Paul de Kock's humoriſtiſche Nomane, deutſch bearbeitet Dr. Heinrich Elsner. 3 Dritter Theil. 5 DSo 8 Stuttgart: Scheible, Nieger Sattler. 1843. Weder 5 Nie, noch immerfort! (Ni jamais, ni toujours 9 iſt der Liebe Loſungswort. (e'est la devise des amours.) Von Paul de Koch. [O— Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. — Dritter Theil. Stuttgart: Scheible, Uieger& Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Frau von Asveda. Wenn man über einem günſtigen Erfolg, einem unerwarteten Glück eingeſchlafen iſt, ſo wähnt man beim Erwachen noch immer von einem Traumbilde geäfft zu ſein. Sind wir dagegen von irgend einer neuen Bekümmerniß niedergedrückt, ſo mahnt uns das Gedächtniß ſehr ſchnell, daß dies kein Traum ſei, während es weit langſamer einer erwünſchten That⸗ ſache uns vergewiſſert: wir ſind mißtrauiſch gegen das Glück. Als ich nach der ſonderbaren, in den Straßen von Paris verbrachten Nacht erwachte, zweifelte ich gleichfalls an der Wirklichkeit des Abenteuers; nicht eben, daß daſſelbe ein großes Glück für mich geweſen wäre und eine beſonders glückliche Zukunft verſpräche... wer weiß ſogar, ob ich nicht brennende Gewiſſensbiſſe über mein gutes Glück empfand 2... Die Art und Weiſe aber war ſo ſeltſam, ſo neu, daß es nicht zu verwundern iſt, wenn es meine Gedanken mehr, als ein anderes Abenteuer beſchäftigt. Paul de Kod. 11I. 1 Jetzt muß ich erwarten, bis es Adelen gefällig iſt, an mich zu ſchreiben, mir ein neues Stelldichein zu geben; und gefiele es ihr nicht mehr.. hätte ſie nur einer Laune genügen wollen... und ich würde nichts mehr von ihr hören... ſo läge darin etwas Schmerzliches für meine Eigenliebe. Ich war viel⸗ leicht ein bischen gar zu gehorſam; ich hätte dieſem Fiaker ohne ihr Wiſſen folgen ſollen, es wäre mir leicht geweſen und ich wüßte jetzt, wo ſie wohnt, und wahrſcheinlich ihren Namen und ihre Stellung in der Welt. Ich bin wie ein tapferer Ritter der alten Zeit zu Werk gegangen, habe gewiſſenhaft meine Ver⸗ ſprechungen gehalten, was ohne Zweifel ſehr ſchön iſt; wir ſind jedoch weit entfernt von der Zeit der Ritter, Minneſänger und Edelfräulein, und wenn man jetzt in ihrer Weiſe gegen die Damen handelt, läuft man Gefahr, ausgelacht zu werden. Geduld iſt Alles, was ich mir rathen kann; ich habe ſolche, denn ich beſchäftige mich ſo viel möglich mit Literatur und Theater. Man arbeitet jedoch ſchlecht, wenn man ſehr von etwas Anderem einge⸗ nommen iſt; das Bild Adelens verfolgt mich unauf⸗ hörlich. Seit ſie meine Wünſche gekrönt hat, bin ich, wie mir ſcheint, noch hundertmal mehr in ſie verliebt. Weit entfernt, mich vergnügt und glücklich zu finden, daß ich die Gunſt einer ſo hübſchen Frau erhalten habe, iſt mein Herz nur noch glühender, noch bewegter bei dem Andenken an ſie... Wahr iſt, an dieſem Abenteuer war Alles ſo ſonderbar, dieſer Fiaker... dieſe Dunkelheit... Iſt man denn völlig glücklich — —— 3 wenn man nicht auch Liebe und Vergnügen in den Augen der Geliebten leſen kann?... O nein! ich habe noch nicht Alles von ihr erlangt, weil ſie ihr reizendes Geſicht vor mir barg!... Wie ſehne ich mich, ſie zu ſehen, ſie ganz nach Muße zu betrachten! ich hoffe, unſere nächſte Zuſammenkunft wird nicht bei Nacht ſtattfinden, oder haben wir alsdann Licht. Zwei Tage vergehen. Keine Nachricht von ihr. Ich begreife, daß ſie mir noch kein neues Stelldichein geben konnte; möglich, daß ſie nicht Herrin ihres Thuns und Laſſens iſt; mir aber nicht zu ſchreiben... kein Wort, nicht ein kleines Billet— nach der Nacht, die wir zuſammen in der Citadine verbracht haben! ol das iſt ſehr böſe!... ich begreife es nicht!... oder ich fürchte vielmehr, daß ich ſie nur zu gut er⸗ rathen habe... Es war eine Laune, der Einfall einer hübſchen Frau!... Dieſe Damen, die Damen der großen Welt beſonders, befriedigen ihr momentanes Gelüſte! Eine Bürgerfrau würde ſich ein Gewiſſen daraus machen, ſolchen Phantaſten nachzugeben; in der guten Geſellſchaft räſonnirt man aber anders: man verſchafft ſich ein Möbel, ein Geſchmeide, einen Stoff, der einem gerade gefällt, warum ſollte man ſich nicht auch ein Téte-à- téte mit einem Künſtler verſchaffen, deſſen Werke einem gefallen; man verkleidet ſich, umgibt ſich mit dem Schleier des Geheimniſſes, der Künſtler läßt ſich durch all dies fangen... Leute von Geiſt laſſen ſich ſo leicht fangen! und iſt die Neugierde einmal befriedigt, ſo gibt man, da das Herz nicht mit im Spiele war, keine Nachrichten mehr, und der arme Künſtler iſt quitt mit ſeinen Erinnerungen und Hoffnungen. Uebrigens muß man ſehr dumm ſein, um ſich ſo viel mit einer Frau zu beſchäftigen, die ſich nicht mit uns beſchäftigt, ſich mit ſo wenig Artigkeit benimmt. Gewiß, ich will nicht mehr an Fräulein oder Frau Adele denken!... ſei ſie, wer ſie wolle, was kümmert's mich?... habe ich nicht von ihr erhalten, was ich nur wünſchen konnte?.. Vielen Männern wäre es an meiner Stelle noch recht, daß es nicht weiter ge⸗ kommen iſt: ich denke aber nicht ſo! Was iſt ein Glück, das ſich nicht erneuen ſoll?. Ihr laßt mich eine köſtliche Frucht koſten und wollt dann, ich ſolle ſie ferner nicht berühren!... Es gibt Leute, die ſagen. werden:„Du haſt davon gekoſtet und ſie bleibt ja ſtets die nämliche!“ Möglich! laßt mich aber wenig⸗ ſtens ſatt daran werden.— Vierzehn Tage verſtreichen, noch eine Woche.. und kein Brief, keine Nachricht... O, es iſtt jetzt wohl zu Ende, ich werde nichts mehr von dieſer Dame hören, will nicht mehr an ſie denken... und ſo oft ich nach Hauſe komme oder ausgehe, befrage ich meine Pförtnerin... und wenn ſie mir mit ihrer eiſigen Kaltblütigkeit antwortet:„Es iſt nichts da, mein 1 i i 7 Herr,“ kann ich einer Bewegung von Ungeduld, eines Gefühls von Zorn, von Aerger nicht Herr werden.. Welche Tollheit!... ärgerlich werden wegen Jemand, der ſich wahrſcheinlich über uns luſtig macht. Das aber iſt's gerade, was mich ärgert. Nachdem ich mir eines Morgens beſtimmt das 1 5 Verſprechen gegeben, nicht mehr an Adele zu denken, ſchlage ich mit der Fauſt auf meinen Schreibtiſch und ſpreche bei mir ſelbſt:„ Wohlan! man ſoll nicht ſagen können, man habe ſich über mich luſtig gemacht, ohne daß ich meine Genugthuung genommen. Jetzt will ich dieſe Dame wiederfinden, ich will wiſſen, wer ſie iſt, und wenn ich den feſten Entſchluß faſſe, wird es mir gelingen; denn mit Beharrlichkeit und Geld ver⸗ fehlt man ſelten ſein Ziel. Von dieſem Augenblick an will ich meine Nachforſchungen beginnen. Ich werde überall hingehen: in Schauſpiele, Conzerte, auf Feſte, Spaziergänge, in die große Welt, in Spiel⸗, Muſik⸗ und Tanzgeſellſchaften. Dieſe Dame iſt hübſch, kokett, wahrſcheinlich bleibt ſie nicht in der Einſamkeit, lebt nicht lange fern von der Welt. O! ganz ge⸗ wiß, es gelingt mir, ſie zu treffen, und alsdann... Meiner Treu, ich weiß nicht, was ich alsdann thue. Je nun! ſind wir einmal ſo weit, ſo werden wir ſehen!“ Ich fühle mich jetzt ganz vergnügt über dieſen meinen Entſchluß, denn im Grunde meines Herzens koſtete es mich viel, auf alle Hoffnung zu verzichten; ich werde Adelen wiederſehen; und in meinen neuen Planen ſpielt vielleicht dennoch die Liebe eine ebenſo große Rolle als die Rache! Wollten wir aber ſtets in allen Handlungen unſeres Lebens den Grund unſerer Seele unterſuchen, ſo wären wir, glaube ich, ſelten völlig mit uns ſelbſt zufrieden. Denſelben Tag noch beginne ich meine neue Lebens⸗ weiſe, verwende mehr Sorgfalt auf meine Toilette, weil dies nöthig iſt, wenn man in die Welt geht, und ich mich bei einem Zuſammentreffen mit meiner Unbekannten gerne vortheilhaft zeigen und ihr wo mög⸗ lich Reue über ihre Vernachläſſigung einflößen möchte; ſollte ihr dann zufällig eine neue Laune für mich ein⸗ kommen, ſo wollte ich meinerſeits ſie mit ſtoiſcher Strenge behandeln. Ich laufe alſo in Abendgeſellſchaften, auf Bällen umher, nehme alle Einladungen an, die ich ſonſt zurück⸗ wies, und finde, ehe ich mich in Geſellſchaft begebe, immer noch Zeit, in drei oder vier Schauſpielſäle einzutreten, wo ich mich nicht ſetze, meine Augen rollen aber aufmerkſam von oben bis unten umher, um mich von ihrer Abweſenheit zu überzeugen. Dieſe Lebensart gefällt mir nicht ſehr; ſie beſchäftigt weder Geiſt noch Herz; der Wunſch aber, Adele wieder zu ſehen, gibt mir den Muth zum Fortfahren. Adele l... zu welcher Gattung von Frauen gehören Sie 2... Eine Miſchung von Gefühl und Koketterie, von Spott⸗ und Empfindſamkeit!... Woher kommt es, daß Sie eine ſo große Herrſchaft über mich ausüben 2... daß ich vor Sehnſucht, Sie wiederzuſehen, brenne, daß ich in Sie verliebt bin... ich glaube mehr als in irgend ein Weib?... Etwa, weil ich nicht weiß, wer Sie ſind?.. weil Sie ſich mit geheimnißvollem Dunkel umgeben und mich mitleidslos verlaſſen, nachdem Sie ſich haben anbeten laſſen!.. Ja, dies vermehrt vielleicht mein Verlangen, Sie noch einmal zu be⸗ ſitzen!... Die Männer ſind ſo wenig vernünftig; nie ſetzen ſie ihr Glück in das, was ſie beſitzen, ſondern ſtets in das, was ſie wünſchen. Sechs Wochen ſind verſtrichen, ſie ſcheinen mir ſehr lange. Obgleich ich mich fortwährend in ſoge⸗ nannten Vergnügungen herumgetrieben, habe ich doch Diejenige noch nicht erblickt, die ich ſuchte;... ich fange an, die Hoffnung aufzugeben. Dieſes Paris iſt ſo groß!.. Ich habe gut rennen, ich werde doch nicht in alle Geſellſchaften gehen können. Wenn ich meine Unbekannte in einem Salon der Vorſtadt Saint⸗Germain ſuche, glänzt ſie vielleicht in irgend einem Zirkel des Marais oder der Chaussée- d'Antin. Ich kann nicht jeden Abend in alle Theater von Paris eintreten; ich opfere alſo umſonſt mein Geld für Toilette und Miethkutſchen, für meine Langeweile und meinen Verdruß.— 3 3 Eines Abends kehre ich bälder, als gewöhnlich nach Hauſe zurück, und bin beinahe entſchloſſen, meine Nachforſchungen aufzugeben, als ich mich an Herrn von Reveillère erinnere. Wie kommt es, daß ich in den Abendgeſellſchaften umherrennend, noch nicht an die ſeinigen gedacht habe?... Heute iſt ſein Zirkel, gehen wir dorthin! Ich ſteige in ein Cabriolet und laſſe mich dorthin führen. Unterwegs kommen mir tauſend Erinnerun⸗ gen ins Gedächtniß. Das letzte Mal, als ich zu Herrn von Reveillère ging, geſchah es auch in der Hoffnung, eine Frau dort zu finden, eine Frau, die ich liebte... die ich immerfort zu lieben gedachte... Arme Clementine! mein Gott! wie konnte ich ſie ſo lange vergeſſen?... ſeit jenem Abende, wo ſie mich ſo traurig verließ, habe ich ſie nicht wieder geſehen, und es war ein wenig meine Schuld... es ſind bald vier Monate und ich habe nicht an ſie denken kön⸗ nen! Ol wie ſchlecht! doch liebe ich Clementine noch... Allein dieſe Unbekannte... dieſe Adele hat mir den Verſtand verwirrt... O! ich möchte dieſe Frau da haſſen!... Wenn ich Clementinen und ihren Mann... ferner Adelen und meinen Vater bei Herrn von Reveillére fände! Was liegt daran? gehen wir immerhin! ich ſuche den Baron von Harleville nicht auf, habe aber keine Urſache, ſeine Gegenwart zu fliehen. Ein be⸗ ſonderer Unſtern müßte walten, wenn man ihn wie⸗ der zum Sekundanten gegen mich wählte. Was Herrn Moncarville betrifft, ſo glaube ich, daß er ſeine Frau nicht mehr zu Herrn von Reveillere führt, ſeit er mich dort getroffen. Bleibt alſo noch Adele, die un⸗ findbare! Wie ich bei Herrn von Reveillère eintrete, zieht ſich mein Herz zuſammen, es ſcheint mir, als müſſe mir in dieſem Hauſe immer etwas zuſtoßen. Ich bin abergläubiſch... man ſagt, es ſei eine Schwach⸗ heit, eine Tollheit; allein ich ſehe nicht Uebles darin, ob man dieſe oder eine andere Tollheit hat! und ich mißtraue denjenigen Menſchen ſehr, die gar keine haben. 3 Immer viel Leute und eine Menge neue Geſichter! Dieſes Haus iſt wahrhaft unterhaltend: eine leben⸗ dige Zauberlaterne. Beinahe alle Berühmtheiten vom Conſulat bis auf unſre Tage ſind hieher gekommen; man hätte hier im Kleinen eine Geſchichte unſerer letzten Revolutionen ſehen können; Menſchenachtung würde man indeß hier nicht lernen!... Findet man ein bekanntes Geſicht wieder, ſo lächelt man, tritt einander näher und empfindet ein Gefühl von Vergnügen, wie Reiſende, die im fremden Lande einen Landsmann treffen. Ich ſuche immer unter den Damen umher... und wenn Wuchs oder Haltung nur eine entfernte Aehnlichkeit mit meiner Unbekannten haben, ſo gehe ich ſchnell auf die Perſon zu;... mein Herz bleibt kalt bei den ſchönſten Geſichtchen, weil eine Andere es beſchäftigt. Ich habe die Salons durchlaufen, ſie iſt nicht da: ich ſetze mich an ein Fenſter, meine Augen kreiſen ärgerlich umher. Im anſtoßenden Gemach ſetzt ſich eben ein Muſikfreund ans Piano und man bildet eine Quadrille. 4 „Sie tanzen nicht?“ fragt mich der junge Ton⸗ ſetzer, den ich ſchon zuvor bei Herrn von Reveillere getroffen, deſſen treuer Beſuch er iſt. „Nein, ich habe keine Luſt zum Tanzen.— Mein lieber Arthur, ſo oft Sie hieher kommen, haben Sie etwas Außerordentliches in der Phyſiognomie. Wären Sie ein Romantiker, ſo würde ich glauben, Sie hät⸗ ten ein Frauenherz gefunden, das Ihre Männer⸗ bruſt zerriſſen!... woher kommt es aber, daß Sie, der ſo natürlich iſt und nie ein Gefühl übertreibt, ein ernſt Geſicht machen zu all den Lächerlichkeiten um Sie her?.. es fehlt hier nicht daran; man 1— Ir ann ſie mit beiden Händen greifen!— Es beſchäftigt mich in der That Etwas..— Mit dieſem Etwas werden Sie keine Eroberungen machen!— Ich bin nicht in ſolcher Abſicht gekommen. Nur dieſes Etwas führte mich her.— Auf Wiederſehen! Ich will tanzen.“ 3 Ich nehme ein Album und blättere darin, um beſchäftigt zu ſcheinen. Schon eine Viertelſtunde ſehe ich auf ein und dieſelbe Lithographie, als ſich zwei junge Leute auf ein Sopha neben mir werfen. Einer von ihnen iſt der Marquis von Follard. Unſere Augen begegnen ſich faſt in dem gleichen Moment. Er macht mir eine ſehr liebenswürdige Verbeugung, als wenn wir die beſten Freunde von der Welt geweſen wären. Ich erwidere ſeinen Gruß und blättere in meinem Album fort. Bald tritt ein neues Individuum zu Herrn von Follard mit den Worten:„Guten Abend, lieber Freund! Du kommſt ſehr ſpät hieher!..— O nein... es iſt erſt zehn Uhr.— Haſt du deine rei⸗ zende Baſe, Frau von Asveda, mitgebracht?— Ja.. ſie iſt da drinnen... Ich glaube, ſie tanzt ſchon.— Deine Baſe iſt reizend!— Ich wette, du machſt ihr den Hof?2— Wahrhaftig nein... ich habe nie daran gedacht! das fällt mir vielleicht ſpäter ein...— Wenn Frau von Asveda wieder verheirathet ſein wird, nicht wahr?— Sehr mög⸗ lich... das dürfte anziehender ſein!— Ahl der Bruder Liederlich!“ Follard ſteht auf und entfernt ſich im Geſpräch mit ſeinen Freunden. Wer iſt denn dieſe ſo verfüh⸗ 11 reriſche Baſe, von der man ſo eben ſprach? Ich weiß nicht, warum ich begierig bin, dieſe Frau von Asveda zu ſehen; ich ſtehe ebenfalls auf und gehe nach dem Salon, wo man tanzt. Kaum habe ich die Augen auf die Tänzerinnen geworfen, als ich erſtarrt, verwirrt ſtehen bleibe. Ich habe ſie endlich wieder gefunden!... Adele iſt dal. Ihr Anblick hat mir ein unbeſchreibliches Leben, eine kaum zu verbergende Gemüthsbewegung verurſacht. Sie blendet durch ihren Putz, wie durch ihre Reize: ſie iſt eine der eleganteſten Damen der Ge⸗ ſellſchaft, ſie tanzt mit vollendeter Anmuth. Alle Blicke ſind auf ſie geheftet; ſie ſcheint aber an dieſen Triumph gewöhnt und iſt über die ihr dargebrachten Huldigungen keineswegs verlegen. Ich möchte mich ihr nähern... man muß aber durch die Tanzenden gehen... oder die Geſellſchaft ſtören. Warten wir daher! Ahl ich wünſchte von ihr geſehen zu werden, ich bin aber hinter vielen Leuten verborgen. Mein Herz ſchlägt gewaltig! Dieſe Frau beſeſſen, meine Arme um ihren Leib geſchlungen, meinen Mund auf den ihrigen gedrückt zu haben: ha! dieſes Bewußtſein iſt berauſchend, beſeligend! jetzt aber keinen Blick von ihr erlangen zu können, warten zu müſſen, bis dieſer Tag endigt!... das iſt Höllenqual!... mein Blut kocht vor Ungeduld und Liebe. Da ich wenigſtens mein Zuſammentreffen benützen und mich näher unterrichten will, befrage ich einen meiner Nachbarn. . 12 „Kennen Sie dieſe hübſche Dame, die uns gegen⸗ über tanzt?— Die mit den Klatſchroſen auf dem Kopf?— Ja, richtig.— Es iſt Frau von Asveda. — Ahl die Baſe des Herrn von Follard.— Ja, die Baſe, wie er ſagt! denn in der Welt kann man ſich ſehr leicht Vettern und Baſen machen..— Sie dächten?— Ich, ich denke nichts.— Dieſe Dame iſt Wittwe?— Ja, Wittwe eines ſogenannten Spaniers.— Wie? ſogenannten?— Hören Sie, ich habe dieſen Spanier nicht gekannt!... übrigens iſt dieſe Dame ſehr hübſch, ſehr elegant und ſehr kokett, wie ich glaube... es iſt mir leid, daß ſie hier durch Follard vorgeſtellt wurde, der meiner Meinung nach ein trauriges Subjekt und eine ſehr ſchlechte Empfeh⸗ lung iſt.“— Ich erwidere’ meinem Nachbar nichts mehr, im Innern denke ich aber, wie er, und es iſt mir leid, daß Adele die Baſe Follards iſt. Der Tanz hört endlich auf, die Damen werden an ihre Plätze zu⸗ rückgeführt. Ich warte bis Adele ſich ſetzt. Ach, mein 3 Gott! ihre Schweſter iſt dal die abſcheuliche Klara, neben ſie hat ſich Frau von Asveda niedergelaſſen. Einerlei indeß! das hindert mich nicht mit Adelen zu ſprechen. Mit ihr ſprechen... darf ich aber?... es könnte ſie compromittiren!... Was thun 2... Ich bin ſo verwirrt, ſo unſchlüſſig über die Art, wie ich mich benehmen ſoll, daß ich vor einer Thüre des Salons ſtehen bleibe und mich von allen Ein⸗ und Ausgehenden herumſtoßen laſſe, ohne ſo vernünftig zu ſein, einen andern Standpunkt zu wählen. —— — 1 13 8 Ich entſchließe mich jedoch. Ich gehe vorwärts nach der Seite hin, wo die beiden Schweſtern ſitzen.. 24 Beinahe vor ihnen ſtehe ich ſtill... Klara hat mich 7 zuerſt geſehen. Ein lebhaftes Roth färbt ihr Geſicht, ſie wird verwirrt, ſtößt ihre Schweſter mit dem Arm und ſpricht leiſe mit ihr. Adele ſchlägt die Augen auf, unſere Blicke begegnen einander... Aber welch ein Ausdruck von Gleichgültigkeit... von Stolz!.. ſie will mich nicht erkennen. Ha, das iſt zu viel! dieſer beinahe beleidigende Blick gibt mir meine ganze Sicherheit wieder. Nachdem ich meine Blicke ziemlich lange und ſo deutlich auf dieſe Damen geheftet, daß ſie an einem Wiedererkennen von meiner Seite nicht zweifeln konnten, ergreife ich den Augenblick, wo ein Platz hinter ihren Sitzen leer iſt und ſtelle mich dorthin. Ich bin gewiß, daß es meine Nachbarſchaft beläſtigt, man wagt jedoch nicht aufzuſtehen; zudem ſind keine freien Seſſel im Salon. Sie ſprechen leiſe, zuweilen dreht Klara den Kopf ein wenig nach mir hin, wen⸗ 8 b det ihn dann aber ſchnell wieder ab. Allein Adele macht keine Bewegung, mich zu ſehen. Einige junge Leute richten das Wort an ſie; ſie lacht, ſcherzt mit ihnen und ſcheint nicht mehr daran zu denken, daß ich hinter ihr bin.. Das Benehmen dieſer Frau empört mich; mich in Liebe zu berauſchen und nun mit ſolcher Verach⸗ tung zu behandeln!... denn Gleichgültigkeit iſt unter dieſen Umſtänden Verachtung... Ha, abſcheulich! Ich fühle, daß ich erſticken oder meinen Empfindungen Raum geben muß. Sie konnte unſere Verbindung 14 verbergen wollen, ohne mich durch dieſen kalten Blick zu demüthigen; ſtehen einer Frau nicht tauſend Mittel 4 zu Gebot, uns den Grund ihrer Seele zu zeigen, ohne der Welt ihr Geheimniß damit zu offenbaren? Aber nichts! nichts! man will mich nicht mehr ken⸗ nen!... man will vielleicht verläugnen, daß man mich gekannt. Ich kann mich nicht mehr halten; ich rücke meinen Seſſel näher, beuge mich gegen ſie und ſage ihr ganz leiſe:„Es ſcheint mir, Madame, daß Sie Ihre Be⸗ glückten ſehr ſchnell vergeſſen...“ Sie antwortet nicht. Ich fahre fort:„In einem Salon kann man, ohne ſich einer Folgerung auszu⸗ ſetzen, mit ſeinen Nachbarn ſchwatzen, Sie könnten daher mit mir ſprechen, ohne daß man unſere Ver⸗ bindung verriethe, Sie ziehen aber vor, in mir nur noch einen Fremdling zu ſehen. Thun Sie, Ma⸗ dame, was Sie wollen, mein Herz hat Erinnerung für uns beide!“ Immer das nämliche Schweigen. Dieſe Frau will meine Geduld auf die Probe ſtellen. Doch das Piano läßt ſich hören, man tanzt auf's Neue; ich ſtehe auf, biete Adelen meine Hand: ſie zaudert... ich ergreife die ihrige, ziehe ſie mit fort, ohne auf eeine Antwort von ihr zu warten. Wir tanzen; meine Hand hat die ihrige gedrückt, ber ihre Hand iſt ſtumm geblieben; ich benütze einen Augenblick des Ausruhens, um ihr ins Ohr zu ſagen: „Was habe ich Dir denn gethan, daß Du mich ſo kalt behandelſt?“ —-— 4 15 Eine feurige Röthe ſteigt ihr ins Geſicht, und diesmal antwortet ſie mir:„Ich begreife nicht, mein Herr, wie Sie ſich erlauben können, auf dieſe Art mit mir zu ſprechen!...— Wie, Du haſt alſo jene köſtliche Nacht vergeſſen, die wir mit Spazierengehen in den Straßen von Paris zugebracht und die Diebe, die Dir ſolche Furcht eingejagt... und jene Citadine, in der ich ſo glücklich war?...— Mein Herr, ich bitte, ich beſchwöre Sie... ich verſichere Sie, Sie irren ſich.— O! zum Beiſpiel, dame, das iſt ſehr ſtark!.. Daß Sie mich nicht mehr lieben... daß ich nur eine Laune... eine bizarre Idee für Sie geweſen bin... dies begreife ich ſehr wohl; aber behaupten, ich täuſche mich, ich habe kein Recht, mit Ihnen zu ſprechen... wie ich thue, das können Sie mir nicht beweiſen.... Beruhigen Sie ſich aber, Ma⸗ dame, beruhigen Sie ſich!... ich habe mich vielleicht durch ein zu inniges Gefühl hinreißen laſſen... ich habe Ihnen ein für mich zu kurzes Glück zurückrufen wollen.. ohne Zweifel hatte ich Unrecht, weil dieſes Glück nichts weiter als ein Traum für Sie iſt und von nun an....“— Der Tanz erlaubt mir nicht, fortzufahren; ſpäter ſind wir von zu vielen Leuten umgeben, als daß ich mein Geſpräch wieder aufnehmen könnte. Der Con⸗ tretanz iſt zu Ende, ich führe meine Tänzerin an ihren Platz zurück und grüße ſie mit ſehr ehrfurchts⸗ voller Miene; ſie antwortet auf meinen Gruß nur durch einen Blick, der Zorn auszudrücken ſcheint. Ich entferne mich etwas zufriedener, weil ich ihr geſagt habe, was ich dachte. Was liegt mir an ihrem Zorn, ich ziehe ihn ihrer Gleichgültigkeit voo. Es iſt kein Platz mehr hinter dieſen Damen, ich hätte mich überdies nimmer dahin geſetzt, ich bleibe aber in dem Salon und ohne damit aufzufallen, pehalte ich ſie angelegentlichſt im Geſicht. Ich bemerke, daß beide Schweſtern in ſehr lebhaftem Geſpräch ſind und kann nicht zweifeln, daß ich der Gegenſtand deſſelben bin. Adelens Augen funkeln, ich glaube aber, daß jetzt Unmuth ſie belebt. Klara gibt ſich, wie es ſcheint, alle Mühe, ſie zu beruhigen und nur mit vieler Mühe gelingt es ihr. Follard kommt in den Saal zurück. Er ſpricht mit dieſen Damen und ich ſuche von einem jungen Manne, den ich mit ihm reden ſah, weitere Erläu⸗ terungen über Adelen zu erlangen. „Die Baſe des Herrn von Follard iſt ſehr hübſch!.. — Ja es iſt eine hübſche Frau...— Sie iſt Wittwe? — Ja. und ich glaube ſie ſucht irgend einen Alten mit Thalern, der ſie heirathet.... Sie iſt eine Frau, die gerne glänzt... ſie braucht Geld... ſie wird ſich nicht durch das Gefühl angeln laſſen, ſie hält aufs Solide; deſſenungeachtet aber wette ich ein Mittag⸗ eſſen im Rocher de Cancale,* daß ſie ihrem zukünf⸗ tigen Gemahl Hörner ſetzen wird.... Gehen Sie die Wette ein?..— Nein, ich fürchtete zu ſehr, zu verlieren.... Empfängt ſie viel Geſellſchaft?— * Der Rocher de Cancale iſt einer der berühmteſten aber theuer⸗ ſten Reſtaurants von Paris. Der Ueberſ. 17 . Ich glaube nicht; es iſt noch kein eingerichtetes Haus, ſondern ein erſt einzurichtendes... man ſieht dieſe Dame noch nicht ſeit lange... ſie iſt, wie es ſcheint, viel gereist, iſt in England geweſen... ohne Zweifel in der Hoffnung, die Frau irgend eines Lords zu werden; b es ſcheint aber, daß unſere überſeeiſchen Nachbarn ſich mit Galanterie begnügt haben und nichts weiter werden wollten. Follard führt ſeine Baſe in der Welt herum, wird ſie aber nicht heirathen, er hat keinen Heller.... Er iſt ein ſcharmanter Junge, würde aber Frankreich und Navarra durchbringen. Er iſt mir ſoygar noch tauſend Franken vom Spiel ſchuldig... „ und ich muß warten bis er wieder einen Zug macht, um zu meinem Geld zu kommen, ich habe es deßhalb auch verſchworen, je wieder mit einem Freund zu ſpielen.“ Der junge Mann wollte mit ſeinen verbindlichen Bemerkungen fortfahren, als ich ſehe, daß Frau von Asveda und ihre Schweſter ſich erheben; Follard gibt ihnen die Hand. Sie gehen aus dem Salon, ich folge von ferne. Ich ſehe dieſe Damen ihre Shawls aanlegen, ſie gehen weg. Ohne geſehen zu werden, ſteige ich die Treppe hinab und ſtelle mich in einer dunkeln Straßenvertiefung auf, von wo ich aber das Thor des Herrn von Reveillère genau beobachten kann. Meine beiden Damen ſäumen nicht lange; Follard iſt bei ihnen. Er ruft einen Miethkutſcher; es waren deren mehre in geringer Entfernung von einander aufgeſtellt. Der Wagen kommt, die Damen ſteigen ein. Follard folgt ihnen nicht, er kehrt zu Herrn von Paul de Kock. III. 2 „ 18 Reveillere zurück; ich aber folge dem Wagen, der Adele und ihre Schweſter entführt. Man läßt mich nicht ſehr weit laufen. Der Fiaker hält in der Straße Sainte⸗Anne. Ich ſtelle mich aufs Neue in eine Vertiefung; die Damen ſteigen aus, klopfen. Die Thüre geht auf, ſchließt ſich dann wieder hinter ihnen zu; ich meinerſeits rufe den ſich entfernenden Fiaker, nachdem ich das Haus genugſam betrachtet und mich der Wiedererkennung verſichert hatte, ſteige ſofort ein und laſſe mich nach Hauſe fahren. 1 Seit einigen Minuten rollt der Wagen fort; in der Straße ſieht man keine erleuchteten Läden mehr, Mitternacht muß vorüber ſein; und in dem Wagen herrſcht eine Finſterniß, die mich an die Citadine er⸗ innert, in der ich mit Adelen allein ſaß. Adele!.. die ſo eben dieſen Wagen gleichfalls inne hatte... und die ſich der köſtlichen Augenblicke, welche ſie mir vort geſchenkt hatte, nicht mehr erinnern will. Dieſe Frau iſt unbegreiflich; hätte ſie wenigſtens jene höf⸗ lichen Formen, die eine Verabſchiedung mildern, in ihr Benehmen gelegt, hätte ſie mir nur eine jener Geſchichten vorgebracht, welche die Frauen ſo gut zu erfinden wiſſen, um uns zu beweiſen, daß es nicht ihre Schuld ſei, wenn ſie uns nicht mehr lieben, ſo wollte ich ihr verziehen haben! Mich aber mit einem beleidigenden Hochmuth behandeln, verläugnen, was zwiſchen uns vorgekommen iſt, beleidigt fein, daß ich vertraulich mit ihr ſpreche!. — . Das kann ich nicht geduldig ertragen;... zur Vollendung meines 19— Aergers habe ich ſie nie ſo ſchön geſehen!.. und trotz meinem Zorne fühle ich, daß ich noch immer in ſie verliebt bin. 5 Werde ich zu ihr gehen?... Wozu?... Yum ſchlecht aufgenommen zu werden?... damit man mir 4 ſage, man kenne mich nicht?. O! ſie würde es nicht wagen; beſitze ich nicht überdies ihre Briefe, die ich alle aufbewahrt habe; wer ſagt mir aber, daß ſie dieſe Briefe geſchrieben hat?... Konnte ſie ſich nicht einer fremden Hand bedienen? Hätte ſie übri⸗ gens auch dieſe Billete geſchrieben, ſo würde ich doch keinen Gebrauch davon machen; ich kann dieſe Frau nicht zwingen, mich zu lieben, und ich bin ein Thor, daß ich ſie noch liebe. Ich würde beſſer thun, mich nicht bei ihr zu melden. Während ich dieſe Betrachtungen anſtelle, fällt meine Hand auf das Polſter neben mir; ich fühle Etwas.. es iſt ein niedlicher kleiner Beutel von Sammt mit goldenen Schnüren, einer jener hübſchen Ridiküls, in welche unſre eleganten Schönen ihr Sack⸗ tuch legen. Ich erinnere mich jetzt, daß Adele einen auf ihrem Schooß hatte; kein Zweifel mehr, es iſt der ihrige, ſie hat ihn im Wagen liegen laſſen: wahr⸗ haftig, da wäre ein ganz guter Vorwand gefunden, zu ihr zu gehen; ich bringe ihr die kleine Sammt⸗ taſche wieder zurück... das Geſchick will es ſo, weil es mich den Wagen nehmen ließ, worin ſie den Beu⸗ tel vergeſſen. Die Taſche enthält aber nicht ein Sacktuch allein; ich fühle etwas Hartes... es ſind Pergamentblätter... 4 20 ja, es muß ein kleines Gedenkbuch ſein. Ol welches Vergnügen, Alles dies zu unterſuchen, wenn ich zu Haus ſein werde! Ah! Frau von Asveda, ich werde vielleicht wichtigere Nachrichten über ſie erhalten!... He Schreibtafel iſt nur durch ein Bleiſtift ver⸗ ſchloſſen, und ſollte ich mich ſogar einer Unbeſchei⸗ 5 denheit ſchuldig machen: ich bin zum Voraus zur Durchſuchung entſchloſſen: wenn ſich eine Frau gegen einen Mann benimmt, wie Adele gegen mich, ſo iſt dieſem, denke ich, ein Schritt der Neugierde wohl zu verzeihen. Der Wagen ſetzt mich an meiner Thüre ab, ich nehme meinen koſtbaren Fand mit und gehe eiligſt in meine Zimmer hinauf. Zweites Kapitel. Quid femina possit. Allein zu Hauſe, iſt mein erſtes Geſchäft, meinen Fund im Wagen bei Lichte zu betrachten. Es iſt eine kleine Taſche von veilchenblauem Sammt, mit goldnen Schnüren und Quaſten. Ich finde darin ein Sacktuch von Battiſt; in eine Ecke iſt ein Namenszug mit go⸗ thiſchen Buchſtaben künſtlich geſtickt: ein& und ein D. Dies iſt richtig: Adele Dasveda. Der andere in der Taſche befindliche Gegenſtand iſt eine allerliebſte kleine Schreibtafel ganz von Perlenmutter mit gol⸗ denem Beſchläg; das Innere von rother Seide. Ich 21 ziehe das Bleiſtift, womit ſie verſchloſſen iſt, heraus; ich unterſuche das Papier, einige Linien find mit Bleiſtift darauf gezeichnet: es iſt ſehr ſchlecht ge⸗ ſchrieben: wir wollen jedoch zu entziffern ſuchen: „Ich habe Follard wieder dreißig Napoleon ge⸗ „liehen, zuſammen achtzig, die er mir nun ſchul⸗ „ det...“ Ei! der Vetter entlehnt nicht allein im Spiel, ſondern auch von ſeiner Baſe; das ſcheint eine ſehr 4 große Vertraulichkeit zu beweiſen; es ſpricht mir keineswegs zu Gunſten des angeblichen Marquis, und vermehrt im Gegentheil die von mir gehegte ſchlechte Meinung über ihn. Fahrell wir fort!. „Lord Smitson. Street-Kings. London.“ Die Adreſſe eines Engländers,... mit dem man ohne Zweifel in Briefwechſel ſteht!... Sehen wir weiter. „An meine liebe Freundin Thereſina in London „die neuſten Moden ſchicken zu laſſen: als Kleider, „Hüte, Blumen, Bänder, Gürtel u. ſ. w. Mich „deßhalb an das Haus Pauchet, Duhamel& Guénier, „das Commiſſionen für Frankreich und das Ausland „beſorgt, zu wenden. Adreſſe: rue de Bondy „No. 64.“ Das bezieht ſich nur auf Putzgegenſtände... Ich leſe nichts weiter, was mich intereſſiren könnte; nur ſehe ich ſehr gut, daß es nicht die Handſchrift der von mir empfangenen Briefe iſt; da alſo zu ver⸗ muthen ſteht, daß dieſe Notizen von Adelen aufge⸗ zeichnet wurden, ſo iſt ſie nicht die Schreiberin jener * 22 ſo liebenswürdigen, ſo geiſtreichen Billete. Wer aber hat ſie alsdann geſchrieben? Ah!... in der Taſche der Schreibtafel fühle ich einige Papiere... es find dei Briefe... Werde ich ſie leſen?... Sie ſind Ben. Wären ſie verſiegelt, würde ich ſie ſicherlich reſpektiren. Sie ſind aber offen... wahrſcheinlich Liebesbriefe, und von ihrem Engländer, ich wette... Sehen wir nur auf das Poſtzeichen, ob ſie von Lon⸗ don kommen! Ich betrachte die Aufſchrift eines der Billete; die Schrift fällt mir auf; ich kenne ſie... meinem Ge⸗ 7. dächtniß zu Hülfe zu kommen, blicke ich ſie noch einige Augenblicke an... Großer Gott!... ich erin⸗ nere mich jetzt dieſer Handſchrift, welche wieder zu ſehen ich ſeit langer Zeit keine Gelegenheit gehabt... es iſt die meines Vaters. Eine eiſige Kälte durch⸗ rieſelt mich... mein Vater ſchreibt an Adelen... ja, der Brief iſt wirklich an Frau von Asveda adreſſirt! Er kennt die Baſe Follard's... Ha! nun wird es plötzlich hell in meinem Gedächtniß! ich rufe mir jetzt die Worte des jungen Marquis zurück, er ſagte zum Baron:„In Wahrheit, mein lieber Freund, ich habe Sie nie ſo bewegt geſehen, ſelbſt da nicht, als Sie die Vertheidigung meiner hübſchen Baſe übernahmen!“ und dieſes Duell meines Vaters in London!... Die⸗ ſes Duell für eine ſchöne Frau!... es war für Adele; ich kann jetzt nicht daran zweifeln. Ich bleibe einige Augenblicke in meine Gedanken verſunken, jenes Billet in meiner Hand haltend, das ich nicht mehr zu leſen wage, weil es von meinem 23 Vater iſt; ich kann die Angſt nicht beſchreiben, die ich bei dem einen Gedanken empfinde, vielleicht der Nebenbuhler meines Vaters geweſen zu ſein... wenn er es vernähme! er, der mir ohnedies ſo vielen Widerwillen bezeugt!... und doch, bin ich ſtrafbar? konnte ich die Verbindung des Barons mit Adelen errathen? Ich halte nicht mehr an mich, ich muß die volle Wahrheit wiſſen; ich öffne das Billet und leſe: „Meine liebenswürdige und reizende Freundin, ich bin entzückt, daß ich Sie in Paris zurück weiß; Sie können ſich keinen Begriff davon machen, mit welchem Vergnügen ich Sie wiederſehen werde; ich werde oft die mir ertheilte Erlaubniß benützen, und Ihnen Geſellſchaft leiſten. Die Augenblicke, die ich an Ihrer Seite verbracht, ſind mir immer zu kurz vorgekommen; wenn Sie ebenſo dächten, wäre ich der glücklichſte Sterbliche! Bis einige Angelegenheiten, die mich auf's Land rufen, mir das Vergnügen eines Beſuches bei Ihnen gewähren, genehmigen Sie die Huldigungen Ihres aufrichtigſten Anbeters. Baron von Harleville.“ Dieſer Brief ſagt gerade nichts Beſtimmtes, als daß mein Vater unter der Zahl der Anbeter der Frau von Asveda iſt; eine ſchöne Frau hat aber immer eine große Anzahl in ihrem Gefolge und dies beweist nicht, daß ſie alle glücklich ſind. Es macht mich indeß traurig, zu wiſſen, daß der Baron Adelen kennt; wenn er ſich für ſie geſchlagen hat, muß ſie ihm wohl etwas mehr einflößen, als jene alltäglichen Huldigungen, die ein artiger Mann an alle ſchönen Frauen richtet. Dieſer Gedanke iſt peinigend... Wenn er ſie wahrhaft liebte und... Ah! Frau von Asveda, was haben Sie gemacht? Noch ein Brief iſt in der Taſche der Schreibtafel; dieſer iſt ganz zerknittert; an der Adreſſe ſchon ſehe ich, daß er von keinem Anbeter kommt, derſelbe müßte denn ein Koch ſein. Welche abſcheuliche Hand⸗ ſchrift!.. Aber wie ſonderbar! auch dieſe, ſcheint es, kenne ich... Ich öffne den zweiten Brief, ſehe eiligſt nach der Unterſchrift... ich hatte mich nicht getäuſcht, dieſer iſt von Julien. Adele kennt Julien! dies ſpornt meine Neugierde noch mehr an. Wir wollen zu entziffern ſuchen, was Madame Ulyſſe ſchreiben wollte. „MadameV, ich werde mich morgen zu Ihnen be⸗ geben, um unſern Gegenſtand zu beſprechen. Klara hat mir geſagt, Sie würden ſo gütig ſein, mir in meiner Rache beizuſtehen. Ueberdies ſollen ſich die Frauen dienen und einander helfen, um ſich über die Männer, die Alle Schurken gegen uns ſind, luſtig zu machen; man darf ſich deßhalb nicht geniren, ſie an⸗ laufen zu laſſen: ich rechne daher auf Sie, und werde Ihnen alle Nachweiſungen über meinen Ver⸗ räther geben. Morgen früh alſo; Klara hat mir geſagt, Sie erwarten mich zum Frühſtück mit Cho⸗ kolade; allein die Chokolade macht mir Magenbe⸗ — — — 25 ſchwerden, und wenn es Ihnen gleichgültig iſt, ſo ziehe ich ein Beefſteak vor. Ihre ganz ergebene und dienſtwillige Julie, genannt Frau Ulyſſe.“ Dieſer Brief ſpannt meine Neugierde ungemein. Julie geht zu Adelen... ſeit wann? Ihr Brief ſcheint alt, hat aber kein Datum. Was ſollte da im Werk ſein? Wer iſt dieſer Mann, an dem man ſich rächen will? Ich weiß nicht, warum es mir vorkommt, als ſei ich in dieſe Sache verwickelt. Jetzt befürchte ich überall, wo ich Julien ſehe, irgend eine Treuloſigkeit; dieſer Brief erregt meine Einbildungskraft; ich lege mich ins Bett, immer mit der Löſung des Räthſels beſchäftigt, warum Julie Adele bitten wollte, ihr in einer Rache beizuſtehen? Ich kann die Fäden dieſes Gewebes nicht entwirren, und das Andenken an mei⸗ nen Vater, das noch zu Allem hinzukommt, vermehrt meine Beklemmung. Allein ich bin entſchloſſen, den andern Tag zu Frau von Asveda zu gehen; ich werde ihr meinen Fund in dem Wagen überbringen: dies iſt ein Grund, mich zu zeigen, und in ihrem Hauſe wird ſie mich einer Erklärung ihres Benehmens würdigen. Ich ſchlafe mit jenem den Menſchen gewöhnlichen Wunſche ein, ſchon den andern Tag, den man ſich immer beſſer als den vergangenen vorſtellt, erlebt zu haben; dieſer Wunſch aber, wenn er ſehr lebhaft iſt, bringt den Nachtheil, daß er uns wenig ſchlafen läßt. Ich wache daher ſchon ſehr frühe auf; ich fühle wohl, daß es noch nicht Zeit iſt, mich bei einer feinen Dame vorzuſtellen; und meine Unbekannte, die ich jetzt kenne, ſcheint alle Gewohnheiten einer ſolchen zu haben; da ich mich jedoch keineswegs zum Arbeiten aufgelegt fühle, kleide ich mich ſchnell an, frühſtücke, gehe dann aus, nachdem ich ſorgfältig den kleinen Sammtbeutel in eine Taſche meines Fracks geſteckt habe. Das Wetter iſt ſchön; ich will im Tuileriengarten ſpazieren gehen; die Stunde, wo er beſucht wird, iſt noch nicht da, aber in der gegenwärtigen gefällt mir gerade dieſer ſchöne Garten am meiſten. Ich kann jetzt dort ganz nach Herzensluſt träumen, ohne die Beſorgniß, herumgeſtoßen zu werden oder mit Jemand zuſammenzuprallen; dort werde ich den Augenblick abwarten, wo ich mich zu Adelen begeben kann; zu⸗ gleich ſetze ich meine Vermuthungen über die beiden Briefe in ihrer Schreibtafel fort. Ich bin ſchon lange in den Tuilerien, als mir ein kleiner Knabe beinahe zwiſchen die Beine rennt und ausruft:„Geben Sie Acht, mein Herr, Sie laufen mir in meinen Reif.“ Ich bleibe ſtehen, um das Kind ſein Spielzeug anhalten zu laſſen, und betrachte dieſen kleinen Kopf, der beinahe zu meinen Füßen iſt. Das Kind ſchlägt die Augen zu mir auf, indem es ſeinen Reif nimmt. Ich kenne das Geſicht dieſes kleinen Knaben und während ich mir ins Gedächtniß zu rufen ſuche, wo ich ihn geſehen habe, ruft der kleine Kerl lächelnd aus:„Ahl mein Herr, ich kenne Sie!... Sie haben mir ſo ſchöne Hemdknöpfe gegeben... von Gold... welche Mama den andern Tag verkauft hat.“ 4 27 Wäre es möglich! Der kleine Oskar, der Sohn Juliens iſt es! aber ſtatt zerlumpt zu ſein, wie ſonſt, iſt er ganz neu und mit Eleganz gekleidet. Während ich das Kind betrachte, fährt es fort:„Kennen Sie mich vielleicht nicht mehr, mein Herr 2... Sie ſind doch in meine Penſion gekommen... Es war wäh⸗ rend der Erholungsſtunde und meine Kameraden wollten nicht mit mir ſpielen, weil ich zu ſchmutzig war... „Ja, ich erkenne Sie, mein Freund, ich erinnere mich ſehr gut an dies Alles; es ſcheint mir aber, daß eine große Veränderung in Ihrer Lage vorgegan⸗ gen iſt, und jetzt würden Ihre Kameraden ſich nicht mehr weigern, mit Ihnen zu ſpielen.“ „Ah, tauſend, ich bin jetzt ſchön... nicht wahr? ich bin ſehr glücklich, ich bin nicht mehr bei Mama; ich habe meinen Papa wiedergefunden, und bin bei ihm; ol ſo iſt mir's viel lieber!... ich eſſe jetzt gute Sachen!..— Ihr Papa?... Wie 2... Sie find bei Ihrem Papa?...— Ja, ſehen Sie... da unten iſt er... Ah! da kommt er und ſucht mich; ich habe ein wenig Furcht vor Papa, weil er nie lacht. Dies iſt aber gleich, ich bin ſehr glücklich bei ihm, und eſſe jetzt nicht mehr bloß Kartoffeln.“ Während der kleine Oskar ſprach, betrachtete ich dieſen Herrn, der auf uns zukam: es iſt Herr Mon⸗ carville. Julie hat mich nicht getäuſcht, als ſie mir ſagte, er ſei der Vater ihres Kindes. Herr Moncarville, der ſeinen Sohn ſuchte, hatte mich bisher noch nicht erblickt; er hat mich aber ohne 28 Zweifel ſo eben erkannt, denn plötzlich ſehe ich ihn etwa zehn Schritte von uns ſtillſtehen, ſein Geſicht wird finſter, ſeine buſchigten Brauen ziehen ſich zu⸗ ſammen, und er ruft mit zornigem Tone aus:„Os⸗ kar kommen Sie... kommen Sie doch, mein Herr!“ „O mein Gott!... wie böſe Papa ausſieht!“ ſagt das Kind;„bin ich daran Schuld, daß mein Reif, hierher gerollt iſt?... Adieu, mein Herr.— Adieu, mein Herr.“ Oskar lächelt mir anmuthig zu, läuft dann gegen ſeinen Vater, der ihn bei der Hand nimmt und barſch wegführt, ohne ihm das Reifſpiel ferner zu er⸗ lauben. 3 Dieſes Zuſammentreffen ſetzt mich in neues Er⸗ ſtaunen. Herr Moncarville hat ſeinen Sohn zu ſich genommen: das ſcheint mir ſehr ſonderbar, wie wird er ſeiner Frau dieſes Kind vorgeſtellt haben 2... Et⸗ wa bloß als eine ſeiner Pflege anvertraute Waiſe? dann würde ihn der kleine Oskar nicht ſeinen Papa nennen; Alles iſt mir unklar.... Ich weiß wohl, daß Clementine gutherzig genug iſt, ein natürliches Kind ihres Gemahls als ihren Sohn zu behandeln; indeß würde Herr Moncarville aus Rückſicht auf den Anſtand, auf ſeine Familie nicht ſo offen gehandelt haben... dieſes Alles beunruhigt mich; ich wünſchte jetzt ſehr, Nachrichten von Clementinen zu haben, durch ſie die ganze Wahrheit wiſſen; allein ſie ſchreibt wir nicht mehr, und ich fühle, daß ich es wohl ver⸗ dient habe. Doch gefalle ich mir in dem Gedanken, daß ſie mich noch immer liebt. Ich, ich konnte ihr untreu ſein, ſie aber, ſcheint mir, kann es nicht. Dieſe Betrachtungen haben mich Frau von Asveda beinahe vergeſſen laſſen: der kleine Sammtbeutel, den ich in meiner Taſche fühle, erinnert mich an den Zweck meines Ausgangs; jetzt kann ich mich ohne Unbeſcheidenheit bei der Baſe des Herrn von Follard vorſtellen und begebe mich ſofort in die Straße Sainte⸗Anne. Sonderbar, ich fühle nicht mehr die nämliche Ge⸗ müthsbewegung, wie geſtern, wenn ich daran denke, daß ich Adelen wiederſehe!... Als ich ſie geſtern tan⸗ zen, als ich ſie von Grazien und Geſchmuck ſtrahlen ſah, verehrte ich ſie ſogar noch nach ihrem gering⸗ ſchätzenden Benehmen; trotz dem Uebermuth, der Gleichgültigkeit ihrer Blicke, würde ich Alles in der Welt gegeben haben, mich wieder allein mit ihr zu finden, ſie noch einmal in meine Arme zu drücken; ſeit ich aber weiß, daß ſie die Huldigungen meines Vaters annahm, iſt, glaube ich, meine Liebe verflo⸗ gen... meine Erinnerungen ſind mit Befürchtungen gemiſcht, meine Wünſche ſind verraucht. Wenn ich der Nebenbuhler des Barons wäre! dieſer Gedanke erſtarrt... bedrückt mich... er ſtellt ſich immer zwi⸗ ſchen Adelen und mich: meine Liebe für dieſe Frau ſcheint mir jetzt ein Verbrechen, und ich würde Alles in der Welt geben, wenn ich ſie nicht gekannt hätte. In dieſer Stimmung, die— nichts weniger als eine verliebte iſt, lange ich in der Wohnung Adelens an. Ich frage bei dem Pförtner nach Frau von — ᷣ“äsð— 30 Asveda; man bezeichnet mir die Wohnung im zweiten Stock, und ich klingle bei dieſer Dame. Eine Dienerin öffnet mir:„Frau von Asveda? — Dies iſt hier, mein Herr.— Iſt ſie zu Hauſe? — Ja, mein Herr.— Kann ich ſie ſehen?— Ihr Name, mein Herr?— Arthur.— Wenn Sie in dieſem Salon warten wollen, will ich Madame in Kenntniß ſetzen.“ Ich gehe in einen ziemlich eleganten Salon, wo man mich allein läßt. Ich ſetze mich und ſinne nach. Wie wird ſie mich empfangen?... und wird ſie mich empfangen wollen 2 Ja, da ihre Dienerin mir geſagt hat, ſie ſei zu Hauſe, wird ſie nicht wagen, mir einen Beſuch bei ihr zu verweigern; ſch werde ihr ihren Sammtbeutel zurückgeben, aber weder von mei⸗ nem Vater noch von Julien mit ihr ſprechen: das hieße geſtehen, daß ich ihre Schreibtafel geöffnet habe, und wenn ſie mir nicht ſelbſt Gelegenheit gibt, auf dieſen Gegenſtand einzugehen, weiß ich nichts von dem, worüber ich mich aufzuklären brenne. Ah! wenn Adele offen, aufrichtig gegen mich ſein wollte... wenn ſie mit jener Hingebung zu mir ſprechen wollte, die ſie in jener Nacht bewies, wo wir ſo viel ſpazieren gegangen ſind, würde ich alle ihre Verbindungen, alle ihre Geheimniſſe erfahren... dazu dürfte ſie aber nicht mehr jene Dame ſein, die ich bei Herrn von Reveilleère geſehen habe; ſie müßte wieder meine liebenswürdige Unbekannte werden. Ich habe mir dies Alles und noch manches An⸗ dere geſagt; denn ſeit lange bin ich in dem Salon 31 und man läßt mich darin allein. Ich ſehe nach mei⸗ ner Uhr; es ſcheint mir, daß ich ſeit beinahe drei Viertelſtunden warte. Wahrſcheinlich hatte Adele ihre Toilette noch nicht beendigt; ſie iſt ſehr kokett, ſie muß lange vor ihrem Spiegel bleiben: gedulden wir uns! Ich wundere mich indeß, daß man ſich ſo viele Mühe geben ſollte, hübſch zu ſein, wenn man Jemand empfängt, den man nicht mehr liebt; und gewiß ich muß dies aus der Art und Weiſe ſchließen, womit man mich den vorigen Abend behandelt hat. Eine weitere Viertelſtunde verrinnt; ich erhebe mich, gehe in dem Salon umher, huſte, ſinge; man hat mich jelleicht vergeſſen, und wenn ich Lärm mache, erinnert man ſich, wie ich hoffe, an meine Gegenwart. Aber nein, unmöglich kann man mich vergeſſen haben; mein Beſuch muß für Frau von Asveda ein Ereigniß ſein, und mich ſo warten zu laſſen!... Ich ſehe Unverſchämtheit, Bosheit darin; das Blut ſteigt mir ins Geſicht... wenn man fürch⸗ tet, ich möchte noch von meiner Liebe ſprechen, irrt man ſich ſehr! dieſes Gefühl beſeelt mich nicht mehr. Man hofft vielleicht, ich werde, des Wartens müde, fortgehen: nun und nimmermehr! ich werde den ganzen Tag da bleiben, wenn es ſein muß; ich be⸗ ſtehe hartnäckig darauf. Ich höre im Vorzimmer, durch welches ich einge⸗ treten bin, gehen; ich eile, die Thüre des Salons zu öffnen; ich ſehe die Dienerin, die mich empfangen. „Es iſt ſchon ſehr lange, meine Jungfer, daß ich warte, um Ihre Gebieterin zu ſprechen; haben Sie — 32 ihr nicht geſagt, daß ich da ſei?— Verzeihen Sie, mein Herr, Madame war noch nicht angekleidet.— Iſt ſie es jetzt?— Ich glaube ja, mein Herr..— Werde ich ſie endlich ſehen?— In einer kleinen Weile, mein Herr.— Hören Sie, Jungfer, wenn Ihre Gebieterin glaubt, ich werde, des Wartens müde, das Feld räumen, ſo ſagen Sie ihr, daß ſie ſich irre, ich bin feſt entſchloſſen, nicht wegzugehen, ohne fie geſehen zu haben. Zudem habe ich ihr etwas einzu⸗ händigen, das ich nur ihr ſelbſt übergeben werde.— Ol mein Herr, daran denkt Madame gewiß nicht!... ſie will Sie annehmen... in einer kleinen Weile, mein Herr!— Meinetwegen! ſo warte ich.“ Ich kehre in den Salon zurück, werfe mich auf eine Ottomane und warte dort, bis es der Herrin des Hauſes gefallen wird, ſich meinen Blicken zu zeigen. Zehn Minuten vergehen wieder: endlich öffnet man die Thüre des Salons... es erſcheint aber immer die Dienerin. „Mein Herr, wenn Sie mir folgen wollen, ich werde Sie zu Madame führen...— Wie! iſt Ma⸗ dame nicht aufgeſtanden?...— O freilich, mein Herr, aber ſie erwartet Sie in ihrem Boudoir.— Wohlan, ich folge Ihnen.“ Ah! Madame will mich in ihrem Boudoir em⸗ pfangen... was ſoll das heißen?... ich hätte es vor einigen Tagen ſehr gut errathen, aber jetzt... was liegt daran, gehen wir ins Boudoir von Madame. Die Dienerin öffnet eine andere Thüre des Sa⸗ lons, läßt mich ein Gemach durchſchneiden, hierauf 33 einen Gang, öffnet ſofort eine Thüre und läßt mich mit den Worten vorangehen:„Madame, hier iſt der Herr,“ und ſchließt alsbald die Thüre wieder hinter mir zu. Ich befinde mich jetzt in einem ganz kleinen Ge⸗ mach, wo es ſo wenig hell iſt, daß ich im erſten Augenblick die Gegenſtände um mich nicht unter⸗ ſcheiden kann. Zwar hat dieſes Boudoir ein Fenſter, allein die Jalouſieläden ſind von außen geſchloſſen, und innen entziehen weiße und rothe Doppelvorhänge die Tageshelle ſo ſehr, daß ſie nur noch düſter und ungewiß hereinfällt. Ich weiß, die Schönheit liebt das Halbdunkel, dies ſcheint mir aber übertrieben. Ich reibe mir indeß die Augen; nach Verfluß eines Augenblicks ſehe ich etwas mehr, und höre eine Stimme zu mir ſagen:„Wohlan! mein Herr, kommen Sie doch und ſetzen Sie ſich zu mir!“ Ich habe die Stimme Adelens erkannt, ſie iſt wieder ſanft geworden, wie in der Nacht, wo ich ſo glücklich war. Ich bemerke zu meiner Rechten, in einer kleinen Niſche, in deren Hintergrund ein Spiegel hängt, eine Dame, die auf einem Divan ſitzt. Wie groß iſt aber mein Erſtaunen, als ich ſie ſo angezogen wiederſinde, wie in der Nacht, wo wir zuſammen ſpazieren gegangen ſind. Daſſelbe Kleid, den gleichen Shayl, den gleichen Hut, den gleichen, über das Geſicht herabgeſchlagenen Schleier!... ich ſollte ſie alſo ſo wiederfinden, wie ich ſie damals ſah, als ſie mich ſo glücklich machte... Dieſe Aufmerkſamkeit, daſſelbe Koſtüm wieder anzulegen, ſcheint mir ein Paul de Kock. III. 3 34 Zeichen von Liebe; ich fühle mich ganz bewegt, ver⸗ wirrt und bleibe aufrecht vor ihr ſtehen, nicht wiſſend, was ich beginnen ſoll. Sie macht mir wieder ein Zeichen, neben ſie zu ſitzen, ich nehme Platz auf dem Divan. Sie reicht mir die Hand und drückt die meinige zärtlich. „Aber, Madame, welch eine ſonderbare Frau ſind 3 Sie doch! ſage ich, ihr näher rückend; geſtern wollten Sie mich nicht mehr erkennen, Sie waren beleidigt, daß ich Sie an eine reizende Nacht erinnerte. Heute zeigen Sie ſich mir ſo, wie Sie in jener Nacht waren.“ „— Geſtern... vor der Welt... war ich zu dieſem Benehmen gezwungen!.— Gezwungen... ol nichts hinderte Sie, ganz leiſe einige Worte des Troſtes, der Freundſchaft an mich zu richten; und überdies Ihr Vergeſſen, Ihr Stillſchweigen gegen mich ſeit jener Nacht...— Die Umſtände nöthigten mich dazu.— Zum Beiſpiel, ich weiß nicht, ob es abermals die Umſtände ſind, welche Sie nöthigen, dieſen Schleier zu tragen und mir Ihr Geſicht zu verbergen; Sie werden mir aber hoffentlich erlauben, es anderswo, als nur in großer Geſellſchaft zu ſehen. —O! mein Herr, noch nicht, ich bitte Sie darum... — Warum denn dies, Madame?... was bedeutet dieſer Schleier in dem ſchon ſo dunkeln Boudoir?— Ich werde ihn bald abnehmen.— Nein... auf der Stelle!“ 4 Dieſe Hartnäckigkeit, womit ſie mir ihre Züge verbirgt, ſcheint mir ſonderbar; ich will ihr den Schleier abreißen, als man plötzlich eine Thüre un 35 gegenüber öffnet. In demſelben Augenblick werden die Vorhänge aufgezogen, die Läden geöffnet, eine lebhafte Helle tritt an die Stelle der Dunkelheit, die uns umgab, und eine Dame tritt lachend in das Zimmer. Ich werfe einen Blick auf ſie und bin erſtarrt, ungewiß, ob ich träume;.. dieſe Frau iſt Frau von Asveda... es iſt Adele... Endlich kehre ich meine Augen wieder auf die neben mir Sitzende... der Hut, der Schleier ſind verſchwunden und ich erkenne Klara... die abſcheuliche Klara!... Ha jetzt ver⸗ ſtehe ich die ganze Wahrheit, ich ſehe, dürch welche Treuloſigkeit ich hintergangen worden bin, und Julie, die ebenfalls am Eingang des Boudoirs erſcheint, und ihr Gelächter, in das Gelächter Adelens einſtimmend, erklärt mir, verbunden mit ihrer Gegenwart, voll⸗ kommen ihren Brief und löst mir plötzlich das Räthſel ihrer ganzen Intrigue. „Nun denn, mein Herr! ſagt Adele zu mir, nachdem ihre Heiterkeit etwas ruhiger geworden, hatte ich geſtern Unrecht mit der Verſicherung, daß Sie ſich irrten, wenn Sie mir von der köſtlichen Nacht ſprachen, die wir zuſammen zugebracht hätten 2... Ja, hätten Sie das zu meiner Schweſter geſagt!... meinetwegen!... ſie hätte Ihnen antworten können, denn es iſt wahrſcheinlich, daß ſie all die Liebe nicht vergeſſen hat, die Sie ihr in jener Nacht bewieſen!... Ha!l ha! ha! geſtehen Sie, mein Herr, daß dies ein vollkommen durchgeführtes Liebesabenteuer iſt? Sehen Sie, da iſt der Urheber des Complots... denn ich, 36 ich kannte Sie nicht und hatte durchaus keinen Grund, Ihnen dieſen Streich zu ſpielen; Madame aber iſt ſehr böſe auf Sie!... und dann war meine Schwe⸗ ſter leidenſchaftlich in Sie verliebt.. Jhre Romane hatten ihr den Kopf verrückt!... Ich habe der Liebe der Einen und dem Haſſe der Andern gedient.. habe ich nicht wohl daran gethan, mein Herr?“ Ich finde nichts zu erwidern, ich bin vernichtet durch Alles, was ich höre; ich hefte meine Augen abwechslungsweiſe auf Adelen und Julie, vermeide jedoch im Gegentheil den Blicken Klara's zu begegnen; das arme Mädchen ihrerſeits ſcheint mehr beſchämt als triumphirend, ſie ſenkt den Kopf und läßt keinen Laut hören. Julie tritt auf mich zu und ſagt mir mit ſpöt⸗ tiſchem Tone:„Sind Sie mir böſe, daß ich Sie in Frau von Asveda verliebt gemacht habe? O! ich war ganz ſicher, daß es für Sie hinreichte, Madame ein einziges Mal zu ſehen, um ſich leidenſchaftlich für ſie zu entflammen!... In Wahrheit, Madame liebt Sie nicht und hat ſich luſtig über Sie gemacht!... aber Klara betet Sie an, dies muß Ihnen eine Ent⸗ ſchädigung ſein; als ſie indeß beim Herausgehen aus dem Theater die Stelle ihrer Schweſter nahm und darein willigte, mit Ihnen ſpazieren zu gehen, dachte ſie nicht, daß ſo zärtliche Dinge daraus erfolgen ſoll⸗ ten!... Sie ſind aber auch ſchrecklich, mein Herr, bei Ihnen wäre eine Frau von ſechzig Jahren nicht in Sicherheit!...“ Das Lachen bricht aufs Neue los; aber es 6 —,.— o— 37 6 verwundet mich nicht mehr. Eine Betrachtung, eine Erinnerung haben meiner Seele den Frieden wieder gegeben; ich ſtehe auf und ſage mit ſehr ruhiger Miene zu Julien:„Madame, Sie haben mir einen ſehr großen Dienſt geleiſtet, meine Seele von einer drücken⸗ den Laſt befreit, ihr die Ruhe wieder geſchenkt, die ſie verloren hatte. Weit entfernt, Ihnen irgend einen Vorwurf zu machen, hätte ich Ihnen noch Dank⸗ ſagungen zu bringen; Sie könnten ſolche aber nicht verſtehen, und deßhalb enthalte ich mich derſelben.“ „Frau von Asveda hat ſich auf meine Koſten luſtig gemacht, weil ich gewagt habe, mich in ſie zu verlieben; ich fühle jetzt, daß ich groß Unrecht hatte, und es iſt ein Fehler, in welchen ich, das ſchwöre ich ihr, nicht mehr verfallen werde. Was Fräulein Klara betrifft, ſo muß ſie die Verfaſſerin der geiſtreichen Briefe ſein, die ich empfangen habe, und ich bereue keineswegs den Spaziergang, den wir zuſammen gemacht, und während deſſen ich keinen Augenblick Langeweile empfunden habe, was mir wahrſcheinlich mit einer ſchönern, aber weniger liebenswürdigen Frau begegnet wäre. Jetzt will ich der Frau von Asveda einen kleinen Beutel zurückgeben, den ſie geſtern in einem Wagen vergeſſen hat; denn bloß zu dem Zweck, ihr denſelben zurückzubringen, habe ich mich bei ihr vorgeſtellt, nicht aber, wie ſie glauben könnte, um ihr den Hof zu machen.“ Dieſe Damen ſind ihrerſeits aus der Faſſung ge⸗ bracht. Adele wird roth vor Aerger, Julie beißt ſich vor Zorn in die Lippen, die arme Klara ſieht mich verſtohlen an. Wahrſcheinlich war man darauf ge⸗ faßt, mich wüthend, entrüſtet über den mir geſpielten Streich zu ſehen; man hätte über meinen Zorn ge⸗ ſpottet; meine ruhige Miene aber durchkreuzt alle ihre Plane, und Adele nimmt in Verwirrung die kleine Taſche, die ich ihr darbiete. Sie öffnet ſie jedoch, nimmt ihre Schreibtafel heraus, ſieht die darin befindlichen Briefe an, und ſagt zu mir:„Wahr⸗ ſcheinlich haben Sie die beiden bei meinen Notizen befindlichen Briefe geleſen; es iſt mir jedoch ganz gleichgültig!... der eine iſt von Madame, und Sie müſſen jetzt ſeinen Inhalt verſtehen; was den andern betrifft, ſo iſt er von einer Perſon, die Sie nicht kennen und die Sie nicht intereſſiren kann, weil Sie nicht mehr in mich verliebt ſind.“ Ich verbeuge mich mit ſehr ehrfurchtsvoller Miene und will gehen, als mich Julie mit den Worten zu⸗ rückhält:„Verzeihung, Herr Arthur, noch ein Wort!... Iſt es ſchon lange, daß Sie die ſentimentale Clementine nicht geſehen haben?— Was kümmert das Sie, Ma⸗ dame?— O! nicht im geringſten!... nur daß ſie, wenn ſie ſchon lange nicht bei Ihnen geweſen ſein ſollte, keine Luſt dazu gehabt haben muß: denn ſie iſt frei wie die Luft und Herrin ihres Thuns, ſeit ihr Gemahl, Herr Moncarville, ſie aus ſeinem Hauſe gejagt hat.“ Mein Herz erſtarrt und ich ſtottere, Julien an⸗ blickend:„Madame Moncarville durch ihren Gemahl fortgejagt!... O! Sie täuſchen mich, Madame 1... es iſt nichts... es kann nicht ſein!“ „— Nein, mein Herr, nein, ich täuſche Sie nicht! Herr Moncarville hat ſeine Frau fortgeſchickt, weil er, Dank meinen Winken, ihr nachſchleichen, ihr auf⸗ paſſen ließ, als ſie das letzte Mal Abends ausging; man hat ſie in Ihr Haus eintreten ſehen! Merken. Sie ſich, es iſt nicht jedem Ehmann angenehm, Hahnrei zu ſein! es gibt welche, denen es gefällt, andere, denen es nicht gefällt; Herr Moncarville gehörte zur Zahl der Letztern, und als er an der Sache nicht mehr zweifeln konnte, hat er Madame augenblicklich vor die Thüre geworfen und ihr eine Penſion ausgeſetzt, die gerade hinreicht, wenn ſie das ganze Jahr hin⸗ durch Linſen eſſen will; hierauf hat er meinen Sohn, meinen Oskar, der auch der ſeinige iſt, von mir ver⸗ langen laſſen: die Trennung von meinem Sohne hat mir ſehr wehe gethan; es iſt aber zu ſeinem Beſten, ich habe meinen mütterlichen Gefühlen Schweigen auferlegt. Nicht, daß ich nicht hätte bei Herrn Mon⸗ carville wohnen, die Stelle ſeiner Frau einnehmen können, wenn ich gewollt hätte; er hat es mir vor⸗ geſchlagen. Er wollte mich wieder haben, dieſer alte Fuchs, ich wollte aber lieber bei meinem kleinen Adolph bleiben, der närriſch mit mir iſt, der mich vergöttert und heirathen wird, ſowie ſein Vater ge⸗ ſtorben iſt. Nun denn!.. Sie ſagen nichts mehr, Herr Arthur? mein Gott! wie blaß Sie ſind... befinden Sie ſich unwohl?... Klara! bereite doch deinem Geliebten ein Glas Zuckerwaſſer!“ Ich kann nicht mehr ſprechen; ich ſtoße ungeſtüm alle Thüren vor mir auf und beeile mich, dieſes „ 40 Haus zu verlaſſen, aus der Gegenwart dieſer Frauen zu fliehen. 1 Drittes Kapitel. Gebackenes auf der Inſel Saint⸗Denis. Clementine aus dem Hauſe ihres Gatten verjagt, weil fie zu mir gekommen war, weil ſie mich hatte ſehen wollen!... Wohl hat ſie es geahnt, an jenem Abend, wo ſie ſo deutlich merkte, daß ich mit einer Andern beſchäftigt ſei!„Ich trotze Allem, ſprach ſie, um zu dir zu kommen und dir zu ſagen, daß ich dich immer liebe!“ Alſo meinetwegen hat ſie Ver⸗ mögen, Rang und Ruf verloren! und in ihrem Un⸗ glück wird ihr nicht einmal der Troſt zu Theil, geliebt zu ſein, wie ſie liebte; in der Einſamkeit hinreichenden Erſatz für Alles das zu finden, was ſie in den Augen der Welt verlor; ach! dieſer Gedanke bringt mich zur Verzweiflung!... er zerreißt mir das Herz! ich habe eine Frau vernachläſſigt, vergeſſen, die mich anbetete, die mir Alles zum Opfer brachte!... und für wen? ich erröthe, es mir zu geſtehen, für eine unterhaltene Frau, die mich verſpottet hat! Uebrigens verdiene ich es wohl. Aber dieſe Julie!... ich werde alſo unaufhörlich die Wirkungen ihrer Rache zu empfinden haben!.. Wie ihre Augen vor Bosheit glänzten, als ſie mir die Entehrung Clementinens mittheilte!... Wie ſie im Genuß des Weh's ſchwelgte, das ſie mir zufügte! —-— 41 Vergeſſen wir dieſe Weiber!... Möchte ich nicht mehr mit ihnen zuſammentreffen! Denken wir nur noch an Clementine!... die Nachricht ihres Unglücks hat meine ganze Liebe wieder erweckt; oder vielmehr, dieſes Gefühl für ſie war nie ganz bei mir erloſchen; es ſchlief nur im Grunde meines Herzens. Wenn ſie ſeit dem Tage, wo ich ſie geſehen, von ihrem Manne getrennt iſt, ſo lebt ſie nun ſchon mehre Monate allein.... Ach! wenn ich es gewußt hätte, würde ich ſie getröſtet haben. Ihr Mann gibt ihr nur einen ſehr geringen Jahrgehalt, wenn ich recht gehört habe. Clementine wird ſich mit dem willkürlichen Anerbieten dieſes Mannes begnügt haben; ohne Zweifel arbeitet ſie, um ihr ſehr geringes Ein⸗ kommen zu vermehren... vielleicht lebt ſie unter Entbehrungen... Und ſie hat es mich nicht wiſſen laſſen!... ſie hat mir die Veränderung ihrer Lage nicht geſchrieben!. Doch Clementine iſt zu ſtolz, um mir ihre Dürftigkeit zu geſtehen! Und verdiente ich zudem ihr Vertrauen? verdiente ich, daß ſie mich noch als ihren beſten Freund betrachtete? Jetzt muß ich durchaus die Wohnung Clemen⸗ tinens entdecken; ich fühle, daß ich keine Ruhe mehr haben werde, bis ich ſie geſehen, ſie in meine Arme gedrückt und um Verzeihung angefleht habe. Ueber⸗ dies bin ich die Urſache ihres Unglücks; es iſt meine Pflicht, ſo viel in meinen Kräften ſteht, zur Erleich⸗ terung ihrer kummervollen Lage zu thun. Ich bin lange Zeit in ganz Paris umhergelaufen, dieſe Adele wieder aufzufinden!. Ach! ich fühle, ich werde mit 1 42 noch heißerem Eifer nach Clementinen forſchen! Es iſt nicht mehr eine tolle, bizarre Leidenſchaft, die mich zum Handeln treibt, es iſt ein dauerndes Gefühl, denn es iſt ein Kind des Unglücks; und letztere ſind wahrer, als die von der Luſt erzeugten. Wie erhalte ich aber einige Nachweiſungen, die mich auf die Spur führen können?... durch Umher⸗ rennen in Geſellſchaften, Schauſpielhäuſern könnte ich eine kokette Frau zu finden hoffen, die ihr Geſicht und ihren Putz bewundern laſſen will; aber Clementine gehört nicht zu dieſen Frauen; ſie ſucht die Huldi⸗ gungen der Männer nicht auf; es ſcheint ihr unbe⸗ kannt, welchen Zauber ſie ausübt, und weit entfernt, in Geſellſchaft zu gehen, flieht ſie ſolche ohne Zweifel und lebt ſehr zurückgezogen in einer beſcheidenen Wohnung, in irgend einem wenig beſuchten Quartier begraben. Es iſt viel ſchwieriger, Jemand zu finden, der wenig ausgeht, ſich keinem Vergnügen hingibt. Wie alſo es angehen, um ihre Adreſſe zu erfahren? Ihr Gatte muß ihre Wohnung kennen... an ihn kann ich mich nicht wenden, ſie zu erfahren.... Die niederträchtige Julie weiß ſie ohne Zweifel auch, wird ſie mir aber nicht bezeichnen; zudem will ich dieſe Frau nie wieder ſprechen: ich darf alſo nur auf meine Nachforſchungen und die mögliche Gunſt des Zufalls rechnen. Vierzehn Tage lang laufe ich aufs Neue in Paris umher. Ich erkundige mich, ich frage nach Madame Moncarville in mehr als dreihundert Häuſern. Ich erhalte keine befriedigende Antwort. 43 „Was treibt ſie, dieſe Dame?“ das fragen ſie mich alle. Ei! zum Henker! wenn ſie ein Gewerbe hätte, würde ich ſie in dem Handels⸗Adreß⸗ Kalender ſuchen, und nicht bei den Pförtnern. Ich überlege hierauf, daß Clementine wahrſchein⸗ lich den Namen verändert hat, als ſie aufhörte, mit ihrem Gemahl zu leben, ihren neu angenommenen kenne ich nicht; ſonach werden mich auch meine Er⸗ kundigungen nach Madame Moncarville zu nichts führen. Dieſer Gedanke macht das Maaß meiner Betrübniß voll; er benimmt mir allen Muth zur Fortſetzung meiner Nachforſchungen. 1 Ich verſuche ein letztes Mittel; ich weiß, wo Herr Moncarville wohnt: ich begebe mich in ſein Haus und wende mich an den Portier mit einem Fünffrankenſtück; damit ſtimme ich ihn augenblicklich zu ſehr guten Geſinnungen gegen mich. „Herr Moncarville wohnt hier?— Ja, mein Herr, im zweiten Stock, die Thüre links: es hat eine große Klingel mit blauer Quaſte. Wenn der Herr wünſcht, will ich ihn führen. Herr Moncarville iſt gerade zu Hauſe.“ Schon ſchickt ſich der Pförtner an, aus ſeiner Loge herauszugehen und mir als Führer zu dienen; ich halte ihn zurück. „Nicht gerade mit Herrn Moncarville habe ich zu thun, ſondern mit ſeiner Frau.— Seiner Frau?“ Der Pförtner lächelt bei dieſen Worten und ver⸗ ſucht ſeinem Lächeln einen boshaften Anſtrich zu geben, indem er fortfährt: „Seine Frau!.. o gut! da hat es eine kleine Schwierigkeit; die Frau wohnt nicht mehr bei ihrem Mann.. ſie haben ſich getrennt, ich weiß nicht, ob gerichtlich... allein ich weiß wohl, daß ſie nicht mehr beiſammen ſind.— Nun gut! zeigen Sie mir die Wohnung der Madame Moncarville an; zwanzig Franken für Sie, wenn ich dieſelbe erſahre.— Wahrlich, mein Herr, wenn ich ſie wiſſen würde, ſollten Sie ſehr ſchnell bedient ſein!... Sie ſehen wohl, daß ich keine Urſache habe, die Bekannten dieſer Dame vom Beſuche bei ihr abzuhalten... ganz im Gegentheil! dieſe Dame war ſehr ſanft, und ich ſchätzte ſie ziemlich! Aber ſie hat mir ihre Wohnung nicht geſagt!...— Man hat doch das ihr Zugehörige forttragen müſſen?...— Nichts da⸗ von!.. ſie iſt verſchwunden wie eine Rakete!... mit einem Koffer, mit Schachteln, und einem Sack⸗ tuch, das ſie vor die Augen hielt. Ich vermuthe, ſie weinte, die arme Dame!. Kurz, ſie hat eine Miethkutſche kommen laſſen, iſt hineingeſtiegen, aber wohin gegangen?... da ſteckt der Knoten!..— Und ſeit dieſem Tag iſt ſie nicht wieder gekommen? — Niemals.— Und Herr Moncarville hat nicht manchmal zu ihr geſchickt... Sie oder irgend einen Commiſſionär?...— Nichts davon, ich glaube feſt, daß er nicht mehr an ſie denkt; er hat einen kleinen Knaben zu ſich genommen, deſſen Vater er ſich nennt, und von dem man nicht weiß, woher er kommt... das Kind iſt hübſch, ſieht ihm aber gar nicht gleich.“ Ich entferne mich voll Verzweiflung. Ich ſehe 45 kein Mittel mehr, um die Wohnung Clementinens zu entdecken; eine einzige Hoffnung bleibt mir noch übrig; die, daß ſie ſelbſt mir ſchreiben, mir Nachricht von ſich geben will; daß ſie mich wieder zu ſprechen wünſcht; dieſe Hoffnung iſt aber ſehr ſchwach, wenn ſie erfahren hat, daß ich eine Andere liebte(und die Frauen erfahren ſolche Dinge immer); ihre Eigen⸗ liebe wird ihrer Liebe Schranken ſetzen und ſie ab⸗ halten, wieder zu mir zu kommen. Ich ſuche mich nun darein zu ſchicken und zu zerſtreuen; aber der Gedanke an die unglückliche Cle⸗ mentine, die mich nicht mehr ſehen will, läßt eine Traurigkeit in mir zurück, die ich kaum zu überwäl⸗ tigen vermag, und die mir oft mitten in den Ver⸗ gnügungen, welche ich zu genießen ſuche, einen Seuf⸗ zer auspreßt. Auf meinen Streifereien begegne ich Herrn Theo⸗ dor häufig. Sein Anzug iſt eleganter als zuvor; auch gibt er ſich ein Anſehen, eine Haltung, Manie⸗ ren, die Jedermann zwingen, ihm Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Darein, ohne Zweifel, ſetzt dieſer Herr ſeinen Ehrgeiz, wenn ich aber an ihm vorüber⸗ gehe, mache ich ihm nicht das Vergnügen, ihn an⸗ zuſehen; er ſeinerſeits ſcheint mich nicht mehr zu kennen; ich weiß ihm dafür unendlichen Dank. Seit dem Abend im Theater habe ich Adolph nicht ein einziges Mal erblickt. Ich vermuthe, daß er mir ausweicht; ich meinerſeits ſuche ihn nicht auf. Wir ſind im Sommer, die Tage ſind lang, die Sonne brennt. Eines Morgens kommt ein Schrift⸗ 46 ſteller, mit welchem ich an einem Stück arbeite, ſehr früh zu mir und ſagt:„Haſt Du heute etwas zu thun, Arthur?— Meiner Treu, nein.— Das Wetter iſt herrlich, es wäre eine Sünde, eingeſchloſſen zu bleiben, wenn man nicht Commis in einer Schreib⸗ ſtube iſt. Wir Schriftſteller ſind frei wie die Vögel, wir können die reine Landluft einſchlürfen, wann es uns beliebt.— Und Du haſt Luſt, heute ſpazieren zu gehen?— Ja, aber extra muros. Wir wollen in einem kleinen Dorfe, wo man gut ſpeist, frühſtücken. Wir gehen zu Fuß, das macht uns Appetit; und unterwegs werden wir die Entwicklung unſeres Vaudeville's ſuchen, die wir noch nicht gefunden haben: Das ſoll der Hauptzweck unſeres Tages ſein. Biſt Du's zufrieden?— Sehr gerne.“ Der Vorſchlag macht mir um ſo mehr Vergnü⸗ gen, als mein Mitarbeiter, der ſich Darbois nennt, ein ſehr guter Kerl iſt; unter einem kalten und ſogar finſtern Aeußern verbirgt er eine große Heiterkeit, und eine außerordentliche Leichtigkeit, den ernſthafte⸗ ſten Begebenheiten eine komiſche Seite abzugewinnen. Ich bin gleich fertig und gehe mit Darbois weg. Als wir in der Straße ſind, denken wir erſt daran, daß wir noch nicht wiſſen, wohin wir wollen. „Wir laufen auf gut Glück,“ ſagt Darbois,„und gehen wohin uns der Zufall führt.— Gut. Wenn wir aber an das Ende einer Straße kommen, von wo aus eine links und eine andere rechts führt, ſo müſſen wir uns doch entſcheiden.— Wir fragen nach dem Wege auf das Land.— Man wird wiſſen wollen, — — — — 47 wohin?— Wir antworten, wir wiſſen nichts davon. — Man wird uns für zwei Narren halten, oder glauben, wir wollen uns über die Leute luſtig machen. — Deſto beſſer, dies Alles läßt uns vielleicht die Entwicklung unſeres Vaudeville's finden.— Es ſei ſo!“ Wir machen uns auf den Weg. So lange am Ende der Straße, der wir folgen, wieder eine andere iſt, laufen wir zu, ohne zu fragen. Am Ende ge⸗ langen wir in eine Sackgaſſe, wo unſere Füße nur auf ſehr ekelhafte Dinge ſtoßen: wir bleiben ſtehen. „Wenn dies die Entwicklung iſt, die wir für unſer Stück finden ſollen, ſage ich zu meinem Collegen, ſo ſcheint ſie mir nicht ſehr gewählt.— Ei! mein Lieber; man weiß nicht!... Ich geſtehe, es wäre ein wenig gewagt; in dieſem Augenblick aber, wo man durchaus etwas Neues, Auffallendes will, könnte es Effekt machen.— Inzwiſchen wollen wir uns beeilen, aus dieſer Sackgaſſe heraus zu kommen.“ In der nächſten Straße angelangt, wo ſich zwei durchkreuzen, fragt Darbois einen Commiſſionär ganz ernſthaft nach dem Weg aufs Land.. „Den Weg nach der Barrière wollen Sie ſagen! — Die Barriere, es ſei!— Nach welcher wollen Sie gehen?— Nach welcher es Ihnen beliebt.“ Der Commiſſionär blickt uns an, wie Einer, der nicht weiß, ob er böſe werden ſoll; er entſchließt ſich zu lachen:„Geht! Ihr ſeid zwei Spaßvögel!— Dies iſt wahr, es iſt unſer Handwerk.— Ah! ich ſehe das Alles ſogleich, Sie wollen ſich in einer Kneipe luſtig machen.— Wir wollen unſere Entwick⸗ lung finden.— Sie haben etwas verloren?— Nein, wir haben es nicht verloren, wollen es aber finden. — O! die Witzbolde!.. Gehen Sie die Straße links, und dann ganz gerade aus, ſo werden Sie an die Barriere kommen.“ Ich ziehe Darbois mit mir fort, indem ich ſage: „Mit Deinen Tollheiten wirſt Du uns irgend einen ſchlimmen Handel zuziehen.— Warum denn? Habe ich dieſen Mann belogen, wenn ich ihm ſagte, daß wir eine Entwicklung ſuchten?— Siehl! ich fürchte der Zufall möchte uns nicht führen; ich glaube, man darf ſich nicht in Allem auf ihn verlaſſen.“ Wir kommen an eine Barrisre, die ich nicht kenne, wir gehen hindurch und ſetzen unſern Weg immer geradeaus fort. Bald erkenne ich rechts von uns die Ebene Saint⸗Denis. „Der Zufall wird uns nach Saint⸗Denis führen, ſage ich zu Darbois; wir durchſchneiden dieſe Ebene, gehen alsdann auf die Inſel zum Frühſtück und ſuchen unſere Entwicklung zwiſchen einer Matelote und dem Braten.— Alſo nach der Inſel Saint⸗Denis... wir könnten dann vor dem Frühſtück noch baden.“ Wir ſetzen unſern Weg fort, und Darbois erzählt mir nach ſeiner Gewohnheit tauſend Tollheiten, ſtatt von unſerem Stücke zu ſprechen. Wenn ich auf dieſen Gegenſtand eingehen will, hört er mich nicht an, oder ruft aus:„Wir werden uns beim Frühſtück damit beſchäftigen.“ Wir langen in Saint⸗Denis an. Darbois be⸗ merkt ein altes Paar, das auf uns zukommt, und 49 nach der Provinz riecht, als ob wir hundert Stunden von Paris entfernt wären. Die Frau trägt einen Wachtelhund, der Herr hält zwei Regenſchirme unter ſeinem linken Arm. Darbois verläßt mich, bleibt vor einem Hauſe ſtehen, und fängt an, gebückt auf dem Boden umherzuſehen: das alte Paar kommt in ſeine Nähe, und da es ihn ſo beſchäftigt auf die Erde hinſtarren ſieht, ſagt die Dame zu ihm:„Der Herr ſucht Etwas?“ „Ja, Madame,“ erwidert Darbois mit geſchäf⸗ tiger Miene und ohne die Augen zu erheben. „Warten Sie,“ ſagt der Mann,„ich will meine Brille aufſetzen und Ihnen helfen, ich bin ziemlich glücklich im Finden. Es ſcheint, es iſt etwas Koſt⸗ bares, denn Sie ſehen ſehr ärgerlich aus 2..“ „Ol ja, mein Herr, es iſt etwas Unbezahlbares, beſonders wenn es gut iſt!..“ Während Darbois ſprach, hat der gute alte Mann ſeine Regenſchirme auf den Boden gelegt und ſeine Brille aus dem Futteral gelangtv; er ſetzt ſie auf die Naſe und ſagt:„Wenn Sie mir jetzt gefälligſt ſagen wollen, was Sie ſuchen?“ „Mein Herr, ich ſuche die Entwicklung eines Vaudeville in drei Akten, das ich mit dem Herrn in Arbeit genommen habe, den Sie dort unten ſehen, und der in dieſem Augenblick lacht, als wenn er närriſch wäre!“ Der gute Alte zieht ſeine Brille ab, nimmt ſeine Regenſchirme und den Arm ſeiner Frau; und das Paar entfernt ſich, indem es vor ſich hinmurmelt: Paul de Kock. III. 4 50 „Die jungen Leute führen ſich ſehr ungebührlich auf, ſeit man Revolutionen macht!...“ Darbois kommt wieder zu mir, ich lache zu ſehr, als daß ich ihn ſchelten könnte, ziehe ihn jedoch nach der Inſel Saint⸗Denis fort, und bitte ihn ſehr, ſich nicht über den Traiteur luſtig zu machen, weil ich gerne gut frühſtücken möchte. Als wir uns dem Ufer nähern, erblicken wir einen Herrn und eine Dame, die ihre Richtung nach einem Kahne nehmen und ſich wahrſcheinlich gleichfalls nach der Inſel überſetzen laſſen wollen. Wir laufen raſcher, um das gleiche Fahrzeug zu benützen. Dieſes Paar gleicht dem nicht, welches Darbois auf Saint⸗Denis anhielt: der Mann iſt ein Stutzer, die Frau eine Modedame. Wahrſcheinlich ſind es junge Leute. „Das iſt eine feine Partie, ſagt Darbois zu mir, ich wette, dieſe da kommen mit anderen Gedanken nach der Inſel Saint⸗Denis, als nur Gebackenes zu eſſen.— Du haſt Recht... Ach! mein Gott!— Nun! was kommt Dich an?2... Findeſt Du eine Entwicklung?— Ich kenne dieſen Mann und dieſes Frauenzimmer!— Deſto beſſer, um ſo ſpaßhafter wird es ſein... Eilen wir, der Schiffer winkt uns.“ In dieſer eleganten Dame habe ich Julien erkannt, und der Herr, der ſie begleitet, iſt der lange Theo⸗ dor. Adolph iſt aber nicht bei ihnen... was bedeutet dies 2... Nichts, das mich von Julien ſehr in Ver⸗ wunderung ſetzte!... Ich zaudere indeß... ich weiß nicht, ob ich vorwärts gehen ſoll... aber Darbois ziehet mich mit fort, und im Ganzen ſehe ich nicht 51 ein, warum ich mich fürchten ſoll, Madame Ulyſſe zu ärgern. Wir ſpringen in den Kahn. Julie und Theodor waren ſchon darin; ſie erkennen mich und ſprechen leiſe. Herr Theodor ſcheint ärgerlich, aber Julie fängt bald, ihrer Gewohnheit gemäß, ſehr laut zu lachen an. Ich will nicht hören, was ſie einander ſagen, und ſetze mich ans andere Ende des Kahns. Darbois raunt mir ins Ohr:„Ich wette das Früh⸗ ſtück mit Dir, ſie iſt nicht bei ihrem Mann?— In der That.— Und nicht einmal bei dem, welcher ſie unterhält?— Du haſt gewonnen.— Ja ſogar nicht einmal mit ihrem gewöhnlichen Liebhaber.— Woran ſiehſt Du dies?— Weil dieſe Dame äußerſt liberale Augen hat.“ Madame Ulyſſe fängt an ſo laut zu ſprechen, daß es uns ſchwer wäre, ſie nicht zu hören, ſie wieder⸗ holt fortwährend:„ Adolph bleibt ſehr lange zurück, er wird uns aber wieder finden, er weiß, wo wir ſind.— Ja, ja, er kann nicht mehr lange aus ſein.“ Dieſe abſichtlich, damit wir ſie hören ſollten, mehrmals wiederholten Worte bringen mich im Ge⸗ gentheil auf den Gedanken, daß mein Freund Adolph ſich nicht träumen laſſe, ſeine Geliebte und ſein theurer Theodor ſeien zuſammen auf dem Lande; da mich aber das jetzt ſehr wenig kümmert, finde ich es höchſt überflüſſig, daß Julie es alle Minuten zu wiederholen 3 ſich bemüht. Die Ueberfahrt nach der Inſel iſt ſehr ſchnell gemacht. . 52 „Wir müſſen zu dem Traiteur gehen, wo man das beſte Backwerk ißt, ſagt Julie, aus dem Nachen ſpringend, denn Adolph hat mir anempfohlen, gutes Backwerk zu beſtellen, das er ſehr liebt.— Ich werde Sie begleiten, ſchöne Dame, ich kenne alle guten Orte!.... Mit dieſen Worten bietet der ſchöne Theodor ſeiner Dame den Arm, beide ſchlagen behend den etwas rauhen Fußpfad ein, der zu den Häuſern der Inſel führt. „Auch ich liebe das Gebackene, ſagt Darbois, folgen wir dieſem Herrn, der die guten Orte kennt! er ſieht mir aus, wie ein Schalk, der fähig wäre, allen ſeinen Bekannten Fallen zu legen.— Laſſen wir dieſe Leute da gehen! wie ich ſie kenne, würden ſie glauben, ich paſſe ihnen auf, und dies will ich nicht.— Wie, ſteht es uns nicht frei, ebenfalls zu dem beſten Traiteur der Inſel zu gehen, weil dieſer Herr und dieſe Dame dorthin gehen?— Wir wollen aber noch nicht frühſtücken.— Aber hier muß man alles zum Voraus beſtellen, wenn man gut bedient ſein will; dieſes hübſche Paar wäre im Stande, uns nur noch den Abtrag übrig zu laſſen, was mir gar nicht lieb wäre.— Gut denn! geh' und beſtelle das Frühſtück, ich erwarte Dich hier.— Recht... ſuch' eine Entwicklung!“ Darbois folgt Julien und Theodor von fern; ich ſetze mich bis zu ſeiner Rückkunft auf den Grasboden, und denke, daß Adolph irgend etwas Glückliches be⸗ gegnet ſein muß, da Julie ſo elegant iſt; oder es 53 müßte Herr Moncarville, als er ſeine Frau fortjagte, die Penſion ſeiner Maitreſſe erhöht haben. Darbois kommt bald zurück. Er ruft mir von weitem zu:„Wir werden ein ausgeſuchtes Frühſtück bekommen, Cotelettes, Fiſche, Gebackenes und friſchen Wein; man wird uns in einen kleinen Salon decken, der die Ausſicht auf das Waſſer hat.— Und unſer Paar?— Sie waren lange vor mir eingetreten und hatten ſich auf der Stelle in ein Cabinet zurückge⸗ zogen... ſie haben mich nicht geſehen; ich bin über⸗ zeugt, daß auch ſie eine Entwicklung ſuchen. Jetzt wollen wir uns baden.— Aber unſer Stück, mit dem wir uns hauptſächlich auf dieſem Spaziergang beſchäftigen wollten?— Während des Schwimmens können wir uns damit befaſſen.“ Ich ſehe wohl, daß es heute nicht möglich iſt, mit Darbois zu arbeiten, und ergebe mich darein. Wir gehen um die Inſel herum und kommen an eine einſamere Stelle, wo man gewöhnlich badet. Während des Auskleidens ſehen wir mehre junge Leute ſchwimmen und einander mit Waſſer beſpritzen. In wenigen Augenblicken ſind wir ebenfalls im Waſſer. Bald ſtehe ich dicht vor einem der Schwimmer: es iſt Adolph, der aus allen Kräften Waſſer durch Mund und Naſe ſprudelt. Ich denke bei mir ſelbſt, daß diesmal meine Vermuthungen falſch waren und Julie in dem Nachen nicht log, wie ich argwöhnte. „Ei! Sie ſind es, Herr Arthur, ſagt Adolph auf mich zuſchwimmend; ah, es iſt drollig, daß wir uns im Waſſer wiederfinden! Ich bin jetzt ſehr ſtark im 54 Schwimmen. Soll ich Sie ein wenig taufen?— Nein, ich danke.— Wir haben uns ſchon lange nicht geſehen... Das Waſſer iſt ſehr angenehm!— Köſt⸗ lich.— Ich habe ſeitdem von meinem Oheim geerbt.. vierzigtauſend Franken... das iſt hübſch. Sie wiſſen, daß ich mich mit Julien wieder ausgeſöhnt habe... Was wollen Sie? dieſe Frau betete mich an... und dann... für jede Sünde eine Verzeihung! Welches Weib hat nicht ein klein wenig geſündigt?... Man ſagt ſogar, dies ſei eine Garantie ihrer Sittſamkeit für die Zukunft... Auch mit Theodor bin ich wieder verſöhnt; ich verſichere Sie, er iſt im Grunde ein ganz guter Kerl, der viel Talent beſitzt... er hat neue Plane, er will einen Weg unter der Seine anlegen, nach Art des Londoner unter der Themſe; einen Tunnel nennt man's, glaube ich... er ſucht Aktionäre. Ach Sie dachten nicht, mich hier zu treffen, ich wette?— Verzeihen Sie, ich ſetzte ja mit Ihren Leuten über das Waſſer; ich weiß ſogar, daß Sie gekommen ſind, Gebackenes zu eſſen.— Wie! meine Leute? von welchen Leuten ſprechen Sie?— Zum Henker! von denen, die Sie beim Traiteur erwarten, von Ihrer Geliebten und Ihrem Freund Theodor. Adolph macht einen Bocksſprung, der mich mit Waſſer bedeckt, und ruft aus:„Sie ſind in einem Kahn mit Julie und Theodor herübergefahren?— Gewiß.— Sie ſind alſo auf der Inſel?— Ohne Zweifel, ſie warten auf Sie: war das nicht zwiſchen euch ausgemacht?“ Adolph macht wieder einen Sat und ruft:„O! 5⁵ das iſt ſehr ſonderbar!... Stellen Sie ſich vor, daß ich ohne Juliens Vorwiſſen hier bin; es war eine mit den Herren, die Sie da unten ſehen, abgemachte Partie; da mich aber Julie nirgends allein hingehen laſſen will, ſo habe ich, ſtatt ihr zu ſagen, daß ich mich auf der Inſel Saint⸗Denis beluſtige, vorgegeben, ich habe ein Geſchäft, ein Rendezvous bei meinem Notar, in Folge der Erbſchaft meines Oheims... Julie muß die Wahrheit entdeckt haben... ich weiß nicht wie! ſie wird mir mit Theodor nachgegangen ſein. O! der ſchöne Spaß! und wo ſind ſie jetzt? — Bei dem Traiteur, wo wir frühſtücken werden, antwortet Darbois.— O! das iſt ſehr luſtig! eine Ueberraſchung, auf die ich nicht gefaßt war. Ich gehe aus dem Waſſer, ich will Gebackenes eſſen.“ „— Ich bin der Meinung, daß die Andern eben⸗ ſo wenig darauf gefaßt ſind, ihn hier zu treffen, ſagt Darbois ganz leiſe zu mir.— Ich fürchte es, und es iſt mir leid, daß ich ihm von denſelben geſprochen habe.— Du biſt ſehr gut... das liefert uns indeß vielleicht eine komiſche Entwicklung.“ Wir ſteigen ebenfalls aus dem Waſſer. Adolph ſagt zu ſeinen Freunden:„Meine kleine Dame ſucht mich hier auf, ich muß zu ihr gehen... ich komme aber wieder zu euch zurück... Wir verlaſſen die Inſel alle mit einander.“ 5 Wir ſind angekleidet und ſchlagen den Weg zu unſerem Traiteur ein. Adolph lauft neben uns her, indem er beſtändig wiederholt: O! ich möchte ihnen gern auch einen guten Spaß ſpielen, zum Beweiſe, 56 daß ich von ihrer Ankunft unterrichtet bin... Was kann ich wohl thun? Ich antworte ihm nicht; wir treten bei dem Trai⸗ teur ein und ſetzen uns an die für uns in dem kleinen Salon gedeckte Tafel. Adolph tritt ebenfalls ein, indem er zum Aufwärter ſagt:„Wo iſt der Herr und die Dame, die auf mich warten?“ Der Auf⸗ wärter blickt Adolph verwundert an und murmelt: „Ein Herr und eine Dame, die auf Sie warten? — Gewiß! iſt nicht eine junge Dame hier, gut ge⸗ kleidet, ſehr hübſch, in rothem Shawl? Herr Ar⸗ thur, hat ſie ihren rothen Shawl an?“ „— Ahl wahrhaftig! ich habe nicht darauf Acht gegeben. Laſſen Sie uns frühſtücken, Adolph, Sie wiſſen, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten nicht mehr miſchen will.— Sie könnten mir, meine ich, wohl antworten, ob ſie einen rothen Shawl um hat? Kurz, es iſt einerlei! Eine Dame und ein großer junger Mann ſind hier... ſie erwarten mich.“ „Wir haben wohl eine Dame und einen Herrn in einem Kabinet; aber ich glaube nicht, daß ſie Je⸗ mand erwarten..— Ich wiederhole Ihnen, daß ſie auf mich warten, mich... Sie ſind ſehr eigenſinnig, Gargon! Haben die Beiden nicht Gebackenes beſtellt? — Ja, mein Herr, ſie haben ſogar ſchon Geflügel, Fiſchſpeiſen gegeſſen... und ich ſoll das Gebackene bringen, wenn ſie nnir klingeln...— Sie haben ſchon Geflügel und Fiſche gegeſſen... dies iſt ſehr bös von ihnen. wenn ich ihnen weiß machen könnte, V V — 57 daß ſie kein Backwerk erhalten werden... Julie thut ganz närriſch damit... Ahl ein köſtlicher Einfall!... Kellner, leihen Sie mir Ihre Schürze, Ihre Jacke, Ihre baumwollene Mütze... O! das wird einen Spaß geben!...“ „Haben Sie Ihre Entwicklung gefunden?“ fragt Darbois, als er Adolph ſeinen Frack ausziehen ſieht. „Sie ſind ſehr glücklich!— Ich habe ein Mittel ge⸗ funden, mich auf ihre Koſten luſtig zu machen... ich will mich als Küchenjunge verkleiden, und ihnen melden, daß es nichts Gebackenes mehr gibt; ſie werden wüthend ſein... beſonders Julie, die leiden⸗ ſchaftlich dafür eingenommen iſt, habe ich ſie dann recht in Zorn gebracht und ſie mir ordentliche Grob⸗ heiten geſagt, dann fange ich an zu lachen und gebe mich zu erkennen. He! was ſagen Sie zu meinem Plan?— Es iſt ſehr gut ausgedacht, und ich glaube, daß es wirklich einen ſpaßhaften Auftritt geben wird. Sie müſſen ſich aber gut verkleiden, damit man Sie nicht erkennt.— O! das will ich auch thun... Ich werde mir das Geſicht mit Mehl bedecken... ich ſehe dann aus, wie ein Gimpel.— Dann ſind Sie ganz im Geiſt ihrer Rolle.“. Während deſſen betrachtete der Aufwärter Adolph, der ohne Frack in dem Salon auf und abgeht; er ſcheint aber nicht entſchloſſen, ihm Schürze und Jacke zu leihen. Darbois gibt Adolph ein Zeichen, dieſer verſteht es, und drückt dem Küchenjungen ein Fünf⸗ frankenſtück in die Hand. Nun zieht dieſer Schürze, Jacke aus, legt die Mütze ab, und will ſogar die 58 Hoſen ausziehen, Adolph dankt ihm aber und meint, daß er ſich unter der Schürze wohl ſeiner eigenen bedienen könne. In kurzem iſt die Toilette beendigt, das Geſicht mit Mehl bepudert, was Adolph in der That unkenntlich macht. Der Gargçon, um ſeinem Stellvertreter nichts fehlen zu laſſen, ſteckt ihm das große Küchenmeſſer, das er an der Seite hat, in den Gürtel; kurz die Verwandlung iſt vollkommen, und Adolph hüpft vor Freude, wobei er ausruft:„O! wie will ich ſie erwiſchen!“ „Was fühle ich da in Ihrer Schürzentaſche?“ fragt Adolph, wie er eben hinaufgehen will.—„Mein Herr, es iſt der Schlüſſel des Kabinets, wo der Herr und die Dame ſpeiſen...— Der Schlüſſel! ſehr gut, ſo werde ich ſie noch viel unverhoffter überraſchen! — Sie hatten mir aber anbefohlen, nicht hinaufzu⸗ kommen, als bis ich klingeln höre...— Dies war gut für Sie... da ich ſie aber überraſchen will, brauche ich nicht auf's Klingeln zu warten... ich will einen Teller unter den Arm nehmen, damit mein Eintritt natürlicher iſt... Iſt das Gebackene bald fertig?...— Ja, mein Herr!— Halten Sie ſich bereit, es einige Minuten nachdem ich eingetreten bin, zu bringen... dies iſt das Bouquet... Sie ſagen im erſten Stock, die Thüre hinten im Gang?— Ja, mein Herr: das Kabinet mit der Ausſicht in den Garten... das letzte.— Sehr gut, ich gehe hinauf... O! ich kann mich nicht anſehen, ohne zu lachen... Ich ſehe aus, wie ein wahrer Braten⸗ wender... Auf Wiederſehen, meine Herrn; ich wette, “ —— 59 g ſie werden uns lachen hören...— Ja, ich denke, wir werden was hören!“ Adolph geht mit ſeinen Tellern aus dem Salon; Darbois und ich ſehen einander an; mein College kann ſeine Ernſthaftigkeit nicht beibehalten, und ich geſtehe, daß ich für Adolph irgend eine unangenehme Ueberraſchung fürchte. Der Aufwärter iſt mit den Worten in die Küche gegangen:„Ich will das Ge⸗ backene holen für das Bouquet.“ Wir eſſen nicht mehr, wir horchen... Wir ſind auf Etwas gefaßt. In der That läßt ſich bald ein großes Geräuſch im erſten Stock hören, als ob man ein Schock Teller zuſammengeworfen hätte. „Da macht der neue Küchenjunge ſeine Streiche, ſagt Darbois; er fängt damit an, daß er das Ge⸗ ſchirr zerbricht... dies iſt ohne Zweifel die Einlei⸗ tung...“ Auf dieſes Geräuſch folgt bald ein anderes; ein Menſch ſpringt aus einem Fenſter des erſten Stocks in den Garten. Er tritt wie ein Beſeſſener in das Zimmer, in dem wir eſſen: es iſt der ſchöne Theodor, deſſen Toilette in großer Unordnung iſt; ein unent⸗ behrlicher Theil ſeiner Kleidung hängt ſogar nur ſehr leicht an ihm. Mit ſeiner Serviette in der Hand rennt er in den Salon, und da es ihm nicht gelingt, den Schlüſſel der auf die Straße führenden Thüre ſchnell genug umzudrehen, öffnet er ein Fenſter, ſpringt hinaus und verſchwindet auf dem Wege, ohne auf Darbois zu hören, der ihm zuruft:„Mein Herr, machen Sie 60 doch wenigſtens noch einen Knopf zu... Sie wagen viel, wenn Sie auf dieſe Art ſpazieren gehen!“ Theodor iſt kaum zum Fenſter hinaus, als Ge⸗ ſchrei und Fluchen zu uns dringt. Ich erkenne Adolph's Stimme. „Es ſcheint, ſeine Entwicklung mache großen Ein⸗ druck, ſagt Darbois; wollen wir hinaufgehen und ſehen, was da oben vorgeht?— O! was mich be⸗ trifft, ſo habe ich keine Luſt.“ 3 Adolph erſpart uns die Mühe; er kommt mit entſtelltem Geſicht, wüthender Miene: die Hand an ſeinem großen Küchenmeſſer; hiezu füge man noch das Mehl, das noch ſein Geſicht bedeckt, und man wird es begreiflich finden, wenn ich nicht umhin kann, mit Darbois bei ſeinem Eintritt laut zu lachen. Dar⸗ bois ſagt zu mir:„Das iſt ganz wie in dem Stück: les fureurs de l'amour.“ „Wo iſt er, der Elende!... der Schurke! ruft Adolph in unſern Salon tretend. Ach! meine Her⸗ ren.. wenn Sie wüßten, was ich geſehen habe.. er iſt entflohen, der Niederträchtige!... er hat mich gefürchtet... er hat wohl daran gethan!... da... da.. ſehen Sie ihn? da geht er über das Waſſer. — Wahrlich, er nimmt dem Traiteur ſogar eine Serviette mit...— Ol ich werde dich wieder finden! Großer Verräther!...“ Herr Theodor ſetzte in der That über den Fluß, er hatte ſich beeilt, von der Inſel wegzukommen. Adolph ſchlägt zornig auf unſern Tiſch und ſagt: 61 „Von ſeinen Freunden betrogen zu werden!... So etwas begegnet nur mir!— O! bitt' um Verzei⸗ hung, erwidert Darbois, dies kommt vielen Leuten vor.— Ein Mann, in den ich Vertrauen ſetzte.. ein Weib, die ich von ſolchen Dingen zurückgekommen glaubte!... Welche Niederträchtigkeit!.— Geben Sie Acht, Sie werden die Pfefferbüchſe über unſer Eſſen ausſchütten!...— Wiſſen Sie, was ich ſah, als ich in das Kabinet eintrat?...— Wir können es uns denken.— Meine Geliebte und dieſer Menſch... welcher, welche... der... kurz in einer Stellung, die keinen Zweifel mehr zuließ!.— Und da haben Sie ihnen die Teller an den Kopf geworfen?— Nein... ich hatte nicht die Kraft dazu... ſie ſind mir aus den Händen gefallen. Im erſten Augenbli fühlte ich mich niedergedonnert, vernichtet und d Niederträchtigſte... denn das iſt noch das Abſcheu⸗ lichſte in der Sache... iſt, daß ſie, bevor ſie mich 5 erkannten, zu mir ſagten: Willſt du fortgehen, Dum — kopf!... hatten wir geklingelt?... Strohkopf, der du biſt!... du erhältſt kein Trinkgeld... du verſtehſt dein Handwerk nicht.“ 3 Darbois und ich können nicht mehr an uns hal⸗ ten. Wir brechen in lautes Lachen aus, und um den Spaß vollſtändig zu machen, kommt der wirk⸗ liche Aufwärter mit ſeinem Backwerk herbei, indem er ſagt:„Mein Herr, da iſt das Bouquet... iſt es jetzt zum Hinauftragen?.— Gehen Sie zum Teu⸗ fel mit Ihrem Backwerk!“ ſagt Adolph, den Auf⸗ wärter zornig zurückſtoßend. Da dieſer nicht weiß, 62 was das bedeutet, macht er ſich mit ſeinem Gebacke⸗ nen davon. Mittlerweile iſt es Darbois und mir gelungen, wieder unſere Ernſthaftigkeit anzunehmen. Adolph ſitzt in einer Ecke des Salons; er ſpricht kein Wort „ mehr, ballt aber ſeine Fäuſte. Ich will ihn ein wenig zu beruhigen ſuchen, als er plötzlich aufſteht, das große Küchenmeſſer aus ſeinem Gürtel zieht und ausruft:„Es muß ein Ende nehmen!“ Er ſchickt ſich an, aus dem Salon zu gehen, ich eile ihm nach und halte ihn zurück:„Wo gehen Sie hin, Adolph?— Wieder hinauf ins Kabinet..— Wa wollen Sie dort thun?..— Julien umbrin⸗ gen— Julie morden!. was ſagen Sie da.. welch ſchrecklicher Gedanke!.— Sie iſt eine nichts⸗ würdige Hure! Sie wiſſen überdies es wohl... Sie hatten mich gewarnt, daß ſie mich wieder betrügen werde.. O! Sie hatten Recht... wenn ich auf * ie gehört hätte... allein es iſt ans.. Laſſen Sie mich; ich will ſie morden... ich bin raſend...“ Statt ihn los zu laſſen, umfange ich Adolph mit meinen Armen. Darbois ſagt aber ganz ruhig: „Mein Herr, warum wollen Sie dieſe Dame um⸗ bringen?— Weil ſie mich nun ſchon zum zweiten Male zum Hahnrei gemacht und endlich auf's Aeuſ⸗ ſerſte gebracht hat.— Ich glaubte, mein Herr, daß man in ſolchen Sachen nur das erſte Mal böſe ſein könne.— Mich, mich ärgert es jedesmal, ich werde mich nie daran gewöhnen!...— Und wenn Sie — — 63 dieſe Dame gemordet haben, werden Sie dann we⸗ niger betrogen ſein 2...“ Adolph ſcheint über dieſe Bemerkung betroffen, er wird ruhiger und ſtottert:„In der That, was Sie da ſagen, iſt ſehr wahr!... wenn ich ſie um⸗ bringe, werde ich darum nicht weniger betrogen ſein...“ Ich benütze dieſen Augenblick, und entreiße ihm ſein Küchenmeſſer, und ſetze mich dann wieder neben Darbois an den Tiſch. 3 Nachdem Adolph eine Zeitlang im Saale auf und abgegangen iſt, ſagt er:„Demungeachtet will ich die Treuloſe wiederſehen!... ich will ſie mit meinen Blicken durchbohren... mich an ihrer Ver⸗ wirrung... ihrer Schande weiden... Denn Sie fühlen wohl, daß ich im erſten Augenblick, wo ich mich zu erkennen gegeben habe, ganz außer mir war.. ich weiß nicht, was geſchehen iſt, nur habe. ich den Andern zum Fenſter hinausſpringen ſehen... Ich gehe hinauf... Seien Sie ruhig, meine Herrn, ich habe keine feindſelige Abſicht mehr... ich ſchwöre es Ihnen; ich ſehe wohl ein, daß es nichts mehr helfen würde. Zudem, wenn Sie mich ausſuchen wollen... ich habe nicht einmal ein Federmeſſer bei mir.“ „Das iſt unnöthig! ſagt Darbois, wir glauben Ihnen auf's Wort. Gehen Sie, mein Herr, und erinnern Sie ſich an die beiden Verſe: „Beim Narren iſt der Lärm, beim Thor die Klag' am Ort; Der Ehrenmann, getäuſcht, geht weg und ſpricht kein Woct!“— 64 „Spricht kein Wort!... das iſt leicht geſagt, fällt Adolph wieder ein; ich verſpreche Ihnen aber, mich zu mäßigen. Ich will mich nur an der Ver⸗ wirrung meiner Untreuen weiden.. Dieſer Troſt iſt wohl nur eine geringe Entſchädigung!“ Adolph verläßt den Salon.„Du biſt ſehr gut⸗ müthig geweſen, daß du dir ſo viel Mühe gabſt, ihn zurückzuhalten, ſagt Darbois zu mir.— Wie, hätte ich ihn zu unwürdigen Gewaltthätigkeiten ſchreiten laſſen ſollen?— Er!... zu Gewaltthätigkeiten ſchreiten?... aber, mein lieber Arthur, Du ſiehſt alſo nicht, daß dieſer Bengel da mit zehn Küchen⸗ meſſern ſeiner Geliebten kein Haar abgeſchnitten hätte! wahrſcheinlich, du kennſt ihn ſchlecht!... Ich ſtehe Dir dafür, daß ſeine Wuth nicht gefährlich iſt!.— Möglich, doch iſt mir lieber, daß ich ihm ſeinen Speckſchneider abgenommen habe.“ Wir beendigen ruhig unſer Frühſtück; wir hören kein Geräuſch im erſten Stock. „Du ſiehſt, er zerbricht nicht einmal mehr einen Teller! ſagt Darbois, in dieſem Augenblick bittet er vielleicht ſeine Dame um Verzeihung..— O! das wäre zu ſtark.— Es gibt Menſchen von ſolchem Taig... doch man kommt herab... wir werden et⸗ was vernehmen.— Wenn es Adolph iſt, Darbois, ſo mach' mir das Vergnügen und bemühe dich, ihm nicht gerade ins Geſicht zu lachen.— Dies iſt manch⸗ mal ſchwer! ich will aber mein Möglichſtes thun.“ Man öffnet die Thüre. Adolph tritt mit beſtürz⸗ ter und melancholiſcher Miene ein. Er macht einige 65 Schritte um unſern Tiſch herum, tiefe Seufzer aus⸗ ſtoßend. Darbois ergreift das Wort:„Nun? mein Herr, haben Sie ſich ein wenig gerächt? haben Sie ſich recht an der Beſchämung Ihrer Treuloſen ge⸗ weidet? Sie haben ſie ohne Zweifel in Thränen über ihren Fehltritt gefunden?“ „— Eil ja doch! ſie weinte ganz erſtaunlich!... ich fand ſie das Backwerk eſſend, welches der Auf⸗ wärter heraufgebracht hatte und wovon ſchon zwei Drittheile verſchwunden waren!“ „— Dieſe Frau treibt gerne etwas, wie mir ſcheint; doch kurz, ſie hat ſich bei Ihrer Ankunft zu Ihren Füßen geworfen, Sie um Verzeihung gebeten?“ „— Das heißt, ſie nahm eine Handvoll Fiſche, warf ſie mir ins Geſicht und rief: Sie ſind ſehr frech, daß Sie ſich noch vor mir ſehen laſſen! Sie ſind ein Ungeheuer! ich verabſcheue Sie! ich will Sie nicht mehr ſehen! und tauſend andere Dinge dieſer Art.“ „— Dies iſt origineller, als ich glaubte!— Ich, ich geſtehe Ihnen, daß ich ſo wenig auf dieſen Em⸗ pfang gefaßt war, daß ich nicht ein einziges Wort mehr finden konnte... Julie aber fand deren genug. Mitten aus dieſem Kreuzfeuer von Vorwürfen, die ſie über mich herſchleuderte, ſchien ich indeß Folgendes zu entnehmen: nach ihrer Ausſage nahm ſie jener große Schurke von Theodor mit Gewalt... und daß ich, ſtatt ihn entwiſchen zu laſſen, ihn hätte feſtpacken und durchprügeln ſollen.. darin beſteht ihr Vorwurf 17 „— Teufel! doch dies ändert die Sache! ſagt Darbois, indem er ſich in die Lippen beißt, um nicht Paul de Kock. III. 3 5 66 zu lachen. Wenn man dieſer Dame Gewalt angethan hat, ſo liegt keine Schuld mehr an ihr; die Haupt⸗ ſache wird jetzt ſein, daß Sie Ihre Erinnerungen zuſammen nehmen; hatte die Stellung, in welcher Sie ſie mit dem Herrn überraſcht haben, wirklich etwas Erzwungenes?“ „— Weiß ich es! Kann man ſolche Dinge gut beurtheilen?— Und was that dieſe Dame, als man Sie für den Aufwärter hielt und Strohkopf nannte? — Ich weiß nicht mehr... Ich glaube ſie ſchrie... Ich bin deſſen nicht ganz ſicher... Ach! mein Gott! Ich würde fünf Finger darum geben, wenn ich wüßte, woran ich wäre.“ Darbois erſtickt beinahe, weil er ſich zwingt, nicht laut aufzulachen, und ſagt mir ins Ohr:„Wie findeſt Du dieſen Herrn, der ſeine Geliebte in einer nicht zweifelhaften Stellung überraſcht, und untröſt⸗ lich iſt, weil er nicht weiß, woran er iſt?— St. lache nicht, ich bitte Dich!— Ich bin entzückt ük r Deinen Freund Adolph, er iſt ſein Geld werth.* Darbois beſtellt Kaffee und Liqueur; er ladet Deſigny ein, mit uns zu trinken, dieſer ſchlägt es aus und ſetzt ſich an den Tiſch, wo er unter fort⸗ währendem Weigern an ſeinem vierten Kelch iſt, als er plötzlich nach dem Fluſſe hinſehend zu ſchreien anfängt:„Ach! mein Gott... ſie geht fort... ſehen Sie, meine Herren, ſehen Sie, wie ſie im Kahn über das Waſſer fährt... ſie iſt es, die Treuloſe... ſie entfernt ſich.— Dies ſcheint mir, nach dem Vorge⸗, fallenen ,noch das Beſte zu ſein, was ſie thun konnte. 67 Wollten Sie vielleicht mit ihr gehen?— O nein! ganz gewiß, ich werde nie mehr mit ihr gehen... diesmal iſt es aus, ich ſchwöre es... ich laſſe mich nicht mehr durch ihre Mährchen beſchwatzen.— Geſtehen Sie, es iſt Ihnen trotzdem ſehr lieb, daß Sie ſie nicht umgebracht haben.— O! gewiß! denn wohin würde man am Ende gerathen, wenn man alle un⸗ getreuen Frauen umbrächte?— Noch einen Kelch, Herr Deſigny, Sie wären ſehr thöricht, wenn Sie ſich wegen einer ſolchen Begebenheit Kummer machten. — Ich mache mir keinen Kummer, aber es wurmt mir, das iſt Alles... ich war an dieſes Weib da gewöhnt.— Ich verſichere Sie, daß Sie viele finden werden, die ihr gleichen.“ Ich rufe dem Aufwärter; Darbois und ich zahlen unſer Frühſtück, und ſchicken uns an wegzugehen, während ſich Deſigny das Geſicht mit ſeinem Sack⸗ tuch reibt, um das noch in ſeinem Geſicht zurückge⸗ hene Mehl wegzuwiſchen. Ich gehe mit Ihnen, ſagt Adolph zu uns.— Wollen Sie nicht wieder Ihre Freunde aufſuchen? — O! nein, es iſt mir nicht um Beluſtigung zu thun... habe ich noch?— Was?— Mehl?— Ein wenig auf der Naſe.— Ich werde an meine Ver⸗ kleidung als Küchenjunge denken!— In der That, ſie ſtand Ihnen ſehr gut.“ Wir verlaſſen das Haus des Traiteurs, als der Aufwärter uns nachläuft und Adolph anhält, wobei er ihm zuruft:„Nun! mein Herr, Sie vergeſſen Ihre Zeche zu bezahlen.— Meine Zeche? ich, ich habe 68 doch nichts bei Ihnen verzehrt.— Ihre Dame und Ihr Freund haben aber verzehrt, und da jene nichts bezahlten, müſſen wohl Sie es thun.— Was ſagen Sie, Kellner? Sie faſeln.— Nein, mein Herr, ei! das wäre bequem Niemand wollte bezahlen. Haben Sie nicht geſagt, daß der Herr und die Dame im Kabinet auf Sie warteten?— Dies iſt kein Grund, daß ich für ſie bezahle.— Doch, doch! weil Sie dieſelbe weggehen ließen, ohne abzurechnen. Was den großen Herrn betrifft, ſo wiſſen wir nicht, durch welches Loch er hinausgekommen iſt, wir haben ihn nicht geſehen; die Dame hat uns aber beim Weggehen ganz deutlich geſagt: Der Herr, der ſich mit Mehl beſtrichen hat, zahlt Alles.— Sie hat dies geſagt? — Ja, mein Herr.— Dieſe Frau mißbraucht mich bis aufs Aeußerſte!... ich mag nicht bezahlen!— Alsdann, mein Herr, erklären Sie ſich mit der Frau vom Hauſe; ich werde Sie aber nicht ſo fortgehen laſſen.“ Der Aufwärter faßt Adolph beim Arme, dieſer ſtößt ihn zurück; es wird zu Schlägen kommen: ich lege mich ins Mittel. Darbois ſagt zu Adolph:„Mein lieber Herr, wenn Sie dieſen Kellner geprügelt und einige tüchtige Stöße erhalten haben werden, müſſen Sie nichtsdeſtoweniger am Ende bezahlen; ich glaube daher, es wäre klüger, wenn Sie damit anfingen, ſofern Sie ſich nicht durchaus boxen wollen.“ Adolph ſtößt noch einen Seufzer aus, und ſagt zum Kellner:„Nun gut! Laß hören! wie viel iſt man denn ſchuldig?— Hier iſt die Karte, mein Herr.“ ————— 69 3 Adolph nimmt die Karte, beſieht die Summe und ſchneidet ein erbärmliches Geſicht, indem er ausruft: „Sechsundzwanzig Franken! für ein Frühſtück! das iſt unerhört.“ „— Aber, mein Herr, bemerken Sie doch ge⸗ 4 fälligſt, daß ſie Bordeaux⸗Lafitte und ächten muſſiren⸗ den Champagner getrunken haben.“ „— Aechten Champagner trinken zu Fiſchen! Schurke von Theodor! finde ich Dich wieder, ſo ſollſt Du mir dieſes Frühſtück theuer bezahlen. Was ſind dies für zwei Franken fünfzig Centimes, die da unten nachgetragen ſind?— Dies iſt für eine Ser⸗ viette, die jener Herr, ohne Zweifel aus Verſehen, mitgenommen hat.— Der Elende!... er hatte ſo Furcht! die Serviette mitnehmen!... nichtswürdiger Freund! mir, ſeinem Aktionär, denn ich wollte auch an ſeiner Unternehmung unter der Seine theilnehmen. Sowie er ein Unternehmen im Sinne hatte, ſollte ich mit aller Gewalt auch dabei ſein! und dieſe vier Franken zehn Sous?— Sind für die Teller, welche Sie zerbrochen haben, mein Herr!— Ahl darüber kann ich nichts ſagen, dies iſt ganz richtig, wenigſtens „ bin ich es, der die Teller zerbrochen hat... Nun wohlan, weil es ſein muß— da nehmen Sie, Kellner, es macht im Ganzen dreiunddreißig Franken.“ Adolph zahlt ſeufzend, und Darbois ſagt zu ihm: „ Das Backwerk iſt ſehr theuer auf der Inſel Sainte Denis.“ 4 Wir verlaſſen die Inſel; in Saint⸗ Denis ange⸗ langt, nehmen wir den gewöhnlichen Wagen nach 70 Paris. Adolph ſetzt ſich ganz hinten hin, und öffnet den ganzen Weg über ſeinen Mund nicht. Beim Ausſteigen aus dem Wagen nimmt unſer Begleiter Abſchied von uns, er drückt mir die Hand, indem er wiederholt:„Ich werde Sie beſuchen, Herr Arthur, und Ihren Rath hören.“ Ich erwidere ihm nichts, denn es iſt mir lieber, wenn er nicht kommt. Ich entferne mich mit meinem Mitarbeiter, zu dem ich ſage:„Nun wäre der Tag um, und wir haben die Entwicklung unſeres Stücks nicht gefunden.— Es iſt einerlei, wir haben unſre Zeit nicht verloren; ich verſichere Dich, man könnte ein Vaudeville über das Backwerk auf der Inſel Saint⸗Denis machen. Viertes Kapitel. Die Baronin von Harleville. Den Tag nach dieſem Abenteuer fällt mir ein, daß ich mein Zuſammentreffen mit Deſigny hätte be⸗ nützen ſollen, um ihn in Beziehung auf Clementine auszufragen. Vielleicht hat er Julien über Herrn Moncarville und ſeine Frau ſprechen oören; vielleicht könnte er mir Nachweiſungen liefern, die zur Ent⸗ deckung der Wohnung dieſer letztern führen würden. Dies iſt nur eine ſehr ſchwache Hoffnung, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Julie ihr Verhältniß zu Moncarville Adolph erzählt, wenn man aber nicht mehr weiß, wie man ein uns intereſſantes Geheimniß . 71 entdecken ſoll, ſo feſſelt man ſich an den ſchwächſten Lichtſtrahl, der auf die Spur der Wahrheit zu führen vermöchte. Noch ſind nicht acht Tage vergangen, als mir Adolph einen Beſuch macht; ich empfinde ein Gefühl von Freude, weil ich darauf rechne, mit ihm von Clementinen zu reden. Mit höchſt trauriger Miene tritt er bei mir ein; er iſt blaß, ſein Geſicht ſcheint länger geworden, und ſeine ſehr rothen Augen wol⸗ len aus ihren Kreiſen treten. Ich bin ganz ſicher, daß er von Julien reden wird, und würde ihn nicht anhören, wenn ich nicht die Abſicht hätte, auch meinerſeits ihn zu befragen; dieſer Grund entſcheidet mich zur Geduld. In der That wirft ſich Adolph aſh einigen nichts⸗ ſagenden Einleitu worten in einen Lehnſtuhl, zieht ſein Sacktuch heraus, trocknet ſich die Augen und ſtam⸗ melt unter Schluchzen:„Herr Arthur, Sie ſehen ei⸗ nen ſehr beklagenswerthen, einen wirklich unglückli⸗ chen Menſchen vor ſich.“ „— Was iſt es denn, Adolph? iſt Ihnen ſeit unſerem Zuſammentreffen auf der Inſel Saint⸗Denis etwas Neues zugeſtoßen?“ „— Mein Gott nein!... es iſt mir nichts be⸗ gegnet... ich ünſchte ſehr, es würde mir irgend ein Abenteuer aufgeſtoßen... mich zu zerſtreuen... aber nein... ewig daſſelbe, es bringt mich um... daß ich nicht weiß, an was ich mich hinſitliih der Liebe Nuniens halten ſoll!..“ — Sie ſind ſchwer zu überzeugen... es gibt 72 Leute, die an Ihrer Stelle nicht den geringſten Zwei⸗ fel hegten.— Sie glauben, es gäbe Leute, die an ihrer Unſchuld nicht zweifelten?— Ich ſage das keineswegs.— Ah, ich glaubte! Hören Sie ein⸗ mal!... je mehr ich darüber nachdenke... erſtlich iſt dieſer Theodor ein elender Galgenſchwengel!... ohne alle Achtung für das ſchöne Geſchlecht... er ſprach von den Frauen zuweilen auf eine Weiſe, die Julien empörte! So ſagte er zu uns: Mir hat man nie widerſtanden. Wenn mir eine Frau gefällt, bin ich meiner Sache gewiß, es muß ſo ſein. Wie! ſagen Sie einmal... ein Mann, der zu äußern wagt: Es muß ſo ſein, ſagt der nicht: Mir ſind alle Mittel gut.. ſelbſt die Gewalt? Das iſt die Sprache eines Satyr.“ „— Es kann ſo heißen, wenn man will.— O! der Verräther! hätte ich ihn nur bälder richtig beur⸗ theilt!... Seit einigen Tagen habe ich ſchlechte Streiche von ihm erfahren!... Es gibt ein Dutzend Traiteurs, bei denen er den ganzen Monat hindurch auf Kredit ſpeiste, und dann hieß es: guten Tag! ſo wie man Geld von ihm wollte, machte dieſer Herr, was man im gemeinen Leben eine Fauſt nennt; er kam nicht wieder.“ „— Sie brauchen mir dieſen Menſchen nicht als einen Spitzbuben zu ſchildern, ich bin ſchon längſt davon überzeugt.“ „— Wenn man aber ihn hört, ſo iſt er es im⸗ mer, der von Andern betrogen wird!— Das iſt die Taktik der Spitzbuben, ſie beſtehlen Sie und 73 ſchreien: Diebe! ſie ſind Ihnen Geld ſchuldig, und fordern von Ihnen; ſie verleumden Sie und verlan⸗ gen Entſchädigung von Ihnen, als Sold für ihre Schlechtigkeit; ich kenne ſogar einige, welche die nie⸗ drigſten, ekelhafteſten Handlungen begehen, in der Hoff⸗ nung, daß die von ihnen beleidigten Perſonen Klage führen, weil alsdann auch ſie ſich beklagen und als in ihrem Intereſſe verletzt darſtellen. Was wollen Sie? die Betrügerei iſt zum Gewerbe geworden, und da die Spitzbuben ihren Codex und alle Hülfsmittel der Chikane weit beſſer kennen, als die ehrlichen Leute, ſo ſieht man jene die Gerechtigkeit hintergehen, welche dann gar zu oft ſchlecht genannt wird. „— Ol gewiß, Herr Arthur, was Sie da ſagen, iſt ſehr wahr! Julie liebte Theodor'n nicht... Julie iſt ſehr ſchlau, und ſagte miroft: Leih' deinem Freunde kein Geld... tappe nicht ſo geſchwind darein!... warte ein wenig!... man muß ſeine Unternehmungen erſt ſehen... Der Schurke!... es ſcheint, daß ſie ſeine Unternehmungen geſehen hat!...“ „— Hören Sie, Adolph, machen Sie mit Ihrer Julie, was Sie wollen; ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich Ihnen keinen Rath mehr geben werde; laſſen wir alſo dieſen Gegenſtand ruhen und antworten Sie mir gefälligſt auf das, was mich meinerſeits inter⸗ eſſirt.“ „— Gerne, Herr Arthur.. Alles, was Sie wol⸗ len! Au! au! au!... ich eſſe nicht mehr! ich ſchlafe nicht mehr!... ich bin unglücklich, daß es einen Stein erbarmen möchte!... Dieſe Kreatur da hat — — ——— 74 mich behext!... es iſt nicht anders möglich!... au! au! au!... — Haben Sie bald aufgehört zu weinen, Adolph? In Wahrheit, Sie dauern mich!— Ich weiß es wohl! ich daure mich ſelber... ich magre ab... ich falle zuſammen in meinen Kleidern...— Wollen Sie mich anhören?— Ich höre, fahren Sie nur fort.— Hat Ihnen Julie von einem Herrn Moncarville geſpro⸗ chen?— Moncarville... ach ja... ein Alter... ein Original, der durchaus den kleinen Oskar adoptiren wollte, der ihn zu ſich genommen hat, und wie ſei⸗ nen Sohn behandelt... au! au! au!... Wenn ich nach Hanſe komme und ſie nicht mehr finde, ſo wird mir gleich ganz ſchlecht zu Muth!...— Hat Ihnen Julie auch von der Frau dieſes Herrn Moncarville.. die ſich Clementine nennt, geſprochen, und die ſich von ihrem Manne getrennt hat?— Nein... ich habe dieſen Namen nie ausſprechen hören... Ahl warten Sie!... doch ich erinnere mich, daß mir Julie mit ganz vergnügter Miene geſagt hat: Herr Moncarville hat ſeine Frau aus ſeinem Hauſe verſtoßen, dies wird Deinen Freund hübſch wüthend machen...— Und weiter?— Dies iſt Alles.— Sie hat nichts geſagt, was auf Clementinen's Aufenthalt hindeuten könnte? — Gar nichts.— Alſo keine Hoffnung mehr!— Wie Sie ſagen... keine Hoffnung mehr... denn, wenn ich es geſtehen ſoll... ich habe zweimal an ſie geſchrieben, ich.— An Clementine?— Ei nein... kenne ich denn dieſe Dame?... an Julien... ſeit dem Abenteuer mit dem Backwerk... ja, ich habe an V . 75 Julien geſchrieben, um ſie um Aufklärung über ihr Benehmen bei dem Traiteur zu bitten; nun denn! werden Sie glauben, ſie hat die Grauſamkeit gehabt, mir meine Briefe ungeleſen zurückzuſchicken... wobei ſie zu meinem Commiſſionär ſagte: ich will von dem, der Sie ſchickt, nicht mehr ſprechen hören... er mag mich in Ruhe laſſen... ich will mich in den Trap⸗ piſtenorden zurückziehen... au! au! au! ſie will Trappiſtin werden!...“ Ich höre nicht mehr auf Adolph, und bin nur mit derjenigen beſchäftigt, deren Wohnung ich nicht ent⸗ decken kann. Nachdem Deſigny noch eine Zeitlang geſprochen, geweint, geſeufzt hat, ſteht er auf und nimmt Abſchied. Ich laſſe ihn gehen, ohne ihm nur eine Antwort zu geben; die Charakterloſigkeit dieſes jungen Mannes hat den Reſt der Freundſchaft, die ich für ihn empfand, vollends vernichtet. Die Hoffnung, Clementine wiederzuſehen, wenn ihr eigener Wille ſie nicht zu mir zurückführt, habe ich aufgegeben; da ſie aber, ſeit ſie frei iſt, mich nicht wiederſehen wollte, hat ſie mich ohne Zweifel auch vergeſſen; und während ich in Verzweiflung bin, daß ich ihr Unglück herbeigeführt, hat ſie vielleicht ſelbſt die Erinnerung davon in den Armen eines Andern verloren. So ſpreche ich bei mir ſelbſt, um mich zu tröſten; obgleich ich mir aber dies ſage, habe ich doch keine Luſt, es zu glauben. Da ich mich in Geſellſchaften nicht unterhielt, habe ich aufgehört, ſie zu beſuchen; ich ſuche meine Zerſtreuung in der Arbeit, dem Studium; wobei ich 76 mich noch glücklich ſchätze, daß ich die ſchönen Künſte pflege! mit dem Geſchmack an der Literatur gibt es kein gänzliches Alleinſtehen, kein völliges Verlaſſen⸗ ſein, die Vergnügungen der Sinne vergehen ſchnell, die des Herzens verwandeln ſich häufig in Kummer, die des Geiſtes aber bleiben uns treu bis am Ende unſerer Laufbahn. Eines Abends indeß ergreift mich, ich weiß nicht warum, der Einfall, zu Herrn von Reveillere zu gehen. In dieſem Hauſe iſt mir beinahe immer et⸗ was Beſonderes begegnet, das auf mein Leben Ein⸗ fluß hatte, und doch fühle ich ein Verlangen, wieder dahin zu gehen. Es ſind bald drei Monate, ſeit ich nicht dort war, ich bin neugierig, ob mir wieder etwas Außerordentliches begegnet, denn ich ſuche Nie⸗ mand mehr daſelbſt, und ſehe nicht ein, welches Zu⸗ ſammentreffen dort jetzt meine Ruhe ſtören könnte. Ich gebe dem in mir aufgeſtiegenen Gedanken nach; wer weiß überdies, ob es nicht des Schick⸗ ſals Wille iſt, das mich Ereigniſſen entgegen treibt, denen ich vergebens aus dem Wege gehen wollte? Sind wir wirklich unumſchränkte Herren unſeres Wil⸗ lens, und gibt es nicht einen Stärkeren, der uns zum Handeln treibt? Ich wage dieſe Frage nicht zu entſcheiden; bei mancher Gelegenheit hat es mir aber geſchienen, als ob die Menſchen nur Maſchinen ſeien. Bei Herrn von Reveillere angelangt, durchfliegen meine Augen die Salons; an den Spieltiſchen ſuche ich Herrn Moncarville und Follard; am Piano, beim —— — ———ñ — 77 Tanz forſcht mein Auge, ob ich nicht Frau von As⸗ veda erblicke, die ich jetzt ohne Gemüthsbewegung ſehen könnte; denn ſeit meinem Beſuch in ihrem Hauſe iſt mir dieſe Dame völlig gleichgültig geworden, ich wundere mich ſogar, daß ich je eine heftige Leiden⸗ ſchaft für ſie empfinden konnte: Welch' ſonderbares Gefühl iſt die Liebe!... ſie bemächtigt ſich in einem Nu unſeres ganzen Weſens, ſcheint mit uns ver⸗ wachſen zu ſein; wir glauben, ſie werde ewig wäh⸗ ren, obgleich die Erfahrung uns das Gegentheil ba⸗ 8 8 weist, und oft läßt ſie nach ihrem Erlöſchen nicht die geringſte Spur ihres vorübergehenden Daſeins zurück. Aber außer dem jungen Manne, der ſich beklagte, daß er Herrn von Follard Geld geliehen, ſehe ich kein bekanntes Geſicht. Er kommt auf mich zu, denn er ſchwatzt gerne; ſeine kauſtiſchen Bemerkungen machen mich lachen, und ſchon höre ich ihm einige Zeit zu, als man den Baron und die Frau Baronin von Har⸗ leville meldet. Ich geſtehe, daß dieſe Anmeldung mich beben macht; die Baronin von Harleville! Hätte mein Va⸗ ter ſich wieder verheirathet?... es wäre möglich, und ganz gewiß hielt er ſich nicht für verbunden, mich von ſeiner Heirath in Kenntniß zu ſetzen. Ich drehe mich um, die angezeigten Perſonen ein⸗ treten zu ſehen. Wie groß iſt mein Erſtaunen, als ich in der von meinem Vater geführten Dame Adele... Frau von Asveda erkenne. Ich bin genöthigt, mich ans Kamin zu lehnen, 78 vor dem ich aufrecht ſtand, denn ich kann nicht ſagen, was in mir vorgeht; nicht eine eiferſüchtige Bewe⸗ gung iſt es, die mich erblaſſen macht... O! nein, dieſe Frau iſt mir völlig gleichgültig; ſie aber als die Gattin meines Vaters wieder zu finden, ſcheint mir eine unglaubliche Sache. Die Toilette Adelens iſt ſo elegant, daß ſie die Blicke Aller auf ſich zieht, Diamanten funkeln an ihrem Halſe, in ihren Ohren; ein Gefühl des Ver⸗ gnügens, oder vielmehr des Triumphes belebt ihre Züge; der Baron ſeinerſeits ſcheint ſtrahlend vor Freude; er iſt ſtolz, der Gemahl einer ſo ſchönen Frau zu ſein. „Gut!“ ſagt mein junger Nachbar, der mich am Arm ſtößt, während ich die neue Baronin noch be⸗ trachte;„was ſagte ich Ihnen neulich in Beziehung auf die ſchöne d'Asveda? ſie hält aufs Solide, ſie läßt ſich von irgend einem Alten heirathen, der Geld hat... es hat nicht gefehlt; der Baron von Harle⸗ ville hat ſich in ihren Netzen fangen laſſen... der arme, liebe Mann!... er ſcheint ganz außer ſich zu ſein mit ſeiner Frau!... und er hat wahrlich keine Urſache dazu!...— Dieſe Heirath iſt wohl ganz neu?— Ja, ſie ſind aber doch ſeither ſchon mehre Male hieher gekommen; ol die Baronin liebt Geſell⸗ ſchaften... Vergnügungen! ſie wird ihren Mann hübſch auf den Bällen mit ſich umherrennen laſſen, wenn dieſer es nicht einem Andern übertragen will. Man ſagt aber, der Baron ſei ſehr eiferſüchtig!... der arme Narr l.,, wo Teufels aber iſt er da hingerathen l.. .,— —,— 79 nicht, daß er ſehr alt wäre; allein dieſe Frau liebt ihn nicht, ich wette!... ſie hat ihn ſeines Geldes wegen genommen; der Baron ſoll etwa fünfzehn⸗ tauſend Franken jährliche Einkünfte haben; dies iſt jedoch nicht genug, wenn man eine ſo große Toll⸗ heit begehen will... ſeine junge Frau wird ihn bald zu Grund gerichtet haben... ſind Sie nicht auch meiner Meinung?— Ich geſtehe, ich bin ſo erſtaunt über dieſe Heirath, daß ich mich noch gar nicht dar⸗ über faſſen kann.— Mich hat ſie keineswegs gewun⸗ dert.— Der Baron iſt doch ein kalter, ernſter Mann, den man weniger, als irgend einen Andern einer ſol⸗ chen Thorheit fähig halten konnte...— Trauen Sie alſo den kalten, ernſten Mienen? ſolche Leute ſind ſtets die glühendſten in ihrem Innern... Man ſagte mir, der Baron habe einen Sohn aus erſter Ehe, mit dem er aber entzweit ſei, und den er ſeit lange nicht mehr ſehe. Vielleicht um dieſem Sohn einen Poſſen zu ſpielen, kam er auf den Einfall, ſich wie⸗ der zu verheirathen.— Sie könnten Recht haben... — Ich halte nichtsdeſtoweniger die Wette, welche ich Ihnen neulich anbot...— Welche Wette?— Daß derjenige, der die ſchöne d'Asveda heirathe, Hörner bekomme.— Ha! welcher Einfall!— Ein ſehr ver⸗ nünftiger Einfall, beſonders ſeit ihrer kürzlichen Hei⸗ rath. Jetzt, wo ſie nicht mehr Wittwe iſt, bemerke ich bereits, daß ſie die Huldigungen der jungen Leute viel freundlicher aufnimmt!... Ihr Geſchäft iſt ge⸗ macht, ſie denkt nur noch daran, ſich zu beluſtigen. Wohlan, wenn Sie wollen, machen wir Beide ihr 80 den Hof, und der zuerſt Beglückte zahlt ein Eſſen im Café de Paris... gilt es?— Nein! nein! ich habe keine Luſt, dieſer Dame den Hof zu machen...— Doch ſchienen Sie, als Sie dieſelbe das Letztemal hier ſahen, ſehr begeiſtert für Sie zu ſein... Sie verloren ſie nicht aus den Augen... ich habe ſogar bemerkt, daß, als ſie wegging, Sie auch plötzlich mich zeriezt und ihr folgten... Ol ich, ich ſehe Alles!.— Ich verſichere Sie, daß Sie über mein Gefühl in im rrthum ſind; ich empfinde für dieſe Dame nur die vollkommenſte Gleichgültigkeit.— Teufel!... wie reimt ſich denn das mit Ihren früheren Empfin⸗ dungen 2... mich verführt ſie viel eher, ſeit ſie Ba⸗ ronin iſt, und ich bin entſchloſſen, ihr den Hof zu 4 machen.— Hüten Sie ſich; Sie wiſſen, der Baron iſt ſehr eiferſüchtig.— O! die Eiferſucht eines Eh⸗ manns... beachtet man dieſe?“ Der funge Mann verläßt mich, um ſich in der Nähe der Frau von Harleville umherzutreiben, ich entferne mich im Gegentheil von meiner neuen Stief⸗ mutter, denn ich gewahre, daß ſie mich geſehen hat. Ihre Augen waren auf mich geheftet, ſie ſuchte viel⸗ leicht in den meinigen Unmuth, Schmerz darüber, daß ſie einem Andern gehöre; hievon fände ſie nun gewiß nichts; ich möchte aber nicht einmal, daß ſie glauben könnte, ich beſchäftige mich mit ihr. Ich gehe in eines der Spielzimmer, wo ich mei⸗ nen Vater treffe; bei meinem Anblick zieht ſich ein ironiſches Lächeln über ſeine Lipven. Er glaubt alſo, 3 er habe Auih durch ſeine Wiederverheirathung ſehr 81 unglücklich gemacht? meint er, ich bedaure den Ver⸗ luſt des Reichthums, den er mir hätte hinterlaſſen können? Ach! wie fern iſt dieſer Gedanke von mei⸗ nem Herzen; und wie falſch beurtheilt mich mein Vater! Möge er glücklich ſein mit dieſer Frau, der er ſeinen Namen gab, möge ſein Alter die Pflege und Sorgfalt bei ihr finden, welche er von ſeinem Sohn nicht hat annehmen wollen: dies iſt mein ein⸗ ziger Wunſch, weil ich nicht mehr hoffen darf, ſelbſt zu ſeinem Glück beizutragen. Nachdem ich einige Zeit geſpielt habe, ſetze ich mich neben eine ziemlich hübſche Dame, die mich durch meine Werke kennt und Vergnügen an meiner Un⸗ terhaltung zu finden ſcheint. Ich bin ſchon ziemlich lange bei dieſer Dame, als ſich Frau von Harleville uns gegenüber ſetzt. Ihre Gegenwart iſt mir wider⸗ lich; ich will es aber nicht merken laſſen und fahre fort, meine liebenswürdige Nachbarin zu unterhalten. Obgleich ich Adelen nicht zu bemerken ſcheine, ſo kann mir doch unmöglich entgehen, daß ſie ſich alle Mühe gibt, meine Aufmerkſamkeit zu erregen. Sie redet laut, oder entſchlüpft ihr auch ein Ausruf, ein ſtarkes Lachen, ja zweimal hörte ich ſie ſogar meinen Namen ſo laut nennen, daß die Dame, mit der ich rede, lächelnd zu mir ſagt:„Da ſpricht eine ſchöne Frau von Ihnen.“ Da aber dieſer Kunſtgriff der Frau Baronin nicht gelingt, wechſelt ſie plötzlich ihren Platz und ſetzt ſich gerade neben mich mit dem Ausruf:„Ich weiß nicht, was ich habe... allein ich kann dieſen Abend nicht lange an derſelben Stelle bleiben.“ Paul de Kock. III. 6 8 82 —* Was bedeutet dieſe Hartnäckigkeit, mich zu verfol⸗ 8 gen ſie glaubt ohne Zweifel, ich ſei in Verzweiflung, daß ich ſie wieder verheirathet wiſſe; ſie will durch⸗ aus, ich ſolle untröſtlich darüber ſein? Ihre Koketterie kann es nicht ertragen, daß eine Veränderung ihrer Lage mir gleichgültig iſt. Wenn die Dame, mit der ich ſchwatzte, nicht noch fortgeſprochen hätte, würde ich meiner neuen Stief⸗ mutter den Platz abgetreten haben; ich fürchte aber, gegen jene Dame unhöflich zu erſcheinen, wenn ich mich in dieſem Augenblick entferne; und dann, könnte es nicht ſcheinen, als fliehe ich vor der Baronin, als könnte ich ihren Anblick nicht ertragen 2... ſie würde ſich über meine Beweggründe täuſchen; es iſt daher beſſer, ich bleibe. Mehre junge Leute umſchwärmten die verführe⸗ riſche Baronin; ſie beantwortet die an ſie gerichteten Artigkeiten nur durch einige nichtsſagende Worte. Dicht neben ihr ſitzend, iſt es mir faſt unmöglich, auch nur eines ihrer Worte zu überhören; ich ſpiele jedoch durchaus den Unaufmerkſamen, fahre in meinem Ge⸗ ſpräche fort, und drehe den Kopf nicht nach ihr um. Bald ſehe ich den Schwarm der jungen Leute zer⸗ ſtäuben. Der Gemahl kommt herein; ich höre die Stimme meines Vaters, er ſagt zu ſeiner Frau: „Unterhalten Sie ſich gut, meine theure Adele?— O ja, ſehr!— Wollen Sie nicht ſpielen?— Nein, es würde mir unangenehm ſein!— Warum bleiben Sie in dieſem Salon, wo man keine Muſik macht? — Ich befinde mich hier ſehr gut, die Muſik beläſtigt mich zuweilen.— Sie wären viel heiterer da unten, wo man tanzt.— Nein, ich wiederhole Ihnen, daß ich mich hier ſehr wohl befinde. Sie wiſſen, daß es mir ſelten einfällt, den Willen Anderer zu thun, man muß im Gegentheil den meinigen gewähren laſſen.— Es wird mir ſtets ein Vergnügen, eine Pflicht ſein, den geringſten Ihrer Wünſche zu er⸗ füllen.“ Bei dieſen Worten ergreift der Baron die Hand ſeiner Frau, die er wahrſcheinlich drückt, und begibt ſich ſofort an einen Spieltiſch. Kaum iſt er einige Minuten von ihr entfernt, als Frau von Harleville mir ins Ohr ſagt:„Wagen Sie, ſeit ich wieder verheirathet bin, mich weder an⸗ zublicken, noch mit mir zu reden 2...“ Ich gebe keine Antwort. Ebenſowenig drehe ich mich um, ſondern nach einigen Minuten, den erſten Vorwand zum Aufſtehen ergreifend, verlaſſe ich mei⸗ nen Platz und gehe aus dem Salon, fortwährend verfolgt von den Blicken der Baronin. Nachdem ich noch einige Mal durch die andern Salons gegangen bin, gewinne ich das Vorzimmer und entferne mich, bei mir ſelbſt ſprechend:„Ich hatte wohl Recht, daß ich irgend ein neues Ereigniß im Hauſe des Herrn von Revelliere erwartete! aber nie, nein nie hätte ich geahnt, daß Adele, meine Unbe⸗ kannte, bald meine Stiefmutter werden würde!“ —jo Fünftes Kapitel. Eine Adreſſe. „Wagen Sie, ſeit ich wieder verheirathet bin, weder mich anzublicken, noch mit mir zu reden?“ Dieſe Worte der Frau von Harleville, in dem Salon des Herrn von Reveillere mir ins Ohr geſprochen, kommen mir oft ins Gedächtniß zurück. Sie wünſchte alſo, daß ich noch in ſie verliebt wäre, ihr den Hof machte;... warum aber, da ſie mich doch nie geliebt hat?2... um ſich wieder über mich luſtig zu machen, wahrſcheinlich. Es thut mir ſehr leid, Madame, da⸗ raus wird aber nichts. Gewiß, Sie ſind verführe⸗ riſch! aber ſelbſt dann, wenn Ihr Benehmen gegen mich meine Liebe nicht bereits erſtickt hätte, würde ſchon Ihr jetziger Titel hinreichen, jede, ſelbſt die leichteſte Erinnerung an dieſes Gefühl mir zu beneh⸗ men. Ich weiß wohl, daß Adelen die Bande, welche mich an ihren Gemahl feſſeln, unbekannt ſind. Der Baron wird ihr zwar von ſeinem Sohn geſagt haben; ich bin aber gewiß, daß er ihr den Namen nicht mitgetheilt hat, unter welchem die Welt mich kennt.. Es iſt entſchieden, daß ich nicht mehr zu Herrn von Reveillere gehe; ich glaube, es gibt Häuſer, die uns Unglück bringen, und in welchem wir am Ende den Hals brechen würden. 85⁵ Aber es gibt auch Zufälle, denen man nicht hin⸗ dernd in den Weg treten, denen man nicht vorbeu⸗ gen kann!... jetzt, wo ich wünſche, nicht mehr mit der reizenden Adele zuſammenzutreffen, und nicht mehr in die Zirkel gehe, wo ich ihr begegnen könnte, kann ich auf den Spaziergängen keinen Schritt thun, ohne Frau von Harleville zu erblicken. Setze ich mich im Theater in eine leere Loge, ſo kommen der Herr Baron und ſeine Frau, und nehmen neben mir Platz; wähle ich meinen Platz bei Fremden, um ſicher zu ſein, daß Adele nicht meine Nachbarin wird, ſo ſehe ich ſie, wenn ich die Augen aufſchlage, mir gegen⸗ über, und ihre beinahe beſtändig auf meine Perſon gehefteten Blicke beläſtigen, verwirren mich und ma⸗ chen oft, daß ich das Schauſpiel verlaſſe. Jener junge Mann hat Recht, als er ſagte, daß die neue Gemahlin des Barons dem Vermögen ihres Mannes tüchtig zuſetzen werde. Es ſcheint mir, ſie treibt ihn beſtändig auf Theatern, Concerten und Bällen umher. Wohlan, ich werde eine Zeitlang all dies entbehren, und ſehen, ob das Geſchick mir Frau von Harleville dennoch in den Weg führt. Ich gehe zuweilen in den Tullerien ſpazieren, jedoch ſehr frühe, und zu einer Zeit, wo die ſchöne Welt noch ſchläft. Zweimal habe ich den kleinen Oskar wiedergeſehen, und immer mit ſeinem Vater. Wenn dieſes Kind mich erblickt, lächelt es mir freund⸗ lich zu, ſieht aber aus, als wage es nicht, mir nahe zu kommen; ohne Zweifel hat man es ihm verboten; es iſt mir leid, daß ich nicht mehr mit ihm reden 86 kann. Vielleicht hat er im Hauſe ſeines Vaters den Namen Clementinens ausſprechen hören, und ich wünſchte ſo ſehr, Nachrichten über ſie zu erhalten! Wäre es mir möglich geweſen, ſo hätte ich den Klei⸗ nen gefragt!... ich ſchleiche manchmal um ihn her⸗ um, wenn ihm ſein Ball oder ſein Reif weiter weg führen; Herr Moncarville verliert ihn aber nicht aus dem Geſicht, und ſowie er mich erblickt, ruft er das Kind mit ſtrenger Stimme zurück, und entfernt ſich ſogleich mit ihm. Eines Morgens war ich in den Tuilerien und be⸗ trachtete von ferne den Sohn Juliens, den ſein Vater an der Hand führte, als ein Mann bei Herrn Mon⸗ carville vorbeigeht, ihn ſehr unterthänig grüßt, und nachdem er ihm einige Worte geſagt hat, ſeinen Weg gegen mich hin fortſetzt. Ich verfolge dieſen Mann mit meinen Blicken..! er iſt mir nicht unbekannt... ſonderbarer Zufall, es iſt Herr Lubin, der Gelehrte; ſein ſtets ebenſo abgeſchabter Anzug zeugt von keiner glücklichen Ver⸗ änderung ſeiner Umſtände; doch liegt in ſeiner Hal⸗ tung eine anſpruchsvolle Würde. Ich eile auf ihn zu und halte ihn am Arme feſt. „Guten Morgen, Herr Lubin... Sie genießen, wie ich, in früher Stunde dieſen Spaziergang...“ Herr Lubin ſieht mich an, ſcheint ganz erſtaunt darüber, daß ich ihn anrede, und antwortet mit nicht ſehr liebenswürdiger Miene:„In der That, mein Herr, mußte ich in dieſen Garten gehen und ihn durchſchneiden, aber nicht um darin zu luſtwandeln.“ 87 Ich erinnere mich jetzt, daß ich den armen Mann das letzte Mal, wo ich ihn bei meiner Pförtnerin ge⸗ funden, ziemlich ſchlecht empfangen habe, und ſage daher:„Ei, Herr Lubin, ich ſehe, daß Sie mir ein wenig böſe ſind, weil ich das letzte Mal, wo ich Sie ſah, nicht Zeit hatte, Sie anzuhören... ich hatte unrecht, ich gebe es zu, denn ich hatte Ihnen ein Stelldichein gegeben; was kann man aber dafür? an jenem Abende war es ſpät... ich war ermü⸗ det... ich weiß nicht gerade, was ich Ihnen geſagt habe... 1 Das Geſicht des Herrn Lubin klärt ſich auf und er lächelt beinahe, als er mir antwortet:„Mein Herr, von dem Augenblicke an, wo Sie Luſt hatten, zu ſchlafen, iſt Alles vergeſſen; gewiß, ich ſagte mir wohl, daß ſie zum Umfallen ſchläfrig ſein müßten, um ſo unhöflich gegen mich zu ſein. Unter Collegen iſt man nicht gewohnt, ſo ſchlecht aufgenommen zu werden! „Sie haben vollkommen Recht, Herr Lubin; aber wir Schriftſteller haben oft Nervenübel und Krämpfe wie hübſche Frauen... An ſolchen Tagen macht ein 7 Nichts uns üble Laune, ärgert uns... wir ſind we⸗ 42 der im Stand, zu arbeiten, noch zu ſchwatzen.“ „— Ich kenne dieſes, mein Herr, habe es ſehr häufig an mir ſelbſt erfahren: es gibt Tage, wo ich dumm, gar nichts bin!... zuweilen dauert es ganze Wochen 1... alsdann wäre es mir unmöglich, zu dich⸗ ten... Verſe zu machen; ich würde keinen Reim fin⸗ den auf:„ſein!“ das vergeht aber, und dann er⸗ langt man alle Fähigkeiten wieder... 3 5 4 „— Herr Lubin, ich habe Sie eben einen Herrn grüßen ſehen, der dort unten weggeht... mit einem kleinen Knaben.. ich glaube, es iſt Herr Moncarville. „— Sie irrten ſich nicht. Es iſt Herr Moncar⸗ ville und ſein Sohn, der junge Oskar... ich ſage Sohn, obgleich es nur ein natürliches Kind iſt, und das Geſetz ſagt: Pater est, quem nuptiae demon- strant.“ „— Ja, ja, ich weiß... Sie kennen dieſen Herrn Moncarville?...“ „— Ich kenne ihn, wenn Sie wollen... eigent⸗ lich bin ich bei ſeinem kleinen Barſtard angeſtellt. Ich unterweiſe ihn in den todten und audern Sprachen, dem Schreiben und den vier Species.. „— Ah! Sie ſind Lehrer des kleinen Saunt Lehrer... wenn Sie wollen!... Sie fühlen wohl, daß meine Beſtimmung mich zu etwas Anderem be⸗ ruft, und wenn ich durch meine Werke einen Platz in der Akademie ſollte hoffen dürfen, iſt es mir ſehr peinlich, daß ich genöthigt bin, einen kleinen Knaben conjugiren zu lehren... meine Zeit mit Alpha, Bäta Gamma et caetera zu verlieren... doch kurz... ich habe zu mir geſprochen: weil mich die Männer nicht hören wollen, will ich zu Kindern reden...“ „— Das iſt rühmlich für Sie, Herr Lubin, woh⸗ nen Sie bei Herrn Moncarville?“ „— Nein, ich wohne nicht dort... es thut mir leid... es wäre mir ganz recht, wenn der Tiſch in mein Honorar gerechnet würde... aber Herr Mon⸗ Ich gehe nur hin, um täglich, carville wollte nicht. — ——* ———— 2 — —=— ——— ½ 89 Sonntag und Donnerſtag ausgenommen, Unterricht zu geben... Ich bin nicht unzufrieden mit mei⸗ nem Zöglinge; er beißt am Griechiſchen an... ſo⸗ wie er mich ſieht, ſchreit er: Alpha! Bäta! Bäta! Bäta!...* und ich kann ihn nicht mehr zum Schwei⸗ gen bringen.“ „— Sie müſſen doch ziemlich vertraut mit Herrn Moncarville ſein, da er Ihnen mittheilte, daß ſein Sohn nicht...“ 1 „— Ol ich habe es errathen... aus einem Wort bald von da... bald von dort... der Junge iſt ſehr geſchwätzig... und dann weiß ich ſehr gut, daß Herr Moncaxville verheirathet iſt, daß er ſich von ſeiner Frau, welche nicht des kleinen Oskars Mutter iſt, getrennt hat.“ „— Ahl Sie wiſſen dies Alles... Ich glaubte, Herr Moncarville rede nicht gern von ſolchen Ange⸗ legenheiten...— Er ſpricht auch nicht davon... eines Tags aber war ich im Stand, ihm einen klei⸗ nen Dienſt zu leiſten; er erſuchte mich, zu ſeiner le⸗ gitimen Gemahlin zu gehen; ich ſage legitim, obgleich ihre Aufführung.. 84 „— Wäre es möglich, Herr Lubin! Sie wä⸗ ren bei Clementinen geweſen, Sie wüßten, wo ſie wohnt?...“ „— Clementine... wer iſt dieſe Clementine?— Die Frau des Herrn Moncarville.— Ich wußte * Ein unüberſetzliches Wortſpiel. Bäta, der zweite Buchſtabe des griechiſchen ABC, franzöſiſch; Boto, bedeutet in letzterer Sprache zugleich: Vieh, Strohkopf. nicht, daß ſie ſich ſo nennt... aber verzeihen Sie, eine andere Unterrichtsſtunde ruft mich... ich muß einen jungen Conditorlehrling, der ſich für die Devi⸗ ſen beſtimmt, das Verſemachen lehren.— Herr Lu⸗ bin, noch ein Wort, ich bitte!... die Adreſſe der Madame Moncarville.— Die Adreſſe der Madame Moncarville... warten Sie doch... es iſt in einer Straße, die ich nicht kenne, in einem Viertel, das mir fremd war... Um mich daran zu erinnern... müßte ich es wieder ſehen.— Ah! ſuchen Sie... ich bitte Sie darum... ſuchen Sie.— Ich werde zu Hauſe ſuchen, ich muß die Adreſſe geſchrieben auf einer Karte haben. Herr Moncarville hat ſie mir gegeben.— In Ihrem Hauſe? ei nun! ſo eilen wir dorthin... nehmen wir ein Cabriolet.— Ich kann nicht, mein Schüler wartet. Dieſer unglückliche junge Menſch hat keinen Begriff von der Dichtkunſt; er würde Liebe mit Kohle reimen. Er hatte ein Gedicht auf den Namenstag ſeines Lehrherrn machen wollen, und jede Zeile endigte mit dem nämlichen Wort... ich kann Ihnen einen Vers citiren: Vous qui faites bien les dragées, Vous dont on aime les dragées, Si je vous donnais les dragées, Vous diriez: ce sont mes dragées, Mais je vous... „— Ach! Herr Lubin, wenn Sie wüßten, wel⸗ chen Werth ich auf die Adreſſe dieſer Dame lege... welchen Dienſt Sie mir leiſten würden!...“ 91 „Mein Herr, ich bin ſehr geneigt, Ihnen ge⸗ fällig zu ſein... obgleich Sie mir nicht beiſtehen wollten, mein Chaos zur Aufführung zu bringen! ein Werk, das raſendes Glück gemacht hätte! beſon⸗ ders in dieſem Augenblick, wo man Natur in den Theaterſtücken will...“ „Gewiß, ich hatte Unrecht, Herr Lubin; Sie werden mir aber Ihr Chaos... Ihre Sündfluth, kurz, was Sie wollen, wieder vorleſen... nachdem Sie mir die Adreſſe dieſer Dame geſagt haben.“ „Morgen früh, mein Herr, wollen Sie, daß ich bei Ihnen vorbeikomme?... bis dahin werde ich die Adreſſe hervorgeſucht und unfehlbar gefunden haben.“ „Gut! es ſei... morgen früh... weil Sie mir ſolche nicht augenblicklich ſagen können...— Wie ich die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen, muß ich zu meinem Schüler gehen, den ich das Verſemachen lehre. Ich habe ihm ſchon geſagt, er lege viel zu viel Süßigkeit in ſeine vierzeiligen Strophen; unter meiner Leitung aber und meinem Beiſpiel...— Auf morgen früh, Herr Lubin, ich rechne auf Sie, ver⸗ geſſen Sie nicht!...— Ol ich habe das Gedächtniß der Mnemoſyne!... ich werde das Manuſcript mei⸗ nes Chaos, nebſt den von mir dazu gemachten Zu⸗ ſätzen mitbringen.— Alles, was Sie wollen, Herr Lubin.— Ahl.. verzeihen Sie, Herr Arthur, noch ein Wort, wenn es Ihnen gefällig iſt... ſoll ich mich vor oder nach dem Frühſtück zu Ihnen begeben?“ „Vorher, Herr Lubin, vorher, das verſteht ſich von ſelbſt!... wir werden zuſammen frühſtücken.— Dies iſt mir recht, beſonders da ich lieber nüchtern ausgehe... Morgen alſo...— Mit der erbetenen Adreſſe...— Ja, mein Herr... und dem Manuſcript des Chaos.. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.“ Herr Lubin entfernt ſich, und ich verlaſſe die Tuilerien, ganz freudig über mein Zuſammentreffen, das Herz wieder voll neuer Hoffnung, mir ſchmei⸗ chelnd, jene Frau bald wiederzuſehen, die ich ſo ſehr liebe, die ich anbete... beſonders ſeit ich ihr Un⸗ glück verurſacht, ſeit ich keine Nachricht mehr von ihr empfangen habe; muß ich faſt immer eines Guts erſt beraubt werden, um es in ſeinem ganzen Werth zu würdigen. Man kann ſich denken, mit welcher Ungeduld ich den andern Tag erwarte, ich, der ich nicht kalt in meinen Gefühlen bin, nicht halb glücklich oder halb unglücklich ſein kann; ich, deſſen Einbildungskraft immer über das Wahrſcheinliche hinausſchweift, den ein Nichts niederſchlägt, ein Nichts entzückt, und deſſen Herz nie verſtanden hat, vernünftig zu ſein! Man behauptet, es ſei ein Unglück, wenn man ſo beſchaffen iſt; die kalten, überlegten Charaktere er⸗ tragen den Kummer beſſer, ſeien demſelben weniger zugänglich; ja, es iſt möglich; wie aber Alles auch ſeine andere Seite hat, ſo glaube ich, daß dieſe auch die Freude nicht ſo lebendig fühlen. Ich habe ein reichliches Frühſtück auftragen laſſen; zum Mindeſten will ich den armen Mann gut zu bewirthen ſuchen, den ich ſo glücklich war, geſtern wieder zu finden; er iſt entſetzlich langweilig mit —— 93 ſeinen Werken!... aber er wird mir behülflich ſein, Clementinen wiederzuſehen! ich werde, wenn es ſein muß, die Vorleſung ſeines ganzen Chaos aushalten. Es gibt viele Leute in der Welt, die uns gleichfalls langweilen, ohne daß man einen Erſatz dafür er⸗ hielte. Punkt neun Uhr ſtellt mein Gaſt ſich ein, mit einer Unzahl von Papierrollen unter beiden Armen. „Ich fürchtete, zu früh zu kommen,“ ſagt Herr Lubin, indem er ſich bis zur Erde verneigt. „Ol ich bin ſchon lange auf und erwarte Sie; ſetzen Sie ſich, zuerſt muß man frühſtücken..“ „Ganz richtig, wie... ich weiß nicht mehr, wel⸗ cher Dichter, in... ich weiß nicht mehr in welchem Gedicht ſagt: „Ein aufgewärmtes Frühſtück Iſt keinen Heller werth.“. „Ja, ſo iſt's mit einem Fuße zu viel...— Ein Fuß... wie?— Laſſen wir die Citationen, Herr Lubin, erlauben Sie, daß ich Sie bediene..— Mein Herr, ich bin beſchämt...— Doch verzeihen Sie, wenn ich ſogleich eine Frage an Sie richte... Haben Sie an Ihr Verſprechen gedacht?— Ja, mein Herr, ich hütete mich wohl, es zu vergeſſen! — Sie bringen alſo.— Mein Chaos, mit allen Varianten, und außerdem mit ſechs Entwicke⸗ lungen... mir ſchien, es müſſe für ein Theater neu und angenehm zugleich ſein, wenn man z. B. an einem Stück, das die ganze Woche hindurch geſpielt wird, jeden Abend die Entwicklung änderte. So würde man auf den Anſchlagzettel ſetzen: Geſtern endigte es gut, dieſen Abend wird es unglücklich enden... morgen wird der Ausgang beſſer ſein... oder.— Ach! Herr Lubin, davon habe ich nicht mit Ihnen geſprochen, Ihr Chaos iſt ſehr intereſ⸗ ſant, ich bin es überzeugt; Sie können mir es aber nicht verübeln, wenn ich vor Allem die Adreſſe der Madame Moncarville zu erfahren wünſchte!— Die Adreſſe der Madame Moncarville!... oll ich hatte ebenfalls daran gedacht, mein Herr, denn ich habe das lebhafte Verlangen darnach, das Sie gegen mich an den Tag legten, keineswegs vergeſſen, mein Gedächtniß iſt ungeheuer... Ich habe die Ehre, auf manter Mann, Herr Lubin; die Adreſſe nun?.. Darf ich Sie noch um ein wenig von den Nieren bitten... ſie ſind köſtlich!— Ich bin entzückt, daß ſie Ihnen ſchmecken... dieſe Adreſſe...— Mein Herr, ich habe geſtern den ganzen Abend mit Suchen derſelben zugebracht. Als ich meinen Schüler, den Conditor verließ, bin ich augenblicklich nach Hauſe gegangen, habe alle meine Möbeln durchſucht, wozu ich nicht lange brauchte; ich habe in meinen Cartons gewühlt... in meinen Heften... ſogar in den Taſchen meines Karrik, der mir im Sommer als Schlafrock und im Winter als Mantel dient...— rz, Herr Lubin...— Ich habe die Ehre, auf re Geſundheit zu trinken; kurz, mein Herr, es nir nicht gelingen wollen, dieſe Adreſſe aufzu⸗ inden.— Sie haben ſie nicht gefunden!...— Nein⸗ Ihre Geſundheit zu trinken...— Sie ſind ein ſchar⸗ —-——— 95 mein Herr.. da fällt mir aber jetzt ein wichtiger Umſtand ein.— Was denn?— Daß ich vor unge⸗ fähr vierzehn Tagen, als mich die Luſt ankam, mir einen Pfannkuchen zum Beſten zu geben, viele Pa⸗ piere verbrannte, um mein Feuer damit anzuzünden, und die Adreſſe e dieſer Dame wird ſich darunter be⸗ funden haben.“ Ich ſchlage mit ſolchem Zorn auf den Tiſch, daß die Nieren aus dem Teller des Herrn Lubin heraus⸗ ſpringen, der ſie mit ſeiner Gabel wieder nachein⸗ ander aufliest und mit vieler Kaltblütigkeit fortißt. Ich kann gar nicht beſchreiben, was ich empfinde, der Kummer, meine Hoffnung getäuſcht zu ſehen, der Aerger über die Gleichgültigkeit meines Gaſts er⸗ ſchöpfen meine Geduld und ich bin auf dem Punkt, ihn tüchtig anzufahren... als ich die Augen nach ihm aufſchlage und ſehe, daß ſein Geſicht ganz von Tropfen der Sauce bedeckt iſt, die zugleich mit den Nieren aus dem Teller ſpritzte, und daß er einen Theil ſeines Tellerinhalts unter dem Tiſche ſucht. Bei dieſem Anblick kann man unmöglich ernſthaft bleiben; mein Zorn weicht der Lachluſt, und nachdem Herr Lubin Alles, was auf dem Boden lag, wieder mit ſeiner Gabel aufgeleſen hat, nimmt er ſein Glas und wiederholt:„Ich habe die Ehre auf Ibre Ge⸗ ſundheit zu trinken.“ „Herr Lubin, es iſt mir in Wahrheit äußerſt un⸗ angenehm, daß Sie dieſe Adreſſe verloren haben, doch hoffe ich, das Uebel werde nicht unverbeſſerlich ſein... Sie ſind bei dieſer Dame geweſen... nicht —— wahr?— Ja, mein Herr, ich bin in einer Mieth⸗ kutſche hingefahren, da ein Koffer mit abzugeben war!...ol ich werde es nie vergeſſen; es iſt das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in einer Kutſche gefahren bin.— Nun gut! es iſt unmöglich, daß Ihnen das Stadtviertel, die Straße, wo Sie waren, völlig aus dem Gedächtniß gekommen ſein ſoll.— Gewiß nicht, mein Herr! das Viertel war das Marais, ja wohl, es war das Marais.— Herr⸗ lich, und welche Gegend ungefähr?— In der Ge⸗ gend, ja ungefähr in der Gegend der Place-Royale; denn als ich aus dem Wagen ſtieg, ging ich über dieſen Spazierweg.— Sehr gut, wir werden nach dem Frühſtück auf die place-Royale gehen; wir durchlaufen im Nothfall alle umliegenden Straßen, und Sie müſſen doch wohl das Haus wieder erkennen, in welchem Sie waren.— Ich werde es um ſo eher wieder erkennen, als ich mich jetzt erinnere, daß ein Haufen Stroh vor der Thüre lag.— Ich glaube nicht, daß der dort liegen geblieben iſt, Ihre Augen werden aber Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Jetzt, Herr Lubin, wollen Sie mir gefälligſt ſagen, durch welchen Zufall Sie Herr Moncaroille zu ſeiner Frau geſchickt hat: was ſollten Sie dort thun?— Ich will es Ihnen ſagen, mein Herr; ich möchte Sie noch um ein wenig Beafſteack bitten...— So viel Sie wollen.— Mein Herr, ich gab dem kleinen Oskar Unterricht... er macht noch keine Verſe, wie mein Conditor, ich werde ihn aber dazu bringen... ich gab alſo meinen Unterricht... mein Schüler deklinirte musa nach rosa, und ich betrachtete einen Koffer, der mitten im Zimmer ſtand, und Herr Moncarville, der, nachdem er mehrmals an uns vorübergegangen war, den bemeldeten Koffer ange⸗ ſehen hatte, ſagte ärgerlich brummend: Ich wollte, er wäre beim Teufel!... dieſe Worte fielen mir auf, und da ich vermuthete, daß der Koffer es ſei, was den Vater meines Zöglings ärgerte, da wagte ich ihm zu ſagen: Wenn dieſes Möbel Sie beläſtigt, mein Herr, ſo will ich es gerne in mein Haus brin⸗ gen... es wäre mir ſogar recht, denn ich habe keines dieſer Art... und es würde mir als Schreib⸗ tiſch dienen. Darauf ſah mich Herr Moncarville eine Zeitlang an, und ſagte mir dann: Was mich ärgert, iſt, daß ich dieſen Koffer zu einer Dame ſchicken muß... ich mag nicht ſelbſt hingehen... doch ſind Effekten darin, die ihr zugehören, und ich möchte, daß ſie mir einen Empfangſchein ausſtellte: wollen Sie dieſen Auftrag übernehmen, ſo laſſe ich einen Fiaker kommen und Sie ſteigen mit dem Koffer ein! Ich nahm den Vorſchlag an, und während Herr Moncarville den Empfangſchein ſchrieb, ſo daß ich ihn nur noch unterzeichnen laſſen durfte, ſagte mir der kleine Oskar, der geſchwätzig iſt, wie eine Elſter, ins Ohr:„Ich weiß, zu welcher Dame Sie gehen, zu Papa's Frau... in dieſem Koffer ſind ihre Klei⸗ der, ihre Effekten; ſagen Sie aber nicht, daß Sie es von mir wiſſen, denn man würde mich ſchlagen!“ Ich ſchwieg... behielt meine Gedanken für mich, allein ich bemerkte, daß auf der Adreſſe, die man Paul de Kock. III. 7 mir gab, der Name der Madame Moncarville nicht ſtand.“ 3 „Ein anderer Name... ah! ich dachte wohl, ſie werde den ihres Mannes nicht beibehalten haben... und welchen Namen hat ſie angenommen 2..— Madame... Madame... Teufel... es iſt ſonder⸗ bar... er fällt mir eben ſo wenig ein... ſo viel iſt aber gewiß, daß er mit Madame anfing...— Kurz, Sie fanden Clementine... Sie haben Sie geſehen... was hat ſie Ihnen geſagt? wie wohnt ſie?— Ich fand die Dame zu Hauſe... ich ließ den Koffer durch den Pförtner hinauftragen... es iſt ein Pförtner im Hauſe... ſie wohnt im dritten oder im vierten Stocke... doch iſt es nicht viel höher... ich ſah nur zwei Zimmer ihrer Wohnung.. ich weiß nicht, iſt dies Alles... die Möbel ſind beſcheiden... doch wären ſie mir recht. Dieſe Dame empfing mich ſehr artig... ſie bot mir einen Stuhl, den ich an⸗ nahm; ſie unterzeichnete den ihr dargereichten Schein und ſagte nichts, als die Worte: Es iſt mir leid, daß Sie ſich bemüht haben, mein Herr. Gern hätte ich ein wenig geſchwatzt... ich warf ein Wort über Herrn Moncarville hin, ſie antwortete nicht. Um jetzt noch länger zu bleiben, hätte ich gar keine Le⸗ bensart haben müſſen, ich grüßte die Dame und ging wieder... Ich habe die Ehre, auf Ihre Geſundheit zu trinken.“ Mit Theilnahme höre ich Alles, was auf Cle⸗ mentine Bezug hat; ich hätte gerne noch weiter ge⸗ hört, allein ich ſehe, daß Herr Lubin mir Alles geſagt hat, was er wußte, und ich würde mich ver⸗ gebens bemühen, ihn zu befragen. „Wenn Sie aber, ſage ich nach einer Weile, Herrn Moncarville wieder um die Adreſſe jener Dame bäten, zu der er Sie geſchickt hat, ohne Ihnen zu ſagen, daß es ſeine Frau ſei?“ „Ol ich werde mich wohl hüten, mein Herr; der natürliche Vater des kleinen Oskar iſt durchaus nicht liebenswürdig. Eines Tages hatte ich, ich weiß nicht mehr aus welcher Veranlaſſung, das Geſpräch auf die Dame gebracht, zu der er mich geſchickt hat; da r unterbrach mich Herr Moncarville voll Zorn mit den Worten: Brechen wir ab über dieſen Gegenſtand, ich habe Ihnen Ihre Commiſſion bezahlt, es ſei alſo nicht mehr die Rede davon! Ich ſchwieg... übri⸗ gens hat er mir nur eine Marke weiter gegeben... dies macht dreißig Sous... eine ſchöne Beſcherung für eine zarte Sendung!“ „Ich ſehe wohl, Herr Lubin, daß wir die Umge⸗ bung der Place-Royale beſuchen müſſen, und ſobald Sie gefrühſtückt haben.“ „Ja, mein Herr... ich bin dieſen Morgen bei Appetit... Herr Arthur, Sie haben ebenfalls nicht vergeſſen, daß Sie mir verſprachen, mein Chaos nebſt Varianten anzuhören?“ Ich fühle, daß ich die Eigenliebe des Herrn Lubin nicht wieder kränken darf. Ich brauche ihn; haben wir daher Geduld! Der Gelehrte hat eine ſeiner Rollen genommen; ich gebe ihm ein Zeichen, anzufangen. Er liest — 8 wenigſtens drei Viertelſtunden lang, und hält nur „Herr!— Alsdann ſollte man davon nehmen.— ein, um zu trinken. Zu meinen Ohren iſt nichts, als ein einförmiges Sauſen gedrungen; da ich aber nur an Clementine gedacht habe, wäre es mir ſehr ſchwer, zu ſagen, was man mir vorgeleſen hat. Inzwiſchen hält Herr Lubin inne und ſieht mich ſtarr an, wobei er ſpricht:„ Nun, mein Herr! was yalten Sie davon?...“ „Meiner Treu! Herr Lubin, ich halte es für ſehr gut... wenn Sie 4 Liebe in Ihre Intrigue miſchen...— Liebe! es iſt ja nichts Anderes, mein Man hatte mich aufgefordert, meinen Gegenſtand in einen andern Zeitraum zu verſetzen, ſtatt der Tita⸗ nen, Götter, Göttinnen, aus dem Allem eine kleine Volks⸗Revolution zu machen... Arbeiter gegen Adelige zum Beiſpiel?— In der That, Herr Lubin, Ihr Gegenſtand kann auf moderne Weiſe behandelt werden: zeigen Sie, wie die heiligſten Dinge ins Lächerliche gezogen, die legitimſten Rechte uſurpirt, verkannt,„das Alte, Ehrwürdige von jungen Igno⸗ ranten angegriffen, Alles, was unſere Achtung beſaß, zum Gegenſtand der Karrikatur geworden; zeigen Sie die Schamloſigkeit in den Künſten, die Ueberſpannung in den Geiſtern, die Ausgelaſſenheit an der Stelle der Freiheit: alsdann haben Sie ebenfalls ein wahres Chaos geſchrieben, und dieſes wird Wirklichkeit haben.“ Herr Lubin verbeugt ſich, ißt, trinkt und ſchickt ſich an, eine neue Rolle zu ergreifen; ich halte ihn zurück. „Herr Lubin, unſer Kaffee iſt warm, wir wollen ihn trinken und hierauf nach der Place-Royale gehen. Sie leſen mir Ihre Varianten ein andermal vor.— Dies iſt mir recht, mein Herr, denn ich werde heiſer vom Leſen.— Und mich, mich drängt es, fortzu⸗ gehen.“ Ich ſchenke ihm Kaffee, Liqueur ein; er verſchluckt nacheinander drei Kelche voll, endlich hat er Alles hinunter, Alles getrunken, ich halte ihm ſeinen Hut hin und wir gehen. Herr Lubin hat ſo oft die Ehre gehabt, auf meine Geſundheit zu trinken, daß er ſich nicht mehr in ſei⸗ nem natürlichen Zuſtande befindet, ich bemerke, daß der gute Mann keinen ſichern Gang hat, laſſe ihn daher in eine Miethkutſche ſteigen, und befehle dem Kutſcher, uns nach der Place-Royale zu fahren. Unglücklicherweiſe vermehrt die Bewegung des Wagens, woran Herr Lubin nicht gewöhnt iſt, weil er ſich erſt zum zweiten Mal in einem ſolchen be⸗ findet, noch die Verwirrung ſeiner Ideen; mein Gaſt weiß nicht mehr, wo er iſt, bald beugt er ſich über den Kutſchenſchlag, daß ich fürchten muß, er falle hinaus, bald ſinkt er zurück und ſcheint einſchlafen zu wollen. Ich bin auf der Folter! dieſer Mann läßt mich einen Dienſt, den er mir vielleicht gar nicht leiſtet, ſehr theuer bezahlen. Wir langen auf der Place-Royale an. Der Kutſcher hält, ich ſteige ab und bitte Herrn Lubin, ein Gleiches zu thun; er bleibt auf dem Sitze und ſtammelt:„Ich fahre lieber noch länger.“ 4 Ich muß böſe werden, ihn an den Beinen ziehen, um ihn aus dem Wagen herauszubringen; endlich gelingt es mir. Ich ſchicke den Wagen weg und ſo ſtehe ich nun mit Herrn Lubin auf der Place-Royale; er ſchaut mit dummer Miene um ſich her, und ſagt: „Wo ſind wir denn, mein Herr 2...“ „Auf der Place-Royale, Herr Lubin.— Ah! Teufel... und was ſollen wir hier thun 2...“ Wie gern möchte ich den verfluchten Kerl nach Herzensluſt prügeln, um ihn für ſeine Unmäßigkeit zu beſtrafen! Statt deſſen aber muß ich noch ſanft⸗ müthig mit ihm ſprechen, und mich bemühen, daß er mir Gehör ſchenkt. Im Ganzen bin ich ſelbſt an ſeinem Zuſtand ein wenig Schuld; ich habe ihn viel⸗ leicht zu ſchnell eſſen und trinken laſſen. Ich nehme ihn beim Arm, ſchiebe denſelben unter den meinigen und ſage zu ihm:„Stützen Sie ſich auf mich, Herr Lubin!...— Mit Vergnügen, mein Herr... es iſt mir recht, denn ich fühle mich ganz ſchwindlicht.— Es wird vorübergehen, hoffe ich.— Die Nieren ſind mir in den Kopf geſtiegen...— Ich glaube eher, es ſind die Kelche Liqueur... oder das Vorleſen Ihres Stücks.— Ja... es iſt das Vorleſen... ich lege zu viel Feuer darein!— Jetzt, Herr Lubin, handelt es ſich darum, die Straße zu finden, in der die Wohnung jener Dame iſt, zu der Sie einen Koffer gebracht haben..— Welchen Koffer?... welche Dame.. Ach, mein Gott! wohin bin ich gerathen? Ich ſchleype Herru Lubin nach einem Kaffeehaus und ſchiebe 103 ihn mit den Worten hinein:„Sie werden Zucker⸗ waſſer nehmen, das wird Sie wieder herſtellen... — Gerne... Punſch wäre mir lieber als Zucker⸗ waſſer...— Gott bewahre uns davor!... Punſch dies würde Sie vollends verrückt machen!— Ich bin nicht verrückt, ich verſichere.— Mir gleichgültig... Ol wenn wir die Wohnung dieſer Dame gefunden haben, werde ich Ihnen Punſch geben laſſen, ſo viel Sie nur wollen!“ Man bringt uns Zuckerwaſſer; ich laſſe Herrn Lu⸗ bin trinken. Wir bleiben eine Viertelſtunde im Cafe; da ich ihn nach Verfluß dieſer Zeit wieder ein wenig hergeſtellt ſehe, ziehe ich ihn fort, wobei ich ihn indeß immer ſorgfältig am Arme halte.. Wir durchlaufen mehre Straße; oft bleiben wir ſtehen und ich ſage alsdann zu meinem Begleiter: „Sehen Sie einmal... iſt es eines von dieſen Häu⸗ ſern 1...* 4 Herr Lubin ſchaut auf, ſchüttelt verneinend den Kopf, und ſchließt mit den Worten:„ Ueberdies lag viel Stroh vor der Thüre, und ich ſehe hier keins. — Aber, mein Herr, binden Sie ſich nicht daran; dieſes Stroh wird, ſeit Sie da waren, weggenom⸗ men, weggekehrt worden ſein... Es ſind, glaube ich, drei Monate, ſeit Sie jene Commiſſion beſorgt ha⸗ ben?— O ja... wenigſtens.— Wie ſollte alſo die⸗ ſes Stroh liegen geblieben ſein?— Wäre es Schnee geweſen, ſo weiß ich ſehr wohl, daß er geſchmolzen ſein würde... Stpoh ſchmilzt aber nicht... es blei⸗ ben gewöhnlich Spuren.“““ 104 Seit beinahe einer Stunde durchſtreifen wir das Stadtviertel, und ich fange an, jede Hoffnung auf⸗ zugeben; doch betrachtet Herr Lubin, der alle ſeine Geiſteskräfte wieder erlangt hat, die Häuſer, vor de⸗ nen wir vorüberkommen, genauer. Wir ſind gerade in einer Straße, die einerſeits auf den Boulevard, und andrerſeits in die Straße Saint-Louis führt, als Herr Lubin zu mir ſagt: Es ſcheint mir beinahe ge⸗ wiß, mein Herr, daß ich mich hier befunden habe, da ich aus dem Hauſe jener Dame herauskam...“ „— Sie glauben... ach! Herr Lubin, betrach⸗ ten, muſtern Sie jede Thüre mit Aufmerkſamkeit... es iſt unmöglich, daß Sie das Haus nicht wiederer⸗ kennen ſollten!...“ Während mein Begleiter ſtill ſteht, umherſieht, und wahrſcheinlich noch einige Strohhalme ſucht, ſehe ich nach den Fenſtern, ob ich Clementinen dort nicht ge⸗ wahre; ich laſſe ſie alle die Muſterung paſſiren und bleibe zuweilen vor einem Vorhang in Betrachtung verſunken, hinter welchem ich einen Frauenkopf zu er⸗ blicken glaube. Seit einigen Minuten ſtand ich vor einem Hauſe von beſcheidenem Aeußern, und Herr Lubin ſah einige Schritte von mir nach einer Thüre, als ein Herr und eine Dame aus dem Hauſe herauskommen, vor welchem ich mich befinde. Anfangs gebe ich wenig auf ſie Acht; aber die Dame dreht den Kopf: und ich erkenne Clementine. Clementine!... am Arme eines andern Mannes... dieſer Mann iſt jung... hübſch... er ſpricht mit F 10⁵5 ihr..⸗ lächelt ihr zu... ſie ſieht ihn an... lächelt ihm ebenfalls zu... Ach! ich kann nicht ausſprechen, was ich empfinde... ich bleibe unbeweglich ſtehen... ich fühle meine Knie unter mir wanken, lehne mich an einen Eckſtein... folge ihr mit den Augen... mein Geſicht glüht... doch zittre ich und erſticke bei⸗ nahe zu gleicher Zeit... wie fühle ich mich ſo un⸗ glücklich!... Sie ſind nach dem Boulevard hinaufgegangen; am Ende der Straße ſchien es mir, als wende Clemen⸗ tine den Kopf nach mir, dann verſchwanden ſie. Clementine liebt mich nicht mehr... ein Anderer hat ihre Liebe... ich kann mich nicht an dieſen Ge⸗ danken gewöhnen! ich glaubte, dieſe Frau könne nur mich lieben... ſie werde mir ſtets meine Untreue verzeihen, und nie ſelbſt eine begehen. Wiſſen, daß ſie einen Andern liebt, das drückt, mich nieder, tödtet mich... ich verliere, was mein Herz entzückte. Von dieſem Augenblicke an gibt es für mich keine Geliebte, keine Freundin, keiner jener Täuſchungen mehr, die tröſten, und ein zukünftiges Glück hoffen laſſen. Ich ſtand noch immer auf derſelben Stelle; mein Kopf war auf die Bruſt geſunken; ich weiß nicht mehr, was ich denke, als Herr Lubin auf mich zueilt, mit einem Strohhalm in der Hand:„Sehen Sie, mein Herr, habe ich Ihnen nicht geſagt, ich werde noch welches finden?... hier gegenüber, mein Herr, hier iſt dieſes Haus... jetzt bin ich deſſen gewiß!...“ „Ja, ich weiß es, Herr Lubin, ſie wohnt hier... 8 106 ich habe ſie ausgeheu ſehen... ich danke Ihnen... ich bin jetzt zufrieden.“ „Ach! wir haben endlich gefunden!... Ihr Ge⸗ ſicht drückt aber Beſtürzung aus, mein Herr.. ſoll⸗ ten die Nieren Ihnen ebenfalls übel machen.— Nein, es iſt nichts.. Adieu, Herr Lubin.— Der Herr verläßt mich!... ich glaubte, wir würden Punſch trinken, wenn wir die fragliche Wohnung gefunden hätten.— Ich kann nicht... haben Sie die Güte, ohne mich zu trinken, Herr Lubin, und entſchuldigen Sie mich...“ 3 4 Miit dieſen Worten drücke ich Herrn Lubin zwan⸗ zig Franken in die Hand, der ſie annimmt, indem er ſtottert, daß es ihm gerade recht ſei; und ich ent⸗ ferne mich, ohne ſeine Dankſagungen anzuhören. Sechstes Kapitel. Ein Stelldichein. Ich möchte alle früheren Liebeserinnerungen ver⸗ geſſen, verlieren können; ich möchte mir einbilden, die Vergangenheit ſei nie da geweſen, ich habe jene Frauen nicht gekannt, die mich betrogen; ich habe diejenige nie geliebt, deren Liebe für mich erloſchen iſt, kurz, ich möchte mein Jünglingsleben noch ein⸗ mal von Neuem beginnen, und keine Erinnerung an meine erſten Liebeshändel bewahren. Deſſen ungeachtet denke ich unaufhörlich an Cle⸗ mentinen, an jene Frau, die ich vernachläſſigt, — 107 vergeſſen habe, während ſie mich liebte, und die ich anbete, vergöttere, nun ſie einen Andern liebt. Unaufhörlich ſehe ich ſie vor mir am Arme dieſes Mannes... ſie ſtützte ſich ohne Zweifel auf ihn; es gibt eine ſo eigenthümliche Weiſe, Jemanden, den man liebt, den Arm zu geben!... ich bin ſehr we⸗ nig mit ihr ausgegangen... es war aber eine Zeit, wo ich mich ſo glücklich fühlte, wenn ihr Arm in dem meinigen lag!... Ach! wenn ich noch ſo ge⸗ dacht hätte, als ſie am letzten Abend bei mir war, hätte ich ſie nicht allein fortgehen laſſen... allein, und die Augen voller Thränen!... Ich habe mich ſchlecht gegen ſie benommen, ich fühle es wohl, und dies iſt es gerade, was mich zur Verzweiflung bringt... Ich bin die Urſache ihres Unglücks... Und dennoch.. würde ſie wohl einem Andern Gehör geſchenkt haben, wenn ſie mich ſo ſehr geliebt hätte, als ſie mich ver⸗ ſicherte? Dieſen Andern habe ich nur einen einzigen Au⸗ genblick geſehen, werde ihn aber ſtets wieder erken⸗ nen; es muß ein Mann in meinem Alter ſein; er iſt hübſcher als ich... und zudem muß ſie ihn hundert⸗ mal hübſcher finden, weil er es iſt, den ſie jetzt liebt. Sie hat mich wohl im Vorbeigehen geſehen... hat den Kopf umgewandt... damit ich nicht daran zwei⸗ feln könne, daß ſie es ſei. Sie ſchien vergnügt, daß ſie vor meinen Augen mit einem Andern ging; und doch mußte ſie gewiß denken, es werde mir weh thun, und ich würde ſelbſt dann, wenn ich ihr wirklich untreu geweſen wäre, es ihr haben verbergen wol⸗ 108 len... Wie? wenn ich mich bei Clementinens Woh⸗ nung aufſtellte, um dieſem Mann aufzupaſſen, ein Wort mit ihm zu reden und Händel mit ihm zu ſu⸗ chen 2... würde mir aber dies Alles Clementinens Liebe wieder bringen? Nein, ich würde mich bloß lächerlich machen, weiter gar nichts! Ein nicht mehr geliebter Liebhaber iſt ebenſo langweilig, als ein ei⸗ ferſüchtiger Ehemann; und bei erſterem hat man weit weniger Rückſichten zu beobachten... Nein, ich werde mich Clementinens Blicken nicht mehr ausſetzen! ich werde ihr Glück nicht zu ſtören ſuchen, und ſie eben ſo ſorgfältig fliehen, als ich ſie vorher aufſuchte. Ziemlich ſonderbar iſt es übrigens, daß ich dies jetzt bei allen Perſonen thun muß, die ich geliebt habe. Es iſt eine traurige Sache, wenn man über Alles enttäuſcht iſt, nicht mehr an Liebe, noch an Freund⸗ ſchaft glauben darf! Ich machte mir ſo gerne Illu⸗ ſionen! und der Gedanke iſt ſo angenehm, nicht be⸗ trogen zu werden, auch wenn man ſelbſt Andere betrügt! Zwar gibt es Leute, welche behaupten, man ſei glücklicher, wenn man an nichts glaube; aber die Heiterkeit dieſer Leute iſt nie wahr, ihr Lächeln iſt ſtets bitter. Acht Tage ſind ſeit meinem Spaziergang in der Umgebung der Place-Royale vergangen,— acht Tage, die mir als eben ſo viele Jahrhunderte erſchienen und in welchem ich weder arbeiten noch einen Augenblick mich beluſtigen konnte. Ich lebe, aber wie ein Au⸗ tomat, wie eine Maſchine, ohne Exrinnerung an den vergangenen, ohne Wunſch für den kommenden Tag. 109 „ 1 Am Abend des letzten Tages übergibt mir meine Pförtnerin einen Brief. Ich betrachte die Handſchrift: ſie iſt mir unbekannt; ich öffne gleichgültig den Brief, nicht mehr geneigt, für eine Namenloſe mich zu ent⸗ flammen. Das Billet, deſſen Schriftzüge kaum lesbar ſind, enthält die Worte:„Man will Sie allein ſehen, ſich mit Ihnen ausſöhnen, denn man liebt Sie mehr, als Sie es verdienen; kommen Sie morgen Abend, um neun Uhr, ans äußerſte Ende des Boulevard Saint⸗ Antoine, beim Baſtilleplatz; eine Perſon wird dort auf Sie warten, und Sie heimlich in ein Haus ganz in der Nähe führen, wo ich mich befinde. Fehlen Sie nicht... ich weiß nicht, zu welchen Schritten mich meine Verzweiflung treiben würde, wenn Sie mir nicht verziehen.“ Keine Unterſchrift!... Wer kann mir dieſes Bil⸗ let ſchreiben 2... will man ſich wieder über mich luſtig machen?2... Ach! großer Gott! welcher Ge⸗ danke... diejenige, welche mir ſchreibt, verlangt, daß ich ihr verzeihe, mich mit ihr ausſöhne. Es iſt alſo Clementine... ja, nur Clementine kann es ſein... ſie hat das ganze Weh geahnt, das ſie mir zugefügt... und wünſcht mich nun wieder zu ſehen... was wird ſie mir ſagen 2... Ach! wenn ſie ſich zu entſchuldigen vermöchte... die Ueberzeugung von ihrer Unbeſtändigkeit in mir vernichten könnte, ich wäre noch überglücklich!. Doch, es iſt nicht Clementinens Hand... Warum hat ſie dieſe Zeilen nicht ſelbſt niedergeſchrieben 2... 3 * — vielleicht eine nicht zu errathende Vorſichtsmaßregel, die ſie mir erklären wird... Iſt ſie vielleicht krank? .. doch welche andere Frau, als Clementine könnte meine Verzeihung wünſchen? Sie iſt's, die mich er⸗ wartet... ſie will mich wieder ſehen... Was wird ſie mir ſagen können 2... ich weiß es nicht; möchte aber ſchon bei ihr ſein... ich brenne vor Ungeduld... kann nicht auf einer und derſelben Stelle bleiben; zwar habe ich keine Hoffnung, mein Glück wiederzu⸗ finden, doch wenigſtens wieder Empfindungen, mein Herz iſt gewaltig aufgeregt... Ich bin keine Ma⸗ ſchine mehr, lebe von Neuem auf. Bis zu dem für das Stelldichein bezeichneten Au⸗ genblick vergeht keine Viertelſtunde, in der ich das geheimnißvolle Billet nicht wieder leſe; je öfter ich es durchgehe, deſto weniger ſcheint mir möglich, daß es von Jemand Anderem, als Clementinen komme; auch der Ort des Stelldicheins trägt zu dieſem Glau⸗ ben bei; man ſagt mir, ich ſolle am Ende des Bou⸗ levard Saint⸗Antoine warten, eine Perſon werde mich in ein ganz nahe liegendes Haus führen; in der That, die Straße, worin Clementine wohnt, iſt ganz nahe dabei... in dieſe wird man mich führen. Ein ewig langer Tag verſtreicht; ich nehme mei⸗ nen Weg nach dem mir bezeichneten Boulevard; es iſt aber erſt acht Uhr, und das Rendezvous iſt auf neun: gleichviel! ich gehe unterdeſſen umher. 1 Wir ſind im Herbſt, die Nacht iſt ſchon lange angebrochen. Das Wetter iſt ſchön, aber ſchon etwas kühl, und in dieſem Stadttheil gehen die Spazier⸗ 111 gänger mit ſcheidendem Tag nach Hauſe. Nichts hindert mich, den Boulevard zu durchlaufen, den noch hun⸗ dertjährige Bäume beſchatten, bis ein neuer Bürger⸗ krieg ſie ſtürzt; ein trauriges Privilegium der Revo⸗ lutionen, die mit Zerſtören beginnen! Eine gute Stunde wandle ich auf und ab... Ich fange an, dieſer Bewegung müde zu werden... einige Schritte von mir iſt eine Steinbank, ich habe aber nicht Philoſophie genug, mich allein darauf zu ſetzen; es iſt indeß, wie ich glaube, die nämliche Bank, auf der ich in einer gewiſſen Nacht ruhte, wo ich mich bei Adelen zu beſinden wähnte... Ja... es iſt wirk⸗ lich da... wenn ich daran denke, daß ich an Klara meine Erklärungen richtete, daß ihre Hände es wa⸗ ren, die ich ziemlich in den meinigen drückte, ſo em⸗ pfinde ich noch jetzt Wallungen des Zorns... entfernen wir uns von dieſer Bank... ſie könnte nur Unglück bringen! Es iſt völlig neun Uhr, ich nähere mich dem Ba⸗ ſtilleylatz, warte und betrachte aufmerkſam jede Per⸗ ſon, die an mir vorübergeht. Ich wette, ich habe ſo eben einer alten Magd, die auf mich zukam, Furcht eingejagt. Als ſie mich mitten auf dem Boulevard ſtill ſtehen ſieht, wendet ſie ſich um und läuft in vol⸗ lem Athem davon. Niemand ſieht einem Dieb ähn⸗ licher, als ein Mann auf den Schleichwegen der Liebe. Eine andere Perſon kommt näher, es iſt ein jun⸗ ges Dienſtmädchen; ſie geht an mir vorüber, blickt mich an, bleibt ſtehen und redet mich endlich an. 112 „Sind Sie der Herr Arthur?— Ja, und ich warte ſchon lange.— Folgen Sie mir, mein Herr!“ Das junge Dienſtmädchen kehrt nach der Straße Saint⸗Antoine um, wie ſie aber einige Schritte ge⸗ macht hat, halte ich Sie an, denn ich ſehe, daß wir uns von der Straße entfernen, worin Clementine wohnt. „Wo führen Sie mich hin, Jungfer?— In ein Haus, wo Sie die Dame finden werden, welche Sie ſprechen will.— Wir gehen alſo nicht in ihre Woh⸗ nung?— In ihre Wohnung... nein, mein Herr, ſie würde Sie dort nicht empfangen können...— Wie ſo denn?— Mein Gott, ich weiß nicht, mein Herr... ich kann Ihnen Ihre Fragen nicht beantwor⸗ ten... Alles, was ich weiß, iſt, daß ich Sie in ein ſehr ehrbares Haus führe. Wenn Sie mir aber nicht folgen wollen, ſo ſteht es Ihnen frei.— Ich folge Ihnen...“ Ich begreife nicht, warum mich Clementine nicht ſollte in ihrer Wohnung empfangen können, bin je⸗ doch der Aufklärung über dies Alles höchſt begierig und folge daher dem jungen Mädchen, ohne ein Wort weiter zu verlieren. Meine Führerin tritt in die Straße Saint⸗An⸗ toine; nachdem wir etwa hundert Schritte darin ge⸗ macht haben, halten wir vor einer offenſtehenden Hausthüre. Dieſer Eingang iſt ſehr finſter, das Dienſt⸗ mädchen nimmt mich aber bei der Hand und ſagt: „Ich will Sie führen, mein Herr.. Bald finden wir eine Treppe; man fondert mich 113 auf, das Geländer zu faſſen und geht mir voran; im zweiten Stocke ſtehen wir ſtill. Jetzt zieht meine Führerin einen Schlüſſel heraus, öffnet eine Thüre und wir ſind nicht mehr im Dunkeln. Wir treten in einen kleinen, beſcheiden möblirten, aber ziemlich gut gehaltenen Speiſeſaal, auf einem Tiſch brennt eine Kerze. Die Dienerin nimmt dieſe Kerze, und indem ſie mich bittet, ihr weiter zu fol⸗ gen, läßt ſie mich ein anderes Gemach durchſchneiden, und führt mich hierauf in ein Schlafzimmer ein, das mit mehr Eleganz möblirt und durch den matten Schimmer einer mit einem Lichtſchein verſehenen Lampe erleuchtet iſt. „Mein Herr, die Dame wird ſogleich kommen,“ ſagt das Dienſtmädchen, mir einen Stuhl ſetzend, „wollen Sie gefälligſt einen Augenblick warten.— Hoffentlich wird man mich hier nicht ſo lange war⸗ ten laſſen, als auf dem Boulevard.— O! nein, mein Herr... die Dame iſt angekommen, ſie wirft nur noch einen muſternden Blick auf ihre Toilette. Es wird bald geſchehen ſein.“ Das junge Mädchen lächelt, nimmt ihre Kerze und läßt mich allein. Neugierig ſehe ich umher, es iſt ein Frauengemach, ſo viel iſt gewiß; bei wem bin ich aber?... Ich weiß nicht mehr, was ich denken ſoll, und fange an, zu fürchten, ich habe mich in meinen Vermuthungen getäuſcht. Ich kann nicht um⸗ hin, zu lächeln, wenn ich auf das vor mir befind⸗ liche Bett ſehe... Ein Stelldichein in einem Schlaf⸗ zimmer!... es wäre ſchwer, darüber im Irrthum zu Paul de Kock. 1II.. 8 114 ſein, welchen Erfolg man von der Unterhaltung er⸗ wartet. Ich trete an ein Fenſter, die Läden ſind geſchloſ⸗ ſen und außerdem noch die Vorhänge herabgelaſſen; ſicherlich, von der Straße aus muß man das Licht in dieſem Zimmer nicht ſehen dürfen. Wozu ſo viele Vorſicht, wozu dieſes Geheimniß, wenn Clementine es iſt, die mich ſprechen will? Glaubt ſie jetzt, ſeit ſie von ihrem Manne getrennt iſt, mehr Umſicht in ihren Schritten nöthig zu haben, als früher, wo ſie noch bei Herrn Moncarville war? Oder wäre jener Mann, den ich bei ihr geſehen, die Urſache?.. fürchtete ſie ſeine Blicke, ſeine Eiferſucht? Ach! wäre ich überzeugt, daß dies der Grund all des Geheim⸗ thuns iſt, ſo würde ich die Läden öffnen, mich an das Fenſter ſtellen... und wenn ſie bei mir wäre, ſie nicht eher verlaſſen, als bis ihr neuer Geliebter ſie in meinen Armen geſehen hätte. Dieſer Gedanke thut mir weh... ungeduldig gehe ich in dem kleinen Raume umher, der mich umſchließt, endlich öffnet man zu den Füßen des Betts eine Thüre, die ich nicht bemerkt hatte; ein Frauenzimmer er⸗ ſcheint... aber es iſt nicht Clementine. Es iſt Adele! es iſt Frau von Harleville! Die Baronin verſchließt die Thüre hinter ſich, kommt auf mich zu, und ſucht in meinen Augen den Eindruck zu leſen, den ihr Anblick mir verurſacht. Bei letzterem war ich ſo ſehr in meinen Hoffnungen getäuſcht, es war mir ſo leid, mich ihr gegenüber zu befinden, daß es ſich auf meinem Geſichte malen muß, 115 denn Adele ſagt mit kummervollem Tone zu mir:„Sie erwarteten alſo nicht, mich zu ſehen?— O nein, Madame, ich ſchwöre es Ihnen!...“ 4 Ein Gefühl des Unmuths zeigt ſich in ihren Zü⸗ gen; ſie macht einige Schritte im Ziumer umher, ſetzt ſich dann auf eine Ottomane, wo ſie eine Weile mit ſchmollender Miene bleibt. Ich bin in meine Ge⸗ danken verſunken, verdrießlich, diejenige nicht zu ſehen, mit der ich ſo ſehnlich eine Zuſammenkunft wünſchte, ſo wie darüber, daß ich mich bei der Frau meines Vaters befinde..— Die Stimme der Frau von Harleville entreißt mich meinen Betrachtungen. „Wie, mein Herr, Sie haben aus dem Briefe, den Sie empfingen, nicht errathen, daß ich es ſei, die Sie zu ſehen wünſchte?— Nein, Madame, ich war weit von dieſem Gedanken entfernt! denn wenn ich es geahnt hätte...— Würden Sie vielleicht nicht zu dieſem Stelldichein gekommen ſein?— Es iſt wahr, Madame.— Was Sie mir da ſagen, iſt nicht ſehr artig!— Ich darf es nicht mehr gegen Sie ſein, Madame.— Sie dürfen nicht mehr!... ei, mein Gott! weil ich eine Vernunftheirath eingegangen habe... Ihnen zufolge ſcheint es, als müßte ich todt für die Welt und ihre Freuden ſein! als müß⸗ ten mein Herz und meine Ohren allen ſchmeichelhaf⸗ ten Reden verſchloſſen bleiben!... Ach! mein Herr, ich habe nie gedacht, daß die Ehe für eine junge Frau das Ende ihrer Triumphe in der Geſellſchaft ſein müſſe!... Aus dieſem Geſichtspunkte habe ich dieſelbe 8 116 nicht angeſehen!... Aber Sie ſtehen da aufrecht, eine Stunde von mir entfernt... halten Sie es denn nicht der Mühe werth, ſich einen Augenblick zu ſetzen und mich anzuhören?“ Adele weist mir einen Platz neben ſich auf der Ottomane an, ich aber begnüge mich mit einem Stuhl, und ſetze mich ſchweigend einige Schritte von ihr. So bleiben wir mehre Minuten lang einander gegenüber, ohne zu ſprechen; meine Blicke ſind auf den Boden geheftet, ich will denen Adelens aus⸗ weichen, nicht, daß ich noch ihre Macht fürchtete, ſondern um ihr zu beweiſen, daß ich ſolche nicht mehr ſuche. Wieder iſt es Frau von Harleville, die das Schwei⸗ gen unterbricht; ihre Stimme zittert, und ſie ſcheint in Verlegenheit, wie ſie ſich ausdrücken ſoll. „Herr Arthur!— Madame!— Sie ſind ſehr böſe auf mich, nicht wahr?— Nein, Madame; ich ver⸗ ſichere Sie, Sie ſind über die Urſache meines Schwei⸗ gens im Irrthum.— O! wenn Sie noch immer auf⸗ gebracht gegen mich ſind, ſo haben Sie nicht Unrecht; ich fühle, daß ich Ihren Haß, Ihren Zorn wohl ver⸗ diente... mein Benehmen war ſchimpflich... Wenn Sie aber wüßten, wie jene ganze Intrigue eingefä⸗ delt wurde... man ließ mir keine Zeit zum Nachden⸗ ken... Dieſe Julie iſt ein abſcheuliches Weib!... ſie abſcheut Sie... ſie behauptete, Rache an Ihnen zu nehmen, ſei etwas Rechtmäßiges... Alle Frauen ſollten ſich unter einander verbinden, und Sie für 117 das ſtrafen, was Sie ihr gethan haben... was weiß ich?... Ich, ich bin närriſch, leichtſinnig, kokett... aber ich bin nicht bösartig... Unglücklicherweiſe fand meine Schweſter, die vor Sehnſucht, Sie kennen zu lernen, brannte, Juliens Plan köſtlich... Meine Schweſter hat Geiſt... ſie ſchreibt ſehr gut... ihre Briefe gefielen Ihnen... als Sie mich hierauf ſa⸗ hen... haben Sie mich geliebt... wenigſtens gaben Sie ſich das Anſehen...“ Hier hält Adele inne, wie um zu ſehen, ob ich antworten werde, ich ſpreche aber kein Wort; bald fährt ſie fort:„Ich... ich fand es angenehm, mir den Hof machen zu laſſen... Ich hätte Sie enttäu⸗ ſchen, Ihnen mittheilen ſollen, daß ich nicht die Ver⸗ faſſerin jener Briefe ſei, welche Sie anfangs entzückt hatten... ich that es nicht... Hierauf... ich weiß nicht, was ich damals empfand... dieſe Julie hatte Sie in meinen Augen als einen für Frauen ſo ge⸗ fährlichen Mann geſchildert, daß ich mir einbildete, ich theile ihren Haß und finde Vergnügen daran, Sie zu meinem Sklaven zu machen... Mein Sklave!... mein Gott, wie närriſch war ich 1... Ihre Liebe hielt nicht Stand bei Entdeckung der Wahrheit... aber indeß... da ich mein ganzes Unrecht erkenne... da ich Sie jetzt um großmüthiges Verzeihen anflehe... um völliges Vergeſſen jener Intriguen... werden Sie noch immer Groll gegen mich hegen?...“ „— Nein, Madame, nein; ich wiederhole, ich ſchwöre es Ihnen; wenn Sie dieſe Unterredung wünſch⸗ ten, um durch mich ſelbſt dieſe Verſicherung zu hören, 1 118 ſo empfangen Sie ſolche hiemit, Madame, und glau⸗ ben Sie an meine Aufrichtigkeit. Die Begebenheit, von der Sie ſo eben geſprochen, habe ich völlig ver⸗ geſſen, und ich hege nicht den geringſten Groll gegen Sie... Sie glücklich zu wiſſen, iſt jetzt mein einziger Wunſch. Als ich die neuen Bande erfuhr, welche Sie feſſeln, hatte mein Herz weder Unmuth noch Zorn empfunden, und wenn Sie in der Tiefe meiner Seele leſen könnten, würden Sie darin nur die tiefſte Hoch⸗ achtung, die völligſte Ergebenheit finden.“ Frau von Harleville ſcheint noch nicht mit meiner Antwort zufrieden; in großer Aufregung ſtammelt ſie:„Für Ihre tiefe Hochachtung... JIhre Ergebenheit danke ich Ihnen, mein Herr... danke ich Ihnen ſehr... aber in Wahrheit, es möchte ſcheinen, Sie ſprächen mit Ihrer Großtante...“ Ich ſtehe auf mit den Worten:„Da ich nun glaube, Madame, Ihnen jeden noch zurückgebliebenen Zweifel über mein Gefühl benommen zu haben, ſo will ich mich verabſchieden...“ Man hält mich lebhaft am Arme zurück, wobei ſie mit bewegterer Stimme ruft:„Nein... bleiben Sie... ich bitte... ich habe noch mehr mit Ihnen zu reden.“ 4 Ich ſetze mich wieder, fühle mich aber nicht be⸗ haglich, ich zittere... ich fürchte dieſe Frau anzuhö⸗ ren, die mich zurückhält, die mich bittet; dieſe Frau, deren Stimme rührend geworden iſt, ſtatt ſtolz, wie ſie ehemals war. Als ich aufſtand, waren meine Augen unwillkürlich auf ſie gefallen... ich erbebte — 119 vor ihrer Schönheit, vor dem Reiz der Verführung, der über ihren ganzen Anzug, ihre ganze Perſon ver⸗ breitet iſt. Nie war vielleicht Adele ſo reizend, und doch iſt ſie nicht, wie ich ſie in Geſellſchaft geſehen habe, bedeckt mit Geſchmeide, Federn und Blumen; ſie hat nur ein einfaches weißes Kleid mit blauem Gürtel befeſtigt; ihre ſchwarzen Haare ſind auf ihrem Kopf zuſammengewunden ohne irgend einen fremden Schmuck. Aber welche Anmuth liegt in dieſem Kopf⸗ putz, welche Wolluſt in jeder Falte dieſes Kleides! und wenn man jetzt ihren Blicken begegnen, in ihre großen blauen Augen ſehen ſoll, in denen ſich die heißeſten und ſüßeſten Gefühle malen, wie kann man da ruhig und ohne Verwirrung bei ihr bleiben, im einſamen Gemache, wo Alles Liebe zu athmen ſcheint? 4 Glücklicherweiſe gibt es eine Erinnerung, die mei⸗ nen Muth ſtets aufrecht halten, mich vor Gefahr be⸗ wahren wird, deſſen bin ich gewiß, es iſt mir aber nichtsdeſtoweniger leid, daß ich da bin. Nachdem mich Adele am Fortgehen gehindert hatte, ſank ich auf meinen Stuhl zurück und ſaß hier mit geſenkten Augen, wie ein Verbrecher, der ſein Ur⸗ theil erwartet. So bleiben wir noch lange, ohne ein Wort zu ſprechen; ich werde das Stillſchweigen nicht brechen; plötzlich ruft Adele ungeſtüm aus:„Mein Gott!... wie ſeltſam iſt doch das Herz eines Wei⸗ bes!... wie kann es ſich ſo ſehr ändern... Arthur... Sie haben mich errathen... Sie wiſſen, was ich Ihnen zu ſagen habe... aber Sie haben kein Mitleid 120 mit mir... mit den Qualen, die ich erdulde... Sie wollen mich zu einem Geſtändniß zwingen... das nie ein Weib ſollte machen müſſen. Wohlan! Sie ſollen befriedigt werden!... ich liebe Sie, Arthur... ja, ich liebe Sie!... wie ich nie geliebt hatte! ich, die anfangs nur Gleichgültigkeit für Sie fühlte!... ich, die über Ihre Erklärungen, Ihre Skufzer lachte! die mich für geſichert davor hielt, daß es Ihnen je ge⸗ lingen werde, mein Herz zu rühren... mich, die Ihr Feuer... Ihre Vorfolgungen beinahe langweilten... ich weiß nicht, was in mir vorgegangen iſt!... als ich Sie in der Welt wieder ſah, machte ich mich darauf gefaßt, in Ihren Augen Liebe, Eiferſucht zu leſen... ich habe nur noch Kälte, Gleichgültigkeit darin gefunden. Ich ſuchte mich Ihnen zu nähern... Sie flohen mich... Sie wichen auf die ſorgfältigſte Weiſe aus... daran gewöhnt, Sie von Ihrer Liebe zu mir ſprechen zu hören, konnte ich die Ruhe Ihres Blicks nicht ertragen... ich fühlte mich verletzt... in meinem Herzen regte ſich ein neues Gefühl... Tag und Nacht ging ich mit Ihnen um... Ich war gleichgültig gegen jede andere Huldigung;... gelang⸗ weilt von dem, was mich ſonſt entzückte... habe ich nur an Sie gedacht... an Sie allein, Arthur, von. dem ich geliebt ſein will... ohne den ich nicht mehr leben kann... für den ich bereit bin, jedes Opfer zu bringen; da ich endlich der mich beherrſchenden Lei⸗ denſchaft nicht widerſtehen konnte, habe ich an Sie geſchrieben, habe Ihnen dieſes Stelldichein gege⸗ ben... Klara lieh mir ihre Wohnung... Wir ſind 121 hier in ihrem Hauſe... Fern von allen eiferſüchtigen Blicken... Ich hoffte, Sie würden glücklich ſein, mich hier zu finden... ich täuſchte mich!... Nun denn, find Sie zufrieden? Sind Sie hinlänglich gerächt?.. Arthur, ich flehe Sie an, mich zu lieben!...“ Ich kann nicht Peſchreiben, was ich leide, während ſie ſpricht... Ah! was gäbe ich nicht darum, wenn ich fern wäre!... weit weg von dieſer Frau. Sie ſteht auf, kommt auf mich zu; ſie ergreift meine Hand, drückt ſie convulſiviſch in der ihrigen, wobei ſie mir wiederholt:„Ums Himmelswillen!... Sie antwor⸗ ten mir nicht?... ich bitte, antworten Sie mir we⸗ nigſtens!...“ 3 „— Madame... wenn Sie wüßten... was die urſache iſt, daß ich jetzt nicht mehr kann... nicht mehr darf...“ „— Sie können nicht... Sie dürfen nicht!... ich verſtehe Sie nicht, Arthur!“ „— Madame... es herrſcht ein Geheimniß, das an irgend Jemand zu verrathen mir verboten iſt... eine unüberſteigliche Scheidewand iſt von nun an zwiſchen uns aufgeführt, ſo daß ich keine andern Ge⸗ fühle mehr für Sie hegen darf, als die der Ach⸗ tung... der...“ 3 „— Hal es iſt zu viel!... glauben Sie, ich laſſe mich von Ihnen täuſchen... Es beſteht, ſagen Sie, ein Geheimniß... und dies Geheimniß hindert Sie, mich zu lieben... was bedeutet dies Geheim⸗ thun? Sprechen Sie, mein Herr, ich will, ich ver⸗ lange es... 2 „— Nein, Madame, es iſt mir nicht erlaubt, zu ſprechen... ich bitte, haben Sie die Güte, mich nur noch wie einen Freund zu betrachten, und glauben Sie, daß ich von meiner Seite...“ „— Welche Erniedrigung!... er ſtößt meine Liebe von ſich! er ſchätzt mich gering! er verachtet mich jetzt.. Arthur, wollen Sie mich denn tödten 2... bin ich nicht mehr jene Adele, die Sie ſo ſehr liebten... welche Sie immer anzubeten ſchwuren... die Sie mit ſo vieler Innigkeit um eine Zuſammenkunft baten?... Nun denn, blicken Sie mich doch an, mein Herr... diesmal iſt ſie es... ja ſie iſt es, die zu Ihnen kommt!..“ Sanft ſchiebe ich eine Hand zurück, die ſich auf meinen Arm lehnt... Ich will fliehen, mich entfer⸗ nen.. Adele umfängt mich, hält mich noch zurück.. In dieſem Augenblick läßt ſich ein heftiges Geräuſch hören... es ſcheint, man habe eine Thüre eingeſto⸗ ßen... Adele bleibt vor Schreck erſtarrt, ich horche aufmerkſam zu. In einem Nebenzimmer ſpricht man ziemlich barſch... man ſcheint ſich zu ſtreiten... ich ſuche deutlicher zu vernehmen. Plötzlich ruft Adele aus: „Ich bin verloren!.. dies iſt mein Mann.— Herr von Harleville... ach! wenn er mich hier fände... ach! Madame, was haben Sie gethan?— Er hat mich ohne Zweifel verfolgen und ausſpioniren laſ⸗ ſen... Was iſt zu thun 2... Wenn Sie ſich verber⸗ gen könnten!— Mich verbergen vor dem Baron? — Ich bitte Sie darum, mein Herr... Sie werden 4 123 mich nicht verderben wollen!— Aber, Madame... — Sehen Sie... hinter dieſem Bett... durch dieſe Vorhänge verſteckt... gehen Sie... ſchnell.“ Adele ſchiebt mich in den Bettgang, läßt mich zwiſchen die Wand und die Vorhänge ſchlüpfen; kaum bin ich da, als die Thüre, durch die ich eingetreten war, mit Heftigkeit aufgeriſſen wird, und der Baron von Harleville dringt in unſer Gemach. 8 ſffffffffſnnſſnſn 10 11 12 13 14 15 16 17 18