Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von 8 Ppr. Heinrich Elsner. Siebenter Theil. OSo Stuttgart:. Scheible, Uieger« Sattler. 1843. Der ſchüchterne Liebh aber. Von* Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner.. „Die Furchtſamkeit iſt ein Fehler, woruͤber der damit Behaftete nicht ohne Geſahr getadelt werden kann.“ La Rochefoucauld.—Maximen. Dritter Theil. Sd Stuttgart: Scheible, Uieger&X SJattler. 1843. Erſtes Kapitel. Der Eintritt in die Welt. In einem praͤchtigen, von Kerzen ſtrahlenden Saalé i der Straße Saint⸗Lazare war eine elegante, ſchon zahl⸗ reiche Geſellſchaft verſammelt, die ſich zwar nicht ſowohl intim als vielmehr witzig und ſcherzhaft unterhielt. Geiſt⸗ reiche Leute laſſen zuweilen ein Wort in der Unterredung fallen, waͤhrend anmaßende Schwaͤtzer, die nie etwas Vernunftiges zu ſagen wiſſen, beharrlich das Wort fuͤhren. Madame Celival war in der That, wie ſie Monfre⸗ ville zeichnete: ſchoͤn, anmuthig, kokett; ſie warf von Zeit zu Zeit ihre Augen in den Spiegel, um ſich der guͤnſtigen Wirkung ihres Putzes zu verſichern; ſie theilte ſich in alle Anweſende mit jenem eigenthuͤmlichen Ta⸗ lente einer Frau, welche in der Welt zu leben gewohnt iſt; ſie behielt jedoch ein zaͤrtlicheres, ſanfteres Laͤcheln fuͤr ihre Courmacher zuruͤck. Neben dem Divan, worauf ſich die Hausherrin ſetzte, befand ſich eine junge, huͤbſche, ganz in Gaze und Krep gekleidete Blondine; Schleier und Echarpen umhuͤllten ſie ſo, daß kaum ihre reizenden Geſichtszuͤge durchblickten; ihre ganze Kleidung war weiß und roſenroth, und dies 6 ſtand der Dame ſo gut, daß ſie jenen Gemaͤlden glich, die einen von Wolken umhauchten weiblichen Kopf dar⸗ ſtellen. Madame Celival bedankte ſich bei der ſchoönen Blon⸗ dine, daß ſie ihr die Gefaͤlligkeit erzeigt habe, trotz ihres leidenden Nerven⸗Zuſtandes, der Soiree beizuwohnen. In einiger Entfernung war ein großer, ſehr langer, ſehr haͤßlicher und ſehr duͤrrer Herr mit einem Ordensbande und einem rabenſchwarzen Backenbarte; ſein ebenſo glaͤn⸗ zender, an beiden Enden aufgeſtutzter Schurrbart gab ihm einige Aehnlichkeit mit einer Katze. Wenn man mit ihm ſprach, nannte man ihn Oberſt. Ein junger Mann, deſſen geſcheitelte und mit weibi⸗ ſcher Zierlichkeit gelockte Haare, deſſen regelmaͤßige, aber etwas rauhe Geſichtszuͤge an jene antiken Koͤpfe erinnern, die unſere Hiſtorienmaler den Helden des ehemaligen Roms verleihen, ſtand an einen Kamin gelehnt; er wendete kaum ſeine Augen von den auf dem Divan ſprechenden Damen ab, ſchien jedoch keine laͤnger zu betrachten, als die andere. Neben dem Fortepiano, denn ein Fortepiano muß nothwendig im Saale ſein, waren mehre junge Per⸗ ſonen, die in Taſchenbuͤchern blaͤtterten und Muſikalien durchgingen; ſie waren nicht alle huͤbſch, aber alle hochſt geſchmackvoll gekleidet, und in ihrem ganzen Weſen lag ſo viel beſcheidene Anmuth, daß auch die Nichtſchönen dennoch reizend waren. Muͤtter beſprachen ſich in weiterer Entfernung; die einen waren mit einer Eitelkeit gekleidet, als wollten ſie ihre Toͤchter uͤberſtrahlen; die andern mit einfacher, ge⸗ — 7 ſchmackvoller, fuͤr ihr Alter paſſender Elegans, die ſie nur um ſo verfuͤhreriſcher machte, wenn ſie noch nicht uͤber die Zeit des Gefallens hinaus waren. Junge Leute flatterten um die Damen herum, andere ruͤhrten ſich nicht, um ihre tadelloſe Toilette und ihre praͤchtig gekaͤmmten Haare bewundern zu laſſen; einige andere hatten waͤhrend des ganzen Abends ein ſtehendes Laͤcheln auf den Lippen. Maͤnner vom mittlern Alter unterhielten ſich, in der Mitte des Saales ſtehend; unter ihnen gewahrte man einen Herrn, deſſen graue, auf der Stirne ſchon außerſt duͤnne Haare auf beiden Schlaͤfen noch reichlich gekraust waren; er hatte edle und geiſtreiche Ge⸗ ſichtszuͤge, indeſſen leuchtete etwas zu Neugieriges, For⸗ ſchendes aus ſeinen kleinen Augen, welche, obgleich man auf ſeinem Antlitze die nahenden Sechzig las, doch einen ganz jugendlichen Glanz beibehalten hatten. Dieſer Herr ſprach unaufhorlich mit vielem Feuer, und war im Stande, waͤhrend er in einer Ecke des Saales ein Geſpraͤch unter⸗ hielt, zu vernehmen, was man in der Entfernung ſagte, und miſchte ſich ſomit in die meiſten unterredungen, in⸗ dem er zu gleicher Zeit mehre unterhaltungen uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde mit derſelben Leichtigkeit fuͤhrte, als Caͤſar zu gleicher Zeit mehre Briefe in verſchiedenen Sprachen diktirte. 1 Ein anderer Saal, etwas kleiner, als der, worin ſich die Damen aufhielten, in welchen man durch ein kleines, mit entzuͤckendem Luxus moͤblirtes Zimmer ge⸗ langte, war fuͤr die Spielluſtigen beſtimmt; Whiſt⸗ und Bouillote⸗Tiſche waren gerichtet, aber noch hatte Nie⸗ mand daran Platz genommen. Man meldete Herrn von Monfreville und den Mar⸗ quis Cherubim von Grandvilain. Alle Blicke wendeten ſich der Saalthuͤre zu. Die Namen Cherubim und Grand⸗ vilain bildeten einen ſo ſonderbaren Contraſt, daß Jeder⸗ mann geſpannt war, den, der ſie trug, zu ſehen. „Herr von Grandvilain!“ riefen die jungen Damen.„O! wie haͤßlich muß der ſein... ſo kann nur ein bejahrter Mann heißen.“. „— Aber man hat auch Cherubim geſagt... das iſt ein artiger Namen.“. „— Es kann nicht ein und derſelbe ſein.“ „— Ohne Zweifel ſind's Vater und Sohn.“ Waͤhrend man dieſe Betrachtungen anſtellte, ſagte Madame Celival zu den ſie umgebenden Perſonen, aber ſo laut, daß ſie von der ganzen Geſellſchaft verſtanden werden konnte: 4 „Herr von Monfreville hat mich um die Erlaubniß gebeten, mir einen jungen, noch nicht in die Welt ein⸗ gefuͤhrten Mann vorſtellen zu duͤrfen, und ich gewaͤhrte ihm ſolche um ſo lieber, da dieſer Juͤngling, der letzte Sproͤßling einer edeln Familie, wie man ſagt, der Theil⸗ nahme, die ihm Monfreville ſchenkt, hoͤchſt wuͤrdig iſt.“ „Ei! vortrefflich!“ fluͤſterte der grauhaarige Herr .„das iſt eine kleine Vorbemerkung vor der Ein⸗ fuͤhrung.“ In dieſem Augenblick trat Cherubim mit Monfreville in den Saal; trotz all' dem, was ihm ſein Mentor ge⸗ ſagt hatte, fehlte es ihm doch ſehr an Sicherheit, und die ſein Antlitz bedeckende Roͤthe deutete hinlaͤnglich ſeine Befangenheit an. Aber ſeine Augen waren ſo ſanft, ſo ſchon, ſeine Zuͤge ſo zart, ſeine Phyſionomie ſo intereſſant, daß ein ſchmeichelhaftes Gemurmel ſeine Erſcheinung im Saale begruͤßte; die jungen Herren, die, um ſich be⸗ wundern zu laſſen, regungslos blieben, waren die ein⸗ zigen, welche die allgemeine Empfindung nicht zu theilen ſchienen. „— Er ſieht ſehr linkiſch aus!“ ſagte einer der⸗ ſelben. „— Er hat gar keinen Anſtand!“ ſagte ein anderer. „— Er gleicht einem als Mann verkleideten Frauen⸗ zimmer,“ verſetzte ein junger, ſchnurr⸗ und backenbaͤr⸗ tiger Lowe.. Und Herr Triſchet, der Herr mit den grauen Haaren, lächelte mit boshafter Miene und ſagte: „Cherubim!... ganz richtig!.. Das iſt der kleine Page des Grafen Almaviva... Es fehlt ihm nur noch die Galanterie und die Keckheit ſeines Namensbruders... das gibt ſich aber bald!... Man wird ſich ein Ver⸗ gnuͤgen daraus machen, ihn zu bilden.“ Madame Celival empfing den jungen, von Monfre⸗ ville ihr vorgeſtellten Mann mit einem reizenden Laͤcheln, und ſprach in jenen ſchmeichelhaften Worten mit ihm, die den, an welchen ſie gerichtet werden, augenblicklich unterjochen. Cherubim wollte auf die Artigkeit dieſer Dame ant⸗ worten, aber er verwirrte ſich, blieb in ſeiner Rede ſtecken und konnte nicht fortfahren. Gluͤcklicherweiſe war ihm Monfreville zur Seite, nahm das Wort, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, und Madame Celival hatte zu viel Lebensart, um ihm nicht auch heraus zu * 8 helfen. Nach Verlauf einiger Minuten wagte es Cheru⸗ bim endlich, ſich umzuſehen, und ſagte ganz leiſe zu feinem Fuͤhrer: „Welch' ſchoͤne Frauen ſind hier!... Ach! mein Freund, darf man ſie alle lieben?“ 4 „— Man hat die vollſtändige Freiheit, ſie alle zu lieben, aber ich ſtehe Ihnen nicht dafuͤr, daß Sie von allen werden geliebt werden.“ „— Die Gebieterin des Hauſes iſt ſehr ſchon..... ſie hat Augen, die... die einen... ich kann's nicht aus⸗ druͤcken..“ 3 „— Reden Sie doch!“ „— Die einen betaͤuben... trunken machen... ent⸗ ſchuldigen Sie... ich finde das rechte Wort nicht...“ „— Augen, die Einen trunken machen, iſt nicht ſo uͤbel geſagt, und ohne es zu vermuthen, haben Sie viel⸗ leicht den richtigſten Ausdruck gefunden, denn, gleichwie der Wein uns die Vernunft raubt, ſo uͤben die Augen einer ſchoͤnen Frau dieſelbe Wirkung aus. Ich haͤtte Luſt, der Frau Celival, was Sie eben von ihren Augen geſagt haben, mitzutheilen; ich wette, es wuͤrde ihr ſchmeicheln.“ „— O! mein Freund, thun Sie das nicht, ich haͤtte nicht mehr den Muth, dieſe Dame anzuſehen. Hier iſt aber ebenfalls eine, uns gegenuͤber, die auch ſehr ſchoͤn iſt.. Dieſe in weiße und roſenrothe Schleier ſchier vergrabene Blondine...“— „— Das iſt die Frau Graͤfin Emma von Valdieri, ſie iſt in der That entzuͤckend; ſie gleicht einer Syl⸗ —y phide, einer Luftgeſtalt! Sie hat einen muſterhaften 11 Wuchs, kleine Fuͤßchen, kleine Haͤndchen, einen kleinen Mund, kleine Ohren, nur ihre Augen ſind groß. Sie iſt eine ausgezeichnet niedliche Frau; aber außerordentlich nervenſchwach, kraͤnklich und beſonders launenhaft; heute werden Sie mit einem zaͤrtlichen Blicke von ihr em⸗ pfangen, morgen macht ſie nicht einmal Miene, Sie zu kennen. Die Huldigungen haben ſie verwoͤhnt. Graͤfin Emma iſt eine Franzoͤſin, aber ihr Gatte iſt ein Korſe .. Jener dicke Herr mit dem ſtarken Backenbart iſt es, der an dem Clavier ſolfeggirt. Er hat eine herrliche Baßſtimme, will deßhalb auch immer ſingen, und ſcheint ſich, obgleich er ein Korſe iſt, wenig um die ſeiner Frau zugewendeten Schmeicheleien zu bekuͤmmern.“ Herr Trichet, der ziemlich weit von Monfreville ent⸗ fernt ſtand, hatte doch vernommen, was dieſer zu Che⸗ rubim ſagte, er naͤherte ſich beiden Freunden und ſprach in ſcherzendem Tone:— „Ja, ja, der ſchoͤne Saͤnger Valdieri iſt nicht ſehr eiferſuͤchtig... man muß ihm aber doch nicht allzu ſehr trauen!... Von dieſen Korſen hat man immer eine Vendetta(Rache) zu fuͤrchten.... Und wie ſteht's mit Ihrer Geſundheit, Herr von Monfreville?“ „— Sehr gut, mein Herr, ich danke Ihnen.“ „— Man hat Sie laͤngere Zeit nicht in den Geſell⸗ ſchaften geſehen. 4 „— Ich war genoͤthigt, einige Zeit auf meinem Landgut bei Fontainebleau zuzubringen.“ .„— Ahl ſchon, Sie fuͤhren dieſen Herrn in die Welt ein... er haͤtte keinen beſſern Geleitsmann finden konnen.“ ₰ 12 Cherubim verbeugte ſich, wollte einige Worte erwi⸗ dern, hielt es aber, nachdem er einen Verſuch gemacht hatte, fuͤr beſſer, zu ſchweigen. Herr Trichet ſetzte die Unterhaltung fort, als er auf einmal am andern Ende des Saales drei Herrn lebhaft mit einander ſprechen hörte; alsbald eilte er auf ſie zu und rief: „So iſt es nicht... Sie ſind falſch berichtet! Ich kenne dieſe Geſchichte beſſer als Sie, und will ſie Ihnen erzaͤhlen.“ Monfreville blickte laͤchelnd Cherubim an und ſagte zu ihm: „Es iſt unnothig, Ihnen zu ſagen, daß dieſer Herr, Namens Trichet, das neugierigſte, ſchwatzhafteſte Weſen von der Welt iſt; er kann keine zwei Perſonen mit ein⸗ ander ſprechen ſehen, ohne ſich in ihre Unterredung zu miſchen, was nicht immer amuͤſirt..... Da aber Herr Trichet ein alter, ſehr reicher Junggeſelle iſt, der praͤch⸗ tige Gaſtmaͤhler gibt, und, abgeſehen von ſeiner Neu⸗ 5 gier, einigen Geiſt beſitzt und ziemlich gut erzaͤhlt, ſo hat er uͤberall in allen Salons und allen Theatern Zu⸗ tritt.“ Cherubim ließ ſeine Blicke weiter auf den im Saale verſammelten Perſonen herumſchweifen, als die Thuͤre aufging und „Herr, Frau und Fraͤulein von Noir⸗ mont“ gemeldet wurden. Eine hoch gewachſene Dame von edler und eleganter Geſtalt trat mit einem jungen, vierzehn⸗ bis fuͤnfzehn⸗ jaͤhrigen Maͤdchen zuerſt ein. Dieſe Dame, deren Klei⸗ dung, obgleich koſtbar, doch beinahe von ſtrenger Ein⸗ —2 —— 1 2 „ 7 13 fachheit war, ſchien etwas uͤber dreißig Jahre zu zaͤhlen; ihre Zuͤge waren ſchoͤn, aber ernſt, ihre großen, braunen Augen mit dichten Brauen hatten einen unbeſtimmten, nachdenklichen Ausdruck, der auf die Vermuthung brachte, daß ſie oft mit ganz andern Dingen beſchaͤftigt war, als woruͤber ſie ſprach. Ihr etwas zuſammengekniffener Mund verzog ſich beinahe nie zu einem Laͤcheln; ſchoͤne, ſchwarze, lange Flechten ſtanden ihrem kalten, ſtolzen Antlitz vortrefflich. In dem jungen Maͤdchen druͤckte ſich die Lieblichkeit ſeines Alters aus; ohne auffallend huͤbſch zu ſein, ge⸗ fielen ihre Zuͤge durch einen reizenden Ausdruck von neckiſcher Schelmerei, welche von den ſtrengen Blicken ihrer Mutter ofters in den Schranken gehalten wurde. Herr von Noirmont, der ihnen folgte, war ein mehr als fuͤnfzigjähriger Mann, groß und etwas vorgebeugt, einige braune Haare bedeckten ſeine Schlaͤfe, aber die Mitte ſeines Hauptes war voͤllig kahl, in ſeinen Zuͤgen lag Haͤrte, Stolz und wenig Anmuth; ſie waren jedoch regelmaͤßig und mußten ſehr ſchon geweſen ſein, aber ſein ſtarrer Blick, ſeine rauhe Stimme und ſeine Einſylbig⸗ keit erweckten weder Freundſchaft, noch Vertrauen. Die Ankunft dieſer drei Perſonen ſchien auf Monfre⸗ ville einen bedeutenden Eindruck zu machen; er runzelte die Stirne, zog die Augenbrauen zuſammen, und ſein Blick verduͤſterte ſich; bald aber das eben empfundene Gefuͤhl unterdruͤckend, nahm er wieder die vorige liebenswuͤrdige und heitere Miene an; es war ſogar, als ob er ſich be⸗ ſtrebte, munterer als vorher zu ſcheinen.— Herr Trichet, der wieder Cherubims Naͤhe aufge⸗ 14 ſucht hatte, zogerte nicht, uͤber die Neuangekommenen ſeine Bemerkungen zu machen. „Das iſt die Familie Noirmont....“ ſagte er,„ſie haben ihr Gut in der Normandie verlaſſen und wohnen jetzt in Paris... ſie mußten auf ihrer Herrſchaft ſchaͤnd⸗ liche Langweile haben!... ſie ſind nicht heiter!... Noir⸗ mont iſt trocken, ſteif, hochmuͤthig!... weil er einſt Gerichtsbeamter war, konnte man immer noch glauben, er wolle einen verurtheilen... uͤbrigens iſt er ein ſtreng rechtlicher Mann... ol ſein Ruf gebuͤhrt ihm, aber lie⸗ benswuͤrdig iſt er nicht. Seine Frau iſt die wuͤrdige Genoſſin ihres Gatten, ſpricht ſehr wenig und lacht nie⸗ mals.. ich weiß nicht, ob ſie Geiſt hat... jedenfalls ſtellt ſie ihn nie zur Schau!... was ihre Tugend anbe⸗ trifft, o! dieſe iſt tadellos! unantaſtbar, wie die Recht⸗ lichkeit ihre Mannes. Und doch muß Madame Noir⸗ mont, die noch recht huͤbſch iſt, obgleich ſie etwa drei bis vierunddreißig Jahre alt ſein mag... ja, ſo viel ſchaͤtze ich ſie, in ihrer Jugend hinreißend geweſen ſein... wenn ſie naͤmlich damals zu laͤcheln vermochte! Ihre Tochter, die kleine Erneſtine, iſt noch ein Kind.. ſie iſt artig, hat eine froͤhliche, ſchelmiſche Miene.. was ein Beweis waͤre, daß ſie weder dem Vater, noch der Mutter nach⸗ ſchlagt... wie es oft der Fall iſt... Ach! warten Sie doch, Oberſt, ich habe die Perſon, von der Sie ſprechen, gekannt... ich will Ihnen den Vorfall, deſſen Sie eben erwaͤhnen, aus einander ſetzen.“ Dann eilte Herr Trichet zu dem großen Herrn mit dem aufgeſtutzten Schnurrbarte, der ſich mit zwei Damen unterhielt; und Cherubim bemerkte, ſich um⸗ 2 -— 15 wendend, daß Monfreville von ſeiner Seite entfernt war. Als der Juͤngling inmitten dieſer zahlreichen Geſell⸗ ſchaft allein ſtand, fuͤhlte er ſich ganz verlegen, und ver⸗ lor den Muth, den ihm die Naͤhe ſeines Freundes bisher einfloßte. Er wollte nicht linkiſch und bloͤde neben dem Kamin bleiben, wo er aller Augen ausgeſetzt war, daher entfernte er ſich, hinter einem Lehnſtuhl herumſchleichend, aus dem Kreiſe, dann trat er zu einer Fenſtervertiefung, wo er aber durch nebenan ſitzende Perſonen abgehalten wurde, weiter zu gehen. Er wollte wieder umkehren, aber Madame Noirmont und ihre Tochter hatten die vor ihm ſtehenden Seſſel eingenommen und ihm dadurch dergeſtalt den Ruͤckweg abgeſchnitten, daß er ſich inner⸗ halb eines ganz engen Raumes befand, den er, ohne die vor ihm ſitzenden Damen zu ſtoͤren, nicht verlaſſen konnte; da er einer ſolchen Kuͤhnheit unfaͤhig war, ſo entſchloß er ſich, in ſeiner Ecke zu verweilen, bis der Zufall Monfreville herbeifuͤhre, um ihn aus ſeiner Ge⸗ fangenſchaft zu befreien. Die vor Cherubim ſitzenden Damen vermutheten nicht, daß Jemand hinter ihnen in der Ecke ſtehe. Die uUnterredungen im Saale wurden fortgeſetzt; man ging, kam, lachte, ſpazierte auf und ab. Cherubim allein konnte ſich nicht ruͤhren, und wußte nicht, welche Figur er in ſeinem Winkelchen machen ſollte. Madame Celival ging mehrmals an den ihn blokirenden Perſonen vor⸗ uͤber, aber ſie bemerkte ihn nicht, was ihm höchſt er⸗ wuͤnſcht kam, denn er. haͤtte nicht gewußt, welche Ant⸗ wort er der Dame geben ſollte, wenn ſie ihn gefragt 88 16 haͤtte, was er da mache. Auch Monfreville'n bemerkte er wieder im Saale, aber dieſer gewahrte die flehenden Blicke nicht, die ihm ſein junger Freund zuwarf, und ſtatt ſich zu naͤhern, ſchien er vielmehr die Gegend, wo Frau von Noirmont ſaß, zu meiden. Beinahe eine Stunde verfloß auf dieſe Weiſe, der arme Cherubim war todtmuͤde vom immerwaͤhrenden Stehen, und langweilte ſich in ſeiner engen Ecke entſetz⸗ lich. Zwar konnte er hoͤren, was Frau von Noirmont mit ihrer Tochter ſprach, aber dieſe Dame pflegte keine lange Unterhaltungen, und erwiderte kurz auf die Fragen der jungen Erneſtine. „Mutter,“ fragte Fraͤulein von Noirmont, nachdem ein junges Maͤdchen eine Romanze geſungen hatte,„er⸗ laubſt Du nicht, daß ich auch ſinge?“ „— Nein, meine Tochter, Du biſt zu jung, um Dich allen Blicken auszuſetzen und vorzudraͤngen, und ſollſt außerdem, wenn es Dein Vater nicht verlangt, niemals oͤffentlich ſingen..“ „— Warum denn, liebe Mutter... 2“ — Weil mir an einem jungen Maͤdchen die be⸗ ſcheidene Demuth beſſer gefaͤllt, als die prunkende Eitel⸗ keit.“ „— Aber warum haͤlſt Du mir dann einen Muſik⸗ und einen Sing⸗Lehrer?“ „— Dieſe Talente gewaͤhren in der Einſamkeit mehr Ruhn als im oͤffentlichen Leben.“ — Ach, aber ich moͤchte ſo gerne, Mutter...“ „— Genug, meine Tochter!“ 3 Ein Blick der Frau von Noirmont gebot dem zunda 17 Maͤdchen Schweigen, aber nach wenigen Augenblicken begann ſie wieder: „Man tanzt alſo hier nicht, Mutter?“ „— Nein.. habe ich Dir geſagt, daß wir auf einen Ball gehen?“ „— O nein, aber zuweilen wird in den Geſellſchaften getanzt.. dann iſt's weit unterhaltender!“ „— DOu denkſt nur ans Vergnuͤgen und Tanzen!“ „— O! es macht mir ſo viel Freude, der Vater hat mir verſprochen, dieſen Winter einen großen Ball zu geben.“ „— Einen großen Ball!... ach! ich hoffe, daß er dieſen Gedanken aufgibt!“ „— Warum denn, iſt's Dir nicht Recht, Mutter?“ „— Schon gut, ſchweige nur!“ Das Maͤdchen ſchwieg mit einer lieblich ſchmollenden Miene, dann faßte die Mutter lebhaft ihrer Tochter Hand, druͤckte dieſelbe in den ihrigen, und ſagte in ſanf⸗ terem Tone mit einem Ausdruck tief gefuͤhlter Wehmuth zu ihr: „Ich betruͤbe Dich, Erneſtine, Du liebſt Deine Mut⸗ ter deßhalb nicht!“ Statt aller Antwort fuͤhrte das junge Maͤdchen die Hand der Mutter zum Munde und kuͤßte ſie, indem ſie fluͤſterte: „O! Du weißt wohl, daß ich Dich liebe!...“ Als ſich Erneſtine ploͤtzlich umwendete, gewahrte ſie Cherubim, der beinahe auf keinem Fuß mehr ſtehen konnte. Der Anblick des jungen Mannes, welcher eine ſo ſonder⸗ bare Figur machte, nothigte Erneſtinen ein Laͤcheln ab, das Paul de Kock. VII. 2 entfernte ſich haſtig mit Monfreville, ohne die außer⸗ 18 ſie nur halb unterdruͤcken konnte. Ihre Mutter ſagte hierauf: „Was haſt Du denn?... was faͤllt Dir ein? So lacht man in Geſellſchaft nicht, das iſt unpaſſend...“ Ohne zu antworten, ſtieß das Maͤdchen ihre Mutter ein wenig an und ſtotterte: „Sieh doch... es iſt ein kleiner Herr... hinter uns!.. Madame Noirmont wendete ſich um und erblickte Cheru⸗ bim, der ganz außer Faſſung, ihr eine tiefe Verbeugung machte. Erſtaunt, den Juͤngling in die Fenſtervertiefung eingeſperrt zu ſehen, ſchickte ſich Frau von Noirmont an, ihm einen Ausweg zu oͤffnen... aber in demſelben Au⸗ genblick trat Monfreville, der eben ſeinen Freund, den er vergeblich in allen Salons geſucht, entdeckt hatte, auf die Gruppe zu, um ihm bei ſeiner Befreiung behuͤlflich zu ſein. Als Frau von Noirmont Monfreville gerade auf ſich zukommen ſah, ſchien eine krampfhafte Bewegung ſie zu durchzucken, ihr Angeſicht blieb aber beinahe unveraͤndert. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ redete ſie Monfre⸗ ville an,„ich muß Sie um Erlaubniß bitten, dieſen jungen Mann befreien zu duͤrfen, der, wie ich mir vor⸗ ſtelle, gewiß ſchon lange, ohne ſich zu ruͤhren, hinter Ihnen ſteht, aus Furcht, Sie zu ſtoͤren.“ Statt aller Antwort gab Frau von Noirmont ihrer Tochter einen Wink, aufzuſtehen, was dieſe ſogleich be⸗ folgte. Cherubim benuͤtzte den Ausgang ſchleunig, rich⸗ tete tauſend Entſchuldigungen an die kleine Erneſtine und 19 ordentliche Blaͤſſe auf dem Angeſicht der Frau von Noir⸗ mont und die erzwungene Heiterkeit ſeines Freundes zu bemerken. „Ich ſteckte laͤnger als eine Stunde dahinten!“ ſagte Cherubim leiſe, ſeinem Fuͤhrer folgend.„Ach! ich war ſchmaͤhlich daran!... welche Qual!...“ „— Eil lieber Freund, warum ſchluͤpfen Sie auch in den Ecken herum?... Hat Frau von Noirmont mit Ihnen geſprochen?“ „— Die Dame mit der ſtrengen Miene... welche vor mir ſaß... nein, wahrhaftig nicht, Sie hatte mich eben erſt bemerkt... o! in dieſe verliebe ich mich nicht 2..: obgleich ſie ſehr huͤbſch iſt!... denn ich finde ſie nicht liebenswuͤrdig... welcher Unterſchied gegen der Graͤ⸗ fin Valdieri... der Madame Celival... dieſer dort... und jener.“ Waͤhrend Cherubim ſeine Blicke auf den ihm gefallen⸗ den Damen herum ſchweifen ließ, ging Herr von Noir⸗ mont von Herrn Trichet, mit dem er geſprochen hatte, weg und begab ſich in die Naͤhe des jungen Marquis, vor dem er ſich mit folgenden Worten tief und foͤrmlich verbeugte: „— Ich vernehme ſo eben, daß der Sohn des ver⸗ ewigten Marquis von Grandvilain hier ſei, und will ihm meine Verſicherung geben, daß ich entzuͤckt bin, den Sohn eines Mannes zu ſehen, welchen ich in jeder Hin⸗ ſicht achtete und verehrte. Ja, mein Herr, ich rechnete Ihren Vater zu meinen werthen Bekannten... er war ein ſehr galanter Mann, ich zweifle nicht daran, daß ihm ſein Sohn aͤhnlich ſei, und hoffe, daß er mir die 20 Ehre erweiſen und mich beſuchen wird... hier iſt meine Karte, Herr von Grandvilain, ich ſchmeichle mir, Sie bald bei mir zu ſehen.“ Cherubim verbeugte ſich, ganz erſtaunt uͤber dieſe neue Einladung, und erwiderte einige allgemeine Redens⸗ artenz aber Herr von Noirmont zog ihn mit ſich, waͤh⸗ rend er ſprach: „Erlauben Sie mir, daß ich Sie meiner Gattin vorſtelle.“ Cherubim ließ es geſchehen, mit Beben ſah er ſich uͤbrigens jener Ecke zufuͤhren, wo er ſo lange verweilt hatte, diesmal wurde er aber nicht wieder eingeſperrt. Herr von Noirmont ſtellte ihn ſeiner Frau it den Wor⸗ ten vor: 5 „Der Herr Marquis von Grandvilain... Sohn eines Mannes, von dem ich die Ehre hatte, ausgezeich⸗ net zu werden.“ Frau von Noirmont, die ihren jungen Gefangenen erkannte, unterdruͤckte eine Bewegung des Staunens, gruͤßte Cherubim kalt und ſchien es, aus Furcht, aber⸗ mals Monfreville bei ihm zu ſehen, nicht zu wagen, ihn anzublicken. Die kleine Erneſtine biß ſich in die Lippen, um nicht in ein Gelaͤchter auszubrechen, als ſie ihren Vater den vorgeſtellten Grandvilain nennen hoͤrte. Endlich war Cherubim wieder frei, er eilte Monfre⸗ ville nach, der ihn fragte: „Man hat Sie der Frau von Noirmont vorgeſtellt?“ „— Ja, mein Freund.“ „— Was ſagte ſie zu Ihnen?“ 21 — „— Nichts, ſie verbeugte ſich ſogar ſehr kalt gegen mich.“ „— Werden Sie in dieſem Hauſe Beſuche machen?“ „Meiner Treu, ich habe keine Luſt; es kommt mir vor, als muͤſſe man ſich dort entſetzlich langweilen; die⸗ ſer Herr von Noirmont iſt ſo ſtreng hoflich, daß es einen erſtarren macht!... Ueberdies bin ich nicht verpflichtet, alle Freunde meines Vaters zu beſuchen.. ſie ſind eben nicht von meinem Alter.“ „— Sie geben Ihre Karte bei Herr von Noirmont ab, dann iſt's geſchehen, ich denke auch, es ſei uͤber⸗ fluͤſſig fuͤr Sie, in dieſes Haus zu gehen. Ach, Madame Celival ſucht Sie, ſie hat mich vorhin gefragt, was aus Ihnen geworden ſei?... Ich glaube, Sie haben ihre Eroberung gemacht.“ „— Wirklich!.. o! wenn das wahr waͤre!...“ „— Sehen Sie, dort unten iſt ſie... ſprechen Sie ein wenig mit ihr...“ „— Was denn?“ „— Was Sie wollen... Sie wird Ihnen uͤbrigens ſelbſt Stoff zur Unterhaltung geben; ſeien Sie nicht ſchuͤch⸗ tern, mein lieber Freund, dies waͤre nicht das Mittel, Ihren Weg in der Welt zu bahnen.“— Cherubim faßte einen ungewoͤhnlichen Entſchluß und naͤherte ſich Madame Celival; als ſie ihn auf ſich zukom⸗ men ſah, laͤchelte ſie holdſelig und gab ihm ein Zeichen, ſich neben ſie zu ſetzenz durch dieſen Empfang ermuthigt, ließ er ſich neben der ſchoͤnen Brunette nieder und ſtot⸗ terte einige unmoͤglich zu verſtehende Worte, worauf jedoch Madame Celival antwortete, als ob ſie dieſelben vernommen haͤtte. 22 Eine geiſtreiche Frau iſt, wenn ſie will, im Stande, dem Schuͤchternſten Muth einzufloͤßen, indem ſie ſelbſt die Unterredung hebt und belebt. Cherubim fuͤhlte mehr Sicherheit, war kuͤhner und zufriedener mit ſich ſelbſt; er war ſchon ganz zutraulich mit dieſer Dame, als ſich der unvermeidliche Herr Trichet neben ihm aufpflanzte und ausrief: „— Ich weiß nicht, wovon die Rede iſt!... und doch wette ich, daß ich den Gegenſtand Ihrer Unterhal⸗ tung errathe.“ Madame Celival, die uͤber Trichet's Einmiſchung in ihr Geſpraͤch ſehr mißvergnuͤgt ſchien, entgegnete dem alten Junggeſellen: „Sie wollen immer errathen, was man ſagt!... Sie koͤnnten ſich leicht taͤuſchen... Wir wollen ſehen, was ſagte mir der Herr?“ „— Daß Sie reizend, anbetungswuͤrdig ſeien... denn etwas Anderes kann man Ihnen nicht ſagen.“ Madame Celival laͤchelte mit etwas freundlicherer Miene, waͤhrend Cherubim bis in das Weiße der Augen errothete und rief: „Nein! das habe ich Madame nicht geſagt!...“ „— Dann haben Sie's gedacht!“ erwiderte Herr Trichet,„und das iſt das Naͤmliche.“ Cherubim fand keine Antwort, er ſchlug die Augen nieder und ſah ſo poſſierlich aus, daß Madame Celival, die ihn ſeiner Verlegenheit wegen bemitleidete, aufſtehend ſagte: „Ei! mein lieber Trichet, Sie ſind ein alter Narr! .. deßhalh darf man Ihnen nichts nachtragen.“ 23 Der alte Junggeſelle hörte die letzten Worte nicht mehr; er eilte auf einen am andern Ende des Saales redenden Herrn zu, dem er ſich das Vergnuͤgen machte, das Wort abzuſchneiden; und Madame Celival verließ Cherubim mit einem zugleich liebenswuͤrdigen und zaͤrt⸗ lichen Blicke, indem ſie ſprach: „Ich hoffe, mein Herr, daß Ihnen mein Haus an⸗ genehm ſein wird, Sie werden mir ſolches beweiſen, wenn Sie mich recht oft beſuchen.“ „Nun!“ ſagte Monfreville, wieder mit Cherubim uuſarnmentreffend„es ſcheint mir, Ihre Angelegenheiten ſind in gutem Gang.“ „— Ach, mein Freund! das iſt eine herrliche Dame; neben ihr kam ich mir ſogar geiſtreich vor!... Ich war noch nie ſo wohl mit mir zufrieden.“ „— So iſt's immer!.. Die Freundſchaft eines großen Mannes iſt eine Wohlthat der Gotter! Aber die Liebe einer liebenswuͤrdigen Frau iſt das größte Gluͤck auf Erden! Kommen Sie, Sie ſpielen nicht und ich auch nicht, es iſt Zeit zum Nachhauſegehen.“ Hierauf entfernten ſich Cherubim und Monfreville aus dem Saale, den die Familie Noirmont kurz zuvor ver⸗ laſſen hatte. 3 Zweites Kapitel. Die Graͤfin von Globeska. Es war neun Uhr Abends, und zwei Maͤnner, die zu warten und zu beobachten ſchienen, gingen in der Straße Grenetat auf und ab, der eine von der Mitte derſelben bis an den Brunnen, der die Ecke der Straße Saint⸗Denis bildet; er trug einen langen Oberrock, der ſich feſt an ſeine Taille ſchloß, und bis zu dem Kinn zugeknopft war; er hatte das ganze Weſen eines Stutzers und ſtrohgelbe Handſchuhe an; wenn er aber an einem ſehr hell erleuchteten Laden voruͤber kam, ſo bemerkte man, daß ſein Rock abgenuͤtzt und an manchen Orten. fleckig und ſeine ſtrohgelben Handſchuhe nicht mehr rein und friſch waren. Der Herr rauchte eine Cigarre mit der ganzen Grazie eines Stammgaſtes von Tortoni. Der zweite in einen alten, nußbraunen Rock gehuͤllt, der uns ſchon bekannt iſt, hatte einen runden Hut auf dem Kopfe, der ſo nieder und deſſen Raͤnder ſo breit waren, daß man ihn von der Ferne fuͤr einen Koͤhlerhut hielt. Dieſer machte nur einige Schritte vor einem Hauſe— zu dem eine ganz dunkle Allee fuͤhrte, und deſſen Thuͤre offen ſtand— bis zwei oder drei Haͤuſer weiter, verlor aber dabei die Allee, von der er ſich entfernte, nicht aus den Augen. In dieſen zwei Perſonen hat man Darena und ſeinen wuͤrdigen Freund, Herrn Poterne, bereits erkannt. Seit ſein Geſchaͤftsmann nicht mehr in Verbindung mit dem jungen Marquis von Grandvilain ſtand, war Darena's Glanz ſehr geſunken; da die eruͤbrigten Ge⸗ ☛ —————— 25 winnſte in ſehr kurzer Zeit von ihm aufgezehrt worden waren, ſo hatte er ſich wieder gendthigt geſehen, in jenen Zuſtand zu verfallen, den er ſein„nobles Pech“ nannte, den dagegen Herr Poterne mit dem Ausdruck „vollſtaͤndiges Mißgeſchick“ bezeichnete. Allerdings ſtand Darena die Boͤrſe ſeines jungen Freun⸗ des noch zuweilen offen, aber durch allzuhaͤufige Anwen⸗ dung dieſer Huͤlfsquelle fuͤrchtete er ſich bei Cherubim gaͤnzlich zu ſchaden; denn der junge Mann hatte trotz ſeiner natuͤrlichen Gutmuͤthigkeit einen geſunden Verſtand, der ihm eingab, was ſich nicht ſchicke, und Darena wollte ſich das Haus Grandvilain nicht vollſtaͤndig ver⸗ ſchließen. „Ei was! haͤlt mich das Vieh von Poterne fuͤr einen Narren,“ ſprach Darena, an der Straßenecke ſtillſtehend, um die Aſche von ſeiner Cigarre abzuſtoßen.„In der Straße Grenetat Schildwache ſtehen.. wo es immer ſo kothig iſt!... nun, das iſt laͤndlich!... ich ſollte jetzt im Foyer der großen Oper ſein!.. Ach! ich vergeſſe ſtets, daß mein Anzug etwas abgetragen iſt!... welche ab⸗ ſcheuliche Eigarre!... pfui!... man findet nichts Gu⸗ tes in dieſem Stadtviertel hier!“ Darena warf den Reſt ſeiner Cigarre weg, ging wieder zuruͤck und hielt neben Poterne, der ſich an einen Schutz⸗ ſtein lehnte und unverwandt nach der dunkeln Alleee blickte, ſtieß ihn mit dem Ellbogen an und ſagte zu ihm: „Werden wir noch lange hier bleiben, alter Kater? weißt Du, daß mich das betraͤchtlich zu langweilen an⸗ fängt.“ „Wenn man ein unternehmen gluͤcklich zu Ende brin⸗ 7 26 gen will, ſo muß man Geduld haben,“ antwortete Poterne, ohne die Augen abzuwenden. „Gluͤcklich zu Ende bringen!... ich glaube nicht, alter Schelm, daß das Ende Dir zu einem beſondern Gluͤck gereichen wird; abex warum laͤßt ſich die Dirne ſo lange erwarten?... Weiß ſie denn nicht, daß Du da biſt?... Nun Poterne, gib Deinem Freunde Antwort!“ Poterne kehrte ſich haſtig um und ſagte mit leiſer Stimme:„Vor allen Dingen bitte ich Sie inſtaͤndig, nennen Sie meinen Namen nicht... es iſt unnöthig, daß die Kleine meinen wahren Namen weiß, ſie koͤnnte ihn aus Vergeſſenheit oder Dummheit ausſprechen, und dann wuͤrde mein ganzer Plan zu Waſſer werden!...“ — Du ſelber ſollteſt zu Waſſer werden muͤſſen!... aber, halt, laß ein Mal hoͤren, was Du auserſonnen haſt... damit ich ſehe, ob auch Vernunft darin liegt.. denn dieſen Morgen habe ich nicht auf Dein Geſchwaͤt Arhun 4 — Das iſt ganz einfach: wir wollen es probiren, den käungen Cherubim verliebt zu machen, um ihn in einen Handel hineinzuziehen, der uns Vortheil gewaͤhren muß.“ „— Ach ja, denn obgleich„das Gold iſt nur Chimaͤre,“ ſo weigern ſich doch alle die Flegel von Schneider, mir ohne dieſe Chimaͤre Kleider zu machen!“ „— um unſern Adonis recht ins Feuer zu jagen, mußte vor allen Dingen ein recht huͤb es Maͤdchen ge⸗ funden werden.“ 4 — Ganz richtig, wer einen Haſenpfeffer eſſen will, muf vorher einen Haſen haben.“ * 27 „— Ich habe gefunden, was wir brauchen... hier in dieſem Hauſe, im dritten Stocke, hinten hinaus... iſt eine Roſe... eine wahre Roſe!“ „— Eine Roſe in dieſem haͤßlichen Hauſe... und hinten hinaus... ich fuͤrchte ſehr, daß die Deinige eine Hagebutte iſt!“ „— Sie werden ſolche alsbald ſelbſt beurtheilen konnen.... um dieſe Zeit gehen die Maͤdchen von der Arbeit... ich wundere mich, daß ſie noch nicht kommen.“ 3 „— Was treibt ſie denn, dieſe Purpurroſe?“ „— Sie macht italieniſche Strohhuͤte.“ „— Achl vortrefflich; und ſie iſt rechtſchaffen?“ „— Ach! ich halte ſie nicht gerade fuͤr ein Roſen⸗ maͤdchen, aber ſie ſieht ganz ehrbar aus; ſie betet einen kleinen Landsmann von ihr an, der genöthigt war, als gemeiner Infanteriſt abzuziehen, und ihr ganzes Gluͤck beſtaͤnde darin, ſo viel zu erſparen, daß ſie ihn, wenn er wieder heimkehrt, heirathen koͤnnte; auch hoͤrt ſie nicht auf all die jungen Leute, die ihr Abends nachjagen, denn ſie weiß wohl, daß es nur Taugenichtſe ſind, die ſie nicht in Stand ſetzen werden, ſich mit ihrem kleinen Landsmann haͤuslich niederzulaſſen.“ „— Bravo!l das junge Maͤdchen hat praͤchtige Grund⸗ ſaͤtzez wie haſt Du ihre Bekanntſchaft gemacht?... Zahl⸗ teſt Du ihr Kaſtanien?“ „— Nein, ich vertheidigte ſie gegen einen jungen Friſeur, der, um ihren Arm zu nehmen, ſie ſtets weiter unten anfaßte..“ „— Dieſe Friſeur's ſind Böͤſewichter; dahin fuͤhrt 28 die Gewohnheit des Haarkraͤuſelns... und was haſt Du dieſer Roſenknospe fuͤr einen Vorſchlag gemacht?“ „— Vor allen Dingen gab ich mich fuͤr einen ade⸗ ligen Polen, den Grafen von Globeski, aus.“ „— Schuft! der ſich erlaubt, den Titel eines Gra⸗ fen anzunehmen!... und weiter!“. „— Dann ſagte ich zu dem Maͤdchen, ſie koͤnne, wenn Sie wolle, durch mich eine huͤbſche Summe Gel⸗ des verdienen... Da ſie anfangs glaubte, ich ſei verliebt in ſie, ſo entgegnete ſie mir, ich ſei zu haͤßlich.“ „— Gut, dieſe Freimuͤthigkeit gefaͤllt mir.“ „— Hierauf beruhigte ich die Kleine mit der Ver⸗ ſicherung, daß es ſich nicht um mich handle, ſondern um einen ſehr huͤbſchen jungen Mann... den wir aus Fa⸗ miliengruͤnden in ſie verliebt machen moͤchten.“ „— Alle Achtung vor den Familiengruͤnden!.... fahre fort.“. „— Meine ſchoͤne Arbeiterin ſchien mir keine lebhafte Einbildungskraft zu haben, trotz dem begriff ſie mich einigermaßen. Sie iſt aus dem Elſaß, heißt Chichette Chichemann... und hat einen etwas fremdartigen Accent ... der jedoch nicht unangenehm iſt und um ſo mehr fuͤr den polniſchen gehalten werden kann, als dieſe Sprache der deutſchen viel gleicht. Kurz, ich habe dieſen Abend ein Rendez⸗vous mit ihr, wir fuͤhren ſie in ein Kaffee⸗ haus und werden dort uͤber unſer Vorhaben einig; Sie werden ſich uͤberzeugen, daß ſie ſehr ſchoͤn iſt und zum Taͤuſchen unſchuldig und jungfraͤulich ausſieht. Wenn ſie als polniſche Graͤfin gekleidet ſein wird, muß ſich der junge Marquis unfehlbar wahnſinnig in ſie verlieben.“ 7 29 „— Wir wollen's hoffen und dann ſchnell handeln, denn Monfreville fuͤhrt Cherubim jetzt in die große Welt, unſere wahrhaftige Marquiſinnen und Graͤfinnen werden den Juͤngling ſchoͤn finden, und er ſich ſeinerſeits auch in eine dieſer Damen verlieben.... wenn einmal ſein Herz gefangen waͤre..“ „— So wären wir um unſere Muͤhe betrogen!“ „Ah bah! wenn Deine Kleine wirklich ſchoͤn iſt... kann uns das nicht ſtoren: im menſchlichen Herzen gibt's immer Platz fuͤr eine neue Liebe... mit neunzehnthalb Jahren haͤtte ich mich in alle fuͤnf Welttheile verliebt! .... Doch! Achtung, ich glaube, die kleine Heerde naht ſich.”“ In der That kamen einige junge Maͤdchen mit kleinen Haͤubchen und beſcheidenen Schuͤrzchen aus der dunkeln Allee heraus; zu einigen geſellten ſich alsbald junge Leute, die ebenfalls auf ihre Heimkehr geharrt hatten. Andere gingen allein. Darena und Poterne, die auf der entge⸗ gengeſetzten Seite der Straße ſtanden, ließen alle Arbei⸗ terinnen an ſich vorbei gehen; die letzte endlich huͤpfte uͤber die Pfuͤtze und eilte auf Poterne zu, der ſich Muͤhe gab, ihr mit angenehmer Stimme zu ſagen: „Sie haben mich erkannt, Fraͤulein Chichette?“ „— Ach! ich will's doch glauben... Sie gleichen einem Koͤhler mit Ihrem Hute!)..“ Darena ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf, die junge Naͤhterin ſtand ſtille und fragte: „— Ach! es iſt Jemand bei Ihnen, Herr Glo⸗ beskie. „— Ja, einer meiner vertrauten Freunde, dem die 3 30 Leitung der mit Ihnen beſprochenen Angelegenheit an⸗ vertraut iſt... Wir werden irgendwo die Sache mitein⸗ ander beſprechen.“ „Ja, mein liebes Kind,“ ſagte Darena, den Arm des jungen Maͤdchens auf den ſeinigen legend,„ wir wollen beim Punſchtrinken miteinander ſchwatzen... lieben Sie den Punſch?“ „— O! ja, ſehr!“ entgegnete die Elſaßerin, Darena anblickend. „Vortrefflich, ich ſehe ſchon, wir werden uns gegen⸗ ſeitig verſtehen!... Ich bin etwas minder haͤßlich, als jener Herr, reichen Sie mir Ihren Arm, ich werde Sie weniger abſchrecken. Iſt hier in der Naͤhe ein etwas reinliches Kaffeehaus?... Wir wollen in die Straße Saint⸗Denis hinuͤber... Ich habe Sie noch nicht be⸗ trachtet; man hat mir geſagt, Sie ſeien reizend... Ich muß mich aber ſelbſt davon uͤberzeugen. Ah! gut, dort iſt gerade eine Apotheke.“ 2 Darena zog die Arbeiterin zu einer Apotheke hin, ſtellte ſie vor eine jener blauen Glaskugeln, die eine matte Helle auf die Straße werfen, blickte ſie an und rief aus: „— Sehr huͤbſch!... ah, meiner Treu! recht lieb⸗ lich!... Wenn Sie beim Schein der Glaslampe ſo vor⸗ theihaft ausſieht, wie wird ſie ſich erſt beim wahren Lichte ausnehmen. Ach! ſiehe dort ein Kaffeehaus, wir wollen hineingehen.“ Die Herren traten mit Fraͤulein Chichette ins Kaffee⸗ haus; ſie waͤhlten in der Ecke des Saales einen Tiſch, um ungeſtorter miteinander ſprechen zu können, und Da⸗ rena befahl dem Kellner: 1 31 „Eine Bowle Punſch mit Rhum!... ſo gut Ihr ihn machen könnt.“ 4 Poterne verzog das Geſicht und ſagte leiſe zu Darena: „Die Kleine haͤtte ſich t Bier begnuͤgt... Es iſt nicht der Muͤhe werth. „— Was ſoll das daitens Du wirſt ein erbaͤrmlicher Filz!... Poterne, mein Freund, Du weißt, daß ich ſo etwas nicht leiden kann.“ — Heißen Sie mich doch nicht Poterne!...“ „— Dann ſchweig' und langweile mich nicht mit Dei⸗ nen einfaͤltigen Einwuͤrfen.“ Fraͤulein Chichette hatte an dem Tiſche Platz genom⸗ men und ſchien ſich nicht im mindeſten um das Geſpraͤch der ſie begleitenden Herren zu bekuͤmmern. Die Elſaßerin mochte etwa zwanzig Jahre alt ſein. Sie war ſehr klein, aber von einer hoͤchſt angenehmen Fuͤlle; ein rundes An⸗ geſicht, ſchoͤne, geſchlitzte braune, jedoch nicht ſehr große Augen, und zarte, regelmaͤßig gezeichnete Augenbrauen; ein kleiner Mund, huͤbſche Zaͤhne, ein kleines rundes Kinn mit einem niedlichen Gruͤbchen, etwas volle Wan⸗ gen und die Friſche ihres ganzen Weſens vollendeten in ihr das Bild eines reizenden Landmaͤdchens; uͤbrigens hatte ſie keine edle Phyſionomie, auch lag kein Ausdruck in ihrem Blicke... es war immer dieſelbe Ruhe und daſſelbe Laͤcheln. Darena betrachtete die Elſaßerin abermals und ſagte leiſe zu Poterne: „Sie iſt huͤbſch... friſch wie eine Roſe... ſieht ſittſam... ſogar dumm aus... dies wird man uͤbrigens fuͤr den Ausdruck der Sanftmuth halten. Wirklich, Ddu „ 8 32 haſt einen wahren Fund gethan; wenn ſie eine andere Kleidung an hat, ſo iſt es unmoͤglich, daß ſich Cherubim nicht verliebt. Ach! da kommt der Punſch... wir wol⸗ len trinken... trinken Sie, kleine Chichette... Die Elſaßerinnen haben ſonſt einen guten Zug im Halſe.“ Fraͤulein Chichette nahm ein Glas und ſagte: „— Ach! ja, ich trinke gerne!“ „— Ihr Accent iſt auffallend!“ brummte Darena. „Indeß gleichviel, es klingt nach dem polniſchen, daruͤber ſind wir einig.. Kellner, bringen Sie doch Makronen! Wiel Sie ſehen, daß eine Dame bei uns iſt und ver⸗ geſſen die Makronen!..Haben Sie keine!... Wenn man keine hat, macht man welche!“ „— Man laͤßt ſo eben holen, mein Herr!“ „— Gut! Geben Sie uns unterdeſſen Spritzkuchen, Lebkuchen.. oder was Sie ſonſt bei der Hand haben.“ Waͤhrend dieſer Unterhaltung ſtieß Poterne erſtickte Seufzer aus. Endlich brachte man ein Koͤrbchen, wel⸗ ches Darena vor die junge Naͤhterin ſtellte und ſich ſelbſt dergeſtalt mit Spritzkuchen vollſtopfte, als ob er nicht zu Mittag gegeſſen haͤtte. Als Poterne dies ſah, ent⸗ ſchloß er ſich auch, etwas aus dem Korbe zu nehmen, und aß alle Lebkuchen auf. Darena ſagte mit komiſchem Ernſte zu ihm: „Sie ſehen nun ein, Graf, daß ich wohl daran that, dieſe Kleinigkeiten kommen zu laſſen. Aber jetzt wollen wir von Geſchaͤften ſprechen und zur Hauptſache uͤbergehen: „Fraͤulein Chichette, Sie haben das huͤbſcheſte Ge⸗ ſichtchen, welches man in Paris und im Umkreiſe finden kann. Wir moͤchten einen jungen Mann recht toll in 33 Sie verliebt machen... Das waͤre eine Kleinigkeit; aber wir wollen zugleich, daß ſeiner Liebe Hinderniſſe im Wege ſtehen ſollen;z warum?... das kann Ihnen gleich⸗ gultig ſein, die Hauptſache iſt nur, daß Sie genau be⸗ folgen, was man Ihnen ſagt. Vor allen Dingen ſind Sie die Frau des Herrn Grafen Globeski... und in Folge deſſen die Graͤfin Globeska! Das iſt polniſcher Ge⸗ brauch: die Maͤnner nehmen ein i, die Frauen ein a an.“ „— O! nein, ich will die Frau meines kleinen Landl's' werden! ich hab's ihm verſprochen!“ „— Potz Donnerwetter, es iſt ja blos zum Schein, Sie ſollen ja nur Komoͤdie ſpielen.“ „— Ach! ja! ja!... zum Spaß!... Da will ich's ſchon.“ „— Sie ſind alſo die Graͤfin Globeska, eine gefluͤch⸗ tete Polin, und ihr Mann hier... dieſer haͤßliche Herr, iſt entſetzlich eiferſuͤchtig; ſetzen Sie ſich das recht in den Kopf. Man wird Ihnen ſchone Kleider geben, das kann Ihnen nicht unangenehm ſein... und Sie werden einige Tage... die Naͤchte ausgenommen... mit dieſem Herrn zuſammenwohnen, Alles jedoch mit Ehren und Anſtand.“ „— Ahl ja! ja!“ x „— und wenn der junge Mann recht verliebt iſt, 4 ſo konnen Sie ihn, wenn es Ihnen Freude macht, auch lieben, was uͤberdies der Muͤhe werth waͤre! denn er iſt ein wunderhuͤbſcher Burſche... Sie werden die huͤbſchen Burſche nicht haſſen?“ 3 3 * Das Wortſpiel mit„Pays, welches Land und Landsmann bedeutet, wußte der Ueberſetzer nur durch dieſen oͤſtreichiſchen Aus⸗ druck einigermaßen wiederzugeben. Paul de Kock. VII. 3 34 „— Ah! ja! ja!“ „ und dafuͤr bekommen Sie fuͤnfundzwanzig Napoleons⸗ d'or, oder mit andern Worten, fuͤnfhundert Franken...“ Poterne gab Darena einen Stoß, und fluͤſterte ihm ins Ohr: „Das iſt zu viel! das iſt zu viel! ſie haͤtte unſere Sache fuͤr zwei oder drei Louisd'or unterſtuͤtzt...“ Darena fuhr fort: „— Ja, dafuͤr bekommen Sie fuͤnfhundert Franken ... ſechshundert ſogar! wenn die Angelegenheit gut vor ſich geht... ich buͤrge Ihnen dafuͤr, und er wird ſie beanhd. hm, iſt's recht ſo?“ — Ah! ja! ja!“ — Sackerlot!“ ſagte Darena, ſich umwendend, „ ſie kommt mir duͤmmer vor, als ein Stall voll Gaͤnſe! . Doch! das iſt einerlei! die Liebe iſt blind, ſie hat auch das Recht, taub zu ſein.... Laßt uns trinken! Kellner, noch eine Bolbien. „— Aber... aber. „ Schweigen Sie, gu Globeski! Sie werden nicht genoͤthigt, zu trinken... duͤrfen aber deſſen unge⸗ achtet bezahlen.“ Die zweite Bowle wurde aufgeſtellt; die Elſaßerin bekam mehr Farbe, ihre Augen fingen zu glaͤnzen an, und Darena rief aus: „Eil der Kukuk! wenn ſie Cherubim ſo ſaͤhe... welche Feuersbrunſt wuͤrde ſie anfachen... Graf Glo⸗ beski, Sie ſorgen dafuͤr, daß Chichette Morgen Abend ſolche Augen hat... Sie muͤſſen ihr ein kleines Raͤuſch⸗ chen anhaͤngen.“ —ÿ 3⁵5 4 „Ja... mit Suͤßholzwaſſer!“ brummte Poterne, ſich ſchnaͤuzend. z „— Achtung! Da man im Schauſpielhauſe am leich⸗ teſten Bekanntſchaft macht, ſo wird der Graf von Glo⸗ beski ſeine Gemahlin Morgen Abend ins Schauſpiel.... in den Eirkus fuͤhren; das iſt das Lieblings⸗Theater der Fremden.“ „Es ſei,“ ſagte Poterne,„ wir gehen in den Cir⸗ kus; wir werden uns auf den zweiten Rang des Amphi⸗ theaters begeben.“ 1 „Warum nicht gar auf den„Taubenſchlag“ ſelbſt! Sie erbarmen mich, Globeski! Sie muͤſſen eine Loge auf der erſten Gallerie nehmen...“ 1 „— Aber...“ 9 „— Keine aber!... Die Frau Graͤfin muß ſchon gekleidet ſein!“ „— Man wird ſein Moͤglichſtes thun.”“ „— und Sie, Graf, werden ſich Muͤhe geben, nicht einer Canaille Namens Poterne aͤhnlich zu ſehen...“ „— Es iſt keine Gefahr vorhanden.“ „— Dann werden wir uns hinter euch in eure Loge ſetzen. Die Graͤfin Globeska wird dann meinem jungen Freunde mit ihren gluͤhenden Blicken das Herz entzuͤnden... Sie verſtehen mich, Kleine?“ „— Ol ja! ja!...“ „— und beſonders nicht merken laſſen, daß ſie mich kennt.“ 4 .„ Jal ja!“ „— Der Graf wird in einem Zwiſchenakte die Loge ohne ſeine Gemahlin verlaſſen.. und dieſe waͤhrFend 36 deſſen auf die Schmeicheleien meines jungen Freundes antworten... ſie darf nicht viel ſprechen, damit ſie keine Dummheit entwiſchen laͤßt, aber ſie muß zaͤrtlich und leidenſchaftlich ſein.“ „— Ol ja! ja!“ „— Nach dem Schauſpiel wird der Graf ſeine Frau wegfuͤhren, und wir ihm folgen.. er wird einen Wagen nehmen, und wir ihm weiter nachfolgen... das Uebrige gibt ſich von ſelbſt. So iſt's ausgemacht und feſtgeſetzt. Der Punſch iſt ausgetrunken, bezahlen Sie, Graf, dann wollen wir fortgehen!“ Poterne bezahlte mit Seufzen, Darena noͤthigte ihn ſogar, dem Kellner ſechs Sous zu geben, und dann ver⸗ ließ man das Kaffeehaus. Mamſell Chichette wohnte in der Straße Saint⸗Denis, wohin man ſie bis nach Hauſe begleitete; ſie verſprach, am morgigen Tage nicht auszugehen, um Globeski zu erwarten; hierauf ſtrich Darena noch ins Palais⸗royal, und Poterne legte ſich ins Bett. Darena hatte ſeine Vorſichtsmaßregeln ergriffen, er wußte, daß Monfreville am folgenden Tag zu einem großen Mittageſſen eingeladen, und Cherubim ſomit un⸗ abhaͤngig war; er hatte ihn Morgens geſehen und zu ihm geſagt: „Morgen will ich den Abend mit Ihnen zubringen... Sie duͤrfen um meinetwillen wohl einmal einen Abend auf Ihre großen Damen verzichten!... Sie bringen ihre ganze Zeit in den Salons zu... man reißt Sie an ſich ... Monfreville weicht nicht mehr von Ihrer Seite, aber meine Freundſchaft verlangt auch ihre Reihe, und da — 3 b 37 ich... fuͤr den Augenblick... ich habe zuweilen ſolche Zeiten!.. keine Geſellſchaften beſuche, ſo wollen wir ins Theater gehen.“ 3 Cherubim hatte den Vorſchlag angenommen. In⸗ deſſen fand er allmaͤlig Geſchmack an den großen Soireen; die liebenswuͤrdige Aufnahme, der er ſich erfreute, heilte ihn nach und nach von ſeiner Schuͤchternheit; Madame Celival zeigte ſich liebenswuͤrdiger gegen ihn, als gegen Andere; was mehre Herren zu aͤrgern ſchien, beſonders den katzenaͤhnlichen Oberſt und den ſchoͤnen, jungen Mann mit dem Roͤmergeſichte. 2* Dies war nicht Alles: die feine, ſo launige, ſo ner⸗ venſchwache, ſo krampfhafte Graͤfin Valdieri, welche die ihr dargebrachten Huldigungen wie aus Gnaden aufnahm, hatte gehofft, daß der Marquis Cherubim die Zahl ihrer Anbeter ohne weiteres vermehren wuͤrde; aber der Juͤng⸗ ling begnuͤgte ſich damit, ſie von Ferne zu bewundern, und diesmal diente ihm ſeine Schuͤchternheit vortrefflich; die kleine Graͤfin aͤrgerte ſich wuͤthend uͤber dieſe ver⸗ meintliche Gleichguͤltigkeit, denn in unſern Tagen laͤßt ſich nicht vorausſetzen, daß die jungen Maͤnner ſchuͤchtern ſeien; und als Frau von Valdieri bemerkte, daß Cheru⸗ bim ſich haͤufig mit Madame Celival unterhielt, ſpannte ſie alle Segel auf, um ihr dieſe neue Eroberung zu ent⸗ reißen; bei den Frauen erregt der Aerger oft Liebe, und ein Anderer, als Cherubim, wuͤrde den aus dieſer Eifer⸗ ſucht entſtehenden Vortheil klug benuͤtzt haben. Die ſchone Graͤfin hatte den jungen Marquis in ihre Abendgeſellſchaften eingeladen, Herr von Valdieri, als gefaͤlliger Gatte, ſeine Bitten mit den ihrigen ver⸗ . 8 38 eint, und Cherubim beſuchte die krampfleidende Emma, welche ſich in ſeiner Naͤhe liebenswuͤrdig zeigte, und ihre Nervenleiden zu vergeſſen ſchien. Dann war in einer von ſeinem Hauſe benachbarten Straße ein ziemlich huͤbſcher Leinwandladen, und in dieſem befand ſich unter den ſtets auf dem Comptoir arbeitenden Maͤdchen eine Blondine mit roͤthlichen Augen, die eine kleine, etwas aufgeſtuͤlpte Naſe à la Roxelane und eine ſehr lebhafte Miene hatte. Dieſe fand, wenn Che⸗ rubim vorbeiging, immer eine Gelegenheit, an der Thuͤre zu ſtehen und ihm zuzulaͤcheln, oder unter irgend einem Vorwand auf die Straße hinaus zu gehen; und mehr⸗ mals hatte ſie, dicht an dem Juͤngling voruͤbergehend, mit geſenkten Blicken zu ihm geſagt: „Ich gehe alle Abend um neun Uhr aus... wenn Sie mich ſprechen wollen, ſo warten Sie einmal Abends an der Straßenecke auf mich, ich heiße Celanire.“ Endlich hatte Cherubim mehrmals Mamſell Malvina begegnet, die zwar nicht mehr als Schweizerin gekleidet, aber doch ſehr anziehend in ihrem kleinen roſenfarbenen Bibi⸗Hute, ihrem etwas kurzen Rocke und ihrer ſchwarz⸗ ſeidenen Echarpe war, die ſie ſo vortheilhaft anzuziehen wußte; ſie hatte den jungen Mann geſtellt, ihm gluͤhende Blicke zugeworfen, und zu ihm geſagt: „Sie wollen mich alſo nicht beſuchen, Herr Cheru⸗ bim, wiſſen Sie, daß das ſehr ſchlecht, und daß es eine Undankbarkeit von Ihnen iſt, meine Bekanntſchaft ſo zu vernachlaͤßigen.. Sie kennen meine Adreſſe, kommen Sie einmal zum Fruͤhſtuͤck zu mir.. ich ſtehe ſpaͤt auf .. aber ich erlaube Ihnen, ſich ſchon fruͤhe einzufinden.“ —, 39 Cherubim befand ſich ſomit unter dem Kreuzfeuer mehrer Eroberungen, als Darena, dem es gelungen war, ſich wieder einen beſſern Anzug zu verſchaffen, ihn abholte und in den Cirkus auf dem Boulevard du Temple fuͤhrte. unterwegs erzaͤhlte der junge Mann Darena alle ſeine Erlebniſſe, und dieſer ſagte, nachdem er ihm auf⸗ merkſam zugehoͤrt hatte, zu ihm: „Es ſcheint mir, lieber Freund, daß Sie ein wahrer Faublas ſind, alle Frauenzimmer beten Sie an! und Sie?“ „— Ich.. ol ich bete dieſelben auch an!...“ „— Alſo lieben Sie Madame Celival?“ „— Ich glaube, ja... ich finde ſie ſehr verfuͤhreriſch.“ — und die ſchmachtende Graͤfin von Valdieri?...“ „— Ol... die gefaͤllt mir auch bedeutend.“ „— und die Griſette... das heißt die Leinwand⸗ haͤndlerin?“ „— Finde ich allerliebſt!“ „— und Malvina.... die ſo huͤbſche Raͤdchen ſchlaͤgt?“ „— Sagt meinem Geſchmack vollkommen zu.“ „— Wohlan, denn... wie weit haben Sie es bei dieſen Damen gebracht?... Unter Maͤnnern, beim Kukuk, macht man aus ſolchen Dingen kein Geheim⸗ niß... „— Wie weit ich's gebracht habe? ja... nicht... weiter.“ Darena ſchlug ein ungeheures Gelaͤchter auf, was Cherubim ſehr aͤrgerte, und fuhr endlich fort: 8. 40 „Dann, mein Lieber, ſind Sie ſelbſt Schuld, weil Sie nicht wollten! und hieraus ſchließe ich, daß dieſe Frauenzimmer alle wenig Eindruck auf Ihr Herz ge⸗ macht haben. Uebrigens begreife ich das...Eroberungen in den Salons... Griſetten... Taͤnzerinnen... haben nichts Pikantes an ſich!... oft finden wir durch Zufall weit intereſſantere Begegnungen.... aber da ſind wir bereits vor dem Theater des Cirkus.“ 5 Cherubim loͤste Karten ein,— ein Geſchaͤft, welches ihm Darena ſtets uͤberließ, und ſie traten in den Saal. „Hier haben wir einen guten Platz,“ ſagte Cheru⸗ bim, ſich beim Eingang der Vorbuͤhne niederlaſſend. Aber Darena, der eben die geſuchten Perſonen be⸗ merkte, entgegnete ſeinem jungen Freunde: „In einer Loge waͤr's beſſer.. außerdem auch ſchick⸗ licher, kommen Sie... in dieſe zum Beiſpiel.“ Und Darena ließ ſich die Loge, worin er Poterne und Fraͤulein Chichette Chichemann entdeckt hatte, auf⸗ machen. Zur Erkennung dieſer beiden Perſonen mußte man Darena's ſcharfen Blick haben, und von ihrer Anweſen⸗ heit uͤberzeugt ſein, denn ſie waren vollſtaͤndig verkleidet; beſonders war Poterne gaͤnzlich verwandelt und un⸗ kennbar. 3 Darenass intimer Freund hatte ſeine ſtruppigen Haupt⸗ haare zum Opfer gebracht, und ſich ſo kurz ſcheeren laſſen, daß er einem vom pont neuf kommenden Pudel⸗ hunde glich; er hatte eine gruͤne, auf beiden Seiten mit gruͤnem Taffet verhaͤngte Brille auf die Naſe geſetzt, und außerdem etwas in ſeinen Mund geſtopft, damit ſeine 41 hohlen Wangen fortwaͤhrend bausbaͤckig ausſaͤhen. Er war ganz veraͤndert; ein Paletot mit Schnuͤrwerk, der ihm bis ans Kinn ging, und ihm beinahe die Cravatte erſparte, kleidete den vorgeblichen Grafen von Globeski ziemlich paſſend. Was Fraͤulein Chichette betrifft, ſo hatte dieſe ein abgetragenes, roſaſeidenes Kleid und einen großen, mit Pelz verbraͤmten Kragen an, auf dem Kopfe trug ſie ein kleines, gruͤnes Sammetbarett mit Eicheln und Schnuͤren von derſelben Farbe, die ihr uͤbers linke Ohr herabhingen. Ihre Toilette war nicht friſch, aber ihr rundes Angeſicht unter dem Barett noch huͤbſcher, und das Staunen, welches ſie uͤber ihre Schönheit empfand, verlieh ihren Augen einen beinahe reizenden Ausdruck. Darena uͤberſah das mit einem Blicke, und ſprach bei ſich: „Dieſer niedertraͤchtige Poterne hat ihr den Anzug im Temple gekauft! zum Gluͤck iſt die Kleine wunder⸗ huͤbſch, und wenn mein junger Cupido nicht Feuer faͤngt, ſo wird in mir die Vermuthung rege, daß etwas uUngluͤckliches in ſeiner Organiſation liegen muß.“ Poterne ſtieß Fraͤulein Chichette mit dem Kniee an, und bezeichnete ihr durch einen Blick den jungen Mann, der ſich hinter ſie geſetzt hatte; die ſogenannte Polin wendete ſich um, lorgnettirte Cherubim, und ſagte dann leiſe: „Er iſt ſehr huͤbſch... beinahe ebenſo huͤbſch wie mein Landl!“ 3 Cherubim ſeinerſeits betrachtete die vor ihm ſibende Dame und fluͤſterte Darena zu: 42 „Mein Freund„ ſehen Sie doch einmal dieſe ſchoͤne Frau an!“ Darena neigt ſich bewundernd zu Cherubim und ant⸗ wortet: „Ich kann Sie verſichern, daß ich noch nichts Voll⸗ kommeneres geſehen habe... die Friſche der Roſe und das Blendende der Lilie!... das iſt eine Perle... in Ihrem Alter haͤtte ich den Mond angegriffen um den Beſitz dieſer Frau!“ Cherubim ſchwieg, beſchaͤftigte ſich aber weit mehr mit der jungen Frau im Sammet⸗Barett, als mit dem Stuͤck, welches geſpielt wird; Fraͤulein Chichette ihrer⸗ ſeits wendete ſich, der ihr gegebenen Weiſung getreu, jeden Augenblick um und ſah Cherubim an; dies dauerte oft ſo lange, daß Poterne ſie ſtoßen mußte, indem er ihr mit leiſer Stimme ſagte: „Genug... Sie gehen zu weit... man köͤnnte glau⸗ ben, Sie haͤtten ſich auf den Boulevards eingeuͤbt!...“ Nach einiger Zeit ſprach Darena zu ſeinem jungen Freunde: „Es ſcheint mir vortrefflich zu gehen.. Ihre An⸗ gelegenheiten mit dieſer Roſenknoſpe ruͤcken ſchleunig vor.“ „— Ja.. in der That. ſie ſieht mich oft an.. Sch weiß nicht, ob ich hoffen darf...“ „— Wie? Sie wiſſen nicht! was Teufels verlangen Sie denn von einer Dame beim erſten Zuſammentreffen mehr, als daß ſie Ihre Liebesblicke vergilt?.. und ſogar mit großem Intereſſe geſchieht das!... Sie haben Ihre Eroberung gemacht... das iſt augenſcheinlich... Ah! Sie ſind gluͤcklich!... ich glaube, es iſt eine Fremde... —— —= 43 Dieſer Mann iſt kein Franzoſe; das muß ihr Gemahl ſein. „— Sie glauben.. 2“ „— Uebrigens ſieht er ſehr vornehm aus.“ „— Finden Sie?“ „— Ich meine, das koͤnne Jeder merken.“ In einem Zwiſchenakte verfehlte Herr Poterne nicht, allein hinauszugehen, dann verließ Darena die Loge auch, ſagte aber vorher noch zu Cherubim: „Das iſt eine herrliche Gelegenheit, ein Geſpraͤch an⸗ zuknuͤpfen... verſuchen Sie es keck!“ „— Sie glauben, daß ich es wagen darf...“ „— Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, die Dame wuͤnſcht es... abgeſehen davon kann man nicht leicht haͤßlicher ſein, als der Herr, der ſie begleitet, und ſie waͤre kein Frauen⸗ zimmer, wenn ſie ihn nicht betruͤgen wuͤrde!“ Cherubim, der mit der huͤbſchen Dame, fuͤr die ſein Herz ſchon loderte, allein zuruͤckgeblieben war, beſann ſich, wie er die Unterhaltung beginnen ſollte; indeſſen warf ſie ihm Blicke zu, die ihn lebhaft zum Sprechen aufforderten, und laͤchelte ſogar ſo zaͤrtlich gegen ihn, daß er endlich den Muth faßte: „— Lieben Sie das Schauſpiel, Madame?“ „— Ja, mein Herr!“ „— Beſuchen Sie es oft?“ „— Nein, mein Herr, doch fruͤher ging ich mit meiner„Cuiſine“ oͤfters hinein.“ Cherubim horchte aufmerkſam, und ſuchte zu ver⸗ ſtehen; Fraͤulein Chichette fuhr fort: „— Meine Cuiſine liebte das Schauſpiel ſehr. 44 „— Ah! Sie wollen ohne Zweifel von einer Cou⸗ ſine ſprechen?“ „— Ja, ja, meine Cuiſine.“ „— Iſt der Herr, der Sie begleitet.... Ihr Herr Gemahl?“ „— Ach ja.... der Graf Globe.... Globe.... ach! ſonderbar!... ich weiß meinen Namen nicht mehr! .... wie dumm bin ich!..“ „— Sie ſind keine Franzoſin, Madame?“ „— O! nein... ich bin aus dem Elſa... nein, ich bin ſonſt wo her! Ich habe es auch vergeſſen.... wie arg dumm bin ich doch!“. Fraͤulein Chichette ſprach dies Alles ſo wunderlich aus, und ließ ihre Blicke dabei ſo oft auf Cherubim ruhen, daß der junge Mann die Zuſammenhangsloſigkeit ihrer Worte gar nicht beachtete, ſondern ſich mehr und 3) fuͤr die ſchone Fremde entflammte. — Gefallen Sie ſich jetzt in Paris, Madame?“ „— O ja, ich gefalle mir... aber ich denke fort⸗ waͤhrend an mein kleines Landl...“ „— Ach Sie vermiſſen es?“ „— Jal ich moͤchte mein kleines Landl wiederſehen!“ „— Sie lieben Ihr Vaterland... Das finde ich ganz natuͤrlich!.. „— Ol ja... er iſt jetzt Infanteriſt.“ Hier verſtand Cherubim nichts mehr, aber Poterne kehrte zuruͤck, was fuͤr Fraͤulein Chichette, die aus ihrer Rolle fiel und Dummheiten ſchwatzte, ein Gluͤck war. Darena kam gleich darauf auch wieder zurck; er 8 7 45 fragte Cherubim, ob er ſeine Angelegenheiten mit der huͤbſchen Frau befoͤrdert habe? „— Ja, wir ſprachen zuſammen..... es ſchien ihr ganz erwuͤnſcht... Sie haben ſich nicht geirrt, der Herr iſt ihr Mann; ſie iſt fremd, ſie hat einen auslaͤndiſchen Accent.“ „— Es ſind Polen, ich hab's im Foyer(Sprech⸗ zimmer) erfahren..“ „Sie ſcheint ihr Vaterland ſehr zu lieben, ſie ſpricht immer davon!“ „— Ihr Vaterland... Ach! ja, Polen... Nun, haben Sie ein Rendez⸗vous mit ihr ausgemacht?...“ „— Ein Rendez⸗vous, ol ſo weit waren wir noch nicht!...“ „— Womit unterhalten Sie ſich denn!.. Bei einer Frau, die Ihretwegen toll iſt! und Sie mit den Blicken verzehrt!. „Sie glauben?... Welches Gluͤck!... ſie iſt ſo huͤbſch... und ihre Ausſprache ſo angenehm...“ „— Ja, der polniſche Accent klingt ſehr lieblich.“ „— Ich bin ganz verruͤckt in ſie, mein Freund.“ „— Sie haben Recht, es waͤre eine Suͤnde, dieſer alten Kroͤte ihre Roſenknoſpe nicht zu entfuͤhren!“ „— Entfuͤhren! Wie, Sie glauben, daß man ſie entfuͤhren...“ „Still! laſſen Sie mich machen, ich will die ganze Sache leiten.“ Das Schauſpiel ging zu Ende. Herr Poterne ſetzte ſeinen regendachartigen Hut auf und nahm die ſchoͤne Chichette beim Arme. Trotz dem, daß dieſe ſich in ihrem 46 Anzug etwas unbequem fuͤhlte, war ſie doch im Stande, ihre rechte Hand hinter ſich zu halten. Darena und ſein Begleiter folgten den Polen, die ſich zuruͤckzublicken huͤteten, auf der Ferſe. Darena noͤthigte Cherubim beinahe, die Hand anzufaſſen, welche die Dame gefaͤllig auf ihre Taille ſtuͤtzte, und der junge 5 Mann wurde ſcharlachroth, als er ſeinem Freund ins Ohr fluͤſterte: „Ach!... ſie hat mir die Hand gedruͤckt! ſie druͤckt ſie immerfort!“ „— Beim tauſend!... was habe ich Ihnen geſagt?“ verſetzte Darena.„Die Sympathie... ich glaub' es Ighnen, ſchafft Eines fuͤr das Andere.“ Mit dieſen Worten gab Darena Poterne einen hefti⸗ gen Tritt, um ihn voranzutreiben, damit Fraͤulein Chi⸗ chette die Hand Cherubims loslaſſe, denn es ſchien, als wollte ſie dieſe fortwaͤhrend feſthalten. Die vorgeblichen Fremden ſtiegen in einen Fiaker, Cherubim und Darena nahmen ein Cabriolet und befah⸗ len ihm, dem Fiaker nachzufahren, der vor einem ſehr beſcheidenen, meublirten Hauſe der alten Templeſtraße Halt machte. „Ganz gut,“ ſagte Darena,„wir wiſſen nun, wo ſie wohnen, dies genuͤgt fuͤr heute Abend. Morgen ſchrei⸗ ben Sie ein feuriges Billet an die Polin, ich nehme es auf mich, daſſelbe ohne Vorwiſſen ihres Mannes in ihre Haͤnde zu ſpielen, und ſtehe Ihnen dafuͤr, daß ſie darauf antworten wird.“ Nachdem zwiſchen den Herren Alles abgemacht war, begab ſich Cherubim nach Hauſe, und Darena verließ — 47 ihn, ſich innerlich uͤber den Erfolg ſeiner Liſt begluͤck⸗ wuͤnſchend. Drittes Kapittel. Louiſe in Paris.— Obgleich ſich Cherubim nun in der großen Welt be⸗ fand, obgleich er der Gegenſtand des Wetteifers mancher Frauen war, um deren Eroberung man ihn beneideten trotz der Liebesblicke der Griſetten und der ihm von Taͤn⸗ zerinnen angebotenen Rendez⸗vous hatte er doch das Dorf und jene kleine Louiſe, die Geſpielin ſeiner Kind⸗ heit, nicht vergeſſen. DOft ſprach er davon, nach Gagny zu gehen, um ſeine gute Nicolle wieder zu ſehen und zu umarmen; oft beauftragte er Herrn Gerondif, ſie zu beſuchen, gab ihm Geſchenke fuͤr die Dorfbewohner mit und empfahl ihm beſonders, ſich nach Louiſens Schickſal zu erkundigen. Der Hofmeiſter beſorgte jedoch den Auftrag nur zur Haͤlfte: er ging nach Gagny, uͤberbrachte die Geſchenke und betrachtete mit gierigen Blicken die junge, jeden Tag ſich verſchoͤnernde Louiſe, dann kam er zuruͤck und mel⸗ dete ſeinem Zögling, daß ſeine ehmalige Geſpielin immer noch in der Bretagne ſei, wo es ihr ſo ſehr gefalle, daß ſie gar keine Luſt mehr habe, zu Nicolle zuruͤckzukehren. Indeſſen hatte Cherubim am Vorabend des Tages, wo er mit Darena im Cirkus geweſen war abermals davon geſprochen, nach Gagny zu gehen und zuvor Herrn 48 Gerondif beſtimmt erklaͤrt, die Woche ſolle nicht ver⸗ ſtreichen, ohne daß er ſeine Amme geſehen und umarmt haͤtte. Dann war der Hofmeiſter ſehr unruhig geworden und hatte bei ſich gedacht: „Wenn der Herr Marquis nach Gagny geht, ſo trifft er die kleine Louiſe und merkt ſofort, daß ich ihn belogen habe. Er iſt im Stande, mich aus ſeinen Dien⸗ ſten zu jagen, denn trotz ſeiner gewoͤhnlichen Sanftmuth hat er zuweilen Augenblicke, wo er außerordentlich heftig iſt. Es waͤre nichts Geringes, eine Stelle zu verlieren, wo ich fuͤnfzehnhundert Franken, nebſt der Wohnung in einem ſchoͤnen Hötel, Verköſtigung und Pflege erhalte, wofuͤr ich nichts zu thun habe, als zu ſchlafen und zu eſſen und Mamſell Turluretten Verſe vorzuleſen; außerdem iſt zu vermuthen, daß, wenn mein Zoͤgling dieſe junge Louiſe wieder ſieht, auch ſeine Neigung fuͤr ſie rege wer⸗ den wird... und das waͤre ebenfalls meinen Planen entgegen; denn dieſe Kleine hat in meinem Innern einen Scheiterhaufen angezuͤndet... Meine Abſichten ſind recht⸗ ſchaffen, ich beſtimme ſie zu meiner Gattin, ich will ſie zur Ehre meines Namens erheben... Aber zum Heira⸗ then muß man einiges Vermoͤgen haben... Wenn ich noch zwei Jahre beim Marquis bleibe, ſo kann ich mir etwas zuſammenſparen, denn ich kann beinahe mein gan⸗ zes Einkommen auf die Seite legen; es handelt ſich jetzt nur darum, die kleine Louiſe in Sicherheit zu bringen, damit ſie mir nicht weggeſchnappt wird.“ Herr Gerondif ſann den ganzen Tag hieruͤber nach, und Abends beſann er ſich neben der guten Turlurette, 49 die ihn in Weingeiſt eingemachte Fruͤchte(womit ſie vor⸗ zuͤglich umgehen konnte) verſuchen ließ; waͤhrend er ſich eben an der dritten Zwetſchge labte, trat Jasmin, der alle Tage ſchwerfaͤlliger wurde, aber dennoch ſehr uͤbel gelaunt war, daß ſein Herr einen jungen Jokey ange⸗ nommen hatte, ins Zimmer der Haushaͤlterin und fragte: „Kennen Sie vielleicht eine Kammerjungfer, die im Augenblick keine Stelle hat?“ „Warum, Herr Jasmin?“ fragte Turlurette wieder. „— Ach, letzthin wartete ich auf meinen Herrn, der bei einer Geſellſchaft war... Er verbietet mir's zwar immer... aber diesmal war ſein kleiner Jokey krank... ich benuͤtzte die Gelegenheit und holte ihn Abends mit dem Cabriolet ab... ich habe ſogar zwei Buden zuſam⸗ mengefahren... aber es gibt Leute, die einem uͤberall im Wege ſtehen.“ „— Nun, Herr Jasmin?“ „— Nun, waͤhrend ich mich mit den im Vorzimmer anweſenden Dienern unterhielt... was lange waͤhrte. man verlaͤßt die Geſellſchaft erſt ſo ſpaͤt... kurz, da war einer darunter, der ſagte: — Wir ſuchen eine Kammerjungfer fuͤr unſer Fraͤu⸗ lein... ihre Frau Mutter iſt gegenwaͤrtig einige Zeit aufs Land gegangen. Der gnaͤdige Herr wollte ſeine Tochter bei ſich behalten... und die fruͤhere Kammer⸗ jungfer mußte man fortſchicken... weil man ent⸗ deckte, daß ſie ſich zuviel mit einem Wichſer abgab... und da der gnaͤdige Herr ſehr ſtreng iſt... ſo konnte es nicht lange dauern, daher ſuchen wir eine andere Kam⸗ merjungfer.“ Paul de Kock. VII. 4 50 „— Hierauf ſchlug ich ihm eine Perſon vor, die ich kenne und die ſehr geſchickt iſt; als ich aber ſagte, ſie ſei ſechzig Jahre alt, erwiderte man, es ſei uͤberfluͤſſig, ſie zu ſchicken. Die Leute ſind ſonderbar heut zutage, ſie wollen Kinder zu Dienſtboten.“ „Ich kenne Niemand, der eine Stelle ſucht,“ ent⸗ gegnete Mamſell Turlurette.⸗ Herr Gerondif, welchem kein Wort von dem, was Jasmin erzaͤhlte, entgangen war, nahm ſodann das Wort mit einer ſcheinbar ziemlich gleichguͤltigen Miene. „und wer ſind die Leute, die eine Kammerjungfer brauchen?... Da ich viel Bekanntſchaften in Paris habe, ſo koͤnnte ich vielleicht Jemand einen Gefallen erweiſen, wenn ich ihm dieſen Platz verſchaffte; aber ehe ich mich in die Sache miſche, muß ich vor allen Dingen, das werden Sie wohl begreifen, uͤberzeugt ſein, daß es empfehlenswerthe Leute ſind.“ „— O! was das anbetrifft, Herr Gerondif, duͤrfen Sie beruhigt ſein!“ entgegnete Jasmin.„Es iſt in einem der achtbarſten Häͤuſer... bei Herrn von Noirmont⸗ einem ehmaligen Gerichtsbeamten... einem Manne, der nie lacht... und keinem Kuͤhnchen etwas zu leid thun wuͤrde... Er war ein Freund unſeres ſeligen Herrn Marquis von Grandvilain, des Vaters von unſerem gnaͤdigen Herrn...“ „— und woraus beſteht die Familie?“ „— Aus Herrn von Noirmont, ſeiner Gemahlin und ihrer fuͤnfzehnjaͤhrigen Tochter, einer Kochin, einem Bedienten fuͤr den Herrn und einer Kammerjungfer, die eben geſucht wird.“ — 51 „— Iſt der Bediente jung?“ „— Ja... derſelbe, mit dem ich geſprochen habe.. Er iſt erſt ſechsundfuͤnfzig Jahre alt, ſieht aber ſehr ge⸗ ſetzt aus.“ Herr Gerondif laͤchelte und fuhr fort: „Iſt es ein Haus, wo man viele Geſellſchaften empfaͤngt... Baͤlle gibt... und ſein Leben in varietate voluptas hinbringt?“ — Nein, nie Baͤlle... noch volupetas, wie Sie ſagen. Die Dame liebt die Geſellſchaft nicht, und Herr von Noirmont bringt ſein Leben in ſeiner Bibliothek zu. Auch unſer junger Marquis win nicht hingehen, obgleich er eine Einladung erhielt.. — So! er hat von dort eine Einladung erhalten? 27 „— Ja, aber ich hoͤrte ihn Morgens beim An⸗ kleiden ſagen: „Ich habe keine Luſt, in dieſes Haus zu gehen; man muß ſich entſetzlich darin langweilen.“ — Sind Sie uͤberzeugt, daß Herr Cherubim das geſagt hat?“ — Ja, und Herr von Monfreville hat ihm ſogar güntwortelr „Sie thun wohl daran; es iſt ein Haus, worin ſich nichts Angenehmes fuͤr Ihr Alter findet.“ Herr Gerondif rieb ſich die Haͤnde und fragte nichts weiter. Tags darauf begab er ſich, nachdem er Herrn von Noirmonts Adreſſe aufgeſucht hatte, in deſſen Haus, verlangte den Bedienten zu ſprechen, und gab vor, daß ihn der alte Jasmin geſchickt habe, da er eine Kammer⸗ jungfer fuͤr Fraͤulein von Noirmont wiſſe. 52 Jasmin war der Neſtor der Dienerſchaften; ſeine Empfehlung galt Alles, und die eines ſo ernſten Mannes, wie Herr Gerondif zu ſein ſchien, konnte die gute Mei⸗ nung, welche man von ihrer Schutzempfohlenen hegte, nur vermehren. Der junge, ſechsundfuͤnfzigjaͤhrige Bediente(wie Jas⸗ min geſagt hatte) erwiderte dem Hofmeiſter, da die gnaͤdige Frau verreist ſei, und der gnaͤdige Herr ſich nie um haͤusliche Angelegenheiten bekuͤmmere, ſo haͤnge die Wahl einer andern Kammerjungfer nur von ihm abz; er ſchenke der Perſon, welche der ehrenwerthe Herr Jasmin die Guͤte habe, ihm zuzuweiſen, ſein Zutrauen, und wuͤnſche weiter nichts, als daß ſie ſo bald wie moͤglich kommen moͤchte. Des Gelingens von dieſer Seite ſicher, bedankte ſich Herr Gerondif, verſprach, das junge Maͤdchen bald zu bringen, machte ſich unverzuͤglich nach Gagny auf und ging zu Nicolle. „Die Anweſenheit des Schullehrers verbreitete immer Heiterkeit in der Landleute Wohnung; denn er brachte Neuigkeiten aus Paris, und man konnte mit ihm von Cherubim ſprechen. Nachdem er Louiſens und Nicolle's Fragen, die ſich vor allen Dingen nach der Geſundheit des Gegenſtandes ihrer Liebe erkundigten, beantwortet hatte, wendete ſich Herr Gerondif an das junge Maͤdchen und ſagte zu ihr: „Ihretwegen, mein ſchoͤnes Kind, bin ich heute hauptſaͤchlich nach Gagny gekommen, denn ich beſchaͤftige mich mit Ihrer Zukunft... Ihrem Schickſale... Sie ſind ſiebzehn Jahre alt... groß, und ſowohl leiblich 53 als auch geiſtig ausgebildet: darunter verſtehe ich, daß Sie fruͤhe ſchon vernuͤnftig ſind; außerdem haben Sie durch die Theilnahme an den Stunden, die ich meinem Zoͤgling gab, viel gewonnen; Sie leſen und ſchreiben recht gehoͤrig, und ſprechen ſogar ziemlich correkt... uͤberdies ſind Sie geſchickt mit der Nadel, und ſcheinen mir zu allen Arbeiten Ihres Geſchlechtes tuͤchtig; nicht wahr, Mutter Nicolle?“ „Freilich iſt das wahr;“ antwortete die gute Frau mit ſtaunendem Blicke.„Was wollen Sie denn mit unſerer Louiſe anfangen, wollen Sie auch eine Herzogin aus ihr machen?...“ „— Nein, nicht ganz, aber ich wiederhole es Euch, ich will fuͤr ihre Zukunft ſorgen... wenn Louiſe in die⸗ ſem Dorfe bliebe, was waͤre ihr Schickſal? Sie hat keine Eltern, kein Vermoͤgen, ſie muͤßte es als ein Gluͤck betrachten, wenn ſie irgend ein roher Bauer hei⸗ rathen wollte.“ „O! nie! nie!...“ rief Louiſe A6,„ich will mich niemals verheirathen.“ „Aber, mein Gott, liebes Kind,“ verſetzte Nicolle, „Du weißt ja, daß wir Dich nicht zwingen, und, Dich nie aus unſerem Hauſe ſtoßen.. „Das iſt Alles ganz gut,“ fuhr Gerondif fort; „aber wenn Louiſe eine gute Stelle in Paris in einem angeſehenen Hauſe faͤnde, wo ſie ſich etwas erſparen... und ſpaͤter eine gute Heirath machen koͤnnte... ſo waͤre dies, wie mir ſcheint, nicht zu verachten.“ „— In Paris!“ rief Louiſe mit einem Freudenſchrei aus.„O! ja, ja! ich will nach Paris! welches Gluͤck!... 54 wie zufrieden werde ich ſein... nicht wahr, Mutter, Dir iſt's auch recht?“ „Wie, mein Kind? Du willſt mich ebenfalls ver⸗ laſſen?“ ſagte Nicolle traurig; aber Louiſe kuͤßte ſie mehrmals und rief aus: „Aber bedenke doch, daß er dort iſt... wenn ich dieſelbe Stadt mit ihm bewohne, denke ich, daß ich ihn bisweilen ſehen... begegnen werde... und dieſer Gedanke erweckt in mir den Wunſch, nach Paris zu gehen... Nicht wahr, Herr Gerondif, man begegnet . man ſieht ſich, wenn man an einem und demſelben Orte mit einander wohnt... und ich koͤnnte ihn ſehen, wenn ich in Paris waͤre?“ „Wen.. konnten Sie ſehen?“ „— Ach! Cherubim... den Herrn Marquis... von wem ſonſt ſoll ich denn ſprechen, als von ihm?“ Der Hofmeiſter begriff, daß nur die Hoffnung, Che⸗ rubim zu ſehen, das junge Maͤdchen bewog, ſeinen Vorſchlag mit Freuden aufzunehmen; er huͤtete ſich wohl, ſie zu enttaͤuſchen, und antwortete: „Ganz gewiß hat man, wenn man in einer Stadt mit einander wohnt, mehr Ausſicht, einander zu ſehen, als wenn Eines im Suͤden und das Andere im Norden weilt;... oder wenn, ſo zu ſagen, Eines per fas und indere nefas iſt. Wohlan, jugendliche und inter⸗ eſſante Louiſe, was ich fuͤr Sie ſuchte, habe ich ge⸗ funden; in einem der erſten Haͤuſer iſt Ihnen eine Stelle als Kammerjungfer angeboten... und wenn ich ſage: Kammerjungfer, ſo heißt das ſo viel wie Geſelle ſchafterin! und wenn ich ſage Geſellſchafterin, ſo heißt —— ew 55 das ſo viel wie Geſpielin und Freundin eines jungen, ſechzehnjaͤhrigen Fraͤuleins, das ebenſo liebenswuͤrdig als gutartig ſein ſoll... der ganze unterſchied zwiſchen euch beſteht darin, daß Sie ihm beim Ankleiden behuͤlflich ſein muͤſſen... es Ihnen aber nicht... aber unter Freun⸗ dinnen kommt das alle Tage vor; eine beſorgt Alles und die andere geht ſpazieren. Außerdem bekommen Sie ſchoͤne Kleider... denn die ſpazierengehende Freundin gibt der, welche ſie ankleidet, gewoͤhnlich alle Kleider und Tuͤcher, deren ſie nicht mehr bedarf; uͤberdies ver⸗ dienen Sie Geld, was nie ein Schaden iſt, denn mit Geld erlangt man Gold, das reinſte Metall... wenn keine Schlacken mehr darunter ſind. Nun antworten Sie, was halten Sie von meinem Vorſchlag?“ „— O! ich nehme ihn mit Freuden an... wenn meine zweite Mutter einwilligt!...“ „— Meiner Treu! liebes Kind,“ ſagte Nicolle, „wenn Du ſo gerne nach Paris gehſt, will ich mich nicht widerſetzen; abgeſehen davon, denke ich, Herr Gerondif, welcher Schulmeiſter im Dorfe war, werde Dir nichts vorſchlagen, was nicht zu Deinem Wohle fuͤhrt... „— Ihr ſeid ſo vernuͤnftig wie Aeſopus, Frau Ni⸗ colle, obgleich Ihr nicht bucklig ſeid! ich will dieſer puella formosa nur eine gluͤckliche Zukunft bereit 1. und die Folge wird es Euch beweiſen.“ „und Herr Cherubim?“ fragte Louiſe, die nur noch 8 Cherubim zu ſagen wagte, wenn ſie von ihrem Geliebten ſprach...„weiß er, was Sie mir vorſchlagen?... iſt s ihm recht, wenn ich nach Paris gehe?“ 5⁵⁶ Herr Gerondif kratzte einen Augenblick an der Naſe, und entgegnete dann mit Zuverſicht: „Ob er es weiß? Natuͤrlich... er wünſcht es ſehr, daß Ihnen mein Anerbieten genehm ſei.“ „— O! dann darf ich nicht zoͤgern, ich willige ein, mein Herr, ich gehe, ſobald Sie nur wollen... ich bin bereit.“ „— Dann wollen wir ſogleich gehen.“ „Was!“ rief Nicolle,„Sie wollen es ſo plötzlich fortnehmen, das theure Kind?“ „— Es muß ſein, Frau Frimouſſet, es bewerben ſich gar Viele um die Stelle, die ich ihr verſchaffen will, wenn wir lange zoͤgern, ſo konnte ſie einer Andern uͤber⸗ geben werden. In Paris ſchwimmt man nicht in guten Plaͤtzen, ich muß ſie alſo heute noch vorſtellen, und die Sache ins Reine bringen.“ „O! ja, Mutter, laß mich fort... ich weiß wohl, daß es Dir Kummer macht, mich von Deiner Seite zu geben... und ach! mir auch... Dich zu verlaſſen... aber auf der andern Seite, bin ich ſo gluͤcklich, mich... Herrn Cherubim... naͤhern zu duͤrfen... uͤberdies wuͤnſcht er, ich ſolle nach Paris kommen.. man muß ihn nicht argern... Aber ich werde Dich beſuchen, o! ich mache es nicht wie er! ich vergeſſe das Dorf... und Diejenigen, welche Elternſtelle an mir vertraten, nicht.“ „— Geh, mein Kind.. ich bin nicht Deine Mutter A . ich habe keine Rechte uͤber Dich... auch wenn ich ſolche haͤtte, wuͤrde ich mich Deinem kuͤnftigen Gluͤck nicht widerſetzen... aber komm' ja zuweilen zu mir.. Man wird ſie doch nicht daran hindern, Herr Gerondif?“ — —— — 57 * „— Nein, gewißlich nicht!... ſie genießt, unter der Bedingung, dieſelbe nicht zu mißbrauchen... einer voll⸗ kommenen Freiheit. Auf! ſchoͤne Louiſe, machen Sie Ihr Gepaͤck zuſammen... nehmen Sie nur das Noͤthigſte mit... die Holzſchuhe konnen Sie da laſſen, Sie tragen, wo Sie hinkommen, keine... ich erwarte Sie.“ Louiſe beeilte ſich, ein Paͤckchen Kleider zuſammen zu machen; ſie war ſo betroffen, ſo betaͤubt von dem Ge⸗ ſchehenen, daß es ihr vorkam, wie ein Traum; ihr Herz huͤpfte vor Freuden bei dem Gedanken, nach Paris zu gehen; aber nicht an die Vergnuͤgungen der großen Stadt dachte ſie, nicht nach ſchoͤnern Kleidern und einem gemaͤchlichen Leben ſehnte ſie ſich, nein, ſie hatte bei dieſer Reiſe nur Eines vor Augen: daß ſie mit Cheru⸗ bim an einem und demſelben Orte ſein werde. Waͤhrend Louiſe ihre Zuruͤſtungen zur Abreiſe machte, nahm Herr Gerondif die Amme bei Seite, und ſprach in ernſtem, eindringlichen Tone zu ihr:. „Jetzt, tugendhafte Nicolle, muß ich Euch ein Ge⸗ heimniß enthuͤllen... der Grund, warum ich Louiſe nach Paris fuͤhre, iſt beſonders der, ſie den Verfuͤhrungen zu entreißen, denen man ſie ausſetzen wollte, um ihre Tu⸗ gend zu erſchuͤttern und die Blume ihrer unſchuld zu knicken... in zwei Worten erzaͤhle ich Euch die That⸗ ſache: Euer Saͤugling Cherubim iſt in Paris ein großer Verfuͤhrer geworden, nichts darf ſich ihm widerſetzen... letzthin erinnerte er ſich Louiſens, der Geſpielin ſeiner Kindheit, und rief aus: ſie muß jetzt reizend ſein! ich will ſie zu meiner Maitreſſe machen..“ „Ach! mein Gott! iſt's denn moͤglich!“ rief Nicolle 58 mit großen Augen.„Mein kleiner Cherubim iſt ſo aus⸗ ſchweifend geworden!“ „— Wie ich die Ehre habe, Euch zu verſichern, in Paris wird man, wenn man Vermoͤgen hat, bald was ſie einen Loͤwen heißen, und einen Lowen nennt man mit andern Worten einen Verfuͤhrer...“ „— Cherubim ein Loͤwe! er, der ſonſt ein Lamm war!“ „Ich wiederhole Euch, in Paris gibt's keine Laͤmmer mehr. Kurz, ich war uͤberzeugt, daß Ihr Eure Hand nicht zum Verderben Eurer Adoptivtochter reichen und billigen wuͤrdet, daß ich dieſes Kind vor den Schlichen der Verfuͤhrung ſchuͤtze.“ „O! Sie haben ſehr wohl daran gethan, Herr Schul⸗ meiſter, ich billige es.“ „Deßhalb ſagt Ihr, wenn Cherubim Louiſe beſuchen will, ſie ſei ſchon lange bei einer Eurer Verwandtinnen in der Bretagne, und gefalle ſich dort ſehr.” „— Einverſtanden! das werde ich ihm antworten! . mein Gott! Cherubim ein Verfuͤhrer! deßhalb hat er das Dorf vergeſſen!“ Louiſens Paͤckchen war bald gemacht; ſie ſetzte ihren kleinen, groben Strohhut auf, deſſen Form zwar nicht elegant war, worunter aber ihr Geſichtchen reizend her⸗ vorblickte. Siie warf ſich in Nicolle's Arme und fluͤſterte ihr ins Ohr: „Wenn ich ihn ſehe, will ich ihm ſagen, es ſei ab⸗ ſcheulich, daß er Dich nicht beſuche!“ Nicolle bedeckte Louiſe mit ihren Kuͤſſen und ſprach: — „Bedenke, mein Kind, daß wenn Du dort vielleicht Langeweile haͤtteſt, wenn es Dir nicht nach Wunſch ginge... Du ſtets eine Heimath bei uns finden wirſt, und wir Dich jederzeit wieder mit Freuden im Hauſe aufnehmen werden.“ Herr Gerondif machte dieſem Abſchied ein kurzes Ende, indem er die Jungfrau beim Arme nahm; Jakob war wie gewoͤhnlich in der Schenke, Louiſe warf alſo noch einen letzten Blick auf ihre Adoptivmutter, und entfernte ſich mit Herrn Gerondif, der ſich's eine kleine Chaiſe hatte koſten laſſen, um das junge Maͤdchen ſchneller nach Paris zu bringen. Unterwegs ſagte der Hofmeiſter zu Louiſe: „Meine ſchoͤne Freundin, ich muß Ihnen einige vor⸗ laͤufige Anweiſungen, hinſichtlich des in Ihrer Stelle zu beobachtenden Betragens ertheilen. Vor allen Dingen antworten Sie, wenn man Sie fragt, was Sie ver⸗ ſtehen, kecklich: Alles!“ „— Alles? dann wuͤrde ich ja luͤgen, mein Herr, denn ich verſtehe nur ſehr wenig.“ „— Sie werden bald mehr lernen; Sie ſind ſehr verſtaͤndig, begreifen deßhalb leicht; das iſt ſo viel, als wenn Sie Alles ſchon konnten. Thun Sie, was ich Ihnen ſage, es iſt nothwendig, damit man Vertrauen zu Ihnen hat; in der Welt muß man nie thun, als ob man an ſich ſelber zweifle. Außerdem muͤſſen Sie ein⸗ ſehen, daß Sie nicht von dem jungen Marquis Cherubim ſprechen, und ſagen duͤrfen, er ſei mit Ihnen auferzogen worden. Die Welt iſt boſe! Man koͤnnte Allerlei glau⸗ ben... man darf nicht mit ſeinem Rufe ſcherzen.“ ———————————1 —yöhͤͤͤͤͤͤͤ 60 „— Wie ſo, mein Herr... was koöͤnnte man glauben? iſt es ein Unrecht, ſeinen Milchbruder zu lieben?“ „— Milchbruder hin, Milchbruder her!... Sie ſollen mich beſſer verſtehen: mein edler Zoͤgling will nun nicht mehr wiſſen laſſen, daß er bis zum ſechzehnten Jahre bei der Amme blieb... abgeſehen davon, muͤſſen Sie begreifen, daß ein Marquis nicht mehr der Freund einer... Kammerjungfer ſein kann. Wenn Sie von ihm ſprechen wuͤrden, konnten Sie ihn erroͤthen machen.“ „Erroͤthen!...“ rief Louiſe aus, ihre Augen mit dem Taſchentuche bedeckend.„Was! der... Cherubim wuͤrde vor meiner Freundſchaft... vor meiner Bekannt⸗ ſchaft errdthen! Oh! ſeien Sie beruhigt, mein Herr, ich will nicht von ihm ſprechen... niemals ſeinen Namen in den Mund nehmen...“ „— Das iſt ganz recht; o Flavia.. nein, Sie ſind nicht blond!... Nun, weinen Sie deßhalb nicht... denn was ich Ihnen ſage, verhindert nicht, daß ſich der Marquis fortwaͤhrend fuͤr Sie intereſſirt... auch ich in⸗ tereſſire mich im hoͤchſten Grade fuͤr Sie... und eines Tages.. doch ich erklaͤre mich jetzt nicht weiter, nur, Louiſe, ſeien Sie immerdar brav und tugendhaft... lachen Sie nicht mit den jungen Leuten, wenn ſie ſich zweideutige Scherze gegen Sie erlauben... raͤchen Sie ſich an ſolchen Unverſchaͤmten... denn Sie muͤſſen ſich fleckenlos erhalten, wie das heilige Oſterlamm, bis... aber... bst! ich will noch nicht weiter gehen!“ Louiſe hoͤrte nicht mehr auf Gerondif, ſie dachte an Cherubim, der uͤber ihre Bekanntſchaft nur erroͤthen 61 wuͤrde; und dieſer Gedanke vergaͤllte ihr alle Freude, die ſie uͤber ihre Reiſe nach Paris empfunden hatte. Indeſſen fuhr das Gefaͤhrt in die Stadt ein; Herr Gerondif befahl dem Kutſcher, ſie in die Vorſtadt Saint⸗ Honoré zu bringen, und Louiſe rief aus: 3 „Iſt das in der Naͤhe von Cherubims Wohnſitz?“ „— Nicht ſehr fern davon, meine Liebe, da wir aber einmal in Paris ſind, ſo gibt's keine Entfernung mehr, denn die Wagen fuͤhren Einen fuͤr ſechs Sous in allen Stadtvierteln herum, man braucht nicht einmal ſeinen Weg zu wiſſen, was fuͤr Fremde aͤußerſt bequem iſt. 1 Die Chaiſe hielt vor einem ſchönen, von Gerondif dem Kutſcher bezeichneten Hauſe, das dicht neben der Concordia⸗Straße ſteht. Der Hofmeiſter ließ Louiſe abſteigen, ging in ſeiner Galanterie ſogar ſo weit, daß er ihr Gepaͤck tragen wollte, und ſprach dann: „Folgen Sie mir, in dieſem Hauſe im zweiten Stock⸗ werk, in einer praͤchtigen Wohnung iſt's... es ſind ſehr vornehme Leute... wie praͤchtig dieſe Treppe gewichst iſt! das gendt unſern baufaͤlligen Dorf⸗Haͤuſern, die mit Koth gefirnißt ſind, nicht!“ Mit dieſen Worten glitſchte der Hofmeiſter uͤber zwei Stufen hinab, und haͤtte auf der gewichsten Treppe beinahe die Naſe abgebrochen, was vielleicht eine Strafe des Himmels wegen ſeiner Undankbarkeit gegen das Dorf war; gluͤcklicherweiſe hielt er ſich noch an dem Gelaͤnder und brummte: „Ne quid nimis!... man hat zu viel Wachs aufgetragen!,“ 8 Louiſe folgte Herrn Gerondif etwas zitternd und ganz verſchaͤmt bei dem Gedanken, daß ſie ſich jetzt fremden Perſonen vorſtellen und allein inmitten dieſer ihr ſo un- bekannten Welt bleiben ſolle. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus und rief Cherubims Erinnerungsbild an, um ihren ſinkenden Muth zu unterſtuͤtzen. Comtois(ſo hieß der Bediente des Herrn von Noir⸗ monts), empfing Herrn Gerondif, als er ſeine Schuͤtz⸗ lingin vorſtellte. Der Anblick Louiſens konnte nur zu ihren Gunſten ſprechen, und der Kammerdiener zeigte ein beifaͤlliges Laͤcheln, als er ſagte: „O! die Mamſell ſcheint ganz, wie wir es wuͤnſchen . ſie hat eine ſanfte Miene... ſieht nicht leichtſinnig aus... ich bin uͤberzeugt, daß ſie unſerem jungen Fraͤu⸗ lein Erneſtine gefallen wird; dieſe hat mir mehrmals wiederholt: „— Beſonders, Comtois, wuͤnſche ich eine junge Kammerjungfer, denn, wenn ich eine alte haͤtte, waͤre ich nicht ſo keck, ihr Befehle zu Erthailen⸗ oder vor ihr zu lachen!.. „— Sie iſt gar munter unſer Fraͤulein! etwas leb⸗ haft, launenhaft... aber in ihrem Alter iſt das ganz natuͤrlich.. uͤbrigens deßhalb gar nicht boͤſe... Wenn ſie aufgeregt und zornig war, ſo bittet ſie uns nachher um Entſchuldigung... Das iſt bei den Herrſchaften ſelten zu treffen!“ 3 „Dieſer Kammerdiener iſt ſehr redſelig!“ ſagte Herr Gerondif, ſich ſchnaͤuzend, bei ſich. Nachdem Comtois Louiſe noch einmal mit zufriedener Miene betrachtet hatte, fuhr er fort: 63 „Ich will die Mamſell ſogleich vorſtellen.. Ei! wie heißen Sie?“„ „Louiſe, mein Herr,“ antwortete die Jungfrau ſchuͤchtern.— „— Louiſe, ganz gut.. das iſt Ihr Taufname.. und Ihr Familiennamen... zuweilen iſt. man ſehr froh, wenn..“ 8 Das junge Maͤdchen erroͤthete, und ſchlug die Augen nieder, ohne zu antworten, aber Herr Gerondif ſagte ſchnell: „Louiſe Frimouſſet... Frimouſſet iſt der Namen Ihrer Eltern.“ Louiſe warf einen Blick auf den Hofmeiſter, dieſer hatte jedoch eine ernſte Miene angenommen, welche aus⸗ zudruͤcken ſchien, daß es unpaſſend waͤre, ihn zu wider⸗ legen, und er nach reiflicher Ueberlegung dieſe Antwort gegeben habe; das junge Maͤdchen ſchwieg, und Comtois verſetzte darauf: „Frimou... Frimouſſe... Friquet... das iſt ein komiſcher Namen, es iſt uͤbrigens blos deßhalb, daß man ihn auch weiß; denn hier, das begreifen Sie wohl, wird man Mamſell ſtets beim Vornamen rufen. Ich werde Sie alſo vorſtellen. Wenn die gnaͤdige Frau da waͤre, ſo wuͤrde ich Sie natuͤrlich allererſt zu ihr fuͤhren, ſie iſt aber ſeit vierzehn Tagen verreist; ſie beſucht eine kranke Tante.... ſie wollte ihre Tochter mitnehmen, aber der gnädige Herr wuͤnſchte Fraͤulein Erneſtine bei ſich zu behalten.... denn er liebt, trotz ſeiner ernſten Miene, ſeine Tochter außerordentlich... er verſagt ihr nie et⸗ was!... ich ſah ihn ſelbſt ſchon oft gegen die gnaͤdige 64 Frau boſe werden.. weil, wie er behauptete, ſie zu hart mit ihr ſpreche... ſie nicht gehoͤrig liebe... aber zur Gerechtigkeit muß ich bekennen, daß ſich der gnaͤdige Herr irrt!... ich bin uͤberzeugt, daß die gnaͤdige Frau ihre Tochter ſehr liebt. Das iſt uͤbrigens wahr, daß ſie kaum mit ihr ſpricht... ihre Liebkoſungen kalt er⸗ widert... aber Jedermann hat Tage, wo er mnehr oder weniger guter Laune iſt. Herr Gerondif ſchnauzte ſich ſehr lange und dachte: „Will denn das niemals aufhoͤren?“ Dann ſprach er zu Comtois: „Verzeihung, ehrenwerther Diener,... wenn ich Sie unterbreche; aber ich halte es für uͤberfluͤſſig, der Vorſtellung unſerer Louiſe beizuwohnen, da Sie mir ſag⸗ ten, die Sache ſei abgemacht; deßhalb verabſchiede ich mich von Ihnen, indem ich Ihnen noch anempfehle, uͤber dieſes Kind ſo ſorgſam zu wachen, als waͤre es Ihre eigene Nichte.“ „Beruhigen Sie ſich! Mamſell iſt in einem guten Hauſe... ich bin ganz gewiß, daß ſie nicht ungluͤcklich darin ſein wird.“ „So leben Sie denn wohl, Louiſe... leben Sie wohl . Ich werde oͤfters kommen, um mich nach Ihnen zu erkundigen... Nachrichten uͤber Sie einzuziehen, kurz, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren... Sie werden beſtaͤndig mein Zweck... mein Ziel... mein Polygon ſein!“ Die Jungfrau reichte Herrn Gerondif, der ſie kuͤſſen zu wollen ſchien, die Hand und ſagte halblaut zu ihm: „Nicht wahr, mein Herr, Sie ſagen ihm, daß ich 6⁵ in Paris bin, und daß ich nicht zögerte, hierher zu kommen, weil es ſein Wunſch war... daß ich mich aber, ohne ihn zu ſehen, ſehr langweile, und daß mein einziger Wunſch...“ „Ich werde Alles ſagen, was in meiner Pflicht ſteht,“ verſetzte Herr Gerondif, ſeine Zaͤhne zeigend, obgleich er keine Luſt zu laͤcheln hatte, dann ſich ſchnell umwendend, gruͤßte er Comtois und ging. Der Kammerdiener ge⸗ leitete ihn bis zur Thuͤre, und Herr Gerondif fluͤſterte ihm noch ins Ohr: „Das junge Maͤdchen iſt huͤbſch... die Maͤnner ſind entſetzlich leichtſinnig in Paris... ich habe wohl nicht noͤthig, Sie aufzufordern, uͤber ihre Unſchuld zu wachen, und ſie nicht mit den Wichſern verkehren zu laſſen.“ „Mein Herr,“ entgegnete ihm Comtois mit etwas trockenem Tone:„man geſtattet in dieſem Hauſe nur rechtſchaffenen Leuten den Zutritt, und hier wird kein junges Maͤdchen verdorben! Wenn die letzte Kammer⸗ ungfer leichtſinnig war, ſo ſind wir nicht Schuld daran, uͤbrigens hat man ſie... und den genannten Wichſer... ſogleich aus dem Dienſte geſchickt.“ „Ihre Antwort zerſtreut alle Wolken, die mein Fir⸗ mament haͤtten verdunkeln koönnen. Leben Sie wohl, rechtſchaffener Comtois, ich wiederhole Ihnen die Ver⸗ ſicherungen meiner Hochachtung.“ Herr Gerondif hatte ſich entfernt; Comtois kehrte zu Louiſen zuruͤck, die nachdenklich im Vorſaale ſtand; er winkte ihr, ihm zu folgen, ſchritt durch einen Saal hindurch, offnete die Thuͤre eines andern Gemachs und hielt auf der Schwelle, wo er ſagte: Paul de Kock. VII. 5 66 „Gunaͤdiges Fraͤulein... da iſt die Kammerjungfer, die ich fuͤr Sie erwartete... ſie iſt ſo eben gekommen.“ Eine Stimme aus dem Innern antwortete ſogleich: „O! ſie ſoll kommen... ſie ſoll ſchnell eintreten!... ich erwarte ſie mit Ungeduld.“ Comtois ließ Louiſe, die zitternd und ohne die Blicke zu erheben, eintrat, vorangehen; bald aber fuͤhlte ſie ſich ermuthigter, als ſie die kleine Erneſtine ausrufen hoͤrte: „Ol wie huͤbſch iſt ſie!... ah, ſie gefaͤllt mir ſehr; kommen Sie naͤher, Mamſell; o! fuͤrchten Sie mich nicht... ich bin nicht ſchrecklich!... nicht wahr, Com⸗ tois.... ich ſehe nicht ſtrenge aus... nicht wie die Mutter!... weßhalb aber die Mutter doch gut iſt... und der Vater auch... wie heißen Sie 2...“ „— Louiſe, gnaͤdiges Fraͤulein.“ „— Wie alt ſind Sie?“ „— Siebzehn Jahre.“ „— Siebzehn Jahre!... ei! wie groß und ſtark Sie ſind... ich bin fuͤnfzehn Jahre alt... bin aber et⸗ was klein fuͤr mein Alter... nicht wahr?“ Louiſe mußte laͤcheln, und als ſie die Augen auf ihre kuͤnftige Gebieterin erhob, durchdrang ſie ein freudiges Gefuͤhl beim Anblick dieſes jungen, niedlichen, kindlichen Weſens, deſſen blaue und ſchelmiſche Augen gerade mit einem Ausdruck von Wohlwollen auf ihr ruhten, der alle Furcht bei ihrem Eintritt verjagte. 1 „Nicht wahr, ich bin fuͤr fuͤnfzehn Jahre ſehr klein?”“ wiederholte Erneſtine, nachdem Louiſe ſie angeſehen hatte.. 67 „— Sie haben noch lange Zeit zu wachſen, gnaͤdi⸗ ges Fraͤulein.“ „— O! ja... das troͤſtet mich!... Haben Sie ſchon in Paris gedient?“ „— Nein, Fraͤulein, ich komme eben aus meinem Dorfe... ich habe noch nirgends gedient... und werde deßhalb anfangs ſehr ungeſchickt ſein, aber ich verſpreche Ihnen, auf Alles, was Sie mir ſagen, genau Achtung zu geben... damit ich deſto ſchneller lernen und Sie um ſo baͤlder befriedigen kann...“ Die kleine Erneſtine huͤpfte und tanzte im Zimmer herum; ſie nahm Louiſe bei der Hand, druͤckte dieſelbe und rief aus: „O! was Sie ſo eben ſagten, iſt ganz gut!... ich fuͤhle, daß ich Sie recht lieb gewinnen werde... jetzt ſchon liebe... denn man gefaͤllt mir entweder gleich oder niemals!... Sie werden mich auch lieben, nicht wahr?“ „— Gnaͤdiges Fraͤulein, das iſt ein Leichtes, Sie ſehen ſo guͤtig aus!“ „— Ah, Comtois, ich bin recht zufrieden... hat aber Louiſe auch ihr Gepaͤck mitgebracht, alle ihre Sa⸗ chen bei ſich.... kann ſie gleich dableiben?“ „— Ja, Fraͤulein,“ antwortete Louiſe,„ich habe mein Gepaͤck bei mir, und kann ſogleich bei Ihnen blei⸗ ben... wenn Sie die Guͤte haben wollen, mich zu be⸗ halten.“ „— Ganz gewiß werde ich Sie nicht mehr fortlaſſen SCoomtois, Du richteſt ihr Zimmer ein; Du weißt, das kleine hinter dem meinigen.. ſorg' dafuͤr, daß ihr 68 nichts mangelt.. daß alles hinein kommt, was hinein⸗ in. — Seien Sie ganz ruhig, gnaͤdiges Fraͤulein!“ „— Ich werde zudem ſelbſt noch nachſehen, ob Alles in Ordnung iſt!?“ Dann fuhr die junge Erneſtine mit komiſcher Würde fort: „— Ach! waͤhrend der Abweſenheit der Mutter bin ich's, die Alles beſorgen... und ſie einſtweilen erſetzen muß... geh', Comtois, trage die Effekten Louiſens in ihr Zimmer, ich will ſie unterdeſſen meinem Vater vor⸗ ſtellen... iſt er in ſeinem Kabinet?“ „— Ja, gnaͤdiges Fraͤulein.“ „Kommen Sie, Louiſe... beben Sie nicht!.. Er ſieht etwas ſtrenge aus, aber er iſt nicht boͤſe.“ „— Wenn ich Ihrem Herrn Vater mißfallen wuͤrde?“ fluͤſterte Louiſe mit furchtſamer Miene,„— wenn er mich zu jung fuͤr Ihre Dienſte faͤnde?“ „— O fuͤrchten Sie nichts, ſobald ich meinem Va⸗ ter ſage, daß Sie mir gefallen, ſchickt er Sie gewiß nicht mehr fort.“ Die junge Erneſtine ging durch das Schlafzimmer ihrer Mutter, dann durch ein zweites und ſagte, waͤh⸗ rend ſie an die dritte Thuͤre klopfte: „Ich bin's, Papa!“ Worauf die trockene Stimme Herrn von Noirmont entgegnete: „Nun, was gibt's denn ſchon wieder?“ Die liebliche Schelmin oͤffnete die Thuͤre zu dem Arbeits⸗ zimmer ihres Vaters, ſtreckte nur den Kopf hinein und fragte: —⸗ — V 69 „— Biſt Du beſchaͤftigt? ich möͤchte Dir gerne Je⸗ mand dueiel ℳ — Wen?“ „— Eine Kammerjungfer, die man fur mich gedun⸗ gen hat... und die ſo eben gekommen iſt.“ — Mich einer Kammerjungfer wegen zu ſtoͤren!.. gehen mich dieſe Kleinigkeiten etwas an? wahrhaftig, Erneſtine, Du mißbrauchſt meine Guͤte.“ „Ach! Vater, aͤrgere Dich nicht! da die Mutter ab⸗ weſend iſt, mußt Du ſchon die Kammerjungfer ſehen... ich kann das Haus nicht allein fuͤhren!“ Herr von Noirmont verſetzte mit ſanfterem Tone: „Wohlan denn, laß ſie ſehen... wo iſt ſie... mach's kurz!“ Erneſtine ließ Louiſen eintreten; dieſe ſchlug die Au⸗ gen nieder und fing zu zittern an, denn Herrn von Noir⸗ mont'’s Stimme war weit nicht ſo ſanft, wie die ſeiner Tochter. geſtellte Landmaͤdchen einige Zeit betrachtet hatte, ſagte er: „Wie alt ſind Sie?“ Ehe Louiſe antworten konnte, rief das Fraͤulein aus: „Sie iſt ſiebzehn Jahre alt; nicht wahr, mein Va⸗ ter, ſie iſt recht groß fuͤr ihr Alter... und recht artig? o! ſie gefaͤllt mir ſehr... ſie heißt Louiſe, ſie hat noch nicht gedient... das iſt mir aber lieber... dann kann ich ſie nach meinem Kopfe bilden!“ Herr von Noirmont unterdruͤckte mit Muͤhe ein durch ddie Worte ſeiner Tochter hervorgerufenes Laͤcheln und ſagte: Nachdem Herr von Noirmont das junge, ihm vor⸗ „Ich finde dieſes Maͤdchen faſt zu jung fuͤr Deine Dienſte..“ „— Aber warum denn, mein Vater, ganz im Ge⸗ gentheil, ſieh doch, wie ordentlich ſie iſt... außerdem ſage ich Dir ja, daß ich ſie nach meinem Kopfe bilden will... und Comtois hat ſehr gute Aufſchluͤſſe uͤber ſie erhalten.“ „Nun... wenn ſie Dir gefaͤllt... woher ſind Sie?“ „— Von Gagny, gnaͤdiger Herr,“ antwortete Louiſe zitternd.“ „Gagny.. ach! das iſt ganz in der Naͤhe von Paris ... Ihre Eltern ſind Landleute, ohne Zweifel...“ Louiſe ſtotterte mit kaum vernehmlicher Stimme: „Ja, ja, gnaͤdiger Herr.“ „— und ſtatt ihre Tochter bei ſich zu behalten, ſchicken ſie dieſelbe nach Paris in Dienſte!... nun!... weil's auf dem Lande ſo gebraͤuchlich iſt!... da ſoll mir Einer kommen und die laͤndlichen Sitten loben. Uebrigens ſcheinen Sie ein rechtſchaffenes junges Maͤdchen, und ich will hoffen, daß Ihr Betragen Ihr Geſicht nicht Luͤgen ſtraft. Auch kenne ich Comtois und verlaſſe mich auf ſeine Klugheit... geht, geht!... Herr von Noirmont winkte, ihn allein zu laſſen, aber ſeine Tochter eilte auf ihn zu und kuͤßte ihn; dann ging ſie jedoch ſchnell mit Louiſen weg und ſagte, waͤhrend ſie die Thuͤre des Studierzimmers zumachte: „Es iſt geſchehen, ich wußte wohl, daß es gehen wuͤrde.“ Hierauf fuͤhrte Erneſtine Louiſen in ein recht huͤbſches kleines Zimmerchen, das fuͤr ſie eingerichtet war; das 0 71 liebenswuͤrdige Kind ſah nach, ob der neuen Kammer⸗ jungfer nichts abgehe, kurz, zeigte ihr ſo viel Theilnahme, daß Louiſe, die lebhaft davon geruͤhrt wurde, dem Him⸗ mel dankte, ſie in dies Haus gefuͤhrt zu haben. Der erſte Tag wurde mit Verordnungen zugebracht, die Erneſtine Louiſen ertheilte, und da dieſe nicht zu luͤ⸗ gen wußte, ſo geſtand ſie ihrer jungen Herrſchaft gleich, daß ſie in ihrem Amte noch ſehr unerfahren ſei und aller Nachſicht beduͤrfe. Erneſtine wiederholte mit Emphaſe, ſie werde ſie ſchon bilden, ſie ſolle ſich keine Sorgen machen. In Herrn von Noirmonts Hauſe ſervirte gewohnlich, wenn nicht große Geſellſchaft bei Tiſche war, der Be⸗ diente das Mittageſſen; der Dienſt der Kammerjungfer beſchraͤnkte ſich ſonach auf die beiden Damen; man mußte ſie ankleiden helfen und außerdem ſtets fuͤr ſie oder das Haus arbeiten. Louiſe konnte ſehr gut naͤhen; ſie war thaͤtig, flink und lernte bald, was man ihr zeigte; deßhalb lehrte ſie die kleine Erneſtine ſticken, Straminnaͤhen und tauſend kleine Handarbeiten, wovon man im Dorfe nichts weiß, die man aber in Paris verſtehen muß. 3 Louiſe machte reißende Fortſchritte und Erneſtine ſagte zu ihrem Vater: „Ol wenn Ou wuͤßteſt, wie zufrieden ich mit meiner Kammerjungfer bin!..“ „Sie iſt alſo ſehr geſchickt?“ fragte Herr von Noir⸗ mont. „— Geſchickt, ja... Sie konnte aber gar nichts.. ich habe ſie Alles gelehrt... 8 „— Wie, das junge Maͤdchen wußte nichts!“ „— Was thut's?... was ich ihr zeige, verſteht ſie in zwei Tagen beſſer, als ich ſelbſt... Ol ich bin uͤber⸗ zeugt, die Mutter belobt mich.“ Die beſcheidene und ernſte Miene Louiſens erwarb ihr am Ende auch Herrn von Noirmont's Wohlwollen, der ſich mit weniger rauhem Tone an ſie wendete. Comtois war entzuͤckt uͤber ſeine neue Tiſchgenoſſin, und die Ko⸗ chin hoͤrte nicht auf, ihre außerordentliche Sanftmuth zu preiſen; was Erneſtine betrifft, die zuweilen ungeduldig wurde und ſchrie, wenn ſich die Kammerjungfer beim Ankleiden ungeſchickt bewies, ſo kam das Fraͤulein einen Augenblick darauf wieder zu ihr her, kuͤßte ſie und bat ſie, uber ihre Lebhaftigkeit nicht boͤſe zu werden. Kurz, jeder neue Tag vermehrte die Anhaͤnglichkeit, welche ſie fuͤr Louiſe empfand, und dieſe waͤre in ihrer gegenwaͤrtigen Lage gluͤcklich geweſen, wenn ſie das An⸗ denken Cherubims nicht fortwaͤhrend verfolgt haͤtte; aber ſie verlor allmaͤlig die Hoffnung, ihn in Paris zu ſehen, denn bei Herrn von Noirmont kam ſie ſelten aus dem Hauſe, und wenn es der Fall war, ſo geſchah es nur, um einige Einkaufe in benachbarten Laͤden fuͤr ihr Fraͤu⸗ lein zu machen. Drei Wochen war Louiſe in Erneſtinens Dienſten, als dieſe eines Morgens zu ihr ſagte: „Endlich wird die Mutter zuruͤckkehren!... der Va⸗ ter ſagte mir ſo eben, daß ſie in drei Tagen hier ſein werde... es iſt ein Gluͤck, denn nun iſt ſie ſeit beinahe ſechs Wochen abweſend und ich bin verdruͤßlich, ſie ſo lange nicht zu ſehen. O! welches Gluck, wenn ſie wie⸗ 73 der da iſt, dann fehlt mir nichts mehr... Sie wird Dich auch lieben, die Mutter; ich bin gewiß, ſie wird ebenfalls ſehr zufrieden mit Dir ſein.“ Louiſe antwortete nicht, aber ſie fuͤhlte ſich erſchuͤttert, und konnte ſich keine Rechenſchaft von der ſonderbaren Bewegung geben, die ſie durchdrang, als man ihr ver⸗ kuͤndete, ſie werde Frau von Noirmont ſehen. Viertes Kapitel. Das erſte Rendez⸗vous. Die Wohlgeruͤche. Cherubim befolgte Darena's Rath; er ſchrieb ein ſehr verliebtes, aber ſehr ſchuͤchternes Billet an die junge Frau, welche er im Theater geſehen hatte; am Morgen nach dem im Cirkus zugebrachten Abend begab ſich Da⸗ rena fruͤhzeitig zu ſeinem Freunde; er traf ihn am Schluſſe ſeiner zaͤrtlichen Epiſtel. „Schreiben Sie der ſchoönen Fremden?“ fragte Da⸗ rena, ſich in einen Lehnſtuhl werfend. „— Ja, mein Freund, ſo eben beendige ich meinen Brief... den Sie mir zu uͤberliefern verſprochen haben.“ — O beim Kukuk! kann man mit Gold nicht Al⸗ les ausrichten? weichen ihm nicht alle Hinderniſſe?. man beſticht Bediente.. Maͤgde... Kammerfrauen... Thuͤrhuͤter... Ich werde verfchwenderiſch austheilen.“ Mit dieſen Worten klopfte der Graf an all' ſeine Ta⸗ ſchen... dann hielt er inne. „— Sehen Sie! um Gold austheilen zu koͤnnen, muͤßte man welches haben, und ich bemerke, daß meine Saͤcke leer ſind.“ Cherubim holte mehre Rollen aus ſeinem Schreib⸗ tiſch, uͤbereichte ſie Darena und ſagte zu ihm: „Hier iſt welches, mein Freund, hier... ſparen Sie es nicht... belohnen Sie Alle, die meiner Liebe dienen, reichlich.“ „— Sie brauchen mir das nicht anzuempfehlen; ich werde den Großartigen... den Buckingham ſpielen!... Sdiie ſind ja reich, und wenn Ihr Reichthum nicht zur Erfuͤllung Ihrer Wuͤnſche diente, ſo waͤre es nicht der Muͤhe werth, ihn zu beſitzen. Iſt Ihr Billet recht feurig?“ „— Ich glaube, es iſt ſehr anſtaͤndig...“ „ Anſtaͤndig! Darum handelt es ſich nicht, mein lieber Freund... Laſſen Sie einmal ſehen, leſen Sie mir vor, was Sie geſchrieben haben, damit ich mich uͤber⸗ zeuge, ob es recht iſt.“ Cherubim nahm den Brief und las: „Madame, ich bitte recht ſehr um Entſchuldigung, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie zu ſchreiben, aber... Das ſchallende Gelaͤchter Darena's unterbrach Cheru⸗ bim, der brummte: „Warum lachen Sie?... iſt es nicht recht?“ „— Ach! ach! ach! das iſt zum Entzuͤcken naiv... man koͤnnte glauben, ein Neffe wolle ſeiner Tante zum Namensfeſte gratuliren.. Nur weiter!“ Cherubim fuhr fort: 1 —— 6 75 „Aber ich wuͤrde mich ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ich das Vergnuͤgen haben konnte, Ihre Bekanntſchaft zu machen... Meine Familie iſt bekannt... Ich habe Zu⸗ tritt in die beſten Geſellſchaften und...“ „Genug! genug!“ ſchrie Darena aufſtehend. Dann nahm er den Brief Cherubim aus den Haͤnden und riß ihn in Stuͤcke. „— So kann's nicht gehen, mein theurer Freund! Sie ſind auf dem Holzweg!“ „— Finden Sie dieſes Schreiben zu kuͤhn?“ „— Im Gegentheil! nicht kuͤhn genug!... Man wuͤrde Sie verhoͤhnen, wenn man das laͤſe.“ „— Bedenken Sie doch, es iſt das erſte Mal, daß ich einen Liebesbrief ſchreibe, und ich weiß nicht recht, wie man dergleichen abfaßt.“ „— Nehmen Sie die Feder wieder auf und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictire.“ „— Wohlan, das iſt mir lieber.“ 3 1 Cherubim ſetzte ſich wieder an den Schreibtiſch, und Darena dictirte:. 3 „— Mehr als angebetetes Weib! Ich brenne, ich ſchmelze, ich verſchmachte!... Ihre Augen ſind die Flamme, ihr Laͤcheln die Glut, meine Seele die Brand⸗ ſtatte! Sie haben mein ganzes Weſen entzuͤndet... Ein Wort der Liebe, der Hoffnung, oder ich ſtehe fuͤr nichts mehr, oder ich toͤdte mich zu Ihren Fuͤßen, vor Ihren Augen, in Ihren Armen!... Spott! Betrug! Verdammniß! wenn Sie nicht antworten!“ Cherubim hielt inne und ſagte: „Mein Gott, lieber Graf, das iſt entſetzlich!“ 76 „— So muß es ſein.“ „— Außerdem will ich Ihnen bekennen, daß ich dieſes Schreiben nicht recht verſtehe.“ „— Wenn man's verſtuͤnde, waͤr's nicht mehr ſo verfuͤhreriſch.“ 4 „— Warum ſchreibt man nicht ganz einfach, wie man ſpricht?“ 4 „— Weil drei Viertheile der Frauen, die ſich durch Einfachheit und Natuͤrlichkeit ſchwerlich verfuͤhren ließen, außer ſich gerathen, wenn man ſich ſtellt, als ob man aus Liebe zu ihnen den Kopf verloren habe. Ver⸗ laſſen Sie ſich auf mich.. dieſes Billet wird Ihnen das Herz dieſer reizenden Polin erobern. Unterzeichnen Sie und uͤbergeben Sie es mir!“ Cherubim gehorchte. „A propos!“ ſagte Darena, den Brief uͤbernehmend, „ſprechen Sie von dieſem Abenteuer nichts mit Ihrem Herrn von Monfreville.“ „— Warum nicht?“ „— Weil vor allen Dingen eine Intrigue mit ſo ausgezeichneten Perſonen, wie dieſe Polen ſind, aufs Geheimnißvollſte gefuͤhrt werden muß. Monfreville iſt hochſt neugierig, hochſt ruͤckſichtslos... er wuͤrde die ſchöͤne Fremde ſehen wollen und Alles verderben.“ „— Aber Sie irren ſich, Herr von Monfreville iſt weder neugierig noch ruͤckſichtslos!... er iſt im Gegen⸗ theil ein ſehr vernuͤnftiger Mann, der mir nur gute Rathſchlaͤge gibt.“ Darena biß ſich in die Lippen, als er ſah, daß er ſich vergebens bemuͤhen wuͤrde, die gute Meinung, die 77 Cherubim von Monfreville gefaßt hatte, zu zerſtoren; er fuhr in ſpoͤttiſchem Tone fort: „Der vernuͤnftige, der tugendhafte Monfreville!! Indeſſen war er es nicht immer, ich erinnere mich einer Zeit, wo er der leichtſinnigſte Menſch war... man ſprach nur von ſeinen Liebesabenteuern... es ſind aller⸗ dings jetzt fuͤnfzehn, ſechzehn Jahre, ſeit jener Zeit... Nun, ein junger Ausſchweifling, ein alter Betbruder, ſagt das Spruͤchwort... Ich, meines Theils bin nicht veraͤndert; wie ich war, ſo bleibe ich auch... das iſt mir lieber. Kurz, mein Freund, ich wiederhole Ihnen, wenn ich einwillige, zu Ihrer Liebſchaft mit der jungen Polin behuͤlflich zu ſein, ſo geſchieht's nur aus Freund⸗ ſchaft fuͤr Sie, aber Sie müſſen begreifen, daß mich die mindeſte Ruͤckſichtsloſigkeit in Verlegenheiten bringen wuͤrde; ich verlange Geheimhaltung, oder ich miſche mich nicht darein.“ Cherubim ſchwur, gegen Jedermann von ſeiner neuen Eroberung zu ſchweigen, und Darena verſprach, ſobald er ihm etwas mitzutheilen haͤtte, wieder zu kommen.* Darena hatte kaum ſeines jungen Freundes Haus verlaſſen, als Jasmin vor ſeinem Herrn erſchien. Der alte Diener machte eine wichtige, geheimnißvolle Miene und ſchien zugleich durch ſeinen Auftrag geſchmeichelt zu ſein; er naͤherte ſich auf den Zehenſpitzen, als ob er fuͤrchtete, gehoͤrt zu werden, trat dicht auf ſeinen Herrn zu, uͤber den er beinahe ſtolperte, weil er, ſich gegen ihn vorbeugend, das Gleichgewicht verlor, und ſprach mit wichtiger und zugleich komiſcher Miene zu ihm: „Gnaͤdiger Herr... es iſt ein Frauenzimmer da.. die uns zu ſprechen wuͤnſcht... das heißt Sie zu ſprechen wuͤnſcht... wenn Sie allein ſind.“ Cherubim konnte ſich nicht enthalten, uͤber das drol⸗ lige Ausſehen ſeines alten Dieners und die boshafte Miene bei ſeiner Meldung zu lachen. „— Wer iſt das Frauenzimmer, Jasmin, kennſt Du ſie?“ „— Ja, gnaͤdiger Herr, ich habe ſie erkannt... ich ſah ſie im Vorzimmer ihrer Gebieterin, zu der Sie bis⸗ weilen gehen...“ „— Wie?“* „— Ganz gewiß, es iſt eine Kammerjungfer... ol ſie kommt nicht von freien Stuͤcken... ihre Herrſchaft ſchickt ſie.. das kenne ich... es kamen zu Ihrem ſeligen Herrn Vater vor ſeiner Verheirathung viele... man war oft ordentlich im Gedraͤnge in unſerem kleinen Saale... Ha! ha!.. ich taͤndelte mit allen Zofen.“ „— Nun, und wer ſchickt dieſe Kammerjungfer...?2“ „— Habe ich es dem gnaͤdigen Herrn noch nicht geſagt?... die Frau von Valdieri.“ „— Die ſchoͤne Graͤfin!... ſo laß ſie doch gleich eintreten, Jasmin!“ Cherubim war ſehr neugierig, zu erfahren, was Frau von Valdieri von ihm wolle. Jasmin holte die Kammerjungfer, ein großes, ſtarkes, einundzwanzig⸗ jaͤhriges, rothwangiges Maͤdchen mit einem recht huͤbſchen Geſichte, die, wie es ſchien, nicht in Verlegenheit ge⸗ rieth, wenn ſie in das Zimmer eines Herrn treten mußte. Nachdem ſie der alte Diener bei ſeinem Herrn eingefuͤhrt hatte, wollte er beim Weggehen(da er ſich ohne Zweifel —— in die Zeiten von Cherubim's Vater verſetzt glaubte) ſachte die Taille der ſchͤdnen Kammerjungfer umfaſſen, aber er glitſchte mit dem Fuße aus und war, um nicht zu fallen, genothigt, ſich an Derjenigen zu halten, die er nur hatte liebkoſen wollen; gluͤcklicherweiſe war die Zofe feſt auf den Beinen und zur unterſtuͤtzung des alten Dieners, dem ſie, waͤhrend er ſich beſchaͤmt ent⸗ fernte, ins Geſicht lachte, ſtark genug. Sobald Jasmin hinausgegangen war, zog die Kam⸗ merjungfer ein kleines, wohlduftendes Briefchen aus der Taſche, uͤberreichte es dem jungen Marquis und ſagte: „Die gnaͤdige Frau hat mich beauftragt, dieſes dem Herrn Marquis mit der Bitte zu uͤbergeben, mir ſogleich darauf zu antworten.“ Cherubim bebte vor Freuden, als er das Billet in die Haͤnde nahm, und waͤhrend ſich die Zofe beſcheiden zuruͤckzog, las er mit Eifer das Schreiben der ſchoͤnen Frau, welches folgende Worte enthielt: „Sie ſind nicht liebenswuͤrdig: ſeit mehren Tagen vermißt man Sie; um ſich mit mir auszuſoͤhnen, muͤſſen Sie mir heute einen Augenblick ſchenken und Ihre Mei⸗ nung uͤber juͤngſt an mich gerichtete Verſe ſagen, ich er⸗ warte Sie um ein Uhr.“ Cherubim kannte ſich nicht mehr vor Freuden, er las das liebliche Billet noch einmal durch und ſagte zu der Kammerjungfer: „— Mamſell, ich nehme die Einladung Ihrer Herr⸗ ſchaft mit dem groͤßten Vergnuͤgen an... ich werde mich um ein Uhr bei ihr einfinden... ol ich werde nicht fehlen.“—. 80 „— Alſo antwortet der gnaͤdige Herr nicht ſchrift⸗ lich?“ fragte die Kammerjungfer. Cherubim zoͤgerte und ging auf den Sekretair zu; er fuͤhlte wohl, daß es vielleicht paſſender waͤre, dieſe Ge⸗ legenheit zu benuͤtzen, um der ſchoͤnen Dame einige an⸗ genehme Dinge zu ſchreiben; aber er erinnerte ſich, das Darena ihm kaum erſt geſagt hatte, er verſtehe keinen Liebesbrief zu ſchreiben, und da er fuͤrchtete, irgend eine Thorheit zu begehen, ſo warf er die Feder bei Seite und rief aus: „Nein! gewiß... ich habe keine Zeit zum Schreiben . uͤberdies habe ich Ihrer Gebieterin viel zu viel mit⸗ zutheilen... ich wuͤßte nicht, womit ich anfangen ſollte . uͤberbringen Sie ihr nur die Verſicherung, daß ich mich nicht erwarten laſſen werde.“ Die Kammerjungfer laͤchelte, machte einen niedlichen kleinen Knix und ſchien der Erwartung, daß ihr der junge Mann etwas in die Taſche ſpende und von ihrer Wange einen Vorſchuß auf das nehme, was er von ihrer Herrſchaft zu erwarten habe; als ſie aber ſah, daß hier⸗ von nichts geſchah, zuckte ſie unvermerkt die Achſeln, ent⸗ fernte ſich und huͤtete ſich wohl, bei der Ruͤckkehr durch's Vorzimmer dem alten Diener zu nahe zu kommen, der wiederholt geneigt ſchien, ſie in Gefahr des Fallens zu bringen, und ſagte beim Hinausgehen fuͤr ſich: „Der Diener iſt ſehr alt! aber der Herr ſehr jung!“ Cherubim ſchwamm im Entzuͤcken: das Billet der Frau von Valdieri machte ihn die ſchoͤne Polin ganz ver⸗ geſſen; im neunzehnten Jahre denkt man gewoͤhnlich nur an das Gluͤck der Gegenwart; eine Liebe, die man ge⸗ 7 81 rade empfindet, loͤſcht eine getraͤumte; man muß nicht immer neunzehn Jahre alt ſein, um dies zu erfahren; aber— duͤrfen auch alle dieſe Gefuͤhle, die einander ſo ſchnell und der Reihe nach erſetzen, Liebe genannt werden? Cherubim blickte auf ſeine Uhr, ſie wies halb zwoͤlf; um ein Uhr ſoll er bei Frau von Valdieri ſein; er wollte ſich zu dieſem Zwecke beſonders praͤchtig kleiden. Er laͤutete Jasmin und ſeinem andern Jokey, ließ ſich, ohne zu wiſſen, welchen er anlegen wollte, mehre Anzuͤge bringen, kaͤmmen, friſiren, Locken brennen, ſtand jeden Augenblick auf, um vor einen Spiegel zu rennen, und befahl ſeinem alten Diener, wohlriechende Waſſer in ſein Taſchentuch zu ſchuͤtten; Jasmin leerte mehre Flaſchen daruͤber aus, laͤchelte ſchelmiſch und brummte: „Ich ſagte es ja! unſer Liebesgluͤck faͤngt an... Nun wollen wir aber tolle Streiche machen!... wir ſind huͤbſch genug dazu!...“ Waͤhrend des Ankleidens dachte Cherubim an die ſchone Dame, mit der er ſich zum erſten Mal allein be⸗ finden ſollte; er war unruhig, beſorgt, wie er ſich mit ihr unterhalten ſolle; dieſes Stelldichein erfreute ihn ſehr, aber er bedauerte, daß Monfreville nicht zugegen war, um von ihm zu erfahren, wie man ſich mit einer vor⸗ nehmen Dame, die Einen zum Verſevorleſen einladet, benehmen muß. Es iſt zu ſpaͤt, Monfreville um Rath zu fragen; die Stunde des Stelldicheins ruͤckte herbei. Cherubims Toi⸗ lette war fertig, er bemerkte nicht, daß ihn Jasmin mit Wohlgeruͤchen eingenetzt hatte; ſein Frack roch nach Ro⸗ ſendl, ſeine Weſte und ſein Nastuch nach portugieſiſchem Paul de Kock. VII. 6 82 Waſſer und ſeine uͤbrigen Kleidungsſtuͤcke nach Moſchus. Er betrachtete ſich noch einmal, fand ſich geſchmackvoll, ſtieg in ſein Tilbury und hielt bald vor dem Hauſe der Graͤfin. Die Kammerjungfer fuͤhrte ihn ein, und ſtatt in den Saal, geleitete ſie ihn diesmal durch mehre geheime Gaͤnge zu einem koͤſtlichen Boudoir, wo ein ſo mildes, geheimnißvolles Licht herrſchte, daß man kaum darin ſehen konnte. Nach einigen Augenblicken gewoͤhnt ſich jedoch das Auge an dieſes Zwielicht, und Cherubim er⸗ blickte die ſchoͤne Graͤfin halb auf einem Sopha liegend, der in einer kleinen, mit Vorhaͤngen verſehenen, alkov⸗ artigen Vertiefung ſtand. Cherubim verneigte ſich tief, indem er ſprach: „Vergebung, Madame.. ich hatte Sie nicht gleich gewahrt, es iſt ſo dunkel hier.“ „Finden Sie?“ entgegnete die ſchone Emma, ſich zierend.„Ich liebe die Helle nicht, ſie greift mir die Augen an.. Es iſt recht liebenswuͤrdig, Herr Cheru⸗ bim, daß Sie einwilligten, mir einige Augenblicke zu opfern... Sie, der uͤberall ſo geſucht iſt.“ „— Madame, es iſt ein großes Vergnuͤgen fuͤr mich, und ich, ich... zwar ſtehe ich Ihnen nicht dafuͤr, daß ich Verſe gut leſe... Ich habe keine Uebung darin.“ Die Graͤfin laͤchelte und winkte ihm, ſich neben ſie zu ſetzen. Cherubim fuͤhlte ſich außerordentlich aͤngſtlich, als er in dieſe koſtliche, kleine Vertiefung eindrang und ſich auf dem ſchmalen Sopha niederließ, wo er dicht neben 3 Emma ſitzen mußte. Ein Augenblick des Schweigens herrſchte dann; die 83— Graͤfin, welche ſich durch Cherubims Aengſtlichkeit und Verwirrung geſchmeichelt fuͤhlte, entſchloß ſich gegen ihre Leshihei die Unterhaltung zuerſt wieder anzuknüpfen. — Wie finden Sie mein Boudoir?“ „— Sehr huͤſch, Madame, aber um Verſe zu leſen . ſcheint es mir etwas dunkel hier.“ Die liebliche Dame machte eine kleine Bewegung mit dem Kopfe und verſetzte: „Gefaͤllt Ihnen das Boudoir der Madame Celival beſſer als dieſes?“ „— Das Boudoir der Madame Celival? ich war nie dort, Madamez es iſt mir unbekannt.“ „— O! Sie luͤgen!“ „— Ich verſichere Sie, Madame...“ „— Sie luͤgen! indeſſen tadle ich Sie nicht darum; Ruͤckſicht iſt die erſte Bedingung, die man von der Liebe fordern muß...“ — Ruͤckſicht..2“ „— O! Sie thun zum Entzuͤcken naiv... aber mich taͤuſcht dieſe ehrliche Miene nicht... Mein Gott!... ees herrſcht eine Miſchung von Wohlgeruͤchen hier.. Haben Sie Roſenoͤl an ſich?“ „— Roſenöl...? ich weiß nicht... es iſt moͤglich .Iſt es Ihnen unangenehm?...“ „— Ich habe ſo reizbare Nerven... doch das wird voruͤbergehen.“ Die ſchoͤne Graͤfin lehnte ſich einen Augenblick zuruͤck, bedeckte ihr Anzeſicht mit dem Taſchentuch und ſeufzte tief. Cherubim blickte ſie an und wagte nicht, ſich zu 84 rühren. Wiederum trat ein laͤngeres Schweigen ein; der Juͤngling moͤchte eine Maſſe Dinge ſagen, wußte aber nicht, wie er ſich ausdruͤcken ſollte, und fluͤſterte endlich: „Iſt Ihr Herr Gemahl wohl, Madame?“ Die ſchoͤne junge Frau brach in ein lautes, dem An⸗ ſchein nach etwas erzwungenes Lachen aus, waͤhrend ſie entgegnete: „Ja, mein Herr, ja;z mein Gemahl ſingt!... wenn er nur muſiciren kann, das iſt ſein Hochſtes. Mein Gott!... es riecht auch nach portugieſiſchem Waſſer.. nach Moſchus.. Ahl es wird mir ganz ſchwindlig!“ und, war es die Wirkung des Schwindels oder irgend einer andern Urſache, die junge Frau beugte ſich halb uͤber Cherubim her, ſo daß ihr Kopf beinahe den des jungen Mannes beruͤhrte, der ſich nur noch ein klein wenig haͤtte naͤhern duͤrfen, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen und zu kuͤſſen. Er aber fuͤhlte ſich beim Anblick eines ſo reizenden Mundes, deſſen lieblicher Hauch ihn ſtreifte, in ſeiner naͤchſten Naͤhe ſo ſehr ergriffen, daß er außer Stand war, ſich zu ruͤhren, und endlich ſtotterte: „Madame... ich glaubte, Ihnen Verſe vorleſen zu muͤſſen.“. Die kleine Graͤfin erhob plötzlich den Kopf und ſtuͤtzte ihn auf die entgegengeſetzte Se ite des Sopha's, waͤhrend ſie mißlaun ig erwiderte: „Ach, Gott! mein Herr, Sie haben ein Gedaͤchtniß! ... Nun! nehmen Sie das vor Ihnen liegende Stamm⸗ buch... und leſen Sie!”“— Cherubim nahm ein auf einem Lehnſtuhl befindliches — 2 85 Stammbuch, offnete es und ſah Zeichnungen, Verſe, Bildniſſe, kurz Alles, was man in dem Gedenkbuch einer ſchonen, jungen Frau finden kann; nachdem er einen Au⸗ genblick geblaͤttert hatte, wendete er ſich gegen die Graͤ⸗ fin und fragte mit ſchuͤchternem Tone: 3 „Was ſoll ich Ihnen vorleſen, Madame?“ „— Eil mein Gott!... was Sie wollen, das iſt mir ſehr gleichguͤltig!...“— „ Cherubim ſchlug das Stammbuch von Neuem auf und las zufäͤllig: „Ins Stammbuch ſoll ich Verſe legen? Das wuͤnſchen, ſchoͤne Graͤfin, Sie; Ich folge ſchleunigſt: Sie bewoͤgen Den Weltkreis ja zur Poeſie! Doch meinen Reimen fehlt bekanntlich Verſtand, o weh! und richt'ger Sinn: Wie koͤnnt' auch haben noch Verſtand ich, Da Sie mir, Sie, genommen ihn?“ „Ach! das iſt von dem naͤrriſchen Herrn Dalbonne!“ . murmelte Madame Valdieri, ſich ungeduldig auf dem Sopha drehend.„Der macht lauter ſolche Verſe... er betet alle Weiber an!... und Sie, Herr Cherubim? . ſind Sie auch ſo“ „Ich? Madame!“ nenegnet Cherubim verlegen, „ol.. nein.. ich... ich.. doch ich fahre fort: Geſchichte aiger Maus. „— O! das iſt viel zu lang.“ Die ſchoͤne Emma, der es ohne Zweifel nicht darum zu thun war, die ganze lange Geſchichte einer Maus vorleſen zu hoͤren, und welche ſich von Cherubim ver⸗ ſpottet glaubte, faßte einen aͤußerſten Entſchluß; ſie ſtreckte ſich auf dem Sopha aus, und ſtoͤhnte: „Ach! ich kann es nicht mehr aushalten... dieſe Geruͤche greifen meine Nerven an... ich fuͤhle mich un⸗ wohl!...“ Cherubim ſtoͤßt einen Schrei des Entſetzens aus, laͤßt das Stammbuch auf den Boden fallen, und betrachtet die reizende Blondine, welche, obgleich ſich unwohl fuͤhlend die anmuthigſte Lage angenommen hat, die eine Kokette nur erfinden kann, und deren halb geſchloſſene Augen von einem Ausdrucke ſtrahlen, der keine drohende Ge⸗ fahr verkuͤndet. Aber ſtatt dieſes Alles zu bewundern, ſtand Cherubim auf, rannte im Zimmer umher, ſuchte nach etwas Staͤrkendem und ſchrie: „Ach! mein Gott!... Sie werden ohnmaͤchtig... und ich bin Schuld daran... ich bin troſtlos daruͤber... ich will Leute herbeirufen...“ „O nein, mein Herr, ſchnuͤren Sie mich lieber auf!“ fluͤſterte die Graͤfin mit einem Seufzer. „— Sie aufſchnuͤren... aber das kann ich ja nicht wenn Sie indeſſen... glauben...“ Jetzt naͤhert ſich Cherubim der jungen Frau, um ihrem Auftrage Folge zu leiſten; und dieſe ſchließt, als ſie ihn ſich uͤber ſie herbeugen ſieht, die Augen ganz, weil ſie vermuthet, daß dieſes ſeinen Muth erwecken, und er ſich beſſer betragen werde; aber wie Cherubim die voͤllig geſchloſſenen Augen der Graͤfin bemerkt, macht er einen Satz ruͤckwaͤrts, eilt an eine Klingel, und zieht mit Heftigkeit die Schnur, waͤhrend er ausruft: „ Sie verliert ihre Beſinnung ganz! wie ungeſchickt H 87 bin ich! da die Wohlgeruͤche an mir das Uebelbefinden der Frau von Valdieri verurſacht haben, ſo wird ſie, ſo lange ich anweſend bin, ſich nicht erholen können...“ Die Kammerjungfer trat, ganz verwundert uͤber das plotzliche Läͤuten, ein, Cherubim deutete auf ihre im Sopha ausgeſtreckte Gebieterin und ſagte: „Kommen Sie, ſtehen Sie ſchnell der Frau Graͤfin bei... ich entferne mich, die Wohlgeruͤche, die ich an mir habe, ſind an ihrem Uebelbefinden Schuld, deßhalb darf ich nicht in ihrer Naͤhe bleiben... ſagen Sie ihr doch, wie ſehr ich das Vorgefallene bedaure!“ Damit nimmt Cherubim ſeinen Hut, verlaͤßt ſchnell das Boudoir, und laͤßt die Kammerjungfer und die ſchoͤne junge Graͤfin, deren Augen vollkommen offen ſtanden, ſtaunend zuruͤck. Cherubim ging, Jasmin verfluchend, der einen wah⸗ ren Wohlgeruchs⸗Laden aus ihm gemacht hatte, nach Hauſe. Er fand Monfreville, und erzaͤhlte ihm das eben Begegnete. Als der junge Marquis zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, betrachtete ihn Monfreville mit befremdeter Miene und ſagte: „Mein lieber Freund, ich war ſtets aufrichtig gegen Sie, ich muß Ihnen alſo geſtehen, daß Sie ſich in dieſer ganzen Geſchichte wie ein Dummkopf betragen haben.“ „— Ein Dummkopf!“ ſchrie Cherubim. „— Ja, ſo dumm als moͤglich; wenn Sie eine junge ſchöͤne Frau allein in ihrem Boudoir aufnimmt, ſo geſchieht's, um ſich von Ihnen die Cour machen zu 88 laſſen... und nicht wegen des Vorleſens... die Verſe waren nur ein Vorwand!...“ „— Glauben Sie?... mein Gott, der Gedanke kam mir auch... aber ich durfte es nicht wagen.... wenn es ihr nur nicht uͤbel geworden waͤre!“ „— Ei! dann wurde Ihnen erſt der Sieg ange⸗ boten... Wie? eine reizende Frau fordert Sie auf, ſie auszuſchnuͤren, und Sie laͤuten ihrer Kammerjungfer... Ach! mein armer Cherubim... wenn dieſes Abenteuer bekannt wird, thut es Ihnen in der Welt viel Schaden.“ „— Mein Gott! Sie bringen mich zur Verzweif⸗ lung... ich wußte ja nicht... ol ich will meinen Fehler wieder gut machen, vor allen Dingen werde ich, wenn ich wieder zu der ſchoönen Emma ins Boudoir kommen darf, keinen Wohlgeruch uͤber mich gießen laſſen, und dann im Weiteren.. ſehr unternehmend ſein.“ „— Ich wuͤnſche die Wiederherſtellung Ihres guten Einvernehmens mit der Graͤfin, aber ich zweifle daran.“ „— Warum denn?“ „— Weil ſich bei den Frauen... bei den koketten Frauen beſonders.. eine verſaͤumte Gelegenheit nie wieder hereinbringen laͤßt. So wette ich darauf, daß Frau von Valdieri nie mehr mit Ihnen ſprechen und Ihnen nie wieder ein Rendez⸗vous geben wird.“ „— Glauben Sie? wenn ich aber eines von ihr ver⸗ lange?“ 3 „— So wird ſie es verweigern.“ „— O! das kann ich nicht glauben! wie? weil ich fuͤrchtete, ihr durch meine Gegenwart beſchwerlich zu fallen!“ 89 „— Armer Cherubim! welches Kind ſind Sie noch . aber, halten Sie, laſſen Sie uns dieſen Abend zu Madame Celival gehen, die kleine Graͤfin findet ſich dort gewoͤhnlich ein, wenn wir ſie antreffen, werden Sie gleich ſehen, ob ich recht habe.“ Cherubim nahm den Vorſchlag an; ungeduldig er⸗ wartete er den Abend, denn er brannte vor Begierde, Frau von Valdieri zu begegnen; er war der Ueberzeugung, Monfreville taͤuſche ſich, und konnte nicht glauben, daß man ihn ſchlecht aufnehmen werde, weil er ſich von der Dame, die ſeine Wohlgeruͤche belaͤſtigten, ent⸗ fernte. Die Stunde zur Geſellſchaft ſchlug; Monfreville holte ſeinen jungen Freund ab, und beide begaben ſich zu Ma⸗ dame Celival. Die Saͤle hatten ſich ſchon gefuͤllt, aber die ſchoöne Graͤfin war nicht zugegen, und Cherubim, der ſie ſuchte und, ſo oft die Thuͤre aufging, eintreten zu ſehen hoffte, hatte eine unruhige, zerſtreute Miene, welche Madame Celival nicht entging; die lebhafte Wittwe machte ihm deßhalb Vorwuͤrfe, und ſuchte ihn an ſich zu feſſeln, als endlich Frau von Valdieri mit ihrem Gemahl erſchien. Nie war die kleine Graͤfin geſchmackvoller, anmuthiger, koketter gekleidet geweſen; niemals hatte ſie einen fuͤr ihre Reize vortheilhaftern Anzug getragen; man konnte meinen, ſie habe, um ſich fuͤr das ihr im Laufe des Tages Begegnete zu raͤchen, geſchworen, Abends außer⸗ ordentliche Eroberungen zu machen. Alle Maͤnner umgaben ſchmeichelnd die reizende, eben eingetretene Frau; Cherubim ſprach kein Wort, aber er 90 konnte nicht aufhoͤren, Emma zu betrachten, und dachte bei ſich ſelbſt: „Und dieſen Morgen... ſaß ich neben ihr... wir waren allein in ihrem Boudoir... ſie legte beinahe ihr Haupt auf meine Schulter... und... ach! ich glaube, Monfreville hat Recht... ich war ſehr dumm.“ Cherubim wartete, bis die Graͤfin die Huldigungen, welche Jeder einer ſchonen Frau darzubringen ſich beeiferte, empfangen hatte; als Frau von Valdieri nicht mehr von Andern umringt war, benuͤtzte er einen Augenblick, ſich ihr zu naͤhern, und ſprach beinahe mit freundſchaftlichem Tone zu ihr: „Nun, Madame, befinden Sie ſich dieſen Abend beſſer?... hatte Ihr Unwohlſein keine Folgen?“ Die kleine Graͤfin warf einen veraͤchtlichen Blick auf Cherubim und entgegnete ihm ſpottiſch: .„Sch weiß nicht, was Sie ſagen wollen, mein Herr!“ „— Sie wiſſen nicht, was ich ſagen will? dieſen Morgen wurde es Ihnen doch...“ Die Graͤfin ſtand, dem Anſcheine nach ohne Cheru⸗ bims Worte zu beachten, auf, und ſetzte ſich neben eine Dame, mit der ſie, nach dem haͤufigen Gelaͤchter, wel⸗ ches dabei zu vernehmen war, eine ſehr heitere Unter⸗ redung begann. Der Juͤngling blieb, wie verſteinert, ſtehen; dann ſetzte er ſich in eine Ecke und ſprach fuͤr ſich: „Welcher Ton...... welcher Blick!...... man koͤnnte glauben, ſie kenne mich nicht mehr.“ Monfreville, der an einem Spieltiſche Platz genom⸗ men hatte, konnte nicht zum Troſte ſeines Freundes her⸗ 91 beikommen; und Cherubim ſaß ziemlich lange unbemerkt auf der Seite, als ſich eine Hand ſanft auf ſeine Schul⸗ ter legte, und eine eindringende Stimme ihm beinahe ins Ohr ſagte: „Was treiben Sie da?.... ſchmollen Sie?... Es ſcheint mir, Frau von Valdieri behandelt Sie heute Abend nnich gut?.. — Sie ſind's, Madame?“ — Nicht wahr, ich hab's errathen... Sie haben ſich gegankt mit der kleinen Graͤfin?“ „— Ich! ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß Sie ſich irren.. ich ſtehe nicht ſo vertraut mit dieſer Dame, um.. „— Sie ſind ruͤckſichtsvoll;... das iſt lobenswerth . und wird Ihnen bei den Damen nuüͤtzen.“ „Nun!“ dachte Cherubim,„wie's ſcheint, ſind alle Frauen in dieſem Punkte einig; Madame Celival ſagt mir ungefaͤhr dieſelben Dinge, wie die Graͤfin.“ Die ſchöͤne Wittwe ließ ſich einen Augenblick neben Cherubim nieder, indem ſie ganz leiſe ihm ins Ohr fluͤſterte: „Sie muͤſſen einen recht chunffnen e Streich ausge⸗ fuͤhrt haben, daß man Sie ſo behandelt..... Sie nicht d anſieht?"“ — Ich, Madame? ich ſchwoͤre Ihnen, ich hah: gar usi ausgefuͤhrt!“ — Ah, er antwortet Einem mit ſo zahmer Miene! man bonnte ihn fuͤr einen kleinen Heiligen halten!“ „— Man hat mich zum Beiſpiel gefragt, ob Ihr Bou⸗ doir huͤbſcher waͤre als... das der Graͤfin?... Ich ſagte, 92 ich wiſſe es nicht; dann hat man mir auch vorgeworfen, ich luͤge... und Sie wiſſen doch ſelbſt am beſten, daß ich die Wahrheit ſprach.Ä“ „— Eil man hat Sie gefragt, ob mein Boudoir ſchöner ſei!“ verſetzte Frau von Celival mit etwas be⸗ leidigter Miene.„Sie geben folglich zu, daß Sie in das ihrige kommen... Ach! dieſe kleine Graͤfin!... wahrhaftig, ich finde ſie ſehr neugierig, zu fragen, ob Sie das meinige geſehen haben!... und Sie haben mit Nein geantwortet?“ „— Es ſcheint mir, Madame, daß ich nicht ja ſagen konnte; das waͤre eine Luͤge geweſen.“ „— Ei! wie ſonderbar er iſt mit ſeinen Scrupeln ... als ob in der Welt nie gelogen wuͤrde... aber Sie wiſſen doch, daß man zuweilen dazu gezwungen wird, daß es oft unvermeidlich iſt?... Uebrigens ſollen Sie auch mein Boudoir kennen lernen, damit Sie dieſer Dame, wenn Sie wieder von ihr befragt werden, darauf dienen koͤnnen... finden Sie ſich morgen zum Fruͤhſtuͤck bei mir ein...“— „— Ah! Madame! welche Guͤte...“ „— Wollen Sie kommen? wird man es Ihnen ge⸗ ſtatten?“ 4 „— Ob man mir es geſtattet? bin ich denn nicht unabhaͤngig?“ 3 „— Vielleicht... alſo morgen um zwoͤlf Uhr er⸗ warte ich Sie... und wir werden in meinem Boudoir fruͤhſtuͤcken, damit Sie hinlaͤngliche Zeit haben, es zu beſichtigen... und der Frau Graͤfin ſagen koͤnnen, was Sie davon halten,“ „Ol ich wette zum Voraus, daß es huͤbſcher und nicht ſo dunkel, wie das der Graͤfin iſt!“ Madame Celival laͤchelte, legte ſanft ihre Hand auf die Cherubims und entfernte ſich, ihm leiſe zufluͤſternd: „— Auf morgen!“ Cherubim vergaß, entzuͤckt uͤber das neue Rendez⸗ vous, bald Frau von Valdieri s Verachtung; er wurde wieder munter, faßte fri ſchen Muth und ſuchte Monfre⸗ ville beim Spiele auf, dem er ins Ohr fluͤſterte: „Mein Freund, ich habe ein anderes.“ „— Ein anderes, was?“ „— Ein anderes Rendez⸗vous in einem Boudoir auf morgen.“.— „— Mit derſelben Perſon?/) „— Nein, mit Madame Celival.“ 3 „— Wie gluͤcklich Sie ſind! ſorgen Sie aber, daß Sie ſich beſſer herausziehen, als aus dem erſten.“ „— Ol ſeien Sie beruhigt! dieſes Mal werde ich mich nicht mit Wohlgeruͤchen Anbanſantitende. Spielen Sie noch lange?“ „— Ja... wir haben ſo eben dieſe Whiſt⸗Partie angefangen... ich werde wenigſtens zwei Robber machen.“ „— Goddam! ſo verlaſſe ich Sie; ich gehe ſchlafen.“ „— Sie können doch unmoͤglich ſchon muͤde ſein!“ — Frau von Valdieri ſieht mich immer ſo ſpottiſch an, ich will lieber nach Hauſe gehen.“ Cherubim verſchwand aus dem Salon und kehrte ganz mit dem Gedanken an Madame Celival und das ihm von derſelben auf morgen gegebene Nendes⸗ vous beſchäftigt, in ſein Hotel zuruͤck. 94 Fünftes Kapitel. Die duͤrren Pflaumen⸗ Man erwacht bald, wenn man verliebt iſt und ein Rendez⸗vous mit der Dame ſeiner Gedanken hat; es iſt nicht gewiß, daß Cherubim Madame Celival liebte, ſon⸗ dern ſogar wahrſcheinlich, daß er fuͤr alle dieſe Eroberungen nur jenes voruͤbergaͤngliche Verlangen empfand, welches alle junge Maͤnner in der Naͤhe einer ſchonen Frau em⸗ pfinden,— eine Krankheit, die man oft noch im reifen Alter fuͤhlt, und wovon es ſehr angenehm iſt, ſelbſt in alten Tagen nicht geheilt zu werden. Aber Cherubim war noch zu unerfahren, um zwiſchen den Gefuͤhlen, die ihn bewegten, einen Unterſchied machen zu koͤnnen; er glaubte ſich im Augenblicke ſehr in Madame Celival verliebt. Kaum erwacht, laͤutete Cherubim. Trotz ſeines Alters war Jasmin Morgens ſtets der erſte in ſeines Herrn Dienſte; dieſer wies ihn aber diesmal beim Ankleiden zuruͤck und ſagte zu ihm: „Du haſt geſtern ſchone Geſchichten gemacht, Jasmin!“ „Was habe ich denn gemacht?“ fragte der alte Die⸗ ner, durch die Mißlaune Cherubim's ganz erſchreckt. „Was? Jasmin! Du haſt mich in Wohlgeruͤchen gebadet.. Du haſt alle meine Kleider damit benetzt... ich war ein lebendiges, parfuͤmirtes Kraͤuterkiſſen.“ „— Haben der gnaͤdige Herr nicht gut gerochen?“ „— Ei freilich! ich roch zu gut! das heißt zu ſtark! ich ſtieg in den Kopf; kurz— nervenſchwache Damen koͤnnen das nicht ertragen... Du biſt Schuld, — .— ——— 9⁵ daß es einer Dame uͤbel wurde, das iſt ſehr unange⸗ nehm.“ Jasmin war troſtlos; um die geſtern begangene Thorheit wieder gut zu machen, ſchlug er ſeinem Herrn vor, in alle Taſchen Kampher zu ſtecken, man hatte ihm geſagt, derſelbe ſei vortrefflich fuͤr die Nerven, und er ſtellte ſich vor, der werde das durch die Wohlgeruͤche verurſachte Uebel wieder gut machen; aber Cherubim litt es nicht; er verbot Jasmin ausdruͤcklich, ihn auf irgend eine Weiſe zu parfuͤmiren; er mußte aber ſeinen Wider⸗ willen deutlich ausdruͤcken, um den alten Diener abzu⸗ halten, ihm Kampherſtuͤckchen in die Taſchen zu ſtecken. Nach beendigter Toilette unterſuchte Cherubim genau, ob er nach nichts rieche; und in Erwartung des Augen⸗ blickes, wo es Zeit ſein werde, ſich Madame Celival vorzuſtellen, dachte er an die ſchone Wittwe und beſann ſich, was er mit ihr ſprechen wolle; das Fruͤhſtuͤcken mit ihr erregte allein Beſorgniß in ihm. „— Wenn man mit einer Dame fruͤhſtuͤckt,“ ſagte er bei ſich,„in die man verliebt iſt, ißt man da?... laͤßt man ſeinen Appetit gewaͤhren?... Mein Gott! ich habe vergeſſen, Anweiſungen hieruͤber von Monfreville zu verlangen... ich fuͤrchte, abermals ungeſchickt zu ſein .. Was macht man mir uͤbrigens immer zum Vor⸗ wurf? die Schuͤchternheit; wenn ich nicht eſſe, ſieht's dumm aus; recht eſſen und trinken wird mir dagegen Muth, Kuͤhnheit verleihen.. O! ja, ich will tuͤchtig eſſen.“ Die Stunde des Fruͤhſtuͤcks kam endlich heran. Che⸗ rubim begab ſich zu Madame Celival, ſein Herz ſchlug 96 maͤchtig, als er der Zofe folgte, die ihn ins Boudoir einfuͤhrte, aber er ermuthigte ſich. „O! das iſt einerlei,“ ſagte er bei ſich,„diesmal will ich nicht ſchuͤchtern ſein... und recht viel eſſen.“ Das Boudoir der ſchoͤnen Wittwe war ein reizendes, ringsum mit veilchenblauem Sammet verhaͤngtes Gemach. Ein dicker, weicher Teppich bedeckte den Fußboden, und dreifache Gardinen ließen kaum den Tag durchſchimmern. „Die Frauen lieben gewiß das Dunkel ſehr,“ dachte Cherubim beim Eintritt in das Boudoir; heute muß ich aber keine Verſe leſen.. und zum Fruͤhſtuͤcken ſehe ich hier genug.. zudem, denke ich mir... muß das Dunkel kecker machen... deßhalb verbannen die Damen ohne Zweifel die Helle aus ihren Zimmern.“ Madame Celival erwartete Cherubim; ihr Anzug war einfach, aber ganz zu ihrem Vortheil berechnet; ihre ſchönen ſchwarzen Haare fielen auf beiden Seiten des Geſichts in langen Locken herab, und die hochrothen Baͤnder auf ihrem köſtlichen Haͤubchen verliehen ihren ohnehin feurigen Augen noch mehr Lebhaftigkeit. Die verfuͤhreriſche Wittwe empfing Cherubim mit ſo viel Liebenswuͤrdigkeit, daß ein Anderer als er ſich alsbald behaglich gefuͤhlt haͤtte; er that jedoch ſein Moͤg⸗ lichſtes, um ſeine Verlegenheit zu uͤberwinden; das Beſte war, daß er in Bewunderung vor den Reizen der Dame, der er ſich gegenuͤber befand, ſtehen blieb. „. Nun, Herr Cherubim,“ fragte Madame Celival nach einer Pauſe,„wie finden Sie mein Boudoir?... gelt! nicht ſo huͤbſch, wie das der Graͤfin?“ „— Nein, Madame, nein, ich verſichere Sie.. 97 das Ihrige gefaͤllt mir eben ſo gut.. ich finde es ſogar ſchoöͤner...“ „— O! das ſagen Sie nur, um mir zu ſchmeicheln!“ „— Nur iſt eines ſo dunkel, als das andere..“ „— Die Helle thut den Augen weh, ich haſſe ſie.“ „— Indeſſen, Madame, duͤrfen Sie ſich nicht fuͤrch⸗ ten, geſehen zu werden... wenn man ſo ſchon iſt..“ Cherubim wagte nicht, weiter fortzufahren, er war erſtaunt, ſo viel geſprochen zu haben; aber Madame Celival, der dieſes Compliment ganz natuͤrlich ſchien, entgegnete laͤchelnd: „Wirklich! gefalle ich Ihnen?... o! aber die Maͤn⸗ ner machen ſich ſo wenig daraus, Dinge zu ſagen, woran ſie nicht denken!..“ Und mit dieſen Worten beugte ſich Madame Celival nachlaͤſſig uͤber das Kiſſen des veilchenfarbenen Sammet⸗ divans, worauf ſie ruhte, und ihre Bruſt quoll in die Hohe, als ſie Cherubim anblickte, der mit niedergeſchla⸗ genen Blicken, ſchweigend, ohne Muth, ſie wieder anzu⸗ ſehen, auf einem Stuhle neben ihr ſaß. Als Madame Celival nach einem ziemlich langen Schwei⸗ gen bemerkte, daß Cherubim daſſelbe nicht unterbrechen werde, rief ſie aus: „— Aber ich vergeſſe unſer Fruͤhſtuͤck!... Sie haben vielleicht Hunger?“ — O, ja, Madame, ich hungere ſehr;“ antwortete Cherubim ſchnell. Madame Celival laͤchelte, indem ſie ſprach: „— und es ſcheint, daß Sie der Hunger ſprachlos macht! aber, mein Gott, warum ſagten Sie's nicht Paul de Kock. VII. 7 gleich, ich will Sie nicht in Lebensgefahr kommen ſehen. Wollen Sie gefaͤlligſt an jener Klingel ziehen.“ Cherubim zog die Klingelſchnur und die Kammerjungfer trat ein. „Man ſoll uns auftragen!“ ſagte Madame Celival und fuͤgte gegen Cherubim gewendet bei: „Wir fruͤhſtuͤcken hier, weil uns hier Niemand ſtoͤrt; wenn irgend laͤſtige Beſuche kommen, ſo wird man ſagen, ich ſei nicht zu Hauſe... iſt Ihnen dieſe Anordnung recht?“ „— O, ja, Madame, das wird viel huͤbſcher ſein!“ Madame Celival laͤchelte abermals; ſie dachte vielleicht auch, ihr Alleinſein werde ſich huͤbſcher machen; doch war dies nur eine Vermuthung!. Die Kammerjungfer trug ſchnell das Fruͤhſtuͤck auf und deckte zwei Couverts. Cherubim bemerkte, daß die Kammerjungfer neben den von Speiſen beladenen Tiſch einen Gueridon mit dem Deſſert ſtellte. Madame Celival entließ die Kammerjungfer mit den Worten: „Wenn ich Etwas brauche, werde ich laͤuten! „uUnd nun,“ ſagte die reizende Brunette, dem Juͤng⸗ ling, der ſie fortwaͤhrend bewundernd betrachtete, die Hand reichend,„nehmen Sie Platz, Herr Marquis, und entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie ſo ohne alle Foͤrmlichkeit behandle, es ſoll aber kein geremonielles Fruͤhſtuͤck ſein.“ Das Fruͤhſtuͤck ohne alle Foͤrmlichkeit beſtand aus einem Gericht Nerac, einem gefuͤllten Rebhuhn, kleinem Federwildbret mit Poſtazien und einer Krebsplatte; ein⸗ gemachte Sachen, Zuckerbackwerk und eine Compote von 99 duͤrren Pflaumen auf dem Gueridon ſtehend, bildeten den Nachtiſch, und einige Flaſchen feinen Weines zeigten an, daß man nicht beabſichtigte, den jungen Tiſchgenoſſen ganz bei kaltem Blute zu laſſen. Cherubim hatte neben Madame Celival, die ihm von Allem anbot, aber ſelbſt ſehr wenig genoß, Platz genommen, er dagegen aß fuͤr zweie. Seit er bei Tiſche ſaß, fuͤhlte er ſich weniger verlegen, mehr zum Geſpraͤche aufgelegt; er ſchloß daraus, daß er ganz richtig vermu⸗ thet habe, Eſſen und Trinken werde ihm Sicherheit und Muth verleihen; deßhalb nahm er von Allem, was ihm angeboten, und trank ſchnell, was ihm eingeſchenkt wurde. Madame Celival war ſehr munter, ſie wußte die Un⸗ rerhaltung ſehr gewandt zu fuͤhren, und ſchien hoͤchſt er⸗ freut uͤber die Ehre, die ihr Gaſt dem Fruͤhſtuͤck anthat. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie lachend,„es wundert mich nicht, warum Sie vorhin keines Wortes mehr faͤhig wa⸗ ren und ſtumm blieben!... Sie ſtarben ja faſt Hungers!“ „— Es iſt wahr, Madame, ich habe einen geſunden Appetit, und neben Ihnen... ſcheint es mir, kann der nicht fehlen.“ „— Ah! ich weiß nicht, ob ich das fuͤr ein Com⸗ pliment halten ſoll! Es gibt ein Spruͤchwort, welches dieſen n mfi nicht zu meinem Vortheil deutet.“ — Welches Spruͤchwort, Madame?“ — Da es Ihnen nicht bekannt iſt, mag ich es Ih⸗ nen aug nicht mittheilen. Jetzt wollen wir zum Nach⸗ tiſch uͤbergehen, ich ließ Alles in unſerer Naͤhe aufſtellen, um nicht erſt laͤuten zu muͤſſen... wir duͤrfen nur einen an⸗ dern Tiſch vorruͤcken... Finden Sie das nicht angenehmer?“ Dieſe letzten Worte wurden mit einem ſo zaͤrtlichen Blicke begleitet, daß Cherubim beinahe den Kopf verlor, um ſich aber zu erholen, ſtellte er eiligſt den Tiſch, wor⸗ auf gefruͤhſtuͤckt worden, zuruͤck, und an deſſen Stelle den Gueridon, auf dem der Nachtiſch gedeckt war, vor den Divan. Madame Celival, die das Ende des Fruhſtuͤcks her⸗ f beiwuͤnſchte, beeilte ſich, ihrem Gaſte von Allem anzu⸗ bieten, aber Cherubim betrachtete die Pflaumencompote 4 und fragte: „Was iſt das?“ „— Es ſind duͤrre Pflaumen... wie, Sie kennen das nicht?“ „— Mein Gott, nein! Ich ſehe es zum erſten Male . bei meiner Amme wenigſtens aß man keine.“ Frau von Celival brach in ein lautes Geläͤchter aus, waͤhrend ſie ſagte: „Ach! bei Ihrer Amme, das iſt herrlich!... das Wort klingt wunderhuͤbſch! wenn man ihn hoͤrte, koͤnnte man glauben, er ſei bis heute bei ſeiner Amme geweſen.“ Cherubim biß ſich in die Lippen, er glaubte eine Dummheit geſagt zu haben; er war entzuckt, daß ſie ſeinen Ausdruck fuͤr geiſtreich hielt, und nahm von den duͤrren Pflaumen, die ihm Madame Celival darbot. „Nun,“ fragte die ſchoͤne Wittwe nach einer Weile, „wie ſchmeckt Ihnen das, was Sie bei Ihrer Amme nie zu eſſen bekamen?“ „— O! ſehr gut, koͤſtlich!“ „— Wollen Sie noch mehr davon?“ „— Recht gerne.“ — — — —— — 101 Madame Celival bediente aufs Neue von dem Pflau⸗ menmuſe den Juͤngling, der waͤhrend des Eſſens zu ihr ſagte: „Aber Sie, Madame, Sie eſſen nicht?“ „— Ol ich... ich habe keinen Hunger.“ „— Warum denn?“ „— Warum ſonderbare Frage!... weil die Frauen nicht den Maͤnnern gleichen... ſondern wenn ihnen etwas am Herzen liegt... in ihren Gedanken, ihren Gefuͤhlen leben, und das ihnen genug iſt.“ Die letzten Worte wurden mit einem etwas pikirten Tone geſprochen, denn Madame Celival fand, daß Che⸗ rubim zu lange bei Tiſch bleibe; als Dame von Welt jedoch und als Wirthin, die ihre Aufgabe keunt⸗ pra⸗ 3 fentirte ſie ihm noch mehre Platten. — Nun, nehmen Sie doch noch mehr daon! 17 „— In der That, wenn ich's wagen duͤrfte...“ „— Sie werden ſich doch nicht geniren!... das wuͤrde mich recht aͤrgern.“ Cherubim erinnerte ſich, daß man wirklich nicht ſchuͤchtern ſein ſoll, und ihm neulich die Schuͤchternheit Schaden brachte. Er ſchoͤpfte folglich von den Pflaumen heraus und wiederholte dies nach kurzer Zeit; und da Madame Celival uͤber ſeine Leidenſchaft fuͤr die gedorr⸗ ten Pflaumen ſehr lachte und es ihn entzuͤckte, zu ihrer Erheiterung beizutragen, ſo hoͤrte er nicht eher zu eſſen auf, als bis die Schuͤſſel leer war. Die ſchoͤne Wittwe ſchien ſehr erfreut, als ſich keine Pflaumencompote mehr auf dem Tiſche befand, und die kaum vernehmbaren Worte:„Es iſt ein wahres — ——ÿy 5— —— 102 Gluck!“ traten über ihre Lippen. Cherubim hoͤrte ſie nicht.— Indeſſen hatte die ſchöne Frau ihren Stuhl ſachte vom Tiſche weggeruͤckt, trank einige Loͤffel voll Kaffee, ſtellte ihre Taſſe auf den Kamin und ſetzte ſich wieder auf ihren Divan, dann fragte ſie den jungen Mann mit einer ins Herz dringenden Stimme: „Nun, werden Sie ſich nicht neben mich ſetzen?“ Es leuchtete Cherubim allmaͤlig ein, daß jetzt der Augenblick gekommen ſei, wo er ſich mit etwas Anderem, als mit duͤrren Pflaumen zu beſchaͤftigen habe; er ſtand vom Tiſche auf, machte einige Gaͤnge durchs Zimmer, bewunderte einige huͤbſche Gemaͤlde, die, ohne allzufrei zu ſein, doch zur Wolluſt reizten. Er gerieth vor Pſyche und Amor, vor dem Fluß Scamander, vor einer auf ihrem Lager ausgeſtreckten Odaliske in Extaſe und ſetzte ſich endlich neben Madame Celival auf den Divan. „Sie bewundern meine Gemaͤlde...“ begann ſie wieder. „— Ja.. all' dieſe Frauen ſind ſo ſchoͤn... beſon⸗ ders jene Odaliske!...“. „— Der Maler hat ſie kaum verſchleiert, um uns aber ihre Schoͤnheit bewundern zu laſſen, mußte er ſie allerdings unverhuͤllt zeigen... in der Malerei iſt das geſtattet... die Maler haben Privilegien, man verzeiht dem Talente... oder der Liebe Alles.“ Die letztern Worte wurden von einem Seufzer be⸗ gleitet. Cherubim erhob die Augen zu der ſchoͤnen Wittwe, und nie war ſie ihm reizender erſchienen, denn ihre Augen glaͤnzten jetzt von einem zugleich lebhaften und doch mil⸗ 4 103 den Feuer, und ihr halb geoͤffneter Mund ſchien geneigt, auf Vieles Antwort zu ertheilen. Der Juͤngling wagte es, ihre nachlaͤſſig herabhaͤngende Hand zu ergreifen; er bewunderte dieſe weiche, weiße, zarte, fleiſchige Hand, hatte jedoch nicht den Muth, ſie zu kuͤſſen; aber er druͤckte ſie zaͤrtlich, und ſtatt ſie zuruͤckzuziehen, erwiderte ein lebhafter Gegendruck dem ſeinigen; hiedurch ermuthigt, wollte Cherubim dieſe Hand zum Munde fuͤhren und mit Kuͤſſen bedecken, als er plöͤtzlich einen heftigen Schmerz im unterleibe verſpuͤrte. Cherubim blieb wie verſteinert. „Was haben Sie?“ fragte Madame Celival erſtaunt, „daß er Ihre Hand in die Hohe hielt, ohne ſie zu kuͤſſen.“ „— Nichts, o! nichts, Madame.“ und der junge Mann unterdruͤckte eine Grimaſſe, welche die Folge einer wiederholten, wenn auch weniger ſtarken ſchmerzlichen Empfindung war, der jedoch ein Kollern in der Gegend der Eingeweide folgte, welches einen entſetzlichen Ausbruch verkuͤndete. Indeſſen verlor ſich Cherubim, den ſeine Schmerzen im hochſten Grad beunruhigten und der Folgen wegen in Angſt verſetzten, in ganz andere Gedanken; er ließ Madame Celivals Hand auf den Divan zuruͤck⸗ fallen.. „— Aber was iſt Ihnen denn?“ fluͤſterte die ſchoͤne Wittwe in einem Tone des Vorwurfs und der Zaͤrtlich⸗ keit.„Sie ſcheinen zerſtreut, in andere Gedanken ver⸗ ſunken... ſprechen nichts mehr mit mir, wiſſen Sie, daß das nicht liebenswuͤrdig iſt!“ — „— Mein Gott, Madame, ich verſichere Sie, es iſt mir nichts... Sie irren ſich.“ und Cherubim gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, eine abermalige Grimaſſe zu unterdruͤcken, er verſpuͤrte Zwicken und Druͤcken im Leibe, das ihn zur Verzweif⸗ lung brachte, weil er einſah, daß er das Bauchgrimmen habe, und um keine Welt Madame Celival ahnen laſſen wollte, was ihm fehlte. Es iſt ja doch kein Verbrechen, unwohl zu ſein!... aber wir ſchwache Sterbliche, die uns oft in den Rang der Goͤtter erheben wollen, wir errothen, dieſen Unvoll⸗ kommenheiten der einfachen Geſchoͤpfe unterworfen zu ſein; es gibt beſonders Umſtaͤnde, wo man ſehr verlegen iſt, zugleich ein Mann von Welt und ein Naturmenſch zu ſein. Der arme Cherubim befand ſich gerade in die⸗ ſem Falle; die duͤrren Pflaumen ſpielten ihm einen recht tuͤckiſchen Streich. Madame Celival konnte ſich uͤber den Ton des jungen Marquis nicht taͤuſchen; uͤberdies beleidigt, in ſeinen Blicken weder Zaͤrtlichkeit noch Begierde mehr zu leſen, rief ſie nach einer Weile aus: „— O!l gewiß, mein Herr, Sie langweilen ſich bei mir...“ „— Ach, Madame, ich ſchwoͤre Ihnen, ich langweile mich nicht... im Gegentheile... aber...“ „— Aber Sie moͤchten lieber bei Frau von Valdieri ſein, nicht wahr?“ „— Nein... o! nicht dort möcht' ich in dieſem Augenblick ſein!...“ „— Nun, wo moͤchten Sie denn ſein, mein Herr?“. 10⁵5 Cherubim wußte nicht, was er antworten ſollte, er unterdruͤckte gewaltſam einen abermaligen Schmerz, und kalter Schweiß rieſelte uͤber ſeine Stirne; er ſah in die⸗ ſem Augenblick hoͤchſt traurig und durchaus nicht wie ein Verliebter aus. Madame Celival blickte ihn an, biß ſich vor Aerger in die Lippen und rief aus: „Ach! welch' ſonderbares Weſen nehmen Sie an! ... man hat nie etwas Aehnliches geſehen... ich wenig⸗ ſtens nicht!... Laſſen Sie hoͤren, mein Herr, ſprechen Sie... erklaͤren Sie ſich, es iſt Ihnen gewiß etwas.“ und die ſchone Wittwe, noch von dem zaͤrtlichen Ge⸗ fuͤhle bewegt, das in ihrem Innern fuͤr Cherubim ſprach, ruͤckte ihm naͤher und wollte ihn bei der Hand faſſen, aber er wich raſch zuruͤck, und ſtotterte mit unterdruͤckter Stimme: „Ach! Madame! ich beſchwoͤre Sie, ruͤhren Sie mich nicht an!“ „Was ſoll das heißen, mein Herr! Glauben Sie mir gefaͤlligſt, daß ich nicht die geringſte Luſt habe, Sie anzuruͤhren!“ entgegnete Madame Celival durch das Entſetzen, das ſich in den Zuͤgen des jungen Mannes ausdruͤckte, beleidigt.„Nur, mein Herr, habe ich das Recht, uͤber die uͤble Laune, die ſich Ihrer ſo ploͤtzlich bemächtigte, erſtaunt zu ſein... ich glaubte, durch den Ausdruck des Vergnuͤgens, den ich bei Ihrem Beſuche an den Tag legte, Ihnen keinen... Schrecken zu verur⸗ ſachen... ach! ach!... das iſt wahrhaftig ſehr komiſch.“ Statt hierauf zu antworten, erhob ſich Cherubim plotzlich und murmelte:. „Vergebung, Madame... Vergebung... aber ein Rendez⸗vous, das ich vergeſſen hatte... ich muß mich durchaus entfernen...“ „— Wie, mein Herr, Sie geben ein Rendez⸗vous ... wenn Sie wiſſen, daß Sie bei mir fruͤhſtuͤcken... Das iſt außerordentlich liebenswuͤrdig!... Sie werden mich nicht uͤberzeugen, daß es ſo dringend iſt, daß Sie ſich auf der Stelle entfernen muͤſſen.“ „— O! doch, Madame, doch... es iſt entſetzlich dringend.. ich kann es nicht laͤnger verſchieben... leben Sie wohl, Madame... leben Sie wohl!“ Und nachdem Cherubim, ſeinen Hut ſuchend, drei Mal wie ein Narr durchs Boudoir gerannt war, er⸗ blickte er ihn endlich, ergriff ihn, ſtuͤrzte nach der Thuͤre, öffnete ſie ſo heftig, daß er ſie beinahe einſchlug, und entfloh durch alle Zimmer, wie wenn er eine Verfolgung gefuͤrchtet haͤtte, waͤhrend er Madame Celival uͤber die Art ſeines Weglaufens in Erſtaunen ließ. Endlich gelangte Cherubim zu Hauſe an, indem er die gedoͤrrten Pflaumen und das ihn bei ſeinen Liebes⸗ Abenteuern verfolgende Ungluͤck verfluchte. Gegen Abend kam Monfreville zum Beſuche ſeines Freundes, er war ſehr neugierig, zu erfahren, ob ſich dieſer aus dem letzten Rendez⸗vous beſſer herausgezogen habe, wie aus dem erſten. Als er den jungen Marquis noch blaß und ermattet fand, laͤchelte er und ſprach: „Ich bemerke, daß diesmal Ihr Gluͤck vollſtaͤndig war, und daß Sie einen großen Sieg davon getragen haben.“ Cherubim blickte ſeinen Freund mit einer ſo jaͤmmer⸗ ☛ 107 lichen Miene an, daß dieſer nicht mehr wußte, was er denken ſollte. Nachdem Cherubim vorſichtig die Thuͤre ſeines Zimmers zugemacht hatte, erzaͤhlte er Monfreville, was ihm bei ſeiner zweiten Liebes⸗Zuſammenkunft be⸗ gegnet war. Dieſer konnte bei der Schilderung des Abenteuers nicht ernſthaft bleiben; und obgleich Cheru⸗ bim ſeine Heiterkeit nicht theilte, brauchte er doch lange, bis er ſich wieder zu faſſen im Stande war. „Sie finden das alſo ſehr luſtig?“ fragte ihn Che⸗ rubim ſeufzend. „Meiner Treu, lieber Freund, es iſt eine Aufgabe, nicht uͤber die Lage zu lachen, worin Sie ſich befunden haben.“ „— Geben Sie zu, daß ich recht ungluͤcklich bin.“ „— Es iſt Ihre Schuld! wenn man mit einer Dame unter vier Augen ſpeist, ſo ſtopft man ſich nicht mit duͤrren Pflaumen voll, beſonders nicht, wenn man ſich, wie Sie mir ſagten, vorher ſattgegeſſen hat.“ „— Ich that es, um Muth, um Kraft zu be⸗ kommen!.“ „— Es iſt etwas Schoͤnes, was Sie bekommen haben!“. „— Nun! bei einer andern Zuſammenkunft mit Madame Celival ſoll mir ſo etwas nicht mehr geſchehen; dann werde ich gluͤcklicher ſein!“ „— Ol ſchmeicheln Sie ſich nicht, ein zweites Rendez⸗vous von der ſchonen Wittwe zu erhalten! Sie haben es mit ihr wie mit der kleinen Graͤfin verdorben . Das iſt eine Eroberung, worauf Sie von nun an verzichten muͤſſen.“ 108 — Sie glauben..? welche ungerechtigkeit.!.. wie, eine Frau hoͤrt auf, uns zu lieben, weil uns ein ploͤtzliches Uebelſein befaͤllt?“ — Nicht deßhalb, ſondern weil Sie ſich ungeſchict benommen haben.“ — Was haͤtten Sie an meiner Stelle gethan?“ — Ich haͤtte frei herausgeſagt, mein Fruͤhſtuͤ ck bekomme mir ſchlecht und mache mich ganz krank; dann haͤtte man Ihre Entfernung entſchuldigt und begriffen.“ „— Ach! ehe ich das geſagt haͤtte, waͤre ich lieber vor Scham geſtorben!“ — Das iſt ſehr unvernuͤnftig, mein Freund; bedenken Sie, daß eine Frau Alles verzeiht, nur die Verachtung oder die Gleichguͤltigkeit gegen ihre Reize nicht.“ Cherubim blieb den ganzen Tag traurig; es ſchien ihm ein gewiſſes Mißgeſchick uͤber ſeinen Liebſchaften zu walten und er fuͤrchtete, es moͤchte ihn immerdar ver⸗ folgen. Aber am naͤmlichen Abend kam Darena noch in ſein Hotel, um ihm das Ergebniß ſeiner Schritte bei der ſchönen Polin mitzutheilen. „Triumph!“ ſchrie Darena, auf die Schulter des jungen Marquis klopfend,„es geht gut, mein Freund! Ihre Angelegenheiten ſchreiten tuͤchtig vorwaͤrts.“ „Haben Sie ein Rendez⸗vous fuͤr mich ausgewirkt? fragte Cherubim, beinahe mit erſchrockener Miene. — Noch nicht! das geht, beim Teufel, nicht ſo ſchnell, als Sie glauben; dieſe junge polniſche Graͤfin wird ſtreng gehuͤtet, ſie iſt von Kammerfrauen und Cer⸗ beruſſen umringt.“ 4 V ρ— —— 2 4 109 4„— Es iſt eine polniſche Graͤfin?“ „— Ja, die Graͤfin Globeska!, Gattin des Grafen Globesky... eines ſehr angeſehenen Mannes!... der wegen Hochverraths ſein Vaterland meiden mußte... und eiferſuͤchtig iſt, wie ein Tiger! das iſt ein Kerl, 3 der vom Erdolchen ſeiner Frau ſpricht, wenn Sie eines ihrer Haare einem Andern gaͤbe!”“ „— Entſetzlich!“ „— Das ſchadet durchaus nichts! die Frauen fuͤrch⸗ ten die Dolche nicht im geringſten, ſie bieten der Gefahr Trotz. Ich ließ Ihren Brief in die Haͤnde der ſchöͤnen Globeska gelangen... das war eine ſchwierige Aufgabe; ich mußte das Gold mit vollen Händen ausſtreuen.. ich habe es gethan, ſogar welches entlehnt, weil ich nicht genug im Beſitz hatte... ich weiß, daß Sie mir's zuruͤckgeben, und nahm zum Voraus an, daß Sie meine Freigebigkeiten zu Gunſten Ihrer Liebe nicht tadeln wuͤrden.”“ „— O! ganz im Gegentheil, mein lieber Darena, ich danke Ihnen dafuͤr; hat mir aber dieſe ſchoͤne Polin ein Woͤrtchen der Erwiderung geſchrieben.?“ „— Nein, ſie hat Ihnen nicht geſchrieben... viel⸗ leicht ſchreibt ſie ſchlecht franzoͤſiſch... das iſt bei einer Auslaͤnderin zu entſchuldigen, aber die Frauen ſind ſehr ehrgeizig, ſie fuͤrchten, man verhoͤhne ſie, wenn ſie einen Schreibfehler machen, kurz, die reizende Globeska hat muͤndlich geantwortet, und was ſie ſagte, iſt mehr werth, als alle Liebesbriefe zuſammen.“ „ Was ſagte ſie denn?“ „— Sie ſagte zu ihrer Zofe, die ich verfuͤhrt habe 110 ... das heißt, die ich durch die Macht des Goldes be⸗ ſtochen habe:„„Thue dieſem jungen Franzoſen, der mir ſchreibt, zu wiſſen, daß ich ſeine Leidenſchaft theile, ... ſeit ich ihn ſah, traͤume ich... ſelbſt wenn ich nicht ſchlafe.. nur von ihm.““ „— Das hat ſie geſagt! ach! welches Gluͤck...“ „— Laſſen Sie mich doch vollenden:„„ich bin an einen Tyrannen gebunden, den ich verabſcheue... dieſer Franzoſe ſoll Mittel zu meiner Entfuͤhrung ſchaffen, dann bin ich bereit, ihm zu folgen... und werfe mich in ſeine Arme.““— Nun! was ſagen Sie dazu? gluͤck⸗ licher Lovelace... der haben Sie, glaub' ich, den Kopf verdreht!..“ „Ja, mein Freund, ich bin ſehr gluͤcklich.. denn ich fuͤhle, daß mir dieſe junge Frau beſſer gefaͤllt, als alle andern... in ihrer Naͤhe wird's mir wohler ſein, als bei all' dieſen vornehmen Damen... die mich immer einſchuͤchtern.“ „— Es wird Ihnen ganz wohl ſein, ich ſtehe dafuͤr! .. die Polinnen ſind ſehr ungezwungen.“ „— Sie heißt mich ſie entfuͤhren... darf das ſein? iſt’s erlaubt, eine Frau zu entfuͤhren?“ „— Oh, wie kindiſch er iſt! vor allen Dingen fragt man nicht nach der Erlaubniß... außerdem ſehen Sie ja, daß es ihr eigener Wunſch iſt; ſeien ſie getroſt! ich nehme die Entfuͤhrung auf mich, das ſoll meine Sache ſein.“ „— Mein lieber Darena, wie ſehr verbinden Sie mich!“ „— Nur muß ich wiſſen, wohin ich Ihre Schöͤne 111 fuͤhren ſoll.. Sie werden ſelbſt einſehen, daß es weder ſchicklich noch klug waͤre, ſie vor den Augen Ihrer Leute . in dieſes Haus zu bringen...“ „— O! gewiß... aber wo ſonſt ſie hinfuͤhren?“ „— Das iſt ganz einfach... man braucht nur ein kleines Haus... in der Umgegend... im Weichbilde von Paris... an einem abgelegenen, ſtillen Orte zu miethen wollen Sie mir dies gleichfalls uͤbertragen?“ — O! ja, ich bitte Sie darum.—“ — Es iſt ausgemacht... ich werde eines miethen . wends nicht moͤblirt ſſt, ſo blhs ich Moͤbeln hin⸗ ſchaffen..„ Seben Sie mir Geld... dazu braucht's nicht wenig... hrtin eilte an ſeinen Schreibtiſch, langte Bank⸗ billeté heraus und uͤberreichte ſie Darena mit den Worten: „— Nehmen Sie! hier ſind zweitauſend... drei⸗ tauſend Franken... iſt's genug?“ 1 „— Ja. Ach, geben Sie mir gleich viertauſend... damit ich verſehen bin. Jetzt laſſen Sie mich machen. Vor allen Dingen werde ich mich nach einer paſſenden Wohnung umſehen und ſie zum Empfang ihrer In⸗ fantin herrichten laſſen; dann werde ich einen guͤnſtigen Augenblick erſpäͤhen; ſobald derſelbe gekommen iſt. die Dame entfuͤhren... und Sie abholen; Sie haben ſodann nur noch die Fruͤchte Ihres Sieges zu pfluͤcken... das iſt gewiß angenehm.“ — Herrlich.“ — Aber nur kein Wort von dieſer Sache an Monfreville verrathen, oder ich ziehe mich zuruͤck.“ „— Sei'n Sie beruhigt! es iſt abgemacht.“ 8 „— Wenn Ihre Schoͤne den Haͤnden ihres Tyrannen entriſſen iſt, ſo werde ich an den Ort ihres geheimen Aufenthalts eine feine Mahlzeit bringen laſſen... eine Dame muß doch nach ihrer Ankunft Etwas zu ſich neh⸗ men konnen.“ „Ja, mein Freund... beſtellen Sie ein Eſſen... Ach! aber keine duͤrren Pflaumen dabei... ich bitte Sie! keine duͤrren Pflaumen! denn ich verabſcheue ſolche.“ Darena blickte Cherubim erſtaunt an und antwortet: „Troͤſten Sie ſich; Ihr Abſcheu vor den duͤrren Pflaumen war mir nicht bekannt... man behauptet doch, ſie ſeien ſehr geſund...“ „— Wenn ich welche auf dem Tiſch ſehe, laufe ich ſogleich davon.. „— Nun, beruhigen Sie ſich... ich will dafuͤr ſorgen, daß keine aufgetragen werden.“ Der Graf verließ ſeinen jungen Freund, nachdem er die Bankbillete eingeſchoben hatte, und Cherubim dachte in ſeinem Sinne: „Das iſt diesmal eine Eroberung, die mir nicht entgehen und mich fuͤr alle verlorenen entſchaͤdigen wird.“ V 113 8 Sechstes Kapitel. Das Innere einer Familie. Wie es die kleine Erneſtine Louiſen angekuͤndigt hatte, kehrte Frau von Noirmont am beſtimmten Tage nach Hauſe zuruͤck. Ihre Ankunft war ein Feſt fuͤr ihre Tochter, welche ihr, ſobald ſie ſie von Ferne gewahrte, entgegenflog und ſich in ihre Arme warf. Frau von Noirmont erwiderte ihrer Tochter Liebkoſungen mit Zaͤrt⸗ lichkeit; man bemerkte leicht, daß ſie dafuͤr empfanglich war, und daß ſie ſich wirklich gluͤcklich fuͤhlte, wieder in ihrer Naͤhe zu ſein. 4 Herr von Noirmont eilte ſeiner Frau nicht entgegen; ſolche Zeichen der Anhaͤnglichkeit lagen nicht in ſeinem Charakter; er wuͤrde gefuͤrchtet haben, durch die Aeuße⸗ rung derſelben ſeiner Wuͤrde Eintrag zu thun; als er jedoch die Ruͤckkehr ſeiner Frau erfuhr, begab er ſich zu ihr, gruͤßte ſie freundlichſt, aber ohne ſie zu küͤſſen, und fragte ſodann: 4 „Hatten Sie eine angenehme Reiſe, Madame?“ „— Ja, mein Herr, ich danke Ihnen.“ 3 „— Wie geht's unſerer Tante, der Madame Du⸗ frénil?“ „— Es geht ihr weit beſſer, ihre Geſundheit iſt vollkommen hergeſtellt. Es war die hoͤchſte Zeit, daß ich zuruͤckkehrte! ich waͤre vor Betruͤbniß, ſo lange von meiner Tochter entfernt zu ſein, krank geworden... Ich habe ſehr bedauert, daß Sie mir nicht geſtatteten, dieſelbe mit mir zu nehmen.“ 4 „Deßhalb wird es Ihnen ein groͤßeres Vergnuͤgen Paul de Kock. VII. 8 — 1* 114 machen, ſie wieder zu ſehen, und ich wuͤnſche, daß ſich Ihre Liebe fuͤr dieſelbe hiedurch vermehre!“ Nach dieſen Worten verabſchiedete ſich Herr von Noir⸗ mont wieder von ſeiner Frau, und begab ſich in ſein Arbeitszimmer zuruͤck. Als ſich ihr Gatte entfernt hatte, zog Frau von Noirmont ihre Tochter an ſich und druͤckte ſie zu wieder⸗ holten Malen an ihr Herz, indem ſie murmelte:„— Dein Vater glaubt, ich liebe Dich nicht... meinſt Du das auch, meine Tochter? „— O! nein, Mutter! nein, gewiß nicht!“ rief Erneſtine aus.„Aber der Vater meint’s auch nicht... ich bin davon uͤberzeugt.. Ich weiß wohl, daß Du mich liebſt; und warum ſollteſt Du mich nicht lieben.. ich bin ja Deine Tochter?..“ Etwas wie ein krampfhaftes Zucken war in Frau von Noirmonts Zuͤgen wahrzunehmen, ihre Stirne ver⸗ duͤſterte ſich und ſie entriß ſich ziemlich raſch den Armen Erneſtinens. Aber dieſe Wolke verſchwand bald wieder und ſie zog ihre Tochter von Neuem an ſich her, waͤh⸗ rend ſie mit ſchwermuͤthiger Miene entgegnete: „O ja.. jal ich liebe Dich ſehr.“ „— Ich habe nie daran gezweifelt, Mutter, und wenn Du zuweilen... wie vorhin zum Beiſpiel, Augenblicke haſt, wo es ſcheint, als ob Dir meine Liebkoſungen zuwider waͤren... ſo bin ich gewiß, daß es nur eine Folge Deiner plotzlich eintretenden Kopfſchmerzen iſt... oder, daß Deine Gedanken mit etwas Anderem beſchaͤf⸗ tigt ſind!... Aber Du liebſt mich darum nicht weniger, nicht wahr?“ er⸗ 115 „— Nein, ich liebe Dich wahrhaftig immer gleich, und Du haſt die Zeit meiner Abweſenheit lange gefunden?“ „— O! ja, Mutter! aber gluͤcklicherweiſe habe ich ſeit drei Wochen ein neues Kammermaͤdchen... Der Vater wird Dir geſchrieben haben, daß er die andere fortgeſchickt hat.“ „— Ja, mein Kind!“ „— Ach, die neue iſt mir viel lieber! Wenn Du wuͤßteſt, wie artig ſie iſt... und gar nicht dumm!... nicht gemein! ſie ſpricht ſo ordentlich... und kam doch eben aus ihrem Dorfez ſie hatte nie gedeent, begriff aber Alles im Augenblick.“ — Wer hat ſie beſorgt?“ „— Comtois. O! ſie wird ihm gut empfohlen wor⸗ den ſein.“ Frau von Noirmont laͤchelte uͤber die ernſthafte Miene, womit ihre Tochter dies ſprach, und verſetzte: „Meine Liebe, ich weiß, daß man ſich auf Com⸗ tois verlaſſen darf. Und wie heißt Deine Kammer⸗ jungfer?“ „— Louiſe... Louiſe... Fre.. Fernet.. Ich kann ihren Familiennamen nie behalten... Das iſt gkeich⸗ guͤltig, es iſt ein ſehr braves Maͤdchen, glaube mir's, Mutter; ich bin uͤberzeugt, ſie wird Dir auch gefal⸗ len... Ich will ſie rufen, um ſie Dir vorzuſtellen. ſie iſt ſo ſchuͤchtern, deßhalb hat ſie es noch nicht gewagt, Dich zu begruͤßen.“ — Mein Gott! meine Liebe, ich habe noch lange Zeit, Deine Lemmernafer zu betrachten! Es hat keine Eile.“ 116 „— O! doch, Mutter, ich will, daß Du ſie gleich ſehen ſollſt.“ Erneſtine hatte die Klingel gezogen, bald ging die Thuͤre auf, und Louiſe erſchien aͤngſtlich, mit nieder⸗ geſchlagenen Blicken auf der Schwelle derſelben, und fluͤ⸗ ſterte: „Die gnaͤdige Frau hat mir gelaͤutet?“ Frau von Noirmont betrachtete das junge Maͤdchen, welches ſie zum erſten Mal erblickte; ihre Schoͤnheit, der Adel ihrer Zuͤge und ihr ganzes beſcheidenes und an⸗ ſtändiges Weſen, wie man es gewöͤhnlich bei einer Kam⸗ merjungfer nicht trifft, ſetzten ſie in Erſtaunen; ſie konnte nicht aufhören, das Maͤdchen anzuſehen. Die kleine Erneſtine neigte ſich zu ihrer Mutter hin und ſagte ihr ins Ohr: „Nun! wie findeſt Du ſie?“ „— Huͤbſch, meine Tochter, recht huͤbſch... ſie ſieht ſogar vornehm aus; man wuͤrde nicht glauben, daß es eine dienende Perſon waͤre.“ „— Nicht wahr?... ich hatte ihr nicht geſchmei⸗ chelt?“ Und das junge Fraͤulein fuhr, gegen Louiſe gewen⸗ det, fort: 8 „Die Mutter findet Dich huͤbſch, Du gefaͤllſt ihr auch... ich ſagte es Dir ja, Du werdeſt ihr gefallen.“ Loouiſe verbeugte ſich und fluͤſterte: „Die gnaͤdige Frau iſt ſehr guͤtig, ich werde mein Moͤglichſtes thun, Sie und das Fraͤulein zufrieden zu ſtellen.“ „Ich zweifle nicht daran, mein Kind,“ entgegnete 117 Frau von Noirmont,„Alles an Ihnen ſpricht zu Ihren Gunſten, und ich bin uͤberzeugt, daß ſich meine Tochter in Betreff des Guten, was ſie mir von Ihnen verſicherte, nicht getaͤuſcht hat.“ Waͤhrend Erneſtinens Mutter mit Louiſen ſprach, hatte dieſe endlich die Augen erhoben, um ſie anzuſehen. Beim Anblick dieſes ſchoͤnen, edeln, ernſten Antlitzes, dieſer blaſſen, ſtolzen Stirne, dieſer großen ſchwarzen Augen, worin immer ein melancholiſcher Ausdruck lag, fuͤhlte ſich das Maͤdchen ganz ergriffen und hingeriſſen; ihr Herz pochte gewaltſam, ſie wußte nicht, war es Freude oder Furcht, eine unnennbare Empfindung hatte ſie durch⸗ drungen, ſie blieb ſtarr und unbeweglich; ſeit einigen Augenblicken ſprach Frau von Noirmont nicht mehr, aber ſie ſchien noch zu hoͤren, man gab ihr ein Zeichen, ſich zuruͤckzuziehen, allein ſie verharrte auf ihrem Platze; erſt als Erneſtine ſie beim Arme nahm und zu ihr ſagte: „Louiſe, Du kannſt uns allein laſſen,“— kam ſie wieder zu ſich und verließ das Zimmer, waͤhrend ſie noch einmal heimlich nach Frau von Noirmont hin⸗ blickte. Nachdem Frau von Noirmont noch einige Worte uͤber die neue Kammerjungfer geaͤußert hatte, dachte ſie weiter nicht mehr an ſie, ſondern beſchaͤftigte ſich nach gewohnter Weiſe mit dem Innern ihres Hausweſens, der Sorge fuͤr die Erziehung ihrer Tochter und der Beaufſichtigung des Unterrichtes derſelben, den ihr ver⸗ ſchiedene Lehrmeiſter zu Hauſe ertheilten. Die Lebensweiſe der Frau von Noirmont war ſehr einfoͤrmig; ſie ging ſelten aus und empfing wenig Be⸗ 118 ſuche; ſie beſchaͤftigte ſich mit ihrer Tochter, uͤberwachte den Unterricht derſelben und las viel; dies war ihr groͤß⸗ tes Vergnuͤgen, ihre angenehmſte Zerſtreuung. Herr von Noirmont brachte den ganzen Tag in ſei⸗ nem Studirzimmer zu) ſeine Frau und Tochter ſahen ihn ſelten vor Tiſche, um dieſe Zeit verſammelte man ſich; meiſtens ſpeiste ein alter Freund Herr von Noir⸗ monts mit der Familie; ſelten aber mehre Gaͤſte zu⸗ gleich Waͤhrend des Eſſens ſprach Frau von Noirmont ſehr wenig; ihr Mann discurrirte uͤber Politik oder Staats⸗ wirthſchaft mit ſeinem Freunde; Erneſtine allein war zur Erheiterung des Mahles berufen; ſie entledigte ſich ihrer Aufgabe ziemlich entſprechend; oft noͤthigten ihre Scherze und naiven Bemerkungen ihrer Mutter ein Laͤ⸗ cheln ab, und Herr von Noirmont ſelbſt konnte dabei zuweilen, trotz ſeiner Wuͤrde, ſeinen Ernſt nicht behaup⸗ ten. Abends endlich arbeiteten die Damen, ſtickten oder muſicirten zuſammen, und die Herren ſpielten Schach oder Wuͤrfelbrett. Wenn niemand Fremdes bei Tiſche war, ging Herr von Noirmont Abends haͤufig in Ge⸗ ſellſchaft; zuweilen begleiteten ihn Frau und Tochter;⸗ aber doch ſelten. Frau von Noirmont zog es vor, mit ihrer Tochter zu Hauſe zu bleibenz und wenn ihr Ge⸗ mahl nicht zugegen war, ſchien ſie weniger ernſt, weni⸗ ger nachdenklich zu ſein und mehr Zaͤrtlichkeit fuͤr Erne⸗ ſtinen an den Tag zu legen. Louiſens Dienſt war in dieſem Hauſe, wo man keine Baͤlle beſuchte und wenig Geſellſchaften gab, ſehr leicht; Comtois ſervirte allein bei Tiſche. Das junge Kammer⸗ maͤdchen half den Damen beim Ankleiden, dann arbei⸗ ——— 119 tete ſie beinahe den ganzen uͤbrigen Tag an Kleidern fuͤr das Fraͤulein oder an Weißzeug fuͤr die Haushal⸗ tung in ihrem Zimmerchen. Abends ſervirte ſie den Thee und ſorgte dafuͤr, daß in den Schlafzimmern ihrer Herrſchaft Alles in Ordnung war. Das Ganze ermuͤ⸗ dete nicht ſehr, und Louiſe ſagte manchmal zu Erneſtine, man trage ihr nicht genug Arbeit auf; aber das Fraͤu⸗ lein entgegnete ihr: „Warum arbeiteſt Du ſo ſchnell?... kaum hat man Dir etwas zu naͤhen gegeben, ſo biſt Du ſchon fertig... Die Mutter behauptet, Du ſeieſt außerordentlich geſchickt und ſchnell. Ach! die andern Kammerjungfern waren nicht ſo flink wie Du.“ Louiſe empfand eine große Freude, ſo oft ſie erfuhr, daß Frau von Noirmont mit ihr zufrieden ſei; und ob⸗ gleich dieſe Dame ihren Leuten gegenuͤber eine wuͤrdevolle, ernſte Miene annahm, welche nicht die mindeſte Fami⸗ liaritaͤt geſtattete, ſo fuͤhlte ſie doch eine innige Zunei⸗ gung zu ihr und waͤre aͤußerſt betruͤbt geworden, ſie verlaſſen zu muͤſſen. Indeſſen waren drei Monate ſeit Louiſens Aufent⸗ halt in Paris verfloſſen, und ſie hatte Cherubim nicht ein einziges Mal geſehen; aber ſeit Frau von Noirmonts Ruͤckkehr empfand ſie, einzig mit dem Gedanken beſchaͤf⸗ tigt, dieſer zu gefallen, die Qualen ihrer Liebe minder ſtark; obgleich ſie den Geſpielen ihrer Kindheit immer gleich liebte, war es doch, als ob ſich ein anderes Ge⸗ fuͤhl in ihr Herz eingeſchlichen haͤtte, um ihren Schmer⸗ zen eine andere Richtung zu geben. Herr Gerondif erſchien mehrmals, ſich bei Comtois 120 zu erkundigen, wie die Herrſchaft mit Louiſen zufrieden ſei, und jedesmal ergoß ſich der Kammerdiener in Lobes⸗ erhebungen uͤber das junge Maͤdchen und erſuchte den Hofmeiſter, dem alten Jasmin fuͤr den Ihnen zugeſchick⸗ ten Schatz zu danken. Herr Gerondif entfernte ſich aͤu⸗ ßerſt zufrieden, Louiſe nach Paris gethan zu haben; obgleich der mit ſeinen Liebes⸗Abenteuern beſchaͤftigte Cherubim nicht mehr an einen Beſuch bei Nicolle gedacht hatte. Eines Morgens, als Herr Gerondif wieder in Herrn von Noirmonts Haus kam, um ſich bei Comtois nach Louiſens Betragen zu erkundigen, antwortete ihm der Diener: „Die Mamſell iſt fortwaͤhrend ein Muſter von Tugendhaftigkeit und Fleiß. Wenn Sie dieſelbe aber ſprechen wollen.. ſo iſt ſie in dieſem Augenblick allein; die Damen ſind ausgegangen, um Einkaͤufe zu machen, ſie arbeitet in ihrem Zimmer, es hindert Sie nichts daran, ihr einen guten Tag zu ſagen.“ Gerondif nahm mit Freuden dieſen Vorſchlag an; er folgte Comtois, der ihn in Louiſens Zimmer fuͤhrte und ſie ſodann allein ließ. Louiſe druͤckte eine große Freude aus, als ſie den Hofmeiſter erblickte; nun konnte ſie wieder von all ihren Lieben ſprechen. Herr Gerondif, der, wie die meiſten Pedanten, einfaͤltig war, deutete zu ſeinen Gunſten, wozu er nur der Vorwand war; er glaubte, dem Kam⸗ mermoͤdchen eine zaͤrtliche Neigung eingefloͤßt zu haben, und laͤchelte, daß er beinahe die Kinnbacken verrenkte, als er ſich neben ihr niederließ. 121 Louiſe erkundigte ſich zuerſt nach ihrer Adoptivmutter. „Sie iſt ausgezeichnet geſund und ſehr erfreut, Sie in Paris in einer ſo angenehmen Lage zu wiſſen,“ ant⸗ wortete der Hofmeiſter, der mit unerſchuͤtterlichem Gleich⸗ muth log, da er ſeit Louiſens Entfernung nicht mehr ins Dorf zuruͤckgekehrt war. „Und... Herr Cherubim...,“ verſetzte die Jung⸗ frau,„iſt es ihm Recht, daß ich ſeinem Wunſche gemaͤß in Paris bin? Hat er keine Luſt, mich zu beſuchen? Spricht er nicht zuweilen von mir mit Ihnen?.. ſchickt er Sie heute?“ Der Hofmeiſter krazte an der Naſe, huſtete, ſpuckte aus, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, lauter Dinge, die bei ihm lange dauerten, und waͤhrend deren er ſich auf eine Antwort beſinnen konnte; nachdem er endlich ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, erwiderte er Louiſen: „Meine ſchoͤne Freundin, die Jugendliebe nimmt ſel⸗ ten ein gutes Ende... Ich koͤnnte Ihnen Paul und Virginie und tauſend andere Beiſpiele a d hoc citi⸗ ren; ich halte es aber fuͤr einfacher, Ihnen ex abrupto, das heißt ohne Umſchweifen zu ſagen, daß es eine Thor⸗ heit iſt, wenn Sie ſich noch um den Herrn Marquis von Grandvilain bekuͤmmern, weil dieſer junge Mann durchaus nicht mehr an Sie denkt; anfangs ſchon, als Sie ſich vordem in ſeinem Hötel einfanden. und um ihn zu beſuchen, mit Nicolle nach Paris kamen... „Nun, der junge Marquis war damals zu Hauſe; da er Sie aber nicht empfangen wollte, hatte er ſeinem Portier den Auftrag gegeben, Ihnen zu ſagen, er ſei abweſend.“ „ „— O, mein Gott! waͤre das moͤglich!...“ „— Wie köonnen Sie verlangen, daß er inmitten der Wolluͤſte, worein er verſenkt iſt, ſich eines jungen Landmaͤdchens erinnern ſoll, mit dem er Blindekuh oder irgend ſonſt ein mehr oder minder unſchuldiges Spiel geſpielt hat?... Mein Zögling iſt ſehr ausſchweifend geworden! mein Fehler iſt es nicht; er hat eine Menge Liebſchaften! und erhaͤlt ſo viel Liebesbriefe, daß es eine wahre Schande iſt... ich haͤtte ſein Haus bereits ver⸗ laſſen, wenn mich nicht meine pecuniaren Intereſſen no⸗ thigten, die Augen zuzudruͤcken... was mich aber nicht hindert, Alles, was vorgeht, genau zu ſehen.“ Louiſe bedeckte ihr Angeſicht mit dem Taſchentuch und ſchluchzte: „Es iſt alſo vorbei!... er liebt mich durchaus nicht mehr!... ach! wer haͤtte das von Cherubim geglaubt!“ „Man muß Alles glauben!... Alles vorausſetzen.. von einem bartloſen Gelbſchnabel,“ fuhr der Hofmeiſter fort; dann ſeinen Stuhl dicht neben den der Jungfrau ruͤckend und ſeine Hand auf ihr Knie legend, bemuͤhte ſich Herr Gerondif, eine weiche, wohlklingende Stimme anzunehmen, und ſprach mit Nachdruck: „Ich habe die Wunde beigebracht... ich will auch den Diptam, mit andern Worten, das Heilmittel auf⸗ legen. Schoͤne Louiſe, wenn der junge Cherubim Ihren Reizen nicht getreu war, ſo gibt es Andere, die uͤber⸗ gluͤcklich waͤren, denſelben Weihrauch ſtreuen... ſie ge⸗ nießen... zu duͤrfen; ich gehe gerade auf's Ziel los!... ich liebe Sie! himmliſches Maͤdchen... ich bin nicht flatterhaft, denn ich bin, Gott ſei Dank, ein gemachter 123 Mann. Ich komme nicht, um Ihnen ſchandbare Antraͤge zu machen... retro satanas!... das heißt: ich habe nur rechtſchaffene Abſichten. Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz, meinen Namen, meinen Rang und meinen Titel an... nur wollen wir noch zwei Jahre warten, bis wir zur Ehe ſchreitenz ich werde meine Leidenſchaft bis dorthin gewaltſam in den Schranken halten; dieſe Zeit brauche ich, um ein huͤbſches Suͤmmchen zu erſpa⸗ .. Sie legen Ihren Gehalt, Ihre Erſparniſſe auch dazu... man iſt mit Ihren Leiſtungen im Hauſe ſehr zufrieden, Sie haben daher wahrſcheinlich ein betraͤchtliches Neujahrsgeſchenk zu erwarten; das Alles werfen wir zu⸗ ſammen, kaufen in der Naͤhe von Paris ein kleines Haͤus⸗ chen... ich nehme zum weiteren Auskommen einige Zoͤg⸗ linge auf; wir halten einen Hund, eine Katze, Huͤhner, genießen aller Suͤßigkeiten des Lebens und erfreuen uns mit Honig und Gewuͤrzwein verherrlichter Tage der Liebe.“ Waͤhrend dieſer Anrede hatte Louiſe die auf ihrem Knie ruhende Hand zuruͤckgeſtoßen, ihren Stuhl wegge⸗ ſchoben und war, ſobald Herr Gerondif zu ſprechen auf⸗ gehoͤrt hatte, aufgeſtanden, um ihm mit hoͤflichem, aber entſchiedenem Tone zu erwidern: „Mein Herr, ich danke Ihnen fuͤr die Güte, mir, einem armen, namen⸗ und familienloſen Maͤdchen, den Titel Ihrer Frau angeboten zu haben, aber annehmen kann ich ihn nicht. Ich begreife, daß mich Herr Cheru⸗ bim nicht mehr liebt, und es war in der That thoͤricht von mir, mir einzubilden, daß er in Paris, in der großen Welt, im Schooße des Vergnuͤgens lebend, ſich meiner erinnern ſollte; aber, bei mir, o! da iſt's ein großer 124 Unterſchied! ich bin keine große Dame geworden, und das Bild deſſen, der mir theuer iſt, kann nicht aus meinem Herzen verwiſcht werden... Ich liebe Cherubim, und fuͤhle, daß ich niemals einen Andern lieben werde! Daher, mein Herr, waͤre es ſehr ſchlecht von mir, wenn ich einen Andern... ohne ihm mein Herz ſchenken zu koͤnnen... heirathen würde. 41 Herrn Ger ondif ſetzten dieſe Worte in Verlegenheit; er faßte aber wieder Muth und fuhr fort: „Meine ſchoͤne Louiſe: Varium et mutabile semper femina.. oder wenn Sie lieber wollen: oft aͤndern ſich die Frauen! ein Narr wird ihnen trauen .Dieſe Verſe ſind von Franz dem Erſten... Die Beranger's gefallen mir beſſer; und Tireſias behauptet, die Maͤnner haben nur drei Unzen Liebe in ſich, waͤhrend die Weiber neune haͤtten! weßhalb ihnen das Recht zu⸗ getheilt wird, weit ofter zu wechſeln, als wir; und doch geſchieht dies bei uns, im Verhaͤltniß zu unſern drei unzen, ſchon haͤufig genug.“ „— Was ſoll das Alles heißen, mein Herr?“ „— Das heißt, meine theure Freundin, Sie werden es machen wie die Andern und wechſeln; Ihre Liebe wird vergehen...“ „— Niemals, mein Herr!“ „— Nie mals iſt in der Liebe ein Wort ohne Be⸗ deutung; indeß haben Sie alle mögliche Zeit, ſich hier⸗ uber zu beſinnen, da ich Ihnen zwei Jahre Bedenkzeit laſſe... vergoͤnnen Sie mir, ſo lange hoffen zu duͤrfen.“ „— Oles iſt vergeblich, mein Herr!“ „— Verzeihen Sie!... Hoffnung laͤßt nicht zu 125⁵ Schanden werden... ich beharre auf meinem Hoffen. Leben Sie wohl, ſchoͤne Louiſe, fahren Sie fort, ſich gut zu betragen... dann wird man ohne Zweifel Ihren Ge⸗ halt erhoͤhen; ich meines Theils lege den meinigen fort⸗ waͤhrend bei Seite... und wie ein altes, bekanntes, zwar ſehr gewoͤhnliches, aber aͤußerſt ſcharfſinniges Spruͤch⸗ wort ſagt:... laſſen wir den Braten erſt gelb werden! Hiemit lege ich Ihnen meine Huldigungen zu Fuͤßen.“ Herr Gerondif war weggegangen. Nun konnte ſich Louiſe ungehindert ihren Thraͤnen uͤberlaſſen, ſie beſchaͤf⸗ tigte ſich nicht mit den Antraͤgen des Hofmeiſters, ſie dachte nur an Cherubim, der ſie nicht mehr liebte, ſich ihrer nicht mehr erinnerte und anderer Liebſchaften pflegte; lange ſchon hatte ſie gefuͤrchtet, von ihm ver⸗ geſſen zu werden; aber jetzt erſt war es ihr zur Gewiß⸗ heit geworden, und in der Liebe liegt zwiſchen der Furcht und der Gewißheit eine ungeheure Kluft. Die Heimkehr der Frau von Noirmont und ihrer Tochter noͤthigte Louiſen, ihre Thraͤnen zu verbergen; ſie wiſchte eilig die Augen und ließ ihre Traurig⸗ keit nicht merken, denn ſie fuͤhlte wohl, daß ſie das Ge⸗ heimniß ihres Herzens nicht verrathen duͤrfe. An dieſem Tage ging Herr von Noirmont nach dem Mittageſſen aus. Erneſtine blieb bei ihrer Mutter, zu welcher ſie, waͤhrend ihrer gemeinſamen Arbeit, be⸗ ſonders wenn dieſe guter Laune war, Alles ſagte, was ihr gerade in den Sinn kam. Wenn Frau von Noir⸗ mont uͤber die Einfaͤlle ihrer Tochter laͤchelte, ſo war dieſe ſo erfreut, daß ſie haͤufig ihre Arbeit bei Seite „ 126 warf, um ſich an den Hals ihrer Mutter zu haͤngen, welche ſie dann oft zaͤrtlich in die Arme ſchloß. Louiſe, der man gelaͤutet hatte, um den Thee zu beſtellen, trat in einem dieſer Augenblicke ein, wo Erne⸗ ſtine in den Armen ihrer Mutter lag, und das liebens⸗ wuͤrdige Kind rief, bei der innigen Liebkoſung ihrer Mutter, wonnevoll aus: „— Siehſt Du, Louiſe, wie gluͤcklich ich bin!... was ich fuͤr eine gute Mutter habe!“ Louiſe ſtand unbeweglich mitten im Saale; ſie war über Erneſtinens Gluͤck erfreut, und doch lag in dieſem ruͤhrenden Bilde, das ſie vor Augen hatte, etwas Un⸗ nennbares, was ihr wehe that; zwei volle Thraͤnen traten in ihre Augen, aber ſie kehrte ſich ſchnell um, damit Niemand ſie weinen ſehe. Indeſſen hatte Frau von Noirmont wieder ihre duͤſtere Miene angenommen, und Louiſe war auf ihren Platz zuruͤckgekehrt. Louiſe beeilte ſich, den Thee aufzutragen, und entfernte ſich dann, aus Furcht, ihre Traurigkeit mochte bemerkt werden. Aber trotz aller Muͤhe, ſich zu faſſen, weinte Louiſe Nachts noch, als Erneſtine vor dem Schlafengehen noch einmal ins Zimmer ihrer Kammerjungfer kam, um ſie uͤber Etwas zu befragen. Als die kleine Erneſtine Louiſens in Thraͤnen geba⸗ detes Angeſicht ſah, eilte ſie auf ſie zu, und fragte ſie mit dem Ausdrucke der ruͤhrendſten Theilnahme: „Mein Gott! Louiſe... Du weinſt!... Was haſt Du denn?“ „O!l gnaͤdiges Fraͤulein, vergeben Sie mir... Ich 127 weiß wohl, daß ich hier, wo Sie ſo guͤtig gegen mich ſind, nicht weinen ſollte!... aber ich konnte mich deſſen nicht erwehren!...“ „Du haſt alſo irgend einen Grund der Betruͤbniß... Du haͤtteſt ohne Veranlaſſung nicht geweint... Louiſe, ich will wiſſen, warum Du Thraͤnen vergießeſt.“ „Nun denn, Fraͤulein... als ich Sie dieſen Abend in den Armen Ihrer Frau Mutter ſah, als ich das Bild des Gluͤckes, deſſen Sie ſich erfreuen, vor meinen Augen hatte, fuͤhlte ich das Ungluͤck meiner Lage noch lebhafter... O! Fraͤulein, ich ſage das nicht aus Neid! . Ich feand den Himmel, der Ihnen dieſes Gluͤck ver⸗ liehen hat... aber ich konnte mich der Thraͤnen nicht enthalten, als ich daran dachte, daß mich meine Mutter nie in ihre Arme geſchloſſen hat... daß ich ſie nie in meine Arme werde ſchließen duͤrfen!“ „— Was ſagſt Du, arme Louiſe... liebt Dich Deine Mutter nicht?“ — Nicht deßhalb, gnaͤdiges Fraͤulein... Aber hoͤren Sie, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, denn das Luͤgen iſt mir verhaßt... Und ich ſehe auch nicht ein, warum ich ein Geheimniß daraus machen ſollte... Sie werden nicht weniger guͤtig gegen mich ſein, wenn Sie wiſſen, daß ich ein armes, von den Eltern verlaſſenes Maͤdchen bin...“ „— Waͤre es moͤglich?.. Du haſt keine Eltern 2...“ „— Oder kenne ſie wenigſtens nicht, mein Fraͤulein!“ Dann erzaͤhlte Louiſe Erneſtinen, wie ſie als Pfleg⸗ kind zu Nicolle gekommen ſei, und wie gutherzig ſich die Landleute ihrer angenommen, ſie behalten und gleich 128 ihren eigenen Kindern behandelt hätten, als ſie fanden, daß ſie von ihrer Mutter verlaſſen ſei. Erneſtine hoͤrte dieſe Erzaͤhlung mit dem lebhafteſten Intereſſe an. Nachdem Louiſe geendigt hatte, kuͤßte ſie dieſelbe zärtlich und ſagte zu ihr: „Meine arme Louiſe... Ach! wie wohl haſt Du daran gethan, mir dieſes zu erzaͤhlen. Es iſt mir, als ob ich Dich noch mehr liebte, ſeit ich weiß, daß Dich Deine Eltern verlaſſen haben... Dieſe gute Nicolle! dieſe braven Bauersleute! Ach, welch' gute Menſchen! . Morgen will ich Alles meiner Mutter erzaͤhlen... O! ich bin gewiß, es wird auch ſie ſehr intereſſiren.“ „— Ach! das iſt uͤberfluͤſſig, Fraͤulein; Frau von Noirmont findet es vielleicht unrecht, daß ich Ihnen meine Schmerzen klagte. „— O!l ich ſtehe Dir fuͤr das Gegentheil; trotz ihrer ernſten Miene iſt die Mutter doch gut, und außerdem gefallſt Du ihr ſehr. Sie hat mir mehrmals wiederholt, Dein Aeußeres ſei hoͤchſt vortheilhaft und geſittet, und in ihrem Munde iſt das ein großes Lob! Nun, gute Nacht, Louiſe, ſchlafe wohl, und vor allen Dingen weine nicht mehr... Haſt Du auch keine Eltern, wohl⸗ an ſo gibt es hier Leute, die Dich lieben und ſich Deiner thaͤtig annehmen werden.“ Erneſtine verließ Louiſen, um ſich zur Ruhe zu be⸗ geben, und dieſe fuͤhlte ſich minder beklagenswerth, als ſie die Freundſchaft ſah, die ihre Gebieterin fuͤr ſie an den Tag legte, eine Freundſchaft, welche ſie mit auf⸗ richtigſtem Herzen erwiderte. Am folgenden Morgen war die Familie Noirmont ſeit dem geſtrigen Tag noch nicht geſehen, weil Kopf⸗ ſchmerzen Frau von Noirmont laͤnger als gewoͤhnlich im Bette zuruͤckgehalten hatten; aber ihr Vater, der nur ſelten beim Fruͤhſtuͤck erſchien, nahm heute gleichfalls Theil daran, und nachdem Erneſtine ihre Mutter umarmt hatte, ſagte ſie mit geheimnißvollem Tone zu ihren Eltern: „Ich habe euch dieſen Morgen etwas ſehr Inter⸗ eſſantes zu erzaͤhlen, und es iſt mir lieb, daß der Vater zum Fruͤhſtuͤck gekommen iſt, damit er es auch hoͤrt.“ „Wirklich?“ entgegnete Herr von Noirmont mit einer etwas ſpoͤttiſchen Miene laͤchelnd,„dem Tone nach, womit Du uns dieſes ankuͤndeſt, handelt es ſich, glaub' ich, in der That um etwas hoͤchſt Wichtiges.“ „Allerdings, mein Vater, iſt es etwas ſehr Wichti⸗ ges!.. O! Du ſiehſt aus, als ob Du mich ſpotten wollteſt; aber wenn Du weißt, was es iſt, wirſt Du eben ſo geruͤhrt ſein, wie ich geſtern Abend, als ich dieſe arme Louiſe weinen ſah.“ „Wie? es handelt ſich von Louiſen?“ fragte Frau von Noirmont mit theilnehmender Miene;„iſt ihr ein ungluͤck begegnet?... Das waͤre mir ſehr leid, denn dieſes junge Maͤdchen iſt ein ſehr braves Geſchoͤpf und ſcheint unſer Wohlwollen zu verdienen.“ „— Die Sache iſt ſo... hoͤrt mich wohl an!... Louiſe wollte nicht zugeben, daß ich's euch ſage, aber ich bin feſt uͤberzeugt, ihr verdammet ſie deßhalb nicht, denn es iſt nicht ihre Schuld.“ Herr von Noirmont, den dieſe Umſchweife langweil⸗ ten, ſagte ungeduldig: Paul de Kock. vII. beim Fruͤhſtuͤck verſammelt. Erneſtine hatte ihre Mutter 130⁰ „Laß hoͤren, meine Tochter, mach' ein Ende umd erklaͤre Dich!“ „— Nun, mein Vater, als Louiſe geſtern Abend, um den Thee zu ſerviren, in den Salon kam, fand ſie mich in der Mutter Armen, wie wir uns gerade kuͤß⸗ ten... „— Ganz recht, meine Tochter, und dann?“ „— Dann, als ich mich Abends in mein Schlafzim⸗ mer begab und ein Nachthalstuch noͤthig hatte, welches ich nicht finden konnte, ging ich noch zu Louiſen, um ſie zu fragen, wo ſie es hingethan habe. Dort fand ich Louiſe ganz in Thraͤnen; ich ſagte zu ihr: Warum weihiſt Du? Sie antwortete mir nur mit Schluchzen: Ach! mein Fraͤulein, weil, wie ich Sie dieſen Abend in den Armen ihrer Mutter ſah, ich noch lebhafter das Ungluͤck empfand, daß ich niemals von der meinigen umarmt worden und ein verlaſſenes Kind bin.“ „Ein verlaſſenes Kind!...“ murmelte Frau von Noirmont, deren Geſicht ploͤtzlich mit außerordentlicher Blaͤſſe uͤberzogen wurde. „Aber,“ verſetzte Herr von Noirmont,„ich meine doch, Comtois habe uns geſagt, die Eltern dieſes jungen Maͤdchens wohnen in der umgegend von Paris... ich erinnere mich gerade nicht mehr, in welchem Dorfe.“ „— Ja, mein Vater, man hatte dies zu Comtois geſagt, als man ihm Louiſe vorſtellte, aber es war eine Luͤge, die ihre Freunde fuͤr nothwendig erachtet hatten. Louiſe fand es fuͤr beſſer, die Wahrheit zu ſagen.“ „— Sie hat recht, aber rufe Deine Kammerjungfer her, Erneſtine, ich will dieſe ganze Geſchichte von ihr 131 ſelbſt hoͤren; ſie erregt meine Neugierde. Und Sie, Ma⸗ dame, ſind Sie nicht auch begierig, das junoe Maͤdchen zu hoͤren?“ Frau von Noirmont erwiderte einige kaum verſtänd⸗. liche Worte; es war, als ob ein geheimes Leiden ſie druͤckte und ſie ſich Gewalt anthaͤte, daſſalbe zu verbergen. Erneſtine wartete jedoch nicht, bis ihr Vater ſeinen Wunſch wiederhole, ſie eilte davon, Louiſen zu rufen, und dieſe erſchien alsbald vor der verſammelten Familie. Herr von Noirmont betrachtete Louiſen mit groͤßerer Theilnahme; Erneſtine laͤchelte ihr freundlich zu; Frau von Noirmont ſchlug die Augen nieder und wurde noch blaͤſſer. Nach der Unruhe, die ſich ihrer bemaͤchtigt hatte, und der Angſt, die ſich in ihren Zuͤgen ausſprach, haͤtte man ſie fuͤr eine Verbrecherin halten konnen, die ihr Ur⸗ theil erwartete. „Kommen Sie, Louiſe, treten Sie naͤher,“ ſagte Herr von Noirmont, dem jungen Kammermaͤdchen winkend; .„meine Tochter hat uns erzaͤhlt, was Sie ihr geſtern Abend mitgetheilt haben... zittern Sie nicht, mein Kind, wir machen Ihnen keinen Vorwurf, weil Sie uns beim Eintritt ins Haus falſch berichtet haben...“ „— Ach, gnaͤdiger Herr, nicht icht“ fluͤſterte Louiſe. „— Ja, ich weiß es, die Perſonen, welche Sie in mein Haus empfohlen haben, hielten dieſe Luͤge fuͤr noth⸗ wendig; ſie hatten Unrecht: man muß immer bei der Wahrheit bleiben. Alſo kennen Sie Ihre Eltern nicht, armes Maͤdchen?“ 3 — Nein, gnaͤdiger Herr.“ „— Wo ſind Sie erzogen worden?“ 132 „— In Gagny.“ „— Gagny... Ah! das iſt's; ich hatte den Namen, den Sie mir beim Eintritt ins Haus geſagt haben, ver⸗ geſſen... und wer hat Sie erzogen?“ 3 „— Eine wackere Baͤuerin... Nicolle Frimouſſet... Sie ſaͤugte damals den Herrn Marquis von Grandvilain...“ „— Ah! der junge Marquis von Grandvilain wurde von dieſer braven Frau geſaͤugt?“ „— Ja, gnaͤdiger Herr, das iſt mein Milchbruder ... und.. in ſeiner Kindheit war ich die Genoſſin ſei⸗ ner Spiele.“. „— Ganz gut... aber daraus geht nicht hervor, wie Sie nach Gagny gekommen ſind?“ „— Mein Gott, gnädiger Herr, eine Dame... meine Mutter ohne Zweifel, brachte mich zu der guten Nicolle und bat ſie, mich zu verpflegen; ich war damals ein Jahr alt; man ließ Nicolle einiges Geld und ver⸗ ſprach wiederzukommen. Nach Verlauf eines Jahres ſchickte man durch einen Commiſſionair von Paris wieder einiges Geld, beſuchte mich aber nicht und ſeitdem hat man ſich nie wieder nach mir erkundigt.“ „— Wie hieß, wo wohnte dieſe Dame?...“ 4 „— Nicolle hatte vergeſſen, ſie darnach zu fragen, denn ſie konnte ſich nicht vorſtellen, daß man mich ver⸗ laſſen und nicht mehr kommen werde!... Der Commiſ⸗ ſionair von Paris kannte die Dame, die ihn beauftragt hatte, nicht, und konnte meiner guten Amme nichts mit⸗ theilen.“ „— Hatten Sie oder Ihre Kleidung kein Zeichen an ſich?... kein Papier?“ 133 „— Nichts, gar nichts, gnädiger Herr!“ „— Das iſt ſehr ſonderbar; ſind Sie nicht auch mei⸗ ner Anſicht, Madame?“ 1 Mit dieſen Worten wendete ſich Herr von Noirmont — an ſeine Frau, die er waͤhrend dieſer Fragen an Louiſen nicht angeſehen hatte; Erneſtine, der daſſelbe begegnet war, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und jammerte: „O, mein Gott! die Mutter iſt ohnmaͤchtig!“ Der Kopf der Frau von Noirmont war auf den Rucken ihres Lehnſtuhls zuruͤckgeſunken; ſie hatte in der That ihre Beſinnung verloren, und die Leichenblaͤſſe ihres Angeſichts verlieh ihrem Zuſtande etwas Erſchreckliches. Man eilte ihr zu Huͤlfe; Erneſtine war troſtlos und umſchlang ihre Mutter; Louiſe theilte ihren Schmerz, verlor den Kopf, wußte nicht, was ſie thun ſollte, und hoͤrte nicht, was man ihr ſagte. Aber Herr von Noir⸗ mont, der bei kaltem Blute blieb, rief Comtois, brachte mit deſſen Huͤlfe ſeine Gattin auf ihr Zimmer und legte ſie aufs Bett. Nach einiger Zeit kam Frau von Noirmont wieder zu ſich, aber es lag etwas Finſteres, Unruhiges in ihren Blicken, welches andeutete, daß die Urſsche ihres Uebels noch vorhanden ſei; ſie erhob langſam ihre Augen auf ihren Gatten und ihre Tochter, und als ſie Louiſe bemerkte, die etwas ferner ſtand und die allgemeine Beſorgniß zu theilen ſchien, ſchloß ſie die Augen wieder und ließ ihr Haupt aufs Kiſſen zuruͤckſinken. „Mutter, theure Mutter, wie geht es Dir jetzt?“ fragte Exneſtine, die Hand ihrer Mutter druͤckend. „— Beſſer, mein Kind, beſſer; ich fuͤhle mich wohler.”“ 134 „Welch' plötzliches Uebelbefinden hat Sie denn er⸗ griffen, Madame?“ ſagte Herr von Noirmont mit Theil⸗ nahme.„Sie haben uns einen großen Schrecken verur⸗ ſacht. 1 „— Ich weiß es nicht, mein Herr... Ich fuͤhlte mich mit einem Male beengt... ein kalter Schweiß be⸗ deckte mich.. und ich verlor die Beſinnung...“ „Du warſt dieſen Morgen ſchon unwohl, Du hatteſt Kopfſchmerzen,“ ſagte Erneſtine. „Ja, in der That,“ rief Frau von Noirmont haſtig aus.„Schon dieſen Morgen war ich leidend... und das un ohne Zweifel der Grund davon.“ — Soll man einen Arzt rufen laſſen, Madame?“ — Nein, mein Herr, es iſt uͤberfluͤſſig, ich bedarf nur wuse.. Frieden... Schlaf vielleicht.“ — Dann wollen wir Sie verlaſſen.“ „— Aber ich werde ganz in der Naͤhe bleiben, und beim geringſten Geraͤuſch herbeieilen,“ ſagte Erneſtine. Frau von Noirmont ſchien das Alleinſein ſehnlichſt zu wuͤnſchen. Alle entfernten ſich. Erneſtine, noch ganz von dem Anblicke ihrer ohnmaͤchtigen Mutter ergriffen, und Louiſe, hochſt traurig, weil ſie fuͤrchtete, die Ge⸗ ſchichte ihres ungeücts habe ihre Gebieterin zu ſehr geruͤhrt. Frau von Noirmont brachte den Reſt des Tages in ihrem Zimmer zu, ſie blieb im Bette, und verlangte beſonders, ungeſtoͤrt zu ſein. Der folgende Tag verging auf dieſelbe Weiſe, und ſie huͤtete mehre Tage das Bett. Indeſſen weigerte ſie ſich, einen Arzt kommen zu laſſen, und verſicherte, daß ihre Unpaͤßlichkeit nur Ruhe verlange. Aber ſeit dem erſten Augenblick des kraͤnklichen Zu⸗ ſtandes der Frau von Noirmont war ihre Stimmung nicht mehr dieſelbe; ſie ſprach kaum ein Wort; die Gegenwart ihrer Tochter ſchien ihr ſogar zuweilen läͤſtig; ſie antwortete ihr mit Trockenheit und nahm ihre Lieb⸗ koſungen mit Kaͤlte auf. Louiſens Dienſte hatte ſie, ſeit ſie ihr Zimmer huͤtete, unter dem Vorwand, ſie beduͤrfe ihrer nicht, beſtaͤndig verweigert. Die arme Louiſe war ganz traurig und ſagte zu Erneſtinen: „Ihre Frau Mutter weist meine Dienſte zuruͤck... und geſtattet nicht, daß ich ihr Zimmer betrete, ach! gnadiges Fraͤulein, ich fuͤrchte, ihr Mißfallen erregt zu haben... ſie iſt vielleicht unwillig, ein Maͤdchen im Hauſe zu haben, deſſen Eltern man nicht kennt.“ Erneſtine bemuͤhte ſich, ſie zu troͤſten und erwiderte: „Du irrſt Dich... warum ſoll denn die Mutter etwas gegen Dich haben... nein, das Uebelbefinden iſt daran Schuld... ihre Nervenleiden... machen ſie trau⸗ rig... und reizbar... mich ſelbſt ſtoͤßt ſie jetzt, wenn ich ſie kuͤſſe, zuruͤck... und kuͤßt mich nicht wieder... das thut mir auch recht wehe, aber deſſenungeachtet bin ich uͤberzeugt, daß mich die Mutter liebt.“ Bei dieſen Worten zerfloß das liebe Kind in Thraͤ⸗ nen, worein auch Louiſe die ihrigen miſchte, denn ſie wußte ihr keinen andern Troſt zu geben. Endlich hatte ſich Frau von Noirmont entſchloſ⸗ ſen, ihr Zimmer zu verlaſſen, und kam in den Salon⸗ das erſte Mal, wo Louiſe ſie ſah, brannte ſie vor Be⸗ gierde, ſich nach dem Stande ihrer Geſundheit zu erkun⸗ digen, aber ſie wagte es nicht: der Blick ihrer Gebieterin ſchien ſie zu meiden, und ſie zeigte nicht mehr das fruͤ⸗ here Wohlwollen gegen ſie. Von nun an ſchalt Frau von Noirmont ſie bei der geringſten Gelegenheit aͤrgerlich und unmuthig aus; gab ihr oft in einer Minute zehnerlei Befehle; das junge Maͤdchen verlor den Kopf, wurde ängſtlich, wußte nicht mehr, was ſie thun ſollte, und Erneſtine blickte ihre Mutter mit erſtaunter, wehmuͤthiger Miene an, als ſie ihre Schuͤtzlingin ſo behandelt ſah. Zuweilen aber ſchien es, als ob eine außerordentliche Veraͤnderung mit dieſer ſonderbaren Frau vorgegangen waͤre. Wenn Frau von Noirmont Louiſen rauh und heftig behandelt hatte, ſo aͤnderte ſich ihr Antlitz, ihre Augen wurden feucht, folgten allen Bewegungen Loui⸗ ſens, und ſie rief ſie dann mit ſanfter, herzlicher... ſo⸗ gar zaͤrtlicher Stimme zu ſich; das junge Maͤdchen kehrte plotzlich freudig, eifrig zuruͤck... aber ſchon hatte ihre Gebieterin wieder ihr ernſtes Geſicht angenommen und gab ihr einen Wink, ſich zu entfernen, waͤhrend ſie mit abſtoßendem Tone murmelte: „Was wollen Sie 2... ich habe Sie nicht gerufen.“ So verfloſſen mehre Wochen. Eines Morgens ſagte Frau von Noirmont, dem Anſcheine nach noch kummer⸗ voller als gewoͤhnlich, zu ihrer Tochter, als dieſe ſie kuͤßte: „Ich bin entſchloſſen, Deine Kammerjungfer nicht zu behalten 3... das junge Maͤdchen taugt zu gar nichts . man muß ſie fortſchicken... und ihr zwei bis drei 137 2 Monate mehr bezahlen, als man ihr ſchuldig iſt... un⸗ terrichte ſie hievon... und veranlaſſe ſie, wieder in ihr Dorf zuruͤckzugehen... ich glaube, es war ein großes Unrecht von ihr, in Paris einen Platz zu ſuchen... gib Dir keine vergebliche Muͤhe, mich von meinem Ent⸗ ſchluſſe abzubringen, er ſteht feſt.“ Erneſtine war troſtlos, ſie liebte Louiſen zaͤrtlich, und es haͤtte ihr einen wirklichen Kummer verurſacht, ſie entlaſſen zu muͤſſen; aber ihre Mutter hatte ſich in einem ſo ernſten, ſo beſtimmten Tone ausgedruͤckt, daß die arme Kleine keine Antwort wagte, ſondern ſchwieg, ſeufzend die Augen niederſchlug und ſich entfernte, um den traurigen Auftrag zu erfuͤllen, den die Mutter ihr ertheilt hatte. Beim Weggehen aus ihrer Mutter Zimmer begegnete Erneſtine Herrn von Noirmont, und beim Anblick ihrer gramvollen Miene fragte er, ſie umarmend: „Was haſt Du denn, meine Tochter... man koönnte glauben, Du habeſt geweint?“ „— O lhes iſt nichts, mein Vater...“ „— Erneſtine, Du weißt, daß ich weder Ausfluͤchte noch Geheimniſſe leiden kann, ſag' mir auf der Stelle, was Dich dieſen Morgen ſo traurig macht!“ „— Wohlan... mein Papa, die Mutter will Louiſe fortſchicken... die arme Louiſe, unſer Kammermaͤdchen .. die ich ſo lieb habe, und die ſo ſanft iſt... aber die Mutter liebt ſie nicht mehr... ſie behauptet, Louiſe tauge zu gar nichts... und doch arbeitet ſie ſo gut wie ſonſt und naͤht wie ein Engel;... da es aber die Mutter haben will, ſo werde ich ſie davon unterrichten...“ „— Gehe nicht zu ihr, mein Kind, es iſt unnothig, Louiſe bleibt im Hauſe.“ — Aber, Vater, weil die Mutter geſagt hat... „— Aber ich ſage Dir das Gegentheil und bin allein Herr hier.“ Erneſtine ſchwieg, denn ihr Vater hatte eine ſtrenge Miene angenommen, die bei ihm einen unabaͤnderlichen Entſchluß anzeigte. Dann begab ſich Herr von Noir⸗ mont zu ſeiner Gemahlin und ſprach in kaltem, aber im⸗ ponirendem Tone zu ihr: „Madame, Sie ſind ſehr launenhaft, man bemerkt dies daran, wie Sie zuweilen Ihre Tochter behandeln, aber Sie dehnen Ihre uͤble Stimmung bis auf arme Dienſtboten aus, und das kann ich nicht zugeben. Die junge Louiſe, die als Erneſtinens Kammermädchen in unſere Dienſte trat, iſt rechtſchaffen und klug, und ihr Benehmen ſo tadellos wie ihre Sitten; ich halte es fuͤr ſchwierig, wieder eine aͤhnliche zu finden, und Sie wollen ſie fortſchicken, Madame?... Sie wollen, daß ich ein brauchbares Maͤdchen aus dem Hauſe jage, weil ſie Ihnen ohne allen Grund... mißfaͤllt.. weil Sie Ihrer phantaſtiſchen Laune wegen ſchlimmer als jemals zu be⸗ dienen ſind! Nein, Madame, das kann nicht ſein; die Gerechtigkeit geht mir uͤber Alles!... und dieſes junge Maͤdchen bleibt im Hauſe, weil es eine ungerechtigkeit waͤre, ſie fortzuſchicken!“ Frau von Noirmont erwiderte kein Wort; ſie beugte das Haupt und ſchien niedergeſchmettert. —.— ꝓ&h ueaERRMRüRVx 2 1 3 15 1 7 ſiſſnſſſiſſſſiſſ 3 1 6 1 8 9 10 11 1