Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dpr. Heinrich Elsner. Achter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger& Sattler. 1843. 1 Der ſchüchterne Liebhaber. Von Paul de Koch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. „Die Furchtſamkeit iſt ein Fehler, woruͤber der damit Behaftete nicht ohne Gefahr getadelt werden kann.“ La Rochefoucauld.—Maximen. Vierter Theil. So. So Stuttgart: Scheible, Rieger& SFattler. 1843. 8 Erſtes Kapitel. Die polniſche Liebesgeſchichte.— Cherubim hatte Darena acht Tage nicht geſehen; er wurde ungeduldig, mißmuthig und fuͤrchtete, ſein Liebes⸗ handel mit der ſchoͤnen Polin moͤchte ganz vereitelt wor⸗ den ſein; wie dies nun immer der Fall iſt, ſo nahm auch ſeine Liebe mit der Furcht, den Gegenſtand ſeiner Neigung nicht erreichen zu konnen, mehr und mehr zuz aber juſt, um ihn zu dieſer Hoͤhe der Leidenſchaft zu ſteigern, war Darena, ein Kenner des menſchlichen Herzens, ſo lange von ihm weggeblieben. Endlich ſtellte ſich Darena eines Morgens athemlos, eifrigſt beſchaͤftigt, wie ein Mann, der, ohne anzuhalten, zwoͤlf Wegſtunden zuruͤckgelegt hat, im Hotel ein. Er ſchob den alten Jasmin, der ihm entgegnete, er wiſſe nicht, ob der Herr ſchon zu ſprechen ſei, er ſei noch nicht aufgeſtanden, auf die Seite, und warf ihn faſt ruͤcklings zu Boden. „Auf oder im Bette, darum ſcheere ich mich nichts, fuͤr mich iſt er immer zu ſprechen!“ ſchrie Darena mit barſchem Ton.„Alter Eſel von Kammerdiener, lernt die Leute kennen, die Euer Herr jederzeit mit Entzücken bei ſich aufnimmt!“ Mit dieſen Worten drang Darena haſtig in das Schlafgemach des jungen Marquis, und ließ den an die Wand ſich klammernden Jasmin mit zornerſtickter Stimme brummen: „Alter Eſel!... Er hieß mich einen alten Eſel! . das iſt unverſchaͤmt. Nie haben mich die Grand⸗ vilain, Vater und Sohn, mit einem ſolchen Ausdruck beſchimpft!... Er iſt kein Eſel... aber ich fuͤrchte, daß er ein weit ſchlechteres Thier iſt.“ Darena trat an Cherubims Bett, ſchob die Umhaͤnge zuruͤck, und rief ihm zu: „Auf Jokonde! auf Lovelace... Richelieu, Rocheſter! Endlich iſt der Augenblick des Sieges gekommen! Tod und Teufel! ich darf ſagen, lieber Freund, daß ich mich's Ihretwegen Muͤhe koſten ließ!... uf! ich kann nicht mehr!“ Damit warf ſich Darena auf ein Ruhbett und wiſchte ſich mit dem Nastuch das Geſicht ab. „Aber was iſt denn ſeit acht langen Tagen aus Ihnen geworden, daß ich Sie nicht ein einziges Mal zu Geſicht bekam und nicht wußte, was ich von Ihrem Stillſchweigen zu halten hatte?“ fragte Cherubim, ſeinen Freund anblickend;„ich glaubte, Sie haͤtten mich ver⸗ geſſen!“ „— Hal ſo ſind die Menſchen!.. die jungen Leute wenigſtens! Wenn die Sachen nicht im Augenblick ge⸗ ſchehen, meinen ſie, man habe ſie vergeſſen. Vergeſſ' ich meine Freunde? bin ich Ihnen nicht ganz ergeben? Wenn Sie ſeit acht Tagen keine Nachrichten von mir empfingen, ſo ruͤhrt es daher, weil ich Ihnen nichts 2 Neues zu ſagen wußte: aber ich lauerte, wartete und erſpähte den Augenblick, um zu handeln. Endlich iſt er gekommen, ich habe gehandelt, und die ſchoͤne Globeska iſt in unſerer Macht.“ „— Waͤr's moͤglich? Ach, mein lieber Darena, er⸗ zaͤhlen Sie mir doch, wie Sie's gemacht haben?“ „— O! zum Kukuk! auf meine gewoͤhnliche Weiſe: ich habe Gold ausgeſtreut! Ich kenne nur dieſes Mittel, das hilft immer. Ziehen Sie ſich an, und waͤhrend deſſen will ich Ihnen die ganze Begebenheit erzaͤhlen; aber rufen Sie keinen Kammerdiener.... denn Sie begreifen wohl, daß ich ſo etwas nicht vor Zeugen ſprechen kann .. Ich habe mich ſchon gehoͤrig compromittirt... aber ich ſcheere mich nichts darum!“ Cherubim ſtand auf, kleidete ſich an, und ſagte zu Darena: „Sprechen Sie, ich hoͤre, ich verliere kein Wort.“ „— Sie wiſſen, daß die ſchoͤne Polin mit ihrem Manne ein Hotel garni im Marais bewohnte; ich be⸗ ſtellte Ihr Liebesbriefchen mittelſt Beſtechung einer Kam⸗ merjungfer und zweier Portiers; die Graͤfin Globeska ließ erwidern, daß ſie wahnſinnig in Sie verliebt ſei und nur auf die Befreiung von ihrem Tyrannen harre. Das war Alles ganz in Ordnung. Wie ſollte man aber eine junge Frau entfuͤhren, deren Gatte ſie ſo wenig verließ, als ihr Schatten 2... das war ſchwierig. Sieben Tage vergingen auf dieſe Weiſe; Herr von Globesky hatte ſeine Frau nicht einen Augenblick verlaſſen. End⸗ lich erfuhr ich geſtern von einem Thuͤrſteher(Alles durch die Macht des Goldes!), daß der polniſche Graf entſchloſſen ſei, Paris zu verlaſſen und mit ſeiner Frau nach Nor⸗ wegen zu reiſen; Sie werden einſehen, daß, wenn wir Ihre Eroberung haͤtten bis Norwegen verfolgen muͤſſen, dies uns etwas zu weit gefuͤhrt haͤtte. Daher faßte ich ſchnell einen Entſchluß und dachte bei mir: „„— Sie ſoll nicht mit ihm gehen!““ „— Ich erfuhr(immer vermoͤge des Goldes), daß die Poſtchaiſe gegen acht uhr Abends unſere Polen an ihrem Hauſe abholen werde; ich lange etwas vor der Zeit an; die Chaiſe kommt, haͤlt vor dem Hauſe, ich gehe dem Poſtillon keck entgegen, nehme ihn bei Seite und ſage zu ihm: „„SIch bete das Frauenzimmer, welches Ihr fortfuͤhren wollt, an... Ich werde Euch mit zwei Freunden, eine oder zwei Stunden von Paris, in einen von der Straße abgelegenen Ort nachfolgen; wir thun, als ob wir Euch angriffen, ſchießen einige mit Pulver geladene Piſtolen ab, Ihr haltet, wir reißen die Chaiſe auf, nehmen die junge Dame heraus, und Ihr fahrt in geſtrecktem Galopp mit dem alten Herrn davon; wenn er Euch zuſchreit, Ihr ſollet halten, ſo hoͤret nicht auf ihn, bis Ihr eine oder zwei Stunden davongaloppirt ſeid.““ „Sie koͤnnen ſich vorſtellen, mein lieber Cherubim, daß man, wenn man einem Poſtillon ſolche Vorſchlaͤge machen will, ſie mit gewichtigen Gruͤnden begleiten muß; ich uͤberreichte ihm einen Tauſendfrankſchein; er drehte mir den Ruͤcken zu und ſagte: „„Wofuͤr halten Sie mich? „— Ich fuͤgte noch fuͤnfhundert Franken hinzu.... er ſagte mir, die Sache ſei ſehr kitzelig! Ich fuͤgte aber⸗ — 9 mals fuͤnfhundert Franken bei... Er willigte in Alles ein. So geht man in Paris zu Werke. Ich ſuchte zwei zuverlaͤſſige Burſche auf... wovon ich einem jeden fuͤnfhundert Franken gab. Auch eine Poſtchaiſe hatte ich gemiethet. Als der Graf Globesky mit ſeiner Frau ab⸗ reiste, folgten wir ihm nach... und ungefaͤhr zwei Stunden von hier, zwiſchen Sevres und Chaville, an einem Orte, wo nichts als Melonen wachſen, ſchoſſen wir unſere Piſtolen los. Der beſtochene Poſtillon hielt an. Es war ſtockfinſtre Nacht; Alles ging, wie ich's vorausgeſehen hatte, voruͤber. Wir entfuͤhrten die junge Frau... Der alte Pole vertheidigte ſich wie ein wilder Teufel... er brachte ſogar im Kampfe einem meiner Leute einen leichten Dolchſtich bei, welches mich noͤthigte, ihm eine weitere Belohnung von hundert Thalern zu er⸗ theilen. Endlich haben wir die goͤttliche Globeska ent⸗ fuͤhrt, und ich dieſelbe in die zu dieſem Zwecke gemiethete Wohnung gebracht, wo ſie die Nacht, verblieb, und Sie jetzt erwartet.“ „Ach! mein lieber Darena!.. welche Ereigniſſe... mein Gott, eine Frau ihrem Gatten mit bewaffneter Hand entreißen... wenn man das wuͤßte.. iſt das nicht ein Verbrechen?“ „— Pah!... Sie werden ſich doch jetzt nicht mit Skrupeln befaſſen!... außerdem gab's kein anderes Mittel, und wenn am Ende Jemand der Gefahr ausgeſetzt iſt, ſo bin ich's allein... aber meine Freundſchaft bietet den Gefahren Trotz!“ „— und wo haben Sie die ſchoͤne Polin hinge⸗ bracht?“— 10 „— In ein kleines, einzeln ſtehendes Haus, welches ich nahe bei der Barriere de la Chopinette gemiethet habe... ich konnte kein beſſeres finden... außerdem habe ich gedacht, daß es Ihnen auf dem Lande, von Paris entfernt, unangenehm waͤre... Das fuͤr Sie ge⸗ miethete Haͤuschen ſteht an einem Orte, wo ſehr wenig Leute vorbeikommen... die Ausſicht iſt nicht freundlich, aber was liegt daran? Sie werden ſich nicht mit einem Frauenzimmer einſchließen, um Leute am Fenſter vorbei⸗ gehen zu ſehen.. gefaͤllt es Einem nicht uͤberall, wenn man bei dem Gegenſtand ſeiner Liebe iſt?“ „— O! ja gewiß, aber in welchem Quartier iſt die Barriere de la Chopinette?“ „— Im Quartier de la Poudrette(Bohnen⸗ voder Miſt⸗Viertel) und der einſamen Spaziergaͤnge, Menil⸗ montant zu. Uebrigens wird uns ein Fiaker hinfuͤhren. Vorwaͤrts, mein Lieber, bedenken Sie, daß Sie von Ihrer Schoͤnen erwartet werden; ich habe dem Portier des Hauſes den Auftrag gegeben, ein Eſſen, ſo gut und kraͤftig, als man es in dieſem Quartier haben kann, deßgleichen vortreffliche Weine bringen zu laſſen... beeilen Sie ſich, Ihren Anzug zu vollenden, putzen Sie ſich, parfuͤmiren Sie ſich...“ „— Mich parfuͤmiren!... nein, ich werde mich wohl huͤten... die Wohlgeruͤche ſind mir zuwider.“ „— Wie Sie wollen, aber... werfen Sie ſich in Galla... gluͤcklicher Cherubim... denn Sie kommen in den Beſitz einer der ſchoͤnſten Frauen, die ich jemals ge⸗ ſehen habe; und dann iſt ihr polniſcher Accent ſo aller⸗ liebſt!“ A — . 11 „— Und ſie liebt mich, ſie hat's geſtanden?“ „— Beim Kukuk, wie viel Mal muß man es Ihnen denn ſagen, außerdem ſcheint es mir ihr Betragen ge⸗ hoͤrig zu beweiſen.“ „— Hat ſie nicht daruͤber geweint, daß ſie entfuͤhrt wurde?“ „— Geweint!... ſie hat gewalzt.. ſie ſcheint den Walzer zu lieben. A propos! ich brauche es Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß mir die uͤbergebenen Gelder ausgegangen ſind... Der Poſtillon, die bezahlten Burſche ... die Kutſche, das gemiethete Haus... alle die be⸗ ſtochenen Leute... Sie ſind mir im Gegentheil noch fuͤnfzehnhundert Franken ſchuldig.“ „— Fuͤnfzehnhundert Franken?“ ſagte Cherubim, zu ſeinem Schreibtiſch tretend,„die Entfuͤhrung einer Frau kommt theuer zu ſtehen!“ „— Ach! wem ſagen Sie das! mir, der ich viel⸗ leicht hundert in meinem Leben entfuͤhrt habe! damit habe ich ſogar einen Theil meines Vermogens verſchleu⸗ dert, aber es iſt auch ein fuͤrſtliches Vergnuͤgen, welches ſich nicht Jedermann erlauben darf.“ Cherubim uͤberreichte Darena die verlangte Summe und ſagte zu ihm:„Ich bin bereit.“ „— Ganz gut, laſſen Sie einen Miethwagen holen, denn Sie werden einſehen, daß es nicht rathſam waͤre, mit Ihrem Tilbury und Ihrem Jokey in das kleine Haus zu fahren... man muß ſeine Dienſtleute nie mit einem ſo geheimnißvollen Liebeshandel bekannt machen; dieſer Menſchenſchlag iſt ſo klatſchſuͤchtig.“ „— Sie haben recht. Holla!... Jasmin! 6 — 12 Der alte Diener erſchien, machte ein langes Geſicht und warf zornige Blicke auf Darena; Cherubim befahl ihm, einen Fiaker zu holen. „Der gnaͤdige Herr nimmt alſo ſein Cabriolet nicht?“ brummte Jasmin mit Erſtaunen. „— Demnach!“ rief Darena uͤber Jasmin's Miene lachend aus,„da Euer Herr einen Fiaker verlangt, wird er ſein Cabriolet nicht nehmen, vorwaͤrts, alter Scherbe .beeilt Euch, wenn's moͤglich iſt.“ — Alter Scherbe!...“ murrte Jasmin, ſich ent⸗ fernend, vor ſich hin... noch eine Grobheit, und ich ſoll das Alles verſchlucken!... ich fuͤrchte ſehr, dieſer ſchlechte Kerl verderbt meinen jungen Herrn... ich mochte wiſſen, warum er ihn veranlaßt, einen Fiaker zu nehmen, da er doch ein Tilbury und ein Cabriolet hat.“ Indeſſen beſorgte Jasmin den ihm ertheilten Auftrag, und der Fiaker wartete; Cherubim ging mit Darena hinab, und ſie ſtiegen beide in den Wagen, den der alte Diener mit verdruͤßlicher Miene wegfahren ſah. Darena ertheilte dem Kutſcher die Weiſung, wo er ſie hinfuͤhren ſollte; man hielt nach einer ziemlich langen Fahrt vor einem elend ausſehenden Hauſe, das vor der Barriere de la Chopinette auf den aͤußern Boulevards liegt. „Hier iſt es,“ ſagte Darena, aus der Chaiſe ſprin⸗ gend. Cherubim betrachtete das Haus, welches nur ein Stockwerk und zwei Fenſter im Erdgeſchoſſe hatte, und rief aus: „Dieſes Haus iſt eben nicht elegant!“ „Das Innere iſt ſehr reinlich,“ entgegnete Darena. „ 13 „Die Hauptſache iſt ſeine Abgelegenheit; denn da muͤßte doch der Teufel mit im Spiele ſein, wenn Sie der Ehe⸗ mann hier entdeckte! Mein lieber Freund, bei der Ent⸗ fuͤhrung einer Frau muß man ſehr vorſichtig ſeinz und uͤberhaupt, was kuͤmmert Sie das Haus 2... der Frau wegen kommen Sie hierher... ich wuͤrde mir mit dem Gegenſtand meiner Liebe in einer Schaͤferhuͤtte gefallen haben; ich will laͤuten, ſchicken Sie den Wagen fort.“ Cherubim bezahlte eilig den Kutſcher, dieſer ſtieg auf ſeinen Bock und fuhr davon. Darena zog an einem Eiſendraht, der neben der Halbthuͤre angebracht war, die zum Eingang ins Haus diente. Ein kleiner, dreizehnjaͤhriger, frech ausſehender Junge, deſſen unverſchaͤmtes, gemeines Weſen zu einem hochſt unſaubern Anzug paßte, zeigte ſich mit einer ſchief ſitzenden Muͤtze, offener Blouſe und ſchmutzigen Haͤnden, er warf einen Blick des Einverſtaͤndniſſes auf Darena, der in ihm den kleinen Bruno erkannte, jenen Tauge⸗ nichts, aus dem Herr Poterne einen Affen machen wollte, und der hernach ſeinerſeits den Gedanken aus⸗ fuͤhrte, ſich das Fell anzueignen, das ihm beim Studium dieſer Rolle gedient hatte. Spaͤter traf Poterne Bruno, der unterdeſſen ſeine Huͤlle verwerthet und aufgezehrt hatte, wieder an; der Geſchaͤftsfuͤhrer erlaubte ſich zu⸗ vörderſt, dem Straßenjungen einige Ohrfeigen zu appli⸗ ciren, dann verzieh er ihm und nahm ſich, hingeriſſen von den gluͤcklichen Anlagen, die der kleine Bruno an den Tag legte, vor, ihn bei guͤnſtiger Gelegenheit aber⸗ mals zu benuͤtzen. Bei dem intriguanten Handel, den man zum Betruge Cherubims vorhatte, mußte man 14 eine verſtaͤndige, ſichere, zuverlaͤſſige Perſon in das ge⸗ miethete Haus thunz Poterne erinnerte ſich ſogleich des Straßenjungens, den er nicht theuer bezahlen mußte, und welcher alle zu ihren Planen erforderlichen Eigen⸗ ſchaften hatte. „Ah! das iſt der Sohn des Portiers,“ ſagte Darena, mit einem Blick auf Bruno, waͤhrend er in eine Art Vorhalle trat, die zur Treppe fuͤhrte.„Iſt Dein Vater abweſend?“ „— Ja, mein Herr, er war genothigt, zehn Stun⸗ den weit zu meiner Tante zu gehen, die ſehr krank iſt.” „— Und Du huͤteſt das Haus?“ „— Ja, mein Herr!“ „— Iſt fuͤr die Dame, die hier geſchlafen hat, auch gehoͤrig geſorgt worden?“ 3 „— O ja, mein Herr... ſeien Sie ganz beruhigt, dieſer Dame ging nicht das Geringſte ab; ſie iſt oben... zwar, weil ſie ganz allein iſt, ſagt ſie, es fange ihr langweilig zu werden an.“ „— Geduld... dieſer Herr hier wird ihr Geſellſchaft leiſten. Und das Fruͤhſtuͤck, iſt es beſtellt worden?“ „— Ja, mein Herr... ol es wird ausgezeichnet ſein... ich ſelbſt war bei dem Traiteur..“ „— Dieſer kleine Schelm iſt ſehr verſtaͤndig!“ ſagte Darena, ſich gegen Cherubim wendend; ich empfehle Ihnen denſelben, wenn Sie Etwas nothig haben ſollten. Nun, mein lieber Freund, da Sie in der Naͤhe Ihrer Schoͤnen ſind, will ich Sie verlaſſen.“ „Wie... Sie verlaſſen mich?“ rief Cherubim bei⸗ nahe aͤrgerlich aus.* „— Aber es ſcheint mir, ich habe nichts mehr hier 15 zu ſchaffen!... das Uebrige ſei Ihre Sache... Sie werden mit einer kleinen, entzuͤckenden Fremden, die wahnſinnig in Sie verliebt iſt, unter vier Augen ſpeiſen .waͤre da ein Dritter nicht zu viel?“ „— Ach! ja, allerdings... ja... nun alſo— auf Wiederſehn!“ „— Auf Wiederſehn, mein lieber Marquis, moͤge Sie die Liebe mit Ihren ſuͤßeſten Freuden kroͤnen!...“ Darena laͤchelte beinahe hoͤhniſch, als er Cherubims Hand druͤckte, dann warf er noch einen Blick auf Bruno und verließ das Haus, die Thuͤre hinter ſich ſchließend. Cherubim fuͤhlte ſich ganz ergriffen, als er ſich in dieſem unbekannten Hauſe, in einem ihm ganz fremden Stadtviertel allein neben dem kleinen Jungen befand, der ihn ſchelmiſch anblickte, waͤhrend er die Nuͤſſe knackte, die er unter ſeiner Blouſe hervorlangte. Der Vorſaal hatte zwei Thuͤren, welche beide offen ſtanden, und dem Auge den Anblick zweier Zimmer dar⸗ boten, wovon das eine mitneinigen elenden Stuͤhlen, das andere mit einem Tiſch, einem Ofen und einem jaͤmmer⸗ lichen Lager verſehen warz die auf das Boulevard gehen⸗ den Fenſter waren mit eiſernen Stangen vergittert, und hatten keine Vorhaͤnge. Cherubim dachte, als er dies Alles uͤberſah, bei ſich, daß Darena zur Meublirung dieſes Hauſes nicht viel Geld ausgegeben haben muͤſſe; dann wendete er ſich an Bruno, welcher bald mit den Zaͤhnen, bald mit den Fuͤßen ſeine Nuͤſſe zu knacken fortfuhr, und zuweilen eine Melodie ſummte, wovon man nichts verſtand als: la la, la la, tra lalalal.. 16 „— Wo ſind die Zimmer der Frau Graͤfin?“ „— Weſſen?“ entgegnete der fruͤhere Wichſer, mit unverſchaͤmter Miene, den Kopf in die Hoͤhe richtend. „— Ich frage Dich, wo die Zimmer der jungen Dame ſind, die ſeit geſtern hier wohnt?“ 3 Der kleine Junge fuhr mit der Zungenſpitze gegen eine ſeiner Wangen, die Manier der Straßenjungen, wenn ſie Jemand anluͤgen wollen, und verſetzte dann: „Ach! ja, die junge, fremde Dame, die entfuͤhrt wurde... und hier geſchlafen hat... la la, la la, tra la, la lal.. ſie iſt oben, im erſten Stocke, in den ſchoͤnſten Zimmern des Hauſes... wo ſie ſeufzt und ſich langweilt... la la, trala, la la!“ Cherubim verlangte nichts weiter, ſtieg die Treppe hinauf, und hielt vor einer Thuͤre, wo der Schluͤſſel ſteckte. Sein Herz ſchlug maͤchtig bei dem Gedanken, ſich dieſer ſchönen Polin gegenuͤber zu ſehen, die ſo be⸗ reitwillig ihren Gemahl verließ, um ihm zu folgen; aber er erinnerte ſich, wie ſchoͤn ſie ihm vorgekommen war, und faßte den Entſchluß, anzuklopfen. Eine Stimme ließ ſich vernehmen. „Herein! der Schluͤſſel ſteckt in der Thuͤre. 7 8 Cherubim erkannte Frau von Globeska's Accent; er machte die Thuͤre auf, und befand ſich der jungen Frau gegenuͤber. Chichette Chichemann trug einen ſehr einfachen An⸗ zug, den man aber durch einige Spitzen, Blumen und ſonſtige Verzierungen zu heben verſucht hatte, welches jedoch bei einem Kenner die entgegengeſetzte Wirkung 17 hervorgebracht haͤtte. Aber Cherubim war in dieſer Be⸗ ziehung noch nicht ſehr erfahren, uͤberdies bekuͤmmert ſich ein Verliebter nicht um ſolche Kleinigkeiten; er achtete nur auf Chichette's huͤbſches Angeſicht, welche daſſelbe gruͤne Sammet⸗Baret vom Cirkus auf dem Kopf hatte und ihm beim Eintritt anmuthig zulaͤchelte, indem ſie ausrief: „Ach! Sie da! es iſt ein Gluͤck... denn ich lang⸗ weilte mich allmaͤlig hier in der Einſamkeit recht ſehr!“ Durch dieſen Empfang ermuthigt, ſetzte ſich Cheru⸗ bim neben die junge Frau und ſagte in zaͤrtlichem Tone zu ihr: „Ach! Madame, Sie verzeihen mir alſo, was ich im Uebermaß meiner Liebe zu unternehmen gewagt? Sie willigten alſo darein, ſich meiner Ehre anzuvertrauen.. und den zu fliehen... der... kurz, den Herrn, der mir ſo haͤßlich ſchien, und der ſicher nicht wuͤrdig iſt... Sie.. Sie... Cherubim, der nie ſo viel auf einmal geſprochen hatte, hielt inne, und wußte nicht mehr, wie er endigen ſollte, aber Chichette ließ ihm keine Zeit, und fiel ihm ſchnell in die Rede: „Ja! ja!... ich bin meinem Tyrannen entflohen... aber ſprechen wir von etwas Anderem!“ Sie will nichts mehr von ihrem Gatten hoͤren, dachte Cherubim, ſie will von etwas Anderem unter⸗ halten ſein... von meiner Vöeie, ohne Zweifel.. ſie iſt reizend. „Somit,“ begann der junge Verliebte,„bereuen Sie es nicht, Ihr Gluͤck in meine Haͤnde gelegt zu haben.. Paul de Kock. VIII. 2 18 und nun hier... von Ihrem Lande entfernt zu ſein?“. „Mein Landl... o! nach meinem kleinen Landl ſehne ich mich wieder!... aber ich hoffe es eines Tages wiederzuſehen... ſprechen wir von etwas Anderem.“ „— Ach! wie liebenswuͤrdig, wie ſchoͤn ſind Sie, Madame... wenn Sie wuͤßten, wie ſehr ich... ich... Sie liebe.“ Es bedurfte einer großen Anſtrengung von Seiten Cherubims, um dieſe Worte auszuſprechen, und er wagte es nicht, die junge Frau anzublicken, da er fuͤrch⸗ tete, ſie moͤchte dieſe Erklaͤrung etwas zu ungeſtuͤm finden; aber Fraͤulein Chichette, weit entfernt, ſich be⸗ leidigt zu finden, fing ziemlich einfaͤltig zu lachen an und erwiderte: 1 „Ja! ja, ich weiß wohl, ach! ach! das iſt luſtig, ſich zu lieben... Sie haben auch ſehr huͤbſche Augen!... ach! ach!... ich will recht mit Ihnen lachen...“ Und die angebliche Polin, welche in der That ſehr zum Lachen aufgelegt ſchien und wunderhuͤbſche Zaͤhne zeigte, blickte den jungen Mann auf eigene Art an und ſagte nicht mehr:„ ſprechen wir von etwas Anderem!“ Cherubim fuͤhlte einen Augenblick Luſt, ſeine Eroberung, die ihm ihre friſche und roſige Wange darbot, zu kuͤſſen; allein er begnuͤgte ſich damit, ihre Hand zu ergreifen, die er auf ſein Herz legte, wo er ſie heftig druͤckte. Chichette, der es vielleicht langweilig wurde, ihre Hand fortwaͤhrend auf Cherubims Herz druͤcken zu laſſen, ſagte abermals mit Lachen:„Wie Ihr Ding Tik tak macht! es iſt wie eine große Uhr.“ „ 19 — Ach, Madame, das iſt die Bewegung, das Bergnügen.. die... — Wollen wir nicht fruͤhſtuͤcken?“ rief ploͤtzlich Chichette aus,„ich habe Hunger... mein Bauch knurrt... Dieſe Worte fuͤhrten Cherubim auf minder roman⸗ tiſche Gedanken zuruͤck, er eilte der Thuͤre zu und rief: — He he, Kleiner?... wie ſteht's mit dem Fruͤh⸗ ſtuͤck?“. — Hier, mein Herr, ſogleich... ganz warm noch!“ entgegnete Bruno,„ſo eben bringt es der Gaſt⸗ wirth.“ In der That kam alsbald ein Kellner mit dem kleinen Portier die Treppe herauf, deckte einen Tiſch und legte zwei Couverts darauf. Man brachte einen mit Flaſchen angefuͤllten Korb, welche Siegel von allen Farben hatten. Man ſtellte friſch aufgemachte Auſtern auf den Tiſch, und mehre bedeckte Schuͤſſeln auf ein naheſtehendes Meuble. Als die ſogenannte polniſche Grafin die Auſtern ſah, uͤberließ ſie ſich ganz ungebildeten Aeußerungen der Freude, huͤpfte im Zimmer umher und rief aus: „— Ach! Auſtern!... Ich liebe die Auſtern ſo ſehr fuͤr Auſtern lieſſ' ich mich pruͤgeln!“ Cherubim war hoͤchſt erſtaunt, Frau von Globeska ſich auf dieſe Weiſe ausdruͤcken zu hoͤren, er ſchrieb es aber ihrer Unkenntniß der franzoͤſiſchen Sprache zu. Der Kellner war zu ſehr an eine ſolche Sprache ge⸗ woͤhnt, als daß er daruͤber erſtaunt waͤre, und der kleine Bruno beſchraͤnkte ſich darauf, wieder mit der Zunge an eine ſeiner Wangen zu ſtoßen, und brummte: —— 20 „Schoͤnen Dank! wenn's noch ein paar Mal ſo kommt, ſo iſt der Witz verdorben!“ Das Fruͤhſtuͤck war aufgetragen. Der Kellner ent⸗ fernte ſich mit dem Jungen, und beide machten ſorgfaͤltig hinter ſich die Thuͤre zu. Fraͤulein Chichette wartete nicht, bis ſie Cherubim zu Tiſche fuͤhrte; ſondern ſetzte ſich, alle ihr gegebenen Vorſchriften, ſich als anſtaͤndige Dame zu benehmen, vergeſſend, vor eines der Gedecke und rief aus: „Wir wollen eſſen! wir wollen eſſen! O! Auſtern! das iſt herrlich!“ 4 „Sie ſcheint ſehr hungrig!“ dachte Cherubim, ſich gleichfalls bei Tiſche niederlaſſend. Er praͤſentirte der jungen Frau eilig von den Auſtern, ſie wartete aber nicht ſo lange, bis er ſie ihr auswaͤhlte, ſondern ließ ſie mit bewundernswuͤrdiger Schnelligkeit verſchwinden, dann reichte ſie ihm ihr Glas und ſagte: „Weißen Wein, wenn Sie ſo gefaͤllig ſein wollen... ich liebe den weißen Wein auch ſehr!“ Cherubim ſchenkte ihr weißen Wein ein, den man mit einem langen Stöopſel verſehen hatte, um ihm den Anſchein von Soterne zu geben, der aber ohne Auſtern nicht trinkbar geweſen wäre. Ueberhaupt fand der junge Mann, daß ſie ſehr ſchlecht bedient ſeien; die Teller waren von gewoͤhnlichem Steingut, die Beſtecke hatten keinen Silber⸗Klang und das Tiſchzeug war grob. Auch der Wein ſchien ihm, trotz ſeines goldenen Siegels, hoͤchſt mittelmaͤßig; aber ſeine Eroberung fand ihn vor⸗ trefflich, ſie verſchlang Auſtern, leerte ihr Glas, nahm wieder Auſtern und verlangte wieder zu trinken, und das 21 Alles ohne die mindeſte Unterbrechung. Cherubim war außer Stand, ihr nachzukommen; erſt als keine Auſtern mehr auf dem Tiſche waren, entſchloß ſich Madame Chi⸗ chette, eine kleine Pauſe zu machen. „— Ich will den kleinen Portier rufen, daß er dieſe Sachen wegſchafft,“ begann Cherubim. „— Nein, neinl ich kann ſie ſchon ſelbſt wegſchaffen!“ entgegnete Chichette, die aufſtand, und in einem Nu Teller und Schalen vom Tiſche weggeraͤumt und zwei friſche Platten aufgeſtellt hatte. Der junge Mann wider⸗ ſprach vergeblich, daß ſich ſeine Dame ſolche Muͤhe mache, ſie hoͤrte nicht auf ihn und nahm erſt, nachdem alles beendigt war, wieder ihren Platz ein. „Mein Gott! Frau Graͤfin! wie leid thut es mir, daß Sie ſich dieſe Muͤhe machen,“ ſagte Cherubim, „aber es ſcheint mir, Sie ſind bei Ihrer Erziehung mit den Haushaltungsgeſchaͤften vertraut gemacht worden; wie ich ſehe, laͤßt man die Damen in Polen nicht ſo leichtſinnig und muͤßig wie in Frankreich, es war Ihren erhabenen Eltern nicht zu gering, Sie dieſe nothwendige Kleinigkeiten lernen zu laſſen... Ihre erhabene Eltern ſind todt, ohne Zweifel?“ „— Ja, ja! ſprechen wir von etwas Anderem... reichen Sie mir jene Platte!... ach! wie riecht das ſo gut!.. Es iſt ein Haſen!... o! den lieb' ich ſehr!“ Cherubim war nicht derſelben Anſicht wie ſeine Er⸗ oberung, er liebte den Haſen nicht und fand das beſtellte Fruͤhſtuͤck nicht von der Art, wie er es gewoͤhnlich in den Pariſer Reſtaurationen antraf; aber ſeine Genoſſin war weit nicht ſo ſchwer zu befriedigen, wie er, ſie nahm ſich von dem Haſen, ſchien mit Entzuͤcken zu eſſen, und rief von Zeit zu Zeit aus: „Das iſt köͤſtlich frikaſſirt!“ 4 Cherubim bot ihr Wein mit einem andern Siegel an. Chichette trank ſowohl rothen als weißen, dann deckte ſie eine weitere Platte auf, und ſchrie, vom Stuhle auf⸗ huͤpfend: „— Ach! eine Matelotte!.. O! das iſt recht! ich mag die Matelotte ſehr!“ „— Es ſcheint mir, ſie mag Alles,“ ſprach Cheru⸗ bim bei ſich;„ſie wurde gewiß gut erzogen, denn ſie ziert ſich nicht ſo.“ Chichette fand die Matelotte herrlich; ſie nahm, ohne auf Cherubims Anerbieten zu warten, mehrmals davon; ſie begeiſterte ſich fuͤr die Sauce; endlich leckte ſie in einem Augenblick des Entzuͤckens ihren Teller ab, indem ſie wahrſcheinlich bedauert haͤtte, auch nur das Geringſte von dieſer ihr ſo wohlſchmeckenden Sauce zuruͤckzulaſſen. Der Juͤngling blieb ſtarr vor Erſtaunen, als er die Graͤfin Globeska ihren Teller zum Munde erheben und mit der Zunge ablecken ſah;z aber er ſtellte ſich vor, es ſei in Polen gebraͤuchlich, ſich ſo aufzufuͤhren. Als Chi⸗ chette bemerkte, daß ihr Gegenuͤber ſie mit Befremden S betrachtete, ſah ſie ein, daß ſie eine Dummheit begangen hatte, ſtellte ſchneil ihren Teller auf den Tiſch und ſagte:— —,— „— Ach! das war nur ein Scherz!... Ich werde es niemals wieder thun!... aber zeigen Sie mir jene andere Platte!“* Chichette deckte die letzte Platte auf, worauf ſich ge⸗ —p 23 backene Fiſche befanden; ſie ſtieß abermals einen Freuden⸗ ſchrei aus: „Ah! Gruͤndlinge! gebackene Gruͤndlinge! Ich mag die gebackenen Fiſche ſehr!...“ „Ich bin ſehr erfreut, Madame, daß Alles nach Ihrem Geſchmacke iſt,“ ſagte Cherubim, ſeiner Schoͤnen mit Gruͤndlingen aufwartend;„aber Sie ſind in der That nicht lecker; mir kommt es vor, als ob unſer Fruͤh⸗ ſtuͤck Ihrer nicht wuͤrdig waͤre... Es ſcheint mir, daß es in dieſem Quartier keinen guten Traiteur gibt.“ „— Doch, doch, in der Courtille... gibt es gute Traiteurs.“ 3 „— In der Courtille?.. dieſer Ort iſt mir unbe⸗ kannt; ſpeisten Sie denn mit Ihrem Herrn Gemahl zu⸗ weilen in dieſer Gegend?“ „— Meinem Gemahl... Ol ſprechen wir von etwas Anderem... Ich moͤchte trinken, der Gruͤndling erregt gleich Durſt.“ 1 Cherubim ſchenkte ſeiner Dame eifrigſt aus einer wieder mit anderem Siegel verſehenen Flaſche ein; dieſe trank und fand ihn vortrefflich. Der junge Mann haͤtte gerne das Geſpraͤch wieder auf ſeine Liebe gelenkt, aber ſeine Eroberung war dermaßen mit Eſſen und Trinken beſchaͤftigt, daß er es nicht wagte, ſie in einem Geſchaͤfte zu ſtoͤren, welches ihr, dem Anſcheine nach, ſo viel Ver⸗ gnuͤgen machte; dann erinnerte er ſich ſeines Fruͤhſtuͤcks bei Madame Celival und dachte: „Ich aß auch viel, um meine Schuͤchternheit zu ver⸗ treiben... Dieſe junge Polin macht's vielleicht ebenfalls ſo... Wenn's ihr am Ende nur nicht geht, wie mir!“ Als alles Gebackene aufgezehrt war, ging man zu dem hoͤchſt beſcheidenen Nachtiſch uͤber, der nur aus Bis⸗ cuit, Kaͤſe und dem ſogenannten Bettel⸗Nachtiſch (gedoͤrrtem Obſt) beſtand. Cherubim ſchalt abermals uͤber den Traiteur; aber Chichette fuhr fort, Alles vor⸗ trefflich zu finden, ſie ſtopfte ſich mit Feigen, Wein⸗ beeren und Biscuit vollz ſie trank mehre Male hinter⸗ einander zur Verdauung, hoͤrte endlich zu eſſen auf und lehnte ſich an den Ruͤcken ihres Stuhles mit den Worten: „Ah! das iſt ſonderbar, ich habe nicht den mindeſten Hunger mehr.“ Es waͤre weit ſonderbarer, wenn ſie noch mehr Hunger haͤtte! dachte der Juͤngling, indem er den Tiſch zuruͤckſtieß, um ſich ſeiner Geſellſchafterin zu naͤhern. Nachdem er ſeinen Stuhl neben Chichette's geſtellt hatte, faßte er den Muth, ihre Hand zu ergreifen, und ſtammelte: „Wie gluͤcklich bin ich... in Ihrer Naͤhe zu ſein.. Welch' erwuͤnſchter Zufall hat mich in das Theater ge⸗ führt, worin Sie waren... ohne dieſen haͤtte ich Sie vielleicht niemals begegnet... und doch ſagt mein Freund *, der Herr, welcher an jenem Abende bei mir war, wir ſeien Eines fuͤr das Andere geboren... Glauben Sie das, Mgdame?“ Chichette erhob ſich lebhaft und ſagte: „Ach! ich fuͤhle mich etwas beengt... Das iſt eigen, ich habe doch nicht viel gegeſſen... Das junge Maͤdchen machte einige Gaͤnge durchs Zimmer; Cherubim ſchritt auf ſie zu und fragte: „Iſt es Ihnen unwohl?“ „— Nein... O! es wird voruͤbergehen...“ Chichette ſetzte ſich wieder nieder, zwar nicht mehr auf ihren Stuhl, ſondern auf einen alten, breſchmutzten Canape, deſſen Polſter ausſahen, als ob ſie mit Hobel⸗ ſpaͤnen gefuͤllt waͤren; aber das junge Maͤdchen legte ſich deſſenungeachtet darauf, indem ſie ſagte: „Schau! man fuͤhlt ſich recht bequem ſo!“ Cherubim blickte ſie verliebt an und rief aus: „O! ja, gewiß liegt Sympathie in unſerer Begeg⸗ nung... Sympathie!... mein Hofmeiſter, Herr Geron⸗ dif, hat mir erklaͤrt, was das iſt... Er nahm einen kleinen Agath⸗Stein, rieb ihn heftig an ſeinem Rock⸗ aͤrmel, hielt ihn dann in die Naͤhe eines Strohhalms und der Strohhalm wurde ploͤtzlich von ihm angezogen und daran feſtgehalten... Mein Hofmeiſter erklaͤrte nun: „„ Gleichwie der Magnet das Eiſen anzieht, ſo zieht die Sympathie zwei fuͤr einander geſchaffene Herzen eines zu dem andern hin.““ „Ach! Madame... ich bin kein Pole, aber ich werde Sie deſſenungeachtet doch... vielleicht noch mehr... lieben, denn mein ganz friſches Herz fuͤhlt das Beduͤrf⸗ niß zu lieben dringend... und wenn... und wenn...“ Cherubim hielt inne, weil es ihm vorkam, als ob er ein dumpfes Geraͤuſch hoͤrte. Dieſes Geraͤuſch ging vom Canape aus; er hatte wohl bemerkt, daß ſeine huͤbſche Eroberung, waͤhrend er ſprach, die Augen ſchloß, vermuthete aber, dies geſchehe aus Scham. Da er je⸗ doch die Urſache dieſes Geraͤuſches erfahren wollte, ſo naͤherte er ſich der jungen Frau und gewahrte mit Staunen, daß ſie nicht nur ſchlief, ſondern auch tief ſchnarchte. Der arme Verliebte betrachtete ſeine ſchone Schlafende eine Zeit lang; aber jeden Augenblick wurde das Schnar⸗ chen ſtaͤrker; bald war es wie ein Schmiedebalg, und Cherubim zog ſich allmaͤlig wieder zuruͤck, er fuͤhlte ſo⸗ gar ſeine verliebten Ideen verſchwinden, denn eine Frau, die ſchnarcht wie ein Baͤr, floßt unendlich weniger Liebe ein, als eine leicht und ſuͤß athmende. Cherubim ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl und ſprach bei ſich: „Sie ſchlaͤft... ſie ſchnarcht ſogar... Es ſcheint, daß mein Geſpraͤch ſie nicht ſehr unterhielt, da ſie ſo ſchnell dabei einſchlief! Es iſt ſonderbar... dieſe junge Frau hat Manieren... eine Ausdrucksweiſe... Wenn Darena mich nicht verſichert haͤtte, es ſei eine polniſche Graͤfin, ſo wuͤrde ich etwas ganz Anderes von ihr ge⸗ dacht haben... Einſchlafen, waͤhrend ich ihr meine Liebe ſchildere.. Wenn das wahnſinnig in mich verliebt ſein heißt... Mein Gott! welches Schnarchen... Jakob ſchnarchte auch, aber nicht ſo arg wie das!... Ich ſollte ſie vielleicht aufwecken... ſie kuͤſſen... aber ſie ſchlaͤft ſo gut... es waͤre Schade... und.. dieſes eintoͤnige Geraͤuſch macht mich, glaub' ich, auch ſchlaͤfrig.“ Cherubim ließ ſeinen Kopf auf den Rücken des Lehn⸗ ſtuhls ſinken, ſchloß die Augen und machte es in wenigen Augenblicken nicht beſſer, als Mamſell Chichette, nur mit dem Unterſchied, daß er nicht ſchnarchte. 4 Waͤhrend nun das junge Paar vollkommen tief ſchlaͤft, 5 4 27 wollen wir ſehen, was Diejenigen machten, welche dieſe Intrigue eingeleitet hatten. Als Darena Cherubim verlaſſen hatte, ſuchte er ſeinen Freund Poterne auf, der, immer als polniſcher Graf verkleidet, bei einem Traiteur in Menilmontant ſeiner wartete. Dort ſetzten ſich die Herren zum Fruͤhſtuͤck und beſprachen ſich uͤber ihre Angelegenheit. „Das geht, wie auf Raͤdern,“ begann Darena. „Cherubim iſt jetzt bei der Kleinen, die ich, nach ſeiner Meinung, fuͤr ihn entfuͤhrt habe.. wenn Chichette nur keine Dummheiten ſchwatzt... Aber bah!... ihr Accent! ... wird alles entſchuldigen! und zudem, achtet denn ein Verliebter auf Redensarten?...“ „— Und mein kleiner Bruno war auf ſeinem Poſten?“ „— Jaz er wird fuͤr den Sohn des Portier ge⸗ halten... er ſieht wie ein rechter Taugenichts aus, der kleine Schelm.“ „— Es iſt ein hoͤchſt pfiffiges Buͤrſchchen... es kann etwas aus ihm werden!“ „— Ich glaub' es auch.“ „— Es iſt uͤbrigens zur Beendigung un ſerer Komo⸗ die beſſer, nur einen Buben dort zu haben, der uns in nichts im Wege ſteht. Auch erſcheint es viel wahrſchein⸗ licher, daß ich ins Haus eindringen konnte, wenn es nur von einem Buben bewacht wurde; denn jetzt muß der Hauptſchlag geſchehen... einige Tauſendfranken⸗Scheine ſind en passant... recht angenehm, aber zu bald wieder fort.. Die Gelegenheit zur Erwerbung einer huͤbſchen Summe bietet ſich dar, man muß ſie nicht ent⸗ wiſchen laſſen, ſie wuͤrde ſich niemals wieder zeigen!“ 1 „— Du haſt ganz recht, Poterne! Unſer Vorhaben iſt zwar nicht ſehr delikat. aber im Ganzen genommen iſt der junge Mann ſehr reich!... ſechzigtauſend Franken wenigſtens bringen ihn nicht um...“ „— Soll ich nicht mehr fordern?...“ „— O! nein: man muß ihn nicht ſchinden... Alſo, wohlverſtanden: in... zwei Stunden gehſt Du in das kleine Haus...“ „— Warum nicht baͤlder?“ „— Ei! mein lieber Poterne, wie hitzig biſt Du! man muß doch den Liebenden Zeit laſſen, zu fruͤhſtuͤcken und ſich den Suͤßigkeiten der Liebe hinzugeben... was Teufels! man muß doch den Leuten ein Vergnuͤgen goͤn⸗ nen; ſodann bedenke, Poterne, daß, wenn Du ihnen laͤnger Zeit laͤßt, Du ſie unfehlbar in flagranti delicto antriffſt... das iſt viel vortheilhafter!... Du wirſt fuͤr den Gatten gehalten, man hat Dir Deine Seentführe Du findeſt ſie in den Armen ihres Verfuͤhrerge u tobſt! Du bruͤllſt... thuſt, als ob Du Alles... beſonders Deine Frau... ermorden wollteſt!... Cherubim bittet Dich um Gnade fuͤr ſie, und dieſe Gnade bewilligſt Du nur, wenn er Dir fuͤr ſechzigtauſend Franken Wechſel unter⸗ zeichnet... haſt Du geſtempelte bei Dir?“ „— Ol ich habe Alles, was ich brauche... wenn ſich der junge Marquis aber ſtraͤubte... wenn er nicht unterzeichnen wollte?”“ „— Geh doch!... ein Schuljunge wird wohl?... Dann drohſt Du ihm mit einem Criminal⸗Prozeß wegen Entfuͤhrung Deiner Frau... Dabei haͤlſt du immer den Dolch in der Hand.. zuͤckſt ihn immer auf Deine Frau 29 .. Cherubim ſſt zu edelmuͤthig, als daß er ſie nicht retten ſollte“ „— Das denke ich.“ „— Bei dieſem Allem aber, Herr Poterne, nehmen Sie ſich wohl in Acht, Jemanden zu verwunden!... Ihr Dolch ſticht doch hoffentlich nicht?“ „— Ei, nein, es iſt keine Gefahr zu be⸗ fuͤrchten.“ „— und nimm beim Sprechen irgend einen Accent an, damit er Dich nicht erkennt!“ „— Das werde ich beobachten und mich hauptſaͤch⸗ lich durch Pantomimen ausdruͤcken.“ 3 Nachdem ſie alles genau ausgemacht hatten, fruͤh⸗ ſtuͤckten und ſprachen die Herren lange miteinander, dann verlangte der Eine eine Pfeife, der Andere Cigarren, und ſie rauchten zum Zeitvertreibe. Mehr als zwei Stunden waren auf ſolche Weiſe ver⸗ floſſen; Pomlne ſetzte ſeine gruͤne Brille auf die Naſe und ſagte: „Nun werde ich zur Beendigung unſerer Angelegen⸗ heit ſchreiten konnen.“ Er ſtand auf; Darena that ein Gleiches. „— Ja, es iſt Zeit, laß uns gehen!“ „— Aber ich bedarf Ihrer nicht dabei,“ verſetzte Po⸗ terne,„denn Sie können nicht mit mir ins Haus hin⸗ eingehen, das waͤre unklug; wenn Cherubim Sie ſaͤhe, wuͤrde er Sie zu Huͤlfe rufen...“ „— Das weiß ich alles ſelbſt, alter Schurke! aber Du wirſt Dir doch ohne Zweifel nicht einbilden, ich laſſe Dich mit ſechzigtauſend Franken Werth in der Taſche 30 allein fort, nein, mein Beſter, Du biſt mir viel zu lieb, als daß ich Dich aus den Augen verlieren ſollte... ich werde Dich ins Haus hineingehen ſehen, und nachher Dein Herauskommen beobachten... und wenn Du Luſt haͤtteſt, allzuſchnell davon zu laufen, ſo ſtehe ich Dir dafuͤr, daß ich Dich bald eingeholt haben wuͤrde.“ „— Ach! Herr Graf!... Sie hegen Gedanken... die mir ſehr wehe thun.“ „— Nein doch! das gehoͤrt ſich, das iſt der Welt Brauch und weiter nichts! Vorwaͤrts alſo!“ Die Herren erreichten die aͤußeren Boulevards und lenkten gegen die Barriere de la Chopinette ein. Drei⸗ hundert Schritte von dem Hauſe entfernt, wo er Che⸗ rubim hingefuͤhrt hatte, hielt Darena ſtille und ſagte zu ſeinem Begleiter: „Nun gehen Sie allein weiter, erhabener Poterne, und fuͤhren Sie die Sache mit Anſtand zu Ende; be⸗ denken Sie, daß Alles mit jener Feinheit und jener Manier geſchehen muß, die den gebildeten Mann ver⸗ raͤth.“* Poterne ſetzte ſeinen Weg fort; er langte an dem kleinen Hauſe an, pochte ſachte an der Thuͤre, Bruno machte ihm auf. „— Sind ſie oben?“ fragte Poterne leiſe. Ja. 7 4 „— Hat man ihnen das Fruͤhſtuͤck gebracht?“ „— Er iſt ſchon laͤnger als zwei Stunden hinauf.“ „— Und ſie haben ſeitdem nicht gerufen?“ „— Hab' ſie weder geſehen, noch gehort... ſie machen nicht das geringſte Geraͤuſch, ſie ruͤhren ſich nicht.“ 31 „— Vortrefflich.“ Poterne druͤckte ſeinen maͤchtig großen Hut ins Ge⸗ ſicht; ſetzte die Brille feſt auf, ſtopfte ſeine Backen mit Werg aus und ſchritt der Treppe zu, dann ging er leiſe hinauf und hielt vor der Thuͤre, deren Schluͤſſel ſteckte. Dies bemerkend, ſagte er: „Wie unbeſonnen ſind doch die Verliebten... wie jugendlich leichtſinnig!“ Er drehte den Schluͤſſel ſachte um, trat dann unge⸗ ſtuͤm ins Zimmer und ſchrie: — Ah! treuloſes... verbrecheriſches Weis!... hab' ich Dich!... Du ſollſt ſterben!“ Poterne erwartete, nach ſeiner Uebereinkunft mit Chichette, ein verzweifeltes Geſchrei; da er aber nicht das Geringſte hoͤrte, trat er weiter vor und blieb ſtarr vor Erſtaunen, als er die Liebenden, in gebdriger, ach⸗ tungsvoller Entfernung von einander, tief ſchlafend fand. Ha! beim Donner! ſprach Poterne bei ſich, ich hoffte ſie.. wie der Herr Graf ſagt... in flagrant . zu erwiſchen... und ſie ſchlafen neben einander,, wenn das die Liebe des jungen Mannes iſt... Chichette wird irgend eine Dummheit begangen haben... Uebrigens gleichviel... ich muß handeln, ich uͤberraſche ſie beiſam⸗ men, das iſt die Hauptſache, und wenn ſie ſchlafen, ſo iſt's ihre Schuld. Jetzt begann Poterne im Zimmer umher zu rennen, zu ſchreien und Verwünſchungen auszuſtoßen... zog Chichette am Ohr, daß ſſie erwachte, und kniff ſte in den Arm, worauf ſie auch ſchrie; Cherubim ſchlug die Augen auf; erblickte dieſen Herrn, in welchem er den Grafen 32 Globesky erkannte, der ſtuͤrmte, fluchte und einen Dolch aus der Bruſt zog, womit er die junge Frau bedrohte. Nun ward es Cherubim klar, daß ſie der Gatte ſeiner Schoͤnen entdeckt hatte; er erblaßte, bebte und ſtotterte: „Ach! mein Gott!... wir ſind verloren... Toͤdten Sie ſie nicht, mein Herr, ich bitte Sie... Toͤdten Sie mich lieber... obgleich ich der Ehre Ihrer Gattin nicht zu nahe getreten bin.“ „— Jal! ja! Ich will mich raͤchen. Per Dio!... ah, Bigre!... Ah! Ihr glaubtet, Boͤſewichte!“ fuhr Poterne, mit dem Fuße ſtampfend, fort,„mir meine Frau entfuͤhr!... Der Teuf! mein Herr! Meinen Fiaker . nein, meinen Wagen... auf der Hauptſtraße an⸗ halt... O! Madame, Sie muͤſſen von mein Hand ſter⸗ ben... ſo wahr ich ein polniſcher Graf bin!“ Chichette ſah nicht ſehr erſchreckt aus, ſie gaͤhnte noch, waͤhrend ſie ſich die Augen rieb; Poterne kniff ſie im Vorbeigehen ſtaͤrker, ſie ſtieß einen lauten Schrei aus und ſagte: .„Ach! wie dumm iſt das! Ich leide nicht, daß man ſolche Dummheiten mit mir macht!“ Poterne fing zu bruͤllen an, um Chichette's Geſchwaͤtz zu uͤbertonen. Er zuͤckte mit einer Hand den Dolch, waͤhrend er mit der andern das Werg in den Mund ſtopfte, das eben herausfallen wollte. Aber Cherubim hatte den Kopf verloren, die Gegenwart dieſes Mannes, deſſen Frau er entfuͤhrt zu haben glaubte, ſein Geſchrei, ſeine Verwuͤnſchungen, dieſer in die Luft geſchwungene Dolch verurſachten ihm ein gewaltiges Entſetzen. Po⸗ terne, der bemerkte, daß er in einem Zuſtande war, wo 33 er alles mit ſich anfangen ließ, zog die Wechſelſcheine aus der Taſche, legte ſie auf den Tiſch, nahm ein Schreib⸗ zeug, eine Feder, reichte ſie Cherubim hin und ſprach: „Wenn Sie dieſes ſtrafbare Weib retten wollen.. ſo gibt es.. God damn!... nur ein Mittel, meinen Fouror zu beſaͤnftigen.“ „— Ach! mein Herr... ſprechen Sie.... befehlen Sie... Alles, was Sie wuͤnſchen...“ „— Unterzeichnen Sie dieſe vier Wechſel... und ſtellen Sie jeden derſelben auf fuͤnfundzwanzigtauſend Franken aus per Dio! Das iſt zu poco!“ „— Fuͤr hunderttauſend Franken Wechſel...“ „— Ja, Signor...“ „— Ach! Sie verlangen, daß...“ „— Sakerment! wenn Sie zoͤgern, ſo toͤdte ich dieſes verbrecheriſche Weib... Sie... das ganze Haus ... und beim Henker!.. mich hintend'rein..“ „— O! nein, mein Herr, nein... ich zöogere nicht ... Ich werde die Ihnen beliebige Summen nieder⸗ ſchreiben..“ „— Wohlan... ſo ſtellen Sie ſie je auf dreißig⸗ tauſend Franken aus.... Nun.. ſchreiben Sie und unterzeichnen Sie... per Dio!“ Cherubim ſetzte ſich an den Tiſch; ergriff mit Zittern die Feder, und warf einen ſchmerzlichen Blick auf ſeine Eroberung, die ſich wieder aufs Sopha niedergelaſſen hatte, wo er ſie fuͤr ohnmaͤchtig hielt, waͤhrend ſie wie⸗ der einzuſchlafen ſuchte; aber Poterne ſtellte ſich aber⸗ mals neben ihn, knirſchte mit den Zaͤhnen und fluchte ſo fuͤrchterlich, daß der junge Mann ſchnell zu ſchreiben Paul de⸗Kock. VIII. 3 anfing; ſchon war einer der Wechſel ausgefertigt, und er im Begriff, denſelben zu unterzeichnen, als ſich ein lauter Laͤrm von unten vernehmen ließ, dann eilte man haſtig die Treppe herauf, oͤffnete raſch die Thuͤre und Monfreville trat ein, ihm folgte der alte Jasmin, der, als er ſeinen Herrn erblickte, ein Freudengeſchrei aus⸗ ſtieß und ausrief: „Ach! da iſt er!... Dem Himmel ſei Dank! ſie haben ihn nicht ins Verderben geſtuͤrzt.“ Beim Anblick ſeines Freundes fuͤhlte ſich Sherubim wieder aufleben, und flog in ſeine Arme, waͤhrend Mon⸗ freville, ſeine Beſtuͤrzung, ſeinen Schrecken und ſeine Blaͤſſe gewahrend, zu ihm ſagte: „Ei! mein Gott, lieber Freund, was machen Sie denn hier in dieſem Hauſe, dieſer Mordhoͤhle... deren Eingang uns ein kleiner Schelm verweigerte!“ „— Ach! mein Freund!“ antwortete Cherubim mit erſtickter Stimme,„ich war... ſehr ſtrafbar... ich habe dieſe Dame... Gattin dieſes Herrn entfuͤhrt... das heißt, nicht ich... ſondern Darena that es an meiner Stelle... Der Herr, der ein polniſcher Graf iſt, ließ mich fuͤr hundertzwanzigtauſend Franken Wechſel unterzeichnen... ohne welche er ſeine Frau ermordet haͤtte!.. Ach, wie gluͤcklich bin ich, Sie zu ſehen!“ Waͤhrend Cherubims Geſpraͤch verſuchte Poterne, dem es hochſt peinlich zu Muthe war, ſich der Thuͤre zu naͤhern, aber Jasmin, der ſie hinter ſich verſchloſſen hatte, war davor poſtirt. Waͤhrend Monfreville ſeinem Freunde zuhoͤrte, ſchaute er mit forſchenden Blicken um ſich her; er betrachtete 3⁵ Fraͤulein Chichette und ihren vorgeblich beleidigten Gatten, der eine Miene machte, als ob er ſich unter den Tiſch verkriechen wollte. Kaum hatte Cherubim ausgeſprochen, ſo eilte Monfreville auf Poterne zu, riß ihm den Hut vom Kopfe, die Brille von den Augen und erhob ſeinen Stock gegen ihe mit dem Ausruf: „Das ein polniſcher Graf!.. das iſt ja der Schurke Poterne, der Geſchaͤftsfuͤhrer dieſes veraͤchtlichen Darena's .. Sie haben beide dieſe ehrloſe Intrigue angeſponnen, um Ihnen Geld abzupreſſen!.. Hal ich haͤtte große Luſt, meinen Stock auf dem Ruͤcken dieſes Schelmen abzuſchlagen.“ „Poterne!“ rief Cherubim aus,„waͤr' es möglich ... das iſt Poterne?.. „Ei freilich!“ verſetzte Jasmin,„das iſt der Trau⸗ benmus⸗, der Hunds⸗ und der Schildkroͤtenhaͤndler. Ach, mein lieber Herr, ich ahnte doch, daß man Sie wieder mit Etwas anſchmieren wollte; und daß der Herr, der mich einen alten Eſel hieß, irgend eine Verraͤtherei vor⸗ hatte, um Sie zu betruͤgen.“ 1 Als Poterne Monfreville den Stock gegen ihn auf⸗ heben ſah, fiel er auf die Kniee nieder und ſtotterte: „Barmherzigkeit, mein Herr, das Alles war nur ein Scherz... weiter nichts!... es war eine Komoͤdie!...“ „Ein Scherz, Du Spitzbube!... aber eure Wechſel waren doch gehoͤrig geſtempelt! O! wir wiſſen jetzt, wozu ihr faͤhig ſeid, Sie und Ihr wuͤrdiger Freund, der Graf Darena!.. der tief genug herab geſunken iſt, um vor nichts mehr zu errothen! und der kein Mittel ſcheut, ſich Gold zu verſchaffen. Wir wollen euch zwar nicht 36 behandeln, wie ihr es verdientet... Gehen Sie, ſuchen Sie Ihren Genoſſen auf, und ſagen Sie ihm, daß ihn dieſer zjunge Mann jetzt nach ſeinem wahren Werthe zu beurtheilen wiſſe, und daß, wenn er es noch einmal wagte, ſich in ſeinem Hotel zu zeigen, er ihn durch ſeine Leute wuͤrde hinäus werfen laſſen.“ „O! ja, das will ich uͤbernehmen!“ ſagte Jasmin. „Er hat mich auch einen alten Scherben geheißen!... aber ein ehrlicher Scherben iſt mehr werth, als ein gan⸗ zer, vollſtaͤndiger Betruͤger.“ Herr Poterne verlangte weiter nichts zu hoͤren; er hatte ſeinen Hut und ſeine Brille vom Boden aufge⸗ leſen, machte eilig die Thuͤre auf und ſuchte das Weite; er war aber nicht ſo flink, daß ihm Jasmin nicht noch haͤtte einen Hundstritt geben konnen, indem er ihm nach⸗ rief:. „Da, Dieb! Das iſt fuͤr Dein Eingemachtes!...“ Monfreville naͤherte ſich Chichette, die auf dem Ca⸗ nape ruhig, ohne ſich zu ruͤhren, ſitzen geblieben war; er konnte ſich uͤber ihre ſonderbare Miene des Lachens nicht enthalten und ſagte zu ihr: „Und Sie, Frau Graͤfin, in welchem Magazin... welchem Laden arbeiten Sie gewoͤhnlich?“ „— In der Straße Grenetat, wo ich italieniſche Stroh⸗Huͤte mache. Meine Schuld iſt es nicht... man hatte mir viel Geld verſprochen, wenn ich die Frau dieſes Herrn vorſtelle... ich willigte ein... in der Abſicht, mir Etwas zu ſammeln... um mein kleines Landl zu hei⸗ rathen.. Dabei zog Fraͤulein Chichette ihr Nastuch heraus und machte Miene, in Thraͤnen auszubrechen. Monfre⸗ ville troͤſtete ſie jedoch mit den Worten: „Ihnen will ich nichts anhaben, mein Kind... wei⸗ nen Sie nicht, und kehren Sie zu Ihren italieniſchen Strohhuͤten zuruͤck... Aber glauben Sie mir, daß es in Ihren Umſtaͤnden noch beſſer iſt, den Cancan, zu tanzen, als die große Dame zu ſpielen.“ Fraͤulein Chichette ſchnaͤuzte ſich, machte mehre Com⸗ plimente und entfernte ſich mit verwirrter Miene, ohne den Muth, Cherubim anzublicken. „Und nun, mein Freund,“ ſprach Monfreville zudem jungen Marquis,„koͤnnen auch wir, glaub' ich, dieſe haͤßliche Baracke verlaſſen... worin Sie nach meiner Meinung nichts mehr zuruͤckhaͤlt.“ — O, gewiß nichts, mein lieber Monfreville; ich fuhle mich ſo gluͤcklich, nachdem ich einen ſo großen Schrecken durchgemacht habe,.. Ich werde Ihnen dieſe ganze Geſchichte erzaͤylen; aber vor allen Dingen erklaͤren Sie mir, wie Sie erfuhren, daß ich hier bin, wie Sie mich entdeckten und ſo erwuͤnſcht zu meiner Rettung kamen.“ „— Das iſt ganz einfach; hier, ſehen Sie den vor der Thuͤre haltenden Fiaker?“ „— Ja.“ „— Es iſt der naͤmliche, der Sie hierher gebracht hat. Nach Ihrer Entfernung aus dem Hotel kam ich zu Ihnen; dort fand ich Jasmin ſehr in Sorgen; er er⸗ zaͤhlte mir, daß Sie mit Darena fortgefahren ſeien, deſſen haͤufige Beſuche und geheimnißvolle Miene mir ſeit einiger Zeit Verdacht einfloßten! Ich fragte Jasmin, 8 ¹ 38 ob er ſelbſt den Wagen fuͤr Sie beſtellt habe, und auf ſeine bejahende Antwort erſuchte ich ihn, mich auf den Fiaker⸗Platz zu begleiten. Dort angekommen, warteten wir beinahe zwei Stunden auf die Ruͤckkehr Ihres Wa⸗ gens; endlich langte er an; dann gab ich ihm zwanzig Franken, damit er uns an denſelben Ort fuͤhre, wie Sie; er war gleich dabei, und fuͤhrte uns bis zu dieſem Hauſe; mein lieber Freund, die Schurken ſind ſehr ſchlau, aber gluͤcklicherweiſe gibt es eine verborgene Macht, die weit ausſehender iſt, als ſie, und das feinſt gezettelte Gewebe in dem Augenblicke zerreißt, wo die Urheber deſſelben ihrer Sache am ſicherſten zu ſein waͤhnen. Dieſe Macht nennen die Einen Vorſehung, die Andern Zufall, Verhaͤngniß, Schickſal, Gluͤck!... Ich weiß nicht, welchen Namen ich ihr geben ſoll, aber ich beuge mich vor ihr, und fuͤhle mich gluͤcklich in meinem Glau⸗ ben, daß, wenn es hienieden Menſchen gibt, die zum Boͤſen geneigt ſind, oben ein Auge wacht, das es ver⸗ huͤtet und verguͤtet.“ Cherubim druͤckte mit Freundſchaft Monfreville's Hand; dann verließen ſie eilig das Haus auf dem aͤußern Bou⸗ eard, aus welchem ſich ſogar der kleine Bruno entfernt hatte, denn ſie begegneten Niemand mehr. Sie ſtiegen mit Jasmin in den Wagen, den man uͤbrigens beinahe mit Gewalt hineinſchieben mußte, weil der alte Diener abermals hintenauf ſtehen wollte. Nach Hauſe zuruͤckgekehrt, erzaͤhlte Cherubim Mon⸗ freville, wie Darena die ganze Geſchichte eingefaͤdelt und ihm beſonders das tiefſte Stillſchweigen uͤber dieſen Liebes⸗ handel anempfohlen hatte. 39— „Ich wundere mich nicht, warum er Ihnen verbot, mit mir daruͤber zu ſprechen,“ ſagte Monfreville;„er dachte natuͤrlich, ich werde der Geſchichte einer polniſchen Graͤfin, die ſich von einem jungen Menſchen, den ſie nur ein einziges Mal im Schauſpielhauſe geſehen hat, entfuͤhren laſſen wolle, keinen Glauben beimeſſen.“ „— Er ſagte mir, Sie ſpielen jetzt den Tugendhaften, den Rigoriſten, um Ihr fruͤheres Betragen vergeſſen zu machen; er verſicherte mich, daß Sie ſonſt Ihres Liebes⸗ gluͤckes und Ihrer Eroberungen wegen bekannt geweſen ſeien und damals weit weniger ſtrenge Grundſaͤtze ge⸗ habt haͤtten, wie heutzutage... Entſchuldigen Sie mich .. ich wiederhole nur ſeine Worte.“ Monfreville's Stirne verfinſterte ſich, Betruͤbniß druͤckte ſich in ſeinen Zuͤgen aus, und er ſchwieg eine Zeit lang. Endlich ſeine Blicke feſt auf Cherubim hef⸗ tend, verſetzte er mit ſchmerzlichem Tone: „In der That, mein Freund, ich habe in meiner Jugend viele Thorheiten begangen... hatte mir zuweilen ſchwere Vergehen vorzuwerfen... aber ich wurde ſo grauſam beſtraft, daß ich mich fruͤhzeitig beſſerte.. was mich aber nicht abhaͤlt, gegen Andere nachſichtig zu ſein, denn ich weiß wohl, daß es in unſerer Natur liegt,. Schwachheiten, Leidenſchaften zu haben und zuweilen von ihnen hingeriſſen zu werden. Ich will Ihnen gelegentlich einmal eine Geſchichte aus meiner Jugend erzaͤhlen, die auf mein ganzes uͤbriges Leben Einfluß hatte. Daraus werden Sie erſehen, daß dieſe Liebes⸗Verhaͤltniſſe, die man im zwanzigſten Jahre ſo leichtſinnig behandelt, oft ſehr bittere Folgen nach ſich ziehen!“ 40 Cherubim ſeufzte, indem er ſprach: „Bis jetzt war ich mit meinen Liebſchaften nicht gluͤcklich und meine galanten Abenteuer haben mir noch nicht viel Annehmlichkeiten gewaͤhrt!“ Zweites Kapitel. Ein großes Mittageſſen. Seit Herr von Noirmont ſeinen Entſchluß in Betreff Louiſens entſchieden ausgedruͤckt hatte, aͤußerte Erneſtinens Mutter kein Wort mehr, welches zur Vermuthung ver⸗ anlaſſen konnte, ſie habe immer noch im Sinne, das junge Kammermaͤdchen fortzuſchicken; es ſchien im Gegen⸗ theil, als waͤre Frau von Noirmont, mit volliger Er⸗ gebung in den Willen ihres Gatten, von dem gegen Louiſe gehegten Vorurtheile zuruͤckgekommen; ſie behan⸗ delte dieſelbe zwar ſtets mit einer zuweilen an Strenge graͤnzenden Kaͤlte: allein der ſonſt rauhe, widerwillige Ton ihrer Stimme milderte ſich oft beinahe bis zur Freundlichkeit: es war, als ob die Anmuth in dem gan⸗ zen Weſen dieſes jungen Maͤdchens, der ſchuͤchterne Ge⸗ horſam und der Eifer, womit ſie ihr Dienſte leiſtete, Frau von Noirmont beſiegt und manchmal gegen ihren Willen zum Wohlwollen verleitet haͤtte. Louiſe erfuhr nichts davon, daß ſie Frau von Noir⸗ mont hatte fortſchicken wollen; da Erneſtine und ihr Vater allein hievon unterrichtet waren, ſo hielt erſtere, als ſie vernahm, daß ihrer Mutter Entſchluß nicht in 41 Ausfuͤhrung kommen werde, es fuͤr uͤberfluͤſſig, mit Louiſen daruͤber zu ſprechen, denn mit Recht dachte das Fraͤulein, die Nachricht, daß ſie, ſtatt durch ihren Eifer die Zuneigung ihrer Gebieterin zu gewinnen, von der⸗ ſelben aus den Dienſten entlaſſen werden ſollte, wuͤrde Louiſen betruͤben. Und was Herrn von Noirmont anbe⸗ trifft, ſo war dieſer, wenn er einmal ſeinen Willen aus⸗ geſprochen hatte, nicht der Mann, ſich mit irgend Je⸗ mand uͤber das Innere ſeines Hausweſens einzulaſſen. Aber leicht konnten Louiſe und die uͤbrigen Hausge⸗ noſſen bemerken, daß Frau von Noirmonts Stimmung jeden Tag truͤbſeliger und ſchwermuͤthiger wurde; nie⸗ mals trat ein Laͤcheln auf ihre Lippen, ſie mied die Menſchen; die Beſuche waren ihr unangenehm und zur Laſt, ſie zog ſich in ihr Zimmer zuruͤck und befahl, zu ſagen, ſie ſei ausgegangen oder unwohl, damit man ihr Alleinſein nicht ſtore; oft ſchien ihr ſogar die Gegenwart ihrer Tochter zuwider und mißfaͤllig. Die liebenswuͤrdige Erneſtine, welche nichts verſchuldet hatte, was ihr der Mutter Zaͤrtlichkeit haͤtte entziehen konnen, war daher oft ganz traurig, ſich ſo kalt behandelt zu ſehen; wenn ſie ſich Frau von Noirmont naͤherte, um ſie zu umarmen, ſo ſtieß dieſe ihre Tochter entweder unwillig zuruͤck, oder nahm den Ausdruck ihrer Zuneigung gleichguͤltig auf z dann entfernte ſich das junge Maͤdchen, die Thraͤnen zu⸗ ruͤckbraͤngend, die ihr in die Augen traten, weil ſie aus Furcht, die Mutter zu beleidigen, dieſelben nicht bemerken laſſen wollte. 3 Als Louiſe ihre Gebieterin heimlich die Augen wiſchen ſah, ſagte ſie leiſe zu ihr: 42 „Sie ſind betruͤbt, gnaͤdiges Fraͤulein, ich bin uͤber⸗ zeugt, nur deßhalb, weil Ihre Mutter Sie ſeit einiger Zeit nicht mehr in ihre Arme ſchließt!“ Erneſtine ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ant⸗ wortete: „Es iſt wahr! ich weiß nicht, was die Mutter gegen mich haben kann... ich zerbreche mir vergeblich den Kopf, um mich zu beſinnen, ob ich durch Etwas ihr Mißfallen verdient habe... aber ich erinnere mich nichts .. ſeit einiger Zeit nennt ſie mich nicht mehr ihre liebe Tochter.. druͤckt mich nicht mehr an ihr Herz... und doch iſt es unmöglich, daß ſie mich nicht mehr liebt... nicht wahr, Louiſe?... ihr Geſundheitszuſtand macht ſie ſo.. ſie leidet an den Nerven... ſie klagt nicht, aber ich weiß gewiß, daß ſie krank iſt, man ſieht's auch recht gut, ſie hat ſich ſeit einiger Zeit ſehr veraͤndert.“ „— Das iſt wahr, gnaͤdiges Fraͤulein, ich bemerkte es ſelbſt. O! Sie haben recht, der gnaͤdigen Frau Un⸗ wohlſein iſt an ihrer Traurigkeit und ihrer Kaͤlte gegen Sie Schuld... aber warum laſſen Sie keinen Arzt rufen?“ „Mehrmals ſchon ſagte ich zur Mutter: Du biſt blaß, Du ſiehſt leidend aus.., man ſollte Herrn Derbaut, unſern Doktor, holen laſſen, aber Mama erwidert mir in mißmuthigem Tone: mir fehlt nichts... es iſt uͤber⸗ fluͤſſig, den Doktor kommen zu laſſen, ich brauche ihn nicht.“ Beide junge Maͤdchen theilten ſich auf ſolche Weiſe ihre Gedanken mit, indem ſie daruͤber nachdachten, wie ſie, die Eine ihrer Mutter, die Andere ihrer Gebieterin * . . 43 gefallig ſein koͤnnten. Denn trotz ihrer Strenge und der Wunderlichkeit ihrer Launen, die oft in Ungerechtig⸗ keit uͤbergingen, liebten beide Frau von Noirmont: Er⸗ neſtine, mit aller Zaͤrtlichkeit und aller Anhaͤnglichkeit eines Kindes, welches die Fehler ſeiner Mutter nicht be⸗ merken will; Louiſe mit einer achtungsvollen Ergeben⸗ heit, die ſie veranlaßt haͤtte, ſich den ſchwerſten Arbeiten zu unterziehen, wenn ſie ihr haͤtten ein Laͤcheln der Ge⸗ bieterin erwerben koͤnnen. Aber Frau von Noirmont ſchien ſorgfäͤltig alle Ge⸗ legenheiten zu vermeiden, wobei ſie Louiſens Dienſte noͤthig gehabt haͤtte; nur in Anweſenheit ihres Mannes oder wenn es unvermeidlich war, ertheilte ſie ihr einige Be⸗ fehle oder nahm ſie Etwas aus ihren Haͤnden an. Das junge Kammermaͤdchen, welches allen Wuͤnſchen ihrer Gebieterin hätte zuvorkommen moͤgen, folgte ihr bis⸗ weilen in der Hoffnung, ſich nuͤtzlich zu zeigen, mit den Augen, wenn aber Frau von Noirmont Louiſens Blicke auf ſich gerichtet fand, verduͤſterte ſich ihre Stirne und ſie gab ihr ſogleich einen Wink, ſich zu entfernen. Eines Tages befand ſich Frau von Noirmont, wie gewoͤhnlich, allein in ihrem Zimmer und hielt ein Buch in der Hand, worin ſie jedoch wenig las, weil ſie oft ſo in Gedanken verſank, daß ſie die Lektuͤre daruͤber ver⸗ gaß. Erneſtine ſaß in geringer Entfernung von ihr, arbeitete an einer Stickerei und warf von Zeit zu Zeit heimlich einen Blick auf ihre Mutter, um ihren Augen zu begegnen und ein Laͤcheln von ihr zu erhalten, welches fuͤr ſie eine ſeltene Gunſt geworden war. Frau von Noirmont wendete ſich gegen ihre Tochter, Zeit ſehr ungerecht gegen Dich finden... und glaubſt 44 und reichte ihr das Buch mit den Worten dar:„Er⸗ neſtine hole nur den zweiten Band dieſes Werkes, du wirſt ihn auf der zweiten Reihe links im Bibliothekzimmer finden.“. Das junge Maͤdchen erhob ſich raſch, nahm das Buch und verließ eilig das Zimmer, um ihrer Mutter zu gehorchen. Nachdem ſie den von Frau von Noirmont verlangten Band in der Bibliothek geholt hatte, wollte ſie ihr denſelben uͤberbringen, traf aber im Salon ihren eben angekommenen Zeichenlehrer, der ſie zum Unterricht erwartete, daher gab ſie Louiſen das Buch, beauftragte ſie, es ihrer Mutter zu uͤberbringen, und ſetzte ſich neben den Lehrmeiſter, um ihre Stunde zu nehmen. Louiſe nahm das Buch und trug es in das Zimmer ihrer Gebieterin; beim Eintritt in dasſelbe fing ſie zu zittern an, ſie fuͤrchtete, Frau von Noirmont's Unwillen zu erregen, weil dieſe nicht ihr den Auftrag ertheilt hatte... indeſſen ging ſie doch hinein. Frau von Noirmont ſaß dort mit auf die Bruſt ge⸗ ſenktem Haupte, ſie erhob die Augen nicht, als ſie Je⸗ mand ins Zimmer treten hoͤrte, denn ſie zweifelte gar nicht, daß es Erneſtine ſei; Louiſe ſchritt auf ſie zu und uͤberreichte ihr das Buch, ohne daß ſie es gewagt haͤtte, ein Wort zu ſprechen. Frau von Noirmont faßte jedoch, ploͤtzlich von einem Gefuͤhle muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit getrieben, die Hand, welche ihr das Buch darreichte, druͤckte ſie innig, und fluͤſterte: Meine arme Tochter... Du mußt mich ſeit einiger —* — 4⁵ vielleicht, ich liebe Dich nicht mehr... denke das nicht, mein Kind, ich liebe Dich immer gleich... aber Du kannſt nicht begreifen, was in meinem Herzen vergeht... und was ich leide... ach! Du ſollſt es nie erfahren...“ In dieſem Augenblick richtete Frau von Noirmont, während ſie das junge Maͤdchen zu ſich hervorzog, um ſie in ihre Arme zu ſchließen, das Haupt in die Hoͤhe und erkannte jetzt erſt Louiſen. Sie blieb ſtumm, regungs⸗ los, ein Ausdruck des Entſetzens malte ſich in alen ihren Zuͤgen, ihr Angeſicht wurde leichenblaß, ſie erhob die Augen gen Himmel und ſtotterte: O mein Gott... und ich habe ſie meine Tochter genannt!. Verzeihung, gnaͤdige Frau, Verzeihung!“ fluͤſterte Louiſe, uͤber den Zuſtand erſchreckt, worin ſie ihre Herr⸗ ſchaft erblickte.„Es iſt nicht meine Schuld... das gnä⸗ dige Fraͤulein wollte..“ Frau von Noirmont ſuchte ihre Beſtuͤrzung gewalt⸗ ſam zu verbergen und fuhr mit rauhem, geſtrengem Tone fort:„Warum ſind Sie zu mir hereingekommen? Habe ich nach Ihnen verlangt?... was thun Sie hier? Wollen Sie meinen Gedanken... meinen Geheimniſſen auflauern?.. „— O, gnaͤdige Frau... mein Gott.. koͤnnten Sie glauben?“ —„Begegne ich nicht ſeit einiger Zeit Ihren ſtets auf mich gehefteten... mich verſgeaenden... meine ge⸗ ringſte Bewegung beobachtenden Blicken?... Was ver⸗ anlaſſet Sie hiezu? Haben Sie irgend einen Grund... irgend eine geheime Urſache?.. Nun, ſprechen Sie einmal! „Gnaͤdige Frau, wenn ich Sie beleidigt habe... ſo war es gewiß nie meine Abſicht, wenn meine Blicke zu⸗ weilen auf Ihnen hafteten, ſo geſchah es deßhalb, weil ich gluͤcklich geweſen waͤre, Ihnen einen Wunſch abzu⸗ lauſchen... Etwas zu thun, was Ihnen angenehm ge⸗ weſen waͤre... kurz ein freundliches Wort oder einen wohlwollenden Blick von Ihnen zu erhalten... das war meine ganze Abſicht, wenn ich es wagte, Sie anzublicken... zudem war es ein Gluͤck, welches ich mir goͤnnte... deſſen ich mich aber berauben werde, gnaͤdige Frau, weil Sie mir es verſagen.“. Louiſe beugte ſich vor ihrer Gebieterin, warf ſich beinahe zu ihren Fuͤßen nieder, und ihre Stimme war ſo bebend geworden, daß ſie kaum dieſe Worte hatte voll⸗ enden koͤnnen. 3 Frau von Noirmont ſchien heftig ergriffen, es war als ob ein Kampf im Innerſten ihrer Seele ausbraͤche; ſie ſtand auf, machte einige Schritte im Zimmer umher, entfernte ſich von Louiſen, trat dann wieder auf ſie zu, blickte ſie lange, ſehr lange, aber nicht mehr mit dem Ausdrucke der Strenge an, ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen. Ploͤtzlich eilte ſie auf das junge Maͤdchen zu, welches mit niedergeſchlagenen Augen unbeweglich auf dem ſelben Platze ſtand, ergriff ihre Hand und zog ſie zu ſich her... aber eben ſo ſchnell ſtieß ſie ſie heftig wieder zuruͤck und ſagte mit Haſtigkeit zu ihr: „Gehen Sie, verlaſſen Sie mich, Mamſell... ich bedarf Ihrer nicht mehr!“ Louiſe gehorchte, entfernte ſich und dachte: „Mein Gott, was hat ſie denn, was habe denn ich gegen ſie verſchuldet?“ 47 Acht Tage nach dieſer Begebenheit kuͤndigte Herr von Noirmont ſeiner Frau an, daß er ein großes Mit⸗ tagsmahl geben werde. Er nannte ihr die eingeladenen Perſonen, deren Zahl ſich auf fuͤnfzehn belief, und fuͤgte hinzu: „FIch hatte die Abſicht, auch den jungen Marquis von Grandvilain einzuladen... aber da ich ihn aufgefordert habe, mich zu beſuchen, und er bisher meiner Einladung keine Folge geleiſtet hat, ſo erſah ich, daß dieſer junge Mann nicht die mindeſte Bereitwilligkeit zeigt, mit einem alten Freunde ſeines Vaters umzugehen. Er wird alſo nicht zugegen ſein.“ Frau von Noirmont konnte nicht verhehlen, wie widrig ihr ſchon zum Voraus dieſes Mittageſſen war. Aber Herr von Noirmont erwiderte ganz trocken: „In der That, Madame, wenn ich mich nach Ihnen richtete, wuͤrden wir Niemand mehr in unſerem Hauſe ſehen und wie die Nachteulen leben! Ich bin kein Narr! kein allzugroßer Liebhaber von Vergnuͤgungen!... aber ich mag auch nicht leben wie ein Einſiedler. Ueberdies, Madame, haben wir eine Tochter, und es iſt unſere Pflicht, uns um ihr Gluͤck zu bekuͤmmern; in einiger Zeit werden wir an ihre Verheirathung, an eine paſſende Verſorgung fuͤr ſie denken muͤſſen; indeſſen duͤrfen wir ſie nicht von der Welt abſondern, worin ſie einſt als Zierde zu glaͤnzen berufen iſt. Sie verweigern der armen Erneſtine jede ſich darbietende Gelegenheit, in eine Soiree, ein Conzert... oder auf einen Ball zu gehen. Sie ſchuͤtzen vor, krank zu ſein... je nun, ich kann Sie nicht zum Ausgehen zwingen, Madame, da aber Ihre Geſundheit Sie unaufhoͤrlich im Hauſe zuruͤckhaͤlt, ſo werden wir hier Geſellſchaften empfangen; das iſt jetzt mein Entſchluß!“ Frau von Noirmont machte keine weitere Einwendung, denn ſie wußte wohl, daß, ſobald ihr Mann irgend Et⸗ was feſtgeſetzt hatte, ihn Niemand wieder davon ab⸗ bringen konnte; und Herr von Noirmont verließ ſie mit dem Auftrage, ihre Anordnungen zu treffen, damit bei dem auf den folgenden Donnerſtag feſtgeſetzten Eſſen nichts fehle. Frau von Noirmont fuͤgte ſich darein, und als der zur Geſellſchaft beſtimmte Tag heranruͤckte, ertheilte ſie ihre Befehle und beſchaͤftigte ſich mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit; fuͤr Erneſtinen war die Nachricht, daß man viele Gaͤſte haben und ein großes Eſſen halten werde, eine große Freude und zum Voraus ein Feſt. Sie hatte ſo ſelten Gelegenheit zur Zerſtreuung, daß ihr Alles, was von der gewohnlichen Einformigkeit ihres Lebens abwich, ſchon als ein Gluͤck erſchien. Louiſe hegte die Hoffnung, dieſes Eſſen werde ihr Gelegenheit geben, ſich nuͤtzlich und eifrig zu zeigen, und theilte deßhalb die kindliche Freude ihrer jungen Herrſchaft. Endlich war der Tag erſchienen, wo das Innere dieſes ſonſt ſo ruhigen Hauſes von der lauten Unterhal⸗ tung und dem ſchallenden Gelaͤchter einer zahlreichen Geſellſchaft ertoͤnen ſollte. Vom fruͤhen Morgen an herrſchte eine rege Bewegung im Hotel Noirmont; der Herr allein blieb wie gewoͤhnlich ruhig an der Arbeit in ſeinem Studirzimmer und erwartete die Ankunft der Geſellſchaft; aber Frau von Noirmont ertheilte ihre An⸗ 49 ordnungen, uͤberwachte die Zuruͤſtungen und ſorgte, daß keiner ihrer Befehle vernachlaͤßigt werde; Erneſtine folgte ihrer Mutter mit Huͤpfen und Lachen und verſprach ſich viel Vergnuͤgen von dem Tage; dann ſagte ſie zu Louiſe: „Du mußt Dich bis zum Eſſen recht ſchoͤn machen, weil Du mit Comtois bei Tiſche ſerviren mußt; dies iſt bei uns, wenn wir Geſellſchaft haben, gebraͤuchlich.”“ „Seien Sie ruhig, gnaͤdiges Fraͤulein,“ entgegnete Louiſe,„ich weiß nicht, ob ich mich ſchoͤn machen kann, aber ich verſpreche Ihnen, mein Moͤglichſtes zu thun, um gut zu ſerviren, damit Ihre Frau Mutter mit mir zufrieden ſei.“ 5 Aber wenige Augenblicke, ehe die Beſuche ankommen ſollten, ſprach Frau von Noirmont zu ihrer Tochter: „ Erneſtine, ich wuͤnſche nicht, daß Deine Kammer⸗ jungfer bei Tiſch ſervire, ſage ihr, ſie koͤnne in ihrem Zimmer bleiben, man brauche ſie nicht.“ Erneſtine begriff dieſe Laune ihrer Mutter nicht, ſah ſie an und ſtotterte: „Aber Mutter, gewoͤhnlich... wenn wir Geſellſchaft geben...“ 3 4 „— Meine Tochter, Deine Bemerkungen ſind uͤber⸗ fluͤſſig, thue, was ich Dir ſage.“ Erneſtine gehorchte ihrer Mutter; ſie begab ſich traurig in Louiſens Zimmer, welche ſie bei Beendigung ihrer Toilette antraf. „Gnaͤdiges Fraͤulein,“ fragte dieſelbe,„wie ſinden Sie mich... iſt mein Anzug paſſend?“ „Ja... ol meine arme Louiſe, Du biſt recht artig!“ entgegnete Erneſtine ſchwer ſeufzend,„es war äͤber nicht Paul de Kock. VIII. 4 der Muͤhe werth, Dich ſo ſchon anzuziehen... Die Mutter wuͤnſcht nicht, daß Du bei Tiſche ſervireſt... ſie ſagt, Du koͤnneſt in Deinem Zimmer bleiben.“ Louiſens Angeſicht druͤckte die Betruͤbniß aus, welche dieſer Befehl in ihr erregte, aber ſie erlaubte ſich kein Murren, ſondern entgegnete: „Ich werde gehorchen, gnaͤdiges Fraͤulein; Ihre Frau Mutter hat ohne Zweifel Gruͤnde hiezu... Ach! ich fuͤrchte, ſie zu errathen... ſie will mich nicht ſehen... meine Gegenwart iſt ihr laͤſtig... ich werde gehorchen ... ſie ſoll mich nicht ſehen.“ Erneſtine fuͤhlte nicht die Kraft, Louiſen zu wider⸗ ſprechen, denn in der Erinnerung, daß ihre Mutter Louiſen ſchon fortſchicken wollte, glaubte auch ſie, daß dieſe richtig gerathen habe; ſie begnuͤgte ſich, ihr die Hand zu druͤcken, und verließ ſie, weil die Stunde zur Ankunft der Gaͤſte geſchlagen hatte. Wirklich kam auch alsbald die Geſellſchaft an. Herr von Noirmont hatte mehr Herren als Damen eingeladen; indeſſen begleitete die Frau eines Advokaten ihren Mann; dies war eine große, ſehr duͤrre, ſehr ſteife, ſehr an⸗ ſpruchsvolle Frau, die ſich mit dem groͤßten Vergnuͤgen ſprechen hoͤrte, dagegen niemals Andere hoͤren wollte. Eine andere junge, friſche und anmuthige Dame bil⸗ dete einen auffallenden Contraſt zu dieſer erſtern; dies war die Gattin eines Anwalts, der ſich verheirathet hatte, um ſeine Stelle zu bezahlen. Der Advokat hatte die große, duͤrre genommen, um mit Muſe auf Clienten warten zu konnen. Heutzutage iſt in der Welt die Hei⸗ rath ein Geſchaͤft und beinahe niemals eine Sympathie., 3 — Einige ernſte Maͤnner, zwei junge Mode⸗Herren und Herr Trichet, den wir ſchon bei Madame Celival begeg⸗ neten, machten die Geſellſchaft vollſtaͤndig. Herr von Noirmont empfing ſeine Gaͤſte mit dem gewoͤhnlichen Phlegma. Frau von Noirmont, die ſich faſſen und in die Anweſenheit der Beſuche ſchicken mußte, gab ſich wenigſtens Muͤhe, ihren Widerwillen gegen dieſelben zu unterdruͤcken; ſie machte die Wirthin vortrefflich, zwang ſich zu laͤcheln, und wußte, wenn es ihr darum zu thun war, Jedem von der Geſellſchaft etwas Angenehmes zu ſagen, welches um ſo mehr ſchmeichelte, da man nicht daran gewoͤhnt war. Erneſtine wurde wieder heiter, als ſie ihre Mutter es ſcheinen ſah;z in ihrem Alter vergißt man kleine Wider⸗ waͤrtigkeiten ſo leicht, und ſeit läͤngerer Zeit hatte ſie ſo ſelten Gelegenheit, ſich zu unterhalten, zu zerſtreuen, daß ſie die ſich darbietende mit Freuden ergriff. Als Fraͤulein vom Hauſe richtete man jene Schmeicheleien an ſie, die man zwar nicht glauben ſoll, die aber ſtets angenehm fuͤrs Ohr ſind; man fand ſie groͤßer, ſchoͤner; man ſagte ihr dies nicht ſelbſt, aber man ſagte es doch laut genug, daß es zu ihren Ohren dringen konnte. Frau von Noirmont nahm die ihrer Tochter gemachten Complimente mit Gleichguͤltigkeit hin; Herr von Noir⸗ mont ſchien daruͤber entzuͤckt. Herr Trichet war immer derſelbe, er e ſorach unauf⸗ hörlich, wollte alles wiſſen, miſchte ſich in jede Unter⸗ redung und lauſchte fortwaͤhrend auf Alles, was im Saale geſprochen wurde; dieſer Mann hatte in Geſell⸗ ſchaft vollauf zu thun. die Blicke ihrer Eltern, und Herr Trichet, der uͤber Comtois meldete, das Eſſen ſei aufgetragen, und die ganze Geſellſchaft begab ſich in den Speiſeſaal. Man ſetzte ſich zu Tiſche und fing mit jenem Schweigen der gebildeten Geſellſchaft zu ſpeiſen an, welches oft bis zum Nachtiſche dauert. Man war noch beim erſten Gang, als Herr von Noirmont, der nicht ſchnell genug ſervirt wurde, um ſich blickte und zu Comtois ſagte: „Wo iſt denn die Kammerjungfer?.. warum ſer⸗ virt ſie nicht mit Dir?.. Es wundert mich nicht, daß das Auftragen ſo langſam geßt.. was treibt ſie denn? haſt Du ihr nicht geſagt, ſie muͤſſe bei Tiſche ſerviren helfen.. Comtois fuͤhlte ſich in peinlicher Verlegenheit; denn kals er Louiſen rief, hatte ihm dieſe den Befehl ihrer Ge⸗ bieterin mitgetheilt. Er ſuchte auszuweichen und entgeg⸗ nete halblaut: „Gnaͤdiger Herr... die gnäͤdige Frau.. hat geſagt . es ſei uͤberfluͤſſig...“ Herr von Noirmont ließ Comtois nicht vollenden, er verſetzte mit herriſchem Tone: „Rufe augenblicklich Louiſen her, ſie ſoll Dir beim Auftragen behuͤlflich ſein.“ Comtois ließ ſich dieſen Befehl nicht zweimal wieder⸗ holen, um ſo mehr, als es ihm innerlich hoͤchſt ange⸗ nehm war, von der Kammerjungfer unterſtuͤtzt zu werden. Frau von Noirmont ſchlug die Augen nieder und wurde entſetzlich blaß. Erneſtine beobachtete furchtſam Alles ſeine Bemerkungen machte, rief aus: 53 „Ach! Sie haben eine Kammerjungfer, die nicht bei Tiſche ſerviren will!... Sie haben vollkommen Recht, ſie dazu zu zwingen... die Dienſtboten ſind heutzutage zum Verwundern! wenn man ſie machen ließe, wuͤrden ſie gar nichts thun, und ſich dabei theuer bezahlen laſſen. Ich bin neugierig, Ihre Kammerjungfer zu ſehen.“ Louiſens Eintritt machte dieſen Geſpraͤchen ein Ende. Das junge Maͤdchen wurde durch Comtois⸗ Auftrag ſehr in Verlegenheit gebracht; ſie zogerte anfänglich, ihm zu folgen; aber Comtois hielt ihr entgegen: „Sie muͤſſen kommen, Mamſell, der gnaͤdige Herr verlangt es, und wenn er befiehlt, muß man gehorchen.“ Louiſe entſchloß ſich alſo, dem Kammerdiener zu fol⸗ gen; waͤhrend ſie aber dem Befehle ihres Herrn Folge leiſtete, ſetzte ſie der Gedanke, gegen den Wunſch ihrer Gebieterin zu handeln, ſehr in Bekuͤmmerniß; daher er⸗ ſchien ſie mit geſenktem Blicke und hochgeroͤtheten Wan⸗ gen, weßhalb ſie jedoch nur um ſo huͤbſcher war und bei dem groͤßten Theil der Gaͤſte durch ihre Schoͤnheit Staunen erregte. „Wahrhaftig,“ ſagte Trichet,„das junge Maͤdchen hatte Unrecht, ſich nicht zu zeigen!... Ich habe wenig ſo huͤbſche Dienſtboten geſehen... hm? was ſagen Sie dort unten, Herr Dernange?... o! ich hoͤre Sie ſchon .. Sie ſagen ein griechiſches Profil... ja, beinahe... uͤbrigens griechiſch oder nicht, es iſt jedenfalls fuͤr eine Kammerjungfer ſehr edel.“ Die beiden jungen Herren aͤußerten ihre Bemerkungen nicht ſo laut, wie Herr Trichet, aber ſie betrachteten Louiſen unablaͤſſig und ließen ſatwabernd ihre Teller wechſeln. 54 Die große, anſpruchsvolle Dame warf einen veraͤcht⸗ lichen Blick auf Louiſen und murmelte: „Ich kann nicht begreifen, wie man eine Magd huͤbſch finden kann.“ Und die andere Dame rief aus: „Das junge Maͤdchen iſt reizend und hat eine ſo ſittſame Miene... Alles ſpricht zu ihren Gunſten.“ „O! o!“ verſetzte Herr Trichet,„dieſen Mienen muß man nicht trauen... ſie taͤuſchen oft ſehr... Ich weiß davon zu ſprechen; ich hatte ſchon zweihundert Haushaͤlterinnen und alle haben mich beſtohlen.“ Frau von Noirmont erwiderte auf alle durch die Er⸗ ſcheinung des jungen Kammermaͤdchens veranlaßten Be⸗ merkungen nichts; aber man ſah, daß ſie litt und ge⸗ waltſame Anſtrengungen machte, ſich ſo ruhig und heiter . zu geben, wie vorher. Erneſtinens Munterkeit war verloren, denn ſie er⸗ rieth, daß ihre Mutter leide. Herr von Noirmont, durch die Beobachtung ſeiner Befehle zufrieden geſtellt, beſchaͤftigte ſich nur mit ſeinen Gaͤſten und beachtete die Blaͤſſe ſeiner Frau nicht im Geringſten. Indeſſen ging die Unterhaltung bald auf einen andern Gegenſtand uͤber, und Frau von Noirmont athmete etwas freier. Louiſe ſervirte mit dem groͤßten Eifer, ſchlug, wenn ſie in die Naͤhe ihrer Gebieterin kam, nicht wagend, die⸗ ſelbe anzublicken, die Augen nieder und vermied es, ihr jemals gegenuͤber zu ſtehen. Aber ploͤtzlich drang der Namen Cherubims zu den 4* 5⁵ Ohren der Jungfrau. Herr Trichet, der von einer Abend⸗ geſellſchaft der Graͤfin v. Valdieri ſprach, rief aus: „Der junge Marquis von Grandvilain war nicht zu⸗ gegen... Ich habe auch die Bemerkung gemacht, daß er nicht mehr zu Madame Celival kommt... Das ſcheint mir ſonderbar, denn Jedermann weiß, daß er dieſen Da⸗ men die Cour machte.. er iſt noch zu ſehr Neuling, um ſeine Empfindungen zu verbergen„. er ſah ſie auf⸗ fallend oft an... es war laͤcherlich...“ In dieſem Augenblick hielt Louiſe einen Teller mit einem Hahn in Oliven⸗Sauce, den man ihr befohlen hatte, der großen Frau des Advokaten zu praͤſentiren; als ſie aber von Cherubim ſprechen hoͤrte, vergaß ſie, was ſie that, ließ den Teller fallen, den ſie eben uͤber die Schulter der anſpruchsvollen Dame hinbot, und ſchuͤt⸗ tete ihr die Hahnen⸗Sauce uͤber das Kleid. „Wie einfaͤltig, wie dumm ſind Sie!“ rief die große Dame, mit wuͤthenden Blicken auf Louiſen, aus.„Wenn man nicht im Stande iſt, einen Teller zu uͤberreichen, ſo bleibt man in ſeiner Kuͤche!“ Louiſe ſtand ſtarr, außer ſich, troſtlos. Die Herren, welche ſie ſo noch huͤbſcher fanden, ſuchten ſie zu ent⸗ ſchuldigen; Erneſtine ſtand eilig auf, das Kleid der Dame abzuwiſchen, woran Louiſe nicht einmal gedacht hatte. Was Frau von Noirmont betrifft, ſo erhob dieſe ſich, als ſie Louiſe einfaͤltig und dumm ſchelten hoͤrte, zur Haͤlfte von ihrem Stuhle, ihre Brauen zogen ſich zuſammen, ihre Augen ſchleuderten einen Augenblic Blitze, dann aber ſank ſie wie todt wieder zuruͤck. Aad. Herr Trichet, der neben ihr ſaß, rief aus:. alle Angehorigen des Hauſes Noirmont in ihre Zimmer 56 „Frau von Noirmont iſt ſicher nicht wohl... Fuͤhlen Sie ſich nicht ganz gut, gnaͤdige Frau?“ „Es hat hoffentlich nichts zu bedeuten,“ erwiderte Frau von Noirmont, vom Tiſche aufſtehend.„Ein plotzliches Uebelſein... ich will etwas friſche Luft ſchopfen.“ Erneſtine befand ſich bereits neben ihrer Mutter, unterſtuͤtzte ſie, reichte ihr den Arm und beide verließen den Speiſeſaal. Dieſes Ereigniß machte Louiſens Ungeſchicklichkeit ver⸗ geſſen, und obgleich die große Dame unaufhoͤrlich von ihrem Kleide ſprach, ſchenkte ihr doch Niemand Gehor. Nach zehn Minuten kehrte Frau von Noirmont auf ihren Platz am Tiſche zuruͤck. Sie war immer noch ſehr blaß, verſicherte aber, es ſei ihr beſſer. Das Eſſen ging ziemlich traurig zu Ende; der Unfall, welcher der Herrin des Hauſes zugeſtoßen war, hatte die Heiterkeit verſcheucht. Man begab ſich in den Geſellſchafts⸗Saal. Die Maͤnner unterhielten ſich mit einander; die große Dame beſchaͤftigte ſich fortwaͤhrend mit ihrem befleckten Kleide. Frau von Noirmont laͤchelte gezwungen uͤber Herrn Tri⸗ chets Geſpraͤch; Erneſtine blickte ſtets nach ihrer Mutter, und die jungen Herren wendeten ſich oft nach der Thuͤre, aͤrgerlich, das huͤbſche Kammermaͤdchen nicht mehr ein⸗ treten zu ſehen. Man arrangirte eine Partie Whiſt, ſie dauerte aber nicht in die Laͤnge, und die Geſellſchaft ging weit vor Mitternacht aus einander, weil der lei⸗ dende Zuſtand der Frau von Noirmont Ruhe erheiſchte. Es war zwei Uhr Nachts. Laͤngſt ſchon mußten ſich 57 zuruͤckgezogen und dem Schlummer hingegeben haben. Louiſe, noch von dem Eindruck der heutigen Empfindungen wach gehalten, hatte eben erſt mit dem Gedanken an Cherubim, der in zwei Frauen verliebt ſein ſollte, die Augen geſchloſſen. Plotzlich oͤffnete man die Thuͤre jihres Zimmers; eine Perſon, mit einem Lichte in der Hand, trat vorſichtig ein; Louiſe oͤffnete ihre Augen wieder, ſie erkannte Frau von Noirmont, die, im Nachtkleide, blaß, wie beim Diner, ſich ihrem Bette naͤherte, nachdem ſie vorher ſtille geſtanden war, um ſich zu uͤberzeugen, daß ihr Niemand folge. „Mein Gott, Sie ſind's, gnaͤdige Frau...“ rief Louiſe aus,„ſind Sie krank? haben Sie vielleicht meine Dienſte noͤthig?... Ach! ich will ſogleich aufſtehen.“ „Bleiben Sie!... bleiben Sie und hoͤren Sie mich an!“ 3 Mit dieſen Worten verſchloß Frau von Noirmont die Zimmerthuͤre, ſetzte ſich dicht neben dias Bett, und ergriff eine von Louiſens Haͤnden, die ſie innig druͤckte, waͤhrend ſie mit erſtickter Stimme zu ihr ſprach: „Louiſe, Sie muͤſſen dieſes Haus verlaſſen... wenn DSie mehr wollen, daß ich zu Grunde gehe... daß mich der Schmerz toͤdte... Ach, was ich gelitten, iſt entſetz⸗ lich, und ich fuͤhle, daß ich nicht laͤnger die Kraft haben werde, es zu ertragen.“ „Wie, gnaͤdige Frau... ich bin die Urſache Ihrer Leiden, ach! ich will gehen... ja, ſeien Sie deſſen ver⸗ ſichert... Mein Gott, wenn ich es fruͤher gewußt haͤtte, ſo haͤtte ich Ihnen ſchon lange vielen Kummer erſpart... verzeihen Sie mir... denn, weit entfernt, Ihnen Be⸗ truͤbniß verurſachen zu wollen... haͤtte ich mein Leben hingegeben, um Ihnen meinen Eifer, meine Anhaͤnglich⸗ keit zu beweiſen... aber gleichviel, ich will gehen...“ „— Arme Louiſe!... Sie haſſen mich alſo nichtl... mich, die Sie ſo hart behandelte, die niemals ein gutes ſanftes Wort mit Ihnen ſprach!“ „— Ich, Sie haſſen? ach! gnaͤdige Frau, das ſcheint mir unmoͤglich... es iſt mir, als ob es meine Pflicht waͤre, Sie zu lieben... Oh! vergeben Sie mir... ich vergeſſe, daß ich nur ein armer Dienſtbote bin...“ „Sie... ein Dienſtbote!... Wehe! das iſt es, was mich toͤdtet, das kann ich nicht ertragen... Sie bei mir dienen!.. Großer Gott! ich war ſehr ſtrafbar, ich fuͤhle es, weil du mir dieſe Zuͤchtigung auferlegt haſt.. aber heute war die Qual zu groß... mein Gott!... was hab' ich geſagt? ich rede irre! Louiſe, armes Kind! Sie haben geglaubt, ich verabſcheue Sie und ſuche Sie deßhalb von mir zu entfernen... ach, wenn Sie in der Tiefe meiner Seele haͤtten leſen koͤnnen!...“ „— Vaͤr's möglich, gnädige Frau, Sie verab⸗ ſcheuen mich nicht... o! wie gluͤcklich bin ich...“ „Louiſe, hoͤren Sie mich an... Sie ſollen keine Dienerin ſein... Sie ſollen reich und gluͤcklich werden... armes Maͤdchen! Sie haben genug fuͤr Anderer Fehler gelitten.. Ihr Schickſal wird ſich anders geſtalten.. hier, nehmen Sie dieſen Brief, den ich eben geſchrieben habe, uͤbergeben Sie ihn der Perſon, an welche er ge⸗ richtet iſt, und die Sie von hier aus aufſuchen muͤſſen, ich weiß nicht, wo derjenige.. fuͤr den das Schreiben ———— 59 beſtimmt iſt, jetzt wohnt, um es jedoch zu erfahren, werden Sie zu Herrn Cherubim von Grandvilain gehen, deſſen Freund er iſt; und dort wird man Ihnen ſeine Wohnung bezeichnen. Die des Herrn Cherubim iſt Ihnen, glaub' ich, bekannt?“ „— O ja, gnaͤdige Frau, ja.. ich war zwei Mal in ſeinem Hotel. Und die Perſon, der ich dieſen Brief uͤberbringen ſoll?..“ „— Dieſe Perſon wird.. ſo den ke ich wenigſtens, Sie Ihrem Vater zuruͤckgeben...“ 5 „— Meinem Vater... o mein Gott!... wie, gnaͤ⸗ dige Frau!.., ich wuͤrde meine Eltern wiederfinden.. Sie kennen ſie alſo?“ „— Fragen Sie mich nicht weiter, Louiſe, was ich thue, iſt ſchon ſehr viel... ich hatte einen Schwur ge⸗ than, niemals dieſer Perſon wieder zu ſchreiben... aber ſeit ich Sie geſehen... habe ich gefuͤhlt, daß es unrecht, ſehr unrecht ſei, Sie der umarmungen des Vaters zu berauben, denn er wird ſehr gluͤcklich ſeyn, Sie wieder⸗ zufinden!... o! ja, ich bin uͤberzeugt, daß er Sie mit Sorgfalt und Liebe umgeben wird.“ „und von meiner Mutter, gnaͤdige Frau, von der ſprechen Sie mir nicht... werde ich ſie nicht auch ſehen. Ach, ich waͤre ſo gluͤcklich, ſie in meine Arme ſchließen zu duͤrfen!“ „Ihre Mutter.. o nein, das iſt unmoͤglich... Ihr Vater wird Ihnen den Namen derſelben verſchweigen, er muß es... und wenn er dieſen Ihnen doch enthuͤllte... ſo bedenken Sie, daß ein einziges unbeſonnenes Wort Ihre Mutter das Leben koſten wuͤrde!... Doch ich habe 60 hieruͤber genug mit Ihnen geſprochen. Morgen bei Ta⸗ gesanbruch, ehe Jemand im Hauſe aufgeſtanden iſt, ent⸗ fernen Sie ſich, Louiſe, nicht wahr, Sie verſprechen es mir?“ „— Ja, gnaͤdige Frau, ich verſpreche es.“ „— Gut.. und nun... kuͤſſen Sie mich!“ „— Erlauben Sie es mir?“ Statt aller Antwort umſchloß Frau von Noirmont Louiſen mit ihren Armen, zog ſie naͤher zu ſich heran und druͤckte ſie, unter tauſend Kuͤſſen, lange an ihr Herz. Das Gluͤck des jungen Maͤdchens war ſo groß, daß ſie zu traͤumen glaubte, und den Himmel anflehte, ſie nicht wieder zu erwecken. Aber Frau von Noirmont, deren Augen in Thraͤnen ſchwammen, that ſich Gewalt an; ſie riß ſich aus Louiſens Armen, druͤckte noch einen Kuß auf die Stirne der Jungfrau und entfernte ſich ſchnell, indem ſie noch voll Zaͤrtlichkeit zu ihr ſprach: „Vergiß nichts von Allem, was ich Dir geſagt habe!“ Louiſe blieb in eine Art Extaſe verſunken; die em⸗ pfangenen Kuͤſſe hatten ſie zum erſten Mal ein ſo reines Gluͤck fuͤhlen laſſen, daß ſie deſſen Dauer zu verlaͤngern ſuchte; ſie wagte weder uͤber das Geheimnißvolle in Frau von Noirmonts Betragen nachzudenken, noch es ſich zu entraͤthſeln, aber ſie wiederholte jeden Augenblick bei ſich: ſie liebt mich.. o ja, ſie liebt mich.. denn ſie hat mich lange an ihr Herz gedruͤckt... und mich... Du. genannt...,„vergiß nichts von Allem, was ich Dir geſagt habe!“ Ach! ich werde auch dieſe Worte nicht vergeſſen... mein ganzes Leben lang will ich mich daran erinnern. „ 61 Louiſe ſchloß den uͤbrigen Theil der Nacht die Augen nicht mehr. Sobald der Tag zu grauen anfing, ſtand ſie auf, kleiden e ſich eilends an und packte ihre Effekten zuſammen; dan ſteckte ſie den von Fraul von Noirmont empfangenen Brief in ihren Buſen, offnete ganz ſachte die Thuͤre, verließ die Stube, durchſchritt geraͤuſchlos mehre Zimmer, erreichte auf ſolche Weiſe die Treppe, den Hof, klopfte an das Fenſter des Portiers, ließ ſich das Thor aufmachen und befand ſich mit Anbruch des Tages auf der Straße. * Drittes Kapitel. Die Furcht. Seit ſeinem Abenteuer mit Chichette Chichemann ge⸗ rieth Cherubim nicht mehr ſo leicht in Flammen, aber er begann vielmehr zu begreifen, daß, was er fuͤr Liebe gehalten hatte, nichts als die unbeſtimmte Sehnſucht war, welche der Anblick einer huͤbſchen Frau in dem Herzen eines jungen Mannes erregt; eine Sehnſucht, die in ganz friſchen Herzen, bei welchen die Gefuͤhle noch den Reis der Neuheit haben, gar oft erwachen. Aber die bei ſeinen erſten Liebſchaften erlittenen Stoͤße hatten Cherubim noch furchtſamer, noch ſchuͤchterner gemacht; ſtatt durch die gemachten Erfahrungen vernuͤnftiger zu werden und ſich eines andern Betragens bei einem ga⸗ lanten Téte-à-Téte belehren zu laſſen, fuͤrchtete der arme Cherubim dermaßen, noch einmal ungluͤcklich oder un⸗ geſchickt zu ſein, daß er bei dem Gedanken an eine ver⸗ liebte Zuſammenkunft beinahe zitterte. Auf der andern Seite wurde der junge Marquis, da in ſeinem Alter die Liebe das erſte Glück des Lebens ausmacht, und er ſich dieſes Gluͤck nicht zu verſchaffen wußte, traurig und ſchwermuͤthig— im zwanzigſten Jahre, mit einem be⸗ deutenden Namen, einem ſchoͤnen Vermoͤgen, als ein huͤbſcher, wohlgeſtatteter Junge, der Alles beſaß, was die Welt gluͤcklich macht, war es Cherubim doch nicht; er verlor ſeine Heiterkeit, ſogar ſeine Farbe... er hatte nicht mehr jenen roſigen Teint, der ſonſt an ihm be⸗ wundert wurde; denn wir duͤrfen es uns nicht verhehlen, gleichwie das Uebermaß der Vergnuͤgungen zuweilen unſere Geſundheit angreift, ſo kann auch eine uͤbermaͤßige Ent⸗ haltſamkeit oder Tugendhaftigkeit denſelben Einfluß aus⸗ uͤben. Die Ertreme ſchaden jederzeit. Der junge Marquis beſuchte weder die Gräͤfin von Valdieri noch Madame Celival mehr, denn der eiskalte Empfang, den ihm dieſe Damen gewaͤhrten, glich einer Verabſchiedung; aber er traf ſie mitunter in den Ge⸗ ſellſchaften; dann ſchien es ihm, als ob ihn alle Damen auf ſonderbare Weiſe betrachteten, leiſe mit einander fluͤſterten und ſogar bei ſeinem Erſcheinen lachten; er theilte Freund Monfreville ſeine Befuͤrchtungen mit und ſagte zu ihm: 2 „ Haben wohl die kleine Gräͤfin und Madame Celi⸗ val ein boshaftes Gerede uͤber mich verbreitet?... ich denke doch, ihnen nichts gethan zu haben!“ „Gerade deßhalb,“ entgegnete Monfreville laͤchelnd „Aber, mein lieber junger Freund, ruͤtteln Sie ſich doch 63 aus der fuͤr Ihr Alter nicht tauglichen Apathie auf!... Sie beſitzen Alles, was gefaͤllt... fangen Sie andere Liebſchaften an! Unterhalten Sie drei oder vier Ver⸗ haͤltniſſe zugleich, betruͤgen Sie Ihre Geliebten recht eklatant, und Ihr Ruf wird bald wieder hergeſtellt ſein.“ „— Das koͤnnen Sie leicht ſagen, mein lieber Mon⸗ freville; aber ſeit meinen Unfaͤllen habe ich ſolche Furcht, abermals... ungeſchickt bei einem Frauenzimmer zu ſein, daß mich's zum Voraus davor ſchaudert... Denn, ach ſehen Sie, wenn mir noch einmal... ein Ungluͤck widerfuͤhre, ſo ſtuͤrbe ich, glaub' ich, vor Schande und Verzweiflung.. Ich will mich lieber der Gefahr gar nicht ausſetzen. Und doch... fuͤhle ich bei allem dem... daß ich mich entſetzlich langweile.“ „— Ich will's wohl glauben, in Ihrem Alter... ohne Liebe zu leben... wo man nicht einmal die Erinne⸗ rung an vergangene Thorheiten hat, iſt baarer Un⸗ ſinn Aber wenn Sie fuͤrchten, Sie ſeien fuͤr eine vor⸗ nehme Dame noch nicht keck genug, nun, mein Freund! ſo machen ſie ihren Verſuch bei den Griſetten, bei den Schauſpielerinnen... Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, ſie werden ſich dabei eben ſo gut ausbilden.“ „— Ja, daran dachte ich auch ſchon; und als ich vergangene Woche Malvina begegnete... Sie wiſſen jene kleine, muntere Taͤnzerin...„ N — Ja, ja.“ „Nun! ſo habe ich ſie angeſprochen.. ſie nannte mich anfangs Herr Glatteis; als ich aber entgegenhielt, ich ſei nicht ſo kalt als ſie glaube, ſo rief ſie aus: um mich davon zu uͤberzeugen, muͤſſen ſie mir einen 64 Beweis liefern! und ſie lud mich dann abermals... auf ſechs uhr Morgens... zum Fruͤhſtuͤck ein; den Tag ſetzten wir feſt.“ „— Vortrefflich.. wohlan denn!..“ „— Ach! ja, aber der fuͤrs Rendez⸗vous beſtimmte Tag iſt ſchon lange verfloſſen... und ich bin nicht dort geweſen.“ „— und warum denn nicht?“ „— Weil ich fand 4 daß ich fuͤr Fraͤulein Malvina nicht mehr Liebe hege als fuͤr die Andern, und mich demzufölge eben ſo dumm benehmen wuͤrde, als bei einem fruͤheren Téte-à-Téte. „— Sie hatten unrecht! Ihr Schluß iſt unvernuͤnf⸗ tig... wase braucht man auch einer Liebelei, einer Caprite wegen lang nachzudenken!... Ei haben Sie mir nicht von einer Griſette, einer Leinwandhaͤndlerin hier in der Naͤhe geſprochen... haben Sie mir nicht geſagt, das Maͤdchen werfe Ihnen Liebesblicke zu... habe Ihnen ſogar ihren Namen angegeben?.. „— Ja, mein Freund, das iſt die kleine Celanire mit den braunblonden Haaren und der Naſe à la Roxelane.“ „— Nun, alſo; verlangen Sie von Fraͤulein Cela⸗ nire ein Rendez⸗vous... Nach dem, was Sie mir ſagten, wird ſie es Ihnen nicht verweigern.“ „— Das habe ich ſchon gethan, mein Freund! Vor⸗ geſtern ſah ich dieſe junge Griſette auf der Straße; als ſie bemerkte, daß ich hinter ihr lief, that ſie, als ob ſie einen Fehltritt gemacht haͤtte... hielt an, und ſtůtzte ſich d mich, um nicht zu fallen.“ 3 „— Das war ſehr fein.“ 4 — „— Das hab' ich auch gefunden; dann haben wir miteinander geſprochen... und ſie mir eendlich auf den Abend, auf dem Boulevard des Chateau d'Eau... ab⸗ ſichtlich weit von ihrem Quartier entfernt, um niemand Bekanntem zu begegnen... ein Rendez⸗vous gegeben.“ „— Das iſt ſehr klug: die Griſetten denken an Alles. Wohlan denn, wie ging das Rendez⸗vous vor⸗ uͤber?“ „— Mein Gott, lieber Freund, ich bin auch nicht hingegangen... Im Begriff,“ mich dort einzufinden, ſtellte ich dieſelben Betrachtungen an, wie bei Mlegen⸗ heit der kleinen Taͤnzerin.. die Furcht ergriff mich.. und ich blieb zu Hauſe.“ „— Oh! das iſt denn doch zu arg,. mein armer Cherubim!... mit ſolcher Furchtſamkeit iſt nicht zu hoffen, daß Sie je von dem Zauber erloͤst werden! Eh⸗ mals haͤtten die guten Weiber behauptet, Sie waͤren verhext, und man haͤtte Sie zu irgend einem beruͤhmten Neſtel-Loͤſer geſchickt.. Denn in der guten, alten Zeit knuͤpfte und loͤste man die Neſtel gar haͤufig; es war ſogar nicht ſelten, daß uͤber dieſen Gegenſtand Prozeſſe entſtanden, und die NRichter die Eheprobe befahlen: dies war die Art, ſein Recht zu beweiſen, eine Art indeß, wodurch es vielen rechten Maͤnnern entriſſen wurde! Doch wir leben nicht mehr in jenen Zeiten der Barbarei! ... Denn ſo kann man ſie wahrlich nennen. Und wenn man jetzt wiſſen will, ob man verliebt werden kann, ſo kennt man keinen beſſeren Hexenmeiſter, als ein ſchö⸗ nes Weib. An dieſe werde ich Sie alſo immerhin weiſen.“ 8 Paul de Kock. Vill. 5 Monfreville's Geſpraͤch troͤſtete Cherubim, der fort⸗ waͤhrend traurig und argerlich blieb, durchaus nicht; Aber eines Morgens fiel ihm ein belebender, ihn erwecken⸗ der Gedanke ein; er dachte an Gagny, an die kleine Louiſe und an ſeine ihn ſo herzlich liebende Amme; er nahm ſich vor, den Aufenthaltsort ſeiner Kindheit wieder zu beſuchen. In ſeiner Traurigkeit und Langeweile erin⸗ nerte er ſich Derer, die ihn liebten; im Schooße des Ver⸗ gnuͤgens hatte er ihrer vergeſſen!... Das iſt gar oft der Fall... Es iſt zwar kein Lob fuͤr unſer Herz; war⸗ um hat uns aber die Natur ſo geſchaffen? Cherubim ſagte zu Hauſe nichts, ließ ſich weder von Jasmin noch von Gerondif begleiten, ſtieg in ſein Cabriolet, ließ ſeinen kleinen Jokey hintenaufſteigen und fuhr weg, nachdem er ſich den Weg nach Gagny hatte deutlich bezeichnen laſſen. 4 Mit einem guten Pferd dauert die Reiſe nicht lang. In kurzer Zeit war Cherubim in Villemonble; ſein Herz pochte beim Herausfahren aus dieſem Dorfe, denn ſchon erkannte er die Landſchaft, wo er ſeine Kindheit und einen Theil ſeiner Jugend zugebracht hatte. Sein Herz erweiterte ſich beim Anblick der erſten Haͤuſer von Gagny; er empfand ein Vergnuͤgen und Wohlbehagen, welches er ſeit ſeinem Aufenthalte in Paris nicht genoſſen hatte, und wunderte ſich, wie es ihm moͤglich geweſen, ſo lange vom Dorfe entfernt zu bleiben. Er erkannte bald den Marktplatz, das Rathhaus und die bergige Gaſſe, die zu ſeiner Amme fuͤhrte; er trieb ſein Pferd an und hielt bald vor Nicolle's Haus. Seit drei Jahren erſt hatte er ſie verlaſſen, aber es ſchien 67 ihm ein Jahrhundert, und ſeine Blicke pruͤften alle Gegenſtaͤnde, um zu ſehen, ob Alles unveraͤndert ge⸗ blieben ſei.* Er ſtieg aus dem Cabriolet, chritt durch den Hof, wo er ſo oft geſpielt hatte, und trat ſchnell in die untere Stube ein, wo man ſich gewöͤhnlich aufhielt. Nicolle ſaß da und arbeitete, Jakob ſchlief im Lehnſtuhle, Alles war wie ehedem; nur eine Perſon fehlte. Nicolle erhob die Augen, und ſtieß einen Schrei aus .. ſie blickte mehrmals den jungen, eleganten Herrn an, der ſoeben eingetreten war; ſie fuͤrchtete eine Taͤuſchung . ſie wagte nicht, zu glauben, daß es Cherubim ſei, aber dieſer riß ſie bald aus ihrer Ungewißheit, flos in ihre Arme und rief aus: „Meine Amme!... meine gute Nicolle.. Ach, wie gluͤcklich bin ich, Dich wieder zu ſehen!“ „Er iſtsl... er iſt's wirklich!“ ſchrie die Baͤuerin, die im Uebermaße ihrer Freude kaum Worte finden konnte.„Er beſucht uns wieder... er liebt mich alſo noch, der theure Kleine... Ach! Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich Sie ſo nenne... aber die Gewohn⸗ heit iſt ſtaͤrker als ich!“ — Nenne mich immer wie fruͤher, meine gute Ni⸗ colle; glaubſt Du, das aͤrgere mich? Im Gegentheil, ich wnhe⸗ ich verlange es!“ — Ach! welches Gluͤck.. Jakob, Mann, wache doch auf. unſer Soͤhnchen Shernbinn iſt zuruͤckgekom⸗ men und iſt bei uns!“ IJakob rieb ſich die Augen, erkannte den jungen Mar⸗ quis, hatte aber nicht den Muth, ihm die Hand zu * reichen; Cherubim eilte auf ihn zu und ſchuͤttelte die rauhe, ſchwielige Hand des Landmanns. Dieſer holte, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, in ſeiner Freude ſchnell Glaͤſer und Wein herbei. Cherubim ſetzte ſich neben Nicolle nieder, kuͤßte ſie einmal uͤber das andere und ſagte dann, mit ſeinen Blicken uͤberall umherſpaͤhend: „Wie Schade... es fehlt Eines!.. Wenn Louiſe da waͤre, waͤre mein Gluͤck vollſtaͤndig.. Sie iſt alſo immer noch ferne von euch in der Bretagne... und will nicht mehr zuruͤckkehren?...“ 3 „Ja se ja, mein Junge!“ murmelte die Baͤuerin verlegen;„aber Du.. mein liebes Kind.. Du... Sie lieben uns alſo noch ein wenig... obgleich Sie jetzt an ſchönere Geſellſchaft gewoͤhnt ſind?“ „— Ob ich euch liebe! ach! immer.. Ich begreife wohl, warum Ihr dieſe Frage macht, meine liebe Nicolle; ich war in der That ſehr undankbar.. und habe mich ſchlecht aufgefuͤhrt... ſeit drei Jahren bin ich nicht in Eure Arme zuruͤckgekehrt... ol das iſt abſcheulich von mir... oft hegte ich die Abſicht; aber in Paris hat man ſo viel zu thun. Die Geſellſchaften, jene fuͤr mich ſo neuen Vergnuͤgungen, Alles zuſammen, betaͤubte mich .. Man muß mir verzeihen!“ „— Ihm verzeihen!.. wie artig! wie artig!“ „— Zudem denke ich, daß, wenn ihr mich haͤttet be⸗ ſuchen wollen, euch nichts im Wege geſtanden waͤre, nach Paris in mein Hotel zu kommen... Ihr wißt* wohl.“ 3 „— Ei, aber wir ſind dort geweſen, mein liebes 69 Kind, Louiſe und ich haben uns zweimal hinbegeben und nach Dir gefragt. Das erſte Mal ſagte man uns, Du ſeieſt verreist; das zweite Mal, Du ſeieſt in einem Schloſſe und werdeſt vielleicht lange abweſend bleiben.“ „— Das iſt ſonderbar... aber vor allen Dingen nicht wahr; ſeit ich in Paris bin, habe ich es nicht ver⸗ laſſen, bin ich nie verreist geweſen... ferner hat man mir nie geſagt, daß ihr da geweſen ſeid.“ „— Seht doch! Ich hatte es doch dem Portier ſo anempfohlen.“ „— Hal das werde ich aufdecken... und heraus⸗ bringen, weßwegen man ſich erlaubte, mir eure Beſuche zu verhehlen.“ „— Meiner Treu! das hat uns recht weh gethan, mir und Louiſen, und wir nahmen uns vor: da er weiß, daß wir ihn aufſuchen, und deſſen ungeachtet nicht zu uns kommt, ſo wollen wir nicht mehr zu ihm gehen, es aͤrgert ihn vielleicht, daß wir ihm bis Paris nach⸗ laufen.“ „— Mich aͤrgern.. meine gute Nicolle!..⸗Solches von mir zu denken!.. Und dieſe arme Louiſe.. warum habt ihr ſie denn in die Bretagne geſchickt, ſtatt ſie bei euch zu behalten?“ „— Louiſe in der Bretagne!“ brummte Jakob, der mit einem Kruge Wein und Glaͤſern zuruͤckkam.„Wer erfindet denn ſolche Geſchichten, um meinen Freund, den Herrn Marquis, zu hintergehen?“ „— Wie? Louiſe iſt nicht in der Bretagne?“ rief Cherubim aus;„ſchon vor zwei Jahren behauptete es Herr Gerondif.. Was bedeutet dieſe Luͤge?“. „Ach! mein Schatz,“ rief Nicolle aus,„ich will Dir Alles erzaͤhlen! denn ich kann's Lügen nicht leiden! .. Und je mehr ich Deine ſanfte Miene anſehe... je weniger mag ich glauben, daß Du ein Ausſchweifling und ein Verfuͤhrer worden biſt!... wie Herr Gerondif uns geſagt hat.“— „— Ich! ein Ausſchweifling! ein Verfuͤhrer!... aber das iſt nicht wahr, Amme, das iſt erlogen!... denn man verſpottet mich im Gegentheil in Paris, weil man behauptet, ich ſei, gegenuͤber von den Damen, zu ſchuͤchtern.. und ſagen, ich ſei ein Ausſchweifling! Ach! das iſt abſcheulich! Wie! ſolche Aeußerungen erlaubte ſich mein Hofmeiſter?“ „— Mein liebes Kind, ich will Dir die ganze Wahr⸗ heit erzaͤhlen. Herr Gerondif, der uns ofters beſuchte und Louiſens Schoͤnheit zu bewundern ſchien, kam vor etwa neun oder zehn Monaten und ſchlug der Kleinen einen huͤbſchen Platz in Paris vor, unter dem Vorwande, Du wuͤnſcheſt, daß ſie ihn annehmen ſolle...“ „— Seht doch den Luͤgner!“ „— Der Gedanke, nach Paris zu gehen, laͤchelte Louiſen zu, weil dies ſie Dir, wie ſie ſagte, naͤher braͤchte und zur Hoffnung veranlaßte, Dich bisweilen zu ſehen.“ „— Theure Louiſe!“ „— Sie willigte alſo ein; aber waͤhrend ſie ihre Efferten zuſammen packte, ſagte mir der Herr Schul⸗ meiſter leiſe: ich fuͤhre Louiſen weg, um ſie vor den Nachſtellungen meines Zöglings zu ſichern, der ſeine Maitreſſe aus ihr machen will.“ 71 — Hal welche Schaͤndlichkeit!“ „— und wenn er hieher kommt, ſo machet ihm weiß, ſie ſei ſchon lange bei einem eurer Verwandten in der Bretagne.“ 3 Cherubim ſtand auf, ſchritt im Zimmer auf und ab, der Zorn erſtickte ihn ſchier, er war kaum im Skände ſich durch Worte Luft zu machen. — Welche Niedertraͤchtigkeit!.. ſolche Dinge uͤber mich zu behaupten.. ſolche Luͤgen zu erfinden! aber zu Hechen Zwecke? wo hat er denn Louiſen hingethan?“ — O! zu ſehr braven Leuten, wie er uns ſagte.“ — Zu wem denn?“ „— Meiner Treu, liebes Kind, darnach haben wir nicht gefragt, weil wir alles moͤgliche Zutrauen in den Herrn Schulmeiſter ſetzten!...“ „— Alſo wiſſet ihr nicht, wo Louiſe iſt... o! aber ich werde es erfahren, mir muß er es ſagen.. Ach! ich ſterbe vor Ungeduld... ich wollte, ich waͤre ſchon in Paris... lebt wohl, meine gute Nicolle, adieu Jakob!...“ „— Was, mein Soͤhnchen, Du gehſt ſchon wieder und biſt doch kaum erſt gekommen?“ „— und er hat nicht einmal ein Schluͤckchen ge⸗ trunken...“ „— Ich komme wieder, meine Freunde... ol ich komme wieder.. aber mit Louiſen... mit der armen Louiſe, die ich aufzuſuchen brenne... Ha! Herr Geron⸗ dif!... ſagen, ich ſei ein Ausſchweifling... O! wir wollen ſehen... ſie haben mich Alle bisher wie ein Kind betrachtet, aber jetzt will ich ihnen zeigen, daß ich ihr Herr bin.“ 72 Cherubim umarmte Nicolle, druͤckte Jakobs Hand und ſtieg, ohne auf die Troͤſtungen dieſer guten Leute zu achten, wieder in ſein Cabriolet, gab ſeinem Pferd einen Hieb und fuhr in ſtarkem Trab nach Paris zuruͤck. Zu Hauſe angelangt, ließ er unverzuͤglich Herrn Gerondif, Jasmin und den Portier rufen. An der Art und Weiſe, womit er dieſen Befehl ertheilte, am Aus⸗ druck ſeiner Geſichtszuͤge erkannten die Bedienten ihren 3 ſonſt ſo ruhigen ten Herrn nicht mehr. Der Jokey ſetzte den Hofmeiſter, der, obgleich es ſchon Mittag war, eben erſt ſeine Toilette beendigt hatte, von dem Wunſche des Herrn in Kenntniß, dieſer ging zu ſeinem Zoͤgling hinab, indem er unterwegs dachte: „Der Herr Marquis verlangt ohne Zweifel in irgend b Etwas meinen Unterricht... er will vielleicht Verſe b machen lernen... Mamſell Turlurette verbreitet im ganzen Hauſe, ich mache ſo ſchoͤne!... Ich werde ihn mit ungereimten Verſen den Anfang machen laſſen; ſie ſind gewiß und wahrhaftig leichter.“ Aber beim Eintritt in das Zimmer des jungen Mar⸗ quis, der mit großen Schritten ungeduldig und heftig im Zimmer auf⸗ und abging, wurde der Hofmeiſter 2* aͤngſtlich und vermuthete, daß man ihn nicht des Verſe⸗ machens wegen habe rufen laſſen; Jasmin, dem es uͤber allen Begriff ging, als er die zorngluͤhenden Augen ſeines jungen Herrn ſah, ſtand ſtarr und unbeweglich in einer Ecke, und der gleich den Andern erſchreckte Por⸗ tier blieb auf der Thuͤrſchwelle, weil er es nicht wagte, 1 voͤllig herein zu treten. 73 An dieſen letztern wendete ſich Cherubim, nachdem er ihn hatte naͤher kommen heißen, zuerſt: „Kurze Zeit nach meiner Ankunft im Hotel,“ begann er,„kam ein braves Bauernweib, das heißt, meine Amme, mit einem jungen Maͤdchen zu mir zum Beſuche... ſie waren zweimal da... mit dem eifrigſten Wunſche, mich zu ſehen, und das erſte Mal habt Ihr zu ihr ge⸗ ſagt, ich ſei verreist, und das zweite Mal, ich ſei auf dem Schloſſe eines meiner Freunde. Warum habt Ihr ſo gelogen?... Wer hat Euch erlaubt, Lee abzuweiſen, die mir lieb und willkommen ſind?... antibortet!“ Der Portier verbeugte ſich und entgegnete: „Meiner Treu! gnaͤdiger Herr, ich habe hierin nur die mir von Herrn Jasmin ertheilten Inſtructionen be⸗ folgt... und geglaubt, dieſer handle im Auftrage des gnaͤdigen Herrn...“ 3 „— Ah! Jasmin hatte Euch dieſen Auftrag ge⸗ geben... gut! Ihr koͤnnt gehen, von nun an richte t Euch aber nur nach meinen eigenen Befehlen.“ Der Portier verbeugte ſich und ging, hochlich er⸗ freut, ſo leicht davon gekommen zu ſein. Der alte Jasmin war purpurroth geworden und ver⸗ zog ſeinen Mund wie ein Kind, das zu weinen anfangen will. Cherubim trat auf ihn zu und ſagte in mehr vor⸗ wurfsvollem, als heftigem Tone zu ihm: „Wie? Jasmin! Du haſt meine gute Nicolle und Louiſe abweiſen laſſen!... Du wollteſt, daß Diejenigen, die mich erzogen haben, mich fuͤr ſtolz, gefuͤhllos und undankbar hallen ſollten!... Ach! das iſt ſehr Unrecht von Dir... und ich erkenne hierin Dein Herz nicht.“ Jasm in zog ſein Nastuch heraus und rief mit Thraͤnen: „Gnaͤdiger Herr, Sie haben Recht... es iſt eine Grobheit... eine Dummheit... aber der Gedanke ging nicht von mir aus... er waͤre nie in mir erwacht.. Ihr Herr Hofmeiſter hat mir geſagt, man muͤſſe die Beſuche Nicolle's und Louiſens verhindern... weil ſolche gefaͤhrlich fuͤr Sie ſeien... und da Herr Gerondif ein Gelehrter iſt, ſo dachte ich, er muͤſſe Recht haben, und befolgte ſeinen Rath.“ Waͤhrend des alten Kammerdieners Rede zerkratzte ſich Herr Gerondif die Naſe gewaltig, als ob er ſich auf den ihm drohenden Angriffe vorbereiten wollte; wirk⸗ lich kehrte ſich auch Cherubim, nachdem er Jasmin an⸗ gehoͤrt hatte, gegen ihn und rief mit dem voͤlligen Aus⸗ drucke des Zornes: „Alſo geht Alles von Ihnen aus, mein Herr... ich haͤtte es mir denken konnen. Alſo es war gefaͤhrlich fuͤr mich, die Landleute... Diejenigen, die mich gleich ihren eigenen Kindern lieben.. zu mir zu laſſen?“ Herr Gerondif ſtellte eines ſeiner Beine zuruͤck, ſtreckte ſeine Bruſt heraus, hob den Kopf in die Hoͤhe und erwiderte mit vieler Sicherheit: „Ei, allerdings, mein erhabener Zoͤgling! und ich bin der Ueberzeugung, Recht gehabt zu haben: Non est discipulus super magistrum!... Hoͤren Sie daher meine Gruͤnde.. Sie verließen das Dorf und das Land nur ungern; die Luſt, wieder dahin zuruͤckzu⸗ kehren, haͤtte leicht in Ihnen wach werden koͤnnen... Dieſe Luſt mußte Ihnen deßhalb.. ſtets in Ihrem Ju⸗ tereſſe. genommen werden.. Das Religionsbuch der 7 75⁵ Gebern, ein Abriß der Zendaveſta, die alle von Zoroaſters begruͤndeten Glaubens⸗Artikel enthaͤlt, verlangt, daß man am Schluſſe eines jeden Tages mit ſeinem Gewiſſen ſtrenge zu Gerichte gehe... und das meinige...“ „— Eil mein Herr, es handelt ſich hier nicht von Zoroaſter! geſchah es aber auch in meinem Intereſſe, daß Sie bei Ihrem letzten Beſuche im Dorfe zu Nicolle ſagten, ich ſei in Paris ein Ausſchweifling, ein Ver⸗ fuͤhrer geworden: ich wolle aus Louiſen meine Maitreſſe machen, man muͤſſe ſie deßhalb nach Paris in einen Platz bringen und mir weis machen, ſie ſei in der Bretagne?“ Herr Gerondif war wie verſteinert; es kam ihm keine paſſende Citation in den Sinn, er ſenkte den Kopf, und wußte nicht mehr, auf welchem Bein er ſich halten ſollte; waͤhrend Jasmin, als er die Aeußerungen des Hofmeiſters uͤber ſeinen jungen Herrn vernahm, nach der auf dem Kamine liegenden Feuerzange eilte, ſich ſchlagfertig vor Gerondif hinſtellte und ausrief: „— Schaͤndlichkeiten uͤber meinen jungen Herrn ſagen!... ihn verlaͤumden!... Laſſen Sie mich ihn durchhauen, gnaͤdiger Herr... dazu fuͤhle ich wieder meine Kraft als zwanzigjaͤhriger in mir!“ Aber Cherubim hielt Jasmin zuruͤck und ſagte zum Hofmeiſter: „Welche Gruͤnde veranlaßten Sie zu dieſen Luͤgen?“ „— Mein edler Zoͤgling... ich wweiß in Wahrhei nicht... eine Verwirrung des Geiſtes.. „O! das werde ich ſpaͤter fahrenz v vor allen Oingen, wo iſt Louiſe?“ „— Das junge und intereſſante verlaſſene Kind 2...“ „— Nun, mein Herr, antworten Sie, der Wahrheit getreu; wo iſt Louiſe?“ „— In einem ehrenvollen Hauſe, wie ich mir ſchmeicheln darf; ich verſchaffte ihr bei Frau von Noirmont die Stelle einer Kammerjungfer.“* „Meine Milchſchweſter!.... Kammerjungfer!.... aus der Geſpielin meiner Kindheit eine Kammerjungfer machen! Ha! das iſt niedertraͤchtig... „— Ihr Gehalt iſt gut, und ich glaubte, da ſie gar kein Vermögen habe. ℳ „— Schweigen Sie!... Arme Louiſe!.. iſt das der Lohn deiner Anhaͤnglichkeit an mich?.. O! ſie darf keinen Tag laͤnger in dieſer Stelle bleiben.. Jas⸗ min! laß ſogleich einen Wagen vorfahren, und Sie, mein Herr, folgen Sie mir!“— Herr Gerondif ließ ſich dieſen Befehl nicht wieder⸗ holen; er folgte Cherubim, der ſeinen Hut nahm und haſtig die Treppe hinab eilte. Jasmin hatte einen Fiaker holen laſſen, der junge Marquis ſtieg ein, befahl Geron⸗ dif, ſich auch hereinzuſetzen und dem Kutſcher die Woh⸗ nung der Frau von Noirmont zu bezeichnen; der Hof⸗ meiſter gehorchte; die Chaiſe rollte davon. Unterwegs ſprach Cherubim kein Wort und Geron⸗ dif wagte es nicht einmal, ſich zu ſchnaͤuzen. Als der Wagen vor dem Hauſe der Frau von Noirmont anhielt, ſagte Cherubim zu dem Hofmeiſter: „Sie haben Louiſen in dieſes Haus gethan, Sie muͤſſen ſie auch wieder abholen. Sagen Sie der Herr⸗ ſchaft Louiſens, daß dieſe nicht mehr zu dienen brauche 77 daß ſie einen Freund, einen Beſchuͤtzer gefunden habe.. ſagen Sie, was Sie wollen, nur bedenken Sie, daß Sie mir meine Schweſter, meine Freundin wieder an⸗ ſchaffen muͤſſen... Was dieſe betrifft, ſo theilen Sie ihr nur mit, daß ich hier ſei, daß ich ſie erwarte, und ich bin uͤberzeugt, ſie wird ſchnell ihre Anſtalten getroffen haben, um zu mir zu kommen. Gehen Sie, mein Herr, ich bleibe hier und erwarte Sie!“ Herr Gerondif ſprang aus dem Wagen, ſchnaͤuzte ſich, als er außen war, und trat endlich in das Haus ein, bei ſich denkend: „Nun! weil's denn nicht anders ſein kann.., ſo wird die Kleine mir nicht zu Theil werden.. es ſei denn ſpaͤter... man kann nicht wiſſen.. vielleicht ſtattet er ſie aus... dann ſtelle ich mir eben vor, ſie ſei eine Wittwe!“. Cherubim zaͤhlte die Minuten, die ſeit dem Eintritt des Hofmeiſters verfloſſen; er blieb uͤber den Kutſchen⸗ ſchlag vorgebeugt, ſeine Blicke wichen nicht von dem Hofthor ab, woraus er jeden Augenblick Louiſen kom⸗ men zu ſehen meinte, aber vergebens; endlich traten zwei Perſonen aus dem Haus und naͤherten ſich ihm: es waren Gerondif und Comtois. Das Angeſicht des Hofmeiſters war ganz beſtuͤrzt, er verdrehte beim Heran⸗ kommen ſeine Augen wie verſtoͤrt, aber Cherubim ließ ihm keine Zeit zum Reden, ſondern rief aus: „Louiſe! Louiſe, warum iſt ſie nicht mit euch herab⸗ gekommen?2.. Haben Sie ihr denn nicht geſagt, daß ich da ſei?..“ 3 „Nein, mein edler Zoͤgling,“ entgegnete Herr Ge⸗ rondif mit verzweifelter Miene,„ich habe es ihr nicht geſagt... und konnte es ihr nicht ſagen.. wenn Sie wuͤßten...“ „— Ich will nichts wiſſen... ich will Louiſe.. ſie abzuholen bin ich gekommen. Warum geht ſie nicht herunter?.. Hat man ihr den Abſchied verweigert?... O! dann will ich ſelbſt... „— Ei! nein... man verweigert gar nichts... aber ſie iſt ſchon fort.. und deßhalb kam ſie nicht mit uns herunter!“ „— Was ſagen Sie... Louiſe?“ „— Iſt ſeit vier Tagen nicht mehr bei Herrn von Noirmont; ſie entfernte ſich eines Morgens fruͤh... ehe Jemand im Hauſe aufgeſtanden war.“— „— Ah Sie hintergehen mich!“ „Nein, mein edler Zoͤgling... aber da ich fuͤrchtete, Sie moͤchten mir vielleicht keinen Glauben ſchenken, ſo bat ich Comtois, den vertrauten Diener Herrn von Noirmonts, meine Behauptung zu beſtaͤtigen... Sprecht, unbeſtechlicher Comtois, ſagt die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit!“ Comtois naͤherte ſich Cherubim und ſprach, nachdem er ihn achtungsvoll begruͤßt hatte: „So lange Mamſell Louiſe bei uns war, verdiente ihr Betragen nur Lob. Ihre beſcheidene, ſanfte Miene hatte ihr Aller Herzen gewonnen.. Fraͤulein Erneſtine von Noirmont behandelte ſie eher wie ihre Schweſter, als wie ihre Kammerjungfer; nur die gnaͤdige Frau war... man weiß nicht aus welchem Grunde... etwas ſtreng gegen dieſelbe. Kurz letzten Freitag.. den Morgen nach einem im Hauſe Statt gehabten großen Eſſen ging —po ☛ 79 das junge Maͤdchen fort.. O! ſie hat nichts mitge⸗ nommen, als das kleine Paͤckchen mit ihren Kleidungs⸗ ſtuͤcken... kein Fetzchen ſonſt... Fraͤulein Erneſtine war ſehr betruͤbt.. aber wir ſtellten uns vor, Louiſe werde in ihre Heimath zuruͤckgekehrt ſein, weil es ſie verdroß, das Wohlwollen der gnaͤdigen Frau nicht erlangen zu konnen. Das, mein Herr, iſt die beſtimmte Wahrheit... Wenn Sie ſich uͤbrigens herauf bemuͤhen wollen... ſo koͤnnen Sie von Fraͤulein Erneſtine.... oder von meiner Herrſchaft daſſelbe erfahren.“ Cherubim hielt es fuͤr unnoͤthig, Herrn und Frau von Noirmont zu befragen; Comtois hatte kein Intereſſe, ihn zu beluͤgen, und in ſeinen Blicken lag auch der Aus⸗ druck des Bedauerns uͤber Louiſens Entfernung. „Sie wird ohne Zweifel nach Gagny zuruͤckgekehrt ſein!“ rief Herr Gerondif, an der Naſe kratzend, aus. „Nach Gagny!...“ ſagte Cherubim verzweifelnd; „daher komme ich ja... Wiſſen Sie denn nicht, daß ich dort... daß ich bei Nicolle geweſen bin, und Louiſe nicht getroffen habe!“ „— Sie haben einander vielleicht unterwegs ver⸗ fehlt...⸗ „— Ei! Sie hoͤren ja, daß ſie ſeit vier Tagen aus dem Hauſe fort iſt... vier Tage, verſtehen Sie wohl... Wo iſt ſie ſeit dieſer Zeit hingerathen?... Braucht man vier Tage, um einen Weg von vier Stunden zu machen?“ „— Gewoͤhnlich nicht... Wenn man ſich indeß... unterwegs oft aufhielte.“ „— Ah! Sie ſind Schuld, daß Louiſe das Dorf ver⸗ ließ, wo ſie vor allen Gefahren geſchuͤtzt war... Sie 80 mein Herr, haben ſie nach Paris gebracht... Bedenken Sie, daß ich wiſſen muß, wo ſie iſt, was in den vier Tagen, ſeit ſie ſich aus dieſem Hauſe entfernt hat, aus ihr wurde... und wenn ihr ein Ungluͤck begegnet iſt, ſo ſoll das ganze Gewicht meines Zornes auf Sie fallen!“ Cherubim warf ſich in den Wagen zuruͤck, bezeich⸗ nete dem Kutſcher Monfreville's Wohnung und ließ ſich ſogleich zu ihm fuͤhren. Es draͤngte ihn, dieſem ſeine Leiden zu klagen, denn er wußte wohl, daß ihm Mon⸗ freville ſeine Freundſchaft, Rath und Huͤlfe nicht verſagte. Monfreville war zu Hauſe; als er ſeinen jungen Freund ſo ergriffen und aufgeregt eintreten ſah, befragte er ihn augenblicklich um die Urſache ſeiner Unruhe. Cherubim erzaͤhlte ihm alle Ereigniſſe des heutigen Tages, ſeinen Beſuch im Dorfe, das Benehmen Geron⸗ difs gegen Louiſen, und endlich das Verſchwinden des jungen Maͤdchens aus dem Hauſe ihrer Herrſchaft; er ſchloß ſeine Schilderung mit dem Ausruf: „— Mein Freund! ich muß Louiſen finden, ich muß! Denn nun fuͤhle ich, wie ſehr ich ſie liebe... Arme Louiſe, um mir naͤher zu ſein, in der Hoffnung, mich ſehen.. mir begegnen zu koͤnnen... hat ſie dieſe Stelle in Paris angenommen. O! Nicolle ſagte mir Alles, Louiſe dachte immer an mich, kein Tag verging, wo ſie nicht von mir ſprach... und ich Undankbarer ließ ſie drei Jahre ohne ein Zeichen meines Andenkens.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Monfreville,„und nun ſind Sie ganz troſtlos, weil Sie nicht wiſſen, was aus ihr geworden iſt! uͤbrigens ſcheint mir, nach Allem, was Sie mir von ihr geſagt haben, das junge Maͤdchen —,— 8¹1 ihrer Freundſchaft wuͤrdig, und es waͤre ſehr Schade, wenn ſie in Paris in irgend eine Schlinge gefallen... oder das Opfer irgend eines Elenden geworden waͤre. ſie ſei huͤbſch, ſagten Sie mir?“„ „— Sie war im fuͤnkzehnten Jahre ſchon reizend... und in den letzten drei Jahren, erzaͤhlte mir Nicolle, ſei ſie immer noch ſchoͤner geworden.“ „— Teufel!... arme, huͤbſche Kleine... wenn ſie ſich in Paris verirrt hat, iſt es ſehr gefaͤhrlich! Was aber Ihren Hofmeiſter betrifft, ſo erklaͤre ich mir ſein Betragen ſehr natuͤrlich: er war ohne Zweifel in Louiſen verliebt und hielt es fuͤr kluͤger, ein Wiederſehen zwiſchen euch, welches ſpaͤter oder fruͤher Statt finden mußte, unmoͤglich zu machen... Fuͤr einen Pedanten war das nicht ſo uͤbel ausgedacht!“ „— In Louiſen verliebt... der unverſchaͤmte!... der alte Narr!... aber wo ſoll ich die arme Louiſe auf⸗ ſuchen... wo kann ich ſie nun finden?“ „— Das wird vielleicht ſchwierig ſein, aber vertrauen Sie auf mich, ich will Sie bei Ihren Nachforſchungen unterſtuͤtzen und leiten; Sie ſchicken Ihre Leute auf Kundſchaft aus, wir laſſen uns kein Geld reuen, und das iſt in allen Umſtaͤnden des Lebens ein maͤchtiges Huͤlfsmittel.“ Cherubim dankte ſeinem Freunde geruͤhrt fuͤr ſeine guͤtige Theilnahme; noch am ſelben Tage begannen ſie ihre Nachforſchungen. Und waͤhrend ſich dieſes bei Monfreville zutrug, blieb Herr Gerondif, von dem Unwillen und den Drohungen ſeines Zoͤglings entſetzt, ſtarr, wie eine Bildſaͤule, auf Paul de Kock. VIII. 6 der Straße; Comtois war ſchon lange wieder zu ſeiner Herrſchaft hinaufgegangen, aber der Hofmeiſter ſtand regungslos vor dem Hofthore. Endlich entſchloß er ſich, mit folgender Betrachtung ſeinen Weg wieder anzutreten: „ Die Schrift ſagt:„ Suchet, ſo werdet ihr finden.“ Ich will die kleine Louiſe ſuchen... aber es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ich ſie nicht finden werde.“ Viertes Kapitel. Der kleine Hundshaͤndler. Wir verließen Louiſe im Augenblick, wo ſie, um den Befehlen der Frau von Noirmont zu gehorchen, ſich, ehe noch Jemand aufgeſtanden war, aus dem Hauſe ent⸗ fernte. Sie befand ſich alſo am fruͤhen Morgen auf der Straße, trug ein ihre Habſeligkeiten enthaltendes Paͤck⸗ chen unter dem Arme und barg den fuͤr ſie ſo koſtbaren Brief, der ihr vielleicht zur Entdeckung ihres Vaters ver⸗ helfen konnte, auf der Bruſt. Als ſie ſich allein und von dem eben verlaſſenen Hauſe gehoͤrig entfernt ſah, war ihr erſter Wunſch, den Namen Desjenigen kennen zu lernen, fuͤr den Frau von Noirmont dieſes Schreiben beſtimmt hatte. Sie zog alſo den Brief unter ihrem Halstuch hervor und las folgende Adreſſe: „An Herrn Eduard von Monfreville, eigenhaͤndig zu uͤbergeben.“ 83 3„Herrn von Monfreville,“ ſprach Louiſe bei ſich, „von dieſem Herrn habe ich nie etwas gehort... aber Frau von Noirmont ſagte mir, er ſei ſehr befreundet mit ... Herrn Cherubim... und dort werde ich ſogleich ſeine Wohnung erfahren. So gehe ich alſo in Herrn Cheru⸗ * bims Haus.. ach! ich will ihn nicht zu ſehen verlangen! .. ich weiß wohl, daß er mich nicht mehr liebt... mich nicht mehr kennen will... und da er jetzt drei oder vier Liebſchaften auf einmal hat, oh! ſo habe ich ſelbſt keine Luſt, ihn zu beſuchen.“ Die Jungfrau ſeufzte bei dieſen Worten, denn ihr Herz dachte durchaus nicht ſo. Aber ſie ſchritt vor⸗ waͤrts, dem Faubourg Saint⸗Germain zu, und dachte weiter: „Ich will nicht mehr an den Freund meiner Kind⸗ heit... ſondern nur daran denken, was mir Frau von Noirmont dieſe Nacht geſagt hat.“ Louiſe langte in der Straße an, wo ſich das Hotel Grandvilain befindet. Als ſie nahe bei demſelben war, ſtand ſie ſtille, fing an zu zittern und uͤberlegte: „Da aber Cherubim meinen Beſuch nicht annahm, wenn ich mit ſeiner guten Amme kam... ſo koͤnnte man „ mich vielleicht jetzt aus dem Hauſe jagen... man koͤnnte glauben, ich wolle zu ihm, und dieſes ihn noch mehr gegen mich aufbringen; mein Gott, was ſoll ich an⸗ fangen?“ und anſtatt auf das Hotel zuzugehen, kehrte Louiſe um und ging mit kleinen Schritten ruͤckwaͤrts. Aber nach wenigen Minuten ſtand ſie wieder ſtill und dachte: „Ich muß doch die Adreſſe dieſes Herrn von Mon⸗ — blau geſchlagenes Auge und eine zerquetſchte Naſe. 84 freville erfahren... wenn ich wartete, bis Jemand aus dem Hauſe herauskaͤme... ja, das ſcheint mir, waͤre beſſer... ich haͤtte mehr Muth, mit Jemand auf der Straße zu ſprechen. Aber es iſt noch fruͤh, in dieſen Hotels ſteht man nicht ſo bald auf!... Ich will warten, ein wenig in der Straße auf⸗ und abſpazieren, das iſt nicht verboten, es gehen ja außerdem auch noch nicht viel Leute vorbei!... ach! wenn ich ihn herausgehen ſaͤhe... ſo wuͤrde ich mich verſtecken, damit er mich nicht bemerkte 3... aber ich koͤnnte ihn doch wenigſtens betrach⸗ ten... es iſt ſchon ſo lange, daß ich ihn nicht mehr ge⸗ ſehen habe!“ Schon laͤngere Zeit ging Louiſe in der Straße auf und ab, ohne Jemand aus dem Hauſe heraustreten zu ſehen, als zwei Individuen, die aus einer anſtoßenden Straße hervorkamen, ihre Schritte juſt nach ihr hin lenkten. Die beiden Perſonen reichten ſich den Arm nicht, der Eine ließ den Andern ſogar immer einige Schritte vorwaͤrts, wie wenn ihn ein gewiſſer Grad von Achtung abhielte, ſich mit dem Andern auf gleicher Stufe zu halten. Der Erſtere trug einen großen mit Sammet ge⸗ fuͤtterten, hoͤchſt eleganten, aber ſchon ſehr ſchmutzigen Paletot, einen beinahe neuen Hut, der aber, wie es ſchien, ſchon mehre Einbuͤge erhalten hatte, und hatte eine Cigarre im Munde; der Zweite trug ſeinen regen⸗ ſchirmartigen Hut, ſeinen alten nußbraunen Oberrock, ein Paar entſetzlich abgeſchabte Beinkleider und fremde Stiefeln, worin ſeine Fuͤße und Beine herumzutanzen ſchienen; außerdem hatte er ein geſchwollenes, braun und —,— D 85⁵ Darena und Poterne hatten ihre Nacht in einer Ge⸗ ſellſchaft zugebracht, wo man bis gegen Tag geſpielt und ſich, ehe man auseinander ging, tuͤchtig durchge⸗ pruͤgelt hatte. Darena wollte beim Nachhauſegehen durch die von Cherubim bewohnte Straße zuruͤckkehren; er ſchlug dieſen Weg immer ein, was aber Poterne nicht gefiel, der deßhalb hinter ihm d'rein brummte: „Wenn uns Ihr alter Freund, der junge Marquis, begegnete, ſo koͤnnte er mir noch Einiges auf mein Hinterkaſtell zum Beſten geben... wornach mich gar nicht geluͤſtet!“ „Bah! bah!“ entgegnete Darena,„Du ſtellſt Dir die Dinge immer in falſchem Lichte vor... Ich moͤchte im Gegentheil Cherubim begegnen... ich wuͤrde lachend auf ihn zugehen und zu ihm ſagen: fangen Freunde ſolcher Scherze wegen Haͤndel miteinander an? Ich habe Ihnen die Bekanntſchaft eines jungen, reizenden Maͤdchens ver⸗ ſchafft... ſtatt einer Polin war es eine Elſaͤßerin... was thut das zur Sache?... und meiner Treu, es iſt nicht meine Schuld, daß Sie neben ihr eingeſchlafen ſind!... ich wette, er reichte mir die Hand, und Alles waͤre vergeſſen.“ — Hm!.. ich glaube nicht... wenn Sie wuͤßten, wie ſein Freund Monfreville von Ihnen ſprach...“ „— Ta, ta, tal... leere Worte! Dummheiten! ich bin daruͤber erhaben!“ Die Herren ſetzten ihren Weg fort, als Poterne, Louiſen bemerkend, die in einiger Entfernung ihre Blicke feſt auf Cherubims Haus richtete, Darena mit folgenden Worten anſtieß: 8 86 4 4 Sehen Sie doch... dort... rechts...“ „— Ah! der Kukuk! das ſchoͤne Maͤdchen, was Teufels betrachtet ſie denn Cherubims Hotel ſo?2... Aber weißt Du, Poterne, daß dieſes junge Maͤdchen wunderhuͤbſch iſt... je mehr man ſie anſieht, je mehr Reize entdeckt man.“ „— Ja.. es iſt uͤbrigens keine Pariſerin... und doch ſieht ſie beſſer aus, als ein Maͤdchen vom Lande... ſie traͤgt ein Paͤckchen unter dem Arm... kommt ſie wohl von ihrer Heimath her?“ 4„— Sie blickt immer nach dem Hotel hin... ich muß beſtimmt erfahren, was ſie da macht...“ „— Wie wollen Sie's angehen?...“ „— Ich weiß ſelbſt noch nicht; aber ich bin ein Franzoſe und vor allen Dingen galant... und dem ſcho⸗ nen Geſchlechte Schutz und Beiſtand ſchuldig. Nun, vor⸗ wäaͤrts... Du ſollſt ſehen... geh' an meiner Seite, Dummkopf!“ Darena und Poterne gingen uͤber die Straße auf die Seite, wo Louiſe war, hinuͤber, und als ſie ſich in ihrer Naͤhe befanden, hielt Darena und fragte ſeinen Begleiter mit ſehr lauter Stimme: „Herr von Poterne, da wir gerade durch die Straße gehen, koͤnnten wir wohl unſerem Freunde, dem Herrn Marquis Cherubim von Grandvilain, deſſen Haus hier iſt, einen guten Morgen wuͤnſchen.... Sie wiſſen, wie oft er uns ſchon gebeten hat, bei ihm zu fruͤhſtuͤcken.“ Poterne huͤllte ſich dicht in ſeinen Oberrock, indem er antwortete:„Es iſt zu fruͤh, es iſt noch kein Menſch auf bei dem Marquis.“ r — . 87 Dieſe Worte gingen für Louiſen, die beim Namen Cherubim zuſammenbebte, nicht verloren. Sie trat auf Darena zu und redete ihn mit ſchuͤchterner Miene an: „— Mein Herr, entſchuldigen Sie mich,... da Sie aber der Freund des Herrn... von Grandvilain ſind, deſſen Haus hier ſteht, ſo kennen Sie vielleicht auch den Herrn von Monfreville...“ Beim Namen Monfreville verzerrte Poterne das Ge⸗ ſicht; aber Darena entgegnete Louiſen ſehr liebenswuͤrdig: „Ja, mein ſchoͤnes Fraͤulein, ich kenne Monfreville.. und bin ſogar ſein intimer Freund... Wuͤnſchen Sie⸗ etwas von ihm?“ „— Ich habe ihm einen Brief zu uͤbergeben... und weiß ſeine Adreſſe nicht... man hat mir geſagt, ich könne ſie bei Herrn Cherubim erfahren... Aber obgleich ich Herrn Cherubim gut kenne... wagte ich doch nicht, in ſein Haus einzutreten...“ 4 „— Ah! Sie kennen meinen Freund Cherubim, mein Fraͤulein... dann muß er mir von Ihnen erzaͤhlt haben, denn ich war ſein innigſter Vertrauter.“ „O! nein, mein Herr,“ entgegnete Louiſe mit trau⸗ riger Miene,„er wird Ihnen nichts von mir erzaͤhlt haben, denn er hat mich vergeſſen... er ließ uns von ſeiner Thuͤre abweiſen... Ich bin Louiſe... die Jugend⸗ geſpielin des Herrn Cherubim.“ „— Die kleine Louiſe!“ rief Darena aus,„die mit Cherubim in Gagny bei Mutter Nicolle, ſeiner Amme, war?.. „— Ja, mein Herr!“ „— Sie ſehen, daß ich gut unterrichtet bin... Fraͤu⸗ lein... und Sie nicht getäͤuſcht habe, wenn ich mich fuͤr den Freund des Marquis ausgab.“ „— O!l freilich, mein Herr, ich ſehe es wohl!“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs naͤherte ſich Poterne Da⸗ rena und raunte ihm ins Ohr: V „— Es iſt etwas zu machen.“ Darena antwortete ihm durch einen Rippenſtoß und brummte: 4„Ich merk' es ſchon, dummes Vieh!”“ Dann fuhr er, gegen Louiſen gewendet, fort: „Mein Fraͤulein, da Sie nicht zu meinem Freunde Cherubim hineingehen wollen, ſo finde ich es nach meiner Anſicht nicht ſchicklich, daß Sie ſo auf der Straße ſtehen bleiben... In Paris gibt es gewiſſe Ruͤckſichten, die man ſtets beobachten muß. Bei Ihrer Jugend und Schoͤn⸗ heit muͤſſen Sie ſich nicht der Beſchimpfung irgend eines Bengels ausſetzen... Reichen Sie mir Ihren Arm, Sie ſind die Jugendgeſpielin, die Milchſchweſter meines Freun⸗ des, es iſt folglich natuͤrlich, daß ich Ihr Beſchützer ſein 1 werde... Nehmen Sie doch meinen Arm.“ „Ach! mein Herr, welche Guͤte,“ verſetzte Louiſe ſchuͤchtern, ſich in Darena's Arm einhaͤngend.„Wuͤrden Sie mir wohl die Gefaͤlligkeit erweiſen, mich zu Herrn 4 — Manfreville zu fuͤhren?“ † 3„— Ich fuͤhre Sie, wohin Sie wollen... zu dem Koͤnig, wenn Sie mit ihm zu ſprechen haben! Po⸗ terne, nehmen Sie doch dem Fraͤulein ihr Paͤckchen ab.“ ſ 2 „— Sie ſind zu guͤtig, mein Herr, aber es beſchwert mich nicht.“ „— Das iſt einerlei, ich dulde nicht, daß Cherubims ——— —— Milchſchweſter, waͤhrend ich ſie am Arme fuͤhre, ein Paͤckchen traͤgt.“ Poterne hatte ſich ſchon des Paͤckchens, welches er aus Louiſens Haͤnden nahm, bemaͤchtigt, und dieſe ging, ganz verlegen uͤber ſo viel Hoͤflichkeit, an Darena's Arm weiter, waͤhrend der ihnen nachfolgende Poterne das Paͤckchen betaſtete, um ſich einen Begriff von dem Inhalt deſſelben machen zu koͤnnen. Unterwegs erzaͤhlte Louiſe Darena, wie ſie Gagny verließ, um bei Frau von Noirmont in Dienſte zu tre⸗ ten, und ihre Betruͤbniß uͤber Cherubims Vergeſſen; kurz ſie berichtete ihm alle Umſtaͤnde mit Ausnahme des Be⸗ ſuches, den ihr Frau von Noirmont während der Nacht gemacht hatte. „— und was wollen Sie bei Monfreville thun?“ ſagte Darena, ſeine ⸗Blicke auf Louiſens ſchone Augen heftend. „— Ich will ihm ein Schreiben bringen, welches man mir fuͤr ihn anvertraut hat.“ „— Ohne Zweifel, um Sie mit Ihrem Freunde Che⸗ rubim zu verſoͤhnen?“ „— O! nein, mein Herr.. in Betreff einer An⸗ gelenheit, die außer ihm Niemand erfahren darf.“ Mehr ſagte Louiſe nicht, ſie hielt es fuͤr unpaſſend, Jemand mitzutheilen, was ihr Frau von Noirmont an⸗ vertraut hatte. Darena achtete wenig hierauf, er dachte nur daran, was er jetzt mit Louiſen beginnen ſolle; ploͤtz⸗ lich fiel ihm das Haus auf dem aͤußern Boulevard ein, welches er fuͤr die polniſche Liebesgeſchichte gemiethet, und, weil er es gleich auf ſechs Monate nehmen mußte, noch inne hatte. Dann ſich gegen Poterne kehrend, den er blinzelnd anſah, ſagte er: „Herr von Poterne, nicht wahr, mein Freund Mon⸗ freville bewohnt ſein kleines... auf den Boulevards... außerhalb der Barrièren ſtehendes Haus immer noch?“ „Immer, Herr Graf,“ entgegnete Poterne mit freund⸗ licher Miene.„Aber der Herr von Monfreville iſt haͤufig auf kleinen Ausfluͤgen in der Umgegend abweſend... Ich kann nicht dafuͤr ſtehen, daß er gegenwaͤrtig zu Hauſe iſt.“ „— Gleichviel, wir fuͤhren das Fraͤulein jedenfalls dorthin... iſt er abweſend, ſo beſinnen wir uns, was Fraͤulein Louiſe, Milchſchweſter meines Freundes Cheru⸗ bim, bis zu ſeiner Ruͤckkehr thun koͤnnte... Ah! da kommt ein Fiaker, den nehmen wir, denn von hier aus bis zu Monfreville iſt es ſehr weit“ Poterne gab dem Kutſcher ein Zeichen, heranzu⸗ fahren, und Louiſe ſtieg mit den zwei Perſonen, deren Begegnung ſie gemacht hatte, in den Wagen; das junge Maͤdchen fuͤhlte keinen Argwohn, ſie hielt den Herrn, der ihr ſeinen Arm angeboten, fuͤr einen Freund Cheru⸗ bims, und in ihren Augen war dies genug, um allen Verdacht aus ihrer Seele zu verbannen. Der Wagen hielt vor dem Hauſe bei der Barriére de la Chopinette, das ſeit dem mißlungenen Abenteuer mit Fraͤulein Chichette Chichemann von Niemand, als dem kleinen Bruno bewohnt wurde, den man zum Huͤter deſſelben beſtimmt hatte. Darena fluͤſterte Poterne einige Worte ins Ohr, der ſomit zuerſt eintrat. Louiſe blieb bei Darena, der ſich lange mit der Bezahlung des Kutſchers aufhielt. Endlich fuͤhrte er die Jungfrau 91 N in das Haus ein, wo der kleine Junge bereits ſeine Inſtructionen empfangen hatte. „Wir wuͤnſchten gerne Herrn von Monfreville zu ſprechen,“ ſagte Darena, ſich an Bruno wendend;„hier iſt ein junges Frauenzimmer.. die Milchſchweſter meines intimen Freundes, des Herrn Marquis Cherubim, die ihn nothwendig ſehen muß.“ Bruno betrachtete Louiſen unverſchämterweiſe von oben bis unten, waͤhrend er antwortete: „Herr von Monfreville iſt abweſend... er wird ohne Zweifel morgen oder uͤbermorgen zuruͤckkommen, wenn Sie ihn erwarten wollen, er hat mir den Auftrag gegeben, den ihn beſuchenden Freunden ſeine Zimmer an⸗ zubieten.“ Louiſe war troſtlos, blickte Darena an und fluͤſterte: „Der Herr iſt abweſend, was ſoll ich anfangen?“ „Vor allen Dingen muͤſſen Sie hinaufgehen und aus⸗ ruhen,“ ſagte Darena,„dann wollen wir ſehen und uns bedenken... Kommen Sie, folgen Sie mir keck, bei Monfreville bin ich wie zu Hauſe.“ Louiſe ging mit Darena hinauf, der, um ihr alle Furcht zu benehmen, ſie mit einer tiefen Hochachtung zu behandeln ſtrebte, und immer in gehoͤriger Entfernung von ihr verweilte. Dieſe wunderte ſich ein wenig, daß die Perſon, an welche ſie Frau von Noirmont gewieſen hatte, ein Haus von ſo unſcheinbarem Anſehen, mit ſo armſeligen Meubeln bewohnte, man hatte ihr jedoch nicht geſagt, daß dieſer Herr reich ſei, ſondern nur, daß er ſie mit ihrem Vater bekannt machen werde, und deßhalb wuͤnſchte ſie ſo ſehnlich, ihn zu ſehen. 28 92 Nach einer Pauſe ſagte Darena zu Louiſen: „Mein ſchoͤnes Fraͤulein, Sie kennen... außer Che⸗ rubim Niemand in Paris, und wollen ihren Zufluchts⸗ ort nicht bei ihm ſuchen?“ „O, nein, mein Herr...“ „— Nach Gagny zuruͤckzukehren, um wieder hier⸗ herzukommen, waͤre verlorene Zeit... und Sie wuͤrden ſich auf der einſamen Reiſe tauſend fuͤr ein Frauenzimmer unangenehmen Zufaͤllen ausſetzen. Es ſcheint mir daher das Beſte, was Sie in ihrer Lage thun koͤnnen, hier zu bleiben und die Ruͤckkehr Monfreville's abzuwarten.“ „Hier, mein Herr... allein in dieſem Hauſe mit dem kleinen Knaben, den ich unten geſehen habe,“ ent⸗ gegnete Louiſe mit aͤngſtlichem Gefuͤhle,„o! nein, ich fuͤrchtete mich...“ „— Allein.. mein Kind! ol nein, wahrlich, wenn das der Fall waͤre, wuͤrde ich Ihnen den Vorſchlag nicht machen; es iſt eine Verwalterin da.., eine vertraute, ſehr achtbare Perſon... der kleine Junge iſt ihr Neffe... ſie wird ohne Zweifel einen Ausgang gemacht haben und der Kleine waͤhrend deſſen das Haus huͤten.“ „— Ol dann iſt es etwas Anderes!... wenn eine achtbare Perſon im Hauſe iſt, die mich bis zu Herrn von Monfreville's Ruͤckkehr bei ſich behalten will...“ „— Warten Sie, ich will einmal nach ihr ſehen.“ Darena ging hinab und ſagte zu Poterne: „Du jagſt den kleinen Schelm ſogleich aus dem Hauſe und ſuchſt uns eine Frau von vierzig bis ſechzig Jahren auf... die einigermaßen ein ehrbares Ausſehen hat.. dies wird unſerer Kleinen Zutrauen einfloͤßen und 93 ſie hier zu bleiben bewegen. Es liegt mir uͤberhaupt Nichts daran, Bruno zu behalten, der bei unſerer letzten Angelegenheit diejenigen, die uns die ganze Sache ver⸗ dorben haben, ſo ohne Weiteres eindringen ließ. „Eine ehrbare Frau?“ entgegnete Poterne,„ich kenne keine... wie Teufels koönnen Sie verlangen, daß ich eine ſolche in der Courtille finde!..“ „— Finde ſie, wo Du willſt... geh' doch!... bring eine Vorkaͤuflerin... eine Kartenſchlaͤgerin... eine Haushaͤlterin... gleichviel, nur unterrichte ſie ge⸗ hoͤrig.“ Darena kehrte zuruͤck, um Louiſen Geſellſchaft zu leiſten, und ſagte ihr, die Verwalterin ſei nach der Halle gegangen, weil in dieſem Quartier kein Markt ſei, werde aber bald wieder zuruͤckkommen. Waͤhrend deſſen entließ Poterne Bruno ſeiner Dienſte, der es aber ſehr ſchlecht fand, daß man ihn ſo davon⸗ jagte, und bei ſeiner Entfernung ſehr wenig Achtung ausdruͤckende Geberden machte. Aber Poterne hatte keine Zeit, ſich uͤber Bruno's Grimaſſen zu aͤrgern, er eilte in die benachbarten Schenken, von einem Haus zum andern, erkundigte ſich und fragte nach. Endlich nach zweiſtuͤndigem Suchen fand er das Verlangte. Er kehrte mit einer etwa fuͤnfzigjaͤhrigen Frau in der Groͤße eines Grenadiers, die eine, mindeſtens ſeit einem Jahre nicht gewaſchene Haube auf dem Kopfe und ein Kleid auf dem Leibe hatte, deſſen Farbe nicht mehr zu unterſcheiden war, in das kleine Haus zuruͤck; ein finniges Geſicht, Triefaugen und eine Schnupftabaksnaſe vollendeten dies Bildniß. „Hier iſt Frau Ratouille, Herrn von Mohfreville's Verwalterin,“ ſagte Poterne, ſeine Begleiterin vorſtellend. Frau Ratouille, die Poterne ſorgfaͤltig unterrichtet hatte, verbeugte ſich vor Darena tief, und zeigte ſich gegen Louiſen aͤußerſt zuvorkommend, indem ſie derſelben verſicherte, daß ihr das Haus zu Dienſten ſtehe, und es Herrn von Monfreville aͤußerſt angenehm ſein werde, wenn ſie Gebrauch von dieſem Anerbieten machen werde. Frau Ratouille, welche aͤußerſt geſchwaͤtzig und ſehr darauf ver⸗ picht war, ihre Rolle gut zu ſpielen, weil man ihr nebſt freier Koſt taͤglich ſechs Franken verſprochen hatte, ver⸗ lor ſich in Phraſen, um Louiſen zu ſchildern, daß ſie bei ihr vor jeder Unannehmlichkeit und Zudringlichkeit geſchuͤtzt ſei. Das junge Maͤdchen bedankte ſich, uͤberzeugt, Frau voon Noirmont adreſſire ſie nur an achtbare Perſonen, bei Frau Ratouille vielmal und willigte ein, in ihrer Geſellſchaft Herrn von Monfreville's Ruͤckkehr abzuwarten. Darena blieb noch einige Zeit bei Louiſen; dieſe be⸗ nutzte Poterne, um der neuen Verwalterin die Localitaͤten des Hauſes zu zeigen, welches ſie nach Louiſens Meinung ſchon laͤngſt bewohnte; er rieth ihr, nicht zu viel zu ſchwatzen, aus Furcht, ſie ſage Dummheiten, und em⸗ pfahl ihr beſonders, Niemand zu dem jungen, ihr anver⸗ trauten Maͤdchen zu laſſen; dann ging er weg mit Da⸗ rena, welcher ſich bei Louiſen verabſchiedete und ihr ankuͤndigte, daß er Morgen fruͤh wiederkommen werde, um nachzuſehen, ob ſein Freund Monfreville zuruͤckgekehrt ſei, und ob ſie nichts in ſeinem Hauſe entbehre. Als ſie das kleine Haus verlaſſen hatten, ſagte Po⸗ terne zu Darena: 9⁵ „Das junge Maͤdchen iſt uns in die Haͤnde gefallen, um uns fuͤr die polniſche Geſchichte zu entſchaͤdigen... ſie iſt entzuͤckend! es iſt unmoͤglich, daß ſie dieſer junge Cherubim nicht anbetet, wenn er ſie ſieht; außerdem haben Sie mir geſagt, daß er oft von ſeiner fruͤheren Geſpielin ſprach... ein Beweis, daß er ſie nicht, wie ſie glaubt, vergeſſen hat; aber man darf ſie ihm nur gegen ſein vollwichtiges Gold zuruͤckgeben.“ Darena antwortete nichts, er ſchien in tiefes Nach⸗ denken verſunken. Poterne wagte ihn nicht in ſeinen Gedanken zu ſtoͤren; er vermuthete, er beſchaͤftige ſich mit einer guten Ausfuͤhrung der Sache. Am folgenden Morgen kleidete ſich Darena etwas ſorgfaͤltiger und begab ſich mit Poterne in das kleine Haus. Waͤhrend er ſich mit Louiſen unterhielt, blieb Poterne unten bei Frau Ratouille, die ihn verſicherte, das junge Maͤdchen habe ſich keinen Augenblick gelang⸗ weilt, weil ſie ihr den ganzen Tag Karten geſchlagen habe. Darena leiſtete Louiſen Geſellſchaft, bis es Nacht wurde; beim Nachhauſegehen beobachtete er gegen Poterne daſſelbe Stillſchweigen wie geſtern. Der naͤchſte Tag verging wieder ſo, nur bemerkte Poterne, daß ſein Buſenfreund in ſeiner Kleidung immer eitler wurde. Frau Ratouille fuhr fort, Louiſen die Kar⸗ ten zu ſchlagen, welche letztere fand, daß Herr von Mon⸗ freville ſehr lange ausbleibe, aber Darena wiederholte ihr jeden Tag: „Ein wenig Geduld, er muß zuruͤckkommen, und da Sie einmal ſo lange gewartet haben, waͤre es thdricht, 7 wenn Sie jetzt gingen, wo Monfreville jeden Augenblick kommen muß.“ Aber Louiſe fing aͤngſtlich zu werden an; es ſchien ihr, als ob ihr taͤglicher Geſellſchafter nicht mehr mit derſelben Achtung mit ihr ſpreche und ſich nicht mehr ſo ferne halte; ſie bemerkte, daß er ſie zu lange und zu haͤu⸗ fig anſah; endlich entdeckte ſie in Frau Ratouille's Ge⸗ ſpraͤch und Manieren Dinge, welche ihr Zutrauen gegen dieſe Frau ſehr ſchwaͤchten. Als ſie am ſechsten Tag das kleine Haus verließen, wo ſie noch laͤnger als gewoͤhnlich geblieben waren, ſagte Poterne, erſtaunt, die Sachen immer auf demſelben Punkt zu ſehen, zu ſeinem Begleiter: „ Ei... was haben Sie denn fuͤr einen Plan? wann werden Sie den jungen Marquis beſuchen? was fuͤr eine Geſchichte werden Sie ihm in Betreff der Kleinen vor⸗ malen?“ 3 3 Darena bruͤſtete ſich in ſeiner Cravatte und entgegnete eigenliebig: 8 „Ich habe eine andere Abſicht jetzt!... Dieſes Maͤd⸗ chen iſt wahrhaftig zu ſchoͤn, als daß ich ſie einem An⸗ dern uͤberlaſſen moͤchte... ſie gefaͤllt mir! Ich wußte nicht mehr, was Liebe war... und ſie hat dieſes Gefuͤhl in meinem zerriſſenen Herzen wieder erweckt! Louiſe wird meine Maitreſſe... ſpaͤter dann... wenn ſie mir nicht mehr gefaͤllt... wollen wir ſehen...“ „— Das iſt eine ſchoͤne Abſicht,“ rief Poterne aus, „wenn Sie damit Geld zu verdienen hoffen! Sie... verliebt werden! es iſt zum Erbarmen!... weil Sie noch einige Goldſtuͤcke im Beſitz haben... und ſeit einigen 97 Tagen gluͤcklich im Spiele waren, das wird aber bald aufgezehrt ſein... und wenn Sie dieſe Gelegenheit, vor⸗ uͤbergehen laſſen..“ 3 „— Wenn DOu nicht aufhoͤrſt, mich zu langweilen, Poterne, ſo ſchlag' ich dieſen Palmried auf Deinem Ruͤcken entzwei. Ich will dieſe Kleine beſitzen, es iſt vielleicht nur eine Laune, aber ich will ſie durchfuͤhren... Dieſe Louiſe iſt ein Kleinod... aber kein falſches, wie Du an Cherubim verkauft haſt. Morgen beſtellſt Du ein feines Mittageſſen und Weine, die Du aber ſo gut ſein wirſt, nicht in der Courtille zu kaufen; das Alles ſchickſt Du in meine Villa bei der Barriére de la Chopinette, ich . werde mit Louiſen zu Mittag eſſen... und die Nacht bei ihr zubringen; Du kannſt Deinerſeits, wenn Dich Frau Ratouille anzieht... bei der Aufwaͤrterin bleiben.“ „— Ah! Sapperment!... fuͤnf Jahre in Toulon⸗ waͤren mir noch lieber!..“⸗ 1— „Ou haſt mich verſtanden, Poterne, morgen ein Feſtmahl in dem kleinen Hauſe...“ „— und Sie ſind der Meinung, die junge Louiſe werde ſich dazu verſtehen... ſich..„ „Warum denn nicht.. wenn ich ihr einige Glaͤſer Champagner zu trinken gegeben habe? uͤbrigens werde ich aber, wenn ſie nicht will, ſie zu zwingen wiſſen Seit ſechs Tagen werfe ich ihr feurige Liebesblicke zu, wenn ſie dieſelben nicht derſtanden hat, iſt's um ſo ſchlim⸗ mer, aber nicht meine Schuld, ich will nicht in Seuf⸗ zen und Schmachten vergehen!“ Wohlan, ſprach Poterne, Darena folgend, bei ſich, * Als Galeerenftlave im Bagno. A. d. Ueb. Paul de Kock. vIII. 7 er hat ſic's einmal in den Kopf geſetzt und alles Reden waͤre vergeblich. * Wäͤhrend dieſer Vorfaͤlle durchſtreiften Cherubim und Monfreville Paris, forſchten und erkundigten ſich, ob man nicht ein junges Maͤdchen geſehen habe, deren ge⸗ naue Beſchreibung ſie abgaben. Cherubims ganze Die⸗ nerſchaft wurde entſendet, Herr Gerondif machte ſich, ſobald er gefruͤhſtuͤckt hatte, auf und kehrte erſt zum Abendeſſen wieder heim, wobei er ſchwur, daß er im Laufe des Tages zur Aufſuchung Louiſens zwoͤlf Stunden zuruͤckgelegt habe. Zuletzt wurde auch Jasmin nach Gagny geſchickt, um ſich zu erkundigen, ob Louiſe nicht zufaͤllig zuruͤckgekehrt ſei, aber man hatte dort das j junge Maͤdchen nicht wieder geſehen; als Nicolle erfuhr, daß man nicht wiſſe, was aus ihrer Pflegetochter geworden ſei, zerfloß ſie in Thraͤnen, verfluchte den Hofmeiſter, der Schuld an Louiſens Reiſe nach Paris war, und ſchwur, ihn durchzupruͤgeln, wenn ſich ihr Kind nicht wieder finde. Tage waren verfloſſen, ohne daß man irgend eine Spur entdeckte; gegen das Ende des dritten kehrte Cherubim, troſtlos uͤber die Fruchtloſigkeit ſeiner Nach⸗ ſuchungen, von Monfreville nach Hauſe zuruͤck, als ſeine Blicke beim Uebergang uͤber den Pont⸗neuf zufallig auf einen kleinen Jungen fielen, welcher einen haͤßlichen Hund fuͤhrte, den er den Voruͤbergehenden zum Verkauf anbot. Das Geſicht des jungen Hundshaͤndlers hatte einen zu merkwuͤrdigen Ausdruck von Bosheit, um demjenigen nicht aufzufallen, der es ſchon einmal bemerkt hatte. Cherubim erkannte ſogleich den Kleinen, der das Haus bewachte, in welches Darena die vorgebliche Graͤfin Glo⸗ 4 99 beska gefuͤhrt hatte, und ohne ein beſtimmtes Bewußt⸗ ſein, wozu dieſes Zuſammentreffen dienen konnte, naͤherte er ſich Bruno, der ihn aucch erkannte und uͤber Uieſe Be gegnung entzuͤckt zu ſein ſchien. „Ach! Sie ſind's, gnaͤdiger Herr... ich erkenne Sie!“ agte Bruno, den jungen Mann frech anſehend,„Sie woollte man d'ran kriegen... mit einer Deutſchen, welche ſich fuͤr eine Polin ausgeben mußte... Wollen Sie mir meinen Hund abkaufen... es iſt ein Dachs... er traͤgt mehr ein, als ich... denn ich trage nie ſechs... Fran⸗ ken ein... das iſt nicht theuer... Ich habe ihn geſtern gefunden und verkaufe ihn heute... wir ſind beide noch nuͤchtern!.. deßhalb bekommen ſie ihn ſo wohlfeil.“ „Ah! Du handelſt jetzt mit Hunden?“ fragte Che⸗ rubim. „— Mein Gott! ich muß doch Etwas treiben... da mich die Andern zum Hauſe hinausgejagt haben... Sie wiſſen wohl, Ihr Freund und dieſer alte Schuft, der Poterne... ach! weil ſie wieder ein junges— in das kleine Haus gebracht haben... aber das iſt etwas Anderes, als die Elſaͤßerin.. die iſt noch weit huͤbſcher!“ Ein leuchtender Gedanke fuhr Cherubim durch den 4 Sinn; er zog Bruno auf die Seite, gab ihm zwanzig Franken in die Hand und ſagte zu ihm: 3 „Hier, das gehoͤrk Dir... und noch zehn Franken weiter, wenn Du mir zur Entdeckung derjenigen ver⸗ hilfſt, die ich ſuche: „— Zwanzig Franken! o! das laͤßt ſich hoͤren. So viel Geld habe ich noch nie auf einmal gehabt.. * Der Hund gehoͤrt Ihnen... 1 * „— Aber jetzt antworte mir... Darena und Po⸗ terne haben, wie Du ſagſt, ein junges Maͤdchen in das Haus bei der Barriére gebracht?“ „— Ja, in einem Gefaͤhrt... einem alten Fiaker.“ „— Seit wann weißt Du das?“ „— Beim Kukuk!... ich war dort bei ihrer Ankunft „Es ſind jetzt.... warten Sie.... ſieben Tage heute... „— Sieben Tage... und ſeit dreien ſuchen wir ſie .... O! es iſt ſchon ſo.... Iſt das junge Maͤdchen huͤbſch?“ „— Reizend, und ſieht nicht ſo einfaͤltig aus, wie die Andere.. Sie haben ihr weiß gemacht, ſie ſei bei einem Herrn Monfreville... dann hat der Lump von Poterne weiß wo ein altes Weib aufgefunden, die ſich fuͤr die Verwalterin des Hauſes ausgibt, und mich haben ſie davon gejagt. — Haben Sie e das junge Müoße in Deiner Ge⸗ gemvar nicht beim Namen genannt?...“ — Eil warten Sie.. ich erinnere mich... Herr Darena ſagte, als er ſie bei ihrer Ankunft eintreten ließ: Hier iſt die Milchſchweſter meines Freundes, des Marquis Cherubim.“. „— Sie iſt es!... Ha, die Elenden will ich ſchon zwingen, ſie mir wieder zuruͤckzugeben!... Arme Louiſe! ſeit ſieben Tagen in der Gewalt dieſes niederträchtigen Darena... Ach! wenn ich nur noch bei Zeit komme!“ „— Nehmen Sie mich mit ſich... Wenn Sie ſich vor dem Hauſe zeigen, wird Ihnen nicht aufgemacht.“ „— Ich ſprenge die Thuͤre ein.. „ * 101 „— Ol die iſt feſt... aber ich, ich ſtehe Ihnen dafuͤr, weiß mir Eingang zu verſchaffen.“ „— Dann komm.. komm, ich verdopple Dir die verſprochene Belohnung, wenn Louiſe bald in meinen aͤnden iſt.“ „— O! ein herrlicher Streich... Ah! ſie jagen mich zum Haus hinaus.. ſchoͤnen Dank! man wird ſich ein hen raͤchen.. Geh, Dicker! ich gebe dir die Freiheit . ſuch dir ein Mittageſſen. 44 Bruno ließ ſeinen Hund los. Cherubim zöoͤgerte einen Augenblick, ob er Monfreville ſeine Entdeckung mitthei⸗ len ſolle; aber jeder Augenblick Aufſchub ließ der Be⸗ fuͤrchtung Raum, Louiſe unterliege irgend einem Angriffe; er fuͤhlte hinlaͤnglich Entſchloſſenheit und Muth, um ſie allein aus den ſie bedrohenden Gefahren zu befreien. Er ſtieg mit Bruno in einen Wagen, ließ ſich zuerſt vor ſein in der Naͤhe ſtehendes Haus fuͤhren und holte ein Paar Piſtolen mit der Abſicht, wenn es zur Befreiung Louiſens erforderlich waͤre, davon Gebrauch zu machen; dann ſtieg er, ohne ein Wort zu ſagen, wieder in den Wagen und ließ ſich mit Bruno nach der Barrière de la Chopinette bringen. Die Nacht war herabgeſunken, als ſie auf dem aͤußern Boulevard ankamen. Cherubim bebte vor Ungeduld, Wuth und Furcht, Louiſen nicht mehr zu treffen. Der kleine Bruno, der an Alles dachte, ſagte zu ihm: „Laſſen Sie den Wagen, ehe wir noch ganz beim Hauſe ſind, halten... Wenn ſie einen Fiaker anfahren hoͤrten, wuͤrden ſie aufmerkſam werden.“ 4 Cherubim ſah die Wichtigkeit dieſes Rathes ein, ſtieg ◻ 25 — 102 mit Bruno aus dem Wagen und ſchritt mit ſeinem klei⸗ nen Begleiter allein weiter. Die Fenſterlaͤden des kleinen Hauſes waren unten und oben geſchloſſen; aber durch die zerſprungenen Bretter hindurch konnte man leicht bemerken, daß oben und un⸗ ten Licht war. „Es ſind Leute darin!“ ſagte Cherubim, deſſen Herz gewaltig pochte. „— Ja... Hier muß man ſich durch Liſt Eingang verſchaffen... Warten Sie, ruͤhren Sie ſich nicht.. halten Sie Ihre Piſtolen bereit, damit Sie ihnen, wenn's offen iſt, einen Schreck einjagen koönnen... Sie ſollen ſehen, wie ich die d'ran kriege.“ Damit klopfte Bruno an die Hausthuͤre, waͤhrend er zu gleicher Zeit ſeine Lieblingsmelodie: la la, la la . trala, la la, pfiff. Poterne befand ſich gerade bei Frau Natouille im untern Stocke; Darena war zu Louiſen hinaufgegangen, wo er das Eſſen hatte auftragen laſſen, und kuͤndigte ihr ſeine Abſicht an, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Eben hatte Darena Louiſen ſeine Liebe erklaͤrt, die, zitternd und von Entſetzen ergriffen, nun einzuſehen be⸗ gann, daß ſie in eine Schlinge gefallen war, umd den Himmel um Huͤlfe und Beiſtand anrief. Im Erdgeſchoſſe, wo man nicht von Liebe ſprach, aß und trank man deſto mehr. Frau Ratouille's Augen waren ſo klein geworden, daß man ſie nicht mehr ſah, und Poterne's Zunge bewegte ſich bereits ſchwerfaͤllig, als Bruno an die Thuͤre pochte. Eine Zeitlang hoͤrte man nichts, endlich ließ ſich aber Poterne's Stimme vernehmen: * 41 — 103 „— Wer iſt da?...“ rief er. „— Ich bin's, Vater Poterne... Euer kleiner Affe Bruno, ſei't ſo gut und mach't mir auf. 4 8₰ — Was willſt Du, Schelm, was thuſt Du da?... wir brauchen Dich nicht... geh' Deiner Wege!“ „— Ich will eine griechiſche Muͤtze holen, die ich bei Euch zuruͤckgelaſſen habe; ich bin uͤberzeugt, daß ich ſie finde, denn ich weiß, wo ich ſie hingelegt habe. Laßt mich meine Muͤtze langen, dann gehe ich augenblicklich wieder.“ „— Du langweilſt uns.. hole Dir ſonſt wo Beime 3 Muͤtze.. und laß uns mit Frieden. 4 „— Ach! wenn Ihr mich meine Muͤtze nicht von Euch holen laßt, ſo klopfe ich die ganze Nacht an die Thuͤre, und werde einen ſolchen Laͤrm machen, daß die Wache herbeikommt!“ Dieſe Worte thaten ihre Wirkung; Poterne machte das Haus auf und brummte: „Nun ſo hole Deine Muͤtze... uind mache, daß Du weiter kommſt.“ Aber ſtatt des kleinen I Jungen, den er einlaſſen wollte, ſtuͤrzte ſich Cherubim, mit einer Piſtole in der Hand, deren Muͤndung er auf Poterne's Bruſt ſetzte, in das Haus herein und raunte dieſem mit funkelnden Augen zu: „Wenn Du einen Laut von Dir gibſt, biſt Du des Todes... wo iſt Louiſe?“ Voterne war dergeſtalt von Furcht ergriffen, daß er kaum zu murmeln vermochte: „Oben... bei Darena.“ 104 Cherubim wußte genug, flog die Treppe hinauf und trat gewaltſam die Thuͤre des obern Gemaches ein. Er iſt nicht mehr jener ſchwache, zaghafte Juͤngling, der weder zu ſprechen noch zu handeln wagte, ſondern ein Herkules, dem nichts widerſtehen darf. Beim Ein⸗ tritt ins Zimmer gewahrte er Louiſen, die ſich ange⸗ ſtrengt und heftig gegen Darena's Umarmungen ſtraͤubt. Cherubim ſtuͤrzt auf den Mann los, der Louiſen zu beſchimpfen gedachte, faßt ihn mitten um den Leib, hebt ihn in die Hoͤhe und wirft ihn mit Gewalt gegen das andere Ende des Zimmers, gegen den Tiſch, wo das Eſſen aufgetragen war. Darena hatte keine Zeit, ſich zu faſſen oder zu ver⸗ theidigen; ſein Kopf ſtieß an eine Tiſchecke, ſein Kinn ſchlug einen Teller entzwei, der ihm das Geſicht ver⸗ wundete, und fiel, den Namen„Cherubim“ ſtammelnd, nieder. „Cherubim!“ rief Louiſe aus, die ihren Augen nicht zu krauen wagte und ihren Befreier mit Freudenthraͤnen anblickte.„Waͤre es moͤglich„„ er waͤr's... Sie ſind's? „— Ja, Louiſe.. ich bin's, Cherubim, Dein Freund, Dein Bruder.. der uͤbergluͤcklich iſt, Dich wieder auf⸗ gefunden zu haben. Aber, komm... komm... ach! wir wollen dieſes ehrloſe Haus verlaſſen. Was Dich be⸗ trifft, Elender, ſo komme, wenn Du noch ein Bischen Herz haſt und die Ehre haben willſt, von meiner Hand zu ſterben, und ſuche mich auf, dann will ich Dir be⸗ weiſen, daß der junge Mann, den Du für ſo ſchuͤchtern hielteſt, ſich eines Degens oder einer Piſtole zu bedienen weiß.“ 105 Darena konnte nicht antworten, er hatte die Be⸗ ſinnung verloren. Cherubim nahm Louiſen bei der Hand und zog ſie mit ſich. Sie langten unten an, wo Frau Ratouille immer noch bei Tiſche ſaß, waͤhrend Poterne ſich in einem Schmalzfaͤßchen zu verbergen ſuchte, und Bruno vor der Thuͤre Schildwache ſtand. Cherubim hielt ſich nicht einen Augenblick bei dem Mitſchuldigen Darena's auf; fuͤhrte Louiſe fort, befahl Bruno, den Wagen vorfahren zu laſſen, worauf der kleine Knabe den Fiaker herbeiholte, und die beiden jungen Leute hineinſtiegen. Doch ehe ſich Cherubim entfernte, langte er eine Hand voll Gold aus ſeiner Boͤrſe und uͤberreichte ſie Bruno mit den Worten: „Nimm. Du haſt dieſes Gold mit einem guten Werke verdient; ich hoffe, es wird Dir Gluͤck bringen, und Du Dich beſtreben, ein rechtſchaffener Menſch zu werden.“ Der Wagen fuhr davon. Cherubim hielt Louiſens Haͤnde in den ſeinigen; ſeit einigen Augenblicken em⸗ pfanden die Beiden, welche ſich ſeit drei Jahren nicht geſehen hatten, ein ſolches Vergnuͤgen und ſolches Gluͤck, wieder mit einander vereint zu ſein, ihr Herz war ſo voll, ihre Bewegung ſo heftig, daß ſie außer Stand's waren, mehr als zuſammenhangsloſe Worte und abge⸗ riſſene Saͤtze auszuſprechen. „Sie ſind's, Cherubim!...“ ſtotterte Louiſe,„Sie „haben mich gerettet... Sie bekuͤmmerten ſich alſo noch um mich!... „— Ach! Louiſe, ſeit drei Tagen durchrenne ich Paris... ſeit drei Tagen.. ſuche ich Sie allenthalben .. ach! ſeit ich erfuhr, daß Sie von Frau von Noir⸗ mont verſchwunden ſeien.. habe ich nicht mehr gelebt, keine ruhige Minute mehr gehabtl.. — Waͤre es wahr. Sie lieben mich alſo noch, 2 Cherubim?“ „— Ob ich Sie liebe!... mehr als je... Louiſe . ich fuͤhle es... allerdings ließ ich Sie lange Zeit ohne Nachricht... ich mußte in Ihren Augen gleich⸗ guͤltig, undankbar erſcheinen... aber ich wollte Sie ſtets beſuchen, wenn mir Herr Gerondif nicht geſagt hätte, Sie ſeien in der Bretagne, wo es Ihnen ſo wohl ge⸗ falle. daß Sie nicht mehr nach Gagny zuruͤckver⸗ langten.“ „O! der Luͤgner!... mich hat er auch in Troſtloſig⸗ keit verſetzt durch die Verſicherung, Sie denken nicht mehr van Ihre feuher Geſpielin und wollten dieſelbe Küht mehr ſehen.. — Der garſtige Menſch, das i ja abſcheulich. „— und das war nicht wahr!... und Sie lang Ihre arme Louiſe noch.. ach! wie gluͤcklich bin ich!...“ Diesmal ſchien Cherubim die Strecke von dem klei⸗ nen Hauſe bis zu ſeinem Hotel ſehr kurz, er ſtieg aus dem Wagen, ließ Louiſen ins Haus eintreten und in ſein Zimmer hinaufgehen. Dieſe folgte ihm vertrauensvoll, ſie war bei ihrem Geliebten und gab keinem andern Ge⸗ danken Raum. Jasmin, der Lichter in ſeines Herrn Zimmer hinauf⸗ trug, ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er die Jungfrau gewahrte, und Cherubim erklaͤrte ihm mit wenigen Worten, wie er ſie gefunden habe. 107 „Das war abermals der Lump von Poterne... der mit den eingemachten Ruͤben!“ rief Jasmin aus,„und ſein Herr, der andere Spitzbube... glauben Sie mir, 3 ich hatte mehrmals den Gedanken, daß die auch wieder hinter dieſer Geſchichte ſteckten!..“ „Louiſe muß hier bleiben... ol ich leide nicht, daß ſie mich wieder verlaͤßt,“ ſagte Cherubim,„ich fuͤrchte zu ſehr, ſie nochmals zu verlieren. Sie ſoll ein Zimmer im Hauſe erhalten... aber unterdeſſen... heute Nacht das meinige einnehmen... Jasmin, Du laͤßt mir oben eines herrichten.“ 4 „— Ja, mein lieber Herr!“ Louiſe wollte ſich dieſer Anordnung widerſeßen, ſie fuͤrchtete, Cherubim zu belaͤſtigen, und behauptete, das kleinſte Gemach im Hauſe genuͤge ihr, aber Cherubim gab ihr kein Gehor, und Jasmin ging, ſeinen Befehlen zu gehorchen.* Die beiden jungen Leute blieben allein. Jetzt konnte Cherubim nicht muͤde werden, Louiſen anzublicken und zu bewundern, er fand ſie ſo huͤbſch, ſo anmuthig, ſo reizend, daß er ausrief: „— und ich vergaß Sie, um all' der Frauen willen, die ich in Paris zu lieben glaubte.. ach! Louiſe!.. es iſt keine einzige darunter, die mit Ihnen veralichen werden koͤnnte!..“ Das junge Maͤdchen erzaͤhlte ihrem Freunde Alles, was ſie ſeit ihrer Entfernung aus dem Dorfe gethan hatte; ſie verhehlte ihm keinen ihrer Gedanken; fuͤr ihn hatte ſie kein Geheimniß. Als ſie zur Schilderung ihres Eintritts bei Frau von Noirmont kam, theilte ſie ihm 108 die waͤhrend ihres Aufenthaltes bei dieſer Dame vorge⸗ fallenen Ereigniſſe mit; dann, mit der Hand an ihre Bruſt greifend, uͤberzeugte ſie ſich, daß ſie noch immer im Beſitz des Briefes war, den ſie Herrn von Monfre⸗ ville uͤbergeben mußte, und den Darena ihr entreißen wollte, als Cherubim ſo gelegen zu ihrer Vertheidigung herbeieilte. „Morgen fuͤhre ich Sie zu Monfreville,“ begann Cherubim,„denn dieſen Abend iſt es zu ſpaͤt, ihn rufen zu laſſen. Frau von Noirmont verſicherte Sie, er werde Sie mit Ihrem Vater bekannt machen... aber auf alle Faͤlle.. moͤge kommen, was wolle.. ſchwoͤren wir uns gegenſeitig, uns nicht mehr zu verlaſſen... wenn Ihre Eltern nicht mehr ſind, ſo will ich Ihnen Alles erſetzen .. ich will Ihr Beſchuͤtzer.. Ihr Freund.. Ihr.“ Cherubim wußte nicht, wie er endigen ſollte, aber er ergriff Louiſens Hand und bedeckte ſie mit Kuͤſſen. Das junge Maͤdchen war ſo gluͤcklich, immer noch von dem Geſpielen ihrer Kindheit geliebt zu werden, daß ſie mit Freuden den verlangten Schwur that. Beide konnten nicht aufhoren, ſich die Verſicherung ihrer gegenwaͤrtigen und kuͤnftigen Liebe zu wiederholen; dann erinnerten ſie ſich ihrer Jugendfreuden, ihrer erſten Spiele, der mit einander verlebten ſuͤßen Augenblicke, jener kurzen und ſchonen Tage, die ihnen wieder bevorſtanden. Fuͤr zwei innig liebende Weſen, die ſich lange nicht geſehen, verfließt die Zeit unbemerkt. Schon lange hatte Jasmin ſeinem Herrn gemeldet, daß das Zimmer oben fuͤr ihn gerichtet ſei, und Cherubim den alten Diener weggeſchickt, da er ſelbſt im Begriff war, ſich zuruͤckzu⸗ 109 ziehen. Aber er fing wieder ein Geſpraͤch mit Louiſen an, und blickte in ihre von Zaͤrtlichkeit und Liebe erfuͤll⸗ ten Augen. Sie tauſchten von Neuem ihre Schwuͤre ewiger Liebe aus und dachten nicht mehr daeen Si trennen. Mit einem Male hoͤrte man eine benachbarte uhr ſie ſchlug die zweite Stunde nach Mitternacht. „Mein Goit! es iſt ſehr ſpaͤt,“ ſagte Louiſe,„zwei uUhr Morgens. ich haͤtte es nicht geglaubt!.. mein Freund, ich ſtore Sie in Ihrer Ruhe... wir müſſen uns verlaſſen... jedoch nur bis morgen.“— „Nun denn,“ verſetzte Cherubim,„ich laſſe Sie ſchlafen, Louiſe.. Gute Nacht.. weil's ſein muß.“ Dabei blickte der junge Mann die Jungfrau zaͤrtlich an und blieb; endlich begann er mit einer gewiſſen Ver⸗ legenheit: „Louiſe... erlauben Sie mir nicht... ehe ich Sie verlaſſe, Sie zu kuͤſſen... ich habe es, ſeit ich Sie wie⸗ der getroffen, noch nicht gewagt... und doch... haben wir uns auf dem Dorfe oft gekuͤßt.“ Das junge Maͤdchen ſah nicht ein, warum ſie ihrem Jugendfreund die holde, ſonſt gewaͤhrte Gunſt verweigern. ſollte, und trar ſtatt aller Antwort auf ihn zu. Cheru⸗ bim flog in ihre Arme und druͤckte ſie an ſein Herz, aber ſein Kuß war nicht mehr der eines Kindes... 4 Louiſe erkannte ihre Unbeſonnenheit zu ſpaͤt... wie haͤtte ſie auch einer unvorhergeſehenen Gefahr ausweichen kon⸗ nen? und dann ſind manche Fehler ſo ſuͤß zu begehen... und Cherubim ſchwur ſo glaubwuͤrdig, ſie immer zu lie⸗ ben.. Diesmal war er nicht mehr ſchuͤchtern. zu 110 Fünftes Kapitel. Monfreville's Liebe. Der grauende Tag fand Cherubim in Louiſens Armen; das im obern Stock eingerichtete Zimmer war waͤhrend der Nacht uͤberfluͤſſig. Als aber der Morgen kam, ging der junge Mann ganz leiſe hinauf, damit ſeine Dienſt⸗ leute glauben konnten, er habe die Nacht darin zuge⸗ bracht. Gegen neun Uhr laͤutete er Jasmin und hieß ihn nachſehen, ob Fraͤulein Louiſe auf ſei und ſeinen Be⸗ ſuch annehmen koͤnne. 3 Der alte Diener beſorgte eilends ſeinen Auftrag und uͤberbrachte mit ſtrahlender Miene ſeinem jungen Gebieter die Nachricht, ſeine Freundin ſei auf, und man ſehe an ihrem ſchoͤnen, friſchen Antlitze wohl, daß ſie die ganze Nacht ruhig geſchlafen habe. Cherubim laͤchelte uͤber Jasmins Scharfblick und be⸗ eilte ſich, zu Louiſen hinabzugehen. Das junge Maͤdchen weinte und barg ihr Angeſicht an dem Buſen ihres Geliebten; aber Cherubim ſprach zu ihr in jenem die Liebe ausdruͤckenden und zum Herzen eines Weibes dringenden Tone: „Warum ſollteſt Du es bereuen, mich gluͤcklich ge⸗ macht zu haben, da ich doch von nun an mein ganzes Leben nur Deinem Gluͤcke widmen will? Wir verlaſſen uns nicht mehr, Su wirſt meine treue Gefaͤhrtin, meine theure Gattin... „Nein,“ erigegmnee Louiſe weinend..„Sie ſind reich... von vornehmer Abkunft... und koͤnnen kein * — —— 111 armes, elternloſes Maͤdchen heirathen... Ich werde Sie mein ganzes Leben hindurch lieben, aber ich kann nicht Ihre Gattin werden... denn es koͤnnte ein Tag kommen, wo es Ihnen leid waͤre, mich dazu erhoben zu baben.. und dann waͤre ich zu ungluͤcklich!“ — Niemals... und es iſt hochſt unrecht von Dir, einen ſolchen Gedanken zu hegen... Doch der Brief, den Du Monfreville zu uͤbergeben haſt, wird Dich Deine Eltern kennen lehren... Nun, ich werfe mich ihnen zu Fuͤßen, und ſie muͤſſen in unſere Vereinigung willigen.“ Louiſe ſeufzte und ſchlug die Augen nieder, waͤhrend ſie entgegnete: „Bin ich jetzt noch wuͤrdig... meine Eltern zu fin⸗ den?... Es ſcheint mir, ich ſollte dieſem Herrn den Brief nicht mehr uͤbergeben... es waͤre vielleicht beſſer, wenn ich ihn zerriſſe.“ Doch gelang Cherubim endlich, Louiſens Beſorgniſſe zu beſchwichtigen; er entſchloß ſich, ſeinem Freunde zu ſchrei⸗ ben und ihm den Brief, den das junge Maͤdchen nicht mehr zu uͤberbringen den Muth hatte, zuzuſchicken. Er ſchrieb daher ſchnell folgendes Billet an Monfreville: „Mein Freund! „Ich habe Louiſen wieder gefunden; ſie iſt ein Engel, der mein Daſein ausſchmuͤcken wird... Sie kann nun keinem Andern mehr angehoͤren, denn ſie iſt mein... ganz mein... O, mein lieber Monfreville, ich bin der gluͤcklichſte der Menſchen, und hatte diesmal keine Furcht . aber ich liebte auch die andern Buauen nicht, und dieſe bete ich an. „Frau von Noirmont hat meiner Louiſe einen Brief 112 an Sie uͤbergeben, wobei ſie verſicherte, Sie könnten die⸗ ſelbe mit ihrem Vater bekannt machen... und waͤhrend die Theure Ihre Wohnung ſuchte, begegnete ſie dieſem nieder⸗ traͤchtigen Darena, der ſie, unter dem Vorwande, ſie zu Ihnen zu fuͤhren, in das kleine Haus an der Barrière brachte. Gluͤcklicherweiſe kam ich zu rechter Zeit... Ich uͤberſende Ihnen hiemit dieſen Brief, mein Freund; kommen Sie ſchleunig, uns Ihre Mittheilungen zu machen ... Wenn mich aber Louiſens Eltern von ihr trennen wollten, ſo nennen Sie dieſelben nicht; denn von nun an kann Keines von uns ohne das Andere mehr leben.“ Cherubim unterzeichnete den Brief, legte den Louiſen zur Beſorgung uͤbergebenen hinein, und ſchickte beide am fruͤhen Morgen zu ſeinem Freunde. Monfreville befand ſich allein zu Hauſe, als man ihm Cherubims Sendung uͤberbrachte, und nahm unvere zuͤglich Einſicht davon. Als er den Namen der Frau t von Noirmont las, als er erfuhr, was dieſe zu Louiſen geſagt hatte, wurde er blaß und fing zu zittern an, er blickte haſtig auf den Einſchluß, ſah die Aufſchrift und rief aus: „Ja... ſie ſchreibt mir... ich erkenne ihre Schrift⸗ zuͤge, obgleich ſie mir lange nicht vor Augen gekommen ſind... Mein Gott!... welches Ereigniß mag ſie be⸗ wogen haben, an mich zu ſchreiben... nachdem ſie mir geſchworen hatte, mich fortan als einen Fremden zu be⸗ trachten... und die Vergangenheit aus ihrem Gedaͤcht⸗ niſſe zu vertilgen... Und das junge Maͤdchen, welches ſie an mich weist... ach! wenn ich hoffen duͤrfte...“ Damit erbrach Monfreville das Siegel von Frau von 113 Noirmonts Brief. Ehe er jedoch begann, mußte er ſich einen Augenblick ſammeln, denn er war ſo heftig ergriffen, daß er kaum die Schriftzuͤge unterſcheiden konnte; endlich fuͤhlte er ſich etwas ruhiger und las: 4 „Mein Herr! „Als Sie mich, Ihrer Schwuͤre ſpottend, neben der Wiege meines Kindes einen Fehltritt beweinen ließen, ohne ihn wieder gut machen zu wollen, ſchwur⸗ ich, daß Sie niemals meine Tochter kennen lernen ſollten.... und uͤberließ ſofort, ich muß es geſtehen, dieſes Kind, da ich es mit in den Haß hineinzog, den ich von da an gegen meinen Verfuͤhrer hegte, den Landleuten, deren Pflege ich es anvertraut hatte, mit dem feſten Vorſatz, es nie wieder zu ſehen. Spaͤter machte mir meine Stel⸗ lung eine Pflicht aus der Feſthaltung dieſes Schwures. Mein Vater, der, dem Himmel ſei Dank, nie von dem Vergehen ſeiner Tochter unterrichtet wurde, vergab meine Hand; als Frau, als Mutter und Gattin eines Mannes, der eben ſo ſtreng im Punkte der Ehre, als ſtolz auf ſeinen Ruf war, haͤtte ich durch einen einzigen unbeſonnenen Schritt, der einen Verdacht meines Jugend⸗ fehlers erweckte, ſowohl meiner Tochter, als mein und Herrn von Noirmonts ungluͤck herbeigefuͤhrt. Ihnen ſagen, ich ſei gluͤcklich geweſen, hieße Sie taͤuſchen; kann es eine Mutter ſein, die eines ihrer Kinder aus den Armen ſtieß?... Ich machte mir oft Vorwuͤrfe wegen der Liebkoſungen gegen meine Tochter... denn in der Tiefe meiner Seele ſtand, daß ich noch eine an⸗ dere haͤtte, die gleiche Rechte an meine Zaͤrtlichkeit habe und aus meinen Armen verbannt ſei!... Dieſe Paul de Kock. VlII.„ 8 114 Gewiſſensbiſſe waren ohne Zweifel nicht herb genug, der Himmel bewahrte mir noch eine ſchrecklichere Strafe auf! Vor einigen Monaten wurde, waͤhrend ich auf einer Reiſe abweſend war, ein junges Maͤdchen als Kam⸗ merjungfer in mein Haus aufgenommen... Ihre Sanft⸗ muth, die uͤber ihr ganzes Weſen verbreitete Anmuth gewannen ihr alle Herzen... Ich ſelbſt fuͤhlte mich zu ihr hingezogen; aber ſtellen Sie ſich meine Lage vor, als ich erfuhr, daß dieſes junge, aus Erbarmen von einer Baͤuerin Namens Nicolle in Gagny erzogene Maͤd⸗ chen daſſelbe Kind war, welches ich ihr einſt uͤberlaſſen hatte! Meine Tochter bei mir... in Dienſten... die Magd ihrer Mutter... ach! mein Herr, konnte ich die⸗ ſen fuͤrchterlichen Zuſtand ertragen?... Jeden Augenblick verſucht, mich in Louiſens Arme zu werfen... ſie an mein Herz zu druͤcken.. dann mich wieder meines Gat⸗ ten... meiner andern Tochter... der Ehre der ganzen Familie erinnernd... ich haͤtte ſterben oder dieſer Lage ein Ende machen muͤſſen... Endlich ſuchte ich Louiſen auf; ich fuͤhlte mich außer Stands, ihr zu geſtehen, ich ſei ihre Mutter.. aber ich bat ſie, ſich aus dem Hauſe zu entfernen, und das arme Kind gab meinem Flehen nach. Geruͤhrt jedoch von der zaͤrtlichen Anhaͤnglichkeit, die ſie fuͤr mich an den Tag legte,... entſchloß ich mich, ihr den Vater zuruͤckzugeben. Dieſes Kind, wel⸗ ches Sie nach Ihrer Ruͤckkehr nach Frankreich vergebens mich Ihnen zu zeigen baten,... iſt Louiſe... das junge, ſchoͤne, tugendhafte Maͤdchen, welches Ihnen dieſen Brief uͤberbringt. Geben Sie ihr einen Vater zuruͤck, mein Herr; was ihre Mutter betrifft, ſo duͤrfen Rn— — 115 Sie ihr dieſelbe nicht nennen, allein ihr Hers wird ſie ohne Zweifel zu errathen wiſſen! 3 Amalie von Noirmont.“ Nach beendigter Durchleſung dieſes Briefes uͤberließ ſich Monfreville dem lebhafteſten Entzuͤcken, ſeine Blicke durchliefen Frau von Noirmont's Schreiben noch einmal, er fuͤrchtete, das Spielzeug einer Taͤuſchung zu ſein, und war uͤbergluͤcklich in dem Gedanken, dieſe Louiſe, von der man ſo viel Gutes ſprach, deren Schoͤnheit, Sanft⸗ muth und Sittſamkeit Jedermann pries.. dieſe Louiſe— ſei das von ihm ſo ſehnlich geſuchte Kind. Doch bald maͤßigte eine Erinnerung ſeine Freude: er dachte an Che⸗ rubims Brief, nahm ihn zur Hand, uͤberlas ihn noch⸗ mals, und ein Gefuͤhl der Wehmuth druͤckte ſich in ſeinen Augen aus, waͤhrend er ſeufzte und vor ſich hin fluͤſterte: „Der Himmel wollte mir kein vollſtaͤndiges Gluͤck goͤnnen... und zwar wahrſcheinlich zur Suͤhnung meines Vergehens... nachdem ich jedoch ſelbſt ſo ſtrafbar war... bleibt mir nichts uͤbrig, als zu verzeihen.“ Louiſe und Cherubim erwarteten ungeduldig Mon⸗ freville's Ankunft, und neben dieſer ungeduld durchdrang ſie eine geheime Furcht, die ſie ſich nicht recht erklaͤren konnten. 1 Endlich meldete Jasmin Herrn von Monfreville. Louiſe ſchlug tief bewegt die Augen nieder, Cherubim flog ſeinem Freunde entgegen, hielt jedoch an, als er die ernſte, ſogar ſtrenge Miene deſſelben gewahrte, und ſtotterte, ihm die Hand hinreichend: „Haben Sie meinen Brief nicht erhalten, mein Freund?“. 116 Monfreville ergriff die ihm dargebotene Hand nicht, betrachtete das junge Maͤdchen, welches zitternd am an⸗ dern Ende des Zimmers ſtand, und fuͤhlte, waͤhrend er ſie anblickte, ſeine Augen naß werden; ſetzte ſich aber, mit Gewalt die ihn ergriffene Bewegung unterdruͤckend, in einiger Entfernung von Louiſen nieder, gab Cheru⸗ bim einen Wink, ſich einen Stuhl zu nehmen, und ſagte zu demſelben: „Ja, ich habe Ihren Brief erhalten... und den von Frau von Noirmont geleſen, worin ſie mir auseinander⸗ ſetzt, wie dieſes Fraͤulein von Ihrer Amme adoptirt wurde.“ „— Nun, mein Freund, iſt es wahr, daß Sie Louiſens.. Vater kennen... daß Sie zu ſeiner Ent⸗ deckung beizutragen vermogen... glauben Sie auch, daß er ſie gluͤcklich machen... und ſich unſerer Liebe nicht widerſetzen wird?...“ Monfreville blickte nochmals das junge Maͤdchen an und ſtotterte: — „Ja, ich kenne des Fräͤuleins Vater.“ Dann erhob Louiſe ihre Augen und richtete ſoz mit dem Ausdrucke der Hoffnung und kindlichen Liebe auf ihn, indem ſie ausrief: 4 „Sie kennen meinen Vater... Ach! mein Herr... wenn es moͤglich waͤre... daß er mich liebte... und... mir...“— Das junge Maͤdchen vollendete nicht... ihre Stimme bebte und die Worte erſtarrten ihr auf den Lippen. Monfreville begann nach einer Pauſe: 4 „— Ehe ich auf Ihre Fragen antworten kann, — „ 117 muß ich Ihnen nothwendig eine Geſchichte aus m Jugend erzaͤhlen... Schenken Sie mir gefaͤlligſt ganze Aufmerkſamkeit. „Ich war kaum zwei und zwanzig Jahre alt, reich, unabhaͤngig, bereits Herr meines Willens, aber durchaus nicht meiner Leidenſchaften... Damals liebte ich ein Frauenzimmer aus einer ehrenwerthen Familie... ſie hatte keine Mutter mehr zu ihrer Ueberwachung, und waͤhrend einer Abweſenheit ihres Vaters triumphirte meine Liebe uͤber ihre Tugend... Ach! das iſt ein großes Vergehen, ein Gefuͤhl, das man erregte, ſoweit zu miß⸗ brauchen, daß man den Gegenſtand ſeiner Liebe zum Vergeſſen ſeiner Pflichten verleitet... und ſelten geſchieht dies unbeſtraft!“. Cherubim fuhlte ſich betroffen und wagte es nicht mehr, Monfreville anzublicken, und der blaſſen und zit⸗ ternden Louiſe floßen große Zaͤhren uͤber die Wangen herab.„Bald darauf,“ fuhr Monfreville fort,„war ich Geſchäfte halber genbthigt, mich nach England zu be⸗ geben, und gelobte der, welche ich verfuͤhrt hatte, vor meiner Abreiſe noch, bald wieder zuruͤckzukehren und bei ihrem Vater um ihre Hand zu werben. Aber entfernt von ihr, ließ mich meine, bei einem jungen Manne ſehr natuͤrliche unbeſtaͤndigkeit dieſes Verſprechens vergeſſen. Indeſſen er⸗ hielt ich einen Brief, worin ſie mich benachrichtigte, ſie werde bald Mutter werden, undbitte mich, wenn ich ihre Ehre retten und meinen Fehler wieder gut machen wolle, ſchleunig herbeizueilen.. Nun, dieſen Brief ließ ich unbeantwortet... eine andere Liebe nahm mich in An⸗ ſpruch!... Zwei Jahre verſtrichen. Ich kehrte nach —— err aſſen hatte, und des Kindes, das ncht einmal ſeinen Vater kannte, erinnernd, beſchloß ich, dem Frauenzimmer, gegen welches ich ſo ſtrafwuͤrdig gehan⸗ delt hatte, meinen Namen und meine Hand anzutragen. Allein es war nicht mehr Zeit, ſie war verheirathet.. verheirathet an einen⸗Mann von ehrenvollem Range, und ich bezweifelte nicht, daß es ihr gelungen war, ihre Schwach⸗ heit vor Aller Augen zu verbergen; aber ich brannte, zu erfahren, was aus meinem Kinde geworden war. Nach vielen vergeblichen Verſuchen, war es mir endlich moͤg⸗ lich, eine geheime Unterredung mit der, die mich ſo heiß geliebt, zu erhalten... aber ich fand nur noch eine entruͤſtete, unverſoͤhnliche Frau, welche auf all' meine Bitten nichts als dieſe Worte erwiderte: „Sie haben mich verlaſſen, als ich Sie bat, mich Ihre Gattin zu nennen und Ihrem Kinde den Vater zu ſchenken. Ich kenne Sie nicht mehr! Ich will die Er⸗ innerung eines Vergehens, das mich errothen macht, in mir verwiſchen, und was Ihre Tochter anbetrifft, ſo ſind all' Ihre Bitten vergeblich, Sie werden nie erfahren, was aus ihr geworden iſt.“ Dieſer von einem beleidigten Weibe ausgeſprochene Entſchluß wurde nur zu ſtrenge durchgefuͤhrt... ſechzehn Jahre verfloſſen... vergebens hatte ich mehrmals meine Bitten wiederholt, man ließ ſie unbeachtet... Nun, Cherubim, kennen Sie auch den Grund jener Traurigkeit, die mich zuweilen mitten unter den heiterſten Geſellſchaften befiel, jenen Wechſel der Stim⸗ mung, den man mitunter an mir bemerkte; denn inmit⸗ ten der glaͤnzendſten Vergnuͤgungen der Welt trat das 1 V 2 ——-é Andenken an mein Kind vor meine deſſen ich zu genießen ſchien, ach!... ich dafuͤr hingegeben, ein kinäles Mal meine Tocht Reichthum, um den man mich beneide mein Herz zu druͤcken... und heute ſind meine Wünſche in Ecfuͤllung gegangen... heute gibt mir endlich eine Freundin... meiner ehmaligen Geliebten... meine Toch⸗ ter zuruͤck... o, mein Gott! muß ich in dem Augenhlick, wo ich ſo gluͤcklich waͤre, ſie wiederzufinden, zugleich er⸗ fahren, daß ſie ſtrafbar war! muß die Verfuͤhrung, welche das Ungluͤck ihrer Mutter ausmachte, auch meiner Toch⸗ ter Theil ſein?.. Ehe Monfreville dieſe Worte beendigt hatte, lagen Louiſe und Cherubim ſchon zu ſeinen Fuͤßen. In Thraͤ⸗ nen zerfloſſen, umſchlangen ſie ſeine Kniee, und Louiſe ſtreckte die Arme nach ihm aus, waͤhrend ſie mit beben⸗ der Stimme flehte: „Verzeihen Sie mir, Vater... verzeihen Sie uns ... Ach! ich kannte meine Eltern nicht... und Cheru⸗ bim war mir Alles!.“ Monfreville oͤffnete den beiden Liebenden, die ſich an ſeine Bruſt warfen, die Arme und ſagte, ſie umſchließend, zu ihnen: „Ja... ich muß verzeihen... denn ſtatt eines ein⸗ zigen werde ich von nun an zwei Kinder haben.“ 8 2 aes Gherlonn von Grandvilain. und an dieſem Tage kam Nicolle doppelt gluͤcklich nach Paris, um der Vereinigung Oeſſen, den ſie immer noch ihr Soehnchen nannte, und des Kindes, bei dem ſie ſo lange Mutterſtelle vertreten, beizuwohnen. und Jasmin, der ſeine ganze Jugendkraft wieder ge⸗ wonnen zu haben ſchien, wollte zum Hochzeitsfeſte ſeines Gebieters durchaus ein Kunſtfeuerwerk losbrennen; allein die dicke Turlurette widerſetzte ſich, indem ſie ihn an die bei Cherubims Geburt geſchehenen Unfaͤlle erinnerte, und Jasmin begnuͤgte ſich, einige Schwaͤrmer loszulaſſen, womit er den letzten kleinen Reſt ſeiner Haare abbrannte. Was Herrn Gerondif betrifft, ſo ertheilte ihm Che⸗ rubim, nachdem er ihm eine huͤbſche Summe hatte ausbe⸗ zahlen laſſen, den Rath, ſich nach andern Zoglingen umzuſehen. Der Hofmeiſter wollte, als er ſich im Beſitze einer anſtaͤndigen Summe Geldes ſah, in Paris Aufſehen er⸗ regen; er gruͤndete eine lateiniſche Zeitung, ſchrieb ein Trauerſpiel, hielt Vorleſungen uͤber allgemeine Wiſſen⸗ ſchaften und wollte die Damen bewegen, ſich ohne Schnuͤrleib zu kleiden. Nach Verlauf von einiger Zeit war er, da ihm nichts als die Einbuße ſeiner Erſparniſſe gelungen war, ſehr gluͤcklich, wiederum nach Gagny zu⸗ ruͤckzukehren und dort das Amt eines Schulmeiſters zu verſehen. 3 ꝓ&h ueaERRMRüRVx 2 1 3 15 1 7 ſiſſnſſſiſſſſiſſ 3 1 6 1 8 9 10 11 1