thbibliothe ugliſcher und franzöſiſcher Literatur — von.. aurd Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 7 3 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 den angenommen..— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe lc hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————H—— auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 wer. 50 Pf. 2.Wer.— Pf. „ 3„—„ 5„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Wanfen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. ‿ Stuttgart: Scheible, Rieger& Fattler. —, Kind meiner Fran. Von Paul de Koch. Deutſch dearbeitet von pr. Heinrich Elsngr. Erſter Theil. Stuttgart: Scheidle, Kieger& Jattler. 1843. *— Erſtes Kapitel. Reiſe, Unfal Abenteuer. „Wir werden dieſen Abend auf keinen Fall mehr nach Straßburg kommen, Müller!... Sag einmal dem Poſtillon, er ſolle auf die verfluchten Mähren lospeitſchen.— Seit einer Stunde habe ich ihm das ſchon mehr als zwanzigmal geſagt, mein Oberſt; aber er antwortet, wenn wir nicht alle drei den Hals brechen wollten, könne er nicht ſchneller fahren.— Heinrich wird nicht mehr in Straßburg ſein, bis wir dort eintreffen.— Dann, mein Oberſt, reiſen wir ihm noch weiter nach.— Und holen ihn vielleicht nicht zeitig genug ein, um dem Unglück, das ich befürchte, zuvorzukommen!... — Wenn auch, ſo haben Sie ſich wenigſtens nichts vorzuwerfen, mein Oberſt; denn wahrhaſtig, ſeit den ſechs Wochen, daß wir Tag und Nacht um-⸗ herennen von Framberg nach Straßburg, von Straß⸗ burg nach Paris, und von Paris wieder nach Framberg, ſind meine Hoſen ſo feſt an meine Hin⸗ terbacken geklebt, daß ich mich genöthigt ſehen werde, mein Oberſt, in unſerem erſten Abſteige⸗ quartier mein zweites Geſicht zu zeigen.— Wenn nur wenigſtens der Zweck unſerer Reiſe erreicht würde!— Ach! wenn nur eine gute Flaſche Wein da wäre, die Erſtarrung von meinen Gliedern weg⸗ zuwaſchen!... Aber nein!.. Nicht einmal ein ſchlechtes Glas Landſturm zur Löſchung meines brennenden Durſtes! Oh! mein Oberſt! für einen Andern würd ich eine ſolche Pein nicht ſo geduldig ertragen!— Bereuſt Du's, mir gefolgt zu ſein, Müller?— Ich gehe mit Ihnen, mein Oberſt, bis ans Ende der Welt; doch wünſchte ich, daß man dabei eſſen und trinken könnte...“ Hier ward das Geſpräch durch einen entſetzlichen Stoß unterbro⸗ chen, vom welchem die Achſe des Poſtwagens ent⸗ zwei brach; bald lagen der Oberſt Framberg und ſein Reiſegefährte in einem Chauſſee⸗Graben; die ganze Schuld fiel auf den Poſtillon, der in ſeiner Eilfertigkeit den Graben nicht wahrgenommen hatte⸗ Während ſich der Fuhrmann mit den Pferden beſchäftigte, half Müller ſeinem Oberſten wieder auf die Beine.„Tauſend Millionen Patronen! ſind Sie verletzt, Oberſt?— Es iſt nichts, Muͤller; nur ſchmerzt mich mein linkes Bein ein wenig:— Donnerwetter! Sie haben eine ſtarke Quetſchung! — Es iſt nichts, ſag' ich Dir, mach' nur, daß wir einen Ort finden, wo wir dieſe Nacht bleiben kön⸗ nen, denn ich ſehe wohl, daß wir die Hoffnung aufgeben müſſen, heute noch Straßburg zu erreichen.“ Der herzutretende Poſtknecht berichtete den beiden Herrn, etwa fünfzig Schritte von da be⸗ finde ſich eine Herberge.„Wie, Schlingel! Du wagſt es, den Oberſten anberg in einen Graben zu werfen?“ fuhr Müller den Poſtillon an. Der ◻ V „,— 3 7 aber entſchuldigte ſich ſo gut es ging, und man ſchlug den Weg nach dem Wirthshauſe ein, indem man den Oberſt unter beide Arme nahm. Unſere Reiſenden waren noch keine Viertelſtunde vorwärts geſchritten, als ſie ein kleines Haus von einfachem, doch gefälligem Aeußern erblickten: es beſtand aus einem Parterre, einem Stockwerk und den Dachböden; grune Ialouſien ſchützten die Be⸗ wohner vor der Sonnenhitze und mehrere buſchige Eichen beſchatteten den Eingang: kurz Alles ſchien anzudeuten, daß der Herr dieſer Wohnung, des geräuſchvollen Stadtlebens müde, ſich in dieſe Einſamkeit zurückgezogen habe, um ſeinen Sinnen in ſtillen Betrachtungen Ruhe zu gönnen. „Das nennſt Du eine Herberge!“ ſchnaubte Muͤller den Poſtillon an;„dreifaches Donnerwetter, ich glaube, Du willſt meinen Oberſt noch gar ſpa⸗ zieren führen?...— Laßt uns immerhin klopfen! antwortete der Schwager; d'rinnen werden wir ſchon ſehen, woran wir ſind. Müller pocht mit gewichtigen Schlägen an der Thüre: keine Antwort; neues Klopfen: Alles um⸗ ſonſt. Zu ihrem höchſten Unſtern war inzwiſchen die Nacht eingebrochen und die Verletzung des Oberſten, durch das Gehen ſchlimmer gemacht, ver⸗ urſachte demſelben entſetzliche Schmerzen. „Und wenn alle Deufel ſich verſchworen hätten, mein Oberſt, ſo können Sie in Ihrem jetzigen Zu⸗ ſtande doch nicht unter freiem Himmel ſchlafen. Da die Bewohner dieſes Hauſes taub ſind, ſo müſſen wir ſie zu entbehren ſuchen.“ Bei dieſen 8 Worten trat Müller mit aller Kraft gegen den der Thüre am nächſten befindlichen Fenſterladen der Parterrewohnung, welcher nicht im Stande, dem Sturme trotzen zu können, praſſelnd zu ſeinen Füßen niederfiel. Nun ſchlug er mit ſeinem Sä⸗ bel ein Paar Scheiben ein und ſtieg in das Haus, ohne auf die Befehle ſeines Oberſten zu hören, welcher ihm vorſtellte, daß man auf dieſe Weiſe das Völkerrecht nicht verletzen dürfe, und man ihn eher für einen Straßenräuber, als einen alten Feldwebel halten müſſe. Ohne ſich in ſeiner Expedition aufhalten zu laſ⸗ ſen, eilt Müller nach der Hausthüre, findet an der Wand einen großen Schlüſſel, öffnet ohne Schwie⸗ rigkeit und läßt den Oberſt Framberg in das lehr⸗ ſtehende Haus ein. „Da wir einmal innen ſind, ſagte der Oberſt, ſo wollen wir wenigſtens mit Umſicht zu Werke gehen.— Recht, mein Oberſt, geben Sie dieſem Dummkopf von Poſtillon, der an unſerem Mißge⸗ ſchick Schuld iſt, den Arm, und ich gehe voran, um Sie vor jedem Unfall zu bewahren.“ Unſere Reiſenden ſetzten ſich umhertappend in Marſch, denn die Finſterniß war ſo groß, daß man keinen Schritt vor⸗ oder rückwärts ſehen konnte. Schon waren ſie durch mehre Gemächer gegan⸗ gen, ohne etwas zu entdecken, und Müller, unge⸗ duldig werdend, fing an, zwiſchen den Zähnen zu fluchen, als Etwas an ihnen vorüberkam und bei ihrer Annäberung eiligſt entfloh. Müller, gereizt, —— — 9 läuft dem Fliehenden nach, aber ſeine Füße ver⸗ wickeln ſich, er verliert das Gleichgewicht und fällt mit dem Kopf in einen vollen Waſſereimer. Wüthend richtet er ſich wieder auf, öffnet eine Thüre, glaubt ſich auf ebenem Boden und purzelt eine ganze Treppe hinab, indem er eine unglück⸗ liche Katze, die Schuld an all dieſem Gepolter iſt, mit in ſeinen Fall verwickelt. Obgleich von ſeiner eiligen Rutſchpartie ganz betäubt, ſteht Müller doch ſchnell wieder auf, und ſchreitet diesmal mit mehr Umſicht zur Unterſu⸗ chung des Orts, an dem er ſich befindet. Die Kühle deſſelben und verſchiedene ihm unter die Hände fallende Flaſchen geben ihm bald die Ueberzeugung, daß er in den Keller gerathen ſei. Durch dieſe Entdeckung beuhigt, ſucht er die Treppe, die er ſo eilfertig herabkam, und will wieder hin⸗ auf, um dem Oberſt ſein Glück mitzutheilen; aber zum dritten Mal ſtoßen ſeine Füße an einen Gegenſtand und er fällt mit dem Geſicht einem Individuum auf die Naſe, welches ruhig ſchlief und ein ſchreckliches Geſchrei anhebt, als es ſich ſo plötzlich aufgeweckt fühlte. -——-—y—õ——— 22—+ 1— Zweites Kapitel. Die Grafen von Framberg. Ehe wir Müllern aus der Ueberraſchung her⸗ aushelfen, die ihm dieſe neue Begegnung verurſachte⸗ 10 iſt es nöthig, dem Leſer mitzutheilen, wer der Oberſt Framberg war, und was ihn zu dieſer Reiſe bewog. 3 Graf Hermann von Framberg, Vater des Oberſten, ſtammte aus einer alten deutſchen Fa⸗ milie; von Geſchlecht zu Geſchlecht hatten alle Framberge in ihrer Jugend dem Vaterlande ge⸗ dient, und Graf Hermann, nachdem er auf dem Feld der Ehre ſich Lorbeern des Ruhmes geſam⸗ melt, hatte ſich auf das Schloß ſeiner Ahnen zu⸗ rückgezogen und harrte hier mit Ungeduld an der Seite einer geliebten Gattin auf die Geburt des Kindes, das ſie unter ihrem Herzen trug, und das ſeinem Glück die Krone aufſetzen ſollte. Dieſer Augenblick kam, aber ſtatt eines Dags des Jubels ward es ein Tag der Trauer und des Leids: die Gräfin, indem ſie einem Sohne das eeben gab, verlor das ihrige. Nie tröſtete ſich der Graf völlig über dieſen Verluſt; da aber die Zeit auch den herbſten Kum⸗ mer lindert, erinnerte er ſich, daß er einen Sohn habe, und gab ſich mit allem Eifer der Sorge füͤr deſſen Erziehung hin. Dieſe glich der ſeiner Ahnen. Der junge Fram⸗ berg lernte frühzeitig die militäriſchen Uebungen; voll Freude ſah der Vater ſeine glücklichen Anla⸗ gen und mit fünfzehn Jahren hat der junge Mann um die Erlaubniß, zur Armee abgehen zu dürfen. Obgleich ſich der Graf ungern von ſeinem Sohn trennte, willigte er doch in ſein Verlangen; 11 der junge Framberg verließ das Schloß ſeiner Vä⸗ ter, um das Feld der Ehre zu betreten, wo ihm in ſehr kurzer Zeit ſeine ausgezeichneten Waffen⸗ thaten den Rang eines Oberſten erwarben. Graf Hermann war ſtolz auf einen ſolchen Sohn, und als der Oberſt Framberg ſeine Winterquar⸗ tiere im Schloſſe ſeines Vaters zuzubringen gedachte, ward er mit allen militäriſchen Ehrenbezeugungen, welche die väterliche Liebe noch ſinnreicher verſchoͤ⸗ nerte, empfangen. Auf dem Schlachtfeld machte der Oberſt die Bekanntſchaft Müllers. Dieſer brave Huſar zeich⸗ nete ſich eben ſo ſehr durch ſeinen Muth, als ſeinen wunderlichen Humor aus. Er beſaß die volle Frei⸗ müthigkeit und Derbheit eines guten Soldaten. Stets bereit, ſein Leben für denjenigen einzuſetzen, den er liebte, hätte er auch die ganze Welt durchſtreift, um denjenigen zu ſtrafen, der ihn beleidigte oder beſchimpfte. Seinen Oberſten verehrte er als ſeinen Vorgeſetzten und liebte ihn als den Tapferſten des Heers. Bei jeder Schlacht ſtand Müller demſelben zur Seite, focht ihm voraus, deckte ihn oft mit ſeinem Körper, und nie hätte er es dem ver⸗ ziehen, welcher ihn der Wonne beraubt hätte, für des Oberſten Rettung zu ſterben. Der Oberſt ſeinerſeits ſchloß ſich immer mehr an Müller an; bald wurden ſie unzertrennlich, denn der Oberſt, im Feldlager aufgewachſen, kannte keineswegs die Unterſchiede, welche Rang und Reichthum in der Welt begründen. Beſaß der⸗ jenige, den er liebte, die guten Eigenſchaften, die ihm ſeine Freundſchaft werth machen konnten, ſo war er, wenn auch ohne Titel und Vermögen, darum nicht weniger achtungswerth in ſeinen Au⸗ gen; mit einem Wort. der Oberſt war über alle Vorurtheile erhaben, und verletzte ſogar öfters durch ſein Benehmen die Convenienzen der Geſellſchaft. Der Verfolg dieſer Geſchichte wird uns häufige Beiſpiele davon liefern. Als Graf Hermann alt ward, wänſchte er ſehn⸗ lichſt, ſein Sohn möchte ihm einen Erben ſeines Namens ſchenken; und bei jedem Beſuch des Ober⸗ ſten auf dem Schloſſe(wohin thn Müller ſeit lange begleitete) erneuerte der alte Graf ſeine Bitten, ſich zu vermählen. Geraume Zeit hindurch, wo noch der Sporn des Ruhms auf den Geiſt des Oberſten allein wirkte, entſprach er ſeines Vaters Wunſche nicht; als er aber ſein dreißigſtes Jahr erreicht und dieſer kriegeriſche Sinn ſich etwas abgekühlt hatte, war er bereit, ſich den Wünſchen des Va⸗ ters zu fügen. Eine halbe Meile vom Schloß des Grafen Her⸗ mann lagen die Güter des Barons von Froburg. Der Baron, ein Wittwer, lebte zurückgezogen auf ſeinem Schloſſe, nur mit Erziehung ſeiner einzigen Tochter beſchäftigt; die kleine Clementine war der Abgott ihres Vaters und der Gegenſtand ſeiner ſchönſten Hoffnungen. Als Nachbarn ſchloſſen der Graf und der Baron bald einen innigen Freundſchafts⸗Bund; einen 13 Theil ihrer Zeit brachten ſie abwechslungsweiſe auf dem Schloſſe des Einen oder des Andern zu; der Eine erzählte, wenn ſie in Winterabenden zu⸗ ſammenſaßen, von den glänzenden Waffenthaten und dem Ruhme, mit welchem ſein Sohn ihm die alten Tage verſchönere, der Andere malte die kindliche Anmuth ſeiner Dochter, ihre zärtliche Liebe für ihn, ihre Theilnahme für Unglückliche, und ſeine Hoffnung aus, daß ſie einſt mit der Schönheit ihrer Mutter auch deren Tugenden in ſich verei⸗ nigen werde. So verfloß die Zeit: der Graf theilte dem Ba⸗ ron den Wunſch, ſeinen Sohn vermählt zu ſehen, mit; der Baron vertraute jenem die Unruhe, die ihn bei dem Gedanken peinigte, daß er ſeine Tochter bei ſeinem Tod, ohne Freund, der ſie ſchütze, ohne Gatten, allein in der Welt zurücklaſſe. Aus dieſen vertraulichen Mittheilungen folgte, was nothwendig daraus folgen mußte; der Graf und der Baron bildeten den Plan, ihre Kinder zu zu vereinen; dadurch knüpften ſich die Freund⸗ ſchaftsbande zwiſchen ihnen noch feſter, und die Unruhe, die unabläſſig ihr Alter trübte, ſchwand. Um dieſe Zeit war es, daß ſich der Oberſt den Wünſchen ſeines Vaters fügte: da führte ihn dieſer auf'’s Schloß des Barons, damit er die für ihn beſtimmte Gattin ſehe. Auf ſeinen häufigen Reiſen zu ſeinem Vater hatte der Oberſt Clementinen bereits erblickt; aber welch ein Unterſchied! damals war ſie noch ein 414 Kind und alle ihre Anmuth hatte ſich mit den Jahren erſt vollends entfaltet. Als der Graf ſie ſeinem Sohne als ſeine künf⸗ tige Gemahlin vorſtellte, hatte Clementine ihr acht⸗ zehntes Jahr erreicht; ſie war reizend, ohne ſchön zu ſein, aber jede ihrer Bewegungen athmete Wonne; ihre großen ſchwarzen Augen drückten das zärtlichſte Schmachten aus und ihr Mund öffnete ſich nur, um bezaubernde Töne, welche eine ſüße Verwirrung in dem Herzen jedes Hörers erregten, vernehmen zu laſſen. Clementinens Charakter ſtrafte die Sanftheit ihrer Blicke nicht Lügen: ſie war mit allen Tu⸗ genden begabt; aber bis zur Uebertreibung gefühl⸗ voll. Dieſe Empfindſamkeit, wenn ſie zu heftig iſt, wird häufig das Unglück der Frauen und reißt ſie oft weiter fort, als ſie ſelbſt eigentlich wollen. Der Oberſt fühlte beim Anblick Clementinens jenen geheimen Zauber, den die Gegenwart einer reizenden Frau hervorbringt, und wünſchte ſehn⸗ lichſt, ſie bald ſeine Gattin zu nennen, ohne jedoch jene heftige Leidenſchaft für ſie zu empfinden, welche im Stande iſt, Alles für den Beſitz des geliebten Gegenſtandes aufzuopfern.— Der Oberſt Fram⸗ berg, im Lager erzogen, kannte die Liebe nicht, und ſeine barſche Freimüthigkeit war mehr geeig⸗ net einen Freund, als einen Liebhaber aus ihm zu machen; aber ſtolz auf die Wahl ſeines Vaters, freute er ſich, ſeine Wünſche mit ſeiner Pflicht in Einklang bringen zu können. — 15 Als aber der alte Baron Clementinen ſagte, daß ſie den Oberſt Framberg als ihren künftigen Gemahl zu betrachten habe, erblaßte ſie, gerieth in Verwirrung und warf ſich ihrem Vater zu Füßen, flehentlich bittend, er möchte ſie nicht zwingen, ihn zu verlaſſen. Der Baron ſtellte ihr vor, daß ſie ihn nicht zu verlaſſen brauche; daß er fortwährend bei ihr wohnen werde; daß ſie überdies eines Be⸗ ſchützers, eines zweiten Vaters bedürfe, der, wenn ihr Vater zu Grabe getragen ſein würde, deſſen Stelle erſetze, und daß er zu Erfüllung aller dieſer Pflichten keinen würdigern Mann finden könne, als den Sohn des Grafen Hermann; kurz, der Baron gab ſeiner Tochter zu verſtehen, auf dieſer Ehe beruhe ſeine ſchönſte Hoffnung, und ſeine alten Tage verkümmere ſie, wenn ſie ihm hierin zu ge⸗ borchen ſich weigere. Clementine ſchwieg, ſuchte ihre Thränen zu verbergen und verſprach ihrem Vater, ſeinen Wün⸗ 3 ſchen zu willfahren. 7 Indeß erlangte ſie von dem Baron wenigſtens einen Aufſchub, damit ſie, wie ſie ſagte, Zeit habe, ihren künftigen Gemahl kennen zu lernen; darauf wurde beſchloſſen, daß die Verbindung erſt nach Verlauf von drei Monaten ſtatt finden ſolle. Woher mochte der Kummer Clementinens bei der Verkündigung ihrer bevorſtehenden Vermählung rühren? Wenn der Oberſt nicht den ſanften und zärtlichen Ton hatte, welchen man bei einem Lieb⸗ baber wünſcht, ſo beſaß er wenigſtens vortreffliche 16 Eigenſchaften; und zu dem hätte ſie das Vergnugen, ihrem Vater zu folgen, bewegen ſollen, ohne Wi⸗ derſtreben die von dieſem vorgeſchlagene Ehe einzu⸗ gehen. Demnach mußte irgend ein geheimer Beweg⸗ grund die Ruhe ihrer Seele ſtören. Dies werden wir ohne Zweifel im folgenden Kapitel erfabren. Drittes Kapitel Clementine. Unfern dem Schloſſe des Barons von Froburg lag auf einem Hügel, von dem aus man die reichen Beſitzungen des Vaters unſerer Clementine erblickte, eine kleine, mit einem hübſchen Gärtchen umge⸗ bene Hütte. In dieſem beſcheidenen Aſyle wohnte die Amme der Tochter des Barons. Sie hatte der letztern ſtets die Zärtlichkeit einer Mutter bewieſen und ihr alle Sorgfalt und Pflege einer ſolchen an⸗ gedeihen laſſen. Clementine ihrerſeits liebte die gute Mariane zärtlich und ließ keinen Tag vor⸗ übergehen, ohne ſie zu beſuchen. An einem ſchönen Frühlingsabend begab ſich Clementine auf den Weg nach der Hütte. Das Wetter war nie ſo ſchön geweſen; eine ſanfte, reine Luft berauſchte die Sinne und die untergehende Sonne ſchien nur mit Widerſtreben einen Tag zu beſchließen, den ſie ſo ſchön entfaltet hatte. Von einem unwiderſtehlichen Gefühle hingeriſ⸗ ſen, vertiefte ſich Clementine ins Gehölz, das ſie, und ſie ſtanden auf's ggegenüber. 8 Paul de Kock. IX. 2 17 um zu Marianens Hütte zu gelangen, durchſchnei⸗ den mußte. Bald ſich müde fühlend, ſetzte ſie ſich am Fuße eines Baumes nieder und überließ ſich ſüßen Träumereien, wozu ſie das rings um ſie her verbreitete Stillſchweigen einlud? So ſaß ſie ſchon geraume Zeit, als ſie ein ziemlich naher Flintenſchuß aus ihren Betrachtun⸗ gen aufſchreckte: ſchnell wandte ſie ſich um und ſah einen jungen Jäger. Beim Anblick Clementinens blieb der Jüngling betroffen ſtehen, und ſtatt ſich wegen der ihr eingejagten Furcht zu entſchuldigen, hatte er nur Augen für den reizenden Gegenſtand, der ſich ſeinen Blicken darbot. Clementine gewahrte zuerſt das Sond Lage; ſie ſtand auf und wollte ſich der junge Mann auf ſie zulief un Arm zurückhielt. „Wie! mein Fräulein, ſollte ich Ihnen Furcht gemacht haben?— Sie nicht, mein Herr, nur Ihre Flinte..— Wollen Sie meine Entſchul⸗ digung genehmigen? ich hatte Sie nicht bemerkt; denn gewiß, wäre das bälder geſchehen, ſo hätte ich unmöglich mehr an die Jagd denken können..— Es würde mir leid thun, mein Herr, wenn ich Ihr Vergnügen ſörte...— Ach, mein Fräulein, gerne würde ich jedes andere Vergnügen für das hin⸗ geben, welches ich in dieſem Augenbligk empfinde... Elementine erröthete; der junge Mann ſchwieg Neue unbeweglich einander erbare ihrer entfernen, als d ſie ſanft am Inzwiſchen brach die Nacht herein; Clementine machte wieder einige Schritte.—„Sie entfernen ſich, mein Fräulein?— Ja, mein Herr, die Nacht kommt und es iſt Zeit, in's Schloß zurückzukeh⸗ ren.— Sie bewohnen das Schloß Froburg 2— Ja, mein Herr.— Wenn das Fräulein mir erlauben wollte, Sie dorthin zu begleiten 2— Nicht nöthig, mein Herr, ich kenne die Wege ſehr gut.“ Damit entſchlüpfte Clementine leichten Schritts und ließ den jungen Mann allein, deſſen Augen ihr bis zum Saum des Waldes folgten. Athemlos langte Clementine im Schloß an; zum erſten Male ließ ſie einen ganzen Tag verſtreichen, ohne ihre gute Amme zu beſuchen. Sie vergaß Andere, um nur an die ſo eben ſtattgehabte Be⸗ gegnung zu denken. Umſonſt wollte ſie dieſen unwill⸗ kürlichen Gedanken verjagen, unaufhörlich ſchwebte ihr das Bild des jungen Jägers vor und erfüllte ihre Seele mit noch nie gekannter Unruhe. Am folgenden Tag begab ſie ſich zur nämlichen Stunde nach Marianens Hütte. Indeß vertiefte ſie ſich, trotz ihres geheimen Wunſches, mit dem Un⸗ bekannten wieder zuſammen zu treffen, nicht in's Gehölz, ſondern ging gerades Wegs zu ihrer Am⸗ me. Nachdem die gute Frau ſie über ihr geſtriges Ausbleiben gezankt hatte, mußte ſie ſich zu ihr ſetzen und ward eingeladen, ihr Mahl, aus Milch und Obſt beſtehend, zu theilen. Doch war Cle⸗ mentine nicht in ihrem gewöhnlichen Zuſtande. Eine geheime Unruhe, ein neues Gefühl bewegten ſie. 8 19 Ihre gute Amme, welche die Veränderung in ihrem ganzen Weſen wohl bemerkte, fragte ſie um die Urſache, und Clementine, die kein Geheimniß für dieſelbe hatte, machte ſie mit dem geſtrigen Zuſam⸗ mentreffen und dem Gegenſtand, der ſie beſchäftigte, bekannt, was ſie ihrem Vater nie zu erzählen ge⸗ wagt hätte: ſo wahr iſt es, daß Sanftmuth und Vertranlichkeit zum Zutrauen hinreißt, während die Ehrfurcht gegen die Eltern öfters die Quelle einer gegen ſie beobachteten Zurückhaltung iſt. Mariane, die in dieſem Zuſammentreffen nur etwas ganz Natürliches fand, ohne die Folgen deſ⸗ ſelben vorauszuſehen, wunderte ſich über Clemen⸗ tinens Aufregung. Während ſie dieſen Gegenſtand beſprachen, pochte man an der Thüre. Herzklopfen zeigte Clementinen an, daß es ihretwegen geſchehe: Mariane öffnete und wirklich trat auch der junge Mann aus dem Wald in die Hutte. Er lächelte, als er die bald erröthende, bald zitternde Clementine gewahrte. Die gute Mariane ſtaunte beide mit offenem Munde an, unſchlüſſig, ob fie ſchweigen oder reden ſolle. Leicht fand der junge Mann einen Vorwand für einen Beſuch; er ſagte Marianen, daß er gegen Abend, auf der Jagd verirrt, in großer Verlegen⸗ heit geweſen ſei, worauf er dann die Hütte erblickt habe. Er bat um etwas Milch und Obſt, da er ſeit dem Morgen nichts genoſſen habe. Sich hierauf an Clementinen wendend, grüßte er ſie ſchüchtern * und ſagte, er preiſe ſich glücklich, daß der Zufall ihm ein zweites Mal das Vergnügen, ihr zu be⸗ gegnen, verſchaffe. Clementine lächelte ebenfalls, denn ein inneres Gefühl ſchien ſie errathen zu laſſen, daß nicht der Zufall es ſei, der den jungen Jäger hergeführt. Mariane begriff nun, es ſei derjenige, der ihrem Fräulein(wie ſie Clementine nannte) geſtern Abend begegnet war, und ſagte ihm, daß er nicht gele⸗ gener hätte kommen können und Clementine ſo eben von ihm geſprochen habe. Zärtlich blickte der junge Mann das erröthende Mädchen an, Mariane aber ſah noch immer befremdet auf Beide. Rach und nach verſchwand indeß der Zwang, Vertrauen trat an deſſen Stelle, und der Jäger froh, Clementinen nicht mehr unbekannt zu ſein, theilte den Frauenzimmern mit, daß er ein Fran⸗ zoſe ſei, d'Ormeville heiße, frühe ſeiner Eltern beraubt und bei ſeinem geringen Vermögen in den Militärdienſt getreten ſei; nachdem er einige Zeit mit den franzöſiſchen Heeren im Felde geſtanden, habe er mit einem ſeiner Kameraden einen Ehren⸗ handel gehabt, ſich mit ihm geſchlagen und ſeinen Gegner im Zweikampf getödtet. Die Familie deſ⸗ ſelben ſei reich und mächtig, er, d'Ormeville, arm und ohne Protektion, habe ſich genöthigt geſehen, zu entfliehen, um dem peinlichen Gericht auszu⸗ weichen und ſei nach Deutſchland gekommen, in der Abſicht, die Dienſte des Kaiſers zu nehmen. Auf dieſer Reiſe habe er einige Zeit in einem dem Schloſſe 21 Froburg nahegelegenen Dorfe verweilt und gerade, als er ſich mit der Jagd unterhalten, die reizende Clementine getroffen. Die Tochter des Barons fragte mit reger Theil⸗ nahme, ob er jetzt in Sicherheit ſei. D'Ormeville ant⸗ wortete, daß er nichts mehr fürchte, ſeit er ſich in Deutſchland beſinde, und fügte hinzu, ſein ſehn⸗ lichſter Wunſch ſei jetzt, noch lange in der Gegend zu verweilen, die ſie bewohne. Auf ſolche Weiſe ward dies unerwartete Zuſam⸗ mentreffen für Clementine die Quelle mannigfacher Leiden. D'Ormeville erlangte anfangs nur ſchwer die Erlaubniß, Elementine anf einen Theil des Rückwegs zu begleiten: zwar war Mariane ſtets bei ihnen: iſt aber die Gegenwart eines Dritten hin⸗ reichend das Aufkeimen der Liebe zu erſticken? Clementine fehlte keinen Abend in der Hütte; und d'Ormeville ſeinerſeits war eben ſo pünktlich. Er fand ſtets irgend einen Vorwand, dort zugelaſſen zu werden. Die gute Mariane ſah nichts Unrechtes darin, daß zwei ſo liebenswürdige junge Leute öfters beiſammen waren; überdies hatte d'Ormeville durch ſein ſanftmüthiges und zuvorkommendes Weſen ihre Freundſchaft gewonnen und Niemand ſchickte ſich, wie ſie ſagte, beſſer mit ihrem Fräulein zuſammen. Unſere jungen Leute hatten ſich bald verſtändigt⸗ Die Augenſprache genügte ihnen nicht mehr, und während eines Tages Mariane im Garten war, warf ſich d'Ormeville Ciementinen zu Füßen und geſtand ihr ſeine Liebe. Was hätte ſie erwidern können, das er nicht ſchon wußte? Sie ſchwuren ſich gegenſeitig'zu, ein⸗“ ander auzugehören und ewig zu lieben. Das Ge⸗ ſchick indeß, welches nicht immer mit unſern ün⸗ ſchen übereinſtimmt, ſchien denen der beiden Lie⸗ benden entgegen ſein zu wollen. Clementine geſtand d'Ormeville, daß ihr Vater die Franzoſen nicht liebe und nicht leicht ſeine Einwilligung zu dieſer Verbindung geben werde. D'Ormeville hielt ihr entgegen, daß er in deutſche Dienſte trete, und die⸗ ſer Umſtand aͤhren Vater vielleicht guͤnſtiger für ihn ſtimmen könne. Clementine glaubt es: was man wünſcht, glaubt ſan ſo leicht!... 3 Die Zeit verſtrich inzwiſchen und d'Ormeville, der ſchon bei der Armee hätte ſein ſollen, konnte ſich nicht zur Trennung von Clementinen entſchließen. Jeden Abend genoſſen unſre Liebenden, mit der guten Mariane, welche voll Freude ihren Reden zuhörte, um einen Diſch ſitzend, das ſüße Vergnügen, wel⸗ ches man im Zuſammenſein mit dem geliebten Ge⸗ genſtand empfindet, und gewöhnlich gingen alle drei miteinander bis an die Thüre des Schloßparks, wo Clementine mit dem Verſprechen ſchied, am an⸗ dern Tage wieder zu kommen. Als ſich jedoch Mariane eines Tages unpäßlich fühlte, konnte ſie Clementine aufèdem Heimwege nicht begleiten. Es war ſpät: bei traulichem Liebes⸗ koſen hatte man die Stunde vergeſſen und Clementine durfte nicht allein gehen; ſie mußte wohl d'Ormeville's Arm annehmen. Der Abend war prächtig und rief 4 4 23 unſern Liebenden den erſten Tag ihres Zuſammen⸗ 'treffens⸗zurück. Am Walde ſtanden ſie ſtill, tauſend köſtliche Gefühle bemächtigten ſich ihrer Herzen. D'Irmeville drückte ſeine Geliebte in ſeine Arme; Clementine gab ſich ganz ſeinen Liebkoſungen hin, und beide vergaßen die Welt und ihre Convenien⸗ zen, um nur noch an die Liebe zu denken. Da unglücklicherweiſe das höchſte Vergnügen die kürzeſte Dauer hat, ſo ſchwand die Täuſchung, die Sinne wurden wieder ruhiger und Clementine ſah mit Entſetzen den Abgrund, in welchp ſie geſtürzt war. Doch d'Ormeville war bei⸗ ihr, er ſtillte ihren Schmerz, trocknete ihre Thräneh, etwas Leichtes für einen Liebhaber! Clementine lächelte.. Wenn die Liebe den Genuß überlebt, iſt man immer noch glücklich.„ Man mußte ſich indeß trennen, und dies war das Härteſte!... Endlich ging Clementine durch die kleine Pforte des Parks nach Hauſe; aber wie ſehr zitterte ſie, als ſie durch die Gemächer des Schoſſes hinſtog! Mit welcher Verwirrung redete ſie nicht den Urheber ihrer Tage an! Wenn det Baron erſt zwanzig Jahre gezählt hätte, er hätte Alles geahnt. Aber unſre Eltern ſind nicht mehr, wie wir, im Alter der Leidenſchaften; darum iſt es auch leicht, Ahnen die in uns tobenden zu ver⸗ bergen. Je mehr indeß unſre Liebenden der Liebe pfleg⸗ ten, um ſo weniger dachte d'Ormeville an ſeine Abreiſe, bis ein unerwartetes, aber ganz natür⸗ —= 24 liches Ereigniß ihn an ſeine Pflicht erinnerte: Cle⸗ mentine fühlte ſich guter Hoffnung. Dieſe Nach⸗ richt erfüllte d'Ormeville mit Freude, ließ ihn aber doch fühlen, daß es Zeit ſei, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Mann kam überein, d'Ormeville ſolle augen⸗ blicklich zur Armee abreiſen! eben kam ein Krieg zwiſchen Rußland und Oeſterreich zum Ausbruch; der Augenblick, ſich auszuzeichnen, war da. Cle⸗ mentine ſollte ihrem Geliebten von allem auf dem Schloß Verfallenden in Kenntniß ſetzen. Man hoffte, er werde vor der Geburt des unter ihrem Herzen ruhenden Kindes wieder zurückkommen; und dann wollten ſich beide Liebenden dem Baron zu Füßen werfen, ihr Vergehen bekennen und ſeine Verzei⸗ hung erlangen. Nach Feſtſtellung dieſes Planes dachte man nur noch an ſeine Ausführung: d'Ormeville verließ die Geliebte nicht ohne viele Thränen zu vergießen, und Clementine fühlte ihre Sinne ſchwinden, als ſie denjenigen abreiſen ſah, den ſie als ihren Gat⸗ ten betrachtete. 4 Viertes Kapitel. Der Mann, wie es wenige gibt. Zwei Monate nach d'Ormeville's Abreiſe kün⸗ digte der Baron von Froburg ſeiner Tochter an, 4 ——— —— daß ſie den Oberſten Framberg als ihren künftigen Gemahl anzuſehen habe. 8 Was konnte Clementine ſagen? Sie fürchtete ihren Vater zu ſehr, als ſie es gewagt hätte, ihm ihren Fehltritt zu geſtehen. Wir haben geſehen, daß Alles was ſie zu erlangen vermochte, ein Auf⸗ ſchub von drei Monaten war. An dem Buſen ihrer guten Amme, in den ſie ſchon lange all ihren Kum⸗ mer vertrauensvoll niedergelegt hatte, weinte ſte ſich aus. Die alte Mariane konnte ihr nur zuſprechen, Muth zu faſſen; aber um das Unglück voll zu machen, empfing Clementinen ſeit einem Monate von d'Orme⸗ ville keine Nachricht mehr. Was mochte ihm be⸗ gegnet ſein?... War er gefangen? war er auf dem Schlachtfelde gefallen? Alle dieſe entſetzlichen Gedanken machten ihre Lage unr noch ſchrecklicher. Eines Abends waren Graf Hermann und ſein Sohn bei dem Baron, da trat Müller herein, ſei⸗ nem Oberſten Nachricht über die letzte Schlacht zu bringen. „Nun! Müller, ſagte der Oberſt, was gibt's Neues?— Ha! die Feinde ſind tüchtig getlopft worden...— Biſt du deſſen gewiß?— Ja, Herr Oberſt, denn der alte Frank, der gerade von der Armee herkommt, hat mir's erzählt. Bomben und Granaden! Er ſagt, der Kampf ſei hitzig ge⸗ weſen!... Der Feind vertheidigte ſich wacker; an⸗ fangs richtete er große Verheerungen in unſern Reihen an: von der ganzen erſten Schwadron un⸗ ſeres ſechsunddreißigſten Huſarenregiments iſt nicht ein 8 26 Einziger davon gekommen...— Was ſagen Sie? rief Ckementine. Wie? nicht einmal die Offi⸗ g ziere?— Ach! mein Gott, nicht Einer!.. Al⸗ les blieb auf dem Platze!...“ Clementine hörte nicht weiter, ſie ſank ohn⸗* mächtig nieder: man ſprang ihr bei, während Müller, durch die Beſchreibung der Schlacht in Feuereifer gerathen, den Unfall nicht bemerkte, welchen er hervorgerufen hatte. Man trug Clementine in ihr Zimmer, wo ſie ihre Sinne nur wieder erlangte, um ſich dem hef⸗ tigſten Schmerze hinzugeben. In der erſten Schwa⸗ dron des ſechsunddreißigſten Huſarenregiments diente d'Ormeville, und die eben erhaltene Nach⸗ richt in Verbindung mit dem ſeit lange von ihm beobachteten Stillſchweigen überzeugte ſie leicht, daß er zu leben aufgehört habe. Wirklich gelangte auch von dieſer Zeit an keine Nachricht von d'Ormeville mehr zu Clementinen, welche ihre Tage in Thränen verlebte, in Gedanken an den, den ſie verloren. Mittlerweile verſtrich die Zeit: der Clementinen gewährte dreimonatliche Auf⸗ ſchub nahte ſeinem Ende; auch fühlte ſie, daß ſie bald Mutter ſein werde, und jeder Augenblick vermehrte die Angſt ihrer Lage. 4 Ein Schritt mußte geſchehen: Clementine ent⸗ chloß ſich, das letzte ihr übrige Mittel zu ver⸗ ſuchen, um wenn nicht Glück, worauf ſie ſeit dem Tode des Geliebten verzichtet hatte, doch wenigſtens 27 Ruhe und Frieden zu genießen, die ſie ſchon lange entbehren gemußt. Der Charakter des Oberſten Framberg, welchen Clementine ſchätzen gelernt hatte, gab ihr den Ge⸗ danken ein, ihm ihren Fehltritt zu bekennen und ſich ſeiner Großmuth anzuvertrauen. Eines Tages, kurz vor dem zu ihrer Vermählung beſtimmten Zeitpunkt, bat ſie den Oberſten, um eine kurze Unterredung unter vier Augen; gerne wi ligte dieſer darein. Sie begaben ſich an einen abgelegenen Ort des Parks und dort theilte ihm Clementine das Geheimniß ihrer Liebe und ihres Unglücks mit. Der Oberſt wurde ſtarr vor Erſtaunen, als er von Clementine vernahm, daß ſie bald Mutter ſein werde, „Wie? Madame, ſagte er zu ihr, Sie, die ich für die allerunſchuldigſte unter den Frauen gehalten hätte!...“ Er hielt inne: Clementine war pur⸗ purroth vor Scham..—„Ach! verzeihen Sie, Madame, ſetzte er hinzu, die Liebe iſt mir unbe⸗ kannt, und ich weiß nicht, zu welchen Fehlern ſie uns hinreißt. Doch ſprechen, befehlen Sie! was verlangen Sie von mir? Ihr Zutrauen verdient meine ganze Anhänglichkeit und Achtung, es iſt ein Beweis, daß Sie mich ſchätzen: und ich will Ihnen zeigen, daß wenn der Oberſt Framberg nicht ihr Geliebter ſein kann, er wenigſtens Ihrer Freund⸗ ſchaft würdig iſt. 4 Durch dieſe Rede ermuthigt, ſagte Clementine, ſie überlaſſe ſich ganz ſeiner Großmuth, ihr Schick⸗ ſal ſtehe in ſeinen Händen. „Nun wohlan! Madame, in dieſem Fall wollen wir, wenn es Ihnen genehm iſt, nichts an unſern Projekten ändern. Lebte derjenige noch, der Ihre Liebe beſaß, ſo würde ich mich wohl hüten, mich Ihnen als Gatten anzutragen, denn das hieße Sie zu ewiger Reue verdammen wollen; aber er iſt nicht mehr, und Sie ſind Mut⸗ ter: Ihr Kind bedarf eines Vatersz; ich will dieſe Stelle bei ihm vertreten, und immer die gleiche Zärtlichkeit für daſſelbe haben, als wäre es mein eigenes:— Wie! Oberſt, Sie wären bereitwillig, mich zu heirathen? Vergeſſen Sie, daß Vorur⸗ theile, die Ehre ſelbſt, Ihnen dieſe Ehe unter⸗ ſagen?..— Vorurtheile kenne ich nicht; und meine Ehre, Madame, beſteht darin, das Un⸗ glück zu unterſtützen und der Waiſe Vater zu ſein. Unter dieſem Litel will ich Ihr Gemahl werden, und wenn man in der Folge mein Benehmen ta⸗ telt, kann man mir wenigſtens die Genugthuung nicht verſagen, als galanter Mann gehandelt zu haben.— Ach! Oberſt, wer wäre frech genug, die Handlungsweiſe eines Mannes zu tadeln, der ſich nur im Wohlthun gefällt?— Ueberdies, Madame, da die Schicklichkeit es erfordert, ſo bürge ich Ihnen dafür, daß das tiefſte Geheimniß dieſe Be⸗ gebenheit umhüllen ſoll.“ So endigte die Unterhaltung und acht Tage darauf ward Clementine des Oberſten Gattin. 29 Hätte ſie d'Ormeville nicht gekannt, würde ſie in dieſer Verbindung ihr Glück gefunden haben; aber die Erinnerung an den Angebeteten ſtörte unab⸗ läſſig ihre Ruhe und ſie verfiel in düſtere Schwer⸗ muth, die ſie vergebens ihrem Gatten zu verber⸗ gen ſuchte. Einen Monat nach der Hochzeit ſtarb Graf Hermann; der Oberſt weihte dem Gedächtniß ſei⸗ nes Vaters die Thränen eines zärtlichen Sohnes und lebte einige Zeit mit ſeiner Gemahlin in gänz⸗ licher Abgeſchiedenheit, wo er Niemand als Mül⸗ ler vor ſich ließ. In dieſem Zeitraum gebar die Gräfin einen Knaben, der insgeheim unter dem Kamen Heinrich d'Ormeville getauft ward, den aber der Oberſt erzog und für ſeinen Sohn ausgab. Der alte Baron von Froburg, damals auf ſeinem Schloſſe, hatte keine Kunde von dieſem Er⸗ eigniß, und ſtarb nicht lange nachher ohne die ge⸗ ringſte Ahnung von dieſem Geheimniſſe. Müller war der einzige, der die Wahrheit durchſchaute; aber er behielt ſeine Betrachtungen für ſich und äußerte ſeine Gedanken gegen den Oberſten nicht. Der junge Heinrich wurde der Abgott ſeiner Mutter; ſeine Züge vergegenwärtigten ihr die Züge des von ihr ſo heiß geliebten Mannes. Wäre Clementine ſo glücklich geweſen, ihren Sohn zu erziehen, ſo würde unſer junger Held wahrſchein⸗ lich ihre ſanften und zarten Tugenden geerbt haben, aber ſie ſtarb, noch ehe er ſein viertes Jahr erreicht hatte, begleitet von den Thränen und dem Bedauern aller Derer, die ſie kannten. Die Verzweiflung über den Tod ſeiner Frau nöthigte den Oberſten, zur Zerſtreuung einige Zeit das Schloß zu verlaſſen. Er beſchloß, wieder zur Armee zu gehen; ſeine Liebe zu dem kleinen Hein⸗ rich bewog ihn indeß, dieſen in den Händen eines Mannes zurückzulaſſen, der mit allem Eifer ſeine Jugend beaufſichtigen und ihm frühe ſchon die Grundſätze der Tugend einimpfen könne; hiezu er⸗ kor er Müller. Er kannte deſſen Biederkeit und Aufrichtigkeit, und in der Ueberzeugung, dieſer werde ſeinen Sohn(wie er Heinrich nannte) keinen Augenblick verlaſſen, ſchwankte er nicht, ihn zu deſſen Lehrer zu beſtellen. Müller wäre wohl ebenſo gern ſeinem Oberſten zur Armee gefolgt, als daß er ruhig auf Schloß Framberg verblieb: da aber die Wünſche ſeines Vorgeſetzten Befehle für ihn waren, ſo ſchwur er ſeine Plane treulich zu erfüllen. Der Oberſt reiste da⸗ her ab, indem er Müller in ſeiner Abweſenheit den Befehl über das Schloß übergab und ihm ein⸗ ſchärfte aus Heinrich einen braven und tugendhaf⸗ ten Mann zu bilden. * 31 Fünftes Kapitel. Heinrichs Erziehung. Wir wollen nun ſehen, wie Müller die ihm ge⸗ ſtellte Aufgabe löste, und welches die Erziehung des kleinen Heinrich war. Müller ſing damit an, ſeine Wohnung neben der ſeines Zöglings aufzuſchlagen; ſo wie der Tag graute, trat er in Heinrichs Zimmer, zog ihn ungeſtüm aus dem Bette, kleidete ihn an und nahm ihn zu einem Spaziergang im freien Felde mit, wohl wiſſend, daß dieſe Leibesbewegung ſeinen Zög⸗ ling ſtärker und kräftiger mache. Wieder heimgekehrt nahm man das Frühſtück, aus etwas kaltem Fleiſch und Wein beſtehend, ein; Müller war der Meinung, das tauge mehr, als alle Thees und Kaffees in der Welt: vielleicht hatte er nicht Unrecht; aber ich glaube, es war ihm im Grunde auch nicht unlieb, ſelbſt dieſes Früh⸗ ſtück benützen zu können. Hierauf trat Müller ſei⸗ nen Zögling, doch nur auf zwei Stunden, einem alten auf dem Schloß wohnenden Magiſter ab, der beauftragt war, ihn Schreiben und fremde Sprachen zu lehren. Müller empfahl Heinrich un⸗ aufhörlich, ſich mit dem Studium der Wiſſenſchaf⸗ ten nicht zu ſehr den Kopf zu zerbrechen, weil er den Degen gut zu führen für nöthiger hielt, als Latein ſprechen zu koͤnnen: und der junge Menſch, ſich auf Müllers Beiſtimmung ſtützend, warf Herrn Bethmann,(ſo hieß der Lehrer) zuweilen die Bü⸗ cher ins Geſicht, weil er ihn langweile, und er lieber fechten lernen wollte. Herr Bethmann ſchrie; aber Müller war entzückt, und erſterer hatte im⸗ mer Unrecht. War dieſer Unterricht vorüber, ſo führte Mül⸗ ler den Kleinen in den Hof, ſetzte ihn auf ein Pferd und ließ das Thier beinahe eine Stunde lang im Hof herumtraben und galoppiren: auch kannte der kleine Heinrich in ſeinem zehnten Jahre die Pferde beſſer, als ſein Elementarbuch. Nach dieſem kleinen Zeitvertreib ſchied man zu einem andern wichtigeren; man mußte exerciren und die ehrenvolle Handhabung des Säbels lernen. Darin zeichnete ſich Müller beſonders aus, und wenn er mit ſeinem Zögling zufrieden war, ſo belohnte er ihn durch Freiſprechung für morgen von jedem Unterricht bei Herrn Bethmann. Nun ſetzten ſich die Herren zu Tiſche. Müllers Grundſatz war, hier möglichſt lange ſitzen zu blei⸗ ben und dies war der einzige, worin er mit Herrn Bethmann übereinſtimmte, welcher die Ehre theilte, mit den Herren zu ſpeiſen, weil Müller gerne Je⸗ mand bei ſich hatte, der ihm bei Diſche die Stange zu halten vermochte, bis ſich ſein Zögling ſelbſt mit ihm betrinken könnte. Gewöhnlich waren beide nach Diſch nicht mehr im Stande, irgend etwas zu unternehmen. Herr 33 Bethmann, der mit Müller rivaliſiren wollte, lag ſtets am Ende des Mahls unter dem Diſch; und da Müller nun Niemand mehr zum Disputiren hatte, ſchlief er am Kamin, ſeine Pfeife rauchend und ein Kriegslied ſummend, ein. Während ſeine beiden Lehrer im Schlafe lagen, machte Heinrich ſeine Streiche. Von Niemand mehr beaufſichtigt, rannte er durch Schloß und Garten, hielt im Stalle an, band die Pferde los, ſtieg ohne Sattel auf und verheerte den Garten, indem er kreuz und quer durch die Gänge und Gemüsbeete ritt, ohne auf das Geſchrei des Gärt⸗ ners zu hören, der in Verzweiflung war, daß er nie ſeine Pflanzungen zur Reife gedeihen ſah. Eines Tages indeß, entſchloß ſich der Gärtner, ärgerlich darüber, daß Heinrich jeden Abend ſeine Arbeit vom Morgen zerſtörte, Rache zu nehmen. Nach ſeinem reiflich überdachten Plane kaufte er einige Schwärmer, brachte ſie unten an einem Baume in der großen Allee an, die Heinrich am häufigſten und liebſten verwüſtete, und bis zu ei⸗ nem Gebüſch worin er ſich verbarg, Laufpulver ſtreuend, erwartete er ruhig ſeinen Feind, bereit, im Augenblick ſeines Vorbeikommens anzuzünden, in der Ueberzeugung, das Pferd werde beim Knall der Exploſion ſeinem Reiter auf irgend eine Weiſe übel mitſpielen. Der Erfolg rechtfertigte alle Erwartungen des Gärtners: ſobald Heinrich ſah, daß Herr Beth⸗ mann unter dem Tiſche lag und Müller einge⸗ Paul de Kock. IX. 3 ſchlafen war, ſtürzte er die Treppe hinab, lief in den Stall, band das beſte Pferd los und beſtieg es mit dem Vorſatz, wie früher die Gartenbeete zuſammenzureiten. Er galoppirte demzufolge auf die unheilvolle Allee zu; aber o unvermuthetes Unglück!.. Die Exploſion fand Statt: das Pferd bäumt ſich und ſetzt ſeinen Reiter ab, der ebenfalls durch das plötzliche Knallen zu erſchreckt war, als daß er ſich hätte feſt auf ſeinem Thiere halten können, und zehn Schritte weit hinausgeſchleudert wurde. Die ganze Dienerſchaft des Schloſſes lief bei dem Geſchrei ihres jungen Herrn zuſammen, der Gärt⸗ ner, einer der erſten: auch Müller ward aufge⸗ weckt; erſchreckt über das zu ſeinen Ohren drin⸗ gende Geſchrei wirft er, um ſchneller Heinrich zu Hülfe zu eilen, die Tafel über Herrn Bethmann zuſammen. Unſern jungen Freund hatte mehr Furcht als Schaden betroffen, einige Quetſchungen abgerech⸗ net, war ihm weiter nichts zugeſtoßen. Indeß theilte er, über die Urſache ſeines Falls befragt, Müllern das Geſchehene mit; dieſer wüthend, daß man es gewagt, ſeinem Zögling eine Falle zu legen, ſchwört, daß, wenn er den Schurken von Thäter entdecke, er ihm die Luſt zur Wiederho⸗ lung benehmen wolle. Sämmtliche Diener be⸗ theuren ihre Unſchuld und man kehrt im Geſpräch über dieſen Vorfall nach dem⸗Schloß zurück. Dort hatte ſich aber eine andere Ueberraſchung — — 1 35 vorbereitet: unten an der Treppe hört Müller einen ſonderbaren Lärm aus dem Speiſeſaal herausdringen, vier Stufen auf einmal nehmend läuft er hinauf und findet Herrn Bethmann ſich unter dem Diſch zwiſchen Flaſchen und Schüſſeln wälzend und nach Möglichkeit anſtrengend, ſeinen Kopf aus einem Punſchnapf herauszuarbeiten. Endlich gelingt es ihm, jedoch nur mit Zurück⸗ laſſung ſeiner Perrükc. Als die Stille wieder etwas hergeſtellt war, ging man auseinander, und begab ſich zur Ruhe.. Durch ſeinen Sturz vom Pferd gezüchtigt, war Heinrich eine Zeitlang etwas friedlicher und be⸗ gnügte ſich damit, im Hofe zu galoppiren. Der Gärtner freute ſich im Stillen über den guten Erfolg ſeiner Kriegsliſt und ſah mit Entzücken ſeine Gemüſe emporſchießen. Nach und nach verwiſchte ſich der Eindruck des Sturzes und Heinrich fing an, den engen Kreis ſeiner Reitſchule langweilig zu finden. Als er endlich wieder geheilt war, ſchlug er auch den Weg nach dem Garten wieder ein und machte aufs Neue, daß ihn der Gärtner zu allen Teufeln wünſchte. Müller, der den Streich mit den Schwär⸗ mern nicht vergeſſen hatte und vor Verlangen brannte, deſſen Urheber zu erforſchen, faßte bald ringenden Verdacht gegen den Gärtner, deſſen wie⸗ derholte Klagen ſeinen Unmuth nicht verkennen ließen. Er beſchloß daher unſerm Mann aufzu⸗ paſſen und die Gewißheit ſeiner Vermuthungen .. 36 zu erlangen; die Gelegenheit dazu ließ nicht lange auf ſich warten. Der Gärtner, müde, zu ſehen, daß ſeine Vor⸗ ſtellungen zu nichts fuͤhrten, entſchloß ſich, ſein Experiment zu wiederholen, um dem jungen Hein⸗ rich ſeine Reitkünſte im Garten völlig zu entlei⸗ den; und damit ihn die Luſt nicht anwandle, ſpä⸗ ter aufs Neue zu kommen, dachte er, es werde nicht übel ſein, wenn er die Doſis verdreifache und die Sache dadurch wirkſamer mache. Wie aber es anſtellen? das wenige Pulver, das er im Schloß hatte auftreiben können, war bei der erſten Exploſion verbraucht worden⸗ Nach einigem Nachſinnen dachte er⸗ Müller müſſe eine mehr als zur Ausführung ſeines Planes hinrei⸗ chende Quantität beſitzen und er wolle einen Augen⸗ blick ſeiner Abweſenheit benützen, um den Bedarf zu holen. Es ſtand auch wirklich nicht lange an, bis Müller berabkam, wo er unſern Mann um das Schloß herumſchleichen ſah. Müller that, als ob er, ohne etwas zu ahnen, weiterginge; aber nach einigen Schritten kehrte er um und folgte dem Gärtner leiſe. Dieſer nicht ahnend, daß man ihm folge, trat in das Zimmer, nahm die für nöthig erachtete Ouantität Pulver und eilte ſchnell in den ten zurück, wobei er über den nenen Streich, den er unſerem Huſarenzögling zu ſpielen im Begriff war, in den Bart lachte. Aber Müller hatte Alles geſehen! und da er 37 den überzeugenden Beweis von der Bosheit des Gärtners erlangt hatte, verſprach er ſich, glän⸗ zende Rache zu nehmen. Nach wohl überlegtem Plane, ließ er den Gärtner Alles rüſten, was ſeine Exploſion recht geräuſchvoll machen konnte und harrte mit Ungeduld auf den zur Ausführung ſeines Projekts beſtimmten Augenblick. Endlich kam dieſer von Mäller und dem Gärtner ſo ſehnlichſt gewünſchte heran. Nach⸗ dem Letzterer ſein Kunſtſtück gehörig vorberei⸗ tet hatte, verſteckte er ſich im Gebüſch, von wo aus er die Lunte anbrennen wollte. Er war⸗ tete nicht lange: der Galopp eines Pferdes ließ ſich vernehmen, es kommt näher... Alsbald legt er Feuer an das Laufpulver...Aber o Ueberra⸗ ſchung!... o Verzweiflung!... er ſelbſt wird durch die Gewalt des Pulvers weit weg geſchleudert und fällt unter durchdringendem Geſchrei auf den Raſen nieder. Man denkt ſich leicht, daß Müller es war, der den Pulverſtreifen durch einen andern an den Ver⸗ ſteck des Gärtners führenden abgeſchnitten und das Gebüſch ſo mit Pulver unterminirt hatte, daß er ihm die Luſt benahm, Andere in die Luft zu ſprengen. Auf dem herbeigaloppirenden Pferde ſaß Nie⸗ mand: Müller hatte ſeinen Zögling von der ihm gelegten Falle benachrichtigt und dadurch vom Er⸗ ſcheinen abgehalten. „Aha!. Schurke, Du alſo willſt Deinen jun⸗ gen Herrn in die Luft ſprengen, weil es ihm ge⸗ fällt, Deinen Spinat mit den Füßen ſeines Pfer⸗ des zu bearbeiten!... Dreifache Kanonade! ich weiß nicht, woran es hing, daß ich Dich nicht ſo hoch wie der Kirchthurm des Dorfes habe ſprin⸗ gen laſſen!...— Aber, Herr Müller!... was ich that, geſchah zum Beſten des Herrn von Fram⸗ berg!... Was wird unſer Herr ſagen, wenn er ſeinen Garten in dieſem Zuſtande findet!.— Wiſſe, Schlingel, mein Oberſt liebt ſeinen Sohn mehr, als ſeine Kohlköpfe, und mag es meinem Zögling gefallen, das ganze Schloß umzukehren, ſo ſteht es Dir nicht zu, ein Wort darüber zu ſagen.“ 4 Der Gärtner ſchwieg und hinkte nach ſeinem Häuschen zurück, indem er alle jungen Leute, Pferde und Huſaren zum Teufel wünſchte. Müller aber, ſtolz über das Gelingen ſeines Planes, feierte ſei⸗ nen Sieg mit dem Glas in der Hand, und dieß⸗ mal brachte Herr Bethmann die Nacht unter dem Tiſche zu. Sechstes Kapitel Das Pachthaus und der Heuboden. Auf ſolche Weiſe verging die Jugend unſeres Helden und dieſer erreichte das Alter von fünf⸗ zehn Jahren, indem er fortwährend alle Schloß⸗ bewohner neckte und ärgerte. Aber er ritt vor⸗ 39 trefflich, ſchlug ſich beinahe eben ſo gut, als ſein Lehrer, der bei ſeinem Schnurrbart ſchwur, daß ihm ſein Zögling Ehre machen werde. Mit fünfzehn Jahren hatte Heinrich das An⸗ ſehen eines Mannes und die Leidenſchaften mußten ſich bei ihm eben ſo frühzeitig, als der Körper entwickeln; er war groß, wohlgebaut, von edlen und angenehmen Geſichtszügen, eben ſo ſchnell, ſich über einen Fehler zu entſchuldigen, als leicht⸗ ſinnig ihn zu begehen; er war außerdem brav, menſchlich, gefühlvoll, aber aufbrauſend, jähzornig, ungeſtüm in ſeinen Wünſchen, barſch in ſeinen Hand⸗ lungen und kannte keine Gränze, keine Mäßigung. Mit einem ſolchen Charakter und von Müller ge⸗ leitet, konnte es nicht fehlen, daß er zu guten und ſchlimmen Bemerkungen über ſich Veranlaſ⸗ ſung gab. Der Aufenthalt auf Schloß Framberg fing an, unſerem Jüngling ſehr langweilig zu werden, da Reiſeluſt und das Verlangen, die Welt kennen zu lernen, ihn ihm aufloderte. Jeden Tag machte ihm Müller Hoffnung, daß der Oberſt eintreffen und ſich alsdann ſeine Lebensweiſe ändern werde; aber die Zeit verſtrich und der Oberſt kam nicht. Heinrich, müde, im Schloßraum umherzureiten, dehnte ſeit einiger Zeit ſeine Spaziergänge ins Freie aus und kam nicht bälder zurück, als bis Mattigkeit oder Bedürfniß ihn zur Ruhe zwang. Müller, nicht mehr in dem Alter, wo es Vergnü⸗ gen macht, ſich lahm zu rennen, ließ ſeinen Zög⸗ 40 ling zuweilen dieſe fernen Promenaden allein un⸗ ternehmen, mit dem Beding jedoch, daß er ſtets vor Einbruch der Nacht wiederkomme. Eines Tags war er wie gewöhnlich aufgebro⸗ chen, aber die Stunde ſeiner Zurückkunft verſtrich, ohne daß er wieder im Schloſſe erſchien. Müller, im Begriff mit Bethmann eine Flaſche alten Rhum zu leeren, gewahrte Anfangs Heinrichs Abweſen⸗ heit nicht; als indeß die Nacht etwas vorgerückt war, fragte er, ob der Herr Graf zurück ſei, und man antwortet ihm mit Nein. Nun fing er an, etwas unruhig zu werden, aber er vermuthete, Heinrich werde ſich weiter, als er zu thun pflegte, entfernt und nicht vorausgeſehen haben, daß ihn die Nacht, ehe er aufs Schloß gelange, überfallen würde. 3 Doch die Zeit verſtrich: die Mitternachtsſtunde ſchlug und Heinrich kam nicht wieder. Da Mül⸗ ler ſeiner Ungeduld und der Furcht, es möchte ſeinem theuern Zögling irgend ein Unglück zuge⸗ ſtoßen ſein, nicht mehr Herr werden konnte, ließ er ein Pferd ſatteln, ſchwang ſich hinauf und be⸗ fahl den übrigen Dienern, ſogleich auf verſchie⸗ denen Wegen zur Aufſuchung ihres jungen Herrn abzugehen. Die Nacht war finſter: Müller ließ ſein Pferd den erſten beſten Weg einſchlagen, ermangelte je⸗ doch nicht, ihm auf eine Weiſe zuzuſetzen, daß es nicht einſchlief. Nachdem er ziemlich lange fort⸗ galoppirt war, ohne auf ein lebendiges Weſen zu 8 1 1 41 ſtoßen, ſah er endlich in der Entfernung einen kleinen Lichtſchimmer: alsbald ritt er darauf zu, in der Hoffnung, hier einmal etwas über den Ge⸗ genſtand ſeiner Nachforſchungen zu erfahren. Das von Müller erblickte Licht kam aus einem inmitten der Felder gelegenen Pachthofe. Müller pochte ungeſtüm an die Thüre, eine ſtarke Bull⸗ dogge läßt ſich hören und verbreitet Lärm im ganzen Hauſe.„Wer klopft ſo?“ fragt eine rauhe Stimmel im untern Stocke—„Nun, mach auf, Lümmel, und man wirds Dir ſagen.— Um dieſe Zeit aufmachen?... ei doch! ſeht einmal den Pfiffikus, der glaubt, man laſſe nur ſo mir nichts Dir nichts die Diebe herein!.— Wen nennſt Du Dieb? Wiſſe, Hundsfott, daß Dir ein alter Feldwebel, der Lehrer des Sohns des Ober⸗ ſten Framherg, die Ehre eines Beſuchs erweist. — Ja!... geh! ich werde mich durch ſolche Schnurrpfeifereien anführen laſſen!...— he, willſt Du öffnen? oder ich haue mit meinem Säbel das Schloß von einander.— Ah! er iſt bewaffnet!... Holla, Cäſar! Caſtor! herbei, zu Hülfe! packt mir dieſen Schurken da!...“ Mit dieſen Worten öffnet der Pächter die Hofthüre und läßt zwei Bulldog⸗ gen los, welche über Müller herfallen: dieſer wüthend darüber, daß der Bauer nicht mehr Re⸗ ſpekt vor ſeinen Titeln und Aemtern hat, ſprengt zu Pferd in den Hof, haut dem erſten ihm in den Weg kommenden Hund mit ſeinem Säbel den Kopf ab, ſtürzt nach dem Gemach, worin der Pächter war, und ſucht Denjenigen auf, an er dem ſeine Rache nehmen will. Dieſer aber von Furcht er⸗ griffen, wie er ſieht, mit welchem Teufel er es zu thun hat, ergreift die Flucht, um ſeine Hof⸗ knechte und das ganze Haus zu wecken. Müllern kann nichts aufhalten, er rennt eine Treppe hinan, dann eine andere und kommt endlich auf den Heuboden. Die Thüre war verriegelt. Vermu⸗ thend, daß ſich ſein Mann hieher gefluchtet habe, ſprengt er ſie, tritt ein, ſchließt wieder feſt zu und beſchäftigt ſich durch Umhertaſten mit Unter⸗ ſuchung des Orts. Die tiefſte Stille herrſchte hier; indeß glaubte Muͤller beim Umdrehen der Heubündel Jemand athmen zu hören; er geht vorwärts, fühlt ſachte ringsumher und bleibt ganz erſtaunt, als er unter ſeiner Hand völlig weibliche Formen fühlt. Er fährt in ſeinem Betaſten fort, man rührt ſich nicht; was er befühlt, läßt ihn wohl ahnen, was er nicht ſieht; und von der Hitze ſeines Treibens beſeelt, beginnt Müller ſich an der Frau des Pächters für den Schimpf zu rächen, den dieſer ihm zugefügt. Wie aber kam die Pächterin hieher ſtatt ruhig in ihrem Bett zu ſchlafen?.. Es wird gut ſein, dies dem Leſer mitzutheilen. Der Pächter war ein handfeſter, wohlbeleibter Mann, der ſeiner Zeit wohl ſein Geld werth ſein mochte; aber er war nicht mehr jung, und die Pächte⸗ rin, ein Weib von heiterem Weſen und rüſtiger Leibes beſchaffenheit, fand, daß ihr Mann ſeit einiger Zeit * zu nichts mehr gut war, als die Leitung des Pacht⸗ guts zu beſorgen; deßhalb hatte ſie es paſſend ge⸗ funden, ihm ſeinen Oberknecht zu adjungiren, einen jungen Kerl, der viel verſprach und dem Pächter ſeine eheliche Funktionen erleichterte. Zu dieſem Behuf begab ſie ſich alle Abende auf den Heuboden, während ſich ihr Mann unten mit ſeinen Tagesrechnungen beſchäftigte, und der Ober⸗ knecht ſeinerſeits, fand ſich pünktlich ein. Sie waren alſo beide hier oben und im Feuer ihres Zwieſprachs hatten ſie den zwiſchen Müller und dem Pächter ſtattgehabten Streit nicht gehört. Erſt im Augenblick, wo dieſer ſeine Hunde losließ, machte der Knecht ſeiner Gefährtin bemerklich, daß unten etwas vorgehe. Die Pächterin war der Meinung, man ſolle wegen ſolcher Kleinigkeit ſich nicht ſtören laſſen; aber der junge Menſch hatte keine Luſt, von ſeinem Vorgeſetzten überraſcht zu werden, ließ ſeine Schöne allein, um zu ſehen, was es gebe. Es ſcheint, daß Müller ſich nach⸗ drücklich rächte, und die Pächterin Vergnügen da⸗ ran fand, für ihren Mann zu leiden, denn unſer Huſar war noch weiter im Begriff ſeinen Zorn auszulaſſen, als das Geräuſch mehrer Männer⸗ tritte von der Treppe her die Aufmerkſamkeit der Pächterin, weiche mit ihrer Nacht ziemlich zufrie⸗ ddeen ſein durfte, erregte.„Da iſt er,“ ſagte der Pächter zu ſeinen Knechten,ich weiß gewiß!... Großhanns halte Deine Heugabel vor; und Du Peter packſt ihn mitten um den Leib.“ Aber Peter, der in Frage ſtehende Knecht, be⸗ fürchtete, man möchte die Pächterin auf dem Bo⸗ den finden; er verſicherte daher ſeinen Herrn, der Dieb ſei nicht da, er habe ihn in den Keller ſprin⸗ gen ſehen.„Einerlei,“ entgegnete der Pächter, der den Tod ſeines Hundes auf dem Herzen hatte, „laßt uns immerhin eintreten, und wenn er nicht da iſt, können wir nachher noch ebenſo gut anders⸗ wo ſuchen.“ Damit hob er an mit Heugabel und Beſen an der Thüre zu wettern. Die Pächterin, die Stimme ihres Manns erkennend, forderte Müller, für welchen ſie die zärtlichſte Theilnahme hegte, auf, er ſolle ſich unvorzüglich retten, wenn er nicht von ihrem Mann erwürgt werden wolle. Müller, deſſen Sinne durch die genommene Rache etwas abgekühlt waren, wünſchte nichts weiter, als zu entkommen, da er mit Recht dachte, daß er mit all ſeiner Tapferkeit nichts gegen die zu be⸗ kämpfende Ueberzahl vermöge; aber wo hinaus? Der Heuboden hatte keinen andern Ausgang als die bereits beſagte Thüre und ein auf den Hof gehendes Fenſter: hinausſpringen hieß einer Ge⸗ fahr ausweichen, um in eine andere zu fallen; ſich unter den Heubündeln verbergen ebenſo; man würde nicht ermangeln, ſie zu durchſuchen: was alſo thun?... Sich aus dieſer Sache zu ziehen, brauchte man Geiſtesgegenwart: die Pächterin fand das Mittel. „Ei wie!...“ rief ſie aus,„Mann Du biſt da!...— Schaut beim Deufel! das iſt Catharine! 45 Was machſt denn Du hier?— Potz Henker, das iſt ganz einfach, als ich den Spektakel drunten hörte, hab' ich mich aus Furcht vor den Dieben auf den Heuboden geſlüchtet...— Der Schurke, den wir ſuchen, iſt alſo nicht da?— Potz Velten, wäre ich ſo ruhig geblieben, wenn er hier wäre, ja freilich... Aber warte, ich will Dir aufmachen, dann ſiehſt Du ſelbſt..“ Hiemit ließ ſie Müller ſich verſtecken und öff⸗ nete die Thüre.„Meine Seel, es iſt ganz un⸗ nöthig, daß ich herumſehe, weil Du da warſt!... — Wenn ich Euch ſage, Herr, daß ich ihn habe nach dem Keller ſpringen ſehen, ſiel Peter ein.— Nun gut! meine Kinder, wir wollen alle hinab, ich nehme meinen Stutzen und, beim Teufel! er ſoll eine ſchlechte Viertelſtunde haben!“ Nach dieſen Worten ging der ganze Droß die Treppe hinab, um den Keller zu durchſuchen; und Muͤller der hinter ihnen her ſchlich, gewann den Hof, fand dort ſein Pferd, ſchwang ſich hinauf und ſprengte in ſauſendem Gallopp davon. Da der Tag zu grauen begann, dachte Müller, er werde wohl daran thun, wenn er aufs Schloß zurückreite, um nachzuſehen, ob Heinrich während ſeiner Abweſenheit nicht zurückgekehrt ſei. Bereits erkannte er in der Entfernung die Thürme des Schloſſes Framberg, als er Pferdegetrappel ver⸗ nahm; er ſtand ſtill, blickte um ſich und ſah Hein⸗ rich ganz ruhig auf ſeinen Lehrer zutraben. „Ah: da ſeid Ihr doch einmal, mein Herr!... 46 endlich finde ich Euch wieder...Das iſt meiner Treue eine ſaubere Stunde zum Nachhauſekommen! Und Du ſelbſt, lieber Müller, woher kommſt denn Du 2..Ha! ha! ha!... wie Du ausſiehſt!... Wohin biſt Du gerathen, Freund, daß man Dich in ſolchen Zuſtand verſetzte?“ Müller, der noch keine Zeit gehabt hatte, ſich wieder in Ordnung zu bringen, war wirklich vom Kopf bis zu Fuß mit Heu überzogen. „Woher ich komme, mein Herr? Donnerwet⸗ ter! Ihr ſeid Schuld, daß ich, Euch nacheilend in ſchöne Geſchichten gerathen bin; ich brach in ein Haus ein, tödtete die Hunde, prügelte den Pächter und... kurz einen Augenblick ſpäter wäre ich erwürgt worden ohne das Mitleid einer Frau, die mich allem Anſchein nach für zu jung zum Sterben hielt und mir die Mittel zum Entkommen verſchaffte.— Ach! mein guter Müller! wie leid thut mirs, daß ich daran Schuld bin!...Aber warum ſetzteſt Du Dir auch in den Kopf, mir nachzurennen? Ich bin kein Kind mehr und groß genug zum Alleingehen.— Ho! ho! welch ſtolzer Mann!..ich möchte wohl auch wiſſen, wie Ihr Euch an meiner Stelle aus der Patſche gezogen hättet!... doch darum handelts ſich jetzt nicht. Hoffentlich werdet Ihr mir jetzt ſagen, junger Herr, was Ihr ſeit geſtern gemacht habt?— Ja, mein Freund, Du ſollſt Alles erfahren und ſelbſt ſehen, daß ich nicht Unrecht hatte.— Daran zweifle ich ſehr. Doch gleichviel, ſprecht!— Du magſt 47 alſo wiſſen, daß, nachdem ich lange Zeit. im Freien umhergeſtreift war, ich fern vom Schloſſe von der Nacht überfallen wurde; ungewiß des einzuſchla⸗ genden Weges, wendete ich mich an einen Bauern, durch den ich erfuhr, daß ich nur noch zwei Stun⸗ den von Offenburg entfernt ſei. Demnach hatte ich mehr als ſechs Stunden zurückgelegt. Kehrte ich um, ſo konnte ich mich verirren, ich hielt es für klüger, die Nacht in der Stadt zuzubringen. Der Bauer zeigte mir den Weg dahin. Aber noch hatte ich keine Viertelſtunde gemacht, als ich ein kleines Haus von einfachem, doch angenehmem Aeußern erblickte; ich komme näher; o Ueberra⸗ ſchung!... melodiſche Töne ſchlugen an mein Ohr; eine Göttermuſik läßt ſich vernehmen, gegen eine Stunde bleibe ich unbeweglich vor dieſer Wohnung, einer Stimme lauſchend, die bis in mein Herz drang!— Ah! Teufel!— Durch Neu⸗ gier, oder vielmehr ein geheimes mich beherrſchen⸗ des Gefühl getrieben, beſchloß ich endlich die Perſonen kennen zu lernen, welche ſo ſüße Em⸗ pfindungen in meinem Herzen erregte!... Ich klopfe, eine alte Dienerin öffnet mir; ich verlange die Herrin des Hauſes zu ſprechen; ſie führt mich in einen kleinen Salon; eine Dame von reifem Alter war mit Leſen beſchäftigt und neben ihr.. ach! mein Freund!.. wie vermöchte ich das Voll⸗ kommenſte zu ſchildern, was der Erdkreis um⸗ ſchließt!... das Schönſte, was die Natur hervor⸗ gebracht, kurz Eiden Engel!..— Und dieſer Engel 48 muſicirte?— Ja, mein Freund; die Perſon, die ich gehört, war es. Bei meiner Annäherung ſchwieg ſie; die ältliche Dame ſtand auf und fragte mich, was ihr die Ehre meines Beſuchs verſchaffe. Ich nannte meinen Namen und erzählte, wie ich un⸗ vermerkt vom Wege abgekommen ſei. Beim Na⸗ men des Grafen von Framberg ſah ich ein wohl⸗ wollendes Lächeln ihre Züge beleben.— Beim Henker! das glaub ich wohl!— Sie machte mir das Anerbieten, den Anbruch des Tages in ihrem Hauſe abzuwarten. Ich drückte ihr meine Befürch⸗ tung aus, ſie zu beunruhigen.— Und doch bliebt Ihr?— Gewiß!. Ich nahm neben den Damen Platz; bald ward das Geſpräch im Gang; die junge Perſon ſchien ſchüchtern und zurückhaltend; aber die ältere, etwas geſchwätzige Dame theilte mir mit, daß ſie ſeit etwa zwölf Jahren dieſes Häuschen bewohnen, Niemand bei ſich ſähen, weil der Vater Paulinens(der Name des jungen Frauenzimmers) die Geſellſchaft nicht liebe; daß derſelbe wichtiger Angelegenheiten halber ſeit eini⸗ ger Zeit abweſend ſei, und ſie mit Ungeduld auf ſeine Rückkehr harrten, welche ſie belehren ſolle, ob der Zweck ſeiner Reiſe erfüllt ſei.— O! o! welche Geheimnißkrämerei!... Endlich?— End⸗ lich, mein Freund, verging die Nacht unter ſolchem Geſpräch. So wie ich ſah, daß der Tag graute, erhob ich mich, und bat die Damen um gEntſchul⸗ digung, daß ich ſie ſo lange hingehaizen habe.. — Weiter?— Ich bat um die ubniß, ſie —— 49 zuweilen in ihrer Einſamkeit ſtören zu dürfen; anfangs machte die gute Frau einige Schwierig⸗ keiten..— Ihr hättet derſelben ſagen ſollen, daß Ihr mein Zögling ſeid.— Am Ende aber willigte ſie ein, mich manchmal zu empfangen, damit ich die Einſamkeit ihrer theuren Pauline etwas erhei⸗ tere, und weil ſie dachte, der Sohn des Oberſten Framberg werde dieſes Vorzugs würdig ſein. Meine Freude war unbeſchreiblich! Der jungen Perſon ſchien der Entſchluß ihrer Pflegmutter nicht unan⸗ genehm zu ſein, und ich ſchied mit der Hoffnung, diejenige bald wieder zu ſehen, welche von nun an all meine Gedanken erfüllen wird 1.— Sehr ſchön mein Herr; da wäret Ihr alſo nun verliebt mit ſechszehn Jahren!...— O! für das Leben, Müller!— Ihr habt die Weisheitslehren, die ich Euch gab, ſauber benützt!... Glaubt mir, laßt Eure neue Leidenſchaft fahren, die Euch vielmehr zu ezlichen Dummheiten verleiten wird, wenn ich nicht Acht darauf habe...— Denke nicht daran, Müller, daß ich dieſes anbetungswürdige Fräu⸗ lein vergeſſe, für das ich jetzt ſchon mein Leben hingäbe!... Du haſt alſo nie geliebt?— Verzei⸗ hung, mein Herr; ich liebte den Ruhm, den Wein und die Weiber; die letzteren indeß ſtets nur mit Mäßigung, und ich war immer bemüht, jenen hef⸗ tigen Leidenſchaften auszuweichen, die uns von un⸗ ſern Pflichten abziehen, uns das Leben eines Don Quixote an. und das Anſehen eines Dummkop ben!.„Glaubt mir, nur auf dieſe Paul de Kock. IX. 4 3 — —— 50 Weiſe iſt man glücklich und nicht, wenn man ſich den Kopf mit Drugbildern füllt, die nie zur Wirk⸗ lichkeit werden!...— Trotz aller Deiner ſchönen Reden und Deiner Moral, die mir ſonſt ſehr wichtig iſt, werde ich doch nicht von dem Glauben laſſen, lieber Müller, daß die wahre Liebe das einzige Glück auf Erden iſt; und was liegt mir daran, ob es ein Traumbild? wenn es uns nur glücklich macht!— Nun, ich ſehe wohl, ich würde Euch umſonſt zurechtweiſen und verzichte darauf; doch wünſchte ich mindeſtens, daß der Gegenſtand Eures Liebesſchwindels deſſelben würdig wäre nnd Ihr Euch nicht wie ein Neuling in der Liebe einer Abenteurerin in die Arme würfet!— Ha, Mül⸗ ler, hüte Dich, die zu beſchimpfen, die ich liebe! — Aber wißt Ihr auch nur den Namen ihres Va⸗ ters?— Gewiß; er heißt Chriſtiern.— Chriſtiern! Dieſen Namen da hab ich nie auf dem Schlacht⸗ feld gehört!...— Und doch iſt er Soldat.— Sol⸗ dat! ſehr glücklich.— Du ſiehſt alſo, es ſind Da⸗ men...— Ich ſehe.. ich ſehe, daß wir hier am Schloſſe ſind und es Zeit iſt, ſich ins Bett zu le⸗ gen, wahrlich, mein Herr, Ihr laßt mich da ein hübſches Leben führen!... Ein Feldwebel ſich ins Bett legen, wenn Jedermann aufſteht!.— Wer hindert Dich, aufzubleiben?— Ich bin kreuzlahm, weil ich die ganze Nacht hindurch umhergaloppirte! — Und vielleicht auch, weil Du ſo viel auf dem Heu herumgerutſcht biſt,“ ſetzte Heinrich lächelnd hinzu. 4 541* Hier biß ſich Müller in die Lippen und ging nach ſeinem Zimmer, aus Furcht, die Reihe, Leh⸗ ren zu geben, möchte an ſeinem Zögling ſein. Sibentes Kapitel. Empfang des Oberſten. Während der ſechs auf Heinrichs Abenteuer folgenden Monate, begab ſich dieſer täglich nach dem Hauſe ſeiner Schönen, die Vorſtellungen Mül⸗ lers und die Anſtrengung dieſer fortwährenden Ritte nicht achtend. Eiines Tags indeß war Müller ſehr erſtaunt, als er Heinrich bei ſeinem Aufſtehen noch im Schloſſe fand.„Ei der Tauſend! Ihr ſeid nicht fort? Nein, Müller, und ich bleibe. Bah! hat Euch Eure Duleinea ſchon einige Streiche nach ihrer Weiſe geſpielt?— Meine Pauline iſt unfä⸗ hig, ſich zu ändern!— Sie hat Euch alſo geſagt, daß ſie Euch liebe?— Glaubſt Du, daß ſeit der ſechs Monate, die ich ſie ſehe, unſre Herzen ſich nicht verſtanden, unſre Augen ſich nicht ausge⸗ drückt haben— Ol ich ſehe wohl, es iſt ein Frauenzimmer, das den Dienſt verſteht!— Wenn ich dieſen Morgen nicht zu ihr gegangen bin, ſo liegt dies daran, daß die gute Madame Reinhard(der Name derer, die Mutterſtelle bei ihr vertritt) mich benachrichtigte, der Vater meiner 52 „Pauline könne von einem Augenblick zum andern eintreffen, und er möchte, ehe er von dem Anfange unſerer Bekanntſchaft unterrichtet ſei, meine Be⸗ ſuche übel aufnehmen.— So wäret Ihr alſo von Eurer Schönen für lange Zeit getrennt.— Für lange Zeit!... o! ich hoffe wohl, mich ihrem Va⸗ ter in einigen Tagen vorſtellen zu können; er wird mich ſehen, mich lieben und— Und wenn er ein vernünftiger Mann iſt, Euch zum Hauſe hinauswerfen. Wahrhaftig, Müller, Du bringſt mich noch zur Verzweiflung mit Deinen Betrach⸗ tungen.— Ah! ich bin eben nicht verliebt und ſage, was ich denke.“ Nach Verfluß von vierzehn Tagen konnte Hein⸗ rich ſeine Ungeduld nicht mehr zügeln und beſchloß daher, nach der Wohnung ſeiner Geliebten zu eilen; dießmal wollte Müller ſeinen Zögling begleiten, denn es war ihm ſehr gelegen, den Vater des Fräuleins zu ſehen und zugleich den Gegenſtand von Heinrichs Liebe kennen zu lernen. Heinrich wäre lieber allein gegangen, Müller aber hielt ihm entgegen, daß es ſchicklicher ſei, wenn er ihn be⸗ gleite und daß, wenn Paulinens Vater ein braver Soldat ſei, ihm der Anblick eines alten Feldwe⸗ bels mehr Vertrauen einflößen würde, als der eines jungen Leichtfußes. Sie ritten daher beide mit⸗ einander. Vom dem Verlangen, ſeine Schöne zu ſehen, angeſpornt, ſprengte Heinrich im ſauſenden Galopp; vergebens ſchrie ihm Müller zu, daß er— 4 ihm nicht folgen könne; für unſern jungen Mann war dieß ein Grund weiter, nicht anzuhalten. Endlich erblickten ſie das ſo ſehnlich herbeige⸗ wünſchte Haus. Heinrich iſt bald vom Pferde; Müller betrachtet die unanſehnliche Wohnung ge⸗ nauer und ſchüttelt unzufrieden den Kopf. Hein⸗ rich klopft an. Einige Minuten vergehen, bis eine alte Frau unter der Thüre erſcheint, in welcher jedoch Heinrich nicht mehr die Dienerin erkennt, die er ſonſt zu ſehen gewohnt war, zitternd fragt er:„Herr Chriſtiern?— Seit acht Tagen wohnt er nicht mehr hier, mein Herr.— Großer Gott! und ſeine Tochter? und Madame Reinhard?— Die Tochter ſolgte ihrem Vater und Madame Reinhard hat ſie begleitet.“ Wie vom Donner gerührt, ſteht Heinrich bei dieſer Nachricht; Müller bricht in lau⸗ tes Lachen aus. „Ha! ha! ha! tauſend Bomben! es freut mich ſehr, daß Ihr Eure ſchöne Unbekannte los ſeid— Nein, und wäre ſie am Ende der Welt, ich müßte ſie auffinden!“ ruft Heinrich aus, und fängt an, die gute Frau über die Abreiſe des Herrn Chriſtiern aus⸗ zufragen; aber er kann nichts weiter von ihr er⸗ fahren, als daß die drei früheren Bewohner des Hau⸗ ſes abgezogen ſeien, ohne Grund oder Ziel ihrer Rei ſe anzugeben, und daß die jetzige Hausbewohnerin ihre Vorgänger gar nicht kenne. Mit dieſen Wor⸗ ten ſchließt die alte wieder und läßt unſre Wande⸗ rer auf der Heerſtraße ſtehen. In ſeiner Verzweiflung will Heinrich nach Offen⸗ [O— — 54 burg reiten, die Umgegend durchſtreifen, Alles aufbieten, um ſeine Schöne wieder zu finden; aber Müller verſteht ſich nicht dazu, ſondern zwingt ihn den Weg nach dem Schloſſe wieder mit ihm ein⸗ zuſchlagen. Hier befanden ſie ſich ſeit einigen Tagen, Hein⸗ rich von nichts als Reiſen und Entführungen träumend, Müller ſich zur Entwicklung dieſes Lie⸗ beshandels Glück wünſchend, als ſie vernahmen, der Oberſt Framberg werde in kurzem wieder auf dem Schloſſe zurück ſein. Müller kennt ſich nicht vor Freude. Er ſoll ſeinen Oberſten, ſeinen Wohlthäter wieder ſehen! Alles wird in Bewegung geſetzt, damit der Graf auf ſeinen Beſitzungen mit der ſchuldigen Ehrfurcht empfangen werde. Alle ſeine Vaſallen greifen zu den Waffen, Müller exereirt ſie vom Morgen bis zum Abend, ordnet Gefechte, Evolutionen an. Selbſt Herr Bethmann, der ſeit einiger Zeit zu nichts mehr gut war, als ſich zu betrinken, Herr Bethmann war genöthigt die Muskete zu tragen, am Exer⸗ citium Theil zu nehmen und zweimal täglich auf den Wällen des Schloſſes Wache zu ſtehen, was ihm übrigens von Anfang an ſehr mißſiel; doch Müller dachte, dieß ſei die beſte Weiſe, etwas aus ihm zu machen. Heinrich vergißt einen Augenblick diejenige, die ihm im Kopfe ſpukt, und die Ankunft ſeines Va⸗ ters, den er ſo lange nicht mehr geſehen, beſchäf⸗ 2 2 5⁵ tigte alle ſeine Geiſteskräfte; er theilt Müllers Thätigkeit und harrt voll Ungeduld des Augen⸗ blicks, an dem er ſeinen Vater in die Arme drücken ſoll. Endlich kommt ſie, die erſehnte Stunde. Herr Bethmann, gerade auf der Wache, erblickt den Wagen des Oberſten von ferne. Müllers Befehl zufolge feuert er als Signal von deſſen Ankunft ſeine Flinte ab, fällt aber aus Schrecken über den Knall des Schuſſes zu Boden. Bald iſt alles im Schloß in Bewegung; Mül⸗ ler löst eiligſt die Schildwache ab; läßt die Zug⸗ brücke nieder, und ſtellt die Bauern zu beiden Seiten des Thores in Schlachtordnung auf. Er ſchärft ihnen ein, alle zu gleicher Zeit loszufeuern, ſo wie ſie den Wagen des Oberſten ins Schloß einfahren ſehen und Herr Bethmann geht durch und in den Keller, um dieſen furchtbaren Knall nicht zu hören, aber Müller, der ihn nicht aus den Augen läßt, läuft ihm nach, und zwingt ihn wieder in die Reihen einzutreten, indem er ihm ein altes Gewehr gibt, das nach ſeiner Verſiche⸗ rung weit weniger Lärm macht, als das andere. Endlich hört man Pferdegetrappel, der Wagen fährt über die Zugbrücke, Müller gibt das Signal: alle Bauern ſchießen zu gleicher Zeit. Bethmann, erſchreckt oder elektriſirt durch dieſe plötzliche Salve, verſucht ein Gleiches zu thun; aber die Flinte, die ſeit langer Zeit nicht gedient hatte, platzt und ſchlägt Herrn Bethmann ins Geſicht, der ſich heu⸗ lend vor den Pferden auf dem Boden wälzt. 56 Dieſe, durch das Geſchrei des Lehrers ſcheu ge⸗ macht, fangen an die Kreuz und Quer im Hof herum zu rennen, die Vaſallen des Oberſten aus⸗ einander treibend; Müller ſchreit aus vollem Halſe, ſeine Druppen wieder zu ſammeln, Hein⸗ rich läuft hinter den Pferden her, welche durch dieſen Lärm aufgeregt, nur um ſo ärger galoppiren und erſt vor einer Pfütze anhalten, in welche ſie den Wagen werfen, der im Fallen ein habes Du⸗ tzend Enten erdrückt. Nach vieler Mühe wurden die Pferde zum Stehen gebracht und Heinrich ſpringt ſeinem Va⸗ ter bei, der in die Pfutze gerollt war, glücklicher⸗ weiſe aber keinen ander Schaden genommen hatte, als daß ſeine Staatsuniform mit Koth bedeckt war und ſich eine bei ihm Schutz ſuchende Gans an ſein Hintertheil angehängt hatte.— Während man ſich bemühte, das Thier, welches die Hoſen nicht loslaſſen wollte, wegzunehmen, trat Müller mit beſtürzter Miene vor.„Ach! mein Oberſt!. werden Sie mir gütigſt verzeihen... wenn der Empfang, den ich Ihnen bereitete, ſeine Wirkung verfehlte?— Macht nichts, mein lie⸗ ber Müller, Deine Abſicht war gut und das iſt mir genug.— Der verfluchte Bethmann iſt daran Schuld, Oberſt!— Ich brauche weiter nichts als meine Kleider zu wechſeln.— Und er hat nichts als ein Auge verloren, mein Oberſt.— Wo iſt aber mein Sohn!.. Mein Heinrich komm doch in meine Arme!..,“ Der junge Mann ſtürzte ſich — 4 6 — 57 dem Oberſten in die Arme, der ihn mit tiefem, innigem Gefühle anblickt, wobei er ausruft:„Sie iſt es!... meine Clementine!... Und er drückte ihn zärtlich an ſein Herz. Heinrich ſeinerſeits fühlte in ſeiner Seele die tiefe Empfindung der Ehrfurcht und Dankbarkeit entſtehen, welche er demjenigen ſchuldig war, den er als ſeinen Vater betrachtete. Nach einigen der Herzensergießung geſchenkten Augenblicken dachte der Oberſt, er werde nicht übel daran thun, ſich umzukleiden; er forderte Heinrich auf, nachzuſehen, ob im Schloß Alles wieder in ſeine Ordnung zurückgekehrt ſei, und gab Müller ein Zeichen, ihm ihn ſein Gemach zu folgen. „Nun denn! lieber Müller, begann der Oberſt als ſie allein waren, es ſind nun beinahe zwölf Jahre her, daß ich Dir meinen theuren Heinrich anvertraute. Wie haſt Du dieſe Zeit zugebracht, Du, denm ich's beſonders zur Aufgabe machte, das Herz meines Sohnes zu bilden, während ich ſie dazu verwandte, in der Welt umherzuirren, die Feinde zu ſchlagen, kurz mich von der nagenden Erinnerung über den Verluſt einer Frau zu zer⸗ ſtreuen, welche meine Thränen und mein Leid ſo ſehr verdiente? Du haſt mir noch keine Rechen⸗ ſchaft ablegen können über deine Bemühungen, Deine Sorgfalt und über deine Weiſe, aus Hein⸗ rich einen Mann zu machen, über den ich nie zu erröthen habe: ſag, iſt es Dir gelungen?— Ja, 58 mein Oberſt, und wacker gelungen, deſſen rühme ich mich. Ah! der junge Mann iſt ein Deufel, der ſeine Streiche machen wird!..— Wiel— Das heißt, mein Oberſt, er wird von ſich ſprechen machen: erſtlich iſt er brav, dafür ſtehe ich!... und er ſchlägt ſich! Ich hoffe, Sie werden es ſelbſt ſehen, und mir Ihr Compliment darüber machen. — Ferner?— Ferner iſt er menſchlich, großmü⸗ thig, gefühlvoll! O, und im letztern Punkte!... — Ich ſehe, er wird alle Dugenden ſeiner Mutter beſitzen.— Ol ja, mein Oberſt, nur fürchte ich ſein Gefühl möchte ihn zu weit führen!...— Was willſt Du damit ſagen?— Ei, das heißt der junge Mann wird verdammt viel Geſchmack am andern Geſchlecht finden!...— Du glaubſt?— Zum Henker; ob ich es glaube...“ Hier hielt Müller inne, denn er erinnerte ſich an ſein gegebenes Ver⸗ ſprechen, dem Oberſt Heinrichs Abenteuer mit ſei⸗ ner Schönen geheim zu halten. „Du biſt alſo völlig mit meinem Sohne zu⸗ frieden, Müller?— Ja, mein Oberſt, ſehr zufrie⸗ den; er iſt ein Zögling, der mir eines Tags Ehre machen wird, deſſen bin ich gewiß. Nicht, als ob er nicht auch einige kleine Fehler hätte... Erſtlich iſt er heftig, ungeduldig, aufbrauſend...Ho! ho! das hatteſt Du mir nicht geſagt!— Seien Sie jedoch ruhig, mein Oberſt, dieſe Fehler vergehen mit dem Alter, und wenn das Herz gut iſt, gibt es ſtets ein Heilmittel, und das ſeinige iſt ſo.... ia! dafür ſtehe ich, ſo gut, als das Ihrige mein 59 Oberſt!... Er wäre würdig, Ihr Sohn zu ſein... — Was ſagſt Du Müller? rief der Oberſt leb⸗ haft. Müller war verwirrt, kratzte ſich hinterm Ohr und bemerkte, daß er eine Dummheit geſagt hatte; er faßte ſich indeß und antwortete:„Mei⸗ ner Treu, Oberſt, weil das Wort einmal heraus iſt, ſo werde ich nicht ſuchen, es zurückzunehmen; ſehen Sie, ich kann mich überdies nicht verſtellen und geſtehe, daß es mich hart ankam, etwas Heim⸗ liches vor Ihnen zu haben, mein Oberſt!— Nun wohlan, Müller! weil Du das Geheimniß von Heinrichs Geburt kennſt, will ich mich gegen Dich nicht länger verſtellen; überdies werden mich Zu⸗ fall oder Umſtände vielleicht eines Tags zwingen, ihm Alles zu ſagen; und wenn ich ſterben ſollte, ehe ich ihm dieſes Dunkel aufgehellt, wäre es mir nicht unlieb, auch einen andern in daſſelbe einge⸗ weiht zu ſehen. Bedenke aber wohl, Müller, nie eine Silbe von dem, was ich dir ſage, gegen ir⸗ gend Jemand verlauten zu laſſen, ohne durch die dringenſten Umſtände dazu genöthigt zu ſein, oder ohne Befehl von meiner Seite!...— Seien Sie ohne Sorgen, Oberſt, ich gebe mein Wort darauf; Sie kennen mich und wiſſen, Müller iſt unfähig ſeinen Schwur zu brechen. Der Oberſt Framberg unterrichtete nun Müller von allem, was Heinrichs Geburt betraf, ſo wie von dem wahren Namen ſeines Vaters, wie Clementine ihn angegeben. Mehre Monate verſtrichen. Oberſt Framberg liebte Heinrich wie ſeinen Sohn; aber er gewahrte 60 inzwiſchen, daß Müllers Zögling gar nicht ſo voll⸗ kommen ſei, als dieſer ihm geſagt hatte, deſſenun⸗ geachtet war Heinrich im Schloß piel geſetzter, ſeit der Oberſt wieder hier reſidirte. Eines Tages ließ Graf Framberg Heinrich in ſein Gemach kommen und redete ihn folgender⸗ maßen an:„Mein lieber Sohn, Du trittſt nun in ein Alter, wo ver Aufenthalt in einem nur von Deinem Vater bewohnten Schloſſe dir nicht mehr genügend iſt. Du zählſt indeß nur ſiebzehn Jahre, haſt aber doch das Ausſehen eines Mannes und ich glaube, Dich Dir ſelbſt für einige Zeit ohne Gefahr überlaſſen zu können.— Wie, mein Vater? rief Heinrich.— Ja, mein Freund, das heißt Du ſollſt reiſen, die Welt kennen lernen. Ich ging im fünfzehnten Jahre zur Armee ab!. Du ſiehſt da⸗ raus, ich war jünger als Du.— Sie ſchicken mich alſo zur Armee, Vater?— Nein, lieber Heinrich, da Du, Müllers Erziehung ungeachtet, keinen ent⸗ ſchiedenen Hang für die militäriſche Laufbahn zu haben ſcheinſt, ſo wollen wir warten, bis Dir ſelbſt der Wunſch dazu kommt. Aber Du ſollſt Deine Jugend nicht in dieſem Schloß zubringen; Du magſt reiſen, die Welt durchſtreifen; das wird Dich vollends ausbilden.— Und Sie mein Vater? — Ich, mein Freund, ich fange an, in ein Alter zu kommen, wo man die Ruhe allen Vergnügungen vorzieht, ich bleibe daher in dieſem Schloß und warte ruhig Deine Heimkehr ab, in der Ueberzeu⸗ gung, Deine Aufführung in der Ferne werde von 61 der Art ſein, daß ich nicht genöthigt bin, Dich zu holen.— Ach! mein Vater! ſeien Sie verſichert, ich werde ihre Lehren nie vergeſſen.— Dann iſt die Sache abgemacht: in acht Tagen kannſt Du abreiſen. Ich hätte ſehr gewünſcht, Müller möchte Dich auf Deinen Reiſen begleiten, allein dieſer gute Huſar, von dem ich ſo lange getrennt war, wird die einzige Perſon ſein, welche unterdeſſen meine Einſamkeit theilt; überdies wird auch ihm die Ruhe zum Bedürfniß, und er ſoll daher bei mir bleiben. Du nimmſt Frank, des Gärtners Sohn, als Bedienten mit; er kam mir verſtändig vor: ich glaube, Du wirſt mit ihm zufrieden ſein.“ Erfreut über ſeines Vaters Entſchluß, traf Heinrich alle Zurüſtungen zu ſeiner Reiſe. Das Andenken an ſeine theure Pauline hatte ſich nie aus ſeinem Gedächtniß verwiſcht, und er hoffte, er werde im Lauf ſeiner Reiſe erfahren können, was aus ihr geworden ſei. Der Tag der Abreiſe erſchien, Heinrich ver⸗ ließ Schloß Framberg in Franks Begleitung und reichlich mit dem nöthigen Gelde verſehen. Der Oberſt weinte, wie er ſeinen Heinrich von ihm ſcheiden ſah, und ſelbſt Müller fühlte einige Thrä⸗ nen, bei der Trennung von dem, deſſen Jugend er gebildet hatte und für den er ſein Leben ein⸗ geſetzt hätte, ſeine Wangen benetzen. Achtzehn Monate lang gab Heinrich ziem lich regelmäßig Nachricht von ſich; nach Verfluß dieſer 62 Zeit aber blieben die Briefe aus. Der Oberſt und Müller, beide über dieſes Stillſchweigen gleich ſehr beunruhigt, wußten nicht, was ſie daraus fol⸗ gern ſollten. Endlich entſchloß ſich der Oberſt, Erkun⸗ digungen über die Aufführung ſeines Sohnes ein⸗ zuziehen und er vernahm, daß dieſelbe nicht ſo exemplariſch geweſen ſei, als er ſo gerne geglaubt hatte, und daß ſich der junge Mann ſeinen Lei⸗ denſchaften ſchrankenlos überlaſſe. Anfangs nahm Müller Partei für ſeinen Zögling und ſuchte ihn bei dem Oberſten dadurch zu entſchuldigen, daß er dieſem wiederholte, wie die Jugend austoben müſſe, und daß er als Jüngling noch ganz andere Streiche gemacht habe. Am Ende des jedesmali⸗ gen Streites war der Oberſt ſtets beſänftigt: bald aber machte eine wichtigere Nachricht Müllers Reden ein Ende: man theilte dem Oberſten mit, ſein Sohn befinde ſich mit einer jungen, unbekann⸗ ten Perſon, die er zu heirathen im Begriff ſtehe, in Straßburg. Da dachte der Oberſt ſeine Pflicht erheiſche, dieſer Unbeſonnenheit Heinrichs zuvorzu⸗ kommen, und er entſchloß ſich mit Müller nach Straßburg zu eilen. „Ha! dieſer junge Menſch hat den Teufel im Leib mit ſeinen Weibsleuten!... rief Müller unter⸗ wegs aus. Ich habe ihm geſagt, das werde ihn zu dummen Streichen verleiten!... Aber Mohren⸗ ſapperment; eher hätte ich eine Kanonenkugel ge⸗ rührt, als ihm Vernunft beigebracht!...“ 63 Der Oberſt gab keine Antwort, aber er fing zu glauben an, Müller ſei geſchickter, ſich mit dem Feind zu meſſen, als die Erziehung eines jungen Menſchen zu leiten. Endlich kamen ſie nach Straßburg, wo ſie er⸗ fuhren, daß Heinrich vor Kurzem nach Paris ab⸗ gereist ſei. Unverweilt ſchlug der Oberſt mit Müller den Weg nach der Hauptſtadt ein; und in Paris angelangt, erhielten ſie die Nachricht, Hein⸗ rich ſei am Vorabend wieder nach Straßburg zu⸗ rückgekehrt. „So reiſen wir auch wieder nach Straßburg, ſprach der Oberſt zu Müller.— Ha! tauſend Ci⸗ tadellen! fluchte dieſer, ich glaube, der Fant macht ſich über uns luſtig.“ Wir haben geſehen, wie der Poſtillon, um auf einem Nebenwege ſchneller ans Ziel zu kommen, Müller und ſeinen Oberſten in einen Graben ge⸗ worfen hatte; aber wir wiſſen noch nicht, wie Müller wieder aus dem Keller herauskam, in welchem wir ihn zurückließen; es iſt Zeit, daß wir ihm zu Hülfe eilen. ₰ 64 Achtes Kapitel. Der Geheimnißvolle. „Erbarmen!.. zu Hülfe... ſchrie die Perſon, der Müller auf die Naſe gefallen war.— Wer biſt Du? ſprich! ſagte der letztere, ihr ſeinen Säbel auf die Bruſt ſetzend.— Ach! großer Gott!... ein Räuberhauptmann!..— Willſt Du mir Ant⸗ wort geben, Hundsfott, ſtatt zu heulen? Sag: wer biſt Du? was machſt Du hier?— Ich bin Pfört⸗ ner dieſes Hauſes; in Abweſenheit meines Herrn war ich in den Keller herabgegangen, wo ich ein⸗ ſchlief, indem ich— den darin befindlichen Wein ſoff. Aha! ich fange an zu verſtehen fiel ihm Müller in die Rede...Gerne würde ich Dir Geſellſchaft leiſten, guter Freund; aber mein Oberſt wartet oben auf den Erfolg meiner Nachforſchun⸗ gen und ich mag ihn nicht länger ihm Dunkel darüber laſſen; wir wollen ihm alſo Licht bringen; hernach können wir, wenn Du willſt, immer wieder herabkommen, wo ich Dir dann mit Vergnügen einige Flaſchen zu leeren behülflich ſein werde. Mit dieſen Worten treibt Müller ſeinen Wirth. die Treppe hinauf. Nachdem dieſer ſein Licht auf⸗ gerafft hat, geht er zitternd vor Müller her, noch nicht wiſſend, was er von dieſem Vorfalle denken ſollte. Oben in einem Gemache angelangt, zündet Carl (ſo hieß der Pförtner), ſein Licht an, ohne daß er gewagt hätte, die Augen zu der bei ihm befind⸗ lichen Perſon aufzuſchlagen.„Vorwärts, geh nur voran, ſagte Müller zu ihm, damit wir meinen Oberſt wieder finden.“ Nachdem ſie mehre Zimmer durchſtreift hat⸗ ten, trafen ſie endlich auf den Oberſt und den Poſtillon, welche über Müller's Abweſenheit ſehr in Unruhe waren. Seht, Oberſt, ſprach der letz⸗ tere, hier iſt das einzige lebende Weſen dieſes Hau⸗ ſes; ich hab's im Keller aufgefunden!— Ach, bra⸗ ver Mann, ſagte der Oberſt zu Carl, werdet Ihr ſo gutig ſein, die Weiſe zu entſchuldigen, mit der wir in dieſes Haus gedrungen ſind?— Carl, durch die Furcht wieder nüchtern geworden, hörte den Oberſt aufmerkſam an. Ihr ſeid alſo keine Räu⸗ ber 2... rief er aus, als dieſer letztere ſeine Rede geendigt hatte.— Wen heißt Du Räuber? fragte Müller.— Nein, mein Freund, verſetzte der Oberſt, wir ſind Reiſende. Ich war mit dieſem braven Krieger auf dem Weg nach Straßburg, als unſer Reiſewagen in einen Graben ſtürzte; ich war am Bein verletzt, und da wir kein Obdach für die Nacht erblickten, verſuchten wir, in der Hoffnung Hülfe zu ſinden, in dieſes Haus zu gelangen.— Oh! wenn Sie Reiſende ſind, ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten, mein Herr. Mein Gebieter iſt ſeit einigen Tagen abweſend; bis zu ſeiner Rück⸗ kunft will ich Sie in ein Zimmer führen, wo Sie ein gutes Bett finden werden.— Nun, das laß ich mir gefallen, Alter, ſagte Müller, Carl auf Paul de Kock. IX. 5 66 die Achſel klopfend, das ſühnt mich wieder mit Dir aus; ich ſehe, Du biſt ein guter Kerl und wir werden uns ſchon vertragen.— Aber, bemerkte der Oberſt, Ihr ſagtet mir, Euer Gebieter ſei ab⸗ weſend, fürchtet Ihr nicht, er möchte Euch bei ſeiner Zurückkunft Eurer großmüthigen Gaſtfreund⸗ ſchaft wegen auszanken?— Nein, mein Herr, mein Gebieter iſt ein ſonderbarer Mann, zuwei⸗ len finſter und ſchweigſam, zuweilen luſtig und ſchwatzhaft; im Uebrigen aber habe ich ihn ſtets ziem⸗ lich menſchlich gegen Jedermann geſehen, und ich zweifle nicht, daß er mein Benehmen gegen Sie gutheißt.— Ei, zum Henker! wenn er nicht ein wirklicher Bär iſt, wollen wir ihn ſchon kirre ma⸗ chen!“ rief Müller aus. Der Oberſt, der Ruhe höchſt bedürftig, bat den Pförtner, ihn an den für ihn beſtimmten Ort füh⸗ ren zu wollen. Carl war eifrig bemüht, ihm zu gehorchen; Müller und der Poſtillon trugen ihn, denn ſeine Verletzung hatte ſich ſo ſehr verſchlim⸗ mert, daß er ſich nicht mehr aufrecht zu halten ver⸗ mochte. Sie gelangten in ein angenehm gelegenes Zimmer mit der Ausſicht auf den Garten des Hauſes. Der Oberſt ließ ſich zu Bette bringen und forderte Müller auf, ſich gleichfalls zur Ruhe zu legen, mit der Verſicherung, er werde ihn ru⸗ fen, ſo wie er ſeiner bedürfe. „Ha, Kriegskamerad! ſagte Müller zu Carl, als ſie aus dem Zimmer des Oberſten gingen, ob⸗ gleich wir teufelmäßig müde ſind, ich und dieſer 67 dicke Lümmel(dabei deutete er auf den Poſtillon), welcher nichts ſpricht, darum aber nicht weiter denkt, würden wir nach meiner Meinung doch nicht übel daran thun, uns ein wenig zu reſtau⸗ riren; denn ſeit beinahe zwölf Stunden habe ich nichts zu mir genommen, und mit leerem Bauch kann ich gar nicht einſchlafen.— Nun das heißt gut geſprochen, Herr Müller, bemerkte der Poſtil⸗ lon, und ich bin ganz Ihrer Meinung.— In dieſem Fall will ich ſuchen, Euch ein Nachteſſen vorzuſetzen, doch müßt Ihr vorlieb nehmen mit dem, was da iſt! O! vir ſind nicht lecker; im Krieg, wie anderswo, eſſe ich, was man mir gibt; aber ich glaube bemerkt zu haben, daß der Keller gut verſehen iſt...“ Carl fing an zu lachen und die. Herren beſchäftigten ſich ſogleich mit den Zurüſtun⸗ gen zu ihrem Mahle.* Bald war Alles bereit und man ſetzte ſich zu Tiſche. Müller lobte den Wein, der Poſtillon ſprach kein Wort, aus Furcht um einen Biſſen zu kommen, und der Pförtner, ein tüchtiger Zechbru⸗ der und voller Freude, daß er Leute gefunden hatte, die ihm die Stange halten konnten, war bald in beſter Laune und äußerſt geſprächig. Er fing an, ſeinen Gäſten die Lebensweiſe ſeines Herrn zu er⸗ zählen.„Der Herr von Monterranville, ſagte er zu ihnen, iſt ein närriſcher Kauz; er bringt ſein Leben damit zu, im freien Felde umherzurennen, zu reiſen, der Deufel weiß wohin, oder ſich in dieſem Hauſe einzuſchließen, wo er Niemand ſieht als 68 mich und einen langen Bengel, den ich nicht kenne. Bald iſt er traurig, bald luſtig; kurz, ſeit den zehn Jahren, die ich mit ihm in dieſem Hauſe wohne, habe ich weder ſeinen Charakter entziffern, noch den Beweggrund ſeiner häufigen Abweſenheit ver⸗ ſtehen können!..— Du biſt halt kein Pfiffikus, dreifache Patrontaſche! Mich läßt man nie anlaufen, und wenn ich einen Menſchen ſehe, errathe ich ſtets an ſeinen Augen, was an ihm iſt!...— Ei was! fiel der Poſtillon ein, es gibt Geſichter, aus welchen man gar nichts herausbringen kann!... — Es gibt auch ſehr trügeriſche! fuhr Carl fort.— Thut Alles nichts, Freunde! verſetzte Müller; ein Menſch mag verbergen, was in ſeiner Seele vor⸗ geht, wie er will, ein durchdringender Blick gelangt ſtets zur Entdeckung der Wahrheit; und ich bin der Meinung, daß aller Verſtellungskunſt unge⸗ achtet, deren gewiſſe Leute fähig ſind, die Natur dem Schurken und dem Tugendhaften nicht einen und denſelben Blick verliehen hat; auch darf ich nur ein einziges Mal Deinen Herrn von Mon⸗ terranville ſehen, und ich will Dir bald ſagen, was an ihm iſt.“ Nachdem Müller ſeinen phyſiognomiſchen Scharf⸗ blick noch lang und breit gerühmt hatte, gewahrte er endlich, daß ſeine beiden Tiſchgenoſſen ihn nicht mehr hörten und feſt ſchliefen. Sich hierauf der Länge nach in einem Lehnſtuhl ausſtreckend, brauchte er nicht mehr lange, bis er ihnen nachahmte, und bald ſchnarchten ſie ein herrliches Trio. 8 69 Den andern Tag war der Oberſt nicht im Stande aufzuſtehen; er hatte eine ſchlimme Nacht gehabt, und ſeine Verletzung, gereizt durch die ſeit mehren Tagen erlittenen Beſchwerlichkeiten und die ſein Blut erhitzende Ungeduld, nahm einen ſehr bedenklichen Charakter an. Der gute Carl, ein wenig in der Heilkunde erfahren, legte ihm einen Verband an und empfahl ihm die größte Ruhe; darüber fluchte der Oberſt freilich am mei⸗ ſten, allein man mußte ſich der Nothwendigkeit fügen. Der Poſtillon reiste mit dem Befehl, in Kurzem Pferde herbeizubringen, nach Straßburg ab. Seit acht Tagen befanden ſich der Oberſt und Müller in dem einzelnſtehenden Haus, als der Eigenthümer von ſeiner Reiſe zurückkam. Der Oberſt war in Verzweiflung, auf folche Weiſe einer ihm unbe⸗ kannten Perſon zur Laſt zu ſein; aber bei Erzäh⸗ lung des in ſeinem Hauſe Vorgefallenen lobte Herr von Monterranville Carls Benehmen ſehr und ging nach des Oberſten Zimmer, um dieſem zu ſagen, welches Vergnügen es ihm mache, ihm bei dieſer ärgerlichen Veranlaſſung nützlich ſein zu können. Der Oberſt lag im Bett, im Geſpräch mit Mül⸗ ler über Heinrichs Aufführung, als ſein Wirth in das Zimmer trat. Dieſer näherte ſich dem Bett des Oberſten und ſagte, obgleich er den ihn betrof⸗ fenen Unfall ſehr bedaure, wünſche er ſich doch Glück, daß er in ſeinem Hauſe Hülfe gefunden habe. Wäh⸗ rend der Oberſt dieſe verbindlichen Reden erwi⸗ 70 derte, war Müller auf die Seite gegangen und unterhielt ſich mit Betrachtung der Züge dieſer neuen Perſon. 4 Herr von Monterranville war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, groß, mager, von gelblicher Geſichtsfarbe, lebhaften und blitzenden Augen, wenn er Jemand ins Geſicht ſah, aber gewöhnlich ſchlug er ſie nieder; übrigens von ziemlich hübſchem Geſichte und anſtandsvoller Haltung. „Dieſen Menſchen mag ich nicht leiden, ſprach Müller bei ſich ſelbſt, nachdem er Herrn von Mon⸗ terranville betrachtet hatte; entweder irre ich mich ſehr, oder er iſt nicht offenherzig in ſeinen Reden.“ Der Oberſt dagegen dankte dem Hausheſitzer aufs Wärmſte und wünſchte ſich Glück, in ſo gute Hände gerathen zu ſein. Mit der Bitte, zu thun, als wäre er in ſeinem Eigenthum, verließ ihn der letztere.. Nach ſeinem Weggehen theilte Müller dem Oberſt ſeine Gedanken hinſichtlich ihres Wirthes mit; aber der Oberſt nannte ihn einen Geiſterſeher und war nicht ſeiner Meinung. Müller's Schlafzimmer lag dem des Hausherrn gerade gegenüber; nur war das ſeinige einen Stock höher, er konnte daher durch die Halbvorhänge hin⸗ durch unterſcheiden, was in dem Gemache deſſelben vorfiel. Als Müller ſchlafen ging, ſtellte er ſeine Be⸗ trachtungen über die Perſon an, in deren Hauſe ſie ſich befanden. Waͤhrend dieſes Nachgrübelns 3 * 71 verſtrich die Zeit und er ſah an ſeiner Uhr, daß es nahezu Mitternacht ſei. Er ſtand auf, um ſein Licht auszulöſchen, und gegen das Fenſter tretend, gewahrte er noch Licht im Zimmer des Herrn von Monterranville; Neugierde und der Wunſch, etwas zu entdecken, was ſeine Gedanken rechtfertigen könnte, beſtimmten ihn, einen Augenblick zu ſeinem Nachbar hinüberzublicken. Er löſchte ſein Licht, damit man ihn ſchlafen glaube und ſtellte ſich leiſe in eine Fenſtervertiefung. Geraume Zeit blieb er in dieſer Stellung, ohne daß er etwas erblickt hätte; des vergeblichen Har⸗ rens müde, wollte er ſich eben niederlegen, als er Herrn von Monterranville mit ſtarken Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehen ſah, wie in tiefes Nachdenken verſunken; er bemerkte hierauf, wie derſelbe ſeinen Schreibtiſch öffnete, mehre Geld⸗ ſäcke herauslangte, genau betrachtete, einige der⸗ ſelben überzählte und endlich Alles ſtehen ließ, um wieder in ſeine Träumereien zu verfallen. Aerger⸗ lich, daß er nicht mehr ſah, legte ſich Müller ins Bett, ſehr mißgeſtimmt, nicht enträthſeln zu kön⸗ nen, was das Alles heißen ſollte. Am andern Dage gleiches Verfahren von Seiten Müller's, gleiches Benehmen von Herrn von Monter⸗ ranville, nur daß er diesmal ſeinen Secretär nicht berührte; aber er ging wieder langſam auf und ab, blieb zuweilen ſtehen, um ſich an die Stirne zu ſchlagen, oder wohl ſich wie in der heftigſten Verzweiflung auf einen Seſſel zu werfen. 1 72 Am Ende wünſchte Müller ſeinen Wirth und deſſen geheimnißvolle Zimmerſpaziergänge zum Teu⸗ fel und legte ſich mit dem Gedanken nieder, Herr von Monterranville ſei entweder ein Nachtwandler oder habe Anfälle von Tollheit. 4 Die Zeit verſtrich indeß, die Wunde des Oberſten heilte, jedoch nur langſam. Aergerlich, keine Nachrichten von Heinrich zu bekommen und wohl einſehend, daß er ihm lange nicht nacheilen könne, beſchloß er, Müller voraus zu ſchicken, damit er endlich erfahre, wie die Sachen ſtünden, und deß⸗ halb ließ er dieſen zu ſich kommen, um ihm ſein Vorhaben mitzutheilen. „Müller, ſagte er zu ihm, als ſie allein waren, ich kann meiner Ungeduld nicht widerſtehen, ich muß durchaus wiſſen, was Heinrich gegenwärtig treibt.— Tauſend Bomben, Oberſt! glauben Sie, ich wünſche es nicht eben ſo ſehnlich und fluche nicht, daß ich Sie da ans Bett genagelt ſehe wie ein alter Achtundvierzigpfünder?... Aber was kann man machen, Oberſt? Muth gefaßt!...— Hör einmal, Müller! wenn Du willſt, ſo warte ich meine Herſtellung viel geduldiger ab.— Wenn's von mir abhängt, mein Oberſt, ſo dürfen Sie nur ſprechen. — Gut, in dieſem Fall, lieber Müller, mußt Du nach Straßburg reiſen und Heinrich nachſpüren.— Wie, mein Oberſt, ich ſoll Sie in dieſem alten, verfallenen Neſte allein laſſen?...— Warum nicht? — Wo Sie zum einzigen Geſellſchafter einen Men⸗ ſchen haben, der einem Orangutang ziemlich ähnlich —ʒ—— — —— 73 ſieht?— Bedenk doch, daß ich bald hergeſtellt ſein werde und Dir alsdann folge.— Nur mit Be⸗ dauern verlaſſe ich Sie, Oberſt; weil Sie es aber wollen, muß ich gehorchen.— Vergiß nicht, Müller, daß die Augenblicke koſtbar ſind! Du weißt, was man von Heinrich ſagte!... Ich zittere, er möchte ſchon verheirathet ſeint..— Ah pah, Oberſt! eine ſolche Dummheit wird er ſich nicht ohne Ihre Einwilligung erlauben... Wenn es überdies der Fall iſt...— Wenn es der Fall iſt.— Ja, mein Oberſt, was ſoll ich alsdann machen?— Meiner Treu!... thu was Dir gut dünkt; wenn es aber, wie ich hoffe, nicht der Fall iſt, ſo bemühe Dich, den Gegenſtand, der das Herz unſers jungen Mannes feſſelt, zu ſehen, be⸗ ſonders laß Dich nicht durch den Schein täuſchen!... — Unbeſorgt, mein Oberſt! mich führt man nicht an, namentlich in Betreff der Weiber, und die ausgelernteſte, ſittſamſte Spröde würde mich nicht in ihre Netze bekommen.“ Da die Sache einmal abgemacht war, beſchäf⸗ tigte ſich Müller mit ſeiner Abreiſe: ſchon längſt hatte der Poſtillon die verlangten Pferde zurück⸗ gebracht; Müller beſtieg eins derſelben, und nach⸗ dem er ſeinen Oberſt dem alten Carl, welchen er mehr liebte als den Herrn des Hauſes, aufs Beſte empfohlen und erſterem ein Lebewohl geſagt hatte, ſchlug er im ſtarken Galopp die Straße ein, welche ihn zu ſeinem Zögling führen ſollte. Wir laſſen den Oberſt bei Herrn von Monterran⸗ 74 ville und ſehen ein wenig, was Müller in Straß⸗ burg machte. —— 8 Neuntes Kapitel. Abermals ein Heuboden. Gegen neun Uhr Abends langte Müller in Straß⸗ burg an und ſtieg im„weißen Pferde“, dem erſten auf ſeinem Wege befindlichen Gaſthofe, ab.„Ge⸗ ſchwind ein Nachteſſen für mich und mein Pferd,“ ſagte Müller in das Gaſtzimmer tretend, wo mehre Reiſende um einen großen Tiſch herum ſaßen. „Der Herr wird ſogleich bedient werden,“ er⸗ nſiderte mit Flötenſtimme eine ſchmucke Dirne, woelche allein alle Laſten der Wirthſchaft zu tragen ſchien. Müller trat zum Kamin, in Erwartung, daß man ihm auftrage; aber plöͤtzlich brechen die Rei⸗ ſenden und das Wirthsgeſinde beim Anblick des Neuangekommenen in ein ſchallendes Gelächter aus. Dieſer ließ nicht mit ſich ſpaßen und duldete nicht,„ daß man ihm, ohne zu wiſſen warum, ins Ge⸗ ſicht lachte; er fing ſeinen Schnurrbart zu ſtreichen an und fragte mit martialiſchem Geſicht: Wollet Ihr mir ſagen, meine Herren, welches die Urſache Eures ſpöttiſchen Gelächters iſt?— Zum Henker! Ihr müßt wohl ſehen, daß Ihr es ſeid, antwor⸗ tete ein ſchnurrbärtiger Kerl, mit einer großen, roſtigen Klinge an der Seite, der ſo ziemlich einem 75 Werber gleichſah oder einem jener Leute, welche gratis in der Welt durchzukommen ſuchen, indem ſie mit Fauſt und Rippenſtößen bezahlen!— Ha! ich bin's, entgegnete Müller, ihn von Fuß bis zum Kopf mit den Augen meſſend. Ei! was findeſt Du denn Lächerliches in meiner Phyſiognomie?— Schau nach dem Hintertheil Deiner Hoſen und Du wirſt ſehen, daß wir nicht über Deine vordere Phy⸗ ſiognomie lachen.“ Müller blickte ſogleich hin und ſah, daß die Bewegung des Pferd es und der ſchnelle, anhaltende Ritt ſeine Hoſen dergeſtalt zerriſſen hatte, daß er ſein Hinterquartier allen Blicken bloßſtellte, was er freilich hätte fühlen ſollen; in der Hitze ſeines Ritts mochte er es nicht bemerkt haben.„Wie! das macht Dich lachen? fragte er den Werber. Beim Teufel! Du mußt noch nie mals in Deinem Leben einen Hintern geſehen haben, um beim An⸗ blick des meinigen ſo zu lachen!— Wahr, er iſt nicht der Mühe werth, verſetzte dieſer.— Nicht der Mühe werth! rief Müller mit einem Seiten⸗ blick auf den Werber; Du dürfteſt, glaube ich, wohl zufrieden ſein, wenn Du einen ſolchen hätteſt, und ich rathe Dir nicht, Dich über den meinigen luſtig zu machen.“ Jungfer Hannchen, welche ſich wahrſcheinlich beſſer auf dieſen Artikel verſtand, und den Müller's ganz nach ihrem Geſchmacke fand, beeiferte ſich, zwiſchen den beiden immer mehr ſich erhitzenden Parteien Frieden zu ſtiften, und zog Müller mit * 76 fort an einen Tiſch, auf welchem ſein Abendeſſen aufgetragen war, wobei ſie ihm leiſe ins Ohr flüſterte, daß ſie die Sorge für die Wiederherſtellung ſeiner Hoſen auf ſich nehme. Müller, wohl verſtehend, was das ſagen wollte, kneipte ſie ſchäkernd, blickte ſie verſtohlen an und ſiel gierig über ein Stück Rehbraten her, um der Idee zu entſprechen, welche Jungfer Hannchen von ihm gefaßt hatte. Ich weiß nicht, ob der Werber gleichfalls ſeine Augen auf das Kellermädchen warf, allein während er ſeine Pfeife rauchte und ſein Hammelsrippchen aß, ſah er mit vielem Aerger die Aufmerkſamkeiten Hannchens für unſern Huſaren, und dieſer, ſtolz auf ſeine Eroberung, drehte ſich zuweilen mit einer Miene um, welche ſagen wollte: Du ſiehſt, mein Popo macht mehr Eindruck als Deine verliebten Augen. Um die Stunde des Schlafengehens trat Hann⸗ chen zu Müller, und nachdem ſie ihm das für ihn beſtimmte Zimmer bezeichnet hatte, ſagte ſie ihm ins Ohr:„Laßt den Schlüſſel an Eurer Thüre, bald werde ich bei Euch ſein.— Fehlt ja nicht, antwor⸗ 3 tete Müller, ſonſt bringe ich das ganze Haus in Aufruhr.“ Nun ergriff er ein Licht, und den Wer⸗ ber, der bei ſeiner Flaſche eingeſchlafen zu ſein ſchien, zurücklaſſend, ſtieg er nach dem ihm ange⸗ wieſenen Zimmer hinauf. Seit mehr als einer Stunde war er hier, mit Ungeduld auf die Erfüllung des von Hannchen gegebenen Verſprechens harrend: doch die Zeit 8* ³ 2 * 77 verſtrich; längſt mußte Alles in der Herberge zu Bette ſein; pünktlich hatte er den Rath Hannchens be⸗ folgt, aber ſie erſchien nicht. Wer konnte ſie zu⸗ ruckhalten?... Da er ſeinem Verlangen und ſei⸗ ner Ungeduld nicht mehr zu widerſtehen vermochte, erhob er ſich, ſchlüpfte nur in ſeine Hoſen und be⸗ ſchloß, Jungfer Hannchen in allen Theilen des Hauſes aufzuſuchen. Mit dem Lichte in der Hand durch lange Gänge und mehre leere Zimmer gekommen, geht er einen Stock höher und ſetzt ſeine Nachſuchungen fort. Schon fing er an, die Hoffnung aufzugeben, als er, bei der Thüre des Speichers vorübergehend, Laute zu hören glaubt; er bleibt ſtehen, lauſcht und zwei⸗ felt bald nicht mehr, daß Hannchen drinnen und im Begriff ſei, eine Untreue an ihm zu begehen. Seiner Wuth nicht Herr, ſtößt er heftig an die Thüre, dieſe weicht und zum zweiten Mal in ſeinem Leben befindet er ſich auf einem Heuboden.. Aber welch ein Anblick. Auf die Perſonen zu⸗ tretend, an denen er ſeinen Zorn auslaſſen will, erkennt er den Werber, wie er ſich mit einer alten ſechzigjährigen Magd, die ſchon lange keinen ſolchen Feſttag mehr gehabt hatte, vergnügt. Wie kam der Werber hieher? das wird gut ſein, dem Leſer mitzutheilen. Dieſer Schurke, welchem die Reize Jungfer Hannchens ſehr ins Auge ſtachen, war entſchloſſen, unſerm Huſaren ſeine Eroberung vor der Naſe wegzuſchnappen. Darum hatte er ſich geſtellt, als ſchlafe er über ſeiner Flaſche ein; — 4 28 und nachdem Müller und die übrigen Reiſenden fort waren, bemächtigte er ſich Hannchens, welche alle nur erdenkliche Mühe aufwandte, um ſich los⸗ zumachen. Aber Hannchen wollte nichts von dem Werber und brannte vor Verlangen, zu dem Huſaren zu kommen; es gelang ihr alſo, zu entrinnen; ihr aufdringlicher Liebhaber folgt ihr auf den Zehen; um ihn irre zu führen, geht ſie mehre Treppen hinauf, aber er iſt ſtets hinter ihr her, bis ihr bei der Biegung eines Ganges eine alte Magd vom Hauſe, im Begriff zu Bett zu gehen, aufſtößt; Hannchen ſchiebt dieſe dem Werber entgegen und entflieht. Der letztere packt die Magd bei ihren Kleidern, in der Meinung, den Gegenſtand ſeiner Wünſche zu halten; die Alte will ſchreien, er läßt ihr keine Zeit, eine Thüre nebenan wird aufge⸗ macht; es iſt die des Heubodens. Der Werber zieht ſeine Schöne hinein und drängt ſie auf das Stroh. „Dauſend Donnerwetter, ruft Müller aus, als er Werbers Süßliebchen betrachtete, ich traute Dir keinen ſo barokken Geſchmack zu... Laß Dich nicht ſtören, Freund!.. Ol ich will Dir einen ſolchen ⸗ Fund nicht entreißen!...“ 4 Beim Anblick der Züge und Reize Derjenigen, die er für Hannchen gehalten, wird der Werber wüthend; Müller ſchlägt ein helles Gelächter auf, was ſeinen Aerger noch vermehrt.„Kreuz Mil⸗ lionen Donnerwetter! rief er aus, muß der Hunds⸗ fott da immer ſeine Naſe in meine Sachen ſtecken?“ 79 Müller, der ihm ſeit ſeiner Hoſengeſchichte noch gram war, gab ihm bei dem Titel Hundsfott einen tüchtigen Fußtritt, der ihn auf den unglücklichen Gegenſtand ſeiner Verachtung niederwarf. Der Werber rafft ſich wieder empor und ſpringt, eine neben ihm liegende Heugabel ergreifend, auf Mül⸗ ler los; Müller läßt ſein Licht fallen, um ſeinen Gegner feſten Fußes zu erwarten, und die beiden Herren prügeln einander weidlich ab. Aber, o un⸗ erwartetes Unglück! während ſie ſich im Boxen üben, bemerken ſie nicht, daß das Licht im Fallen einen Bund Stroh angezündet hat; dieſer Bund iſt mit andern in Verbindung und in einem Nu brennt der ganze Boden lichterloh. Die Alte, von den Streitenden auf dem Stroh liegen gelaſſen, wird bald von dem Rauche beinahe erſtickt und erfüllt den Gaſthof mit ihrem Wehgeſchrei. Alles ſpringt aus dem Bett; man kommt, geht, rennt hin und her, ohne zu wiſſen warum; aber bald verkündigen die zum Dache hinausſchlagenden Feuer⸗ ſäulen den Zuſchauern die ihnen drohende Gefahr. Umſonſt ſucht der Wirth Hülfe zu ſchaffen das Feuer hat ſchon ſo um ſich gegriffen, daß es nicht zu löſchen iſt. In dieſem Tumult läßt Müller ſei⸗ nen Gegner los, um an ſeine Flucht zu denken; er eilt hinab in ſein Zimmer, aber auch dort iſt das Feuer ſchon: er will ſich entfernen, als er Schreien von dorther vernimmt; er kehrt um und erblickt das arme Hannchen, welche ihn aufgeſucht, und ihn erwartend ſich in ſein Bett gelegt hatte. 80 Unſer Huſar ſieht Hannchen ſeinetwegen dem Verderben nahe, er ſtürzt ſich daher mitten durch die Flammen, nimmt ſie im Hemde halbtodt in ſeine Arme und eilt mit ſeiner koſtbaren Laſt aus dem Gaſthofe hinweg. Zehntes Kapitel. Hannchens Tante. „Wo ſind wir, mein Freund? fragte Hannchen ihren Retter, als ſie wieder zu ſich kam.— Meiner Treu! das weiß ich nicht, entgegnete Müller, ſie auf eine Steinbank niederſetzend. Alles, was ich weiß, iſt, daß ich nur zerriſſene Hoſen anhabe, du im bloßen Hemde biſt und daß wir, wenn es Dag wäre, einen Theil von Straßburgs Bewohnern uns begaffend vor uns hätten.— Mich gelüſtet nicht, ſie zu erwarten, ſagte Hannchen. Doch, wie! hätte das Feuer den ganzen Gaſthof verzehrt?— Frei⸗ lich Nach der Art, wie es überhand nahm, würde es ohne die größte Vorſicht die ganze Stadt verbrennen.— Was iſt zu machen? wir können nicht nackt auf dieſem Platze bleiben.— Nein, das hieße zu viel riskirt.— Ha, mir kommt ein Gedanke; ich habe eine Muhme, Feinwäſcherin, in dieſem Viertel; man muß ſie aufſuchen, ſie iſt eine gute Frau und wird uns gerne aufnehmen.— Wohl, es ſei, gehen wir zu Deiner Tante.“ Und Müller 1 81 und Hannchen machen ſich im Hemd, Arm in Arm, auf den Weg zu der Feinwäſcherin. Nach ziemlich langem Umherirren gelangen ſie in eine kleine, enge und ſchmutzige Gaſſe und bleiben vor einem Hausgange ſtehen: hier wohnte Hann⸗ chens Tante. Müller klopft viermal nacheinander, was aber die gute Frau in ihrem vierten Stocke nicht hört.„Sie iſt etwas harthörig und ſchläft wie eine Ratze, ſagte Hannchen.— In dieſem Falle, erwidert Müller, laufen wir keine Gefahr, wenn wir durch das Fenſter einſteigen. Er klopft noch mehrmals ohne beſſern Erfolg. Müller, un⸗ geduldig gemacht, war der Anſicht, Steine nach den Fenſtern zu werfen, als ein Bewohner des er⸗ ſten Stocks, von dem Lärm aufgeweckt, ſein Fenſter öffnet und fragt, wer mitten in der Nacht auf dieſe Weiſe poche. Ich bin's, Herr Speckkratzer, antwortet Hannchen, ich will bei meiner Tante ſchlafen. Möch⸗ ten Sie nicht die Güte haben, mir zu öffnen?— Ah! Sie ſind es, Jungfer Hannchen; wie um dieſe Stunde?— Ja, Herr Speckkratzer; bei Herrn Buttmann, dem Gaſtwirth, wo ich war, iſt Feuer ausgekommen und ich ſah mich genöthigt, mich zu flüchten.— Ach! mein Gott! iſt's möglich? Was ſagt Ihr mir da?— Aber was machſt du denn am Fenſter, Bibi? rief eine feine grillende Stimme, die aus der Alkove des Nachbars hervortönte(es war Madame Speckkratzer, die ihren Gatten nicht mehr an ihrer Seite fühlend, höchſt unruhig auf⸗ ſtand, um zu wiſſen, was er treibe).— Nichts, Paul de Kock. IX. 6 82 mein Kätzchen; Jungfer Hannchen will bei ihrer Tante ſchlafen, und ich öffne ihr das Haus. Aber leg Dich doch wieder ins Bett, mein Mäuschen, Du könnteſt den Schnupfen bekommen.“ Mit dieſen Worten ſchloß Herr Speckkratzer das Fenſter und kam herab, Hannchen einzulaſſen. „Wer iſt denn dieſes Originalſtück? fragte Mül⸗ ler die letztere.— Ein alter, in Ruhe lebender Wurſtmezger, der mit ſeiner keuſchen Ehehälfte von ſeinen Renten lebt.— Tauſend Granaten! er fürchtet, wie es ſcheint, den Hals zu brechen, denn er eilt nicht ſehr mit dem Herabkommen.“ Endlich erſchien Herr Speckkratzer im Unter⸗ leibchen und Nachtmütze, ſein Licht in der Hand. Wie er Hannchen im Hemde erblickte, rückt er an ſeiner Mütze und ſchlägt ſeinen Schlafrock zurück; als er aber Müller wahrnimmt, bleibt er unbeweg⸗ lich vor ihnen, ohne zu begreifen, was das heißen ſolle. Mit ein paar Worten unterrichtet ihn Hann⸗ chen von der ganzen Geſchichte; und als er er⸗ fahren hatte, Müller ſei ihr Retter, wunderte er ſich nicht mehr, daß ſie ihm eine Zufluchtsſtätte anbot. Sie ſteigen alle Drei die Treppe hinauf und treffen in der Hausflur des erſten Stocks Madame Speckkratzer, welche ſich gerne ſelbſt überzeugt hätte, welcher Perſon ihr Gatte die Thüre öffne.„Ach, Himmel!.. ein nackter Mann! rief ſie, Müller er⸗ blickend. Aber ſtatt zu entfliehen, lief ſie vorwärts, um beſſer zu ſehen. Geh doch ins Bett, mein 8³ Täubchen, ſagte Herr Speckkratzer, ich werde Dir alles Vorgefallene erzählen.“ Aber ſeine Ehehälfte, welche auch Hannchen im Hemde erblickte und fürch⸗ tete, deren friſche Reize möchten ihren Gatten zu Vergleichungen veranlaſſen, riß dieſen fort nach ihrem Zimmer mit der Bemerkung, daß, da die Thüre geöffnet ſei, man ſeiner nicht mehr bedürfe. Hannchen dankte Herrn Speckkratzer und die bei⸗ den Ehegatten zogen ſich in ihre Zimmer zurück. Somit wären nun Müller und Hannchen vor der Thüre der Wäſcherin. Sie klopfen beide ſo, daß das ganze Haus erdröhnt; die gute Frau er⸗ wacht, kommt zitternd herbei und fragt, wer da ſei?„Ich bin's, liebe Dante, antwortet Hannchen; öffnen Sie ſchnell.“ Die Alte macht auf: neue Ueberraſchung von ihrer Seite, als ſie Hann chen im Hemd und einen Mann in demſelben Zuſtande bei ihr ſieht. Aber Hannchen hat ſie bald über das Vorge⸗ fallene belehrt, und Madame Tapin(ſo hieß die Tante) fällt Müller um den Hals und küßt ihn dreimal für die Rettung ihrer Nichte. Müller hätte ihr die Umarmung gerne erlaſſen, allein man mußte ſich bequemen. Hannchen und Müller bedurften der Ruhe; man war ſchnell auf Mittel bedacht, Betten herzurichten. Die ganze Wohnung der Madame Tapin beſtand nur in einem großen Zimmer, worin ſie ſchlief, und einem kleinen Kabinet nebenan, wo für Hann⸗ chen ein Bett zurecht gemacht wurde. Müller ſagte, 84 er bequeme ſich mit einem Seſſel als Nachtlager. Hiebei blickte er Hannchen an, die ihn ſehr gut verſtand, und Madame Tapin willigte in jedes Begehren. Bald war das Bett bereit. Hannchen legte ſich nieder; Madame Tapin desgleichen und ſowie ſie eingeſchlafen war, theilte Müller das Lager Der⸗ jenigen, für die er ein altes Weib bei Nacht über⸗ fallen ließ, ein Haus in Brand ſteckte, einen Men⸗ ſchen prügelte, die Nachbarn aus dem Schlaf weckte und. In Wahrheit, er hatte ſie wohl erworben. Als am andern Morgen Alles wieder auf den Beinen war, dachte Müller, ein gutes Frühſtück werde ſehr am Platze ſein, um ſich von den An⸗ ſtrengungen des vorigen Tages zu erholen; aber Hannchen hatte keinen Heller; Madame Tapin war nicht reich und konnte ihnen nichts weiter als Brod und Milch vorſetzen. Da fiel es Müller wieder bei, daß er eine wohlgeſpickte Börſe in ſeinen Hoſen haben müſſe, denn Oberſt Framberg befahl ihm, weder Mühe noch Geld zu ſparen, um ſeinen Hein⸗ rich wieder zu finden. Nun kehrte Freude in Aller Herzen zurück; Hannchen holte eiligſt das zum Frühſtück Nöthige, ſowie einen Schneider herbei, der Müller aufs Schnellſte wieder kleiden ſollte; und Madame Tapin ſetzte Alles zur Bereitung des Mahles in Bewegung. Während deſſen ſann Müller darüber nach, was er zu thun habe: er dachte, er ſei eben ſo gut bei Madame Tapin als im Gaſthof, ſeine Nachforſchungen könne 4 8⁵ gleichfalls von hier aus anſtellen und das Reſultat ſeiner Betrachtungen war, daß er während ſeines ganzen Aufenthalts in Straßburg bei Hannchen wohne. Fröhlich ſetzte man ſich zu Tiſche: Hannchen war vor Freude außer ſich, daß ſie in Müller einen zugleich reichen und verliebten Mann gefun⸗ den habe. Im Ganzen war ſie ein gutes Mädchen, die nur den Fehler hatte, daß ſie die Männer etwas zu ſehr liebte. Müller erzählte ihnen kurz, was ihn nach Straß⸗ burg führe und gab das Verſprechen, bei ihnen zu wohnen, ſo lang er hier bleibe. Madame Tapin war ganz entzückt darüber; ſie ſah, daß Müller gern gut aß und trank, und dachte, ſie werde, ſo lange er im Hauſe bleibe, ſtets Hochzeitsgerichte bekommen, wie ſie es nannte.. Nach dem Frühſtück ging unſer Huſar aus, um ſeine Nachforſchungen zu beginnen. Er durchſtreifte beinahe die ganze Stadt, ohne irgend eine Nach⸗ weiſung über Heinrich zu erhalten, und am Abend kam er zu ſeinem Hannchen zurück, um die Müh⸗ ſeligkeiten des Tages zu vergeſſen. So verging ein Tag um den andern und Jedes war zufrieden: nur begriff Madame Tapin nicht, wie ein Mann wie Müller, der gerne gut lebte, ſich jede Nacht mit einem Seſſel als Bett begnügen könne. Nach Verlauf von etwa zehn Tagen kam er auf den Glauben, der Gegenſtand ſeiner Streifereien ſei nicht mehr in Straßburg; denn obgleich er die 86 ganze Stadt durchwandert, alle öffentlichen Orte beſucht hatte, war es ihm doch nicht gelungen, Heinrich zu begegnen. Bereits war er entſchloſſen, dem Oberſt den geringen Erfolg ſeiner Schritte zu ſchreiben und ihn zu fragen, was er thun ſolle, als er eines Abends, beim Eintritt in ein Café, Frank, Heinrichs Diener, bei einer Flaſche Bier erkannte. Müller hütete ſich ſehr, denſelben an⸗ zureden, wohl erwägend, daß er ihn nur durch eine lügenhafte Erzählung irre führen würde; da⸗ gegen verließ er alsbald das Café und harrte unfern der Thüre geduldig, bis Frank herauskomme, um ihm unbemerkt zu folgen Nicht lange ſtand er auf der Lauer; nach weni⸗ gen Minuten erſchien Frank, und Müller folgte ihm auf eine Weiſe, daß er nicht wahrgenommen werden konnte, denſelben aber doch nicht aus dem Geſichte verlor. Frank ſchlug mehrere abgelegene Straßen ein, und Müller ſah ihn zu ſeinem Er⸗ ſtaunen aus der Stadt hinaus gehen. Er war fortwährend hinter ihm drein. In geringer Ent⸗ fernung von der Stadt hielt Frank vor einem hübſchen, von andern Wohnungen abgeſonderten Häuschen ſtill. Er klopft an, man öffnet, und er tritt ein. Müller betrachtet das Haus ſo gut es ihm die Nacht erlauben kann; und mit dem Ge⸗ danken, es ſei zu ſpät, um in Erklärungen einzu⸗ gehen, zieht er ſich zurück, feſt entſchloſſen, am andern Morgen wieder zu kommen. 5 Ehe wir jedoch Müller folgen, wollen wir wieder — 87 ein wenig zu unſerm Helden zurückkehren, den wir ſchon ſo lange verlaſſen haben. Eilftes Kapitel. Florenz. Bei ihrer Abreiſe vom Schloſſe Framberg hat⸗ ten Heinrich und Frank den Weg nach Offenburg eingeſchlagen. Heinrich dachte nur an ſeine theure Pauline und gab ſich der Hoffnung hin, daß er in der Nähe von Offenbuͤrg, wo er ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte, irgend etwas über ihr Schick⸗ ſal werde erfahren können. Da Heinrich ziemlich offenherzig war und über⸗ dies vor Verlangen, ſich von ſeiner Schönen zu unterhalten, brannte, war Frank bald ſein Ver⸗ trauter; außerdem mußte er denſelben von der Sache unterrichten, damit er beim Nachforſchen beſſere Hülfe leiſten könne. Frank war ein verſtändiger, pfiffiger Burſche und geſchickter eine Intrigue durchzuführen, als die Alleen des Schloßparks von Framberg von Un⸗ kraut zu ſäubern. Durch das Vertrauen ſeines Herrn geſchmeichelt, verſprach er ihm, ſich deſſelben würdig zu zeigen und Alles zu thun, was zur Wiederauffindung ſeiner Angebeteten beitragen könnte. In Offenburg angelangt, forſchten Herr und Diener auf jede mögliche Weiſe nach einem 85 88 gewiſſen Chriſtiern und ſeiner Tochter; doch Alles umſonſt. Endlich beſchloß Heinrich, des vergeb⸗ lichen Suchens müde, zu ſeiner Zerſtreuung ſich unter einen fernen Himmelsſtrich zu begeben und dem Zufall die Sorge für das Wiederfinden ſeiner theuern Pauline anheimzuſtellen. Er dachte, Italien, deſſen Schönheiten er rüh⸗ men gehört, könne ihm eher als andere Länder Zerſtreuung bieten. Sie begaben ſich daher auf den Weg nach Neapel, zu Pferde reiſend und ſich an allen Orten verweilend, die ihre Aufmerkſam⸗ keit zu feſſeln verdienten. Bis Florenz, wo Hein⸗ rich einige Zeit zu bleiben wünſchte, ſtieß ihnen nichts Beſonderes auf. Die reizende Lage dieſer Stadt an den bezau⸗ bernden Ufern des Arno, die Schönheit ihrer Bau⸗ denkmale, die Meiſterwerke aller Art, welche ſie umſchließt, berauſchten Heinrichs Sinne, der nur aus Schloß Framberg herausgekommen, um die Umgegend zu durchſtreifen, ſich nicht träumen ließ, daß es auf der Welt einen ſo köſtlichen Ort gäbe. Als er eines Abends außerhalb der Stadt luſt⸗ wandelte, hörte er aus einem eleganten Hauſe am Waſſer melodiſche Töne.„O, mein Freund!... ſie iſt's! hier iſt ſie!... ſagte Heinrich zu ſeinem Diener; es iſt dieſelbe Muſik, die ich bei Offen⸗ burg gehört!..— Sie glauben, Herr?— Ich bin's gewiß!... Ei! welche Andere als Pauline vermöchte ihrer Laute ſolche bezaubernde Klänge zu entlocken— Ach, mein Herr! es gibt ſo * — 89 viele Frauenzimmer, welche dieſes Inſtrument ſpie⸗ len.— Gleichviel, ich will die Bewohnerin dieſes Hauſes kennen lernen.“ Wenn Heinrich ſich etwas in Kopf geſetzt hatte, mußte es ausgeführt werden; darum fing er, um Aufmerkſamkeit zu erregen, unter den Fenſtern des Hauſes zu ſingen an. Unſer Held war nicht muſi⸗ kaliſch; aber er beſaß eine ſchöne Stimme, und der Wunſch zu gefallen, erſetzte bei ihm den Mangel des Wiſſens: alsbald verſtummte die Muſik, und man lauſchte dem neuen Sänger.„Du ſiehſt wohl, ſie iſt es, ſagte Heinrich, ſie hat meine Stimme erkannt und ſchwieg, um mich zu hören.— Noch nicht ſo ſicher, gnädiger Herr; Sie wiſſen alſo nicht, daß Liebes⸗Intriguen in Italien nur auf dieſe Weiſe eingefädelt werden, und darin, daß man Ihnen zuhört, nichts Erſtaunliches liegt?“ Dieſer Anſicht ungeachtet, fuhr Heinrich mit Singen fort, auch zu lauſchen ward man nicht müde. Als er geendigt hatte, öffnete man leiſe einen Laden und warf, an einen Kieſel gebunden, ein Billet herab.„Ein Brief! rief Heinrich nach dem Papier greifend aus; ich ſagte Dir ja, ſie ſei's!... — Noch iſt's nicht gewiß, gnädiger Herr,“ ent⸗ gegnete Frank mit Kopfſchütteln. Heinrich näherte ſich dem Fenſter und mit Hülfe einiger Lichtſtrahlen las er Folgendes: „Liebenswürdiger Fremdling, der Ton Deiner ſüßen, zärtlichen Stimme iſt bis zu meinem In⸗ nerüen gedrungen; ich vermag der Sehnſucht, Dich 90 kennen zu lernen, nicht zu widerſtehen, und ergebe mich Deinen Zaubertönen. Komm daher heute um Mitternacht vor die kleine Gartenthüre am Ufer des Fluſſes, und man wird Dich zu mir führen.“ Heinrich weiß nicht, was er nach Leſung dieſes Billets denken ſoll.„Ich ſagte Ihnen ja, gnädiger Herr, man habe irgend ein galantes Abenteuer mit Ihnen vor.— Du biſt närriſch, dieſes Frauen⸗ zimmer kennt mich ohne Zweifel und hat mir et⸗ was mitzutheilen. Aha! Sie geben jetzt doch zu, daß es nicht Ihr ſchönes Fräulein iſt?— Ja... es iſt wahr... Uebrigens werde ich die Schrei⸗ berin ſehen und erfahren, was das heißen ſoll.— Wie, Herr, Sie wollen ſich zu dieſem Stelldichein begeben?— Warum nicht?— Aber, gnädiger Herr! vielleicht legt man Ihnen irgend eine Schlinge: hören Sie, glauben Sie mir, lieber Herr, gehen Sie nicht hin.— Ach, ſchweig doch!... Frank ſchwieg, da er wohl ſah, daß es vergeblich ſei, Heinrich von ſeinem Vorhaben abzubringen, und dieſer rüſtete ſich zu ſei nem nächtlichen Ren⸗ dezvous. Zur beſtimmten Stunde begab er ſich allein an die kleine Gartenpforte. Nach einigen Minuten Harrens ſieht er öffnen; eine Frau erſcheint, nimmt Heinrich bei der Hand und ſagt ihm, er ſolle ſich führen laſſen. Mit gewaltigem Herzklopfen folgte er ſeiner Führerin: Dies iſt die gewöhnliche Wir⸗ kung eines erſten galanten Abenteuers; aber dieſes neue Gefühl, dieſe unbekannte Verwirrung ſind 8 „ 9¹ von ſehr kurzer Dauer, und mit der Gewohn⸗ heit des Vergnügens ſieht man deſſen Genuß ſich mindern. Nachdem Heinrich mehre Gänge des Gartens durchwandert hat, geleitet man ihn ins Haus; er und ſeine Führerin gehen eine ſchmale, verborgene Treppe hinauf, letztere öffnet ein Zimmer, läßt Heinrich eintreten und zieht ſich zurück. Einige Minuten bleibt unſer Held ſtarr vor Erſtaunen und Bewunderung; was er ſah, war wohlgeeignet, ihn zu überraſchen. Er befand ſich in einem herrlichen Boudoir, ausgeſchmückt mit Allem, was Luxus und guter Geſchmack Verführe⸗ riſches zu erſinnen vermögen, und erleuchtet durch eine Menge von Kronleuchtern, deren blendende Helle das Bezaubernde dieſes köſtlichen Orts noch vermehrte. Aber welch verführeriſcher Gegenſtand zieht Heinrichs Blicke auf ſich? Eine Frauen⸗ geſtalt, jung, ſchön und geſchmückt mit allen Gaben des Reichthums und der Natur, welche, nachläßig auf eine Ottomane hingeſtreckt, den jungen Mann mit anmuthigem Lächeln empfängt. „Nun, nun! mein Herr, Sie ſagen mir nichts? — Wahrlich... Madame... ich geſtehe, ich wage nicht...— Gehen Sie, Sie ſind ein Kind, und man muß Sie aufmuntern..— Madame, es iſt wahr, die Ueberraſchung, Bewunderung— Bewunderung... Sie ſind galant, mein Herr! Aber nehmen Sie doch an meiner Seite Platz, ſtatt unbeweglich mich anzublicken.“ Heinrich ließ 92 ſich das nicht zweimal wiederholen, und bald ſaß er auf der Ottomane neben der reizenden Ita⸗ lienerin. „Sie alſo haben geſungen, mein Herr?— Ja, Madame, und Sie habe ich ohne Zweifel gehört? — Ja, und es iſt mir ſchmeichelhaft, daß meine Akkorde Ihnen den Wunſch eingeflöst haben, mich kennen zu lernen.— Ach, Madame! wenn man Sie ſieht, verdoppeln ſich Ihre Reize noch!... — Wahrhaftig, Sie ſagen das mit einer Miene, daß man's glauben könnte.“ Und das ſchöne Weib überläßt Heinrich eine entzückende Hand, welche er wonnetrunken küßt. Bald erlangt er noch an⸗ dere Gunſtbezeigungen, welche man weder Kraft noch Muth hatte, ihm zu verweigern. „Du bleibſt hier, mein Freund, ſagte Felicia (ſo hieß die ſchöne Frau) zu Heinrich, als ſie ihr Geſpräch wieder aufnahmen.— Aber, beſte Freun⸗ din, ich habe meinem Diener nichts geſagt und... — Ei wasl ſollten wir uns Deines Dieners wegen ſo bald trennen und ich Dich allein mitten in der Nacht nach Florenz zurückkehren laſſen?. O! nein, Du bleibſt hier, nicht wahr, mein Lieber?...“ Mit dieſen Worten ſchlang Felicia ihre ſchönen Arme um Heinrich, und dieſer hatte nicht die Kraft zu widerſtehen. Felicia klingelte; die Frau, welche Heinrich eingeführt hatte, erſchien.„Lesbia, redete ihre Gebieterin ſie an, trag uns ein Nachteſſen auf!“ Dann trat ſie auf ihre Dienerin zu und flüſterte 1 * . ihr einige Worte, die Heinrich nicht verſtehen konnte, ins Ohr; Lesbia, welcher ſolche Abenteuer nichts Neues zu ſein ſchienen, that behend, was ihre Gebieterin ihr befahl, und bald ward unſern beiden Liebenden ein Abendeſſen vorgeſetzt. Der Leſer erkennt bereits, daß Heinrichs Er⸗ oberung eine jener galanter Frauen war, an denen Italien keinen Mangel hat. Feliciga war lange Schauſpielerin geweſen und hatte ſich ſpäter in das von ihr bewohnte hübſche Landhaus bei Flo⸗ renz zurückgezogen. Ihre zahlreichen Eroberungen hatten ihr reichliche Geſchenke eingetragen, und klüger als viele ihrer Gefährtinnen lebte ſie mit dem geſam⸗ melten glänzenden Vermögen in dem Augenblick, wo der Zufall ſie mit Heinrich zuſammenführte, beinahe als ehrbare Frau. Seine Schönheit, ſeine anſtandsvolle Haltung verführten ſie, und ſie be⸗ ſchloß, dieſen ſchönen Fremdling an ihren Triumph⸗ wagen zu ketten. Schon längſt folgte ſie Heinrich überall; auf Bällen und Spaziergängen war ſie ſtets hinter ihm, ohne daß er es vermuthete, und was Anfangs nur eine gewöhnliche Laune geweſen war, wurde bald zur heftigen Leidenſchaft. Aber Felicia ſah wohl, daß Heinrich noch Neu⸗ ling in der Liebe und von romanhaftem Charakter ſei, alſo nicht durch gewöhnliche Mittel verführt werden könne; darum ſuchte ſie ſeine Aufmerkſam⸗ keit durch ihre Laute, welche ſie meiſterhaft ſpielte, zu feſſeln. Wir haben geſehen wie es ihr gelang, die Einbildungskraft unſers jungen Reiſenden zu 2 94 entflammen; jetzt wollen wir fehen, welches die Folgen dieſes Abenteuers waren. Nach einer in den Armen ſeiner zärtlichen Freundin verbrachten Nacht dachte Heinrich über ſeine Lage nach; er hätte dieſe Felicia, die ſeine Sinne gefeſſelt, näher kennen mögen. Er machte ſich's ſogar zum Vorwurf, daß er ſich zu leicht habe hinreißen laſſen. Aber welcher Andere an ſeiner Stelle, einen Cato ausgenommen, wäre ſtandhafter geweſen? Dieſe vernunftgemäßen Be⸗ trachtungen machten den ſüßen Eindrücken des Vergnügens Platz. Heinrich war zudem weder im Alter, ſittſam zu bleiben, noch von einem Cha⸗ rakter, es zu wollen. Nachdem er das Frühſtück mit ſeiner Schönen eingenommen, erlaubte ihm dieſe endlich für einen Augenblick in ſeinen Gaſthof zurückzukehren, um die Beſorgniſſe ſeines Dieners zu beſchwichtigen. Heinrich kehrte nach Florenz zurück; aber un⸗ terwegs war er nicht mehr der Nämliche: was geſtern noch kaum ſeine Blicke auf ſich gezogen, feſſelte heute ſeine Aufmerkſamkeit, erſchien ihm reizend; er dachte an nichts und athmete nichts als Vergnügen. Seinen Frank fand er ſehr wenig bekümmert um ihn; denn da derſelbe das Aben⸗ teuer ſeines Gebieters ſo ziemlich geahnt hatte, machte er ſich auch keine Sorgen wegen ſeiner Ahweſenheit. Nun eilte Heinrich wieder zu Felicia zurück, gerade wie ſie ihre Toilette beendigte.„Wohin — 95 gehen wir, meine liebe Freundin?— Das Wetter iſt prächtig; wir wollen auf dem Lande ſpeiſen und auf den Abend wieder nach Florenz kommen, wo man ein hübſches neues Stück aufführt, das wir beſuchen.“. Bald war Felicia bereit, und die jungen Leute begaben ſich unter tauſend Schäkereien auf den Weg. Felicia hatte nicht gewollt, daß Lesbia ſie begleitete, und Heinrich Frank befohlen, in Flo⸗ renz zu bleiben, weil man auf dem Spaziergang mit dem geliebten Gegenſtande keiner Dienerſchaft bedarf. Sind wir glücklich, ſo finden wir die Natur reizend; jedes Bosket, jede hübſche Stelle ſcheint uns zum Vergnügen aufzufordern; des Laubgangs Stille, des Waldes Majeſtät verbreiten über unſer ganzes Weſen eine Rührung, welche unſer Gemüth erhebt und unſer Herz in ſüße Wallung bringt. Quält uns im Gegentheil ein tiefer Kummer, dann ſtillt die Landluft unſern Schmerz nicht; die Stille der Natur vermehrt nur unſere Melancholie; gleich⸗ giltig ſteht das Auge all die Schönheiten, die an unſerm Blick vorübergehen, und das Dunkel der Wälder erzeugt in unſerm Gehirn tauſend finſtere Gedanken, tauſend Plane der Zerſtörung. An jedem Ort, der ihnen geſiel, hielten die beiden Liebenden an. Kamen ſie zu einem dunkeln, buſchigen Bosket, ſo hatte Felicia ſtets Luſt aus⸗ zuruhen; Heinrich hütete ſich, anderer Meinung zu ſein; aber durch fortwährendes Sitzen und 96 Aufſtehen waren ſie am Ende wirklich der Ruhe bedürftig.„Wahrhaftig, mein Herr, ich kann kaum gehen!... Es iſt mir unmöglich, nach dem zu unſerm Mahl beſtimmten Orte zu kommen.— Iſt's aber meine Schuld, Madame? War ich nicht be⸗ reitwillig zu ſitzen, ſo oft es Ihnen Vergnügen machte?— O, freilich! mein Freund... Aber ſieh, wir wollen nicht mehr ſitzen, weil...— Weil? — Weil Du. aber ſo höre doch!... Du ſiehſt doch.. O! diesmal liegt die Schuld nicht an mir... Nun, mein Herr, müſſen wir aufſtehen. — Ja, meine Beſte!— Ach Gott! wie weh thun mir die Rippen!—— Und mir die Knie! Ich werde vor acht Tagen nicht ausgehen können. Ein anderes Mal, mein Theurer! nehme ich Lesbia mit.— Und ich Frank.— Recht ſo, inzwiſchen aber wollen wir zu Mittag eſſen.— O, gerne! denn ich habe einen Wolfshunger!...— Und ich!“ Die jungen Leute gingen eiligſt vorwärts, um ein Haus zu finden, wo man ihnen zu eſſen gäbe. „Ach, mein Freund! ich glaube, wir haben uns verirrt, denn ich ſehe nirgends ein Haus.— Ich fürchte auch, meine Geliebte!— Ach! mein Gott! wenn uans die Nacht an dieſem Ort über⸗ fiele!..— Was iſt zu machen? Das wäre ein Unglück.— Aber, Theuerſter! ich bin ſehr furcht⸗ ſam.— Nun dann würde ich Dich gegen Angriffe vertheidigen.— Sauberer Troſt!...“ Nachdem ſie lange umhergegangen waren, kamen ſie endlich auf eine Straße und erblickten ein 97 einzelnſtehendes Haus. Es war Zeit, denn die Nacht brach herein. Sie eilten auf die Wohnung zu und ſahen zu ihrer Freude, daß es gerade ein Wirthshaus war, zwar ziemlich unanſehnlich, aber für ſie das Manna des Volkes Iſrael. Der Wirth, wie es ſchien, nicht an Gäſte ge⸗ wöhnt, empfing ſie mit ausnehmender Artigkeit, indem er ihnen zum Voraus Alles, was ſie wün⸗ ſchen konnten, anbot und ſie verſicherte, daß ſie mit dem Nachteſſen zufrieden ſein würden. „Was werden Sie uns aber geben? fragte Heinrich.— Macaroni, mein Herr.— Ich mag keine, ſagte Felicia; in dieſem verdammten Lande ißt man nichts Anderes..— Nun, Madame, dann gebe ich Ihnen Käſe und Kuchen, den Sie loben werden.— Wie! ruft Heinrich aus, Käſe und Kuchen, um ſich den Magen einzurichten, wenn man ſeit dem Morgen nichts gegeſſen hat?— Und ordentlich Appetit bekommen, bemerkte Felicia.— Was iſt zu machen, Herr? ich biete Ihnen das Beſte an, was ich habe.— Wie! Sie haben nichts Anderes im Hauſe?.— Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe wohl etwas Geflügel, das ich ſchon ſeit vierzehn Tagen für eine Gelegenheit aufſparte. — TDeufel, das muß zart ſein!..— Köſtlich, mein Herr! köſtlich!..— Alsdann laſſen Sie es ſchnell auftragen.— Ach, Herr! es hat einen kleinen Anſtand..— Welchen?— Es iſt ſchon von zwei vor Ihnen angekommenen Offizieren beſtellt, welche in Erwartung ihres Nachteſſens oben Karten Paul de Kock. IX. 7 98 ſpielen.— Ha! Teufel... fluchte Heinrich, das iſt ärgerlich.— Aber, mein Freund, ſagte Felicia, dieſe Herren werden gewiß ſo galant ſein, ihr Nachteſſen einer Dame abzutreten; denn ſicherlich haben ſie keinen ſo entſetzlichen Hunger wie wir.. — Ach! Madamel entgegnete der Gaſtwirth, Sie wiſſen, die jungen Leute thun ſich nicht mehr in der Galanterie hervor...— Gleichviel, Herr Wirth, nimmt Heinrich wieder das Wort, haben Sie die Güte, mit den Herren zu ſprechen, und machen Sie, daß dieſe einwilligen.— Ich gehe, mein Herr, und werde mein Möglichſtes thun.“ Der Wirth ging hinauf; unterdeſſen ließ Hein⸗ rich den Diſch decken; er war nicht minder unge⸗ duldig als Felicia, das Reſultat der Sendung ihres Wirths zu vernehmen. Sie begannen an dem guten Erfolg zu zweifeln, als die Tritte mehrer Perſonen die Treppe herab ſie benachrichtigten, daß die Herren ſelbſt ihre Bitte beantworten wollen.„Wir wollen einmal die Dame anſehen, ſagte der eine.— Iſt ſie hübſch?“ der andere. Heinrich blickte Felicia lä⸗ chelnd an und gewahrte voll Erſtaunen, daß ſie die Farbe wechſelte. Die beiden Militärs traten lachend in den Saal; zwei junge wohlgebaute Leute, die aber ſehr lockeren Zeiſigen gleichſahen.„Verzeihung, Madame, ſagte der eine, näher tretend, wenn wir 1 uns die Freiheit nehmen, ſelbſt Ihnen anzubieten.. Doch was ſeh' ich! ich täuſche mich nicht... es 7 99 iſt Felieia, rief er, ſich an ſeinen Kameraden wendend, aus.— Ja! wahrlich, ſie iſt's,“ ver⸗ ſetzte der andere. Heinrich ward roth vor Zorn, umſonſt ſuchte Felicia den Herren ihre Züge zu verbergen und wußte nicht, welches Benehmen ſie beobachten ſolle. Einer der Militärs trat auf ſie zu und umfing ſie ganz ungezwungen mit ſeinen Armen:„Wie, meine Schöne!.. Dich ſehe ich wieder! ſagte er und wollte einen Kuß rauben; aber Felicia ſtößt ihn kräftig zurück. Was! rief er aus, Du machſt die Spröde! Doch als Du die Königinnen auf dem großen Theater zu Neapel ſpielteſt, warſt Du nicht ſo ſtrenge.— Was ſoll das heißen, mein Herr? ſagte Heinrich, voll Wuth auf den Militär zu⸗ gehend.— Zum Henker! mein Herr, das ſehen Sie wohl.— Der alſo iſt Dein neuer Liebhaber, Felicia? fährt der zweite Offizier höhniſch lächelnd fort; ich wünſche Dir Glück; er iſt noch jung, Du wirſt ihn bilden.— Unverſchämter! ſchrie Hein⸗ rich, den jungen Mann mit zornfunkelnden Augen betrachtend; ich will Dich lehren, daß ich keiner Lection bedarf, um Leute Deiner Art zu züchtigen.“ Damit verſetzte er dem Zunächſtſtehenden eine tüch⸗ tige Ohrfeige. Dieſer zieht wüthend ſeinen Säbel und will damit über Heinrich herfallen, aber er parirt den Hieb mit einem Tiſch, deſſen er ſich wie eines Schildes bedient. Der andere Offizier läßt augenblicklich Felicia los, um ſich mit ſeinem Ka⸗ meraden zu verbinden. Unterdeſſen entflieht die 100 Dame aus dem Zimmer. Die beiden Militäͤrs ſind gleich ein paar Löwen wider Heinrich; allein dieſer thut Wunder; und während er die ihm zu⸗ gedachten Hiebe mit ſeinem Tiſche parirt, ſchickt er ihnen noch zu, was ihm unter die Hände fällt: Schüſſeln, Flaſchen, Seſſel, Krüge, Alles wird im Zimmer umher gegen einander geſchleudert. Der Wirth ſucht den Frieden wieder herzuſtellen und die Kämpfenden zu trennen; aber wie er ſich unter ſie miſcht, empfängt er einen für Heinrich beſtimmten Säbelhieb und rollt unter Bänke und Tiſche, ſchreiend, er ſei todt. Unſer Held hat das Glück, einen der Offiziere mit einer Flaſche an den Kopf zu treffen; der Wurf betäubte ihn ſo völlig, daß er bewußtlos neben dem Wirthe nieder⸗ ſank. Sein Kamerad ward dadurch noch erbitterter gegen Heinrich, welcher ſeine Kräfte zu verlieren begann und vielleicht unterlegen wäre, wäre nicht eine Menge Bauern, von der Wirthin herbeigerufen, zu ſehr gelegener Zeit eingetreten und hätte dem Scharmützel ein Ende gemacht. Heinrich benützte die Verwirrung, um die Thüre zu gewinnen: zwei Pferde waren im Hofe; er beſtieg eines und langte im größten Galopp in Florenz an. „Wie, Herr, Sie ſind's? Ich glaubte, Sie würden heute Nacht nicht hier ſchlafen.— Nein, Frank, wir ſchlafen auch nicht mehr hier.— Was ſoll das heißen, Herr?— Zahle augenblicklich den Wirth, ſattle die Pferde und laß uns auf der Stelle abreiſen.— Wie! Herr! mitten in der 101 Nacht?— Vorwärts! keine Bemerkungen, thu, was ich Dir ſage!“ Frank eilt zu gehorchen, denn er ſieht, daß ſein Gebieter nicht in der Laune iſt, ſeine Vor⸗ ſtellungen anzuhören. Wie die Pferde bereit ſind, ſteigen Heinrich und Frank auf und verlaſſen Flo⸗ renz mitten in der Nacht. Zwölftes Kapitel. Rom. „Man muß geſtehen, Herr, es iſt ein närri⸗ ſches Ding um das Verhängniß!... Oftmals ſcheitert man in ſeinen Planen gerade in dem Au⸗ genblick, wo man glaubt, ſie gelingen zu ſehen... Ein glücklicher Zufall kommt, wenn man jede Hoff⸗ nung verloren hat; und im Begriff auf den Ball zu gehen, krak! bricht man Arm oder Bein und bleibt ſechs Monate in das Bett gebannt... In Wahrheit, Herr, wenn man vernünftig wäre, würde man nie Plane für die Zukunft ſchmieden, ſondern ruhig abwarten bis das Buch des Ver⸗ hängniſſes vor uns aufgeſchlagen liegt.“ Frank, neben ſeinem Herrn reitend, vertrieb ſich damit die Zeit, daß er dieſem ſeine Betrach⸗ tungen mittheilte. Obgleich nur ein gewöhnlicher Diener, hatte er beobachtet, nachgedacht und theilte ſeine Betrachtungen Heinrich mit. Die Vernunft⸗ 102 ſchlüſſe mancher Philoſophen beruhen häufig auf nichts weiter als dem Geſchehenen. „Wozu all dieſer Galimathias? fragte Hein⸗ rich aus ſeinen Träumereien erwachend.— Weil. wir uns hier auf der Straße nach Rom befinden, in dem Augenblick, wo ich am wenigſten daran dachte... und Sie vielleicht auch nicht, gnädiger Herr?— Er hat Recht,“ dachte Heinrich bei ſich ſelbſt; aber er mochte Frank ein Abenteuer nicht erzählen, das ſeine Eigenliebe verletzte und das er völlig aus ſeinem Gedächtniß verwiſchen wollte. —„Fühlen Sie den Regen nicht, Herr? ſagte Frank nach einſtündigem Schweigen.— Ja, aber was iſt da zu machen?— Meiner Treu, ich ſehe nicht ein, was uns hindern ſollte, lieber unter ein Ob⸗ dach zu gehen als uns die Haut durchnetzen zu laſſen, denn ich glaube, es zieht ein Gewitter heran.— Du haſt Recht: nun ſo laß uns denn einen Zufluchtsort ſuchen, bis der Sturm vor⸗ über iſt.— Wohlgeſprochen, Herr, aber ich ſehe keinen.— So reiten wir fort!“ Nach langem Suchen erblickte Heinrich ein altes, halbverfallenes Gebäude, das völlig ver⸗ laſſen ſchien.„Siehſt Du dieſe alten Mauern, Frank? Dort werden wir Zuflucht finden.— Ich zweifle ſehr, denn dieſes Bauweſen hat ein ziem⸗ lich ſchlechtes Ausſehen und dient vielleicht ſchon lange nur noch Räubern zum Schlupfwinkel.— Hätteſt Du Furcht davor?— Ach! mein Gott! nein, Herr, denn wenn mein Verhängniß will, daß 2 103 ich dort ermordet werde, ſo iſt Alles umſonſt, was ich thue, ich kann ihm nicht ausweichen.— Nun, ich ſehe, Deine Philoſophie iſt zu etwas gut; doch wir wollen unſere Pferde antreiben und uns be⸗ eilen, denn der Sturm wird heftiger.“ Endlich kamen ſie vor das alte Gebäude, das ein ehemaliges Kloſter zu ſein ſchien: ſie ſchritten über einen mit Schutt gefüllten Hof und traten unter einen geräumigen Kreuzgang, welchen die Zeit etwas mehr verſchont hatte.„Weißt Du wohl, Frank, daß dieſer Ort etwas Romantiſches hat, und es mich nicht wunderte, wenn uns hier irgend ein außergewöhnliches Abenteuer aufſtieße? — Mich ebenfalls nicht, gnädiger Herr! man ſagt überdies, ſie ſeien in dieſem Lande nicht ſehr ſelten.“ Kaum hatten ſie zu ſprechen aufgehört, als ſich hinten in dem Kreuzgang ein dumpfer Laut ver⸗ nehmen ließ.„Haſt Du gehört, Frank?— Ja, gnädiger Herr, es belauſcht uns Jemand.— Gehen wir darauf zu, ſagte Heinrich; ich bin begierig zu wiſſen, wer es iſt.“ Frank und ſein Gebieter ſetzten ſich alsbald in Marſch; je weiter ſie aber kamen, um ſo weiter ſchien ſich Jemand vor Ihnen davon zu machen. Am Ende der Gallerie fanden ſie eine Treppe und ſtiegen, im Finſtern tappend, hinauf; die fliehende Perſon machte in der Eile einen Fehltritt, fiel herab, und Heinrich packte ſie am Kragen. Ach! Gnade! bringt mich nicht um, Herr Räuber! rief der Feſtgehaltene, vor Heinrich 104 auf die Knie ſinkend.— Wer biſt Du? fragte ihn dieſer.— Ein armer Bedienter, der keinen Heller hat.— Biſt Du allein hier?— Nein, Herr Räu⸗ ber, ich bin mit meiner Herrſchaft, die mich auf Kundſchaft ausſchickte.— Führe mich zu ihr! Ja, Herr Räuber, gerne.“ Heinrich hielt den Unbekannten, deſſen Wahr⸗ haftigkeit er bezweifelte, noch immer feſt; dieſer führte ſie in ein oberhalb dem Kreuzgang befind⸗ liches Gemach und rief unter der Thüre:„hier iſt der Räuberhauptmann!“ Heinrich war ſehr erſtaunt, ſich in einem Zim⸗ mer zu befinden, wo man ein gutes Feuer ange⸗ macht und mehre Fackeln angezündet hatte, und in welchem eine Dame von etwa dreißig Jahren mit einem andern viel jüngern Frauenzimmer und vier Männern in Livree, die aufrecht hinter ihr ſtanden, einquartirt war. Auf den Ausruf von Heinrichs Führer beim Eintritt, machte die Dame eine Bewegung des Entſetzens und die vier Män⸗ ner ſprangen nach ihren Feuergewehren. „Ohne Furcht, meine Herren! ſagte Heinrich lachend; ich bin kein Räuber, ſondern ein Rei⸗ ſender und der hier iſt mein Diener. Es war mir ſehr lieb, zu ſehen, wohin mich dieſer Menſch führen würde, und endlich zu erfahren, mit wem ich es zu thun habe.“ Hierauf trat Heinrich zu der Dame, indem er ſie um Entſchuldigung wegen des verurſachten Schre⸗ ckens bat und ihr geſtand, daß er keine ſo große — 410⁵ Geſellſchaft an einem verlaſſen ſcheinenden Orte zu finden glaubte. 1 Die Dame belehrte ihn, daß ſie die Marquiſe von Belloni ſei, eine Reiſe nach einem ihrer Güter bei Florenz gemacht habe und nach Rom zurück⸗ kehre; vor dem alten Gebäude von dem Gewitter überraſcht, ſei ſie lieber hier eingetreten, um das Leben ihrer Dienerſchaft nicht aufs Spiel zu ſetzen. „Ich habe dieſen Menſchen, fügte ſie, auf Hein⸗ richs Führer deutend, hinzu, auf Kundſchaft aus⸗ geſandt, und da ich ſeine Feigheit kenne, durfte ich mich wohl auf einige Mißgriffe gefaßt machen; doch ich bin entzückt, mein Herr, daß er unſer Zuſammentreffen veranlaßt hat.“ Heinrich erwiderte dieſes Compliment auf die galanteſte Weiſe und unterrichtete die Marquiſin gleichfatzs von ſeinem Namen und dem Zweck ſeiner Reiſe. Als ſie Heinrichs Namen und Stand hörte, ſchien ſie noch mehr zufrieden mit dieſem Vorfall, und es entſpann ſich ein ſehr eifriges Geſpräch. Frank ſeinerſeits ſuchte mit der jungen Perſon, wie es ſchien die Kammerfrau der Marquiſin, Be⸗ kanntſchaft anzuknüpfen, aber Julie(ſo hieß ſie) hörte nicht ſehr auf denſelben, ſondern faßte Hein⸗ rich ſcharf ins Auge. Die Marquiſin und Heinrich vergaßen im Ge⸗ ſpräch, daß die Nacht vorübergehe; allein die Die⸗ nerſchaft, welche ſich wahrſcheinlich nicht ſo gut unterhielt als die Gebieterin, machte ihr bemerk⸗ lich, daß der Tag zu grauen beginne. Die Margauiſin 106 erkundigte ſich nach dem Wetter; man ſagte ihr, der Sturm ſei vorüber, aber der Regen falle im⸗ mer noch in Strömen; nun hat ſie Heinrich, einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen, da er ſich gleich ihr nach Rom begebe. Heinrich, dem Juliens Seitenblicke nicht unbemerkt geblieben, und der die Marquiſin ſehr ſchön fand, hütete ſich wohl, es auszuſchlagen, und man machte ſich wieder auf den Weg. „Aha! ſprach Frank bei ſich ſelbſt, ich ſehe wohl, dieſes Abenteuer, das einen ſo romantiſchen Anſtrich hatte, wird ein eben ſo proſaiſches Ende nehmen wie andere.“ Heinrich war mit den beiden Damen im Wagen. Die Marquiſin wünſchte, er ſolle an ihrer Seite Platz nehmen; Julie ſetzte ſich Heinrich gegenüber, mit ſchmollender Miene, die ihr indeß zum Ent⸗ zücken gut ſtand. Dieſe Julie war ein ganz hübſches Mädchen: ihre Augen hatten einen wunderlieblichen Ausdruck und gewöhnlich ruhten ſie auf Heinrich, wenn ſich Julie von ihrer Gebieterin nicht beobachtet ſah. Die Marquiſin war ein vollendet ſchönes Weib: ihr edler, eleganter Wuchs wurde durch ein Geſicht von regelmäßiger Schönheit noch mehr gehoben; ihre Haare waren von glänzendem Schwarz; und ihre Augen, voll Feuer und Lebhaftigkeit, verkündeten ein heißes Gemüth und einen unge⸗ ſtümen Charakter. Ohne weitern Unfall langten die Reiſenden in Rom an; und beim Abſchied lud die Marquiſin 107 unſern Helden ein, ihr öͤfters Geſellſchaft zu leiſten. Heinrich verſprach's mit einem Blick auf Julie, welche es nicht weniger ſehnlich zu wünſchen ſchien. „Mindeſtens, ſprach Heinrich bei ſich ſelbſt, als er zur Auffindung einer Wohnung die Straßen Roms durchſtreifte, iſt dieſe Frau wirklich eine Marquiſin und hat auf keinem Theater die Prin⸗ zeſſinnen geſpielt.“ Nachdem Heinrich den eleganteſten Gaſthof der Stadt gewählt, ließ er Schneider und Kaufleute kommen, um ſich nach dem neueſten Geſchmack und aufs Reichſte zu kleiden.„Gnädiger Herr, ſagte Frank, wiſſen Sie, daß dieſe Marquiſin da Sie zu Grunde richten wird, wenn's ſo fortgeht?— Dummkopf! glaubſt Du, mein Vater werde ſich weigern, mir ſo oft und ſo viel Geld zu ſchicken, als ich brauche?— Ei, gnädiger Herr! er dürfte nur Ihrer Reiſen müde werden und Ihnen befeh⸗ len, nach Hauſe zurückzukommen!— Nun, alsdann wird's immer noch Zeit ſein, uns einzuſchränken.“ Gleich am Abend ſeiner Ankunft begab ſich Heinrich zur Marquiſin von Belloni. Sie wohnte im ſchönſten Theile der Stadt; ihr Hötel war äußerſt prachtvoll, und Alles bei ihr athmete Lurus und Eleganz. 4 4 Eine glänzende und zahlreiche Geſellſchaft war bei ihr verſammelt. Die Marquiſin empfing Hein⸗ rich auf die grazibſeſte Weiſe und ſtellte ihn den ausgezeichnetſten Perſonen vor, welche ihn, auf 108 dieſe Empfehlung hin, mit Artigkeiten überhäuften und ihm alle Aufmerkſamkeit erwieſen. In einem ſo glänzenden Cirkel war unſer Held noch nie geweſen. Von reizenden Frauen umge⸗ ben, welche ſich um ſeine Eroberung zu ſtreiten ſchienen, und durch die Zuvorkommenheit der Mar⸗ quiſin geſchmeichelt, glaubte er ſich auf der höch⸗ ſten Stufe der Ehre. Da er ſich inmitten ſo vieler Leute nicht häufig mit der Marquiſin unterhalten konnte, ſetzte er ſich, um die Zeit zu tödten, an einen Spieltiſch. Bald ſteigerte das vor ihm ſchimmernde Gold ſeine Ein⸗ bildungskraft; und da er überdies den Mitſpie⸗ lenden gleichthun wollte, verlor er in einem Nu Alles, was er bei ſich hatte. Hierauf ging er ruhig im Salon umher, die verſchiedenen Perſonen der Verſammlung genauer betrachtend, als er am Eingang zu bemerken glaubte, daß ihm Jemand winkte. Der Gedanke an Julie, die er noch nicht geſehen, trat augenblicklich vor ſeinen Geiſt; und mit der Abſicht, ſich von der Wahrheit zu überzeugen, verabſchiedete er ſich von der Marquiſin. Dieſe ſagte, ſie erwarte ihn den andern Morgen beim Frühſtück: er verſprach zu kommen und verließ langſamen Schrittes den Salon. Kaum lag die Thürſchwelle hinter ihm, als ihn eine Frau bei der Hand nahm und ihr zu fol⸗ gen bat. Heinrich erkannte Julie nicht, doch ließ er ſich führen. Man wanderte mit ihm durch eine 109 lange Reihe nicht erleuchteter Zimmer, ſagte ihm hier⸗ auf in einem kleineren Gemache, wo man anhielt, er möchte einen Augenblick warten, und ließ ihn in der Dunkelheit allein. „Was will das heißen? dachte Heinrich, als er ſich ſelbſt überlaſſen war. Dieſes Abenteuer nimmt eine ganz pikante Wendung. Doch vergeſ⸗ ſen wir nicht, daß wir in Italien ſind, und Italien das Land der Wunder iſt.“ Auf alle Fälle gerüſtet, ſetzte er ſich auf einen Sopha und ſchlief in Ex⸗ wartung der Fortſetzung dieſer Begebenheit ein. „Wie, Sie ſchlafen? ſprach ein ſanftes Stimm⸗ chen, wobei man Heinrich leicht rüttelte.— Du biſt's, reizende Julie! antwortete Heinrich erwa⸗ chend. Es ſcheint mir, Du ließeſt mich ziemlich lange ſchlafen. Julie(denn ſie war es) bekannte, er ſei ſchon länger als eine Stunde da, und ſie hätte ſogar gefürchtet, er möchte ſich entfernt haben.— Ei! und wohin ſollte ich gegangen ſein, da ich die Kreuz⸗ und Quergänge dieſes Hötels nicht kenne? Warum aber haſt Du mich ſo lange allein gelaſſen?— Weil die Frau Marquiſin mich rufen ließ und ich nicht bälder abkommen konnte... Aber laſſen Sie mich doch, mein Herr... ich bitte Sie; ich habe Ihnen etwas ſehr Wichtiges zu ſagen.— Das ſagſt Du mir ein ander Mal.— Nein, mein Herr.. Aber ſo hören Sie doch auf⸗). Wenn die Frau Marquiſin käme.. Der großen Anſtrengungen Juliens ungeachtet, benützte Heinrich die Dunkelheit, um ſeine Kühnheit 3 zu verdoppeln, und man überließ ihm einen Sieg, *. den man nie die Abſicht hatte, ſtreitig zu machen. 110 „Jetzt werden Sie mich hoffentlich anhören, mein Herr!— O ja, theure Jutie! ich bin ganz Ohr.— So wiſſen Sie denn, mein Herr, daß... Ach, großer Gott! ich glaube, da kommt die Frau Marquiſin...— In der That, ich höre etwas.— O Himmel! zmuß ſie gerade dieſen Weg nehmen, um in ihr Schlafzimmer zu gelangen.— Nun, was läge denn daran, wenn ſie mich ſähe?— Ach, mein Herr! ich wäre unwiderbringlich verloren. — Ich ſage, ich hätte mich im Weggehen im Höotel verirrt.— O, Sie kennen den mißtrauiſchen Cha⸗ rakter der Marquiſin nicht; ſie würde Vermuthungen anſtellen; ich weiß gewiß, ſie liebt Sie, und wir beide wären verloren.— Was iſt nun zu machen? — Sie kommt näher.. Ich höre ihre Stimme; Sie müſſen ſich verbergen.— Aber wo?— Hier, in dieſem Schrank wird Raum genug für Sie ſein.— Da drinnen werde ich aber erſticken.— O nein, nein!...Rühren Sie ſich nicht, und ich befreie Sie, ſobald Madame zu Bette iſt.“ Es war Zeit, daß Heinrich ſich verbarg, denn bald trat die Marquiſin, eine Kerze in der Hand, in das Kabinet.—„Ah, da biſt Du, Julie! Wo⸗ hin warſt Du denn gegangen? Seit zwei Stunden ſuche ich Dich überall.— Aber Madame.. ich war in Ihren Gemächern, zu ſehen, ob nichts fehlte.— Wie? Du warſt alſo ohne Licht?— Gnädige Frau, das meinige verlöſchte..— — 111 Schon recht; komm, kleide mich aus!— Madame geht ſchon zu Bette!— Warum ſchon 2 es iſt ja bald drei Uhr.— Ach, Sie haben Recht, gnädige Frau.“ Julie folgte der Marquiſin, das Schickſal ver⸗ wünſchend, das ſie von dem. Geliebten trennte, und in einem Augenblick, wo er ihrer ſo ſehr bedurfte. Heinrich war in der That nicht im be⸗ haglichſten Zuſtande in einem Schranke, der zwar zum Aufhängen der Kleider der Frau Marauiſin paßte, wo er aber ſeine Stellung nicht verändern konnte und der Mangel an friſcher Luft ſeine Qual noch erhöhte. Umſonſt wollte er verſuchen, die Thüre ſeines Käfigs zu öffnen; Julie hatte zu größerer Sicherheit den Schlüſſel mitgenommen und von innen ging das Schloß nicht auf.„Ach! ſprach Heinrich bei ſich ſelbſt, Müller, mein Lehrer, hatte mir richtig geſagt, die Weiber werden mich zu dummen Streichen verleiten!..“ Nach einer qualvollen halben Stunde beſchloß Heinrich endlich, ſich um jeden Preis aus einer Lage zu befreien, die ihm unerträglich ward. Ueberdies hätte er vergeblich auf Juliens Hülfe gewartet; die Mar⸗ aauiſin, die etwas zu argwohnen ſchien, führte Julie aus dem an ihr Schlafzimmer ſtoßenden Kabinet und zog die Thüre hinter ſich zu, ſo daß ſich das arme Kind genöthigt ſah, ihren Geliebten der Gnade eines andern Weibes preiszugeben; doch hoffte ſie, Heinrich werde, von der Abend⸗ geſellſchaft ermüdet, ruhig in ſeinem Verſtecke ein⸗ ſchlafen. 112 „Meiner Treu, entſtehe daraus, was dem Him⸗ mel gefällt, ſagte Heinrich, allein hier muß ich auf jeden Fall heraus.“ Damit fing er an der Thüre des Schranks zu rütteln an; zu ſeiner Freude bemerkte er, daß ſie durch das Aufheben ein wenig aus ihren Angeln trat; er benützte dieſe Entdeckung und war bald befreit; aber das war noch nicht genug; man mußte aus dem Hötel her⸗ auskommen, und darin lag die Hauptſchwierigkeit. Heinrich befand ſich, ſeinen Schlupfwinkel ver⸗. laſſend, in derſelben Finſterniß wie früher. Wie ſollte er den Weg wieder finden?... Wie nicht irgend einen Mißgriff begehen?...„Gehen wir nur gerade aus, ſprach er, das muß mich jeden⸗ falls an einen Ort führen.“ Nach einigem Umher⸗ tappen auf den Zehen, fand er eine offene Thüre und trat in ein anderes Gemach.„Suchen wir hier ein wenig nach einer Treppe,“ fuhr er jetzt in ſeinem Selbſtgeſpräch fort. Und an der Wand fortſchleichend, fühlte er ſtatt einer Dreppe ein Bett vor ſich.„Teufel,“ dachte er,„vielleicht das Bett der Marquiſin!...“ Ein leichter Seuf⸗ zer benachrichtigte ihn, daß es beſetzt ſei; da er keine Luſt hatte, die Perſon zu beunruhigen, ent⸗ fernte er ſich eilends, als beim Vorübergehen an einem Gueridon ſein Frack an einem Porcellan⸗ ſervice hängen blieb, das beim Fallen auf den Stubenboden zerbrach.⸗ „Wer iſt da?“ rief eine beſtürzte Stimme, welche Heinrich für die der Marquiſin erkannte. 11³ Was war zu thun?...„Wahrlich, dachte Heinrich, beſſer, für einen Liebhaber zu gelten, als für einen Dieb; überdies noch das einzige Mittel, das mir bleibt, und ich will mich aus der Sache ziehen, ſo gut ich kann. Mit dieſem Entſchluß trat Hein⸗ rich zu der Marquiſin und ſagte: Werden Sie meine Kühnheit entſchuldigen, Madame? Nur eine Liebe wie die nemnne iin Sie vermögen, meinen Schritt zu verzeihen.“ „Wie, Herr von Framberg, Sie ſind's!.. um dieſe Stunde!... in meinem Zimmer!— Ja, Madame, es gelang mir, Ihre Dienerin Julie zu gewinnen; von meiner flammenden Liebe für ihre Gebieterin gerührt, verbarg ſie mich in Ihrem Gemach...— Wär's möglich? ach, jetzt wundre ich mich nicht mehr über ihre Verlegenheit!.. Aber das iſt abſcheulich!... etwas Entſetzliches!... Die Verwegenheit zu hobon, zu.— Wie! Sie ſind fühllos für die zärtlichſte Liebe?... Nun wohlan, dann entferne ich mich, gnädige Frau, ich fliehe Sie für immer..— Halten Sie ein!... Und wohin wollen Sie jetzt gehen? Sieht man Sie aus meinen Gemächern kommen, ſo bin ich verloren!..— Gut denn, gnädige Frau! was befehlen Sie?— Bleiben Sie alſo! es muß wohl ſein, als einziges Mittel, meinen Ruf zu retten!..“ Heinrich blieb und that ſo wohl daran, daß Tön die Marquiſin am andern Morgen aufforderte, ſe noch nicht zu verlaſſen. Paul de Kock. IX. 8 Dreizehntes Kapitel. Fortſetzung des vorhergehenden. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, erlangte Heinrich die Erlaubniß der Marquiſin, ſich nach Hauſe zu begeben. Nachdem er aufs Zärtlichſte Abſchied genommen, öffnete er leiſe die Thüre des Kabinets und ging die Treppe hinab; kaum hatte er einige Schritte gemacht, als Julie dicht vor ihm ſtand.„Wie! Sie ſind's, mein Herr?— Ja, Julie, ich ſelbſt.— Und wie ſind Sie aus Ihrem Schranke herausgekommen?— Ich that, ſo gut ich konnte; aber in Wahrheit, liebe Julie, ich bin jetzt zu müde, um Dir's erzählen zu können.— Wenn Sie jetzt, wo die Frau Marauiſin ſchläft, in mein Zimmer heraufkommen möchten..— Nein, Theuerſte, es iſt Zeit, nach meinem Gaſt⸗ hofe zurückzukehren; dieſen Abend will ich Dir ſagen, was Du wiſſen willſt.“ Mit dieſen Worten ging Heinrich die Treppe hinab und verließ eilends das Hötel der Marquiſin. „Wahrhaftig, ich begreife gar nicht,“ ſprach Julie bei ſich ſelbſt; und voll Ungeduld erwartete ſie den Augenblick, wo ſie ſich zu ihrer Gebieterin begeben mußte. Gegen die Mittagsſtunde klingelte die Marquiſin. Julie ging in größter Eile hinab, nicht wiſſend, ob ſie fürchten oder hoffen ſollte; aber wie angenehm ward ſie überraſcht, als ſie ihre Gebieterin in der herrlichſten Laune ſah, und 115 dieſe ſie nur ihre liebe, gute Julie nannte. Da Julie nicht wußte, was ſie aus einem ſo ſchmei⸗ chelhaften Empfang abnehmen ſollte, glaubte ſie am Ende, die Marquiſin ſei mit Allem unbekannt, und letztere blieb bei ihren Liebkoſungen und ihrer Freundlichkeit, ohne ihr ein Mehres über das ſagen zu wollen, was ſie von Julien ſchon errathen wähnte. Zu Hauſe ſchrieb Heinrich an den Oberſt, ihn um Geld zu bitten, und ſchickte Frank mit dem Brief nach der Poſt. Nachdem Frank die Adreſſe geleſen, blickte er ſeinen Herrn lächelnd und mit einer Miene an, welche ſagen wollte:„Da ſind ja meine Vorherſagungen ſchon in Erfüllung gegangen.“ Aber Heinrich warf ſich auf ſein Bett, ohne ein Wort zu ſprechen, und Frank ſagte bei ſich ſelbſt:„Wenn ſein Verhängniß will, daß er ſein Geld verlieren ſoll, ſo iſt's nicht möglich, ihn davon abzubringen.“ Mehre Monate verfloßen auf gleiche Weiſe. Heinrich theilte ſeine Zeit zwiſchen der Marquiſin, Julien und dem Spiel. Der Oberſt hatte ihm das erbetene Geld geſchickt, und Heinrich ſah ſich im Stande, dieſe Lebensweiſe fortzuſetzen; überdies war ihm das Spielglück, das ihn anfangs miß⸗ handelte, günſtig geworden, und er ergab ſich mit Eifer einer Leidenſchaft, welche ihn zuweilen die Marquiſin und Julien vernachläßigen ließ. So ſtanden die Sachen, als eine junge neapoli⸗ taniſche Gräfin in den Cirkeln der Marquiſin erſchien. 116 Heinrich konnte ſie nicht ſehen, ohne jene Liebe für ſie zu fühlen, die er ſchon für die letztere empfunden hatte. Die junge Gräfin ihrerſeits ſah unſern Helden nicht mit Gleichgültigkeit; aber die Mar⸗ quiſin, bis zum Uebermaß eiferſüchtig, las in Hein⸗ richs Augen deſſen neue Leidenſchaft und beſchloß, ſich an dem Treuloſen zu rächen. Die Gelegenheit dazu blieb nicht lange aus. Heinrich empfing ein Billet, worin man ihn ein⸗ lud, ſich vor das Haus der Gräfin zu begeben, und ihm ſagte, er werde zu ſeiner Geliebten geführt werden. Nicht zweifelnd, dieſes Billet komme von der Gräfin ſelbſt, rüſtete ſich Heinrich, im Hochgefühl erhörter Wünſche, zu ſeinem Rendezvous und ließ der Marquiſin, welche ihn dieſet Abend erwartete, ſagen, er ſei unwohl und könne ſich nicht bei ihr einfinden. Als die Stunde des Stelldicheins herankam und ſich Heinrich zum Gehen anſchickte, klopfte man mehrmals an ſeiner Thüre.„Vielleicht die Marquiſin, ſagte Heinrich zu Frank; man muß ihr nicht öffnen.“ Doch die Worte:„Deffnen Sie, öffnen Sie unbeſorgt,“ mit ängſtlicher Stimme ausgeſprochen, beſtimmten ihn, zu ſehen, wer es ſein könne; er ſchloß auf und ſah Julien in ſein Gemach treten. „Sie ſind verwundert über meinen Beſuch, gnädiger Herr, redete Julie ihn an, wenn Sie aber den Beweggrund deſſelben kennen, werden Sie mir, hoffe ich, Dank dafür wiſſen.— Was 1 117 ſoll das heißen, Julie?— Das ſoll heißen, mein Herr, daß die Frau Marquiſin Ihre neue Leiden⸗ ſchaft für die junge neapolitaniſche Gräfin, welche ſeit Kurzem in ihr Haus kommt, kennt.— Wie, Julie!... Du kannſt denken?.— Ach!... mein Herr, mich können Sie nicht täuſchen, ich weiß in Ihrem Herzen zu leſen; aber ich liebe Sie zu ſehr, als daß ich mich rächen möchte, ſelbſt wenn ich es könnte!.. Ich will Sie im Gegentheil aus der Schlinge retten, in die Sie zu fallen im Begriff ſtehen.— Was willſt Du damit ſagen, Julie?— Sie haben dieſen Morgen ein Billet erhalten.— Es iſt wahr.— Man gibt Ihnen darin ein Rendezvous für die heutige Mit⸗ ternachtsſtunde vor dem Hauſe, das die Gräſin bewohnt.— Wer hat Dich aber von dem Allem unterrichtet?— Ei! wie ſollte ich's nicht wiſſen, da die Frau Marquiſin Ihnen dieſes Billet ſchrei⸗ ben ließ?— Die Marquiſin?— Sie ſelbſt.— und in welcher Abſicht?— Zu ſehen, ob Sie treulos an ihr werden, indem Sie an den Ort des Stelldicheins gehen.— Und wenn ich hingehe? Sie iſt eine Italienerin; damit baſta!— Wie? Du hältſt ſie für fähig, zu 2— Die Eiferſucht macht ſie wüthend gegen Sie, und wenn Sie mir glauben, ſo gehen Sie nicht zu dieſem Rendezvous. — Sei ruhig, liebe Julie, wenn ich hingehe, werde ich meine Vorſichtsmaßregeln ergreifen.— Uebrigens habe ich Sie gewarnt, jetzt laſſe ich Sie allein: Ihr Schickſal liegt in Ihren eigenen 118 Händen.— Leb wohl, theure Julie, glaube mir, ich werde mein Lebenlang nicht vergeſſen, was Du für mich gethan.“ Mit dieſen Worten drückte ſie Heinrich zärt⸗ lich an ſein Herz, und ſie entfernte ſich ſchnell. „Ein gutes Mädchen, dieſe Julie, ſagte Frank zu ſeinem Herrn, als ſie fort war; ich habe nicht gehört, was ſie Ihnen ſagte, und doch bin ich ſicher, daß es zu Ihrem Beſten iſt...— Frank! — Gnädiger Herr!— Halte zwei Pferde bereit und packe unſre Mantelſäcke...— Wie? gnädiger Herr!... reiſen wir ab?— Thu, was ich Dir ſage und erwarte mich; in einem Augenblick bin ich zurück.— Ganz recht, gnädiger Herr!“ Damit hüllte ſich Heinrich in ſeinen Mantel und eilte an den zum Stelldichein bezeichneten Ort. Er wollte ſich ſelbſt überzeugen, wie weit die Marquiſin ihre Rache treibe; doch gebrauchte er die Vorſicht, einen Degen und ein Paar Piſto⸗ len unter den Mantel zu nehmen. Mitternacht hatte ſo eben geſchlagen, als Hein⸗ rich vor dem Haus der Gräfin anlangte.„Ich komme vielleicht zu ſpät, ſagte er bei ſich ſelbſt, und der ausgeſonnene Streich wird unterbleiben.“ Er ging inzwiſchen vor dem Hauſe auf und ab, welches die Ecke einer kleinen dunkeln Straße bildete und durch ſeine vereinzelte Lage ſich für die Abſichten der Marquiſin eignete. Er wartete ſeit einigen Minuten, als ein Mann, in einen Mantel gehüllt, mit einer Blendlaterne 11¹9 in der Hand, aus der kleinen Straße hervorkam und gerade auf Heinrich zuging.„Ihr ſeid pünkt⸗ lich, ſagte er zu dem letztern, ſo iſt's gut: folgt mir, ich führe Euch zur Gräfin.— Und warum treten wir nicht durch dieſe Thüre ein? fragte Heinrich den Unbekannten.— Weil Ihr von Jeder⸗ mann geſehen würdet, und da eine geheime Pforte auf die Straße hier führt, hat mir die Frau Gräfin aufgetragen, Euch durch dieſe einzuführen. — Voran alſo, ich folge Euch.“ Heinrich ſtellte ſich, als folge er ſeinem Führer ohne Mißtrauen! aber er zog ſachte ſeine Piſtole unter ſeinem Mantel hervor und hielt ſich auf Alles gefaßt. Kaum waren ſie um die Straßenecke herum, als zwei andere Männer aus einem Hin⸗ terhalt hervorbrachen und unverſehens auf Heinrich losſtürzten. Unſer Held empfing ſie mit der Piſtole in der Hand, und unverweilt auf ſie abfeuernd, ſtreckte er beide leblos zu Boden. Wie der Mann mit der Laterne ſeine Kame⸗ raden fallen ſah, dachte er nur noch an ſeine Flucht. Heinrich lief hinter ihm her, aber ſein Meuchel⸗ mörder kannte die Schleichwege der Stadt beſſer und entſchwand ſeinen Blicken ſchnell. Sich be⸗ ſinnend, daß, wenn er dieſen verfolgen wolle, er auf eine noch großere Zahl ſtoßen könne, hielt es Heinrich für klüger, in ſeinen Gaſthof zurückzukehren, und nach vielen Umwegen fand er ihn endlich wieder. „Oh! oh! es ſcheint der Abend war hitzig, 120 ſagte Frank, als er Heinrich die entladenen Piſtolen auf einen Tiſch legen ſah.— Ja, lieber Frank: da lade ſie wieder.— Will der gnädige Herr wieder von vorne anfangen?— Nein, aber wir reiſen.— Ahl es ſcheint, Sie haben genug... Und wohin gehen wir, gnädiger Herr? nach Nea⸗ pel?— Nein, ich habe Italien ſatt.— Deſto beſſer, wahrlich, dies Land langweilte mich auch, ich.— Wir gehen nach Frankreich, nach Paris, vielleicht bin ich dort glücklicher als bisher... und ſinde Diejenige wieder, für welche ich mein Leben hingäbe!— Wie? Herr, Sie denken ihrer noch?— Ob ich an ſie denke!... ach!. Frank, glaubſt Du dieſe rauſchenden Vergnügungen, dieſe Leidenſchaften eines Augenblicks, welche ſeit meiner Abreiſe meinen Geiſt in Anſpruch nahmen, hätten das Andenken an meine theure Pauline aus meiner Seele verwiſchen können?... Nein; dieſe ſo ver⸗ führeriſchen Frauen haben meinen Kopf eingenommen, meine Sinne verwirrt, aber keine iſt bis zu meinem Herzen gedrungen.— Das ſehe ich wohl, daß Ihr Gefühl für Ihre Unbekannte die wahre Liebe iſt... — Ojia!.. die zärtlichſte, aufrichtigſte Liebe!... — Aber die Pferde ſtehen bereit, gnädiger Herr! — Warum ſagteſt Du denn nichts 2...“ „Sonderbar, ſprach Frank, als er Rom mit ſeinem Herrn verließ, daß wir uns immer mitten in der Nacht auf die Reiſe begeben: das iſt das Verhängniß!...“ — ⸗— —— 121 Vierzehntes Kapitel. Paris. Heinrich und ſein Diener trafen nach kurzem Aufenthalt in Turin und Lyon zu Paris ein, ohne daß ihnen etwas Bemerkenswerthes begegnet wäre. „Wahrlich, gnädiger Herr, ſprach Frank zu ſeinem Gebieter beim Eintritt in die Hauptſtadt des Vergnügens und der Heiterkeit, auf den erſten Anblick gefällt mir dieſe Stadt beſſer als alle, durch die wir bis jetzt gekommen ſind. Da ſehen Sie einmal all dieſe hin- und herrennenden Leute; eine immerwährende Bewegung!... Bei jedem Schritte finde ich Gegenſtände, die die Neugierde erregen, wollte man hier auch traurig ſein, könnte man's doch nicht. Und die Frauen, Herr... die ſind reizend.. Sagen Sie offen, haben Sie irgendwo welche geſehen, die ſolche Haltung, ſolche Anmuth, ſolche Eleganz hätten... welche die Män⸗ ner mit einem ſo ſchmeichelhaften, ausdrucksvollen Lächeln anblicken?... Ach, gnädiger Herr! ich bin ganz entzückt!..— Zum Teufel!... Frank, Du wirſt beredt!— Der Anblick begeiſtert mich, Herr...— Laß Deinen Anblick und beſchäftigen wir uns mit Aufſuchung eines Hôtels, wo ich an⸗ ſtändig wohnen kann.“ Heinrich quartirte ſich im Viertel der Chaussée d'Antin ein, und noch denſelben Abend durchſtreifte er die beſuchteſten Schauſpiel⸗ und Caféhäuſer der 422 Stadt. Von Mattigkeit erſchöpft, kam er um zwei Uhr Morgens in ſein Hôtel zurück und fand Frank, ſeiner wartend, mit etwas minder heiterer Miene als am Morgen.„Was haſt Du denn, Frank? fragte Heinrich; langweilſt Du Dich ſchon in Paris?— O nein! Herr, das nicht.— Nun! warum haſt Du denn dieſen Abend eine ganz andere Miene als dieſen Morgen?— Ach, Herr! es iſt mir ein kleines Abenteuer aufgeſtoßen...— Ein Aben⸗ teuer!... laß hören, was es iſt; erzähl mir's.— Gerne, gnädiger Herr, wenn es Ihnen Vergnügen macht.— Wiſſen Sie alſo, daß ich mich, nachdem Sie fort waren, ins Palais⸗Royal begab, weil man mir dieſen Ort als den merkwürdigſten der Stadt geſchildert hatte. Seit einer Stunde war ich hier in Bewunderung begriffen, über jeden neuen Gegenſtand, der ſich mir zeigte, in Extaſe gerathend, als ein ſehr gut gekleideter und ſehr ehrbar ausſehender Mann auf mich zutrat und nach dem Weg nach der Straße von... von... kurz, einer Straße fragte. Wahrlich, mein Herr, antwortete ich ihm, ich kenne ſie ebenſowenig als Ihr, denn ich komme ſo eben in hieſiger Stadt an und bin völlig fremd.— Ihr ſeid fremd? ſagte er zu mir, ei! ich auch; und da der Zufall uns zuſammenführt, ſo wollen wir den Abend mit ein⸗ ander zubringen. Ich nahm es an, erfreut, Je⸗ mand zu finden, mit dem ich plaudern konnte, in einer Stadt, wo ich Niemand kannte. Wir gingen daher noch etwas ſpazieren und ſchwatzten, als der 12³ Deufel oder vielmehr das Geſchick wollte, daß er vom Billardſpielen ſprach... Sie wiſſen, das iſt mein Lieblingsſpiel und ich bin ſogar darin etwas ſtark!..— Ja! Du ſagteſt mir's ſchon... Nun gut! Du wollteſt gewiß ſpielen?— Richtig, Herr; das heißt, mein Mann ſchlug mir eine Partie vor und ich verfehlte nicht, ſie anzunehmen. Wir traten demnach in ein Caféhaus und gingen ans Billard: es war beſetzt, da aber die Partie ihrem Ende nahte, blieben wir und ſahen zu. Einer der beiden Spieler war viel ſchwächer als der andere, und mein Fremder beſpöttelte ihn über ſein Spiel. Ich wette zwei Louis, ſagte er zu ihm, Ihr macht dieſen Ball nicht auf einen Stoß(und der Ball war ziemlich ſchwer); die Perſon wettete und ge⸗ wann. Mein Mann ſchien ärgerlich, daß er ver⸗ loren hatte und ſagte, er werde ſeine Revanche nehmen; die Gelegenheit zeigte ſich bald; an der Perſon, welche die zwei Louis gewonnen, war die Reihe zu ſpielen. Sie durfte durchaus nur ſtoßen, um einen Ball, der ſchon halb im Loch war, hin⸗ einzubringen: gut! mein Mann war ſo frech, zu ſagen, der Andere werde den Ball nicht machen!... Ich entgegnete ihm, er werde ihn machen. Wer⸗ den Sie mir glauben, gnädiger Herr, daß er es wagte, zwanzig Louis für das Gegentheil mit mir zu wetten?... Ich nahm es auf der Stelle an. unglücklicherweiſe hatte ich all mein Geld bei mir! — und Du gewannſt?— Im Gegentheil, gnä⸗ diger Herr! Der Ungeſchickte, der ſchon einen 124 hundertmal ſchwierigeren Stoß gewonnen, nahm ſeinen Ball ſo auf der entgegengeſetzten Seite, daßt er, ſtatt ihn zu machen, ſelbſt verlief!... Da gab ich, Verzweiflung im Herzen, Alles hin, was ich beſaß; es beſtand in zwanzig Louisd'or, weniger ſechs Franken. Mein Gegner hatte die Güte, mir das Fehlende zu erlaſſen, und ich ging aus dem Café, das Verhängniß verfluchend, das mich mit dieſem Fremden zuſammengeführt.“ Heinrich konnte nicht umhin, über das Aben⸗ teuer des armen Frank zu lachen; er entſchädigte ihn indeß für ſeinen Verluſt und forderte ihn auf, ein anderes Mal klüger zu ſein, und ſich beſonders vor jenen vorgeblichen Fremden zu hüten, welche ſich nur für ſolche ausgeben, um die wirklichen beſſer zu betrügen. Heinrich war ſchon einige Tage in Paris, als er eines Abends im Theater hinter eine Dame zu ſitzen kam, welche ſeine Aufmerkſamkeit zu ver⸗ dienen ſchien; ſie war in der That ſchlank, wohl⸗ geſtaltet, von angenehmer Haltung und ſchien die Blicke, welche ihr Nachbar ihr zuwarf, nicht mit Gleichgültigkeit zu ſehen. Heinrich, entzückt über ſeine neue Eroberung, hätte gerne mit ihr ſprechen mögen: aber ſie hatte einen dicken, mit Koſtbar⸗ keiten und Diamanten überladenen Mann bei ſich, der ſo ziemlich einem in Ruhe lebenden Ochſen⸗ händler gleichſah, ebenſo verlegen über ſeine zwei Uhren wie über ſeinen dicken Bauch ſchien, und für ſich allein drei Viertheile der Loge einnahm. 125⁵5 Da er wohl einſah, daß er ihr ſeine Gefühle nicht erklären könne, ſo lange ſie dieſen Menſchen bei ſich habe, beſchränkte er ſich darauf, beim Weg⸗ gehen aus dem Theater Frank ihrem Wagen nach⸗ zuſchicken und ihm aufzugeben, einige Nachrichten über dieſe Dame einzuziehen. Heinrich wartete voll Ungeduld auf die Ruͤck⸗ kunft ſeines Dieners, und wie er dieſen von Wei⸗ tem anſichtig ward, rief er ihm entgegen:„Nun, Frank, bringſt Du mir gute Nachrichten?— Ja, gnädiger Herr, vortreffliche.— Weißt⸗Du die Wohnung der fraglichen Dame?— Ja, Herr, ein prächtiges Haus auf dem Boulevard des Ita- liens.— Gut! und haſt Du etwas Weiteres er⸗ fahren?— Ja, gnädiger Herr! der Pförtner des Hauſes iſt juſt ein großer Schwätzer und machte keine Umſtände, mit mir zu plaudern.— Bravo, Frank! Nun wohlan! dieſe Dame?— Iſt eine Operntänzerin.— Eine Tänzerin von der großen Oper! ſprach Heinrich bei ſich ſelbſt, Teufel! mit ſolchen Frauenzimmern iſt viel zu gewinnen und diel zu verlieren!— Ich weiß noch mehr, fuhr Frank fort, der dicke Mann, der bei ihr war, iſt ein ehemaliger Lieferant, der ſie wie eine Prin⸗ zeſſin unterhält, weil, wie Sie wiſſen, gnädiger Herr, es zum guten Ton gehört, eine Operntän⸗ zerin zu unterhalten.— Ah! es gehört zum guten Ton, Frank?— Ja, Herr, auch hat die Ihrige als Liebhaber ſchon zwei ruſſiſche Fürſten, vier Finanzmänner, ſechs Engländer, zehn General⸗ 126 pächter, drei Banquiers gehabt und iſt jetzt eben an ihrem neunten Lieferanten.— Du ſpaßeſt, Frank.— Nein, gnädiger Herr, ich ſage die Wahr⸗ heit: ſie macht Aufſehen, ſie iſt die Dame der Mode, die Schönheit des Tages; ſo lauten die eigenen Worte des Pförtners.— Ah! ſie iſt die Dame der Mode! Dann werde ich, da ich der Mode folgen will, der Tänzerin auf den Zahn fühlen.— Sie haben Recht, gnädiger Herr, es iſt das beſte Mittel, von Ihnen ſprechen zu machen. Ich rathe Ihnen indeß, ſie nicht lange zu behal⸗ ten, denn ſo wie ſie's treibt, würden wir uns bald auf der Liſte der Abgedankten befinden.— Sei ruhig, Frank; wenn dieſe Frau mich liebt, wird ſie mich nicht zu Grunde richten.— Ach! gnädiger Herr... Liebe ſuchen bei einer Operntänzerin; das“ heißt zu viel verlangen.“ Am folgenden Morgen ſchrieb Heinrich einen Liebesbrief an ſeine Schöne und ließ ihn durch Frank beſtellen. Dieſer kam bald mit einer Antwort der Dame zurück, welche Heinrich für den andern Morgen zum Café einlud. „Nun wohlan, Frank! ſagte Heinrich, Du ſiehſt, ich habe ihr Herz gerührt.— Möglich, gnädiger Herr.— Sag mir aber, hat ſie Dich etwas ge⸗ fragt?— Gewiß, gnädiger Herr! ſie fragte nach Ihrem Namen und Stand. Graf von Fram⸗ bergl! wiederholte ſie, als ich Sie genannt hatte, und augenblicklich ſchrieb ſie das Ihnen eingehän⸗ digte Billet.— Eine Frau, die nicht jeden — 127 Hergelaufenen empfängt!...— Eine Frau vom feinſten Geſchmack!... 2 Um die Zeit bis zum andern Tage zu toͤdten, fing Heinrich ſeine Wanderungen vom vorigen Abend wieder an und beſuchte alle öffentlichen Orte. An ein Spielhaus kommend, trieb ihn der Wunſch, ſein Geld zu vermehren, um in Paris glänzend auftreten zu können, hinauf. Zitternd ſetzt er einige Louis, in der ſichern Erwartung, zu verlieren, auf das Rothe: aber er gewinnt; er ſetzt ſein Spiel fort, das Glück bleibt ihm gün⸗ ſiig, er ſieht, daß er im Zug iſt, ſpielt höher und geht endlich nach Verlauf einer Stunde mit dreißig⸗ tauſend Franken mehr in der Taſche weg. Auf dieſes hin, will er ganz nach der Mode ſein und alle Zierbengel des Tages überſtrahlen. Wie ein Raſender laufend, kehrt er in ſein Hötel zurück. Frank erhält den Befehl, das ſchönſte Ca⸗ briolet zu miethen, ihm augenblicklich einen Ju⸗ welier, einen Pferdehändler und einen Tanzmeiſter zu ſchicken. Voll Verwunderung lauft Frank da⸗ und dorthin, ohne zu wiſſen, was er thun ſoll, aber das Verhängniß ſegnend, das ſeinen Herrn zum Millionär gemacht. In Paris kommt man jedoch mit dreißigtauſend Franken nicht weit; der Juwelier und der Pferde⸗ händler hatten ihm bald für mehr als das Dop⸗ pelte verkauft; Heinrich ſah wohl, daß er nicht ſo reich ſei, als er glaubte; allein er dachte, auf die Roulette zurückkehrend, könne er noch mehr 128 gewinnen. Mittlerweile begnügte er ſich mit einem Pferd für ſein Cabriolet und einer Brillantnadel für ſich; dann entließ er ſeine Kaufleute mit dem Verſprechen, ſie bald wieder zu ſehen. Endlich erſchien der andere Tag; Heinrich er⸗ wartete ihn voll Ungeduld, denn Reichthum ſchützt nicht vor Langeweile. Nach Vollendung ſeiner aus⸗ geſuchten Toilette, ſtieg er in ſein Cabriolet und ſchlug den Weg nach dem Boulevard des Italiens ein. Es war nicht weit von zwölf Uhr; um dieſe Stunde ſind die Straßen von Paris mit Menſchen angefüllt, namentlich in einem ſo beſuchten Quar⸗ tier wie das, wohin er ſich begab. Brennend vor Begierde, bei ſeiner Schönen einzutreffen, trieb unſer junger Mann ſein Pferd wie ein Tollhäusler anz ſchon mehrmals war er nahe daran, Jemand zu überfahren, und nur ſeiner Geſchicklichkeit ver⸗ dankte er die Vermeidung von Unglücksfällen; als er aber um eine Ecke bog, erblickte er den Wagen eines Kärrners nicht, der auf ihn zukam; der Fuhrmann, nach dem Gebrauch dieſer Leute, weicht einem Cabriolet nicht aus; Heinrich ſtößt gewalt⸗ am an die Räder des Karrens; ſein leichtes Fuhr⸗ werk war nicht ſtark genug, gegen einen ſolchen Wagen in den Kampf zu treten: es ſtürzt um und wirft im Fall ein altes Weib nieder, die gerade aus einem Laden trat, wo ſie Lunge für ihre Katze gekauft hatte. Die Rufe:„zu Hülfe!.. ich bin todt!...“ und das umgeſtürzte Cabriolet zogen bald eine 129 ungeheure Menge jener Pflaſtertreter herbei, von denen Paris wimmelt.„Ein Weib von einem Cabriolet niedergerennt, welches ein junger Mann führt, ſagte der Eine. Dieſe Laffen richten lauter Unheil an... doch iſt das Cabriolet zuſammen⸗ gebrochen.— Erſtaunlich, rief ein Anderer, daß dieſe Frau die Kraft hatte, einen Wagen umzu⸗ werfen...“ Und während man ſo diſputirte, hatte der Kärner für klug gehalten, ſich mit ſeinem Wagen aus dem Staube zu machen, damit er die Sache nicht ausbaden durfte. Heinrich ſtieg aus ſeinem Cabriolet, alle Fuhr⸗ leute und Maulaffen zum Teufel wünſchend. Frank, der hinten aufſaß, hätte beinahe das Leben ver⸗ loren: doch kam er noch mit einem geſchwollenen Auge und einigen Beulen an der Stirne davon. Das alte Weib, die mehr Furcht als Schaden genommen hatte, aber doch Nutzen aus der Sache ziehen wollte, erfüllte die Luft mit Zetergeſchrei und Gewinſel. Heinrich glaubte, ruhig wieder nach Hauſe zurückfahren zu dürfen, und hatte Frank aufgegeben, ſein Cabriolet wieder aufzurichten, als die ſie um⸗ ſtehende Menge der Alten rieth, ihn zu dem Com⸗ miſſär zu führen.„Zu dem Commiſſär! rief Hein⸗ rich, und was ſoll ich dort thun?— Ah, ſo! ſchöner Herr; Ihr glaubt, man renne die armen Leute nieder und dann ſei von nichts mehr die Rede?— Aber, Dummkopf! ich bin ja ſelbſt das Opfer von dem Allem, da mein Cabriolet zerbrochen Paul de Kock. IX. 9 „wurde.— O ja! und die arme Frau; die Ihr zuſammengeführt habt, meint Ihr, man dürfe ihr nichts geben, ſich verbinden zu laſſen?— Wenn ſie todt iſt, was Deufels ſoll ich dann ma⸗ chen?— Gleichviel, ſie braucht einen Troſt.“ Heinrich ſah wohl, daß, um aus der Sache zu kommen, Geld nöthig ſei. Er ging daher auf die Alte zu, drückte ihr ungefähr fünfzehn Gold⸗ ſtücke in die Hand, und auf dieſe Weiſe gelang es ihm, dem Commiſſär zu entſchlüpfen.„Schaut! wie glücklich die alte Schreierin iſt! ſagte ein Weib zu ihrer Nachbarin. Für diß Hälfte der Summe ließe ich mir alle Dage ein Gleiches wi⸗ derfahren.— Es gibt Leute mit unvernünftigem Glück, antwortete die Zweite. Dieſe hat's ihrer Katze zu verdanken.— Darum wird ſie nicht rei⸗ cher, bemerkte eine Dritte; ſie iſt eine alte Spie⸗ lerin, die all dies Geld wieder in die Lotterie trägt.“ Beſchmutzt, ermattet und beſonders darüber in Verzweiflung, daß er ſein Rendezvous verfehlt hatte, kam Heinrich nach Hauſe zurück. Er klei⸗ dete ſich indeß wieder um, beſtellte einen Wagen und wagte es, ſich bei ſeiner Schönen anmelden zu laſſen. Angenehm ward er durch die Nachricht überraſcht, daß ſie noch zu Hauſe ſei; er wußte nicht, daß es zum guten Ton gehöre, überall zwei Stunden auf ſich warten zu laſſen. Wie Jemand, den man ſeit lange kennt, ward er empfangen. Er ſah, daß Frank ihn nicht getäuſcht hatte, als 131 er die Eleganz und Pracht der Wohnung de ſchoͤnen Tänzerin rühmte. Nie hatte er in en⸗ etmas geſehen, das ſich mit dem Beroir einer Dame von der großen Oper vergleichen ließe. Heinrichs Abenteuer war Gegenſtand der Unter⸗ haltung während des Frühſtücks. Die Dame lachte viel darüber und verſprach ihm, es ſolle die Tags⸗ neuigkeit werden. Heinrich war erſtaunt, ebenſo⸗ viel Weltton als Geiſt an einer Theaterprinzeſſin zu finden; was ihn aber am meiſten überraſchte, war ihr zurückhaltendes Weſen und die Hinder⸗ niſſe, welche man ſeinen Liebesausbrüchen entgegen⸗ ſetzte. Büllkich wußte nicht, daß eine Frau, die ſich verkauft, ſchwerer zu beſiegen iſt als eine Frau, die ſich hingibt: die eine folgt der Neigung ihres Herzens, während die andere ihre Gunſt⸗ bezeigungen hinauszielt, um ſie theurer bezahlt zu machen. Heinrich und ſeine Schöne waren im Geſpräche begriffen, als man der Dame meldete, es wünſche ſie Jemand zu ſprechen.„Ich habe ſchon geſagt, ich ſei für Niemand zu Hauſe,“ rief ſie voll Un⸗ 3 geduld aus. Man erwidert ihr, es ſei Jemand, der durchaus eintreten wolle. Da bat ſie Hein⸗ rich, er möchte für einen Augenblick in ihren Sa⸗ lon gehen, mit dem Vorgeben, es ſei ihre Putz⸗ macherin, und ſie wolle dieſelbe ſchnell abfertigen. Heinrich ſchien bereitwillig, ſich zu entfernen; da er aber, um in den Salon zu gelangen, durch ein Cabinet mit Glasthüre gehen mußte, das ans 4 132 Boudoir der Dame ſtieß, kam er, ſo wie er allein war, leiſe zurück, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, was im Bbudoir vorgehe. Statt der Putzmacherin ſah er einen jungen Offizier eintreten, der ſich, unbekümmert um die Herrin des Hauſes, in einen Lehnſtuhl warf.„Wie! Ihr ſeid's, Floricourt? ſagte ſie mit halb freund⸗ licher, halb verlegener Miene zu ihm.— Ja, ich bin's; und ich finde es höchſt wunderbar, daß Du mich ſo in Deinem Vorzimmer warten läſſeſt.— Konnte ich vermuthen, daß Ihr es ſeid, den ich ſeit acht Tagen nicht geſehen habe?— Du glaub⸗ teſt ohne Zweifel, es ſei Dein dicker Mondor und er werde ruhig abtrollen, ſo wie man Deine Ab⸗ weſenheit melde?... Aber ich bin nicht von ſolchem Taig und ſchere mich den Teufel um Deine Befehle und Deine Geldſpender!— Was ſoll aber dieſer Ton bedeuten, mein Herr?... Es ſteht Euch recht gut an, ſo mit mir zu reden, Ihr, den ich mit Wohlthaten überhäuft, den ich von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet habe! Damals ſchertet Ihr Euch nicht den Teufel um meine Eroberungen... Warum war ich gut genug, Alles für den Herrn aufzuopfern? Wahrhaftig, die Frauen ſind ſehr einfältig, wenn ſie zuweilen Schwachheiten haben! Man verbindet ſtets nur Undankbare!— In der That, es handelt ſich um Ihre Geſchenke, Madame! Sie haben mir eins gemacht, das mir gar nicht gefällt.— Mein Herr! wenn man von einer Frau etwas empfängt, muß man das Gute — 8* F 13³ wie das Böſe annehmen.— Wahrhaftig!... nun wohlan! ſo will ich Dich lehren, mir keine ſolche Streiche mehr zu ſpielen, und Den, der mit Dir frühſtückte, meinen Arzt bezahlen laſſen.— Du biſt närriſch, Floricourt, ich war allein, ich verſichere Dich.— Ich gehe nicht auf ſolche Mähr⸗ chen... Da er ſich verſteckte, iſt er kein Zahler, und ich will ihm die Luſt des Wiederkommens benehmen.“ 6 Damit beginnt der junge Mann überall um⸗ her zu blicken, mit dem Fuß unter alle Tiſche zu ſtoßen. Endlich erblickte er Heinrich, der hinter der Glasthüre unbeweglich geblieben war; er öffnet dieſe ſchnell und gibt unſerm Helden eine Ohr⸗ feige, ehe er Zeit gehabt hatte, auszuweichen. Heinrich wollte gerade über ſeinen Gegner her⸗ fallen, als ſich die Dame zwiſchen beide warf, um ſie auseinander zu bringen. „Mein Herr, ſagte Heinrich zu dem Offizier, wenn Sie ein Mann von Herz ſind, werden Sie mir Genugthuung für dieſen Schimpf geben.— Ah! der Herr iſt nicht zufrieden! antwortete die⸗ ſer, höhniſch lachend; nun wohlan! ſo ſoll er noch eine derbere Lection haben.— Keine Schmähreden, mein Herr, ich liebe ſolche nicht; Morgen früh um vier Uhr erwarte ich Sie in meinem Hauſe!“ Mit dieſen Worten verließ Heinrich das Zimmer, ohne die neben ihm ſtehende Dame mehr eines Blicks zu würdigen. „Auch meine Schuld, ſagte er bei ſich ſelbſt, 134 auf dem Rückweg nach ſeinem Hotel, ich hätte nicht zu dieſem Weibe gehen ſollen... Aber ſeit ich reiſe, mache ich nichts als dumme Streiche!... Ach, mein Vater! welchen Kummer würde Ihnen die Aufführung Ihres Sohnes machen, wenn Sie dieſelbe kennten! Und du, guter Müller, hätte ich deinen Rath beſſer befolgt, wäre ich nicht ſo weit, wie ich jetzt bin... Da mir aber das Schickſal immer entgegen iſt und ich Diejenige nicht finde, welche das Glück meines Lebens gemacht hätte, ſo ſchwöre ich, bald nach Framberg zurück⸗ zukehren.“ Der Offizier war pünktlich beim Stelldichein, Heinrich griff zu ſeinen Waffen, und, ohne ein Wort zu verlieren, begaben ſie ſich nach dem Ge⸗ hölz von Boulogne. Dort zog Jeder ſeinen Rock aus und griff den Andern ungeſtüm an. Heinrich war nicht ſo fertig im Fechten wie ſein Gegner; aber er war kaltblütig und wußte alle ſeine Stöße geſchickt zu pariren. In Kurzem rannte der Offizier, indem er Heinrich Eins ver⸗ ſetzen wollte, in deſſen Degen und ſank leblos zu Boden. Mit ſchnellen Schritten ging Heinrich in ſein Hôtel zurück; ihm ſchien, es ſei der Schatten ſeines unglücklichen Opfers ihm auf den Ferſen. Es iſt wirklich etwas Entſetzliches, einen Nebenmen⸗ ſchen wegen einer Frau zu tödten, die man ver⸗ achtet!... Heinrich machte ſich tauſend Gedanken, und ſeine Seele erlag unter der Laſt des von ihm vergoſſenen Bluts, 13⁵ Frank erſchrack, wie er ſeinen Herrn in dem Zuſtand ungewöhnlicher Niedergeſchlagenheit ſah. „Was haben Sie denn, gnädiger Herr? fragte er ihn; ſollte Ihnen ein Unglück begegnet ſein? — Ach ja, Frank!... ein Unglück, das ich mir nie verzeihen werde!...— Was ſoll das heißen, gnädiger Herr? ſchreiben Sie es dem Verhängniß zu!— Rüſte Alles zu unſerer Abreiſe, noch dieſen Morgen verlaſſen wir Paris.— Darf ich wiſſen, wohin wir gehen, gnädiger Herr?— Nach Fram⸗ berg zurück: es treibt mich, meinen Vater und den guten Müller, der mich ſo ſehr liebte, wieder zu ſehen.— Meiner Treu, gnädiger Herr! ich freue mich gleichfalls darauf, denn nichts auf der Welt kommt dem Vaterhauſe gleich.“ 1 ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſinſiſnnſnenſnena 9 10 11 12 13 14 15 16 17