) — ——=——— — — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von Eduard Oflmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. .. Leih- und LCeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Violiüther ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 244 Stun⸗ Fo. den angenommen.. hr 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. d für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7 17 1 uI. 82 tr— 82„— 17 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. deuszanezert. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ u 1ł.'2 0◻ 7 8 Täuſchungen. Novelbe von der Verfaſſerin der Frauen, der Freunde u. ſ. w. . Aus dem Schwediſchen uͤberſetzt 4 3 von C. Eichel. . Auch wachend träume ich zuweilen. 3— Geijer. Erſter Theil. Teinzig, 1839. Bei Chriſtian Ernſt Kolllmann. „ 27 änſchungen. Lur Einleitunn. Ottilie an ihre geliebte Großmutter. Meine gute, ehrwuͤrdige, theure Großmutter! Wie bekuͤmmert ſiehſt du aus! Manchmal des Tages blickſt Du mich traurig an und ſprichſt: „Geſund, bluͤhend, froͤhlich und munter reiſteſt Du weg, hager wie ein Windſpiel, bleich wie die Lilie des Todes und ſtumm wie deſſen Engel biſt Du zuruͤckgekehrt.“— So iſt es auch in der That, liebe Großmutter! Es war die ju⸗ gendliche, froͤhliche Hoffnung, die von Dir weg⸗ reiſte; die blaſſe, farbloſe, duͤrre Wirklichkeit iſt es, die ſich zuruͤckgewendet hat. Ich habe mich weder erkaͤltet, noch durch Tanz oder Schnuͤren verdorben. Nichts von Allem dieſen iſt die Ur⸗ ſache meines veraͤnderten Weſens, aber der Glaube daran iſt eine Taͤuſchung, in der ich 1* 4 Dich unmoͤglich laſſen kann, Du gute alte Groß⸗ mutter, die Du Dir einbideſt, Arzneien, islaͤn⸗ diſches Moos, Landluft und Deine holde, zarte Sorgſamkeit koͤnnten wieder Geſundheit auf meine Wangen und Freude in meine Seele lo⸗ cken.— Nein, Du liebe alte Frau!— Der Wurm ſitzt mitten im Herzen und frißt mit jedem Tage weiter um ſich, und wenn er end⸗ lich meinen kurzen Lebensfaden zerbiſſen haben wird, dann wirſt Du weinen und ſeufzen und Dich graͤmen, dann wirſt Du glauben, daß Alles, Alles von Deiner Ottilie ſpurlos ver⸗ ſchwunden iſt, und daß Du ſie erſt in hoͤheren Raͤumen wiederſehen wirſt. Du wirſt aber nicht ahnen, welche kleine Ueberraſchung ich Dir be⸗ reitet habe; Du wirſt nicht wiſſen, daß Du, wann Du fruͤher oder ſpaͤter meinen kleinen Nachlaß durchſuchſt, daß Du dann unter Tuͤ⸗ chern, Spitzen und Baͤndern einen großen ver⸗ ſiegelten Brief mit der einfachen Aufſchrift: „An meine geliebte Großmutter.“— finden und aus dieſem deutlich erkennen wirſt, woher es kommt, daß Du keine anderen Nach⸗ kommen haſt, als Deine laͤngſt entſchlafne Toch⸗ * 8 2 ter und deine ſo eben verſtorbene Enkelin— Deine Ottilie. Siehſt Du, liebe Großmutter! Darum woll⸗ te ich immer Abends ſo viel Oel auf meine Lampe haben, darum waͤhrte es ſo lange, ehe der Spitzenkragen fertig wurde, den ich fuͤr Dich ſtickte;— ich wollte Dir lieber dieſes kleine Feſt der Ueberraſchung bereiten, als Blu⸗ men und Blaͤtter in den todten Spitzengrund ſticken. Nun haſt Du auch den Schluͤſſel zu der Einſilbigkeit, die Dir ſo oft an mir auffal⸗ len mochte, wenn Du mich nach den Ereigniſ⸗ ſen dieſes Jahres fragteſt. Ich erwaͤhnte dann wohl alle die unbedeutenden Gegenſtaͤnde, die mir begegnet waren, aber ich verſchwieg das Weſentliche, welches mich allein zu dieſen ſchriftlichen Abend⸗ oder vielmehr Nachtbekennt⸗ niſſen vermochte, die Du hier erhaͤltſt. Von meiner zarteſten Kindheit an durch Dich allein erzogen und geleitet, habe ich nie anders als ein Kind zu Dir reden, haſt Du mich nie an⸗ ders als wie ein Kind betrachten koͤnnen. Es wuͤrde uns Beiden auffallend und unangenehm geweſen ſein, dieſe Sprache mit einer andern 6 zu vertauſchen. Ich beſaß weder Neigung noch Kraft dazu und, daß ich noch ein Kind war, wenn ich auf meinem gewoͤhnlichen Kinderſeſſel arbeitend Dir zur Seite ſaß, wenn ich morali⸗ ſche Erzaͤhlungen las, Dir kleine Lieder ſang, oder Deinen mir ſo lieben Erzaͤhlungen aus meiner, der Mutter und Deiner Kindheit und Jugendzeit zuhoͤrte, daß ich damals glaubte, noch ein Kind— wiewohl ein krankes— zu ſein, das war meine letzte Taͤuſchung im Leben, das war die Taͤuſchung, die ich nicht zu zerſtoͤ⸗ ren wagte, um Dich nicht in mein verheertes Herz, in meine zerſtoͤrten Hoffnungen, auf die widerlichen, graͤulichen Erſcheinungen blicken zu laſſen, die vor meinen unbarmherzig geoffneten Augen ſchwebten.. Da mein ganzes Gluͤck auf Erden, außer in Dir, nur in meinen Taͤuſchungen lag, ſo will ich Dir— falls alle Deine uͤbrigen Taͤuſchungen ſchon voruͤber ſein ſollten— auch die eine, der Du Dich hingabſt, rauben, die:— daß Du mich— obwohl fuͤr krank— doch fuͤr gluͤcklich hielteſt.„Jetzt weißt Du, daß ich es nicht war; aber dieſe Gewißheit iſt nun eine 7 Quelle des Troſtes und der Beruhigung fuͤr Dich, denn Du weißt ja nun auch, daß ich in dieſen lichten Raͤumen nach nichts auf Erden, als nach Dir, Sehnſucht fuͤhle, und da dieſe Sehnſucht bald erfuͤllt werden muß, ſo weißt Du auch, daß ich hier unter Gottes Engeln, unter all' der andern Seligkeit, auch noch Hoffnung fuͤhle, waͤhrend ich auf der Erde keine Hoffnung, ſondern nur die Furcht hatte, auch Dich noch zu verlieren und zu uͤberleben! Oeffne nun dieſes Blatt! Laͤchle immerhin uͤber meine Kindereien, denn Du thateſt es fruͤ⸗ her immer und faheſt dann ſtets ſo gluͤcklich aus! Aber weine nicht, es bringt keinen Lohn. So oft ſich eine Thraͤne aus Deinen Augen hervordraͤngen will, ſo denke nur daran, daß alle meine Leiden nun voruͤber ſind, daß Deine Ottilie nun getroͤſtet, beruhigt, vielleicht auch belohnt, uͤber den Wolken ſchwebt. Wundere Dich nicht uͤber die Ausfuͤhrlichkeit, mit der ich ſchreibe; ſprich nicht, daß ich Dir Dinge erzaͤhle, die Du fruͤher ſchon tauſendmal gehoͤrt haſt, die Du viel beſſer kennſt, als ich! Sage dieß nicht, denn ich weiß wohl, daß Dir jedes Wort 8 von mir eine ſuͤße, ſchmerzliche Freude gewaͤhrt, die ich bis ins Unendliche vermehren koͤnnte, wenn ich nicht fuͤhlte, daß——— das Oel in der Lampe des Lebens iſt bald zu Ende— —— die Feder entſinkt der Hand——— die Gedanken wollen ſchlummern——— das Herz ſtockt——— die Pforten des Himmels oͤffnen ſich— und— doch, warum noch ein⸗ mal meine, vielleicht taͤuſchenden Hoffnungen bervorrufen, obwohl ſie jetzt nicht mehr in irdi⸗ ſchem Boden wurzeln? Ottiliens Taͤuſchungen. Es war an einem Juliabend, als Du und ich, liebe Großmutter, ruhig und vergnuͤgt bei un⸗ ſern Erdbeerſchaalen in der großen Lindenlaube ſaßen, in welche ich, ohne Dein Wiſſen, unſere kleine Abendmahlzeit hatte bringen laſſen. Du laͤchelteſt heiter uͤber meinen Einfall; ich ſuchte eifrig nach den groͤßten und reichſten Beeren fuͤr Dich und ſchoͤpfte die dickſte Haut von der leckern Milch ab— ebenfalls fuͤr Dich. Aber gerade in dieſem— damals eben ſo, wie ſpaͤter in der Erinnrung— ſchoͤnen Augenblicke hoͤrten wir das Rollen eines Wagens, das ſich immer mehr und mehr naͤherte. Du hielteſt inne mit Eſſen, ich hielt den Zuckerloͤffel mit ſtummem Erſtaunen, mit Erwartung und einer angeneh⸗ 10 men, ſeltſamen Neugierde uͤber die Erdbeeren, bis er herabfiel und ich deshalb einen kleinen Verweis von Dir erhielt. Da erwachte ich und bat Dich um Verzeihung, vergaß jedoch, die erſehnten Beeren zu eſſen und lauſchte auf das Rollen. Mein Herz ſchlug!— Ich erwartete, Gott weiß, was:— einen Ritter aus der Vor⸗ zeit mit Schild, Helm und Harniſch;—(aber ein ſolcher haͤtte ja reiten muͤſſen) oder einen jungen Helden, der unſer ſchoͤnes Schloß beſe⸗ hen und die Gaſtfreundſchaft der Bewohner in Anſpruch nehmen wollte, oder vielleicht eine junge Fuͤrſtin, die ſich unterwegs verirrt und deren Sohn, Bruder oder Page die grauen Mauern unſerer alten Burg entdeckt oder die Thurmſpitzen im Abendroth ſchimmern geſehen hatte;— oder gar einen Raͤuberhauptmann, oder auch den Grafen Gr*r, oder den Baron Ex**, welche die Großmutter immer als die liebenswuͤrdigſten jungen Maͤnner ihrer Jugend erwaͤhnte, wobei ich ſtets außer Acht ließ, daß dieſe jungen liebenswuͤrdigen Maͤnner jetzt bereits ihre ſechzig Jahre auf dem Nacken hatten. Alle dieſe Bilder ſchwebten vor meiner reichen und 11 hoffnungsvollen Phantaſie durcheinander. Zuͤr⸗ ne nicht, liebe Großmutter! Erinnere Dich, daß ich der Zuruͤckhaltung nun enthoben bin; geh in Deine eigne Jugend zuruͤck oder frage jedes lebhafte ſechzehnjaͤhrige Maͤdchen, und wenn ein ſolches behauptet, daß ihr nicht junge ſchoͤne Ritter, Prinzen, Grafen, Soldaten, Studenten — je nach ihrer Erziehung oder Umgebung— im Kopfe umherſpucken, ſo luͤgt es. Berufe Dich auf mich, die ich ſo unſchuldig und un⸗ erfahren war, wie nur Jemand ſein kann.— Aus ſolchen Traͤumereien und Einbildungen er⸗ wachte ich, als Du ausriefeſt:„Ach, meine Niege, die Graͤfin X**, ich ſehe es an der hellblauen Livree!“— 4 In dieſem Augenblicke verſchwanden alle meine Traͤume von Rittern, Prinzen und Hel⸗ den. Ich ſah nun blos Tante Alinen vor mir, die ich von Dir, liebe Großmutter, we⸗ gen ihrer Schoͤnheit, Milde, ihrer Talente, ih⸗ res Geiſtes, ihres guten feinen Geſchmacks und ihrer Liebenswuͤrdigkeit hatte ruͤhmen hoͤren. Mit einem Sprunge war ich aus dem Garten auf der Treppe, um dieſes Wunderwerk in Frau⸗ 1² engeſtalt zu ſehen, welches in den zwanzig Jah⸗ ren, waͤhrend welcher Du die Graͤfin Aline nicht geſehen hatteſt, nach meiner Meinung zu einem Ideal alles Schoͤnen und Herrlichen geworden ſein mußte. Ich war noch ſo uner⸗ fahren, daß ich nicht begriff, wie eine Tante in den Augen eines ſechzehnjaͤhrigen Maͤdchens faſt unmoͤglich eine Huldin oder Grazie ſein kann. Ich ſtand mit einer Erwartung da, als ſollte ſich der Olymp oͤffnen und die ganze Schaar ſeiner goͤttlichen Bewohner in Tante Alinens Perſon vereint herniederſteigen. Die Wagenthuͤr ſah ich wie die Pforte des Him⸗ mels an. Ich zitterte vor Sehnſucht!— Da oͤffnete ſich die Wagenthuͤr.— Eine Kammer⸗ jungfer, die alte Annette, mit einem riſenhaf⸗ ten Reiſeſack und einer Reiſeapotheke, mit kupf⸗ rigem Geſicht und dicken Fuͤßen war das erſte, was ich erblickte und als ich vor dieſer Figur vorbei die Ausſicht auf die noch im Wagen ſitzende Tante gewann, entdeckten meine Au⸗ gen ein duͤrres, knochiges Gerippe mit einge⸗ ſunknen, farbloſen Backen, ſtechenden Augen, einem zahnloſen Munde und magern Haͤnden, 13 die ganze Figur in Seide, feine Spitzen, Baͤn⸗ der und Flor eingewickelt. Ich glaubte zu traͤumen; ich meinte, die rechte Tante muͤſſe noch hinten im Wagen ſitzen. Aber da ſaß Niemand, als Careſſe, der kleine, krauſe, weiße, huͤbſche Pudel der Tante, und dieſer unerwar⸗ tete Anblick entſchaͤdigte mich einigermaßen fuͤr meine uͤbrigen getaͤuſchten Hoffnungen. Auch du, liebe Großmutter, ſchienſt zu erſtaunen, als Du Deine Nichte Aline erblickteſt; aber Du hatteſt Dich wohl ſchon fruͤher ſo oft in Deinen Erwartungen getaͤuſcht geſehen, daß Du nichts daruͤber aͤußerteſt. Bald hatte ich alle meine Erwartungen von der Tante uͤber dem großen Wierwarr vergeſſen, der nun um ſie entſtand. Sie kam aus einer Kur von Ko⸗ penhagens geſchickteſten Aerzten zuruͤck und war unendlich ſchwach und reizbar. Dreimal wur⸗ de ihr Waſſerſuppe gekocht, ehe ſie dieſelbe gut befand, und fuͤnfmal wurde ihr Bette zurecht gemacht, ehe Annette ſich mit der beſten Art, die Kiſſen zu legen, fuͤr einverſtanden erklaͤrte. Alle Fenſter und Thuͤren des Schloſſes wurden vor der Zugluft verwahrt. Ich haſchte die 14 Fliegen von den Waͤnden und die Muͤcken von den Jenſtern, bis keine einzige mehr uͤbrig war. Auch Du warſt ganz erſchoͤpft, als wir am Abend dieſes Tages endlich zur Ruhe kamen, und als ich hinaus in meine Schlafkammer ge⸗ gangen war, lachte ich uͤberlaut uͤber all die ſonderbaren Dinge, die mir an dieſem ſonder⸗ baren Abend vorgekommen waren. Ich war aber gleichwohl ſo aufgeregt, daß ich glaubte, jeder Augenblick muͤſſe eine neue Kataſtrophe mit ſich bringen, waͤhrend ich eine unklare Hoffnung hegte, daß die naͤchſte mehr An⸗ nehmlichkeit, als Tante Alinens unerwarte⸗ te Ankunft, haben muͤſſe. Aber alle blieben aus und die Sonne, die mir blendend in die Augen ſtach, weil ich in der Verwirrung ver⸗ geſſen hatte die Roulleaux herabzulaſſen, war das erſte, was mich erweckte. Es ſchlug eben acht Uhr! Mein Gott, wie eilte ich mit mei⸗ ner Toilette, um wegen meines langen Mor⸗ genſchlafes nicht von der neuangekommenen Tante oder von Dir, liebe Großmutter, ausge⸗ ſchmaͤlt zu werden. In zehn Minuten war das Fraͤulein fix und fertig, die Locken ge⸗ kaͤmmt und mit den Fingern aufgerollt, das ſelbſtgewebte weiß und rothe Kleid angezogen, ein kleines ſchwarzſeidnes Schuͤrzchen vorgebun⸗ den und zu Ehren der Tante ein Shaͤwlchen, das etwas beſſer, als das alltaͤgliche war, uͤber die Schultern geworfen. Als ich nun aber die Treppe mit einem Sprunge hinunter eilte, wurde mir ein:„Bſt! Bſt!— Still!— Die Graͤfin ſchlaͤft noch und Ihre Gnaden laſſen das Fraͤu⸗ lein bitten, auf den Zehen zu gehen“— ent⸗ gegengerufen. Ich ſchlich auf den Zehen. Und Du, meine liebe Großmutter, ſaßeſt ſtill und trankſt Deinen Kaffee leiſe wie eine Fliege, wel⸗ che Honig naſcht. Du bateſt mich, eben ſo zu thun. Auf den aͤußerſten Fußſpitzen nahm ich meine kleine Milchſchaale und wollte meine Fer⸗ tigkeit zeigen, leiſe wie ein Geiſt an das offne Fenſter zu gehen, wo ich mein Fruͤhſtuͤck einzu⸗ nehmen pflegte. Da wollte ein ſchadenfroher Daͤmon, daß ich die Schaale— die, blaue, aͤchte chineſiſche Schaale, die noch aus Deiner eignen Jugend herſtammte— fallen ließ; ſie zerbrach und verzweifelnd mußte ich die herrliche, fette Milch uͤber den weißen, glaͤnzenden Fußboden 16 hinfließen ſehen. Mein Gott, wie ungluͤcklich war ich in dieſem Augenblicke! Dein Blick! Die Schaale, die Du ſo hoch hielteſt, der zer⸗ ſtoͤrte Fußboden, das Geraͤuſch und endlich das Erwachen und das laute Gekreiſche der Tante, deren Zimmer, wie Du Dich erinnern wirſt, dicht neben dem unſern war!— Ich haͤtte nie⸗ derſinken moͤgen, aber dazu war keine Zeit. Die Tante gebehrdete ſich und jammerte, als wollte ſie den Geiſt aufgeben, und Annette lief hin und her und ſuchte den Schluͤſſel zur Reiſe⸗ apotheke, um ihr Hoffmann'ſche Tropfen zu reichen. Du, liebe Großmutter, ſuchteſt alle Schluͤſſel, die ſich im ganzen Hauſe befanden, zuſammen, um ſie an der Reiſeapotheke zu pro⸗ biren,— und ich— ſprang wie ein gejagter Haaſe bald hierhin, bald dorthin, trat in die Milch, wiſchte ſie im ganzen Zimmer umher und zerknirſchte die Scherben der Schaale, au⸗ ßer einer einzigen, welche Careſſen im Halſe ſtecken geblieben war, als er mit lautem Gebelle aus dem Zimmer der Tante herausgeſtuͤrzt war und die verſchuͤttete Milch auflecken wollte. Herr Gott, wie ungluͤcklich fuͤhlte ich mich! Ich kam 17 mir ſo troſtlos und huͤlflos vor und doch— trotz der Thraͤnen, die glaͤnzend und in langen Streifen an meiner ſeidnen Schuͤrze herabliefen, konnte ich der Lachluſt nicht widerſtehen, die ich in dieſem Augenblicke fuͤr den hoͤchſten Grad meiner Suͤnde und meines Mißgeſchicks hielt. Als die Tante dreißig Hoffmann'ſche Tropfen auf einem Stuͤck Zucker genommen hatte, ward ſie wieder zum Menſchen. Aber, wie Du noch wiſſen wirſt, konnte ſie weder in unſerm, noch in ihrem Zimmer Kaffee trinken oder ſich anklei⸗ den, weil das„terrible Scheuern“ ſo viel Feuch⸗ tigkeit verbreitete. Ich hatte naͤmlich in meiner Verzweiflung durch eine Magd einen ganzen Zuber Waſſer hereinbringen und damit die Milch aufwaſchen laſſen, ſo daß der ganze Fußboden naß war. Die Toilette und das ganze Gepaͤck der Tante mußte weggebracht werden! Das vergeſſe ich nie. Annette, uͤber und uͤber be⸗ packt, ging voraus; dann kam die Tante im peignoir, ohne Locken und Putz noch gefaͤhr⸗ licher anzuſehen, als am Abend vorher; darauf kamſt Du, meine gute Großmutter, die Du mir kein boͤſes Wort wegen dieſes Vorfalls ſagteſt; J. 2 1 18 hinter Dir kamen Cajſa und Eliſa mit großen Paqueten und zuletzt ich. Beſchaͤmt ſchloß ich alle Thuͤren hinter dem ganzen Zuge, und als die letzte Thuͤr zugefallen war, ſchlich ich mich zuruͤck, eilte hinunter in den Park und vergaß dort unter meinen Tauben und meinen Blu⸗ men all das Boͤſe, was in der Welt geſchah. Ich fuͤhlte eine unendliche Schaam, als ich einige Stunden darauf zu„Ihrer Gnaden“ und der fremden Graͤfin hinaufgerufen wurde. Meine Schritte wurden immer langſamer, je naͤher ich dem Saale kam, in welchem, wie man mir ſagte, die Herrſchaften ſaßen. Der Saal hatte ſtets etwas ſo Oedes und Feierli⸗ ches fuͤr mich, daß dieß allein hinreichte, mir allen Muth zu benehmen. Was ſollte ich nun jetzt darin?— Aber Dein ſanfker Blick, Du gute liebe Großmutter, gab mir meinen ganzen Muth wieder, und gefaßt ging ich zur Tante und bat ſie um Vergebung. Sie war weiß gekleidet vom Kopf bis auf die Fuͤße und ſah recht gut und freundlich aus; ſie laͤchelte fein, als ich ihr einen Theil meiner Gefuͤhle bei der ungluͤcklichen Kataſtrophe ſchilderte und begann 19 nun eine kleine Muſterung mit mir, die mir eine Folge ihrer vorherigen Unterredung mit Dir, theure Großmutter, zu ſein ſchien. „Allerliebſt!“— ſagte ſie.—„Ganz wie ihre Mama!“ ſetzte ſie laͤchelnd hinzu und blickte Dich freundlich an.—„Schoͤnes Haar! Mag⸗ nifique! Aber es ſollte in Flechten und Zoͤpfe gewunden ſein und nicht wie die Maͤhne eines jungen Loͤwen herumfliegen. Ein feiner Wuchs! Aber man faͤngt jetzt an, die griechiſche Drap⸗ pirung zu vermeiden und zu dem alten ehrwuͤr⸗ digen und wohlthaͤtigen Schnuͤrleib zuruͤckzukeh⸗ ren. Ein kleines Corſett wuͤrde Ottilien nicht entſtellen.— Die Haͤnde huͤbſch in Acht genom⸗ men, liebe Couſine!(Ich hatte ſo eben in der Erde und in meinen Blumen gewuͤhlt.) Das i*ſt eine Hauptſache fuͤr eine junge Dame comme il faut.(Bei dieſen Worten ſah ſie auf ihre eignen magern, feinen, todtenfarbigen Haͤnde.) Eh bien! Comment va le Français? Appa- rement vous savez le parler tres joliment, n'est-Ce-pas?“ Wer haͤtte wohl anders, als mit Erroͤthen und Verlegenheit auf eine ſolche Ermahnung 2 20 antworten koͤnnen, mochte man auch noch ſo gut franzoͤſiſch parliren koͤnnen. Es liegt ſo etwas Niederſchlagendes in ſolchen unbeſcheide⸗ nen Fragen. Sollte ich„Nein“ antworten, obgleich ich wußte, daß ich franzoͤſiſch ſprach, oder ſollte ich„Ja“ ſagen und dadurch ein glaͤnzendes Zeichen von Eigenliebe geben?— Da durchflog mich der Gedanke, daß man, wenn man zu wiſſen wuͤnſcht, ob Jemand dieß oder das verſteht, denſelben nicht fragen darf:„ver⸗ ſtehſt Du dieß?— Denn in dieſem Falle be⸗ deutet Ja oder Rein oft das Gegentheil. Je mehr man verſteht, deſto geneigter iſt man, Nein zu ſagen und ſo umgekehrt. Das Ende dieſes Verhoͤrs war, daß Tante Aline ihr Wohlgefallen an mir aͤußerte; doch behauptete ſie, daß ich nothwendig in die Welt, in die Geſellſchaft muͤſſe, um mir die Nine Tournuͤre anzueignen, welche mir noch fehlte u. ſ. w. Du gabſt ihr zwar nicht recht, aber Du widerſprachſt ihr auch nicht, liebe Großmutter, und ich laſſe Dir hierin, wie immer, volle Gerechtigkeit widerfahren. Dein Verdienſt um mich, Deine Erziehungsmethode, waͤre nicht vollkommen geweſen, wenn Du Dir ſelbſt nicht gemißtraut und auf die Stimme gehoͤrt haͤtteſt, welche Deine Ottilie hinaus in die Welt rief. Uebrigens wußteſt Du, welchen Schatz Du in mein Herz niedergelegt hatteſt, und ich glaube, daß Du in dieſem Augenblicke daran dachteſt, wie der Grund im Herzen Deines Kindes von der Art ſei, daß wohl die Sorge, nie aber das Verderben der Welt darauf einzuwirken vermöchte, denn außerdem wuͤrdeſt Du mich nicht von Dir gelaſſen haben. Und Du hatteſt recht! Die Welt zerſtoͤrt mein Gluͤck, meine Freuden, meine Hoffnungen, meine Traͤume; aber, dem Himmel ſei Dank, von jenem Ver⸗ folger, welcher Reue heißt und des Lebens groͤßte, unwiderſtehlichſte und unvergleichbarſte Qual iſt, wurde ich nur ſelten und dann nur auf Minuten heimgeſucht. Mit jedem Augenblicke gewann Tante Ali⸗ ne, oder richtiger die Welt, welche ſie ſchilderte und deren Zauberpforten ich mir nun endlich geoͤffnet glaubte, als ſie Dich und mich bat, ein Jahr oder laͤnger bei ihr zuzubringen, in meinen Augen neue, ſchoͤnere Reize. 22 Du laͤchelteſt durch Thraͤnen, als Du mir Deine Erlaubniß und Deinen Gluͤckwunſch gabſt, und ich zerfloß in Thraͤnen, vor Kummer, daß ich Dich allein zuruͤcklaſſen ſollte, und vor un⸗ ruhiger Erwartung wegen meines laͤngſterſehn⸗ ten Eintritts in die Welt. Du weißt, daß ich nie fruͤher uͤber das Schloß und deſſen Umkreis hinausgekommen war. Der bloße Gedanke an Reiſen hatte ſo viel Hinreißendes fuͤr mich, daß mir der Athem verging, ſo oft ich daran dachte. Als der Vorbote ⁴) abging, zitterte ich vor unerklaͤrli⸗ cher Freude daruͤber, daß ich, ich ſelbſt mit den Pferden fahren ſollte, die ſo weit voraus beſtellt wurden. Schon wenn unſere Verwand⸗ ten, die uns zu Zeiten beſuchten, wieder abge⸗ reiſt waren, hatte dieſe Vorbotenſitte ſtets ei⸗ nen ganz ſonderbaren Eindruck auf mich ge⸗ macht. Das Ziel jeder laͤngeren Reiſe ſchien mir ſtets ein Dorado zu ſein, welches ich mir *) Vorboten werden von vornehmen Reiſenden in Schwe⸗ den vorausgeſchickt, um Ralnit für den ganzen Weg zu beſtellen. 23 deſto ſchoͤner dachte, je weiter die Reiſe war. Und Stockholm!— Dieſe Zauberwelt, deſſen Bewohner mir ſo ſelig wie die Engel ſchienen. Dahin ſollte ich nun kommen! Dieſe unzaͤhligen Reize und Freuden ſollte ich nun ſehen und genießen! Du wirſt es noch wiſſen, daß ich damals weder eſſen noch ſchlafen konnte. Ich war in einer Art von Rauſch waͤhrend des Einpackens und fuͤhlte keinen weiteren Kummer, als daß ich von Dir ſcheiden, Dich einſam zu⸗ ruͤcklaſſen, Deine maͤßigen Einkuͤnfte zu meiner Ausruͤſtung verwenden und Deine Thraͤnen ſe⸗ hen mußte.— Wenn ich daran dachte, kam ich mir wie ein Ungeheuer, wie ein Unthier vor. Du wirſt Dich wohl noch daran erinnern, daß ich noch am letzten Abend vor der Abreiſe zu Dir kam und Dich weinend bat, mich bei Dir zuruͤckbleiben zu laſſen. Aber da wardſt Du ernſt, ſprachſt von Unentſchloſſenheit und Wankelmuth, zeigteſt mir offen Deinen ernſten Willen, daß ich reiſen ſollte,— bewieſeſt mir, daß Du dn usbenn der kurzen Zeit meiner Abweſenheit auch ohne mich recht wohl be⸗ finden wuͤrdeſt,— erzaͤhlteſt mir Alles, was 24 Du indeſſen vornehmen wollteſt und ſuchteſt mich zu uͤberzeugen, daß— was ich mir fruͤ⸗ her nie denken konnte— ein Jahr keineswegs eine Ewigkeit, ſondern nur ein ſehr kleiner Theil unſers langen Lebens ſei. Dieß verfehlte ſeine Wirkung nicht. Ich uͤberzeugte mich, daß Du recht hatteſt. Ich trocknete meine Thraͤnen und rief Dir, mir ſelbſt und allen lebloſen und lebendigen Zeugen meiner theuern Kindheit zu:„Ein Jahr iſt kei⸗ ne Ewigkeit; ich komme bald wieder!“ Aber, mein Gott, was gedachte ich im Laufe dieſes Jahres nicht Alles zu erreichen! Und ich er⸗ reichte es auch!——— An die Abreiſe will ich Dich nicht erinnern. Die Thraͤnen, die ich dabei vergoß, und den Kopfſchmerz, den ich von dieſen und von der dicken Luft in Tante Alinens verſchloſſenen Wagen bekam, vergeſſe ich nimmer. Ich, die ich vorher geglaubt hatte, das bloße Reiſen ſchon ſei die erſte Stufe zum Himmel, ich be⸗ fand mich gleich im Anfange der Reiſe ſo uͤbel, daß ich das ganze Unternehmen bereute. Aber dieſe kleine Unannehmlichkeit ging bald voruͤber, 2⁵ X.* denn nachdem ich lange geweint hatte und eine Weile fahrkrank geweſen war, verfiel ich in einen tiefen, ſuͤßen Schlaf und erwachte nicht eher, als bis mich die Tante rief, weil wir an dem Gaſthauſe waren, wo wir zum Mittag eſſen wollten. 3 Da wir uns auf der großen Straße nach Stockholm und in einem der beſten Gaſthaͤuſer befanden, ſo kamen wir in ein großes Gedraͤnge von Wagen, welche abfuhren und ankamen, von Herren und Damen, Schweden, Englaͤndern und Deutſchen, ſonderbaren Bedienten, Laͤrm und Geſchrei. Dieß ergoͤtzte mich ungemein. Ich war nur Auge und Ohr und vergaß alle Deine Ermahnungen, zuvorkommend und dienſt⸗ fertig gegen die Tante zu ſein, ſondern ließ An⸗ netten und ihren Neger Jean Acht auf ſie ha⸗ ben. Als wir aber mit unſerm Gepaͤck den Wagen verlaſſen hatten, machte ich mir tauſen⸗ derlei Geſchaͤfte unten, um dieſes anziehende Getuͤmmel betrachten und ein Wort von dieſen Leuten aufſchnappen zu koͤnnen, von denen Jedes ein ganz beſonderes Intereſſe in meinen Augen hatte. Ich fuͤhlte unbeſchreibliche Luſt, mich 4 26 Jemandem von denſelben zu naͤhern, ihn anzu⸗ reden, mich nach irgend Etwas zu erkundigen und mir erzaͤhlen zu laſſen; aber ich fand nichts, wornach ich haͤtte fragen koͤnnen, obwohl ich viel zu unerfahren, wild und aufgeweckt war, um ſchuͤchtern zu ſein. Dieſes Gefuͤhl kam wohl ſpaͤter niederſchlagend und eiickend, jetzt aber noch nicht, uͤber mich. Aber ſprach auch Niemand mit mir, ſo hatte ich doch wenigſtens das heimliche Vergnuͤgen, daß man von mir ſprach. Was die ſchwedi⸗ ſchen Reiſenden von mir ſprachen, hoͤrte ich zwar nicht, aber ich bemerkte deutlich, daß ich der Gegenſtand ihres halblauten Fluͤſterns war. La⸗ che mich aber nicht aus, gute Großmutter, wenn ich Dir offen bekenne, daß ich Dich dankbar pries und lobte, weil Du mich die engliſche und deutſche Sprache haſt lernen laſſen, ſo daß ich es leicht verſtand, als man ſagte:„ein huͤb⸗ ſches Maͤdchen!“—„Ja, wahrhaftig!“— oder:„Yes, very beautiful, very pretty!“ Dieß entzuͤckte mich, und welches Maͤdchen an meiner Stelle wuͤrde auch bei ſolchen Ausrufun⸗ gen gleichguͤltig geweſen ſein— wenn es nicht 22 luͤgen will, und dieſe Kunſt haͤtte ich wohl auch anwenden koͤnnen und wuͤrde ſie auch je⸗ denfalls angewendet haben, wenn man mich damals gefragt haͤtte, aber jetzt, vor Dir? — Nein!— Als ich einige Male zwiſchen dem Wagen und unſern Zimmern hin⸗ und hergelaufen war, uͤbrigens auch den kleinen Garten am Gaſthofe unter dem Vorwande, Blumen darin zu pfluͤ⸗ cken, beſucht hatte und eben noch eine neue Entdeckungsreiſe vornehmen wollte, ſagte die Tante: „Es ziemt ſich nicht, liebe Ottilie, in einem oͤffentlichen Gaſthauſe ſo herumzulaufen; ſchicke lieber den Jean, er mag Dir Blumen pfluͤcken, wenn Du nicht warten willſt, bis wir nach Schoͤnwick gekommen ſind, um Dein Herbarium zu ſammeln; dort kannſt Du die ſchoͤnſten und ſeltenſten Blumen finden, gegen welche dieſe Gaſthausſproͤßlinge nichts ſind.“— Ich erroͤthete bis an die Ohrlaͤppchen vor Schaam, Verdruß und Verlegenheit. Ich, ei⸗ nen ſolchen Verweis erhalten!— Ich, die ich in mehreren Jahren nicht den leiſeſten Tadel 28 wegen ungehoͤrigen Benehmens von Dir gehoͤrt hatte!— Und dieß noch dazu in einem ſo per⸗ ſiflirenden Tone!— Uebrigens den Fall ange⸗ nommen, die Tante hatte Recht,(was ich da⸗ mals jedoch ſtark bezweifelte) welche alberne Figur mußte ich dann vor den im Gaſthofe anweſenden Fremden geſpielt haben?— Ich ſchaͤmte mich vor ihnen, vor der Tante, vor Annetten, welche dieſen Verweis mit angehoͤrt hatte, und vor mir ſelbſt, und von dieſem Au⸗ genblicke an begann dieſe Reihe von unange⸗ nehmen und— wie es ſchien— gewoͤhnlichen, fuͤr mich aber niederſchlagenden Zurechtweiſun⸗ gen der Tante, von zunehmender Verlegenheit und fortwaͤhrender Unzufriedenheit mit mir ſelbſt. Ich war den ganzen uͤbrigen Theil des Tages hindurch nicht im Stande die Tante anzuſehen, obwohl ſie mir in ſchoͤnen Worten eine lange Rede hielt, bis wir nach Sæx ka⸗ men, wo wir das erſte Nachtlager bei Graf Wer halten wollten. Die Zurechtweiſungen der Tante gingen nie gerade auf einen Gegen⸗ ſtand— denn in dieſem Falle wuͤrden ſie we⸗ niger Beſchaͤmung, als vielmehr Dank erregt 29 haben— ſondern ſie waren ſtets auf Schrau⸗ ben geſtellt und trafen daher oft auf Saiten, auf welche ſie nicht berechnet ſein mochten, waͤhrend ſie wieder das Ziel, fuͤr welches ſie eigentlich beſtimmt waren, ungetroffen ließen. So zum Beiſpiel erzaͤhlte ſie mir jetzt von ei⸗ nem jungen Maͤdchen vom Lande, welches zu einem großen Souper nach Stockholm ge⸗ kommen war, ſich anfangs ganz verdutzt und albern benommen, dann nach Allem gefragt, Alles angeſehen, uͤber Dinge, die kein Menſch ſonderbar oder laͤcherlich gefunden, uͤberlaut gelacht, eine Theetaſſe zerbrochen und den In⸗ halt derſelben uͤber ſich und ihren Nachbar ge⸗ goſſen, ihr Kleid zerriſſen und einer fremden Dame Flecken in das ihrige gemacht hatte, in⸗ dem ſie unerwartet mit großer Heftigkeit und Ruͤckſichtsloſigkeit aufgeſprungen war, ein Licht von einem benachbarten Tiſche weggenommen und— ich weiß nicht was— damit beleuchtet hatte, und dergleichen Maͤhrchen mehr, alle auf daſſelbe ungluͤckliche Geſchoͤpf bezuͤglich. Ich merkte recht wohl, daß dieſe Erzaͤhlung auf mich zielte. Das Laͤcheln, welches ich den einzelnen Abentheuern derſelben widmen mußte, fiel daher ſehr gezwungen und kurz aus und, um vom dieſem Gegenſtand abzukommen, frag⸗ te ich endlich, ob nicht die Graͤfin Wr*r eine Seitenverwandte von uns ſei. „Allerdings:“ erwiederte die Tante.„Aber der Graf iſt Excellenz und eine Excellenz nennt man nie Onkel, Oheim oder Tante, ſondern nur„Ihre Excellenz.“ Bei dieſen Worten biß ich mich unter mei⸗ nem Hute ſchweigend auf die Oberlippe, ohne jedoch der Tante eine Antwort zu geben. Es haͤtte dieſer Erinnerung keineswegs bedurft, weil ich den Gegenſtand derſelben ſchon lange gewußt hatte; aber in dieſem Augenblicke fiel mir zugleich ein, daß dieß vielleicht bei vielen andern Dingen, die mir die Tante empfehlen wuͤrde, ebenfalls der Fall ſein moͤchte und von nun an bildete ſich in meinem Innern eine zwar ſtumme, aber aͤußerſt heftige Oppoſition gegen die Tante. Schlag ſieben Uhr kamen wir nach S*. Eben als ich aus dem Wagen huͤpfte, fiel mir der Tante Erzaͤhlung von dem Landmaͤdchen auf 31 dem Souper ein und gerade deshalb machte ich einen ſo entſetzlich ungeſchickten Pas, daß mein Kleid am Wagentritte haͤngen blieb und mit hoͤrbarem Geraͤuſch zerriß. „Ah, meine liebe Couſine!“— ſprach die Excellenz, die uns in eigner Perſon aus dem Wagen half.—„Was iſt mit Ihrem Kleid?“— „O, nichts, gnaͤdiger Onkel!“ verſetzte ich in der groͤßten Zerſtreuung, gerade weil ich be⸗ ſtaͤndig an das Gegentheil gedacht hatte. Aber in demſelben Augenblicke, wo ich als Couſine angeredet wurde, ſchwebte mir auch ſchon das ungluͤckliche Wort„Onkel“ unwillkuͤhrlich auf den Lippen. Ich erroͤthete bis in die Fingerſpitzen. Und ich hatte nicht einen, zwei oder drei, ſondern wohl zwanzig Zeugen dieſer Unannehm⸗ lichkeiten, denn der ganze Hof war voll jun⸗ ger Herren und Damen, die von dem ſchoͤnen Abend ins Freie heraus zum Ball⸗ und Reif⸗ ſpiel gelockt worden waren. Mein Haar war von der Reiſe noch verwirrt und zerſtreut. Kaum hatte ich daſſelbe wieder geordnet und ein an⸗ deres Kleid angelegt, ſo war das Abendeſſen 32 ſervirt und ich ſollte nun im Speiſeſaale einer Geſellſchaft vorgeſtellt werden, von der ich feſt uͤberzeugt war, daß ſie unterdeſſen uͤber mich und meine Unbeholfenheit herzlich gelacht hatte. Ich war nun nicht mehr das froͤhliche, freimuͤ⸗ thige Maͤdchen, welches im Gaſthauſe die Trep⸗ pen auf- und abgeſprungen war, ſondern ein furchtſamer Haaſe, der vor jedem einzelnen Schritte zagte, den er that. Alle ſahen mich an, wie mir ſchien. Ich war bei Tiſche zwi⸗ ſchen einem jungen Herrn und einer jungen Da⸗ me placirt. Ich hatte keinen von meinen beiden Nachbarn fruͤher geſehen und wußte nicht, wie ſie hießen; die Gegenwart des Geiſtes, welche ich ſpaͤter bei einem großen Diner in Stockholm hatte, wo mir daſſelbe paſſirte, hatte ich leider damals noch nicht. Ich fragte damals naͤmlich meinen Nachbar zur rechten Seite nach dem Namen meines linken Nachbars, und ſo umge⸗ kehrt; aber jetzt—— ſchwieg ich und aß, um nur etwas zu thun zu haben. Als aber mein maͤnnlicher Nachbar ſehr artig bemerkte, daß mir die Reiſe Appetit gegeben zu haben ſchien, legte ich ſogleich Meſſer und Gabel nie⸗ 33 der, in der Ueberzeugung, daß ich zu viel ge⸗ geſſen haͤtte, denn unter den Erzaͤhlungen mei⸗ ner Tante von dem Landmaͤdchen auf dem Souper war auch die, daß ſie wie ein hungriger Wdlf gegeſſen und getrunken und auch noch Backwerk im Taſchentuche verborgen hatte. 4 „Wie weit ſind Sie heute gereiſt?“— fragte mein Nachbar, waͤhrend ich Brot zerkruͤmelte, das Waſſerglas bald zu meiner Rechten, bald zu meiner Linken ſetzte und nicht wußte, was ich vornehmen ſollte. „Ich weiß es wirklich nicht!“— erwieder⸗ te ich ganz der Wahrheit gemaͤß, denn es war mir nicht eingefallen, alle die halben Meilen, die wir an dieſem Tage zuruͤckgelegt hatten, aufzuſchreiben, obwohl ſie in meinem Reiſejour⸗ nal, welches ich Dir ſpaͤter ſchickte, gute Groß⸗ mutter, genau aufgezeichnet waren. Von nun an ſchien dieſer Herr zu glauben, daß es nicht der Muͤhe lohne, ſeine Unterhal⸗ tung mit mir fortzuſetzen. Er lachte und ſcherzte mit ſeiner Nachbarin zur Rechten und nun begann meine Nachbarin zur Linken ſehr artig ein Verhoͤr uͤber den Weg, auf welchem I. 3 34. ich gereiſt war. Daruͤber wußte ich nun Punkt fuͤr Punkt genaue Auskunft zu geben, da ich unterwegs als Reiſefiskal fungirt hatte. Als ein vortreffliches Backwerk von Man⸗ deln beim Deſſert umhergereicht ward, fiel mir aus Verſehen ein kleines Stuͤck davon in den Schooß; mit vielen Ceremonien nahm ich es auf und aß davon. Danmit aber meine Nachbarn ja nicht glauben moͤchten, daß ich etwas da⸗ von in mein Taſchentuch verborgen haͤtte, ſchleu⸗ derte ich das letztere, gerade als man die Stuͤhle von der Tafel ruͤckte, recht ſichtbar auseinan⸗ der, vergaß aber voͤllig, daß ich ein ganzes Magazin von Zwirn, Fingerhut, Haarnadeln, Kaͤmmen und dergleichen nach meiner Toilette darin verborgen hatte. Alles dieß kollerte und rollte nun mit lautem Geraͤuſch unter den Liſch. Ueberraſcht buͤckte ſich mein Nachbar darnach, ich ebenfalls, und unter dem Tiſche kamen wir nun in die Beruͤhrung, zu der wir vorher nicht hatten gelangen koͤnnen, denn noch vier⸗ zehn Tage ſpaͤter hatte ich eine Brauſche an der Stirn von dem heftigen Stoße, den mir der Kopf meines artigen, aber felſenharten Nachbars 2 33 beigebracht hatte. Nun war meine Faſſung zu Ende und lange verhaltene Thraͤnen brachen aus meinen Augen. Aber als man nun mit Eſſig, Waſſer, Eſſenzen und Compreſſen auf mich los⸗ ſtuͤrzte, weil man meine Thraͤnen fuͤr Folge des Schmerzes von dem graͤßlichen Zuſammenſtoß hielt, verfiel ich in jenes unbeſiegbare Gelaͤchter, welches den Thraͤnen der Jugend ſo oft auf dem Fuße folgt. Dieß war mein Gluͤck, denn wahrſcheinlich kam mein eignes Lachen dem Ge⸗ laͤchter der Geſellſchaft zuvor, welches augen⸗ 4 ſcheinlich auf Aller Lippen ſchwebte. Mit ko⸗ miſchem Vortrage erzaͤhlte ich nun alle die Un⸗ gluͤcksfaͤlle, die mir ſeit meiner Ankunft begegnet waren und gab ſelbſt den Ton zu dem allge⸗ meinen herzlichen Gelaͤchter an, welches nun entſtand, waͤhrend ich der Anekdote der Tante „von dem Landmaͤdchen beim Souper“ einen ewigen Haß zuſchwor. Der uͤbrige Theil des Abends war ſehr ſchoͤn. Wir promenirten und ſprangen vergnuͤgt im Garten umher. Mein Tiſchnachbar, der durch die Brauſche, die ſich an ſeiner Stirn zeigte, und die er ſehr galant„un doux souvenire 9 laſſen, ohne ſie zu bemerken. Aber dieß that 36 nannte, keineswegs von mir abgeſchreckt zu ſein ſchien, war mein Cavalier par préférence, und als wir gute Nacht von einander nahmen, ver⸗ ſicherte er mir, er waͤre ungemein betruͤbt daruͤber, daß wir ſchon morgen fruͤh um zehn Uhr weiter reiſen wollten. Daſſelbe war auch bei mir der Fall. Der Anfang dieſes Abends war ſo widrig geweſen, daß ich mich mehrere Male zu Dir, gute Großmutter, in unſere trau⸗ liche, angenehme Ruhe zuruͤckgewuͤnſcht hatte; aber das Ende dieſes Abends hatte mich wieder voͤllig mit der Welt verſoͤhnt. Nachdem ich mit der Tante in unſere Zim⸗ mer gekommen war, begann die Letzrere ihre Rede. Gluͤcklicher Weiſe war ſie klug genug, um nicht in große Exclamationen uͤber ſolche Fatalitaͤten auszubrechen, die bereits geſchehen waren, da ſie wohl wußte, daß mich die Er⸗ fahrung laut genug vor der Wiederholung war⸗ nen wuͤrde. Deſto mehr aber hob ſie das Ueble hervor, welches haͤtte geſchehen koͤnnen, und deſto dringender warnte ſie mich vor den Ver⸗ ſehen, die ich mir hatte zu Schulden kommen 37 ſie nicht, wie ſonſt, in kurzen, inhaltsreichen Worten, ſondern mit langen, verwickelten und unangenehmen Umwegen. So zum Beiſpiel ſagte ſie: „Es iſt allerdings ein recht heiteres und laͤndliches Spiel fuͤr ein junges Maͤdchen vom Lande, ſo umher zu ſpringen und um die Wette zu laufen, wie es heute Abend geſchah; ſchade nur, daß die Damen nie ſo ſchnell laufen koͤn⸗ nen, als die Herren!“— „O, ich konnte es doch!“ erwiederte ich ganz erfreut uͤber den großen Vorſprung, den ich den ganzen Abend hindurch beim Laufen behauptet hatte.— „Ja Du laͤufſt wie ein junges Reh!“— ſagte die Tante—„aber die uͤbrigen Damen hatten auch nicht ſo ſchoͤne Strumpfbaͤnder wie Du, darum liefen ſie nicht ſo ſchnell und hiel⸗ ten mehr an ſich.“ Das traf mich. War es eine bloße Redens⸗ art oder hatte man wirklich meine Strumpf⸗ baͤnder geſehen?— Fragen wollte ich nicht, aber ich nahm mir vor, ein andermal ſo vor⸗ ſichtig wie eine gekoppelte Ziege zu laufen. 38 Haͤtte aber nicht die Tante mir zur gehoͤrigen Zeit, wo noch Abhuͤlfe moͤglich war, ſagen koͤnnen:„Laufe nicht ſo ſchnell, Dein Kleid flattert ſo hoch auf!“— In dieſem Falle wuͤr⸗ de ich ihr dankbar geweſen ſein, ſo aber ſchlich ſich in mein Inneres allmaͤhlig ein gewiſſer Widerwillen gegen die Tante ein, der mit jedem Tage zunahm, ungeachtet ich die Richtigkeit der meiſten ihrer Bemerkungen recht wohl einſab. Am andern Morgen fuͤhlte ich mich ſehr verlegen und beſchaͤmt bei dem widerwaͤrtigen Gedanken, daß ſaͤmmtliche Herren wuͤßten, daß ich blaue, ſilbergeſtickte Atlasſtrumpfbaͤnder hatte. Dieſer Gedanke verfolgte mich ſo ſehr und trat ſo ſtoͤrend zwiſchen Alles, daß ich mich wahrhaft erleichtert fuͤhlte, als ich in den Wagen ſtieg. Nun fing die Tante an mich daruͤber zu verhoͤren, wie mir Fraͤulein A** und Fraͤu⸗ lein B** und Baron Cxr und Lieutenant D** und Kammerherr Ex gefallen haͤtte. Allein ich hatte am verga ignen Abend ſo ſehr an mich ſelbſt zu denken gehabt, daß ich von keiner der Perſonen, die ich geſehen hatte, den Namen wußte; dagegen hatte ſich ihr Aeußeres meinem 39 Gedaͤchtniß ſo tief eingepraͤgt, daß ich ſie ganz treu portraitiren konnte. Ich aͤußerte daher mehrere Male bei Bezeichnung der Perſonen: „Der Herr mit dem kahlen Kopfe, die Dame mit der Warze an der Raſe“ u. ſ. w. Da ſchlug die Tante ein lautes Gelaͤchter auf und erzaͤhlte mir mitten unter dem Lachen, daß in ihrem elterlichen Hauſe ein taubſtummer Knabe geweſen ſei, der die Perſonen aus ſeinen Um⸗ gebungen auf dieſelbe Weiſe nach ihren auffal⸗ lendſten Eigenheiten beſchrieben haͤtte. Ich ſtellte mich zwar, als ob ich uͤber dieſe Remi⸗ niscenz der Tante lachte, aber ich that es mit heimlichen Verdruß und faßte den feſten Ent⸗ ſchluß, kuͤnftig alle Leute bei ihren Ramen zu nennen, wie Moſes im Buche Numeri, zum Trotz fuͤr die Vergleichung der Tante zwiſchen mir und dem taubſtummen Jungen. Von dem uͤbrigen Theil der Reiſe weiß ich mir nichts mehr zu erinnern, als daß die Gaſt⸗ hoͤfe nun allen Reiz fuͤr mich verloren hatten, ſeitdem die Tante mir verſichert hatte, daß es das Unpaſſendſte in der Welt fuͤr ein junges Maͤdchen ſei, daſelbſt herumzulaufen und die 40 Inſchriften an den Waͤnden und Fenſtern zu leſen oder gar dergleichen ſelbſt in die Fenſter⸗ ſcheiben einzuritzen, was mir doch gerade ſtets großes Bergnuͤgen gemacht hatte. Ich zitterte vor Vergnuͤgen, daß ich endlich zum erſten Ma⸗ le in meinem Leben eine Stadt ſehen ſollte, als wir in das kleine haͤßliche**koͤping einfuhren; aber ich erinnerte mich auch zu gleicher Zeit an einen alten albernen Reim, der ein vollkomme⸗ nes Bild meiner damaligen Gefuͤhle in ihrer Hoͤhe und in ihrem Falle gab: „Aurora öffnet ihre Purpurpforten, Dann ißt ſie Brot und kleine Buttertorten.“ Ich lachte laut uͤber dieſe niedrigen, grell angeſtrichnen Huͤtten, an die ich nie gedacht hatte, wenn ich mir in meiner Phantaſie eine Stadt wie Venedig, Neapel, Genua, Marſeille oder eine der herrlichen Seeſtaͤdte gedacht hatte, deren Anſichten zu Hauſe bei Dir im Speiſe⸗ ſaale hingen. Ich lachte und machte ſo lange Vergleichungen zwiſchen meiner Einbildung und der Wirklichkeit, bis Annette— die, ohne daß ich es wußte, in dieſem haͤßlichen, buntgeſaͤrb⸗ ten Reſte geboren war— unwillig wurde. Die „ 41 Tante fand fuͤr gut, Annettens Parthie zu neh⸗ men und aͤußerte mit einiger Schaͤrfe, daß ich noch ganz andere Dinge, außer*koͤping, ganz anders und weniger ſchoͤn finden wuͤrde, als ich mir vorzuſtellen beliebte, und gab mir unker vielen unnothigen Worten den Rath, meine „fehlgeſchlagnen Hoffnungen und Einbildungen“ nicht ſo laut werden zu laſſen, ſondern jeden Gegenſtand zu nehmen, wie er eben waͤre, und ja nicht zu glauben, daß meine Einbildungen untruͤglich waͤren u. ſ. w. Zam erſten Male fiel mir nun ein, daß auch Stockholm vielleicht nicht alle die innern und aͤußern Vollkommen⸗ heiten und Reize haben moͤchte, die ich mir ver⸗ muthete; und dieß war ein ſehr niederſchlagen⸗ der Gedanke fuͤr mich. Eines einzigen Gegen⸗ ſtandes, der unterwegs erwaͤhnt wurde, erinnere ich mich noch:— daß ich naͤmlich zum erſten Male von Otto, dem einzigen Sohne der Tante, ſprechen hoͤrte. Was die Tante von ihm ſagte, weiß ich nicht mehr. Daß ſie ihn ruͤhmte, ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt; daß ſie mir aber mit ihrer tiefen, feinen Politik— obwohl unter dem Sie⸗ gel des tiefſten Geheimniſſes— anvertraute, ihr 4² Sohn ſei im Begriffe ſich zu verloben und eine gute Parthie zu machen, das war ein Gegen⸗ ſtand, uͤber den ich damals nicht im Mindeſten nachdachte, obwohl er mir ſpaͤter oft genug ein⸗ fiel. Auch ſprach ſie viel von ihrem Gatten und ſeinen kleinen Eigenheiten, augenſcheinlich jedoch nur deshalb, um mir dadurch Winke zu geben, daß ich dieß thun oder jenes laſſen ſollte u. ſ. w. 4 Abends um zehn Uhr kamen wir erſt in Schoͤnwik an, das, wie Du weißt, eine halbe Meile ſuͤdlich von Stockholm liegt. Onkel X** erwartete uns, wie Du Dir wohl denken wirſt, und der erſte Anblick des reizenden, angenehmen und ſtattlichen Schoͤnwik war wahrhaft hinrei⸗ ßend. Schon aus weiter Ferne ſahen wir ein blendendes Licht durch die dunkeln, dichten, himmelhohen Baͤume ſchimmern, und als ſich die Allee um eine Ecke bog, erblickten wir die ganze Facade des großen, im edeln, geſchmackvollen Stile erbauten Schoͤnwik herrlich illaminirt vor uns. Als wir an den Schloßhof kamen, ſtrahlte uns ein Transparent entgegen, welches in einer allegoriſchen Scene aus dem Olymp die wieder⸗ gr gewonnene Geſundheit der Tante andeutete. Der Onkel und Otto ſtanden an der Treppe und wetteiferten unter einander, die Tante aus dem Wagen zu heben, zu bewillkommnen und zu umarmen. An mich dachte Niemand. Der Onkel und Otto fuͤhrten die Tante, Jeder unter einem Arme, die breiten hellerleuchteten Treppen hin⸗ auf. Ich ging allein hinterher und ſchien mir zum erſten Mal in meinem Leben ganz verlaſſen zu ſein. Als wir oben in einen großen Saal gelangt waren, traten von allen Seiten Freunde und Bekannte der Tante, bewillkommnend und herzlich begruͤßend hervor. Mich bemerkte Rie⸗ mand. Ich ſtand an der Thuͤr und ſuchte mich vergebens von meinem Hut zu befreien, der mir an den Haaren feſthing und uͤber die Augen herabgefallen war, ſo daß ich nichts ſah, ſon⸗ dern nur das betaͤubende Scharren und Spre⸗ chen um mich her hoͤrte. Endlich hoͤrte ich die Stimme der Tante, welche mir zurief:„Ottilie, Ottilie! Komm hierher, liebes Kind, damit ich Dich vorſtellen kann! In dieſer Freude haͤtte ich faſt meine kleine Niege vergeſſen!“— Nun kam auch eine huͤlfreiche Hand und entledigte 44 mich des Hutes. Eine Locke meines Haares blieb jedoch darin haͤngen und der Ueberreſt flatterte mir um die Schultern herum und er⸗ innerte mich an die Loͤwenmaͤhne, welche die Tante ſtets erwaͤhnte, wenn ich meine armen Haare nicht mit einem Kamm und einem Schock Haarnadeln aufgeſteckt hatte. Daß ich verlegen und ziemlich niedergeſchla⸗ gen war, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Aber mein Onkel brachte mich bald in gute Laune. Da ich ihn nicht portraitiren will und kann, ſondern nur ſo darſtellen werde, wie er mir wirklich erſchien, ſo bekenne ich, daß er mich bereits an dieſem erſten Abend entzuͤckte. Er umarmte mich, zog mich zu einem großen Kro⸗ nenleuchter, um mich genau zu betrachten, und ſagte mir, ohne mich durch plumpe Schmeiche⸗ leien in Verwirrung zu bringen, ſo viele feine Artigkeiten, daß ich wieder gutes Muths wur⸗ de. Die Tante ſprach leiſe mit ihren Freunden und blickte mich dabei an. Ob es Gutes oder Boͤſes, oder eine Miſchung von Beiden war, was ſie von mir ſprach, vermag ich nicht zu beſtimmen. Otto war die Seele des Ganzen und, ehe ich noch partheiiſch fuͤr ihn werde, will ich ihn ſo beſchreiben, wie er mir an die⸗ ſem Abend erſchien. Daß er Lieutenant in der reitenden Leibgarde iſt, das weißt Du. Da Du ihn aber nie geſehen haſt und ihn vielleicht nie ſehen wirſt, liebe Großmutter, ſo kannſt Du nicht wiſſen, daß er einer der ſchoͤnſten Maͤnner iſt, die man finden kann. Er iſt lang und ſchlang. Jemand aͤußerte einmal, daß in jeder ſeiner Locken ein unſichtbarer Amor laͤge; ſpaͤter aber ſagte wieder Jemand, ein Amor ſei eine fliegende Luͤge, und da dachte ich an Otto's Locken. Seine Stien iſt ſo rein, das man ſie fuͤr den Spiegel der Wahrheit und Aufrichtigkeit ſelbſt halten ſollte! Und ſeine Au⸗ gen! Liebe Großmutter, haſt Du jemals von ganzer Seele, von ganzem Herzen geliebt? Er⸗ innerſt Du Dich der Augen deſſen, den Du liebteſt?— Nun wohl, ſo waren Ottos Augen! Sein Blick konnte ein Himmel oder ein Todesurtheil ſein. Sein Mund war ein Thron der Heiterkeit und ein Heiligthum des Ernſtes, das heißt, der Ernſt verirrte ſich ſelten dahin; wenn er aber dahin kam, ſo war er ſchoͤner, 46 als an jedem andern Orte. Nun weißt Du, wie er ausſieht, liebe Großmutter, denn von ſeiner ſchoͤnen Naſe, ſeinen feinen Augenbrauen, ſeinen wohlgebildeten Haͤnden und ſeinen klei⸗ nen Fuͤßen brauche ich wohl nichts zu erwaͤh⸗ nen. Nicht ein einziges Mal an dieſem erſten Abend wandte er ſich zu mir. Er mochte wohl Vieles zu beſorgen haben; aber doch vergaß er die andern jungen Damen nicht, ſonder wid⸗ mete Jeder einen Theil ſeiner Aufmerkſamkeit. Allen— außer mir! Er gewahrte es nicht, als mich der Onkel begruͤßte und unter den Kronleuchter muſterte, und ſpaͤter hatte ich mich in einen Winkel hinter ein Fortepiano verkro⸗ chen, wo ich in den umherliegenden Noten blaͤtterte, theils alte vergeſſene Sachen von Hofmeiſter und Pleyel pour le clavegin aus der Jugendzeit der Tante, theils Geſangſtuͤcke aus neueren Stuͤcken, aus Aſchenbroͤdel, aus der Zauberfloͤte u. ſ. w., auf welchen Otto's Name ſtand. Als man ſich endlich zum Souper in den Speiſeſaal begab, fuͤhrte jeder Cavalier ſeine 47 Dame. Mich aber, hinter dem Fortepiano ver⸗ ſteckt, bemerkte Niemand, vermißte Niemand, und ich blieb allein zuruͤck. Nun brach ich wirklich in Thraͤnen aus. Ich fuͤhlte einen Haß gegen die Tante, die mich von Dir, von meinen ſchoͤnen, ruhigen Tagen weggeriſſen hatte, um mich dann zu vergeſſen und rathlos unter un⸗ bekannten Menſchen zu laſſen. Ich fuͤhlte eine gewiſſe Verachtung gegen meinen Onkel, der mir ſo viel Schoͤnes vorgeſagt hatte und doch ſo wenig fuͤr mich that. Gegen Otto, der ſich um Alle bekuͤmmerte und nur mich, mich allein in der ganzen Welt vergaß, fuͤhlte ich wirklichen Abſcheu. So urtheilte ich an dieſem Abend uͤber die ganze Familie, und wollte Gott, daß mir die Zeit dieſe Urtheile nicht wieder genommen haͤtte, um mich ſpaͤter mit deſto groͤßerer Gewalt wieder zu ihnen zuruͤckzuſchleudern und all' meinen Glauben an die Guͤte und Theilnahme der Men⸗ ſchen mit einem Male zu zertruͤmmern!— Vergieb mir dieſen bekuͤmmerten Blick in die Zukunft, liebe Großmutter! Wir ſind noch lan⸗ ge nicht an dieſer Epoche. Ich weinte unterdeſſen wie ein Kind. Ich fuͤhlte mich zuruͤckgeſetzt, ich war hungrig, ich war ermuͤdet von der Reiſe, ich hatte Kopf⸗ ſchmerz, ich fuͤrchtete, daß man mein Zuruͤck⸗ bleiben fuͤr Caprice halten moͤchte, ich wußte nicht, wohin ich den Weg nehmen ſollte, um in mein Schlafzimmer zu kommen, ich wußte nicht einmal, ob man ein ſolches fuͤr mich be⸗ ſorgt hatte,(mir ahnte vielmehr das Gegen⸗ gentheil) ich war in entſetzlicher Angſt vor der ſchlechten Figur, die ich ſpielen mußte, und vor den unendlichen Fragen, die ich auszuhal⸗ ten hatte, wenn die Geſellſchaft nach aufgehob⸗ ner Tafel den Speiſeſaal verlaſſen und in den Saal zuruckkommen wuͤrde. Zitternd hoͤrte ich das froͤhliche Geſumme der Unterhaltung, das Klappern der Teller und die eiligen Schritte der aufwartenden Diener aus dem Speiſeſaale her, deſſen Thuͤren alle offen ſtanden. Lauſchend ſaß ich da und ſprach leiſe vor mich hin:„jetzt ißt man die Suppe, jetzt den Braten, nun kommt das Deſſert! O Gott ſtehe mir bei, nun werden ſie bald kommen!“— Aber ich taͤuſchte mich, ich hatte nicht alle Zwiſchenereigniſſe berechnet. Otto's Stimme, 49 die ſich durch ein leiſes, aber angenehmes Schnarren und ein kaum bemerkbares Lispeln auszeichnete, kannte ich bereits. Ich hoͤrte ſein lebhaftes, lautes Lachen, ich hoͤrte ihn Toaſte ausbringen und die Uebrigen darauf lachen und mit den Glaͤſern anſtoßen. Endlich fiel mir ein allgemeines Schweigen, gleich darauf der Aus⸗ ruf Otto's:„Gotts Tauſend!“— und ein Geraͤuſch, als ob ein Stuhl vom Tiſche weg⸗ geruͤckt wuͤrde, auf. Ich ahnte das Schlimmſte und meine Ahnung traf ein. „Couſine Olivia, Couſine Olivia, Couſine Ottilie, wollte ich ſagen!“— rief er durch alle Zimmer und eilte bei mir vorbei, da man mich nicht ſehen konnte, wenn man vom Speiſeſaale aus eintrat. Rufend durchlief er die ganze Zimmerreihe, kurz darauf aber kam er mit der Serviette in der Hand zuruͤck und ſprach beim Eintritt in den Saal halblaut vor ſich hin: „ich glaube wahrlich, der Teufel hat die Couſine geholt!“— In demſelben Augenblicke fiel ſein Blick auf mich. Und ich war ſo albern— Gott weiß woruͤber— in Thraͤnen auszubrechen. Er kam ſogleich zu mir, bat mich tauſend und I. 4 50 aber tauſend Mal um Verzeihung wegen ſeiner Vergeßlichkeit, lud mich ein, mit in den Speiſe⸗ ſaal zu kommen, fragte mich, ob ich vielleicht lieber allein eſſen wollte, bat mich vor allen Dingen, nicht mehr zu weinen und nahm eine immer ſanftere und mildere Stimme an, die mir endlich den Muth wieder gab, den ich— wie ich bemerkt hatte— ſtets wieder erhalte, wenn die Gefahr am groͤßten geworden iſt. Ich fal⸗ tete meine Haͤnde, die ich vor mein verweintes Geſicht gelegt hatte, auseinander, blickte zu ihm, der uͤber mich gebeugt vor mir ſtand, hinauf und antwortete blos: „Sei Du gut gegen mich! Zeige mir mein Zimmer! Mich ſchmerzt der Kopf ſo ſehr. Ich bin ſo ſehr verweint und auch ſo niedergeſchla⸗ gen. Ich mag nicht unter alle die unbekannten Menſchen da draußen. Sprich, Du haͤtteſt mich nicht gefunden; die kleine Nothluͤge wird Gott wohl verzeihen, er iſt ja ſo gut!“— Er blickte mich immer inniger an und Du haͤtteſt ſehen ſollen, theure Großmutter, wie ſeine Augen gleich Sternen in einer dunkeln Nacht uͤber mir leuchteten. „Komm, ſuͤßes Kind!“— ſprach er, nahm mich ſanft bei der Hand und fuͤhrte mich, in⸗ dem er allen Begegnungen auszuweichen wußte, durch eine Seitenthuͤre, uͤber hellerleuchtete, ſchoͤ⸗ ne Corridors und breite, zierliche Treppen ins obere Stockwerk in ein kleines Zimmer, deſſen Anblick mich ſogleich mit dem ganzen Leben und mit allen Kuͤmmerniſſen und Widerwaͤrtigkeiten, die mir an dieſem Tage begegnet waren, voͤllig wieder ausſoͤhnte. Meine Hand in Otto's Hand beklagte ſich auch nicht uͤber ihren Afent⸗ halt— mein Herz ſchlug— aber vor Freude! — Liebe Großmutter, blicke nun nicht etwa auf und ſchuͤttle den Kopf! Erinnere Dich, daß ich den ewigen Schlaf ſchlummere, wenn Du dieß lieſeſt, und denke, wie Dir zu Muthe war, als Du noch jung warſt. Darauf verlaſſe ich mich ſo manches Mal. Nun will ich Dir mein Zimmer beſchreiben. Es war nicht ſehr groß, aber hoch. Die Waͤn⸗ de waren roſenroth, der Fußboden war, unge⸗ achtet des Sommers, mit einer dunkelgruͤ⸗ nen Matte belegt. Ein weißes Mouſſelinbett mit einer roſaſeidnen Decke ſtand auf der einen, 4* 52 ein dunkelrothſeidenes Sopha auf der andern Seite. In der tiefen geraͤumigen Fenſterniſche waren zwei Stuͤhle und ein Naͤhtiſchchen an⸗ gebracht. Lange, dunkelrothe Vorhaͤnge hingen in zahlreichen Falten von der Decke bis zum Fußboden herab. Auf einem Tiſch unter einem großen Spiegel war eine vollſtaͤndige Toilette aufgeſtellt. Auf dem hohen, milchweißen, ele⸗ ganten Ofen, auf dem Naͤhtiſchchen und auf dem Toilettentiſche ſtanden ſchoͤngeſchliffne Glaͤ⸗ ſer voll duftender Roſen. Auf einem kleinen Nachttiſch vor dem Bette ſtand eine Schaale mit Vergißmeinnicht, in der Mitte eine Roſe. Eine an der Decke befindliche Lampe erhellte das Zimmer und verbreitete ein wahres Zau⸗ berlicht uͤber daſſelbe.— Ich habe nie— we⸗ der fruͤher noch ſpaͤter— eine ſo angenehme Ueberraſchung NB durch lebloſe Gegenſtaͤnde gehabt.. „Soll ich hier wohnen?“— fragte ich mit freudeerfuͤlltem Herzen und blickte Otto'n an, der ſich an meiner Freude zu weiden ſchien. „Ja wohl, ſuͤßes Kind!“— erwiederte die⸗ ſer.—„Ich ſelbſt habe dieſes Zimmer fuͤr Dich 5³ gewaͤhlt, ich ſelbſt habe dieſe Blumen herein⸗ geſetzt, ich ſelbſt habe ſie gepfluͤckt, als ich heu⸗ te Vormittags draußen war und badete. Ge⸗ faͤllt Dir Deine Wohnung?“— „O, ſehr!“— erwiederte ich entzuͤckt. „Ich auch?“— fragte er. Ich erroͤthete heftig. Er faßte mich haſtig um den Leib und ſagte:„Gieb mir einen Kuß, Kind, bevor wir uns trennen, zum Dank fuͤr“——- „Nein, nie!“— rief ich und wand mich aus ſeinen Armen. „Vergieb mir, Ottilie!“— ſprach er nun mit ganz anderer Stimme.—„Sage der Mut⸗ ter nichts davon. Ich will es nie wieder thun!“ — Und bei dieſen Worten nahm er meine Hand und druͤckte ſie heftig an ſeine Lippen. „Iſt Dir noch unwohl, ſuͤßes Kind?“— fragte er dann zaͤrtlich. Ich antwortete ihm ſtammelnd, daß ich nur noch wenig Kopfſchmerz haͤtte. Er fragte mich, ob ich nun etwa ein wenig Eſſen zu haben wuͤnſchte. Ich war unentſchloſſen und— als er dieß bemerkte,— eilte er hinaus und ließ mich allein zuruͤck. Ich will nicht verſuchen, Dir die Gedanken mitzutheilen, die mich in dieſem Augenblicke durchwogten, ſie waren verworren und unklar! — Ich kam mir vor, als ob ich ploͤtzlich aus ciner Hoͤlle in einen Himmel verſetzt worden waͤre. Jedes Gefuͤhl meines Herzens, jeder Ge⸗ danke meiner Seele war ſuͤß und ſchoͤn. Das Zimmer war meine Welt und Otto das einzige Wweſen, welches darin lebte. Ich habe mir ſpaͤter oft nur auf Sekunden die Seligkeit zu⸗ ruͤckgewuͤnſcht, die mich in dieſem Augenblicke erfuͤllte. Faſt eine Viertelſtunde ſaß ich lau⸗ ſchend und erwartungsvoll allein. Waͤhrend der Zeit bemerkte ich zerſtreut, daß mein ſaͤmmtliches Gepaͤck geordnet und im Zimmer aufgeſtellt war. — Das Zimmer war alſo gleich anfangs fuͤr mich beſtimmt geweſen. Endlich vernahm ich Schritte, die ſich meinem Zimmer naͤherten! Jetzt erſt ſiel mir der duͤſtere Gedanke ein:„das iſt er nicht, er kann nicht alle die fremden Gaͤſte verlaſſen, ſondern er hat(„ſehr klug“ ſagte eifrig die wenige Ueberlegung, die mir noch uͤbrig 55 geblieben war) Annetten oder ſonſt eine Dienerin geſchickt.“— Aber ich irrte mich! Es war Otto ſelbſt, welcher kam. Freute ich mich dar⸗ uͤber, liebe Großmutter?— Urtheile ſelbſt dar⸗ uͤber. „Vergieb mir, liebe, ſuͤße Ottilie, daß ich ſo lange gezoͤgert habe,— ſprach er.—„Aber man hatte ſchon beinahe abgegeſſen, als ich zu⸗ ruͤckkam, und ich mußte mich doch auf die we⸗ nigen Augenblicke, die noch uͤbrig waren, an die Tafel ſetzen. Als aber vom Tiſche aufgeſtanden wurde, verſah ich mich im Wirrwarr mit die⸗ ſen Kleinigkeiten und flog her zu Dir, denn ich konnte nicht uͤber mich gewinnen, Dir Jeman⸗ den anders zu ſchicken. Jetzt iſt ein Getuͤmmel unten, wobei ſie mich nicht vermiſſen, und hier⸗ her wird Niemand kommen, denn ich habe ge⸗ ſagt, daß ich gehoͤrt haͤtte, Du waͤreſt bereits ſchlafen gegangen.“— Nun ſetzte er einige kleine Teller mit Bra⸗ ten, Geles, Backwerk, Apfelſinen, Weintrauben und einer Caraffe mit Wein auf den Tiſch. La⸗ chend und ſcherzend begann ich mein Sou⸗ 56 per. Der Kopfſchmerz war verſchwunden und an deſſen Stelle ein guter Appetit getreten. „Ich habe heute Abend nicht dazu kommen koͤnnen, nur einen einzigen Biſſen zu eſſen,“— ſagte Otto nach einem Weilchen—„gieb mir ein wenig auf Deiner Gabel.“— Ich gehorchte ſeinem Willen und nun aßen wir Beide mit derſelben Gabel, aus demſelben Teller, von jedem Gericht. So war es auch mit dem Loͤffel, als die Reihe ans Geles kam. Von dem Gebaͤck wollte er nur unter der Be⸗ dingung eſſen, daß ich die Haͤlfte davon naͤhme. Die Trauben theilten wir ebenfalls. Den Wein tranken wir aus einem Glaſe, aber die Apfel⸗ ſinen nahm er und rollte ſie lachend unter mein Bett. Dann trat er vor mich, waͤhrend ich ſtumm, bekuͤmmert und mit einer gewiſſen Reue — ohne zu wiſſen woruͤber— da ſaß. „Was denkſt Du, Ottilie,“— ſprach er —„Du biſt doch nicht boͤſe auf mich?— Sieh mich an!“—(Ich vermochte nicht ihn anzublicken) er nahm heftig meine Hand, legte ſie an ſein Herz und ließ mich deſſen ſchnelle Schlaͤge fuͤhlen. Mein Herz wollte alle Feſſeln 57 ſprengen. Es ſchwindelte mir vor den Augen — und ein Gluͤck war's— daß er jetzt kei⸗ nen Kuß forderte. „Gute Nacht, Ottilie!“— ſprach er ach einem ſonderbaren, minutenlangen Schweigen. —„Gute Nacht, ſchlafe den Schlaf eines En⸗ gels! Sei morgen klug und vorſichtig! Erwaͤh⸗ ne gegen Niemanden etwas von unſerm Sou⸗ per! An mir haſt Du fuͤr immer einen Freund; aber vorſichtig muͤſſen wir ſein.“— Und nun ging er. Was ſollte das heißen?— Vorſichtig!— Was glaubte er?— Was dachte er?— Vor⸗ ſichtig!— Und jetzt, jetzt erſt flog mir die Nachricht der Tante von ſeiner Verlobung durch den Sinn! Ich fuͤhlte, wie mir ſogleich jeder Blutstropfen aus dem Geſicht, ja aus dem Herzen wich; bald aber fing ich an mich zu troͤſten: „Daran mag er wohl fruͤher gedacht haben, aber jetzt gewiß nicht mehr, auch kuͤnftig nicht! Ich konnte ja an nichts anderes denken, als an ihn! Und er! Er kann ja eben ſo we— nig an etwas anderes denken, als an mich. 58 Ich fragte mein Herz, ich fragte mein Vergiß⸗ meinnicht, ich fragte die Apfelſinen,— Alles, Alles antwortete mit Ja, und gluͤcklicher, als ich jemals im Leben geweſen war, ſchlief ich ein. Daß aber ein Gift unter meinem Gluͤcke war, bewieſen mir die Gewiſſensbiſſe, welche ich fuͤhlte, ſo oft ich an Dich dachte, theure Großmutter. Ich wuͤnſchte nicht, daß Du mich dieſen ganzen Abend hindurch geſehen haͤtteſt — und ſolch' ein Wunſch war fruͤher noch nie in Deiner Ottilie aufgeſtiegen. Ich ſchlief weit hinein in den Morgen des folgenden Tages und ein neues Leben, eine neue Sonne ſchien mir aufzugehen, als ich endlich erwachte. Wie gluͤcklich man ſich doch im Le⸗ ben fuͤhlen kann! Aber dazu ſind drei Dinge weſentlich nothwendig:— ein reines Gewiſſen, Unkenntniß der Menſchen und eine ſchoͤne Hoff⸗ nung, die aber nicht Gewißheit ſein darf, denn dieſe iſt ſchon zu viel! Mit groͤßter Sorgfalt machte ich meine Toi⸗ lette. Meine Zofe ein junges, ungefaͤhr zwan⸗ zigjaͤhriges Maͤdchen, huͤbſch, wohl gewachſen, nett gekleidet und Marie geheißen, war mir 59 dabei behuͤlflich. Ich fuͤhlte das Beduͤrfniß, an Otto zu denken und von ihm zu ſprechen. „Was giebt es doch hier fuͤr herrliche Ro⸗ ſen!“— rief ich aus, waͤhrend ich mir das Haar flocht. „Ja, ſehr ſchoͤne Roſen! Ihre Gnaden ſcheinen dieſelben auch ſehr zu lieben und baten mich, in alle Zimmer Roſen zu ſetzen.“— „Und dieſe kleinen, huͤbſchen, blauen Bluͤm⸗ chen, haſt Du dieſe auch hereingeſetzt?“— fragte ich und wandte mich von Marien ab, damit ſie mein Erroͤthen nicht gewahr werden ſollte. „Gott bewahre!“— erwiederte ſie und er⸗ roͤthete nun ihrerſeits.—„Der junge Graf hat mir gelehrt, ſie in eine Schaale zu ſetzen und Waſſer darauf zu gießen, wie bei dieſen hier.“— Ich wurde bald eiskalt, bald gluͤhend roth. „Eine Unwahrheit alſo!“— dachte ich und fuͤhlte eine unſaͤglich bittere und bekuͤmmerte Stimmung in mir aufſteigen. Aber bald begann ich zu uͤberlegen, das heißt, fuͤr Otto Parthie zu nehmen und mich ſelbſt anzuklagen. Ich tadelte meine Eigenliebe und meine daraus her⸗ vorgehende Anforderung, daß er, um mir zu 60 gefallen, etwas fuͤr mich haͤtte thun ſollen, be⸗ vor er mich noch geſehen hatte. Aber warum mußte er dann luͤgen?— Weshalb mußte er ſagen, daß er ſelbſt dieſe Blumen gepfluͤckt haͤtte?— Still, vielleicht hat er die weggewor⸗ fen, welche Marie gepfluͤckt hatte, und andere dafuͤr hingeſetzt!— Aber wozu dieß, ehe er mich geſehen hatte, ehe er mich kannte?— Und dieſer kalte Empfang, dieſes gaͤnzliche Vergeſſen meiner Perſon und endlich dieſer Ausruf:„Ich glaube, der Teufel hat die ganze Cou⸗ ſine geholt!“— Nein, daraus laͤßt ſich keine Fuͤrſorge fur mich abnehmen!— So irrten meine Gedanken unter Moͤglich⸗ keiten und Unmoͤglichkeiten umher, bis ich an⸗ gekleidet war und hinunter ging. Lange ſtand ich an der Saalthuͤr, bevor ich dieſelbe oͤffnete. Im Zimmer war alles ſtill, ich hoͤrte blos, daß ſich Jemand darin befand, der dann und wann ein Zeikungsblatt umwendete. Endlich nahm ich mir Muth, oͤffnete die Thuͤr und mein artiger Onkel kam mir ſogleich entgegen und uͤberhaͤufte mich mit freundlichen Fragen nach meiner Geſundheit, meinem Schlaf und meinem 61 Uebelbefinden am vergangenen Abend. Sodann theilte er mir mit, daß die Tante noch ſchliefe und fing darauf an, mich nach Dir und nach Allem zu fragen, was mich intereſſirte, und zwar mit ſo großem und lebhaftem Intereſſe, daß ich glaubte, ihm durch meine kleinen Mit⸗ theilungen ein großes Vergnuͤgen zu bereiten. Endlich begann er nach meiner Erziehung zu fragen, namentlich ob ich an Muſik, Lectuͤre, Malerei, Zeichnen und dergleichen Unterhaltun⸗ gen Vergnuͤgen faͤnde. Da er mir durch die feinen Schmeicheleien, in die er anſcheinend zufaͤllig ſeine Worte einzukleiden wußte, großes Vertrauen und ziemliches Selbſtbewußtſein ein⸗ gefloͤßt hatte, ſo erzaͤhlte ich ihm ganz aufrich— ¹ tig, daß ich ein wenig Fortepiano ſpielte, leichte Lieder dazu ſaͤnge, ein wenig Landſchaftszeichnerin ſei und ziemlich gut franzoͤſiſch, auch ertraͤglich engliſch und deutſch ſpraͤche. Ohne ſich den Anſchein zu geben, als ob er mich examiniren wollte, ließ er mich Proben meiner Fertigkeiten geben:— ich ſpielte meine Variationen von Geling auf den Tyroler Walzer, ich ſang: „Quand tu m'aimais,“ und ohne meine Leiſtungen bis in die Wolken zu erheben, floͤßte er mir Muth und Hoffnung ein, ſie zu vervoll⸗ kommnen. Kurz, er entzuͤckte mich und dazu trug der Umſtand nicht wenig bei, daß ich einige Zuͤge von Otto in dem Geſicht des vierzigjaͤh⸗ rigen Mannes entdeckte, der weder einem Greiſe, noch einem abgelebten jungen Courtiſeur glich und nichts, als hohe maͤnnliche Wuͤrde in ſchoͤne Formen und Zuͤge gekleidet, verrieth. Ich be⸗ haupte, daß der Onkel noch jetzt unwiderſtehlich fuͤr Jeden iſt, den er einnehmen will,(und er will die ganze Welt einnehmen) und daß ſehr viel Gunſt des Schickſals und ungemein und mehr, als wuͤnſchenswerth, ſcharfe Augen dazu gehoͤren, dieſer Bezauberung zu entgehen. Bei mir war dieſelbe ſo ſtark, daß ich waͤhrend die⸗ ſes hoͤchſt intereſſanten Vormittags Otto kaum vermißte.— Ir Es war ſchon zwoͤlf Uhr voruͤber, als An⸗ nette endlich herein kam und uns meldete, daß die Graͤfin wach ſei. Geſchaͤftig nahm ſie alle Blumenvaſen weg, ſchloß die Fenſter und durch⸗ ſprengte das Zimmer mit eau de cologne, da⸗ mit auch die Luft fuͤr die Tante paſſend ſein 63 moͤchte, wenn ſie etwa unerwartet ins Zimmer traͤte. „Charmant!“— ſagte der Onkel, nahm mich bei der Hand und fuͤhrte mich zu meiner Tante. Das Schlafzimmer derſelben war vielleicht das ausgeſuchteſte, was ich je geſ ehen habe. Bald haͤtte ich geſagt:„was ich mir je vorge⸗ ſtellt habe;“ allein dieſe Aeußerung wuͤrde un⸗ richtig geweſen ſein, denn keine Phantaſie ver⸗ mag ſich alle die unnoͤthigen Koſtbarkeiten vor⸗ zuſtellen, die hier uͤber einander gehaͤuft waren. Jetzt war die Tante in ihrem eigentlichen Ele⸗ mente. Sie hatte eine ungewoͤhnliche Vorliebe fuͤr die weiße Farbe. Weiß war ihr Bette, weiß ihre Decke und ſie ſelbſt lag in Spitzen und Stickereien gehuͤllt wie eine praͤchtige Leiche da. Fuͤr mich hatte ihr Anblick etwas Abſto⸗ ßendes und Unheimliches; aber bei dem Onkel ſchien dieß nicht der Fall zu ſein. Er eilte auf das Bett zu, ließ ſich auf einem davorſtehenden Tabouret auf die Knie nieder, bedeckte die Haͤnde der Tante mit Kuͤſſen und betheuerte, daß ſie um zwanzig Jahre juͤnger ausſaͤhe, als bei ih⸗ 64 rer Abreiſe nach Kopenhagen, daß ſie zugenom⸗ men und Farbe erhalten haͤtte und was der⸗ gleichen Ungereimtheiten mehr waren. Ich ſchwieg, zu mir ſelbſt aber ſprach ich:„O, der gute Onkel, er haͤlt ſo viel auf die Tante, daß er dieß in der That wirklich glaubt!“— Die Tante laͤchelte und war ungewoͤhnlich guter Laune; ſie fragte mich nach meinem Befinden und ſchien meine Echappade vom vergangenen Abend ganz vergeſſen zu haben, womit ich ſehr zufrieden war, denn ich fuͤhlte mich keineswegs geneigt, Rechenſchaft daruͤber zu geben. Bald darauf wurde nach Otto gefragk. Ich zitterte vor Erwartung und Sehnſucht nach der Antwort des Onkels, denn den ganzen Vormittag hindurch hatte mir dieſelbe Frage auf den Lippen geſchwebt. „Er iſt in die Stadt geritten, wird aber zum Mittag wieder zuruͤckkommen.“— „und ſeine Reiſe, wann tritt er dieſe an?— „Vermuthlich in einigen Tagen, nachdem er Dich geſehen hat, saiveetsauve, au port.— Ich verließ jetzt das Zimmer aus zwei ver⸗ ſchiedenen Gruͤnden:— Tante und Onkel konn-⸗ 65 ten ſich vielleicht Manches mitzutheilen haben, was ich nicht zu hoͤren brauchte, und ich fuͤhl⸗ te unleidliche Pein bei dem Gedanken an die wenigen Worte:„Otto ſoll verreiſen!— Und wohin?“— Ich irrte muͤſſig und verſtimmt in allen Zimmern umher. Ich ſuchte uͤberall; allein wenn man nicht weiß, was man ſucht, ſo iſt man ſicher, daß man nichts findet. Spaͤ⸗ ter fiel mir wohl ein, daß es Ruhe und Zu⸗ friedenheit war, die ich ſuchte, und die ich verloren hatte, ſeitdem ich von Dir geſchieden war, Du gute liebe Großmutter. Waͤhrend ich zwecklos auf dieſe Weiſe um⸗ herirrte, erhielt ich durch Annetten die Nach⸗ richt von meiner Tante, daß ich mich zum Mit⸗ tag in ſchwarze Seide kleiden und die Haare zierlich flechten moͤchte, weil wir Nachmittags einige Beſuche in der Stadt machen wollten. Dieß hatte voͤllig das Anſehn eines Befehls. Da ich von Dir daran gewoͤhnt worden war, in allen Toilettenangelegenheiten ganz ſelbſtſtaͤndig waͤhlen und handeln zu duͤrfen, ſo war mir dieſe Ordre eben ſo neu als unangenehm; al⸗ lein ich ſchwieg und gehorchte. Als ich beina⸗ 1. 5 66 he voͤllig angekleidet war, ſchickte die Tante nach mir. Faſt nichts an meinem Anzuge ſaß, wie es ſitzen ſollte; als aber die Tante an je⸗ dem einzelnen Theile deſſelben noch gerupft und gezupft hatte, fand ſie mich endlich„ſehr wohl gekleidet./ Ich folgte hierauf der Tante in den Speiſeſaal, wo ſchon mehrere Herren verſammelt waren. Schon von weitem ver⸗ nahm ich Otto's froͤhliche Stimme. Ich er⸗ roͤthete, ich zitterte, ich wankte, ich vermochte kaum zu gehen und glaubte, Otto wuͤrde mir auf dieſelbe Weiſe, wie am verfloſſenen Abend, ſichtbarlich nur von einem einzigen unge⸗ theilten Gefuͤhle erfuͤllt, begegnen; aber— ich ſollte ſtets in meinen Erwartungen getaͤuſcht und die Freuden, die mir das Leben bot, ſoll⸗ ten nie zur Wirklichkeit verwandelt werden. Die Gluͤckszeichen, welche ſchnell und uner⸗ wartet uͤber meinem Lebenshimmel hinzogen, ohne zu verweilen, verſchwanden mehrentheils ſchon wieder, waͤhrend ich ſie noch erſtaunt be⸗ trachtete. Da Otto die Tante ſchon vorher begruͤßt hatte, ſo machte er uns blos eine leichte Verbeugung und ſetzte dann ſeine Er⸗ 67 zaͤhlung von Napoleons Siege bei Borodino fort, woruͤber der Bericht ſo eben mit der deut⸗ ſchen Poſt angekommen war. Wider all' mein Erwarten erhielt ich: meinen Platz zwiſchen dem Onkel und einem Praͤſiden⸗ ten! Otto ſaß mit mir auf derſelben Seite der Tafel, ſo daß ich ihn nicht ſehen, ſondern nur ſeine Stimme hoͤren konnte. So langweilig und langſam iſt mir noch nie ein Mittag ver⸗ gangen, ſo weit ich denken kann. Mein Onkel, der ſich nach meiner Meinung und nach den Artigkeiten, die er mir Vormittags geſagt hatte, vorzugsweiſe mit mir beſchaͤftigen ſollte, ſchenkte mir weiter keine Aufmerkſamkeit, als daß er mir mit vieler Zuvorkommenheit von allen vor⸗ handenen Gerichten anbot. Zwar ſagte er dem Praͤſidenten einige artige und ſchmeichelhafte Worte uͤber mich, dann aber verſenkten ſich Beide in die tiefſten Schachte der Politik und folgten der Napoleoniſchen Armee und allen Bewegungen derſelben mit der groͤßten Genau⸗ igkeit. Die jungen Maͤnner am untern Ende der Tafel ſprachen von Pferden und Hunden, vom letzten Ball im Thiergarten, von Reiſen 5 68 nach Roſersberg, neckten einander und lachten vergnuͤgt. Allerdings widmeten ſie mir einige Aufmerkſamkeit, wie ich beſonders an denen be⸗ merkte, die mit mir auf derſelben Seite ſaßen und einmal uͤber das andere die Haͤlſe aus der Reihe hervorreckten und mich anſahen; allein ich machte mir wenig daraus. Fuͤr mich war nur Einer da und dieſer kuͤmmerte ſich nicht um mich! Gleich nach Tiſche verließ Otto mit meh⸗ reren der jungen Maͤnner den Saal. Die aͤl⸗ teren politiſirten und laſen die Zeitungen. Die Tante ließ ſich die Sommerneuigkeiten uͤber den Hof und die Stadt von ihrem Intelligenzblatt, dem Kammerherrn Est, erzaͤhlen, und lachte und fluͤſterte heiter mit ihm, waͤhrend ich bei einem jungen Baron abermals ein Verhoͤr uͤber unſere Reiſe aushalten mußte, welches in Fragen und Antworten treu nach Spebilii Katechismus ge⸗ halten wurde. So bald ich mich davon los⸗ machen konnte, entfernte ich mich und ging hinaus in den Park. Als ich mich allein ſah, brach ich in Thraͤnen aus und warf mich mit der Verzweiflung eines ſechzehnjaͤhrigen Herzens -x— 69 auf eine Bank in einer dichtbeſchatteten, dunkeln Laube, wo ich mich recht ausweinen zu koͤnnen glaubte. Das Haupt lehnte ich gegen einen Baumſtamm; aber bald darauf richte ich mich haſtig empor, lauſche— hoͤre fluͤchtige Schritte, im Sande knirſchend, die ſich eilig naͤhern. Ich wagte nicht zu hoffen, bis Otto vor mir ſtand! Ich ſtand auf, ich wollte an ihm vor⸗ uͤbergehen, in das Haus zuruͤckeilen; aber er hielt mich zuruͤck, indem er ſprach: „Willſt Du Dich nicht einmal begruͤßen laſ⸗ ſen? Warum ſiehſt Du ſo unwillig gegen mich? — Haſt Du gut geſchlafen?— Fandeſt Du die Apfelſinen alle?— Sieh mich an, bitte!— Warum haſt Du denn geweint?— Hat Dich etwa die Mama wegen verletzter Convenienz⸗ artikel ausgeſcholten?— Hahaha, darum darfſt Du Dich nicht bekuͤmmern! Thue nur blind⸗ lings, was ſie verlangt, aber aͤrgere Dich nicht uͤber ihre kleinen Launen, es verlohnt ſich wahr⸗ lich nicht der Muͤhe, daruͤber nachzudenken oder ſich gar darum zu graͤmen! So, ſieh lieber heiter aus! Du biſt ſo lieb, ſo ſchoͤn heute, daß ſich alle jungen Maͤnner in Dich verliebt haben. Sie fragen mich alle nur nach Dir. Denke, wenn ſie wuͤßten, wo ich jetzt bin;— wie wuͤrden ſie mich beneiden! Sieh mich doch an! O, wie lieblich biſt Du, wenn Du ſo erroͤtheſt! Haſt Du jemals einen Kuß verſchenkt? — O, nein, ſieh nicht ſo boͤs aus, wirf die kleine Oberlippe nicht auf! Erinnere Dich an den geſtrigen Abend, da warſt Du mir doch gut, nicht wahr?— Nun erroͤtheſt Du wie⸗ der!— Da, gerade da, da haͤtte ich mein Leben fuͤr einen einzigen Kuß von Dir gegeben. Aber ſtill, jetzt hoͤre ich Stimmen und Worte! Das iſt die Mama nebſt Gefolge, Leb wohl, Suͤßeſte! Sei froͤhlich und vorſichtig! Ich ſpringe uͤber die Mauer und kehre aus einer andern Richtung hierher zuruͤck. Stelle Dich an, als ob Du hier geſeſſen und geleſen haͤtteſt; Du haſt ja ein Buch in der Hand?“— Und ſo verſchwand er, Aber, o Himmel, wie gluͤck⸗ lich war ich nun wieder!— Gleich darauf trat die Tante mit den uͤbri⸗ gen Gaͤſten zu mir und ich ſah nun, wie vor⸗ theilhaft es fuͤr mich war, heiter und vergnuͤgt auszuſehen. Man lachte, ſcherzte und ſchwatzte. 71 Nach einer Weile kam auch Otto. Er hatte „dringende Briefe“ geſchrieben. Ich ward durch ſeine Gegenwart wohl ein wenig ſtiller und wortaͤrmer, aber dieß dauerte nicht lange, denn bald war es halb ſechs Uhr und der Wagen der Tante hielt vor der Thuͤr. Da das Wetter ſchoͤn und die Tante geſund, d. h., bei guter Laune war, ſo fuhren wir im offnen Wagen. Otto und einige ſeiner Kameraden ritten neben uns her; aber Otto ritt nicht auf meiner, ſon⸗ dern ausſchließlich auf der Tante Seite. Alle machten ſich ein Vergnuͤgen daraus, meine freudige Sehnſucht nach dem laͤngſter⸗ ſehnten Anblick der Stadt zu beobachten. Un⸗ ſer Weg ging, wie Du weißt, durch das Horn⸗ thor und ich war entzuͤckt uͤber die ſchoͤne Stadt, die gerade vor mir lag und deren Anblick vom Suͤdermalmplatze aus unendlich reizend und herrlich war— beſonders an einem lieblichen Sommerabend und mit einem Herzen voll Freu⸗ de. Man hatte viel uͤber meine Vergleichung zwiſchen dem kleinen haͤßlichen*ekoͤping und Stockholm geſcherzt. Aufgemuntert durch der Tante Lachen und gute Laune, erzaͤhlte ich von 7² Annettens Verdruß uͤber meinen ſchlechten Ge⸗ ſchmack und mein Vortrag, meine naiven Be⸗ merkungen und meine ſichtbare Freude daruͤber, daß meine Vorſtellung von Stockholms aͤußerer Schoͤnheit wenigſtens keine Taͤuſchung geweſen war, ergoͤtzten die ganze Geſellſchaft. Otto bog ſich auf ſeinem Pferd bis zum Halſe vor und ſprach viel mit mir, ritt aber nichts deſto weniger beſtaͤndig der Tante zur Seite. Als wir an die Bruͤcke kamen, nahmen die Herren Abſchied von uns und ritten in einer andern Richtung weg. Ich fuͤhlte mich unſaͤglich gluͤck⸗ lich. Die Tante beſchrieb mir Alles genau, was uns im Voruͤberfahren in die Augen fiel, war in außerordentlich guter Laune und gab mir keine einzige Sottiſe oder Vermahnung wegen der bevorſtehenden Viſiten anzuhoͤren.(Daher kam es auch, daß ich mich nicht ſo furchtſam und verdutzt benahm, wie beim erſten Male) Unterwegs hatte Otto fluͤchtig den Wunſch ge⸗ aͤußert, gegenwaͤrtig zu ſein, wann ich Thali⸗ ens Heiligthum zum erſten Mal betreten wuͤr⸗ de und, da ich ihm bereits mit Herz und See⸗ le ergeben war, faßte ich den feſten Entſchluß, dieſen Genuß, den ich mir fruͤher ſo ſehr er⸗ ſehnt hatte, um jeden Preis ſo lange zu ver⸗ ſchieben, bis ich denſelben mit Otto zuſammen genießen koͤnnte. O, ich war ſchon damals be⸗ reit, alle Freuden, alle Wuͤnſche fuͤr ihn zu opfern. Wir machten mehrere Beſuche bei verſchied⸗ nen Bekannten der Tante, welche aus mehrfa⸗ chen Gruͤnden waͤhrend dieſes Sommers in der Stadt wohnten. Einige tracen wir an, ande⸗ re nicht. Ich ſchien mir ſeit dem vergangnen Abend ein ganz anderes Weſen geworden zu ſein. Gelingen iſt wie ein guͤnſtiger Wind, Al⸗ les geht mit ihm ſo leicht und man folgt ihm ſo gern!— Auch die Tante war ungewoͤhnlich gnaͤdig. Unſer letzter Beſuch war bei dem General Lrr. Die Generalin war die vertrauteſte Freun⸗ din der Tante und wir blieben bei derſelben. Es ſah daſelbſt ganz vorzuͤglich aus. Die Fa⸗ milie des Generals brauchte gewiß nicht waͤh⸗ rend des Sommers in der Stadt zu wohnen, allein ſie that dieß aus mehreren, mir unbe⸗ kannten Gruͤnden. Außer einer unverheirathe⸗ ten Tochter, Fraͤulein Emilie, waren keine Kin⸗ der im Hauſe; allein die aͤlteſte Tochter, welche an den Oberſten G** verheirathet war, befand ſich an dieſem Abend noch da und außer ihr eine gewiſſe Mamſell D**, die Gouvernante oder Geſellſchafterin der juͤngern Tochter, die uͤbrigens— beilaͤufig geſagt— mit mir in ei⸗ nem Alter war. Ich wuͤnſchte, daß Du dieſe Damen haͤtteſt ſehen koͤnnen;— da dieß jedoch unmoglich iſt, ſo muß ich ſie Dir beſchreiben und zwar in zweifacher Hinſicht:— einmal ſo, wie ſie wirklich waren, und zweitens ſo, wie ſie mir vorkamen. Die Generalin war dick und wohlbeleibt, roth und weiß, mit lebhaften, dunkeln, be⸗ weglichen Augen, heiter und aufgeweckt, witzig und ſatiriſch, pflegte aber nie zu ironiſiren und war faſt in Allem der vollkommenſte Ge⸗ genſatz der Tante. Die Oberſtin Gr*x war ungewoͤhnlich ſchoͤn, ziemlich artig, originell witzig und— wenn ſie wollte— fuͤr Jeder⸗ mann anziehend; gegen diejenigen aber, an de⸗ ren Gunſt ihr nichts lag, hatte ſie eine Art von Moquerie und Gleichguͤltigkeit, die ſehr 7. verletzend und demuͤthigend war, ſich aber nicht gut mit Worten ausdruͤcken laͤßt. Daher kam es, daß ſie bei Einigen ſehr in Gunſt, bei Andern ſehr in Ungunſt ſtand. Die kleine Emilie, die juͤngſte Schweſter, war meine be⸗ ſtaͤndige Plage. Beſtaͤndig ſollte ich mit ihr ſchwatzen. Sie war dumm, aber demohnge⸗ achtet dreiſt; langweilig war ſie, u angenehm und eingebildet. Mamſell Dy** war das an⸗ genehmſte Frauenzimmer, das ich je geſehen habe. Sie war in gleichem Alter mit der Oberſtin und eine Jugendgeſpielin derſelben ge⸗ weſen, indem ſie von ihrem zehnten Jahre an im Hauſe des Generals erzogen worden war. Eigentlich ſchoͤn war ſie nicht, aber ſie hatte ſo viel Angenehmes, Sanftes, Einnehmendes und Natuͤrliches, daß man ſich unwillkuͤhrlich zu ihr hingezogen fuͤhlte, obwohl ſie im Allge⸗ meinen ſehr ſtill und einſilbig war. Ich ge⸗ ſellte mich ſogleich zu ihr, obwohl die Tante und die Generalin mich mit Emilien zuſammen⸗ fuͤhrten, uns Beiden Schweſterſchaft zu ma⸗ chen hießen und uns prophezeihten, daß wir ſehr bald„les deux inséparables“ werden wuͤrden. Aber dazu war ich viel zu wenig Papagay. Nach und nach fanden ſich mehrere aͤltere und juͤngere Herren ein. Pauline(die Ober⸗ ſtin) hatte einen bejahrten, langweiligen Mann und ſchien ſich deshalb ſehr in der Geſellſchaft der jungen Herren zu amuͤſiren, die ſogleich ei⸗ nen Kreis um ſie formirten. Die aͤlteren un⸗ terhielten ſich mit der Tante und mit der Ge⸗ neralin. Emilie ſaß gebuͤckt am Stickrahmen und antwortete albern, aber deſto lauter, ſo oft Jemand mit ihr ſprach. Melida(Mamſell D**) und ich ſaßen Beide in einer Fenſterni⸗ ſche vor einem kleinen Tiſch, und die jungen Herren machten dann und wann eine kleine Schwenkung nach uns hin, um mich in Au⸗ genſchein zu nehmen und mit Melida zu ſpre⸗ chen. Freundlich und bereitwillig gab ſie mir Auskunft uͤber Alles, wornach ich fragte, und das war allerdings nicht wenig. Ich hegte den innigen Wunſch ſie„Du“ zu nennen und dieſelbe freundliche Benennung von ihren Lip⸗ pen zu hoͤren; aber ich hatte nicht den Muth, ſie darum zu bitten, weil ſie um vieles aͤlter à war, als ich, und weil ich an meine Qualitaͤt als Graͤfin dachte u. ſ. w. Endlich, als Emi⸗ lie einmal an unſern Diſch kam, bog ich mich zu ihr und bat ſie leiſe, ihre Freundin zu bit⸗ ten, daß ſie mir ihre Schweſterſchaft verſtatten moͤchte. Da ſchlug ſie ein albernes Gelaͤchter auf und ſagte ganz laut:„Potz tauſend, Du ſelbſt kannſt wohl ſo etwas vorſchlagen, aber nicht bonne amie Melida.“— Melida und ich blickten Beide Emilien unwillig an, da ſahen wir uns lachend einander in die Augen und nannten uns„Du.“ Nun fuͤhlte ich mich auf dem Gipfel meines ſechzehnjaͤhrigen Gluͤcks:— Otto und eine Freundin und zwar eine ſolche Freundin!— Wie herrlich glaͤnzte mir nun das Leben! Jetzt wurde die Thuͤr geoͤffnet und— Ot⸗ to trat herein. Ich hatte ſe ne Gegenwart lan⸗ ge gewuͤnſcht, aber nicht zu hoffen gewagt. Ich glaubte, nur ſeine Naͤhe fehle zu meinem voll⸗ ſtaͤndigen Gluͤck. Aber meine Heiterkeit und Froͤhlichkeit ward bald zur Stille und Einſil⸗ bigkeit, ſowohl waͤhrend der kurzen Zeit, die Otto an unſerm Tiſche zubrachte, als waͤh⸗ rend des uͤbrigen Abends, wo Otto einen der eifrigſten unter Paulinens Trabanten abgab und ſich in jener techniſchen Salonſprache auszeich⸗ nete, von der ich kein Wort zu verſtehen im Stande war. An dem oft wechſelnden Aus⸗ drucke in Melida's ſanften Zuͤgen ſah ich deut⸗ lich, daß ſie all' dieſe Scherzreden, Perſiflagen und Wortſpiele, welche von Otto anſcheinend ſehr treffend beantwortet wurden und das Ver⸗ gnuͤgen und Lachen aller Anweſenden erregten, vollkommen verſtand. Aber ich konnte mir durch⸗ aus den Muth nicht faſſen, Melida darnach zu fragen. Ich dachte nur an Otto, hoͤrte nur ihn, konnte es aber nicht uͤber mich gewinnen, von ihm zu ſprechen oder nach ihm zu fragen, denn ſo oft ich dieß beabſichtigte, ſtieg mir das Blut ins Geſicht, mein Herz ſchlug und meine Lippen zitterten. Endlich aber begann ich mich unwohl zu befinden. Ich antwortete verkehrt und albern auf die Fragen der Her⸗ ren, die ſich alle um unſre Reiſe und um mei⸗ ne heimathliche Provinz drehten, als ob ich al⸗ le halben Stundenſteine kennen und Thierbergs Geographie vollſtaͤndig im Kopfe haben muͤßte, Man glaubt in Stockholm allgemein, daß Al⸗ le, welche aus dieſer oder jener Provinz ſtam⸗ men, auch alle uͤbrigen Bewohner dieſer Pro⸗ vinz— mag ſie auch noch ſo groß ſein— ſammt den Bewohnern der benachbarten Pro⸗ vinzen kennen muͤſſen. Aber Du weißt am be⸗ ſten, liebe Großmutter, wie wenig wir von dem wußten, was um uns her geſchah, und wie ſpaͤrlich alſo Deine Ottilie uͤber alle die Herren und Damen, Verhaͤltniſſe, Todesfaͤlle, Verlo⸗ bungen und andere Merkwuͤrdigkeiten, nach de⸗ nen man ſie fragte, Rechenſchaft zu geben ver⸗ mochte. Ich wußte nie vorher, daß ich ſo we⸗ nig wußte, als jetzt, wo ich unaufhoͤrlich ant⸗ worten mußte:„das weiß ich wirklich nicht,— davon habe ich nicht das mindeſte gehoͤrt,— den oder die kenne ich nicht,— dieß oder das iſt mir nicht bekannt.“— Doch ich muß beken⸗ nen, daß dieſe Fragen ſpaͤter allmaͤhlig immer mehr aufhoͤrten, jemehr ich„den Staub des Landes“ von mir abſchuͤttelte und mich den Auserkohrnen! accomodirte, die ſich mit einer gewiſſen Selbſtgefaͤlligkeit„wir Stockholmer“ nennen. 80 Doch ich muß wieder auf dieſen Abend zu⸗ ruͤckkommen, der durchaus weder ein Ende, noch eine andere Geſtalt annehmen wollte. Emilie war mit ihrer Stickerei zu ihrer gefeierten Schweſter geſchlichen. Melida und ich naͤhten fleißiger als fruͤher, und die jungen Herren, welche uns zuſahen, wandten ſich bald zu dem heitern Zirkel zuruͤck, der ſich um Pauline und Otto verſammelt hatte. Ich war ſehr ver⸗ ſtimmt, ward aber mit einem Male erheitert, als die Generalin vor dem Souper einen kleinen Spaziergang im Koͤniglichen Garten vorſchlug. Freudig warf ich ſogleich meine Naͤhterei von mir und ſprang auf, um mich zu dieſer Pro⸗ menade zu ruͤſten. Aber das Schickſal wollte, daß Niemand von den Anweſenden meine Freude theilte. Pauline erklaͤrte ſogleich entſchieden, daß ihr der„alte Koͤnigliche Garten ſehr zu⸗ wider“ ſei. Melida ſah ſehr gleichguͤltig aus, bis endlich nach einigen Deliberationen unter den Uebrigen die Generalin ſelbſt Hut und Sonnenſchirm nahm und ein Theil der Herren ſich zur Begleitung anſchickte. Ich wagte nicht hinzuſehen, ob Otto unter ihnen war; bald 81 aber gewahrte ich, daß er ſich nicht darunter befand, denn ſeine Stimme verſtummte, ſo bald wir die Thuͤr hinter uns geſchloſſen hatten und auf die Treppe gekommen waren. Nun war mir das ganze Vergnuͤgen verdorben. Doch gab ich mir alle Muͤhe, um Alles, was man mir vom Schauſpiel, vom Koͤniglichen Garten und allem Uebrigen erzaͤhlte, mit Auf⸗ merkſamkeit anzuhoͤren. Ich fragte Meliden nach den Namen aller huͤbſchen Kinder, die uns begegneten; allein ſie lachte herzlich— ohne mich jedoch dadurch zu verletzen— und erklaͤrte mir, daß es rein unmoͤglich ſei, mir daruͤber Auskunft zu geben. Ich laͤchelte ſelbſt uͤber meine Frage; aber, liebe Großmutter, Du weißt, wie viel Gefallen ich immer an huͤb⸗ ſchen Kindern gefunden habe; Du kannſt Dir daher leicht denken, wie ſchmerzlich es mir war, ſo viele huͤbſche, liebenswuͤrdige Kinder — immer eins ſchoͤner und lieblicher als das andere— zu ſehen, ohne ſie nach meiner Ge⸗ wohnheit zu mir aufnehmen und kuͤſſen zu duͤrfen. Endlich widerſtand ich meiner Nei⸗ gung nicht laͤnger. Mit dem Ausrufe:„Hony I. 6 △ 8² soit qui mal y pense!“ lief ich auf ein klei⸗ nes reizendes Maͤdchen zu, welches mit einem niedlichen rothen Ueberwurf und einem weißen Huͤtchen von Cambrick bekleidet war, nahm es auf den Arm und kuͤßte es herzlich. Die Ge⸗ neralin und Alle uͤbrigen ſcherzten daruͤber und unter dem Lachen, welches ſich daruͤber erhob, glaubte ich auch Otto's— mir bereits ſehr wohl bekanntes Lachen zu vernehmen. Ich wandte mich ſchnell um und erblickte zu mei⸗ nem Erſtaunen— die Tante, die Oberſtin Pau⸗ line, Otto und die Uebrigen, welche ſich an— fangs von der Promenade ausgeſchloſſen hatten. Die Tante befand ſich naͤmlich an dieſem Abend „ungewoͤhnlich wohl“ und hatte mit dieſem Einfall ihre Freundin uͤberraſchen wollen. Und in der That erregte ſie dadurch allgemeine Freude. Waͤhrend der Aeußerungen derſelben blieben wir eine Weile ſtehen, ich mit meinem kleinen Maͤd⸗ chen auf dem Arme, die Uebrigen daruͤber ſcher⸗ zend und lachend. Endlich fragte Pauline in ſehr moquantem Tone, ob Fraͤulein Ottilie das kleine Maͤdchen mit ihrer Kindermuhme, welche wartend dabei ſtand, zu behalten gedaͤchte und 83 ob die uͤbrigen Herrſchaften etwa hier ſtehen bleiben und ſich zu den uͤbrigen Ammen und Kindern geſellen wollten, welche hier herum ſpazierten. Schnell ließ ich die Kleine los, wandte mich erroͤthend und verwirrt zur Seite und fuͤhlte, daß ich nahe daran war, vor Un⸗ willen in Thraͤnen auszubrechen, als Melida unbemerkt meine Hand ergriff und dieſelbe druͤck⸗ te, als ob ſie ſagen wollte:„Sei gutes Muthes, wir denken nicht Alle eben ſo!‿— Doch ſchwieg ſie. Was doch die wahre Guͤte fuͤr ſo viele heimliche Mittel hat, das Ueble in der Welt zu mildern! Der ganze Spaziergang gewann nun ein ganz anderes Anſehn. Die Tante und die Ge⸗ neralin in Begleitung eines Raths und eines Praͤſidenten gingen vorweg, dann kam Pauline mit ſaͤmmtlichen jungen Herren, auch Otto darunter. Emilie ſprang bald hierhin und dort⸗ hin, und zuletzt ging ich und Melida Arm in Arm. Bald jedoch fing die Tante an ſich uͤber die„Abendluft“ zu beklagen und wir traten un⸗ ſern Ruͤckweg an. Als wir aus dem Koͤnigl. Garten traten, rief Pauline ploͤtzlich mit einem 6* 84 vergnuͤgten Gelaͤchter:„Ach, ſehen Sie, Nanny mit ihrem Adoni's!— Doch nein, das paßt nicht. Ranna mit ihrem Balder muß es hei⸗ ßen, pour l'amour du Chosphorisme!’— Otto und Alle lachten, außer ich, die ich weiter nichts verſtanden hatte, als daß ich einen Balder und eine Nanna erblicken ſollte. In weiter Entfer⸗ nung erblickten wir auch zwei Perſonen, die mit Haͤnden, Fuͤßen und Kopf geſticulirend, mehr ſe⸗ gelnd als gehend, die Straße heraufkamen. Sie ſchienen wirklich wie von einem Winde getrieben zu werden, denn ihr Gang war bald fliegend und eilig, bald kaum merklich fortſchreitend und von einer Seite der Straße auf die andere lavirend. Eine derſelben war ein Frauenzimmer, kurz und dick, ſtark geſchnuͤrt, phantaſtiſch geklei⸗ det, mit kleinen, ſtechenden, dunkelfarbigen, faſt ſchwarzen, funkelnden Augen, ohne Au⸗ genbrauen, mit braͤunlichem Teint, ſchwarzen, flatternden Locken und augenſcheinlich naͤher an vierzig, als an dreißig Jahre alt. Die andre war ein junger Mann, bleich und abgezehrt wie der Tod, lang und duͤnn, ſchwarz gekleidet und beſtaͤubt vom Kopf bis auf die Zehen, mit 85⁵ ſtruppigem, verworrenem, ungekaͤmmtem Haar, mit Augen, die aus dem Kopfe fallen zu wollen ſchienen, obſchon ſie beſtaͤndig gen Himmel ge⸗ richtet waren, und endlich mit einem Munde— ganz voll von Poeſie. Da, liebe Großmutter, haſt Du die wahr⸗ haften Portraits vom Fraͤulein Nanna G**, der Schwaͤgerin der Oberſtin Pauline, und vom Magiſter Q*r, ihrem Protégé, einem einge⸗ fleiſchten Phosphoriſten an Leib und Seele. Beide ſahen uns nicht eher, als bis ſie dicht vor uns ſtanden und waren daher bis dahin die Zielſcheibe zahlreicher, ſpoͤttiſcher Bemer⸗ kungen. „‚Die Beiden declamiren und agiren Oke und Elſa, das ſieht man deutlich!“— bemerkte Otto. „Ach nein“— ſagte Pauline—„er citirt einen neuen Splitter aus„Hammarſchilds Liebesbemerkungen“ fuͤr meine Schwaͤ⸗ gerin: 3 „Vergiß den, der Dich längſt vergeſſen, und deſſen Luſt iſt, Dich zu quälen, Laß ab, mit Roſen umzutändeln, die Dich zu ſte⸗ chen nicht verfehlen, 86 Und ſchmeichte nicht der Schlange länger, die Dir vergiftet Leib und Seelen!“ u. ſ. w. Ein allgemeines, wiewohl leiſes, Gelaͤchter erhob ſich. Inzwiſchen waren wir dem genia⸗ len und phantaſtiſchen Pagre bec a bec gekom⸗ men. Nun erſt rief Fraͤulein Nanna ein lau⸗ tes verwundertes„Ah,“ und ich erwartete nichts anderes, als daß der Magiſter ein eben ſo lau⸗ tes„Baͤh“ darauf folgen laſſen muͤßte, denn er ſah ſehr unvernuͤnftig aus. Allein er muck⸗ ſte nicht, ſondern machte eine bewußtloſe, mehr auf⸗ als abwaͤrts gerichtete Verbeugung und faßte dann mich Arme ſcharf und unverwandt ins Auge. Als ob er mit ſich ſelbſt oder mit dem ſchoͤnen Mond, der eben vom Auguſthim⸗ mel glaͤnzte, ſpraͤche, begann er dann, indem er mich unausgeſetzt anſtarrte: „Dreie beſteht aus Zwei, urſprünglich mit Eins in Verbindung, Wehe ihm, der es nicht faßt, dieſes erhabne Symbol? Nimmer entzückt ſich ſein Blick an der Erde wechſeln⸗ den Reizen, Nimmer verſteht er die Kunſt, niemals nahet er Gott!— Ich begriff nicht, welchen Gang ſeine Ge⸗ danken in dem Augenblicke nahmen, als er die⸗ — ——yy 87 ſe Worte ausſprach, die allerdings einen ſehr erhabnen edeln Gedanken in ſich faßten, in dieſem Augenblicke aber etwas ungemein Laͤcher⸗ liches hatten. Melida ſtieß mich heimlich an. Die Tante und die Generalin wandten ſich mit mißvergnuͤgten und gelangweilten Pernen ab. Pauline ſprach halblaut vor ſich hin:„Heute iſt er verruͤckter als gewoͤhnlich.“— Fraͤulein Ranna's erſtes Gefuͤhl war Bewunderung, al⸗ lein dieſe verwandelte ſich bald in Unwillen, als ſie bemerkte, daß ihr Balder weder ſie, noch den Mond, noch ſonſt etwas— außer mir, anblickte. Man ſetzte inzwiſchen ſeinen Weg fort. Die beiden neuen Ankoͤmmlinge, die eben⸗ falls bei der Generalin ſoupiren ſollten, gingen ſeitwaͤrts nebenher und, wie mir ſchien, erhielt Balder einen Verweis; wenigſtens ward ſie roth, als ob ſie die raͤchende Goͤttin⸗War ge⸗ weſen waͤre. Die jungen Herren und Pauline lachten beinahe laut, der Praͤſident und der Rath zuckten die Achſeln und ſprachen mit der Tante und mit der Generalin uͤber den Verfall des alten guten Geſchmacks und uͤber die Thorheiten oder den Phosphorismus— fuͤr 88 aͤltere Leute voͤllig gleichbedeutende Worte— der neuern Zeit. Unterwegs erzaͤhlte mir Emilie eine Menge faſt unglaublicher alberner Streiche von dem Magiſter. Waͤhrend des Soupers gingen die Herren um den Tiſch herum. Otto benutzte dieß, naͤ⸗ herte ſich dem Orte, wo ich ſaß, beugte ſich uͤber meinen Stuhl hernieder und fluͤſterte— ja, rathe, was, liebe Großmutter! Ein ſuͤßes, ein heilendes, ein Alles verſoͤhnendes Liebeswort, denkſt Du?— Nein, weit eutfernt! Er fluͤſter⸗ te nur die Worte: „In dieſer Nacht ſchreibt der Magiſter eine Ode, zwei Sonnette, drei Dythyramben und vier Hymnen an Dich!— O, wie fuͤhlte ich mich getaͤuſcht!— Der Magiſter ſtand indeſſen wirklich uns gerade gegenuͤber, mit dem Ruͤcken an die Wand gelehnt, die Arme uͤber einander geſchla⸗ gen und die Lippen beſtaͤndig bewegend, ohne um ſich zu blicken oder auf die Speiſen zu ſe⸗ hen, die ihm praͤſentirt wurden. Bevor wir 89 noch vom Tiſche aufſtanden, ſagte auch Melida heimlich zu mir: „Arme Ottilie; heute Abend haſt Du Dir zu gleicher Zeit einen Anbeter und eine Feindin erworben. Sieh nur Fraͤulein Nanna an!“— Ich blickte die letztere an. Sie ſah aus wie eine Miſchung vom Tiger und Leoparden! Die Großmutter wird mich hier fragen wollen, wo ich ſolche Thiere geſehen habe; allein Du mußt wiſſen, daß in meinem Alter die Einbil⸗ dungskraft ſich auf dem Gipfel ihrer Macht be⸗ findet, und daß man dann eine Sache ungeſe⸗ hen zum Gegenſtand einer Vergleichung machen kann, ohne Erſtaunen zu erregen. Als wir ſoupirt hatten, kam der Wagen der Tante und nun fiel eine Scene vor, die ich nicht im entfernteſten erwartet hatte. „Nun, ſo leb wohl, mein lieber guter Ot⸗ to!“— ſprach die Tante, als ihr Qtto beim Anlegen ihres Mantels dienſtfertig zur Hand ging.—„Gott ſegne Dich!— Schreib uns dann und wann— wenigſtens aller vierzehn Tage! Gruͤße Alle vielmals von mir!— Wann wirſt Du abreiſen?“— 90 „Morgen fruͤh Schlag ſechs Uhr haben wir, ich und Alfred, die Pferde beſtellen laſſen.“— „Und eure eignen Pferde?“— „Die laſſen wir von den Bedienten reiten, denn wir wollen ſchneller reiſen, wie Couriere, damit wir bis zum Sonnabend ankommen.“¹— „Ja, ja!“— erwiederte die Tante mit be⸗ deutungsvollem Laͤcheln.—„Ich zweifle nicht daran, daß die Reiſe mehr ein Fliegen, als ein Gehen ſein wird.“— „Allerdings, ich ſehne mich ungemein da⸗ hin,“— ſagte Otto ganz leiſe, waͤhrend er der Tante den Mantel zuband. Aber ich— vernahm es dennoch!— „Potztauſend, bald haͤtte ich vergeſſen, von meiner lieben Couſine Abſchied zu nehmen!— Unterthaͤnigſter Diener!“— ſetzte er hinzu.— „Amuͤſire Dich recht gut waͤhrend dieſes Herb⸗ ſtes!“ Als er jedoch meine Hand nahm, um mir in den Wagen zu helfen, druͤckte er dieſel⸗ be heftig, legte ſie eine Secunde lang an ſein Herz und ſprach kaum hoͤrbar: „Lebe wohl, Suͤße! Vergiß mich nicht!“— 91 Es wuͤrde thoͤricht ſein, wenn ich Dir die Miſchung von Gefuͤhlen ſchildern wollte, die mein junges, lebhaftes, unerfahrnes Gemuͤth waͤhrend der Heimfahrt bewegten. Schmerz und Freude wechſelten, wie Sonnenſchein und bewoͤlkter Himmel an einem Apriltage. Ich war faſt taub gegen die Bemerkungen der Tante: „Du biſt ja ſchon ſehr vertraut mit Mam⸗ ſell Melida? Das iſt recht ſchnell gegangen.— Sie iſt ein ſehr angenehmes und geſetztes Maͤd⸗ chen, aber viel aͤlter, als Du. Ich glaube, Du ſollteſt Dich lieber zu Emilien halten. Ihr ſeid beide ganz in gleichem Alter und wenn Du Dich noch nicht an ihre kleinen Eigenheiten und Anſichten gewoͤhnt haſt, ſo wirſt Du dieß durch das oͤftere Zuſammenſein mit ihr bald lernen, denn wir ſind ſehr haͤufig zuſammen und beſuchen dieſelben Geſellſchaften— ich und Deine neue Tante Pauline.(Die Genera⸗ lin) Haſt Du Dich mit der kleinen Pauline auf guten Fuß geſetzt?“— „Mit der Oberſtin G**2/— „Ja.— 92 „Gott bewahre! Wie kann man dieſe die kleine Pauline nennen, ſie iſt ja um eine halbe Elle groͤßer, als Tante Pauline,“—„Meine liebe Ottilie!“— erwiederte die Tante etwas ſpitz,— Du willſt gern zum Reformator wer⸗ den und, wenn dieß meine Neigung ebenfalls waͤre, ſo wuͤrde ich jetzt die kleine Bemerkung machen koͤnnen, daß Du uͤber Deinem Eifer, die Paulinen nach dem Ellenmaaße zu meſſen, meine einfache Frage uͤberhoͤrt oder unbeant⸗ wortet gelaſſen haſt. Aber vermuthlich wuͤrde ſie Dir nicht gefallen und deshalb will ich ſie unterlaſſen.“—„Liebe Tante, vergeben Sie mir,“— rief ich und fiel ihr weinend um den Hals. Meine Thraͤnen hatten ſchon lange auf eine Gelegenheit zum Hervorbrechen ge⸗ wartet. „Meine liebe Ottilie,“— ſprach die Tante und entzog ſich ſchnell meiner Umarmung,— „vor allem ſuche Dich zur Herrin Deiner reiz⸗ baren Gefuͤhle zu machen und um Gotteswillen halte Deine ewigen Thraͤnen zuruͤck! Spare ſie, bis Dich Kummer trifft! Jetzt biſt Du in Deinen gluͤcklichen, froͤhlichen Jahren. Aus⸗ —j— 93 bruͤche von Thraͤnen und lautes Lachen ſind uͤbrigens Dinge, vor denen man ſich im geſell⸗ ſchaftlichen Leben ſehr huͤten muß. Dort thut man keins von Beiden. Dort herrſcht eine ge⸗ wiſſe Zuruͤckhaltung, eine Gemeſſenheit, die ei⸗ nem jungen Maͤdchen wohl anſteht. Sieh Emilien an! Rie wirſt Du ſie erroͤthen ſehen, als ob ſie vor dem Bratofen geſtanden haͤtte, oder zur Unzeit weinen— oder“—— Oder„lachen“ konnte die Tante doch nicht hinzufuͤgen, denn Emilie hatte mehrere Male ungewoͤhnlich laut und widerwaͤrtig ge⸗ lacht. Mit einem bemerklichen Verdruß daru⸗ ber, daß ſie ihren Satz nicht in der beabſich⸗ tigten Maaße vollenden konnte, aͤnderte ſie denſelben und fuhr fort: —„oder ſo laut in Entzuͤcken ausbrechen uͤber ein ganz gewoͤhnliches kleines Kind, mit⸗ ten auf einer beſuchten Promenade, oder ſich mit einem verruͤckten Magiſter in gelehrte Dis⸗ courſe uͤber Reime, Schaͤume, Traͤume und dergleichen Faxen einlaſſen. Wie in aller Welt hat Deine alte, beſcheidene Großmutter Dir all' das Zeug in den Kopf pfropfen koͤnnen? 94 Es waͤre tauſendmal beſſer, Du laͤſeſt„Let- tres à Emilie,“ die ſind charmant. Ich war ganz beſchaͤmt, als Du fragteſt, wie eigentlich die Fabel von der Leda und dem Schwane ſei. Wenn Du die lettres à Emilie geleſen haͤtteſt, ſo wuͤrdeſt Du dieſe Frage nicht gethan haben. Sahſt Du nicht, wie die Herren daruͤber lach⸗ ten?“— Die Tante ſprach noch viel mehr in dem⸗ ſelben Genre; ich war jedoch ſo kalt und gleichguͤltig geworden, daß ich nicht die Haͤlfte davon hoͤrte. Als ich ihr beim Schlafengehen eine gute Nacht wuͤnſchte, gab ſie mir die let- tres à Emilie und ſagte: „Wenn Du dieſe geleſen und Dich auf meine Frage im Wagen beſonnen haben wirſt, ſo beantworteſt Du mir dieſelbe vielleicht.“— Ich hatte ihre Frage ganz und gar vergef⸗ ſen und war von Neuem geneigt, in Thraͤnen auszubrechen, that mir jedoch Gewalt an und antwortete: „Liebe Tante, zuͤrnen Sie mir nicht wegen meiner Albernheit.— Nein, ich ſtehe mit der 95 Oberſtin nicht auf gutem Fuße. Ich habe kein einziges Wort mit ihr geſprochen.“— „Das iſt Dein eigner Fehler, liebe Ottilie! Du mußt ſie aufſuchen, aber ſie nicht Dich.— Gute Nacht!“— Ich fragte nach dem Onkel, um ihm gute Nacht zu ſagen. „Glaubſt Du, daß er hier im Hauſe ſitzt?“ — erwiederte ſie mit einem faſt veraͤchtlichen Laͤcheln.—„Rein, mein liebes Kind! Vom Onkel bekommſt Du wenig oder nichts zu ſehen. Er hat ſo zahlreiche und ſo verſchiedenartige Geſchaͤfte, daß es eine Art von Feſt fuͤr uns iſt, wenn wir ihn einmal bei uns im Hauſe ſehen. Es verlohnt ſich daher nicht der Muͤhe, daß Du nach ihm fragſt.— Gute Nacht!“— Ich ſeufzte und entfernte mich. Nun ſtand es ſchlimm mit Deiner Ottilie. Sie fuͤhlte ſich einſam wie in einer Wuͤſtenei. Ihre Gedanken hatten keine Raſt, ſie irrten ruhelos von einem Gegenſtand zum andern.— Wurde ich geliebt oder nicht?— Betrog Otto mich, oder die uͤbrige Welt, oder uns Beide?— Reiſte er mit Schmerz oder mit Freude von mir?— O, wenn nur eine Stimme aus Him⸗ mel oder Hoͤlle auf dieſe Fragen haͤtte antwor⸗ ten wollen; aber dieſe Ungewißheit war fuͤrch⸗ terlich. Als ich auf mein Zimmer gekommen war, verloͤſchte ich das Licht, zog die Roulleaux in die Hoͤhe und warf mich weinend und unaus⸗ gekleidet auf mein Bett. Der Mond blickte hell auf mich hernieder. Ich fragte hinauf zu ihm: „Lieber Mond, der Du ihn jetzt ſiehſt, ſage mir, ob er an mich denkt?“— Aber der Mond ſchwieg. Als ich lange ſo gelegen hatte, ſtand ich heftig auf und ging mehrere Male im Zimmer auf und nieder. Dieß gewaͤhrte im Mondenlicht einen entzuͤckenden Anblick, aber mich entzuͤckte es nicht.„Wie anders gegen geſtern Abend!“ — dachte ich und mein Herz ſchlug heftig bei dem bloßen Gedanken an Otto.—„Wenn er jetzt hier waͤre? Welche Unmoͤglichkeit, die doch geſtern— erſt geſtern— wahrhafte Wirklichkeit war.— Zufaͤllig trat ich ans Fenſter und als ich auf dem Sandwege eine Geſtalt zu bemerken glaubte, heftete ich unwillkuͤhrlich meine Blicke darauf. In dieſem Augenblicke brach der Mond ploͤtzlich hinter einer Wolke hervor, die ihn auf V V V 97 einige Minuten verborgen hatte, und ich ſah deutlich zwei Perſonen, die leiſe den Gang ent⸗ lang kamen. Meine ſcharfen Augen glaubten in einer derſelben Marien, meine Zofe, zu er⸗ kennen und— aber hier uͤberredete ich mich ſelbſt, daß ich von meinen Augen betrogen wuͤr⸗ de, denn dieſe wollten in der andern Perſon Otto erkennen. Mein Herz ſtand ſtill. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte, und dachte noch weniger. Alles war mir ſo neu und un⸗ erhoͤrt, daß ich zwiſchen einer Menge von Ge⸗ fuͤhlen ſchwankte, ohne zu wiſſen, fuͤr welches derſelben ich mich entſcheiden ſollte. Dieſer Zuſtand ſchien mir ſchon unendlich lange ge⸗ dauert zu haben, und wenn mich Jemand ge⸗ fragt haben wuͤrde, ſeit wann ich Dich und meinen Engelsfrieden verlaſſen haͤtte, ſo wuͤrde ich geantwortet haben, es muͤſſe ſeitdem ſchon ein Jahr verfloſſen ſein, ſo unaͤhnlich war ich mir ſelbſt und ſo verſchieden war Alles außer mir in dieſen wenigen Tagen geworden. Ich ſaß ſtill am Fenſter. Mein ſchwarzſeid⸗ nes Kleid hatte ich ausgezogen und nur ein weißes Unterkleid und ein hellfarbiges Halstuch I. 7 98 an. Die Geſtalten im Parke verſchwanden nach einer Weile und ich ſaß allein mit allen meinen, ſich hin und herkreuzenden Gedanken— als ich ploͤtzlich leiſe und ſchnelle Schritte vor mei⸗ ner Thuͤr im Corridor hoͤrte. Gleich darauf tappte Jemand vorſichtig und kaum hoͤrbar an dem Schloſſe meiner Thuͤr. Vor Unruhe und Furcht vermochte ich kaum zu athmen. Aber jetzt ging die Thuͤr auf und in demſelben Au⸗ genblicke lag Otto zu meinen Fuͤßen!— Lie⸗ be Großmutter, denke nicht daran, unwillig auf mich zu werden; es lohnt nicht der Muͤhe und iſt kaum noͤthig, obwohl ich keineswegs laͤugne, daß ich unendlich froh, ein wenig er⸗ ſchrocken und ein ganz klein wenig boͤſe, am meiſten aber erfreut uͤber dieſe Ueberraſchung war und nicht daran dachte, Otto hinauszu⸗ weiſen. Ich war ja angekleidet.„Es iſt ja nicht ſo gefaͤhrlich und erſchrecklich!“— dach⸗ te ich— und uͤbrigens geſtehe ich aufrichtig, daß ich zu unſchuldig und zu unerfahren war, um das Unpaſſende dieſes Beſuchs in ſeiner ganzen Groͤße einzuſehen. Inſtinctmaͤßig ſtieß 99 ich jedoch Otto von mir und ſprach ſtrafend zu ihm: „Otto, was willſt Du hier?— Denke, wenn die Tante, wenn ſonſt Jemand——— Uebrigens ſpielſt Du nur Komoͤdie mit mir oder mit den Uebrigen; entferne Dich, Du darfſt nicht hier bleiben!“— „Ottilie“— ſprach er und fuͤhrte mich ungeachtet meines Widerſtrebens vom Fenſter ans Sopha—„Du darfſt mir nicht mißtrau⸗ en. Kuͤmmere Dich nicht darum, wie die Din⸗ ge ſcheinen!— Hier wohnſt Du, und hier wirſt Du wohnen fuͤr immer,“— ſetzte er hin⸗ zu und druͤckte mich an ſein Herz.„Schon oft“— fuhr er fort—„habe ich zu lieben ge⸗ glaubt, aber noch nie habe ich wirklich geliebt, außer jetzt. Aber jetzt auch unſaͤglich!“— O mein Gott, liebe Großmutter, wie ſelig war ich! Thraͤnen der Freude und der Liebe floſſen auf meinen Wangen herab. Otto kůß⸗ te ſie alle hinweg und eine lange himmliſche Stunde verging uns, waͤhrend welcher wir kein Wort ſprachen. Erinnerſt Du Dich ſolcher ſtummen Stunden aus der Zeit Deiner reinen 7* 100 heißen Jugendliebe, erinnerſt Du Dich dieſer— Du liebe gute Großmutter,— dann haſt Du ſicherlich einen Vorgeſchmack all' der Seligkeit, die man im Himmel finden kann, all der Se⸗ ligkeit, die jetzt, wenn Du dieſe Zeilen lie⸗ ſeſt, vielleicht das herrliche Loos Deiner gluͤck⸗ lichen Ottilie iſt. Dann erſt fingen wir an zu ſprechen. Ich warf ihm ſein zweideutiges Benehmen vor. Ich fragte ihn uͤber ſeine Reiſe, uͤber den Zweck derſelben, uͤber die Zeit ſeiner Ruͤckkehr und uͤber vieles Andere, was mich intereſſirte. „Du liebes Naͤrrchen!“— antwortete er mir—„weißt Du noch nicht, daß man unter den Menſchen oft anders ſein muß, als man wirklich iſt?— Waͤre dieß bei mir jetzt nicht der Fall, ſo wuͤrden ſie ſich die Koͤpfe mit albernen Befuͤrchtungen anfuͤllen und mit dieſen Dich und mich, ſchlimmer als Hiob, plagen. Nein, wir muͤſſen die ganze Welt taͤuſchen, denn ſie thut daſſelbe gegen uns. Glaube mir das, Du ſuͤßes Maͤdchen!— Und was meine Reiſe betrifft, ſo war dieſelbe ungluͤcklicher Weiſe ſchon ſeit einem Jahre beſchloſſen. Aber ich und Al⸗ 101 fred K' ſind die beſten Freunde und Waffen⸗ bruͤder fuͤr Zeit und Ewigkeit. Wir haben ſchon lange ausgemacht, daß ich ihn zu ſeinen Eltern begleiten und dort ein halbes Jahr lang blei⸗ ben ſoll. Allein wir werden ſchwerlich ſo lan⸗ ge dort bleiben. Wir durchziehen vielleicht die ganze Provinz, wenn uns Laune und Heiterkeit nicht verlaͤßt. Haͤtte ich vorher gewußt, wen die Mama mit nach Hauſe bringen wuͤrde, ſo weiß es Gott, das ich mein altes Verſprechen nicht gehalten haͤtte. Aber jetzt war die Sache ſchon ſo feſt gemacht, daß ſie nicht mehr zu aͤndern war; doch wird ſich von der Zeit et⸗ was abdingen laſſeu. Ich hatte fruͤher beab⸗ ſichtigt, erſt im November zuruͤckzukehren. Aber nun ſollſt Du ſehen, ob ich nicht an einem ſchoͤnen Abend im September— gerade wie jetzt— Dich treu und ſuͤß an mein Herz druͤ⸗ cke.— Ich fragte ihn offen, ob er es nicht gewe⸗ ſen ſei, den ich im Park geſehen hatte. Er ſtutzte. Aber ſogleich antwortete er: „Ja wohl, ich war es. Ich wollte ſehen, ob Dein Licht verloͤſcht waͤre, denn ich war einigermaßen unentſchloſſen, ob ich mein Vor⸗ haben wagen ſollte oder nicht. Aber ich ſah Dich am Fenſter, denn der Mond beleuchtete Dein weißes, reizendes Nachtkleid.“— „Aber Du ſprachſt mit Jemandem?“— fragte ich, mehr um der Erwaͤhnung meiner Nachtkleidung zu entgehen, als aus Neugierde. Er ſtutzte wieder und erwiederte dann: „Ja, es war eine vom weiblichen Dienſt⸗ perſonal, ich weiß jedoch nicht, welche. Ich begegnete ihr, als ich durch den Park ging, an deſſen aͤußeres Thor ich mein Pferd ange⸗ bunden habe, welches nun ſteht und vor Ver⸗ druß und Sehnſucht nach ſeinem gluͤcklichen Herrn die Erde ſtampft.“— „Aber Du ſprachſt ja recht lange mit ihr?— „Ja wohl, lobe mich dafuͤr! Ich mußte ihr doch einen Grund fuͤr dieſen Beſuch ange⸗ ben, ihr ſagen, daß ich etwas in meinem Zim⸗ mer vergeſſen haͤtte, und ſie bitten, mir in der groͤßten Stille meinen Stubenſchluͤſſel zu ver⸗ ſchaffen. Hier habe ich ihn“— ſetzte er hin— zu, lachte und zog einen großen Schluͤſſel aus der Taſche. 103 Nun war ich beruhigt. Wir plauderten dann, unter manchem Kuß und mancher Liebkoſung— das gebe ich zu, weil es einmal wahr iſt— uͤber den vergang⸗ nen Abend. „Nimm Dich vor der Oberſtin Pauline in Acht!“ ſprach Otto.„Sie hegt ſchon eine Ab⸗ neigung gegen Dich, denn Du biſt ſchoͤn und zwanzig Jahre juͤnger, als ſie. Nimm Dich auch vor„dem alten Fraͤulein mit der Aegide“ in Acht. Sie waͤre im Stande geweſen, Dich zu verſchlingen, um Dich ihrem Badler aus den Augen zu bringen, als dieſer Dich anblickte und mit Dir ſprach. Kuͤmmere Dich nicht um die alberne, haͤßliche Emilie, ſondern thue, wie Du bereits gethan haſt:— halte Dich an die gute, liebenswuͤrdige, uͤber die Achſeln angeſehene Me⸗ lida! Das iſt das beſte Weib, welches ich jemals kennen gelernt habe. Nie habe ich ſie neidiſch, intriguant, rachgierig oder ſo etwas geſehen— und ich habe ſie doch hart gepruͤft“ — ſetzte er, wie fuͤr ſich ſelbſt, hinzu. „Und doch ſprachſt Du beinahe gar nicht 104 mit ihr, ſondern nur mit der Oberſtin?“— bemerkte ich.. „C'est une autre affaire, mein Kind!“— ſprach Otto.—„Man thut viel par dépit, eben ſo viel par politique, etwas par raison- nement, aber nur wenig par gout in der Welt. Das wirſt Du wohl auch noch erfah⸗ ren, Du unſchuldige, reinherzige, zarte Tau⸗ be.“— 3 Ich war unendlich erfreut uͤber ſeine gute Meinung von Meliden. „Ja!“— ſagte er.—„Halte Dich zu ihr, frage ſie um Rath! Aber“— ſetzte er faſt befehlend hinzu—„kein Vertrauen gegen ſie! Kein Wort von mir! Von allem Andern, nur nichts von mir! Verſprich mir dieß bei Deinem Gewiſſen, denn hernach biſt Du zu rechtlich, um Dein Verſprechen zu brechen!“— Ich verſprach es ihm ſogleich. „Ich danke Dir, Ottilie!“— ſprach er. —„Ja, ſei ſtumm in Betreff meiner fuͤr die ganze Welt. Wir werden ſonſt unſere Unbe⸗ dachtſamkeit tauſendmal bereuen, glaube mir!“— Ich hatte ihn ſchon mehrere Male ans —— 105 Fortgehen erinnert, und als ich ihn endlich an die Thuͤr fuͤhrte, ſprach er: „Lebe wohl, Ottilie! Lebe wohl, mein ſuͤſ⸗ ſes, liebenswuͤrdiges Maͤdchen! Bleib mir treu!— Wer weiß, ach, wer weiß, was ge⸗ ſchehen kann?— Einſt vielleicht——— aber hier erſtarben ſeine Worte in einem langen, in⸗ nigen Kuß— und bald war die verſchloſſene Thuͤr oder wie ich glaubte— eine ganze Welt zwiſchen Otto und mir. Und doch war ich gluͤcklich! Man haͤtte mich in das ſchrecklichſte Ge⸗ faͤngniß werfen, mit den ſchwerſten Feſſeln be⸗ laſten koͤnnen, und ich wuͤrde mich doch gluͤck⸗ lich gefuͤhlt haben. Auf Erden hatte ich ja in dieſem Augenblicke nur einen Wu nſch:— von ihm geliebt zu werden, und das war ich, wie ich glaubte. Ich war gluͤcklich! Ich ent⸗ ſchlummerte, erwachte— und war gluͤcklich! Daß Otto verreiſt war, quaͤlte mich weni⸗ ger, als man haͤtte glauben ſollen. Wenn die Liebe im Herzen, in der Seele, und nicht blos im Sinne liegt, ſo iſt die Entfernung vom Geliebten— wiewohl ein Ungluͤck— aber 106 doch leicht zu ertragen. Zweifelt man aber, furchtet man, iſt man ſeiner nicht voͤllig ſicher, den man liebt, o, dann iſt die Entfernung ei⸗ ne Quaal ohne Gleichen. Mich plagte nichts von Allem dieſen und war gluͤcklich! Nun nahm ich mir vor, die Zeit von Ot⸗ tos Abweſenheit wohl zu benutzen. Ich be⸗ ſchloß— moͤge es koſten, was es wolle— die Tante fuͤr mich zu gewinnen. Sie war ja die Mutter meines geliebten Otto und ihre Liebe war mir unentbehrlich. Ach, ich traͤumte von der Zeit, wo ſie mich lieben ſollte, wi ihr Kind, wo ſie meine Hand in die ſeinige le⸗ gen ſollte. Dieſer Gedanke gab mir Muth und Hoffnung, Alles zu wagen und Alles zu verſu⸗ chen, um ſie fuͤr mich zu gewinnen und mir ihre Zuneigung mit Gewalt zu verſchaffen. Mei⸗ nes Onkels glaubte ich ſicher zu ſein, ich Leicht⸗ glaͤubige, ich Thoͤrin! Ich glaubte bei der Tante den Wunſch be⸗ merkt zu haben, daß ich die Leitung des Thee⸗ und Kaffeeſervirens uͤbernehmen moͤchte, obwohl ſie hierin ſo wenig, wie in andern Dingen, ih⸗ ren Wunſch geradezu und aufrichtig ausgeſpro⸗ ——ÿʒ———— ——— 107 chen hatte. Ich ging deshalb am Morgen ſchnell hinunter, um dieſes kleine Geſchaͤft zu uͤbernehmen. Da ich ſchon wußte, daß der On⸗ kel und die Tante nicht ſo zeitig ins Fruͤhſtuͤcks⸗ zimmer kamen, weil ſie vor neun Uhr ſelten Kaffee tranken, machte ich erſt einen kleinen Spaziergang im Parke. Seufzend ging ich auf dem Wege, auf welchem ich in dieſer Nacht Otto hatte verſchwinden ſehen. Auf dem Ruͤckwege pfluͤckte ich die ganze Schuͤrze voll kleiner ſchoͤner Blumen, mit denen ich nach un⸗ ſerer freundlichen Gewohnheit, liebe Großmut⸗ ter, den Kaffeetiſch ſchmuͤckte. Als ich dieſes kleine, liebe, mit ſo vielen ſuͤßen Erinnerungen verbundene Geſchaͤft vollendet hatte, wartete ich vergnuͤgt, bis die Tante in ihrem Morgen⸗ coſtuͤme, auf den Arm des Onkels geſtuͤtzt, her⸗ eintrat. Sobald jedoch ihre Augen auf den Tiſch fielen, rief ſie, die Hand vor die Naſe haltend: „Um Gotteswillen, nehmt die infamen haͤß⸗ lichen Blumen hinweg, wenn ich nicht meine Migraine wieder bekommen ſoll. Guten Mor⸗ 108 gen, Ottilie. Da Du ſo zeitig hier geweſen biſt, ſo weißt Du wohl, wer ſo unvernuͤnftig geweſen iſt und all' dieſes Zeug hierher gelegt hat?— Niedergeſchlagen, aber freimuͤthiger, als man haͤtte glauben ſollen, antwortete ich: „Verzeihen Sie, liebe Tante! Ich ſelbſt ha⸗ be es gethan; aber es ſoll nie wieder geſche⸗ hen!“— „Rein, aber ſieh, wie geſchmackvoll und fein ſie arrangirt ſind! Sieh nur, Aline!“ — ſprach der Onkel, waͤhrend ich und ein Be⸗ dienter mit der groͤßten Eile die Blumen in meine Schuͤrze zuſammenrafften. „Allerliebſt!“— ſagte die Tante.—„Aber nimm ſie weg, wirf ſie hinaus und dann bin⸗ de eine andere Schuͤrze vor, liebe Ottilie, ich kann ſie nicht vertragen.“— Ich freute mich ſo ſehr uͤber dieſe freundli⸗ che, offne Aeußerung, daß ich in meiner Reue uͤber mein Verſehen die Hand der Tante ergrei⸗ fen und kuͤſſen wollte; allein ſie prallte zuruͤck und rief: „Nein, um Gotteswillen, ruͤhre mich nicht 199 an. Du dufteſt von Lavendel und Jasmin ſchon von weitem. Ruͤhre mich nicht an!“— Jetzt haͤtte ich gern gelacht; aber nun kam mir der Onkel zu Huͤlfe, half mir die Blumen voll⸗ ends zuſammenraffen und ſteckte mir ſchelmiſch einige kleine geruchloſe Blumen ins Haar, in den Nacken und ans Kleid. Als ich mit einer andern Schuͤrze zuruͤckkam, tranken Tante und Onkel bereits ihren Kaffee, den ich ihnen zu ſerviren beabſichtigt hatte, und die Tante be⸗ merkte, daß von„allem dieſen“ auch noch der Kaffee kalt geworden waͤre. Ich faßte mir ein wenig Muth und ſagte: „Ja, es war recht albern von mir, aber es ſoll nicht wieder geſchehen, wenn die Tante ſo guͤtig ſein und mir erlauben will, kuͤnftig die Beſorgung des Thee⸗ und Kaffeetiſches uͤber mich zu nehmen.“— „Recht gern, wenn Dir's Vergnuͤgen macht!“ — erwiederte die Tante und der Onkel machte mir mehrere recht feine und artige Complimente uͤber mein Anerbieten. Hierauf ſprachen Beide von Otto unb von ſeiner Reiſe. Ich ſtand vom Kaffeetiſch auf, 110 um die lebhafte Roͤthe zu verbergen, die jedes⸗ mal meine Wangen faͤrbte, ſo oft man— wenn auch nur fluͤchtig— Otto's Namen nannte. Sie ſprachen davon, wie ſehnſuͤchtig er in Wer (der Beſitzung von Alfreds Eltern) erwartet werden wuͤrde, aber nur halblaut und in ver⸗ bluͤmten Ausdruͤcken. Ich hoͤrte es zwar, kuͤm⸗ merte mich aber nicht ſehr darum, denn ich glaubte weit beſſer hieruͤber unterrichtet zu ſein. „Haſt Du geſtern Abend in den lettres à Emilie geleſen?“— fragte mich die Tante, als der Onkel hinausgegangen war. Ich erroͤthete ſtark, denn es ſtand nun hell vor mir, in welchem andern Buche ich am verfloſſenen Abend geleſen hatte; kaum hoͤrbar ſtammelte ich ein Nein. „Nun!“— meinte die Tante laͤchelnd.— „Es iſt nicht ſo dringend, Du kannſt es auch heute Vormittag thun. Aber kleide Dich zeitig an, denn wir haben Fremde bei Tiſche und Schlag zwoͤlf Uhr kommt Tante Pauline und wird vermuthlich Emilien mitbringen.“— Die Tante ging in ihr Zimmer und ich fand fuͤr gut, ihrem letzten Wunſche zuerſt nachzu⸗ 111 kommen und mich anzukleiden, dann aber in den geprieſenen lettres à Emilie zu ſtudiren. Ich klingelte daher nach Marien. Sie kam herauf. Lange drehte und wendete ſie ſich ſo, daß ich ſie nicht recht anſehen konnte, als ſie mir aber das Kleid zuneſtelte, ſah ich im Spie⸗ gel, daß ſie blaß und verweint ausſah. Ich drehte mich ſchnell um, ſah ſie an und fragte, nur durch Mitleid dazu bewogen:„Was fehlt Dir denn, Marie?“— Da fing ſie abermals an zu weinen, antwortete aber demungeachtet: —„Nichts!“— Ich wiederholte meine Frage und bat ſie, mir zu ſagen, warum ſie weine; aber vergebens. Sie blieb dabei, daß ihr„gar nichts“ fehle. Von dieſem Tage an war ſie jedoch fortwaͤhrend niedergeſchlagen, nachlaͤſſig in ihrer Kleidung und von Tage zu Tage blaͤſſer. Da ich immer gleich freundlich gegen ſie blieb, ſuchte ſie mich mit der groͤßten Anſtrengung zu bedionen und meinen kleinſten Wuͤnſchen nach⸗ zukommen. Arme Marie!— Du wirſt ſpaͤter mehr von ihr hoͤren, liebe Großmutter! Um eilf Uhr war ich angekleidet, halb zwoͤlf Uhr war ich der lettres à Emilie bereits voͤllig 112 uͤberdruͤßig, um zwoͤlf Uhr kam Tante Pauline mit der langweiligen Emilie an. Alles Umſe⸗ hens ungeachtet fand ich jedoch keine Spur von Meliden im Wagen. So bald ich konnte, fragte ich Emilien nach ihr und erhielt die erfreuliche Antwort, daß ſie Nachmittags mit der Oberſtin und mit Fraͤulein Nanna nachkommen wuͤrde. Da ich nicht wußte, womit ich Emilien unter⸗ halten ſollte, ſo fragte ich die Tante, ob wir nicht hinunter in den Garten gehen und Sta⸗ chelbeeren pfluͤcken duͤrften, worauf die Tante ein:—„herzlich gern, mein Kind!“— ant⸗ wortete. Wir gingen; Emilie aß eine unendliche Menge von Stachelbeeren, erſt die guten, dann die ſchlechten, und dabei ſprachen wir von— einem Florſchleier. Emilien war naͤmlich ein ſolcher abhanden gekommen und ſie ſchaͤmte ſich nicht, mir anzuvertrauen, daß ſie glaube, Me⸗ lida haͤtte denſelben genommen. Ich erſtaunte und wußte nicht, ob ich recht gehoͤrt haͤtte. „Mein Gott, Emilie!“— ſprach ich.— „Wie kannſt Du der guten, liebenswuͤrdigen Melida eine ſolche Schlechtigkeit zutrauen?— 113 Sprich doch dieſes ſonderbare Mißtrauen wenig⸗ ſtens offen gegen ſie aus, damit ſie ſich dagegen vertheidigen kann, denn ich zweifle nicht, daß ſie dieß im Stande iſt.“— „Ach!“— erwiederte Emilie etwas hoͤhniſch. —„Das verlohnt ſich nicht der Muͤhe; aber ich habe ein Stuͤck von meinem Schleier in ih⸗ rem Kommodenkaſten liegen ſehen.“— „Pfui, Emilie,“— erwiederte ich.—„Weißt Du wohl, daß Du Dich in meinen Augen in ein recht haͤßliches Licht ſtellſt, wenn Du die arme Melida ſo grundlos und ſo leichtſinnig beſchul⸗ digen willſt, und noch dazu bei mir, die ich LEuch Beiden doch eigentlich noch ganz fremd bin. Und außerdem iſt ſie ja eine Freundin von Dir, die Dich von Deiner Kindheit an gepflegt und ihre ganze Zeit Deiner Erziehung und Dei⸗ nem Unterricht gewidmet hat.“— „Ja, das hat ſie wohl thun koͤnnen,“— erwiederte Emilie, die das Geſpraͤch gern auf einen andern Gegenſtand bringen wollte.„Sie hat ja Alles, was ſie kann, mit Paulinen bei denſelben Lehrern gelernt.“— I. 8 114 „Arme Melida!“— dachte ich.—„Du haſt Deine Kenntniſſe und Deine Engelsſanftmuth theuer erkaufen muͤſſen!“— Ich hatte jedoch keine Luſt, Emiliens alberne Bosheit ſo hingehen zu laſſen, ſondern antwortete ihr ganz ernſt: „Damit mag es ſein, wie es will; aber ich halte es fuͤr meine Schuldigkeit, Meliden zu bitten, daß ſie Dir uͤber den elenden Schleier, der wahrſcheinlich aus Irrthum oder Zufall in ihre Kommode gekommen iſt, Aufklaͤrung geben ſoll. Du mußt es, wenn auch aus keiner an⸗ dern Urſache, ſchon deswegen thun, damit ſie ſich in meinen Augen von dieſer ungereimten Beſchuldigung voͤllig reinigen kann.“— „Ach, das kuͤmmert mich nichts!“— ſagte Emilie. „Nun, ſo bekuͤmmere ich mich auch wahr⸗ lich nicht um Dich,“ ſprach ich und ging mei⸗ nes Wegs, ſie ihre Stachelbeeren allein eſſen zu laſſen, mochte ſie mir nachkommen oder zu⸗ ruͤckbleiben, wie es ihr beliebte. Ich fuͤr meine Perſon begab mich hinauf in den Saal. Verſtimmt nahm ich meine Naͤhterei und ſetzte mich an ein Fenſter. Nicht weit von die⸗ . ſem war ein kleines Cabinett, in welchem Tan⸗ te Aline und Tante Pauline vertraulich mit einander uͤber ihre Angelegenheiten ſprachen. Da ſie mich nicht hatten hereinkommen hoͤren und wahrſcheinlich vorausſetzten, daß, wenn zwei Maͤdchen wie ich und Enillie zuſammen ankaͤmen, aus ziemlicher Entfernnng hoͤrbar ſein muͤßte, ſo wußten ſie nichts davon, daß ich im Saale war. Ich hoͤrte daher folgendes Ge⸗ ſpraͤch, von welchem ich zwar damals kein Wort begriff, das mir aber nach laͤngerer Zeit voll⸗ kommen klar und verſtaͤndlich ward. Tante Pauline: War nicht erſt die Rede von Fraͤulein Louiſe L**— Du ſchreibſt es ja von Ramloͤſa..* Tante Aline: Ja, allerdings; aber ſie iſt haͤßlich und dumm und ſechsundzwanzig Jahr alt. Tante Pauline: Ja, dieſe Kleine ſieht recht huͤbſch aus; wenn ſie noch ein wenig mehr Tournuͤre hat, wird ſie bald eine gute Reſſour⸗ ge fuͤr Deinen Salon werden. Aber gieb Acht! Wenn ſie ſich recht ausgebildet hat, kommt Ei⸗ ner und fuͤhrt ſie weg. 116 Tante Aline: Ach nein, das ſoll meine Sorge ſein! Uebrigens iſt ſie arm wie eine Kir⸗ chenmaus. Ihr Vater fiel in Concurs und das Wenige, was die Alte hat, erben wir ein⸗ mal, denn es iſt Fideicommiß und erbt nur auf der maͤnnlichen Seite. Tante Pauline:(gaͤhnend) Nun, das iſt gut, denn nichts iſt verdrießlicher, als einen Gegen⸗ ſtand zu verlieren, an dem man ſich einmal ge⸗ woͤhnt hat. Was ſagt denn Otto dazu? Wenn er nur nicht etwa Feuer faͤngt! Eine ſchoͤne Nachbarſchaft iſt gefaͤhrlich. Tante Aline: Ach, Poſſen! Das ſoll meine acaire werden! Er hat wohl an andere Dinge zu denken: Ca n'est pas de son gout fuͤr alle Faͤlle. Dazu gehoͤrt etwas ganz anderes! Nun gingen die Tanten auf andere Gegen⸗ ſtaͤnde uͤber, deren ich mich nicht mehr erinnere. Aber den erſten Gegenſtand behielt ich zufaͤlli⸗ ger Weiſe im Gedaͤchtniß und lange nachher ward mir deutlich, daß ich ſelbſt die Salonda⸗ me war, die man aus keinem andern Grunde herbeigeſchafft hatte, als: damit ich den gerin⸗ gen Glanz, den ein junges, mit einigen Natur⸗ 117 gaben beſchenktes Maͤdchen in einem geſellſchaft⸗ lichen Zirkel verbreiten kann, repraͤſentiren und im Uebrigen fuͤr meine Tante eine Trabantin ab⸗ geben ſollte, deren graͤflicher Name zwar groß klingen, deren Mittelloſigkeit und abhaͤngige Stellung aber jeden Mann abhalten ſollten, ihr Herz oder Hand zu bieten. Glaube aber ja nicht, daß ich jetzt an dieſen Plan dachte, nein, weit davon! Aber Du ſollſt es hoͤren, wenn die Zeit kommt, wo mir die Augen geoͤffnet wurden. Waͤhrend des letzten Theils des Geſpraͤchs ſaß ich da und dachte daran, wie uͤbel ich daran gethan, daß ich zwei argloſe Men⸗ ſchen belauſcht hatte, die an die Gegenwart ei⸗ ner dritten Perſon gar nicht dachten, und wie albern und kindiſch ich mich benommen, daß ich Emilien von mir geſtoßen hatte, die ja doch mein Gaſt war und dieſen Vorfall ihrer Ma⸗ ma erzaͤhlen, dabei die Sache in einem andern Lichte darſtellen und dadurch mancherlei Ver⸗ druͤßlichkeiten verurſachen konnte. Außerdem fuͤhlte ich das Recht auf meiner Seite und— wenn ich aufrichtig ſprechen ſoll— ſchien ich 118 mir Emilien ſo uͤberlegen zu ſein, daß ich wußte, ich wuͤrde ſie leicht beſaͤnftigen koͤnnen ohne meine Ueberzeugung zu opfern. Geſagt, gethan! Eben ſo leiſe, wie ich in den Saal getreten war, ſchlich ich mich wieder hinaus und eilte hinunter in den Garten. Emilie hatte ſich nun zu einem andern Buſch gefluͤchtet und aß da⸗ ſelbſt mit gleichem Eifer Stachelbeeren. Als ſie mich von weitem kommen ſah, wandte ſie den Kopf unwillig von mir ab und kehrte ſich gegen den Buſch. Ich trat zu ihr, klopfte ſie auf die Achſel und ſprach freundlich: „Sei nicht boͤſe auf mich, liebe Emilie! Ich glaubte, daß Du der armen Melida Un⸗ recht thaͤteſt, aber ich bin auch uͤberzeugt, daß ich ſelbſt ſehr Unrecht that, indem ich mich zum Richter zwiſchen Euch aufwarf und Dir mit Heftigkeit und Ungezogenheit Deinen Fehler vorwarf.“— „Meinen Fehler!“— erwiederte ſie.— „Du willſt wohl ſagen Melidens Fehler?“— „Du verſtehſt mich nicht!“— bemerkte ich und zuckte verdruͤßlich die Achſeln.—„Laß uns daher nicht weiter uͤber dieſen Gegenſtand ſpre⸗ 119 chen, ſondern uns denſelben voͤllig vergeſſen, und vergieb mir, wenn ich etwas geſagt haben ſollte, was Dich beleidigt haͤtte.“— „Ja, recht gern,“— antwortete Emillie, —„jedoch unter der Bedingung, daß Du Me⸗ liden nichts von dieſem Allen ſagſt und Dich kuͤnftig nicht um ſie bekuͤmmerſt.“— Ich antwortete ihr ausweichend, daß ich nooch nie geklatſcht haͤtte und es jetzt, wo ich einen ſo lebhaften Abſcheu dagegen fuͤhlte, noch weniger thun wuͤrde. Emilie verſtand den Stich nicht, der gegen meinen Willen in mei⸗ ner Antwort lag, und wir waren nun wie⸗ der ſogenannte gute Freundinnen und began⸗ nen uͤber andere Gegenſtaͤnde zu ſprechen. „Wie gefaͤllt Dir denn Dein Couſin, Graf Otto?“— fragte Emilie unter andern, in⸗ dem ſie ſich den Mund mit Stachelbeeren an⸗ fuͤllte. 1 „O weh, ich habe mich an dieſem Stachel⸗ beerbuſche tuͤchtig geritzt!“— rief ich und that gleich darauf eine andere Frage; aber bald kam ſie wieder auf das Capitel uͤber Otto und fragte mich, ob ich wuͤßte, wie viel Wahres 120 an dem Gericht ſei, daß er ſich verheirathen ſollte. „Nein,“— antwortete ich zitternd und ſtammelnd.—„Davon weiß ich nichts!“— Aber eine unwiderſtehliche Neugierde trieb mich an hinzuzuſetzen:—„Mit wem denn?“— „Nun, mit Fraͤulein K**, Alfreds Schwe⸗ ſter.— „Was iſt das fuͤr ein Maͤdchen?“— „O, ſie iſt eher haͤßlich, als huͤbſch, aber ſehr reich. Man hat ſchon lange daruͤber ge⸗ ſprochen und nech uͤber vieles Andere, was wohl noch weniger wahr iſt.“— „Ach,“— dachte ich und ſchoͤpfte wieder Athem—„ich weiß am beſten, daß es nicht wahr iſt!⸗— Allein ich brach das Geſpraͤch ab, denn nun war ich nicht mehr neugierig. Otto's Liebe, das war meine ganze Welt! Und ſo lange ich an dieſe glaubte, konnte ich mir eine Parthie, wie die eben erwaͤhnte, durch⸗ aus nicht denken.—„Es iſt ein albernes Ge⸗ rucht!“— ſprach ſie zu mir und fuͤhlte mich gluͤcklicher, als je.. Zu Mittag kam zahlreiche Geſellſchaft, al⸗ 121 lein ich bekuͤmmerte mich um Niemanden, als um Meliden. Bei Tafel war ich ihre Nachba⸗ rin, obwohl die jungen Herren viel von„bun⸗ ter Reihe“ ſprachen und Emilie mir von der andern Seite der Tafel zublickte und winkte. Wenn ich mit Meliden nur uͤber meinen Ot⸗ to haͤtte ſprechen koͤnnen: aber dieſen Gegen⸗ ſtand vermieden wir Beide. Es war nicht blos Freundſchaft, was ich dieſem guten milden Weſen widmete, es war eine Art von Verehrung. Ich konnte nicht aufhoͤren, ſie anzuſehen und je mehr ich ſie anblickte, deſto ſchoͤner und anziehender erſchien ſie meinen Augen.„Wie biſt Du ſo lieblich, meine gute Melida! Wie innig liebe ich Dich!“— ſprach ich immer zu ihr, wann ich mich ſchon in ihrer bloßen Naͤhe ſo recht gluͤcklich fuͤhlte. Sie laͤchelte dann uͤber meinen Ausruf und blickte mich freundlich an, aber ſie ſchien bei weitem nicht ſo dankbar dafuͤr zu ſein, als ich fuͤr all⸗ meine unbegrenzte Liebe fordern zu koͤnnen glaub⸗ te, noch weniger dieſelbe in gleichem Grade zu erwiedern. Dieß ſchmerzte mich allerdings; allein ich ſchrieb es lediglich dem Umſtande zu, daß 122 ich weder ſo reizend, noch ſo einnehmend war, wie ſie, und daß ich noch ſo ſehr jung und nur wenig unterhaltend war. Ich nahm mir jedoch vor, Alles zu thun, um ſie dahin zu bringen, mich zu lieben und mir dieſelben Ge⸗ fuͤhle zu widmen, die ich gegen ſie hegte! Es begann nun eine Reihe von Tagen, deren einer dem andern ziemlich gleich war. Alles fing jetzt an gewiſſe Form und Beſtimmtheit anzunehmen. Meine Tante war bald freund⸗ lich, bald ſpitz gegen mich, je nachdem ſie ſich einbildete, krank oder geſund zu ſein; ſobald jedoch der Gedanke, daß ſie Otto's Mutter war, in mir aufſtieg, dann fand ich im Her⸗ zen, wo doch eigentlich alle weibliche Feinheit thront, ſtets ein Wort oder ein Mittel, wel⸗ ches die Tante— wenn auch nicht gerade er⸗ heitern— doch wenigſtens ſbeſaͤnftigen konnte. Daher kam es, daß ich— obwohl weit ent⸗ fernt, von ihr geliebt zu werden— ihr in kurzer Zeit unentbehrlich wurde. Wich ich aber nur mit einem einzigen Schritt von der Bahn ab, die ich nach ihren Launen begehen ſollte, 124 ſo hatte ich augenblicklich bittere und ſcharfe Maligen zu erwarten. Und da nichts ſo ſchwer vorauszuſehen iſt, als die Launen und die Wuͤn⸗ ſche einer einflußreichen Frau, ſo war dieß nicht ſelten der Fall. Aber meine Liebe zu Otto war das Oel, welches unſichtbar ſtets uͤber den brauſenden Wogen ſchwebte, um ſie zu beru⸗ higen. Mein Onkel war immer gleich artig und gleich zuvorkommend gegen mich; er uͤbernahm zwar nie meine Vertheidigung gegen die Tante, aber er verwandelte ihre ſchneidenden Bemer⸗ kungen oft in leichte Scherze und ſchien auch mehr, als die Tante, dafuͤr beſorgt zu ſein, daß ich die Talente fuͤr das geſellſchaftliche Le⸗ ben, die man an mir zu entdecken glaubte, bei geſchickten Lehrern weiter ausbilden ſollte. Ich hatte daher Tanzunterricht bei Caſagli und aͤrgerte mich entſetzlich daruͤber, daß der alte italieniſche Petitmaitre ohne Umſtaͤnde meine bloßen Achſeln niederdruͤcken, mich in die Arme nehmen, mich rings herumdrehen und mir die Fuͤße angreifen durfte, bis ich feuerroth vor Verdruß ward. Ich gab mir deshalb die groͤßte 12 5 Muͤhe, bald ſo viel zu lernen, daß dieſe fatalen Lectionen ein Ende hatten, bevor Otto wieder zuruͤckkam, denn dieß war die einzige Epoche meines Lebens, nach welcher ich rechnete. Bei dem beſcheidnen Herrn Craͤlius ſang ich do-re- mi- fa-sol-la-si, bis die Tante Vapeurs, Mi⸗ graine und tic douloureux bekam. Franzoͤſiſch plapperte ich mit einem kleinen alten Mann, welcher Mr. Gaspars Charles hieß, Hoffriſeur bei dem hoͤchſtſeligen Koͤnig geweſen war und mich, ſo oft wir Beide allein waren, heimlich mit tauſend Anekdoten uͤber die vorige koͤnigliche Familie unterhielt;— ein Gegenſtand, der mich unendlich intereſſirte und— Du weißt am be⸗ ſten, aus welchem Grunde, liebe Großmutter— niemals ermuͤdete. Landſchaftszeichnen trieb ich mit Emilien zuſammen bei-dem Conducteur Hey⸗ dikken. Und da ward meine Citelkeit oft auf eine harte Probe geſtellt, denn unſer Lehrer war zu gerecht, als daß er nicht ſeine wahre Mei⸗ nung offen geſagt haͤtte, wenn man meine klei⸗ nen Zeichnungen,— auf welche ich ſtets viel Fleiß und Nachdenken verwendete, weil mich das Zeichnen ſehr ergoͤtzte— mit Emiliens Kraͤ⸗ 126 henfuͤßen verglich, die nie etwas taugten, außer wenn unſer geſchickter Lehrer im Eifer endlich ſelbſt den Stift nahm und ihre Zeichnungen durcharbeitete, oder wenn Melida und ich ihr zuweilen heimlich geholfen hatten. Bei dem alten ehrwuͤrdigen Aſchergren declamirte und rechnete ich, bis ich den Athem verlor und den Krampf in die Finger bekam. Daß ich nicht gerade koſtbar, aber ſehr elegant und nach der letzten Mode gekleidet war, dafuͤr ſorgte die Tante mit unermuͤdlichem Eifer. Um keinen Preis wuͤrde ſie Etwas— Lebendiges oder Lebloſes— um oder an ſich geduldet haben, was gemein, provinziell, altmodiſch oder non comme il faut geweſen waͤre. Die Eingangs⸗ worte zu allen ihren Predigten waren Ton, Tact, Tournuͤre, und wer ſolche ſich am meiſten zu eigen gemacht hatte— mochte er auch noch ſo viel andere Fehler an ſich haben — der war gewiß, im erſten Glied ihres Sa⸗ lons zu ſtehen. Daß dieſe mir unauf)hoͤrlich ein⸗ gepraͤgten Grundſaͤtze einigen Eindruck auf mein junges lebhaftes Gemuͤth machten, will ich nicht laͤugnen; doch war dieß keineswegs in dem 127 Grade, als es den Anſchein hatte, der Fall, denn die unglaubliche Schnelligkeit, mit der ich — wie man behauptete— in allen Erforder⸗ niſſen des guten Tones fortſchritt, hatte ich bei weitem mehr meinem ſehnlichen Wunſche, der Tante, dem Onkel und Meliden zu gefallen und dem beſtaͤndigen Denken an Otto zu verdan⸗ ken, als meinem eignen Geſchmack, der ſehr freiſinnig und eigenſinnig war und ſich oft ſchwer genug in die ſteifen Formen der Etikette und Convenienz zwang, gegen die er— wie Du bald hoͤren wirſt— doch zuweilen ſuͤn⸗ digte. Mit der Generalin und ihrer weiblichen Fa⸗ milie, die wir nur„die Paulinen“ zu nennen pflegten, waren wir beſtaͤndig, bald in groͤße⸗ ren, bald in kleinern Zirkeln zuſammen. Tante Pauline war ein vollkommener Barometer, deſ⸗ ſen Steigen und Fallen in der Guͤte und in dem Wohlwollen fuͤr mich voͤllig von Emiliens Caprige, Neid und Geſchwätz abhing. Die junge Pauline begegnete mir beſtaͤndig kalt, ja zuwei⸗ len ſogar unhoͤflich und abſtoßend; und dieß war mir wahrhaft ſchmerzlich, weil ich ſie an⸗ 128 genehm, witzig, lebhaft, artig und zuvorkom⸗ mend gegen Andre fand. Melida koſtete mir manche Thraͤne. Ich verſuchte Alles, mir ihre Liebe zu erwerben; aber ein ſtummes, beinahe paſſives Wohlwollen war Alles, was ich erlan⸗ gen konnte. Bedurfte ich jedoch eines Beiſtan⸗ des, einer Vertheidigung, eines guten Raths, ſo war ich ſtets ſicher, ihn bei ihr zu finden. Wollte ich ihr etwas anvertrauen, ſo nahm ſie es zwar ohne Kaͤlte oder Gleichguͤltigkeit auf; allein nie ſuchte ſie mein Vertrauen oder ſchenkte mir das ihrige. Sie war mir ein Raͤthſel, mit welchem ſich meine Gedanken unaufhoͤrlich be⸗ ſchaͤftigten. Fraͤulein Nanny oder Nanna, wie ſie ausdruͤcklich genannt zu ſein wuͤnſchte, war ein wirkliches Schauſpiel und eine allgemeine Epigramm⸗-Cotelette in unſerm Kreiſe. Alle ihre Neigungen— und ſie hatte deren nicht wenige— waren in Hexameter geſetzt. Sie ſprach nicht wie andere Menſchen und handelte noch weniger wie dieſe; ſie dachte und traͤumte nur in metriſchen Formen. Aber auf der Spitze ihres Parnaſſes ſtand nicht etwa der Sonnengott. Ein draͤn⸗ gendes Dichten und Trachten, ſich ſelbſt merk⸗ wuͤrdig und ihren Namen unſterblich zu ma⸗ chen, war vielmehr die einzige Lockſpeiſe, wel⸗ che ſie vermochte, auf den Pindus hinaufzu⸗ klettern und ſo oft von der ſteilen Hoͤhe her⸗ abzupurzeln. Sie war unertraͤglich in allen Dingen, am meiſten aber hinſichtlich ihrer An⸗ ſichten uͤber die neue literariſche Schule; gera— de wenn ſie am guͤnſtigſten fuͤr dieſe ſprach, er⸗ regte ſie den meiſten Spott und Hohn gegen dieſelbe. Von ihrem Magiſter hatte ſie die Hand ein wenig abgezogen, ſeitdem ihr dieſer ſein Herz entriſſen und daſſelbe blind und dumm mir zugewendet hatte, mir, die ich wahrha tig nicht wußte, was ich damit anfangen ſollte, weder mit dem ſonderbaren, von Albernheiten — nicht von Liebe— erfuͤllten Herzen ſelbſt, noch mit den zahlreichen Gedichten unter den verſchiedenartigſten Formen und ſonderbarſten Namen, die er mir undankbarem, lachluſtigem Maͤdchen widmete. Es war gewoͤhnlich der allgemeine Wunſch, der mich in unſern Cotte⸗ rieen empfing:„Nun Ottilie!— Nun mein gnaͤdiges Fraͤulein!— Zeigen Sie uns einen neuen Ausbruch des feuerſpruͤhenden Gehirns I. 9 130 Ihres verruͤckten Magiſters!“— und nur ſel⸗ ten traf es, daß ich nicht einen ſolchen vorzu⸗ zeigen vermochte. Bald war es ein Sonett auf mein Haar, welches— obwohl es kaſta⸗ nienbraun iſt— darin dem Golde verglichen wurde; bald ein anderes auf meine Augen, die — obwohl ſie, wie Du von Alters her weißt, liebe Großmutter, hellbraun ſind— fuͤr ihn ein blauer Himmel mit Silberſternen zu ſein ſchienen; bald auf meine Stirn, die er mit dem Montblanc verglich, wobei er jedoch den Schni⸗ tzer beging, das franzoͤſiſche Wort Montblanc durch Weißberg zu uͤberſetzen und daraus entſtand ein ſo alberner Sinn, daß wir Alle laut auflachten und die aͤltern Damen mit un— willigen Mienen in unſer Zimmer kamen. Als ihnen jedoch ein junger Lieutenant aus der Ge⸗ ſellſchaft das Sonett vortrug, lachte Tante Aline, bis ſie den tio douloureux, Tante Pauline, bis ſie Kraͤmpfe bekam. Daß in die⸗ ſen Poeſieen keine von ſaͤmmtlichen Gottheiten der nordiſchen Mythologie, und namentlich kei⸗ ne von denen, die Niemand kannte und deren Namen kein Nichtſchwede ausſprechen konnte, 13 fehlte, das verſteht ſich von ſelbſt. Es war ihm viel zu alltaͤglich, mich mit Freia, Iduna, Nanna, Gefion oder dergleichen alte Bekannt⸗ ſchaften zu vergleichen, nein, er beſang mich bei Hnoss und Hlyen, Sjofn und Lofn, Snottra und Eir.*) Der Grund davon ſchien mir vorzuͤglich darin zu liegen, weil ich ihn mit der ernſthafteſten Miene, die mir zu Gebote ſtand, fragen mußte, was dieſe barba⸗ riſchen Namen zu bedeuten haͤtten. Und drauf trug er mir ſogleich die ganze Mythe— jedoch in Hexametern und Pentametern— vor, worin ich ſtets wieder eine Menge von Dingen fand, nach denen ich ihn von Neuem fragen mußte. Einmal war ich boshaft genug, ſelbſt ein So⸗ nett an meine Naſe und ein anderes an meine Ohren zu fabriciren. Mit unglaublicher Muͤhe *) Hnoss, das Urbild aller Schönheit und Lieblichkeit, Hlyn, die ſanfte Goͤttin der Huld und Freundſchaft, die im Unglück die Thränen von der Wange küßt. Sjofn lenkt die Menſchenherzen zur Liebe. Lofn hatte von Odin und Freia Auftrag, Männer und Frauen zu verbinden, denen große Hinderniſſe entgegen⸗ ſtanden. Snortra, die Göttin der Sittſamkeit. Eir, der Arzt der Götter. 3 9* 132 ſchrieb ich ſie mit der nachgeahmten Handſchrift des Magiſters ab und hielt ſie fuͤr einen Abend im Herbſte in Bereitſchaft, an welchem ein großer Theil unſerer gewoͤhnlichen Cotterie in Schoͤnwik verſammelt war, waͤhrend Fraͤulein Nanna und der Magiſter, wie ich beſtimmt wußte, an die⸗ ſem Abend ausblieben. Mein Scherz gluͤckte vortrefflich. Allein gerade, wie wir am laute⸗ ſten uͤber die komiſchen Albernheiten in beiden Sonetten lachten und die Uebrigen eben zu mer⸗ ken anfingen, daß die Sonette unaͤcht waren, gerade als unſere Freude uͤber dieſen Scherz am lauteſten war, oͤffnete ſich die Thuͤr des Salons und ein junger Mann, in ſchwarzer, oder rich⸗ tiger in Trauerkleidung, mit einem ſehr vortheil⸗ haften Aeußern, trat herein. Er hatte unſere laute Freude und unſer allgemeines Gelaͤchter ſchon im Vorzimmer gehoͤrt, bat uns, daß wir uns durch ſeine Ankunft in unſerer heiteren Unterhaltung nicht moͤchten ſtoͤren laſſen, und begab ſich nach einer artigen Begruͤßung ins Rebenzimmer, um dem Onkel und der Tante ſein Compliment zu machen. Voͤlliges Schwei⸗ gen verbreitete ſich ſogleich uͤber uns. Ich war 133 die Einzige, welche es unterbrach, indem ich fragte, wer der Fremde ſei. „Der junge Baron Edward H**!“— ant⸗ wortete man—„er hat ganz kuͤrzlich ſeinen Vater verloren, den er unglaublich liebte und verehrte. Er iſt ſehr fein, ſehr liebenswuͤrdig, ſehr intereſſant und ſehr reich; allein heiter und aufgeweckt iſt er nie geweſen und jetzt wird er ſowohl von Eliuder, als von Koͤr unendlich ge⸗ plagt.*) Es war Pauline, welche uns dieſe Perſo⸗ nalien zum Beſten gab; im Anfange hoͤrten wir alle ernſt zu, aber bei ihren letzten unvermuthe⸗ ten und uͤberraſchenden Namen:„Eliuder und Koͤr“ brachen wir von Neuem in lautes Ge⸗ laͤchter aus. Gerade in dieſem Augenblicke kehrte der junge Baron aus dem Nebenzimmer zuruͤck, erbat ſich die Erlaubniß, an unſerm Vergnuͤgen Theil nehmen zu duͤrfen, und fragte ſchließlich nach dem Gegenſtande unſers Gelaͤchters. Da ihm die eigentliche Urſache unſers letzten Ge⸗ *) Eliuder(der Schmerz) und Kör(die Schwind⸗ ſacht) Namen aus der nordiſchen Mythologie. 134 laͤchters nicht wohl mitgetheilt werden konnte, ſo erzaͤhlte man ihm die naͤchſte vorhergehende Urſache, und als man ihm in kurzen aber tref⸗ fenden Worten von der zaͤrtlichen Flamme des Magiſters fuͤr mich, von ſeinen Gedichten und von dem darin vorherrſchenden Tone und Ge⸗ ſchmack erzaͤhlt hatte, zeigte man ihm auch mei⸗ ne beiden ungluͤcklichen Sonette mit dem Zuſatz, daß beide unaͤcht und von mir fabricirt worden waͤren, um den Magiſter zu copiren. Ich ſchaͤmte mich gewaltig, als der Baron nun dieſe Rhapſodieen, uͤber die man nach meinem Dafuͤr⸗ halten genug gelacht hatte, laͤchelnd durchlas. Mit hochrothen Wangen ſtand ich neben ihm, um ihm die Gedichte, ſobald er ſie durchgeleſen haben wuͤrde, wegzunehmen und in das lodern⸗ de Kaminfeuer zu werfen. Mit einer leichten, artigen Verbeugung, aber ohne zu lachen oder etwas zu aͤußern, gab er mir die Sonette hin. Ich verneigte mich ſchweigend und beſchaͤmt und nach Verlauf einer Sekunde brannten mei⸗ ne Geiſtesproducte von wirklichem, nicht von phosphoriſchem Feuer.— 135 „Himmel, was thuſt Du!“— rief die lu⸗ ſtige Hilda B**— Reißt Ottiliens Naſe und Ohren aus dem Feuer“— herrſchte ſie den Uebrigen zu—„der Magiſter muß ſie nothwen⸗ dig ſehen! Wir wollen ihn uͤberreden, daß er ſelbſt im Traume ſie gedichtet hat.“— Entzuͤckt uͤber dieſen Einfall, wollte der Lieutnant L*r eben die Feuerzange ergreifen; aber Emilie, die dem Kamin am naͤchſten ſaß, faßte die halbverbrannten Sonette mit der Feuerzan⸗ ge und warf ſie mir mit ihrer gewoͤhnlichen Un⸗ bedachtſamkeit und Heftigkeit zu, indem ſie aus⸗ rief:„Hier haſt Du Deine Naſe, und hier ſind Deine Ohren!“— das Feuer ergriff ſo⸗ gleich ein Florhalstuch, das ich um die Schul⸗ tern geworfen hatte; aber ſchnell wie ein Blitz riß mir der junge Baron das Halstuch ab, warf es ins Kamin und erſtickte mit den Haͤn⸗ den die Flammen, die um meine Achſeln und Arme loderten. Ich hatte zwar Beſinnung ge⸗ nug, um indeſſen ruhig ſtehen zu bleiben; al⸗ lein ich ward todtenbleich vor Schreck, als das Feuer endlich geloͤſcht war und ich, vollkommen unbeſchaͤdigt, hinſichtlich des Anzugs aber ſehr 136 uͤbel zugerichtet, daſtand. Man beklagte und begluͤckwuͤnſchte mich von allen Seiten, bedau— erte meinen ſchoͤnen Anzug, meinen Shawl u. ſ. w., aber Niemand, außer mir, dachte an meinen Retter und an deſſen Haͤnde, die— wie ich leicht begreifen konnte— durch ſeine Entſchloſſenheit ſehr gelitten haben mußten. Man trieb mich an, mich ſogleich zu entfernen und umzukleiden; ſobald ich mich jedoch losge⸗ macht hatte von denen, die mich j etzt umſtan⸗ den, vorher aber und waͤhrend des Feuers ſich ſoweit als moͤglich von mir entfernt hatten, eilte ich an das Fenſter, an welches ſich Baron Ed⸗ ward zuruͤckgezogen hatte. Ich dankte ihm mit kurzen, aber herzlichen Worten und bat ihn fle⸗ hentlich, mir ſeine Haͤnde zu zeigen, und als er dieſelben laͤchelnd hinter ſeinem Ruͤcken ver⸗ barg, faßte ich mir den Muth, ſie hervorzuzie⸗ hen. Aber in Thraͤnen brach ich aus, als ich dieſelben von großen Brandblaſen entſtollt und die Manchetten und Handſchuhe ganz verbrannt fand. Ohne weiter an meine verbrannte und vom Rauch geſchwaͤrzte Kleidung zu denken, lief ich nach Johannesoͤl und feinen Leinentuͤchern 137 und wickelte ſeine Haͤnde nach einem kurzen un⸗ bedeutenden Widerſtande von ſeiner Seite ſorg⸗ ſam hinein. Als ich damit fertig war, nahm er meine Hand, fuͤhrte ſie an ſeine Lippen und ſprach leiſe: „Von heute an iſt mir das phosphoriſche Feuer doppelt theuer!“— Ich entfernte mich, wechſelte meinen Anzug und nach einer kleinen Weile war die ganze Feuersbrunſt vergeſſen und wir ſaßen wieder im heitern, ſcherzenden Kreiſe zuſammen. Als ich in den Saal zuruͤckkam, waren die Meiſten von der Geſellſchaft um Paulinen und den Ba⸗ ron Edward gruppirt, welche Beide bereits in einer eifrigen Debatte uͤber die neue litterariſche Schule und deren Tendenzen begriffen waren. Pauline ſparte ihre Epigramme daruͤber nicht und, da ſie wirklich witzig war und ſehr origi⸗ nelle Einfaͤlle hatte, ſo waren ihre Sarkasmen ſo beißend, ſo in die Augen fallend, ſo naiv und ſo ergoͤtzlich, daß wir Alle ihre Parthei nahmen und dieß durch unſer Gelaͤchter bei je⸗ der ihrer Aeußerungen genugſam zu erkennen gaben. Sehr artig, wie Edward H** immer war, ließ er Paulinen faſt ungeſtoͤrt die ganze Artillerie ihres Witzes verbrauchen, bis ihr die Ammunition auszugehen anfing. Dann erſt richtete er einige leichte, aber ſcharfe Fragen an ſie, die uns bald in unſern Meinungen wankend machten. Eine der erſten unter denſelben war die:„was wir denn eigentlich unter Phospho⸗ rismus und Phosphoriſten verſtuͤnden?“— Einige wußten darauf gar nichts zu erwiedern; Andere antworteten geradezu:„Narrheit und Narren;“— Pauline meinte lachend, daß ſie darunter alle diejenigen verſtuͤnde, die nichts koͤnnten, nichts wollten und nichts be⸗ griffen. Emilie, dumm und dreiſt wie ge⸗ woͤhnlich, erklaͤrte, daß ſie immer der Meinung geweſen waͤre, der Ausdruck„Phosphoriſten“ kaͤme von den beiden franzoͤſiſchen Worten: „Faux“ und„Forét“ her, weshalb ſie ihn durch:„falſche Waldmenſchen“ uͤberſetze.(All⸗ gemeines Gelaͤchter.) Aber die Meiſten von uns wußten recht gut, daß man die Anhaͤnger, Mit⸗ arbeiker und Bewunderer einer poetiſchen Zeit⸗ ſchrift, die in einem brennendrothen, feuerfarbi⸗ gen, uͤber ſich ſelbſt erroͤthenden Umſchlage aus⸗ — 139 gegeben wurde, mit dieſem Namen zu bezeichnen pflegte. Aber nun kam eine zweite Frage, die ungleich ſchwerer als die erſte war:„wie viele von der Geſellſchaft wohl die Schriften geſehen oder geleſen haͤtten, die ſie ſo zuverlaͤſſig als nuͤber ſich ſelbſt erroͤthend“ bezeichneten?“— „Ich nicht!“— erwiederte Pauline ſogleich mit herzlichem Gelaͤchter und gab damit fuͤr alle Andere das Signal zu derſelben Aufrichtigkeit: „Ich auch nicht!“— Ich noch weniger!“— Ich noch nie!“ u. ſ. w. „Ja, dann verlohnt ſich freilich nicht der Muͤhe, noch weiter daruͤber zu ſprechen!“— ſprach Edward laͤchelnd und erhob ſich von ſei⸗ nem Stuhle. Kleinlaut blieben wir Uebrigen ſitzen; aber Pauline faßte ſich bald und ſprach ſcherzend: „Wenn man aber nur uͤber Dinge ſprechen ſoll, die man bis auf den Grund und bis aufs kleinſte Puͤnktchen kennt, ſo wuͤrden bloß die Herren Profeſſoren peroriren duͤrfen und wir Andern waͤren bloß aufs Zuhoͤren beſchraͤnkt. Und wie ſollte es dann mit unſerm guten Scherz, mit unſerm wohlthaͤtigen Lachen werden?“— 140 Dieß war ein Argument, welches ſelbſt Ed⸗ ward nicht zu beſtreiten vermochte. Und nun begann wieder Geplauder und Scherz uͤber an⸗ dere Gegenſtaͤnde, von denen wir eben ſo wenig wußten, die aber die Quelle großen Gelaͤchters und anhaltender Heiterkeit fuͤr uns wurden. Endlich rief Jemand unerwartet: „Wiſſen Sie ſchon, meine Herrſchaften, daß Frau von Stael auf ihrer Reiſe von Peters⸗ burg nach Stockholm kommt?“— Von allen Seiten rief man ein freudiges: „Ach!“ und im Freudenrauſch daruͤber, daß ich die Verfaſſerin der Corinna und Delphine lebendig vor meinen Augen ſehen ſollte, um⸗ armte ich Meliden mit dem groͤßten Feuer. Edward, der dicht neben mir ſtand, lachte herz⸗ 1 lich uͤber meine exaltirte Freude und aͤußerte den Wunſch, daß meine Freude nicht etwa im Hafen noch Schiffbruch leiden moͤchte. Melida laͤchelte ebenfalls und Pauline zuckte die Ach⸗ ſeln uͤber meinen Enthuſiasmus. Gleich darauf ging man zum Souper. Ba⸗ ron Edward fuͤhrte mich dahin und ward mein Nachbar bei Tafel. Unmerklich lenkte er das 141 Geſpraͤch wieder auf den Phosphorismus und als ich— da ich wirklich mehrere dazu gehoͤ⸗ rige Schriften geleſen hatte, obwohl ich dieß nicht geſagt, ſondern geſchwiegen hatte, waͤh⸗ rend Alle riefen:„Ich nicht!“—„Ich auch nicht!,— als ob das Gegentheil eine große Suͤnde waͤre— als ich darauf mit einiger Malige, vielem Lachen und komiſchen Pathos mehrere Strophen daraus citirte, die allerdings ziemlich ſonderbar lauteten, erwiederte Edward ſanft und mit freundlichem Vorwurfe: „Beſtes Fraͤulein Ottilie! Ich erlaube mir, Ihnen einige Worte Pope's zu citiren und ſie auf den Phosphorismus anzuwenden. A little learning is a dangerous thing; Drink deep—ortaste not*—-—— Leſen Sie Alles, aber gruͤndlich und mit offnem Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne, nicht mit dem Vorſatz, es laͤcherlich und abgeſchmackt darzu⸗ ſtellen; Sie werden dann mit Freude und Er⸗ *) Ein oberflächlich Leſen iſt ein gefährlich Ding; Dring' tief hinein und rühre nicht bloß das Aeußre an! 2 - riwe 1— ſtaunen finden, daß unter dem Gebroͤckel einer ungebildeten, von Germanismen noch nicht ganz befreiten Sprache Perlen und Diamanten der aͤchteſten reinſten Art verborgen liegen. Zum Parodiren eignet ſich Alles, auch das Schoͤnſte und Vollkommenſte, um wie viel mehr nicht der erſte Ausbruch eines reinen unvermiſchten Gefuͤhls junger Maͤnner, die es verſchmaͤhen, ſich in les costumes du siècle de Louis XIV zu kleiden?— daß man auch in dieſem Zeitalter viel Schoͤnes und Geiſtrei⸗ ches findet, iſt unbeſtreitbar; aber unſere Zeit iſt den alten Formen entwachſen und fordert neue Geſtaltung und wir Juͤngeren muͤſſen wenig⸗ ſtens ſuchen, was zu verwerfen oder als brauch⸗ bar zu behalten iſt, nicht aber blind die alte breitgetretene Straße hinlaufen, blos weil ſie eben und gebahnt iſt. Muth muͤſſen wir faſ⸗ ſen, mit den jungen verwegnen Wagehaͤlſen auf ſteile wilde unbeſuchte Klippen zu klettern, von denen wir dann mit Entzuͤcken und Er⸗ ſtaunen auf neuere und ſchoͤnere Gegenden hin⸗ abblicken, als wir mehrere Generationen hin⸗ durch, von der Zeit der Vaͤter und Großbaͤter her, haben beſprechen und beſchreiben hoͤren!“*— Ich fand Wahrheit in jedem ſeiner Worte und gelobte mir innerlich, nie wieder ſo albern uͤber Dinge zu ſchwatzen, uͤber die ich nur we— nig gehoͤrt und gar nicht nachgedacht hatte. Schuͤchtern ſagte ich jedoch zu meinem Vertrau⸗ en einfloͤßenden Nachbar, daß das Wenige, was ich vom Phosphorismus und von deſſen eifrig⸗ ſten Koryphaͤen, dem Magiſter und Fraͤulein Nanna, geſehen haͤtte, wenig geeignet geweſen waͤre, mir eine vortheilhafte Meinung oder gar Enthuſiasmus fuͤr die neue Schule einzufloͤßen. Edward, der ſie Beide kannte, laͤchelte, ſchuͤt⸗ telte den Kopf und uͤberzeugte mich, daß Fraͤu⸗ lein Nanna zu denen gehoͤrte, deren ſich alle Uebrigen ſchaͤmten, unter welche ſie gerechnet wurde, und daß ihre Vorliebe fuͤr die neue Schule eben ſo grundlos waͤre, als die Abnei⸗ gung Anderer dagegen, weil Beide nicht auf gruͤndliche Sachkenntniß, ſondern auf zufaͤllige Einbildung gegruͤndet waͤren. „Fraͤulein Nanny,“— ſprach er weiter— iſt nach meinem Dafuͤrhalten eine Gans mit 144 der gewoͤhnlichen Gabe zu gackern; aber unter ihrem Gefieder verbirgt ſie ein neidiſches, miß⸗ guͤnſtiges, kleinliches Gemuͤth und hinter ihrem Schnabel ein leeres Hirn. Und nun wollen wir nicht weiter uͤber dieſen Champion der neu— en Schule ſprechen, vor welcher Phosphoros ſelbſt in⸗ und auswendig erroͤthen wuͤrde, wenn er ihn jemals zu ſeinen Stuͤtzen gezaͤhlt haͤtte. Ziemlich daſſelbe gilt auch von dem armen Ma— giſter Q*r, obwohl dieſer mehr dumm als boͤſe iſt; aber“— ſetzte Edward ausweichend hinzu —„die, welche ſo zart und mitleidig die Brand⸗ wunden an meinen gluͤcklichen Haͤnden verband, wie kann ſie ſo grauſam ſein und Pfeffer und Salz auf ein armes verwundetes Herz ſtreuen, das vielleicht tauſend Qualen unter dieſer har⸗ ten Behandlung leidet?“— „Ach, mein beſter Baron!“— entgegnete ich lachend—„Wenn ich glaube, daß irgend Etwas bei dem armen Magiſter in Gefahr iſt, Schmerz zu leiden oder zu verbrennen, ſo iſt es gewiß nicht das Herz, ſondern ſein armer Verſtand oder vielmehr ſein ſchwaches Gehirn, denn aus dieſem, nicht aber aus dem Herzen, 5 3 1 1 145 preßt er all' ſeinen Galimathias! O, das klingt ganz anders, was aus dem Herzen kommt!”“— „Und wie klingt es?“— fragte Edward leiſe. Tiefes Erroͤthen war meine ganze Antwort und ich war ſehr froh, daß man in demſelben Augenblick die Stuͤhle von der Tafel ruͤckte. Von dieſem Tage an war ich ſicher, bei jeder Gelegenheit eine Stuͤtze und einen Freund in dem edeln Edward H*r* zu finden, obwohl ſich derſelbe nie wie ein courtiseur benahm, ſon⸗ dern, wenn er ſich auch ſtets in meiner Naͤhe hielt, dieß nie in dem Grade that, daß man daruͤber haͤtte ſchwatzen koͤnnen, und nie mit je⸗ ner Zudringlichkeit, die uns die Huldigung ei⸗ nes Mannes oft ſo laͤſtig macht, wenn man nur Wohlwollen und Freundſchaft fuͤr ihn fuͤhlt. Aber fuͤr manchen guten Rath, fuͤr manche Huͤlfe in der Noth, wenn ich durch meine Un⸗ vorſichtigkeit, Unbeſonnenheit und geringe Welt⸗ kenntniß einen Verſtoß beging, hatte ich dem edeln, guten, jungen Mann zu danken. Die Zeit verging indeſſen. Von Otto hoͤrte ich nichts, kein Wort, keinen Gruß! Bisweilen 147 ſah ich wohl, daß die Tante lange Briefe von ihm erhielt, uͤber welche ſie ſich allemal freute; — nie aber ſagte ſie weiter Etwas, als:„Otto laͤßt gruͤßen.“— Ich weiß wohl, wie wenig dieß war; aber es war doch Etwas. Nun hatte ich bloß meine Erinnerung und meinen Glauben. Und daß die erſtere lebendig und tauſendmal durchdacht, der letztere erhaben und unumſtoͤßlich war, kannſt Du wohl glauben, liebe Großmutter. Du wirſt wohl wiſſen, wie gern man dem, den man innig liebt, alle nur erdenklichen Dugenden und vor Allem eine un⸗ erſchuͤtterliche Zuneigung zutraut, mag auch der Schein gegen ihn zeugen. O, ich war meines Otto ſo ſicher und zaͤhlte Tage und Stunden bis zu dem Augenblicke, wo ich durch Zufall erfuhr, daß ſein Urlaub zu Ende war, und daß er nun zuruͤckkommen wuͤrde. Inzwiſchen lachte und ſcherzte ich gleich einem Maͤdchen, welches nur fuͤr den Augenblick lebt und denkt; aber in der Tiefe des Herzens ſtand Otto's Bild unerſchuͤttert und keine Sekunde des Tages, im Wachen und im Traume, ging voruͤber, die mich nicht an ihn erinnert haͤtte. 10* 148 Noch war die eigentliche Ballzeit nicht da und mein Herz gerieth ſtets in kurzen Galopp, wenn man vom erſten Amaranthenballe ſprach, bei dem ich meinen Eintritt in die große Welt feiern und zugleich dem erſten ordentlichen Ball in meinem Leben beiwohnen ſollte. Dieſe erſte Zuſammenkunft der Amaranthe wurde jedoch von Woche zu Woche— und zwar, wie man ſagte, bis zur Ankunft der Frau von Stael, die man noch immer erwartete— verſchoben. Ich freute mich unendlich uͤber dieſen Aufſchub, nicht daß ich nicht— wie wohl zitternd— die⸗ ſen großen Tag erwartet haͤtte, ſondern weil ich hoffte, daß Otto bis dahin wiederkommen ſollte. Ja, Deine arme Ottilie war thoͤricht genug, den lieben Gott innig zu bitten, daß ſie von Otto in alle Zauberkreiſe des Walzers ge⸗ fuͤhrt werden moͤchte. Aber er ſtrafte mich auch hart genug fuͤr dieſen eiteln Wunſch. An einem ſchoͤnen Tage erfuhr ich drei Neuig⸗ keiten, von denen mir eine immer mehr ans Herz griff, als die andere:— Frau von Stael war angekommen— die erſte Verſammlung der Amaranthe war fuͤr den naͤchſten Sonnabend V V 149 beſtimmt— und die ſchlimmſte— Otto hatte (wie man ſagte) um einige Wochen Verlaͤnge⸗ rung ſeines Urlaubs nachgeſucht!— Ich haͤtte unter dieſer Laſt erliegen moͤgen. Alles andere haͤtte ich ertragen koͤnnen; aber daß er ſelbſt freiwillig ſeine Abweſenheit verlaͤngern konnte, das war etwas Niederdruͤckendes, Schmerzliches, das zerſtoͤrte mit einem Male alle meine Luft⸗ ſchloͤſſer, alle meine ſuͤßen Traͤume und Hoff⸗ nungen, das machte meine Seele fuͤr bittere, kummervolle Gedanken zugaͤnglich. Verzweifelnd warf ich mich in Melida's Arme und vergoß heiße Thraͤnen. Aber Melida fragte mich eben ſo wenig nach der Urſache meines Kummers, als ich mich im Stande fuͤhlte, mein Geluͤbde gegen Otto zu brechen, ſo daß ich auch den Troſt nicht hatte, meinen Sch chmerz in dem Buſen einer Freundin niederlegen zu koͤnnen. Der Winter begann nun ſein Hofkleid an⸗ zulegen und Tante und Onkel beſchloſſen, in der laufenden Woche ihre große Wohnung in der Koͤnigsſtraße zu beziehen, die ſchon lange, von Allem, was der Luxus fordern kann, glaͤn⸗ zend und ſchimmernd, zu der großen Winter⸗ 150 campagne auf dem weiten Schlachtfelde des Geſellſchaftslebens bereit ſtand. Ich vermißte unendlich mein kleines Stuͤbchen in Schoͤnwik mit allen ſeinen reizenden Erinnerungen und die geringe Freiheit, dann und wann in den von gelbem Herbſtlaube raſchelnden Park hin⸗ abzuſpringen und unter den Blaͤttern ſeiner Baͤume theils die Erinnerung zweier unvergeß⸗ lichen Tage, theils einige Bluͤmchen, deren hier noch immer einige verborgen waren, aufzuſu⸗ chen. Jetzt war dieß Alles vorbei. Mein Zimmer in der Stadt war zwar faſt eben ſo huͤbſch, wie das in Schoͤnwik, aber es lag im dritten Stock und hatte keine andere Ausſicht, als Himmel und Dach. Unter meinen Bekuͤmmerniſſen waͤhrend die⸗ ſer unvergeßlichen Woche war auch die, daß die arme Marie, die von Tage zu Tage trau⸗ riger und niedergeſchlagener wurde, nun ploͤtz⸗ lich ihren Abſchied forderte und einige Stunden darauf das Haus verließ, nachdem ſie gleich⸗ wohl weinend und faſt verzweifelnd mir Lebe⸗ wohl geſagt und mich gebeten hatte, ſie, wenn ſie in allzugroße Noth gerathen und ſich an 151 mich wenden ſollte, nicht von mir zu ſtoßen. Ich verſtand zwar damals nicht, in welche an⸗ dere Noth ſie kommen koͤnnte, außer in Krank⸗ heit, aber ich verſprach ihr aufrichtigen Herzens, in einem ſolchen Falle all' das Wenige, was ich vermochte, gern fuͤr ſie zu thun. Waͤhrend deſſen beſchaͤftigte ich mich mit meiner Ballkleidung fruͤh und ſpaͤt beſtaͤndig. Die Tante wollte, daß ich aͤußerſt gentil geklei⸗ det ſein ſollte; ich hingegen war in dieſem Punkte gleichguͤltiger, als man glauben ſollte, und viel⸗ leicht hat ſelten ein Maͤdchen mit betruͤbterem Herzen, als ich, Roſen auf ihr Ballkleid ge⸗ heftet. Endlich erſchien der Tag, auf den ich mich ſo lange vorher und ſo ſehr gefreut hatte, der mir aber nun beinahe zuwider geworden war. Ich kam mir in meinem ſeidnen Kleide, mit dem Florkleide daruͤber, an deſſen unterſtem Saume ein Kranz von feinen blaßrothen Roſen ſchim⸗ merke, wie ein Opferlamm vor. Ein aͤhnlicher Kranz wurde auch in meine braunen Locken ge⸗ flochten und, als ich fertig war, ſagte die Kam⸗ merfrau, welche mir von der Tante zugeſchickt 152 worden war, um mich anzukleiden, daß keine Dame auf dem Balle ſo ſchoͤn ſei oder ſein koͤnne, als ich. Aber daſſelbe ſagte ſie ſicher auch zu jeder andern Dame, welche ſie anklei⸗ dete; nicht wahr?— Glaubſt Du nicht auch, liebe Großmutter? Ich zitterte vor Angſt, als wir aus der eleganten Equipage des Onkels ſtiegen, und konnte das hellerleuchtete, großartige Portal, an dem wir hielten, nicht anſehen, ohne mich an jenen erſten Abend zu erinnern, wo mir ein aͤhnliches bei unſerer Ankunft in Schoͤnwik in die Augen fiel. „Zerreiß Dir nicht etwa Dein Kleid!“— warnte mich die Tante, als ich mechaniſch aus dem Wagen ſprang, ohne eigentlich zu wiſſen, was ich that. Aber dieſe Erinnnerung war ſehr noͤthig, denn ſonſt wuͤrde ich mein Kleid gewiß auf der Treppe zerriſſen haben, weil ich wirklich nicht mehr Beſinnung hatte, als noth⸗ wendig dazu gehoͤrte, zu gehen, der Tante auf dem Fuße nachzufolgen und ihr hier und da ein Staͤubchen vom Mantel oder Kopfputz ab⸗ zunehmen. Ich begreife jetzt noch nicht, war⸗ um ich mich eigentlich ſo ſehr fuͤrchtete; dage⸗ V V V V 153 gen weiß ich recht gut, warum ich betruͤbt und niedergeſchlagen war. Wir kamen ziemlich zeitig. Die Tante mußte mit dem Großmeiſter des Amaranthenordens, dem Grafen d. l. G., ſprechen und zu meinem Gluͤcke entdeckte ich unter den Damen, welche bereits angekommen waren, Meliden und Emi⸗ lien. Sie ſaßen in einem Nebenſaale, wohin wir wegen meiner bevorſtehenden Aufnahme eben⸗ falls gefuͤhrt wurden. Zitternd vor Furcht und Kaͤlte trat ich zu ihnen. Emilie begann ſogleich eine unertraͤgliche, lautgefluͤſterte Muſterung meines ganzen Anzugs; aber Melida, welche mich zittern und einmal uͤber das andere die Farbe wechſeln ſah, fluͤſterte mir leiſe zu: „Faſſe nur Muth, Ottilie! Du haſt ja nichts Boͤſes gethan! Warum ſoll man zittern und aͤngſtlich ſein, wenn man ein reines, gutes Ge⸗ wiſſen hat? Glaube mir, die Menſchen verdie⸗ nen es wahrlich nicht, daß man vor ihrem An⸗ blicke bangt und zittert. Wie willſt Du vor Gott ſtehen, wenn Du Dir von Deines Glei⸗ chen ſo ſehr imponiren laͤßt? Sieh Dich unbe⸗ fangen um! Es iſt weit beſſer, in großen Ge⸗ 154 ſellſchaften ſich aus Ueberzeugung, als aus Ge⸗ wohnheit ruhig zu fuͤhlen, denn in der Gewohn⸗ heit liegt eine gewiſſe Abhaͤrtung, keineswegs aber das Gefuͤhl eignen Werths, welches man haben muß, um wahrhaften Muth zu beſitzen.“ Rie hatte Melida ſo viel zu mir geſprochen und nie hatten Worte eine beſſere Wirkung. Ich ſah mich um und erblickte eine Menge andere junge Maͤdchen, theils ſtill und furchtſam wie mich, theils unbefangen heiter und froͤhlich, theils eingebildet und vorlaut, theils durch af⸗ fectirtes Lachen und auffallende Bewegungen die Aufmerkſamkeit der Uebrigen auf ſich zu ziehen ſuchend. Pauline ſaß nicht weit von uns und war wie gewoͤhnlich von einem Haufen junger Maͤn⸗ ner umgeben. Sie fixirte mich vom Kopf bis auf die Fuͤße, ohne ſich darum zu kuͤmmern, daß mich dieſe Muſterung verletzte, und ant⸗ wortete mehreren jungen Herren, welche ſich bei ihr erkundigten, wer ich ſei:„ein junges Maͤdchen vom Lande.“— „Wer wird Dich denn einfuͤhren?— Wer fuͤhrt Dich ein?— Hoͤrſt Du, Ottilie, wer Dich 15. einfuͤhren wird?— Antworte doch!— Wer fuͤhrt Dich ein?“— So wisperte Emilie fortwaͤhrend auf mich los, mich mit dem Arme anſtoßend, waͤhrend Melida mit mir ſprach. Ich hatte Emiliens Frage zwar gehoͤrt, aber keine Minute daran gedacht, bis Melida ſchwieg und Emilie nach kurzem Schweigen wieder fragte: „Wer ſoll Dich denn einfuͤhren, Ottilie?— „Ich verſtehe wahrhaftig nicht, was Du meinſt“— antwortete ich, da man unterlaſſen hatte, mich im Voraus einigermaßen uͤber die Gebraͤuche und Geheimniſſe des Ordens zu un⸗ terrichten. Melida erklaͤrte mir nun Emiliens Frage und ich antwortete der Letzteren laͤchelnd, daß ich meine Einfuͤhrung dem Schickſal uͤberlaſſen muͤſſe; heimlich aber dachte ich ſogleich an Ot⸗ to und ſeußzte bei dieſem Gedanken tief und wehmuͤthig. Aber tauſend verſchiedenartige Ge⸗ faͤhle regten ſich in mir, als Enillie gleich dar⸗ auf ſagte: „Dein Couſin Otto iſt ja nun Kigetomnnen: er koͤnnte Dich einfuͤhren?“— 156 „Iſt er angekommen?“— fragte ich mit der groͤßten Lebhaftigkeit, ſetzte aber gleich dar⸗ auf ſo langſam und ruhig, als ich vermochte, hinzu: „Nein, das kann nicht moͤglich ſein, davon muͤßte ich ich doch auch etwas wiſſen.“— „Ja ſo,“— erwiederte Emilie gleichguͤltig —„mir war's, als ob es Jemand geſagt haͤt⸗ te. 44— Solche truͤgeriſche Freudenbieder ſind ge⸗ gaͤhrlich; man fuͤhlt nach denſelben ſeinen Schmerz nur um ſo tiefer. So auch bei mir. Stumm ſaß ich da, in meine Gedanken ver⸗ tieft und meine Hoffnungen waͤgend, als Me⸗ lida meine Hand ſanft druͤckte und leiſe ſprach: 3„Laß das! denke an etwas Anderes! Sieh nicht ſo zerſtreut, ſo geiſtesabweſend aus, liebe Qttilie! Sieh dort ſteht Dein wah⸗ rer Freund, der Baron Edward Hr*r, und blickt Dich an! Ich wollte Dir wuͤnſchen, daß er Dich einfuͤhrte!“— Ich blickte ſchnell auf; mir gerade gegen über ſtand Edward und fixirte mich ſcharf. 157. Dieß pflegte er jetzt immer mehr, immer oͤfter, zu thun und— ſonderbar genug— ich fuͤhl⸗ te mich durch ſeine Blicke nie verlegen oder belaͤſtigt, ſondern erwiederte ſie dann und wann mit einem gutmuͤthigen freundlichen, Laͤcheln. Dieß that ich auch jetzt, worauf er ſogleich zu uns trat. Seine erſte Frage war:— wer mich in das Heiligthum einfuͤhren wuͤrde“— und die andere:—„ob er dieſe Rolle uͤber⸗ nehmen duͤrfte?“— „Siehſt Du, nun hat ja Melida ihren Wil⸗ len!“— ſagte die unbedachtſame Emilie halb⸗ laut, aber doch ſo laut, daß es Edward hoͤr⸗ te. Der fluͤchtige Blick, den er Meliden darauf zuwarf, war ſo ſprechend und voll Dank und Wohlwollen, daß wir alle drei daruͤber erroͤ⸗ theten. Melida verkraute mir ſpaͤter, daß dieſer unbedenteude Umſtand Veranlaſſung zu dem Freundſchaftsbuͤndniß war, welches dieſe bei⸗ den edeln, guten Weſen jetzt— und wahrſchein⸗ lich auch immer— verbindet. Um uns aus unſerer Verlegenheit zu reißen, wandte ſich Edward inzwiſchen auf den erſten beſten Gegenſtand der Unterhaltung, der ihm 158 einfallen mochte— und dieß war Frau von Stael. Ich hatte ſie faſt vergeſſen, aber in dieſem Augen⸗ blicke erwachte meine ganze Neugierde wieder und Edward erzaͤhlte uns nun, daß man ſie eben erwarte, daß der ganze große Saal mit Menſchen gefuͤllt ſei, und daß es ſehr amiſant waͤre, bei den einzelnen Gruppen voruͤberzugehen und die ungleichen und ergoͤtzlichen, bisweilen ſehr ſonderbaren Urtheile zu hoͤren, die uͤber das neue, große, ſehnſuͤchtig erwartete„Himmels⸗ zeichen“ gefaͤllt wuͤrden. Mehrere andere be⸗ kannte junge Herren traten nun zu uns und ich hoͤrte mit Verwunderung, daß man bei wei⸗ tem mehr mit Spott, als mit Enthuſiasmus von der erwarteten beruͤhmten Frau ſprach. Der Kammerjunker von P*, ein großer Kritiker und Satyriker, verſicherte uns, daß alle bejahr⸗ ten Damen und viele dergleichen Herren nichts weniger als zufrieden mit der Ankunft der Frau von Stael waͤren. Er behauptete, daß ſie jetzt alle mit halboffnem Munde daſtuͤnden und mit Schrecken die Ankunft derjenigen erwarteten, die ſie Alle total verdunkeln wuͤrde. Er ahnte nichts Gutes von dieſer uͤberlegenen Ueberlegung. 1 ¹ 159 „Sie ſehen Alles mit Schrecken voraus,“— ſagte er,—„daß in allen Zirkeln, welche Frau von Stael beſuchen wird, Niemand außer ihr das Wort fuͤhren, und daß keine Geſellſchaft den geringſten Anſpruch auf Auszeichnung haben wird, wo ſie— des Tages groͤßtes und des Winters vornehmſtes„Geſtirn“— fehlt. Jetzt ſchwatzen ſie“— fuhr er fort—„mit verdop⸗ peltem Eifer in Erwartung des Zauberſchlags, der ploͤtzlich jede Zunge laͤhmen wird.“— Wir lachten herzlich uͤber ſeine Aeußerungen und Jedes von uns uͤberließ ſich den Ideen, die wir uns von der geiſtreichen feinfuͤhlenden Verfaſſerin der Delphine und Corinna gebildet hatten. Gerade als wir uns lebhaft mit dieſen Einbildungen beſchaͤftigten, wurden die Fluͤgel⸗ thuͤren aufgeriſſen und Frau von Stael, von dem artigen Großmeiſter gefuͤhrt, trat herein. Aber, o weh! Eine Illuſton verſchwand ſo⸗ gleich! Man fand keinen Zug der Corinna oder Delphine an ihr. Sie war eine corpulente Frau, ſehr ramaſſirt, ohne Zeichen von Grazie in ih⸗ ren Bewegungen, mit einem ſtets nach hinten uͤbergebeugtem Haupte, als ob ſie mit ihren 169 geiſtreichen, glaͤnzenden Augen das Dach durch⸗ dringen wollte. Daher ſchien es auch zu ruͤh⸗ ren, daß ihr Mund ſtets halboffen ſtand, auch wenn ſie nicht ſprach— was jedoch— bellaͤu— fig bemerkt— nicht oft der Fall war. Von ihrer Kleidung zog faſt nur ein ſchwerfaͤlliger, dicker, bunter Turban die Aufmerkſamkeit auf ſich, den ſie um den Kopf auf eine Art gewun⸗ den hatte, daß er faſt im Nacken ſaß, und in welchem, wie der Kammerjunker von P** ver⸗ ſicherte, ihr ganzes Genie lag,„ganz wie in ei⸗ nem Buͤndel.“ Ihre Tochter Albertine war das ungenirteſte, natuͤrlichſte und muthwilligſte Maͤd⸗ chen, das ich jemals geſehen habe, obwohl dieſe drei Dinge von dieſer Zeit an ſtark en vogue kamen. In meinen Augen war ſie ſehr huͤbſch, obgleich ſee ganz dunkelrothes Haar und ſehr viel Sommerſproſſen hatte; aber ihre Haltung und alle ihre Bewegungen waren ſehr einnehmend. Ihre Kleidung war ſehr einfach und nichts we⸗ niger als elegant. Sie war mehr drappirt, als angekleidet und, ſo oft ihr eine von dieſen Drap⸗ perieen von den Schultern herabfiel, ſtand Mr. Rocca bereit, ſie wieder aufzunehmen, oder wenn 161 das Haar herabfiel, es wieder aufzuſtecken. Bei⸗ de Theile waren eingetreten, bevor wir noch den Rebenſaal verlaſſen hatten. Ich war ſo verwirrt uͤber den Anblick der ganzen Staelſchen Familie— denn außer ihrer Tochter und ihrem Attaché, Mr. Rocca, hatte ſie auch ihre bei⸗ den Soͤhne und einen gewiſſen Herrn Schle⸗ gel bei ſich— daß ich kaum Zeit gewann, an meine eigne Angſt wegen der bevorſtehenden Aufnahme zu denken. Ein andermal werde ich vielleicht von dem aͤlteren Baron Stael und von Herrn Schlegel ſprechen; jetzt fiel mir aber blos der juͤngere auf, der in der That mehr wie ein Narr ausſah, obwohl er dieß wirklich keineswegs iſt. Ich war kaum im Stande, das Gelaͤchter uͤber alle die laͤcherlichen Vorbereitungen und Zuruͤſtungen zu der bevorſtehenden Feierlichkeit zuruͤckzuhalten. Zuletzt hielt Frau von Stael eine ſehr ſchoͤne Rede an— den Ordensceremo⸗ nieenmeiſter, den alten ehrwuͤrdigen Olle Malm⸗ gren, mit dem Du in Deiner Jugend ſo oft getanzt haſt, liebe Großmutter! Ich ſollte Dir eigentlich die Ordensgeheimniſſe nicht verrathen, I. 11 16½ aber da ich weiß, daß Du keinen ſchlimmen Gebrauch davon machſt, ſo muß ich Dir anver⸗ trauen, daß ich in ein kindiſches Lachen aus⸗ brach, als man anſing, an die Thuͤr zu klopfen, wie Du in meiner Kindheit den alten Brolander thun ließeſt, wenn er am Weihnachtsheiligen⸗ abend als Knecht Rupprecht agirte. Ich glaubte ſteif und feſt, etwas Aehnliches zu ſehen, als man nach dem Ausrufe:„Es klopft wie Ama⸗ ranth!“— ſchnell die Thuͤren oͤffnete und wir Alle, die wir aufgenommen werden ſollten, paar⸗ weiſe unter einem Feſtmarſch mehrere Male in einem ſchoͤn erleuchteten, prachtvoll geſchmuͤckten Saale ringsumher gingen, durch mehrere Reihen elegant gekleideter Herren und Damen, die uns ſcharf und pruͤfend fixirten. Fuͤr mich, nouvelle debarquée que j'etais, war dieß blendend und faſt verwirrend; allein ich glaube kaum, daß es denſelben Eindruck auf Frau von Stael machte. Sie ſchien wenigſtens nicht im Geringſten be⸗ klommen, denn ſie blickte keck und freimuͤthig um ſich und waͤhrend des Marſches fluͤſterte der Kammerjunker von P**, der dicht hinter uns ging, dem Baron Edward zu; 163 „Sieh die Saͤngerin der Corinna! Jetzt wendet ſie den Kopf, jetzt faͤngt ſie ſchon an, Materialien zu ihrem neuen Roman:„Maja Lisa ou la Guède« zu ſammeln, der eigentlich der Zweck ihrer Reiſe hierher ſein ſoll!“— Die Satyre waar beißend und fuͤr das Na⸗ tionalgefuͤhl verletzend, fuͤr mich aber dennoch ſehr wohlthaͤtig. Ich hatte mich vorher furcht⸗ ſam, geblendet und durch meine Unbedeutenheit gewiſſermaßen gedemuͤthigt gefuͤhlt; allein jetzt fing ich an, mich der Worte Melida's zu erin⸗ nern und daran zu denken, daß ſich viel Klein⸗ lichkeit, viel Thorheit, viel unaͤchte Vergoldung um mich herum fand, vor der ich keineswegs die Kniee zu beugen, oder Muth, Vernunft und alle Beſinnung zu verlieren brauchte; daß ich mich zwar unter den Großen, keineswegs aber unter den Groͤßten der Welt befand; kurz daß es ſich hier um ein weltliches, eitles Ver⸗ gnuͤgen und nicht um ein Urtheil uͤber Leben und Tod handelte, deſſen Vorgefuͤhl mich bei meinem erſten Eintritt in den Saal uͤberſchlichen hatte. Ich faßte wieder Muth, erhob das Haupt und ſah mich um. Eben ſtanden wir vor dem 11* 164 Ordensgewaltigen unter ſeinem Baldachin; eben richtete der Herr Graf und Großmeiſter die ge⸗ faͤhrlichen Fragen an uns; und nun machte ich die Bemerkung, daß es ſehr bequem fuͤr mich war, zugleich mit der Frau von Stael und Comp. aufgenommen zu werden, denn kein Menſch achtete auf uns Andern, und Gott mag wiſſen, ob ich auf dieſe Fragen antwortete oder nicht; aber das weiß ich, daß ich mich zunaͤchſt hinter Frau von Stael in das große Ordens⸗ buch einſchrieb, und daß ich, wie verwirrt ich auch war, doch bemerkte, daß ſie darin ihr Alter nicht angab, waͤhrend ich meine ſiebzehn Jahre, die ich noch nicht einmal voͤllig erfuͤllt hatte, mit einem gewiſſen Stolz einzeichnete. Waͤhrend meiner Bangigkeit hatte ich die Hand meines guten Fuͤhrers oft gedruͤckt und eben ſo oft hatte er mir durch dieſes kleine Zei⸗ chen von Theilnahme und Wohlwollen wieder Muth eingefloͤßt. Nun begann die Anglaiſe! Ich tanzte ſie mit meinem Fuͤhrer, wie ſichs gebuͤhrt. Dicht neben uns tanzte der juͤngſte Baron Stael und ich erhielt nun Gelegenheit, ſeine lange, zwar nicht haͤßliche, aber merkwuͤr⸗ dig ungeſchickte Perſon zu betrachten. Mein Anzug und meine armen Roſen ſchwebten vor ihm in beſtaͤndiger Gefahr, denn er tanzte in ſeiner vollen kriegeriſchen Ruͤſtung, die er, wie man ſagte, erſt eine halbe Stunde vor dem Anfange des Balls vom Schneider erhalten hatte. Bei unſerm ſchwediſchen Gardehuſarenregiment angeſtellt, fuͤhrte er in der Anglaiſe deſſen gan⸗ zen kriegeriſchen Schmuck— das Pferd ausge⸗ nommen— mit ſich und war geruͤſtet, als ob er zum Sturm gegen die feindlichen Reihen gehen wollte, nachdem ſeine treue Roſinante durch eine feindliche Kugel unter ihm getoͤdtet worden war. Mit der Muͤtze— unter dem Arme, mit dem Saͤbel, dem Cartouche, der Saͤbeltaſche und nicht daran gewoͤhnt, Sporen zu tragen, rauſchte er in der Anglaiſe dahin und wir Da⸗ men fuͤrchteten ihn mehr, als wenn eine Wind⸗ muͤhle hereingekommen waͤre und uns mit ih⸗ ren Fluͤgeln umſauſt haͤtte. Wenn ich nur die⸗ ſen Abend lebendig vor Dich hinzaubern, wenn ich Dir nur dieſes Gemiſch von Neugierde, Ver⸗ wunderung, Erſtaunen, Entzuͤcken, Spott und Lachen, welches dieſe auslaͤndiſche Familie bei 166 den verſchiedenen Individuen erregte, und wo⸗ ruͤber man alles Andere vergaß, recht lebhaft malen koͤnnte! Aber wie bei jeder andern Er⸗ ſcheinung, ward man endlich auch muͤde ſie anzuſchauen, und nachdem dieſe Fremdlinge waͤhrend der Aufnahme und bei der Anglaiſe die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatten, theilten ſie dieſelbe ſpaͤter mit mehreren andern Gegenſtaͤnden. Ich fuͤr meine Perſon muß offen geſtehen, daß mich Schuͤchternheit, Furcht einen Mißgriff zu begehen, Angſt, daß ich als Neueingefuͤhrte uͤberall, wohin ich mich wandte, neugierig auf mich gerichteten Blicken begegnete, und endlich der Kummer uͤber alle meine— groͤßeren und kleineren— zerſtoͤrten Hoffnungen in Bezug auf Otto, weniger, als vielleicht die meiſten Andern, fuͤr den Eindruck empfaͤnglich machte, den Frau von Stael und ihre Familie im Allgemeinen hervorbrachte. Waͤh⸗ rend der ganzen langen Anglaiſe ſprach ich un⸗ unterbrochen mit meinem Partner und bei jeder Begegnung, die wir mit einem Bekannten hat⸗ ten, wurde eine mehr oder weniger bemerkens⸗ werthe, ſtets aber komiſche Bemerkung uͤber des 167 Abends großes Wunder gemacht. Ermattet vom Herabtanzen bei der Anglaiſe zerſtreute ich meine Schuͤchternheit und meine duͤſtern Gedan⸗ ken durch die Unterhaltung mit dem guten, lie⸗ benswuͤrdigen Edward H“**. Allein bald kam die ſchreckliche Zeit, wo ich mich wieder abmuͤ⸗ den mußte, denn was kann wohl unangenehmer ſein, als wenn man, nachdem man kaum aus der Tanzreihe hinausgetanzt hat, abgeſpannt und ermattet ſich wieder zu dem kleinen Plaͤtz⸗ chen durchdraͤngen muß, von welchem man die Tour begonnen hat. Da Emilie meine linke Nachbarin war und bei allen Gelegenheiten, wo ſie ſich hervordraͤngen oder Jemandes Aufmerk⸗ ſamkeit erregen wollte, ihre Ellenbogen ſehr ſprechend zu gebrauchen wußte, erhielt ich von ihr beſtaͤndige fatale Erinnerungen, mich auf⸗ zurichten und dahin oder dorthin zu blicken. Als wir endlich unſere Plaͤtze beinahe erreicht hatten und ich eine lange Weile mit geſenktem Haupte und mit den Gedanken von Allem, was mich umgab, weit entfernt daſtand, fuͤhlte ich ploͤtzlich Emiliens Ellenbogen ſchaͤrfer als vor⸗ her und hoͤrke zugleich den Ausruf: 168 „Sieh auf, gerade vor Dich hin! Da ſteht ein Bekannter, der Dich ſchon lange hat be⸗ gruͤßen wollen!“— Aber nun, liebe Großmutter, fordere keine Schilderung, ſondern denke Dich nur in mein Herz, und Du wirſt wiſſen, was ich fuͤhlte, als ich ploͤtzlich hinter den Reihen der Taͤnzer Ot⸗ to's hohe, ſchoͤne Geſtalt erblickte! Er gruͤßte mich; aber ich blieb unbeweglich und vermochte nicht das kleinſte Lebenszeichen zu geben. Der ganze Saal war fuͤr mich leer oder dunkel. Ich ſah nur Otto und den wehmuͤthigen Blick, den er auf mich richtete und der ſeinen Zuͤgen einen ganz neuen, bezaubernden Ausdruck verlieh. In dieſem Augenblicke kam ein herabtanzendes Paar. Der Cavalier reichte mir artig die Hand, ſeine Dame und Edward ſtanden wartend da. Ich ſah und fuͤhlte nichts. Endlich bemerkte ich, daß mich Jemand von hinten ſanft am Aermel meines Kleides zupfte. Ich wandte den Kopf mechaniſch auf die Seite. Melida ſaß hinter mir. „Verſaͤume Dich nicht; ſieh doch, wie man daſteht und auf Dich wartet!“— ſagte ſie ſanft 169 und nun erſt beſann ich mich, wo ich war und was ich thun ſollte. „Fehlt Ihnen etwas, Fraͤulein Ottilie?“— fragte Edward mit bekuͤmmerter Miene waͤhrend der Promenade. „Mir?“— antwortete ich.—„O nein, ich befinde mich beſſer, als je!“— Er ſah mich verwundert an. „Das moͤchte ich kaum glauben,“— bemerkte er.—„Seit einigen Minuten iſt eine ſonderbare Veraͤnderung in Ihren Zuͤgen vorgegangen. Ich ſtand gerade und betrachtete Sie mit Aufmerk⸗ ſamkeit, als——— Jetzt, liebe Großmutter, ſchilt mich nicht in meinem Grabe, wenn ich Dir alle meine Fehler bekenne!— Ich war nun hart, undankbar und unartig genug, dem guten, liebenswuͤrdigen Ed⸗ ward ſpitz ins Wort zu fallen und ihm mit Achſelzucken zu antworten: „Ja, mein lieber Baron! Warum ſtehen Sie aber auch da und ſehen mich an?— Das be⸗ laͤſtigt mich ſtets!“— Er verſtummte. Die Promenade war zu En⸗ de und ich ſtand wider neben Emilien. Aber 170 unterdeſſen hatte ſich Otto, per fas et nefas, eben dahin gelotſet.. „Unterthaͤnigſter Diener, meine gnaͤdige Cou⸗ ſine!“— ſprach er. Als jedoch Emilie wieder fortgetanzt war und er ſich von Niemandem, außer von mir, gehoͤrt glaubte, ſetzte er hinzu: „Engel, biſt Du zum Walzer engagirt?“— Nun, liebe Großmutter, habe ich Dir Be⸗ kenntniſſe zu machen, eines immer ſchwerer, als das andere. Glaubſt Du es wohl, wenn ich Dir ſage, daß ich in dieſer Stunde, in dieſem Augenblicke unvernuͤnftig und kindiſch genug war, Gott, dem großen allwiſſenden Gott, da⸗ fuͤr zu danken— daß ich mich zufaͤllig noch nicht fuͤr den Walzer verſprochen hatte?— O, meine gute wuͤrdige Großmutter, Du dachteſt wohl nicht, als Du mein junges Herz daran gewoͤhnteſt, immer und in allen Faͤllen zuerſt an den Allvater zu denken, daß ich dieß auch bei Dingen thun wuͤrde, wo es faſt ſuͤndlich zu nennen war! Aber in meinen Augen war es dieß in dieſem Augenblicke nicht. Mein ſehn⸗ lichſter irdiſcher Wunſch ward mir ploͤtzlich und unerwarket erfuͤllt, und mein erſter Gedanke 171 war Dankbarkeit gegen den guten, innig guten Gott. Waͤhrend meines kurzen Dankopfers war mein Blick unwillkuͤhrlich gen Himmel gerichtet; als er ſich wieder zur Erde ſenkte, begegnete er zwei andern zu gleicher Zeit, Otto's noch weh⸗ muͤthigerem und ſeelenvollerem und Melida's bekuͤmmertem und leiſe laͤchelndem Blicke. Als ich die Augen abwechſelnd auf ihn und auf ſie heftete, bemerkte er ſie erſt, denn er ſtand ſo, daß er nicht leicht hatte bemerken koͤnnen, wie nahe ſie ihm ſaß. Nun machte er eine ha⸗ ſtige kalte Verbeugung, wiederholte ſeine Fra⸗ ge noch einmal im Salonton d. h.—„kann ich die Ehre haben, mit meiner gnaͤdigen Cou⸗ ſine zu walzen?“— und als ich hocherroͤthend ſeine Frage bejahte, entfernte er ſich. Nun, Großmutter, nun war ich nicht mehr die zur Erde blickende Ottilie.— Was doch die Freude und die reine, erhabne Liebe fuͤr ein Son⸗ nenlicht uͤber die gewoͤhnlichſten Zuͤge verbreitet! — Von dieſem Augenblicke an, ja, erſt von dieſem an, hoͤrte ich(werde nicht boͤſe, liebe Großmutter, uͤber meine thoͤrichte Prahlerei, er⸗ innere Dich, daß Du ſie nie wieder hoͤren wirſt) 172 hoͤrte ich von mehreren Seiten den Ausruf: „Wer iſt denn das Maͤdchen mit der Roſen⸗ guirlande?— Sie iſt ſehr ſchoͤn!— Sie iſt un⸗ gemein lieblich!— Eine wahre Schoͤnheit!— Ein wirklicher Magnet!“— u. ſ. w. Gott mag wiſſen, was wir Maͤdchen fuͤr Ohren ha⸗ ben; dergleichen Dinge hoͤren wir ganz vortreff⸗ lich. Ich glaube, daß wir ſogar durch die Au⸗ gen ein wenig hoͤren.— Aber was wirſt Du von Deiner Ottilie denken und ſagen, liebe Groß⸗ mutter, wenn ich Dir auch noch bekenne, daß mich dieſe lobenden Schmeichelworte unſaͤglich freuten!— Jetzt lohnte ſichs der Muͤhe, ſchoͤn zu ſein, geprieſen und gefeiert zu werden! Jetzt, da mein Otto es ſehen und ſich daruͤber freuen konnte!— So dachte ich. Ich vergegenwaͤrtigte mir das Entzuͤcken, welches ich ſtets fuͤhlte, wenn man ihn lobte und ruͤhmte, und glaubte, er muͤſſe daſſelbe fuͤhlen, wenn von mir auf gleiche Weiſe geſprochen wuͤrde. Nun war aller Kummer, aller Gram wegen ſeines laͤngern Außenbleibens, alles Mißtrauen, Alles, Alles vergeſſen und ich fuͤhlte nichts, nichts— als den hoͤchſten Grad der reinſten Seligkeit. 173 Als die Anglaiſe zu Ende war, fuͤhrte mich Edward ohne ein Wort zu ſagen, zu Meliden, neben welcher ein Platz leer war. Er blieb ei⸗ nen Augenblick vor mir ſtehen, blickte mich an und ſchien in meinen Geſichtszuͤgen nach dem Schluͤſſel zu der raͤthſelhaften Veraͤnderung zu ſuchen, die ſowohl in meinem Innern, als in meinem Aeußern vorgegangen war. Nun begann es Engagements und Praͤſentationen zu regnen und meine Lippen waren in beſtaͤn⸗ diger Bewegung durch die beſtaͤndigen Erwiede⸗ rungen:„Ja, ich danke!“— oder:„Nein, ich danke!“— In wenigen Augenblicken war ich fuͤr den ganzen Abend engagirt. Ich war un⸗ gemein verlegen uͤber dieſen Vorzug vor mei⸗ nen beiden Nachbarinnen, Melida und Emilie, von denen mir die Letztere vorausprophezeiht hatte, daß ich, wie ſie auf ihrem erſten Balle, vom Anfange bis zum Ende„ſitzen und auf meinen Lorbeern ruhen“ wuͤrde. Nur Eini⸗ ge von denen, die bei der Generalin aus und ein gingen, zogen Emilien auf. Edward H** und einige Andere engagirten auch die gute, ſanfte Melida, die jedes Engagement mit ei⸗ 174 nem freundlichen:„Ja, ich danke ergebenſt.“ — beantwortete, waͤhrend Emilie trotzig und nonchalant den Kopf hin und her wiegte und jedes Engagament nur mit einem bejahenden Nicken beantwortete. Sie copirte ihre Schwe⸗ ſter in allen Stuͤcken; allein dieſe war ſchoͤn, witzig und originell, wiewohl wahrlich kein Mu⸗ ſter zur Nachahmung. Wie mußte nun da ei⸗ ne alberne, verungluͤckte, verpfuſchte Rachah⸗ mung ausfallen! Als die jungen Herren ſich allmaͤhlig zer⸗ ſtreut hatten, um ſich zum Walzer zu rangiren, wandte ich mich zitternd und mit niedergeſchlag⸗ nen Augen zu Meliden und ſagte, ganz verle⸗ gen uͤber all dieſe Erfolge: „Wie ſoll dieß aber Alles gehen?“— Melida laͤchelte; aber Emilie erwiederte ſchnell und ſchneidend: „Du ſprichſt, als wenn Du auf glattem Eiſe ſtuͤndeſt. Was glaubſt Du denn, was Dir geſchehen ſoll?— Du denkſt wohl gar, jeder der Dich engagirt hat, beabſichtigt auch, Dich zu entfuͤhren?—. Es lag ſoviel Bittres in ihrem Ton, daß ich das Beduͤrfniß fuͤhlte, Meliden anzuſehen, um mich zu uͤberzeugen, daß ſie nicht ebenfalls boͤſe auf mich war. Aber ſie blickte mich freund⸗ lich laͤchelnd an, druͤckte mir herzlich die Hand und ſprach leiſe: „Es wird gut gehen, aber nimm Dich in Acht! Emiliens Ausdruck war weniger albern, als ſie weiß, denn Du gehſt jetzt hiich auf einem ſehr glatten Eiſe.“ Bei dieſen Worten gab ſie mir ein Zeichen, daß Jemand vor mir ſtaͤnde,— ich blickte auf — und Otto ſtand in einer wartenden Stel⸗ lung vor mir, um mich zum Walzer zu fuͤh⸗ ren. Ich ſtand auf. Ich nahm ſeine Hand an. Ich folgte ihm. Aber wenn er mich ploͤtzlich losgelaſſen haͤtte, wuͤrde ich ganz gewiß zur Erde gefallen ſein, denn einige Augenblicke lang hoͤrte und ſah ich nichts. Ich war im Himmel, liebe Großmutter! Und— laͤchle wie Du willſt— fuͤr mich gab es in dieſem Au⸗ genblicke keine Freude des Himmels, die ich mit der Wonne haͤtte vergleichen koͤnnen, mich 176 von Otto zum ſchwindelnden Walzer gefuͤhrt zu wiſſen. Doch begannen wir den Walzer nicht ſogleich; wir ſtanden erſt ſchweigend und ſtill; aber ſein Herz ſprach in ſeiner Hand, in ſeinen Blicken, in ſeinen kurzen Athemzuͤgen; ich glaubte es klopfen zu hoͤren und zu ſehen. O, wie ſelig war ich! Aber nun zum Walzer ſelbſt! Liebe Großmutter! Haſt Du jemals mit dem Großvater oder mit Jemanden, den Du uͤber Alles im Himmel und auf Erden liebteſt, gewalzt?— Außerdem weiß ich wahrlich nicht, ob Du alle die himmliſchen, ſuͤßen Gefuͤhle faſ⸗ ſen wuͤrdeſt, die jetzt in meiner gluͤcklichen Bruſt wechſelten. Ich war zugleich heiter, gluͤcklch und zufrieden, und außerdem geſchmeichelt und erhoben durch die Auszeichnung und das Auf⸗ ſehen, das mir zu Theil ward.—„Je ne suis pas femme pour rien!“— ſoll Frau von Stael irgend einmal geſagt haben; und dieſen Ausſpruch konnte ich jetzt auf mich anwenden, denn diejenige iſt etwas Anderes,— viel⸗ leicht etwas ſehr Gutes und Lobenswerthes— 177 aber kein Weib, welche gleichguͤltig iſt gegen die Bewunderung und Huldigung der Maͤnner. Faſt kein Wort wurde zwiſchen mir und Otto gewechſelt. Unſere Herzen waren zu voll, ſo daß unſere Worte ein Nichts gegen das ge⸗ weſen ſein wuͤrden, was wir fuͤhlten. Ich hatte keinen Walzer weiter, keine einzige Qua⸗ drille fuͤr ihn uͤbrig; als aber der Walzer zu Ende war, ſprach Otto, indem er mich an meinen Sitz zuruͤckfuͤhrte, nichts als die zwei Worte:„Heute Abend!“— Lange ſaß ich ſtumm und von dem Walzer traͤumend da;— aber nun ging noch eine neue Sonne an mei⸗ nem Jugendhimmel auf! Die Thuͤren flogen auf. Man draͤugte ſich zuſammen. Man machte von allen Seiten Platz. Man hatte die Augen nur auf einen Punkt gerichtet.— Der hohe ſtattliche Kronprinz,*) den ich fruͤher nur durch Glas und Rahmen des Fenſters geſehen hatte, trat keck und ſchnell, aber mit ruhiger Wuͤrde in ſei⸗ nen ſchoͤnen Zuͤgen, in den Saal. Ihm folgte der kleine liebliche Erbprinz, den ich in meiner *) Bernadotte, der Prinz von Ponte Corvo, I. 12 178 Jugendfreude haͤtte aufnehmen moögen, wie das kleine Maͤdchen im Koͤnigl. Garten. Aber hier galt es fuͤr la belle Ottilie ſtill zu ſitzen und ſittſam und ehrbar auszuſehen, obgleich ich in meinem kindiſchen Freudenrauſche vor Uebermaaß des Entzuͤckens tuͤchtige Luftſpruͤnge haͤtte ma⸗ chen moͤgen. Als der kleine Erbprinz bei mir voruͤber ging, richtete er die Augen— ich weiß nicht gewiß— ob auf mich oder auf meine Roſen; aber ein fluͤchtiger, freundlicher Blick wurde zwiſchen uns gewechſelt, deſſen ich mich noch deutlich erinnere und den ich nie ver⸗ geſſen werde! Hinter den beiden Prinzen ſchritten ihre Cavaliere eilig her, unter ihnen der Regierungsrath Le Moine mit einer gold⸗— nen Brille und voll franzoͤſiſcher Leichtigkeit und vebhaftigkeit, wenigſtens in ſeinem Gange. Der Erbprinz tanzte die erſte Quadrille nicht mit. Ich tanzte dieſelbe mit unſerm beſten Taͤnzer, dem Baron S⸗*r. Fraͤulein Stael und Graf B* ſtanden uns vis à vis. Rocca ſtand hin⸗ ter ihr und ſorgte fuͤr ihre Toilette; ſie ſelbſt figurirte muthwillig und ungenirt, wie ſie bei Allem war, mit einem ungeheuer großen Hals⸗ 179 bande von Gold oder Bernſtein, welches ſie faſt bei jeder Figur ſpielend in den Mund nahm. Von dieſer Quadrille an datiren ſich unſere gewoͤhnlichen ſechs Touren. Vorher hatten wir deren neun gehabt; aber Fraͤulein Stael hatte geaͤußert, es muͤſſe„en horreur“ ſein, auf dieſe Weiſe„un siecle“ mit einem und „un éternité“ mit einem andern Cavalier zu tanzen, und der artige, zuvorkommende Groß⸗ meiſter hatte ſogleich drei Touren abgeſchnitten und uns nur ſechs uͤbrig gelaſſen. Wir waren ihm jedoch dankbar dafuͤr, denn es war eine der beſten Reformen, welche damals gemacht wurden. Hat man einen langweiligen Part⸗ ner, ſo ſind ſechs Touren vollkommen genug; hat man einen intereſſanten Cavalier, ſo ſind neun Touren noch viel zu wenig; und mit un⸗ ſern gewoͤhnlichen jungen Herren ſind ſechs gerade genug. Mit wem ich die zweite Quadrille tanzte, weiß ich nicht mehr; ich war ganz damit be⸗ ſchaͤftigt, den Prinzen Oskar zu betrachten, der dicht neben mir mit Fraͤulein Stael tanzte und plauderte, und auf die lange intereſſante Un⸗ 12* 180 kerredung zu hoͤren, die Frau von Stael dicht hinter mir mit dem artigen aufmerkſamen Groß⸗ meiſter fuͤhrte, wobei mir jedoch Mdme Lenn⸗ grenns alter ſchoͤner Spruch: „„Sprich, Betty, halte nicht die Zunge!“ unwillkuͤhrlich einfiel. Die dritte Quadrille ſollte ich mit Baron Edward H tanzen. Er ſtand bereits neben mir und ich fuͤhlte mich ſehr unbehaglich bei ſeinem ernſten Schweigen, bei meiner Ahnung, ahe nzufrieden mit mir ſei, und bei dem Rufe einer innern Stimme, daß er eigentlich ein Recht dazu haͤtte. Ich muß daher zu meiner Beſchaͤmung be⸗ kennen, daß ich— als der Rittmeiſter von T*r, einer der Cavaliere des Erbprinzen, ha⸗ ſtig vor uns trat, Edward wegen ſeiner ge⸗ taͤuſchten Hoffnung eine kurze und ein wenig ſatyriſche Beileidsbezeugung machte und darauf kurz und gut erklaͤrte, daß Seine Koͤnigl. Ho⸗ heit dieſe Quadrille mit dem gnaͤdigen Fraͤulein zu tanzen wuͤnſchten— daß ich da(ſieh nicht ſo boͤſe, liebe Großmutter) außer aller andern Freude auch die fuͤhlte, dem Danz mit dem 181 guten Edward und ſeinen ſtumm⸗anklagenden Blicken zu entſchluͤpfen. Nun war ich im ſiebenten Himmel! Gott weiß es, was ich Seiner Koͤnigl Hoheit auf Ihre kurzen artigen Fragen an mich antwortete; aber etwas Sinn⸗ reiches mag es wohl ſchwerlich geweſen ſein, denn ich war mit einem Male ſo heiter und von meinem unvermutheten Gluͤck ſo geblendet geworden, daß ich Melida's treffliche Worte und Vorſtellungen voͤllig vergeſſen hatte. Nach dem Schluſſe dieſer Quadrille er⸗ ſtaunte ich nicht wenig, als die Oberſtin Pau⸗ line, die faſt nie mit mir zu ſprechen, ſondern mich nur mit kalten, gleichguͤltigen, moquanten Blicken anzuſehen pflegte, auf mich zu kam, mich unterm Arme faßte und mich fragte, ob ich ſie nicht ins Toilettenzimmer begleiten wollte. Erfreut daruͤber, daß ich ihr zeigen konnte, wie gern ich ihr gefaͤllig zu ſein wuͤnſchte, folgte ich ihr ohne Einwendung.. Als wir im Toilettenzimmer, welches eben voͤllig leer ſtand, angekommen waren, warf ſie ſich auf ein kleines Sopha, das recht gut Raum fuͤr uns Beide hatte, das ſie aber ganz allein 182² einnahm. Mich ließ ſie vor ſich ſtehen und un⸗ terwarf mich folgendem Verhoͤr, nachdem ſie mir zuvor geſagt hatte, ſie waͤre ſo ermuͤdet, das ſie den naͤchſten Tanz ausſetzen wollte; ich koͤnnte ja daſſelbe thun und meinem Cavalier, wenn er mich daruͤber zur Rede ſtellen ſollte, die Antwort geben, daß ich mir ein Schuhband oder dergleichen feſtgebunden haͤtte. Ich wagte keinen Einwand gegen dieſe kleine Luͤge zu ma⸗ chen, die eigentlich eine doppelte Unwahrheit enthielt, denn ich haͤtte gar zu gern mit dem eleganten athletiſchen Artilleriecapitain von A⸗s, mit dem ich fuͤr den naͤchſten Tanz engagirt war, getanzt. Aber ich opferte Beides, ſowohl den Tanz, als die Wahrheitsliebe, damit der Son⸗ nenſchein von Gunſt, den mir Pauline fuͤr den Augenblick zuzuwenden ſchien, nicht ſogleich wie⸗ der verſchwinden und dunkel werden ſollte. „Nennen wir uns Du, oder nicht, Ottilie?“ — begann ſie. —„Das wird meine gnaͤdige Frau Oberſtin am beſten wiſſen!“— erwiederte ich. „Ich erinnere mich nicht daran, ich habe 183 wirklich noch nie daran gedacht. Nun, liebes Maͤdchen, ſind wir Schweſtern oder nicht?“— „Ja, in Chriſto, wie ich hoffe; außerdem nicht!“— „Es iſt gut! Ich glaubte, Du wuͤrdeſt es beſſer wiſſen, als ich; und damit wir nun die Worte ſparen, ſo kannſt Du ja von nun an „meine gnaͤdige Frau Oberſtin“ weglaſſen.“— „Ich danke unterthaͤnig! Du biſt zu gut— „Nein, das bin ich keineswegs. Im Ge⸗ gentheil!— Aber davon ein andermal.— Wie gefaͤllt Dir's heute Abend?“— „Himmliſch!“— „So!— Woher kommt daͤs wohl?— Vielleicht daher, weil nun Dein Wunſch, die Frau von Stael zu ſehen, befriedigt worden iſt?“—(Sie lachte bei dieſen Worten iro⸗ niſch.) Verlegen mit einer Schaͤrpe ſpielend erwie⸗ derte ich: „O nein, nicht blos deswegen! Aber gleich⸗ wohl hat dieß auch einen Reiz fuͤr mich!“— „Vielleicht weil Du mit dem Prinzen getanzt haſt?“— 184 „Nein, deshalb einzig und allein auch nicht, obwohl es mich ſehr gefreut hat.“— „Nun, weshalb denn ſonſt?— „Das Ganze, Alles, amuſirt und entzuͤckt mich!“— „So!— Unendlich ſchmeichelhaft fuͤr das Ganze, von dem auch ich ein kleines, untheil⸗ bares Atom bin. Wie gefaͤllt Dir Fraͤulein Stael?— „Sehr! Sie ſieht ſehr huͤbſch!— Muth⸗ willig, aber natuͤrlich, witzig und unterhal⸗ tend!“— 3 „Das kann ich nicht finden und der Kron⸗ prinz von Preußen hat es noch weniger gefun⸗ den. Weißt Du, was ſie ihm ſagte, als ſie ihn mehrere Male angeredet und er immer blos oui oder non geantwortet hatte?“— „Nein!— 3 „Sie gab ihm einen wohlverdienten leichten Schlag auf die Wange mit dem Ausrufe:„Pe- tit marveux, qui ne sait pas seulement par- ler Français! „Ach, das iſt wohl nur eine Fabel?“ „Point du tout! Ich habe es von Mehre⸗ 185 ren erzaͤhlen hoͤren. Weißt Du, was ſie heute Abend zum Baron Er** geſagt hat?“— „Woher ſollte ich das wiſſen?“— Sie hat ihm offen erklaͤrt, daß ſie, wenn ſie hier in Schweden tanze es nur en imagi⸗ nation thue, und daß unſere feinſten Cavalie⸗ re fuͤr ſie keinen andern Werth haͤtten, als te ou tel an Petersburg zu erinnern, daß ſie aber Keinen hier gefunden haͤtte, der ſie an Mai⸗ ſonsfort erinnerte.“— „Das arme Maͤdchen!— Und dieſe unvor⸗ ſichtige kindiſche Aeußerung hat ſich ſchon ſo ſchnell verbreitet?“— „Ja, es iſt eine boͤſe Welt, in der wir le⸗ ben!(lachend) Soll ich Dit aber die Wahrheit geſtehen, ſo denke ich eben ſo, wie ſie. Thuſt Du es nicht auch?“— „O nein, gewiß nicht!“— *„So! Und wo haſt Du dann Dein Mai⸗ ſonsfort, wenn man fragen darf?“— Ich wurde blutroth bis in die aͤußerſten Spitzen der Finger, ja, ich glaube, daß ſogar die Roſen in meinem Haar und an meinem Kleide eine hoͤhere, lebendigere Farbe erhielten, 186 denn Pauline blickte mich bei ihrer Frage ſcharf an und fuhr ſogleich darauf fort: „Das iſt ja eine herrliche Roͤthe! Ganz wie ich mir die Ottomanniſche Pforte vorſtelle, ſeit⸗ dem der Lieutenant L** dieſelbe auf erhaltne Ordre mit Bretern beſchlagen und roth ange⸗ ſtrichen hat.“— Ich brach in ein herzliches Gelaͤchter uͤber die ſonderbare Ordre des Lieutenant L** aus und freute mich, von der Frage Paulinens ſo gu⸗ ten Kaufs loszukommen. Allein Pauline ließ mich nicht ſo leicht entkommen. „Warum erroͤtheſt Du denn ſo ungebuͤhr⸗ lich?“— fragte ſie. „Liebe Pauline, ich weiß es wahrlich nicht! — Aber quaͤle mich nun nicht laͤnger!“— ſetzte ich hinzu und ſchlang die Arme um ihren Hals, theils weil ſie ſo huͤbſch und einnehmend aus⸗ ſah, theils um meine Verwirrung zu verber⸗ gen. „„Ich bin ein alter Dieb, beluchſe mich nicht!““— ſagte der alte Bourdonnier,„und Du beluchſeſt mich ebenfalls nicht, meine Schoͤ⸗ ne!“— erwiederte ſie, ſetzte ſich auf und lach⸗ te herzlich, indem ſie weiter ſprach: „Nun wollen wir hinausgehen und unſere Cavaliere wieder begluͤcken; vergiß jedoch das Schuhband nicht, denn die zu hintergehen, die uns zuerſt hintergehen, das iſt keine Suͤnde, ſondern eine wahre Tugend; und Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ſie Dich alle taͤu⸗ ſchen, Alle ohne Ausnahme, auch—— ja wer nun?— Noöͤchteſt Du den Namen gern hoͤren?— Du ſtehſt mit offnem Munde da, um deſto beſſer zu hoͤren; aber ich kann ſchwei⸗ gen, wie ein Fiſch!— Nun komm, ma bel⸗ lele— Bei dieſen Worten oͤffnete ſie die Thuͤr und machte Miene hinauszugehen. Als ich jedoch in der Zerſtreuung und in der Verwirrung, in die mich ihre Aeußerungen verſetzt hatten, zuerſt zur Thuͤr hinausgehen wollte, hielt ſie mich am Arme zuruͤck und ſprach: „Biſt Du verkehrt, petite morveuse! Denkſt Du denn ſo ausſchließlich an——— ich weiß wohl, an wen—— daß Du vor mir herlau⸗ fen willſt, vor einer Madame la Colonel- 188 le, wie mich der alte Graf F** heute nann⸗ te?“— „Vergieb mir, meine ſuͤße, gute Pauline!“ — bat ich aufrichtigen Herzens und ohne den mindeſten Verdruß uͤber alle die Stichelworte, die ſie auf mich hatte hageln laſſen,— denn ſie waren alle in einem ſcherzhaften, heitern Tone geſagt worden, in welchem ich einen ho⸗ hen Grad von Guͤte und Zuneigung fuͤr mich verborgen glaubte. Ich kurzſichtige Thoͤrin! Mit der Beſchreibung des uͤbrigen Theils vom Balle verſchone ich Dich. Was ich Dir aber geſtehen muß, iſt das:— daß ich noch einmal ſo eitel, zweimal ſo muthig in Gefahren, dreimal ſo ſchlau und klug und tauſendmal ſo gluͤcklich den Ball verließ, als ich ihn betreten hatte. Otto hatte nur wenig mit mir geſpro⸗ chen; aber deſto mehr hatten wir Blicke gewech⸗ ſelt, ſo oft dieß unbemerkt hatte geſchehen koͤn⸗ nen. Er hatte jetzt einen ganz andern Aus⸗ druck, als fruͤher. Er war bei weitem nicht mehr ſo froͤhlich und ſorgenlos, wie vordem; eine wehmuͤthige, duͤſtere Wolke ſchwebte dann und wann auf ſeiner Stirn, und in ſeinem 189 Blick lag bisweilen etwas ſo Leidendes und Bekuͤmmertes, daß es bis ins Innerſte meines warmen Herzens drang. Du darfſt aber nicht etwa glauben, daß durch dieſen Ausdruck meine Liebe zu ihm vermindert wurde. Wen man ſo unendlich liebt, den will man tauſendmal lieber leidend vor Liebe, als die Liebe uͤber der Freude vergeſſen ſehen. O, was iſt doch die Liebe fuͤr ein feindſeliges Gefuͤhl! Es iſt kaum verzeih⸗ lich, ſeinem Feind ein Leiden zu wuͤnſchen, noch weniger aber dem, den man liebt. Und doch iſt es ſo! Otto's Wehmuth war eine neue Quelle von Seligkeit fuͤr mich. Als wir hinunter zu unſerm Wagen gingen, kam uns Otto eilig hinterher und fragte, ob er mit uns fahren duͤrfte. Wir ſaßen auf dem Vorderſitze neben einander, aber wir wechſelten kein einziges Wort, denn die Tante fing nun an, ſich uͤber Otto's Ankunft zu freuen und der Onkel ſprach von meinem Triumph, wie er dieſen ganzen Abend zu nennen beliebte. Doch Otto's Hand, welche die meinige heimlich und unbemerkt druͤckte, gab Allem, was er nur im Allgemeinen zu ſagen ſchien, fuͤr mich eine ſehr 190 gewichtige Beziehung. Aber nun, liebe Groß⸗ mutter, ſollſt Du auch erfahren, wie ſehr das Leben in der großen Welt und die Kenntniß von den Anforderungen derſelben bereits auf Deine Ottilie gewirkt hatten. Als wir aus dem Wa⸗ gen ſtiegen, war ich die letzte unter den Aus⸗ ſteigenden und Otto benutzte dieſe Gelegenheit, um mir ſchnell und unbemerkt zuzufluͤſtern: „Verſchließe Deine Thuͤr heute Abend nicht!“ — Aber eben ſo ſchnell und entſchloſſen erwie⸗ derte ich;—„Nein, ich werde ſie gerade heu⸗ te verſchließen!“— ſagte darauf Allen gute Nacht, eilte die Treppen hinauf, lief in mein Zimmer, verſchloß die Thuͤr deſſelben und ſchob ſogar den Riegel noch vor. Ich hatte dieſe Bitte Otto's beinahe erwartet und vor einigen Monaten wuͤrde ich wahrſcheinlich daruͤber er⸗ roͤthet ſein, aber dazu geſchwiegen und— die Thuͤr offen gelaſſen haben. Otto wohnte in demſelben Stock mit mir. Als er ein wenig ſpaͤter bei meinem Zimmer voruͤber ging, rief er:„Gute Nacht, Du En⸗ gel!“—„Gute Nacht, Otto!“— antwortete ich und legte die Hand an den Schluͤſſel, blieb 191 eine Secunde unſchluͤſſig ſtehen, zog ſie aber haſtig zuruͤck, um nicht in Verſuchung gefuͤhrt zu werden. Otto ſchien dieß zu ahnen, denn er blieb eine Minute an meiner Thuͤr ſtehen; dann aber ſprach er:„Du biſt ein Engel!“— und ging ſtill in ſein Zimmer. Noch nie habe ich dem Allvater mit ſo feu⸗ riger Andacht ein Dankopfer gebracht, als an dieſem Abend im Vollmaaße der Seligkeit, die ich uͤber Otto's Liebe fuͤhlte. Den Ball, meine Aufnahme daſelbſt, meine zahlreichen eiteln Tri⸗ umphe— Alles, Alles vergaß ich uͤber dem einzigen Gedanken an Otto's Liebe. Auch an Dich, gute, wuͤrdige Großmutter, hatte ich nun Zeit und Ruhe zu denken. Ich malte mir den Tag, wo ich und er, knieend vor Dir, Deinen Segen aus Deinen zaͤrtlichen Haͤnden empfan⸗ gen ſollten. Ich weinte vor reiner Freude und laͤchelnder Hoffnung. Wohl ſtoͤrten mich zuwei⸗ len die Toͤne der Tanzmuſik, die noch in meinen Ohren brauſ'ten, wohl ſchwebte noch dieſes oder jenes Bild des verfloſſenen Abends an meiner Phantaſie voruͤber, Melida's ernſte und bedenk⸗ liche Worte, Edwards vorwerfende Blicke, Pau⸗ 192 linens ſcherzhaftes, beunruhigendes Benehmen, Emiliens neidiſcher Verdruß, Frau von Stael mit dem„Geniebuͤndel,“ der junge Baron in ſeinem kriegeriſchen Schmucke u. ſ. w.; aber dennoch ſchlief ich begluͤckt ein und wachte eben ſo begluͤckt wieder auf. Otto ließ ſich den ganzen Vormittag hin⸗ durch nicht ſehen. Die Tante war ungewoͤhn⸗ lich geſund, heiter und gnaͤdig. Theilweiſe hielt ich mein gluͤckliches Debuͤt fuͤr die Urſache davon; allein wahrſcheinlich war es etwas ganz Anderes. Zu Mittage kam Otto, gerade als wir zu Tiſche gehen wollten. Wir dinirten an dieſem Tage nur en famille und, ſobald wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, ging der Onkel zu ſeinen gewohnten uͤberhaͤuf⸗ ten Geſchaͤften, Otto ergriff ebenfalls ſeine Muͤ⸗ tze und die Tante ging in ihr Zimmer, um ein Stuͤndchen zu ſchlafen, bevor ſie ſich zu einer Cour bei der verwittweten Koͤnigin oder bei der Prinzeſſin Sophie Albertine— ich weiß wirklich nicht mehr, bei welcher von Beiden— ankleidete. Einſam blieb ich am Pianoforte zuruͤck, ſpielte gedankenlos auf den Taſten und 193 verlor mich in Muthmaßungen uͤber Otto, der mir von Reuem ein Raͤthſel zu werden begann, denn— ſo bald wir Beide mit ſeinen Eltern allein waren— richtete er faſt nie ein Wort an mich und ſchien in Furcht zu ſein, daß ſie den unbedeutendſten, zwiſchen uns gewechſelten Blick bemerken moͤchten. So mochten ungefaͤhr ſechs bis acht Minu⸗ ten vergangen ſein, als die Thuͤr leiſe aufging und Otto leiſe, auf den Fußſpitzen ſchleichend, hereintrat, die Thuͤr geraͤuſchlos wieder ſchloß, ſich unruhig im Zimmer umſah und, als er ſich allein und ſicher wußte, auf mich zueilte und mich mit krampfhafter Heftigkeit an ſein Herz druͤckte, ungeachtet meiner(vielleicht nur ſchwa⸗ chen) Verſuche, mich ſeinen Armen zu entreißen. „O, nun habe ich Dich wieder!“— ſprach er.—„Und jetzt, nur jetzt von meinem ganzen Leben bin ich gluͤcklich!“— Ich dachte faſt daſſelbe; aber ich bat Ot⸗ to'n flehentlich, ruhig zu ſein und ſich nicht ſo heftig, nicht ſo ſtuͤrmiſch zu benehmen. Er gab ſich Muͤhe, meine Bitte zu erfuͤllen, und wir fetzten uns vertraulich in eine Fenſternieſche, J. 13 194 jedoch ſo, daß, wenn wir die leiſeſte Bewegung aus dem, vier Zimmer weiter liegenden Schlaf⸗ kabinet der Tante hoͤrten, Otto ſogleich durch die nahe Thuͤr retiriren konnte. Ich ging in dieſen kleinen Plan ein, obgleich ich nicht recht einſah, was eigentlich fuͤr Boͤſes darin laͤge, wenn die Tante herein kaͤme und uns zuſammen im Salon ſitzen ſaͤhe. Doch aͤußerte ich dieſen Einwand nicht, ſondern befolgte Otto's Wunſch, ohne nach dem Grund deſſelben zu fragen. O, wie gluͤcklich waren wir nun, liebe Groß⸗ mutter! In unſerm Geſchwaͤtz fand ſich zwar weder Sinn noch Verſtand, aber eine reine vol⸗ le Seligkeit. Er fragte mich viel uͤber die Zeit, die indeſſen vergangen war, verſicherte mir, daß ich waͤhrend derſelben doppelt ſchoͤn und ſuͤß geworden ſei und forſchte mich wiederholt und immer wieder aus, ob ich ihm auch wahr⸗ haft treu geblieben ſei, oder ob etwa Edward H**, oder der Kammerjunker von P**, oder ſonſt Jemand ſich in mein Herz eingeſchlichen und deſſen ſchnellern Schlag bewirkt haͤtten. „O, Otto, wie kannſt Du daran denken!“ erwiederte ich.„An Dich— und nur an Dich — 195 habe ich in jeder Minute Deiner langen, oͤden, ewigen Abweſenheit gedacht. Ich kann, ich wer⸗ de niemals einen andern Mann lieben, als Dich, aber Dich liebe ich grenzenlos und fuͤr die Ewigkeit.— Warum fragſt Du mich ſo?— O, mein Otto, mißtraue mir nicht ſo kraͤnkend! Denke, wie verletzend fuͤr Dich, wenn ich Dir ſolche Fragen vorlegte, obwohl mir das Gerede der Leute wohl Veranlaſſung dazu geben koͤnn⸗ te! Nein, ich vertraue Dir, denn ich weiß, wie ich ſelbſt liebe!“— Er ſeufzte tief und ſtieß meine liebkoſenden Haͤnde heftig von ſich. Liebſt Du mich auch wirklich ſo ſehr?“— fragte er.—„Wuͤrdeſt Du mich nicht einem Andern, einem Reicheren, Schoͤneren, Beſſeren aufopfern?“— „Ach Otto!— Wo iſt wohl ein ſolcher? — Fuͤr mich nirgends in der Welt!“— „Aber, wenn ich arm, ohne Namen, zu der niedern Volksklaſſe gehoͤrig, von Deines Glei⸗ chen verachtet waͤre, was wuͤrdeſt Du dann thun?“— 13*¾ 196 „Ich wuͤrde Dich lieben und Dir folgen, wohin Du nur wollteſt.“— „Aber wenn ein Anderer, reich und mit al⸗ len Vorzuͤgen der Welt geſchmuͤckt, zu Deinen Fuͤßen laͤge?“— „Ich wuͤrde ihn bedauern und ihn liegen laſſen!“— „Aber wenn Du Dich unbedachtſam einem Andern verlobt haͤtteſt, ehe Du mich liebteſt?— „Pfui, Otto, wie kannſt Du Dir nur ſo etwas Abſcheuliches denken?“— „Gott im Himmel!“ rief er und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn.—„Man iſt doch zuweilen mehr Tiger als Menſch!“— Indem glaubten wir eine Bewegung vom Nebenzimmer her zu hoͤren. Otto eilte hinaus 1 und ich blieb allein. Daß er mich liebte, das ſah ih das fuͤhlte ich, das athmete ich mit der Luft ein. Mehr wuͤnſchte ich nicht. Seine Liebe ſah ich als Buͤrgſchaft fuͤr das Gluͤck meines ganzen Lebens an, daher wurde durch ſolche Aeußerungen Ot⸗ to's, die auf einen ſchweren, inneren Kampf deuteten, mein ſchlummerndes Mißtrauen keines⸗ 197 wegs erweckt. Ich glaubte, daß dieſelbe von ungleicher Laune, Spielverluſt und dergleichen herruͤhrten, und bot alles Moͤgliche auf, um ihn zu beruhigen und zu erheitern.— Mehrere Wochen verſtrichen auf dieſe Weiſe. Otto bat mich oft, aber ſtets vergebens, um Zutritt in mein Zimmer; dagegen trafen wir uns deſto oͤfter, wiewohl ſtets nur auf kurze Augenblicke, unten im Salon. Dann fuͤhlten wir uns ſo uͤbergluͤcklich, daß wir nur ſelten Zeit gewannen, uͤber irgend Etwas zu ſprechen oder zu uͤberlegen. Außer dieſen Stunden wa⸗ ren wir wie wildfremde Menſchen gegen einan⸗ der. Die Tante ſchien uns zwar nicht ſehr zu huͤten; aber Otto war entſetzlich vorſichtig, daß wir uns nicht gegen ſie verriethen. Das Letztere galt auch vom Onkel. In unſern gewoͤhnlichen Zirkeln hatte ich nun niemals Ruhe vor allen den jungen Maͤn⸗ nern, die mich mit tauſend Fragen und tauſend Poſſen unaufhoͤrlich beſtuͤrmten. Man ſchien von nun an die Huldigungen zwiſchen mir und Pau⸗ linen zu theilen; aber Letztere hielt ſich in der Geſellſchaft ſtets von mir entfernt und, wenn 198 Otto einmal aus ihrer Umgebung entwich, ſo wußte ſie ihn auf irgend eine feine Manier ſtets wieder dahin zu locken, und ließ ihn nie ganz aus ihrem Geſichtskreiſe. Gegen mich war ſie bald ſpitz und kalt, bald griff ſie mich mit iro⸗ niſchem Scherz an; zuweilen hingegen war ſie unwiderſtehlich einnehmend und anziehend. Mit Meliden ſtand ich auch auf einem ſonderbaren Fuße. Je weniger ich mit ihr zuſammen kam, deſto zuruͤckhaltender und ſtiller ward ſie gegen mich. Emilie blieb ſich beſtaͤndig gleich und das iſt— Gott weiß es— kein Lob. Fraͤulein Nanna ſah man nur ſelten. Pauline behauptete, daß ſie auf einem Haufen poetiſcher Eyer ſaͤße, welche bis zu Weihnachten ausgebruͤtet werden ſollten. Des Magiſters unertraͤgliche Courtoiſie (bei der wir uns jetzt langweilten) hatte ich mir ganz ernſthaft verbeten, indem ich ihm erklaͤrte, daß ich mich ſonſt bei Tante und Onkel daruͤber beſchweren wuͤrde. Ich ſelbſt fuͤhlte mich heiter und gluͤcklich, mit Allem, was geſchah, zufrie⸗ den, daran gewoͤhnt, mich fremd gegen Otto zu ſtellen, und deshalb weder verwirrt noch ſchmerzlich beruͤhrt daruͤber. Außerdem erſetzten 199 uns die fluͤchtigen. Stunden, welche uns die hol⸗ de Freia zuweilen vergoͤnnte, tauſendfach den Zwang, der ein neuer Sporn fuͤr unſere heiße, lebendige Liebe war. Zuweilen glaubte ich wohl, daß es der Gipfel des Gluͤcks ſein muͤſſe, wenn ich Abends in der Stille und Einſamkeit meines Stuͤbchens mein Herz und meine Gedanken vor Otto ſchriftlich ergießen koͤnnte; da er aber ſelbſt dieſen Ausweg, ſich mitzutheilen, nie benutzte, ſondern dieß blos durch Zeichen und Blicke that, ſo war nie die Rede davon. Im Uebrigen hatte ich mir meine laͤndlichen— und, wie Emilie zu ſagen beliebte, rohen— Manieren voͤllig⸗ abgewoͤhnt und abgefeilt und mich in unſern groͤßeren und kleineren Zirkeln recht heimiſch gemacht. Nun bleibt mir nur noch uͤbrig, einige Worte uͤber Edward H** zu ſagen, damit ich Dir, liebe Großmutter, von Allem treue Re⸗ chenſchaft gebe; aber ich habe dieß bis zuletzt gelaſſen, weil es waͤhrend dieſer Zeit der einzi⸗ ge dunkle Punkt an meinem hellen Himmel war. Er war ſtill und meiſtentheils zuruͤckhaltend, dabei aber ſanft und freundlich. Wenn ſich die 200 Menge um mich ſammelte und ich— muth⸗ willig und heiter— nach rechts und links hin ſcherzte, dann entfernte er ſich ſiets und oft bemerkte ich dann ſeine duͤſtern Blicke von ei⸗ ner dunkeln Ecke aus unverwanndt auf mich geheftet. Otto's Stirn verfinſterte ſich ſtets, ſobald ſich Edward mir naͤherte, und faſt nie ſah man dieſe beiden jungen Maͤnner in ande⸗ re Beruͤhrung kommen, als in Dispuͤte, wo dann der beißende Witz des Einen oft den des Andern uͤbertraf, bis einer von ihnen fand, daß ein wenig mehr die Grenzen uͤberſtei⸗ gen wuͤrde, die man im geſellſchaftlichen Leben ſo ſcharf und beſtimmt zwiſchen dem Schickli⸗ chen und Unſchicklichen gezogen hat, und deren geringſtes Ueberſchreiten weit ſchaͤrfer, als ein wirkliches Laſter, beurtheilt wird. Zwiſchen Meliden und Edward Her wurden zuweilen ſchnelle Blicke und ſtumme Worte gewechſelt, deren Bedeutung ich nie entraͤthſeln konnte, und uͤber die ich oft in meiner jugendlichen ausge⸗ laſſenen Freude nachzuſinnen vergaß. Du wirſt Dich wohl noch meiner Briefe aus dieſer Zeit erinnern, liebe Großmutter! 201 Wie heiter, ſcherzhaft, voll von Lebensluſt und taͤndeln in Jugendfreude waren ſie! Spaͤter that ich mir zwar die groͤßte Gewalt an, den⸗ ſelben Ton in meinen Briefen beizubehalten; aus Deinen Antworten ſah ich aber recht wohl, daß es mir mißgluͤckt war. Ich moͤchte an dieſer gluͤcklichen Jubelzeit meines Lebens nicht gern ſo ſchnell voruͤberge⸗ hen, ſondern mich bei dieſen lieben, freundli⸗ chen Tagen ſo lange aufhalten, als ich kann; denn in der großen Wuͤſte meiner Erinnerung glaͤnzen ſie wie eine Oaſe und an meinem Le⸗ benshimmel wie die einzige Sonne, die mir ſeit den ſeligen Tagen meiner Kindheit aufgegan⸗ gen iſt. Unter die groͤßten Merkwuͤrdigkeiten waͤhrend dieſer Zeit gehoͤrte fuͤr mich der erſten Beſuch des Schauſpiels, das meine Sinne ganz be⸗ zauberte. Zu Aller Erſtaunen hatte ich meinen Vorſatz, dieſes Vergnuͤgen nicht eher, als bis nach Otto's Zuruͤckkunft, zu genießen, treu gehalten. Ich hatte verſchiedene Gruͤnde da⸗ fuͤr angeben muͤſſen und oft Tadel deshalb er⸗ litten, aber dieſes kleine Opfer wurde mir reich⸗ 202 lich erſetzt, denn kurz darauf kam eine franzoͤ⸗ ſiſche Schauſpielergeſellſchaft, mit der großen tragiſchen Actrige Mlle George an der Spitze, nach Stockholm, und Phedre von Ragine war das erſte Stuͤck, das ich ſah. Aber,— Gott beſſere meinen Geſchmack— ich zog unſere ſchwediſchen Opern:„Aſchenbroͤdel,“„die Zau⸗ berfloͤte,“„Montenero,“„Aline“ und mehrere andere dieſen hochtrabenden Phraſen, eingezwaͤngt in den ſteifen Schnuͤrleib der Alexandriner, und mit jenem hohen Pathos vorgetragen, der ent⸗ weder mein Lachen erweckte oder mich in Schlum⸗ mer wiegte, bedeutend vor. Mlle George war allerdings ſehr huͤbſch oder vielmehr ſchoͤn, denn ſo mußte man ihre koloſſale Regelmaͤßigkeit nennen; aber auf mich oder auf mein Herz machte ſte nicht den mindeſten Eindruck und mehr als einmal ſagte mir die Tante Maligen uͤber meinen verkehrten Geſchmack und uͤber meinen Mangel an Sinn fuͤr die ſchoͤne Kunſt, wenn ich aufrichtig bekannte, daß mich„die Fiſcher,“ „Johanna von Montfaucon,“„die Kreuzfahrer“. und andere Kotzebue ſche Stuͤcke tauſendmal mehr amufirten. Tante Aline und Tante Pauline 203 trockneten ſich unaufhoͤrlich die Augen und ſchnaubten einmal uͤber das andere in ihre Bat⸗ tiſttaſchentuͤcher uͤber„la Mort de Cesar,“ „Oedippe,“„Semiramis,“„Andromaque“ und die uͤbrigen großen Darſtellungen. Ich aber kann mich nie entſinnen, daß ſie irgend ein Ge⸗ fuͤhl bei mir erregten, außer der ruͤhrende Aus⸗ ruf Orosmans:„Zaire, vous pleurez!“Ü— Denn da war„la belle George“(wie ſie von Napoleon immer genannt wurde) meiſterhaft. Aber auch dieſer Eindruck wurde durch Oros⸗ mans unbedeutende Figur und ſehr mittelmaͤßi⸗ ges Talent ſehr geſchwaͤcht; und im Allgemeinen gehoͤrten wirklich Tante Alines und Paulines zarte Herzen, ſchwache Nerven und lebhafte Phantaſieen dazu, um dieſen langweiligen Stuͤ⸗ cken Thraͤnen zu widmen. Mlle George hatte eine juͤngere Schweſter, die ſehr huͤbſch und ſehr ſchalkhaft war; und die kleinen, heitern, aͤcht franzoͤſiſchen, naiven Nachſpiele, in denen ſie gewoͤhnlich als Prima⸗ donna auftrat, waren das Ergoͤtzlichſte am gan⸗ zen Abend. Ich erwaͤhne jedoch nichts von dem Ne envergnuͤgen, welches ich genoß, wenn Ot⸗ 4 294 ko ſich unter den Herren befand, die unſere Abonnementloge beſuchten;— und dieß war ſtets der Fall, wenn er nicht Wachdienſt oder eine wichtige Abhaltung anderer Art hatte. Einmal in„Catherine ou la belle fermie- r⁴³ zeigte„la belle George“ ihr„beau talent“ auch in einer komiſchen oder laͤcherlich patheti⸗ ſchen Rolle. Man erzaͤhlte eine Menge ergoͤtz⸗ liche Anekdoten uͤber dieſe franzoͤſiſche Schau⸗ ſpielergeſellſchaft, die, wie alle uͤbrigen, Stoff zum Vergnuͤgen wie zum Spott darbot. Ich erinnere mich nicht mehr aller derſelben, die in unſern Geſellſchaften circulirten; nur eine ein⸗ zige faͤllt mir ein. Mlle George hatte naͤmlich geaͤußert, daß ſie unter andern Dingen, die ihr abſcheulich und ſchrecklich in Schweden waͤren, auch eine ſchwediſche Kammerfrau habe, welche zu Allem, was ihr Mlle George ſagte, nichts erwiederte, als: Ah, c'est affreux!— Ah, c'est affreux,— weiter aber kein Wort Franzoͤſiſch verſtaͤnde. Man hatte Mlle George geantwortet, daß dieß unmoͤglich, unerhoͤrt, oder jedenfalls ein Mißverſtaͤndniß ſei; endlich war man auf die Entdeckung gekommen, 205 daß die Kammerfrau auf gewoͤhnliche Stock⸗ holmer Manier ihrer Herrin:„Ja, ſuͤße Frau!“—„Ja, ſuͤße Frau!“ geantwortet hatte, daß dieſe Antwort aber den Ohren der Auslaͤnderin ganz anders geklungen hatte. Wie oft waͤhrend dieſer Zeit, wo man wett⸗ eiferte, ſein Entzuͤcken uͤber dieſe alten, regel⸗ rechten, franzoͤſiſchen Tragoͤdien mit ihren drei Einheiten und ihren unzaͤhligen Ungereimt⸗ heiten und Laͤcherlichkeiten zu zeigen, wie oft dankte ich nicht dem guten Edward H*, der mir die Augen fuͤr den lebendigen, ſeelenvollen, zum Herzen dringenden Geiſt der neuern Poeſie geoͤffnet hatte. Und als er mir eines Tages das neu erſchienene Axel und Walburg zum Leſen gab, da zog ich ſchweigend, aber fuͤr im⸗ mer, meine Hand von der franzoͤſiſchen Mel⸗ pomene im Fiſchbeinrock und mit gepudertem Haar ab und widmete meine ungetheilte Huldi⸗ gung der wahren und natuͤrlichen Muſe Schil⸗ lers, Goͤthes, Oehlenſchlaͤgers und anderer neue⸗ rer Tragiker. Aber ich ſchwieg daruͤber, wie ein gutes Kind, opponirte dem Enthuſiasmus An⸗ derer nie und beſuchte oft und gern die kleinen „ declamatoriſchen Vorſtellungen, wo eine, zwei oder mehrere Perſonen einzelne Scenen aus Boltaire's, Ragine's und Corneille's Meiſter⸗ werken vortrugen. Da ich oft Ruhm und Eh⸗ re uͤber meine Geſchicklichkeit in dieſer Kunſt einerntete, und auch Otto große Anlage zum tragiſchen Mimen zeigte, ſo hatten wir nun oft Gelegenheit, uns unſere heiße Liebe in lang⸗ ſchleppenden Alexandrinern vor ſehr aufmerkſa⸗ men Zuhoͤrern zu erklaͤren, und dann gehoͤrte wirklich mehr Kunſt dazu, natuͤrlich zu ſpielen, als Geiſt und Leben waͤhrend der Actien zu er⸗ halten. Wir erndeten ſtets den ungetheilten Beifall der Zuhoͤrer uͤber unſer„großes Ta⸗ lent;“ aber drei Geſichter verfinſterten ſich oft waͤhrend dieſer tragiſchen Vorſtellungen. Das eine war das Melida's. Sie blickte mich dann allemal ſo bekuͤmmert und mitleidig an, daß ich mich von unwillkuͤhrlichem Schmerz durchzuckt fuͤhlte; aber in meiner Freude hielt dieß ſelten laͤnger als einige Minuten an und ich begann endlich dieſen Blicken Melida's auszuweichen, ſo weit es moͤglich war. Das andere war das Ed⸗ ward Hs. Mit truͤbem, finſterm Blick ſah er auf* —— 207 uns und oft nahm er unbemerkt und ſchweigend ſeinen Hut und ſchlich ſich fort. Dann war mir s, als ob ich leichter athmete und beſſer ſpielte. Das dritte war das Paulinens, die ebenfalls ſehr gut declamirte und den allgemeinen großen Enthuſitasmus fuͤr das Alt⸗Franzoͤſiſche eifrig verfocht, obwohl ſie mir einmal lachend ver⸗ traute, daß ihr daſſelbe unertraͤglich und zum Sterben langweilig ſei. Sie blickte immer mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit und Moquange auf meine und Ottos deklamatoriſche Verſuche, oder ging oft waͤhrend derſelben in ein anderes Zim⸗ mer, oder erzaͤhlte Etwas, was die Zuhoͤrer zum Lachen reizte und dann ſtets ein Signal zur allgemeinen Flucht der Aufmerkſamkeit und zur Decontenancirung der Spielenden ward. Nicht ſelten geſchah es, daß ich gerade bei ei⸗ ner recht ruͤhrenden und ſenſiblen Stelle unſe⸗ rer Vorſtellung das Ganze damit ſchloß, daß ich ploͤtzlich auf Paulinen losſprang, mich ohne allen tragiſchen Pathos in ihre Arme warf und laut auflachte, denn ich war wahrlich nicht die Letzte, wenn es galt, etwas Laͤcherliches aufzu⸗ finden. Otto aͤrgerte ſich jedoch ſtets daruͤber; . 14 208 er biß ſich in die Lippen und ließ ſich gewoͤhn⸗ lich ſeinen Verdruß nicht weiter merken; einmal aber entſchluͤpfte ihm doch der leiſe Ausruf: „verdammte Eiferſucht!“— Und doch kam mir Pauline ſo eigenthuͤmlich, ihrer Sache ſo gewiß, ſo ſelbſtſtaͤndig und— wenn ſie wollte— ſo ſchoͤn und einnehmend vor, daß ich mir nie den⸗ ken konnte, es koͤnne ein Funken von Eiferſucht bei ihr aufkommen. Außerdem vermochte ich nicht zu begreifen, wie bei ihr von Eiferſucht die Rede ſein konnte, da ſie ja verheirathet war. Alle meine Anſichten waren damals noch ſo rein, daß ſich Vieles in der Welt, ja gerade vor mei⸗ nen Augen zutrug, ohne daß ich das Mindeſte davon bemerkte.— Die Tante, die ſich immer weniger um mich bekuͤmmerte und mich immer weniger hofmeiſterte, außer wenn es dann und wann dem decorum galt, ſie hatte gar nichts gegen meine und Ot⸗ to's theatraliſche Verſuche einzuwenden; ſie ani⸗ mirte uns im Gegentheil ſehr oft dazu und ließ h zuweilen von uns einzelne Scenen vortragen, bevor wir dieſelben in unſern Abendzirkeln auf⸗ fuͤhrten. Dieß war ein wahres Entzuͤcken fuͤr Er 209 mich und Otto, denn wir konnten dabei man⸗ ches verſtohlne Wort, manchen heimlichen Blick wechſeln; ſah uns aber die Tante, dann war Otto ein ganz anderer Menſch und ſchien die ganze Sache blos von der aͤſthetiſchen Seite zu betrachten und hoͤchſt kunſtmaͤßig zu behandeln. Oft war ich im Begriff, mitten unter den herz⸗ erſchuͤtterndſten tragiſchen Scenen uͤber dieſe Farce in lautes Lachen auszubrechen; aber ein halber Blick Otto's brachte mich ſtets wieder zu meiner doppelten Rolle zuruͤck. O mein Gott, wie gluͤcklich war ich doch! Da Frau von Stael eigentlich diejenige war, weiche dieſe Declamationswuth in unſern Ge⸗ ſellſchaften geweckt hatte, ſo erinnere ich mich ihrer unwillkuͤhrlich, wenn ich an dieſe Zeit zu⸗ ruͤckdenke; und da die Erinnerung ihren hei⸗ tern Schatten noch uͤber meine Erzaͤhlung wirft, ſo will ich Dir auch einen kleinen Vorfall erzaͤhlen, welcher das ganze freundſchaftliche Verhaͤltniß zwiſchen Tante Alinen und Tante Paulinen, das eine Art von Tradition zwiſchen beiden Familien war, und das fuͤr ewig und unzerreißbar galt, beinahe zerriſſen haͤtte. Die . 14* — — 210 Tanten prahlten gern damit und ließen ſich eben ſo gern Complimente daruͤber ſagen. Inſihren juͤngern Jahren waren ſie von den Onkeln und mehreren alten Herren Julie et Claire ge⸗ nannt worden; da aber Beide nur Julie ſein wollten, wenn die Rede von Witz und Naive— taͤt war, ſo ſagte ihnen dieſe Vergleichung nicht mehr zu, ſondern ſie zogen das Ungemach vor, Abbilder eines Papageyenpaars zu ſein und hoͤrten ſich gern mit dem abgedroſchnen Namen „les deux inséparablesc nennen. Aber, o weh! Von einem Haar hing es ab, daß nicht jeder der Inſeparabeln in einer andern Rich⸗ tung ſeines Wegs flog; und an dieſem großen Bruch war nicht einmal ein Mann, ſondern nur eine maͤnnliche Seele in einem unanſehnli⸗ chen weiblichen Koͤrper ſchuld. Wer denkt nicht gleich bei dieſen Worten an die weitberuͤhmte Frau von Stael? Die Sache war folgende. Der General von 3*½*, Tante Paulinens Ge⸗ mahl, ein alter, in jeder Hinſicht langweiliger Mann, war nicht voͤllig ſo reich wie Onkel E⸗⸗ und hatte außerdem auch mehrere Kinder.(Denn zwei kleine haͤßliche Jungen waren in Penſion und ka⸗ 211 men nur Sonntags nach Hauſe.) Er hatte da⸗ her keine ſo elegante Wohnung, ſondern wohn⸗ te nur zur Miethe und zwar zwei Treppen hoch und in ziemlicher Entfernung von der Koͤ⸗ niginſtraße, waͤhrend der Onkel in der belle etage ſeines eignen, großen, praͤchtigen Hauſes wohnte, die zweite Etage vermiethet hatte und die dritte zum groͤßten Theil noch fuͤr ſich ſelbſt benutzte. Eben ſo war die Equipage des Ge⸗ nerals bei weitem nicht ſo elegant, wie die des Onkels, und unſere Diner's und Souper's hat⸗ ten ſtets einen gewiſſen Glanz, den die des Ge⸗ nerals nicht immer voͤllig erreichten. Ihre Frau⸗ en waren ſo ziemlich von gleich huͤbſchem Aeu⸗ ßern; aber der General war ein alter verab⸗ ſchiedeter Militair, der mit jedem Tage mehr an Einfluß verlor, waͤhrend der Onkel dagegen noch immer im Steigen war und jedenfalls nicht weniger als ein Miniſter⸗Portefeuille im Auge hattte. Legt man hierzu noch den kleinen Umſtand in die Wagſchaalen, daß in unſerm Hauſe ein Sohn war, der zu den beliebteſten und feinſten Cavalieren der großen Welt ge⸗ hoͤrte, und ein junges Maͤdchen, die durch den 212 Reiz der Neuheit und einige natuͤrliche Vorzuͤ⸗ ge einen bei weitem groͤßeren Ruf erhalten hat⸗ te, als ſie verdiente, waͤhrend im Hauſe des Generals ſeit Paulinens Vermaͤhlung kein an⸗ derer Magnet war, als die im Allgemeinen nur wenig anziehende Emille: ſo iſt es leicht er⸗ klaͤrlich, daß wir, als Frau von Stael unter Einfuͤhrung der Graͤfin** ihre große Viſiten⸗ reihe machte, ſehr oft in unſerm Hauſe ihre Karte fanden, waͤhrend ſie im Hauſe des Ge⸗ nerals gaͤnzlich vermißt wurde. Dieß war— ich verſichere Dir— ein großer Riß in der Art von Freundſchaft, welche zwiſchen den bei⸗ den Tanten ſtatt fand und ihren Hauptgrund darin hatte, daß Beide faſt immer gleiche An⸗ ſichten uͤber andere Perſonen hatten und die⸗ ſelben faſt ſtets à Tunisson lobten, kadelten, verſpotteten und kritiſirten. Jetzt aber hatte ſich dante Aline aus Dankbarkeit und Ent⸗ zuͤcken uͤber Frau von Staels Beſuche in den Kopf geſetzt, dieſelbe mit wirklicher Leidenſchaft zu loben und zu ruͤhmen, waͤhrend die Genera⸗ lin, witzig, ſatyriſch und ſehr cauſtiſch alle die zahlreichen Anekdoten, die uͤber die beruͤhmte 213 Schriftſtellerin in Umlauf waren, eifrig aufſuchte, verbeſſerte und verbreitete. Und daß dieſe Anek⸗ doten meiſt die Schattenſeite betrafen, hatte viel⸗ leicht theilweiſe darin ſeinen Grund, daß die zahlreichen Auslaͤnder, welche ſich waͤhrend dieſes Winters in unſerm Vaterlande aufhielten, be⸗ ſtaͤndig etwas an Stockholm auszuſetzen hatten und die Bewohner von Stockholm deshalb in ihrer Kritik uͤber die Auslaͤnder ungewoͤhnlich ſatyriſch waren. Dazu kam auch noch der Um⸗ ſtand, daß das ausgelaſſene, muthwillige Fraͤu⸗ lein Stael in mir einen Reflex von ſich ſelbſt zu ſehen glaubte, ſich deshalb allemal, wo wir zu⸗ ſammentrafen, zu mir geſellte und oft und gern mit mir uͤber Alles lachte, was uns heitern, lachluſtigen Maͤdchen vor Auge und Ohr kam, waͤhrend ſie an Emilien nie ein Wort verlor, außer daß ſie mich einmal fragte, ob es pour mes péchés ſei, daß ich beſtaͤndig cette en- nugeuse Demoiselle sur mes talons haͤtte, oder bloße Coquetterie, denn par gout koͤnnte es unmoͤglich ſein. Emilie war auch in der That ganz unermuͤdlich, mir beſtaͤndig nach⸗ zufolgen und mich zu peinigen. Dennoch ant⸗ 214 wortete ich dem Fraͤulein von Stael, daß Emi⸗ lie meine Freundin waͤre, obwohl ihr Aeußeres ihrem Innern nicht entſpraͤche.„Oublions l'un et l'autree— ſprach ſie da—„et parlons de vôtre Cousin;⸗— denn Otto hatte ſehr viel Gnade bei dem heitern Maͤdchen gefunden, obwohl er, gleich vielen An⸗ dern, ihr auf dem Ball die Cour gemacht, au⸗ ßerdem aber ſie beſpoͤttelt hatte. Da Du nun dieß Alles weißt, wirſt Du Dir wohl leicht den⸗ ken koͤnnen, daß, ſo oft wir mit der Genera⸗ lin en famille waren, ſehr oft Dispute uͤber dieſen großen Gegenſtand— die Frau von Stael — zwiſchen den beiden Tanten entſtanden. Tan⸗ te Pauline machte dann ſtets tauſend zweideu⸗ tige Bemerkungen uͤber das Fraͤulein Stael; aber Tante Aline beantwortete dieſelbe bloß mit einer eignen Aeußerung der Frau von Stael uͤber ihre Tochter. Als naͤmlich die jungen Her⸗ ren Stockholms aufgebracht auf die Letztere wa⸗ ren, weil ſie geſagt haben ſollte, ſie tanze nur en imagination mit ihnen, da war Frau von Stael zu einem nach dem andern gegangen v. 215 und hatte ihre Tochter mit den Worten ent⸗ ſchuldigt:„Ah, que voule⸗ vous! C'est un enfant, o'est la fleur des champs, c'est la nature elle méme.“ Dieſen Aus⸗ ſpruch benutzte nun Tante Aline, ſo oft die Rede auf Albertine Stael kam, und antwortete oft recht beißend und bitter, wenn die Genera⸗ lin eine oder die andere laͤcherliche Anekdote uͤber die ganze Familie erzaͤhlte. So waren wir zum Beiſpiel eines Abends auf einem ſonderbaren Ball— oder„dansande conversazione,“ wie ihn ein Spottvogel nannte— bei der Fran von Stael, die in einer kleinen beengten Wohnung in der Arſenalgaſſe dem Opernhauſe gegenuͤber wohnte. Als nun Tages darauf Tante Aline Tante Paulinen mit einer kleinen vergoldeten Beſchreibung dieſer Fete regaliren wollte, ant⸗ wortete die Letztere herzlich lachend: 8 „Das haſt Du nicht noͤthig, gieb Dir keine Muͤhe. Ich begegnete heute Vormittag Mo⸗ reno und er hat mir vollkommen genug davon erzaͤhlt. Ich weiß, daß Ihr en prolil in vier Zimmern ſoupirt und in zweien getanzt 216 habt, waͤhrend die M den hat.“ m dritten geſtan⸗ Tante Aline zu kte „Außerdem weiß ich auch etwas, was Du vielleicht nicht weißt,“— fuhr Tante Pauline fort—„Das ſind naͤmlich die witzigen Repli⸗ ken, welche die Stael von der Graͤfin Ex*x und von Sergel erhalten hat.“— Hierauf ſchwieg Tante Pauline wie eine Mauer und Tante Aline mußte erſt manchen Nebenweg einſchlagen, ehe ſie die Antworten Sergels und der Graͤfin E** erfuhr. Aber die Reugierde uͤberwand Alles. Endlich, nach⸗ dem Tante Pauline ihre einzige Freundin lan⸗ ge genug gepeinigt hatte, erzaͤhlte ſie unter mancherlei ergoͤtzlichen Zuſaͤtzen, daß Frau von Stael vor einiger Zeit ſehr ſpaͤt, nach dem Ende des Theaters, zu einem Souper bei Seiner Er⸗ cellenz, bem Grafen Er*r, gekommen und meh⸗ rere Zimmer durchgegangen war, bevor ſie die . Wirthin des Hauſes fand, die in einem Cabinet am Spieltiſche ſaß.—„Ah, Madamel Vous faite la reine cllez vousle— rief ihr 217 Frau von Stael mit gereizter Lebhaftigkeit zu, als ſie ins Cabinet trat. Aber mit vieler Wuͤrde und großer Gelaſſenheit erwiederte ihr die Graͤfin E**, die ſonſt weit mehr wegen ihrer uͤbrigen guten Eigenſchaften, als wegen ihres Witzes bekannt war:„Ilsepeut, Madame, mais jamais chez autrai!“’“— Bei Sergel hin⸗ gegen war die Frau von Stael mit einem pol⸗ niſchen Prinzen(Sapieha oder ein aͤhnlicher Name) zuſammen in Geſellſchaft geweſen. Als dieſer und Frau von Stael alle die dort befind⸗ lichen alten Meiſterwerke der Kunſt beſehen hatte, ſprach Frau von Stael, indem ſie ſich niederſetzte zu dem Prinzen:„Asseyez vous, mon Pringe!“— Da nahm der alte Sergel einen dritten Stuhl und ſprach hoͤflich, aber freimuͤ⸗ thig:— OQui, mes illustres hôtes, as- seyonsnous, car, enfin, jesuis mai- tre chez moile—, „Ach, das ſind bloß Fabeln!“— erwiederte Tante Aline, ward aber hoͤchſt verdruͤßlich, als ſich Tante Pauline nun weitlaͤuftig daruͤber ausſprach, daß Frau von Stael mit ihrer Auf⸗ 218 nahme in Schweden gar nicht zufrieden ſei und die geſellſchaftlichen Zirkel, die Bildung, die Eleganz im Allgemeinen und dergleichen ihren Erwartungen von Stockholm nicht entſprechend gefunden haͤtte. Dieß bezog Tante Aline auf ſich und ward daruͤber natuͤrlich ſehr choquirt. Spaͤter brachte Tante Pauline noch eine andre Erzaͤhlung zum Vorſchein. Man haͤtte naͤmlich bei Frau von Staels Soiree keinen Biſſen Eſ⸗ ſen, ſondern nur Worte erhalten, und da haͤtte ſich dann ein witziger Jemand der alten Anek⸗ dote von Mdme Maintenon erinnert, welcher, als ſie noch Mdme Scarron geweſen war, ein Bedienter zugefluͤſtert hatte:„De gragçge Ma- dame, unehistoirel Lerôöt nousman- que!« Ein andermal aͤrgerte Tante Pauline ihre Freundin entſetzlich durch einen Witz. Wir ſoll⸗ ten naͤmlich großes Souper haben. Tante Pau⸗ line fand ſich dabei ſehr zeitig ein und waͤhrend Tante Aline ihre letzten Anordnungen im Speiſeſaal traf, nahm Tante Pauline alle die zahlreichen eleganten Naͤhſachen, die auf Tante 219 Alinen's Naͤhtiſche lagen, hinweg und legte an deren Stelle eine ungeheuer große Dute von ſtarkem Schreibepapier. Als nun die Tante dieß bemerkte und fragte, was es bedeuten ſollte, erhielt ſie von ihrer einzigen Freundin die Ant⸗ wort: „Parbleu, wie kannſt Du ſo gemein, ſo an⸗ tidiluvianiſch ſein und Naͤhtereien auf Deinem Tiſche liegen haben, da Du ſelbſt Augen⸗ und. Ohrenzeugin davon geweſen biſt, welches vor⸗ treffliche Mittel es zur Entwickelung ſchoͤner Ideen iſt, wenn man als Wirthin mit ſolch' einer Duͤte ſpielt!“— Dieß war naͤmlich eine Anſpielung auf die bekannte Gewohnheit der Frau von Stael, be⸗ ſtaͤndig mit einem cornet de papier zu ſpie⸗ len und zu manoͤvriren, welches, wie man be⸗ hauptete, Mr. Rocca expreß zu dieſem Zweck verfertigte. Mit einem Worte nun:— Haͤtte nicht Frau von Stael ſehr bald fuͤr gut befunden, auf neue Abentheuer auszuziehen, ſo waͤre ich ſehr bange daruͤber geweſen, daß ſie das Band, 220 welches ſo lange beſtanden hatte, zerriſſen ha⸗ ben wuͤrde, waͤhrend es jetzt nach der Abreiſe der großen Schriftſtellerin ſehr bald ſeine frů⸗ here Feſtigkeit wieder erhielt. Ende des erſten Theils. Querfurth: Gedruckt bei§. A. Schmid. X IPnnnnnnenſnmanmannmnh 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 5 11 5 4 1 1 5 4 5 8 8 525 * — — 4—— „