Zweiter Band. Wierte Auflage. M.* 2. S. 2— e Kin Sek 2 Snaen, enou, en, See. CARLSRUHE, im Bureau der deutschen Claſsiker. 4823. Der Miſ ſ i a. Sechster Geſang. Klopſt. Meſſias. II. B. A lte Aufl. Inhalt des ſechsten Geſangs. Inrem ſich Eloa und Gabriel, von dem Leiden des Meſ⸗ ſias am Oelberge, unterreden, koͤmmt Judas und die Schaar, Jeſum gefangen zu nehmen. Judas Gedanken bey ſeiner Annaͤherung. Der Angriff der Schaar. Nachdem ſie, auf des Meſſias Anrede, wie todt, niedergefallen, und jetzt wieder aufgeſtanden waren, kuͤßt Judas, wie er ver⸗ abredet hatte, den Meſſias, welcher ſich darauf binden laͤßt, Petrum von fernerer Gegenwehr zuruͤck haͤlt, und die Schaar anredet. Unterdeß war die Verſammlung der Prieſter voller Unruh wegen des Ausgangs. Ein Bothe koͤmmt, und erzaͤhlt, daß die Schaar vor Jeſu todt nieder⸗ gefallen ſey; ein zweyter, die Gefangennehmung des Meſ⸗ ſias, und die Furcht, in welcher die ihn fuͤhrende Schaar noch war; und ein dritter, der von dieſer Furcht nichts mehr weiß, daß ſich Jeſus ſchon dem Pallaſte nahe. Da der Meſſias gleichwohl noch nicht koͤmmt, weil er unter⸗ wegs bey Hannas aufgehalten wurde; ſo geht Philo nebſt einigen dahin, Jeſum zu Kaiphas zu bringen⸗ Johannes Gedanken, als der Meſſias zu Kaiphas gefuͤhrt wird. Der Meſſias erſcheint vor dem Synedrio. Portia, Pilatus Gemahlin, war, Jeſum zu ſehen, in des Hohenprieſters Pallaſt gekommen. Philos Anklage des Meſſias. Da je⸗ ner zuletzt dem Meſſias fluchen will, haͤlt ihn, durch ein ſchnelles Schrecken, ein Todesenget davon ab. Portia be⸗ wundert die Art, mit welcher Jeſus den Philo anhoͤrt. Nun redet Kaiphas. Unterrichtete Zeugen legen ihr Zeug⸗ niß ab. Kaiphas Wuth, daß Jeſus nichts antwortet. Der Meſſias ſagt zulezt, daß er der Sohn Gottes, und der Richter der Welt ſey. Kaiphas, die uͤbrigen, und vor allen Philo, verdammen ihn zum Tode. Die Wache be⸗ geht Grauſamkeiten an Jeſu. Gabriel und Eloa unterre⸗ den ſich daruͤber. Portia wird ſo ſehr geruͤhrt, daß ſie ſich entfernt, und ſich, in ihrer Wehmuth, zu dem erſten der Goͤtter, wendet. Petrus war hinaus gegangen. Er enrdeckt Johanni ſeine Verlaͤugnung, verlaͤßt ihn, und be⸗ weint ſeinen Fall. 464 Sechster Geſang. VI. G. V. 1— 10. W. dem ſterbenden Weiſen, indem des Todes Gefuͤhl ihm Jede Nerve beſchleicht, die feſtlichen Augenblicke Theurer werden, als Tage vordem; denn der Richter 0 gebietet Nun den letzten Gehorſam, und Tugend, welche, geboren Noch aus brechendem Herzen, ihn auf erhabnere Stufen Seiner Vollendung erhebt: er zaͤhlt die beſſern Mi⸗ nuten Tiefanbetend, und kroͤnt mit Thaten ſie, Thaten 5 der Seele, Die durch ewigen Lohn der ſchauende Richter be⸗ gnadigt. 4 Alſo wurden die Stunden des großen myſtiſchen Sabbaths Feſtlicher, ſchauervoller, und Gott ſelbſt theurer, je naͤher A 2 Der Meſſias. VI. G. V. 11— 24. Zu dem Altare das Opfer trat je mehr der Ver⸗ ſoͤhner Eilte zu bluten, und: Werde! der neuen Schoͤpfung zu rufen Laut an dem Kreuz; in die Mitternacht ſein bluten⸗ des Antlitz Dann zu neigen. Eloa, vom Werth der heiligen Stunden Hingeriſſen, ſie waren ihm mehr, als die jauchzenden Stunden Seiner fruͤhen Geburt! ſo ergriffen, huͤllt' er ſein Antlitz Gegen Gabriel auf, und ſprach zu dem goͤttlichen Freunde: Sahſt du ihn leiden? Ich bebe noch! Gabriel, ſahſt du ihn leiden? Keine Namen im Himmel, und keine Sprache der Engel Nennt mir, was ich empfand! Du haſt ihn ſelber geſehen! Und was wird er noch leiden! An jedem Augen⸗ blick hangen Ewigkeiten! Er ſchwieg. Und Gabriel ſprach: Ich vertiefte Mich Jahrtauſende ſchon, das kuͤnftige Wunder zu lernen, Dunkel es nur zu ſehn, nicht auszuforſchen; doch irrt' ich! Sechster Geſang. 5 VI. G. V. 25— 38. Laß uns ſchweigen! Es iſt rund um uns heilig! Zwar Graͤber Liegen auch um uns her: doch werden dort Engel erwachen! Schlummert in Frieden! Aber o ſieh, wer druͤben im Dunkeln Wild mit der Flamme ſich naht. Euch ſandte die Hoͤll', Empoͤrer! Welch ein niedriger Haufen! Allein der Schoͤpfer des Sandkorns Und der Sonnen, der Ewigkeit herrſcht, durch den Wurm, und den Seraph! Und ihr Fuͤhrer, ihr Fuͤhrer! Eloa... So wird er — nicht wandeln, Wenn die Poſaune den Staub aus jenen Huͤgeln hervorruft, Die vor dem Richter ihn deckten ſo froh wirſt dann du nicht wandeln, Du Verraͤther! Er ſprachs. Der Haufen nahte ſich wuͤthend, Trug die Flammen empor, und irrte mit ſuchendem Auge Durchs Labyrinth der Baͤum' und der Nacht. Ihn ſahe der Gottmenſch. Nun erhub ſich die dunkelſte Nacht, die uͤber ihn herging, 3 Wolkicht empor, und als ſie ſich hub, entfloſſen ihr Schauer. Der Meſſias. VI. G. V. 39— 52. Einer ergriff den Verraͤther. Er trotzte der maͤchti⸗ gen Warnung, Und ſo ruͤſtet' er ſich: Wo iſt er? Die Lieblinge ſahn ihn, Wie ſie ſagen, auf Tabor in Himmelswolken ge⸗ kleidet, Aber in Banden noch nicht! So ſollen ſie jetzo ihn ſehen, und ſich Huͤtten der Freude zu baun vergeſſen! Doch 8 bebſt du, Schauerndes Herz! Kann Kuͤhle der Nacht auch Maͤn⸗ ner erſchuͤttern? Schweig, Empoͤrer! bald iſt es gethan! Dann will ich mir Huͤtten Nicht in Traume nur, baun! Er dacht's, und er eilte von neuem. Als der Mittler die kommenden ſah, da betet' er alſo In ſich ſelber: Es iſt weit, weit von den ewigen Hoͤhen Bis zu dieſen Suͤndern herunter. O Weg' in dem Staube, Die ich wandle! Ich will ſie wandeln! Sie werden einſt glaͤnzen, Wenn, in dieſen Tiefen, die Auferſtehung erwacht iſt, 4 Und nun ganz das Gericht es enthuͤllet, warum ſie Gott ging. —,— Sechster Geſang. 7 VI. G. V. 53— 66. Judas Iſchariot fuͤhrte den Haufen. Der Prieſter Befehl war: Maͤnner zu waffnen, und Jeſus bei ſeinen Graͤbern zu ſuchen, Ihn zu binden, und vor die Verſammlung zu fuͤh⸗ . ren. Es kannte Judas den Ort des ſtillen Gebets, und der naͤcht⸗ lichen Sorge Fuͤr die Menſchen. Er hatte der Schaar ein Zei⸗ chen gegeben: Welchen ich kuͤſſe, der iſt es! Allein noch erbarmt des Verrathers Sich die Nacht, und laͤßt ihm noch nicht den entſetz⸗ lichen Kuß zu. Aber nicht lang', und es fiel mit ungeduldigem Grimme Auf die ſchlafenden Juͤnger die Schaar. Da ging der Erloͤſer Gegen die Suͤnder, und ſprach mit ſeiner Hoheit: Wen ſucht ihr? Sie ergrimmten, und ruften, und ſchwangen die bebenden Fackeln: Jeſus, den Nazaraͤer! Nun waren die uͤbrigen Juͤnger Alle gekommen; nun ſchauten auf ihn die geflohenen Engel. uUnd mit goͤttlicher Ruh', als wenn er dem Wurme zu ſterben, Der Meſſias. VI. G. V. 67— 80. Oder dem kommenden Meere, vor ihm zu ſchweigen . geboͤte, Sprach er zur Schaar: Ich bins! Sie ergriff des Sohnes Allmacht, Und ſie ſanken betaͤubt vor ſeiner Stimme danie⸗ der. Judas ſank mit ihnen. So liegen im Felde des Treffens Todte; ſo waͤlzet ſich unter den Todten der Grim⸗ migſten einer, Wenn aus der ſtilleren Mitte der Schlacht der den⸗ 3 kende Feldherr Um ſich herum, ihm gebot es Gott! Verderben ver⸗ ſendet. Aber itzt war die Betaͤubung voruͤber; itzt hub der Verraͤther. Von der Erde ſich auf: nun war die ſchrecklichſte Stunde Seiner Erſchaffung, und er ganz nah dem Gerichte gekommen. Ueber ihm rauſcht' ein Todesengel mit naͤchtlichem Fluͤgel. Voll verborgenen Grimms, mit aufgeheiterter Miene, Trat er zu dem Meſſias, und kuͤßt' ihn! Er hatt' es vollendet! Und der Thaten ſchwaͤrzeſte ſchlich, wie ein Schatten zur Hoͤlle. — — Sechster Geſang. 9 VI. G. V. 31— 94. Aber der Gottmenſch ſah dem Verraͤther mit⸗ leidig ins Antlitz: Judas! und du verraͤthſt, durch einen Kuß, den Meſſias? Ach mein Freund, waͤrſt du nicht gekommen! So ſagte der beſte Unter den Menſchen, und gab ſich der Schaar, ſich binden zu laſſen. Petrus ſah es. Den kuͤhneren weckt der Anblick, er reißt ſich Durch die Juͤnger hervor, und verwundet im muthi⸗ gen Angriff Einen der Schaar. Dem heilet der Menſchenfreund die Wunde, Schaut auf Petrus heruͤber, und ſagt: Sey ruhig, mein Juͤnger. Baͤt' ich meinen Vater um Schutz; es wuͤrden vom Himmel Maͤchtige Legionen erſcheinen, dem Sohne zu die⸗ nen. Aber wie wuͤrden alsdann der Propheten Worte vollendet? Und zu der Schaar, die ihn band: Ihr ſeyd geruͤ⸗ ſtet gekommen, Mich zu fahen, als waͤr' ich ein Moͤrder, der Wuͤthenden einer, Die dem Tode beſtimmt, und durch der Unmenſch⸗ lichkeit Thaten G Der Meſſias. VI. G. V. 95— 108. Ueber andere Suͤnder erhoͤht ſind! Ich bin ja im Tempel Immer um euch geweſen! hab' euch die Wege des Lebens und des Todes gelehrt; ihr ließet ruhig mich leh⸗ ren! Aber eure Stund' iſt gekommen, der Finſterniß Werke Auszufuͤhren. Er ſchwieg, und war an dem Bache der Cedern. Unterdeß ſtand in dem hohen Pallaſt die Ver⸗ ſammlung der Prieſter, Wie auf Wogen der zweifelnden Hoffnung. Ihr ſorgendes Murmeln Stieg von der Hoͤh des innerſten Saals die Mar⸗ morgelaͤnder Zum vielhoͤrenden Ohr des fuͤrchtenden Poͤbels hin⸗ unter. Dieſer ſtaunte mit ſtarrendem Blick; ſprach von dem Propheten Zitterndes Lob, und ſtammelnde Fluͤche; vergaß der Bewundrung Und der goldenen Leuchter, die flammend die Saͤu⸗ len umgaben. Aber die Prieſter beſprachen ſich unter einander: Die Bothen Kommen noch nicht! wo bleiben die Bothen? Viel⸗ leicht, daß ſie Judas Sechster Geſang. 11 VI. G. V. 109— 121. Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der ſchwarze Verraͤther Auch zum Verraͤther an uns? Ach vielleicht verleitet, wie vormals, Durch Blendwerke des Schreckens der Nazaraͤer die Maͤnner! Alſo beſprachen ſie ſich. Da kam ein Bothe! die Haare Flogen ihm, und die Wange war bleich; erkaltender Schweiß lief Ueber ſein Antlitz; er rang die bebenden Haͤnde. So ſprach er: Hoherprieſter! wir kamen dahin, und fanden ihn endlich Ueber dem Bache, nicht fern von den Graͤbern. Das Grauen der Graͤber Schrecket' uns nicht! allein es hingen ſchwaͤrzere Wolken, Als ein Menſch noch geſehen hat, am ganzen Him⸗ mel herunter. Und doch drangen die Maͤnner hinein; ich blieb in der Fern ſtehn. Aber ich ſah den Propheten! Da liefen, ich kanns nicht erzaͤhlen, Wie es geſchah, da liefen mir Schauer durch alle Gebeine! 12 Der Meſſias. VI. G. V. 122— 135. Doch ſie erkannten ihn nicht, ſo nah er auch daſtand, und drangen Auf die Maͤnner um ihn. Da ſprach er gewaltig: en ſucht ihr? Unſere Maͤnner fincteten nichts, und ruften mit Grimme: Jeſus, den Nazaraͤer! Da ſprach er, noch hoͤr' ichs, noch ſinken Ale Gebeine mir hin! er rief mit der Stimme des Todes. Gegen uns her: Ich bins! So ſprach die Stimme. Sie ſtuͤrzten Auf ihr Angeſicht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin Ihm entronnen, damit ich die Todesbotſchaft euch braͤchte! Und die Prieſter hoͤrten des Schreckens Worte den Bothen Sagen, und ſtanden entfaͤrbt, und blieben ſtarr, wie ein Fels ſteht, Stehn. Nur Philo vermag, unuͤberwaͤltigt vom 1 Schrecken, Dieſe Worte zu zuͤrnen: Du biſt ſein Juͤnger, Ver⸗ wegner! Oder dich taͤuſchte die bildende Nacht! Geoͤffnete Graͤber Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten ſahſt du! Die Maͤnner, Sechster Geſang. 13 VI. G. V. 136— 148. Welche wir ſendeten, leben, und fallen vor Worten nicht nieder! Als er noch redete, kam ein anderer Bothe: Wir haben Viel gelitten! wir ſind vor ihm zu der Erde ge⸗ ſunken! Denn ſein Blick war entſetzlich, und Tod in des redenden Stimme. Aber dennoch fuͤhren wir ihn gebunden. Er gab uns Selbſt die Haͤnde, ſich binden zu laſſen. Sie fuͤh⸗ ren ihn bebend, Wiſſen nicht, ob ſie von neuem gebietende Worte des Schreckens Hoͤren werden. Allein er geht mit geduldiger Stille, Und iſt ſchon in den Mauren Jeruſalems. Alſo der Bothe. Und der dritte kam an, und rief: Gott ſegne — die Vaͤter! Aber ſo muͤſſen ſie alle verderben, die wider euch aufſtehn, Alle Feinde des Herrn, wie der Galilaͤer, verder⸗ ben! Dennn wir fuͤhren gebunden ihn her mit Banden, die Worte 14 Der Meſſias. VI. G. V. 149— 162. Nicht aufloͤſen, noch laͤchelnde Mienen. Ihn haben die Seinen Alle verlaſſen. Er naht dem Pallaſt. Gott gebe ſein Blut euch! Als der wuͤthende ſchwieg, trat Satan in die Verſammlung, Und die Freude der Hoͤlle mit ihm. Sie faſſet die Prieſter Schwindelnd; umflattert ihr Auge mit Bildern quel⸗ lender Wunden, Und des bleichen kommenden Todes; umſtroͤmt mit der Stimme Seiner Qualen ihr Ohr. Er verſtummt nun ewig, und uͤber Seinem Gebein empor erhebt der Heiligen Fuß ſich! Lang' ergriff ſie der Taumel; allein noch blieb der Prophet aus: Und ſie wuͤtheten ſehr, und ſandten das zweytemal Bothen. Philo ging mit den Maͤnnern. Es hatte die Schaar den Meſſias Auf dem Wege zu Hannas, dem Hohenprieſter, gefuͤhret. Denn es war der Greis in der Nacht ſchwerduften⸗ den Stunden Aufgeſtanden, zu ſehn den Mann, der Juda ver⸗ wirrte! Sechster Geſang. 15 VI. G. V. 163— 176. Und Johannes folgte von fern. Der friedſame Schlummer War von dem Aug' ihm entflohn, der Wehmuth Kummer bedeckt' es, Deckte die bleichere Wange; zuletzt(er kannte den Prieſter, Daß er kein Wuͤthrich wie Kaiphas war,) bezwang er die Wehmuth Seines Herzens, ging in den Richtſaal, ſah den Meſſias, Wie er vor Hannas ſtand. Der Hoheprieſter be⸗ fragt' ihn: Kaiphas wird dich richten! O waͤrſt du ſo ſchuldlos, als, was du Thateſt, ruchbar ward; ſo wuͤrden die Voͤlker der Erde, Wuͤrde Abrahams Gott und ſeiner Kinder dich ſeg⸗ nen! Sag nun ſelber, was haſt du gelehrt? was haſt du fuͤr Juͤnger? Lehrteſt du Moſes Geſetz? und thatſt du es? tha⸗ ten's die Juͤnger? Hannas ſprachs, und bewunderte Jeſus, der mit der Geberde Eines Propheten vor ihm daſtand, mit beſcheide⸗ ner Hoheit, Unentheiligt vom Stolze! Der Gottmenſch wuͤrdigt ihn, alſo 16 Der Meſſias. VI. G. V. 177— 189. Ihm zu erwiedern: Ich lehrte in dem Tempel, frey vor dem Volke, Frey vor den Lehrern im Volk! Du fragſt mich! Frage die Hoͤrer! 1 Als er noch ſprach, drang Philo herein. Da fuhr die Verſammlung Ungeſtuͤm auf; da that ein Knecht, mit knechtiſcher Seele, u Eine That, die niedrig genug war Unmenſchlich⸗ G keiten Anzukuͤndigen. Philo gebot, den Empoͤrer zu neh⸗ men, Und ihn entgegen zu fuͤhren dem Todesurtheil. Sie 1 thatens. G Als ihn Johannes in Philo's Gewalt ſah, deckt' ihm des Todes Blaͤſſe die Wang', und Dunkel ſein Auge; da zit⸗ tert' er, brach ihh In der Wehmuth das Herz! Zuletzt, da er aus dem Pallaſte Wankete, ſieht er von fern die wehenden Fackeln: Ich folge, Nein, ich folge dir nicht, ich bete dir nach, o du beſter Unter den Menſchen! Doch iſt in Gottes Rath' es beſchloſſen, Mußt Sechster Geſang. 17 VI. G. V. 190— 203. Mußt du ſterben; ſo laß, den meine Seele geliebt hat, Den ich liebe, mit viel mehr Liebe, wie Liebe der Bruͤder, Laß mit dir mich ſterben, du Heiligſter! Nur daß mein Auge Nicht dein brechendes Auge, nicht deine Todesangſt . ſeh! Ich des verſtummenden Segen, den letzten, letzten, nicht hoͤre! Wuͤrger, wo bin ich? Iſt hier kein Retter? kein Retter auf Erden? Keiner im Himmel? und ſchlummert ihr auch, die uͤber ihm ſangen, Als ſie dem Tode, das dachteſt du nicht, du lieben⸗ de Mutter! Dieſem entſetzlichen Tod' ihn gebar! Du allein biſt Retter, Du biſt Helfer allein, o der Todten und Lebenden Helfer! Vater der Menſchen, erbarme dich meiner, und laß ihn nicht ſterben, Laß ihn nicht ſterben, den beſten der Kinder Adams! Den Prieſtern, Gieb den grauſamen Wuͤrgern ein Herz, das Menſch⸗ 4* lichkeit fuͤhle! Ach, ich ſeh' ihn nicht mehr! die hohen Flammen verſchwinden! Klopſt. Meſſias. II. B, B lte Aufl. —ð 18 Der Meſſias. VI. G. V. 204— 216. Nun, nun richten ſie ihn! Daß ihre grimmige Seele Schaure beym Anblick der leidenden Tugend! ſich Einmal, nur Einmal, Einmal im Leben nur das Gericht, das kommen ſoll, denke! Doch wer wandelt im Dunkeln herauf? Iſt es Pe⸗ trus? vernahm er, Wie ſie zum Tod', ihn verdammten? So ſchnell! Nun ſteht er! Wen ſah ich? Keines Fußtritt hoͤr' ich nicht mehr! Wie iſt es hier oͤde! Wie ſo ſtumm die entſetzliche Nacht! Doch die Stille verliert ſich. Welche Mengen ſtuͤrmen da her! Ach ſie eilen, und reißen Ihn in der deckenden Nacht zu dem Tode, damit ihn des Volkes Menſchlichkeit nicht errette! damit an rinnenden Stei⸗ nen, Oder herunter am triefenden Schwert, nur Engel 4 ſein Blut ſehn, Ach, erbarme dich meiner! erbarme dich meiner, und laß ihn, Vater des Mitleids und deiner Erſchaffenen, laß ihn nicht ſterben! Alſo dacht' er, und ſprachs mit gebrochenen Worten, und wankte Sechster Geſang. 19 VI. G. V. 217— 230. Gegen des Hohenprieſters Pallaſt, und blieb in der Nacht ſtehn. Aber der Fuͤhrer der Schaar, die Jeſus beglei⸗ tete, Philo Reißet ſich wuͤthend voran, eilt in die Verſamm⸗ . lung und alle Sehns an ſeinem Triumph, und dem hohen flam⸗ menden Auge, Daß der Todtenerwecker gebunden, und dicht am Pallaſt ſey! Doch ſie hatten nicht Zeit, daß ſie Philo jauchzten. Der Gottmenſch Trat herein. Sie ſahn den kommenden, trauten dem Anblick Kaum die Wirklichkeit zu, und bebten vor Wuth, und Entzuͤckung. Aber er trat die Stufen herauf, und ſtand vor dem Richtſtuhl. Alle Hoheit, ſo gar die Hoheit des ſterblichen Wei⸗ ſen Leget' er ab, und war nur ruhig, als faͤh' er den Abfall Einer Quelle vor ſich, und daͤchte nur ſanfte Ge⸗ danken, Nach erhabnern an Gott, die Augenblicke zu ru⸗ hen. Wenige leiſe Zuͤge nur behielt er von ſeinem B 2 4 20 Der Meſſias. VI. G. V. 231— 244. Goͤttlichen Ernſt. Doch konnte ſie kein Engel nicht haben, Rang er danach: allein auch nur ein Engel ver⸗ mochte Dieſer Goͤttlichkeit Mienen, und ihren Geiſt zu be⸗ merken. Alſo ſtand er. Philo und Kaiphas hefteten grim⸗ mig Ihren Blick auf die Erde. Dem gab die Wuͤrde das Vorrecht, Erſt zu reden, jenem der Eifer. Noch ſchwiegen ſie beyde. Aber es zog im Seitenpallaſt, von einſamen Lampen Halb durchdaͤmmert, ein kreiſender Gang ſich hin⸗ uͤber zum Richtſaal. Dort, an ein Marmorgelaͤnder gebuͤckt, ſtand unter den Frauen Portia, jugendlich ſchoͤn, das Weib Pilatus des Roͤmers. Aber ihr Geiſt war nicht jung. Die Blume bluͤhte, mit Fruͤchten, Wie die Mutter der Gracchen, die ausgearteten Röoͤmer Zu bereichern: allein in dem ernſten Rathe der Waͤchter War Roms Untergang, und kein Erretter beſchlo⸗ ſen. Sechster Geſang. 21 VI. G. V. 245— 258. Hingeriſſen von der Begier, den großen Prophe⸗ ten Endlich zu ſehn, war, nur von wenigen Sklaven bekleidet, Portia eilend gekommen. Sie hatte dießmal die Wuͤrde Einer herrſchenden Roͤmerin, jeden Zweifel der Hoheit Leicht vergeſſen! Es leitete ſie des Ewigen Vor⸗ ſicht! Und ſie ſtand, und ſah ihn, der Todte weckte, des Prieſters Muthigen Haß noch muthiger trug, und entſchloſſen genug war, Unter einem ſo niedrigen Volk' unerkannt, unbe⸗ wundert, Groß zu handeln. Sie ſah den erhabnen Mann, mit Bewundrung, Heiß von Erwartung und froh, daß mit dieſer Ruh' er vor ſeinen Haſſern, und vor dem gezuͤckten Schwerte des To⸗ desurtheils Daſtand. Doch ſo kannt' ihn nicht Philo; es ſagte der Heuchler: Bringt ihn naͤher, und bindet ihn feſter. Doch eh wir ihn richten, Hebt auch heilige Haͤnde zu Gott, daß er endlich ſein Urtheil 22 Der Meſſias. VI. G. V. 259— 272. Ausgeſprochen, und uns nicht laͤnger durch Schwei⸗ gen gepruͤft hat! Hoͤre ferner der Deinen Gebet! So muͤſſen ſie alle, Die ſich empoͤren, verderben, und keiner muͤſſe die Staͤte, Wo ſie ſtanden, bemerken, und keiner ihrer geden⸗ ken, Außer, wo bey entfleiſchtem Gebein der Getoͤdteten Schaͤdel Liegen, und wo das Blut der Empoͤrer der Huͤgel hinabtrank, Daß er dampfte! Ja Dank! Dank! laute feſtliche 3 Wonne Bey den Altaͤren! und Israel ſoll Ein Jubelgeſang ſeyn! Du wirſt bluten! Bis jetzt ſchloß Juda die Augen, und ſahe, Hielt ſein Ohr zu, und hoͤrte! Doch iſt der ſchwin⸗ delnde Taumel Endlich voruͤbergerauſcht. Sie ſehen nun, hoͤren, was da iſt, Den, ſo vor Abraham war, in der Todeskette! Zwar oftmals Sahn ſie ihn ſchon, und warfen, auf Augenblicke, . des Irrthums Eiſerne Bande von ſich, mit freyem maͤnnlichen Arme Sechster Geſang. 23 VI. G. V. 273— 286. Heilige Steine zu faſſen, den Laͤſterer Gottes zu toͤdten! Aber ſie wurden von neuem getaͤuſcht. Doch heut iſt das Ende Ihrer Verblendung, und deines Betrugs, Empoͤrer, gekommen! Wie anh in kleinen Haufen das Volk daſtehet; ſo werden Aus den wenigen doch ſehr viele wider dich zeu⸗ 3 gen, Wenn wir ſie rufen. Das wird der Hoheprieſter ge⸗ bieten. Aber ich klage dich an, und ich nehme Juda zum Zeugen, Erd' und Himmel zum Richter: Du biſt ein Em⸗ poͤrer! Du haſt dich Selbſt zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat! Schlaͤfer weckteſt du auf, und keine Todte! Doch Muͤtter, Selbſt die Muͤtter und Schweſtern, die ſahn ja . die Sterbenden ſterben! . Auf! dih trifft nun die Reih'; erwecke dich ſelbſt! doch es werden Maͤnner im Tode dich ſehn. Der ſoll ſo leiſe nicht ſchlafen! Lieg dann bey den Erwuͤrgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort, Der Meſſias. VI. G. V. 287— 310. Dort den eiſernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne Und der wandelnde Mond den Dampf der Verweſun⸗ gen auftrinkt, Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird! Alſo liege! ja ſo! Und iſt noch irgend ein groͤß⸗ rer, Heißerer Fluch, der ſiebenfaͤltig Verwuͤnſchungen hinſtroͤmt, Dem die Mitternacht aufhorcht, Grabheulen mit ausſpricht, Dieſer treffe... Hier ſtarrte die ſchwellende Lippe dem Laͤſtrer, Und ſein Antlitz herunter ergoß ſich Todes⸗ blaͤſſe. Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Fluͤche Schrecklichſten auszuſprechen begann, und umſonſt das Gewiſſen Ihm ſich empoͤrt', ihn nun ſelbſt nicht der Allmaͤch⸗ 3 tige ſchreckte, Wandt' ein Todesengel, der war ſein Engel, er wandte Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Suͤnder: O der Fluch, den du flucheſt, der wird dich ſelber ergreifen. 4 Sechster Geſang. 25 VI. G. V. 311— 324. Du entſetzlicher Mann! Ich hebe mein Auge zu Gott auf, Zu dem Vergelter mein flammendes Schwert, und ſchwoͤre den Tod dir! Soll ich ihn jetzt, Allmaͤchtiger, ſchlagen? Noch nicht! doch die dunkle, Schwarze, blutende Stunde, die Todesſtunde be⸗ fluͤgelt Ihren kommenden Schritt! Bald ſtehet ſie da! Ich ſchwoͤre, Wie ihn jemals ein Sterblicher ſtarb, den furcht⸗ barſten Tod dir, Du Verruchter! und ihn leer, leer der letzten Er⸗ barmung! Ohne Gnad', ohn Eine von dem, der ſchuf, und Gericht haͤlt! Wenn um dich die Mitternacht dann liegt, und des Todes Stunde durch ſie hervorwandelt, und dir mit dem Heulen Gomora's Furchtbar rufet, der Tod den großen Schlag gethan hat, Und dein Geiſt nun roͤchelnd entflieht; dann ſollſt du mein Antlitz, Dort beſcheid' ich dich hin, in dem Thal Benhin⸗ non erblicken! Alſo droht ihm der Todesengel, und zog auf der Stirne 26 Der Meſſias. VI. G. V. 325— 338. Zorn, wie Wolken, zuſammen. Vom hohen tref⸗ . fenden Auge Stroͤmet' er Rache. Sein Haupthaar ſank in Lo⸗ . cken der Nacht gleich Auf die Schultern, es ſtand ſein Fuß, wie ein ru⸗ hender Fels da! Aber noch ſchlug der Verderber ihn nicht. Er ließ nur die Stimme Seiner Schrecken, ließ den Todeston um ſich rau⸗ ſchen. Philo empfand des Unſterblichen Schrecken, wie Menſchen empfinden, Was Unſterbliche thun. Er fuͤhlt es im maͤchtigen Angriff Schauervoller und ſchneller, als je ein Menſch es gefuͤhlt hat. Denn es war ein Schrecken von Gott. Noch ent⸗ ſank ihm das Leben, Und noch zittert' er laut. Doch, was er noch ath⸗ mete, waren Fluͤche wider ſich ſelber, daß ihn ein Schauer ſo taͤuſche. Und er kam zu ſich ſelbſt. Doch trafen die Schreck⸗ niſſe Gottes Noch ſein Gebein, und bebten ihm noch in dem in⸗ nerſten Marke. Wie ein Wurm, der unter des Wanderers Fuße ſich windet, Sechster Geſang. 27 VI. G. V. 339— 352. Kruͤmmt' er ſich auf, und ſagte: Was ich mit Schweigen bedeckte, Denn ich entſetzte mich ſehr vor des Suͤnders Ver⸗ brechen! das alles Huͤllet der Ausgang auf. Beſchleunige du ihn, und . richte, Hoherprieſter! Er ſprachs, und ſtarrt', und konnte nicht Zuͤrnen. Aber die Stille ward ſtiller. Und Portia ſah den Propheten, Wie er gegen die Rede des Todfeinds daſtand. Freude Funkelt' ihr Blick, und ihr Herz ſchlug lauter, und hohe Gedanken Stroͤmten herauf in ihr Haupt. Ihr war, als huͤbe das neue Hohe Gefuͤhl ſie empor. Dann forſcht' ſie mit feu⸗ rigem Auge Um ſich herum, ob ſie unter der Menge nicht edlere faͤnde, Welche mit ihr den Propheten bewunderten. Aber ſie ſuchte Gute Seelen umſonſt, in einem Volke, das reif war— Bald gerichtet zu werden, zu ſtehn auf der flam⸗ menden Truͤmmer Seines Tempels, in welchem nun nicht Johovah mehr wohnte. 1 Der Meſſias. VI. G. V. 353— 366. Einen bemerkte ſie nur, der fern in dem untern Pallaſte Mit dem Haufen am Feuer ſich waͤrmte. Sie ſchau⸗ ten ihn wild an, Und ſie ſtritten mit ihm: er widerlegte ſie feu⸗ rig Endlich ſchien ihm der Muth zu entſinken, und bleich und verwildert Schaut' er um ſich herum, dann wieder auf den Propheten. Ach, der Mann iſt ſein Freund, ſo dachte die Heidin, er ſtrebet Ihn zu retten, und will, daß dieſer Poͤbel die Wege, Welche der Weiſe wandelt, begreife: wie edel er lebte, Und wie menſchlich er war, und Gutes ohne Ge⸗ raͤuſch that. Aber ſie faſſen ihn nicht, und drohn, ihn auch vor dden Pöoͤbel, Der dort richtet, zu fuͤhren. Davor erſchrak er, und bebte Vor dem Tode zuruͤck, den ihm die Wuͤthenden drohten. Und ihn ſandte vielleicht des Bedraͤngten Mutter, und fleht' ihm, Hingeſunken in Thraͤnen vor ihm, daß er ging', und. vom Tode, Sechster Geſang. 29 VI. G. V. 367— 380. Ach vom Tode befreyte der Söhne beſten und lieb⸗ ſten! O wie wird ſie vor Schmerz, die liebenswuͤrdige Mutter,. (Liebenswuͤrdig iſt ſie, ſonſt haͤtte ſie ihn nicht ge⸗ boren, Dieſen Weiſen!) wie wird ſie vor Schmerz und 3 Jammer verſinken, Wenn ſie vernimmt, wie der wuͤthende Phariſaͤer geredt hat! Aber was iſt es in mir, daß zu ſo zaͤrtlichen Sor⸗ gen Fuͤr die Unbekannte mein Herz mit Empfindungen aufwallt, Die ich niemals empfand? Sind es Wuͤnſche, den Edlen geboren, Ihn der Erde gegeben zu haben? Dein Leben ver⸗ fließe,— Mutter, zu gluͤckliche Mutter! voll Stolzes auf ihn! und dein Auge Seh' ihn nicht ſterben; obgleich ſein Tod die Erde wird lehren! Jetzo erhub der Hoheprieſter ſich auf den Ge⸗ richtsſtuhl, Alſo ſagt er: Obgleich ganz Juda die Laſten empfin⸗ det, Die auf Aller Schultern der Mann, den wir richten, gelegt hat; 30 Der Meſſias. VI. G. V. 381— 394. Und ſo ſehr die Erd' ihn auch kennt, daß er wider den hohen, Naͤchenden Gott auf Moria, des Allerheiligſten Prie⸗ ſtter, Und den großen Caͤſar in Rom ſich wuͤthend em⸗ poͤrte; Ob ganz Israel gleich ihm das Todesurtheil mit ausſpricht; Und nicht Kaiphas nur dem Schwerte gebeut, daß es ſchlage: Dennoch wollen wir ihn mit Zeugen richten, und hoͤren! Zwar iſt Israel jetzt nicht verſammelt, die meiſten der Zeugen Decket die Mitternacht;(Bald werdet ihr, ſelige Voͤlker, Unentweihteren Feſten erwachen, als die der Em⸗ poͤrer Noch mit beging!) allein ſo wenige Menſchen auch hier ſind, Wird es an Zeugen uns doch nicht mangeln. Es komme, wer Recht thut, Und das Vaterland liebt, und ſpricht, was lauter und wahr iſt! Alſo ſagte der Hoheprieſter. Da traten be⸗ . lohnte, Unterrichtete Maͤnner herauf, und zeugten. Vor allen, Sechster Geſang. 31 VI. G. V. 395— 403. Hatte mit Schmaͤhſucht Philo, und erdekriechender Bosheit, Ihre ſchon kleinen beweglichen Herzen erfuͤllt. Mit entflammten Wildem Blick, ſah einer der Maͤnner ſeitwaͤrts, und ſagte: Wie er den Tempel entweiht, das wiſſen wir alle. Doch hat er Nie ſo ſehr ihn entheiligt, als damals, da er der . Opfer Fromme Verkaͤufer vertrieb. Ihr waret verſammelt zu beten; Aber er trieb mit Grimm der Opferthiere Verkaͤu⸗ fer Aus der geweihten Halle. Gewiß, er ehret den Gott nicht, Dem ihr die Opfer zu heiligen kamt: er haͤtte die Opfer Sonſt nicht verdrungen, noch dieſen Raub an dem Tempel begangen! Alſo zeugt' er. Nach ihm erſchien ein andrer, erklaͤrte Jeſus goͤttlichen Eifer mit gleichem Unſinn: O da⸗ mals Wollt' er den Tempel nehmen, von dort auf Jeru⸗ ſalem fallen! Aber der Schwarm, der ihn wohl in der fernen Wuͤſte zum Koͤnig Der Meſſias. VI. G. V. 409— 422. Ausries, blieb ihm hier nicht getreu. Er mußte zu⸗ ruͤckfliehn. Drauf erhub ein Levit ſich, und that, als koͤnnt' er verachten, Zeugete: Hat er nicht Gott gelaͤſtert, weil er voll Stolzes Waͤhnt, er koͤnne die Suͤnde verzeihn? An dem Sabbath erlaubt er Aehren zu leſen! belebt an dem Sabbath verdorren⸗ de Haͤnde! Und doch waͤhnt der Verbrecher, er koͤnne Suͤnden vergeben! Jetzo ſprach der Vierte. Die wilde Lache des Hohns ſtieg Ihm in die Mienen empor, und toͤnt' in des reden⸗ den Stimme. Alſo ſagt' er: Ich muß zwar zeugen; doch brauchet ihr, Vaͤter, Zeugniſſe wider den Mann, der von Unternehmun⸗ gen ſchwindelt, Die auf f wichen Traͤumen erbaut ſind? Er hat es geredet, Und das Volk, ſo ihm gleichet, vernahms mit ſtar⸗ rendem Auge: Brecht den Tempel, drey Tag'! und es hebt ſich ein neuer vom Staube Wieder empor. Ich bau' ihn! das war er faͤhig zu ſagen. Auch Sechster Geſang. 3³ NI. G. B. 414— 427. Auch ein Greis entehrt ſein Alter, und ſagt: zu den Zoͤllnern, Dieſen Suͤndern, geſellt,(ich bin ein Zoͤllner ge⸗ weſen) Hat er jene Weisheit erfunden, die Moſes verach⸗ . ten, und, durch ſuͤndiger Kranken Heilung, den Sab⸗ bath entweihn lehrt. Alſo zeugten die Zeugen; und ringsum ſtroͤmt der Erwartung Blick auf Jeſus, wie ſich der Empoͤrer vertheidigen werde. Alſo ſtehn um den ſterbenden Chriſten, mit bleichen Gedanken, Und mit halber Freude, die gern ſich freute, die . Haufen Niedriger Spoͤtter, und athmen leiſ', und ſtammeln . Erwartung: Auch ihm wird der muthige Traum vom unſterbli⸗ chen Leben, Wie er ſelber, vergehn. Er bekennts noch! Aber der Weiſe Betet fuͤr ſie, und fuͤr ſich, und laͤchelt die Graͤ⸗ ber voruͤber. Alſo ſtarrt ihn das wartende Volk an. Aber der Gottmenſch Schweiget. Kaiphas reißt gefluͤgelter Grimm fort, er ſaget: Klopſt. Meſſias. II. B. C Ate Aufl. 34 Der Meſſias. VI. G. V. 428— 441. Frevler, ſchweigſt du zu dem, was dieſe wider dich zeugen? Aber der Gottmenſch ſchwieg. Da ergrimmte der Prieſter von neuem: Rede! beym lebenden Gott beſchwör' ich dich: Biſt 3 du Chriſtus⸗ Chriſtus, des Angebeteten Sohn? Er hatt' es ge⸗ ſprochen; Und nun ſtand er emporgerichtet, und ſchaute Ver⸗ derben. Satan ſchaute mit ihm. Der Todesengel Obad⸗ don, Philo's Engel, dacht' entflammt auf die Suͤnder herunter: Wuͤrdigt er einer Antwort die Wuͤrger, ſo iſt es Erbarmung. Aber es ruͤſtet ſich ſchon mit allen Schrecken der Nache, Die Gott ſchreckte, ſeitdem an dem Thron der Don⸗ ner gerollt hat, Sieh, er weckt das Gericht, und kommt, der letzte der Tage! Dunkler, ſchwarzer, toͤdtender Tag, du Tag der Entſcheidung! Sey mir in deiner furchtbaren Schoͤne gegruͤßt o du ſchonſter Unter der Ewigkeit Soͤhnen! du feſtlicher Tag, der Vergelrung! Sechster Geſang. 35 VI. G. V. 442— 455. Tag des richtenden Maßes, der toͤnenden Wage! dann ſchallen Kommende Welten umher in die Silbertoͤne der Wagſchal! Sey mir gegruͤßt, du Tag! es verbirgt dann unter den Schaaren Derer„die Palmen tragen, die Gnade ſich! Die⸗ ſen Gebornen Aus der Gne, den Staub, den ſterblichen Suͤnder ſeit geſtern, Welcher wider den Ewigen ſchwillt! und jenen Ge⸗ bornen Unſeres Himmels, der ſeit der Erſchaffung Empoͤ⸗ rungen aufthuͤrmt! Heil mir! es wird ſie beyde der Tag, der Donnes 3 rer, faſſen, Daß er ſie ganz verderbe! Drum huͤll' ich mich ein, und verſtumme. Aber mein Schweigen iſt Tod! mein Verſtummen des Raͤchenden Bothe! Alp dacht er in eilendem Flug der Gedanken, und 6 ſahe Auf den Prieſter, der ſchon des Meſſias Antwort 1 verdammte. Aber der Gottmenſch ſchaute gen Himmel. Die Seraphim ſtaunten, Als er es that; ſo ſehr ſahn ſie an ſeiner Ge⸗ „ berde, C 2 36 Der Meſſias. VI. G. V. 456— 469. Wie er zuruͤck die Gottheit hielt, und in menſchli⸗ cher Ruhe Das verbarg, was Welten erſchuf. So haͤlt er noch jetzt auf, Fuͤrchterlicher durch Saͤumen, ſein Weltgericht, und erduldet's, Daß der Empoͤrungen Strom, mit langen Jahr⸗ hunderten, ſtroͤme. Jetzo ſah er dem Prieſter ins Antlitz, ſagt' ihm: Ich bin es, Was du ſagteſt! und wiſſe, daß ich jetzt Thaten vollende, Welche der Anfang ſind des Gerichts! Den Men⸗ ſchen von Erde, Den auch eine Mutter gebar, ihr werdet ihn ſehen Sitzen zur Rechte Gottes, und kommen in Wolken des Himmels! Alſo oͤffnete der, der mit dem letzten der Tage Schreckenvoller wird kommen, als je ein Engel des 4 Todes Ihn in der Naͤchte tiefſten den ſtuͤrmenden Pſalter herabſang: Alſo oͤffnet; er Einem cefluͤgelten Blicke die Zu⸗ kunft; Schloß dann ſchnell dem erſtaunenden Blick den furchtbaren Schauplatz. Sechster Geſang. 37 VI. G. V. 470— 483. Kaiphas, denn nun ſchleuderten ihn die Stroͤme des Grimms fort, und nun kannt'er kein Maas, nicht Schranken, nicht zwingende Schranken! Kaiphas ſchritt entflammter hervor, trug Tod auf der Stirne! Zitterte laut! zerriß ſein Gewand! mit gluͤhendem 1 Auge Starrt' er fuͤrchterlich hin, rief in die verſtummen⸗ de Menge: Redet! Er laͤſterte Gott! Was brauchen wir Zeugen? Ihr hoͤrtet's! Redet! was denkt ihr? Er laͤſterte Gott! Sie ruf⸗ ten: Er ſterbe! Philo ſchwoll empor: Er ſterb', er ſterbe! Die Fuͤlle Meines Herzens ergeußt ſich! Er ſterbe den Tod der Verfluchten! Oben am Kreuz, den langſamen Tod der eiſernen 3 Wunden! Daß ſein modernd Gebein kein Grabmahl finde! kein Huͤgel Ueber ihm mit Blumen bewachſe! Verweſ' an der Sonne, Ha der offenen Sonne, Gebein! und hoͤr' an dem Tage, Wenn dem verdorrten Gebein Gott ruft, die Stim⸗ me des Herrn nicht! 33 Der Meſſias. VI. G. V. 484— 497. Alſo ſagte der Mann, ſo dem Tode reif war. Er ſagt' es! Angefeuert von ihm, drang nun in wuͤthendem Tau⸗ mel, Nun das Volk auf den Goͤttlichen zu! O gieb mir die Huͤlle, Sionitin, mit der, wenn du vor dem Ewigen ſchwebeſt, Still du dich deckeſt, daß ich mit den Engeln mein Auge bedecke. 3 Gabriel und Eloa enthuͤllten ſich ſeitwaͤrts, und ſagten: Gabriel! Gottes Geheimniß wie tief, wie den End⸗ lichen allen Unergruͤndbar iſt Gottes Geheimniß! Ich ſah ſie geboren Werden, die Orione, ich weiß, was jedes Jahr⸗ tauſend Auf den Orionen vor Wunder geſchahn! Doch ein G Wunder, Wie die Erniedrung des Sohns zu dieſer Tiefe, geſchah nicht! Er, den ferſt Jehova vom donnernden Tabor her⸗ unter Richtete! der das Gericht mit dieſer Goͤttlichkeit — aushielt! Mir, mit Einem Blick, der Unſterblichen Schim⸗⸗ mer zuruͤckſchuf! Sechster Geſang. 39 VI. G. V. 498— 512. Er! G. Und Er, Eloa! vor dem die Gebeine der Todten, Vom weitherrſchenden Sturm der neuen Schoͤpfung ergriffen, Einſt erſtehen, daß rings in ihren Wehen die Erde Laut, mit einer Gebäͤrerin An ſt, dem Allmaͤchtigen zuruft! Der alsdann mit der Donnerpoſaune, mit zeugen⸗ den Engeln, Mit hinſinkenden Sternen, zum Weltgerichte wird kommen! E. Sieh, er rief ihm, da wurde das Licht! Du Gabriel, ſaheſt, Wie es hervorriß! Er ging voll tauſendmal tauſend Gedanken, Tauſendiunt tauſend Leben an ſeiner Rechte verſam⸗ melt, Und beſerlender Sturm vor ihm her! Da rollten die Sonnen! Da erklang's um die jauchzenden Pole! da ſchuf er die Himmel! 6. Sieh, er gebot der ewigen Nacht, die ſtellte ſi ſich jenſeit Seiner Himmel! Eloa, du ſahſt wie er uͤber der 1 Nacht ſtand! Und er ruft' ihr, da ward ein ungeheurer, ein 3 todter Klumpent Der lag vor ihm, wie eine zertruͤmmerte Sonne, 40 Der Meſſias. VI. G. V. 513— 526. Oder wie Leichname hundert zuſammengeworfener Erden! Und er gebot der Flamme; da ſtroͤmte die naͤchtliche Flamme Durch des Todes Gefild! da ward das Elend! da toͤnten Seine Tiefen Jammer herauf! da erſchuf er die Hölle! Alſo ſprachen ſie. Portia ſah den Goͤttlichen leiden; Konnte den bangen Anblick nicht mehr ertragen; erhub ſich Auf den Soͤller. Mit aufgehobenen ringenden Haͤn⸗ den, Stand ſie, mit Augen, die ſtarr zu dem daͤmmern⸗ den Himmel hinaufſahn, Und ſo zweifelt' ihr Herz: O du, der erſte der Goͤt⸗ ter! Der die Welt aus Naͤchten erſchuf, und dem Men⸗ ſchen ein Herz gab! Wie bein Namen auch heißt, Gott! Jupiter! oder Jehovah! Romulus, oder Abrahams Gott! nicht einzelner Menſchen, Nein! du Aller Vater und Richter! darf ichs dir weinen, Was mir meine Seele zerreißt? Was hat er ver⸗ brochen, Sechster Geſang. 41¹ VI. G. V. 527— 540. Dieſer friedſame Mann, daß ihn Unmenſchliche toͤd⸗ ten? Iſt er dir ſo feſtlich der Anblick, die leidende Tu⸗ gend, Gott! von deinem Olympus zu ſehn? Er iſt es den Menſchen! Suͤß und ſchuuevon iſt den Menſchen die ſtolze Be⸗ wundrung! Aber der die Sterne gemacht hat, kann der bewun⸗ dern? Nein! du kannſt nicht bewundern! Allein ein hohes Gefuͤhl iſts Fuͤr den Gott der Goͤtter; es koͤnnte ſein goͤttliches . Auge Sonſt nicht ſehn, daß der Schuldloſe litte! Wie wirſt du belohnen, Der dir dieſen feſtlichen Pomp der Menſchheit auf⸗ fuͤhrt. Mir, mir rinnt das Mitleid die Wang' herunter; allein du Kenneſt nur an der leidenden Tugend die bebende Thraͤne! Gott der Goͤtter, belohn', und, iſt es dir moͤglich, bewundr' ihn! Als ſie jetzt ſich gebuͤckt, und geneigt hat uͤber den Soͤller, Hoͤrt ſie am untern Pallaſt wie eines Verzweifeln⸗ den Stimme. 4² Der Meſſias. VI. G. V. 541— 554. Petrus war es. Der fromme Johannes war an dem Thore Stehn geblieben. Er hoͤrte den jammernden Petrus, erkannt' ihn, Rief ihm entgegen: Ach lebet er, Petrus? Du weinſt! Du verſtummeſt! Rede! P. Laß mich, Johannes, ach laß mich im Einſamen ſterben! Sterben will ich! Er iſt verloren! Ich bin noch ver⸗ lorner! Judas, Judas! entſetzlicher Juͤnger! du haſt ihn verrathen! Ich verrieth ihn mit dir! Vor allen, welche mich fragten, Hab' ich ihn ach! in meinem zu tiefen Elend ver⸗ 3 leugnet! Fleuch, fleuch, wende dich weg, Johannes, laß mich im Srillen Sterben! Stirb, ſtirb auch! Er iſt zu dem Tode 5 verurtheilt! Und, ich treuloſer! hab' ihn vor allen Suͤndern verleugnet! Petrus riefs dem Verſtummenden zu, und riß ſich von dannen! Aber er blieb im einſamen Dunkel am thauenden Eckſtein Stehn, und ſchwankt' an den Stein, und hielt 7— ſich, und ſank an ihm nieder, Sechster Geſang. 43³ VI. G. V. 555— 568. Neigte ſein muͤdes Haupt, und weinete lang', und verſtummte! Endlich ſtroͤmte ſie aus in brechende Worte, die volle Tieferſchuͤtterte Seele: Laß ab mit des Todes Ge⸗ ſtalten Mich zu ſchrecken! ſie dringen, wie Schwerter, mir in die Gebeine, Meine zermalmten Gebeine, laß ab! und wend', o wende Dieſe toͤdtenden Blicke von mir, womit du mich an⸗ ſahſt, Als die ſchreckliche That, der Thaten tiefſte geſchehn war. Ach, was that ich! Mein Freund, mein Freund! dich hab' ich verleugnet! Den ich liebte, der mich, wie ſonſt kein Lehrer, geliebt hat, Der ein goͤttlicher Mann war! zu kleine Seele, was 1 thatſt du!. Siehe, nun wird er mich auch in dem Weltgerichte, vor ſeinen Froͤmmeren Juͤngern, vor ſeinen erhabenen Engeln, nicht kennen! Kenne mich nicht, ich verdien' es! O kenne mich wieder! erbarme 3 Meiner Angſt dich! Was hab' ich gethan! Je mehr ichs empfinde, 44 Der Meſſias. VI. G. V. 569— 582. Deſto tiefer graͤbt es mir in die Gebeine den Tod ein. Stirh! o koͤnnt' ich ſterben! Ich werde ſterben, doch langſam! Hier verſtummt' er, und weint', und verdiente weinen zu koͤnnen. Neben ihm ſtand ſein Huͤter, Orion, ſah ihn, und fuͤhlte Mitleid zwar, doch auch Engelfreuden. Da wandte ſich Petrus, Hub ſich empor, und ſchaute gen Himmel: Du furchtbarer Richter! Vater der Menſchen und Engel, und deines Sohnes! du kenneſt Mein erſchuͤttertes Herz, und das Beben des tiefſten Gedankens. Dein Kind Jeſus hab' ich verleugnet! Erbarme dich meiner! Ach, erbarme dich meiner, du Vater des goͤttlichen - Kindes! Er ſoll ſterben! Ich bin es nicht werth, mit dem theuren zu ſterben! Aber laß mich ihn noch, eh' er zu dem Grabe ſein Haupt neigt, Eh' er, unter die treueren Juͤnger, den Segen, die letzte Liabe vertheilt; laß dann mich noch den liebenden ſehen, Sechster Geſang. 4⁵ VI. G. V. 583— 596. Daß ſein ſterbender Blick mir verzeih! Dann fleh' ich nur Gnade, Keinen Segen! zu bang, zu ſehr Verbrecher, zu rufen: Haſt du nur Einen Segen? nur Einen fuͤr dieſe Gerechten? Ach wenn ich nur Vergebung erweine, ſo will ich hingehn, Ihn vor allen Menſchen bekennen So lange, mein Schoͤpfer, Du mir Tage des Menſchen gebeutſt, zu leben, ſo lange, Sey's mein theures Geſchaͤft: Ich will die guten, die frommen, Alle reinen Herzen, ich will ſie ſuchen, und ih⸗ nen Unaufhörlich mit Wehmuth, und dieſen Thraͤnen erzaͤhlen: Ja! ich kannt' ihn, den guten, den theuren, den beſten der Menſchen! Jeſus, des Allerheiligſten Sohn! und ich war es nicht wuͤrdig, Ihn zu kennen! Ich war ſein erkohrner Juͤnger! Er liebte Seinen Juͤnger! Doch war ich nicht wuͤrdig, ihn wieder zu lieben. Denn ich liebt' ihn nicht mehr, in der truͤben Stunde, den beſten 46 Der Meſſias. Sechster Geſang. VI. G. V. 597— 606. Unter den Menſchen! Er war der beſte, beſte! Sein Leben War fuͤr Andre, nicht ſein, voll Menſchlichkeiten! Die Armen Speist' er, heilte die Kranken, rief aus dem Grabe die Todten! Darum toͤdteten ihn der Menſchlichkeit Haſſer! Er⸗ hebt euch, Kommt, ihr Maͤnner, und laſſet uns gehn zu dem Todten, und weinen! Ach, zu fuͤrchterlich iſt der Gedanke von ſeinem Grabe! Jeſus, du goͤttlicher Mann! wo wird es ſeyn? wo wirſt du Schlummern im Stillen? wofern der Wuͤther Wuth dir ein Grab laͤßt! Alſo flehte der Mann, den der Erde Suͤnder in Worten 4 Kennen, verleugnen in Thun; er erweinte der Maͤr⸗ tyrer Krone! Siebenter Geſang, Inhalt des ſiebenten Geſangs. De Tag des Todes Jeſu bricht an. Eloa beſingt ihn. Das Synedrium haͤlt eine letzte Berachſchlagung, und fuͤhrt den Meſſias zu Pilatus. Kaiphas klagt Jeſum an. Philo thurs auch. Der Meſſias bemerkt ſie kaum. Pi⸗ larus nimme Jeſum ins Nichthaus, ihn beſonders zu ver⸗ hoͤren. Iſchariots Tod. Pilatus koͤmmt mit dem Meſſias zuruͤck, und ſagt, daß er ihn Herodes ſenden wolle. Maria koͤmmt, ſieht ihren Sohn, und geht in ihrer Traurigkeit zu Portia, und bittet dieſelbe, ihren Gemahl warnen zu laſſen, daß er des Unſchuldigen ſchone. Portia war durch den Traum, den ſie gehabt hatte, ſchon geneigt, deswe⸗ gen zu Pilatus zu ſchicken. Sie erzaͤhlr der Maria ihren Traum. Der Meſſias wird zu Herodes gefuͤhrt⸗Das Be⸗ tragen einiger Juͤnger und Freunde Jeſu, da er hinge⸗ fuͤhrt wird. Herodes verlangt ein Wunder vom Meſſias, welcher ſchweigt. Kaiphas macht, durch eine Anklage wi⸗ der Jeſum, Herodes noch erbitterter. Dieſer verſpottet den Meſſias, und ſchickt ihn zu Pilatus zuruͤck. Das Volk wird durch neue Haufen, die zum Feſte gekommen waren, vermehrt. Philo ſchickte ſeine Vertrauten unter das Volk aus, es wider Jeſum einzunehmen. Unterdeß hatte Pila⸗ tus einen beruͤchtigten Moͤrder, Barabas, kommen laſſen, ihn, mit Jeſu, dem Volke vorzuſtellen, damit dieſes um Loslaſſung des Meſſias bitten mochte. Portia ſendet eine Sclavin zu Pilatus. Philo entdeckt des Pilatus Abſicht, die er mit der Vorfuͤhrung des Moͤrders har. Er haͤlt eine Rede ans Voik. Durch dieſe, und durch den Beyfall, den die uͤbrigen Prieſter ſeiner Rede geben, wird das ohne⸗ dieß ſchon wider Jeſum eingenommne Volk dahin gebracht, Barrabas loszubitten, Pilarus bezeigt, durch ein feyerli⸗ ches Haͤndewaſchen, daß er unſchuldig am Blute des Meſ⸗ ſias ſey. Das Volk uͤbernimmt die Schuld der Verurthei⸗ lung Jeſu. Der Meſſias wird zur Geißlung gefuͤhrt. Pi⸗ latus bringt Jeſum, mit Dornen gekroͤnt, wieder zum Volk heraus, es gegen ihn zum Mitleiden zu bewegen. Unterdeß daß dieß geſchieht, giebt der Meſſias an einige Engel geheime Befehle. Pilatus bemuͤht ſich noch im⸗ mer, aber vergebens, Jeſum zu retten. Jener erſchrickt uͤber die Anklage der Prieſter, daß ſich der Meſſias zu einem Sohne Gottes gemacht habe. Er nimmt ihn mit ſich in den Pallaſt zuruͤck, und befragt ihn hieruͤber. Jeſu Antwort. Pilatus ſucht noch einmal, ihn zu befreyen. Aber nach einem Vorwurfe der Prieſter, daß er auf dieſe Art ſich nicht als einen Freund des Kaiſers zeige, uͤber⸗ giebt Pilatus Jeſum in der Prieſter Gewalt, welche ihn zum Tode fuͤhren. ——;— Sieben⸗ Siebenter Geſang. VII. G. B. 1— 9. D, Eloa! ſtandſt auf der Morgenroͤthe. Der Erde Huͤter ſtanden um ihn. Er ſang in die maͤchtige Harfe: Siehe, ſo werden die Auferſtehungen jauchzen! ſo ſang er! Ewige Wirkung dir! komm, werd', o werde geboren, Dofertag! Er wandelt herauf! Sein Nam' iſt Er⸗ barmer. Ihn, ihn ſegnen die Orione, und rufen den klei⸗ nern Sonnen umher, die Sonnen der Erden: Du Tag! du Verſoͤhner! Theurer, ſchoͤner, blutender Tag, dich ſandte die Liebe! Harfe, toͤne darein! Er ſchafft zu Engeln den Staub um! Klopſt. Meſſias. II. B. D lte Aufl. Der Meſſias. . VII. G. B. 10— 23. Ewigkeiten der Ruh ſind Gefolge ſeiner Trium⸗ phe! Sieh, ich erhebe mein Aug', und ſeh'! Ein Huͤgel der Erde Iſt der Altar! Der Altar erbebt vor dem kommen⸗ den Opfer! Haͤtte der Auszuſoͤhnende Sterne, wie Stein' aus den Baͤchen, Aufgenommen, erbaut die Sterne dem Sohn zum Altare: Dennoch haͤtt' auch dieſer gebebt dem kommenden Opfer! Rindanm ſchau' ich. Wie laͤcheln der Erde die hel⸗ leren Sonnen! Und wie ſchwimmet ihr leichter Gefolg' umher in den Himmeln! O du Ruhe des feſtlichſten unter den Feſten! du Sabbath! Sabbath des Vaters und Sohns! ich hoͤr', ich hoͤre die Jubel Toͤnen von allen Harfen heruͤber! Der Seraphim Kronen Sinken alle! Sie iſt, die Schoͤpfung iſt Sabbath ge⸗ worden! O du Gedanke, Gedanke! Jahrtauſende gehen vor⸗ uͤber, Ehe von fern in dein heiliges Licht der Seraph hin⸗ aufblickt, Siebenter Geſang. 51 VII. G. V. 24— 37. Du: der Sohn des Vaters ſtarb! Der Ewige denkt dich. Alſo ſang Eloa. Die Himmel hallten es wie⸗ I der.— Doch von der Suͤnde geblendet, und ihrem Gericht belaſtet, Dacht' auf der Erde viel anders ein Haufen Sterb⸗ licher. Satan Dachte wie ſie. Des Ewigen Vorſicht ließ die Ver⸗ brecher Ganz ihr Maß anfuͤllen. Der Hoheprieſter verſam⸗ 31 melt All' in dem inneren Saal. Dort halten ſi Nats und verſchwoͤren 5** Wider den Ewigen ſich. Sie hatten das Opfer dem Tode Lang geweiht: ſie halten nur Rath von Pilatus, vom Volke, Und wie er ſterben ſoll. An dem Kreuz auf Golga⸗ tha ſollſt du Bluten! Philo verachtet, von ihrem Rathe zu ſer⸗ nen;. Bricht ſchnell aus der Verſammlung, und ſucht den Meſſias, und findet Ihn bey der Wach' am ſinkenden Feuer. Hier geht er mit wildem Dreohenden Schritt vor ihm auf und nieder. Sein treffendes Auge D 2 52 Der Meſſias. VII. G. V. 38— 51. Heftet ſich ungewandt auf den Mittler, und funkelte Rache. Aber ſo ſehr ihn die Wuth auch beherrſchte, ſo ſann er doch ſorgſam Und ſcharfſichtig die Reihn der Schwierigkeiten herunter, Stellte jedem Entſchluß, Beredſamkeit, prieſterlich Anſehn, Oder das Aeußerſte ſelbſt entgegen, ließ keinen dem Zufall. Einmal, er dacht' an das Volk, erhebt ſein Herz ſich zu beben; Aber er zwingts, entſchloſſen, zu toͤdten, oder zu ſterben! uUnd noch Einmal, er dachte, was er zu vollenden bereit war, Zittert das Herz ihm, doch ſchnell beſiegt er ſein zeugend Gewiſſen! Jetzo, voll von den heißen Entſchluͤſſen, ein luftig Gewebe, Leicht zu entweben, haͤtte Gott nur Winke geſen⸗ det! Jest eilt Philo zuruͤck zur Verſammlung: Noch ſaͤu⸗ men wir, Vaͤter? Brach die Daͤmmrung nicht an? und ſoll er am Abend noch leben? Philo bewegte ſie leicht. Sie eileten, nahmen, und fuͤhrten Siebenter Geſang. 58 VII. G. V. 52— 65. Zu Pilatus den ewigen Sohn, ein furchtbarer Hau⸗ fen, Hoheprieſter, Geſetzerklaͤrrr, die Aelteſten Ju⸗ da's. Und der Morgen athmete kalt. Da Jeſus den Tempel, Der nun, wenige Stunden nur noch, des Verſoͤh⸗ nenden Opfer Bilden ſollt', durch die Daͤmmrungsſchoͤne des Ta⸗ ges enthuͤllt ſieht, Schaut er vom Tempel gen Himmel. Sie eilten; es eilte ſchon Volk mit; Denn es hatte der Ruf die Geſchichte der Nacht nicht verſchwiegen. Einige waren vorausgeſandt, und hatten Pila⸗ tus Schon die kommenden angekuͤndet. Sie kamen. Er ſtaunte. Daß ganz Juda vor ihm erſchien, um Einen Ge⸗ fangnen Anzuklagen. Sie gingen mit ihm die erhabenen Stufen Deinel hinauf, und blieben am Thot auf Gab⸗ batha ſtehen. Hier war der Nichtſtuhl jetzt. Die Gebraͤuche des Feſtes geboten, Nicht in die Halle zu gehn. Pilatus ſaß auf dem Richtſtuhl, 54 Der Meſſias. VII. G. V. 66— 79. Jener entartete Roͤmer, ein weicher Kenner der Wolluſt, Stolz und grauſam dabey; doch klug genug, von der Roͤmer Alten Gerechtigkeit einige Mienen zu zeigen. Er ſprach jetzt: Weſſen beſchuldigen dieſen Verklagten die Aelte⸗ ſten Juda's? Und ſelbſt Kaiphas ſeh' ich! Er ſprachs mit Hoheit, 3 und ſchaute Mehr auf Jeſus, als auf die Verſammlung. Der — Hoheprieſter Trat nun naͤher hinzu, und ſprach: Wir glauben 3 Pilatus Kenn' uns ſo, und faͤlle dieß Urtheil von Israels Vatern, Daß ſie Dieſen vor ihn nicht fuͤhren wuͤrden, wo⸗ fern er Nicht ein Schuldiger waͤrt! Er iſt, Pilatus, er iſt es Mehr, wie es einer noch war, ſeitdem du Israel richteſt! Dieſen Gram verbergen in ſich die Vaͤter Ju⸗ daͤa's, Koͤnnen ihn dir nicht erklaͤren, wie ſehr der Jeſus — ſich auflehnt, Wider unſers Propheten Geſetz, und den heiligen Tempel! Siebenter Geſang. 5⁵ VII. G. V. 80— 93 Wie er, in blendenden Reden, durch taͤuſchende — Wunder, ein Zaubrer, Unſer Volk uns verfuͤhrt! Schon lang, Pilatus, ach lange Hat er zu ſterben verdient! Hier unterbrach ihn der Roͤmer: Aber ſo richtet ihn denn nach eurem Geſetze! Wie beutſt du Dieß, Pilatus, uns an? Du weißt ja, Roͤmer, wir duͤrfen Keinen toͤdten! Er haͤlt hier inne, den Zorn zu ver⸗ bergen, Daß Pilatus ſie an die entriſſene Freiheit er⸗ 3 innre! Aber itzt redet er weiter: Du weißt, mit welchem Ge⸗ horſam, Welchem tiefen Gehorſam, wie unerſchuͤtterter 3 Treue Wir Tiberius, dem Beherrſcher, dem Vater der Voͤlker, Der ſtets gluͤcklicher ſey! wie wir Ihm gehorchen! Der Jeſus, Den du, Pilatus, vor dir erblickeſt, rottet die Völ⸗ — ker In den Wuͤſten Juda zuſammen! Ein maͤchtiger Redner, Ueberredet er ſie, der Oberherrſchaft des Caͤſars 56 Der Meſſias. VII. G. V. 94— 107. Sich zu entreißen, und ihn zum Koͤnig zu waͤhlen. Ich bin es Den die Propheten verkuͤndeten! Ich der Erloͤſer in Juda Und damit er noch mehr die kleinen Seelen ge⸗ winne; Jedes Geſinnung erforſche, ſie alle kenne; ſie 4 1 alle Sich verfuͤhre: behaͤlt er ſie in den Wuͤſten, und ſpeiſt ſie! und wie ſehr gewann er ſie nicht! Deß Zeug' iſt der Einzug In Jeruſalem. Doch ich beſchreibe den Pomp, und 4 das Jauchzen, Dieſes Tages Entweihungen nicht! Du warſt ja zu⸗ gegen, Hoͤrteſt der Voͤlker Geſchrey, ihr Hoſanna, den taumelnden Jubel, Dieſen Triumph, daß davon ſelbſt dieſes dein Richthaus einſank. Aber Pilatus laͤchelte. Philo bezwang ſich, 3 und ſagte: Koͤnnt' ich glauben, Herrſcher, du ließeſt der bieg⸗ ſamen Sanftmuth Miene dich tiuſchen⸗ und hieltſt fuͤr ununternehmend den Stolzen, Welcher ſie hat; ſo ſchwieg' ich: allein du kenneſt die Menſchen! Siebenter Geſang. 57 VII. G. V. 108— 121.. Dieſer Jeſus, ſo klein er dir ſcheinet, jetzt da ihn Juda In der Kette dem Richter bringt; er war es nicht, Roͤmer, Als er noch in der Oede von Galilaͤag herum⸗ zog. Sieh das Gewebe ſeines Entwurfs: Erſt lockt er die — Menge Durch die Kuͤnſte, die dir der Hoheprieſter genannt hat; Drauf verſucht er, wie weit er die ſchwindelnde Menge beherrſche. Und es gelang ihm der ſtelze Verſuch! Geſpraͤche des Zutrauns, Hohe Beredſamkeit, jetzt verſtummt ſie! erkuͤnſtelte Wunder Waren bisher ihm gelungen. Jetzt reizt' er auf Einmal das Volkheer, Ihn zum Koͤnig zu machen. Sie eileten, draͤngten ſich, ruften Schon um ihn her. Er ſahs, und entwich, noch mehr ſie zu reizen. Und es gelang ihm, ſie ſuchten ihn auf. Der reißen⸗ de Strom zog Neue Ströme zu ſich. Zuletzt, nun waren die Voͤlker Naͤchtig genug, nun entwich er nicht mehr! kam er in Triumphe 58 Der Meſſias. VII. G. V. 122— 135. Nach Jeruſalem. Aber ſo ſehr das Volk ihm auch anhing, War es dennoch zu furchtſam, Jeruſalems Vaͤter zu zwingen, Seinem Koͤnig entgegen zu gehn. Und waͤr' es, Pilatus, 3 Auch entſchloſſen geweſen zu That; ſo haͤtten die Vaͤter, Alle die grauen Haͤupter, die du, Pilatus, hier ſieheſt, Alle wir Diener des groͤßten der Tempel, haͤtten mit . Freuden Dann fuͤr unſeren Caͤſar geblutet! Alſo der Prie⸗ ſter. Aber der Gottmenſch ſtand tiefſinnig; der gro⸗ ßen Erloͤſung Leiden ruhten auf ihm. Der Tode toͤbtlichſter rief ihn Zu dem Altar. Die Menſchen, die neben ihm wuͤ⸗ theten, waren Opferer nur. Er bemerkte ſie kaum. So bemerket der Feldherr, Welchem das Vaterland gebot, den Eroberer zu ſtrafen, Und die zuͤrnende Thraͤne der Freygebornen den ſtolzen Fuͤhlen zu laſſen! er merket den Staub der wuͤrgen⸗ 8 den Schlacht nicht! Siebenter Geſang. 59 VII. G. V. 136— 149. Aber ſo ſehr er Roͤmer auch iſt, ſo bewundert Pilatus Doch den ſchweigenden Mittler. Du hoͤrſt die maͤch⸗ tige Klage, Und du ſchweigeſt? Vielleicht willſt du vor dieſer Verſammlung Dich nicht vertheidigen. Komm! Der Gottmenſch folgt' ihm ins Richthaus. Damals irrte die Ungewißheit mit wankendem Schritte Um die Prieſter, und zeichnet ihr Antlitz mit be⸗ bender Blaͤſſe. Doch ein verworfnerer Suͤnder als ſie, der ſchwarze Verraͤther Seines goͤttlichen Freundes, als er den kommenden Tod ſah, Dem den Gerechten die Prieſter entgegen fuͤhrten; erhub er Schnell ſich, und eilt' auf Gabbatha zu. Die ſtuͤr⸗ mende Menge Hielt ihn maͤchtig zuruͤck; er mußte ſich wenden. Ißt floh er Zu dem Tempel. Es hatte dahin, aus Sorge vor Aufruhr, Kaiphas Prieſter geſtellt. Der Verraͤther wußt' es. . Er ging ſchon In den ſchweigenden Hallen der hohen Tempelge⸗ woͤlbe. 60 Der Meſſias. VII. G. V. 150— 163. Als er die hangende Huͤlle des Allerheiligſten wahr⸗ nahm, Wandt' er ſich weg, ward bleicher, und zitterte laut! Dann erhub er Sich zu den Prieſtern, und ſprach mit wuͤthender Reue: Da habt ihr Euer Silber! und warfs zu ihren Fuͤßen! Der Fromme, Den ich verrieth, ſein Blut iſt Blut der Unſchuld! Das kommt nun Ueber mein Haupt! Er ſprachs, und rollte die off⸗ neren Augen, Ging, und eilet' und floh der Menſchen Anblick, und riß ſich. Aus Jeruſalem, ſtand; drauf ging er, ſtand nun, dann floh er, Schaute mit wildem Antlitz umher, ob er Menſchen erblicke? Als er keinen erblickte, der Stadt nun ſtummes 3 Getoͤſe. Ganz ſich dem Ohre verlor, beſchloß er zu ſterben. Sie kann nicht, Nein, ſie kann, nach dem Tode, nicht fuͤrchterlicher mich faſſen, Dieſe namloſe Qual! Zu entſetzliche Qualen, o wuͤthet, Wuͤthet, ſo lang' ihr noch koͤnnt! Wenn dieß Auge ſich ſchließt, und wenn alles Siebenter Geſang. 61 VII. G. V. 164— 177. Dieſem Ohre verſtummet; ſeh' ich ſein Blut nicht, ſo hoͤr' ich Seine brechende Stimme nicht mehr! Doch der auf Horeb Sprach ja: Du ſollſt nicht todten! Er iſt mein Gott nicht! Ich habe Keinen Gott mehr! Elend! du biſt mein Gott! Du gebieteſt, Laut gebieteſt du mir den Tod! ich gehorche! So ſtirb denn, Stirb, Verlorner! Du bebſt? hier ſtuͤrmts! Noch Einmal empoͤret Sich das Leben in dir, und ringt zu leben! Ver⸗ raͤther! Du willſt leben? vor allen, die je verriethen, ge⸗ . brandmarkt, Du? Er breitet vor mir, wie ein weiteroͤffnetes Grab, ſich Fuͤrchterlich aus! er iſt der bangſte der bangen Ge⸗ danken, Die ein Sterbender jemals empfand: Ich hab' ihn verrathen! Stirb! Die Seele, die dir nach dem Tode noch elend zuruͤckbleidt, Toͤdt' auch ſie! O die du in mir, als waͤreſt du ewig, Dich erhebeſt, vernimm dein Schickſal, Seele des Todten: 6² Der Meſſias. VII. G. V. 178— 191. Sieh, ich verwuͤnſche dich auch der Vernichtung! So rufet er, ſchauet Starrend hin, und miſcht zu der tiefgeſtuͤrzten Ver⸗ zweiflung Gegen den, der ewig iſt, Rache! Dem Gang des verworfnen Folgten Ithuriel, und der Todesengel Obaddon. Als jetzt ſtill Iſchariot ſteht, und mit jeder Geberde Mehr dem Gerichte ſich weiht; ſpricht feuriger Eil zu Abaddon. Seraph Ithuriel: Sieh, er geht zu dem Tode! Noch Einmal G Wollt' ich ihn ſehn, denn ich war ſein Engel. Itt laſſ' ich den Suͤnder Dir, und der Rache! Ich bin ſein Huͤter gewefen; doch nimm ihn;. Feyerlich uͤbergeb' ich dir, Todesengel, das Opfer! Nimm ihn, er opfert ſich ſelbſt, und fuͤhr' ihn zum ewigen Tode! Wie es geſchehn ſoll, davon weißt du des Richters . Befehl auch. Aber ich huͤlle mich ein, und wende mein Antlitz! Er eilte Mit dem fliegenden Worte davon. Iiſchariot 3 waͤhlte Siebenter Geſang. 63 VII. G. V. 192— 205. Schon den Ort des Todes ſich aus. Als Obaddon den Huͤgel Sahe, da trat er herauf auf die Hoͤh, und hub die Rechte Mit dem flammenden Schwert empor, und hielt ſie gen Himmel; Sprach die feyrlichen Worte, die Engel des Todes ſprechen; Fuͤllet ein Menſch der Empoͤrungen Maß, und toͤd⸗ tet ſich ſelber: Tod, bey dem furchtbaren Namen des großen Unendlichen! Tod, komm Ueber den Mann von Erde! Sein Blut ſey uͤber ihm ſelber! Siehe, du loͤſcheſt die Sonne dir aus. Der Tod, und das Leben Lagen vor dir, daß du waͤhlteſt. Du Sterblicher, waͤhlteſt den Tod dir! Sonne, verliſch! komm, Todesangſt! und thue dich weit auf, Grab! und nimm ihn, Verweſung! Sein Blut iſt uͤber ihm ſelber! Judas vernahm des Unſterblichen Stimme. So hoͤrt ein Verirrter Stimmen im einſamen Walde voll Nacht, wenn uͤber den Bergen 83 Meilenferne Gewitter die Ceder der Wolk' entſtuͤr⸗ zen. 64. Der Meſſias. VII. G. V. 206— 219. Und er rief in der Wuth der Verzweiflung: Ich kenne das Rauſchen⸗ Deiner Stimme zu wohl! du biſt der todte Meſ⸗ ſias! Du verfolgſt mich, und forderſt dein Blut. Hier bin ich! hier bin ich! Judas riefs mit ſtarrendem Blick, und erwuͤrg⸗ te ſich! Staunend Trat Obaddon ſelber zuruͤck, da er ſtarb! Die er⸗ griffne, Schwankende Seele ſchuͤtterte dreymal noch, als ihm das Herz brach; Aber das viertemal trieb ſie der Tod von des ſter⸗ benden Stirne Siegend empor. Sie ſchwebte dahin. Leichtfließen⸗ des Leben, Unſeres Seyns Urkraft, ſie unaufloͤsbar dem : Tode, Folgt' ihr aus dem Leichname nach, und bewegte ſich ſchneller Als Gedanken um ſie, und ward zum ſchwebenden Leibe, Daß ſie mit hellerem Auge den Abgrund ſaͤhe, mit feinerm Und geſchreckterem Ohr des Richtenden Darmer ver⸗ naͤhme. Aber es war ein Leib unausgeſchaffen, voll Schwaͤche, Nur Siebentet Geſang. 65 VII. G. V. 220— 233. Nur empfindlich der Qual, und menſchenfeindlich von Bildung. Jetzo hatte ſich von der Betaͤubung des Todes die Seele Schnell beſonnen, indem begann ſie zu denken: Ich fuͤhle Wieder? Wer bin ich geworden? Wie leichthinſchwe⸗ bend erheb' ich Mich in die Hoͤh! Doch ſind das Gebeine? Sinb nicht Gebeine! Aber es iſt doch ein Leib! Wie dunkel ſeh' ich! Wer bin ich? 3 Aber, entſetzlich iſt mein Gefuͤhl! ich fuͤhl', ich bin elend! Bin ich Judas, der ſtarb? Wo bin ich? Wer iſt auf dem Huͤgel Jene lichte Geſtalt, die immer furchtbarer her⸗ glaͤnzt? Wrſ du, mein Auge, dunkel geblieben! Aber ſie wird ſtets Heller! noch heller! ach fuͤrchterlich heller! Judas, entfliehe! Weh mir! es iſt der Richter der Welt! Ich kann nicht entfliehen! Das iſt meln abſcheulicher Leichnam! Er ſchwebte verzweifelnd Dicht an dem Boden. Erhebe dich! rief von dem 3 Huͤgel Obaddon, Klopſt. Meſſias. II. B. E te Aufl. 66 Der Meſſias. VII. G. V. 234— 246. Schwebe nicht erdwaͤrts! Ich bin der Richter det Welt nicht. Ich bin nur Einer der Bothen von ihm, der Todesengel Obad⸗ don! Hoͤre dein Urtheil! Es iſt dein erſtes; und truͤbere folgen. Ewiger Tod dir! Du haſt den Gottverſoͤhner verrathen, Haſt dich wider Jehovah empoͤrt, und dich ſelbſt ge⸗ toͤdtet! Alſo ſaget, der in der furchtbaren Rechte die Wag⸗ ſchal Haͤlt, in der Linken den Tod: Es iſt kein Maß, ſie zu meſſen, Keine Zahl, ſo ſie zaͤhlt, die Qualen, die auf des Verraͤthers Haupt ſich ſammeln! Erſt zeig' ihm am Kreuz den blutenden Mittler;. Drauf die Huͤtten der Wonne von fern; dann fuͤhr⸗ in den Abgrund. Alſo ſagte der Engel das Urtheil. Der bebende Todte Wurde dunkler vor Schrecken, und folgt' in der Ferne dem Seraph. Unterdeß war der ewige Sohn bey Pilatus im Richthaus, Siebenter Geſang. 67 VII. G. V. 247— 259. Und Pilatus befragt ihn: Du biſt der Koͤnig Ju⸗ daͤg's? Jeſus ſchaut mit gelinderem Ernſt dem Roͤmer ins Antlitz: Waͤr' ich ein Koͤnig der Erde, wie ihr beſiegtet, ſo haͤtt' ich Voͤlker; die ſtritten fuͤr mich! Ich bin kein Koͤnig der Erde! Aber ſo biſt du denn doch ein Koͤnig? Ich bin es! Ich ließ mich Zu der Erd' herunter, ich ward geboren, die Menſchen Wahrheit zu lehren. Wer ſich der heiligen weihte, verſteht mich! Hiier bricht Pontius ab, und ſagt mit der Miene des Weltmanns, Der kurzſichtig, doch laͤchelnd, des Ernſtes Sache . verurtheilt: Was iſt Wahrheit? Er hatt' es geſagt, und be⸗ gleitet' ihn wieder In die Verſammlung zuruͤck. Ich finde, ſagt' er den Prieſtern, Keine Schuld des Todes an ihm. Ihr nanntet vor⸗ her mir. Galilaͤa. Dort lehnt' er ſich auf. Drum ſehet, ich ſend' ihn E 2 68 Der Meſſias, VII. G. V. 260— 273. Zu Herodes. Es iſt ſein Gebiet. Er beſtraf' ihn: Und ſollte, Wie mir es ſcheint, die Frage vielmehr von eurem Geſetze, Als von Empoͤrungen ſeyn; ſo iſt es wieder Hero⸗ des, Der ſie beſſer entſcheidet als ich. So gebot Pila⸗ tus. Unterdeß kam die Mutter des liebſten unter den Soöhnen, Nach durchwachter einſamer Nacht, mit dem Schauer . der Daͤmmrung, Nach Jeruſalem; fand ihn im Tempel nicht, wo ſie ihn ſuchte, Fand den goͤttlichen Sohn nicht! Verſenkt in aͤngſt⸗ liches Staunen, Hoͤret ſie von den Pallaͤſten der Roͤmer heruͤbet ein dumpfes Tiefaufſteigend Getoͤſe. Sie ging dem Getoͤſ' ent⸗ gegen, Ohne daran zu denken, woher es entſtuͤnde? Nun 4 geht ſie Unter dem Volke, das rings durch Jeruſalem gegen den Richtſtuhl Drang, Beklommen, allein noch ruhig wegen des Aufruhrs Urſach, naht ſie dem Richiſtuhl ſich. Hier ſieht ſie Lebbaͤus. „Siebenter Geſang. 69 VII. G. V. 274— 287. Doch kaum ſah Lebbaͤus die Mutter, da floh er. Ach flieht er? Warum wendet er ſich? So dachte Maria. Die Vorſicht Zuͤckt' auf ſie mit dieſem Gedanken das Schwert, das beſtimmt war, Ihr durch die Seele zu gehn. Maria erhub ſich, . und ſahe Jeſus! Ihr Engel, als er die Todesblaͤſſe, mit der 4 ſie Bleich ward, als er die ſtarrenden Augen der Mut⸗ ter erblickte, Wandt' er ſein Antlitz. Doch ſie, da ihrem Auge, das Dunkel, Ihrem Ohr die Betaͤubung entſank, ging vorwaͤrts, . und bebte Naͤher zum Richtſtuhl hin, und ſah noch Einmal den Sohn ſtehn, Sah die maͤchtigen Klaͤger um ihn, und den rich⸗ . tenden Roͤmer! Hoͤrte die Stimme des Volks, die rings mit Wuth von dem Tode Wiederhallte. Was ſollte ſie thun? Zu welcher Er⸗ barmung Sollte ſie flehn? Sie ſchaute ſich um, da war kein Erbarmer! Schaute gen Himmel empor, auch er verſtummte der Mutter! 70 Der Meſſias. VII. G. V. 238.— 301. Jetzo betet ihr blutendes Herz: O, der ihn durch Engel Mir verkuͤndigen ließ, mir ihn in Bethlehems Thal gab, Daß ich mit Mutterfreuden mich freute, mit denen der Muͤtter Keine ſich jemals freute, mit Freuden, die ſelber die Engel In dem Liede von ſeiner Geburt nicht alle beſan⸗ gen! Du, der Samuels Mutter erhoͤrte, da ſie am Al⸗ tare Stand, und weint', und betet', erhoͤr' Erbarmer, den Jammer Meiner Seele, vernimm die Angſt, die mehr mich erſchuͤttert, Als der Gebärerin Angſt! Das muͤtterlichſte der Herzen Gabeſt du mir, und den beſten der Soͤhne, den beſten vor allen Erdegebornen! ¹ Laß ihn nicht ſterben, iſt anders mein Flehen Deinem goͤttlichen Willen gemaͤß, o du, der die Himmel Schuf, und der Thraͤne gebot, zu dir um Erbar⸗ mung zu flehen! Hier verſtummte ihr Herz. Der Strom der kommenden Schaaren Siebenter Geſang. 54 VII. G. V. 302— 316. Trieb ſie ſeitwaͤrts, und nahm ihr des Sohns An⸗ blick. Sie entriß ſich. Jetzt dem Gedraͤnge, ſie ſtand, ſie ging, ſie ſuchete, fand nicht, Nicht die Juͤnger! Zuletzt verhuͤllte ſie ſich, und weinte Sprachlos. Als ſie darauf ihr Aug' aufhebt, da erblickt ſie Sich an dem Seitenpallaſt des Roͤmers. Vielleicht, daß hier Menſchen Wohnen, denkt ſie, vielleicht, daß ſelbſt in der Schwelger Pallaͤſten Eine Mutter gebar, der es, Mutterliebe zu fuͤh⸗ len, Nicht zu klein iſt. O wenn es waͤre, was viele der — Muͤtter Von dir, Portia, ſagen, daß du ein menſchliches Heerz haſt, O ihr Engel, die ihr bey der Krippe ſeiner Geburt 3 ſangt, Wenn das waͤre! Sie denkts. Schon eilt ſie die Marmorgelaͤnder Unverhuͤllter hinauf, und geht in den ſchweigenden Saͤlen. Aber nicht lang, ſo kommt, aus einem fernen Ge⸗ woͤlbe In des Pallaſtes Seite, die ſich zu dem Richtſtuhl hinzog, Eine Roͤmerin her, und ſieht Maria. Die junge, 7² Der Meſſias. VII. G. V. 317— 330. Bleiche Roͤmerin blieb, ſo wie geloͤst ihr das Haar floß, Und das leichte Gewand die bebenden Glieder herun⸗ ter, Voll Bewunderung ſtehn. Denn die Mutter des Un⸗ erſchaffnen. Zeigte, wie wohl der Schmerz ſie verhuͤllte, in ihren Geberden Eine Hoheit, von Engeln, weil die auch dann ſie verſtanden, Noch bewundert: verhuͤllt vom Schmerze, ſtieg ſie am tiefſten Zu den Menſchen hinab, von ihnen bewundert zu werden; Denn die kannten nicht, was an der heitren die — Himmliſchen ſahen. Endlich redet die Roͤmerin: Sag', o ſage, wer biſt du 2 Wer du auch ſeyſt; noch nie hab' ich dieſe Hoheit geſehen, Dieſen goͤttlichen Schmerz! Da unterbrach ſie Maria: Wenn du wirklich das Mitleid, das du in dei⸗ nem Geſicht haſt, Auch in dem Herzen empfindeſt; ſo komm, o Roͤ⸗ merin, fuͤhre Mich zu Portia! Mehr noch erſtaunt, antwortet mit leiſer Siebenter Geſang. 73 VII. G. B. 331— 346. Sanfter Stimme die Roͤmerin: Ich bin Portia. Du biſt Portia ſelbſt? Ein geheimes, ein linderndes, ſtilles Verlangen Wuͤnſchte mir Portia ſo, da ich dich ſahe. Du biſt es Alſo ſelber, o Roͤmerin? Zwar du kenneſt die Schmer⸗ zen Einer Mutter nicht ganz, die zu einem Volke gehoͤ⸗ ret, Welches ihr haßt; doch Iſraelitinnen ſelber erzaͤh⸗ len,— Daß dein Herz voll Menſchlichkeit ſey! Der Mann, den Pilatus Richtet! er hat kein Uebel gethan! den Tyrannen verklagen! Ich bin ſeine Mutter! Maria hatt' es geſprochen. Portia blieb vor ihr ſtehn, und ſah mit ſanftem Erſtaunen, Mit Entzuͤckung ſie an. Denn uͤber den Kummer des Mitleids Siegte der hoͤhre Gedanke. Sie konnte jetzt nur be⸗ wundern. Endlich rief ſie: Er iſt dein Sohn? Gluͤckſelige, du 8 biſt Dieſes Goͤttlichen Mutter u biſt Maria? Dann wendet Sie ſich von ihr, und richtet gen Himmel ihr ſtau⸗ nendes Auge. 74 Der Meſſias. VII. G. V. 346— 359. Sie iſt ſeine Mutter, ihr Goͤtter! Euch meyn' ich, ihr hoͤhern, Beſſeren Goͤtter, die mir, in dem Traume voll Ernſt, ſich entdeckten. Jupiter heißt ihr nicht, ihr heißet nicht Phoͤbus Apollo! Aber wie euer Namen auch heißt, ihr ſeyd es, ihr ſandet Mir die Mutter des groͤßten der Menſchen, wenn er ein Menſch iſt! Und mich bittet ſie? mich? Nein, bitte mich nicht! o fuͤhre Mich vielmehr zu ihm hin, zu deinem erhabenen Sohne, Daß er der Dunkelheit mich, den Zweifeln entreiße! von fern nur Auf mich blicke, und mir die Lehre der Gottheit entfalte. Portia hatte zuletzt ſich gewandt. Mit Augen voll Liebe Suchte Maria der Roͤmerin Aug', und redete wieder: Wie iſt deine Seele bewegt! Ja, Portia liebt mich! Portia! o ich war es auch, war der gluͤcklichen Muͤtter Gluͤcklichſte. So hat keine der Muͤtter geliebt wie ich liebe! Siebenter Geſang. 75 VII. G. V. 360— 373. Aber bey deinem Herzen voll Mitleids, o Roͤmerin, rufe Deine Goͤtter nicht an! Hilf ſelbſt, ſie koͤnnen nicht helfen! Und auch du vermagſt nicht zu helfen, wenn Gottes Rathſchluß, „Daß er ſterbe, beſchloß! Allein es wuͤrde Pila⸗ tus, Wenn des unſchuldigen Blut nicht ſeine Seele be⸗ fleckte, Freudiger ſtehen vor dem Gericht des Gottes der Goͤtter. Portia ſchaut' auf ſie hin, und fing an leiſe zu reden: O was ſag' ich zuerſt? was zuletzt? wie voll iſt mein Herz mir! Erſt ſey dieſes dein Troſt, iſt es anders Troſt dir: Ich will dir Helfen, du theure! Dann wiſſe, die Goͤtter, wel⸗ che du meynteſt, Fleht' ich nicht an. Ein heiliger Traum, von dem ich jetzt aufſteh, Lehrte mich beſſere Goͤtter, zu denen hab' ich gebe⸗ tet! Sieh, ein Traum, wie noch keiner um meine Seele geſchwebt hat, Ach ein himmliſcher, ſchreckender Traum! Ich wuͤr⸗ de dir helfen, 6 Der Meſſias. VII. G. V. 374— 387. Waͤrſt du auch nicht, Maria, gekommen. Der Traum, den ich ſahe, Hatt⸗ mir ſchon fuͤr dich mit maͤchtiger Stimme geſprochen. Aber er endete fuͤrchterlich, und ich verſtand ihn zu⸗ letzt nicht. Da erwacht' ich, und fand mich in kalten Schwei⸗ ßen. Ich eilte Gleich, den erhabnen Verklagten zu ſehn. Da hat⸗ ten die Goͤtter Mir des Verklagten Mutter geſandt! Hier ſchwieg ſie, und winkte Einer Sklavin, die ferne von ihr in der Tiefe des Gangs ſtand. Denn ſie gab den Befehl, da aus ihren Hallen ſie eilte: Eine Sklavin ſollte ſie nur in der Ferne beglei⸗ ten. Dieſe nahete jetzt, und empfing die neuen Be⸗ fehle: Geh zu Pilatus, und ſag' ihm: Er iſt ein großer, gerechter, Goͤttlicher Mann, den du richteſt! verdamme du nicht den Gerechten! Um des Goͤttlichen willen, Pilatus, hat ein Geſicht mich. Heut im Schlafe geſchreckt! So ſtille denn, liebende Mutter, Siebenter Geſang. 77 VII. G. V. 388— 401. Deine Schmerzen, und komm, daß ich unter die Blumen dich fuͤhre, Dort in die Morgenſonne, damit wir die Menge nicht hoͤren, Und ich dir ſage, was mich die ernſte Stunde ge⸗ lehrt hat. Portia ſprachs, und ſie ſtiegen hinab. Die ed⸗ lere Heidin Sieht mit ernſtem Angeſicht nieder. Noch ſchweigt . ſie, voll Wunderns Ueber den Traum, und vertieft in neue Gedanken. Ihr Engel Hatt' in ihre Seele den Traum gegoſſen, und im⸗ mer Aus den Lieblingsgedanken, die ſie am feurigſten dachte, Neue Gedanken entwickelt, in ihrem Herzen die feinſten, Zarteſten Saiten gewiſſer zu treffen, und ganz ſier zu ruͤhren. Jetzt entreißt ſie ſich ihren Betrachtungen, ſagt zu Maria: Sokrates, zwar du kenneſt ihn nicht; doch ich ſchaure vor Freuden, Wenn ich ihn nenne! das edelſte Leben, das jemals 1 gelebt ward, Kroͤnt' er mit einem Tode, der ſelbſt dieß Leben erhoͤhte! 78. Der Meſſias. VII. G. V. 402— 415. Sokrates, immer hab ich den Weiſen bewundert! ſein Bildniß Unaufhoͤrlich betrachtet, ihn ſah ich im Traum. Da nannt' er Seinen unſterblichen Namen: Ich Sokrates, den du bewunderſt, Komm' aus den Gegenden uͤber den Graͤbern her⸗ uͤber. Verlerne Mich zu bewundern! Die Gottheit iſt nicht, wofuͤr wir ſie hielten, Ich in der ſtrengeren Weisheit Schatten; ihr an Altaͤren. Ganz die Gottheit dir zu enthuͤllen, iſt mir nicht geboten. Sieh, ich fuͤhre dich nur den erſten Schritt in den Vorhof Ihres Tempels. Vielleicht, daß in dieſen Tagen der Wunder, Da die erhabenſte That der Erde geſchieht, daß ein beßrer, Hoͤherer Geiſt kommt, und dich in das Heiligthum tiefer hineinfuͤhrt. So viel darf ich dir ſagen, und dieß verdiente dein Herz dir: Sokrates leidet nicht mehr von den Boͤſen! Ely⸗ ſium iſt nicht, Noch die Richter am naͤchtlichen Strom. Das wa⸗ ren nur Bilder ⸗ Siebenter Geſang. 79 VII. G. V. 416— 429. Schwacher irrender Zuͤge. Dort richtet ein anderer Richter, Leuchten andere Sonnen, als die in Elyſiums Thale! Sieh, es zaͤhlet die Zahl, und die Wagſchal waͤgt, und das Maß mißt Alle Thaten! wie kruͤmmen alsdann der Tugenden hoͤchſte Sich in das Kleine! wie fliegt ihr Weſen verſtaͤubt in die Luft aus! Einige werden belohnt; die meiſten werden verge— ben! Mein aufrichtiges Herz erlangte Vergebung. O druͤben, Portia, druͤben uͤber den Urnen, wie ſehr iſt es anders, Als wir dachten! Dein ſchreckendes Rom iſt ein hoͤherer Auswurf Voll Ameiſen; und Eine der redlichen Thraͤnen des Mitleids Einer Welt gleich! Verdiene du, ſie zu weinen! Was dieſe Heilige Welt der Geiſter ſehr ernſt jetzt feyert, und was mir Selbſt nicht enthuͤllet ward, und ich von fern nur bewundre, Iſt: Der groͤßte der Menſchen, wofern er ein Menſch iſt, er leidet, 8⁰ Der Meſſias. VII. G. V 430— 443. Leidet mehr, wie ein Sterblicher litt, wird am tief⸗ ſten gehorſam Gegen die Gottheit! vollendet dadurch der Tugenden groͤßte! Und dieß alles geſchieht, um der Menſchen willen! und jetzo! Sieh, ihn ſah dein Auge! Pilatus richtet den Thaͤ⸗ 5 ter Dieſer iarn und fließt ſein Blut; ſo hatte noch niemals Lauter der Unſchuld Blut gerufen! Hier ſchwieg die Erſcheinung. Aber ſie rief, indem ſie verſchwand, aus den Fer⸗ nen heruͤber: Schau! Ich ſchaute. Da waren um mich aufbe⸗ bende Graͤber; Hingen dicht an die Graͤber von allen Himmeln herunter Schwere Wolken; die riſſen ſich auf bis zur oberſten Hoͤhe. Und ein Mann, dem Blut entſtroͤmete, ging in die Wolken, Wo ſie ſich oͤffneten. Schaaren unzaͤhlbarer Men⸗ 3 ſchen zerſtreuten Sich auf den Graͤbern, und ſchauten mit offnen verlangenden Armen Jenem blutenden nach, der in die Wolken hinein⸗ ging. Viele Siebenter Geſang. 3¹ VII. G. V. 444— 457. Viele von ihnen bluteten auch. Die weiten Ge⸗ filde Tranken ihr Blut, und bebten. Ich ſah die Lei⸗ denden leiden! Aber ſie litten mit Hoheit, und waren beſſere Menſchen, Als die Menſchen um uns. Ein Sturm kam je⸗ to heruͤber, Schreckend ſchwebt' er einher, und huͤllte die Fel⸗ der in Nacht ein. Da erwacht' ich. Sie ſchwieg. So ſtutzt ein letz⸗ ter Gedanke, Wenn er, der Vorſicht Tiefen zu nah, auf Ein⸗ mal zuruͤckbebt. So blieb Portia ſtehn. Maria wandte gen Him⸗ mel Ihr vieldenkendes Auge: was ſoll ich Portia ſa⸗ 3. gen? Zwar ich verſteh' es ſelber nicht ganz, was der Traum dich gelehrt hat: Aber ich ſchaue dich an, und verehre dich! Hoͤ⸗ here Geiſter Werden kommen, und dich in das Heiligthum fuͤh⸗ ren! Doch darf ich Dieß dir ſagen, ſo gern ich, wenn jene reden, ver⸗ ſtumme: Er, der dieſe wandelnden Himmel ſo leicht, wie den Sproͤßling, Klopſt. Meſſias. II. B. F Ate Aufl. 8² Der Meſſias. VII. G. V. 458— 471. Der dort keimet, erſchuf, der hier dem Menſchen ein Leben Voller Muͤh, voll fliehender Freud', und fliehen⸗ des Schmerzes Gab, daß ſie nicht vergaͤßen den Werth der hoͤ— hern Seele, 4 Und es fuͤhlten, daß uͤber dem Grab' unſterblich⸗ keit wohne! Er, Er iſt nur Einer! Er heißt Jehovah, der Schoͤpfer Und der Richter der Welt! des erſten unter den Menſchen, Adams Gott; dann vieler von Adams Soͤhnen; dann Abrams, Unſeres Vaters. Allein die Art, auf die wir ihm dienen, Iſt den Frommen bey uns, wie ſehr auch die Stol⸗ zen ſich aufblaͤhn, Dennoch dunkel. Doch hat ſie der Ewige ſelber ge⸗ boten! Und et kennet ſie, wird ſie enthuͤllen! enthuͤllet ſie . 3 jetzt ſchon! Jeſus, der große Prophet, der Wunderthaͤter, der Redner Gottes! mit namloſen Freuden, mit Schauer, mit . Staunen, und Ehrfurcht Nenn' ich ihn Sohn! er kam, es zu thun! Ich ſollt' ihn gebaͤren! Siebenter Geſang. 83 VII. G. V. 472— 485. Jeſus ſollt' er heißen, er ſollte die Menſchen er⸗ loͤſen! Kuͤndigte mir ein Unſterblicher an. Wir nennen ſie Engel; Aber ſie ſind Erſchaffne, wie wir. Doch die Goͤt⸗ ter der Griechen, Und des furchtbaren Roms, wofern ſie waͤren, ſie waͤren, Gegen die Engel, Sterbliche nur. Als ich in der Huͤtte Jeſus, den Knaben der Wunder gebar, da ſan⸗ gen ihm Heere Dieſer Unſterblichen! Portia war bey ihr niederge⸗ ſunken, Hielt die geoͤffneten Haͤnde gen Himmel empor, und erſtaunte, Wollt' anbeten; wollte mit leiſer Stimme, Je⸗ hovah Nennen; allein ſie fuͤhlt es, ſie darf den groͤßten der Namen Noch nicht nennen! Sie hub ſich empor, und ſchau⸗ te mit Wehmuth Auf die Mutter, und ſprach: Er ſoll nicht ſterben! M. Das wird er! Ach, ſchon lang' hat mir der Kummer mein Le⸗ ben belaſtet; Denn er ſagt es, Portia, ſelbſt! Was mir, und den Frommen, F 2 84 Der Meſſias. VII. G. V. 486— 499. Die ihm folgen, vor allem Geheimnißvollen am ſchwerſten Und unerforſchlichſten iſt: Er hat zu ſterben be⸗ ſchloſſen! Ach nun reißt ſie von neuem mir auf, die Wund' in der Seele! Deine Geſpraͤche von Gott bedeckten ſie leiſe; nun reißt ſie Wieder auf, und blutet, die tiefe Wunde! Dich ſegne Gott, ja Abrahams Gott, er ſegne dich! Aber o wende Dieß dein weinendes Auge von mir! Es troͤſtet umſonſt mich! Denn er beſchloß zu ſterben! und ſtirbt! Die Stim⸗ me verließ ſie; Lange ſtanden ſie beyde mit weggewendetem An⸗ tlitz. Endlich, wie ein Sterbender ſich noch Einmal zum Freunde Kehrt, ſprach Portia noch: O du! du theuerſte . der Muͤtter! Mutter! ich geh', und weine mit dir, bey dem Grabe des Todten! So beſprachen ſie ſich. Die Hohenprieſter be⸗ gleiten Zu Herodes den goͤttlichen Sohn, mit ihnen die 4 Menge. Siebenter Geſang. 35⁵ VII. G. V. 500— 513. Und ſchon lief ein Geſchrey durch des Fuͤrſten Pal⸗ laſt: Den Jeſus Aus Galilaͤa, den großen Propheten ſende Pila⸗ tus Zu Herodes! Der Fuͤrſt verſammelt der Hoͤflinge Haufen Eilend um ſich, und ſitzt. Dann ſagt er zu ihnen: Es ſoll mir Dieſer Tag es entſcheiden! Ihr habt es alle ver⸗ nommen, Was der erhoͤhende Ruf nicht verſchwieg. Die Kran⸗ ken mit Worten Heilen; mit Worten vom Tod' erwecken: und den⸗ noch gefangen? Seht, ich ſtaune, wie ihr! So ſagt' er, und ſagte nicht alles, Was er dachte. Sein Herz war ihm viel ſtolzer geſchwollen. Ja, der groͤßte Prophet von unſern Propheten, er neigt ſich, Als Werflagtst vor mir! Ich bin ſein Richter! gebiet' ihm Wunder zu thun! Wofern er ſie thut, wie koͤnnt' er? es ſind ja Keine moͤglich! doch thut er ſo was; ſo hat ihm Herodes Wunder geboten! und thut er ſie nicht; ſo iſt er doch immer 86 Der Meſſias. VII. G. V. 514— 527. Jener Beruͤhmte, dem Palmen Jeruſalem ſtreut', und Hoſanna Sang, deß Richter ich bin! Ihn unterbrachen die . Prieſter, Die mit hallendem Schritt in die Saͤle traten. Doch Jeſus War noch unter dem Volke, das ihn umdraͤngte. Nun wollten Tauſend ihn ſehn! dann wieder tauſend! Sie — ſtuͤrmeten, ruften, Standen, weineten, ſtaunten, verfluchten, ſegne⸗ ten! Jeſus Ging in dieſem Sturme mit jener erduldenden Stil⸗ le, Welche die Sprache zwar nennt, doch die Seele ſo hoch nicht hinaufdenkt, Als ſie der Mittler empfand. Auch ſah in der Fern' er die Seinen, Kannte den ewigen Troſt, der in ihre Seelen Ent⸗ zuͤckung 3 Stroͤmen ſollte. Schon war't ihr gezaͤhlt, ihr Thraͤ⸗ 3 nen der Freude! Aber ſie weineten dieſe noch nicht. Die meiſten von ihnen Waren unter dem Volk, und drangen zu ihm, um den letzten, Ach den letzten Segen zu flehn. Die ſtroͤmende Menge Siebenter Geſang. 87 VII. G. V. 528— 541. Zwang ſie zuruͤck. Sie verſuchten es oft; doch ſie hatte die Menge Einmal in ihre Wirbel gefaßt, die Juͤnger, und Petrus, Petrus mit ſchwerem Herzen, und muͤdem Auge voll Jammer, Und Johannes, und dich, Lebbaͤus! Nathanael, viele Von den Siebzigen, viele der Freundinnen Jeſus, Maria Magdale, Maria die Mutter des Zebedaͤiden; Aber nicht Lazarus Schweſter, die lag zu ſterben. Maria Magdale hielt ſich nicht mehr, ſie erkannte neben ſich einen, Dem der Meſſias das Aug' einſt aufthat: Hilf mir, wofern du An die Stunde noch denkſt, da er dir die Sonne zuruͤckrief! Heil mir! und fuͤhre mich durch die Wuͤthenden, daß ihn mein Auge Einmal noch ſeh'! ihn noch Einmal ſegne! Sie wollen ihn toͤdten! Aber ſie flehte vergebens. Der dankbare konnt' ihr nicht helfen. Petrus war zu beaͤngſtet ſich wieder zu nahen. Jo⸗ hannes 88 Der Meſſias. VII. G. B. 542— 555. Blieb auf einer entfernteren Anhoͤh, ſah den Meſ⸗ ſias, 4 Betete! Mutter der Zebedaͤiden, ſagte Lebbaͤus Zu Maria, indem ſie ihr Antlitz vor Wehmuth verhuͤllte, Du biſt eine gluͤckliche Mutter! O ſchau du gen Himmel, Schau, und laͤchle! Doch ſie, die den Wunder⸗ thaͤter, den Frommen, Die den Gerechten gebar, die Mutter des Goͤttli⸗ chen Sohnes, Sie! Er legt ſich truͤbe vor mich, wohin ich mich wende, Ach ich fuͤhl' ihn, fuͤhle den bangen Gedanken! ver⸗ ſteh dich, Mutter! empfinde dir nach, wie deine Seele vor Jammer Stumm wird! Erbarmt euch, ihr Todesengel, und leitet die Mutter, Daß ſie den Sohn im Tode nicht ſeh! ſo ſagte Lebbaͤus. Jetzo ging der Richter der Welt in Herodes Pallaſte; Und ſie fuͤhreten ihn vor den Fuͤrſten. So laſſen geſtrafte, Schwindelnde Denker vor ſich erſcheinen die Vor⸗ ſicht, geben Siebenter Geſang. 39 VII. G. V. 556— 569. Ihr Gedanken des Staubes, und richten die Vor⸗ ſicht Gottes; Aber die ewige zeigt ſie dem kommendem Donner. Herodes Staunete, da er ihn ſah! So ſehr ſein Stolz ſich empoͤrte, Staunt' er doch! Die Hoheit, ſo viel unerſchuͤt⸗ terte Stille 1 Hatte der Fuͤrſt nicht erwartet. Er ſah ihn lange . mit Einem Blick an. Endlich bezwang der Stolz das Erſtau⸗ nen, er ſagte: Deine Wunder, Prophet! ſie ſind in die Laͤn⸗ der erſchollen, Und ich hoͤrte davon. Doch des Rufes Stimme ver⸗ groͤßert, Oder verkleint; und ſelten, daß er die Thaten er⸗ zaͤhlte, Wie ſie waren. So zeig denn, Prophet! wofuͤr ich die Wunder Belecn ſolle, die dir, vielleicht zu klein noch der Ruf gab! Kigt, als ob ich zweifle, du habſt ſie vollendet! mein Auge Wuͤnſcht nur dich handeln zu ſehn, nur dich zu be⸗ wundern! Und weil du Eh denn Abraham warſt; ſo biſt du auch groͤßer als Moſes, 9⁰0 Der Meſſias. VII. G. V. 570— 583. Groͤßer als alle Propheten nach ihm: ſo iſt es auch deiner Wuͤrdig, uͤber ſie alle, durch uͤbertreffende Wun⸗ 3 der, Dich zu erhoͤhn! Und daß die Wahl dich nicht wei⸗ le, ſo ſondr' ich Nur erhabne dir aus! Sieh, jedes iſt wuͤrdig des Thaͤters. Dort erhebt Moria ſich! Schau des Tempels Ge— woͤlbe, und die Zinne des glaͤnzenden Tempels! ſie thuͤrmt ſich empor! ſprich: Neige dich, Zinne, vor dem Propheten! Im Schoo⸗ ße des Tempels Lieget Davids Gebein! Wie wuͤrde der heilige Koͤ⸗ nig Jauchzen, wenn er Jeruſalem ſaͤh! wie wuͤrden wir ſtaunen, Wenn wir ihn ſaͤhen! O ruf, Prophet, den Ge⸗ beinen des Koͤnigs, Daß er die dunkeln Woͤlbungen flieh', und lebend herumgeh'! Aber du ſchweigſt! So gebeut dem Jordan: Er⸗ hebe dich Jordan! Wende den wogichten Strom! und fleuß um Jeru⸗ ſalem! ſchuͤtze Ihre ſchimmernden Thuͤrme, dann kehr' in Gene⸗ zaret wieder! 4 Siebenter Geſang. 91 VII. G. V. 584— 597. Oder befiehls dem Sion, daß er ſich erhebe, dem Himmel Näͤher ſich lagr' auf des Oelbergs Gipfel. Es ſchaun ihm die Voͤlker, In dem großen, umhergeworfenen Schatten, erſtaunt nach! Noch verſtummſt du! Er ſagt's, und wußte nicht, wem er es ſagte! Wußte nicht, daß der gefuͤrchteten Huͤgel, und der — gebuͤckten Koͤnigreiche Tyrann vor dem, mit welchem er red⸗ te, Nur erhoͤhterer Staub ſey! Herodes rief ihm noch Einmal: Und du verſtummeſt? Der Gottmenſch ſah, mit Einem Blicke Seiner Hoheit, ihn an! Der Fuͤrſt verkennt ihn . in allem; Denn er glaubt, der Prophet veracht' ihn! Da ſtand er in Grimm auf. Kaiphas ſah ihn ergrimmen, ergriff den Augenblick, ſagte: Nun entdeckeſt du ſelbſt, nun ſieheſt du, wer der Prophet ſey! Sieh, er verſtummte vor dir, als du die Wunder verlangteſt! Kann er ſie thun? Doch waͤhnt es der Poͤbel; waͤh⸗ nen es ſelber 9²2 Der Meſſias. VII. G. V. 598— 611. Einige Schwache unſrer Verſammlung. Wer wi⸗ . der des Bundes, Wider Moſes Geſetz, mit oftgewarnter Verblen⸗ dung, Kuͤhn ſich erhebt, kann der von Gott mit Wundern . geſandt ſeyn? Unſeres Bundes Entweihung! den rauchenden Si⸗ na! die Schrecken Gottes auf Sina! die rufenden Wetter! den Schall der Poſaune! Moſes im Dunkeln des bebenden Bergs! will Kai⸗ phas raͤchen! Doch er empoͤrte ſich auch zum Koͤnige! haͤufte Ju— daͤn Um ſich herum, und zog, von lautem Jubel be⸗ gleitet, In Jeruſalem ein! Sie ſtreuten ihm Palmen! ſie warfen Ihre Gewande vor ihn, und ruften: Hoſanna dem Sohne Davids, Hoſanna! und Sion erſcholl, und die Hallen Moria's Klangen, dem Koͤnig Hoſanna, dem Gottgeſegne⸗ ten! Siehe, Sieh, er koͤmmt in dem Namen des Herrn! ſtreut Palmen! Hoſanna! In der Hoͤhe der Himmel Hoſanna! Bey Davids Gebeinen, Siebenter Geſang. 93 VII. G. V. 612— 625. Bey der erſchuͤtterten Gruft, dem Gebein Herodes des Großen, Deines Vaters! ha die Entweihung raͤch du, He⸗ rodes! Philo laͤchelte Kaiphas zu, wie entflammt auch ſein Haß war. Aber Herodes gebot mit bitterem Spotte: Man kleid' ihn In das weiße Gewand, mit dem die Roͤmer ſich kleiden, Wenn ſie ſich ihren Wuͤrden beſtimmen! Pontius urtheilt Weiſe, kennt das Verdienſt! Er wird ihn zum Koͤnige weihen, Zu dem Hoſanna, den Palmen, ihm Purpur ge⸗ ben, und Kronen! Alſo ſagt' er, und wandte ſich weg. Die Wa⸗ che des Fuͤrſten Kleidete Jeſus ins weiße Gewand, und ſchaut' ihn mit Hohn an. 4 Endlich ſandt' ihn Herodes zuruͤck. Die furchtbare Menge Hatten neue Schaaren gemehrt, die zur Feyer des Feſtes Kamen. Sie gingen unzaͤhlbar herauf, und beglei⸗ teten Jeſus. Rings ertoͤnte die thuͤrmende Stadt, da Judaͤa da⸗ herging. 94 Der Meſſias. 8 VII. G. V. 626— 639. Philo ſah's, ihn erſchreckts nicht! Der hohe Fuͤh⸗ rer des Schiffs ſieht Alſo das kommende Meer, und freut ſich der tra⸗ genden Fluten. Philo entdeckt, es ſey das Volk noch getheilt; es verehren 3 Jeſus viele Tauſende noch: allein ihn erſchreckts / nicht! Denn die Ehrſucht ſchwellte das Herz ihm empor, und verſtieg ſich Taumelnd uͤber die Wolken. Den feurigen Suͤn⸗ der umgaben Seine Vertrauteren, Phariſaͤer. Gefluͤgelte Worte Sprach er zu ihnen, dann ſandt' er ſie unter das weichende Volk aus, Und ſie vertheilten ſich ſchnell. So fleußt von dem , Becher des Todfeinds Gift, und jeder Tropfen entzuͤndet den Tod. Die Vertrauten Eilen, und unterrichten das Volk, nach ſeiner Er⸗ bittrung Jeder, mit ſeiner Beredſamkeit, ſeinen Kuͤnſten 3 der ſanften Oder ſtrengen Prieſterlichkeit; vielzuͤngichte Red⸗ 3 ner: Waͤhnt ihr, er habe Wunder gethan? Hero⸗ des gebot ihm Siebenter Geſang. 95 VII. G. V. 640— 654. Wunder zu thun. Er vermocht's nicht! Ihr ſahet. ihn, wie er verſtummt ſtand. Glauben auch Israels Vaͤter an ihn? Dem fluch' ich, der Abram, Laͤſterte! der das Geſetz ſein ganzes Leben entweiht hat! Siehe, der Prieſter Gottes verklaget ihn! Sandte den Gott uns, Den er verlaͤßt? Er verlaͤßt ihn! ihr ſeht in der Kett' ihn! Die Heiden Richten ihn, doch zu gelinde! ſie kennen nicht ganz den Empoͤrer! Bittet heute nicht um den Gefangnen; die blinden Bewundrer Seiner Thaten, ſie moͤchten fuͤr ihn den Roͤmer erbitten: Und ihr haͤttet zur Bitte verfuͤhrt, euch traͤfe die Suͤnde! Maͤnner! ihr ſeyd das heilige Volk! Euch ſchim⸗ mert der Tempel! Euch nur flammen vom hohen Altar die Opfer gen Himmel! Naͤchet, euch ruft der Staub der Propheten! ſein heilig Gebein ruft, Abrams Gebein, auf, raͤcht den groͤßten unter den Vaͤtern! Alſo rotteten ſie zu ihrer Rotte Judaͤa. Tauſende riſſen Tauſende fort, der Zweifelnden waren 96 Der Meſſias. VII. G. V. 655— 668. Wenige; weniger noch der Tugendhaften und Treuen!. So ſtehn, wenn der geſchmetterte Wald vor dem wilden Orkane Auf vielmeiligen Bergen die langen Nuͤcken her⸗ unter Liegt, noch Linſän Cedern, und tragen die beben⸗ de Wolke. Unterdeß hatte Pilatus, fuͤr Jeſus das Volk zu bewegen, Einen berufnen Gefangnen, von dem viel Sagens im Lande, Ehe die Kett' ihn baͤndigte, ging, ins geheim in das Richthaus Fuͤhren laſſen. Itzt kamen zuruͤck das Volk, und 3 die Prieſter. So wie hinauf ſie nach Gabbatha gingen, ſo ward der Gefangne Gegen ſie her auf der Hoͤhe gefuͤhrt. Sein gluͤhen⸗ des Auge Schweifte ſeitwaͤrts herum, er hielt den ſchnauben⸗ den Athem; Nicht die Reue, die Wuth bog ihm den ſtraͤuben⸗ den Nacken. Alſo ſtand er gebuͤckt, und ſchluckte zornigen Schaum ein, Und am nervichten Arme klirrt' ihm die Kette. Pi⸗ latus Stellete Siebenter Geſang. 97 VII. G. V. 669— 632. Stellete ſich zu der Rechten den Gottverſoͤhner. Der Moͤrder Sah den Mann in dem weißen Gewande. Der, oder er ſelber Mußte ſterben. Der Zweifel durchdrang ihn mit ſtechendem Feuer; Und ſein Herz ſchlug ſichtbar empor! So ſtand er zur Linken. Aber Pontius ſprach, und wies zu der Rechten: Ihr brachtet Dieſen Menſchen herauf: Er wendet vom Caͤſar das Volk ab! Doch ich hab' ihn verhoͤrt, und find' ihn nicht ſchuldig. Auch findet Vhn Herodes nicht ſchuldig. Ich laſſ' es nicht zu, daß er ſterbe! Aber weil ich das Feſt mit Befreyung eines Ge⸗ fangnen Feyre, ſo geißl', und geb' ich ihn los! Doch ihr hoͤrt die Vernunft nicht! Welchen, ſo ſagts denn, ſo wuͤthet denn, welchen ſoll 4 ich euch geben: Barabas, oder Jefus, den ihr den Geſalbten des Herrn nennt? Portia ſendete jetzo zu ihm: Er iſt ein ge⸗ rechter, Gottlicher⸗ Mann, den du richteſt, verdamme du nicht den Gerechten! Klopſt. Meſſias. II. B. G late Aufl. 9³ Der Meſſias. VII. G. V. 683— 606. Um des Goͤttlichen willen, Pilatus, hat ein Geſicht mich Heut im Schlafe geſchreckt! Das ſagt' ihm die Skla⸗ vin. Das Volk ſchwieg, Und noch ſchwieg es, und nun noch immer. Philo erſchreckten Ihre Stille; dann die Gehuͤlfen, die kamen, und ſagten, Daß die Menge noch dort und da dem Empoͤrer ge⸗ treu ſey. Auch erhub ſich von fern mit wehmuthsvollem Ge⸗ lispel Eine Stimme der einſt Verſtummten, der Lahmen, der Blinden, Und der Todten, die Jeſus den Frommen! den Menſchlichen! nannten; Aber das wuͤthende Murmeln der naͤheren Haufen verdrang ſie. Alſo wird durch den Sturm in dem tiefen Walde das Rufen Eines huͤlfloſen Kindes zu leiſem Laute. So ſchwin⸗ det, Vor des Hohen rauſchender That, des Weiſen be⸗ ſcheidne. Philo entdeckt die Gefahr, er weiß, was Pontius meyne Mit dem Moͤrder, welchen er, bey dem Propheten, dem Volk zeigt. Siebenter Geſang. 99 VII. G. V. 697— 710. Doch verlaͤßt er den Roͤmer mit hoher Miene. Voll Stolzes Auf die Feſſel, die er durch eine Rede dem Volke Anzulegen gedenket, geht er auf Gabbatha vor⸗ waͤrts, Seines Poͤbels Bewundrung! Pilatus ſah von dem Richtſtuhl Mit halbzuͤrnendem Spott ihm nach. Jetzt winkte dem Volke Philo, ſie ſchwiegen vor ihm. Er ſprach mit gehef⸗ tetem Blicke: Nur mit fliegenden Worten, ihr Maͤnner Js⸗ rael, kann ich Heut zu euch reden. Ihr kennt mich. Ich haſſe, Moſes Veraͤchter! Und dem fluch' ich, der ihm, obgleich die ſuͤßere Lippe Anders ſpricht, durch das Leben doch flucht. Mit dieſer Geſinnung, Zeug' ich euch heut Verderben, und Heil. Waͤhlt, Israeliten! Barrabas, oder Jeſus! Er iſt, ihr wißt es, ich weiß es, Barrabas iſt ein Moͤrder! Auch Pontius weiß es. Er haͤtt' ihn, Wollt' er euch nicht zu dem Mitleid herab erniedern, mit Jeſus, G 2 100 Der Meſſias. VII. G. V. 711— 724. Der ſo taͤuſchend die Unſchuld, auch hier ein Zaube⸗ rer, nachahmt, Nicht vor euch, ihr Maͤnner, geſtellt. Doch ich laſſe die Abſicht, Welche Pontius hat. Wir ſind Beſiegte! wir ſchweigen! be davon kann Philo nicht ſchweigen, ihr Is⸗ raeliten, Das an dem Abgrundshange, vielleicht ſchon ſinkend ihr ſchwindelt, Euer Verderben zu waͤhlen! Ich rede mit Angſt; doch red' ich. Denn ſo tief ſoll der Enkel der großen Vaͤter nicht fallen! Dieſer Jeſus!. Was haͤtt' ich euch nicht, ihr Maͤnner, zu ſagen, Wollt' ich euch alle ſeine Verbrechen, ſie alle he⸗ ſchreiben! Ihre ſchwarze Geſtalt entbloͤßt' ich vor der Ver⸗ ſammlung Eurer Herrſcher. Da hing an meiner Stimme ſein Leben! Und ſie ſprachen Tod fuͤr ihn aus. An heiligen Steinen Noͤnne ſein Blut ſchon herab; allein wir duͤrfen nicht toͤdten! Dieſer Jeſus, damit ich an Eins von den tauſend Verbrechen Siebenter Geſang. 101 VII. G. V. 725— 738. Euch erinnre! der Mann voll Grauſamkeit weiß, daß die Röͤmer, Wenn er ſeiner Empoͤrungen Maß nunmehr erfuͤllt hat, Kommen werden, uns ganz zu verderben. Zu Tau⸗ ſenden ſtanden Um ihn die Hoͤrer herum, da er redete von der Belagrung, Von der ſinkenden Stadt, und dem Tempel Gottes in Staube! Ihr bewundertet ihn; ſo wart ihr geblendet: er aber, Er erbarmt ſich nicht euer. Er ſieht Jerufalems . Jammer, Weiß es, daß er, nur er Urheber der nahenden Angſt iſt; Und faͤhrt fort zu thun, wie er that. Den Tempel in Dampfe, Wie er, niemals ſich aufzurichten, Moria hinab⸗ ſinkt! Mit dem Tempel, er ſiehts! der Verſoͤhnungsopfer Altaͤre, Wie ſie ſich neigen. Er ſieht die hohe Jeruſalem weinen! Ach in Aſche gekleidet die Koͤnigin unter den Staͤdten! Ihrer Kinder beraubt! Sie liegen, geſehn von dem Tage, 102 Der Meſſias. VII. G. V. 739— 752. Und verweſen! und welche die Angſt, und der wuͤthende Hunger Noch in das Grab nicht geſtuͤrzt hat, ergreifen heißere Krieger, Und zerſchmettern ihr zartes Gebein an Jeruſalems Truͤmmer! Ach er ſiehts, ſie beweint kein Vater! die ſtarben im Schlachtfeld! Keine Mutter! die Muͤtter, die waren lange vor Jammer, Lang vor Jammer vergangen! Er ſiehts, und er⸗ barmt ſich nicht euer! Als er endigte, ſchrien noch andere Prieſter den Beyfall, Welchen ſie Philo gaben, zum Volk herab. Doch bedurft' es So viel Grimm, den Ungeſtuͤm nicht, ihr Herz zu bewegen. Denn das war ſchon genug durch eigne Bosheit entſchloſſen. Pontius ſaß in Gedanken verloren Er fragte von neuem: Welchen, ſo redet denn, welchen von beyden ſoll ich euch geben? Barrabas! ſtieg ein Geſchrey mit einer Wuth, daß die Engel, Die um den Göͤttlichen ſtanden, ihr bebendes An⸗ geſicht wandten, Siebenter Geſang.. 103 VII. G. V. 753— 766.. Barrabas! ſtieg es empor. Pilatus entriß dem 3 Erſtaunen Sich mit Zorn, und rief: Was mach' ich aber mit Jeſus, Was mit eurem Geſalbten? Sie ſtuͤrmeten, ſtampf⸗ ten, und ruften: Laß ihn kreuzigen! Aber(noch Einmal entſchloß ſich der Roͤmer Ihre Wuth zu erweichen) was aber hat er ver⸗ brochen? Nein, er hat den Tod nicht verdient! Sie wurden ergrimmter, Ruften, und ihr Geſchrey beſeeleten Stimmen der Prieſter, Stammelnd, und bleich, und knirſchend, mit wil⸗ dem flammenden Auge, Riefen ſie: Kreuzige! Kreuzige! Sion erſcholl vom Getoͤſe Ihres Rufens, mit ihm die verlaßnen Hallen Moria's, Und die thuͤrmende Stadt, und Staub ſtieg mit dem Getoͤs' auf. Pontius ſah, zu erſchrocken, daß er vergebens fuͤr Jeſus, Ihn zu befreyn, arbeite, beſchloß unroͤmiſch, das Urtheil Ueber den Mann zu ſprechen, den er fuͤr ſchuldlos erkannte. 104 Der Meſſias. VII. G. B. 767— 781. Furchtſam hatt' er vorher verlaſſen den hohen Richt⸗ ſtuhl, Stieg jetzt wieder hinauf, und gab Befehle. Der Sklav kam Eilend zuruͤck, und trug, durch der Prieſter ge⸗ theilte Verſammlung, Ein korintiſch Gefaͤß, drin eine ſilberne Quelle. Und er hielks vor Pilatus. Der winkte dem Volke. Das Volk ſtand, Blickte ſchweigend hinauf. Nun rann die Quelle. Pilatus Wuſch ſich feyerlich vor dem Volk die Haͤnde. Der Cherub, Welcher in Goſen vordem die Huͤtten ſchonend vor⸗ beyging, Die mit der Laͤmmer Blute bezeichnet waren, er ſchwebt' itzt, Fuͤrchterlich, mit dem Verderben, mit Gottes Schrecken geruͤſtet, Ueber Juda's Gefilden, das Volk dem Gerichts zu weihen. Sein ehelte es Auge verließ des Verſoͤhnenden Blick nicht. Und er ſah in dem Blicke des Goͤttlichen, mit der Verwerfung, Eine Thraͤne vermiſcht. Der Todesengel begann jetzt 4 Jene Worte des Fluchs, die dem Himmel des Richtenden Urtheil Siebenter Geſang. 105 VII. G. V. 782— 795. Kund thun, wenn dem vollen Gericht Nationen ge⸗ reift ſind! Wie in der Fern' Erdbeben den Tod weiſſagen, ſo rauſchte Seine Stimme. Dann grub er in eherne Tafeln das Urtheil, An des Richtenden Thron es aufzuſtellen. Pila⸗ tus Winkte dem Sklaven, ſich zu entfernen. Dann rief er zum Volke: Nehmt ihrs auf euch, ihr Wuͤthenden! Ich, . ich bin an dem Blute Dieſes Gerechten nicht ſchuldig! Er riefs herunter. Da wendet Israels Engel ſein Angeſicht weg, erzittert, entfaͤrbt ſich, Und verlaͤßt ſie! Sie ſprechen ihr Todesurtheil, und rufen: Ueber uns komme ſein Blut, und uͤber unſere Kinder! Bleiches Entſetzen, und Stille, wie ſie um Graͤber . erſtarrt liegt, Schauer und Angſt, wie des Sterbenden, folgten nun; aber nicht Reue! Pontius gebot zu der Rechten und Linken, und Jeſus Ward in die Halle zur Geißel gefuͤhrt; zu dem Volke der Moͤrder. 106 Der Meſſias. VII. G. V. 796— 809.„ Barrabas, als er um ſich nicht mehr den eiſer⸗ nen Klang hoͤrt, Und nun frey iſt, ſchuͤttelt ſich, bruͤllt mit ſtuͤrmen⸗ . der Freude, Steht, verſtummet, und laͤuft, dann ſteht er wieder. Das Volk bebt, Wo er ſich nahet, zuruͤck. So erſchrickt ein heißer Verbrecher Vor der vollendeten That. Doch Philo ergetzte der Anblick. Auch haͤtt' er gern den Verſoͤhner begleitet. Er ging an dem Thore Hin und herwaͤrts, und ſtand, und haͤtt' ihn gerne geſehen, Gerne Stimmen der Angſt von ihm im Triumphe vernommen.— Aber o du, die vom Gottverſoͤhner ihr Antlitz gewandt hat, Sing, Sionitin, die Geißlung, das Rohr, den Purpurmantel, Und die Krone! doch nur mit Einem weinenden Laute. Jetzt iſt um ihn die Wache, viel niedrige See⸗ len, verſammelt. Und ſie kleiden ihn ungeſtum aus. So entblaͤttert der Sturmwind In der durſtenden Wuͤſte, worin kein lebender Quell rinnt, Siebenter Geſang. 107 VII. G. V. 810— 824. Einen einſamen Baum, des Wanderers heißes Ver⸗ langen. Und ſie riſſen ihn fort zu einem Pfeiler, und ban⸗ den Ihn an den Pfeiler hinauf; und Blut quoll unter der Geißel! Du, Eloa, ſahſt es, und ſankſt von dem Himmel zur Erde. Drauf verhuͤllten ſie ihn in einem Mantel von Pur⸗ pur, Gaben in ſeine Recht' ihm ein Rohr, und druͤckten von Dornen Eine Kron' auf ſein Haupt; und Blut quoll unter der Krone! Und, wie ein Sterblicher, betet ihn an, von dem Staub' Eloa. Dann.. Doch mir ſinket die Hand die Harf' herab, ich vermag nicht Alle Leiden des ewigen Sohns, ſie alle zu ſingen! Pontius ſah, wie er litt, und entſchloß ſich wieder zum Mitleid, Das er empfand, das Volk zu bewegen. Er winkte dem Mittler, Ihm zu folgen, und ging heraus nach Gabbatha. Jeſus Folgt' ihm, aber ermuͤdet, mit wankendem Schritte. Sie ſahn ihn Fernher kommen. Pilatus wies zuruͤck mit der Rechte, 108 Der Meſſias. VII. G. V. 825— 838. Nief herunter: Ich fuͤhr' ihn heraus, ihr Israeli⸗ ten, Euch es noch Einmal zu ſagen, daß er den Tod nicht verdient hat. Jeſus kam nun naͤher, ſie ſahen es, wie er zum Richtſtuhl Trat im Purpur heran, mit der blutigen Krone. Nun ſtand er. Pontius rief zu ihnen herab, mit der Stimme des Mitleids: Sehet, welch ein Menſch! Indem Pilatus es ſagte, Gab der Verſoͤhner den Engeln, die um ihn bebten, Befehle; Nicht durch Worte, ſie ſahen es in des Goͤttlichen Antlitz, Was er, bewegt von der Juͤnger Schmerz' und der andern Erwaͤhlten, Ihnen gebot. Geheimere, himmliſche Troͤſtungen warens, Ruh' im Elend! Wenn ich am hohen Kreuze nun blute! Wenn ich todt bin! und nun, nun unter den Schlafenden liege! Pontius hatte von neuem gewuͤnſcht, das Volk zu erweichen; Aber ſie zeigten ihm bald, wie fuͤhllos ſie blieben. Sie riefen, Siebenter Geſang. 1209 VII. G. V. 339— 3852. Und das Rufen der Prieſter erſcholl vor dem Bruͤllen der Menge: Kreuzige! ruften ſie wieder. Da brach Pilatus in Zorn aus: Nehmet ihn denn, und kreuziget ihn! Ich find' ihn nicht ſchuldig. Pontius ſprichts mit gefluͤgelten Worten, und wendet ſich zornvoll. Kaiphas aber ereilet ihn, ſagt: Es ſprach ſchon, Pilatus, AUnſer Geſetz ſein Urtheil aus; nach dem muß er ſterben! Denn er machte ſich ſelbſt zum Sohne Gottes. Der Heide Zittert, als er den Namen hoͤrt von dem Sohne der Goͤtter. Und er ging mit Jeſus zuruͤck, und fragt' ihn voll Unruh: Sage, von wannen du biſt? Der Gottmenſch ſchwieg bey der Frage. Pontius zuͤrnt, und ſagt: Du redeſt alſo mit mir nicht? Weißt du nicht, daß dein Tod und dein Leben, in meiner Gewalt ſind? Jeſus ſprach: Du haͤtteſt ſie nicht, waͤr dir ſie von oben Nicht gegeben. Doch ſind die ſchuldiger, die mich verklagen. 110 Der Mefſias. VII. G. V. 353— 861. Pontius geht zur Verſammlung zuruͤck. Sie ſehen ihn kommen, Und entdeckten an der entflammten Geberde, warum er Wiederkomme. Sie ſchrien ihm entgegen: Loͤſſeſt du, Roͤmer, Dieſen los, ſo biſt du des Caͤſars Freund nicht. Denn wer ſich Selbſt zum Koͤnige macht, der empoͤrt ſich gegen den Caͤſar! Pontius ward erbittert, und da er Edlers zu wagen Sich zu klein fuͤhlt, ſpottet er ihrer. Sie aber umringten Jeſus, und fuͤhrten ihn ſtolz in wildem Triumph zu dem Tode. Und der furchtſame Roͤmer entſchlich zu ſeinem Pallaſte. Aehter Geſang. Inhalt des achten Geſangs. Eca koͤmmt vom Throne Gottes herab, und ruft durch die Himmel, daß itzt der Verſoͤhner zum Tode gefuͤhrt werde. Drauf laͤßt er die Engel der Erde einen Kreis uͤber Golgatha ſchließen, ſteigt aus demſelben herunter, und weiht den Huͤgel, im Namen des Dreymalheiligen, zum Tode des Mittlers ein. Hernach betet er den Meſſias, der ſein Kreuz tragend naͤher gekommen war, vom Golgatha an. Der Kreis der Engel wird weiter um Golgatha aus⸗ gebreitet. Gabriel fuͤhrt die Seelen der Vaͤter aus der Sonne auf den Oelberg herunter. Adam betritt die Erde zuerſt, und redet ſie an. Satan und Adramelech ſchwoben triumphirend uͤber dem Meſſias. Eloa gebietet ihnen, im Namen des Verſoͤhners, ſich zu entfernen. Sie werden ins todte Meer geſtuͤrzt. Jeſus war an Golgatha gekommen. Er redet die, welche uͤber ihn weinen, an. Nun iſt er auf dem Huͤgel. Das Kreuz wird errichtet. Die Erde faͤngt an, in ihren Tiefen zu beben. Noch ſteht der Gortmenſch beym Kreuze. Adam betet zu ihm. Die Kreuziger nahn ſich. Die Sterne hatten denjenigen Punkt ihres Laufs erreicht, welcher, in allen Himmeln die Zeit der Kreuzi⸗ gung anzuzeigen, beſtimmt war. Nun ſteht die ganze Schoͤpfung ſtill. Der Vater ſieht auf den Sohn herunter, und er wird gekreuzigt. Da ſein Blut nun fließt, macht es Eloa durch die ganze Schoͤpfung bekannt. Der Gott⸗ menſch ſieht auf das Volk herab, und bittet den Vater um Gnade fuͤr ſie. Die Bekehrung des einen mitgekreuzigten Miſſethaͤters. Jetzt vollfuͤhrt Uriel, was ihm geboten war. Er bringt den Stern, auf welchem die Seelen der Menſchen vor der Geburt ſind, vor die Sonne. Die dadurch verur⸗ ſachte Finſterniß. Das Erdbeben ſteigt nun weiter herauf. Von den Leiden des Verſoͤhners am Kreuze. Uriel fuͤhrt die Seelen des zukuͤnftigen menſchlichen Geſchlechts zur Erde. Eva ſieht die Seelen kommen. Sie redet deswe⸗ gen zu Adgm. Der Verſoͤhner ſieht die Seelen mit einem Blick ſeiner Liebe an. Deſſelben Leiden am Kreuze. Eine ſtarke Erſchuͤtterung des von neuen zunehmenden Erd⸗ bebens. Ein Sturm folgt darauf; auf dieſen ein Donner⸗ ſchlag ins todte Meer. Eloa entſchließt ſich, zum Throne des Himmels hinauf zu ſteigen, um den Richter von An⸗ geſicht zu ſehn. Ihm begegnen zween Todesengel, die Gott herabſchickt. Die Erde war wieder ſtille. Eva iſt ſehr bewegt. Wenn ſie den Anblick des ſterbenden Meſſias nicht mehr aushalten kann, ſo ſieht ſie auf Maria. Die beyden Todesengel kommen, und ſchweben ſiebenmal ums Kreuz. Was der Verſoͤhner dabey empfindet. Der Ein⸗ druck, den die Ankunft der Todesengel auf die Vaͤter, und beſonders auf Eva macht. Ihre Wehmuth bricht in einem Gebete aus. Zulezt koͤmmt ſie, durch einen gnadenvollen Blick des Verſoͤhners, zu der voͤlligen Ruhe des ewigen Lebens zuruͤck. Achter Achter Geſang. VIII. G. V. 1— 10. D. bu am Sion den heiliaſten unter den Saͤn⸗ gern Jehovah Sahſt, von ihm lernteſt, als er von dem ewigen „Geiſte gelehrt ſang, Den der Richter im Tode verließ, den groͤßten der Todten, Lehr, Sionitin, mich wieder; du lernteſt himm⸗ liſche Dinge! Komm, und leite den Schritt des wankenden, deines . Geweihten, Fuͤhre mich in des Gekreuzigten Nacht. Des Hei⸗ ligthums Schauer Faßt mich! ich will den Sterbenden ſehn, ich will die gebrochnen Starren Auden⸗ den Tod auf der Wange, den Tod in den ſchoͤnſten Unter den Wunden! dich ſehn, du Blut der Ver⸗ . ſoͤhnung! Er bebte, Rang mit dem Tobe, da ſank ihm ſein Haupt, er . blutete, neigte Klopſt. Meſſias. II, B⸗ 5 ute Aufl. 114 Der Meſſias. VIII. G. V. 11— 24. In die Nacht ſein heiliges Haupt; da verſtummte . der Gottmenſch. Von des richtenden Antlitz flog Eloa herun⸗ ter, Kaum den Unſterblichen ſichtbar, ſo eilt' er herab durch die Himmel. Und er hielt in der Linken die himmliſche Krone; die Rechte Hob die Poſaune. Sie toͤnt; und es toͤnen die Welten im Kreislauf. Und der naͤchſte dem Unerſchaffenen rief durch die Himmel: Feyert! Es flamm' Anbetung der große, der Sab⸗ bath des Bundes, Von den Sonnen zum Thron des Richters! Die Stund' iſt gekommen! Feyert! die Stunde der Nacht iſt gekommen! Sie fuͤhren das Opfer. Und die Himmel umher vernahmen des rufen⸗ den Stimme. Doch ſchon war er voruͤbergeeilt. Zween Winke, ſo ſchwebt er Ueber Golgatha. Um ihn herum verſammeln der Erde Engel ſich eilend. Er rief ſie. Ihr ſtrahlenwerfen⸗ 8 der Kreis ſchloß Jetzt um Eloa ſich zu. Eloa ſtieg aus dem Kreiſe, Aehter Geſang. 115 VIII. G. V. 25— 38. Feyerlich ſtieg er nieder auf Golgatha, ſtand auf der Höhe. Dreymal neigt' er nunmehr ſein tiefanbetendes An⸗ tlitz Auf den Staub des Huͤgels herab, dann erhub er . ſich, ſtreckte Ueber den Huͤgel aus den weitverbreiteten Arm, ſchaut Auf den Meſſias herab, der in der Ferne, beglei⸗ tet Von Judaa, langſam gen Golgatha wandelt, und ſchwerer Traͤgt, wie ſein Kreuz, das Weltgericht! So ſah ihn Eloa, Stand, bua uͤbet den Huͤgel den hohen Arm hin, und ſagte: Hoͤret mich, Himmel, und jauchzt! Abgeund, vernimm mich, und bebe! In dem Namen des Auszuſoͤhnenden! deß, der zu 3 bluten Kommt, des Verſoͤhners Naämen! und in des Gei⸗ ſtes, der Suͤndern Himm liſches Licht ſtrahlt! weih' ich dich, Huͤgel, zum Tode des Sohnes! Heilig! heilig! heilig! iſt der, der ſeyn wird, und ſeyn wird! 3 Alſo weiht Eloa, und ſtaunt. Des nſterbüchen Schimmer H 2 216 Der Meſſias. VIII. G. V. 39— 52. Wurde Daͤmmrung, ſo ſtaunet' er! Nun verſtummt er nicht laͤnger, Senket gegen den Mann von Erde gefaltete Haͤnde, Welcher die Tief' herauf ſein niederbeugendes Kreuz traͤgt! Siehet ihn unter dem wankenden Kreuz, faͤllt nieder aufs Antlitz, Betet: O der dem Altare ſich naht, zu ſterben den ſchoͤnſten Und den wunderbarſten der Tode, du Menſchlicher! Schoͤpfer!. Mitgeborner, und Sohn des Geſchlechts, das Graͤ⸗ ber begraben! Beihlehemns Kind! du weinteſt, wir ſangen dir Ju⸗ bel! du laͤſſeſt dic bis auf Golgatha nieder: die tiefre Bewundrung verſtummt dir, re zu jauchzen! O Sohn! Sohn Gottes! und der Gebornen! Unerſchaffner! kein Endlicher ſang da Jubel! Bollen der Alles deß, b das Hoͤchſte, das Wundervollſte, d Beſte, Das ganz Herrlichkeit iſt! tiefangebeteter Gott⸗ menſch! Widerbringer der freudigen, gottgefallenden Un⸗ ſchuld! Achter Geſang.. 117 VIII. G. V. 53— 67. Todtenerwecker! Vertilger des ewigen Tods! Welt⸗ 4 richter! Oder wie deine Menſchen dich nennen, du Lamm, das erwuͤrgt wird! Hoͤre mein tiefes Gebet, vernimm des endlichen Stimme, Die von dem Staube, worauf dein Blut wird blu⸗ ten, dir betet. Wenn dein Auge nun bricht; die letzte Blaͤſſe des Todes Ueber dich, Geopferter, ſtroͤmt; die Himmel der Himmel Nun erzittern, und fliehn; nun nur Jehovah mit vollem Hingehefteten Blick anſchaut den Sterbenden: ſtaͤrke Dann aus der hangenden Nacht mich, in die dein Leben hinabſtirbt, Staͤrke, großer Vollender! mich dann, damit ich nicht huͤlflos, Nicht zu bebend unter der Erde Graͤber verſinke, Und, wenn in ſchwimmender Daͤmmrung um mich . die Schoͤpfung nun wanket, Ich, wie dunkel mir auch das Aug' hinſtarret, dich ſterben Sehe! Tod des Sohnes! du naheſt dich, Tod! Von 4 dem erſten, Der ein Sterblicher ward, bis hinab zu dem letzten von Adam, 118. Der Meſſias. VIII, G, V. 68— 82, Deſſen jungem Leben der Auferſtehung Poſaune Wegzuathmen gebeut, ſie alle wirſt du verſoͤhnen; Wenn du, noch Einmal Schoͤpfer: Es iſt vollendet! nun ausrufſt. Tod, o Tod des Sohnes! und du des Geopferten Blut! Heil, Heil den erloͤsten Seelen! Sie kommen, und wan⸗ deln, und jauchzen! Ihre Kleider ſind hell in des Todten Blute gewa⸗ ſchen! Drauf erhebt ſich Eloa, vertheilt die Engel der Erde Weit um Golgatha her. Auf niederhangender Wolke Sammeln ſie ſich; bedecken die breiten Ruͤcken der Berge; Oder ſchweben uͤber der Ceder, und gehen voll Tief⸗ ſinn Auf den wallenden Wipfeln; er ſelbſt ſteht uͤber des Tempels Hoͤhen: ein weitumkreiſendes Heer! der allmaͤchtigen 3 Vorſicht, Welche von fern herrſcht, furchtbare Diener! Engel des Todes Und des Gerichts, der Menſchen Huͤter, kuͤnftiger Chriſten Huͤter! und g weil ſie Engel der Maͤrtyrer wurden, am Throne Achter Geſang. 119 VIII. G. V. 33— 95. 4 Oeß, dem der Palmentraͤger, der Maͤrtyrer blutet die erſten! Gabriel aber, ihn hatte geſandt zu der Sonne der Mittler! Ließ ſich mit ſilbertoͤnendem Flug' auf den ſtrahlen⸗ den Tempel Nieder, und ſtand vor der Vaͤter Seelen, und ſag⸗ te zu ihnen: Kommt nun naͤher, ihr Vaͤter der Menſchen! Ihr ſehet ihn!(Hier wies Er mit der bebenden Rechte.) Da traͤgt der Suͤn⸗ deverſoͤhner Gegen den Huͤgel ſein Kreuz. Dieß iſt der Huͤgel des Todes! An dem hoͤheren dort, der mit zween Gipfeln her⸗ aufragt, Ging er ins erſte Gericht. Von dieſem ſollt ihr ihn . ſehen, Wenn er, fuͤr eure Kinder und euch, ſein Leben wird bluten. Kommt, Erloͤste! Die Enkel der Enkel, die noch die Geburt nicht Zu unſterblichen ſchuf, er geht, er eilt, er verſoͤhnt ſie! Feurig ſagt es der Seraph. Verſtummt vor Wehmuth und Wonne, 220 Der Meſſias. VIII. G. V. 96— 109. Folgen die Vaͤter ihm ſchon. Sie eilen. Der ſchnelle Gedanke, Der aus des Betenden Seele von Sternen zu Ster⸗ nen hinaufdenkt, Eilet nur eilender! Gabriel fuͤhrte die ſchimmernden Schaaren. Schon betrat ihr ſchwebender Fuß den liegenden Oelberg. Adam betrat ihn zuerſt, ſank nieder, und kuͤßte die Erde. Muͤtterlich Land, ſo ſprach er, ich ſeh', o Eih 3 dich wieder! Seit den Jahrhunderten, da mein Gebein an dem Abend des Todes Du in deinen friedſamen Schooß, o Mutter, zu⸗ ruͤcknahmſt, Stand ich nicht uͤber dem Staube der todtenvollen Gefilde! Nun, nun ſteh' ich darauf. Sey mir, o Erde, gegruͤßet! Seyd mir, Gebeine der Todten, gegrüßt! ihr wer⸗ . det erſtehen! Meine Kinder, ach meine Kinder, ihr werdet er⸗ ſtehen! Und, o Stunde, du nahende, ſey auch du mir in Jubel, In Triumphe genannt! Du entlaſteſt die Erde vom Fluche! Achter Geſang. 121 VIII. G. V. 110— 123. Ihrem heiligen Staub' erſchallt des Blutenden Segen! Halleluja! er kommt, er kommt der Erdge⸗ borne! Siehe, der Allerheiligſte kommt, und nahet dem Tode! Alſo ſprach er. Noch hielt er ſein Herz, das in himmliſche Wehmuth Aufzuſchauen begann; er hielt es noch, ſchwieg, und ſchaute. Aber Eloa ſtand auf dem Tempel, und ſahe die Vaͤter Kommen. Er wandte ſein Antlitz, und ſah hoch uͤber dem Kreuze Satan und Adramelech in wildem Triumphe ſchwe⸗ ben; Satan wegen des Werks, das er ſchon vollendet, und beyde Wegen kuͤnftiger Thaten! Eloa ſieht die Em⸗ . poͤrer, Wie ſie, erhoben uͤber die Wolken der wandelnden Erde, In weitkreiſendem Schwunge die hoͤheren Woͤlbun⸗ gen meſſen. Und in ſeiner Herrlichkeit hub ſich Eloa vom Tem⸗ pel Gegen die ewigen Suͤnder empor. Er ging in dem Glanze 122 Der Meſſias. VIII. G. V. 124— 137. Dieſes gefeyrteſten Tags vor allen Tagen der Feyer. Gottes Schrecken ſchwebten um ihn. Die leiſeren Luͤfte Wurden vor ihm zu Sturm, und rauſchten! Des kommenden Gang war Eines Heers Gang, welchem die tragenden Felſen erzittern. und der Unſterbliche toͤnt, und glaͤnzte daher! Die Empoͤrer Sahen ihn, hoͤrten ihn kommen, und ſtrebten umſonſt zu verbergen Ihr Erſtaunen. Sie ſtanden, und wurden dunkler. So ſtehen In der unterſten Hoͤll' Abarund zween naͤchtliche . Felſen. Blitzeil hatte der letzte Schwung Eloa's, er trat jetzt Vor die Verworfnen, und ſprach: Ihr, deren Namen die Hoͤlle Nenne! verlaßt, ihr ſeht der hohen Unſterblichen Lichtkreis! Dieſen verlaßt, und entlaſtet von euch die heilige Staͤte. Siehe, ſo weit der aͤußerſte Glanz der Seligen Grenzen Euren Empörungen ſtrahlt; ſchwebt da nicht uͤber der Wolke! Aehter Geſang. 123 VIII. G. V. 138— 151. Kriecht da nicht an dem Staube der Erde! Der Seraph gebot ſo. Aber wie zwey Gewitter, die an zwo Alpen her⸗ unter Dunkel kommen,(ein ſtaͤrkerer Sturm toͤnt ihnen entgegen, Wird ſie verſtreun!) wie die in ihrem Schooße den Donner Fliegend reitzen, damit er die krummen Thaͤler durchbruͤlle; Alſo ruͤſten ſich wider Eloa die ſtolzen zur Ant⸗ wort. Was die Wuth Entſetzliches hat, die Rache Ver⸗ wegnes, Runzelt' auf ihrer Stirne ſich, rollt' in dem flam⸗ menden Auge! Aber mit herrſchendem Blick ſchaut ihnen Eloa ins 1 Antlitz: 1SF Erſt verſtummt! dann flieht! Kaͤm' ich mit der ſiegenden Staͤrke, Die Jehovah mir gab, ſo ſollte von dieſem er⸗ hobnen Treffenden Arm euch ferne von mir mein Donner verſchleudern. Aber ich komm' in dem Namen des Sohns von . Adam, der, ſchaut ihnl! Traͤgt ſein Kreuz! In dem Namen des Ueberwin⸗ ders der Hoͤlle: 124 Der Meſſias. VIII. G. V. 152— 165. Flieht! Sie flohen dunkler, als Naͤchte. Ereilende Schrecken Hefteten ſich an die Ferſe der Flucht, und trieben ſie ſeitwaͤrts Auf die Truͤmmern Gomorra im todten Meere. Die Engel Sahen ſie fliehn, es ſahen ſie fliehn die Vaͤter. Eloa Gtieg zu der Zinne des Tempels in ſeiner Herr⸗ lichkeit, nieder. Jeſus war zu dem Todeshuͤgel gekommen. Er⸗ mattet Schwankt' er am Fuß des Huͤgels. Die blutbe⸗ gierigen Haufen Zwangen einen Wanderer, der an Golgatha's Hange Furchtſam hinabſtieg, daß er das Kreuz dem er⸗ matteten truͤge. Unter dem Volk, ſo ihm folgte, beweinten ihn Einige, weiche Wuthloſe Seelen, doch die mit ganzem Herzen am 3. Eiteln Hingen, und kaum den Göttlichen kannten. Ihr fluͤhtiges Mitleid War nur ſinnlich; nicht edel, nicht Mitleid der Seele! Der Gottmenſch Hoͤret ſie klagen, und wendet ſich um, und redet mit ihnen: Achter Geſang. 125 VIII. G. V. 166— 179. Warum weinen die Toͤchter Jeruſalems? Wei⸗ net mich nicht! Weinet uͤber euch ſelber, und uͤber eure Kinder! Denn es nahn die Tage der Angſt. In den furcht⸗ baren Tagen Werden ſie jammern: O ſelig die Unfruchtbaren! die Leiber, Die nicht gebaren! die Bruſt, die nicht ſaͤugte! dann werden ſie ſagen Zu den Bergen: Fallet auf uns! und den Huͤgeln: Bedeckt uns! Denn geſchahe das mir; was wird den Suͤndern geſchehen! Jetzt war Jeſus gekommen zur Hoͤh des großen Altares. Und er ſchaute zum Richter empor. Die Kreuziger nehmen Ihm das Kreuz ab, richten es unter Todtengebein . auf. Und das Kreuz erhub gen Himmel ſich, ſtand. Der geweihte Feſtliche Tag, er ſchimmert noch ſanft; noch freut ſich die kleinſte Schoͤpfung im Labyrinthe der lebenathmenden Luͤfte. Doch Ein Wink, und es faͤngt in ihrem Schoofe die Erde, 126 Der Meſſias. VIII. G. V. 180— 193. In den geheimſten entlegenſten Tiefen mit leiſet Erſchuͤttrung An zu beben. Ueber dem Antlitz der ſchauernden Erde Ruͤſten Sturme ſich, wirbeln, und heulen in han⸗ genden Kluͤften. Und es ſchwankte das Kreuz. Der Gottmenſch ſtand bey dem Kreuze! Adam ſah ihn, und hieelt ſich nicht mehr. Mit gluͤhender Wange, Mit hinfliegendem Haar, mit offenen bebenden Armen, Eilt er hrndr zu dem aͤußerſten Hange des Bergs, ſank nieder. Als er hinſane. flammte der Himmel im ſchauen⸗ den Auge 3 Deß, der nicht mehr ein Sterblicher war. Er weinte vor Wonne! Wonn', und ewiges Leben, und Schauer, und Weh⸗ muth, und Staunen neberſtrünnten ſein Herz. Des vollen Herzens Eim pfindung Wue itzt Stimme; da betete Adam. Die Kreiſe — der Engel Hoͤrten des betenden Stimme! Er blickt auf die — Graͤber, und ſaget! Ferin, der Seraph nennt dich nicht aus! Die unſterblichen weinen, Achter Geſang. 127 VIII. G. V. 194— 207. Wenn ſie in deine Liebe vertieft, die tauſendmal tauſend Herrlichkeiten zu nennen beginnen, und betend ver⸗ ſtummen!. Ach ich nenne dich Sohn! und verſtumm', und weine mit ihnen! Jeſus Chriſtus, mein Sohn! Mein Sohn, wo wend' ich mich hin? wo, Daß ich dieß unnennbare Heil, die Wehmuth er⸗ trage? Jeſus Chriſtus! mein Sohn! O die ihr fruͤher als ich wart, Aber nicht fruͤher, als er! ſchaut, Engel, auf ihn herunter, Schaut herunter! Er iſt mein Sohn! Dich ſegn' ich, o Erde! Dich, o Staub, aus dem ich gemacht ward. O Wonne, du volle Ewige Wonne! die ganz die Begier des Unſterbli⸗ chen ausfuͤllt! O der große, der tiefe, der himmelvolle Ge⸗ danke, Dein Gedanke, Jehovah: Du ſchufſt! da ſchufſt du auch Adam! Adam aus Staube, damit er der Vater des Ewi⸗ gen wuͤrde! Steh hier ſtill, unſterbliche Seele, durchſchaue die Tiefe, 128 Der Meſſias. VIII. G. V. 208— 221. Dieſe weite Tiefe der Wonne! Was ſind, o ihr Himmel! Dieſe vor Augenblicke, die jetzt die Unſterblichen leben! Jeder iſt goͤttlich, und jeder traͤgt auf dem eilen⸗ den Fluͤgel Ewigkeiten der Ruh'! und die wird Adam durch⸗ leben! Nun iſt dieſer nicht mehr! nun dieſer! Erhabnere kommen Immer naͤher, noch naͤher! O eure Stimmen, ihr Himmel! Gebet mir eure Stimmen, daß ichs durch die Schoͤpfungen alle Laut ausrufe: Das Opfer ſteht an dem Schatten . des Todes! Mache dich auf, erhebe dein Haupt, komm, ſtehe vom Staub' auf, Menſchengeſchlecht, und ſchmuͤcke dich ſchoͤn mit be⸗ tenden Thraͤnen! Denn der Allerheiligſte ſteht an dem offenen Grabe. Meine Kinder, ach meine Kinder, ihr ſeyd die — Geliebten! Euch verſoͤhnet er! Kommt zu dem Sterbenden, Kinder von Adam! Wer im Pallſt mit Golde bedeckt wohnt, lege die Krone— Nieder, Achter Geſang. 129 VIII. G. V. 222— 235. Nieder, und komm'! Ihr, die ſich mit Erdehuͤtten beſchatten, Laßt die nisdeigen Huͤtten, und kommt! Ach aber ſie hoͤren Meine Stimme, die Stimme des Liebenden nicht. Ihr Verwesten, Welche die Graͤber und das Gericht mit Tode be⸗ decken, Hoͤret ſie auch nicht! Du biſt, der du dich opferſt, auf ewig Biſt du Erbarmer! Vollender! du gnadevoller Er⸗ dulder! Siehe, du wirſt es vollenden! Und nun, unaus⸗ ſprechliche Wehmuth Ueberfaͤllt mich, und dringt in jede Tiefe der Seele! Nun, nun gehet er hin. O ſtaͤrke mich Endlichen, ſtaͤrke Mich, den erſten der Suͤnder, und der die Verweſ⸗ ung geſehn hat, du, der ihn in dem Tode verlaͤßt, Weltrichter Je⸗ hovah! — Adam rief ſo. Indem trat, deſſen Namen die Himmel Ewig nennen, nah an das Kreuz, hub ſeine Hand auf; Hielt ſie vor ſein Antlitz, und neigte ſich tief, und ’ ſagte, Klopſt. Meſſias. 1I. B. J lte Aufl. 130 Der Meffias. VIII. G. V. 236— 250. Was kein Seraph vernahm, und kein Erſchaffner verſtuͤnde! Aber von dem Thron des Gerichts antwortet Je⸗ hovah. Von der Antwort klangen des Allerheiligſten Tie⸗ fen, Und es bebte des Richtenden Thron. Die Kreuziger nahten Sich dem Verſoͤhner. Da betraten die wandelnden Welten Mit weitwehendem Rauſchen des Kreislaufs Staͤten⸗ von denen Jeſus Tod ſie verkuͤndigen ſollten. Sie ſtanden. Die Pole Donnerten ſanfter herab, und verſtummten. Die ſtehende Schoͤpfung Schwieg, und zeigt' in den Himmeln umher die Stunden des Opfers. Auch du ſtandeſt, der Suͤnder Welt, und der Graͤ⸗ ber! Das Grabmahl Deſſen, der bluten ſollte, mit dir! Nun ſchauten mit allen Ihren unſte büichs⸗ dr die Engel. Es ſchaute Jeho⸗ vah, Hielt die Erde, die vor ihm ſank, es ſchaute Jeho⸗ vah, Siehe, der war, und ſeyn wird, auf Jeſus Chri⸗ ſtus herunter: Und ſie kreuzigten ihn. Die du unſterblich wie ſie biſt, Achter Geſang. 131 VIII. G. V. 251— 264. Welch' ihn ſahen, o du, die ſeine Wunden auch ſehn wird, Neige dich tief an das unterſte Kreuz, umfaſſ' es, verhuͤlle Dich, o Seele, bis dir die bebende Stimme zuruͤck⸗ koͤmmt! Als ob uͤber der Schoͤpfung umher allmaͤchtig der Tod laͤg', und in den Welten allen nur ſtille Verweſungen ſchliefen, Nun kein Lebender auf der Verweſenden Staube mehr ſtuͤnde: So mit feyrlicher, todter Stille ſchauten die En⸗ gel, Und die Vaͤter auf dich, Gekreuzigter! Aber ſein Leben, Da ſein unſterbliches Leben begann mit dem ſtaͤrk⸗ ſten der Tode Nun zu ringen, und nun ſein erſtes Blut floß; Stimme Wurde da das Erſtaunen der Engel! Sie jauchze⸗ 1 ten, weinten, Und es hallten die Himmel von neuen Anbetungen wieder. Nun noch Einmal, und nun noch Einmal blicket Eloa Nach dem Blutenden nieder; und dann, mit einer Erhebung, J 2 132 Der Meſſias. VIII. G. V. 265— 280. Wie ihn noch nie ein Unſterblicher ſah, mit lautem Erſtaunen, Schwung er ſich in die Himmel der Himmel, und rufte, ſo toͤnen Eilende Stern' im kreiſenden Lauf, er rufte: Sein Blut fließt! Flog in der Tiefe des Unermeßlichen, rufte: Sein Blut fließt! Schwebete dann mit ſtiller Bewundrung herauf zu der Erde. Als er durch die Schoͤpfung einherkam, ſah er die Engel Auf den Sonnen, die erſten der Cherubim an den Altaͤren Stehen. Sie ſtanden feyrend, und von den goldnen Altaͤren Flammten Morgenroͤthen hinauf zu des Richtenden KThrone. Rings umher in der ganzen Schoͤpfung flammten die Opfer, Bilder des blutenden Opfers am Kreuz: ein himm⸗ liſcher Anblick! Alſo ſahen die Aelteſten einſt des gottgewaͤhl⸗ ten Und lautzeugenden Volks auf Sina die Herrlichkeit Gottes. Oder ſo hub ſich, dem heiligen Volk den Weg zu gebieten, Von der Huͤtte, worin dein Allerheiligſtes ruhte, Offenbarter, die Flammenſäul' in donnernde Wol⸗ ken. Aehter Geſang. 133 VIII. G. V. 281— 294. Aber der Gottmenſch blutet. Er ſchaut' auf Juda hernieder, Das, von Jeruſalem an bis nah zu dem Kreuze, gedraͤngt ſtand. Sieh, er neigte ſich hin, und rief herab von dem Huͤgel: Vater! ſie wiſſen es nicht, was ſie thun. Erbar⸗ me dich ihrer! Stille Bewundrungen wandelten dir, du Stim⸗ 4 me der Liebe, Durch die Heere der Schauenden nach. Die huben ihr Antlitz Zu dem Blutenden auf, und ſahn die Blaͤſſe des . Todes, Deine, du toͤdtlichſter unter den Todten, uͤber ihn ſtroͤmen. Dieſes nur ſah der Sterblichen Auge; der großen Geſtorbnen Seelenvolleres ſah geheimere Dinge: Sein Le⸗ ben, Wie es rang, ſein Leben von keinem Tode zu toͤd⸗ ten, Haͤtte Gott den Tod nicht geſandt! wie allmaͤch⸗ tige Schauer Durch den Sterbenden ſchuͤtterten! wie er, verlaſſen vom Vater, Hing an dem hohen Kreuz! zu welchem Heile ſein Blut floß! 134 Der Meſſias. VIII. G. V 295— 308. Welche Verſöhnung dieß Blut, aus dieſen Wunden, herabquoll! Sieh, er hub ſein Auge gen Himmel, ſuchte nach Ruhe, Aber er fand nicht Ruhe! mit jedem fliegenden Winke. Starb er Einen furchtbaren Tod; und fand nicht Ruhe! 3 Unterweilen war der Unſterblichen einer, durch kurzes Hinſchaun, in den Gefilden des heut kaum irdiſchen Fruͤhlings, Schoͤpfend aus dieſem Quell ein wenig linderndes Labſal. Mit dem Verſoͤhner waren zween Verbrecher gekreuzigt. Denn, zu dieſer Tiefe, beſchloß des Ewigen Rath⸗ ſchluß,. Und ſein eigener ihn zu erniedrigen. Einer der Moͤrder Hing zu der Rechten ihm, und zu der Linken der andre. Der eine War ein verſteinerter Suͤnder, ein graugewordner Verbrecher. Dieſer kehrts ſein finſtres, entſtelltes Geſicht zu dem Mittler: Chriſtus waͤrſt du? Ha waͤreſt du's; huͤlfſt du uns! huͤlfeſt dir ſelber! Achter Geſang. 135 VIII. G. V. 309— 322. Stiegeſt von dieſem Baum' herunter, den Gott ver⸗ flucht hat! Aber der andre Verbrecher, ein Juͤngling verfuͤhrt in der Bluͤthe, Boͤſes Herzens nicht, doch hingeriſſen zur Suͤnde, Rang aus ſeinem Elend ſich auf, und ſtrafte den andern: Und auch du, dem Tode ſo nah, ſo nah dem Gerichte, Denn das ſind wir! du fuͤrchteſt auch jetzo Gott . nicht! Wir leiden Zwar mit Recht, was wir leiden, den Lohn von 4 dem, ſo wir thaten; Aber dieſer(er winkt auf Jeſus) hat nichts ver⸗ brochen. Und nun kehrt er ſich ganz zu dem Gottverſoͤhner, und ſtrebet Gegen ihn tief ſich hinzuneigen. Ihm fließen die Wunden Blutiger, als er es thut; allein er achtet des Bluts nicht, Nicht der offneren Wunden! Er neigt zum Ver⸗ ſoͤhner ſich nieder, Rufet: Ach Herr, wenn du zu deiner Herrlichkeit eingehſt, 3 Dann erinnre dich meiner! Mit goͤttlichſtrahlendem Laͤcheln 136 Der Meſſias⸗ VIII. G. V. 323— 336. Sah dem erſchuͤtterten Suͤnder der ſterbende Mitt⸗ ler ins Antlitz: Heut, ich ſag' es dir, wirſt du im Paradieſe mit mir ſeyn! Jener vernahm mit heiligem Schauer die Worte des Lebens; Ganz empfand er ſie, ganz war ſeine Seele ducch⸗ drungen, Und vor Seligkeit zittert er laut. Er wendet ſein Auge 3 Nun nicht mehr von dem Goͤttlichen weg. Nach ihm, nun iſt es Stets nach dem Menſchenfreunde mit thraͤnendem Blicke gerichtet! 1 Und ſo brach es zuletzt. Ist, da ſein Leben noch athmet, Spricht er in ſich gebrochene Worte, des ewigen Lebens Dunkles Gefuͤhl, er denkt: Wer war ich? wer . bin ich geworden? Dieſes Elend zuvor, und nun die Wonne! dieß 4 Beben! Dieſer Seligkeit ſußes Gefuͤhl! wer bin ich gewot⸗ den? Wer in der an dem Kreuze bey mir? Ein frommer, gerechter, Heiliger Menſch? Viel mehr, viel mehr! des ewigen Vaters Aehter Geſang. 137 VIII. G. V. 337— 350. Sohn! der gottgeſandte Meſſias! Sein Reich iſt erhabner, Herrlicher, weit von der Erde, weit! Das iſt er, ihr Engel! Aber wie tief erniedrigt er ſich! zu dieſem Tode! Und noch tiefer, zu mir! Zwar dieß erforſchet mein 4 Geiſt nicht, Aber er hat mich von neuem erſchaffen. Jetzt da dem Tod' ich Unterliege, da ſchuf er mich neu. So ſey denn A auf ewig Angebetet von mir, obwohl ich dich nicht be⸗ greife! Du biſt goͤttlich, und mehr, mehr als der erſte der Engel! Denn ein Engel konnte mich ſo von neuem nicht ſchaffen! Konnte mir meine Seele zu Gott ſo hoch nicht er⸗ heben! Goͤttlich, ja das biſt du, und dein, dein bin ich auf ewig! Alſo dacht' er, und ſank in entzuͤcktes Stau⸗ nen. Wohin er Blickt, vom Himmel herab, herauf von der liegen⸗ den Erde, Laͤchelt ihm Alles. Auf ihn war Gottes Ruhe ge⸗ kommen. 138 Der Meſſias. VIII. G. V. 351— 364. Und ein Wink des Verſoͤhners beſchied der Seraphim einen. Dieſer verließ mit Eile den Kreis, der um Gol⸗ gatha gläͤnzte, Stand dann unten am Kreuze. Des goͤttlichen Winkes Befehl war: Seraph, bringe du dieſen Erlösten zu mir, wenn er todt iſt! und er eilte zuruͤck, und kam zu dem Kreiſe der Engel. Abdiel wars, der Unuͤberwundne. Die Pforte der Hoͤlle Huͤtete jetzt auf Gottes Befehl ein Engel des Todes. Schnell umgeben ihn Schaaren der anderen Engel, und fragen; Abdiel ſprach: Mit Entzuͤckung empſing ich die hohen Befehle, Jenen erloͤsten Suͤnder nach ſeinem Tode zum Mittler Hinzufuͤhren. Dieſer Gedanke durchſtroͤmt mich; je mehr ich Ihn entfalte, je mehr werd' ich von Seligkeit trunken. Einen denreieden Suͤnder, und ſelbſt in den Stun⸗ den gerestet, Da das Opfer fuͤr das Geſchlecht der Sterblichen blutet, Achter Geſang. 139 VIII. G. V. 365— 378. Dieſe Seele, ſo rein nun, ſo hell in Blute ge⸗ waſchen, Dieſe dem Ewigen wiedergegebne zu dem Ver⸗ ſoͤhner Hinzufuͤhren. O ſegnet zu dieſer Wonne mich, Engel! Alſo verlor ſich die Stimme des ſeliggeprieſenen Seraphs. Uriel aber, der Engel der Sonne, hatte ſchon lange, Fortzueilen bereit, auf den Hohn der Gebirge ge⸗ ſtanden, Endlich war gekommen die Zeit, den Befehl, den er hatte, Auszufuͤhren. Er machte ſich auf, er allein durch die Himmel. Lichthell ſchwebt er empor, den Stern, zu welchem ihn Gott ſchickt, Vor die Sonne zu fuͤhren, damit dein Leben, Ver⸗ . ſoͤhner, Unter fuͤrchterlicheren Huͤllen, als Huͤllen der Nacht ſind, Blute. Schon ſtand hoch uͤber des Sternes Wende der Seraph. Dieſen Stern umſchweben die Seelen, eh die Ge⸗ burt ſie 4 Sendet in das große, doch ſterbliche Leben der 8 Pruͤfung. 240 Der Meſſias. VIII. G. V. 379— 392. Uriel blickt' auf die Seelen der kuͤnftigen Menſchen⸗ geſchlechte Nieder, und nannte den Stern bey ſeinem unſterb⸗ lichen Namen. Adamida, der ſich in dieſes Unendliche ſtreute, Sieh, er gebeuts! erheb' aus deinem Kreiſe dich ſeitwaͤrts Gegen die Sonne! dann fleug, und werde der Sonne zur Huͤlle. Und die Himmliſchen hoͤrten umher die gebie⸗ tende Stimme. Da ſie in den Gebirgen des Adamida verhallt war, Wendet' heruͤberſchauernd der Stern die donnernden Pole. Und die ſtehende Schoͤpfung erſcholl, da, mit ſchreckendem Eilen, Adamida, mit ſtuͤrzenden Stuͤrmen, rufenden Wolken, Fallenden Bergen, gehobenem Meer, geſendet von Gott, flog! Uriel ſtand auf der Wende des Sterns, und hoͤrte 1 den Stern nicht; So in Tiefſinn verloren betrachtet' er Golgatha. Donnernd Eilte der fliegende Stern. Itzt war er in deine Gebiete, Achter Geſang. 141 VIII. G. V. 393— 406. Sonne, gekommen; itzt naht' er ſich dir. Es er⸗ ſtaunten, beym Anblick Dieſer neuen Sonne, die ſanften menſchlichen Seelen, Und erhuben ſich uͤber des Sterns hocheilende Wol⸗ ken. Adamida erreicht die Sonne. Nun wandelt er. Langſam Tritt er vor ihr Antlitz, und trinkt die aͤußerſten Strahlen. Aber die Erde ward ſtill vor der ſinkenden Daͤmm⸗ rung. Die Daͤmmrung Wurde dunkler, ſtiller die Erde. Schatten mit bleichem Schimmer, aͤngſtliche truͤbe Schatten beſtroͤmten die Erde. Stumm entflogen die Voͤgel des Himmels in tiefere Haine; Bis zu dem Wurme verſchlichen beſtuͤrzt die Thiere der Felder Sich in die einſame Kluft. Die Luͤfte rauſchten nicht, todte 1 Stille herrſchte. Der Menſch ſah ſchweraufathmend 1 gen Himmel: Jetzo wurd' es noch dunkler, und nun, wie Naͤch⸗ te! Der Stern ſtand, Hatte die Sonne verloͤſcht. In furchterlich ſicht⸗ bare Naͤchte 142 Der Meſſias. VIII. G. V. 407— 420. Lagen gehuͤllt die weiten Gefilde der Erd', und ſchwiegen. Aber am hohen Kreuz hing Jeſus Chriſtus herunter In die Nacht; und es rann, mit des duldenden Blute, des Todes Schweiß. Die Erde lag in ihrer Betaͤubung. Be⸗ taͤubter Bleibet der Freund nicht am Grabe des fruͤhent⸗ fliehenden Freundes, Oder, wer große Thaten verſteht, an dem Mar⸗ mor des edlen Patrioten, der ndenie nachließ. Starrer Ge⸗ berde, Haͤngt er uͤber der heiligen Truͤmmer, und weint nicht. Auf Einmal Faßt ihn mit anderem Wuͤthen der Schmerz, er⸗ ſchuͤttert ihn! Alſo Lag die Erde betaͤubt, ſo bebte ſie auf. Der be⸗ wegte Gelgatha ſchauerte jetzo mit ihr bis zum oberſten Kreuze. Und des Geopferten Wunden ergießen das ewige Leben Stroͤmender, da das umnachtete Kreuz mit Gol⸗ gatha's Hoͤhn bebt. Fuͤrchterlich uͤberſchattet die Nacht den Huͤgel des, Todes, Achter Geſang. 143 VIII. G. V. 421— 434. Und den Tempel, und dich, Jeruſalem. Selber die Engel Sehn ihr reineres Licht wie in Abenddaͤmmrung erblaſſen und es ſtroͤmte ſein Blut. Nun ſtand das Volk vor Entſetzen Eingewurzelt, und ſah mit wildem Blick zu dem Kreuz auf. Furchtbar ſtroͤmte das Blut der Verſoͤhnung. Es kam nun, ſein Blut kam Ueber ihre Kinder, und ſie. Sie wollen ihr An⸗ tlitz— Wenden, allein ſtets richtens allmaͤchtige Schrecken zum Kreuz hin. Aber Uriel hatte noch einen Befehl zu vollen⸗ den.. Und er ſtieg von dem Pole des ſtehenden Ada⸗ mida Zu den Seelen herab. Die ſahn den Himmliſchen . kommen. Denn auch ſie ſchon waren in Leiber menſchlicher Bildung, Wie in luftige Duͤfte gehuͤllt, die der Abendſchim⸗ mer Roͤthet. Uriel ſprach: Ich fuͤhr' euch, folgt mir, ihr kennt uns, Daß wir zu euch von dem großen Unendlichen kom⸗ men. Er ſendet 144 Der Meſſias. VIII. G. V. 435— 448. Euch zu jener Erde, die euer Schatten verhüͤllt hat. Sieh, ihr werdet ihn ſehn! Sein großer goͤttlicher Name Heißet: Des Ewigen Sohn! allein vor eurem Geſicht haͤngt Dieſe Nacht, ihr kennt ihn noch nicht. Doch wird in der Ferne Eine Daͤmmrung himmliſcher Wonne vor euch ſich eroͤffnen. Kommt, Gluͤckſelige, kommt, zu dieſer Wonne geſchaffne! Schaut die Himmel umher, mit welchem Staunen 4 ſie feyren. Aller Kniee beugen ſich dir! dir ſinken die Kro⸗ nen Alle! Dir ſchufeſt du, dir verſoͤhnſt du die ewigen Seelen. Und nun flog er den fuͤhrenden Flug. Ihn umgaben die Seelen. Wie wenn ein Weiſer in Tiefſinn, und ſeiner Un⸗ ſterblichkeit werther, Von den Uneinſamen fern, mit des Mondes Duͤf⸗ ten zum Walde Wandelt, und nun, gefuͤhrt an der Hand der frommen Entzuͤckung, Dich, Unendlicher, denkt! wie ihm dann, zu tauſenden neue Beſſere Achter Geſang. 145 VIII. G. V. 449— 462. Beſſere große Gedanken die gluͤhende Stirne voll Wonne Schnell umſchweben. So eilet, umringt von den Seelen, der Seraph. Dieſe naͤherten ſich der liegenden Erde. Die Vaͤter Sahn die zahlloſe Schaar in hohen daͤmmernden Wolken Kommen: ein feyrlicher Zug, von den Erſtgebornen der Schoͤpfung, Denkende Weſen, verehrungswuͤrdige Kinder des Lebens, Tauſendmal tauſend Schaaren Unſterblicher! Freu⸗ dig, mit Wehmuth, Jetzt das erſtemal, wandte vom Kreuz die Mutter der Menſchen Ihr aufſchauendes Antlitz. Es kamen die Kinder, ſie kamen! 1 All' ungeborne Jahrhunderte kamen! Die liebende Mutter. Stuͤtt auf die bebende Linke ſich, zeigt mit der Rechte der Menſchen Vater die Kinder, die Chriſten, und ruft: doch hef⸗ tet ans Kreuz ſich Wieder ihr Blick, ans blutige Kreuz ſich, da ſie redte. Sie ſind es, Vater meiner Unſterblichen, ſich, die Kinder, ſie ſind es! 3 Klepſt. Meſſias. II. B. ate Aufl. 246 Der Meſſias. VIII. G. V. 463— 475. Welche Namen nennen dich aus, du, der fuͤr ſie blutet! Welch Hoſianna vermag den Wundenvollen zu . ſingen! Waͤret ihr ſchon, ihr Kinder des Heils, ihr Chri⸗ ſten, geboren! Fuͤhrten euch tauſend, und tauſend, und wieder tauſend entzuͤckte Weinende Muͤtter zum Kreuz! und kennet ihr ſchon der Gebornen Heiligſten, ihn, der zu Bethlem die fruͤhe Menſch⸗ lichkeit weinte! Doch ſie werden ihn kennen, ſie werden, Adam, den Mittler— Unſeres Bundes, den liebenden Sohn, den Goͤtt⸗ lichen kennen! Ach wie, in Sturm gebrochen, die Purpurblume dahinſinkt, Alſo werden von euch die Geliebteren vor der Er⸗ wuͤrger Schwerte ſinken, und wenn ſie ſinken, dem Tode noch laͤcheln. Eure Mutter ſegnet euch zu! Ihr ſeyd die erkohr⸗ nen Hoͤheren Zeugen des groͤßten der Todten! Der ſin⸗ kenden Wange 3 Aehter Geſang. 147 VIII. G. V. 476— 437. Blaͤſſe, der brechende Blick ſtrahlt himmliſch her⸗ aber! ſie ſchimmern Eure Wunden! ihr roͤchelt, Maͤrtyrer, Lieder der Wonne! Aber der Mittler ethub ſein Aug', und ſahe die Seelen. Mit dem Blicke zerrann auf jedes Himmliſchen Wange Eine Thraͤne des ewigen Lebens. Denn Jeſus Chriſtus Schaute mit einem Blicke der gottverſoͤhnenden Liebe, Jener, mit welcher er, bis zum Tod' an dem Kreu⸗ ze, jetzt liebte, Zu den Seelen empor. Die Seelen ſchauerten Wonne. Auf die Wange des Sterbenden kam noch die Farbe des Lebens Schnell wie Winke zuruͤck, geſchwinder, als Win⸗ ke zu fliehen. Aber itzt kam ſie nicht mehr. Die todesvollere Wange Benfte ſich ſichtbar! Sein Haupt, von dem Welt⸗ gerichte belaſtet, K 2 148 Der Meſſias. VIII. G. V. 488— 501. Hing zum Herzen. Er hubs arbeitend empor gen Himmel, Aber es ſank zu dem Herzen zuruͤck. Der hangen⸗ de Himmel Woͤlbt ſich um Golgatha, wie um Verweſungen Todtengewoͤlbe, Graunvoll, fuͤrchterlich, ſtumm! Der Wolken naͤchtlichſte ſchwebte Ueber dem Kreuz, hing weitverbreitet herab, an der Wolke Feyrliche Todesſtille, die ſelbſt den Unſterblichen Graun war. Ein Gedanke; ſo war ſie nicht mehr! Von einem gelindern Schalle nicht angekuͤndet, zerriß ein Getoͤſe, das aufſtieg, Laut die Erde; da bebte der Todten Gebein, da bebte Bis zu der Zinne der Tempel. Das war ein Bo⸗ the des Sturmwinds. Und der Sturmwind kam, und braust' in den Ce⸗ dern, die Cedern Stuͤrzten dahin! er braust' auf der ſtolzen Jeruſa⸗ lem Thuͤrme, Und ſie zitterten ihm. Der war ein Bothe des Donners. Fuͤrchterlich ſchlug in das Meer des Todes den Schlag! und die Waſſer Achter Geſang. 149 VIII. G. V. 5⁰02— 513. Fuhren ſchaͤumend empor, und die Erd' und der Himmel erſchollen. Als Eloa das ſah, da hatt' er den großen Ge⸗ danken; Hatt' ihn nicht nur, er ſchuf ihn zu That. Von Antlitz zu Antlitz Wollt' er den, der Gericht hielt, ſehn, Jehovah im Dunkeln, In der furchtbaren Herrlichkeit, Gott! Er betete dreymal Gegen dich Geopferter, an, und erhub ſich gen Himmel. Jetzo naht' er den Sonnen, und kannte den himm⸗ liſchen Weg kaum, So durchſtroͤmet' ihn Truͤbes, wie Daͤmmerung. Sieben Sonnen om Eingange, begegneten ihm zween Engel des Todes Mit verhuͤlltem Geſicht. Er ſchwebt' erſtannend vooruͤber! Aber mit ſtarrem Fuße ſtand auf der Erde 8 die Stille Wieder. Er ſchaute von neuem das Menſchenge⸗ ſchlecht, Geſtorbne, 150 Der Meſſias. VIII. G. V. 514— 526. Ungeborene, Sterbliche ſprachlos auf den Verſoͤh⸗ ner. Aber die erſte Gebaͤrerin blickt' am wehmuthsvoll⸗ ſten Auf den Sohn, den Verſoͤhner, der ſichtbar den langſamen Tod ſtarb. Wenn von dem Anſchauen ihr Aug' in truͤbender Wehmuth Dunkel nun ward, ihr Blick mit Daͤmmrungen kaͤmpfte, ſo ſank er Nieder dann auf Eine der Sterblichen, Eine vor allen, Die mit hangendem Haupt, auf wankenden Fuͤßen, mit bangem Jammerbleichen Geſicht, mit niederſtarrendem Au⸗ ge, Leer der Thraͤnen, noch wurd' ihr nicht die lindern⸗ de Thraͤne! Unbeweglich, und ſtumm, der Tod verſtummt ſor! am Kreuze Stand. Sie iſt es, ſie iſt des großen Geborenen Mutter! Dachte ſchnell die erſte der Muͤtter. Mir ſagt's dein Jammer! Liehe, du biſt Maria! Das fuͤhlet' ich, als am Altar lag Achter Geſang. 15 VIII. G. V. 527— 540. Abel im Blut! das fuͤhleſt du! biſt des Sterben⸗ . den Mutter! Alſo hing ſie mit liebendem Blick an Maria. Sie haͤtt' ihn Noch von der Dulderin nicht, der theuren Tochter, gewendet; Waͤren vom Aufgang' her mit ernſtem feyrlichen Fluge Nicht zween Todesengel gekommen. Sie kamen, ſchwiegen, Schwebten langſam. Ihr Blick war Flamme! Ver⸗ derben ihr Antlitz! Nacht ihr Gewand! So ſchwebten ſie langſam ge⸗ gen des Kreuzes Huͤgel her. Sie hatte vom Thron der Richter ge⸗ ſendet. Fuͤrchterlich kamen ſie naͤher zum Kreuz heruͤber. Da ſanken Tiefer zur Erd' hinab der Vaͤter Seelen. So ferne Sich ein Unſterblicher kann in Gedanken vom Gra⸗ be verlieren, Nahten ſie ſich der Sterblichkeit Grenzen, und Bilder des Todes Stroͤmten um ſie, das Graun der erdebegrabnen Verweſung Um die Unſterblichen! Da die Todesengel am Huͤgel 15²2 Der Meſſias. VIII. G. V. 541— 554. Standen, und nun von Antlitz zu Antlitz den Ster⸗ benden ſahen, Wandten ſie, der zu der Rechten, und der zu der Linken erhoben, Jeder den toͤnenden Flug, und ernſt, und todweiſ⸗ ſagend Flogen ſie ſiebenmal ſo um das Kreuz. Zween Fluͤgel bedeckten Ihren Fuß, zween bebende Fluͤgel das Antlitz, mit . zweenen Flogen ſie. Von dieſen, indem ſie ſich breiteten, . rauſchte 1 Todeston. So ertoͤnt's dem Menſchenfreunde vom Schlachtfeld, Wenn, zu Tauſenden ſchon, in ihrem Blut die Erſchlagnen Liegen! Er flieht gewwondet, indem verroͤchelt noch einer, Dann noch einer, und nun der einſame Letzte ſein Leben. Schrecken Gottes lagen auf ihren Fluͤgeln verbrei⸗ tet, Schrecken Gottes rauſchten herab, da die furcht⸗ baren flogen. Und ſie flogen das ſiebentemal. Der Sterbende richtet Muͤde ſein Haupt auf, blickt den Todesengeln ins 1 Antlitz, V — — Achter Geſang. 153 VIII. G. V. 555— 568. Blickt gen Himmel, dann ruft mit unhoͤrbarer Stimm' aus der Tiefe Seine Seele: Laß ab den Wundenvollen zu ſchre⸗ cken! Ihrer Fluͤgel Schlag, und dieſen Ton des Entſe⸗ tzens Kenn' ich! laß ab, Weltrichter! Er rufts, und blutet. Jetzt wandten Ihren wehenden Flug die Todesengel gen Him⸗ mel! Ließen truͤbere Wehmuth den Schauenden, bange⸗ ren Tiefſinn, Stummer Erſtaunen zuruͤck, Erſtaunen uͤber die Gottheit! Denn es hing die Huͤlle des Ewigen vor dem Ge⸗ heimniß Unbeweglich. Mit ſtarrendem Blick, auf die Graͤ⸗ ber gerichtet, Auf einander! gen Himmel! doch immer wieder zu dem hin, Welcher in ſeinem Blut von dem Kreuz herab in — die Nacht hing, Standen die Schauenden. So unzaͤhlbar ſie ſtan⸗ den ſo war doch Unter allen Augen voll Wehmuth kein Auge, wie deins war, Kein Unſterblicher ſo in heiße Schmerzen zerfloſ⸗ ſen, 154 Der Meſſias. VIII. G. V. 569— 581. Als du, Mutter des Menſchengeſchlechts, der Tod⸗ ten Mutter! Siehe, ſie ſenkt ihr entſchimmertes Haupt zu der Erde, dem Grabe Ihrer Kinder, und breitet die hohen Arme gen Himmel. Nun beruͤhrt der traurenden Stirne den Staub, nun falten Vor der umnachteten Stirn die gerungnen Haͤnde ſich bang zu. Halb erhebt ſie ſich, ſinket wieder, erhebet ſich, blicket Starr umher. Es daͤmmert um ſie. Sie iſt bey Gebeinen, Irgendwo unter Todtengebeinen; zwar druͤben am Grabe: Aber am Grabe doch! Endlich begann die gebroch⸗ nere Stimme, Und der Unſterblichen Harmonieen zerfloſſen in Seufzer. Darf ich Sohn dich nennen, noch Sohn dich nennen? O wende, Wende nicht weg dein Auge, das bricht! Du ver⸗ gabſt mir, Verſoͤhner, Mein Verſoͤhner, und der Gebornen! Die Him⸗ mel erſchollen, Achter Geſang. 155 VIII. G. V. 582— 595. Und der Thron des Ewigen klang von der Stimme der Liebe, Die der Verbrecherin Leben gebot, unſterbliches . Leben! Aber du ſtirbſt! jetzt ſtirbſt du! Zwar iſt es ewi⸗ ge Gnade, Die mich losſprach; aber du ſtirbſt! Er dringt, wie ein Wetter, Gegen mich an, der Gedanke voll Nacht! die Un⸗ ſterblichkeit ſtuͤrzt er Auf die Graͤber zuruͤck! Laß dir mich, Goͤttli⸗ cher, weinen! Zwar biſt du fuͤr Thraͤnen zu groß; doch laß mich dir weinen! Sieh, ich durſte nach Ruh! vergieb, vergieb auch die Thraͤnen! Du Verſoͤhner! du Opfer! des Todes Opfer, mein Mittler! Wundervoller! Geliebter! o du Geliebter! du Liebe! Du verzeiheſt! Verzeihet ihr auch, zu dem Tode geborne, Ihr, die Eva gebar? Wenn mir ihr Roͤcheln, ihr letzter Starrender Blick mir flucht; ſo ſegne du mich Er⸗ wuͤrgter! Fluchet der Todten nicht, Kinder! Um euch durch⸗ weint' ich mein Leben; 156 Oer Meſſias. VIII. G. V. 596— 609. Da mein Herz brach, weint' ich um euch; und Thraͤnen verwesten Mit der verweſenden! Bricht nun euer Herz auch, Kinder! Nun im Tode; ſo ſtroͤmt aus ſeinen Wunden euch . Labſal, Wonne des beſſeren Lebens euch zu! Ihr ſterbt nicht, ihr ſchlummert Nur zu dem Gottverſoͤhner hinauf! Dann glaͤnzen die Wunden, Die jetzt bluten, die Wunden des Unerſchaffnen, der todt war. Fluchet der Mutter nicht, Kinder! Ihr ſeyd un⸗ ſterblich, und Er iſt, Jeſus Chriſtus iſt auch mein Sohn! Ach aber, Geliebter! Du, der Geliebten Geliebteſter! du, doch dich nen⸗ net kein Nam' aus! Siehe, du ſtirbſt! O waͤre die truͤbe, die bebende Stunde, Waͤr ſie mit Fluͤgeln des Lichts voruͤbergeflogen! Gedanke, Grabgedanke, laß ab! Noch wird ſie bleicher, noch ſinket Seine todte Wange! Die Wunden noch ſchauern ſſie Blut aus! Ach ſein goͤttliches Haupt, jetzt ſanks noch tiefer herunter Achter Geſang. 157 VIII. G. V. 610— 623. In die Nacht! Dieß Athmen, o Tod, iſt deine Stimme! Ja, ſo roͤchelſt du! Tod! es iſt deine Stimme! . Wo bin ich? Aber er wendet ſein Antlitz auf mich! Der Sera⸗ phim Jubel Sing' es, daß er ſein Angeſicht wandte! Die 1 Pforten der Himmel Hallen es nach, daß der Gottverſoͤhner noch Ein⸗ mal ſein Antlitz Auf die Mutter der Sterblichen wandte! Des ewi⸗ gen Lebens Ruh' umſchattet mich wieder! Ich hebe zum Schoͤ⸗ pfer mein Aug' auf, Strecke die heißgefalteten Haͤnde zu dem, der er⸗ wuͤrgt wird, Meine Kinder, und ſegn' euch! In ſeinem Na⸗ . men(ihn ſchließen Himmel nicht ein! vor ihm hat das Unermeßliche Grenzen!) In des Heiligen Namen, des Wiederbringers der Unſchuld, In des Todenerweckers, im Namen des Richters der Welten! In des Sterbenden Namen, der zaͤhlt der Leidenden Thraͤnen! And durch ſeinen blutigen Schweiß in Gethſemane! durch die 158 Der Meſſias. Achter Geſang. VIII. G. V. 624— 627. Vollen Wunden! dieß Blut, das aus dieſen Wun⸗ den herabquillt! Durch dieß hangende Haupt! die muͤden Augen voll Jammer! Dieſe Stirne der Angſt! die Todesmiene! dieß Schauern! Durch ſein Rufen zum Richter! ſegn' ich euch Kin⸗ der, zum Tod' ein! Neunter Geſang. Inhalt des neunten Geſangs. E kommt vom Throne des Richters zuruͤck, und ſagt den Vaͤtern, daß er ſich demſelben nicht voͤllig habe naͤhern duͤrfen. Von den Leiden des Meſſias am Kreuze. Das Betragen der Freunde Jeſu. Johannes und Maria unterm Kreuze. Petri Schmerz wird, auf eine ihm unbe⸗ kannte Art, durch ſeinen Engel, Ituriel, ein wenig ge⸗ lindert. Er koͤmmt ſo weit zu ſich ſelbſt, daß er ſich ent⸗ ſchließt, ſeine Freunde aufzuſuchen, und ſich von ihnen troͤſten zu laſſen. Indem er ſich mit Aufſuchung derſelben beſchaͤftigt, haͤlt ihn ein Geſpraͤch zwiſchen einem Frem⸗ den, und Samma, auf. Samma erkennt Petrum. Pet⸗ rus findet Lebbaͤum. Lebbaͤus kann ihm nicht antworten. Er findet ſeinen Bruder Andreas. Andreas wirft ihm, auf eine gelinde Art, ſeine Verleugnung vor. Petrus trifft Joſeph und Nikodemus an, die von ſeiner Verlaͤug⸗ nung noch nichts wiſſen. Nun kehrt der trauernde Pe⸗ trus nach Golgatha zuruͤck. Johannes und Maria. Unter den Vaͤtern iſt Abraham noch immer von der Bekehrung des einen Miſſethaͤters voll. Seine Unterredung mit Moſes. Iſaak koͤmmt dazu, und ſezt die Unterredung fort. Abraham betet mit ihm zu Meſſias. Iſaak be⸗ merkt, daß ein Cherub Seelen gegen das Kreuz herauf⸗ fuͤhre. Es waren die Seelen frommer und erſtgeſtorbner Heiden. Der Cherub redet von dem Meſſias zu ihnen. Salem, Johannis und Selith, Mariens Schuzengel, wuͤnſchen, und vermuthen zulezt aus einem Blicke des Meſſias, Troͤſtungen fuͤr Maria und Johannes. Der Ver⸗ ſoͤhner redet dieſe beiden an. Von den Leiden des Mitt⸗ lers am Kreuze. Das Erdbeben faͤngt von neuem an. Es dringt bis in eine unterirdiſche Hoͤhle, wohin Abba⸗ dona vom Oelberg geflohn war. Seine Empfindungen bey dem Erdbeben. Er entſchließt ſich, den Meſſias von neuem zu ſuchen. Seine Zweifel, ob er ſich in einen Engel des Lichts verſtellen ſolle? Seine Gedanken, da er heraufkoͤmmt, und die verfinſterte Erde ſieht. End⸗ lich nimmt er zitternd die Geſtalt eines guten Engels an. Er hatte Jeruſalem ſchon entdeckt, und itzt fliegt er auf die Gegend zu, uͤber welche die Nacht am dun⸗ kelſten herabhaͤngt. Bey ſeiner Annaͤherung hoͤrt er Sa⸗ tan und Adramelech im todten Meere. Die Engel erken⸗ nen ihn, ſeines angenommenen Schimmers ungeachtet; aber ſie laſſens ihm zu, daß er ſich weiter naͤhere. Nach einigen Zweifeln erkennt er den in der Mitte Ge⸗ rreuzigten, fuͤr den Meſſias. Was er dabey empfindet. Er ſieht ſeinen ehmaligen Freund Abdiel, und ſo ſehr er ſich bemuͤht, nicht von ihm erkannt zu werden, ſo wird ers doch, und entflieht zulezt in ſeiner verdunkel⸗ ten Geſtalt. Der Todesengel Obaddon fuͤhrt die Seele Iſchariots zum Kreuze, und zeigt ihr den ſterbenden Meſſias; hierauf den Himmel der Seligen von fernez darnach bringt er ſie zur Hoͤlle. —— Neunter Neunter Geſang. IX. G. V. 1— 9. Ja⸗ kam Eloa zuruͤck von dem Throne des Rich⸗ ters. Voll von tiefen Gedanken, und langſamer ſchwebt er des Tempels Zinne voruͤber, trat in der Vaͤter Verſammlung; und ſagte: Eh' ich rede, betet mit an! Denn ich will anbeten, Ch' ich rede! Da ſanken ſie all' auf ihr Angeſicht nieder; Beteten ſtill den Unendlichen an. Mit eben der Stille Standen ſie auf. Eloa verſtummte noch⸗ Endlich redt' er. O du, welchen der Name nicht nennt, der Gedanke nicht denket, Erſter! Zu ihm erhub ich mich, wollte von Antlitz zu Antlitz Klopſt. Meſſias II. B. d ate Aufl. 162 Der Meſſias. IX. G. V. 10— 23. Schaun, der Gericht hielt, ſchaun den Unausge⸗ ſoͤhnten im Dunkeln, In der furchtbaren Herrlichkeit, Gott! Ich kam an die Sonnen; Und die daͤmmerten! kam zu des Himmels Pole; da rangen Truͤbe Schimmer mit Naͤchten! Ich ging zu dem Throne; da wurd' es Dunkler um mich, und nun noch dunkler, und nun.. Doch ich ſuche Namen, und finde ſie nicht, wie es um den Un⸗ endlichen Nacht war! Keine Namen dem Schauer, der von dem Unend⸗ lichen ausging. und ich ſtand, und ich hoͤrte von fern die Stroͤme der Hoͤlle Rauſchen unter der tiefen verſtummenden Schoͤpfung. Ich ſchwebte Langſam weiter. Da rufte der erſte der Todes⸗ engel Gegen mich her: Weß Schweben iſt dieſes Endli⸗ chen Schweben? und ich bebte zuruͤck, ſank auf mein Angeſicht nie⸗ der, Betet' ihn an, und verſtummt', und betet' ihn an, der Gericht hielt. Alſo ſagt' er, und wandte ſich weg, und verhuͤllte ſein Antlitz. Neunter Geſang. 163 IX. G. V. 24— 37. Jeſus war ſein Haupt zu dem Herzen nie⸗ dergeſunken, und es ſchien, als ſchlummert' er. Selbſt der laͤ⸗ ſternden Menge Ungeſtuͤm legte ſich, wie an dem unbeſtuͤrmten Ge⸗ ſtade Endlich das Weltmeer ruht. Die den Goͤttlichen liebten, umirrten Golgatha, oder die aͤußerſte Fern', aus der den Verſoͤhner Noch mit weinendem Blick ſie zu ſehn vermochten. Doch jeder Mied den andern, damit ſie ſich nicht die tiefe Wunde Tiefer gruͤben; ſpraͤchen ſie ſich. Nur der Juͤnger deer Liebe, Und des Leidenden Mutter verließen ſich nicht. Sie ſtanden Unten am Kreuz. Der Juͤnger, der ſchwur, daß er Jeſus nicht kenne, War die ſchlafloſe Nacht und den Morgen umher⸗ gezittert, Hatte Ruhe geſucht, und keine Ruhe gefunden. Alſo irret ein Sohn bei Geripp und Scheiter am Meere, Dem ſein Vater nicht ferne von ihm an einem der Felſen 8 2 164 Der Meſſias. IX. G. V. 38— 51. Umkam; ſprachlos irrt er umher, und ſieht unver⸗ wendet Nach dem Felſen, auf dem ſein Vater geſchmettert und todt liegt. Endlich rufet er jammernd gen Himmel: Er habe den Vater, Ach er hab⸗ ihn verlaſſen, im tiefen Meere ver⸗ laſſen! Petrus ermattet itzt ganz, und bleibt auf einer der Anhoͤhn Nah' an Golgatha ſtehn; und laͤßt die bleicheren Haͤnde, Die er nicht mehr zu ringen vermag, hinſinken Sein Schutzgeiſt, Seraph Ithuriel ſieht ihn, und gießet ihm einige Tropfen Ruh' in das Herz. Nur dieſes vermag er jetzo zu geben, Ob er gleich ein Unſterblicher iſt. Der traurende Juͤnger Fuͤhlt die Lindrung, und kommt ſo weit zu ſich ſelbſt, daß er aufſieht, Und mit wuͤnſchendem Auge nach ſeinen Freunden umherſucht, Daß er zu ihnen gehe; ſie ihn beſtrafen, und troͤ⸗ ſten, Aber er ſtand noch immer, und ſah nach Jeruſaͤ⸗ lem nieder. 4 Neunter Geſang. 165 7 IX. G. V. 52— 65. Denn zu dem Huͤgel hinauf, dem Todeshuͤgel, zu ſehen, Dieſes vermocht' er nicht. Sein Aug' arbeitet' mit ſcharfem Unterſuchenden Blick, die ſtolze Stadt zu erken⸗ nen. Aber ſie lag, ſo weit ſie Gefilde deckte, ſo hoch . ſie Thuͤrmte, gehuͤllt in traurende ſchwerbelaſtende Daͤmmrung Fuͤrchterlich da. Kaum daß noch von ſeiner Zinne der Tempel, Und von den ſteigenden Thuͤrmen der Sion ſterben⸗ den Schimmer Sinken ließen. So lag Jeruſalem. Petrus wandte Nach der Seite ſein Auge, von der ein dumpfes Gemurmel Kam, Geſpraͤche der Fremdlinge, die zu dem Feſte gekommen Waren, und jetzo eilten, am Kreuz den Propheten zu ſehen. Petrus geht zu ihnen herab. Nach ſeinen Ge⸗ liebten Suchet er unter den ſtilleren Haufen. Er ſuchte vergebens. Jetzo haͤlt ein Geſpraͤch ihn. Ein Mann in frem⸗ dem Gewande, 166 Der Meſſias. IX. G. V. 66— 79. Glaͤnzend gekleidet, und ſchwarz von Geſicht fragt einen der Greiſe, Deſſen Auge Vertraulichkeit iſt, und dem ein ge⸗ liebter Zarter bebender Sohn an dem Arm haͤngt. Aber ſo ſag denn, Sprach der Fremdling, was hat er, daß ſie ihn toͤdten, verbrochen? Was er verbrach? Sie toͤdten ihn, weil er den Kranken Geneſung, Gehende Fuͤße den Lahmen, den Tauben Ohren, den Blinden Augen gab, die Beſeßnen, ich war der Elenden Einer! Ihren Qualen entriß! ach weil er die Todten er⸗ weckte; Weil er in maͤchtigen Reden die Pforten des ewi⸗ gen Lebens Unſeren Seelen eroͤffnete, weil er ein goͤttlicher Mann war! Aber(er ſah, indem er ſich wendete, Petrus) . 3 du ſiehſt hier, Fremdling, einen ſeiner Geliebten, die der Prophet . ſich Auserwaͤhlete, daß ſie ihn ſaͤhen, und hoͤrten, und die er* Von der wahren Verehrung des Ewigen alles ge⸗ lehrt hat. Neunter Geſang. 167 IX. G. V. 80— 93. unterrichte du ſelbſt, er kehrt zu Petrus ſich, lehre Dieſen Fremdling, und mich, warum ſie den Goͤtt⸗ lichen toͤdten. Laß, Mann Gottes, laß dich erbitten! und wende dein Antlitz Nicht von mir weg. Du kenneſt ihn, du warſt ſein Erwaͤhlter! Bruͤder lieben ſich ſo nicht, als du und Johannes . ihn lieben! Petrus wandte noch immer ſich weg, nicht, weil er erkannt war, Denn itzt war er zu ſterben bereit! Das Wort von Johannes, uUnd ihm ſelber durchdrang ſein innerſtes Mark ihm. Ihr Freunde, Sprach er endlich mit ſtammelnder Wehmuth, was ich zu ſagen Itzo vermag, das iſt: Es ſtirbt der beſte der Men⸗ ſchen! Mit dem eilenden Worte verlor er ſich unter die Menge. Aber Samma, und Joel, und Candacens Vertrauter, Welchen nachher Philippus, von Gottes Geiſte ge⸗ rufen, In die Quelle des Heils eintauchte, gingen mit Staunen 168 Der Neſſias. IN G. V. 94— 107. Hin nach Golgatha. Petrus entdeckt' in der Ferne Lebbaus, Wie er in Truͤbem an einem verdorrenden Baume gebuͤckt ſtand; Und ging gegen ihn hin. Nun kam er nahe; Leb⸗ baͤus Aber erkannt' ihn noch nicht. Ihn redete Petrus mit leiſem, Brechenden Laut an: Haſt du ihn auch an dem Kreuze geſehen? Zwar auch du biſt elend, doch darfſt du zu ihm dein Auge Offen erheben; aber ich.. O lindre mein Elend! Hier, hier blutet ſie mir, hier blutet die brennende Wunde! Einen Laut nur, den einzigen Troſt nur von mei⸗ nem Geliebten! Aber du ſchweigſt? Noch ſchwieg er. Vergebens rang ſein Gefuͤhl ſich Nun zur Stimme zu werden. Doch waren ſein be⸗ bendes Antlitz, Seine Thraͤnen nicht ſprachlos! Allein die Troͤſtung beruͤhrte Simons Seele nur leiſe. Mit ſchwerem Herzen entweicht er; Ueberläßt ſich von neuem der Menge Wogen, und treibt ſo Neunter Geſang. 169 IX. G. V. 108— 121. Mit dem Strome. Da er itzt einem der eilenden Haufen, Weggedrungen, entkommt, da ſieht er auf Einmal Andreas, Seinen Bruder, vor ſich. Er wollt' ihn fliehen; allein er Winket ihm zu, daß er ſich mit ihm noch weiter entferne. Nunmehr wendet Petrus ſich um: Mein Bruder! Mein Bruder! Und umarmt ihn, nicht feurig wie ſonſt; mit muͤ⸗ der Umarmung Faßt er ihn um, und weint an des Bruders Halſe. Mein Bruder! Ach mein Bruder! erwiedert mit ſanfter Wehmuth Andreas, Gerne wollt' ich; allein ich kann, ich kanns nicht . verſchweigen! Simon, es blutet mein Herz mit deinem Herzen! Den beſten Unter den Menſchen, den treuſten, den liebevollſten der Freunde, Gottes Sohn! den haſt du, vor ſeinen Feinden ver⸗ leugnet! Goͤttliche Traurigkeit, dem, den er verleug⸗ naete, heilig; Voller herzlicher Dank, geweiht der Treue des Bru⸗ ders, „ 170 Der Meſſias. IX. G. V. 122— 135. Waren in Simons Augen; allein der Mund ver⸗ ſtummte. Und ſie hielten, und ſahen ſich kaum. Dann gin⸗ gen ſie ſeitwaͤrts Hand in Hand, und ſahen ſich kaum. Zuletzt ent⸗ ſanken Ihre Haͤnde ſich, und ſie verließen einander. Des Troſtes Stets noch beduͤrftig, noch immer voll heißes Dur⸗ ſtes nach Troſte, Ging der einſame Petrus. Nicht lang, ſo ſchreckt' ihn der Anblick Zweener Maͤnner, die er verehrte. Zwar wollt' er entrinnen; Aber ſie waren zu nah. Kennt uns des goͤttlichen Lehrers Theurer Juͤnger nicht mehr? ſprach Joſeph von Ari⸗ mathaͤa. Simon, wir ſind auch Juͤng er. Wir waren es heimlich; doch jetzo Sind wir bereit, uns zu ihm, vor allem Volk zu bekennen. Nikodemus mein Freund, du kennſt den Edlen! er thats ſchon Vor der Verſammlung des Raths. Mit unerſchuͤt⸗ tertem Muthe Sprach er fuͤr Jeſus; ich aber, ach ich bekannt⸗ ihn ſo ſpaͤt erſt! Neunter Geſang. 171 IX. G. V. 136— 149. Nur durch das Weggehn, als Nikodemus der Suͤn⸗ der Verſammlung, Sich nicht mehr zu entweihn, verließ. So hemme denn, Joſeph,. Theurer Joſeph, den Schmerz, ſprach Nikodemus, der immer Deine ſanfte Seele noch quaͤlt. Du gingſt ja mit mir weg! Du bekannteſt ihn ja! Mit thraͤnenhellerem Blicke Richtete Joſeph ſein Auge gen Himmel: Erhoͤr, o erhoͤre, Du Gott Jeſu, und Abrahams Gott, warum ich dich anfleh! Den ich ſo ſchwach, da er lebte, bekannte, laß den mich, du Helfer! Wenn er todt iſt, mit Muth vor aller Auge be⸗ kennen. Hier ſchweigt Joſeph. Indem ſein Gebet zu des Ewigen Throne Stieg, und zu ihm die Erhoͤrung, mit ihren Gna⸗ den, herabkam, Wandte ſich Nikodemus zu Petrus: Du blickeſt, o Simon, Wehmuthsvoll von uns weg. Wir fuͤhlens, was du empfindeſt, Ach, wir empfinden den Tod, der den heiligſten unter den Menſchen 172 Der Meſſias. IX. G. V. 150— 163. Jetzt zu toͤdten beginnt, und vielleicht den gefuͤrch⸗ teten Schlag bald, Bald den letzten gethan hat! Allein, o liebender Juͤnger! Sag' es uns auch, geuß dieſen Balſam in unſere Seelen, Daß uns dieß dein Auge voll Wehmuth zugleich nicht mit anklagt, Daß wir vordem den goͤttlichen Mann ins geheim nur bekannten. Doch wir verdienen es wohl. Wie ein Baum, er⸗ griffen von Sturme, Nach der einen Seite durch bleibendes Brauſen ge⸗ bogen Steht; ſo ſtand mit gewandtem Geſicht der bebende Petrus. Aber itzt unterlag er der Angſt, verhuͤllte ſich, loh, Suchte Ruh' in groͤßerer Qual. Denn er kehrte mit Eile Zu dem Todeshuͤgel zuruͤck. Er war zu des Huͤ⸗ gels Fuße mit ſchwerem Schritt gekommen. Ihm ath⸗ met ſein Leben Schneller, und jetzo wagt er es, zu dem Kreuze die Augen Aufzuheben; allein nicht bis zu des Sterbenden Haupte. Neunter Geſang⸗ 173 IX. G. V. 164— 178. Unten am Kreuz erblickt er, nicht fern von einan⸗ der, Johannes Und die Mutter des großen Geopferten, beide vor Jammer Eingewurzelt, beide verſtummt, und thraͤnenlos beide. Auch nicht fern, umgaben das Kreuz nicht wenige Treue, Welche von Galilaͤg gefolgt dem Goͤttlichen waren. Wie geringer Geburt, wie unbeladen vom Gmluͤcke, Wie unmerklich der Welt ſie auch waren; ſo hat deer Geſchichten Ewigſte doch aus dem redlichen Haufen einige Namen, Einige theure Namen erhalten der glaubenden Nach⸗ welt. Engel nannten ſie fruͤher mit neuen Namen am Throne! Magdale Maria, Maria, die Mutter Joſes Und Jakobus, Maria, die Mutter der Zebedaͤi⸗ den, Und du, deren Schweſter, die jetzt den beſten der Menſchen, Ihren einigen Sohn am langſamtoͤdtenden Kreuz ſah, Auch Maria genannt; die waren von denen, die naͤher 174 Der Meſſias. IX. G. V. 179— 192. Kamen zum Kreuz, als viele, die auch den Goͤtt⸗ lichen liebten! Magdale Mirjam war zu der Erde niederge⸗ ſunken. Sehnſuchtsvoll, zu ſterben, nun auch zu ſterben! entriß ſie Jeder Hoffnung, jeder Erinnrung der Wunder des Mittlers Sich mit Ungeſtum! ward von ihrer Traurigkeit Strome Unaufhoͤrlich ergriffen, und fortgeſchleudert. So lag ſie Auf dem Huͤgel, und fuͤllte mit ihrer Klage den Himmel! Sie zu troͤſten geneigt, obgleich ſelbſt troſtlos, 3 redet Joſes ſanfte Mutter ſie an, und verſtummt im Reden. Bleich ſteht in der daͤmmernden Nacht der Zebedaͤiden Klagende Mutter. Sie ringt die Haͤnde gen Him⸗ mel und blicket Starr hinauf, und ſtaunt, daß die goͤttliche Rache noch ſaͤume. Ganz von Schmerze betaͤubt, und ſo vor Traurigkeit ſprachlos, Daß die ſchwache Lindrung der Seufzer, auch die ihr verſagt war Neunter Geſang. 175 IX. G. V. 193— 206. Kniete nicht fern von Maria, der Mutter des goͤtt⸗ lichen Dulders, Ihre Schweſter, und ſah in der Nacht den Bluten⸗ den ſchweben! Keiner beklagt wehmuͤthiger dieſe Beaͤngſteten, keiner Herzlicher, als der gerettete mitgekreuzigte Juͤng⸗ ling. Aber auch der Unſterblichen Blicke, den Vaͤtern ent⸗ gehen Dieſer Traurenden Schmerzen nicht ganz; ob ſie am Verſoͤhner Gleich mit jeder von ihren erhabnern Empfindungen hangen. Abraham hatte die Rettung des mitgekreuzigten Juͤnglings So mit Freuden des ewigen Lebens erfuͤllt, daß er alles, Was der Sterbende that, mit inniger Liebe be⸗ . merkte. Jetzo bewegt' ihn das Mitleid, mit dem der gehei⸗ ligte Juͤngling Auf die frommen Leidenden ſah, ſo ſehr, daß er ſchnell ſich Seinem verſtummten Erſtaunen entriß, und zu Moſes ſich wandte, Welcher, verſtummt, wie er, bei ihm ſtand. Der erhabene Vater Neunter Geſang. 177 IX. G. V. 221— 234. Sanft zulaͤchelt! wie ihn die Erbarmungen Gottes beſeelen! Wie der Friede des ewigen Lebens ſich uͤber ihn be⸗ . reitet! Wie geruͤhrt er zugleich, obſchon des beſſeren Le⸗ bens Ruhe ſo nah, und wie voll Mitleid die Leidenden anblickt! Aber daß meine Kinder den Allerheiligſten toͤdten, Keine Reue ſie ſchmelzt, ſie nicht, wie jener zu⸗ ruͤckfliehn; Ach was wuͤrd' ich daruͤber, wofern ich noch ſterb⸗ lich am Grabe Stuͤnde, was wuͤrde daruͤber ihr grauer Vater em⸗ piinden! Was mir Gabriel gern verſchweigen wollte, nicht konnte, Laß den truͤben Trauergedanken, doch ſchnell und . gefluͤgelt, Vor dir uͤber, o Sohn, dann zuruͤck zur Vergeſ⸗ . ſenheit gehen: Der mit dieſen Wunden zum Weltgerichte wird kommen, Hat prophetiſch geſprochen den Gottverlaßnen ihr . Urtheil. Auch ſie haben es uͤber ſich ſelbſt geſprochen! Der Heide 1 Klopſt. Meſſias II. B.. M lite Aufl⸗ 176 Der Meſſias. IX. G. V. 207— 220. Von dem zwoͤlfgeſtaͤmmten Judaͤa ſprach zu dem Stifter Jener Huͤtte, die, lang des Allerheiligſten Vorbild, Opferte, zu dem Schreiber des gottgebotnen Ge⸗ ſetzes: Was wir ſehn, o Sohn, was dieſe wenigen Stunden Uns enthuͤllen, davon wird Ewigkeiten dein Vater Sich mit dir beſprechen. Itzt, da das verſtummen⸗ de Staunen Mich verlaſſen hat, wollen wir dieſem grenzloſen Meere Einige Tropfen entſchoͤpfen. Du ſahſt auf Horeb des Mittlers Herrlichkeit; ich in Mamre's geweihetem Haine. Da war er Sanfter, da toͤnte des Goͤttlichen Mund melodiſche Gnaden Eben ſo ſanft, ſo ſuͤßbetaͤubend erklang mir die 1 Stimme Von dem deteneeten Suͤnder„ von meinem Kinde! Mein Jubel Stroͤm' in die Jubel der Himmel, daß du die 4 Saͤnder erloͤſeſt, Gottgeopferter! Wie dem nahen Grabe der Juͤng⸗ ling Sanft 178 Der Meſſias. IX. G. V. 235— 248. Wollt' ihn nicht verdammen; ſie aber thaten es, riefen: 1 Ueber uns komme ſein Blut, und uͤber unſere Kinder! Ach hat nur kein Engel des Todes die ſchrecklichen Worte Nicht mit eiſernem Griffel in ewige Felſen ge⸗ graben, Und vor Gott ſie geſtellt! Ich ſeh', ich ſehe die Voͤlker Aller Enden, ſo weit der Aufgang ſtrahlt und der Abend! Alle Menſchen zum Kreuz des Gottverſohners ver⸗ ſammelt:. Aber meine Kinder nicht mit! Ihm erwiederte 3 Moſes: Vater Iſaks, und Jakobs, und jener Treuen, die dennoch Ob zu dem Bilde das Volk gleich lief, Jehovah verehrten, Davids Vater, und der, die den Gottverſoͤhner ge⸗ boren, und deß Vater, der nun Soͤhnopfer blutet, o hebe, Abraham, auf dein Aug' und ſieh! Zwar was ich dir ſage, Wgeſß du alles; doch iſt es gut, die geſehene Wahr⸗ heit Neunter Geſang. 279 IX. G. V. 249— 262. Wieder zu ſehen. Sie ſind ein Volk des Gerichts, und der Gnade! Er, der thun wird, was er gethan hat, der Uner⸗ forſchte, Der mit der Rechten Erbarmung, Gericht mit der Linken herabwinkt, Hat ſie auf einen Felſen geſtellt, dem Menſchenge⸗ ſchlechte, Allen Göſaen des Staubes, zum ſtrahlenhellen Be⸗ weiſe: Daß es in ihrer Gewalt ſey, Tod, oder Leben zu waͤhlen! Wer nun unter ihnen den warnenden Felſen ent⸗ deckt hat, Wenn ein ſolcher Pilger der Erdewanderſchaft dennoch Nicht aufſchauet, und lernt, der verwirft ſich ſel⸗ ber! Sein Blut ſey Ueber ihm ſelbſt, wenn er nun jenſeit des Grabs zu dem andern Gräßeten Tod' hinunter gefuͤhrt wird! So endete Moſes. Abram begann von neuem: Du haſt das dankende Laͤcheln, Sohn, geſehn, mit dem ich dich hoͤrte. Vielleicht, wenn ſie lange, Als ein furchtbares Mahl, geſtanden, zu ſündigen haben M 2 180 Der RMeſſias. IX. G. V. 263— 276. Aufgehoͤrt! denn es traͤgt des Vaters Suͤnde der Sohn nicht! Dann, o Moſes, vielleicht, dann werden ſie,(ſanf⸗ tes Entzuͤcken ueberfaͤllt mich, und Friede von Gott umlaͤchelt mein Auge!) Ach dann werden ſie zu dem Gottverſoͤhner, zum Retter Aller Menſchen, zu ihm, der ſie des Tags in der Wolke, Und in ſeiner Flamme die Nacht nach Kanaan fuͤhrte, Der an dem Kreuze fuͤr ſie auch blutete, wieder⸗ kommen! Kommt, kommt wieder, o kommt zu dem, der euch retten will, wieder, Meine Kinder, zu ihm, zu ihm, den ihr toͤdtetet, wieder! Zu dem geſchlachteten Lamm! kommt wieder zum ewigen Leben! Betend ſchaut' er gen Himmel. Ihn ſah der Geliebte, die Troͤſtung Seines Alters, ſein Sohn. Der Juͤngling kam zu dem Vater. Denn ihm war die Juͤnglingsgeſtalt nach dem Tode gegeben,— Daß er dem Himmel auf ewig den Gottgeopferten bilde! Neunter Geſang. 181 IX. G. V. 277— 290. Iſak ſprach: Ich ſah in deinem Antlitz, o Va⸗ ter,. Deine Gedanken von fern. Ach, unſere Kinder toͤdten, Den, der fuͤr ſie ſich heiliget, toͤdten ſie! Ewiger Richter, Du erbarmſt dich noch ihrer, und traͤgſt ſie auf Adlersfluͤgeln, Wie du aus Aegyptus ſie trugſt, zu ihrem Er⸗ retter! Seligkeit rußt dieſe Betrachtung, Entzuͤckungen gießt ſie Mir in die Seele! Noch Eine durchſtroͤmt mich mit heiligem Schauer. Ach, du weißt es noch wohl, als du auf jenem Gebirge, Heilig, auf immer heilig iſt mir die Staͤte des Opfers! Als du dort zum Altare mich fuͤhrteſt.. Dein freu⸗ diger Sohn ging Neben dir her, und wollte mit dir dem Ewigen opfern! Aber da ich nunmehr auf dem Opferholze gebun⸗ den Lag, und der heilige Brand bei mir aufflammte, mein Auge Thraͤnend gen Himmel blickte, du mich das letzte⸗ mal kuͤßteſt, 182 Der Meſſias. IX. G. V. 291— 304. Dann dich wandteſt, und nun den blinkenden Dolch, den Verderber, Ueber deinem Geliebten emporhieltſt; da.. Doch von dieſer Stunde Trauren ſchweig' ich! Jahrhunderte Freu⸗ den bekroͤnen Sie mit Seligkeit! Ach, dein Iſak wurde gewuͤr⸗ digt, Gottes Opfer, das Opfer, das nun auf Golgatha blutet, Vorzubilden! Entzuͤckung, und ſanfte Traurigkeit rinnen Durch mein unſterbliches Leben! Er ſprachs, und Abrahams Stimme Hauchte mit leiſem Liſpel ihn an. Sie ſprach zu dem Sohne: Laß uns zu dem Geopferten beten! Dann knieten ſie beide Dicht an einander. Ein Arm war um den andern geſchlungen,- Ihre Haͤnde nach Golgatha hingefaltet, und Abram Betet': O du, allein mit welchem goͤttlichen Na⸗ men Soll ich zuerſt dich nennen, du großer Suͤndever⸗ ſohner? Oder hoͤrſt du dich lieber die Wonne der Glauben⸗ den nennen? Neunter Geſang. 183 IX. G. V. 305— 318. Sohn des Vaters! was hab' ich, ſeitdem dich in Bethlehems Huͤtte Eine ſterbliche Mutter gebar, was hab' ich em— pfunden! O du weinendes Kind, mit welchem Donner durch⸗ hallteſt Du die Himmel als du an dem Staube der Sterblichen weinteſt! Unbegriffen von Engeln, doch ihrer Jubelge⸗ ſaͤnge Hoͤchſte Begeiſtrung, huͤllteſt du dich in niedriges Leben! Kaum, daß ſie dich noch erkannten; du aber thatſt es, und gingeſt Auf dem erhabenen einſamen Wege daher, und . dachteſt Deinen Tod. Du biſt zu dem großen Ziele ge⸗ kommen, Jenem Ziele, nach dem du ſeit Ewigkeiten herab⸗ ſahſt, Lange, lange zuvor, eh' ich war! Unendlicher du nur Konnteſt dieſen Tod, den Erretter, zum Ziele dir waͤhlen, Meinen Erretter, und aller Soͤhne des erſten Ge⸗ fallnen! Und nun bluteſt du, nun, ihn zu ſterben! Wir halten, o Gottmenſch, 184 Der Meſſias. IX. G. V. 3419— 333. Unſer Mitleid zuruͤck! Denn du biſt uͤber das Mit⸗ leid Aller Endlichen weit erhoben: allein wir empfinden Dieſen großen gefuͤrchteten Schlag, mit welchem der Tod dich Trifft, der die weite grenzloſe Schoͤpfung herab und hinauf bebt, Wir enſinden ihn mit! Erbarme dich unſer, er⸗ habner Ewiger Mittler, damit wir ihn nicht zu maͤchtig empfinden! O du Menſchlicher! mehr, noch mehr erbarne dich jener, Die an dem Staube dort ſtehn, und dem Staube verwandter, als wir ſind! Abraham betete ſo. Sie ſchwiegen beide. Dar⸗ auf kehrt Iſak ſich um, und fragt': Wer ſind die kommen⸗ den Seelen, Welche der Cherub gegen das Kreuz herfuͤhret? In⸗ dem war Schon die ſchimmernde Schaar dem Kreuze naͤher gekommen. Wie ein Morgen erhuben ſie ſich. Sie hatten vor Kurzem Ihre Leiber, die finkenden Huͤtten, verlaſſen. Es waren Neunter Geſang. 185 IX. G. V. 333— 346. Seelen aus jedem Geſchlecht der Menſchen. Von Wende zu Wende Wurde jetzo gebracht der ſchnellverzehrenden Flamme, Oder dem Grabe der Leib. Sie waren das kleinere Leben, Ihrem Herzen getreu, und rein, wie ein Sterbli⸗ cher rein iſt, Durchgewandelt: allein kein gottgeſendetes Licht war, Ihnen zu leuchten gekommen. Sie fuͤhrte der den⸗ . kende Cherub, Wie ſie voll des erſten Erſtaunens uͤber das neue Hoͤhere Leben waren, und ſtill zum Allmaͤchtigen flehten, Tauſend Seelen! Zu ihnen kehrt der Cherub ſein Antlitz. Abraham, und die Vaͤter vernehmens, was er her⸗ abruft Zu den Seelen, indem an dem naͤchtlichen Kreuze ſie ſchweben. Was ihr ſehet, erwaͤgts mit allen forſchenden Kraͤften, Die euch zu der Betrachtung ließ die fromme Be⸗ wundrung. Keiner, welchen ein Weib gebar, kann ohne den Mittler, 186 Der Meſſias. IX. G. V. 347— 360. Der an dem Kreuze vor euch dort blutet, den Ewi⸗ gen ſchauen. Seelen, ich kuͤnd' euch an das Geheimniß der Ewig⸗ keit. Jeſus Wird der Name genannt des Goͤttlichen, der fuͤr die Menſchen, Fuͤr die Verbrecher, des Todes Erben, dem Richter ſich opfert. Siehe! des Ewigen Sohn, und einer ſterblichen Mutter, Ach dort ſteht ſie am Kreuz! ward Jeſus der Erde geboren. Leiden und beten, und wunderthun, und lehren, und leiden War ſein Leben: und nun, der ganzen Ewigkeit Wonne Haͤnget daran! nun ſtirbt er fuͤr alle Erdegebor⸗ nen, Stirbt fuͤr euch! Waͤr' er von dem Anbeginne der Welten Nicht erkohren geweſen zum Gottverſoͤhner; ſo ſtuͤrbt ihr Nun den ewigen Tod, den alle Suͤnder einſt ſter⸗ ben, Denen ſein Heil verkuͤndiget wird, und die es ver⸗ werfen! Gott, der euer kuͤnftiges Leben, vor eurer Ge⸗ burt, fah, Neunter Geſang. 18„7 IX. G. V. 361— 375. Weiß, ihr haͤttet das Heil des Erloͤſenden angenom⸗ men: Haͤtt' er das Leben, das euch an der Erde Staube beſtimmt ward, Mit den Tagen vereint der goͤttlichen Bothſchaft von Jeſus. Seelen, um Jeſus willen, hat euch das Weſen der Weſen Los von der Strafe der Miſſethat geſprochen. Ihr ſeyd nun Rein vor Gott! Den ihr zu erkennen rangt, nicht erkanntet, Er hat eure Thraͤnen geſehn; das Flehen, der Suͤnde, Die ihr fuͤhltet, wie wenig ihr auch die toͤdtende 3 kanntet, Euch zu entreißen, dieß innige Flehn, unſterbliche Seelen, Hat er in ſeinem Himmel erhoͤrt! Es betete da . ſchon Der am Kreuze fuͤr euch, daß euch ſein Vater er⸗ hoͤrte, Und in euch der Miſſethat tiefbrennende Wunde Heilete! Denn ihr wart zu dem ewigen Tode ver⸗ wundet!. Sinkt auf das Antlitz, und dankt dem Wiederbrin⸗ ger der Unſchuld! Eurem Mittler! dem Geber des ewigen Lebens! dem Dulder! 188 Der Meſſias. IX G. V. 376— 388. Jeſus, des Ewigen Sohne! dem Sohne der ſterbli⸗ lichen Mutter! Unausſprechlich geruͤhrt, von ſanfter Wehmuth, von Staunen, Und von Seligkeit voll, ſank, jede der Seelen nie⸗ der, Betete zu dem Sohne, dem wunderbaren Erretter, Zu dem Sterbenden, der, eh Welten wurden, ſie liebte. Salem, Johannes Engel, und Selith, der Huͤter Maria's, Sprachen, als ſie vor ſich die dankenden Seelen er⸗ blickten, So mit einander: Wie dieſe Begnadeten, Selith, es fuͤhlen, Daß ſie es ſind! Wie in ihnen den Frieden des ewigen Lebens Seine Wunden, des liebenden Mittlers Wunden erſchaffen!. Ach, ſie ſind nun auf immer der Truͤbſal des ſterb⸗ lichen Lebens, Sind auf immer dem Schmerze der Staubbewoh⸗ ner entriſſen! Aber unſre Geliebten, ſo uͤberſchwenglich begnadigt! Neunter Geſang. 189 IX. G. V. 389— 402. Sonſt mit Frieden von Gott, mit jeder Ruhe be⸗ ſchattet, 4 Zwar noch Pilger, allein die der Sterblichkeit Buͤrde nicht fuͤhlten! Aber nun.. Wie haben der Mutter, des Freun⸗ des Entzuͤckung Dieſe Wangen voll Tod, die grabverlangenden Blicke, Dieſe ſtroͤmenden Wunden getruͤbt! O Selith, ich fuͤhl' auch, Fuͤhle das Schwert, das durch die Seele den wei⸗ nenden gehet! Salem, ich ſah viel Leidende, ſah viel duldende Menſchen: Aber keinen ſo elend, als ſie! Doch miſcht ſich Bewundrung In mein Mitleid. Was vor ein Anblick iſt dieſem zu gleichen, Menſchen, die der Ewige liebt, ſo leiden zu ſe⸗ hen? Aber, was mir mein Erſtaunen mit Beruhigung. mildert, Iſt die Troͤſtung, die Gott dann oft den Leidenden ſandte, Wenn ſie nun kaum noch hofften, und wenn die blutende Wunde Ihnen am tiefſten in den zerriſſenen Seelen itzt brannte. Der Meſſias⸗ 19⁰ IX. G. V. 403— 416. und, o Salem, wofern die Begier, die beiden Ge⸗ liebten Wieder in Gottes Ruhe zu ſehen, Selith nicht taͤuſchte; Sah ich, ſah jetzt eben im ſanften Auge des Mitt⸗ lers Kommende Troͤſtung fuͤr ſie! So redete Selith und irrte Nicht in ſeinen Gedanken. Des Gottverſoͤhners Erbarmung Konnte gegen Johannes ſich nicht, und die Mutter in Jammer Laͤnger nicht halten. Er ſah auf ſie mit Blicken herunter, Welche mit neuem Leben ihr ſinkendes Leben durch⸗ ſtroͤmten. Und er neigte, ſie anzureden, ſein goͤttliches Antlitz Gegen ſie nieder. Da hoͤrte mit bebendem Warten die Mutter Freudigbang, als ob ſie vom Tod' erwacht', in die Hoͤhe. Und zu ihr kam die Stimme des ewigen Sohnes herunter: Meine Mutter! er iſt dein Sohn! darauf zu dem Juͤnger: Sie iſt deine Mutter! Die beiden Liebenden wand⸗ ten Neunter Geſang. 191 IX. G. V. 417— 430. Sich mit Staunen, und Dank, und Thraͤnen ge⸗ gen einander: Aber der Sterbende ſchwebte, von Gottes Ge⸗ richt belaſtet, Litt, was zu denken, die Seel' erbebt; was zu ſagen, die Sprache, Selbſt der Himmel, die Gott an dem Throne be⸗ ſingt, verſtummet! Stille voll Tiefſinn ſchwieg um den Todeshuͤgel. Die Erde Zitterte unaufhoͤrlich in ihren Tiefen; doch wurden Ihre verborgneren Schauer noch in den Thalen nicht hoͤrbar, Wo Jeruſalem lag. Erſt Einmal war die Er⸗ ſchuͤttrung Zu der Empoͤrerin aufgeſtiegen. Dunkles Gefuͤhl nur, Etwas, das von fern herdroht, noch verſenkt in der Zukunft Meere, doch rauſcht ſchon Flut des Gehobnen; Ahndung von Rache Wegen des Blutes, das jetzo floß, beftel, in dem ganzen Weiten Drang' um Golgatha her, mit Graun des Volks Herz. Aber der Erde geheimes Entſetzen bebt' in den Kluͤften 192 Der Meſſias. 7 IX G. V. 431— 444. Eines finſtern Felſengebirgs, zu welchem, daß ein⸗ ſam In der Erd' Abgrund' er trauerte, ferne vom Oel⸗ berg Abbadona geflohn war. Er ſaß an dem Hange des Felſen, Sah dem ſtuͤrzenden Strome, der ihm bei den Fuͤ⸗ ßen herabfiel, Starrend nach, und begleitete mit hinhoͤrendem Ohre Jeden Donner des ſchaͤumenden Stroms, der hinab von den Hoͤhen Ueberhangender Berge von Abgrund rauſchte zu Ab⸗ grund. Schnell empfindet er unter ſich wandelndes Beben; dann ſtuͤrzen Neben ihm Felſen hin! Abbadona ſchreckte der Erde Lautes Trauren! So nannt' er ihr Zittern. Jam⸗ mert die Erde, Daß der Staub ihr Kinder gebar? und ii ſie er⸗ muͤdet, Ihrer Soͤhne Verweſung in ihrem Schooße zu tra⸗ gen, Ihnen ein ewiges Grab, das ſtets von neuem Ge⸗ beine Schwillt, inwendig fuͤrchterlich iſt, ob es auſſen der Fruͤhling Gleich Neunter Geſang. 193³ IX. G. V. 445— 458. Gleich mit der Blume beduftet? Ach oder klagt ſie den großen, Goͤttlichen Mann, den am Berg' in Mitternaͤchten ich ſahe? Leiden ſahe, was nie ein Endlicher litt? Was iſt wohl Jetzt ſein Schickſal? Und warum weil' ich ihn wie⸗ der zu ſuchen? Iſt mir die Hand des ernſten Gerichts auf der obe⸗ ren Erde Etwa naͤher, als hier? Ihr kann ich nirgends ent⸗ fliehen! Flöh' ich auch aus der Schoͤpfung, ſie wuͤrde doch mich ergreifen! Ja, ich ſuch' ihn! Ich will der furchtbaren Dula dungen Ausgang Sehen, will ganz die erſtaunungsvolle Begebenheit wiſſen! Aber wenn ihn nur nicht ſo vieler Himmliſcher Schaaren Stets umgaͤben! Als ich vor ihm juͤngſt flohe, wie ſchreckte Mich ihr ſchleuniger Anbliclk! Und wagt' ich der 3 Himmliſchen Schimmer Nachzuahmen, und kuͤhn in einen Engel des Lichtes Mich zu verwandeln; wuͤrden mich nicht die Blitze des Richters Klopſt. Meſſias II. B. N te Aufl. 194 Der Meſſias. IX. G. V. 459— 472⸗ Schnell enthuͤllen? die Engel mich nicht in meiner Geſtalt ſehn? Aber Satan thut es ja, er, ſo mit groͤßern Ver⸗ brechen Gott erzuͤrnt hat, als ich! der unnachlaſſende Suͤnder Thut es! Dazu verhehl' ich in meinem Herzen voll Jammers Keinen niedrigen Zweck, warum ich mich alſo ver⸗ ſtelle! Aber ſoll ich es, ſoll ſich Abbadona verſtellen? Geh, Verworfner, in deinem Elend! Alſo be⸗ ſchließ' ich Nicht zu gehn? und das Ende des wunderbarſten der Leiden Nicht zu wiſſen? Denn wie vermoͤcht' ich der Che⸗ rubim Herſchaun, Das zu enyfinden, und nicht zu fliehn? So den⸗ ket er, ſchwingt ſi ſich, Zweifelnd noch, aus der Tief’ empor. Kaum hat er der Erde Oberen Staub betreten, als er mit Erſtaunen zu⸗ ruͤckbebt. Denn er ſahe vor ſich in ſchreckenden Naͤchten die Erde Lienh. Am Mittag, dacht' er, in dieſen beraſee den bangen Neunter Geſang. 195 IX. G. V. 473— 486. Finſterniſſen! Iſt ſie nun auch dem ernſten Ge⸗ richte Reif geworden? und ſoll ſie vergehn? Des Ewi⸗ gen Schrecken Ruhen auf ihr! die Hand des Allmaͤchtigen hat ſie ergriffen! Und warum? Hat ihr Schooß den wunderbaren Erdulder In ſich begraben, und fordert von ihren Soͤhnen ihn Gott nun? Aber kann Er ſterben? Wohin ich blicke, verwirrt mich Jeder neue Gedanke! Viel beſſer eil' ich, und ſuch' ihn, Seh' ihn, und lerne dadurch, als daß ich einſam hier gruͤble. Als er ſo ſich entſchloß, da ſtand er am wal⸗ dichten Gipfel Eines Gebirgs, und ſucht' in der uͤberhuͤllenden Daͤmmrung, Lange ſucht' er die heilige Stadt mit fliegenden Blicken; Sah ſie endlich, wie Truͤmmern, auf denen bewoͤl⸗ kender Dampf ſchwimmt, Ferne liegen. Und nun, es bebeten ihm die Gebeine, Da er es that! nahm er die Geſtalt der Engel des Lichts an; N 2 196 Der Meſſias⸗ IX. G. V. 487— 500. Seine Juͤnglingsgeſtalt, worin er im Thale des Friedens Schimmerte! Aber ſie ward ein fernnachahmendes Bild nur! Zwar floß glaͤnzendes Haar auf ſeine Schultern hernieder, Unter den glaͤnzenden Locken erklangen ihm goldene Fluͤgel, Und die Klarheit des werdenden Tages deckte des Seraphs Leuchtendes Antlitz: doch faſt entrann die Thraͤne den Augen. Endlich flog er den bebenden Flug. Wo am dick⸗ ſten die Nacht lag, Dieſem Gefilde naͤhert' er ſich. Zu dem Todes⸗ huͤgel Stroöͤmt' am dickſten die Nacht vom ſchweigenden Himmel herunter. Als er an dem Geſtade des todten Meeres herauf⸗ ſchwebt, Hoͤret er fürchterliches Gebruͤll, der ſteigenden Waſſer; Mit der Wogen Gebruͤll, geqaͤlter Verzweiflungen Jammern! So, wenn die Erde bebt, und perichtbelaſirter Staͤdte Eine, nun Eine der großen Verbrecherinnen, ver⸗ urtheilt, Neunter Geſang⸗ 197 IX. G. V. 501— 514. Mit der ſinkenden ſinkt, ſo winſeln dann mit dem ſchnellen Dumpfen Donnerſchlage der unterirdiſchen Rache Todesſtimmen herauf! Noch Einmal bebet die Erde, Und noch Einmal ertoͤnen mit ihr entheiligte Tem⸗ pel, Stuͤrzende Marmorhaͤuſer, und ihrer zu ſichern Bewohner Todesſtimmen! Es flieht der bleiche rufende Wan⸗ drer! Abbadona vernimmt mit des todten Meeres Ge⸗ toͤſe So das Gebruͤll der beiden Gerichteten, kennt ſie, entſetzt ſich, Flieht mit wankendem Fluge die jammerhallenden Ufer. Und nun naͤhert' er ſich der Cherubim Kreiſe. Ein . ſchnelles, Unbezwingbares Schrecken ergriff ihn, als er den vollen, Himmelglaͤnzenden Kreis der Ungefallnen er⸗ blickte. Bald waͤr' ihm die lichte Geſtalt in entſtellendes Dunkel Wieder zerfloſſen! Die aͤußerſten Engel, vertieft in das Anſchaun 193 Der Meſſias. IX G. V. 515— 528. Deß, ſo den wunderbaren, den ſuͤndeverſoͤhnenden Tod ſtarb, Sahen den kommenden nicht. Allein Eloa erblickt' ihn, Schnell erkannt' er ihn, denkt: Du Gottverlaßner!. Der bange, Jammernde Seraph will er den Gekreuzigten ſehen? Er ſah ihn Schon an dem Oelberg leiden! Er ſuchet ihn wie— der! Wie elend Iſt er! Geſchmolzen von dieſer gebeugten dauren⸗ den Reue! Faſt ſeit ſeiner Erſchaffung in dieſe Thraͤnen er⸗ goſſen! Gott! Weltrichter! du wirſt mit ihm es alles voll⸗ enden, Was du beſchloſſeſt! Und ich, wie koͤnnt' ich uͤber ſein Schickſal Noch erſtaunen? Iſt nicht, durch den die Unſterb⸗ lichen wurden, Jeſus Chriſtus am Kreuz, den ewigen Tod zu er⸗ dulden; Und zu ſterben der Menſchen Tod? Er faͤllt auf ſein Antlitz Betend nieder, und liegt, und weint zu dem gro⸗ ßen Erdulder! Jetzt Aihube er ſich, winkte der Engel einem. Der Seraph Neunter Geſang. 499 IX. G. V. 529— 542. Stand vor ihm da. So ſprach Eloa: Fleug zu den Engeln, Und den Vaͤtern, ſage zu ihnen: Mit zweifelndem Zittern Nahet ſich Abbadona. Wofern er in eure Ver⸗ ſammlung Noch zu kommen es wagt, ſo laßt den traurenden kommen. 4 Denn er naht ſich mit Thraͤnen, zu ſehn den ſter⸗ benden Mittler.. Keiner gebiet' ihm zu fliehen! Laßt ihm die quaͤ⸗ lende Lindrung! Denn es umgeben das Kreuz ſchuldvollere Suäͤnder, als er iſt! Abbadona umzitterte noch die Verſammlung . der Engel; Zweifelte, ſchwebt', und ſtand, und glitt an dem Boden. Er waͤre Gerne geflohn; allein er ermannte ſich durch den Gedanken: Keinen geringeren, als den Verſoͤhner koͤnnte der große Feſtliche Kreis der Engel umgeben. Nun wagt' er es, ſchwebte In den ſchreckenden Kreis. So wie die Engel ihr Antlitz Wendeten, und ihn erblickten; ſo ſahen ſie hange Verſtellung, 200 Der Meſſias. IX. G. V. 543— 556. Todtes Laͤcheln, und Glanz, der keine Seligkeit ſtrahlte, Tauſendjaͤhrigen Gram, unuͤberwindliches Trauren, Abbadona! Sie ließen mit ſtillem Mitleid ihn fortgehn. Und er naͤherte ſich dem nachtbelaſteten Huͤgel; Sah die Gekreuzigten; wandte ſich. Nein, ich will ſie nicht ſehen, Nicht der Sterbenden Antlitz! Ihr Gram verwun⸗ det zu tief mich! Fuͤhrt zu truͤbe Bilder vor meinem Geiſte vor— uͤber! Klaget zu laut vor dem Richter mich an! Denn ach der gewandte, Kurze, fliegende Blick auf ihre Wunden durchflammt mich Schon mit wuͤthender Angſt! Mitungluͤckſelige 1 Menſchen, Und ſo ſehr mitſchuldige, daß, durch ſchwarze Ver⸗ brechen, Eure Bruͤder euch zwingen, ſie vor dem Antlitz der Sonne,. Feierlich vor der Verſammlung unzaͤhlbarer Mengen zu toͤdten! Nein, es ſoll ſie mein Auge nicht ſehn, die ihr 3 jetzt der Verweſung, Neunter Geſang. 201 IX. G. V. 557— 570. Grauſam, oder gerecht, zuſendet! Dem truͤben Ge⸗ danken, Qualenvoller, entreiß dich dem aͤngſtlichen Todesge⸗ danken. Den ich ſuche, wo find' ich ihn auf? Ja, dieſe Verſammlung Aller Himmel iſt nicht umſonſt herunter geſtie⸗ gen! Sie umgiebt ihn! Er iſt auf dieſer heiligen Staͤte! Aber wo? In Gethſemane war das furchtbarſte Dunkel, Wo er war: doch hier ſtroͤmt's auf den Huͤgel der Schaͤdel; Und da kann er nicht ſeyn! O wenn ihn ein En⸗ gel mir zeigte! Wenn ich fragen duͤrfte, mir dann ein Engel ihn zeigte! Ungluͤckſeliger! Wenn ſie mich nur an dieſer Er⸗ ſchuͤttrung, Dieſer ſchleunigen Wehmuth nicht kennen, zu fliehn A mir gebieten! Nein! Sie bemerken mich nicht, vertieft in große . Gedanken Von dem goͤttlichen Manne, zu dem ſie der Rich⸗ tende ſandte! Ach wo iſt er? Iſt er vielleicht in des deckenden Tempels 202 Der Meſſias. IX. G. V. 571— 584. Allerheiligſtem? betet er dort von neuem? und ſoll ihn, Wie er leidet, kein Endlicher mehr, nicht den blu⸗ tigen Schweiß ſehn, Welcher ihm von dem Angeſicht rinnt? Doch der Himmliſchen Augen Sind ja mehr auf den Huͤgel, als auf den Tempel gerichtet; Wenn ich anders es ſeh, wohin ſie blicken. Ver⸗ worfner! Ja, ſo biſt du erniedrigt, du darfſt dein Auge der Scham voll Nicht zu den Gottgetreuen erheben, obgleich du es wagteſt, Ihnen ſelber in ihrer verklaͤrten Geſtalt dich zu . zeigen! Auf dem Huͤgel der Schaͤdel? Vielleicht, daß er dort, wo Verbrecher, Dieſe lauteſten Zeugen des Falls der Sterblichen, bluten, Was er auf Erden zu dulden beſchloß, vollendet? Vielleicht liegt Unter Gebein der Goͤttliche dort, und fleht zu dem Richter? Ach ſo muß ich denn wieder zum Todeshuͤgel mein Antlitz Wenden! Er wandt' es, doch ſchwebet' er bang mit ſaͤumendem Fluge; Neunter Geſang. 203³ IX. G. V. 585— 593. Seitwaͤrts ſchwebt' er hinab, und ſuchte lange mit ſcharfen Schnellen Blicken unter den Kreuzen. Er findet Johannes, Und begleitet des Juͤngers Blick mit geheftetem Auge. Und der Geopferte fuͤr die Verbrecher hing in die Nacht hin; Schien mit brechendem Aug' ein Grab zu der Ruhe — zu ſuchen! Als von dem erſten Entſetzen ſich Abbadona emporwand, Dacht' er: Es iſt nicht moͤglich! iſt nicht moͤglich! er iſts nicht! Sterben? es iſt nicht moͤglich! Allein, ihr Him⸗ mel! Was wag' ich Mir zu uͤberreden? Ich taͤuſche mich nicht! Ich ſeh' ihn! Ja! er iſt es dennoch! Ach den ich ſah an dem Oelberg, Leiden ſahe, was nie ein Endlicher litt, dein Opfer, Unerbittlicher Richter, er iſt des! Er ſank zu dem Huͤgel Tieſer hinab. Hier will an der Erde Staub' ich, ſo dacht' er, Auf das Ende des unerforſchlichſten aller Gerichte 20 ½ Der Meſſias. IX. G. V. 599— 612. Warten; und wenns ein Endlicher kann, den goͤtt⸗ lichen Dulder Sterben ſehn! was iſt es in mir, das wie Ruh mich beſaͤnftigt? Iſt es der Angſt Betaͤubung? Iſt es wirkliche Hoffnung? Ach der Hoffnungen beſte, vernichtet zu werden? D taͤuſche, Einzige Hoffnung, taͤuſche mich nicht! Mich deucht ja, ich duͤrfe Um die Vernichtung dem Richter itzt flehn! Es deucht mich, er werde Jetzt mich erhoͤren! O wenn der göttliche Dulder ſein Haupt nun, Richter der Welt! an dem Kreuze geneigt hat, und du ein Vergelter, Daß wir die Suͤnd' erſchufen! ach zu der Suͤnde verfuͤhrten! Einige dieſer Verbrecher, als Todesopfer, dem . Schatten Deines Getoͤdteten weihſt, und an ſeinem Grabe vernichteſt; Ach, dann ſondre mich auch, den verworfenſten uannter den Suͤndern, Abbadona mit aus, daß du dem Todten mich opferſt! 1 Ach, dann bin ich nicht mehr! dann fuͤhl' ich der naͤchtlichen Qualen Neunter Geſang. 205 IX. G. V. 613— 626. Flamme nicht mehr! Ich war einmal! Dann bin ich vergangen! Aus der Weſen Reihe verloͤſcht! bin auf immer ver⸗ gangen! Von den Engeln, von allen Erſchaffnen, von Gott, vergeſſen! Sieh, ich neig' entgegen mein Haupt, Gott, dei⸗ ner Allmacht! Wuͤrdige, Richter der Welt, mich, daß ſie mit ge⸗ heimer Beruͤhrung, Oder mit fallendem Strahl, aus deiner Schoͤpfung mich tilge! Alſo wuͤnſcht, ſo waͤhnet er hoffen zu duͤrfen; er freut ſich, Und er entſetzt ſich uͤber die Hoffnung! Er ſchwebt⸗ an dem Staube, Blickte zum blutigen Kreuz hinauf, zu dem ſterben⸗ den Mittler; Dachte mit jedem fliegenden Blick, der Goͤttliche wuͤrde, Nun, nun ſterben! Und truͤberes Graun, vernich⸗ tet zu werden! Ueberſtroͤmte mit jedem Gedanken ihn! Sichtbar . verdunkelt, Stand' er, und ſtrebet', und rang, die lichte Ge⸗ ſtalt zu behalten! Da er alſo ſtrebt', und ſich in der Bangigkeit wandte, 2⁰6 Der Meſſias. IX. G. V. 627— 640. Sah er nicht ferne von ſich, bei einem der Kreuze, zur Rechten Jenes hoͤheren Kreuzes, das mitten ſchreckender auf⸗ ſtieg, Dort auf Einmal in Strahlen den mitgeſchaffnen, geliebten, Furchtbaren Abdiel ſchweben! Die ringsumglaͤnzen⸗ den Engel Huͤllet' ihm Dunkelheit ein! Die Schoͤpfung ward ihm zu enge! So ergriff ihn die Angſt, es wuͤrde ſein Freund ihn erkennen. Was in ihm Unſterbliches war, die geiſtigen Kraͤfte Alle ruft er zuruͤck, daß Abdiel ihn nicht erkenne! Eilend, als waͤr' er von Gott aus fernen Welten . zu andern Fernen Welten geſandt, und duͤrft' auf der Erde nicht weilen, Wandt' er zu Abdiel ſich, und ſprach die gefluͤgel⸗ ten Worte: Sag, Geliebter, du weißt es vielleicht: Wenn iſt es dem Mittler, Daß er ſterbe, geſetzt? Mir ward, daß ich eilte, geboten; Und h wuͤnſche doch auch, die heilige, gottge⸗ waͤhlte, Neunter Geſang. 207 IX. G. V. 641— 654. Schreckliche Stunde, wo ich auch ſey, anbetend zu feiren! Abdiel ſtand gewendet. Allein nun kehrt er ſein Antlitz Auf den Verlornen, und ſagt mit Ernſte, den Weh⸗ muth mildert: Abbadona! So ſteigt ins Geſicht des bluͤhenden Juͤnglings, Welchen der rufende Blitz erſchlug, die Farbe des Todes Schleunig herauf! ſo ſtroͤmte des Abgrunds Nacht in das Antlitz Abbadona's empor! Die Heiligen ſahen ihn alle Dunkel werden! Er floh aus ihrem ſchreckenden Kreiſe. Als er am fernen Himmel bei Palmenbuͤſchen 3 hinabſank, Kam an der anderen Seite des Waͤldchens ein he. — bender Todter⸗ 1 Dunkler, als Abbadona herauf. Die dimmuſcen ſahn ihn. Und es ſprach zu dem andern der Himmliſchen ei⸗ er; Wer iſt er Jener Verworfne, der dort von den Palmen gegen uns herkommt? Wie die Hand des Gerichts ihm ſeine Stirne ge⸗ brandmarkt, 2⁰08 Der Meſſias. IX. G. V. 655— 668. Wie der ewige Tod den gottverlaßnen entſtellt hat! Aber er wagts in unſre Verſammlung zu fliehn! Doch ich ſtaune Jetzt, Geltebtes⸗ nicht mehr. Erkennſt du den ho⸗ hen Obaddon, Der dem Todten gebeut? Ach es iſt der Geiſt des Verraͤthers! Nunmehr brachte den bangen Verworfnen der To⸗ desengel Naͤher zum Kreuz heruͤber; nun ſahn ihn die Himm⸗ liſchen alle! Dunkel, ein Flecken der Nacht, die uͤber die Erd“ herabhing, Angſtvoll, als wenn, wohin er auch ſchwebete, uͤber ihm Blitze Sich zu entzuͤnden, unter ihm ſich die Erde zu oͤffnen, Jene des Raͤchenden Feuer auf ihn herunter zu . ſchleudern, Dieſe mit gleichem Ergrimmen ihn zu verſchlingen bereit ſey: Alſo naͤherte ſich dem Kreuze der Geiſt des Verrä⸗ thers. Und er ſahe, das mußt' er! zum Todesengel Obaddon Unverwendet empor. So wie die Rechte des Ses raphs, Und Neunter Geſang. 2⁰9 IX. G. V. 669— 682. Und in der ſchreckenden Rechten das flammende Schwert ſich bewegte, Und den Flug ihm gebot; ſo flog der gerichtete Suͤnder. Jetzo blieb Obaddon auf einer hangenden Wolke Mit dem bebenden ſtehn, und ſprach mit gebieten⸗ der Stimme: Schau, Verworfner! Da liegt Bethania! Kaiphas Huͤtte Hier! dort unten das Haus, wo du ſeines Todes Gedaͤchtniß Auch empfingſt! Da iſt Gethſemane! jener, dein Leichnam! Bebeſt du? aber fleuch nicht! Er ſtreckte das flam⸗ mende Schwert aus. An dem Kreuz, das umnachteter uͤber die andern 1 heraufragt, Der iſt Jeſus Chriſtus! Er ſtirbt, ſich wegen der Menſchen Gott zu opfern; ihr Leben und ihren Tod zu ver⸗ ſuͤßen; Dieſem Tode, den du jetzt leideſt, dem ewigen Tode Sie zu entreißen, und ſie zu erhoͤhn zu der Gott⸗ heit Anſchaun! Dieſe Wunden aus denen das gottverſoͤhnende Blut quillt, Klopſt. Meſſias II. B. O ate Aufl. 210 Der Meſſias. IX. G. V. 683— 696. Glaͤnzen, wenn er mit ihnen dereinſt, ein Richter der Welt, kommt! Und nun wende dich, Todter! Mit niedergebuͤckter . Verzweiflung Wendete ſich der Tode. Von ihm entlaſtet Obaddon Schnell der Heiligen Kreis. Schon ſchweben ſie un⸗ ter Geſtirnen. Und die unuͤberſehbare Weite der ſchweigenden Schoͤ⸗ pfung Schreckt den Verraͤther. Ein ſchneller, ihm qualen⸗ voller Gedanke Von dem allgegenwaͤrtigen Richter erſchuͤttert ihn! Lange Bebet er, eh' er es wagt zu dem Todesengel zu ſagen: Fuͤrchterlichſter der Engel, vernichte mit dem entflammten, Blitzewerfenden Schwerte mich! Ach, zu dem ewi⸗ gen Richter, Fuͤhre zu ſeinem Throne mich nicht! Gehorch, und verſtumm du! Alſo gebot ihm der Todesengel, und zuͤrnender fuͤhrt' er. Endlich ſtand auf der Sonnen einen(das flam⸗ mende Schwert wies) Judas Iſchariot ſtill, bei ihm der Engel des Todes⸗ Neunter Geſang. 211 IX. G. V. 697— 709. Und er zeigt dem Verraͤther von fern den Himmel der Gottheit, Ihrer ſichtbarſten Herrlichkeit Staͤte, die Staͤte des Anſchauns! Ob der Richter itzt gleich in heiliger Dunkelheit thronte, Und die Halleluja des ewigen Lebens, die Feier Seiner Gerechten um ihn, und ihre Wonne ver⸗ ſtummten: S Dennoch war der Himmel nicht minder Himmel, der Gottheit Wuͤrdiger Sitz; und ſelbſt fuͤr die erſten der Seli⸗ gen hatt' er Nichts von ſeiner den Menſchen undenkbaren Won⸗ ne verloren! Dieß, ſo ſagt' Obaddon zum Gottverworfe⸗ nen, dieß iſt Gottes Himmel, der ſeligſten Offenbarungen Schau⸗ platz, Welcher die, ſo ihn lieben, der Unausſprechliche wuͤrdigt! Gott hat vor den Endlichen jetzt ſein Antlitz ver⸗ borgen! Auf dem Throne, den Nacht, fall nieder, beb', und verzweifle! O 2 222 Der Neſſias⸗ IX. G. V. 710— 723. Heilige Nacht, wie ſie dein neues Auge noch nie ſah, Schreckend umhuͤllt, dort ſchauen wir ſonſt die Herrlichkeit Gottes! Jener himmliſche Huͤgel, er heißet Sion. Auf ihm wird Er, ſo vom Anbeginne der Welt fuͤr die Menſchen erwuͤrgt iſt, Oft den vollendeten Frommen mit ſeinen Gnaden erſcheinen! Zwoͤlfe jener goldenen Stuͤhle, die du auf dem Sion Gleich den Sonnen erblickeſt, ſind des Erloͤſenden Juͤngern Von dem großen Belohner beſtimmt. Auf dieſen, Verraͤther, Richten die Juͤnger dereinſt die Welt. Du wareſt ein Juͤnger! Jammere nicht, daß vernichtet du werdeſt; du jam⸗ merſt vergebens! Schau! So viele dein Auge der Herrlichkeiten des Himmels Jetzt zu entdecken vermag: ſo viele Qualen hat Gott dir Hier, Getichtter, zugemeſſen! Vergebens beſtrebſt du Dich, Sönrnachtiger, nicht zu dem Himmel hinuͤber zu blicken! Neunter Geſang. 213 IX. G. V. 724— 736. Lerne die Allmacht kennen des Richtenden. Felſen im Meer gleich, Die kein Sturm nicht bewegt, ſollſt du hier ſtehen, und ſchauen! Daß er in dieſen Himmel, zu dieſer ewigen Ruhe, Die ihn lieben, erhoͤh, ſtirbt Jeſus Chriſtus am Kreuze! Mit den Worten verließ Obaddon ihn, ſchweb⸗ te zum Himmel Weiter hinuͤber, und blieb auf der Sonnen einen des Himmels, Anzubeten. Er kommt zuruͤck von dem ernſten Ge⸗ bete Zu dem Verworfnen, der ſtehet, und ſchaut, und ewigen Tod fuͤhlt! Wende, Todter, dich! komm! Ich fuͤhre dich jetzt zu der Hoͤlle, Deiner ewigen Wohnung! So ſprechen Donner, ſo ſprach es Mit zerſchmetternder Stimme der Todesengel, und eilte. und ſchon naͤherten ſie der Hoͤlle ſich, hoͤrten von ferne Ihr Getoͤſe, das an der aͤußerſten Schoͤpfung Ge⸗ ſtade 142 Der Meſſias. IX. G. V. 737— 750. Bruͤllend ſchlug, und unter den naͤchſten Sternen verhallte. In dem Raume, den Gott ihr in dem Unendlichen abmaß, Waͤlzt ſie ſich, keiner Ordnung gehorſam, auf und nieder, Keinem Geſetz der langſamen, oder ſchnellen Be⸗ wegung, Fleugt ſie eilend einher; ſo hatte Gott ihr gebo⸗ ten, Ihrer Bewohner neue Verbrechen, durch wildere Flammen, Durch geſchaͤrftere Pfeile des ewigen Todes, zu ruͤgen! Damals flog ſie mit wuͤthender Eil' herauf. Der Verworfne, Und ſein maͤchtiger Fuͤhrer verlaſſen die Grenzen der Welten, Sihweben hinab zu der Hoͤlle Thor. Der Engel des Todes, Der es huͤtet, erkennt Obaddon, ſieht den Verbre⸗ cher, 3 Der ſich neben ihm kruͤmmt, und noch zu entflie⸗ hen, ſich martert. Aber, unter dem flammenden Schwerte gebuͤckt, muß er eilen! Und der herrſchende Seraph, des Abgrunds Huͤter, eroͤffnet Neunter Geſang. 21¹5 XI. G. V. 751— 764. Mit weitſchmetterndem Krachen die diamantene Pforte. Laͤgen Gebirge darin, ſie wuͤrden den furchtbaren Eingang Nicht ausfuͤllen; ſie wuͤrden nur rauher ihn ma⸗ chen! Obaddon Bleibt hier ſtehn mit dem Todten. Es fuͤhret kein Weg zu der Hoͤlle Schreckenden Tiefen. Es waͤlzen ſich nah bei der Pforte die Felſen Unabſehlich hinab, durch treufelndes Feuer ge⸗ ſpaltet. Sprachlos, ſchwindelnd, bleich, mit weitvorquellen⸗ dem Auge, Blickt das Entſetzen hinunter. Der goͤttlichen Ra⸗ che Vollender Stand an dieſem Grab', hier ſchlaͤft der Tod nicht! mit dir ſtill, Judas Iſchariot, du Verraͤther! Da ſagte der Seraph Weggewendet, allein das niederſinkende Schwert wies In die Tiefe: Dieß iſt der Gerichteten Wohnung, und deine! Daß ſie nicht die Erdegebornen, die Suͤnder, den . Tod hier Leiden, den ewigen Tod, ſtirbt Jeſus Chriſtus am Kreuze; 216 Der Meſſias. XI. G. V. 765— 768. Alſo ſagt er, und ſtuͤrzt den Verworfnen hin⸗ ab in den Abgrund! Eilet, entſchwingt der Hoͤlle ſich, fliegt durch die Welten. Itzt koͤmmt er Zu dem Altar des Geopferten Gottes, zu Golgatha wieder, Steht, und wartet auf neue Befehle der zuͤrnenden — Allmacht. Der Meſſias. Zehnter Geſang. Inhalt des zehnten Geſangs. D. Vater ſieht von ſeinem Throne auf den Sohn herunter. Meſſias empfinder, daß Gort noch nicht verſoͤhn r fuͤhlt den naͤheren Tod. Er ſiehr nach ſeinem Gra er, und berer ins Geheim fuͤr die Sterbenden uf wendet er ſein Antlitz nach dem tod⸗ ten M Satan, Adramelech, und die Holle empfin⸗ den ſein icht. Jezt blich der Verſoͤhner auf die Schaaren Heiligen umher, die das Kreuz umgeben. Er verweilt am laͤngſten bei den Seelen des zukuͤnfti⸗ gen menſchlichen Geſchlechts, Es war itzt einer der großen Zeitpunkte gekommen, in welchen viel edlere Seelen der Erde gegeben werden. Eh dieſe noch von ihren Schutzen⸗ geln mit ihren Leibern vereinigt werden, entwickelt eine von denſelben ihre Gedanken uͤber den ſterbenden Verſoͤh⸗ ner. Nun ergeht der Befehl des Meſſias. Er ſegnet die Seelen, indem ſie von den Engeln fortgefuͤhrt werden. Die Charaktere dieſer Seelen. Da ihre Engel mit ihnen vor den zwanzig Palmen am Oelberge voruͤber ſchweben, wo der Erloͤſer das erſte Gericht erduldet hatte; ſo ſeg⸗ nen ihnen die Seelen der Vaͤter, die dort verſammelt ſind, nach. Einige von dieſen Vaͤtern werden genannt. Ein Geſpraͤch zwiſchen Simeon und Johannes dem Taͤufer. Mirjam und Oebora klagen den ſterbenden Verſoͤhner in einem Liede. Er koͤmmt dem Tode ſichtbar naͤher. Die meiſten Frommen entfernen ſich. Lazarus geht Lebbaͤo nach, ihn zu troͤſten. Lazarus hatte, ſeit der Kreuzigung Jeſu, faſt eben die Empfindungen gehabt, derer er ſich von der Zeit, da er todt geweſen war, erinnerte. Es deucht ihn, als wenn er unter unſterblichen ſey. Indem er hiervon mit Lebbaͤus reder, ſchwebt Uriel voruͤber, deſ⸗ ſen weggewendeten Glanz er ſieht. Uriel kuͤndigt der Verſammlung der Heiligen an, daß er den erſten der Todesengel gegen die Erde herkommen, geſehen habe. Der Eindruck, den dieſe Nachricht auf die Vaͤter, und un⸗ ter dieſen auf Henoch, Abel, Seth, David und Hiob, am vorzuͤglichſten aber auf unſre erſten Eltern macht. Dieſe ſchweben zu dem Grabe Jeſu hinab. Sie erinnern ſich, in einem Gebere an den Meſſias, ihres Falls. Sie dan⸗ ken, daß ſie Gnade erlangt haben. Der Verſoͤhner ſieht voll Barmherzigkeit auf ſie herunter. Hierauf beten ſie fuͤr das menſchliche Geſchlecht. Eloa ruft von der Zinne des Tempels, der Todesengel komme! Dieſer tritt auf den Sinai, flehr zum Meſſias um Staͤrke, den Befehl Gottes zu vollbringen, ſteht auf, und ſagt, was ihm Je⸗ hovah geboten hatte. Der Meſſias ſtirbt. 4 Zehnter Geſang. — X. G. V. 1— 10. Immer weiter komm' ich auf meinem furchtbaren Wege, Immer naͤher zum Tode des Sohns. Ach, waͤr's nicht der Liebe Tod! den ſie ſtarb von dem Anbeginne der Welt; ſo erlaͤg' ich Unter der Laſt der Betrachtung! Auf beiden Sei⸗ ten iſt Abgrund! Da zu der Linken! Ich ſoll nicht zu kuͤhn den Goͤttlichen ſingen! Hier zu der Rechten: Ich ſoll ihn mit feierlicher Wuͤrdigkeit ſingen! Und ich bin Staub! O du, deß Blut auf Golga⸗ tha ſtroͤmte, Deſſen Allgegenwart mich von allen Seiten umringt d hat, Du erforſcheſt meine Gedanken! du ſieheſt es alles, Was ich denke, vorher, du Naher! ja ſelber kein Wort iſt 220 Der Meſſias. X. G. V. 11— 24. Mir auf der Zunge, das du nicht wiſſeſt. Mein Gott! mein Verſöͤhner! Leite mich, mein Verſoͤhner, und wenn ich ſtrauchle, vergieb mirs! Deines Lichts Ein Schimmer, ach deiner Gnad' Ein Tropfen Iſt dem erkenntnißbegierigen, iſt dem durſtenden Fuͤlle! Von dem Throne, der ſonſt, die hellſte ſicht⸗ bare Schoͤnheit, Leuchtete, nun in ſchreckenerſchaffende Naͤchte gehuͤllt ſtand, Einſam ſtand, um den jetzt kein Unſterblicher feirte; Außer, daß von der weithinbebenden unterſten Stufe Knieend, mit betendem Auge, mit banggerungenen Handen, Starr vor Erwartung, der erſte der Todesengel em⸗ porſah: Von dem Throne ſchaute, mit ungewendetem An⸗ tlitz, Auf den goͤttlichen Suͤndeverſoͤhner Jehovah herun⸗ ter. Durch die helleren Staͤubchen, die Sonnen, die dunklern, die Erden, Durch die verſtummte Natur; mit Blicken, von dem nur verſtanden, Zehnter Geſang. 22¹ X. G. V. 25— 38. Dem nur gefuͤhlt, auf dem ſie vom Auge des Ewi⸗ gen ſtroͤmten, Schaut' er hinab. Es empfindet den Blick des richtenden Vaters Jeſus Chriſtus; weiß, daß Jehovah noch nicht ver⸗ . ſöhnt iſt! Weiß es, und fuͤhlts unausſprechlich, durchſtroͤmt von des naͤheren Todes Schauer. Es zittern in ihrem verborgenſten Leben die Welten! Banger, truͤber, verſtummender ſtehn die Unſterbli⸗ chen alle, Bei der Empfindung des Sohnes, die mit mehr Todesblaͤſſe In des Goͤttlichen Antlitz ſtieg. Dem muͤden Auge, Das zu brechen begann, entſanken verlöſchende Blicke, Fielen auf ſein Grab, das gegen Golgatha uͤber Einſam, unter alternden Baͤumen, in Felſen ge⸗ haun lag. Todesſchlummer, bald wird dich mein Leib dort ſchlummern! ſo dachte Jeſus Chriſtus, indem ſein Blick an dem Grabe verweilte, Darum nahm ich ihn an den Leib von Staube! Verweſen 222 Der Meſſias. X. G. V. 39— 52. Soll er nicht; doch ſoll er entſchlafen liegen. Mein Vater, Trockne die Thraͤnen von deren Geſicht, die dann um mich weinen! Ausgeſoͤhnter! erbarme dich ihrer, ſie weinen um Jeſus, 1 Deinen Eingebornen! Erbarme dich ihrer, wenn nun auch Ihre letzte Stunde von dir zu ihnen geſandt wird! Heiliger Vater, erbarme dich aller, die an den Ge⸗ liebten, Deinen ewigen Sohn, den Gottgeopferten, glau⸗ . ben; Wenn, in dieſem Glauben, nun auch mit dem Tode ſie ringen! Ach, ich fuͤhl' ihn, fuͤhle den Tod! Des Ewigen Schrecken Traͤgt' er! er iſt ein Schwert in der Hand des All⸗ 3 maͤchtigen! furchtbar Iſt er! Zwar ſie werden, was ich empfand, nicht empfinden; Sie ſind endlich! allein aus dem Meer, in welches ich ſinke, Kann Ein Tropfen in ihnen des Todes Schrecken verbreiten! Einige, goͤttlicher Vater, du haſt es alſo beſchloſ⸗ ſen! Zehnter Geſang. 223 X. G. V 53— 66. Einige werden entſchlummern; es werden einige . ſterben; Einige deiner Geliebten, o Vater, des Todes ſter⸗ ben! Vater Vater! erbarme dich aller, die duͤrſtend nach Huͤlfe, Die, in des Todes Kampf, um Labſal! um Gna⸗ del dich anflehn. Derer, die aus viel Truͤbſal ihr muͤdes Leben dem Grabe Brachten, in Duͤrftigkeit lebten, und dennoch dich nicht verkannten; Die, wie ſchuldlos ſie waren, mit Schmach der Suͤnder befleckte; Die, den Freunden getreu, die Feinde ſegneten; Demuth, Liebe der Bruͤder, und Liebe der Menſchen, durch Handlungen, zeigten; Derer, die, unverblendet von Ehr' und Reichthum und Hoheit, Gutes zu thun ſie brauchten, und ſie zu entbehren vermochten;. Aller, die, nach den verſchiednen von dir gegebenen Gaben, Weniger oder mehr Anlaſſe, durch welchen die Vor⸗ ſicht Sie anlockte, mit reiner, mit herzlicher Liebe dir dienten: 224 Der Meſſias. X. G. V. 67— 80. Derer erbarme dich, Vater, in ihrer letzten Stunde! Wenn ihr Auge nun auch zu brechen beginnt, die Verweſung Ihren Leib verlanget, der Schoͤpfer die Seele; dann ſende Deine Teoͤſtung, der Geiſt, der unausſprechlich in ihnen 1 Bete, bis uͤber das, ſo ſie kannten und baten, du ſie Ueberſchwenglich erhoͤrtt, und zu deiner Ruhe ſie einfuͤhrſt. Gott der Liebe, mein Vater, um dieſer quellenden Wunden! Dieſer blutigen Krone, die meiner Schlaͤfe ſich ein⸗ grub! Dieſer Todesangſt, die mir die Gebeine durchſchuͤt⸗ tert! Deſſen, was ich litt, jetzt leide, noch leiden werde! Dieſer Liebe willen, mit der ich, erniedrigt zum Tode, Bis zu dem Tod' am Kreuze, das Heil der Men⸗ ſchen vollende: Hoͤr mich, und laß, die ich liebe, getreu bis ans Ende mir bleiben! Troſtvoll ſterben! den Lohn der Ueberwinder em⸗ pfangen! Alſo Zehnter Geſang⸗ 225 X. G. V. 81— 95. Alſo dacht', und betet' in ſich Er, der von der Welten Anfang ſtarb, der Herr, barmherzig, und gnaͤdig und duldend, Voller Guͤte, voll Treu! der ewige Hoheprieſter Betete ſo, da er jetzt zu dem Allerheiligſten einging. Aber er wandte vom Grabe ſein menſchenlie⸗ bendes Auge Gegen das todte Meer, wo Adramelech und Satan Lagen. So wie ſich der Blick des ſterbenden Gott⸗ verſoͤhners Wandte, ſo ward, von fliegendem erderſchuͤtternden Schrecken, Bis in die naͤchtliche Tiefe des todten Meers, er begleitet! Und da ſanken die beiden Verworfnen zur niedrig⸗ ſten Stufe Ihres Elends hinab. Der Rathſchluß Gottes in Eden: Jeſus ſoll der Schlange den Kopf zertreten! er wurde Nun vollendet. Seitdem der Gottverſoͤhner am Kreuze Blutete, fuͤhlte die Hoͤlle des Ueberwinders Gerichte! Aber vor Allen empfanden ſie Adramelech und Sa⸗ . tan! Klopſt. Meſſias 1I. B. P kte Aufl. 226 Der Meſſias. X. G. V. 96— 109. Satan, indem er vor Qual der unterirdiſchen Felſen Einen zermalmt', und kaum mit ſchwerem dumpfen Gebruͤlle Stammeln konnte, begann: Fuͤhlſt du ſie, wie ich, die entflammte Unverſoͤhnliche Qual, die in jeden Abgrund des Herzens Tod auf Tod mir, ewigen Tod! ſtets heißer hin⸗ abſtuͤrzt? Sieh, ich will, du verruchter, gerichteter, ewiger Suͤnder! Ich, wie du, ein verruchter, gerichteter, ewiger Suͤnder! Ihre ſchwarze Geſtalt, ſo viel ich vermag, dir be⸗ . ſchreiben. Zwar ſie hat nicht Bilder genug die unterſte Hoͤlle, Meine Qualen dir ganz, ſo ganz, wie ichs duͤrſte, . zu zeigen: Dennoch hoͤre, Verruchter, mich! Wenn du etwa nicht alles,„ Was ich empfind', empfindeſt; ſo ſoll das, was ich dir ſage, Elend genug dich machen! mit mir ſollſt du es em⸗ pfinden! Oder es doch, als kuͤnftig, mit ſtarrenden Ahndun⸗ gen fuͤrchten! Zehnter Geſang. 22⁷ X. G. V. 110— 124. Hoͤre: So ſehr hat mich mein Jammer niederge⸗ worfen, Daß mich ſo gar nicht deiner Qual Anſchaun mehr froh macht! Wie ich erniedriget bin, ſo ward ich niemals ernie⸗ drigt! Siehe, ſo tief, daß ichs mit grimmigem Zagen be⸗ kenne! Ja, Er iſt allmaͤchtig! allmaͤchtig iſt Er! allein ich, Was bin ich? Das ſchwaͤrzſte der Ungeheuer des Abgrunds! Ganz, ganz unten lieg' ich, auf mir die Hoͤlle! von jeder Seiner Qualen beladen! von allen ſeinen Gerichten Ueberlaſtet! Und hat er erwa den ewigtodten In dieß tiefſte der Graͤber mit ſeinem Donner zu werfen Wuͤrdig geachtet? Ein Engel gebot uns zu fliehn! und wir flohen! Und in weſſen Namen gebots der Geſendete Gottes? O was iſt es in mir? was vor ein neues Gericht iſts, Das mir drohet? Ich darf den erhabnen Namen nicht nennen! Und er ſtirbt itzt vielleicht, in deſſen Namen wir flohen! P 2 228 Der Meſſias. X. G. V. 125— 138. Den wir verfolgten! Ein neuer, ein flammender Pfeil des Verderbens Fliegt mit dieſem Gedanken mir durch das unſterb⸗ liche Leben! Nacht umringt mich an Nacht! Ich ſehe von dem . Geheimniß Nicht den fluͤchtigſten Schimmer! Auch dieß iſt Elend! ha Alles, Alles um mich iſt Elend! und ich ſein ewiges Opfer! Selbſt die Hoffnung, vernichtet zu werden, die grimmige, ſchwache, Quaͤlende Hoffnung, auch ſie iſt ganz dem ver⸗ worfnen verſchwunden! Werdet zu Chaos, zu Nacht, zu der Hoͤll', ihr Welten und Himmel Dul fallt uͤber mich her! deckt mich vor dem Zorne der Allmacht! Adramelech, der niedergeſchmetterte Stolze, vermochte Kaum mit roͤchelnder Angſt, mit verzweifelndem Blicke zu ſagen: Hilf mir! ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderſt, Ungeheuer! dich an!(Er faßt', indem er es bruͤllte, Satan mit eiſernem Arm!) Verworfner ſchwarzer Verbrecher, Zehnter Geſang. 229 X. G. B. 139— 152. Hilf mir! ich leide die Pein des raͤchenden ewigen Todes! Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Haſſe, dich haſſen! Jetzt vermag ichs nicht mehr! Auch das iſt herr⸗ ſchender Jammer! O wie bin ich zermalmt! Ich will dir fluchen, und kann nicht! Fluchen, daß 5 um Huͤlfe dir flehte! Vielleicht war ein Tropfen Lindrung darin, wenn ich mit flammender Rache dir fluchte! Aber ich will es, ich wills! Ruft's, ſtuͤrzte zu⸗ ruͤck, lag ſtumm da. Alſo empfanden die beiden des Ueberwinden⸗ den Allmacht! Weit war ausgeſtreckt ihr zerſchmetternder Arm. Die andern Stolzen Empoͤrer empfanden ſie auch. Die unterſte Hoͤlle Hallte vom dumpfem Geheul geſtuͤrzter Verzweiflun⸗ gen wieder! Aber enthuͤll, Sionitin, der qualbelaſteten Hoͤlle Tiefen nicht weiter. Ein anderer Schauplatz heili⸗ ger Wehmuth, Voll Anbetung, und jenes Todes, der unſern ver⸗ ſüßt hat, 230 Der Meſſias. X. G. V. 153— 166. Voll von goͤttlicher Huld, der Schauplatz oͤffnet vor dir ſich! Jeſus wandte ſein Auge vom todten Meer', und er ſchaute Auf die Schaaren, die ihn, von allen Seiten, um⸗ ringten, Standen, knieeten, dachten, verſtummten, beteten, weinten! Und ein maͤchtig Gefuͤhl der ewigen Liebe durch⸗ ſchauert Jeſus Chriſtus. Der Blick des Gottverſoͤhners ver⸗ weilte Bei den Seelen am laͤngſten, die keine ſterbliche Huͤtte Noch betreten, noch den Staub nicht geheiliget hat ten. Denn es nahte ſich einer der feſtlichen Augenblicke, Die auf Einmal die Erde mit vielen edleren Seelen Segnen, und die mit daurender Macht Jahrhun⸗ derte bilden. Zwar nicht immer ſtroͤmte der Ruf von dem, was ſie thaten, Mit den Jahrhunderten fort; allein die maͤchtige Wirkung Ihres Beiſpiels, welches an ihnen der lernende Feend ſah, Zehnter Geſang. 231 X. G. V. 167— 180. Wieder dem Enkel es zeigte, verflicht in die Tha⸗ ten der Nachwelt, Zwar ins geheim, doch gewiß ſich! So bleibt vom geſunkenen Wurfe Auf der Flaͤche der Waſſer ein ausgebreiteter Kreis⸗ lauf. Aber eh noch die Seelen, der Segen der feſtlichen Stunde, Von den Engeln zu ihrer Geburt in das ſterbliche Leben Wurden gefuͤhrt, begann der edelſten eine die Zweifel Ihrer Gedanken bei ſich zu entwickeln. Ein Schim⸗ mer vom Lichte, Welches ſie in der Verweilung auf Erden heiligen ſollte, Senkte ſich ſanft in ſie nieder. So dachte der Ewig⸗ keit Erbin: Immer empfind' ich es mehr, daß Er des Unendli⸗ chen Sohn iſt! Denn, wie die Sonnen des Sternengefilds, von welchem wir kommen, So unzaͤhlbar, ſo maͤchtig, doch mit viel milderem Einfluß, Strahlen aus ſeinem Geſicht die Unerforſchten Ge⸗ danken! Aber er iſt noch anders, als unſere Freunde, die Engel, 23²2 Der Meſſias. X. G. V. 181— 194. Ach er iſt, wie die Menſchen, die ihn umgeben, geſtaltet! Doch die gleichen ihm auch an Geſtalt nur. In ihrem Geſicht iſt. So was Truͤbes, und Niedriges! etwas wider den Schoͤpfer! Ach, wer muͤſſen ſie ſeyn, die Menſchen? Wie ſollen zu Menſchen Kommen, wie ſie, in Leiber, die ſterben muͤſſen, gekleidet, Wenige Zeit ſo leben, dann naͤher zum Ewigen kommen! Sind noch andere Menſchen, zu denen der Schoͤpfer uns ſendet? Oder ſind diefe die Kinder Adams? Wenn dieſe von Adam Suamnin, ſo ſind ſie auch unſere kuͤnftigen Bruͤ⸗ der. Doch ſcheint mir Dieß die Erde nicht, welch' ich, als Adam geſchaf⸗ fen war, ſahe. Denn die war viel herrlicher! Was du, o Vater, beſchloſſeſt, Vater der Engel und Menſchen, dein goͤttlicher Wille geſchehe! und dein Wille, du Sohn des Vaters! Von al⸗ lem, was ſchwer iſt Zu ergruͤnden, iſt mir am ſchwerſten zu faſſen: Du leideſt, Zehnter Geſangt 233 X. G. V. 195— 208. Gottes Sohn! Da, wo du erhoben uͤber den Huͤgel Hingeheftet haͤngſt, da ſcheint ein endliches Le⸗ ben Dir aus deinem Leibe zu quellen; du ſelbſt zu em⸗ pfinden, Daß es dahinquillt. Und ihr Engel, die ehmals die Fragen, Welch' ich euch that, aufloͤsten, verſtummt der fragenden jetzo! Doch das fuͤhl' ich in mir, daß dieß wegſtroͤmende Leben, Dieß Hinſinken des Leibes, der dich, du Goͤttlicher! einhuͤllt, Nahe mich angeht, naͤher vielleicht, als die Sera⸗ phim angeht! Unausſprechlich lieb' ich ihn, mehr, wie ich jemals noch liebte! Ach, wenn er mich, mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt, Lieben koͤnnte; ſo wuͤrd' er vielleicht den Flecken ver⸗ bergen, Welcher, als ich an dem Stolze der Erdgeſchaffenen Theil nahm, Mich entheiligte; wuͤrde fuͤr mich den Ewigen an⸗ flehn! b Mir verzeihen, und mich zu dem Anſchaun Gottes erheben! 234 Der Meſſias. X. G. V. 209— 222.. Gott, vollende dein Thun in mir, die du ſchufeſt! Erfuͤlle Ihr entflammtes, immer empfundenes, frommes Verlangen Nach Gluͤckſeligkeit! Du, nur du, Unendlicher, du biſt Ihr Gluͤckſeligkeit! Dir ſich nahen, iſt ewige Wonne! Alſo denkt ſie, und denkts nicht umſonſt. Gott, welcher von fern her Oft, was er thut, bereitet, er bildete alſo die Seele Zu dem Leben der Pruͤfung, und zu dem ewigen Leben. Siehe, nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Die erkohrne, Von den Engeln gehoffte, nur von den Engeln ge⸗ feirte Stunde kam. Es ſtehn, auf das Kreuz gerichtet, erwartend, Voll von frommer heißer Begier, die kuͤnftigen Huͤter Dieſer Seelen, die jetzt dem ſterblichen Leben ſich nahten. 3 Banger vor Freuden, und bebender ſtehn die Huͤter. Indem geht Von dem Auge des Gottverſöhners der große Be⸗ 3 fehl aus, Zehnter Geſang. 235 X. G. V. 223— 236. Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: Ge⸗ het, und lebet, Glaubet und uͤberwindet! Ich liebt' euch, ehe die Welt ward! Und die Engel fuͤhrten ſie fort. Sionitin, erzaͤhle, Wie ſie lebten, und wie ſie dem großen Suͤndever⸗ ſoͤhner, Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben ſich weihten. Wirkungen von der neuen Empfindung, die ſie er⸗ fuͤllte, Da ſie ſahn an dem Kreuze den Goͤttlichen, blieben in allen, Wuchſen, entwickelten ſich, mit des ſterblichen Le⸗ bens Begriffen, und den hoͤhern der Gnade, die Jeſus uͤber ſie aus⸗ goß. Eine der ſchoͤnſten unter den Seelen war dei⸗ 3 ne, du edler, Frommer Juͤngling, Timotheus. Denn du wareſt noch Juͤngling, Da du, mit feuriger Treu, der Gemeinen eine be⸗ wachteſt. Willig nahm er die Bothſchaft von Jeſus Chriſtus, dem Todten, Und dem Auferſtandenen an. Der Gewaͤhlte des Mittlers, 236 Der Meſſias. X. G. V. 237— 250. Er, der Geruͤſtete gegen die Hoͤhen, die ſich erhuben Wider die Lehre von Jeſus, dem Ueberwinder des Todes, Paulus brachte ſie ihm aus jenem furchtbaren Lichte, Das von dem Herrn ihn erſchreckte. Die ſchoͤne Seele des Juͤnglings Lernete freudigzitternd das ewige Leben, und lehrt' es. Tauſende! Tauſende lehrte ſein Tod, da er unter der Wuͤrger Schwerte ſank, bis ans Ende der Laufbahn ſtand⸗ haft! ein Leuchter In den Gemeinen! ein maͤchtiger Zeuge, wie Pau⸗ lus, und Kephas! Jeſus nennet dereinſt, vor den Todten allen, die Namen Seiner Zeugen, und kroͤnt ſie dadurch mit der hoͤch⸗ ſten der Ehren. Fruͤh empfing die erhabne Belohnung der Treuen Antipas! Denn der Richter der Welt, als er die Gemeinen aus Patmos Richtete, nannt' er deinen unſterblichen Namen, Antipas! Denn mit feſter Treu, mit reiner, brennender Liebe, Zehnter Geſang⸗ 23)⁷ X. G. V. 251— 264. Hatteſt du den Dulder geliebt, geliebt bis zum Tode! Hermas ſang in Pſalmen voll Wonn' und Thraͤnen den Mittler; Sang den Entſchlafnen, den Auferſtandenen, Him⸗ melerhobnen Gottes Sohn, den Erbarmer der ſchwachen ſterbli⸗ chen Menſchen! Gottes Sohn, den Todtenerwecker, den Richter der Welten! Seine Pſalme ſangen, verſcheucht in einſame Hoͤhlen, Chriſten, die aus den heiligen Choͤren feirender Bruͤder, Wenn ſie dahin der Wille des Angebeteten winkte. Schnellgetoͤdtet, ins hoͤhere Chor der Vollendeten, 3 gingen. Phoͤbe verließ die Schranken, in die ihr Ge⸗ ſchlecht ſie einſchloß. Feurig, Gutes zu thun, und Seelen Gott zu ge⸗ winnen, Weiht ſie ſich einer ganzen Gemeine: Zu lindern des Armen Elend! zu helfen dem Kranken! den Sterbenden aufzurichten, Ach zu troͤſten mit Gottes Troſt, mit der Salbung des Himmels, Der Meſſias. X. G. V. 265— 278. Mit weiſſagendem Laute von jenem Liede des Sohnes Droben am Thron, den Muͤden vom Todeskampfe; zu zeigen, Durch Hinwinken hinauf zu dem Erbe des Lichts, denn ſie war ſchon Selig hier! dem Verſtummten die Palmen der Ue⸗ berwinder! Alſo drang ſie die Liebe zu Chriſtus. Nur wenige Fromme Kannten ſie; aber ſie kannten die Engel des Herrn, und die Todten. Jedem taͤuſchenden Zweifel der falſchen Weis⸗ heit entriß ſich Endlich Herodion; kam zu dem goͤttlichſten unter 1 den Lehrern, Und erkannte, daß der, nicht mehr durch Wunder erhaben, Als durch Wahrheit, den Willen des ewigen Vaters — der Weſen Ganz und rein den ſterblichen Soͤhnen der Todten eroͤffne! Und daß dieſen wiſſen, und thun zu dem Ewigen fuͤhre! Welchen krummen Wegen des dornichten Gruͤbelns entklomm er, Eh' er zum Lichte, das ihn von Gott umleuchtet', emporflog! Zehnter Geſang. 239 X. G. V. 279— 293. Wie vergebens, wie aͤngſtlich, wie tief in der Seele verwundet, Sann er, ehe zu leicht er des menſchlichen Wiſſens Wagſchal! Fand, und die furchtbare Schwere ſah der andern Wagſchal! Epaphras ward ein maͤchtiger Beter. Mit Paulus gewuͤrdigt, Wegen des ewigen Sohns, an des Wuͤthrichs Kette zu liegen, Rang er fuͤr die Gemeinen in heißem Gebete. Der Segen Seines Gebets ergoß ſich vor allen auf die zu Co— loſſen, Seine Geliebten. Und war er bei ihnen, ſo wa⸗ chet' er, kaͤmpfte, Und ermuͤdete nicht. Gott lohnt's dem treuen. Sie trugen Fruͤchte der Heiligung. Auch zu Laodicea erhielten Epaphras brennender Eifer, und ſeine Gebete noch lange Einige beſſere Seelen in unverloͤſchender Liebe Zu dem Gekreuzigten. Aber zuletzt ſank Laodicea Ganz in Laulichkeit hin. So lag es, als ihm von 1 Patmos Jeſus Prophet das Todesurtheil des Richtenden ſandte. 240 Der Meſſias⸗ X. G. V. 294— 307. Aber auch dieſes war noch voll lockender Gnabe⸗ Noch wurde Dieſen Sterbenden Leben gezeigt! noch weiße Ge⸗ wande Sie zu kleiden! nach ihnen die Krone der Ueber⸗ winder! Perſis war der Zaͤrteren eine, die durch ge⸗ heime Ungeſagte Leiden ihr Gott zu der ewigen Ruh fuͤhrt. Aber es floſſen in ihrer Bekuͤmmerniß Thraͤnen, des Himmels Heilende Thraͤnen, wenn ſie in ſtillem Gebete zu Gott rief. Nichts fuͤr den Ruf, den halben und lauen Tugendbelohner Oefter noch ihren Verfolger, und ſchlangenzuͤngich⸗ ten Laͤſtrer, That Apelles! ſogar auch fuͤr die Ehre, des Weiſen Beifall, nichts! Daß der Weiſe ſelbſt, wie ſcharf er auch denke, Und wie sdel; doch nicht, bis zur Abſicht kenne die Handlung, Und die Hunben nur ſichtbarer Leib, die Abſicht ihr Geiſt ſey! Dacht' er ſich oft. Der Allſehende nur, und jenz Belohnung, Die Zehnter Gefang⸗ 242² X. G. V. 308— 321. Die er dem Reinen verheißt, der hoͤh're Gedanke beſtimmt' ihn, Der nur, wenn er zu handeln, und nicht zu han⸗ deln es wagte! Flavius Clemens Verdienſt war nicht, daß er muthig dem Glanze, Den des Caͤſars Verwandtſchaft ihm gab, ſich ent⸗ zog. Des Tirannen Nicht zu achten war leicht: allein da Weiſere ſelber Ihn anklagten, er waͤlze ſich in unroͤmiſcher Traͤg⸗ heit! Sey den Geſchaͤften, der Ehre, dem Vaterlande ge⸗ ſtorben!. Und er dennoch, ſo ſehr die zaͤrtere Seele des edlen Auch der Vorwurf ruͤhrte, ſich ganz den Pflichten der Chriſten Weihete, Pflichten, die er fuͤr die erſten erkannt', und die hoͤchſten: Macht' er ſich, wie es ein Sterblicher kann, der Maͤrtyrer Krone Wuͤrdig! Er haͤtte die Thaten, durch die er die Heiligen lehrte, Gerne naͤher am Throne gethan. Allein da er wußte, Unverſtanden vom ſchmeichelnden Knecht, und ſeinem Beherrſcher, Klopſt. Meſſias II. B. 0 ate Aufl. 242 Der Meſſias. X. G. V. 322— 334. Wuͤrd' er dort umſonſt fuͤr das Wohl der Menſchen ſich muͤhen: So entſchloß er ſich maͤnnlich, im engeren Kreiſe zu bleiben, Gutes, wo er es vermochte, zu thun, und mehr der Betrachtung Seines Todes, und mehr der unſterblichen Seele zu leben! Mit zu vielen Geſchaͤften fuͤr Einen umringt, und dennoch Niemals in ihrem Netze verſtrickt, that Lucius eifrig, Was er ſollte, nicht ſtolz darauf, nicht niederge⸗ ſchlagen, Wenn er oft die Aehre der Saat, die er ſtreute, nicht ſahe. Sorgſam, ein weiſer Kaͤufer der Zeit, erſparet' er immer Stunden zu dem Gebet', und der weltentfernten Betrachtung, Heilige Stunden. Und ſo entrann er ins ewige Leben! Enkelinnen, euch reize Tryphaͤna's Wandel! Auch ihr lebt Unter Heiden. Mit jener gereinigten edleren Liebe, Zehnter Geſang. 243 X. G. V. 335— 347. Welche Tugend iſt, liebte Tryphaͤna. Was ſchoͤn iſt und ſchazbar, Hatte der Juͤngling; aber ein Heide war er, ent⸗ ſchloſſen So zu ſterben. Tryphaͤna befuͤrchtete viel von des Juͤnglings Leichtgewandter Beredſamkeit; mehr noch von ſeiner Liebe; Alles von ihrer! Die uͤberwindet ſie! Heitere Freude Wird ſchon hier die Belohnerin des frommen Ent⸗ ſchluſſes: Sich, die unſterblich iſt, in dieſe Gefahr nicht zu . wagen. Linus, von keinem Schimmer des Erdelebens zu taͤuſchen, Unbezwingbar den Kleinigkeiten, in welche ſich Fromme Selbſt verſtricken, und denen ſie oft zu muͤhſam entrinnen!. Linus, allein mit ſich ſelbſt und ſeines Herzens Er⸗ forſcher; Oder von Freunden entflammt, die reiner waren und edler, 4 Liebte vor allen, den Menſchen mit jenem Maße zu meſſen, Q 2 244 Der Meſſias. X. G. V. 348— 361. Mit dem deine Weisheit ihn mißt, Wort Gottes, du Urquell Jedes hoͤhren Gedankens, und jeder beſſern Empfin⸗ dung! Liebte, Blumen zu ſtreun auf das Grab, und ſich zu verlieren In der Auferſtehung entzuͤckenden ſeligen Ausſicht! Von Trajanus, der hier ſein edleres Herz be⸗ flecket, Weg in Banden gefuͤhret, und von dem Todesur⸗ theil Seines Verfolgers beladen, ertrug Ignatius freudig Jeſus des Gottgeopferten Schmach. Kein niedriger Vorwurf Wag' es, die hohe Seele des gottgeweihten Gerech⸗ ten Anzuklagen: Er habe zu ſehr nach der Ehre gerun⸗ . gen, Welche das Haupt der Maͤrtyrer kroͤnt. Nur Soh⸗ ne des Unſinns Und des Laſters koͤnnens zu ſehr; wofern ſie es koͤnnen! Wie er war aufgegangen, ſo ging Ignatius un⸗ ter, LeKeuchtend, mit Lebenserguſſe. Wie theuer dem Chri⸗ ſten des Lebens Zehnter Geſang. 245 X. G. V. 362— 375. Lette Zeit ſeyn muͤſſe! was, ſchon an dem Ziele der Sieger, Was er, obwohl bedeckt mit dem muͤdeſten Schwei⸗ ße der Laufbahn, Fuͤr die Genoſſen des Streits, und der großen Be⸗ lohnung, noch thue! Lehret er uns. Er ſtaͤrkte zum ewigen Leben die Bruͤder, Welch' ihn geleiteten, Einmal ihn noch zu ſehn, und zu ſegnen. Die ſein freudeweinendes Auge nicht ſieht, die er⸗ mahnt er, Troͤſtet, entflammt er durch Bothen zur Liebe des Gottverſoͤhners, Bis in der Schauenden Kreis er tritt, und Thier' ihn zerreißen. Heiden blieben die Aeltern der jungen Claudia, Heiden Ihre Bruͤder, die Schweſtern. Ein redlicher Mann war ihr Vater, Sanft die Mutter, und liebenswuͤrdig die Schwe⸗ ſtern und Bruͤder. Claudia liebt ſie, und wird von ihnen geliebet; al⸗ lein ſie Thut es, wird eine Chriſtin, und bleibt in dem Glauben, und ſtirbt ſo. Fern von der Welt, nicht immer iſt men⸗ ſchenfeindlicher Truͤbſinn 246 Der Meſſias. X. G. V. 376— 389. Von der Welt ſich entfernen! vereinigte Amplias weiſe, Mit tiefſehender Kenntniß der menſchlichen Schwaͤ⸗ chen entflammten Daurenden Eifer, dem großen erſtaunungsvollen Geſetze: Seyd vollkommen, wie Gott! mit bebender De⸗ muth zu folgen. Von der Zinne der Ueberwinder umflammet dieß hohe, Goͤttlichſtrahlende Licht den Staubbewohner. Er . blickte, Nie gewendet, hinauf zu der engen Pforte, durch die es Flammte, und ging, und ſtrauchelt', und klomm den ſchmalen Weg auf. Phlegon hatte den ſchimmernden Kreis der 1. griechiſchen Weisheit Ganz gemeſſen; beſaß viel Guͤter der Erde: doch 1 druͤckten Die ihn zur Wolluſt nicht, nicht jene zur Eitelkeit nieder. Wo er hintrat, floß in des Edlen Gange der Balſam Stiller geheimerer Milde. Die Kranken labt' er; ¹ die Nackten Kleidet' er! Aber er gab noch weſentlichere Gaben, Zehnter Geſang. 247 X. G. V 390— 403. Treuen Rath dem kraͤnkeren Geiſt, wie der Leib es ſeyn kann! Volte Troͤſtung den Seelen, die in lichtduͤrftige Zwei⸗ fel Sich verwebten! Er brachte der halbgewendeten Chriſten Viele zuruͤck zu dem blutenden Menſchenfreunde, zum Himmel! Nicht aus Beſcheidenheit nur, er ſchien auch ſelber aus Demuth, Nichts von der Weisheit der Erde zu wiſſen. Je⸗ ſus nur kannt' er, Jeſus, den Suͤndeverſoͤhner, den Helfer in Leben und Tode! Aber wenn unentwickelter Tiefſinn ſchwankende Bruͤ⸗ der, Daß ſie gruͤbelten, trieb; dann floß unerſchoͤpflich die Quelle, Bis, durch ſtarke Zuͤge, der lechzende Wandrer ge⸗ labt war. Sanft von Natur, noch ſanfter aus Pflicht, die beſte der Muͤtter War Tryphoſa. Von Kindern umringt, erzog ſſe die Kinder In der Religion des gottverſoͤhnenden Todes. Nicht zu ermuͤden, und unerſchoͤpflich an Kaͤnſten der Klugheit, 248 Der Meſſias. X. G. V. 404— 417. That ſie ihr Werk, und zwar der Gemeine Jeſus zur Stuͤtze, Ohne Vermuthung, ſie ſey's! Sie hatte den letz⸗ ten der Soͤhne Kaum geboren, da ſtarb ſie flehend: Ach koͤnnte ſie dieſen Auch erziehn! Sie weint' es, und ſtarb! Des Ewi⸗ ggen Segen War auf ihre Kinder gekommen. Die aͤlteſten lehrten Dieſen juͤngſten. Er ward ein Maͤrtyrer. Sera⸗ phim fuͤhrten Ihn aus den Armen des Todes ihr zu. Da weinte die Mutter; Aber andere Thraͤnen, als die am offenen Grabe! Sich nicht raͤchen, auch dann nicht, wenn Rache Gerechtigkeit waͤre, Das iſt edel! Erhaben iſts den Beleidiger lieben! Ihn in der Noth mit verborgener Wohlthat laben iſt himmliſch! Du, du that's es! ich nenne den großen Namen, mit Ehrfurcht, Deinen Namen, Eraſtus! Von ihren goldenen Thronen Standen Engel ihr auf, da die hohe Seele zu Gott kam! Zehnter Geſang.. 249 X. G. V. 418— 431. Dieſe waren die Seelen, die ihre beſchuͤtzen⸗ den Engel, In das Leben der Pruͤfung vom Kreuz des Ster⸗ benden, fuͤhrten. Und ſie ſchwebten mit ihnen den Oelberg nieder, und kamen Nach Gethſemane. Da ſie die zwanzig Palmen erreichten, Unter denen ins erſte Gericht der ewige Sohn ging, Schauerte ſie! Es ſegneten ihnen, die unter den Palmen Standen, mit inniger Liebe, mit himmelvollem Ge⸗ fuͤhl nach Simeon, und der gewuͤrdiget ward, den Verſoͤhner zu taufen, Und zu ſehen den Geiſt herunterſchweben auf Je⸗ ſus, Und zu hoͤren, als Gott aus ſtrahlenden Wolken von Gott ſprach! Amos Sohn, der große Prophet des ſoͤhnenden Opfers; Und der Seher der Auferſtehung, Heſekiel: Hoͤr du, Duͤrres Gebein! Da rauſchte das Feld! da er⸗ wachten die Todten! Noah, den rein der Ewige fand, Loth, Samuel, Aron, 250 Der Melſias. X. G. V. 432— 444. Und Melchiſedek, Gottes Prophet, und Prieſter, und Koͤnig; Joſeph, und Benjamin, die erſten liebender Bruͤ⸗ der; Mit der Muttey die ſieben Soͤhne, Maͤrtyrer alle! David, und Jonathan; aber ſie wenden ſich weg von einander, Daß die Wehmuth des einen des anderen Schmerz nicht entzuͤnde! Mirjam, und du, Debora, die Gott, den Retten⸗ den, ſangen! Simeon wendete ſich vom erhabnen Johannes, und ſagte: Selige Seelen, erwaͤhlte begnadigte Kinder des Glaubens, Gehet, der Herr iſt mit euch, und ſeiner Erbar⸗ mungen Fuͤlle! Macht der Glaubenden viel, viel mitgerettete Bruͤ⸗ der! Menſchlichkeit breite durch euch ſich uͤber Adams Ge⸗ ſchlecht aus! Menſchlichkeit, reiner und beſſer, als ſie nur Weis⸗ heit der Welt lehrt! Ach Johannes, wie ſchoͤn iſt ihr Schickſal! ihr Lohn wie erhaben! Zehnter Geſang. 25¹ X. G. V. 445— 458. Brannte nicht deine Seele, beim Anblick dieſer Ge⸗ rechten? Lindert' er nicht den Schmerz, ſo vom blutigen Todeshuͤgel Ueber uns ſtroͤmt? So ſagt' er, und ſah dem Ge⸗ liebten ins Antlitz. Wenn ich es auszuſprechen vermoͤchte, ſagte Jo⸗ hannes, Haͤtt' ich Worte fuͤr das, ſo ich denke, fuͤr das, ſo ich fuͤhle, Koͤnnten der Wehmuth Thraͤnen, es Thraͤnen der . Wonne dir ſagen: O ſo wollt' ich, Simeon, dir, du Geliebter, es ſagen, Was ich empfinde, ſeitdem er am Kreuz der Gee richteten Tod ſtirbt, Und, in dieſem Tode, ſich Aller, Aller erbar⸗ met! Aber verſtummen will ich, ich will noch laͤnger ver⸗ ſtummen! Meine Hand auf den Mund anbetend legen! ſo ſagt' er. S. Ach du waͤlzeſt von neuem auf mich, du Theu⸗ rer, des Schmerzes Ganze Laſt! O haͤtteſt du von dem Tode geſchwie⸗ gen! Jedes Wort, das du ſpracheſt, ward zum Donner mir, traf mich! 2⁵⁴ Der Meſſias⸗ X. G. V. 459— 472. Denn ich ſah ihn, ich ſeh' ihn ſterben! Du theu⸗ rer Johannes, Schon erhub ſich mein Geiſt zu der gottbelohnten Vollendung Seiner Leiden! Es glaͤnzten mir ſchon des Ent⸗ ſchlafenen Wunden! Aber ich ſinke zuruͤck! Ach, den ich weinend um⸗ faßte! Den ich ſprachlos zum Allerheiligſten Gottes empor⸗ hielt, Bis ich endlich zu reden, und anzubeten ver⸗ mochte, Der, der blutet! zwar zeigte mir Gott ſein End' in der Ferne; Aber, wie ich es ſeh, ſo ſchrecklich zeigt' es mir Gott nicht! Blutet jetzo, verkannt! von Gott verlaſſen! am Kreuze!. Bei Verfluchten! Er ſchwieg, und unterlag dem Gedanken. J. Habe mit mir auch Mitleid! Erinnre mich nicht an das Leben, Welches mit Augen des Fleiſches wir ihn ſahn le⸗ ben! Es dringt mir Dieſer Gedanke zu tief in meine Seele! ver⸗ wundet Mich zu ſehr, du Geliebter! So oft ich ihn, Si⸗ meon, ſahe, Zehnter Geſang⸗ 253 X. G. V. 473— 485. Und oft ſah ich ihn, der, ein Lamm, die Suͤnde der Welt traͤgt; Ach ſo oft umleuchteten mich der Himmliſchen Freuden! Denn kaum ſah ich den blutenden Kampf; ich ſah nur den Sieger! Aber verſtummen, verſtummen will ich, bis Er es vollbracht hat! Alſo ſtrebeten ſie, ſich der Wehmuth Gefuͤhl zu ent⸗ reißen. Jetzo kam's von dem Himmel, wie ſanftere Luͤfte; und Troͤſtung Gottes labte den Dulder im ſchnellverwehenden Saͤu⸗ ſeln. 1 Mirjams, und deine Wehmuth, Debora, wurden nach langem Traurenden S Schweigen zum ſanften zum weinenden Liede voll Klage. Denn der Unſterblichen Stimme zerfließt von ſich ſelbſt in Geſaͤnge, Wenn ſie Empfindungen ſagt, wie Debora und Mirjam ſie fuͤhlten. Die auf Ephraims Berge nach ihrem Namen die Palme Nannt', und Amrams Tochter ſo ſangen ſie gegen einander: — — 254 Der Mefſias. X. G. V. 486— 499. D. Schoͤnſter unter den Menſchen! er war der ſchoͤnſte der Menſchen; Aber entſtellt, entſtellt hat dich der blutige Tod, dich! M. Zwar es weinet mein Herz, und truͤbes Trau⸗ ren umringt mich; Aber er iſt der ſchoͤnſte, vor allen Erſchaffnen der ſchoͤnſte! Schönet⸗ als alle Soͤhne des Lichts, wenn ſie ſtrah⸗ lend vor Andacht, Beten zu dem unendlichen, ſchoͤner in ſeinem Blute! D. Trauert, Cedern! auf Libanon ſtand ſie, ein Schatten des Muͤden;z Aber ſie iſt bünn Kreuze gehaun, die ſeufzende Ce⸗ der! M. Trauert, Brumen im 3 Thal! er ſtand am ſil⸗ bernen Bache; 2 Aber er iſt um des Goͤttlichen Haupt zur Krone ge⸗ wunden! 4 D. Unermuͤdet faltet' er ſeine Haͤnde zum Vater, Fuͤr die Suͤnder, zum Heiligen! Unermuͤdet be⸗ traten Seine Fuͤße der Leidenden Huͤtte! Nun ſind ſte durchgraben, Seine Haͤnd', und Fuͤße, mit eiſetnen Wunden . durchgraben! Zehnter Geſang. 255 X. G. V. 500— 513. M. Seine goͤttliche Stirn, die er hier am Berg' in den Staub hin Niederbuͤckte, von der ſchon Schweiß mit Blute ge⸗ miſcht rann! Ach wie hat ſie die Krone, die blutige Krone durch⸗ graben! D. Seinter Mutter Seele durchdringt ein Schwert! Ach erbarme Deiner Mutter dich, Sohn! und labe ſie, daß ſie nicht ſterbe! M. Waͤr' ich ſeine Mutter, und ſchon in dem Le⸗ ben der Wonne; Ach es ginge mir dennoch ein Schwert durch meine Seele! D. Mirjam, ſein Auge verliſcht, und ſchwerer ath⸗ met ſein Leben! Bald, nun blicket er bald, zum letztenmale gen Himmel! M. Todesblaͤſſe bedeckt die geſunkne Wange, De⸗ bora! Bald, nun ſinket ihm bald ſein Haupt, das letzte⸗ mal, nieder! D. Die du droben den Himmliſchen ſtrahlſt, Jeru⸗ ſalem, weine Thraͤnen der Wonne! Bald iſt des Opfers Stun⸗ de voruͤber! M. Die du fuͤndigſt auf Erden, Jeruſalem, weine dein Elend! 25⁵6 Der Meſſias. X. G. V. 514— 527. Denn bald fordert ſein Blut von deinen Haͤnden der Richter!— D. Still in ihrem Lauf ſind alle Sterne geſtanden! Und die Schoͤpfung umher verſtummt dem leidenden Gotte! Denn es iſt Jeſus Chriſtus, der ewige Hoheprie⸗ . ſter! Zu verſoͤhnen, im Allerheiligſten! Halleluja! M. Auch die Erd' iſt ſtill geſtanden: und die, auf der Erde, Staub auf Staube, wohnen, euch iſt die Sonne verloſchen! Denn es iſt Jeſus Chriſtus, der ewige Hoheprie⸗ ſter, Zu verſoͤhnen, im Allerheiligſten, Halleluja! Alſo ſangen Debora, und Mirjam gegen einan⸗ der. Eva konnte ſich nicht dem Gefuͤhl entreißen, das ſchnell ſie Ueberſtroͤmte. Sie eilt' hinab zu dem Kreuze; nun ſtand ſie Neben Maria, begleitete mit dem Auge der Mutter Innige Blicke, hielt nicht aus das erſchuͤtternde Hinſchaun, Senkte Zehnter Geſang: 257. X. G. V. 528— 5411 Senkte die Stirn in den blutigen Staub bei der Wurzel des Kreuzes; Floh von Golgatha, floh an das Grab des Geopfer⸗ ten, weilte Lange, ſtarr von Entſetzen, an dem verſtummenden Grabe: Endlich verlaͤßt ſie's; ihr war verloſchen der Himm⸗ liſchen Klarheit. Sichtbar kam der Verſoͤhner dem Tode naͤher! Der Frommen Meiſte zerſtreuen ſich, vermoͤgen nicht mehr des Sterbenden Anblick Auszuhalten. Mit gleitendem Fuß, mit ſtarrendem Auge, Ging Lebbaͤus fort. Nicht ſo von dem Trauren erſchuͤttert, Aber durchdrungen von Wehmuth, folgt' in der . Ferne dem Juͤnger Lazarus. Als Lebbaͤus zu einem verfallneren Grab⸗ mahl An dem Oelberg kam, da ging er hinunter. Es ſaͤumt' ihn Eine Truͤmmer. Er ſank auf den Felſen, umfaßt' ihn, und legte Seine Stirne darauf. Allein er verſtummte. So kniet' er In noch truͤberer Nacht, als jetzt die Erde bedeckte. Klopſt. Meſſias II. B. R ute Aufl. 258 Der Meſſias. X. G. V. 542— 555. Lazarus ſtand an der Oeffnung des Grabs, und be⸗ gann mit ſanfter Leiſer Stimme, mit der, die ſelbſt der muͤdeſte Schmerz hoͤrt: Sinke nicht, du Geliebter, nicht ganz in Traurigkeit unter! Hoͤre mich, hebe dein Antlitz aus dieſem Grab' auf! Kennſt du Meine Stimme nicht mehr? Ich bins, den du immer geliebt haſt! Der r ſo herzlich dich liebt! um den du vor Kurzem auch weinteſt, Lazarus, den der Gekreuzigte Gottes ins Leben zu⸗ ruͤckrief. Ach mit namloſen Freuden, entzuͤcktem bebenden Staunen Dankteſt du unſerem goͤttlichen Retter! O denk es dir wieder! Augenblicke vorher, eh wir ihm dankten, da lag ich Noch im Grab', und begann zu verweſen! Wir 4 haben es oftmals Mit einander beſprochen; allein ſtets riß dich der Juͤnger Meynung mit fort: Es muß ſein Reich ein weltli⸗ ches Reich ſeyn, Eh' es kann zum himmliſchen werden! Doch loͤs⸗ teſt du niemals Zehnter Geſang. 259 X. G. V. 556— 569. Ganz den Zweifel mir auf, der meine Seele zu⸗ ruͤckhielt, In den Worten des Irdiſchen muͤhſam zu ſuchen, 3 durch die uns Unſer goͤttlicher Freund viel klaͤrer Himmliſches kund that! Winde von deinem Jammer dich los, du Gelieb⸗ ter! Erklaͤre Mich nicht anders, als dieß mitweinende Herz es gemeynt hat! Ja, du ſollſt ihn beweinen, den Goͤttlichen follſt du beweinen! Denn er iſt unausſprechlich, der Schmerz, mit dem er am Kreuze Nin ſo lange ſchon ſtirbt! Doch mußt du unter dem Jammer Nicht erliegen! Er kann, wenn er will, von dem Kreuze noch ſteigen! Oder, wenn er entſchlaͤft, iſt es moͤglich, daß er verweſe? Jeſus, des Angebeteten Sohn! der Himmelgeſandte! Der vor Abraham war! iſt es moͤglich, daß er ver⸗ weſe? Alſo ſagt er. Es haͤlt mit unbeweglichen Haͤnden Noch den Felſen Lebbaͤus; allein er wendet ſein Antlitz R 2 260 Der Meſſias. X. G. V. 570— 583. Gleichwohl nach Lazarus um. Zwar blickt' er mit 4 ſtarrendem Auge; Aber er ſah zu dem Freunde doch auf. Da lief, da umarmte Lazarus ihn, und entriß den jammervollen dem Grabmahl, Faſſet' ihn bei der Rechten, und blieb mit ihm ſtehn. Sie ſahen Unter hangenden Naͤchten die ſtolze Jeruſalem lie⸗ gen; Sahn den entſchimmerten Tempel, den uͤberſchatte⸗ ten Sion, Und auch Golgatha! Hebe, ſo ſprach zu dem zit⸗ ternden Freunde Lazarus, hebe dein Aug' auf, Juͤnger, und ſieh! Ich ſehe Gottes Gegenwart auf dem benachteten furchtbaren Schauplatz! Sehe ſie wandeln uͤber der Erde, dem Grabe der Menſchen! Einen Tag, wie dieſer iſt, haſt du den jemals ge⸗ ſehen? Haben, Lebbaͤus, mit dir dein Vater, und der ihn gezeugt hat, Jemals von einem Tage, wie dieſer Tag iſt, ge⸗ ſprochen? Welche Feierlichkeit hat Gott ihm gegeben! Wie furchtbar Zehnter Geſang. 261 X. G. V. 584— 59)7. Hat' er die Erd' und den Himmel in ſeine Schrek⸗ ken gehuͤllet! Wie mit todter Stille die Schauenden alle gefeſ⸗ ſelt! Wenn nun Gott, durch den Tod des Heiligan, Dinge vollbraͤchte, Welche wir nicht verſtuͤnden? Dir kann ich's ſa⸗ gen, Geliebter, Leidender, weil es vielleicht dir deine Traurigkeit lindert; Sonſt verſchwieg' ich es noch! Seitdem der Goͤtt⸗ liche blutet, Fuͤhl' ich in mir, wie ſoll ich es ganz, und wuͤr⸗ dig dir ſagen 2 Fuͤhl' ich ſo was Stilles und Friedevolles, das ſel⸗ ber Meine Wehmuth, mit der ich ihn leiden ſehe, be⸗ anftigt! Rings iſt alles heilig um mich! Wohin ich mich wende, Find' ich des Ewigen Spur, des Allgegenwaͤrtigen Naͤhe! Ja, was Goͤttliches iſt es, das mir die heilige Ruh giebt! Als der erhabne Dulder den Todeshuͤgel hinauf⸗ ſtieg, Fuͤhlt' ich dieſes noch nicht. Allein, ſeitdem er am Kreuze 262 Der Meſſias. X. G. V. 598— 610. Blutet, vernimmt mein Ohr ein wehendes Rau⸗ ſchen, als hoͤrt' ich Schaaren Unſterblicher wandeln! Ich hoͤrte ſie ſo, da ich todt war! Auch umſchimm ert nicht ſelten das Auge mir Himm⸗ 1 liſches, das ſich Schleunig verliert, ſo ſchnell, wie es kam. Dieß laͤßt in der Seele Ruh mir zuruͤck, und Seligkeit, den Frieden Gottes! In dem Augenblicke, da Lazarus endete, rief ihm Schnell Lebbaͤus: Du ſtauneſt! du bleibſt in Ent⸗ — zuͤckungen ſtehen! Ach wer iſt es? wem ſieht, mit dieſer Wonne, dein Blick nach? Lazarus, als er zu reden vermag, antwortet: Itzt eben Schwung ein Unſterblicher ſich vor mir voruͤber! Noch niemals Hab' ich auf Einmal ſo viel von eines Unſterblichen Klarheit, So viel Wonne der anderen Welt noch niemals geſehen! Und er brachte vielleicht von dem Himmel goͤttliche Bothſchaft; Zehnter Geſang. 263 X. G. V. 611— 624. Denn er eilte! dem ſchnellſten Gefuͤhl gleich, flammt' er, und eilte. Nein! ſo fuhr er mit ſtammelnder Freude, mit thraͤnendem Blick fort, Und umarmte in der Entzuͤckung Lebbaͤus, er wird nicht, Er, bei deſſen Geburt ſchon dieſe Himmliſchen feirten, Nein, des Ewigen Sohn, er wird die Verweſung nicht ſehen! Uriel war's, von dem die weggewendeten Strahe len— Lazarus ſah. Der Unſterbliche kam von der Sonne geflogen, Trat, ſo wie ihm das Antlitz vom eilenden Fluge noch flammte, Unter die Vaͤter, und ſprach: Ich muß, ich muß es euch ſagen,„ Was ich ſah! Er ſtieg von dem Himmel herun⸗ ter. Sein Gang geht Nach der Erde, gerad' auf ſie zu! Jetzt ſteht er, dann wieder Eines Winks Zeit, ſich, wie es ſcheint, zu erfri⸗ ſchen: weil aber Alle Schoͤpfungen ruhn; ſo weht den muͤden kein Stern an! Soll ich euch ſeine Geſtalt, o ſoll ich des ſchrecken⸗ den Anſehn, 264 Der Neſſias. X. G. V. 625— 638. Wie es heut iſt, den erſten der Todesengel beſchrei⸗ ben? Ach, noch nie hat mit dieſem Entſetzen Gott ihn geruͤſtet! Seit der Erſchaffung iſt er noch nie ſo furchtbar geweſen! Gott! Weltrichter! du ewiger Richter! wer biſt du, weer biſt du, Wenn du Gericht haͤltſt! Flammen des Herrn gehn weit vor dem Bothen Seines Gerichts her. Schwingt er die ſchlagenden Fluͤgel; ſo rauſchen Sie, wie Wetter. Vor ihm entflieht die Stille der Himmel. Traͤfe ſein flammendes Schwert auf der Welten ei⸗ ne; ſo wuͤrde Schnell der entzuͤndete Staub in dem Unermeßlichen ſchwimmen. Fuͤrchterlich iſt ſein Blick, viel fuͤrchterlicher als da⸗ 1 mals, Da er uͤber die Erde die Flut des erſten Gerichts goß, Und in den Oceanen der himmliſchen Waſſer ein⸗ herging, Toͤdtend, ein ſchneller Verderber! Ihr werdet ihn ſehn; und wenn ihr Ihn nun ſeht, wird ein Graun vom Unendlichen uͤber euch kommen, Zehnter Geſang. 265 X. G. V. 639— 652 Wie es uͤber mich kam! Was mich am maͤchtig⸗ ſten ſchreckte, War das truͤbe, das ernſte, ſein unausſprechliches Trauren, Das ihm zugleich ſein Angeſicht deckt! Ach, wenn er geſandt iſt, Gottes Mittler den Tod jetzt anzukuͤndigen! Zit⸗ ternd Wandte ſich Uriel weg, und verlor ſich unter die Engel. Erſt ſprachloſes, ſtarrendes, unbewegtes Er⸗ ſtaunen, Wehmuth dann, die Worte noch weniger nennen, beklommne, Aufgeſchreckte, verſinkende, weinende, thraͤnenloſe, Nie empfundene Wehmuth ergriff die Seelen der Vaͤter! Jeſus Chriſtus, den keiner der Engel, wie ſehr ſie auch ſtreben, Und wie hoch ſie auch uͤber die Stufen der Men⸗ ſchen erhoͤht ſtehn, Keiner ganz zu erkennen vermag, den Gott allein kennt! Gaktes Sohn, nun ſollt' er ſterben! Die Seelen, fuͤr die er Sterben ſollte, ſie ſanken, zu ihres Lebens am Staube, 266 Der Meſſias. X. G. V. 653— 666. Zu der Empfindung der Suͤnde, ſo tief ſie konn⸗ ten, herunter, Die Erinnrung umgab ſie mit allem ihren Entſetzen. Zwar ſie waren verſoͤhnt, ſie empfandens, daß ſie es waren: Doch nun ſollte, fuͤr ſie, der Gottverſoͤhnende ſter⸗ ben! Ganz von dieſem Gefuͤhl durchdrungen, ſtuͤtzet ſich Henoch Auf ein Grab mit der Linken, und ſtreckt die Rechte gen Himmel. Henoch, wie goͤttlich ſein Wandel auch war gewe⸗ ſen, und ob ihn Gleich der Tod nicht getoͤdtet, nicht hatte verſtaͤubt die Verweſung; War er doch vor dem Richter nicht rein geweſen! Der Glaube, Handelnder Glaub' an den Heiland, der jetzt dem Tode ſich nahte, Hatte den Sohn von Adam ins ewige Leben gerettet. Waͤren die Erden um ihn, um ihn die Sonnen verſunken: Er haͤtt' es unerſchuͤtktert geſehn! Allein des Ver⸗ ſoͤhners Nahender Tod durchſtroͤmte ſein innerſtes Weſen mit Trauren! Zehnter Geſang. 267 X. G. V. 667— 679. Und die Engel, die Vaͤter, die Seelen, die Sterb⸗ lichen, alle Schwanden ihm! kaum, daß ſein Auge noch den, der blutet', erkannte! Neben ihm neigte ſich Abel an einen Felſen, und hielt ſich. Zwar von Adam gezeugt; doch ſo unſchuldig, als einer, Welcher noch nicht vollendet iſt, ſeyn kann, hatt' er ſein Leben Gott geheiligt, und war durch Möͤrderhaͤnde ge⸗ ſtorben! Ach! zu dem ſein letztes Roͤcheln im Tode gerufen, Dem er hatte gefleht, da er im rauchenden Blute Lag, vor allen Gerechten der Unſchuldvollſte, der ſollte Sterben, wie er! nicht ſterben, wie er! ſo ſanft nicht entſchlummern! Ach mit jedem Verbrechen der Kinder Adams be⸗ laſtet, Sollte der, und zerſchmettert vom Zorn des Allmaͤch⸗ maͤchtigen, ſterben! Seth, der wuͤrdige Bruder des erſten unter den Todten, 268 Der NMeſſias. X. G. V. 680— 693. Und der fruͤh ein Prediger ward des kuͤnftigen Opfers Fuͤr die Suͤnde des Menſchengeſchlechts, wie ſehr er dem Tode⸗ Deß, dem zu buͤßen geſetzt war, auch nachgeſon⸗ nen, wie oft er Jene Jahrtauſende, die er gelebt, des Verſoͤhnen⸗ den Ausgang Hatte betrachtet: ſo war es doch alles ein daͤm⸗ merndes Bild nur Deſſen geweſen, was er davon nun fuͤhlte. O Richter! Richter Aller, die leben, geſtorben ſind, leben werden! Bebte ſein innerſtes Herz, und ſeine ſtammelnde Zunge. Und indem er es ſtammelte, wandt' er gen Him⸗ mel, zum Kreuz' hin, Auf die andern Erloͤsten, hinab zu den Graͤbern ſein Antlitz! Lange ſchon war es dunkel um Davids Auge geworden; Lange zittert' er hin und her. Seit Uriels Ankunft, Zitterte David nicht mehr. Er ſtand, an die Erde 3 geheftet, Stand, und ſchauet' auf den, ſo dem Tode nahte. Sein Herz hing Zehnter Geſang⸗ 269 X. G. V. 694— 707. Ganz an jenem Bilde von Jeſus Tode, deß Gott ihn, Tief es ihm in die Seele zu ſenken, gewuͤrdiget hatte. Dieß nur dacht' er, nur dieß vermocht' er jetzt zu denken. Als die Sprache zurück ihm kam, entſanken des Sehers Munde gebrochene Worte. Die Thraͤnen rannen ihm wieder. Alſo jammert' er: Gott, ſein Gott, du haſt ihn verlaſſen! Dir, dir ſeufzet er! aber ihm kommt nicht Huͤlfe, nicht Huͤlfe! Sohn, du biſt ein Wurm, und kein Menſch! Die niedrigſten Suͤnder Haben dich wuͤthend umringt, und ſpotten dein, du Erdulder! Deines Vertrauens auf Gott, deß ſpotten gerichtete Suͤnder! Ausgeſchuͤttet it er, wie Waſſer! Jedes Gebein iſt Ihm zertrennet, ſein Herz in ſeinem Leibe ge⸗ ſchmolzen! Seine Kraft, wie ein Scherbe, vertrocknet! Am Gaumen klebt ihm. Seine Zunge! Bald wirſt du, o Tod, ihn nieder⸗ legen 270 Der Meſſias. X. G. V. 708— 721. In den Staub! Ja, Thiere, nicht Menſchen ſinds, die ihn wuͤrgen! Ach wie haben ſie dir, du Wundenvoller, die Haͤnde, Wie die Fuͤße durchgraben! Wie breiteten ſie dich am Kreuz aus! Alle deine Gebeine, du koͤnnteſt ſie zaͤhlen. Sie aber Stehn, und ſchaun an dir der Hoͤlle Luſt, du Er⸗ wuͤrgter! Wenn er todt iſt; o Richter der Welt! Gott! Suͤndevergeber! Welch ein erſtaunlicher, hoher, geheimnißvoller Ge⸗ dank' iſts, Daß er nun bald wird todt ſeyn! wenn er todt iſt; verkuͤndets Bis an das Ende der Erde, daß ſie zu Gott ſich bekehre!— und daß alle Geſchlechte der Menſchen vor ihm an⸗ beten! Wie ein Waldſtrom, welcher ſich hier von Gebirgen herabſtuͤrzt, Und wie einer, der dort in der Ebne durch Felſen zoͤgert, Hallt aus der Fern dem Verirrten in einſamer Nacht; er vernehme, Meynet er, lautausrufende Klag', und weinende Wehmuth. Zehnter Geſang. 271 X. G. V. 722— 734. So ſcholl's jetzt um das Kreuz in den Schaaren . der leidenden Zeugen. Hiob, der, durch Leiden bewaͤhrt, ein Mann nach dem Herzen Deß, der die Leiden ihm ſandte, geblieben war, ein Gerechter, Wie es ein Sterblicher bleibt, den der pruͤfende Richter in Staub wirft, Hüoh. der weiß, was es ſey: Von jedem Schrecken der Allmacht Eingeſchloffen, dem Tode ſich nahn! vermag den Gedanken Von des Gekreuzigten Tode nicht mehr zu denken, entſchwingt ſich Dieſen Tiefen, und ſtaͤrkt ſein Herz, das duͤrſtet nach Ruhe. Leben, leben wird Er! wird aus der Erde ſich wecken! Auferſtehn, ach ein Ueberwinder des Tods und der . Hoͤlle, Stehen uͤber dem Staube! Dann ſoll mein Auge dich ſchauen! Dich in deiner Herrlichkeit ſchaun, Gott Mittler, Vollender! Alſo durchdrang die Frommen des Todesen⸗ gels Erwartung. 272 Der Meſſias⸗ X. G. V. 735— 748. Aber keiner empfand den naͤheren Tod des Verſoͤh⸗ ners, Als der Vater, und als ihn die Mutter der Men⸗ ſchen empfanden. Da ſich Uriel wendet', und nun ſein entſchimmer⸗ tes Antlitz Unter den Engeln verbarg; da ſtanden ſie beide, ſie waren Nah bei einander, mit ſtarrendem hingehefteten Blicke Unbeweglich, und fuͤhlten in ihrem innerſten Leben Jeden Schrecken von neuem der Donnerworte des Engels! Endlich ſahen ſie ſich! So wird an dem letzten der Tage Seinen Gewaͤhlten der Freund, der Bruder kennen den Bruder, Welchen er kurz vorher, in Erſtaunen verloren, nur anſah. Denn der Poſaune gebietender Ruf, der Hall der Gefilde, Die vor der maͤchtigen Arbeit der Auferſtehung er⸗ bebten, Und ihr eignes Gefuͤhl des umgeſchaffenen Lebens Hanta jeder andern Empfindung ihr Herz noch ver⸗ ſchloſſen. Eva Zehnter Geſang⸗ 27³ X. G. V. 749— 762. Eva reichet ihm weinend die Hand. Was ſollen wir, ſagte. Sie mit Worten, die kaum zu Laute wurden, o Adam, Sage du es, was ſollen wir thun? was follen wir nicht thun? Wollen wir gehn, und ſuchen, wo am tiefſten die Tief' iſt? Dort uns niederwerfen in Staub? dem Allmaͤchti⸗ gen flehen? Ach dem toͤdtenden Richter, daß er den Tod ihm lindre? Adam hielt ihr weinend die Hand. Nein„Mutter der Menſchen, Wir ſind viel zu endlich, fuͤr ihn zu dem Richter zu flehen. Wenn mit unausſprechlicher Wehmuth, mit ringen⸗ der Inbrunſt, Daniel, Hiob, und Noah mit uns, wenn ſelber der erſte Aller Erſchaffnen, Eloa es thut; wir flehen verge⸗ v bens!, Was dem Geopferten Gottes noch zu dulden geſetzt iſt, Das, das alles wird er noch bulden! Es lindert kein Labſal, 4 Ach kein Labſal die Angſt; mein ganzes Daſeyn entſetzt ſich! Klopſt. Meſſias II. B. S üte Aufl. 274 Der Meſſias. X. G. V. 763— 776. Aber es lindert kein Labſal die letzte Todesangſt ihm: Hat es der Unerforſchte, dem er ſich opfert, be⸗ ſchloſſen! Lonmn. ein Gedanke, nicht ohne den Einfluß Got⸗ tes entſtanden, Reißet mich fort; komm, folge mir nach, thu, was du mich thun ſiehſt! Und ſie ſchwebten mit traurigem Flug' an dem Oelberg nieder Nach der Schaͤdelſtaͤte. Die Engel, und Vaͤter be⸗ gleiten Ihren einſamen Flug mit wunderndem Blicke. So viel es Ihnen die ſtäͤrkern Empfindungen, und ihr banges Erſtaunen Ueber den furchtbaren Tod des Gottgeopferten zu⸗ laͤßt, Folget ihr Blick mit Erwartung und Zweifel den Erſtgeſchaffnen. Dieſe naͤhrten ſich dem Todeghuͤgel, und wurden Immer dunkler vor Wehmuth, je mehr ſie dem Huͤ⸗ gel ſich nahten. Jebo ſtanden ſie ſtill. Da, wo der Getoͤdtete ſchlummern,— Bald nun, nach der Vollendung der groͤßten unter den Thaten, ——— Zehnter Geſang. 275 X. G. V. 777— 790. Auch in dem Staube begraben, wie ſeine Bruͤder, die Menſchen, Schlummern ſollte, da ſtanden ſie ſtill. Gewaͤlzt vor des Grabes Oeffnung, lag ein Fels. An der einen Seite des Felſen Stand der Vater, und an der andern die Mutter der Menſchen. Sie ſank gleich an den Felſen hin. Der Gedanke vom Grabe, Vom ſo nahen Grabe des Wundervollen durchdrang ihr Zu gewaltig, ein Pfeil des Allmaͤchtigen, ihre Seele. Er ermannte ſich noch; er ſtreckte gen Himmel die Arm' aus. Dreimal nannt' er in ſich des Gottverſoͤhnenden Namen, Und ſo lange ſah er, mit bleibendem Blick, ihm ins Antlitz, Ihm, der dahing, bleich war, als nie ein Sterb⸗ licher bleich war! Aber auch Adam hielt nunmehr den erſchuͤtternden Anblick Laͤnger nicht aus. Er ſank in dem Staub der Er⸗ de danieder, Hub vor ſeine Stirn die feſtgefalteten Haͤnde, S 2 276 Der Meſſias. X. G. V. 791— 803. Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn einſt Goͤtt aufſchuf; Aber in der ſein Gebein, des gerichteten„ in der verfluchten, Auch verwest war; in der, von einem Jahrhundert zum andern, Schon ſo oft das ganze Geſchlecht der Menſchen verwest war! Itzt erhub er in lautem Gebet die flehende Stim⸗ me, Daß ſie die Vaͤter umher und die Engel alle ver⸗ nahmen. Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnaͤdig, und treu, und geduldig! Gott, Verzeiher der Suͤnde, der Miſſethat, des Verbrechens, Du, der fuͤr uns von dem Anbeginne der Welten erwuͤrgt iſt, Hoherprieſter! Prophet! und Koͤnig! du Menſchen⸗ ſohn! hoͤr, Hoͤre auf deinem Soͤhnaltar, auf dem du erwuͤrgt wirſt, Unſer tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht! Unſere Miſſethat hat Gott uns vergeben. Wir ſchauen Zehnter Gefang. 277 X. G. V. 3⁰4— 817. Nun Jahrtauſende ſchon, von Antlitz zu Antlitz, die Gottheit! Einer Seligkeit voll, die wir druͤben am Grabe vergebens, Auch mit den reinſten Gedanken vom Schoͤpfer, rangen zu denken, Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Suͤnde vergeben! Um des Todes willen, der dich, geſchlachtetes Opfer Fuͤr die Verbrecher! erbarmender, dich jetzt toͤdtet, vergeben! Aber an dieſem Tage der zweiten Schoͤpfung, an dem du, Mittler, das ganze Menſchengeſchlecht zu des Ewi⸗ gen Anſchaun, Wenn ſie nicht widerſtreben, zuruͤckfuͤhrſt! alle ver⸗ foͤhneſt! Aller Suͤnde vernichteſt, und ſie der Strafe der Suͤnde, Jenem gefuͤrchteten ewigen Tod', allmaͤchtig ent⸗ reißeſt! An dem Tage, da du auch fuͤr mich, Gott Mitt⸗ ler, dich opferſt: Darf ich mich meiner Suͤnde, mit ſtiller Wehmuth, erinnern! Nicht, daß ich waͤhne, du werdeſt noch Einmal mit mir ins Gericht gehn; 278 Der Neſſias. X. G. V. 818— 831. Du Erbarmer, wie köonnt' ich, der Gottes Antlitz geſchaut hat! Und fuͤr welchen du jetzt zu dem Allerheiligſten ein⸗ gehſt! Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen, Wer ich war! Ach bis zu dem Tode biſt du ernie⸗ drigt, Bis zu dem Tod' am Kreuz, du der Welten Rich⸗ ter, erniedrigt! Heut darf Adam ſich des verziehenen Falles erin⸗ nern. Voll von heiliger Wehmuth und Seligkeit hielt er hier inne. Eva hatte mit ihm gebetet, nicht ihre Stimme, Aber ihr Herz, und Antlitz. Sie hoͤrte jetzt auf zu verſtummen. Ja! du Hingegebner„an dieſem Tage des Blutes, Ach am Tage, da ſie dich begraben werden, Er⸗ dulder! Darf auch Eva ſich des verziehnen Verbrechens er⸗ innern, Und mit frommem Trauren, und weinendem Dank es bekennen! Alſo betete ſie, und Adam begann von neuem: Zehnter Geſang. 279 X. G. V. 832— 845. Ja, wir fingen es an, wir ſetzten es fort! und vollbrachtens! Ach, wir thatens! Und ach wer wars, wer hatte das leichtſte Aller Gebote gegeben? Es war Jehovah! das er⸗ ſte, Hoͤchſte, liebenswuͤrdigſte, beſte, das Weſen der Weſen! Unſer Schoͤpfer, der uns aus Staube zu Menſchen emporſchuf! Den wir kannten, den wir in unſrer ſtaunenden Seele Unausſprechlich empfanden! der jedes Gebet, mit Entzuͤckung, Jeden neuen Entſchluß: Nicht von dem Baume zu eſſen! Jeden Gehorſam vor unſerem Fall, mit Wonne, belohnte! Der uns immer, an Sich, durch tauſendmal tau⸗ ſend Geſchoͤpfe Voll tiefſinniger Schoͤnheit, erinnerte, wo die Be⸗ trachtung Sicher, mit neuen Entdeckungen, neuen Freuden, gekroͤnt ward! Der die Mutter der Menſchen mir gab, mich der Mutter der Menſchen, Deſſen erſcheinende Herrlichkeit uns noch hoͤher zu ihm hub, 280 Der Mefſias. X. G. B. 846— 858. Als das alles, das uns, von allen Seiten, um⸗ ringte! Unſer Schoͤpfer! Und doch erkuͤhnten wir uns, der Geſchaffnen Schranken uns entſchwingen zu wollen, und dir, o der Weſen Weſen, zu gleichen! Du haſt es uns, unſer Va⸗ ter, vergeben! Preis, Anbetung, und Dank, und liebevoller Ge⸗ horſam Sey dem Mittler, auf den der Richter unſere Laſt wirft, Und die Laſt des ganzen Geſchlechts der ſterblichen Suͤnder! Alſp betete Adam, mit ihm die Mutter der Menſchen, Er mit lauter Stimme; ſie in der Tiefe der Seele. Und von dem Angeſichte des ſterbenden Gottverſoͤh⸗ ners Kam Barmherzigkeit, goͤttliche Staͤrke, Ruhe des Himmels; Kameſt du, Frieden Gottes! der hoͤher als Aller Vernunft iſt, Nieder auf ſie. Sie empfanden es ganz, wie ihr Mittler ſie liebte! Zehnter Gefang. 281 X. G. V. 859— 872. RNeuer Inbrunſt voll, ſtreckt Adam die Arme zum Kreuz aus. Du, mein Herr, und mein Gott! wie kann ich, du Liebe, dir danken? Ewigkeiten, ſie ſind zu kurz, genug dir zu danken! Hier will ich liegen, und beten, bis du dein goͤtt⸗ liches Haupt nun Neigeſt im Tode! Nur vor dem fuͤrchterlichſten der Engel, Nur vor ſeiner Stimme, ſoll meine Stimme ver⸗ ſtummen; Wenn er kommt, und es nun, von deinem Vater verkuͤndigt, Der dich verlaſſen hat! Hoͤre, um dieſes Todes willen, Den fuͤr die Suͤnder du ſtirbſt, hoͤr, Gottverlaßner, mein Flehen! Herr! fuͤr deine Verſoͤhnten, fuͤr meine Kinder, fuͤr alle, 4 Die das weite, das furchtbare Grab, die Erde, doch hat's auch Deine Gnade mit Blumen beſtreut! noch kuͤnftig bewohnen, Und, mit jedem vor der Verſoͤhnung entſchlafnen Jahrhundert, An dem Tage der großen Entſcheidung, einſt auf⸗ erſtehen: 23 ½ Der Meſſias. X. G. V. 873— 886. Meine zahlloſen Kinder, fuͤr dieſe, fleh' ich dich, Herr, an! Weinend, mit duͤrftigem Leibe, mit viel mehr duͤrf⸗ tiger Seele, Kommen ſie auf die Erde. Du, ihr Mittler, er⸗ barmſt dich Dann ſchon ihrer, und nimmſt ſie in deinen goͤtt⸗ lichen Bund auf. Wenn ſie nun kaum Gedanken zu ſtammeln ver⸗ mögen, ſo laß ſie Oft den wiederholen: Du habeſt ſie fruͤh durch ein Wunder Aufgenommen zu dir, und dein, Herr, ſeyn ſie auf ewig! Die den Geiſt des Vaters und des Sohns in dem heiligen Waſſer Zu dem ewigen Leben empfangen; und die du an⸗ ders Fuͤhreſt zum ewigen Leben, die alle, welche mit Blut du Theuer erkauft, und ſie dem Anſchaun Gottes ge⸗ 1 weiht haſt, Leite ſie, wenn ihr Alter nun aufbluͤht, pflege der zarten 3 Biegſamen Sproſſe, daß ſie zu jeder Fruchtbarkeit reifen, Welche dn in a ſie legteſt. In ihnen truͤbe die Suͤnde Zehnter Geſang. 283 X. G. V. 887— 900. Nie zu ſehr den Schimmer der fruͤherleuchtenden Gnade, 4 Loͤſche das Feuer nicht aus, das, dich zu lieben, ſie anflammt! Mittler! vor allen in denen nicht, deren reiferes Alter Du, der Erde zu leuchten, und ſie an Gott zu er⸗ innern; Oder in jenen, die du erkohreſt, vom hoͤheren Schauplatz, Wo durch dich ſie ſtehen, auf ihre Bruͤder, die Menſchen, Wohlthun, Frieden, und Schutz, und Gerechtig⸗ keit auszuſchuͤtten! Alle, die es nun wiſſen, was Gott von ihnen, der Weſen Hoͤchſtes, heiligſtes, beſtes, der anzubetende Schoͤ⸗ pfer, Mit ſo vieler Geduld, ſo viel Barmherzigkeit, fo⸗ dert, Laß, laß alle Menſchen, ihr kurzes Leben am Staube, Dieſe Stunde der Pruͤfung, zu ihrer Seligkeit, leben! Daß der Wanderer nicht an dem Quell, und unter den Schatten Jene Krone, die Gott von fern ihm zeigte, ver⸗ ſchlummre! 284 Der Meſſias. X. G. V. 901— 914. Oder ſie gar, an der Kette zu kleiner Freuden, ver⸗ achte! Deren Herzen nicht ganz am Unendlichen hangen, und die ſich Auf den Arm des ſterblichen Helfers zu ſehr ver⸗ laſſen! Denen die Ehre zu ſuͤß iſt, und die ach Menſchen⸗ beifall, Den ſich zu ihrer Thaten Belohner waͤhlen, und Gottes, Welchem Tadel und Lob der Menſchen, wie Bla⸗ ſen der Luft, wiegt, Gottes Auge, das ſchaut, und zaͤhlt, und üichter⸗ vergeſſen! Die ſich in Sinnlichkeiten verweben! ſie hatten der Luͤſte Bande muthig zerriſſen; allein die feinere Wol⸗ luſt Lockt ſie taͤuſchend vom Gipfel der beſſeren Freuden herunter! Die den Bruder nicht ganz, mit herzlicher Liebe nicht, lieben; Wee zwar wohlthut, aber geſehn will werden, und Ehre, Fuͤr die leichteſte Pflicht der Menſchlichkeit Ehre ver⸗ langet; Wer nur halb bem Feinde verzeiht, unbiegſam der Rache Zehnter Geſang⸗ 285 X. G. V. 915— 928. Deſſen, der raͤchen will, alles zu uͤberlaſſen; noch minder Faͤhig, den, der ihm flucht, aus voller Seele zu ſegnen! Alle, die uͤber das Grab zu ſelten blicken, zu fluͤch⸗ tig An die Unſterblichkeit denken, zu der du, ihr Gott, ſie gemacht haſt; Wenn ſie nicht hoͤren die Stimme der Huld, die ſanfte des Vaters: Herr! ſo ruf ſie durch Leiden zuruͤck aus der furcht⸗ baren Irre. Aber die ganz von Gott abweichen, das Laſter zum Abgott Machen, und ſklaviſch dem falſchen, dem ſpotten⸗ den Peiniger dienen, Die Unſeligen wecke, von ihrem Tode, durch Elend! Meine Kinder, ach meine Kinder, er liebt unaus⸗ ſprechlich, G Der am Kreuze fuͤr euch ſein Leben dem Ewigen opfert! Iſt es moͤglich, Unſterbliche, koͤnnt ihr euren Ver⸗ ſoͤhner, Euren Beruf, zu wandeln im Licht, in dem Him⸗ mel verkennen? Ruͤhre die ſteinernen Herzen mit deiner allmaͤchti⸗ gen Liebe! 286 Der Meſſias. . X. G. V. 929— 942. Schaffe ſie um, und bringe ſie rein zu dem Ewi⸗ gen wieder! Euer erſchuͤttertes Herz vernehme die Stimme des 4 Blutes, Das von Golgatha ſtroͤmt, und Gnade! Gnade! fuͤr euch fleht, Gnade! Mit heiligem Schauer vernehme ſie eure Seele, Mit Anbetung, und jener Entzuͤckung, des ewigen Lebens Vorſchmack, welcher die Erben des Grabs, bei des Todes Anblick, Ueberſchwenglicher ſtaͤrkt, als alle Weisheit der Erde!. Nicht des Sterbenden brechender Blick! noch der . liegende Todte! Nicht die Gruft voll Verweſungen! nicht die ver⸗ zehrende Flamme! Nicht die Aſche des Todten, zerſtreut in die Tiefen der Schoͤpfung! Nichts, was deinen Raͤcher, den Tod mit Furcht⸗ barkeit ruͤſtet, Wird ſie ſchrecken! Denn du erhoͤreſt mein Flehn, du Erwuͤrgter! Weckeſt ihre Seelen, bevor die Leiber entſchlafen, Zu dem ewigen Leben! Ach daß ſie, haſt du ſie, Gottmenſch, aA— Zehnter Geſang. 287 X. G. V. 943— 956. Auferweckt, mit Zittern und Furcht die Seligkeit ſuchen, Die kein Auge je ſah, kein Ohr je hoͤrte, die niemals. Eines noch Sterblichen Herz empfand! Nichts 3 ſcheide ſie, Gottmenſch, Nichts von deinet Liebe! Von Staub' iſt der Leib, in dem ſie, Die du verſoͤhnſt, die heilige Seele, der Ewigkeit Erbin Tragen. Es kruͤmme die Laſt des druͤckenden irdi⸗ ſchen Leibes Nicht zu der Erde ſie nieder, nicht ſie, die du, Goͤttlicher, liebeſt! Sie, mit denen der Vater der Weſen nicht ins Ge⸗ richt geht! Die der Geiſt des Vaters und Sohns zum Tempel ſich heiligt! Heiß, voll Thraͤnen, voll Arbeit, und werth der großen Belohnung, Werth, wie es ſeyn kann, was Sterbliche thun, die Schwachen! die Suͤnder! Sey der daurende Kampf der himmelerringenden Seele! Seligkeit uͤberſtroͤmt mich, und Wonne mein inner⸗ — ſtes Weſen! Denk' ich an jene Gnaden, die auf die Siegenden warten: 288 Der Meſſias. X. G. V. 957— 970. Gottes Anſchaun, dieß vor dem Tode noch ihnen verborgne Namenloſe Gefuͤhl, und Erkenntniß des nerſchaſs nen! Gott, Vollender! wenn du zu deinem fegn Ge⸗ richt koͤmmſt, Wenn du entlaſtet die Erde vom Fluch, und zum Eden ſie umſchaffſt: Ach dann laß unzaͤhlbar, wie Sand an dem Meere, die Schaar ſeyn Derer, die losgeſprochen, zu deiner Herrlichkeit eins gehn! Wolken werden ſich oft, du haſt es mir, Herr, nicht verborgen! Ueber deine Gewaͤhlten, die unſichtbare Gemeine Deiner Kinder, verbreiten: des ſchwaͤrmenden Aber⸗ glaubens, dnd der geleugneten Religion verfinſternde Wol⸗ ken! Selber Herrſcher der Welt, die zu dieſer Hoͤh du emporhubſt, Daß ſie dein großes Geſetz: Wie ſich ſelbſt, die Bruͤder zu lieben! ungrfiſet durch eigene Noth, faſt grenzenlos thaͤ⸗ ten! 1b Die, in dem Staube gebuͤckt, den Gott vetherrli⸗ chen ſollten, Der Zehnter Geſang. 289 X. G. V. 971— 984. Der vor ihnen dieß weite Gefild der Menſchlichkeit aufthat, Die erniedrigen ſich, des blurigen Aberglaubens, Oder des Wahnes, der dich verleugnet, Sklaven zu * werden! Ihre Bruͤder zu peinigen! oder, durchs maͤchtige Beiſpiel, Sie in Muüfen zu fuͤhren, wo deine Quellen nicht. . rinnen, Wo die beweinenswerthen kein Troſt der beſſeren Welt labt! Dieſe Zeiten der Nacht, ſo oft ſie uͤber den Erd⸗ kreis Kommen, verkuͤrze du ſie, daß nicht auch deine Ge⸗ liebten, Mit dem Saͤnder verleitet, ſich jener Krone berau⸗ ben, Die du ihnen mit Blur erwirbſt, mit dieſem Tode! Zahllos, Herr, ſey die Schaar der Ueberwinder, wie Tropfen Auf dem fruͤhen Gefilde, wie Sterne der leuchten⸗ den Schoͤpfung; Wenn du ſie, nach vollbrachtem Gericht, zu der 1 Herrlichkeit einfuͤhrſt! O du, der uns geliebt, mit einer Liebe geliebt . hat, Klopſt. Meſſias II. B. T lte Aufl. Der Meſſias. X. G. V. 985— 997. Die ein Geheimniß der Himmel, und ihres Stau⸗ nens Geſang iſt, Ewiges Licht vom ewigen Licht! Sohn Gottes, Verſoͤhner! Heil! Fuͤrbitter! und Freund! und Bruder der ſterb⸗ lichen Menſchen! Deiner Erſtgeſchaffnen Gebet, ach derer, die ſie⸗ len, Deiner Erloͤsten tiefes Gebet, erhoͤr', erhoͤr' es! Als er noch betet, erhub Eloa ſein Angeſicht, wandt' es Nach der Verſammlung der Vaͤter, und rief von der Zinne des Tempels, Daß mit dem Fuße Moria's des Heiligthums Hal⸗ len erbebten, NRufte mit einer Stimme der Traurigkeit und des Entſetzens, Wie ſie von ihm noch nie die Unſterblichen hoͤrten, herunter Zu den Vaͤtern: Er kommt! Der Bothe der rich⸗ tenden Gottheit Schwebte zur Erd' hinab, trat auf den Sinai nie⸗ der, 3 belaſtet, Stand, entſetzte ſich! Einſam, von Gottes Befehl Zehnter Geſang. 291 X. G. V. 998— 1010. Stand er auf Sinai. Himmel und Erde, ſo daͤucht es ihm, wollten Fliehn! hinſinken! vergehn! Der Endlichkeiten Er⸗ halter Staͤrket' ihn, daß er nicht ſelbſt hinſank, und ver⸗ 3 ging! Das Entſetzen Ließ mit dem eiſernen Arme jetzt von ihm ab; doch war er Ganz Erſtaunen noch, ganz noch Wehmuth. Die ſinkende Rechte Hielt arbeitend das flammende Schwert, und in Schimmer erblaßten Seine blutiggeroͤtheten Strahlen, die, jeder ein Blitz, gluͤhn, Zuͤcken und toͤdten, wenn er von dem Richter zu toͤdten geſandt iſt. So von des ſterbenden Gottverſoͤhners Anblick er⸗ ſchuͤttert, Sank er gegen den Huͤgel des Todes aufs Angeſicht nieder, Anzubeten, eh' er die Befehle Jehovah's vollbraͤchte. Seine Stimme, verwandelt in leiſe Laute des Trau⸗ — rens, Donnerte nicht, wie vordem; doch hoͤrte der Heili⸗ 3 gen Kreis ihn. T 2 Der Meſſias. X. G. V. 1011— 1023. Alſo betet' er: Sohn! Weltrichter! mich end⸗ lichen ſendet Er, den nur dein Opfer verfoͤhnt! O ſtaͤrk', Un⸗ erſchaffner! Starke den muͤden, daß ich den Befehl zu vollbrin⸗ gen vermoͤge! Ach die Laſten des großen Befehls, wie geſunkene Welten, Liegen ſie, ſeit du am Kreuz das unerforſchte Ge⸗ richt traͤgſt, Herr, auf mir, dem endlichen! Gott, Welktrichter, wer bin ich, Ach wer bin ich, daß Gott, den fuͤrchterlichſten der Tode Anzukuͤnden, mich ſendet? Ein Geiſt, ſeit geſtern erſchaffen, Und in einen Leib, der Endlichkeit erſten Erinn⸗ rer, Eingeſchloſſen, den du, aus einer nachtenden Wolke, Und aus ſtroͤmenden Flammen erſchufſt! Allmaͤch⸗ tiger Mittler! Graun umgiebt mich, und Trauren, und Angſt die „ich niemals noch fuͤhlte! Aber ich muß den Befehl vollbringen! Jehovah gebot ihn! —⸗;⸗õyõ;y— Zehnter Gefang. 293 X. G. V. 1024— 1036. Alſo ſprach er, und ſtand mit Schauer auf 3 Sinai's Hoͤh auf. Jede Furchtbarkeit gab, da er ſtand, Jehovah ihm wieder. Schreckend ſtehet er da, und haͤlt nach der Schedel⸗ ſtaͤte Sein weitflammendes Schwert, und hinter ihm macht ſich ein Sturm auf. Mit dem fliegenden Sturm erſcholl des Unſterblichen Stimme. Siehe, die Palmenwaͤlder, der Jordan, Genezaret rauſchten Vor dem mächtigen Sturm; und es ſtroͤmte das Abendopfer Erdwaͤrts mit vorſchießender Glut! Der uUnſterbliche ſagte: Den du dich opferſt, es hat Jehovah dein goͤttliches Opfer Angenommen! Unendlich iſt des Gerechteſten Zuͤr⸗ nen! Mittler! du haſt dem unendlichen Zorne dich unter⸗ worfen! Du allein! und mit dir iſt keiner aller Erſchaff⸗ nen! Deines Blutes Geſchrei um Gnad', um die Gnade des Richters, 294 Der RMeſſias. X. G. V. 1037— 1049. Iſt vor Ihn gekommen! Allein Er hat dich ver⸗ G laſſen: Wird dich verlaſſen, bis du den gottverſoͤhnenden Tod ſtirbſt! Fliegende Winke nur noch; ſo wirſt du ihn, Goͤtt⸗ licher, ſterben! Alſo ſagte der Todesengel, und wandte ſein An⸗ tlitz. Jeſus Chriſtus erhub die gebrochnen Augen gen Himmel, Rufte mit lauter Stimme, vnicht eines Sterbenden Stimme, Mit des Allmaͤchtigen, der ſich, das Seanede der Endlichkeiten, Freigehorſam, dem Mittlertod' hingab! er ruf⸗ te: Mein Gott! mein Gott! warum haſt du mich ver⸗ laſſen?— Und die Himmel bedeckten ihr Angeſicht vor dem . Geheimniß! Schnell ergriff ihn, allein zum letztenmale, der Menſchheit Ganzes Gefuͤhl. Er rufte mit lechzender Zunge: Mich duͤrſtet! Ruft's, trank, duͤrſtete! bebte! ward bleicher! blu⸗ tete! rufte: Zehnter Geſang⸗ 295 X. G. V. 1050— 1052. Vater, in deine Haͤnde befehl' ich meine See⸗ le! Dann:(Gott Mittler! erbarme dich unſer!) Es iſt vollendet! Und er neigte ſein Haupt, und ſtarb. aaaammwwmwmwwwmmmmmmmEEmmnEmmmmnnmnnnnannna 7 9 11 12 13 14 15 16 17