u V V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Oitensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:... 1 für wöchentlich Bücher: ⁴. Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Wic.— Pf. 1 wer. 59 Pf. 2 ur.— Pf. „3*„=„ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorsne oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ansloihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſondere darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-——— — Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Fuͤnfter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler 1843. —— ſchüchterne Liebh aber. Paul de Kock. Deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Scheible, Erſter Theil. Der Von von „Die Furchtſamkeit iſt ein Fehler, woruͤber der damit Behaftete nicht ohne Gefahr getadelt werden kann.“ La Rochefoucauld.— Maximen. So⸗ Stuttgart: Rieger& Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Alte Neuvermaäͤhlte. Es war im Jahr achtzehnhundert und achtzehn, ich will nicht ſagen gluͤckſeliger Erwaͤhnung, weil ich mich nicht entſinne, ob dieſes Jahr geſegneter war, als ein anderes; wahrſcheinlich war es geſegnet fuͤr gewiſſe Leute und das Gegentheil fuͤr viele andere; denn bisweilen, haͤu⸗ fig, ja faſt immer erzeugt dieſelbe Urſache zwei entgegenge⸗ ſetzte Folgen, das heißt, was dem Einen Gluͤck bringt, das bringt dem Andern Ungluͤck. Doch ſo war es von ieher und wird ohne Zweifel ſo ſein bis ans Ende der Zeit... wenn uͤberhaupt die Zeit je ein Ende nehmen ſoll. Die Natur gefällt ſch in Gegenſätzen, Contraſten . ich kann nicht errathen warum; was mich indeß nicht hindert, zu glauben, daß ſie Recht hat; denn die Natur thut jeder Zeit vortrefflich, was ſie thut. Es war alſo im Jahr achtzehnhundert und achtzehn. In einem alten Edelſitze der Vorſtadt St. Germain, gelegen... ich weiß nicht mehr in welcher Straße,— das thut auch nichts zur Sache,— war eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt; man tanzte, man vergnuͤgte ſich, oder ſchien es wenigſtens; denn man iſt nicht immer, was man ſcheint; kurz, man beging feierlich eine Hochzeit. Es war die des Herrn Marquis von Grandyvilain mit Fraͤulein Amenais Dufoureau. Es befand ſich dort ein auserleſenes Orcheſter, wobei man indeß keine Klapphoͤrner hoͤrte, weil dieſes Inſtru⸗ ment damals noch nicht auf unſern Baͤllen vorherrſchte; die Geſellſchaft war gleichfalls auserleſen; man tanzte mit jenem Anſtande, jenem Ernſte, jener ſchoͤnen Haltung, um derenwillen der franzoſiſche Tanz nicht ergötzlich iſt, woher das Sprichwort kommt, daß das heiterſte Volk der Erde am wenigſten heiter tanze. Allerdings hat ſich ſeit jener Zeit ein gewiſſer, bei weitem ungebund'nerer Tanz aus der Kneipe in die Mas⸗ kenbaͤlle eingeſchlichen und von da in einige Salons ein⸗ geſchmuggelt,— ein Tanz, der reizend waͤre und wirk⸗ lich einen Charakter haͤtte, wenn nicht die meiſten, welche ihn ausfuͤhren, die Grazie mit der Poſſe und die Unge⸗ zwungenheit mit der Frechheit verwechſelten. Dieſer Tanz indeß hatte ſich nicht auf die Hochzeit des Herrn Marquis von Grandvilain verirrt. Auch verſetzte der Braͤutigam die Taͤnzerinnen nicht in Athem; er lief nicht von einer zur andern, um ſie aufzufordern und ihnen die Hand zu bieten. Nachdem er den Ball mit ſeiner Gemahlin eroffnet hatte, warf er ſich in einen ungeheuren Lehnſeſſel und begnuͤgte ſich, von da aus den Andern zuzuſehen, wobei er den Damen zulachelte und den Takt mit dem Kopfe ſchlug. Ohne Zweifel iſt man uͤber das Betragen des Braͤu⸗ tigams erſtaunt und moͤchte den Grund davon kennen; das Erſtaunen wird aufhoͤren, ſobald ich bemerke, daß — —— — an ſeinem Vermaͤhlungstage Herr von Grandvilain in ſein neunundſechzigſtes Jahr trat. Daß Einer in ſolchem Alter nicht mehr zu denjenigen raſend leidenſchaftlichen Taͤnzern gehoͤrt, welche nicht vom Platze weichen, zu jenen Cavalieren, welche auf ſechs Quadrillen zum Voraus engagiren, begreift ſich leicht. Vielleicht wird man noch einwenden, daß in dieſem Falle der Herr Marquis zum Behuf des Eheſtandes nicht juͤnger war als fuͤr den Ball.. andaß es eine Narrheit iſt, ſich im neunundſechzigſten Jahre zu verheirathen! Je nun, was weiß der Leſer davon?... iſt ihm das begegnet? und waͤre es ſelbſt eine Narrheit: was iſt denn Schlimmes an den Narrheiten, wenn ſie uns gluͤck⸗ lich chen? Die naͤrriſchſten Leute ſind zuweilen die weiſeſten. 6 3 Laßt uns heirathen, ſo lange wir Luſt dazu haben, und tanzen, ſo lange wir es konnen! Cato lernte mit ſechzig Jahren tanzen. Plato hielt eine Lobrede auf den Tanz, und man weiß es ja, daß der Koͤnig David Luftſpruͤnge vor der Bundesla de her machte... Das war, ich gebe es zu, eine ſeltſame Ma⸗ nier, Glauben und Froͤmmigkeit auszudruͤcken; ich nehme daher gerne an, daß David zum mindeſten jenen Tanz nicht kannte, von welchem ich kaum erſt ſprach. Um auf den Braͤutigam zuruͤckzukommen, ſo verdiente der Marquis von Grandvilain ſeinen großen bengelhaften Namen nicht, denn er war von mittlerem Wuchſe und feiner Taille; einſt durfte man ihn ſehr wohlgeſtaltet nennen; noch immer blieb ihm ein huͤbſches Bein und fuͤr einen Mann, der ein Weib nimmt, genugſam Wade. r Sein etwas ſchoͤpſenartiges Angeſicht ermangelte we⸗ der des Adels noch der Anmuth; ſeine Zuͤge waren regel⸗ maͤßig, ſeine einſt ſogar aͤußerſt ſchoönen Augen hatten einen liebenswuͤrdigen Ausdruck beibehalten; ſein Laͤcheln endlich war immerhin noch einigermaßen ſchalkhaft. Man ſieht, dieſer Herr war keineswegs ſo mittellos, als man nach ſeinen Jahren vermuthen koͤnnte, und daher ſehr zu entſchuldigen, daß er auf ſeine Heirath gedacht hatte, um dieſe ſchoöͤnen Sachen in Nutzanwendung zu bringen. Amenais Dufoureau, welche ſich mit Herrn von Grandvilain vermaͤhlt hatte, trat eben in ihr vierund⸗ vierzigſtes Jahr, und war bis dahin Jungfrau geblieben! Jungfrau!.. begreifet ihr die ganze Bedeutung die⸗ ſes Wortes!.... es bezeichnet auch ein ganz friſches Herz, eine ganz friſche Seele, eine ganz friſche Liebe und Reize— ganz friſch, gleich dem kaum Gemeldeten! . eine Jungfrau von vierundvierzig Jahren und eine Blume, die noch nicht gepfluͤckt iſt... aber großer Gott! welch' eine Blume, und welche Zeit hat ſie gehabt, in Samen zu ſchießen!... Was mich betrifft, ſo geſtehe ich in aller Demuth, daß ich zehn verheirathete Frauen dieſes Alters einer ſo ſpaͤt zu pfluͤckenden Blume vorziehe. Wahrſcheinlich dachte der Herr Marquis von Grand⸗ vilain nicht wie ich. Man iſt unabhaͤngig in ſeinen Anſichten, und wenn wir Alle die gleichen haͤtten, ſo waͤre dieß hochſt langweilig; denn dann genoͤſſen wir nicht mehr das Vergnuͤgen, uns zu ſtreiten und zu zanken. Herr von Grandvilain hatte Fraͤulein Amenais Du⸗ foureau ſchon im Jahre achtundneunzig kennen lernen... — Damals war ſie erſt vierundzwanzig Jahre alt; es laͤßt ſich voraus ſetzen, daß ihr Herz wenigſtens eben ſo friſch war, wie im vierundvierzigſten, gewiß iſt aber, daß ihr Angeſicht friſcher war. Zu jener Zeit war Amenais ein ziemlich huͤbſches Frauenzimmer; fein, ſchlank, hochgewachſen, ihre ſchwar⸗ zen, hervortretenden Augen ſtrahlten von Geſundheit und Lebhaftigkeit, ihr etwas großer Mund oͤffnnete ſich oft zum Lachen, um zwei Reihen der ſchoͤnſten, tadelloſeſten Zaͤhne ſehen zu laſſen; kurz, obgleich ihre Naſe etwas dick, ihre Stirne etwas niedrig und ihre Farbe etwas braun war, bonnte Fraͤulein Dufoureau doch fuͤr eine aͤußerſt angenehme Perſon gelten. Herr von Grandvilain, der zu jener Zeit neunund⸗ vierzig Jahre zaͤhlte und ſich fuͤr einen jungen Mann anſah, weil er die Neigungen und den Charakter eines ſolchen noch immer beibehielt, hatte in den Geſellſchaften Amenais kennen gelernt und ihr die Cour gemacht; aber mit jenem Leichtſinne eines an Eroberungen gewoͤhnten Mannes, jener Sicherheit eines Roués, der nie Grau⸗ ſame gefunden hat; endlich mit jenem Selbſtbewußtſein eines Marquis, der einer kleinen Buͤrgerlichen viel Ehre zu erweiſen meint, wenn er einen Blick auf ſie fallen laͤßt. Fraͤulein Dufoureau war in der That nur von ein⸗ fachem Buͤrgerſtande; ihre Eltern, ehrliche Handelsleute, waren geſtorben und hatten ihr fuͤnfzehnhundert Livres Einkuͤnfte und ſehr gute Grundſaͤtze hinterlaſſen. Die fuͤnfzehnhundert Livres Einkuͤnfte waren freilich ein geringes Beſitzthum; aber im Vereine mit der Tu⸗ gend und Unſchuld dieſes Fraͤuleins bildeten ſie ein Hei⸗ rathsgut, welches gewiſſe junge, ſehr reiche Damen hoͤchſt verlegen waͤren, ihren Gatten darzubieten. Herr von Grandvilain, immer noch ſtolz und praͤch⸗ tig, umflatterte die Blume von vierundzwanzig Jahren. Fraͤulein Amenais fand den Marquis ſehr liebenswuͤr⸗ dig; ſie war geſchmeichelt durch ſeine Auszeichnung und ließ ihn ſogar bemerken, daß ihr Herz ſeine ſchonen Worte nicht gleichguͤltig aufnehme. Aber als es ihr klar wurde, daß er keineswegs daran dachte, eine Marquiſin aus ihr zu machen, wies ſie ihn ſtolz zuruͤck mit der Frage: „Mein Herr! fuͤr was halten Sie mich?“ Der Marquis, uͤber dieſen Widerſtand geaͤrgert, ent⸗ fernte ſich, eine Arie aus„Blaſius und Babette“ traͤllernd, welches damals eine neue komiſche Oper war; und die Opern der damaligen Zeit waren aus Melodien zuſammengeſetzt, welche man ſogar auf den Straßen wiederholte und ſang. Andere Zeiten! andere Muſik!. Herr von Grandvilain wendete ſeing Liebesblicke, ſeine Sehnſucht, ſeine Anbetung und ſein Herz nach einer an⸗ dern Richtung hin. Fraͤulein Amenais Dufoureau verbarg ihren Gram, ihre Seufzer und ihre Glut in der Tiefe ihrer Seele. Seht, wie gluͤcklich die Maͤnner ſind!... wenn ihnen eine Frau widerſteht, ſo eilen ſie zu andern;.. und es gelingt ihnen ſtets, einer Liebe los zu werden, welche ſie jedem huͤbſchen Geſichtchen anbieten. Gleich jenen Leuten, deren Taſchen vollgeſtopft von Geld ſind, und die ſagen: 11 „Ich kaufe was ich will... ich werde vom Schoͤnſten und Beſten erhalten, denn ich bezahle baar!“ Die rechtſchaffenen Frauen hingegen ſind genoͤthigt, Kredit zu verlangen; ſie wollen zwar allerdings ihre Liebe verſprechen, aber ſie wollen ſich nicht dazu verſtehen, dieſelbe gleich abzugeben. Sechs Jahre verſtrichen, in deren Laufe der Marquis, unaufhoͤrlich von Eroberung zu Eroberung flatternd und ſein Leben im Schooße des Vergnuͤgens hinbringend, die arme Amenais Dufoureau, welche ein ſehr friedliches, ſehr beſcheidenes Leben fuͤhrte und ſelten die Geſellſchaften beſuchte, wo Herr von Grandvilain zu treffen war, nicht mehr ſah. Nach Verlauf dieſer Zeit veranlaßte ein laͤndliches Feſt in der Umgegend von Paris ein Zuſammentreffen dieſer beiden Perſonen, die ſich nicht mehr aufgeſucht hatten. Der Marquis fand, daß Fraͤulein Amenais immer noch anmuthig war; Amenais konnte einige Seufzer, welche andeuteten, daß die Vergangenheit noch nicht gaͤnzlich vergeſſen ſei, nicht unterdruͤcken. Herr von Grandvilain zeigte ſich auf's Neue liebens⸗ wuͤrdig und ſuchte ſie auf's Neue zu verfuͤhren; er dachte, die Blume von vierunddreißig Jahren werde ſich leichter pfluͤcken laſſen, als die vierundzwanzigjaͤhrige. Aber er taͤuſchte ſich; er ſtieß auf dieſelbe Tugend, denſelben Wi⸗ derſtand, und doch verbarg man ihm nicht, daß er ge⸗ liebt ſei; allein man wollte Marquiſin werden und ſich nur ſeinem Gatten hingeben. Unſer Verfuͤhrer zog ſich abermals zuruͤck. Er reiste und blieb ſechs Jahre von Frankreich entfernt. Als er 12 zuruͤckkam, war er viel weniger faatterhaft und leicht⸗ ſinnig; ſein aͤußerer Anſtand immer noch ausgezeichnet, aber ſeine Bewegung langſam und ſchleppend. Indeſſen hielt ſich der Marquis, obgleich er nun einundſechzig Jahre zaͤhlte, fortwaͤhrend fuͤr ſehr verfuͤhreriſch. Es gibt Perſonen, die nicht altern wollen; ſie haben voll⸗ kommen Recht; aber dann hat die Zeit Unrecht. Herr von Grandvilain ſah Amenais Dufoureau wie⸗ der; ſie war immer noch Jungfrau, obgleich ſie ſechs⸗ unddreißig Fruͤhlinge hinter ſich hatte...(Man muß immer nach Fruͤhlingen zaͤhlen, dies verleiht einen jugend⸗ lichen Anſtrich.) War ſie unverheirathet geblieben, weil ſie keinen Mann gefunden hatte, oder weil ſie ihr Herz dem Marquis aufbewahren wollte?— Wir ſind zu galant, um zu bezweifeln, daß es aus einer andern als der letz⸗ tern Urſache geſchehen ſei, und der Marquis mußte die⸗ ſelbe Ueberzeugung haben, denn dies ſchmeichelte ſeiner Eigenliebe. Amenais war nicht mehr ſo ſchlank, ſo huͤbſch ge⸗ wachſen, wie mit vierundzwanzig Jahren; allein ſie war noch ziemlich friſch, und ihr Blick hatte, was er an Leb⸗ haftigkeit verloren, an Zaͤrtlichkeit gewonnen. Herr von Grandvilain, der ſtets mit Vergnugen die einzige Frau, die er nicht beſiegt hatte, wiederſah, fing von Neuem an, der Blume von ſechsunddreißig Jahren die Cour zu machen. Er war indeß nicht gluͤcklicher; dies laͤßt ſich leicht erklaͤren. Nachdem man die Kraft gehabt hatte, ihm zu widerſtehen, als er noch jung und huͤbſch geweſen, war es ſehr unwahrſcheinlich, daß man ſich ihm ergeben werde, — 13 wenn er alt und abgelebt ſei. Herr von Grandvilain, noch immer ſtolz und anſpruchsvoll, zog ſich, mit dem Schwure, nimmer wiederzukehren und mit dem Vorhaben, anderwaͤrts ſein Gluͤck zu verſuchen, abermals zuruͤck. Armer Verliebter! Sechzig Jahre vorbei und noch mit der Einbildung geſtraft, flatterhaft ſein zu konnen. Die Gelegenheiten, Amenais zu vergeſſen, boten ſich nicht mehr dar... Die Zeit verfloß, ohne Zerſtreuungen mit⸗ zubringen; alle Damen wurden fuͤr den Marquis eben ſo grauſam, wie Fraͤulein Dufoureau, und unſer alter Ver⸗ fuͤhrer dachte bei ſich: „Es iſt erſtaunlich, wie das ſchoͤne Geſchlecht ſich aͤndert!... Die Damen haben kein ſo empfindſames Herz mehr wie ehmals!“ Endlich entſchloß ſich der Marquis, zu Amenais zu⸗ ruͤckzukehren; ſie ging ihrem vierundvierzigſten Fruͤhling entgegen, und Herr von Grandvilain ſprach in ſeinem Sinne: „Wenn ich noch mehr Fruͤhlinge abwarte, wird es ſehr einem Winter aͤhnlich ſehen. Ich meinerſeits bin in einem Alter, wo man Ordnung wuͤnſcht... Fraͤulein Dufoureau iſt nicht von Adel, aber ſie iſt tugendhaft... Es ſind nun zwanzig Jahre her, ſeit ſie mich liebt, dies verdient eine Belohnung...... ich will ſie heirathen. Und unſer neunundſechzigjaͤhriger Verliebter bot end⸗ lich dem Fraͤulein, das er zwanzig Jahre fruͤher haͤtte heirathen konnen, die Hand an. Als der Marquis dem Fraͤulein Amenais ſeine Hand, ſein Herz und ſeine neunundſechzig Jahre antrug, hatte ſie gute Luſt, ihm zu entgegnen: 14 „uns heirathen jetzt! es iſt kaum noch der Muͤhe werth!... Indeſſen willigte ſie doch ein, und deßhalb feierte man im Jahre achtzehnhundert und achtzehn die Hochzeit des alten Liebespaares im Hauſe des Herrn von Grandvilain. Zweites Kapitel. Sinkleiner Grandvilain⸗ Kann man ſich, wenn man im neunundſechzigſten Jahre heirathet, ſchmeicheln, Erben zu bekommen und ſich in ſeinen Kindern wieder aufleben zu ſehen? Ich glaube nein... indeſſen iſt es wahrſcheinlich, daß man ſich im⸗ mer ſchmeichelt. Wenn ſolches der Fall iſt, wenn die Gattin eines Greiſen Mutter wird, ſo treffen den Ehmann allerlei Spottereien; indeſſen ſind die Witze und Scherze nicht immer am Platze.... in dieſer Sache iſt es ſehr ſchwie⸗ rig, Jemanden, der Zweifel hegt, zu uͤberzeugen, daß er Unrecht habe.... „Plus negare potest asinus, quam probare philosophus.“* Fuͤnf Monate waren es, ſeit Amenais Dufoureau Marquiſin von Grandvilain geworden, als ſie eines Mor⸗ gens ihrem Gatten erroͤthend mit niedergeſchlagenem Blicke und verlegener Miene entgegentrat und zu bemerken gab, daß ſie die Hoffnung habe, ihm ein Pfand ihrer Liebe zu ſchenken.„ * Ein Eſel kann mehr laͤugnen, als ein Philoſoph beweiſen. 15 Herr von Grandvilain ſtieß einen Jubelſchrei aus, erhob ſich, umarmte ſeine Frau, rannte im Zimmer umher, wollte einen Sprung machen und fiel auf den Boden; allein Madame half ihm wieder in die Hohe, und er begann von Neuem, tauſend Thorheiten zu machen, denn das Gefuͤhl der Freude ließ ihn ſein Alter vergeſſen. Er war ſtolz, einen Sohn zu erhalten; er hatte aber auch Grund dazu, um ſo mehr als die Tu⸗ gend ſeiner Frau ſo erhaben war, wie die der Gemahlin Caͤſar's; man konnte ſie nicht einmal verdaͤchtigen. Von dieſem Augenblick an beſchaͤftigte man ſich nur noch mit dieſem Kinde, welches noch nicht einmal ge⸗ boren war. Der Herr Marquis war der Ueberzeugung, daß es ein Knabe ſein werde. Um ſich in ſeinem Glauben zu be⸗ ſtaͤrken, ſprach er bei ſich: ein Gluͤck kommt nie allein. Die Frau Marquiſin war entzuͤckt, ein Kind zu be⸗ kommen. Ob Knabe oder Maͤdchen, ſie fuͤhlte, daß ſie die gleiche Liebe fuͤr daſſelbe hegen werde; allein um ihrem Gatten gefaͤllig zu ſein, ſchien auch ſie auf einen Knaben zu rechnen. „— Ich werde ihn ſelbſt ſaͤugen!“ ſprach Amenais laͤchelnd zu ihrem Manne. „Ja, ja, wir werden ihn ſaͤugen!“ wiederholte der Marquis,„wir werden ihn weit beſſer aufziehen, als es eine Saͤugamme koͤnnte!... was Teufels! Leute wie wir muͤſſen ſich beſſer darauf verſtehen als Bauersleute; wir werden einen Hauptkerl aus ihm machen! denn ich will, daß mein Sohn in allen Stuͤcken ſeinem Vater gleiche.“ und indem er ſo ſprach, ſtreckte der alte Marquis ſein 16 Bein vor und gab ſich Muͤhe, huͤbſch zu erſcheinen. Seit er wußte, daß ſeine Frau guter Hoffnung war, hielt er ſich fuͤr zwanzigjaͤhrig. Man kaufte ein praͤchtiges Kindszeug fuͤr den erwar⸗ teten Kleinen; man machte große Zuruͤſtungen zum Em⸗ pfange dieſes Sproͤßlings des Herrn von Grandvilain; ₰ der Taumel, dem man ſich hingab, war ſehr natuͤrlich. Da junge Eheleute die Geburt ihres Kindes feiern, um wie viel mehr muͤſſen es ſolche thun, die keine Hoffnung mehr haben, daß ſich ein aͤhnliches Ereigniß wiederholen werde. Je naͤher der Augenblick herbeikam, wo die Frau Marquiſin Mutter werden ſollte, um ſo eifriger umgab ſie ihr alter Gemahl mit Sorgfalt, Aufmerkſamkeit und Zuvor⸗ kommenheit; dies ging oft ſo weit, daß Frau von Grand⸗ vilain mit ihrer Freiheit auch den Geſchmack an ſolchen Galanterien verlor. Der Herr Marquis geſtattete nicht mehr, daß ſie zu Fuß ausging, er fuͤrchtete die mindeſte Anſtrengung fuͤr ſie, und ſorgte dafuͤr, daß ſie nichts aß, was ihr ſchaͤdlich ſein konnte, und dieſe Aufmerkſam⸗ keit wurde grauſam fuͤr Diejenige, welche der Gegenſtand derſelben war; denn in der einfachſten Sache erblickte der Marquis eine Gefahr, und ſie wurde ohne Gnade ver⸗ 4 hoten, ſo daß Frau von Grandvilain gegen das Ende ihrer Schwangerſchaft nur noch Brodſuppe erhielt, wel⸗ ches nach der Anſicht des Herrn Marquis die einzige ge⸗ ſunde und ungefaͤhrliche Nahrung fuͤr ſie war. Die Frau Marquiſin hatte zwar einen Arzt, der ein ganz entgegen⸗ geſestes Verhalten vorſchrieb, allein der Herr von Grand⸗ vilain folgte ſeiner Ueberzeugung mehr, als der des Arztes, und mit dem zunehmenden Alter wurde er ſehr eigen⸗ ſinnig. Endlich brach der große Tag Lh1.2r es war Zeit fuͤr die arme Marquiſin, die hoͤchſt unzufrieden ſchien, nur Brodſuppe eſſen zu duͤrfen. Amenais gebar einen Sohn. Herr von Grandvilain hatte ſich nicht ſtark genug gefuͤhlt, bei ſeiner Frau zu verweilen, waͤhrend ſie in Kindesnoͤthen lag. Aber ein Bedienter, der fruͤher Jokey, dann Auf⸗ waͤrter, dann Kammerdiener des Marquis war und nun ſein fuͤnfzigſtes Jahr erreicht hatte, eilte herbei, ihm dieſe große Nachricht zu verkuͤnden. Als er ſeinen alten Jasmin erblickte, deſſen rothes, finniges Geſicht noch einfaͤltiger war, denn gewoͤhnlich, rief ihm der Marquis zu: „— Nun! Jasmin?.. iſt's voruͤber?“ „— Ja, Herr Marquis... es iſt vorbei! Ach! wir haben viel ausgeſtanden, aber nun iſt's vorbei.“ Man weiß, daß die Dienerſchaften großer Haͤuſer faſt allgemein, wenn ſie von Dingen ſprechen, die ihre Herr⸗ ſchaft betreffen,„uns“ zu ſagen pflegen; und Herr von Grandvilain verzieh ſeinem ehmaligen Jokey die An⸗ wendung dieſer Redensart. „— Wie? es waͤre vorbei, Jasmin. Ach! die arme Marquiſin... aber nun, vollende doch, zum Henker!... was iſt's denn?“ — Etwas Herrliches, mein Gebieter! Sie werden hoͤchſt zufrieden ſein.“ „Aber von welchem Geſchlecht, drolliger Kerl, von Paul de Kock. v. 2 welchem Geſchlecht iſt es denn?.. hat es keines, dies Kind?“ — Doch, ganz gewiß, ein praͤchtiges Geſchlecht! 1..... wir zſind von einem Knaben entbunden worden, mein lieber Herr!“ „— Ein Knabe, Jasmin!... ein Knabe... Ach! welch' Gluͤck! ach, ich hatte es vorausgeſagt! Ich war deſſen gewiß.. ich haͤtte darauf gewettet... bin a ich mir nicht ſtets bewußt⸗ was ich mache?“ „— Sie ſind ſehr geſchickt, Herr Marquis!...“ „— Ein Knabe... Ich habe einen Sohn... einen Erben meines Namens! Jasmin, ich gebe Dir zehn Thaler zum Geſchenk, weil Du mir dieſe Nachricht uͤber⸗ bracht haſt.“ „Meinen Dank, theurer Herr!... Es leben die Grandvilain!“ „—„Ich habe einen Sohn... die Freude... die... ach, oh!... ich kann nicht mehr.. Jasmin, gib mir mein Salzgeiſtflaͤſchchen... nein, gib mir lieber ein Glas Madeira.. ich fuͤhle mich ohnmaͤchtig... „Nun, Herr Marquis, faſſen Sie ſich,“ ſagte Jas⸗ min, ſeinem Herrn ein Glas Madeira anbietend.„Jetzt iſt's nicht der Augenblick, unwohl zu ſein.“ „— Du haſt Recht... aber die Beſtuͤrzung... die Freude... Dies iſt das erſte Mal, daß ich Vater bin... daß ich's mir bewußt bin wenigſtens... und das macht einen ſo großen Eindruck... Erzaͤhle mir doch einige Einzelheiten... waͤhrend ich mich erhole... denn mir mangelt noch die Kraft, zu meiner Frau zu gehen.“ „— Nun, Herr Marquis, denken Sie ſich, daß ich vor 5 — 19 dem Zimmer der Madame Schilbwache ſtand, um es Ihnen anzuzeigen, ſobald wir niedergekommen ſein wuͤr⸗ den; denn ich dachte mir wohl, Sie wuͤrden ungeduldig ſein, das Ergebniß zu erfahren...“ „Ganz gut, Jasmin..... weiter, weiter! beeile Dich!“ „Nach kurzer Zeit hoͤre ich ein Geſchrei... Ich hatte Luſt, durchzugehen, aber ich hielt es doch aus, und um ſtandhaft zu bleiben, nahm ich eine große Priſe Tabak. Plötzlich offnet man der gnaͤdigen Frau ihre Thuͤre.... der Accoucheur war es.... er ſieht mich.... er ſuchte Jemand und gab mir ein Zeichen, einzutreten. Ich gehorchte.“ 3 „— Was, naͤrriſcher Kerl, Du drangſt in das Zimmer der Frau Marquiſin, waͤhrend ſie.. 2 2 „— Nein, mein Herr, ich bin in dem kleinen Vor⸗ zimmerchen geblieben. Alles war in Aufregung...... die Waͤrterin, die Kammerfrau,.. die dicke Naͤrrin, die Turlurette, ließ ſich beikommen, ohnmaͤchtig zu werden, ſtatt Dienſte zu leiſten...“ „— Dies beweist ijn Anhaͤnglichkeit an meine Frau, Faamin, fahre fort.. — Verzeihung, mein Herr, ich muß mir züvor ſchnauzen.„Knurz, man rief mich, der Turlurette bei⸗ zuſtehen, aber ich, der weit mehr in Sorgen fuͤr Ma⸗ dame war, rief aus: „Vor allen Dingen, ſind wir entbunden?. „Freilich,“ entgegnete der Arzt. „— Was haben wir denn?“ „— Nimm.. Dummkopf!“ — . 20 „Waͤhrend er dies ſagte, gab mir der Accoucheur ein kleines Paͤckchen auf den Arm..... Stellen Sie ſich vor, mein Herr, daß ich zuerſt glaubte, es ſey ein Kaͤſe.. es war ganz rund... und hatte einen ſonder⸗ baren Geruch... aber als ich genau hinſah, gewahrte ich, daß es ein kleiner, kaum aus der Schale gekrochener Knabe war.“ 4 „— Was heißt das, Jasmin? wie, meinen Sohn hat⸗ teſt Du fuͤr einen Kaͤſe gehalten.....“ „— Eil mein Herr, wenn man noch nie Neugeborne geſehen hat... es war das erſte Mal, daß ich eines ſah... „— Meinen Sohn fuͤr einen Kaͤſe halten!.... Du biſt ein Tolpel, Du bekommſt keine Belohnung!“ „— Ach! Herr Marquis.... nicht den Verluſt des Geldes bedaure ich, aber ich haͤtte nicht geglaubt, Ihren Unwillen verdient zu haben!.... um ſo mehr, als ich mit Freuden bemerkte, waͤhrend ich den Kleinen auf meinen Armen betrachtete, daß er ganz unſere Zuͤge habe.... uns aus dem Geſicht heraus geſchnitten ſey!“ „— Wie, uns. Jasmin!..... biſt Du be⸗ trunken... 2“ „— Verzeihung, Herr Marquis, der Eifer reißt mich hin! Wenn ich uns ſage, gnaͤdiger Herr, ſo will ich eigentlich ſagen: IJhnen!... Denn, kurz, es iſt Ihr ganzes edles Angeſicht, Ihre ſchoöne Adlernaſe... Ihr kleines huͤbſches Kinn, er wird auch Ihre ſchonen Zaͤhne bekommen, die Sie verloren haben... Ich wette d'rauf, er bekommt ſie auch!“ Der liebe Kleine.. nun... ich habe Dir ein 21 Geſchenk verſprochen, Du ſollſt es haben. Ich weiß, daß Du ein treuer Diener biſt, mein armer Jasmin, man muß aber auch beſonnen reden, wenn man vom Sohne ſeines Herrn ſpricht.“ — Es iſt ein wahrer Engel, der uns verkiehen vnde, gnädiger Herr.... Ach! wenn ich ihn haͤtte ſaͤugen konnen!... wie glüͤcklich waͤre ich geweſen!“ „— Ich fuͤhle mich jetzt kraͤftig genug, meine Gattin und meinen Sohn zu umarmen... Komm', Jasmin, fuͤhre mich...“ — Ja, gnaͤdiger Herr, wir wollen unſer Kind ſehen.“ Der alte Marquis, den es entzuͤckte, ſich im ſieben⸗ zigſten Jahre wieder verjuͤngt zu wiſſen, ſteht auf, haͤngt ſich an den Arm ſeines Kammerdieners und bemuͤht ſich, mit demſelben in das Zimmer der Woͤchnerin zu eilen; da aber Herr und Diener einen außerſt ſchwerfaͤlligen Schritt hatten, ſo konnten ſie ihren Lauf nicht allzuſehr beſchleunigen, kamen aber trotzdem beinahe außer Athem bei der Frau Marquiſin an. Der gnaͤdige Herr umarmte ſeine Frau mit Freuden⸗ thraͤnen, und fiel in ſeiner Ruͤhrung auf das Bett der Woͤchnerin, von dem man ihn nur mit aͤußerſter Muͤhe wegzubringen vermochte, weil das uͤbergroße Gluͤck ſeine Arme und Beine in Baumwolle verwandelte. Als es gelungen war, den Herrn von Grandvilain in einen Lehnſtuhl zu ſetzen, verlangte dieſer, um ſich zu ſtaͤrken und ſeinen Sohn zu umarmen, ein Glas Madeira. Jas⸗ min beeilte ſich von Neuem, Madeira zu holen; er ſchenkte ſeinem Herrn ein und ſich auch ein Glas, welches 22 er hinter einem großen Fenſter⸗Vorhang ausleerte, da er fand, daß er gleichfalls Staͤrkung brauchen koönne. „Und wo iſt nun mein Sohn?“ fragte der Marquis mit bewegter Stimme, rings um ſich herblickend. „Man wird Ihnen denſelben bringen,“ ſagte die dicke Turlurette;„die Waͤrterin kleidet ihn an, damit er Ihnen vorgezeigt werden kann.“ „Es iſt unndthig, daß man ihn ankleidet,“ entgeg⸗ nete der Marquis,„ich will ihn im Gegentheil ganz nackt ſehen, ſo werde ich ſeine Kraft... ſeinen Koͤrper⸗ bau... beſſer beurtheilen koͤnnen...“ „Ja, ja,“ ſagte Jasmin,„wir ſind ſehr erfreut, ſehen zu konnen, was wir gemacht haben.“ „— Ihr hoͤr't, Turlurette, ſag't der Waͤrterin, ſie ſoll mir meinen Sohn nackt wie einen Wurm herbringen.“ „— Ja, man bringe ihn uns wie einen Wilden ohne Feigenblatt!“ rief Jasmin. „— Jasmin, willſt Du nicht einen Augenblick Deine Zunge im Zaum halten?“ „— Vergebung, Herr Marquis, es iſt die ungeduld, dieſes liebe Herzchen zu bewundern.“ urlurette beſorgt eifrig ihren Auftrag, und bald er⸗ ſcheint die Waͤrterin, ein großes Becken vor ſich her⸗ tragend, in dem der Neugeborne ſich ganzenackt bewegt und ſeine friſchen und roſigen Glieder nach Vergnuͤgen ausſtreckt. Die Waͤrterin uͤberreichte dem Marquis das Kind, wie man ehmals einem Eroberer die Schluͤſſel einer Stadt uͤberreichte. Beim Anblicke ſeines Sohnes ſtoßt der Herr von Grandvilain einen Freudenſchrei aus und ſtreckt den Arm — — „ hin, um ihn zu ergreifen, allein die Bewegung, welche er empfindet, wirkt abermals ſchwaͤchend auf ihn, er hat nicht die Kraft, nach ſeinem Sohne zu langen, und ſinkt ermattet in den Lehnſtuhl zuruͤck. Die Waͤrterin indeſſen hatte, in der Meinung, der Vater werde das Ueberreichte in Empfang nehmen, das Kind und das Becken losge⸗ laſſen und Alles waͤre zu Boden gefallen, wenn die dicke Turlurette den Neugeborenen nicht gluͤcklicherweiſe an einem etwas hervorragenden Theile erwiſcht und ſo auf⸗ gefaßt haͤtte. Das auf den Boden gefallene Becken zerbrach in Scherben. Bei dieſem Laͤrm glaubt die Frau Marquiſin, ihr Kind ſei getoͤdtet, und ruft aus: „Mein Kind!... was iſt ihm geſchehen?“ „Nichts, Madame!“ entgegnete Turlurette, ihrer Gebieterin den kleinen Knaben hinhaltend,„es iſt nicht gefallen... ich habe es an einem... gewiſſen Orte zu⸗ ruͤckgehalten....“ „Das liebe Herzchen!... ich bin ſehr erſchrocken!... o, mein Gott! Turlurette!... Sie halten es aber ſehr ſonderbar... dieſes Kind.“. „Potz tauſend!... es iſt noch ein Gluͤck, daßlich es ſo erhaſchen konnte... Wenn es ein Maͤdchen geweſen waͤre, ſo waͤre es ſicher mit dem Becken hinunter ge⸗ fallen... und Gott weiß, ob es nicht gleich demſelben zuſammengebrochen waͤre.“ Waͤhrend ſich dieſes zutrug, beeilte ſich Jasmin, der ſeinen Herrn blaß und zitternd im Lehnſtuhl liegen ſah, demſelben ein weiteres Glas Madeira einzuſchenken, und geerte hierauf hinter dem Vorhang ſelbſt noch eines. Herr von Grandvilain, der zum dritten Male ſeine Kraͤfte wieder gewonnen hatte, ergriff das Kind, welches ihm Turlurette hinhielt, kuͤßte es mit Entzuͤcken, hot es hoch hinauf und rief aus: „Hier iſt mein Sohn!... mein Erbe!... Ach! ich wußte es wohl, daß ich einen Sohn bekommen wuͤrde.“ Die Marquiſin jedoch, befuͤrchtend, es moͤchte ihren Gatten eine abermalige Schwaͤche ergreifen, und ihm das Kind alsdann aus den Haͤnden fallen, bat ihn in⸗ ſtaͤndig, ſich neben ihr Bett zu ſetzen; Herr von Grand⸗ vilain leiſtete ihr Folge und drehte und wendete hierauf den Neugebornen nach allen Seiten. „Welch' ſchoͤnes Kind!...“ ruft er aus,„ich bin doch der Vater deſſelben.“ „Ja, freilich wir!“ brummt Jasmin vor ſich hin, der hinter dem Lehnſtuhle ſeines Herrn ſteht, und fuͤr den Fall, daß man ihrer bendthigt waͤre, die Madeira⸗Flaſche in der Hand haͤlt. „— Wie ſihon und roſig es iſt... die huͤbſchen kleinen Waͤdchen.. „Weiß Gott, ich habe keine ſolche mehr!“ ſagte Jasmin, einen Blick auf ſeine Beine werfend. — Welch' huͤbſches, rundes Koͤpfchen!...“ „Sch ſchwore, man koͤnnte es fuͤr einen hollaͤndiſchen Kaͤſe halten!“ murmelte Jasmin weiter, aber zu ſeinem Gluͤcke uͤberhoͤrt diesmal ſein Herr dieſe Bemerkung, welche ihn Ltſchieden um ſein Geſchenk haͤtte bringen koͤnnen. „— Er iſt gebaut wie ein Apollo... er hat herkuliſch 25 geformte Theile... Komm' ſieh, doch, Jasmin.... wie das ſchon... bedeutend iſt!“ „Wunderbar!“ ſprach Jasmin, und machte nach der lauten Bewunderung uͤber das Gezeigte dieſelbe leiſe ver⸗ gleichende Bemerkung in Betreff ſeiner, wie zuvor bei den Waden. 3 Nachdem der Herr Marquis ſeinen Sohn per fas et nefas wohl betrachtet hatte, uͤbergab er ihn ſeiner Gattin mit der Frage: „Ei, meine Zaͤrtlichgeliebte, welchen Namen geben wir ihm?“ „Hieran denke ich, mein lieber Gemahl, ſeit ich niedergekommen bin.“ „Mein Sohn muß einen ſchonen Namen erhalten... ich heiße Sigismund, dies iſt ein huͤbſcher Taufnamen, allein ich kann es nicht leiden, wenn die Sohne denſelben Taufnamen haben, wie ihr Vater, dies peranlaßt ſpaͤter Mißklaͤnge und Verwechslungen.“ „Horen Sie, Herr Marquis, der Namen Cheru⸗ bim waͤre paſſend fuͤr dieſes Herzchen, was halten Sie davon? iſt es nicht ein ganz ſchoner Namen...ℳ „Cherubim!“ unterbrach ſie der Marquis kopfſchuͤt⸗ telnd,„das iſt ſehr weibiſch’... es iſt nichts Kriegeriſches darin!..“. „Nun, mein Herr! was noͤthigt uns denn, unſerem Sohne einen kriegeriſchen Namen zu geben 2.... dies waͤre zu den Zeiten Napoleons paſſend geweſen, aber jetzt iſt es, wie Sie wiſſen, nicht mehr in der Mode..... ich bitte Sie, laſſen Sie unſern Sohn Cherubim heißen!“ „Marquiſin,“ entgegnete Herr von Grandvilain, 26 ſeiner Frau die Hand kuͤſſend,„Sie haben mir einen Sohn geſchenkt, ich habe Ihnen nichts zu verweigern.... er ſoll Cherubim heißen... das erinnert an die Hoch⸗ zeit des Figaro, uͤberdies iſt Beaumarchais“ Cherubim ein kleiner, aͤußerſt liebenswuͤrdiger Schalk, in den alle Frauen vernarrt ſind, und es waͤre eigentlich kein Ungluͤck, wenn unſer Sohn dem kleinen Pagen gliche.“ „Ja, ja,“ brummte Jasmin hin und her taumelnd, waͤhrend er ſich am Ruͤcken von ſeines Herrn Lehnſtuhl feſt zu halten ſuchte, da die Staͤnderlinge, die er hinter den Vorhaͤngen gemacht, ſeinen Beinen die Sicherheit benommen hatten. „Ja, das waͤre allerliebſt, Cherubim... es reimt ſich auf Jasmin!...“ Der Marquis wendete ſich um und hatte Luſt, ſeinem Diener eine Ohrfeige zu geben, allein dieſer, als er bemerkte, daß er abermals eine Dummheit begangen hatte, machte eine ſo barmherzige Miene, daß ſich ſein Gebieter darauf beſchraͤnkte, ihm zu ſagen: „Ihr betrag't Euch heute uͤber die Maßen unpaſſend, Jasmin!“ „Verzeihen Sie, Herr Marquis, es iſt eine Folge der Freude, der Begeiſterung... ich bin ſo vergnuͤgt, daß ich meine, alles walze um mich im Zimmer herum!...“ In dieſem Augenblick meldete Turlurette, daß die ganze Dienerſchaft des Hauſes verſammelt ſei und um die Er⸗ laubniß bitte, ihrer Gebieterin einen Blumenſtrauß zu uͤberreichen und ihren Herrn zu begluͤckwuͤnſchen. Der Marquis befahl, ſeine Leute einzulaſſen, ——— 27 Die Bedienten kamen der Reihe nach herein und Jas⸗ min, als der alteſte, eilte, ſich an ihre Spitze zu ſtellen: dann begann er mit einem Gluͤckwunſch, den er nicht vollenden konnte, weil ſeine Zunge ſich verwickelte. Er entſchloß ſich aber kurz weg, unterbrach ſeinen Satz und rief aus: „Es lebe der Sohn des Herrn Marquis und ſeine erhabene Familie!“ Alle Diener wiederholten dieſen Ausruf, waͤhrend ſie ihre Huͤte und Muͤtzen in die Hohe warfen. Herr von Grandvilain fuͤhlte ſich von Neuem ergrif⸗ fen, Thraͤnen befeuchteten ſeine Augen, und da er noch eine Schwaͤche befuͤrchtete, ſo gab er Jasmin ein Zeichen, der uͤbrigens dieſes vorausſehend, ihm ſogleich ein Glas Madeira anbot. 3 Der Marquis trank; dann dankte er ſeinen Leuten, gab ihnen Geld und ſchickte ſie fort, um auf die Geſund⸗ heit des Neugebornen zu trinken. Jasmin entfernte ſich mit ihnen, die Madeiraflaſche davontragend, deren Inhalt er vollends leerte, ehe er ſich mit ſeinen Kameraden wieder vereinigte... und Abends war der Kammerdiener vollſtaͤndig be⸗ trunken, und der Herr Marquis hatte ſich ſo oft geſtaͤrkt, daß er gleich nach Tiſche zu Bett gehen mußte. Allein man bekommt nicht alle Tage ein Kind! und beſonders nicht,— wenn man ſiebzig Jahre alt iſt. 28 Drittes Kabitel Eine Ueberraſchung Sasmins. Die Taufe des kleinen Cherubims fand einige Tage nach ſeiner Geburt Statt, dann wurden abermals Feſt⸗ lichkeiten im Hauſe gehalten. Der Marquis war freigebig und großmuͤthig; dies iſt gewöoͤhnlich die Tugend der Roués; er theilte Geld im Ueberfluſſe aus und beauftragte Jasmin, den Keller zu offnen; der Kammerdiener, deſſen purpurne Naſe ſeine Lieblingsleidenſchaft verrieth, verſdach, des Herrn Be⸗ fehle puͤnktlich zu erfuͤllen. Eine vornehme, auserwaͤhlte Geſelſchaft hatte ſich beim Tauffeſte des kleinen Cherubim verſammelt; die Saͤle des Hauſes ſtrahlten von Kerzenſchimmer; man ſchwatzte, man ſpielte, dann ging man auch(aber nur paarweiſe, dies war die Verordnung des Arztes) zur Wochnerin und bewunderte ihren Kleinen. Der Knabe, der ſo dick, ſo friſch, ſo roſig zur Welt gekommen war, fing an abzumagern, ſchwach und gelb zu werden; man war noch uͤber ſein huͤbſches Angeſicht entzuͤckt, aber nicht mehr uͤber den Stand ſeiner Geſundheit. Indeſſen war der Sohn des Marquis der Gegenſtand beſtandiger Sorgfalt fuͤr ſeine Mutter, welche die lebhaf⸗ teſte Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn an den Tag legte, ihn an ihre Seite bettete und keinen Augenblick aus den Augen ver⸗ lieren wollte.. Alles das iſt ſehr gut; aber man zieht die Kinder nicht bloß mit Zaͤrtlichkeit, Liebkoſungen, Kuͤſſen und ſuͤßen Wor⸗ ten auf: die Natur verlangt eine gehaltvollere Nahrung; 29 * diejenige jedoch, welche die Frau Marquiſin ihrem Erſt⸗ gebornen bot, war augenſcheinlich nicht von guter Be⸗ ſchaffenheit und zeigte ſich, ſtatt in reichlichem, nur in ſehr geringem Maße. Kurz— war, was leicht anzuneh⸗ men iſt, die Verordnung von Brodſuppen der Geſundheit der Frau von Grandvilain entgegen, oder irgend ſonſt eine verborgene oder erweisbare Urſache: Thatſache iſt, daß die Mutter des kleinen Cherubims ihrem Sohne, der mit aͤußerſt gutem Appetit zur Welt gekommen war, nur ſehr wenig ſchlechte Milch anzubieten hatte. Jean Jacques Rouſſeau hat behauptet, eine Mutter muͤſſe ihr Kind ſaugen, und es ſei ein Verbrechen, dieſe armen Kleinen in die Haͤnde gemietheter Leute zu geben, welche ihnen die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit nicht erſetzen koͤnnten und nur ein Gewerbe aus ihrem Koͤrper mach⸗ ten; und um dieſen Satz zu unterſtuͤtzen, erwaͤhnt er der Thiere, welche ihre Jungen ſelbſt ſaͤugen und niemals von andern dieſen Dienſt verlangen. 8 Vor allen Dingen konnte man Jean Jacques ent⸗ gegnen, daß die Thiere ein geregeltes Leben fuͤhren... geregelt, wenigſtens nach der Natur und ihren phyſiſchen Kraͤften. Habt ihr gehort, daß die Ldwinnen, Baͤren und Katzen ihre Naͤchte auf dem Balle zubringen, Abend⸗ geſellſchaften geben und an Gaſtmahlen Theil nehmen? Ich denke, nein; ich auch nicht. Man wird uns alſo geſtatten, einen Unterſchied zwi⸗ ſchen den Thieren und den Menſchen aufzuſtellen, und trotz der tiefen Hochachtung, die wir fuͤr den Genfer Philoſophen empfinden, halten wir ihm doch entgegen, daß es in unſerer Welt Lagen, Zuſtaͤnde und Beſchaͤfti⸗ gungen gibt, die einer Frau nicht geſtatten, dieſe Mut⸗ terpflicht, der ſich, nach ſeiner Forderung, alle unter⸗ werfen ſollen, zu erfuͤllen. Wenn eine Frau, um ihr Leben zu friſten, den ganzen Tag auf einem Comptoir zubringen oder fortwaͤhrend mit der Nadel arbeiten muß, wie ware es da moͤglich, daß ſie jeden Augenblick ihr Kind auf die Arme nehmen konnte? Einen doppelten Grund hat ſie, es nicht zu thun, wenn ihre Geſundheit ſchwach und wankend iſt. Die Saͤugammen verkaufen ihre Milch, ſagt er, und hegen niemals die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit fuͤr ein Kind. Erſtens iſt es nicht bewieſen, daß eine Saͤugamme ihren Saͤugling nicht zaͤrtlich liebt, es iſt ſogar im Ge⸗ gentheil aller Grund vorhanden, daß ſie an das kleine Weſen, deſſen Daſein ſie unterhaͤlt, anhaͤnglich wird, und wenn es auch nur ein Gewerbe waͤre, die Wirkung iſt doch die gleiche;... fuͤhlt der Baͤcker Zaͤrtlichkeit fuͤr die Perſonen, die ihm ſein Brod abkaufen?.... und ver⸗ hindert uns das, von dieſem Brode zu leben? Philoſophen, geniale Maͤnner, ſelbſt große Maͤnner ſprechen manchmal ſehr unrichtige Behauptungen aus und irren ſich ſo gut, wie andere Menſchen. Aber es gibt Leute, die Alles, was aus der Feder eines Mannes kommt, der erhabene Dinge geſchrieben hat, fuͤr ſehr ſchoöne Gedanken halten!... dieſe Leute ſind ſehr gefaͤllig. Ihr werdet ſelten Gold ohne Schlacken fin⸗ den! und waͤre der Menſch im Stande, zu leiſten, was die Natur nicht vermag? Es gibt auch Leute, die, wenn ſie auf einem Kirchhofe ſpazieren gehen, an die Wahr⸗ haftigkeit all dieſer auf die Grabmaͤler geſchriebenen 31 Inſchriften glauben, nach welchen die dort begrabenen Perſonen Muſter der Tugend, Guͤte und Rechtſchaffen⸗ heit u ſ. w. u. ſ. w. geweſen waͤren. Ich achte die Todten unendlich; aber ich ſehe keine Nothwendigkeit ein, die Le⸗ benden taͤuſchen zu wollen. Die, welche nicht mehr ſind, waren nicht beſſer als wir, und wir ſind nicht beſſer als die, welche nach uns ſein werden. Wir haben berichtet, daß der kleine Cherubim nicht mehr ſo ſchoͤn war, wie ein Engel, obgleich er den Na⸗ men eines ſolchen hatte; dies verhinderte aber Niemand, der die Wochnerin beſuchte, ihr Artigkeiten uͤber den Klei⸗ nen zu ſagen. Die gute Amenais nahm mit holdem Läͤ⸗ cheln all die Schmeicheleien auf, die man ihrem Soͤhnlein zuwendete. Unterdeſſen dehnte ſich der Marquis in einem Lehnſtuhl, ſtrich ſich die Wade, ſchuͤttelte das Haupt und betrachtete die Damen mit einer Miene, die beinahe ſagen wollte: „Wenn ihr auch ſo Etwas wuͤnſcht, ſo wendet euch nur an mich!“ Zu ſeinem Gluͤcke hatte keine der Damen Luſt, ihn auf die Probe zu ſtellen. Gegen zehn Uhr Abends, eben als der Doktor der Frau Marquiſin verordnete, keine Beſuche mehr bei ſich zu empfangen, ſondern ſich der Ruhe hinzugeben, er⸗ toͤnte ein ploͤtzlicher Laͤrm vom Hofe her, eine lebhafte Helle erleuchtete die Gemaͤcher, und etwas dem Blitze gleich Strahlendes ſtreifte an den Fenſtern hin. Jasmin war der Gedanke gekommen, zum Tauffeſte des Sohnes ſeiner Herrſchaft, um dem Marquis und ſeiner ganzen Geſellſchaft eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, ein Kunſtfeuerwerk im Hofe des Hauſes abzubrennen; er hatte ſo eben einen Boͤller losſchießen und eine Rakete aufſteigen laſſen, um die Verſammlung an die Fenſter zu locken. Der Schall des Bollers hatte in der That eine außer⸗ ordentliche Bewegung im Hauſe hervorgebracht; man vermeinte, eine Kanone gehoͤrt zu haben: die Woͤchnerin fuhr im Bette, das Kind in der Wiege, der Marquis im Lehnſtuhl und die ganze Geſellſchaft, wo ſie irgend war, in die Hoͤhe auf. Jedermann betrachtete ſich mit erſchreckter Miene und ſchrie: „Was gibt es?... Welcher Laͤrm?... „— Kanonendonner!..— Man ſchlaͤgt ſich in Paris!...— Man ſchlaͤgt ſich?... „— Ach! mein Gott! iſt der Uſurpator zuruͤckgekehrt?“ Erinnert euch, daß man damals im Jahre achtzehn⸗ hundert und neunzehn war, und Napoleon in einem Hauſe der Faubourg Saint⸗Germain gewohnlich mit dem Na⸗ men Uſurpator bezeichnet wurde. Es war ein Augenblick der Zerſtoͤrung im Saale; einige Maͤnner wollten zu den Waffen greifen, andere ſuchten nur ihre Huͤte, die Frauen eilten in die Naͤhe der Maͤn⸗ ner, oder ſtellten ſich, als wollten ſie ohnmaͤchtig wer⸗ den, und einige Andere ſprachen leiſe in den Ecken mit zungen Maͤnnern, auf die ſie bisher kaum zu achten ge⸗ ſchienen hatten. Es gibt Leute, die jede Gelegenheit benuͤtzen und aus allen umſtaͤnden Vortheil ziehen; ſolches ſind gewiß die wohlgeordnetſten Menſchen. 33 Inmitten dieſes Tumultes erſchallte eine durchdrin⸗ gende Stimme vom Hofe aus. „Zu Ehren des Tauffeſtes,“ rief man,„und um die Geburt des Sohnes unſeres wuͤrdigen Gebieters, des Herrn Marquis von Grandvilain, und der Frau Marquiſin, ſeiner Gemahlin, zu feiern, laſſen wir hiemit ein Kunſt⸗ feuerwerk los.“ Kaum hatte man den Schluß dieſer Worte gehoͤrt, als eine merkliche Veraͤnderung auf allen Geſichtern zu leſen war(ausgenommen bei denjenigen Perſonen, die in den Ecken mit einander ſprachen). Die Maͤnner fingen laut zu lachen an, die Damen warfen die eiligſt ergriffe⸗ nen Shawls und Huͤte wieder bei Seite; ſodann rannten ſie vor den Spiegel, um ſich zu betrachten; denn die Ei⸗ telkeit iſt das erſte Gefuͤhl, welches ſich bei den Damen regt, wenn alle andern noch erſtarrt ſind; hierauf begab ſich Alles zu den Fenſtern und man ſagte: „Ein Feuerwerk!... ein Feuerwerk!... O! das iſt eine herrliche Ueberraſchung!“ „Ja,“ ſprach der alte Marquis von Grandvilain, der mehr erſchrocken war, als alle Uebrigen,„ja... das iſt ein huͤbſcher Gedanke von dieſem Teufels⸗Jasmin... Nur haͤtte er mich vorher in Kenntniß ſetzen ſollen, daß er mich uͤberraſchen wolle; dann haͤtte ich es erwartet und waͤre weniger... erſtaunt geweſen.“ Die Geſellſchaft hat ſich an den Fenſtern aufgeſtellt, die Damen vornen, die Herren hinter ihnen; dieſe ſind n jedoch gendthigt, ſich ein wenig vorzubeugen, um zuſehen zu koͤnnen; aber Alle ſcheinen hoͤchſt zufrieden, und Nie⸗ mand wuͤrde ſeinen Platz fuͤr einen andern vertauſchen. Paul de Kock. V. 3 34 Der Marquis ſitzt allein in ſeinem Lehnſtuhl an einem Fenſter im Zimmer ſeiner Gemahlin, zu dieſer ſpricht er: „Liebe Freundin, Du kannſt die Stuͤcke, die unten losgebrannt werden, nicht ſehen, ich werde Dir ſie aber beſchreiben, und was die Raketen und Schwaͤrmer anbe⸗ „rrifft, dieſe bemerkſt Du vom Bette aus praͤchtig.“ „Wenn das den Cherubim erſchrecken wuͤrde!“ ſagte die Marquiſin, die Wiege hinter ihr Bett ruͤckend „— Furchten Sie nichts, Marquiſin, mein Sohn wird mir nachſchlagen, er liebt den Larm und den Pulver⸗ dampf! Jasmin, der den Befehlen ſeines Herrn Folge gelei⸗ ſtet, den Keller aufgeſchloſſen und ſich und ſeine Kame⸗ raden gehorig erheitert hatte, ſchien in ſein zwanzigſtes Jahr zuruͤck verſetzt zu ſein, und ſpazierte, wie ein Ge⸗ neral unter ſeinen Soldaten, inmitten der Feuerwerks⸗ anſtalten herum. 3 In der hinterſten Ecke des Hofes befanden ſich die Boller; dies war das grobe Geſchuͤtz; bis zum Augenblick des Hauptfeuerwerks ſollten keine mehr losgeſchoſſen wer⸗ den, da aber die Feuerreſte, wenn ſie dorthin fielen, in das Innere der Bollerkäͤſten dringen und ſie vor dem gewuͤnſchten Augenblick entzuͤnden konnten, ſo hatte der Koch des Hauſes, ein vorſichtiger Mann, der Jasmin an die Hand ging, Kaſtroldeckel, eine Bratkachel, eine Schmalzpfanne und dgl. aus ſeiner Kuͤche geholt und auf die Kaͤſten gedeckt, welche bekanntlich eine Form wie Ofen⸗ roͤhren haben, jedoch nach der Maſſe des darin enthalte⸗ nen Pulvers von verſchiedener Groͤße ſind;z in Folge deſ⸗ ſen wurde die Bratkachel auf den groͤßten Kaſten, die 3⁵ Schmalzpfanne auf den etwas kleinern und die Kaſtrol⸗ deckel auf die kleinſten gelegt; dieſe Vorſichtsmaßregel ſollte verhuͤten, daß Funken oder flammende Raketenſtuͤcke in die Kaͤſten hineinfielen. Jasmin ſchweifte mit den Blicken an den Fenſtern voruͤber und wartete, bis die ganze Geſellſchaft ihren Platz eingenommen hatte. Der Koch, dem der Wein des Marquis in den Kopf geſtiegen war, harrte nicht weniger ungeduldig, als der alte Kammerdiener, eine brennende Lunte in der einen Hand, mit der andern ſeine baumwollene Muͤtze hinters Ohr ſtreifend, neben dem Feuerwerke. Unterdeſſen tanzten die dicke Turlurette und zwei an⸗ dere Dienſtboten rund um ein Transparent herum, das den Mond darſtellte, und wie Jasmin verſicherte, das Bildniß des kleinen Cherubim war. „Sie ſind da! Alles iſt zugegen... wir koͤnnen nun das Feuerwerk loslaſſen!“ rief Jasmin, nachdem er noch einmal einen Blick auf die Fenſter geworfen hatte. „Ja, ja, fangt an,“ ſagte Turlurette,„ol wie ſchon wird das ſein..“ „Fort mit den Frauenzimmern!“ rief der Koch mit entſchiedenem Tone,„ihr wuͤrdet uns zu Dummheiten verleiten; gehen Sie ins zweite Stockwerk hinauf, Mam⸗ ſelles..“ „Eil man hat mir verſprochen, mich wenigſtens einen kleinen Froſch losbrennen zu laſſen!... nicht wahr, Herr Jasmin?“ „Ja! ja!“ ſchrie Jasmin,„heute muß ſich Alles freuen! es gilt unſerem jungen Herrn!... Turlurette darf eine 36 kleine Rakete loslaſſen... das will nichts heißen... aber erſt nachher, ſpaͤter!... Achtung, Koch... wir wollen anfangen!...“ Das Feuerwerk begann mit einigen Brillantſchwaͤr⸗ mern, bengaliſchen Feuern und Raketen; die Geſellſchaft ſchaute zu, und wenn ſich etwas Feuriges gegen die Fenſter zu richten ſchien, ſo zogen ſich die Damen zuruͤck, ſchrieen vor Entſetzen und lachten dann wieder laut auf; die Herren ſprachen den Damen Muth ein, indem ſie dieſe bei den Haͤnden faßten und ſolche zaͤrtlich in den ihrigen druͤckten; ich bin nicht uͤberzeugt, daß ſie ſonſt nichts anfaßten; allein die Damen ließen ſich beruhigen, man nahm ſeinen Platz wieder ein, man klatſchte Beifall, man war ſehr vergnuͤgt, und der alte Marquis ſagte von ſeinem Fenſter aus zu ſeiner Gemahlin: „Meine theure Freundin, das iſt praͤchtig!.. bewun⸗ dernswuͤrdig!.. blendend!.. ich bedaure ſehr, daß Du ſo entfernt davon biſt!“ „— Aber, mein Freund, wenn es das Haus in Brand ſteckte!.. 4 3 „— Fuͤrchte nichts... Jasmin iſt vorſichtig! er wird den Vorgeſetzten der Spritzenmaͤnner, der dicht neben uns wohnt, von ſeinem Vorhaben in Kenntniß geſetzt haben; uͤberdies iſt der Hof ſehr groß... es iſt keine Gefahr vorhanden.“ Die zaͤrtliche Amenais war nicht ſehr getroͤſtet; es waͤre ihr lieber geweſen, wenn man zum Tauffeſte ihres jungen Söhnchens kein Feuerwerk abgebrannt haͤtte; allein Alles ſchien erfreut, und ſie wagte es nicht, die Geſell⸗ ſchaft des Vergnuͤgens an dieſem Schauſpiel zu berauben. „Q 37 Bald ertoͤnten Beifallsbezeugungen von allen Seiten: Jasmin rief, waͤhrend er das Transparent mit dem Monde anzuͤndete, aus: „Bildniß unſeres Kindes, des kleinen Cherubim von Grandvilain.“ Alsdann hatte Jedermann treuherzig applaudirt, ob⸗ gleich man vergebens die Augen aufriß, um in dem Trans⸗ parent das Gemaͤlde des Bildes zu entdecken; man ſchrieb dies jedoch dem Rauche zu, und mehre Perſonen ſcheu⸗ ten ſich nicht, auszurufen: „Er iſt getroffen!... auf Ehrenwort! man erkennt ihn!. Das iſt ein praͤchtiger Gedanke; nur bei dem Herrn Marquis von Grandvilain ſind ſolche Dinge zu ſehen!“ Waͤhrend die Geſellſchaft das Transparent bewunderte, hatte ſich Jungfer Turlurette, die fortwaͤhrend ihren Ge⸗ danken, etwas loszulaſſen, verfolgte, Jasmin genaͤhert und ſagte zu ihm: 2 „Geben Sie mir Ihre Lunte.. jetzt iſt's an mir... was ſoll ich anbrennen?“ „Hier, Jungfer Turlurette, zuͤnden Sie dieſe Sonne an; fuͤrchten Sie ſich aber nicht?...“ „— Ich! mich fuͤrchten! o, nein... zeigen Sie mir nur, was ich anzuͤnden ſoll. „— Nehmen Sie! hier iſt die Lunte.“ Die dicke Turlurette ergriff die ihr von Jasmin dar⸗ gebotene Lunte und nahte ſich der Sonne; trotz des Mu⸗ thes, den ſie an den Tag legen wollte, ward das dicke Weibsbild doch von einer maͤchtigen Anwandlung erſchuͤt⸗ tert:— denn ſie hatte in ihrem Leben noch kein Kunſtfeuer⸗ 38 werk angezuͤndet; als ſie an dem bezeichneten Orte ange⸗ brannt hatte, als ſie das Feuer ziſchen und plotzlich neben ſich loskrachen hoͤrte, ergriff ſie ein paniſcher Schrecken; ſie glaubte, die Sonnenſtrahlen hätten ſie angezuͤndet, und fluͤchtete ſich, waͤhrend ſie mit einer Hand den Rock in die Hohe hob, als wollte ſie einen Guͤrtel daraus machen, und in der andern die brennende Lunte hielt, die ſie nun an dem erſten beſten Ort wegwarf, auf die entgegenge⸗ ſetzte Seite des Hofes. Die Sonne hatte Bewunderung erregt, ſie hatte ſich gedreht, wie ein Reif; die ganze Geſellſchaft applaudirte an den Fenſtern; Einige ſagten: „Es iſt ſo ſchon, wie im Tivoli.“ Ein Anderer rief aus: „Es iſt beinahe ſo ſchoön, als wie wenn man bei mir, an meinem Namenstage, auf meinem Gut in meinem Garten ein Feuerwerk loslaßt!Ä“ 8 Auch der alte Marquis beugte einen Theil ſeines Kor⸗ pers vor's Fenſter hinaus und rief: „Brav! meine Kinder!... ich bin hochſt zufrieden! ihr duͤrft nach dem Feuerwerk noch einmal ſchmauſen.“ Aber kaum hatte Herr von Grandvilain dieſe Worte beendigt, ſo ließ ſich ein fuͤrchterliches Getoſe vernehmen, welches das Haus bis in die Grundveſten erſchuͤtterte: die großen und kleinen Bollerkaſten waren alle mit einem Male losgegangen, weil die dicke Turlurette in ihrem Schrecken die Lunte mitten unter das große, zum Schluß beſtimmte Hauptfeuerwerk hineingeworfen hatte. Wenn nur die Böoller losgegangen waͤren, ſo haͤtte dies weiter nichts zu bedeuten gehabt, indem dann bloß 39 der fuͤr den Schluß des Feſtes beſtimmte Schall etwas fruͤher ertont haͤtte; ſo waren ſie aber, als das Feuer ſich ihnen mittheilte, ungluͤcklicherweiſe noch mit den ver⸗ ſchiedenen Kuͤchenwerkzeugen bedeckt, die der Haushofmei⸗ ſter aus Vorſicht darauf gelegt hatte; und in demſelben Augenblicke, als das ploͤtzliche Krachen Jedermann, ſelbſt diejenigen, welche das Feuerwerk veranſtalteten, in Stau⸗ nen verſetzte, wurden Bratpfanne, Schmalzpfanne und Kaſtroldeckel mit entſetzlicher Gewalt in die Luͤfte ge⸗ ſchleudert. Dem Herrn von Grandvilain, der eben ſeinen Leuten ſeinen Dank ausgeſprochen hatte, riß die Bratpfanne, die bis ins Zimmer drang und vor dem Bette der Woͤch⸗ nerin niederfiel, ein Ohr weg. Mehre Perſonen der Geſell⸗ ſchaft hatten das Ungluͤck, von Kaſtroldeckeln getroffen zu werden: einem huͤbſchen Frauenzimmer wurden vier Zaͤhne eingeſchlagen, einem ſchonen jungen Manne, der ſich uͤber ſie her beugte, die Naſe mitten durch geſpalten, kurz von allen Seiten erſchallte nur Geſchrei, Klagen, Verwuͤnſchungen, und diejenigen, welche keinen Schaden gelitten hatten, tobten noch aͤrger, als die Andern. „Das ſind die Folgen,“ riefen ſie,„wenn man der Dienerſchaft geſtattet, ein Kunſtfeuerwerk loszulaſſen.. der Koch hat ſein ganzes Handwerkszeug hineingebracht .. es iſt noch ein Gluͤck, daß ihm nicht der Einfall kam, ſeine Bratofen in die Luft zu ſprengen. 4 Die Geſellſchaft erwartete nichts weiter. Alles ent⸗ fernte ſich, die Einen, um ſich verbinden zu laſſen, die Andern, um zu erzaͤhlen, was ſich bei Herrn von Grand⸗ vilain zugetragen hatte. Inmitten dieſes Ungluͤcks traf Jasmin die Schmalz⸗ pfanne, welche, nachdem ſie zuvor in die Hoͤhe geſchleu⸗ dert worden, auf ſein Haupt zuruͤckgefallen war, und das Angeſicht des getreuen Kammerdieners glich, von Brandmahlen uͤberdeckt, vollkommen einem Schaumloffel. Dies verhinderte indeß Jasmin nicht, ſich mit erbar⸗ mungswuͤrdiger Miene ſeinem Herrn vorzuſtellen, der eben eifrigſt nach ſeinem Ohre ſuchte. „Gnaͤdiger Herr,“ flehte der Kammerdiener,„ich bin troſtlos...... ich begreife nicht, wie das geſchehen konnte... das Feuerwerk iſt noch nicht zu Ende... die Hauptſache fehlt noch... und wenn Sie es wuͤnſchen...“ Der Marquis erhob wuͤthend ſeinen Stock uͤber Jas⸗ min und wollte nichts weiter hoͤren, und Frau von Grand⸗ vilain richtete ſich zur Haͤlfte in ihrem Bette empor, indem ſie mit imponirender Stimme zu dem armen Kam⸗ merdiener ſprach: „Im Namen meines Gemahls verbiete ich Euch von nun an, in unſerem Hauſe irgend Etwas loszulaſſen.“ . Viertes Kapitel. Neue Art, Kinder aufzuziehen. Mit dem an der Taufe des kleinen Cherubims los⸗ gelaſſenen Feuerwerk war allen Feſtlichkeiten im Hauſe Grandvilain ein Ende gemacht. Der Marquis hatte zwar ſein Ohr wieder gefunden, war aber außer Stand gewe⸗ ſen, es wieder an ſeinen fruͤhern Ort zuruͤckzuverſetzen; er mußte ſich alſo darein fuͤgen, ſeine Laufbahn mit einem — 41 Ohre zu beſchließen, was eine ſehr unangenehme Sache iſt, wenn man ſiebzig Jahre lang die Gewohnheit hatte, deren zwei zu tragen. Amenais verabſcheute die Kunſtfeuer, die Froͤſche, das geringſte Gekrache; der kleinſte Laͤrm that ihr wehe, und dies ging ſo weit, daß es verboten wurde, in ihrer Naͤhe eine Flaſche zu entpfropfen. Jasmin war wie ein Schaumloͤffel geblieben, hatte ſich aber hieruͤber bald getroͤſtet, denn er verzichtete ſeit Langem ſchon gaͤnzlich auf das ſchoͤne Geſchlecht; die klei⸗ nen, ſeinem Geſichte eingepraͤgten Vertiefungen hinderten ihn nicht am Trinken, und fuͤr ihn war das die Haupt⸗ ſache. Jungfer Turlurette war ohne Verletzung davon ge⸗ kommen, und doch haͤtte ſie, mehr als Jedermann ſonſt, wenigſtens einen Kaſtrol⸗Deckel verdient, denn ſie war die Urheberin all' der Unfaͤlle, welche das Haus getroffen. Allein Niemand hatte den Urſprung des unſterns errathen, und Turlurette beſchraͤnkte ſich darauf, den entſchiedenſten Haß gegen die Kunſtfeuerwerke auszudruͤcken. Die Ruhe war folglich wieder in das Haus Grand⸗ vilain zuruͤckgekehrt, wo man auch ſeit dem letzten Feſte weit weniger Geſellſchaft empfing: die jungen Damen und huͤbſchen Herren fuͤrchteten ſich, daſelbſt ihre Zaͤhne zu verlieren oder eine geſpaltene Naſe davon zu tragen. Die Marquiſin konnte ſich folglich nach Muſe der ihrem Sohne noͤthigen Sorgfalt hingeben, und der kleine Cherubim erforderte ſehr viel, denn er wurde ſchwach, gelb, kraftlos und war mit drei Monaten weit kleiner, als wie er zur Welt gekommen. Turlurette, die ihn damals gewogen hatte, wußte das gewiß, und ſagte deß⸗ halb eines Tages ganz leiſe zu Jasmin: „Es iſt ſehr ſonderbar, der gnaͤdigen Frau ihr Kleiner ſchmilzt zuſehends! er wiegt gegenwaͤrtig zehn Loth weniger, als am Tage ſeiner Geburt.“ Jasmin ſprang in die Hoͤhe bei der Nachricht, daß das Kind ſeiner Herrſchaft abnehme, ſtatt zulege, und entgegnete der Turlurette: „Wenn das ſo fortgeht, ſo wird er in Kurzem gar nichts mehr waͤgen. Man muß es der gnäͤdigen Frau ſagen, daß der Kleine abmagert.“ „— Ach! warum nicht gar!... damit Madame in Sorgen iſt!... und ihre Milch ganz ausbleibt.. O! wahrhaftig, nein, ich werde mich wohl huͤten.“ „— Indeſſen, Jungfer.. handelt es ſich hier um das Wohl des Kindes!“ 1 „— Ich will aber der gnadigen Frau keine Betruͤb⸗ niß verurſachen.“ Jasmin faßte als ergebener Diener einen Entſchluß: er begab ſich zu ſeinem Herrn. Der Marquis lag, in ſeinen Schlafrock eingehuͤllt, auf einem Ruhbette, ſein Kopf war mit einer ſchoͤnen, gruͤnen Sammet⸗Muͤtze bedeckt, die er ſorgſam auf die Seite ſetzte, wo ihm das Ohr fehlte. Seit einiger Zeit hatte der alte Herr die Gewohnheit angenommen, ſeine Kinnlade zu bewegen, wie wenn er etwas einſaugte oder kaute, und dieſes fort⸗ 4 waͤhrende Verzerren des Geſichtes gab ihm das Anſehen eines Nußknackers. Perſonen, denen dieſes Zucken des Marquis unbekannt war, warketen, um ihn zu ſprechen, 43 bis er ausgekaut habe; allein man wartete vergebens, die Kinnlade machte immerfort dieſelbe Bewegung. Seit dem Ereigniß beim Kunſtfeuerwerke behandelte Herr von Grandvilain ſeinen Kammerdiener mit weniger Zuneigung. Indeſſen hatte Jasmin's Geſicht ſo zahlloſe Narben, daß ihm ſein Herr wegen eines Vorfalles, deſſen zweites Opfer er ſelbſt geweſen, nicht hatte bittern Groll nachtragen koͤnnen. „Was wollt Ihr von mir, Jasmin?“ fragte Herr von Grandvilain, als er ſeinen Diener mit verlegener Miene vor ſich ſtehen ſah. „Gnaͤdiger Herr,... ich hoffe, Sie werden mir das, was ich Ihnen zu ſagen gedenke, verzeihen:... nur meine Anhaͤnglichkeit an Sie und den jungen Marquis beſtimmt mich hiezu...“ „Eure Anhaͤnglichkeit iſt mir bekannt, Jasmin, ob⸗ gleich die Beweiſe derſelben zuweilen ein ungluͤckliches Reſultat ergeben haben.“ Waͤhrend Herr von Grandvilain ſo ſprach, kratzte er an dem Plaatze ſeines verlornen Ohres. „Laßt hoͤren, was habt Ihr mir zu ſagen?“ Jasmin ſchaute beſorgt um ſich, naͤherte ſich ſeinem Herrn und ſagte ihm mit leiſer Stimme und geheimniß⸗ voller Miene: „So erfahren Sie denn, gnäͤdiger Herr, daß Ihr Sohn geſchmolzen iſt...* Der alte Marquis ſinkt auf das Ruhbett zuruͤck, blickt mit Angſt ſeinen Diener an, und ruft aus: „Geſchmolzen! mein Sohn!... Ach, mein Gott!... iſt er denn in einen Schmelzofen gefallen?...“ 44 „— Wenn ich ſage geſchmolzen, mein theurer Herr, ſo will ich damit nur ausdruͤcken, daß er abgenommen hat und ſeit dem Tage ſeiner Geburt gerade um zehn Loth magerer geworden iſt...„ „— Der Teufel ſoll Euch holen, Jasmin, Ihr habt mir einen entſetzlichen Schreck verurſacht!.... Ihr macht doch immer Dummheiten!“ „— Aus Anhaͤnglichkeit an Sie, gnaͤdiger Herr, hielt ich es fuͤr meine Pflicht, Sie hievon in Kenntniß zu ſetzen. Turlurette hat unſern kleinen Cherubim gewogen, ſie iſt ihrer Sache gewiß... ſie wagt es nicht, ſolches der gnaͤdigen Frau zu ſagen; aber ich hielt es fuͤr ge⸗ rathener, Sie davon zu benachrichten; denn wenn das Kind nur einigermaßen ſo fortmacht, ſo wird es in wenigen Monaten gar nichts mehr waͤgen.“ Herr von Grandvilain ſchuͤttelte betruͤbt das Haupt und ſprach: „In der That, mein Sohn gedeiht nicht... er be⸗ kommt eine gelbliche Farbe, die mich in Staunen ver⸗ ſetzt... denn ſeine Mutter und ich ſind ſehr weiß... Ach, mein armer Jasmin, ich erhalte nach und nach die Ueberzeugung, daß man in der Jugend Kinder haben muß, denn dann erben ſie auch unſere Staͤrke!“ „— Ach was? gnaͤdiger Herr!... Sie ſind ſtark! Sie ſind ein Roß, mit Erlaubniß zu ſagen!... Unſer Che⸗ rubim iſt praͤchtig zur Welt gekommen... Sie muͤſſen ſich deſſen noch erinnernz... wenn er abfaͤllt,... ſo kommt es daher, weil er nicht genug ißt... Die gnaͤ⸗ dige Frau verhaͤtſchelt ihn! verzaͤrtelt ihn... das mnag *—* 45 ganz recht ſein... aber der kleine Schelm moͤchte viel⸗ leicht lieber Wein und eine Coͤtelette!“ „— Eine Cötelette!.... Biſt Du von Sinnen, Jasmin! giebt man zwoͤlfwoͤchigen Kindern Coteletten zu eſſen?“ „— Es waͤre ihnen vielleicht beſſer, als Milch! man weiß nicht. Wenn ich das Recht dazu haͤtte, wuͤrde ich es probieren.“ 4 „— Wahrhaftig, Jasmin, Du erinnerſt mich daran, daß der Großvater unſeres guten Heinrichs IV. ſeinem Enkel gleich nach der Geburt Wein zu trinken gab, und es brachte dem Kinde keinen Schaden, ganz im Gegen⸗ theil, denn Heinrich IV. war in jeder Hinſicht ein rechter Teufelskerl. Mit Ruͤckſicht auf dieſes glaube ich, daß mein Sohn, der bereits uͤber drei Monate alt iſt, recht wohl ein Schluͤckchen guten Weines trinken duͤrfte...“ „— Ganz gewiß, gnaͤdiger Herr, der Wein kann nie⸗ mals ſchaden... und Sie haben ſo vortrefflichen.... unſer kleiner Cherubim wird von demſelben, ſtatt gelb, auch wie der große Koͤnig, ein rechter Teufelskerl werden, und wenn Sie es nebenbei noch verſuchten, ihn eine Cdtelette ausſaugen zu laſſen...“ „— Der Wein wird genuͤgen... etwas Fleiſchbruͤhe dazu duͤrfte vielleicht dienlich ſein... Wenn nur die Frau Marquiſin zugibt, daß ihr Saͤugling andere Nah⸗ rung genießt!...“ „— Hoͤren Sie, gnaͤdiger Herr, Alles wohl erwogen, iſt der Kleine unſer Sohn!... Wenn ihn die gnaͤdige Frau nicht gehoͤrig naͤhrt, ſo haben wir das Recht, unſern Willen auszufuͤhren... Was Teufels!.. man 46 bekommt nicht jeden Tag ein Kind, und wenn Sie noch einmal friſch anfangen muͤßten, ſo glaube ich, daß...“ „— Ja, Jasmin, ja... ich werde mich zeigen, es handelt ſich um das Wohl meines Erben, ich will be⸗ harrlich ſein.“ Und der Herr Marquis von Grandvilain erhob ſich von ſeinem Ruhbette und lenkte ſeine Schritte gegen das Gemach ſeiner Frau: hiezu ſtützte er ſich auf den Arm Jasmin's, der auf dem ganzen Wege wiederholte: „Geben Sie ihm Wein zu trinken, mein Herr, geben Sie ihm gute Suppen, und ich wette mit Ihnen, daß er, ehe ein Monat vergeht, wieder um ſeine zehn Loth zugenommen hat!“ Frau von Grandvilain hatte es nicht gewagt, ihrem Manne zu geſtehen, daß ſie nicht genug Milch zum Saugen ihres Sohnes habez ſie hatte ein Saughoͤrnchen kaufen laſſen, und wenn der Marquis nicht zugegen war, gab man dem Kind aus dieſem zu trinken; allein ſobald der Vater zugegen war, ſo ſpielte man die Amme, und der arme Cherubim war dann auf die unergiebige, un⸗ ſchmackhafte Bruſt angewieſen. Da der Marquis unverſehens in das Zimmer ſeiner Frau eintrat, in einem Augenblick, wo ſie ihn gerade nicht erwartet hatte, ſo konnte ſie das Saughoͤrnchen, aus dem das Kind eben trank, nicht eilig genug ent⸗ fernen. „Was iſt das, meine Liebe?“ fragte der Marquis, den Gegenſtand betrachtend, aus dem ſein Kind den Trank einſog.„ 8 8 47 „Mein Freund,“ entgegnete Frau von Grandvilain ganz beſtuͤrzt,„das iſt... das iſt ein Erſatzmittel...“ „Ein Erſatzmittel! Ach was Teufels! ei, meine Theuerſte, Sie bedienen ſich eines Erſatzmittels..... und ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen.“ 3 „Mein Lieber, es gibt Augenblicke, wo es mir an Milch fehlt.. und der gute Kleine ſoll nicht dadurch leiden.“ „Nein, gewiß nicht, Madame, nur haͤtte ich, wenn Sie mir es fruͤher geſtanden, daß Sie ſich eines Erſatz⸗ mittels bedienten, meinerſeits nicht gezoͤgert, Ihnen mit⸗ zutheilen, wie ſehr ich wuͤnſchte, daß die Nahrungsweiſe unſeres Erben eine andere werden ſollte. Mein Sohn gedeiht nicht, Marquiſin, das iſt augenſcheinlich... Ich glaube, die Milch behagt ihm nicht... Es wundert mich nun weniger, weil's nicht die Ihrige iſt. Kurz, ich will eine andere Art verſuchen... Ich will meinem Sohn Wein zu trinken geben.“ „Wein, mein Freund! bedenken Sie doch... ein dreimonatliches Kind....“ „Das praͤchtig war, als es zur Welt kam... und mit Deinem Saughoͤrnchen zuſehends abnimmt... Ich. werde ihm Bordeaux geben... das iſt ein ſuͤßer, edler Wein... Wenn der gut anſchlaͤgt, ſo nehme ich ſpaͤter Burgunder.“ „Aber, mein Herr, Cherubim bedarf im Gegentheil leichter Sachen.... Eſelsmilch ſollte man ihm geben 1... „Meinem Sohne Eſelsmilch!.. Pfui, Madame!... Das begreife ich nicht... Wollen Sie vielleicht einen Eſel gus ihm machen? Wein muß er trinken!“ „ Er mu Milch trinken!“ Zum erſten Mal ſtritten ſich die beiden Gatten und keines gab nach. Heerr von Grandvilain nahm ſeinen Sohn auf die Arme, trug ihn in ſein Zimmer, ließ ſich von Jasmin eine Flaſche alten Bordeaux bringen und gab ſeinem Erben mit dem Löffel davon ein. Das Kind verſchluckte den Bordeaux, ohne allzuviel Grimaſſen zu ſchneiden, nach wenigen Augenblicken faͤrbten ſich ſeine Waͤngelein, und der alte Kammerdiener, der ſeinem Herrn behuͤlflich war, dem kleinen Cherubim den Wein einzugeben, rief aus: „Sehen Sie, Herr Marquis!... ſehen Sie... unſer Sohn hat ſchon eine beſſere Farbe!... es iſt ihm ſchon beſſer, er gewinnt wieder Kraͤfte... fahren Sie fort, gnaͤdiger Herr..... er verdreht die Augen.. ich glaube, er will noch mehr...“ Herr von Grandvilain dachte, man muͤſſe beim erſten Male vorſichtig ſein und die Sache nicht uͤbertreiben; er kehrte zu ſeiner Gemahlin zuruͤck, uͤbergab ihr den Kleinen wieder und ſagte: „Madame, Cherubim fuͤhlt ſich Hereits beſſer. hat wieder Farbe und ſeine Augen ſtrahlen wie Diamau ten... ich werde mit dem heute Begonnenen fortfahren, und Sie werden ſehen, daß ſich unſer Sproͤßling gut dabei befindet.“ Madame entgegnete nichts, aber ſobald ſich ihr Gatte entfernt hatte, rief ſie Turlurette und ſagte zu ihr: „Arme Turlurette, komm' und ſieh', in welchen Zu⸗ ſtand ſie dieſes liebe Herzchen verſetzt haben... es riecht 49 abſcheulich nach Wein, und ich Nauhu⸗ es iſt be⸗ trunken!“ „Ei, wahrhaftig, ja, sne,⸗ rief das dicke Weibsbild aus, nachdem ſie das Kind berochen hatte. „Der alte Dummkopf Jasmin iſt Schuld daran... das iſt ein Trunkenbold, er ließe die ganze Welt trinken, ſo⸗ gar die Saͤuglinge. Madame, folgen Sie mir, geben Sie ihm etwas Syrup⸗Brechwaſſer, dann wird er ſeinen Wein wieder von ſich geben... es wird ihn zum Er⸗ brechen nothigen.“ „Nein, Turlurette... nein!.... ich furchte, meinem Sohne zu ſchaden... und den Herrn Marquis zu aͤrgern. Aber ich will dem guten Herzchen Eſelsmilch geben, und das wird die ſchaͤdliche Wirkung des Weines zerſtoͤren.“ Die Eſelsmilch wurde dem Kinde mit dem Saug⸗ hörnchen eingeſchuͤttet. Der kleine Cherubim trank ſie ohne Widerſtreben, er war ſehr gutartig, und ſaugte Alles ein, was man ihm darbot: es handelte ſich nur darum, ihm etwas Nuͤtzliches einzugeben. Mehre Tage wüurde mit dieſer Ernährungsart fort⸗ gefahren. Der Marquis gab ſeinem Sohne Wein, und die Marquiſin Eſelsmilch zu trinken. Das Kind kam ganz roth aus den Haͤnden ſeines Vaters, wurde aber wieder ganz blaß bei ſeiner Mutter. Bald bemerkte man, daß die Geſundheit des Kleinen voͤllig zerruͤttet werde, denn die dicke Turlurette klyſtirte ihn nach Allem, was man ihm gab, und Jasmin, der ihn um jeden Preis dicker machen wollte, brachte ihm, ſo oft er mit ihm allein war, ein Stuͤckchen Paſtete oder ein Wurſtraͤdchen bei⸗ Paul de Kock. V. 4 Noch war kein Monat vergangen, ſeit man den jungen Marquis mit Wein, Eſelsmilch, Paſteten⸗Kruſte und Klyſtier auferzog; und ſtatt zuzunehmen, war er in einem erſchreckenden Zuſtande. Die Marquiſin weinte, und Herr von Grandvilain entſchloß ſich, einen Arzt rufen zu laſſen. Nachdem dieſer das Kind unterſucht und Alles ver⸗ nommen hatte, was man zu ſeinem Gedeihen gethan, rief er mit ſehr ſtrengem Tone aus: „Wenn Sie ſo fortfahren, kann ich Ihnen zum Vor⸗ aus ſagen, daß in acht Tagen Ihr Kind nicht mehr ſein wird.“ Die Marquiſin ſchluchzte, der Marquis wurde gruͤn⸗ lich, und beide riefen zugleich: „Was ſollen wir denn anfangen, um unſeres Kindes Geſundheit wieder herzuſtellen?“ „Was?... ihm eine Amme geben... eine gute Amme, und es mit ihr auf's Land ſchicken... es lange, ſehr lange dort laſſen... das muß geſchehen... und zwar ſogleich... heute noch.... Sie haben keine Zeit zu verlieren, wenn Sie dieſem Kinde das Leben erhalten wollen!“ u 3 Der Ton, in welchem der Doktor ſprach, ließ keinen Widerſpruch zu; und die Liebe, welche man fuͤr das Kind empfand, war gluͤcklicher Weiſe uͤber jede Eigenliebe er⸗ haben; man mußte ſein Unrecht zugeſtehen und ſchleunigſt gehorchen. Der Marquis ſandte all' ſeine Leute aus, um eine Amme zu ſuchen. Die Marquiſin ſelbſt begab ſich zu ihren Bekannten, rannte, fragte nach, erkundigte ſich; 51 allein die Zeit verſtrich, und die Anempfohlenen waren nicht gleich zu haben. Nach Verlauf des Tages hatte man noch Niemand gefunden, die Marquiſin und ihr Gatte kuͤßten ihr Kind, ohne zu wiſſen, was ſie ihm geben oder anbieten ſollten, weil ſie nicht mehr wagten, es ferner zu naͤhren, wie bisher. 3 3 Plotzlich erſcheint Jasmin mit einer ſehr dicken, ſehr friſchen, ſehr pausbaͤckigen Baͤurin und ruft aus: „Hier iſt, was wir ſuchen; die iſt kräftig, hoffent⸗ lich... ihre Milch muß ſein wie Kaͤſe... wenn die unſern Kleinen nicht herſtellt, dann, meiner Treu, miſche ich mich nicht mehr darein.“ Die von Jasmin herbeigebrachte Amme hatte ein ſo gutes Ausſehen und ſchien einer ſo feſten Geſundheit zu genießen, daß dies zu ihren Gunſten ſprach... Frau von Grandvilain ſtieß einen Freudenſchrei aus und bot das Kind der Baͤuerin hin, dieſe reichte ihm ihre Bruſt, die es auch begierig, wie Jemand, der gefunden, was er ſuchte, nahm. Der Marquis klopfte Jasmin auf die Schulter, in⸗ dem er ſagte?. „Du biſt ein koſtbarer Burſche; wie gelang es Dir, deeſe vortreffliche Amme aufzufinden?“ „Wie es mir gelang, gnaͤdiger Herr? ich ging ganz einfach auf das Bureau in der Sanct⸗Apolinen⸗Straße... dort fragte ich nach einer Amme; ich habe deren von allen Farben geſehen... und dieſe auserwaͤhlt! Das war das Beſte, was gethan werden konnte. Jasmin hatte den einfachſten Weg erwaͤhlt; dies iſt aber gewoͤhnlich der, den man zuletzt einſchlaͤgt. Die Amme des kleinen Cherubim war aus Gagny, und da die Befehle des Arztes beſtimmt lauteten, ſo ging ſie ſchon am naͤchſten Morgen nach ihrem Dorfe zuruͤck, wohin ſie auch ein praͤchtiges Kindszeug, Geld, Ge⸗ ſchenke, Empfehlungen und ihren kleinen Saͤugling mitnahm. Fünftes Kapitel. Das Dorf Gagny. Gagny iſt ein hubſches Dorf, es liegt dicht bei Ville⸗ monble, von dem es beinahe die Fortſetzung zu bilden ſcheint, und etwas vor Montfermeil, wenn man des Weges von Paris kommt. Indem ich euch ſage, Gagny ſei huͤbſch, verſtehe ich darunter nicht, daß es gerade und gut gepflaſterte Straßen habe, daß alle Haͤuſer daſſelbe buͤrgerliche, ſogar elegante Anſehen haben; dann wuͤrde es einer kleinen Provinzialſtadt gleichen, und haͤtte nicht mehr das maleriſche, originelle und laͤndliche Gepraͤge. An einem Dorfe liebe ich juſt dieſe Verſchiedenartig⸗ keit der Wohnungen, dieſe Unregelmäßigkeit der Gebaͤude, deren Anblick uns nicht mit der Einfoͤrmigkeit der Straßen in einer Hauptſtadt ermuͤdet, Ich will den Pachthof da⸗ rin ſehen mit all' ſeinem Zugehore, die Pfuͤtze, in der die Enten ſchnattern, den Duͤngerhaufen, auf dem die Hen⸗ nen picken, dann das Haͤuschen des vermoͤgenden Bauern, 53 der ſeine Laͤden gruͤn anſtreichen ließ und Weinreben an ſeinen Fenſtern hinauf zieht, das Strohdach eines Tag⸗ loͤhners nicht fern von dem ſchönen Hauſe eines reichen Buͤrgers aus der Stadt, die reizende Villa einer un⸗ ſerer Celebritaͤten von Paris, die Wohnung des Gaͤrtners, die Schule, die Kirche und ihren Glockenthurm, und mit⸗ ten unter all' dieſem große Baͤume, Fußpfade mit Ho⸗ lunder⸗ oder wilden Fruchthecken, Hennen und Hahnen, die ſorglos vor den Haͤuſern auf⸗ und abſpazieren, friſche, muntere, geſunde Kinder, die mitten auf den Straßen und Plaͤtzen ſpielen, ohne die Equipagen und Omnibus zu fuͤrchten. Sogar den Geruch des Stalles, wenn ich an dem Hauſe eines Milchers voruͤbergehe; denn all' die⸗ ſes erinnert uns daran, daß wir wirklich auf dem Lande ſind, und wenn wir dieſes wahrhaft lieben, ſo empfinden wir ein Wohlbehagen, ein Gluͤck, deſſen Wirkungen wir augenblicklich genießen, und das wir, ohne lange nach der Urſache deſſelben zu forſchen, der reinen Luft, die wir einathmen, den laͤndlichen Gemaͤlden, woran ſich unſer Auge weidet, und der ſuͤßen Freiheit, worin wir leben, verdanken! „Fuͤr wahre Freuden iſt das Land der rechte Ort: „Man ehrt die Goͤtter mehr, man liebt ſich beſſer dort!“ Gagny bietet euch das Alles dar. Ganz nahe von Raincy, dem Wald von Bondy und den köoſtlichen Ge⸗ höͤlzen von Montfermeil gelegen, in geringer Entfernung von der Marne, deren ufer beſonders bei Rogent und Gournay reizend ſind, koͤnnet ihr die Schritte nach Be⸗ lieben hinlenken, ihr werdet uͤberall entzuͤckende Spa⸗ ziergaͤnge, bewundernswuͤrdige Ausſichten finden. Die Umgegend iſt durch herrliche Beſitzungen verſchoͤnert: das rothe Haus, das weiße Haus und das kleine mit Thuͤrmen und Zinnen bedeckte Schloß Horloge, welches euch im Kleinen, aber ſehr guͤnſtig die Woh⸗ nungen der alten Burgherrn vergegenwaͤrtigt, gehoͤren dazu. So beſchaffen iſt das Dorf Gagny, das jeden Tag in ſeiner Naͤhe irgend eine neue, elegante, gut eingerich⸗ tete Wohnung erſtehen ſieht; wo waͤhrend der ſchoͤnen Jahrszeit huͤbſche Pariſerinnen, Kuͤnſtler, Gelehrte oder Handelsleute ſich vom ewigen Laͤrm und Geraͤuſche der Hauptſtadt zu erholen ſuchen. Ich bemerke, daß ich euch Gagny zeichnete, wie es jetzt iſt, waͤhrend man doch ſchon im Jahre 1819 den kleinen Cherubim, Sohn des Marquis von Grandvi⸗ lain, dorthin brachte. Im Ganzen war auch die Lage des Dorfes immer dieſelbe, einige huͤbſche Beſitzungen ausgenommen, die damals noch nicht exiſtirten und heut zu Tage bewundert werden. Vor allen Dingen wollen wir die Dorfbewohner ken⸗ nen lernen, unter welche man unſern Helden verſetzte. Man weiß, daß die Amme, die den Cherubim mit⸗ nahm, eine dicke, friſch und vergnuͤgt ausſehende Baͤuerin iſt, die eine kraͤftige und volle Geſtalt hat und in ihrem Mieder Reize verraͤth, womit leicht drei oder vier Mar⸗ quis und ebenſo viel Bauern ernaͤhrt werden könnten; aber man weiß noch nicht, daß dieſes Weib Nicolle Frimouſſet heißt, achtundzwanzig Jahre alt iſt, drei 3 Knaben und einen Mann hat, der ſie zur Verzweiflung bringt, obgleich er ein Muſter von Gehorſim und Er⸗ gebung in ihren Willen iſt. 5⁵ Jakob Frimouſſet ſtand in gleichem Alter wie ſeine Frau; er war ein ſtarker, gut gebauter, ſchoͤn gewachſe⸗ ner, breitſchulteriger, entſchloſſener Juͤngling, ſein rothes, vollkommenes Angeſicht, ſeine ſtarken Augenbrauen, ſeine ſchwarzen, glanzenden Augen, ſeine weißen, regelmaͤßigen Zaͤhne wuͤrden einem Herrn in der Stadt Ehre gemacht haben. Frimouſſet war ein huͤbſcher Burſche und ſchien im Voraus einen Mann zu verſprechen, der alle im Eh⸗ ſtande auferlegte Pflichten zu erfuͤllen fähig war. Die Baͤuerinnen ſind nicht unempfindlich gegen korperliche Vorzuͤge; man verſichert ſogar, daß es Damen gibt... große Damen, die Werth auf ſolche Kleinigkeiten legen. Nicolle'n, die einige Guͤter und eine ziemlich huͤbſche Mitgift hatte, konnte es nicht an Freiern fehlen; ſie waͤhlte Jakob Frimouſſet, und alle Baͤuerinnen im Dorfe behaupteten, daß Nicolle keinen ſchlechten Ge ſchmack habe! Was ohne Zweifel heißen wollte, ſie haͤtten Fri⸗ mouſſet auch geheirathet. Aber ein altes Sprichwort behauptet, daß oft der Schein truͤgt. Es gibt Leute, die nicht an Sprich⸗ woͤrter glauben wollen! Dieſe Leute haben hochſt Unrecht! Erasmus ſagt: Von allen Wiſſenſchaften iſt die der Sprichworter die alteſte; ſie galten als die Symbola, woraus das Geſetz⸗ buch der Philoſophie der erſten Zeitalter gebildet wurde; ſie ſind das Compendium der menſchlichen Wahrheiten. Ariſtoteles theilt die Meinung des Erasmus; er haͤlt die Sprichwoͤrter fuͤr Ueberbleibſel der ehmaligen, durch den Zahn der Zeit zerſtoͤrten Philoſophie und glaubt, daß dieſe Reſte, die nur ihrer Feinheit und Richtigkeit wegen erhalten worden, ſtatt unſere Verachtung zu ver⸗ dienen, ſorgſam uͤberdacht und tief ſtudirt werden ſollten. Chryſippos und Cleanthes haben lange Rollen zu Gun⸗ ſten der Sprichwörter geſchrieben. Theophraſt hat einen ganzen Band uͤber dieſen Gegenſtand abgehandelt. Auch zaͤhlt man unter den beruͤhmten Maͤnnern, welche dieſelben vertheidigten, Ariſtides und Clearchos, Schuͤler des Ari⸗ ſtoteles. Endlich hat Pythagoras Symbole gemacht, die Erasmus in den Rang der Sprichwoͤrter einreiht, und Plutarch in ſeinen Denkſpruͤchen die Sprichwoͤrter der Griechen geſammelt. Wir koͤnnten alle Schriftſteller der neuern Zeit nen⸗ nen, die zu Gunſten der Sprichwoͤrter geſchrieben haben; dies wuͤrde uns aber zu weit abfuͤhren; außerdem ſind wir der Anſicht, daß es dem geneigten Leſer lieber waͤre, zu Cherubims Amme zuruͤckzukehren. 4 Die Bauerin Nicolle kannte weder Erasmus noch Ariſtoteles; es gibt auch viele Leute in der Stadt, die durchaus keinen Begriff von dieſen Philoſophen haben und deßhalb doch recht wohl leben. Im Allgemeinen muß man das Studium der Alten nicht zu weit treiben; un⸗ ſere Wiſſenſchaft von dem, was ehemals geſchehen, ver⸗ hindert uns oft, uͤber die Gegenwart recht im Klaren zu ſein. Nicolle ſah bald ein, daß ſie mit Jakob keine gluͤck⸗ liche Partie gemacht habe. Der ſchöͤne Bauer war lang⸗ ſam, traͤge, gleichguͤltig, kurz— faul im ganzen Sinne des Wortes. Drei Tage nach der Hochzeit ſeufzte Ni⸗ colle ſchon, wenn man ihr zu ihrer Wahl gratulirte. Aber Frimouſſet beſaß jene Bosheit der Landleute, die * 57 ihre wahren Neigungen und ihre Fehler unter einer erheu⸗ chelten Miene von Gutmuͤthigkeit und Freimuͤthigkeit zu verbergen wiſſen und dadurch viele Menſchen betruͤgen. Seine Frau war lebhaft, raſch, arbeitſam; er hatte nicht lange gebraucht, um ihren Charakter kennen zu lernen. Weit entfernt, ſie in irgend etwas zu aͤrgern, ſchien Frimouſſet der fuͤgſamſte, gehorſamnſte Mann im Dorfe; allein er trieb ſeine Abhaͤnglichkeit ſo weit, daß er Nicolle laͤſtig zu werden anfing, und darauf hatte er gezaͤhlt. Des Morgens, waͤhrend ſeine Frau die Haushaltungs⸗ geſchaͤfte beſorgte, ſagte Jakob, nachdem er gehorig ge⸗ fruͤhſtuͤckt hatte, zu ſeiner Ehehaͤlfte: „Was ſoll ich jetzt thun, Nicolle?“ Und Nicolle er⸗ widerte lebhaft: Ich glaube nicht, daß es uns an Geſchaͤften fehlt! muß nicht unſer Feld gepfluͤgt, das Stuͤck Land an der Straße umgebrochen... die Wieſe gemaͤht... und der Garten eingeſaͤt werden?... gibt es da nichts zu thun?“ „Ja, ja!“ entgegnete Frimouſſet kopfſchuͤttelnd,„ich weiß wohl, daß es nicht an Geſchaͤft fehlt... aber mit was ſoll ich anfangen... mit dem Felde... der Wieſe .. dem Stuͤck Land, oder dem Garten?... Du ſollſt mirs ſagen... Du weißt wohl, daß ich nur Deinen Willen thun will.“ „Warum nicht gar! Das iſt eine Dummheit... haſt Du nicht Verſtand genug, um einzuſehen, was zuerſt geſchehen ſoll?...“ 5 „Nein, ich ſage Dir ja... Du ſollſt mir befehlen, was ich thun ſoll... ich will mich daran gewohnen, Weib⸗ chen, Dir zu gehorchen.“ 3 „Thu, was Du willſt, und laß mich mit Frieden.“ Mehr verlangte Frimouſſet nicht; wenn er mit ſei⸗ ner Gutmuͤthigkeit ſeine Frau genug gelangweilt hatte, ſo verfehlte dieſe nie, zu ſagen:„thu, was Du willſt, und laß mich mit Frieden!“ Dann ging Nicolle's Mann ins Wirthshaus, wo er ſeinen Tag zubrachte. Seine Frau ſuchte ihn vergebens auf der Wieſe und im Garten, und wenn er Abends zum Nachteſſen nach Hauſe kam, fragte ſie ihn: „Wo haſt Du denn gearbeitet, ich habe Dich nirgends gefunden?“ Dann antwortete Jakob mit einſchmeichelndem Tone: „Mein Herz.... Du wollteſt mir nicht ſagen, mit welchem Geſchaͤft ich den Anfang machen ſollte... ich fuͤrchtete, irgend eine Dummheit zu begehen... und wollte nichts thun ohne Deinen Auftrag.“ Mit einem ſo hartnaͤckigen Schelme, wie Herr Fri⸗ mouſſet, wird es nicht lange anſtehen, daß der Wohl⸗ ſtand, den man hat, der Duͤrftigkeit und dann dem Elend Platz machen muß; ſowohl bei Niedern, als bei Großen gibt es kein Vermoͤgen, das nicht durch Unordnung zu Grunde gerichtet werden konnte. Nach fuͤnfjaͤhrigem Eh⸗ ſtande war Nicolle genothigt, ihre Aecker und Wieſen zu verkaufen, und zwar bloß deßhalb, weil Herr Jakob, wenn es zur Arbeit ging, niemals wußte,— wo er an⸗ fangen ſollte. Indeſſen hatte ſich die Familie um drei kleine, geſunde, eßluſtige Knaben vermehrt. Es ſcheint, daß die Hausfrau 59 in gewiſſen Punkten nicht immer zu ihrem Gatten ſagte: „laß mich mit Frieden oder thu, was Du willſt,“ und daß ſie alsdann beſtimmt anzuweiſen wußte, welche Ar⸗ beit er vornehmen ſollte; allein drei Kinder mehr und einige Stuͤcke Land weniger, waren nicht im Stande, das gute Auskommen in Frimouſſets Wohnung zuruͤckzufuͤh⸗ ren. Deßhalb kam Nicolle'n der Gedanke, ſich als Amme zu verdingen, und da die Baͤuerin eben ſo viel Lebhaftig⸗ keit und Entſchloſſenheit in ſich hatte, als ihr Gatte Faul⸗ heit und Gleichguͤltigkeit, ſo war ihr Plan bald ausgefuͤhrt. Darum hatte Jasmin, als er in der Straße Sankt⸗ Apoline aufs Ammenbuͤreau ging, dort die Baͤurin von Gagny gefunden, die er wegen ihres guten Ausſehens erwaͤhlt und im Triumphe ſeinem Herrn, dem Marquis von Grandvilain, vorgefuͤhrt hatte. Nicolle war eine brave Frau, ſie fuͤhlte eine aufrich⸗ tige Zuneigung zu dem ihr anvertrauten Kinde; ſie nahm es auf die Arme, ſobald es weinte; ſie wurde nicht muͤde, ihm ihre Bruſt zu reichen und es in ihren Armen zu wiegen; ſie trug auch Sorge, daß es immer huͤbſch, rein und ſauber gewaſchen war; allein die Baͤurin war auch Mutter, ſie hatte ſelbſt drei Jungen, und trotz der Anhaͤnglichkeit, die ſie fuͤr ihren Saͤugling hegte, gab ſie doch dieſen Jungen die Bonbons, Confekte, Biscuits und Zuckerbrode, mit denen die Frau Marquiſin von Grand⸗ vilain ſie reichlich zu verſehen nicht vergeſſen hatte, wo⸗ bei ſie ihr den Auftrag ertheilte, dieſelben nicht zu ſparen, und dem Cherubim nie etwas zu verweigern, ſondern wieder andere Suͤßigkeiten zu begehren, wenn dieſe auf⸗ gegeſſen waͤren. 60 Zum Gluͤck fuͤr Cherubim befolgte Nicolle ihre An⸗ weiſungen nicht buchſtaͤblich. Da man Mutter iſt, ehe man Amme ſein kann, ſo mußte die Baͤuerin natuͤrlich ihren Kindern vor dem Koſtkinde den Vorzug geben. Sie reichte dieſem die Bruſt, waͤhrend die andern ſich mit Leckereien„Sußigkeiten und Zuckerbroden vollſtopften, was in kurzer Zeit einen nach⸗ theiligen Einfluß auf ihre Geſundheit ausuͤbte, wogegen der kleine Grandvilain friſch, roſig, dick und geſund wurde. Die Ankunft des Saͤuglings brachte wieder Wohlha⸗ benheit in Frimouſſets Haus. Nicolle hatte nur dreißig Franken monatlich verlangt; aber der Marquis ſagte hierauf: „Wenn mein Sohn gedeiht, ſeine Geſundheit wieder erhaͤlt, ſo gebe ich Euch das Doppelte!“ Und die Marquiſin fuͤgte hinzu: 1 „Fordert von mir, was Ihr an Spezereien und Kkei⸗ dern braucht, Alles, was mein Sohn noͤthig hat; es ſoll Euch ſogleich verabreicht werden!“ und Jakob, der mehr als jemals Zeit zum Faulen⸗ zen und Wirthshauslaufen hatte, weil ſeine mit ihrem Saugling beſchaͤftigte Frau ihren Mann nicht beaufſich⸗ tigen konnte, rief alle Tage aus: „Meiner Treu, Nicolle, Du haſt einen ſehr guten Gedanken gehabt, Saͤugamme zu werden! Wenn Du nur drei oder vier ſolche Puͤppchen zu ſaͤugen haͤtteſt, dann haͤtten wir erſt unſer bequemes Auskommen!“ und die kleinen Milchbruͤder Cherubims, die nichts mehr thaten, als Leckerbiſſen und Zuckerbackwerk eſſen, ſchwammen auch im Entzuͤcken, einen Saugling bei ihrer 61 Mutter zu wiſſen, der ihnen ſo viele gute Sachen ver⸗ ſchaffte(in Folge deren ſie fortwaͤhrenden Stuhlgang hatten). Erſt ſechs Wochen waren es, ſeit Cherubim ſich bei der Amme befand, als an einem ſchoͤnen Herbſttage eine praͤchtige Equipage auf dem Markte des Dorfes Gagny, welches nicht gerade der ſchönſte Platz iſt, obgleich man dort die Hauptwache hin verlegte, ſtille hielt. Ein Gefährt, das nicht vollkommen einem Leiterwa⸗ gen gleicht, iſt immer ein Ereigniß in einem Dorfe. Schon hatten ſich fuͤnf bis ſechs alte Weiber, einige Greiſe, mehre Bauern und eine Menge Kinder um die Equipage, die ſie neugierig betrachteten, verſammelt, als der Kutſchenſchlag aufging und ſich der Kopf eines Man⸗ nes zeigte. Alsbald entſtand ein dumpfes Gemurmel und anhal⸗ tendes Hohngelaͤchter, und folgende, eben nicht immer leiſe ausgeſprochene Worte ließen ſich unter den Neugie⸗ rigen vernehmen: „Ach! wie haͤßlich iſt er!...— O! dieſes Angeſicht! .— Darf man ſo abſcheulich ſein, wenn man eine Chaiſe hat?— Da will ich lieber noch zu Fuße gehen.. — Dem ſind die Pocken auch nicht eingeimpft worden!...“ Und noch andere Bemerkungen aͤhnlicher Art, die leicht zu den Ohren deſſen, der ſie veranlaßte, dringen konnten, artigerweiſe aber nur im Stillen gemacht werden ſollten; allein die Hoflichkeit iſt nicht die Lieblingstugend der Bau⸗ ern in der Umgegend von Paris. Gluͤcklicherweiſe war der, welcher den Kopf aus dem 6² Kutſchenſchlag ſtreckte, etwas harthoͤrig und uͤberdies ein Mann, der ſich ſolcher Albernheiten wegen nicht aͤr⸗ gerte, er richtete ſogar im Gegentheil, mit freundlicher Miene die Geſellſchaft begruͤßend, folgende Worte an ſie: „Wer von euch, gute Leute, konnte mir die Woh⸗ nung der Nicolle Frimouſſet zeigen... ich weiß zwar, daß ſie in einer Straße iſt, die auf den Marktplatz führt . aber weiter weiß ich nicht. „Nicolle Frimouſſet!“ ſagte ein halbbetrunkener Bauer, der eben aus einer Schenke kam und ſich anſchickte, in eine andere einzutreten. „Das iſt mein Weib... Nicolle... ich bin Jakob Frimouſſet, ihr Mann... was wollt Ihr von meinem Weibe?“ „Was wir von ihr wollen? Potztauſend, wir wollen den klainen Knaben ſehen, den wir ihr anvertraut haben, und uns erkundigen, wie ſich das liebe Kind befindet. „Ach! das iſt der Herr Marquis,“ ſchrie Jakab, ſei⸗ nen Hut abnehmend und mehre Kinder zu Boden wer⸗ fend, um ſich ſchneller dem Gefaͤhrte zu naͤhern.„Ach! entſchuldigen Sie, Herr Marquis!... ich kannte Sie nicht.. ich will Ihnen den Weg zeigen... dort iſt un⸗ ſere Straße... dort neben... es geht bergauf... aber Sie haben gute Pferde...“ und Jakob faͤngt an, vor der Chaiſe herzurennen, und ſchreit, waͤhrend er huͤpft und ſpringt, aus vollem Halſe: „Da iſt der Vater des kleinen Cherubim!.. Da iſt der Marquis von Grandvilain, der uns beſucht!.. ich werde ſeine Geſundheit trinken!“ Der in der Chaiſe entgegnete ſeinerſeits: 68 „Nein, ich bin nicht der Marquis, ich bin Jasmin, ſein erſter Kammerdiener... und das Frauenzimmer, das mich begleitet, iſt nicht die Frau Marquiſin... ſondern Turlurette... ihre Kammerfrau.. das iſt aber einerlei.“ „Ihr ſagt eine Dummheit, Jasmin,“ wendete Tur⸗ lurette ein, ihrem Reiſegefaͤhrten einen Stoß gebend, „wie iſt das einerlei, ob es unſere Herrſchaft iſt oder wir.... „Ich verſtehe das in Beziehung auf das Kind, das wir zu beſuchen gedenken... Man ſchickt uns, um uns nach dem Zuſtand ſeiner Geſundheit zu erkundigen... können wir dieſen nicht ſo gut pruͤfen, wie unſere Herr⸗ ſchaft?.. und ſogar noch beſſer, denn wir haben beſſere Augen als ſie!..“ 5 „Ihr ſprecht mit ſehr wenig Achtung von Eurer Herrſchaft, Herr Jasmin.“ „Mamſell, ich achte und verehre dieſelbe.... das hindert mich aber nicht an der Behauptung, daß ſie beide in einem betruͤbten Zuſtande ſind..... welch' arm⸗ ſelige Gerippe!... ſie dauern mich!...“ „Nun, ſchweigen Sie, Herr Jasmin, wir ſind an Ort und Stelle.“ Das Gefaͤhrt hielt vor Frimouſſets Hauſe. Schon hatte Jakobs Geſchrei Alles in Bewegung geſetzt... „Das ſind Cherubims Eltern,“ ſagte man von allen Seiten; die kleinen Jungen ſpringen der Chaiſe nach, Jakob geht in den Keller, um Wein zu holen, womit er der Geſellſchaft aufwarten will, waͤhrend Nicolle eiligſt ihren Saͤugling waͤſcht und ſchnaͤuzt, ihn auf ihren Armen Jasmin und Turlurette im Augenblick, als dieſe 64 aus dem Wagen ſteigen, entgegenbringt und ihnen zuruft: „Hier iſt er, gnaͤdiger Herr und gnaͤdige Frau... kuͤſſen Sie ihn... und ſehen Sie, wie geſund er iſt!.. Ach! ich ſchmeichle mir, daß er nicht ſo huͤbſch war) wie Sie mir ihn uͤbergaben!...“ „Es iſt wahr!... er iſt wunderhuͤbſch!“ ſagte Jasmin, das Kind kuͤſſend. „Er iſt reizend!“ ſagte Turlurette, den kleinen Che⸗ rubim hin und her drehend, und von allen Seiten be⸗ trachtend. Aber waͤhrend man ihren Saͤugling bewunderte, hatte Nicolle Zeit, ſich zu faſſen, ſchaute Jasmin und Tur⸗ lurette an und rief aus: „Ei! aber... es kommt mir vor, wie wenn das nicht der gnaͤdige Herr und die gnaͤdige Frau, der Herr Vater und die Frau Mutter waͤren... Wahrhaftig! ich erkenne dieſen Herrn an ſeiner rothen Naſe und ſeinem narbigen Geſichte... er hat mich auf dem Bureau geholt und auserwaͤhlt.“ „Ja, Amme, Ihr irrt Euch nicht,“ entgegnete Jas⸗ min,„ich bin nicht mein Herr... ich wollte ſagen, ich bin nicht der Marquis, ich habe es Eurem Manne zuge⸗ rufen, aber er wollte mich nicht anhoͤren; das thut nichts, man hat uns geſchickt, Turlurette und mich, um uns von der Geſundheit des jungen Grandvilain zu uͤberzeugen, und Nachrichten hieruͤber dem Herrn Marquis und ſeiner Gemahlin zu uͤberbringen.“ „Ihr ſeid ſtets willkommen,“ erwiderte Nicolle.. „Dann werdet ihr's nicht verſchmaͤhen, unſern Wein — 65⁵5 zu verſuchen, und Euch zu erfriſchen!“ rief Jakob aus, indem er einen großen, bis an den Rand gefuͤllten Krug mit Wein herbeiſchleppte. „Ich habe niemals ein Glas Wein ausgeſchlagen und erfriſche mich allzeit gerne, auch wenn ich nicht heiß habe,“ antwortéte Jasmin;„aber zuerſt will ich genau die Befehle meiner werthen Herrſchaft befolgen... Amme, ſei't ſo gut, wickelt das Kind auf, und zeigt es mir ganz nackt, damit ich mich uͤberzeugen kann, daß es von oben bis unten, einſchließlich Allem, in gutem Zuſtande iſt.“ „Ei, mein Gott! trinkt' und laßt uns mit Frieden, das iſt mein Geſchaͤft!“ ſagte Jungfer Turlurette, das Kind in ihren Armen behaltend. „Mamſell, ich hindere Sie nicht daran, das Kind gleichfalls zu betrachten, aber ich weiß, was mein Herr mir befohlen hat, und ich will ihm gehorchen.... gebt mir den Cherubim, ich will einen kleinen Amor aus ihm machen.“ „Ich gebe ihn Ihnen nicht..“ „Dann werde ich ihn zu nehmen wiſſen!“ „Kommen Sie doch!“ Jasmin ſpringt mit einem Satz auf das Kind zu, aber Turlurette laͤßt es nicht los, jedes reißt es zu ſich her; Cherubim weint; aber die Amme, welche dieſer Nachahmung von Salomo's Urtheil ein Ende ma⸗ chen will, ergreift das Kind geſchickt; in einem Augen⸗ blick hat ſie es ausgekleidet; alsdann praͤſentirt ſie es den beiden Dienſtboten, laͤßt ſie das kleine, runde, ſam⸗ metige Hintertheil ihres Saͤuglings kuͤſſen, und ruft aus: Paul de Kock. V. 5 * 66 4 „Nun?... iſt das huͤbſch! ah! Ihr moͤchtet wohl auch ein ſolches haben!... aber ihr habt nichts zu hoffen!“ 8 Die Handlung der Amme hat bei der Dienerſchaft des Hauſes Grandvilain die Heiterkeit wieder hergeſtellt, und den Frieden geſchloſſen; Turlurette hoͤrt nicht auf, das Kind ihrer Herrſchaft zu kuͤſſen. Jasmin nimmt eine große Priſe Tabak, ſetzt ſich dann vor einen Tiſch, und ſpricht: 1 „Ja, ja, Alles iſt in Ordnung... wir haben da einen herrlichen Sproͤßling, nun wollen wir Euern Wein verſuchen, Pflegvater!“ Jakob ſchenkt eifrig ein, ſtoßt an und ſchenkt wieder ein, ſo daß Jasmin eben ſo zufrieden mit dem Pfleg⸗ vater, als mit der Amme iſt. „Warum ſind aber der Herr und die Frau Marquiſin nicht ſelbſt gekommen?“ fragt Nicolle. „Ach,“ entgegnete Turlurette ſeufzend,„meine arme Gebieterin iſt nicht wohl, ſeit ſie ſaͤugen wollte, ging's ſchlimm... und jetzt, ſeit ſie nicht mehr ſaͤugt, geht's noch ſchlimmer!...“ „Ich hatte mich doch angetragen, unſern Cherubim zu erſetzen, um unſerer Gebieterin Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen!“ murmelte Jasmin, waͤhrend er ein großes Glas leerte. „Mein Gott, Herr Jasmin, Sie fangen wieder an, Dummheiten zu ſagen,“ entgegnete Turlurette,„das waͤre nicht uͤbel, wenn die gnaͤdige Frau Sie geſaugt haͤtte....“ „Nun!... wenn es auf Befehl der Aerzte geſchieht.. 67 ich habe eine Dame gekannt, die mehrere Katzen und zwei Kaninchen ſaͤugte, weil ſie zu viel Milch hatte....“ „Verſchonen Sie uns mit Ihren Geſchichten!... kurz, meine Gebieterin iſt ſehr ſchwach, ſie kann das Zimmer nicht verlaſſen, oh! waͤre das nicht der Fall, ſo waͤre ſie ſchon langſt gekommen, ihren theuren Kleinen, von dem ſie fortwaͤhrend ſpricht, zu umarmen.“ „Was den Herrn Marquis betrifft, der hat die Gicht in den Ferſen, das hindert ihn ungemein am Gehen,“ ſagte Jasmin.„Ich habe ihm zwar ein Mittel vorge⸗ ſchlagen, naͤmlich, ſich auf den Zehenſpitzen zu halten, und die Ferſen nicht auf den Boden zu bringen, er hat's probirt... aber nachdem er einige Schritte gemacht... plumps! gehorſamer Diener, da lag er der Laͤnge nach auf dem Boden; ſeither hat er es nicht mehr verſucht; darum hat man uns hierher geſchickt; und ſei't nur zu⸗ frieden, wir werden treulich erzaͤhlen, was wir geſehen... Ihr habt unſern Sohn dem Leben wieder gegeben! Ihr ſeid wackere Leute! Eure Geſundheit, Pflegvater, Euer Wein kratzt in der Kehle... es iſt aber nicht unange⸗ nehm, er macht's dem Bordeaux nach.“ Waͤhrend Jasmin trank und ſchwatzte, holte Turlurette alles aus der Chaiſe, was ihre Gebieterin der Amme zu⸗ geſchickt hatte. Das waren Geſchenke jeder Art, Zucker, Kaffee, Kleider und ſogar Spielzeug fuͤr die Milchbruͤder Cherubim's. Das niedere Zimmer, worin ſich gewoͤhn⸗ lich die Landleute aufhalten, kann kaum das aus der Chaiſe Geholte in ſich faſſen. Die kleinen Frimouſſet ſind ganz toll, ſchreien, und waͤlzen ſich auf dem Boden 68 vor Freude uͤber den Anblick dieſer Geſchenke, und Ni⸗ colle wiederholt jeden Augenblick: „Die Frau Marquiſin iſt ſehr guͤtig!... ſie kann ſich aber auch darauf verlaſſen, daß ihr Sohn all' dieſe Leckerbiſſen verzehren wird... meine Jungen ſollen ſie nicht beruͤhren! denen iſt uͤbrigens auch der Speck lieber.“ Jasmin fuͤhlte ſich ſehr wohl bei Jakob; Turlurette ſah ſich gendthigt, ihn daran zu erinnern, daß ihre Herr⸗ ſchaft mit Ungeduld auf ihre Ruͤckkehr harre. Beide Dienſtboten verabſchiedeten ſich von den Landleuten, kuͤßten den kleinen Cherubim noch einmal, diesmal aber in's Geſicht, und ſtiegen in den Wagen ihrer Herrſchaft, der ſie in kurzer Zeit nach Paris zuruͤckfuͤhrte. Die Marquiſin erwartete die Zuruͤckkunft ihrer Leute mit jener Angſt einer Mukker, die fuͤr die Tage des ein⸗ zigen Kindes fuͤrchtet, das der Himmel ihr gewaͤhrt hat. und trotz der Gicht ſchleppte ſich Herr von Grandvilain von Zeit zu Zeit an ſein Fenſter, um nachzuſehen, ob er nicht in der Ferne ſeine ruͤckkehrende Chaiſe bemerke. Die juͤngere und raſchere Turlurette war Jasmin vorangeeilt, ſie trat mit freudeſtrahlendem Antlitz ein; ihre Miene verkuͤndete ſchon, daß ſie gute Nachrichten zu überbringen habe. „Praͤchtig, gnaͤdige Frau!... eine herrliche Geſund⸗ heit! ein herrliches Kind! o! man erkennt es gar nicht mehr... es war ſo ſchmaͤchtig, als es fortkam] jetzt iſt es dick und ſtark wie ein Fels.“ „Wahrhaftig? Turlurette!“ rief die Marquiſin aus. „Du taͤuſcheſt uns nicht?“ 3 . 69 „O! gnädige Frau, fragen Sie nun Jasmin, der eben kommt.“ 3 Jasmin, gerade angelangt, ſchnaufte wie ein Ochſe, denn er hatte es verſuchen wollen, eben ſo ſchnell wie Turlurette die Treppe heraufzuſpringen; er trat naͤher, begruͤßte ſeine Herrſchaft mit Wuͤrde und ſprach: „Unſer junger Marquis iſt in einem ſehr bluͤhenden Zuſtande, ich hatte die Ehre, ihm den Hintern zu kuͤſſen... ich bitte um Entſchuldigung, daß ich mir dieſe Freiheit genommen... es iſt aber ein ſo ſchones.. in ſo gutem Stande erhaltenes Kind... daß ich behaupte, die Familie Frimouſſet iſt unſeres Zutrauens wuͤrdig, und man kann die Amme und ihren Mann nur loben.“ Dieſe Worte verbreiten Freudigkeit in des Marquis Hauſe. Cherubims Mutter nimmt ſich vor, ſobald ihre Geſundheit wieder hergeſtellk ſei, nach Gagny zu reiſen, und ihren Sohn zu beſuchen, und der Herr Marquis von Grandvilain ſchwoͤrt daſſelbe, ſobald die Gicht von ſeinen Ferſen gewichen ſei. Sechstes Kapitel. 1 Die Zeit und ihre Wirkungen. Der alte Marquis und ſeine Frau fuͤhlten ſich ganz gluͤcklich, ſeit ſie ihren Sohn geſund wußten; ſie ver⸗ gaßen ihr eigenes Uebelbefinden hieruͤber, und machten große Plane fuͤr die Zukunft. In einem alten Liede heißt es: Das Heute nur iſt unſer Theil, Das Morgen iſt fuͤr Niemand feil— 70 was ſehr wahr iſt, und beweist, daß man nie auf den folgenden Tag zaͤhlen ſoll; dies hindert aber nicht, daß wir oftmals Plane machen, worin wir eine große Anzahl Jahre uͤberſchreiten... was weit mehr iſt, als einen folgenden Tag!... und der groͤßte Theil dieſer Plane darf doch nie in Erfuͤllung gehen... indeſſen haben wir ſtets Recht, ſolche zu machen, denn ſie ſind der beſte Theil unſeres Gluͤckes; was wir beſitzen, ſcheint uns nie ſo ſuͤß, als das, welches wir uns erſt verſprechen; es iſt hier daſſelbe, wie mit jenen Landſchaften, die, von ferne betrachtet, uns ſo koſtlich erſcheinen, und, wenn wir am Orte unſerer Bewunderung angekommen ſind, nur noch ganz gewoͤhnlich von uns gefunden werden. Einen Monat, nachdem Amenais die Verſicherung von dem Wohlergehen und der Wiedergeneſung ihres Sohnes empfangen hatte, wollte ſie, ſich beſſer fuͤhlend, ausgehen und einen Spaziergang machen, um deſto baͤlder im Stande zu ſein, einen Ausflug nach Gagny zu machen. Aber war ſie zu fruͤhe ausgegangen, oder eine neue Krankheit im Anzuge, die Marquiſin befand ſich unwohl, als ſie nach Hauſe zuruͤckkam; ſie mußte ins Bett ge⸗ bracht werden, und vierzehn Tage nachher geleitete man die Mutter des kleinen Cherubims, die ihren Tod nicht im mindeſten geahnt und bis zum letzten Augenblicke die Hoffnung genaͤhrt hatte, ihren Sohn umarmen zu duͤrfen, zum Grabe. Der alte Marquis war troſtlos uͤber den erlittenen Verluſt, aber im ſiebenzigſten Jahre liebt man nicht mehr wie im dreißigſten; mit dem zunehmenden Alter wird man minder zaͤrtlich, und dies iſt ſowohl eine Wir⸗ 71 kung der Erfahrung, als der Jahre; man wurde im Laufe ſeines Lebens in ſeinen Neigungen dermaßen ge⸗ taͤuſcht, daß man am Ende nothwendig ſelbſtſuͤchtig werden und die Zaͤrtlichkeit, die man fuͤr Andere hegte, auf ſich zuruͤckwenden muß. Außerdem blieb der Marquis nicht allein auf der Weelt; hatte er nicht einen Sohn, der ihn troͤſten konnte? Sein getreuer Diener ſagte eines Tages zu ihm: „Mein theurer Herr, denken Sie an Ihren kleinen Cherubim... er hat keine Mutter mehr... gewiß haͤtten Sie vor ihr ſterben ſollen, denn Sie waren weit aͤlter! aber die Dinge gehen nicht immer, wie man es ſich vorſtellt!... Die Frau Marquiſin iſt geſtorben und Sie leben... es iſt wahr, Sie haben die Gicht... aber es gibt Leute, welche nicht ſo bald von ihr mitge⸗ nommen werden... Sie ſind ein Exempel davon. Seien Sie ein Mann, Herr Marquis, denken Sie an Ihren Sohn, aus dem wir einſt einen kreuzfidelen Kerl machen wollen... wie Sie ehmals einer waren... denn fruͤher waren Sie ein famoſer Schelm, gnaͤdiger Herr, man wuͤrde es nicht mehr glauben, wenn man Sie jetzt ſieht.“ „Was ſoll das heißen, Jasmin, ich bin alſo ſehr veraͤndert... ſeh' ich denn jetzt impotent aus?“ „Ich ſage das nicht, gnaͤdiger Herr, aber ich meine doch, daß es Ihnen jetzt ſchwer wuͤrde, ſich an einem Tage zu fuͤnf bis ſechs Stelldicheins zu begeben... was fruͤher bei Ihnen ſo oft der Fall geweſen!... Ach! welcher Verfuͤhrer waren Sie ſonſt... Nun! ich ſtelle mir vor, Ihr Sohn werde Ihnen nachſchlagen... daß ich auch ſeine Liebesbriefe uͤberbringen muß.. nun! 72 nun! Ich werde ſie beſorgen, gnaͤdiger Herr;... ich werde ſie mit Vergnuͤgen beſorgen... Ich verſtehe mich auf die Ueberreichung eines Liebesbrieſchens.“ „Das heißt, mein armer Junge, Du machteſt ſtets Ungeſchicklichkeiten und Dummheiten, und es iſt nicht Dein Fehler, wenn ich nicht hundert Mal von eiferſuͤch⸗ tigen Ehmaͤnnern oder Nebenbuhlern uͤberraſcht und an⸗ gefallen wurde...“ 5 „Sie glauben, gnaͤdiger Herr?... ol Sie irren ſich... es iſt ſchon ſo lange, ſeit Sie all' das aus dem Gedaͤchtniſſe verloren haben.“ „Im Ganzen genommen,“ fuhr Herr von Grand⸗ vilain nach einer Weile wieder fort,„wuͤrde es mir doch nichts helfen, wenn ich dieſe arme Marquiſin fort⸗ waͤhrend beweinte... Ich muß mich meinem Sohne erhalten. Ach! wenn ich ihn nur in ſeinem zwanzigſten Jahre ſehen konnte, das waͤre Alles, was ich wuͤnſchte.“ „Potz tauſend!... ich glaub's doch... Sie ſind nicht dumm!“ entgegnete Jasmin,„zwanzig und Ihre ſiebzig machen neunzig!“ „Nun, Jasmin, kann man nicht ſo alt werden?“ „Ach, der tauſend!.. das iſt ſelten!... aber vor kommt's doch.“ „Wie alt biſt denn Du, drolliger Burſche! daß Du Dir ſolche Bemerkungen erlaubſt?“ „Ich, gnaͤdiger Herr, fuͤnfzig Jahre,“ erwiderte Jasmin, ſich ein Anſehen gebend. „Hum!... ich glaube, Du verſchweigſt einen Theil... Du ſcheinſt weit aͤlter. Gleichviel, ich uͤber⸗ lebe zehne, wie Du biſt!“ 3 73 „Der gnaͤdige Herr ſind es gewiß im Stande.“ „Und ſobald meine Gicht weg iſt, werde ich meinen Erben beſuchen und umarmen. Ich konnte wohl die Amme hierher kommen laſſen, aber der Arzt haͤlt es nicht für gut, die Kinder einer Luftveraͤnderung auszu⸗ ſetzen, und ich will lieber auf ein Wiederſehen Verzicht leiſten, als ihn der Gefahr preisgeben, wieder krank zu werden.“ „Zudem, gnaͤdiger Herr, wiſſen Sie ja, wenn Sie wuͤnſchen, daß ich unſern Kleinen beſuchen ſoll, bin ich ſtets bereit... es iſt uberfluͤſſig, daß mich die dicke Tur⸗ lurette begleitet... ich weiß es ſelbſt zu beurtheilen, ob ſich ein Kind wohl befindet. Ich werde, wenn Sie wollen, alle Tage nach Gagny gehen, es ermuͤdet mich gar nicht.“ Jasmin beſuchte Cherubim recht gerne; erſtens hatte der treue Diener ſchon eine innige Anhaͤnglichkeit an den Sohn ſeines Herrn und dann leerte er gerne einige Kruͤge Wein mit dem Pflegevater, der ſein Freund ge⸗ worden war. Fuͤnf Monate waren ſeit dem Tode der Frau Mar⸗ quiſin verfloſſen, als endlich Herr von Grandvilain, von ſeiner Gicht befreit, im Stande war, ſeinen großen Lehn⸗ ſtuhl zu verlaſſen. Sein Erſtes war, Befehl zu ertheilen, daß man Pferde vor ſeinen Wagen ſpannen ſolle, dann ſtieg er hinein. Dies Mal kletterte Jasmin hintenauf, und man ſchlug den Weg nach Gagny ein. Der kleine Cherubim gedieh herrlich, denn nicht er aß die Leckerbiſſen, die Turlurette immer der Nicolle zu⸗ ſchickte. Schon war von der Amme eigenen kleinen 74 Jungen einer an der Bruſtentzuͤndung geſtorben; die beiden andern groͤßern und ſtaͤrkern unterlagen den Zucker⸗ kuchen und Marzipanen nicht ſo leicht, aber ihre Ge⸗ ſichtsfarbe war blaß und matt, waͤhrend Cherubim von Geſundheit und Friſche ſtrahlte.— An dem Tage, wo der Marquis ſich nach Gagny begab, hatte Jakob Frimouſſet ſchon fruͤh Morgens ſeine Wirthshausbeſuche begonnen und war bereits vollig be⸗ trunken, als einer ſeiner Bekannten ihm die Nachricht mittheilte, daß die Equipage des Herrn Marquis von Grandvilain vor ſeiner Thuͤre halte. „Gut,“ ſagte Jakob,„mein Freund, Herr Jasmin beſucht uns;.... obgleich Kammerdiener eines großen Hauſes, iſt er doch gar nicht ſtolz: wir werden ein paar Flaſchen mit einander ausſtechen.“ und der Amme Mann kommt ganz ſchwankend nach Hauſe; er tritt in die untere Stube ein, wo Herr von Grandvilain ſeinen Sohn, der nun ſchon ein Jahr alt iſt, und uͤber ſeines Vaters Kinn, das keinen Augenblick ſtille ſtand, ſehr zu lachen ſchien, auf den Knieen ſchaukelte. „Was iſt das fuͤr ein Alter?“ ruft Frimouſſet aus, indem er ſich die Augen reibt und an die Wand lehnt. „Das iſt der Herr Marquis von Grandvilain ſelbſt!“ entgegnet ihm Nicolle, waͤhrend ſie ihm von Ferne winkt, eine achtungsvollere Stellung anzunehmen; er aber ſchlaͤgt ein lautes Gelaͤchter auf, und ſagt: 8 „Das, Cherubim's Vater!... geht doch! das iſt unmoͤglich! das iſt ſein Großvater... ſein Urgroß⸗ “ vater... wenigſtens!... kann man noch ſo kleine „Fratzen haben, wenn man ſchon ſo runzelig iſt 12⸗ Herr von Grandvilain wurde purpurroth vor Zorn; er hatte einen Augenblick Luſt, ſeinen Sohn fortzu⸗ nehmen, und nie mihr den Fuß uͤber die Schwelle, dieſes plumpen Bauern zu ſetzen, der ihm ſolche unangenehme Dinge ſagte; aber ſchon war es Nicolle gelungen, ihren Mann aus dem Zimmer hinaus zu jagen, und Jasmin, der ſich eben in einiger Entfernung etwas erfriſcht hatte, trat wieder naͤher und ſagte: „Horen Sie nicht auf ihn, gnaͤdiger Herrz der Pflege⸗ vater iſt betrunken... er iſt weg.. er ſieht nicht mehr klar... ſonſt haͤtte er nie ſolche Dinge ausgeſprochen, er hatte ſie vielleicht gedacht, aber nicht geaͤußert.”“ „Mein Mann iſt ein Trunkenbold, und nichts Anderes!“ erwiderte Nicolle.„Ich bitte ſehr um Ver⸗ zeihung fuͤr ihn, Herr Marquis, wegen ſeines Unglaubens, daß Sie der Vater Ihres Sohnes ſind!... ei, mein guter Gott... man merkt wohl, daß ihm vom Trinken die Augen truͤbe ſind... Der Kleine iſt Ihnen ja aus dem Geſicht heraus geſchnitten!... er hat Ihre Naſe, Ihren Mund... Ihre Augen, er hat alles von Ihnen!“ Dieſe Lobeserhebung war läͤcherlich uͤbertrieben und ſehr wenig ſchmeichelhaft fuͤr den kleinen Cherubim. Aber der Herr Marquis von Grandvilain, der nicht altern wollte, nahm dies Alles fuͤr baare Muͤnze; er betrachtet ſeinen Sohn nochmals und ſpricht vor ſich hin: „Ja, er gleicht mir... er wird ein huͤbſcher Burſche werden.“ Dann ſtand er auf, und legte mit folgenden Worten eine Boͤrſe in die Kand der Amme:„Ich bin 76 zufrieden, mein Sohn befindet ſich wohl, fahret fort, Sorge fuͤr ihn zu tragen; da ihm die Luft dieſer Gegend gut thut, ſo werde ich ihn lange... ſogar ſehr lange in Euern Haͤnden laſſen.. Die Kinder haben immer noch Zeit zum Lernen; die Geſundheit geht vor Allem!.. nicht wahr, Jasmin?“ „O! ja, gnaͤdiger Herr!.. die Geſundheit! Sie haben vollkommen Recht, denn was nuͤtzt das Wiſſen, wenn man todt iſt?..“ Herr von Grandvilain laͤchelte uͤber die Bemerkung ſeines Kammerdieners und kehrte, nachdem er Cherubim noch einmal gekuͤßt hatte, in ſeinen Wagen zuruͤck. Jakob lehnte in einem Winkel des Hofes, aus dem er nicht mehr hervorzutreten wagte, er begnuͤgte ſich mit einer Verbeugung vor dem Marquis, und dieſer ſuchte, waͤhrend er an dem Landmann vorbeiging, ſich einen hoͤhern Anſtand zu geben, und that ſein Möͤglichſtes, um ſeinen Schritten die Leichtigkeit und Sicherheit der Ju⸗ gend zu verleihen. Mehre Monate vergingen, im Laufe deren Herr von Grandvilain oft ſagte: „Ich will nach Gagny reiſen. Aber er reiste nicht; die Furcht, abermals dem Pflegevater zu begegnen und ſich auf's Neue Artigkeiten wie die fruͤhern ſagen zu laſſen, hielt den Marquis zu⸗ ruͤck; daher beſchraͤnkte er ſich darauf, ſeinen Sohn, der nun ſtark genug war, eine ſo kurze Reiſe ohne Gefahr zu unternehmen, zu ſich nach Paris holen zu laſſen. Nicolle verblieb mehre Stunden im Hauſe des Mar⸗ quis, aber Cherubim gefiel es nicht darin; er weinte und 77 verlangte ins Dorf zuruͤck; dann kuͤßte Herr von Grand⸗ vilain ſeinen Sohn und ſagte zur Amme: „Geh't ſchnell, man muß ihn nicht aͤrgern, es koͤnnte ihn krank machen.“ Zwei weitere Jahre vergingen auf dieſe Weiſe. Che⸗ rubim genoß einer vorzuͤglichen Geſundheit, ohne jedoch ſo dick und ſtark zu ſein, wie ſonſt die meiſten Bauern⸗ kinder ſind; er war heiter, ſpielte und lief gerne umher; aber ſobald man ihn nach Paris fuͤhrte, ſobald er bei ſeinem Vater im Hotel Grandvilain war, verlor der kleine Knabe ſeine Munterkeit; es iſt wahr, das Haus in der Vorſtadt Saint⸗Germain war nicht freundlich, und der alte, beinahe ſtets von der Gicht geplagte Mar⸗ quis ließ ſich auch truͤbſelig genug an. Man that zwar ſein Möglichſtes, dem kleinen Jungen den Aufenthalt im Hotel angenehm zu machen; man hatte ein ganzes Zimmer mit Spielzeug angefuͤllt, man überdeckte einen Tiſch mit Leckereien, Cherubim durfte alles eſſen, alles zerbrechen, man uͤberließ ihn gaͤnzlich ſeinem Willen, aber wenn das Kind einiges Spielzeug betrachtet und einiges Suͤße gegeſſen hatte, lief es zu ſeiner Amme, nahm ſie bei der Schuͤrze, ſchaute ſie mit zaͤrtlichem Blicke an und fragte mit flehender Stimme: „Mutter Nicolle.... werden wir nicht bald wieder heim gehen?“ Eines Tages machte der Marquis eine ernſte Miene, ließ ſeinen Sohn neben ſeinen Lehnſtuhl kommen und ſprach zu ihm: „Aber Cherubim, Du biſt hier daheim... auf dem 78 Dorfe biſt Du bei Deiner Amme.... hier aber bei Dei⸗ nem Vater... und folglich daheim.“. Das Kind ſchuͤttelte den Kopf und erwiderte: „O, nein! hier bin ich nicht daheim.“ „Cherubim, Du biſt ein kleiner Starrkopf, Du glaubſt Dich hier nicht daheim, weil Du nicht gewoͤhnt biſt, hier zu ſein... aber, wenn Du vierzehn Tage hier bliebeſt, haͤtteſt Du das Dorf ganz vergeſſen; denn hier iſt es doch weit ſchöner, als bei Deiner Amme.“ „O, nein! bei uns daheim iſt es ſchöͤner!“ „Daheim! Daheim! Du wirſt langweilig!... Nun, weil es denn ſo iſt.. weil es Dir bei Deinem Vater nicht gefäͤllt, ſo mußt Du hier bleiben, Cherubim, Du darfſt nicht mehr zu Deiner Amme zuruͤck; ich behalte Dich bei mir...“ Das Kind wagte keine Erwiderung mehr; der ſtrenge Ton, den ſein Vater zum erſten Male gegen daſſelbe an⸗ nahm, ergriff es dergeſtalt, daß es ſtumm und ſtarr blieb, nach wenigen Augenblicken jedoch verfinſterten ſich ſeine Zuͤge, ſeine Augen zerfloſſen in Thraͤnen und es brach in lautes Schluchzen aus. Auf dieſes eilte Jasmin, der in einem anſtoßenden Zimmer das ganze Geſpraͤch mitangehoͤrt hatte⸗ wie ein Wuͤthender herbei und ſchrie: „Nun! was ſoll das heißen? Sie bringen unſer Kind bereits zum Weinen!... Das iſt huͤbſch!... Wollen Sie jetzt ein Tyrann werden?...“ „Geht, Jasmin, ſchweigt. „Nein, gnaͤdiger Herr, ich dulde es nicht, daß Sie unſerem Kleinen Kummer machen! Das waͤre!.. ich 79 widerſetze mich feierlich.. ſehen Sie, das arme Herzchen ſchwimmt in Thraͤnen... aber was haben Sie denn heute, iſt Ihnen die Gicht zum Herzen geſtiegen?“ „Jasmin...“ „Gnaͤdiger Herr, es iſt mir einerleil... ſchlagen Sie mich, jagen Sie mich aus dem Hauſe..... ſperren⸗ Sie mich in den Stall... laſſen Sie mich bei den Pfer⸗ den uͤbernachten... thun Sie, was Sie wollen, nur bringen Sie dieſes Kind nicht zum Weinen... denn dann, ſehen Sie, werde ich..“ Jasmin hielt inne, er konnte nicht mehr weiter reden; denn er weinte auch. Als Herr von Grandvilain ſeinen getreuen Diener ſich die Augen mit dem Taſchentuch bedecken ſah, reichte er ihm, ſtatt zu ſchmaͤhen, die Hand und ſprach: „Nun, ſei nicht boͤſe... ich hatte Unrecht... ja, ich hatte Unrecht, dieſes theure Kind zu betruͤben. Alles wohl erwogen, iſt meine Geſellſchaft eben nicht heiter, die Gicht macht mich oft muͤrriſch. Was wuͤrde auch der arme Kleine hier im Hauſe anfangen? Er iſt noch zu jung zum Lernen!... und da er keine Mutter mehr hat, wollen wir ihn ſo lang als möglich ſeiner Amme laſſen. Ueberdies iſt die Luft in Paris nicht ſo geſund, als die auf dem Lande.— Nehmt Euern Zoͤgling wieder zuruͤck, Amme, da er Euch ſo ſehr liebt; Ihr macht ſein Gluͤck aus. Komm, kuͤſſe mich, Cherubim, und weine nicht mehr, Du wirſt mit Deinen Freunden zuruͤckkehren; ſie lieben Dich zwar nicht mehr, als wir, aber Du liebſt ſie mehr, als uns. Ich will Geduld haben, vielleicht liebſt Du mich ſpaͤter auch.“ 80 „Bravo!.. Bravo!“ rief Jasmin aus, waͤhrend ſein Herr ſeinen Sohn umarmte.„Ach! das heißt gut ge⸗ ſprochen.. jetzt erkenne ich Sie wieder, gnaͤdiger Herr! Ei! freilich wird Sie Ihr Cherubim einſt lieben, ſogar werthſchäͤtzen... aber— ſpaͤter, das kommt nicht ſo ſchnell... laſſen Sie ihn erſt ein wenig großer werden . und wenn er dann Sie nicht liebt, dann will ich nie ihm ſprechen!“ Die Amme hatte alſo das Kind wieder mit ſich ge⸗ nommen; ſie war froh, es behalten zu duͤrfen, da ſie große Vortheile durch daſſelbe genoß; zuvor aber hatte ſie dem alten Marquis verſprechen muͤſſen, Cherubim in der kuͤnftigen Woche wiederzubringen, denn der alte Herr ſchien ungewöhnlich traurig, als er ſich von ihm verab⸗ ſchiedete.. Man ſagt, es gebe Ahnungen, geheime Vorgefuͤhle, die uns ein nahendes Ungluͤck zum Voraus verkuͤnden, und daß unſer Herz heftiger ſchlage, wenn wir uns von einer geliebten Perſon trennen, die wir niemals wieder⸗ ſehen werden: warum ſollten wir nicht an Ahnungen glauben? Die Alten glaubten an Vorbedeutungen. Geiſt⸗ reiche Leute ſind oft ſehr aberglaͤubiſch; es iſt unendlich beſſer, zu viel, als gar nichts zu glauben; die ſtar⸗ ken Geiſter ſind nicht immer große Geiſter. Ob der Marquis von Grandvilain eine Ahnung hatte, als er nur mit Bedauern ſeinen Sohn entließ, das iſt unbekannt; Thatſache iſt aber, daß er ihn nie wieder ſahz drei Tage nach der eben berichteten Scene raffte ein Gichtanfall den edeln Greis in wenigen Stunden dahin; 4 81 er hatte nur noch Zeit, den Namen Jasmins und ſeines Notars zu ſtammeln, ſein letzter Seufzer war ſein Sohn. Der Schmerz des Kammerdieners war lebhafter, ruͤh⸗ render, aufrichtiger, als es der einer Maſſe Verwandter und Freunde haͤtte ſein konnen. Wenn uns unſere Dienſt⸗ boten lieben, lieben ſie uns ſehr, denn ſie kennen unſere Fehler ſo gut als unſere Tugenden, und vergeben uns dieſe um der andern willen, was unſere Freunde und ſonſtige Bekanntſchaften niemals thun. Jasmin war beſonders troſtlos, mit ſeinem Herrn noch gezankt zu haben, als er ſeinen Sohn bei ſich be⸗ halten wollte. „Ich bin Schuld,“ dachte er,„daß er ihn vor ſei⸗ nem Tode nicht umarmen konnte... mein armer Herr! . er ahnte ſeinen nahen Tod, als er ſein Kind nicht mehr ins Dorf zuruͤck laſſen wollte... und ich habe mir erlaubt, mit ihm zu zanken... Narr, der ich war!... und er ſchlug mich nicht nieder, wie ich es verdient haͤtte! ... im Gegentheil, er reichte mir die Hand!... Ach! welchen Herrn habe ich an ihm verloren; ich ſtuͤrbe vor Verdruß, wenn ich nicht uͤber den kleinen Cherubim wa⸗ chen muͤßte.“ Jasmin erinnerte ſich dann, daß ſein Herr, bevor er die Augen geſchloſſen, den Namen ſeines Notars geſtam⸗ melt habe, und da er vermuthete, daß dieſer mit der letzten⸗Willens⸗Vollſtreckung ſeines Herrn beauftragt ſei, ſo ließ er ihn ſchleunig von deſſen Tode benachrichtigen. Der Notar des Herrn von Grandvilain war ein noch junger Mann, aber von ernſtem, ſogar geſtrengem Aeuße⸗ ren; er hatte in der That des Marquis Teſtament in Paul de Kock. V. 6 82 4 Haͤnden und war mit der Vollziehung ſeines letzten Wil⸗ lens beauftragt. Er beeilte ſich, das Aktenſtuͤck zu oͤff⸗ nen und las, wie folgt: „Ich habe dreißig tauſend Franken Renten. Mein ganzes Vermoͤgen faͤllt meinem Sohne und einzigen Erben zu. Ich will, daß er im fuͤnfzehnten Jahre Herr ſeines Beſitzthumes werde. Bis dorthin iſt mein Notar aufgefordert, daſſelbe zu verwalten. Ich will nicht, daß irgend etwas im Innern meines Hauſes geaͤndert, noch einer meiner Dienſtboten entlaſſen werde. Jasmin, meinen getreuen Kammerdiener, ernenne ich zum Oberaufſeher meines Hauſes. Jeden Monat wird ihm mein Notar die fuͤr das Hausweſen erforderlichen und zur Erziehung meines Sohnes noͤthigen Gelder behaͤndigen. Sigismund Wenzeslaus, Mar⸗ quis von Grandvilain.“. Der Notar konnte ſich nach Durchleſung dieſes Teſta⸗ mentes eines Laͤchelns nicht erwehren, und Jasmin, der mit beiden Ohren zugehoͤrt hatte, betrachtete ihn ſtaunend und ſtotterte:. „Aus all dieſem, Herr Notar, habe ich nicht erſehen, wer der Vormund des Kleinen iſt.“ „Es iſt keiner da, Jasmin! ſein Vater hat keinen fuͤr ihn ernannt; er hat ſich auf mich und auf Sie ver⸗ laſſen: auf mich, hinſichtlich der Verwaltung ſeines Ver⸗ moͤgens; auf Sie, zur Ueberwachung ſeines Betragens. Es ſcheint, daß Herr von Grandvilain ein großes Ver⸗ trauen in Sie ſetzte... ich zweifle nicht daran, daß Sie es verdienen... aber ich fordere Sie auf, Ihren Eifer fuͤr den jungen Marquis zu verdoppeln... bedenken Sie, 83 daß Sie jetzt fuͤr ihn Sorge tragen muͤſſen. In Ruͤck⸗ ſicht ſeines Vermoͤgens wuͤnſcht ſein Vater, daß er im fuͤnfzehnten Jahre Herr daruͤber ſei... das heißt ſehr fruͤh reich werden!... weil aber der Wille ſeines Vaters ſo lautet, Jasmin, ſo tragen Sie das Ihrige dazu bei, daß der junge Marquis in ſeinem fuͤnfzehnten Jahre an Charakterſtaͤrke und Kenntniſſen ſchon ein Mann ſei!“ Jasmin hoͤrt dieſe Worte mit geruͤhrter Miene; er beginnt eine Antwort, verwickelt ſich aber, verliert ſich in einem Satze, den er nicht vollenden kann, und ver⸗ laͤßt endlich den Notar, nachdem er von dieſem eine Summe Geldes zur Beſtreitung des Hausweſens erhalten hat. Als Jasmin ins Hötel zuruͤckkehrte, war er um drei Zoll großer geworden und aufgeſchwollen, wie ein Ballon; die Eitelkeit findet uͤberall ihren Sitz, bei den Großen, wie bei den Kleinen, ſie muß ſogar bei dieſen noch ſtaͤr⸗ ker ſein, da dieſelben nicht ans Erhabene gewohnt ſind. Die ganze Dienerſchaft, neugierig, den Inhalt des Te⸗ ſtamentes zu erfahren, ſchaart ſich um den Kammerdiener. Jasmin macht eine wichtige, einfaltige Miene, ſpricht durch die Naſe und entgegnet ihnen: „Sei't ruhig, meine Fr eunde, nichts veraͤndert ſich im Hauſe; ich behalte euch Alle in meinen Dienſten...“ „Sie, Herr Jasmin... ſind Sie der Erbe unſeres Herrn?“ „Nein, ich erbe nicht... aber ich ſtelle den Erben vor, kurz, ich bin der Oberaufſeher des Hauſes... ich behalte Alles bei mir, den Koch, den Kutſcher... die Haushaͤlterin... da es der Herr Marquis ſo haben wollte... widrigen Falls ich euch Alle fortgeſchickt 84 haͤtte... denn es iſt ſehr uͤberfluͤſſig, Dienſtboten zu hal⸗ ten, wo keine Herrſchaft iſt... Ach! ich irre mich doch, der junge Marquis iſt jetzt unſere Herrſchaft... und wenn er in Zukunft ſein Haus bewohnen will, ſo trifft er es ganz eingerichtet; dies war ohne Zweifel die Abſicht ſeines hochſeligen Vaters, der wir uns unterwerfen muͤſſen.“ Die ganze Dienerſchaft verneigt ſich vor Jasmin, der nun ein eminenter Mann iſt, und dieſer zieht ſich, nach⸗ dem er die Gluͤckwuͤnſche ſeiner nunmehrigen Untergebenen entgegen genommen hat, in ſein Zimmer zuruͤck, ſinnt nach uͤber das, was ihm der Notar geſagt, und zerbricht ſich den Kopf daruͤber, was er mit Cherubim anfangen ſoll, damit er die Abſichten ſeines Herrn wuͤrdiger Weiſe erfuͤlle. Als er mehre Stunden ſich erfolglos den Kopf zer⸗ arbeitet hatte, rief er aus: „Meiner Treu, das Beſte iſt, glaub' ich, man laͤßt den kleinen Cherubim bei der Amme.“ 5 „ Siebentes Kapitel. Die kleine Louiſe. Cherubim iſt immer im Dorfe, wohnt immer noch bei ſeiner Amme, Nicolle Frimouſſet, und doch iſt Che⸗ rubim ſchon zehn Jahre alt; obgleich zaͤrtlich, iſt er doch geſund, und die Leiſtung einer Amme ſeit Langem nicht mehr bei ihm vonnoͤthen. Aber der Erbe des Marquis von Grandvilain hat fortwaͤhrend die gleiche Anhaͤnglich⸗ 8⁵ keit an den Aufenthaltsort ſeiner Kindheit beibehalten,— und aͤrgert ſich, wenn man ihm vorſchlaͤgt, denſelben zu verlaſſen. Indeſſen iſt Jakob, der Pflegvater, trunkſuͤchtiger als je, und Nicolle, immer ihrem Manne in den Haaren liegend, mit zunehmenden Jahren ſelten bei guter Laune; auch ihre beiden Jungen ſind nicht mehr im Dorfe: der eine iſt Maurer in Orleans, der andere bei einem Zim⸗ mermann zu Livry in der Lehre. ungeachtet deſſen gefaͤllt es Cherubim ſtets bei ſeiner Amme, wo er ein kleines Maͤdchen, das nur zwei Jahre juͤnger iſt als er, zur Geſellſchaft hat. Wenige Tage vor des Marquis von Grandvilain Tode ſtieg namlich eines Morgens eine ganz junge Dame aus der Stadt, deren Kleidung ziemlich elegant war, vor der Wohnung Nicolle's aus einem Fiaker ab. Dieſe junge, ſchöͤn und vornehm ausſehende Dame war ſehr blaß und ſchien ſehr angegriffen; ſie trug ein kleines, etwa ein Jahr altes Maͤdchen auf ihren Armen und ſagte, ſich an Jakobs Frau wendend, mit einer von Thraͤnen erſtick⸗ ten Stimme: „Hier iſt meine Tochter.. ſie iſt erſt ein Jahr alt, nimmt aber ſchon ſeit einigen Monaten die Bruſt nicht mehr. Ich wuͤnſchte, ſie braven Leuten, die gehorige Sorge fuͤr ſie tragen und ſie wie ihr eigenes Kind be⸗ handeln wuͤrden, in die Koſt zu geben. Wollt Ihr ſie uͤbernehmen, liebe Frau? ich kann meine Tochter nicht bei mir behalten.. es iſt ſogar moͤglich, daß ich ſie lange nicht zuruͤck verlangen kann... Hier, in dieſer Rolle ſind dreihundert Franken... das iſt Alles, woruͤber 86 ich in dieſem Augenblick zu verfuͤgen vermag, aber ehe ein Jahr vergeht, ſchicke ich Euch eine aͤhnliche Summe zu... wenn ich nicht vor dieſer Zeit zuruͤckkehre, um mein Kind zu umarmen.“ Nicolle, die durch die Verpflegung des erſten Kindes ſo viel gewonnen hatte, glaubte, es wende ſich ihr ein neues Gluͤck zu und ging mit Freuden in den Vorſchlag ein. Die junge Dame uͤbergab ihr das kleine Maͤdchen, das Geld, ein ziemlich großes, die Kleidungsſtuͤcke des Kindes enthaltendes Paquet, und ſtieg, nachdem ſie ihre Tochter noch einmal gekuͤßt, raſch in die Chaiſe, die ſogleich wieder abfuhr.. Dann erſt fiel es Nicolle ein, daß ſie die junge Dame weder um ihren Namen, noch ihre Adreſſe, noch den Na⸗ men des Kindes gefragt hatte; aber es war zu ſpaͤt, die Chaiſe ſchon zu weit entfernt, daher troͤſtete ſich Nicolle hieruͤber und dachte: 1. „Was ſchadet's! dieſe Dame kommt ja wieder... ſie will ohne Zweifel nicht ihr Kind verlaſſen... ſie hat mir hundert Thaler gegeben!... ich habe Mittel zur Geduld und dann iſt ſie ſo gar huͤbſch, dieſe Kleine; es iſt mir zu Muthe, als wenn ich ſie auch umſonſt behal⸗ ten haͤtte; wie will ich ſie doch heißen?.. ey was! Louiſe, weil heut der heilige Ludwig iſt;... kommt ihre Mutter, ſo kann ſie mir, wenn ihr dieſer Name mißfaͤllt, ihren eigentlichen Namen ſagen... Wie dumm ich doch gewe⸗ ſen bin, ſie nicht darnach zu fragen... ſie ſchien auch ſo eilfertig, ſo bewegt, dieſe Dame... alſo, Louiſe, es iſt ausgemacht; dies gibt eine Geſellſchafterin fuͤr Cherubim, dann wird er ſich nicht ſo bald bei uns langweilen, der 2 2* 87 liebe Knabe.. und je laͤnger wir ihn behalten können, je beſſer befinden wir uns dabei⸗... und in der That wurde das kleine Maͤdchen die treue Geſpielin Cherubims; ſie wuchs mit ihm auf, ſie theilte all ſeine Spiele, all ſeine Freuden; Cherubim war un⸗ zufrieden, wenn Louiſe nicht bei ihm war. Die Lebhaf⸗ tigkeit des kleinen Maͤdchens geſellte ſich vortrefflich zu der natuͤrlichen Sanftmuth des jungen Marquis; und als dieſer ſich zu einem recht huͤbſchen Knaben heranzu⸗ bilden anfing, ſah man deutlich, daß auch Louiſe ein recht huͤbſches Mädchen werden wuͤrde. Die junge Dame jedoch, welche Nicollen dieſes Kind, deſſen Mutter ſie ſich nannte, uͤberbracht hatte, war nicht mehr nach Gagny zuruͤckgekommen; ein einziges Mal, ein Jahr nach ihrem Beſuche, erſchien ein von Paris geſchickter Commiſſionaͤr bei Frimouſſets, und uͤbergab ihnen eine Rolle, welche dies Mal nur hundertfuͤnfzig Franken enthielt, mit den Worten: „Es iſt von der Mutter des Euch vergangenes Jahr uͤberbrachten Kindes; ſie laͤßt Euch fernerhin ihre Toch⸗ ter anempfehlen!“ Dann hatte Nicolle dieſen Mann ausgeforſcht und ihn nach dem Namen und der Wohnung der Dame, die ihn ſende, gefragt, aber der Commiſſionaͤr entgegnete, daß er ſie nicht kenne; man ſei in Paris zu ihm gekom⸗ men und habe ihn, nachdem man ſich uͤberzeugt, daß er dieſes Vertrauens werth ſei, unter Vorausbezahlung mit dieſem Auftrag hierher geſendet. Weiter konnte Nicolle nicht erfahren, und ſeitdem hatte ſie weder Nachrichten noch Geld erhalten. Aber 88 Louiſe war ſo lieblich, daß es ihrer Pflegemutter nicht ein einziges Mal in den Sinn kam, ſie fortzuſchicken. Außerdem hing Cherubim herzlich an ihr; das junge Maͤdchen war ein weiteres Band, das ihn bei ſeiner Amme feſt hielt, und wenn ſich etwa Jakob einige Be⸗ merkungen uͤber das unentgeltlich aufgezogene Kind er⸗ laubte, ſo entgegnete ihm ſeine Frau: 85 Schweig, Trunkenbold, das geht Dich nichts an, kommt die Mutter des Kleinen nicht, ſie abzuholen, ſo iſt ſie vielleicht ſchon geſtorben, ſie muͤßte denn eine ſehr ſchlechte Mutter ſein; iſt ſie todt, ſo muß ich ihre Stelle bei dem Kinde erſetzen; iſt ſie eine ſchlechte Mutter, ſo ware Louiſe ungluͤcklich bei ihr, und dann iſt es beſſer, wenn ſie bei mir bleibt.“ Waͤhrend Cherubim neben ſeiner kleinen Freundin auf⸗ wuchs, leitete Jasmin fortwaͤhrend das Hausweſen des Marquis von Grandvilain; die Dienerſchaft mußte ganz in den Regeln bleiben, und er ſelbſt betrank ſich woͤchentlich nur einmal, was ſehr ruͤckſichtsvoll und beſcheiden war von einem Manne, der die Kellerſchluͤſſel in den Haͤnden hatte. Aber Jasmin dachte unausgeſetzt an ſeinen jungen Herrn; er beſuchte ihn manchmal, blieb zuweilen ganze Tage in Gagny und fragte Cherubim immer, ob er mit ihm nach Paris in ſein Hötel zuruͤckkehren wolle? Aber der Knabe weigerte ſich beſtaͤndig, und Jasmin troͤſtete ſich, wenn er allein heimkehrte, mit dem Gedanken: „Der junge Marquis befindet ſich ſehr wohl, das iſt die Hauptſache.“ gen, was nie geſchah, ohne daß er ihm eine genaue 1 Wenn Jasmin zum Notar ging, um Geld zu verlan⸗ —— —— 89 eiſte ſeiner Ausgaben uͤberreichte, ſo belobte ihn dieſer ſtets wegen ſeiner Rechtſchaffenheit und Sparſamkeit in Betreff der Auslagen fuͤr das Haus, und fragte den treuen Diener jedes Mal:— „ Wie gehts unſerem jungen Marquis?“ „— Er befindet ſich ausgezeichnet!“ entgegnete Jasmin. 8 „— Er muß jetzt groß ſein, er iſt beinahe ſchon elf Jahre alt.“. „— Er iſt ſehr huͤbſch gewachſen... er hat ein reizen⸗ des Angeſicht... das wird ein kleiner Edelſtein, in den ſich alle Frauen vernarren, wie ſie ſich einſt in ſeinen hochſeligen Vater vernarrten... nur mit dem Unter⸗ ſchiede, ſetze ich voraus, daß es nicht mehr dieſelben Frauen ſind.“ „— Das iſt ganz recht, aber die Studien... ruͤcken ſie vorwaͤrts?... haben Sie den Marquis in eine gute Anſtalt gegeben?“ 4 „— In eine vortreffliche, mein Herr, ol er befindet ſich in einem ſehr guten Hauſe!.. er ißt, ſo viel er mag.“ „— Ich bezweifle nicht, daß er eine gute Koſt hat, allein das genuͤgt nicht; in ſeinem Alter iſt beſonders geiſtige Nahrung noͤthig; iſt man zufrieden mit ihm?“ „— Entzuͤckt... man mochte ſich niemals von ihm trennen!... er iſt ſo artig!...“ „— Hat er Preiſe erhalten?“, „— Preiſe!.. er erhaͤlt Alles, was er nur will, man verweigert ihm nichts.“ „— Sie verſtehen mich nicht: ich wollte ſagen, ob 90 er ſeiner Leiſtungen wegen Preiſe erhalten habe? Iſt er ſtark im Lateiniſchen, Griechiſchen, in der Geſchichte?..“ Bei dieſen Worten war Jasmin in einiger Verlegen⸗ heit, er huſtete und ſtotterte einige unverſtaͤndliche Worte. . Aber der Notar, der dieſe Verlegenheit einer andern urſache zuſchrieb, fuhr fort: „Ich ſpreche uͤber Dinge mit Ihnen, die Sie nicht verſtehen; nicht wahr, mein alter Jasmin, das Lateini⸗ ſche und Griechiſche iſt nicht Ihre Sache?... Indeß werde ich, wenn ich einige freie Zeit habe, Sie beſuchen und Sie werden mich zu dem jungen Marquis fuͤhren.“ Jasmin entfernte ſich und dachte: „Teufel! Teufel!... wenn er eines Tages meinen kleinen Cherubim beſucht, wird er ſchwerlich mit ſeinen Studien zufrieden ſein; es iſt aber mein Fehler nicht, daß der Herr Marquis nicht von ſeiner Amme fort will. Dieſer Notar ſpricht immer von der geiſtigen Nahrung mit mir... Es ſcheint mir, daß wenn ein Junge taͤg⸗ lich viermal mit Appetit ißt, ſein Geiſt ebenſowenig nuͤchtern bleiben kann, wie ſein Magen, er muͤßte denn einen boͤſen Willen dabei haben.“ Eines Tages jedoch, nach einem Beſuche bei dem No⸗ tar, wo dieſer dem alten Kammerdiener wieder ſehr ans Herz gelegt hatte, den jungen Marquis ſeinen Profeſſo⸗ ren zu empfehlen, ging Jasmin unverzuͤglich nach Gagny und machte ſich auf dem ganzen Wege Vorwuͤrfe: „Ich bin ein altes Vieh..... ſprach er zu ſich ſelbſt, ich laſſe den Sohn meiner Herrſchaft in Unwiſſenheit, denn ich kann leſen.. was Cherubim ſchwerlich im Stande ſein wird. Wahrhaftig, ſo darf es nicht fort 9¹1 gehen... ſpaͤter wuͤrde man ſagen: Jasmin hat fuͤr das ihm anvertraute Kind keine Sorge getragen... Jasmin iſt des Vertrauens, das ihm der hochſelige Herr von Grandvilain ſchenkte, nicht wuͤrdig!... Man ſoll das nicht von mir ſagen... Ich bin jetzt ſechzig Jahre alt, aber das iſt kein Grund, ein. Dummkopf zu ſein... Ich will meine Wuͤrde zeigen.“ Jasmin langt bei Nicolle an, die er im untern Zim⸗ mer beſchaͤftigt findet, waͤhrend Jakob in einem alten Lehnſtuhl ſchlaͤft. „Meine Freunde,“ ſagte Jasmin, mit ſehr geſchaͤf⸗ tigem Weſen ſeine großen Augen um ſich her waͤlzend, als er in die Stube trat,„es kann nicht ſo bleiben!... 0l... wir muͤſſen Alles vollſtaͤndig veraͤndern!“ Nicolle blickte den alten Diener mit Staunen an und fragte: „Sie wollen unſer Haus veraͤndern?... Sie finden dieſe Stube zu niedrig... Ach was! wir ſind daran ge⸗ wohnt...“ „Wollen wir nicht ein Glaͤschen trinken?“ fiel Jakab aufſtehend und ſich die Augen reibend ein. „— Alsbald, Jakob, alsbald! Meine Freunde, ihr verſteht mich nicht. Es handelt ſich von euerm Zoͤgling... meinem jungen Cherubim, dem ihr nur das Eſſen gebt ... den ihr... 4 „— Iſt der liebe Junge nicht zufrieden?“ rief Nicolle aus,„mein Gott, ich geb' ihm Alles, was er begehrt; er ſoll nur reden! Ich will ihm Torten, Fladen, Kuchen . machen. „— Ich ſpreche nicht davon, Nicolle; es handelt ſich meiſter im Dorfe?“ 92 nicht von dieſer Nahrung. Der Geiſt Cherubims bedarf einer Menge von Dingen.“ „— Sein Geiſt... etwas Leichtes, wollen Sie ſagen ..... Ich will ihm Rahmkäͤſe machen.“ „— Ich ſag' Euch noch einmal, Frau Frimouſſet, laßt mich ſprechen; mein Herr muß gelehrt werden, wenigſtens einiger Maßen Etwas lernen; es handelt ſich nicht vom Eſſen, ſondern vom Studiren.... was lernr er bei euch? kann er leſen, ſchreiben, rechnen?“ „— Meiner Treu, nein,“ antwortete Nicolle,„Sie haben hieruͤber nichts mit uns geſprochen, wir haben ge⸗ glaubt, das ſei uͤberfluͤſſig... und hielten es um ſo mehr fuͤr unnothig, daß ſich Cherubim einem Stande widme, da er ſehr reich werden wird. „— Es iſt auch nicht davon die Rede, ſich einem Stande zu widmen, ſondern davon, gelehrt zu werden.“ „— Ach, ich verſtehe, wie der Herr Schulmeiſter, der immer Worte in ſeine Geſpraͤche hineinwirft, die von Niemand verſtanden werden.“ „— Das iſt's... O! wenn Cherubim in ſolch' ſchonen Phraſen ſpraͤche.... die nicht zu verſtehen ſind, das waͤre ein Gluͤck! Ihr habt alſo einen gelehrten Schul⸗ „— Freilich: Herrn Gero ndi f.“ „— Gerondif! Der Name allein kuͤndigt ſchon einen ſehr unterrichteten Mann an. Glaubt ihr, daß er ein⸗ willigen wuͤrde, einem jungen Herrn Stunden im Hauſe zu geben? denn es geht unmoͤglich an, daß der Herr Mar⸗ quis mit all' den Dorfjungen die Schule beſucht.“ „— Warum ſollte Herr Gerondif nicht kommen? er 93 hat ſchon zwei oder drei Kinder von Vornehmen, die den Sommer in Gagny zubringen, unterrichtet Ueberdies iſt er ein ſehr thaͤtiger Mann, und um Geld zu verdie⸗ nen „— Wenns nur daran haͤngt; ich bezahle ihm, ſo viel er will... Kann ich ihn ſprechen... ihn ſehen, dieſen Herrn Gerondif?“ „— Das iſt ein Leichtes.. Jakob, geh', hol' ihn her .... Es iſt fuͤnfe vorbei, ſeine Schule wird aus ſein... Jakob, Du findeſt ihn bei der Baͤckerin Manon, weil er alle Tage dort hingeht, um in ihrem Ofen, ſo lange er noch warm iſt, ſeine Kartoffeln zu ſieden.“ „— Geht, lieber Jakob, fuͤhrt mir dieſen Gelehrten herbei, hernach trinken wir einige gute Flaſchen Wein zu⸗ ſammen, wozu ich Herrn Gerondif auch einladen will!“— Dieſes Verſprechen ruͤttelte Jakob auf; er ging mit der Verſicherung, ſich zu beeilen;z alsdann fragte Jasmin die Nicolle:„Wo iſt mein junger Herr?“ „— Mein Soͤhnchen?..“ „— Mein Herr, der junge Marquis von Grandvilain ... er iſt nun elf Jahre alt, liebe Nicolle, ich meine, er ſei etwas zu groß, als daß Ihr ihn Euer Sohnchen heißen ſolltet.”“ „— Ach mein Gott! Gewohnheit.. was kann ich dafuͤr... Er iſt im Garten unter den Zwetſchgenbaͤumen.“ „— Allein?“ „— O! nein.. Louiſe iſt bei ihm, ſtets bei ihm Er muß ſie immer um ſich haben. „— Ach! das kleine Maͤdchen, das man Euch uͤberließ, und deren Eltern Ihr nicht kennt...“ 94 „— Mein Gott, ja!“ 3 „— und Ihr ſorgt ſtets fuͤr ſie?“ „— Freilich! ein Kind mehr.... Wo es fuͤr drei reicht, reicht es auch fuͤr viere.“ „— So ſagte mein Vater, wenn er meinen Theil des Fruͤhſtuͤckes verringerte, und doch ſtand es bei uns ſo, daß, wenn es fuͤr viere reichen ſollte, eigentlich nur fuͤr zweie genug war. Gleichviel, Frau Frimouſſet, Ihr ſeid eine brave Frau! und wenn Cherubim von Euch weggeht, werdet Ihr ein ſchoͤnes Geſchenk erhalten.“ „— Ach! ſprecht nicht davon, ich leiſte weit lieber Verzicht auf das Geſchenk, als daß mich jemals mein Söhnchen verlaſſen ſollte.“ „— Ah! das will ich glauben... indeſſen koͤnnen wir ihn nicht bis zum dreißigſten Jahre bei der Amme laſſen; das ſchickt ſich nicht. Uebrigens will ich ihm bis zur Ankunft des Herrn Gerondif meine Aufwartung machen, und ihn davon unterrichten, daß er gelehrt werden muß.“ Cherubim ſaß im Hintergrunde des Gartens, der an einen Weinberg ſtoͤßt. Dort breiteten nie beſchnittene Baͤume ihre mit Fruͤchten beladene Aeſte aus, wie wenn ſie dem Menſchen beweiſen wollten, daß ſie zum Wachſen„ und Fruchtbarſein, ſeiner Huͤlfe nicht beduͤrften. Der Sohn des Marquis von Grandvilain hatte an⸗ genehme, regelmaͤßige Zuͤge; ſeine großen blauen Augen waren beſonders von ausgezeichneter Schoͤnheit und ſchienen, vermöge ihres ſanften und ſchmachtenden Aus⸗ drucks, eher einem Frauenzimmer, als einem Manne an⸗ zugehoren; lange, braune Wimper beſchatteten dieſe 9⁵ reizenden Augen, die Allem nach Jasmin's Vorausſetzung verwirklichen und einſt viele Eroberungen machen ſollten. Der Reſt ſeines Angeſichts hatte ſonſt nichts Merkwuͤr⸗ diges, außer, daß die Hautfarbe des kleinen Cherubims ſo weiß war, wie die eines weißen Maͤdchens; denn der Aufenthalt auf dem Lande hatte den jungen Marquis nicht gebraͤunt, da Nicolle, die immer die aͤußerſte Sorg⸗ falt fuͤr ihren Pflegling trug, nie geſtattete, daß er ſich der Sonne ausſetzte, und der kleine Knabe, der nicht zu den harten Feldgeſchaͤften angehalten wurde, ſtets Ge⸗ legenheit hatte, Schatten und Kuͤhle aufzuſuchen. Die kleine, damals neunjaͤhrige Louiſe hatte eines jener huͤbſchen, zugleich heitern und melancholiſchen Köpf⸗ chen, welche die Maler mit Vergnuͤgen kopiren, wenn ſie uns ein junges Maͤdchen aus der Schweiz oder der Gegend des Genferſee's darſtellen wollen. Es war ein herrliches Antlitz im Geſchmack der Raphaél'ſchen Jung⸗ frauen, worin ſich auch Melancholie mit franzoſiſcher Grazie vereinigt. Louiſens Augen und Haare waren pechſchwarz, aber ſehr lange Wimper maͤßigten ihren Glanz und verliehen ihnen eine Milde, welche unerklaͤr⸗ lichen Reiz uͤbte; eine hohe, ſtolze Stirne, ein ganz kleiner Mund und weiße, wie Perlen an einander ge⸗ reihte Zaͤhne, vollendeten in dieſem Kinde eines der ſchön⸗ ſten Maͤdchen, denen man weit umher begegnen konnte; und wenn Louiſe noch dazu lachte, ſo verliehen zwei Gruͤbchen, die ſich in ihren Wangen bildeten, ihrem ganzen Weſen eine weitere Schoͤnheit—; und das junge Maͤdchen lachte oft, denn ſie war erſt neun Jahre alt; Nicolle behandelte ſie wie ihre Tochter, Cherubim wie ſeine Schweſter, und ſie ahnte nicht, daß ſie von ihrer Mutter verlaſſen worden. Als Jasmin in den Garten kam, waren Cherubim und Louiſe eifrig mit Zwetſchgeneſſen beſchaͤftigt. Das kleine Maͤdchen pfluͤckte und warf ſie ihrem Geſpielen zu, der unter einem ſo ſchwer mit Fruͤchten beladenen Baume ſaß, daß die Zweige unter ihrer Laſt faſt zu brechen ſchienen. Jasmin nahm ſeinen Hut ab, begruͤßte ſeinen Herrn ehrfurchtsvoll und entblöste ſein Haupt, das beinahe ganz kahl war, obgleich die in der Naͤhe der Ohren noch treu gebliebenen Haare ſorgfaͤltig vorn uͤber die Stirne gekammt und geklebt waren, was dem alten Diener von Ferne das Ausſehen gab, als haͤtte er ſich ein Band um den Kopf gebunden. „Ich mache dem Herrn Marquis meine Aufwartung,“ ſagte Jasmin. Zu gleicher Zeit ſchuͤttelte das kleine Maͤdchen an einem Zweige des Zwetſchgenbaumes, der ſich uͤber dem Kopfe des Kammerdieners ausbreitete, und ein Zwetſchgen⸗ Regen uͤberſchuͤttete ſeine Schlaͤfe. Dann brach ein lautes Gelaͤchter hinter dem Baume hervor, in das Cherubim mit einſtimmte, waͤhrend der alte Diener, der um keinen Preis der Welt in Gegen⸗ wart ſeines jungen Herrn den Hut aufgeſetzt haͤtte, ſich mit Ergebung dem Zwetſchgen⸗Regen unterwarf. „Die Geſundheit meines jungen Herrn ſcheint fort⸗ waͤhrend in trefflichem Zuſtande zu ſein,“ fuhr Jasmin fort, nachdem er einige Zwetſchgen, die zwiſchen ſeine Halsbinde und ſeinen Rockkragen gefallen waren, von ſich geſchuͤttelt hatte. 97 „Ja, ja, Jasmin! ja... ſieh' doch, wie ſchoͤn ſie ſind... und ſo gut dabei... iß doch, Jasmin, Du brauchſt Dich nur zu buͤcken und aufzuleſen... „— Der gnaͤdige Herr ſind ſehr guͤtigz aber die Zwetſch⸗ gen verurſachen Ungelegenheiten... ich wuͤnſche vor allen Dingen zu wiſſen, ob der gnaͤdige Herr endlich geneigt ſind, mit mir nach Paris zu gehen... ſein Haus iſt ſtets zu ſeinem Empfange geruͤſtet...“ Jasmin konnte ſeinen Satz nicht vollenden, weil ein neuer Zwetſchgenregen auf ſein Haupt fiel. Diesmal ſchaute er unmuthig um ſich, aber das ſchelmiſche, kleine Maͤdchen hatte ſich raſch hinter einen Baum verſteckt, und Cherubim rief aus: „Nein, Jasmin, nein, ich will nicht nach Paris gehen, ich bin ſo gerne hier, und habe Dir ſchon geſagt, daß ich mich in Paris langweilen wuͤrde... waͤhrend ich mich bei meiner guten Nicolle ſo ſehr ergotze.“ „— Es ſei, Herr Marquis, ich will Sie in dieſem Punkte nicht inkommodiren, aber dann handelt es ſich davon, daß Sie Ihre Zeit nicht mehr mit Spielen ver⸗ geuden duͤrfen; Sie muͤſſen lernen, mein lieber Herr, Sie muͤſſen gelehrt werden... das iſt unumgaͤnglich und... Ein abermaliger Zwetſchgenregen, ſtaͤrker, als die vorhergehenden, ſchnitt Jasmin wiederum das Wort ab, und als er fuͤhlte, daß zwei auf ſeinem Haarband zer⸗ quetſcht worden, wendete er ſich zornig um und ſchrie: „O, das iſt doch zu ſtark... man will, wie es ſcheint, ein Muß auf meinem Kopf bereiten... Ah! dieſe Kleine ſpielt mir ſolche Streiche... das iſt ſchöͤn, Paul de Kock. V. 7 1... und dieſer, indem er uͤber die Geberde ſeines alten Die⸗ ners lachen mußte, ſagte zu dieſem: „Das iſt Dein Fehler, Jasmin, laß uns mit Frie⸗ den... wir haben Zwetſchgen gegeſſen, wir unterhielten uns ſehr gut, Louiſe und ich, warum kommſt Du, uns zu ſtoren... und mir da eine Maſſe ſolcher Geſchichten zu ſagen!... ich muͤſſe gelehrt werden, ich muͤſſe ſtudi⸗ ren!... ich will nichts lernen!... geh', geh', trinke mit Fakob, geh' fort! geh' fort!.. ich brauche Dich nicht.“ Jasmin ſchien ziemlich verlegen, endlich beginnt er wieder: 8 „Es thut mir leid, daß ich Sie aͤrgern muß, Herr Marquis, aber Sie ſind zu groß, als daß Sie nicht leſen und ſchreiben konnen ſollten... Sie muͤſſen ſogar eine Menge Dinge lernen... weil Sie Marquis ſind, und... kurz, der Notar Ihres hochſeligen ehrenwerthen Herrn Vaters hat geſagt, Sie muͤßten im Lateiniſchen und Griechiſchen Preiſe erhalten... und es ſcheint, daß man zum Preiſe⸗ erhalten ſtudiren muß.. Ich habe den Schulmeiſter des Dorfes, Herrn Gerondif, hierher rafen laſſen, er wird kommen und Ihnen Unterricht er⸗ theilen, denn Nicolle hat mich verſichert, daß er ein Gelehrter ſei... obgleich er genothigt iſt, ſeine Kartof⸗ feln in des Baͤckers Ofen zu kochen!“ Cherubims Stirne verfinſterte ſich, und der kleine Knabe machte eine ſehr entſchiedene Miene, indem er er⸗ widerte: 99 „Ich will nicht, daß der Schulmeiſter herkommt... ich brauche nicht gelehrt zu werden.... Ihr langweilt mich, Jasmin, mit Eurem Herrn Gerondif!...“ Der Gedanke, ſeinen jungen Herrn zu aͤrgern, ſchmerzte Jasmin tief. Er wußte nicht, was er weiter entgegnen oder thun ſollte, er drehte ſeinen Hut hin und her, und fuͤhlte, daß man den jungen Marquis endlich mit Ge⸗ walt aus ſeiner Verbauerung reißen muͤſſe, aber er wußte nicht, wodurch dies geſchehen koͤnnte, und wenn in dieſem Augenblicke ein wiederholter Zwetſchgenregen auf ſein Haupt gefallen waͤre, er haͤtte ihn nicht aus ſeiner Betaͤubung erweckt. Aber Nicolle war dem alten Diener von Ferne nach⸗ gegangen; ſie begriff, daß, wenn Cherubim bei ihr nichts lernen wolle, man genoͤthigt waͤre, ihn in Paris unterrichten zu laſſen; ſie fuͤhlte, daß, wenn ſie nicht ein geliebtes Kind, das ſeit eilf Jahren den Wohlſtand in ihr Haus zuruͤckgefuͤhrt haͤtte, verlieren wollte, ein Mittel erſonnen werden muͤſſe, welches den kleinen Kna⸗ ben die Stunden des Schullehrers anzunehmen bewege. Die Frauen, ſogar die vom Lande, haben bald unſere ſchwache Seite entdeckt. Nicolle, die allmaͤlig naͤher ge⸗ treten war, und jetzt hinter Jasmin ſtand, der ſich nicht mehr ruͤhrte und kein Wort mehr ſptach, machte noch einige Schritte weiter gegen die Kinder, nahm Louiſe beim Arme und ſagte: „Hoͤren Sie, Herr Jasmin, ich weiß wohl, was Schuld iſt, daß Cherubim nicht arbeiten will; er ſpielt den ganzen Tag mit dieſer Kleinen, und da mir auch viel daran liegt, daß mein Söhnchen ein Gelehrter werde, ſo will ich Louiſe Stunden von hier fuͤhren, die ſie gut verpflegen wird, und dann iſt der Cherubim nicht mehr am Lernen ver⸗ hindert.”“— Noch ehe Nicolle dieſe Worte beendigte, eilte der Knabe auf ſie zu, ergriff ihren Rock und bat mit ruͤhren⸗ der Stimme und thraͤnenden Augen: „Nein!.... nein!.... fuͤhrt Louiſe nicht fort!... ich will ſtudiren... ich will alles moͤgliche von Herrn Gerondif lernen,... aber fuͤhrt Louiſe nicht fort... o! ich bitte Euch, fuͤhrt ſie nicht fort!“ Nicolle’s Mittel hatte angeſchlagen. Sie umarmte ihren Pflegling, Louiſe huͤpfte vor Freuden in die Hohe, als ſie ſah, daß ſie nicht fortgefuͤhrt werde, und Jasmin wuͤrde das Gleiche gethan haben, wenn es ihm ſein Alter geſtattet haͤtte; aber er warf ſeinen Hut in die Luͤfte und ſchrie: „Es lebe der Herr Marquis von Grandvilain, der juͤngere!... ach! ich wußte es wohl, daß er ſich dazu hergebe, ein Gelehrter zu werden!“ In dieſem Augenblick erſchien Jakob unter der Haus⸗ thuͤre, die zum Garten fuͤhrt, und rief: zu einer unſerer Verwandten, zwei „Hier iſt Herr Gerondif, den ich mitgebracht habe. 101 Achtes Kapitel. Herr Gerondif. Die ferner bei Nicolle angelangte Perſon war ein Mann von vierzig Jahren, mittlerer Groͤße, eher etwas beleibt als mager, mit einem gemeinen Geſichte, worin der Wunſch zu leſen ſtand, ſich eine Wichtigkeit zu ver⸗ leihen, und die Gewohnheit, ſich vor denen, die vermoͤge ihrer Stellung oder ihres Reichthums uͤber ihn erhaben waren, kriechend zu verbeugen. Herr Gerondif hatte braune, lange und rauhe Haare, die vorne juſt uͤber den Augbrauen gleich abgeſchnitten waren und hinten den Kragen ſeines Rockes bedeckten; auf den Seiten wurden ſie durch ſeine beiden Ohren in den Schranken gehalten. Der Schullehrer hatte graue Augen, deren Groͤße man nicht unterſcheiden konnte, weil er ſie fortwaͤhrend, ſogar wenn er mit Jemand ſprach, niederſchlug; er hatte einen großen Mund, den aber ſehr ſchöne Zaͤhne zierten; geſchah es nun, um dieſe Schön⸗ heit bemerklich zu machen, oder um einen vortheilhaften Begriff von der Liebenswuͤrdigkeit ſeines Charakters den Leuten beizubringen,— kurz, er lachte waͤhrend des Sprechens immer und verfehlte nicht, ſeinen Mund dabei aufzureißen, daß man ſein ganzes Gebiß ſehen konnte. Eine unverhaͤltnißmaͤßig große Naſe, die beinahe ſtets mit Finnen bedeckt war, ſchadete der ganzen Phyſiono⸗ mie des Lehrers unendlich; und ſeine Gewohnheit, daran zu kratzen und ſie mit Tabak vollzuſtopfen, gab dieſer Hervorragung jeder Zeit einen grell abſtechenden, roth und ſchwarzen Anſtrich, der ſogar etwas Zuruͤckſtoßendes . 102 an ſich gehabt haͤtte, wenn der erſte unangenehme Ein⸗ druck nicht durch die ſanfte, honigſuͤße Stimme des Herrn Gerondif gemildert worden waͤre. Die Kleidung des Schulmeiſters war ſehr ernſt, da er ſich aus beſonderer Vorliebe ſtets ſchwarz trug; Rock, Hoſen und Weſte beſtanden allerdings aus ſchwarzem Tuche, aber die Zeit hatte ſolche Verheerungen an dieſen Gegenſtanden angerichtet, daß ſie ſchon oft mit Stuͤcken hatten ausgebeſſert werden muͤſſen; war es nun Unacht⸗ ſamkeit von dem, der dieſe Kleidungsſtuͤcke geflickt hatte, oder iſt das ſchwarze Tuch in dieſer Gegend rarer als ein an⸗ deres, kurz, man hatte die ſchadhaften Stellen mit blauem, gruͤnem, grauem und braunem Tuche bedeckt, was dem Herrn Gerondif eine gewiſſe Aehnlichkeit mit einem Hanswurſt gab; denket euch hierzu noch Socken und Holz⸗ ſchuhe, uͤberhaupt einen ſchmutzigen Anzug, und ihr wer⸗ det einen Begriff von der Perſon erhalten, die man als Lehrer fuͤr den Marquis von Grandvilain holen ließ. Von ſeiner Kopfbedeckung haben wir aus dem ein⸗ fachen Grunde nicht geſprochen, weil Herr Gerondif niemals Hut oder Kappe trug, und man ſich nicht einmal erinnerte, ihn etwas Derartiges in der Hand tragen geſehen zu haben. Wenn es regnete, ſo ſchuͤtzte er ſich mit einem alten Schirme, der nur noch drei Fiſch⸗ beine hatte; ſorglos barg er ſein Haupt unter dieſem Dache, obwohl es ſich, da es mehrfach zerbrochen war⸗ leicht haͤtte zu einer Tulpe geſtalten koͤnnen. Der Schulmeiſter, den Schwielen und Huͤneraugen haͤufig quaͤlten, ſtuͤtzte ſich unterwegs auf Jakobs Arm; aus dieſem Grunde wahrſcheinlich ſagte auch Nicolle’s 10ro s Gatte, daß er den Herrn Gerondif mitgebracht habe, Als der Schullehrer erfuhr, daß man ihn von Seiten des Marquis von Grandvilain zu ſprechen wuͤnſche, ließ er ſich keine Zeit mehr, ſeine Kartoffeln aus der Baͤckerin Ofen zu holen, hielt es auch fuͤr unndthig, ſich die Haͤnde zu waſchen, ein Geſchaͤft, das er uͤberhaupt nur an Sonn⸗ und Feſttagen verrichtete. Jasmin leitete ſeinen jungen Herrn vor ſich her. Che⸗ rubim hielt Louiſens Hand feſt, gleich, als ob er noch gefuͤrchtet haͤtte, daß man ihm ſeine theure Geſpielin ent⸗ reißen wolle. Der alte Kammerdiener folgte ihnen, im⸗ mer den Hut in der Hand, Nicolle kam zuletzt, und ſo ging man dem Schulmeiſter entgegen, der ſehr verlegen daruͤber, ob es ſich ſchicke, in Holzſchuhen vor die aus⸗ gezeichneten Perſonen zu treten, welche ihn rufen ließen, auf der Schwelle der Vorderthuͤre des Hauſes ſtand; end⸗ lich beſchloß er, ſich in Socken vorzuſtellen. Beim Anblick von Jasmin's kahlem Haupte, deſſen anſtaͤndige Kleidung keinen Bedienten verraͤth, ſtuͤrzte ſich Herr Gerondif ihm entgegen, laͤchelte, daß man ſeine Backenzaͤhne und ſein Zahnfleiſch auf die guͤnſtigſte Weiſe bemerkte, und begruͤßte ihn mit den Worten: „Ehre, dem Ehre gebuͤhrt... Salutem Vos...* Herr Marquis, ich ſchaͤtze mich außerſt gluͤcklich, in die⸗ ſem Augenblick vor Ihnen gegenwaͤrtig zu ſein.“ Waͤhrend Herr Gerondif ſein Compliment machte und ſich bis auf den Boden verneigte, beeilte ſich Jasmin, der wohl einſah, daß ſich der Lehrer taͤuſche und ihn fuͤr den Marquis halte, mit ſeinem jungen Herrn den Platz zu wechſeln, was Cherubim that, jedoch ohne Louiſens 104 Hand loszulaſſen, ſo daß Herr Gerondif, als er ſein Haupt erhob, ſich vor den beiden Kindern befand; er glaubte, ſich geirrt zu haben, und ſtieß den kleinen Kna⸗ ben und ſeine Geſpielin ziemlich unſanft bei Seite, um ſich wieder vor Jasmin zu verneigen, der an einem ent⸗ gegengeſetzten Orte verweilte. „Entſchuldigen Sie dieſen Verſtoß...“ ſprach er weiter,„errare humanum est... Ich ſtehe zu Ih⸗ ren Dienſten, Herr Marquis... ich habe mir nicht ein⸗ mal Zeit vergoͤnnt, mein frugales Mahl einzunehmen . um unverzuͤglich Ihren Befehlen Folge zu leiſten.“ Waͤhrend der Schullehrer ſprach, hatte Jasmin aber⸗ mals ſeinen Platz gewechſelt und ſich hinter ſeinen Herrn geſtellt. Herr Gerondif machte indeß Miene, ihn im ganzen Zimmer herumzutreiben, als Nicolle lachend zu ihm ſagte: „Aber Sie ſind im Irrthum, Herr Gerondif, der Marquis iſt mein Soͤhnchen, mein Pflegling... der huͤbſche Junge da. „Und ich bin nur ſein ergebenſter Diener, der ehma⸗ lige Kammerdiener des Herrn Marquis, ſeines ſeligen Va⸗ ters, der mich ſterbend gewuͤrdigt hat, mir die Sorge fuͤr ſeinen Erben zu uͤbertragen,“ vollendete Jasmin, ſich vor Cherubim verbeugend. Herr Gerondif fuͤgte ſich unverzuͤglich in dieſen Um⸗ ſtand; er laͤchelte wiederum, ſtellte ſich vor Eherubim und ſagte zu dieſem: „Ich bitte um Verzeihung ut iterum, das hindert ner des Herrn Marquis junior zu nennen.“ mich nicht, mich aufs Neue den ganz gehorſamſten Die⸗ —— 105 „Nicht Junior!... von Grandvilain,“ fiel ihm Jas⸗ min ernſthaft ins Wort. 3 „Das Eine ſchließt das Andere nicht aus,“ entgeg⸗ nete Herr Gerondif mit einem gewiſſen boshaften Laͤcheln; .„erlaubt mir dieſe Bemerkung, wackerer Eumaͤus, denn Ihr erinnert mich lebhaft an dieſen tugendhaften und getreuen Diener des Ulyſſes, Koͤnig von Ittaka... ich weiß zwar nicht, ob er auch kahl war, Homer er⸗ waͤhnt ſolches nicht, aber wahrſcheinlich iſt es.. ich ſtehe folglich zu den Befehlen des Herrn Marquis von Grandvilain, der mir jetzt ſagen kann, was er ſo ſchleu⸗ nig von mir wuͤnſcht.“ Des Schulmeiſters Phraſen und die Citationen, wo⸗ mit er ſeine Reden ausſchmuͤckte, machten auf Jasmin, der, wie die meiſten Ignoranten, was er nicht verſtand, fuͤr ſchon hielt, den vortheilhafteſten Eindruck; er gab Nicollen ein Zeichen und fluͤſterte ihr zu: „Das iſt ein Gelehrter!... ein Grundgelehrter ſo⸗ gar.. ſolch' einen brauchen wir.“ Cherubim, der nicht der Anſicht ſeines alten Kammer⸗ dieners iſt, und den Herr Gerondif langweilt, antwortet ihm unverweilt: „Ich wuͤnſche ganz und gar nichts... Jasmin wollte Sie durchaus kommen laſſen, damit Sie mir Unterricht geben ſollen... worin, das weiß ich nicht!... ich will gerne lernen, aber Louiſe muß waͤhrend der Stunden bei mir bleiben.“ Nachdem Cherubim ſolches geſagt hatte, drehte er dem Schulmeiſter ohne Weiteres den Ruͤcken zu, Louiſe that daſſelbe, indem ſie laut uͤber Herrn Gerondifs Naſe 106 achte, und beide Kinder entfernten ſich haſtig aus der Stube, um im Garten wieder Zwetſchgen zu eſſen. Man hielt es fuͤr paſſend, ſie nicht zuruͤckzuhalten, und Jasmin trat auf Herrn Gerondif zu, den er mit achtungsvoller Miene fragte, ob er ſeinen Herrn, der zwar noch nichts gelernt habe, fuͤr den es aber, wenn er ſich noch wiſſenſchaftlich bilden wolle, die hoͤchſte Zeit ſei, zu unterrichten Luſt habe.“ Herr Gerondif nahm mit Freuden dieſen Vorſchlag an, druͤckte Jasmin die Haͤnde und ſprach: „Vertrauet mir, wir werden die verlorne Zeit wieder einbringen! Der junge Marquis muß arbeiten, wie ein Pferd.“ „O! nein,“ haͤlt ihm der alte Diener entgegen,„mein junger Herr iſt zaͤrtlich, er iſt nicht ans Studiren ge⸗ wohnt, Sie wuͤrden ihn krank machen, Sie muͤſſen im Gegentheil behutſam zu Werke gehen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ entgegnete Gerondif, ſich an der Naſe kratzend.„Wenn ich ſage, wie ein Pferd, ſo iſt dies nur ein Vergleich... ein bildlicher Ausdruck, wenn Ihr ſo wollt; wir werden piano und sano, ecce rem vorwaͤrts ſchreiten! Ich lehre den Herrn Marquis, außer dem Schreiben und der Mathematik, ſeine Mutter⸗ ſprache aus dem Grunde, ſo daß er ſie ſpricht, wie ich, das heißt ausgewaͤhlt... uͤberdies das Lateiniſche, Grie⸗ chiſche, Italieniſche, die Philoſophie, die Geſchichte, ſo⸗ wohl die alte als die neue, die Mythologie, die Rheto⸗ rik, die Kunſt Verſe zu machen... die Geographie, die Aſtronomie, etwas Phyſik, Chemie, Mineralogie...“ „O! genug, Herr Profeſſor!... genug!“ rief Jas⸗ 107 min, ber bei dem, was er hoͤrte, vor Bewunderung der Kenntniſſe des Herrn Gerondifs ganz außer ſich war. „Wenn mein junger Herr Alles das weiß, iſt er gewiß gelehrt genug. „Wenn Ihr noc Weiteres wuͤnſcht, ſo habt Ihr nur zu ſprechen... ich darf behaupten, daß ich hinſicht⸗ lich des Wiſſens ein wahrer Schacht bin... mit fuͤnf Jahren erhielt ich eine Praͤmie und mit ſieben zierten drei Kronen mein Haupt... von Eichenlaub naͤmlich... denjenigen gleich, welche die Druiden, alte galliſche Prie⸗ ſter, aufſetzten, die den Teut oder Merkur und die Mi⸗ ſtel, eine Schmarozerpflanze, anbeteten, die ihnen zu Folge alle Schmerzen heilen ſoll. Ich bin nicht ihrer Anſicht, denn ich habe Huͤneraugen, die mir ſehr wehe thun, habe Miſtel darauf gelegt, und ſie thun mir noch weher.“ Jasmin wagte nicht zu athmen, waͤhrend Herr Ge⸗ rondif ſprach, Nicolle und ihr Gatte theilten ſeine Be⸗ wunderuug, und der Schulmeiſter hoͤrte ſich, erfreut uͤber ſeinen Erfolg, ſelbſtgefaͤllig zu, als ihn der alte Die⸗ ner mit den Worten unterbrach: „Tauſendfache Entſchuldigung, mein Herr, daß ich mir erlaube, ein Wortchen fallen zu laſſen, aber es ſcheint mir noͤthig, unſern Vertrag feſt zu ſtellen; was verlan⸗ gen Sie monatlich, um meinen jungen Herrn in ſo Vie⸗ lem zu unterrichten? Es verſteht ſich, daß Sie, außer Sonntags, alle Tage kommen muͤſſen.“ Herr Gerondif ſann einen Augenblick nach und erwie⸗ derte ſodann mit furchtſamer Miene: „uUm dem Herrn Marquis von Grandvilain ſo viel 4 108 Wiſſenſchaft beizubringen, als es mir moͤglich iſt, ſcheint mir die Forderung von fuͤnfzehn Franken monatlich...“ „Fuͤnfzehn Franken!“ rief Jasmin mit entruͤſteter Miene.„Fuͤnfzehn Franken fuͤr das Alles... Sie ſcher⸗ zen wahrſcheinlich, mein Herr?“ 1 Herr Gerondif laͤchelte nicht mehr, er ſchlug die Au⸗ gen nieder und murmelte: „Alsdann... wenn Sie meinen, es ſei zu viel, ſo wollen wir eine geringere Summe...“ „Meinen, es ſei zu viel! entgegnete Jasmin, O9! im Gegentheil, mein Herr, ich finde, es ſei nicht genug! ... Gott ſei Dank, mein junger Gebieter iſt reich; er iſt im Stande, ſeine Lehrer zu bezahlen. Wie? ich, ſein Kammerdiener, haͤtte neben freier Wohnung, Koſt und Heizung ſechshundert Franken Gage jaͤhrlich... waͤhrend Sie, ein ſo gelehrter Mann, der meinen Herrn in ſo viel ſchonen Wiſſenſchaften unterrichten wird, weniger erhielten?.. O! nein! mein Herr, ich biete Ihnen mo⸗ natlich hundertfuͤnfzig Franken an, und finde nicht, daß es fuͤr Ihre Kenntniſſe zu viel ſei.“ „Hundertfuͤnfzig Franken... monatlich!... ſchrie Herr Gerondif, deſſen Zuͤge ein trunkenes Entzuͤcken aus⸗ druͤckten. Hundertfuͤnfzig Franken.. ich nehme ſie an, Herr Jasmin... ich nehme ſie dankbarſt an.... ich werde ſie zu verdienen ſuchen... beinahe den ganzen Tag mit meinem Zoͤgling zubringen... die Schule verhindert mich nicht daran... ich halte ohnedies einen Unterleh⸗ rer, dem ich drei Franken monatlich gebe... ich werde ihm aufbeſſern, wenn's nothig iſt, und, wenn's ſein muß, 8 * 109 meine Stelle ganz aufgeben und mich einzig dem inter⸗ eſſanten Kinde, das Ihr mir anvertraut, widmen.“ und der Schullehrer ergreift Jasmins Haͤnde und druͤckt ſie mit Wonne; dann druͤckt er auch Jakobs und Nicolle's Haͤnde, und als keine mehr zu druͤcken ſind, ſchlägt er die ſeinen uͤbereinander und ruft aus: „Hosanna! hosanna!.. applaudite cives!.. Hierauf ſagte Jasmin leiſe zu Jakob: „— Ich glaube, Herr Gerondif wuͤnſcht etwas zu trinken.“ „— Ich will von unſerem Wein heraufholen,“ entgeg⸗ nete Jakob,„der Herr Schulmeiſter wird wohl mit uns anſtoßen.“ Nicolle brachte Wein und Glaͤſer herbei. Herr Ge⸗ rondif ließ ſich gerne zum Trinken einladen, bat uͤbrigens die Baͤuerin zuvor um ein Stuͤckchen Brod, weil es ihm, da er keine Zeit gehabt, ſeine Kartoffeln zu kochen, ſehr magenſchwach war. Nicolle holte ihren Vorrath an Eſſen herbei und ſetzte ihn auf den Tiſch; dann ſchnitt ſich Herr Gerondif ein ungeheures Stuͤck Brod ab und greift eine Platte mit Ochſenfleiſch und Bohnen ſo gierig an, daß es etwas Erſchreckendes hatte. Trotz des Eſſens fand der Sühlilehier Zeit, ſich mit Jasmin zu unterreden: „Wir haben uͤber die Wiſſenſchaft geſprochen,“ ſagte er,„aber einen andern Gegenſtand noch nicht abgehan⸗ delt... den der Sitten. Auch in dieſer Hinſicht duͤrft Ihr mir Euer Zutrauen ſchenken. Ich bin in dieſem Punkte außerordentlich ſtrenge... denn die Sitten, Herr Jasmin, ſind der Zuͤgel der Geſellſchaft. Ich darf be⸗ 64 haupten, daß die meinigen tadellos ſind!... Das Gleiche ſoll bei meinem Zoͤgling der Fall ſein.“ „O! was das anbetrifft!“ ſagte der alte Kammer⸗ diener laͤchelnd,„ſcheint mir, daß man im Alter meines jungen Herrn noch nichts zu fuͤrchten habe... ſpaͤter!.. dann!... aber bei einem Juͤngling kommt das nuch nicht ſo in Anſchlag; wenn es ein Maͤdchen waͤre.. „Das iſt noch viel ſchlimmer, Jasmin, weil der junge Mann, da er viel freier lebt, weit größere Fehler machen kann... ich werde ihm aber Prinzipien einfloͤßen, die ihn in den Schranken halten ſollen... ich werde der Mentor dieſes zweiten Telemachs ſein!. Aber, ent⸗ ſchuldigt, ich muß eine Bemerkung machen: um die Studien des Herrn Marquis zu beginnen, iſt es nothig, daß ich Elementarbuͤcher.. Grammatiken... Woͤrter⸗ bucher kaufe, die meiner Schule gehorigen ſind abgenuͤtzt... ich bin in dieſem Augenblicke nicht hinlaͤnglich bei Kaſſe, um dieſe Einkaͤufe vorzunehmen... wenn Ihr mir einen Monat zum Voraus bezahlen koͤnntet, dann...“ „Mit Vergnuͤgen,“ erwiderte Jasmin,„ich nehme immer Geld mit hierher, auf den Fall, daß mein Herr ſolches brauchen wuͤrde. Hier ſind hundertzwanzig Franken in Gold und dreißig Franken in Hundert⸗Sousſtuͤcken.“ Der Schulmeiſter betrachtete mit gierigem Blicke die ihm vorgezaͤhlte Summe. Er nahm ſie, zaͤhlte ſie und uͤberzaͤhlte ſie abermals, ſteckte ſie in die Taſche und holte ſie wieder hervor, um ſie von Neuem zu zaͤhlen; er konnte nicht muͤde werden, das Geld durch ſeine Haͤnde gleiten zu laſſen. Niemals war er im Beſitz einer ſolchen Summe geweſen. Man ſprach mit ihm, er hoͤrte 111 nichts, antwortete nichts, er ließ ſeine Goldſtuͤcke und Fuͤnflivrethaler klingen, und als er ſie endlich in ſei⸗ ner Hoſentaſche verwahrt hatte, bedeckte er ſie mit der Hand, die er nicht mehr daraus zuruͤckzog. unterdeſſen kam der Abend herbei, und Jasmin ſtieg, nachdem er ſich bei ſeinem Herrn empfohlen und noch⸗ mals von dieſem das Verſprechen erhalten hatte, daß er lernen werde, in das Cabriolet, womit er gekommen war, und fuhr hoͤchſt zufrieden uͤber die Erfindung eines Mittels, Cherubim zum Gelehrten zu machen, nach Paris zuruͤck.* Herr Gerondif verließ das Haus der Amme, nachdem er ſich bei ſeinem Schuͤler verabſchiedet und ihm ange⸗ kuͤndigt hatte, daß er am folgenden Morgen erſcheinen werde, und begab ſich, jedoch ohne ſeine Hand aus der Taſche zu ziehen, die fortwährend’ die darin enthaltene Summe befuͤhlte, nach Hauſe. Neuntes Kapitel. Eine Coalition. Wir gehen ſchnell uͤber die Jahre hinweg, im Laufe deren Herr Gerondif dem jungen Marquis Unterricht er⸗ theilte; Cherubim hatte ſein Verſprechen gehalten, er ließ ſich das Lernen gefallen;z aber er beharrte darauf, daß Louiſe bei ſeinen Stunden zugegen ſein muͤſſe; an⸗ fangs wollte Herr Gerondif die Kleine zuruͤckweiſen, aber Cherubim ſchrie, weinte dann und weigerte ſich, ſeinen 112 Lehrer anzuhdren; man mußte ihm folglich nachgeben. Nach und nach ſchien die Gegenwart Louiſens Herrn Gerondif ohne Zweifel weniger laͤſtig, denn wenn ſie bei ſeiner Ankunft fehlte, ſo war er der erſte, der ſie holen ließ. 4 Louiſe wurde aber auch groͤßer und ſchoͤner. Im drei⸗ zehnten Jahre hielt man ſie fuͤr fuͤnfzehn, ſie war ſchlank, wohlgeſtaltet, voll Grazie. Es war nicht jene ſtudirte, affektirte Grazie, wie bei vielen Pariſer Frauenzimmern, welche glauben, man halte ſie fuͤr natuͤrlich; nein, jene naive, einfache Grazie, die man augenblicklich erkennt und vergeblich nachzuahmen ſtrebt. Herr Gerondif war kein wirklicher Gelehrtar; aber er konnte von Vielen dafuͤr gehalten werden. Er beſaß von Allem einige Vorkenntniſſe, da er ſich in ſeiner Jugend verſchiedenen Wiſſenſchaften gewidmet, in keiner aber gehorig ausgebildet hatte. Nachdem er Mediziner, Pharmazeut, Chemiker, Aſtronom, Geometer, Handels⸗ mann, ſogar Dichter zu werden ſich angeſchickt, nachdem er von all' dieſen Wiſſenſchaften einen Begriff erl angt, es aber in keiner zum Zweck gebracht hatte, entſchloß er ſich endlich, Schulmeiſter zu werden. Wer eine Wiſſen⸗ ſchaft gruͤndlich erlernt, hat mehr Verdienſt, als der, welcher uͤber alle ſchwatzt, und doch gibt man in der Welt haͤufig dem Schwaͤtzer den Vorzug. 1 Mit fuͤnfzehn Jahren wußte Cherubim von Vielem ein wenig; fuͤr das Dorf, fuͤr die Frimouſſets war der Knabe ein Wunderkind, das mit außerordentlicher Schnel⸗ ligkeit gelernt hatte. Wenn Jasmin ſeinen jungen Herrn ein Wort Lateiniſch ſprechen, oder etwas aus der Ge⸗ 113 ſchichte, oder aus der Mythologie erzaͤhlen hoͤrte, ſo verneigte er ſich voll Bewunderung vor Herrn Gerondif, und rief aus: „Er iſt eben ſo gelehrt, wie Sie!... und das will viel heißen.) Herr Gerondif gab ſich ein gewaltiges Anſehen, denn er hatte ſich eine ganz neue Kleidung angeſchafft; er ſah keinem Hanswurſte mehr gleich; man begegnete ihm nun mit einem Hute und einem ganzen Regenſchirm. Indeſſen kehrte mit der Wohlhabenheit auch der Ehr⸗ geiz ein; das iſt ſo der Brauch; wenn man nichts hat, ſo laͤßt man keinen Wunſch aufkommen, ſtrebt nicht nach hoͤhern Dingen, ſchließt ſich in ſeine Schaale ein, und bemuͤht ſich, ſein Gluͤck darin zu finden, was zu⸗ weilen auch gelingt Wenn man zu Vermoͤgen gelangt, ſo geſtattet man ſich eine Menge Bequemlichkeiten, die man fruͤher entbehrte, bleibt aber dabei nicht ſtehen; jeden Tag wachſen und vermehren ſich die Wuͤnſche, und man wird ehrgeizig, iſt aber oft weit ungluͤcklicher, als in der Armuth. 5 Das iſt ungefaͤhr die Geſchichte des Herrn Gerondif; als er nur das ſchmale Einkommen ſeiner Dorfſchule hatte, trug er Holzſchuhe, brauchte weder Hut noch Kappe, aß oft nichts als geſottene Kartoffeln, und ſchien doch in ſeiner Lage ziemlich gluͤcklich. Seit er aber Lehrer des jungen Grandvilain iſt, und jaͤhrlich achtzehnhundert Franken einnimmt, eine Summe, die man im Dorfe Gagny nicht leicht verbrauchen kann, ſteigen allerlei Wuͤnſche in ihm auf, und beſonders naͤhrt er die Hoffnung, nicht immer in einem Dorfe bleiben Paul de Kock. v. 8 * 114 zu muͤſſen, wo es nicht einmal Gelegenheit gibt, ſein Geld anzubringen, was Einen, der an den Beſit deſſel⸗ ben nicht hn⸗ iſt, am meiſten aͤrgert. Es gelang Herrn Gerondif, das Vertrauen ſeines Zoͤglings zu erwerben, ihm ſogar Freundſchaft einzufloͤßen, denn Cherubims Herz war leicht zu gewinnen, er kam Allen, die ihm ihre Zuneigung an den Tag legten, ent⸗ gegen. Waͤhrend Herr Gerondif dem Juͤnglinge alle Tage Klugheit und gute Sitten vorpredigte, bemerkte er, obgleich er die Augen ſtets unterſich ſchlug, doch ſehr wohl, daß Louiſe heranwuchs, ſich ausbildete und reizend wurde, und rief oft, wenn er das huͤbſche Kind anblickte, aus: „Welch' ſchone Augen! Welch' herrliches Oval... welches regelmaͤßige Kinn!“ Dann, ſei es, um ſich wirklich von der Regel⸗ maͤßigkeit des Kinns zu uͤberzeugen, oder aus irgend einem ſonſtigen Grunde, ſtreichelte der Lehrer das Ange⸗ ſicht des jungen Maͤdchens und kniff ſie ſogar zuweilen in die Wange, was Louiſe eben gar nicht freute, waͤhrend Cherubim dagegen aͤußerſt vergnuͤgt war, wenn man ſeiner getreuen Geſpielin ein ſchmeichelhaftes Wort zu⸗ wendete. Geſchah dieſes, ſo ſagte der Juͤngling ſtets:„Nicht wahr, mein lieber Lehrer, Louiſe iſt recht artig?“ Worauf Herr Gerondif, ſchnell wieder ſeine Schaafs⸗ miene annehmend, mit geſenkten Augen erwiderte: „Ja, dieſe Kleine iſt ein wahrer gaeliſcher Typus in ſeiner vollkommenſten Reinheit; ſie gleicht einer Ma⸗ donna.“ Cherubim laͤchelt, waͤhrend er Louiſe anſieht, und — 115 Herr Gerondif, der an Alles eher denkt, als an Ma⸗ donnen, ſpricht bei ſich: 3 „Dieſe Kleine wird reizend!.. Wenn aber mein Schuͤler noch einige Zeit in ihrer Naͤhe bleibt... hum!... das Fleiſch iſt ſchwach... der boͤſe Geiſt ſehr ſtark... beſonders, wenn er die Geſtalt eines ſchonen Maͤdchens annimmt.. Ich bin nicht immer zugegen... Jakob iſt beinahe ſtets betrunken; Mutter Nicolle laͤßt die jungen Leutchen allein miteinander auf's Feld gehen... Kornblumen ſuchen... ſich im Graſe waͤlzen!... lauter aͤußerſt gefaͤhrliche Dinge... es muß hier durchaus ein Eingriff geſchehen. Das beſte Mittel waͤre, meinen Zoͤgling nach Paris zuruͤckzuſchicken. Ich wuͤrde ihm dorthin nachfolgen, das unterliegt keinem Zweifel, denn ſeine Erziehung iſt noch nicht ſo weit gediehen, daß er des Lehrers entbehren koͤnnte... ich werde ſogar dafuͤr ſorgen, daß er deſſelben ſehr lange, wenn's moͤglich iſt, immer, bedarf. Ich wohne ſodann in Paris, im Hotel meines Zoͤglings... Das wird weit angenehmer ſein, als das Leben in dieſem Dorfe. Und von der Entfernung aus werde ich ſtets uͤber die kleine Louiſe wachen... ſie beſchuͤtzen... ihr zu ihrem Fortkommen behuͤlflich ſein. Cherubim wird nach einem mehrmonatlichen Aufenthalt in Paris dieſe kleine Dorfgeſpielin ſchnell vergeſſen. Das Alles iſt mit der Weisheit eines Cato ausgedacht; es handelt ſich jetzt nur noch um die Ausfuͤhrung.“ Um zu dieſem Zwecke zu gelangen, ſprach Herr Ge⸗ rondif in ſeinen Unterrichtsſtunden ſeit einiger Zeit von Paris; er entwarf ein prachtvolles, reizendes Gemaͤlde von dieſer Stadt; er pries ihre Theater, ihre Spazier⸗ 9 116 gaͤnge, ihre Denkmaͤler und die zahlloſen Vergnuͤgen, die⸗ ſich jeden Augenblick darbieten. Der junge Cherubim lieh dieſen Reden allmaͤlig ſein Ohr. Der Gedanke, nach Paris zu gehen, war ihm minder ſchrecklich; und ſein Lehrer munterte ihn ſofort auf: „Machen Sie wenigſtens eine kleine Reiſe in die ⸗ Hauptſtadt,“ ſagte er,„betrachten Sie das Haus Ihres Vaters! Es iſt Alles ſo in der Naͤhe... wir kehren alsbald wieder zuruͤck.“ Aber Louiſe weinte, wenn ſie Cherubim auf dem Punkte ſah, in die Reiſe nach Paris einzuwilligen. Sie nahm ihren Jugendfreund bei der Hand und ſprach: „Wenn Du nach Paris gehſt, ſo bin ich uͤberzeugt, daß Du nicht mehr zuruͤckkommſt... Gagny und ſeine Bewohner vergiſſeſt!“ Auch Nicolle behauptete dies, indem ſie ihren Pfleg⸗ ling in die Arme ſchloß, und Cherubim rief ſchnell aus: „Nein, nein... ich will nicht gehen, wenn es euch Kummer macht, ich bin gluͤcklich hier... ich werde immer hier bleiben!“ Herr Gerondif biß ſich, waͤhrend er zu laͤcheln ſchien, in die Lippen und wuͤnſchte in ſeines Herzens Grund alle Ammen und Jugendfreundinnen zum Teufel. Wenn der Lehrer Jasmin Vorwuͤrfe machte, daß er ihn nicht unterſtuͤtze und ſeinen Herrn nicht bewege, nach Paris zu gehen, entgegnete ihm dieſer mit ſeiner ge⸗ wohnten Gutmuͤthigkeit: „Was ſoll ich machen? jetzt, da mein Gebieter ſein fuͤnfzehntes Jahr erreicht hat, iſt er ſein eigener Herr... kann thun, was er will... ſogar uͤber ſein ganzes 117 Vermoͤgen... ſeine dreißigtauſend Franken Renten nach Belieben verfuͤgen. Hat er Luſt, bei ſeiner Amme zu bleiben, ſo habe ich kein Recht, mich zu widerſetzen. „Wenn man ein ſo ſchoͤnes Vermoͤgen beſitzt, ſo iſt es Unſinn, ſeine ſchoͤnſten Jahre bei der Amme zuzu⸗ bringen,“ ſchrie der Lehrer;„was nuͤtzt meinen Schuͤler denn die Gelehrſamkeit und die Kenntniß ſo vieler ſchoͤnen Dinge... wenn er fortfaͤhrt, unter Bauern zu leben!... Herr Jasmin! die Geſchichte bietet kein Beiſpiel eines ausgezeichneten Mannes dar, der bis zum fuͤnfzehnten Jahre bei der Amme blieb. Es iſt ganz in der Ordnung, diejenige zu lieben, die uns mit ihrer Milch naͤhrte, aber... est medius in rebus!“ „Herr Schulmeiſter, ich verſtehe nichts von den Rebus... aber ich bin der ganz gehorſame Diener meines Herrn, und habe ihm keine Befehle zu ertheilen.“ In Paris hatte Jasmin wegen ſeines jungen Herrn auch haͤufig Erörterungen mit Mamſelle Turlurette. Die frühere Kammerfrau verſah jetzt die Stelle einer Haus⸗ haͤlterin; ſie hatte ſo ſehr an Dicke zugelegt, daß ſie, obgleich noch keine Vierzig alt, doch nur mit Muͤhe von einem Zimmer ins andere gelangen konnte; dieſer Zu⸗ ſtand von Fettleibigkeit feſſelte ſie in ihren Lehnſtuhl und verhinderte ſie, ihren jungen Herrn in Gagny zu be⸗ ſuchen; uͤbrigens wurde ſie Herr Jasmin ohnedies nicht zur Begleitung aufgefordert haben, weil er ſtets fuͤrchtete, Jungfer Turlurette entziehe ihm einen Theil ſeiner Wuͤrde,— ein Gegenſtand, worin er ſehr wunderlich war. Die dicke Haushaͤlterin fragte den alten Kammer⸗ diener taͤglich, warum ihr junger Gebieter nicht aus der Milchkoſt zuruͤckkomme; zuweilen entſtanden hieruͤber ſehr lebhafte Streitigkeiten, denen aber Jasmin ſtets ein Ende machte, indem er mit biſſigem Ton ſagte: „Abgeſehen von Allem, Mamſelle, hat der verewigte Herr Marquis von Grandvilain mir die Sorge, ſeinen Sohn zu bewachen, uͤbertragen; ich habe ſogar, wenn es mir gefaͤllt, das Recht, Sie aus dem Hauſe zu jagen; thun Sie mir alſo den Gefallen, und laſſen Sie mich den jungen Cherubim nach meinem Gutduͤnken leiten.“ Dann ſchwieg Turlurette, obwohl ſie wußte, daß Jasmin ſeine Drohung nicht ausfuͤhren wuͤrde; aber ſie brummte zwiſchen den Zaͤhnen: „Ein Milchkind von ſechzehn Jahren!.... das iſt ſonderbar! Ich moͤchte nur wiſſen, ob er noch an der Amme trinkt, der Kleine!“ So ſtanden die Sachen, als eines Morgens ein Be⸗ dienter im Hotel Grandvilain erſchien, nach Jasmin fragte und dieſem ausrichtete, daß ihn der Notar des Herrn Marquis bitten laſſe, im Laufe des Tages zu ihm zu kommen, da er ihn nothwendig ſprechen muͤſſe. Der alte Kammerdiener ſinnt nach, was ihm wohl der Notar zu ſagen haben koͤnne, dann erinnert er ſich, daß ſein Herr ſchon lange fuͤnfzehn Jahre vorbei iſt, mit welchem Zeitpunkt ihm nach dem Willen ſeines Vaters der Beſitz ſeines Vermoͤgens uͤbertragen werden ſollte. Das verſetzt Jasmin in Unruhe und er ſpricht bei ſich: „Dreißigtauſend Franken Einkommen... das An⸗ wachſen des Vermöͤgens durch vierzehnjaͤhrige Erſparniſſe nicht berechnet... konnen freilich bei ſeinem Pflegevater ſchwerlich verzehrt werden... wenn aber Herr Cherubim 1 54 119 bei Nicolle bleiben will, ſo kann ich ihn nicht mit Ge⸗ walt nach Paris bringen, denn am Ende iſt er doch ſein eigener Herr.“ Jasmin entſchloß ſich, den Wuͤnſchen des Notars Folge zu leiſten. Er zog ſeinen ſchoͤnſten Rock an, eine offene Weſte, damit man den Jabot am Hemde ſehen konnte, und Schnallenſchuhe, obgleich man ſie ſchon lange nicht mehr trug; und in dieſem Anzuge, der ſich fuͤr den vertrauten Diener eines großen Hauſes ſchickt, begab er ſich zu Herrn Hurbain, ſo heißt der Notar. Als Jasmin ankam, befand ſich der Notar nicht allein in ſeinem Studirzimmer, zwei Perſonen waren bei ihm. Eine derſelben, die man Eduard von Monfre⸗ ville nannte, war ein Mann in einem Alter von ſechs⸗ bis ſiebenunddreißig Jahren, der aber noch den Anſchein, das Weſen und die ganze Eleganz eines jungen Man⸗ nes hatte; er war groß, wohlgeſtaltet und ſo ſchlank, wie ein zwanzigjaͤhriger; dabei fein und zierlich gekleidet; ſein Antlitz ſchon und angenehm zugleich, ſeine Zuͤge regelmaͤßig und ſeine braunen Haare von einer Glaͤtte und einem Glanze, daß ihn die Damen haͤtten darum beneiden duͤrfen; nur in ſeinen großen, ſchwarzen und durchdringenden Augen las man zuweilen einen hoͤhniſchen Ausdruck, der mit dem leichten Laͤcheln, das auf ſeinem Munde ſtand, vollkommen zuſammen paßte; und auf ſeiner, gleich dem Angeſicht, abgematteten Stirne ruhten Falten, welche bedeuteten, daß Ueberdruß und Herzeleid hier auch ſchon ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Die andere Perſon war ein Mann von achtundzwanzig 120 Jahren, blond und fad, hatte weiße Hautfarbe, hell⸗ blaue Augen, weit geoͤffnete Naslocher, großen Mund mit dicken Lippen. Dieſe Zuͤge bilden in ihrer Verei⸗ nigung nicht gerade einen huͤbſchen Jungen; aber es lag in der Phyſionomie dieſes Herrn ein fortwaͤhren⸗ des Spiel des Ausdruckes, welches ihn wunderbar be⸗ lebte; daſſelbe war eine Miſchung von Heiterkeit, Spott, Feinheit, Leichtſinn, Sorgloſigkeit und Liſt, die ſich im Vereine mit ausgezeichnet gebildeten Manieren aͤußerte. Obgleich der Anzug dieſer Perſon weit entfernt war, dem an Herrn von Monfreville bewunderten in Zierlichkeit gleichzukommen, und ſogar einige Theile ſeiner Kleidung zu ſehr vernachlaͤſſigt ſchienen, ſo trug er doch ſeinen fleckigten, an mehren Orten ſchadhaften Rock mit ſol⸗ chem Anſtande, legte ſeine abgetragene Halsbinde mit ſolchem Geſchicke um den Hals, daß man nothwendig einen gebildeten Mann in ihm erkennen mußte. Dieſe letztere Perſon war der Graf Virgilius Darena. Als ein Thuͤrſteher ins Zimmer trat und meldete, daß der alte Jasmin, der an ihn ergangenen Aufforderung gemaͤß, im Vorzimmer ſei, ſchlug Darena ein helles Ge⸗ laͤchter auf und ſagte: „Jasmin!... wer Teufels kann ſich denn Jasmin heißen?... wie, Herr Notar, Sie haben Clienten mit dem Namen Jasmin... das muß der Kammerdiener aus einer Komoͤdie ſein!“ „Nein, Herr von Darena,“ entgegnete der Notar laͤchelnd.„Das iſt der Diener eines ſehr vornehmen Hauſes... einer jener Typen von alten Dienern, wie — 5 121 ſie vormals geweſen, deren Geſchlecht in unſern Tagen aber ungluͤcklicherweiſe immer mehr erliſcht.“ „Ach! das muß luſtig ſein, ein alter Jokei!.. nicht wahr, Monfreville!“ Derjenige, an welchen dieſe Frage gerichtet wurde, laͤchelte kaum, waͤhrend er erwiderte: „Ich ſehe nichts Laͤcherliches daran...“ „O! nichts heitert Sie auf, wenn Sie in den ſplee⸗ nigten Tagen Ihres„humour“ ſind, wie die Eng⸗ laͤnder ſagen!... Nun, laſſen Sie einmal hoͤren, kaufen Sie mir mein kleines Haus in der Vorſtadt Saint⸗An⸗ toine ab, ich gebe es Ihnen fuͤr dreißigtauſend Franken...“ „Nein... ich wuͤrde mich ſchämen, einen ſolchen Kauf einzugehen... Ihr Haus iſt beinahe das Doppelte werth, und ich moͤchte Ihre Geldverlegenheit nicht dazu benuͤtzen, es Ihnen um einen Schandpreis abzujagen.“ „Ei, mein Gott! Davon handelt es ſich gar nicht!.. wenn ich mit dem Kaufe zufrieden bin, warum wollen Sie keinen Vortheil daraus ziehen?... Ich mache Ihnen den Vorſchlag in Gegenwart des Notars.. Ihr Gewiſſen kann alſo beruhigt ſein.. das Haus mißfaͤllt mir... es iſt von Waſſerträͤgern, Savoyarden, oh! vom gemeinſten Volke bewohnt! Was Teufels ſoll ich an⸗ fangen?.. Die Kerls ziehen aus und bleiben die Miethe ſchuldig, oder ſie behalten die Wohnung und zahlen doch nicht, ſind grob, wenn man Geld von ihnen verlangt, oder bieten Einem Pruͤgel an! Es iſt eine ſaubere Freude mit ſolchen Miethsleuten!“ „Aber man uͤbergibt das Haus einem Hauptmiether, der dieſe Einzelnheiten beſorgt.“ „Nein, nein, ich ſage Ihnen, ich will's verkaufen, das iſt das Kuͤrzeſte... es langweilt mich Alles viel zu ſehr! dazu kommen noch andere Unannehmlichkeiten: wenn huͤbſche Griſetten oder ſonſt liebenswuͤrdige Weſen im Hauſe wohnen, ſo quittire ich dieſelben, nachdem ich mich zwar nicht mit Geld, aber mit ſonſt etwas bezahlt ge⸗ macht habe.... Bei meiner Ehre, ich kann nicht Haus⸗ eigenthuͤmer ſein, ich habe ein zu weiches Herz!... „Sie werden es bald dahin bringen, daß Sie es nicht mehr ſind!“ ſagte kopfſchuͤttelnd der Notar.„Sie ſind gar nicht vernuͤnftig, Herr von Darena;... kaum ſind es ſechs Jahre, ſeit Ihr Vater Ihnen ein ſo ſchoͤnes Vermoͤgen hinterlaſſen hat!“ „Von dem mir nichts mehr uͤbrig blieb, als das kleine Haus, das ich verkaufen will!“ entgegnete Darena mit Lachen.„Nun, das iſt das Schickſal aller Gluͤcks⸗ guͤter... ſie ſind vergaͤnglich... man ſammelt ſich aber wieder neue! ich bin niemals in Sorgen! Monfreville ſchlägt mein Haus aus, alſo wird mir Herr Hurbain deſſen Verkauf beſorgen. Aber laſſen Sie doch Ihren alten Jasmin vor, ich bin neugierig, dieſe Kruſte zu ſehen!..“ „Bei wem dient dieſer muſterhafte Diener?“ fragte Monfreville. „Er ſtand in den Dienſten des Herrn Marquis von Grandvilain, der vor etwa zehn oder elf Jahren ge⸗ ſtorben iſt.“ „Der Marquis von Grandvilain!“ rief Darena aus, indem er ſich in einen Lehnſtuhl warf, und bis zu Thraͤ⸗ nen lachte.„Die haben köͤſtliche Namen, das muß ein huͤbſches Geſchlecht ſein!“ 3 123 „Grandvilain!“ murmelte Monfreville,„ich habe den alten Marquis gekannt, mein Vater war einer ſeiner Freunde... er hat mir oft von einem Feſte, von einem wegen der Geburt eines Sohnes veranſtalteten Kunſtfeuerwerke... einer in die Luft geſprengten Brat⸗ kachel... und von Kaſtroldeckeln, die mehre Perſonen verwundeten... erzaͤhlt.“ „Genug! Genug! das iſt rein unmoͤglich! Monfre⸗ ville will uns Baͤren aufbinden!“ ſagte Darena, ſich im Lehnſtuhl dehnend. „Das Alles iſt wahr,“ erwiderte Herr Hurbain; „und was Herr von Monfreville eben erzaͤhlte, iſt wirk⸗ lich geſchehen. Aber der Marquis von Grandvilain und ſeine Frau ſind todt; von dieſer ganzen Familie lebt nur noch ein Sohn, der jetzt ſechzehn und ein halbes Jahr alt und bereits im Beſitze von mehr als dreißigtauſend Franken Renten iſt; ich bin der Verwalter ſeines Ver⸗ moͤgens, aber ſein Vater beſtimmte, kraft einer Eigen⸗ heit, einer unbegreiflichen Narrheit, daß ſein Sohn mit fuͤnfzehn Jahren Herr ſeines Einkommens ſein ſollte, und hat ihm nur den alten Jasmin, ſeinen Kammer⸗ diener, als Mentor beigegeben.“* Darena richtete ſich in ſeinem Lehnſtuhl auf und machte eine ſonderbare Miene, als er ausrief: „Im fuͤnfzehnten Jahre dreißigtauſend Franken Ren⸗ ten!... Das iſt der Ehre werth...“ „Der arme, alte Marquis war alſo ein Narr?“ fragte Monfreville. „Nein, aber er bekam dieſes Kind erſt im Alter, und wünſchte daß es fruͤhzeitig ſchon ſein eigener Herr werde.“ N 8 124 „Beim Kukuk! ich finde das ſo dumm nicht!“ ſagte Darena.„Warum ſollte man im fuͤnfzehnten Jahre nicht vernuͤnftig ſein, da man es im ſechzigſten ſo wenig iſt? Und wie ſchaltet der Erbe mit ſeinem Vermoͤgen 2... Er verzehrt es wahrſcheinlich in lauter geroͤſteten Man⸗ deln und uͤberzuckerten Kaſtanien?“ „Dem Himmel ſei Dank, er beſchaͤftigt ſich bis jetzt, ſo viel ich glaube, nur mit ſeiner Rhetorik und ſeinen Schulwiſſenſchaften. Um uͤbrigens Nachrichten von ihm zu erhalten, habe ich den treuen Diener rufen laſſen. Wenn Sie es erlauben, ſo will ich ihn eintreten heißen...“ „Wir bitten Sie ſogar darum. Ich fuͤr meinen Theil bin ſehr begierig, zu erfahren, wie ſich dieſer kleine Grandvilain befindet... ei, ei.... welch' ein abſcheulicher Namen!... gleichviel, ich wuͤrde gerne mit ihm tauſchen, wenn er mir ſeines Vaters Thaler uͤberließe! und Sie... Monfreville.. doch, Sie ſind ein Philoſoph!... und uͤberdies reich,... was die Philoſophie ſehr erleichtert.“ Der Eintritt Jasmins machte dieſer Unterredung ein Ende, der alte Diener begruͤßte die ganze Geſellſchaft und wendete ſich an den Notar mit den Worten: „Sie haben mich um Etwas zu befragen, Herr Notar?“ „Ja, mein lieber Jasmin, vor allen Dingen moͤchte ich erfahren, wie es unſerem jungen Marquis geht?“ „Er befindet ſich ſehr wohl, mein Herr, o! er ge⸗ nießt einer herrlichen Geſundheit... es iſt ein ſehr huͤbſcher Junge.“ „Gut, und ſeine Studien?“ * Er bedeutet: Grundhaͤßlich. 125 „Hm, wie ich vernehme, ſcheint er ſehr gelehrt.“ „Wiſſen Sie, Jasmin, daß Ihr Gebieter vor ſechs Monaten ſein ſechzehntes Jahr erreicht hat.“ „O, freilich, mein Herr, ich weiß es recht gut.“ „Iſt ihm das Teſtament ſeines Vaters bekannt?“ „Allerdings...“ „Sch halte ihn fuͤr zu vernuͤnftig, als daß er ſchon die Verwaltung ſeines Vermögens uͤbernehmen wollte; aber deſſen ungeachtet iſt es meine Pflicht, ihm Rech⸗ nung uͤber die bisherige Verwendung deſſelben abzulegen, und ihn zu fragen, ob er die Abſicht hat, mir die Ver⸗ waltung daruͤber noch laͤnger zu uͤbertragen. Ueberdies wuͤnſchte ich ſchon längſt den jungen Marquis zu ſehen; ich will's nicht weiter hinausſchieben. In welcher Lehr⸗ anſtalt iſt er?“ Jasmin riß ſeine Augen voll Beſtuͤrzung auf, und blickte nach der Thuͤre. „Verſtehen Sie mich nicht?“ fuhr der Notar fort.. „Ich habe Sie gefragt, in welchem Collegium ich nach dem Herrn Marquis von Grandvilain fragen muͤſſe.“ „Der muſterhafte Diener ſcheint mir taub zu ſein,“ bemerkte Darena, uͤber Jasmins Geſicht lachend, wäh⸗ rend Monfreville, der den alten Bedienten aufmerkſam beobachtete, ſich ihm naͤherte, ihn ſtarr anſah und halb ernſthaft, halb ſcherzend fragte: „Wiſſet Ihr nicht, was Ihr mit Eurem jungen Herrn angefangen habt?“ 4 „Doch, mein Herr, doch!“ entgegnete Jasmin, „der Herr Marquis iſt in Gagny.“ „In Gagny. iſt dort ein Collegium?“ fragte der Notar. 126 „Gagny!... bei Villemonble!... ol ich kenne es,“ rief Darena,„das iſt ein kleines Dorf... in deſſen Um⸗ gebung einige ziemlich huͤbſche Beſitzungen ſind... aber nicht ein einziger Gaſtwirth in der ganzen Gegend... ich bin mit zwei Opernſaͤngerinnen hingefahren... wir konnten nicht einmal ein Huͤhnerfricaſſé bekommen... was doch ſonſt auf dem Lande eine Hauptſpeiſe iſt. In Gagny war nie eine gelehrte Schule... meines Wiſſens nicht einmal ein Penſionat.“ 5 „Nun, Herr Jasmin,“ fragte der Notar mit ſtren⸗ gem Tone,„bei wem macht der junge Grandvilain in Gagny ſeine Studien?“ Der alte Diener faßte ſich kurz und erwiderte mit beinahe ſtolzer Miene: „Bei ſeiner Amme, mein Herr!“ Dieſe Worte verſetzten den Notar in Erſtarrung, Mon⸗ freville fing an zu lachen und Darena waͤlzte ſich im Lehnſtuhl. „Bei ſeiner Amme!“ fuhr endlich der Notar fort. „Iſt es wirklich moglich, Jasmin! der junge Marquis waͤre mit ſiebzehnthalb Jahren noch bei ſeiner Amme?“ „Ja, mein Herr, aber ſeien Sie beruhigt, er iſt deß⸗ halb nicht minder gelehrt, ich habe ihm einen Lehrer bei⸗ gegeben, den Schulmeiſter des Ortes, Herrn Gerondif, der ihm in Allem moͤglichen unterricht ertheilt.“ Darena brach in ein neues Gelaͤchter aus, als er des Lehrers Namen hörte und rief: „Seine Erziehung bei der Amme genießen!..... das iſt koſtlich.... das iſt eine neue Methode... die kann vielleicht von Nutzen ſein..... ich habe Luſt, zu meiner Amme zuruͤckzukehren. .—.,— 127 „Herr Jasmin,“ nahm der Notar wieder das Wort, „ich begreife nicht, wie Sie den Sohn Ihres Herrn bis jetzt bei Bauersleuten laſſen konnten..... Sie verdie⸗ nen ſehr getadelt zu werden.. Sie haͤtten mich wenig⸗ ſtens um Rath fragen koͤnnen.“ Der alte Diener, den dies bedeutend aͤrgert, ſchreit aus Leibeskraͤften: „Herr Notar, ich bin der Diener meines Herrn! ich habe nicht das Recht, ſeinen Wuͤnſchen zuwider zu han⸗ deln oder ihm Gewalt anzulegen; es iſt nicht mein Feh⸗ ler, wenn der Herr Cherubim nicht von ſeiner Amme und ſeiner kleinen Milchſchweſter weg will!“ „Ach! wenn er eine kleine Milchſchweſter dort hat,“ ſagte Darena,„ſo begreife ich die Anhaͤnglichkeit des jungen Mannesz; wie alt iſt die Milchſchweſter?“ „Zwei Jahre juͤnger als mein Herr, ungefaͤhr vier⸗ zehn und ein halbes Jahr.“ „Iſt ſie huͤbſch?“ „Allerdings... ja, mein Herr, es iſt ein groß ge⸗ wachſenes, huͤbſches Maͤdchen.“ „Herr Jasmin,“ ſprach der Notar,„ſo kann es nicht fortdauern; es iſt meine Pflicht, dieſe Angelegen⸗ heiten in Ordnung zu bringen, und meine Freundſchaft fuͤr den verewigten Herrn von Grandvilain macht mir⸗ ſogar ein Geſetz daraus. Auch Ihnen muß es einleuch⸗ ten, daß der Sohn Ihrer ehmaligen Herrſchaft, der von einem vornehmen Hauſe abſtammt, ſeine ſchoͤnſten Jahre nicht in einem Dorfe zubringen darf „Ich verſichre Sie, Herr Notar, daß ich dieſes mei⸗ nem Herrn ſchon oft vorſtellte. Ich ſage ihm fortwaͤhrend: 128 „In Paris haben Sie ein großes Haus, ſchoͤne Zim⸗ mer mit karmeſinrothen Behaͤngen, Mobilien aus maſſi⸗ vem Mahagoniholz, einen Nachttiſch mit eingelegten Ecken . inwendig mit vergoldetem Porzellan...... Das Alles verfuͤhrt ihn nicht... Er dreht mir den Ruͤcken zu und gibt mir kein Gehdr.“ „Ich glaub' es wohl!“ rief Darena aus,„der alte Dummkopf will ſeinen Herrn mit einem Nachttiſch und ſeiner Einrichtung verfuͤhrenz wenn Sie es wauͤnſchen, Herr Hurbain, ſo nehme ich es auf mich, den jungen Marquis zur Ruͤckkehr nach Paris zu bewegen.“ „Sie, Herr Darena, auf welche Weiſe?“ „Das iſt meine Sache; verlaſſen Sie ſich auf mich!“ „Ich waͤre Ihnen ſehr verbunden, wenn Sie mich dabei unterſtuͤtzten, ich will aber meinerſeits auch thaͤtig ſein. Herr von Monfreville, wollen Sie mir nicht auch an die Hand gehen, mich nicht nach Gagny begleiten, Sie, deſſen Vater ein Freund des alten Marquis war?“ „Ich bin ſehr geneigt, dabei zu ſein... Ich beſinne mich ſchon auf ein Mittel, wodurch der junge Mann be⸗ wogen werden koͤnnte, uns nach Paris zu folgen. denn man darf in dieſem Falle nicht gewaltthätig zu Werk gehen. Alles wohl uͤberlegt, iſt dieſer junge Erbe doch, ſchon durch ſeines Vaters Willen, ſein eigener Herr, und wenn er darauf beharren wuͤrde, bei ſeiner Amme zu bleiben, ſo waͤren wir auch gezwungen, ihn dort zu laſſen. 7 „Aber es iſt unmoͤglich, daß der Sohn des Marquis unſern Gruͤnden, unſern Vorſtellungen nicht nachgibt.“ „ Gruͤnde! ach, mein lieber Herr Hurbain, es braucht mehr als ſolche, um einen Juͤngling zu beſtechen.”“ . „ 129 „Meine Herren,“ fiel Darena ein,„ich ſchlage eine Wette vor. Dem, der den Sieg davon traͤgt und den jungen Cherubim nach Paris zuruͤckbringt, muͤſſen die beiden Andern ein praͤchtiges Mittageſſen im Rocher de Cancale bezahlen. Willigen Sie ein?“ „O, ſehr gerne...“ „Wann werden wir nach Gagny gehen?“ „Morgen vor Tiſche, meine Herren; ich werde mich ſo einrichten, daß ich um zwoͤlf Uhr mein Arbeitszimmer verlaſſen kann; wollen Sie mich abholen? ſoll ich Sie erwarten?“ „Nein,“ entgegnete Monfreville,„Jeder geht allein; wir werden die Wohnung oieſer Amme ſchon finden koönnen.“ „Nicolle Frimouſſet,“ rief Jasmin dazwiſchen,„in einer kleinen Gaſſe, die auf den Marktplatz fuͤhrt..... Zedermann kann Ihnen ihr Haus zeigen.“ „Ganz gut,“ ſagte Darena,„Nicolle Frimouſſet.. Man muß ſich die Namen ins Gedaͤchtniß einpraͤgen!... Monfreville hat Recht, es i*ſt beſſer, Jeder geht fuͤr ſich.” „Aber huͤten Sie ſich, meine Herren,“ erwiderte der Notar,„wenn Sie zoͤgern, ſo konnen Sie wohl die Reiſe umſonſt machen muͤſſen, und ich werde mit Cheru⸗ bim ſchon auf dem Wege ſein.“ „O! das glaube ich nicht!“ antwortete Monfreville. „Was mich betrifft, meine Herren, ich bin ein guter Spieler,“ entgegnete Darena,„ich laſſe euch einen Vor⸗ ſprung..... Ich werde erſt eine gute Stunde nach euch ab⸗ reiſen, und bin uͤberzeugt, noch zu rechter Zeit zu kommen.“ Jasmin, den dieſes Geſpraͤch in Staunen und Unruhe verſetzte, rief mit erſchrockener Miene aus: Paul de Kock. V. 9 130 „Aber, meine Herren, ich hoffe, daß Sie zu dieſem Ende meinem jungen Herrn kein Leid zufuͤgen... das heißt, ihm keinen Verdruß bereiten!..“ „Ach! Ach! Ach! dieſer alte Burſche entzuͤckt mich mit ſeiner Treuherzigkeit!...“ ſagte Darena;„ ſeit beruhigt, ehrenwerther Diener!... wir werden uns nur angenehmer Mittel bedienen. Was Euch betrifft, ſo habt Ihr morgen fruͤh nur ein Mittel zu erſinnen, um die kleine Milchſchweſter des Herrn Cherubim von ihm entfernt zu halten.... Das iſt fuͤr das Gelingen unſe⸗ res Vorhabens unumgaͤnglich nothwendig.“ „Sie verſtehen, Jasmin,“ ſprach der Notar;„beden⸗ ken Sie, daß es ſich um die Zukunft, um das Gluͤck Ihres jungen Herrn handelt, und daß Sie ſtrafbar waͤ⸗ ren, wenn Sie unſern Plan nicht unterſtuͤtzten.“ Der alte Diener verbeugte ſich und ging mit dem Verſprechen, zu gehorchen. Monfreville und Darena verließen den Notar eben⸗ falls mit den Worten: „Morgen in Gagny!“ —.—— ꝓ&h ueaERRMRüRVx 2 1 3 15 1 7 ſiſſnſſſiſſſſiſſ 3 1 6 1 8 9 10 11 1