützt hatte, verſchaffte mir Arbeit bei einem Pächter in der Gegend. Ich zog die Kleidung an, die für meinen neuen Stand paßte, und begann die Mutter Erde zu bearbeiten, welche niemals un⸗ dankbar gegen Diejenigen iſt, die ſie mit ihrem Schweiße tränken. „Ich lebte ziemlich ruhig; ſchon lange hatte ich mich an mein neues Verhältniß gewöhnt; überdies ließ mich die Erinnerung an meine Cle⸗ mentine und die Hoffnung, ſie eines Tages wieder⸗ zuſehen, die lange Dauer meines Erxils muthvoll ertragen. Sie wiſſen, ich gab auf deutſchem Boden meinen Namen d'Ormeville auf, um den Namen Chriſtiern zu führen, und dieſen behielt ich auch in meinem nunmehrigen Aufenthaltsorte bei. „Eine halbe Stunde von dem Pachthofe lag ein kleines Schloß, das einem gewiſſen Drogluski gehörte. Dieſer Drogluski war in der Umgegend * 4— 89 nicht ſehr beliebt, und es liefen ſogar verſchiedene Gerüchte über ihn um, denen ich wenig Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. Da ſein Schloß auf einer Anhöhe lag, von wo aus man eine weite Ausſicht genoß, lenkte ich, wenn die Arbeiten es geſtatteten, meine Schritte nach dieſer Seite und wandte meine Blicke nach der Gegend, die meine geliebte Cle⸗ mentine verſchönerte, und bat den Himmel, er möchte mir bald erlauben, die Angebetete wieder⸗ zuſehen. „Auf meinen einſamen Spaziergängen hatte ich einen Menſchen bemerkt, der mir häufig in den Weg trat und mich aufmerkſam zu betrachten ſchien. Anfangs gab ich nicht viel darauf Acht; aber ärgerlich geworden, daß ich ihn immer hinter mir her ſehe, fragte ich den Pächter, ob er ihn kenne. Auf meine Beſchreibung deſſelben, ſagte er mir, es könne Niemand anders als der Vertraute und Diener des Herrn Drogluski ſein, und er erinnere ſich ſogar, daß derſelbe in den Pachthof gekommen ſei und verſchiedene Fragen über mich angeſtellt habe. Begierig zu wiſſen, was er von mir wolle, beſchloß ich, ihn anzureden, ſo wie ich ihn wie⸗ der träfe. „Die Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich warten: kaum ein paar Tage waren verſtrichen, als ich eines Abends in der Nähe des Schloſſes meinen Mann nur wenige Schritte vor mir ſah. Ich redete ihn an und ſagte, ich wundere mich ſehr, daß ich ihn immer mir auf den Ferſen ſehe, 90 und bat ihn, mir den Beweggrund anzugeben.— „Ihr ſollt ihn erfahren, antwortete er mit düſterer Stimme; da es aber ſehr wichtig iſt, was ich Euch zu ſagen habe, ſo findet Euch heute um Mitternacht auf dieſer Stelle ein, wir haben dann keinen Ueberfall zu fürchten und Ihr werdet ver⸗ nehmen, was Euch intereſſirt.— Warum nicht augenblicklich? ſagte ich, überraſcht durch ſeinen Ton gegen mich.— Nein, erwiderte er; um Mitternacht ſollt Ihr Alles erfahren; fehlt aber nicht! Euer Leben ſteht auf dem Spiel!...“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und ließ mich in unbeſchreiblichem Erſtaunen zurück. „„Sollte ich entdeckt ſein? ſprach ich bei mir ſelbſt, wie ich allein war; ſoll ich mich einfinden?...“ Lange war ich unſchlüſſig; doch endlich bedachte ich, daß er mir geſagt, es handle ſich um mein Leben, und vermuthete, er wolle mich verrathen, wenn ich nicht Wort halte, daher ich beſchloß, zur bezeichneten Stunde pünkt lich einzutreffen. „Um Mitternacht war ich am bemerkten Orte, etwa hundert Schritte vom Schloß; bald ſah ich meinen Mann auf mich zukommen. Er führte mich auf eine Bank am Fuße eines Baumes und hielt folgende Rede an mich:„Ihr ſeid ein Oeſtreicher und demnach im Krieg mit den Ruſſen, Ihr habt keinen Heller und wartet nur auf eine günſtige Gelegenheit zur Rückkehr in Euer Vaterland. Wenn Ihr erkannt würdet, müßtet Ihr auf der Stelle ſterben; ich kann Euch Euren Feinden überliefern und 4—— 941 zur Schlachtbank führen; dies werde ich auch thun, wenn Ihr nicht in meinen Vorſchlag einwilligt.“ „Ich ſah, daß ich's mit einem Böſewicht zu thun hatte; aber mein Leben war in ſeinen Hän⸗ den, ich mußte mich daher verſtellen.„Was for⸗ dert Ihr von mir? ſagte ich.— Hört, antwortete er; hier in dieſem Schloſſe lebt ein Kind von drei bis vier Jahren; ſein Daſein iſt verſchiedenen Per⸗ ſonen im Wege: wir hätten es ſelbſt umbringen können; aber ich habe die Augen auf Euch geworfen, weil dieſer Mord, im Schloſſe vollbracht, vielleicht hätte Verdacht erregen können.“ 7 „Ich ſchauderte bei dieſer Rede, verbarg jedoch meinen Unwillen, und der Böſewicht fuhr fort: „Ihr braucht die Beweggründe dieſes Racheſchritts nicht zu kennen; ich rathe Euch ſogar, Euch nie darnach zu erkundigen; denn dieſe Neugierde würde Euch das Leben koſten; und wenn Ihr in einigen Jahren in Verſuchung geriethet, wieder in dieſe Gegend zu kommen(denn ich vermuthe, daß Ihr gleich nach dem Friedensſchluß nach Oeſtreich zu⸗ rückkehren werdet), ſo würdet Ihr, das ſage ich Euch vorher, einen vergeblichen Schritt thun: denn dieſes Schloß wird verlaſſen ſein, und Ihr werdet Niemand mehr finden. Entſchließt Euch alſo und ſeht zu, ob Ihr thun wollt, was ich von Euch be⸗ gehre, Ihr ſollt dann reichlich belohnt werden; weigert Ihr Euch hingegen, ſo gebe ich Euch den Ruſſen an, und der Tod iſt Euch dann gewiß.— Ich kann nicht ſchwanken, ſagte ich zu ihm; ich 92 willige ein.— Sehr gut; ſo folgt mir, ich will Euch das Kind ausliefern.— Wie! auf der Stelle? — Gewiß! je bälder, um ſo beſſer.“ „Schaudernd folgte ich dem Niederträchtigen, der mich der Theilnahme an einer ſolchen Schand⸗ that fähig hielt. Er führte mich in das Innere des Schloſſes: tiefe Stille herrſchte rings umher. In einem Gemach zu ebener Erde hieß er mich ſeine Rückkunft erwarten und ging. Einige Mi⸗ nuten blieb ich allein, lauſchte ſorgfältig, ob ich nichts hörte, aber eine tiefe und ganz außergewöhn⸗ liche Stille führte mich auf den Gedanken, mein Führer wohne allein hier, und ich geſtehe, ich faßte damals den Entſchluß, die Erde von dieſem Un⸗ geheuer zu befreien und ſein unſchuldiges Schlacht⸗ opfer zu retten; doch ich ward in meiner Erwar⸗ tung getäuſcht: mein Mann kam mit einem Kind auf den Armen zurück; ihm folgte eine andere Perſon, die maskirt war und mich ſprachlos an⸗ ſtarrte.„Sieh, da iſt das Kind und eine volle Goldbörſe, ſprach der erſtere. Du weißt, was Du zu thun haſt; geh, verlaß dieſes Schloß und be⸗ denke wohl, daß wenn Du unſere Befehle nicht vollziehſt, der Tod Deinem Verrathe auf dem Fuße folgen wird.“ „Ich erwiderte nichts; ich nahm das Kind und die Börſe, und mein Mann begleitete mich bis an das Thor: nachdem er mir dort ſeine Drohungen noch einmal wiederholt hatte, verließ er mich, und ich befand mich mit dem Kinde allein. —2 — 9³ „„Arme Kleine! rief ich, ſie genau betrachtend, denn ich ſah, daß es ein Mädchen von höchſtens vier Jahren war; ſollte ich auch das Leben darüber verlieren, will ich Dich doch von der Wuth Deiner Feinde erretten!“ Mein Entſchluß war bald ge⸗ faßt: wenn ich im Dorfe blieb, mußte ich ge⸗ wärtig ſein, feſtgenommen zu werden; ich beſchloß daher, ein anderes Aſyl aufzuſuchen; zwar könnte ich auch auf der Flucht ergriffen werden; aber ich dachte, der Himmel werde mein Beginnen ſegnen, und dieſe Hoffnung gab mir Muth. Wirklich machte ich mehre Meilen ohne die mindeſte Gefahr und gelangte endlich in einen ungeheuern Wald, wo ich wohl zu thun meinte, wenn ich einige Zeit ver⸗ borgen blieb. „Das arme mir vom Himmel anvertraute Pfand war der Gegenſtand meiner zärtlichſten Sorgfalt. Ach! an Allem Mangel leidend, war ich genöthigt, ihr jeden Abend aus Baumzweigen eine Wiege zu machen, und Morgens, ehe ſie erwachte, ging ich zitternd in eine Baurenhütte und kaufte dort die zur Friſtung unſers Daſeins nothwendigen Lebens⸗ mittel. Durch ihre unſchuldigen Liebkoſungen machte mich die Kleine meine Leiden vergeſſen; ſie nannte mich Vater, und ich beſchloß, dieſe Stelle bei ihr zu vertreten. Ich nannte ſie Pauline und wünſchte, es möchte ihr mit einem franzöſiſchen Namen auch die Heiterkeit und Anmuth der Frauen meines Va⸗ terlandes zu Theil werden.. „Die Belohnung, welche ſtets jeder guten That 3 94 folgt, ward auch mir endlich: kaum waren vier⸗ zehn Tage ſeit unſerm Aufenthalt im Walde ver⸗ ſtrichen, als ich erfuhr, daß die Oeſtreicher in Eilmärſchen gegen meinen Zufluchtsort anrückten; die Ruſſen flohen vor ihren Siegern her, und bald ſah ich mich mitten unter meinen Waffenbrüdern. „Nun nahm ich in ihren Reihen meinen frühern Grad wieder ein; aber ich war ſehr in Verlegen⸗ heit wegen meiner kleinen Pauline, als mich der Zufall mit Madame Reinhard bekannt machte: ſie war ihrem Sohn zum Heere gefolgt; er war ge⸗ fallen und ſie in der finſterſten Verzweiflung. Ich machte ihr den Vorſchlag, Paulinen, die ich für meine Tochter ausgab, als Mutter zu dienen; mit Freude willigte ſie ein und reiste nach Offenburg, da ſie ihren Sitz in der Gegend nehmen ſollte. Ich hoffte, in kurzer Zeit zu ihr zu treffen und auch meine Clementine wiederzuſehen! Aber, ach! ein Offizier, der beim Schloß Framberg vorüberge⸗ kommen war, belehrte mich, daß meine Angebetete mich, wie Jedermann, für todt gehalten, den Grafen von Framberg geheirathet, einen Sohn von ihm gehabt hätte und nach kurzer Ehe geſtorben ſei. „Dieſe Nachricht ſchlug alle meine Plane künf⸗ tigen Erdenglücks zu Boden. Ich dachte nur daran, mich durch den Tod wieder mit meiner Clementine zu vereinigen. Mehre Schlachten wurden gelie⸗ fert; ich ſuchte den Tod in den feindlichen Reihen, aber er blieb taub für meine Sehnſucht, und ich fand nur Ruhm. Ich wurde zum Kapitän gemacht, 9⁵ und die Zeit, ſowie das Andenken an meine kleine Pauline vermochten endlich, meinen verzweiflungs⸗ vollen Schmerz zu ſtillen. Meine Winterquartiere brachte ich ſtets bei Derjenigen zu, die mich für ihren Vater hielt, und ich hütete mich wohl, ſie vom Gegentheil zu belehren, damit ich ihr einen Kummer erſparte, der nur einen düſtern Schimmer über die ſchönen Tage ihrer Jugend verbreitet hätte. „Ich war ſo glücklich, als ich's ſein konnte; Pauline betrachtete ich als meine Tochter und nie kam mir der Gedanke, jener Heinrich von Fram⸗ berg, den Jeder Ihren Sohn nannte, könnte die Frucht meiner Liebe zu Clementinen ſein. „Sehnſucht nach meinem Vaterlande trübte endlich meine Ruhe. Sie wiſſen das Weitere, Herr Oberſt, und ich vermag nicht, Ihnen meine ganze Dankbarkeit auszudrücken. 1 Achtes Kapitel⸗ Wenig intereſſant, aber nothwendig⸗ Wer vermöchte die Freude des Oberſten Fram⸗ berg zu ſchildern, wie er vernahm, Pauline ſei nicht Heinrichs Schweſter.„Sie können ſich alſo ohne Gewiſſensbiſſe ihrer Zärtlichkeit hingeben!.. ſprach er zu d'Ormeville; denn ich zweifle nicht, daß Sie ihre Liebe billigen.— Ach, Herr Oberſt! erwiderte der letztere, glauben Sie, ich moͤchte meinen Sohn wiederfinden, um ihn unglücklich zu 1 machen? Und haben Sie nicht überdies fortwäh⸗ rend die Rechte eines Vaters über ihn, da Sie ihm ſo lange Vater waren? Sie behalten dieſe ehrwürdigen Rechte, und ich würde Heinrich meiner Zärtlichkeit nicht würdig erachten, wenn er für Sie nicht ſtets die gleiche Liebe hegte.“) Die beiden Freunde umarmten ſich herzlich, in⸗ dem ſie einander zuſchworen, für Heinrich und Pauline immer die Zärtlichkeit eines Vaters zu hegen.„Aber, ſagte der Oberſt, haben Sie nie einen Verſuch gemacht, zu entdecken, wer die El⸗ tern der armen Kleinen waren und woher die Un⸗ geheuer kamen, welche ihren TDod wollten?— Ich geſtehe, ich habe es nie zu entdecken geſucht. Erſt⸗ lich dachte ich, ich würde mir vergebliche Mühe geben: ich hätte in ein Land zurückkehren müſſen, wo ich Niemand kannte, um Leute aufzuſuchen, die ſicherlich meine Rückkunft bis zu ihrer Flucht nicht abgewartet haben werden, wie ſie mir's auch vor⸗ her geſagt hatten. Dann dachte ich über die Lage meiner theuern Pauline nach; bei mir war ſie glücklich, ruhig; und vielleicht ſtörte ich ihre Ruhe, erweckte Feinde gegen ſie durch Nachforſchung nach ihren Eltern, welche ſich ohne Zweifel wenig um ſie bekümmerten, da ſie nichts für ihre Wieder⸗ auffindung thaten.— Hinſichtlich des erſten Punkts haben Sie Recht, lieber d'Ormeville, in Betreff des zweiten bin ich jedoch nicht Ihrer Meinung; denn jetzt, wo Pauline Beſchützer, Freunde an uns hat, die ſie vor den Nachſtellungen ihrer nichts⸗ Se. 97 würdigen Feinde zu bewahren wiſſen, was ſollte ſie fürchten, wenn wir ihre Herkunft zu Wieder⸗ erlangung ihres Vermögens zu entdecken ſuchen? Denn Vermögen muß ſie haben, daran zweifeln Sie nicht, mein Freund! es gibt ſtets Leute, die um Gold der größten Verbrechen fähig ſind.— Ich denke wie Sie; wie es aber angreifen? welche Mittel in Anwendung bringen?— Darüber wol⸗ len wir uns beſinnen. Mir fällt ein... la, die wir ſuchen, ſind mir vielleicht nicht unbekannt.— Was wollen Sie damit ſagen?— Denken Sie noch an Ihr Abenteuer im Walde bei Straßburg, wo Heinrich Ihnen das Leben rettete?— Ha! das werde ich nie vergeſſen!— Haben Sie ſich nicht beſonnen, daß dieſe beiden Männer, welche keine gewöhnlichen Mörder waren, Abgeſandte Derer ſein konnten, die Ihnen das Kind übergaben, und Sie für Nichtbefolgung Ihrer Befehle beſtrafen wollten?— Einen Augenblick habe ich es gedacht; wie ſoll ich aber annehmen, daß ich Leute in Frank⸗ reich und in meiner Nähe wiederfinde, welche ſo vieles Intereſſe hatten, mich zu fliehen?— Ge⸗ wiß wurden Sie hier nicht geſucht; allein wenn Sie dennoch erkannt worden wären... Erinnern Sie ſich, daß man Sie für einen Oeſtreicher von Geburt hielt, nicht denkend, Sie in Frankreich zu finden, und es für einen Grund mehr anſah, ſich hier anzuſiedeln.— Sie öffnen mir die Augen, beſter Oberſt, und ich zweifle jetzt nicht mehr, daß die Schurken, die an mein Leben wollten, die aul de Kock. X. 7 3 3 48 V 98 nämlichen ſind, welche meiner Pauline den Tod geſchworen hatten.— So vernehmen Sie denn, wie ich ſie zu entdecken hoffe: Als Heinrich das Geſpräch der beiden Elenden hörte, hatte er Zeit genug, ihr Geſicht genauer zu betrachten; ſtellen Sie ſich ſeine Ueberraſchung vor, als er in dem Herrn des kleinen Hauſes im Walde, wo ich gaſt⸗ freundliche Aufnahme gefunden hatte, denjenigen Ihrer Mörder erkannte, der bei Heinrichs An⸗ näherung der ihm gebührenden Strafe ſich durch die Flucht entzogen hatte.— Wär's möglich?... Und dieſer Menſch?...— Konnte Heinrich nicht wiedererkennen, weil die Zeit zu genauer Be⸗ trachtung zu kurz geweſen war; allein es mag ſein, daß er Verdacht ſchöpfte: in der Nacht vor unſerer Abreiſe hatte er ſein Haus verlaſſen.— Ich bin überzeugt, er könnte uns von dem, was wir gerne wiſſen möchten, unterrichten; wo ihn aber jetzt finden?— Das wird uns gelingen, daran zweifeln Sie nicht. Im erſten Augenblick, wo Heinrich mich damit bekannt machte, weigerte ich mich, einen Menſchen zu beſtrafen, der gaſt⸗ freundlich gegen mich geweſen war; aber jetzt, wo ich von all ſeinen Verbrechen unterrichtet bin, will ich ihn entdecken, und ſollte ich ihn am Ende der Welt ſuchen müſſen.— Ich werde Ihnen bei⸗ ſtehen, Oberſt, und es wird uns gelingen, dem Gottloſen die Maske abzureißen.“ Ueber dieſen Punkt einig, dachten die beiden Freunde, das Dringendſte ſei, mit ihren Kindern 99 zuſammenzutreffen, und der Oberſt, der in Erfah⸗ rung gebracht hatte, daß Müller und Heinrich auf dem Schloſſe ſeien, ſchrieb an den erſten und ſetzte ihm das Vorgefallene auseinander. Er trug ihm auf, ſeinen Kindern das Vergnügen einer ſo glück⸗ lichen Nachricht zu bereiten, und damit Alle bälder vereinigt werden, ſollte Müller ihm und d'Orme⸗ ville mit Heinrich und Pauline entgegenkommen. Nachdem dieſer Brief einmal fort war, ſchickten ſich der Oberſt und ſein Freund zur Reiſe nach Schloß Framberg an. Laſſen wir ſie reiſen und kehren wir ins Schloß zurück. Als Pauline den Brief des Oberſten zu Ende geleſen hatte, ſtimmte ſie in Müller's Freudenaus⸗ brüche ein, und ihre Gemüthsbewegung war ſo ſtark, daß ſie ihr beinahe unheilbringend geworden wäre und ſie aufs Neue den Gebrauch ihrer Sinne verloren hätte. „Alle Wetter!... ſagte Müller, Alles in Alarm ſetzend, da habe ich mit meinem Teufelskopfe aber⸗ mals dummes Zeug gemacht, und dafür, daß ich ihr zu viel Freude machen wollte, werde ich ſie ohne Laufpaß in die andere Welt befördern!...“ Seiner Befürchtungen ungeachtet, kam Pauline wieder zu ſich und befand ſich beſſer als je.„Ha! Bomhen und Granaten! ſprach unſer Huſar zu ihr, bleiben Sie mir mit Ihren Ohnmachten vom Leibe, ſonſt verliere ich am Ende noch den Kopf darüber.“. Pauline wollte ſich ſogleich ankleiden, um ihren 100 Wohlthätern entgegenzugehen.„Einen Augenblick! ſagte Müller, ich habe keine Luſt, Sie unterwegs wieder in Ohnmacht zu ſehen, und da dies leicht vorkommen könnte, reiſen wir erſt übermorgen, denn Sie ſind noch zu ſchwach.“ Trotz Allem, was Pauline über ihre Geſundheit ſagen mochte, war Müller unerbittlich.„Es thut mir eben ſo leid als Ihnen, ſagte er, denn ich brenne, meinen Oberſt wieder zu ſehen, aber ich bin durch Schaden klug geworden und Sie müſſen ſich gedulden.“ KNachdem der erſte Freudentaumel vorüber war, ſeufzte Pauline und ſah traurig nach dem Himmel; Müller ſeinerſeits ward nachdenklich und legte die Fauſt ans Ohr, wie er zu thun pflegte, wenn etwas mit ihm umging. Nach halbſtündigem Schwei⸗ gen blickten beide einander an. „Ich errathe, was Sie mir ſagen wollen... ſprach Müller zu Pauline; im erſten Augenblick unſerer Freude hatten wir ihn vergeſſen; aber das konnte nicht lange dauern.— Ach!... wo er jetzt ſein mag?— Er beweint ſein Vergehen wie ein Büßender!. O! hätte er den Muth gehabt, feſten Fußes die Begebenheiten zu erwarten, ſo würde er uns nicht in dieſe Verlegenheit gebracht haben!. Denn was werden wir ohne ihn vor den uns Erwartenden thun?... Was wird mein Oberſt ſagen?— Was vird ſein Vater ſagen, der ihn bald in ſeine Arme zu drücken wähnt?— Was werden wir ſagen, wenn man uns um die Blicke auf das Schloß, wo ihr in ſo kurzer Zeit 101 Urſache ſeiner Flucht fragt?... Hal tauſend Schwa⸗ dronen! ich glaube, ich fürchte mich jetzt eben ſo ſehr vor dem Anblick meines Oberſten, als ich vor 1 einer Weile ungeduldig war, mich an ſeinen Hals zu werfen.“ Endlich bedachte er, daß er mit Hülfe des Oberſten und d'Ormeville's Heinrich leichter ent⸗ decken könne, und ſie alsdann Alle vollkommen glücktich wären. Durch dieſe Betrachtungen be⸗ ruhigt, verſuchte er auch Pauline zu tröſten, was ihm ohne Mühe gelang. Der Glaube an ſeine Gründe machte ihr zu viel Vergnügen, als daß ſie ihn hätte bekämpfen wollen. Die zwei Tage verſtrichen, und Frank, von Müller mit den Zurüſtungen zur Reiſe beauftragt, meldete, daß der Reiſewagen vorgefahren ſei. „Nun, ſo reiſen wir,“ ſprach Müller und ſchickte nach Pauline. Mittlerweile ſtudirte er eine Rede für ſeinen Oberſt ein; denn er fürchtete den erſten Augenblick des Zuſammentreffens. Er ging im Hofe auf und ab, trat unter das Thor, ſchaute hinaus ins Freie und ſprach bei ſich ſelbſt: „Wo iſt jetzt dieſer böſe Geiſt?... was treibt er jetzt? Ha! wenn er ſein Glück kennte!.. Aber nein, er läuft lieber ins Weite und läßt mich fluchen, als daß er zu mir zurückkommt... Dieſer Zögling hat mir ſchon manchen Knoten aufzulöſen gegeben.“ 4. Bald kam Pauline herab; ſie warf wehmüthige 102 ſo Manches aufgeſtoßen war. Müller half ihr in den Wagen, wobei er ſagte:„Sehen Sie, ich habe eine geheime Ahnung, daß wir bald und fröhlicher hieher zurückkommen werden als wir ausgegangen ſind.— Möchteſt Du wahr ſprechen!...“ erwiderte ſie ſeufzend. Müller ſetzte ſich neben ſie, Frank ſtieg als Poſtillon auf den Bock, und ſo fuhren ſie ab. Nur einmal hielt der Reiſewagen zum Pferde⸗ wechſel bis Blamont an: dort ſtiegen unſere Rei⸗ ſenden im Poſthauſe ab, um die Nacht daſelbſt zuzubringen. 4 8 Neuntes Kapitel. Frevelthat, Schickſalslaune. Der Gaſthof war mit Reiſenden angefüllt; die Leute rannten hin und her, ohne zu wiſſen, wem ſie Rede ſtehen ſollten. Müller und ſeine Beglei⸗ ter koſtete es alle Mühe, bis zum Wirthe durch⸗ zudringen; endlich trafen ſie ihn. „Herr Wirth, redete Müller ihn an, gebt uns ſchnell Zimmer mit Betten und ein Nachteſſen.— He.. Herr.. Hu.. Huſ.. Huſar.. es ge.. ge.. es ge.. geſchähe.. mit vie.. mit viel.. Ver.. Vergnü.. gnü. gen, aber es..— Nun, was denn? bemüht Euch, deutlicher zu ſprechen.— J.. ich, ich habe nur ei. ein ſehr ſchö., ſchönes 3 — 10³ mit einem Be.. Bett.— Nun, das ſoll ja der Teufel holen!... ſagte Müller, was machen wir da?“ Pauline war indeß zu ermüdet, um weiter zu reiſen; Müller bat ſie daher, das noch übrige Zimmer zu nehmen, in der Hoffnung, er und Frank würden ſchon irgendwo eine Schlafſtelle finden, und wäre es auch auf einem Dachboden. Er gab dem Wirth ein Zeichen, ſie in das fragliche Zimmer zu führen, denn er wollte es vermeiden, mit ihm zu ſprechen, ſo ſehr ärgerte ihn ſein Stottern. Pauline ward in ein hübſches Gemach geführt, deſſen Fenſter auf die Straße gingen; und da ſie nichts genießen mochte, wünſchte ſie Müller'n gute Nacht, mit dem Bedeuten, er ſolle morgen früh kommen und ſie zur Reiſe abholen. Müller und Frank hatten keine Luſt, ohne Nachteſſen ſich niederzulegen, deßhalb fragten ſie den Wirth, wo ſie am ſchnellſten bedient ſein wür⸗ den.„We.. wenn.. die Herren a.. a.. an.. die. die. Bomben und Granaten! werdet Ihr's einmal herausbringen?.— A.. A.. An.. die. die Ta..— Zum Deufel mit dem verdammten Stotterer mit ſeinen A, A, A, Die, Die, Die, Ta, Ta, Ta und We, We, We; potz Schwerenoth! ich glaube, er beluſtigt ſich damit, uns die Pſalmen des Königs Davids vorzuabece⸗ diren!..— Je ungeduldiger Ihr werdet, Herr, um ſo weniger bringt er heraus, ſagte Frank.— Das iſt ſehr erfreulich! ſo nimm Du ihm eine 104 Erklärung ab, denn mich wandelt die Luſt an, ihm die Zunge mit Säbelhieben zu löſen.“ Frank war geſchickter als Müller, der Wirth führte ſie zur Table d'hòte, wo man zu Nacht ſpeiste.„Nun zu Nacht an die Table d'hôte geſeſſen, nachher wollen wir an die Betten denken.“ Das Zimmer der Abendtafel war ſtark beſetzt; beim Eintreten bemerkte Müller indeß, daß ein Mann eiligſt von der Tafel aufſtand, ſein Schnupf⸗ tuch vor's Geſicht hielt und aus dem Zimmer ging; unſer Huſar gab wenig darauf Acht und ſetzte ſich an deſſen Stelle. Müller und Frank ſaßen eine Weile ruhig bei ihrem Eſſen, kümmerten ſich wenig um die übrigen Reiſenden, die zuſammen ſchwatzten, als zwei wie Fuhrleute gekleidete Männer ins Gemach traten und Müller und ſeinem Gefährten gegenüber Platz nahmen. Nicht lange, ſo entſpann ſich ein Geſpräch zwiſchen ihnen und den Neuangekommenen; dieſe ſchienen Lebemänner zu ſein, tranken tüchtig und ſchwatzten viel. Sie brachten Müller auf das Kapitel von ſeinen Schlachten, und wenn derſelbe einmal im Zuge war, hörte er nicht ſo bald wie⸗ der auf; ſein Kopf erhitzte ſich und er glaubte ſich noch mitten im Tumult des Gefechts. Die beiden Reiſenden ſchienen ſeiner Erzählung viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken und munterten ihn auf, fortzufahren; während des Redens ward wacker gezecht und das Geſpräch zog ſich dergeſtalt in die Länge, daß Müller die Nacht vielleicht unter dem Tiſche zugebracht hätte, wenn er nicht Frank ſchon ſchnarchend neben ſich gefunden hätte. „Jetzt zu Bette,“ rief er, vom Tiſche aufſtehend. Er wankte ein wenig, doch konnte er ſich noch aufrecht erhalten. Die beiden Wanderer riefen den Wirth und gaben ſich viele Mühe, für Mül⸗ ler und ſeinen Gefährten ein Zimmer zu finden. Zum Dank klopfte ihnen unſer Huſar freundſchaft⸗ lich auf die Schultern und ſchwur, ſie ſeien gute Kerls. Durch die Sorgfalt der beiden Unbekannten ward ihnen wirklich ein Zimmerchen zu Theil, freilich nur in den Manſarden, aber ſie hätten auf der Bühne geſchlafen... Man geleitete ſie hinauf und bald ſchnarchten ſie in harmoniſchem Verein. Eben ſchlug es zehn Uhr, als Müller am an⸗ dern Tage erwachte.„Donnerwetter! rief er, das iſt eine ſaubere Aufführung!... Aber mir fällt auch ein, daß wir geſtern Nacht mit zwei Teufels⸗ kerls tranken wie die Tempelritter. Tauſend Bom⸗ ben! die verlorene Zeit muß eingebracht werden!“ Damit rüttelte er Frank, der noch immer ſchlief, und beide kleideten ſich eiligſt an.„Ich bin gewiß, ſprach Müller, Fräulein Pauline wartet ſchon mehr als zwei Stunden auf uns! Wir wollen uns ſputen, damit ſie nicht länger in Ungeduld iſt.“ In großen Sätzen war er die Treppe hinab und vor dem Zimmer, wo Pauline geſchlafen. Er klopft 8 — — mehrmals, keine Antwort.„Sie war des Wartens überdrüſſig und geht ohne Zweifel im Garten ſpa⸗ zieren,“ dachte Müller; ſchnell begibt er ſich durch den Hof nach dem Garten. Auf dem Weg trifft er den Wirth, der ihn anhält:„Wo.. wo.. geht, geht der Herr hin?— Zum Henker! ich ſuche die junge Dame, die in dieſem Flügel da ſchlief und nicht mehr in ihrem Zimmer iſt; wahrſcheinlich ging ſie in den Garten.— Du.. Durch.. Durch⸗ aus nicht; der Herr weiß wohl, daß.. daß ſie abgereist iſt.— Was abgereist!... nein, drei⸗ faches Donnerwetter! das weiß ich nicht; aber das kann nicht ſein, ſagt, wann? wie? mit wem?— So.. ſo.. ſo eben!— Iſt's möglich?— Mit einem Mann, we.. we. we.. we..— Geht zum Teufel mit Euerm We, We, We,“ ſchrie Müller, außer ſich vor Wuth, und ſtößt den Wirth unſanft von ſich, der mit dem Hintertheil auf einen großen Hofhund fällt, welcher, durch dieſen unverhofften Angriff erſchreckt, den Ruheſtörer in ſein Sitzleder beißt.. Müller zweifelt nicht, daß dahinter etwas Be⸗ ſonderes ſtecken müſſe, und entſchließt ſich, ſchnell Paulinen nachzuſetzen.„Welchen Weg hat ſie ein⸗ geſchlagen? fragte er ein junges, vor der Thüre ſitzendes Dienſtmädchen.— Die Straße nach Lüne⸗ ville, Herr.“ Unſer Huſar ſpringt unverweilt auf das erſte ihm unter die Hände fallende Pferd und jagt ſpornſtreichs auf der Straße nach Lüneville davon. 107 „Sie iſt ſo eben erſt abgereist, hat man mich verſichert, ſprach Müller bei ſich ſelbſt, alſo kann ſie noch nicht ſehr weit ſein; ich hätte auf Frank warten, ihn unterrichten ſollen!... aber der vermaledeite Wirth hat mich auch ſo ſehr geärgert!“ 3 Während dieſer Betrachtungen kam es ihm vor als hoͤre er Geſchrei in einiger Entfernung; er eilt auf den Ort zu, woher es kam, und erblickt einen ſtillſtehenden Reiſewagen:„Wir wollen ein⸗ mal ſehen, ob es iſt, was ich ſuche.“ Alsbald ſpornt er ſein Pferd zu höchſter Eile; er kommt näher und erkennt eine Frau, die aus dem Wagen ſpringen will, aber durch einen Mann davon ver⸗ hindert wird. Dieſe Frau iſt Pauline und in dem Mann erkennt Müller einen von Denen, welche ihm am vorigen Abend mit ſo vielem Vergnügen zuhörten.„Ha! zweifacher Verräther! Du ſollſt mir's bezahlen, rief unſer Huſar und ſprengte auf denſelben los. Aber wie kommt's, daß der Wagen hält? das muß ſeinen Grund haben.“ Degengeklirr lenkt Müller's Blicke auf eine andere Seite, und er ſieht zwei Männer in hitzigem Kampfe mit ein⸗ ander.„Gut, ſpricht er, einer davon iſt der Ver⸗ theidiger Paulinens!“ Aber unſer Huſar iſt in Verlegenheit, er weiß nicht, wohin er ſich wenden ſoll; endlich denkt er, er müſſe zuerſt Denjenigen retten, der ſein Leben zu Paulinens Schutz ein⸗ ſetzte. Er eilt daher auf die Fechtenden zu... Aber, o neue Ueberraſchung! der eine iſt Herr 108 von Monterranville, dem er ſchon lang gern den Garaus gemacht hätte, und der andere, o unver⸗ hofftes Glück! ſein theurer Heinrich, nach dem er ſchon ſo lange ſeufzte! Durch welchen Zufall befand er ſich da und zu ſo gelegener Zeit, um die Entführung ſeiner Pau⸗ line durch einen Böſewicht zu verhindern, der ſie verderben wollte? das wollen wir dem Leſer im folgenden Kapitel mittheilen; dazu aber müſſen wir zu dem Augenblick zurückgehen, wo ſich unſer Held ſo plötzlich vom Schloß entfernte. Zehntes Kapitel. Kurz und traurig. Man wird ſich erinnern, daß Heinrich ſich mitten in der Nacht von dem Schloſſe in einem Zuſtand von Geiſtesverwirrung entfernte, der ihm weder erlaubte, ſich zu beſinnen, wohin er gehen, noch zu bedenken, was aus ihm werden ſollte. Die Erinnerung an ſein Verbrechen trübte ſeine Vernunft und laſtete ſchwer auf ſeiner Seele.„O, mein Gott! jammerte er, der Du mir ein gefühl⸗ voll Herz gegeben, um mit Leidenſchaft zu lieben, und eine Seele, die zu ſchwach iſt, um eine ver⸗ brecheriſche Zärtlichkeit zu überwinden, nimm mir das Leben oder entferne aus meinem Gedächtniß das Bild Derienigen, die meine Marter und meine —— 109 Seligkeit iſt, und die mein Vergehen vielleicht ins Grab ſtürzt!“ Nachdem Heinrich einen ganzen Tag über Stock und Stein gelaufen war, vermochte er der Müdig⸗ keit nicht mehr zu widerſtehen und ſprach in einer Köhlerhütte ein. Er befand ſich nun mitten im Schwarzwald, in der Nähe von Freudenſtadt. Der arme Heinrich, erſt von einer langen Krankheit erſtanden, war außer Stands, ſo herben Schmerz zu ertragen und kaum war er bei dem guten Land⸗ mann, als er zum zweiten Mal krank darnieder⸗ fiel. Er hatte indeß beim Eintritt ſeinem Wirth tiefes Schweigen über ſeinen Aufenthalt bei ihm auferlegt, und dieſer das Geheimniß gewiſſenhaft bewahrt. Der wackere Huſar ließ es ſich gewiß nicht einfallen, daß ſein geliebter Zögling ſo nahe bei ihm ſei, daß ein hitziges Fieber ihn verzehre und daß er, von Kummer und Leiden niedergedrückt, als einzigen Beiſtand nur einen armen Köhler habe, der ſelbſt an Allem Mangel litt. Müller wäre zu ihm geflogen, um über ſeine Tage zu wachen, aber das Schickſal hatte es anders verordnet. Nach ſechs Wochen war er endlich ſo weit ge⸗ neſen, daß er den Schwarzwald verlaſſen konnte. Er ſagte ſeinem Wirthe Lebewohl und ging weg, ohne zu wiſſen wohin. Da er ſich indeß vom Schloß Framberg entfernen wollte, ſchlug er die Straße nach Frankreich ein und verweilte einige Zeit in Straßburg. Er quartirte ſich in dem Hauſe ein, wo er ſeine theure Pauline wiedergefunden, in 110 jenem Hauſe, wo er die glücklichſten Augenblicke ſeines Lebens an der Seite Derjenigen genoſſen hatte, die er damals ſeine Gattin nannte. Zwei Monate blieb er hier, dann beſchloß er, zu ſeiner Zerſtreuung, nach Paris zu gehen. Auch war ſeine Abſicht dabei, hier die Nachforſchungen nach ſeinem Vater, den er ſo ſehnlich zu kennen und zu umarmen wünſchte, wieder aufzunehmen. Es war ihm unbekannt, daß ſein edler Wohlthäter die Sache bereits über ſich genommen und zu einem glücklichen Ende geführt hatte. Der Zufall wollte, daß Heinrich in demſelben Gaſthofe in Blamont raſtete, wo Müller und ſeine Begleiter abgeſtiegen waren. Er ſaß an der Table d'häte, als dieſe in den Saal traten. Heinrich erkannte ſie auf der Stelle, und da er von Müller nicht geſehen werden wollte, ging er, das Sacktuch vor's Geſicht haltend, ſchnell hinaus. Er begab ſich in ſein Zimmer und hier ſiel es ihm ein, Pauline werde vielleicht Müller begleiten. Seiner Neugierde nicht Meiſter, ſtieg er hinab in den Hof, befragte eine Magd vom Hauſe, die ihm wirklich von der Ankunft einer jungen Dame„ ſo wie er ſie beſchrieb„ in Geſellſchaft des Huſaren, unterrichtete und ihm ſagte, dieſelbe habe in einem Zimmer des erſten Stocks ihr Nachtlager genommen. In der Ueberzeugung, daß Pauline, Müller und Frank mit einander reisten, ſuchte er den Beweg⸗ grund ihrer Reiſe zu ergründen und konnte kei⸗ nen andern auffinden, als daß ſie noch in ſeiner 111 Verfolgung begriffen ſeien. Mit dem feſten Entſchluß, ſich nicht zu zeigen, ging er wieder in ſein Zim⸗ mer, unter Betrachtungen über dieſes Zuſammen⸗ treffen; aber der Gedanke, ſeine Pauline ruhe unter einem Dache mit ihm, gönnte ihm keinen Augenblick Ruhe. So wie der Tag graute, war Heinrich auf den Beinen. Das Verlangen, Pauline wieder zu ſehen, trieb ihn fort und er ſtellte ſich vor dem Thor des Gaſthofs auf die Lauer, ungeduldig auf ihre Er⸗ ſcheinung harrend. Nach ziemlich langem Warten fing ſein Muth zu ſinken an, und er wollte gerade den Platz räumen, als er die ſo ſehnlich Herbei⸗ gewünſchte an ſich vorüberkommen ſah; aber Müller und Frank waren nicht dabei: ein einziger Mann, ein Mann, den Heinrich nicht kannte, ſchien ſie zu geleiten. Erſtaunt hierüber, folgt ihnen unſer Held in ziemlicher Entfernung. Am Saum des Waldes fielen zwei Männer über Pauline her und trugen ſie ein paar Schritte weit in einen Reiſe⸗ wagen; vergebens ſträubt ſich Pauline und ſchreit nach Hülfe, ſie iſt bald im Wagen, und ihr Führer ſteigt auf den Bock und peitſcht auf die Pferde los, die in raſchem Trabe davonfliegen. Heinrich war Paulinen zu Hülfe geeilt; aber er war zu ſehr entfernt, als daß er hoffen durfte, ſie ihrem Entführer abjagen zu können. Doch Liebe und Wuth geben ihm Flügel, er läuft mit ſolcher Geſchwindigkeit, daß es ihm bald gelingt, den Wagen einzuholen. Nun ſchreit er dem 11² Poſtillon zu, er ſolle anhalten: da dieſer nicht auf ihn hört, ſondern ſeinen Weg fortſetzt, greift Hein⸗ rich zu dem einzigen noch übrigen Mittel, ſeine Freundin zu retten: er feuert eine Piſtole auf den Kutſcher ab, und dieſer ſtürzt todt nieder auf den Weg. Da hielt der Wagen ſogleich ſtill; ein Mann ſteigt wie raſend heraus und ſpringt mit dem Degen in der Hand auf Heinrich los: dieſer erkennt ihn, es iſt Herr von Monterranville, der Mörder im Walde.„Komm her, Elender! rief er ihm zu; komm her und empfange den Lohn Deiner Schand⸗ 8 thaten.“ 3 Feſten Fußes erwartet er ſeinen Gegner, und beide fallen einander mit gleicher Wuth an; in 1 dieſem Augenblick fand ſich unſer Huſar auf dem Kampfplatze ein. Eilftes Kapitel. 6 I 3 Glückliches Zuſammentreffen. 3 „Ha! ha!... Galgenſchwengel! ſchrie Müller, 1 auf die Kämpfenden zueilend, Du wagſt's, Dich mit meinem Zögling zu meſſen! Warte, warte, wir wollen Dir zeigen, ob unſere Klingen ſcharf 3 ſind.“ 1 Aber er kam zu ſpät, um noch das Vergnügen zu haben, ſelbſt drein zu ſchlagen, denn während er ſprach, erhielt Herr von Monterranville von 113 Heinrich einen Degenſtich, der ihn zu den Füßen unſers Huſaren niederſtreckte. „Bravo! bravo! lieber Heinrich, ſagte Müller, ſeinem Zögling um den Hals fallend; nun ſind Sie meiner ganz würdig, denn der Schurke focht wie ein Raſender. Aber da ſehe ich noch Einen das Haſenpanier ergreifen. Ah! der iſt für mich.“ Mit dieſen Worten galoppirt Müller dem Flie⸗ henden nach, demſelben, der Pauline während des Kampfes bewacht hatte, aber durchgegangen war, ſobald er ſeinen Herrn niedergeſtreckt ſah. Da er einen ſtarken Vorſprung hatte, wäre er ihm ent⸗ kommen, hätte nicht unſer Huſar in der Ferne eine Poſtchaiſe von der Seite heranrollen ſehen, auf welche der Fliehende zuſprang.„Verſperret ihm den Weg! Haltet den Schurken feſt!...“ ſchrie Müller ſogleich. Sei es, daß man ihn verſtand oder daß man errieth, was er ſagen wollte, der Wagen hielt, zwei Männer ſteigen aus und ver⸗ ſperren dem Flüchtling den Weg. Er iſt bald gepackt: Müller geht auf die Reiſenden zu, ihnen ſeinen Dank abzuſtatten und wirft ſich dem Oberſt Framberg und ſeinem Freunde, denn dieſe waren es, an die Bruſt. Der Oberſt und d'Ormeville, überraſcht durch dieſes ſeltſame Zuſammentreffen, richten tauſend Fragen an ihn.„Kommet, ſprach er, folget mir, ihr werdet ſie ſehen und ſaubere Geſchichten über den Schurken von Monterranville hören!... doch wollen wir den da nicht entkommen laſſen!... Von Paul de Kock. X. 8 — 114 ihm wollen wir alle Umſtände der Entführung vernehmen.“ 1 Die beiden Freunde verſtehen nichts von dem Allem, folgen aber Müller'n nichtsdeſtoweniger auf den Kampfplatz, wo Heinrich den Schrecken ſeiner geliebten Pauline ſtillte. Der arme Hein⸗ rich war außer ſich vor Freude: ein Wort von ihr war hinreichend geweſen, ihn glücklich zu machen; ſich ihm in die Arme werfend, hatte ſie geſagt: „Du biſt nicht mein Bruder!“ „Sieh, da iſt Dein Vater, ſprach ſie, als ſie d'Ormeville erkannte.— Wär's möglich? großer Gott!... Sie ſind's...“ Und ſchon lag Heinrich in den Armen des Urhebers ſeiner Tage. Die allgemeine Freude gränzt bis an den Wahnſinn: der Oberſt, d'Ormeville, Heinrich, Pauline, Müller herzen einander: nun ſind ſie vereinigt! Sie dürfen ſich alſo lieben, es iſt kein Verbrechen mehr, nach ſo vielem Kummer, ſo vie⸗ len Widerwärtigkeiten! Ihr gebeugtes Gemüth vermag dieſes Uebermaß von Glück kaum zu er⸗ tragen, und Thränen der Rührung füllen ihre Augen. „Ah!... tauſend Millionen Patronen, wir ſind Sieger! rief Müller, indem er ſeinen Tſchako hoch in die Lüfte warf, aber nicht ohne Mühe, denn der Platz hat ſich lange gehalten.“ Als ſich die erſten Ausbrüche der Freude etwas gelegt hatten, dachte man an die Weiterreiſe nach Schloß Framberg; doch ein klägliches Stöhnen . 115 erregte ihre Aufmerkſamkeit: ſie erblickten den Herrn von Monterranville, der noch athmete und durch Zeichen bedeutete, man möchte ihm zu Hülfe kommen. „Man darf dieſen Menſchen nicht liegen laſſen, ſagte der Oberſt; ſeine Geſtändniſſe können uns von großem Nutzen ſein und uns endlich über das Herkommen unſerer geliebten Pauline ins Klare ſetzen.“ Alles ſtimmte dem Oberſt bei, und man verfügte ſich zu dem Verwundeten.„Ich fühle, ſprach er, daß ich nur noch wenige Augenblicke zu leben habe; da aber meine Erklärungen die Vermögensverhält⸗ niſſe dieſes jungen, vielfältig von mir verfolgten Frauenzimmers begründen werden, ſo führet mich „an den nächſten Ort, und dort will ich euch vor dem Notar die Geſchichte meines jämmerlichen Lebens erzählen, wenn mir noch die Kraft dazu bleibt.“ Man that, was der Sterbende begehrte; Müller und Frank fertigten eine Tragbahre, auf welche man ihn legte. Der Poſtillon war todt und wurde auf dem Platz gelaſſen, bis die Ge⸗ rechtigkeit ſelbſt an Ort und Stelle Unterſuchung anſtellte; den andern Spießgeſellen des Verwun⸗ deten führte man mit ſich nach Blamont, von wo man nicht ſehr entfernt war. In der Herberge angelangt, ließ der Oberſt einen Arzt, einen Notar und Zeugen kommen. Der Arzt erklärte nach Beſichtigung der Wunde des Herrn von Monterranville, daß derſelbe 116 nur noch wenige Augenblicke zu leben habe, und daß man dieſe benützen müſſe, wenn man ſeiner Ausſagen bedürfe. Alles verſammelte ſich ſogleich im Zimmer des Kranken, der nicht ohne Mühe folgende Erzählung lieferte. 6 Geſchichte des Herrn von Monterranville. „Jetzt, wo der Tod über meinem Haupte ſchwebt, wo mein Weſen ſeiner Auflöſung nahe iſt, ſchau⸗ dere ich zurück, wenn ich mir all die Verbrechen wieder vorführe, zu welchen Neid und Habgier mich antrieben!.. Die Binde vor meinen Augen 1 iſt gefallen!... Gewiſſensbiſſe zerfleiſchen mein Inneres!... und ich vermag mir keine Täuſchung 6 mehr zu machen!.. Ach!... wie ſchrecklich ſind 1 ſie, die letzten Augenblicke des Verbrechers!... kein Troſt bleibt ihm mehr! Die Welt, von der er ſcheidet, blickt ihm mit Abſcheu nach!. und kein Andenken an eine gute That mildert ſeine Qual. 3 „O Du intereſſantes Weib, das ich ſeit ſeine Kindheit verfolge!... wie ſehr wirſt Du erröthen, 4 wenn Du in dem Elenden, den Du vor Dir haſt, Deinen Oheim erkennſt!... „Meinen Oheim!... rief Pauline überraſcht.— Ihr Oheim!“ wiederholen alle Anweſenden. Der Verwundete winkte, man möchte auf 11 hören, und fuhr folgendermaßen fort: 4 „Mein wahrer Name iſt Drogluski; ich bin 8 Smolensk geboren: der Aalatin⸗ mein Vater, war 117 unermeßlich reich und hatte keine andern Kinder als mich und meine Schweſter, die zwei Jahre jünger war. „Von meiner zarteſten Kindheit an nährte ich den tödtlichſten Haß gegen dieſe Schweſter, weil ich vorausſah, daß ich das reiche Erbe unſers Vaters, deſſen alleinigen Beſitz mich meine Habgierde wün⸗ ſchen ließ, mit ihr werde theilen müſſen. „Das Unglück wollte, daß ich einen gewiſſen Stoffar in meine Dienſte nahm, den niederträch⸗ tigſten Böſewicht, den je die Erde getragen. Da er meinen Haß gegen meine Schweſter gewahrte, ſchmeichelte er meinen Leidenſchaften, wußte mein Zutrauen zu gewinnen und ward bald mein innig⸗ ſter Vertrauter.: „Belliska, meine Schweſter, war täglich der Gegenſtand meines Neides und meiner Bosheit; ohne Klage ertrug ſie alle meine Quälereien und Plagen. Allein ſei es, daß mein Vater darum wußte, ſei es, daß er meinen heimtückiſchen Cha⸗ rakter durchſchaute, er ſchrieb mir ein Drittel ſeiner Güter zu, gab das Uebrige meiner Schweſter und befahl mir, die Gegend zu verlaſſen, die er bewohnte. 1 „Wuth im Herzen, Nache brütend entfernte ich mich und kaufte unfern Wilna ein kleines, ein⸗ ſam ſtehendes Schloß, wohin ich mich mit Stoffar zurückzog, um ungehindert über die Mittel nach⸗ zuſinnen, wie ich die Verabſcheute verderben könne. „Ungefähr ein Jahr war ich in dieſem Schloß.. 118 als ich den Tod meines Vaters vernahm. Weit eutfernt, mich über dieſe Nachricht zu betrüben, vermehrte ſolche nur meinen Haß für Belliska und beſtärkte mich in meinen Racheplanen. Sie war damals eine der reichſten Erbinnen Rußlands und ihr Vermögen der Gegenſtand all meiner Hoffnun⸗ gen, denn das mir Zugefallene hatte ich ſchon größtentheils verpraßt. „Während ich mich mit Stoffar über die Maß⸗ regeln berieth, die wir ergreifen ſollten, vermählte ſich meine Schweſter mit einem jungen, ruſſiſchen Offizier, den ſie liebte. Dieſe Nachricht verdop⸗ pelte meine Verzweiflung.„Wir haben zu lange gezögert, gnädiger Herr, ſprach Stoffar, jetzt müſſen Sie handeln und meinem Rathe folgen. Begeben Sie ſich zuerſt zu Ihrer Schweſter, ſtellen Sie ſich, als hätten Sie die obgewalteten Zwiſtigkeiten vergeſ⸗ ſen und bezeigen Sie ihr die zarteſte Freundſchaft.“ „Ich befolgte dieſen Rath, ohne gerade zu wiſſen, welches ſein Plan war. Meine ſtets gütige Schweſter empfing mich mit offenen Armen und ſtellte mir ihren Gatten vor, der mich gleichfalls aufs Schmeichelhafteſte aufnahm. Sie luden mich ein, einige Zeit bei ihnen zu bleiben; ich ſagte zu. „Bald wurden indeß unſere Plane noch weiter durchkreuzt durch die Geburt eines Töchterchens, welchem meine Schweſter das Leben gab und den Namen Eliska beilegte. Du warſt es, unglückliche Pauline!... und mit Deinem Eintritt in die Welt ſchwur ich Dir unerbittlichen Haß. 4 4149 „Der Zufall, der mein Plane zu begünſtigen ſchien, wollte, daß der Graf Benjowski, Dein Vater, zur Armee berufen wurde, um an der Spitze ſeines Regiments gegen die Schweden zu 4 kämpfen. Mit bitteren Thränen ſchied meine Schweſter von ihrem Gemahl, der mich aufforderte, ſie während ſeiner Abweſenheit nicht zu verlaſſen und ihr Beſchützer zu ſein. Ich verſprach's... Ach! er wußte nicht, welchem Ungeheuer er ſein Theuerſtes vertraute! „Der Unſtern, der über Belliska waltete, ließ ihren Gatten im erſten Treffen getödtet werden. Die Nachricht hievon erfüllte mich mit Freude; ich ſah mich dadurch eines Hinderniſſes zu meinem Glück entledigt; ich war es müde, eine Freund⸗ ſchaft für meine Schweſter zu heucheln, die mei⸗ nem Herzen ſo ferne lag; überdies wollte ich ihrer Reichthümer genießen, und Stoffar ſagte, es ſei nun Zeit zu handeln. 3 „ Jetzt werdet ihr vor Abſcheu zurückſchau⸗ dern!...Doch ich kann das Bekenntniß einer fürchterlichen Schandthat nicht länger verſchieben. Vernehmet alſo, daß ein vergifteter Trank mich für immer von der Verhaßten befreite... Ihr ſchaudert?... Hört mich zu Ende! „Um jedem Verdacht auszuweichen, trug ich Sorge, nur ein langſam wirkendes Gift zu neh⸗ 4 men. Mein Opfer ſchleppte ſich daher gegen 1 ſechs Monate herum, ehe es ſtarb. Während dieſer Zeit verdoppelte ich meine Aufmerkſamkeiten . gegen ſie, um ihr Vertrauen deſto beſſer zu ge⸗ winnen. „Als meine Schweſter ihr Ende herannahen fühlte, hegte ſie die Ueberzeugung, daß der Gram über den Tod ihres Gatten ſie ins Grab führe. Sie beſchied mich an ihr Sterbebett, empfahl mir ihre Tochter, ernannte mich zu deren Vormund und ſtarb, ohne geahnt zu haben, daß ihr Bruder ihr Mörder ſei. „Nun hinderte mich alſo nur noch das Daſein der kleinen Eliska, die Reichthümer meiner Schwe⸗ ſter zu erben. Ich nahm ſie mit mir in mein ein⸗ ſames Schloß, um dort über ihr Schickſal zu be⸗ ſchließen. Stoffar rieth mir, ſie umzubringen; aber durch ein Uebermaß von Vorſicht, das mir unheil⸗ bringend ward, wollte ich irgend einen unglück⸗ lichen Fremdling, deſſen Schwatzhaftigkeit wir nicht leicht zu fürchten hätten, mit dieſem neuen Ber⸗ brechen belaſten. „Sie erinnern ſich, mein Herr, ſagte Dro⸗ gluski, ſich an d'Ormeville wendend, wie Stoffar Sie entdeckte und Sie für paſſend zur Ausführung unſers Vorhabens erachtete. Wir wußten, daß Sie in öſtreichiſchen Dienſten ſtanden, wir hielten Sie für einen Oeſtreicher. Bei meiner Abſicht, nach Frankreich auszuwandern, fürchtete ich nicht, Sie je wieder zu treffen; zudem ſahen Sie mich⸗ bei Ueberlieferung des Kindes nur maskirt. „Nachdem die Sache einmal abgemacht war, gab ich meine Nichte für todt aus und nahm die 121 ganze Erbſchaft meiner Schweſter in Beſitz. Mein ſehnlichſter Wunſch war, ein Land zu verlaſſen, das mir all meine Miſſethaten ins Gedächtniß zu⸗ rückrief: ich veräußerte daher ſchnell meine Güter und ging mit Stoffar nach Frankreich. „Unweit Straßburg kaufte ich das kleine Häus⸗ chen, das ihr kennt; ſeine vereinzelte Lage ſagte mir zu, und ich zog mich auf einige Zeit dahin zurück, wenn ich mich an den Vergnügungen und Ausſchwei⸗ fungen überſättigt hatte, denen ich mich in Paris mit meinem würdigen Vertrauten unaufhörlich hingab. „Jetzt habe ich euch nur noch die Begeben⸗ heiten zu erzählen, an denen ihr Theil nahmet. Eines Tages erkannte Stoffar zu Straßburg in Herrn d'Ormeville Denjenigen, dem wir das Kind meiner Schweſter anvertraut hatten.„Den müſſen wir uns vom Halſe ſchaffen, ſagte er alsbald zu 4 mir; denn er könnte mich früher oder ſpäter treffen und erkennen, dann wäre ich verloren.“ Vor dieſer neuen Schandthat bebte ich zurück; aber ich fürchtete Stoffar zu ſehr, um ihm zu widerſtehen, und Ihr Tod ward beſchloſſen. „Der Himmel ließ indeß die Vollſtreckung dieſes Verbrechens nicht zu; Sie wurden durch den jungen Mann, den Sie Sohn nennen, gerettet und Stoffar blieb auf dem Platze. Ich aber flüchtete mich in meine Wohnung; ziemlich vergnügt, ich geſtehe es, meinen Spießgeſellen losgeworden zu ſein. „Mehre Monate nach dieſer Begebenheit kamen „Sie, mein Herr, ſprach er zu Heinrich, in mein — Haus, um den Herrn Oberſt abzuholen. Ihre Ver⸗ wirrung, Ihre Aufregung bei meinem Anblick ent⸗ gingen mir nicht; ich ſtellte mir vor, Sie werden mich kennen, und ich lauſchte Ihrem Geſpräch mit jenem tapfern Huſaren zu, um meine Vermuthungen 4 zu beſtätigen. Kaum hatte ich euch gehört, als ich den Kopf verlor und mitten in der Nacht die Flucht ergriff. „Als ich von meinem Schrecken wieder etwas zu mir gekommen war, beſchloß ich zu erforſchen, was Sie thun und ob Sie mir nicht zu ſchaden ſuchen. Demzufolge verkleidete ich mich als Bauer und folgte Ihnen auf Ihrer Reiſe mit Ihrem Freunde Müller. „Sie begaben ſich ins Schloß Framberg und ich hielt mich in der Umgegend auf; bald erfuhr ich Ihre Liebe zu Derjenigen, die Sie für Ihre 1 Schweſter hielten, und als ich hörte, daß der Vater der jungen Perſon den Namen Chriſtiern geführt, Offizier ſei und ſie aus Rußland mitgebracht habe, G” da zweifelte ich nicht mehr, es ſei meine Nichte. d„Von nun an wurdeſt Du, Pauline, der Gegen⸗* ſtand meiner ganzen Aufmerkſamkeit, und ich ſchwur, Dich in meine Gewalt zu bekommen, da ich zu ſehr fürchtete, daß, wenn Du Deinen Beſchützer wieder fändeſt, es ihm gelingen möchte, mich zu verderben. „Durch vieles Gold hatte ich zwei Elende für meine Abſichten gewonnen, aber es war nicht leicht, Dich vom Schloſſe zu entführen; ich war indeß auf 7 4ℳ dem Punkte, als Du mit Müller und Frank abreisteſt, 4 123 „Ich folgte euch auf dem Fuße, aber erſt in dieſem Gaſthof fand ich Gelegenheit zu Ausführung meines Planes. Meine beiden Vertrauten über⸗ nahmen es, Deine Gefährten, welche unſer Unter⸗ nehmen vereiteln konnten, betrunken zu machen. „Ha! die Schurken! ſiel Müller ein. Wer hätte das gedacht?..“ „Am andern Morgen klopfte der eine von ihnen an Deiner Thüre; es war ſchon ſpät und Du war⸗ teteſt ſchon lange auf Deine Reiſegefährten: er ſagte Dir, ſie hätten den etwas beſchädigten Wagen repariren laſſen und erwarten Dich einige Schritte von da. Du glaubteſt es und ließeſt Dich in die gelegte Falle führen, wodurch Alles gelungen wäre, wenn Dir der Himmel nicht, meiner Verbrechen müde, Befreier zugeſandt hätte!“ Zwölftes Kapitel. 1. * Schluß. Hier ſchloß Herr von Monterranville oder viel⸗ mehr Drogluski ſeine Erzählung, welche die Zuhörer lebhaft ergriffen hatte. Der Notar hatte ſie Wort für Wort niedergeſchrieben, der Verwundete unter⸗ zeichnete, indem er noch beiſetzen ließ, daß ſeine Nichte ſeine einzige Erbin ſei und den Reſt ſeines ungeheuern Vermögens, von dem er erſt drei Viertel verſchwendet habe, in dem Häuschen im Walde finde. Nachdem dieſe Angelegenheit zu Ende gebracht — war, verließen unſere Freunde einen Menſchen, deſſen Anblick ihnen nur peinlich ſein konnte, be⸗ ſonders Paulinen, die er ſo nahe anging. Kaum waren ſie jedoch weg, als ſie erfuhren, er habe ſeinen letzten Seufzer ausgeſtoßen. „Wünſche gute Nacht, ſprach Müller, ich hoffe, wir werden einander nicht mehr begegnen.“ Pau⸗ line weihte ſeinem Gedächtniß einige Seufzer, nicht daß ſie die geringſte Zuneigung für ihn haben konnte, aber es war der einzige Verwandte, den ſie je gekannt. Nun hielt unſere Freunde nichts mehr in Bla⸗ mont zurück, ſie machten ſich daher nach Schloß Framberg auf den Weg, wo ſie den andern Tag eintrafen. Mit welch trunkener Freude ſahen ſie die Orte wieder, wo Jedes von ihnen ſo viele Erinnerungen fand! Der Oberſt und d'Ormeville vereinten die beiden Liebenden. Hymen bedeckte die Fehltritte Amors. Heinrich und Pauline, endlich zum Glücke gelangt, verließen ihren Vater und ihren Wohl⸗ thäter nie; der gute Müller brachte ſein Leben an ihrer Seite zu, betrank ſich öfters und fluchte viel; aber man muß Dem wohl einige Fehler vergeben, deſſen Seele ſo ſchöne Tugenden beherbergt. — — 4 Inhalt des erſten Thekts. L eite Erſtes Kapitel. Reiſe, Unfall, Abenteuer.... 5 Zweites— Die Grafen von Framberg... 9 D Drittes— Clementine........ 16 4 Viertes— Der Mann, wie es wenige gibt.. 24 Fünftes— Heinrichs Erziehung.. 3¹1 Sechstes— Das Pachthaus und der Heuboden⸗. 38 Siebentes— Empfang des Oberſten.... 51 Achtes— Der Geheimnißvolle.... 64 Neuntes— Abermals ein Heuboden.... 74 Zehntes— Hannchens Tante..... 80 Eilftes— Florenz....... 87— Zwölſtes— Rom... 101 Dreizehntes— Fortſetzung des vorhergehenden 1414 Vierzehntes— Paris....=.. 121 — Inhalt des zweiten Theils. . Seite Erſſtes Kabitel. Ein Abenteuer anderer Art... 5 Zweites Wiederfinden..... 5 12 Drittes— Wer hätte das gedacht?... 25 Viertes 8* Ein Romanleſer hat es ſchon errathen 40 Fünftes— Noch ein Augenblick der Freude. 50 Sechstes— Die Liebe führt nicht immer zum Guten 63 Sieventes— Glück.. 8² D'Ormeville's Geſ 1.. 827 Achtes— Wenig intereſſant, aber nothwendig. 95 Neuntes— Frrervelthat, Schickſalslaune... 102 Zehntes— Kurz und traurig. 8 3.. 108 Eilftes— Glückliches Zuſammentreffnn... 112 2 Geſchichte des Herrn von Monterranville 146 Zwölftes. Schluß...„... 123 ——— 1 ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſinſiſnnſnenſnena 9 10 11 12 13 14 15 16 17