Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 4 deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. 4 Stuttgart: 1 Scheible, Rieger& Sattler. 1843. Weder Nie, noch immerfort! (Ni jamais, ni toujours,) iſt der Liebe Loofungswort. (c'est la devise des amours) Von Paul de Kock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. 1 Vierter Theil. DSo Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. 8 Erſtes Kapitel. Aufenthalt in Boiſſy⸗Saint⸗Léger. Die Thuͤre heftig aufſtoßend, tritt mein Vater ein; Wuth malt ſich in ſeinem Geſichte; wie er indeß Ade⸗ len allein im Zimmer erblickt, ſteht er ſtill und ſcheint erſtaunt. Doch ſchweifen ſeine Blicke mißtrauiſch im Ge⸗ mache umher. „Mein Gott, was gibt es denn, mein Herr?“ ſagt Adele, indem ſie ſich bemuͤht, ruhig zu ſcheinen; „was bedeuten dieſer Laͤrm, dieſe Drohungen, die ich ge⸗ hoͤrt habe... mit wem haben Sie etwas?... und kann ich meine Schweſter nicht beſuchen, ohne Ihren Zorn in ſolchem Grade zu erregen?“ „Ihre Schweſter!... Ihre Schweſter!...“ mur⸗ melt der Baron mit aufgeregter Stimme.„Ja... ich weiß wohl, daß Sie hier bei Ihrer Schweſter ſind; . als ich Ihnen aber dieſen Abend den Antrag machte, mich ins Theater oder in Geſellſchaft zu beglei⸗ ten, haben Sie es ausgeſchlagen; Sie waren, wie Sie mir ſagten, ſehr unwohl, konnten das Zimmer nicht verlaſſen... und doch gingen Sie aus, nachdem ich fort war!“ „Gut, mein Herr! was liegt darin Beſonderes? kann eine Frau nicht andern Sinnes werden... Gril⸗ len, Launen haben?... ich, mein Herr, habe deren viel, und es Ihnen nicht zu verbergen geſucht, als Sie mich um meine Hand baten. Ich habe Ihnen gleich⸗ falls geſagt, daß ich die Eiferſucht haſſe, nicht ausſpio⸗ nirt und verfolgt werden wolle... Erinnern Sie ſich aran, mein Herr?“ „Ja, Madame, ich aber, ich will nicht betrogen werden!... Seit einiger Zeit kommt mir Ihr Beneh⸗ men ſonderbar vor;... mehr, als ein Umſtand iſt mir aufgefallen... und obgleich ich Ihnen nichts davon ſagte, habe ich doch Alles bemerkt... kurz, Madame, wenn Sie hieher gekommen ſind, um Ihre Schweſter zu beſuchen, wo iſt denn dieſe?... iſt ſie abweſend, was machen Sie dann allein in ihrem Hauſe?“ „Ich warte auf dieſelbe, mein Herr; man hat mir geſagt, ſie werde bald heimkommen, nichts draͤngte mich zur Eile!“ „uUnd warum ſind Sie allein ausgegangen, des Abends, ohne Ihre Kammerfrau... ohne Jemand von Ihren Leuten?... warum verweigert man mir den Eintritt, wenn ich hier herein will, und ſagt mir, man habe Sie nicht geſehen?... Dieſe Dienerin war ohne Zweifel unterrichtet!... o das geht nicht mit rechten Dingen zu... Sie hatten ein Stelldichein an dieſem Orte... Ihre Schweſter leiht Ihnen ihre Wohnung .. ſie iſt eine gefaͤllige Perſon!... Aber, beim Hen⸗ ker! ich werde erfahren, ob ein Mann hier war!.. er moͤge zittern! ſein Leben ſoll mir Rechenſchaft fuͤr die Beleidigung geben!l“ 4 7 „Ha! das iſt zu viel, mein Herr, ſolche Beſchim⸗ pfung kann ich nicht erdulden... Ihr Benehmen iſt unwuͤrdig... Nach ſo kurzer Ehe mich zu beargwoh⸗ nen... zu tyranniſiren... wie ſehr bin ich zu be⸗ klagen!... welche Zukunft bereiten Sie mir!... Aber ich werde Ihre Wuth, Ihre Eiferſucht nicht laͤn⸗ ger ertragen... Ich verlaſſe Sie, mein Herr; ja, gleich morgen werde ich mich in die Einſamkeit zuruͤck⸗ ziehen, wo ich vielleicht die Freiheit haben werde, zu handeln, zu denken, zu gehen, was, wann und wohin es mir beliebt: ich werde nicht bei einem Manne bleiben, der mich ungluͤcklich macht, der ſich unaufhoͤrlich Hirn⸗ geſpinnſte ſchafft, und die Liebe, die ich fuͤr ihn hatte, mit dem abſcheulichſten Mißtrauen belohnt.“ Bei dieſen Worten haͤlt Adele ihr Sacktuch vor die Augen, ich glaube ſogar ihr Schluchzen zu verneh⸗ men; der Baron iſt verwirrt, geruͤhrt, wie jeder Mann, der eine geliebte Frau weinen ſieht. Er weiß nicht mehr, was er denken ſoll; er naͤhert ſich ſeiner Frau, indem er einige kaum verſtaͤndliche Worte ſtammelt. Adele ſteht auf mit den Worten: „Gehen wir, mein Herr, es iſt unndthig, laͤnger auf meine Schweſter zu warten, ich will uͤberdies nicht, daß ſie die Thraͤnen ſieht, welche Sie mir aus⸗ preſſen.“ Herr von Harleville bietet Adelen den Arm und will mit ihr fortgehen, als ſeine Augen auf einen Hand⸗ ſchuh fallen, der am Fuße eines Stuhles liegt: dieſer Handſchuh gehort mir, als ich mich aber verſteckte, hatte ich keine Zeit mehr, ihn zu ſuchen. 3 „Es iſt ein Mann hier!“ ſchreit der Baron mit wuͤthender Stimme, indem er den Handſchuh aufhebt und ihn ſeiner Frau darbietet. „Dieſer Handſchuh iſt nicht der Ihrige, Madame! Ha! Sie wiſſen nichts mehr zu ſagen!... Sie ſind verwirrt!... Wo iſt aber derjenige, wegen deſ⸗ ſen Sie ſo geheimnißvoll zu Ihrer Schweſter gehen?. er mag ſich verbergen, wie er will, ich werde ihn doch finden.“ Und er rennt im Zimmer umher, taſtet mit ſeinem Sctocke unter und auf den Moͤbeln, und an dem Tafelwerk, indem er mit Heftigkeit die Fenſtervorhaͤnge herab reißt. Er naͤhert ſich dem Bett; ich halte es nicht fuͤr ange⸗ meſſen, zu warten, bis er mich wie einen Verbrecher niedergekauert findet; ich ſelbſt ſtreife die Vorhaͤnge aus⸗ einander, die mich ſeinen Blicken entzogen, und auf ihn zugehend, ſage ich mit ruhigem Tone: „Suchen Sie nicht weiter, Herr Baron; wenn Madame mich nicht darum gebeten haͤtte, wuͤrde ich Ihren Blicken nicht ausgewichen ſein, denn ich habe nichts gethan, das mich dieſelben fuͤrchten ließe.“ Als mein Vater mich ſah, blieb er wie vom Don⸗ ner geruͤhrt ſtehen; nach Verlauf eines Augenblicks aber rief er noch viel aufgebräͤchter aus:„Mein Argwohn war gegruͤndet!... er iſt es, den ſie liebt... er. den ſie uͤberall aufſuchte!... den ſie heimlich ſi ſeht; . Elender! und Du wagſt es, meinen Blick zu er. tragen, 4 Der Baron hat ſeinen Stock gegen mich aufgeho⸗ ben; ich bleibe regungslos, weder zur Flucht noch zur 6 9 Vertheidigung Miene machend. Laut ſchreiend, ſtuͤrzte ſich Adele 3 vred atten und mich. 3, Fliehen Sie.. fliehell Sie meine Gegenwart!“ fahrt der Baron mit gebrochener Stimme fort.), Es moͤge aber das letzte. ſein, daß Sie mir unter die Augen kommen!.. eedenken Sie dieſes Befehls; K trotzen Sie meinem Zorn nicht wieder... denn ich fuͤhle, daß ich ihn nicht mehr würde bemeiſtern köͤnnen.“ Mein Vater wies mir die Thuͤre mit dem Finger; Adele ſtieß mich en, um, mich zum Weggehen zu ver⸗ anlaſſen; ich fuͤhle, daß Widerſtand unnuͤtz waͤre... was köoͤnnte ich ihr uͤberdies ſagen?... der Schein iſt wider mich, und der Varon zu aufgebracht, als daß er mich anhoͤren moͤchte. Ich entferne mich, aber Verzweif⸗ lung im Herzen, denn dieſer ſchreckliche Auftritt wird mich in den Augen meines Vaters als den erbaͤrmlichſten Menſchen erſcheinen laſſen; und war es denn nicht ge⸗ nug, daß ich ſeiner Freundſchaft beraubt war? mußte ich auch ein Gegenſtand der Verachtung und des Abſcheus fuͤr ihn werden? Ich finde mich zu Hauſe wieder, ohne daß ich weiß wie ich dorthin gekommen bin, noch welchen Weg ich, genommen habe, ſo ſehr iſt mein Kopf durch dieſen Vor⸗ fall verwirrt. Ich habe nur noch einen Gedanken, eine Idee, die ſich unaufhoͤrlich meiner Einbildungskraft vor⸗ ſpiegelt: wenn dieſes Weib abermals Mittel faͤnde, mich zu ſehen. 4 mich insgeheim zu ſprechen!... und ſie iſt des Willens dazu faͤhig, Hinderniſſe ſind fuͤr eine Frau von dieſem Charakter nichts. Sie kennt die Bande, 8 welche mich an ihren Gemahl feſſeln, noch immer nicht; und ich wette, der Baron hat ihr, des Vorgefallenen un⸗ geachtet, dieſes Geheimniß nicht enthuͤllt; ich muß ſie alſo fliehen... mich fuͤr einige Zeit entfernen. Wenn ihre Grille voruͤber iſt, werde ich nach Paris zuruͤckkom⸗ men: in dieſem Augenblick aber, glaube ich, ginge ich ans Ende der Welt, um das Zuſammentreffen mit der Baronin von Harleville zu vermeiden. Gleich am folgenden Tage treffe ich in Eile meine Zu⸗ euſtungen zur Abreiſe; ich weiß noch nicht, wohin ich gehen werde, doch gleichviel, die Hauptſache iſt, daß ich Paris verlaſſe. Ah! jetzt faͤllt mir bei, daß Darbois eine Muhme hat, die Boiſſy⸗Saint⸗Léger bewohnt; dies iſt ſehr nahe bei Paris, ich kann dort aber ebenſo einſam leben, als waͤre ich zweihundert Meilen von der Hauptſtadt ent⸗ fernt. Mit Darbois habe ich ſchon einmal zwei Tage bei ſeiner Muhme zugebracht. Sie iſt eine ſehr gute Dame, die mich vortrefflich aufgenommen und dringend eingeladen hat, in der ſchoͤnen Jahreszeit wieder einige Tage bei ihr zuzubringen. Die Jahreszeit iſt ein we⸗ nig vorgeruͤckt, doch was liegt daran, ich werde arbeiten, es iſt ſomit beſchloſſen, daß ich mich in Boiſſy⸗Saint⸗ Léger verberge. Ich laſſe einen Koffer mit Effekten zu Darbois bringen; mein Pfoͤrtner fragt mich, wohin ich zu gehen gedenke? 4. „Auf das Land.— Ich verſtehe; aber auf welches Land?— Es liegt mir ſehr daran, daß ich dort unge⸗ ſtoͤrt bleibe; fragt man Sie alſo, wo ich ſei, ſo ſagen 11 Sie, daß Sie es nicht wiſſen.— Ich kann dies um ſo eher, als der Herr es mir nicht ſagt.— Dies erſpart Ihnen die Muͤhe, ein Geheimniß zu bewahren.— Wenn indeß Briefe fuͤr den Herrn einlaufen?...— Dar⸗ bois wird manchmal bei Ihnen vorbei kommen, und ich ermaͤchtige Sie, ihm Alles einzuhaͤndigen, was man fuͤr mich bringt.— Ah! an Herrn Darbois ſoll...“ Ich hoͤre nichtz weiter, ich gehe, meinen Pfoͤrtner und ſeine Frau ſehr mißvergnuͤgt uͤber meine Verſchwie⸗ genheit zuruͤcklaſſend. 8— Ich laufe zu Darbois, und beeile mich, ihn zu be⸗ fragen, ob er glaubt, daß ich ohne Unbeſcheidenheit einen, zwei oder vielleicht drei Monate bei ſeiner Tante zu⸗ bringen koͤnne. Darbois blickt mich mit erſtaunter Miene an, und ruft aus: „Drei Monate bei meiner Muhme?... bei der ehrenwerthen Madame Dubinet!... haſt Du Luſt mein Oheim zu werden?“ 1 „Nein... ich habe einfach Luſt, zu arbeiten und einige Zeit auf dem Lande zuzubringen!...“ „Du faͤngſt ein wenig ſpaͤt an!— Kurz, mein lieber Freund, ich habe Gruͤnde, Paris zu verlaſſen... einige Monate in der Zuruͤckgezogenheit zu leben..— Biſt Du verbannt?.. ſtehſt Du in einer Verſchwoͤrung? .. wir werden ein Trauer⸗Vaudeville uͤber Deine Lage machen... drei Akten... mit zwei Couplets in jedem Akt; dies iſt jetzt genug fuͤr ein Vaudeville.— Nein, ich werde nicht verfolgt, ich habe aber doch Gruͤnde, mich zu verbergen.— Alsdann iſt es ſpaßhafter, wir 12 machen ein Luſtſpiel⸗Vaudeville auf Dich, mit drei Couplets in jedem Akt.— Darbois, Du biſt ſchrecklich mit Dei⸗ nen Planen!...— Ich kenne nur mein Theater. mein gutes, liebes Theater. Ich ſehe Gegenſtaͤnde 29 Stuͤcken in der unbedeutendſten Sache. Ein Mann, den man auf der Straße ſtoͤßt, daß ihm der Hut herabfaͤllt, Gegenſtand zu einem Stuͤck; ein junges Maͤdchen, der man nachgeht, weil ſie huͤbſch iſt, die Waſſer in den Augen und eine rothe Naſe hat, woraus man abnimmt, daß ſie großen Kummer fuͤhle, waͤhrend es nur ganz einfach ein ſtarker Schnupfen iſt, Gegenſtand zu einem Stuͤck; eine Dame, die, ihr Kleid in die Hohe haltend, ihre Waden und manchmal die Farbe ihres Strumpf⸗ bandes ſehen laͤßt, Gegenſtand zu einem Stuͤck; ein Gaſſenſchlingel, der voll Vergnuͤgen ein zuſammengeleg⸗ tes Papier aufhebt, es in ſeine Taſche ſchiebt, den Schritt verdoppelt und ſich behend in einen Hausgang ſchleicht, um dort ſeinen Fund auszukramen, wo ſich dann findet, daß es nur der Proſpektus einer Verkaufs⸗ verhandlung zu herabgeſetzten Preiſen wegen Einſtellung des Geſchaͤfts iſt... wieder Gegenſtand zu einem Stuͤck; mit Couplets, gluͤcklichen Worten und einigen Lokal⸗Andeutungen gibt es ein anziehendes Sittenge⸗ maͤlde; nur die Entwicklungen aufzufinden, koſtet mich mehr Mühe. „Biſt Du zu Ende, Darbois?— O! wenn ich wollte, wuͤrde ich Dir noch manche andere Suͤjets zu Theaterſtuͤcken geben... doch moͤchte ich lieber Deinen jungen Freund wieder finden, der ſich auf der Inſel Saint⸗ Denis badet, waͤhrend ſeine Geliebte dort Gebackenes 13 ißt... das iſt ein koſtbarer Junge... uͤber den ließen ſich zehn Stuͤcke machen... ich wette, er iſt verliebter in ſeine Julie als je... Iſt er wieder mit ihr ausgeſohnt?...“ „Darbois, Du willſt mich nicht anhdren?... ſo leb wohl!— O doch... doch; ich hoͤre Dich;... laß hoͤren, iſt es wirklich eine ernſthafte Angelegenheit, die Dich zwingt, Paris zu verlaſſen?... brauchſt Du Geld?... ich will fuͤr Dich entlehnen...— Nein, aber ich wiederhole Dir, daß ich nothgedrungen eine Zeit lang fern von der Welt, in Sicherheit vor den Nachſtellungen einer Perſon leben muß... die ich nicht wiederſehen will.— Ich verſtehe... eine Frau, die Dich zu ſehr liebt... die glaubt, eine galante Verbin⸗ dung muͤſſe das ganze Leben hindurch waͤhren, die Dir einen Criminalprozeß an den Hals haͤngen wuͤrde, um Dich zu zwingen, ſie ewig anzubeten!...— Bei Deiner Muhme, Madame Oubinet, ſieht man, glaube ich, keine große Geſellſchaft?— Eine Katze, zwei Hunde, eine Magd, Kaninchen, ein alter Nachbar und Huͤhner: dies iſt die gewoͤhnliche Geſellſchaft meiner Muhme.— Ganz nach meinem Wunſche; die Welt langweilt mich... miß⸗ faͤllt mir..— Du wirſt einen ſehr huͤbſchen Dorfmiſan⸗ thropen abgeben...— Die Weiber verurſachen mir nur Kummer...— Es iſt Schade, daß man das Vaudeville Weiberhaß ſchon gemacht hat... wie gut Du es behandeln wuͤrdeſt!...— Kurz, ich hoffe der gluͤck⸗ lichſte Menſch zu ſein, wenn ich allein in den Gehölzen ſpazieren gehe.— Du wirſt allerdings ganz nahe neben Dir das Gehoͤlz von Gros⸗Bois und den Camaldulenſer — 14 Wald haben.— Du biſt ſo gefaͤllig und kommſt zuwei⸗ len zu mir und fragſt auch bei meinem Portier, ob keine Briefe fuͤr mich angekommen ſeien?— Dies ſei ausge⸗ macht, und ich bringe ſie Dir, denn ich beſuche Dich... arbeite mit Dir... iſt es Dir angenehm?— Sicherlich! allein ich wette zum Voraus, Du kommſt nicht.— Doch .. doch!... Ich will mich nicht in einem Dorfe ver⸗ graben, werde aber gerne einen Tag bei meiner Tante zubringen. Die Magd macht die Reiskuchen ſehr gut ... und ich liebe dieſelben leidenſchaftlich.— Noch etwas! . glaubſt Du, es werde Deiner Tante nicht mißfallen, wenn ſie mich ſo unverhofft ankommen und in ihrem Hauſe einquartieren ſieht.— Ganz im Gegentheil, Du könnteſt ihr kein großeres Vergnuͤgen machen. Madame Dubinet iſt vernarrt in die Schriftſteller und Dichter... ſie uͤberredet ſich, dieſelben ſeien nicht wie andere Men⸗ ſchen gemacht... die arme gute Frau! ſie irrt ſich ſehr... man muß ſie aber in ihrem Irrthum laſſen; wenn Du dabei ihre Katze liebkoſeſt, ihre Hunde ſtreichelſt, ſo biſt Du ein herrlicher Menſch.— Das iſt ſehr leicht. Adieu alſo... ich gehe zu Deiner Muhme.— Viel Vergnuͤgen.“ Ich ſteige mit meinem Felleiſen in eine Miethkutſche, laſſe mich zu den nach Boiſſy⸗Saint⸗Léger abgehenden Wagen fuͤhren, und lange gegen Mittag bei ber guten Madame Dubinet an. Die Muhme Darbois iſt das Muſter gutmuͤthiger Frauen, ohne darum dumm zu ſein; ſie bewohnt ein ziemlich ſchoͤnes Haus, worin zwei Familien Platz haͤtten und wo ſie allein mit ihrer Dienſtmagd und einer großen 15 Anzahl Thiere lebt; aber ſie haͤlt ſtets gerne einige Viſitenzimmer fuͤr Freunde bereit, um diejenigen aufzu⸗ nehmen, welche ſo gefaͤllig ſein wollten, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Da die gute Dame nicht mehr jung noch huͤbſch iſt, da ihre Tafel, wiewohl hinreichend verſehen, nicht koſtbar und uͤberfluͤſſig beſetzt wird, und ſich end⸗ lich kein Billard im Hauſe befindet, ſtehen ihre Viſiten⸗ zimmer beinahe immer leer. Madame Dubinet empfaͤngt mich mit Freude, und als ich ſie frage, ob ich ſie nicht beläͤſtigen wuͤrde, wenn ich einige Zeit bei ihr bleibe, ſcheint ihre Freude noch groͤßer zu werden; ſie ſagt hierauf mit Kopfſchuͤtteln: „Sie kuͤndigen mir an, daß ſie lange bei mir bleiben wollen. Sie werden es wie die Andern machen; wie mein Neffe werden Sie ſich nach Verfluß einiger Tage langweilen und abreiſen wollen.“—„Nein, Madame, denn ich bin hieher gekommen, um fern von der Welt zu leben und zu arbeiten.“—„Nun, das laß ich mir gefallen, wir wollen ſehen, ob dieſer ſchöͤne Vorſatz Stich haͤlt.“ Ich waͤre alſo im Hauſe der Madame Dubinet ein⸗ gebuͤrgert, wo man ein ſehr ruhiges, ſtilles und ein⸗ formiges Leben fuͤhrt, wo das Gakern einer Henne, das Singen eines Vogels, das Abfallen eines Stuͤckes Obſt fuͤr zwei Stunden Stoff zur Unterhaltung gibt; wo man heute thut, was man geſtern gethan hat und morgen thun wird; im gegenwaͤrtigen Augenblicke aber ſcheint mir dies Leben koͤſtlich; Frau von Harleville hat mir Abſcheu vor Paris eingefloͤßt. Und dann gibt es auch noch eine andere Frau, die ich fortwaͤhrend liebe, die ich nicht voͤllig vergeſſen kann; die, welche ich bei dem letzten Stelldichein zu finden ver⸗ meinte, und fuͤr welche nichts mehr zu ſein, mir das Herz zerreißt! Clementine liebt einen Andern, und ich waͤre untroſtlich, wenn ich ihr jetzt wieder begegnete, ſie nochmals mit dem Manne erblickte, der meine Stelle einnimmt... den ſie vielleicht mehr liebt, als ſie mich je geliebt hat. Dieſe Gedanken machen mich oft traurig, und als⸗ dann kann ich nicht arbeiten, ich gehe aus, wandere in der Gegend umher. Manchmal dehne ich meine Strei⸗ fereien bis Sucy aus, deſſen Park reizend iſt, oder ich vertiefe mich unter dem Schatten von Gros⸗Bois, und gehe bis zu den Ruinen des Camaldulenſerkloſters. Auf ſolcher einſamen Wanderung denke ich oft an mein letztes Abenteuer. Noch glaube ich meinen Vater zu ſehen, wie er den Arm aufhebt, mich zu ſchlagen, und nur inne haͤlt, um mir zu befehlen, daß ich ſeine Gegenwart meide und nie wieder vor ihm erſcheine. Wenn man ſich nicht ſtrafbar fuͤhlt, wenn man es nie weder an Ehrerbietung, noch ſelbſt an Liebe zu dem urheber unſerer Tage hat fehlen laſſen, iſt es grauſam, aus ſeiner Gegenwart verbannt zu ſein. Der Baron von Harleville mag jetzt glauben, ich liebe ſeine Frau... der Schein konnte ihn truͤgenz aber ſchon vor jenem unheilvollen Abend verabſcheute mich mein Vater. Woher kann dieſe Abneigung gegen ſeinen Sohn kom⸗ men?... Mir zu befehlen, ſeinen Namen nicht mehr zu föhren, nur weil ich ſchreiben wollte!. die waltet ein Geheimniß ob, das ich gerne kennen möͤchte.! 17 Aber einen Mann, wie der Baron von Harleville, darf man nicht wagen, um Aufkläͤrung zu bitten. Komme ich nach Boiſſy⸗Saint⸗Léger zuruͤck, ſo fragt mich meine gute Wirthin, ob ich viel gearbeitet haͤtte; ſie laͤßt ſich das Verſprechen geben, ihr meine Arbeit vorzuleſen, denn ſie liebt das Theater ſehr, ob⸗ gleich ſie nicht zehnmal in ihrem Leben darin war; wie jene Leute, welche die Muſik verehren und doch keine Note kennen. Die Geſellſchaft, die zu Madame Dubinet kommt, beſteht, ſo viel mir bekannt, aus einem alten, ſehr tauben Nachbar und zwei alten Jungfern, die beide den Huſten haben. Der alte Nachbar ſpricht ſo leiſe, daß man nicht die Haͤlfte ſeiner Worte verſteht; ſo oft aber die alten Jungfern huſten, geraͤth er in Zorn und ſagt:„Ich ver⸗ ſtehe Sie gut! ſchreien Sie doch nicht ſo laut!“ Abends bringe ich eine oder zwei Stunden in dieſer Geſellſchaft zu, hoͤre aber meiſtens nicht, was man ſpricht, weil ich ſtets in meine Erinnerungen verſunken bin. Die guten Leute um mich her ſind ſo guͤtig, zu glauben, meine literariſchen Arbeiten nehmen mich ſo in Anſpruch, und wenn ich ihre Reden ganz verkehrt beant⸗ worte, ſehen ſie einander an, laͤcheln und ſprechen: „Wahrſcheinlich traͤumt er uͤber einem Kapitel, oder einer Scene!“ Man ſieht, das dohen, das ich fuͤhre, iſt nicht ſehr luſtig, indeß mißfaͤllt es mir nicht. Die Liebe Adelens, dieſe Liebe, die ich einen Augenblick wuͤnſchte und vor der ich mich jetzt, als dem groͤßten Ungluͤck, fuͤrchte, laͤßt mich fortwaͤhrend die Zuruͤckgezogenheit lieben. Clemen⸗ Paul de Kock. IV. 2 18 tinens Vergeſſen, ihre Unbeſtaͤndigkeit, die ich ihr nicht verzeihen kann, machen mich ebenfalls menſchenfeindlich, und ich fuͤhle nicht den Muth in mir, nach Paris zu⸗ ruckzukehren, aus Furcht, dort der Frau zu begegnen, die mich liebt, und derjenigen, die mich nicht mehr liebt. Zweites Kapitel. 8 Seltſames Abenteuer. Das Dorf Boiſſy⸗Saint⸗Léger liegt auf einem Huͤgel, woraus folgt, daß die meiſten Straßen Berg auf oder ab gehen: gleichwohl gibt es dort ſehr ſchoͤne Haͤuſer. Die Umgebungen von Boiſſy ſind abwechſelnd und maleriſch; da hat man Felder, Gehöolze, Straßen und Weinberge, eine Menge anderer Doͤrfer und das Schloß von Gros⸗Bois, deſſen Park um ſo ergötzlicher iſt, als man dort nur ſehr wenig Leuten begegnet. Seit vierzehn Tagen bin ich nun bei Madame Dubinet; Darbois hat mich aber noch nicht ein einziges Mal beſucht; doch habe ich ihn nie erwartet. Etwas ruhiger im Geiſt, als bei meiner Ankunft in dieſem Dorfe, beſchaͤftige ich mich mit dem Plan eines neuen Werkes, das ich bei der guten Tante beginnen und viel⸗ leicht auch beendigen will. Jeden Morgen gehe ich nach dem Fruͤhſtuͤcke aus und traͤume luſtwandelnd von der Arbeit, die ich zu unternehmen gedenke. Nachdem ich eines Morgens ziemlich lange umher⸗ gegangen bin, befinde ich mich mitten im Walde, ich weiß nicht gerade wo, doch denke ich, in der Naͤhe des Schloſſes von Gros⸗Bois. Das Wetter iſt herrlich: 19 ein ſchoͤner Herbſttag. Die Baͤume haben jene mannig⸗ faltige Faͤrbung, jene ſchattirten Blaͤtter, welche die Maler in dem Grade verfuͤhren, daß ſie uns ſo haͤufig Herbſtgemaͤlde und ſo ſelten eine Anſicht des Fruͤhlings bieten. Einige Schritte von einem Fußpfade ſetze ich mich in dichtes, doch weiches Gras nieder und von dort ſchweifen meine Blicke uͤber den Waldweg hin, den ich zuruͤckge⸗ legt habe. Ich ruhe ſeit einiger Zeit; Niemand iſt noch bei mir vorbeigekommen, der meine ſuͤße Einſamkeit geſtört haͤtte. Arme Liebende, die ihr in der Hoffnung, das Vergnuͤgen eines ſuͤßen Beiſammenſeins zu genießen, in das Geholz von Boulogne, Vincennes oder Romainville geht, wo jeden Augenblick einige neugierige Spaziergaͤnger euer Gluͤck ſtören; gehet doch bis Gros⸗Bois, Brunoy oder Sucy, vertieft euch in dieſe dichten und friſchen Waͤlder, welche die Stadtbewohner ſelten beſuchen: dort werdet ihr wirklich unter vier Augen ſein, und zu Zeugen eurer ſuͤßen Blicke und eurer Kuͤſſe nur den Raſen, das Laubwerk und die Voͤgel haben. Zwei Perſonen, die ich von ferne auf dem Fußpfad herankommen ſehe, ziehen meine Blicke auf ſich und feſſeln bald meine ganze Aufmerkſamkeit. Es ſind zwei Maͤnner, die langſam einherſchreiten, mit Geberden zu ſprechen ſcheinen und im Reden ofters ſtille ſtehen. Dieſe beiden Maͤnner kommen inzwiſchen naͤher, konnen mich aber nicht ſehen, denn ich ſitze abſeits vom Pfade und bin durch ein dichtes Geſtraͤuch verborgen, das mich aber nicht hindert, alle ihre Bewegungen zu beobachten. 3 Wenn wir in einem als gefaͤhrlich bekannten Walde 20 waͤren, koͤnnte mir das ganze Weſen eines dieſer Maͤnner einige Furcht einfloͤßen, er traͤgt einen alten weißlichen Rock, der ſeiner Weite nach nicht fuͤr ihn gemacht zu ſein ſcheint, und an mehren Orten zerriſſen oder ſchlecht wieder ausgebeſſert iſt, er traͤgt ferner eine ſchlechte Muͤtze von Fiſchotter, tief in die Augen gedruͤckt, und um den Hals ein rothes, wie ein Strick zuſammen gedrehtes Sack⸗ tuch, das keine Spur von einem Hemde wahrnehmen laͤßt. Waͤhrend des Gehens raucht dieſer Menſch, bleibt regelmaͤßig alle zwanzig Schritte ſtehen, um die Pfeife aus dem Mund zu nehmen und auszuſpucken. Der Andere iſt etwas beſſer bekleidet, ſein Weſen iſt aber immer noch ziemlich zweideutig; er traͤgt haſel⸗ nußfarbene, ſchmutzige Hoſen mit Stegen, einen blauen, abgeſchabten Frack, der bis ans Kinn zugeknoͤpft und mit einem Sammtkragen voller Flecken beſetzt iſt, ein ſchwarzes Halstuch und einen ſchlechten runden Hut, der herausfordernd auf einem Ohre ſitzt. Kaum habe ich ſein Geſicht betrachtet, als ich in ihm den Unternehmer tragbarer Fluͤſſe, Herrn Theodor⸗ Adolphs Freund, erkenne, der ſeit ſeiner Flucht von der Inſel Saint⸗Denis mit der Serviette des Traiteurs nicht viel Gluͤck gemacht zu haben ſcheint. 89 Herr Theodor hat ſein Haar à P'enfant wachſen laſſen, und ſchiebt alle Augenblicke ſeine eigenſinnigen Locken, die immer hervorbrechen und auf ſeinen Wangen flattern, hinter das Ohr zuruͤck. Er raucht eine Cigarre und ſcheint den Worten ſeines Begleiters viele Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, wobei er ſich, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, hin und her wiegt. 21 Nachdem ich Herrn Theodor erkannt habe, ſehe ich den Mann, der bei ihm iſt, genauer an; ſeines langen Bartes und der in das Geſicht gedruͤckten Muͤtze unge⸗ achtet, kommen mir ſeine Zuͤge nicht unbekannt vor. Ich kann mich aber nicht entſinnen, wo ich ſie geſehen habe, bis ich beim Naͤherkommen dieſer Herren den Namen Salomon ausſprechen hoͤre. Jetzt bin ich darauf;z das Individuum im weißlichen Rock iſt Herr Salomon, den ich einmal im Caffeehaus ſah und Nachts bei meinem Spaziergang auf den Boulevards wieder erkannte. Ein ſonderbares Zuſammentreffen!... uͤbrigens koͤnnen ja dieſe Herren, wie ich, gerne im Wald ſpazieren gehen. Etwa zehn Schritte von mir bleiben ſie ſtehen, und ich hoͤre die Stimme Theodors: „Vorausgeſetzt, daß Follard beim Stelldichein nicht fehlt... der ſchone Marquis treibt gerne ſeinen Spaß!...“ „O nein! er wird nicht fehlen... es iſt zu wichtig fuͤr ihn, daß er ſich einſtellt... er iſt ziemlich auf dem Trockenen, wie wir... verdammter Tabak... ſie haben nichts Gutes hier herum auf dem Lande...“ „Willſt Du eine Cigarre... ich habe noch drei... — Alle Teufel! geh' mir zum Henker mit Deinen Ci⸗ garren... ſie ſind gut fuͤr Biſammenſchen Deiner Art... „Biſammenſch!... Du biſt ſehr artig... das paßte, als Julie mir das alterthuͤmliche Oel auf Koſten jenes dummen Jungen, des Adolph Oeſigny ſchenkte... O! das iſt ein Einfaltspinſel erſter Klaſſe!..“ „Ich glaube, die guten Freunde haben mir geſtern Abend meine Pfeife umgetauſcht, ſo lang ich eine Poule 22 fuͤr die Polen' ſpielte... meine war beſſer ange⸗ raucht...“ „Geh doch! Du brummſt immer wegen Deiner Pfeife! .. dieſes Geſchoͤpf da iſt wahnſinnig mit ſeiner Pfeife!...“ „Nun, ich bin einmal ſo... deſto ſchlimmer.. ich bin dumm... wohl möglich; doch kurz, ich bin einmal ſo... damit Punktum!...“ „Weißt Du, daß ich anfange, des Herumlaufens im Walde muͤde zu werden... ich gehe nicht gerne zu Fuß... ich bin fuͤr einen Wagen geboren...“ „Setzen wir uns... hier darf man die Stuͤhle nicht bezahlen.“ Dieſe Herren ſtrecken ſich nun am Wege, hochſtens ſechs Schritte von mir, auf dem Graſe aus. Anfangs hatte ich die Abſicht, mich zu entfernen, allein was ſie von Follard ſagten, reizte meine Neugierde; ich ruͤhre mich nicht von der Stelle, und werde ſo ihr ganzes Geſpraͤch mit anhoͤren, denn ſicherlich glauben ſie, allein zu ſein. Entdeckten ſie mich, ſo wuͤrde ich mich ſtellen, als ſei ich da eingeſchlafen; aber ich weiß nicht, welches Etwas mir zuruft, ich ſolle den Zufall benuͤtzen, der ſie in meine Naͤhe fuͤhrte, und ich werde wohl daran thun, ſie zu behorchen. „Wie viel Uhr iſt's jetzt, Theodor?— Haͤltſt Du mich fuͤr ſo anmaßend, eine Uhr zu tragen?... gib mir Feuer... das meine geht aus...— Um welche Zeit erwartet Follard ſeine Baſe in Gros⸗Bois?..— Um welche Zeit!... weiß ich es... Ich habe Dir * Man weiß, die Spitzbuben benuͤtzen auch die edelſte Sache. Anmerk d. Ueberſ. — — 2 23 geſtern geſagt: Follard geht morgen nach Gros⸗Bois, um ſeine Baſe noch einmal zu ſehen, ehe ſie abreist... Der Gemahl der jungen Frau iſt, wie es ſcheint, eifer⸗ ſuͤchtig wie ein alter Brummbaͤr... er glaubt, ſeine Frau habe Liebeshaͤndel in Paris... er hat viel⸗ leicht nicht Unrecht... es mochte ſogar ſcheinen, er habe die genannte Dame bei einem ſentimentalen Ren⸗ dezvous üͤberraſcht...“ „Mord⸗Element! ſie war beſſer kalfatert... ich weiß gewiß...“ „Sprichſt Du von Follards Baſe... Nein, von meiner Pfeife.— Salomon, Du biſt verdammt lang⸗ weilig mit Deiner Pfeife...— Immer zu... ich hoͤre... man riecht das Heu heraus!— Der Ge⸗ mahl reist alſo von Paris ab mit ſeiner Frau... fuͤhrt ſie, man weiß nicht, wohin... ſelbſt Follard hat er's nicht geſagt, auf den er jetzt auch eiferſuͤchtig ſcheint.. ich glaube aber eher, er iſt boſe auf ihn, ſeit er dahinter kam, daß der glaͤnzende Follard eben ſo wenig Marquis iſt, als ich... es iſt ein Titel, den er ſich aus Freund⸗ ſchaft beigelegt hat... Horſt Du mir zu, Salomon?— Ja... ja... nur weiter! verdammter Tabak!... — Der Baron von Harleville will alſo reiſen, mit ſeiner Frau die Welt durchſtreifen... es ſcheint, ſeine Abſicht ſei, ſobald nicht nach Paris zuruͤckzukommen, weil er einen Theil ſeines Vermögens zu Geld gemacht hat, und in ſeiner Brieftaſche mitnimmt.— Weiß man das gewiß?...— Ganz gewiß.— Dies iſt alſo der gor⸗ diſche Knoten an der Sache..— Ja freilich... man muß den Baron ausbeuteln... das wird aber 1 f —— nicht leicht ſein.— Pah!... mit Talenten und einem feſten Willen kann man Pfaaſterſteine freſſen— Ich weiß wohl... man darf aber nicht auf Follard zaͤhlen... er hat keinen Charakter...— Wir wollen fuͤr ihn haben... Vermaledeiter Tabak!...“ Ich danke dem Himmel, der mich das Geſpraͤch dieſer beiden Menſchen anhoren ließ. So viel ich daraus abnehmen kann, ſind Theodor und Salomon Elende, die Schaͤndlichkeiten im Schilde fuͤhren, und mein Vater ſoll das Opfer werden... Ha, ich habe wohl gethan, daß ich mich nicht zeigte! Jetzt wage ich nicht die mindeſte Bewegung mehr, aus Furcht vor Entdeckung, denn alsdann wuͤrde ich nichts mehr erfahren; ich ſtrecke den Hals empor und verdopple meine Aufmerkſamkeit, lege mich aber der Laͤnge nach auf den Boden, damit ich weniger Platz einnehme und weniger Gefahr laufe, be⸗ merkt zu werden. „Bei all' dem, Salomon, fuͤhle ich an meinem Magen, daß es hohe Zeit zum Fruͤhſtuͤck iſt...— Es muß unge⸗ faͤhr elf Uhr ſein...— Haſt Du noch etwas Baares? — Sechzehn Sous ſtehen zu Deinen Dienſten!— Dafuͤr werden wir ein trauriges Fruͤhſtüͤck erhalten!... dieſer Follard kommt nicht!.. Laß hoͤren, Salomon, wie bringen wir unſere Angelegenheit am Beſten zu Ende?... wir wollen die Brieftaſche des Gemahls der Baſe; ſehr gut, Wollen und Haben iſt aber zweierlei ...— Sei doch ruhig... Es gibt tauſend Mittel ...— Erſtlich darf die Frau nichts ſehen... Ihr Wunſch waͤre nicht, daß Jemand, außer ihr ſelbſt, es ſich zur Aufgabe machte, ihren Mann aufs Trockene zu 25 bringen.— Gut... Sie ſoll nichts ſehen.. nichts hoͤren.— Dein Mittel aber...— Iſt ſo einfach, wie eine Suppe mit Zwiebeln geſchmelzt. So wie der Baron in der Herberge, wo man umſpannt... kurz, wo er ſein Abſteigequartier nimmt... angelangt iſt... wird Follard zu ihm gehen, und ihn um eine Unterre⸗ dung bitten... um einen Gang in das Gehoͤlz, unter dem Vorwand, mit ihm von ſeinen Geſchaͤften zu ſpre⸗ chen.— Hernach?— Der Baron wird keine Schwierig⸗ keit machen... obgleich etwas eiferſuͤchtig auf Follard, iſt er immer noch ſehr freundſchaftlich gegen ihn.— Hernach?— Follard fuͤhrt den achtungswerthen Baron im Walde ſpazieren... hieher... wo er weiß, daß wir ſind...— Und dann?— Nunl erraͤthſt Du das Uebrige nicht?...— Ho! ho! hoͤre Salomon, wenn es ſich um eine Gewaltthat handelt, ſo bin ich nicht mehr dabei! ich ſag' es Dir zum Voraus, zaͤhle weder auf mich, noch auf Follard... eine Schelmerei, einen Taſchenſpielerkniff, das laß ich mir gefallen, das iſt meine Weiſe... aber einen Menſchen im Walde an⸗ packen... und bei hellem Tage noch... pfui!... fuͤr wen haͤlſt Du mich denn?...“ „Ei, ja doch! die Brieftaſche moͤchten ſie gerne, haben aber zu nichts Muth... Hum!... vermaledeiter Tabak!... Du und Follard ſind keine Pfeife von Fuͤnf⸗ undzwanzig⸗Sous⸗Tabak werth!...— Salomon, Du, biſt auf ſchlechtem Wege, mein Lieber, Du beſuchſt lieder⸗ liche Geſellſchaft, es thut mir leid um Dich! Sinnen wir auf ein anderes Mittel...— Sinn Du ſelbſt... ich ſehe kein anderes— Da kommt Jemand eilfertigen 1 26 Schritts... Follard iſt's; wir wollen ihm entgegen⸗ gehen..“ 3 Schon ſtand Theodor auf und ich ſah mit Schmerz voraus, daß ich ihr Geſpraͤch nicht mehr werde hoͤren konnen; Salomon haͤlt jedoch ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck. „Bleib' doch,“ ruft er,„dieſer Ort iſt ganz bequem zur Beſprechung unſerer Geſchaͤfte... wir wollen hier auf Follard warten..“ Theodor ſetzt ſich wieder, und nach einigen Augen⸗ blicken iſt Follard bei ihnen. Dieſer junge Mann, den ich in den Salons glaͤnzen, und mittelſt Feinheit und Geſchmack in der Toilette den Ton und die Mode angeben ſah, zeigt nur noch die Truͤmmer der fruͤhern Eleganz, und ſein blaſſes, abgelebtes Geſicht verraͤth gleichfalls ſeine zuͤgelloſe Lebensweiſe. „Guten Tag, meine Herren,“ ſagt Follard, ſich auf den Raſen werfend;„Sie erwarteten mich vielleicht ſchon lange... aber der Baron von Harleville und ſeine Frau ſind eben erſt in Gros⸗Bois angekommen.. ſie reiſen mit eigenen Pferden und einem guten Reiſewagen... werden ſich nur eine Stunde oder zwei aufhalten... Ich habe mich ihnen noch nicht vorgeſtellt... Ich bin ſehr in Verlegenheit... in großer Geldnoth. Adele wuͤrde mir gerne leihen; ſie hat aber keins mehr... bleibt „ noch uͤbrig, zu verſuchen, ob ihr Gemahl mich noch einmal verbinden will... Der Teufel, ich bin ihm ſchon tauſend Thaler ſchuldig!... Ihr habt mir geſagt, ihr wolltet mir aus dieſer Verlegenheit heraushelfen... Wahrlich! es waͤre ſehr liebenswuͤrdig von euch.. ich brauche euch nicht zu ſagen, daß ich erkenntlich ſein werde: laßt hoͤren, meine Herren, wie wollt ihr mich verbinden?“ 27¼ Theodor und Salomon ſehen einander ſtillſchweigend an: einen Augenblick habe ich den Gedanken, dem Ba⸗ ron zu bedeuten, daß ihm eine Gefahr drohe und er eiligſt abreiſen ſolle; wird aber der Baron dieſer Nach⸗ richt trauen, und werden mich dieſe Menſchen fortlaſſen, wenn ſie durch eine Bewegung mich bemerken und er⸗ rathen, daß ich um ihr Geheimniß weiß? Ich habe keine Waffe) nichts zu meiner Vertheidigung... ich glaube, es wird kluͤger ſein, mich nicht zu zeigen. „Das iſt bedenklich... ſehr bedenklich!“ ſagt Theo⸗ dor, ſich die Häͤnde reibend;„Salomon hatte wohl einen Einfall... waͤre aber nichts fuͤr Dich...“ „Welchen Einfall hatte Salomon?— Das Sie ganz einfach den Baron hierher ſpazieren fuͤhren... wo ich ihm auf ganz anſtaͤndige Weiſe ſeine Brieftaſche ab⸗ forderte...— Welche Schaͤndlichkeit!... ein Dieb⸗ ſtahl mit bewaffneter Hand!... Fuͤr wen haltet ihr mich, meine Herren?...“ 3 „Das habe ich geſagt!“ fäͤllt Theodor ein;„es iſt gar nichts fuͤr uns!... Salomon ſpaßt zuweilen!...“ „Wenn man wagte, den Gemahl meiner Baſe an⸗ zufallen... ſo wiſſen Sie, daß ich ihn im Gegentheil vertheidigen wuͤrde!“— „Sie ihn vertheidigen!“ erwiderte Salomon mit höͤhniſchem Tone,„ha! ha! ja mit einer Buͤrſte.— Herr Salomon, wir werden Feinde!...— Meinetwe⸗ gen... ich frage nichts darnach... Verfluchter Ta⸗ hab!... puh!... Es tritt ein ziemlich langes Schweigen ein, waͤhrend deſſen ich nur Theodor zwiſchen den Zaͤhnen pfeifen und 28 Salomon ausſpucken hore. Follard bricht es zuerſt, und einen Baumzweig neben ſich abbrechend, ruft er aus: „Das iſt alſo die Folge meiner Thorheiten. meiner Ausſchweifungen... man will nichts thun, als ſich beluſtigen... die Arbeit iſt uns zuwider... ein Amt zum Abſcheu. denn man waͤre nicht mehr frei!... frei zu jeder Stunde des Tages und der Nacht... wenn man Alles durchgebracht... Alles verloren hat... ſo verrathen uns unſere Maitreſſen, verlaſſen uns unſere Freunde!...“ „Mein lieber Follard,“ ſagt Theodor, ſeine Cigarre aus dem Mund nehmend;„was Du da ſagſt, iſt ſehr wahr, ohne Zweifel! aber alt und abgedroſchen wie gelbe Ruͤben zu Fleiſchbruͤhe! wir ſind hier nicht zuſammenge⸗ kommen, um eine moraliſche Vorleſung anzuhoren.. für mich erſtlich iſt das nichts.. ich bin Philoſoph!.. tiebe die Moral nicht... und Du, Salomon, Du ſprichſt gar nichts mehr?...“ „Was ſoll ich zu Gelbſchnaͤbeln ſagen, die ſich vor Allem fuͤrchten?... es iſt mir nur leid, daß ich meine Tabakskneipe verlaſſen habe, um hieherzukommen... man wollte ein Ehrenqueue beragbien das mir von Rechtswegen zugekommen waͤre!... Puh!... welcher Tabak!...“ „Die Zeit ennt indeß und man muß einen Ent⸗ ſchluß faſſen... Nun wohlan, Follard... an was denkſt Du?“ „Ich ſinne nach... ich uͤberlege... ob der Ba⸗ ron mir noch einmal Geld leihen ürde...— Wenn er Dir auch ein Bankbillet von tauſend Franken gaͤbe, 5 29 könnteſt Du doch nicht viel damit anfangen...— O! nein... ich habe Schulden, wohin ich mich wende!... — Er muß an hundert tauſend Franken bei ſich haben... — FSch denke... „Hoͤrt einmal, meine Herren,“ ſpricht Salomon, „ihr macht aus einer Maus gleich einen Elephanten, was war meine Abſicht? da hoͤrt: Follard ſollte den Baron hieherfuͤhren... ihr ſeht, man iſt hier wie zu Hauſe, keine Katze kommt vorbei, hier in der Naͤhe an⸗ gelangt, verrenkte Follard ſich den Fuß, was ihn am Weitergehen hinderte... verſtehet ihr den Witz?... der Baron, der Follard leiden ſieht, will ſchnell nach dem Dorfe zuruͤckkehren, um Leute zu holen, damit man den Verletzten auf einem Tragſeſſel oder auf den Armen heimbringen... verſteht ihr?.— Immer weiter! — Iſt der Baron hundert Schritte von Follard weg, ſo gehe ich auf ihn zu und bitte ihn um ein Almoſen... Theodor haͤlt ſich etwas entfernter auf... mit einem Sacktuch vor dem Geſicht, als habe er Zahnſchmerzen... — Sehr huͤbſch!...— Waͤhrend der Baron hierauf in ſei⸗ nem Geldbeutel ſucht, ſuche ich in ſeiner Taſche, mauſe ihm ſeine Brieftaſche weg, ehe er ſich deſſen verſieht, und gehe mit Theodor davon, waͤhrend Follard mit ſeiner Verrenkung ſich ſtellt, als hinke er⸗ dem Baron zu Huͤlfe... He! was ſagt ihr dazu?... Eine Schel⸗ merei!... nicht die mindeſte Gewaltthaͤtigkeit... zu⸗ dem, wenn ihr etwas Beſſeres wißt, ſo redet... Ver⸗ dammte Schweinerei... der Tabak!...“ Salomon ſchweigt, Theodor brummt zwiſchen den 30 Zaͤhnen...„Gewiß, auf dieſe Art unterliegt die Sache nicht ſo viel Schwierigkeiten... und man...“ „ Nein, meine Herren! nein!“ ruft Follard, ſchnell aufſtehend, es iſt immer ein Diebſtahl, was ihr vor⸗ habt... und uͤberhaupt liegt es gar nicht in meiner Abſicht, den Baron ganz zu pluͤndern... Etwa dreißig⸗ tauſend Franken waͤren mir hinreichend...O! ſicher⸗ lich, ich will nichts mehr hoͤren!...“ „Meinetwegen! Gehen Sie heim und laſſen Sie 3 ſich waſchen, Herr Marquis, und belaͤſtigen Sie Ihre Freunde nicht mehr mit Ihren Verlegenheiten... Man laͤßt die Leute nicht ſo fuͤr Nichts und wider Nichts beinahe fuͤnf Meilen machen.“ Follard entfernt ſich einige Schritte, und geht auf dem Fußſteig in großer Aufregung hin und her. Ach! moͤchte doch der junge Mann in ſeinem guten Vorſatze verharren können! er iſt noch nicht ſo verdorben, als die beiden Elenden, die ihn zum Mitſchuldigen an einem Diebſtahl machen wollen; allein er iſt ſchwach und will Geld haben. Ich zittere, er mochte nachgeben; angſtlich folgen ihm meine Augen; bei jedem Schritt, der ihn von Salomon entfernt, faſſe ich neue Hoffnung... Ich bebe, wenn ich ihn zuruͤcklaufen oder ſtillſtehen ſehe. 3 Ploͤtzlich kommt Follard, der ſchon ziemlich fern war, eilfertig zu den Beiden zuruͤck, die er ſo eben ver⸗ laſſen hatte. Der Unglückliche... er willigt vielleicht in ſeine Entehrung... horchen wir wohl auf! 4 V „Meine Herren... ich habe einen Plan, der, wir mir ſcheint, Alles ausgleichen kann.. ℳ. 31 „Laß hoͤren,“ ſagt Theodor,„wir verlangen nichts Beſſeres, wir Andern...“ „Zum Henker!... wenn der Baron ſeine Brief⸗ taſche im Billard mit mir herausſpielen wollte, ſo waͤre es freilich huͤbſcher und bald abgethan!... dafuͤr ſtehe ich.“ 3— „Ich werde den Baron unter dem naͤchſten beſten Vorwand hieher fuͤhren... hierauf einen Vorwand finden, um ihn auf einige Augenblicke zu verlaſſen. alsdann wird Salomon, ohne Gewalt zu gebrauchen, ſich auf irgend eine Weiſe der koſtbaren Brieftaſche be⸗ maͤchtigen... Ich aber eile auf das Geſchrei des Herrn von Harleville herbei... folge ſeinem Diebe auf dem Fuße nach... Salomon erwartet mich in dieſer Ge⸗ gend des Gehoͤlzes... dort unten in dem Dickicht... ich nehme die Brieftaſche wieder, komme im Triumph damit zum Baron zuruͤck, der keinen Verdacht ſchöpfen, und mir im Gegentheil als ſeinen Retter danken wird... die Brieftaſche iſt aber nicht unverſehrt... man wird ſchon dreißigtauſend Franken herausgenommen haben!... dies iſt zwar ein Ungluͤck... Herr von Harleville wird ſich aber noch gluͤcklich ſchaͤtzen, daß er nicht Alles ver⸗ loren hat. Nun! was ſagt ihr zu meinem Plan?...“ Theoder murmelte einige Worte und ſcheint unent⸗ ſchloſſen, Salomon ruft jedoch ſogleich aus: „Praͤchtig! dieſer Plan!... ich bin voͤllig damit 3 Ailperſtanden:.. „Indeß,“ nimmt Theoder wieder das Wort,„iſt es ziemlich ſonderbar, daß man ſchon einen Theil der me aus der Brieftaſche genommen hat... und daß...— Warum denn?... habe ich nicht ſchon mit Dir theilen koönnen?... uͤberhaupt wird der Ba⸗ ron alle dieſe Betrachtungen nicht anſtellen... Wohlan, Follard... beeilen Sie ſich, den Reiſenden herzufuͤhren: wir bleiben hier... Sie werden den Ort wiederer⸗ kennen?...— Sehr gut... Sie fliehen dann nach jener Seite...— Ja, ich werde Sie unter den großen Baͤumen da unten erwarten... Gehen Sie, gehen Sie, laſſen Sie Ihren Mann nicht wieder fort...— Aber noch einmal, Salomon, daß dem Baron nicht das Min⸗ deſte geſchieht, ſonſt..— Habe doch keine Furcht... man ſagt Ihnen ja... er werde nur das Feuer ſehen... ein Ta⸗ ſchenſpielerſtuͤckchen, das iſt Alles!— So gehe ich denn und will eilen.“ Follard entfernte ſich und Salomon ſagt zu Theodor:„Wie dumm man doch ſein kann! der Follard glaubt, ich werde auf ihn warten, um mir die Brief⸗ taſche wieder abnehmen zu laſſen... Ha! ha! ha! das ginge mir ab!...— Ich geſtehe, es kam mir ſonderbar vor, als ich Dich einwilligen ſah...— Ein⸗ faltspinſel!.. Du hatteſt mich gleichfalls nicht ver⸗ ſtanden, Du?... Wir beide gehen damit durch, und ich gebe Dir mein Wort, der Marquis ſoll ſich keinen Stecknadelknopf von dem kaufen können, was er davon bekommt...— Meiner Treu! einverſtanden!.. Follard iſt eine feige Memme, ich entziehe ihm meine Freundſchaft.“ Ich habe genug gehoͤrt; ich krieche ganz allmaͤ⸗ lig ruͤckwaͤrts; ſobald ich fern genus von den beiden Schurken bin, erhebe ich mich und laufe, ohne den Fuß⸗ ſteig zu betreten, nach dem Dorfe Gros⸗Bois. 33 Ich lange vor dem Gaſthofe an, wo Herr von Har⸗ leville mit ſeiner Frau ſein muß. Im Hofe ſehe ich einen Reiſewagen, vor den man die Pferde wieder an⸗ ſpannt; ich bleibe ſtehen, noch unentſchieden, was ich thun ſoll... aber feſt entſchloſſen, meinen Vater nicht mit Follard in den Wald gehen zu laſſen. Eine Magd geht uͤber den Hof; ich rede ſie an: „Sie haben Reiſende hier?...— Ja, mein Herr... eine junge und ſchone Dame mit ihrem Gemahl... einem Alten.— Wo ſind ſie jetzt?— Die Dame iſt im erſten Stock... der Mann war ſo eben hier... ah! er iſt im Saale unten.. er ſpricht mit einem jungen Mann, der in vollem Lauf angekommen iſt. — Reiſen ſie bald wieder ab?— Wahrlich, ich weiß nicht.“ Ich bedenke, daß mir mein Vater verboten hat, wieder vor ihm zu erſcheinen... bei Vermeidung ſei⸗ nes ganzen Zorns... Gleichviel!... ich habe nur dieſes Mittel, ihn aus der Schlinge zu retten, die man ihm legt... dieſes Mittel ſcheint mir aber unfehlbar. In gewaltiger Aufregung gehe ich vor der Thuͤre der Herberge auf und nieder.— Endlich kommt man aus dem Saale zu ebener Erde. Es iſt mein Vater und Follard; der Letztere geht blaß, zitternd, mit ver⸗ ſtortem Geſicht, geſenkten Augen neben dem Baron her. Sie wollen das Haus verlaſſen, als ich mich vor ihnen zeige, wie wenn ich gerade in die Herberge eintreten, wollte.. Follard blickt mich an und ſcheint nur verwundert, mich wieder zu finden! der Baron aber erblaßt, ſeine Paul de Kock. IV. 3 „ 34 Augen ſind ſtarr auf mich gerichtet, Wuth beſeelt ſie, und ich hoͤre ihn murmeln: „Wieder!... welche Frechheit!... er verfolgt ſie uͤberall hin!...“ Er verlaͤßt alsbald Follard und tritt in den Hof, „ſeinem Bedienten zurufend:. „Die Pferde!... ſchnell... ſchnell die Pferde! wir reiſen augenblicklich ab. Und Du, Maͤdchen, ſage der Madame, ſie moͤchte herabkommen... der Wa⸗ gen iſt bereit... Geh!... ich bleibe nicht laͤnger hier.. Ich bin vor der Thuͤre des Gaſthauſes ſtehen geblieben, von wo aus ich mit Vergnuͤgen die Zuruͤ⸗ ſtungen zur Abreiſe ſehe. Follard erſtaunt, daß der Baron ihn ſo ploͤtzlich verlaͤßt, geht ihm nach und ſtottert: „Wie!... Sie reiſen ſo ſchnell?... Sie hatten mir aber eine Unterredung zugeſtanden... im Freien... welche Urſache treibt Sie ſo an?“ 3„O! es iſt mir leid, daß ich Ihnen keine Zeit mehr widmen kann, Herr von Follard; ich ſehe jedoch wohl, daß ich mich hier nicht laͤnger aufhalten darf... ich haͤtte ſogar ſchon baͤlder abreiſen ſollen... dann wuͤrde ich ein Zuſammentreffen vermieden haben... der Un⸗ verſchaͤmte!... nach meinem Verbot!... Laſſen Sie mich abreiſen, Follard, ſonſt konnte irgend ein Ungluͤck geſchehen.“ Adele kommt herab; ihr Gemahl laͤßt ſie augenblick⸗ lich in den Wagen ſteigen und ſetzt ſich ſelbſt neben ſie, noch ehe die Pferde vollig vorgeſpannt ſind. Endlich — — 35 iſt Alles fertig, der Poſtillon ſteigt auf den Bock; knallt mit ſeiner Peitſche, der Wagen faͤhrt dahin; Adele winkt Follard, der ganz betroffen uͤber dieſe plotz⸗ liche Abreiſe im Hofe ſteht, ein Lebewohl zu, und mich trifft, einige Schritte von dem Gaſthaus, von Neuem der wuthentbrannte Blick meines Vaters. Er entfernt ſich noch viel aufgebrachter gegen mich... allein ich hatte ſonſt kein Mittel zu ſeiner Rettung! * Drittes Kapitel. Folgen eines wuͤſten Lebenswandels. Als der Wagen ſo weit entfernt war, daß das Ge⸗ raͤuſch der Raͤder nicht mehr bis zu uns dringt, fuͤhle ich mich gaͤnzlich beruhigt; ich brauche nicht zu fuͤrchten, Follard und ſeine Freunde moͤchten meinen Vater ein⸗ holen. Man weiß nicht, wohin er geht, und da er mit eigenen Pferden reist, iſt es unmoͤglich, ihm nachzu⸗ ſpuͤren. Ueberdies iſt der ungluͤckliche junge Mann, der im Begriff war, eine ſo ſchaͤndliche Handlung zu begehen, unbeweglich im Hofe ſtehen geblieben; die ploͤtzliche Abreiſe Herrn von Harleville's hat ihn vielleicht auf den Glau⸗ ben gebracht, der Baron habe geahnt, welche Falle man ihm lege. Blaß, verſtort ſetzt er ſich auf eine Stein⸗ bank nieder, laͤßt den Kopf auf die Bruſt ſinken, und ſcheint nichts mehr von dem zu ſehen, was um ihn her vorgeht. Ich habe ihm ſo eben ein Verbrechen und ewige Reue erſpart, wird aber die Erinnerung an dieſen 36 Morgen ihm zur Lehre dienen? ach! ich werde nicht im⸗ mer um ihn ſein. 4 Ich gehe fort, nichts haͤlt mich mehr in dieſem Dörfe zuruͤck; aber ich danke dem Himmel, der meine Schritte hieher gelenkt und mir vergoͤnnt hat, den ſchandlichen Anſchlag, deſſen Opfer mein Vater geworden waͤre, zu vereiteln; ich fuͤhle mich gluͤcklich und ſtolz, ihn gerettet zu haben. Was liegt daran, ob er mich noch immer fuͤr verliebt in ſeine Frau haͤlt? mein Ge⸗ wiſſen ſagt mir, daß ich meiner Pflicht gemaͤß handelte. Ich kehre nach Boiſſy⸗Saint⸗Léger zuruͤck, und ohne Zweifel druͤcken meine Zuͤge die innere Zufriedenheit aus, die ich empfinde, denn meine gute Wirthin ſagt zu mir: „SIch wette, Ihre Arbeit iſt heute gut von Statten ge⸗ gangen, Herr Arthur?— Wie ſo, Madame?— Weil Sie ſo zufrieden mit ſich ſelbſt ausſehen.— Ich bin es auch, Madame, und kann gleich Titus ſagen: ich habe meinen Tag nicht verloren.— Ich ebenfalls nicht, denn ich habe Goldaͤpfel eingemacht.“ Am andern Tag, waͤhrend des Fruͤhſtuͤcks, bemerke ich, wie die Magd mit geſchäftigter Miene im Zimmer hin und hergeht, wobei ſie von Zeit zu Zeit einige Aus⸗ rufungen entſchluͤpfen läßt, wie Jemand, der gerne be⸗ fragt ſein moͤchte und eine Neuigkeit zu erzaͤhlen brennt. Es lag mir nicht daran, die Geſchichte der Magd zu wiſſen; bald aber fing Madame Dubinet ebenfalls an, eine Menge Ach's auszuſtoßen, wie ihre Magd. Ich denke nun, es wuͤrde unhoflich ſein, wenn ich fortfuͤhre, nicht darauf zu achten, und mein Buch, das ich in der Hand hatte, auf die Seite legend, wende ich mich an — „— 37 meine Wirthin:„Waͤre Ihnen irgend etwas Unange⸗ nehmes zugeſtoßen?“ frage ich ſie.„Sie ſcheinen ſehr betruͤbt?— Ach! mein lieber Herr Arthur! mir iſt nichts zugeſtoßen, aber das iſt gleich, ſolche Dinge be⸗ truͤben mich immer! und dann iſt es, dem Himmel ſei Dank, ſo lange ich mir denken kann, in dieſer Gegend nie geſchehen.— Was denn, Madame?— Louiſe hat es mir ſo eben erzaͤhlt, ſie hat's bei dem Spezereikraͤmer gehoͤrt, wo ſie Pfeffer holte, nicht wahr, Louiſe?— Ja, Madame: o! wahrlich, man ſpricht im Dorfe und der Umgegend von nichts Anderem, es ſetzt die ganze Welt in Bewegung. Ganz Boiſſy iſt ſchon nach Gros⸗Bois gegangen, um die Sache genauer zu erfahren.“ „Darf ich aber die Sache nicht auch erfahren? rufe ich etwas ungeduldig uͤber die Geſchwaͤtzigkeit der Magd. — Wie! Madame hat dem Herrn die ſchreckliche Ge⸗ ſchichte nicht erzaͤhlt?— Ich weiß von Nichts.— Ein junger Mann, ein ſchoöͤner Mann von Paris, wie man vermuthet, hat ſich geſtern in Gros⸗Bois umgebracht. — umgebracht in Gros⸗Bois, ach! mein Gott! waͤre es moͤglich!— Ol es iſt eine gewiſſe Thatſache, der Feld⸗ ſchuͤtz hat geſehen..— Aber wo? an welchem Orte? weiß man, wer der junge Menſch war?— Im Dorfe ſelbſt, in der Herberge.— Ach! mein Gott! der Ungluͤck⸗ liche!— Man weiß gar nicht, was oder wer er war? man hat nichts, als ſeine Piſtolen bei ihm gefunden, es ſcheint aber, er habe, ehe er den Schuß that, noch einen Brief zuruͤckgelaſſen.— Einen Brief! fuͤr wen? — Ach fuͤr wen? ich weiß es nicht! Der Feldſchuͤtz hat den Namen nicht behalten koönnen.— Der Ungluͤckliche, 38 ach! wenn ich hatte vorausſehen konnen.— Wie, Herr Arthur, glauben Sie dieſen jungen Menſchen zu kennen? — Vielleicht, Madame. Als ich geſtern, auf meinem Spaziergang, bis nach Gros⸗Bois ging, habe ich dort einen jungen Mann erblickt, den ich öfters in Paris zu ſehen Gelegenheit hatte, und Alles laͤßt mich fuͤrchten, gerade er mochte ſeinen Tagen ein Ende gemacht haben. — Ach! mein Gott! und welche Gruͤnde konnten ihn zu dieſem Verbrechen bringen?— Schwelgerei, Spiel⸗ und Vergnuͤgungsſucht, Abſcheu vor der Arbeit, und jener ungluͤckſelige Schwindelgeiſt, der jetzt den jungen Leuten den Kopf verruͤckt... dieſe Herren wollen mit zwanzig Jahren alle Genuͤſſe gekoſtet haben; ſie brauchen Orgien, Leidenſchaften, einen Ruf; ſie halten ſich fuͤr große Maͤnner, weil ſie die Gefuͤhle, Neigungen, Gebraͤuche und den Glauben, die unſern Vaͤtern heilig waren, ins Laͤ⸗ cherliche ziehen; ſind ſie am Ende nicht mehr im Stand, ihr wolluͤſtiges Leben fortzuſetzen, welchem Kindesliebe, Bruderfreundſchaft und die ſuͤßeſten Gefuͤhle der Natur ftemd blieben, ſo ermorden ſie ſich ſelbſt, in der Hoff⸗ nung, noch nach ihrem Tode von ſich reden zu machen, und jene Beruͤhmtheit zu erlangen, der ſie ihr ganzes Leben hindurch vergebens nachgejagt haben.— Waͤre es möglich, daß die jungen Leute jetzt ſo wahnſinnig ſind! und der, den Sie kannten, gehorte zu ihrer Zahl?— Für ihn iſt es vielleicht beſſer, daß er ſo geendet hat, doch ich will mich augenblicklich nach Gros⸗Bois begeben, damit ich erfahre, ob meine Vermuthungen gegruͤndet ſind.— Ach! ja, gehen Sie, Herr Arthur, ſuchen Sie Erkundigungen einzuziehen... zu vernehmen, was den 7 ,— 84 39 ungluͤcklichen jungen Mann zu dieſem Akt der Verzweif⸗ lung fuͤhren konnte... vielleicht iſt es nicht der, welchen Sie kennen. Man muß es wenigſtens hoffen. Sie wer⸗ den uns doch Alles wieder erzaͤhlen, was Sie erfahren haben?— Ja, Madame. 24 Ich gehe; mein Herz iſt beklommen uͤber die Nach⸗ richt, die man mir mitgetheilt: Alles ſagt mir, daß Follard es iſt, der ſeinem Leben ein Ende gemacht hat. Er beſaß die Mittel nicht mehr, ſeinen Luͤſten und tol⸗ len Gewohnheiten ein Genuͤge zu leiſten. Er wollte Geld, er wollte es um jeden Preis. Um welches zu er⸗ halten, war der Unſelige im Begriff, einen Mann be⸗ rauben zu helfen, der ihm ſo oft gefaͤllig war! Als er ſeine ſtrafbare Hoffnung zu nichte werden ſah, hatte er nicht mehr den Muth, zu leben. Wenn ich ſeine Abſicht errathen haͤtte, wuͤrde ich ihm meine Borſe, meine Dienſte angeboten haben... aber er haͤtte mich vielleicht zuruͤckge⸗ wieſen. Es lag noch ein Reſt von Stolz in der Seele dieſes jungen Mannes, der ſich nicht zu einer Schurkerei entſchließen konnte; Schade fuͤr ihn, daß er nicht einen Tag fruͤher ſtarb. Die beiden Elenden indeß, die ihn zu Begehung eines Diebſtahls verfuͤhrten, ſind weit ſtrafbarer, als er: und ich wette, ſie haben keine Luſt, ihm nachzuahmen. Ich bin nun in Gros⸗Bois, und lenke meine Schritte nach dem Gaſthauſe, worin mein Vater am vorigen Tage angehalten hatte. Auf dem kleinen Platze vor demſelben ſehe ich viele Bauern verſammelt. Dieſe guten Leute ſprechen unter einander, jedoch mit halblauter Stimme, betruͤbter Miene und ganz beſtuͤrzt noch uͤber 40 die Begebenheit, die ſich in ihrem Dorfe zugertagen hat und lange Zeit hindurch den Gegenſtand ihrer Abendun⸗ terhaltungen ausmachen wird. Meine Blicke fallen auf das Gaſthaus; auf derſelben Steinbank, wo ich den Tag zuvor den ungluͤcklichen Follard gelaſſen, gewahre ich einen beſcheidenen Sarg;z er enthaͤlt die ſterblichen Reſte deſſelben jungen Mannes, den ich in der Welt ſo glaͤnzend ſah an Toilette, Ele⸗ ganz und Manieren! der eine geraume Zeit der Schieds⸗ richter der Mode, das Orakel der Damen, der geſuchteſte Stutzer war, der aber jetzt keinen Freund hat, welcher ihn zu ſeiner letzten Ruheſtaͤtte begleitete! Ich naͤhere mich einer alten Baͤuerin, die unter Weinen einigen jungen Maͤdchen die Steinbank in dem Hofe zeigt. „Man wird den jungen Mann jetzt beerdigen?“ frage ich die Baͤuerin. „Ja, mein Herr, er iſt ein Fremder, den man hier zu Lande gar nicht kennt, und der ſich geſtern fruͤh um— gebracht hat. Wahrlich, er haͤtte wohl einen andern Ort, als unſer Dorf zu dieſer ſchlechten Handlung waͤh⸗ len koönnen; das wird uns Ungluͤck bringen, und nun vollends das Gaſthaus, das iſt ein zu Grund gerichtetes Haus! Wer moͤchte jetzt noch ſich dort erfriſchen, be⸗ luſtigen! Stets wird man glauben, den Piſtolenſchuß zu hoͤren, und dieſen jungen Menſchen zu ſehen! O, es iſt aus, das Haus iſt zu Grunde gerichtet!“ „Bringt man ihn in die Kirche?— In die Kirche! o nein! ein Menſch, der ſo endigt, iſt ein Renegat, wie 41 der Herr Pfarrer ſagt: er wird ſich nicht beeilen, zum guten Gott fuͤr ihn zu beten!“ „Ihr habt Unrecht, das zu aͤußern, Mutter Landry, ſagte eine Baͤuerin, die uns hoͤrte; man muß immer fuͤr die Todten beten. Wenn dieſer junge Mann einen Feh⸗ ler begangen hat, ſo geht das uns nichts an, wir duͤrfen nicht uͤber ihn richten, aber wir ſollen vielmehr Gott bitten, daß er ihm verzeihen moͤge. Hoͤrt Ihr, meine Kinder, Ihr ſollet zum guten Gott beten fuͤr den Fremden.“ „Ja, meine Mutter,“ ſagten zwei junge Maͤdchen, die ſtillſchweigend zuhorten.„Aber,“ fiel ein anderer Bauer ein,„es iſt doch ſonderbar, daß er ſich ſo mir nichts dir nichts umbrachte, ohne einem Menſchen was davon zu ſagen.. und ein ſo gut gekleideter Mann.. und man hat ſieben Franken bei ihm gefunden, war alſo nicht in Noth. — Ach, gewiß! es iſt Liebesverzweiflung; man ſagt, er habe mit einem alten Herrn geſprochen, der mit einer jungen Dame weggefahren ſei.— Ja, richtig! ſo iſts, der Vater, der mit ſeiner Tochter davon fuhr, in die der junge Menſch wahrſcheinlich verliebt war. Der arme Junge! ſich aus Liebe toͤdten.. Du wuͤrdeſt es nicht thun, Du, Euſtach!— Wahrlich! man wuͤrde mich ſchon foppen, wenn ich es thaͤte!“ Jeder Bauer machte ſeine Vermuthungen uͤber den Vorfall in der Herberge, aber keiner traf das Wahre an der Sache. In dieſem Augenblick ſagte der Schul⸗ theiß, es ſei Zeit, den Sarg nach dem Kirchhof zu tra⸗ gen; aber kein Prieſter war bei dem Todten, und die Bauern, welche gewoͤhnlich bei dieſer traurigen Cere⸗ monie ihre Arme anbieten, zauderten und ſchienen Scheue zu tragen, dem ihren Beiſtand zu bieten, welchen die Kirche aus ihrem Schooß verſtieß. 4 Der Schultheiß des Orts, ein vierſchroͤtiger Bauer, der ebenſo verlegen zu ſein ſchien, als die Uebrigen, lief vor der Herberge hin und her, naͤherte ſich den Grup⸗ pen, ſprach mit dem Einen, ereiferte ſich mit einem An⸗ dern, und endigte immer mit den Worten:„Der Tau⸗ ſend! dieſer Menſch... man muß ſich indeß entſchließen, kommt ſehr ungelegen.. ich bin der Schultheiß.. das iſt richtig.. aber ich will mein Anſehen nicht blosſtellen!“ Ich draͤnge mich durch alle Landleute hindurch, trete in die Herberge und rufe aus:„ Wenn mir Jemand hilft, ſo tragen wir den jungen Mann weg!“ Alle Bauern ſehen mich verwundert an; ich weiß nicht, ob mein von dem ihrigen verſchiedener Anzug, oder meine Stimme ihnen imponiren; aber alsbald treten ſie⸗ ben bis acht große Bengel vor, und als ob ſie ſich ſchamten, daß ein Staͤdter ihnen eine Lehre in der Menſchlichkeit geben ſoll, will nun jeder beim Wegtragen des Sarges mithelfen. Ich gebe den Bitten der Bauern nach, die mich auf⸗ fordern, ihnen dies traurige Geſchaͤft zu uͤberlaſſen; aber ich folge ihnen, und ſei es, daß mein Beiſpiel einiges Gewicht bei dieſen Landleuten hatte, oder daß ſie zu menſchenfreundlichen Gefuͤhlen zuruͤckkamen, kurz, faſt alle auf dem Platz verſammelten Perſonen folgen gleich mir dem Sarge des ungluͤcklichen Follard, deſſen Leichen⸗ zug bald ſehr zahlreich wird, denn er nimmt fortwaͤh⸗ rend zuz Weiber, junge Maͤdchen und Kinder, die alle 2 — — 43 ein frommes Schweigen beobachten und andächtig bis zum Friedhofe des Dorfes mitgehen. Obgleich unſer Marſch ohne Ordnung, ohne irgend ein Gepraͤnge iſt, hat er doch etwas Feierliches und Ruͤhrendes; der große Pomp, den man bei einem Leichenzug entfaltet, ruͤhrt nicht immer unſer Herz; ein einfacher und prunkloſer Schmerz bewegt uns weit mehr, als derjenige, in wel⸗ chem ſich Gepraͤnge und gewohntes Ceremoniel miſchen. Wir langen auf dem Friedhofe an. Hier ſteht der Zug ſtill, an einem von den uͤbrigen Graͤbern abgeſon⸗ derten Ort; denn der, deſſen Begraͤbniß man begeht, hat durch ein Verbrechen geendigt und ihm darf nicht die gleiche Ehre zu Theil werden, wie den ehrlichen Bewoh⸗ nern des Dorfes. Keine Rede, kein Lebewohl wird an der letzten Staͤtte des Fremdlings gehalten; doch hoͤre ich rings um mich her mit Inbrunſt beten, und ſehe Thraͤnen fließen, Thraͤnen die nicht erheuchelt ſind, weil dieſe Bauern den Verblichenen nicht kannten, aber man beklagt ſein Geſchick, denn er war jung; und man glaubt, er habe ſich aus Liebe getoͤdtet. Die Menge hat ſich wieder zerſtreut und ich trete auf den Schultheiß zu, der ſich gleichfalls entfernen will. „Mein Herr, hat der junge Mann, der ein ſo un⸗ gluͤckliches Ende genommen, keinen Brief hinterlaſſen? — Ja, mein Herr, das iſt die reine Wahrheit.— Mein Herr, wollten Sie mir gefaͤlligſt ſagen, an wen die Adreſſe dieſes Briefs lautet?— Ihnen ſagen.. aber mein Herr, warum fragen Sie mich das?— Weil ich ge⸗ ſtern dieſen jungen Menſchen hier geſehen habe, er mir nicht voͤllig unbekannt war, und ich Ihnen vielleicht 44 einige Nachweiſungen zur Auffindung der Perſon geben könnte, an die er geſchrieben hat.— Ach, Sie kannten den Fremden, warum haben Sie alsdann nicht reklamirt, mein Herr?— Ich hatte nicht den geringſten Grund, es zu thun.— Sie konnten die Verwandten benach⸗ richtigen.— Ich kenne keine von ihm.— Und warum hat er ſich umgebracht?— Ich weiß das ſo wenig als Sie!— Sie ſagen, daß Sie mir Nachweiſungen geben koͤnnten, und doch wiſſen Sie gar nichts!“ Ich waffne mich mit Geduld, denn dieſe braucht man bei den Dorfſchultheißen, und erwidere:„Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, daß ich Ihnen vielleicht Nach⸗ weiſungen uͤber die Perſon geben koͤnne, an welche der ungluͤckliche junge Mann einen Brief hinterlaſſen hat; ich bitte Sie nochmals, mir zu ſagen, an wen dieſer Brief iſt?“ Der Herr Schultheiß, uͤber den zuverſichtlichen Ton, in dem ich zu ihm rede, betroffen, ſucht in ſeiner Taſche nach, und ſagt:„Beim Henker! dann ſind Sie ge⸗ ſchickter als mein Feldſchuͤtz, den ich nach Paris geſchickt habe, der aber denjenigen nie hat finden konnen, an welchen der Brief lautet, man haͤtte aber auch die Adreſſe beſſer angeben ſollen. Ach! da iſt der Brief.“ Der Ortsvorſtand betrachtet die Aufſchrift, und liest mit großer Anſtrengung: „An Herrn... Herrn... Grafen von Har... von Char.. deville...“ „Von Harleville, ohne Zweifel?— Ja, ich glaube, ſo wird's ungefaͤhr heißen, weiter iſt aber nichts da, und dann, in Paris. Einerlei, ich habe Lopard, meinen 45 Schuͤtzen, nach Paris geſchickt; Lopard hat ſich in fuͤnf oder ſechs Weinſchenken erkundigt, Niemand kannte dieſen Grafen von Harleville.— Ich glaube es wohl. Uebri⸗ gens iſt die Perſon, fuͤr die der Brief iſt, kuͤrzlich erſt von Paris abgereist, man weiß weder, wohin ſie geht, noch ob ſie lange abweſend ſein wird. Wenn Sie mir indeß den Brief anvertrauen wollten, wuͤrde ich vielleicht Gelegenheit finden, denſelben an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen.— Nein, mein Herr, gewiß, ich werde den Brief nicht ſo weggeben, ich ſtehe dafuͤr, ich werde ihn Niemand geben, ehe ich den Schloßherrn um Rath ge⸗ fragt habe.— Wie Sie wollen. Da haben Sie unter⸗ deſſen eine etwas ausfuͤhrlichere Adreſſe, um den Herrn von Harleville aufzufinden, wenn er in Paris iſt; ich rathe Ihnen, ſolche dem Briefe beizufuͤgen.“— Mit mißtrauiſcher Miene nimmt der Schultheiß die von mir mit Bleiſtift geſchriebene Adreſſe; er ſieht ſie einige Augenblicke an, wahrſcheinlich ohne ſie leſen zu können, macht mir dann eine huldvolle Verbeugung, und murmelt:„Gut, gut, ich werde alles im Schloſſe zeigen, ich weiß, was ich zu thun habe!“ Der Schultheiß iſt fort. Ich will gleichfalls gehen, nachdem ich noch einen letzten Blick auf das einfache holzerne Kreuz geworfen habe, welches man auf Fol⸗ lard's Grabe geſetzt hat, als ich zwei Maͤnner aus einem nahe liegenden Fußpfade hervortreten und auf den Kirchhof zukommen ſehe, der nicht verſchloſſen iſt und in den jeder Voruͤbergehende frei eintreten kann. Es iſt Theodor und ſein Freund Salomon. Der Anblick dieſer beiden Menſchen empoͤrt mein Herz; doch 46 bleibe ich, denn ich will wiſſen, weßhalb ſie kommen. Ich ſitze bei dem Grabe eines jungen Maͤdchens nieder, welches mich voͤllig vor ihnen verbirgt. Am Eingange des Kirchhofes bleiben ſie ſtehen; ich hore ſie mit halblauter Stimme ſprechen: „Wozu hier eintreten?— Ich ſage Dir, er iſt es, den man eben hieher brachte, er hat ſich geſtern umge⸗ bracht.— Der Dummkopf, er haͤtte uns wohl davon in Kenntniß ſetzen konnen, daß wir nicht den ganzen Tag im Wald auf ihn gewartet haͤtten.— Er wird ſich aus Zorn getoͤdtet haben, weil der Baron abreiste, ohne ihm eine Unterredung zu bewilligen.— Vielleicht deß⸗ wegen.. oder auch wegen etwas Anderem... Er hat einen Brief hinterlaſſen, ich hoffe, es ſteht nichts darin, was uns blosſtellen könnte.—Ah! zum Beiſpiel!.. was Teu⸗ fels ſollte er denn gegen uns geſchrieben haben!.. er war 3 zudem nicht boshaft!“ „Komm doch, ich bin begierig, zu ſehen, was man auf ſein Kreuz geſetzt hat.. dort unten muß es ſein...am Ende.ein Bauer hat mir den Ort bezeichnet. Komm doch, Theodor!“ Salomon zieht Theodor bis zur Stelle fort, wo derjenige ruht, den ſie Tags zuvor zum Verbrechen angetrieben hatten. Beide buͤcken ſich, um das Kreuz anzuſehen; Salomon blaͤst eine Rauchwolke darnach aus. „Es iſt nichts darauf,“ ſagt Theodor;„wir wollen fortgehen.. die Kirchhofe machen mich traurig.“ „Bei Gott! Du biſt ſehr gefuͤhlvoll. Im Ganzen hat Follard wohl daran gethan, daß er ſich umbrachte! er war ein Menſch ganz ohne Geiſtesgaben!— Nun, Sa⸗ — 47 lomon, gehen wir?— Verfluchter Tabak! gluͤcklicher⸗ weiſe iſ es der letzte!“ 3.. und dieſe Herren verlaſſen den Kirchhof, ohne dem Andenken ihres Freundes eine andere Theilnahme zu weihen. Viertes Kapitel. Eine Erinnerung an Clementine. und auch ich habe mich von dem Kirchhofe entfernt, aber erſt nachdem ich dieſe beiden Menſchen habe vorangehen laſſen, denen ich auf meinem Lebenswege nicht mehr zu begegnen hoffe. Ziemlich traurig komme ich nach Boiſſy⸗ Saint⸗Léger zuruͤck; der Tod von Adelens Vetter hat mich nachdenklich gemacht; ich moͤchte wiſſen, was der ungluͤckliche junge Mann an meinen Vater hat ſchreiben konnen; wahrſcheinlich ein trauriges Lebewohl, Gewiſ⸗ ſensbiſſe uͤber das vergangene Leben und einige jener ſchonen Gedanken, die man im Augenblick des Sterben findet, vorher aber nie gehabt hat. Alles, was ich in Gros⸗Bois mit angeſehen, muß ich der Madame Dubinet noch einmal erzaͤhlen, alle Commentare und Betrachtungen, welche Herrin und Dienerin daruͤber machen, anhoren, endlich auch noch die des alten tauben Nachbars und der beiden alten Jungfern. Acht Tage lang ſpricht man von nichts Anderem, was mir langweilig zu werden und den Aufent⸗ halt auf dem Lande zu entleiden anfaͤngt. Ueberdies iſt einer der Beweggruͤnde, die mich von Paris entfernten, nicht mehr vorhanden: ich werde der Frau von Harle⸗ 48 ville dort nicht mehr begegnen, weil ſie, Gott weiß wohin, abgereist iſt. Ich fuͤrchte alſo nur noch eine Frau oder vielmehr, ich brenne, ſie wieder zu ſehen; doch kann ich den Gedanken nicht ertragen, ſie wieder mit einem Andern zu treffen; ich denke zuruͤck, was ich empfand, als ich ſie mit jenem Manne an mir vor⸗ uͤbergehen ſah, der ſie am Arm fuͤhrte. Ach! wenn die Menſchen, die nach Macht und Groͤße ſtreben, durch den Verluſt ihres Rangs verletzt werden, ſo gibt es fuͤr ein liebendes Herz noch tiefere Leiden, die alle Genuͤſſe des Reichthums nicht zu erſetzen vermoͤgen. Ich bin noch unentſchloſſen, was ich thun ſoll, als Darbois eines Morgens bei ſeiner Muhme ankommt. Nachdem er Madame Dubinet umarmt, ein Glas Malaga getrunken und der Magd befohlen hat, fuͤr den Mit⸗ tagstiſch einen Reiskuchen zu machen, kommt mein Col⸗ lege zu mir: „Ei nun! mein lieber Arthur, es iſt alſo ausge⸗ macht, Du bleibſt Landbewohner?— Ich weiß nicht... Ich bin es nun ſchon lange!— Ich wette, Du haſt zwei oder drei Theaterſtuͤcke und fuͤnf oder ſechs Baͤnde hier geſchrieben?— Nicht ganz, aber...— In der That, es muß ſich hier ausnehmend gut arbeiten, kuͤnftiges Jahr werde ich den Sommer hier zubringen.— Du haͤtteſt dieſen Herbſt kommen und mit mir arbeiten ſollen.— Die Jahreszeit iſt zu ſehr vorgeruͤckt: man muß hier mit den Huͤhnern aufſitzen!— Und was bringſt Du Neues aus Paris?— Man baut Trottoirs. — Darnach frage ich Dich nicht; vom Theater? von der Literatur?— Man verkauft Journale bei dem 49 Baͤcker und Romane zu vier Sous.— Doch... was mich intereſſirt, biſt Du in meiner Wohnung geweſen? — Ah! ja wahrhaftig! Sieh doch! Du erinnerſt mich daran; Deine Pfoͤrtnerin und ihr Mann, wohl das haͤßlichſte Paar, das ich je geſehen, haben mich beauf⸗ tragt, Dir zu ſagen, daß eine Dame ſich mehrmals nach Dir erkundigt habe.— Eine Dame, und haben ſie Dir geſagt, wie ſie ausſieht?— Ah! ſie haben ſie nach ihrer Weiſe geſchildert, eine junge Dame, die etwas kraͤnklich ſcheint, wahrſcheinlich, weil ſie keine ſchreiende Farbe hat.— Weiter!— Weiter? meiner Treu, dies iſt Alles, was ſie mir geſagt haben.— Aber ſie, hat irgend etwas ſagen muͤſſen.— Ja! ſie hat Deine Adreſſe verlangt, ſie wollte durchaus wiſſen, wo Du ſeieſt. Sie haben ſich aber wohl gehuͤtet, es ihr zu ſagen, weil ſie es nicht wußten.— Hat ſie ihren Namen nicht angegeben?— Ich glaube nicht, ſie hat aber eine Karte zuruͤckgelaſſen, ein kleines Papier, glaube ich..— Ah! gib, gib ſchnell...— Ich hab's nicht genommen, aus Furcht es zu verlieren.— Ach! Darbois, das iſt ab⸗ ſcheulich, ſo wenig gefaͤllig zu ſein, ich hatte Dich ſo ſehr gebeten, mir zu uͤberbringen, was man Dir einhaͤndigte. — Mein lieber Freund, ich muß Dir geſtehen, daß Dein Pfoͤrtner und ſein Frau immer ſo nach Zwiebeln riechen, daß ich meine Geſpraͤche mit ihnen ſo viel als moͤglich abkuͤrze, ich bin ſicher, jedesmal zu weinen, wenn ich ſie verlaſſe.— Wenn es Clementine waͤre, ja, eine innere Stimme ſagt es mir. Darbois, ich folge Dir, ich kehre mit Dir nach Paris zuruͤck.— Bah! wahrhaftig, deſto beſſer!— Wir wollen augenblicklich abreiſen.— Paul de Kock. IV. 4 50 O nein! das waͤre? wir reiſen nach dem Eſſen; ich habe einen Reiskuchen beſtellt, und es ließe ſehr unhoͤflich, wenn ich nichts davon genoſſe.— Ahl wuͤßteſt Du, wie ungeduldig ich bin, zu erfahren, wer jene Frau iſt, die nach mir fragte!— Ei! mein Gott! Du erfaͤhrſt es dieſen Abend! bis dahin wird dieſe Dame nicht aus der Welt fliegen. Das iſt alſo der Mann, der dem ſchoͤnen Geſchlechte ewigen Haß ſchwur, und ſeinen Entſchluß ſo ſchnell aͤndert, weil eine Dame ein Stuͤckchen Papier bei ſeiner Pfoͤrtnerin niederlegte.— Ach! Darbois, weil... — Weil Du keinen Charakter haſt. Siehſt Du, wenn ich ſage, iche wolle Dies oder Jenes nicht mehr thun, ſo halte ich meinen Schwur; ich habe z. B. geſchworen, keine Hummern mehr zu eſſen, ich wuͤrde auch keinen Mund voll mehr nehmen! es iſt wahr, ſie machen mir uͤbel.“ Ich treffe meine Vorbereitungen, um das Land zu verlaſſen, die gute Madame Dubinet zankt mit ihrem Neffen, weil ſie vermuthet, er ſei die Urſache meiner Abreiſe; um ſie zu beruhigen, verſprechen wir ihr, beide in der ſchonen Jahreszeit wieder zu kommen und einen ganzen Monat zu bleiben. Ich gebe mir Muͤhe, das Eſſen bald zu beendigen! ich mag aber bei Tiſche ſagen, was ich will, Darbois ißt darum nicht ſchneller: er meint, er brauche nicht zu erſticken, um mir angenehm zu ſein; ja er laͤßt es ſich ſo wohl ſchmecken, daß er dreimal Reiskuchen fordert. Endlich iſt das Eſſen voruͤber; wir verabſchieden uns und ſteigen in den Wagen; es draͤngt mich jetzt eben ſo ſehr, wieder in Paris zu ſein, als fruͤher, daſſelbe 8 51 zu verlaſſenz aber die Kukukspferde,“ die uns fuͤhren, kommen meiner Ungeduld nicht zu Huͤlfe. Zur Nacht⸗ zeit erreichen wir Paris. Ich verlaſſe Darbois, laſſe mich vor mein Haus bringen und trete haſtig vor das Fenſter meines Pfoͤrtners. Das zaͤrtliche Ehepaar ſtoͤßt bei meinem Anblick einen Schrei der Verwunderung aus: „Ah! Herr Arthur! ah! nun, wahrhaftig, das haͤtte ich nicht vermuthet, wenn wir an Jemand dachten, ſo war es gewiß nicht an Sie! Meiner Treu, nein, Sie kommen wie eine wahre Bombe daher!— Sagen Sie, haben Sie mir Etwas zu uͤbergebens— Ah! ja, da ſind Karten..— Das meine ich nicht; eine Dame iſt hier geweſen, mehre Male, wie man mir ſagt, und hat ein Papier oder einen Brief fuͤr mich da gelaſſen?— Eine Dame.. fuͤr Sie?— Haben Sie's nicht zu Dar⸗ bois geſagt? hat er's erdichtet?— Ach ja, eine kleine Dame. das heißt, nicht zu klein... mager...— O nicht zu mager, wie meine Frau, aber ſehr blaß, als wenn ſie Magenleiden haͤtte..— Nun! kurz, dieſe Dame hat einen Brief hier gelaſſen?— Ja, ja, jetzt faͤllt es mir ein, wie ſie zum zweiten Mal kam.. und als ich mich wieder weigerte, ihr zu ſagen, wo der Herr waͤre... was ihr nicht lieb zu ſein ſchien, ging ſie fort, kam hierauf mit einem Briefe wieder, wobei ſie ſagte: Weil man ihn * Aus allen Orten der Umgegend von Paris kommen taͤglich ſogenannte Kukuk's zum Dienſt der Wanderer nach Paris; dieſe Kukuke ſind ſchreckliche Rumpelkarren in alterthuͤmlichem Schlage, oft zierlich bemalt; ſie ruhen auf zwei Raͤdern und ſind in der Regel mit rechten Maͤhren beſpannt. Anm. d. Ueverſ. 52 nicht mehr ſehen kann, ſo hoffe ich, daß man ihm wenigſtens dieſes uͤbergeben wird.— Nach dieſem Billet nun frage ich ſeit einer Stunde!— Das Billet... ſag' einmal, Frau, was haſt Du mit dem Briefchen ange⸗ fangen?— Du nahmſt es dieſen Morgen, um es Herrn Darbois zu geben— Ganz richtig, ich hab' es Dir wieder gegeben.— Ei, warum nicht gar...— Gerade als ich mit meinem Papagei beſchaͤftigt war und Du die Milch im Ofen ſieden ließeſt...— Ja, und ich habe Papierſpaͤne von Dir verlangt, um mein Feuer anzu⸗ machen..— Da haſt Du auch das Billet wieder genom⸗ men.— Dummheiten, Du haſt mir nur Papierſpaͤne gegeben, mit denen ich das Feuer im Ofen wieder an⸗ zuͤndete...“ Ich entnehme daraus, daß der Brief, den ich ſo ſehnlich wuͤnſchte, und deſſentwillen ich nach Paris ge⸗ kommen bin, meinem Pförtner zum Milchſieden gedient hat. Ich bin wuͤthend, ſtoße, verruͤcke und werfe in der Loge des Pfortners Alles durcheinander, ich will durch⸗ aus dieſen Brief wiederfinden, ich will nicht verſtehen, daß der Brief verbrannt ſei, ich will ihn zu meiner Be⸗ ruhigung. Meine Pfortnerin wiederholt mir ohne Unter⸗ laß:„Mein Herr, es war nur ein ganz kleines Briefchen, ol ganz duͤnn; es konnte unmoͤglich etwas Wichtiges darin ſtehen!“ 3 Als ich ſehe, daß alle meine Nachforſchungen ver⸗ geblich ſind und der Brief in der That verbrannt iſt, laſſe ich mir, nach einem derben Verweis an meinen Portier, Geſicht, Wuchs und Anzug jener Dame aufs Genaueſte beſchreiben, und was man mir ſagt, befeſtigt 53 noch meine Ueberzeugung; ich zweifle nun nicht mehr⸗ daß es Clementine war. Mich zu beſuchen! ſollte ſie mich noch lieben? Iſt es nur eine Hoflichkeits⸗ oder Freundſchaftserinnerung? ihr Brief haͤtte mich daruͤber belehrt, und er iſt ver⸗ loren! Ich weiß nicht, was ich thun ſoll, ich brenne vor Sehnſucht, Clementinen wieder zu ſehen, wenn ich mich aber taͤuſchte, ſtatt einer leidenſchaftlichen Geliebten nur eine liebenswuͤrdige Frau faͤnde? Ach! es waͤre nicht mehr meine Clementine von fruͤher, und ich glaube, es wuͤrde beſſer ſein, ſie nicht wieder zu ſehen. Sie hat ihren Namen nicht genannt, wie ſoll ich nach ihr fragen? Was liegt daran? ich weiß, wo ſie wohnt, werde das Haus wohl wieder erkennen. Morgen gehe ich hin, ich muß ſie finden, und werde augenblick⸗ lich in ihren Augen leſen, ob ſie meine Gegenwart wuͤnſchte. Aber der junge Mann, dem ſie den Arm gab, ach! dieſe Erinnerung durchkreuzt auf traurige Weiſe meine Hoffnungen! ich will ſie verſcheuchen und ſie kommt immer wieder. Sieht ſie den jungen Mann fortwaͤhrend? ich weiß es nicht, und bin ich am Ende gewiß, daß ſie ihn uͤberhaupt liebte, ach! wie gerne mochte ich es nicht glauben! Armer Adolph, uͤber den ich mich auf der Inſel Saint⸗Denis luſtig machte! Ich bin nicht gerade ganz in deiner Lage, fange aber an zu begreifen, daß man an der Mittagshelle zu zweifeln ſuchen koönnte, wenn dieſe Helle uns ſchmerzt. Um meinen Abend hinzubringen, ſuche ich in mehren Theatern Zerſtreuung. Im Theater Porte⸗Saint⸗Martin befinde ich mich wieder neben Adolph und Julien; ſie ſind in einer Loge, gerade zur Seite der meinigen. Ich bin keineswegs uͤberraſcht, Adolph wieder bei ſeiner Unge⸗ treuen zu ſehen; ich waͤre weit mehr erſtaunt, wenn er ſie zu beſuchen aufgehoͤrt haͤtte. Ddiesmal gruͤßt mich Adolph freundſchaftlich, ſo wie er mich erblickt; weit entfernt, ſich zu verbergen, ſcheint er vielmehr darauf ſtolz zu ſein, daß ihn Jedermann mit ſeiner Geliebten ſehe. Ich finde, daß er hierin Recht hat: wenn man Dummheiten macht, muß man ſie offen machen; dies iſt oft das Mittel, weniger damit in's Laͤcherliche gezogen zu werden. Madame Ulyſſe ſcheint mir bedeutend zugenommen zu haben. Irre ich nicht, ſo iſt dieſe Dickheit nur vor⸗ uͤbergehend, Julie iſt in der Hoſ zung; wenn ich es auch nicht an der Taille geſehen hatte, wuͤrde ich es doch aus ihren Mienen, aus ihrem beſonderen Weſen errathen. Madame ſcheint keine Bewegung machen zu konnen, aus Furcht vor einer Verletzung, ſie nimmt fuͤr ſich allein den Vorderſitz einer Loge ein, und noch ſcheint ſie nicht Platz genug zu haben. Adolph bildet ihr mit ſeinen Knieen einen Lehnſtuhl, trotz dem hoͤrt ſie nicht mit ihren Klagen auf. Ich hoͤre, wie ſie mit ganz ſchleppender Stimme ihn anſpricht, als ob auch das Reden ſie angreife. 3 „ Mein Gott! wie unbequem iſt man hier! wie hart ſind dieſe Baͤnke!— Was willſt Du? meine theure Freundin, in allen uͤbrigen Logen ſind ſie ohne Zweifel ebenſo. Auf dem erſten Platze ſollte man doch gut ſitzen; ich habe denjenigen genommen, den Du gewollt haſt.— — Ich ſage es noch einmal, man ſitzt hier erbaͤrmlich!— Ei! willſt Du's mit einer andern Loge verſuchen?— O! ich glaube, es wird umſonſt ſein.— Soll ich Dir von der Logenaufſchließerin ein Kiſſen holen?— Wie dumm biſt Du doch! warum nicht gleich einen bepolſterten Leib⸗ ſtuhl, damit man glaubt, ich habe Haͤmorrhoiden?— Sei doch nicht boͤſe, ich bot es Dir an, um.. Haſt Du genug an einer Bank? willſt Du zwei? Du langweilſt mich, laß mich in Ruhe.“ Adolph ſchweigt und ruͤhrt ſich nicht; denn da ſeine Kniee als Arme eines Lehnſtuhls dienen, ſo koͤnnte Ma⸗ dame belaſtigt werden, wenn er ſich nur eine Bewegung erlaubte. Nach ein paar Minuten faͤngt Julie wieder an: „Ah! wie hart ſind Deine Kniee, Du haſt ſpitzige Knochen, das druͤckt mich in die Seite.— Wenn Du willſt, ziehe ich ſie zuruͤck.— Ei, freilich! dann fiele ich ruͤckwaͤrts, oder lehnte mich vornen an die Loge, nicht wahr? um meinem Kinde die Naſe einzuſtoßen?— Ich meine es nicht ſo... weil Du Dich aber beklagteſt..— Au! au!— Was haſt Du?— Au!— Ach mein Gott! ſoll ich den Accoucheur holen?— Soll ich gar im Theater niederkommen?— Ja, es ſah aus, als wenn Du.als wenn es Dich..— Als wenn! als wenn! ach! man ſieht wohl, daß Du nicht mit einer Frau in meiner Lage umzugehen weißt.— Meiner Treu, das iſt richtig, Du biſt die erſte, welche ich mir ſchmeichle zu.— Au! — Wieder? mein Gott! liebe Freundin, hat es ſich bewegt?— Geh zum Henker! Du machſt mich unge⸗ duldig.— Aber, meine liebe Freundin...— Hole mir etwas zu eſſen, ich habe ein Geluſte nach Seekrebſen. 56 3 Nach Seekrebſen?... und wo Teufel ſoll ich hier welche finden?— Ich will Seekrebſe, mein Herr, ich will, ich muß haben, es iſt ein Geluͤſte, bedenken Sie, wie ge⸗ fäͤhrlich es iſt, die Geluͤſte einer Frau in meinen um⸗ ſtaͤnden nicht zu befriedigen!— Werde nicht boͤſe, ich laufe, wenn es ſein muß, bis zum Viktualienhaͤndler des Boulevard Poiſſonnièére..— Geh, wohin du willſt, nur muß ich welche haben.— Ich glaubte, im Theater eſſe man keine.— Eine Frau in meinen Umſtaͤnden ißt Alles und uͤberall; das iſt nie laͤcherlich... Au! au!— Ich eile fort, theure Freundin.“ 8 Und Adolph, im Wahn, Julie köonnte mit einem Seekrebſe niederkommen, wenn er ſich nicht beeile, ihre Laune zu befriedigen, wartet den Zwiſchenakt nicht ab, ſetzt uͤber die Baͤnke und rennt aus der Loge, als ob er ſich in eine engliſche Fallgrube ſtuͤrzte. Madame Ulyſſe benutzt ihre Macht uͤber ihren jungen Geliebten auf ſchreckliche Weiſe; aber ſie thut wohl daran; wenn ein Mann ſeiner Geliebten verzeiht, was er ihr verziehen hat, ſo kann ſie ſich Alles erlauben; ihre Macht nimmt durch all' die Thorheiten, die man fuͤr ſie begangen hat, nur immer zu. Nach dem Stuͤcke gehe ich, und laſſe Julien in der Nebenloge jeden Augenblick eine andere Stellung anneh⸗ men, wobei ſie mehr oder weniger Geſichter ſchneidet. An der Ecke des Boulevard wirft ſich ein Mann in vollem Laufe auf mich: Adolph iſt es, mit einer Duͤte voll Seekrebſen in der Hand. „Ah! Verzeihung, mein Herr.. ei ſeht! es iſt Herr Arihi.„Sie verlaſſen das Theater?— Ja; und Sie 57 kehren dahin zuruͤck?— Ich will Julien das hier bringen, es iſt ein Geluͤſt von ihr, und in ihren Umſtaͤnden muß man ſie zufriedenſtellen. Mein lieber Herr Arthur, ich kann Ihnen ſagen, daß ich jetzt der gluͤcklichſte der Menſchen bin!— Das freut mich ſehr.— Erſtlich bin ich, wie Sie geſehen haben, mit Julien wieder aus⸗ geſohnt, es hat mich Muͤhe gekoſtet, o! ſie wollte nicht! ich mußte ihr drohen, daß ich mich im Kohlendampf erſticken wuͤrde. Endlich iſt's gelungen, wir leben wie die Tauben. Welch ſanftmuͤthigen Charakter ſie hat! Nur in dieſem Augenblick iſt ſie etwas veraͤndert. Wiſſen Sie, ich werde Vater werden!— Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck dazu.— Meiner Treu, ich bin ganz ſtolz darauf! ich ſinge den ganzen Tag die Arie von der Kindes⸗ liebe. Das brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, daß Julie allen Verdacht hinſichtlich des Vorfalls auf der Inſel Saint-Denis mir benommen hat, ich war von Eiferſucht verblendet. Uebrigens iſt dieſer Theodor ein ſchlimmer Patron! ein Taugenichts! Julie hat mich ermaͤchtigt, ihn umzubringen, wo ich ihn faͤnde, aber der Schurke weicht mir ohne Zweifel aus, denn ich habe ihn gewiß nicht wieder geſehen... Ach! mein Gott! und Julie wartet auf die Seekrebſe, und ich, ich dachte nicht mehr daran...Verzeihen Sie, Herr Arthur, wenn 1 ich Sie ſo ploͤtzlich verlaſſe.“. Und Adolph eilt davon, ohne nur ſeinen Satz zu beendigen. Ich laſſe ihn gehen und kehre nach Hauſe zuruͤck; ich habe Doſigny und ſeine Geliebte bereits vergeſſen und denke nur noch an Clementinen, die ich morgen zu ſehen gedenke. Nichts iſt weniger liebens⸗ 58* wuͤrdig in der Welt, als ein Verliebter; ſprechet mit ihm, was ihr wollt; ſagt ihm die intereſſanteſten Dinge; ihr glaubet, er hoͤre euch zu, weil er ſchweig⸗ ſam und ſtumm vor euch ſitzt; er iſt jedoch ganz von ſeiner Liebe eingenommen, und nach Verlauf einer Mi⸗ nute weiß er kein Wort mehr von dem, was ihr ihm geſagt habt. Ddie ganze Nacht denke ich an Clementinen, an das Vergnuͤgen, ſie wieder zu ſehen; je mehr ich mich an ihr Benehmen gegen mich erinnere, an die zahlreichen Beweiſe ihrer Liebe, an die Opfer, die ſie mir gebracht hat, um ſo mehr wundere ich mich, wie ich ſo leicht⸗ ſinnig glauben konnte, daß ſie mich nicht mehr liebe. Welchen Beweis hatte ich denn davon? Ihr Vergeſſen. Was beweist mir aber, das ſie mich vergeſſen hatte? konnte ſie nicht denken, ich liebe eine Andere, waͤhrend ſie mich fortwaͤhrend liebte? War dies kein hinreichender Grund, mir keine Nachricht mehr von ſich zu geben? beſonders nach der ſo gar nicht liebenswuͤrdigen Weiſe, wie ich mich bei ihrem letzten Beſuch gegen ſie benommen habe? Ich habe ſie auf der Straße getroffen, als ſie eben einem jungen Manne den Arm gab, und daraus den Schluß gezogen, daß dieſer junge Mann ihr Ge⸗ liebter ſei. Heißt das nicht ein wenig voreilig urtheilen? kann ein Frauenzimmer nicht mit einem Manne aus⸗ gehen, ohne daß eine innige Verbindung zwiſchen ihnen beſteht? Gewiß, ich habe hundertmal Beweiſe vom Ge⸗ gentheil erlebt. Warum habe ich doch ſogleich an die Unbeſtaͤndigkeit Clementinen's geglaubt? O! ich hatte unrecht.. Alles ſagt mir jetzt, daß ich Unrecht hatte. 6. —— —— 59 Sie hat ſich beſonnen, ſie wuͤnſcht mich wieder zu ſehen, ſie liebt mich noch immer, ich werde meine Clementine von ehemals wieder finden und mein Gluͤck weit inniger fuͤhlen; denn wenn man Diejenigen, die man liebt, zu verlieren fuͤrchtet, da fuͤhlt man erſt, wie theuer ſie uns ſind. um zehn Uhr Morgens halte ich es nicht mehr aus. Ich gehe nach Clementinen's Hauſe; es iſt noch ſehr fruͤhe; ſie gehoͤrt aber nicht zu jenen ſchoͤnen Damen, die erſt ſichtbar ſind, wenn ihre Toilette vollig beendigt iſt; ſie zeigt ſich prunklos in einem einfachen Haus⸗ kleide, und ſolche Damen ſind gewoͤhnlich fruͤh auf. Den Namen der Straße, in die ich mit Herrn Lubin gegangen bin, kenne ich nicht, ich bin jedoch nicht in Verlegenheit, ſie wiederzufinden, und diesmal ſehr erfreut, daß ich den Gelehrten nicht bei mir habe. Ich waͤre nun darin; ol ich erkenne dieſe Straße, da iſt auch das Haus, das ſie bewohnt, mein Herz ſchlaͤgt, als ginge ich zum erſten Stelldichein, ach! fuͤr mich iſt es weit mehr! Ein erſtes Rendezvous i*ſt haͤufig nur ein erſtes Vergnuͤgen, das ein zweites bald in Vergeſſenheit bringt; wenn es ſich aber um eine alte Freundin handelt, um eine Frau, welche man nicht erſetzen kann, erwartet unſer Herz ein Gluͤck fuͤr das ganze Leben. In welchem Stock wohnt ſie? Ich kenne ihren gegen⸗ waͤrtigen Namen nicht, wie? ſoll ich den Pfoͤrtner fragen? Treten wir ſchnell ein, und ohne anzuhalten, vielleicht fragt man mich nicht, wohin ich gehe. Ich gehe kuͤhn durch das Hofthor am Pfortner vor⸗ uber und laufe ſchon nach der Treppe, als mir eine 60 Stimme zuruft:„Wo gehen Sie hin, mein Herr?“ Ich bleibe ſtehen, denn ich will doch nicht das An⸗ ſehen eines Diebes haben, und ſtottere:„Ich will, ich will.. zu der Dame... Sie wiſſen wohl... zu der jungen Dame, die allein wohnt, Madame... mein Gott! der Name entfaͤllt mir immer; Madame... Madame Clementine... De.. Des.. „Clementine Desmares, alſo— Ganz recht, Ma⸗ dame Clementine Desmares.— Nun ja, aber man ſagt doch, wohin man geht, man geht nicht ſo wie ein Schwaͤrmer an dem Pfortner voruͤber...Sie wiſſen, im dritten Stock, die Thuͤre links..— Ja, ja, ich weiß, ich danke Ihnen.“ Jetzt erinnere ich mich, daß Desmares der Fami⸗ lienname Clementinen's iſt, ich haͤtte errathen ſollen, daß ſie dieſen wieder fuͤhrte. Gleichviel jedoch, ich bin ja ſicher, daß ſie hier im dritten Stocke wohnt; ich gehe hinauf, aber langſamer, denn meine Bruſt droht zu zerſpringen. Die Annaͤherung eines großen Ver⸗ gnuͤgens hindert uns immer am Athmen. Im zweiten Stocke angelangt, hoͤre ich eine Treppe weiter oben eine Thuͤre oͤffnen und reden. Ich bleibe ſtehen, in der Meinung, Clementine werde ausgehen.. Der Redende iſt ein Mannz ich vernehme die Worte: „Auf Wiederſehen, meine liebe Freundin, ich werde ſo bald als moͤglich wiederkommen.“ Hierauf wird gekuͤßt; o! man kuͤßt einander zu wiederholtenmalen ſehr zaͤrtlich; eine Thuͤre wird zuge⸗ worfen und ich hoͤre die Treppe herabkommen. Unbeweglich bin ich auf der Hausflur des zweiten 61 Stocks ſtehen geblieben. Ich fuͤhle einen eiſigen Fieber⸗ ſchauer, und doch brennen meine Wangen und mein Kopf iſt wie Feuer. Ein junger Mann kommt die Treppe herab. Ach! er iſt es, es iſt der Näͤmliche, den ich Clementinen am Arm fuͤhren ſah, er kommt von ihr, um zehn Uhr Morgens, und der Schall ihrer Kuͤſſe toͤnt noch in meinem Ohre wieder! und ich ſchmeichelte mir und ſuchte mich noch zu uͤberreden, daß ich Unrecht habe, zu denken, er ſei Elementinens Geliebter. Dieſer Herr geht an mir voruͤber, greift an ſeinen Hut und ſetzt ſeinen Weg die Treppe hinab fort. Wie eine Bildſaule bleibe ich auf das Gelaͤnder geſtuͤtzt ſtehen; dies iſt zu viel in dem Augenblick, wo ich das Gluͤck wieder zu finden hoffte. So bleibe ich einige Augenblicke, niedergebeugt von der Laſt meiner Schmerzen; dann raffe ich meinen Muth zuſammen, errothe uͤber meine Schwaͤche und gehe eilends die Treppe hinab. Jetzt iſt es unndthig, daß ich ſie wieder ſehe. Die Treuloſe! in mein Haus zu kommen, wenn ſie einen Andern liebt! Es geſchah alſo, um mit ihrer Unbeſtaͤndigkeit zu prunken, ſich an meinem Kum⸗ mer zu weiden! dies Vergnuͤgen ſoll ihr aber nicht wer⸗ den! Ich ſchwore, ſie wird mich nicht wieder ſehen. Ich verlaſſe dieſes Haus, in das ich ſo gluͤcklich ge⸗ treten war, das Herz ſo voll von ſuͤßen Erinnerungen. Wohlan! ich muß dieſe Gedanken verſcheuchen; ich war doch recht einfaͤlltig, daß ich glaubte, man ſei mir treu geblieben! Sonderbar, bei der Liebe, wie bei der Eigen⸗ liebe, bringt die Erfahrung beinahe niemals Nutzen! 62 Mehre Tage hindurch beſuche ich die große Welt, Abendgeſellſchaften und Zirkel; ich will mich zerſtreuen, betaͤuben; aber mitten in den Vergnuͤgungen trage ich ein trauriges Geſicht mit herum, das mich fortwaͤhren⸗ den Angriffen ausſetzt. Ich weiß mich nicht zu beherr⸗ ſchen und mein Gefuͤhl zu verhuͤllen. Wenn ich lachen will, ſo fange ich mit Seufzen an. Eines Morgens begegne ich Darbois, der zu mir ſagt:„Ich wollte zu Dir, Abſchied nehmen.— Wohin gehſt Du?— Nach Italien. Eine Luſtreiſe mit einem reichen Englaͤnder, auf gemeinſchaftliche Koſten; Mylord wird aber Alles bezahlen. Er hat einen guten Wagen, eine Kaleſche; man ſtreckt ſich, iſt ganz behaglich. Ich werde ſieben oder acht Stucke unterwegs machen; uͤberall finde ich Stoff. In ſechs Monaten haben wir ganz Italien geſehen. Willſt Du mit uns gehen?— Was wuͤrdeſt Du ſagen, wenn ich es annaͤhme?— Ich waͤre daruͤber entzuͤckt, auf Ehre!— Aber, Dein Mylord?— Er iſt ein guter Kerl, und vorausgeſetzt, daß man ihn zum Lachen bringt, iſt er gluͤcklich wie ein Koͤnig.— Ich wuͤrde aber meine Koſten bezahlenz ich litte es nicht, daß Dein Englaͤnder mich freihielte.— Du magſt bezahlen, was Dir beliebt; man iſt frei. Ich hindere Andere nie am Zahlen. Laß horen, bleibt es da⸗ bei? gehſt Du mit uns?— Abgemacht! Ich hole mir auf der Stelle einen Paß.— Bravo! das iſt herrlich! Und ich will Lord Beef benachrichtigen, daß wir unſerer Drei, ſtatt nur Zwei ſind. O! aber wir wollen Stuͤcke unterwegs machen!— Auf wann die Abreiſe?— Mor⸗ gen Abend um ſechs Uhr, hier iſt die Adreſſe von mei⸗ nes Englaͤnders Hotel; laß dein Gepaͤck dorthin bringen.“ 5— — 63 Den andern Tag bin ich puͤnktlich beim Stelldichein; und fuͤnf Minuten nach ſechs Uhr reiſe ich in einer guten bedeckten Kaleſche mit Darbois und Lord Beef, den ich zum erſten Mal ſehe, von Paris ab. Fünftes Kapitel. Reiſe und Heimkehr. Eine Erklaͤrung. Es gibt nicht leicht einen Kummer, der den Zer⸗ ſtreuungen einer Reiſe widerſtuͤnde; verſcheucht ſie ihn nicht vollig, ſo gelingt es ihr wenigſtens immer, ihn zu vermindern; Luft und Ortsveraͤnderung bringt durch Belebung des Geiſtes oft die Geſundheit wieder und ruft die Froͤhlichkeit, welche die moraliſche Geſundheit iſt, zu⸗ ruͤck. Es ſcheint zuweilen, als ſei unſer Kummer und unſer Leiden an die Waͤnde gebunden, die uns umgeben; wenn wir ſie verlaſſen und aus dem Geſichte verlieren, iſt es uns ſchon leichter. Ich empfinde den gluͤcklichen Einfluß des Reiſens. Nach Zuruͤcklegung der erſten Stationen athme ich ſchon leichter auf; noch einige Meilen, und ich fange an, uͤber die Einfaͤlle Darbois und unſeres Reiſegefaͤhrten zu lachen. Lord Beef iſt ein Englaͤnder voll phyſiſcher Kraft; groß, dick, hellblond, mit großen hervorſtehenden Augen und hohen, bis an die Kniee reichenden Kamaſchen. An⸗ fäanglich hat er meine Begruͤßung, beim Einſteigen in den Wagen, ziemlich kalt aufgenommen. Nach und nach jedoch klaͤrt ſich ſeine Miene auf und er macht mir ein freundliches Geſicht. Ich theile Darbois meine Betrachtungen mit und er 64 erwidert mir:„Als Du in den Wagen ſtiegſt, ſahſt Du aus wie Einer, der das Zeitliche geſegnen will, und dies ſchien Mylord keine gute Vorbedeutung, denn er wuͤnſcht eine Vergnuͤgungsreiſe zu machen; nun heiterſt Du Dich auf, laͤchelſt, wirſt liebenswuͤrdig, da aͤndert Mylord ſeine Meinung von Dir und wird gleichfalls vergnuͤgt; be⸗ greiffſt du?— Vollkommen; dein Lord Beef hat aber noch nichts geſprochen, verſteht er nicht Franzoͤſiſch?— Er verſteht es nicht ſehr gut, und weiß nur ſehr wenig Worte, ebendeßhalb haͤlt er viel auf den Ausdruck der Phyſiognomien. Warte, ich will ihn zum Sprechen bringen. Darbois wendet ſich an Lord Beef und klopft ihm auf das Knie, indem er ihn fragt:„Nun, Mylord ſtehts immer gut mit Ihrer werthen Geſundheit?“ „Salut, Monſieur!“ erwidert der Englaͤnder, indem er mit dem Kopfe winkt und meinem Kollegen freundſchaftlich die Hand druͤckt; dieſer faͤhrt fort:„Sind wir in guter Diſpoſition fuͤr das Fruͤhſtuͤck, Mylord? — Bonjour, Monſieurl“ erwidert der Englaͤnder, Darbois aufs Neue die Hand ſchuͤttelnd. „und werden wir auf der Reiſe viele Eroberungen machen, wie wir uns verſprochen haben?“ „Bonſoir, Monſieur!“ antwortete Lord Beef, indem er diesmal die Hand meines Freundes loslaͤßt. „Wohlan! was ſagſt Du dazu? ich hoffe, Du findeſt es huͤbſch, ſagt Darbois, ſich in die Lippen beißend, waͤh⸗ rend er mich anſieht. Dies iſt ohngefaͤhr Alles was er Franzöſiſch verſteht, er bringt es aber ſehr geſchickt an. — Wiel nichtswuͤrdiger Luͤgner, dies iſt der Mann, mit dem Du allein eine Luſtreiſe machen wollteſt?— Und 65 warum nicht? ich ſpreche fuͤr zwei, und Mylord ißt fuͤr viere; ich verſichere Dich, er iſt ein ſehr angenehmer Reiſegefaͤhrte, ein vortrefflicher Mann uͤbrigens, der im⸗ mer vergnuͤgt iſt, wenn man nur heiter ausſieht und einen guten Appetit hat.— Trotz deſſen kommt mir ſeine Unterhaltung nicht ſehr geiſtreich vor!— Du wirſt Dich daran gewoͤhnen.“ Wir haben die Straße nach Lyon eingeſchlagen. Darbois will die Apenninen und Piemont beſuchenz auf jeder Station wird er aber andern Sinnes, ſo daß wir am Abend nie wiſſen, welchen Weg wir am andern Morgen machen werden. Ich laſſe mich fuͤhren, denn es iſt mir hochſt gleichguͤltig, welcher Straße wir folgen oder durch welche Stadt wir kommen. Ich ſehe andere Orte, neue Landſtriche und dies iſt Alles, was ich wuͤnſche. Was Lord Beef betrifft, ſo antwortet er, wenn Darbois ihn fragt, ob er lieber Nizza oder Mailand ſehen wollte:„Bonſoir, Monſieur?“ 3 Iſt Darbois mit der Kuͤche einer Stadt zufrieden, ſo kann man ihn unmöglich wegbringen; mag ferner ein Ort auf unſerem Wege liegen, oder nicht, ſo wie man einige ſeiner Produkte ruͤhmt, muͤſſen wir ihn paſ⸗ ſiren. An dem einen bleiben wir acht Tage der Paſte⸗ ten wegen, an einem andern bringen wir vier des Wei⸗ nes wegen zu; da Darbois Wuͤrſte und geraͤuchertes Fleiſchwerk ſehr liebt, haͤlt er uns vierzehn Tage in Lyon hin, indem er ſtets einen neuen Vorwand zur Verzogerung unſerer Abreiſe zu finden weiß. Der arme Lord Beef hingegen, der weder Schweinskopfe noch ge⸗ raucherte Wurſte liebt, antwortet mit ſehr uͤbellauniſcher Paul de Kock. 1V. 5 „ 66 Miene ſein:„Bonſoir, Monſieur!“ wenn Darbois ihm etwas der Art anbietet, und kauderwelſcht dann einige Minuten lang in einem Jargon, den wir nicht verſtehen konnen; deſſen ungeachtet behauptet Darbois, daß My⸗ lord ſich in unſerer Geſellſchaft ſehr gut unterhalte und mit ſeiner Luſtreiſe ſehr wohl zufrieden ſei. Endlich langen wir in Mailand an. Waͤhrend ich die Stadt und Umgegend beſuche, Lord Beef mit großen Augen umhergeht und zu allen Perſonen, die ihn an⸗ ſehen: Bon ſoir, Monſieur! ſagt, verſchwindet Darbois, der wahrſcheinlich bei den Mailaͤnderinnen Stoff zu einem Stuͤcke ſucht, des Morgens nach dem Fruͤhſtuͤck und laͤßt mich den ganzen Tag mit Mylord allein. Un⸗ ter allen andern Umſtaͤnden wuͤrde mich das Betragen meines Kollegen, der die Sorge, ſeinem Englaͤnder Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten, auf mich gewaͤlzt und mir eine ſo ſon⸗ derbare Vergnuͤgungsreiſe bereitet hat, höchlich erzuͤrnen. Zum Gluͤck jedoch fuͤr Darbois ſind die Erinnerungen an Paris noch nicht ganz aus meinem Gedaͤchtniß ver⸗ bannt und da nichts mich hindert, in Lord Beef's Ge⸗ ſellſchaft allein zu denken, ſo kann ich ganz ungeſtoͤrt meinen Gedanken nachhaͤngen und mich im Geiſte nach Paris verſetzen, das ich ſo ploͤtzlich verlaſſen habe. Darbois fuͤhrt uns nach Florenz, nach Genua, nach Parma; mein Kollege hat eine große Vorliebe fuͤr die Macaronis gefaßt, und in den Staͤdten, wo man ſie am mei⸗ ſten nach ſeinem Geſchmacke bereitet, gibt es ſeiner Ver⸗ ſicherung nach eine Menge Merkwuͤrdigkeiten zu ſehen. Lord Beef, ein Liebhaber Alles deſſen, was man ihm fuͤr eine Merkwuͤrdigkeit ausgibt, wird nicht muͤde, 67 umherzugehen; ich aber fange an, muͤde zu werden, ihn zu fuͤhren und ſein Bonſoir oder Salut, Mon⸗ ſieur anzuhoͤren. Schon ſind wir vier Monate auf der Reiſe, das Vergnuͤgen ſcheint ſich ſehr in die Laͤnge zu ziehen, und ohne die Erinnerung an jene Kuͤſſe, welche ich ſo nahe bei mir geben und nehmen hoͤrte, haͤtte ich Darbois und ſeinen Englaͤnder bereits verlaſſen. Ver⸗ fluchte Kuͤſſe! ſo ſuͤß fuͤr einen Andern, fuͤr mich ſo ſchmerzlich! ich glaube ſie noch zu hoͤren! und dies hin⸗ dert mich an der Ruͤckkehr nach Paris. Wenn ich mit Clementinen zuſammentraͤfe, ſo ſcheint mir, koͤnnte ich mich nicht enthalten, ihr ihre Treuloſigkeit vorzuwerfen. und was wuͤrde mich dies helfen? es waͤre ebenſo ver⸗ geblich, als wenn ich ſie baͤte, mich fernerhin zu liebennn Darbois, der ohne Zweifel irgend eine ſchone Frau in Mailand zuruͤckgelaſſen hat, die er wiederzuſehen wuͤnſcht, fuͤhrt uns dahin zuruͤck, indem er verſichert, dies ſei der Weg nach Neapel, und als ich mich eines Morgens in der Stadt ergehe, bin ich nicht wenig erſtaunt, mich von demſelben jungen Manne angeredet zu ſehen, mit dem ich oͤfters in den Salons des Herrn von Reveillère ſchwatzte.. „Sie ſind es, Herr Arthur... Sie in Mailand?—. Warum nicht? Sie ſind ja auch da.— O! bei mir iſt es auf Anordnung des Arztes; man rathet mir, einige Monate in Italien zuzubringen... ich will nach Rom gehen, wenn ich den Muth dazu finde, denn ich habe Paris erſt ſeit acht Tagen verlaſſen uud langweile mich bereits.— Sagen Sie mir doch Neues von dort, mir, der ich ſeit beinahe fuͤnf Monaten abw ſend bin.— O! ich weiß ſehr Pikantes! Sie erinnern ſich doch noch an die Baronin von Harleville... jene huͤbſche Frau, die ehemalige Frau von Asveda... in die Sie nicht verliebt geweſen ſein wollten..— Nun! und die Baronin?.. ſprechen Sie! — Nach einer ſehr kurzen Ehe hatte ſie ihr ſchon eifer⸗ ſuͤchtig gewordener Gemahl nach England gefuͤhrt.— Ah! ſie ſind in England?— Warten Sie doch! dort, ſcheint es, hat ein junger Lord mit der Baronin gelieb⸗ augelt... neue Wuth des armen Gemahls, der in Ver⸗ legenheit, was er thun ſoll, ſich entſchließt, ſeine ſchoͤne Frau wieder nach Paris zuruͤckzubringen! Der junge Lord folgte ihnen heimlich nach. Inzwiſchen thut der Baron was er kann, um ſeiner Gemahlin die Freuden Londons aus dem Sinn zu bringen, er uͤberhaͤuft ſie mit Feſten, Geſchenken, Putz und Geſchmeide, kurz, er begeht tauſend Tollheiten; und wiſſen Sie, was ſeine theure Ehehaͤlfte zum Lohne dafuͤr thut?... errathen Sie es nicht, mein Lieber?— Sprechen Sie, ich bitte.— Sie ließ ſich von dem Englaͤnder entfuͤhren, und ihren alten Baron im Stich, nachdem ſie, wie es ſcheint, Geld entlehnt und Wechſel ausgeſtellt hat, die ihr Gemahl zu bezahlen ſich fuͤr verbunden erachtet..— Ach! großer Gott! was ſagen Sie mir da!— Nichts ſehr Außerotdentliches... was ich vorausgeſehen hatte.— Aber der Baron?— Der Ba⸗ ron, deſſen Finanzen in Folge der ſeit ſeiner Heirath ge⸗ fuͤhrten Lebensweiſe ſchon ſehr in Unordnung gerathen waren, deſſen Stolz Sie aber kennen, hat nichtsdeſto⸗ weniger zur Ehre ſeines Namens alle Schulden ſeiner Frau anerkannt! und ſich mittlerweile, bis er ſie bezah⸗ len kann, ins Gefaͤngniß ſtecken laſſen.— Ins Gefaͤngniß! 69 mein... Herr von Harleville im Schuldgefaͤngniſſe! — Ihm wird nur, was er verdient: ein vernuͤnftiger Mann heirathet keine galante Frau, und Frau von As⸗ veda war nichts Anderes!... Sagen Sie mir nun auch, was treibt man in dieſem Lande? wie unterhaͤlt man ſich? — Verzeihen Sie... ich habe keine Zeit... ich gruͤße Sie.“ Ich verlaſſe den jungen Mann ſo ploͤtzlich, daß er ganz betroffen mitten in der Straße ſtehen bleibt. Mein Entſchluß iſt aber ſchon gefaßt, und ich kehre eiligſt in unſer Hotel zuruͤck, beſtelle Poſtpferde und treffe augen⸗ blicklich alle Vorkehrungen zur Abreiſe. Lord Beef iſt allein im Hotel; wie er mich eilfertig hin und herren⸗ nen ſieht, ſucht er zu errathen, was mich beſchaͤftigt, und um mich auszufragen, uͤberhaͤuft er mich mit„Sa⸗ lut, Monſieur!“ Darbois iſt im Stande, vor Abend nicht nach Hauſe zu kommen; die Pferde ſtehen bereit, ich will nicht war⸗ ten; laſſe daher ein paar Zeilen fuͤr meinen Kollegen zuruͤck, worin ich ihm ſage, daß eine gebieteriſche Pflicht mich zur Abreiſe nach Paris zwingt. Hierauf druͤcke ich Lord Beef, der mich unruhig anblickt, die Hand, ſage ihm Lebewohl, als Antwort auf ein Bonſoir, Mon⸗ ſieur, das nie ſo gut am Platze war. Ich bin nun unterwegs, und werde nach fuͤnf Tagen in Paris ſein; ich habe Zeit, ganz ungeſtoͤrt nachzudenken, der Gedanke, meinen Vater im Gefaͤngniß zu wiſſen, iſt mir unertraͤglich. An Behaglichkeit gewoͤhnt, ſitzt er in einem Alter, wo man die Muͤhſeligkeiten und den Kummer des Lebens nicht mehr kennen ſollte, im Gefaͤngniß! Ich werde ihn nicht darin laſſen, ſo lang mir meine Mittel erlauben, 2 70 ihn daraus zu ziehen. Mein Vater hat mich ſeiner Zartlichkeit beraubt, dies darf mich aber meiner Pflicht nicht entbinden, zudem fuͤhle ich wohl, daß ich ihn im⸗ mer liebe und daß die Natur in meinem Herzen nicht ſtumm iſt, wie in dem ſeinigen. Ich werde meine Einkuͤnfte, mein ganzes Beſitzthum verkaufen, wenn es zur Befreiung meines Vaters noth⸗ wendig iſt; ich bin noch jung, kann arbeiten, Entbeh⸗ rungen ertragen; der Baron von Harleville ſoll nicht genothigt ſein, bei Fremden Huͤlfe zu ſuchen; er wuͤrde lieber im Gefaͤngniß ſterben.. Ja, ich kenne ihn! er iſt zu ſtolz, als daß er die geringſte Demuͤthigung ertragen könnte. ich, daß mein Vater drei und vierzig tauſend Franken Schulden anerkannt hat; fuͤr dieſe Summe ſitzt er ge⸗ fangen; mit den Koſten könnte es ſich auf fuͤnf und vierzig tauſend belaufen. Ich athme wieder auf! Dieſe Summe kann ich leicht aufbringen. Allerdings werden mir nicht uͤber zwoͤlf bis fuͤnfzehn hundert Franken jaͤhr⸗ * licher Einkuͤnfte uͤbrig bleiben; doch was liegt daran? hat ein Schriftſteller nicht ſeine Feder?... Es iſt wahr, daß die Buͤhne ungluͤcklicherweiſe beſonders an den Reich⸗ thum geknuͤpft zu ſein ſcheint; ein Schriftſteller, der zur Gewinnung ſeines Lebensunterhalts arbeitet, wird beinahe immer ausgepfiffen; doch ſollen dieſe Betrach⸗ tungen nichts an meinem Vorſatze aͤndern. Ich rede mit einem Wechſelagenten und verkaufe meine Renten, wodurch ich die benothigte Summe er⸗ halte; und mit einer Erlaubnißkarte verſehen, begebe ich mich nach Saint⸗Pélagie, wo ich den Baron von Harleville zu ſprechen verlange. Mein Vater hat ein Zimmer fuͤr ſich allein, wo man mir erlaubt, ihn zu beſuchen. Ich kann nicht beſchreiben, was ich empfinde, als ich die traurigen Gaͤnge des Gefaͤngnißgebäudes durchſchneide; wie ich dem Manne folge, der mich zu meinem Vater fuͤhrt, gedenke ich des vollen Haſſes, den der Baron gegen mich hegt, des Verbots, das er mir auferlegt, der Gefuͤhle, die er bei mir fuͤr ſeine Gemahlin vorausſetzt, und im Augenblick, wo man die Thuͤre ſeines Zimmers offnet, fuͤhle ich ein Beben und Zittern, als waͤre ich im Be⸗ griff, eine ſchlechte Handlung zu begehen. Mein Vater ſitzt mit auf die Bruſt geſenktem Haupte vor einem Tiſch; ſeiner Gewohnheit zufolge traͤgt er einen blauen Rock, eine weiße Weſte, und ſchwarze Kravatte; ſeine Haare ſcheinen mit ſchon gebleicht; ſeine Phyſiognomie iſt duͤſter, hat aber nichts von ihrem Stolze verloren. Bei meinem Eintritt in ſein Zimmer * . 72 dreht er den Kopf nicht, wahrſcheinlich in der Ver⸗ muthung, es werde der Schließer ſein, und ich bleibe einige Augenblicke in ſeinem Anblick verſunken, ohne daß er ahnt, wie nahe ihm ſein Sohn ſei. Ich entſchließe mich indeß, einige Schritte vorwaͤrts zu gehen, wobei ich ſtottere:„Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ich es wage...“ Meine Stimme macht ihn erbeben, lebhaft dreht er den Kopf; als er mich erblickt, runzelt er die Stirne und ruft: „Sie hier, mein Herr... was machen Sie da?... wer hat Ihnen erlaubt, mich bis hieher zu verfolgen? Haben Sie mein Verbot vergeſſen?“ „Nein, mein Herr, aber ich habe geglaubt, die Mauern dieſes Gefaͤngniſſes erlaubten mir, daſſelbe zu üubertreten.“ „Sie hatten Unrecht... doppelt Unrecht, mich in dieſem Hauſe zu beſuchen... heißt das nicht noch uͤber mein Ungluͤck ſpotten?“ „Ach! mein Herr! khnnen Sie mir dieſen abſcheu⸗ lichen Gedanken unterlegen?“ „ Ja, ja, ich muß den aller Treuloſigkeil faͤhig halten, der ſich nicht ſcheut, verbrecheriſche Blicke auf die Gattin ſeines Vaters zu werfen, und der meinem Verbote trotzend, meine Autoritaͤt mißkennend, den Gegenſtand ſeiner ſchamloſen Leidenſchaft an allen Orten verfolgt... Haͤtte ich auch eine voruͤbergehende Verirrung entſchuldigen, verzeihen konnen, ſo wuͤrde doch Ihre hartnaͤckige Ver⸗ folgung, als ich meine Gemahlin von Paris wegfuͤhrte, Ihr Erſcheinen in Gros⸗Bois, in dem Gaſthauſe, wo 73 wir abſtiegen, als eben ſo viele Thatſachen hinreichend ſein, meinen Zorn zu begruͤnden.“ 8 „Mein Herr! Sie beurtheilen mich ſehr unrichtig.. Sie klagen mich ungerechterweiſe an! wenn Sie wüßten, welcher Beweggrund mich damals zum Handeln trieb. aber, ach! Sie wuͤrden mir nicht glauben! Sie ſind o ſehr gegen mich eingenommen!“ 8 „Wenn ich fruͤher ungerecht gegen Sie war, ſo haben Sie ſeitdem Sorge getragen, mir ein Recht an die Hand zu geben! 4 3 Der Baron erhebt ſich, geht in heftiger Aufregung im Zimmer umher, wobei er einige mir unberſtaͤndliche Worte ausſpricht, dann plötzlich vor mir ſtine ſtehend, weist er mir die Thuͤre und ſagt: „Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie; und ver⸗ ſchonen Sie mich kuͤnftig mit Ihren Beſuchen! Der Ton, mit welchem mein Vater dieſe Worte ausſpricht, hat etwas ſo Hartes und Veraͤchtliches, daß auch mein Stolz ſich wieder belebt: meine Stirne rothet ſich, aber nicht mehr aus Furcht; mein Muth kehrt zuruͤck, mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich nicht wie 1 ein Verbrecher zittern darf, und weit entfernt, fortzu⸗ gehen, antworte ich meinem Vater, mit ruhigem, aber feſtem Tone: „Nein, Herr Baron, ich werde Sie nicht auf dieſe Art verlaſſen. Schon zu lange bin ich der Gegenſtand Ihrer Verachtung, Ihres Haſſes, ohne daß ich die Ur⸗ ſache davon errathen kann,.. denn nicht erſt von Ihrer Verheirathung mit Frau von Asveda ſchreibt ſich die Abneigung her, die Sie gegen mich an den Tag legen; 74 Sie haben mich als Ihren Sohn verlaͤugnet, weil ich mich Ihres Widerſtrebens ungeachtet den Wiſſenſchaften widmete; es iſt jedoch unmoͤglich, daß dieſer Umſtand allein mir Ihre Zaͤrtlichkeit entzogen haben ſollte. Ein Vater vergibt groͤßeres Unrecht; habe ich unwiſſend Etwas begangen, ſo bitte ich Sie, mich damit bekannt zu machen, mein Herr, damit ich es verbeſſern kann, wenn es in meiner Macht ſteht. Man verdammt aber einen Men⸗ ſchen nicht, ohne ihm zu ſagen, was ſein Verbrechen iſt: endlich duͤrfte ich es wenigſtens einmal erfahren, was mir das Herz meines Vaters verſchloſſen hat.“ Der Baron, der uͤber meine Art, mit ihm zu reden, erſtaunt ſchien, beſinnt ſich einige Augenblicke, macht noch einige Schritte im Zimmer, und dann auf einen Stuhl weiſend, ſpricht er mit ruhigerer Miene: „ Wohlan! mein Herr, weil Sie es verlangen, ſo will ich Ihnen denn ſagen, was ſeit ſo langer Zeit meinen Naͤchten den Schlaf, meinen Tagen das Gluͤck geraubt hat. Ich will es Ihnen anvertrauen, dieſes Geheimniß meiner Seele, aber dieſes Geheimniß beruͤhrt am Ende auch Sie, und vielleicht haben Sie nicht Un⸗ recht, mir eine Aufklaͤrung abzufordern. Hoͤren Sie mich alſo, mein Herr!“ Ich nehme dem Herrn Baron gegenuͤber Platz, in⸗ dem ich kaum zu athmen wage, ſo ſehr fuͤrchte ich ein einziges ſeiner Worte zu verlieren. Nach einer Weile Nachſinnens beginnt mein Varer endlich: „Ich heirathete aus Liebe, liebte Ihre Mutter zum Sterben; ſie war ſchoͤn, liebenswuͤrdig.., von vorzuͤg⸗ licher Erziehung; und ich glaubte, ſie werde mein Gluͤck 75 machen. Aber einige Monate der Ehe reichten hin, mir zu zeigen, daß ich mich getaͤuſcht. Ihre Mutter liebte mich nicht, das heißt, ſie liebte mich.. aus Pflicht, aus 4 Grundſaͤtzen!.. weil ſie meinen Namen fuͤhrte. Es war aber nicht jene leidenſchaftliche Liebe, welche ich fuͤr ſie empfand, und die ich bei meiner Gemahlin zu finden hoffte. Ich ſah ſie ofters traurig, in Traͤumerei ver⸗ ſunken; ich dachte, es muͤſſe irgend ein Grund, irgend eine Urſache vorhanden ſein, warum ſie meine Liebe nicht theilte. Ich verbarg meine Qualen, erheuchelte die Freundſchaft, die Gutmuͤthigkeit jener Maͤnner, welche ſich mit der Achtung ihrer Frau begnuͤgen; durch vieles Befragen uber die erſten Neigungen ihres Herzens be⸗ wog ich ſie endlich zu dem Geſtaͤndniß, daß ſie einen jungen Menſchen geliebt habe, der zu ihren Eltern kam; der junge Mann, den ſie anbetete, hatte bei ihrem Va⸗ ter um ſie angehalten, dieſer jedoch eine Verbindung ſeiner Tochter mit einem Manne, der weder Vermoͤgen, noch ein Amt hatte, verweigert. Ich verbarg meiner Frau den Aerger, den mir ihre Vertraulichkeit verur⸗ ſachte, um die ich ſie indeß gebeten hatte; ich ſelbſt ſuchte die Erinnerung aus meinem Gedaͤchtniß zu ver⸗ bannen, als wir in Geſellſchaft einen jungen Schrift⸗ ſteller trafen. Gott weiß, durch welches Verhaͤngniß er mir vorgeſtellt wurde; gegen mich war er liebenswuͤrdig, gegen meine Frau ernſt. Indeß ſprach man taͤglich von ſeinen Erfolgen auf dem Theater, und Ihre Mutter ſchien eine Theilnahme dafuͤr zu hegen, die mir mißfiel; endlich konnte ich mich nicht enthalten, ſie eines Tags um die Urſache zu befragen; ſie ſcheute ſich nicht, mir ——— zu geſtehen, daß dieſer junge Schriftſteller derſelbe ſei, der ihr vor ihrer Verheirathung den Hof gemacht habe. Was ich damals litt, muß man ſelbſt gefuͤhlt haben, um es zu begreifen. Ich fand Mittel, dem jungen Mann mein Haus zu verſchließen; aber die Ruhe war fuͤr immer daraus geflohen, und von dieſem Augenblick war kein Gluͤck mehr fuͤr mich in der Verbindung mit Ihrer Mutter. Um dieſe Zeit zeigte ſie mir an, daß ſie ſchwanger ſei, und was mich zu jeder andern Zeit mit Freude uͤberſchuͤttet haͤtte, machte mich damals noch ungluͤcklicher: ſchreckliche Zweifel zerfleiſchten mein Herz! aber was ſollte ich machen? was ſagen? nichts bewies mir, daß mein Verdacht gegruͤndet ſei. Sie kamen zur Welt; zuerſt kuͤßte ich Sie freudetrunken, bald aber ſtieß ich Sie aus meinen Armen zuruͤck... So ſah ich Sie in meiner Naͤhe aufwachſen; zuweilen uͤberhaͤufte ich Sie mit Liebkoſungen, dann floh ich wieder Ihren An⸗ blick, der mir wehe that. Ich war ungluͤcklich und Ihre Mutter ohne Zweifel nicht minder als ich, obgleich nie ein Vorwurf uͤber meine Lippen kam. Als ſie ſtarb... waren Sie fuͤnfzehn Jahre alt; ich weiß nicht, hatte ſie die urſache meines Kummers errathen, ich verbarg ſie ihr jedoch immer. Der Tod Ihrer Mutter brachte mich zum Nachdenken; ſie war ſtets ſo ſanft, ſo gut geweſen! ich dachte, daß ich mich ohne Grund abge⸗ haͤrmt habe, daß mein Verdacht grundlos war. Da wandte ich mich Ihnen wieder zu... ich fuͤhlte mich geneigt, Ihnen meine ganze Zaͤrtlichkeit wieder zu ſchenken. Wie groß war aber mein Schmerz, mein Zorn, als Sie meinen Befehlen trotzend, meinen Rath 677 verachtend, ſich weigerten, der militaͤriſchen Laufbahn zu folgen... um... Schriftſteller zu werden! Theater zu ſchreiben! Sie koͤnnen ſich keine Vorſtellung von den Leiden machen, die ich empfand, als ich von Ihnen ſelbſt hörte, daß Sie einen entſchiedenen Beruf fuͤr die literariſche Laufbahn haͤtten... dies war die Laufbahn jenes Mannes, den Ihre Mutter geliebt hatte, jenes Mannes, der Schuld an den Aengſten, an den Qualen war, die ich ſeit ſo langer Zeit erduldet; nun ſchien mir jeder Verdacht gerechtfertigt, jeder Zweifel geldst, nur noch Haß fuͤhlte ich fuͤr Sie, denn ich hielt Sie nicht fuͤr meinen Sohn.“ „Ach! Herr Baron... ach! mein Vater... denn Sie ſind es.. O! nein, meine Mutter war nicht ſtraf⸗ bar, mein Herz ſagt es mir. Wie ſehr beklage ich es jetzt, daß ich ſelbſt jenen ſchrecklichen Argwohn beſtaͤrkt und wieder aufgeweckt habe! wenn ich gewußt haͤtte... wenn Sie mir Ihr Herz geoffnet haͤtten, ach! ich ſchwoͤre Ihnen, ich wuͤrde auf eine Laufbahn verzichtet haben, die meinem Geſchmack geſchmeichelt und meine Einbil⸗ dungskraft verfuͤhrt hatte.“ „Nein, ich durfte Ihnen nichts offenbaren; ich wollte ſehen, ob dieſer Beruf, zu ſchreiben, bei Ihnen feſtge⸗ wurzelt war... erinnern Sie ſich uͤberdies daran, daß Sie meinen Bitten, ja meinen Befehlen widerſtanden hatten. Durch den Beifall, der Ihnen zu Theil ward, dachten Sie mich umzuſtimmen... Verzeihung zu er⸗ langen; allein im Gegentheil befeſtigte jeder ihrer Triumphe meine Ueberzeugung... ich ſah Aehnlichkeiten zwiſchen Ihren Werken und denen jenes Mannes, den Ihre Mutter geliebt. Waͤre Ihnen nur Mißfallen geworden, ſo haͤtte 4 78 ich mich wieder mit Ihnen ausſohnen konnen durch den Gedanken:„die Natur hat ihn nicht zum Dichter be⸗ ſtimmt.“ Ich habe Ihnen, mein Herr, nunmehr die Urſache meiner Abneigung gegen Sie mitgetheilt, ſeit Sie jenen Stand erwaͤhlten. Sie ſehen, nicht gegen die Wiſ⸗ ſenſchaften war mein Vorurtheil gerichtet. Ich verbot Ihnen, ferner meinen Namen zu fuͤhren... glauben Sie mir, nicht aus Geringſchaͤtzung des Theaters... mit Stolz haͤtte ich ihn dort nennen hoͤren, wenn ich geglaubt haͤtte, daß Sie wirklich mein Sohn ſeien.“ „Wie? mein Herr,... auf ſo unbeſtimmten Verdacht hin, den nichts rechtfertigen köonnte, da Eiferſucht ſich Ihres Herzens bemaͤchtigt, klagen Sie eine Frau an, deren Betragen, wie Sie ſelbſt geſtehen, Ihnen nie den Beweis einer Schuld lieferte? Sie ſtoßen Ihren Sohn von ſich zuruͤck... der nur Sie lieben und verehren wollte. Die Natur hat mir eine andere Laufbahn ange⸗ wieſen, als die Ihrige,... was iſt aber gewoͤhnlicher in der Welt, wo ſich die Söohne ſelten in dem gleichen Stande auszeichnen, wie ihre Eltern, wo Talente und Genie nie erblich ſind. Ach! Herr Baron, kommen Sie auf gerechtere, wahrere, Ihrer wuͤrdigere Gefuͤhle zuruͤck, die, wie ich zu wagen hoffe, Ihrem Herzen nicht vollig fremd ſind!... die Stimme des Bluts laͤßt ſich in Ihrem Innern vernehmen, und an dem Tage jenes Duells... an jenem ſchrecklichen Tage, wo Sie der Sekundant mei⸗ nes Gegners waren,... da war ſie es ohne Zweifel, welche Sie zwang, einen Kampf nicht zu geſtatten, den Ihre Augen nicht ertragen konnten und gegen den ſich, wider Ihren Willen, die Natur emport haͤtte!“ „In der That, mein Herr, ich will es nicht in Ab⸗ rede ziehen. Ich hatte mir Anfangs vorgenommen, bei Ihrem Duell mit Herrn von Follard in Ihnen nur einen Fremden zu ſehen; im Augenblicke aber, wo der Kampf ſich entſpinnen ſollte, ſprach ich unwillkuͤrlich bei mir ſelbſt: wenn es mein Sohn waͤre!... Sie haben ge⸗ ſehen, mit welcher Haſt ich mich da zwiſchen Sie und Ihren Gegner ſtuͤrzte.“ „ und, mein Herr, war jene geheime Stimme, die Ihnen damals zurief, nicht die der Vorſebung, welche verhinderte, daß ein Vater Zeuge von dem Tode ſeines Sohnes ſein ſolle?.. und wie koönnen Sie mir nach jenem Vorgange noch dieſen Namen verweigern?...“ „Sie vergeſſen, mein Herr, Ihr Betragen ſeit jener Zeit.. Ihre Liebe zu einer Frau, die Sie nur achten ſollten.“ „Herr Baron, ich ſchwoͤre Ihnen bei meiner Ehre, daß wenn ich einen Augenblick die Macht der Reize der Frau von Asveda empfand, ich doch, ſeit ſie Baronin von Harleville geworden war, nur noch Hochachtungfuͤr ſie hatte.“ „und aus Hochachtung beſuchten Sie dieſelbe bei ihrer Schweſter in der Straße Saint⸗Antoine?“ ruft der Baron, indem er ſich erhebt und in heftiger Bewe⸗ gung im Zimmer auf und ab geht. „Ich verſichere Sie, daß ich ſie dort nicht zu finden glaubte!...“ „Welche Luͤge!... Und war es abermals Hochach⸗ tung, daß Sie, trotz meines beſtimmten Verbots, uns nach Gros⸗Bois folgten, daß Sie in der Hoffnung, Ade⸗ len wieder zu ſehen, in den Gaſthof eintreten wollten, in dem ſie war?..“ —i — 80 „Ach! mein Herr,... wenn Sie den Grund kenn⸗ ten... es handelte ſich um Ihr Vermögen, um Ihr Leben vielleicht... Sie haben alſo keinen Brief von Follard erhalten?... Sie wiſſen alſo nicht, daß er ſich wenige Augenblicke nach Ihrer Abreiſe von Gros⸗Bois erſchoſſen hat?“ „Ich habe ſein Ende vernommen und mich wenig daruͤber verwundert, aber keinen Brief von ihm erhalten. Was kann aber der Tod Follard's fuͤr eine Gemeinſchaft mit Ihrem Benehmen haben? Es handelte ſich, ſagen Sie, um mein Vermoͤgen... um mein Leben... Ich weiß wohl, mein Herr, daß Sie ſehr gute Romane machen; Sie werden mir aber nicht zumuthen, an dieſen da zu glauben. Brechen wir eine Unterredung ab, die mir laͤſtig iſt. Ich wiederhole Ihnen, es kann nichts mehr gemein ſein zwiſchen uns, und Ihre Beſuche, weit entfernt, mir angenehm zu ſein, bringen mich nur noch mehr auf.“ „Wie, wenn das Ungluͤck Sie niederdruͤckt, weigern Sie ſich noch, Ihren Sohn zu ſehen?...“ „Sie ſind nicht mein Sohn..Sie haben das Recht, meinen Namen zu fuͤhren, ich weiß es,... mein Mund aber wird Ihnen denſelben nie geben.“ Dieſe grauſamen Worte uͤberlaufen mich mit Eiſes⸗ kälte, erſtarren mein Herz. Ich fuͤhle, daß es vergeblich waͤre, laͤnger zu bitten. Der Baron hat ſich auf einen Sitz geworfen, dreht mir den Ruͤcken zu und ſcheint nicht mehr mit mir reden zu wollen. Mit halblauter Stimme ſpreche ich ein Lebewohl, das man keiner Antwort wuͤr⸗ digt, und gehe aus dem Gefaͤngniß, ohne ihm den Haupt⸗ 81 beweggrund geſagt zu haben, der mich zu ihm fuͤhrte. Allein ich kenne den Baron, lieber wuͤrde er auf die Freiheit verzichtet, als Huͤlfe von ſeinem Sohne ange⸗ nommen haben. Ich halte mich aber darum der Erfuͤllung meiner Pflicht nicht entbunden. Mein Vater ſoll frei ſein, ohne zu wiſſen, wem er dieſen Dienſt verdankt; ich will nicht, daß die Dankbarkeit eine peinliche Laſt fuͤr ſein Herz werde... Ich gehe zu meinem Advokaten, dem ich die noͤthigen Fonds einhaͤndige, um dieſe Angelegenheit innerhalb vier⸗ undzwanzig Stunden zu beendigen. Am andern Tage benachrichtigt man Herrn von Har⸗ leville, daß er frei ſei. Faſt zornig fragt er, wer ſich erlaubt habe, ſeine Schulden zu bezahlen; und da man es ihm nicht ſagen kann, beſteht er darauf, daß er einen Dienſt von unbekannter Hand nicht annehme. Er will im Gefaͤngniß bleiben; in Sainte⸗Pélagie behaͤlt man aber die Leute nicht, die nichts mehr ſchuldig ſind, und ſo wird der Baron wider ſeinen Willen in Freiheit geſetzt. Sechstes Kapitel. Das Innere zweier Haushaltungen. Moͤgen die Leute, welche an nichts glauben, moͤgen die ſtarken Geiſter(welche ſelten die richtigen ſind), uͤber jene geheime Stimme ſpotten, die man Gewiſſen nennt, weil ſie vielleicht ihre Gruͤnde haben, nicht auf daſſelbe Paul de Kock, IV. 6 8² zu hoͤren; ich meinestheils finde, daß in uns ſelbſt ein Etwas liegt, was uns zufrieden macht, wenn wir gut gehandelt haben. Ich empfinde ein ſolches Gefuͤhl, ſeit ich meinen Vater frei weiß; und in dieſem Genuß liegt keine Eitelkeit, denn was ich gethan habe, wird Niemand. erfahren. Dieſer Umſtand indeß wird mich noͤthigen, eingezo⸗ gener zu leben; es bleiben mir noch ungefaͤhr fuͤnfzehn⸗ hundert Franken Renten und mein etwaiger Verdienſt; ſeit einiger Zeit habe ich jedoch ſehr wenig gearbeitet. Zuerſt muß ich mir eine minder koſtſpielige Wohnung ſuchen, und dann meine ſonſtigen Ausgaben beſchraͤnken: ich werde mehr arbeiten und mich weniger beluſtigen, vielleicht aber doch vergnuͤgter ſein; denn die koſtbaren Vergnuͤgungen ſind nicht immer diejenigen, welche uns die ſuͤßeſten Genuͤſſe gewaͤhren. Ach! ich wuͤrde noch ſehr gluͤcklich ſein, wenn mir mein Vater ſeine Zaͤrtlichkeit wieder zuwendete, wenn ich ihm den Gedanken benehmen konnte, daß ich ſein Nebenbuhler geweſen ſei... und jenes Vorurtheil, das er ſchon lange gegen mich hegt!... Ach! er iſt immer ungluͤcklich geweſen, und ich war die unſchuldige Urſache davon. Haͤtte er mir dieſes Geheimniß fruͤher geoffen⸗ bart: gewiß wuͤrde ich einem Stande entſagt haben, der ſeine Eiferſucht wieder erweckte; wie ſoll ich aber jetzt ſeine Zaͤrtlichkeit gewinnen und all' ſeinen Argwohn gegen mich zerſtoͤren? Dieſe Gedanken zu verſcheuchen, ſehe ich mich nach einer Wohnung um; ich bleibe vor den Anſchlagzetteln ſtehen, gefallen mir die Haͤuſer, ſo gehe ich hinein, und 83 ſelbſt wenn mir die Wohnungen nicht zuſagen, iſt meine Zeit doch nicht immer verloren, denn fuͤr einen, der gerne beobachtet, die Sitten ſtudirt, gibt es vieles Merkwuͤr⸗ dige bei Beſichtigung der Wohnungen. Eines Tages befinde ich mich in der Straße des Petites-Ecuries, ich trete in ein Haus, an dem ich mehre Anſchlaͤge ſehe. Ich frage den Pfoͤrtner, ob er eine Junggeſellenwohnung habe?. „Eine Junggeſellenwohnung.. wie man's Nimmt; wir haben eine, worin eine Familie wohnt, ſie iſt aber weder groß noch theuer, und waͤre vielleicht nach dem Wunſche des Herrn.— Koͤnnen Sie mir dieſelbe zeigen? — Mein Herr, ich bin fuͤr den Augenblick allein in der Loge, gehen Sie aber in den zweiten Stock, rechts, dort ſind Leute: Sie koͤnnen eintreten und ganz nach Belieben ſehen... fuͤrchten Sie nicht, zu belaͤſtigen... dieſe Leute ſind ſo ſchmutzig... ſo unordentlich!... Sie brauchen Ihre Stiefel nicht auf ihrer Strohdecke abzu⸗ nutzen, gehen Sie!... auch kuͤndigen wir ihnen auf, weil wir reinliche Leute wollen.“ 3 Hiernach kann ich ohne Unbeſcheidenheit die Wohnung im zweiten Stock beſichtigen. Oben angekommen, will ich klingeln, bemerke aber, daß die Thuͤre halboffen ſteht; leicht anklopfend, ſchiebe ich ſie auf.. Ich hoͤre das Schreien eines kleinen Kindes, allein Niemand kommt, und ich dringe in ein kleines viereckiges Gemach, worin vier Seſſel ſtehen, darunter zwei zer⸗ brochene, ein huͤbſcher Eßtiſch von Mahagoni, auf wel⸗ chem ein Kaͤfig mit Voͤgeln und ein halbzerbrochener Teller, die Ueberbleibſel eines Hundefraßes enthaltend, ſtehen. Mitten im Zimmer liegen zwei Pantoffeln und ein Stiefel, dann ein Kehrbeſen, und ein ſehr nothwen⸗ diges Gefaͤß, das zu nennen ich fuͤr uͤberfluͤſſig halte. Mitten in dieſem Wirrwar bleibe ich ſtehen, un⸗ ſchluͤſſig, ob ich vor, oder ruͤckwaͤrts gehen ſoll; ich be⸗ trachte den Beſen, die Voͤgel und entferne mich von dem Gefaͤße, deſſen Nachbarſchaft nichts dem Geruchsſinn Schmeichelndes hat. Das Kind hore ich fortwaͤhrend ſchreien, ich entſchließe mich nun, abermals und zwar auf den Tiſch zu klopfen. Eine mir wohlbekannte Stimme ruft aus einem an⸗ ſtoßenden Zimmer: 3 „Nur herein, ich kann nicht aufſtehen, ich koche mei⸗ nem Kleinen den Brei“ Ich oͤffne gerade vor mir eine Thuͤre und befinde mich in einer Art Schlafzimmer, ziemlich elegant moblirt, worin aber ebenſo große Unordnung herrſcht als in dem erſten Gemache, wiewohl Mittag bereits voruͤber iſt. Das Bett, ohne Vorhaͤnge, iſt nicht gemacht; Herren⸗ und Frauenkleider liegen auf den Moͤbeln zerſtreut um⸗ her. Neben den Ueberreſten eines Gabelfruͤhſtuͤcks befin⸗ den ſich ein Kamm, eine Zahnbuͤrſte und ein Pommade⸗ topf; auf eine ſehr ſchoͤne Pſyche endlich hat man Kinderbetten geworfen. In einem Lehnſtuhl à la Voltaire ſitzt ein blos halbangekleideter Herr; ſeine Hoſen, ohne Traͤger, haͤngen ihm weit uͤber die Ferſen herab, ſeine Weſte iſt nicht zugeknopft, er iſt ohne Halstuch, um ſeinen Kopf hat er aber noch ein Foulard gewunden; in ſeinen Armen endlich halt er ein Kind von drei oder vier Monaten, 85 mit dem er ſehr in Verlegenheit zu ſein ſcheint, weil er. auf den Brei Acht geben muß, der am Kaminfeuer kocht. Ehe er ſich umdrehte, hatte ich Adolph bereits er⸗ kannt. Wie er mich ſieht, ſtoͤßt er einen Schrei der Verwunderung aus und laͤßt ſein Kind beinahe in das Feuer fallen. „Ei ſchaut! Herr Arthur!... ahl welcher Zufall! ... Ei!... beinahe waͤre Oodor in's Feuer gerollt!... Still, ſei artig, Dodor, das Gutchen kommt gleich. Wie, Sie hier, Herr Arthur?... nehmen Sie doch einen Stuhl, entſchuldigen Sie, wenn ich nicht aufſtehe ich bin in dieſem Augenblick etwas beſchaͤftigt..“ „Ol es waͤre mir aͤußerſt leid, wenn ich Sie ſtoͤrte! . Ich glaubte nicht, Sie hier zu finden, ich wußte nicht, daß Sie hier wohnten. Ich ſuchte mir eine Woh⸗ nung und bin heraufgekommen, dieſe hier zu beſehen.— Es freut mich ſehr, daß der Zufall mir das Vergnuͤgen Ihres Beſuches verſchafft hat... Meine Frau iſt in's Bad gegangen und hat mir das Kind anempfohlen... Ach! ich bin verheirathet, ſeit ich Sie nicht mehr ge⸗ ſehen habe.— Ah! Sie ſind verheirathet!— Ja, als mein Vater ſtarb, war ich mein eigener Herr. Wahr⸗ lich, ſprach ich bei mir ſelbſt, man muß der Sache ein Ende machen! Julie iſt die Frau, die mir anſteht, ſie iſt ganz fuͤr meinen Charakter geſchaffen... alsdann.. ihre umſtaͤnde... dieſes Kind... Sie verſtehen... — Ol ich tadle Sie nicht!— Aber ſrern Sie ſich doch, ich bitte Sie darum.“ Ich drehe mich um, und ſuche einen leeren Stuhl, der war aber ſchwer zu finden; nachdem ich endlich den 86 Unterrock und die ſchmutzigen Struͤmpfe, die auf dem einen lagen, auf die Seite geſchafft habe, ſetze ich mich Adolph gegenuͤber, den ich mit ſeinem Kind auf dem Arm nicht genug anſehen kann. „Sie ſehen da, Herr Arthur, ein Gemaͤlde haͤuslichen Gluͤcks... Da iſt mein Sohn Theodor... er iſt drei Monate alt.. Ha, und welche Backen! Das iſt auf die Dauer gemacht... er hat ſich ein wenig beſchmiert, das gehoͤrt aber zur Geſundheit der Kinder.— Ihr Sohn heißt alſo Theodor?...— Ja... es iſt ein Einfall meiner Frau... eine ſonderbare Grille, denn ſie mochte Theodor, den wir kannten, nicht leiden; im Grunde iſt es aber ein Name, wie ein anderer, und ich wollte ſie nicht aͤrgern... Ich nenne den Kleinen Do⸗ dor, es klingt ſuͤßer... Er iſt recht niedlich... fin⸗ den Sie, daß er mir aͤhnlich ſieht?— Außerordentlich — Sie machen mir um ſo mehr Vergnügen, als Sie der Erſte ſind, der es mir ſagt. Still, Dodor.. ſtill! Schreier.. ich kann dir nicht zu trinken geben.— Saͤugt Ihre Frau ſelbſt?— Nein, aber wir haben eine Saͤug⸗ amme im Hauſe... Julie ſagt, dies gehore zum guten Ton... Die Amme iſt gleichfalls in's Bad gegangen. Zwar kommt all' dieſes mich etwas theuer zu ſtehen; unſere Amme iſt aber ein gutes Maͤdchen; ſie beſorgt die Kuͤche, wichst die Stiefel... ſie thut, was man will, wenn ich nur das Kind trage, iſt ſie zufrieden.— Aber wo legen Sie ſie denn hin?— Ah! unten iſt noch ein Gemach... die Kuͤche, wo ſie ſchlaͤft; allein wir ſind hier zu beſchränkt im Raum, deßhalb nun ziehen wir aus, und dann liebt Julie das Umziehen ſehr.⸗*, ſie 87 ſagt, es ſaͤubere die Moͤbel. Auch iſt dies, ſeit wir bei⸗ ſammen ſind, ſchon mehr als die zwoͤlfte Wohnung. Ach! mein Gott... ach! Schlingel von Dodor... was haſt du gemacht... meine Hand iſt ganz durchnaͤßt... Ich glaube, man muß ihn umwickeln. Moͤchten Sie nicht die Gefaͤlligkeit haben, mir eines der Kiſſen auf der Pfyche zu geben? Bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich Ihnen Muͤhe mache.— Wie! Sie verſtehen ein Kind umzuwickeln?— Ja freilich, meine Frau behaup⸗ tet ſogar, ich laſſe mich beſſer dabei an, als ſie. O! mein Gott! wenn man ſich nur die Muͤhe nehmen will . es iſt kein Hexenwerk.. O! da laͤuft der Brei uͤber!... Warte Dodor... bleib da ruhig eine kleine Weile, mein Zuckerſuͤßer!“ Adolph legt das aus den Windeln genommene Kind in den Lehnſeſſel à la Voltaire und ruͤhrt den Brei, der theilweiſe uͤbergelaufen iſt, und zieht ihn vom Feuer zuruͤck. Waͤhrend deſſen ſchreit der kleine Dodor, daß uns die Ohreg gellen, und ſein Vater, der ſich eben beim Koſten der Scharre den Mund verbrannt hat, thut bald daſſelbe. Dieſes Gemaͤlde haͤuslichen Gluͤcks und der Anblick deſſen, was mich umgibt, waͤren im Stande, mir fuͤr immer den Geſchmack an der Ehe zu benehmen; und ich will nicht laͤnger bei Deſigny bleiben. Ich ſtehe auf und ſage dem Familienvater Lebewohl; Adolph laͤuft mir nach, ſein Kind auf dem Arm und den Breinapf in der Hand. „Wie! Sie gehen ſchon, Herr Arthur?— Ja, ich uͤberlaſe Sie Ihren Haushaltungsgeſchaͤften.— Sie 88 haben aber das andere Zimmer unſerer Wohnung noch nicht geſehen.— Es iſt unndthig.. ſie gefaͤllt mir nicht, es iſt zu viel auszubeſſern, um ſie wohnlich zu machen ...— Sie glauben?... Weil Sie dieſelbe ſehen, ohne daß aufgeraͤumt iſt... es iſt wahr, wir vernachlaͤſſigen ſie ſeit einigen Tagen ein wenig; allein meine Frau ſagt, es ſei nicht der Muͤhe werth, zu kehren, da wir ja aus⸗ ziehen.— Man bemerkt es.— Wollen Sie meinen Brei koſten?... er iſt ſehr gut.— Ich danke Ihnen. Adieu, Adolph! Seien Sie gluͤcklich in Ihrem Haus⸗ weſen, das iſt Alles, was ich wuͤnſche.— O! ich bin es ſehr oft, beſonders wenn meine Frau guter Laune iſt. Ich lade Sie nicht ein, uns zu beſuchen, weil ich weiß, daß zwiſchen Ihnen und meiner Frau ein kleiner Groll herrſcht... Trotz dem bin ich uͤberzeugt, daß es Julien viel Vergnuͤgen machen wuͤrde, wenn Sie kaͤmen.— Ich geſtehe Ihnen, daß ich vorziehe nicht zu kommen Adieu. — Nun denn, Adieu, Herr Arthur. Wenn Dodor lau⸗ fen kann, werde ich einen Ausflug mit ihm in Ihr Haus machen.“ Ich beeile mich, Deſigny's Wohnung zu verlaſſen, indem ich mir durch die Pantoffeln, Betten und Beſen hindurch einen Weg zu bahnen ſuche. Als ich bei dem Pfoͤrtner voruͤber komme und ihm ſage, daß mir die Wohnung nicht gefaͤllt, erwidert er mir kopfſchuͤttelnd: dies iſt der Ein⸗ druck, den ſie auf alle Leute macht, ſeit dieſe Schand⸗ Haushaltung ſie uns verdorben hat... und was ſie mir immer fuͤr Schweinereien in den Rinnſtein werfen, ſo daß man nichts zu thun hat, als Luft zu machen und auszuputzen... Gott im Himwel!... drei ſolche Haus⸗ 89 haltungen und die Cholera Forbus entſtuͤnde in einem Haus!“ Ich wundere mich weder uͤber die Heirath Adolphs, noch uͤber die Rolle, die er in ſeinem Hauſe ſpielt. Nach dem, was ich geſehen, mußte es ſo kommen. Was wird die Folge davon ſein... Ich fuͤrchte es zu errathen: Jammer und Elend. Was aber auch Deſigny wider⸗ fahren mag, ſo kann ich ihn nicht bedauern: ihm wird dann nur, was er verdient, und wenn ein Mann ſich ſo benimmt, wie er, ſo iſt es, meiner Meinung nach, unmoͤglich, ferner Theilnahme fuͤr ihn zu haben. Einige Tage, nachdem ich dieſes Gemaͤlde von Adolphs Hausweſen, das mir ſo wenig Geſchmack fuͤr die Ehe beibrachte, geſehen hatte, trete ich, auf's Neue nach einer Wohnung ſuchend, in ein Haus der Straße de Lanry, und der Pfoͤrtner fordert mich gleichfalls auf, in den dritten Stock zu ſteigenz da die zu vermiethende Woh⸗ nung ein junges Ehepaar inne hat, ſo ſind, wie er mir ſagt, Leute oben, die ſie mir zeigen werden. Waͤhrend ich die Treppe hinaufſteige, ſage ich bei mir ſelber:„Wenn dieſe junge Haushaltung ein Seiten⸗ ſtuͤck zu der Deſigny's iſt, ſo ſchwore ich, ledig zu bleiben.“ Ich klingle an der mir bezeichneten Thuͤre, denn dieſe iſt wenigſtens verſchloſſen, was mir ſchon mehr Ordnung ankuͤndigt: bei Perſonen, die ihre Thuͤre offen laſſen, ſes. ich nicht viel davon voraus. Eine junge, einfach aber geſchmackvoll gekleidete Fran offnet mir; ſie haͤlt ein Kind in ihren Armen, aber ein friſches, reinliches, mit ganz weißen Windeln bedecktes Kind. Ich entſchuldige mich uͤber die Storung, erklaͤre, 2 90 was mich herfuͤhrt, ſie bittet mich ſehr hoͤflich, einzu⸗ treten und die Wohnung anzuſehen. Zuerſt ſehe ich ein kleines, blank geſcheuertes Speiſe⸗ zimmer; ein Tiſch, ein Speiſeſchrank und einige Seſſel bilden das ganze Ameublement dieſes Gemachs, man könnte ſich aber in Allem ſpiegeln. Links iſt eine ſo wohl geordnete, ſo gut gehaltene Kuͤche, daß man gerne darin eſſen wuͤrde, was bei den Pariſer Kuͤchen etwas Seltenes iſt. Ein in dem Speiſezimmer angebrachter Verſchlag bildet ein kleines, ſehr bequemes Ankleidekabinet; endlich trete ich in das Schlafzimmer, das auch als Sa⸗ lon dient; die Moͤbels darin ſind nicht ſo neumodiſch, ſo ſchoͤn, als die bei Deſigny; und doch ſcheint dieſes Zim⸗ mer reicher, weil Alles ſo ſauber, ſo gut an die rechte Stelle angebracht iſt, daß es ein Anſehen von Eleganz erhaͤlt. Es ſteht indeß eine Wiege in dieſem Zimmer; ſie befindet ſich am Fuße des Bettes, iſt mit gruͤnſeidenen Vorhaͤngen bedeckt, kurz, nichts in dieſem Zimmer zeigt die Gegenwart eines Wickelkindes an. Ich habe Alles geſehen und bin im Begriff, mich zuruͤckzuziehen, denn ich fuͤrchte unbeſcheiden zu ſein; die Wohnung gefaͤllt mir indeß ſehr gut und ich moͤchte gerne wiſſen, ob nicht irgend ein unangenehmer Umſtand die jetzigen Bewohner zum Ausziehen noͤthigt. Da die Dame bemerkt, daß die Wohnung mir gefaͤllt, und wie ich glaube, errathet, daß ich durch weiteres Nachfragen laͤſtig zu werden fuͤrchte, ſo hat ſir die Guͤte, mir jentgegenau⸗ kommen. „Dieſe Wohnung ſcheint Ihnen paſſend zu ſein, mein ——nn— 91 Herr?— Ja, Madame.— Sie moͤchten aber vielleicht gerne wiſſen, ob nicht irgend ein Uebelſtand uns zum Ausziehen veranlaßt?— Madame... ich fuͤrchtete, Ihre Gefälligkeit zu mißbrauchen.— Durchaus nicht, mein Herr; ehe man eine Wohnung miethet, iſt es ſehr natuͤrlich, ſich nach Allem zu erkundigen; wenn Sie ſich ſetzen wollen, ſo bitte ich um die Erlaubniß, ein Gleiches thun zu duͤrfen... denn meinen Sohn zu tragen, macht mich ein wenig muͤde...— Ah! Madame... es iſt mir aͤußerſt leid, daß ich Sie ſo lange habe ſtehen laſſen...“ 4 Die Dame weist mir einen Stuhl an, ſetzt ſich dann ſelbſt vor dem Kamin, und nachdem ſie ihr Kind zaͤrtlich gekuͤßt hat, bringt ſie es in eine ſolche Lage auf ihrem Schoos, um es ſanft wiegen zu koͤnnen. Ich betrachte dies Alles und bewundere die junge Mutter, nicht nur, weil ſie ſehr huͤbſch iſt, ſondern auch weil ich finde, daß eine Frau, die ein Kind haͤlt, unendlich mehr Anmuth hat als ein Mann. 3 „Mein Herr, ſagt die Dame zu mir, wir wohnen erſt ſeit drei Monaten hier, mein Mann und ich, und wenn wir dieſe Wohnung ſo ſchnell verlaſſen, geſchieht es nicht, weil ſie uns mißfiele; ganz im Gegentheil, wir vermiſſen ſie ſogar ſehr ungern. Wir waren aber hie⸗ her gezogen, um naͤher bei dem Buͤreau meines Mannes zu ſein, der in einem Handlungshauſe arbeitet, und nun fand er eine viel vortheilhaftere Stelle in einem Banquier⸗ Haus; das iſt aber in der Chausée d'Antin in der Naͤhe der Magdalenenkirche, und ich will daher in jene 4. Gegend ziehen: denn mein Mann iſt haͤufig genothigt, 92² Abends wieder auf ſein Buͤreau zu gehen, und ich mochte nicht, daß er einen ſo großen Weg zu machen haͤtte!... man braucht zu lange zum Gehen, und um dieſen Weg ſieht man einander ſchon weniger!... ich aber lang⸗ weile mich, wenn ich lange ohne meinen Mann bin, und fühle mich unruhig, wenn ich ihn weit entfernt von mir weiß.⸗ 5 Alles das wird mir mit einer Offenheit, einer Natuͤrlich⸗ ceit geſagt, die mich bezaubert; man ſieht, daß es dieſer jungen Frau auch Vergnuͤgen macht, von ihrem Manne zu reden; ſie erſcheint mir darum nur noch ſchoͤner; denn mag man auch die Frauen Anderer lieben, ſo kann man darum nichtsdeſtoweniger diejenigen bewundern, welche nur die Frau eines Einzigen ſein wollen. „Alſo, Madame, waltet hier keine andere am Lokal haftende Urſache ob, die Sie zum Ausziehen veranlaßte? — Nein, mein Herr, dieſes Haus iſt ſehr ruhig, in gu⸗ tem Stande, und ohne die Geſchaͤftsveraͤnderung meines Mannes waͤren wir ohne Zweifel lange hier geblieben; wir nahmen uns das ſo feſt vor, daß wir einige Koſten aufwendeten und Veraͤnderungen hier machten: der Ver⸗ ſchlag z. B., der im erſten Zimmer ein Ankleidekabinet bildet, beſtand bei unſerem Einzuge noch nicht; wir neh⸗ men ihn weg, wenn er dem neuen Miethsmann nicht anſtaͤndig iſt.” „Ich finde ihn im Gegentheil ſehr bequem, und will mich deßhalb mit Ihnen abfinden, Madame.— O! mein Herr, alsdann muͤſſen Sie mit meinem Manne reden, denn ich verſtehe mich nicht auf Geld⸗ oder Rechnungs⸗ Angelegenheiten; und wiewohl dies nur eine ganz unbe⸗ 93 deutende Sache iſt, ſo waͤre ich doch ſehr in Verlegen⸗ heit, wenn ich Ihnen ſagen ſollte, was dieſer Verſchlag gekoſtet hat, oder werth ſein kann. Ich tauge nur zur Beſorgung meiner Haushaltung und meines Kindes.“ „Ach! Madame, ich ſinde, daß nichts uͤber eine Frau geht, die nur hiezu gut iſt.“ „Da ſind Sie wahrſcheinlich verheiratget, mein Oerr. — Nein, Madame, Sie ſohnen mich aber mit der Ehe 1 aus, fuͤr welche ich wenig Neigung hatte.— Ach! mein Herr, es iſt ein ſo großes Gluͤck, mit Jemand zu leben, der uns liebt, von dem man geliebt wird... erſt ſeit achtzehn Monaten bin ich die Frau Auguſt's; ich bin aber ſicher, daß ihm, wie mir, dieſe Zeit ſehr kurz er⸗ ſchien, und werden wir jetzt, wo wir ein Kind haben, je Langeweile kennen?... Mein Sohn iſt erſt ſieben Mo⸗ nate alt, ſieht aber ſeinem Vater ſchon ſehr aͤhnlich... O! mein Gott, mein Herr, ich ſage Ihnen das Alles, als wenn es Sie intereſſiren konnte!... entſchuldigen Sie, ich bin aber ſo gluͤcklich, einen Sohn zu haben!.. mein Mann ſagt, ich verliere den Kopf daruͤber!.. ich ſehe aber wohl, daß es ihn ebenſo ſehr freut wie mich.“ Ich ſtehe auf, denn ich fuͤrchte, laͤſtig zu werden, und frage die Dame, um welche Zeit man ihren Mann ſpre⸗ chen konne? „Von fuͤnf bis ſieben Uhr, wenn es Ihnen nicht un⸗ gelegen iſt, mein Herr; da koͤnnen Sie ſicher ſein, ihn zu finden.— Gut, Madame, morgen Abend gegen fuͤnf Uhr werde ich das Vergnuͤgen haben, Ihren Herrn Ge⸗ mahl zu ſprechen.“ 94 Ich verabſchiede mich, man begleitet mich hoͤflich hin⸗ aus und ich entferne mich, entzuͤckt uͤber die Wohnung, entzuͤckt uͤber die Dame, insbeſondere aber uͤber dies Ge⸗ maͤlde ehelichen Gluͤcks, das ſich meinen Augen darbot. Ihr Auguſt muß ſehr gluͤcklich ſein; ich bin uͤberzeugt, daß ſich ſeine Frau nur damit beſchaͤftigt, ihm zu gefallen, ſeinen Wuͤnſchen zuvorzukommen. Ohne Zweifel verdient errs und liebt ſie gleichfalls ſehr; es iſt wahrſcheinlich, denn nur liebenswuͤrdige Maͤnner werden geliebt... es gibt aber nicht viel liebenswuͤrdige. Den andern Tag kehre ich gegen fuͤnf Uhr in die Straße de Lancry zuruͤck, um Herrn Auguſt zu ſehen und mich mit ihm uͤberzſeinen Verſchlag abzufinden. Die junge Dame vom vorigen Tag laͤßt mich ein, und empfaͤngt mich ſchon wie einen alten Bekannten; ich weiß es den Perſonen Dank, die keine Umſtaͤnde mit mir machen; ich halte das fuͤr eine liebenswuͤrdige Art, die Leute ungezwungen zu machen. 3 Man fuͤhrt mich in das Schlafzimmer; vor einem Schreibtiſch ſitzt ein junger Mann, zu dem die Dame ſagt:„Hier, Auguſt, iſt der Herr, der geſtern da war und dem unſere Wohnung gefaͤllt.“ Der junge Mann ſteht auf, verbeugt ſich, und kommt auf mich zu. Ich blicke ihn an, und fuͤhle mich alsbald verwirrt, beengt, ich weiß nicht, was ich ſagen will, was ich thun ſoll, denn in dem Herrn erkannte ich den⸗ jenigen, der Clementinen den Arm gab, der die Treppe herabkam, als ich zu ihr hinauf wollte. Ich weiß nicht, ob man meine Verwirrung gewahr wird, allein man bietet mir einen Sitz. Fch nehme ihn 95 an, ſuche mich zu faſſen, und waͤhrend Herr Auguſt mir von Verſchlag, Schreinerarbeit und Schloſſerrechnung ſpricht, denke ich an Clementinen, an das Zuſammen⸗ treffen, an die Kuͤſſe, die ich gehoͤrt, und ſofort daran, was die junge Frau mir geſtern von ihrem gluͤcklichen Hausweſen, ihrem ehelichen Gluͤck ſagte. Erſt ſeit acht⸗ zehn Monaten verheirathet? ſollte ihr Mann ſchon eine Maitreſſe haben! ich weiß wohl, der Fall iſt ſchon vorz gekommen; wuͤrde er aber alsdann ſeine Frau ſo gluͤck⸗ lich machen? ſich ſo ſehr in ſeinem Hausweſen gefallen? Waͤhrend ich dieſe Betrachtungen anſtelle, gebe ich wahrſcheinlich dem Herrn verkehrte Antworten auf ſeine Fragen, denn laͤchelnd wiederholtz er mir:„Alſo gefaͤllt Ihnen dieſe Wohnung nicht mehr, mein Herr?— Ver⸗ zeihen Sie, mein Herr, verzeihen Sie!— Und Sie be⸗ halten den Verſchlag fuͤr neunzig Franken?— Ja, mein Herr... ol wie Sie wollen.— Er hat mich hundert und zwanzig gekoſtet, ich werde Ihnen die Rechnungen zeigen.— O! das iſt unndthig, mein Herr, ich verlaſſe mich ganz auf Sie.— Es iſt ſomit nun eine abge⸗. machte Sache?— Ja, mein Herr.“ Obgleich das Geſchaͤft, das mich herfuͤhrte, nun been⸗ digt iſt, moͤchte ich doch noch nicht fortgehen; ich wuͤnſchte das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand zu lenken, weiß aber nicht, wie ich es anfangen ſoll. Die junge Frau iſt gegenwaͤrtig, es waͤre mir aͤußerſt leid, wenn ich ihr den mindeſten Kummer machte, ihre Eifer⸗ ſucht erweckte; was koͤnnte ich zudem ihren Mann fra⸗ gen?... Ich weiß mir nicht zu helfen, ſehe bald ihn, bald die Frau und das Kind an und ſchweige. 5 1 96 Gluͤcklicher Weiſe kommt mir Herr Auguſt zu Huͤlfe, indem er ſagt:„Ich geſtehe Ihnen, daß ich das Aus⸗ ziehen gar nicht liebe; ein aͤhnlicher Umſtand, wie der obwaltende, war noͤthig, uns dazu zu bringen. Ehe wir hier waren, wohnten wir im Marais, in der Straße Saint⸗Claude, und wahrlich! es koſtete uns viele Ueber⸗ windung! es geſchah aber auch nur, um mich meinem Blureau naͤher zu bringen.“ „Ah! Sie wohnten in der Straße Saint⸗Claudt, im Maxais?...“ 3 „Ja,“ verſetzt die junge Frau,„ und ich bedaure beſonders eine ſehr liebenswuͤrdige Nachbarin, von der ich mich nur mit Schmerzen trennte...— Eine Nach⸗ barin... in Ihrem Hauſe?— Auf dem naͤmlichen Boden mit uns, wir wohnten wie hier, im dritten Stock. Ach! um welche Laſt fuͤhle ich mich erleichtert! Sie wohnten in dem Hauſe, auf dem gleichen Boden mit Clementine; jene Kuͤſſe, die ich gehoͤrt, gab er ſeiner Frau, und an dem Tag, wo Clementine mit ihm aus⸗ ging, blickte dieſe, wie ich mich jetzt recht wohl erinnere, nach den Fenſtern des Hauſes hinauf und laͤchelte einer dort befindlichen Dame zu... Ich verſtehe, errathe nun Alles! Clementine liebt mich noch immer; iſt mir nie untreu geweſen;z ungerecht war mein Verdacht. Eine unbeſchreibliche Freude erfuͤllt mein Herzz und nur einer Minute, eines Augenblicks bedurfte es, um alle Zweifel zu verſcheuchen. uUm indeß noch ſicherer zu ſein, daß ich mich nicht tauſchte, ſage ich nun meinerſeits:„ Ich habe eine Dame gekannt, welche in der von Ihnen genannten Straße ———— 97 wohnte... ſie hieß Clementine Desmares.— Das iſt ja gerade die Nachbarin, von der wir ſprachen, die auf unſerem Boden wohnte. O! eine ſehr liebenswuͤrdige, ſehr artige Dame!... Sie war oftmals traurig und mein Mann und ich, wir gaben uns alle Muͤhe, ſie auf⸗ zuheitern; ſie ging nie aus, nahm keine Beſuche an... ſie las viel, darin beſtand ihr einziges Vergnuͤgen; waͤre es aber unbeſcheiden, mein Herr, wenn ich Sie nach Ihrem Namen frage?— Arthur, Madame.— Wie! Sie ſind Herr Arthur... O! dann kennen win Sie... wenigſtens aus Ihren Werken, denn jene Dame liebt ſolche ſehr, und las ſie beſtaͤndig. 3 Bei dieſen Worten laͤchelt die Dame und ſieht ihren Mann an, der gleichfalls laͤchelt. Ich errrathe, daß Clementine ihre geheimen Gedanken hervortreten ließ, und bin darum nur um ſo gluͤcklicher; ſie ſprach von mir, hatte mich alſo nicht vergeſſen; ich aber, ich habe ſie verlaſſen, habe ſie fuͤr ſtrafbar gehalten! wollte ſie nicht einmal wiſſen laſſen, wo ich war! Eilfertig erhebe ich mich, verabſchiede mich von den jungen Eheleuten, nehme mir kaum Zeit, ſie zu begruͤßen, und ſtehe in der Straße, bin bald auf den Boulevard's und laufe oder vielmehr renne ohne Unterbrechung bis zur Straße Saint⸗Claude, nur mit dem Gedanken, dem Wunſche, Clementine wiederzuſehen, ſie um Verzeihung zu bitten. Ich trete in ihr Haus und rufe dem Portier zu: „Madame Desmares,“ und ſteige flugs die Treppe hinan. Im dritten Stock angelangt, klingle ich an der erſten beſten Thuͤr, und warte mit Ungeduld, daß man mir Paul de Kock. Iv. 7 98 offnet. Wenn ſie mich uͤbel empfinge... O nein, ich werde mich ihr zu Fuͤßen, an ihren Hals werfen; werde ſie ſo viel umarmen, daß ſie mich wohl noch lieben muß. — Es dauert lange, bis man oͤffnet. Ah! ich hoͤre kommen, endlich... doch welch' langſamer Gang... unmöglich iſt er Clementinen's. Ich irrte mich nicht, eine alte Frau oͤffnet die Thuͤr. „Madame Desmares?— Hier, mein Herr.— Iſt ſie zu Hauſe?— Ja, mein Herr... man kann ſie aber in dieſem Augenblick nicht ſehen.— Warum denn? — Der Herr weiß alſo nicht, daß Madame Desmares krank, ſehr krank iſt ſeit fuͤnf Tagen? es wandelte ſie mit dem Fieber an, dieſes hat zugenommen, dann kam das Irrereden dazwiſchen, und ſie befindet ſich gar nicht gut... „O! das macht nichts, Madame, ich bin ihr Freund, ihr Bruder, Derjenige, den ſie am meiſten in der Welt liebt; ich will ſie ſehen, ja mehr, ich werde ſie pflegen, bei ihr wachen, ſie nicht mehr verlaſſen, bis ſie wieder hergeſtellt iſt.“ Bei dieſen Worten trete ich ein, gehe durch ein klei⸗ nes Vorgemach und dringe in ein anderes Zimmer. Die alte Frau folgte mir, ganz erſtaunt uͤber mein Verfah⸗ ren und unſchluͤſſig, ob ſie ſich widerſetzen ſolle oder nicht? Clementine liegt im Bett, ich trete naͤher und ſchlage die Vorhaͤnge etwas auseinander. Sie ſchlummert, ihr Athem iſt jedoch muͤhſam, ihr Schlaf unruhig. Wie ver⸗ andert ſie iſt! Kummer, Krankheit geben ſich in ihren Zuͤgen zu erkennen. Ich druͤcke einen Kuß auf ihre Stirn, wobei ich mich bemuͤhe, ſie nicht aufzuwecken. 99 Die alte Frau laͤßt mich machen, ſieht mich aber mit großen Augen an. Ich ziehe die Vorhaͤnge wieder zu und frage ſie: „Sind Sie Krankenwaͤrterin, Madame?— Nein, mein Herr; ich wohne aber im Hauſe, ganz oben; als ich er⸗ fuhr, daß die junge Dame krank und allein ſei, kam ich, ſie zu pflegen, herab.— Ach! ich danke Ihnen tauſend⸗ mal!— Noch wollte Madame Desmares nicht, daß ich bei ihr bliebe. Sie dankte mir und ſagte: Ich habe Nichts noͤthig, es wird voruͤbergehen. An ihren Augen aber und ihrem Puls ſah ich wohl, daß es nicht ſo ſchnell voruͤbergehen werde.— Und Sie haben einen Arzt kommen laſſen?— Mein Gott, nein, dieſe Dame hat es nie zugeben wollen... ſeit geſtern vollends, ſeit ſie irre redet, weiß ich gar nicht, was ich thun ſoll; und dann, wahrlich, wenn man nicht reich iſt...— Ach! Madame, ich beſchwoͤre Sie, holen Sie ſchnell einen Arzt aus dem Viertel herbei; er ſoll augenblicklich kom⸗ men. Da haben Sie Geld; nehmen Sie's, ich bitte, Sie koͤnnen es brauchen, um zu kaufen, was er verord⸗ nen wird; gehen Sie, gehen Sie ſchnell.“ Die Alte trippelt fort. Nachdem ich fuͤnf⸗ oder ſechsmal im Zim⸗ mer auf⸗ und abgegangen bin, ſetze ich mich an Clemen⸗ tinen's Bett. Ich blicke um mich; Clementine iſt un⸗ gluͤcklich, ich fuͤrchte, ich ahne es!... Ohne Zweifel gibt ihr Mann ihr kaum, was ſie zum Lebensunterhalte braucht, und ſie iſt zu ſtolz, ihn um mehr zu bitten; und ich, ihr Geliebter, ihr einziger Freund, die Urſache all ihres Ungluͤcks, ich klagte ſie an, verwuͤnſchte ſie, wollte ſie nicht wieder ſehen! 100 Die Alte kommt mit einem Arzte zuruͤck; dieſer blickt die Kranke an, verbietet, ſie aufzuwecken, ſchreibt ein Recept und verſpricht, wieder zu kommen. Ich bin entſchloſſen, da zu bleiben, ſtets an ihrer Seite, bis ſie ihre Geſundheit wieder erlangt hat. Die Alte erlaubt ſich keine weitere Bemerkung mehr; ſie gehorcht mir blindlings und ich ſehe, daß ſie mich fur den Gemahl Clementinen's haͤlt. Die Nacht bricht herein. Ich fordere die gute Nach⸗ barin auf, in ihrem Zimmer der Ruhe zu genießen, ich will allein bei der Kranken wachen. Die Alte entfernt ſich jedoch erſt, nachdem ſie mir Clementine wohl anem⸗ pfohlen hat. Mir ſie anempfehlen!... ach! Niemand in der Welt wuͤrde beſſer bei ihr wachen, als ich! Clementine redet im Traum. Mein Name iſt meh⸗ rere Male uͤber ihre Lippen gekommen; alsdann kuͤſſe ich ſie zaͤrtlich; mir ſcheint, das muͤſſe ihr wohlthun. Ich habe ihr mehre Loͤffel der verordneten Arznei ein⸗ gegeben. So geht die Nacht hin. Sie kommt mir lang vor, denn Clementine ſcheint noch immer leidend. Bei Anbruch des Tages wird ſie jedoch ruhiger; ein ſanf⸗ terer Schlaf bemaͤchtigt ſich ihrer, und wenn ich ſie ſo ¹ ſchlafen und freier athmen ſehe, ſo bilde ich mir ein, mehr meine Kuͤſſe, als der Trank des Arztes haben dieſe wohlthaͤtige Wirkung hervorgebracht. Wie manche Betrachtungen umlagern mich im Laufe, dieſer Nacht! Wenn ich ſo um mich herblicke, meine Augen dann wieder auf dieſe angebetete Frau fallen, wie ſie daliegt in ihrem Bette, da fuͤhle ich den Wunſch in mir aufſteigen, reich zu ſein, um ſie mit Pflege und — —— — —— 101 Wohlſtand zu umgeben, damit keiner ihrer Wuͤnſche, kein Verlangen ungeſtillt bliebe. Was ich fuͤr meinen Vater gethan, bereue ich nicht, es thut mir aber wehe, daß ich nur noch ſo viel beſitze, um beſcheiden davon leben zu koͤnnen... Doch ſtellen wir erſt wieder Clementinen's Geſundheit her, dann wol⸗ len wir daran denken, ihr den Wohlſtand wieder zu ver⸗ ſchaffen, den ſie jetzt entbehrt. Gegen ſieben Uhr erwacht ſie. Ihre Vorhaͤnge ſind zugezogen; doch ich hoͤre ihre Stimme; ſie ruft ihrer Nachbarin; das Irrereden iſt voruͤber. Wenn meine Gegenwart einen uͤbeln Eindruck machte... Nein! mir ſcheint im Gegentheil, daß es ſie voͤllig heilen wird.. „Sind Sie da, Madame Gervais?“ murmelt ſie mit ſchwacher Stimme. „Nein... Madame Gervais hat ſich zur Ruhe be⸗ geben.— Wer iſt dann aber da... wer ſpricht als⸗ dann mit mir?...“ „Jemand, der ſeit langer Zeit ſehnlich nach Ihrem Anblick verlangte... Jemand, der Sie von ganzer Seele liebt... aber ſehr ſtrafbar war und fuͤrchtet, Sie moͤchten boͤſe auf ihn ſein.“ „Ol mein Gott, welche Stimme!.. wenn ich mich nicht taͤuſchte.. ich waͤre ſo gluͤcklich!... Arthur!.. Arthur!... biſt Du es?...“ Ich habe die Vorhaͤnge auseinander gezogen; und ſtatt aller Antwort umfaſſe ich ſie mit meinen Armen, druͤcke ſie an mein Herz. Einige Minuten hindurch ſind wir zu bewegt, zu gluͤcklich, um ſprechen zu koͤnnen. Clementine vergießt Thraͤnen, aber es ſind Thraͤnen 10² der Freude; dann ſtammelt ſie:„Arthur... wie! Du biſt es?... wie kommt dies?...— Ich bin ſeit geſtern hier, habe die ganze Nacht an Deinem Bette zugebracht. — Ah! deßhalb alſo fuͤhlte ich mich ſo wohl.— Theure Clementine!— Du liebſt mich alſo noch immer?— Mehr als je! und wenn Ou ſeit lange nichts von mir 3 gehoͤrt haſt, ſo geſchah es, weeil ich ebenfalls glaubte, daß Du mich nicht mehr liebeſt.— Dich nicht mehr lie⸗ ben!... ol mein Gott!... waͤre es möglich?... und das haſt Du glauben koͤnnen?— Ja, und es hat mich ſehr ungluͤcklich gemacht!... Seit jenem Tage, wo ich Dich am Arme eines andern Mannes geſehen hatte...— O! ich erinnere mich wohl dieſes Tags, und habe mir Vorwuͤrfe genug daruͤber gemacht. Ich ſah Dich in der Straße mit einem andern Herrn; ihr bliebet ſtehen, ſahet nach den Haͤuſern. Damals wußte ich, daß Du eine Andere liebteſt... daß Du mich ver⸗ geſſen hatteſt. Ich wollte mich indeß uͤberzeugen, ob ich Dir voͤllig gleichguͤltig geworden ſei; in aller Eile ſetzte ich meinen Hut auf, warf einen Shawl um; bat dann den Gatten einer meiner Nachbarinnen, mir bis zum Boulevard den Arm zu geben. Wir gingen an Dir vorüber... Als ich aber Deine Blicke auf mir haften ſah, als ich Verwirrung, Schmerz darin zu bemerken glaubte, ach! da war ich auf dem Punkte, meinen Be⸗ gleiter zu verlaſſen und Dir entgegen zu fliegen: ich ſagte aber bei mir ſelbſt: Vielleicht ſtoͤßt er mich zuruͤck! . und deßhalb that ich es nicht.“ Ich umarme Clementine aufs Neue; dann theile ich ihr mit, wie ich Bekanntſchaft mit ihren alten Nachbarn - —— — ——- —— — 103 gemacht habe; ich erzaͤhle ihr Alles, was ich empfunden, was ich gethan habe, ſeit ich ſie nicht mehr geſehen; ich verberge ihr nichts, weder meine Fehler, noch mei⸗ nen Kummer; mit einer Frau, die man aufrichtig liebt, muß man ohne Ruͤckhalt ſein. So lange wir noch plaudern, kommt die alte Nach⸗ barin herbei; ſie iſt ganz erſtaunt, als ſie Clementinen mit hellem Auge und laͤchelndem Munde ſieht. „O, ich bin geneſen, ruft Clementine ihr zu.— Es ſcheint, daß dieſe Arznei Ihnen ſehr gut bekommen iſt, Madame!..“ Clementine ſieht mich an und liſpelt:„Du haſt mir die Geſundheit wiedergegeben!— Warum haſt Du aber Madame Auguſt, die Dich ſo ſehr liebt, nicht von Dei⸗ nem Krankſein in Kenntniß ſetzen laſſen?— O! ich weiß wohl, daß ſie Alles verlaſſen haͤtte, mich zu pfle⸗ gen... allein ſie iſt Mutter, ſie ſaͤugt ihr Kind, ich wollte nicht, daß ſie ſich meinetwegen belaͤſtigte, ſich ab⸗ muͤhte. Ueberdies lag mir ſo wenig am Leben!... ich dachte, Du habeſt mich voͤllig vergeſſen, und waͤre ſo gerne geſtorben!... jetzt denke ich nicht mehr ſo... und es ſcheint, als habe das Gefuͤhl des Gluͤcks mir bereits Geſundheit und Kraͤfte wiedergegeben.“ Zufriedenheit des Herzens iſt in der That eines der beſten Heilmittel fuͤr koͤrperliche Leiden. Clementine empfindet dies; ihre Beſſerung nimmt in den folgenden Tagen einen guten Fortgang. Da ich indeß zu oͤfterer Abweſenheit gezwungen bin, ſo leide ich nicht, daß die alte Nachbarin von ihr geht, ſo lange ſie noch ſchwach iſt. Als aber Clementine vollig wieder hergeſtellt iſt, und 104 ein leichtes Roth die Blaͤſſe ihres Geſichts erſetzte: o! da bin ich der erſte, der die gute Frau verabſchiedet; ihre Gegenwart iſt gaͤnzlich unndthig bei dem, was ich noch mit Clementinen zu thun habe! 3 Siebentes und letztes Kapitel. Der Adjunkt des Schultheißen. Clementine hat ihre Geſundheit voͤllig wieder erlangt; ſie iſt ſchon, liebevoll, gut, wie ehemals; und ich glaube, ſie iſt mir hundertmal theurer, denn ich habe nun zu erfahren Gelegenheit gehabt, daß diejenigen Frauen, welche uns wirklich, ohne Launen, ohne Koketterie lie⸗ ben, auch die einzigen ſind, bei denen wir uns wahrhaft gluͤcklich finden. Ich habe mich nach der Lage meines Vaters erkun⸗ digt und vernommen, daß er nach ſeiner Befreiung aus dem Gefaͤngniſſe aufs Neue ſeine vornehmen Bekannt⸗ ſchaften, ſeine Freunde aus der großen Welt herbeieilen ſah,— beinahe lauter Leute von hohem Stande, wie er, die ihm keinen Sou vorgeſchoſſen haͤtten, um ihm aus dem Gefaͤngniſſe heraus zu helfen, weil dieſe Perſonen nicht gerne Geld herleihen, was ihnen uͤberdies haͤufig ſehr ſchwer waͤre, die ſich dagegen beeifern, ihren Beiſtand, ihren Einfluß bei Miniſtern und Guͤnſtlingen anzubieten: denn man darf nicht glauben, daß gefaͤllige Menſchen ſelten ſeien; unter Leuten von derſelben Kaſte leiſtet man einander im Gegentheile gerne Dienſte, und unterſtuͤtzt ſich gegenſeitigz bis zum Geldleihen darf es aber nicht 105 gehen, daran ſcheitern gewoͤhnlich die beſten Freund⸗ ſchaften. 1 5 Durch den Einfluß ſeiner Freunde, und Dank dem ehrenvollen Namen, den er fuͤhrt, wurde der Baron von Harleville zu einer wichtigen Stelle im Hauſe des Koͤnigs ernannt; und was beſſer iſt, er hat es angenommen. Er befindet ſich ſomit in Gunſt, hat Einfluß, und na- mentlich iſt er im Stande, Gluͤckliche zu machen; denn da ihn ſeine Stelle in beſtaͤndigen Verkehr mie hohen Behorden bringt, ſo iſt es ihm leicht, zu erlangen, was er begehrt. Allein ich kenne den Baron und bin ſichtr, daß er ſeinen Einfluß nur zu Gunſten Solcher gebrauchen wird, die er fuͤr wuͤrdig haͤlt. Beruhigt uͤber das Schickſal meines Vaters konnte ich nunmehr, da ich Clementinen jetzt täglich ſehen kann, und alle nicht zur Arbeit beſtimmte Zeit bei ihr zubringe, vollig gluͤcklich ſein; noch gibt es aber Etwas, das mein Gluͤck ſtoͤrt, mich im Innerſten betruͤbt, und das zu heben mir unmoͤglich iſt. Ich habe geſehen, daß Clementine Mangel leidet, ſich tauſend Entbehrungen auferlegt; vergeblich hat ſie aber geſucht, es mir zu verbergen. Zwiſchen uns kann kein Geheimniß Statt finden: wir errathen, was wir uns nicht ſagen. Ich habe ſie gebeten, angefleht, mit mir zu theilen, was ich noch beſitze; ſie wies es mit Stolz und Feſtigkeit ab; ſie will von mir nur meine Liebe; ſie ſagt, ſie wuͤrde boͤſe werden, wenn ich ihr nochmals ſolche An⸗ erbietungen mache. Ich war gendͤthigt, zu ſchweigen, allein ich bin untroſtlich, daß ich ihre Lage nicht aͤndern kann. Eines Abends habe ich ſie ſpaͤt verlaſſen; ſie iſt noch 106 ſchwach in Folge ihrer Krankheit, bedarf der Ruhe und verſichert mich, ſich derſelben alsbald hinzugeben. Ich ent⸗ ferne mich, bin aber unruhig, bewegt, und nach Verfluß einer halben Stunde fuͤhrt mich Etwas wieder zu Cle⸗ mentinen zuruͤck. 4 Ich finde ſie noch auf, bei ihrer Lampe arbeitend, und ihre Augen an einer jener Frauenarbeiten anſtrengend, die ſo viel Zeit erfordern und ſo wenig eintragen. Ich ent⸗ reiße ihr die Stickerei und rufe aus: „Clementine! ſiehſt Du, wie Du mich hintergehſt!... Du marterſt Dich ab, um einige Sous zu verdienen... und weiſeſt meine Huͤlfe von Dir!..“ „Arthur, ich wuͤrde vor Dir erroͤthen, wenn ich Dir zur Laſt fiele. Ich weiß, daß Du gezwungen warſt, große Opfer zu bringen, um die Schulden Deines Vaters zu bezahlen.. und uͤberdies will ich nicht unterhalten wer⸗ den!...“ 8 „Welch ein Wort gebrauchſt Du da!... Dein Stolz iſt uͤbel angebracht, er iſt laͤcherlich!... wenn man ſich liebt, wie wir uns lieben, muß Alles gemeinſchaftlich ſein.”“ „Aber, mein Gott, ich bin ja gluͤcklich! ich ſehe Dich alle Tage, Du liebſt mich, mehr wünſche ich nicht.. und hoffentlich ſteht es mir frei, zu arbeiten!.“ 6 „Nein, es ſteht Dir nicht frei, Deine Geſundheit zu untergraben, Dir Deine Ruhe zu rauben... wenn Du es thuſt, geſchieht es nur, weil Du dazu gezwungen biſt. Ich bitte Dich, antworte mir unverholen, wie viel gibt Dir Dein Mann jaͤhrlich?...— Aber...— Und be⸗ luͤge mich nicht, oder ich werde ebenfalls boͤſe.— Er gibt mir... vierhundert Franken...— Vierhundert 107 Franken!.. ein Mann, der fuͤnfzehntauſend duann Renten hat!...— Ich bin ſtrafbar geweſen... habe nicht das Recht, mich zu beklagen....— Vierhundert Franken!... armes Weib!... und damit ſollſt Du leben! ...— Wenn ich fleißig arbeite, kann ich ungefaͤhr daſ⸗ ſelbe verdienen. Dies wuͤrde hinreichen; wenn ich aber jetzt ein wenig eingeſchraͤnkt bin, ſo iſt meine Krankheit daran Schuld... und dayn uͤberſchickt mir Herr Mon⸗ carville nicht immer regelmaͤßig, was er mir zu geben hat....— Das heißt, nicht zufrieden damit, daß er Dich im Elend laͤßt, gibt er Dir nicht einmal das Brod, das er Dir verſpricht!...— Arthur.. ich muß ſchweigen und dulden; Alles das iſt die Folge meines Fehltritts... da ich mich aber nicht beklage, befinde ich mich gluͤcklich. — Biſt Du ſtrafbar geweſen, ſo trage ich die Schuld;z und an mir iſt es alſo, Dich auch aus dieſer traurigen Lage zu ziehen. Du kannſt nicht laͤnger in derſelben blei⸗ ben. Du weigerſt Dich, irgend etwas von mir anzuneh⸗ men, Du wirſt aber eine anſtändige Penſion von Deinem Manne nicht abweiſen. Nun wohlan! meine Sache iſt es, ihn zu zwingen, daß er Dich mit weniger Unmenſch⸗ lichkeit behandelt.— Was ſagſt Du?... was willſt Du thun?— Fuͤrchte nichts! ich weiß, daß ich mich nicht ſelbſt an Deinen Mann wenden kann... auch werde ich nicht mit ihm reden.. Du haſt mir aber, glaube ich, geſagt, Herr Moncarville ſei mit einem gewiſſen Herrn Gérancourt bekannt, fuͤr den er viele Hochachtung hege? — Ja, dieſer Herr von Gérancourt hat meinem Manne vormals verſchiedene Dienſte geleiſtet; ich glaube, ſie ſind ſogar verwandt, und Herr Moncarville ſetzt großes Ver⸗ 108 trauen in ihn; dieſer Herr von Gérancourt, inzwiſchen Staatsrath geworden, iſt ein ſtolzer hochmuͤthiger Mann, der ſich keineswegs fuͤr mich intereſſiren wird.— Vielleicht; .. laß mich nur machen, Clementine, und baue auf mich.“ Ich habe viel uͤber mich genommen, denn ich kenne dieſen Herrn von Gérancourt nur ſehr wenigz einige Mal habe ich ihn in Geſellſchaft getroffen, und er hatte mich ziemlich leicht eingeladen, ihn zu beſuchen; damals ſtand er jedoch weniger in Gunſt... Gleichviel... muß ich nicht Alles verſuchen, um Clementinen nuͤtzlich zu ſein? .. Gleich Morgen werde ich zu dem Herrn Staatsrath gehen. Es koſtet mich viel, zu bitten: waͤre es fuͤr mich, ſo haͤtte ich nicht den Muth dazuz es handelt ſich aber um Clementinen, ich darf nicht ſchwanken. Den andern Tag mache ich meine Toilette und begebe mich gegen Mittag zu Herrn von Gérancgurt. Ich trete in den erſten Sa⸗ lon, wo ich ein Dutzend Perſonen erblicke, die warten, bis die Reihe an ſie kommt, in das Kabinet des Staats⸗ beamten eingelaſſen zu werden. Welch trauriges Handwerk iſt es doch um das Solli⸗ citiren; ich ſetze mich in eine Ecke und ſuche mich in Ge⸗ duld zu faſſen, aber eine Stunde vergeht und noch iſt kein 4 Einziger der Anweſenden vorgelaſſen worden; und doch langen von Zeit zu Zeit vornehme Herren an, die, kaum angemeldet, ohne weiteres augenblicklich in das Kabinet des Herrn Staatsraths dringen. Ich will ein Gleiches verſuchen: ich wende mich an einen Diener, und erſuche ihn, ſeinem Herrn zu ſagen, daß Herr Arthur ein Wort mit ihm zu reden habe. 109 Der Bediente richtet meinen Auftrag aus, kommt aber bald mit der Nachricht zuruͤck, daß ſein Herr beſchaͤf⸗ tigt ſei und mich in dieſem Augenblick nicht anhoͤren konne. Ach! ich begreife wohl, daß, wenn man nur Arthur heißt, man nicht hoffen darf, fruͤher als die Andern vorgelaſſen zu werden. Zorn im Herzen, entferne ich mich; ich wuͤnſche die Beamten, welche nur auf Titel Ruͤckſicht nehmen, zum Teufel, und bin ſehr verſucht, nicht wieder zu Herrn von Gérancourt zuruͤckzukehren. Weerde ich aber auf dieſe Art Clementinen nuͤtzen kon⸗ nen?... Ach! Beharrlichkeit und Muth iſt vonndthen! Ich werde mir ſtets ins Gedaͤchtniß rufen, daß diejenige, die ich liebe, ſich tauſend Entbehrungen auferlegt, und unaufhoͤrlich das Vorzimmer des Herrn Staatsraths be⸗ lagern. Ich gehe wieder zu Herrn von Gérancourt, der Saal, in dem man wartet, iſt noch ſtark⸗mit Leuten beſetzt. Ich nehme Platz mit dem Vorſatz, mich nicht wie das erſte Mal zu entfernen. Der Diener, mit dem ich geſtern redete, laͤuft ab und zu, wobei er unverſchaͤmte Blicke auf uns wirft; wahrſcheinlich, weil er vorausſetzt, daß wir vergeblich warten, und ſein Herr noch immer keine Zeit haben werde, uns zu empfangen. Neben mir ſitzt ein kleines Maͤnnchen, das ich an ſei⸗ ner Kleidung, an ſeinen Manieren leicht als einen Land⸗ bewohner erkenne. Er ſcheint Luſt zum Plaudern zu haben und es ſteht nicht Länse an, bis er auch das Wort an mich richtet. „Das Warten iſt ſehr langweilig; nicht wahr, mein Herr?— Ja, höochſt langweilig.— Sie, als Pariſer ſind 110 vielleicht daran gewohnt. Mich aber, als Landbewohner, belaͤſtigt es, ſo zu laufen... und nun bringe ich ſchon drei Tage hintereinander ganze Stunden hier zuz und wenn ich dann hoffe, mit dem Herrn Staatsrath ſprechen zu koͤnnen, ſo ſagt man mir, daß er fuͤr heute Niemand maehr empfange... es ſei zu ſpaͤt... das iſt ſehr wider⸗ wärtig.. wenn es ſich noch um meine eigenen Angele⸗ genheiten handelte... es geſchieht aber fuͤr meine Ge⸗ meinde, daß ich mich ſo abmuͤhe.— Sie bekleiden ein Amt in Ihrer Gemeinde?— Ich bin ein Adjunkt des Schultheißen, und da der Schultheiß das Zipperlein hat, muß ich umherlaufen.“ 3. Ich wollte gerade den Adjunkt des Schultheißen fra⸗ gen, in welcher Gemeinde er dies Amt verwalte, als die Salonthuͤre mit Heftigkeit aufgeriſſen wird: ein Mann tritt ein... es iſt mein Vater. Er geht an mir vor⸗ uͤber, mich erblickend kann er eine Bewegung der Ueberra⸗ ſchung nicht unterdruͤcken; er ſagt ſofort zum Kammerdiener: „Melden Sie den Baron von Harleville an.“ Der Bediente geht, ich ſchlage die Augen nieder und kann einen Seufzer nicht unterdruͤcken, wenn ich bedenke, daß der Name meines Vaters, der wohl auch der meinige iſt, mir ſchon hundertmal die Thuͤre des hohen Staats⸗ beamten geoͤffnet haͤtte. Der Diener kommt in der That bald zuruͤck und ſagte: „der Herr Baron von Harleville kann eintreten.“ Der Baron iſt im Begriff in das Kabinet des Herrn von Gérancourt zu dringen, als mein Nachbar, der Ad⸗ zunkt des Schultheißen, aufſteht, meinem Vater nachlaͤuft und ihm zuruft: 111 „Verzeihung, mein Herr; einen Augenblick, wenn's gefaͤllig iſt!... nun hoͤre ich ſchon zweimal Ihren Na⸗ men nennen.. ich glaube, es iſt wohl der Name einer Verſon, fuͤr die ich einen Brief da in der Taſche habe. . O! wahrlich, ich habe dieſen Brief ſchon mehre Mo⸗ 8 nate, ich wußte Sie aber nicht zu finden... dieſes Pa⸗ ris iſt ſo groß, und dann iſt keine naͤhere Angab auf der Adreſſe.“ 8 Waͤhrend dieſer Worte durchſtoͤberte der Landbewohner ſeine Taſche und ſuchte unter einer Menge von Sachen den Brief herauszufinden. 4 Mein Vater war ſtehen geblieben; er blickte den Ad⸗ junkt des Schultheißen an, und ſchien zu bezweifeln, daß dieſer Mann wirklich etwas mit ihm zu ſchaffen habe;z er erwiderte ihm daher mit ungeduldigem Tone:. 3 „Ich begreife nicht, was Sie mir ſagen wollen, mein Herr: wenn Sie einen Brief an mich haben, wer uͤber⸗ gab Ihnen denſelben?— O! tauſend!... das iſt eine ganze Geſchichte.... Zuerſt muß ich Ihnen ſagen, daß ih Adjunkt des Schultheißen von Boiſſy⸗Saint⸗ Léger bin .Kennen Sie unſern Ort?“ Bei dem Namen Boiſſy⸗ Saint⸗ Léger ward der Baron blaß, ich ſelbſt, der dem Geſpraͤch anfangs wenig Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt hatte, fuͤhle mich verwirrt; dieſer Name ruft mir ſo viel Erinnerungen zuruͤck, daß ich ſorg⸗ faͤltig zuhorte. „Ja, mein Herr, ja.. ich kenne Ihren Ort.. ich bin durch denſelben gereist...“ ſagte der Baron mit halblauter Stimme, indem er den Bauern in eine Ecke 2 112 des Salons zu ziehen ſuchte;z dieſer aber faͤhrt nach der Gewohnheit der Landleute ſehr laut zu reden fort: „Nun gut! mein Herr, ich bin Adjunkt des Schult⸗ heißen, komme wegen einer Holzfällung, einer Gemeinde⸗ aangelegenheit hierher; ſo oft ich aber nach Paris gehe, habe ich Ihren Brief in meiner Taſche, weil der Herr Schultheiß zu mir ſagte:„Wenn Du dieſen Herrn Har⸗ leville zufällig entdeckſt, ſo beſorge den Auftrag des armen ungen Mannes, des, der ſich vor... ungefaͤhr fuͤnf Monaten in unſerem Dorfe das Leben nahm.“ 5 „ Vor fuͤnf Monaten, ſagen Sie... warten Sie... war es nicht am 24. September?— Meiner Treu, ich glaube, ja.. ſo wahr es iſt, daß dieſes Ungluͤck in der Herberge auf dem Dorfplatze Statt gefunden hat... Ein/ junger gut gekleideter Mann, ſo wahr ich lebe... und er hatte ſieben Franken im Beutel... Ah! da iſt der G Leufelsbrief!... er iſt ein wenig beſchmutzt... aber zum Henker, wie lange es ſich in meiner Taſche umher⸗ treibt!.. „Geben Sie, geben Sie, mein Herr!..— Sehen Sie, ob es wirklich Ihr Name iſt.— Ja... es iſt richtig an mich.— Alsdann ſind Sie wahrſcheinlich der Reiſende.. der am naͤmlichen Tage mit einer Dame in einem ſchonen Wagen ſich bei uns verweilt hatte.— 6 Ja... ja... ich bin es....— Meiner Seel, es freut mich ſehr, daß ich endlich den Auftrag des armen Tro⸗ pfen ausgerichtet habe.“ Der Baron hat den Brief in großer Verwirrung er⸗ griffen, und zieht ſich, ihn zu leſen, in eine Ecke des Salons zuruͤck. Ich, der die ganze Unterredung mit — 113 angehort hat, fuͤhle mich heftig aufgeregt, denn ich weiß nicht, warum es mir vorkommt, als muͤſſe ich bei dem Briefe des ungluͤcklichen Follard auch betheiligt ſein. Ich verliere den Baron nicht aus dem Geſicht, waͤhrend des Leſens ſehe ich ihn ſehr bewegt, und von Zeit zu Zeit wirft er ſeine Augen auf mich, doch es ſind nicht mehr jene zornigen, ſtrengen Blicke von ehemals; mir ſchei es, ich koͤnne Freundſchaft, Zaͤrtlichkeit in denſelben leſe aber ich wage nicht, daran zu glauben. Der Kammerdiener kommt aus dem Zinmer tins Herrn, und ſich an mich, wie an die uͤbrigen, ſchon lange harrenden Perſonen wendend, ſagt er zu uns: „Es iſt vergeblich, daß man laͤnger wartet, der Herr Staatsrath iſt zu beſchaͤftigt, er wird heute Niemand mehr vorlaſſen, den Herrn Baron von Harleville aus⸗ genommen.” Jeder ſchickt ſich an, wegzugehen, ich will daſſelbe thun, als mein Vater auf mich zukommt, mich bei der Hand nimmt und zum Bedienten ſagt: „Melden Sie Ihrem Herrn auch meinen Sohn, den Herrn Arthur von Harlevillag s Ich kann nicht beſchreiben, was ich empfinde; ich fuͤhle mich beengt, ich zittere; die Freude, die Wonne machen mich ſtumm. Alle Augen richten ſich auf mich; erſtaunt ſieht man mich an; doch mein Vater haͤlt mich noch immer bei der Hand, druͤckt ſie mir, als wollte er mich wieder zu mir ſelbſt bringen, und der Bediente, der gleichfalls verwundert, ſeinen Auftrag ausgerichtet hat, kommt bald mit ſehr hoflicher Miene zuruͤck, um uns zu Paul de Kock, IV. 8ᷣ 114 ſagen, daß der Herr Baron von Harleville und ſein Sohn eintreten können. Mein Vater ſtellt mich dem Herrn von Gérancourt vor, der mir tauſend Freundſchaftsbezeugungen erweist, 3 ganz erſtaunt, nicht gewußt zu haben, daß ich der Sohn 4 des Herrn Baron von Harleville ſei, mein Vater erwi⸗ dert jedoch, daß er, ehe er mich ſeinen Namen fuͤhren ließ, gewollt habe, ich ſolle mir einen eigenen in der lite⸗ rariſchen Laufbahn verſchaffen. Was mich betrifft, ſo bin ich ſo betäubt von meinem Gluͤck, von Allem, was mir begegnet, daß ich weder weiß, was ich ſagen, noch antworten ſoll. Indeß vergeſſe ich Clementinen nicht, ich hatte eine kleine Bittſchrift zu ihren Gunſten verfaßt, die ich Herrn von Gérancourt uͤberreiche, der mir auch verſpricht, daß er ſich damit beſchaͤftigen wolle. Wir gehen aus dem Hauſe des Herrn Staatsraths weg; ich bin immer bei meinem Vater, deſſen Cabriolet vor der Thuͤre ſteht, er laͤßt mich mit einſteigen und wir langen in ſeiner Wohnung an; ich fuͤhle mich gluͤcklich und entzuͤckt, die Freundſchaft meines Vaters wieder ge⸗ wonnen zu haben, aber wage noch immer nicht, irgend eine Frage an ihn zu richten. Endlich ſind wir in Herrn von Harleville's Woh⸗ nung allein, da oͤffnet er ſeine Arme und ſpricht: „Arthur, mein Sohn, ich habe mich vielfach gegen Dich verfehlt.. Willſt Du mir verzeihen?..“ 3 Ich vermag nicht zu antworten; ſtuͤrze mich aber in die Arme meines Vaters, und preſſe ihn mehre Minu⸗ ten lang an mein Herz.— Als endlich unſere gegenſeitige Aufregung etwas ge⸗ 115 ſtillt iſt, heißt mich der Baron neben ſich Platz nehmen, und beginnt: „Ich habe Dein ſchoͤnes Benehmen, mich aus dem Gefaͤngniß zu befreien, erfahren, und ich geſtehe Dir, daß ich mir bittere Vorwuͤrfe machte, Dich ſo hart behandelt zu haben. Doch quaͤlten ſchreckliche Zweifel mein Herz, und ich konnte ſie noch nicht verſcheuchen, als ich vor vierzehn Tagen die Nachricht von dem Tode meiner Frau erhielt. Eine kurze Krankheit hat ihrem Leben voll Verirrungen und Thorheiten ein Ende ge icht; ſie ſtarb zu Bordeaur; ſie uͤberſandte mir indeß ein letz⸗ tes Lebewhohl, einige Worte der Reue, in welchen ſie mir ſagte, daß ich unrecht haͤtte, uͤber meinen Sohn boſe zu ſein.(Auf unſerer letzten Reiſe hatte ich ihr mitgetheilt, welche Bande uns umſchlangen), ſie belehrte mich alſo, daß Du, ſeit ſie meinen Namen fuͤhrte, ihr ſtets nur tiefe Hochachtung bezeugt habeſt. Dieſer Brief hat meinen Argwohn erſchuͤttert... und doch zerſtoͤrte er ihn noch nicht voͤllig... Deine Gegenwart in Boiſſy⸗ Saint⸗Léger ſchien mir immer ein Beweis Deiner Liebe zu Adelen...Ach! wie ungerecht war ich!... Armer Arthur... Um mir das Leben zu retten, haſt Du meinem Zorne getrotzt.. Dieſer Brief Follard's hat mir die Wahrheit enthuͤllt. Der Ungluͤckliche bekennt darin das Verbrechen, das er begehen wollte und welches Deine unerwartete Ankunft verhinderte... Jetzt erinnere ich mich jener Worte, die Du mir in meinem Gefaͤngniſſe ſagteſt... es handelte ſich um Ihr Vermogen, um Ihr Leben vielleicht!... Ach! ſo viel Hingebung von Deiner Seite beweist mir, wie ungerecht mein Vorurtheil war!... Gerade, wie 4 116 Dich, machte ich auch Deine Mutter auf truͤgeriſchen Schein hin ungluͤcklich... Ich war ſehr ſtrafbar, das fuͤhle ich;z aber von nun an, mein Sohn, will ich nur nooch daran denken, meine Fehler gut zu machen, und durch grenzenloſe Liebe zu Dir den Schatten Deiner Mutter vielleicht verſohnen.“ Und nochmals verſiegeln neue Küſſe und Umarmungen unſere Verſoͤhnung. Ich fuͤhle, daß ich meinen Vater wiedergefunden habe, und ſehe, daß, wie ſein Haß, ſo auch ſeine Liebe keine halbe iſt. Der Baron bittet mich, bei ihm zu wohnen. Er will mir in nichts hinderlich ſein, weder in meinen Be⸗ ſchaͤftigungen, noch in meinen Vergnuͤgungen; er erklaͤrt mir, daß meine Freunde auch die ſeinigen ſeien, und daß, wweenn ich auch kuͤnftig ſeinen Namen fuͤhre, ich doch nicht weniger frei tei ſolle, als wo ich nur einfach Ar⸗ thur hieß. Kaum kann ich es erwarten, derjenigen mein Gluͤck mitzutheilen, die ſtets auch meinen Kummer getheilt hat. Ich eile zu Clementinen, ſetze ſie von der ſo uner⸗ warteten Umwandlung der Geſinnung meines Vaters in Kenntniß; ſie theilt meine Freude; iſt ebenſo gluͤcklich uͤber dieſe Begebenheit, wie ich. Doch bald verfinſtert ſich ihre Stirne; ich will die Urſache davon wiſſen. „Du biſt jetzt Herr Arthur von Harleville,“ ſagt ſie zu mir,„wirſt in der großen Welt empfangen und aufgenommen werden. Du wirſt Dir nicht mehr bei mir gefallen.. nicht mehr bei Deinen alten Bekannten. — Clementine, was Du mir da ſagſt, iſt ebenſo unge⸗ recht, als falſch insbeſondere; denn ich denke, daß Du 117— mich nicht gerade fuͤr einen Dummkopf haͤltſt. Und das ſind Diejenigen, welche Gluͤck und Groͤße vergeßlich und ſelbſtgenuͤgſam macht, vernuͤnftige Leute hingegen lieben nie inniger, als wenn ſie gluͤcklich ſind.“ Acht Tage nach dieſem Vorfall ſetzt Moncarville, Dank der Verwendung des Herrn von Gérancourt, den ich nochmals beſuchte, ſeiner Frau eine jaͤhrliche Penſion von zweitauſend Franken aus. Die Urkunde daruͤber wird von dem Notar ausgeſtellt und nur im Fall ſeines To⸗ des wuͤrde ſie aufhdͤren; alsdann aber bedurfte die Wittwe des Herrn Moncarville derſelben nicht mehr, weil ſie ihrem Ehekontrakt zufolge, die Guͤter ihres Mannes erben wird. Clementine, deren Geſchmack einfach, deren Putz be⸗ ſcheiden iſt, findet ſich gluͤcklich bei dieſem Einkommen, und ſie wird mindeſtens nicht mehr nothig haben, ſich an ihrer Ruhe abzubrechen, um mir ihre Duͤrftigkeit zu verbergen. Bei ihr, bei Herrn und Madame Auguſt, welche ſie oft beſucht, bringe ich am liebſten all' die Zeit zu, die ich nicht meinem Vater widme. Aus Gefäͤlligkeit fuͤr den Baron von Harleville, der es uͤbrigens nie von mir verlangt, begleite ich ihn zuweilen in die Welt; um ſo groͤßer iſt aber alsdann das Vergnuͤgen, mit dem ich mich in den kleinen Kreis zuruͤckziehe, den Liebe und Freundſchaſt verſuͤßen. Die Zeit verſtreicht ſehr ſchnell, wenn man gluͤcklich iſt, wovon ich nun an mir ſelbſt den ſuͤßen Beweis er⸗ lange; es ſind beinahe zwei Jahre, ſeit man mich Arthur von Harleville nennt, und ich die Freundſchaft meines 118 Vaters wieder genieße, als mir eines Tags auf dem Boulevard ein ziemlich ſchmutziger Herr begegnet, ver auf ſeinen Armen ein Kind von ungefaͤhr einem Jahre traͤgt und ein Bübſhen von zwei bis drei Jahren an der Hand fuͤhrt. 8 Dieſer Herr laͤchelt mir zu. Ich erkenne ihn anfangs nicht, denn ſeine Toilette iſt ſo vernachlaͤſſigt, daß es nicht mehr jener Adolph von ehemals iſt, der, ohne ein Stutzer zu ſein, doch wenigſtens ſtets gut gekleidet war. Doch iſt es wirklich Deſigny, und ich eile ihm ent⸗ gegen. „ Guten Tag, mein lieber Adolph.— Guten Tag, Herr Arthur! es iſt ſehr lange, daß wir uns nicht ge⸗ ſehen haben!...— Es iſt wahr... Sie ſind ſeitdem etwas mager geworden.— Ach! zum Henker.. Die Teu⸗ felsbuben machen mir ſo viel Laſt... Sie ſehen, ich habe jetzt zwei, und Julie iſt mit einem dritten in der Hoff⸗ nung...— Es ſcheint mir, daß es bei Ihnen tuͤchtig vor ſich geht.— Ja... tuͤchtig, wie man's nimmt ... wenn ich noch einen dritten ſpazieren zu fuͤhren habe, weiß ich nicht recht, wie ich's machen ſoll!...— Wa⸗ rum fuͤhrt Ihre Frau ſie nicht ſpazieren? O! ſie iſt immer leidend, Julie iſt ſehr zart... und dann haben wir Kummer gehabt... beſonders meine Frau... als wir den Tod jenes armen Teufels vernahmen.. Wenn man die Leute gekannt hat, ſo thut es Einem immer leid...— Welcher arme Teufel?... wer iſt denn ge⸗ ſtorben?— Wie! Sie wiſſen es nicht?... Theodor... der arme Theodor, auf einer Luſtparthie zu Pferde nach Montmorency, nach einem Fruͤhſtuͤcke, wo man etwas 119 — getrunken hatte... er ſcheint es uͤbertrieben zu haben, kurz, er wurde abgeworfen... und iſt nicht wieder auf⸗ geſtanden... Man hat das meiner Frau ploͤtzlich mit⸗ getheilt.. die eben erſt zu Mit r gegeſſen hatte; ſie bekam davon eine ſolche Indigeß i, daß ſie ſeitdem bei⸗ nahe immer kraͤnklich iſt... Ich ſehe nicht ein, was der Verluſt eines ſolchen Menſchen ungluͤckliches haben kann... ein Schurke weniger auf der Welt, wiewohl es immer noch genug geben wird.— Sie glauben... in der That... nun, es iſt moͤglich... meine Frau ſagte, er ſei nur ein Verirrter, ſonſt aber ein Mann von großen Faͤhigkeiten... Adieu, Herr Arthur, ich gehe heim, weil es Zeit iſt, den Kindern die Suppe zu geben. — Und dieſe Sorge wird Ihnen aufgeladen?— Es muß wohl ſein, iſt Julie ſo leidend, und wir ſind ohne Kindsmaͤdchen, auch die letzte haben wir vorgeſtern fort⸗ 3 geſchickt... das macht dreizehn ſeit zwei Monaten. Es koſtet Muͤhe, in Paris zu finden, was man will. Wenn Sie von einem Maͤdchen hoͤren ſollten, das einen Dienſt ſucht... gut gezogen iſt... im Alter von... zehn bis zwoͤlf Jahren, wir nehmen ſie ſehr jung, weil es weni⸗ ger koſtet; Sie waͤren ſehr guͤtig, wenn Sie mir dieſelbe 4 uſchiceen⸗— Sehr wohl...— Adieu, Herr Arthur 4 . Vorwaͤrts, Dodor, vorwaͤrts, wenn's beliebt.“ Adolph entfernt ſich mit ſeinen Kindern, der arme Menſch!. Ich ſehe ihn dahig gehen, das eine nach⸗ ſchleppend, das andere auf dem Arm; ich wuͤrde uͤber ihn lachen, wenn er mir nicht Mitleid einfloßte. Einen Augenblick ſpaͤter, erblicke ich vor der Paſſage des Panoramas viele Menſchen verſammelt; ich erkundige 120 Maeenſch, der Ketten zur Sicherheit der Uhren verkaufte, feſtgenommen worden, weil er in dem Augenblick, wo ein Herr ihm eine abkaufen wollte, dem leichtglaͤubigen Kaufer ſeine Uhr entwendet habe. Ich weiß nicht, welches Gefuͤhl von Neugierde mich zu dem Wunſche veranlaßt, dieſen Dieb zu ſehen. Ich dringe durch die Menge... trete naͤher... zwei Muni⸗ cipalgardiſten hielten ein Individuum, das Jedermann Trotz zu bieten ſchien... Ich ſehe ihm ins Geſicht... und erkenne Herrn Salomon, der in dem Augenblick, wo man ihn fortfuͤhrt, noch mit unverſchaͤmter Miene ſchreit:„Meine Pfeife, Donnerwetter... laßt mich doch meine Pfeife aufheben... ſie iſt ſchon ziemlich an⸗ geraucht!“ Es war der letzte der drei Freunde, deſſen Schickſal ich nicht kannte. So endigte Follard durch einen Selbſt⸗ mord, Theodor in Folge einer Orgie und Herr Salomon wird wahrſcheinlich auf die Galeeren wandern. Noch gibt es einen Mann, deſſen Lage ich zu kennen wuͤnſche; dieſer war nur lächerlich, und wenigſtens ein ehrbarer Mann. Man erraͤth, daß ich von Herrn Lubin reden will. Ich erkundige mich nach ihm, denn ich moͤchte ihn nicht im Elend wiſſen?„Endlich gelingt es mir, ſeine Wohnung zu entdecken; ich begebe mich dahin, frage nach Herrn Lubin. Man benachrichtigt mich, daß er vor acht Tagen vor Freude geſtorben ſei. Ein Stuͤck des armen Dichters war von den Luftſpringern des Theaters aux Funambules angenommen worden, und er hatte ſein Gluͤck nicht zu ertragen vermocht. mich nach dem Vorfall; man ſagt mir, eben ſi en 5 1 —-———* —,— 121 Weitere zwei Jahre vergehen und Herr Moncar⸗ ville folgt Herrn Lubin nach. Er ſtirbt und hinterläßt ſeecchzigtauſend Franken ſeinem natürlichen Sohn; der ganze Reſt ſeines Vermögens fällt ſeiner Wittwe zu. Somit wäre nun Clementine reich und frei. Sie denken vielleicht, liebe Leſer, daß wir uns jetzt vor dem Altare vereinen werden?... Allein wir fühlen uns auf die gegenwärtige Weiſe ſo glücklich, warum alſo ändern? Laſſen wir die Zeit walten!... wir werden dann ſehen! In Betreff der Ehe, wie in der Liebe, gilt der Satz:„Weder nie, noch immerfort!“. Panl de Kock. IV. 3 9 Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Ein verliebter Beſuch 5 Zweites— Adolph.... 28* Drittes— Die kleine Penſion.... 51 Viertes— Eine moraliſche Erzählung.. 68 Fünftes— Eine Verführerin.... 94 Sechstes— Welches beweist, wie die Leute von Geiſt* dumm ſind... 2*. . Inhalt des zweiten Theils. Seite Erſtes Kapitel. Eine Partie Bouillotte... 5 Zweites— Der Sekundant.. 21 Drittes— Abenteuer eines Schriftſtellers.. 5 Viertes— Die Paſſage Vendome.... 56 Fünftes— Ein Tag. 3 8.. 74 Sechstes— Die Lieve auf der Straße... 87 Inhalt des dritten Theils. Seite Erſtes Kavitel. Frau von Asveda 1 Zweites— Quid ſemina possit 4 20 Drittes— Gebackenes auf der Inſet Saint⸗ Denis. 40 Viertes— Die Baronin von Harleville 70 Fünftes— Eine Ahdreſſe... 8⁴ 106 Sechstes— Ein dichein. Inhalt des vierten Theils. Erſtes Kapitel. Aufenthalt in Boiſſy⸗Saint⸗Léger. Zweites— Seltſames Abenteuer... Drittes— Folgen eines wüſten Lebenswandels Viertes— Eine Erinnerung an Clementine.. Fünftes— Reiſe und Heimkehr.— Eine Erklärung. — Das Inner⸗ zweier Haushaltungen.. 8— Der Adjunkt des Schultheißen 4 8** 8 ſffffffffſnnſſnſn 10 11 12 13 14 15 16 17 18