Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Zr. Heinrich Elsner. Sechster Theil. SSo Stuttgart: Scheible, Uieger& Fattler. 1843. Der 2 ſchüchterne Liebhaber. Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. „Die Furchtſamkeit iſt ein Fehler, woruͤber der damit Behaftete nicht ohne Gefahr getadelt werden kann.“ La Rochefoucauld.—Maximen. Zweiter Theil. SSe Stuttgart: Scheible, Rieger& Fattler. 1843. 3 3 Erſtes Kapitel. Die Waffen des Achilles. Jasmin kehrte ganz außer ſich nach Hauſe zuruͤck; der alte Diener wußte nicht, ob er ſich freuen oder be⸗ truͤbt ſein ſollte; es waͤre ihm ſehr lieb, wenn ſich ſein Herr in Paris befaͤnde, damit er ſtets in ſeiner Naͤhe ſein und ihn bedienen koͤnnte, wie ſeinen ſeligen Vater; aber er fuͤrchtete auch, man moͤchte dem Juͤngling Kum⸗ mer machen, den er ſein theures Kind nennt, und be⸗ ſorgte, der Aufenthalt in Paris konnte der Geſundheit deſſelben nachtheiliger ſein, als der auf dem Lande. Waͤhrend er dieſen Gedanken nachhing, verſammelte er alle Diener des Hauſes um ſich. Man wird ſich er⸗ innern, daß Jasmin die ganze Dienerſchaft ſeines ehma⸗ ligen Herrn beibehalten hatte; daher beſtand Cherubim s ganzes Haus aus Leuten von reifem Alter. Der Koch war mehr als ſechzigjaͤhrig, der Kutſcher nahte ſich ſei⸗ nem dreizehnten Luſtrum;“ der kleine Jokey war ein Fuͤnfziger, und Mamſelle Turlurette, die inmitten dieſer * Zeitraum von fuͤnf Jahren. 6 Leute ein Kind ſchien, befand ſich in ihrem ſiebenund⸗ dreißigſten Lebensjahre. „Meine Kinder,“ ſagte Jasmin zu den Dienſtboten, „ich glaube, euch ankuͤndigen zu muͤſſen, daß morgen wahrſcheinlich unſer junger Herr in unſere Mitte zuruͤck⸗ kehrt. „Morgen!“ rief Turlurette mit einem Freudenſchrei aus,„iſt es gewiß?“ „Sehr gewiß— vielleicht. Kurz, bereitet jedenfalls Alles vor, damit Herr Cherubim zufrieden iſt; ſorget dafur, daß Alles ſorgfaͤltiger geputzt und gewichst iſt, denn jemals... der Koch ſoll ein ausgezeichnetes Mittag⸗ eſſen zurichten, der Kutſcher Wagen und Pferde bereit halten, im Falle man ſich derſelben bedienen wollte. ſtellet Blumen auf die Treppe, wie in fruͤhern Tagen, wenn mein ſeliger Herr einen Ball gab...“ „ Wird ein Feuerwerk losgelaſſen?“ fragte Turlurette mit ſchalkhaftem Tone. „Nein, Mamſelle, nein.. ich habe genug an Feuer⸗ werken!“ entgegnete Jasmin, mit der Hand uͤber ſein Angeſicht ſtreifend; wenn's der Herr Cherubim nicht aus⸗ druͤcklich befiehlt, ſo wird im Hofe niemals wieder auch nur der kleinſte Froſch losgelaſſen; aber ſonſt muß es heiter im Hauſe ſein... Ah! wir laſſen Muſik kommen... in den Hof... drei Orgel⸗ und drei Violinſpieler. dieſe muͤſſen ber der Ankunft unſeres jungen Herrn ihre ſchonſten Stuͤcke horen laſſen, was ihm ſicher viel Ver⸗ gnuͤgen machen wird.“ „Sollen auch Saͤngerinnen dabei ſein?“ fragte der alte Jokey. — 7 „Nun! wenn Du welche findeſt.. Saͤnger und Saͤn⸗ gerinnen,— das kann dem Ganzen nicht ſchaden. Ver⸗ ſteht ihr aber, erſt Nachmittags!“ Am folgenden Morgen begab ſich Jasmin fruͤh nach Gagny, wo er gegen zehn Uhr ankam. Sein Erſtes war, nach Cherubim zu fragen, worauf ihm Nicolle ſagte, er ſei mit Louiſe nach dem rothen Hauſe hin ſpazieren gegangen. Der alte Diener war im Begriff, die jungen Leutchen aufzuſuchen, als er auf dem Marktplatze Herrn Geron⸗ dif begegnete, den er in aller Eile von dem, was im Laufe des Tages geſchehen ſollte, in Kenntniß ſetzte. Der Lehrer klatſchte in die Haͤnde, warf ſeinen neuen Hut in die Luft und ſchien einen Kreuzſprung machen zu wollen, indem er ausrief: „Tandem!. denique!.. Ultima cumaei venit jam carminis aetas!... Jam nova projenies coelo demittitur alto!...“ Worauf ihm Jasmin erwiderte: „Nein, das Alles nicht!.. ich ſage Ihnen ja, der Notar und zwei ſeiner Freunde werden kommen.“ „Sehr gut!.. herrlich!.. mehr als herrlich!... Jetzt muß ich meinen Zoͤgling unverzuͤglich aufſuchen.“ „Ich hatte es eben im Sinne; er geht mit der klei⸗ nen Louiſe nach dem rothen Hauſe hin ſpazieren.“ „Mit der kleinen,... die bereits groß iſt. Wie un⸗ klug! wie nothwendig iſt ⸗s, den Mann von der Schlange zu entfernen!.“ „Sie haben eine Schlange geſehen?..“ „Die Schlange, wackerer Jasmin, iſt das Weib, der Apfel... die Suͤnde!... Ihr ſehet aus, als ob Ihr 8 das nicht recht verſtuͤndet, ich werde es Euch ein ander Mal erklaͤren, im gegenwaͤrtigen Augenblick muͤſſen wir ſchnell die Kinder aufſuchen.“ „— Um ſo mehr, als mich die Herrn erſucht haben, das junge Maͤdchen, ſo lange ſie mit meinem Gebieter zu ſprechen haͤtten, entfernt zu halten.“ „Seht, dieſe Herrn denken wie ich!... ſie errathen, daß dieſes junge Maͤdchen nun gefaͤhrlich iſt. Wir wer⸗ den ſie entfernen, tugendhafter Jasmin, wir erfinden einen Vorwand... eine Ausflucht... Nun, gebt mir den Arm und laſſet uns laufen...“. 1„— Laufen!... beim Teufel!... das iſt leicht geſagt nun, ich will's probiren.“. „Man laͤuft in jedem Alter, wuͤrdiger Jasmin, und Ihr waret Eurer Geſtalt nach zum Laͤufer beſtimmt.“ Nach dieſen Worten nahm der Lehrer den alten Die⸗ ner beim Arme und zog ihn nach der Richtung hin, wo ſie Cherubim zu finden hofften. Waͤhrend ſie mit ver⸗ doppelten Schritten vorwaͤrts eilten, fragte Jasmin den Herrn Gerondif: „Haben Sie einen Vorwand, die Kleine bei Seite zu ſchaffen, gefunden?“ „— Nein! und Sie?“ „Ich auch nicht.“ „— Nur immer vorwaͤrts, das wird ſchon kommen.“ Schon drei Viertelſtunden dauerte dieſer gewaltſame Marſch; Jasnlif konnte nicht mehr... er war außer Athem; der Lehrer ſchleppte ihn aber immer weiter, und ſprach ihm Muth ein, mit den Worten: „Macte puer! Macte animo!... Es gilt das —————— 2 . 9 Gluͤck des guten Cherubims... Nehmet Euch in Acht, braver Jasmin, Ihr ſtolpert... Ihr kommt mit Euren Fuͤßen in die Fahrleiſen!... Ihr tretet in eine Pfuͤtze...“ Der brave Jasmin war erſchoͤpft, er fand keinen Athem mehr— und wollte eben mitten auf dem Wege umſinken, waͤhrend er nur noch die Worte ſtammelte: „Ich kann nicht mehr weiter... ich muß Athem ſchopfen.“. Da warf Herr Gerondif einen Blick auf ein neben der Straße liegendes Waͤldchen, und rief aus: „Dort ſind ſie... Die Kleine ißt Aprikoſen... ſie bietet meinem Zoͤgling eine an, der voll Bewunderung vor ſeiner Aprikoſe ſteht!... es iſt Zeit, daß wir kommen.“ Cherubim war an dieſem Tage fruͤhzeitig mit Louiſe fortgegangen; ſie hatten ein Koͤrbchen Brod und Obſt mitgenommen, und ergoͤtzten ſich an einem Fruͤhſtuͤck im Walde; dieſes einfache Mahl ſchien ihnen koſtlich... In der That, was konnten ſie auch mehr wuͤnſchen? ſie waren beiſammen und liebten ſich: die ſchonſte Mahlzeit iſt immer diejenige, zu der man ein zufriedenes Herz bringt. Das Gefuͤhl, welches damals Cherubim und Louiſe vereinigte, war ſo zart, ſo rein, daß ſie in ihrem Bei⸗ ſammenſein allein ihr Gluͤck fanden, und nach keinem weitern trachteten. Vielleicht zeigte ſich die Neigung Louiſens lebhafter und ausdrucksvoller, weil ihre Liebe ſchon getruͤbt wurde! Sie fuͤrchtete, Cherubim moͤchte ſich entſchließen, nach Paris zu gehen, ſie beſorgte, ihren Freund zu verlieren, und dieſe Angſt ließ ſie ihn noch 10 mehr lieben, denn die Leiden, die uns unſere Neigungen verurſachen, verſtaͤrken dieſelben. Die beiden jungen Leutchen waren erſtaunt, als ſie mitten in ihrem laͤndlichen Mahle den Lehrer und Jas⸗ min vor ſich ſtehen ſahen. „Wir ſuchten euch, meine Lieben,“ ſagte Herr Gerondif;„wir waren beunruhigt... Das Abenteuer des Pyramus und der Thisbe fuhr mir im Kopfe herum!.. ich hielt alle Hunde, die mir begegneten, fuͤr Ldwinnen... zwar weiß ich wohl, daß mein edler Schuͤler nicht wie der junge Aſſyrier im Sinne hat, mit ſeiner Thisbe zu entfliehen... aber man kann einen Fehl⸗ tritt thun... 1 „Nun, warum kommt ihr, uns zu holen?“ fragte Cherubim;„ich glaube, ich habe noch Zeit genug zum Lernen... Ich weiß eigentlich ſchon, ſo viel nothig iſt . iſt Jemand krank geworden... irgend ein Unfall begegnet, daß Jasmin mitkommt?“ Herr Gerondif ſchien von einem ploͤtzlichen Gedanken ergriffen, warf Jasmin einen Blick zu und antwortete: „In der That, mein edler Zoͤgling,... es iſt ein hoffentlich nicht gefaͤhrlicher Unfall geſchehen... der aͤltere Sohn Ihrer Pflegemutter wurde verwundet... er hat geſchrieben... aus Montfermeil, wo er iſt... und Ni⸗ colle wuͤnſchte, daß ſich Louiſe ſogleich zu ihm begeben moͤchte... ſie ſelbſt wird ihr alsbald nachfolgen.“ „Wir wollen Louiſe begleiten,“ erwiderte Cherubim. „Nein, es iſt beſſer, wir kehren zu der armen Nicolle zuruͤck, die faſt verzweifelt,... weil ſie keinen Arzt zu finden weiß. Louiſe kann wohl vollends allein nach — 11 Montfermeil gehen; man ſieht von hier aus die erſten Haͤuſer des Dorfes.“ „O ja! ja! ich bin bald dort,“ ſagte Louiſe, naber bei wem iſt der Sohn meiner guten Mutter Nicolle?“ „Bei Frau Patineau m der großen Straße; nehmen Sie, hier iſt ihre Adreſſe nebſt ein paar Worten an ſie.”“ Herr Gerondif hatte in aller Eile ein paar Zeilen mit Bleiſtift niedergeſchrieben, womit er die Frau, zu der er die Kleine ſchickte, erſuchte, dieſelbe bei ſich zu behalten und nicht fortgehen zu laſſen, bis man ſie abhole. Das junge Maͤdchen nahm das Uriasbillet, verabſchiedete ſich von Cherubim und rannte Montfermeil zu; der Lehrer rieb ſich die Haͤnde und blickte Jasmin an, der bei ſich ſelbſt ſprach: „Das haͤtte ich nie erfunden.“ 4 Man kehrte nach Gagny zuruͤck. Als man in die Naͤhe des Marktplatzes kam, bemerkte man eine Mieth⸗ kutſche, die eben ſtille ſtand; ein Herr ſtieg aus. Dieſer Herr war der Notar Hurbain. „Da kommt ein Beſuch zu Ihnen,“ ſagte Jasmin zu ſeinem Herrn.„Dieſer Herr iſt Ihr Notar; ihm hat Ihr Herr Vater das Teſtament eingehaͤndigt“ 1 „Und damit Sie nicht zerſtreut ſeien und die Perſo⸗ nen, die zum Beſuche aus Paris ankommen, empfangen konnen, haben wir die kleine Louiſe weggeſchickt,“ ſprach lachelnd Herr Gerondif. „Wie, und der Nicolle's Sohn zugeſtoßene Unfall?“ „War nur ein Scherz...“ Ehe noch Cherubim Zeit zur Antwort gewann, hatte ſich Herr Hurbain ihm genaͤhert und ehrerbietig vor ihm 12 verneigt. Die ernſte Miene des Notars imponirte dem Juͤngling, der einige Worte der Erwiderung auf dieſe Complimente ſtotterte. Man lenkte ſeine Schritte nach der Wohnung der Amme hin, und zum erſten Male fuͤhlte Cherubim eine Art Scham, als der Notar zu ihm ſagte: „Wie? Herr Marquis, hier machen Sie Ihre Stu⸗ dien?... Sie ſind ſechzehn und ein halbes Jahr alt, von edler Familie, haben ein huͤbſches Vermoͤgen und bringen Ihre Tage unter dem Dache dieſer Landleute zu? Ich ehre die Arbeiter, ich achte alle rechtſchaffenen Leute, aber Jeder muß ſeinen Rang behaupten; denn ſonſt waͤre in der menſchlichen Geſellſchaft nichts mehr als Unord⸗ nung und Verwirrung, und die Menſchen wuͤrden nicht mehr von jenem Eifer, emporzukommen, beſeelt, der, in⸗ dem er ihnen einen lobenswerthen Ehrgeiz ins Herz legt, ſie zu edeln Anſtrengungen befaͤhigt, um das vorgeſetzte Ziel zu erreichen.“ „Bravo!... recte dicis!“ rief Herr Gerondif aus, waͤhrend er dem Notar zulaͤchelte,„der Herr ſpricht jetzt, wie ich ehdem geſprochen.“ Cherubim erroͤthete und war um eine Antwort ver⸗ legen. Herr Hurbain ſuchte mit den freundlichſten Vor⸗ ſtellungen den Juͤngling zur Vernunft zu bringen. Er legte mit Bedacht das Hauptgewicht auf den Stand und das Vermoͤgen des jungen Marquis und ſagte am Schluſſe ſeiner Rede zu ihm: „Sie ſind jetzt meiner Anſicht, nicht wahr, und keh⸗ ren mit mir nach Paris zuruͤck?“ Aber Cherubim, der des Notars Worte mit Beifall anzuhoren ſchien, entgegnete mit ſanfter Stimme: 13 „Nein, mein Herr, ich bleibe lieber hier,“ „Daran bin ich gewiß nicht Schuld!“ rief, die Au⸗ gen gen Himmel richtend, Herr Gerondif aus.„Ich ſage meinem Schuͤler alle Tage, was Sie ihm ſo eben auch ſagten, mein Herr, nur fuͤge ich noch Beiſpiele aus der alten und neuen Geſchichte bei... es iſt aber gerade, als wollte ich einen Blinden zeichnen lehren!“ Herr Hurbain fing an dem Erfolge ſeines Beſuches zu zweifeln an, als man Pferdegetrappel vernahm. Man eilte vor die Thuͤre, um nachzuſehen, was es gebe; ein huͤbſches Tilbury ſtand davor, worin ſich ein ſehr elegan⸗ ter, nur von ſeinem Jokey begleiteter Herr befand. Es war Herr Eduard von Monfreville, der ſein Til⸗ bury ſelbſt kutſchirte, leicht herausſprang und Cherubim bei ſeiner Annaͤherung mit Hoflichkeit begruͤßte, waͤhrend der Notar zu dem jungen Marquis ſagte: „Erlauben Sie mir, Ihnen den Sohn eines alten Freundes von Ihrem Vater vorzuſtellen, Herrn von Mon⸗ freville, der ſeine Bitten mit den meinigen vereinigt, um ſie zu dem Entſchluſſe zu bewegen, nach Paris zuruͤck⸗ zukehren.“ Monfreville ergriff Cherubims Hand, druͤckte ſie in der ſeinigen und ſprach, nachdem er den Juͤngling einige Zeit betrachtet hatte: „Wenn man nebſt Ihrem Namen und Vermoͤgen ein ſo huͤbſches Aeußere hat, iſt es wirklich unverzeihlich, ſich in einem Dorfe zu begraben.“ „Wahrhaftig!“ brummte Herr Gerondif, Monfre⸗ ville zulaͤchelnd,„wenn Helena verborgen gelebt häͤtte, ſo gaͤbe es keine Schlacht von Troja; und wenn Dunois 14 dei ſeiner Amme geblieben waͤre, ſo haͤtte man ihm wahr⸗ ſcheinlich nicht den Beinamen„der ſchoͤne Dunois“ ge⸗ geben.“ Monfreville warf dem Lehrer einen ſpöttiſchen Blick zu und wendete ſich weiter an Cherubim: „Mein lieber Herr, mein Vater war ein Freund des Ihrigen; dies hat in mir den Wunſch erregt, Ihre Bekanntſchaft zu machen, und es haͤngt nur von Ihnen ab, daß wir Freunde werden, wie unſere Vaͤter. O! ich begreife, daß Sie wegen des Unterſchiedes, der zwiſchen meinem und Ihrem Alter beſteht, meinen Vorſchlag laͤ⸗ cherlich finden; lernen Sie aber nur erſt die Welt kennen, und Sie werden einſehen, daß ſich dieſe Verſchiedenheiten durch die Uebereinſtimmung des Geſchmackes und Charak⸗ ters ausgleichen; ich bin bereits uͤberzeugt, daß wir uns recht gut vertragen werden. Aber, was Teufel, wie ſind ſie angezogen?... einen ſo huͤbſchen, wohlgeſtalte⸗ ten, jungen Mann in ſolche Lotterkleider zu ſtecken!... es iſt zum Erbarmen!“ 5„Mein junger Herr hat den Schneider ſeines verewig⸗ ten Vaters,“ murmelte Jasmin;„ich glaubte nicht, ihm durch einen andern arbeiten laſſen zu muͤſſen..“ „— Ihr hattet Unrecht, treuer Diener, ein Schneider iſt keine Reliquie, die man ſorgfaͤltig beibehalten muß... Ich ſehe, daß dieſer nichts von der heutigen Mode ver⸗ ſteht. Holla!... Frank! bring' herbei, was ich in den Koffer des Tilbury's packen ließ!“ Monfreville's Diener kam gleich darauf mit Kleidungs⸗ ſtuͤcken uͤberladen; er breitete einen wunderſchonen, nach dem neueſten Geſchmack gearbeiteten Anzug, eine Weſte 15 von blendendem Stoffe, ſchwarz⸗atlaßne Halsbinden, huͤb⸗ ſche Cravatten und eine blaue Sammetmuͤtze mit Schnuͤr⸗ werk und einer goldenen Eichel verziert, auf einem Tiſche aus. Beim Anblick dieſer Gegenſtaͤnde konnte ſich Cheru⸗ bim eines Ausrufs der Bewunderung nicht enthalten; ohne zu fragen, ob es ihm recht ſei, zog ihm Monfreville ſeine Jacke und ſeine Morgenweſte aus und dagegen was er mitgebracht hatte, an, er knuͤpfte ihm eine praͤchtige broſchirte Halsbinde kokettiſch um, und ſetzte ihm zuletzt die zierliche Sammetmuͤtze auf, nachdem er auf der Seite die Haarlocken geordnet hatte; dann fuͤhrte er den Juͤng⸗ ling vor einen Spiegel und ſagte zu ihm: „Betrachten Sie ſich einmal! ſehen Sie nicht hun⸗ dert Mal beſſer aus?“ Cherubim wurde roth vor Freude, als er ſich ſo huͤbſch ſah; ſein neuer Anzug gab auch in der That ſeinem ſcho⸗ nen Antlitz einen ganz andern Ausdruck; er kleidete ihn ſo vortheilhaft, daß Nicolle, obgleich ſie betruͤbt war, daß man ihr ihr Soͤhnchen entreißen wollte, nicht um⸗ hin konnte, auszurufen: „Ach Gott! wie ſchoͤn iſt er!... wie praͤchtig iſt er ſo!... hundert Mal ſchoͤner!...“ „Er ſieht ſeinem ſeiihan Vater gar nicht gleich,“ brummte Jasmin. „Er gleicht dem Sohn des Jupiters und der Latona, dem Bruder der Diana, mit andern Worten dem Apollo .. oder Phoͤbus, wenn es Ihnen lieber iſt,“ rief Herr Gerondif, immer laͤchelnd, aus. Herr Hurbain blickte Monfreville mit zufriedener Miene 16 an, gleich, als wollte er ihm Gluͤck wuͤnſchen, das Mit⸗ tel zur Verfuͤhrung Cherubims gefunden zu haben; die⸗ ſer ſchien wirklich entzuͤckt uͤber ſeinen Anzug, hoͤrte nicht auf, ſich zu betrachten und zu ſpiegeln, und um dieſe guͤnſtige Stimmung zu benuͤtzen, ſagte Herr von Mon⸗ freville alsbald zu ihm: „Man hat mich verſichert, Sie wohnen in einem Dorfe.... ich wollte es nicht glauben!..... der Sohn des Marquis von Grandvilain, der ſich durch ſeine Ele⸗ ganz, ſeine Kleidung und ſein Aeußeres auszeichnen und in Paris glaͤnzen muß, darf nicht in einem Bauernhaus vergraben ſein! das waͤre ein Verbrechen! das waͤre gegen alle Regeln!.. Dieſe wenigen Kleidungsſtuͤcke werden Ihnen einen Begriff von dem, was Ihnen Alles in Pa⸗ ris zu Gebot ſteht, beibringen. Ich bin gekommen, um Sie in meinem Tilbury abzuholen, und wuͤnſche, daß Sie, noch ehe acht Tage vergehen, der beſt gekleidete, eleganteſte, junge Mann der Hauptſtadt ſeien; Sie wer⸗ den den Ton angeben, denn Sie ſind reich und huͤbſch genug dazu.“ Cherubim ſchien hingeriſſen von Monfreville's Worten, und dieſer, nicht mehr an ſeinem Siege zweifelnd, rief nun aus: „Laſſen Sie uns abreiſen, mein junger Freund, und nicht laͤnger zogern... das Tilbury iſt vor der Thuͤre und Paris winkt Ihnen.“ In dieſem Augenblicke aber verfinſterte ſich Cheru⸗ bims Angeſicht und ſtatt Monfreville und dem Notar, welche ſich erhoben, zu folgen, ſetzte er ſich nieder und 4 17 „Nein, ich mag nicht fortgehen, denn ich will, daß mich Louiſe ſo ſieht.“ Die beiden Reſidenzler waren troſtlos; ſie hatten den jungen Marquis bereits vollſtaͤndig zum Entſchluſſe, ihnen nachzufolgen, bewogen geglaubt, und jetzt weigerte ſich dieſer aufs Neue. Der Notar ſprach ihm Vernunft ein, Monfreville bot alle ſeine Beredſamkeit auf, entwarf ihm ein reizen⸗ des Gemaͤlde der Vergnuͤgungen in Paris; aber Cherm. bim blieb unbeweglich. Herrn Gerondif machte das Staunen ſprachlos. Ni⸗ colle freute ſich im Innern, und Jasmin ſagte halblaut: „Ich dacht' es doch, daß all' dieſe Leute nicht witziger ſeien, als ich.“ Alles ſchwieg; man wußte ſich nicht neßi zu rathen, als man abermals das Rollen einer Kutſche hoͤrte. Nun leuchtete ein Hoffnungsſtrahl in Monfreville's Augen, und Herr Hurbain rief aus: „Meiner Treu, es iſt Zeit, daß Darena kommt; indeß bezweifle ich ſehr, daß er gluͤcklicher ſein wird, als wir.“ „Vielleicht doch,“ ſagte leiſe Monfreville;„Darena gehoͤrt zu den Leuten, die alles vermogen.“ Das Gefaͤhrte hielt gleichfalls vor der Amme Haus, und die bei Nicolle verſammelte Geſellſchaft eilte vor die Thuͤre, um nachzuſehen, wer ausſteige. Der Fiaker,— denn das eben angelangte Fuhrwerk war nur ein einfacher Fiaker,— ſchien nach dem aus dem Innern dringenden Laͤrm zu urtheilen, angefuͤllt. Man horte mehre Stimmen zu gleicher Zeit ſprechen Paul de Kock. VI. 2 18 und fortwaͤhrendes lautes Gelaͤchter. Endlich wurde der Kutſchenſchlag gedffnet, Herr Darena ſtieg zuerſt aus, ſein Anzug war noch abgenuͤtzter, als der geſtrige; deſſen ungeachtet entwickelte er aber die gebildetſten Manieren, als er ſich den von ihm mitgebrachten Perſonen beim Aus ſteigen behuͤlflich zeigte. Die erſte war ein junges, als Spanierin gekleidetes Frauenzimmer, die zweite als Odaliske maskirt, die dritte als Schweizerin und die vierte in das pikante Coſtuͤm einer Neapolitanerin vermummt. Alle viere waren jung, huͤbſch, anmuthig, wohlgeſtaltet, hatten lebhafte, ſchel⸗ miſche, verliebte Augen; und in der Art, wie ſie aus der Chaiſe huͤpften, lag eine erſtaunliche Anmuth und Leichtigkeit; uͤberhaupt aͤußerte ſich in ihren Schritten und in ihrem ganzen Benehmen eine ungewoͤhnliche Un⸗ gezwungenheit. Die Doͤrfler machten große Augen. Herr Gerondif that, wie wenn er die ſeinigen niederſchluͤge, riß aber jeden Augenblick eines davon auf; der Notar blickte Mon⸗ freville verwundert an und fragte: „Was ſoll das Alles heißen?“ Monfreville lachte hell auf und entgegnete: „Wahrhaftig! ich glaube, er iſt geſchickter, als wir!... Unterdeſſen nahm Darena zwei dieſer Damen bei der Hand und ſprach: „Kommen Sie, Roſina, Malvina... folgen Sie uns Coelina und Foedora!.. wir wollen dem jungen Marquis von Grandvilain unſere Ehrerbietung bezeugen .... Wo iſt er?.. gut, ich ſeh' ihn ſchon, jener junge 19 „ Mann mit den ſchmachtenden Augen iſt es!... alle Teu⸗ fel! huͤten Sie ſich wohl, meine Damen, das ſind Au⸗ gen, die ſchreckliches Verderben unter Ihnen anrichten werden!“ Waͤhrend Darena dieſe Worte ſprach, trat er mit den Damen ins Haus ein. Nachdem er dieſe, welche keineswegs verlegen ſchienen und lachend das Innere des Bauernhauſes muſterten, bis ins Zimmer geleitet hatte, begruͤßte er Cherubim wie einen alten Bekannten und ſagte zu ihm: „Mein lieber Marquis, Herr Hurkang, Ihr No⸗ tar, iſt auch der meinige; Ihr Freund, Herr von Mon⸗ freville, iſt auch mir ſehr befreundet; hieraus geht, wie Sie ſehen, hervor, daß auch ich zu Ihren Freunden gezaͤhlt werden ſollte; dies waͤre ein Titel, den zu ver⸗ dienen ich mich gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrde... Gewäahren Sie mir denſelben, Marquis! Maͤnner, wie wir, ver⸗ ſtehen ſich bald.... Sie ſind zwar jung, aber wir wer⸗ den Sie bilden.“ Cherubim iſt ganz betaͤubt von Allem, was er ſieht und hoͤrt, uͤberdies werfen ihm die Spanierin und die Neapolitanerin Blicke zu, an die er gar nicht gewoͤhnt iſt, waͤhrend ihm die Odaliske auf ſehr zuvorkommende Weiſe zulaͤchelt, und die Schweizerin ihre Zungenſpitze über die Lippen herausſtreckt und ihm mit den Augen zuwinkt, was eine Bewegung in ihm verurſacht, der er nicht Meiſter werden kann. „Marquis Cherubim,“ fuhr Darena fortn„ich habe mir die Freiheit genommen, vier huͤbſche Damen mitzubringen; es ſind ausgezeichnete, talentvolle Taͤnze⸗ 20 rinnen unſerer großen Oper zu Paris; ſie druͤckten das lebhafteſte Verlangen aus, Sie zu ſehen, und Milch auf dem Lande zu trinken..... Kann man Milch hier haben, wackere Landleute?..“ Waͤhrend Darena dieſe Frage an Nicolle richtete und dieſe in den Stall eilte, huͤpfte das kleine, als Schweizerin gekleidete Frauenzimmer von ihrem Stuhle auf, und rief aus: „O! ja.. o! Milch, das iſt koͤſtlich! Ich werde mich tuͤchtig volleſſen!...“ Darena naͤherte ſch der Schweizerin, ſtieß ſe mit dem Ellbogen, und ſagte ihr leiſe in's Ohr: „Malvina, thu' mir den Gefallen und ſchweige, Du kannſt doch nichts als Dummheiten ſchwatzen.“ und Monfreville, der ſich in die Lippen biß, um nicht mit einem Gelaͤchter herauszuplatzen, ſagte heimlich zu Darena: „Sie wagen es, zu behaupten, daß dieſe Frauen⸗ zimmer Operntaͤnzerinnen ſeien!.“ „Drei davon, mein Lieber; ich ſchwoͤre Ihnen, dieſe drei dort ſind Figurantinnen..... die Schweizerin aller⸗ dings iſt nur von einem Boulevard⸗Theater, hat aber ein wunderſchones Bein.“ „Ich habe dieſe Damen in den Coſtuͤmen ihrer Rollen mitgenommen,“ fuhr Darena gegen Cherubim gewendet, weiter fort,„weil ſie mir verſprachen, in Ihrer Gegen⸗ wart eine kleine Probe ihres Talentes abzulegen. Nun, meine Göttinnen, tanzen Sie einen huͤbſchen Pas de quatre vor dem jungen Marquis, der ſich keinen Be⸗ griff von den Darſtellungen der Oper machen kann..... 21 Ich weiß wohl, daß man hier nicht ſo bequem tanzt, wie auf der Buͤhne... der Fußboden iſt nicht getaͤfelt; um ſo groͤßer wird aber ihr Verdienſt ſein...“ „Er iſt nicht einmal mit Platten ausgelegt!“ rief die Schweizerin, zur Erde blickend, aus;„wie kann man hier Schleifſchritte machen 2 ſchonen Dank!..... es iſt ganz uneben..... Wir werden auf den Boden pur⸗ zeln.“ „Ah! ſehr huͤbſch!... ſehr huͤbſch!...“ rief Darena gewaltſam lachend aus, um den Eindruck zu ſtoͤren, den die Ausdrucksweiſe der Schweizerin verurſachte;„entſchul⸗ digen Sie, ſie iſt nicht aus Paris, ſie iſt unbekannt mit unſerer Sprache und verſteht die Bedeutung der Worte nicht.“. „Tibull, Petron und Ovid wenden zuweilen gleich⸗ bedeutende Worte an,“ ſagte Herr Gerondif mit einem ungeheuren Lacheln, damit die vier Taͤnzerinnen all' ſeine Zaͤhne ſehen konnten. 8 „Ich bin nicht aus Paris?“ ſchrie Fraͤulein Mal⸗ vina,„das waͤre ſauber!... ich bin in der Straße Mouffetard geboren,... wo meine Mutter mit Kaͤſe aus der Brie handelt..“ Darena trat der Taͤnzerin auf den Fuß und raunte ihr zu: „Malvina, wenn Du nicht ſchweigſt, ſo mußt Du in die Kutſche zuruͤck, bekommſt keine Milch und darfſt nicht mit uns zu Mittag ſpeiſen.“ Die Schweizerin ſchwieg, der Graf zog eine Kinder⸗ geige aus der Taſche und ſchickte ſich zum Muſiciren an, indem er ſagte: 22 „Ich will das Orcheſter machen; Sie ſehen, daß ich an Alles gedacht habe... nun, meine Damen, bereiten Sie ſich vor!“ Waͤhrend dieſer Zeit naͤherte ſich Herr Hurbain Mon⸗ freville'n und ſagte zu ihm mit halblauter Stimme: „Aber— der Herr Graf Darena hat in der That ein Mit⸗ tel erſonnen... von dem ich nicht weiß, ob ich es billigen ſoll.. Dieſer Verſuch ſcheint mir etwas zu leichtfertig...“ „Ei, warum denn?“ erwiderte Monfreville.„Da⸗ rena iſt geſchickter, als wir... Ich glaube, ſein Ver⸗ fuͤhrungsmittel iſt das wahre... Außerdem wird der junge Mann in Paris in die Oper gehen; welches Uebel laͤge alſo darin, hier tanzen zu ſe hen, was er im Thea⸗ ter auffuͤhren ſehen wird? Es ſcheint mir ſogar!, daß die Illuſion in der Naͤhe außerordentlich verliert.“ „So ſei es denn!“ entgegnete der Notar, ſich wie⸗ der ſetzend;„und— wer den Zweck erreichen will, darf die Mittel nicht ſcheuen.“ Die vier Taͤnzerinnen waren im Begriff, ihre Stel⸗ lungen einzunehmen, als Nicolle mit Taſſen und Milch Zuruͤckkehrte. Sogleich eilten die Damen nach den Taſſen und riefen, daß ſie ſich zuerſt erfriſchen wollten. Waͤhrend ſie tranken, konnte Cherubim nicht aufhoͤ⸗ ren, dieſe Frauenzimmer zu betrachten, die von denen, welche er bisher geſehen, ſo verſchieden waren; und Herr Gerondif ſchenkte den Taͤnzerinnen ſelbſt ein, indem er zu ihnen ſagte: „Mit Ganymed habe ich jetzt ganz gewiß einige Aehn⸗ lichkeit..... er diente dem Jupiter, ich— Terpſichore'n und ihren Schweſtern...“ 23 Aber Malvina nahm die Milchflaſche aus des Lehrers Hand und ſagte zu ihm: „Geben Sie, Sie ſind langweilig mit Ihrem tropfen⸗ weiſe Einſchenken!... ich will lieber aus der Flaſche ſelber trinken, das geht viel ſchneller.“ Der alte Jasmin ſprach mit großen Augen und er⸗ ſtaunter Miene: 3 „Fuͤr Frauenzimmer von Stande konnten ſie doch erſtaunlich viel trinken.“ Als keine Milch mehr da war, begaben ſich die Taͤn⸗ zerinnen an ihren Platz. Die Geſellſchaft hatte ſich nie⸗ dergeſetzt, Darena ſeine kleine Geige zur Hand genommen. Er ſpielte die Melodie der„Arragonaiſe“ und die Damen begannen mit vieler Leichtigkeit und Anmuth ihre Tanzſchritte zu machen.. Die Landleute waren in Bewunderung verſunken. Jasmin klatſchte Beifall, Herr Gerondif ſchlug die Augen nicht mehr nieder, ſein ganzes Geſicht flammte und gluͤhte, wie ſeine Naſe. Der Notar und Monfreville beobachteten Cherubim; dieſer ſchien von dem neuen ihm dargebotenen Schau⸗ ſpiele hingeriſſen und entzuͤckt, und ſeine Blicke konnten dieſe huͤbſchen jungen Frauenzimmer, deren Schritte, Stel⸗ lungen und geringſte Bewegungen Vergnuͤgen und Wol⸗ luſt ausdruͤckten, nicht genug bewundern. Darena, welcher, die durch den Tanz hervorgebrachte Wirkung bemerkte, ſpielte immer lebhaftere Melodieen. Die Taͤnzerinnen folg⸗ ten dem Takte; ihre Schritte nahmen an Beweglichkeit und Reiz zu. Sie ſchienen in Anmuth und Geſchmeidig⸗ keit miteinander zu wetteifern, und ihre belebten Augen 24 gewannen noch an Glanz und Feuer. Jasmin applau⸗ dirte wie ein Raſender, Herr Gerondif zerkratzte ſeine Naſe, wie wenn er ſie heraus reißen wollte, Cherubim war ſehr ergriffen. In dieſem Augenblicke ſtreckte Fraͤu⸗ lein Malvina, vom Eifer des Tanzes hingeriſſen, ihr Bein mit ſolcher Kraft in die Luft hinaus, daß es der Geſellſchaft unmoͤglich ein Geheimniß bleiben konnte daß ſie keine Beinkleider anhatte. Herr Gerondif, deſſen Augen beinahe aus dem Kopf heraus traten, ſchrie: „Das ſind Bayaderen... das iſt der mozambiſche Tanz!... das iſt ſehr merkwuͤrdig.“ Aber Herr Hurbain, erwaͤgend, daß der mozambiſche Tanz etwas zu weit ging, erhob ſich mit den Worten: „Ganz gut, meine Damenz es iſt jedoch genug, Sie muͤſſen ermuͤdet ſein.“ „Ah! bah!“ rief Fraͤulein Malvina aus,„ich koͤnnte wohl noch den Cancan tanzen!..... Ich verſteh's ein bischen.“ Darena, der ſich den durch den Tanz erreichten Er⸗ folg nicht rauben laſſen wollte, eilte auf Cherubim zu, nahm ihn beim Arme und ſagte zu ihm: „Nun kehren wir nach Paris zuruͤck... wir ſpeiſen im Rocher de Cancale mit dieſen Damen zuſam⸗ men, welche hoffen, daß Sie einer der Unſrigen ſein wer⸗ den... denn ohne Sie waͤre das Feſt nicht vollſtaͤndig.“ Cherubim war bewegt, unentſchloſſen; er ſchwankte .... Darena gab den Taͤnzerinnen ein Zeichen, worauf ſie herbeiflogen, den Juͤngling umgaben, ihn aufs Ver⸗ fuͤhreriſchſte anblickten und zuriefen: 25 „Ol ja, mein Herr, kommen Sie mit nach Paris! Gehen Sie heute Abend in die Oper... dort werden Sie uns tanzen ſehen, und zwar anders, als in dieſem Zimmer. Es waͤre recht haͤßlich von Ihnen, wenn Sie ſich weigerten.“ 1* „und im Rocher de Cancale ißt man gut.. ſagte Malvina...„ich werde mich vollſtopfen!...“ „Nun! Nun! Sie ſind der Unſrige;“ rief Darena aus. Die Spanierin und die Neapolitanerin ergriffen ohne Weiteres Cherubims Arm, und dieſer ließ ſich bei⸗ nahe unter lauter Tanzen bis zum Fiaker bringen, den er mit Darena und den vier Taͤnzerinnen beſtieg. „Aber ich habe einen beſſern Wagen,“ rief der No⸗ tar,„es iſt zu eng fuͤr ſechſe da drinnen... einige der Damen koͤnnen ſich zu mir hereinſetzen.“ „Nein, nein!“ entgegnete Darena;„wir ſitzen ein⸗ ander auf den Schooß! das iſt ſehr luſtig!... Vorwaͤrts, Kutſcher, peitſche Deine Roſſe, ſie werden Dir bezahlt... zum Rocher de Cancale!“ Der Fiaker fuhr ab mit Cherubim, der nicht einmal Zeit gefunden hatte, ſich von ſeiner Amme zu verab⸗ ſchieden.. „Darena hat den Sieg gewonnen!“ ſagte Monfre⸗ ville,„nun iſt der Vogel ſeinem Neſt entflogen!..“ „Ja,“ entgegnete Herr Hurbain,„doch darf der Scherz nicht zu weit gehen... und dieſe Mahlzeit, mit ſolchen Damen... ich kann wahrhaftig nicht Theil daran nehmen... ein Notar mit Ballettaͤnzerinnen!“ „Ei, mein Gott.. ein einziges Mal!.. Es weiß es ja Niemand, uͤberdies geſchieht's eines lobenswerthen 26 Beweggrundes wegen; Ihre Anweſenheit wird uͤberdies eine allzu große Ausgelaſſenheit bei dieſem Mittageſſen verhindern. Kommen Sie mit in mein Tilbury, wir folgen den Leutchen in dieſem raſcher nach.“ Herr Hurbain ſtieg mit Monfreville ins Tilbury und Herr Gerondif mit Jasmin in des Notars Kutſche. „Sie fuͤhren meinen jungen Herrn in das Rocher de Cancale,“ ſagte der alte Diener,„und ich habe doch zu Hauſe eine Mahlzeit, einen feierlichen Empfang, Muſik, Blumen u. ſ. w.... zubereiten laſſen.“ „Croͤſtet Euch, wuͤrdiger Jasmin,“ entgegnete der Lehrer,„das kann Alles nachher noch in Anwendung ge⸗ bracht werdenz mein Zoͤgling muß ja doch ſpaͤter oder fruͤher jedenfalls nach Hauſe kehren. Was mich betrifft, ich bin Mentor und darf meinen Telemach, ſelbſt wenn er zum Mittageſſen in das Rocher de Cancale geht, nicht verlaſſen.“ Zweites Kupitel. Monfreville.— Darena.— Poterne. Ein huͤbſcher Saal und ein praͤchtiges Mittageſſen waren von dem Grafen Darena im Rocher de Can- cale mit folgender Betrachtung beſtellt worden: „Es geſchehe, was da wolle, wir werden jedenfalls hier zu Mittag ſpeiſenz wenn ich von den Bezahlenden bin, ſo wird mir dies zwar im Augenblick ſehr ſchwer 27. fallen.. indeß kuͤmmert mich das wenig! ich beſtelle nun einmal das Eſſen!“ Darena dachte nur an das Vergnuͤgen, bekuͤmmerte ſich nichts um die Zukunft, und war oft fuͤr die Gegen⸗ wart ſehr unbeſorgt; er ſtammte von einer edeln Familie ab, hatte einen guten unterricht und eine vortreffliche Erziehung genoſſen. Sein ſtolzer, ſtrenger Vater ent⸗ deckte an ſeinem Sohne fruͤhzeitig ſchon einen lebhaften Hang zu Vergnuͤgen und unabhaͤngigkeit, und hielt es, um ihn davon zu heilen, fuͤr gerathen, ihm durchaus keine Ruhe und Freiheit, die ſonſt nach der Arbeit und dem Studium zur Erholung dienen, zu vergonnen. So hatte Darena ſein neunzehntes Jahr erreicht, ohne jemals einen Thaler zur Verfuͤgung gehabt, oder eine freie Stunde genoſſen zu haben. um dieſe Zeit ſtarb ſein Vater, ſeine Mutter war ſchon laͤngſt todt, und er mit einem Mal ſein eigener Herr und im Beſitz eines ziemlich großen Vermoͤgens. Er warf ſich blindlings in Ver⸗ gnuͤgungen und Zerſtreuungen und wollte die durch ſeines Vaters Strenge verlorne Zeit wieder einbringen; er kehrte den Studien und ernſthaften Dingen auf immer den Ruͤcken zu. Das Spiel, die Weiber, die Pferde und die Tafel⸗ freuden waren ſeine Abgotter. Anfangs hatte er unter der vornehmen Geſellſchaft, wozu ihm ſein Namen und Vermoͤgen den Zutritt verſchafften, eine Menge Liebes⸗ abenteuer angeſponnen; aber Darena war nicht ſenti⸗ mental, er ſuchte nur das Vergnuͤgen in einem ſolchen Verhaͤltniſſe und brach es ab, ſobald er den mindeſten Zwang oder den geringſten Aerger dabei empfand. 4 28 Da die vornehmen Damen nicht immer geneigt ſind, nur eine Liebſchaft von wenigen Tagen einzugehen, und das Betragen des Grafen Darena, der ſich ruͤhmte, keiner Frau treu zu ſein, bekannt wurde, ſo wurden ſeine Eroberungen unter der hoͤhern Welt ſeltener, und er nach und nach gezwungen, ſich an Buͤ rgersmaͤdchen, an Comoͤdiantinnen, dann an Griſetten und an Frauen⸗ zimmer von zweideutigem Rufe zu wenden; ſpaͤter kam er in dieſem Punkt ſo herab, daß er ſeine Geliebte aus dem niederſten Stande der Geſellſchaft waͤhlen mußte. Auch das Vermoͤgen Darena's wurde, wie ſeine Lieb⸗ ſchaften, immer geringer; ſo daß der Graf in ſeinem achtundzwanzigſten Jahre Alles aufgezehrt und Alles verſchwendet hatte. Nichts blieb ihm, als das Haus in der Vorſtadt Saint⸗Antoine, das er zu verkaufen im Begriffe ſtand und worauf er ſchon zweimal ſo viel ſchuldete, als es werth war. Aber weit entfernt, ſich um ſeine Lage und ſeine Zukunft zu bekuͤmmern, war Darena Alles gleichguͤltig, wenn er nur gut eſſen, oder mit einer Taͤnzerin, einer Figurantin, einer Naͤhterin, oder ſogar mit einem Stubenmaͤdchen Champagner trinken konnte; zur Er⸗ reichung dieſer Vergnuͤgungen ſcheute er kein Mittel, denn Menſchen,, welche in der Wahl ihrer Bekanntſchaften ſehr anſpruchslos ſind, ſind es in Beziehung auf ihre Lebensweiſe durchaus nicht. Ein Individuum Namens Poterne hatte mit all ſeinen Kraͤften den Ruin und die Zerruͤttung Darena's — beſchleunigt. Dieſer Poterne war ein Menſch, deſſen Alter wegen ſeiner Haͤßlichkeit und ſeines ſchlechten 29 8 Wuchſes nicht errathen werden konnte; auf einem duͤrren, knocherichten, ſchiefen Korper, welchen krumme, ſchmaͤchtige Beine trugen, befand ſich ein ungeheuer großer, laͤnglicht runder Kopf, eine in der Mitte eingefallene, an der Spitze krumm gebogene Naſe, ein Mund ohne Lippen, „ ein vorſtehendes Kinn und zwei blaßgruͤne, von unge⸗ heuern Wimpern beſchatteten Augen, deren Sterne ſich una ufhörlich hin und her waͤlzten; uͤberdies eine große Maſſe buſchigter, fetter, brauner Haupthaare, die, immer rundum abgeſchnitten, ausſahen, wie Igelſtacheln. So war Herr Poterne. Dieſer Mann machte die Bekanntſchaft des Grafen Darena, als ſich derſelbe noch im Beſitze ſeines Reich⸗ thums befand; er hatte ihm ſeine ve rſchiedenartigſten Dienſte angeboten, er wußte alle Orte in Paris, wo ein junger Mann von Stande ſich am baͤldeſten ruiniren kann; wenn Darena im Schauſpielhauſe oder auf dem Spaziergange ein Frauenzimmer ſah, das ihm gefiel, ſo nahm es Poterne auf ſich, ihr nachzufolgen, ihr einen Brief zuzuſtecken und Erkundigungen uͤber ſie ein⸗ zuziehen. Spaͤter beſorgte er fuͤr Darena auch Geld⸗ darleiher, Wucherer und ſonſtige gefaͤllige Lieferanten; daher war er ihm unentbehrlich geworden; der Graf be⸗ handelte ihn bald wie ſeinen Freund, bald wie ſeinen Bedienten, ſchmeichelte ihm zuweilen, verachtete ihn immer und konnte ſeiner niemals mehr los werden. Man vermuthet vielleicht, daß dieſer Herr die Abſicht hatte, ſich auf Koſten deſſen, den er ruinirte, zu be⸗ richern. Dies war ohne Zweifel auch Poterne's erſter Gedanke, aber ſeine eigenen Laſter geſtatteten ihm nicht, 30 die Fehler eines Andern vortheilhaft zu benuͤtzen; ebenſo 4 ſpielluſtig, ebenſo leichtſinnig als Darena, verſpielte er, wenn dieſer in einem glaͤnzenden Salon Tauſendfrank⸗ billete verlor, in einer Schenke, oder ſonſt in einer ſchmutzigen Hoͤhle das ſeinem guten Freunde abgelockte Geld; wenn Darena eine huͤbſche Dame bei Véfour oder Véry regalirte, ſo verzehrte Poterne ſein Baares mit einer Gemuͤſehaͤndlerin bei einem Garkoch; denn er mußte ſeiner Haͤßlichkeit wegen freigebig ſein; wenn es endlich bisweilen vorkam, daß Darena keinen Heller mehr in der Taſche hatte, ſo mißhandelte er ſeinen Ge⸗ noſſen, den er ſeinen Ruin herbeigefuͤhrt zu haben be⸗ ſchuldigte; dann eignete er ſich ohne Weiteres deſſen ganzes Beſitzthum an, und der ſonſt ebenſo ſtreitſuͤchtige, als betruͤgeriſche Poterne ließ ſich ohne Murren von ſeinem Freunde ausziehen, nahm ſich aber vor, ſich bei der erſten Gelegenheit zu raͤchen. Es konnte auffallend erſcheinen, den eleganten Mon⸗ freville in Beziehungen zu einem Menſchen ſtehen zu ſehen, deſſen Eigenſchaften, Betragen und Kleidung ſogar fortwaͤhrend von einem unordentlichen Leben zeugten. Aber es gibt Leute, die, wenn ſte Jemand im Reichthum und Gluͤck gekannt haben, ihm nicht den Ruͤcken zu⸗ kehren mogen, wenn ſie ihn in einem ſchmutzigen Rocke und mit einem ſchlechten Hute begegnen. Außerdem hatte Darena noch glaͤnzende Momente; wenn ihm das Spiel guͤnſtig war, oder ſein Freund Poterne wieder eine neue Huͤlfsquelle entdeckt hatte, ſo ſah man ihn plöͤtzlich wie⸗ der mit Eleganz und Anſtand die Schauſpielhaͤuſer, Baͤlle und erſten Reſtaurants von Paris beſuchen; einige Tage ,— „——xð 31 darauf deutete die Nachlaͤſſigkeit im Anzuge, eine gewiſſe Verwirrung des einen oder andern Kleidungsſtuͤckes an, daß ſeine Lage nicht mehr dieſelbe ſeiz aber Darena wußte mit einem ſchlechten Hute und ſchmutziger Waͤſche das Betragen der guten Geſellſchaft ſo ſicher beizubehalten, daß es unbegreiflich ſchien, wie er ſich in ſchlechter herumtreibe. und, abgeſehen davon, kennt man denn in Paris das Privatleben der meiſten Perſonen, deren voruͤbergehende Bekanntſchaft man macht? Traf man Darena eines Tages gekleidet wie in den Zeiten ſeines Glanzes, ſah man ihn an einem Vergnuͤgungsorte tolle Ausgaben machen, ſo fragte man ihn nicht, durch welchen gluͤck⸗ lichen Wechſel des Geſchickes er ſeinen Reichthum wieder gewonnen hab ez und aus demſelben Grunde bekuͤmmerte man ſich auch, wenn man ihn bald darauf wieder arm⸗ ſelig gekleidet in ein ſchlechtes Gaſthaus hineinſchleichen ſah, nicht um die Nachtheile und Verluſte, welche ihn getroffen hatten. In Paris forſcht man nicht nach den Geheimniſſen Anderer, und in dieſem Punkte könnte dort Discretion oft mit Gleichguͤltigkeit bezeichnet werden. Monfreville, der Darena im Reichthum kennen ge⸗ lernt hatte, wußte wohl, daß er ſein Vermogen durch eigene Verſchwendung verloren habe; er glaubte ihn aber noch nicht ganz ohne Huͤlfsmittel, und hielt es jedenfalls fuͤr unmöglich, daß er ſich auf unziemliche Weiſe Geld verſchaffen konnte. Der Graf hatte zwar oͤfters mehre Tauſendfranken⸗Scheine von ihm entlehnt und nie wieder zuruͤckgegeben, allein Eduard von Monfreville war reich, 32 legte wenig Werth auf ſolche kleine Dienſtleiſtungen; auch unterhielt ihn Darena's Geſellſchaft; ſeine wunder⸗ liche Einfaͤlle, ſein oft bis zur Schamloſigkeit gehender Leichtſinn, beluſtigten ihn und verſcheuchten die Schwer⸗ muth, welche ſich zuweilen ſeiner bemaͤchtigte. Die Welt fragte ſich oft, woher dieſe nachdenkliche Miene, dieſes eher bittere, als hoͤhniſche Laͤcheln, das manchmal uͤber Monfreville's Lippen glitt, kommen moͤge? Er war reich und mit Allem, was gefallen kann, begabt. Man liebte ſeine Geſellſchaft, die Frauen wetteiferten um ſeine Gunſt; er hatte viel Gluͤck gemacht und ſtand in einem Alter, wo er noch Manches hoffen durfte. Indeſſen ſchien er ſelten wahrhaft heiter und vermied es, ſich in ſeinen Unterredungen uͤber ein Geſchlecht zu aͤußern, das ihn doch auszeichnete. Einige Perſonen glaubten, Mon⸗ freville ſei fuͤr alle Vergnuͤgungen abgeſtumpft, und ſchrieben dieſem Umſtande die Wolken zu, die bisweilen ſeine Stirne verdunkelten; andere, welche ihn uͤber die⸗ jenigen ſeiner Freunde ſpotten hoͤrten, welche auf die Be⸗ ſtandigkeit ihrer Geliebten bauten, vermutheten, daß der ſchone, verfuͤhreriſche Monfreville irgend eine ungluͤckliche Leidenſchaft genaͤhrt habe und das Opfer eines Verrathes geworden ſei. Als man endlich dieſen beliebten Mann Dreißig zuruͤcklegen und ſich ſogar den Vierzigen naͤhern ſah, ohne daß er an eine Heirath dachte, hatte man ſich eine Menge Vorſtellungen gemacht und geſagt: „Er muß ſehr ſchlimm von den Frauen denken, da 8 er es nicht wie die uͤbrigen Maͤnner machen und ſich unter das Joch der Ehe beugen will.“ Aber Eduard von Monfreville war es hoͤchſt gleich⸗ 33 guͤltig, was man von ihm denken und ſprechen wollte; er lebte fortwaͤhrend nach ſeinen Neigungen und handelte nach ſeinem Gutduͤnken; bisweilen brachte er einen ganzen Monat unter lauter rauſchenden Vergnuͤgungen inmitten eines frohlichen, verſchwenderiſchen Volkchens zu, deſſen Thorheiten er theilte;z dann ſah man ihn dfters wieder ganze Wochen die Geſellſchaft meiden und die Einſamkeit aufſuchen. Man hatte ſich zuletzt an dieſe Sonderbarkeit ſeiner Launen gewoͤhnt, da ein reicher Mann in der Welt ſtets das Recht hat, wunderlich zu ſein; nur den armen Teufeln wird daſſelbe nicht zugeſtanden. Nun, da wir die Perſonen, mit denen wir zuſam⸗ mentreffen werden, beſſer kennen, wollen wir uns ins Rocher de Cancale begeben, wo Cherubim eben mit den Prieſterinnen Terpſichore's angelangt iſt. Drittes Kapitel. Ein Mittageſſen im Rocher de Canoalo. Cherubim befand ſich in Paris und im Rocher de Cancale, ehe er noch Zeit zur Beſinnung gefunden hatte; die Damen ſchwatzten auf dem Wege ſo tolles Zeug, ihre Unterredung war ſo lebhaft, ihre Bemerkungen ſo ſonderbar, daß der Juͤngling nicht genug horen konnte, und abwechſelnd eine Taͤnzerin um die andere betrachten mußte, um ſich zu uͤberzeugen, daß es kein Traum ſei. Beim Einſteigen in die Kutſche huͤllten ſich die Damen in weite Pelzmaͤntel, worunter ſie ihre Coſtuͤme verbargen, Paul de Kock. VI. 3 34 und zogen eine Kapuze uüͤber den Kopf, um ihren Haar⸗ putz zu bedecken. Cherubim ſagte leiſe zu Darena: „Warum verkleiden ſich denn dieſe Damen alle als Kapuziner?“ Worauf ihm Darena laut erwiderte: „Mein lieber Marquis, das geſchieht deßhalb, daß man, wenn ſie am Gaſthofe abſteigen, ihre Theater⸗ Coſtuͤme nicht ſieht, denn wir ſind noch nicht in der Faſchingszeit... in Paris wird eine anſtaͤndige Kleidung ſtreng beobachtet!“ „O! mir liegt nichts daran!“ ſagte Fraͤulein Mal⸗ vina,„ich ginge in meinem Schweizer⸗Coſtuͤm durch die Stadt ſpazieren... zudem, wuͤrde man mich denn nicht fuͤr eine wirkliche Schweizerin halten?“ „Wenn Sie das Coſtuͤm einer Auſternhaͤndlerin an⸗ hatten⸗ meine Liebe, ſo iſt es weit wahrſcheinlicher, daß man Sie nicht fuͤr verkleidet hielte!...“ „Ach, wie unartig ſind Sie!... Ihnen ſieht man, wenn Sie ſo ſchaͤbig angezogen ſind, den Grafen auch oft nicht an!..“ Darena ſchlug ein helles Gelaͤchter auf, gab Mal⸗ vinen einen leichten Schlag auf die Wange und ſagte: „Nun ſchweige, und vor allen Dingen, meine Da⸗ men, betragt euch gut! auf dem Lande iſt eine gewiſſe Freiheit geſtattet, aber im Rocher de Cancale und unter der gebildeten Geſellſchaft, mit der wir ſpeiſen werden, muß ich euch, wenn ihr nicht ordentlich ſeid, vor die Thuͤre ſetzen!”“ „Mein Gott, Herr, wir koͤnnen uns benehmen!... — Glauben Sie, wir kommen nie unter vornehme 3⁵5 Leute...2— Ich ſpeiſe oft mit meinem Gonner und ſeinem Bruder, der einer der erſten Fleiſcher in Paris iſt.— und ich, ich beſorge zuweilen den Laden meiner Baſe, welche Zuckerbäckerin iſt und Leckereien verkauft... bei der ſich nur Herren mit hellgelben Handſchuhen er⸗ friſchen.“ 4 4 „— Ganz recht, meine Damen, ganz recht! nun haben wir Gewißheit, daß Sie wuͤrdig ſind, in gute Geſellſchaft zu kommen... und eine Zierde derſelben ſein wuͤrden... Oh! wenn nur Herr Kurbain nicht Theil an unſerem Mahle genommen haͤtte... aber er wird dabei ſein, ich ſeh' ihn mit Monfreville aus dem Tilbury ſteigen. Wir ſind an Ort und Stelle. Wohlan, junger Marquis, reichen Sie den Damen die Hand.“ Der Wagen hielt an, man oͤffnete den Kutſchenſchlag, ein Igelskopf zeigte ſich davor, ſeinen Koͤrper bedeckte ein alter, nußbrauner Oberrock, auf deſſen Kragen große Fettflecken waren. Herr Poterne war es, der den Da⸗ men ſeine Hand zum Ausſteigen bot. Malvina wich zuruͤck und ſchrie: „Ach, mein Gott! was iſt das 2.. eine Nachteule, ein Stachelſchwein!“ „Das iſt mein Geſchaͤftsfuͤhrer,“ entgegnete Darena, „der dafuͤr geſorgt haben wird, daß Alles gehorig be⸗ ſtellt wurde... und nun erſcheint, um uns ſeinen Arm zum Ausſteigen anzubieten; er iſt ein außerordentlich gefaͤlliger Mann.“ „Er mag gefällig ſein, aber er iſt ſehr haͤßlich, nicht wahr, Roſina 2 „— Ja... ach! wie dumm, ſo haͤßlich zu ſein...“ „Wenn man nachher dieſen kleinen hubſchen Herrn Cherubim anſieht.. „Ach, Gott! das iſt ein Unterſchied, wie zwiſchen der Sonne und einer Wanze!“ „Vorwaͤrts, meine Damen, ſteigen Sie doch aus, Sie koͤnnen oben mit einander reden!“ Die Geſellſchaft verſammelte ſich alsbald im Saale, wo man die Tafel gedeckt hatte. Herr Hurbain und Monfreville kamen zu gleicher Zeit mit dem Fiaker an, der Cherubim und die Taͤnzerinnen herfuͤhrte. Der Notar trat auf Darena zu und ſagte ihm ins Ohr: „Ich hoffe, mein lieber Graf, daß Ihre Taͤnzerinnen ſich paſſend betragen werden; es freut mich, daß die Anmuth ihres Tanzes und die Lebhaftigkeit ihrer Blicke den jungen Mann in Entzuͤcken verſetzten; er iſt aber eigentlich noch ein Kind und ſoll ſich nicht mit Ballet⸗ tanzerinnen einlaſſen.“ „Mein Gott! ſeien ſie doch beruhigt!... Sie ſind ſonderbar! mir verdanken Sie es, daß dieſer ſechzehn⸗ und ein halbjaͤhrige Saͤugling ſich endlich von ſeiner Amme trennte... und ſtatt mir dankbar zu ſein, halten Sie mir eine Vorleſung!... Es iſt wohl der Muͤhe werth, den Leuten nuͤtzlich zu ſein... Erfindungsgabe zu haben... damit Einem nachher Moral gepredigt wird!“ „Ei, Darena,“ fragte Monfreville, Herrn Poterne muſternd, der hinter den Damen herumſchlich und von der Seite her ſchmachtende Blicke nach ihnen warf, die ſie mit Grimaſſen erwiderten,„— iſt dieſer entſetzliche, ſchmutzige Herr einer Ihrer Freunde, haben Sie die Ab⸗ ſicht, ihn zu unſerer Tafel zu ziehen?... ich geſtehe * 37 Ihnen, ſeine Geſellſchaft iſt nicht anziehend fuͤr mich... wer iſt dieſer Menſch? er ſieht einem Sperber viel gleich.“ „Das iſt mein Verwalter.“ „Ach! Sie haben noch einen Verwalter! ich glaubte, Sie hielten kein Haus mehr.“ „Er iſt das Einzige, was ich beibehalten... dieſer Mann beſorgt meine Angelegenheiten; er iſt ein koſtba⸗ rer Burſche in Erfindung von Huͤlfsmitteln.“ „Dann koͤnnte er wohl auch welche zur Anſchaffung eines neuen Oberrocks finden!“ „Wohlan... ißt man nicht bald?“ fragte Malvina, wahrend ſie in einer Ecke des Saales ihr Bein in einem Halbkreiſe drehte. „Doch, mein Fraͤulein! Nun, Herr Cherubim, wol⸗ len Sie gefaͤlligſt Platz nehmen!“ Herr Hurbain machte Miene, ſich neben Cherubim zu ſetzen, aber Monfreville hielt ihn zuruͤck und fluͤſterte ihm ins Ohr: „Laſſen Sie dieſe jungen Thoͤrinnen neben unſern Schuͤler ſitzen, ſonſt könnte uns leicht die Frucht unſerer Muͤhen wieder verloren gehen... ich beobachte Cherubim mitten unter der Geſellſchaft, er ſeufßt manchmal; wenn er das Heimweh bekaͤme, wuͤrde er mit aller Gewalt wie⸗ der zu ſeiner Amme zuruͤckkehren wollen, und es waͤre uns kaum möͤglich, ihn in Paris feſtzuhalten.“ Herr Hurbain gab nach, er ließ Fraͤulein Roſtna und Coelina neben Cherubim ſitzenz Malvina, die zu ſpaͤt kam, um einen Platz an ſeiner Seite zu finden, wollte Roſina zwingen, ihren Stuhl an ſie abzutreten, und be⸗ drohte ſie bereits mit einer Ohrfeige; aber ein ſcharfer Blick Darena's machte dieſer Streitigkeit ein Ende, und 38 Fraulein Malvina ſetzte ſich an das untere Ende des Ti⸗ ſches, waͤhrend ſie die Worte traͤllerte: „Nein, Du ſollſt ihn nicht haben! An mir wird er ſich laben. Heideldum, hopſaſa ꝛc.“ Ein Gedeck blieb leer, denn Herr Poterne hatte neune legen laſſen, und trotz der Winke Darena's, ſchien der Herr im Oberrock geneigt, Platz davor zu nehmen, als die Saalthuͤre aufging und Herr Gerondif in Begleitung Jasmins eintrat. Der Lehrer verbeugte ſich vor der Geſellſchaft und ſagte: „Ich empfehle mich dieſen Herren gehorſamſt und lege zu gleicher Zeit dieſen Damen meine Ehrerbietung zu Fuͤßen.“ „Was will er zu unſern Fuͤßen, dieſer Herr?“ fragte Malvina den Grafen, der an ihrer Seite ſaß, und ihr nur mit einem heftigen Kniepuffe erwiderte. Als aber Cherubim die Neuangekommenen gewahrte, ſtrahlte ſein Angeſicht und er rief freudig aus: „Ach! Sie ſind's, mein lieber Lehrer... Sie thaten ſehr wohl daran, auch mit nach Paris zu kommen. Ach! wie Schade, daß... daß Sie...“ Cherubim vollendete nicht„ er dachte an Louiſe... und ein gewiſſes Etwas, das er nicht entraͤthſeln konnte, ſagte ihm, daß ſeine naive Geſpielin in Geſellſchaft dieſer ſchon tanzenden Damen nicht recht am Platze waͤre. Herr Hurbain, den die Gegenwart des Lehrers ſehr erfreute, weil er einen Grund der Sicherheit fuͤr Cherubim darin fand, begruͤßte denſelben freundlichſt und ſagte zu ihm: „— * 39 . „Sie haben ſehr wohl daran gethan, mein Herr, Ihrem Zoͤglinge nach Paris folgen; wir haben uͤbri⸗ gens darauf gerechnet; ſetzen Sie ſich zu Tiſche, dort iſt ein Gedeck fuͤr Sie.„— „Ja, ja, ſetzen Sie ſich dorthin, Herr Gerondif!“ rief Cherubim, ſeinem Lehrer den leeren Platz eigend, aus;„und Du, mein guter Jasmin, komm zum her!“ „Herr Marquis, ich kenne meine Pflicht und werde mich auf meinen Poſten ſtellen..“ Mit dieſen Worten nahm der alte Diener eine Ser⸗ viette unter den Arm und ſtellte ſich hinter Cherubims Stuhl; Herr Gerondif ließ ſich aber die Einladung nicht wiederholen, ſtieß Poterne auf die Seite, nahm Platz bei Tiſche und verſchlang die ihm aufgetragene Suppe mit dem Ausruf: „Das iſt das Gaſtmahl Belſazer's! das iſt das Feſt von Eleuſis... die Hochzeit zu Gamache! Niemals gab es gewiß ein Mahl, ſo ſchoͤn wie dies.”“ „Eil dieſer Herr ſpricht in Verſen,“ ſagte Mavina zu ihrem Nachbar. „Ja,“ entgegnete Darena,„ ich glaube, dieſer Herr hat das Trauerſpiel:„das Erdbeben zu Liſſabon“ gemacht.“ Herr Gerondif laͤchelte dem Grafen anmuthig zu und fluͤſterte mit beſcheidenem Tone:„Ich mache ſehr gelaͤu⸗ ſige Verſe, habe aber nie ein Trauerſpiel gedichtet... ganz gewiß und wahrhaftig nicht.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, ich hielt Sie fuͤr den Meiſter Andreas! Sie haben viel Aehnlichkeit mit ihm.. aber trink't doch auf die Geſundheit des Herrn 40 Marquis und das Vergnuͤgen, ihn endlich in Paris zu beſitzen!“ Der Vorſchlag Darena's ward eifrigſt angenommen, die Glaͤſer wurden mit Madeira angefuͤllt und auf Cheru⸗ bims Geſundheit geleert; die vier Taͤnzerinnen tranken ihr Glas bis auf den letzten Tropfen aus und ſchluͤrften den Madeira in ſo tiefen Zuͤgen, daß eine engliſche Koͤ⸗ nigin haͤtte neidiſch auf ſie werden koͤnnen. Inzwiſchen entſchloß ſich Poterne, der von dem Platze, nach dem er geſtrebt, vertrieben worden war, lieber zu ſtehen, als ſich zu entfernen; er ſtellte ſich, wie Jasmin hinter ſeinen Herrn, hinter Darena, und that, als ob er ihm zuweilen einen friſchen Teller gaͤbe; ſtatt deſſen for⸗ derte er aber von dieſem nur von den auf dem Tiſche befindlichen Speiſen: Darena bot ihm gefuͤllte Teller dar, und Poterne leerte ſie, ſtatt ſie weiter zu geben, ge⸗ ſchickt ab. Anfangs war das Eſſen heiter, und nichts verletzte den Anſtand; die Damen, denen Darena ein ſchickliches Betragen anempfohlen hatte, beſchaͤftigten ſich einzig mit dem Eſſen und benahmen ſich, obgleich ſie Cherubim hold zulaͤchelten, ohne Tadel. Malvina allein machte zu⸗ weilen eine Bemerkung oder einen Scherz in Beziehung auf die Liebe; aber dann ſchnitt ihr Darena eiligſt das Wort abz ſeine ſtets witzige und ſpaßhafte Unterhaltung, die humoriſtiſchen Einfaͤlle Monfreville's, der gerade ſeine luſtigen Tage hatte, und die Citationen des Herrn Ge⸗ rondif, der, obgleich er fuͤr viere aß, doch Gelegenheit fand, all' ſeine Kenntniſſe zur Schau zu bringen, ließen Cherubim keinen Augenblick Zeit, uͤber ſeine Lage nach⸗ 41 zudenken; uͤberraſcht, ſich als den Helden dieſes unerwar⸗ teten Feſtes zu ſehen, fuͤhlte er ſich betaͤubt, hingeriſſen, gefeſſelt; die Liebesblicke, die man ihm zuwarf, die Witze, welche er hoͤrte, die ſchmeichelhaften Dinge, die man ihm ſagte, dieſes koͤſtliche, feine, leckere Mahl, welches zu⸗ gleich ſeinen Geruch, ſeinen Geſchmack und ſeinen Gau⸗ men ergoͤtzte,— das Alles geſtattete ihm nicht, an das Dorf zuruͤckzudenken, denn ſobald ſich ſein Angeſicht ver⸗ duͤſterte und mit der Ruͤckkehr einer Erinnerung drohte, ſo verdoppelten die ihn umgebenden Perſonen ihre Mun⸗ terkeit, Aufmerkſamkeit und Tollheit, um die Wolke zu verjagen, die ſich auf ſeiner Stirne lagern wollte. „Was!“ ſagte ploͤtzlich Malvina, als ſie ſich umwen⸗ dete und Poterne bemerkte, der Darena einen Teller ab⸗ nahm,„Ihr Geſchaͤftsfuͤhrer bedient Sie bei Tiſche... er iſt alſo auch Ihr Bedienter?..“ „Er dient mir zu Allem!“ entgegnete Darena,„ich ſagte Ihnen ja, er ſei ein koſtbarer Menſch... ich kann aus ihm machen, was ich will!“ „Dann koͤnnten Sie wohl einen huͤbſchen Juͤngling aus ihm machen!..“ „Sokrates, Horaz, Cicero und Peliſſo waren abſtoßend haͤßlich,“ ſagte Herr Gerondif, der klei⸗ nen Schweizerin einſchenkend.„Man kann ſehr garſtig und doch ſehr geiſtreich ſein.“ „Ah! Sie Schelm, Sie haben Ihre Gruͤnde zu die⸗ ſer Behauptung!“ entgegnete Malvina, ihr Champagner⸗ glas leerend. Der Lehrer, dem dieſe Erwiderung uner⸗ wartet kam, kratzte an ſeiner Naſe und begehrte Truͤffeln. Das Klirren eines zerbrechenden Tellers ſtoͤrte dieſes 42 Geſpraͤch; Jasmin ließ beim Tellerwechſeln fuͤr ſeinen jungen Herrn ſchon zum vierten Male eines hinunter⸗ fallen, zwei Flaſchen und eine Kanne, die durch ſeine Haͤnde gegangen waren, hatten daſſelbe Loos erlebt. „Das iſt doch ein Einfaltspinſel!“ rief Malvina mit ſchallendem Gelaͤchter aus. „Der Kammerdiener muß koſtſpielig ſein!“ ſagte Monfreville laͤchelnd. „Entſchuldigen Sie, mein lieber Herr, entſchuldigen Sie!“ ſagte Jasmin, der bei jedem neuen, durch ſeine ungeſchicklichkeit herbeigefuͤhrten Zufall ſcharlachroth wurde. „Ich habe ſchon ſo lange nicht mehr bei Tiſche bedient... ich werde mich aber wieder einuͤben!... es handelt ſich hier nur um eine Gewohnheit.“ „Ei zum Teufel,“ ſagte Darena,„wenn er eine Gewohnheit daraus machen will, das iſt nicht uͤbel!“ „Aber, mein guter Jasmin, warum ſtehſt Du denn hinter mir?... das iſt in Deinen Jahren zu ermuͤdend fuͤr Dich... ſetze Dich in die Ecke dort.. ich will Dich rufen, wenn ich Dich noͤthig habe.“ „Warum nicht gar?“ entgegnete Jasmin, indem er ſich ein Anſehen zu geben ſuchte.„Glaubt der gnaͤdige Herr, ich kenne meine Pflicht nicht? ich werde meinen Poſten nicht verlaſſen... eher zu Grunde gehen!..“ „Das heißt, all' das Geſchirr des Gaſtwirths wird zu Grunde gehen!“ ſagte Darena lachend; dann fuhr er mit erhoͤhter Stimme fort:„ Ehre dem ungluͤcklichen Muthe!“ „Die Anhaͤnglichkeit dieſes alten Dieners iſt ein Lob fuͤr ihn und ſeine Herrſchaft,“ ſagte Monfreville.„Ich 43³ bringe einen Toaſt auf die Treue aus, ſie iſt eine ſo ſeltene Sache, daß man ihr, unter welcher Form ſie ſich auch zeigen mag, nicht genug Ehre anthun kann.“ Der Toaſt wurde von den Tiſchgaͤſten mit Eifer an⸗ genommen, Herr Hurbain ſchlug einen zu Ehren des ver⸗ ewigten Herrn von Grandvilain's vor. Darena trank auf die Geſundheit der Operntaͤnzerinnen. Herr Geron⸗ dif erhob ſich und rief begeiſtert aus: 3 „Auf den Fortſchritt der Kochkunſt in Frankreich!... die ehmaligen Romer hatten vielleicht mehr Gerichte auf ihrem Tiſche, aber ohne Zweifel keine ſo koſtliche.“ Fraͤulein Malvina, die auch ihren Toaſt ausbringen wollte, hob ihr Glas in die Hoͤhe und rief aus: „Ich trinke darauf, daß man ſehr lange Ballete und ſehr kurze Rocke machen möge; dies waͤre ein Vor⸗ theil fuͤr die Taͤnzerinnen und Alle, die ihre Kunſt lieben.”“ Keine der Damen wollte zuruͤck bleiben: Coelina trank auf die Geſundheit ihres Eichhoͤrnchens, Roſina auf die ihrer Katze und Foedora auf die ihres Vetters, der un⸗ ter den afrikaniſchen Jaͤgern iſt; Herr Poterne trank auf Niemands Geſundheit, aber er kehrte fortwaͤhrend der Tafel den Ruͤcken zu und verſchluckte eine entſetzliche Maſſe Champagner. Die Toaſte wurden durch ein auffallendes Klirren unterbrochen, Jasmin ließ eben wieder einen ſolchen Stoß Teller auf den Boden fallen, daß der Boden mit Scherben bedeckt war. „Das iſt eine Mahlzeit, die theuer kommen wird,“ ſagte Darena,„man muß ſehr reich ſein, um einen Be⸗ dienten, wie dieſer alte Jasmin, halten zu können.“ Indeſſen hatten die vielfach ausgebrachten Trinkſpruͤche 44 die Köpfe etwas erhitzt. Schon ſtand Malvina, die nicht ⸗ mehr auf ihrem Platze gut that, auf und fing einen voll⸗ ſtändigen Cancan zu tanzen an; Coelina und Roſina ver⸗ ſuchten einen Krakauer; Foedora walzte mit Darena; und Herr Gerondif, um den ſich, obwohl er feſt auf ſei⸗ nem Stuhle ſitzt, Alles im Kreis herum dreht, bat Mal⸗ vina ungeſtuͤm um eine Wiederholung des mozambi⸗ ſchen Tanzes mit all' ſeinen reizenden Wendungen. Herr Hurbain, der bei kaltem Blute geblieben war, dachte, es ſei nun Zeit, Cherubim wegzufuͤhren; er nahm den jungen Marquis beim Arme, gab Monfreville und dem Lehrer, der nur ungern den Tiſch verließ, einen Wink, und ſich durch das zerbrochene Geſchirr Bahn brechend, verließen ſie das Gaſthaus und ſtiegen in die Kutſche, welche ſie zum Grandvilain'ſchen Hauſe brachte, ohne nur zu bemerken, daß Jasmin, der ihnen folgte, mit Huͤlfe eines Knechtes hintenauf geklettert war. „Gehen wir nicht nach Gagny zuruͤck?“ fragte Che⸗ rubim, als er ſich in der Chaiſe befand. „Dieſen Abend iſt es nicht mehr moͤglich, mein lieber Freund, es iſt viel zu ſpaͤt,“ entgegnete Herr Hurbain. „Morgen.. oder in einigen Tagen... Sie werden ſchon ſehen; da Sie einmal in Paris ſind, muͤſſen Sie ſich auch mit der Stadt bekannt machen.“ „Ja,“ murmelte Herr Gerondif mit ſchwerer Zunge.. Gras.. Morgen.. Gras mane... Morgenfruͤh „perendinus dies.. übermorgen!.. oder wann's ſein mag!..“ „Und wenn Sie es erlauben,“ ſagte Monfreville, —— „ſo werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie uͤberall um⸗ -—2— 45 herzufuͤhren und Ihnen Alles zu zeigen, was ein junger Mann von Ihrem Range ſehen muß!“ Cherubim antwortete nichts; er moͤchte gerne wieder nach Gagny zuruͤck, aber das eben eingenommene koſt⸗ liche Mahl hat ihm ganz neue Begriffe beigebracht, und man hat ihm ſchon ſo viel von den in Paris zu erwar⸗ tenden Genuͤſſen, deren Vorſchmack er bereits gekoſtet hatte, erzaͤhlt', daß er bei ſich ſelber dachte: „Was ſchadet's?... da ich einmal in dieſer Stadt bin, jſo kann ich ebenſowohl die wunderbaren, vor mir ſo geprieſenen Dinge in aller Eile ſehen... und wenn ich dann wieder zu Louiſen zuruͤckkomme, habe ich ihr doch recht viel zu erzaͤhlen.“ Der Wagen langte vor dem Hötel in der Faubourg Saint⸗Germain an, der Kutſchenſchlag wurde geoffnet; aber kaum war das Gefaͤhrt durch den Hof hereingefah⸗ ren, ſo vernahmen der junge Marquis und ſeine Umge⸗ bung eine ſonderbare Muſik. Man hoͤrte mehre Orgeln, Geigen und Clarinette, jedoch nach verſchiedenen Weiſen, zuſammenſpielen; gel⸗ lende, falſche Stimmen ſangen alte Arien, Volks⸗ und andere Melodien durch einander; kurz, es war eine ſolche Katzenmuſik, daß die Ausſteigenden ſich verwundert frag⸗ ten, was es denn bedeuten ſolle? als ein dumpfes Geraͤuſch, wie wenn eine Maſſe zu Boden fiele, auf dem Pflaſter ertoͤnte; man trat hinzu und erkannte Jasmin, der beim Hintenabſteigen von der Kutſche ausgeglitten und auf die Erde gefallen war; allein der unerſchr ockene Diener rich⸗ tete ſich ſchnell wieder auf und rief: „Es hat nichts zu bedeuten... ich bin nur ein 46 bischen ausgeglitſcht... Herr Marquis, zu Ehren Ihrer„ Ankunft hier in Ihrem Hauſe habe ich ein Conzert ver⸗ anſtaltet... Muſiker und Saͤnger kommen laſſen... Es lebe der neue Herr Marquis von Grandvilain!...“ Cherubim dankte Jasmin fuͤr ſeine wohlwollenden Ab⸗ ſichten, bat ihn aber, dieſe Leute, die ihm ſein Gehor zerriſſen, ſogleich zu entlaſſen. Herr Hurbain und Mon⸗ freville verabſchiedeten ſich von dem Juͤnglinge, empfah⸗ len ihn leiſe ſeinem Lehrer, der freilich nicht mehr ver⸗ ſtand, was man ihm ſagte, und uͤberließen ihn der Ruhe, deren er beduͤrftig ſein mußte. Nachdem ſich die Fremden entfernt hatten, fragte Jasmin den jungen Marquis, ob er die Dienſtboten vor ſich kommen laſſen wolle? und Mamſelle Turlurette, ent⸗ zuͤckt, ihren jungen Gebieter wieder zu ſehen, machte ihm den Vorſchlag, das Weißzeug und die Speiſekammer zu betrachten, um Einſicht von ſeinem Hauſe zu nehmen und ſich von der Verwaltung deſſelben ſeit ſeines Vaters Tode zu uͤberzeugen; allein Cherubim fuͤhlte keine Luſt, ſich damit zu befaſſen: die Vergnuͤgungen ermuͤden, wenn man nicht die Gewohnheit hat, ſich ihnen hinzugeben, und der junge Marquis wuͤnſchte nichts als Ruhe. Als Cherubim das ungeheure, zu ſeinem Schlafzim⸗ mer beſtimmte Gemach ſah, in welchem ſich ein alter⸗ thuͤmliches, auf einer Eſtrade ſtehendes, mit großen, kar⸗ moiſinrothen Sammetvorhaͤngen verhaͤngtes Bett befand, machte er ein ſaures Geſicht und rief aus: 4 „Ach, wie haͤßlich iſt es da!.. mein kleines Zim⸗ merchen bei meiner Amme war mir weit lieber... es 3 war viel heiterer!... O! ich will morgen wieder dahin —— 47 zuruͤck.. denn ich meine, ich werde hier ſchlecht ſchlafen.“ — Aber mit ſechzehn und einem halben Jahre ſchlaͤft man nach einem anſtrengenden Tage uͤberall gut, ſo ging's auch Cherubim. Was Herrn Gerondif betrifft, der war, nachdem er Fraͤulein Turlurette holdſelig zugelaͤchelt und mit:„meine Fraͤulein's“ angeredet hatte, weil er ſie vermoͤge ſei⸗ ner unſichern Blicke fuͤr zwei Perſonen hielt, entzuͤckt, als er in ein ſchoͤnes, fuͤr ihn eingerichtetes Zimmer ein⸗ trat; er ſtreckte ſich behaglich in einem recht weichen Bette aus und legte ſanft ſein Haupt auf eine Schichte Kopfkiſſen mit den Worten nieder: „Ich habe noch nie ſo gut geſchlafen!... ich ſinke hinein, ich vergrabe mich! das iſt herrlich!.. ich moͤchte mein Lebenlang im Bett bleiben!... und vom mozam⸗ biſchen Tanze traͤumen!“ Viertes Kapitel. Morgen! Cherubim erwachte ſpaͤt, blickte erſtaunt um ſich her und ſetzte ſich den Kopf zurechte. Er fragte ſich, warum er Gagny verlaſſen habe, ſeine gute Nicolle und Louiſe, die er ſo ſehr liebte?... dann dachte er an das praͤch⸗ tige Mittageſſen von geſtern und an die ſo lieblichen, ſo muntern, ſo ſpaßigen vier Frauenzimmer zuruͤck, die mit ſo viel Grazie tanzten, waͤhrend ſie ihm ſo ſuͤße Blicke zuwar⸗ fen... was zuſammen freilich wohl im Stande war, 48 einen ſo ungebackenen Kopf und ein ſo friſches Herz in Anſpruch zu nehmen. Ploͤtzlich erſchreckte ihn das Geraͤuſch eines fallenden Meuble's, er drehte den Kopf und gewahrte Jasmin ent⸗ ſetzt uͤber einen eben umgeworfenen Waſchtiſch. „Was gibt's denn?“ fragte der Juͤngling, der ſich nicht enthalten konnte, uͤber die Miene ſeines alten Kam⸗ merdieners zu lachen. „Mein Herr.. ich bin's.. ich wollte keinen Laͤrm verurſachen, um Sie nicht aus dem Schlafe zu ſtoren...“ „Ei! Du heißt das keinen Laͤrm verurſachen!“ „Waͤhrend ich vorſichtig einherging, ſtieß ich auf die⸗ ſes Meuble... welches umſtuͤrzte... aber, ſeien Sie beruhigt, man kann leicht wieder ein aͤhnliches bekommen!“ „Ol ich bin ſehr beruhigt... Jasmin, ich will mich anziehen und nach Gagny zuruͤckkehren...“ „Wie, jetzt ſchon, mein theurer Herr,.. haben Sie auch Ihre Caſſe unterſucht?..“ „Nein, weßhalb denn?..“ Jasmin wies Cherubim die im Sekretair befindliche Geldſchublade und ſagte zu ihm: „Sie iſt ganz mit Gold angefuͤllt, gnaͤdiger Herr, das Ihnen gehoͤrt... und wenn dieſes ausgegeben iſt... ſo erhalten Sie wieder welches.. Sie duͤrfen ſich nur an Ihren Bankier wenden, und mit Gold verſchafft man ſich in Paris ſo viele Annehmlichkeiten...“ „Jasmin, Du weißt wohl, daß ich's nicht leiden kann, wenn man mir widerſpricht... wo ſind meine Kleider... meine Stiefeln... 2 „Gnaͤdiger Herr, ich habe ſie zum Fenſter hinaus⸗ 49 * geworfen... bis auf die, welche Ihnen geſtern Herr von Monfreville gebracht hat...“ 3 „Was ſoll das heißen?... ich habe alſo keine Bein⸗ kleider mehr anzuziehen.. ſeid Ihr verruͤckt, Jasmin?“ „Herr von Monfreville hat mir ſtreng befohlen, den ganzen fruͤhern Anzug des Herrn Marquis wegzu⸗ werfen... aber es iſt ein Schneider, ein Schuſter, ein Hutmacher u. ſ. w. da... die die modernſten Gegen⸗ ſtaͤnde bei ſich haben... Herr von Monfreville hat dieſe Leute, die ſeit einer Stunde auf Ihr Erwachen warten, alle hergeſchickt.“* „So laß ſie alſo hereinkommen.“ Die Handwerksleute wurden eingefuͤhrt; ein jeder derſelben war von einem Burſchen begleitet, der die Waa⸗ ren trug. Waͤhrend Cherubim ausſuchte, was ihm am meiſten gefiel, und was man ihm als das Modernſte be⸗ zeichnete, meldete man den Grafen Darena. Darena erſchien in ſeinem abgetragenen Rocke, ſeinem außer Form gerathenen Hute und ſeiner zerknitterten Kra⸗ vatte von geſtern, aber auch mit ſeinem Anſtande und ſeiner gewoͤhnlichen Heiterkeit, und eilte auf den Juͤng⸗ ling zu, um ihm die Hand zu druͤcken, wobei er ausrief: „Hier bin ich, mein lieber Freund, ich wollte Sie bei Ihrem Erwachen begruͤßen... ich werde mit Ihnen fruͤhſtuͤcken... Ach, Sie kaufen ein... es waͤre meine Sache geweſen, dies zu beſorgen... ich haͤtte Ihnen meine Arbeitsleute zuſchicken ſollen... Sie ſind geſtern ſo ſchnell fortgegangen... die Damen waren ſchmerzlich uͤberraſcht, als Sie vermißt wurden.“ „Herr Hurbain hat mir geſagt, es ſei Zeit zum Paul de Kock. VI. 4 8 Aufbrechen... es ſchicke ſich nicht, noch laͤnger in einem Gaſthauſe zu verweilen,“ entgegnete Cherubim gut⸗ muͤthig. „Ach! herrlich! koſtlich!... in Paris bleibt man, ſo lang es Einem gefaͤllt, beim Gaſtwirth... man bringt ſogar die Nacht dort zu, wenn man Luſt hat. Dieſer Herr von Hurbain iſt ein ſehr ſchaͤtzbarer Mann; aber er taugt nicht mehr in unſere Zeit, noch auf die Hoͤhe des Jahrhunderts... zum Gluͤck wird er nicht immer bei Ihnen ſein, denn das waͤre hoͤchſt langweilig... Sie nehmen den blauen Frack nicht?..“ „Ich habe ſchon zwei Fraͤcke und zwei Röcke ausge⸗ waͤhlt,“ entgegnete Cherubim. „Dann nehm' ich ihn... ich ſehe ſchon, er paßt ir... auch zu dieſem polniſchen Rocke habe ich Luſt.. es iſt eine Laune von mir... beim Kukuk, die Farbe dieſer Hoſen verfuͤhrt mich... ich will ſie kaufen... und dieſe beiden Weſten... O! wenn ich einmal im Zuge bin, kann mich nichts mehr zuruͤckhalten... Hier ſind Hemden, die vorzuͤglich kleiden muͤſſen... heutzutage macht man Hemden, die wie ein Frack anſchließen... ich behalte dieſes Dutzend... dieſe Stiefeln ſcheinen mir gut gemacht... Sie haben einen ſehr huͤbſchen Fuß, lie⸗ ber Cherubim, in der Groͤße des meinigen... ich nehme dieſes Paar. „Sind— vom gleichen Maße, wie die des Herrn Marquis 2“ „Ja, mein Herr,“ erwiderte der Schuhmacher mit einem Buͤckling. 4 „Dann will ich ſie behalten... Ah! ich bin neu⸗ „ 51 gierig, zu ſehen, ob mein Kopf denſelben umfang hat, wie der Ihrige. zeigen Sie mir einmal den fuͤr Sie ausgewaͤhlten Hut. w Waͤhrend er mit aller Gewalt einen Hut, den ihm der Hutmacher darreichte, der aber viel zu klein war, auf den Kopf ſetzen wollte, rief Darena aus: „Er wird ſchon recht werden... er wird am Ende ſchon ſitzen... Hutmacher, haben Sie einen aͤhnlichen da, der aber etwas groͤßer waͤre?“ „Ja, mein Herr...“ „Laſſen Sie einmal ſehen... vortrefflich... ich nehme ihn auch.“ Die Handwerksleute betrachteten ſich mit beſorgter Miene; man liest in ihren Augen, daß ſie ſich gegen⸗ ſeitig befragen, ob ſie dem Herrn, der ſo Vieles, ohne nur nach dem Preiſe zu fragen, auswaͤhlt, und deſſen Anzug kein beſonderes Zutrauen einfloͤßt, borgen ſollen. Darena machte ihrem Zoͤgern ein Ende, indem er fortfuhr: „Apropos!.. ich kaufe!... ich kaufe!... und habe kein Geld bei mir!.. ah! mein Freund, der junge Mar⸗ quis von Grandvilain wird auch meine Einkaͤufe mit den ſeinigen bezahlen... ihr braucht keine zwei Rechnungen zu machen.. ich will dann die Sache mit ihm in Ord⸗ nung bringen... Iſt Ihnen das nicht unangenehm, mein junger Freund?“ „Nein, mein Herr, es geſchieht mit dem groͤßten Vergnuͤgen!“ entgegnete Cherubim, ſich ankleidend,„ich bin hoͤchſt erfreut, Ihnen dienen zu koͤnnen!...“ Und Jasmin ſagte halblaut zu ſeinem jungen Herrn, waͤhrend er ihm die Weſte anziehen half: 1* 8 „Uebrigens iſt es eine recht gute Manier und ſehr nobel, ſeinen Freunden zu leihen. Der ſelige Herr von Grandvilain, Ihr Vater, machte es auch nicht anders! Ich werde die Lieferanten des Herrn befriedigen.“ Und Jasmin bezahlte den Leuten ihre Rechnungen. Darena gab ſeine Adreſſe, um die von ihm gewaͤhl⸗ ten Waaren in ſeine Wohnung tragen zu laſſen, und die Lieferanten entfernten ſich ſehr befriedigt. Waͤhrend der alte Diener die Anordnung fuͤr das Ga⸗ belfruͤhſtuͤck zu machen ging, ſagte Darena zu Cherubim: „Nun ſind Sie aufs Vollkommenſte herausſtaffirt, was ſehr gut iſt, jedoch nicht genuͤgt; ich wuͤnſche, daß mein junger Freund alle jene fuͤr einen Pariſer Lo⸗ wen unentbehrlichen Kleinigkeiten und flinkernden Koſt⸗ barkeiten habe. „— Wiel fuͤr einen Lowen?..“ „— Das iſt der Namen, den man gegenwaͤrtig einem jungen Modemann gibt. Haben Sie eine Uhr?2...“ „— Ja, dieſe hier, ein Erbſtuͤck meines Vaters.“ Mit dieſen Worten reichte Cherubim Darena eine gol⸗ dene, ebenſo dicke, als breite Uhr hin; der Graf ſchlug bei ihrem Anblick ein lautes Gelaͤchter auf: „— Ach! mein Lieber! wenn man eine ſolche Zwie⸗ bel bei Ihnen ſaͤhe, wuͤrde man Ihnen ins Geſicht la⸗ chen... ℳ „— Wie?... es iſt doch aͤchtes Gold!“ „— Ich zweifle nicht daran und fuͤge ſogar noch bei, daß es eine ſehr ſchaͤtzbare Uhr iſt, da ſie Ihnen von Ihrem Vater kommt; aber man traͤgt keine ſolche mehr. Schließen Sie dieſelbe ſorgfaͤltig in Ihren 53 Sekretair ein, und ſchaffen Sie ſich eine moderne Uhr an .. ſo duͤnn, wie ein Blatt Papier; ich habe meinen Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrer beauftragt, eine ſolche auszuſuchen und Ih⸗ —nen heute Morgen alle fuͤr Sie nothigen Koſtbarkeiten zu uͤberbringen... Eben hoͤre ich denizen in Ihrem Vorzimmer nach Ihnen fragen... Hier herein, Poterne, hier herein, der Herr Marquis iſt zu ſprechen.“ Das abſcheuliche Angeſicht des Herrn Poterne zeigte ſich unter der Thuͤre zum Schlafzimmer, Cherubim for⸗ derte ihn auf, einzutreten; als Poterne an Darena vor⸗ bei ging, ſagte er leiſe und haſtig zu ihm: „Der Kaufmann wollte mir nichts anvertrauen... er wartet unten an der Hausthuͤre...“ „— Gut, Du bezahlſt ihn nachher... es wird aber doch nichts Falſches ſein?...“ „— Nein, es ſind aͤchte Juwelen...“ „— Wie viel verlangt man dafuͤr?“ „— Achthundert Franken.“ „— Sag' zweitauſend.“ Herr Poterne zog eine Pappdeckelſchachtel aus ſeiner Taſche, worin ſich eine huͤbſche, ganz platte Uhr, eine goldene Kette, die zwar leicht ſchien, deren Machwerk aber wunderſchon war, und eine mit Brillanten beſetzte Stecknadel befanden; Cherubim ſtieß beim Anblick dieſes Geſchmeides einen Freudenſchrei aus. „Dieſes, Herr Marquis, iſt das Schoͤnſte nnd Mo⸗ dernſte,“ ſagte Poterne, die Kette um des Juͤnglings Hals legend, und ſich aufs Aeußerſte anſtrengend, um ſich einen Anſchein von Rechtſchaffenheit zu geben. „Ja, das iſt nach dem neueſten Geſchmacke,“ rief Darena aus,„das muͤſſen Sie haben, mein lieber Che⸗ rubim, ein gut gekleideter Mann kann ſo Etwas nicht entbehren... ich habe mehre Ketten, ſie ſind zerbro⸗ chen in dieſem Augenblicke, aber man beſſert ſie mir wie⸗ der aus.“ 8 „O! ich kaufe dieſe Juwelen alle!“ rief Cherubim aus.„Wer glaubte, daß hier eine Uhr darin waͤre?... die ſchone Stecknadel!... Was koſtet dieſes Alles?“ Als Poterne die Bewunderung ſah, welche dieſe Koſt⸗ barkeiten in dem jungen Mann erregten, dachte er, daß er den Preis noch weiter erhoͤhen konne, und entgeg⸗ nete: „Zweitauſend fuͤnfhundert Franken im Ganzen. 9 Darena wendete ſich weg, indem er ſich in die Lip⸗ pen biß, und Cherubim eilte an ſeine Kaſſe. Als Herr Poterne eine ganz mit Gold angefuͤllte Schublade ſah, wurde er blau, verdutzt, ſeine Augen er⸗ weiterten ſich und ſeine Naſe ſchrumpfte zuſammen. Da⸗ rena, der dies bemerkte, benützte den Augenblick, wo ihnen Cherubim den Ruͤcken zukehrte, um ſeinem Freunde einen Hundstritt zu geben, und brummte: „Ich will hoffen, Schelm, daß Du keine ehrloſen Abſichten haſt... ſonſt haue ich Dir die Fuͤße ab.“ Poterne hatte keine Zeit, zu antworten, er rieb den eben angegriffenen Theil ſeines Koͤrpers, empfing die Summe, die ihm von Cherubim in Gold ausbezahlt wurde, und empfahl ſich ſchleunigſt; aber kaum hatte er die Thuͤre des Schlafzimmers hinter ſich, als ihm Da⸗ rena nachrannte. „Entſchuldigen Sie, mein junger Freund,“ rief er —, 4 & „ö — — 5⁵ aus,„... ich komme ſogleich wieder, ich vergaß, meinem Hausmeiſter einen wichtigen Auftrag zu geben.“ Poterne eilte fort, wie wenn er eine Verfolgung fuͤrchtete. Darena holte ihn erſt auf der Treppe ein, und hielt ihn am Kragen ſeines Oberrocks zuruͤck, indem er ſagte: „Lauf doch nicht ſo ſchnell... Du thuſt ſehr eilig, alter Lump, laß mir gleich zweitauſend Franken da...“ „— Wie, zweitauſend Franken,“ murmelte Poterne, mich muß ja ſchon achthundert dem unten wartenden Kaufmann geben.“ „— Du gibſt ihm fuͤnfhundert, mit dem Uebrigen muß er warten, er wird noch ſehr zufrieden ſein...“ „— Aber ich, ich...“ „— Dutl ich breche Dich zu ſechs Stuͤcken zuſammen, wenn Du raiſonnirſt... Nun, Poterne, ſei vernuͤnftig! ... Du weißt inzwiſchen, daß, wenn ich bei Geld bin, Dir nie etwas abgeht.“ Poterne gehorchte mit weinerlicher Miene. Darena ſteckte das Geld in ſeine Taſchen und kehrte zu Cherubim zuruͤck, der ſich an einemfort vor dem Spiegel betrachtete. Jasmin meldete, daß das Fruͤhſtuͤck aufgetragen ſei, und die Herren begaben ſich zu Tiſche. Kaum hatten ſie ſich niedergeſetzt, als man Herrn von Monfreville meldete. Wie er Darena mit ihrem jungen Freunde von geſtern am Tiſche bemerkte, ſchuͤttelte er ein wenig den Kopf und ſagte in ſcherzendem Tone zum Grafen: „Schon da? Beim Teufel, es ſcheint, Sie ſind fruͤh gekommen!“ 95„Wenn ich meine Freunde liebe, beeile ich mich * * 56 immer, in3ihre Naͤhe zu kommen,“ erwiderte Darena.„ Ge⸗ treuer Jasmin, was iſt das fuͤr ein Wein hier?“ „Beaune, Herr Graf,“ entgegnete der alte Diener, ſich verneigend. „— Er iſt fehr gut, aber beim Fruͤhſtuͤck liebe ich den Soterne, den Chambertin... euer Keller hier muß gut verſehen ſein?“ „— Oja, mein Herr, und lauter abgelagerte Weine.“ „— Ich will's glauben, wenn ſie noch vom Vater unſeres jungen Freundes herſtammen. „— Wohlan, alter Muſterdiener, holt uns einige andere Flaſchen... wenn ein Keller waͤhrend eines gan⸗ zen Menſchenalters ausgeruht hat, ſcheint es mir wohl Zeit, ihn zu leeren.“— Jasmin beeilte ſich, den ihm gegebenen Auftrag zu vollfuͤhren, und Monfreville ſagte zu Darena: „Aber Sie fordern... ohne nur den Hausherrn zu befragen.“ „— Mein Freund hat mir unumſchraͤnkte Vollmacht ertheilt, und ich mache Gebrauch davon.“ „Ja, meine Herren,“ ſagte Cherubim,„ol ſchalten Sie nach Belieben bei mir.“ Darena neigte ſich gegen Monfreville und fluͤſterte ihm ins Ohr: „Er ſprach dieſen Morgen ſchon davon, wieder nach Gagny zuruͤckzukehren; wenn wir dieſen jungen Mann nicht zerſtreuen, ſo iſt er im Stande, zur Saͤugamme zuruͤckzugehen, und das waͤre eine wahre Suͤnde!... „Fruͤhſtuͤcken Sie nicht mit uns, mein Herr?“ fragte Cherubim Monfreville. 4 57 „Ich danke Ihnen, junger Freund, ich habe ſchon gefruhſtuͤkkt. Waren Sie mit den Handelsleuten zufrie⸗ den, die ich Ihnen dieſen Morgen zugeſchickt habe?“ „— Orſa, mein Herr, Alles war recht. Ich habe eine Maſſe Sachen gekauft... und der Herr Graf auch.“ Mohfreville blickte Darena an, der nichts zu hoͤren ſchien und ſich ſehr eifrig mit der Zertheilung einer Reb⸗ huͤhnerpaſtete beſchaͤftigte. „— und dann betrachten Sie doch meine Uhr, meine goldene Kette, meine Vorſtecknadel... Herr Darena hat mir all' dieſe Gegenſtaͤnde durch ſeinen Haushofmeiſter zugeſchickt... Wie ſchoͤn das iſt... nicht wahr?“ „Haben Sie dieſe Sachen theuer bezahlt?“ fragte Monfreville. „Nein, ich habe zweitauſend fuͤnfhundert Franken darum gegeben... das ſcheint mir nicht zu theuer!..* Monfreville warf abermals einen Blick auf Darena, der aber unerſchuͤtterlich an ſeiner Paſtete fort arbeitete, und entgegnete: „Ooch, das iſt viel... das iſt ſogar zu viel... wenn Sie in Zukunft Einkaͤufe machen, ſo will ich, wenn Sie es erlauben, Sie dabei begleiten; ich glaube wenig⸗ ſtens ebenſo viel davon zu verſtehen, als der Haushof⸗ meiſter des Herrn Grafen.“ Jasmin kam mit mehren Flaſchen zuruͤck; er ſchlug eine zuſammen, als er ſie auf den Tiſch ſtellen wollte, und ſchuͤttete einen Rahmkaſe uͤber Darena's Kopf. Che⸗ rubim war troſtlos wegen der Ungeſchicklichkeit ſeines Die⸗ ners, und der alte Jasmin verbarg ſich, ganz beſtuͤrzt uͤber den eben herbeigefuͤhrten unfall, hinter eine ſpa⸗ 58 niſche Wand; Darena lachte indeß zuerſt uͤber das Ge⸗ ſchehene:— „Es hat nichts zu bedeuten,“ ſagte er,„ich bin noch nicht angekleidet... deſſen ungeachtet aber, mein lieber Marquis, will ich Ihnen einen Rath geben, er⸗ laſſen Sie Ihrem alten Jasmin den Dienſt bei Tiſche ... ſeine Leiſtungen waͤren koſtſpielig fuͤr Sie und ſchaͤd⸗ lich fuͤr Ihre Freunde; dieſer wackere Diener hat wohl das Gnadenbrod verdient, Sie muͤſſen es ihm ſchenken. Ich gehe, mich anzukleiden, und komme wieder, Sie ab⸗ zuholen, denn wir wollen den heutigen Tag mit einander zubringen... Nicht wahr, Monfreville?“ „Es iſt auch mein Wunſch... wenn unſer junger Freund nichts dagegen hat.“ Cherubim zoͤgerte einen Augenblick und ſtotterte endlich: „Aber ich hatte die Abſicht... nach Gagny zu gehen . meine Amme zu beſuchen.“ „O! morgen! morgen!...“ rief Darena aus;„heute haben wir viel zu viel zu thun.. ich eile, mich anzu⸗ kleiden, und komme alsbald wieder zuruͤck.“ Darena war weg. Monfreville haͤtte gute Luſt ge⸗ habt, Cherubim begreiflich zu⸗ achen, daß er den Freund⸗ ſchaftsbezeugungen des Grafen kein großes Zutrauen ſchenken ſolle; aber wenn er es ſo ſchnell verſucht haͤtte, den jungen Mann zu enttaͤuſchen, indem er ihn vor falſchen Freun: den, eigennuͤtzigen Liebſchaften, betruͤgeriſchen Kaufleuten und allen Gefahren in Paris warnte: mußte er dann nicht fuͤrchten, ihm dieſe Stadt zu entleiden, die er ohne⸗ dies ſo ungern betreten hatte? Alles wohl erwogen, dachte Monfreville, iſt Darena 3 — 59 heiter, geiſtreich; er weiß jeden Tag ein neues Vergnuͤgen zu erſinnen; wenn ſeine Bekanntſchaft Cherubim auch einige Tauſendfrankenſcheine koſter.... ſo iſt ja der junge Mann reich! und muß man nicht in allen Dingen ein Lehrgeld geben? Ueberdies werde ich ſorgſam uͤber unſe⸗ rem Schuͤler wachen und verhuͤten, daß man ſeine Un⸗ erfahrenheit allzu ſehr mißbraucht. „Ei, mein junger Freund,“ begann Monfreville, „was haben Sie denn aus Ihrem Lehrer gemacht?.. er muß doch bei Ihnen wohnen... iſt er vielleicht un⸗ wohl?“. „Ach, Sie haben Recht,“ rief Cherubim aus;„ ich hatte Herrn Gerondif ganz vergeſſen. Jasmin, geh', erkundige Dich, was mein Lehrer macht, und frage ihn, warum er nicht zum Fruͤhſtuͤck kommt?“ Jasmin begab ſich in Herrn Gerondif's Zimmer; der vormalige Schulmeiſter lag, tief ſchlafend, unter Decke und Kiſſen verſteckt und wie begraben in ſeinem Bette; man hörte nur ein Schnarchen, welches anzeigte, daß das Bett beſetzt ſei. 1 Der alte Kammerdiener ſtreckte ſeine Hand nach dem Kopfkiſſen aus; er erwiſchte die hervorragende Naſe des Herrn Gerondif, packte ſie, zerrte heftig daran und ſchrie:— „Friſch auf, Herr Gelehrter, erwachen Sie doch, mein Herr fragt nach Ihnen.“ Herr Gerondif offnete die Augen, zog ſeine Naſe aus Jasmin's Haͤnden und brummte: „Was gibt es denn?... Was bedeutet dieſe Ge⸗ waltthat, und warum weckt man mich bei der Naſe auf?... Das iſt wahrhaftig eine neue Art; ſo ging Aurora mit den roſigen Fingern bei dem blonden Phoebus nicht zu Werke!“ Als Herr Gerondif jedoch erfuhr, daß man ſchon gefruͤhſtuͤckt habe, entſchloß er ſich zum Aufſtehen, machte in Eile ſeine Toilette und ging hinab, um ſeinen Zög⸗ ling zu begruͤßen. „Die Annehmlichkeiten Capua's verweichlichten Han⸗ nibals Soldaten,“ begann der Lehrer, auf die noch ſehr verfuͤhreriſchen Ueberreſte des Fruͤhſtuͤcks hinſchielend; „mich, mein werther Zoͤgling, verweichlichte der Flaum meines Lagers... Genehmigen Sie meine Entſchuldigung, künftig werde ich ſo fruͤh ſein, wie ein Hahn.“ Und damit ſetzte ſich Herr Gerondif zu Tiſche, um die verſaͤumte Zeit wieder einzuholen, waͤhrend Cherubim, dem Wunſche der Mamſelle Turlurette nachgebend, von Verſchiedenem im Hauſe Einſicht nahm; Monfreville, der zuruͤckgeblieben war, naͤherte ſich dem Lehrer und ſagte zu ihm: „Mein Herr, Sie haben eine wichtige Aufgabe zu löͤſen, ich zweifle nicht, daß Sie Ihr Aeußerſtes fuͤr deren Gelingen thun werden.“ Herr Gerondif betrachtete Monfreville, riß ſeinen un⸗ geheuren Mund auf, ſchien geaͤrgert, daß er, ſtatt zu eſſen, antworten muͤſſe, und ſagte endlich: „In der That, mein Herr, ich habe in dieſem Au⸗ genblick großen Hunger, aber das, was auf dieſem Tiſche ſteht, wird hinreichen, ihn zu ſtillen.“ „Nicht davon will ich mit Ihnen ſprechen, ſondern von Ihrem Schuͤler, dem jungen Manne, der in Paris * 61 Ihre ganze Sorgfalt in Anſpruch nimmt, weil man dar⸗ uͤber wachen muß, daß er bei ſeiner Gutmuͤthigkeit und edeln Natur in dieſer Stadt, in die er doch nothwendig kommen mußte, nicht betrogen wird.“ Nachdem ſich der Lehrer Zeit gelaſſen, ein ganzes Viertel Gefluͤgel zu verzehren, erwiderte er mit einem Doktorstone: „In dieſer Hinſicht koͤnnte der junge Cherubim in keinen beſſern Haͤnden ſein. Beruhigen Sie ſich, mein Herr, ich werde meinem Zoͤglinge ein abſchreckendes Ge⸗ maͤlde von den ihm drohenden Verfuͤhrungen machen, denn die Sitten gehen vor Allem! Dies iſt mein Grundſatz... Sankt Paulus ſagt zwar: oportet sapere ad sobrie- tatem! aber ich behaupte, daß man in des Marquis Alter ganz tugendhaft ſein muß...“ Monfreville zuckte die Achſeln und ſagte: „Ach nein, mein Herr, ſo verſtehe ich's nicht!. es handelt ſich nicht darum, den Juͤngling einzuſchuͤchtern und einen Cato aus ihm zu machen!... laſſen Sie ihn die Freuden ſeines Alters, die ihm ſein Vermoͤgen geſtat⸗ tet, genießen... verhindern Sie nur, daß es im Ueber⸗ maaß geſchehe, und ſorgen Sie dafuͤr, daß er nicht von Intriguanten und Schelmen, wovon Paris wimmelt, uͤber⸗ liſtet und betrogen werde.“ „Das meine ich eben, mein Herr, ich werde unab⸗ laͤſſig uͤber ihn wachen, ſtets ein offnes Auge, eine feine Naſe und ein wachſames Ohr haben; es ſoll nicht mein Fehler ſein, wenn der Juͤngling der Verfuͤhrung unter⸗ liegt; ich befolge uͤberdies ein ganz neues Erziehungs⸗ ſyſtem... mit beſonderer Ruͤckſicht auf die Sitten!... . 62 Entſchuldigen Sie jedoch, ich fahre in meinem Fruͤhſtuͤk„ fort.“ Monfreville verließ Gerondif mitadem Gedanken: „Dieſer Mann iſt ſicher ein Dummkopf oder ein Heuch⸗ ler!... wenn nur nicht beides zugleich!“ 3 Cherubim war mit Beſichtigung des Hauſes, das er 24 alt, traurig und duͤſter fand, fertig geworden; Monfre⸗ ville rieth ihm, die alterthuͤmliche Wohnung ſeiner Ahnen neu malen, moͤbliren und ausſchmuͤcken zu laſſen. Darena kam nach dem neueſten Geſchmack gekleidet zuruͤck; er trug einen Theil der dieſen Morgen von ihm, ohne den Beutel zu ziehen, erkauften Gegenſtaͤnde an ſich, und mit dem Poterne abgendthigten Gelde hatte er ſich das noch Fehlende angeſchafft; ſein Anzug war auch dies⸗ mal ohne Tadel, er zeigte uͤbrigens ebenſo viel Leichtigkeit und Ungezwungenheit darin, als in ſeiner alten Kleidung. Cherubim bewunderte das elegante Aeußere Darena's und den Anſtand, mit dem er ſeine Kleider trug; Mon⸗ freville machte dieſelben Bemerkungen, nur bedauernd, daß ein mit ſo vielen Vorzuͤgen begabter Menſch oft ſo tief herabſteige und ſo ſchlechte Geſellſchaft aufſuche. „Hier bin ich zu Ihren Befehlen,“ ſagte Darena, „wir wollen den Marquis Cherubim... ich kann mich nicht entſchließen, Grandvilain zu ſagen... ein Na⸗ 4 men, der durchaus nicht fuͤr unſern jungen Freund paßt . und wenn er mir folgt, ſo begnuͤgt er ſich mit dem Namen Cherubim, der ſehr artig iſt...“ „ Was?...“ brummte Jasmin,„der gnaͤdige Herr ſollte den Namen ſeines Vaters aufgeben?... Warum nicht gar?... ich widerſetze mich!“ — 63 Man antwortete dem alten Diener nicht, und Darena fuhr fort: „Vor allen Dingen muß unſer Freund das Sehens⸗ wuͤrdige in Paris kennen lernen... das wird Zeit koſten... fuͤr einen Forſcher gibt es viel zu betrachten!“ „Alsdann,“ ſagte Monfreville,„wird es gut ſein, wenn Cherubim den Lehrern, die ihm unumgaͤnglich nothig ſind, taͤglich einige Stunden widmet, denn ſeine Erziehung iſt, fuͤr das Auftreten in der Welt noch ſehr unvollkommen!“ Herr Gerondif legte ſeine Gabel, womit er aͤußerſt beſchaͤftigt war, nieder, und rief aus: „Wer ſagt, die Erziehung meines Zoͤglings ſei un⸗ vollkommen...2 er weiß beſtimmt ebenſo viel, als ich ſelbſt.“ „Nun, gelehrter Meiſter Andreas, aͤrgern Sie ſich nicht!“ fuhr Darena lachend fort,„ich glaube, daß Sie in todten Sprachen und im Tranchiren eines Ge⸗ fluͤgels ſehr ſtark ſind.. O! Sie ſind ganz geſchickt; konnen Sie aber unſerm Freunde in der Muſik, im Tanzen, Reiten, Fechten und im Pantoſfelſpiel ünteriicht geben?...* „Im Pantoffelſpiel?“ murmelte Jasmin mit er⸗ ſtaunter Miene. — Ja, im Pantoffelſpiel und in allen ſonſtigen mo⸗ dernen Wiſſenſchaften, die einem jungen Manne von Stand und Vermoͤgen nicht fremd ſein duͤrfen, wenn er ſich nicht dem Spotte preisgeben will.“* „Vertrauen Sie mir!“ ſagte Monfreville, Cherubim beim Arme nehmend;„mein Vater war ein Freund des 64 Ihrigen; und auch ohne dieſen Beweggrund wuͤrden Ihre Jugend und Gutmuͤthigkeit hinreichen, mir Inter⸗ eſſe fuͤr Sie einzufloßen und den Wunſch in mir zu erregen, einen vollkommenen Cavalier aus Ihnen zu machen.“ „und um damit anzufangen,“ fiel Darena ein, „ſchlage ich einen kleinen Ausritt vor; es gibt nichts Beſſeres des Morgens. Koͤnnen Sie ſich einigermaßen auf dem Pferde halten?“ „O! ich halte mich vortrefflich und habe nicht die mindeſte Furcht,“ entgegnete Cherubim;„auf dem Dorfe galoppirte ich auf allen Pferden unſerer Nachbarn.“ „— Herrlich! hier in der Naͤhe wohnt ein Pferde⸗ Vermiether, der ziemlich ordentliche hat, wir wollen ei⸗ nige von ihm entlehnen, bis Sie ſelbſt welche im Stalle haben, was gleichfalls unentbehrlich fuͤr Sie iſt.“ Cherubim ging mit ſeinen beiden Freunden aus, empfand aber kein Vergnuͤgen bei dem Gedanken, einen Spazierritt zu machen; Nieolle's Saͤugling, dem alle Luſtbarkeiten etwas Neues waren, hatte bisher nur einige Laſtgaͤule beſtiegen. Man begab ſich zu einem Vermiether, der ſeine drei beſten Renner ſatteln ließ. Eben als die Reiter aufſaßen, vernahm man den Ausruf: „Nun!... gibt's nicht auch ein Pferd fuͤr mich?“ Man gewahrte ſodann Jasmin, der ſeinem Herrn nachgefolgt warz er hatte ſeine Beinkleider ſtraff ange⸗ zogen, eine Reitpeitſche mitgenommen, und eine Kappe mit langem Stuͤlp, der ihm Augen und Naſe voͤllig be⸗ deckte, aufgeſetzt. Cherubim und ſeine Begleiter konnten ſich des Lachens 65 uͤber Jasmins Verwandlung in einen Jockey nicht ent⸗ halten, und Monfreville rief aus: „Das iſt ein alter Diener, deſſen Anhaͤnglichkeit pein⸗ lich wird!“ „Aber Jasmin, ich brauche Dich nicht,“ ſagte Cherubim,„geh' doch wieder nach Hauſe, Du koͤnnteſt mir nicht nachkommen... es wuͤrde Dich zu ſehr an⸗ ſtrengen.“ „Guaͤdiger Herr, ich kenne meine Pflicht!“ ent⸗ gegnete Jasmin,„mein Platz iſt fortwaͤhrend hinter Ihnen...“ „Ja, ja! er hat Recht,“ ſagte Darena,„und weil er mit will, je nun, ſo ſoll er uns nachfolgen... Ein Pferd fuͤr dieſen treuen Diener, einen kleinen, guten Trotter, Jasmin ſcheint mir ein vortrefflicher Reiter zu ſein.“ „Aber er wird herabfallen,“ ſagte Cherubim leiſe. „— Das denke ich auch, es wird aber gut fuͤr ihn ſein... dieſer Burſche braucht eine Warnung!.. er iſt hochſt eigenſinnig; er will durchaus Ihr Geſchirr zu⸗ ſammenwerfen, Ihre Freunde mit Kaͤſe uͤberſchuͤtten, auf die Chaiſen hintenauf ſtehen und ſpazierenreiten; man muß ſich beſtreben, ihn von dieſem uͤbermaͤßigen Eifer zu heilen.“ Man ſattelte ein Pferd fuͤr Jasmin, und mit Huͤlfe zweier Stallburſchen gelang es ihm, hinaufzuklettern. Die Herren fingen zu reiten anz innerhalb Paris ging es ſtet, und der alte Diener war im Stande, ſeinem Herrn zu folgen; er that es auch mit Stolz, hielt ſich feſt in ſeinem Sattel und in den Buͤgeln, aber beim Eingang in die elyſeiſchen Felder ſchlugen Cherubim und Paul de Kock. vl. 5 66 ſeine beiden Begleiter Galopp an. Als Jasmin ſeinen Herrn hinter einer Staubwolke verſchwinden ſah, wollte er ihm durchaus nachfolgen, und trieb ſeinen Renner mit der Peitſche; das Thier, welches nichts Beſſeres verlangte, als ſeinen Stallgenoſſen nachzukommen, nahm ſeinen Anlauf und jagte davon. Allein der alte Reiter hatte ſeinen Kraͤften zuviel vertraut; nach wenigen Augenblicken galoppirte das Pferd allein und Jasmin waͤlzte ſich im Staube. Im Boulogner Waͤldchen angelangt, kehrte ſich Che⸗ rubim um und ſagte: „Nun, wo iſt denn Jasmin?“ „Ich war uͤberzeugt, daß er uns nicht nachkommen konne,“ erwiderte Darena. „— Wenn er nur nicht geſtuͤrzt oder verwundet iſt!⁰ „— Troſten Sie ſich, in ſeinem Alter faͤllt man ſanft, man wird ihn aufgehoben haben, und es iſt zu hoffen, daß ihm dies eine Lehre ſein, und ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit etwas maͤßigen wird.“ Die Herren ſetzten ihren Ritt fort und bewunderten die Feſtigkeit ihres jungen Begleiters, dem nur einige Stunden in der Eleganz und im Anſtande fehlten, um einen vorzuͤglichen Reiter aus ihm zu machen. Nach dem Spazierritt ſtrich man zu Fuße auf den Boulevards und in einigen Kaffeehaͤuſern umher, dann trat man in eines der beſten Reſtaurants des Palais Royal ein und Abends begab man ſich ins Theater. Endlich kehrte Cherubim um Mitternacht in ſein Haus zuruͤck, ohne im Laufe des Tages einen Augenblick Zeit gehabt zu haben, an ſein Dorf zu denken. 67 8 Er traf Jasmin, der beim Falle keinen Schaden ge⸗ litten hatte, deſſenungeachtet aber ſeinen jungen Herrn verſicherte, daß er es nicht mehr probiren werde, ihm ins Boulogner⸗Hoͤlzchen nachzufolgen. Die folgenden Tage wurden eben ſo gut angewendet; Monfreville und Darena verließen Cherubim beinahe gar nicht; der erſtere hatte ihm Lehrmeiſter in allen ſchoͤnen Kuͤnſten zugeſchickt; der andere ſprach unaufhoͤrlich von den reizenden, kleinen Taͤnzerinnen, mit denen er zu Mittag geſpeist hatte, und fragte ihn: „Welche gefaͤllt Ihnen am beſten?“ Und Cherubim entgegnete mit niedergeſchlagenen Blicken: „Sie ſind alle vier recht huͤbſch.“ — Ich verſtehe, ſie gefallen Ihnen alle... das tann ſich ſchon geben, und wenn Sie's wuͤnſchen, ſo will ich Sie bei ihnen einfuͤhren... Sie werden mit offenen Armen... empfangen werden.“ Bei dieſem Vorſchlage wurde Cherubim kirſchroth und ſtammelte: „Ol... ja... in einigen Tagen.“ Und waͤhrend man ſpazieren reitet, ſich beluſtigt, ſeinen Zoͤgling betaͤubt, wiegte ſich Herr Gerondif in ſeinem Bette, ſchwelgte Stunden lange an der Tafel, zeigte Mamſell Turlurette ſeine Zaͤhne und ſagte taͤglich zu Jasmin: „Vor allen Dingen, wuͤrdiger Eumaͤus, vergeſſet nicht, dem Portier des Hauſes den Befehl zu ertheilen, daß, wenn irgend Jemand von Gagny... ſelbſt wenn Frau Frimouſſet kommt und den Herrn Marquis zu 68 ſprechen wuͤnſcht, man jederzeit antworten muß, daß der Herr Cherubim von Grandvilain... abweſend... oder verreist ſei... denn wenn mein Zöoͤgling ſie wiederſaͤhe.. beſonders wenn ihm die kleine Louiſe wieder vor Augen kaͤme, ſo könnte er, obgleich er allmaͤlig Geſchmack an der Stadt findet, ſich doch wieder hinreißen laſſen.. und dann waͤre der ganze Gewinn unſerer Bemihungen dahin!... und das wuͤrde um ſo mehr Schade ſein, als er, Dank den Rathſchlaͤgen ſeiner beiden Freunde und in Folge meines Unterrichts, nothwendig in kurzer Zeit ein ausgezeichneter Cavalier werden wird.“ Jasmin, der ſich ſtets vor des Lehrers Wiſſenſchaft beugte, verfehlte nicht, ſeinen Auftraͤgen puͤnktlich Folge zu leiſten, denn er dachte, es koͤnne durchaus nicht un⸗ höflich ſein, die Amme unverrichteter Sache wieder fort⸗ zuſchicken, da ein mit der Erziehung der Kinder beauf⸗ tragter Mann die Regeln der Hoflichkeit nothwendig genau kennen muͤſſe. Und Tage, Wochen, ſogar Monate verfloſſen bei dieſem vergnuͤgungsvollen, beſchaͤftigten, zerſtreuungs⸗ reichen Leben, welches Cherubim in Paris fuͤhrte. So oft er davon ſprach, aufs Dorf zu gehen, ſagten ſeine neuen Freunde: „Ja, morgen. heute haben Sie keine Zeit.“ Aber wenn Darena Cherubim den Vorſchlag machte, ihn zu einer der kleinen Taͤnzerinnen, die ihm ſo wohl gefielen, zu fuͤhren, entgegnete dieſer auch errdthend: „Ja.. morgen!.. morgen!...“ 69 Fünftes Kapitel. Die Liebe eines Kindes. Waͤhrend man ſich in Paris beluſtigte, lachte, und nur mit Vergnuͤgungen beſchaͤftigt war, langweilte man ſich in Gagny, war traurig und vergoß Thraͤnen. Das iſt im Leben oft der Fall. Das Gluͤck des Einen kann nur auf Koſten des Andern erreicht werden; iſt das nicht zu theuer erkauft?... Wenn man immer uͤber Wir⸗ kungen und Urſachen nachdaͤchte, ſo wuͤrde man oft ſein Gluͤck bereuen. Als Louiſe von Montfermeil, wohin ſie, wie man ſich erinnern wird, Herr Gerondif geſchickt hatte, zuruͤck⸗ kam, fragte ſie, einſehend, daß man nur ihre Entfer⸗ nung hatte bezwecken wollen, voll Sorgen, wo Cherubim ſei? und Nicolle theilte ihr weinend mit, daß er, den ſie noch mit Freuden ihr Soͤhnchen nannte, mit meh⸗ ren Herren und huͤbſchen, ihrer Kleidung nach fremden Damen, die bei ihr auf eine Art getanzt hatten, wie ſolches im Dorfe nie geſehen werde, nach Paris abge⸗ reist ſei. Louiſe ſchluchzte lange Zeit; ihr Herz war zerriſſen. Sie litt heftiger als je; mit vierzehn und einem halben Jahre kann ein junges Maͤdchen ſchon lieben, und mit der Liebe erwachte auch die Eiferſucht. 3 „Du ließeſt ihn fort?“ ſprach ſie in Thraͤnen;„er hatte mir doch verſprochen, mich nie zu verlaſſen!... Dieſe Leute haben ihn alſo mit Gewalt weggefuͤhrt?“ „— Nein, mein Kind, Cherubim ging aus freiem Willen, ſogar recht heiter, beinahe tanzend mit dieſen 70 jungen Schonen, welche Raͤdchen ſchlugen, die länger dauerten, als die Kreiſel meiner Jungen, ſo lange ſie noch klein waren.“ Louiſens Zähren verdoppelten ſich, und ſie rief aus: „Warum ließeſt Du dieſe abſcheulichen Frauenzimmer herein?... Ol ich verachte ſie!“ — Mein Gott, Kleine, einer dieſer Herren hat ſie mitgeßracht; ſie haben Milch getrunken wie die Katzen, und Spruͤnge gemacht wie Böcklein!“ „und Cherubim iſt mit ihnen fortgefahren!.. O! er wird aber morgen wieder kommen, nicht wahr, meine gute Mutter?“ „— Wir wollen's hoffen, mein Kind!“ Aber der folgende und mehre weitere Tage verfloſſen, ohne daß Cherubim ins Dorf zuruͤckkehrte. Louiſe war ſo traurig, daß Nicolle ihren eigenen Kummer vergaß, um ſie zu troͤſten. Das junge Maͤdchen rief jeden Augenblick aus: „Es iſt ihm vielleicht etwas zugeſtoßen... man haͤlt ihn gewiß wider Willen zuruͤck... denn ſonſt waͤre er ſchon wieder gekommen... Wir wollen ihn holen, liebe Mutter, wir wollen ihn holen.“ Nicolle gab ſich Muͤhe, Louiſen Vernunft einzureden, indem ſie zu ihr ſagte: „ So hore doch, meine Kleine! ſchon ſeit langer Zeit wiederholte mir Herr Jasmin oft: Mein junger Herr muß nach Paris zuruͤckkehren, er kann nicht ſein Lebtag bei der Amme bleiben... Wenn man wuͤßte, daß er noch bei Euch waͤre, ſo wuͤrde man mich ſchelten... und eine Menge ſolcher Dinge.. Thatſache iſt, mein 71 Kind, daß man die Saͤuglinge gewoͤhnlich wieder zuruͤck⸗ nimmt, wenn ſie zu ſprechen anfangen... es ſei denn.. es ſei denn...“ Die gute Frau hielt inne, denn ſie war auf dem Punkte zu ſagen:„Es ſei denn, wenn man’s macht, wie Deine Mutter, und ſie gar nicht mehr zuruͤckverlangt.“ Louiſe beſaß jenen Inſtinkt des Herzens, der in der Seele zu leſen verſteht; ſie errieth den Gedanken, der auf Nicolle's Lippen erſtarb, druͤckte ihr heftig die Hand, und ſagte ſchluchzend: „Man hat mich nicht zuruͤckverlangt, ich weiß es wohl... Meine Mutter wollte mich nicht mehr... und doch konnte ich damals noch nicht boͤſe geweſen ſein... ich war zu jung dazu... und was waͤre ohne Dich.. ohne Deine Guͤte... aus mir geworden....2 Ach! gute Nicolle, wie iſt es moͤglich, daß eine Mutter ihr Kind verlaſſen kann? Ich haͤtte meine Mutter ſo innig geliebt... und ſie wollte mich nicht zuruͤckneh⸗ men...... mich nicht umarmen... Ach! ſie iſt ohne Zweifel geſtorben, ſonſt haͤtte ſie mich gewiß abgeholt.. oder wenigſtens zuweilen beſucht!“ „Ja,“ erwiderte Nicolle, Louiſen in ihre Arme ſchließend,„Du haſt Recht, meine Kleine, Deine Mut⸗ ter wird geſtorben ſein, ehe ſie Zeit hatte, Dich zu ſich rufen zu laſſen... vielleicht bevor ſie ſagen konnte, wo ihr Kind iſt... Ach! mein Gott!... man ſtirbt bis⸗ weilen ſo ſchnell weg!... ol das muß oft ſo ſein!... Aber ſprechen wir nicht mehr hieruͤber, Du weißt, daß es mir leid iſt, wenn wir dieſen Gegenſtand beruͤhren, der Dich immer traurig macht.“ 72 „— Auch ſpreche ich ſelten davon, gute Nicolle, ob⸗ gleich ich unablaͤſſig daran denke; ſo lange Cherubim noch da war, vergaß ich, daß mir meine Eltern unbe⸗ kannt ſind... er verſprach mir, mich ſtets zu lieben... aber auch er hat mich verlaſſen.“ Und nach dieſer Unterhaltung ging Louiſe in den Garten, um ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen; Nicolle troͤ⸗ ſtete ſie vergeblich:„Er wird zuruͤckkommen, liebes Kind, er wird zuruͤckkommen!“ Die Zeit verſtrich, und Cherubim kehrte nicht zuruͤck. Endlich hatte ſich Nicolle, den Bitten des jungen Maͤdchens nachgebend, eines Morgens mit ihr nach Paris aufgemacht, und auf dem ganzen Wege wieder⸗ holte Louiſe: „Wir werden ihn ſehen... ich will ihm ſagen, wie traurig ich ferne von ihm bin, daß ich beinahe immer weine, daß mir nichts mehr im Dorf Freude macht; und er wird uns zuruͤckbegleiten; o ich weiß gewiß, er kehrt mit zuruͤck.“ Nicolle ſchuͤttelte zweifelnd den Kopf und ſagte: „Nun wir werden jedenfalls erfahren, ob er zufrieden und geſund iſt, und das iſt die Hauptſache.“ So gelangten ſie vor den alten Edelſitz in der Fau⸗ bourg Saint⸗Germain. „Das iſt ſein Haus,“ begann Nicolle.„O! ich er⸗ kenne es wohl... Hier wurde er mir, als er noch ganz klein, mager und ſchmaͤchtig war, uͤbergeben! Gott ſei Dank, wir haben einen huͤbſchen Jungen aus ihm ge⸗ macht! ich bin auch mehrmals hier geweſen, um ihn ſeinem Vater zu bringen, als der alte Herr noch lebte.“ 1 73 Louiſe betrachtete mit Staunen das alte Haus, deſſen finſteres Anſehen und von Alter geſchwaͤrzte Mauern ſie beinahe in Schrecken ſetzten. Indeſſen waren ſie bis in den Hof gekommen und Nicolle ſagte zu dem Thuͤrſteher: „Mein Herr, ich bin gekommen, mein Soͤhnchen.. meinen Saͤugling... den jungen Cherubim, Ihren Herrn, zu beſuchen... Er hat mich verlaſſen, um hieher zu gehen... es quaͤlt mich, ihn ſeit ſo langer Zeit nicht gekuͤßt zu haben; ich halte es nicht mehr laͤnger aus und bin deßhalb da.“ Der Thuͤrſteher antwortete ſeiner Weiſung gemaͤß: „Ihr koͤnnt den Herrn Marquis, meinen Gebieter, nicht ſehen, weil er nicht zu Hauſe iſt.“ „— Er iſt ausgegangen!... Nun, er wird auch wieder zuruͤckkommen... Wir wollen auf ihn warten, nicht wahr, Louiſe?“ „— O! gewiß, meine Mutter, wollen wir auf ihn warten, denn wir muͤſſen ihn ſehen, da wir aus dieſem Grunde nach Paris gekommen ſind.“ Der Thuͤrſteher entgegnete mit troſtloſem Phlegma: „Ihr wartet vergebens; Herr von Grandvilain iſt verreist, er kommt vor zehn bis vierzehn Tagen nicht nach Hauſe.“ „Verreist!“ rief Louiſe aus,„ol! mein Gott!.. das iſt aber recht langweilig... wohin denn, mein Herr, nach welcher Richtung?... weit fort?“ „— Der Herr Marquis hat mir's nicht geſagt.“ „So ſagen Sie uns wenigſtens,“ fuhr Nicolle fort, niſt er wohl?... iſt er recht gluͤcklich?... gefaͤllt es ihm in Paris?“ 2 74 „Der Herr Marquis erfreut ſich einer vortrefflichen Geſundheit.“ „— Mein Gott!... wie konnte er denn auf die Reiſe gehen, ohne uns vorher zu beſuchen?... Sind die jungen, fremden Damen, die ſo gut tanzen, auch mit Herrn Cherubim gereist?“ „— Das vermag ich Euch nicht zu ſagen.“ Dann kehrten Nicolle und das junge Maͤdchen hoͤchſt betruͤbt, Cherubim nicht kuͤſſen zu konnen, wieder nach Gagny zuruͤck; die Amme ſagte uͤbrigens zu Louiſen: „Es iſt gleich, wir wiſſen⸗ daß er geſund iſt, und das iſt ſchon viel.“ — Ja, gute Mutter,... und ohne Zweifel wird er mach vollendeter Reiſe uns beſuchen, und wenn er nicht kaͤme, ſo gingen wir wieder nach Paris, denn er kann nicht immer abweſend bleiben.“ Aber Tage und Wochen verfloſſen, ohne daß man von dem Geliebten, ſtets Erwarteten ſprechen hoͤrte. Hingeriſſen von Louiſens Thraͤnen und Bitten hatte Ni⸗ colle noch einmal eingewilligt, nach Paris zu gehen, aber dieſer zweite Verſuch bezweckte nicht mehr, als der erſte. Mit dem einzigen Unterſchiede, daß diesmal der Thuͤrſteher erwiderte, der Herr Marquis befinde ſich auf einige Zeit auf dem Schloſſe eines ſeiner Freunde. Dann kehrten beide Frauenzimmer noch trauriger, als das vorige Mal, zuruͤck; und Nicolle ſagte gleich⸗ falls weinend zu Louiſen: „Mein liebes Kind, ich glaube, der, den ich mit meiner Milch genaͤhrt, will mich nicht mehr erkennen... Du ſiehſt wohl ein, er hat uns vergeſſen, da er nicht 5 75 mehr ins Dorf kommt und nichts von ſich hoͤren laͤßt... und verſtehſt Du, wenn die Leute in Paris Jemand nicht zu ſich laſſen wollen, ſo geben ſie allgemein den Auf⸗ trag, zu ſagen, ſie ſeien nicht zu Hauſe!“ „— O, Mutter! Du denkſt, Cherubim wolle uns nicht mehr ſehen... er ſchaͤme ſich vielleicht an uns 2.. „— Das will ich eben nicht behaupten, mein Kind, aber gewiß iſt, daß ich nicht mehr zu ihm nach Paris zuruͤckkehren werde... denn er muß erfahren haben, daß wir da geweſen ſind... und... wenn er uns noch geliebt haͤtte, ſo ſcheint es mir, waͤre er gleich in unſere Arme geeilt.“ Louiſe fand keine Antwort mehr; ſie wuͤnſchte Che⸗ rubim gegen Nicolle's Anklage zu vertheidigen, aber ſie fand in ihres Herzens Grund nur noch einen ſchwachen Hoffnungsſtrahl. Seit dieſer zweiten Reiſe nach Paris hatte ſich die Traurigkeit des jungen Maͤdchens nur ver⸗ mehrt; vor derjenigen, die ſich ihrer als Mutter ange⸗ nommen, ſuchte ſie ihren Kummer, ihre Betruͤbniß zu verhehlen, ſobald ſie aber allein war, uͤberließ ſie ſich denſelben mit einer Art Wolluſt; denn bei außerordent⸗ lichen Schmerzen gewaͤhrt es beinahe einen Troſt, in ſeinen Traͤumereien, ſeinen Klagen und ſeinen Erinne⸗ rungen nicht geſtöort zu werden. Louiſe machte es wie Alle, die einen theuren Gegenſtand verloren haben: ſie ſuchte oft die Orte auf, wo ſie mit ihm geweſen, die ſie mit ihm durcheilt und bewundert hatte. Wenn man ſich wieder an ſolchen Orten befindet, wo man fruͤher gluͤcklich geweſen, ſo ſcheint es, als muͤſſe man es noch ſein; unſere Erinnerung vergegenwaͤrtigt uns alle ver⸗ 76 gangenen Ereigniſſe; die geringſten, unbedeutendſten er⸗ halten Werth, wenn ſie ſich auf die geliebte Perſon be⸗ ziehen; die lebhafte Erinnerung des Fruͤhererlebten macht uns glauben, jene Zeit ſei wiedergekehrt... Das Herz erſchließt ſich einem gluͤcklichen Gefuͤhle... aber ach! nur auf kurze Dauer!... Die Gegenwart mit ihrer entſetzlichen Wahrheit ſteht vor uns! man blickt um ſich ... ſieht ſich allein... ganz allein!... man entdeckt in der Tiefe ſeiner Seele nichts als eine fuͤrchterliche Leere . und keine ungetruͤbte Freude in der Zukunft! Eines Morgens arbeitete Nicolle, Jakob ſchlief und Louiſe war im Garten, wo ſie nach ihrer Gewohnheit von Cherubim traͤumte, als ein Herr in das Haus der Landleute trat und ausrief: „O agrestis und rusticus... Aufenthalt!... ich gruͤße dich... aber ich ſehne mich nicht nach dir zuruͤck .. denn ich theile nicht im mindeſten Virgils Ge⸗ ſchmack.. ich ziehe die Stadt dem Landleben vor.“ Nicolle, wie ſie Herrn Gerondif erkannte, ſtieß einen Freudenſchrei aus, und beeilte ſich, Louiſen mit den Worten herbeizurufen: „Komm doch ſchnell, mein Kind, ſchau, der Herr Schulmeiſter iſt da... ohne Zweifel wird Cherubim auch bald wieder kommen.“ In der That war es der Hofmeiſter, aufs Flotteſte ausſtaffirt, mit einem ſo glaͤnzenden Hute, daß er ge⸗ wichst ſchien, ſorgfaͤltig pomadiſirt, mit portugieſiſchem „Waſſer an dem Schnupftuch, aber auch mit ungleich ſtaͤrker gerbthetem Geſichts⸗Erker. * O laͤndlicher und baͤuriſcher... V Louiſe eilte herbeiz noch nie hatte ihr die Gegenwart Herrn Gerondifs ein ſolches Vergnuͤgen gemacht; ſie fragte ihn mit den Augen, ſie brannte und fuͤrchtete zu⸗ gleich mit ihm zu ſprechen, aber ſie reichte ihm die Hand und ſtammelte: „Ach welches Gluͤck, mein Herr... Sie werden uns von ihm Nachricht geben.“ Herr Gerondif ſeinerſeits blieb beim Anblich des jungen Maͤdchens in Staunen verſunken; acht Monate waren ſeit ſeiner Entfernung von Gagny verfloſſen, und dieſer Zeitraum hatte in Louiſen eine maͤchtige Veraͤnderung ganz zu ihrem Vortheil bewirkt. Sie war kein Kind mehr, ſondern eine Jungfrau; ein großes, huͤbſch ge⸗ wachſenes, liebliches Maͤdchen, voller Reize, der man ſiebenzehn Jahre und viele Anbeter zutrauen konnte. „— Das iſt außerordentlich!“ rief der Hofmeiſter aus,„wahrhaftig zauberhaft... welche wohlthuende Veraͤnderung!“ „Sie finden Louiſe gewachſen, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte Nicolle. „— Wenigſtens um einen Schuh gewachſen... und ihre Formen ſehr emporgetaucht... ſchon ſehr begreiflich...“ „Aber Cherubim? mein Herr! erzaͤhlen Sie uns von Cherubim!... nicht von mir ſollen Sie ſprechen! kommt er, mein Herr... werden wir bald ihn ſehen... denkt er an uns.. erinnert er ſich zuweilen unſerer 2...“ — Iſt er recht ſtark... geſund... und zufrieden, der liebe Junge?... wann werden wir ihn in unſere Arme ſchließen?.. Warum kommt er nicht nach Gagny?... 78 „— Der Herr Marquis befindet ſich ſehr wohl,“ erwiderte Gerondif, Louiſen fortwaͤhrend betrachtend. „Ihr fragt, warum er nicht zu Euch komme?... ach, liebe Frau Frimouſſet, man merkt wohl, daß Euch das Leben in Paris nicht bekannt iſt, beſonders das Leben, welches ein junger, vornehmer Herr fuͤhren muß!... Mein Zoͤgling hat keinen freien Augenblick; vom fruͤhen Morgen an ſicht, reitet, ſingt, tanzt und ſpielt er!... kaum bleibt ihm Zeit zu ſeinen Mahlzeiten uͤbrig, außer⸗ dem muß er auch in Geſellſchaften, ins Theater, in die Concerte und auf den Ball gehen... wie, Teufels, koͤnnt Ihr da verlangen, daß er Muſe finde, in dieſes Dorf zu kommen 2... Es iſt unmoglich!.. Ich ſelbſt war kaum im Stande, dieſe Reiſe heute zu machen... ich mußte mich mit dem Fruͤhſtuͤcke beeilen.. und liebe das ſchnelle Eſſen nicht...“ „Wir ſehen ihn alſo nie wieder!“ ſeufzte Louiſe mit beklommenem Herzen und thraͤnenvollen Augen. „Das will ich eben nicht behaupten.. anbe⸗ tungswuͤrdige Schaͤferin!... ich ſage nur, Sie ſollen vernuͤnftig ſein und nicht verlangen, daß der Herr Marquis Ihretwegen ſeine wichtigen Geſchaͤfte unter⸗ breche.“ „— On wir verlangen gar nichts!“ ſagte Nicolle; „ich wäre wieder nach Paris gegangen, ihn zu beſuchen ... man ſagt uns aber immer, er ſei abweſend.“ „— Kommtt nicht nach Paris, Ihr wuͤrdet Euch ver⸗ geblich bemuͤhen; wie woll t Ihr einen jungen Mann im Schwunge aufhalten, der taͤglich fuͤnfhundert Ausgaͤnge zu machen hat?“ 79 „— Fuͤnfhundert Ausgaͤnge!... ach, mein Gott, da muß ja der arme Junge todtmuͤde werden!...“ „— Geht er denn zu Fuße?2... Er faͤhrt oder reitet immer... und da geht's immer im hellen Galopp.“ „Und kann nicht einmal hieher kommen?...“ ſagte Louiſe mit einem tiefen Seufzer...—„und jene ſchoͤnen Damen, die ſo gut tanzen... beſucht er ohne Zweifel oft?“ „Die Taͤnzerinnen!... pfui doch!... das waͤre gegen die guten Sitten!... man bediente ſich dieſer Poſſen⸗ reißerinnen, wie man ſich zur Anziehung einer Maſſe von Dingen des Magnets bedient, aber mehr... retro Satanas!“ „Nun,“ fuhr Nicolle fort,„wenn er nur zuweilen an uns denkt!“ „— Der Beweis, daß er an Euch denkt, Frau Ni⸗ colle, liegt darin, daß er mir den Auftrag ertheilte, Euch Folgendes zu übergeben... denn er will Euch gluͤcklich und ſorgenfrei wiſſen... und iſt ſehr freigebig, mein Zoͤgling.. Hier, nehmt.. es ſind tauſend Franken darin... das iſt ſehr huͤbſch.“ Mit dieſen Worten reichte Herr Gerondif Nicolle'n einen Geldſack, den ſie annahm und ausrief: „— Tauſend Franken!.. o! das iſt aber zu viel!... tauſend Franken... Ach! das iſt ein ſchoͤnes Geſchenk.. aber wenn ich ihn haͤtte dazu umarmen duͤrfen, waͤre es noch weit ſchöͤner geweſen.“ Jakob, der eben erwachte, ſah den Geldſack und ſtammelte:„Tauſend Franken!... zu neun Kreuzer das Litre. wie viel gibt das Faͤſſer?“ 80 „und an mich hat er Ihnen keinen Auftrag mitge⸗ geben, mein Herr?“ fragte Louiſe. Dann fuͤgte ſie, ſchnell errothend, hinzu:⸗ „O, mein Herr! nicht nach einem Geſchenke... oder nach Geld frage ich!... ſondern nach einem Worte der Freundſchaft... der Erinnerung... einem Worte, welches mir ſein Andenken an mich beweist... Laſſen Sie hoͤren, mein Herr, beſinnen Sie ſich wohl!“ Herr Gerondif zerkratzte ſeine Naſe und erwiderte: „Nein, meine ſchoͤne Freundin, der Marquis, mein Zoͤgling, hat mir keinen beſondern Auftrag an Sie mit⸗ gegeben, aber er hat mir geſagt, euch Allen Geſundheit und Wohlergehen zu wuͤnſchen.“ Louiſe erblaßte und blickte ſeitwaͤrts. Der Hofmeiſter naͤherte ſich ihr und fluͤſterte ihr zu:. „Machen Sie ſich keinen Kummer, mia cara bella!... wenn Sie der Marquis vergißt... ſo gibt es Jemand, der Sie nicht vergeſſen... der fuͤr Ihre Zukunft ſorgen... und Sie Ihr Leben nicht im Dunkel dieſes Dorfes verkuͤmmern laſſen wird.. Geduld, Sie ſind noch ſehr jung... obwohl ſchon vollkommen ausge⸗ bildet... warten Sie noch eine kurze Zeit... Penelope harrte lange der Ruͤckkehr des Ulyſſes, aber er kam end⸗ lich und toͤdtete ihre Freier... Dieſer Mann handhabte den Bogen vortrefflich!“— Louiſe betrachtete Herrn Gerondif mit erſtaunter Miene, als ob ſie ihn um die Bedeutung ſeiner Worte fragen wollte; aber der Hofmeiſter wendete ſich gegen Nicolle und rief aus: „Nun muß ich euch mein Lebewohl ſagen!“ 81 „— Was! ſo ſchnell wieder, Herr Gerondif, ohne etwas zu ſich zu nehmen, ohne ſich zu erfri⸗ ſchen?2...“ „Ein Schluͤckchen Kraͤtzer...“ ſagte Jakob,„ſchlaͤgt man nicht aus.“ „Verzeiht mir, mein lieber Frimouſſet, das ſchlaͤgt man ſehr leicht aus, wenn man, wie ich, gewoͤhnt iſt, in Paris vorzuͤgliche Weine zu trinken; jetzt wuͤrde mir Euer Kraͤtzer ſchlecht bekommen.“ „— Aber was noͤthigt Sie denn, ſo ſchnell wieder abzureiſen?“ „— Meine vorzuͤgliche Nicolle, ich weiß, daß man heute Mittag gebratene Wachteln ſpeist; Mamſell Tur⸗ lurette hat mir's geſagt, und es waͤre ein Unrecht gegen mich ſelbſt, wenn ich nicht Theil daran naͤhme. Auf Wiederſehen, tugendhafte Landleute; Nicolle, wachet uͤber dieſe ſchone Perle... Margarita.. ich empfehle ſie Euch, und Sie, reizende Louiſe, uͤberlaſſen Sie ſich dem Kummer nicht! Ihre Zukunft wird gewiß noch ſchoͤn!... Dieſes Orakel iſt ſicherer, als das des Kal⸗ chasl!.. Ich wuͤnſche euch alleſammt eine treffliche Geſundheit und eile nach Villemonble, wo ich mich in einen Wagen ſetzen werde.“ 1 Mit dieſen Worten richtete Herr Gerondif an Jedes ein ungeheures Laͤcheln, warf der Jungfrau noch einen gluͤhenden Blick zu und entfernte ſich, waͤhrend er ſeinen glaͤnzenden Hut aufſetzte und ſeine glacirten Handſchuhe anzog. „— Er verlangt, daß ich mich dem Kummer nicht uͤberlaſſen ſoll!...“ ſprach Louiſe nach Gerondifs Ent⸗ Paul de Kock. VI. 6 8² fernung; und doch hat Gherubim nichts an mich aus⸗ richten laſſen!“ Sechstes Kapitel. Das Gewerbe des Herrn Poterne. Man muß Cherubim fuͤr undankbar und in ſeinen Neigungen unbeſtaͤndig halten, denn er ſcheint die gute Nicolle, die ihn auferzogen hat, und die kleine Louiſe, ſeine Geſpielin, welche er ſo zaͤrtlich zu lieben vorgab, ſchnell vergeſſen zu haben. Aber dieſe Undankbarkeit und unbeſtaͤndigkeit ſind dem Menſchen ſo natuͤrlich, daß man ſich nicht verwundern darf, ſie bei einem Juͤngling an⸗ zutreffen; Cherubim hatte ſein achtzehntes Jahr ange⸗ treten; er war von Perſonen umgeben, die ihm den Aufenthalt in Paris nur angenehm zu machen ſuchten, die ſich fortwaͤhrend damit beſchaͤftigten, ihm neue Ver⸗ gnuͤgungen zu verſchaffen, und beſonders nicht verſaͤumten, ſeine bei der Amme verlebte Zeit ins Laͤcherliche und Spoͤttiſche zu ziehen. Das Laͤcherlichmachen iſt eine ge⸗ waltige Waffe der Franzoſen; erwachſene Maͤnner fuͤrchten es und thun Alles zur Vermeidung deſſelben: wie haͤtte ihm ein ſiebzehnjaͤhriger Knabe Trotz bieten koͤnnen? Indeſſen war Cherubim nicht ſo vergeßlich, als man glauben koönnte; mehrmals hatte er die Abſicht, nach Gagny zu reifen, um Nicolle und Louiſe wiederzuſehen; um ihn aber davon abzubringen, verbarg man ihm vor allen Dingen die beiden Beſuche der Amme im Hauſe, 83 und ſagte ihm uͤberdies, Frau Frimouſſet habe Louiſe zu einer ihrer Verwandten in der Bretagne geſchickt, damit ſie den Kummer vergeſſe, den die Entfernung ihres Freundes in ihr erweckt haͤtte. Der Gedanke, Louiſen nicht mehr in Gagny zu ſin⸗ den, hatte das Verlangen des Juͤnglings, wieder einmal ins Dorf zu gehen, bedeutend geſchwaͤcht. Da er aber ſtets das Gluͤck ſeiner Amme wuͤnſchte, ſo hatte er, wie wir kurz vorher geſehen, Herrn Gerondif beauftragt, ihr Geld zu uͤberbringen, und ihn zugleich erſucht, ſich nach Louiſens Befinden zu erkundigen, zu fragen, ob ſie bald wieder nach Gagny zuruͤckkehre, kurz— Nachricht uͤber ihr Schickſal einzuziehen. Als Herr Gerondif von Nicolle zuruͤckkam, verfehlte er nicht, ſeinem jungen Zoglinge weiß zu machen, Louiſe ſei immer noch bei guten, wohlhabenden Paͤchtersleuten in der Bretagne, die ſie wie ihre eigene Tochter behan⸗ deln, und bei denen es ihr ſehr gefalle. Auf dieſes hatte Cherubim, bei dem Gedanken, daß ihn ſeine ehemalige Geſpielin wahrſcheinlich bald ganz ver⸗ geſſen haben werde, ſchwach geſeufzt; ſein Herz ward von einem Gefuͤhle der Traurigkeit und der Sehnſucht durchdrungen; und er empfand einen Augenblick Luſt, in die Bretagne zu gehen, um Louiſen Vorwuͤrfe zu machen, daß ſie ihn nicht mehr liebe. Denn ſo ſind wir zu jeder Zeit: wir vergeſſen zwar die Andern, wollen aber nicht von ihnen vergeſſen werden; wir ſind unbeſtaͤndig, treulos, aber hoffen, daß man beſtaͤndig und treu gegen uns ſei; kurz, wir erlauben uns, Andere zu taͤuſchen, wollen aber nicht von ihnen getaͤuſcht werden. 3 84 Die Ankunft Darena's fuͤhrte ſtets die Heiterkeit ins Grandvilain'ſche Haus zuruͤck; und waͤhrend er ſich be⸗ muͤhte, Cherubim zu zerſtreuen, zog er zugleich den Vor⸗ theil aus deſſen Bekanntſchaft, das Genie Poterne's in Anwendung zu bringen. So brachte der haͤßliche Herr eines Tages zwei Reit⸗ pferde vor's Haus des jungen Marquis, verſicherte ihn, es ſei eine vortreffliche Gelegenheit, die man ergreifen muͤſſe, und ließ ihn fuͤr zwei Klepper, welche hoͤchſtens fuͤnfhundert werth waren, dreitauſend Franken bezahlen. Ein andermal brachte Herr Poterne ein Tilbury, welches er von einem ruſſiſchen Fuͤrſten erkauft haben wollte, oder vorzuͤgliche Jagdhunde von einer ausgezeich⸗ neten Race, ein vortreffliches, nie verſagendes Gewehr u. ſ. w.; kurz, Herr Poterne handelte allmaͤlig mit Al⸗ lem; er erſchien nie im Hauſe, ohne Cherubim Etwas zum Kaufe anzubieten; er ſorgte ſogar fuͤr Stoͤcke, Fou⸗ lardstuͤcher, Papageien und Katzen. Der junge Mann kaufte immer und bezahlte mit blindem Vertrauen. Aber Jasmin, der nach und nach einſah, daß Herrn Poter ne's Gelegenheiten außerordentlich koſtſpielig waren, zeigte eine ſehr uͤble Laune, wenn er das Haus betrat, und zerbrach ſich den Kopf, wie er ſeinem Herrn dieſe Beſuche vom Halſe ſchaffen konnte. Ungluͤcklicher Weiſe hatte der alte Diener nie durch ſeine Einbildungskraft geglaͤnzt, und mit den Jahren war dieſe Faͤhigkeit, weit entfernt, ſich zu entwickeln, bei ihm eher im Abnehmen begriffen. Monfreville haͤtte den Planen Darena's und Poter⸗ ne's Handel entgegen ſein koͤnnen, aber er war genöthigt, eine Zeitlang auf einem kleinen Landgute in der Naͤhe . 85 von Fontainebleau, wo einige Ausbeſſerungen vorgenom⸗ men werden mußten, zuzubringen. Vor ſeiner Abreiſe hatte er zwar ſeinen jungen Freund vor den Dienſten und Gefälligkeiten Poterne's gewarnt, aber Cherubim war zu jung, um nicht vertrauensvoll zu ſein, und uͤber⸗ dies ſchien Darena jederzeit entzuͤckt uͤber die vortheil⸗ haften Gelegenheiten, die ſein Geſchaͤftsfuͤhrer fuͤr den jungen Marquis aufgefunden hatte.. Seit Monfreville's Abreiſe wurde das Haus mit Pfer⸗ den, Jagdhunden, Voͤgeln aller Art, gothiſchen Vaſen und ſogenannten Seltenheiten oder Merkwuͤrdigkeiten an⸗ gefuͤllt, die Herr Poterne alle Tage herbeiſchleppte. Endlich ſagte Jasmin eines Morgens zu ſeinem Herrn: „Gnaͤdiger Herr, wenn das ſo fortgeht, ſo wird unſer Haus naͤchſtens das Anſehen einer Troͤdelbude erhalten! ... man kann ſich nicht mehr darin umkehren!... die⸗ ſer Herr Poterne veranlaßt Sie, allzuviel einzukaufen; Ihre alterthuͤmlichen oder merkwuͤrdigen Vaſen ſcheinen mir ſehr haͤßlich!... die Jagdhunde machen einen ab⸗ ſcheulichen Laͤrm... laͤßt man ſie los, ſo beißen ſie Je⸗ dermann in die Fuͤße; die Papageien ſchreien zum toll werden... Sie haben deren fuͤnfe!... die ſogenannte ſpaniſche Katze, die er Ihnen aufgehaͤngt hat, hat vor Schaͤberei ſchon ihre Farbe verloren und iſt weiter nichts, als eine ganz gewoͤhnliche weiße Katze... und Sie, gnaͤ⸗ diger Herr, Sie haben jetzt neunzehn Stoͤcke, ich habe ſie gezaͤhlt... Was wollen Sie mit neunzehn Stöcken anfangen?... Ihr Herr Vater, der Marquis, hatte nur einen einzigen und trug nie mehr auf einmal. „Ach, ſchweig' doch, Jasmin,“ entgegnete Cherubim, 86 uͤber die Verzweiflung ſeines alten Dieners lachend;„bin ich denn nicht reich... habe ich nicht die Mittel, meine Launen zu befriedigen?“ „Verzeihen Sie, mein lieber Herr, Sie kaufen dieſe Sachen nur, weil dieſer Herr Poterne ſagt, ſie ſeien ſchon... es ſeien guͤnſtige Gelegenheiten vorhanden... und tauſend andere aͤhnliche Dinge, die Sie dazu bewe⸗ gen;z Sie haͤtten niemals den Einfall gehabt, zehn Hunde, neunzehn Stocke, fuͤnf Papageien und eine Schildkroͤte anzuſchaffen... noch das Haus mit alten Vaſen... aus⸗ laͤndiſchen Kruͤgen anzufuͤllen... die ich ſehr garſtig finde, wie auch die Schildkroͤte, vor der ich mich fuͤrchte!“ „— Weil Du nichts davon verſtehſt. Herr Darena billigt ſtets meine Einkaͤufe; er findet dies Alles ſchoͤn und wohlfeil.“. „y— O!... Herr Darena... ich halte ihn nicht fuͤr haushaͤlteriſch, dieſen Herrn! Ei, gnaͤdiger Herr, hat er Ihnen das Geld, welches Sie fuͤr ihn an den Schnei⸗ der, Schuhmacher, Hutmacher u. ſ. w. bezahlten, wieder zuruͤckgegeben?“ „— Nein!.. das iſt nicht von Wichtigkeit... er wird es vergeſſen haben... auch haſt Du mir damals geſagt, Jasmin! ſeinen Freunden Geld zu leihen, ſei eine recht gute Manier, und mein Vater habe es oft gethan.“ „— Das iſt wahr, gnaͤdiger Herr, nur mit dem Unterſchiede, daß die Freunde Ihres Herrn Vaters das Entlehnte wieder zuruͤckſtellten.“ Dieſe Unterredung wurde durch die Ankunft Poterne's unterbrochen, der immer noch mit ſeinem ſchmutzigen Oberrocke bekleidet war, worunter er diesmal, wie es 14 4 87 ſchien, etwas ziemlich Großes trug, das er ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchte. Jasmin verzog ſein Geſicht zu einer ſehr bedeutungsvollen Grimaſſe, als er die eben beſpro⸗ chene Perſon eintreten ſah. Herr Poterne erſchien jedoch mit ſehr demuͤthiger Miene, verbeugte ſich bis auf den Boden und beſtrebte ſich, ein angenehmes Geſicht zu machen. „Ach! der Herr Poterne!“ ſagte Cherubim, uͤber das Ausſehen ſeines alten Dieners lachend:„ ich ſprach ſo eben von Ihnen mit Jasmin, der behauptet, meine ſpaniſche Katze werde ganz weiß.“ Herr Poterne ließ ein Grinſen vernehmen, wie der Klang großer, in einem Kaſtrol geſchuͤttelter Kupferkreu⸗ zer, und antwortete: „Herr Jasmin beliebt zu ſcherzen!... die Katze, welche ich die Ehre hatte, an Sie zu verkaufen, iſt ſehr koſtbar... ich erhielt ſie von einem ſpaniſchen Granden . es iſt moͤglich, daß ſie zeitweis ihre Farbe verliert ... ſie iſt vielleicht unpaͤßlich, es wird ſich aber wieder geben... wenn man recht fuͤr ſie beſorgt iſt.“ „ Glauben Sie, es fehle den Thieren an Nahrung bei uns?“ entgegnete Jasmin ſtolz. 4 „— Das wollte ich nicht damit ſagen, mein lieber Herr, nur ſind die ſpaniſchen Katzen ſehr zart und...“ „Schon gut,“ ſagte Cherubim,„es iſt genug uͤber dieſe Katze geſprochen. Sie kommen ohne Zweifel, Herr Poterne, mir etwas Neues anzubieten, denn Sie ſind ein koſtbarer Mann; Sie laſſen Einem nichts zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig.“ „— Der Herr Marquis ſind zu guͤtig... in der That. ich habe etwas. 88 Mit dieſen Worten warf Herr Poterne einen fahlen Blick auf den alten Diener, deſſen Anweſenheit ihn aͤr⸗ gerte; aber Jasmin blieb unbeweglich, und da ihn ſein Herr nicht gehen hieß, ſo mußte ſich Poterne wohl ent⸗ ſchließen, das unter ſeinem Oberrock Verborgene in deſſen Gegenwart zu zeigen. „Wohlan, was bringen Sie mir heute?“ fragte Cherubim. — Herr Marquis... was ich bringe... iſt... iſt eine Gelegenheit..“ „Immer Gelegenheiten,“ brummte Jasmin;„man kennt dieſe ſchon.“ „Ich komme von der Verſteigerung der Hinterlaſſen⸗ ſchaft eines ehmaligen Miniſters... eines außerordent⸗ lichen Feinſchmeckers... In Ihrem Alter, Herr Mar⸗ quis, liebt man die Leckereien... die Suͤßigkeiten... beſonders, wenn ſolche Seltenheiten ſind... Meiner Treu, als man dieſes hier ausbot, dachte ich, es koͤnnte Ihnen angenehm ſein..“ großen, blauen Porzellantopf unter ſeinem Rock hervor, der ſorgfaͤltig mit Pergament bedeckt war. „— Was iſt da drinn, Herr Poterne?“ „— Indiſches Eingemachtes, Herr Marquis; das iſt ein Confekt, welches man in heißen Laͤndern fuͤr die hochſte Delikateſſe haͤlt, und wegen der Schwierigkeit, es kommen zu laſſen, in Frankreich ſehr ſelten findet: es wird aus Ananas zubereitet.“ „Vortrefflich,“ ſagte Jasmin ganz leiſe,„nun ſchleppt er uns Eßwaaren her!... das hat noch gefehlt. „Waͤhrend Herr Poterne ſo ſprach, zog er. einen 89 „Ein Topf von dieſer Groͤße koſtet bei Chevet, wenn er gerade hat, gewoͤhnlich hundert Franken!... Ich erhielt dieſen fuͤr fuͤnfzig und habe ihn in der Ab⸗ ſicht erſteigert, ihn an Sie abzutreten.“ „— Meinen Dank, Herr Poterne... Eingemachte Ananaſſe muͤſſen in der That koſtlich ſein. Jasmin, gib Herrn Poterne fuͤnfzig Franken... nachher trage das Eingemachte in die Speiſekammer.“ Jasmin nahm den von dem garſtigen Herrn ihm dar⸗ gereichten Topf und brummte:. „Es fehlt doch nicht an eingemachten Sachen im Hauſe, Mamſell Turlurette verſteht das ſehr gut... es war nicht der Muͤhe werth....“„ Ein Blick Cherubims brachte den alten Diener, der unter Murren das Geld aus dem Sekretair holte, zum Schweigen; Herr Poterne ſagte inzwiſchen zu dem Juͤngling: „O! bald werde ich dem Herrn Marquis etwas außerſt Merkwuͤrdiges anzubieten haben... Einen großen, geſchei⸗ ten, ſehr geſchickten Affen, den der Beſitzer in Folge eines Gantes herzugeben gezwungen iſt... Ich werde dieſe Gelegenheit benuͤtzen— und Sie einen Affen erhal⸗ ten, der eines Koͤnigs werth waͤre. „Einen Affen!“ rief Jasmin aus.„Das ſetzte Allem die Krone auf! Unſer Haus wird alsdann eine Mena⸗ gerie ſein!“ „Jasmin, ſchweig',“ ſagte Chexubim;„und Sie, Herr Poterne, bringen Sie mir dieſen Affen, ſobald Sie ihn bekommen. Ich bin ſehr begierig, einen Affen zu beſitzen.”“ 90 Herr Poterne verbeugte ſich, ſtrich die fuͤnfzig Fran⸗ ken ein, welche ihm der alte Diener mit einem entſetz⸗ lichen Geſichte ausbezahlte, und entfernte ſich mit der wiederholten Verſicherung, daß er ſich bemuͤhen werde, den Affen um einen billigen Preis zu erhalten. Cherubim, der mit Darena und einigen andern jun⸗ gen Leuten ein Rendez⸗vous im Café de Paris ausge⸗ macht hatte, beeilte ſich, ſeine Toilette zu vollenden, und entließ ſeinen alten Diener, den die Ausſicht auf den Affen in Troſtloſigkeit verſetzte; er ging mit einem zor⸗ nigen Blicke auf den Topf, wofuͤr ſein Herr fuͤnfzig Fran⸗ ken bezahlt hatte, hinweg. Einige Minuten ſpaͤter ſtieg Cherubim mit einem wirklichen Jokey in ſein Tilbury und fuhr vom Hauſe ab, ohne auf Jasmin's Stimme zu hoͤren, der ihm aus einem Fenſter der Speiſekammer zurief: „Gnaͤdiger Herr... er hat uns abermals betrogen ... Es iſt Traubenmus, und weiter nichts!“ 81 Siebentes Kapitel. ⸗ Herr Poterne ſetzt ſeine Spitzbuͤbereien fort. Cherubim fand im Café de Paris Darena und zwei junge Dandy, deren Bekanntſchaft er im Foyer de l' Opera gemacht hatte. Mit achtzehn Jahren iſt man ſehr zuthun⸗ lichz man nimmt und bietet ſeine Freundſchaft, wie die gewoͤhnlichſte Sache von der Welt, anz im ſpaͤtern Leben 9¹ ſieht man oft erſt ein, daß man nichts gegeben und nichts empfangen hat. Die beiden neuen Freunde Cherubims ſind nur um wenige Jahre aͤlter als er. Der eine, welcher Benedikt Mouſſerand heißt, laͤßt ſich, ohne ſeinen Taufnamen zu ſagen, weil er ihn fuͤr gemein haͤlt, von Mouſſerand nennen; der andere, welcher Oskar Chiponard heißt, laͤßt ſich im Gegentheil niemals beim Familien⸗, ſondern ſtets beim Vornamen nennen.. Der erſtere iſt ein großer, ſchlanker, junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ziemlich huͤbſch, obgleich ſeine Augen ausdruckslos und ſeine Haare, die er blond nennt, roth ſind; ein Schwätzer ohne Geiſt, der ſich ein⸗ bildet, alle Weiber zu erobern und der beſtgekleidete Mann in Paris zu ſein. Der zweite, vierundzwanzig Jahre alt, iſt klein, braun, hat eine gelbliche Hautfarbe und waͤre beinahe haͤßlich, wenn nicht die Lebhaftigkeit und der Glanz ſeiner ſchwar⸗ zen Augen ſeinem Geſichte Ausdruck verliehen; man konnte ihn fuͤr geiſtreich halten, haͤtte er nicht die Schwachheit, ſich ſeiner Familie zu ſchaͤmen und zu aͤrgern, wenn man den Namen ſeines Vaters nennt. 4 Beide Herren ſind aus reichen Familien. Der erſtere iſt der Sohn eines Notars aus der Provinz und ſoll in Paris die Stelle eines Wechſelmaͤklers kaufen; der zweite, deſſen Vater ehmals Uhrmacher war, ſich aber laͤngſt vom Geſchaͤfte zuruͤckgezogen hat, ſtrebt eigentlich nach gar keiner Thaͤtigkeit. Beide jungen Leute ſtehen ſehr freundſchaftlich mit Darena, weil er von Adel iſt; er dagegen gleichfalls mit 92 4 ihnen wegen ihres Reichthums. So beſteht unter der menſchlichen Geſellſchaft beinahe immer ein Austauſch eigen⸗ nuͤtziger Verfahrungsweiſen. — Kommen Sie doch, Marquis cherubim, 44 re⸗ dete ihn Darena an,„wir erwarten Sie, das Fruͤhſtuͤck iſt beſtellt.. es wird koſtich ſein, ich verſtehe mich darauf.. 4 „ Sie find etwas ſpaͤt,“ ſagte Oskar. „ Er wird einer ſeiner Liebſchaften guten Tag geſagt haben,“ verſehte der große Mouſſerand, ſich das Kinn reichend. „Meinen Liebſchaften!“ entgegnete Cherubim naiv, „o, ich habe keine!..“ Darena ſtieß ihn an den Arm und rief aus: „Er hat keine!... ich hoffe, meine Herren, daß Sie ſo etwas nicht glauben:... er hat in jedem Vier⸗ tel der Stadt eine Geliebte; er iſt ſchon ein Lechter Boͤſe⸗ wicht in Beziehung auf die Frauenzimmer. Dann fuhr der Graf, Cherubim ins Shr fluͤſternd, fort: „Sagen Sie's doch nicht, daß Sie keine Liebſchaft haben! man wuͤrde Sie ſonſt auslachen... man wuͤrde, wie auf ein Wunder, mit Fingern auf Sie deuten... Sie ſind, in der That, mein lieber Freund, fuͤr achtzehn Jahre weit zuruͤck.“ Cherubim erroͤthete und beeilte ſich, Platz bei Tiſche zu nehmen. Waͤhrend des Eſſens hoͤrte Mouſſerand nicht auf, von ſeinen Triumphen zu ſprechen; bisweilen aber machte Oskar einige boshafte Bemerkungen hieruͤber. Darena trank, aß und lachte uͤber die Geſpraͤche dieſer — 93 Herren. Cherubim hoͤrte Alles mit dem treuherzigſten Glauben von der Welt an, und druͤckte nur zuweilen ſein Erſtaunen aus, wenn ihm die Abenteuer gar zu un⸗ gewöhnlich ſchienen. „Ja, meine Herren,“ ſagte der große Blondrothe, „im gegenwaͤrtigen Augenblicke habe ich fuͤnf Liebſchaften! zwei nicht gezaͤhlt, die erſt im Beginne ſind.“ 8 „Im Beginne zu was? fragte Oskar hoͤhniſch. „— Beim Teufel, das iſt doch gut zu verſtehen, das Verhaͤltniß iſt im Beginne ſich zu entwickeln; was im Laufe dieſer oder ſpaͤteſtens in nachſter Woche geſchehen wird.“ „Dann haſt Du ſieben Liebſchaften!.... gerade wie ein Hahn!...“ „O! Du ſcheinſt zu lachen, Oskar, es iſt aber ſehr wahr... zudem habe ich bisweilen ſchon mehr gehabt!.“ „Herr von Mouſſerand, Sie werden entſetzlich!“ ſagte Darena,„wenn ubrigens Ihre Eroberungen huͤbſch ſind, ſo mache ich Ihnen mein Compliment!“ „— Vier davon ſind reizend, zwei huͤbſch und eine leidlich... ich will aber die drei letztern aufſtecken und nur die ſchänſten behalten.“ „Wie... man kann eine Geliebte aufſtecken?“ fragte Cherubim mit verwunderter Miene. „— Ei, Marquis, aus welchem Weltt heil kommen Sie denn? Wenn man Sie hört, koͤnnte man glauben, Sie ſeien ein Neuling in der Liebe... und doch ver⸗ ſichert der Herr Graf, Sie ſeien ſein Zoͤgling... Das wuͤrde ihm keine Ehre machen!“ Darena leerte ſein Glas und rief aus: 94 „Glauben Sie denn unſerem jungen Adonis?... Merken Sie denn nicht, daß er ſeinen Scherz mit uns treibt?... er, der einer Schoͤnen nur drei Tage lang treu bleibt... er betruͤgt uns mit ſeiner treuherzigen Miene!... wenn er uns täuſcht, ſo frage ich Sie, wie leicht muß er erſt die Frauen taͤuſchen konnen?“ „Herr Cherubim iſt auf alle Arten beguͤnſtigt,“ ſagte Oskar. „Er nicht allein!“ verſetzte der große Mouſſerand mit ſelbſtzufriedener Miene;„ich ſage dies aus dem Grunde, weil ich, bei meiner Ehre, kein Frauenzimmer kenne, das mir widerſtanden haͤtte.“ „On Dir! das iſt kein Wunder,“ entgegnete Oskar ſpöttiſch,„Du haſt ein ſolch feuriges Ausſehen... das bemerkt man ſchon an Deinen Haaren.“ „— Was ſoll das heißen?“ erwiderte der große junge Mann, deſſen Wangen die Farbe ſeiner Haare annahmen. „Willſt Du damit ſagen, ich habe rothe Haare?“ „— Ich meine, es ſei uͤberfluͤſſig, das zu ſagen!“ „Ruhig, meine Herren! wollen wir Streit anfangen?“ fiel Darena ein;„wir ſind beiſammen, um zu fruͤhſtuͤcken, zu lachen... Scherze zu machen, und Sie aͤrgern ſich, erzuͤrnen einander... Das iſt ſehr unpaſſend, und dazu noch der Haare wegen!... Mein Gott, ich moͤchte rothe Haare haben, ich waͤre entzuͤckt daruͤber... Sie ſind in Frankreich weit nicht ſo allgemein, als die braunen und die blonden!... Das beweist uͤberdies, daß ſie nicht ge⸗ faͤrbt ſind. Oskar, ſchenken Sie mir ein, und Sie, Herr von Mouſſerand, bieten Sie dieſe Platte herum. „Ja, ja!“ rief Cherubim aus,„ſagen Sie mir 72 4 2 95⁵ lieber, ſtatt Haͤndel anzufangen ,was Sie mit ihren ſie⸗ ben Liebſchaften machen...“ „Ei, beim Kukuk! wahrſcheinlich, was Sie mit den Ihrigen auch mächen.⸗ 4 — Ich, ja, ich?.* Ein Blick Darena's uſeruug Cherubim, dann fuhr er dennoch fort: „Ich mache gar nichts mit den meinigen!“ „— Dann miſſen ſie Ihnen ſaubere Otreithr bie len... „Ich habe,“ ſagte Oskar,„gegenwaͤrtig eine kleine allerliebſte Griſette, der ich alle Wochen eine Haube und alle Monate ein Kleid anſchaffe, womit ſie hoͤchſt zufrie⸗ den iſt.“ „Ich,“ ſagte der große Mouſſerand„„habe unter meinen ſieben Liebſchaften eine Englaͤnderin, die mich ſehr viel Geld koſtet.. ſie iſt aber bewundernswuͤrdig!...“ „— Iſt das ein Aufſchneider mit ſeinen ſieben Weibsbildern! Er kommt mir vor wie der Blaubart. Fuͤhre ſie einmal alle miteinander ſpazieren, Du wirſt ausſehen wie ein Schulmeiſter.“ „Ich ſchenke den Frauen nur noch mein Herz!“ ſagte Darena,„und ſie lieben mich weit mehr, ſeit ich ſie in dieſen Fall geſetzt habe.“ „— und Sie, Cherubim, machen Sie Ihrer Schoͤnen wegen viel Thorheiten?“ Cherubim ſpielte mit ſeinem Meſſer, waͤhrend er ſtotterte: „Ich... ich weiß nicht... es kommt darauf an..“ „ Es iſt ausgemacht,“ verſetzte Mouſſerand,„Sie 96 ſind zu verſchwiegen; man kann nichts aus Ihnen her⸗ ausbringen.“ Cherubim, den dieſe Unterredung in Verlegenheit ſetzte, zog ſeine uhr heraus und gab vor, ſich eines Stelldicheins wegen entfernen zu muͤſſen. Waͤhrend er auf die Uhr ſah, betrachtete ſie Oskar Chiponard, der neben ihm ſaß. „Nicht wahr, ſie iſt ſehr huͤbſch... ſehr platt?“ fragte Cherubim, ſeinem Nachbar die Uhr naͤher hinhaltend. Dieſer nahm ſie in die Hand, betrachtete ſie noch⸗ mals ſehr genau und rief aus: „Das iſt ſonderbar!.. gilt's eine Wette?... halten Sie! laſſen Sie mich auch die Kette ſehen... O! beim Kukuk! die Kette auch.. Ach! es waͤre merkwürdig, wenn die Stecknadel ebenfalls... erlauben Sie, mein lieber Cherubim!“ Und Herr Oskar betrachtete, nachdem er Cherubims Uhr unterſucht und die um ſeinen Hals haͤngende Kette berüthrt und gewogen hatte, deſſen Brillant⸗Vorſtecknadel ganz in der Naͤhe. „Warum betrachten Sie mich denn ſo?“ fragte Che⸗ rubim,„was habe ich denn Außerordentliches an mir?“ „Was Sie haben?“ entgegnete Oskar;„je nun, Dinge, die ich erſtaunt bin, bei Ihnen zu ſehen... bei einem jungen und reichen Manne, wie Sie... Sie muͤſſen dieſe Uhr, dieſe Kette und dieſe Stecknadel nicht theuer bezahlt haben?“ „— Nein, nicht zu theuer... fuͤnfundzwanzighundert Franken zuſammen; allerdings bot ſich gerade eine Ge⸗ legenheit dar...“ 97 „Fuͤnfundzwanzighundert Franken!“ entgegnete Oskar, die Haͤnde zuſammenſchlagend;„nun, dann, mein Freund, ſind Sie beſtohlen worden... ol vollſtaͤndig beſtohlen... Alle drei Gegenſtaͤnde ſind vielleicht ſechzig Franken werth; die Brillanten ſind falſch... Kette und Uhr von ver⸗ goldetem Kupfer.“ „Von Kupfer!“ rief Cherubim aus, waͤhrend Darena zwiſchen den Zaͤhnen brummte: „Ach! der Schuft!... ich dachte es beinahe!“ „— Es iſt unmoͤglich; der Geſchaͤftsfuͤhrer des Herrn von Darena hat dieſe Sachen an mich verkauft...“ „— Ich verſichere Sie, daß ich deſſen, was ich be⸗ haupte, gewiß bin.“ „Beim Kukuk!“ rief der große Mouſſerand hoͤhniſch aus,„Oskar muß ſich darauf verſtehen; ſein Vater war Uhrmacher... Er wurde dabei auferzogen.“ Cherubim blickte Darena an und ſagte: „Wie kann das ſein 2... Sie wiſſen doch, daß Herr Poterne mir dieſe Sachen beſorgte.“ Darena ſchlug mit ſeinem Glaſe einen Teller zu⸗ ſammen und ſchrie: „Wenn das der Fall waͤre, ſo iſt Poterne ein elender Tropf, der mich niedertraͤchtig betrogen hat; aber ich zerbreche ihn wie dieſen Teller.“ Cherubim zweifelte immer noch. Man verließ das Kaffeehaus und trat in den erſten beſten Bijouterie⸗Laden ein. Kaum hatte der Bijoutier die von dem jungen Manne getragenen Gegenſtaͤnde betrachtet, ſo ſagte er mit ſehr artigem, aber etwas ſpoͤttiſchem Tone zu ihm: „Ach! mein Herr, wie koͤnnen Sie ſolche Dinge an Paul de Kock. VI. 7 * 98 ſich tragen?... Ich wuͤrde fuͤr Alles nicht fuͤnfzehn Franken geben.“ Cherubim zog ſeine Kette, Stecknadel und Uhr aus, und warf Alles mit einer Entruͤſtung, die ihren Grund weniger in ſeinem Geldverluſt hatte, als in dem Ver⸗ druſſe, betrogen worden zu ſein, auf den Boden. Dann gab er dem Juwelenhaͤndler ſeine Adreſſe und ſagte zu ihm: „Wollen Sie die Guͤte haben, und mir morgen die⸗ ſelben Gegenſtaͤnde, ſo wie ich ſie bereits zu beſitzen glaubte, in ſchoͤnſter Auswahl in mein Haus bringen; Sie werden ſich uͤberzeugen, mein Herr, daß ich im Stande bin, aͤchte Juwelen zu bezahlen.“ Der Bijoutier verbeugte ſich, verſicherte, daß man zufrieden geſtellt werden ſolle, und man verließ ſeinen Laden. „Was Ihren Herrn Poterne anbetrifft,“ rief Che⸗ rubim, ſich an Darena wendend, aus,„ſo rathe ich ihm, ſich nicht mehr bei mir ſehen zu laſſen!...“ Darena, der eine verſtellte Wuth außerte, nahm Cherubim bei der Hand, ſchuͤttelte ſie ihm heftig und ſagte: „Mein Freund, ich bin unwillkuͤhrlich Schuld an Allem; dieſer elende Poterne hat mich wie Sie betrogen .. Ich bin uͤberzeugt, daß er auch mich entſetzlich be⸗ ſtiehlt!.. aber ich werde ihn dafuͤr ſtrafen... ich gehe zu ihm und ſchlage ihm den Ruͤckgrat ein.“ Mit dieſen Worten verließ er die drei jungen Leute haſtig, und begab ſich in der That zu Poterne. Darena bewohnte damals ein kleines, ziemlich huͤb⸗ 99 ſches Logis in der neuen Bredaſtraße. Er verdankte dem Handel, welchen Poterne mit dem jungen Marquis trieb, und wovon er einen Theil des Vortheils wegzog, ſeit einiger Zeit ein huͤbſches Einkommenz ſein Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer hatte ein kleines Zimmer uͤber ſeinem Quartier inne. „Iſt Poterne bei mir?“ ſagte Darena im Vorbei⸗ gehen zum Portier. „Bei Ihnen oder in ſeinem Zimmer, Herr Graf, zu Hauſe iſt er jedenfalls, ich ſah ihn mit dem kleinen Jungen hereingehen, der ſeit vierzehn Tagen alle Morgen zu ihm kommt.“ „— Eil ein kleiner Junge kommt alle Morgen zu ihm... wie alt mag das Kind etwa ſein?“ „— Meiner Treu! wohl zehn bis zwoͤlf Jahre!... er hat aber ein ſehr ſchelmiſches Ausſehen... iſt nicht ſchon... uͤbrigens von ſo pfiffiger Miene, daß er beinahe gefaͤllt.“ Darena ging die Treppe hinauf und ſprach bei ſich: „Was mag wohl Poterne mit dem kleinen Jungen vorhaben 2... Iſt es vielleicht ſein Sohn... ol nein, ein Menſch, wie er, erkennt kein Kind an... er muͤßte ja dafuͤr ſorgen; es muß irgend ein Gaſſenbube ſein, den er zum Auslaufen und Stiefelputzen gedungen hat... Ich glaubte doch bisher, er beſorge das ſelbſt.“ Darena trat in ſein Zimmer und ging, als er Po⸗ terne nicht fand, eine Stiege hoͤher hinauf; dort pochte er an die Thuͤre ſeines Geſchaͤftsfuͤhrers. Ploͤtzlich ließ ſich eine geraͤuſchvolle Bewegung im Zimmer vernehmen, es war, als ob man Stuͤhle uͤber⸗ einander wuͤrfe und Kaͤſten auf⸗ und zuſchluͤge, endlich 100 ließ ſich die hohle, mißtonige Stimme Poterne's folgen⸗ dermaßen vernehmen. 4 „„Wer iſt draußen?“ „— Ei, beim KukukV! ich bin's, alter Schelm, mach doch auf!“ Poterne ſchloß die Thuͤre auf mit den Worten: „Warum geben Sie ſich nicht gleich zu erkennen?... ich war ſehr beſchaͤftigt... und bin geſtoͤrt worden... weil ich nicht wußte, wer herein wollte!...“ Darena ſchaute im Zimmer umher, das ganz in Un⸗ ordnung war; dann auf Poterne blickend, der aufzu⸗ raͤumen ſchien, ſagte er: „Du warſt nicht allein hier?... Du hatteſt einen kleinen Jungen bei Dir... was Teufels haſt Du wieder fuͤr Heimlichkeiten mit dem Knaben vor?.. ſchnell, gib Antwort, ich bin nicht zum Lachen aufgelegt!“ Statt aller Erwiderung fing Poterne zu ſchreien an: „Vorwaͤrts, komm, Bruno, komm, Du darfſt Dich zeigen... mein guter Freund iſt da... es iſt keine Ge⸗ fahr vorhanden!“ Alsbald oͤffnete ſich ein Schrank, ein kleiner, etwa zwolfjähriger Knabe ſtieg heraus, waͤlzte ſich auf dem Boden herum, und ſtieß ein widerliches, dem Geſchrei der Wilden aͤhnliches Gegrinſe aus; das Auffallende ſei⸗ nes Weſens vermehrte noch ſeine ſonderbare Kleidung, die aus einem gruͤnlichen, theilweiſe behaarten Fell beſtand, das auch ſeine Haͤnde und Fuͤße bedeckte, wo es dann in eine Art Krallen auslief, und wovon am Ruͤcktheile ein ganz duͤnner, aber außerordentlich langer Gchrvanz her⸗ abhing; nur ſein Geſicht war blos. 101 „Was Teufels iſt das?“ brummte Darena, den klei⸗ nen Jungen betrachtend, der auf dem Boden allerlei Spruͤnge und Saͤtze machte und dem es eine alte Ges wohnheit zu ſein ſchien, auf den Haͤnden zu laufen. Herr Poterne ſtieß einen dumpfen Laut aus, wie wenn er innerlich lachte, und entgegnete: „— Das iſt ein Affe, den ich mir heranbilde.“ „— Ein Affe... und fuͤr wen?“ „— Fuͤr unſern jungen Marquis. Ich beabſichtige, einen großen und ſchoͤnen Affen an ihn zu verkaufen.. habe aber keine Luſt, Geld auszugeben, um einen anzu⸗ ſchaffen... Ich bemerkte dieſen kleinen Schuhputzer an der Straßenecke... er verrichtete alle ihm aufgegebenen Beſorgungen mit Genauigkeit; ich uͤberzeugte mich von ſeiner Klugheit und Gewandtheit, und ſchlug ihm vor, fuͤr eine anſtaͤndige Belohnung den Affen zu machen. Zu dieſem Zwecke kaufte ich auch dieſes Orangoutang⸗Coſtuͤm, das ſehr natuͤrlich iſt, Bruno zieht es alle Morgen an und uͤbt ſich dann im Springen, Huͤpfen u. ſ. w.... er benimmt ſich ſehr gut, iſt ſogar drolliger, als ein natuͤrlicher Affe.. Hier habe ich auch die Larve, bin aber noch nicht feſt entſchloſſen, ihm eine aufzuſetzen... da Bruno ſehr haͤßlich iſt, denke ich, wenn ich ihm das Geſicht anſtreiche, Haare uͤber die Wimper und das Kinn klebe... ſo wird er ſchon einen recht ordentlichen Affen abgeben!... ha, ha, ha!“ Darena ſank auf einen Stuhl und konnte ſich des Lachens nicht erwehren, waͤhrend er ſagte: „ Das iſt entſetzlich!... das iſt abſcheulich!... und doch muß ich daruͤber lachen... denn dieſer Gedanke, 102 einen Affen zu machen, iſt in der That... Poterne es iſt Schade, daß Du eine ſolche Canaille biſt, denn Du haſt viel Einbildungskraft.. aber angenommen, Che⸗ rubim kaufte dieſen falſchen Affen, wuͤrde ſich Herr Bruno dazu verſtehen, ſein ganzes Leben ein Thier zu bleiben?“ „Durchaus nicht,“ entgegnete Poterne,„wenn er einmal im Hauſe iſt, kann er einen gelegenen Augenblick abpaſſen, wo er ſeinen Reißaus nimmt... er kann durch⸗ gehen, wohin er will... durch einen Schornſtein, wenn es Noth thut... er war Kaminfeger und klettert vor⸗ zuͤglich in den Schornſteinen herum!... mich geht das dann begreiflich nichts mehr an... ich verkaufe einen Affen... man bezahlt ihn mir.. es iſt nicht meine Schuld, wenn man ihn durchgehen laͤßt... ha, ha, ha!“ Als der Knabe Poterne lachen hoͤrte, that er ein Gleiches, indem er abermals das wilde Geſchrei des Affen nachahmte, und auf alle Moͤbeln des Zimmers huͤpfte, um wiederholt ſein Talent zu beweiſen. „Wohlan,“ ſagte Darena nach einigem Schweigen; „diesmal ſind Deine Erziehungskoſten hinausgeworfen, und dieſer kleine Schelm kann ſeinen Affen auf den Boulevards machen, nur nicht bei unſerem jungen Schuͤler.“ „— Warum denn nicht?“ „— Warum!.. weil Du ein elender Tropf... ein Betruͤger... ein Dieb biſt!“ Herr Poterne betrachtete den Grafen mit einer Miene, welche ſagte:„Sie wiſſen das ſchon laͤngſt, warum ſcheinen Sie erſtaunt darob?“ Darena fuhr fort: — 103 „Ich gebe ſchon zu, daß man meinem jungen Freunde die Sachen, die man an ihn verkauft, theuer anhaͤngt.. denn— Alles wohl erwogen— verkauft jeder Handels⸗ mann ſo theuer, als er kann... das iſt Handel und Wandel, weiter nichts, aber ich dulde nicht, daß man Cherubims Vertrauen mißbraucht und ihn elendiglich be⸗ truͤgt... wie Sie es gethan, Herr Dieb!.“ Poterne verdrehte die Augen mit Erſtaunen und ſagte: „Ich ſehe das große ungluͤck nicht ein... ich habe ihm weiß gemacht, es ſeien eingemachte Ananaſſe... es ſind aber nur Ruͤben... das kann ihm jedoch nichts ſchaden, im Gegentheil... ſie erhitzen nicht ſo ſehr.“ „Es handelt ſich nicht um Ruͤben... von der Ge⸗ ſchichte iſt mir nichts bekannt... Du wirſt mir ſie nach⸗ her auseinanderſetzen! ſondern um die Uhr, die Kette und die Stecknadel... alles iſt falſch... entſetzlich falſch . und Du warſt frech genug, mich anzuluͤgen, die Sachen ſeien achthundert Franken werth! Du Schurke! mich haſt Du auch beſtohlen!...“ „Es iſt noch ein Gluͤck, daß dieſe Kleinodien nicht ſo viel Werth hatten!“ erwiderte Poterne kalt,„denn von den fuͤnfundzwanzighundert Franken, die ich erhielt, haben ſie mir nur fuͤnfhundert zur Befriedigung des Kauf⸗ manns gelaſſen, und ſeit damals den Reſt nicht nachbe⸗ zahlt!.“ „— Weil ich eine Art Ahnung von Deiner Schuf⸗ terei hatte!... ſolchen Pafel, vergoldetes Kupfer an meinen jungen Freund zu verkaufen.. das iſt doch ehrlos!“ „— Ei, ſagt doch! es kommt mir vor, wie wenn 104 Sie ſeit achtzehn Monaten gehoͤrig auf Koſten Ihres jungen Freundes gelebt haͤtten..“ „— Schweig, Poterne, ſchweig... ich haͤtte Luſt, Dir die Knochen abzuſchlagen... und Du verdienteſt es auch... ſieh, was Du angerichtet haſt, weil Du Dich nicht mit den rechtlichen Vortheilen begnuͤgteſt, die Du aus den an Cherubim verkauften Gegenſtaͤnden ziehen konnteſt, jetzt iſt Dir ſein Haus verſchloſſen... ich hatte Dir eine praͤchtige Gelegenheit verſchafft... und durch Deine nimmer zu ſtillende Goldgier haſt Du ſie einge⸗ buͤßt... und in Folge deſſen auch mir einen betraͤchtlichen Schaden zugefuͤgt... ich zog auch einigen Nutzen aus dieſem kleinen Gewerbe.. das war ganz in Ordnung, denn mir verdankteſt Du ja die Bekanntſchaft mit dem reichen Juͤngling...“ „— Auch einigen Nutzen!. das heißt, Sie riſſen Alles an ſich!“ brummte Poterne, indem er ſein Geſicht ab⸗ ſcheulich verzerrte. „— Noch einmal— ſchweig.. oder ich halte nicht mehr an mich! wie ſoll ich in Zukunft meinen Luxus.. meinen Stand aufrecht halten?... ich kann wohl zuwei⸗ len Etwas von Cherubim entlehnen,.. aber dieſe Huͤlfs⸗ quelle wird bald verſiegen.. die gefaͤlligſten Leute wer⸗ den des Herleihens muͤde, beſonders wenn man ihnen nie etwas zuruͤckerſtattet. Ich wollte meinem jungen Freund unter dem Vorwande, dieſe Leidenſchaft ſchicke ſich fuͤr gebildete Leute, Geſchmack am Spiele beibringen, aber es war mir unmoglich... er langweilt ſich dabei, uͤberdies hat ihn der Teufel von Monfreville gerade da⸗ vor gewarnt. Es bleibt mir alſo nur ein Weg offen, —— — 105 mich— zur Befoͤrderung meiner Angelegenheiten— Che⸗ rubim nützlich zu erzeigen, das iſt die Liebe.... wenn ein reicher junger Mann verliebt iſt, begeht er tauſend Thorheiten fuͤr den Gegenſtand ſeiner Liebe... ſtehen ihm Hinderniſſe im Wege, ſo ſtreut er mit vollen Haͤn⸗ den Gold aus, um ſolche zu beſiegen... und es waͤre uns ein Leichtes geweſen, ihm welche entgegenzuſetzen. Aber vermoͤge eines mir unbegreiflichen Verhaͤngniſſes hat Cherubim, der, wenn er ein huͤbſches Geſichtchen ſieht, vor Bewunderung aufſchreit, der in alle meine vier Taͤn⸗ zerinnen raſend verliebt ſchien... der keiner huͤbſchen Griſette begegnet, ohne geruͤhrt zu werden, kurz, der ſich benimmt, als ob er ins ganze weibliche Geſchlecht verliebt waͤre, noch nicht das geringſte Liebesverhaͤltniß angeſponnen, noch keine Geliebte auserwaͤhlt. Ich habe ihm zwanzig Mal vorgeſchlagen, ihn zu Malvina, zu Roſina oder Foedora zu fuͤhren!... anfangs war er ge⸗ neigt, ſpaͤter ſchlug er's aus und ſagte: Ein ander Mal! wir wollen ſehen, ich darf nicht!... und meine Scherze, meine Verhoͤhnungen waren unfaͤhig, ſeine Schuͤchternheit zu beſiegen. So weit bin ich nun; Du ſiehſt ein, daß ich Grund zu der Behauptung habe, Deine Schurkerei habe mich in eine mißliche Lage verſetzt.“ 3 Poterne, der Darena aufmerkſam zugehoͤrt hatte, ſchien uͤber das eben Vernommene in Nachdenken zu verſinken und antwortete endlich: „Wenn der junge Mann noch kein Liebesverhaͤltniß eingegangen hat, ſo ruͤhrt das wahrſcheinlich daher, weil ihm noch kein Frauenzimmer vorgekommen iſt, in das er ſich wirklich haͤtte verlieben konnen... dazu taugen 106 Ihre Taͤnzerinnen nicht, die ſich ihm beinahe nachwarfen .... ſo verfuͤhrt man ein ganz friſches Herz, das Taͤuſchungen... und Leidenſchaft verlangt... nicht... Seien Sie beruhigt, ich will finden, was er braucht... in Kurzem werde ich ihn zu einer ſehr romantiſchen... ſehr verwickelten Liebſchaft verleiten...“ „— Bedenke, daß Du Dich nicht mehr vor ihm ſehen laſſen darfſt, er iſt wuͤthend auf Dich und wuͤrde Dich mit Hundstritten hinaus jagen... beherzige das!“ „— O] ſeien Sie getroſt, wenn ich mich ihm aber⸗ mals nahe, ſo will ich dafuͤr ſorgen, daß er mich nicht erkennt.“ „— Poterne, wenn es Dir gelingt, im Herzen un⸗ ſeres Juͤnglings eine leidenſchaftliche Liebe anzufachen, ſo gewinnſt Du meine Achtung wieder.“ „— Ja, ja, das wird mir gelingen!... Sie muͤſſen mir aber vor allen Dingen Zeit laſſen, ein huͤbſches Maͤd⸗ chen aufzufinden... und mich dann verſichern, daß.... Ei, Bruno!... Bruno!... wo laͤufſt Du hin, kleiner Schelme.“ Waͤhrend der zwiſchen Darena und Poterne ſtattfin⸗ denden Unterredung hatte der kleine Knabe, der recht gut begriff, daß es ſich nun nicht mehr, wie ihm verſprochen worden, darum handle, ihn einen Affen ſpielen zu laſſen, allmälig ſein Coſtuͤm ab⸗ und ſeine gehorigen Kleider wieder angezogen; nach Beendigung dieſer Toilette aber, mit dem Vermuthen, man cichte keine Aufmerkſamkeit auf ihn, das Affenfell ſammt der Larve unter ſeinen Arm gewickelt und mit demſelben ſo eben das Zimmer verlaſſen. „Mein Fell!... mein Affenfell! Bruno!...“ rief 107 Herr Poterne, ihm auf den Hausgang nachrennend. „Wart, kleiner Lump... ich will es ſchon bekommen.“ Aber Bruno, der in Folge ſeines unterrichts als Affe in gymnaſtiſchen Uebungen eine außerordentliche Gewandt⸗ heit erlangt hatte, eilte die Treppe ſo flink hinab, daß er ſchon ganz unten war, ehe Poterne ein paar Tritte gemacht hatte; deſſen ungeachtet ſetzte dieſer ſeinem jun⸗ gen Diebe weiter nach, und während Darena uͤber dieſes Abenteuer lachend auf ſein Zimmer ging, verfolgte Herr Poterne den kleinen Stiefelwichſer auf der Straße und ſchrie: „Mein Fell!... mein Fell!... Haltet den kleinen Schelmen feſt, der mir mein Fell ſtehlen will!“ Achtes Kapitel. Rathſchlaͤge eines Freundes. In ſein Haus zuruͤckgekehrt, ließ Cherubim Jasmin vor ſich kommen und ſagte zu ihm: „— Wenn Poterne es wagte, ſich wieder hier zu zeigen, ſo gebe ich Dir den Befehl, ihn zur Thuͤre hin⸗ auswerfen und ſogar, wenn Dir's gefaͤllt, durch den Portier durchpruͤgeln zu laſſen... Du darfſt ihn aber nicht ſelber hauen, denn Du biſt zu alt und er wuͤrde Dir die Streiche heimgeben.“ Jasmin ſtieß einen Jubelſchrei aus und rief: „Was! wirklich, gnaͤdiger Herr... ohne ihm den Affen abzunehmen?“ 108 „O! ich verbiete Dir vor allen Dingen, ihm irgend Etwas abzunehmen.“ Dann erzaͤhlte Cherubim ſeinem alten Diener, was ihm begegnet war. „Sehen Sie, gnaͤdiger Herr, daß dieſer Poterne ein elender Betruͤger iſt... ich war's uͤberzeugt... das ſo⸗ genannte indiſche Eingemachte... ließ ich Mamſell Tur⸗ lurette verſuchen... es hat ihr ſchreckliche Leibſchmerzen verurſacht, und ſie iſt ſeitdem unwohl. Ich fuͤrchte ſehr, daß Alles, was Sie von dieſem Poterne gekauft haben, dieſer Uhr gleicht!... Und dieſer Herr Darena, deſſen Geſchaͤftsmann er iſt!... Hm!...“ „— Darena war noch weit aufgebrachter uͤber dieſen Menſchen, als ich... er wird ihn tuͤchtig zerblaͤuen. Auch er wurde von ihm betrogen; er iſt unſchuldig.“ „— Gleichviel, mein lieber Herr, ich achte Ihren andern Freund, Herrn von Monfreville, weit mehr. Ach! wel⸗ cher Unterſchied! er borgt nicht auf Ihre Rechnung beim Schneider... haͤngt Ihnen nichts an... und laͤßt Sie nicht durch ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer betruͤgen.“ Cherubim laͤchelte uͤber Jasmins Bemerkungen, aber nicht der leiſeſte Gedanke ſtieg in ihm auf, daß Darena Mitwiſſer von Poterne's ſchaͤndlichen Handlungen ſein könnte; Cherubims Herz war zu offen, zu vertrauens⸗ voll, um ſolche Liſt und Treuloſigkeit zu argwoͤhnen und er haͤtte nicht an den erbaͤrmlichen Betrug Poterne's geglaubt, wenn er ihm nicht ſo klar bewieſen worden waͤre. Was Herrn Gerondif anbetrifft, der die eine Haͤlfte ſeiner Zeit ſchlief, die andere bei Tiſche zubrachte und 109 8 Abends Mamſell Turluretten Verſe von Voltaire oder Racine vorlas, die er fuͤr ſeine eigenen ausgab, ſo rief er aus, als er Poterne's ſchlechte Handlung erfuhr: „Dieſer Menſch hat das fuͤnfte Buch Moſis nicht geleſen, wo es heißt: non furtum facies!... oder hat er es ſchlecht uͤberſetzt.“ Einige Tage nach dieſer Begebenheit beſuchte Mon⸗ freville, kaum vom Lande zuruͤckgekommen, Cherubim ſogleich; beim Anblick der Jagdhunde, der Papageien, der Schildkroͤte, Stoͤcke, gothiſchen Vaſen und aller ſoge⸗ nannten merkwuͤrdigen Gegenſtaͤnde, womit das Haus ſeines jungen Freundes angefuͤllt war, aͤußerte er ein Erſtaunen, welches durchaus keiner Bewunderung glich, und ſagte zu Cherubim: „Ei, mein Gott, welchen Einfall hatten Sie, all dieſe Geſchichten zu kaufen...“ „Es boten ſich Gelegenheiten dar..... man ver⸗ ſicherte mich, ſie ſeien wunderſchon!...“ „— Wunderſchoͤn! abſcheulich... hoͤchſt geſchmacklos . ohne allen Werth... Ihre Papageien ſind alte Weibchen, Ihre Hunde elende Baſtarde, die ich nicht zum Huͤhnerhuͤten halten moͤchte! ſogar Ihre Stocke ſind nichts, als gewoͤhnliche Stecken; dies iſt kein aͤchtes Stechpalm . dies war nie ein ſpaniſches Rohr...“ „Was habe ich geſagt?“ rief Jasmin aus.„Dieſer Poterne war ein elender Spitzbube... er hat uns im⸗ mer angefuͤhrt... wie mit den Kleinodien... Gnaͤdiger Herr! erzaͤhlen Sie doch dem Herrn die Geſchichte mit der Uhr.“ Cherubim theilte Monfreville das Vorgefallene mit. „— Seit ich weiß, daß Sie dieſe Sachen von Po⸗ terne gekauft haben, wundere ich mich uͤber nichts mehr! .. Kommen Sie immer noch mit Darena zuſammen?“ „Ja wohl,“ entgegnete Cherubim.„Er war im höchſten Grad entruͤſtet uͤber das Betragen ſeines Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrers, und hat mir nachher geſagt, daß er ihn durchgepruͤgelt und aus dem Hauſe gejagt habe.“ Monfreville laͤchelte, nahm Cherubim bei der Hand und ſprach: „Mein Freund, Sie ſind noch ſehr jung.... und können die Welt noch nicht kennen; dieſe Kenntniß der Welt, welche man, wenn man nicht in der fruͤhen Ju⸗ gend ſchon einen ſtarken Beobachtungsgeiſt beſitzt, nur durch Erfahrung und Gewohnheit erlangt, verurſacht uns mehr Leid als Annehmlichkeit!... denn die Men⸗ ſchen ſind ſelten, was ſie ſcheinen wollen; die Offen⸗ herzigkeit wird in der Geſellſchaft nicht als eine Tugend geſchaͤtzt, ſondern man wuͤrde im Gegentheil den, der ſeine Meinung, auf die Gefahr hin, die Eigenliebe oder die Empfindlichkeit eines Andern zu verletzen, frei her⸗ ausſagte, entweder fuͤr einen Dummkopf oder fuͤr einen Grobian halten; man findet Leute— die nur ſchone Reden und ſchmeichelhafte Worte im Munde fuͤhren— liebens⸗ wuͤrdig und kuͤmmert ſich keineswegs darum, ob ſie auch denken, was ſie ſprechen. Jedes handelt in der Welt, wie es von ſeinen Intereſſen oder Leidenſchaften angetrie⸗ ben wird, und Denjenigen, welche ihre Tugend, Ehre und Redlichkeit am meiſten heraushaͤngen, darf man ge⸗ rade am wenigſten trauen; denn wirklich tugendhafte und rechtſchaffene Leute finden es ganz natuͤrlich, ſo zu ſein, —. 111 und halten es fuͤr hoͤchſt uͤberfluͤſſig, ſich deſſen zu ruͤh⸗ men. Ich habe Ihnen dieſes nicht fruͤher geſagt, weil ich Ihnen nur ungern jene Taͤuſchungen raube, die uns beim Eintritt ins Leben umgeben und den Reiz deſſelben ausmachen, aber ich nehme zu viel Antheil an Ihnen, als daß ich mich nicht bemuͤhen ſollte, Sie vor den Schlin⸗ gen zu ſchuͤtzen, die ihnen gelegt werden koͤnnten.“ „Wie, Herr von Monfreville,“ verſetzte Cherubim mit betruͤbter Miene,„darf man Niemand in der Welt trauen?“ „— Das will ich nicht behaupten... ich will keinen Menſchenfeind aus Ihnen machen, Gott ſoll mich davor bewahren! aber ich rathe Ihnen, vorſichtig in der Wahl Ihrer Freunde zu ſein.“ „— Herr Gerondif hat mir oft geſagt, wenn man gelehrt ſei, habe man nichts zu fuͤrchten, denn ein Ge⸗ lehrter konne nie betrogen werden, da er ja mehr wiſſe, als andere Leute.“ „— Ich weiß nicht, ob Ihr Hofmeiſter in ſeinen Wiſſenſchaften ſtark iſt, in der Kenntniß des menſchlichen Herzens wenigſtens iſt er es nicht. Außerdem kann man ſehr gelehrt ſein, ohne einen Funken Geiſt zu haben, wo⸗ von alle Tage Beweiſe geliefert werden; endlich laſſen ſich die geiſtreichſten Menſchen am leichteſten hintergehen, was ohne Zweifel von der Vorſehung zur Entſchaͤdigung der Dummkopfe ſo gefuͤgt wurde.“ 3 „— Alſo hegen Sie die Ueberzeugung, daß man mich hintergehen wolle?“ „— Sie ſind jung, reich und haben ſehr wenig Er⸗ fahrung. Es gibt eine Menge Leute, welche dieſe uUm⸗ 112 ſtaͤnde zu ihrem Vortheil benuͤtzen wollen. Was ich Ihnen hier ſagte, iſt betruͤbend... Sie werden aber ſpaͤter ein⸗ ſehen, daß ich Recht hatte. 7 2 „— Wurden Sie oft hintergangen, Herr von Mon⸗ freville?“ 4 Dieſe einfache Frage nöthigte Monfreville ein Laͤcheln ab, er ſeufzte indeß, als er entgegnete: „Wie jeder Andere, mein Freund..... glauben Sie mir, hangen Sie ſich nicht ſo ſehr an Darena... ich rede ungern Uebles von meinem Naͤchſten... aber je mehr ich den Grafen beobachte, deſto mehr ſehe ich ein, daß ſeine Bekanntſchaft nicht recht fuͤr Sie taugt.“ „— Er iſt jedoch ſehr liebenswuͤrdig, unterhaltend und geiſtreich!“ „— Ich weiß es wohl, und das macht ihn eben um ſo gefaͤhrlicher... er hat gewiß ſchon Geld von Ihnen entlehnt, nicht wahr?“. „— Ja.. einige Male.. 8 „— Er wird es Ihnen nie zuruͤckgeben.“ „— Sie glauben?... zum Spielen auf. 4 „— Ja, er hat mir oft den Vorſchlag gemacht.“ „— Das iſt die verheerendſte Leidenſchaft... Er iſt 2 „— Ich bin's uͤberzeugt;... er fordert Sie ſtets ein Spieler... und hat ſich dadurch ruinirt. Wenn man ſo weit gekommen iſt, ſo ſucht man auch haͤufig Andere zu ruiniren; denn zur Auffindung von Mitteln, die zur Befriedigung ſeiner Leidenſchaft dienen, ſchont ein ungluͤck⸗ licher Spieler nichts und ſucht ſich oft auf ſehr ruͤckſichtsloſe Weiſe Geld zu verſchaffen, und auf dieſem Punkte iſt Darena.”“ 115 1 ic gar nicht.. Ich verliebe mich in alle, die iht ſ wenn ſie huͤbſch ſind!... „— Es ſcheint mir jedoch, als haͤtten Sie noch kein Verhaͤltniß angeſponnen... Mir iſt keine Liebſchaft von Ihnen bekannt.“ 3 A 5,„— Nein.. weil... es mir an Muth fehlt, einer Frau zu ſagen, daß ich ſie liebe... Wiſſen Sie, daß dazu viel Keckheit gehoͤrt!...“ ⁸ — Ach! ach!... das iſt die Folge eines ſechzehn⸗ ſührigen Aufenthalts bei Ihrer Amme!... Sie muͤſſen dieſe Schuͤchternheit ablegen, die Ihnen beſ nders bei dem ſchoͤnen Geſchlechte eher nachtheilig, als vortheilhaft waͤre. Sie haben achtzehn Jahre zuruͤckgelegt, es iſt Zeit, daß Sie die Welt aufſuchen und ſich zeigen. Nicht mit Griſetten und Theater⸗Figurantinnen muͤſſen Sie die Schule Ihrer Liebe beginnen!... Es ſteht Ihnen etwas Beſſeres zu Gebote; in der hohen Geſellſchaft, bei der ich Sie einfuͤhren will, werden ſich tauſend Frauen Ihre Eroberung ſtreitig machen, und dies iſt wenigſtens zugleich eine Ehre fuͤr Sie. Sie muͤſſen nun auch etwas Anderes kennen lernen, als die Theater, Kaffee⸗ und Gaſthaͤuſer in Paris; in den Salons lernt man Bildung, und ich werde Sie in ſolche fuͤhren, wo Sie Gelegenheit haben, ſich die Manieren der vornehmen Welt anzueignen. Mit Ihrem Namen werden Sie uͤberall Aufnahme finden. Die Saiſon der Soireen iſt eingetreten. Madame Celival hat ihre Reunions eroͤffnet, die hoͤchſt glaͤnzend ſind. Man trifft die auserleſenſte Geſellſchaft der Stadt bei ihr; ich werde Sie derſelben vorſtellen.“ Cherubim bebte beim Gedanken, in die Welt zu 7 ⸗ 116 treten; er fuͤrchtete, verlegen, linkiſch und wortlos zu ſein; aber Monfreville ermuthigte ihn, verſprach, ſein Fuͤhrer zu ſein, und in ſeiner Naͤhe zu bleiben, und der Juͤngling willigte endlich ein, ſich in die Soiree der Madame Celival fuͤhren zu laſſen. Der Tag ruͤckte fuͤr Cherubim, der noch nie in einer Soiree geweſen war, und den ſchon der Gedanke, ſich in einer ſo großen Geſellſchaft zu befinden, wo er den Blicken und Beobachtungen Aller ausgeſetzt ſei, im In⸗ nerſten erſchuͤtterte, ſehr ſchnell herbei. „Was ſoll ich ſprechen 2..“ war Cherubims Haupt⸗ ſorge, daher ging er, waͤhrend er auf Monfreville's An⸗ kunft harrte, zu Herrn Gerondif, ihn um Rath zu fragen, was ein junger Mann, der zum erſten Mal in Geſellſchaft komme, zu ſagen habe. Herr Gerondif lernte eben Lafontain'ſche Verſe aus⸗ wendig, die er nachher Mamſell Turlurette vortrug, mit der Behauptung, es ſeien ſeine eigenen. Der Hofmeiſter liebte die Haushaͤlterin nicht, er fand ſie fuͤr ſich zu ſehr entwickelt, und ſtrebte uͤberdies nach einem andern Ziele; aber Mamſell Turlurette hatte das Zuckerbackwerk, die eingemachten Sachen und Likore unter ihrer Aufſicht, wornach Herr Gerondif ſehr lecker war. Als der Hofmeiſter ſeinen Zoͤgling in ſein Zimmer treten ſah, war er ganz erſtaunt; ſeit ſie ſich in Paris befanden, hatte ihn Cherubim noch nicht beſucht; er glaubte, der Marquis wolle ſeinen Lehrkurs wieder fort⸗ ſetzen, und ſagte zu ihm: „Mein edler Zoͤgling, Alles iſt gerichtet... Ich bin ſtets in Erwartung.. Ich habe Auszuͤge aus der Ge 117 ſchichte, der Mythologie und der Geologie fuͤr Sie ge⸗ macht... Ich beſchaͤftige mich fortwaͤhrend mit Ihnen. Da Sie gegenwaͤrtig das Pantoffelſpiel lernen, ſo forſche ich in Plutarchs beruͤhmten Maͤnnern nach dem urſprung deſſelben... Ich finde zwar den Kampf mit dem Streithandſchuh, den Fauſtkampf und den Waettkampf, aber das Pantoffelſpiel kann ich nicht finden.. „Ich danke Ihnen, Herr Gerondif,“ entgegnete Cherubim,„davon handelt es ſich nicht. Dieſen Abend wird mich Herr von Monfreville in die große Welt ein⸗ fuͤhren... Er behauptet, es ſei nothwendig, daß ich hingehe und den Ton der guten Geſellſchaft annehme; er mag Recht haben, und ich verſprach, ihm Folge zu leiſten. Aber was ſpricht man in ſolcher Umgebung?... Wie muß man ſich benehmen?... redet man unbe⸗ kannte Perſonen an?... Ich dachte, Sie werden mich darin unterrichten konnen, da Sie ſo vielerlei wiſſen.. bisher war ich nur im Schauſpiel, in Concerten, Kaffee⸗ haͤuſern... und muß Ihnen geſtehen, daß ich mich ſehr fuͤrchte, in Geſellſchaft dumm zu erſcheinen.“ 4 „Dumm!“ rief Herr Gerondif,„das iſt unmoͤglich, Sie vergeſſen, daß Sie mein Schuͤler ſind.. Sie ſind im Horaz und Virgil nicht ſo bewandert, wie ich, es ſind Ihnen aber manche Stellen daraus bekannt... dieſe wenden Sie an, wenn Sie mit Maͤnnern ſprechen. Gegenuͤber von Frauen iſt's etwas Anderes; bei dieſen bedienen Sie ſich jener bildlichen, ausſchmuͤckenden Re⸗ densarten... vergleichen Sie dieſelden mit Venus, Diana, Juno oder Hebe, und Sie werden ſicher ein auffallendes 118 Gluͤck machen. Inzwiſchen will ich Sie, wenn's Ihnen recht iſt, begleiten, mich hinter Sie ſtellen und Ihnen einblaſen.“ Cherubim findet es überflüſſig, ſich von ſeinem Hof⸗ meiſter in Geſellſchaft begleiten zu laſſen; er ſetzt voraus, Monfreville halte Wort und gehe nicht von ſeiner Seite. Dieſer kam zur bezeichneten Stunde, um ſeinen jungen Freund abzuholen. Monfreville war hoͤchſt geſchmackvoll gekleidet; ſeine ſchlanke, wohlgeformte Taille umſchloß ein ſehr paſſender Frack, den er mit aͤußerſter Eleganz trug. Beim Anblick ſeiner jugendlichen Geſtalt, ſeiner braunen Haare und ſeines noch reizenden Angeſichtes hielt man den beinahe vierzigjaͤhrigen Mann kaum fuͤr einen Dreißiger. Cherubim, der nach der neueſten Mode gekleidet war, hatte in ſeinem Weſen noch etwas von jener Schwer⸗ faͤlligkeit, die man auf dem Lande beibehaͤlt; da er uͤbri⸗ gens einen ſehr guten Wuchs und ein huͤbſches Geſicht hatte, ſo glich ſein linkiſches Benehmen oft der naiven Koketterie eines Schuͤlers. Man ſtieg in den Wagen, und Monieeville ſagte zu ſeinem jungen Freunde: „Ich fuͤhre Sie in der großen Welt ein. Um eine Ihnen ſchaͤdliche Schuͤchternheit abzulegen, muͤſſen Sie nie vergeſſen, daß Sie aus eben ſo gutem Hauſe ſind, wie alle Anweſenden, und daß Ihr Reichthum und Stand Sie unabhaͤngig macht. Wenn man dieſe Ueber⸗ zeugung haben kann, tritt man in der Welt ſehr ſicher auf; manche Leute uͤbertreiben es ſogar. Hinſichtlich der Ihnen zugetheilten Vorzuge, die nicht Jedem gewaͤhrt — 119 werden konnen, däͤchte ein Philoſoph: Warum ſoll ich mich durch den Titel dieſes oder das Vermoͤgen jenes Menſchen einſchuͤchtern laſſen 2... ſind ſie nicht alle Menſchen wie ich? Stellen wir uns all' dieſe ſo ſtolzen, ſo eiteln Leute im Coſtuͤme unſerer Ureltern im Para⸗ diesgarten vor, nehmen wir ihnen ihren Schmuck, ihre Diamanten, ihre reichen Kleidungen, worin oft ihr ganzer Werth liegt... wuͤrden ſie mir dann imponiren? „Nein, wahrhaftig nicht; wahrſcheinlich wuͤrden ſie mich zum Lachen bringen und weiter nichts. Mein lie⸗ ber Freund, es braucht nur einige Reflexionen dieſer Art, um ſich ganz ungenirt in der hoͤchſten Geſellſchaft zu befinden.“ „Sie floͤßen mir Muth ein,“ ſagte Cherubim,„mit den Maͤnnern ſpreche ich dann lateiniſch und gegenuͤber von Frauen ſtelle ich Vergleiche mit Venus, Diana, Phoͤbe an... Herr Gerondif hat mir dies gerathen.“ „— Wenn Sie ſich dem Spotte preisgeben wollen, iſt das das ſicherſte Mittel... ich vermuthete läͤngſt, Ihr Hofmeiſter ſei ein Dummkopf, jetzt bin ich es uͤber⸗ zeugt.“ „— Aber, mein Gott, was ſoll ich ſagen... wenn man mit mir ſpricht?“ „— Antworten auf das, was man Sie fraͤgt.“ „— Aber wenn ich nicht weiß, was ich antworten ſoll... wenn mir nichts einfaͤllt.“ „— Dann ſchweigen Sie. Man iſt nie dumm in der Welt, wenn man zu ſchweigen weiß; es gibt ſogar Leute, die es dem Schweigen verdanken, daß man ſie fuͤr geiſtreich haͤlt.“ 3 120 „— Aber gegenuͤber von Damen, wenn ich ſchoͤne ſehe.. die mir gefallen?“ „— Sagen Sie Ihnen das mit den Augen; Sie verſtehen das ſehr gut.“. „— Wenn ich ſie aber kennen lernen... ihnen den Hof machen will?“ „— Dann ſagen Sie, was Ihnen in den Kopf kommt... nur ſuchen Sie nicht geiſtreich zu ſein, man wuͤrde Sie hoͤchſt langweilig finden.“ „— Wenn mir aber nichts in den Kopf kommt..“ „— So bleibt Ihnen immer das Schweigen und Liebaͤugeln: es gibt Leute, die dabei ſtehen bleiben...“ „— Wie iſt aber die Dame, zu der Sie mich fuͤhren... 2“ 8 „— Ach! in der That, ich muß Ihnen eine Schil⸗ derung von ihr machen: Madame Celival iſt ungefaͤhr ſechsunddreißig Jahre alt, aber noch ſehr huͤbſch; eine intereſſante Bruͤnette, deren Augen voll Ausdruck ſind; ſie hat eine wunderſchoͤne Taille und herrliche Formen; es liegt etwas Verfuͤhreriſches, Wolluͤſtiges in ihrem Weſen, das alle Maͤnner anzieht. Außerdem iſt Madame Celival kokett, und ſoll gegen die, welche fuͤr ſie ſchmach⸗ ten, nicht die Grauſamſte ſein. Dies wird jedoch nur im Vertrauen geſagt; ſie iſt uͤbrigens Herrin ihrer ſelbſt . Wittwe eines Generals... od aber eines wirklichen Generals, der exiſtirt und ihr ein ſchoͤnes Vermoͤgen ohne Kinder hinterlaſſen hat. Sie werden begreifen, daß es der huͤbſchen Wittwe nicht an Anbetern fehlt.. doch Achtung, wir ſind an Ort und Stelle!“ ꝓ&h ueaERRMRüRVx 2 1 3 15 1 7 ſiſſnſſſiſſſſiſſ 3 1 6 1 8 9 10 11 1