d— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rieub⸗ der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— 3 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7„„— II—„ 11— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Tunn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——--— —— Täuſchungen. Novelle von der Verfaſſerin der Frauen, der Freunde u. ſ. w. Aus dem Schwediſchen uͤberſetzt von C. Eichel. Auch wachend träume ich zuweilen. 8 Geijer. Zweiter Theil. Teipzig, 1839. Bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Täuſchnungen. Zweiter Theil. 1I. 1 2⸗* Wochen und Monate verfloſſen auf dieſe Weiſe. Ich war beſtaͤndig wie berauſcht von den Ver⸗ gnuͤgungen, die mich umgaben, und nur fuͤr Dich, liebe Großmutter, hatte ich Erinnerungen und Gedanken. Alles Andere ging in meiner Liebe unter. Ich fuͤhlte, daß ich unendlich lieb⸗ te; ich glaubte zu fuͤhlen, daß Otto daſſelbe Gefuͤhl gegen mich hegte, und dieß war mir genug. Geſchah es zuweilen, daß ſich meine Gedanken auf die Zukunft richteten, ſo wan⸗ derte ich in dem großen Luſtgarten meiner Phan⸗ taſie ſtets an Otto's Seite. Ich ſah dieß fuͤr etwas ſo Sicheres, ſo Beſtimmtes an, daß ich es nicht der Muͤhe fuͤr werth hielt, daruͤber zu ſprechen. Auch Otto ſprach nicht daruͤber! Die wenigen Stunden, die wir fuͤr uns hatten, 1* 4 reichten ſelten zu einer ruhigen, vernuͤnftigen Unterredung hin, ſondern wurde in Entzuͤcken von beiden Seiten oder auch mit kleinen Zwi⸗ ſten, Mißverſtaͤndniſſen und Mißdeutungen, die erklaͤrt, ausgeglichen oder beſeitigt werden ſoll⸗ ten, zugebracht. Otto war im hoͤchſten Grade eiferſuͤhchig, ich dagegen nicht im Mindeſten. Er traute mir nie, waͤhrend ich ihm wie einem Gott vertraute. Der Kammerjunker von P**, ein kleiner engliſcher Lord Namens D*r, der ſeine vour de*Europe mit ſeinem Hofmei⸗ ſter machte, ein Lieutenant vom erſten und ein anderer vom zweiten Garderegiment belagerten mich fortwaͤhrend, und Otto ſah nicht einen von ihnen, ſondern alle ſchief an. Edward H** war ihm ein beſtaͤndiger Dorn im Auge, obwohl ich ihn in Otto's Gegenwart faſt ver⸗ mied. Edward ſelbſt ſchien dieß auch zu be⸗ merken, denn in Otto's Anweſenheit addreſ⸗ firte er ſich nur ſelten an mich, außerdem ſehr oft. Doch hielt er ſich ſtets bei gewoͤhnlichen Unterhaltungsgegenſtaͤnden auf, aber er gab die⸗ ſen oft einen Anſtrich von Leidenſchaft, die er wohl zu verbergen ſuchte, die aber einem ſchlauen, 5 durchdringenden weiblichen Blick unmoͤglich ver⸗ borgen bleiben konnte. Pauline gewann mit jedem Tage mehr Macht uͤber mich, theils durch ihre Ironie, theils durch ihren originellen Witz, der mich unendlich er⸗ goͤtzte, theils durch ihre augenblickliche Artigkeit und Freundlichkeit, die ich fuͤr ein Zeichen von Zuneigung und ſpaͤt erwachter Freundſchaft hielt. Zu meiner Beſchaͤmung muß ich beken⸗ nen, daß ich mir jetzt nur ſelten Zeit nahm, an Meliden zu denken. Ich ſah ſie auch nur ſelten, denn waͤhrend des eigentlichen Winter⸗ carnevals war ſie bei weitem nicht ſo oft mit der Generalin und Emilien in Geſellſchaft, als waͤhrend des Herbſtes, und je mehr ich mich Paulinen naͤherte, deſto verſchloſſener und un⸗ zugaͤnglicher wurde Melide gegen mich. Auch trugen einzelne Worte, die Pauline dann und wann uͤber Melida's Eigenſinn, verſchloſſenen Character und Kaltſinn gegen Alles, was au⸗ ßer ihr ſelbſt lag, hinwarf, nicht wenig zu der Kuͤhle bei, die zwiſchen uns zu herrſchen an⸗ fing. Ich glaubte, Pauline muͤßte daruͤber am beſten urtheilen koͤnnen, da ſie mit Meliden 6 zuſammen erzogen worden war. Außerdem hat⸗ te ich— aufrichtig zu geſtehen— ſo Viel in meinem armen Kopf, daß außer Otto nichts darin einen dauernden Platz behielt, weder im Kopfe, noch im Herzen. 1 Es war ein ewiger Gegenſtand des Strei⸗ tes zwiſchen mir und Otto, daß ich ihm un⸗ geachtet aller ſeiner Bitten, Drohungen, Ver⸗ ſprechungen und Verſuche nie erlaubte, in mein Zimmer zu kommen. Ich hatte mir's zum hei⸗ ligen Geſetz gemacht und— wie oft ich auch nahe daran war, meinen Vorſatz zu brechen— ſtets blieb ich ihm treu. Ich hatte mein neu⸗ es Kammermaͤdchen Mina daran gewoͤhnt, daß ſie— gleich wie ich ſtets den Riegel vorſchob, ſobald ſie in mein Zimmer getreten war,— allemal ſogleich die Thuͤr verſchloß, wenn ſie es wieder verließ. Otto wußte daher recht gut, daß jeder Verſuch zum Eindringen verge⸗ bens war; deshalb hoͤrte er endlich auf, jeden Abend an meiner Thuͤr zu ruͤtteln, aber er bat mich um ſo flehentlicher um Einlaß, je hartnaͤckiger ich ihm denſelben verweigerte. Er ſchuͤtzte ſtets vor, daß er mir tauſenderlei Dinge — 7 zu ſagen haͤtte, die er in den kurzen Diebes⸗ ſtunden— wie er unſere einſamen, heimlichen Zuſammenkuͤnfte immer nannte— weder anfan⸗ gen noch beendigen koͤnnte. Ich ſagte ihm des⸗ halb einmal, theils um ihm einigen Erſatz fuͤr das zu geben, was ich ihm verweigerte, theils weil ich wirklich die Ueberzeugung hegte, daß in unſerm Verhaͤltniſſe darin nur ein ſehr geringes Unrecht liege:—„Nimm doch zu Feder und Papier Deine Zuflucht!“— Aber da zuckte er mit den Achſeln, ſchuͤttelte den Kopf, ſeufzte tief und ſprach:—„Rein, das waͤre zu viel!— Das wollen wir doch nicht wagen!“— Er war jetzt oft in der finſterſten Laune, nannte ſich einen Unmenſchen, einen Ungluͤcklichen und wenn ich ihn nach der Urſache fragte, erwiederte er, wie aus einem Traume erwachend:—„Ja, ſieh, Du ſollteſt Alles klar und offen erfahren, wenn ich ungeſtoͤrt und ohne dieſe verdammte Furcht und Unruhe an Deiner Seite ſitzen und an Dich gelehnt Dir alle meine Sorgen, all mein grenzenloſes Elend vertrauen koͤnnte!“— Da, liebe Großmutter, war ich oft nahe dar⸗ an, meiner grenzenloſen eignen Reigung nach⸗ 8 zugeben, und wahrſcheinlich wuͤrde ich ſeinen Bitten, die immer dringender und uͤberzeugender wurden, nicht lange mehr widerſtanden haben. Er verſprach mir heilig und mit ſeinem Ehren⸗ worte, ſich dann gaͤnzlich meinen Wuͤnſchen zu fuͤgen. Ich widerſtand zwar noch immer; aber Gott weiß, wie lange mein Widerſtand noch gedauert haͤtte, wenn nicht ein neues, ganz un⸗ erwartetes Ereigniß dazwiſchen getreten waͤre und eine Kette von Kuͤmmerniſſen und Wider⸗ waͤrtigkeiten begonnen haͤtte, die mir das Schick⸗ ſal waͤhrend meiner kurzen, ſchoͤnen Jubelzeit allmaͤhlig zubereitet hatte. Wir waren eines Abends bei der Generalin geweſen. Der Abend war ungewoͤhnlich lang⸗ weilig. Melida war abweſend, Pauline hatte mich mit ihren Anſpielungen auf Jemanden, den ſie nicht nennen wollte, mit dem ſie aber — wie ich immer fuͤrchtete— Otto meinte, mehr als gewoͤhnlich gequaͤlt. Ich zitterte— ohne zu wiſſen warum— und ein kalter Schau⸗ er überlief mich bei dem bloßen Gedanken, daß Pauline Beſitzerin eines Geheimniſſes ſein ſollte, das ich fruͤher— ungeachtet meiner großen 9 Neigung dazu— nicht einmal Meliden anver⸗ traut hatte. Otto hatte ſich an dieſem Abend nur eine kurze Stunde bei der Generalin auf⸗ gehalten und nach der Entfernung kamen mir alle Uebrigen doppelt langweilig vor. Edward bemerkte meine Verſtimmung, fragte mich nach der Urſache derſelben und als ich ihm ein we⸗ nig muͤrriſch antwortete, verbeugte er ſich und ging. Kurz, dieſer Abend war ein paſſendes Vorſpiel zu der Zeit, die nun kommen ſollte. Zu allem Ungluͤck war ich mit meinem Anzuge noch nicht in Ordnung und konnte meine Sa⸗ chen nicht ſogleich finden, als wir ſpaͤt am Abend nach Hauſe fahren wollten, und die Tan⸗ te, die an dieſem Tage ſehr heftige Migraine hatte,(obwohl ſie durch dieſelbe nicht verhin⸗ dert worden war, die Geſellſchaft zu beſuchen) ſagte mir daruͤber eine Malice uͤber die andre. Waͤhrend ihrer uͤbeln Laune auf dem Ruͤckwe⸗ ge entfielen ihr auch mehrere Aeußerungen, die meine Eigenliebe und meinen Glauben an das Wohlwollen meiner Umgebungen ſehr verletzten. Sie ſprach davon, wie eingebildet es ſei, zu glauben, daß man Allen gefiele, und verſicherte 10 mir, daß ſich Mehrere faͤnden, die nicht im Ge⸗ ringſten an mich daͤchten und mich kaum bemerkten, wie vielerlei Schlingen ich denſelben auch zu legen ſuchte. Dieß Alles aber ſprach ſie nicht etwa offen und gerade aus, ſo daß ich mich dagegen haͤtte vertheidigen koͤnnen, ſondern unter ver⸗ ſchiednen Verſchleierungen und ſo zweideutig, daß ich nichts darauf antworten konnte, ſondern mich ſtellen mußte, als ob ich es nicht auf mich bezoͤge, obwohl ich ſchlau genug war, zu mer⸗ ken, auf wen die Worte der Tante eigentlich zielten. Ob ſie jedoch mit den Mehreren Edward oder Otto, oder Beide meinte, daruͤber ward ich nicht recht klug. Verſtimmt und niedergeſchlagen kam ich auf mein Zimmer und als Mina mir beim Ausklei⸗ den half, ſagte ſie:—„Ach, ich beſinne mich, ich habe einen Brief fuͤr das Fraͤulein, den ich vergeſſen habe mit heraufzubringen.“— „Wer gab ihn Dir?“— fragte ich mit ei⸗ nem Herzen, welches vor Freude daruͤber klopfte, daß Otto endlich dieſen Ausweg ergriffen hatte, und daß ich nun endlich erfahren ſollte, was ich ſchon ſo unendlich lange zu wiſſen gewuͤnſcht 11 hatte, ohne das Geluͤbde zu brechen, welches ich Dir, gute Großmutter, in meinen Gedanken gegeben und wozu ich den Himmel als Zeugen angerufen hatte. Nach Mina's Verſicherung war ihr der Brief von einem kleinen, duͤrftig gekleideten Knaben uͤbergeben worden. Es ſchien mir zwar moͤglich, daß Otto dieſes Mittel an⸗ gewendet haben koͤnnte, um den Brief in mei⸗ ne Haͤnde zu bringen, doch gruͤbelte ich nicht lange daruͤber, ſondern bat Mina, den Brief zu holen, indem ich keinen Augenblick zwei⸗ felte, daß er von ihm ſci. Waͤhrend Mina's Außenbleiben war ich in der ſuͤßeſten Unruhe und Erwartung. Aber wer kann mein Erſtau⸗ nen ſchildern, als ich einen kleinen, ſchmutzigen, groben, zuſammengeſchlagnen Papierſtreifen er⸗ halte, ſchlecht verſiegelt, mit Siegellack be⸗ troͤpfelt, mit einem Stuͤver petſchirt und an mich— in einem horribeln Stile— addreſſirt. Erſtaunt und herabgeſtimmt erbreche ich den Brief und leſe ihn. r war von der armen Marie, die mich in den beweglichſten und de⸗ muͤthigſten Ausdruͤcken bat, um Gottes Willen zu ihr zu kommen, wenn auch nur auf wenige ———— —— 12 Augenblicke. Sie ſchrieb mir, daß ſie krank und huͤlflos ſei und Niemanden in der Welt habe, an den ſie ſich wenden koͤnnte, als an mich;—„denn Sie waren ſtets guͤtig gegen mich in meinem Elend,“— ſchloß ſie. Ihre Woh⸗ nung hatte ſie genau aufgeſchrieben, ſie war in einem Hauſe in der Weſtlangſtraße, vier Treppen hoch.—„Arme Maria!“— ſprach ich leiſe fuͤr mich hin, denn ſie hatte mich vor allen Dingen gebeten, nicht das Mindeſte uͤber ſie oder ihren jetzigen Aufenthalt gegen Jemanden im Hauſe zu erwaͤhnen. Ich legte mich niedergeſchlagen und traurig nieder und — da ich weder Liebe noch Vertrauen zur Tan⸗ te hatte— ſo hielt ich es keineswegs fuͤr un⸗ recht, ihr den Entſchluß zu verbergen, den ich gefaßt hatte: am folgenden Morgen naͤmlich die arme Marie außzuſuchen und ihr zu helfen, inſoweit ich vermochte. Daß die Tante dieſen Entſchluß nicht gut heißen wuͤrde, konnte ich daraus ſchließen, weil ſie, als ich einmal durch Zufal auf Marien zu ſprechen kam, mit unge⸗ woͤhnlicher Heftigkeit rief:„Sei ſo gut, und ſprich in meiner Gegenwart nicht von dem fa⸗ 2 13 talen Geſchoͤpf!“— Die Urſache dieſer Aeuße⸗ rung ſuchte ich damals in einer Klaͤtſcherei An⸗ nettens und kuͤmmerte mich nicht weiter darum. Daß Otto bei dieſem Vorfall gegenwaͤrtig war, ploͤtzlich von ſeinem Sitze aufſtand und das Zimmer verließ, fiel mir erſt lange nachher ein. Am andern Morgen war das Wetter unge⸗ woͤhnlich ſchoͤn. Die Straßen waren trocken. Ich bat daher die Tante um Erlaubniß, einiger kleinen Einkaͤufe halber auszugehen. Einer der Bedienten erhielt Befehl, mich wie gewoͤhnlich zu begleiten, und mit dem groͤßten Theil mei⸗ nes baaren Vermoͤgens machte ich mich auf den Weg. Als ich an das Haus kam, in wel⸗ chem Marie nach ihrer Angabe wohnte, hieß ich den Bedienten unten warten, bis ich von einer Naͤhmamſell, die ich aufſuchen wolle, wie⸗ der zuruͤckkaͤme. Furchtſam und ſchuͤchtern wag⸗ te ich mich nun allein in dieſes dunkle unheim⸗ liche Neſt; ſchon im zweiten Stock begegnete ich jedoch einer alten F u, die mich bis ins vierte Stock brachte, und als ich endlich an die mir bezeichnete Thuͤr klopfte, rief mir eine ſchwache Stimme von innen zu, daß der Schluͤſ⸗ 14 ſel gleich an der Thuͤr laͤge. Im Dunkeln ſuchte ich nun den Schluͤſſel und oͤffnete die Thuͤr. Aber wer kann ſich mein Erſtaunen uͤber den Anblick denken, der mir beim Eintritt in dieſes elende Gemach begegnete und den ich— albern und unerfahren genug— nicht geahnt hatte. Oft ſpaͤter wunderte ich mich, daß ich nie auf dieſen Gedanken gefallen war. Marie lag bleich und verfallen auf einem duͤrftigen Bett und neben ihr ein kleines Kind, welches trotz der großen Kaͤlte, die in dieſem duͤſtern, elenden Aufenthalt herrſchte, nur in einige duͤnne Hals⸗ tuͤcher eingewickelt war. Ich war ſtumm vor Beſorgniß und trauriger Ueberraſchung. „Mein Gott, arme Marie!“— rief ich end⸗ lich.„Was machſt Du denn?— Was haſt Du denn da fuͤr ein kleines Kind?— Wem gehoͤrt es denn?“— Meine Frage war wahrhaftig nicht aus gierde gethan, denn es fiel mir nicht im errſärn⸗ teſten ein, daß das Kind Marien zugehoͤren koͤnnte; ſondern vor meiner Phantaſie ſpukten ſogleich verworrene Geſchichten von Findelkin⸗ dern und dergleichen. Marie ſtreckte ihren Arm 3 — — nach mir aus, nahm meine Hand, druͤckte ſie an ihren Mund und uͤberſtroͤmte ſie mit Thraͤ⸗ nen und Kuͤſſen. „Ach, mein gutes, gnaͤdiges Fraͤulein!“— ſeufzte ſie.—„Sie werden es wohl wiſſen, die gnaͤdige Graͤfin wird Ihnen wohl geſagt haben“———— „Die Graͤfin?“— erwiederte ich ganz er⸗ ſtaunt.—„Nein, die hat mir nicht das Ge⸗ ringſte geſagt!— Sprich daher, liebe Marie, wem gehoͤrt dieß kleine Kind?“— Damit meinte ich eigentlich, wer ſeine Mut⸗ ter ſei; allein ſi ſe nahm meine Frage in einem andern Sinne und antwortete mit dem Erroͤ⸗ then der Schaam auf ihren bleichen, eingefall⸗ nen Wangen: „Liebes Fraͤulein, ſehen Sie nur das Kind an, ſo werden Sie nicht mehr fragen, wem es gehoͤrt!— Und nun wendete ſie das wunderſchäͤne, ſchlummernde Kind nach mir hin. Und nun, Großmutter! Nun ging auf einmal ein entſetz⸗ liches, fuͤrchterliches Licht in meiner Seele auf! Aber vor meinen Augen ward es nachtſchwarz, 16 ich verlor die Beſinnung auf mehrere Augen⸗ blicke und ſank in den alten Lehnſtuhl zuruͤck, auf welchem ich ſaß. Der Bettvorhang verbarg mich vor Mariens Blicken und nach kurzer Zeit begann das Blut wieder durch meine Adern zu ſtroͤmen und ich aus meiner Ohnmacht zu er⸗ wachen; aber— o Gott!— zu welchen Ge⸗ danken, zu welchem Bewußtſein! Lange ſaß ich ſchweigend da, bevor ich einen einzigen geord⸗ neten Gedanken zu faſſen vermochte. Ich konn⸗ te nicht in Worten ausſprechen— nicht ein⸗ mal vor mir ſelbſt— was ich nun wußte. Nach langem Schweigen begann endlich Ma⸗ rie:—(denn ich war nicht im Stande die Lip⸗ pen zu bewegen)—* „Ach, mein gutes, liebes, gnaͤdiges Fraͤu⸗ lein„verdammen Sie mich nicht! Er war un⸗ widerſtehlich fuͤr mich armes, unerfahrnes Ding, als ich vor'm Jahre vom Lande herein kam. O, mein Gott! und wie gut war er ge⸗ gen mich. Und wie feſt verſprach er mir, fuͤr mich zu ſorgen und fuͤr— das arme Kind! Als er aber abgereiſt war, fingen meine Kame⸗ radinnen an uͤber mich zu munkeln und ſo er⸗ 4 17 lauerte die boshafte Annette endlich die Wahr⸗ heit von mir und brachte der Graͤfin ſogleich die Nachricht davon. Die Graͤfin ward ſo bo⸗ ſe, ſo entſetzlich boͤſe daruͤber und wollte mich auf der Stelle ins Spinnhaus bringen laſſen — ja, ſo ſagte ſie— aber indem kam der gnaͤ⸗ dige Graf dazu, fragte, was es ſgaͤbe, und ſprach dann lange franzoͤſiſch mit der Graͤfin, worauf ſie mir einige Thaler gaben mit dem ausdruͤcklichen Befehl, mich auf der Stelle nach Hauſe zu meiner Mutter zu begeben, wel⸗ che zwanzig Meilen von hier wohnt. Aber mein gnädiges Fraͤulein, das war mir nicht moͤg⸗ lich!— Wie ein ehrbares, anſtaͤndiges Maͤd⸗ chen hatte ich meine Mutter vorm Jahre ver⸗ laſſen und ſollte nun ſo wieder nach Hauſe kommen?— Als es Abend geworden war, kehrte ich um und ging nach der Stadt zuruͤck, obgleich ich daſelbſt keine menſchliche Seele kannte, denn ich hatte nur draußen in Schoͤn⸗ wik gedient. Endlich gluͤckte es mir, dieſes elende Reſt zu finden; aber vor Kummer und Gram erkrankte ich und habe nun, ſeitdem ich hier wohne, dieſes Lager nicht verlaſſen. Waͤh⸗ 11. 2 2 18 rend dieſer Zeit“— fuhr ſie leiſe und verſchaͤmt fort—„wurde dieſes Maͤdchen geboren. Es iſt nun uͤber zwei Monate alt und ich habe keinen Schilling mehr. An eine Madam, die hier im Hauſe wohnt, habe ich alle meine Kleider verkauft, und nun habe ich gar nichts mehr!“— „Iſt Dein Kind ſchon getauft?“— waren die erſten Worte, die ich uͤber meine zitternden Lippen zu bringen vermochte. „Ei ja wohl!“— ſagte ſie.—„Es heißt — verzeihen Sie, gutes Fraͤulein— ſie heißt —— Ottilie!“— Ich zitterte an allen Gliedern.—„Weiß er“——— begann ich; aber die Worte er⸗ ſtarben mir auf der Zunge. „Ach nein!“— rief ſie laut weinend.— „Er weiß gewiß nicht, wie ungluͤcklich ich jetzt bin. Sie haben ihm wahrſcheinlich geſagt, daß ich bei meiner Mutter waͤre,— wenn er zuruͤck⸗ gekommen iſt— und nach mir gefragt hat,“— ſetzte ſie leiſe ſeufzend hinzu.—„Ach, er weinte ſo ſehr am letzten Abend,— er bat mich und den lieben Gott um Vergebung und verſprach 19 mir viele tauſendmal, daß ich— oder— oder mein Kind nie Noth leiden ſollte.“— Leiſe nahm ich nun das Kind und zog mich hinter die Bettgardine zuruͤck, um es ungeſtoͤrt betrachten zu koͤnnen. Gott, liebe Großmutter, wie viele Thraͤnen und Kuͤſſe widmete ich dem kleinen Engel! Da Marie noch ſo ſchwach war, ſich in ſo aͤrmlichen Umſtaͤnden befand und na⸗ mentlich keine Kleidungsſtuͤcken hatte, ſo hatte das Kind gewiß nicht die beſte Pflege. Auf einmal kam unerwartet Kraft, Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit uͤber mich. Ich ging an die Thuͤr und verriegelte dieſelbe, legte meinen ſeidnen Pelz und meinen Hut ab, machte Feuer in den kleinen Kachelofen und— ungeachtet aller Ein⸗ wendungen Mariens— wuſch und putzte ich das kleine ſuͤße Kind, daß mich in ſeiner Ein⸗ falt wie ein Engel anlaͤchelte, bis es rein und fein wie ein kleiner Engel ausſah. Dann nahm ich meine beiden Unterkleider und eine Scheere, und aus dem Flanellunterkleide wurden zwei „Naͤntelchen, aus dem andern von engliſchem Perkal zwei Stuͤcken zugeſchnitten, in deren ei⸗ nes ich das Kleine bettete, waͤhrend ich es mit 9* 20 dem andern ſſammt meinem, dichten warmen Schwal zudeckte. Ach, Großmutter, was iſt doch das Men⸗ ſchenherz fuͤr ein Labyrinth!— Kannſt Du Dir denken, daß ich ganz heiter wurde, als ich da⸗ mit fertig war?— dann warf ich meinen Pelz wieder um, eilte hinunter ins Haus, wo ein Baͤcker wohnte, der auch ein Milchmagazin hielt, kaufte Semmel und eine Flaſche ſüße Milch fuͤr Marien, gab ihr ſaͤmmtliche Baar⸗ ſchaft, die ich bei mir hatte, und verſprach ihr Alles, was ſie noch brauchte und was in mei⸗ nen Kraͤften ſtand, ſo bald als moͤglich zu ver⸗ ſchaffen. Sie dankte mir unter Thraͤnen; aber ich bemerkte gleichwohl, daß ſie noch eine Bit⸗ te auf dem Herzen hatte, obgleich ſie ſich da⸗ mit nicht herauszutrauen ſchien. Als ich end⸗ lich nicht laͤnger bleiben konnte und mich zum Fortgehen anſchickte, trat ſie mit ihrem Anliegen hervor, daß in nichts Anderem beſtand, als daß ich— ich, liebe Großmutter— heimlich mit ihm von Marien, von ihrer ungluͤcklichen Lage und ihrem jetzigen Aufenthalte ſprechen ſollte. 21 „Nein, Marie, alles Andere, aber das kann ich nicht!“— war meine erſte Antwort. Aber in demſelben Augenblicke dachte ich da⸗ ran, wie grauſam, wie unmenſchlich es waͤre, ihr die einzige Stuͤtze, den einzigen Troſt, den ſie in der Welt hatte, zu rauben und dem lieb⸗ lichen Kinde einen Blick, eine Liebkoſung von ——— Gott, ich vermochte dieſen Gedanken nicht auszudenken! Marie weinte laut uͤber meine harte Ant⸗ wort. „Marie,“— ſagte ich—„ſchreib lieber ſelbſt an ihn! Ich will— ich will verſuchen — ich will Dir verſprechen, ihm den Brief in die Haͤnde zu bringen, jedoch ſo, daß er meinen Antheil daran durchaus nicht merkt. Aber verſprich mir dagegen, Marie, gegen Niemanden, auch gegen ihn— Du weißt wohl, wen— nicht davon zu ſprechen, daß ich hier geweſen bin! Hoͤrſt Du, liebe Marie?“— Erfreut antwortete ſie mir, daß nie ein Wort „von des Fraͤuleins Guͤte“ uͤber ihre dippen kommen ſollte, dankte mir mit Thraͤnen und 22 bat mich dann um ein Blatt Papier, ein ſchlech⸗ tes Tintenfaß und eine faſt unbrauchbare Feder, welches ſich auf dem Tiſche befand. Aber vor heftiger Bewegung und Mattigkeit war ſie nicht im Stande ein einziges Wort zu ſchreiben, da⸗ her ſchrieb ich mit verſtellter Hand ihre Addreſſe und eine kurze Bitte um Beiſtand, die ſie ſelbſt mir dictirte. Dieß war mein erſtes Schreiben an ihn! Und ich darf wohl behaupten, daß Niemand zu faſſen vermag, was ich in dieſem Augenblicke fuͤhlte— und litt. Als der Brief geſchrieben und geſiegelt war, nahm ich denſelben und verließ Marien. Aber mit welchen Gefuͤhlen, daran will ich nicht denken, noch weniger will ich ſie Dir zu be⸗ ſchreiben verſuchen, liebe Großmutter! In dem dunkeln Flur des Hauſes ſtand ich lange gegen die kalte Mauer gelehnt und dach⸗ te daruͤber nach, wie ich dieſen Brief, der mei⸗ ne ganze Seligkeit mordete, in Otto's Haͤnde bringen ſollte. Ploͤtzlich kam mir ein Einfall, wie ich den Brief wenigſtens los werden konn⸗ te. In meinem Ridicuͤl hatte ich zwar keinen 23 Schilling mehr, aber zu allem Gluͤck einen— Caramel. „Hoͤre!“— ſprach ich zu einem Jungen, der im Hauſe ſtand.—„Hier haſt Du einen Caramel, aber geh und gieb dieſen Brief dem Bedienten, der dort an der Thuͤre ſteht!“— Sobald ich durch die offne Thuͤre ſah, daß der Junge dem Bedienten der Tante den Brief uͤbergeben hatte, ging ich hinaus, bevor er den Jungen noch fragen konnte, wer ihm den Brief gegeben habe. Indem ich dem Bedien⸗ ten zurief:„Komm ſchnell! Es iſt ſchon ſpaͤt, wir muſſen machen, daß wir nach Hauſe kom⸗ men!“— eilte ich fort. Nun war ich zwar den Brief los und hat⸗ te die Gewißheit, daß er in Otto's, Haͤnde kommen wuͤrde. Aber ich, ich litt noch immer an dem unendlichen Schmerz, der an dieſem Vormittage in meine Seele gedrungen war. Ich hatte eine unbeſchreibliche Furcht auf meinem Ruͤckwege— ihm zu begegnen, deſſen Namen ich nun ſo wenig als moͤglich nennen will. Ich lief mehr, als ich ging, und als wir nach Hauſe kamen, eilte ich ſogleich in mein Zimmer, warf 24 mich faſſungslos auf mein Bett und brach in einen Strom von bittern, heißen Thraͤnen aus. Mir war nun Alles voruͤber! Unwillkuͤhrlich trat mirs nun vor die Seele, daß es dieß geweſen war, was Ottonn ſo ſehr beunruhigt hatte, dieß, was er mir mittheilen wollte, dieß, was uns trennte. Ich war zu unerfah⸗ ren und— wenn ich offen ſprechen ſoll— zu reinherzig, um daran zu denken, daß dieſes Ereigniß zwar ſchrecklich und aͤußerſt ſchmerz⸗ haft, aber doch nicht— ohne Abhuͤlfe waͤre. Ich nahm mir vor, unter irgend einem Vor⸗ wande nicht zur Mittagstafel hinunter zu ge⸗ hen; aber ich brauchte wahrlich keine Krankheit vorzuſchuͤtzen, denn ich war wirklich krank. Mein Pelz war ſehr leicht, der Tag— obwohl ſchoͤn— ſehr kalt, und ich hatte ſo gut wie gar keine warmen Kleider an, als ich meine beiden Unterkleider und den Shawl bei Mari⸗ en zuruͤckließ. Eben ſo erhitzt, als ich oben in Mariens Stube geweſen war, eben ſo durch⸗ froren war ich auf dem Nachhauſewege, obwohl ich vor geiſtiger Aufregung und vor Kummer 29 Fiebermixtur, ſehr ſchoͤn anzuſehen, aber ekel⸗ haft und haͤßlich von Geſchmack, vor meinem Bette ſtehen. Nachmittags kam die Tante her⸗ auf, bedauerte mich zwar wegen meiner Krank⸗ heit, hielt mir aber gleich darauf eine lange Rede daruͤber, wie uͤbel man thue, ſich unnoͤ⸗ thiger Weiſe zu erkaͤlten und wie noth⸗ wendig es ſei, daß ich bis zum Freitag wie⸗ der geſund ſein muͤſſe, weil wir an dieſem Ta⸗ ge ein großes Souper haben wuͤrden, zu wel⸗ chem Frau von Stael, mehrere Perſonen vom Hofe und das ganze corps diplomatique bereits eingeladen waͤren. Hierauf hielt ſie eine fluͤch⸗ tige Revue uͤber mein Zimmer— denn meines Wiſſens war ſie noch nie in demſelben geweſen, ſo lange ich es bewohnte— erzaͤhlte mir dann Einiges uͤber das Souper bei der Graͤfin W** und entfernte ſich wieder. Ich athmete leichter nach ihrer Entfernung; denn ſeit ich nun ihre Haͤrte gegen die arme Marie wußte, fuͤhlte ich einen gewiſſen Abſcheu gegen ſie, und der Onkel hatte durch ſeine ſtren⸗ ge Mitwirkung dabei eben ſo wenig in meinen Augen gewonnen. Gegen Abend kam der Letz⸗ 30 tere ebenfalls zu mir, war ungemein freundlich und zart, bezeugte mir ſeinen Kummer daruͤber, daß mir nun das Ries'ſche Concert verloren ging, daß fuͤr dieſen Abend angekuͤndigt war und auf das ich mich ſchon lange vorher ge⸗ freut hatte, und betheuerte mir, daß er ſelbſt gern meine Schmerzen auf ſich nehmen wollte u. ſ. w. Aber alle dieſe Artigkeiten hatten jetzt ihren Reiz fuͤr mich verloren. So verging der Tag. Ich war in der That ſo krank, daß ich zuweilen alles Andere uͤber meine koͤrperlichen Schmerzen vergaß, und dann weinte ich bitterlich daruͤber, daß ich nicht bei Dir war, liebe Großmutter, daß ich nicht Dei⸗ ne zaͤrtliche Pflege genoß, ſondern einſam und mir ſelbſt uͤberlaſſen dalag. Meine Bitterkeit gegen Otto nahm zugleich mit meinen Schmer⸗ zen zu und als er an demſelben Tage nochmals an meiner Thuͤre fragte, wie ich mich befaͤnde, und mich wie eine Gottheit anflehte, ihm nur mit einem Worte, mit einem Laute zu antwor⸗ ten, verblieb ich dennoch ſtumm. „Er mag auch etwas von dem fuͤhlen, was ich leide!“— dachte ich. Als er ſich aber 31 6 entfernt hatte, weinte ich wieder bei dem Ge⸗ danken, daß er außer ſeinen andern Bekuͤm⸗ merniſſen und Gewiſſensqualen auch noch den Schmerz hatte, mich krank und vielleicht er⸗ zuͤrnt auf ihn zu wiſſen. Spaͤt Abends, als Minna noch einmal zu mir heraufkam, hatte ſie ein neues, unaufge⸗ ſchnittenes Buch in der Hand, welches ſie mir gab, indem ſie ſagte:„Der junge Graf bat mich, es Ihnen zu uͤbergeben und Ihnen zu ſagen, daß der Vers, von dem ſie geſprochen haͤtten, auf der vierzehnten Seite ſtaͤnde.“— Ich ergriff das Buch mit zitternden Haͤnden und wartete ungeduldig, bis Minna das Zim⸗ mer wieder verlaſſen hatte. Auf der vierzehn⸗ ten Seite lag ein Blatt mit folgenden Zeilen: „ Ottilie!*— Was habe ich Dir Leids ge⸗ „than?— Warum biſt Du ſo hart?— Oder „biſt Du ſo krank, daß Du mir nicht ant⸗ „worten kannſt?— Auf meinen Knieen flehe „ich Dich an, laß mich mit Dir ſprechen. „Morgen Abend iſt Niemand im Hauſe, darf nich dann kommen?— Es iſt zwar eine „Ewigkeit bis dahin, aber wenn Du mir ge, „waͤhrſt, was ich flehentlich von Dir bitte, „ſo wird die Hoffnung der Zeit Fluͤgel geben. „Suͤße Ottilie, verſage mir's nicht! Dich ſo „nahe bei mir zu wiſſen und Dich nicht ſehen „koͤnnen, das bringt mich zur Verzweiflung „und Raſerei. O, goͤnne mir die Gewaͤhrung „meiner Bitte, meine Geliebte, ich bedarf „derſelben wahrlich! Dein Otto iſt ſo un⸗ „gluͤcklich!— Willſt Du meine Bitte gewaͤh⸗ „ren, ſo ſende mir blos das Buch zuruͤck. „O, wie will ich dann das lebloſe, aber Se⸗ ligkeit bringende Buch kuͤſſen! Gute Nacht! „Schlummere ſuͤß und werde morgen geſund, „aber nicht ganz geſund, damit Du die El⸗ „tern nicht zu begleiten braucheſt. Verbirg „dieſen Zettel oder zerreiße ihn! Gute Nacht, „Du Engel!“— Ich las, kuͤßte und verwiſchte dieſe erſten Schriftzuͤge von— meinem Otto(liebe Groß⸗ mutter, laß mich ihn noch einmal ſo nennen) mit meinen Thraͤnen; aber ich war in ſchreckli⸗ chen Qualen befangen. Zuruͤckſenden wollte ich ihm das Buch auf keinen Fall und doch fand ſich keine Moͤglichkeit, einen Mittelweg einzu⸗ — 33„ ſchlagen. Schreiben durfte und konnte ich nicht, ich war zu ſchwach und krank, und doch fuͤhlte ich den brennenden Wunſch, den armen, leiden⸗ den Otto durch einige freundliche Worte zu troͤſten. Unterdeſſen verging die Nacht und der folgende Tag, ohne daß ich einen Ausweg fand, Otto'n einige Worte des Troſtes zukommen zu laſſen. Die Tante war fuͤnf Minuten bei mir geweſen, der Onkel auch ungefaͤhr fuͤnf Minuten; im Uebrigen war ſich Alles gleich geblieben, außer daß ich nichts von Otto hoͤrte. Endlich ließ er ſich ſein Buch wieder ausbitten; aber— Gott weiß, woher dieſer ploͤtzliche Entſchluß— ich ließ ihm ſagen, daß ich es noch nicht geleſen haͤtte. Nachdem mich Minna mit dieſer Antwort verlaſſen hatte, fand ich bei genauerem Nachdenken, daß dieß die deutlichſte abſchlaͤgliche Antwort war, die ich ihm geben konnte. Nun hoͤrte ich von Otto nicht das Min⸗ deſte zwei lange, jahrelange Tage hindurch, die mir durch nichts verkuͤrzt wurden, als durch entſetzliche Bruſtſchmerzen, durch meine Thraͤ⸗ nen, durch die Beſuche des Arztes, durch die II. 3* 3 4 4 Entſchuldigungen der Tante, daß ſie mich wegen Vapeurs, tic douloureux und Migraine nicht beſuchen koͤnnte, und durch die kurzen Beſuche des Onkels, die jetzt blos drei Minuten dauer⸗ ten, waͤhrend deren er mir gleichwohl wenig⸗ ſtens fuͤnf kleine Artigkeiten ſagte, mir erzaͤhlte, welche herrliche Variationen uͤber ſchwediſche Nationallieder Ries in ſeinem Concert vorge⸗ tragen hatte, mir zerſtreuende Buͤcher offerirte und ſich erbot, an Dich, liebe Großmutter, zu ſchreiben, welches letztere ich ihn jedoch bis zum naͤchſten Poſttag aufzuſchieben bat, indem ich hoffte, Dir dann ſelbſt ſchreiben zu koͤnnen. Ein graͤßliches, todtenaͤhnliches Schweigen herrſchte um mich. Ich vernahm keinen Laut von Otto oder von der heitern Welt, die ich ſo eben erſt verlaſſen hatte, und die wie ein großer Luſtgarten vor mir lag, nur dazu be⸗ ſtimmt, zu ſpielen, zu lachen, zu ſingen, zu tan⸗ zen und meinen Otto von ganzer Seele und ganzem Herzen zu lieben. Nun war dieß Alles voruͤber und ich war in meinen Schmerzen, in meinen Thraͤnen und in meiner kummervollen *** 35 4 Einſamkeit feſt uͤberzeugt, daß es nie wieder⸗ kehren koͤnnte. An einem Vormittage hoͤrte ich leichte Schrit⸗ te auf der Treppe und gleich darauf klinkte Jemand an der Thuͤr meines Zimmers und eine wohlbekannte Stimme rief: „Was bedeuten denn dieſe Schloͤſſer und Riegel?— Glaubſt Du denn, daß man Dich am hellen, lichten Tage ſtehlen wird?“— Minna oͤffnete ſogleich die Thuͤre und Pau⸗ line huͤpfte herein. Ich freute mich unendlich. Es war doch eine Erinnerung aus meiner froͤh⸗ lichen, lebensvollen Welt. Sie warf ſich ſo⸗ gleich ermuͤdet auf mein Sopha und rief: Mein Gott, was ſind doch drei Treppen fuͤr eine Tortur fuͤr„la déesse de la pa- resse,“ wie Du mich immer nennſt! Wie be⸗ findeſt Du Dich denn?— Was ſind dieß fuͤr Geſchichten?— Biſt Du wirklich krank oder willſt Du nur gern ein Kleid oder ſo etwas ha⸗ ben?— Zwar dann wuͤrdeſt Du nicht im Bet⸗ te liegen und ſo angegriffen ausſehen!— Sprich, Maͤdchen, was in aller Welt ficht Dich an?— Hat man Dir vielleicht etwas Neues 3 34 8 36 zaͤhlt, das nicht wie Zucker und Syrup ſchmeckt? — et propos des bottes, iſt Otto Dein Arzt?— Er wohnt ja gleich neben Dir, Thuͤr an Thuͤr?— Was verordnet er denn?— Kuͤh⸗ lende Pulver und Geduldsdecocte, nicht wahr? — Habe ich recht gerathen?— Nun, jetzt wirſt Du Dein Kopfkiſſen verbrennen, ſo roth biſt Du geworden!— Nun, ſo ſprich doch! Klage mir nun Dein Uebel! Du ſiehſt ja, daß ich auf einen Krankenbeſuch ausgegangen bin, und in dieſem Falle muß der Patient ſtets eine Krank⸗ heitsgeſchichte erzaͤhlen, bis man ſo muͤde ge⸗ worden iſt, daß man entweder ſeines Wegs geht oder einſchlaͤft. Nun, ſo antworte doch!“— Ich laͤchelte ſie an und reichte ihr die Hand, denn wenn ſie mich auch beſtaͤndig neckte und hoͤhnte, ſo ergoͤtzte ſie mich doch, und ich ha⸗ be nie Jemanden geſehen und werde nie Je⸗ manden ſehen, deſſen Scherz ſo unwiderſtehlich erheiternd war, wie der Ihrige. Man konnte weder boͤſe auf ſie werden, noch das Lachen un⸗ terlaſſen, wie grauſam und boshaft ſie auch zuweilen war. „Liebe Pauline“— ſagte ich—„ſei nur menſchlich und ſprich zaͤrtlicher mit mir!— Siehſt Du nicht, daß ich wirklich recht ſehr krank bin?“— „Ja, das ſehe ich wohl; aber woher Deine Krankheit kommt, das kann ich Dir nicht von außen anſehen.“— „Ich habe mich erkaͤltet.“— „Am Herzen?“— Rein, an der Bruſt und an den Fuͤßen, ſpricht der Arzt.“—— „Ach, das iſt ja eitel dummes Zeug!— Wer hat es denn dem Doctor erzaͤhlt?“— „Wer?— O, das weiß er von ſelbſt.“— „Ach, die Doctoren ſind doch ſonderbare Geſchoͤpfe!— Alle uͤber einen Leiſten! Stets glauben ſie recht wohl zu wiſſen, aus wel⸗ cher Himmelsgegend unſere Krankheiten auf uns geweht worden ſind; aber wenn ſie glau⸗ ben, der Wind weht aus Nord⸗Oſt, ſo kommt er gerade aus Suͤd⸗Weſt, und wenn ſie glau⸗ ben, wir litten an einer Erkaͤltung der Fuͤ⸗ ße, ſo quaͤlt uns oft der Brandim Herzen! das beweiſt wohl genug, wie klug und hoch⸗ weiſe ſie ſind und wie wenig es ihnen gehol⸗ 38 fen hat, daß ſie in Upſala die Naſe in die Buͤ⸗ cher geſteckt, das Pro⸗Patria belaufen und das Seraphienenlazareth und das Carolineninſtitut beſucht haben, ſchwarze Tafftkaͤppchen tragen, den Finger an die Naſe legen, klug und wich⸗ rig ausſehen, an den Puls fuͤhlen, die Zunge beſehen, Fragen vorlegen, daß man Luſt be⸗ kommen moͤchte, ihnen die Augen auszukratzen, Recepte ſchreiben und Flaſchen voll Medizin, Blutegel und Senfpflaſter verordnen. So krank ich auch war, ſo war mirs doch unmoͤglich, das Lachen zu unterlaſſen, denn ih⸗ re Beſchreibung paßte aufs Haar auf die Be⸗ ſuche meines Arztes, nur mit dem kleinen Un⸗ terſchied, daß dieſer dann und wann mit dem Kopfe ſchuͤttelte und dazu ſprach: „Das Fraͤulein muß etwas Beunruhigendes in ihren Gedanken haben; dergleichen muß man verbannen, wenn man geſund werden will!“— Aber davon Paulinen Etwas zu ſagen, huͤ⸗ tete ich mich wohl, wie ſehr es auch die Repu⸗ tation des Doctors gehoben haben wuͤrde. „Was habt Ihr denn dieſe ganze lange Woche hindurch getrieben?“— fragte ich Pau⸗ 39 linen; denn eine Erzaͤhlung von ihr zu hoͤren war eben ſo viel, wie Hjortsberg, Sevelin oder die dicke Deland zu ſehen, wenn ſie eben am ergoͤtzlichſten waren. „Ach, gar nichts von Bedeutung!“— ant⸗ wortete Pauline—„Das Souper bei WrrS war unertraͤglich. Da muß man daſitzen, ſich langweilen, ſeine Jugend verſchwenden und ſeine koſtbare Zeit mit Perſonagen verderben, die ſo langweilig ſind, daß man ſie zur Strafe ver⸗ urtheilen ſollte, vier und zwanzig Stunden hin⸗ durch uͤber einander zu lachen und zu weinen. Kannſt Du Dir ſolchen horreur denken?— Der Kammerherr von Ser und der Baron Ler wa⸗ ren noch die beſten darunter! Denke Dir nun die Uebrigen! Und nun denke Dir mich darun⸗ ter, gaͤhnend und wie im Traume vingt- un ſpielend!— Was wir am Dienſtage machten, weiß ich nicht mehr. Doch halt, es iſt wahr! Ich ſaß den ganzen Tag uͤber zu Hauſe und genoß meinen Mann!(Dieſe einfachen Worte ſprach ſie jedoch mit ſolchem Tone, daß ich laut daruͤber lachen mußte.) An der Mittwoch war ich Vormittags in der Stadt und kaufte ein, 40 dabei traf ich Deinen Couſin hoch oben in der Weſtlangſtraße und——— Aber um Gottes willen, was machſt Du?— Du wirſt ja blaß wie eine Leiche. Nimm Dir nicht etwa vor, zu ſterben, ſo lange ich hier ſitze. Sag es dann wenigſtens erſt, denn ich kann die Leichen durch⸗ aus nicht leiden!“— „Ach nein, fahre nur fort!“— ſprach ich. —„Mir iſt wirklich ganz wohl!“— „Ja“— fuhr ſie fort—„er ſagte mir, daß Du krank waͤrſt, darauf antwortete ich je⸗ doch, daß man ſolche Nachrichten nicht mit la⸗ chendem Tone erzaͤhlen, ſondern eine Kummer⸗ miene dazu annehmen muͤſſe,— und er erwie⸗ derte mir, daß man ſich nicht uͤber Alles Un⸗ angenehme, was in der Welt geſchieht, graͤmen muͤſſe, weil man ſonſt nie Zeit zum Lachen uͤb⸗ rig behalten wuͤrde. Ich glaube, daß er recht hat. Ueberhaupt faͤngt die Philoſophie jetzt an mein Steckenpferd zu werden, ſeitdem mir Herr Schlegel mehrere Reden daruͤber gehalten hat; eine kuͤrzere in recht nettem Franzoͤſiſch und ei⸗ ne laͤngere, unbeſchreiblich ſchoͤne in waſſerkla⸗ rem Deutſch mit den gehoͤrigen Kunſtausdruͤcken. 41 Am Mittwoch Abend— laß einmal ſehen— ja, da hoͤrten wir Ries auf dem Ritterhauſe und ich fuͤhlte mich wirklich ganz in meine Kin⸗ derzeit verſetzt, als er alle die Wiegenlieder va⸗ rürte, die ich damals gehoͤrt habe. Du weißt, daß ich nicht eigentlich muſikaliſch bin; ich fuͤhle daher das Schoͤne in der Muſik zu: „Wallmal*) weben“ u. ſ. w. nicht. Aber die Uebrigen!— O, die waren ſo entzuͤckt, daß ſie ohnmaͤchtig wurden, ausgenommen diejeni⸗ gen, die ſchon vorher vor Hitze bewußtlos ge⸗ worden waren, denn es war entſetzlich heiß. Am Donnerſtag ſahen wir„la belle George,“ wie gewoͤhnlich. Sie ſtuͤrmte umher, wie neu⸗ lich, und zeigte uns, was fuͤr ſchoͤne Arme An⸗ dromache hatte. Weißt Du wohl, daß Emilie waͤhrend des ganzen Stuͤcks glaubte, Andro⸗ mache waͤre ein Mann?— Aber das geht noch an; heute ſprach ſie von Phaͤdra, wie von ei⸗ ner Hirtin. Sie iſt erſchrecklich unbeholfen!— Frau von Stael ſpielte eine Nebenrolle in der *) Anfangsworte eines ſchwediſchen Volksliedes. Wallmal iſt ein grobes ungeſchornes Tuch, wie es die ſchwediſchen Landleute ſelbſt zu weben pflegen. 42 Andromache. Sie ſaß wie gewoͤhnlich in der Directionsloge; aber in den Zwiſchenacten de⸗ clamirte ſie mit Haͤnden, Fuͤßen und Lungen, daß das ganze Parterre Theil daran nahm und mit offnen Maͤulern zu ihr hinaufſtarrte, wie Staare.— Haſt Du neuerlich etwas von Roc⸗ ca gehoͤrt?— Ich weiß ſehr viel von ihm.— „Ich weiß von ihm weiter nichts, als daß er der Staelſchen Familie uͤber Land und Meer folgt. Er haͤlt ungemein viel auf ſie und das beweiſ't, daß ſie ſich ſehr gut und artig gegen ihn benehmen muͤſſen.“— „O, bewahre, das iſt noch lange kein ſpre⸗ chender Beweis. Aber haſt Du ſchon etwas von Frau Staels Waſſerſucht gehoͤrt?“— „Nein, noch nie!“— „Sie ſoll vor einigen Jahren die Waſſerſucht gehabt haben. Als ſie aber nach Coppet reiſte, hat ſie dieſelbe verloren und darauf ein kleines Quadrain geſchrieben, das gar nicht uͤbel iſt: Que de talent, que de genie! Tout l'a conduit à l' immortalité, Et jusqu' à son hydropisie, Rien est perdu pour la posterite. 43 Aber ich ſehe, daß es nicht der Muͤhe lohnt, Perlen vor die kleinen Ferkel zu werfen, denn Du lachſt nicht.“— „Nein. Ich kann nicht lachen uͤber Etwas, daß ich nicht verſtehe, oder worin ich wenigſtens keinen Witz finden kann.“— „Nun, dann liegt der Fehler wenigſtens nicht in dem Quadrain, ſondern einzig und al⸗ lein in Deiner ſchweren Faſſungskraft;— doch nun laß dieſen Punkt, ſprich weiter nicht da⸗ von, wiederhole wenigſtens das Quadrain nicht und am allerwenigſten vor Edward H**, denn der wuͤrde Himmel und Erde in Bewegung ſe⸗ tzen, et— changeons de sujet! Geſtern Abend war es ſehr huͤbſch. Wir waren daheim bei der Mama und ich habe Ot⸗ to ſelten bei ſo brillantem Humor geſehen. Er ſchoß unzaͤhlige Witzpfeile auf unſern philoſo⸗ phiſchen und phosphoriſchen Baron und unbe⸗ merkt auch auf Albertine Barbaroſſa. Du weißt doch, daß die alte Stael ſelbſt erzaͤhlt hat, daß ſie durch ihren Mann— dummen und ſeligen Andenkens— mit Edward H** verwandt iſt? — deshalb embraſſirte ſie ihn und nannte ihn 44 àa tout moment:„mon cher cousin, mon aimable parent“ etc. Das ſollte ein Lockvo⸗ gel fuͤr unſere Philoſophen ſein! Aber nun darf ich meiner Wege gehen?— Was haſt Du denn da fuͤr Buͤcher?— Ach, den poetiſchen Calender! Das Albernſte darin iſt von meiner holden Schwaͤgerin Nanny. Sie iſt nun voͤllig uͤbergeſchnappt, ſo daß mein Mann fruͤh und ſpaͤt mit mir von Danwiken ſpricht, in der Meinung, daß ich etwas von der daſigen guten Einrichtung wiſſen muͤſſe, waͤhrend ich nicht— wie der Admiral X*r auf dem Reichstage ſagte—„auf dem Wege des Meeres,“ ſondern hier in Stockholm gebo⸗ ren und erzogen bin. Aber, mein Gott, was man nie haben oder ſehen will, darnach fragt man auch nicht. Ich habe daher meinem gu⸗ ten Mann gerathen, ſelbſt auf kurze Zeit zur Probe nach Danwiken zu gehen, bevor er ſeine einzige holde Schweſter Nanny wirklich dahin bringt. Aber da ward er doch ungehalten. Merke Dir daher: daß Du nie Deinem Mann (wenn Du einen haſt,) den Rath giebſt, zu verreiſen, denn„es iſt uͤbel gethan!“ ſang 45 ſie aus den Graͤfinnen von Cafelli, nahm ih⸗ ren Pelz und ging, indem ſie noch aus der Thuͤre zuruͤckrief:„Lebe wohl, Ottilie, ſteig aus dem Bette, ſei geſund und zieh Dich an; komm heute Abend herunter in den Saal, ma⸗ che„les honneurs, ſei reizend, wie immer, und laß Dich courtiſiren von den Heiden und Chriſten, Tuͤrken und Franzoſen, die Dein On⸗ kel zuſammengeſchleppt hat, ſonſt muß Tante Aline ſelbſt dieß Alles uͤbernehmen, und dann bekommt ſie ihre drei Cardinalkraͤmpfe alle mit einem Male. Adieu! Bei dieſen Worten ſchloß ſie die Thuͤr. Ich hatte zwar mehrere Male uͤber ihre ſonderbaren Mittheilungen gelacht; aber durch all' den Scherz und all' das Lachen hindurch hallte immer eine Saite in meinem Herzen nach. Otto hatte lachend von meiner Krankheit geſprochen! Otto war heiter und munterer als je!— Das war ein Dolchſtoß in mein Herz: „L'on veut faire tout le bonheur, ou, si cela ne se peut ainsi, tout le malheur de ce qu'on aime.“ 46 ſagt irgend Jemand, ich erinnere mich nicht gleich, wer. Die Wahrheit dieſes Ausſpuchs fand ich jetzt, denn wie ſehr ich auch Otto liebte, ſo wollte ich ihn doch lieber leidend und bekuͤmmert, als froͤhlich und heiter ſehen. Ach, ich wußte damals noch nicht, welcher unendli⸗ chen Verſtellung die Menſchen in der großen Welt faͤhig ſind, wie wenig das Lachen Aus⸗ druck wirklicher Freude iſt, und welche unglei⸗ chen Farben eine Sache erhaͤlt, je nachdem das Glas gefaͤrbt iſt, durch welches man ſie be⸗ trachtet. Ich graͤmte mich und weinte und ward immer kraͤnker. Dazwiſchen gedachte ich auch manchmal des guten, liebenswuͤrdigen Ed⸗ ward H**, gegen den ich mich ſo oft abſto⸗ ßend benommen hatte, den ich mir aber treu und wahrhaft zugethan glaubte.—„Wie ſchnell man doch vergeſſen wird!“— ſeufzte ich.— „Wenn ich jetzt ſtuͤrbe, ſo wuͤrde ſich nach acht Tagen Niemand mehr an mich erinnern; viel⸗ leicht kaum Otto,“— dachte ich, zerfloß in Thraͤnen und fiel in ein heftigeres Fieber. So verging noch ein Tag, noch eine Nacht. Von dem großen Souper hoͤrte ich nichts. Der 47 Arzt hatte geſagt, daß ich zu krank ſei, um Beſuch annehmen zu koͤnnen und Niemand ließ ſich dieß zweimal ſagen. Otto war Abends die Treppe heraufgekommen, an meiner Thuͤr ſte⸗ hen geblieben, nach einer Weile aber— weil er Minna im Zimmer gehoͤrt— fortgegangen, ohne ein Wort zu ſagen. Am folgenden Mor⸗ gen ganz zeitig, als Minna hereinkam, um ein⸗ zuheitzen, hatte ſie ein verſiegeltes Paquet in der Hand und ſagte, der Bediente des jungen Grafen haͤtte ſie gebeten, mir daſſelbe zu uͤber⸗ geben, ſobald ich erwachen wuͤrde. Es ſah aus wie Noten. Ich lag lange da und befuͤhlte das Paquet, ohne das Siegel zu brechen, ahnend, verzweifelnd, hoffend, fuͤrchtend und voll ſuͤßer Ungewißheit und lebhafter Erwartung. Waͤh⸗ rend meiner Krankheit hatte ich viel daruͤber nachgedacht, wie Otto ſein großes Vergehen gegen die arme Marie am beſten wieder gut machen koͤnnte, ohne dieſelbe zu heirathen, was er zwar nach goͤttlichen Geſetzen eigentlich haͤtte thun muͤſſen, was er aber— und dieß zu wiſ⸗ ſen, war ich ſchon Weltkind genug— weder thun konnte noch durfte. Ein Funken von Hoff⸗ 48 nung, daß noch Alles gut und ruhig abgehen koͤnnte, war wieder in meiner Seele erwacht. Die Lebensluſt begann ſich allmaͤhlig wieder in meinem Herzen zu regen. Ich hatte die ganze Nacht hindurch herrlich geſchlafen und dadurch große Luſt bekommen, geſund zu werden. Mild und ruhig lag ich da, das Paquet in den Haͤn⸗ den haltend und nur auf Minnas Entfernung wartend, um es zu oͤffnen. Das Feuer brannte trefflich im Camin, Minna erhielt einen kleinen Auftrag und, ſo bald ſie die Thuͤr hinter ſich zugemacht hatte, ſprang das Siegel auf. Aber nun, liebe Großmutter! Nun ſank auch die groͤßte, die ſuͤßeſte Taͤuſchung meines Lebens in ewige Nacht. Vernimm Otto's Brief: „„Ottilie!— Nun verſtehe ich Alles!— „„Ich habe nicht ſelbſt thun koͤnnen, was „„ich tauſendmal vergebens auf den Knieen „„von Dir erbeten habe, ich habe Dir nicht „„ſelbſt mit Verzweiflung und Reue bekennen „„duͤrfen, daß mein hartes, unverſoͤhnliches „„Schickſal, meine Eide, mein tauſendmal „„wiederholtes Verſprechen, meine Ehre, mein „„ritterliches Wort—— mich fuͤr ewig von 49 „„Dir trennen! Von Dir, die ich allein in „„der Welt liebe!— Ich habe Dir nicht dieß „„ſelbſt erklaͤren koͤnnen, Dir nicht ſagen „„duͤrfen, wie ſehr ich leide, wie ich gequaͤlt „„werde, wie ich mich anklage, wie entſetzlich „ich fuͤr meinen Leichtſinn und fuͤr mein „„teufliſches Benehmen gegen Dich beſtraft „„worden bin,— mit einem Worte, Dich „„nicht auf den Grund meines verzweifelnden „„Herzens blicken laſſen koͤnnen!“— Nein, „„Andere— ich weiß nicht, wer, denn „„mein ungluͤckſeliges Geheimniß iſt in meh⸗ „„reren Haͤnden— haben Dich vorzeitig von „„meines Lebens bitterſter Qual— von mei⸗ „„ner Verlobung mit Malwina von K**— „„unterrichtet!— Kannſt Du begreifen, wie „„ich im Stande bin, dieſe Worte niederzu⸗ noſchreiben?— Und doch iſt es ſo!— Un⸗ „„widerruflich bin ich von Dir geriſſen, von „„Dir, Du Haͤlfte meiner Seele— von Dir „„Engel, der Armuth und Verachtung mit „„mir theilen wollte— von Dir, die ich in „nein Paradies gelockt habe, um ſie dann in „„eine Hoͤlle von Qual zu ſtoßen!— Die II. 4 50 „„reine, innige Liebe, die Dich vielleicht ver⸗ „„zehren wird, iſt das einzige Gluͤck, das ich „„noch auf Erden habe, zugleich aber auch „„mein bitterſter Schmerz. Haſt Du nicht „„geſehen, wie ich leide?— Haſt Du nicht „„geſehen, wie es in mir tobt?— Doch, „„wie haͤtteſt Du dieß ſehen koͤnnen!— Waͤh⸗ „„rend der wenigen Augenblicke, wo ich un⸗ „„geſtoͤrt Dich ſehen, Dich an mein Herz „„druͤcken, an meinen gequaͤlten Buſen legen „„konnte, vergaß ich Alles und fuͤhlte mich „„ſelig wie ein Gott. Aber Du kannſt Dir „„nicht denken, mit welchen Oualen ich dieſe „„fkurze Seligkeit buͤßen mußte. Nagende „„Reue und die Gewißheit, ein ganzes Leben „„ohne Dich verleben zu muͤſſen,— Dich in „„Deinem erſten, in Deinem ſuͤßeſten Traum „„vom Leben zu taͤuſchen oder— o Maͤchte „„der Hoͤlle, welche Zukunft zeigt ihr mir— „zzu ſehen, daß Du mich vergaͤßeſt, mich „„haßteſt, mich verachteteſt und gluͤcklich waͤrſt „„im Arme— eines Andern! O, Ottilie, „„der letzte Gedanke allein waͤre ſchon im „„Stande, meine Hand zu der kleinen Bewe⸗ 51 „„gung zu bringen, die dazu gehoͤrt, mit einer „„Kugel alle dieſe Qualen ohne Gleichen zu „„endigen. Dieſer Gedanke treibt mich an, „„Dich— waͤhrend es noch Zeit iſt— zu „„fragen— ob Du Muth haſt, mir zu „„folgen, wohin es auch ſei;— dieſer Ge⸗ „„danke reißt mich hin, Vaterland, Eltern, „„Ehre, Treue und Geluͤbde zu verlaſſen und „„mit Dir— in Amerika, unter Armuth und „„Entbehrung, das Gluͤck zu ſuchen, welches „„man nach einem ſolchen Schritt noch finden „„kann. Ich will Dich nicht verlocken— „naber ſprich, haͤltſt Du Dich fuͤr faͤhig, alles „„dieß zu thun— und Dein Otto folgt „„Dir mit Entzuͤcken! Er zerreißt alle ſeine „„Feſſeln, alle auf einmal, denn ſeine groͤßte „„Qual iſt die, daß er kein einzelnes von „nihnen, ſondern alle zerreißen oder ſeine „„Ketten tragen und aller Hoffnung auf Dich „„entſagen muß!— Gedanke der Hoͤlle!— „„O, es iſt ſchrecklich, nicht zu wiſſen, was „„man will und was man ſoll!— Wohin „nich mich auch wende, ich ſtehe als Meinei⸗ „„diger da. Daß Seligkeit auf Erden mein 4* 5² „„Loos nicht werden kann— das ſteht klar „„vor mir— und doch fluͤſtert mir eine in⸗ „„mere leiſe Stimme zu, daß ich mit Dir auch „„in einer Wuͤſtenei gluͤcklich werden wuͤrde. „„Aber dann uͤberfaͤllt mich ein Daͤmon und „nlacht hoͤhniſch und fragt, ob ich vergeſſe, „„daß ich dann Dein ganzes Leben, Deine „„ganze Exiſtenz, Deinen ganzen Ruf zer⸗ „nſtoͤre?— denn Alles dieß waͤre verloren, „„ungeachtet der Himmel Deine Unſchuld „„kennt. Und dann erſteht ein anderer Daͤ⸗ „„mon und grinzt mich an und zeigt mir all' „„den Hohn, die Verachtung, den Spott, „„die dann auf uns fallen wuͤrden— auf „„Dich und mich!— Der toͤdtliche Kummer „„meiner alten Eltern, der Abſcheu meiner „„Jugendfreunde, der Spott und Tadel der „„Welt und die Millionen Thraͤnen der armen, „„beklagenswerthen Malwina. Entſetzliche „„Gedanken. Aber, Ottilie, verdamme mich „wnicht! Verurtheile mich nicht ungehoͤrt! „Mein Schickſal ſoll in Deinen unſchuldigen „„Haͤnden liegen. Ich will Dir offen und „„wahr beichten und dann ſollſt Du uͤber 4 53 „„uns urtheilen, denn Du biſt ein Engel und „„ich mag kein Teufel werden an Dir. Ich „„will Dir keinen einzigen von meinen Feh⸗ „„lern verbergen, denn nur dieß kann meine „„Thorheiten und Vergehungen verzeihlich „„machen. Waͤre ich mit Kaͤlte und ruhigem „Muthe meinen Lebensweg gegangen, gerade „„dann wuͤrde ich der Teufel ſein, der ich „nnicht ſein mag. Aber ich bin zu leichtſinnig, „„heftig, leidenſchaftlich fuͤr Alles, fuͤr Gutes „„wie fuͤr Schlechtes, ſinnlich, veraͤnderlich „„in meinem Geſchmack, zu ſe chwach, um allein „zu ſtehen, ehrgeizig, gereizt durch Unmoͤg⸗ „„lichkeiten und Widerſtand, aber erſchoͤpft „„und gleichguͤltig im Gluͤck, unempfindlich „„gegen Alles, was man uͤber mich ſpricht, „„nicht im mindeſten bange vor Haß und „„Verdammung, aber Lachen und Spott mehr „„als die Suͤnde fuͤrchtend!— So iſt er!— „„So iſt der Otto, den Du liebſt!— O „„wie ſuͤß iſt mirs, mich Dir zu ſchildern, „„wie ich wirklich bin, nachdem ich lange „„genug vor Dir geheuchelt habe. Aber im⸗ „„mer noch weiß ich nicht, wie ich beginnen 54 „„ſoll, um auf das eigentliche Bekenntniß zu „„kommen, das ich Dir zu machen habe. Ich „„wollte kurz damit ſein, aber ich habe Dir „„ſo viel zu ſagen, damit Du ſiehſt, wie un⸗ „„gluͤcklich und wie entſchuldbar ich bin. So „„glaube ich wenigſtens, denn nie iſt es meine „„Abſicht geweſen, Jemanden ins Ungluͤck zu „„ziehen; aber mein ungluͤckſeliger Leichtſinn „„hat mich dazu verleitet und ich bin ihm „„blind gefolgt, ohne daran zu denken, wel⸗ „„chen Weg er nehmen wuͤrde. „„Erinnerſt Du Dich meines Freundes Al⸗ „„fred?— Du ſahſt ihn im verfloſſenen Som⸗ „„mer einige Augenblicke draußen in Schoͤn⸗ „„wik. Er iſt mein Jugendfreund. Wir waren „„Kameraden in der Penſion, im Cadetten⸗ „„hauſe und ſind es jetzt beim Regiment. „„Vor zwei Jahren begleitete ich ihn zu ei— nnnem Beſuch in ſeinem elterlichen Hauſe. „„Seine Eltern ſind ungeheuer reich. Ich „„hatte Alfreds einzige Schweſter ſeit meiner „nund ihrer Kindheit nicht geſehen. Sie war „njetzt vollkommen erwachſen, blond, gutmuͤ⸗ n„thig, heiter, nicht gerade ſchoͤn, aber Pau⸗ 5⁵5 „linen— die ich hier zuletzt verließ— ſo „nunaͤhnlich, daß ich mich blos deshalb und „„des Reizes der Neuheit wegen in ſie ver⸗ „„liebte. Alfred war daruͤber außer ſich vor „„Freuden. Ich bat um Malwina's Hand. „„Sie wurde mir nicht verweigert— und „„wir waren Verlobte; doch unter der aus⸗ „„druͤcklichen Bedingung von Seiten des Va⸗ „„ters und der Mutter, daß unter zwei Jahren „„Niemand etwas davon erfahren ſollte, ob⸗ „„gleich Malwina eben ſo alt war, wie ich, „„daher dieſer alberne Vorbehalt oder dieſe „„Pruͤfung ganz und gar nicht nothwendig „„war. Im Anfange war ich daruͤber wohl „„ein wenig verdruͤßlich, als ich aber wieder „„nach Stockholm zuruͤckkehrte, ſchien mir— „„ich weiß ſelbſt nicht warum— dieſer zwei⸗ „aͤhrige Aufſchub recht vernuͤnftig. Ich lebte „„und benahm mich nicht im Geringſten wie „„ein Braͤutigam, das weiß Gott; aber zu „„meiner Entſchuldigung muß ich Dir ſagen, „„daß im Innerſten meines Herzens immer „„noch ein Plaͤtzchen fuͤr Malwinen blieb, das „„ihr Niemand zu nehmen vermochte.— Sie 56 „„moͤgen Alle recht gut ſein“— dachte ich „„—„aber zu meiner Gattin paßt keine, als „„Malwina.“— Aber weißt Du, woher dieß „ꝛkam?— Weil ich weder ſie, noch irgend „„eine von den Andern wirklich liebte, weil „„meine Sonne noch nicht aufgegangen war. „„Aber ſie ging auf! Und weißt Du, wann? „„— Schon in der Ahnung von Dir, noch „„ehe Du ankamſt. Sie ſtieg wie eine Mor⸗ „n‚genroͤthe in meinem Herzen auf. Ich laͤ⸗ „nchelte uͤber meine Sehnſucht, Dich zu ſehen, „nund dennoch ſah ich Dich nicht, ſah ich „„Dich nicht eher, als da, wo Du weinend „„und einſam am Fortepiano ſaßeſt. Ich „„hatte vorher nicht Zeit gehabt, Dich recht „„zu betrachten und ein Wort der Mama, „„womit ſie gewiß nichts Arges meinte und „„das ich Dir, der gefeiertſten Schoͤnheit der „„Stadt, jetzt dieß ſagen kann, ſchlug meine „„Reigung, Dich zu ſehen, fuͤr den Augen⸗ „„blick nieder. Als wir naͤmlich die Treppe „„hinaufgingen, ſagte ſie zu mir:„Bekuͤm⸗ „„mere Dich nicht um Ottilien! Sie wird „„wenig bemerkt werden, denn ſie iſt ſo toͤl⸗ 57 „„piſch, wie ich noch nie Jemanden geſehen „„habe!“— Das Uebrige weißt Du. Aber „„Du weißt nicht, welcher Schmerz ſich in „„mein Entzuͤcken miſchte, als ich Dich zum „„erſten Maleſah. Es war das erſte Mal, „„daß ſich ein weibliches Weſen zwiſchen Mal⸗ „„wina und mich ſtellte, und jetzt erſt fand „„ich, daß ſie ſo ausſehen, ſo ſein ſollte, „„und daß man das Weib, welches man „„wahrhaft liebt, auch allein zur Gattin ha⸗ „„ben will, aber nimmer eine Andre. Am „„erſten Abend ſah ich jedoch dieß Alles fuͤr „„eine bloße voruͤbergehende Erſcheinung, fuͤr „„eine Phantaſie an, die uͤber Nacht wieder „„wergehen wuͤrde, wie ſchon manche andere „wor ihr vergangen war. Tags darauf nahm „„ich mir vor, kalt gegen Dich zu ſein und „„meine beſchloſſene Reiſe keineswegs aufzu⸗ „„ſchieben, obwohl ich große Luſt zu Letzterem „„hatte. Du weißt, wie mir mein Stoicis⸗ „„mus gelang! „„Aber, Ottilie, zu meiner Vertheidigung „„— aber auch zu meiner ewigen Beſchaͤ⸗ „„mung, wenn Du die rechte Urſache 58 „„wuͤßteſt,(obwohl ſie nicht hierher gehoͤrt) „„— muß ich Dir bekennen, daß ich nicht „„Deinetwillen, nicht mit dem Gedanken, Dei⸗ „„nen klaren Unſchuldsfrieden zu ſtoͤren, an „„jenen Abend ſpaͤt nach Schoͤnwik geritten „„kam. Als ich Dich aber im Fenſter er⸗ „„blickte, da— erhielt ein boͤſer Daͤmon „„in der Geſtalt eines Liebesgottes Gewalt „„uͤber mich und ich konnte meinem bren⸗ „„nenden Verlangen, Dich noch einmal zu „„ſehen, Dir zu ſagen, wie ſehr ich Dich „„liebte und von Deinen Lippen daſſelbe ſuͤ⸗ „„ße Bekenntniß zu hoͤren— denn fuͤr mich „„war Deine reine unſchuldige Liebe kein „„Geheimniß mehr— nicht laͤnger wider⸗ „„ſtehen. O, Deine Liebe zu mir lag ſo „„klar, ſo hell, ſo offen in jedem Deiner „„Zuͤge, daß ich immerwaͤhrend der Mama, „„Melidas, Paulinens und ſelbſt der alber⸗ „„nen Emilie Ahnungsvermoͤgen fuͤrchtete. „„Wie es zuging, weiß ich nicht, aber— „„wenn mich meine Erfahrung nicht taͤuſcht „„— ſo ſind die drei Erſteren ungeachtet 59 „paller unſern ſpaͤtern Vorſicht unſerer Lie⸗ „„be auf der Spur. „„Ottilie! Ein Wort zu meiner Vertheidi⸗ „„gung muß ich gleichwohl noch hinzufuͤgen. „„Doch, wie kann es mir wohl zur Ehre „„oder zur Entſchuldigung gereichen, wenn „nich Dir jetzt bekenne, daß an jenem Abend, „vin jener ſeligen Stunde, wo ich Dich zum „„erſten Male an mein Herz druͤckte, wo „„ich von Deinen Lippen vernahm, daß Du „„mich liebteſt, daß da alle andere Gedan⸗ „„ken aus meiner Seele entſchwanden, daß „„ich da eine unſaͤgliche, eine unwiderſtehli⸗ „„che Verſuchung fuͤhlte, alle Bande zwi⸗ „„ſchen mir und Malwinen zu zerreißen und „„ihr aufrichtig zu ſagen, daß mein Herz „„ ganz ungetheilt Dein waͤre,— und, bei „dem großen Gott, der mich und Dich ſieht, „„ich reiſte mit dieſem feſten Entſchluſſe im „„Herzen ab!— Aber nun, Ottilie! Nun „„kommt mein eigentliches Suͤndenbekennt⸗ „„niß!— Unterwegs ſprach Alfred immer⸗ „„waͤhrend von Malwinens Freude uͤber „„unſere Ankunft und— obwohl mir mein 60 „„ſchweres Bekenntniß tauſendmal auf der „„Zunge ſchwebte,— ſo wollte es doch „„nie daruͤber. Ich hatte nicht Muth ge⸗ „„nug, die kalte, ſtille, ruhige Verachtung „„des ſtrengen Alfred zu ertragen, die mir „„dann ſicher zu Theil geworden ſein wuͤrde. „„Stunde auf Stunde verſchob ich deshalb „„das Wort, das Bekenntniß, das ich zu „„machen geſchworen hatte. „„(O, warum ſprach ich es doch nicht aus!) „„Inzwiſchen liefen unſere Pferde vorwaͤrts „nund ich faßte den verzweifelnden Entſchluß⸗ „„erſt Malwinen ſelbſt meine Untreue zu be⸗ „„kennen. Ich war thoͤricht genug, auch „„auf ihren Wankelmuth zu hoffen. Ich „„hoffte, daß auch ſie waͤhrend dieſer Zeit „„eine andere Wahl bei ſich getroffen haben „„moͤchte, denn ihre Briefe waren ſo lau, nngemeſſen und ruhig, daß ſie mir in Ver⸗ „„gleich mit denen, die Du mir geſchrieben „„haben wuͤrdeſt, wie Eis gegen gluͤhende „„Lava vorkamen. Ich bedachte nicht, daß „„ein Weib auf gleichguͤltige Briefe auch lau „„und gleichguͤltig antworten muß. Erroͤ⸗ 61 „„thend empfing mich Malvina und in ih⸗ „„ren ruhigen Zuͤgen glaͤnzte die innigſte „„Liebe. Sie war in dieſem Augenblicke faſt „„ſchoͤn, ja, ihre Freude war ſo groß, daß „„ſie ihre Gewohnheit, immerwaͤhrend zu „lachen, die mir ſonſt ſo unangenehm an „„ihr war, uͤberwand. Die Gewohnheit „„uübt doch eine große Gewalt. Mit Schaam „„bekenne ich Dir, daß ich anfing, in mei⸗ „„nem Entſchluſſe zu wanken, daß ich anfing „„zu bedenken und zu uͤberlegen——— „„aber Dir zu entſagen!— Das war mir „„unmoͤglich— bis mir einmal die Mama „„einen Brief ſchickte, der wahrſcheinlich ohne „„Abſicht geſchrieben war, dennoch aber mein „„ungluͤckliches Schickſal fuͤr immer entſchied. „„Sie kannte mein Verhaͤltniß zu Malwinen „„ganz genau und war voͤllig einverſtanden „„und zufrieden damit. Sie ſchrieb in die⸗ „„ſem Briefe viel davon und ſprach lange „„uͤber ihre und des Papa's innige Freude „„und Zufriedenheit uͤber meine Parthie und „uͤber mein großes Gluͤck, ein Maͤdchen ge⸗ n„funden zu haben, das außer ſo vielen 62 „„kleinen Nebenvorzuͤgen, auch gut, liebens⸗ „„wuͤrdig, reich und vor Allem wohl erzo⸗ „„gen und von ſolchen Grundmͤtzen ſei, „„daß ich nicht kuͤnftig zu befuͤrchten haͤtte, „„mir andere Maͤnner von meiner eignen „„Gattin vorgezogen ſehen zu muͤſſen,— „„eine Erfahrung, die fuͤr einen Mann je⸗ „„denfalls die bitterſte iſt. Dann ging ſie „„auf andere Gegenſtaͤnde uͤber und zuletzt „„ſchrieb ſie folgendes uͤber Dich:—„Un⸗ „„ſere kleine Ottilie wuͤrdeſt Du jetzt nicht „„wieder erkennen. Du weißt, wie toͤlpiſch „„und unbeholfen ſie war, wie ſie weder zu „„gehen, noch zu ſtehen, weder zu eſſen, noch „„zu trinken, noch zu ſitzen wußte. Aber „„jetzt weiß ſie vollkommen, was ſie will, „„und was ſie will, iſt gerade das, was alle „„unſere jungen, koketten Maͤdchen wollen, „„d. h. zur Zeit und Unzeit ſich die Cour „„machen zu laſſen. Großmuͤtter taugen nicht „„dazu, junge Maͤdchen zu erziehen, das ſehe „„ich deutlich an unſerer armen Ottilie, denn „„alle die guten Anlagen, die ſie beſitzt, ſind „„woͤllig verwahrloſt. Edward von H'r macht 63 „„ihr die Cour; aber gewiß nicht ernſtlich, „„denn ſie iſt arm wie eine Kirchenmaus und „„er jedenfalls klug genug, ſich nach einem „„reichen und wohl erzognen Maͤdchen um⸗ „uſehen. Daß ſie von uns weg heirathen „„wird, fuͤrchte ich nicht, und es duͤrfte wohl „„auch ziemlich ſchwer halten, denn ein ar⸗ „„mes Naͤdchen mit einem hochklingenden „„Namen und keinem andern Reichthum, als „„ihrer Jugend, und ſo kokett und eitel da⸗ „„bei, wird in unſern Zeiten, wo die Anfor⸗ „„derungen mit jedem Tage zunehmen, nicht „„ſo leicht heirathen!“— Meine theuerſte „„Ottilie! es iſt vielleicht uͤbel von mir ge⸗ „„than, daß ich Dir dieſe Worte der Mama „„mittheile; da ich es aber einmal gethan „„habe, ſo muß ich Dir auch zu ihrer Ent⸗ „„ſchuldigung ſagen, daß ſie dieſe Aeußerung „ngethan hat, bevor ſie Dich kannte, daß ſie „„hingegen ſpaͤter und namentlich in neuerer „„Zeit mich viele Male— wiewohl nicht ſo „neifrig, als ich wuͤnſchte und fuͤhlte— zu „„uͤberzeugen ſuchte, Du ſeiſt ein Engel. Aber „„ach, Ottilie, welchen fuͤrchterlichen Eindruck 64 „„machte damals dieſe Aeußerung uͤber Dich „„auf mich!—„Ottilie,“— dachte ich— „„iſt nicht die reinherzige, unſchuldige Ottilie, „„ſondern eines von unſern gewoͤhnlichen, „Mleichtſinnigen, gefallſuͤchtigen Maͤdchen.“— „„Ich legte Dir jetzt ſogar Deine ſo ploͤtzlich nnentſtandene Liebe zu mir zur Laſt. Ja, Ot⸗ „„tilie, ſo ungerecht, ſo undankbar war ich. „„Ich erinnerte mich mit ſchmerzlicher Sehn⸗ „„ſucht aller Deiner himmliſchen Reize; aber „„ich dachte doch— vergieb mir dieſen Ge⸗ „„danken, Du reiner Engel— daß Malwina „„zu gut waͤre, um Dir aufgeopfert zu wer⸗ „„den! Gott im Himmel, wie hart bin ich „„dafuͤr geſtraft worden, damals, damals „„haͤtte ich noch anders handeln koͤnnen, ohne „„all zu großes Aufſehen zu erregen und „vohne eine Menge anderer Verhaͤltniſſe zu „Werreißen, die ſich jetzt um mich her gebildet „„haben. O, Ottilie, wenn ich doch mit „„meinem Leben dieſe Zeit zuruͤckkaufen koͤnnte, „„wo es noch in meiner Macht ſtand, Dir— „„ohne all zu großem Widerſtande zu begeg⸗ „„nen— meine Hand zu bieten und Dich 65 „nals meine gluͤckliche, holde Gattin einer „„ganzen mißguͤnſtigen Welt zu entfuͤhren! „„Aber das Schickſal wollte es nicht, und „„das Schickſal leitet uns doch, wir moͤgen „„widerſtreben, ſo ſehr wir wollen. Ich knuͤpf⸗ „„te alſo das Band zwiſchen mir und Mal⸗ „„winen noch feſter. Mehrere unſelige Schritte „„und Vorbereitungen zu unſerer Verbindung „„wurden nun gemacht, namentlich die Ver⸗ „„wandten davon unterrichtet; Briefe und „„Gegenbriefe wurden zwiſchen meinen und „„Malwina's Eltern gewechſelt; aber Mal⸗ „„wina's Vater, eigenſinnig in allen ſeinen „„Entſchluͤſſen, blieb feſt dabei, daß unſere „„Verbindung erſt im Fruͤhling declarirt wer⸗ „„den und dann— ſogleich darauf—— „„nein, Ottilie, ich vermag es nicht auszu „„ſprechen.——— „„Du glaubſt vielleicht, daß ich waͤhrend „„dieſer Zeit nicht an Dich gedacht habe. „„O, tauſend Mal! Dein Vild ſchwebte Tag „„und Nacht vor mir und trat zwiſchen mich „„und Malwinen. Aber ich verbannte es „„gewaltſam. Ich belachte meine Thorheit, II. 5 66 „„wie ich ſpoͤttiſch meine zweitaͤgige Liebe „„nannte; ich glaubte, daß ich ſie weglachen nnkoͤnnte!— In dieſer Stimmung kam ich „uruͤck. Ich wollte Dich nicht gern hier „nim Hauſe wiederſehen. Deshalb faßte ich „„mir Neigung und Muth, ſtellte mich, als „„ob ich die Mama uͤberraſchen wollte, und „„fkkam auf den Amaranthenball. Dort ſah „nich Dich lange vorher, ehe Du mich be⸗ „„merkteſt; ich ſah Dich und ward wieder „„ganz Dein, Dein mit Leben und Seele! „„Aber ich waͤhnte, daß Du mich bereits „„bergeſſen haͤtteſt! Ich glaubte, daß Du „nEdward von H' liebteſt. Ich wollte Dich n„einer Pruͤfung unterwerfen. Oder vielmehr, n„ich wußte ſelbſt nicht, was ich anfangs n„wollte; aber gewiß iſt, daß ich nicht im „nentfernteſten daran gedacht hatte, den Engel nnin Dir zu finden, der Du indeſſen gewor⸗ nnden warſt, oder meine Liebe zu Dir zu n„dieſer raſenden Macht gelangen zu laſſen, nndie mir nun das Herz zu brechen droht, nundenn ich liebe Dich ohne Grenzen und muß nndoch von Dir laſſen, wenn ich nicht ein 67 „„Schurke ſein und als ſolcher angeſehen „„werden will. Ach, und was bin ich gegen „„Dich?— Ein Niedertraͤchtiger, ein Tiger, „„denn gleich einem ſolchen habe ich mit „„Deinem armen Herzen, mit Deinem Seelen⸗ „„frieden geſpielt, Du unſchuldige, reine Tau⸗ „„be!— Ottilie, fliehe mit mir! Dieſer „„Ausweg allein ſteht uns noch offen! Viel⸗ „„leicht koͤnnen wir ſpaͤter zuruͤckkehren, und „„dann wird Alles gut werden. Wenn ich „nur meinen Abſchied ohne all zu großes „„Aufſehen erhalten koͤnnte, damit ich mein „„Vaterland nicht wie ein gemeiner Ausreißer „„berlaſſen muͤßte!— Wenn ich nur den „„zwanzigſten Theil von dem beſaͤße, was „„kuͤnftig einmal mein Eigenthum werden „„wird! Dann, meine Ottilie, brauchte es „„keiner langen Ueberlegung.— Aber ſo?— „„Was ſoll ich Dir fuͤr dieſe Aufopferung „„bieten?— Armuth, Elend und die Ver⸗ „„achtung der Menſchen.— Und Du wuͤr⸗ „„deſt mich dann verdammen!— Du ver⸗ „„dammſt mich vielleicht ſchon jetzt!— Glau⸗ „„be mir, Ottilie, das Leben hat in dieſem 5* 68 „„Augenblicke wenig Werth fuͤr mich.— „„Sprich nun Dein Urtheil uͤber uns Beide, „„Ottilie!— Dein Ausſpruch ſoll mir Ge⸗ n„ſetz ſein!— Ich wage kaum Dir einen „„Wink uͤber das zu geben, was Du uͤber „„uns beſtimmen ſollſt. Ein Wort von Dir, „„ein einziges Wort,— und ich bin bereit. „„Denke daruͤber nach!— Und nun gute „„Nacht. Nun ſchleiche ich an Deine Thuͤr, „„wo ich waͤhrend dieſer langen, qualvollen „Naͤchte ſo manche Stunde geſtanden habe. „„Antworte mir aus Gnade und Barmher⸗ „zigkeit! Laß mich, o, laß mich zu Dir „„kommen! Jetzt wirſt Du mich doch nicht „„mehr fuͤrchten! Ich muß mit Dir ſpre⸗ „nchen. Unſer Schickſal haͤngt an einem Haar. „„Lebe wohl, Du Einzige!— Wer hat wohl „„mit Dir uͤber mich geſprochen?— Die „„Mama?— Pauline?— Melida?— Es „nahnt mir, daß die beiden Letztern mehr „„wiſſen, als ſie ſich den Anſchein geben. „„Die Mama hat vielleicht gegen die Gene⸗ „„ralin von meiner Verbindung geſprochen „„und ſo iſt die Sache auf gewoͤhnlichem 69 „„Wege weiter verbreitet worden!— O Gott, „„Ottilie!— Wenn wir frei von ihnen Allen „„waͤren! Nur Du und ich in der Welt— „„wir waͤren uns genug! Nicht, meine Ot⸗ „„tilie?““— So lautete Otto's Brief! Aber glaube nicht, daß ich ihn hintereinander zu leſen ver⸗ mochte! Nein, nein!— Von der Krankheit ſchwach und elend, von Kummer und Verzweif⸗ lung zerſtoͤrt, fiel ich in eine lange, bewußtloſe Betaͤubung; aus welcher ich zu einem Bewußt⸗ ſein erwachte, das noch ſchlimmer war, als dieſe. Ich war nicht im Stande zu weinen. Ich hatte kein klares Gefuͤhl uͤber meine Leiden, ich hatte nur noch einen Wunſch im Leben;— an Dei⸗ nem Buſen zu liegen und Dir mein Leid zu klagen, Du gute, treue Großmutter. Aber dieß war unmoͤglich, und ich wagte nicht, Dir das Leiden, welches meine Krankheit ausmachte, auch nur mit einem Worte anzudeuten. Letztere— neine Krankheit— ſchien nun endlich muͤde, gegen das Weh meiner Seele und meines Her⸗ zen anzukaͤmpfen, denn wider Erwarten fuͤhlte ich die Kraͤfte meines Koͤrpers wieder zunehmen, 8 70 nachdem mein Herz gebrochen war und meine Seele kein Ziel, keinen Zweck auf dieſer großen, weiten Erde mehr hatte. Ich lag mehrere Stun⸗ den hindurch ganz ruhig da und ſtellte mich ſchlafend, als der Doctor kam, als Annette mit ihren gewoͤhnlichen Erkundigungen von der Tante kam, als der Onkel ſeine kurze ceremonielle Vi⸗ ſite machte und endlich auch, als Melida ſtill und leiſe hereintrat, an mein Bett kam, mich lange betrachtete und— weil ſie mich ſchlafend glaubte— ſeufzend ſprach:„Armes Kind, war⸗ um riß man Dich aus Deinem beneidenswerthen Frieden!“— Ich wollte nur einſam ſein. Ich bekuͤmmerte mich um nichts. Ich glaubte mich von der Welt geſchieden. Sie war mir gaͤnzlich gleichguͤltig. Tante und Onkel hatten allen Reiz fuͤr mich verloren. Als ich endlich vor weiteren Beſuchen ſicher zu ſein glaubte, ließ ich mir von Minna Papier und Bleiſtift geben und als ich beides erhalten hatte, ſagte ich Minna, daß ich wieder ſchlafen wollte, und bat ſie, mich unge⸗ ſtoͤrt zu laſſen und Niemanden zu mir zu fuͤhren. Durch eine ſonderbare Laune des Schickſals hatte ich Marien jetzt faſt gaͤnzlich vergeſſen. 4 71 Dieß war ein Gegenſtand, der nun durch wich⸗ tigere Gegenſtaͤnde in den Hintergrund gedraͤngt worden war. Die groͤßte Gefahr und die ge⸗ faͤhrlichſte Anſteckung der Welt liegt ja darin, daß man ſich allmaͤhlig mit den Laſtern und tyranniſchen Geſetzen derſelben vergleicht und daran gewoͤhnt. Was uns heute unerhoͤrt und entſetzlich vorkommt, das finden wir morgen gewoͤhnlich, menſchlich und verzeihlich. Darin liegt das Gift!— Ich hatte Marien beinahe vergeſſen! Sobald ich allein war, ſchrieb ich an Otto. Der Inhalt dieſes Briefes, den ich nicht mehr vor mir habe, war ungefaͤhr folgender: „„Lebe wohl, Du meiner Jugend Liebe! „„Lebt wohl, all' ihr ſuͤßen Traͤume von ir⸗ „„diſcher Seligkeit! Lebe wohl, mein Otto, „„wir ſind geſchieden, geſchieden fuͤr im⸗ „nmer!— „„Du legſt unſer Schickſal in meine Hand. „„Das iſt eben ſo viel, als Dir zu entſagen, „„denn Du wirſt wohl nicht glauben, daß „ich niedrig genug ſein koͤnnte, Dich von „„Deiner Pflicht abwendig zu machen, Dich 7² nnals Luͤgner, als Schurken, als Spott n„nund Hohn vor die Welt hinzuſtellen, Dich „„in Armurh und Elend, zu Allem, was Du :fuͤrchteſt, zu Allem, was nachher ein ganzes „ langes Leben hindurch ſchwer und mit je⸗ n„,dem Tage ſchwerer auf Deinem Gemuͤth nnlaſten wuͤrde, zu truͤben!— Nein, nim⸗ „„mer!— Darum, mein Otto, beruhige „„Dich!— Gegen mich biſt Du nicht mein⸗ nneidig, denn Du haſt mir ja nie etwas ge⸗ „„lobt. Du ſpielteſt blos mit mir und mei⸗ „„ner Liebe, wie man mit einem Kinde und n„ſeiner lieben Puppe ſpielt. Ich kann Deine „„feurigen Kuͤſſe nicht Eide, Deine Blicke „i„micht Geluͤbde nennen. Und was haſt „„Du mir fonſt weiter gegeben?— Nichts. „„Jetzt erſt erinnere ich mich daran, mit wel⸗ „ncher Aufmerkſamkeit Du daruͤber wachteſt, n„daß unſer Geſpraͤch nie die Zukunft, nie jene „„Zeit beruͤhrte, wo ich Dein, wirklich „„Dein ſein ſollte. Alles war nur ein „„Traum, den Du wachend, ich ſchlafend „ntraͤumte, und jetzt erſt bin ich daraus er⸗ n„wacht!— So iſt es, mein Otto! Du 73 „„magſt Dich anklagen, ſo ſehr Du willſt, „„ich werde es nicht thun!— Nein, nie; „„ich ſchwoͤre Dir den heiligſten Eid,— daß „„ich Dir verzeihen, Dir entſagen und von „„Dir ſcheiden will— fuͤr mein ganzes Leben! „„Siehe, nun iſt es ausgeſprochen und „„Gott iſt mein Zeuge! Und nun, da die „„Welt zwiſchen uns liegt, da ein grauſa⸗ „„mes Schickſal, nicht ich oder Du, das Ur⸗ „„theil uͤber uns geſprochen hat, nun moͤgen „„wir ruhig und gefaßt, wie es uns geziemt, „„uͤber uns und unſer Verhaͤltniß reden. Du „„mußt alle Deine Geluͤbde, alle Deine Ver⸗ „„bindlichkeiten, alle Deine Pflichten erfuͤl⸗ „„len. Darin liegt Dein Gluͤck! Aber die „„erſteren brechen und den letzteren trotzen, „„das waͤre das Grab Deines Gluͤckes— „„denn— wenn Du auch noch ſo viel ver⸗ „„magſt— gegen ein allzuhartes Schickſal, „„gegen Armuth und gegen den Hohn der „„Menſchen zu kaͤmpfen, ſprich, ob Du das „„im Stande waͤreſt?——„Nein, nein!“ „„— antwortet darauf jede Stimme vom „„hoͤchſten Grade Deiner Gefuͤhle bis zur „„geringſten Deiner Alltagsgewohnheiten. „„Alle antworten„Nein!“— nicht wahr 2— „„Ich hingegen, ich will zu meiner Groß⸗ „„mutter zuruͤckkehren, und wenn ich mein „„fruͤheres Leben, meine fruͤheren Gewohn⸗ „„heiten wieder angenommen habe, dann nunfkehrt vielleicht auch meine ſonſtige froͤhli— nnche Stimmung, mein heiteres einfaches Ju⸗ „„gendleben zuruͤck. „„Denke nicht mehr daran, daß ich Dir „„manches Mal verſichert habe, ich wuͤrde „„Dir in Leben und Tod, in Armuth, in ei⸗ n„ne Wuͤſte folgen! O, nur ein Weib iſt be⸗ „„rechtigt, dieß zu verſprechen! Sie folgt ja wmur und es iſt ja ſo ſchoͤn, dem Geliebten „„zu folgen. Nicht ſo der Mann!— Er „nmuß ſelbſt vorangehen und, wenn er ſich „Innicht fuͤr faͤhig haͤlt, den Weg zu finden, nnalle Hinderniſſe, die ihm begegnen koͤnnen, „zzu entfernen, allen— auch himmelhohen „„— Schwierigkeiten, die ſich ihm in den „„Weg thuͤrmen, zu trotzen— dann thut „„er uͤbel, ſehr uͤbel daran, ein armes Weib „„mit ſich zu locken. Ich kann deshalb Viel 75 „„geſagt und gedacht haben, was Du we⸗ „„der denken noch ſagen darfft. Du haſt „„außerdem Eltern, haſt ein großes Erbe zu „„erwarten, haſt eine angenehme Stellung „„im Leben, helle Ausſichten fuͤr die Zukunft, „„Pflichten gegen Dein Vaterland, welches „„Dir vergelten wird, ſo gut es kann, mit „„Ehre, Reichthum, Anſehen, Allem!— „„und ich!— Ich habe Nichts, gar Nichts! „„— Nichts zu gewinnen, nichts zu verlie⸗ „„ren!— Unſere Verhaͤltniſſe ſind alſo ſo „„ungleich, daß ſie nie in Einklang gebracht „„werden koͤnnen. Doch genug daruͤber, ſie „„werden wahrſcheinlich nie wieder in Be⸗ „nruͤhrung mit einander kommen! „„Nun muͤſſen wir auch uͤber unſer Wie⸗ „„derſehen ſprechen, waͤhrend der Zeit, wo „„wir noch zum Zuſammenbleiben verurtheilt „„ſind, denn ſo gern ich auch wollte, ſo kann „„ich doch nicht ſogleich zu meiner Großmut⸗ „„ter zuruͤck. Wir liegen ſo vielen Umſtaͤn⸗ „„den unterworfen und— ſo leicht es mir „„war, bis hierher zu kommen,— ſo ſchwer „„wird mirs, dieſen Gegenſtand zu beſpre⸗ 76 „„chen. Wie ſollen wir einander wieder ſe⸗ „„hen? Sollen wir unſern Gefuͤhlen nach⸗ „„geben, ſollen wir uns ſelbſt und die Ach⸗ „„ſtung, die wir einander ſchuldig ſind, die „„Pflichten, die wir zu erfuͤllen haben, und „„die ſich nie vereinigen laſſen, vergeſſen? „„Sollen wir dieß Alles vergeſſen und waͤh⸗ „„rend dieſer kurzen Zeit unſers Zuſammen⸗ „„ſeins in unſerm letzten, innigen, ſelig be⸗ „„rauſchenden Verhaͤltniß bleiben, blind ge⸗ „„gen die Reue, die ſich drohend fruͤh oder „„ſpaͤt einfinden wird!— Nein, dazu ſind „„wir zu gut, zu tugendhaft, zu ſtark!— „„Sollten wir nicht vielmehr kalt und ru⸗ „„hig ſein?— Ja gewiß!— Wenn wir „„nur koͤnnten; aber wir ſind doch auch nur „„Menſchen!— Nun, dann wollen wir „„Freunde werden, innige, unzertrennliche „„Freunde, mit vollem, unbeſchraͤnktem, un⸗ „„getheiltem Vertrauen zu einander, kurz: „NAiebend wie immer, aber nicht in Liebe, „„ſondern in Freundſchaft, und im voraus nſei die Minute verbannt, wo wir unſer „„meues Buͤndniß auch nur mit dem leifeſten „„hHaͤndedruck, mit dem geringſten Schritt „zzur Vergangenheit uͤberſchreiten. Ver⸗ „„ſtehſt du mich auch?— Ach ja, Du wirſt „„es wohl. Und Du wirſt wohl dieſes „„Verhaͤltniß waͤhlen; ich weiß, ich fuͤhle „„es vorher!— Wir koͤnnen nicht mehr „„— wir duͤrfen nicht weniger thun. Biſt „„Du mit meinem Urtheil zufrieden?““ X*X 4* Hierauf bat ich Minna, das Buch ſammt dem Briefe in Otto's Zimmer auf ſeinen Schreibtiſch zu legen. Ich beeilte mich, Min⸗ na dieſen Auftrag zu geben, weil ich fuͤrchtete, daß ich ihn bereuen und zuruͤcknehmen moͤchte! Otto kam kurz darauf nach Hauſe, um ſich zur Mittagtafel umzukleiden und, bevor er ſein Zimmer wieder verließ, ſchickte er mir nach⸗ ſtehenden Brief: „„O Weiber, Weiber! Sonnen am Him⸗ „„mel unſers Lebens! Hoͤhen und Diefen al⸗ „„les Guten! Troſt in jedem Schmerz! Ot⸗ „„kilie, woher vermochteſt Du ſo viele Wor⸗ . 78 „„te des Troſtes zu nehmen?— Wie konn⸗ „„teſt Du Balſam in ein Herz gießen, das „„Dir entſagen muß?— Wie konnteſt Du „„Mittel finden, eine Entſagung als etwas „„Ertraͤgliches, als etwas Denkbares, als „„Etwas darzuſtellen, wobei ſich das Haar „„nicht ſtraͤubt, das Herz nicht ſtockt und „„Kodesqual nicht mein ganzes Weſen durch⸗ chauert?— Dieß war bei mir der Fall, „„bis ich Deine Briefe erhielt. Jetzt fuͤhle „nich eine Art von Ruhe, eine Ruhe nach „„dem Sturme; wie lange dieſelbe aber dauern „„wird, weiß ich nicht. Der Augenblick des „„Zweifelns wird nicht außenbleiben; aber „„ich will verſuchen ihn zu vertreiben. Nach⸗ „„dem ich lange Zeit hindurch unter einer „„Menge von Plaͤnen und Ideen umherge⸗ „„irrt und geſchwankt bin, ohne zu wiſſen, „„bei welchen ich verharren, welche ich ver⸗ „„werfen ſoll, hat mich eine gewiſſe Ruhe „„uͤberſchlichen. Das ſuͤße Bild unſerer „„Freundſchaft, unſerer innigen, unveraͤn⸗ „„derlichen, ewigen Freundſchaft, hat jeden „„dunkeln Winkel meines Herzens wieder 22 „„erhellt! Ja, meine Ottilie! fuͤr unſere „Freundſchaft, fuͤr Dich, fuͤr uns „„will ich leben und ſterben. Ich will mich „zwingen, meine Pflichten genau und ſtreng „„zu erfuͤllen, und zur Belohnung dafuͤr „„will ich dann zu Dir fliehen! Du ſollſt „„der Engel werden, der meine Schritte „leitet und mich belohnt, wenn ich recht „„handle. Aber was ſprichſt Du von Tren⸗ „„nung meine Ottilie, von Ruͤckkehr zu Dei⸗ „„ner Großmutter!— Nein, meine Ottilie! „„Zuſammen im Leben und im Tode muͤſſen „„wir ſein!— O, wenn Du es uͤber Dich „„gewinnen koͤnnteſt, Freundſchaft fuͤr mei⸗ „„ne arme Malwina zu empfinden, wie ſehr „„Du ihr auch in jeder Hinſicht uͤberlegen „„biſt!— O, wenn Du das koͤnnteſt, wel⸗ „„ches Engelsleben wollten wir dann fuͤh⸗ „„ren!— Der Gedanke:— ohne alle meine „„Verhaͤltniſſe aufzuloͤſen, die ich freiwillig „„eingegangen bin, ohne die Geſetze zu ver⸗ „„letzen, welche mir Pflicht, Ehre und Treue „nauferlegen,— meine kuͤnftigen Tage an „„Deiner Seite verleben zu koͤnnen, iſt ein 80 „„Himmel, außer welchem ich nureinen— „„noch hoͤherern, herrlicheren und ſuͤßeren. „kenne!— Ja, Ottilie, ich verſpreche Dir „„Alles! Ich will Dich ſehen, Dich hoͤren, „„von Dir entzuͤckt werden, aber eher unter⸗ „„gehen, als meine Geluͤbde brechen oder die „„Grenzen uͤberſchreiten, die Du uns Armen „„geſteckt haſt.— Biſt Du nun zufrieden?— „„Verſprichſt Du mir nun, daß ich Dich noch „„heute Abend ſehen ſoll?— Ich bitte Dich „„flehentlich darum! Ich habe Dir unendlich „„viel zu ſagen. Du biſt von dieſer Stunde „„an mein Gewiſſen. Ottilie, verſage mir „„dieſen Wunſch nicht!““— So lautete Qtto's zweiter Brief. Groß⸗ mutter, Du biſt ein Weib! Du wirſt die Ge⸗ fuͤhle faſſen, die dieſer Brief in mir erweckte. Wie Vieles war darin, was tiefer ſchnitt, ſchmerzhafter biß und mehr Gift in mein lei⸗ dendes Herz goß, als in dem erſten Briefe! Ungeachtet aller Sophismen Otto’s ſagte ich mir doch:„Er entſagt mir, und zwar mit Freuden!“— Und dieſer Gedanke war tauſend⸗ mal bitterer, als das Schickſal ſelbſt, welches 3 81 uns trennte. Vor meinen Blicken ſtand es nun klar, wie weit wir getrennt waren, obgleich mir meine Liebe Mittel eingab, ihn zu troͤſten und meinen eignen grenzenloſen Schmerz zu uͤber⸗ waͤltigen. Ich nahm meine ganze Vernunft zuſammen, um mir ſagen zu koͤnnen:„Er thut recht!“— obwohl es Stimmen in mir gab, die von andern Pflichten, von andern Anſichten und von andern Geſetzen fuͤr menſchliche Hand⸗ lungen ſprachen. Ich verbot mir ſelbſt alle der⸗ gleichen Gedanken als ungehoͤrig. Ich ſagte mir wohl tauſendmal:„er kann nicht anders handeln!“— Und doch ſtand im Hintergrunde aller meiner Gedanken, aller meiner Phantaſieen ein Paradies;— zwar ſchwer zu erreichen und nur zugaͤnglich uͤber ſteile Klippen, durch Feuer und durch Waſſer, uͤber Verachtung und uͤber Alles, was Gefahr heißen kann— aber es exiſtirte doch! Ich hielt die Hand vor die Augen, um es nicht laͤnger vor mir zu ſehen, und ſprach zu mir ſelbſt:—„Gott ſchuͤtze mich vor dem Wahnſinn, daß ich wahnſinnige Hand⸗ lungen von demjenigen erwarten ſollte, den ich liebe!“— II. 82 Indeſſen ließ ich Otto's Brief unbeantwor⸗ tet. Ich fuͤhlte einen gewiſſen Muth, dem Wi⸗ derſpruch in meinem eignen Herzen zu trotzen, und laͤchelte kummervoll uͤber Otto's luftige, hohle, blendende und phantasmagoriſche Plaͤne fuͤr die Zukunft, denn mein Vorſatz ſtand feſt und unerſchuͤtterlich, zu Dir zuruͤckzukehren, ſo bald es moͤglich waͤre. Aber dieß war leichter beabſichtigt, als bewerkſtelligt, ohne bei Jeman⸗ dem Mißtrauen zu erwecken. Doch faßte ich den Entſchluß, dieſen Plan unter allen Umſtaͤn⸗ den noch vor der großen, ſchrecklichen Cataſtro⸗ phe auszufuͤhren, an die ich nicht denken durfte, ohne in einen Zuſtand ſtummer Verzweiflung zu verfallen, der ſich nur fuͤhlen, aber nicht be⸗ ſchreiben laͤßt. Doch genug daruͤber! Meine Krankheit hatte ſich indeſſen, par ésprit de contradiction, gehoben. Ich fuͤhlte mich geſund, aber matt. Am Abend die⸗ ſes Tages— des Todtestages fuͤr mein Herz— nahm ich meine Kleider, legte ſie muͤhſam an und wankte ans Fenſter. Es war glaͤnzender Mondſchein und klingende Schlittenfahrt. Die Schlitten ſauſ'ten voruͤber und das Klingen der 83 Gloͤckchen toͤnte zu meiner hohen Wohnung her⸗ auf. Ich konnte kaum begreifen, daß die Men⸗ ſchen jetzt wie ſonſt ſorglos und heiter zu tau⸗ ſend Vergnuͤgungen eilten. Jetzt, nachdem Alles voruͤber war!— Eine duͤſtere Stimme fluͤſterte mir wohl zu:„Nur fuͤr Dich ſind alle Freuden zu Ende, alle Hoffnungen zerſeoͤrt, alle ſuͤßen, hin⸗ reißenden Taͤuſchungen entſchleiert und in ſchreck⸗ liche finſtere Wirklichkeit verwandelt!*— Ich konnte kaum begreifen, daß ſich außerdem alles Uebrige voͤllig gleich geblieben war. Ich begann ſogar meine ſogenannte, fruͤher ſo ſehr beruͤhm⸗ te, ſo oft und ſo unverdient gefeierte Schoͤn⸗ heit zu haſſen. Sie hatte nun ſo unendlich wenig Werth fuͤr mich und ſchien mir auch um deshalb ſehr entbehrlich zu ſein, weil die Welt gleich froh und heiter war, mochte ich darunter ſein oder nicht. Und dieß iſt ein Gedanke, der durchaus nichts Suͤßes hat fuͤr ein junges ſieb⸗ zehnjaͤhriges Maͤdchen, das ſich ſo eben noch auf dem Gipfel jener weltlichen Ehre geſehen hat, nach welchen die Frauen eigentlich ſtreben. Man ſage was man will, unſere Meinung uͤber uns ſelbſt haͤngt doch ſehr von der Aufnahme 6* in der Welt ab;— o wie ſchien ich mir in dieſem Augenblicke ſo ganz ohne Werth zu ſein!—„Die Otto verwarf, was konnte ſie wohl noch fuͤr Freude an den Huldigungen An⸗ derer finden?“— So dachte ich. Ich gab mir Muͤhe, meine Gedanken auf einen andern Gegenſtand, meine Augen auf ein Buch zu richten. Zufaͤllig kam mir die Del⸗ phine in die Haͤnde, aber ich warf ſie mit Schaudern von mir und ſagte unwillkuͤhrlich: „Es gehoͤrt doch keineswegs eine franzoͤſiſche Revolution dazu, um eine Leonge, eine Mada⸗ me Vernon oder auch— eine Mathilde zu bil⸗ den!“— In der Delphine fand ich mich nicht im Geringſten wieder. Ich fuͤhlte, daß mir jetzt der Muth fehlte, um auch nur dem Klein⸗ ſten zu trotzen. Ich warf daher die Delphine von mir und nahm— freue Dich daruͤber, liebe Großmutter— und nahm den Thomas à Kempis, den Du mir am letzten Morgen gabſt. Lange betrachtete ich das milde ſanfte Geſicht des Moͤnchs und dachte daran, wie viel er wohl gelitten haben moͤchte, bevor er dieſes Anſehen von Seelenfrieden und 8⁵ Herzensruhe erlangt hatte. In dieſem Gedan⸗ ken lag eine Hoffnung, die erſte, die an dieſem dunkeln Dage in mir aufſtieg. Aber die⸗ ſe Hoffnung war einer von den Sternen, die ſtill an dem Himmel leuchten, an welchem ſie von je ihren Platz gehabt hatten, obwohl ich isher mehr auf die Sterne geſehen hatte, die zwar heller glaͤnzten, aber nach kurzem Anſchau herabgefallen und verſchwunden waren. Aber dieſer Stern war keine Taͤuſchung, er exi⸗ ſtirte wirklich!— Ich las mit Eifer und Fleiß in meinen Thomas à Kempis und gerieth zu⸗ letzt in dieſelbe erhabene, Alles verſagende Ge⸗ muͤthsſtimmung, die mich in fruͤherer Jugend oft zu dem Entſchluſſe brachte, in ein Kloſter zu gehen und daſelbſt den Schleier zu nehmen. Meine Thuͤr war feſt verſchloſſen. Schlag zehn Uhr hoͤrte ich leiſe Schritte auf dem Corridor, dann Jemanden, der vorſichtig aus Thuͤrſchloß griff. Das war Minna nicht. Ich warf mich nieder auf mein Bett, hielt die Haͤnde lange Zeit hindurch feſt vor die Ohren und, als ich ſie endlich mit hochſchlagendem Herzen wieder wegnahm, war Alles wieder ſtill wie im Grabe. 86 Dieſe Nacht war ſchmerzhaft. Ich ſchlief zwar ein, denn der Koͤrper bedurfte Ruhe; ſo oft ich aber erwachte und an die Urſache meiner Qua⸗ len dachte, begannen meine Thraͤnen wieder zu fließen, bis der Schlaf mir die Augen wieder ſchloß. Und dieß wiederholte ſich mehrere Male. Ganz zeitig am andern Morgen ſchickte mir Otto wieder ein Buch, in welchem folgender Brief lag: „„Ottilie! Warum biſt Du jetzt ſo hart a— gegen Deinen Freund? Ich bin ja „„nur meiner Ottilie einziger beſter Freund. ,„— Laß ihn zu Dir kommen! Er ſtirbt „„ſonſt vor Sehnſucht und Unruhe. Neun „„ganze Tage, neun Ewigkeiten ſind mir nun „„auf dieſe entſetzliche Weiſe vergangen!— „„Ich habe nur einen Gedanken, einen „„Wunſch, ein Ziel— Dich zu ſehen. Alles „„Andere iſt mir gleichguͤltig. Abends Punkt „„meun Uhr will ich an Deiner Thuͤre ſein. „„Dann ſind Alle fort. Gieb dann Minna „„einen Auftrag, der ſie fuͤr laͤngere Zeit „„entfernt, und ſei nicht mehr eigenſinnig „„und hart gegen Deinen Freund, wenn 87 „Du nicht willſt, daß er verzweifeln und „„etwas Unſinniges begehen ſoll! Ich bitte „Dich auf den Knieen darum, verſag' es „„Deinem Freunde nicht!““— Ich laͤchelte bekuͤmmert und antwortete ſo⸗ gleich und ohne alles Beſinnen: „Es iſt unmoͤglich! Sprich nicht weiter da⸗ von!— Dieſe Antwort ſchickte ich ohne Umſchweife an Otto, der ſein Zimmer noch nicht verlaſſen hatte, kehrte mich gegen die Whait und ſchlief — ruhig ein. Erſt um zwoͤlf Uhr Vormittags erwachte ich. Minna ſaß ſtill an meinem Bett und erzaͤhlte mir, daß die Graͤfin, der Arzt, der Onkel, die Mamſell, Annette, die ganzen gewoͤhnlichen Vor⸗ mittagsbeſuche, oben geweſen waͤren, daß ich aber ſo feſt geſchlafen haͤtte, daß ich ſie weder kommen noch gehen gehoͤrt haͤtte.„Mamſell Melida hat auch lange hier geſeſſen“— ſagte ſie—„ſie ging aber ſpaͤter in den Saal hin⸗ unter, wo ſie wartet bis das Fraͤulein erwacht iſt, um Sie zu beſuchen.“— Anfangs gefiel mir dieß gar nicht. Bei 68 einigem Nachdenken fand ich jedoch, wie we⸗ nig Melida dieſe Kaͤlte von meiner Seite ver⸗ diente, und daß man freundlich ſein muß, wenn man auch noch ſo bitter leidet. Ich ſtand auf, kleidete mich mit Minna's Beiſtand ein wenig an und bat dann Minna, Fraͤulein Meliden zu ſagen, daß ich ſie ſehr gern ſehen wuͤrde. Ich log zwar darin ein wenig, aber es geſchah in guter Abſicht. Waͤhrend Minna's Abweſen⸗ heit warf ich einen Blick in den Spiegel, den erſten, ſeitdem ich das Bett wieder verlaſſen hatte. Ich war entſetzlich mager geworden— ſchien mir's— und da ich nun kein Fieber mehr hatte, auch ſehr blaß und nach meiner Anſicht recht haͤßlich. Ich laͤchelte gleichwohl daruͤber, aber es lag etwas Bitteres und wenig Ange⸗ nehmes in dieſem Laͤcheln. Es miſchte ſich da⸗ rin— ich geſtehe es offen, denn ich habe ja keinen Grund mehr, Dir nur den geringfuͤgig⸗ ſten meiner Gedanken zu verbergen— es miſchte ſich darin mehr Kummer als Gleichguͤltigkeit. Bald darauf kam Melida; aber ich ſah, deß ſie bei meinem Anblick erſtaunte. „Ich danke Dir, gute Melida!“— redete 89 ich ſie gleich beim Eintritt an.—„Du biſt recht gut, daß Du meiner gedenkſt. Ich bin recht ſehr krank geweſen, Du wirſt mir's wohl an⸗ ſehen; aber jetzt geht es weit beſſer.“— Me⸗ lida blickte mich an.—„Nein, ſieh mich nicht ſo an!“— fuhr ich fort.—„Ich weiß recht gut, daß ich uͤbel ausſehe, nachlaͤſſig und ſchlecht gekleidet bin und verwirrte Haare habe. Ich traute mich nicht, meine Toilette ſelbſt zu ma⸗ chen, ſondern ließ mich von Minna ankleiden und dieſe iſt, wie ich wohl ſehe, eine bloße Pfuſcherin, keineswegs eine Meiſterin!“— „Wenn Du willſt, will ich Dir Dein ſchoͤ⸗ nes, langes Haar ordnen und flechten?“— fragte Melida zaͤrtlich und freundlich. „O gern, gute Melida!“— erwiederte ich, erfreut daruͤber, daß ich ihr auf dieſe Weiſe eine Beſchaͤftigung geben konnte, denn ich ver⸗ mochte nichts zu ſagen und fuͤrchtete, ich weiß ſelbſt nicht was. Ich ſetzte mich nieder. Melida nahm einen Kamm und flocht mein langes Haar auf, das durch Fieber und lange Vernachlaͤſſigung in einen Zuſtand graͤßlicher Verwirrung gerathen war. 90 Mit großer Muͤhe brachte ſie es in Ordnung, ohne jedoch ein Wort dabei zu ſprechen. Ich ſaß ſtill und mit geſchloſſenen Augen da, ohne Etwas zu ſagen, außer, daß ich Melida's ſchoͤne Haͤnde dann und wann kuͤßte, wenn ſie damit meinem Geſicht nahe kam. Bei einer unvermu⸗ theten Bewegung, die ich machte, fiel mir Ot⸗ to's letztes Billet aus dem Buſen, wo ich es verborgen hatte. Ich ſelbſt bemerkte es nicht; aber Melida hob es auf und reichte mir's ſtill⸗ ſchweigend hin. Von Leichenblaͤſſe wandelte ſich meine Geſichtsfarbe in Purpurroͤthe; ich warf einen haſtigen Blick hinter mich auf Meliden und begegnete ihren traurigen und bekuͤmmerten Blicken. Inzwiſchen flocht ſie immer weiter. Wir ſchwiegen lange. Otto s Billet war auf ein kleines Blatt Papier geſchrieben, ſo daß es auf beiden Seiten vollgeſchrieben war. Wer Otto's ſchoͤne Handſchrift kannte, mußte beim erſten Blick darauf erkennen, von wem das Billet war. Melida flocht, ich ſchwieg. Als ſie endlich fertig war und ich ihr danken ſollte, warf ich mich an ihren Buſen und weinte laut. Melida erſchrack. 41 91 „Mein Gott,“— ſprach ſie—„Du be⸗ kommſt wohl Dein Fieber wieder! Faſſe Dich! Suche Dich zu beruhigen! Noch iſt kein Schaden geſchehen! Von mir ſollſt Du nie etwas zu fuͤrchten haben! Nicht erſt ſeit jetzt, nicht erſt ſeit heute iſt Dein Geheimniß in meiner Hand. Ach, wie lange ſchon haſt Du es verrathen, Du natuͤrliches, ungekuͤnſteltes Weſen!“— „Melida!“— rief ich.—„Was meinſt Du?— Ich bitte Dich um Gottes Barmher⸗ zigkeit willen, ſprich es offen aus! Denke daran, daß ich allein in der Welt ſtehe und Nieman⸗ den habe, an den ich mich wenden kann. Sei gut und nachſichtig gegen mich! Sprich, troͤſte mich, ich ſehe, daß Du Alles weißt! Rede nun, ſage mir, was Du denkſt, und ich will Dir mit Vertrauen antworten, denn das Bandn mei⸗ ner Zunge iſt nun geloͤſt.“— „Darf ich Dir ſagen, was ich denke,“— ſprach Melida—„und willſt Du mich eohs und ohne unwillig zu werden, anhoͤren?“— „Ja, ich verſpreche Dir's, rede nur!“— er⸗ wiederte ich, verbarg das Geſicht in meine Hän⸗ de und warf mich nieder auf mein Bett. „ weſen?“— „Willſt Du wiſſen was ich denke?“— ſagte Melida.—„Nun wohl, ich denke— zuͤrne nicht, gute Ottilie— ich denke, daß Du auf einem gefaͤhrlichen, ſchluͤpfrigen Wege wandelſt. Du liebſt Otto und Dir verzeihe ich dieß,“ — ſetzte ſie ſeufzend hinzu—„aber er handelt nicht redlich gegen Dich oder ich irre mich ganz in Dir! Darf ich ich Dir nur eine einzige Frage vorlegen?— Kennſt Du allle Verhaͤltniſſe Ot⸗ to’s?“— „Ja— alle!“— „Dann verſtehe ich Dich nicht! Kannſt Du ihn lieben, froh und gluͤcklich ſein und doch wiſſen, daß er einer Andern angehoͤrt?“— „Ich bin keins von beiden, das weiß Gott!˙— „Aber Du haſt doch mir und Andern ſo geſchienen?“— „Ich bin es 65 peineans aber nun iſt es voruͤber!“— „Seit wann denn, gute Ottilie?“— „Seit einigen Tagen?“— „Iſt dieß die Uiſach⸗ Deiner Krankheit ge⸗ 14 93 „Nein, dieſe war etwas Anderes, das nicht hierher gehoͤrt!“— „Ottilie,“— ſprach Melida—„Du biſt mir ein Raͤthſel. Vergieb mir, daß ich ſo offen gegen Dich bin!— Aber Du haſt einen Brief von Otto angenommen und weißt doch“——— „Ich weiß Alles! Ich habe keinen Brief von Otto angenommen— von Otto, dem Liebhaber— ſondern von Otto, als mei⸗ nem Freund, meinem Bruder. Sieh, hier iſt der Brief, lies ihn!“— Melida nahm den Brief und ſchuͤttelte ſorg⸗ lich das Haupt, waͤhrend ſie las. „Ja, das iſt gewiß ſehr viel Freundſchaft!“ — ſprach ſie dann mit einer Art von kummer⸗ voller Ironie, worin jedoch weit mehr Mitleid und Zaͤrtlichkeit fuͤr mich, als Bitterkeit lag. —„Daß iſt gewiß ein Freund, der auf den Knieen liegt und von Sehnſucht und Liebe gluͤht! — Nimm Dich in Acht!— Oeffne Deine Au⸗ gen! Viele vor Dir haben ſich ſchon in einem⸗ Netze gefangen, dem ſie den Namen der Freund; 4 94 ſchaft gegeben haben. Aber es iſt meiſt eine truͤgeriſche Maske.“— 1 „Ich ſelbſt habe dieſen Namen dem Ver⸗ haͤltniß gegeben, welches kuͤnftig zwiſchen uns ſtattfinden ſoll und muß!“—„Um deſto ſchlimmer! Dann haſt Du ſelbſt den Weg ge⸗ bahnt, den Otto mit Entzuͤcken wandern wird, bis⸗——— „Nun, bis?“—— fragte ich nicht ohne Betruͤbniß.— „Bis Du erwachſt— aber zu ſpaͤt!“— „Du haͤltſt mich fuͤr recht ſchlecht, fuͤr recht niedrig, Melida!“— „Nein, Ottilie, weit entfernt davon. Aber Du biſt ein unſchuldiges, unerfahrnes Kind der Natur, und ich muͤßte mich ſelbſt verabſcheuen, wenn ich Dich nicht warnte. Otto iſt gut, aber entſetzlich leichtſinnig. Er will das Rechte und thut doch meiſt das Unrechte. Fliehe ihn, wenn Du kannſt, ſo lange es noch Zeit iſt. Eure ſogenannte Freundſchaft iſt gefaͤhrlicher, als jedes andere Verhaͤltniß. Es wird Dich und ihn betruͤgen, ehe ihr es denkt. So glau⸗ be ich wenigſtens von Dir, ſo will ich auch 95 von Otto glauben, denn ich mag nicht dieje⸗ nige ſein, die ihn verdammt, obwohl“——— „Obwohl?— Was?“— fragte ich.— „Das gehoͤrt nicht hierher, antworteteſt Du mir vorhin!“— ſprach Melida traurig laͤ⸗ chelnd. Ich hielt zuruͤck, was ich darauf ſa⸗ gen wollte. Langes Schweigen herrſchte nun unter uns. „Und wenn ich nun Otto fliehen will, wel⸗ chen Ausweg ſoll ich dann wohl finden?“— fragte ich endlich Meliden, das Geſicht in mei⸗ ne Haͤnde verborgen. „Alles, was man will, das kann man auch.“ — Antwortete ſie.— „Schreib offen an Deine ehrwuͤrdige Groß⸗ mutter.“— „Das kann ich nicht.“— in „Faſſe Dir Muth, ſage Deiner Tante, daß Du wieder in Deine Heimath zurictrehren willſt.“— „Das wage ich nicht!“— „Ottilie! Weshalb fuͤrchteſt Du Dich vor Deiner Tante?— Blicke auf! Glaube mir! 96 Du biſt ihr keinen Dank ſchuldig!— Du biſt mir tauſendmal theurer, als ſie, deshalb koſtet mir s keine Ueberwindung, die Dir Augen zu oͤffnen. Sie hegt nicht einen Funken Liebe zu Dir. Sie haͤlt Dich fuͤr eine charmante Repraͤſentantin in ihrem Salon, fuͤr eine charmante Begleiterin in der Geſellſchaft. Es iſt ihr ein Genuß, zu antworten, wenn man fragt:„Wer iſt das ſchoͤne Maͤdchen dort, welche alle Uebrigen ver⸗ dunkelt?“—„Es iſt meine Niege! Sie lebt in meinem Hauſe; aber dieß iſt der erſte Win⸗ ter, wo ſie in die Welt kommt.“— Dann bruͤſtet ſie ſich mit Dir;— wuͤrde aber Jemand ſagen:„Das iſt ein liebes Maͤdchen, ſie will ich zur Gattin haben.“— Weißt Du, was ſie dann antworten wuͤrde?—„Oh, n'y pensez pas! Sie iſt entſetzlich arm und hoͤchſt oberflaͤch⸗ lich erzogen von einer alten Großmutter, bei der ſie hak thun koͤnnen, was ſie gewollt hat. Ihre Wuͤnſche werden keine Grenzen haben, wenn ſie dieſelben einmal ausgeſprochen hat. Ich bin Ihre Freundin, ich ſage Ihnen meine Anſicht aufrichtig, wiewohl ſie meine Nichte iſt; aber Heucheln iſt meine Sache nicht. Jedenfalls 97 wird ſie von uns eine Ausſtattung bekom⸗ men, aber nicht eher, als nach unſerm Tode u. ſ. w.“— „Melida!“— rief ich.—„Du biſt zu ſtreng. Du thuſt Otto's Mutter unrecht.“— „Nein, gewiß nicht; aber Du ſollteſt Ot⸗ to's Mutter in ihrem wahren Lichte ſehen. Wehe uͤber mich, wenn ich die ſuͤßeſte aller Taͤuſchungen, den Glauben, daß die Menſchen gut ſind und es ehrlich mit uns meinen, ohne guten Zweck und ohne Nutzen in Dir zerſtoͤren wollte!“— „Und mein Onkel?“— „Den kenne ich nicht!“— erwiederte Melida und zuckte die Achſeln.—„Seine Thaͤtigkeit und ſein Wirken liegt außer meinem Kreiſe. Aber er iſt ohne Unterſchied verbindlich und zu⸗ vorkommend gegen die ganze Welt, er meint es daher mit Allen— oder mit— Keinem gut. Eine Mittelſtraße giebt es hier nicht.“— „Und wie ſpricht er von mir?“—. „Gar nichtz und auch darin lamge oft eine Art von Verlaͤumdung.“— II. 98 „Melida, Du biſt ungerecht, Du urtheilſt zu ſtreng!“— „Nein gewiß nicht; ich moͤchte Dich nur gern von hier weg haben.“— „Das will ich auch; nur ſehe ich fuͤr den Augenblick keine Moͤglichkeit dazu! Gott gebe, daß ſich bald eine findet!“— „Nun, ſo will ich Dir eine geben!“— er⸗ wiederte Melida, zog einen verſiegelten Brief hervor, uͤberreichte mir ihn und ſchickte ſich in demſelben Augenblicke an, zu gehen. „Nein, warte noch, Melida!“— ſprach ich. —„Von wem iſt dieſer Brief? Ich kenne die Handſchrift nicht. Ich fuͤrchte mich wahrlich jetzt vor allen Briefen. Ein gebranntes Kind fuͤrchtet das Feuer.“— „Dieß iſt kein gefaͤhrlicher Brief,“— ſprach Melida,—„ſonſt wuͤrde ich ihn nicht in Deine Haͤnde gebracht haben. So gut mußt Du mich doch wohl kennen!— Jetzt muß ich Dich aber verlaſſen. Lies Deinen Brief mit Ernſt! Mor⸗ gen komme ich wieder, wahrlich nicht, um Dich zur Antwort aufzufordern, nur um offen und frei mit Dir uͤber dieſe Angelegenheit zu ſpre⸗ ———— 99 chen. Aber jetzt kein Wort. Lebe wohl, Otti⸗ lie! Bleibe feſt und treu bei Deinem Vorſatze, mag Dein Freund Dich mit Bitten oder Drohungen beſtuͤrmen!“— „O Melida, Du biſt ſchrecklich hart!“— rief ich und warf mich ihr weinend um den Hals. „Nein, keineswegs, meine gute Ottilie!“— erwiederte ſie.—„Glaubſt Du nicht, daß es in meine Seele, in mein Herz ſchneidet, Dir das Wenige, das unendlich Wenige zu rauben, was Dir von Deiner erſten, vielleicht Deiner einzigen Liebe uͤbrig bleibt?— Aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich es in der beſten Abſicht thue!— Nun, lebe wohl, mein theures Kind, Gott ſei mit Dir! Ich kann nicht laͤnger blei⸗ ben und ich will es auch kaum. Aber ich hoffe, die Zeit wird kommen, wo Du ruhig und zu⸗ frieden uͤber dieſe ſtuͤrmiſchen, kummervollen Tage, die dann im Strome der Zeit verſunken ſind, vertraulich mit mir ſprechen wirſt!— Lebe wohl!“— Und ſie ging. Da ſaß ich nun wieder ſo einſam und 6 71† 100 ungluͤcklich! Ach, was fuͤr Gutes doch die Men⸗ ſchen zu thun glauben, wenn ſie den Schleier wegreißen, der das Boͤſe verbirgt! Doch, ich bin wohl ſehr ungerecht, wenn ich ſo ſpreche. Man muͤßte ja niedertraͤchtig ſein, wenn man Jemanden gerade zu auf einen Abgrund, den er nicht ſieht, losſtuͤrzen ließe, ohne ihn zu warnen, wenn auch die Warnung ſelbſt eine unendliche Qual fuͤr den in ſich traͤgt, der ſie empfaͤngt. Da einen Abgrund zu finden, wo man ein Paradies geſucht hat, iſt doch keine geringe Taͤuſchung. Doch genug davon. Nun, liebe Großmutter, wirſt Du vermuth⸗ lich etwas von dem dicken Briefe wiſſen wollen, den ich lange, nachdem Melida ſich entfernt hatte, achtlos und gleichguͤltig in der Hand be⸗ hielt?— Minna's Gedanken vermochten nichts zu errathen und ſogar meine weibliche Neugier⸗ de ſchlummerte. Der Kummer und die Gewiß⸗ heit, daß nun alle irdiſchen Freuden fuͤr mich in ewige Nacht verſunken waren, hatte alle uͤbrigen Gefuͤhle in Schlummer gewiegt. End⸗ lich oͤffnete ich jedoch den Brief und las mit Erſtaunen den Namen Edward H** darunter. —— 101 Der Gedanke an ihn war mir nicht im entfern⸗ teſten eingefallen. Du ſollſt den ganzen In⸗ halt dieſes Briefs erfahren; erſt aber will ich Dir mit kurzen Worten Rechenſchaft uͤber die uͤbrigen Ereigniſſe dieſes Tages geben. In der Daͤmmerung hoͤrte ich Otto die Treppe heraufkommen. Er war Minna begeg⸗ net. Er wußte, daß ich außerhalb des Bettes und angekleidet, er wußte, daß ich allein war, und kam an meine Thuͤr. Und dießmal ſtopfte ich meine Ohren nicht zu. Zum erſten Male ſeit langer Zeit hoͤrte ich wieder den Ton ſei⸗ ner Stimme—„Ottilie,“— bat er—„auf den Knieen, vor Deiner Thuͤre, bitte und be⸗ ſchwoͤre ich Dich, nimm Dein hartes Nein zu⸗ ruͤck! Laß mich heute Abend zu Dir kommen! Ich habe Dir tauſend Dinge mitzutheilen! Glau⸗ be mir, ich ſterbe, ich vergehe ſonſt! Und fuͤrch⸗ te Dich nicht vor mir, Ottilie! Ich kann ſtark ſein, wenn ich will! Ich will mir Gewalt an⸗ thun uͤber Alles! Antworte mir nur ein Wort, nur ein einziges Wort!“— 1. Ich ſchwieg. Noch immer bat er. Ich weinte, ich rang die Haͤnde, aber ich ſchwieg. 10² Plötzlich trat nun Otto von meiner Thuͤr zu⸗ ruͤck, ſprach einige heftige, fuͤr mich unverſtaͤnd⸗ liche Worte vor ſich hin und eilte in ſein Zim— mer. Nach einigen Augenblicken kam er wie⸗ der zuruͤck und ſchob durchs Schluͤſſelloch ein ſchmales Papierſtreifchen, auf welchem folgende Drohung ſtand: „Ottilie! Jetzt gehe ich, um mir Pferde zu heute Abend zu beſtellen. Weigerſt Du Dich noch laͤnger, mich zu ſehen, ſo reiſe ich ſofort zu Malwinen und komme nicht eher wieder, als bis ich ihr’“——— Nun ward ich mit einem Male eiskalt. Ein Gefuͤhl des Verdruſſes und gekraͤnkten Stolzes uͤberwaͤltigte fuͤr einige Augenblicke jeden andern Eindruck. In dieſer Stimmung ſchrieb ich folgende Zeilen, die ich, ſobald Minna wieder herauf kam, direct an Otto ſchickte: „Deine Drohung iſt in der That ſehr gut erſonnen! Wehe uͤber mich, wenn ich niedrig genug daͤchte, Dich durch Nachgiebigkeit gegen Deine wahnſinnigen Wuͤnſche daran zu hin⸗ dern, was Du ja gerade thun ſollſt, und wo⸗ zu ich Dich mit Herz und Seele aufmuntere! 103 — Reiſe! Verbinde Dich mit Malwinen! Ma⸗ che ſie gluͤcklich und werde ſelbſt gluͤcklich! Bleibe bei ihr, ſo lange Du willſt, wenigſtens ſo lange, bis ich wieder bei meiner Großmut⸗ ter bin! Ich wuͤnſche nichts Anderes! Deine wahnſinnige Idee, daß ich ewig bei Dir, oder um Dich bleiben ſoll,— ich weiß wahrlich nicht, wie Du eine ſolche Idee faſſen konnteſt — aber gewiß iſt, daß ich ſie ausrotten wer⸗ de. Lebe wohl! Reiſe gluͤcklich! Ich wuͤnſche, Dich nie wieder zu ſehen!“— Ich fuͤhlte nach allen dieſen ſchnellen Vor⸗ gaͤngen eine ſonderbare, der Betaͤubung aͤhnli⸗ che Ruhe. Ich hoͤrte, wie Otto ſein Zimmer mit ſchnellen, haſtigen Schritten verließ. Jetzt erſt las ich Edwards Brief, ohne jedoch gehoͤ⸗ rig daruͤber nachzudenken. Er lautete ſo: „Ottilie! Ich vermag mein Herz und meine Gefuͤhle nicht laͤnger in den engen Grenzen kal⸗ ter Vernunft zu halten. Sie wollen heraus, ſie wollen frei ſprechen, ſie haben ſo lange ge⸗ ſchwiegen! Ich liebe Sie, Ottilie!— dieß werden Sie ſchon lange wiſſen. Sie muͤßten ſonſt nicht das feinfuͤhlende, ſcharfſichtige Weib 4 104 ſein, fuͤr das ich Sie immer gehalten habe. Meine Worte werden Ihnen daher keine Neu⸗ igkeit ſein; aber vielleicht haben Sie nicht er⸗ wartet, Ihre Ahnungen ausdruͤcklich verwirk— licht zu ſehen, zumal wenn ich hinzuſetze, daß ich weiß, daß Sie einen Andern lieben. Wer⸗ fen Sie meinen Brief nicht von Sich, Ottilie! Glauben Sie mir, es gehoͤrt weniger dazu, ihn zu leſen, als dazu gehoͤrt, ihn zu ſchreiben, denn letztres erfordert eine faſt uͤbermenſchliche Staͤrke. Die Feder will mir aus der Hand fallen, in⸗ dem ich verſuche die Worte zu ſchreiben:„Ot⸗ tilie liebt ihren Couſin, den jungen Grafen Ot⸗ to!“— Aber nun ſtockt ſie doch. Und doch muß ich einen Gegenſtand beruͤhren, uͤber den ich ſo ſehr viel zu ſagen habe. Ich habe dazu alle Kaͤlte, alle Vernunft geſammelt, die mir zu Gebote ſteht. Ottilie liebt Otto'n mit al⸗ ler Jugendliebe, mit der ganzen Kraft und Staͤrke der erſten Liebe. Otto hingegen liebt Ottilien ſo, wie er ſchon manche vor ihr ge⸗ liebt hat, wie er vielleicht noch manche nach ihr lieben wird. Otto iſt außerdem durch un⸗ aufloͤsliche Bande gefeſſelt. Allerdings koͤnnte 105 Otto dieſe Bande loͤſen und zerreißen, und wenn er es thaͤte, dann wollte ich ſagen, Ot⸗ to liebt Ottilien ſo, wie er noch nie ein Maͤd⸗ chen geliebt hat; dann wollte ich Otto'n Gluͤck wuͤnſchen, wenn auch mein Herz daruͤ⸗ ber brechen ſollte; dann wollte ich ſprechen, Otto iſt es werth, Ottilien zu beſitzen; dann wollte ich mich faͤhig fuͤhlen, noch mehr zu thun: eine Verbindung zu befoͤrdern, die alle meine Hoffnungen auf Gluͤck fuͤr immer zerſtoͤrt, denn ich bin einer von jenen einfachen Men⸗ ſchen, die nur einmal lieben, aber dann auch uͤber alle Maaßen;— kurz, dann wollte ich mich dazu zwingen, Otto'n das Gluͤck, Otti⸗ lien und ihre Liebe zu beſitzen, vom Herzen zu goͤnnen. Aber ach! Otto wird ſeine Bande weder loͤſen noch zerreißen. Er traͤgt ſie und zieht nur an ihnen, damit ſie ſo wenig als moͤg⸗ lich bemerkt werden moͤgen, und ich thue nur meine Pflicht, wenn ich— ſo weit ich es naͤm⸗ lich im Stande bin— Ottilien von dem Ab: grunde wegzureißen ſuche, der tief und offen vor ihren kindlichen, unſchuldsvollen, aber leicht zu taͤuſchenden Blicken liegt. Es iſt nicht ein 106 Liebender, es iſt ein Bruder, ein Freund, der Sie in dieſem Augenblicke fragt, welches Gluͤck Sie von Ihrer Liebe zu Otto erwarten. Iſt er niedrig denkend genug geweſen, Ihnen ſeine fruͤher geſchloſſene Verbindung, um die faſt Alle wiſſen, zu verſchweigen, ſo muͤßte ich mich in Ottilien ganz und gar geirrt haben, wenn ſie nicht mitten in ihrem entſetzlichen, quaͤlenden Schmerze dem Freunde danken wuͤr⸗ de, der ſie aufgeklaͤrt hat. So etwas ahnt mir, wenn ich die heitern, die hellen, die himm⸗ liſchen, von einer unendlichen Liebe und Zunei⸗ gung glaͤnzenden Blicke mir vergegenwaͤrti⸗ ge, die Ottilie dieſem Undankbaren widme⸗ te. Kennt Ottilie hingegen Otto's Verbin⸗ dung mit einer Andern, wie kann ſie dann ſo heiter und zufrieden ausſehen, wenn ſie das reinherzige, unſchuldsvolle Weſen iſt, fuͤr das ich ſie halte? Ich kenne zwar ein anderes Weib, welches Ottonn mit der Hef⸗ tigkeit einer Italienerin liebt; aber ſie erwartet mmit Entzuͤcken den Tag, wo Otto mit einer wear guten, aber wenig reizenden Gattin ver⸗ bunden ſein wird, und thut Alles, was ſie ver⸗ 107 mag, um dieſe Verbindung zu befoͤrdern und zu beſchleunigen und eine Nebenbuhlerin zu ent⸗ fernen, die ihr weit gefaͤhrlicher ſcheint, als die reiche, unſchoͤne, reizloſe Gattin. Aber koͤnnte ich Ottilien auch nur mit einem ein⸗ zigen Gedanken dieſer vergleichen? Nein, weit davon! Ottilie iſt die einzige, die nicht weiß, was alle Andere wiſſen, und ihre Unwiſſenheit macht Ottonn keine Ehre, giebt ihr aber in meinen Augen allen Glanz, den ein Weib fuͤr mich haben kann, obſchon ſie einen andern liebt. Ich ſchaudere bei dem Gedanken, daß ich vielleicht derjenige bin, welcher Ottiliens Augen oͤffnet, derjenige, welcher ſie aus dem Paradieſe ihrer jungen Liebe in eine Einsͤ⸗ de voll finſterer Wahrheit und voll von duͤſtern Bildern ſtoͤßt, uͤber welche Ottiliens heitere Ju⸗ gendphantaſie nicht mehr den lichten, geſtirnten Schleier der Taͤuſchung wirft. Ich ſchaudre, wenn ich Ottilien bitte, um ſich zu blicken, zu ſehen, wie man ſie angafft, um ſie zu belauern, waͤhrend ſie in ihrer Unſchuld glaubt, daß man blos uͤber ihre jugendliche Freude laͤchelt, die ſich in dem ſchoͤnſten Aeußern ſonnt und ſpielt, 108 welches die Natur zu einem weiblichen Weſen gab. Ich ſelbſt bin mitten in dieſer falſchen Welt erzogen worden. Lange hat meine Phantaſie unter Taͤuſchungen befangen gelegen; aber ich bin erwacht und nun ſehen meine ſcharfen Bli⸗ cke weit mehr, als ſie wollen, weit mehr, als man ſehen darf, wenn man nur die geringſte Achtung fuͤr das ganze menſchliche Geſchlecht uͤbrig behalten ſoll. Ich haſſe deshalb auch meine Scharfſichtigkeit und verachte den Ge⸗ brauch, den ich davon machen koͤnnte. Aber jetzt, jetzt wird ein Weſen bedroht, daß ich ins Leben ſchweben ſah, wie einen Schmetterling in den erſten Sommertagen, das mich gleich einem Schmetterling erſt blendete und dann er⸗ freute, als ich ſah, daß dieſe kleinen, ſchoͤnen Fluͤgel nicht von truͤgeriſcher, lockerer Farbe erglaͤnzken. Jetzt iſt mir's unmoͤglich, ihn nicht vor den giftigen Blumen zu warnen, wenn ich mit meiner unſeligen Scharfſichtigkeit das Gor⸗ gonenhaupt unter den uͤppigen Roſen und den blendenden Lilien ſo deutlich ſehe. Doch laſſen 109 wir die Blumenſprache und ſprechen uͤber etwas Anderes. Theils durch Zufall, theils durch den Scharf⸗ blick, welcher der verſchmaͤhten Liebe in ſo ho⸗ hem Grade eigen iſt, habe ich folgende Ent⸗ deckungen zu machen geglaubt, und nur grofe, unumſtoͤßliche Beweiſe vermoͤgen mich vom Ge⸗ gentheil zu uͤberzeugen!— Gute, liebenswuͤr⸗ dige Ottilie! Es ſchmerzt mich, es ihnen zu ſagen:— Ihr Onkel und Ihre Tante lieben Sie nicht! Sie wollen ſich Beide an den Rei⸗ zen ergoͤtzen, welche die Natur und eine treffli⸗ che Erziehung Ihnen gegeben haben. Ihr On⸗ kel iſt entzuͤckt von Ihnen, er ſieht mit Freu⸗ de auf Ihre Schoͤnheit und Ihre Reize und gruͤndet wahrſcheinlich ehrgeizige Plaͤne darauf, denn es giebt Menſchen, die Alles als Mit⸗ tel zu ihrem eignen Vortheil zu benutzen wiſ⸗ ſen. Ihre Tante, leichtſinnig und launenvoll, aber im Ganzen vielleicht weniger uͤbelgeſinnt oder gleichguͤltig gegen Sie, ſieht mit Entzuͤ⸗ cken, welches Relif Sie ihrem ſchwerfaͤlligen und ſteifen Salon geben, welcher Wetteifer nun in jeder groͤßern Geſellſchaft entſteht, um 110 des lichten, ſchoͤnen Mondes willen auch den großen, dunkeln Planeten bei ſich zu haben. Ihre Geſellſchaft ſagt ihr außerdem zu, ergoͤtzt und erheitert ſie. Im geſellſchaftlichen Kreiſe ſind Sie die Sonne, um welche ſich alle dre⸗ hen, und im haͤuslichen Kreiſe ſind ſie die ge⸗ horſame, unterwuͤrfige, ſtets zufriedene, ſtets heitere Nichte. Daß ſie Sie an ihr Haus feſ⸗ ſeln will, iſt uͤbel gethan, wenn es auf Koſten Ihres eignen Vortheils geſchieht; aber es iſt eine ſehr gewoͤhnliche menſchliche Schwaͤche, erſt an ſich und dann an Andere zu denken. Daß ſie Alles angewendet hat, um Otto's Aufmerkſamkeit von dem Magnet abzulenken, den ſie ſelbſt in ſeinen Weg gefuͤhrt hat, ohne die Gefahr vorher zu bedenken, iſt mehr als verzeihlich, beſonders da ſie es fuͤr Otto's Gluͤck und Chre fuͤr noͤthig haͤlt, daß er ſeine fruͤheren Verpflichtungen erfuͤllt. Wenn aber ihr Eigennutz in Verlaͤumdungen und zweideu⸗ tige Aeußerungen uͤber Ottilien uͤbergeht— dann iſt ſie niederdraͤchtig, aber ungluͤcklicher⸗ weiſe nur gewoͤhnlich; keine Furie, keine Me⸗ gaͤre, keine Brunehild oder Catharina von Me⸗ 111 dicis, ſondern nur eine von unſern gewoͤhnli⸗ chen Frauen. So iſt die Welt und Ottilie muß es ertragen, wenn auch noch eine dritte Per⸗ ſon dazu kommt, die Otto'n ſchon ſeit mehre⸗ ren Jahren liebt, fuͤr die auch er eine Art von Paſſion gehabt hat, und die nun Alles anwen⸗ det, um Otto's Mutter zur Wachſamkeit an⸗ zuſpornen, um die Epoche zu beſchleunigen, wo Otto und Ottilie von einander getrennt ſein werden. Unter dem Schein zufaͤlligen Plauderns hat ſie mir den groͤßten Theil von dem, was ich weiß, an die Hand gegeben, da⸗ mit ich beliebigen Gebrauch davon machen moͤch⸗ te, denn ſie iſt klug genug, um ſchon lange be⸗ merkt zu haben, wie ſehr ich Ottilien liebe und wie mich nichts abhalten wird, Ihnen meine Hand und mein Herz— Alles was ein Mann dem Weibe das er liebt, darbieten kann— anzubieten, ſo bald ich nur ſicher bin, daß kein Anderer ihre Treue in Anſpruch nehmen kann. Und daß dieß nicht der Fall ſei, davon hat ſie mich zu uͤberzeugen geſucht, und deshalb weiß ich auch ſo Vieles, worauf mich meine Ahnungen nicht gebracht haben wuͤrden. Daß ich aber ihre Motiven 112 ahne, das glaubt ſie nicht. Ein kluges Weib haͤlt ſich ſelten fuͤr durchſchaut. Sobald ich erfuhr, daß Ottilie fuͤr Otto verloren war, erwachte die Hoffnung in mir. Eine Hoffnung, die leider ſchwach genug iſt, denn ich weiß wohl, leider nur zu wohl, daß Otto Ottiliens ganze Liebe beſitzt. Aber doch erwachte ein Funken von Hoffnung bei dem Gedanken, daß Ottilie, wenn ihre Augen geoͤffnet ſind, wenn ſie die Dinge ſieht, wie ſie ſind, daß Ottilie dann das Beduͤrfniß fuͤhlen wird, ſich zu einem Freund zu fluͤchten, der es vollkommen gut mit ihr meint, der keinen hoͤheren Wunſch, keinen rei⸗ nern Genuß kennt, als ſein ganzes Leben dem Gluͤck Ottiliens zu widmen. Sie werden im erſten Augenblicke vor dem Gedanken zuruͤck⸗ ſchaudern, Ihr Gluͤck in den Armen eines An⸗ dern, außer Otto, zu ſuchen. Sie werden es, Ottilie, ich kenne das menſchliche Herz zu gut und bin zu wenig fuͤr mich eingenommen, um dieß nicht zu wiſſen; aber dennoch, Ottilie, wa⸗ ge ich es, Ihnen dieſen ruhigen, ſichern, wenn auch nicht mit Blumen beſtreuten Hafen anzu⸗ bieten. Ich will lange— lange noch keine Liebe 113 von Dir fordern, Ottilie; ich will von Otto mit Dir ſprechen, als ob er Dein Geliebter und ich— Dein Bruder waͤre! Es iſt keine harte druͤckende Feſſel, in die ich Dich ſchlagen will! Meine Zuneigung und meine in den Gren⸗ zen meines Herzens zuruͤckgehaltene Liebe ſol⸗ len die einzigen Ketten ſein, die Ottilie fuͤhlen ſoll, und deren Schluͤſſel wird in ihrer eignen Hand liegen. Glauben Sie nicht, daß ich ſo⸗ gleich eine Antwort von Ihnen fordre, Ottilie! — Nein, keineswegs! Ein uͤbereiltes Nein oder Ja wuͤrde ein Todesurtheil fuͤr uns Bei⸗ de ſein. Denken Sie daher genau uͤber meine einfache Frage nach! Laſſen Sie Sich von Ih⸗ rer ehrwuͤrdigen Großmutter Rath geben! Ver⸗ trauen Sie Sich Ihrer und meiner Freundin, der guten, rechtdenkenden, gepruͤften Melida, dieſer Perle unter den mehr oder weniger ver⸗ dorbenen Frauen der Welt! Sie hat fuͤr ſich nur geringe Wuͤnſche; darum legt ſie auch den Wuͤnſchen Anderer kein Hinderniß in den Weg, wenn ſie gut ſind und einen guten Zweck ha⸗ ben; und ein ſolches Weib iſt das einzige, welches man zur Freundin waͤhlen muß. Ihr II. 8 114 Auge iſt außerdem weitreichend, ihr Blick ſcharf, ihr Urtheil ſicher und— was noch weit beſſer iſt— ihr Herz gut und unverdorben, wiewohl ſehr hart gepruͤft, denn ſie iſt waͤhrend ihres jungen Lebens keineswegs auf Roſen gegangen. Vertrauen Sie Sich ihr an! Ich ſage nicht, daß Sie ihrem Rathe folgen ſollen, aber Sie duͤrfen uͤberzeugt ſein, daß— wenn ſie einen Rath giebt— dieſer von keiner Nebenabſicht, von keinem eignen Intereſſe dictirt iſt!— Dieſen Brief hatte ich an demſelben Tage geſchrieben, wo ich die erſte Nachricht davon erhielt, daß Ottilie krank war. Tauſend Mar⸗ tern haben mich waͤhrend dieſer Zeit gequaͤlt. Niemand wollte mir eigentliche Auskunft uͤber Sie geben. Ich fragte Ihren Onkel und Ihre Tante; aber der erſtere ſchien mir eben ſo we⸗ nig als die letztere Auskunft geben zu wollen; von Beiden erhielt ich blos allgemeine Antwor⸗ ten. Otto wollte ich nicht fragen. Pauline vertraute mir dagegen ungefragt, daß Sie ſehr krank waͤren, wahrſcheinlich von Erkaͤltung, daß Sie einſam und Sich ſelbſt uͤberlaſſen auf Ih⸗ rem Zimmer laͤgen, daß Sie mit Wohlwollen 115 von mir ſpraͤchen, aber ein wenig ernſt ausge⸗ ſehen haͤtten, als ſie Ihnen des Scherzes halber von meiner vermeinten Flamme fuͤr meine neue Couſine, Fraͤulein Stael, erzaͤhlt haͤtte.— O, Ottilie! es iſt ſchrecklich, daß ich nicht ein einziges von allen dieſen ſuͤßen Worken glauben kann! Pauline iſt eine jener ſchlauen, klugen Weiber, die unter der Maske ungezwungenen, heiteren, froͤhlichen Scherzes dann und wann ein anſcheinend unbedachtes Wort fallen laſſen, ein Wort, das nicht eigent⸗ lich auf ihr eignes Intereſſe berechnet zu ſein ſcheint und, ohne eine eigentliche Luͤge zu ent⸗ halten, die Dinge anders faͤrbt und in einem andern Licht erſcheinen laͤßt, als ſie wirklich ſind. Endlich habe ich mir Muth gefaßt und Meliden gebeten, Ihnen dieſen Brief und mir eine wahrhafte Nachricht von Ihrem Befinden zu geben. Ach, Ottilie, wenn ich eingebildet genug waͤre, zu glauben, daß Sie von meiner Liebe geruͤhrt waͤren, ſo wuͤrde ich auch wagen Sie zu bitten, daß Sie daran denken moͤchten, wie gluͤcklich Sie mich machen wuͤrden, wenn Sie mir auch nur die leiſeſte Hoffnung gaͤben, 8* 116 daß mir vielleicht die Zukunft gewaͤhren koͤnnte, was ich jetzt von Ihnen bitte. Darf ich Ihr Schweigen fuͤr eine ſolche Hoffnung annehmen? — Oder iſt dieß eine vermeſſene Bitte?— O, Ottilie, wenn Du mich liebteſt! Wenn Deine Wuͤnſche den meinigen begegneten! Welches Paradies auf Erden waͤre dann unſer Loos!“ *†* * Nachdem ich dieſen Brief geleſen hatte, rich⸗ tete ich mich auf. „O, wenn es Gott doch wollte!“— ſprach ich zu mir ſelbſt.—„Aber es iſt unmoͤglich. Unſere Wuͤnſche werden ſich nie begegnen. Un⸗ ſer Paradies wird nie daſſelbe ſein und un⸗ ſere Hoͤlle ſoll es noch weniger werden. Nein, edler Edward, Du biſt zu gut dazu, ein ver⸗ oͤdetes Herz zu empfangen, das— Otto von ſich geworfen hat;— denn warum ſoll ich mir ſelbſt die Wahrheit verbergen?— Ich bin ſehr ungluͤcklich!— Meine Liebe, meine getaͤuſchte, verlaſſene Liebe iſt nicht einmal ein Geheimniß,⸗ das ich allein beherrſche; ſie iſt ein Gegenſtand 117 fuͤr die Gedanken, fuͤr die Worte Anderer! Wenn man mich doch in Frieden laſſen wollte! Ich weiß, daß Edward, ich weiß, daß Melida mir wohl will; aber was gewinnen ſie dadurch, daß ſie mir— wie ſie ſagen— die Augen oͤff⸗ nen?— Ich werde ungluͤcklicher, mißtrauiſcher, menſchenfeindlicher und— liebe doch Otto eben ſo ſehr, eben ſo verzweifelt, eben ſo gren⸗ zenlos, und moͤchten ſie mir ſagen und bewei⸗ ſen, das er— ja, daß er ein Straßenraͤuber waͤ⸗ re!— Das iſt meine Liebe! Aber eine ſolche Liebe verſtehen ſie nicht! Sie glauben, daß man Alles nach Berechnung und Maaß thun koͤnne, haſſen, lieben, vergeſſen:— aber ſie taͤuſchen ſich, wenigſtens bei mir!“— So ungefaͤhr irrten meine Gedanken hierhin und dorthin, nachdem ich Edwards Brief gele⸗ ſen hatte. Daß ich meine Liebe zu Otto hef⸗ tiger und feſter als je fuͤhlte, war zwar eine unberechnete Wirkung deſſelben; aber ſie war es doch. Eine ſtumme Verzweiflung erfuͤllte mich waͤhrend dieſer Zeit. Ich glaubte Otto abgereiſt. Ich hoͤrte den ganzen Abend hindurch nichts von ihm. Er hatte blos, indem er an ———— —— — — meiner Thuͤre vorbeieilte, ein Lebewohl geru⸗ fen, das mir, jemehr ich an den duͤſtern Ton deſſelben dachte, wie das letzte, wie das aller⸗ letzte, wie das letzte Lebewohl Otto's vor⸗ kam. Es war ja nun Alles vorbei! Wie verlohnte ſich's nun noch der Muͤhe daruͤber zu ſprechen und zu ſchreiben! Otto hatte ja nun gethan, was er ſollte, was jeder ehrenwerthe Mann an ſeiner Stelle thun mußte; er war ja nun da, wo er ſein ſollte und ſein mußte! Mir ſchien nun Alles ſo vorbei zu ſein, das mir bis⸗ weilen die ganze ſpaͤtere Zeit wie ein dunkler Traum vorkam. Ich hatte nach und nach mehrere Kleinig⸗ keiten von Otto erhalten. Dieſe begann ich nun zu ordnen und zu betrachten, wie die nach⸗ gelaſſenen Sachen eines Todten. Ich haͤtte gern ſogleich an Edward geſchrieben, denn es beun⸗ ruhigte mich, daß er mein Schweigen fuͤr eine Bejahung anſehen wuͤrde; aber ich wagte, ich vermochte es nicht. Ich hatte zu nichts Kraͤfte. Sie waren mir alle vergangen. Ich wollte an Dich ſchreiben, gute Großmutter; aber ich kam 119 nie weiter, als bis zu den Worten, die Du auch erhalten haſt, naͤmlich:„Gute Großmut⸗ ter! nun bin ich wieder geſund, aber ſo matt, daß ich noch nicht im Stande bin zu ſchrei⸗ ben!“— So war es auch; aber die Kraͤfte, die mir entſchwunden waren, waren die des Gei⸗ ſtes; koͤrperlich war ich vollkommen geſund. Die Ereigniſſe der letzten Zeit hatten ſich ſo ſchwer uͤber mein Gemuͤth gelegt, daß es ganz nieder⸗ gedruͤckt war. Es hatte nicht mehr das Elaſti⸗ ſche und Biegſame, was jedem Gegenſtande nach⸗ giebt und ſich dann aus eigner Kraft wieder erhebt und aufrichtet. Nun war es ganz zu Boden ge⸗ druͤckt; die letzten Ereigniſſe d. G. Edwards Brief und Melidas Beſuch verſchwanden in ein gewiſſes nebelhaftes Dunkel und der Ein⸗ druck, den ſie auf mich gemacht hatten, wich gaͤnzlich der aͤltern tiefern Erinnerung. Nun, da die Zeit voruͤber war, durchlebte ich in der Erinnerung jede Stunde unſerer— Otto's und meiner— ſchoͤnſten und ſuͤßeſten Lebens⸗ tage noch einmal. Ich ſprach im Geiſte mit ihm wie damals; eine Locke von ſeinem Haar, die ich ihm einmal in einer frohen, gluͤcklichen, ſchert⸗ 120 haften Stunde, mitten von der Stirn wegge⸗ ſchnitten hatte, kuͤßte ich tauſendmal. Ich ſprach tauſend ſuͤße Worte zu ſeinem Bilde, das er mir von dem franzoͤſiſchen Kuͤnſtler Beaudiot waͤhrend deſſen Aufenthalts in Stock⸗ holm in ſchwarzer Kreide hatte zeichnen laſſen. Ich verſenkte mich ſo ſehr in dieſe Erinnerun⸗ gen, daß ich zuweilen ganz vergaß, daß Alles voruͤber war, daß wir, die wir eben noch ſo gluͤcklich geweſen, nun fuͤr ewig getrennt waren, und daß Otto fortgereiſt war! Jetzt verzieh ich ihm Alles. Ich bereute bitter und unſaͤglich, daß ich ihm auch nicht ein einziges Liebeswort auf die lange Reiſe durchs Leben mitgegeben hatte. Ich wuͤrde mein Le⸗ ben darum gegeben haben, wenn es mir noch moͤglich geweſen waͤre, nur einmal, nur ein einziges Mal Abſchied von ihm zu nehmen. —„So ſehr haben wir doch nicht gefehlt, daß wir einander nicht einmal Lebewohl ſagen duͤrften,“— ſprach ich zu mir ſelbſt und ver⸗ dammte auf dieſe Weiſe meine Feſtigkeit und meine unbeugſame Entſchloſſenheit, der ich nun, um ihren Werth zu verkleinern, den Ramen Unwillen, Neid und anderer aͤhnlichen Ge⸗ fuͤhle gab, die nie in mein Inneres gekommen waren. Ich weinte unſaͤglich dieſen langen, ſchmerzlichen Abend hindurch und fuͤhlte zum erſten Male, was wahrer Schmerz und Kummer heißt;— denn ſo lange Otto noch hier war, ſo lange ich jeden Augenblick Gelegenheit hatte, ihn zu ſehen, ihn wie fruͤher wieder zu meinen Fuͤßen zu ſehen und unſer Schickſal ſelbſt zu beſtimmen, ſo lange fuͤhlte ich zwar tiefen Schmerz und peinliche Gemuͤthsbewegung, aber doch nicht dieſen ſtummen, ſtillen, leidenden Kummer, fuͤr den es keinen Troſt weiter gab, als die Zeit und— wenn auch die Zeit unwirkſam ſein ſollte — den Tod! In dieſer Stimmung wollte ich endlich ſchla⸗ fen gehen. Todesſchweigen herrſchte im ganzen Hauſe. Weder Otto noch einer von ſeinen Bedienten ſtiegen wie ſonſt die Treppen auf und nieder. Ich bat Minna, die waͤhrend der letz⸗ ten Naͤchte oben bei mir geſchlafen hatte, ſich wieder hinunter zu den andern weiblichen Do⸗ meſtiken zu betten, da ich wieder ganz geſund war. Sie entfernte ſich und ließ mich nun ganz 12²2 allein mit meinem verzehrenden Kummer. Es war mir erleichternd, laut davon zu ſprechen. Ich ſprach zu Otto, zu der unendlich gluͤckli⸗ chen Malwina, zu Dir, liebe, gute Großmutter, zu Edward, zu Melida, ja, auch zu Paulinen, zur Tante und zum Onkel. Dadurch wurde ich wunderbar erregt und gereizt. Ich war in einem wunderſamen, exaltirten, vielleicht auch etwas fieberhaften Zuſtande, denn ich erinnere mich, daß meine Wangen gluͤhten, und daß ich ſchnell und heftig im Zimmer auf⸗ und niederging, ohne nur im entfernteſten an Schlaf zu denken. Die Glocke ſchlug eilf, ſie ſchlug zwoͤlf Uhr. Ich hatte gehoͤrt, wie der Wagen mit dem Onkel und der Tante am Hauſe vorgefahren war, wie ſie Beide die Treppe hinaufgeſtiegen waren und wie dann Alles wieder ſtlll geworden war. Ich hoͤrte dieß Alles, ohne nur einen Augenblick daran zu denken. Ich ſchien mir allein und einſam in der Welt zu ſtehen, von allen Andern bereits getrennt, uͤber Alle geiſtig und koͤrperlich ſchon hoch erhoben. Meine hohe Wohnung und das Schweigen und die duͤſtere Eiuſamkeit, welche darin herrſchten, naͤhrten dieſe Einbil⸗ 1²³. dung und ich ſchwindelte faſt, wenn ich meine Gedanken zu den Menſchen hinunter auf die Erde ſchweifen ließ. Als ich ſpaͤter uͤber dieſe Stimmung nachdachte, kam mir's vor, als ob ich in Fieberphantaſieen gelegen haͤtte. Unter⸗ deſſen ſchlug die Glocke eins. „So!“— ſprach ich dann,—„ſo bin ich alſo in einen neuen Tag, in einen neuen Zeit⸗ raum uͤbergetreten. Der Tag iſt nun voruͤber, wo ich zum letzten Male die geringſte Beruͤh⸗ rung mit meinem Otto hatte, den letzten Ton, das letzte Lebewohl von ihm gehoͤrt ha⸗ be. Aber ich muß ihn noch einmal im Leben ſehen, noch einmal ehe ich ſterbe. Und wenn ich gehen ſollte, ſo weit mich meine Fuͤße tra⸗ gen, ich muß ihn noch einmal ſehen, aber oh⸗ ne daß er mich ſieht, mich Ungluͤckliche, die er verſchmaͤht hat! Ich moͤchte mich ſelbſt nicht ſehen! Ich muß entſetzlich ausſehen!“— Faſſungslos warf ich mich nieder auf mein Bett. Ich hatte ſo viel geweint, daß mir's vor den Ohren ſauſte, daß ich lange Zeit hin⸗ durch gar nichts hoͤrte. Endlich drang ein Ge⸗ raͤuſch zu meinen Ohren, als ob Jemand mit 124 den Haͤnden an meiner Thuͤr kaſtete. Mein er⸗ ſtes Gefuͤhl dabei war eine entſetzliche Angſt und Furcht, ein Gefuͤhl, das ich fruͤher— we— nigſtens hier— nie gekannt hatte, denn mei⸗ ne Nachbarſchaft hatte alle Furcht in mir un⸗ terdruͤckt. Aber jetzt war ich ſo allein im gan⸗ zen Stock; denn die Etage war in zwei Abthei⸗ lungen getheilt, deren jede ihre eigne Treppe hatte und deren eine nur von mir und Otto bewohnt wurde. Das Herz ſchlug mir furcht⸗ bar und ich hoͤrte meinen eignen Puls in den Schlaͤfen ſchlagen. Ich wagte nicht zu athmen. Ich hoͤrte deutlich Jemanden mit der Hand nach der Thuͤrklinke ſuchen. Ich hielt den Suchenden fuͤr einen Dieb und meine ganze Hoffnung be⸗ ruhte auf der Gewißheit, daß Minna ſtets die Thuͤr verſchloß und den Schluͤſſel mit ſich nahm. Aber in meiner aufgeregten Phantaſie ſpukten Gedanken an Dietriche, Nachſchluͤſſel und dergleichen und ich wuͤrde laut nach Huͤlfe gerufen haben, wenn ich es vermocht haͤtte, als endlich die Thuͤr leiſe aufging!— Es dunkelte vor meinen Augen und die Sinne vergingen mir. Aber als ich wieder zu mir kam!— Da 125 ſaß ich an Otto's Bruſt gelehnt, fuͤhlte den Schlag ſeines Herzens, fuͤhlte ſeinen Arm, der mich feſt an dieſes Herz druͤckte, fuͤhlte mich ſe⸗ lig und gluͤcklich und zufrieden, hatte die ganze Welt, Erde, Menſchen, Leben, Alles, Alles vergeſſen, dachte nur an Otto, traͤumte mich in einen Himmel, hoch, viele tauſend Ellen hoch uͤber der Erde, wo blos Otto und ich uns be⸗ fanden. Ich ſchloß die Augen wieder und ſchmiegte mich feſter an das Herz, welches fuͤr mich— das Weltall war. Wir ſchwiegen Bei⸗ de. Kein Wort, kein Laut ſteoͤrte dieſen ſeligen, Alles ausgleichenden, Alles verſuͤßenden Augen⸗ blick. Eine halbe Stunde oder eine noch laͤn⸗ gere Zeit verging in dieſem ſtummen Zuſtand von Seligkeit. Keines von uns Beiden fuͤhlte Verlangen, dieſes himmliſche Schweigen zu bre⸗ chen. Es war, als haͤtten unſere muͤden, von Kummer und Leiden ermatteten Herzen in dieſer Umarmung endlich Ruhe gefunden. Liebe Großmutter, ich weiß recht gut, daß dieß unrecht gethan war, ich weiß recht gut, daß mich Manche deshalb verdammen werden und zwar nicht bloß um der Sache ſelbſt, 126 ſondern auch um der Erinnerung an dieſe ſuͤße, hinreißende, durch keine Reue getruͤbte, fuͤr unſere gebeugten und leidenden Herzen ſo ſelige und heilende Stunde willen. Ich habe ſchon oft an dieſe Stunde zuruͤckgedacht und habe verſucht, mir daruͤber Rechenſchaft zu ge⸗ ben, ob ſie ein Unrecht, eine Suͤnde, ein Ver⸗ brechen war;— unbegreiflich genug— mein Gewiſſen will mich nie deshalb anklagen. Es ſchweigt und bleibt ruhig. Es fluͤſtert nur et⸗ was von Nachſicht und ſanftem Schließen ſei⸗ ner ſcharfen Augen, wenn es im Grunde des Herzens nur reine, ſpiegelklare Gedanken, Wuͤn⸗ ſche und Hoffnungen gewahrt. Und ſo ſind und waren ſie auch!— Einige Male ſchwebte mir wohl der quaͤlende Gedanke durch den Sinn, daß es— Malwina's Verlobter war, an den ich mein ſchweres Haupt, mein muͤdes Herz lehnte; aber Malwinas Bild ſtand nicht drohend und zornig vor mir, ſondern ſchien zu ſagen:„Du gabſt mir ja ſo viel; Du entſa⸗ geſt ja Allem fuͤr mich; i) will Dir doch Etwas goͤnnen!“ Faſſeſt Du, liebe Großmutter, dieſe leiden⸗ 127 den, ſuͤßen, unſchuldigen Gefuͤhle, die uns er⸗ fuͤllten,— mich wenigſtens, und ich wage auch fuͤr meinen Otto zu antworten, denn er, der ſtuͤrmiſche, wilde, nie zufriedene Otto, er war jetzt ſtill und ſanft wie ein Lamm. Sein Haupt lag gegen meine Achſel gelehnt, ſeine Augen waren geſchloſſen und nur an der leiſen Be⸗ wegung, mit der er mich bisweilen feſter an ſein Herz druͤckte, fuͤhlte ich, daß er wach war; denn daß er lebte, verrieth ſein hochſchlagendes Herz. Leiſe und nur allmaͤhlig entzog ich mich ſei⸗ nen Armen. Wir ſaßen lange und ſahen ein⸗ ander in die Augen, ohne daß nur ein einziges Wort uͤber unſere Lippen ging. .„Ich bin ſo krank geweſen!“— ſtammelte ich endlich. „Ich habe Hoͤllenqualen gelitten!“— er— wiederte Otto.—„Aber nun iſt alles wieder gut. Vergieb mir meine Drohung, theure Ot⸗ tilie; es war Wahnſinn von mir!“— „Ich habe ſie ſchon laͤngſt vergeſſen.“— „Ich auch, und alles Andere, was da⸗ hin gehoͤrt. Ich bin blos Dein, nur Dein!“— 128 „Ja, jetzt!“— „Nein, auf ewig!“— „Haſt Du etwa?— doch nein, das haſt Du nicht gethan!“— „Was denn?“— „Geſchrieben an“—— „An Sie?“— „Ach nein!“— ſprach ich—„meine Fra⸗ ge war albern und unverſtaͤndig. Denk nicht mehr daran!“— „Denkſt Du, ich verſtehe Dich nicht?“— erwiederte Otto.—„Nein, Ottilie, ich habe an Niemanden geſchrieben! Das kann ich nicht. Und wenn ich einen ganzen Band voll ſchriebe, ſie wuͤrden es doch nicht faſſen. Aber ich habe etwas gethan, was noch beſſer iſt. Sieh hier,“— ſprach er, zog ſein Taſchenbuch her⸗ aus und öͤffnete es—„ſieh, hier iſt eine wohl⸗ verſehene Reiſekaſſe in guten Wechſeln auf Ham⸗ burg. Alle meine Angelegenheiten habe ich heute in Ordnung gebracht. In aller Stille habe ich um ein Jahr Urlaub zu einer Reiſe ins Aus⸗ land nachgeſucht und, ſobald ich denſelben er⸗ halten habe, dann, Ottilie!— dann ſei geſund, * 129 dann ſei bereit!“— ſetzte er hinzu; und ſeine Augen blitzten und, ſeine Lippen zitterten von einer Art wilder Freude, und von Neuem wollte er mich an ſein Herz druͤcken. Aber ſchnell ent⸗ wand ich mich ihm, warf mich auf die Knie und brachte dem Himmel meinen Dank dafuͤr, daß mein einziger, mein groͤßter irdiſcher Wunſch erfuͤllt worden war: daß Otto meinetwegen Alles aufopfern, Alles verlaſſen wollte, Ehre, Gluͤck, Freunde, Vaterland, Alles, Alles!— Dann ſtand ich haſtig auf, ging zu Otto hin, der ſchweigend und erſtaunt da ſtand, und ſprach: „Und nun, Otto, nachdem ich die Hoͤhe aller meiner Wuͤnſche erreicht habe, nun bleibt mir noch eins zu thun uͤbrig und dieß ſoll nun auch geſchehen: Dir auf ewig zu entſagen!— Das ſchwoͤre ich Dir hier, zu dieſer Stunde!“— Alles dieß ging ſo ſchnell, daß Otto nicht zur Beſinnung kommen konnte. Nun fing er an, mich zu bitten, mir Vorſtellungen zu ma⸗ chen. Er hatte ſich ſchon ſo an den Gedanken unſerer Flucht gewoͤhnt, daß dieſelbe in ſeiner Phantaſie auch mit ihren Details die ſchoͤnſten, lockendſten, angenehmſten Farben angenommen II. 9 130 hatte. Dieſe wollte er nun auch auf mich uͤber⸗ fließen laſſen. Aber ich hatte mit einem Male meine ganze Kraft wieder erhalten und mit un⸗ verhuͤllten Worten, mit der vollſten Sprache der Wahrheit bewies ich ihm, daß fuͤr uns kein Gluͤck aus einem ſolchen Unternehmen erwachſen koͤnnte, und daß wir fruͤher oder ſpaͤter ein⸗ ander als dasjenige anklagen wuͤrden, welches das andere zu dieſem wahnſinnigen Schritt ver⸗ lockt haͤtte.„Nein!“— ſprach ich zuletzt— „wir wollen nicht fliehen; aber dann moͤgen ſie auch ſagen, denken, urtheilen, verwerfen, ſo viel und ſo ſehr ſie wollen,— Deine Freundin, Otto, will ich bleiben, Deine Freundin im Le⸗ ben und im Tode! Aber Du darfſt meinetwegen nicht Deinen ganzen ſchoͤnen Lebensweg zerſtoͤ⸗ ren, und wenn Du kuͤnftig einmal auf der Hoͤhe des Gluͤcks und der Ehre ſtehſt, die Du errei⸗ chen kannſt, dann, Otto, erinnere Dich Deiner Ottilie, die Dich allen demjenigen zuruͤckgegeben hat, fuͤr das Du beſtimmt warſt! Und dann wirſt Du meiner mit tauſendmal groͤßerer Liebe gedenken, als wenn ich Dich aus dem ſchoͤnen, freundlichen Leben, in dem Du jetzt ſchwebſt 131 wie der Adler im Aether, in das dunkle, ſtille Grab der Unthaͤtigkeit und Unbemerktheit, in welchem uns nichts, als Toͤne der Verachtung und des Hohns der Welt erreichen wuͤrden, hinabgezogen haͤtte. Nein, mein Otto! Du ſollſt den Weg gehen, den Dir das Schickſal vorgezeichnet hat, und ich will Dich dahin lei⸗ ten, Dich darauf ſtuͤtzen; und dazu habe ich Kraft, weil ich Dich, Deine Ehre und Dein Gluͤck tauſendmal mehr, als mich ſelbſt, lie⸗ be!— „Ottilie!“— rief Otto und warf ſich zu meinen Fuͤßen.„Wie kannſt Du fordern, daß ich Dich verlaſſen, Dir entſagen ſoll, in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ich ſehe, daß Du ein Engel, daß Du das herrlichſte Weib biſt, wel⸗ ches das Schickſal jemals auf meinen Lebens⸗ weg gebracht hat!— Nein, das fordere nicht! — Ich bleibe feſt, felſenfeſt bei meinem Ent⸗ ſchluſſe; aber ich will Dir Bedenkzeit laſſen, damit Du Dich mit dem Gedanken an dieſes gewagte Unternehmen vertraut machen kannſt. Wir wollen jetzt nicht weiter daruͤber ſprechen. Nach einigen Tagen wirſt Du nicht mehr ſo 9* 13² denken, nicht mehr ſo ſprechen. Du kannſt es nicht, denn Du liebſt mich ja, jetzt aber lei⸗ tet der Enthuſiasmus, nicht die Liebe, Deine Sprache. Sieh mich an, Ottilie! Willſt Du, daß eine Andere Dir Deinen Otto rauben, eine Andere ihn an ihr Herz druͤcken und ihn den ihrigen nennen ſoll?— Sieh mich an, meine Ottilie! Sollteſt Du dieſen Anblick, dieſen ewig quaͤlenden Gedanken aushalten koͤnnen?“— „O Gott, Du pruͤfſt mich hart!“— rief ich und verbarg das Geſicht in meinen Haͤnden. Wir ſchwiegen lange. Ohne unſern Vorſatz mit Worten auszudruͤcken, ſchienen wir doch Beide den Entſchluß gefaßt zu haben, einige Tage ver⸗ gehen zu laſſen, bevor wir etwas beſchloͤſſen. Unſer vertrauliches, inniges Verhaͤltniß war in⸗ deſſen wieder hergeſtellt und Hand in Hand und ziemlich ruhig ſetzten wir uns nieder, um ohne Ruͤckenhalt uͤber Alles, was uns betraf, zu ſprechen. Nur Alles, was Marien betraf, wurde mit keinem Worte von uns beruͤhrt. Dieß war eine Angelegenheit, deren er mich fuͤr voͤllig unkundig hielt und, da ich uͤberzeugt war, daß er ihr alle Unterſtuͤtzung gewaͤhrt hatte, die ſie 133 bedurfte, ſo nahm ich mich wohl in Acht, mit einem Worte zu verrathen, daß ich etwas davon wußte. Außerdem ſprachen wir aber uͤber Alles. Wir waren ein Herz und eine Seele. Es war uns unmoͤglich, Etwas fuͤr einander geheim zu halten. Ohne alle Zuruͤckhaltung ſprach ich von dem Beſuche Melidens und von Allem, was dabei vorgefallen war; eben ſo uͤber Edward und ſeinen Brief. Otto wollte den letztern durchaus ſehen; er bat, er drang in mich. Ich wußte, daß dieß unrecht von mir war, ich wußte, daß Aeußerungen uͤber ihn und uͤber ſeine El⸗ tern darin ſtanden, die ihn ſchmerzen und ver⸗ letzen mußten, ich wußte dieß Alles mehr als zu gut und weigerte mich deshalb, ihm den Brief zu zeigen. Als aber Otto, bleich vor Unruhe und Verdruß, endlich meine beharrliche Weigerung anfing mißzudeuten, da gab ich ihm ſchweigend den Brief hin. „Er iſt ſehr hart, bitter und ungerecht in ſeinen Urtheilen, der Herr Baron von H'.“— ſagte Otto mit einem Ton der Erbitterung, nachdem er Edwards Brief geleſen hatte. Aber nun fingen wir an ruhig daruͤber zu ſprechen 134 und Otto war unbefangen und unpartheiiſch genug, endlich zuzugeben, daß Edward doch in den meiſten ſeiner Aeußerungen nicht ſo ſehr unrecht hatte. „Nun wollen wir einmal ſehen,“— ſprach er mit einem etwas ſarkaſtiſchen Laͤcheln—„wie weit des Herrn von H** Philoſophie, Selbſt⸗ beherrſchung, Entſagungs⸗ und Aufopferungs⸗ eifer gehen wird; denn wenn ich nun mit ei⸗ nem Male alle meine Feſſeln zerreiße und Dich entfuͤhre, ſo werden wir wohl ſehen, in wie weit er es billigen und wodurch er es befoͤr⸗ dern wird. Das luͤſtet mich wirklich zu ſe⸗ hen!“— Schuͤchtern und halblaut erwiederte ich, daß ich nicht glaubte, daß dieß Edwards eigentliche Meinung geweſen ſei. „Und was denn ſonſt?“— fragte Otto.— „Er meinte wohl,“ ſprach ich etwas ſtam⸗ melnd und zoͤgernd—„wenn Du, ohne zu rei⸗ ſen,—— ſo thoͤricht waͤrſt, Dich loszureißenn und dann“—— Ich konnte nichts weiter ſagen. . 24 135 Otto ſah lange gedankenvoll und duͤſter vor ſich hin, dann ſprach er: „Wir wollen nicht weiter daruͤber ſprechen; ſelten oder nie weiß ein Menſch, was dem An⸗ dern moͤglich iſt oder nicht.“— Und nun begannen wir wieder uͤber uns— waͤhrend der letztverfloſſenen zehn Tage— und uͤber unſere kleinen Angelegenheiten zu ſprechen. Otto machte mir eine Beſchreibung von Mal⸗ winen. Er ruͤhmte ſie ſehr; aber ſelbſt in die⸗ ſem Ruͤhmen lag etwas ſo laues, ſo Gleich⸗ guͤltiges, daß ich zu glauben begann, Otto wuͤrde ein wahres Gluͤck in einer Verbindung mit dieſem Maͤdchen finden koͤnnen. Ein Wort gab Veranlaſſung zu dem andern und endlich ſprach Otto: „Aufrichtigkeit und volles Vertrauen muß auf gleiche Weiſe erwiedert werden. Sieh hier, willſt Du einen Brief von Malwinen leſen?— Du wirſt dann ſehen, ob ich recht habe, wenn B e, daß ſchon in dieſem Briefe ein Gegen⸗ gift gegen alle Liebe liegt?— Ich weiß zwar nicht recht, worin es eigentlich liegt; aber ich fuͤhle dech, daß es darin liegt!“—— * Durch ein ſonderbares, unerklaͤrliches Gefuͤhl, das jedoch keineswegs Neugierde war, angetrieben, nahm ich mechaniſch den Brief. Er erregte eine merkwuͤrdige Unbehaglichkeit in mir, abgeſehen auch von dem Umſtande, daß er von einer Perſon kam, die ein weit groͤßeres Recht auf Otto hatte, als ich. Der Brief war auf großes, geſtreiftes, dickes Velinpapier, beinahe ſolches, wie man nur zum Zeichnen braucht, geſchrieben und in vier Theile gebrochen, deren jeder ein ungewoͤhnlich großes Viereck bildete. Oben begann derſelbe mit einem ſehr accurat und zierlich geſchriebenen Datum, dem man deut⸗ lich die Muͤhe anſah, mit der es geſchrieben worden war. Hierauf kam ein:„Mein beſter Otto!“— dann ein Zwiſchenraum von eini⸗ gen Zollen. Dann endlich fing der Brief ſelbſt an; da er aber mit ungewoͤhnlicher großer und ſteifer Handſchrift geſchrieben war und zwiſchen jeder Zeile anderthalben Zoll Zwiſchenraum ließ, ſo enthielt er ſo viel wie nichts, ungeachtet er auf allen vier Seiten vollgeſchrieben war. Es fand ſich kein einziger orthographiſcher Fehler darin; zwar gab es einige Worte, deren Schreib⸗ 137 art von der gewoͤhnlichen abwich, doch ſah man ſehr deutlich, daß dieſe Abweichung ſich nicht durch Unkenntniß oder Nachlaͤſſigkeit ein⸗ geſchlichen hatten, ſondern einer gewiſſen Ca⸗ price der Schreiberin ihr Daſein verdankten. Ich habe dergleichen immer fuͤr einen Beweis von Starrſinnigkeit und beſchraͤnkter Denkweiſe ge⸗ halten; mir kommt es auch vor, als ob Du einmal dieſelbe oder eine aͤhnliche Bemerkung gegen mich gemacht haͤtteſt. Unter dem Briefe ſtand mit den geſchnoͤrkeltſten Buchſtaben, die man nur ſehen kann, der voll ausgeſchriebene Name der Briefſtellerin und unter dieſem ein Postscriptum des Inhaltes:„Papa und Mama laſſen vielmals gruͤßen!“— Der ganze Brief, wie beſcheiden er auch klang, wuͤrde unter andern Umſtaͤnden wahr⸗ ſcheinlich mein herzlichſtes Lachen erregt haben; ſo aber verletzte er mich. Otto ſah mich ſcharf an, waͤhrend ich dieſes große Placat, das eine wahre Laſt in den Haͤnden war, durchlas. Ich verſuchte zwar meine bald erroͤthenden, bald er⸗ bleichenden Wangen zu verbergen, aber Otto ſaß mir ſo nahe, daß er jede Veraͤnderung mei⸗ 138 nes Geſichts gewahrte. Als ich den Brief durch⸗ geleſen hatte, legte ich ihn langſam und ſorg⸗ faͤltig wieder in ſeine Bruͤche, ſteckte ihn ordent⸗ lich ins Couvert und gab ihn ſo Otto'n ſchwei⸗ gend hin. Otto nahm ihn, warf einen langen, duͤſtern, ſonderbaren Blick darauf, legte ihn auf die Seite und ſprach: „O ja, etwas beſſer, als dieſer Brief, iſt ſie doch!“— „O, das iſt ja recht gut!“— erwiederte ich. —„Denn im Briefe finde ich nicht das Min⸗ deſte Schlechte oder Ueble.“— „Ja, das weiß Gott!“— rief Otto.— „Man findet— gar nichts darin!“— Liebe Großmutter! Wie oft habe ich Deine Nachſicht im Laufe dieſer Mittheilungen ange⸗ rufen, und nicht weniger oft waͤhrend dieſer langen Nacht, die wir beinahe ganz zuſammen durchwachten! Aber was wirſt Du von Deiner armen Ottilie, von ihrem ſchrecklichen grenzen⸗ loſen Leichtſinn denken, wenn ſie Dir bekennt, daß ſie, ungeachtet aller ihrer Leiden, aller ih⸗ rer Kuͤmmerniſſe, aller dieſer Vorgaͤnge in ein unwiderſtehliches Lachen ausbrach, als Ottoe 4 * mit einem ſchmerzlichen Zucken der Oberlippe dieſe letzten Worte ſprach!— Dieß ſteckte Ot⸗ to'n an und wir ſelbſt erſtaunten uͤber unſer kindiſches Weſen, uͤber unſern Leichtſinn und aͤber unſere unverzeihliche Lachluſt, lachten aber demungeachtet. V„Nun, was thut es auch, daß wir ein bis⸗ chen lachen?— Wir beduͤrfen deſſen recht ſehr“ — ſprach Otto.—„Sie iſt uͤbrigens todt fuͤr mich und ich fuͤr ſie. Sie wird mich auch bald vergeſſen, ſo wie ich ſie ſchon laͤngſt vergeſſen habe. Bei ihrem großen Vermoͤgen wird ſie bald einen andern Braͤutigam finden, und ich — ich habe die Perle ſchon gefunden, die das Schickſal einzig fuͤr mich beſtimmt hat.— Nun wollte er mich wieder in ſeine Arme ſchließen; allein ich entzog mich ihm ſcherzend, bat ihn, artig und beſcheiden zu ſein, und erſuchte ihn vor allen Dingen, mich nun zu. verlaſſen und ſich ſtill und ruhig ſchlafen zu legen, damit die fremden Bewohner des Hauſes 5 nicht Veranlaſſung erhielten, Anekboten uͤber unns zu verbreiten. Zuletzt vermochte ich ihn, mir bei ſeiner Ehre zu verſprechen, daß er— ohne von mir dazu beſondere Erlaubniß erhal⸗ ten zu haben— mein Zimmer nicht wieder be⸗ treten wollte, wenn auch Minna noch einmal zuzuſchließen und den Schluͤſſel an ſich zu neh⸗ men vergeſſen ſollte, und wir kamen gegenſeitig uͤberein, daß wir nie wieder die truͤgeriſchen und wunderbar verlockenden Stunden der Nacht auf dieſe Weiſe benutzen wollten. „Gute Nacht, mein Otto!“—„Gute Nacht, meine Ottilie!“— riefen wir uns end⸗ lich einander zu, und einige Minuten darauf ſchliefen wir wahrſcheinlich Beide, wenigſtens ich; denn ich war ſo ermattet an Koͤrper und Geiſt und fuͤhlte eine ſo ſuͤße ſanfte Ruhe, daß mi'rs unmoͤglich fiel, nur einen einzigen geordneten Gedanken zu faſſen. Ich ſchlum⸗ merte ſogleich ein und erwachte nicht eher, als bis die Maͤrzſonne hoch am Himmel ſtand. Wie anders, wie verwandelt kam mir nun Alles vor! Allerdings hatte ich Otto'n entſagt und zwar aus wahrer, voller Ueberzeugung; aber Otto hatte mir doch Alles, Alles opfern wo L. len und darinnen lag eine ganze Welt voll Gluͤck— ein Gluͤck, das ich fuͤr hinreichend 1 141 fuͤr ein ganzes, langes Leben hielt. Doch, lie⸗ be Großmutter, ich will Dir nichts verhelen, ich will mich nicht beſſer machen, als ich wirk⸗ lich bin, mich nicht fuͤr eine groͤßere Heldin ausgeben, als ich wirklich war. Wohl alſo, warum ſoll ich laͤugnen, daß dem Innerſten meines Herzens eine kleine, zarte, lichtgruͤne Knospe entkeimte, die mich ſanft anlaͤchelte und — Hoffnung hieß!— Warum ſollte ich dieß denn laͤugnen? Am Morgen fuͤhlte ich mich faſt voͤllig ge⸗ ſund und nahm mir vor, hinunter zu gehen. Bei genauerem Nachdenken entſchloß ich mich jedoch anders und nachdem ich zum erſten Male ſeit langer Zeit ein wenig, aber mit trefflichem Geſchmacke, gegeſſen hatte, bereitete ich mich, meiner Uebereinkunft mit Otto voͤl⸗ lig Genuͤge zu leiſten, dem ich ausdruͤcklich verſprochen hatte, ſogleich an Edward zu ſchrei⸗ ben, damit ich eine Antwort fuͤr ihn bereit haͤtte, wann Melida wieder kommen wuͤrde. Willſt Du den Inhalt dieſes Briefs wiſſen, ſo will ich Dir ihn mittheilen, denn ich habe eine Abſchrift davon behalten, um ſie Otto 142 zeigen zu koͤnnen. Die Kaͤlte und Gleichguͤltig⸗ keit gegen den edeln Edward, die ſich in dieſer Antwort auf ſein, aus einem innigen, reinen Herzen hervorgegangnes Schreiben ausſprach, wird Dir nicht gefallen. Aber, gute Großmut⸗ ter, es war, als ob mir Alles, was ich waͤh⸗ rend dieſer Zeit vornahm, nur von meiner wahnſinnigen, heftigen Liebe dictirt wuͤrde, die mich taub, blind und gefuͤhllos gegen alles An⸗ dere machte. Mein Brief an Edward von 9**. „Der Herr Baron von H** ſelbſt haben ge⸗ aͤußert, daß Sie mein Schweigen fuͤr ein Be⸗ jahen annehmen wuͤrden. Ich muß daher die Feder ergreifen, mag auch die Hand zittern und das Gemuͤth niedergedruͤckt ſein nach einer ſo ſchweren Krankheit. Aber ich wuͤrde mich ſelbſt verabſcheuen, wenn ich den edeln Edward von H⸗r auch nur einen Augenblick lang in Unge⸗ wißheit laſſen ſollte, nachdem ich den feſten Entſchluß gefaßt habe, daß Hand und Herz bei mir nie getrennt werden ſollen, wenn auch 142 das Herz in einer Nonienzelle ſ ſich verzehren und die Hand nie die eines Mannes druͤcken ſollte. Nein, wuͤrdiger H'r, in einer Ver⸗ bindung zwiſchen uns wuͤrde weder fuͤr den ei⸗ nen, noch fuͤr den andern Theil Gluͤck zu fin⸗ den ſein. Ich habe zwar nur wenig Erfahrung, aber dieſe ſagt mir doch, daß ich des edeln H** unwuͤrdig waͤre, wenn ich ſeinem Wun⸗ ſche gehorchte, und daß er ein tauſendmal beſ⸗ ſeres Schickſal verdient, als das, eine Gattin zu empfangen, die ihre Verbindung mit ihm nicht fuͤr ihr groͤßtes, irdiſches Gluͤck anſieht. Und Baron H** muß eine Gattin finden, die in ihm, in ihm allein ihr ganzes Gluͤck ſucht! — Es giebt nicht ſo viele Undankbare, ſo viele Unbeſonnene und um ihr eignes Wohl Unbe⸗ kuͤmmerte, als Ottilie iſt, und vielleicht wird einſt die Zeit kommen, wo ſie ihre Blindheit und ihren feſt und unwiderruflich gefaßten Ent⸗ ſchluß bereut. Aber Ihrer Freundſchaft’, Ed⸗ ward, mag ich niemals entſagen. Durch mein ganzes Leben hindurch wuͤnſche ich derſelben theilhaft zu ſein und bitte Gott, daß er mich derſelben wuͤrdig machen moͤge, wenn ich auch 144 Ihrer Liebe nicht wuͤrdig bin. Letztere moͤge nun fuͤr uns geſtorben ſein; aber unſere Freund⸗ ſchaft moͤge dagegen feſte Wurzeln ſchlagen und bluͤhen und Fruͤchte der Zuneigung und des Vertrauens tragen! Zuͤrnen Sie mir nicht, wertheſter Edward, um dieſer kurzen faſt einfaͤltigen Erwiederung willen, ſondern denken Sie ſanft, mild und freundſchaftlich an Ottilie***.“ Das war ja ein herrlicher Brief, liebe Groß⸗ mutter! Wort fuͤr Wort, ſo mag er wohl ſchon viele Male von einem jungen Maͤdchen geſchrie⸗ ben worden ſein, zu deren Fuͤßen ein guter, edler und rechtdenkender Mann ſein ganzes, vortreffliches Herz niedergelegt hat, welches ſie, von blinder, maaß⸗ und ſinnloſer Liebe zu ei⸗ nem Andern eingenommen, nicht ſieht und nicht bemerkt und nichts anderes damit vorzunehmen weiß, als es mit einer großen weitlaͤuftigen — 145 Umhuͤllung von reiner, inniger Freundſchaft wie⸗ der zuruͤckzuſchicken. Freundſchaft zu den Füßen, Freundſchaft zum Ueberzug und Freundſchaft ſelbſt auf dem unterſten Grunde. Aber glaube nicht, daß Deine Ottilie ſo niedrig und unedel geweſen waͤre, den ſchmei⸗ chelhaften Antrag Edwards zu verachten! Nein, im Gegentheil! Sie legte einen weit hoͤhern Werth darauf, als ihre Worte zu erkennen ga⸗ ben, und es gab oft Augenblicke, wo ſie man⸗ che ſchoͤne Eigenſchaft von Edward haͤtte neh⸗ men moͤgen, um ihren Otto damit zu ſchmuͤ⸗ cken:— gewiß ein deutlicher Beweis, daß ſie Edward keineswegs aus einem unrechten oder ſchiefen Geſichtspunkte betrachtete, wenn ſie ſich auch außer Stand fuͤhlte, ſeinen Wuͤnſchen nachzukommen. Als ich aber dieſen Brief an Edward H** geſchrieben hatte, war mir's, als ob meine Hand erlahmte und meine Gedanken entſchliefen. Ich hatte Luſt, nichts weiter zu ſagen, als:„Ich mag Edward nicht haben, weil ich Otto lie⸗ be;“— dieſe einfache Antwort aber in eine II. 19 146 Menge ſchoͤner Worte und Phraſen einzuhuͤllen, war mir um ſo unertraͤglicher, je feſter ich ent⸗ ſchloſſen war, Otto's Namen dabei mit kei⸗ nem Athemzuge zu erwaͤhnen, und zwar aus mehreren Gruͤnden, unter denen ſich auch der befand, daß ich dieß Otto'n verſprochen hatte. Im Laufe des Vormittags kam Melida. Wir waren Beide lange ſtumm und in uns ſelbſt gekehrt. Endlich nahm ich meinen Brief an Edward heraus und uͤbergab ihr denſelben ſchweigend. Du ſchlaͤgſt ſein Anerbieten aus,“— ſprach ſie;— ich ſehe Dir's an, ich fuͤhle es an der Leichtigkeit des Briefs, ich ſchließe es aus der Eile, womit Du ſein Schreiben beantwortet haſt.“— „Ja, Melida,“— erwiederte ich mit ge⸗ ſenkten Blicken—„Du haſt recht gerathen.“— „Ich konnte es wohl denken!“— erwieder⸗ te ſie und eine lange Pauſe entſtand. „Du ſiehſt ſo ernſt aus,“ ſprach ich end⸗ lich.—„Du tadelſt mich gewiß daruͤber?“— „Im Gegentheil, liebe Ottilie! Deshalb tadle ich Dich nicht. Hat auch das Weib kein 147 Recht, zu ſuchen, ſo hat ſie doch ein deſto groͤßeres Recht, zu verweigern und muß dieß auch zuweilen. Wenn Du aber Deine Hoffnungen auf Sand bauſt, wenn Du das Eis betrittſt, das unter Deinen Fuͤßen weg⸗ ſchmilzt, dann tadle ich Dich, denn jetzt weißt Du, wie der Grund beſchaffen iſt, auf wel⸗ chem Du den Tempel Deines Gluͤcks errichten willſt.— „O Melida!“— rief ich und fiel ihr wei⸗ nend um den Hals.—„Der Grund iſt feſt und gut! Jetzt, jetzt weiß ich es. Und wenn der Tempel meines Gluͤcks ſeine hohen Zinnen nicht in der Sonne ſpiegeln, wenn er in Truͤm⸗ mern ſtuͤrzen oder vielleicht gar nicht aufgebaut wird, ſo iſt es einzig und allein mein Fehler! Mein und keines Andern Fehler.“— „Du haſt ihn geſehen!“ ſprach Melida ha⸗ ſtig.— Ich ſchwieg. „Nimm Dich in Acht, Ottilie! Du ſpielſt ein gewagtes Spiel! Du bauſt auf das Gluͤck, auf Dich, auf ihn, und doch ſind dieß drei ſo wandelbare Dinge!“— 10* 148 „Melida, Du trauſt ihm ſehr viel Schlech⸗ tes zu!“— „Im Gegentheil, Ottilie! Ich habe ihm zu viel Gutes zugetraut; aber jetzt weiß ich ziemlich, was ich von ihm halten ſoll!“— „Nun, was denn, Melida?— Sprich, ich bitte Dich, ich beſchwoͤre Dich!“— „Er gehoͤrt unter die zahlreiche, unendlich zahlreiche Klaſſe derer, die das Gute, das Rechte wollen, die aber oft— ich will nicht ſagen, meiſtens— das Gegentheil thun und ſich von dem Augenblicke, von den Umſtaͤnden und vor Allem von der Leidenſchaft, von der ſie zuletzt ergriffen ſind, hinreißen laſſen.“— Wir wurden jetzt durch einen Beſuch der Tante geſtoͤrt und— wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll— ſo war ich nicht unzufrieden da⸗ ruͤber. Ottonn kannte ich ſelbſt am beſten. Otto und meine Liebe waren mir uͤbrigens ge⸗ nug. Alles Andere war mir gleichguͤltig und unbedeutend. Ddie Tante war aͤußerſt gnaͤdig und fand mich— wie ſie ſagte— wieder ganz geſund, aͤußerte den Wunſch, daß ich zum Abend, wo — 149 eine kleine Geſellſchaft ausgewaͤhlter Freunde sans prétention(einige dreißig Perſonen) eingeladen waͤre, herunter kommen moͤchte, und verſicherte mir, daß ſie ſich waͤhrend meiner Krankheit unendlich nach mir geſehnt haͤtte. Es ſchmerzte mich ſehr, wenn ich daran dachte, daß Melida dieß Alles fuͤr bloßes Geſchwaͤtz hielt. Es iſt nicht ge⸗ nug, daß man um ſeiner ſelbſt willen geliebt ſein will, man will auch die Zufriedenſtellung haben, daß es Andere wiſſen und glauben ſol⸗ len. Uebrigens, dieſe Frau war ja Otto's Mutter! Schon dieſer einzige Umſtand gab ihr in meinen Augen einen Werth, den ihr nichts nehmen konnte, und noch hatte ich die Hoff⸗ nung nicht aufgegeben, daß ſie einſt, fruͤher oder ſpaͤter, mich einer andern Stellung wuͤr⸗ dig finden ſollte, als derjenigen, welche ich jetzt in ihrem Salon oder in ihrem Gefolge ein⸗ nahm. Gern verſprach ich ihren Wunſch zu erfuͤl⸗ len und heute Abend herunterzukommen und, als ſie mich bat, ein einfaches, warmes Kleid anzuziehen und auf den kalten Treppen einen 150 Mantel umzunehmen, warf ich einen froͤhlichen triumphirenden Seitenblick auf Meliden, der ungefaͤhr ſagen ſollte:—„Sieh, wie gut ſie iſt!— Siehſt Du, wie ſehr ſie auf mich haͤlt!“— Melida verzog leiſe und mitleidig den Mund, machte ſich zum Fortgehen bereit und mit den Worten:—„Wir treffen uns alſo heute Abend im Salon, denn die Graͤfin iſt ſo guͤtig gewe⸗ ſen“ u. ſ. w.— entfernte ſie ſich. Die Tan⸗ te blieb noch eine Weile zuruͤck und erzaͤhlte mir eine Menge Neuigkeiten, unter andern, daß Frau von Stael ihre„Reflexions sur la Suicide“ herausgegeben und dem Kron⸗ prinzen dedicirt haͤtte, daß ſie allgemein ſehr charmant gefunden wuͤrden, daß eine gewiſſe Madame Schuͤtz in Stockholm angekommen ſei und mimiſche Darſtellungen geben wuͤrde, deren erſte ſchon fuͤr morgen im Ritterhauſe angekuͤndigt waͤre, und die ich partout ſehen muͤßte und dergleichen mehr. „Alle ſolche Dinge,“— ſagte ſie—„muß man ſehen und hoͤren, wenn man nicht in der Geſellſchaft ſtumm daſitzen und nicht mehr als 151 eine Katze wiſſen will, de quoi iest que- tion. Sie erzaͤhlte mir auch Mehres von Bernhard Rombergs Concert, daß er auf einem Tiſche geſeſſen,„charmant“ geſpielt und Alle entzuͤckt haͤtte, die nicht vor Hitze und Enge ohnmaͤchtig geworden waͤren. Ferner vertraute ſie mir— mit der Bitte jedoch, Tante P ulinen nichts davon zu ſagen— daß Frau voon Stael ſich nicht ſehr fein gegen die Koͤnigin benommen, ſondern gegen dieſelbe ihre Ueber⸗ legenheit, wie gegen andere Damen, gezeigt haͤtte, daß man ſie heimlich vermaͤhlt mit Mr. Rocca glaubte, was doch„zu entſetzlich“ ſei u. ſ. w. Endlich ſprach ſie davon, wie unterhal⸗ tend Pauline ſei, wie langweilig ihr dagegen Melida vorkaͤme, wie Emilie mit jedem Tage unangenehmer wuͤrde, wie Edward von H recht angenehm ſei, aber mit der Zeit gewiß ein recht eiferſuͤchtiger und mißtrauiſcher Mann werden wuͤrde. Ich glaube, daß ſie zuletzt auch von Otto geſprochen haben wuͤrde, wenn nicht inzwiſchen der Onkel gekommen waͤre. Er war artiger, als je, verſicherte mir, daß mich mente Krankheit ungemein verſchoͤnert haͤtte, freute 15²2 ſich unendlich, mich den Platz, den ich ſo ziere, wieder einnehmen zu ſehen, erzaͤhlte mir, daß ihn alle Welt gefragt haͤtte, wie ſich ſeine ſchoͤne, liebenswuͤrdige Niege befaͤnde, und daß alle Welt entzuͤckt ſein wuͤrde, mich wiederzuſehen u. ſ. w. Wieder Wind in die Segel, liebe Groß⸗ mutter! Tante und Onkel mußten ſich zu einem gro⸗ ßen Diner begeben. Ich behielt daher noch eine kurze Friſt der Ruhe bis zum Abend fuͤr mich. Nachmittags, gerade als ich an meine Kleidung fuͤr den Abend dachte, hoͤrte ich auf dem Corridor wohlbekannte haſtige Schritte und bald darauf toͤnten vor der verſchloſſenen Thuͤre leiſe gefluͤſtert die Worte in meine Ohren und in mein Herz:„— Guten Abend, Du Engel! — Was machſt Du?— Haſt Du ſuͤß geſchla⸗ fen?— Du haſt doch kein Fieber?— Haſt Du von Deinem Otto getraͤumt?— Komm ja heute Abend herunter, aber nimm Dich wohl in Acht!— O, wenn ich Dich doch herunter tragen koͤnnte!— Ich bin wie ein neuer Menſch. Alle Lebensluſt iſt neu in mir erwacht— doch ich hoͤre Minna, ja, jetzt kommt ſie! Leb wohl, lebe wohl, meine Suͤße!“— Liebe Großmutter, wie mag es doch nur moͤglich ſein, daß man in wenigen Stunden von ſolchen Qualen, von ſolchem Kummer zu einer heitern, freundlichen, vergnuͤgten Sinnes⸗ ſtimmung uͤbergehen kann, ohne Erinnerung an das, was geſchehen iſt, ohne Furcht vor dem, was noch geſchehen wird, ohne Beſinnung und ohne Nachdenken? Ich und Otto kamen mir — wenn ich ſpaͤter daran zuruͤckdachte— in dieſem Augenblicke wie ein Fahrzeug vor, das im Sturme Steuer, Segel und Maſt verloren hat und bei voller Fluth leiſe und friedlich auf dem ruhigen, aber kriegeriſchen Meere ſchifft, ohne Land zu ſehen, ohne hierhin oder dorthin zu kommen, ohne die geringſte Ausſicht auf Ret⸗ tung, wenn ploͤtzlich ein Sturm losbraͤche!— Wir waren gluͤcklich, aber wir wußten nicht, wovon oder worauf unſer Gluͤck gebaut war. Melida hatte unrecht, wenn ſie mein Gluͤck auf loſem Sande oder leichtſchmelzendem Eiſe ruhend glaubte; es ruhte auf keinem von bei⸗ den, denn es ruhte auf— gar nichts! Aber 154 dieſes Nichts hatte einen lichtgruͤnen Schein um ſich, der einer Hoffnung glich, und einen Lichtglanz, der wie die Fackel der Hoffnung glaͤnzte, und eine Maske, die dem ſuͤßen, hin⸗ reißenden Laͤcheln der Hoffnung aͤhnelte und das dahinterliegende hohle Nichts verbarg. Schlag halb ſieben, bevor noch ein Wagen angekommen war, ging ich hinunter. Otto ging einſam im Saale auf und nieder. O, nie habe ich ihn ſchoͤner geſehen! Kronenleuchter und Gi⸗ randolen waren bereits angezuͤndet. Es herrſchte jene feſtliche Stille und Ordnung, die allemal zu walten pflegt, wenn man geladene Gaͤſte erwartet. Als ich eintrat, ſah ſich Otto erſt nach allen Seiten um und als er ſich frei von allen Zeugen erblickte, warf er ſich vor mir auf die Knien. „Willkommen, mein holdes, ſuͤßes, himm⸗ liſches Maͤdchen! Du, die Du trotz aller Hin⸗ derniſſe meine Gattin werden wirſt, willkom⸗ men!“— ſprach er.—„Gott, wie ſchoͤn Du an dieſem Abend biſt! Ein wenig blaͤſſer als gewoͤhnlich; allein bei Dir iſt auch dieß ein neuer Reiz!— O, wie habe ich dieſen Abend 155 erſehnt, wie habe ich Dich erwartet! Eine gan⸗ ze lange, ewig lange Stunde bin ich hier auf und nieder gegangen und habe geglaubt, Du wuͤrdeſt es ahnen und zeitiger herabkommen, Du hartherziges, kaltes, ſchadenfrohes Weſen, denn Du haſt doch Freude an meiner Sehn⸗ ſucht, meiner Erwartung, meinem Verdruß, nicht wahr?“— So ſchmeichelte er um mich herum und ich lächelte ihm zur Antwort zu; wir waren ſo gluͤck ich, wie einzig und allein zwei Liebende gluͤcklich ſein koͤnnen. Aber unſer Gluͤck dau⸗ erte nicht lange. Bald knarrte die Thuͤr des Nebenzimmers und die Tante trat heraus, un⸗ gewoͤhnlich fein und ſchoͤn gekleidet. Der On⸗ kel, ebenfalls ſehr feſtlich gekleidet, kam mit tauſend artigen Reden und Anſpielungen auf mich und Otto zu, ohne uns jedoch dabei in BVerbindung mit einander zu bringen. Rein, ſeine Anſpielungen waren getrennt, wie Oel und Eſſig, und diejenigen, welche Otto'n gal⸗ ten, quaͤlten mich am meiſten, denn ſie bezo⸗ gen ſich faſt alle auf die gluͤckliche Malwina. Aber nun begannen die Wagen zu rol⸗ 15⁶ len und an der Hausthuͤr zu halten. Tante Pauline war unter den erſten Gaͤſten, welche eintraten, und wurde von Tante Alinen laͤn⸗ ger und herzlicher als gewoͤhnlich umarmt. Emi⸗ lie redete mich ſogleich an: „Guten Tag, Liebe!— Potz, wie Du aus⸗ ſiehſt!— Blaß wie eine Leiche und duͤrr wie der Baron Binder!— Was ſoll denn eigent⸗ lich heute Abend hier los ſein?— Was ſind denn das fuͤr Geſchichten, Fluͤſtereien und Zi⸗ ſcheleien?— Giebt es denn Tanz oder Decla⸗ mation?— oder giebt es ſonſt etwas Nagel⸗ neues?— Sprich Ottilie! Etwas Außerordent⸗ liches giebt es heute, das iſt gewiß, ich weiß nur nicht, was!“— Ich machte keine Bemerkung auf dieſes Ge⸗ ſchwaͤtz, das bei Emilien ganz und gar nichts ungewoͤhnliches war. Melida ſaß ſtiller als gewoͤhnlich da. Pauline kam etwas ſpaͤter und ſchien heiterer und aufgeraͤumter als gewoͤhnlich zu ſein. Sobald ſie mich erblickte, machte ſie eine Geſte à la belle Georges und ſprach: „Quoi Madame! Comment Erinzesse! Schon auferſtanden vom Tode! Wie war es 157 denn im Elyſium? Was ſagte man dort Schöoͤ⸗ nes?“— Hat Orpheus,“— ſetzte ſie leiſer hin⸗ zu—„ſeine Eurydice wicder geholt?— Gott ſei Dank, Du haſt dort nicht vergeſſen zu er⸗ roͤthen, denn Du haſt jetzt all' den Purpur auf Deinen armen Wangen, den„la belle Georges“ geſtern Abend auf ihren Achſeln hatte. Weißt Du, daß ſie superbe war als Semiramis? Daraus mußt Du kuͤnftig mit Otto einige Scenen declamiren!„Ou' en dites vous?“ — Du erroͤtheſt! Rien que cela!“ Paulinens Scherz ergoͤtzte mich an dieſem Abend nicht. Otto wich ihr voͤllig aus und ſah ſie kalt und faſt feindlich an; dagegen that er, was er fruͤher nie gethan hatte; er ſuchte und begleitete mich unaufhoͤrlich, und zwar ſehr augenſcheinlich und bemerklich. Man wuͤnſchte zur Verkuͤrzung der Zeit etwas Muſik zu hoͤren. Otto ſchlug ſogleich vor, daß er mit mir das kleine huͤbſche Duett:„La speranza al cor mi dice“ ſingen wollte. Als wir zu Ende geſungen hatten, ſagte Pauline mit einem Laͤ⸗ cheln, worin ſehr viel Ironie lag: „Was doch die Hoffnung fuͤr eine ange⸗ nehme Sache iſt! Auch, wenn man auf Unmoͤglichkeiten hofft!“— ſetzte ſie ein wenig leiſer hinzu. Jetzt wuͤnſchte man Declamation. Ich bat Paulinen ſehr darum, ſagte ihr, daß ich nicht wage zu declamiren, nicht wolle u. ſ. w., aber ſie blieb unerbittlich. „Nein, declamire Du; das iſt Deine Sphaͤre, aber nicht die meinige heute Abend, mein Fuͤchs⸗ chen. Spring zu!“— ſagte ſie mit herzlichem Gelaͤchter.— „Nun!“— verſetzte Otto darauf aͤrger⸗ lich.—„So laß uns unſere Lieblingsſcene aus Alzire nehmen, liebe Ottilie!“— Dieß war das erſte Mal, wo er mich in Gegenwart Anderer anredete, ohne dabei die Benennung„Couſine“ zu gebrauchen; und die⸗ ſe Worte waren von einem Blicke begleitet, ei⸗ nem Blicke, der ſich nicht beſchreiben laͤßt, es war ein Blick der Liebe, der frohen, gluͤck⸗ lichen, gegen fremde Blicke gleichguͤltigen Liebe. Ich glaubte, daß Jeder der Anweſenden in Otto's Antlitz jedes ſeiner Gefuͤhle, jeden ſeiner Gedanken leſen koͤnnen mußte, ſo offen und 159 unverborgen lagen ſie alle da. Ich erroͤthete und wurde ſo verwirrt, daß ich mich faſt keines einzigen Worts aus Alzirens Rolle erinnerte. „Willſt Du mich vielleicht heute Abend zum Souffleur haben?“ fragte Pauline mit liſtigem Laͤcheln.„Du duͤrfteſt vielleicht einen brauchen koͤnnen!“— Ich hoͤrte kaum auf ihre Worte; aber ſpaͤ⸗ ter, lange, ſehr lange darnach, erinnerte ich mich ihrer und verſtand ſie recht gut, ach, nur zu gut. Inzwiſchen begannen wir, Otto und ich, die Declamation. Wir ſpielten mehr unſere eignen, als Alzire's und Zamore's Rollen. Viel⸗ leicht iſt dieſe Scene nie mit ſo viel wahrem Gefuͤhl, mit ſo viel wirklicher Liebe dargeſtellt worden, als es jetzt der Fall war. Die Scene war faſt zu Ende. Otto trug eben mit gro⸗ ßem Gefuͤhl und unverkennbarer Leidenſchaft die letzten verzweifelten Worte vor: „Pour la dernière fois Zamore t'aurait vue, Tu me sereis ravie aussitôt que rendue!« —— als die Thuͤre ploͤtzlich geoͤffnet wurde, und die Tante ganz en triomphe, hereintrat, 160 an einem Arme von einem alten Herrn gefuͤhrt, an dem andern von einer aͤltlichen Dame, hin⸗ ter ihr der Onkel, ein junges, blondes Maͤdchen fuͤhrend, das ihre Verlegenheit hinter einem fortwaͤhrenden Lachen zu verbergen ſuchte, zu⸗ letzt ein junger Mann, den ich beim erſten An⸗ blick ſogleich als— Alfred von Ke* erkannte! — Es erhob ſich ſofort ein allgemeiner Auf⸗ ſtand. Vor meinen Augen ward Alles ſchwarz; doch hoͤrte ich noch einige Minuten lang, wie aus weiter Ferne, das Geraͤuſch einer allgemei⸗ nen, gegenſeitigen Vorſtellung, ein froͤhliches Lachen, ein Getoͤſe und die Worte:„agreable surprise, Otto s Braut, Otto's kuͤnftige Schwiegereltern, das junge Paar“ u. ſ. w. Was ſich ſpaͤter zutrug, weiß ich nicht, denn als ich wieder zum Bewußtſein erwachte und fuͤhlte, daß ich noch lebte, da lag ich oben in meinem Zimmer im Bette, der freundliche Arzt ſaß neben mir und hielt meinen Arm, der naß und verbunden war, und Melida ſtand vor mir wie ein guter Genius, den man in den gluͤcklichen Tagen verſtoßen hat, der aber in truͤben Tagen freiwillig wiederkehrt. 161 „Gott ſei Lob und Dank!“— ſagte der Arzt.—„Das Fraͤulein kommt endlich wieder zu ſich! Das war eine ungewoͤhnlich langanhal⸗ tende Ohnmacht! Vierzig bis funfzig Minuten, ſeitdem ich da bin und ziemlich eine reichliche Stunde vor meiner Ankunft! Ja, ja, das Fraͤulein hat die Krankenſtube zu zeitig verlaſ⸗ ſen, das mußte ſo kommen! Sie waren noch viel zu matt, um in eine große, geraͤuſchvolle Geſellſchaft, durch Zugluft und uͤber die Trep⸗ pen zu gehen. Aber ich kann mir ſchon den⸗ ken, wie es gekommen iſt; das Fraͤulein woll⸗ te gern Zeuge der allgemeinen Freude ſein, die— „Wollen wir ihr nicht einige ſtaͤrkende Tro⸗ pfen geben, Herr Doctor?“— fragte Melida haſtig. „‚Nein, laſſen Sie nur jetzt! Der Aderlaß wird, denke ich, das ſeinige ſchon thun.— Aber nun darf das Fraͤulein unter mehreren Tagen nicht hinunter gehen, und wenn es auch unten noch ſo luſtig zuginge, da“——— „Sie ſieht ſehr angegriffen aus, Herr Doc⸗ tor!“— unterbrach ihn Melida wieder.— II. 11 162 „Sollten wir ſie nicht vielleicht der Ruhe uͤber⸗ laſſen?“— „Ja wohl, allerdings!— Unterthaͤnigſter Diener! Ich wuͤnſche Ihnen eine gute Nacht, gnaͤdiges Fraͤulein! Morgen wird Alles wieder gut und voruͤber ſein, wie ich hoffe.“— Er ging. Melida ſaß nun ſchweigend an meinem Bette. Ich ſah ſie lange ſprachlos an, endlich ergriff ich ihre Hand und ſagte mit großer Anſtren⸗ gung: „Sprich, Melida! Du mußt mir etwas ſagen. Was iſt vorgefallen?“— „Was ſoll ich Dir ſagen, armes Kind, was Du nicht ſchon wuͤßteſt?“— erwiederte Melida mit kummervoller Stimme. „Melida— ich traͤumte— daß Otto— nein, daß die Tante und Onkel— daß Fremde — daß— daß“——— „Beruhige Dich, wenn Du— meine gute Ottilie! Du haſt nicht getraͤumt! Du erwachſt zu einer entſetzlichen Wahrheit; aber zeige nun, daß Du Dich auf Dich ſelbſt, auf Deine eigne Kraft ſtuͤtzen kannſt, nachdem das 163 Gluͤck und— er von Dir gewichen ſind und Dich betrogen haben.“— „Ich verſtehe nicht Alles,“— antwortete ich—„um aller Barmherzigkeit willen, ſage mir, wie Alles zugegangen iſt! Sprich davon, als ob es mir nichts anginge! Ich bitte Dich darum, wie um eine Gnade! Ich bin geſund, ich bin nicht mehr krank! Im Gegentheil, ich fuͤhle mich ſehr ſtark. Laß mich nur nicht in dieſer Ungewißheit, denn ſie toͤdtet mich!“— „Nun wohl!“— ſprach Melida.—„Ich will Deinen Wunſch erfuͤllen, wenn auch mein Herz leidet, davon zu ſprechen, und das Dei⸗ nige brechen wird, davon zu hoͤren. Ich will Dir Deinen Wunſch erfuͤllen. Du beſinnſt Dich wohl noch auf den Anfang dieſes Abends?— „Dieſes Abends?“— unterbrach ich ſie.— „Haben wir noch denſelben Abend?— Iſt nicht ein Tag, eine Woche, ein Jahr ſeitdem vergangen?“— „Nein, Gott ſei Dank, meine gute Ottilie! Die Zeit geht nicht ſo ſchnell! Sie ſteht ſogar oft ſtundenlang ſtill; aber das ſind des Lebens bitterſte Stunden, und deren giebt es— Lob 11* 164 ſei Gott dafuͤr— nur wenige.— Doch jetzt zu meiner Erzaͤhlung! Du erinnerſt Dich wohl, daß wir Alle ſo ſonderbar, ſo feierlich geſtimmt waren! Nicht gerade Alle, aber doch die mei— ſten, obwohl Du und ich und mehrere Andere nicht von der großen, gefaͤhrlichen Ueberra⸗ ſchung unterrichtet waren, die man Otto be⸗ reiten wollte. Nun wohl, ſie gelang vollkom⸗ men, denn als Du, anſtatt als Alzire dem Za⸗ more zu antworten, in einen Lehnſtuhl nieder⸗ ſankſt, ſtand Otto leichenblaß und ohne die mindeſte Bewegung, wie feſtgenagelt auf ſeinem Platze und ſtarrte mit unverwandtem Blicke vor ſich hin, bis ſein Vater zu ihm trat, ſeine Hand nahm, die Hand Malwina's darein legte und laut, mit ſeiner gewoͤhnlichen, hoͤflichen Leichtigkeit ſprach:„Meine Herrſchaften, ich ha⸗ be die Ehre Ihnen hier zwei junge Verlobte vorzuſtellen, die es ſchon lange geweſen ſind und nur bisher der Welt nichts von ihrem zar⸗ ten Verhaͤltniß wiſſen laſſen wollten.“— Das Maͤdchen ſah unendlich froh aus und te beſtaͤndig; aber Otto ſtand wie verſtei⸗ vherr, antwortete kein Wort auf alle die Gratu⸗ 8 8 165 lationen, die nun auf ihn zu regnen anfingen, und hielt mechaniſch die Hand feſt, die man in die ſeinige gelegt hatte. Endlich rief er: „Nein, das iſt zu viel!“— und eilte anſchei⸗ nend ganz gedankenlos und mit verſtoͤrten Bli⸗ cken nach der Thuͤr, als ob er Jemanden ſuch⸗ te. Du ſaßeſt hinter ihm, ſo daß er Dich nicht ſehen konnte. Aber nun ging die Graͤfin zu ihm, fuͤhrte ihn— faſt mit Gewalt— in den Saal zuruͤck, noͤthigte ihn Malwina's Eltern zu begruͤßen, uͤbertaͤubte ihn mit einer Maſſe von Worten und——— gleich darauf er⸗ klangen die Champagnerglaͤſer der ganzen Ge⸗ ſellſchaft. Otto hatte ſich indeſſen mechaniſch wieder zu Malwinen fuͤhren laſſen. Die ganze Verſammlung ſchwatzte und lachte und ſprach von Otto's(der nichts ſah und hoͤrte)„gro⸗ ßem Erſtaunen, unerhoͤrter Verwunderung, gren⸗ zenloſer Freude und Ueberraſchung“ u. ſ. w. — denn auf dieſe Art erklaͤrte der Graf und die Graͤfin ſeine ſonderbare Art ſich gegen die neuen„lieben 5* die er ſo hoch ſchagte⸗ 44 zu benehmen.“ 166 „Aber ich, was that ich?“— fragte ich Meliden. „Du ſaßeſt bewußtlos in einer dunkeln Ecke des Nebenzimmers. Im Salon war man nun in Gruppen zuſammengetreten. Als ich Dich vermißte, eilte ich hinaus und ſuchte Dich da, wo ich Dich zuletzt geſehen hatte. Du ſaßeſt leichenblaß da, den Kopf uͤber die Stuhllehne haͤngend. In aller Eile rief ich ein paar Die⸗ ner, die den Stuhl auf die Arme nahmen und Dich hierher trugen; hernach ſchickte ich nach dem Arzt. Seitdem habe ich Dich nicht wieder verlaſſen, und nun weißt Du Alles, was ich weiß.“— „Und Niemand, Niemand hat nach mir gefragt?— Sage mir die Wahrheit, Meli⸗ da!“— „Nein, Niemand, Ottilie!— Aber faſſe Dich nun, wenn Du kannſt! Denke daran, daß das Leben ja ſo kurz iſt, und wie bald kommt der Tod und macht allem Elend ein Ende, wenn wir nur Muth und Kraft beſitzen, Alles, was uns auf unſerm Wege waͤhrend der kur⸗ 167 zen Wanderung auf Erden begegnet, mit Stand⸗ haftigkeit und Ergebenheit zu ertragen.“— „Ich will nun nach Hauſe zu meiner Groß⸗ mutter.“— „O, wollte Gott, daß ich Dich gleich zu dieſer Stunde dahin bringen koͤnnte.“ „Geh nun hinunter, Melida; liebe, gute Melida, geh hinunter und ſage dem Onkel und der Tante, ſage Allen, daß ich noch heu⸗ te Abend, jetzt gleich, nach Hauſe reiſen wuͤrde!“— Melida ſchwieg. „Thue es, wenn Du meine Freundin biſt!“ — bat ich angelegentlich Meliden; aber ſie nahm meinen Arm, fuͤhlte mir an den Puls und ſprach: „Ja wohl, es iſt gekommen, wie ich dach⸗ te; meine uͤble Mittheilung hat Dein Fieber wieder zuruͤckgerufen; Du fieberſt entſetzlich ſtark.“— 3 „Nein, bewahre!“— ſoll ich hierauf mit gellendem Lachen geſagt haben.—„Ich habe gewiß und wahrhaftig kein Fieber, ich befinde mich ganz charmant, ich will nur auf kurze 168 Zeit nach Hauſe zu meiner Großmutter reiſen, um mich in ihre Arme zu werfen und mich bei ihr auszuweinen und zu erleichtern, denn das kann ich hier nicht, hier, wo die Luft ſo heiß und ganz voll Feuer iſt. Und dann will ich auch von meinem großen Myrthenbaume Zwei⸗ ge abſchneiden und drei Kraͤnze daraus winden. Den groͤßten und ſchoͤnſten Kranz ſoll Otto haben, den andern ſoll Malwina bekommen; aber den kleinſten will ich behalten und, ſo⸗ bald der Prediger ſie vereinigt hat, ſo ſoll er mich begraben, ſogleich, ohne alle Umſtaͤnde und Ceremonien, gerade vor Otto's und Malwina's Fuͤßen, hoͤrſt Du, Prediger! Welche Feſtlichkeit, Hochzeit und Begraͤbniß! Wie wird da die Tante ſchwatzen und plappern, und der Onkel lange Reden halten und mit einem Auge weinen und mit dem andern lachen! Ach, das ſoll luſtig werden, gar zu luſtig“ u. ſ. w.„ So ſoll ich noch entſetzlich phantaſirt haben! Es wurde von Neuem nach dem Arzt geſchickt. Die Tante war auf eine Minute oben und bat Meliden inſtaͤndig, daß ſie bei mir bleiben 169 moͤchte, weil außerdem Niemand Zeit dazu haͤtte. Melida erwiederte ihr, daß ſie gar nichts an⸗ deres beabſichtige. Emilie war auch ein Weil⸗ chen oben und beſah mich, ging aber ſogleich wieder fort, denn ſie fuͤrchtete, angeſteckt zu werden. Auch Pauline kam herauf, ſtand lange ſchweigend und tief in Gedanken verloren an meinem Bett, trocknete ſich endlich eine faſt unbemerkbare Thraͤne aus dem Auge und ſprach halblaut vor ſich hin: „Ja, ja, das ſchmeckt bitter, ich weiß es! Zucker und Syrup ſchmecken wohl beſſer. Aber man muß Beides koſten und die Krone gebuͤhrt dem, auf deſſen Antlitz nicht zu ſehen iſt, ob es Rectar oder Arznei iſt, was er verſchluckt!“ Dann blickte ſie um ſich und ſagte ver⸗ druͤßlich: „Du biſt hier, Melida?— Ich habe Dich gar nicht geſehen! Ja, ja, Du biſt wie ge⸗ ſchaffen zu einer soeur de lamisericorde! Es ſteht Dir ſehr gut!“— Hierauf entfernte ſie ſich. Melida ſah ihr ſeufzend nach und verſchloß die Thuͤr. 8 Spaͤt in der Nacht, als die Feſchtat un⸗ 170 ten voruͤber war, hoͤrte Melida ſchwere, lang⸗ ſame Schritte die Treppe heraufkommen, den Kommenden lange vor meiner Thuͤr ſtehen blei⸗ ben und hoͤrbar lange und tief ſeufzen, dann aber, als er Menſchen in meinem Zimmer be⸗ merkte, leiſe und langſam zu einer andern Thuͤr gehen, dieſelbe oͤffnen und haſtig wieder ver⸗ ſchließen!— Nun, meine gute, geliebte Großmutter, kann ich Dir uͤber eine Zeit von ein und zwanzig Ta⸗ gen keine andere Rechenſchaft geben, als was mir ſpaͤter Melida uͤber dieſe Zeit mitgetheilt hat. Der zwei und zwanzigſte Dag war ein kla⸗ rer, ſchoͤner Apriltag. Ich erwachte— wie mir ſchien— aus einem langen, tiefen und wohlthaͤtigen Schlafe, nach einer ungeordneten Erinnerung von unendlichen Schmerzen und Qualen, zu vollem Sinn und Bewußtſein d. h. deſſen, was um mich her vorging und was mei⸗ 171 ne aͤußern Sinne faſſen konnten, aber nicht deſſen, was fruͤher geſchehen war; denn mein Gedaͤchtniß verſagte mir anfangs ſeine Dienſte voͤllig und, was ſich fruͤher ereignet hatte, ſchweb⸗ te jetzt blos als undeutliches Traumbild vor meiner Phantaſie. Mit Verwunderung blickte ich um mich. Ich lag in dem tiefen Alkoven eines Zimmers, das mir voͤllig unbekannt war, fein und geſchmack⸗ voll meublirt, hell und freundlich und mit gruͤ⸗ nen Jalouſien vor den Fenſtern. Dicht neben mir auf einer Commode ſtand ein Glas mit ſchoͤnen, friſchen Blumen. Ich ſelbſt war in gutem Zuſtande und ordentlich gekleidet, wie⸗ wohl in einem Nachtanzuge; Alles war in der groͤßten Ordnung und ſehr fein, ja, beinahe elegant um mich. Eine angelehnte Thuͤr fuͤhrte in ein Nebenzimmer, in welchem es ebenfalls ſehr elegant und ordentlich ausſah. Aus die⸗ ſem Zimmer hoͤrte ich die unbekannten Stim⸗ men zweier leiſe fluͤſternden Perſonen. Ich wollte gern rufen, um Aufklaͤrung daruͤber zu erhalten, wo ich mich eigentlich befand und wie die Verhaͤltniſſe ſtanden, ich lechzte auch nach 17² einem friſchen Trunk; aber ich war nicht im Stande, einen Laut von mir zu geben. Ich ſah zwar meine Klingel ſtehen, aber ſie ſtand ſo hoch auf einer Commode, daß ich ſie mit der groͤßten Anſtrengung nicht erreichen konnte. In⸗ zwiſchen lauſchte ich mit der groͤßten Aufmerk⸗ ſamkeit der nachſtehenden Unterredung, von der ich jedoch kein einziges Wort verſtand. „Aber, liebe Jungfer,“— ſagte die eine Stimme—„wie hat denn das ſo bekannt werden koͤnnen?“— „Ja, ſehen Sie, Madame!“— erwiederte die andere Stimme—„Das war auch eine Ueberraſchung fuͤr den Braͤutigam. Er hatte ſchon im vorigen Herbſt zu dem Prediger dort unten geſagt, daß er einmal ſein Aufgebot hal⸗ ten ſollte, wenn er auch nicht hier gegenwaͤrtig waͤre oder ſelbſt das Aufgebot beſtellte. Alle Zeugniſſe und Papiere hat der Prediger ſchon lange bekommen.“— „Aber, Jungfer, weiß man denn nicht, warum er ſo ſonderbar die Hochzeit von Tage zu Tage aufſchiebt, da doch Alles bereit und fertig iſt?“— 173 „Nein, liebe Madame, das mag Gott im Himmel wiſſen, aber kein Menſch. Mein Bru⸗ der, der bei ihm dient, ſagte neulich, daß er ſich gar nicht mehr aͤhnlich waͤre, daß er manch⸗ mal lange Zeit hindurch gar nichts von ſich wuͤßte und ganze Raͤchte in ſeinem großen Zim⸗ mer auf und abginge, wenn er nicht Karte ſpielte.— „Er iſt alſo ſchon lange hinuͤbergezogen?“— „Ei ja wohl, das that er gleich da⸗ mals.“—— „Und nun ſoll alſo die Hochzeit morgen endlich ſein?“— „Ja, das iſt ſo gut wie gewiß!“— Nun war ich dieſes unertraͤglichen Ge⸗ ſchwaͤtzes muͤde und die Ungeduld gab mir ſo viel Kraft, daß ich meine Klingel erreichen konn⸗ te, mit der ich ſogleich heftig klingelte. So⸗ gleich kamen zwei mir voͤllig fremde Perſonen hereingeeilt. Eine derſelben war ein ſauber und fein gekleidetes Dienſtmaͤdchen, die andere eine alte Madame mit einer Brille. Beide ſa⸗ hen erſtaunt, bald ſich einander, bald mich an und nun entſtand eine Unterredung, die fuͤr ei⸗ 174 ne vierke Perſon wahrſcheinlich viel Lächerliches gehabt haben wuͤrde. Ich:„Wer ſeid Ihr, meine Freunde, und wo bin ich?“— Die Jungfer:„Sie phanktaſirt immer noch.“— Ich:„Nein, ich phantaſire keineswegs; ich will nur ſogleich Antwort auf meine Frage, wer Ihr ſeid?“— Madame:„Wir ſind die gewoͤhnliche Be⸗ dienung, die waͤhrend der ganzen Zeit bei dem gnaͤdigen Fraͤulein geweſen iſt, Ulla und ich.— Ich:„Nun, es iſt gut; aber wo bin ich denn eigentlich?“— Mad ame:„Auf demſelben Orte, wie im⸗ mer, mein gutes, gnaͤdiges Fraͤulein.“— Ich:„Ja, aber wo iſt denn das?“— Madame(keiſe zu Ulla):„Ha ha, ſie phantaſirt ganz entſetzlich, wie fruͤher.“— Ich:„Ach nein, ich phantaſire durchaus nicht. Aergert mich nicht mit dem beſtaͤndigen „Phantaſiren,“ ſondern antwortet und ſapt mir, wo ich bin.“— Madame:„Sott bewahre, das gnaͤdige * 17⁵ Fraͤulein iſt, wo ſie immer geweſen iſt, bei ih⸗ ren Verwandten, bei der gnaͤdigen Herrſchaft, die eine Treppe hoch wohnt!“— Ich:„Bei der Großmutter?“— Madame blickte Ulla'n an und dieſe lachte heimlich. Ich:„Sprecht, bin ich bei meiner Groß⸗ mutter?“— Madame:„Nein, bewahre, bei Graf X*r*s.“— Ich:„Sind ſie ſchon aufs Gut gezagen, und ich auch?“— Madame:„Nein, bewahre, Alles iſt wie gewoͤhnlich, praͤchtig und galant, und nun wird das gnaͤdige Fraͤulein bald geſund werden und mit zur Hochzeit kommen.“— Ein Schauer durchfuhr alle meine Glieder; doch hatte ich immer noch kein eigentliches Be⸗ wußtſein. Ich forderte zu trinken und, als ich dieß erhalten hatte, ließ ich mir auch eine Brod⸗ rinde geben, um ſie einzutauchen; da ſagte die ſogenannte Ulla: „Ach, Gott ſei Dank! Wie wird ſich die Mamſell freuen, wenn ſie erfaͤhrk, daß das 3* 176 Fraͤulein etwas zu eſſen verlangt hat! Da haben wir lange drauf gewartet.“— 8 „Welche Mamſell?“— fragte ich.— Madame und Ulla ſahen einander an, und endlich ſprach Madame: 8 1 Za ich weiß nicht, wie ſie heißt; aber es iſt eine ganz liebe, gute und ſchoͤne Mam⸗ ſell.— 4 „Ja gewiß, das iſt ſie““— ſagte Ulla— „aber ihren Namen weiß ich auch nicht. Doch ſtill, ich glaube, jetzt eben kommt ſie die Treppe herauf!“— 4 zan In dieſen Augenblicke kam wirklich Jemand leiſe und fluͤchtig an die Thuͤr; die Thuͤr ging auf und Melida trat vorſichtig und auf den Fußſpitzen herein. um Ich freute mich ungemein. „Guten Tag, meine liebe Melida!“— rief ich ihr zu.—„Ach das iſt recht gut, daß Du kommſt und daß ich nun ein verſtaͤndiges We⸗ ſen bei mir ſehe. Dieſe beiden Leute ſind recht gefaͤllig; aber ſie wiſſen weder, wer ſie ſelbſt ſind, noch wo ſie ſind, noch wo ich bin, noch wer Du biſt.“— 177 Melida laͤchelte wehmuͤthig und antwortete mir: „Gott ſei Dank, daß Du wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen biſt, meine arme Ottilie!— Aber Du darfſt noch lange nicht aufſtehen oder ſo viel ſprechen; liege nur recht ſtill und ſei recht ruhig, ſo will ich Dir Alles ſagen, was Du wiſſen willſt! Du erinnerſt Dich doch noch an Dein kleines Zimmer, in dem Du krankſt wurdeſt?— Nun, dieß war viel zu klein und zu enge und die Tante beſchloß deshalb, Dich in dieſe beiden Zimmer bringen zu laſſen. Du warſt damals ſo krank, daß Du nichts davon wußteſt, als wir Dich hierher transportirten. Es iſt ſchon ſeit laͤnger als vierzehn Tagen!— Deiner Minna erinnerſt Du Dich wohl auch, denke ich?— Sie hat einen boͤſen Fuß und iſt auf einige Wochen nicht im Stande zu ge⸗ hen; daher hat Dir Deine Tante eine andere Kammerjungfer angeſchafft und Madame dort iſt ſo guͤtig geweſen und hat uns geholfen, bei Dir zu wachen, wenn Ulla und ich nicht mehr aufdauern konnten. Sieh, nun weißt Du Alles, was Du wiſſen willſt.“— II. 12 178 „Ach, Melida!“— ſprach ich, nahm ihre Hand und fuͤhrte ſie an meine Lippen.—„Du Engel!— Du haſt mich alſo gepflegt und be⸗ wacht waͤhrend dieſer langen Zeit?— Wie in⸗ nig gut biſt Du!— Aber was ſind dieß fuͤr Zimmer!— Wo liegen ſie?“— „Nicht weit von Deinem Zimmer!“— ant⸗ wortete Melida langſam und ein wenig ſtam⸗ melnd.— „Doch nicht die Zimmer— Otto's?“— „Und wenn es der Fall waͤre, was thaͤte es?“— erwiederte Melida ausweichend.— „Nun, wo iſt er dann?“— „Er iſt ſchon in ſein neues, großes Haus hinuͤbergezogen⸗— antwortete Madame, die unſerm ganzen Geſpraͤch andaͤchtig zugehoͤrt hat⸗ te, als Melida mit der Antwort einigermaßen zöͤgerte. „Wir wollen das Fraͤulein nun in Ruhe laſſen!“— ſprach hierauf Melida haſtig und ſtand auf. „Nein, Melida,“— bat ich ſchmerzlich, nach⸗ dem Ulla und Madame hinaus ins aͤußre Zim⸗ mer gegangen waren.—„Geh nicht von mir! 179 Nun wird mir Alles wieder hell— oder viel⸗ mehr dunkel! Was ich blos fuͤr einen aͤngſt⸗ lichen Traum hielt, das offenbart ſich mir nun als ſchreckliche Wahrheit.“— „Ottilie,“— bat Melida ſanft, aber ſehr ernſt—„Du mußt nun ſtill und gefaßt ſein, wenn der Himmel nicht bereuen ſoll, daß er Dich von Deiner ſchweren Krankheit und Dei⸗ nen Schmerzen befreiet hat! Du wohnſt nun in Deines Otto Zimmern. Iſt Dir dieß nicht lieb und angenehm und willſt Du noch mehr wiſſen, ſo will ich Dir ſagen, daß Dein Otto Dich unſaͤglich liebt, ſo ſehr, wie er nur lieben kann;— und das muß fuͤr ein Frauenherz genug ſein!— Aber nun mußt Du zufrieden ſein, nun mußt Du nicht mehr fragen, ſondern Dich ſtill und ruhig verhalten! Und wenn Du nun artig biſt, ſo will ich Dir da⸗ fuͤr eine Menge ergoͤtzliche und intereſſante Sa⸗ chen erzaͤhlen.“— Ohne lange Unterbrechung fuhr ſie hierauf fort: „Du kannſt wohl denken, daß ich waͤhrend 6. dieſer Zeit keine Luſt hatte, mich zu ergoͤtzen 12* 180 oder zu zerſtreuen; aber der Graf und die Graͤ⸗ fin drangen eines Abends ſo lange in mich, bis ich ſie zu einer mimiſchen Vorſtellung begleite⸗ te, welche Madame Haͤndel⸗Schuͤtz, eine rei⸗ ſende Deutſche, gab. Ich verſichere Dir, daß dieſe Darſtellung hoͤchſt intereſſant war! Sie hat ein ungewoͤhnliches Talent und große Fer⸗ tigkeit, Ausdruck in ihr huͤbſches bewegliches Geſicht zu legen. An dieſem Abend ſtellte ſie eine Menge verſchiedener Perſonen aus den ver⸗ ſchiedenſten Stuͤcken dar. Das erſte, was man ſah, war die ruͤhrende Scene aus Marie Stu⸗ art, wo ſie von ihrer einzigen, treugebliebnen Dienerin Abſchied nimmt. Hierauf declamirte ſie den Monolog aus der Jungfrau von Orleans; dann ſtellte ſie die Galathée vor, wie ſie von Pygmalion belebt und zur Liebe und zum Be⸗ wußtſein geweckt wird; dann ſah man Niobe in dem Augenblicke, wo das letzte ihrer vier⸗ zehn Kinder durch den Tod von ihr geriſſen wird. Es war nicht die beruͤhmte Gruppe der Niobe von Praxiteles oder Scapas, die ſie todt darſtellt, ſondern die Verzweiflung der Mutter, wie ſie eines nach dem andern ihrer 181 geliebten Kinder als Opfer fuͤr Latona's Rache fallen ſieht. Man kann ſich nichts Lebendige⸗ res, aber auch nichts Erſchuͤtternderes vorſtel⸗ len, als dieſen Schmerz der Mutter, beſonders wenn der Todesengel auch das letzte, das juͤng⸗ ſte Kind erfaßt. Letzteres wurde durch den klei⸗ nen ſechsjaͤhrigen Sohn der Kuͤnſtlerin vorge⸗ ſtellt, und meiſterhaft wußte dieſes Kind den paſſiven und voͤllig neutralen Character anzu⸗ nehmen, den der Tod dem Koͤrper aufpraͤgt und der allen Schmeicheleien, Liebkoſungen und Be⸗ lebungsverſuchen der Mutter widerſteht. In der Verzweiflung uͤber die Fruchtloſigkeit ihrer Anſtrengungen warf die Mutter einen Blick gen Himmel, vielleicht das letzte Gebet, waͤh⸗ rend das Kind leblos uͤber ihren Arm herab⸗ hing,— und dieß wurde von Mutter und Sohn ſo meiſterhaft dargeſtellt, daß ich wohl behaupten kann, kein Auge blieb thraͤnenlos dabei. Dann drappierte ſie ſich und coquettirte auf alle Weiſe, erſt als junge genießende, gleich da⸗ rauf als buͤßende Masdalena. Dieſes Bild war nicht ohne bedeutenden Kunſtwerth und ſie entwickelte dabei eine unglaubliche Geſchick⸗ 4 182 lichkeit, ſich mit einem Shawl auf verſchiedene Art ſchnell und ſchoͤn zu coſtuͤmiren und in mannichfachen, ſehr anziehenden Attituͤden zu zeigen, das ließ ſich nicht laͤugnen. Man aͤu⸗ ßerte jedoch ſpaͤter, daß ſie den ſchnellen Ue⸗ bergang von dem wilden, genußſuͤchtigen Maͤd⸗ chen zu der ſtrengen Buͤßerin bei weitem nicht genug motivirt haͤtte. Pauline ſagte ſehr tref⸗ fend, ſie haͤtte zwar die Schafwolle und dann den Merinoſhawl, nicht aber, wie dieſelbe ge⸗ ſponnen, gewebt und gefaͤrbt worden ſei, ge⸗ ſehen. Zuletzt zeigte ſich Madame Schuͤtz als Sphinx und da war ſie, wie Emilie ſagte, der Hand⸗ habe an Mamas weißem Porcellainkaſten voll⸗ kommen aͤhnlich. Weißt Du wohl, Ottilie, daß ich in meinem ganzen Leben Niemanden geſe⸗ hen habe, der ſo wenig Schoͤnheitsſinn, ſo we⸗ nig Geſchmack fuͤr die Kunſt und ſo wenig Ge⸗ fallen an der Natur beſitzt, wie die arme Emi⸗ lie. Ihre albernen Bemerkungen ſtoͤrten meine Aufmerkſamkeit den ganzen Abend hindurch. Bald hatte ſie etwas uͤber die Zuſcheuer und deren Coſtuͤm, bald uͤber die Kuͤnſtlerin und 183 deren Anzug, bald uͤber die Theatereleven, welche Madame Schuͤtz unterſtuͤtzten, bald uͤber eine andere Lappalie zu bemerken, und das große mimiſche Talent der geſchickten Kuͤnſtle⸗ rin uͤberſetzte ſie ganz einfach mit Grimaſſir⸗ kunſt. Ich haͤtte wohl gewuͤnſcht, daß der geniale und enthuſiaſtiſche Magiſter A** dieſe Benennung gehoͤrt haͤtte. Er hat ſchon ein Ge⸗ dicht zu Ehren der beruͤhmten Frau gemacht, und zwar bei Veranlaſſung eines Beſuchs, den dieſelbe mit dem Grafen Jakob Drlrg in Euſtav Adolphs Gruft abgeſtattet hat. Ich habe es noch nicht geleſen, habe aber ge⸗ hoͤrt, daß es ſehr ſchmeichelhaft fuͤr Madame Schuͤtz, deſto weniger aber fuͤr uns uͤbrigen „Maäde des Nordens“ fein ſoll, indem er uns recht artige Geißelhiebe verſetzt, weil wir„ver⸗ weichlicht im Tanz,“ den großen Koͤnig und ſeine Gruft vergeſſen haͤtten. Wir werden un⸗ ſere Gardinenpredigt wohl im poetiſchen Alma⸗ nach fuͤr 1814 gedruckt leſen, denk ich. Auch Lorenzo hat einige meilenlange Hexameter zu Ehren der Kuͤnſtlerin geſchmiedek. Fraͤu⸗ lein Nanng weiß ſie bereits auswendig und 184 ſcandirt ſie ſo nachdruͤcklich, daß den Hoͤrern Hoͤren und Sehen vergeht.“— Melida erreichte wirklich ihren Zweck mit dieſen und mehreren andern Mittheilungen der⸗ ſelben Art uͤber die Ereigniſſe dieſes unvergeß⸗ lich brillanten und bunten Winters, denn wie ein Kind, welches ſeine liebſten Puppen um ei⸗ nes ergoͤtzlichen Maͤhrchens willen verlaͤßt, ver⸗ ließ ich meine eignen, durch Krankheit und koͤr⸗ perliche Leiden geſchwaͤchten Gedanken und Kuͤm⸗ merniſſe, um Meliden aufmerkſam zuzuhoͤren, und ſo oft ich im Laufe der naͤchſten Tage auf irgend einen Gegenſtand zuruͤckkam, der mit Otto in Verbindung ſtand, wußte Melida mit ſo gro⸗ ßer Geſchicklichkeit meine Gedanken davon ab⸗ und anderswohin zu leiten, daß ich ſelbſt es kaum bemerkte. Aber als ſich die Kraͤfte des Geiſtes und des Koͤrpers wiederfanden, ward ihr dieß immer ſchwerer und als ich am ſie⸗ benten Tage nach meinem Erwachen waͤhrend einer kurzen Abweſenheit Melida’s aus dem Bette aufgeſtiegen war und mich mit Ulla's Huͤlfe ein wenig angekleidet hatte, erſaunte Me⸗ lida nicht wenig daruͤber, noch mehr aber, als 185 ich ihr ganz ruhig und feſt ſagte, daß ſie mir nun dreiſt Alles ſagen, uͤber Alles mit mir ſprechen koͤnnte, mir nichts zu verbergen brauchte, denn ich wuͤßte das Groͤßte; das Wichtigſte und Alles, was ſie mir nun noch weiter ſagen koͤnnte, wuͤrde nun eine Erleichte⸗ rung, eine Art von Troſt fuͤr mich ſein. „Und was weißt Du denn?“— fragte Me⸗ lida mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit, ohne je⸗ doch die heftige Bewegung verbergen zu können, die in ihrem Innern vorging. „Was ich weiß?“— erwiederte ich.— „Glaubteſt Du denn, daß ich im Stande ſei, Nachrichten von Otto zu entbehren?— Nein, da haſt Du Dich geirrt!— Ich habe unter der vollkommenſten Maske der Gleich⸗ guͤltigkeit und mit Huͤlfe aller meiner weiblichen Feinheit meine beiden Pflegerinnen waͤhrend Deiner Abweſenheit ausgeforſcht und weiß da⸗ her—— ja, ja, Melida, erbleiche nicht ſo, Du ſiehſt ja, daß ich ruhig bin, obgleich ich Alles ſchon ſeit drei Tagen weiß!— Siehſt Du, Melida! Das iſt eine Wirkung meiner Krankheit. Ich bin dem Tode ſo nahe gewe⸗ 186 ſen, daß mir das Leben jetzt wie ein Tag vor⸗ kommt, deſſen Abend bald anbrechen wird, wenn man nur ein wenig Geduld hat.(O, wie gut iſt Gott, er ſendet ſolche Schmerzen, wenn er ſieht, daß man derſelben bedarf!) Uebrigens, Melida, habe ich Alles genau uͤberlegt und ha⸗ be im Innerſten meiner Seele gefunden, daß ich nur einen Gegenſtand, einen einzigen Gegen⸗ ſtand in der ganzen Welt begehrte— und das war Otto's Liebe;— und als ich dieſe er⸗ hielt, entſagte ich allem Andern gern;— ich ſah gern, daß Otto ſeine heiligen Verbind⸗ lichkeiten wie ein Mann erfuͤllte und dahin ging, wohin ihn das Schickſal mit ſeinem Ei⸗ ſenfinger wies. Du kannſt mir dagegen ein⸗ wenden, daß gerade hierin ſehr viel Egoismus liegt, denn da ich Otto's Liebe beſitze und er fuͤr ſein ganzes Leben an eine Andere gebun⸗ den iſt, ſo muß er nothwendig ungluͤcklich und mit ſeiner ganzen Exiſtenz unzufrieden ſein oder werden. So ſcheint es zwar; es iſt aber kei⸗ neswegs ſo. Dieſes Leben iſt nur kurz und was man hier waͤhrend dieſer Wallfahrt fuͤr das Rechte aufopfert, dafuͤr erhaͤlt man im 187 andern Leben tauſendfachen Erſatz, auch hat man ſchon in dieſem Leben einen Vorgeſchmack davon und genießt Ruhe, Frieden und Stille, wenn man ſeine Pflichten, ſeine Verbindlichkei⸗ ten, ſeine Verſprechungen erfuͤllt. Man kann wohl trauern uͤber das, was man verloren hat; wenn aber der Kummer nicht durch nagende Gewiſſensqualen angefacht wird, dann— wird er allmaͤhlig ſchon durch die Zeit gemildert und nimmt vielleicht endlich eine ſanfte, angenehme Faͤrbung an, die im Tode ſogar roſenroth und lilienweiß wird. Verſtehſt Du mich, gute Me⸗ lida?“— „Ja wohl, verſtehe ich Dich,“— erwiederte Melida.—„Aber wer kann wohl vollkommen ſicher ſein, daß er auch ganz recht gehandelt hat, und daß eine andere Handlungsweiſe nicht beſſer geweſen waͤre? Zweifel und Unruhe muͤſſen ſich doch ſtets mit dem Kummer miſchen, wenn man ſel bſt die Urſache deſſelben iſt.— „Jetzt verſtehe ich Dich!“— antwortete ich. —„Du ſcheinſt im Allgemeinen zu ſprechen, waͤhrend Du im Grunde Deines Herzens Otto⸗ meinſt und der Auſicht biſt, daß er anders 188 haͤtte handeln ſollen. Aber wenn Du ſo denkſt, dann biſt Du partheiiſch fuͤr mich, fuͤr Deine Freundin. Waͤrſt Du eine Freundin der ar⸗ men Malwina, ſo wuͤrdeſt Du ganz anders ſprechen. Iſt es nicht ſo?“— „Vielleicht!“— ſprach Melida ſanft.— „Und dem Himmel ſei Lob und Dank, daß Du es biſt, die ſich Otto's gegen mich annimmt, denn ich fuͤrchte, daß ich ein ſchlechter Advo⸗ kat fuͤr ihn ſein wuͤrde.“— „Eines Advokaten bedarf er bei mir nicht,“ — erwiederte ich Meliden.—„Er hat einen ſolchen in der Tiefe meines Herzens, der nie daraus weichen wird, denn ich bitte Gott flehentlich, daß Otto mir nie durch irgend ei⸗ ne Schwaͤche, durch irgend einen Ausbruch ei⸗ ner unerlaubten Leidenſchaft, durch Liebe, Leicht⸗ ſinn, zu ſpaͤte Reue uͤber gefaßte und ausge⸗ fuͤhrte Entſchluͤſſe, oder durch andere Ueberei⸗ lungen die hohe Idee rauben moͤge, die ich jetzt von ihm habe, und die mir einzig und allein den Muth aufrecht erhalten kann, nach⸗ dem ich ihn auf ewig verloren habe. Je groͤ⸗ ßier, je edler und je ſtaͤrker er ſich zeigt, deſto 189 weniger bitter wird mein Schmerz und mein Verluſt ſein. Denn iſt er ſchwach und unterliegt er ſeinen Leidenſchaften, auch in der Zukunft, dann verliert ſeine ganze Staͤrke und ſeine ganze Selbſtbeherrſchung von jetzt all' ihren Werth, alle ſchoͤnen Farben, und dann koͤnnte er, ſo⸗ wohl jetzt als kuͤnftig, leichtſinnig und unbe⸗ dachtſam handeln und wir koͤnnten zu ſam⸗ men unſere Jugendverirrung beweinen. Doch daran zu denken verlohnt ſich jetzt nicht der Muͤhe. Er hat recht gehandelt, er hat ge⸗ than, was er thun mußte, und ſo will ich auch thun, obwohl mein Wirkungskreis ſo unendlich klein und meine ganze Exiſtenz ſo vollkommen paſſiv iſt, daß keine Muͤcke davon abhaͤngt.“— „Und was wirſt Du thun?“— fragte Me⸗ lida zaͤrtlich und theilnehmend. „Ich will zu meiner guten, geliebten Groß⸗ mutter zuruͤckkehren, ſo bald ich wieder ſo weit hergeſtellt bin, daß ich die Reiſe dahin vertra⸗ gen kann; dort will ich wieder das kleine Schne⸗ ckenleben beginnen, was ich fruͤher gefuͤhrt ha⸗ be.“— „Deine Plaͤne ſind nicht hochſchwebend;“ 190 — ſprach Melida ſchmerzlich und mitleidig, —„aber Du haſt doch einen Troſt bei Dei⸗ nen bittern Schmerzen: Du haſt eine Heimath, Du haſt einen fremden Buſen, an den Du Dich legen kannſt und der Dich gern aufnimmt. Das iſt och etwas!“— Nun war die Reihe an mir, Mitleid zu fuͤh⸗ len, und ich that es auch. Dieſes Gefuͤhl hat⸗ te ſich bei mir ſtetsamit der innigen Zuneigung gemiſcht, die ich immer fuͤr Meliden gefuͤhlt hat⸗ te, und die nur in jener Zeit etwas kaͤlter ge⸗ worden war, wo eine allmaͤchtige Liebe jedes andere Gefuͤhl in meinem Herzen aufzehrte. „Melida,“— ſprach ich.—„Noch einige Tage, bis ich wieder voͤllig geſund bin, will ich anſtehen, Dich zu bitten, mir alle Einzelheiten von Otto's letztem Schickſal zu erzaͤhlen, denn jetzt wirſt Du wohl ſehen, daß ich Al⸗ les von ihm hoͤren kann. Aber waͤhrend die⸗ ſer Zeit erfuͤlle meine Sehnſucht, etwas von Deinen eignen Jugendſchickſalen zu hoͤren! Ich habe ſtets großes Verlangen gefuͤhlt, Dich dar⸗ uͤber ſprechen zu hoͤren, vielleicht eben deshalb, weil Du es nie thuſt. Aber nun mußt Du es 5 191 thun, ſchon um der Theilnahme und Zuneigung willen, die ich fuͤr Dich fuͤhle, wenn auch mei⸗ ne ganze Freundſchaft zu Dir nur auf Dank⸗ barkeit gegruͤndet waͤre, wiewohl dieß keines⸗ wegs der Fall iſt, denn ich habe ſchon damals mit vieler Liebe an Dir gehangen, wo Du mich mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit betrach⸗ teteſt.)— „Das habe ich nie gethan!“— erwiederte Melida, die Farbe ein wenig veraͤndernd.— „Mit Gleichguͤltigkeit habe ich Dich nie be⸗ trachtet. Aber ſo ungern ich von meinem un⸗ bedeutenden Ich ſpreche, eben ſo wenig ver⸗ ſchwende ich meine Freundſchaft an Jeman⸗ den, wenn ich mich nicht vorher wohl uͤber⸗ zeugt habe, ob ich meine Freigebigkeit auch nicht bereuen darf, und ob derjenige, dem ich das Einzige, was ich habe, geben will, meine Ga⸗ be auch verdient.“— „Nun, Melida, habe ich dieß gethan oder nicht?“— „Du verdienſt ſie gewiß, meine gute Otti⸗ lie; aber es gab eine Zeit, wo ich die Motiven Deiner Handlungsweiſe nicht begreifen konnte 192 damals zog ich mich, gleich einer Schnecke in mein enges Haus zuruͤck.“— „Ja, ich erinnere mich wohl daran! Aber dieſe Zeit iſt nun voruͤber,“— ſprach ich ſeuf⸗ zend—„und nun weißt Du Alles, was ich denke; aber ſo iſt es nicht der Fall mit mir, und meine Neugierde iſt groͤßer, als Du denkſt, denn ungeachtet aller Deiner Vorſicht; Dich ſelbſt nie in ein Verhaͤltniß einzulaſſen, hat mein ſcharfer Frauenblick doch Etwas entdeckt, was Du— entweder zugeben oder wiederlegen mußt.“— „Und das iſt?“— fragte Melida erroͤ⸗ thend. „Daß Otto auch in Deinen Schickſalen eine große Rolle geſpielt hat.“— „Nun ja,“— antwortete ſie entſchloſſen, nachdem ſie einige Augenblicke geſchwiegen hat⸗ te.—„Nun ja, warum ſoll ich es laͤugnen? — Auch ich bin einmal von all' der Zauber⸗ kraft, all' der Magie, welche das Schickſal und die Natur ſo verſchwenderiſch uͤber Otto aus⸗ gegoſſen hat, geblendet geweſen, und zwar ſo 193 ſehr, daß mir nachher alle Maͤnner ſo gleich⸗ guͤltig geworden ſind, wie ſie es fruͤher fuͤr mich waren. Nun weißt Du es; aber verſchone mich mit allen Fragen nach den Einzelnheiten jener kurzen Zeit, die eine wahrſcheinlich ſchon laͤngſt vergeſſene Epiſode aus Otto's Juͤng⸗ lingsleben bildet, fuͤr mich weit mehr bittere, als ſuͤße Erinnerungen hat und deren genaue Recapitulation einen dunkeln Schatten uͤber meh⸗ rere Perſonen werfen wuͤrde, die außerdem meine Dankbarkeit und Zuneigung verdienen.“— „Vergieb mir meine Neugierde, gute, liebe Melida!“— ſprach ich.—„Sie iſt von dieſem Tage an erloſchen und ich will Dich nicht wie⸗ der mit Fragen behelligen, ich will Dich blos lieben. Wenn Dir aber eine Gewißheit nur das geringſte Vergnuͤgen machen kann, ſo kann ich dem Verlangen nicht widerſtehen, Dir zu ſagen, mit welcher Ergebenheit, mit welchem hohen Grade von Achtung und Beifall— ja, ich moͤchte ſagen— Ehrfurcht Otto ſtets von Dir geſprochen hat, ſo bald die Rede auf Dich gekommen iſt.“— „So!“— erwiederte Melida mit wehmuͤthi⸗ II. 4 13 194 gem Laͤcheln.—„That er das? Nun, ich will nicht laͤugnen, daß ich mich daruͤber freue! Das Gegentheil wuͤrde mich zwar nicht gewundert, noch weniger geſchmerzt haben, denn es haͤtte im beſſern Einklange zu der Kaͤlte geſtanden, die er mir ſtets bewieſen hat; aber dieß habe ich ihm laͤngſt verziehen und jetzt bin ich bei⸗ nahe faͤhig, ihm dafuͤr zu danken, denn ich ſpre⸗ che, wie Du ſo eben ſagteſt:„lieber einen ſtil⸗ len, verborgnen, von Niemandem geahnten und von Niemandem geſehenen Platz in einem Her⸗ zen haben, als eine offne Huldigung empfangen, die oft aus etwas ganz Anderem, als aus Liebe, Achtung oder Zuneigung entſpringt.“— Seitdem war zwiſchen uns nie wieder die Rede von Melida's Schickſalen; aber deſto oͤfter ſprachen wir von mir, denn ich bekenne offen, daß ich Melida's Staͤrke nicht beſaß, die ſtets ſich ſelbſt vergaß und nur fuͤr Andere lebte. Noch lag die Erinnerung an die letzte Vergan⸗ genheit im Vordergrunde meiner Seele und wir durchwachten manche halbe Nacht im Geſpraͤche uͤber das, was auf ewig voruͤber war. Ich lebte ganz geſchieden von der uͤbrigen Welt. 195 Meine Krankheit war ein ſehr gefaͤhrliches contagioͤſes Nervenfieber geweſen, und deshalb ſcheute ſich Jedes vor der geringſten Commu⸗ nication mit mir. Alle, außer Melida, die ſtets ſagte, daß ſie nichts als ihr armes Leben dabei zu verlieren habe. Im Anfange hatte ſich zwar die Generalin dem Entſchluſſe Me⸗ lidas, mich zu pflegen, widerſetzt; als ſie aber an alle die bevorſtehenden Hochzeitsfeſtlichkeiten dachte, zu denen Melida auf jeden Fall nicht mit eingeladen worden waͤre, ſo bequemte ſie ſich endlich, die Einwilligung zu geben, welche die arme Melida zu den geringſten ihrer Hand⸗ lungen haben mußte. Nach und nach erfuhr ich alle die Kleinig⸗ keiten, die Melida uͤber das wußte, was mich nur im Geringſten intereſſiren konnte, und die ſie mir ohne alle Bemaͤntelungen, Verbeſſerun⸗ gen oder Veraͤnderungen erzaͤhlte, weil ſie wohl ſah, daß ich jetzt Alles hoͤren konnte, und daß der Kummer bei mir die Geſtalt einer unerſchuͤt⸗ terlichen, ruhigen Reſignation angenommen und jene ausgeartete Verzweiflung, die ſich ſogar 13* 196 in den Fieberphantaſieen meiner Krankheit aus⸗ ſprach, voͤllig abgelegt hatte. So erfuhr ich nach und nach von Meliden, daß ich in den erſten acht Tagen meiner Krank⸗ heit in meinem fruͤhern kleinen Zimmer gelegen, daß ich aber darin weder Ruhe, noch Beſinnung gehabt, ſondern unausſchließlich Tag und Nacht auf jene wohlbekannten Schritte gelauſcht hat⸗ te, die immer ſchwerer und langſamer gewor⸗ den und oft an der bekannten Thuͤre zoͤgernd ſtehen gelieben waͤren. Endlich hatte ſich Me⸗ lida Muth gefaßt, war eines Tages in Otto's Zimmer gegangen und hatte ohne Umſchweife zu ihm geſagt:—„Der Herr Graf werden Sich in einigen Wochen verheirathen? Ihre neue Wohnung wird wenigſtens ſchon mit der groͤßten Eile arrangirt, ob auf Ihre Anordnung oder nicht,— gleichviel— Sie haben wenig⸗ ſtens keine Gegenbefehle gegeben. Dieß ſagt mir den gefaßten Entſchluß des Herrn Grafen mehr als zu deutlich. Thun Sie nun auch et⸗ was fuͤr ein andres Weſen, das ein milderes Schickſal verdient! Verlaſſen Sie dieſes Haus! Laſſen Sie ihr Ruhe! Und uͤberlaſſen Sie ihr 197 Ihre Zimmer! Das Zimmer, welches ſie jetzt inne hat, iſt zu klein, zu beengt, zu voll von Erinnerungen fuͤr ſie. Waͤhrend ſie ſchlaͤft oder in Fieberbewußtloſigkeit liegt, koͤnnen ſie recht gut ausziehen; ich will die Sorge dafuͤr in jedem Falle uͤbernehmen, wenn der Herr Graf nur ſeiner Frau Mutter dieſe Propoſition er⸗ oͤffnen will!“ Melida war wenig ſchonend geweſen, wie Du hoͤrſt, liebe Großmutter. Bleich wie ein Todter und ohne ein Zeichen von Leben von ſich zu geben, die Hand auf dem Herzen lie⸗ gend und mit Thraͤnen in den Augen hatte ſich Otto, ohne ein Wort zu ſagen, zum Zeichen ſeiner Einwilligung vor Meliden verbeugt, war hinunter zur Tante gegangen und einige Stun⸗ den darauf war er aus dem Vaterhauſe weg⸗ gezogen und hatte ſeine Zimmer geraͤumt, die nun die Tante ſelbſt fuͤr Dich paſſend fand, „da Otto nothwendig hatte in ſeine neue Wohnung ziehen muͤſſen, um dort die Einrich⸗ tung genauer beaufſichtigen zu koͤnnen. Noch an demſelben Abend wurde ich in Otto's Zimmer gebracht. Im Anfange war 198 ich ein wenig erſtaunt geweſen und hatte mit irren Blicken und traumaͤhnlichen Erinnerungen um mich geſehen; aber dieß war bald voruͤber gegangen und ich hatte aufgehoͤrt, den wohl⸗ bekannten Schritten zu lauſchen, die ſich nun nicht mehr hoͤren ließen. Spaͤter hatte Melida Otto'n nur ein einziges Mal geſehen und zwar auf der Straße. Er war wie ein Traͤu⸗ mender gegangen, als er aber Meliden naͤher gekommen war, hatte er ploͤtzlich aufgeblickt, ein„Ach!“ ausgerufen, zu ſprechen verſucht, aber kein einziges Wort herausgebracht und Me⸗ lida hatte, nachdem ſie ein Weilchen ſtehen ge⸗ blieben war, ihren Weg fortgeſetzt. Lange war er auf derſelben Stelle ſtehen geblieben und hatte ihr nachgeblickt, ohne ihr jedoch zu fol⸗ gen oder ſpaͤter den geringſten Verſuch zu ma⸗ chen, ihr wieder zu begegnen. Was ſie von der Hochzeit u. ſ. w. wußte, war das Wenige, was ihr Emilie voͤllig unge⸗ fragt mitgetheilt hatte, und dieß war durch Emiliens Mangel an Auffaſſung und durch ih⸗ re alberne Darſtellung ſo entſtellt, daß mir Melida nur auf mein mehrfach ausgeſprochnes 199 Verlangen und, nachdem ſie mich entſetzlich kin⸗ diſch und unverzeihlich neugierig genannt hatte, halb lachend und mit Emiliens eignen Worten — wie ſie ſagt— Folgendes erzaͤhlte: Die Hochzeit war verwuͤnſcht ergoͤtzlich, die Braut war ungebuͤhrlich zierlich, mit Gold⸗ ſtickereien und Spitzen geziert, mit Schmuck und glaͤnzenden Kleinigkeiten, zum Uebermaaß behangen und ſah aus, wie Madame Caſſcorti, wenn ſie eben aufs Seil ſteigen und tanzen will. Uebriges war ſie den ganzen Tag uͤber entſetz⸗ lich haͤßlich und Pauline aͤußerte, daß, da ſie doch ſonſt unaufhoͤrlich lache und feichſe, ſie an ihrem Hochzeitstage wohl haͤtte unterlaſſen koͤn⸗ nen, zu ſchluchzen und zu weinen, bis ihre hell⸗ blauen Augen feuerroth, die Naſe blaͤulich und die Stirn fleckig geworden waͤre, denn Pauline konnte nicht begreifen, weshalb ſie ſo maulte, da ſie ſo praͤchtige Kleider haͤtte und Otton zum Manne bekaͤme, was ihr doch Beides ſehr am Herzen liegen muͤſſe, da ſie ſo weit gereiſt ſei, um Beides zu bekommen. Enillie ihrerſeits glaubte, daß ſie vor Freude geweint haͤtte. Ot⸗ to hatte(Alles nach Emiliens eignen Worten) 200 im Brautſtuhle ſteif wie ein Bock, ohne ein Zei⸗ chen von Leben, blaß wie eine Leiche und ſo albern wie ein Sevelin, wenn er am albernſten ſpielt, dageſtanden. Emilie konnte nicht be⸗ greifen, was in Otto vorging und als Me⸗ lida ſie gefragt hatte, ob Pauline Otto's Be⸗ nehmen eben ſo wenig, als Malwinas Maulen begriffen haͤtte, hatte Emilie geantwortet:„das weiß ich nicht, denn Pauline ſpricht nie mit mir uͤber Otto und hat ſich ein fuͤr allemal alle Bemerkungen uͤber ihn verbeten. Tante Aline war ganz entzuͤckt geweſen und war, wie man behauptete, von Folker ſelbſt, wiewohl mit der groͤßten Heimlichkeit, coiffirt worden. Der Onkel hatte die ſchoͤnſte Hochzeitsrede von der Welt gehalten, Emilie hatte jedoch kein Wort mehr davon gewußt. Alle Anweſenden waren unſaͤglich geputzt und geſchmuͤckt geweſen, aber Pauline hatte die ſchoͤnſte Kleidung auf der ganzen Hochzeit ge⸗ habt, außer einem Shawl, den die Braut von ihrer Schwiegermutter erhalten hatte, der ſechs Ellen lang geweſen war und auf dem ſich der ganze Olymp gewebt befunden hatte. Uebrigens 201 hatte Emilie den ganzen Abend hindurch Confect geknappert und war ſehr verdruͤßlich daruͤber geweſen, daß ſie nicht einen einzigen Biſ⸗ ſen davon fuͤr Meliden oder fuͤr die arme, kranke Ottilie hatte auf die Seite bringen koͤn⸗ nen. Ottilien, hatte die Braut geſagt, haͤtte ſie ganz wunderbar in ihrem Andenken behalten und Emilie hatte gehoͤrt, wie ſie Otto'n ein⸗ mal gefragt haͤtte, was in aller Welt dem wun⸗ derſchoͤnen, ſchwarzgekleideten Maͤdchen zugeſto⸗ ßen waͤre, welche, als ſie(Malwina) zu Ot⸗ to's Eltern gekommen ſei, ſo erſchrocken aus⸗ geſehen und ſich in einen Lehnſtuhl geworfen haͤtte. Otto hatte die Frage entweder nicht ge⸗ hoͤrt oder wenigſtens nicht beantwortet, ſondern war zerſtreut fortgegangen, wahrſcheinlich an etwas Anderes denkend, wie er jetzt beſtaͤndig zu thun ſchiene. Aber Emilie hatte Malwinen berichtet, daß Ottilie ſo eben eine Scene aus Alzire oder Zaire(ſie hatte nicht mehr gewußt, aus welchem von beiden Stuͤcken) mit Otto declamirt hatte und Malwina hatte daruͤber und uͤber die ploͤtzliche, unerwartete Art, womit ihre Ankunft auf dieſe ganze Declamation gewirkt 202 hatte, herzlich gelacht und den ſehnlichen Wunſch geaͤußert, daß Ottilie bald wieder geſund wer⸗ den moͤchte, da ſie dieſe Scene einmal vom Anfang an ſehen koͤnnte. Da hatte Pauline Otto'n gerufen und ihm den Wunſch der jun⸗ gen Graͤfin mitgetheilt; aber da hatte Otto die Stirn gerunzelt und ſich in die Lippen gebiſſen, entſetzlich boͤſe und aͤrgerlich ausgeſehen und ſich entfernt, ohne nur ein einziges Wort zu ſagen, woruͤber Malwina ebenfalls wieder un⸗ beſchreiblich gelacht hatte! Mit Emiliens uͤbrigen Erzaͤhlungen uͤber die uͤbrigen Verwandten und Feſtlichkeiten verſcho⸗ ne ich Dich, liebe gute Großmutter. Inzwi⸗ ſchen verlebten wir, ich und Melida, einige Wochen hindurch ein ſonderbares, ja, faſt gluͤck⸗ liches Leben. Doch ruhte eine gewiſſe Wehmuth daruͤber; allein wir kuͤmmerten uns nicht um die ganze uͤbrige Welt, ſondern lachten und ſcherzten uͤber ihre Thorheiten, waͤhrend wir uͤber unſere eignen ernſt und reuig ſprachen. Bei ſolchen Gelegenheiten kamen wir uͤberein, daß wir, wenn wir von uns ſelbſt abhingen, nach dem ſchoͤnen, lachenden Spanien reiſen 203 und dort in ein Kloſter eintreten wollten, da wir uns Beide herrlich als Nonnen in ein ſchoͤ⸗ nes Kloſter am Ebro, am Arno, an der Bren⸗ ta oder am Strande des Rheinſtroms zu paſſen ſchienen. Als wir aber von unſern phantaſti⸗ ſchen Plaͤnen zur Wirklichkeit zuruͤckkehrten, fragte ich Meliden einmal, ob ſie mich nicht zu Dir begleiten wollte, liebe Großmutter, da ich gewiß wußte, daß Du die einzige Freundin Deiner Ottilie, die ſo viel fuͤr Dein liebes Kind gethan hatte, mit Freuden empfangen wuͤr⸗ deſt. Aber Melida antwortete mit Entſchloſ⸗ ſenheit: „Nein, Ottilie, das wuͤrde Unrecht von mir ſein! Ich bin von Jugend auf im Hauſe der Generalin erzogen worden und will ihr nun mei⸗ ne Dankbarkeit dadurch beweiſen, daß ich mög⸗ lichſt fuͤr Emiliens Bildung beſorgt bin. Ich bin uͤberzeugt, daß ich auf duͤrren Felſen bei ihr ſaͤe; aber ich bin doch in meinen eignen Augen des großen Zolls von Dankbarkeit ein wenig quitt, der mich taͤglich und ſtuͤndlich auf⸗ fordert. Wenn aber der General und die Ge⸗ neralin einmal Emilien fuͤr ausgebildet halten 204 ſollten(im Falle dieſe gluͤckliche Epoche jemals eintritt) und ich im Haufe uͤberfluͤſſig werde, — denn Gouvernante fuͤr Paulinens Kinder zu werden, wenn ſie jemals dergleichen bekommen ſollte, habe ich bereits ein fuͤr allemal ver⸗ ſchworen— dann, liebe Ottilie, will ich Dein lie⸗ bevolles Anerbieten annehmen und Dich zuwei⸗ len auf laͤngere oder kuͤrzere Zeit beſuchen, im Uebrigen aber mir ein Kind mit guten und ſchoͤ⸗ nen Anlagen ſuchen, das ich allein erziehen und dem ich alle meine Fuͤrſorge, meine ganze Wirkſamkeit und alle die Erfahrung widmen kann, welche mir Welt, Schmerz und Freude verſchafft haben!“— 8₰ „O, Melida,“— rief ich unwillkuͤhrlich— „ich weiß ein ſolches Kind!“— Und nun erſt ſprach ich mit ihr von Allem, was die arme ungluͤckliche Marie betraf. Me⸗ lida ward uͤber dieſe Mittheilung anfangs ſehr boͤſe auf Otto; als wir aber laͤnger daruͤber geſprochen hatten, faßten wir den Entſchluß, zu verzeihen— nicht nur Marien, ſondern auch Otto, und uns daran zu erinnern, daß dieje⸗ nigen, die am ſchnellſten verurtheilen, diejeni⸗ 205 gen, die am meiſten uͤber ihre hohe, unwank⸗ bare Tugend wachen, in andern kritiſchen Ver⸗ haͤltniſſen dem Augenblick und tauſend andern Zufaͤlligkeiten, welche nur die Ungluͤcklichen, Ir⸗ regeleiteten ſelbſt beurtheilen koͤnnen, vielleicht am ſchnellſten unterliegen, und daß man daher am beſten thut, wenn man Gott dankt, der uns vor der Gefahr bewahrt, wenn man im Uebrigen verzeiht, ſich huͤtet zu verdammen und im Allgemeinen lieber die Gefahr und Alles, was zu derſelben fuͤhren kann, flieht, als ſich blind hineinſtuͤrzt, feſt auf ſeine Staͤrke und ſeine feſten Grundſaͤtze bauend. Je ſchoͤner fuͤr uns die Tugend glaͤnzte, deſto nachſichtiger wur⸗ den wir und endlich kamen wir uͤberein, daß wir, ſobald ich wieder hergeſtellt ſein wuͤrde, nach der armen Marie ſehen wollten, die nun vielleicht ganz vergeſſen und aller Huͤlfe beraubt war. So bald ich wieder ſo weit geſund war, daß die Tante„ohne Gefahr“ zu mir heraufkommen zu koͤnnen glaubte, dankte ich ihr verbindlich fuͤr alle die Guͤte und Gefaͤlligkeit, die man waͤhrend meiner Krankheit fuͤr mich gehabt hatte, 206 und bat ſie ernſt und ohne Umſchweife mit ſo beſtimmten Tone, daß keine Einwendung dage⸗ gen denkbar war, mich— ſobald ich wieder ſo geſund ſein wuͤrde, daß mir der Arzt die Reiſe geſtatten werde— wieder zu Dir, liebe Großmutter zuruͤckkehren zu laſſen. Tante Ali ne frappirte dieß im hoͤchſten Grade, ſie wurde erbittert, endlich zornig auf mich und malitioͤs. In ih⸗ rem Eifer ließ ſie mehrere Worte von Undank⸗ barkeit fallen, wie wenig Lohn ſie nun fuͤr die Muͤhe habe, die ſie auf mich verwendet haͤtte, und mehreres dergleichen, was mich in meinem Entſchluſſe und in der Kaͤlte, die mich nun ge⸗ gen ſie einnahm, und die jetzt nicht mehr durch Täuſchungen und Nuͤckſichten erwaͤrmt wurde, immer mehr befeſtigte. Mein Onkel ward ebenfalls ſehr erzuͤrnt üͤber meinen unumſtoͤßlichen Entſchluß, wieder zu Dir zuruͤckzukehren; in den zwei oder drei kurzen Beſuchen, die er mir noch machte, zeig⸗ te er eine Artigkeit und Hoͤflichkeit, die aller⸗ dings mit einem Guſſe candirt und kriſtalliſirt war, aber nicht mehr, wie fruͤher, von Zucker, ſondern von wirklichem Eiſe. Melida und ich ̃ 207 verzogen bedauernd den Mund, als er ging, und zum dreizehnten Mai ward meine Abreiſe feſtgeſetzt. Der Arzt hatte mir verordnet, daß ich aus⸗ fahren ſollte, ſo bald ſchoͤnes Wetter eintraͤte. Ich hatte dagegen aus mehreren Gruͤnden pro⸗ teſtirt. Da aber meine beharrliche Weigerung anfing eine Verwunderung zu erregen, die leicht in Mißdeutung uͤbergehen konnte, ſo entſchloß ich mich auf Melida's ausdruͤcklichen Rath, ei⸗ nige Tage vor meiner Abreiſe einmal auszufah⸗ ren, um die Luft zu verſuchen und zu ſehen, wie viel ich vertragen koͤnnte. Mein Verſuch gelang ſehr gut. Ich befand mich ſehr wohl darauf und— ſah keine Spur von ihm, den ich vor allen Andern wiederzuſehen fuͤrchtete, um nicht in der kaͤrglichen Ruhe erſchuͤttert zu werden, die ich durch meine lange Krankheit, durch meine mannichfachen Schmerzen und durch meine allmaͤhlig erworbene Seelenſtaͤrke theuer genug erkauft hatte, und um mir ſagen zu koͤn⸗ nen, daß ich Ottonn eigentlich nie als den Angehoͤrigen einer Andern wiedergeſehen haͤtte, denn in dem ſchoͤnen Augenblicke, wo wir II. 14 208 von einander ſchieden, da war er mein und wirklich mehr mein, als ſonſt jemals vorher oder nachher. Die ſchoͤne Erinnerung an dieſe letzten vier und zwanzig Stunden und an Alles, was ſich waͤhrend derſelben ereignet hatte, wollte ich unzerſtoͤrt und unveraͤndert behalten, und es war deshalb einer meiner groͤßten Wuͤnſche, mit Otto weder in irgend eine Beruͤhrung zu kom⸗ men, noch ihn zu ſehen vor meiner Abreiſe, die ich— außer wenn ich an Meliden dachte— mit großer Sehnſucht erwartete. Den Tag vor meiner Abreiſe hatte ich dazu beſtimmt, unter dem Vorwande des Einkau⸗ fens, mich von Marien und ihrem Schickſale zu unterrichten, um ihr, falls ſie vergeſſen wor⸗ den waͤre, mit dem Wenigen, was ich hatte, zu helfen,— und um— geſteh es nur, Du ſchwaches, warmes Herz!— um noch einmal — Otto's Ebenbild an dieſes, im Innemn unendlich leidende Herz zu druͤcken. Ich ließ den Wagen bei Ullberg halten, ſag⸗ te dem Bedienten, daß ich bald zuruͤckkommen wuͤrde, und ging ſchnell und einſam die Stra⸗ ße hinauf. Eilig ſprang ich durch die offne 4 * 209 Thuͤr und die langen Treppen hinauf. Als ich die Thuͤr oͤffnete, kam mir Marie huͤbſch und ſauber gekleidet entgegen. Ihr ganzes Zimmer hatte jetzt einen Anſtrich von Ordnung und Reinlichkeit, doch ohne Prahlerei und Geſucht⸗ heit. Das Kind lag gut und reinlich gekleidet in ſeiner Wiege und Marie erzaͤhlte mir nun, daß der junge Graf gleich darauf, nachdem er ihren Brief erhalten hatte, zu ihr gekommen waͤre, daß er bitterlich geweint haͤtte, als er ſie und ihr kleines Kind geſehen, daß er es ſo viele Male gekuͤßt und geliebkoſ't haͤtte, daß er ihr Geld zu Allem, was ſie brauchte, gegeben und ihr geholfen haͤtte, einen Brief an ihre Mutter zu ſchreiben, worin ſie dieſelbe ge⸗ beten haͤtte, ihr dieſes Vergehen zu verzeihen und ihr zu erlauben, zu ihr zuruͤckzukehren, weil außerdem das groͤßte Elend ihr Loos werden koͤnnte. Otto hatte Marien außerdem verſprochen, ſtets alle Ausgaben zu beſtreiten, die noͤthig ſein wuͤrden, damit Marie daheim bei ihrer Mutter ein anſtaͤndiges und ordentliches Leben fuͤhren und auf die beſte Weiſe ihr Kind erziehen koͤnnte 424 210 „das ich nie vergeſſen will und kann,“ hatte Otto dazu geſetzt. Marie erzaͤhlte mir auch ferner, daß Otto viele Male ſein Geſicht an das kleine, liebe Geſicht des Kindes geſchmiegt und einmal uͤber das andere gerufen haͤtte: „Meine liebe Ottilie! Meine liebe, ſuͤße Otti⸗ lie!— 1 Meine Thraͤnen, liebe Großmutter, rannen nun ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder. Der bittere Schmerz, wenn man ihn vor ſich ſelbſt und vor der ganzen Welt verbergen muß, trocknet die Thraͤnen aus, glaube ich. Seitdem war Otto nicht wieder bei Ma⸗ rien geweſen. Er hatte ihr jedoch verſpro⸗ chen wiederzukommen, ſobald er Antwort von Mariens Mutter erhalten wuͤrde, und Marie erwartete letztere mit großer Sehnſucht, um ſodann abreiſen zu koͤnnen. Allein ſie ſagte, ſie glaube gewiß, daß, ehe ihr Brief auf der Schneckenpoſt und auf tauſend Umwegen an ihre Mutter gelangen, ehe dieſe ſich uͤber dieſe betruͤbte Nachricht von ihrem einzigen Kind faſ⸗ ſen und Jemanden auffinden wuͤrde, der ihr eine Antwort ſchrieb und den Brief wieder an — 211 Ort und Stelle braͤchte, leicht eine ſehr lange Zeit vergehen koͤnnte. Sie fuͤrchtete alſo keine zuruͤckweiſende Antwort von ihrer Mutter, ob⸗ wohl dieſelbe noch lange ausbleiben konnte. Meine Thraͤnen floſſen beſtaͤndig waͤhrend Mariens ruhiger Erzaͤhlung. Ich bemerkte, daß ſie nichts von den Vorfaͤllen der letzten Zeit wußte und, als ich ſie fragte, ob ſie waͤhrend dieſer langen Zeit nie ausgegangen waͤre, oder von den Leuten Etwas gehoͤrt haͤtte, antwor⸗ tete ſie mir: „Nein, gutes Fraͤulein! Ich komme nie von meinem Kinde weg. Wenn es wach iſt, kann ich nicht, und wenn es ſchlaͤft, getraue ich mir's nicht, obgleich ich es recht noͤthig haͤt⸗ te, einmal auszugehen, um ein wenig Leinwand und dergleichen einzukaufen, da ich jetzt ſo gute Zeit habe, fuͤr mich oder fuͤr mein Kind zu naͤ⸗ hen.“ Von einer unglaublichen, ja, faſt moͤchte ich ſagen, unwiderſtehlichen Neigung erfaßt, das ſchlafende Kind ungeſehen mit meinen Kuͤſ⸗ ſen und Thraͤnen zu uͤberhaͤufen, ſprach ich ſchnell zu Marien: 21²2 „Nun, ſo beeile Dich! Geh und kaufe Lein⸗ wand und was Du ſonſt brauchſt, aber bleib nicht gar zu lange; ich will einſtweilen bei dem Kinde bleiben!“— Sie dankte mir herzlich, verſprach bald wie⸗ derzukommen und ging. Als ſie fort war, beugte ich mich uͤber das Kind und bedeckte das kleine Weſen mit tauſend Kuͤſſen und Thraͤnen. Ich haͤtte alle Schaͤtze der Welt darum gegeben, wenn ich es ohne Schaam, ohne Schande, ohne das Gefuͤhl ei⸗ nes Vergehens haͤtte mein nennen duͤrfen! Laͤchle wie Du willſt, theure Großmutter, zuͤr⸗ nen kannſt Du mir deshalb nicht, denn von die⸗ ſen lichten Raͤumen aus will ich dieſen reinen, unſchuldigen Wunſch vertheidigen! Waͤhrend ich ſo, ohne zu hoͤren und zu ſe⸗ hen, vor dem kleinen Bettchen kniete, wurde ich ploͤtzlich durch das haſtige Oeffnen der Thuͤr hinter mir aufgeſchreckt und in demſelben Au⸗ genblicke vernahm ich von einer mir zu wohl bekannten Stimme den Ausruf: „Gerechter Gott!— Ottilie!“— Und Otto lag zu meinen Fuͤßen und ſein 4⁴ 4⁴ 213 8 Haupt ruhte an meinen Knieen. Er zitterte merklich und der gute Gott allein weiß, woher ich die unglaubliche, die unbegreifliche Staͤrke nahm, fuͤr uns Beide vernuͤnftig zu ſein. „Otto,“— bat ich—„faſſe Dich! Da wir uns hier begegnen, hier an der Wiege dieſes ſchlummernden Kindes, ſo iſt es wohl Gottes Wille, daß wir nicht ohne ein Lebewohl fuͤr dieſes ganze Leben von einander ſcheiden ſollen. Und dieß muͤſſen wir einander bald ſagen, bevor Marie zuruͤckkommt.“— Otto lag noch immer mit geſenktem Haup⸗ te da und auf meinen Haͤnden fuͤhlte ich ſeine brennend heißen Thraͤnen. Vergebens bat ich ihn, ſich aufzurichten, daran zu denken, wo wir waͤren, und ſich zu entfernen. „Nun wohl!“— ſprach er endlich, mit dem Blicke der Verzweiflung und mit einem bleichen, eingefallnen, entſtellten Antlitz zu mir aufblickend —„nun wohl, ich will denn gehen! Ich will Dir ein ewiges Lebewohl ſagen! Aber erſt mußt Du wiſſen, daß Du geraͤcht biſt, ſchrecklich geraͤcht biſt, daß der große Wiedervergelter des Leichtſinns, der Schwachheit, der erbaͤrmlichen, niedrigen Ruͤckſich⸗ —— 214 ten auf der Menſchen Urtheil, Hohn und Spott daruͤber, was man im Grunde des Herzens ſelbſt fuͤr recht erkennt, der elenden Berechnung auf Gold und Ruhm der ſchmachvollen Kraftloſig⸗ keit, die Dinge gehen zu laſſen, wie ſie eben gehen, und uns von dem thoͤrichten Willen Andrer in ihren Wirbel hinabziehen zu laſſen, ohne Widerſtand zu leiſten, obwohl die innere Stimme laut dazu auffordert, daß er, der gro⸗ ße Vergelter alles deſſen, des Guten wie des Boͤſen, ſein Opfer gefunden hat, daß ich un⸗ ſaͤglich elend und ſo ungluͤcklich bin, daß ich nur im Taumel, im hohen Spiel, im ſchaͤu⸗ menden Champagner, in den Wirren, dem be⸗ rauſchenden Laͤrm und den Thorheiten der Welt meinen Schmerz betaͤuben und mein quaͤlendes Gewiſſen auf eine Weile einſchlaͤfern kann, waͤh⸗ rend Du, reine, weiße Lilie, ruhig wie ein Engel des Himmels vor mir ſtehſt und mit jeder neu⸗ en Tugend, die ich an Dir auffinde, meinem Gewiſſen einen neuen toͤdtlichen Stoß und mei⸗ nem Schmerz einen ſchaͤrfern Sporn giebſt. Der Wahnſinn der Verzweiflung flammte aus ſeinen Blicken. Ich nahm all meine Stand⸗ 215 haftigkeit, all' meine Liebe zu Gott und zu Ot⸗ to zu Huͤlfe, um ihn zu troͤſten und ſeinem Schmerz eine andere Richtung zu geben. Wenn dieß aber auch fuͤr den Augenblick gelang, ſo muß ich Dir doch mit Schmerz ſagen, theure Großmutter, daß meine letzte Taͤuſchung auf Erden, welche erbleichte und in den dunkeln Schacht der Wirklichkeit hinabſank, mein hoher Glaube an Otto und das ſchoͤne Bild war, was ich mir von ſeiner Selbſtbeherrſchung, von ſeinem blinden Gehorſam gegen ſeine Pflicht und ſeine Geluͤbde und von der Seelenſtaͤrke, womit er das tragen ſollte, was ich fuͤr ein ihm von einer hoͤhern Macht vorgeſchriebenes Schickſal hielt, gemacht hakte. Auch dieß war eine bloße Taͤuſchung!!! Wundere Dich daher nicht, liebe Großmutter, wenn ich mich nach einer Welt ſehne, wo es keine Taͤuſchung giebt und wohin ich von Allem, was ich auf Erden beſaß und ſah, nichts weiter wuͤnſche, als Dich und Melida's reine, unver⸗ fälſchte und doch nie blinde Freundſchaft! „ e II. 15 216 Ich fuͤhle kein Verlangen, nun noch weiter Etwas hinzuzuſetzen. Meine Reiſe, und daß Melida mich am ganzen erſten Tage begleitete, weißt Du bereits. Auch wirſt Du wohl wiſſen, daß der edle Edward von H*r mir nach Ver⸗ lauf eines Jahres nochmals ſagte, daß er nur bei mir und nirgends außerdem ſein Gluͤck auf Erden finden koͤnne, daß er ſich aber nach meiner kurzen lebensmuͤden Antwort auf eine lange ſchon von ihm beabſichtigte Reiſe ins Ausland begab, die jedoch durch Napoleons Sturz wahrſcheinlich ſeinen groͤßten Lichtpunkt fuͤr ihn verloren hat. Mit den entſetzlichen Mittheilungen, die ich von Meliden dann und wann uͤber Otto erhielt, will ich Dich verſchonen. Wenn man auf einem ſchrecklichen abſchuͤſſigen Felſen ein⸗ mal anfaͤngt auszugleiten und herabzufallen, ſo geht es immer ſchneller und ſchneller. Es iſt eine truͤbe, aber eine wahre Erfahrung. We⸗ der Geſundheit noch Vermoͤgen koͤnnen bei dem Leben, dem ſich Otto nun ergeben hat, lange ausreichen; moͤge— wenn Beide verloren ſind — Gott ihm in ſeiner Milde eine wahre, auf⸗ 8 1 217 richtige, vom Herzen kommende Reue erwecken! Das iſt Alles, was ich dem leeren Bilde von ihm, den ich uͤber Alles geliebt, den ich einſt 4 gleich neben meinen Gott geſtellt habe, noch wuͤnſchen kann. Ich bin dafuͤr genug geſtraft, da ich in meinem zwanzigſten Lebensjahre alle meine Taͤuſchungen habe verſchwinden ſehen. Gute Nacht, theure Großmutter! Das Licht meines Lebens wird nur fuͤr wenige Tage noch reichen, ich fuͤhle es— mit Freuden! . Ende. —--y;— Querfurth. Gedruckt bei H. A. Schmid. 1 2 4 4 1 —— ——-———— nſenfſſſſſſ ſünſſ Erxun mnni ' 3 9 10 11 12 8 14 15 16 17 18