Panul de Kock's humoriſtiſche Romane, * 2. deutſch bearbeitet von 8 Dr. Heinrich Elsner. 2 Zweiter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. Weder Nie, noch immerfort! (Ni jamais, ni toujours,) iſt der Liebe Loſungswort. (c'est la devise des amours) Von Paul de Koch. 3 Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. oD So⸗ Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1843. Erſtes Kapitel. Eine Partie Bouillotte. . Warum iſt uns denn nicht in jedem Alter ein ruhiges Daſein, eine friedliche Lage genug, um glück⸗ lich zu ſein? Woher jener Durſt nach Liebe, die Sucht nach Ehre und Veränderung?.*. Wäre das Leben zu einförmig, zu kalt, wenn die Leidenſchaften nicht in die Quere kämen? Ach! wenn Jeder ruhig an der Stelle bliebe, die das Verhängniß ihm vorgezeichnet hat, ſo würde Keiner ſich über ſeinen Stand zu er⸗ heben ſuchen; die Männer wären ihren Frauen treu; die Frauen liebten nur ihre Männer; man würde friedlich das Erbtheil ſeiner Väter bebauen, und da, wenn, wie die Gebern behaupten, einen Acker be⸗ ſtellen, einen Baum pflanzen und ein Kind zeugen die drei der Menſchheit zuträglichſten Verrichtungen des Menſchen ſind, dieſes Schäferleben uns Zeit genug übrig ließe, dieſe drei Dinge zu thun, ſo würden wir alle ins Paradies kommen. In dieſem Augenblick aber, wo mich der Unſtern mit Julien quält und beunruhigt, wäre ich nicht ſehr im Stande, einen Baum zu pflanzen, oder einen Acker zu beſtellen, ſelbſt dann, wenn ich einen hätte; und 6. ich glaube, daß ich auch die dritte Handlung ſchlecht verrichten würde. Ein zu ſehr von Etwas eingenom⸗ mener Geiſt taugt nichts zur Liebe: deßhalb ohne Zweifel lieben viele Damen die Militärs, weil ſie, wenn ſie einmal ihren Dienſt verſehen haben, ſelten mit Etwas beſchäftigt ſind. Ich ſchreibe an Clementine, ich ſage ihr, daß Julie ſie und ihren Gatten wirklich kenne; daß dieſe Frau bösartig und gegen mich aufgebracht iſt, weil ich ihr ihre Erzählungen zurückgegeben habe; man muß ſich vor ihr in Acht nehmen und einige Zeit hindurch dar⸗ auf verzichten, einander zu ſehen, jedenfalls, wenn man nicht ganz ſicher iſt, daß man unbeobachtet bleiben kann. Ich endige meinen Brief an Clementinen mit der Verſicherung, daß, wenn wir einander einige Zeit nicht ſehen können, meine Zärtlichkeit darum nicht weniger lebhaft ſein werde. Allein ich bin gewiß, daß ſie mir nicht glauben wird; wenn man den Weibern Vernunft predigt, bil⸗ den ſie ſich ein, man liebe ſie nicht mehr. Ich werde alſo in jene große Welt, die ich ſo wenig liebe, zurückkehren, dort Leute ſehen, die ich nicht mag, und diejenige vielleicht vergebens dort ſuchen, um derenwillen ich hingehe. Herr von Reveil⸗ lere wird ganz erſtaunt ſein, mich wieder zu ſehen; möglich indeß, daß er nicht bemerkt hat, daß ich ſeit einem Jahre nicht mehr bei ihm geweſen bin: wenn man ſo viele Leute empfängt, beſchäftigt man ſich nur mit den Berühmtheiten der Epoche, und ich mache keinen Anſpruch darauf, eine davon zu ſein. Ich habe meine Toilette gemacht und Geld in die Taſche geſteckt; denn man muß ſpielen können, um die Zeit todt zu ſchlagen. Ich vergeſſe das Billet für Clementinen nicht, und begebe mich zu Herrn von Reveillere. Da wäre ich nun in den geräumigen Salons des Reichen nach der Mode, die Menge drängt ſich dort⸗ hin, es iſt noch überfüllter als ſonſt. Der Herr des Hauſes iſt ſo klug, keiner politiſchen Meinung anzu⸗ gehören, und durch dieſes Mittel vereinigt er bei ſich alle Parteien; aber man ſpricht hier wenig von Po⸗ litik, und dies iſt es auch, wie ich glaube, was den Zulauf zu ſeinen Geſellſchaften erhält. Ich wende mich durch eine Reihe ſchöner Herren hindurch, Ka⸗ rikaturgeſichter von Heinrich IV., oder Franz I., die mit Verachtung auf das Kinn derer herabzublicken ſcheinen, die ſich nicht um drei Jahrhunderte älter machen wollten. In einem andern Salon befinde ich mich mitten unter Schnurrbärten; weiterhin herrſchen glattgekämmte lange Haare vor; mit Vergnügen ſehe ich, daß ſich die Männer am Ende ebenſoviel mit ihrem Kopfputz beſchäftigen werden als die Damen: es iſt eine Revolution in den Sitten; die Revolu⸗ tionen entſtehen wie Muskatnüſſe; man macht deren überall. Die Damen kommen mir in ihrem Putz weniger kokett, weniger ſinnreich vor; da ſie be⸗ merken, daß die Männer ſich mehr mit ſich ſelbſt, als mit ihnen beſchäftigen, ſo wollen ſie nicht mehr ſo viel aufwenden, ihnen zu gefallen. Die Häßlichen haben am meiſten Ausgeſuchtes, die meiſte Eleganz: es war 8 immer ſo. Wenn eine Frau nicht mehr ihrer Schön⸗ . heit wegen genannt werden kann, will ſie es ihres Anzuges wegen ſein: es iſt immer ſehr füß, wenn man von ſich ſprechen macht. Ich dringe bis zu Herrn von Reveillere durch; ich begrüße ihn, er drückt mir die Hand:„Ei! guten Tag, mein lieber Arthur, entzückt, daß ich Sie ſehe!“ hierauf geht er zu einem Andern. Ich wette, er glaubt, er habe mich letzten Don⸗ nerſtag geſehen; was mich wundert, iſt, daß er ſich immer des Namens dieſer ungeheuern Menge von Perſonen erinnert, die ihn beſuchen. Beim Eintritt in ein Zimmer, wo Muſik gemacht wird, habe ich die geſehen, wegen welcher ich herge⸗ kommen binz ſie ſitzt hinter andern Damen: ſie ſucht nie, ſich den Blicken auszuſetzen; ihre Beſcheidenheit läßt ſie die kleinen Zimmerniſchen vorziehen. Aber umſonſt verbirgt ſich eine junge Frau; man entdeckt, man bemerkt ſie, und einige junge Leute, die ich um Clementinen herumſchleichen ſehe, denken wahrſchein⸗ lich wie ich. Sie ſpricht mit einer bejahrten Dame; ſie hat mich nicht geſehen und denkt nicht daran, daß ich hier ſei. Ehe ich mich ihr nähere, ſuche ich mit den Augen umher nach ihrem Mann, ich finde ihn nur zu ſchnell! Herr Moncarville iſt ein Mann, der ſehr gut ausgeſehen haben muß, allein er iſt ſehr abgelebt und ſein Geſicht bedeutend gefurcht. Seine Haare ſind grau, ſeine Braunen aber von einem dunkeln Schwarz; was ſeinen Backenbart betrifft, ſo iſt der⸗ ſelbe ſehr braun an ſeinen Enden und weiß an der 9 Wurzel; an Allem dem erkennt man die Trümmer eines ſchönen Mannes, den es ärgert, daß er alt wird, und der die Jugend nicht durch Liebenswürdig⸗ keit zu erſetzen weiß. Dieſer Herr kennt mich nur dem Namen nach; ich glaube nicht, daß er mich je geſehen hat; deſſen⸗ ungeachtet wage ich es nicht, in ſeiner Gegenwart mit ſeiner Frau zu ſprechen, denn alsdann würde er ſich nach mir erkundigen, und in Folge der Gerüchte, die umgelaufen ſind, fürchte ich, es möchte ſeiner Frau irgend eine Unannehmlichkeit zuziehen. Iſt es inzwi⸗ ſchen nicht natürlich, daß man eine Dame begrüßt, mit der man ſich auf dem Lande zuſammengefunden hat? ſoll ich das Anſehen eines Mannes haben, der nicht zu leben verſteht, weil dieſer Herr eiferſüchtig iſt? Während ich mir all dieſes ſage, gehe ich um den Seſſel Clementinens herum und wage nicht, mit ihr zu ſprechen... Wenn ſie mich wenigſtens ſähe! ol alsdann würden unſre Augen einander oft begegnen: es liegt ſo viel Vergnügen darin, wenn man ſich mitten unter der Menge durch einen Blick verſtändigt, ſich durch ein Lächeln für den Zwang entſchädigt, den man empfindet, wenn man unter ſo vielen uns gleich⸗ gültigen Leuten denjenigen erblicken kann, der unſre ganze Liebe beſitzt! Ol das iſt ein großer Genuß, den man oft in Geſellſchaft empfindet, ohne daß die Schlaueſten es errathen, und für welchen man der Langweile eines ſteifen Abendzirkels, einer anſpruchs⸗ vollen Vorleſung und einer perbindlichen Sonate trotzt. Ein junger Tonſetzer leiſtet mir den Dienſt, mich — 10 zu nennen, indem er mir ſehr laut guten Abend ſagt. Bei dem Namen Arthur dreht ſie ſich um, ſieht mich, erröthet; ein Ausdruck von Vergnügen, von Glück verklärt ihre bis jetzt ziemlich kalten Geſichtszüge. Ich weiß nicht, was ich meinem Tonſetzer antworte, ohne Zweifel etwas ganz Verkehrtes, denn er verläßt mich lächelnd und mit den Worten:„Ich werde Sie wieder finden, mein Freund, ich ſehe, daß Sie in dieſem Augenblick ſehr beſchäftigt ſind.“ Ohne Zweifel machte Clementine daffelb mit ihrer alten Dame, denn dieſe hat den Kopf gewendet, um zu ſehen, was Madame Moncarville zerſtreut. Man hat gut ſich das Wort geben, daß man klug ſein wolle: man verräth ſich doch zuweilen! Clementine verſteht die Verſtellung ſchlecht; ſie iſt die Ränke nicht gewohnt. Glücklicherweiſe iſt ihr Mann in einen an⸗ dern Salon gegangen. Ich nähere mich ſeiner Frau und begrüße ſie achtungsvoll. Mich ein wenig auf ihre Stuhllehne ſtützend, bemühe ich mich, ein anderes Geſpräch mit ihr anzuknüpfen als das, welches die Heerkömmlichkeiten vorſchreiben. „Es iſt ein großer Zufall, daß man Sie hier ſieht, mein Herr?“ ſagt Clementine zu mir, indem ſie ihre Augen ſtarr auf die meinigen richtet. „Ja, Madame, in der That! Ich beuge mich nach der von der alten Dame abgekehrten Seite, und füge mit leiſer Stimme hinzu:„Sie zu ſehen, Sie zu ſpre chen, bin ich hieher gekommen... Wenn Sie wüßten..“ „Dieſes Frauenzimmer ſpielt ſehr gut Klavier, nicht wahr, mein Herr?“ 11 Dieſe Frage richtet die Nachbardame an mich, und ich muß ihr mit gleichgültiger Miene erwidern: „Ja, Madame, ſie hat viel Talent!“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragt mich Clementine mit halblauter Stimme. 1 „Wir dürfen uns einige Zeit hindurch nicht ſehen... Ihre Ruhe hängt davon ab..— Aufhören, einander zu ſehen... und um mir dies bälder zu ſagen, ſind Sie hieher gekommen! Ich danke Ihnen für dieſen Eifer...— Ach! Clementine wenn Sie mich hören könnten... Ihretwegen! aus Vorſicht bin ich...“ „Mein Herr, man ſagt dieſes Fräulein ſei eine Schülerin Pradher's..— Pradher's 2... Ja, Ma⸗ dame!— Ol dies iſt ein vorzüglicher Lehrer!“ „Ich bitte, Clementine, hören Sie mich an! Ich habe ein Billet bei mir, das Sie von Allem in Kennt⸗ niß ſetzen wird...— Dies iſt unnöthig, ich will es nicht leſen... Sie lieben mich nicht mehr... Sie vergeſſen mich, um dieſer Frau willen, die ich in Ihrem Zimmer verſteckt gefunden habe... Sie haben dieſe Frau wieder geſehen... Nicht wahr 2... Ha! Sie können es nicht wagen, mich das Gegentheil zu verſichern!“. „Wer wird jetzt ſingen 2... wiſſen Sie es, Ma⸗ dame Moncarville?“ „Singen?... nein Madame... ich weiß nicht mehr... ich fühle mich übel...— Mein Gott, be⸗ finden Sie ſich unwohl?.— Nein, allein es iſt hier ſehr warm... Ahl da iſt mein Gatte.“ Heerr Moncarville war in der That neben uns, er„ * 12 hat mich mit ſeiner Frau ſprechen ſehen müſſen... dies wird ihn aber nicht errathen laſſen, wer ich bin! Kann man in einem Salon nicht mit Jemand ſchwatzen, ohne daß man ihn kennt? Clementine ſteht ſchnell auf, nimmt ihn beim Arm, und geht in einen andern Salon. Ich mußte zurückbleiben, ohne mich rechtfer⸗ tigen zu können und der alten Dame antworten, die mich noch weitläufig über die Singenden befragt. Ich ſage ihr was mir gerade in den Sinn kommt und verlaſſe den Platz. Sollte ſie weggegangen ſein... Ich ſuche allenthalben... Ah! ich ſehe ihren Mann an einem Spieltiſch! ſie ſitzt nicht weit davon ent⸗ fernt. Ich will ebenfalls dem Spiel zuſehen; bald wird ein Platz leer, ich nehme ihn ein. 1 Herr von Moncarville iſt ein ſchlechter Spieler; er beklagt ſich bei jedem Zug, den er verliert, er be⸗ klagt ſich ſogar, wenn er gewinnt; er meint dann, nicht genug gemacht zu haben. Schon zwei Stunden ſitzt er am Spieltiſch, er wendet ſein Geld ſchlecht an; da mir aber das Glück nicht günſtig iſt, ſo hat er ſich noch nicht über mich beklagen können. Ich weiß nicht, wie ich ſpiele; denn ich befinde mich Clemen⸗ tinen beinahe gegenüber und ſuche ihren Augen zu begegnen, welche ſie fortwährend hartnäckig abwendet, wenn ich ſie anblicke. Ich verliere mein Geld; ich verliere jeden Augenblick meinen Ausſatz, kaufe mich aber immer wieder ein, ich würde meinen Platz nicht mit einem glücklichern vertauſchen. An unſerm Tiſche, zu meiner Rechten, iſt ein junger Mann, den ich Marquis von Follard nennen — — 13 höre: er iſt ein Stutzer, mit langen gelockten Haaren, der ſehr laut von ſeinen Pferden, ſeinem Tulbury, ſeinem Groom ſpricht; er ſchaukelt ſich auf ſeinem Seſſel, erzwingt ein Lächeln, wenn er die Damen anſieht, kurz er zeigt Manieren, die für Unverſchämt⸗ heit gelten könnten. Wiewohl er ziemlich hübſch da liegt... doch in ſeinen Zügen etwas Falſches, Gezwun⸗ genes, das mir mißfällt. Ich glaube, daß ich dieſen Namen Follard ſchon habe ausſprechen hören! ich kann mich nicht erinnern, wo; unterdeſſen gewinnt der Herr Marquis uns Allen unſer Geld ab; bald beutelt er meinen Nachbar zur Linken aus; wir warten bis ein Anderer ſeine Stelle einnehmen wird. Die Liebhaber des Bouillotte ſind weggegangen, die Muſik anzuhören. Plötzlich rief der junge Marquis aus, indem er ſich an einen eben Ankommenden wandte: „Ei! da iſt der liebe Baron von Harlevillel... kommen Sie doch geſchwind, Baron, es iſt ein Platz leer und ich bin im Glück, ich will Ihnen Ihr Geld abgewinnen.“ 3 Der Name Harleville machte mich beben, ich habe die Augen aufgeſchlagen und meinen Vater erkannt. Er ſetzt ſich an unſern Tiſch neben mich... Ich kann nicht ſagen, was ich Alles empfinde: ich bin ver⸗ gnügt, daß ich meinen Vater wiederſehe, und doch iſt es mir ärgerlich, daß ich mich da befinde. Er hatte mich nicht bemerkt: erſt nachdem er ſich geſetzt, fallen ſeine Augen auf mich... Seine Züge laſſen ein ge⸗ heimes Mißvergnügen durchblicken; wenn er mich bälder geſehen hätte, ſo würde et, ich wette, dieſen 14 Platz nicht eingenommen haben... Es iſt ihm leid, daß er neben ſeinem Sohne ſitzt, den er ſeit beinahe drei Jahren nicht geſehen hat!.. Hal das heißt den Groll ſehr weit treiben. Es gibt Augenblicke, wo ich zu glauben verſucht bin, ich ſei nicht ſein Sohn... Doch fühle ich im Grunde meines Herzens, wie ſehr ich ihn lieben würde, wenn er es mir erlaubte. Der Baron von Harleville iſt ein kleiner, magerer Mann, blaß, mit ſtolzer Haltung, harter und hoch⸗ müthiger Miene; er trägt einen Titus, hat aber den Puder beibehalten; ſein ernſtes Geſicht läßt ſelten die geringſte Rührung durchblicken, ſeine dünnen Lippen, ſeine grauen Augen erheitern ſich nie; ſeine Sprache iſt kurz, ſeine Stimme ſtark und tönend; ſo iſt mein Vater in einem Alter von fünfundfünfzig Jahren. Dieſer Marquis von Follard ſcheint mir mit dem Baron ſehr vertraut, er ſagt gefliſſentlich jeden Augen⸗ blick zu ihm:„Mein lieber Baron, mein Freund!“ Dieſer Herr kommt mir faſt zu jung vor, um ſo ver⸗ traut mit meinem Vater zu ſein, ihre Bekanntſchaft kann ſich nicht von lange herſchreiben, und ihre Ma⸗ nieren, ihre Gemüthsart bieten ſo wenig Aehnlichkeit dar, daß ich nicht begreife, wie ſich zwiſchen ihnen eine ſo große Innigkeit feſtſtellen konnte. Alles dies macht mich verlegen, verwirrt; man rechne noch die Nachbarſchaft Clementinens, ihres Gatten hinzu, und man wird ſich nicht wundern, daß ich nur ſehr wenig bei meinem Spiel bin und viele Zerſtreuung zeige. Herr Moncarville hat mich ſchon mehrmals voll Aerger gebeten, doch auf meine Auswürfe ¹ 15 Achtung zu geben; ich glaube, ich habe ihm nicht ein⸗ mal geantwortet. Seit mein Vater bei unſerer Par⸗ tie iſt, hat Herr von Follard eine geſetztere Miene, eine anſtändigere Haltung angenommen. Er richtet an den Baron das Wort: „Ei nun, mein lieber Freund, was ſagen Sie von Paris, ſeit Sie wieder in unſerem ſchönen Frank⸗ reich ſind?— Ich habe Alles wiedergefunden, wie ich es verlaſſen hatte. Die Geſellſchaft iſt überall gleich.— Geſtehen Sie, daß man ſich hier beſſer unterhält, als in England! Der Kopf wirbelte mir von ihren Schmauſereien, von ihren Toaſts! Ver⸗ dammtes Nebelland! ich hatte dort beſtändig den Schnupfen! Dies iſt das Einzige, was ich von un⸗ ſern lieben Nachbarn herübergebracht habe.“ „Meine Herren, Sie ſind nicht bei Ihrem Spiel... Ich habe fünf Napoleon ausgeſetzt,“ ſagt Herr von Moncarville ungeduldig.* „Sch halte,“ erwidert der Marquis, ſein Spiel auf den Tiſch legend. Man zählt; Herr Moncarville hat gewonnen, er ſoll bezahlt werden, als der Marquis, auf mein Spiel ſehend, ausruft: „Der Herr hat aber vier Karten! es gilt nicht!“ In der That! ich hatte gegeben, hatte vier Kar⸗ zen und es nicht wahrgenommen, obgleich ich ſie ſehr deutlich auf dem Tiſch auseinandergelegt hatte. Allein wenn ich auf die Kreuz oder Pique blickte, hatte ich immer Clementinen vor den Augen, und die Stimme meines Vaters erklang an mein Ohr. 16 Heerr von Moncarville wird roth vor Zorn, der Marquis brach in Lachen aus. „Es iſt mir wie verhext! das erſte etwas wich⸗ tige Spiel, das ich gewann... und ungültig!— Ha, ha, ha!... ich kann nicht umhin, darüber zu lachen! weil uns der Herr ganz ruhig zählen ließ! Auf Ehre! ich bin glücklicher, als ich glaubte.“ Die Luſtigkeit des Herrn von Follard vermehrt den Aerger des Herrn Moncarville; er wirft mir beinahe die Karten ins Geſicht, indem er ausruft: „Wenn man ein Spiel nicht verſteht, ſetzt man ſich nicht zu einer Partie, um nur Mißgriffe zu machen!“ Ich fühle, daß mir die Röthe ins Geſicht ſteigt. Der Baron von Harleville blickt mich ſtarr an, ſcheint erſtaunt, daß ich auf die Flegelei des Herrn Moncar⸗ ville nichts erwidere; der Marquis fährt fort, höh⸗ niſch zu lächeln; ich bin auf der Folter, allein Cle⸗ mentine ſieht auf mich; jetzt ſind es ihre Augen, welche die meinigen ſuchen und mich anflehen, ihren Gatten zu entſchuldigen. Zuerſt denke ich nur an meinen Vater und an ſeine Meinung von mir, er, der ſo empfindlich für Alles iſt, was auf die Höflichkeit, auf die Ehre Bezug hat! bin ich aber nicht auch Clementinen etwas ſchuldig? hat ſie mir nicht ihre Zärtlichkeit bewieſen, während der Baron von Har⸗ leville mich ſeit langer Zeit als ſeinen Sohn zu ver⸗ läugnen ſcheint! Ich werde Herrn Moncarville nicht antworten, die Unartigkeiten dieſes Menſchen ertra⸗ gen, ich bin dazu entſchloſſen. Alle dieſe Betrachtungen waren das Werk einer 47 Minute; mit einem Blick beruhige ich Clementinen, und ſage lächelnd zu ihrem Gatten:„Mein Herr, ich werde ſuchen, künftig weniger zerſtreut zu ſein.“ Herr Moncarville behält ſeine übellauniſche Miene bei und begnügt ſich damit, ich weiß nicht was, zwi⸗ ſchen den Zähnen zu murmeln; der Baron runzelt die Stirn, der Marquis lacht aufs Neue. Inzwiſchen haben die Ausrufungen von Clemen⸗ tinens Gatten und das Lachen des Herrn von Follard viele Leute an unſern Tiſch herbeigezogen; die Neu⸗ angekommenen befragen die Anweſenden, um den Vor⸗ fall zu erfahren; ich höre, daß man leiſe ſpricht, daß man auf uns blickt; ich ſehe ſehr gut, daß ich beſonders der Gegenſtand der Bemerkungen der Ge⸗ ſellſchaft bin. Ich ſtelle mich, als gewahre ich es nicht, und halte guten Stand. Die Augen Clemen⸗ tinens ſind immer auf die meinigen geheftet, ſie bit⸗ ten mich um Ausdauer. Unſer Spiel hat einen Charakter von Ernſthaf⸗ tigkeit angenommen, der nicht gewöhnlich iſt. Mein Vater macht eine noch finſterere Miene, ſeine Worte ſind noch trockener und ſeine Augen wenden ſich ab, wenn ſie den meinigen begegnen könnten. 1 Herr von Moncarville murmelt fortwährend zwi⸗ ſchen den Zähnen; mehrmals ſchon hat ihn ſeine Frau gebeten, das Spiel zu verlaſſen, indem ſie fortzu⸗ gehen wünſchte:„Noch nicht, Madame,“ war Alles was ſie erlangen konnte. Der Marquis von Follard allein iſt ſehr luſtig. Von Zeit zu Zeit glaube ich ein ſpöttiſches Lächeln zu bemerken, wenn er ſeine Blicke Paul de Kock. II... 2 18 aauf mir ruhen läßt. Er ſchwatzt, er ziſchelt kichernd mit einem jungen Menſchen, der ſich hinter ſeinen Seſſel geſtellt hat. Ich höre Jenen mit ſpöttiſchem Tone antworten:„Höre doch, mein Lieber, es gibt Leute, die gutmüthige Teufel ſind!“ Ich leide unaus⸗ ſprechlich. Einige Augenblicke verfließen; ein neues Spiel findet zwiſchen dem Marquis von Follard und Herrn Moncarville ſtatt: der Letztere gewinnt; im Augen⸗ blicke des Zahlens aber hält der Marquis inne, in⸗ dem er mit ſpöttiſchem Tone ausruft:„Ah! noch eine Minute! der Herr hat vielleicht wieder vier Karten und er ließe uns ſpielen, ohne ein Wort zu ſagen, wie vorhin!“ 4 Der Marquis hatte noch nicht geendet, als ich meine vor Zorn funkelnden Augen auf ihn hefte und ſofort ausrufe:„Mein Herr, Ihre Bemerkung iſt eine Unverſchämtheit... Ich habe den ärgerlichen Ton des Herrn von Moncarville ſo eben entſchuldi⸗ gen können, weil er ſeit lange vorlor; was ich aber ſo gütig war, von ihm leiden zu wollen, werde ich Andern nicht hingehen laſſen.“ Bei dieſen Worten werfe ich meine Karten vor den Herrn Marquis hin, wie mir vorher Herr Mon⸗ carville die ſeinigen zugeworfen hatte. Der glän⸗ zende Follard wird von meinem plötzlichen Ausfalle ſo ſehr betroffen, daß er einen Augenblick unvermö⸗ gend iſt, mir zu antworten; mein Vater ſagte nichts, allein wider ſeinen Willen dringt aus ſeinen Zügen ein Eiwas hervor, das mich erkennen läßt, daß er 19 mit meinem Benehmen zufrieden iſt. Herr von Mon⸗ carville blickt mich mit ganz erſtaunter Miene anz Clementine wird blaß und zitternd; die Gallerie iſt in Erwartung deſſen, was daraus folgen wird. Herr von Follard faßt ſich bald wieder und ant⸗ wortet mit ſpaßhaftem Tone: Ach! mein Herr, Sie werden jetzt böſe! wer Teufel hätte das erwartet? nehmen Sie aber, ich bitte Sie, einen minder hohen Ton an, ſonſt könnte es ſchlecht gehen. „Wenn wir nicht in einem Hauſe wären, vor dem ich Achtung habe, mein Herr, ſo würde ich Ihnen ſchon Lehren in der Höflichkeit gegeben haben... wir können uns aber anderswo wiederfinden.“ Dieſe Worte habe ich mit leiſer Stimme geſagt, um die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft nicht auf uns zu ziehen, und einen Skandal zu vermeiden. Herr von Follard im Gegentheil ſpricht gefliſſentlich ſehr laut: „Ich bin der Marquis von Follard, mein Herr... Ol ich verſtecke mich nicht... es iſt leicht, mich zu finden!“ Ich nehme eine Karte aus meiner Taſche, die ich dem Marquis zuſchiebe; er liest ganz laut:„Ar⸗ thur, Schriftſteller.. das kenne ich nicht, ich. dann müßte ich wiſſen, ob der Marquis von Follard ſich mit Herrn Arthur ſchlagen kann!“ Ich bin auf dem Punkt, dieſem Unverſchämten meinen Handſchuh ins Geſicht zu werfen, bei dem Namen Arthur aber hat Herr Moncarville einen Aus⸗ ruf der Verwunderung ausgeſtoßen und wüthende Blicke auf ſeine Frau geworfen: dieſe, die ihre Gefühle 20 ſeit einigen Augenblicken nicht mehr aushalten konnte, verliert das Bewußtſein und fällt ohnmächtig auf ih⸗ ren Seſſel zurück. Es gibt eine große Bewegung im Salon; man vergißt unſern Streit, um der Madame Moncarville Hülfe zu bringen; ich ſelbſt ſtehe auf und will zu ihr eilen... aber ich halte an... ihr Mann beobachtet ſie... zu viele Leute umgeben ſie... ich muß An⸗ dern das Vergnügen überlaſſen, ihr beizuſtehen... Man trägt ſie fort in ein anderes Zimmer, an ein Fenſter... Ich folge ihr von ferne; ich ſehe endlich, wie ſie die Augen wieder aufſchlägt... Ihr Mann nimmt ſie beim Arm, führt ſie weg. Arme Cle⸗ mentine! wie viele Qualen werde ich ihr noch zuziehen! Ich will zu dem Marquis zurück und mit ihm ſprechen; ich kehre um in den Salon, das Spiel hatte aufgehört; mein Vater ſaß ſeitwärts allein; Follard ſchwatzte ſtehend mit einigen jungen Leuten. Ich trete näher, und ſage ihm in's Ohr:„Ihre Stunde auf morgen, mein Herr?“ Er ſchien ſehr wenig geſchmeichelt, mich wieder zu ſehen! hatte er etwa geglaubt, ich werde ſo weggegangen ſein? er antwortet mir indeß mit gleichgültiger Miene: „ Norgen um acht Uhr werde ich am Thore Maillot mit Piſtolen auf und abgehen.— Es iſt gut, mein Herr, wir werden uns dort wieder finden.“ Ich entferne mich. Ich ſehe noch, wie Follard auf mei⸗ nen Vater zugeht und ihm auf die Achſel klopfend ſagt: „Wohlan, mein lieber Baron, ich zähle auf Sie für morgen... eine Angelegenheit zum Ausfechten... mit 3 1 21 jenem Herrn, der ſo zerſtreut iſt... Ich bin Ihr Zeuge in London geweſen, Sie werden der meinige in Paris ſein; ich werde Sie in Ihrem Hotel um halb acht Uhr mitnehmen.“ Mein Vater wird ſein Zeuge ſein! Ich weiß nicht mehr, was in mir vorgeht; allein ich gehe aus die⸗ ſem Zirkel weg, die Begebenheit verfluchend, die mich zwang, dort zu erſcheinen. Zweites Kapitel. Der Sekundant. Ich habe eine ſehr peinliche Nacht zugebracht; der Schlaf hat keinen Augenblick meine Augenlieder ge⸗ ſchloſſen: ich ſehe meinen Vater bei dieſem Duell gegenwärtig; es kommt mir vor, als ſchlage ich mich gegen ihn. Dieſer Gedanke macht mich ſchaudern; habe ich mir indeß irgend einen Vorwurf zu machen? habe ich nicht an dem unglücklichen geſtrigen Abend ſo viel Mäßigung gezeigt, als ich konnte? der Baron von Harleville würde erröthet ſein, wenn er einen Feigen in ſeinem Sohn gefunden hätte... und ob⸗ gleich er mir dieſen Namen nicht mehr gibt, bin ich doch überzeugt, daß er ſelbſt im Grund ſeiner Seele keinen ſolchen Gedanken von mir haben könnte. Aber feſt entſchloſſen bin ich, mich ohne Zeugen an den Ort des Stelldicheins zu begeben. Irgend Jemand mitnehmen, würde den Schein haben, als ſtelle ich auch meinem Vater einen Widerſacher 5* 22 gegen über, und dieſer einzige Gedanke macht mir Ent: ſetzen. Der Marquis mag ſagen und glauben, was er will, ich werde keinen andern Zeugen haben, als den ſeinigen. Die Stunde kommt, ich mache meine Vorberei⸗ tungen für den Kampf. Arme Clementine!... wenn ich dich nicht wiederſehen ſoll, wäre es mir ſehr ſüß⸗ dir in einem Brief die letzten Verſicherungen zu hin⸗ terlaſſen... dir zu wiederholen, daß ich nur dich liebte, ehe ich ſtarb! Aber auch dieſer Troſt iſt mir verſagt! ein Brief für Clementinen! wer wird ihn ihr über⸗ geben? ich habe keinen Vertrauten; ihn fremden Hän⸗ den anvertrauen? ich könnte ſie bloßſtellen! Nein ich darf ihr nicht ſchreiben. Ach! an all dem iſt etwas Trauriges, das mir das Herz zuſammen drückt Gehen wir eiligſt! Ich nehme einen Wagen, faſſe meine Piſtolen und laſſe mich an den bezeichneten Ort führen, das Wetter iſt kalt und düſter; die Spaziergänger werden uns nicht beläſtigen. Ich ſteige aus dem Wagen, und denke an meinen Vater; ſeine innige Verbindung mit dem jungen Marquis iſt für mich fortwährend ein Gegenſtand des Erſtaunens. Die Worte, welche Follard geſtern Abend zu ihm ſprach, kommen wieder vor mein Ge⸗ dächtniß:„Ich bin Ihr Zeuge in London geweſen, Sie werden der meinige in Pa⸗ ris ſein!“ 3 Miein Vater hat alſo auch ein Duell in England gehabt! Seine zornige, hochmüthige und anmaßende - 23 Gemüthsart hat ſich mit den Jahren nicht gemildert; und heute wird er vielleicht mit kaltem Blute Zeuge von dem Tode ſeines Sohnes werden! Was habe ich ihm denn gethan? Großer Gott! Aber dieſer Follard... Ach! ich erinnere mich jetzt ja, ich weiß, durch wen ich zum erſten Mal dieſen Namen habe ausſprechen hören; es war durch Herrn Theodor, als ich eines Abends im Schauſpiel hinter zwei Damen war, und jener große Herr, der damals einen Schnurrbart trug, zu ihnen in die Loge kam und mit ihnen ſprach. Alſo i*ſt dieſer ſich ſo nennende Marquis der Freund des Erfinders der tragbaren Waſſerbehälter? Ei! Herr von Follard! ich hatte keine gute Meinung von Ihnen, dies aber bringt Sie bei mir vollends in ganz ſchechten Kredit.“ Das Geräuſch eines Cabriolets zieht mich aus meinen Betrachtungen; es hält an, zwei Männer ſtei⸗ gen aus. Ich erkenne meinen Vater und Follard; ſie kommen auf mich zu. Der Baron hat beſtändig jene kalte, ernſte Miene, welche dem geſchickteſten Phyſiognomiker nicht erlaubt, zu errathen, was er empfindet. Herr von Follard ſcheint mit ſeinem Piſto⸗ lenhalfter, das er in der Hand trägt, zu ſpielen und pfeift im Gehen ein Jagdſtückchen. „Es iſt mir äußerſt leid, mein Herr, daß ich Sie habe warten laſſen,“ ſagt der Marquis, auf mich zukommend.„Allein mein verdammter Schneider, der dieſen Morgen bei mir erſchien, hat ſo lange ge⸗ braucht, mir eine neue Schlafrockform anzupaſſen mit Buff⸗Aermeln, wie die der Frauenzimmer... Ich 4. 24 glaube, daß es gut ſtehen wird... Hier bin ich nun zu Ihren Befehlen? Wo iſt denn aber Ihr Zeuge?“ „Ich habe keinen mitgebracht, mein Herr! Da ich wußte, daß der Herr Baron von Harleville der Ihrige ſein werde, ſo dachte ich, er dürfte für uns beide genügen.— Dies iſt nicht in der Ordnung. Jeder ſoll ſeinen Sekundanten haben. Die Partie muß gleich ſein, das iſt ein Umſtand, den Jedermann weiß!— Mirr iſt er gleichfalls nicht unbekannt, mein Herr! allein ich wiederhole Ihnen, daß ich dem Herrn Baron von Harleville keinen Sekundanten entgegen⸗ ſetzen konnte, und ich bin überzeugt, daß der Herr Baron mein Benehmen nicht tadeln wird.— Mein Vater, der bis ietzt ein völliges Stillſchweigen beob⸗ achtet hatte, macht eine Bewegung der Ungeduld, nimmt das Piſtolenhalfter Follard's und murmelt: „Ja, es kann ſo hingehen.“ „Wohlan, meine Herren, wie Sie wollen!“ er⸗ wiedert Follard,„was ich darüber ſagte, geſchah aus Achtung vor dem Herkommen... ich bin ein ſtrenger Beobachter des Herkommens: im Augenblick jedoch, wo der liebe Baron darein willigt, beiden Theilen als Zeuge zu dienen, würde es mir ſchlecht anſtehen, wenn ich mich widerſetzen wollte. Mein lieber Herr von Harleville, haben Sie die Gefälligkeit, die Waf⸗ fen zu laden. Wie viel Schritte, Herr Arthur?“ „Wie Sie wollen, mein Herr!— O das iſt mir vollkommen gleichgültig! fünfundzwanzig, wenn es Ihnen beliebt?— Ja, mein Herr!“ „Baron, Sie werden die Schritte zählen, dies 25 iſt heute Ihr Geſchäft... in London iſt es das mei⸗ nige geweſen; dort ſchlugen Sie ſich aber wenigſtens für ein hübſches Frauenzimmer, während ich heute eigentlich nicht weiß, warum ich mich ſchlage; was liegt daran? es wird für mich vielleicht eine beſſere Gelegenheit kommen!“ Während Follard ſprach, lud mein Vater die Pi⸗ ſtolen, und mit jenem ewig kalten Geſicht, das gar keine Bewegung anzeigt, tritt er mir näher, bietet mir eine Waffe dar... meine Hand zittert, als ich ich ſie annehme... Ahl es iſt nicht Furcht; aber ich bedenke, daß mein Vater es iſt, der ſie mir darbietet! Ich habe das Piſtol genommen, ohne die Augen nach ihm aufzuſchlagen... Ich ſtelle mich auf; er zählt die Schritte ab! „Wer wird zuerſt ſchießen?“ fragt Follard, ſich auf den Punkt ſtellend, wo mein Vater gehalten hat. „Sie, mein Herr!— Ich 2... ich werde es nicht thun, ich ſchwöre Ihnen!— Nun gut, miteinander denn.— Ja, miteinander, dies wird billiger ſein. Baron, Sie geben das Zeichen durch Zuſammenſchla⸗ gen der Hände!“ 8. Wir halten jeder unſre Waffe, wir haben die Augen ſtarr auf einander geheftet, wir erwarten das Zeichen, das uns mein Vater geben ſoll, als der Baron, der ſich einige Schritte von uns entfernt hatte, plötzlich und eilfertig zwiſchen uns tritt, und uns mit bewegter Stimme, ohne diesmal ſeine Aufregung zu verbergen, zuruft: 8 „Haltet an... haltet an! meine Herren, ihr 26 dürft euch nicht ſchlagen! Dieſer Zweikampf kann nicht ſtattfinden... Herr Arthur, übergeben Sie mir Ihre Waffe... Herr von Follard, geben Sie mir Ihr Piſtol!.. Ihr Zank mit dem Herrn iſt eine Kleinigkeit, ich kenne euren beiderſeitigen Muth, ich wiederhole euch, ihr dürft euch nicht ſchlagen!“ 3„Hal ha! mein lieber Baron, was bedeutet dieſer Scherz? Sie laden die Waffen, zählen die Schritte ab, und ſofort, nachdem Ihnen, ich weiß nicht was durch den Kopf gefahren, wollen Sie nicht mehr, daß wir uns ſchlagen ſollen! Gewiß, ich habe viele Ehrerbietung für Sie; allein es ſcheint mir, daß Sie die Gewalt, die Sie über mich haben, mißbrauchen.“ „Nein, Marquis, dieſes Duell darf nicht ſtatt⸗ finden... es iſt unnöthig... einige im Zorn aus⸗ geſprochene Worte machen noch keine Beleidigung aus. Herr Arthur wird mir beiſtimmen, hoffe ich?“ Ich antworte nicht, aber ich wage meinem Vater nicht zu widerſtehen, und gebe ihm die Waffe zurück, die er mir dargereicht hatte; ich empfinde ſogar eine geheime Freude über das, was er in dieſem Augen⸗ blicke thut, denn ich berede mich, daß die Natur es iſt, die wider ſeinen Willen zu ſeinem Herzen ſpricht. Der Marquis läßt ſich ſein Piſtol ebenfalls wie⸗ der abnehmen; er blickt den Baron an und beginnt zu lachen, wobei er in die Worte ausbricht:„In Wahrheit, mein lieber Freund, ich habe Sie nie ſo bewegt geſehen, ſelbſt da nicht, als Sie die Verthei⸗ digung meiner hübſchen Baſe übernahmen!“ „Nun, Herr von Follard, dieſe Angelegenheit iſt . —,— — 627 beendigt, ich werde Sorge tragen, bekannt zu machen, daß Sie und Ihr Gegner ſich als Männer von Ehre benommen haben, und man bezweifelt nicht, was der Baron von Harleville behauptet; jetzt wollen wir den Herrn begrüßen und gehen!“ Bei dieſen Worten hat mein Vater den Arm ſei⸗ nes jungen Freundes gefaßt; dieſer zieht ſeinen Hut vor mir ab, ich thue daſſelbe, und ſehe nun die bei⸗ den Herren wieder in das Cabriolet ſteigen, das ſie hergebracht hat und bald meinen Augen entſchwindet. Im Ganzen iſt es mir nicht leid, daß die Sache auf dieſe Art abgethan worden iſt. Wie bewegt mein Vater war, als er ſich zwiſchen mich und den Mar⸗ quis ſtürzte! es war nicht mehr jener flegmatiſche und finſtere Mann! es war ein Vater, der das Blut ſeines Sohnes fließen zu ſehen fürchtet! Ach! wenn ich es gewagt hätte, mich in ſeine Arme zu werfen! er würde mich aber vielleicht zurückgeſtoßen haben, denn ſeine Rührung iſt von ſehr kurzer Dauer gewe⸗ ſen! Kaum war es entſchieden, daß wir uns nicht ſchlagen würden, als er ſeine finſtere Miene wieder annahm, wie aus Scham, einer Gefühlsbewegung nachgegeben zu haben. 3 Ich kehre in mein Haus zurück; ich möchte jetzt gerne wiſſen, was Herr Moncarville zu ſeiner Frau geſagt hat, und erwarte mit Ungeduld einen Brief Clementinens. Aber acht Tage gehen hin, und ich erhalte keine Nachricht. Arme Clementine! man läßt ihr alſo nicht einmal die Freiheit, zu ſchreiben? Julie wird ihre Drohungen verwirklicht haben, ſie wird gerächt ſein! Uebrigens habe ich ſie ſeit jenem denkwürdigen Morgen nicht mehr getroffen, nicht mehr geſehen. Mein einziger Wunſch iſt, nicht mehr von ihr ſpre⸗ chen zu hören. 1 Eines Morgens klopft man leiſe an meine Thüre, ich rufe herein, ich weiß, daß mein Schlüſſel ſteckt. Man macht vorſichtig auf, man tritt mit gemäch⸗ lichen Schritten ein; ich drehe mich um: Adolph iſt es, der mit niedergeſchlagenen Augen, betrübter und verdutzter Miene auf mich zukommt. Ich kann nicht umhin, zu lächeln, wenn ich dieſe Miene anſehe, obgleich ich weiß, daß es ihn ärgert, weil er glaubt, ich lache, um mich über ihn luſtig zu machen. Indeß will ich ihn ſich diesmal erklären laſſen, ich warte ziemlich lange, ehe er den Mund aufthut; endlich entſchließt er ſich:„Guten Morgen, Herr Arthur!— Guten Morgen, Herr Adolph!— Geht es gut, ſeit ich Sie nicht geſehen habe?— Es geht ſehr gut, ich danke Ihnen.— Ich, ich habe einen ſehr ſtarken Schnupfen gehabt.— Ahl dies iſt ärgerlich.“— Und Adolph ſtopft ſich den Mund mit Kandel⸗ zucker und ſchaukelt ſich auf einem Seſſel; er iſt im Stande, eine Stunde ſo zu bleiben, ohne daß er mir ſagt, was ihn herführt. Die Ungeduld übermannt mich und ich rufe aus:„Ei! kommen Sie noch in der Abſicht, ſich mit mir zu ſchlagen? Ich habe Sie um vierzehn Tage Aufſchub gebeten; ſie ſind vor⸗ über... wozu haben Sie ſich entſchloſſen?— O! — —,———nnF˙·p—iʃ³;— 29— ich denke nicht mehr daran. Ich habe ſeitdem einge⸗ ſehen, daß ich Unrecht hatte; wenn ich mich mit Jemand ſchlagen würde, ſo wäre es mit dem Schuft von Theodor! Sie kennen ihn ja, den Theodor, der eine Unternehmung gemacht hatte?— Ja, das wan⸗ dernde Baſſin. Nun gut! ſind Ihre Aktien geſtiegen, haben ſich Ihre Kapitalien verdoppelt, verdreifacht? — Ach! ja, meine Kapitalien! die ſind weit fort! und meine Aktien von hundert Franken man würde mir keine hundert Sous dafür geben. Stellen — Sie ſich vor, dieſer niederträchtige Theodor iſt abge⸗ reist, ich weiß nicht wohin, vor zwei Tagen. Ich bin in ſeine Wohnung gegangen, um zu erfahren, wie unſere Angelegenheit ſtünde, aber da war kein Theodor mehr! er iſt verſchwunden, man weiß nicht, wohin er gegangen iſt, und der Pförtner hat mich verſichert, daß mehr als zwanzig Perſonen von ihm hintergangen worden ſind; das Geld meines Oheims iſt alſo ſo gut als verloren!— Sie können ſogar ſagen, völlig verloren. So iſt es, wenn man auf Niemand hören und nur ſeinem Kopf folgen will, während man doch keine Erfahrung hat!— Ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich künftig nicht mehr ſo dumm ſein werde; ich werde Niemand mehr trauen!— Man muß nicht in das entgegengeſetzte Extrem verfallen; nicht alle Menſchen ſind Spitzbuben, Gott ſei Dank! — Deſſen ungeachtet werde ich ſtets auf meiner Hut ſein.— Ich hatte mich ebenſowenig in Julien als in Theodor betrogen. Ihre Verbindung mit dieſer Frau hätte unangenehme Folgen für Sie gehabt; merkt, es wäre mir ſehr leid!— Wohnt ſie immer 30 denn Julie hat Verſtand: ſie weiß die Leute zu fan⸗ gen! ſie hätte Alles mit Ihnen gemacht, was ſie gewollt hätte.— O! Alles, dies iſt eine Redens⸗ art! dennoch bin ich ſehr froh, daß ich ſie los bin. — Sie ſehen ſie nicht mehr?— Gelegentlich be⸗ noch in Ihrem Hauſe?— Rein, ſie iſt den Tag, nachdem ich ſie bei Ihnen gefunden hatte, ausgezogen. — Dies iſt ein Glück für Sie. Aber glauben Sie mir, Adolph, vermeiden Sie ſie, es iſt eine gefähr⸗ liche Frau, ſie würde Sie abermals verblenden.— Wie? was? nach dem, was ich geſehen, wäre es ein wenig zu ſtark. Ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich ihr ohne Gefahr begegnen kann, ich möchte ihr ſogar begegnen, um ihr Blicke der Verachtung zuzuwerfen. Aber bei Allem dem kann ich Ihnen jetzt nicht heim⸗ geben, was ich Ihnen ſchuldig bin: das thut mir leid!— Ich bitte, denken Sie nicht an dieſe Kleinig⸗ keit, und wenn ich Sie verbinden kann, ſprechen Sie! — Nein, ich lebe jetzt ganz geſetzt, ich begnüge mich mit der Penſion, welche mir mein Vater zahlt; ich mache keine Tollheiten mehr.— In dieſem Fall ge⸗ hen Sie mit mir zum Mittageſſen! wir wollen uns ein wenig aufzuheiten ſuchen; Sie verjagen das An⸗ denken an Ihre letzte Liebſchaft, und ich werde mir Mühe geben, das Gleiche zu thun, wiewohl ich mich nicht über die zu beklagen habe, die ich liebe, weil ich aber doch gerne weniger an ſie denken möchte.“ Ich nehme Adolph mit zum Mittageſſen bei einem Reſtaurgteur. Sein letztes Abenteuer mit Julien hat v V 31 ihm den Appetit nicht genommen, dagegen viel Un⸗ muth gegen die Frauenzimmer eingeflößt. In einem Augenblick von Redſeligkeit ruft er aus:„Ich will auf ein Geſchlecht verzichten, dem man nicht trauen kann!— Eil! ei! was ſagen Sie da, mein armer Adolph⸗? auf die Frauen verzichten mit zwei und zwanzig Jahren! Sie wären ſehr zu beklagen, mein Freund.— Wenn ſie uns aber alle betrügen!— Erſtlich liegt das Uebel nicht darin, daß man betro⸗ gen wird, Alles hängt davon ab, auf welche Weiſe man es wird.— Ich geſtatte es auf keinerlei Weiſe; ich will eine Frau für mich allein.— Dies iſt vielleicht Selbſtſucht: ich glaube nicht, daß die Natur ein ſchönes Werk für das Glück eines einzigen Indivi⸗ duums erzeugt; ſie macht ſo viele Häßliche, daß es in dieſem Fall manche Unzufriedene gäbe. Voraus⸗ geſetzt aber, wir können glauben, daß wir im alleinigen Beſitz ſind, iſt dies nicht Alles, was man braucht, um glücklich zu ſein?— Ol Sie ſind zu gleichgültig! es iſt mir nicht genug, daß ich eine Sache glaube, ich will, daß ſie in der Wirklichkeit ſo ſei! Dieſe Julie!... wenn Sie all' die Schwüre, alle die Liebesbetheurungen wüßten, die ſie mir machte!— In der Liebe, wie in allen Dingen, muß man den Leuten mißtrauen, die viel ſprechen. — Sie gab mir die ſüßeſten Namen! ſie nannte mich ihre Sonne, ihren Gott, ihre kleine Katze!.. Sie ſagte zu mir: Wenn du eine andere Frau lieb⸗ teſt, würde ich dir die Augen auskratzen, ich würde dir... ich würde dir eine Menge Meſſerſtiche verſetzen. 32 — Solche Drohungen, die überdies von ſehr ſchlech⸗ tem Tone ſind, beweiſen, daß eine Frau heftig und rachſüchtig, aber keineswegs, daß ſie treu iſt.— O! was die Treue betrifft, ſo wiederholte ſie mir täglich: Ich, dich betrügen! wie wäre dies möglich? Die andern Männer, ſiehſt du, alle andern Männer, wären ſie noch ſo prächtig, machen auf mich die Wirkung einer Arznei; wenn ſie ſich mir nahen wollten, würde ich Ekel bekommen.“ Ich kann nicht umhin, zu lachen, als ich ver⸗ nehme, was Julie ſagte, und Adolph, noch mehr ſich ereifernd, fortfährt:„Dies ſagte ſie mir oft, dieſe nichtswürdige Frau! und hierauf finde ich ſie in den Armen eines Andern!... O falſche Herzen! O Seelen ohne Treu und Glauben! ſie möge ſich nie mehr einfallen laſſen, mit mir zu ſprechen; ich würde es ihr ſchlimm machen!“ „Nun, Adolph, mäßigen Sie ſich, laſſen Sie ſich nicht durch Ihren Unmuth hinreißen! Sie ſind noch neu in Liebeshändeln, lernen Sie ſolche Vor⸗ fälle ertragen! Eine untreue Geliebte! ach! mein Gott! das iſt ſo gewöhnlich, daß man närriſch wäre, wenn man ſich darüber betrüben wollte... ahl wenn es ſich um ein tieferes Gefühl handelte, um eine alte Freundin, würde ich Ihren Kummer begreifen; aber wegen einer Liebſchaft!... man muß darüber lachen.— Eine Liebſchaft! die mich entſetzlich koſtete! ich ſagte Ihnen nicht Alles, was dieſe Frau da mich ausgeben ließ!— Ich glaube es wohl.— Sie war von einer Koketterie.. wenn wir ausgingen, fand —— —õ—— 33 3 ſte immer Mittel, ſich irgend einen Putz, einen Flit⸗ ter oder ſogar ein kleines Möbel kaufen zu laſſen; vorzugsweiſe richtete ſie es ſo ein, daß wir unſern Weg durch die Paſſagen nahmen, weil dort lauter Läden ſind. Gingen wir Abends ſpazieren, ſo ſagte ſie: O! wir wollen durch die Paſſagen gehen, es iſt luſtiger, lebhafter! Und mein Geld blieb ſtets in der Paſſage! Und dann leckerhaft... wenn ich ihr ge⸗ folgt hätte, würden wir alle Tage bei dem Traiteur geſpeist haben.— Und Sie nahmen ihren Sohn nie mit?— Ah, freilich! ſie gab dem Pförtner zwei Sous, und ſagte zu ihm: Sie kaufen Oskar gebra⸗ tene Kartoffeln. Armer Kleiner! wie viel hat er gebratene Kartoffeln verzehrt! Wenn ich ihm irgend. eine Leckerei mitbrachte, war es immer Julie, die es aß, da ſie behauptete, dies würde nicht für ihn taugen, zudem müſſe man ihn nicht leckerhaft machen.“ „Mein lieber Adolph, Ihre Verbindung mit Ma⸗ dame Ulyſſe wird Ihnen nicht ganz nutzlos ſein; ſie wird Ihnen Erfahrung geben, Sie lehren, daß man den Schwüren, den Liebesbetheurungen nicht buch⸗ ſtäblich glauben darf; denn ſehen Sie, dies iſt eine umlaufende Münze, die man in der Welt beſtändig austauſcht, und die ſelten bei dem bleibt, der ſie erhalten hat. Aber beharren Sie deßhalb nicht in 4 Ihrem Groll gegen die Frauen: Sie würden ſich ſelbſt mehr ſtrafen, als jene.— Gleichviel, ich will mich nicht leicht wieder der Liebe hingeben! ich will alle Vorſichtsmaßregeln ergreifen, ehe ich mich ver⸗ führen laſſe.— Sie werden ſehr ſtark ſein, ſo lange Paul de Kock. II. 3 3 34 Sie nicht verliebt ſind; ſo wie man Ihnen aber ge⸗ fallen hat, werden Sie ſich feſſeln laſſen; Sie wer⸗ den die Vergangenheit vergeſſen und abermals allen Schwüren glauben, die man Ihnen macht.— O nein! — Ol freilich!“ Ich führe Adolph in's Theater, und da wir unſern Platz neben ziemlich hübſchen und geſprächigen Da⸗ men finden, knüpfe ich eine Unterhaltung mit meinen Nachbarinnen an; allein Adolph nimmt keinen Theil daran, und wenn ich ihn leiſe auffordere, den Liebens⸗ würdigen zu machen, antwortet er mit großem Ernſt: „Dieſe Frauenzimmer da haben eine zu leichtſinnige Miene, das gefällt mir nicht.“ Als ich Adolph am Abend verlaſſe, lade ich ihn ein, mich öfter zu beſuchen und beſonders kein Men⸗ ſchenfeind, noch weniger aber ein Weiberhaſſer zu werden; im Grunde bin ich darüber ganz ruhig und möchte wetten, daß ſeine großen Entſchlüſſe nicht lange halten werden. Ich bin nach Hauſe gekommen, ich will bei mei⸗ nem Pförtner ein Licht nehmen.. Ich erblicke Herrn Lubin, in der Loge ſitzend, mit einer großen Rolle auf dem Schoße. Ach! mein Gott! hat er gar mei⸗ nen unglücklichen Hausvogt gezwungen, ſein Chaos anzuhören! Herr Lubin ſteht auf, wie er mich erblickt, und ſagt zu mir:„Mein Herr, ich erwartete Sie, indem ich mit Ihrem achtungswerthen Pförtner plauderte... nicht, daß ich die Abſicht hätte, Sie in irgend etwas zu beläſtigen, ſondern um Ihnen meinen Stamm⸗ 35 baum zu bringen und Ihnen denſelben perſönlich zu erklären.“ „Ol mein Herr, ich bin ermüdet, ich habe große Luſt zu ſchlafen, und es wäre mir unmöglich, dieſen Abend Ihre Erklärungen anzuhören...— Gut, mein Herr, dies iſt mir ganz recht, denn ich ſelbſt habe auch Ruhe nöthig.— Alsdann, mein Herr, wünſche ich Ihnen eine gute Racht.. wir wollen uns ſchla⸗ fen legen!“ Ich hatte die Scharicke, welche Herr Lubin mir dargeboten, genommen, und ſtieg meine Treppe hinan, als der Gelehrte mir nachläuft und mit beſcheidener Miene zu mir ſagt:„Mein Herr, mein Stamm⸗ baum wird gewöhnlich mit fünf Franken bezahlt.— Eil mein Gott, warum ſagten Sie es nicht bälder! hier ſind hundert Sous, ich wünſche Ihnen eine gute Nacht.“ Ich ſteige ſchnell die Treppe hinauf, ohne auf den Dank und die Complimente des Herrn Lubin zu hören, und in meinem Zimmer angelangt, fange ich damit an, mein Feuer mit dem Stammbaum des Verfaſſers des Chaos anzuzünden. Ich bin im Begriff zu arbeiten, als ich an meine Thüre klopfen höre. Wäre es wieder Herr Lubin! dies ginge über den Spaß hinaus und ich bin ent⸗ ſchloſſen, ihm nicht aufzumachen; allein ich erkenne die Stimme meiner Pförtnerin, die mir zuruft:„Ich bin es, Herr: es iſt ein Brief, den ich vergeſſen habe, Ihnen einzuhändigen.“ Ich öffne ſchnell, die Pförtnerin gibt mir einen 36 Brief mit den Worten:„Jener große ſchwarze Mann iſt Schuld, daß ich nicht mehr an dieſen Brief dachte. Können Sie glauben, mein Herr, daß er um ſieben Uhr Abends in unſre Loge kam, und nun wird es bald zwölf Uhr ſchlagen! Er betäubte uns mit Ge⸗ ſchichten, von denen wir nicht das Geringſte ver⸗ ſtanden haben! und ich wagte aus Höflichkeit nicht, einzuſchlafen.“ 1„Wenn er wieder kommt, ſo ſagen Sie ihm im⸗ mer, daß ich nicht zu Hauſe bin, daß ich nicht nach Hauſe kommen werde, und daß es vergeblich ſei, wenn er auf mich warte.— O! mit Vergnügen, mein Herr; denn zwei Perſonen wie dieſer in unſrer Loge, und man könnte die Sinne verlieren!“ Ich eile an mein Feuer zurück; der Brief iſt von Clementinen; ich habe ihre Handſchrift erkannt.. ich kann es kaum erwarten, ihn zu leſen: dabei empfinde ich jene Zufriedenheit, die man fühlt, wenn man allein und ungeſtört ein Billet leſen kann, das man von derjenigen empfängt, die man liebt. Sehen wir, was ſie mir ſchreibt! „Mein Freund, ſeit ich Sie in jener unheilvollen Abendgeſellſchaft geſehen habe, bin ich ſehr unglück⸗ lich! Zuerſt war ich ſchrecklich gequält durch die Furcht, Sie möchten ſich ſchlagen; als ich meine Sinne wieder erlangte, mußte ich die Vorwürfe des Herrn Moncarville anhören, der behauptete, ich hätte Ihnen in dieſem Zirkel ein Stelldichein gegeben, hätte mich Ihnen gegenüber geſetzt, um Sie mit mehr Muße zu ſehen, und tauſend andere Dinge, auf die ich 4 2 * 37 nur mit Stillſchweigen antwortete. Indeß hatte ſich Herr Moncarville beruhigt, es war keine Rede mehr von Ihnen, als man ihm den folgenden Tag einen Brief einhändigte, ich weiß nicht, von wem er kam; nachdem jedoch Herr Moncarville ihn geleſen hatte, wechſelte er die Farbe, trat auf mich zu... Ich glaubte, er wolle mich ſchlagen, ſo aufgebracht ſchien er; er gab mir die abſcheulichſten Namen, indem er ausrief, daß dieſer Brief ihm die ausführlichſten Aufklärungen über meine ſchlechte Aufführung gäbe; er ſtieß die entſetzlichſten Drohungen aus, kündigte mir an, daß ich nicht mehr allein ausgehen dürfe, und daß er mich, wenn er irgend einen neuen Be⸗ weis meines Vergehens erhalte, einſperren laſſe. So bin ich nun Gefangene, unter Aufſicht! Ich muß alſo darauf verzichten, Sie zu ſehen; nie aber, Sie zu lieben! die ſchlechte Behandlung, die man mich erdulden läßt, vermehrt noch die Abneigung, die ich immer für den Mann empfunden habe, den man mich zu heirathen gezwungen hat. Ach! wenn ich gewiß wäre, daß ich von Ihnen geliebt werde, Ar⸗ thur, dann würde ich nicht ganz unglücklich ſein. Wer hat aber dieſen Brief ſchreiben können, der Herrn Moncarville ſo in Harniſch jagte? Ahnen Sie es? Wer hat denn ſo übelwollend gegen mich ſein können? Ich fürchte es zu errathen! Ich ſchreibe Ihnen, ohne zu wiſſen, ob ich dieſen Brief Ihnen zukom⸗ men laſſen kann; dies iſt gleich, ich ſchreibe immer⸗ hin... Man will nicht mehr, daß ich ausgehe, ich werde Dich alſo nicht mehr fehen können. Ach! ich 38 bin entſchloſſen, Allem zu trotzen, um Dich noch ein⸗ mal zu umarmen. Allein ſie ſind im Stande, mich einzuſperren! Leb wohl! Arthur! Denken Sie ein wenig an diejenige, die Iynen Alles geopfert hat, deren einziger Troſt der Gedanke iſt, von Ihnen ge⸗ liebt zu ſein, und die ſterben würde, wenn ſie dieſe letzte Hoffnung verlöre!“ Dieſer Brief iſt ſehr traurig! Arme Clementine! ich fühle, daß ſie glücklicher geweſen wäre, wenn ſtie mich nicht gekannt hätte. Das Datum des Billets iſt zehn Tage alt; ſie hat dieſe ganze Zeit hindurch kein Mittel gefunden, es auf die Poſt legen zu laſſen! Ha! Julie! Sie ſind es, ich weiß es gewiß, die an Herrn Moncarville geſchrieben, die ihm Aufſchlüſſe über ſeine Frau gegeben hat! Sie machen Clemen⸗ tinen unglücklich. Und dies Alles um ſich zu rächen, weil ich ſo freimüthig geweſen bin, Ihnen ins Ge⸗ ſicht zu ſagen, daß ich Sie nicht liebe, daß ich nie Liebe für Sie gefühlt habe! Sei einer offen gegen die Frauen! wie herrlich das ausſchlägt! Drittes Kapitel. Abenteuer eines Schriftſtellers. Mehre Monate ſind verfloſſen; ich habe von Cle⸗ mentinen weder ſprechen hören, noch Nachrichten von ihr erhalten; ich bin weder meinem Vater, noch Julien begegnet, und Adolph, der mich eine Zeitlang 39 nicht verließ, macht mir jetzt nur noch ſelten Beſuche, was mich vermuthen läßt, daß ein neuer Liebeshan⸗ del ihn beſchäftigt; da er mir aber nichts ſagt, mache ich keine Frage an ihn. Ich weiß, was mich die einzige Einmiſchung gekoſtet hat, wodurch ich ihm beweiſen wollte, daß ſeine Geliebte ihn betrügt; ich habe keine Luſt, wieder anzufangen. Ich möchte mich gerne zerſtreuen, möchte gerne eine neue Geliebte haben... das iſt ſehr ſchlecht! wird man mir ſagen. Und die arme Clementine, die Sie ſo ſehr liebt, die Ihnen Ihre Ruhe zum Opfer gebracht hat, die ſo unglücklich iſt, weil ſie Sie ge⸗ kannt hat, Sie wollen ſie alſo vergeſſen? Ach! die Männer ſind ſo nichtswürdig! Erſtlich will ich mich nicht beſſer machen, als ich bin; ich weiß Alles, was Clementine für mich ge⸗ than hat, und liebe ſie immer. O. ich liebe ſie auf⸗ richtig; aber Eins wie das Andere, ich treffe ſie ja nicht mehr. Und aufrichtig geſprochen, kann ich mich denn in meinem Alter mit dem Andenken an ſie begnügen? Ich ſage nicht, daß ich eine andere Frau ſo ſehr lieben werde, wie Clementinen, es wird mich aber wenigſtens zerſtreuen, beluſtigen; und ein Schrift⸗ ſteller muß ſich beluſtigen, ſonſt wird er traurig, kalt, und ſeine Werke leiden darunter. Ach! mein Vater hat gut reden, ich kenne kein angenehmeres Daſein, als das eines Künſtlers. Au⸗ ßer jenen Genüſſen der Eigenliebe, die er fühlt oder hofft, bereiten ihm auch Niederlagen Empfindun⸗ gen, welche uns wenigſtens fühlen laſſen, daß wir 3 nicht bloß Maſchinen ſind. Hiezu füge man eine Menge anziehender, komiſcher Abenteuer, deren Held oft ein Künſtler iſt; und meiner Meinung zufolge müſſen die Dichter, die Maler, die Muſiker, Ton⸗ ſetzer, kurz alle Perſonen, die ſich dem Cultus der Künſte hingeben, unter der Benennung Künſtler be⸗ griffen werden. Ich weiß wohl, daß einige Schrift⸗ ſteller, die ſtolz auf das Genie ſind, welches ſie zu haben glauben, den Titel Künſtler, den ich den Dichtern gebe, zu gering, oder zu alltäglich finden werden; wenn es ſich aber darum handelt, aufzu⸗ regen, zu rühren, zu erheitern: was liegt alsdann daran, ob dies mit einer Feder, einem Pinſel oder einer Leyer geſchieht? die Hauptſache iſt, daß man den Zweck erreicht. Die Frauen entſchädigen die Künſtler für die Kri⸗ tiken der Kotterien, für die Urtheile des Neides und die Complimente der Dummköpfe. Im Allgemeinen lieben ſie talentvolle Perſonen; denn es liegt immer Eigenliebe in der Liebe, und dann iſt der Ruhm wie die Sonne, er wirft ſeinen Glanz auf Alles, was ihm nahe kommt. Was mich betrifft, ich finde, daß die Damen ſehr recht thun, die Künſtler von Ruf zu lieben; dies macht ihrem Geſchmack Ehre, und be⸗ weist, daß ſie auf Belohnung des Talents halten, was die Männer häufig vergeſſen. Wenn eine Dame ein Werk geleſen hat, das ihr gefällt, ein Gemälde geſehen, das ſie bezaubert, oder eine Muſik gehört, die ſie entzückt: ſo arbeitet, ſo ſteigert ſich ihre Einbildungskraft; ſie wünſcht den zu 2 41 kennen, der ſie ſo füße Gefühle empfinden ließ, der ihr einige angenehme Stunden verſchafft hat; ich finde dieſes Verlangen ganz natürlich, und bin der Anſicht, daß die Damen demſelben ſtets nachgeben ſollten. Wahrſcheinlich aber iſt dies für die meiſten Da⸗ men nur ein vorübergehender Gedanke, nur eine Idee,... die ſo lange dauert, als man ſie zu faſ⸗ ſen braucht: eine andere folgt ihr; der Anblick eines neuen Gegenſtandes, ein Zeug nach der Mode, ein Beſuch haben den Künſtler ſchon in Vergeſſenheit ge⸗ bracht, den man zu kennen wünſchte, als man ſich noch unter der Gewalt des Eindrucks befand, den ſein Werk hervorbrachte.. Indeß gibt es einige ſtarke Geiſter, einige exal⸗ tirtere oder mehr philoſophiſche Köpfe, die jener Be⸗ wegung der Neugierde folgen. Welches Uebel liegt auch, im Ganzen genommen, darin, wenn man ein paar Zeilen ſchreibt, die man entweder gar nicht, oder mit dem nächſten beſten Namen unterzeichnet? Es ſind wenige Künſtler, die nicht ſolche Billete von Frauenhand erhalten hätten, auf welche man ſie bittet „ Pposte restante zu antworten(dies iſt eine hequeme ſ Weiſe, wenn man ſeine Adreſſe nicht wiſſen laſſen will). In ſolchen geheimnißvollen Sendſchreiben ſagt man Alles, was einem in den Sinn kommt. Zu⸗ weilen ertheilt man uns Rathſchläge, zankt uns über eines unſerer Werke, becomplimentirt uns über ein aanderes, und bittet immer um eine Antwort, die wir aaus Galanterie keiner Dame verſagen. In der That *. ——jj— — „ p 42 iſt es ſelten,— ausgenommen die Epiſtel wäre gar zu voll von orthographiſchen Fehlern,— daß man nicht darauf antwortet. Wie aber Lord Byron, der wahrſcheinlich öfters ſolche Sendſchreiben erhielt, tref⸗ fend bemerkt:„Gebt alsdann ſehr auf das Acht, was ihr antwortet!“ Und man glaube nicht, es liege die geringſte Geckenhaftigkeit in der Behauptung, daß man ſolche Billete erhalten habe! Erſtlich ſind ſie nicht immer ſchmeichelhaft, und dann wenden ſie ſich an den Künſt⸗ ler, nicht an den Mann; glaubt man endlich, daß es angenehm ſei, wenn man, dem von uns an den Tag gelegten Wunſche nachgebend, ſich zu einer Zu⸗ ſammenkunft verſteht, und wir in allem Eifer an dem bezeichneten Orte eintreffen, von Ferne den Putz ſuchend, den man uns ſorgfältig mit allen Einzeln⸗ heiten beſchrieben hat, mit geſteigerter Einbildungs⸗ kraft für eine Unbekannte, aus der wir uns einen reizenden Gegenſtand gemacht haben,— glaubt man, ſage ich, daß es ſehr angenehm ſei, wenn man ſich endlich einer Frau von vollen, wohlgezählten fünfzig Jahren gegenüber befindet, die noch ſo boshaft ge⸗ weſen iſt, einen Hut mit einem Schleier aufzuſetzen, die auf uns zukommend, ſchmachtende Augen, einen lächelnden Mund zeigt, und mit Ziererei zu uns ſpricht:„Ah! Sie ſind es,... ich hatte Sie von Ferne geahnt!...“ Dann bleibt ihr betäubt wie vom Schlage ſtehen; ihr wagt weder rückwärts, noch vorwärts zu gehen; ihr ſtottert einige Worte ohne Zuſammenhang; ihr geht nicht durch, weil es unartig 43 wäre, und man gegen Damen ſtets höflich ſein muß; aber ihr wißt nicht mehr, was daraus werden ſoll. Während dem kommt es euch vor, daß man euch beim Arme faßt und fortzieht, mit den Worten: „Wir wollen hier nicht ſtehen bleiben... ich fürchte, man möchte uns hier treffen!“ „Ach! mein Gott! wohin will ſie denn, daß ich ſie führe 2... ich muß ſchnell irgend ein Mittel fin⸗ den, mich derſelben zu entledigen!“ Dies iſt gewöhnlich die fire Idee des Künſtlers, der ſich in ſolcher Lage befindet. Sei't daher nur eitel auf geheimnißvolle und verliebte Brieſfchen, die ihr erhaltet! Und doch— ich geſtehe es— möchte ich in die⸗ ſem Augenblick einen jener anonymen Briefe erhal⸗ ten, um mich zu zerſtreuen und meine Seußzer ein wenig zu verſcheuchen, ſollte auch die Verfaſſerin des Billets der Perſon gleichen, deren Portrait ich ſo eben gezeichnet habe! ich, ich bin ſchnell entſchloſſen. Wenn ein Abenteuer nicht ſentimental iſt, muß es komiſch ſein, und dies iſt immerhin Etwas. Mit fünfzig Jahren kann eine Frau ſehr liebenswürdig ſein(das Alter benimmt dem Verſtand der Frauen nichts); ich mache ihr dann nicht den Hof, man knüpft aber eine Unterhaltung an: iſt die Dame lächerlich, ſo gibt es ein Portrait aufzunehmen, das man ſpäter anwendet. Es iſt viel, wenn man Ori⸗ ginale darſtellt! denn um in einem Roman wahr zu ſein, darf man die Perſonen nicht ſchaffen, man muß ſie ſich ins Gedächtniß rufen. 44 Sat man mehre Liebeshändel im Gang, kann man mit ſeinen eingefädelten Liebſchaften kaum fertig wer⸗ den: ſo kommen ſolche galante Billete zu Dutzenden; hat man dagegen keine Liebe auf dem Herzen, oder iſt man der Zerſtreuung bedürftig: ſo wird man nicht das allerdünnſte Brieſchen empfangen! So geht es faſt immer im Leben; die Dinge kommen, aber ſel⸗ ten zu rechter Zeit.* Vor meinem Schreibtiſch ſitzend, ſtellte ich eines Tages dieſe Betrachtungen an; ich kam von einer Repetition zurück, wo man mich hatte Abänderungen machen laſſen wollen, wo die Schauſpielerin des Ta⸗ ges mit einer Schläfrigkeit, die mich zur Verzweif⸗ lung brachte, und wie aus Gnade eine Rolle repetirt hatte, welche ich bezaubernd, und ſie unter ihrem Talente fand. Das Blut war mir in Wallung ge⸗ rathen, ich war unzufrieden mit mir, mit den Schau⸗ ſpielerinnen, mit der ganzen Welt, nach Hauſe ge⸗ kommen, und in dieſem Augenblick ſchien mir die Beſchäftigung des Schriftſtellers nicht mehr diejenige, wobei man die meiſten Freuden genießt. Meine Pförtnerin übergibt mir einen Brief, den der Briefträger ſo eben gebracht hat; ich betrachte die Handſchrift... er iſt nicht von Clementine, allein ich wette, er iſt von einem Frauenzimmer. Der Brief iſt hübſch zuſammengelegt, gut geſiegelt, von feinem und weichem Papier.. günſtige Vorzeichen; aus hun⸗ derten heraus würde ich an der bloßen Art, wie er geſiegelt iſt, den Brief einer Dame von der großen Welt und den einer Griſette unterſcheiden: das ſei 4⁵ geſagt, ohne im geringſten dieſe Frauenzimmer zu beleidigen; man kann ſehr hübſch, ſehr liebenswürdig ſein und doch einen Brief ſchlecht zuſammenlegen. Ich öffne dieſen hier; er iſt von hübſcher, wie⸗ woohl feiner und gedrängter Handſchrift. Sehen wir, was man mir ſchreibt: „Mein Herr, Sie mögen mein Benehmen origi⸗ nell, ſeltſam, lächerlich finden; es muß Ihnen ſo er⸗ ſcheinen: folglich verdient es dieſes Loos, ich tadle Sie nicht. Ein Frauenzimmer, und zwar ein junges Frauenzimmer an einen Mann ſchreiben, den ſie nicht kennt! Das iſt mehr, als eine Taktloſigkeit; welches weite Feld für einen kauſtiſchen Geiſt! Da wir in⸗ deß Alle der Nachſicht bedürfen, ſo hoffe ich, daß Sie welche für mich haben werden, denn wenn ich einen Fehler begehe, indem ich Ihnen ſchreibe, ſind Sie dann nicht der erſte Urheber, Sie, der mir dieſes unwiderſtehliche Verlangen einflößt, dem ich nach⸗ geben muß? Ja, ich wollte Ihnen ſchreiben, um Ih⸗ nen zu ſagen, daß ich Ihre Werke liebe, obgleich ich einige Stellen darin tadle, die nicht genug verſchleiert ſind. Aber Ihr letzter Roman, ach! mein Herr, wie ſchlecht führt ſich Ihre Heldin auf!... Nie, hoffe ich, haben Sie ein Vorbild zu dieſer Frau gefunden; dies iſt es, was ich gerne wiſſen möchte. Wenn Sie ſo gütig wären, mir zu antworten, würden Sie meinen Zweifel in dieſer Hinſicht heben. Ich werde nie das Vergnügen haben, Sie zu ſprechen, es wäre mir aber ſehr angenehm, einen Briefwechſel mit Ih⸗ nen zu unterhalten. Wollen Sie es?... ich halte 7 46 Sie für zu artig, als daß Sie es abſchlagen könn⸗ ten. Wenn Sie meinem lebhaften Verlangen nach einer Antwort entſprechen, ſo ſchreiben Sie an Ma⸗ dame Lenoir, poste restante in Paris.“ Dies iſt eines jener Billets, mit denen man Leute von Ruf beglückt. Ich unterſuche den Brief genau, drehe ihn in meinen Händen hin und her... ein Ambraduft, feines geſchnittenes Wappen... nicht. ein Schreibfehler! Er kommt von einer feinen Frau, oder will das Anſehen haben, von einer ſolchen zu kommen. Der Styl iſt nicht ſchlecht, und dadurch läßt man ſich immer verführen. Indeß hat Mon⸗ taigne geſagt: der Styl iſt der Mann, und er hat nicht geſagt: der Styl iſt die Frau. Warum 2 wahrſcheinlich dachte er, man dürfe den Schriften der Damen weniger trauen; denn die Eine erſcheint in ihren Briefen zärtlich, liebevoll, gefühlvoll, und iſt kalt, zänkiſch, launenhaft in ihrem näheren Umgang;, Einige ſogar, die Geiſt, Gemüth auf dem Papier haben, beſitzen nicht das Geringſte davon in der Un⸗ terhaltung; Andere im Gegentheil, deren Briefe trocken und lakoniſch ſind, haben unter vier Augen eine unerſchöpfliche Beredſamkeit. O! Montaigne war ein großer Mann! Ich, ich ſehe die Sachen immer von der guten Seite an, und laſſe mich ohne Umſtände verführen. Und ſollte ich mich abermals täuſchen? ich habe den Gedanken, daß die, welche mir dieſes Billet geſchrie⸗ ben hat, hübſch, liebenswürdig, geiſtreich iſt... ich. kann mir dies überhaupt ebenſo gut vorſtellen, als 3 47 etwas Anderes... gewiß, dieſer Brief kommt mir von einer reizenden, anbetungswürdigen Frau zu. Dieſer Schluß iſt nicht durch A⸗! feſtgeſtellt, aber er behagt mir; ſteht es mir nicht frei, ihn anzuneh⸗ men? Ein Schriftſteller leitet die Entwicklung ein, wie er es ſeiner Intrigue am Angemeſſeenſten findet, und mir gefällt es, daß Madame Lenoir eine mit allen Grazien ausgerüſtete und mit allen Reizen be⸗ gabte Frau ſei. Ich will ihr antworten... Sie ſagt, ſie werde mich nie ſprechen... Gewohnheitsformel! ... Man ſagt dies immer in einem erſten Brief, ich aber will damit anfangen, daß ich ſie um eine Zu⸗ ſammenkunft bitte.. Ich antworte meiner unbekannten Dame. Ich kann ihr noch nicht ſagen, daß ich ſie anbete, weil ich ſie nicht kenne, dies hieße gar zu geſchwind ge⸗ hen; allein ich bezeuge ihr meinen Wunſch, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen, weil es angenehmer ſei, zu ſchwatzen, als einander zu ſchreiben. Kurz, ich über⸗ rede mich, daß ich an eine hübſche Frau ſchreibe, damit mein Styl einige Farbe erhält. Ich ſetze den angegebenen Namen darauf und laſſe meine Antwort auf die Poſt werfen. Zwei Tage vergehen. Ich hatte Madame Lenoir vergeſſen, als ich einen neuen, dieſesmal viel länge⸗ ren Brief erhalte. Man dankt mir, daß ich geant⸗ wortet habe, geht in große Einzelnheiten über mehre meiner Werke ein, man würde entzückt ſein, mich zu kennen; allein es ſei unmöglich, und man ſchließt mit der Bitte um eine neue Antwort. 48 Wenn dieſe Dame glaubt, ich werde meine Zeit mit Briefen an ſie verſchwenden, ſo irrt ſie ſehr. Ich weiß nicht, ob ſie Wittwe, Frau oder Fräulein iſt, aber ich halte ſie für ziemlich originell. Weil es ihr unmöglich iſt, mir eine Zuſammenkunft zu ge⸗ währen, wird es mir unmöglich ſein, ihr zu ant⸗ worten. Es iſt Schade, denn ihre Briefe reizen meine Neugierde; ſie zankt mich mit zu viel Anmuth, kritiſirt mit zu viel Geiſt, als daß ich böſe darüber werden könnte. Sie geſteht mir in ihrem zweiten Briefe, daß der Name Lenoir nicht der ihrige iſt, ſie hat den erſten beſten genommen, damit ich meine Antworten an irgend Jemand adreſſiren könnte!.. Ol ich dachte es wohl!... allein ich werde nicht mehr antworten. Zwei Tage ſpäter ein neuer Brief, dringender, liebenswürdiger, als die vorhergehenden. Man bittet wenigſtens ein Wort zu antworten, nicht böſe zu ſein, weil man ſich weigert, mich zu ſehen; wenn man indeß— wird bemerkt— indem man an mich ſchrieb, eine Phantaſie befriedigen, dem Wunſche, meine Gedanken zu erfahren, genügen wollte, ſo dürfe man deßhalb noch nicht die Unbedachtſamkeit begehen, mir ein Stelldichein zu gewähren. Allles dies benimmt mir die Hoffnung nicht; ich weiß, was man von ſo ſchönen Entſchlüſſen halten darf, von jenen Verſprechen, die man ſich ſelbſt in der Stille der Einſamkeit gibt, und die keinem Blick, keiner Bitte, keinem Liebesbrief zu widerſtehen ver⸗ mögen. Ich ſehe, daß dieſe Dame ſchon angereizt 49 iſt, weil ich ihren zweiten Brief nicht beantwortet habe; eben ſo wenig werde ich auch dieſen beant⸗ worten. Ich kenne die Frauen; nicht dadurch, daß man einen großen Eifer zeigt, ihnen zu gefallen, macht man das meiſte Glück bei ihnen; ſie belohnen die Kühnheit häufiger als die Ergebenheit. Ich habe nicht geantwortet. Zwei Tage vergehen. Ich erhalte keinen Brief von der Pſeudonymen; ich empfinde darüber einen leichten Unmuth, dieſe Billete unterhielten mich;... es war der Anfang eines Ro⸗ mans in Briefen, und wiewohl dieſe Art nicht mehr in der Mode iſt, ſo iſt ſie doch nicht ohne Verdienſt. Den dritten Tag aber wird mir ein kleines Billet durch meinen Pförtner eingehändigt... Ich empfinde eine freudige Bewegung, wie ich es erhalte... Wie kindiſch wir ſind!... einen Brief wünſchen von Je⸗ mand, den man nicht kennt... der ſich wahrſchein⸗ lich nur über uns luſtig machen will!.. Was liegt daran? die Hauptſache iſt, daß es uns beluſtigt. Sehen wir ſchnell, was man uns ſchreibt! „Immer keine Antwort von Ihnen? das iſt ſehr unartig, mein Herr! Wenn eine Frau bittet, wenn ſie inſtändig eine Zeile begehrt, die ihr ſagt, daß man ihre Briefe gut aufgenommen habe, kann man ihr alsdann dieſe kleine Gunſt verſagen? Etwa, weil ich nicht einwillige, Sie zu ſehen? Aber der Grund da⸗ von iſt nicht, weil ich keine große Luſt dazu hätte... meine Stellung... die Welt... ich habe ſo Vieles zu befürcht ückſichten zu nehmen; Sie ſollten dies Alles begreifen, mein Herr, Sie, der Sie ſo Paul de Kock. II. 4 nx gut im Innern der Herzen leſen. Nun, ſeien Sie nicht mehr böſe, ſchreiben Sie mir! es macht mir ſo viel Vergnügen, wenn ich einen Brief von Ihnen er⸗ halte. Wiſſen Sie, daß Ihr geringer Eifer, mir zu antworten, mir keine ſehr vortheilhafte Idee von Ihrer Galanterie beibringen könnte? Beeilen Sie ſich, dieſes Vorurtheil zu verſcheuchen und ſich in meiner Einbil⸗ dung wieder an die alte Stelle zu ſetzen.“ 1 Ich ergreife die Feder und zeichne folgende lako⸗ niſche Antwort:„Madame, da ich die Perſon nicht kenne, welche mir ſchreibt, ſo iſt es mir wohl erlaubt, mißtrauiſch zu ſein; Ihre Briefe ſind ſehr liebens⸗ würdig, allein ich habe weder die Zeit noch die Luſt, eine Korreſpondenz mit Jemand zu unterhalten, der ſich weigert, mir eine Zuſammenkunft zu gewähren, und der zu fürchten ſcheint, er möchte ſich bloßſtellen, wenn er mit mir ſpricht. Ich werde daher kein Wort mehr erwidern, ehe ich die Perſon geſehen habe, hie mir ſchreibt.“ Ich laſſe meine Antwort abgehen, und jetzt, Ma⸗ dame, ſchreiben Sie mir zweimal täglich, wenn es Ihnen Vergnügen macht, ich verſichere Sie, daß ich Ihnen nicht mehr antworten werde, im Fall Sie niht auf mein Verlangen eingehen. Aber mir fällt ein!... wenn dieſe Briefe von Julien kämen?.. ſie hätte ſie dann durch eine An⸗ wenig diktirt: denn der Styl hat gar keine Aehnlich⸗ welcher Abſicht hätte mir Julie ſchreiben laſſen?... dere ſchreiben laſſen!... ſie hat ſie ſicherlich ebenſo⸗ keit mit dem ihrer moraliſche angen. In 51 um ſich auf meine Koſten zu beluſtigen?.. um mich lächerlich zu machen 2... es iſt möglich... ein Grund weiter, daß ich in Zukunft nicht antworte; ich wäre indeß begierig geweſen, die zu kennen, welche mir ſchreibt. Eine Woche vergeht. Man hat mir dreimal ge⸗ ſchrieben; die Briefe ſind anziehend, es iſt Geiſt, Ge⸗ fühl, eine Originalität darin, die auf Philoſophie hin⸗ deutet... Wir haben jetzt viele philoſophiſche Damen! Man bittet mich um Antwort, aber ich bin gepanzert: ich werde Nichts erwidern. 3 Die folgende Woche kein einziges Billet!... Es ſcheint aus zu ſein; dieſe Dame hat ihren Entſchluß gefaßt; ſie hat wohl daran gethan: das iſt ein Aben⸗ teuer, welches ſein Ende nicht erreichte; alſo nicht ſo allgemein wie die übrigen. Wenn ſie ebenſo gut ſpricht, als ſie ſchreibt, muß ſie indeß ſehr liebens⸗ würdig ſein; doch will ich mir jetzt vorſtellen, ſie ſei entſetzlich, abſcheulich, und deßhalb habe ſie ſich nicht ſehen laſſen wollen; denn ich geſtehe, daß ich mich ein wenig nach den liebenswürdigen Briefchen ſehne, welche zu erhalten ich mich ſo gerne gewöhnte.— Was wird denn aber aus dieſem Adolph?... ſeit vierzehn Tagen habe ich ihn nicht ein einziges Mal geſehen! So ſprach ich bei mir, als ich durch die Paſſage de P'Opéra ging. An der Einbiegung auf den Bou⸗ levard treten ein Herr und eine Dame Arm in Arm in die Paſſage, wie ich aus derſelben herausging: wir ſtoßen beinahe aneinander.. Darf ich meinen 52 1 Augen trauen 2... es iſt Adolph... mit Julien!... O! es iſt wirklich Julie, die ihren Arm um den ſei⸗ nigen geſchlungen hat. Ich bleibe ganz verwundert ſtehen... es gibt Dinge, die mich immer in Erſtaunen ſetzen, und doch ſoll man, wie irgend ein Weiſer treffend ſagt... in dieſer Welt über nichts erſtaunen.* Adolph ſchlägt Kopf und Augen nieder; Julie läßt im Gegentheil ein triumphirendes Lächeln ent⸗ ſchlüpfen; ſie ſetzen ihren Weg fort... Gott bewahre mich, daß ich ſie aufhalte!... Gehen Sie, mein armer Adolph, gehen Sie mit Julien! Wie habe ich einmal dumm genug ſein können, zu glauben, ich werde über ſie den Sieg davon tragen! Den andern Tag ſehe ich Adolph ſehr frühe kom⸗ men, mit verlegener Miene, nach ſeiner Gewohnheit; er will es aber nicht merken laſſen; er lacht, wie er auf mich zugeht; dieſes Lachen iſt aber nicht natürlich. „Wohlan! ſagen Sie einmal, Herr Arthur, Sie haben mich geſtern geſehen?... Hum?... nicht wahr, das iſt eine ſaubere Geſchichte? Ich bin ſicher, daß Sie ſehr erſtaunt geweſen ſind, mich... mit Julien zu ſehen.— Ich geſtehe, daß es mich im erſten Augenblick überraſcht hat; als ich aber ein wenig darüber nachdachte, habe ich nichts Außerordentliches daran gefunden.— Ich hoffe, Sie werden nicht glau⸗ ben, ich habe mich wieder mit ihr ausgeſöhnt?... ol was dies betrifft, da hat es keine Gefahr!..— Ich... ich denke nichts mehr über das, was mich * Horaz ſagt: Nil admirari! Anm. d. Ueberſ. 53 nicht angeht!.. Sie ſind Herr Ihrer Handlungen; ich habe Ihnen zuweilen meinen Rath gegeben... weil ich Freundſchaft für Sie hatte: Sie haben ihn nie befolgt; künftig werde ich mir nicht mehr erlau⸗ ben, Ihnen welchen zu ertheilen.— Warum denn aber das 2. Sie hätten Unrecht.. ich ſchätze Ihre Freundſchaft... Ich will Ihnen ſagen, wie es ge⸗ kommen iſt, daß Sie mich mit Julien getroffen haben. — Dies iſt unnöthig, Adolph, ich wiederhole Ihnen, daß Sie mir keine Rechenſchaft abzulegen brauchen. — Ich will Ihnen aber ablegen.. ich halte darauf, daß Sie nicht glauben, ich ſei eine Wetterfahne. Ich kam von den Elyſäiſchen Feldern... ich wollte ſogar zu Ihnen gehen, als ich auf dem Boulevard de la Madeleine der Madame Ulyſſe begegnete. Ich ging an ihr vorüber, nachdem ich ihr einen Blick zuge⸗ worfen hatte... oh! einen... niederſchmetternden Blick!.. wahrſcheinlich hatte ſie mein Blick beſtürzt, denn ſie iſt mir nachgelaufen und hat mich mit den Worten angehalten:„Mein Herr, es iſt nicht er⸗ laubt, ein Frauenzimmer ſo unhöflich anzuſehen;... ich will, daß Sie mir ſagen, was Ihnen das Recht gibt, mich ſo zu fixiren?“ Sie glauben wohl, daß ich anfänglich darüber betroffen geweſen bin! jedoch mich bald wieder faſſend, ſagte ich ihr... ſagte ich ihr.. kurz, ich überhäufte ſie mit Vorwürfen! Nach⸗ dem ſie mich ganz ruhig angehört hatte, erwiderte ſie: Es ſchickt ſich ſehr ſchlecht, daß man auf dem Boulevard ſtehen bleibt und ſchwatzt, führen Sie mich ein Stück Wegs, ich habe ebenfalls mit Ihnen zu ſprechen. Und ohne meine Antwort abzuwarten, nimmt ſie mich beim Arm und reißt mich fort. Meiner Treu, ich geſtehe Ihnen, daß ich nicht mehr wußte, was ich thun ſollte... wider ihren Willen ihr auf dem Boulevard den Arm entziehen.. Jedermann hätte auf uns geſehen!... zudem hielt ſie mich feſt!... ich bin alſo genöthigt geweſen, ſie zu begleiten... und dies iſt der Grund, daß Sie uns beiſammen ge⸗ troffen haben.“ „Das Alles ſcheint mir ganz einfach!... Adolph, haben Sie das letzte Gemälde im Diorama, den Schwarzwald geſehen?... Wie ſchön es iſt!... dieſe Wirkung des Mondes.. dieſer Wiederſchein auf die Bäume 2.. nicht wahr, die Natur ſelbſt?“ „Ja... ja... es iſt die Natur... es iſt präch⸗ tig... im Grund iſt ſie vielleicht nicht ſo ſtrafbar, als man es Anfangs glauben könnte... Sie verhehlt ihre Fehler nicht, o! ſie verbirgt keinen;... was dies betrifft, ſo muß man ihr ſogar die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß ſie ſich eher ſtrafbarer machte als ſie wirklich iſt!“ „Wer denn? der Schwarzwald?“ „Ich ſpreche Ihnen von Julien.— Ich aber, ich ſprach Ihnen vom Diorama...— Gewiß ich will ſie nicht rechtfertigen! doch das iſt eine ſehr ſonder⸗ bare Sache, ſie hat mich verſichert, daß ſie mich nie ſo ſehr geliebt habe, als an dem Tag, wo ſie mich betrog; begreifen Sie dieſes 2...— Es gibt ein neues Stück in der komiſchen Oper, das großen Bei⸗ fall gefunden hat,... haben Sie es geſehen?“ 5⁵ „ Nein, noch nicht... Man ſagt, es gäbe ſo ſelt⸗ ſame Frauen!... die.. ſolche Augenblicke... krank⸗ hafte Launen... haben, während welcher ſie Sachen mit ſich machen laſſen.. die ihnen hernach ſehr leid ſind... denn mit einem Wort, wir ſind nicht von Eiſen!... Julie hatte Thränen in den Augen, als ſie mit mir ſprach... ſie hat mir geſagt, daß ſie nicht ſo viel gegeſſen habe, als ein gebratenes Huhn ausmacht, ſeit ich ſie verlaſſen habe... haben Sie ſie magerer gefunden?“ „Sie hätten bemerken ſollen, Adolph, daß ich mich nicht mehr mit Julien beſchäftigen will!... machen Sie mit ihr was Sie wollen! Lieben Sie ſie, nehmen Sie ſie wieder! nur ſprechen Sie mir nicht mehr von ihr! Wäre dieſe Frau nur fokett, flatterhaft, wie tauſend andere, ſo würde ich der Erſte ſein, der ſie entſchuldigte. Ich halte ſie aber für ſchlecht, rachſüchtig... ich habe Sie im Verdacht, daß ſie das Unglück einer Perſon machte, die ich an⸗ bete, und ich kann ihr nicht verzeihen.— Ach nein... wie ſo denn?— Noch einmal, ſprechen Sie mir nicht mehr von Julien!... ich, ich werde nie von dem abweichen, was ich von ihr denke; hierin vereinigen wir uns nicht.“ „Ohl... übrigens.. habe ich gar keine Luſt.. mich mit ihr auszuſöhnen; weit entfernt davon!... Alllein ich halte ſie nicht für ſo bösartig, als Sie glauben... es iſt eine... Unbeſonnene... die etwas ſagt... und bis Sie die Hand umdrehen, denkt ſie nicht mehr daran!... aber daß ich ſie lieben... daß 56 ich ſie wieder annehmen könnte... ah! zum Bei⸗ ſpiel... Adieu Herr Arthur! Ich gehe zu meinem Korreſpondenten, meine Penſion einzunehmen... ich werde Sie wieder beſuchen.— Adieu Adolph.— Wir wollen von etwas Anderem ſprechen.“ 4 Er geht fort. Armer Tropf... der glaubt, ich leſe nicht im Grund ſeiner Seele!... Ich wette, ehe acht Tage vergehen, wird er ſich wieder mit Julien ausgeſöhnt haben, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt. Viertes Kapitel. Die Paſſage Vendöme. Ich wollte gleich hinter Adolph, den ich allein lau⸗ fen ließ, weil ich nicht ferner von Julien ſprechen hören wollte, ebenfalls ausgehen. Meine Pförtnerin übergibt mir einen Brief... Er iſt von meiner Un⸗ bekannten; ich habe die Form, die Handſchrift des Briefs erkannt. Ich fühle mein Herz ſchlagen... beinahe eben ſo ſtark, als wenn man mir ſonſt einen Brief von Clementinen gab! Was will man? es iſt nicht meine Schuld; allein das vergangene Vergnü⸗ gen iſt ſo unbedeutend neben dem gegenwärtigen! Ich gehe ſchnell wieder in mein Zimmer zurück, um ganz ungeſtört zu leſen, was man mir ſchreibt: „Man muß Ihnen alſo nachgeben, mein Herr, weil dies das einzige Mittel iſt, Ihnen zu gefallen. Nun denn! ich gewähre ihnen das Stelldichein, das Sie ſo ſehr zu wünſchen ſcheinen; aber wo? wann? 52 Ich hoffe, Sie werden nicht vorausſetzen, daß ich zu Ihnen komme; und wie ſollen zwei Perſonen, die einander nie geſehen haben, ſich erkennen, wie ſich anreden? Soll man ſagen: Ich bin es, ſind Sie es? Heben Sie dieſe Schwierigkeiten und ich bin bereit; aber ich ſage Ihnen vorher, daß ich nicht allein zu dem Stelldichein, das Sie mir geben, kommen werde.“ Ich ſetze mich an meinen Schreibtiſch und antworte: „Schreiben Sie mir den Tag, wo Sie in der Paſſage Vendôme, oder an irgend einem andern Ort, den Sie wählen, zu einer Ihnen beliebigen Stunde ſein können. Halten Sie eine Papierrolle oder ein Buch in Ihrer Hand; beſchreiben Sie mir, welches Ihr Anzug und Ihr Kopfputz ſein wird. Ich werde in meiner Hand ein rothſeidenes Foulardtuch halten. Mit allen dieſen Kennzeichen kann man ſich unmög⸗ lich irren.“ Ich eile, dieſen Brief ſelbſt auf die Poſt zu legen und erwarte die Antwort mit Ungeduld. Ich werde alſo dieſe Frau kennen lernen, die ſo gut ſchreibt... Ich habe den Sieg davon getragen! ſie gibt nach... ich fange an zu denken, daß dieſes Abenteuer aus⸗ gehen werde, wie alle andern. Aergerlich, daß ſie nicht allein kommen will! gewöhnlich hat man bei ſolcherlei Zuſammenkünften keinen Dritten nöthig. Wen Teufels will ſie denn mitbringen? ihr Mann kann es nicht ſein... dies wäre ſpaßhaft! ahl was habe ich da geſagt? Warum komme ich auch nur auf den Gedanken, es ſei eine verheirathete Frau? begehen dieſe Damen je ſolche „ 58 Uebedachtſamkeiten? geben ſie ſolchen Phantaſten nach? Kurz, wir werden dieſen Zeugen ſehen: er iſt ohne Zweifel nicht ſehr furchtbar, und wenn ich nicht zu fehr mißfalle, wird man nicht ſo barbariſch ſein und ihn bei einem zweiten Stelldichein mitbringen. Mit einem Wort, ich richte die Sache aufs Allerbeſte ein: ich werde eine junge, hübſche, geiſtreiche Frau finden, welche ich zum Voraus anbete; ich werde ihr gefallen, ſie wird ſich mir ergeben und wir wer⸗ den die köſtlichſte Verbindung anknüpfen, welche das Geheimniß noch anziehender macht! Es ſetzt vielen Enttäuſchungen aus, wenn man Alles roſenfarben ſieht; allein es macht eine Zeitlang glücklich, und dies gleicht die Sache aus. Ich warte mit Ungeduld auf eine Antwort mei⸗ ner Unbekannten; ich ſchmeichle mir, daß es der letzte Brief ſein wird, den ich von ihr erhalte, ehe ich ſie ſehe: ſie läßt nicht auf ſich warten; ſie ſchreibt nur die Worte: „Ich werde morgen Mittag um zwölf Uhr in der Paſſage Vendéme ſein; meine Schweſter wird mich begleiten. Wir werden beide die gleiche Toilette haben: italieniſchen⸗Strohhut, weiße Bänder, weißes Kleid, rothen Shawl. Ich, ich werde eine Muſikrolle in der Hand halten. Seien Sie pünktlich; Iaſſen Sie zwei Damen nicht warten!“ Ich werde mich hüten, ſie warten zu laſſen! ich werde vor der beſtimmten Stunde auf dem Platze ſein. Es iſt mir ſehr lieb, zu wiſſen, daß es eine Schweſter iſt, welche meine Unbekannte begleiten wird⸗ 59 Eine Schweſter hat nichts Erſchreckendes, ganz im Gegentheil; und wenn ſie hübſch iſt, kann dies das Abenteuer ſogar noch ſentimentaler machen... Was ſuche ich, im Ganzen genommen? Einige Scenen, einige Sittengemälde zu einem Kapitel. Der Tag iſt erſchienen. Ich mache meine Toi⸗ lette, und lache während dem Ankleiden vor mich hin, denn je näher der Augenblick kommt, um ſo ſtärker drängt ſich mir der Gedanke auf, daß ich in meinen Hoffnungen völlig getäuſcht werden kann. Ich finde vielleicht zwei lächerliche alte Weiber... was liegt daran! ich werde der Erſte ſein, der über das Abenteuer lacht. Wir wollen uns in die Paſſage Vendoͤme begeben! Ich ergreife dieſe Gelegenheit, die Paſſage Ven⸗ dome allen Denjenigen zu empfehlen, welche verliebte Stelldichein zu geben haben. Die Paſſage Vendoôme iſt um ſo bequemer, als beinahe Niemand dort vor⸗ übergeht; man iſt da wie zu Hauſe; ganz verſchieden von jenen Paſſagen, wo die Menge ſich drängt, wo junge Leute ſpazieren gehen, um die Ladenjungfern anzuſehen, wo Fremde ſich Zuſammenkünfte geben, wo die Damen ihre Einkäufe machen; während die meiſten der übrigen Paſſagen ohne Unterlaß von den Tritten der Fußgänger wiedertönen, iſt die Paſſage Vendome ſtill und ruhig; vom Boulevard du Temple in die Straße Vendôme führend, gleicht ſie an Belebtheit kaum einer Straße von Verſailles: dieſe Paſſage ſieht unter ihrem Fenſterdache ſelten mehr, als ſechs Perſonen auf einmal. Die jungen Leute finden ſich hier nicht ein, um in die Läden zu ſchauen, weil die Hälfte derſelben nicht vermiethet iſt. So wie man in dieſe Paſſage tritt, kann man au⸗ genblicklich ſehen, ob die Perſon, die man ſucht, an⸗ gekommen iſt. Wenn man dort ſpazieren geht, wird man von den Vorübergehenden nicht mit Ellenbogen⸗ ſtößen verſehen; man tritt einem weder auf die⸗Zehen, noch auf den Abſatz. Einige hin und her gehende höchſt friedliche Bewohner des Marais erlauben ſich nicht, Jemand mit jenem boshaften und neugierigen Ausdruck anzuſehen, der eine Dame in Verlegenheit ſetzt; will man endlich ſtehen bleiben, ein wenig um⸗ herſchlendern, ſo gibt es dort einen Karikaturenhänd⸗ ler; ich glaube, es gibt ſogar eine Putzhändlerin dort, doch kann ich dies nicht verſichern. Ich wiederhole, es iſt ein köſtlicher Ort für verliebte Stelldichein. Uebrigens kann ich nicht verſichern, ob es immer ſo ſein wird. Dieſe Paſſage wird vielleicht eines Ta⸗ ges ebenſo glänzend, wie die des Panoramas, eben⸗ ſo bevölkert wie das Véro-Dodat; die guten Leute ſagen, Paris ſei nicht in einem Tage gemacht worden. Gehet alſo hin, ſo lange noch Niemand dort iſt! Ich wäre nun angekommen. Vom Boulevard aus habe ich einen Blick hineingeworfen; für den Augen⸗ blick iſt im Innern nur der Hüter, ein guter alter Mann, und eine Köchin; allein es iſt noch nicht Zeit, ich habe ein wenig früher ankommen wollen; man muß eine Dame nie warten laſſen... und ich erwarte deren zwei; ich würde aber lieber nur eine erwarten. 8 .61 Ich gehe auf dem Boulevard ſpazieren; ich habe noch Zeit, die Paſſage zu ſehen, ich kenne ſie aus⸗ wendig. Da ich nicht weiß, von welcher Seite man herkommen wird, kann ich den Damen nicht entgegengehen; warten wir! Fünf Minuten verſtrei⸗ chen, dann fünf weitere, die Stunde iſt gekommen, und ich ſehe die Damen nicht; wäre ich vielleicht vergeblich hergelaufen? Aus Verzweiflung mache ich einen Gang durch die Paſſage.. Ich ſehe... ich weiß nicht was! ich thue, als ſehe ich umher, ich habe ein Auge auf den Eingang vom Boulevard, ein anderes auf den von der Straße Vendome her, was den Leſer auf die Vermuthung führen muß, daß ich ſchiele. Ich bitte ihn, zu glau⸗ ben, daß dies nur metaphoriſch zu nehmen iſt. Bald da, bald dort zeigt ſich eine Dame;... ſie iſt aber allein, und ich muß zwei haben. Ich unter⸗ ſuche indeß genau, denn man könnte auch andern Sinnes geworden ſein. Nein doch;... unmög⸗ lich!... Ol... zwei Damen kommen ſo eben aus der Sraße Vendome hervor... Mein Herz klopft... ich eile nach jener Seite, denn da ich ein ſehr kurzes Geſicht habe, muß ich ganz nahe bei den Perſonen ſein, wenn ich ihre Züge gut unterſcheiden will, was mich ſchon mehre Male ſeltſame Mißgriffe begehen ließ. Ich bin bei dieſen beiden Damen... Ach! mein Gott! das iſt gewiß eine ehrſame Rentnerin von ſiebenzig Jahren, die ſich von ihrer alten Dienerin führen läßt, welch' letztere mit Stolz zwei Meerhechte an einem Strohwiſch hängen hat und eine Gans halb 62 in ein Fragment des Moniteur eingewickelt trägt. Die gute Frau gibt heute wahrſcheinlich ein Eſſen und hat ihre Köchin auf den Markt begleiten wollen.— Ich laſſe die ehrwürdigen Antiquitäten an mir vorübergehen. Ich drehe mich etwas ärgerlich um... Ich befinde mich vor Herr Lubin... ich will vorbei und mich ſtellen, als ſehe ich ihn nicht; aber der Gelehrte hat mich erkannt und hält mich an. „Ahl mein Herr, ich bin entzückt, daß ich das Vergnügen habe, Sie zu treffen.— Ich ebenfalls, mein Herr. Ich habe die Ehre zu...— Mein Herr, ich mußte Sie ſehen... Sie ſprechen... Sie um Ihren Rath bitten, es iſt hinſichtlich meines Chaos, das ich beſtändig im Kopfe habe... ich bin auf den Gedanken gekommen, eine Reiter⸗Pantomime für Franconi daraus zu machen: ich habe mit einigen Stallmeiſtern dieſes Theaters darüber geſprochen; ſie ſagten mir, daß es wirklich ſehr hübſch wäre, wenn man die Winde zu Pferd ankommen ſähe...— Herx Lubin, es thut mir leid, daß ich Sie in dieſem Au⸗ genblick nicht anhören kann, allein ich habe Eile.“ Ich habe Damen auf der Seite des Boulevard erblickt, und es verlangt mich, dieſe unerträgliche Perſon los zu werden, aber er hängt ſich an mich, mir zurufend„Mein Herr, es iſt mir noch lieber, in Ihre Wohnung zu gehen, aber Ihre Yförtmerin ſagt mir immer, ſie ſeien nicht zu Hauſe..— „Verzeihen Sie, Herr Lubin, kommen Sie. ich werde in Kurzem dort ſein.“— Ich müßte frank werden, wenn ich dieſen Beſuch perſäumen ſollte. 63 Ich habe geſagt: in Kurzem, um mich dieſes 2 Menſchen zu entledigen. Endlich läßt er mich frei! Sehen wir dieſe Damen!... es ſind zwei, die einan⸗ der den Arm geben... Gehen wir näher!... weißes Kleid... Strohhut.. beide gleich angezogen... O! ſie ſind es!... ich wage nicht mehr, ſo ſchnell zu ge⸗ hen... ich wünſche und fürchte, zu ſehen... doch iſt dies der Augenblick des Schauens; ſie haben mich noch nicht erblickt. Himmel! was habe ich geſehen!... ein entſetz⸗ liches Geſicht! eine unförmliche Naſe, Augen, welche man kaum wahrnimmt, ſo klein und tiefliegend ſind ſie, einen unangenehmen Mund, ſchwarze Zähne, gelbe, fahle Geſichtsfarbe; ich kann nicht ſagen, daß das Ganze etwas Gewöhnliches ſei: es iſt ſo häßlich, daß es ausgezeichnet wird; aber es iſt entſetzlich häßlich! In meinem Schmerz wage ich die andere Dame nicht anzuſehen... man muß indeß Alles ſehen... Ah! welcher Gegenſatz! Ich bleibe ergriffen, entzückt, bezaubernd ſtehen! Man ſtelle ſich ebenſo ſchöne, ebenſo verführeriſche Züge vor, als die der Andern zurückſtoßend und häßlich ſind. Ein griechiſches Profil, ein Mund.. Zähne... Alles vollkommen!.. und braune Augen, ſo ſchön, ſo groß, ſo boshaft! pech⸗ ſchwarze Haare, gutgeformte Angenwimper, kurz eine anbetungswürdige Frau,— eine Frau, welche man nicht vorübergehen ſehen könnte, ohne noch einmal nach ihr zurückzublicken, ohne an ſie zu denken, ohne von ihr zu träumen! Sie ſteht weit über Allem, was mir die Einbildungskraft vorgeſpiegelt hatte, und dabei höchſtens fünf und zwanzig Jahre, die Andere iſt auch jung, dies iſt mir aber ſehr gleichgültig. Plötzlich macht mich ein Gedanke erbeben: welche von beiden hat die Muſikrolle in der Hand? Ach ich athme wieder... es iſt die ſchöne Frau. O! es konnte nur ſie ſein; wenn man ſo häßlich iſt, wie die Andere, ſo wäre es eine Verrätherei, ein Stell⸗ dichein zu geben. Dieſe Damen haben mich geſehen, ſie ziſcheln, ſcheinen verwirrt... der Anfang einer ſolchen Unter⸗ redung ſetzt immer ein wenig in Verlegenheit. Ich ſelbſt, ob ich gleich ziemlich in Uebung bin, weiß nicht mehr juſt, wie ich dieſe Damen anreden ſoll. Indeß darf ich ſie nicht in dieſer Lage laſſen: es iſt nicht an ihnen, zuerſt mit mir zu ſprechen... ge⸗ wöhnlich hat man aber nur mit Einer Dame zu thun... da geht es beſſer. Ich trete linkiſch näher, und mich, wie ſich ge⸗ bührt, an die wendend, welche die Muſikrolle hält, ſtottere ich: „Ich erwartete Sie, Madamez denn ich denke, Sie ſind es... die... welche..“ Ich weiß nicht mehr, wie ich zu Ende kommen ſoll, deßhalb endige ich nicht. Dem Gebrauch gemäß, antwortet man mir aber ſogleich: „Ahl Sie ſind Herr Arthur?— Ja, Madame.— Wir möchten nicht gerne in dieſer Paſſage bleiben... — Kommen Sie, wir treten irgendwo ein.. Im türkiſchen Garten? dort kann man plaudern, ausru⸗ 3 hen, ohne daß man geſtört wird.— O! nein... 65 Ich will nirgends eintreten. Wir gehen ein wenig Hauf dem Boulevard ſpazieren, wenn Sie wollen?— Alles, was Sie wollen, Madame; werden Sie mei⸗ nen Arm annehmen?— Nein, es iſt nicht noth⸗ wendig; man kann ſehr gut ſpazieren gehen, ohne daß man einander den Arm gibt; zudem habe ich den meiner Schweſter.— Ach ja.. das eben freut mich nicht beſonders!“. Ich habe die letzten Worte mit halblauter Stimme geſagt, allein ſo, daß ich von der ſchönen Dame ge⸗ hört werden kann, welche lächelt, ihre Schweſter an⸗ ſieht, und leiſe mit ihr ſpricht; hierauf ſchlagen ſie den Weg nach den Boulevards ein, indem ſie gegen den Platz Saint⸗Antoine zugehen. Ich gehe neben den Damen her; ich blicke ſie von der Seite an: ſie thun das Gleiche. Einige Mi⸗ nuten lang gehen wir ſo, ohne etwas zu ſprechen. Es iſt wohl der Mühe werth, eine Perſon ſo ſehr zu bitten, daß ſie uns ein Stelldichein gewährt, um dabei ſo wenig liebenswürdig zu ſein!... Dies denkt ſie ohne Zweifel. Geduld! es wird intereſſan⸗ ter werden. 4 Man iſt im Anfang bei ſolchen Zuſammenkünften immer ſehr dumm; wenigſtens bringt es dieſe Wir⸗ kung auf mich bervor; glücklicherweiſe iſt man nicht gezwungen, in demſelben Zuſtand zu beharren. Zu⸗ erſt betrachtet man einander genau, dies iſt natürlich. Ich finde dieſe Dame reizend, aber mit etwas an⸗ ſpruchsvoller, ſogar ein wenig dummziereriſcher Mie⸗ ne; und unter ſolchen Umſtänden erſcheint mir dies Paul de Kock. II. 3 5 66 lächerlich. Wenn man in ſeinen Briefen Freimüthigkeit, Ungezwungenheit, ein Sich⸗Gehenlaſſen zeigt: warum iſt man nicht ebenſo in der Unterredung? Dieſe Dame hat vielleicht gedacht, ich werde, weil ſie mir dieſe Zuſammenkunft gewährte, eine ſchlechte Meinung von ihr faſſen, und um mir dieſelbe zu be⸗ nehmen, affektirt ſie eine Verſchloſſenheit, eine Zurück⸗ haltung, die anzuzeigen ſcheinen, daß ich jede ſtraf⸗ bare Hoffnung aufgeben muß. Allein die vornehmen Mienen ſchüchtern mich nicht ein; ich weiß, daß ſie nichts beweiſen. Wenn man überdies einem Manne, den man nicht kannte, zuerſt geſchrieben hat, ihm hierauf ein Stelldichein gibt, wiewohl dies nur aus dem Beweggrund gewöhnlicher Neugierde ſein kann, und man nicht die Abſicht hat, ein innigeres Band zu knüpfen: ſo iſt man nicht im Fall, die Leute vom hohen Standpunkt herab anzu⸗ „ 8 reden, und ſelbſt die unbedeutendſten Worte abzu⸗ wägen. Je mehr die Leute Förmlichkeiten an den Tag legen, je weniger Umſtände mache ich mit ihnen. Ich habe auch eine unglückliche Gewohnheit, die mir ſchon in der Vorſtellung mancher Damen geſchadet hat. Ich ſinge, oder beſſer geſagt, ich trillere unauf⸗ hörlich vor mich hin: es geſchieht, ohne daß ich daran 7 denke, ſogar ohne daß ich es weiß; denn es iſt mir ſchon begegnet, daß ich heftige Widerwärtigkeiten, tiefen Kummer empfand, und dies mich nicht hinderte, während ich ſeufzte, zu ſingen. Man ſtelle ſich aber vor, eine Perſon erzähle mir Etwas und höre mich, 67. während ſie ſpricht, ein Lied oder einen Contretanz trillern! Das iſt ſehr unartig, ich fühle es wohl. Ich habe ſchon hundertmal geſchworen, daß es mir nicht mehr vorkommen ſoll; ich werde dieſe verfluchte Gewohnheit ablegen, aber: Verjagt das Angeborne! Im Trab kommt es zurück. Ich danke dieſer Dame für die verbindliche Art, womit ſie mir über meine Werke geſchrieben hat; dies iſt ein Mittel, das Geſpräch einzuleiten. Sie antwortet mir; es führt aber nicht weit; die Unter⸗ haltung geräth jeden Augenblick ins Stocken. Wir haben beide ein gezwungenes Benehmen. Ich wünſchte, es möchte ſich beleben... dieſe Dame ſchickt ſich nicht dazu an. Ich weiß wohl, daß, wenn man einander zum erſten Mal ſieht, man nicht gleich wie alte Be⸗ kannte ſein kann. Jammerſchade! Wie viel Zeit verliert man damit, daß man diplomatiſirt, ſtatt daß man ſich ſo zeigt, wie man iſt... Es iſt wahr, viele Leute würden nicht dabei gewinnen. Plötzlich brechen die Damen in ein Lachen aus. Es ſcheint mir indeß, daß wir gerade nichts ſprachen. Wer kann alſo dieſe Heiterkeit hervorrufen? Ach! ich errathe: es iſt meine verdammte Gewohnheit... ich ſang wieder zwiſchen den Zähnen, ohne es wahr⸗ zunehmen. „Es ſcheint, Sie ſingen ſehr gerne, mein Herr?“ ſagt die hübſche Frau zu mir, wobei ſie mit ſyot- ſcher Miene lächelt. „Ach! Madame, ich bitte Sie tanſendmat um 68 Verzeihung, es geſchieht, ohne daß ich daran denke. Ich gebe zu, es iſt ſehr lächerlich.— Sie denken alſo, es ſei Ihnen erlaubt, etwas Lächerliches an ſich zu haben?— Nein, Madame, ich ſehe nicht, warum es mir mehr erlaubt ſein ſollte, als Andern! Sehen Sie, in dieſem Augenblick denke ich, daß Sie wohl ohne Ihre Schweſter hätten kommen ſollen!— Warum dieſes? Es ſcheint mir, daß meine Schwe⸗ ſter Sie nicht am Sprechen hindert?— Ich begreife, Madame, daß dies Ihnen nichts ausmacht; mich aber, ich geſtehe es, hindert es ſehr. Da Sie je⸗ doch eine hinlänglich gute Meinung von mir hatten, mir eine Zuſammenkunft zu gewähren: mußten Sie dann dieſes Hinderniß dabei haben? konnten Sie nicht allein kommen? dies hätte ein vollkommenes Vertrauen in mich an den Tag gelegt, und ich würde daſſelbe nicht mißbraucht haben.— Es iſt möglich; allein ich gehe nie ohne meine Schweſter irgendwo⸗ hin.— Nie?— Nein, mein Herr!“ Das iſt ein ſehr langes Nie! Ich fange an, nicht ſehr befriedigt zu ſein. Ob dieſe Dame glaubt, ich werde mich damit begnügen, die Boulevards neben ihr und ihrer Schweſter auszumeſſen? Dieſe Dame iſt ſehr hübſch; ich muß aber die Worte aus ihr herausziehen. Die Schweſter hat einige Worte geſprochen, ich bin nicht ärgerlich, daß ſie ſpricht, dies wird unſer Geſpräch, das ſich gar nicht belebt, im Gang er⸗ halten. Es iſt Schade, daß ſie ſo häßlich iſt, dieſe arme Frau oder Fräulein, denn ihre Stimme iſt 69 ſanft, wie die ihrer Schweſter: es iſt durchaus der nämliche Klang, aber welches abſcheuliche Geſicht! Wir ſind am Ende der Boulevards auf dem Elephantenplatz angekommen. Die Schweſter hat ein wenig geſprochen. Ich wünſchte, es möchte mir ge⸗ lingen, dieſe Damen zum Lachen zu bringen, weil die Heiterkeit das Formenweſen am ſchnellſten ver⸗ bannt. Ich muß aber vor Allem ſuchen, derjenigen, neben welcher ich gehe, einige leiſe Worte zuzuflüſtern. „Kann ich Sie denn nur auf dem Boulevard ſprechen?— Es ſcheint mir, daß man hier ſehr gut plaudern kann.— Werde ich Sie nicht wiederſehen? — Vielleicht!... ich kann Ihnen nichts verſprechen. — Aber allein?— O nein! ich habe Ihnen geſagt, daß ich nicht allein ausgehe. Ich bin unter Vor⸗ mundſchaft.— Dies iſt ein Scherz! eine Frau thut immer was ſie will, und wenn Sie nur wollten... — Wozu wäre es aber gut?...“ Unerträglich! da kommt die Schweſter und unter⸗ bricht uns, um ich weiß nicht von was zu ſprechen. Dieſe häßliche Fratze iſt ſchrecklich neugierig. Nach Verlauf von einigen Minuten fahre ich ganz leiſe fort:„Wohnen Sie in dieſem Viertel?— Ich kann es Ihnen nicht ſagen.— Sind Sie verheira⸗ thet?— Es iſt möglich.— Daß Sie mir Nichts ſagen von dem, was Sie betrifft, darüber habe ich nicht das Recht mich zu beklagen; daß Sie mir aber einen Augenblick unter vier Augen verweigern... mir ſcheint, daß ich nach den reizenden Briefen, welche Sie mir geſchrieben, mehr hoffen konnte?...“ 70 Sie antwortet nicht; ſie begnügt ſich, zu lachen. Wir ſind wieder auf dem nämlichen Weg umgekehrt. Meiner Treu, wenn ſie am Ende glaubt, ich werde ihr den Hof nach Art der alten Ritter machen, und mich begnügen, ihr nach einer Bekanntſchaft von ei⸗ nem Jahre die Spitze des Fingers zu drücken, ſo irrt ſie ſich gewaltig. Ich finde das Leben zu kurz, um die Verhältniſſe auf dieſe Art nachzuſchleppen. Ich faſſe aber ſchnell einen Entſchluß, und weil man nicht will, daß ich von Liebe ſpreche, 6 werden wir von etwas Anderem reden. Nachdem ich dieſen Entſchluß einmal gefaßt habe, weiß ich nicht, wie es zugeht, allein die Unterhaltung wird lebhafter. Ich ſpreche, was mir in den Kopf kommt: es iſt ſonderbar, wie viel leichter man lie⸗ benswürdig wird, wenn man nicht ſucht, es zu ſein! Die ſchöne Frau lacht, die Schweſter desgleichen; ſeit einigen Minuten plaudern, ſcherzen wir wie alte Bekannte und fangen an, ſehr gut zuſammen zu ſtehen, als man ſich trennen muß. Die Schweſter ſagt zuerſt:„Es iſt Zeit, nach Hauſe zu gehen, Adele; wiewohl man bei dem Herrn keine Langweile hat, muß man doch aufbrechen.“ Adele!.. ich weiß, daß ſie Adele heißt: dies iſt immerhin Etwas.„Schon gehen?“ ſage ich. „Ja, und außerdem fordern wir Ihr Ehrenwort, daß Sie uns nicht folgen...“ „Ich gebe es Ihnen, Madame; werde ich für ſo viel Folgſamkeit nicht auch etwas erhalten?— Und was wünſchen Sie?— Sie errathen es wohl! Sie 7¹ wiederzuſehen: das iſt ein Wunſch, den man noth⸗ wendig hegen muß, wenn man einmal dieſes Glück gehabt hat.— Dies ſagen Sie mir aus reiner Ga⸗ lanterie!— Nein, ich verſichere Sie, daß ich nicht galant bin, und wenn ich es nicht wirklich dächte, ſo ſehe ich nicht ein, was mich veranlaſſen ſollte, es Ihnen zu ſagen.“ Die Damen ſprechen einen Augenblick ganz leiſe, bald ſagt die reizende Adele zu mir:„Wir werden übermorgen ins Theater de la Porte-Saint-Martin gehen, wenn Sie dort hinkommen wollen, werden wir in einer Loge ſein und nichts hindert Sie, Ihren Platz bei uns zu nehmen, wenn Ihnen dies ange⸗ nehm iſt.— O! Sie zweifeln nicht daran, Madame! — Nun gut, auf Wiederſehen alsdann... Aber fol⸗ gen Sie uns nicht!— Ich habe es Ihnen verſpro⸗ chen, und warum ſollte ich es thun? Ich will Ihre Bekanntſchaft nur Ihrem eigenen Willen verdanken.“ Die Damen entfernen ſich durch eine Seitenſtraße. Ich bleibe noch einige Zeit auf dem Boulevard ſtehen, über unſer Zuſammentreffen nachſinnend. Dieſe Adele iſt ſehr hübſch. Es iſt ärgerlich, daß ſie nicht eben ſo gut ſpricht, als ſie ſchreibt; man muß aber nicht nach einer erſten Unterredung urtheilen. Ich hatte nicht auf ein reizenderes Geſicht gehofft, aber ich geſtehe, daß ich auf mehr Gefühl, mehr Erregſam⸗ keit, auf etwas Originelleres in ihrem Geiſt, in ihren Gedanken gehofft habe... ich hätte ſelbſt ein wenig Melancholie in dem Klang ihrer Stimme ge⸗ wünſcht. Statt deſſen lacht dieſe Dame und zeigt 72 prächtige Zähne. In ihrer Heiterkeit liegt etwas Spöttiſches, und in ihren Augen nichts, das jene Neigung für mich offenbarte, welche ihre Briefe mir zu geſtehen ſcheinen. Ich wage noch nicht, mir zu ſchmeicheln, daß dieſes Abenteuer eine Liebesgunſt für mich enthalten werde. Und dann kann ich ſehr leicht dieſer Dame nicht gefallen. Nach den Werken⸗ die uns entzückt haben, ſtellt man ſich den Verfaſſer ſo vor, wie man ihn wünſchte... und wenn man ihn ſteht, iſt es nicht mehr die Perſon, die man ge⸗ wollt hatte! Verlieren wir indeß nicht alle Hoffnung, man hat mir ein zweites Rendezvous gegeben! Ich mache verſchiedene Gänge, gehe zum Mittag⸗ eſſen, trete Abends in mehren Theatern ein, dann ins Kaffeehaus, und komme endlich erſt, nachdem Mitternacht vorüber iſt, in mein Haus; man ſtritt ſich in der Loge meiner Pförtnerin. Es iſt Herr Lubin, den man nöthigen wollte, fortzugehen, und der darauf beſtand, da zu bleiben und mich zu er⸗ warten. Als mich der Nachkomme der ſchönen Feronnisre ſah, rief er aus:„Iſt es nicht wahr, mein Herr, daß Sie mir einen Beſuch in Bälde bewilligt hatten, daß ich Sie erwarten mußte.— Ei! mein Herr, werden Sie mich nie in Ruhe laſſen? Bin ich denn gezwungen, Ihre hohlen Träume, ihre Machwerke anzuhören?.. gibt es ein Geſetz, das einen Bürger nöthigt, ſeine Zeit zu verlieren, weil es einem An⸗ dern gefällt, ihn zu beläſtigen? Ich kann weder, noch will ich Etwas mit ihren Manuſeripten anfan⸗ 73 gen; folgen Sie mir daher, Herr Lubin, machen Sie keine vergeblichen Gänge mehr zu mir!“ Mit dieſen Worten gehe ich meine Treppe hinauf. Ich mußte es über mich gewinnen, ſo mit dieſem Manne zu ſprechen; im Ganzen können aber die Leute, welche arbeiten, nicht immer zur Verfügung jener überläſtigen Perſonen ſtehen, welche die Hartnäckig⸗ keit, mit der ſie Erbärmlichkeiten auf das Papier nie⸗ derſchreiben, für einen natürlichen Ruf halten, und ich habe den Herrn Lubin überſatt. Dieſer Herr ſteht ganz betroffen da über meinen plötzlichen Ausfall. Ich höre ihn nicht murmeln, daß es ihm recht ſei; allein er nimmt ſeinen Weg gegen das Hofthor, indem er ausruft:„Ich hätte nie ge⸗ dacht, daß man ſich ſo unter Mitbrüdern benehmen würde!“ Und mein Pförtner beeifert ſich, das Hofthor hin⸗ ter ihm zuzuſchließen, indem er ausruft:„Geh nur! mit deinem Chaos.. alter Dintenkleckſer!... thäte er nicht beſſer, ſeine Ellbogen zu flicken?... geh, du wirſt nie ſo viel Verſtand haben als mein Papagei!...“ Fünftes Kapitel. Ein Tag. Es liegt ein ganzer Tag zwiſchen dem, der mich der verführeriſchen Adele näher bringen ſoll; wie lang ſcheint die Zeit, welche uns von einer Begeben⸗ heit trennt, nach welcher ſich alle unſere Gedanken 74 hinrichten! wir möchten gerne tauſend Mittel finden, ſie abzukürzen!... Arme Narren, die wir ſind!... Wir beklagen uns manchmal über die kurze Dauer des menſchlichen Lebens, und auf ſechzig Jahren, die wir gelebt haben, kommen immer wenigſtens dreißig, die wir weniger exiſtirt haben würden, wenn der Himmel unſern beſtändigen Wunſch, älter zu ſein, um bälder jenes angeſtrebte Glück zu erreichen, er⸗ hört hätte. Jedermann aber, der den Künſten obliegt, kann die Länge der Zeit leicht betrügen: Nehmet eine Fe⸗ der, einen Pinſel, oder ſetzt euch vor ein Piano! Dies ſind die beſten Zerſtreuungen; ſie verkürzen die Stunden am meiſten.. Gewiß, mein Vater hatte Unrecht, daß er mich hindern wollte, Künſtler zu werden. Ich habe gearbeitet und mein Tag iſt herumge⸗ gangen. Abends, im Augenblick, wo ich ausgehen will, klingelt man bei mir... wenn es nur nicht Herr Lubin iſt!... o nein! ich habe ihn hoffentlich vom Halſe. Ich öffne... eine Frau mit einem großen Schleier über dem Hut tritt ein und wirft ſich in meine Arme, ehe ich Zeit gehabt habe, ſie genauer zu betrachten... Es iſt Clementine! Arme Clementine! ich bin ſo überraſcht, ſie zu ſehen... ich erwarte ſie ſo wenig.. ich bleibe ganz betroffen... ich führe ſie indeß in mein Zimmer; ſie drückt mich aufs Neue in ihre Arme mit dem Ausruf:; „Ich ſehe Dich alſo wieder!... ich kann Dich wieder küſſen... Ach, mein Freund! wie lange iſt — — 2— * 75⁵ es!.. weißt Du, daß es nun vier Monate ſind, ſeit ich Dich nicht mehr geſehen habe... Ach! wie lang iſt mir dieſe Zeit vorgekommen!... Und Du, Arthur, ach! ſage mir doch, ob Du auch an mich gedacht haſt?“ „Liebe Clementine!... ja, gewiß, ich habe an Dich gedacht!... aber ich erwartete kaum... das Vergnügen, Dich heute Abend zu ſehen!“ „Du erwarteteſt mich nicht mehr!... Du dachteſt alſo, es ſei aus, ich werde nie wieder kommen... ich habe mich in mein Schickſal ergeben... es war Dir vielleicht ſehr lieb?“ „Ach! Clementine!... nein... aber ich will ſagen, daß mich Dein letzter Brief ſehr betrübt hat... er ließ mir ſo wenig Hoffnung...“ „Mein Freund, wenn eine Frau Etwas ernſtlich will, ſo gibt es keine Hinderniſſe, die ſie nicht zu überwinden vermöchte. Ich bin beaufſichtigt, aus⸗ ſpionirt, bewacht, dies iſt wahr... Ich habe lange warten müſſen, ehe ich eine Gelegenheit gefunden habe, den Argusaugen, die mich umgeben, zu entkommen; aber ich ſagte immer bei mir ſelbſt: ſie mögen thun, was ſie wollen, ich werde ihn wiederſehen!... und hätte ich ohne dieſe Hoffnung das traurige Daſein ertragen können, zu dem man mich verdammt?.. O nein!... es wäre beſſer, ich ſtürbe... denn nur Du feſſelſt mich an das Leben... ich habe kein Kind, das mich liebkost, das mich tröſtet und auf das ich meine Zärtlichkeit übertragen könnte... Ach! es iſt nur zu wahr, Arthur! wenn Du aufhörteſt, mich zu 76 lieben, würde ich den Tod als eine Wohlthat be⸗ trachten!“ 3 Arme Frau! Thränen entſtrömten ihren Augen! ich beeile mich, dieſelben zu trocknen, ſie zu um⸗ armen, ihr neue Beweiſe meiner Liebe zu geben. Denn ich liebe dieſe theure Clementine fortwährend, ol ja ich liebe ſie ſehr... indeß... zuweilen... wider Willen... geht mir der morgige Abend im Kopf her⸗ um.. aber Clementine wird dies nicht erfahren!... ſie kann es nicht vermuthen! Clementine hat aufgehört, Thränen zu vergießen; die wenigſtens, welche ihre Augen noch benetzen, ſind nur von Liebe und Luſt erzeugt. Sie hält eine mei⸗ ner Hände in den ihrigen und drückt ſie zärtlich, in⸗ dem ſie mehrmals wiederholt:„Arthur, wie glücklich bin ich, daß ich mich wieder bei Dir befinde!... theilſt Du aber auch mein Glück?“ „Kannſt Du mich dieſes fragen!... Theile mir doch mit, wie Du Dich dieſen Abend freigemacht haſt; denn Dein letzter Brief kündigte mir an, daß man Dich nicht mehr allein ausgehen laſſen wolle.“ „O! ja... Seit ich Dich nicht geſehen, bin ich ſehr unglücklich geweſen; Herr Moncarville hat einen Brief erhalten, in welchem man ihm aufs Beſtimm⸗ teſte ſagt, Du ſeieſt mein Geliebter... er hat mir dieſen Brief nicht zeigen wollen... ich weiß nicht, von wem er kommt.. er kann nur von jener Frau ſein, die ich bei Dir getroffen habe... ach! dieſe Frau muß ſehr bösartig ſein... oder ſehr eiferſüchtig auf mich... und dann... iſt ſie Deine Geliebte geweſen.) 77 „Ich verſichere Dich, daß mir dieſe Frau gar nichts iſt.— Jetzt vielleicht!... aber... kurz, ſeit Herr Moncarville dieſen Brief erhalten hat, iſt er hundertmal zänkiſcher mit mir. Jeden Augenblick, den ganzen Tag hindurch, ſtößt er Klagen... Schelt⸗ worte aus.. er wirft mir vor, daß er mich gehei⸗ rathet hat... und Du weißt, Arthur, ob ich dieſe Verbindung wünſchte? Einen ganzen Monat lang hat man mich nicht aus den Augen verloren, ich konnte nicht ohne ihn ausgehen, und bin lieber zu Hauſe ge⸗ blieben; ſpäter hat man mir erlaubt, Luft zu ſchö⸗ pfen, jedoch in Begleitung einer alten Frau, Anver⸗ wandtin des Herrn Moncarville; heute endlich, heute erſt hat Herr Moncarville außer dem Hauſe geſpeist, und ſeine alte Baſe, die ſich unwohl befand, ſich ins Bett gelegt. So wie ich mich frei geſehen, habe ich an Dich gedacht und bin hergerannt; die Gefahr aller möglichen Folgen verachtend; denn wenn man meinen Schritt erführe! o! ich wäre verloren 1... Herr Moncarville will mich einſperren laſſen, mich fortjagen... mich verklagen.. was weiß ich? allein ich trotze dem Allem... ich konnte nicht mehr leben, ohne Dich zu ſehen...“ „Wenn ich Dich nicht zu Hauſe gefunden hätte, wäre ich ſehr unglücklich geweſen... ich glaube, daß ich mich auf Deine Thürſchwelle niedergeſetzt, daß ich dort Deine Rückkunft erwartet hätte.. wenn Du aber mit einer Andern zurückgekommen wäreſt... wenn Du mich nicht mehr liebteſt!... zuweilen kam dieſer Gedanke vor meinen Geiſt; ich ſtieß ihn mit Entſetzen 78 von mir.. O! doch, Du liebſt mich noch, nicht wahr? Du denkſt nicht an Andere? Aber mein Gott! wie zerſtreut, wie verwirrt ſiehſt Du aus! Ich glaube, Du hörſt mich kaum...— Ich ſchwöre Dir, daß ich im Gegentheil nicht ein Wort von Deiner Erzählung verloren habe!— Ahl es iſt ſonderbar... Du ſagſt mir das mit einer Miene... verzeih mir dieſe Befürchtungen, die ohne Zweifel ungerecht ſind; der Kummer macht nicht liebenswür⸗ dig... ich langweile Dich vielleicht...— Welcher Einfall! es iſt ſehr böſe, daß Du mir dieſes ſagſt! — Und Du, was haſt Du gethan, ſeit ich Dich nicht geſehen habe... laß hören! Du erzählteſt mir ehe⸗ mals Alles— Ich habe nichts gethan, das er⸗ zählt zu werden verdient.— Und Dein Vater?— Seit jenem Duell, das er verhinderte, habe ich inh nicht wieder geſehen... ich habe nicht mehr von ihm ſprechen hören...— Welch ſeltſamer Menſch!... Dich nicht zu lieben.. Dich, ſeinen Sohn!.— Ich bin nur noch ein Fremder für ihn!— Und Dein Freund Adolph?— Ich ſehe ihn ſehr ſel⸗ ten.— Und jene Frau... ſeine Geliebte?e..— Ich glaube, er hat ſie aufgegeben... ich, ich habe„ ſie nicht wieder geſehen!“ Clementine ſieht mich an und ſchweigt. Sie läßt häufig ihre Augen umherlaufen, dann haften ſie von Neuem auf mir; ihre Stirne umwölkt ſich, ihr Ge⸗ ſicht wird finſter; ſie ſeufzt. Ich möchte das Schwei⸗ gen brechen, das wir ſeit einer Weile beobachten;„ allein ich fühle mich verlegen, ich weiß nicht, was ich 29 ſagen ſoll... es ſcheint mir, Clementine liest im Grund meiner Seele, ſie ſieht, was in meinem Her⸗ zen vorgeht, und dies hindert mich am Sprechen. „Mein Gott!... Alles kommt mir hier verändert vor!“ ruft Clementine nach einer Weile aus. „Verändert?... aber Du irrſt Dich... es iſt Alles wie ehemals...“. „O! nein... nein... es iſt nicht mehr Alles wie ehemals!— Ich habe indeß keine Veränderung in meinem Zimmer vorgenommen... ahl das heißt... meine Bibliothek iſt vergrößert... ich habe einen Schrank wegenommen, der da ſtand... dies hatteſt Du ohne Zweifel nicht geſehen.“. Clementine läßt einen bittern Seufzer entſchlüpfen und antwortet nicht. Meine Standuhr ſchlägt acht Uhr: ich rufe unbeſonnenerweiſe aus:„Acht Uhr!.. ahl ich glaubte, es ſei ſchon viel ſpäter!...“ Clementine ſteht plötzlich auf und geht nach ihrem Hut und Shawl.— „Sie wollen gehen?“ frage ich auf ſie zueilend. — Ja.. ich gehe fort... es iſt wohl Zeit 4— Fürchten Sie, man möchte bald nach Hauſe kommen? — Ich fürchte..Vieles!... ich muß gehen... guten Abend...— Ei nun!... wie Sie mich ver⸗ laſſen!... wollen Sie mich nicht mehr küſſen?— Ich dachte, es ſei unnöthig.— Unnöthig!... was haben Sie denn aber, Clementine?— Ich habe Nichts.— Doch... doch, Sie haben Etwas... ſchlagen Sie doch die Augen auf!.. Wollen Sie mich nicht mehr anſehen?“ 80 Sie hält hartnätig ihre Augen geſenkt... es gelingt mir aber, ihnen zu begegnen, große Thrä⸗ nentropfen rollen herab. Ich drücke Clementine in meine Arme, invdem ich ausrufe:„Was will das ſagen?2... warum weinſt Du?... was habe ich ge⸗ ſagt... was habe ich gethan, daß Du weinſt?... Laß hören, Clementine, ich will durchaus, daß Du mir antworteſt!“ „Sie haben mir nichts geſagt... ich bin ein Kind... ich weine, ohne es zu wollen.“ Und ſie legt ihren Kopf auf meine Schulter, um ihren Thränen freien Lauf zu laſſen; endlich trocknet ſie ihre Augen, drückt mir die Hand und ſtottert: „Leben Sie wohl, Arthur, ich muß Sie ver⸗ laſſen.— Sie ſind aber wenigſtens nicht böſe, Cle⸗ mentine! Sie haben nichts gegen mich?— Nein... Ol ich bin Ihnen nicht böſe...— Wollen Sie, daß ich Sie begleite?— Nein... bleiben Sie! man könnte uns miteinander treffen... Adieu, Arthur! denken Sie zuweilen an mich, wenn Sie Muße dazu haben.— Auf welch ſonderbare Weiſe Sie mir dies ſagen!— Adieu... adieu, mein Freund!“ Sie drückt mir nochmals die Hand, enſchlüpft dann meinen Armen, eilt davon und wirft die Thüre hinter ſich zu, indem ſie mich höchſt bewegt, verwirrt, betrübt über ihre Thränen und ſehr verlegen in mei⸗ nem Gewiſſen zurückläßt. 1 Hätte ſie vielleicht wahrgenommen, daß ich ein wenig an eine Andere dachte 2... was hätte ſie auf dieſe Vermuthung führen können?.. Ol die Frauen —-— 81 haben ein richtiges Gefühl, einen Scharfblick!... arme Clementine!... ſie liebt mich ſo ſehr, ſie ſetzt ſich Allem aus, mich zu ſehen... und ich liebe ſie weniger als ſonſt! Das iſt ſchändlich! ich möchte mich prügeln, wenn ich dächte, es könnte mich beſ⸗ ſern; es würde mich aber nicht beſſer machen! Ich denke immer mehr darüber nach... Ja... ich bin kalt, verlegen gegen ſie geweſen... Ich wußte nicht, was ich ihr ſagen ſollte.. Und ſie allein fortgehen zu laſſen!... als ſie noch weinte, mein Gott! an was dachte ich... Laufen wir ihr nach... ſuchen wir ſie wieder einzuholen... ihre Thränen zu trocknen... ſchwören wir ihr, daß ich nur ſie liebe .. täuſchen wir ſie!... dies iſt das Allerbeſte, was ich jetzt thun kann. Ich nehme meinen Hut, eile, je vier Stufen zu⸗ mal nehmend, die Treppe hinab; in der Straße an⸗ gelangt, renne ich nach der Gegend hin, wo ich Clementine zu treffen glaube... allein ich ſuche ſie vergebens... ſie wird einen andern Weg einge⸗ ſchlagen haben: ich muß die Hoffnung aufgeben, ſie wieder zu ſehen... Ich höre auf zu laufen und komme maſchinen⸗ mäßig wieder auf meinen gewohnten Weg. Bald bin ich vor dem Theater des Variétes, trete ein und ſetze mich hinten in eine Loge, immer mit Clementinen beſchäftigt und weder auf das Schauſpiel, noch auf die mich umgebenden Perſonen achtend. Ein ſtarkes Gelächter zieht mich aus meiner Träumerei, dem bald weiteres Lachen nachfolgt, Paul de Kock. II. 6 82 dieſes Lachen ſcheint erzwungen, es iſt klar, daß man ſich bemerklich machen, daß man die Augen auf ſich ziehen will. Ich ſaß auf der dritten Bank einer Loge und betrachte jetzt erſt die vor mir befindlichen Perſonen. Auf der erſten Bank haben ein Herr und eine Dame ihren Platz... die Dame iſt es, welche ſo laut lacht. Ich richte meine Augen auf ſie... ſie wendete gerade den Kopf gegen mich zu... es iſt Julie und der.. Herr, ol ich errathe es... ich erkenne ihn, wiewohl er den Kopf nicht dreht und jede Bewegung zu fürchten ſcheint... es iſt Adolph! Es wundert mich nicht ſehr, daß ich Adolph mit Madame Ulyſſe ſehe... Seit unſerm letzten Zuſam⸗ mentreffen zweifelte ich nicht daran, daß er ſich mit ihr ausſöhne; aber eine wahrhafte Ueberraſchung war mir noch vorbehalten. Ein Herr ſitzt auf der zwei⸗ ten Bank und ſchaukelt ſich darauf, indem er lacht, geſtikulirt, mit Julie ſchön thut und ganz vertraulich mit Adolph ſpricht: dieſer Mann iſt Herr Theodor! Ich geſtehe, daß mir dies zu ſtark iſt und daß ich daran zweifeln würde, wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen ſähe. 8 Sich mit einer Frau ausſöhnen, die uns betro⸗ gen hat, iſt ohne Zweifel eine große Dummheit, denn das heißt auf's Neue betrogen werden wollen; doch iſt wenigſtens Liebe in dieſer Schwachheit, und man ſagt, die Liebe mache uns blind; einen Mann aber, der uns hintergangen hat, wiederzuſehen, dem, der mit unſrem Vertrauen ſein Spiel getrieben hat, aufs —— —yy 83 Neue die Hand zu reichen, das kann ich nicht begrei⸗ fen: die Verachtung iſt ein Gefühl, das ſich nicht veerwiſchen ſollte. Julie iſt ſtrahlend vor Freude; alle Augenblicke wendet ſie den Kopf, um zu ſehen, ob ich ſie anblicke; ich gewähre ihr aber dieſes Vergnügen nicht. Adolph iſt wie ein Stück Holz... um kein Kaiſerthum würde er hinter ſich ſehen... ah! er braucht die Begeg⸗ nung meiner Augen nicht zu fürchten!... er flößt mir Mitleid ein; ich will aber ſeine Verlegenheit nicht vermehren. Der große Theodor hat ſich gegen mich umge⸗ dreht... er verſucht ein Lächeln... ich glaube, er hat die Frechheit, mich zu grüßen. Ich thue nicht, als ſei ich der Meinung, daß ſein Gruß mir gelten könne. Da er ſieht, daß ich ihn nicht erwidere, nimmt er eine unverſchämte Mient an und kehrt mir den Rücken zu. Julie ſpricht ſehr laut; wenn ſie mich nicht nö⸗ thigen kann, ſie anzuſehen, ſo will ſie mig zwingen, ſie wenigſtens anzuhören: „Gib mir doch meinen Flacon, Adolph!... halte meine Lorgnette einen Augenblick!... es iſt hier ſehr warm... nicht wahr, Herr Theodor?— Ja, reizende Dame!... man kann die Loge öffnen, wenn Sie es wünſchen.— O nein!.. ich haſſe die Wärme nicht... und Du, Adolph?... ei nun! Du ſprichſt nichts, mein Kleiner... was haſt Du denn?... ſchmollen wir dieſen Abend?.. ich will aber nicht, . 8⁴ daß man ſchmollt, ich!... verſtehſt Du?... ich will nicht!.. Ich kann nicht verſtehen, was Adolph erwidert, weil er ſehr leiſe ſpricht; wahrſcheinlich ſchlägt er aber vor, die Loge zu ändern, denn Julie ruft aus: „Ah freilich! zum Beiſpiel!... und warum denn die Loge ändern?... wir ſind recht hier... ich will nicht anderswohin gehen... und ich habe zu befehlen, hoffentlich... nicht wahr, kleiner Adolph?“ 3 Der kleine Adolph ſpricht kein Wort mehr, trock⸗ net aber mit ſeinem Taſchentuch dicke Schweißtropfen ab, die ihm von der Stirne rinnen. Julie wendet ſich gegen Herrn Theodor. „Sie kommen alſo von der Reiſe her, mein Herr?— Ja, ſchöne Dame, ich war auf der Kund⸗ ſchaft nach meinem Aſſocié, der mit allen Planen meiner Unternehmung die Flucht ergriffen hat.. eine Flucht, die mich nöthigte, meine Operation aufzu⸗ ſchieben. Ich bin ſchändlicherweiſe geprellt..dies iſt ſehr unangenehm!— Ah! Sie ſind geprellt! — Ich beklage nicht ſo ſehr das Geld meiner Aktio⸗ näre, als den Plan meines Waſſerbaſſin.— Sie hätten ein Waſſerbaſſin bekommen?— Auf Omnibus, die wir Baderinnen genannt hätten... eine präch⸗ tige Unternehmung! geſund im höchſten Grad! Man hätte ſich gebadet, während man ſeine Gänge machte. — Abhl wie gerne hätte ich dies gehabt!— Wir hatten ſchon zweitauſend abonnirte Damen, und lau⸗ ter Frauen vom beſten Genre! Man konnte ſich nicht in der Schürze baden!— Kann es nicht wieder 8⁵. eingeleitet werden?— O freilich! ich bin nach Paris zurückgekommen, um die Unternehmung wieder an⸗ zuknüpfen! Ich bin kein Kerl, der ſich auf dieſe Weiſe aus dem Feld ſchlagen läßt... es fehlt mir nur noch an den Geldern; dies iſt aber das Wenigſte! Jedermann bietet mir welche an. Zuerſt lag mir daran, Deſigny wieder zu ſehen, ehn über ſeine Aktien zu beruhigen... er hätte glauben können, ich hätte über ſeine Gelder verfügt.. und ich halte vornehm⸗ lich auf ſeine Achtung. Ich habe Deine Achtung, nicht wahr, Adolph?“ 3 Adolph macht eine Bewegung mit dem Kopf, ohne ſich umzudrehen. „Adolph, wirſt Du mir dieſen Abend keine Orange anbieten?“ fragte Julie, ihre Hand auf den Arm Deſigny's legend...„das erfriſcht mir den Mund... geh' doch und kauf' mir eine, Du, der Du gewöhn⸗ lich ſo artig biſt.“ Ich weiß nicht, was Adolph erwidert, ich ſehe aber ganz wohl, daß er ſich nicht rührt, und ich höre Julie murmeln: „Es iſt ſehr lächerlich, wenn man ſo iſt! flößt Dir die ſer Herr Furcht ein... Ha! hal.. das iſt gar zu drollig! was mich betrifft, ſo incommodirt mich ſeine Gegenwart nicht im geringſten!“ Und einen Augenblick darauf beugt ſich Julie zu Herrn Theodor und ſagt, indem ſie ihm zulächelt: „Weil mein Kavalier ſo auf die Bank gefeſeelt iſt, daß er ſie nicht verlaſſen kann, möchten Sie nicht ſo liebenswürdig ſein, Herr Theodor, mir eine Orange zu holen?“ „Eil wie? ſchöne Dame, eine... zwei... zehn Orangen... Eis, Alles, was Ihnen beliebt... einen Schinken ſogar, wenn Sie wollen..— Ol welch ſchlechter Witz, Schinken im Theater zu eſſen!— Wenn Sie es thäten, bin ich ſicher, daß es in die Mode käme.— Nur eine Orange... und nur eine einzige, ich bitte Sie darum.— So ſoll ſie von Malta ſein, es müßten denn keine mehr von dort⸗ her kommen!“ Und Herr Theodor, der, während er den„Galan⸗ ten ſpielt, mir vorkam, als verziehe er, ſeinen Beu⸗ tel befühlend, ein wenig das Geſicht, ſteigt über die Bank, macht die Thüre auf und geht ſehr ſchnell aus der Loge. Das Stück fängt bald an. Der große Herr kommt nicht wieder. Der Akt geht zu Ende, kein Theodor; Julie ſcheint ſehr ärgerlich, ſie blickt nach allen Seiten, und ſagt:„Das iſt ſonderbar... er kommt nicht wieder... er wird Jemand getroffen ha⸗ ben, der ihn aufhielt.“ Adolph bleibt ſeinem Syſtem treu! er dreht den Kopf nicht. Der folgende Akt wird geſpielt. Herr Theodor iſt noch nicht zurückgekommen. „Iſt er bis nach Malta gegangen, eine Orange zu holen?“ ſagt Julie, indem ſie lacht, um ihren Aerger zu verbergen; und ich ſehe, daß ſie hierauf leiſe mit Adolph ſpricht, und dieſen über ſein Beneh⸗ men zankt; er rührt ſich jedoch darum ebenſo wenig. 87 Endlich iſt das Schauſpiel aus. Wenn ich fort⸗ während in der Loge bliebe, würde ich Adolph auf die Folter ſpannen, denn ſchon hat Julie ihren Shawl genommen, und er wird wohl aufſtehen müſſen. Warum ihm aber dieſe Verlegenheit verurſachen?... es würde ihn nicht beſſern! Ich gehe eiligſt weg und laſſe ihn mit ſeiner Julie zurück. Sechstes Kapitel. Die Liebe auf der Straße. Dieſen Abend ſoll ich alſo meine reizende Unbe⸗ kannte wieder ſehen! Mein Herz iſt bereits in hefti⸗ ger Bewegung... ich glaube, ich bin wahrhaft in dieſe Dame verliebt... Ich denke den ganzen Tag an ſie.. ſie iſt ſo hübſch... Ich bin indeß thöricht, daß ich mich in Hoffnungen wiege, die ſich vielleicht nicht verwirklichen ſollen... Kurz, ich kenne dieſe Dame nicht, weiß nicht wer ſie iſt... noch was ſie treibt... dies Alles hindert aber keineswegs, daß ſie anbetungswürdig iſt... Geduld! ich werde ſie dieſen Abend ſehen. 3 Dieſer Gedanke hat mich ſo verfolgt, daß ich kaum Zeit hatte, mich Clementinens zu erinnern... Clementine! die geſtern ſo traurig war, als ſie mich verließ, die ſich Allem ausſetzt, mich zu ſehen und die ich allein fortgehen ließ.. Ahl... dies iſt unrecht, allein ich werde ſie wiederſehen, mich entſchuldigen... und ſie iſt ſo gut, daß ſie mir verzeihen wird. Es iſt ſieben Uhr; ich eile nach dem Theater de la Porte-Saint-Martin. Die Damen ſind angelangt; ich erblicke ſie in einer offenen Loge, ich habe zuerſt die erkannt, welche nicht ſchön iſt, ihr Hut verbirgt ſie wenig; ihre Schweſter hat im Gegentheil einen weit vorſtehenden, großen Hut, und darüber einen ſchwarzen Halb⸗ ſchleier, wodurch ihr hübſches Geſicht faſt unſichtbar wird. Welcher Einfall, ſich ſo zu verſtecken, wenn man ſauber iſt!... wahrſcheinlich wird ſie aber ihren Hut abnehmen, und der Eindruck, den es hervor⸗ bringt, muß dann um ſo lebhafter ſein: dies Alles iſt vielleicht berechnet. Es gibt Platz hinter dieſen Damen, und ich be⸗ eile mich, zu ihnen zu gehen. Man ninmt mich ſehr gut auf: es macht ſich ſchon beſſer, wenn man nicht mehr an einer erſten Zuſammenkunft iſt. Ich nehme meinen Platz hinter Frau oder Fräulein Adele... ich weiß nicht, welchen Titel ich ihr beilegen ſoll, ich glaube aber wohl, daß ſie Frau iſt. Ich erſuche ſie, ihren Hut abzunehmen. „Und warum? erwiderte ſie lächelnd.— Weil ich Sie gar nicht ſehe.— Und Sie halten darauf, mich zu ſehen?— Nur deßhalb bin ich gekommen. — Und das Schauſpiel?— Was kümmert mich das Schauſpiel? es intereſſirt mich nicht ſehr.— Ich will wohl meinen Hut abnehmen, ich ſage Ihnen aber vorher, daß mich das Schauſpiel ſehr intereſſirt, * —— 4— —— 89 ich liebe es leidenſchaftlich und will es hören und verſtehen, kurz, kein Wort des Stücks verlieren.“ Da man ſo eben anfängt, iſt ſie in der That bald ganz Auge, ganz Ohr; wenn ich mit ihr ſpre⸗ chen will, macht ſie mir ein Zeichen, ſtille zu ſein. Sonderbare Frau! kommt ſie aus der Provinz?... Wenn wir auf dieſe Art nähere Bekanntſchaft machen ſollen!... Es ſcheint nicht, daß dieſer Abend ſo ange⸗ nehm für mich ſein ſoll, als ich hoffte. Ich kenne das Stück, das gegeben wird, und ſehe mich nun genöthigt, es nochmals anzuhören: man hat mich auf den Boulevards ſpazieren geführt, man will mich ein Drama in acht Aufzügen, das ich auswendig kann, anhören laſſen.. das iſt eine Liebe, die mich ſchon ſehr hoch zu ſtehen kommt. Ich weiß nicht, ob die Schweſter in das Vergnü⸗ gen des Schauſpiels ebenſo verſunken iſt, ſie ſpricht jedoch kein Wort; zuweilen bemerke ich, daß ſie mich verſtohlen anſieht... ſobald ich mich aber nach ihr hinwende, ſenkt ſie den Kopf und verbirgt ihr Ge⸗ ſicht vor mir: dies iſt immer ſehr liebenswürdig von ihrer Seite. In den Zwiſchenakten erlaubt man mir, mich für das während der Darſtellung auferlegte Schweigen zu entſchädigen. Alsdann ſchwatzen wir... oder beſſer geſagt, ich ſchwatze mit Adele, denn ich bin beinahe immer der Sprechende; ich kann keinen gan⸗ zen Satz aus ihr herausbringen; ſie fängt an... und unterbricht ſich, um ein Frauenzimmer anzu⸗ ſehen, deſſen Kleidung originell iſt, oder einen Hut 9 0 der lächerlich iſt, oder eine Haube, die ſchlecht ſitzt und ich ſitze da, harrend auf eine günſtige Antwort, auf ein Wort der Hoffnung, auf einen ſüßen Blick. Statt deſſen ruft man aus:„Ach! ſehen Sie doch in die Avantſcene, wie häßlich die dicke Frau mit ih⸗ ren Haaren unter dem Band iſt!— Eil! was liegt mir an dieſer Frau und ihren Haaren! Hier ſind nur Sie es, die ich ſehe, die ich ſehen will, wegen der ich gekommen bin. Werden Sie mich nicht ein wenig anhören?— Ah!l ſtill! ſchweigen Sie! da fängt der zweite Akt an!.“ Ich muß wieder ſchweigen... dies langweilt mich ſehr. Es gibt Augenblicke, wo ich verſucht bin, weg⸗ zugehen und nicht wiederzukommen, was mir bei ähnlicher Gelegenheit ſchon einmal vorgekommen iſt, allein dieſe Adele iſt ſo hübſch!... Zudem werden wir beim Heimgang aus dem Schauſpiel ſehen... ich hoffe, ſie werden ſich nach Hauſe begleiten laſſen. Das Schauſpiel rückt vor, ich aber rücke in nichts vor. Sie hat ihre Augen immer auf die Bühne ge⸗ richtet... nie einen Blick für mich. Ha Teufel, warum hatte denn dieſe Frau Luſt, mich kennen zu lernen? Etwa bloß, damit ich hinter ihr Platz nehme?* 8 Da iſt der letzte Zwiſchenakt! ich glaube, daß, wenn ich denſelben nicht benütze, ich mein Drama umſonſt geſehen, und meinen Spaziergang auf den Boulevards vergeblich gemacht habe. Ich beuge mich gegen meine Unbekannte vor und bemächtige mich ihrer Hand.. wenn ſie böſe wird, deſto ſchlimmer. 91 Sie ſcheint ſehr unzufrieden darüber, daß ich ihre Hand ergriffen habe; ſie will ſie zurückziehen. „Was machen Sie da, mein Herr?— Sie ſehen, ich nehme Ihre Hand.— Eil warum?— Warum 1... warum!... Wahrhaftig, Madame, Sie behandeln mich ſehr ſonderbar! und nach Ihren Briefen, durfte ich hoffen, Sie weniger ſtreng zu finden..— Wie? ſchwatzen wir denn nicht? habe ich Ihnen nicht eine zweite Zuſammenkunft gewährt?— Ja, eine Zuſam⸗ menkunft in einem Theater iſt aber eine ſehr geringe Gunſt, wo man von Leuten umgeben iſt... und Ihre Schweſter ſcheint immer auf das zu horchen, was ich Ihnen ſage! Kann man ſich denn auf ſolche Art verſtändigen und Bekanntſchaft machen? Ich, ich ver⸗ abſcheue den Zwang; ich ſage gerne Alles, was ich denke, Alles, was ich empfinde; wenn Ihnen mi fällt, was ich Ihnen zu ſagen habe, nun gut! ſo⸗ werden Sie mich nicht mehr ſehen und Alles iſt aus! Ich werde mich aber ſicherlich nicht von Ihnen trennen, ohne einen Augenblick allein mit Ihnen ge⸗ weſen zu ſein. Sehen Sie! da bückt ſich Ihre Schwe⸗ ſter wieder gegen uns, um zu horchen, was ich Ihnen ſage. Es iſt grauſam, wenn man ſo ausſpionirt wird! Ich habe lieber zehn Ehemänner“ als eine Schweſter, wie dieſe da; denn ein Ehemann, der Lebensart beſitzt, hört nie, was man ſeiner Fra ſagt.“ 3. Adele bricht in ein Lachen aus, während ihre Schweſter ſie mit den Knien ſtößt, ihr hierauf etwas in’s Ohr ſagt. Zankt ſie etwa mit ihr, weil ſie ihre 92 Hand nehmen läßt? Hum! ich wette, ſie iſt eben ſo bösartig, als häßlich! Der letzte Akt beginnt. Die ſchöne Frau will ihre Hand, die ich noch halte, zurückziehen; ich will ſie aber nicht loslaſſen, ehe man mir geſagt hat, daß man mir einen Augenblick ohne die Schweſter ge⸗ währe; man erwidert mir: 8„Wohlan denn... dieſen Abend... nach dem Schauſpiel... aber ſtill! man fängt an... ſchwei⸗ gen Sie!“ Da wäre nun endlich ein Verſprechen! Ich bin zufrieden; ich laſſe ſie den letzten Akt ganz nach ihrem Gefallen hören. Dieſen Abend, nach dem Schauſpiel, hat ſie geſagt; ich habe nicht mehr lange zu warten. Das Stück geht zu Ende, man erhebt ſich. Adele ſetzt ihren Hut wieder auf, gibt ihrer Schweſter den Arm; ich bemächtige mich des andern Arms und ſchiebe ihn unter dem meinigen durch. Auf dem Bou⸗ levard angelangt, ſagt mir Adele ganz leiſe: „Ich will meine Schweſter in einen Fiaker ſteigen laſſen, da ich aber nicht will, daß Sie erfahren, wo⸗ hin ſie geht, ſo haben Sie die Güte, mich dort unten zu erwarten, an der Krümmung des Boulevards un⸗ ter dem Zuckerbäcker.— Wie? Madame, Sie wollen ...— Gehen Sie, mein Herr, oder ſonſt kein Ge⸗ ſpräch unter vier Augen!— Wohlan, Madamel ich erwarte Sie... ganz vergeblich vielleicht! wenn es Ihnen aber Vergnügen macht, ſo ſei's!“ Ich laſſe die Damen auf die Wagen zugehen und begebe mich an den mir bezeichneten Ort, wobei ——— 93 ich mir ſage: Ich glaube, man hat mich zum Beſten; ich hätte ſie nicht verlaſſen ſollen... indeß mag ſie kommen, wenn ſie will... es iſt ſpät... halb zwölf Uhr vorüber... gewiß ich werde nicht lange auf ſie warten. Bald ſind die aus dem Theater Kommenden vor⸗ über, ich ſtehe noch an der Ecke des Boulevard, bin aber im Begriff, mich gleichfalls zu entfernen, als ich die erwartete Dame auf mich zukommen ſehe. Ich beſchuldigte ſie unrechtmäßigerweiſe, ſie iſt von Wort... ich werde nun aufs Neue verliebt in ſie und alle meine Hoffnungen erſtehen wieder. „Ah! wie liebenswürdig Sie ſind!“ rufe ich, ihr entgegengehend,„ich fürchtete, Sie würden nicht kommen!— Ich hätte es vielleicht ſo machen ſollen. — Und warum? Bereuten Sie etwa ſchon, daß Sie mich glücklich machten? denn ich kann Ihnen gar nicht ſagen, welches Vergnügen ich empfinde, daß ich endlich mit Ihnen allein bin...— Wahrhaftig? es macht Ihnen Vergnügen?... wir wollen aber nicht da ſtehen bleiben...— Geben Sie mir Ihren Arm!... Man könnte meinen, Sie zittern...— Iſt es nicht natürlich... allein mit Jemand, den man nicht kennt...— Doch, doch, Sie kennen mich, Sie wiſſen wer ich bin, was ich treibe, wäh⸗ rend ich noch nicht ſo weit bin.— O! wir wollen nicht über die Boulevards gehen... Es hat da noch zu viele Leute, gehen wir durch dieſe Straße...— Um kein Zuſammentreffen befürchten zu müſſen, wür⸗ den wir, meiner Meinuug nach, beſſer thun, wenn 94 wir einen Wagen nähmen und ſpazieren führen, ſo lang wir wollten.“ „Nein... ich will in keinen Wagen ſteigen... wir gehen zu Fuß umher, und wenn Sie müde ſind, ſagen Sie es, dann verlaſſe ich Sie.— Warum dieſe Weigerung, einen Wagen zu nehmen?... in Wahrheit, Sie beweiſen mir ſehr wenig Vertrauen. — Ich weiß, wie weit eine Frau in ähnlicher Ge⸗ legenheit gehen darf.— Aber doch...— Beſtehen Sie nicht darauf... es iſt vergeblich; es iſt ſchon viel, 4 ich Ihnen ſo ſpät ein Téte-à-Tete gewähre! — Ja... auf der Straße.— So ſind die Männer! ſie ſtnd n nie zufrieden! man thut genug für ſie! her⸗ nach verlaſſen ſie uns, gerade weil wir nicht Stärke genug hatten, ihnen etwas zu verweigern!... Nun, mein Herr, ich hoffe, dies wird Ihnen heine üble Laune verurſachen und Sie werden liebenswürdig ſein, ſo gut Sie können.“ Was ſoll man darauf antworten... ich fühle wohl, daß ſie Recht hat. Ich begnüge mich damit, ihren Arm unter dem meinigen zu drücken, und da wir in der Straße Bondi ſind, wo Niemand geht, ſo ergreife ich eine ihrer Hände, die ich zwiſchen den meinigen drücke. „Schon?“ ſagt ſie lachend.—„Ich möchte gerne die verlorene Zeit einbringen!— Es ſcheint mir, daß Sie viel darauf halten, die ihrige anzuwenden... wenn man Sie ſo meine Hand halten, mir den Arm drücken ſähe, ſo müßte man glauben, Sie ſeien in — Ahl wie mich verliebt!— Ich bin es auch. 1 95 naärriſch Sie ſind! und dieſe Liebe iſt Ihnen in demſel⸗ ben Augenblick gekommen, als Sie mich erblickten? — Wie ſoll denn die Liebe kommen? ich glaube, es geht nie anders; ſoll man, wenn eine Frau uns ge⸗ fällt, uns entzückt, warten, bis ſich ihr Geſicht mit Runzeln bedeckt, um verliebt in ſie zu werden, und es ihr zu erklären?— Ohne ſo lange zu warten, glaubte ich, daß man einander kennen, ſtudiren, ſchätzen müſſe, um.— Man liebt einander zuerſt, alsdann macht man Bekanntſchaft und hintendrein ſchätzt man ſich. Ich verſichere Sie, daß die wahrhafte Liebe, die frei⸗ willige Liebe keinen andern Gang nimmt. Ihr Schleier iſt aber langweilig... er hindert mich, einen Ihrer Züge zu ſehen... Ich bitte Sie, ſchlagen Sie ihn ein wenig zurück...— Nein, nein.... ich ſchäme mich zu ſehr... Ueberdies kennen Sie mich, haben mich geſehen.— O! nie genug!... ich möchte un⸗ aufhörlich in Ihre liebenswürdigen, boshaften Augen ſchauen.— Schweigen Sie! Sie ſchmeicheln mir.— Nein, und man muß Ihnen ſehr oft geſagt haben, daß Sie anbetungswürdig ſind... Sie haben manche Erklärungen erhalten müſſen!...— Weniger, als Sie glauben, ich verſichere Sie... Aber wie viel Uhr ſchlägt es da? es iſt hne Zweifel elf Uhr?— Ja, es iſt elf Uhr!“ Es iſt zwölf Uhr, was es 5 eben geſchlagen hat, ich weiß es ſehr gut; ich hüte mich aber, es der⸗ jenigen zu ſagen, die ich am Arm führe. Sie möchte vielleicht nach Hauſe gehen, und ich fange an, mir ſehr bei ihr zu gefallen. 96 Wir befinden uns am Ende der Straße Bondi bei der Vorſtadt du Temple. Wir ſind im Monat April, das Wetter iſt aber düſter und der Mond läßt ſich nicht blicken. Es iſt kühl, beinahe kalt; man gibt aber auf dies'Alles nicht Acht, wenn man eine hübſche Frau am Arm hat und zum erſten Mal allein mit ihr iſt; man würde im Koth laufen und den Spa⸗ ziergang doch reizend finden; da es mich indeß nicht gelüſtet, mit meiner ſchönen Unbekannten in den Pfützen herumzuwaten, ſo ſchlage ich mit ihr den Weg nach dem Boulevard du Temple ein. „Mein Herr,“ ſagt meine Dame zu mir, nach⸗ dem wir einige Schritte auf dem Boulevard gemacht haben:„Sie müſſen eine ſonderbare Meinung von mir hegen, geſtehen Sie es! Eine Frau, die an einen Mann ſchreibt, den ſie nie geſehen hat; ihm dann eine Zuſammenkunft geſtattet und allein mit ihm ſpazieren geht, wenn vernünftige Leute ſich ins Bett legen! O! dies heißt eine ſehr ſchlechte Idee von ſich geben wollen!“ „Ich verſichere Sie, Madame, daß ich weit ent⸗ fernt bin, Sie auf ungünſtige Weiſe zu beurtheilen. Ich ſelbſt bin ein zu großer Feind des Zwangs, den die Geſellſchaft auflegt, als daß ich Jemand tadelte, der ſich demſelben nicht unterwirft. Ich würdige die Welt, wie ſie es verdient, das heißt, ich achte ſie ſehr wenig; ich laſſe mich nicht durch hochtrabende Worte blenden, durch jene ſchönen Phraſen gewiſſer Redner; ich habe ſo viele Handlungen geſehen, welche die Worte Lügen ſtraften! Ich glaube, wie Rouſſeau, * 97 nur an Eines, nämlich, daß man glücklich ſein muß, und daß Jeder ſein Möglichſtes thut, zu dieſem Zweck zu gelangen. Die Einen ſetzen aber ihr Glück in die Größe, in hohe Aemter, Andere in den Reich⸗ thum. Ich, ich finde es nur bei einer ſchönen Frau, und ich glaube, daß es da am wenigſten trügeriſch iſt. Kurz, wenn überhaupt Jemand Ihr Benehmen tadeln müßte, ſo glaube ich, Madame, daß auf kei⸗ nen Fall ich es wäre; ich, der Ihnen im Gegentheil Dank dafür ſchuldig iſt! „— Ja, Sie müſſen mir freilich dies Alles ſa⸗ gen; im Grunde Ihres Herzens aber... Ach, mein Gott! was üind dies für drei Männer, welche daher kommen?. „Es ſ nd einige jener Herren, die ihre Abende in den ſchmutzigen Tabakſchenken, oder beſſer geſprochen in den Dampflöchern zubringen, von denen das Bou⸗ levard hier übervoll iſt. Dieſe Herren gehen ſehr frühe nach Hauſe... denn man bringt einen Theil der Nacht in dieſen Höhlen zu; wahrſcheinlich haben ſie keinen Sou mehr!— Wenn ſie ſich aber an uns wendeten, um Geld zu erhalten?— Fürchten Sie nichts!.. es ſind nicht geradezu Diebe... Zudem deneen dieſe da nur daran, ſich untereinander zu ſtrei⸗ . Hören Sie.“ Dieſe drei Männer halten jeden Augenblick an und ſchneiden Geberden; ihr Geſpräch wird ſehr leb⸗ haft. Wir ſchlagen die Nebenallee ein und verſtehen ſie deutlich: „Ich ſage Dir, daß Cadet⸗ Friſſot mij betrogen Paul de Kock, II. 98 hat! daß er nicht mehr Bälle gemacht hat, als ich! .:. und ich bin ſtärker als er, und ich könnte ihm vier Points vorgeben, wenn ich wollte!...“ „Gut! warum haſt Du Dich denn ausſchmieren laſſen, Mouton!— Ich ſage Dir noch einmal, daß man mich betrogen hat... nicht wahr Salomon 2... — Ol ich weiß nicht!... Hundsföttiſcher Tabak l... wie niederträchtig ärgerlich iſt es, ſchon heimzugehen, wenn die Andern ſich beluſtigen... Ich habe noch Durſt, ich... ſie haben mir da drinnen meine Pfeife ausgetauſcht... zahl etwas Mouton!— Das Schlimme iſt, daß man mir Alles abgenommen hat ... Nichts mehr zum Verpuffen! und ich glaube, Rocard war mit Cadet⸗Friſſot einverſtanden!— Was ſagſt Du, daß ich einverſtanden geweſen ſei? — Ja, ja, ich habe Dich ihm Zeichen machen ſehen! ... Gib Acht, daß ich Dir keines ins Geſicht mache, Dir!— Ol ſpiel' nicht ſo den Eiſenfreſſer! Das iſt gut, um Mücken Furcht einzujagen!... ich aber werfe ſechs wie Du auf den Boden, Spitzbube!— Spitz⸗ bube? haſt Du Dich erfrecht, Spitzbube zu ſagen! Du willſt alſo, daß ich Dich klein ſtoßen ſoll?...“ „Geht, nicht ſo viel Geſchwätz, Freunde, wenn ihr Luſt habt, euch zu prügeln, ſo prügelt euch! ... der Platz iſt gut und ich werde die Stöße be⸗ urtheilen.“ „Salomon hat Recht; wir wollen uns prügeln. Dich will ich tanzen laſſen, Mouton!— Du, Rocard, wirſt ein Staubbad nehmen!“ 3 Alsbald ziehen dieſe beide Herren, der eine ſeine 99 Jacke, der andere ſeinen Rock aus, unter welchen ſie nur ihr Hemd anhaben; ſie werfen Kappe und die griechiſche Mütze auf die Seite, ſtürzen dann auf einander los, indem ſie fluchen und Verwünſchungen ausſtoßen wie Kannibalen, während ſich der Dritte an einen Baum lehnt und ſeine Pfeife rauchend, ganz ruhig zuſieht, wie ſie ſich prügeln. Wir haben keine Luſt, Kampfrichter dieſes neu⸗ modiſchen Turniers zu werden. Meine Gefährtin zieht mich eiligſt mit ſich fort; wir bleiben erſt dann ſtehen, als das Wuthgebrüll der Kämpfenden nicht mehr an unſere Ohren ſchlägt. „Ach! mein Gott! die elenden Menſchen!“ ſagt meine Dame, als wir wieder in unſerem gewöhnlichen Schritte ſind,„wie ſie ſich prügelten!... An was denken Sie denn aber?— Ich denke, daß der Zu⸗ ſchauende ſich Salomon nannte, und es ſcheint mir, daß mir dieſer Name nicht unbekannt iſt!— Ich hoffe wohl, daß Sie keinen von dieſen Menſchen da kennen?— O nein! ohne Zweifel...— Es iſt abſcheulich, Menſchen ſich ſo mit einander ſtoßen zu laſſen! ihr Freund hätte ſie auseinander reißen ſol⸗ len!— Dies wäre, glaube ich, ſehr ſchwer geweſen; erinnern Sie ſich des Arztes wider Willen von Molièere:„Ich will, daß mein Mann mich prü⸗ gelt?“ Es gehen ſonderbare Sachen in Paris vor! es gibt Landſtreicher die keine Schlafſtätte haben und ſchlafen, wo ſie ſich gerade befinden. Wenn dieſe Leute ſich unter einander zerreißen, ſo iſt dies ein Dienſt, den ſie der Beſellſchaft leiſten, deren Auswurf 100 ſie ſind, und man muß ſich wohl hüten, ſie davon abzuhalten. Laſſen wir aber dieſe Menſchen da, wir können uns von liebenswürdigern Dingen unterhal⸗ ten.— Ahl ich geſtehe Ihnen, daß dieſer Auftritt mir weh gethan hat!— In der That, Sie zittern, Sie ſind ſehr aufgeregt.— Dies iſt kein Grund, mich ſo um den Leib zu faſſen.— Ich möchte Sie beruhigen, zufrieden ſtellen.— Wahrhaftig! und um mich zufrieden zu ſtellen, halten Sie mich ſo: das iſt eine ſehr ſchlechte Manier... und wenn man uns ſähe...— Wer ſoll uns denn ſehen? Es iſt finſter, die Straßenlampen ſind nur der Form wegen da!— Hören Sie auf, geben Sie mir den Arm, oder ich werde böſe.— Wie grauſam Sie ſind! Sie ver⸗ wehren mir Alles!— Es ſcheint nicht... und dieſer Spaziergang, zu dieſer Stunde... ich geſtehe jedoch, daß ich ſchon lange eine Unterredung ohne Zeugen mit Ihnen zu haben wünſchte, um Ihnen Alles zu ſagen, was ich denke, um Sie zu hören, mir den Hof machen zu laſſen; denn, ſehen Sie, ich bin offen, ich war ſicher, daß Sie mir ihn machen wür⸗ der; ich ſcheine Ihnen ſehr eingebildet, weil ich die⸗ ſes behaupte; allein man hat mir zum Voraus ge⸗ ſagt, daß Sie allen Frauen, die ein wenig erträglich ſind, den Hof machten.— Ahl man hatte dies ge⸗ ſagt! und wer denn?— Was liegt daran? kurz, ich wußte es.— Ich bin wie Figaro, Madame, ich bin beſſer, als mein Ruf. Da Sie alſo Ihrer Sache gewiß waren, ſo nehmen Sie es nicht übel auf, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie anbete, daß mein — — 101 größter Wunſch iſt, nähere Bekanntſchaft mit Ihnen zu machen; aber mich zu zwingen, Ihnen dies Alles unter freiem Himmel zu ſagen! ſich zu weigern, mit mir in einen Wagen zu ſteigen, das iſt ſehr ſonder⸗ bar!— Ah! Ah! Sie denken noch daran!— Ich glaube wohl! ich denke mehr als je daran! Wenn wir wenigſtens auf dem Felde wären, könnten wir uns ein wenig auf das Gras ſetzen. Finden Sie nicht, daß es ermüdend iſt, immer zu laufen?— Ich habe es noch nicht gefühlt. Wiſſen Sie, daß Ihre Bemerkung nicht ſehr liebenswürdig iſt? Sie ſind ſchon müde, mit mir ſpazieren zu gehen: gut denn, gehen Sie zu Bette, mein Herr, ich bin nicht furchtſam, ich kann wohl allein nach Hauſe gehen.— Was ſagen Sie mir da? ich ſoll Sie allein laſſen? ich bin keineswegs müde, ich hätte mich nur ſetzen mögen, weil ich glaube, daß man ſo beſſer plaudern könnte.— Ich, ich rede eben ſo gern während des Gehens.— Ah! da iſt ein Steinſitz, kommen Sie, wir wollen ein wenig ausruhen; ich verſichere Sie, daß Sie müde ſind.— Durchaus nicht! wenn es Ihnen aber ſo viel Vergnügen macht, wollen wir uns auf die Steinbank ſetzen; um dieſe Stunde dür⸗ fen wir nicht befürchten, daß man ſich über uns lu⸗ ſtig macht.“ Ich führe meine Unbekannte auf einen jener Sitze, welche man in den Nebenalleen des Boulevard Saint⸗ Antoine findet, denn dort waren wir angelangt. Dieſer Ort iſt Abends der Sammelplatz von Kinds⸗ mägden, Soldaten, Commiſſionären und öfters von * 102 noch Geringerem. Sonderbares Boudoir, um der Liebe zu pflegen! allein man nimmt, was man fin⸗ det; ich hegte große Erwartungen von dieſem Sitze: ich hoffte, derſelbe werde meine Angelegenheiten vor⸗ wärts bringen; und überdies iſt bei aufgeregtem Kopfe eine Steinbank mehr werth, als ein Sopha. Wirr ſitzen auf der Bank und ſehr nahe bei ein⸗ ander; ich halte die Hände meiner Unbekannten, und während ich mit ihr ſpreche, küſſe und drücke ich ſie zärtlich. Ich möchte gerne etwas Beſſeres küſſen, als ihre Hände; ſo oft ich aber mit meinem Geſicht ih⸗ rem fatalen Schleier nahe komme, ihn aufzuheben ſuche, dreht ſie behend den Kopf, und ich küſſe nur den Hut. O! wie gut verſtehen die Frauen jenen kleinen Krieg in die Länge zu ziehen und uns die Hoffnung zu laſſen, während ſie uns eine Gunſt verſagen! Wir ſind ſchon lange auf der Bank; obgleich ich nur kleine Siege darauf erfechte, bin ich doch viel lieber hier, als unterwegs. Ich ſehe, daß meine ſchöne Begleiterin ſehr bewegt iſt: man verliert von ſeinen Kräften in den ſanfteſten Kämpfen. Während ich ſie zu küſſen, in meine Arme zu drücken ſuche, erneuere ich ihr die Verſicherung, ſie immer zu lieben. Sie ſtößt mich ſchwächer zurück, indem ſie murmelt: „Laſſen Sie mich... Sie lügen... Sie ſagen allen Frauen das Gleiche. Wir wollen aufſtehen, ich bitte Sie darum.“ Weit entfernt, ſie von der Bank weggehen zu laſſen, umfange ich ſie mit meinen Armen, drücke ſie —— — — —— 103 an mein Herz: ich glaube, ſie verliert die Kraft t zum— Aufſtehen, als wir in unſere Ohren ſchreien hiren: „Wer da?“ Die Dame und ich machen einen Satz auf der Bank, und uns umwendend, ſehen wir eine Patrouille der Nationalgarde hinter uns. Wir ſind beinahe ein⸗ geſchloſſen und haben ſie nicht einmal herbeikommen gehört. So iſt es, wenn man zu ſehr mit ſeinem Gegenſtand allein bechit g iſt! „Wie ſo? wer da?2... frage ich, mich undre⸗ hend, es ſcheint mir, meine Herren, daß wir bei keiner Schildwache ſind.— Ohne Zweifel; was machen Sie aber da?— Ah Korporal, dies iſt eine Frage, die ich einem Schweizer verzeihen würde, daß mich aber die Bürgermiliz das fragt!... Sie ſehen wohl, daß wir keine Diebe ſind. Madame und ich haben keine ſchlechten Abſichten: ich ſtehe Ihnen dafür, daß wir weder die Bäume, noch die Bänke wegtragen; wir ruhen aus, das iſt Alles.— Ja aber es iſt ſehr ſpät... hüten Sie ſich vor ſchlechten Begegnungen! — Wir ſind ſehr muthig, Korporal, und man hat uns verordnet, uns im Kühlen zu ergehen.“ Der Korporal und ſeine Voltigeurs entfernen ſi ſi ch unter Lachen über die Furcht, die ſie uns eingejagt haben. Während ich ihnen nachblicke, iſt meine Dame aufgeſtanden, ſie hat die Bank verlaſſen. Ich folge ihr raſch. „Ei!l was machen Sie denn?— Ich gehe fort... ich bleibe nicht mehr da... ich wurde zu ſehr er⸗ ſchreckt!— Sie ſind aber fort, werden nicht mehr fr 6 104 zurückkommen. Warum dieſe Bank verlaſſen, wo man ſo gut ſitzt?— Nein, nein, ich werde mich nicht wieder ſetzen; ich glaube zudem, daß es anders viel anſtändiger iſt. Kommen Sie, wir wollen gehen.— Verdammte Patrouille! in dieſem Paris kann man ſelbſt nach Mitternacht nicht ruhig ſein!— Wir wollen gehen, mein Herr, geben Sie mir Ihren Arm. Wer⸗ den Sie im Gehen nit eben ſo liebenswürdig ſein können als im Sitzen? Ahl ahl Sie ſind jetzt böſe! dies wird aber vorüber gehen.“ Es iſt wahr, ich bin ärgerlich. Unſer Geſpräch wurde ſo intereſſant, ſo belebt; kurz wir wollen uns tröſten... ſpäter wird fie vielleicht erlauben, daß man ſich wieder ſetzt... Wir werden wohl wieder einen eben ſo weichen Seſſel finden. „Nun denn! mein Herr, Sie ſagen mir nichts mehr?— Madame... ich denke.— So haben Sie die Gefälligkeit, ganz laut zu denken! Sie ſehen, daß ich Ihnen erlaube, mir Alles zu ſagen, was Ihnen in den Sinn kommt.— Und ins Herz?— O! ich gllaube Ihr Herz hat ſelten einigen Antheil an dem, was Sie ſagen.— Madame, Sie beurtheilen mich ſehr ungünſtig.— Keineswegs, ich finde im Gegen⸗ theil dies Alles ſehr natürlich. Da Sie ſo oft Ge⸗ legenheit haben, ſich zu beluſtigen, ſuchen Sie Ver⸗ gnügen und kein dauerndes Gefühl: Sie haben Recht, dies iſt das Mittel, glücklich zu ſein; und ich glaube, ich würde an Ihrer Stelle eben ſo handeln.— Ich ſchwöre, daß Sie ſich irren, und daß ich ſehr ſenti⸗ mental bin, ohne gerade den Anſchein davon zu haben. 10⁵ Aber, wiſſen Sie, was ich in dieſem Augenblick von Ihnen denke?— Sagen Sie es mir, ich bitte Sie darum; ich bin auf Alles gefaßt.— Ich denke, daß Sie hundertmal liebenswürdiger unter vier Augen fiind, als mit Ihrer Schweſter. In der Paſſage Ven⸗ dome und ſogar dieſen Abend im Schauſpiel antwor⸗ teten Sie mir kaum; ich konnte keinen ganzen Satz von Ihnen erlangen. Ich geſtehe Ihnen, daß ich bei mmir ſprach: Welcher Unterſchied zwiſchen ihren Brie⸗ fen und ihrem Geſpräch! ſie ſchreibt ſo gut und ſpricht...— So ſchlecht?— Nein, aber wie eine Perſon, die nichts fühlt; wie jene Frauen, welche nur von Kleider, Putz und Küche zu ſprechen wiſſen. Es gibt viele ſo. Seit wir aber nur unſrer Zwei find, ol ſeitdem finde ich Sie wieder ſo, wie ich Sie hoffte, ſo, wie Ihre Briefe Sie mir malten... das heißt reizend, geiſtreich... etwas launiſch vielleicht, aber immer anbetungswürdig! .„Und ich hatte Sie ganz errathen, wie Sie ſind; Ihre Werke hatten mich nicht getäuſcht... was ſuchen Sie aber denn?— Nichts... ich ſah umher... es iſt ſonderbar, es gibt alſo keine Steinbank in dieſer 4 Straße?— Ich ſchwöre Ihnen, daß, wenn es auch eine gäbe, ich mich nicht ſetzen würde. Sie ſagen, meine Unterhaltung gefalle Ihnen, und es iſt Ihnen nicht genug, mit mir zu plaudern?— Doch, doch! ſagen Sie mir aber wenigſtens, ob wir uns öfters zuſammenfinden werden? und ohne Ihre Schweſter? — Meine arme Schweſter! Sie lieben Sie nicht ſehr!— Ol ich verabſcheue ſie!— Was hat ſie 106 Ihnen denn gethan?— Sie hinderte mich, allein mit Ihnen zu ſein. Hernach werden Sie zugeben, daß Sie wohl an ſich ſchön genug ſind, und kein Geſicht neben ſich brauchen, das einen ſolchen Contraſt bildet. — Sie finden alſo meine Schweſter...— O! ich finde ſie abſcheulich! ſie iſt das wahre Ideal des Häßlichen!— Dieſe arme Klara! Wiſſen Sie, daß ſie durch ihre Häßlichkeit ſehr unglücklich iſt?— Ganz „gewiß wird ſie nie einen Mann finden, der ſie liebt! während Sie... ſo viel Geiſt haben und ſo hübſch ſind... nun denn, Sie wollen nicht mehr, daß ich Ihre Hand halte?..— Zu was wäre es gut?— Wie! zu was gut? wären Sie eben ſo gefühllos, als Sie liebenswürdig ſind!— O! nein.. ich bin nicht gefühllos, unglücklicherweiſe!“ Weil ſie eingeſteht, daß ſie nicht gefühllos iſt, will ich ſie in meine Arme ſchließen; ſie wehrt ſich, weicht zurück... ſtößt hierauf einen Schrei aus... wir befinden uns gerade vor einem Lumpenſammler, der, um uns zu betrachten, zu gleicher Zeit ſeine aterne und ſeinen Haken in die Höhe hebt. Meine Dame iſt entſetzt! ich kann nicht umhin, zu lachen, als ich dieſen gemeinen Gewerbsmann er⸗ blicke, deſſen Anzug noch ekelhafter iſt, als der des famöſen Robert Macaire.— Der Lumpenſammler murmelt zwiſchen den Zäh⸗ nen:„Iſt die Straße nicht breit genug... könnt ihr mich nicht ruhig arbeiten laſſen, ohne euch auf mich zu werfen... wie Maulaffen?“* 3 Meine Begleiterin iſt ſchon weit weg; ſie hat mit — 107 dem Hakenmann kein Geſpräch anknüpfen wollen; ich laſſe dieſen fortmurren, und gehe wieder zu mei⸗ ner Dame. „Ei, mein Gott! wie Sie laufen!..— Dieſer Menſch hat mir Furcht eingejagt... ich habe mich ſo plötzlich ganz neben ihm befunden!— Wenn Sie mich hätten machen laſſen, wären Sie nicht Gefahr gelaufen, dieſen Nachtmenſchen zu küſſen.— Sie ſind aber ſo böſe!.. Sie ſind nicht weiſe! Möchten Sie es mich bereuen laſſen, daß ich Ihnen dieſes Téte- à-téte bewilligt habe?— Es ſcheint mir, als Sie meine Bekanntſchaft zu machen wünſchten; durften Sie vorausſetzen, daß ich mich damit begnügen werde, Sie anzuſehen?... die Frauen beklagen ſich über unſern Mangel an Weisheit, aber ich glaube, es wäre ihnen ſehr leid, wenn wir ſie zu lang beſäßen! — Sie haben eine ſchlechte Meinung von den Frauen! — Heißt das eine ſchlechte Meinung von ihnen haben, wenn man vorausſetzt, daß ſie keine Dummköpfe lie⸗ ben?— Man iſt alſo dumm, wenn man weiſe iſt? — Ungefähr; wenigſtens wenn man nicht weiſe iſt, wie Salomon und David, welche ſicherlich weder Frauen noch Maitreſſen brach liegen ließen, was übrigens nicht hinderte, daß ſie die Vielgeliebten des Herrn waren.— Es iſt wahr, daß man zu dieſer Zeit kein Verbrechen aus der Vielweiberei machte... Wo ſind wir denn, mein Herr?— Meiner Treu, Madame, ich weiß es nicht... Sie ſind ſo ſchnell ge⸗ weſen... Wir haben die erſte beſte Straße einge⸗ ſchlagen... Sie zittern aber: iſt es aus Furcht?— 8 Nein, ganz einfach aus Kälte; die Luft iſt ſehr ſcharf geworden..— Wenn ich Ihnen ſage, wir müſſen uns ſetzen, damit ich Sie wieder erwärme...— Ich will es nicht auf dieſe Weiſe werden; gehen wir ein wenig ſchneller, wollen Sie?— Alles was Ihnen beliebt; wir könnten ſogar Galoppade tanzen, wenn es Ihnen angenehm wäre: dies erwärmt ſehr ſchnell. zu machen.— Sprechen Sie, mein Herr!— Sind Sie Fräulein, Frau, oder Wittwe? Wo wohnen Sie? Welche Stellung haben Sie in der Welt? Ich glaube, daß Sie mir antworten können, ohne zu befürchten, ich möchte Ihr Vertrauen mißbrauchen; ſagen Sie mir aber gar nichts, ſo heißt dies, mir gar zu wenig zu trauen.— Ich glaubte, Sie liebten geheimnißvolle Verbindungen.— Ja, geheimnißvoll für die Welt, verborgen vor unbeſcheidenen Blicken, unter ſich aber kann man... ſoll man ſogar einander ſagen, wer nicht beleidigen; ich bin ſogar ſicher, daß Sie finden, ich habe Recht; und wenn Sie fortfahren, ſich in geheimes Dunkel zu hüllen, ſo geſchieht es nur, um ſich zu beluſtigen, indem Sie meine Neugierde mehr zu reizen ſuchen.“ —„ La, mein Herr, Sie haben Recht, man muß 109 ſich den Perſonen, die uns lieben, zu erkennen ge⸗ ben; und ich, wenn ich einmal ganz gewiß bin, daß Sie mich lieben, werde Ihre Neugierde befriedigen, bis dahin aber, werde ich Ihnen nichts weiter ſagen: wenn Sie fürchten, ſich bloßzuſtellen, indem Sie mit mir ausgehen, ſo ſteht es Ihnen frei, es nicht mehr zu thun.“ „Mein Gott! Sie können dies glauben? oder habe ich mich wirklich ſo ungeſchickt ausgedrückt?... Kurz Madame, was muß ich thun, damit Sie von meiner Liebe überzeugt werden?— Ol ich bin ſehr ſchwer zu überzeugen... Aber horchen Sie... hören Sie kein Jammern... Geſchrei? Ich horche auf und höre in der That Etwas wie Jammertöne: es kommt mir ſogar vor, als ſei es ſehr nahe bei uns. Meine Unbekannte drückt mir ſtark den Arm und ſagt:„Ach, mein Gott! diesmal habe ich ſehr Furcht... man packt ohne Zweifel Jemanden an... — Wenn dies der Fall wäre, würde man nach Hülfe, nach der Wache rufen!... Sehen Sie aber nicht da unten... mitten in der Straße, etwas Weißes?— Ja..— Wir wollen ein wenig vor⸗ wärts gehen.— Wenn es Diebe wären...— Wenn es eine Perſon wäre, die Hülfe nöthig hat.. Nun denn! gehen wir vorwärts, aber vorſichtig, ich bitte Sie darum!“ Wir machen einige Schritte auf das Weiße zu, das wir erblicken. Meine Gefährtin drückt ſich an mich; ich ſtrecke den Hals, beuge den Kopf 110 vorwärts... unſere Haltung muß etwas Komiſches haben; es gelüſtet uns indeß nicht zu lachen. Wir kommen näher: ich fange an, die Gegen⸗ ſtände zu unterſcheiden; eine Frau liegt mitten in der Straße auf den Knien, ſie beugt ſich herab zu einer andern Frau, die auf dem Pflaſter ausgeſtreckt iſt und ſich nicht rührt. „Es ſind zwei Frauen, ſagt meine Unbekannte zu mir, gehen wir vorwärts!— Ja, es ſind zwei Frauen, dies iſt aber noch kein Grund, nicht miß⸗ trauiſch zu ſein.. Sehen wir übrigens!“ Die, welche vor der Andern auf den Knien liegt, ſäumt nicht, ihr Lamento wieder zu beginnen. „Ach! mein Gott!... wie unglücklich bin ich!... und daß kein barmherziger Menſch kommt, der mir hilft, dieſe arme, liebe Freundin in unſer Haus zu tragen!... Ah! da kommt Jemand!... Ach! mein Herr, ich bitte Sie, helfen Sie mir ein wenig meine Freundin, die ihr Bewußtſein verloren hat, in mein Haus zurückbringen, gerade da gegenüber!...“— An mich wendete man ſich. Wir waren ganz nahe bei den beiden Frauen angekommen; ich be⸗ trachtete ſie aufmerkſam, und die Unterſuchung war nicht zu ihrem Vortheil. Der Anzug, der Ton, die Stimme, Alles war ſehr verdächtig. Ich blickte bald die auf dem Boden ausgeſtreckte Frau, bald einen kleinen, ganz finſtern Eingang uns gegenüber an, während mir meine Gefährtin ins Ohr raunt:„Hel⸗ fen Sie ihr doch das arme Weib wegtragen!“ „Aber, ſagte ich zu der Wehklagenden, warum 111 liegt denn Ihre Freundin ſo mitten in der Straße? was iſt ihr zugeſtoßen?“. „Ach! mein lieber Herr, ſie iſt ohnmächtig ge⸗ worden, das iſt an ſie gekommen, wie ein Donner⸗ ſchlag! Es ſind Nervenanfälle, ſie hat es oft; als⸗ dann verdreht ſie die Augen wie eine Beſeſſene! und nun iſt es ſchon über eine Stunde, daß ſie ſo iſt! Da iſt aber unſre Wohnung, wir wohnen im dritten Stock... es wird bald gethan ſein... Ihre Gemahlin wird ſie im Hausgang erwarten... Gott! meine gute, liebe Freundin! es zerſchneidet mir das Herz, Dich ſo auf dem Pflaſter liegen zu ſehen!“ Alles dies ward mit heiſerer Stimme vorgebracht, mit ſtarker Begleitung von Geberden und Wehklagen. Ich ſtand unentſchloſſen; meine Dame ſchien er⸗ ſtaunt über meine geringe Menſchlichkeit, und ich hätte mich vielleicht entſchieden, die Kranke aufzurichten, als man im zweiten Stocke eines gegenüber liegenden Hauſes ein Fenſter öffnete; ein Mann in baumwolle⸗ ner Nachtmütze erſcheint und fängt an zu rufen: „Hören Sie dieſe Dirnen nicht an, mein Herr, es ſind zwei ſchlechte Weibsbilder, die alle Nacht die nämliche Komödie ſpielen, um Männer zu ſich zu locken und ſie vielleicht mit Hülfe ihrer Liebhaber zu beſtehlen. Morgen werde ich aber den Polizeicom⸗ miſſär des Viertels davon in Kenntniß ſetzen, damit man dem Unfug ein Ende macht.“ Der Nachbar hatte noch nicht geendet, als die vorgebliche Kranke aufgeſtanden war und mit ihrer Helfershelferin ſchrie:„Ha! alter Hund! hal alter Lumpenkerl! Du willſt uns hindern, unſer Brod zu verdienen! Wir fragen den Teufel nach Dir und Deinem Commiſſär! Sieh! da haſt Du etwas für Dein Geſchwätz! Geh, beklage Dich, alter Sans⸗ culotte!. Zu gleicher Zeit raffen dieſe Jungfern Steine, Koth, Alles, was ihnen unter die Hände kam, zu⸗ ſammen und werfen es gegen den Nachbar, der ſein Fenſter wieder zugemacht hatte, deſſen Scheiben ſie jedoch zerſchmetterten. Ich habe meine Dame fortgezogen; wir entfernen uns eilfertigſt, denn die Schimpfworte dieſer Jung⸗ fern erlangten eine Energie, die einen Dragoner hätte erröthen machen können. „Nun denn!“ ſage ich zu meiner Unbekannten, als wir weit von dem Orte dieſes Auftritts ſind, begreifen Sie, warum ich zauderte, dieſer Frau bei⸗ zuſtehen? Ich dachte wohl, daß dies Alles nur ein Spiel von ihnen ſei, um Leute zu täuſchen. In Pa⸗ ris muß man beinahe immer auf ſeiner Hut ſein, und mitten in der Nacht iſt es nie rathſam, ſich über die Schwelle eines unbekannten Hauſes zu wagen. „Ol ich ſehe wohl, daß Sie Recht haben; wel⸗ ches Unglück, wenn Sie dort eingetreten wären!... man hätte Sie vielleicht umgebracht!— Ich denke nicht, daß es ſo weit gekommen wäre, indeß hat man ſchon ähnliche Fallgruben geſehen.— Und wie kommt es, daß die Polizei, die Alles weiß, es nicht verhin⸗ dert, daß ſolche Höhlen des Verbrechens beſtehen?— In einer Stadt wie Paris muß es immer Verbrechen, 113 3 ſtrafbare und liederliche Leute geben; während man die Einen ſtraft, zeigen ſich Andere: man käme nie zu Ende.— Dieſes Abenteuer thut mir ſehr wehe, wenn ich bedenke, daß ich die Urſache eines Ihnen zuſtoßenden Unglücks geweſen wäre!— Sie? warum? — Ohne dieſen Einfall, bei Nacht ſpazieren zu ge⸗ hen, würden Sie jetzt ſchlafen, und geſtehen Sie, Sie wären jetzt lieber in Ihrem Bett, als auf der Straße?— O neinl ich ſchwöre Ihnen, daß ich lie⸗ ber bei Ihnen bin... ich würde zum Beiſpiel vor⸗ ziehen, daß wir in meinem Bett wären.— Ahl mein Herr!... kann man ſolche Dinge ſagen?— Warum nicht... wenn man ſie denkt?— Wenn man immer ſagte, was man denkt, würde man in der Welt ſonderbare Redensarten hören!... Aber ich denke an dieſe nichtswürdigen Weiber! ſei Einer menſchlich, gefühlvoll, er würde ſchön dafür belohnt! — In Paris iſt es ſehr gefährlich, wenn man ge⸗ fühlvoll iſt!... Sie zittern aber noch!... Sehen Sie, da iſt eine Steinbank an dieſem Haus, ich bitte, ruhen wir ein wenig aus; und wenn Sie es verlangen, wohlan! ſo werde ich mich nicht ſetzen.— Wenn man mir ſo viel Gefälligkeit beweist, vermag ich nichts abzuſchlagen. Setzen wir uns ein wenig! ich will wohl. Ich geſtehe, daß ich anfange, müde zu werden. Verſprechen Sie mir aber, daß Sie mich 8 nicht quälen!— Ich verſpreche es Ihnen.“ Wir ſetzen uns auf eine ſchmale und kurze Stein⸗ bank, die an der Thüre eines ganz finſtern Hauſes ſteht. Da unſer Sitz nur ſehr kurz iſt, ſo müſſen wir Paul de Kock. II. 114 ſchon ganz nahe bei einander ſein; ich habe aber verſprochen, daß ich ordentlich ſein wolle: man darf ſeinen Verſprechen nicht immer untreu werden. Ich begnüge mich damit, eine Hand zu halten, die man mir überläßt, und die ſogar den zärtlichen Druck der meinigen erwidert; ich glaube wahrzu⸗ nehmen, daß meine Unbekannte ſeufzt: dies iſt ein e gutes Zeichen; ſie iſt träumeriſch geworden, ich laſe ſie denken; auch ich verhalte mich ſchweigend; das dient uns manchmal beſſer, als die beredteſten Ge⸗ ſpräche. „Wie viel Uhr iſt es? fragt ſie mich endlich.— Wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich es Ihnen werde ſagen können... man ſieht hier ſo wenig! Ich ziehe indeß meine Uhr heraus, es iſt mir aber unmöglich, die Zeiger zu unterſcheiden, und wir ſind fern von einer Lampe. „Ich ſehe die Stunde nicht, und Sie, Madame? — Ich auch nicht.— Ich glaube es wohl, Sie ſchlagen Ihren Schleier nicht zurück, ſelbſt nicht, um auf meine Uhr zu blicken. Sind Sie alſo entſchloſſen, mich des Vergnügens, Ihr Geſicht zu ſehen, berau⸗ ben zu wollen?— Ja; zudem kennen Sie es.— Ich ſehe es nie genug.— Ich habe Ihnen geſagt, daß ich mich ſo ſehr über die Lage ſchäme, in der ich mich mit Ihnen befinde.— Schämen! welche Narrheit!— Die Nacht muß weit vorgerückt ſein, es wird bald Tag werden, wie ſchnell die Zeit ver⸗ 4 geht!— Wiſſen Sie, daß Sie mir da etwas ſehr Liebenswürdiges ſagen; Sie haben ſich alſo mit mir— 2 2 115⁵ nicht gelangweilt?— O! Sie wiſſen es wohl, und ich ſehe mit Betrübniß den Augenblick herankommen, wo ich Sie verlaſſen muß.— Und wer zwingt Sie⸗ mich zu verlaſſen, wenn der Tag kommt?“ Sie antwortet nichts, ſie ſeufzt. Ich drücke ihr ſanft die Hand, ich nähere meinen Kopf dem ihrigen, ich möchte ihr den Athem rauben... dieſe Lage hat einen unſäglichen Reiz! Sie dauerte eine ziemliche Weile... wir werden durch das Knarren eines ge⸗ öffneten Fenſters aus derſelben geriſſen, und beinahe in dem nämlichen Augenblick fällt etwas vor uns nieder, wovon wir noch benetzt werden. Wüthend ſtehe ich auf, denn ich habe errathen, was man aus dem Fenſter herab und uns beinahe auf die Köpfe geſchüttet hat; ich ſehe in die Höhe und ſchreie zornig:„Daß die Peſt Sie erſticke!... konnten Sie nicht rufen: aufgepaßt!... es iſt ab⸗ ſcheulich! niederträchtig! ich werde Sie ſtrafen laſſen.“ Man begnügt ſich damit, das Fenſter zuznſchlaber, wobei man ſingt: En avant marchons, Contre leurs canons, Courons à la victoire!... Meine Dame hat die Steinbank verlaſſen, ſie trocknet ihren Shawl ab; ich meinen Frack, dann breche ich in Lachen aus: dies iſt das Beſte, was man unter ſolchen Umſtänden thun kann. „Ganz gewiß, es iſt nicht möglich, Nachts in den Straßen von Paris der Liebe zu pflegen;“ bgt ic, 4 meiner Dame den Arm bietend.— 116 „So viel iſt ſicher, daß ich mich nicht mehr an Häuſern ſetzen werde!— Ich habe viel Unglück: ſo oft wir uns ſetzen, ſtößt uns eine Widerwärtigkeit zu.— Dies iſt vielleicht eine Warnung des Himmels. — Er bringt da ſonderbare Mittel in Anwendung, um uns zu warnen.— Wo ſind wir denn aber, mein Herr?— Wahrlich, Madame, ich weiß es nicht. Wir ſind durch ſo viele Straßen gegangen... ich glaube indeß, daß wir in der Nähe des Stadthauſes find; iſt dies Ihr Viertel? Ah! Madame will nicht antworten?— Weil ich nicht kann.— Wie doch! wenn Sie ſo eben noch ſo liebenswürdig waren, mich ahnen zu laſſen, daß meine Gefühle Ihnen nicht mißfallen, daß es Ihnen leid ſei, ſich von mir zu trennen? und jetzt verſagen Sie mir die Angabe Ihrer Wohnung! Adele! reizende Adele! werde ich denn nichts von Ihnen erlangen?..“ 4 „Ah! o weh! Verzeihung, mein Freund, ich ſah die Straßenecke nicht.“ Dieſe Worte werden von einem Individuum in Jacke und Mütze an mich gerichtet, das am Eingang einer Straße auf mich ſtößt. Ich ſchiebe es zurück, aber nicht ſchnell genug, um nicht durch einen Wein⸗, Knoblauch⸗ und Brantweingeruch verpeſtet zu wer⸗ den; ich ſehe, der Menſch, der beinahe auf mich fiel, iſt ſo völlig beſoffen, daß er ſich kaum auf den Bei⸗ nen halten kann. Ich ſetze meinen Weg mit meiner Dame fort, der verfluchte Säufer hängt ſich aber an meinen Arm, indem er ſchreit:„Wenn ich Ihnen weh gethan habe, bitte ich Sie um Verzeihung, weil 117 ich zu leben weiß.. ich kenne die Höflichkeit... ich habe Sie nicht beleidigen wollen... ich ſah Sie nicht... Wenn Sie übrigens finden, daß ich mich gegen Sie verfehlt habe... ſagen Sie es.. da bin ich! ich gebe Ihnen Genugthuung!“ „Nein doch! Sie haben mir nicht wehe gethan; laſſen Sie aber meinen Arm; und hören Sie auf, mich zurückzuhalten.“ „Schau!... dieſe Stimme... biſt Du es, Ja⸗ eulard... ſchau! wo kommſt Du denn her?.. Du haſt, glaube ich, ein Weibchen?“ „Ei zum Henker! ich bin nicht Jaculard, Sie irren ſich; nun, laſſen Sie meinen Arm los und gehen Sie Ihrer Wege, alter Saufaus!“ „Was iſt das 2... wie haben Sie geſagt?... Saufaus! Wenn Sie nicht Jaculard ſind, ſo ver⸗ nehmen Sie, daß ich kein Saufaus bin. Ich habe mich ein wenig verſpätet... dies iſt wahr... es iſt die Schuld des Papa Chenet... Sagen Sie einmal, kennen Sie den Papa Chenei 7... den Elinder der Surren ohne Wind?...* „Endigen Sie! oder ich verliere die Geduld! 1.. „Nun gut... was macht mir dies?. Hören Sie einmal, ich ſpreche mit Ihnen... Sie müſſen mir antworten. Sie ſind ein Menſch... ich bin ein an⸗ derer... es lebe die Verfaſſung! * Es heißt im Franzöſiſchen: des soufflets sans vent; ein Wort⸗ ſpiel, denn soufflet bedeutet Ohrfeige und Blasbalg, das wir durch das Provinzia lwort„Surre“ wiederzugeben ſuchen. Anm. d. usseri ——— 118 Ich kann mich nicht mehr halten, ich ſtoße mei⸗ nen Beſoffenen zurück und will mich entfernen, er kommt aber ſchnell wieder auf uns zu; diesmal em⸗ pfange ich ihn ſo gut, daß ich ihn umwerfe und er in die Goſſe rollt. 3 Während er ſchreit, flucht und wieder aufzuſtehen ſucht, ziehe ich meine Dame mit mir fort; wir ver⸗ doppeln die Schritte und bald dürfen wir nicht mehr fürchten, von dieſem Menſchen eingeholt zu werden, der mich gezwungen hat, ihm einen Fauſtſtoß zu ver⸗ ſetzen. Mein Gott! welche Abenteuer! ſagt meine Un⸗ bekannte; ich glaubte, man könne ſo ruhig ſein, wenn man bei Nacht ſpazieren gehe!...— Dies iſt noch gar nichts, es hätten uns ganz andere Dinge zuſtoßen können!...— Ich bin nun von dem Ge⸗ lüſte, nach Mitternacht einen Spaziergang zu machen, geheilt, und doch werde ich dieſen nie vergeſſen!... — Sie ſagen das, als wenn wir nie wieder zuſam⸗ men ſpazieren gehen ſollten... dies iſt hoffentlich Ihr 3 Gedanke nicht?..— Ahl ich weiß nicht... Kann man die Begebenheiten vorausſehen?... Kann man wiſſen, was man thun wird 2... und Sie ſelbſt wer⸗ den ſich vielleicht in einigen Tagen mit einer andern Frau beſchäftigen, und in der Liebe iſt das letzte Gefühl immer das ſtärkſte... Sie haben das ſelbſt in einem Ihrer Romane geſagt.— Sie müſſen nicht glauben, daß ich Alles denke, was ich ſchreibe; ich laſſe meine Perſonen nach ihren Charakteren, ihrem Stand, ihren Leidenſchaften reden, ich ſetze mich aber * 119 nicht an ihre Stelle.— O! dies iſt gleich! Der Ver⸗ faſſer ſchimmert immer durch... Ach! mein Gott... was ſehe ich da unten... links bei einem Hauſe... es ſind Männer, glaube ich.— In der That. Ja... es ſtehen mehre Männer da unten...— Was können ſie ſo ſpät thun?... Auf was warten ſie da?... Wenn es Diebe wären...— Wahrhaftig!... Das wäre nicht unmöglich...— O! mein Gott!... ret⸗ ten wir uns geſchwind!... gehen wir wieder unſern Weg zurück!... ich will an dieſen Menſchen da nicht vorüber...— Es wäre vielleicht nicht klug... wir wollen uns aber leiſe und ohne Geräuſch entfernen ... dies wird beſſer ſein, als ſchnell laufen... ſie haben uns nicht geſehen: kommen Sie...— O! mein Gott!.. mein Gott! wie bin ich für mein tolles Benehmen beſtraft!...“ Meine Begleiterin drückt ſich ſo ſehr an mich, daß ſie mich am Gehen hindert; ſie zittert, ihre Zähne ſchlagen aneinander und ihre Knie löſen ſich; ich be⸗ mühe mich, ſie zu beruhigen, wir haben aber keine drei⸗ ßig Schritte gemacht, als wir hinter uns gehen hören. „Da ſind die Diebe, welche uns verfolgen,“ ſagt meine Dame;„ach! es iſt um uns geſchehen... wir ſind verloren!..— Gehen wir dann ein wenig ſchneller!...— Ich kann aber nicht, mein Herr... Ach, mein Gott! meine Füße brechen unter mir zu⸗ ſammen... ich habe keine Kraft mehr...— Ein wenig Muth... ſtützen Sie ſich auf mich!— O Himmel, habe Mitleid mit uns!“. In dieſem Augenblick läßt ſich das Rollen eines 120 Wagens hören; er kommt näher... er iſt nicht mehr fern von uns. Ich ziehe, oder vielmher, ich trage meine Begleiterin, indem ich ihr ſage:„da iſt ein Fiaker... hören Sie: kommen Sie... kommen Sie..“„ Der Fiaker rollt vorüber in eine Seitenſtraße; ich ſchreie, rufe; der Kutſcher hält, ich ſchleppe meine Dame fort, wir langen bei dem Wagen an; und diesmal macht ſie keine Schwierigkeit einzuſteigen. „Wohin gehts, Herr?“ fragt mich der Kutſcher. Ich drücke ihm ein Fünffrankenſtück in die Hand mit den Worten:„Meiner Treu... fahr' immer zu... wir ſind noch nicht entſchloſſen... wir werden es Dir ſpäter ſagen.“ Der Kutſcher fragt nicht weiter. Er ſchlägt den Kutſchenſchlag hinter mir zu, und ſo ſitze ich nun neben meiner reizenden Unbekannten in einer guten Citadine,* deren Scheihen aufgezogen und die Vor⸗ hänge herabgelaſſen ſind, und wo es finſter iſt, wie in einem Backofen. Man kann ſich denken, mit wel⸗ chem Vergnügen ich mich in der Citadine befinde; nachdem wir wenigſtens vier Stunden in den Straßen von Paris zugebracht haben. Meine Nachbarin zittert noch am ganzen Körper von dem Schrecken, den ſie empfunden hat. Ich ſuche * Dieſen Namen führen die Wägen einer der in letzter Zeit 3 entſtandenen Unternehmungen von Miethkutſchen, die alle gleiche Farbe haven, ihre Führer gleiche Livree, und die einer Geſellſchaft Attionäre angehören. Anm. d. Ueberſ. — 121 ſie zu beruhigen, ſie wieder zu erwärmen; und deß⸗ halb rücke ich ihr näher, man drängt mich zurück, aber ſchwach; ich glaube, die Dunkelheit der Citadine macht meine Schöne weniger ſtreng. Ich nehme be⸗ hend den verdammten Hut ab, der ihr als Wall gegen meine Unternehmungen diente: diesmal läßt man mich machen. Ich werde verwegen, kühn... man widerſteht, aber ſo ſchlecht, daß ich bald den Dieben, die uns einen Wagen zu nehmen veranlaß⸗ ten, nur noch Dank ſagen darf. Wir rollen wohl ſeit drei Viertelſtunden forte⸗ während dieſer Zeit haben wir ſehr wenig geſprochen, was jedoch keineswegs hindert, daß wir uns ſehr gut verſtanden haben. Plötzlich ſtößt mich die rei⸗ zende Frau, die ich in meinen Armen halte, zurück, indem ſie mit Schrecken ausruft:„O! mein Gott! da iſt der Tag!“ Ein ſchwacher Lichtſtrahl begann in der That durch die Vorhänge einzudringen. Meine Gefährtin ſetzt eiligſt den Hut wieder auf. „Zum Kukuk!“ ſage ich,„was liegt uns am Tag? — Wir müſſen uns trennen... auf der Stelle... es muß ſein..— Wie? ſchon?... wenn ich ſo glücklich bei Ihnen bin... Adele... iſt es Ihnen leid, daß Sie mein Glück theilen?— Nein.. nein... aber ich muß im Augenblick nach Hauſe... Arthur, wenn Sie mich lieben, ſteigen Sie aus dem Wagen und laſſen Sie mich in dieſem Fiaker, der mich in meine Wohnung zurückführen wird... Sie werden ihm nicht folgen... Sie verſprechen es mir?— Was? 12² fortwährend dieſes Geheimthun? Jetzt, da Sie meiner Liebe nachgegeben haben, wollen Sie immer noch eine Unbekannte für mich ſein...— Sie ſollen mich ſpäter kennen, ich ſchwöre es Ihnen; wenn Sie aber jetzt ſich weigern, zu thun, was ich fordere, werden Sie mich nie wieder ſehen!— Nie!... wohlan, ich will Ihnen gehorchen... ich verdanke Ihnen zu viel Glück, um Ihnen nicht meine Dankbarkeit dadurch an den Tag zu legen, daß ich Ihren geringſten Wün⸗ ſchen nachkomme... ich verlaſſe Sie... werde ich Sie aber bald wieder ſehen?...— Ja.. bald... ich werde Ihnen ſchreiben...— Bedenken Sie, daß ich Ihnen nicht ſchreiben kann, da ich nicht weiß..— Seien Sie ruhig, Sie werden Nachricht von mir erhalten.. Adieu.— Noch einen Kuß, ehe wir uns trennen..— Nein.. nein... Ol es iſt ge⸗ nug.. ich bitte Sie, zögert Sie nicht mehr!“ Sie hat mir zu viel gewährt, als daß ich ihr in irgend etwas zuwider ſein möchte. Ich ziehe die Schnur, der Kutſcher hält und öffnet den Kutſchen⸗ ſchlag; es fängt an ein wenig hell zu werden. Meine Dame hat ihren Schleier herabgelaſſen; ſie ſenkt den Kopf und nimmt nur mit einem Händedruck Abſchied. Ich ſteige aus der Citadine, die ſich bald ent⸗ fernt, und ſo ſtehe ich neuerdings in der Straße. Da ich keine Luſt mehr zum Spazierengehen habe, ſuche ich mich auszufinden, ich laufe ein wenig... Ah!... endlich kenne ich mich aus!... ich bin in dem Viertel Saint⸗Honoré... in der Straße des Mauvaises Paroles(der Afterreden)... dieſer 1 * 123 Umſtand macht mich lächeln... wenn meine reizende Eroberung das mir gegebene Wort nicht hielte!... O!l warum?... wenn uns eine Frau nichts mehr zu verſagen hat, verſagt ſie auch nicht mehr, uns „ wieder zu ſehen. Das wäre alſo ein Abenteuer, welches ſich gleich vielen andern geendigt hat... es iſt mir beinahe leid... das heißt, es iſt mir nicht leid, aber... aber ich möchte jetzt gern wiſſen, wer dieſe Dame iſt?.. es iſt an der Zeit, dieſe Betrach⸗ tung anzuſtellen.. Während ich ſo bei mir ſpreche, gehe ich nach Hauſe, lange bei Tag dort an und lege mich in dem Augenblick zu Bett, wo viele Andere aufſtehen. „ 8 ſffffffffſnnſſnſn 10 11 12 13 14 15 16 17 18