3 3 3 % Lei iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 4 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von zedem Tag 5 Wfe bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ernes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 1 für echentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———ͤ——— uf 1 Monat: 1. Mr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 wet.— Pf. 8, 3 4 2 2.„= 3„„—„ Auswärtige Abonnenten haben fur Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bächer(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, veſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch pafür zu ſtehen haben. ——------———y 4 Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet „. von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. Stuttgartt Scheible, Rieger& Sattler. 1843. Weder Nie, noch immerfort! (Ni jamais, ni toujours,) F iſt der Liebe Loſungswort. (c'est la devise des amours) Von 1 Paul de Koch. Deutſch bearbeitet 4 82 von 8 Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. * Stuttgart: Scheible, Rieger Sattler. 1in 1843. Erſtes Kapitel. Ein verliebter Beſuch. Es iſt acht Uhr, ſie muß wirllich dieſen Abend kommen; und ſie wird nicht ſäumen; Clementine iſt nicht gewohnt, auf ſich warten zu laſſen, und zu⸗ dem ſehen wir einander ſo ſelten! Die Gelegen⸗ heiten werden ſo ſchwierig, daß man ſie nicht ent⸗ ſchlüpfen laſſen darf. Man ſagt, die Hinderniſſe nähren die Liebe; dann ſollte die unſrige in Ewig⸗ keit währen, denn es koſtet uns immer tauſend⸗ fältige Mühe, zuſammenzukommen. Ich kenne ſie nun ſeit zwei Jahren... Zwei Jahre... dies iſt ſchon eine Zeit, und man hatte ihr geſagt, ich würde ſie keine drei Monate lie⸗ ben!. Man iſt ſo bösartig!... Es iſt wahr, daß zuweilen drei Wochen vergehen, ehe wir ein⸗ ander ſprechen können. Wir unterhalten unſre Liebe, aber wir nützen ſie nicht ab. Wenn wir einander nicht ſehen, denkt ſie ohne Unterlaß an mich... wie ſie mir ſagt.⸗ ind ich glaube es. Die Frauen lieben ſo ſtark, wenn ſie lieben... Können ſie doch ſelbſt dann, wenn die Pflicht ſie anderswo zurückhält, in Gedanken bei uns ſein!... Arme Clementine, die ſich bei ei⸗ nem Gatten, den ſie nie liebte, die Zeit ſo lang werden läßt, und von Verwandten umgeben iſt, die ihr nur Kummer zu verurſachen ſuchen! Iſt es alſo ein Verbrechen, wenn ſie zu mir kommt, um in meinen Armen einige Augenblicke jener Liebe, jenes Glück zu finden, welches ihr Herz geträumt hatte, und das ihre Umgebung ihr nicht gewährt? Man macht ſo ſonderbare Heirathen! man opfert die jungen Mädchen!... und die jun⸗ gen Frauen ſind es, die ſich dafür rächen. Das Wetter iſt ſehr ſchlecht; der Regen ſchlägt an meine Fenſter; es iſt kalt und dunkel. Es fällt geſchmolzener Schnee herab. Wird Clemen⸗ tine dem Wind und Regen Trotz bieten? O ja! fragt man das Wetter um Rath, wenn man wirk⸗ lich liebt? Schnell ein großes Feuer, damit ſie ſich wenigſtens bei ihrer Ankunft trocknen und wär⸗ men kann. Ach! nicht an dieſem Feuer wird ſie ſich am meiſten wärmen. Ich will meine Fenſterläden ſchließen, meine Vorhänge herablaſſen, dann wird man nicht ſehen, daß ich Licht habe, denn es gelüſtet mich nicht, andere Beſuche zu empfangen, als den, den ich erwarte..⸗ Zwar ſollte man allerdings, ohne einen wich⸗ tigen Grund, dieſen Abend nicht ausgehen... Wer weiß aber 2... Es gibt unerſchrockene Leute, die lieber durch Bäche wateten, ehe ſie einen Abend zu Hauſe blieben. Wäre ich ſelbſt, wenn ich nicht auf Clemen⸗ tine wartete, dieſen Abend zu Hauſe geblieben? es iſt nicht wahrſcheinlich, und doch habe ich zu arbeiten... zwei angefangene Stücke... ein Ka⸗ pitel zu vollenden... Allein im Winter arbeite ich nicht gern; Abends: dies iſt die Stunde der Vergnügungen, bei Nacht geht es noch an; denn alsdann greift man nur in ſeine Ruhe ein. Ei! wir werden noch immer Zeit zum Schlafen haben l.. IZch ſchraube meine Lampe, deren Helle zu groß iſt, niederer, lege Holz ins Kamin, ſetze mich in einen Großvaterſtuhl, den ich vorgerückt habe, um Clementine darin ausruhen zu laſſen, und fange an, mein Feuer anzublaſen, wobei ich von Zeit zu Zeit die Augen auf meine Standuhr werfe. Dies iſt meine Lage, von der man ſich leicht ei⸗ nen Begriff machen kann; denn es gibt wenige Männer, die ſich nicht ſchon in einer ähnlichen befunden haben; wer indeſſen eine genauere Be⸗ ſchreibung, beſtimmtere Einzelnheiten zu haben wünſcht, für den ſage ich noch, daß ich achtund⸗ zwanzig Jahre alt bin, und einen Schlafrock von Multon, braune Haare und grüne Pantoffeln habe, daß mein Geſicht den Einen gefällt und den Andern mißfällt, und daß ich daher dieſe An⸗ dern einlade, nnih nicht anzublicken; daß 15 er0s bin, aber eine ſchlechte Haltung, daß ich luſtig bin, aber eine ernſthafte Miene habe; daß ich ein Schriftſteller und keineswegs zu beneiden bin, endlich, daß man mich ſchlechtweg Arthur nennt. CSs gibt noch Vieles, das ich ſagen könnte; zu was wäre es aber gut? Es würde vielleicht langweilen, und außerdem wird es wahrſcheinlich die Folge lehren. K Der Titel Schriftſteller iſt ein ſchöner Titel, es iſt wenigſtens angenehm, wenn man frei iſt, wenn man ſchreiben und ſeine Gedanken ver⸗ öffentlichen kann; was die Titel betrifft, ſo haben dieſe keinen Werth für mich, ich habe auf dieje⸗ nige Verzicht geleiſtet, die mir durch meine Geburt zukamen, um mich meinem Geſchmack für die Künſte zu überlaſſen; man ſagt, es ſei eine entſchiedene Neigung für etwas nöthig, um Talent dazu zu haben... Nun! die Neigung fehlt mir nicht. Mein Vater denkt nicht wie ich; die Vaudeville⸗ dichter nennt er Schmierer, die Verfaſſer von Melodramen Tauſendkünſtler, die Autoren komi⸗ ſcher Opern... Ach! was dieſe betrifft, ſo wage ich wahrlich gar nicht, zu ſagen, wie er ſie nennt, um ſo mehr, als ich auch einige komiſche Opern verfaßt habe. Mein Vater hat niemals Romane geleſen, ich verſchlinge ſie; er liebt das Schauſpiel nicht, ich bin darein vernarrt; endlich hat er nie in ſeinem Le⸗ ben geſungen.. und ich thue nichts Anderes. — — — — — — 9 4 2 1 Man wird einſehen, daß mein Vater und ich uns nicht vertragen konnten; und ich habe die einzige „Perſon verloren, die im Stande war, uns einander wieder näher zu bringen, deren Nachſicht meine Fehler entſchuldigte, die Träume meiner Einbil⸗ dungskraft anhörte, und bei meinen erſten Ver⸗ ſuchen die Achſel nicht zuckte. Als ich mein fünf⸗ zehntes Jayr erreichte, ſtarb meine Mutter. Meine Mutter... die ich immer traurig bei ihrem Gatten ſah... Warum denn? ſie machte doch keine Verſe 2..⸗ Ich habe nie weder den Grund ihres Dahinſchmach⸗ tens, noch der geringen Geneigtheit, die mein Vater gegen ſie an den Tag legte, erfahren: ich habe gedacht, daß ſie ſich, wie viele Leute, ohne Liebe geheirathet und es nachher bereut hatten. Mein Vater wollte, daß ich die militäriſche Laufbahn betrete, die er ſelbſt ruhmvoll durchlaufen hatte. Er behauptete, ein Edelmann könne keinen andern Stand wählen. Ich habe weder von ſeinen Predigten, noch von ſeinen Befehlen Notiz genom⸗ men. Während er glaubte, daß ich die Kriegs⸗ baukunſt und Mathematik ſtudire, machte ich eine Stanze, oder fertigte einen Plan... nicht einen Angriffsvlan, ſondern den Plan zu einem Vaude⸗ ville. Mein Vater iſt ernſtlich böſe geworden, er hat zu mir geſagt:„Ich will weder, daß mein Name in einem Theater ausgeſprochen, noch daß er auf eine Ankündigung gedruckt und an alle Straßenecken angeſchlagen werde.“ 8 10 Ich habe darauf geantwortet:„Wenn dies der Fall iſt, werde ich den Namen ändern; und weil Sie glauben, ich beſitze nicht Talent genug, dem Ihrigen Ehre zu machen, ſo werde ich ſuchen, mir einen zu ſchaffen, vor dem ich nicht zu erröthen habe.“ Von dieſem Augenblick an habe ich mich Arthur nennen laſſen, und Arthur ganz allein. Hierauf habe ich meinen Vater verlaſſen; da ich ſeinen Namen nicht mehr führte, durfte ich auch nicht mehr bei ihm wohnen. Meine Mutter hat mir viertauſend Franken Renten hinterlaſſen; dies iſt genug für einen Dichter. Mein Vater hat zu mir geſagt:„Ich werde mein Vermögen verzehren, Dir nichts hinterlaſſen.“ Ich habe ihm ganz ruhig erwidert:„Sie haben die Freiheit, zu thun, was Ihnen beliebt; Ihr Vermögen gehört Ihnen, und ich werde Ihnen nicht darum grollen, wenn Sie über das verfügen, was Ihr Eigenthum iſt.“ Wir ſind nicht als die beſten Freunde auseinander gegangen, und ich ſchied mit beengtem Herzen, gedrückter Bruſt; denn es thut immer weh, mit ſeinem Vater entzweit zu ſein. Als letztes Abſchiedswort hat er mir zuge⸗ rufen:„Du wirſt nie etwas Gutes zu Stande bringen, Du biſt zu leichtſinnig dazu!“ Ich habe zuweilen gedacht, mein Vater hätte Recht. Es ſind nun ſieben Jahre her, und ſeit dieſer Zeit habe ich meinen Vater nur ſelten geſehen. Seit langer Zeit waren ſeine Bekanntſchaften nicht mehr die 11 meinigen; denn ich zog die Couliſſen eines Thea⸗ ters oder die Vorſtellung eines neuen Stückes den Cirkeln vor, in welchen man das ins Lächerliche zog, was ich vergötterte. Jetzt habe ich völlig auf⸗ gehört, zu den Grafen und Marquis zu laufen, welche die Geſellſchaft meines Vaters bilden. Ueber⸗ dies heiße ich nur noch Arthur; man möchte mich dort vielleicht nicht aufnehmen. Ich bin mehre Male zu meinem Vater gegangen; er hat mich nicht vor ſich laſſen wollen... er verzeiht mir nicht, daß ich Dichter bin!... und doch habe ich Beifall ge⸗ nug erlangt, um ſeine Verzeihung zu erhalten. In dieſem Augenblick reist er, wie ich glaube... ich habe dies noch lieber, als daß ich ihn in Paris weiß und nicht bei ihm empfangen werden kann. Es thut wehe, wenn man nicht bei ſeinem Vater vorgelaſſen wird... Wie oft habe ich nicht, wenn ich mich mit blutendem Herzen und thränenvollen Augen von ſeiner Wohnung entfernte, die Leiden⸗ ſchaft verflucht, die mir ſeine Umarmung entzog! aber dieſe war ſtärker als ich... ich konnte ihr nicht widerſtehen! Ich zahle einige vorüberge⸗ hende Erfolge ſehr theuer!... Allein man ſagt, es gebe hienieden kein vollkommenes Glück... Wenn ich je Kinder bekomme, ſo laſſe ich ſie un⸗ gehindert ihrer Neigung folgen... Fi! was früge ich nach dem Stande meines Sohnes, vorausge⸗ ſetzt, daß er ein ehrenwerther Mann wäre? er möchte Küfer, Maler, Muſiker oder Maurer werden, 12 was läge mir daran?... es wäre immerhin mein Sohn, den ich in meine Arme ſchlöſſe. Es iſt ſchon lange her, daß ich alle dieſe Be⸗ trachtungen anſtellte. In dieſem Augenblick beſchäf⸗ tigt mich nur ein Gedanke: Wird ſie kommen? die Zeit verfließt... der Regen hört nicht auf... Sie wird einen Wagen genommen haben und etwas weiter weg anhalten laſſen und ausſteigen. Es iſt ſo viele Vorſicht nöthig!... Armes Weib!... ſie ſetzt Alles aufs Spiel... ihren Ruf, ihre Zukunft, ihre Stellung in der Welt, vielleicht ihr Leben!... und ich, was wage ich?.. einen Degenſtich, oder eine Kugel von einem Ehemann... In Wahrheit! die Partie iſt ungleich. Wir ſollten ſie anbeten, dieſe armen Frauen, die ſo viel für uns wagen!... wir beten ſie wohl auch an, aber wir ſind ihnen nicht treu. Halb neun Uhr! ich fange an zu glauben, daß ſie nicht kommt. Vielleicht irgend ein unvorherge⸗ ſehenes Hinderniß.. oder iſt ſie auch wohl dieſer Verbindung müde, die ihr ſo vielen Kummer ver⸗ urſacht hat? Immer fürchten!... zittern!... ſie wird gedacht haben, ein Augenblick des Glücks, wäre zu theuer erkauft... aber alsdann liebt ſie mich nicht ſehr.„ Ahl... man hat die Klingel gezogen... ich eile.. ſie iſt es.. ahl ja, ſie iſt es! Ich hatte ſie erkannt, ehe ich öffnete. Die Sympathie iſt keine Täuſchung, unſer Herz ſchlägt ſchneller in der Nähe verer, die wir lieben. lich!.. Ich fing an, die Hoffnung aufzugeben!.. ℳ „— Ah! da biſt Du end. —„Mein Gott!... an mir liegt die Schuld gei Ich führe ſie in mein Zimmer an das Feuer. Arme Clementine! ſie iſt ganz durchnäßt! ihre Handſchuhe, ihr Mantel, ihr Hut ſind gebadet... und ich war ihr böſe!„Trockne Deine Füße... erwärme Dich... es iſt ein gutes Feuer da.“ „O! es friert mich!... Umarme mich zuerſtz Ich umarme ſie, blicke ſie hierauf an, und um⸗ arme ſie aufs Neue. Man iſt ſo vergnügt, wenn man den Gegenſtand beſitzt, den man zu verlieren gefürchtet hat!... Ich nehme ihr Hut und Mantel ab; ich würde ihr gerne noch viele andere Sachen abnehmen, allein ſie hält mich lächelnd zurück, und läßt mich neben ſich niederſitzen. „Wie kommt es, daß Du bei dieſer Witterung ſo warm haſt?“—„Ich bin ſo gelaufen... ich habe Furcht gehabt, geglaubt, daß man mir folge.“ —„Haſt Du keinen Wagen genommen?“—„Ja, ich bin in der Straße de PEchiquier ausgeſtiegen; hierauf bin ich durch die Straße Hauteville ge⸗ gangen... ich habe immer ſo Furcht!... Es iſt mir vorgekommen, als folge mir Jemand... ich habe mich vielleicht geirrt... indeſſen ging ich ſo ſchnell... Endlich bin ich hier bei Dir 1... ſie können mich nicht mehr verhindern! ich kann noch einen glücklichen Augenblick zu den übrigen hi fügen, den man mir nicht zu entreißen vermag⸗ 14 Ich drücke ihre Hände zwiſchen den meinigen, küſſe ihre braunen Augen, die ſo viel Zärtlichkeit und Sanftmuth für mich haben; ich ſtreichle ihre kaſtanienbraunen Haare, die nie herausfordernd ge⸗ putzt ſind, und doch ſtets ſo viel Anmuth haben; ich lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Es iſt uns ſo wohl, wenn der Kopf auf den Schultern einer Frau ruht, die wir lieben! man glaubt, man ſchlürfe ihren Athem ein, man mache einen Theil ihrer Perſon aus. Clementine erzählt mir ihren Berdruß⸗ man beaufſichtigt ſie mehr, als je; man will nicht, daß ſie ausgeht. Ihr Gatte iſt alt und eifer⸗ ſüchtig. Er fühlt keine Liebe für ſeine Frau, er hat ſie nie gefühlt. Nachdem er ſehr ausſchwei⸗ fend geweſen war, hat er ſich verheirathet, als er fühlte, daß er darauf verzichten müſſe, den Frauen nachzulaufen; d. h. wie er ſchwach und ſiech wurde, nahm er eine Frau, um eine Krankenwärterin zu haben. Statt ſich aber eine Gefährtin ſeines Alters zu wählen, die für ihre Pflege keine Liebe, verlangt hätte, wollte er ſich noch eine junge und ſchöne Frau geben, ohne ſich um das traurige Loos zu bekümmern, das er ihrem Frühling be⸗ reitete. Iſt dieſes Verfahren nicht das eines Egoiſten? und wenn eine Frau entſchuldbar iſt, daß ſie ihrem Herzen nachgegeben hat, iſt ſie es nicht ganz beſonders in ihrer Lage? Aber Herr Moncarville iſt reich und Clementine hatte Nichts. 15 Man fand ſomit, daß ſie eine ſehr gute Heirath mache. Man ziſchelte ſich etwas ins Ohr über meine Verbindung mit der jungen Frau, deren Bekanntſchaft ich auf dem Landſitz einer ihrer Freundinnen gemacht habe; Dienſtfertige haben wahrgenommen, daß ich viel mit Madame Mon⸗ carville ſpreche; man hat erfahren, daß der Zufall mich immer an die Orte führe, wo ſie hingeht, und man hat nicht verfehlt, Alles dies wieder Herrn Moncardille zu hinterbringen, der ſeine Frau über ihren Leichtſinn ausgezankt, und ihr verboten hat, künftig irgend wohin ohne ihn zu gehen. In einem Alter von fünfundzwanzig Jah⸗ ren muß ſie bei einem Manne bleiben, der von Morgens bis Abends zankt. Hiezu kommen noch neugierige und ſchwatzhafte Anverwandte, die aus⸗ ſpionien, was ſie thut, dem Gatten hinterbrin⸗ gen, was man von ſeiner Frau ſpricht; und nun wird man eine Vorſtellung von dem Glück der⸗ jenigen erhalten, die man im zwanzigſten Jahre an einen Mann von vierundfünfzig verheirathete, welcher nur bedauerte, daß er nicht mehr aus⸗ ſchweifen konnte. Allein einer Frau gelingt es immer, zu thun, was ihr beliebt; dies iſt für euch, Herren Eifer⸗ ſüchtige! nicht beruhigend. Beſtrebet euch daher, daß es euern Frauen gefalle, nur euch zu ſehen und bei euch zu ſein, denn auf Ehre! wenn ihnen das Gegentheil in den Sinn kommt, ſo ſind alle 16 eure Vorſichtsmaßregeln vergeblich. Leſet La⸗ fontaine! der gute Mann iſt ſehr gründlich über dieſen Gegenſtand. „Liebe Clementine! weißt Du, daß es ſchon zehn Tage ſind, ſeit ich Dich nicht geſehen habe? — O! ja, ich weiß es. Ich habe mich in die⸗ ſer Zeit ſehr gelangweilt! Und Du... haſt Du ein wenig an mich gedacht 2... biſt brav gewe⸗ ſen?— Vollkommen brav!...— So ſagt man mir nicht! Alle Perſonen, die von Dir ſprechen, verſichern, daß Du ein Herumſchwärmer, ein Bruder Liederlich ſeieſt!... daß Du keine Frau liebeſt, oder vielmehr, daß Du ſie Alle liebeſt, was auf daſſelbe herauskommt.— Dieſe Leute da ſagen dies in Deiner Gegenwart mit der Ab⸗ ſicht, Dir wehe zu thun, uns zu entzweien. Wenn man in meinem Beiſein Böſes von Dir ſpräche, ſo wüßte ich wohl Deine Vertheidigung zu er⸗ greifen.— Aber ich, ich wage nicht... ich fürchte, mich zu verrathen. O! ſie haben gut ſagen, was ſie wollen, dies hindert mich nicht, Dich zu lieben.— Nun, das laß ich mir gefallen!... mir mußt Du glauben, und nicht ihnen! Was liegt daran, ob ich andere Frauen geliebt habe, vorausgeſetzt, daß ich nur Dich liebe, und daß ich Dich immerfort liebe 2...“ Clementine blickt mich traurig an, und ſeufzt: „Immerfort?. Ach! ich weiß wohl, daß dies nicht möglich iſt?“ „— Und warum iſt es denn nicht möglich.. Warum biſt Du gewiß, daß ich veränderlich ſein werde? Du wirſt Dich alſo ändern, Du?— O nein! allein bei mir iſt es ein großer Unter⸗ ſchied!.. Meine Liebe iſt mein ganzes Leben, all meine Hoffnung; wenn ich Dich nicht ſehe, vergeht keine Minute, ohne daß ich an Dich denke... ich gehe nicht aus, ich empfange bei⸗ nahe Niemanden, ich ſchlage alle Luſtpartien aus, die man mir anbietet; ich weiß, daß ich Dich nicht dabei ſehen und daß ich mich dabei lang⸗ weilen würde. Man wirft mir jetzt vor, daß ich beſtändig eine düſtere, verdrießliche Miene habe!... Allein man verweigert mir das Ein⸗ zige, was ich wünſche... ein wenig Freiheit. Was liegt mir an dieſen Juwelen, dieſen Kleidern, die⸗ ſen Tüchern, mit denen man mich ſchmückt?... ich will Niemand gefallen, wenn ich Dich nicht ſehen kann... und man findet es übel, daß ich nicht luſtig bin mit Leuten, die mich quälen, und die ausſehen, als wenn ſie im Grund meiner Seele leſen wollten!.. Ach! mein Freund! ich bringe mein Leben ſehr traurig zu!... ich weiß, daß ich ſtrafbar bin durch meine Liebe zu Dirl.. Da mir aber die Natur ein Herz gegeben hat, das die Süßigkeiten der Liebe ſo gut zu fühlen verſteht, warum hat man mich an Jemanden ver⸗ heirathet, der mir keine Liebe einflößen konnte? Paul de Kock. I. 4 2 18 — Du ſiehſt wohl, daß nicht Du, ſondern An⸗ dere Unrecht haben!— Die Welt urtheilt nicht ſo; eine Frau ſoll treu ſein, ſelbſt im Fall, daß... — Ach! deßhalb habe ich dieſes„ſelbſt im Fall, daß“ nie verſtehen können.— Gib Acht... Du wirſt meine Halskrauſe zerknittern.— Du mußt ſie ausziehen, dies iſt viel einfacher... Warum blickſt Du ſo oft nach der Uhr?— Weil ich nur eine Stunde habe, bei Dir zu bleiben!...— Eine Stunde!.*.— Ja, und noch habe ich viele G Geſchichten zuſammenſtoppeln müſſen, um dieſe Stunde zu finden... Ich habe geſagt, daß ich zu meinem Schuhmacher gehe, damit er mir das Maß nehme, man hat mir geantwortet, daß der Ich habe von Veränderungen geſprochen, die ich an einem Kleide vornehmen laſſen will, das man mir für die Hochzeit meiner Schwägerin macht, und habe angezeigt, daß ich zu meiner Nähterin ginge; man hat geſagt, das Wetter ſei zu ſchlecht, man werde morgen die Nähterin auffordern, bei mir vorbeizukommen... endlich habe ich einen Zahnſchmerz, einen unerträglichen Schmerz ge⸗ funden; ich habe nicht aufgehört, zu jammern, mich zu beklagen, man war ſo gütig, mir zu er⸗ lauben, daß ich wegginge, und mir den Zahn ausreißen laſſe!— Arme Frau! und wenn man Dich hätte begleiten wollen 2...— Meiner Treu! ich glaube, daß ich mir einen Zahn hätte aus⸗ Schuhmacher ſehr gut zu mir kommen könne. 19 ziehen laſſen; all dies verdroß mich ſo ſehr, daß ich vor Zorn und Kummer weinte.“ Ich drücke ſie in meine Arme, um ſie ihren Verdruß vergeſſen zu machen, und dann bedenke ich, daß wir nur eine Stunde beiſammen bleiben können. Wir haben nun ſchon viel Zeit zum Plau⸗ dern verwendet. 1 Die Stunde iſt ſehr ſchnell verſchwunden, Cle⸗ mentine hat ſchon mehre Mal geſagt:„Ich muß fortgehen,“ und ſie iſt nicht gegangen. Wenn man einander ſo lange Zeit nicht ſieht, iſt es hart, ſo ſchnell ſich zu trennen. Wir haben uns immer tauſend Dinge zu ſagen, und wir vergeſſen ſie, oder denken erſt im Augenblick der Trennung daran. Clementine kennt meinen wahren Namen, denn ſie iſt keine von jenen unzuverläſſigen Frauen, die fähig ſind, ein Geheimniß zu verrathen. Für ſie habe ich nicht allein Liebe, ſondern auch Freund⸗ ſchaft. Ich vertraue ihr Alles, was mich angeht, ich weiß, daß ſie ebenſoviel Theil daran nimmt, als wenn es ſie perſönlich beträfe. Es iſt ſüß, wenn man eine Freundin hat, die unſern Kummer theilt; man findet ſo viele Frauen, die nur un⸗ ſere Vergnügungen theilen wollen! „Wenn Du keine Liebe mehr für mich haſt,“ ſagt Clementine zu mir,„will ich fortwährend Deine Freundin ſein... Als dieſe werde ich Dir wenigſtens nicht ganz gleichgültig werden.— Dda ich Dich aber immer anbeten will...— Ach 1..⸗ 20 dies wäre gar zu ſchön... Man hat Dein Stück geſpielt?... es hat Beifall gefunden?— Ja! — Man hatte es mir geſagt.. ich bin über Dei⸗ nen Erfolg ſehr vergnügt geweſen... und muß ſagen, daß ich nicht weiß, wenn es mir erlaubt ſein wird, es zu ſehen! Kurz, Du wirſt es mir geben, wenn es gedruckt iſt: ich muß es wohl leſen. Und Dein Vater?— Ich glaube, er iſt nicht in Paris, und zudem, wenn er da wäre, ſo weißt Du wohl, daß ich ihn nicht mehr be⸗ ſuche. Wenn ich zu ihm gehe, ſagt man mir im⸗ mer, er ſei ausgegangen... Meiner Treu, ich werde nicht mehr hingehen, dies wird ihm die Mühe erſparen, mir ſeine Schwelle zu verbieten. — Ich begreife nicht, warum er ſo ſtreng gegen Dich bleibt!— Ich glaube, er hat mich nie ſehr geliebt. Er iſt wenig gefühlvoll, aber ſehr des⸗ potiſch. Man darf ſich nicht erlauben, einen an⸗ dern Willen zu haben, als den ſeinigen, bei Verluſt ſeiner Gewogenheit; er hat insbeſondere eine Abneigung gegen die Dichter, die mir nicht natürlich erſcheint; ich möchte verſucht ſein, zu glauben, daß er ſich über einen von ihnen ſehr zu beklagen gehabt hat; da mein Vater aber ſehr wenig mittheilend iſt, ſo weiß ich nichts weiter darüber. Wenn wir uns jetzt durch Zufall in Geſellſchaft begegnen, was ſeit ich ihn verlaſſen habe, zweimal vorgekommen iſt, grüße ich ihn, und er ſpricht mit mir nur wie mit einem Frem⸗ 8 2— — 21 den. Du haſt aber manchmal mit meinem Vater in den Abendzirkeln des Herrn von Reveillere zu⸗ ſammentreffen müſſen... ich weiß, daß er früher dort hin ging: Herr von Reveillere iſt einer ſei⸗ ner alten Freunde.— Ich bin nie mit Deinem Vater zuſammengetroffen; es iſt auch kaum ein Jahr, ſeit mein Gemahl mich zwingt, in dieſe großen Abendgeſellſchaften zu gehen... Und Herr von Reveillere kennt alſo Deinen Familiennamen. — Nein, es iſt höchſt ſonderbar, da er meinen Vater ſeit etwa fünfzehn Jahren aus dem Ge⸗ ſicht verloren hat, weiß er wohl, daß ſein Freund einen Sohn gehabt hat, allein er kannte mich nicht. Seitdem hat er den Dichter Arthur einge⸗ laden, in ſeinen Cirkelen zu erſcheinen, ohne zu vermuthen, daß er den Sohn ſeines alten Freun⸗ des einlade. Was mich betrifft, ſo habe ich, ſo bald ich erfuhr, daß mein Vater dieſes Haus be⸗ ſuche, aufgehört, mich dahin zu begeben, und jetzt iſt es eine Entbehrung für mich, weil ich mich dort mit Dir zuſammenfinden könnte!— Dein Vater hatte nicht das Recht, Dir ſeinen Namen zu entziehen.— Er hat mir auch nicht befohlen, ihn aufzugeben; indem er mir aber erklärte, daß er erröthen würden, wenn man ſeinen Namen auf einem Theater ausſpräche, hat er mich da nicht genöthigt, einen andern anzunehmen? Dies iſt es übrigens nicht, was mir Kummer macht... Du haſt mich doch geliebt, obgleich ich mich nur Arthur nannte— O! Du weißt wohl, daß ich nur Dich allein liebe. Verwechsle mich nicht mit jenen Frauen, welche Dich Deiner Erfolge wegen aufſuchen, und vielleicht morgen vergeſſen würden, wenn morgen Dein Name nicht mehr mit Lobeserhebungen genannt würde. Deine Er⸗ folge machen mir Vergnügen, weil ſie Dich glück⸗ lich machen; würdeſt Du aber auch keine mehr erlangen, ſo wäreſt Du mir darum gewiß nicht weniger theuer.— Ich hoffte einſt, mein Vater werde aufhören, mir böſe zu ſein... und ſogar, daß er insgeheim geſchmeichelt wäre, ſeinen Sohn loben zu hören... aber nein, er wollte, daß ich Oberſt würde,... daß ich eine Marquiſin... eine Herzogin vielleicht heirathen ſollte...— Ach! ja. Du wirſt Dich eines Tages verhei⸗ rathen!— Nein, nein, ich denke nicht daran... Ach Himmel!.. Du weinſt jetzt... Warum weinſt Du denn?— Ich denke daran, daß Du Dich verheirathen werdeſt... es iſt ganz natür⸗ lich.. Du mußt Dich wohl verheirathen, und doch kann ich nicht daran denken, ohne ſehr un⸗ glücklich zu ſein!.. ich habe Unrecht, wir wol⸗ len nicht mehr vom Heirathen ſprechen... Was haſt Du ſeit zehn Tagen gethan? Du biſt in Ge⸗ ſellſchaften, im Schauſpielhauſe geweſen... Für Dich iſt das Leben eine immerwährende Folge von Vergnügungen; Du ſiehſt wohl, daß ich Recht hatte, als ich befürchtete, Du möchteſt andere 23 Bekanntſchaften machen.. Du ſiehſt hübſche Frauen... liebenswürdigere... geiſtreichere, als ich... ſie gefallen Dir... Du machſt ihnen den Hof.— Weil ich Dich liebe, finde ich auch keine ſchöner, liebenswürdiger, als Dich..— Ja, ſage mir dies!... es iſt immer ein Glück, es zu glauben... Aber ſchicke mich doch fort, ich werde gezankt werden... Was ſoll ich ſagen, warum ich ſo lange abweſend war?— Daß Leute beim Zahnarzt waren, daß man warten mußte.— Man wird mir nicht glauben..— Und wann ſehe ich Dich wieder?...— Ich weiß nicht, ich werde Dir zu ſchreiben ſuchen.— Es iſt alſo ſehr ſchwierig, mir zu ſchreiben.— Ei! mein Gott! wenn ich nicht unaufhörlich beaufſichtigt wäre, würde ich nichts Anderes thun... Aber mögen ſie immerhin mich ausſpioniren, ich finde doch noch einen Augenblick... Leb wohl, Arthur... Wenn Du mich nicht mehr liebſt, wirſt Du es mir ſagen, nicht wahr?— So eben fandeſt Du, es ſei noch ein Glück, wenn man hintergangen werde.— O! nein, gewiß, ich will lieber, daß Du offen mit mir ſprichſt, als mich nur aus Gefälligkeit ſiehſt: es würde mir zu wehe thun, wenn ich Dich langweilte.— In Wahr⸗ heit, Clementine, Du biſt dieſen Adend ſchreck⸗ lich.— Nun, werde nicht böſe... Wir wollen ſehen, ich muß doch fortgehen... Und dieſer Pfört⸗ ner, was muß er denken, wenn er mich hier heraufkommen ſieht?— Ol ſei ruhig, mein Pfört⸗ ner denkt an nichts, als an ſeinen kleinen Papa⸗ gei, den er ſeit ſechs Monaten die Worte lehrt: d'un bouquet du romarin, und der erſt ſagt: un bouquet du ro.. du ro.. du rrrroti!— Wie, Dein Pförtner hat einen Papagei?— Ja, Ma⸗ dame! Ehemals hatten dieſe braven Ziehauf nur Elſtern; aber das Jahrhundert ſchreitet fort, wie unſere große Männer ſagen, die ſich vielleicht vor⸗ ſtellen, daß unter unſern guten Voreltern der Zeit die Flügel beſchnitten geweſen ſeien. Die Pfört⸗ ner ſind der Bewegung gefolgt; ſie haben die Naubvögel mit dem Papagei vertauſcht; einige yalten ſogar Affen. Man hat mir erzählt, daß ein Pförtner, dem es entleidet war, unaufhörlich die Hausthüre aufzuziehen, einen Affen gekauft habe, den er ſeine Stelle zu vertreten gelehrt. Der Pförtner konnte fortgehen und ſchwatzen, oder in ſeiner Loge einſchlafen; der Affe zog pünktlich bei jedem Hammerſchlag die Thüre auf. Aber eines Abends ſprach der Eigenthümer des Hauſes, ein ſehr ehrenwerther Mann, der eine Tauben⸗ ohrenfriſur hatte, mit ſeinem Pförtner, als man an die Thüre klopfte. Der Pförtner wollte den Dienſt ſelbſt verſehen; jetzt hing ſich der Affe, der durchaus irgend etwas ziehen wollte, an den Zopf des Hauseigenthümers und riß ihm die Perrüke ab; da ward der Portier und ſein Affe zur Thüre hinaus geworfen.— Wie glücklich biſt — 25 Du, daß Du immer lachen kannſt!... Leb wohl, Arthur.. küſſe mich... Leb wohl. ol dies⸗ mal iſt es voller Ernſt!“ Sie macht ſich aus meinen Armen los, und geht auf das Vorzimmer zu, als wir die Klingel an meiner Thüre heftig anziehen hören. Clementine hält inne und zittert. „Geſellſchaft!... Wer kann Abends zu Dir kommen?— Ich weiß nicht... ich erwarte Nie⸗ manden... der Pförtner weiß ſogar nicht einmal, daß ich zu Hauſe bin... Hat er Dich gefragt, wohin Du geheſt?2...— Nein... er fragt es niemals.— Man wird vielleicht fortgehen.“ In dieſem Augenblick klingelt es von Neuem, als wenn man die Klingelſchnur abreißen wollte. Clementine erblaßt und blickt mich an, während ſie ſtottert:„Wenn man mir gefolgt wäre... wenn es wäre?..— Ei nein! Du machſt Dir Sorge ohne Grund... allein man muß öffnen, dies iſt beſſer... man weiß dann, woran man iſt. Bleibe da in dieſem Kabinet... ich ſtehe Dir dafür, daß man nicht dort eindringen ſoll.“ Ich laſſe ſie in ein kleines Gemach eintreten, worin kein Licht iſt, und öffne ſchnell. Ein kleiner bejahrter Mann mit einer grünen Brille und den Regenſchirm unter dem Arm, wiſcht ſich die Füße auf meiner Strohmatte ab und ſchickt ſich an, bei mir einzutreten, wobei er wie ein Dickohriger ſchreit: 26 „Guten Abend, Herr Grognard; ich fürchtete, Sie möchten nicht zu Hauſe ſein... doch hatte mir der Portier geſagt, er iſt zu Hauſe... Es iſt ein ſehr trauriges Wetter!“ Ich halte den alten Herrn, der immer eintre⸗ ten will, zurück und ſage ärgerlich zu ihm:„Ei, mein Herr!.. hier iſt nicht die Wohnung des Herrn Grognard, die Thüre gegenüber!... konn⸗ ten Sie den Portier nicht fragen?..— Wie! ich habe mich geirrt?... ſchau! es iſt wahr... ich glaubte, daß ich links geklingelt hätte... Ach! mein Gott!.. ich, der ich ſo oft zu ihm komme...“ Ich ſchlage dem kleinen Mann die Thüre vor der Naſe zu, ohne weiter auf ihn zu hören, hier⸗ auf gehe ich zu Clementinen zurück und kann, als ich ſie anblicke, mich des Lachens nicht ent⸗ halten. „Haſt Du verſtanden?..— Ja.— Wie angenehm ſind die Leute, die ſich irren und die Klingelſchnur abreißen, bis man ihnen aufgemacht hat! Ach! ach!— Du lachſt... ich, ich habe ſehr Angſt gehabt.— Das Kürzeſte iſt, daß man darüber lacht... nun, küſſe mich... erhole dich .. du ſiehſt, daß man ſich oft wegen ſehr gering⸗ fügiger Gegenſtände Furcht einjagen läßt.— Was willſt Du? es überwältigt mich eben... Leb wohl.. ich werde Dir ſchreiben... denke an mich, liebe keine Andere!— Doch zur Sache! 27 ich will Dich bis zu einem Cabriolet begleiten „. es iſt ſpät, ich will nicht, daß Du jetzt allein durch die Straßen gehſt.— Wenn man uns be⸗ gegnete?— Man wird uns nicht begegnen.“ Ich nehme meinen Hut, meinen Mantel, laſſe meine Lampe brennen und wir gehen die drei Stockwerke hinab. Sie geht flüchtigen Fußes vor der Loge des Pförtners vorüber; eine ziemlich unnöthige Vorſicht, denn mein Portier ſieht nie darauf, wer ein⸗ oder ausgeht, und wenn die Hausbewohner nicht beſtohlen werden, ſo iſt es ſeine Schuld nicht. Ich nehme Clementine am Arm, wickle ſie in meinen Mantel und wir gehen ſehr ſchnell und dicht an einander gedrängt. Der Regen hat auf⸗ gehört, aber der Wind bläst gewaltig. Clemen⸗ tine ſchlägt den Kopf nieder, ſo wie Jemand an uns vorüber geht. Bald erblicken wir den Platz, wo die Cabriolete ſind. „Hier müſſen wir uns trennen, ſagt Clemen⸗ tine, ihren Arm von dem meinigen losmachend, ich werde heimgehen... gezankt und mehr als je bewacht werden;... aber Du... was wirſt Du thun? Dich beluſtigen... den Liebens⸗ würdigen ſpielen... mich vergeſſen.— Wie gar⸗ ſtig iſt es, daß Du mir immer dieſes ſagſt!... Wenn ich durch meine Stellung ein heitereres Daſein habe, als Du, ſo iſt dies noch kein Grund dafür, daß ich Dich weniger liebe.— Du haſt aber tauſend Gelegenheiten, mir untreu zu ſein. — Um ſo größer iſt mein Verdienſt, daß ich es nicht bin.... Bei Dir iſt es ganz das Gegen⸗ theil; man läßt Niemand Dir näher kommen... wer weiß, ob mich ſonſt vielleicht nicht ſchon ein Anderer aus Deinem Herzen verjagt hätte.— Ach! es iſt abſcheulich, daß Du das ſagſt... ich hoffe, daß Du es nicht denkſt!“ Trotz des wehenden Windes und der drängen⸗ den Stunde würden wir, glaube ich, noch in der Straße ſtehen und ſchwatzen, wenn nicht ein Mann auf uns zugekommen wäre. Clementine, die im⸗ mer fürchtet, es möchte Jemand ſein, der ſie kennte, verläßt mich diesmal allen Ernſt's. Sie lauft, oder vielmehr ſie fliegt bis zu einem Ca⸗ briolet, ſteigt hinein und verſchwindet bald aus meinen Augen, die dem Wagen bis an's Ende der Straße folgen. Zweites Kapitel. Adolph. Ich war noch in der Straße, unentſchloſſen, was ich thun ſollte, noch unter dem Einfluß der Liebe und der Sehnſucht, noch traurig, daß ich die, welche ich liebte, ſich entfernen ſah; da ich jedoch mich deßhalb nicht um halb zehn Uhr in's 29 Bett legen wollte, ſchlug ich den Weg nach einem der Boulevard⸗Theater ein. Man gab dieſen Abend ein Stück von mir. Ich höre gern im Schauſpielſaale über mich ur⸗ theilen; einige Autoren haben dieſen Muth nicht und miſchen ſich nie unter das Publikum, wäh⸗ rend man ihr Werk darſtellt. Es iſt ſicher, daß man ſich dabei ausſetzt, ſehr ſchlechte Compli⸗ mente an ſich richten zu hören; man muß jedoch All dieſes anhören, als wenn es uns nichts an⸗ ginge. Arbeitet nicht für das Theater und laſſet eure Werke nicht drucken, wenn ihr weder Kriti⸗ ken, noch Pfeifen, noch Journalartikel ertragen könnt! Wenn ihr aber im Gegentheil Alles in ſeinem wahren Werthe würdiget, wenn ihr der Erſte ſeid, der über einen boshaften, doch gut ausgearbeiteten Artikel lacht, wenn ihr die Fuß⸗ tritte des Eſels und die Ungerechtigkeiten des Fuchſes verſpottet: machet es wie ich, gehet euern Weg fort, haltet euch hierin an die immer gerechte Maſſe, an die ſtets unparteiiſche Zeit und an eure Neider ſelbſt, die euch dienen, in⸗ dem ſie euch zu ſchaden glauben. Ich nehme meinen Platz im Hintergrund einer offenen Baignoire; auf dem Vorderſitze ſind zwei Damen. Ich halte mich ganz ruhig hinten in der Loge und ſpreche nichts. Ich treibe den Stoicismus nicht ſo weit, wie Piron, daß ich ſelbſt meine Stücke bekrittle und auspfeife; ich horche: im Saal lacht man, die vor mir ſitzen⸗ den Damen zucken die Achſeln. „Das iſt ſehr ſchlecht! ſagt die Eine, das iſt erbärmlich!“ erwidert die Andere und man wendet ſich ein wenig nach mir um, wie wenn man ſehen wollte, ob ich beiſtimme; ich bin un⸗ beweglich; allein ich habe die Damen betrachtet und ſehe mit Vergnügen, daß ſie beide häßlich ſind. Es liegt ein gewiſſer Genuß darin, zu ſehen, daß die Natur uns an den Leuten rächt, die ſchlecht von uns ſprechen.— „Es iſt mir ſehr leid, daß ich hieher gekom⸗ men bin, fährt eine dieſer Damen fort, wobei ſie ſich ein wenig rückwärts beugt. Wir würden viel beſſer gethan haben, ins Theater du Gym- nase zu gehen... ach, Gott! Das laß ich mir gefallen! dies iſt ein Theater von gutem Ton!... — Wir hätten keine Plätze erhalten, es war zu ſpät...— Wie kann man doch über alle dieſe Dummheiten da lachen!...— Dies frage ich mich gleichfalls... Sehen wir, von wem iſt die⸗ ſes Stück? Ah! Arthurl... der Romane ge⸗ ſchrieben hat, die man nicht zu leſen wagt!... ich kenne ihn..— Ich, ich kenne ihn auch: ich habe mich mit ihm in Geſellſchaft befunden. Es iſt ein kleiner Buckliger..— Ja, ein alter Magerer.“ Ich war mir bewußt, weder alt, noch mager und buckligt zu ſein. Was mich betrifft, ſo kannte 31 ich dieſe Damen, die behaupteten, daß ſie mich ſo gut kennen, keineswegs. Allein nach den ſprö⸗ den Ausrufungen, welche ſie ſo eben affektirten, möchte ich wetten, daß es höchſtens Halbtugenden ſind. Ehrbare Frauen ſind nicht gewohnt, ziereriſch zu ſein, ſie würden befürchten, daß ſie ſich be⸗ merklich machten. Es iſt noch keine Viertelſtunde verfloſſen, bis ich den Beweis erhalten, daß ich mich nicht ge⸗ irrt hatte. Man läßt ſich die Loge öffnen, in der wir uns befinden. Es iſt ein großer Herr mit ſchwarzem Schnurrbart, dickem Backenbarte, mit einer Kette von Haaren, die ſein Kinn ein⸗ faßt, und mit Augen, die ausſehen, als ob ſie den Geldbeutel und das Leben heiſchten. Ein Pfeifen⸗ und Branntweingeruch dringt mit dieſem Herrn in die Loge, der, ohne einzutreten, ſich über die Sitze beugt und den Damen zuruft: „Wie, Sie ſind in den Baignoires, und ich ſuche Sie ſchon ſeit zwei Stunden auf der erſten Loge, den Avant⸗Scenen!... Nun gutV! dies iſt hübſch! dies iſt angenehm!“ „— Mein Gott! Theodor, es iſt nicht der Mühe werth, daß man ſich hier ſehen lät äßt... in einem ſo ſchlechten Theater!... und dann war Stella nicht im Putz... Kommen Sie doch zu uns her!« „Ach ja! halten Sie ihn feſt!.— Ich werde mich i in Eure Hühnerkäfige einſperren!.... das iſt ſehr ſchön!.. das i ſsbſceung; das 32 heißt ſich luſtig machen über die Leute!.. Man ſollte Alles zuſammen hängen, Dichter und Schau⸗ ſpieler.“ „— Wie boshaft er iſt!— Kommen Sie doch herl..— Sehr gerührt!— Und iſt Fol⸗ lard bei Ihnen?— Nein, er iſt in großer Ge⸗ ſellſchaft bei Grafen, Marquis.. Ol er iſt völlig im Schwung!... Es iſt aus, ſeit ſeiner Rückkehr aus England kann man ihn nicht mehr haben...— Er hatte mir aber verſprochen, daß er morgen bei mir zu Mittag ſpeiſen werde.— Ol alsdann wird er kommen; er iſt ein pünkt⸗ licher Junge... wie ich.— Das heißt nicht viel..— Habe ich je bei Ihnen gefehlt, meine Damen?... Antworten Sie, habe ich je bei Ihnen gefehlt?— Kommen Sie doch zu uns... wir haben Langweile zum Sterben; Sie werden uns erheitern.— Nie!... ich würde in einer ſolchen Loge Krämpfe bekommen... Ich will weiter eilen... Viel Vergnügen!“ Herr Theodor hat die Logenthüre wieder zu⸗ geſchlagen, als wenn er ſie zerſchmettern wollte; und ich lächle mitleidig, indem ich die beiden Damen anblicke, die mit verächtlicher Miene den Mund verziehen, wenn man in dem Stück ein etwas leichtfertiges Wort ſagt, und doch einen Gehülfen der Roulettbank zum Cavalier haben; denn in dem Mann mit dem Schnurrbart habe ich einen jener Herren erkannt, die an einem der 8* 33 grünen Tiſche des Palais⸗Royal ſitzen und die Kugel drehen. 4 Sie gehen alſo in die Spielhäuſer? wird man mir ſagen. Wenn man ſchreibt und wahr ſein will, muß man überall hingehen; man muß nicht erfinden, ſondern aus dem Gedächtniß ma⸗ len können. Ich habe Herrn Theodor ganz rich⸗ tig erkannt, weil ſein Geſicht, ſeine Stimme, ſeine Manieren ſehr kenntlich ſind. Ich habe eine ſehr ſchlechte Meinung von ihm,— nicht weil er Spielbankgehülfe iſt; man kann ein nicht ſehr ehrenvolles Amt annehmen, um ſeine Familie; zu erhalten, dies war ſchon oft der Fall; allein Herr Theodor ernährt Niemand, und ich glaube eher, daß er allen denen zur Laſt fällt, die das Unglück haben, ihn zu kennen: er iſt die Säule einer Tabakskneipe; er iſt ein Lärmmacher, ein Mann, den man überall findet, wo es Leute gibt: bei Feſten, in neuen Stücken; immer ausgeſucht, af⸗ fektirt gekleidet, mit einer Miene, als wenn er ſagen wollte: Blicket mich an, ſehet, wie ſchön ich bin!... und die Meinung hegend, daß er ſeine pöbelhaften Manieren unter einer unver⸗ ſchämten Miene verbergen könne.* Ich habe an den Bekanntſchaften des Herrn Theodor übrig genugz; ich laſſe dieſe Damen dar⸗ über lamentiren, daß ſie zu einem ihrer ſo un⸗ würdigen Schauſpiel gekommen ſind, und gehe aus der Loge weg, nicht ohne daß ich mir Paul de Kock. I. 3 34 erlaubte, ihre Hüte ein wenig zurückzuſtoßen, um die Schlußbank aufzuheben, weßhalb ſie die Stirne runzeln und mich mit einer Miene anblicken, die zu ſagen ſcheint: Sie ſind ſehr kühn, daß Sie unſere Hüte berühren!... und ich habe Luſt, ihnen zu antworten: ich werde es nie genug ſein, Ihre Perſonen zu berühren. Ich ging einen Augenblick an den Eingang des Orcheſters;* plötzlich fühle ich, daß man mir auf die Achſel klopft. Es iſt ein Herr, den ich nur ſehr wenig kenne, der aber immer mit mir ſpricht; er fängt an zu ſchreien: „Guten Abend, Herr Arthur! Sie wollen Ihr Stück ſehen?... und ich will es auch ſehen... Ich komme.. ein wenig ſpät... doch dies iſt gleich⸗ gültig... ich werde es verſtehen, ich habe das Journal geleſen... Ah! ah! ich will Sie beklat⸗ ſchen! Man ſagt, Ihr Stück ſei nicht ſchlecht. Iſt es von Ihnen allein? Haben Sie noch an⸗ dere in Arbeit?“ Ich kenne nichts Abſcheulicheres, als ſo vor allen Leuten genannt und ihnen zum Schauſpiel gegeben zu werden; ſie glauben dann, daß man ſich dahin ſtelle, weil man erkannt werden wolle. Ich drehe meinem Schwätzer den Rücken zu, und * In den Theatern von Paris iſt das Parterre in zwei Theile abgetheilt; der dem eigentlichen Orcheſter zunächſt be⸗ findliche führt gleichfalls dieſen Namen. Anm. d. Ueberſ. 3⁵ entferne mich, ich weiß nicht was vor mich hin murmelnd. Ich will das Theater verlaſſen, als ich in einem Gang meinen Namen rufen hörte, diesmal aber ganz leiſe. Ich muß dem Leſer vorerſt mittheilen, daß ich einen Freund habe. Dies iſt ſehr wenig, wird man mir ſagen. Ich finde, daß es ſehr viel iſt. Und noch verſtehe ich, wenn ich ſage, ich hätte einen Freund, darunter nur, daß ich Freundſchaft für Jemanden habe; doch möchte ich die ſeinige nicht auf zu harte Proben ſtellen. Der, 3 von dem ich dir, Leſer, ſprechen will, heißt Adolph Deſigny, er iſt aus einer alten Familie der Bretagne, deren Bekanntſchaft mein Vater ſelbſt nicht verſchmäht haben würde. Adolph iſt zweiundzwanzig Jahre alt und ſieht aus, als ob er kaum neunzehn wäre, er iſt ein hübſcher Junge; ſeine roſigen Wangen blühen noch in erſter Ju⸗ gendfriſche; ſeine großen, blauen Augen haben einen Ausdruck von Offenherzigkeit, der zum Vor⸗ aus für ihn einnimmt; kurz, er beſitzt die ganze unſchuldige Argloſigkeit, welche ſein Phyſiſches anzeigt; er läßt ſich mit dem beſten Glauben von der Welt hinters Licht führen: Iſt es Eigenliebe, iſt es Gutmüthigkeit? er will nie glauben, daß man die Abſicht gehabt habe, ihn zu betrügen. Es ſind nun zwei Jahre, ſeit er in Paris iſt. Seine Eltern haben Vermögen und geben ihm nur eine ſehr mäßige Penſion, um ihn zu ver⸗ hindern, daß er Tollheiten mache, was übrigens nicht immer das beſte Mittel iſt. Indem man uns eines Vergnügens beraubt, benimmt man uns die Luſt nicht, es zu genießen; es wäre viel vernünftiger, wenn man uns damit überſättigte. Der junge Deſigny ſoll die Rechtswiſſenſchaft ſtudiren, wiewohl man nicht die Abſicht hat, einen „Advokaten aus ihm zu machen; aber mit einem leicht zu entflammenden Gemüth, einem freund⸗ ſchaftlichen Charakter und wenig Umſicht, war es nicht wohl anders möglich, als daß er in Paris von dem Wege abkam, den ſeine Eltern ihm vorgezeich⸗ net hatten. Er iſt ein junger Mann, der ſich zu ſehr hinreißen läßt, und der, wenn er gewahrt, daß er eine Dummheit gemacht hat, aus Eigen⸗ liebe und um ſeinen Irrthum nicht einzugeſtehen, darin beharren wird. Ich hatte kurz nach ſeiner Ankunft in Paris Gelegenheit, ſeine Bekanntſchaft zu machen; er hat einen Grund von Redlichkeit in ſich, der mir gefiel; und ich habe ſein Entge⸗ genkommen erwidert, indem ich wünſchte, ihm nützlich zu ſein und ihn ſeine Leute beſſer kennen zu lehren, nicht, daß ich mir ſchmeichle, ich ſei ſelbſt ſehr ſchlau und laſſe mich nie betrügen; allein man ſieht oft beſſer in den Angelegenheiten Anderer, als in ſeinen eigenen, und zwar aus dem Grunde, weil wir das, was nur unſere Freunde angeht, kaltblütig und leidenſchaftslos betrachten. Adolph iſt entzückt geweſen, daß er meine 37 Bekanntſchaft machte, weil ich ein Dichter bin, in die Theater gehe, viel mit Schauſpielern und Schauſpielerinnen in Berührung komme. Für junge Leute, die mit einer an Leidenſchaften faſt jungfräulichen Seele nach Paris kommen, iſt das Theater ein Ort der Seligkeit, die Schauſpiele⸗ rinnen ſind Göttinnen, die Schauſpieler Halb⸗ götter und die Dichter vom Himmel begünſtigte Sterbliche. Armer Adolph!... ich habe ihm ſchon zu beweiſen geſucht, daß alle dieſe Gott⸗ heiten nur Menſchlichkeiten an ſich tragen. Ich habe ihm einige, vielleicht ein wenig ſtrenge, Leh⸗ ren gegeben, allein ich liebe dieſen jungen Men⸗ ſchen, und deßhalb möchte ich ihn aufklären. Ich bin ſechs Jahre älter als er und habe eine große Erfahrung. Ich erlaube mir, den Mentor zu machen, und wenn ich nicht durch das Beiſpiel predige, predige ich doch viel in Worten. Manch⸗ mal ſind meine Anſichten, meine Rathſchläge Adolph langweilig; ich werde es daran gewahr, daß er dann mehre Tage nicht zu mir kommt. Beweiſen ihm aber die Begebenheiten, daß ich Recht hatte, daß ich richtig prophezeihte, dann beſucht er mich wieder; er verliert kein Wort über das, was ihm zugeſtoßen iſt. Ich frage ihn nicht das Mindeſte über die Vergangenheit, und wir ſind ſehr gute Freunde, bis er eine neue Tollheit gemacht hat, 3 für die ich ihn auszanke, und er wieder anfängt, mit mir zu ſchmollen. 2 3 38. Adolph habe ich nun im Schauſpielhauſe ge⸗ troffen, wie er in der Gallerie mit einem jungen und ziemlich hübſchen Frauenzimmer ſich erging, deren Weſen mir jedoch ein wenig zweideutig ſchien. Dieſe Frau oder dieſe Jungfer, ich glaube, daß beide Titel ihr gleich gut anſtehen, hängt ſich an den Arm ihres Cavaliers, wie wenn ſie darauf hielte, die große Innigkeit, die ſie ver⸗ eint, öffentlich an den Tag zu legen. Adolph⸗ ganz ſtolz auf die Ungezwungenheit ſeiner Dame, hat ein Lächeln der Zufriedenheit auf ſeinen Lip⸗ pen, und Etwas in ſeinen Augen, das zu ſagen ſcheint: Sie werden hoffentlich ſehen, daß dies meine Geliebte iſt! „Guten Abend, Herr Arthur,“ ſagt Adolph zu mir, indem er mit ſeiner Dame vor mir ſte⸗ hen bleibt. „— Ah!l guten Abend, Adolph!...“ Und wir blicken einander einige Augenblicke han. Er will ſehen, ob ich ſeine Eroberung be⸗ wundere, und ich habe ohne Zweifel irgend etwas Spöttiſches in meinen Augen, das ihn ärgert, denn er fährt mit ernſthafterer Miene fort:„Ma⸗ dame hatte Luſt ins Theater zu gehen... ich habe ſie zur Aufführung Ihres Stückes geführt. — Dies iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen. Ich wünſche, daß es Madame gefallen möge.— O! mein Herr! man iſt ſicher, daß man ſich ſtets durch Ihre Werke unterhält... ſie ſind zu heiter!...“ 39 Die junge Dame hat mir ſelbſt geantwortet, wobei ſie auf eine ſehr angenehme Weiſe lächelt, und mich ganz weiße und hübſch gereihete Zähne ſehen läßt. Man iſt nie gefühllos gegen ein ſchmeichelhaftes Wort, beſonders wenn es aus einem hübſchen Munde kommt. Die junge Dame kommt mir ſchon unendlich beſſer vor!... Ich danke ihr, indem ich ihre ſehr ausdrucksvollen Augen ſtarr anſehe. Adolph ſcheint entzückt, er fährt fort: „Madame wünſchte ſehr, Sie zu ſehen... ſie kennt alle Ihre Werke; ich habe ihr geſagt, daß ich das Vergnügen habe, genau mit Ihnen he⸗ kannt zu ſein... Sie ſehen Julie, daß ich Sie nicht betrogen habe.“ „— Ich habe nie gedacht, daß Sie ein Be⸗ trüger ſeien!“ erwiderte Julie, boshaft lächelnd und mich anblickend, als ob ſie erfahren wollte, ob ich ſie verſtehe? und ich bilde mir ein, daß ich ſie verſtanden habe. „Man wird anfangen... Kommen Sie doch mit uns, wenn Sie allein ſind...— Gerne.“ Ich folge ihnen in eine Loge der zweiten Gal⸗ lerie. Ich nehme meinen Platz hinter ihnen. Die Geliebte Adolphs hat die Güte, ſich mehr mit mir, als mit ihm zu beſchäftigen; es ſcheint, daß ſie ſehr luſtig iſt, ſie lacht leicht, hat glückliche Einfälle; ich weiß nicht, ob ſie Geiſt hat. Ber den Frauenzimmern täuſcht man ſich leicht darinz Gewäſche, Geplauder, Boshaftigkeit glänzen öfters 40 ſogar mehr, als wirklicher Geiſt; es iſt aber nur ein Kunſtfeuerwerk, das keine Dauer hat, nach einiger Zeit iſt man erſtaunt, daß man nichts mehr daran finden kann, oder fortwährend das Nämliche hört.... In einem Augenblick, wo dieſe Dame ihre Aufmerkſamkeit dem Spiele ſchenkt, beugt ſich Adolph gegen mich und ſagt mir ins Ohr: „Wie finden Sie ſie?— Sehr gut.— Sie betet mich an.— Es iſt möglich.— Ol ſie hat es mir bewieſen... Es iſt eine... ſehr ausge⸗ zeichnete... Frau... die Abenteuer gehabt hat...— Was das Letztere betrifft, ſo glaube ich es!— O! aber keine Abenteuer, wie ſie es meinen könnten!... ſie iſt höchſt ehrbar... Kommen Sie dieſen Abend doch ein wenig unten in das Café, nach dem Schauſpiel werde ich ſie heimführen; ſie wohnt in meinem Hauſe; ich werde ſodann zu Ihnen zurückkommen, Ihnen er⸗ zählen, wie ich Juliens Bekanntſchaft gemacht habe.— Gut... ich will Sie im Cafe erwarten.“ Das Schauſpiel geht zu Ende. Adolph führt ſeine kleine Eroberung weg, indem er mir ſagt: „Auf Wiederſehen!“ und Madame Julie macht Augen auf mich, als wenn ſie mir ebenfalls ſagen wollten: Auf Wiederſehen! Ich will in das Café treten; wie ich gerade dort eindringe, nimmt mich ein Mitbruder, der heraus trat, beim Arme mit den Worten:„Sie 41 werden mich heimbegleiten, wir ſprechen von un⸗ ſerem Geſchäfte.“ Ich laſſe mich wegführen; das Wetter iſt wie⸗ der auf dem Gefrierpunkt; aber wir gehen ſpa⸗ zieren, als wären wir im Sommer: das Genie und die Liebe haben nie kalt, und es ſcheint, daß mein Kollege und ich dieſen Abend viel Genie hatten, denn wir ſchwatzten ſeit langer Zeit auf den Boulevards und ſetzten den Plan zu einem Stücke feſt, das einen donnernden Beifall er⸗ halten ſollte, um mich der Modeausdrücke zu be⸗ dienen, als es mir einfiel, daß mich Adolph im Cafe erwarten mußte. Ich verlaſſe den Mit⸗ bruder ſchnell und komme an den Ort des Stell⸗ dichein zurück. Es iſt beinahe Mitternacht; man beginnt das Kaffeehaus zu ſchließen, in welchem nur noch einige Müßiggänger, oder jene hartnäckigen Di⸗ lettanten bleiben, die ſich nicht ins Bett legen können, ohne daß ſie das Abendjournal geleſen haben. Ich ſehe Adolph nicht, vielleicht iſt er im Billardzimmer. Ich gehe zum Billard hinauf, dort ſind noch viele Leute, man ſpielt, trinkt Punſch, die Partie ſcheint lebhaft. Adolph iſt einer der Spieler, und in ſeinem Gegner erkenne ich zu meinem Erſtaunen Herrn Theodor. Sollte Adolph dieſen Herrn von der Roulette kennen, oder hat er nur ſo aus Gelegenheit eine Partie mit ihm geſpielt. Dies werde ich bald erfahren. Der ſchöne Herr mit dem Schnurrbart iſt, wie es ſcheint, bei ſehr guter Laune; er ſpielt mit Grazie, und ſich nachläſſig über das Billard hinſtreckend, macht er beinahe bei jedem Stoß einen Ball, während Adolph, deſſen Geſichtsfarbe belebt und deſſen Miene leicht verzogen iſt, ſehr ſchlecht ſpielt und faſt alle Bälle fehlt. Es ſcheint mir, daß dieſe Herren für einen Theil der Anweſenden um Punſch ſpielen, denn um eine andere Bowle ſtehen etwa ein Dutzend Gläſer herum, und während ſich Herr Theodor bewundern läßt, ruft er aus:„Nun ſchenk ein, Salomon, ſchenk ein, Herr Adolph will uns re⸗ galiren.“ Das Individuum, das man, ich glaube nicht ſeiner Weisheit halber, Salomon nennt, iſt ein gewöhnlicher Beſucher der Kaffeehäuſer, einer von jenen ſtets ſchmutzigen Menſchen, die, bis an's Kinn zugeknöpft, fortwährend eine Miene übler Laune, und beide Hände in ihren Taſchen haben. Bei der Aufforderung ſeines Freundes Theodor geht er, ſich ſchaukelnd, auf den Punſchtiſch zu, hält aber unterwegs an, ſtampft mit dem Fuß auf den Boden, wobei er ausruft:„Es gibt nichts, was mich ſo übler Laune macht, als dies— Was hat man Dir denn gethan, Salomon?— 43³ Alexander hat meine Pfeife nehmen laſſen*... eine ſo gut angerauchte! ich hatte ſo viele Mühe darauf verwendet!— Man wird Dir eine andere geben.— Dies iſt nicht das Gleiche! ich halte auf meine Pfeife, ich... meinetwegen bin ich lächerlich, dies iſt möglich... allein ich bin ſo..— Vorwärts! ſchenk doch ein!... Ach! Herr Adolph... Sie ſind außer ſich!... Sie verfehlen die ſchönſten Priſen!...“. Adolph weiß in der That nicht mehr, was er thut. Die Partie beſchäftigt ihn ſo ſehr, daß er meine Gegenwart nicht gewahr wird. Ich gehe auf ihn zu: 2 „Sie ſpielen, während Sie mich erwarten?— Ahl Sie ſind da... Ja... ich mache eine Par⸗ tie... Nehmen Sie doch ein Glas... trinken Sie doch Punſch...— Sie kennen dieſen Herrn, mit dem Sie ſpielen?...— Ich kenne ihn ein wenig... Er iſt ſehr liebenswürdig... er ſteht in Berüh⸗ rung mit den beſten Geſellſchaften in Paris.“ Ich bin verſucht, ihm zu ſagen: Sie ſind ſehr einfältig, mein lieber Freund! allein dies iſt nicht der Augenblick dazu. Ich nehme ein Glas Punſch und betrachte die Scene genauer. Herr Salomon hat eingeſchenkt, will aber nicht * Die gewöhnlichen Gäſte der Pariſer Eſtaminets haben dort beſtändig in eigenen hiezu beſtimmten Käſtchen ihre köl⸗ niſche Pfeifen, deren Platz mit ihrer Nummer bezeichnet iſt. 1 Anm. d. Ueberſ.— 44 trinken; er ſtreckt ſich auf einer Bank aus, indem er wiederholt:„Ich bin lächerlich... nun gut! ja, ja, ich bin lächerlich... ich bin aber einmal ſo! und ich kann nicht leiden, daß man meine Pfeife berührt..“ Herr Theodor macht einen Ball nach dem an⸗ dern, wobei er ſich alle mögliche Grazie gibt; als er bei Hern Salomon vorüber kommt, klopft er ihn auf den Bauch und ſagt:„Warum willſt Du nicht ein Glas von dem Punſch annehmen, den der Herr mit ſo vieler Großmuth verliert? — Nein.. ich kann es nicht leiden, daß man meine Pfeife berührt.. Ich bin ſehr lächerlich, ich... 4 Der Zuſtand, in welchem ich Adolph ſehe, ſcheint mir nicht natürlich, große Schweißtropfen rin⸗ nen ihm von der Stirne, ſeine Adern ſind ge⸗ ſchwollen, er weiß nicht mehr, was er thut, denn er fehlt Bälle, wo man nur zu ſtoßen braucht. Ich glaube die Urſache ſeiner Unruhe zu erra⸗ then!... er hat nicht Geld genug bei ſich, um Alles zu bezahlen, was er verliert, er weiß nicht, wie er es machen ſoll und würde die ganze Nacht fortſpielen, nur damit es kein Ende nähme. Armer Junge! Jetzt begreife ich, warum er ſo ſchlecht ſpielt. Ich muß ihn aus dieſer Verlegen⸗ heit ziehen. Ich habe mich mit neunzehn Jah⸗ ren in einer ähnlichen Lage befunden, und erin⸗ nere mich, daß es mir ſehr ſchlecht zu Muthe war. 45 Herr Theodor, an den Punſchtiſch tretend, ſagt zu ſeinem jungen Freunde: „Ich glaube, Herr Adolph, daß Sie uns die⸗ ſen Abend frei halten wollen... Sie ſind nicht im Stoß... Sie wiſſen, daß wir auch um alle Koſten ſpielen... Sie haben fünf... ich acht⸗ zehn, und dies iſt die Letzte, die Entſcheidende... an Ihnen iſt das Spielen... Sie ſind am Band, junger Mann!..“ „Ahl ja... ahl... dies iſt die Letzte...4 murmelt Adolph, ſeine Stirne trocknend: und er ſchickt ſich an, zu ſpielen. Ich halte ihn zurück... „Wenn Sie wollen, und wenn der Herr da⸗ rein willigt, übernehme ich Ihre Partie.“ Adolph blickt mich an, als traue er ſeinen Ohren nicht; er ſtottert:„Meine Partie... wie ... Sie wollten meine Partie übernehmen?... ich werde aber Alles bezahlen müſſen...— Ich ſage Ihnen, daß ich Ihre Partie übernehme... Sie ſind dieſen Abend nicht im Stoß...“ Der große Theodor ſieht mich an, und ſeinen Schnurrbart ſtreichend, ruft er aus:„Der Herr ſpaßt!— Nein.. ich wiederhole Ihnen, daß ich mich an des Herrn Stelle ſetze, wenn Sie mich nicht zu ſehr fürchten...— Sie fürchten! Aber bedenken Sie doch, daß mein Gegner nur fünf hat, daß ich achtzehn habe, daß wir auf vier und zwanzig ſpielen, und daß es ſich um zwei Bowlen Punſch mit Makaronen und um alle Koſten handelt!...— Ich weiß dies Alles... und über⸗ nehme doch die Partie; wollen Sie, Adolph?— Ol von ganzem Herzen... und Sie Herr Theo⸗ dor 2.. ich ſage Ihnen zum Voraus, daß dieſer Herr ſtärker iſt, als ich.— Wäre der Herr ſo ſtark, wie vierzig tauſend Mann, ſo wäre es doch närriſch, wenn ich bei einer Partie von fünf gegen achtzehn, zurückwiche.“ Adolph überreicht mir ſein Queue, wie Einer, der ſich von einem Abgrund gerettet ſteht. Ich weiß wohl, daß ich verlieren werde, allein ich will mich bemühen, mich für mein Geld zu unterhalten. Jedermann tritt näher, man iſt begierig zu ſehen, wie ich mich aus der Sache ziehe, in die ich mich eingelaſſen habe. Herr Salomon allein iſt auf ſeiner Bank hingeſtreckt geblieben, wo er dem Kell⸗ ner immer noch zuruft:„Ich hatte Ihnen doch ſehr verboten, jemals meine Pfeife berühren zu laſſen... es iſt mir gleichgültig, ob man mich lächerlich findet, ich bin einmal ſo.“ Ich ſpiele ſehr kühn, denn ich bin überzeugt, daß ich verlieren werde; allein der Zufall dient mir, ich mache neun Points nacheinander, was beinahe das Gleichgewicht zwiſchen meiner Stel⸗ lung und der meines Gegners herſtellt. Herr Theo⸗ dor gibt ſich keine Grazie mehr, er ſingt nicht mehr vor ſich hin; ſein Geſicht hat den Ausdruck ſeines Freundes Salomon angenommen! Er ſpielt gezwungen, läßt die Lampe höher richten, wil 5 — 47 nicht, daß irgend Jemand ſich bewege, weil ihm dies Zerſtreuung verurſache. Nachdem er mich endlich mit Schrecken bis zu zwei und zwanzig „hatte kommen ſehen, gelingt es ihm doch, die Partie zu gewinnen. Jetzt wirft er ſein Queue auf das Billard, indem er wie ein General, der die Schlacht gewonnen hat, ausruft: „Der Herr iſt von erſter Stärke!... ich konnte mir nicht vorſtellen, mit wem ich es zu thun hätte!... allein er iſt von erſter Stärke!...“ Ich nehme die Schmeicheleien des Herrn Theo⸗ dor mit vieler Gleichgültigkeit hin, bezahle, was man ſchuldig iſt, mache Adolph ein Zeichen, und wir gehen weg. „Es iſt mir ſehr leid, daß Sie verloren haben, ſagt mein junger Freund zu mir, als wir auf den Boulevards ſind. Ich habe wohl einen Augenblick geglaubt, Sie würden gewinnen.— Und ich habe nie daran gedacht.— Warum haben Sie alsdann meine Partie übernommen?— Weil ich Sie aus einer ſehr unangenehmen Lage ziehen wollte! ſeien Sie aufrichtig, Adolph... zudem iſt dies Ihre Gewohnheit; Sie hatten nicht genug Geld bei ſich, um Alles zu bezahlen, was Sie verlieren konnten.— Dies iſt wahr... O! es quälte mich ſchrecklich.. Wie haben Sie es errathen?— Das konnte man ſehr leicht ſehen... an der Art, mit der Sie ſpielten, und an dem Geſicht, das Sie dazu machten. Mein lieber Adolph! bedenken * Sie ſtets, daß man ſich nie in ein Spiel einlaſſen muß, wenn man nicht weit mehr Geld in der Taſche hat, als man braucht; denn ſonſt läßt die Furcht vor Verluſt tauſend Böcke ſchießen, und man wird immer beſiegt werden.— Ich glaubte, ich würde nur eine Partie ſpielen. Man hat wei⸗ tere vorgeſchlagen... ich wagte nicht zu refuſiren. Ueberdies bin ich eben ſo ſtark, als dieſer Herr, und in der That, wenn ich mehr Geld bei mir gehabt hätte, würde er mir nichts abgewonnen haben.— Dies iſt noch nicht gewiß; dieſer Herr iſt einer von denen, die beinahe ein Handwerk aus dem Spiel machen, und ſolche Leute ſpielen gut. Woher kennen Sie dieſen Herrn Theodor? — Ich habe ihn getroffen... im Kaffeehaus... im Theater.— Mein lieber Adolph, Sie haben da eine ſehr ſchlechte Bekanntſchaft gemacht!... Folgen Sie mir, gehen Sie nicht mehr mit dieſem Menſchen da!— Sie glauben immer, daß man mich zu Grunde richten,... mich betrügen wolle! — Ich ſage nicht, daß man Sie zu Grunde richten wolle... Ich traue Ihnen zu, daß Sie natürlichen Verſtand genug beſitzen, um dem zu widerſtehen, was man zu dieſem Zweck thun würde. Ich ſage Ihnen aber, daß man Ihre Treuherzigkeit miß⸗ braucht, und daß wir in einer Welt leben, bei welcher dieſe Tugend beinahe ein Fehler iſt. Ich ſehe wohl, daß ich Sie langweile, wenn ich Ihnen dies ſage; aber meinetwegen 1.., ich ſpreche aus —— 2 49 Freundſchaft ſo zu Ihnen; ich habe Erfahrung, ich.— Nützt ſie Ihnen piel?— Sie könnte ſehr wenig nützen, und doch meinen Freunden höchſt dienlich ſein! indeß wir wollen von Ihrer neuen Eroberung ſprechen!— Ah! nicht wahr, ſie iſt reizend?— Ja, ihr Geſicht iſt ſehr angenehm. Es iſt noch nicht lange, ſeit Sie dieſes Frauen⸗ zimmer kennen?— Es ſind noch keine ſechs Wo⸗ chen; ſie hat ſich in meinem Hauſe eingerichtet... auf meinem Boden ſogar, daher habe ich einſt⸗ mal Abends beim Nachhauſekommen... als ich kein Licht hatte, aber ſie, und ihre Thüre gerade offen war.— Dies war ſehr vorſichtig von ihrer Seite...— um die Erlaubniß gebeten, mein Licht anzünden zu dürfen... und dann... nach und nach..— Ich errathe das Uebrige; wer iſt aber dieſes Frauenzimmer da? erſtens: iſt ſie eine Frau?— Ja... das heißt, ſie iſt Wittwe.— Sie iſt noch ſehr jung für eine Wittwe.— Sie iſt vier und zwanzig Jahre alt. Man hat ſie mit achtzehn Jahren verheirathet; ihr Mann hit ſich nach vierzehntägiger Ehe erhängt.— Teufel! es ſcheint, daß dies nicht ihre Beſtimmung war.— Er war ein Spieler; er hatte das ganze Hei⸗ rathsgut Julien's durchgebracht, verloren; ſie be⸗ ſaßen einen prächtigen Laden mit Modeartikeln, den ſie zu verkaufen genöthigt war; endlich iſt iſt ihr von all dem nichts geblieben, als ein klei⸗ ner Knabe.— Dies bleibt immer bei großem Paul de Kock. I. 3 Unglück übrig!— Er iſt in Penſion... das heißt in Halbpenſion, hinter uns... Sie wiſſen in mei⸗ ner Straße.— Endlich, was treibt dieſe Dame jetzt?— Nichts... aber ſie hat die Abſicht, wie⸗ der ein Handelsgeſchäft anzufangen.— Man lebt nicht von Abſichten.— Ich denke, daß ſie noch etwas hat... und dann große Hoffnungen... Meiner Treu... wenn ich nicht ſo jung wäre... ſie liebt mich ſo ſehr!... ich werde nie ein Frauen⸗ zimmer finden, das mich ſo heiß liebt... ich glaube ich würde wohl daran thun, ſie zu heirathen.“ Ich bleibe vor Adolph ſtehen und blicke ihn ſtarr an, wobei ich ſpreche: Sie ſind toll, mein lieber Freund!— Weil ich Julien anbete?... Beten Sie ſie an, gut; aber ſprechen Sie nicht davon, daß Sie eine Frau heirathen wollen, welche Sie kaum kennen!... welche Ihnen Ge⸗ ſchichten vorgemacht hat, die wahrſcheinlich von ihrer eigenen Erfindung ſind. die vielleicht ſchon zehn Liebhaber vor Ihnen gehabt hat, und die ſicherlich noch welche nach Ihnen.. oder mit Ih⸗ nen haben wird. Adolph beißt ſich in die Lippen; er iſt böſe und antwortet mir mit bitterem Tone: Mein Herr, ich weiß nicht, warum Sie ſchlecht von Madame Ulyſſe ſprechen, ſie verdient es nicht, und zudem kennen Sie ſie nicht; alſo... — Ei, mein Gott! mein lieber Adolph! wenn Sie mich Herr nennen, ſehe ich, daß Sie mich N⁸ 51 nicht mehr anhören... Lieben Sie Madame Ulyſſe, mein Freund, ſeien Sie glücklich mit ihr, aber ich bitte Sie, denken Sie nicht daran, ſie zu hei⸗ rathen.. Sehen Sie, ich wette, ehe drei Monate vergehen, werden Sie mir ſagen, daß ich Recht hatte.— Ich wette das Gegentheil.— Unterdeſſen wollen wir uns ſchlafen legen. Leben Sie wohl, Adolph!— Guten Abend, Herr Arthur! Er verläßt mich, noch immer grollend. Drittes Kapitel. . Die kleine Penſion. Mehre Tage ſind vorüber, und ich habe Adolph nicht wieder geſehen; ohne Zweifel kann er, ganz ſeiner neuen Liebe angehörend, der Freundſchaft keinen Augenblick ſchenken; ich finde dies ganz na⸗ türlich und werde es gerne entſchuldigen; allein ich fürchte, er möchte irgend eine große Dumm⸗ heit begehen. Madame Ulgyſſe beſitzt Alles, was zum Unterjochen nöthig iſt: ſie iſt hübſch, kokett, ich halte ſie nicht für dumm, und der liebe Adolph iſt kein Adler, obgleich er die Einbildung hat, daß er ſich nicht betrügen laſſe. Es würde mir leid ſein, wenn dieſer junge Menſch Handlungen beginge, die man ſchwer wieder verbeſſern könnte. Ich habe Freundſchaft für ihn; ich weiß nicht, ob er ſie mir erwidert; allein ich bin ihm ſchon bei 52 mehr als einer Gelegenheit nützlich geweſen, und ich glaube, daß man ſich in der Freundſchaft, wie in der Liebe, durch das Gute, das man erzeigt, an einander bindet. Ich erinnere mich an das, was mir Adolph von ſeiner Julie erzählt hat; von der ganzen Ge⸗ ſchichte mit dem gehenkten Ehemann iſt ein kleiner Knabe von fünf oder ſechs Jahren übrig geblie⸗ ben, der in einer Penſion iſt, die man, ſtreng genommen, eine Schule nennen könnte. Ich er⸗ innere mich an dieſe Penſion, die in der Straße iſt, wo Adolph wohnt, ich ging ehemals öfters dorthin, und beſuchte den Sohn einer Dame, die ich ſehr liebte. Der Herr des Inſtituts kennt mich. Es kommt mich die Luſt an, ihm einen Beſuch abzuſtatten; ich werde zu gleicher Zeit den Spröß⸗ ling der Madame Ulyſſe ſehen, und vielleicht ei⸗ nige Nachrichten über ſeine Mutter erhalten. Ueber⸗ dies wünſche ich ſchon ſehr lange wieder einmal Zeuge der Erholungsſtunde in einer Kinderpenſion zu ſein..„ Die Erholungsſtunde!... Denkt ihr daran? Als ihr in's Collegium oder in's Externat ginget,— war es nicht der ſüßeſte Augenblick eurer Jugend? Aber ihr habt es vielleicht ver⸗ geſſen, wenn man weiter im Leben kommt, ſieht man ſo viele Dingel man vergißt ſo ſchnelll man iſt ſo eifrig im Abſchütteln des Schulſtaubes, daß man die Erinnerungen an jene Vergnügungen, an 53 jene Freundſchaften, jene Kinderſpiele und oft auch an ſein Griechiſch und Latein zu bald verliert. Ueberdies ſieht man eine Handlung, in der man ſelbſt thätig iſt, nicht! Von ſieben bis fünf⸗ zehn Jahren iſt man ſelten Beobachter; die Beob⸗ achtungsgabe iſt ein Wiſſen, das man durch den Verluſt unſerer erſten Illuſionen erlangt, und es wäre ſehr unglücklich, wenn Schüler letztere nicht mehr hätten. Dies wird vielleicht noch kommen!... Wir werden ſeit einiger Zeit ſo tief, ſo poſitiv! Wir ſehen junge Männer von achtzehn Jahren, die des Lebens überdrüſſig ſind und ſich ſelbſt um⸗ bringen, unter dem Vorwand, daß ſie Alles er⸗ gründet, Alles erfahren haben, und daß ihnen kein neuer Genuß übrig bleibe! Unglückliche! die nicht wiſſen, was es iſt, Vater zu ſein, und die zu ſagen wagen, daß ſie keine Genüſſe mehr kennen lernen können! ſie bringen es ſo weit, daß ſie kein Mitleid mehr einflößen!... Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, daß ich eines Tags ei⸗ nen Buben von fünf Jahren ſich weigern höre, mit dem Kreiſel zu ſpielen, indem er ſpricht: Was beweist diese Arme Aufklärung! trau⸗ rige Erleuchtung, die man auf Koſten ſeines Glücks erlangt! Ich bin alſo nach der Schule gegangen. Wäre ich noch in der Zeit, wo man mir mein Körbchen an den Arm gab, wohl verſehen mit Brod, Obſt, Bacwerk, was mich nicht hinderte, aus einem 54 auf die Straße gehenden Fenſter meiner Claſſe den Milcherinnen eine am Bindfaden hängende Taſſe hinabzulaſſen, mit einem Sou darin, als Preis der Milch, die ich durch Anziehen des Bind⸗ fadens heraufzog! Sie ſind fern jene Stunden der Eßbegierde und der Sorgloſigkeit!... Die Zeit flieht hin mit unſern Freuden, Doch ſteht ſie ſtill an unſern Leiden! Die Penſion, in welche ich mich begebe, iſt eine von denen, welche zwiſchen der Schule und dem Collegium die Mitte halten; wo aber die Zöglinge häufig mit mehr Sorgfalt und mehr Eifer beaufſichtigt werden, als in den großen Etabliſſements. Ich ſchreite durch einen engen, ſchlecht unterhaltenen Hof, trete in einen kleinen Garten, wenn man überhaupt einen Ort, wo nur zwei Bäume ſind, einen Garten nennen kann; doch iſt der Boden nicht gepflaſtert; man kann darin fallen, ohne daß man fürchten muß, ſich den Kopf zu zerſchmettern, demnach iſt es ein Garten. Eine kleine hölzerne Stiege, die mit der eines Taubenſchlags viel Aehnlichkeit hat, führt in die Penſion, welche ſich im erſten Stocke be⸗ findet. Dies Alles iſt nicht geeignet, den Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen; man darf aber hieraus keine ſchlechte Vorbedeutung ableiten; Be⸗ ſcheidenheit iſt beſſer, als Eitelkeit. Als ich anlangte, arbeiteten die Schüler; der Schulmeiſter iſt auf ſeinem erhöht ſtehenden 55 Katheder, von wo aus er die ganze große Claſſe äberſieht(die zweite Claſſe iſt der Sorgfalt eines Unterlehrers anvertraut); die Stille ward häufig durch unterdrücktes Schreien und Lachen unter⸗ brochen, aber alsbald zurückgedrängt durch ein: Stille, meine Herren! von dem Schulmei⸗ ſter mit der ganzen Gravität eines Aufwärters der Deputirtenkammer ausgeſprochen. Aber die Schüler ſchlagen dies keineswegs anz bald läßt ſich neues Schreien, Klagruf, Gelächter hören, und der Lehrer wieder mit einem Flegma und einer Geduld, die ich bewundre: „Meine Herren, ein wenig Stille, wenn es gefällig iſt... Herr Carl man hört nur Sie!— Nein Herr, Paul iſt es, er kneipt mich, um mich am Schreiben zu hindern.— Mein Herr, er iſt es, er ſchneidet mir Geſichter, um mich zum La⸗ chen zu bringen...“ „— Herr Paul wird wieder auf die kleine Bank gehen, und muß während der Erholungs⸗ ſtunde dort bleiben.— Aber Herr, es iſt nicht wahr, ich habe keine Geſichter geſchnitten... Ich habe Reiz zum Nießen gehabt und habe nicht können...— Es iſt genug, Stille!“ Da es nicht ſcheint, als wollte man dieſem Aufruf zur Ordnung Folge leiſten, ſo ruft der Lehrer aus:„Wenn man nicht ſtille iſt, werde ich der ganzen Claſſe zehn ſchlechte Noten machen!“ Dieſe Drohung bringt eine große Wirkung 56 hervor: dieſe Herren von ſechs und acht Jahren machen ſich wieder an ihre Arbeit, ohne Murren; es ſcheint mir, daß man große Furcht vor den ſchlechten Noten hat. Ich trete dem Lehrer, mit dem ich einen Au⸗ genblick zu ſchwatzen wünſche, näher, er wird nicht böſe darüber ſein, daß man ihn einen Au⸗ genblick ſeinen ſcholarchiſchen Pflichten entreißt. Man muß mit einer großen Geduld begabt ſein, wenn man eine Penſion leiten will; ich, der ich die Kinder ſehr liebe, würde nicht den Muth ha⸗ ben, nur einen Tag hindurch die Stelle ihres Lehrers einzunehmen; und ich bemerke, daß bei⸗ nahe alle dieſe Schlingel ſich über ihre Schul⸗ meiſter luſtig machen, ſo wie ſie ihm den Rücken drehen; ich höre, wie Püppchen von neun Jahren, den Mann, der ſie zu unterrichten ſucht,„ab⸗ ſcheulicher Schulfuchs“ ſchimpfen. Wenn die Jugend auf dieſe Art vorwärts kommt, ſo möchte ich lieber, ſie bliebe ſtille ſtehen. „Sie haben einen kleinen Jungen von unge⸗ fähr ſechs Jahren, den Sohn einer Madame Ulyſſe?“ ſpreche ich zum Lehrer während er ſeine Klingel in Bewegung ſetzt, um Stille zu erlangen. „Madame Ulyſſe?... ahl ja.. ich habe ſeit ſechs Monaten ihren Sohn; aber ich habe noch nichts von ihrem Geld geſehen; ich weiß gar nicht, wer dieſe Dame da iſt... Hum!... Ein ſehr freies Weſen!. ſie ſpricht über Alles!... —— OQL—˖:VVV:V:VB’— —ͤ— 57 ſie beſitzt einige Bildung... Muliebris animus. Aber ich traue ihr keine große Richtigkeit des Ur⸗ theils zu... Stille doch, meine Herren!... Hat ſie mir nicht vorgeſchlagen, daß ſie mir Beiſpiele für meine Zöglinge machen wolle!— Sie hat alſo eine ſchöne Handſchrift?— Nicht das! ſie ver⸗ ſtand unter Beiſpielen kleine, ſehr moraliſche, ſehr erbauliche Geſchichten, welche ſie von allen laſterhaften Neigungen abbringen ſollen. Ich hatte Luſt ihr zu antworten: Madame“, ehe Sie mo⸗ raliſche Erzählungen machen, ſollten Sie wohl die Hoſen ihres Sohnes flicken!... Der arme Kleine! er iſt der ſchmutzigſte meiner Claſſez man ſieht ſein Hemd.. man ſieht.. alles Mögliche!... Ich habe aber nicht gewagt, der Mutter dieſe Be⸗ trachtung mitzutheilen; non erat hie locus! ich begnügte mich damit, daß ich es dem kleinen Oscar bedeutete...— Er nennt ſich Oscar?— Ja, er iſt in der kleinen Claſſe; ich habe ihm bedeutet, daß er ſeine Hoſen flicken laſſen müſſe, indem ich ihn ſonſt nicht mehr in mein Penſionat aufnehmen würde... Stille doch, meine Herren! .. Auf der andern Seite bin ich ſehr in Verlegen⸗ heit, denn ich will das Kind nicht fortſchicken, ehe die mir ſchuldigen ſechs Monate bezahlt ſind. Ah! die kleinen Schlingel, was ſie heute für einen Lärm machen, ich will ihnen zur Erholung klingeln, damit wir freier ſind.“ Der Lehrer kündigte die Erholung an. Alsbald A 58 ſtehen alle dieſe kleinen Knaben auf, ſtoßen und drängen einander und ſprechen auf einmal. Es iſt ein Lärm, für den man gemacht ſein Pus, damit einem die Ohren nicht bluten. Der orſteher des Inſtituts ſchlägt mir vor, in den Garten hinabzugehen, damit wir dort mit mehr Bequemlichkeit reden können, denn ich weiß nicht aus welchem Grund der Garten an dieſem Tage den Kindern verboten war; aber ich fange an, mich an den Lärm zu gewöhnen und ſeit langer Zeit bin ich nicht mehr an das Bild einer auf⸗ richtigen und reinen Freude gewöhnt; ich bezeuge dem Lehrer den Wunſch, daß ich Zuſchauer der Erholung bleiben wolle; er willigt gerne ein, und bittet mich nur um die Erlaubniß, ſelbſt weg⸗ gehen zu dürfen, denn was für mich ein Vergnü⸗ gen iſt, iſt für ihn nur eine Laſt. Ich befinde mich alſo mitten unter etlichen und ſechzig Zöglingen, wovon der jüngſte drei Jahre und der älteſte höchſtens dreizehn Jahre haben kann, denn während der Erholung iſt das, was man die große Claſſe nennt, mit der keinen ver⸗ einigt. Ich betrachte dieſe kleinen blonden, brau⸗ nen, roſigen, blaſſen, hübſchen, häßlichen Köpfe, die aber beinahe alle in dieſem Augenblick, wo das Vergnügen ihre Phyſiognomie belebt, aus⸗ drucksvoll ſind. 3 Gruppen bilden ſich, Partien fangen an; zuerſt hat jeder Zögling ſeinen Korb durchſucht, 59 denn die Stunde der Erholung iſt auch die des Frühſtücks. Ich ſehe einen großen Tölpel aus ſeinem Körbchen einen Gansſchlegel und zwei Bir⸗ nen hervorziehen, während ein armer kleiner Knabe nur trockenes Brod in dem ſeinigen gefunden hat. Hier gibt es Butterſchnitten, Backwerk, dort Aepfel, Schinken; für Alle aber derſelbe Appetit. Indeß bemerke ich, daß einige um den herum⸗ ſchleichen, deſſen Frühſtück am ſchmackhafteſten iſt; nun ſchlägt man einander Tauſche vor. „Franz gib mir von dem, was Du haſt, ich gebe Dir von dem, was ich habe...— Was haſt Du denn, Du?— Gebratene Aepfel, ganz hübſch mit Zucker beſtreut.— Geh!— Ahl gut, ſo werde ich ihm für ſeine Aepfel von meinem Con⸗ fect geben... Bin nicht ſo dumm!..— Wie oft hatte ich gute Biſſen in meiner Taſche, und habe Dir doch davon gegeben, ich!— Ei! es war kein großer Schatz, Dein Gericht..— Wohlan, willſt Du tauſchen?— Nein.— Einmal, zwei⸗ mal?— Ich ſage Dir nein!— Dies iſt gut, komm nicht mehr und entlehne meinen Fangbecher, ich werde Dir jetzt nichts mehr Jeihen!“ Während dieſes Zwieſprachs haben mehre Zög⸗ linge jeder einen Sou an einen der größeren abgegeben, der weggeht, und bald mit einem Papier voll gebratener Kartoffeln wieder kommt: dies iſt ein Gericht, das in den Penſionen in großer Gunſt ſteht; derjenige, der ſich mit dem 60 Auftrag befaßt hat, macht auch die Vertheilung, aber bald erheben ſich Klagen.* „Fullart hat mehr, als ich... ich habe mei⸗ nen Theil nicht..— Doch, Du haſt Deinen Theil...— Nein... er hat mehr, er... wir wollen überdies zählen, ich will zählen, ich... ſiehſt Du, ich habe nur neunzehn, er hat deren drei und zwanzig!— Aber die Deinigen ſind viel größer.— Dies iſt nicht wahr!— Laß uns in Ruhe! macht er einen Lärm wegen vier elender Erdbirnen!... ei, er will weinen.— Drum iſt es nicht gerecht, man macht immer Verräthe⸗ reien an mir... wie neulich mit dem Syrup... die Andern ſchlecken immer das Papier ab, und ich nie... hi! hi! hi!“ Während der übervortheilte Schüler in einer Ecke weint, geht von einem andern Theil der Claſſe Geſchrei aus: es iſt ein Zögling, der nichts in ſeinem Körbchen gefunden hat, er fährt die Uebrigen an, indem er ſchreit: „Ich hatte Rahmkäſe auf mein Brod geſtri⸗ chen... Man hat mir meine Schnitten genom⸗ men, man hat mir mein Frühſtück geſtohlen; ich werde es dem Herrn ſagen.— Er ſagt immer, man nehme ihm etwas, dieſer da!“ Einige Minuten lang hört man nur Forderun⸗ gen und Drohungen; nachdem aber der erſte Hun⸗ ger geſtillt iſt, denkt man nur noch an's Spielen. Es iſt nicht möglich, das Fangſpiel oder Katzen⸗ 61 ſpiel zu ſpielen, man entſchädigt ſich mit dem polniſchen Bock, dem Geißhandſpiel, Verſteckens. Ich ſehe viele Zöglinge um einen kleinen Knaben von etwa zwölf Jahren mit liſtigem und geiſt⸗ reichem Geſicht, der einen Vortrag zu machen und ſeine Kameraden zu beherrſchen ſcheint, ver⸗ ſammelt. In allen Geſellſchaften gibt es einen Menſchen, der über den andern ſteht, der ſobald er mag, ſich durch ſeinen Verſtand und ſeine Be⸗ redſamkeit an den Platz zu ſtellen wiſſen wird, den ihm die Natur beſtimmt hat, und der den Willen der Uebrigen auf eine Art leitet, daß man immer den ſeinigen thut. Es iſt das Gleiche bei den Kindern. Der, den man umgab, war das große Genie der Klaſſe; man hörte ihm ehrfurchts⸗ voll zu, man lachte über ſeine geringſten Späße, man drängte ihn, Geſchichten zu erzählen. Dieſer Herr ließ ſich zuweilen bitten, wenn er es aber der Mühe werth hielt, ſich den Wünſchen ſeiner Kameraden zu fügen, ſo durfte man ſich nicht das Anſehen geben, als zweifle man an dem, was er ſagte. Im Augenblick, wo ich näher trete, machten alle kleine Knaben verwunderte Augen, und ſperr⸗ ten den Mund auf, denn der junge Erzähler, der am vorigen Abend im Theater geweſen war, er⸗ zählt ihnen die Wunder vom Gaſtmahl Bel⸗ ſazers. „Stellt euch vor... nein, ſo iſt es nicht, 62. ſtellt euch einen König vor, der ganz ſchwarze Haare, einen großen Bart, kurz eine böſe Miene hat.. ihr wißt, wie der Präzeptor, wenn er euch Tatzen gibt: dies iſt der König Belſazer; er liebt die Juden nicht, ich habe nicht recht verſtanden, warum.. aber mit einem Wort, er kann dieſe armen Juden nicht leiden. Da iſt nun alſo zu⸗ erſt ein ſchöner Palaſt, den man im erſten Akt ſieht, und der König ſchläft.“ „— Soll es wahr ſein, Paul?— Was wahr? — Ob der König wirklich ſchläft?— Ja doch, weil ich dir ſage, daß ich es geſtern im Ambigue- Comique geſehen habe... wie dumm, daß er mich unterbricht, um mir dies zu ſagen!... Knirps, wenn du noch etwas ſagſt, ſo werden wir dich durchprügeln.“ Der kleine, gute Kerl, den man Knirps nennt, weil er zwölf Jahre alt iſt und nur ſieben alt ſcheint, ſtreckt die Zunge gegen ſeine Kameraden heraus und wälzt ſich auf dem Boden, wobei er ſagt:„Ei, dies langweilt mich, ſein König, der einen Bart hat! ich mache lieber einen Purzelbaum.“ Der junge Paul fährt in ſeiner Erzählung fort: „Ich ſagte euch alſo; der König ſchläft; Wol⸗ ken kommen ihm auf die Naſe herunter... ein ganzes Zimmer voll, das will ſagen, daß dies ein Traum iſt; der König hat einen böſen Traum, denn er wälzt ſich auf ſeinem Bett, als wenn er die Kolik hätte. Dies iſt der erſte Akt.“ . 63 „— Und das Gaſtmahl?— Warte doch! man ſieht hierauf eine Landſchaft... ol die ſchöne Land⸗ ſchaft!.. Die Juden kommen, ſie ſehen aus, als wenn ſie im Hemd wären... Es iſt allem An⸗ ſchein nach ein heißes Land. Der König Belſazer langt an... ebenfalls im Hemd und mit einem dicken Stock... man ſchlägt ſich „— Wer ſich auch ſo etwas weiß machen ließe! — Willſt Du mich reden laſſen? wenn ihr mich immer unterbrecht, werde ich nichts mehr erzählen. Man ſchlägt ſich, die Juden werden durchgewalkt, ſie ſingen, und man geht fort.“ „— Und das Gaſtmahl?“ „— Warte doch! man ſieht den König in einem noch ſchöneren Palaſt. Belſazer fährt auf einem Wagen von maſſivem Gold daher... „— Wirkliches Gold?— Ja, wirkliches Gold, ich weiß es ganz gewiß, weil man neben mir ſagte, daß dieſer Wagen mehr als hundert Thaler gekoſtet hätte! Hierauf verwandelt ſich's und man ſieht den Badſaal mit einem großen Waſſerbehäl⸗ ter und einem Springbrunnen in der Mitte... und es iſt nicht bloß ſcheinbares Waſſer; der kleine Gérard, der den Sohn des Souffleurs kennt, iſt auf die Bühne geſtiegen und hat davon getrunken!..“ „— Iſt es gut?“ „— Köſtlich! er ſagt, es ſei wie Coco.“* * Ein kühelndes Getränte, das in den Straßen von Paris 64. „— Eil ich haͤtte mich wohl im Coco baden mögen!“ „— Willſt Du Dein Maul halten, Julius! Jetzt iſt ein kleiner Knabe da, der dem König Angſt macht und ſich verſteckt...— Der König? — Nein, der kleine Knabe. Endlich ſieht man das Gaſtmahl... eine große hufeiſenförmige Ta⸗ fel, wie bei der Hochzeit meiner Baſe im Cadran⸗ Bleu. Sie haben alle goldene Krüge vor ſich, man ſingt, man trinkt, ein Gewitter bricht los; der Blitz ſchreibt im Herabfallen etwas auf eine Thüre. Der König, der wahrſcheinlich nicht leſen kann, läßt einen jungen Menſchen kommen, der wenigſtens in der dritten Klaſſe iſt und geläufig überſetzt. Dann fällt ein Schlagſchwärmer auf den König herab, er ſtirbt, man ſieht den ganzen Palaſt in violettem Feuer... dies iſt prächtig... und nun iſt es aus!“ Ein Murmeln des Beifalls wurde der Erzäh⸗ lung zu Theil, der junge Paul läßt Blicke auf ſeine Kameraden laufen, die zu ſagen ſcheinen: „Ihr ſeid ſehr glücklich, daß ich euch dies erzählt habe!“ Hierauf lacht er mit ſpöttiſcher Miene, ſtreckt gegen den Einen die Zunge heraus, ſchnei⸗ det einem Andern Geſichter, verſetzt einem Dritten einen Fauſtſtoß, dieſer gibt ihn zurück, die beiden verkauft wird, und beſonders bei den Kindern ſehr beliebt iſt. Es 5 eine Art Limonade und äußerſt wohlfeil. Anm. d. Ueberſ. 65⁵ Schüler ringen, wer auf den Boden kommen wird, jedoch ohne Feindſeligkeit und immer mit Lachen; endlich gleitet der Eine aus, fällt, bekommt eine große Beule an der Stirn und ſpringt ſchnell wieder auf, wobei er ſchreit:„Es hat mir nichts gethan!“ Ich laſſe dieſe Herren ſich in der erſten Claſſe wälzen; mir fällt ein, daß ich hauptſächlich ge⸗ kommen bin, weil ich den Sohn der Madame Ulyſſe ſehen wollte. Ich hatte ihn vergeſſen; das Gemälde, das ich vor Augen hatte, verſetzte mich in die Zeit zurück, wo ich ſelbſt Schüler war! die Gegenwart war ferne, die Vergangenheit allein beſchäftigte mich. Ich trete in die zweite Klaſſe, die von der erſten nur durch eine Fenſterwand getrennt iſt. Ich erblicke in einer Ecke einen ganz kleinen Kna⸗ ben, der nicht mit den Uebrigen ſpielt, und eine nur ſehr leicht mit Butter beſtrichene Schnitte in der Hand hält, die er aber nicht berührt hat; ich trete auf das Kind zu, deſſen Geſicht ſchon etwas Melancholiſches an ſich hat. Es thut mir wehe, daß ich Traurigkeit auf ſo jungen Geſichtszügen ſehe, die nur Vergnügen athmen ſollten, denn ich liebe die Kinder ſehr; ich geſtehe, daß ich ſie den Männern vorziehe: es gibt Leute, welche die Hunde lieber haben. Wie ich dieſen kleinen Knaben betrachte, denke ich, daß es wohl der ſein könnte, den ich zu ſuchen wünſchte. Der Lehrer hat das Bild nicht Paul de Kock. I. 5 66 überladen, indem er mir ſagte, es ſei der ſchmu⸗ tzigſte Zögling ſeiner Claſſe. Das arme Kind hat an mehren Stellen zerriſſene Hoſen, eine an den Ellbogen durchlöcherte Jacke, an welcher ſich keine Knöpfe zum Zumachen mehr befinden, und dies Alles voller Flecken, in Fetzen... Ah, Madame Ulyſſe! wenn ich die Kleider anſehe, die Ihren Sohn nur ſpärlich bedecken, finde ich Sie nicht mehr ſo hübſch! und Sie wollen Erzählungen für die Erziehung der Kinder ſchreiben! Ich fange an⸗ zu glauben, daß Ihr Mann ſich wohl hat erhän⸗ gen können... wenn Sie je einen Mann gehabt haben. 1 „Warum ſpielen Sie nicht, mein Freund 2 frage ich, indem ich vor dem Jungen ſtehen bleibe. Er ſchlägt die Augen zu mir auf, macht eine kleine Pantomime halb traurig, halb beſchämt, und auf ſeine Kameraden zeigend, ſtottert er her⸗ vor:„ſie wollen nicht mit mir ſpielen... ſte ſa⸗ gen, ich ſei zu ſchmutzig... ſie heißen mich Zer⸗ lumpter...“ 1 Armes Kind! ſchon die Verachtung derer er⸗ leiden, die Dich umgeben, ſchon Erniedrigungen fünf und ſechs Jahren, die ſchon Stolz, Hochmuth haben; die mit einer Jacke, mit ein Paar Hoſen wir werden mit unſern Fehlern geboren; ich fange an, an das Syſtem der Schädellehre zu glauben. „Sie nennen ſich Oskar, nicht wahr, mein empfinden! und die andern kleinen Menſchen von ſchon Wichtigkeit verbinden! Ich wiederhole es, 67 kleiner Freund?— Ja, mein Herr.— Und Ihre Mama nennt ſich Madame Ulyſſe?— Ja, mein Herr.— Und. liebt Ihre Mama Sie ſehr 2 — O! ja... wenn ich recht folgſam bin.— Sind Sie nicht immer folgſam?— Ei, zu Hauſe will Mama, ich ſolle mich nie bewegen, weil das Lärm mache. Wenn ich mich zufällig bewege, ſchlägt ſie mich, und ſagt dann zu mir: O! wie garſtig biſt Du! Du wirſt wie Dein Papa wer⸗ den! Ich werde Dich nicht leiden können.“ Es ſcheint mir, daß die Erinnerung an den Erhängten ſeiner Wittwe nicht angenehm iſt! Ha! ein ſehr glückliches Kind! zu Hauſe darf es ſich nicht rühren, nicht ſpielen, wenn es nicht geſchla⸗ gen ſein will; und hier ſtoßen ihn ſeine Kame⸗ raden zurück und wollen ihn zu ihren Spielen nicht zulaſſen! 4 1 Wie ſoll man es machen, um dieſe Kleinen zu zwingen, daß ſie den kleinen Oskar als Ihres⸗ gleichen betrachten? 4 Ich kratze mir hinter'm Ohr... ich fühle mich ſo verlegen, wie wenn ich eine hübſche Entwicklung zu einem Luſtſpiel finden ſollte, und doch war ich feſt entſchloſſen, nicht wegzugehen, ehe ich das arme Kind in eine andre Stellung ſeinen Kame⸗ 1 raden gegenüber gebracht hätte. Da bemerke ich, wie ich mich anſehe, daß ich als Hemdknöpfchen zwei kleine runde, emaillirte, goldene Knöpfe von geringem Werthe, jedoch ziemlich hübſch, an mir habe; ich mache ſie los 68 und bringe ſie an die Weſte des kleinen Oskar, die ich damit zuknöpfe, wobei ich abſichtlich ganz laut ſpreche:„Nehmen Sie, mein Freund; Ihre Mutter hat noch nicht Zeit gehabt, Ihnen eine andere Jacke und ein Paar Hoſen machen zu laſ⸗ ſen: hier überſchickt ſie Ihnen aber goldene Knöpfchen zum Zumachen Ihrer Weſte.“ Der kleine Knabe läßt Alles mit ſich anfangen, ohne daß er etwas ſagt. Schon waren die Zög⸗ linge um uns her ſtillgeſtanden! ſie ſahen mit er⸗ ſtaunter Miene auf, und ich hörte ſie untereinan⸗ der murmeln:„O! die ſchönen Knöpfe! dies iſt noch feiner, als Gold!“ Ich küſſe das Kind und entferne mich; ehe ich aber hinabgehe, drehe ich mich um, und ſehe in die kleine Claſſe zurück. Es iſt mir gelungen; die Knöpfe haben ihre Wirkung gethan: der kleine Oskar ſpielt mit ſeinen Kameraden; er hat ſei⸗ nen Theil an der Erholung. Viertes Kapitel. Eine moraliſche Erzählung. Es ſind wenigſtens vierzehn Tage, ſeit ich Clementinen nicht geſehen habe, und dies macht mich ärgerlich. In dieſem Zwiſchenraum hat ſie mir ein einzigesmal geſchrieben. Man beobachtet ſie unaufhörlich, wie ſie mir ſagt; iſt es wahr Ich zweifle immer, ich zweifle vielleicht zu ſehr! immer gut?— Sehr gut... Sie ſehen jedoch 69. Seit meinem Beſuch in der Penſion bin ich zweimal zu Adolph gegangen. Er iſt immer nicht zu Hauſe. Die Pförtnerin nimmt ſich jedesmal die Mühe, lächelnd hinzuzufügen:„Er iſt ſpa⸗ zieren mit der Dame von ſeinem Boden.“ Es ſcheint, daß man das Kind nicht mitnimmt, denn ich erblicke den kleinen Oskar in dem Hofe ſpielend und immer in dem nämlichen nachläſſigen Anzug; allein er hat die Knöpfe, die ich ihm ge⸗ geben hatte, nicht mehr, man hat ſie ihm genom⸗ men; es iſt wahr, daß ſie gegen ſein Koſtüm übel abſtachen. Meiner Treu! Herr Adolph mag Madame Ulyſſe ſpazieren führen, er mag mit ihr den Jahr⸗ gehalt, den er von ſeinen Eltern bezieht, verzeh⸗ ren, er iſt frei. Zudem bin ich nicht ſein Vormund Allein ich weiß, daß man ihm nur einhundert und fünfzig Franken monatlich ausſetzt, und ich glaube, daß man damit ſeine Schöne nicht alle Tage in's Schauſpiel oder zu einem Reſtaurateur führen kann; er macht Schulden: dies iſt wahrſcheinlich! Geduld, wenn er in Verlegenheit iſt, wird er mich aufſuchen. Dies ſteht nicht lange an. Eines Morgens ſehe ich Adolph mit gezwungener, linkiſcher Miene bei mir eintreten und auf mich zugehen, als wenn er fürchtete, ich möchte böſe ſein. Ich empfange ihn ſo freundſchaftlich, als gewöhnlich, nur ſage ich lächelnd zu ihm:„Und die Liebesſachen ſtehen 70 aus, als wenn Sie lachen wollten; ich weiß nicht, warum Sie nicht mögen, daß man mich liebt.— Mein lieber Freund, ich wünſche es im Gegen⸗ theil ſehr; Sie beſitzen ſicherlich Alles, was nö⸗ thig iſt, um zu gefallen!... allein ich wünſchte, daß Madame Ulyſſe, während ſie Sie anbetet, ihrem Sohn eine Jacke und ein Paar Hoſen machen ließe. Die Liebe, welche Sie ihr einflößen, ſollte ihr nicht bis zu dem Grade den Kopf verrücken, daß ſie ihr armes Kind ſo ſchlecht gekleidet ließe. — Sie haben alſo ihren Sohn geſehen?— Ich habe dieſes Vergnügen gehabt; er iſt nicht übel, der kleine, gute Kerl, für den Sohn eines Er⸗ hängten!... ahl! ahl...“. Adolph ſteht ärgerlich auf, ich halte ihn zurück: „Nun werden Sie nicht böſe, Sie wiſſen wohl, daß ich gern ſcherze; allein, im Grunde bin ich Ihr Freund, vielleicht viel mehr, als Sie glau⸗ ben.— Ol ich glaube Ihnen.— Gut! was ha⸗ ben Sie dieſen Morgen von mir zu begehren? Ich wette, Sie ſind wegen Etwas hergekommen, Sie drehen und wenden ſich... wohlan, mein Freund, kommen Sie zur Sache! Sie brauchen Geld?— Es iſt wahr, ich habe meine Penſion etwas ſchnell ausgegeben, ich habe Julien einige Annehmlichkeiten bereiten wollen, ſie ſchlägt mir übrigens nie vor, Geld auszugeben!— O!l die Weiber ſchlagen uns dies nie vor, aber ſie haben es ſehr gerne, daß man ihnen Vergnügen ver⸗ ſchafft. Kurz!..— Kurz, ich habe an meinen 71 Oheim geſchrieben, er iſt weniger ſtreng, als mein Vater; ich habe ihm geſagt, daß ich zu außergewöhnlichen Ausgaben genöthigt geweſen ſei, er wird mir Geld ſchicken; wenn Sie mir aber in Erwartung ſeiner Antwort drei oder vierhun⸗ dert Franken leihen könnten, würde es mich un⸗ endlich verbinden.— Ich will ſie Ihnen leihen, ſchätze mich glücklich, daß ich es kann, ich wette aber, daß Sie, ehe Sie zu mir kamen, bei An⸗ dern entlehnt haben... he? antworten Sie doch! — Ah! der Korreſpondent meines Vaters hat mir hundert Thaler vorgeſtreckt, dann ein Freund jenes Herrn, mit dem ich Billard ſpielte..— Des Herrn Theodor?— Ja, einer Namens Sa⸗ lomon hat mir fünf hundert Franken verſchafft, d. h. ich habe deren nur drei hundert erhalten.. und für hundert und zwanzig Franken Kirſchen⸗ geiſt und dann die Intereſſen.— Ah! mein lie⸗ ber Adolph, wohin ſind Sie gerathen? entlehnen Sie nie von Juden, die Sie prellen werden! Ich wiederhole Ihnen, daß dieſer Herr Theodor ein ſehr ſchlechter Burſche iſt; er hat nicht ein⸗ mal bei der Roulette bleiben können; er hat ſich wegjagen laſſen, wie man mir neulich geſagt hat. — So iſt es nicht, er hat dort weg wollen, weil es ihm zuwider war, im Spielhauſe angeſtellt zu ſein; überdies wird er ſehr gute Unternehmungen machen.— Und was Teufels haben Sie mit Kirſchenwaſſer für hundert und zwanzig Franken machen können?— Wahrlich, wir haben ein klein 72 wenig mit Julien davon getrunken... ſie bedient ſich deſſelben zur Zubereitung vieler Dinge; ſie hat mir Pfannkuchen mit Kirſchwaſſer gegeben! dies iſt köſtlich! Und dann gießt ſie fünf oder ſechs Tropfen auf das Brod ihres Sohnes, ehe ſie ihn in die Schule ſchickt; ſie ſagt, es ſei er⸗ ſtaunlich, wie ihn dies ſtärke.“ „Ach, mein Gott!... es gehen doch drollige Dinge in Paris vor!... eine Mutter, die ihren Sohn nicht kleidet und die ihn mit Kirſchwaſſer verſieht, weil ihr Liebhaber ihr nur dieſes geben kann!.. Dies iſt aber nicht der Augenblick, Ihnen Moral zu predigen. Nehmen Sie, mein lieber Adolph, hier ſind vierhundert Franken; Sie werden Sie mir zurückgeben, wenn Ihre Familie Ihnen Geld ſchickt; dies darf Sie keineswegs beunruhigen. Wenn ich wagte, Ihnen einen Rath zu geben, würde ich Ihnen ſagen: Hören Sie einige Tage hindurch auf, der Madame Ulyſſe Vergnügen zu verſchaffen, und Sie werden ſehen, ob ſie Ihnen fortwährend die gleiche Anhänglich⸗ keit bezeugt.— Ich verſichere Sie, daß ich dieſes Geld für mich behalte, für meine laufenden Aus⸗ gaben, bis die Antwort meines Oheims kommt. Julie verlangt nie etwas von mir, zudem ſoll ſie ebenfalls Geld erhalten... Sie mögen wiſſen, daß ſie ſchreibt; ſie hatte mir verboten, es Ihnen zu ſagen;... aber unter uns! Ja, ſie iſt Schrift⸗ ſtellerin... ol ſie iſt voll Geiſt; ſie macht mora⸗ liſche Erzählungen für die Erziehung der Jugend.“ 73 „Ei, ſie macht moraliſche Erzählungen.— Ja, und man ſoll ſie ihr ſehr theuer abkaufen. Sie hat mir letzthin eine vorgeleſen: o! dies iſt ſehr hübſch und ſehr rührend!... in der Manier⸗ Auguſt La Fontaine's: zwei Brüder, der eine Prediger, der andere Militär, ein junges, ſehr ehrbares Mädchen, die ein Kind bekommt, und ein Taugenichts von Junge, von dem es ſich zeigt, daß er ein ſehr guter Kerl iſt. Ich werde ſie Ihnen aber geben, ſo wie ſie gedruckt ſind. Eine Schriftſtellerin!... ich bin ganz vernarrt in die ſchriftſtelleriſchen Frauen!.. Ich verlaſſe Sie jetzt, werde Sie aber dieſer Tage beſuchen. Wollen Sie, daß ich Ihnen einige Flaſchen Kir⸗ ſchengeiſt ſchicke?— Ich danke, mein Freund, ich liebe ihn nicht. Adolph, ich verlange nur Eines von Ihnen: gehen Sie nicht mehr zu Herrn Theodor, entlehnen Sie nichts mehr von ſeinem Freunde Salomon und bezahlen Sie ihn, ſowie Ihr Oheim Geld ſchickt!— Dies habe ich mir bereits vorgenommen. Auf Wiederſehen, mein lieber Arthur!“. Er iſt weggegangen, glücklich, wie man es mit zwei und zwanzig Jahren iſt, wenn man alle Täuſchungen des Herzens und Geld in der Taſche hat; ich werfe mir zuweilen tadelnd vor, daß ich ihn hellſehender zu machen ſuche, allein er iſt kein Millionär, und es kommt eine Zeit, wo man zum Poſitiven zurückkehrt. Adolph iſt noch keine Viertelſtunde weggegangen 74 4„ als man bei mir klingelt. Ich mache eiligſt auf(denn ich habe nur meine Pförtnerin zur Bedienung: da ich keine Haushaltung führe, ſo iſt mir dieſe hinreichend). Ich hoffte, es ſei Cle⸗ mentine, wenn ich ſie lange nicht ſehe, erwarte ich ſie immer, und ſo oft man die Klingel zieht, empfinde ich eine Bewegung der Freude. Ich bin abermals in meiner Erwartung ge⸗ täuſcht. Es iſt ein Herr, den ich nicht kenne, ziemlich gut gekleidet, ſchon bei Jahren, mit ern⸗ ſter Miene, galligter Geſichtsfarbe, langſamer Sprache; er hat eine ungeheure Papierrolle un⸗ ter ſeinem Arm. Ich glaube zu errathen, was mir zuſtößt: einer jener Beſuche, mit welchen etwas bekannte Schriftſteller von jenen Leuten überhäuft werden, die uns das Anerbieten machen, daß ſie mit uns arbeiten wollen; die den Kopf voller dramatiſchen Gegenſtände haben und denen nur die Zeit ge⸗ fehlt hat, um Meiſterwerke hervorzubringen. Ei⸗ nige haben ſogar nicht einmal die Zeit gehabt, daß ſie franzöſiſch ſprechen lernten; man gewahrt es, wenn man ſie ſprechen hört. Ich habe richtig errathen; der Herr, der ge⸗ klingelt hat, drängte, ſobald er auf ſeine Frage erfährt, daß er das Glück habe, mit Herrn Ar⸗ thur zu ſprechen, gegen mein Kabinet, wobei er nur durch Bücklinge auf die Fragen antwortet, die ich an ihn richte; ich ſehr, daß man mich einige Zeit feſthalten will, und ich bin nie ſchlechter 75 4 aufgelegt geweſen, um Jemand, den ich nicht kenne, anzuhören. 2 Wir ſind in meinem Kabinet angelangt, ich, indem ich rückwärts marſchirte, dieſer Herr, in⸗ dem er mit abgemeſſenen Schritten vorwärts ging und mich bei jedem Schritt mit einer Verbeugung des Kopfes beſchenkte. „Darf ich wiſſen, mein Herr, was Sie von mir wollen?— Ich bin ein Schriftſteller, mein Herr.— Haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen.— Gerne. Mein Herr, ich habe ſchon ſehr lange gewünſcht, Ihre Bekanntſchaft zu machen; aber es war nicht hinreichend, daß ich es wollte, es war auch nöthig, daß ich es konnte, und wie Sie wiſſen, iſt man in der Welt nicht immer Herr ſeiner Zeit.— Dies iſt ſehr wahr, mein Herr, ich habe ſelbſt ein Rendezvous für dieſen Mor⸗ gen, und ich werde genöthigt ſein...— Dies iſt mir gerade recht, denn ich habe auch ſehr Eile. Ich muß Ihnen ſagen, mein Herr, daß ich mehr als ſechzig Theaterſtücke gemacht habe.— Sind ſie geſpielt worden?— Nein, mein Herr, noch nicht. Nicht, daß ich nicht wünſchte, ſie möchten es werden, aber hierin, Sie wiſſen, hat ein An⸗ fänger Hülfe nöthig, Rathſchläge, obgleich meine Werke ſehr gut ſind; kurz, mein Herr, da das Genre Ihrer Arbeiten mir ſehr zuſagt, habe ich gedacht: ich muß Herrn Arthur beſuchen, und ihm den Vorſchlag machen, mein Mitarbeiter zu werden.— Ich danke Ihnen für Ihr Zutrauen, 76 mein Herr, es iſt mir aber unmöglich, demſelben zu entſprechen. Ich habe in dieſem Augenblick zu viele Beſchäftigung, als daß ich neue anneh⸗ men könnte.— Ah! Sie wollen nicht... indeß iſt mir dies noch viel mehr recht; ich glaube, in der That, daß man allein arbeiten muß: man drückt dem, was man macht, ſeinen eigenen Stempel auf. Deſſen ungeachtet ſollte ich Ihnen ein kleines Drama in zehn Aufzügen vorleſen, über welches ich Sie um Ihre Anſichten bitten möchte.— Ich kann Sie heute nicht anhören, mein Herr; man wartet auf mich, und ich ſollte ſchon fort ſein.— Nun gut! es wäre mir ſelbſt noch lieber, Ihnen mein Manuſcript zu laſſen, damit Sie es nach Ihrer Bequemlichkeit leſen und wenn es Ihnen gefällig wäre, Ihre Bemerkungen auf den Rand ſchreiben.— Nein, mein Herr, wollen Sie gefälligſt Ihr Manuſcript wieder mitnehmen, ich habe es mir zum Geſetz gemacht, keines mehr anzunehmen; man kann einen Ge⸗ danken haben, der ſich in dem Manuſcript findet, das man uns zurückgelaſſen hat, und alsdann denkt die Perſon, der es angehört, daß wir Nutzen aus ihrem Werke gezogen haben: dies vermeidet man, wenn man kein Manuſcript annimmt.— Was Sie ſagen, iſt vollkommen richtig; dies iſt mir eben ſo recht; ich will auf der Stelle um Vorleſung auf einem großen Theater bitten; ich habe aber auch ein ſehr intereſſantes Vaudeville, es fehlt nichts, als einige Stanzen und die 56 77 Entwicklung. Wenn Sie einen Roman daraus ma⸗ chen wollten, ehe ich es endigte, würde ich es Ihnen zum Geſchenk machen, vorausgeſetzt, daß Sie mir nur ein Dutzend Exemplare davon ge⸗ ben.— Mein Herr, ihr Vorſchlag iſt mir durch⸗ aus nicht recht. Ich bin nicht gewohnt, mich des Geiſtes Anderer zu bedienen: die Geſellſchaft lie⸗ fert mir genug Lächerlichkeiten, genug Originale, aus ihr will ich immer meine Gegenſtände wäh⸗ len. Ich weiß nicht, ob die Methode gut iſt, aber ich kann Sie verſichern, daß ich nichts daran ändern werde.“ 4 „Ja, in der That, ich begreife... jeder nach ſeiner Weiſe... ich habe die meinige auch, ol ich habe auch ein ſehr merkwürdiges Melodrama, das beinahe beendigt iſt; der Gegenſtand iſt präch⸗ tig! das Chaos iſt es! das Chaos! Sie können urtheilen, was man alles hieraus machen kann, man darf nur nehmen.— Verzeihung, mein Herr, allein man wartet auf mich, und ich kann nicht... — Ah! Sie haben Geſchäfte? dies iſt mir recht. Ich habe auch Geſchäfte, ich werde ein andermal wieder kommen und Ihnen mein Chaos bringen. — Ja, mein Herr, ein andermal!— In welches Viertel gehen Sie? vielleicht daß wir unterwegs ſchwatzen können.“ Dies iſt mir zu ſtark, ich kann mich nicht mehr halten, ich habe nie einen ſo aufdringlichen Menſchen getroffen; ich antworte ihm ſehr trocken, daß ich nicht in ſeiner Richtung gehe, und ihn 78 meinerſeits gegen die Thüre drängend, ſtelle ich mich, als folge ich ihm, und werfe ſie ihm hin⸗ ter dem Rücken zu, während er murmelt, daß es ihm lieber ſei, allein zu gehen. Dieſer Mann nun wird mir böſe ſein, mich unhöflich finden, weil ich mich nicht bereitwillig gezeigt habe, ihn einen halben Tag lang anzu⸗ hören; und dieſe Leute da wollen nicht verſtehen, daß, wenn man ſie alle anhörte, wir ſelbſt nie etwas arbeiten würden. Meine Pförtnerin händigt mir einen Brief ein; ich habe abermals geglaubt, er ſei von ihr; neen es iſt nicht ihre Handſchrift, ich kenne die Handſchrift dieſes Billets nicht. Sehen wir. „Eine Dame, die Ihnen nicht gänzlich unbe⸗ kannt iſt, bittet Herrn Arthur morgen früh um einen Augenblick Audienz; man hofft, Sie werden allein ſein. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.“ Sonderbarer Styl! allein ſie iſt ein Weib! es gibt welche, die ſchlecht ſchreiben und ſich ſehr gut ausdrücken, andere, die gerade das Gegen⸗ theil thun. Man hofft, ich werde allein ſein, dies ſcheint ein pikantes Abenteuer anzukündigen, man hat mir alſo etwas anzuvertrauen. Man wird mir vielleicht auch irgend ein Manuſcript vorleſen wollen, allein ein Frauenzimmer werde ich immer anhören. Dies iſt Parteilichkeit, wird man mir ſagen: es iſt ſehr natürlich, daß man ſolche für die Damen hat. Ah! deſſen ungeachtet hätte ich es vorgezogen, 79 daß dies Billet von Clementinen wäre und mir ein Stelldichein anzeigte; ſie ſchreibt mir aber kaum, ſie kommt nicht mehr, ſie liebt mich nicht mehr, ich ſehe es! ich bin ſehr gut, daß ich noch an ſie denke. Wir wollen dieſe Dame von Mor⸗ gen, die mich allein zu finden wünſcht, ſehen! Sie iſt vielleicht hübſch, und meiner Treu, als⸗ dann!... Aber man wird ſehen, daß ſie alt und häßlich ſein wird; ſeit einiger Zeit habe ich Unglück. Der andere Tag iſt erſchienen, zehn Uhr hat geſchlagen und Niemand hat ſich gezeigt, als meine ehrenwerthe Pförtnerin, welche ich frage, wie die Perſon ausſehe, welche den Brief vom geſtrigen Abend gebracht habe; allein es war ein Commiſſionär damit beauftragt: dies kann mich nicht auf die Spur bringen. Um elf Uhr bin ich verſucht, nicht mehr zu warten, als man ganz leiſe klingelt. Sicherlich iſt es meine Dame vom Billet. Ich öffne; es iſt eine junge, ziemlich elegant gekleidete Frau von angenehmem Geſicht; ſie lä⸗ chelt mir zu, während ſie ſagt:„Herr Arthur erkennt mich vielleicht nicht mehr?— Ahl ich beſinne mich eben. Verzeihung, Madame, Sie ſind es, die ich... die ich mit Adolph Deſigny im Theater geſehen habe, Julie, ich will ſagen, Madame Ulyſſe.— Ja, mein Herr, ich bin es ſelbſt. Es iſt ſehr kühn von mir, daß ich mich bei Ihnen zeige, und beſonders, daß ich gebeten 80 habe, Sie möchten allein ſein.— Warum denn? aber treten Sie doch ein, ich bitte Sie.“ Ich laſſe Sie eintreten, ſitzen, ſie affektirt viele Schüchternheit, dies ſtimmt aber nicht mit ihrer Phyſiognomie überein, und ich bemerke, daß ihre Augen ſogleich mein ganzes Schlafzimmer durchlaufen haben. „Mein Herr, ich muß damit beginnen, Ihnen zu ſagen, daß ich ohne Vorwiſſen Adolphs hier bin: deßhalb wollte ich Sie allein finden. Adolph hätte meinen Schritt für unſchicklich halten kön⸗ nen, ich mag es daher lieber, daß er gar nichts davon weiß, überdies wiſſen Sie, daß die Frauen nicht gern Alles ſagen, was ſie thun, ſelbſt dann, wenn ſie nichts Unrechtes thun.— Bei mir, Madame, haben die Frauen immer Recht.— Sodann iſt Adolph ein wenig... ich will nicht ſagen dumm, aber ein wenig unerfahren in ge⸗ wiſſen Dingen, das heißt... mein Gott! ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll, ich bin ganz verlegen, wenn ich vor Ihnen ſpreche.— Ah! Madame, mache ich Ihnen denn Furcht?— Dies iſt es nicht...“ Sie ſchlägt die Augen nieder und lächelt, ich rücke ihr näher und ergreife ihre Hand, die ich ziemlich zärtlich drücke, jedoch nur, um ſie zu beruhigen. „Sie werden Adolph nicht ſagen, daß ich ge⸗ kommen bin, nicht wahr, mein Herr?— Ich werde nichts davon ſagen, weil Sie es wünſchen. —— 81 — Jetzt will ich Ihnen mittheilen, warum ich Sie zu ſehen wünſchte. Aber, Sie werden über mich ſpotten, ich wette!— Ich ſpotte nie über Damen.— O! Sie wagen nicht!— Sie ſind es, die über mich ſpotten.— Sie glauben dies nicht!— Ich mache mich immer darauf gefaßt. — Endlich, mein Herr... denn ich muß wohl meine Tollheit geſtehen... ich habe gewagt, Er⸗ zählungen zu ſchreiben. Dies ſetzt Sie in Erſtau⸗ nen, nicht wahr, mein Herr?“ Ich geſtehe, daß⸗ wenn ich an den Styl ihres Billets denke, ich mich frage, für wen ſie Erzählungen ſchreiben kann; allein, ich glaube gerne, daß ſie ſich mit⸗ telſt der Einbildungskraft aus der Sache zieht, und ich antworte ihr:„Die Frauen machen ſehr gute Erzählungen, wenn ſie ſich die Mühe geben wollen! in Wahrheit, ſie laſſen nicht alle drucken; wenn ſie aber intereſſant ſind, ſehe ich nicht, was ſie daran hindern kann.— O! mein Herr! Sie ermuthigen mich.. ich hatte ſo ſehr Furcht, Sie möchten mich lächerlich finden... doch gibt es jetzt ſo viele Frauen, die ſchreiben!— Ja, es wird am Ende zur Erziehung gehören, wie das Piano. Und von welcher Gattung ſind Ihre Er⸗ zählungen?— O! von der moraliſchen, ſogar ſehr moraliſch. Dies macht Sie lächeln?— Es kommt mir immer drollig vor, wenn ich höre, daß man über etwas ſchreibt, was man nicht einflößt.— Wie! mein Herr, halten Sie mich keiner guten Gedanken fähig?— Im Gegentheil. Paul de Kock. I. 6 — Mein Herr.. dies iſt nicht Alles.. und jetzt werde ich Ihre Gefälligkeit mißbrauchen.“ Madame Ulyſſe zieht aus ihrer Taſche eine zierlich mit roſenfarbnem Bande umwundne Pa⸗ pierrolle; ich denke, ſie werde mir ihre Erzählun⸗ gen vorleſen, und ich ergebe mich; ich habe mit Vergnügen geſehen, daß die Rolle ſehr dünn iſt, allein ſie begnügt ſich, mir dieſelbe zu überreichen. „Hier, mein Herr, iſt mein Manuſcript!— Dies iſt eine Ihrer Erzählungen?— Alle, mein Herr, es ſind fünf darin!— Fünf! ſie ſind alſo ſehr kurz?— Ol ich verſichere Sie, daß ſie lang genug ſind; allein ich meine, man ſollte noch eine haben, um den Band voll zu machen. Ich ſuche nach dem Gegenſtand; ich habe wohl einen Ge⸗ danken, o! einen erhabenen Gedanken über die Mutterliebe...— Sie ſind Mutter, glaube ich, Madame?— Ja, mein Herr; ich habe einen Sohn, den ich anbete und der mein Glück macht; ich widme ihm alle meine freien Augenblicke.“ Ich beiße mich in die Lippen; Madame Ulyſſe fährt fort:„Ich habe vieles Unglück gehabt, mein Herr; mein Leben iſt beinahe ein Roman: ſehr jung an einen Mann verheirathet, den ich anbe⸗ tete, hatte ich den grenzenloſen Jammer, ihn zu verlieren; er jagte ſich in Folge eines Bankerutts, der uns ruinirte, eine Kugel durch den Kopf.“ Es ſcheint mir, daß ihr Mann ſich auf mehre Arten getödtet hat.. ich glaube lieber, daß er ſich gar nicht umbrachte. Nachdem Madame Ulyſſe 83 ihr Taſchentuch vor die Augen gebracht und es zwei Minuten lang unverrückt dort feſtgehalten hat, fährt ſie in ihrer Erzählung, oder vielmehr in ihrem Mährchen fort: „Mein Gatte ließ mich allein auf der Welt mit einem Sohn, für den ich mir die größten Opfer auferlege!“ Ich bin in Verſuchung, ihr zu ſagen:„Aber ſo flicken Sie ihm doch ſeine Hoſen!“ Ich thue es indeß nicht, und Madame Ulyſſe, die mit dem Sprechen nicht im geringſten mehr in Verlegen⸗ heit iſt, läßt mir keine Zeit dazu. „Wiſſen Sie, mein Herr, daß eine junge Frau, die man ſo gut ſein will, nicht... abſcheulich zu finden, in Paris... einer Menge Abenteuer aus⸗ geſetzt iſt... man hat ſo eine ſchlechte Meinung von uns.. O! man hat Unrecht.“ Während Madame Ulyſſe dieſes ſagt, blickt ſie mich auf eine gewiſſe Weiſe an, die mich auffor⸗ dern könnte, einige Verſuche zu wagen, welche mich von ihrer Tugend überzeugten. Ich glaube ihr lieber aufs Wort. Sie ſeufzt und fährt fort: „Ich hätte in einen Putz⸗ und Modewaaren⸗ laden eintreten können; aber ich weiß, was man von den Frauen denkt, die in den Läden herum⸗— kommen, und dann hatte ich den Einfall, zu ſchrei⸗ ben; die Verſuchung riß mich hin; ich habe zu mir geſagt: Warum ſollte ich mir nicht einen Namen machen, wie jene Damen, die in die Journale und Revüen ſchreiben? es erſcheint —— 8⁴ gegenwärtig ſo Vieles. Ich hatte auch den Gedan⸗ ken, ein nur von Frauen redigirtes Journal er⸗ ſcheinen zu laſſen; ol ich habe eine Menge von Planen: wollen Sie mittlerweile, bis ich einen davon zur Ausführung bringe, die Güte haben, meine Erzählungen zu leſen?— Ich leſe Alles, was Sie wollen.— Sie werden die Gefälligkeit haben, den Sätzen nachzuhelfen, die Ihnen nicht gut erſcheinen, nicht wahr?“ Darüber verziehe ich ein wenig das Geſicht: ich denke, ich werde zu viel nachhelfen müſſen. „— Dies verſpreche ich Ihnen nicht, aber ich werde unterſtreichen, was mir gewagt vorkommt. — Ach! wie liebenswürdig ſind Sie, mein Herr; man hatte mir geſagt, Sie ſeien ſehr gefällig gegen Damen, und dies hat mir den Muth ge⸗ geben, daß ich zu Ihnen kam und Ihnen über⸗ läſtig fiel.“ „— Eine hübſche Frau fällt nie zur Laſt. — Ich will Sie noch um Etwas bitten, nämlich mir die Entwicklung meiner ſechsten Erzählung ſuchen zu helfen.— Zuerſt müßte ich aber den Anfang kennen.— Ach! dies iſt wahr; ich habe Ihnen denſelben nicht erzählt... wie unbeſonnen ich bin... ich denke an ſo Vieles.. Hier iſt mein Plan, mein Herr... Sie verbeſſern ihn, ich bitte Sie darum... Es iſt eine junge Mut⸗ ter, die einen Sohn hat.. oder ein Paar Zwil⸗ linge, das wäre vielleicht beſſer.— Wenn man Drillinge nähme, würde es noch mehr Eindruck 8⁵ machen.— Ach! wenn Sie ſpaßen, bringen Sie mich um meine Ideen!... wir ſagen alſo eine Mutter und Zwillinge; der Verführer hat die junge Frau verlaſſen... er hat ihr Alles mitgenommen. Sie werden ſogleich ſehen wie es moraliſch wird. Die junge Mutter...“ 3 So weit war Julie mit ihrer Erzählung, als man bei mir klingelte; ſie hält inne und blickt mich an. „Klingelt man bei Ihnen?— Ja.— Ach, mein Gott! wenn es Adolph wäre.— Dies wäre leicht möglich.— Ich will nicht, daß er mich hier findet.— Warum? wir ſagen ihm, daß wir eine moraliſche Erzählung ſuchen, und ich bin gewiß, daß er es nicht unrecht findet.— Nein, ich will nicht, daß er mich bei Ihnen ſieht... ich habe meine Gründe; öffnen Sie nicht, dies iſt viel kürzer.— O! ich muß aufmachen, es könnte Je⸗ mand ſein, den ich nothwendig ſehen muß.— Als⸗ dann will ich mich in dieſem Kabinet verſtecken; wenn Adolph es iſt, ſo bitte ich Sie, ſchicken Sie ihn ſchnell wieder weg.“ Ohne meine Antwort abzuwarten, tritt Ma⸗ dame Ulyſſe in mein Kabinet, das an mein Schlaf⸗ zimmer ſtößt, und zieht die Thüre hinter ſich zu. Sonderbares Weibchen! ſie handelt bei mir gerade, als wenn wir in ſehr genauem Verhältniß zuſam⸗ men ſtünden, und ich bin nicht ſtark genug, daß ..; 4 8 ich ſie daran hindere. 1 Ich öffne. Clementine tritt ein: ihr Anblick —— 86 macht mir Freude, und doch fühle ich mich ver⸗ legen, als wenn ich mir eine Dummheit vorzu⸗ werfen hätte. „Du biſt es!— Ja, da bin ich endlich! ach! ich fürchtete ſehr, Du möchteſt ausgegangen ſein... Du haſt ſehr lange gebraucht, bis Du mir auf⸗ machteſt, mein Freund!— Ach ja... ich weiß nicht, was ich that.“ Unter dieſem Geſpräch iſt Clementine in mein Schlafzimmer getreten; ich folge, unſchlüſſig, was ich thun ſoll. Ich möchte nicht, daß Julie Madame Moncarville ſähe; aber doch kann und will ich Cle⸗ mentine nicht wieder fortſchicken, und eben ſo wenig kann ich Julien herausbringen, mein Kabinet hat nur die in mein Schlafzimmer gehende Thüre. Während ich dies Alles überlege, hat Clemen⸗ tine ihre Handſchuhe ausgezogen, ihren Hut, ihren Shawl auf einen Lehnſtuhl geworfen und ſetzt ſich auf mein Ruhebett, indem ſie ausruft:„Wie ver⸗ gnügt bin ich doch, daß ich Dich antraf... und gllein... es iſt ein Jahrhundert, ſeit ich Dich nicht geſehen habe; ach! ich ſchwöre Dir, die Schuld liegt nicht an mir.. ich habe unaufhörlich an Dich gedacht... nun denn! Du küſſeſt mich nicht einmal? iſt Dir mein Beſuch ungeſchickt? erwarteteſt Du vielleicht eine Andere?— O! zum Beiſpiel?— Aber doch, Du haſt ganz gewiß Etwas.. Arthur, Du liebſt mich nicht mehr?“ Ich bin auf Nadeln, ich möchte Clementine in meine Arme drücken, ſie mit Küſſen bedecken, aber 1 87. dieſe Andere, die da iſt... die horchen kann! Es liegt mir nichts daran, Julien zu ſchonen, deſſen ungeachtet gibt es aber Dinge, die man Nie⸗ manden zum Schauſpiel geben kann. Clementine blickt mich an, ſie erblaßt, ihre Angen folgen allen meinen Bewegungen, ihr Buſen bewegt ſich heftig... ich entſchließe mich, ihr die Wahrheit zu ſagen; dies ſcheint mir das Beſte, was ich thun kann. Ich ſetze mich neben Clementine, ich umfange ſie mit meinen Armen, ſie ſieht mich ſtarr mit un⸗ ruhvoller Aufmerkſamkeit an. Ich gebe mir Mühe, recht leiſe zu ſprechen. „Höre, meine liebe Freundin, ich will Dir die Wahrheit ſagen..— Ahl er hat alſo etwas... ich war deſſen gewiß.— Ehe Du kameſt, iſt eine Perſon bei mir eingetreten, um mich über ein Werk um Nath zu fragen, ſieh, hier iſt das Werk ſelbſt, Du ſiehſt, daß ich nicht lüge; es ſind moraliſche Erzählungen.— Und dieſe Perſon iſt ein Frauen⸗ zimmer?.. antworte doch, es iſt ein Frauenzimmer? — Nun denn, ja, es iſt ein Frauenzimmer, darin liegt nichts Außerordentliches! Du weißt, daß die Frauenzimmer gegenwärtig viel ſchreiben.— Kurz, dieſe Frau... Sie haben ſie hoffentlich fortgeſchickt? — Sie war im Begriff, wegzugehen, wie Du ge⸗ klingelt haſt, und meiner Treu... alsdann... da ſie fürchtete, daß man ſie ſähe...— Sie iſt hier, ſie iſt hier verſteckt! in Ihrem Kabinet, ich wette... — Clementine, ſprich doch nicht ſo laut...— Ah! 88 ſie iſt da, ah! es iſt eine Frau, die Dich wegen ihrer Werke um Rath fragt, und Du verſteckſt ſie bei Dir, wenn man klingelt, und Sie denken, mein Herr, ich werde ſolche Lügen glauben?— Ich ſchwöre Dir, es iſt die Wahrheit.— Wenn dieſe Frau nicht Ihre Geliebte wäre, welchen Grund hätten Sie, dieſelbe ſich verbergen zu laſſen?— Sprich doch nicht ſo laut! es iſt unnöthig, daß man Dich hört.— Ich will laut ſprechen, ich will ſchreien, ah! Sie fürchten, dieſe Dame möchte mich hören, Sie haben Furcht, ſie möchte böſe werden, welche Abſcheulichkeit! ich, die Ihnen Alles geopfert hat, meine Ruhe, meinen Ruf, die Ihnen das Leben geopfert hätte..— Clementine, ich wieder⸗ hole Dir, daß ich an Allem unſchuldig bin, wenn Du mich anhören, Dich beruhigen wollteſt.— Sie halten mich alſo für ſehr dumm! wie? dieſe Frau iſt Nichts für Sie; ſie kommt ganz einfach, Sie um Rath zu fragen, und verſteckt ſich, wenn Je⸗ mand zu Ihnen kommt! aber, Arthur, Sie ſehen wohl, daß dies keinen Sinn hat.— Nun denn! weil man Dir Alles ſagen muß, ſo vernimm, daß dieſe Frau die Geliebte Adolphs iſt, Du weißt wohl Adolph Deſigny, einer meiner Freunde, von dem ich Dir zuweilen geſprochen habe; ſie iſt ohne ſein Vorwiſſen hieher gekommen, und da ſie, als Du klingelteſt, fürchtete, er möchte es ſein, hat ſie ſich in mein Kabinet geflüchtet, wie eine Närrin, ohne nur darüber nachzudenken, was ſie that.“ Clementine blickt mich an und ſagt ironiſch 89 lächelnd:„Wahrlich, mein Herr, Sie ſind nicht glücklich in Ihren Geſchichten! jetzt iſt dieſe Frau die Geliebte Ihres Freundes, und ſie kommt ohne ſein Wiſſen zu Ihnen! Wenn nichts Unrechtes in Eurer Verbindung liegt, warum dieſes Geheim⸗ niß? Nein, Sie betrügen mich, die da innen iſt Ihre Geliebte. Sie nahmen Sie in ihre Arme, als ich kam und Sie ſtörte; ach! Sie erwarteten mich nicht, wenn Sie gewußt hätten, daß ich es bin, würden Sie mir vielleicht nicht geöffnet haben.“ Ich antworte nicht mehr, denn nichts verletzt mich ſo, als wenn man mir nicht glaubt, wenn ich die Wahrheit ſage, und da ich Clementinen keine anderen Beweiſe geben kann, ſo halte ich es fürs Beſte, zu ſchweigen. Mein Stillſchweigen vermehrt den Zorn Cle⸗ mentinens, ſie geht mit großen Schritten in mei⸗ nem Zimmer auf und ab, dann ſteht ſie vor der Thüre meines Kabinets ſtill, indem ſie ausruft: „Dieſe Dame glaubt ohne Zweifel, daß Sie mich ſehr ſchnell fortſchicken werden. Wenn ich weg⸗ ginge, würde es Ihnen großes Vergnügen machen, ich gebe es zu, allein ich werde doch nicht fortgehen, es thut mir ſehr leid, daß ich Sie ärgere, ich will dieſe Dame ſehen, ich will die kennen, welche Sie wegen ihrer moraliſchen Erzählungen um Rath fragt... Ha, ha, ha! Es iſt ganz moraliſch, daß man zu einem jungen Manne kommt, ihn um Rath fragt, ſich in ſeinem Zimmer verſteckt. Es liegt darin der Gegenſtand zu einer hübſchen Erzählung!“ —— 90 Clementine legt die Hand an den Schlüſſel,— der in der Thüre des Kabinets ſteckt. Ich laufe auf ſie zu und halte ſie zurück, ich bemühe mich abermals, ſie zu beruhigen. „Clementine, was willſt Du thun? Bedenke doch, was Allem Du Dich ausſetzſt, wenn u Dich dieſer Dame zeigſt. Nicht meinethalben bitte ich Dich: was liegt mir daran, ob Du die Per⸗ ſon, die da iſt, ſiehſt oder nicht? Aber Du, die doch ſo viel zu berückſichtigen hat! Beſinne Dich doch, öffne dieſe Thüre nicht!“ Weit entfernt, daß meine Bitten ſie beruhigen, ſcheinen ſie ihre Bewegung noch zu vermehren! Dieſe Frau, die immer ſo ſanft, ſo ſchüchtern, ſo furchtſam iſt, hört auf nichts mehr, wenn die Liebe ſie quält. Ach! ſie ſind Alle gleich; unfähig, auf die Ver⸗ nunft zu hören, wenn die Eiferſucht ſie beherrſcht. — Sie fürchten alſo ſehr, ich möchte ſie ſehen! fällt ſie ein, zornige Blicke auf mich werfend. Ha! ich errathe, dieſe Dame iſt ohne Zweifel nicht in eeiinem Zuſtande, daß ſie ſich zeigen darf... und ihre Toilette.. Nun gutl ich will ihr als Kam⸗ 6 merfrau dienen!“ Dieſe letztere Vermuthung ſetzt mich auch in Zorn, und, den Arm Clementinens frei laſſend, werfe ich mich in einen Lehnſtuhl, wobei ich aus⸗ rufe:„Ich habe Ihnen genug geſagt, machen Sie, was Sie wollen!?! 1 Ich habe dieſe Worte noch nicht geendigt, als 6 91 die Thüre aufgeht und Clementine mit ſpöttiſchem Tone ruft:„Kommen Sie doch, Madame, Sie dürfen ſich meinetwegen nicht verſtecken!“ Julie erſcheint: ihre Miene iſt eben ſo ruhig, als wenn ſie aus ihrem Zimmer herauskäme, ſie lächelt ſo⸗ gar und macht Clementinen eine ſchöne Verbeu⸗ gung. Je mehr ſie aber dieſelbe betrachtet, deſto mehr leſe ich in ihren Zügen einen Ausdruck von Ueberraſchung und Vergnügen, den ich mir nicht erklären kann. Wie Clementine Julien ſieht, deren Toilette nichts Ungeordnetes hat, bleibt ſie einen Augen⸗ blick betroffen; der boshafte Ausdruck indeß, mit dem Madame Ulyſſe ſie grüßt, gibt ihr bald ihren ganzen Zorn wieder; zudem iſt Julie hübſch, und dies muß ihren Aerger nothwendigerweiſe ver⸗ mehren; auch erwidert ſie ihren Gruß nur durch einen verächtlichen Blick. Während dieſe Damen einander ins Auge faſſen, einander betrachten, bleibe ich ruhig in meinem Lehnſtuhl ſitzen, entſchloſſen, nur noch Zuſchauer deſſen zu ſein, was vorgeht. Clementine bricht zuerſt das Schweigen; ſie möchte ruhig ſcheinen, aber ihre Stimme ver⸗ räth ihre Bewegung und ſie kann kaum hervor⸗ ſtottern:„Sie mußten ſich da drinnen langweilen, Madame; ich will Sie nicht länger gefangen halten.“ „— Ich hatte mich nicht Ihretwegen verſteckt, Madame, antwortet Julie mit großer Kaltblütig⸗ 92 keit, der Herr hat Ihnen die Wahrheit geſagt... Sie haben ſehr Unrecht gehabt, daß Sie ihm nicht glaubten.“ „— Ah! Madame war gekommen, weil Sie moraliſche Erzählungen vorleſen wollte... und war es ein Stoff, den Sie da drinnen ſuchten?“ „— Ich habe ihn gefunden, Madame: Es war ein junges Mädchen, die Nichts beſaß; ein reicher Mann hat ſie zur Gattin genommen, ihr ein glänzendes Loos bereitet; er überhäuft ſie mit Geſchenken, mit Schmuck; in der Welt hält man ſie für ehrbar, züchtig! und ſie hat einen Liebhaber, den ſie heimlich beſucht... dies iſt mein Stoff, ich glaube, er wird viel Glück ma⸗ chen. Ohne Abſchied, Herr Arthur, ich werde das Vergnügen haben, Sie wiederzuſehen.“ Julie iſt weggegangen, nachdem ſie uns durch ihre ſo eben geſprochenen Worte ganz darnieder geſchmettert hat. Clementine ſank blaß wie der Tod auf einen Seſſel nieder, wobei ſie mur⸗ melte:„Ich bin verloren, dieſe Frau kennt mich!“ „— Dies iſt es, was ich befürchtete... deß⸗ halb bat ich Sie, daß Sie ſich nicht zeigen ſoll⸗ ten. Sie hätten ſich einen Augenblick verſteckt halten können, während ich dieſe Frau hinausgehen ließ... Sie haben es aber nicht gewollt!...“— Wie boshaft ſie mich anblickte!...— Bedenken Sie, daß Sie ſie zuerſt beſpöttelt haben... viel⸗ leicht kennt ſie Sie nicht und hat nur aus Ver⸗ muthung ſo geſprochen..— O! Alles trifft zu — 93 gut ein... ein Mädchen, die Nichts hatte... ein Gatte, der ſie mit Geſchenken überhäuft!... Ja, ich bin es gewiß... ach! dieſe Frau glaubt ohne Zweifel, daß ich mich ſehr glücklich finden ſollte, weil ich eine elegante Toilette machen kann; allein habe ich dieſes Vermögen, dieſen Schmuck begehrt?... der Himmel iſt mein Zeuge, daß es dies nicht iſt, was ich wünſchte. Ich wollte Herrn Moncarville keineswegs heirathen, meine Eltern haben mich dazu gezwungen, indem ſie mir ſagten: er iſt reich, du wirſt glücklich ſein! ach! was gäbe ich nicht darum, wenn ich eine Dach⸗ kammer bewohnte und darin frei wäre! Ich würde für meinen Lebensunterhalt arbeiten, würde weder Kaſchemirs noch Diamanten tragen, aber ich könnte überall ſagen, daß ich Sie liebe, und mich deſſen rühmen, ſtatt daß ich genöthigt bin, es zu verhehlen.“ Ich nähere mich Clementinen, will ſie in meine Arme ſchließen, ſie ſtößt mich ſanft zurück, mit den Worten: „Aber Sie lieben mich nicht mehr, Sie! Sie haben eine Geliebte... ſie iſt hübſch, dieſe Frau... hübſcher, als ich... ſie hat keine aus⸗ gezeichnete Miene, zum Beiſpiel... doch kurz, ſie gefällt Ihnen... ach! was liegt mir daran, was ſie ſagen wird... was mir vorkommen wird! ich bin auf Alles gefaßt!“ „— Clementine, ſage nicht, daß ich Dich nicht mehr liebe! mein Gott, warum ſollte ich —ͤ— 94 Dich täuſchen, wenn es der Fall wäre? wer 5 würde mich dazu verbinden? Ich wiederhole Dir, daß dieſe Frau die Geliebte Adolphs iſt, daß ich ihr nie den Hof gemacht habe.“ „— Ja, aber ſie will, daß Sie ihr ihn ma⸗ chen ſollen!— Dies iſt das erſte Mal, daß ſie zu * mir kam.— Sie wird wiederkommen, ſie hat zu Ihnen geſagt: auf Wiederſehen.“ „— Ich werde ihr die Erzählungen zurück⸗ geben, ich werde ſie nicht mehr ſehen, ich ver⸗ ſpreche es Dir!“ Eine Frau, die uns liebt, iſt leicht zu über⸗ zeugen. Clementine wirft ſich am Ende in meine Arme und ruft aus: „Ach! ich will Dir lieber glauben... und müßte ich Dein Herz mit einer Andern theilen; ich fühle, daß ich noch eher darein willigen würde, als daß ich gar nichts mehr für Dich wäre.“ Wir bringen eine Stunde beiſammen zu. Cle⸗ mentine hat ihre Befürchtungen vergeſſen, ich habe ihre Eiferſucht verſcheucht; ſie verläßt mich glücklich und indem ſie mir wiederholt:„Ich glaube Dir, ich werde Dir von nun an immer glauben.“ ——— Fünftes Kapitel. Eine Verführerin. Ich habe mich bemühen müſſen, Clementine zu beruhigen, allein ich ſelbſt bin über die Folgen — V— 7 95 dieſes Abenteuers nicht ruhig. Wenn Julie in der That weiß, wer die Perſon iſt, die zu mir kam: kann ſie es nicht ausſchwatzen? den Ruf Clementinens vernichten? dies wäre abſcheu⸗ lich! Welchen Vortheil hätte Madame Ulyſſe, wenn ſie ſich ſo bösartig betrüge? ich weiß nicht, allein es lag ein ſolcher Ausdruck von Heimtücke in ihren Augen! Indeß ich bin nicht ihr Gelieb⸗ ter... ſie kann Clementine wegen einiger beiſ⸗ ſenden Worte böſe ſein. Ach! ich würde Alles in der Welt darum geben, wenn dieſes Zuſam⸗ mentreffen nicht ſtattgefunden hätte! Ich muß mich jetzt bemühen, Julien ange⸗ nehm zu ſein, ich muß ſie ſchonen für den Fall, daß ſie den Zunamen Clementinens weiß. Ich ſoll ſie ſchonen! Wer weiß, wie weit mich das führen wird; ſie iſt hübſch und... In Wahrheit, Clementine hat groß Unrecht gehabt, als ſie dieſe Thüre aufmachte. Wir wollen das Manuſcript leſen, das ſie mir zurückgelaſſen hat. Wenn es nicht ſo ſchlecht wäre, würde es mich entzücken! Mit einigen Verbeſſerungen könnte es vielleicht gedruckt wer⸗ den, und wenn ich der Eigenliebe der Schriftſtel⸗ lerin ſchmeichle, wenn ich ihr nützlich bin, halte ich vielleicht die Frau von der Schwatzhaftigkeit ab. Ich drücke mich in meinen Lehnſeſſel und ſchlage das Manuſcript auf. Ach! mein Gott! welche Schreiberei! das geht bergauf, bergab. Wohlan Muth!„Erſte Erzählung: Der alte Zoten⸗ 96 reißer!“ Sonderbarer Titel für eine moraliſche Erzählung! Wir wollen immerhin ſehen, uns eines Titels wegen nicht zu ſtreng zeigen! Ich fange an... ich habe noch keine halbe Seite geleſen und ſchon drei Sprachfehler. Es iſt durchaus der Styl des Briefs, den ich erhal⸗ ten habe. Wie kommt es, daß eine Frau, die ziemlich gut ſpricht, der es nicht an Geiſt fehlt, die ſogar Würze in der Unterhalung hat, manch⸗ mal nicht zwei Sätze ſchreiben kann, die einen ordentlichen Sinn haben? Ich will gerne glauben, vaß dies ſehr ſelten iſt. Der Gegenſtand der Er⸗ zählung iſt ganz einfach, ein alter Wüſtling, der mehre Mädchen verführt, ſie verläßt und endlich an einem podagriſchen Anfall ſtirbt; und dies Alles nacheinander weg erzählt, wie ein Küchen⸗ zettel. Ich leſe nicht ohne Seufzen den alten Zotenreißer zu Ende. Ich will die folgende Erzählung leſen... es iſt nicht möglich; man weiß nicht mehr, wo man iſt. Ich werfe zornig das Manuſcript von mir; Madame Ulyſſe mag machen was ſie will; ich werde ihre Werke nicht mehr leſen... wenn ich aber ihre Eigenliebe ver⸗ letze, und ſie ſchwatzt, um ſich zu rächen... man wird ein anderes Mittel finden müſſen, ſte gut zu ſtimmen... Dieſes Mittel, ich ſehe nur eines. aber der arme Adolph, ich möchte ihm doch keinen ſolchen Poſſen ſpielen... Freilich, wenn ich es nicht bin, wird es ein Anderer ſein. Ich bin ausgegangen, mich von allen dieſen 97 Gedanken zu zerſtreuen, ich habe noch keine zwan⸗ zig Schritte auf dem Boulevard gethan, als ich Adolph erblicke, wie er Arm in Arm mit Herrn Theodor ſpazieren geht, der ſeinen Schnurrbart und ſogar ſeinen Backenbart völlig abgeſchnitten hat, was ihm ein ganz anderes Geſicht macht, jedoch nicht hindert, daß man ihn erkennt. Adolph ſieht, daß ich ihn fixire, er grüßt mich, ich thue daſſelbe und gehe vorüber, ohne anzu⸗ halten. Aber bald fühle ich, daß mich Jemand beim Arme nimmt; er iſt es. „Wie ſchnell Sie gehen! man kann nicht mit Ihnen ſprechen!— Erſtlich wollte ich nicht ſtehen bleiben... ich habe nicht im Sinn, in Geſellſchaft des Herrn Theodor ſpazieren zu ge⸗ hen... obgleich er ſich Mühe gegeben hat, ſein Ausſehen zu verändern, iſt er doch zu kenntlich. — Sie ſind dieſem jungen Mann ſehr böſe... ich verſichere Sie, daß er ein ganz guter Kerl iſt... ſehen Sie, er hat mich ſo eben eine ſehr vortheilhafte Spekulation machen laſſen... er hat mir geſtattet in einer unfehlbaren Unternehmung Aktien zu nehinen... die Aktien werden bald doppelt, dreifach im Preiſe ſein, ich werde einen ſehr klaren Gewinn haben... Wie Sie mich an⸗ blicken!— Wie! Adolph, Sie ſprechen mir wirk⸗ lich im Ernſte? Sie ſind Aktionär in einer Un⸗ ternehmung, die Herr Theodor macht?— Ja doch!— Sie hatten kein Geld.. weil Sie bei Paul de Kock. I. 5 7 ——ö—— 98 mir welches entlehnt haben.— Ich habe ſo eben erſt fünfzehnhundert Franken von meinem Oheim erhalten.. ich ſagte es Theodor, der mir augen⸗ blicklich das Anerbieten gemacht hat, ich ſolle fünfzehn Aktien von ſeiner Unternehmung kaufen. Es handelt ſich von tragbaren Flüſſen. Sie wiſſen, daß nicht Jedermann in Paris beim Fluſſe wohnen kann: dies iſt ſehr unbequem für die Per⸗ ſonen, die gerne ſchwimmen; man iſt genöthigt, in die Bäder zu gehen, in einer Badwanne kann man aber nicht ſchwimmen. Nun gut! Theodor hat einen Waſſerbehälter erfunden, groß wie zwei Omnibus(Geſellſchaftswägen) und mit Leinwand bedeckt, den er durch vier Pferde in allen Stadt⸗ vierteln von Paris herumführen läßt. Fünfzehn Perſonen werden bequem darin ſchwimmen können. Für ſechs Sous wird man in ganz Paris die Annehmlichkeit einer Schwimmanſtalt haben. Nun! was ſagen Sie dazu?“ Ich antworte nichts. Ich ſehe, daß mein Freund Adolph wahrhaft dumm iſt, ich ſchlage die Augen zum Himmel auf und gehe weiter. „Finden Sie nicht, daß dies eine ſehr glück⸗ liche Erfindung iſt?— Und werdet ihr im Win⸗ ter euren Waſſerbehälter auch herumführen?— Warum nicht... wenn es gefroren iſt, wird er einen andern Zweck haben, er wird für die Schlitt⸗ ſchuhläufer dienen; kurz es ſcheint, daß man dem Plan Theodors Beifall gibt, denn man ſchlägt — 99 ſich um ſeine Aktien. Er hat mir die fünfzehn letzten gegeben. Sehen Sie, hier ſind ſie.“ Adolph zeigt mir kleine, gelbe Coupons, mit Theodor unterzelchnet, auf welche man den wandernden Waſſerbehälter lithographirt hat. Ich zucke die Achſeln. „Wollen Sie eine oder zwei Aktien?— Ich würde keinen Sou für Ihre fünfzehn Coupons geben.— Sie ſind vielleicht unzufrieden, daß ich dieſe Aktien genommen habe, ehe ich Sie bezahlt hatte, allein ich hoffe mit dem Gewinn bald... — Adolph, als ich Ihnen lieh, habe ich Ihnen geſagt, daß Sie ſich dieſer Schuld wegen nicht beunruhigen dürfen: worüber ich ärgerlich bin, iſt, daß ich ſehe, wie Sie von einem Betrüger hintergangen werden.— Von einem Betrüger? — Ja, auf dieſe Art beurtheile ich jetzt dieſen Theodor!— Ol da ſind Sie wieder überzeugt, daß man mich dran kriegen wolle... wenn es meine Geliebte nicht iſt, ſind es meine Freunde... — In dieſem Augenblick könnten es wohl beide ſein.— Es ſcheint, ich ſei ein Kind, das ſich nicht zu leiten verſtünde.— Machen Sie, was Sie wollen, erzählen Sie mir aber alsdann Ihre Tollheiten nicht mehr.— Ich werde Ihnen nichts mehr ſagen.— Dies iſt mir lieber.“ Wir gehen kalt auseinander; mich ärgert es, daß ich dieſen jungen Menſchen von einem Schur⸗ ken betrogen ſehe, und ich glaube, daß ſeine Julie ——— ihn eben ſo weit führen werde; allein es drängt mich, Madame Ulyſſe wieder zu ſehen... ich bin überzeugt, daß ſie morgen früh kommen wird. In der That, wie es den andern Tag neun Uhr ſchlägt, ich bin noch in meinem Schlafrock und arbeite neben meinem Feuer, kommt meine Pförtnerin und meldet mir, daß mich eine Dame zu ſprechen verlange; ich ſage ihr, ſie ſolle die⸗ ſelbe eintreten laſſen, und ich ſehe Madame Ulyſſe erſcheinen. Sie iſt mit noch mehr Sorgfalt, als am vorigen Tage gekleidet, ein hübſcher Hut von ſchwarzem Sammt, der ſehr kokett auf ihrem Kopfe ſitzt, gibt ihrer Phyſiognomie viel Reizen⸗ des, ihr Sacktuch, oder ihre Kleidungsſtücke ver⸗ breiten einen ſüßen Wohlgeruch von Portugieſi⸗ ſchem Waſſer, von Vanille; kurz es liegt in ihrer ganzen Perſon ein Etwas, das die Frau anzeigt, welche gefallen will. Ich fühle mich ſchon be⸗ wegt, verwirrt, denn Julie iſt eine hübſche Blon⸗ dine mit ſchwarzen Augen; ihre braunen ſehr hervortretenden Brauen geben zwar ihren Zügen etwas Hartes, wenn ſie aber lächelt, macht die⸗ ſer Ausdruck einem andern, ſehr einladenden Platz. Sie entſchuldigt ſich, daß ſie mich ſchon ſo früh Morgens ſtört, und ich, daß ich ſie im Schlaf⸗ rock empfange; ich laſſe ſie an dem Feuer nieder⸗ ſitzen und ſchicke meine Pförtnerin weg. Ich bin ein wenig in Verlegenheit, wie ich 101 das Geſpräch anknüpfen ſolle, und ziehe mich durch die Frage, ob ſie gefrühſtückt hat, daraus. — Ja, mein Herr, o, ich habe meinen Kaffee getrunken... ich bedarf nichts, ich danke Ihnen... ich will mich erkundigen, ob Sie die Güte gehabt haben, mein Manuſcript zu leſen?— Ihr Ma⸗ nuſcript... ach... ig, Madame, ſitzen Sie aber doch näher zum Feuer... es iſt dieſen Morgen ſehr kalt...— Ich bin recht erfreut... ich fürch⸗ tete, Sie möchten nicht Zeit gehabt, Alles zu leſen, und..— O! verzeihen Sie, Madame, ich muß mich zuerſt über die Scene von geſtern entſchuldigen... das Vorgefallene iſt mir äußerſt leid geweſen.. allein die Frauen ſind nachſichtig und ich hoffe...— Mein Gott, mein Herr, ich verſichere Sie, daß ich nicht mehr daran dachte... ich bin es, die ſich ganz zur unrechten Zeit hier befand... dieſe Dame hatte ſehr Unrecht, eifer⸗ ſüchtig zu ſein! Sie werden zugeben, daß ich es nicht verdiente?“ Dies iſt eine ſpitzfindige Frage. Ich antworte ihr ziemlich dumm:„Sie ſind ganz geſchaffen, Eiferſucht einzuflößen.“ Und nun ſprechen wir einige Zeit hindurch nichts. Julie fängt endlich wieder an. „Dies Alles iſt mir ſehr leid geweſen... und als ich dieſer Dame antwortete, habe ich mich vielleicht zu ſehr durch meine Lebhaftigkeit hin⸗ reißen laſſen... ich war nachher untröſtlich —— * 10² darüber;...— Sie hatte zuerſt Unrecht... kennen Sie dieſe Dame?...— Durchaus nicht!— Dies iſt ſonderbar, ich glaubte, nach dem, was Sie geſagt haben...— Ich habe geſprochen, was mir in den Kopf gekommen iſt, ich erinnere mich deſſen nicht mehr, allein ich ſah dieſe Dame zum erſten Mal, und wenn ich ſie wieder träfe, würde ich ſie nicht mehr erkennen.“ Dieſe Verſicherung nimmt ein Gewicht von mir, das ſchwer auf meiner Bruſt laſtete, ich fühle mich behaglicher, rücke näher zu Julien, die boshaft lächelnd zu mir ſagt:„Iſt es Ihnen ge⸗ lungen, Frieden zu machen?— Sehen Sie, wir wollen von All dem nicht mehr ſprechen...— Dieſe Dame liebt Sie bis zur Raſerei...— Ich will mich mit Ihnen beſchäftigen...— Mit mir!... ah! ich würde nicht die Macht haben, Sie dieſelbe vergeſſen zu machen!..“ Indeß ſcheint mir, als thue ſie Alles, um dieſen Zweck zu erreichen; damit ſie ihre Füße wärmen kann, hat ſie ihr Kleid leicht hinaufge⸗ ſchlagen; ich ſehe einen gutgebauten Fuß und den Anfang eines Wadens, dey mir vollkommen rich⸗ tig gezeichnet ſcheint... ach! wie gefährlich iſt es doch, wenn man neben einer Dame beim Feuer ſitzt!. „Kurz, mein Herr, weil Sie nicht wollen, daß ich von Ihren Liebesangelegenheiten ſpreche, ſo wollen wir wieder auf meine Erzählungen 103 kommen..— Es würde mir indeß ſüß ſein, von Liebe mit Ihnen zu ſprechen...— Ich aber liebe die Rolle der Vertrauten wenig, dies iſt ein Amt, das ich noch nicht bekleiden will.— Wer ſpricht Ihnen von einer Vertrauten?— Es iſt ſehr warm bei Ihnen, ich will meinen Mantel ablegen!“ Ich entledigte ſie ihres Mantels; ſie ſtellt ſich, als gewahre ſie erſt jetzt, daß ihr Unterkleid kaum befeſtigt iſt. „Mein Gott, wie bin ich doch! ich habe mir nicht die Zeit genommen, ein Corſet anzuziehen, dieſes Kleid ſchließt ſo ſchlecht..— Ich wollte, daß es noch ſchlechter ſchlöſſe.— Die Frauen ſind ſehr unglücklich, wenn ſie Niemand haben, der ſie ankleidet!— Iſt ihr Nachbar Adolph nicht im⸗ mer da?— Ein ſauberer Ankleider! er weiß keine Nadel zu ſtecken! der arme Teufel iſt ſehr linkiſch.— Nun denn, mein Herr, dieſes Manu⸗ ſcript?— Ah! ja, Madame..— Sagen Sie mir, was Sie davon denken...— In dieſem Au⸗ genblick denke ich nicht hieran, die Meiſterin läßt mich das Werk vergeſſen.— Ah! der Herr ſcherzt. Mein Hut iſt mir unbequem, ich kann ihn wohl ablegen, nicht wahr?— Legen Sie Alles ab, was Sie wollen!— Und wenn die Dame von geſtern käme, ſie würde mir die Augen auskratzen! — Sie wird nicht kommen.— Ah! Sie ſind ſicher, dies iſt ſehr glücklich für mich.“ Sie legt ihren Hut ab, ihre Haare fallen über 104 ihren Hals, über ihre Stirne herab, ſie ſchiebi ſolche lachend zurück; in ihrer ganzen Perſon liegt eine wollüſtige Unordnung, die berauſcht; man weiß nicht mehr, was man thut, allein man weiß wohl, was man thun möchte: die Blicke, das 6 Lächeln Juliens ſcheinen ein Geſtändniß hervorzu⸗ locken. Ich drücke ſie in meine Arme, ſie lacht; ich küſſe ſie, ſie lacht wieder; wer Teufels könnte dabei vernünftig bleiben?. Ich unterliege der Ver⸗ ſuchung, und zwar, ohne daß ich ihr eine Erklä⸗ rung gemacht, ohne daß ich ihr geſagt habe, ich liebe ſie; es iſt ſonderbar, daß es Frauen gibt, die uns Alles gewähren, ohne dieſes zu fordern! wahrſcheinlich ſind für dieſe Damen die Worte von ſehr geringem Werth. ½ Wie ich meine Vernunft wieder erlange, was, Dank Julien, ſo ſpät als möglich geſchieht, bin ich ganz erſtaunt, über das, was ich gethan habe, ich glaube ſogar, daß es mir leid iſt; indeß Julie iſt recht hübſch, jetzt muß ich ihr aber ſagen, ich liebe ſie, und ich fühle, daß mich dies Ueberwin⸗ dung koſten wird. 4 Julie ſieht gar nicht aus, als wenn ſe be⸗ reute, was vorgefallen iſt, ganz im Gegentheil: 1 ſie lacht, ſie neckt mich, ſie macht tauſend Toll⸗ heiten; es kommt mir vor, als wäre es ſchon nicht mehr die nämliche Frau, wie ſie gekommen 1 iſt. Sie ſetzt ſich auf meine Knie, nimmt mich* beim Kopf und ſagt mir: Ahl jetzt wünſchte ich, 105 daß die Dame von geſtern käme! ſie würde mich von dem Platz, den ich einnehme, verjagen wol⸗ len, ich würde ihr aber ſagen: Es iſt mir ſehr leid, Madame, ich habe eben ſo viel Recht, wie Sie, mich auf ſeine Knie zu ſetzen. Dieſe Worte thun mir weh. Arme Clemen⸗ tine! wenn ſie wüßte... ach! wenn ſie käme! Julie möchte thun, was ſie wollte, ich würde ſie ſehr ſchnell von mir ſtoßen, und zu meiner alten Freundin zurückkehren. Die Männer ſind ſehr undankbar, wird man mir ſagen; da iſt eine Frau, die ſie glücklich macht, und ſie geſtehen ſchon, daß ſie ſie wegen einer Andern von ſich ſtoßen würden. Aber dieſes Vergnügen iſt ohne Liebe nur wenig, während die Liebe ohne Vergnügen immer noch viel iſt. Es iſt mir gelungen, Julien wieder auf ihren Seſſel zurück zu bringen; jetzt ruft ſie aus:„Hör' einmal, Du haſt mir vorhin ein Frühſtück ange⸗ boten, ich habe es ausgeſchlagen, weil es anſtän⸗ diger war, jetzt aber würde ich gerne dejeuniren, von meinem Kaffee iſt es lange her, und dann bekommt man Appetit bei Ihnen, mein Herr!— Ich will ein Frühſtück bringen laſſen; was wün⸗ ſchen Sie?— Ol dies iſt gleich, vorausgeſetzt, daß es recht gut ſei.“ Ich ertheilte meine Befehle und bald bringt man uns ein auserleſenes Frühſtück: ich habe die Sache gut machen wollen, denn wenn man keine Liebe für eine Frau hat, muß man es durch die Behandlungsweiſe erſetzen. Ich bin ſicher, daß Clementine heute nicht kommt, ich kann Julie alſo ohne Furcht bewirthen.* Meine neue Eroberung hat weit mehr Geiſt, als man glauben würde, wenn man ihr unglück⸗ liches Manuſcript liest: ſie macht dem Frühſtück Ehre, und erheitert es durch ihre guten Einfälle. Ich habe Champagner beſtellt: dies iſt der Wein der Damen, er bringt ſie leichter zum Plaudern, Julie hatte denſelben zum Schwatzen nicht nöthig⸗ er macht ſie aber vollends wohlbehaglich und es herrſcht, glaube ich, mehr Offenheit in ihren Reden. „Nun gut! und jene moraliſchen Erzählungen? ſagt ſie zu mir, als ihr Hunger ein wenig geſtillt iſt.— Meine liebe Freundin, wollen Sie, daß ich ohne Umſchweife mit Ihnen ſpreche?— Ja, gewiß.. aber ich will zuerſt, daß Du mich duzen follſt, und nicht mehr jene Sie zu mir ſagſt, die mich langweilen.— Aber... weil... wenn ich es mir angewöhnte, und wenn ich vor Adolph... — O! nein! man weiß mit wem man zuſammen iſt.. Nun denn! meine Erzählungen, Du wagſt nicht zu antworten? ſieh, ich wette, ſie ſind ſchlecht. — Meiner Treu, ich geſtehe, ſie ſind nicht gerade ſchlecht, um ſie aber drucken zu laſſen, müßte man ſo viel überarbeiten... ferner würde das Manu⸗ ſcript, welches Sie... welches Du mir gegeben haſt, keinen Viertelsband füllen.— Es iſt aus * 85 107 damit, mein Herr, ſprechen wir nicht weiter da⸗ von!... es war eine Tollheit, die mir durch den Kopf gefahren war, und Gott weiß, welche Mühe es mich gekoſtet hat⸗ dieſes zu ſchreiben... Ich, die ſo leicht ſpricht, ich konnte keine zwei Linien zu Stande bringen, die einen ordentlichen Sinn hatten. Aber wie ſoll ich auch, da Du mich nun kennſt, moraliſche Erzählungen machen? Hahal... wo hatte ich den Kopf 2... iſt dies da mein Ma⸗ nuſeript?— Ja.— Du ſollſt einen ſchönen Zug meiner Herzhaftigkeit ſehen.“ Sie nimmt die Rolle, wirft ſie in's Feuer, und ſieht zu, wie ſie brennt, wobei ſie mit tragi⸗ komiſchem Tone ausruft:„Sieh, wie hoch ich meine Werke ſchätze! was ſagſt Du dazu?— Ich ſage, daß ſehr wenige Männer eben ſo viel Muth⸗ beſitzen, und daß dies allein hinreichend wäre, mir zu beweiſen, daß Sie Geiſt haben, wenn ich es nicht ſchon wahrgenommen hätte.— Ahl der Herr findet, daß ich Geiſt habe, der Herr ſind zu gü⸗ tig! Nun gut! ich will ganz offenherzig zu Dir ſprechen, gib mir noch ein wenig Champagner, dies berauſcht mich niemals!... Höre, mein Klei⸗ ner! Ah! laß mich zuerſt auf Dein Knie ſitzen, Du willſt doch, nicht wahr?“ Wie wäre es möglich, zu ſagen, daß man nicht wolle? Julie hat meine Antwort nicht ganz abgewartet, ſie hat ſich ſchon hingeſetzt, und in⸗ dem ſie Macaronen und Bisqguit ißt, ſpricht ſie 108 weiter:„Ich bin nicht geboren, um Papier zu verkritzeln, dabei zerbricht man ſich den Kopf! ſondern ich bin geboren, mich zu beluſtigen, ich will das Leben einer Bajadere führen!... Vor Allem brauche ich Vermögen, Du wirſt mir kei⸗ nes geben, Du; die Dichter ſind nicht gewohnt, ſich für Weiber zu Grunde zu richten, Du wirſt mich eben ſo wenig heirathen; dazu haſt Du zu viel Verſtand. Aber Du wirſt mir beiſtehen, daß ich die Frau des Einfaltspinſels Adolph werde, der eines Tages ſehr reich ſein, und mich dann nicht fortwährend auf Kirſchwaſſer beſchränken wird. O! wie will ich, wenn ich ſeine Frau bin, das Geld ſeiner Familie zu verpraſſen!... wie wollen wir uns daſſelbe zu gut kommen laſſen! Ich werde Dich immer lieben, Du biſt der Freund meines Herzens, Du wirſt mein Benjamin, mein Getreuer ſein, daß ich aber nur Deine Melan⸗ choliſche von geſtern früh nicht mehr ſehe, denn jetzt würde ich ſie zur Thüre hinaus werfen... Ei, ſieh doch! warum thuſt Du mich denn von da weg?— Ich habe den Krampf, ich muß ein wenig auf und abgehen!“. Ich bin aufgeſtanden; denn ich konnte nicht mehr an mich halten; dieſe Frau that mir wehe! Ihre Plane ſind entſetzlich! und ſie glaubt, ich werde ihr beiſtehen!... ich werde Clementine ihretwegen verlaſſen! Theure Clementine! ich fühle, * —* 109 daß ich dich noch zehnmal mehr liebe, wenn ich den Unterſchied zwiſchen dir und Julien ſehe. „Nun, mein Freund, iſt Dein Krampf vor⸗ über?— Noch nicht völlig.— Was Du für eine ernſthafte Miene haſt!... Es iſt nicht bloß um zu ſprechen, allein ich ſage, Sie beluſtigen ſich nicht ſehr mit mir... ich muß Alles thun! Laß ſehen, Arthur; antworte mir, was denkſt Du von meinem Proſekt? iſt es nicht allerliebſt.— Nein... erſtlich ſehe ich nicht ein, warum Sie Adolph zu heirathen wünſchen.— Ach, mein Gott, biſt Du eiferſüchtig, Bibi?... Noch ein⸗ mal, aber es geſchieht, um reich zu werden, ich halte weſentlich am Baaren, ich... Ah, ich müßte eigentlich ein hübſches Loos haben, wenn dieſer alte Taugenichts, dieſer Affe, der mich ver⸗ führt und verlaſſen hat... Es iſt ihm gut gelun⸗ gen, dies iſt auch kein Wunder!— Von wem ſprechen Sie denn? von Ihrem Gatten, der ſich erhängt hat?— Ha! hal! wie einfältig, habe ich je einen Gatten gehabt, ich... dies ſind Mähr⸗ chen, die man dem Adolph aufbindet, dies... — Und der kleine Knabe?— Ei nun, was be⸗ weist das? dies iſt ein kleiner Knabe, das iſt Alles, hätte ich ihn in einen Pokal mit Weingeiſt ſtellen ſollen?— Es iſt artig dieſes Kind.— Ich finde es abſcheulich, ich... haſt Du ihn geſehen? — Ja, ich befand mich eines Tags in ſeiner Pen⸗ ſion, und habe mir ſogar ein Vergnügen daraus 110 gemacht, ſeine Jacke mit meinen Hemdknöpfen zu⸗ zumachen.— Wie! dies kam von Dir, ich glaubte es ſei eine Galanterie ſeines Vaters.— Seines Vaters?.. er iſt alſo nicht todt?— Ich werde es Dir einmal ſagen, wenn Du recht klug biſt. Es iſt alſo abgemacht, Du wirſt bei Adolph zu meinen Gunſten ſprechen, und ich werde Madame Deſigny werden!— Nein, ich werde gar nicht zu Ihren Gunſten ſprechen, daß Adolph Sie heira⸗ thet: dieſe Heirath hätte keinen vernünftigen Sinn! — Wiſſen Sie, daß Sie ſehr unartig ſind... Ah! Sie wollen nicht, daß er mich heirathet, und ich kann Sie verſichern, daß er mich heirathen wird; ich werde Ihres Beiſtandes entbehren kön⸗ nen, ich weiß, was ich von Adolph will: das iſt ein ſo weicher Teig, ich könnte ihm die Form eines Kuchens geben, wenn ich wollte; er betet mich an, er ſieht nur durch meine Augen, und er wird mein Gatte werden... ja, mein Herr, es iſt ſo, wie ich die Ehre habe, Ihnen zu ſagen... Allein Arthur, dies darf Dich nicht böſe machen, glaubſt Du, daß ich dieſen Tölpel von Deſigny lieben könne? Dich allein liebe ich, ja, für Dich habe ich leidenſchaftliche Liebe, ſie hat mich ſchon lange ergriffen: ſeit dem Tag, wo ich Dich im Schauſpielhauſe geſehen habe... ja, mein Herr, von jenem Tage an habe ich zu mir geſagt, die⸗ ſer wird mein Geliebter ſein, und wenn ich mir etwas verſpreche, muß ich es haben. Ol ich habe 111 Charakter, allein ich ſage Dir vorher, ich bin eiferſüchtig, entſetzlich eiferſüchtig... ich werde Dir aufpaſſen, und wenn Du meine kleine Horn⸗ ſetzerin wieder ſiehſt, ſo wird es großes Unglück geben... Du wirſt ſie aber nicht wieder ſehen... hum? Komm, küſſe mich doch!... mein Gott welch ein Mann! er rührt ſich gar nicht!“ Ich laſſe mich küſſen, ich bin betäubt, zer⸗ ſchmettert von dem, was ich höre; ich bedenke daß ein Augenblick der Schwäche uns viele Reue⸗ verurſachen kann! Es iſt Schade, daß dieſe Be⸗ trachtungen nicht kommen, ehe man fällt. Sechstes Kapitel. Welches beweist, wie die Leute von Geiſt dumm ſind. Julie küßte mich, fuhr mir in den Haaren herum; während dieſer Zeit dachte ich an Cle⸗ mentinen, an Alles, was ſie mir am vorigen Tag geſagt hatte.. Man klingelt leicht an meiner Thüre. Ich zittere.„Dies iſt mir gleich,“ ſagte Julie,„dies⸗ mal verſtecke ich mich nicht mehr!“ Und ſie ſetzt ſich wieder vor den Tiſch, indem ſie ſich noch einmal Champagner einſchenkt. Ich glaube nicht, daß es Clementine iſt, ſie könnte nicht zwei Tage hinter einander allein ausgehen; 112 doch ſehe ich Julien an, welche lachte, während ich ſie betrachte. „Wie! Sie wollen dableiben?— Ja, mein lieber Freund, ich habe mich einmal verſteckt, dies geht an! überdies war ich begierig zu horchen; heute aber bin ich die Favorit⸗Sultanin, ich gehe nicht mehr von der Stelle.— Und wenn es Adolph wäre?— Dies würde mir nichts thun... ich würde eine Geſchichte finden... aber es iſt nicht Adolph, er iſt nach Montmorency gegangen. Ma⸗ chen Sie doch auf, man wird ungeduldig.“ Ich gehe aus meinem Zimmer, indem ich bei mir ſpreche: wohin bin ich gerathen? ich mache auf, entſchloſſen, mich, wenn es Clementine iſt, zu ihren Füßen zu werfen, und ſie für das, was ich gethan, um Verzeihung zu bitten. Ich öffne... es iſt mein Schriftſteller von vor⸗ geſtern mit zwei Papierrollen unter dem Arm. Nie verurſachte mir der Anblick von irgend Jemand ſo viel Vergnügen. Ich denke, die Ankunft dieſes Herrn ſoll mir helfen, mich Julien's zu entledi⸗ gen. Ich mache ihm eine anmuthige Verbeugung und beeifere mich ſo ſehr, ihn zum Eintreten zu bewegen, daß der arme Mann ſich umdreht, in der Meinung, es ſei Jemand hinter ihm. „Mein Herr, ich birte um Verzeihung, wenn ich Ihnen auf's Neue zur Laſt falle, aber..— Sie fallen mir keineswegs zur Laſt, im Gegen⸗ theil, treten Sie doch ein, ich bitte Sie..— 113 Mein Herr, es müßte nur ſein, daß ich mir eine Vergeßlichkeit zu Schulden kommen ließ.— Tre⸗ ten Sie aber doch ein, mein Herr, bleiben Sie nicht da..“ Ich ſchiebe meinen Mann in mein Schlafzim⸗ mer herein. Bei ſeinem Anblick macht Julie ein ſchreckliches Geſicht: der Herr mit den Papjerrol⸗ len erſchöpft ſich in Verbeugungen. „Setzen Sie ſich doch, mein Herr.— Meiner Treu, mein Herr, dies iſt mir recht, denn ich bin ein wenig müde... nicht, als wenn ich von weit herkäme.— Sie werden wohl ein Glas Cham⸗ pagner und Macaronen annehmen— Wenn ich es ausſchlagen ſollte, müßte ich krank ſein.“ Ich ſchenke Wein ein, ich biete dieſem Herrn, den ich zum zweiten Mal ſehe, und deſſen Name ich nicht einmal weiß, Bisquit an; er iſt ſo verwirrt über meine Höflichkeiten, daß ſeine beiden* Papierrollen unter ſeinem Arme hervorgleiten und im Zimmer umhertanzen... Ich ſehe, daß Julie ungeduldig wird, ſie macht mir Augen, gibt Winke, ich ſoll dieſen Herrn verabſchieden; ich ſtelle mich, als nehme ich es nicht in Acht. „Mein Herr, ich habe die Ehre, auf Ihre Ge⸗ ſundheit zu trinken, ſo wie auf die von Madame.“ Julie antwortet nichts und wendet ihm den Rücken; ich, ich fülle ſein Glas auf's Neue. „Mein Herr, erinnern Sie ſich, daß ich bei der letzten Unterredung, die wir mit einander hatten, Paul de Kock. I. 8 114 vergaß, Ihnen meinen Namen zu ſagen?...— In der That, mein Herr, ich ſußte ihn auch ver⸗ gebens..— Es wäre erſtaunlich geweſen, wenn Sie ihn wüßten, ohne daß ich Ihnen denſelben ſagte. Mein Herr, ich nenne mich Lubin, ich ſtamme in weiblicher Linie von der ſchönen Ferronnieère ab; ich habe meinen Stammbaum lithographiren laſſen und werde die Ehre haben, Ihnen ein Exemplar davon zu überbringen.— Es wird mir viel Vergnügen machen... trinken Sie doch... nehmen Sie etwas.— Dies iſt mir gerade recht, denn mein Magen wird ſehr gebietriſch!... 4 Julie wirft mit ihrem Fuße die Schaufel und die Feuerklamme um, ich hebe ſie auf und ſie ſagt mir in's Ohr:„Werden Sie dieſes große Geſpenſt nicht geſchwinde wieder fortſchicken?— Ich kann aber nicht... dies wäre unhöflich...“ Während wir ſprechen, hat Herr Lubin ſeine Rollen zuſammengeleſen, er macht eine derſelben auf und legt ſie vor ſich auf den Tiſch, wobei er zu mir ſagt:„Sie errathen, was das iſt?— Meiner Treu, nein.— Jenes famöſe Melodrama, welches Sie neulich keine Zeit hatten, anzuhören... Das Chaos.— Ah! Sie haben das Chaos da... in zwei Rollen?— Ja, es ginge nicht in eine einzige... Würden Sie mir erlauben, daß ich es leſe?— Sehr gerne... 4 Julie macht Bewegungen von Ungeduld und wendet ſich zen Seſſel hin und her. Herr x 84 11⁵ Lubin hält eines ſeiner mächtigen Manuſeripte in der Hand; er nest, indem er auf jede Silbe einen Nachdruck legt:„Das Chaos, Melo⸗ drama in fünf Akten, von Lubin, Ge⸗ lehrter.“ Er hält inne, wendet das Blatt um und liest von Neuem:„Das Chaos, Melodrama in fünf Akten, von Lubin, Gelehrter. Per⸗ ſonen: Das Nichts, die Wolken, das Wetter, ein Wirbelwind, Kometen, Winde.“ Julie huſtet, ſingt vor ſich hin, ſchneuzt ſich, ſtampft mit dem Faß auf die Feuerböcke; Herr Lubin liest nichtsdeſtoweniger mit der glei⸗ chen Würde. Nach der Aufzählung ſeiner Perſo⸗ nen trinkt er ſeinen Champagner und fährt fort: „Das Chaos, Melodrama in fünf Akten, von Lubin, Gelehrter. Eiſter Akt: Das Theater ſtellt einen umwölkten Himmel vor, man ſieht vorüberziehende Wolken und Sternſchnuppen.“ Julie ſteht plötzlich auf, vor ſich hin mur⸗ melnd:„Ich habe genug!... ich gehe fort!. Dies hoffte ich. Ich helfe ihr ihren Man⸗ tel umlegen, ihren Hut aufſetzen und begleite ſie hinaus. Als wir im Vorzimmer ſind, ruft ſie aus:„Wirſt Du dieſen Menſchen da anhören?... — Ich muß wohl... ich habe Rückſichten bei ihm nöthig.— Weißt Du aber wohl, daß er mit ſeinem Chaos Peitſchenhiebe ver läßt mich beinahe bedauern, Erzählungen verbrannt habe... Ich gehe fort, denn ich kann es nicht aushalten. Arthur, ich werde übermorgen wieder zu Dir kommeu..— Ueber⸗ morgen?... aber... ich.— Ol es gibt keine Aber... ich werde ſehr frühe kommen, hörſt Du 2... ſtehe nicht auf, Du erwarteſt mich in Deinem Bett... Leb wohl!... denke beſonders daran, daß Du mir treu bleibſt!... denn ich bin bösartig, wenn ich anfange. Adieu!... Du biſt ein Amor.“ Sie küßt mich noch einmal, drückt mir die Hand und entfernt ſich. Sie wäre nun endlich fort!... welche Frau!.. ach! ich habe eine große Dummheit gemacht, als ich mich durch ihre Ver⸗ führungen hinreißen ließ, denn ich liebe ſie nicht, ich habe ſie nie geliebt; und ſie wähnt, mich zu einem Bruche mit Clementinen zu veranlaſſen... o nein, Madame, dies wird nicht der Fall ſein... mit Ihnen will ich brechen... und ſogar ſehr ſchnell; und der arme Adolph... werde ich ihn eine ſolche Heirath ſchließen laſſen?... eine Frau, die ſich eine Freude daraus macht, ihn zu Grunde zu richten, ihn zu betrügen... nein, wiewohl er ſehr eigenſinnig und zuweilen ſehr dumm iſt, will ich ihm die Augen noch einmal öffnen. Aber dieſer Schriftſteller, der da drinnen ſitzt... und ich dachte nicht mehr daran!... 8 Ich kehre in mein Zimmer zurück: Herr Lubin hatte ſeine Stellung nicht verändert; er hielt ſein —— 117 Mannſcript in gleicher Höhe mit ſeiner Naſe, ſein Mund war halb offen; ſo wie er mich erblickt ſchreit er:„Das Chaos, Melodrama in fünf Akten, von Lubin, Gelehrter. Erſte Scene: Chor von Winden, die von allen Seiten wehen.“ Und da Herr Lubin die Winde nachahmen will, fängt er an, mir vorzuſingen: „Brrrr... uh... Brrrr... uh...“ „PisssssSS... pis.. 88888...“ Ich halte ihn in dem Augenblick zurück, wo er einen dritten Wind nachzuahmen ſucht. „Herr Lubin, es iſt mir ſehr ärgerlich, daß ich Sie heute nicht länger anhören kann, allein die Dame, die da war, hat ſich ſo eben unwohl befunden, ſie iſt nach Hauſe zurückgegangen und ich muß einen Arzt herbeiholen.“ „— Achl dieſe Dame iſt krank... o alsdann begreife ich... meiner Treu... dies iſt mir eben ſo recht, daß ich heute nicht vorleſe... Ihr Cham⸗ pagner hat mir ein wenig die Augen verwirrt... wenn man ihn nicht mehr gewohnt iſt, obgleich ich ehemals viel trank.— Auf ein andermal, Herr Lubin.— Soll ich Ihnen mein Chaos da laſ⸗ ſen?— Ol dies iſt unnöthig; ein Werk dieſer Art muß von Ihnen ſelbſt geleſen werden, ſonſt würde es zu viel verlieren.— Dies iſt wahr, es iſt ganz von der onomatopoötiſchen Gattung, ah! wenn Sie den Auftritt des Wirbelwinds gehört — hätten..— Verzeihung wenn ich Sie verabſchiede. — Ich werde Ihnen meinen lithographirten Stamm⸗ baum bringen.— Alles, was Sie wollen.“ Und ich ſchiebe ihn ebenſo ſchnell zur Thüre hinaus, als ich ihn hereingebracht habe. Ich werde Sorge tragen, meinem Pförtner und ſeiner Frau aufzugeben, man ſolle den Herrn Lubin nicht mehr zu mir herauflaſſen, denn man befin⸗ det ſich nicht oft in der Lage, in der ich war, und man muß ſich nicht zweimal dem Vorleſen des Chaos ausſetzen. 4 Ich habe meinen Plan; er iſt vielleicht ein wenig grob, allein ich finde keinen andern, und bei Julien darf man, glaube ich, keine halbe Maßregeln in Anwendung bringen; wenn ich überdies bedenke, daß ſie mir verboten hat, Cle⸗ mentinen wieder zu ſehen, ſo verſcheucht dies alle meine Bedenklichkeiten. Ich glaubte, als ich ihren Reizen nachgab, es werde eine jener vorüberge⸗ henden Verbindungen ſein, welche man ebenſo ſchnell vergißt, als man ſie angeknüpft hat; man will mich aber feſtbinden, mich als Sklaven be⸗ handeln! dies ſteht mir durchaus nicht an. Ich ſchreibe ein kleines Brieſchen, das ich ſelbſt auf die Poſt lege. Hierauf erwarte ich die Begebenheiten und wünſche ungeduldig, ſchon am zweitfolgenden Morgen zu ſein. Endlich kommt dieſer Augenblick unſeres Stelldicheins. Es it noch nicht ſieben Uhr, ich bin im Bett; man klin⸗ 119 gelt, es iſt Julie, in einen Mantel gewickelt, un⸗ ter welchen ſie in der Eile ein Kleid angezogen hat, das nur eine einzige Schnur feſthält. In einigen Sekunden iſt ſie neben mir; als ich ſie ſo hübſch, ſo leidenſchaftlich wiederſehe, empfinde ich beinahe Reue über das, was ich gethan habe, der Augenblick zum Nachgeben wäre aber ſchlecht gewählt, und weil dies der letzte iſt, den ich mit Julien zubringen ſoll, ſo wollen wir eben ſo gut endigen, als wir angefangen haben. Es iſt vielleicht eine Stunde, daß ſie ſich bei mir befindet, als wir die Vorthüre meiner Woh⸗ nung aufmachen hören; ich fühle mein Herz be⸗ klommen... es iſt der Augenblick der Kriſis. „Wer kann denn auf dieſe Art zu Dir kom⸗ men? ſagte Julie.— Es iſt meine Pförtnerin, ſie hat meinen Schlüſſel, damit ich mich Morgens nicht erheben darf, um ihr aufzumachen.— Wie früh ſie kommt! ich hoffe ſie tritt nicht hier ein? — O nein!— Nicht, daß ich mich etwas um Deine Pförtnerin bekümmerte, allein es ſcheint mir, daß man uns wohl in Ruhe laſſen kann. Höre doch... ich meine, man ſpreche... man komme näher.“ Man kam in der That näher: bald macht man die Thüre meines Schlafzimmers auf und Adolph tritt ein, indem er ausruft:„Hier bin ich, die Pförtnerin hat zu mir geſagt: O ja! mein Herr, Sie können ihn ſehen, er hat mir befohlen, ich ſolle Sie eintreten laſſen. Ich habe Ihr Billet erhalten und ich komme zu erfahren...“ Er redet nicht weiter: er hat Julie neben mir im Bette erblickt. Als Julie Adolph eintreten ſah, machte ſie eine Bewegung, als wenn ſie ſich unter der Ueberdecke verſtecken wollte, aber bald hierauf Verzicht leiſtend, ließ ſie ihren Kopf auf das Kiſſen zurückſinken, nachdem ſie mir einen Blick zugeworfen hatte, deſſen Ausdruck ich nicht wie⸗ der geben kann.„ „Julie... Julie... bei Ihnen!... murmelte Adolph vor ſich hin, indem er den Kopf auf die Bruſt ſinken ließ. Ach! mein Gott! wenn man es mir geſagt bätte⸗ würde ich es nicht geglaubt haben!“ „Und deßhalb eben habe ich Sie es ſehen laſ⸗ ſen wollen,“ ſagte ich, indem ich alsbald aufſtand und in Eile meinen Schlafrock und Hoſen anzog. „Wiſſen Sie mein Herr, daß der Streich, den Sie mir da ſpielen, ſchändlich iſt!“ ſagte Julie, ſich halb aufrichtend und mich ſtarr anſe⸗ hend, ohne zu großen Zorn. „Sie haben mich dazu gezwungen, Madame, Sie wollten den Herrn heirathen, ich habe ihn keine Dummheit begehen laſſen wollen, die er Zeitlebens bereut hätte.“ „In Wahrheit, Sie ſind allzugütig geweſen! Ob der Herr durch mich oder eine Andere betrogen — 89 121 wird, was liegt daran? er wird es immerhin werden!“ 4 „Zum Beiſpiel! dies iſt ein wenig ſtark!“ 5 ruft Adolph, der anfängt, ſich in Zorn zu ſetzen. „Arthur, ſage mir, daß Du mich liebſt, daß Du mich immer lieben wirſt, ſage mir, daß Du darum nicht ſehen wollteſt, daß ich den Herrn hei⸗ rathete... und ich verzeihe Dir, was Du ſo eben getban haſt.“ „Nein, Madame, ich kann Ihnen dies nicht ſagen, denn ich würde lügen: dies iſt mein Be⸗ weggrund nicht geweſen... ich muß Ihnen ſogar geſtehen, daß ich nie aufgehört habe, die zu lie⸗ ben, welche ich vor Ihnen kannte; auch muß unſre Verbindung abgebrochen werden. Ich verſtehe es nicht, ein Gefühl zu heucheln, das ich nicht em⸗ pfinde: Sie ſind hübſch... ſehr hübſch... es iſt aber keine Liebe, was ich für Sie habe. Ich ziehe vor, freimüthig mit Ihnen zu ſprechen, ich denke überdies, das Sie mich ſehr ſchnell vergeſſen haben werden.“ Während ich ſprach: iſt Julie blaß, grün, zitternd geworden; ihre Züge verzerren ſich, ihre Augenbraunen ziehen ſich zuſammen, ſie ſieht mich nicht mehr an: bald wirft ſie die Bettdecke auf die Seite, ſie ſteht auf, wenig darum bekümmert, daß ſie ſich halb nackt zeigt, ſie kleidet ſich an, ohne ein Wort zu ſprechen. Ihr Zuſtand thut mir weh, ich wage es aber nicht, ſie zu beruhigen; zudem was ihr ſagen?... Troſtworte würden dem Spott gleichen. Ich ſchweige und bleibe in einer Ecke ſitzen. Während dem iſt es Adolph, der mit großen Schritten im Zimmer auf und ab geht, gelun⸗ gen, in Zorn zu gerathen, er tritt auf Julien zu, indem er aus vollem Halſe ſchreit:„Wiſſen Sie wohl, Madame, daß Sie nur eine Metze find!“ ſie antwortet ihm nicht und fährt fort, ſich anzukleiden, ohne daß ſie ihn nur einmal anblickte, ich beeile mich auf Adolph loszugehen. „Ich bitte, keine Beleidigungen! Madame iſt genug beſtraft, zu viel vielleicht.— Mein Herr, ich habe wohl das Recht, Madame zu behandeln, wie ich es ſo eben gethan. Mich ſo betrogen zu haben! ja ich wiederhole es, ſie iſt eine..— Noch einmal, Adolph, ſchweigen Sie, oder gehen Sie fort!— Und was Sie betrifft, mein Herr, der Sie ſich ſo ſehr meinen Freund nannten, und der bei meiner Geliebten ſchläft, ich ſehe bereits gar nicht ein, daß dies ein ſo ſchöner Zug wäre! — Ahl es wäre beſſer geweſen, wenn man es Ihnen nicht geſagt hätte; dies wäre anſtändiger geweſen, nicht wahr?— Es wäre beſſer gewe⸗ ſen, wenn Sie es nicht gethan hätten, und ge⸗ wiß, es geht nicht nur ſo vorbei!— Ah! Sie wollen ſich mit mir ſchlagen, weil ich Sie gehin⸗ dert habe, eine Dummheit zu machen!— Weil Sie mir Madame weggeſchnappt haben!— Ich 1 » 8 123 habe Ihnen nichts weggeſchnappt! wenn Sie übri⸗ gens finden, daß ich Sie beleidigt habe, ſo werde ich Ihnen Genugthuung geben. Allein ich verlange von Ihnen einen Aufſchub von vierzehn Tagen: wenn Sie nach dieſer Zeit noch böſe auf mich ſind, ſo kommen Sie zu mir, ich werde zu Ihren Be⸗ fehlen ſtehen.“ Ich weiß nicht was Adolph zwiſchen den Zäh⸗ nen murmelt; nachdem er aber noch zwei oder dreimal im Zimmer auf und abgegangen war, läuft er plötzlich weg, indem er ſchreit:„Ich, gehe fort; dies wird beſſer ſein!“ Ich laſſe ihn gehen, blicke Julien an; ſie hat ſo eben ihren Anzug beendigt, ſie ſteht aufrecht vor dem Ka⸗ min; ich hoffe ſie werde ebenfalls gehen. Sie kommt aber auf mich zu, ſieht mich ſtarr und bitter lächelnd an. Ihre Augen ſchleudern Flam⸗ men; nicht mehr Liebe, ſondern Zorn und Wuth ſind es, was ſie ausdrücken: „Mein Herr, jetzt iſt an Ihnen die Reihe mich anzuhören! ſagte ſie mir mit einer Stimme, welche ſie ſich bemüht, ruhig erſcheinen zu laſſen. Ich kann nicht auf dieſe Art von Ihnen gehen. Sie ſollen wiſſen, was die Folge Ihres ſchönen Benehmens ſein wird! Sie haben mir die aller⸗ ſchwerſte Beſchimpfung zugefügt, Sie haben ſich gegen mich aufgeführt, wie es kein Troßbube ge⸗ wagt haben würde! Ah! Sie lieben mich nicht... ah! Sie lieben fortwährend Ihre andere Geliebte! und Sie würden untröſtlich ſein, ſie mir zum Opfer zu bringen! Sie haben mit mir ihre Laune befriedigt! vielleicht haben Sie mich aus Güte für würdig gehalten mich in Ihre Arme aufzu⸗ nehmen! doch die Andere allein iſt es, für die Ihr Herz ſchlägt! Niederträchtiger Menſch! daß Sie mir dieſes ſagen! und Sie glauben, ich werde mich nicht rächen? Ah! Ihrer ganzen Feinheit, von der Sie dieſen Morgen einen ſo ſchönen Be⸗ weis gegeben haben, ungeachtet, bin ich doch noch feiner als Sie, mein Herr; ich habe Ihnen nicht die Wahrheit geſagt, als Sie mich über jene Frau befragten. Ja, ohne Zweifel, ich kenne ſie und weiß wer ſie iſt; ich weiß, daß ſie ſich Cle⸗ mentine nennt und die Gattin des Herrn Moncar⸗ ville iſt. Ahl es macht Ihnen Kummer, daß ich das weiß! Es iſt Ihnen gielleicht jetzt Alles leid, was Sie gethan haben! Dies iſt noch nicht Alles, mein Herr; Sie wollten wiſſen, wer der Vater meines Sohnes ſei? nun gut! ſein Vater iſt Herr Moncarville; er verführte mich, machte mich zur Mutter und verließ mich hierauf, nach der Ge⸗ wohnheit ſolcher Herrn! doch war er damals noch nicht verheirathet; hätte er mich nicht weit eher zur Gattin nehmen ſollen, als dieſe Clementine, die ihn betrügt und ihm kein Kind gibt? Mich, von der er einen Sohn, mich, die er verführt hatte, und ich ward nicht ſeine Frau! weil ich nur eine geringe Nätherin war! er mußte ein 125 Fräulein aus gutem Hauſe heirathen, und man begnügte ſich, meinem Sohn zwölfhundert Franken Renten auszuſetzen. Eine ſchöne Sache wahrlich! während ſeine Frau Kaſchemirs und Diamanten dafür hat, daß ſie ihn zum Hahnrei macht! Jetzt wollen wir aber ſehen; unſer Loos wird ſich viel⸗ leicht ändern. Wenn Sie ſie um meinetwillen aufgegeben hätten, würde ich ſie mit ihrem alten Gatten in Ruhe gelaſſen haben. Sie ſtoßen mich ihretwillen zurück, ich werde mich rächen. Ha! Sie wollen fortfahren, dieſe Frau zu ſehen, die ich verabſcheue! Nehmen Sie ſich in Acht. Julie wird auf alle Ihre Handlungen ein wachſames Auge haben! ich werde Sie mit ihr entzweien, ich ſchwöre es; kurz ich werde nicht zufrieden ſein, bis ich ihr Unglück gemacht habe!“ Mit dieſen Worten äntfernt ſie ſich, und ich bin niedergeſchmettert, troſtlos über das was ich gethan, erſchreckt von den Drohungen Juliens. Nicht meinethalben zittere ich! ſie kann aber Cle⸗ mentinen verderben. O! man braucht Beweiſe... ſie hat keine... allein ein Gatte, der ſchon eifer⸗ ſüchtig iſt, wird, bei der geringſten Nachricht, ſeine Frau mehr, als je beaufſichtigen! Ich muß einige, ſogar lange Zeit hindurch den An⸗ blick Clementinens entbehren, dies iſt unumgäng⸗ lich nothwendig, es handelt ſich um ihre Ruhe, ihren Ruf. Wie ſie aber in Kenntniß ſetzen, da⸗ mit ſie mich nicht beſuche? Ich kann ihr nicht 126 ſchreiben... und ſie wird glauben, ich bediene mich eines Vorwandes, weil ich ſie weniger ſehen wolle, weil ich aufgehört habe, ſie zu lieben; mein Gott! wie alſo es machen? Ach! warum habe ich den Reizen dieſer Frau nachgegeben! Man hat wohl Recht, wenn man ſagt: ein zar⸗ tes Verhältniß führt weiter, als man es glaubt! Ich habe indeß oft zarte Verhältniſſe eingegangen, und ſie führten mich nie ſehr weit. Wer hätte aber auch daran gedacht, daß dieſer kleine Oskar der Sohn des Herrn Moncarville ſei? Armes Kind! er läßt ſeine Mutter mit den zwölfhundert Franken, die ſie für ihn einnimmt, leben, und ſie kauft ihm nicht einmal ein Paar Hoſen! Ich bringe meinen Tag unruhig, qualvoll zu, da ich nicht weiß, wie ich Clementinen benach⸗ richtigen ſoll, und doch entſchloſſen bin, lieber ihren Beſuch zu entbehren, als ſie der Rache Ju⸗ liens auszuſetzen. Endlich kommt eine Erinnerung in mein Gedächtniß: morgen iſt Abendgeſellſchaft bei Herrn von Reveillere, er iſt ein alter Edel⸗ mann, der unter Napoleon Stellen angenommen und das Geſchick hatte, ein koloſſales Vermögen zuſammenzuhäufen, indem er der Freund aller Regierungen wurde; ſeine Cirkel ſind glänzend, zuweilen zu zahlreich. Herr von Reveillére, der mit Jedermann auf gutem Fuße ſtehen wollte, empfängt ohne Unterſchied betittelte Leute und Emporkömmlinge, Künſtler und Kapitaliſten, mit 127 ein wenig Beharrlichkeit und einem Anzug nach der Mode iſt es ſehr leicht, zu ſeinen Abendge⸗ ſellſchaften zugelaſſen zu werden. Seit langer Zeit bin ich nicht mehr dorthin gegangen, weil ich wußte, daß man meinen Va⸗ ter, der ehemals mit Herrn von Reveillere in Verbindung ſtand, zuweilen in ſeinen Cirkeln ge⸗ ſehen hatte, und ich vermeide es, ſo viel als möglich, mit ihm zuſammenzutreffen. Ich glaube aber nicht, daß mein Vater in Paris iſt, und ich weiß, daß Moncarville und ſeine Frau oft in dieſe Cirkel gehen: dies iſt der einzige Ort, wo ich ſte zu finden hoffen kann. Ich werde hingehen, ſie von den Gefahren, die uns bedrohen, in Kennt⸗ niß zu ſetzen; auf jeden Fall werde ich einen Brief in meiner Taſche haben und ſchon Gelegen⸗ heit finden, ihr denſelben zuzuſchieben. Dies iſt abgemacht; ich werde morgen in dieſe zahlreiche Verſammlung gehen, wo ich ſeit einem Jahre nicht erſchienen bin. Bis dahin, hoffe ich, wird Clementine nicht zu mir kommen. So weit iſt es mit mir, daß ich wünſchen muß, ſie möchte nicht kommen! Ach! Julie, Sie ſind ſchon gerächt! 8 ſffffffffſnnſſnſn 10 11 12 13 14 15 16 17 18