Der Meſſias h ef e 7 Vöheiteek. Erster Band. Vierte Aufl age. CARLSRUHE, im Bureau der deutschen Claſsiker. * D 5 b b 4823. Der Meſſias. Erſter Geſang. Klopſt. Meſſias I. B. A ue Auff. Inhalt des erſten Geſangs. Der Meſſias entfernt ſich von dem Volke, geht auf den Oelberg, und verſpricht Gott noch einmal in einem feierlichen Gebete, die Erloͤſung zu uͤbernehmen. Hier⸗ auf fangen die Leiden der Erloͤſung in ſeiner Seele an. Sein Engel, Gabriel, wird von ihm in den Himmel geſchickt, das Gebet vor Gott zu bringen. Um den Him⸗ mel ſind lauter Sonnen, Gabriel geht durch einen Son⸗ nenweg, von dem ehemals ein aͤtheriſcher Strom nach Eden herunter floß. Er hoͤrt auf einer der naͤchſten Son⸗ nen ein Lied mit an, das allezeit, nach dem Dreimal⸗ heilig, geſungen wird. Eloa, der erhabenſte unter allen Engeln, und den Gott beſonders zu ſeinen Dienſten braucht, koͤmmt Gabriel entgegen, und fuͤhrt ihn zu dem Altare des Meſſias. Gabriel opfert Rauchwerk, und begleitet das Opfer mit dem Gebete des Meſſias, welches er vor Gott ſingt. Alles erwartet ſtill die Antwort Gottes. Gott eroͤffnet durch ein Donnerwetter das Allerheiligſte des Himmels, die Seligen zu ſeiner Antwort vorzube⸗ reiten. Seraph Eloa und Cherub Urim unterreden ſich von dem, was ſie in dem Allerheiligſten ſehen. Gott redet nunmehr. Eloa thut, auf Gottes Wink, die um⸗ ſtaͤndlichern Befehle deſſelben dem Himmel kund. Auch empfaͤngt Gabriel Befehle, an den Engel der Sonne, und an die Engel der Erde, wegen der Wunder beim Tode Jeſu. Die Thronenengel vertheilten ſich, wegen der Feier des zweiten Sabbaths, durch die Himmel. Gabriel ſteigt zur Erde herab. Er findet den Meſſias ſchlafend, Er redet ihn gleichwohl, als den Allwiſſenden, an. Er geht von da zu den Schutzengeln der Erde. Ihr Wohnplatz iſt mitten in der Erde, auf einer kleinern Sonne. Hierzu koͤmmt er durch eine Oeffnung bei dem Nordpole. Er findet die Engel der Erde auf ihrer Sonne, und die Seelen ganz zarter Kinder, die hier zum Himmel vorbereitet wer⸗ den. Von hier erhebt er ſich zur Sonne, und findet da die Seelen der Vaͤter bei uriel, dem Engel der Sonne. Erſter Geſang. I. G. V. 1— 11. Sa, unſterbliche Seele, der ſuͤndigen Menſchen Erloͤſung, Die der Meſſias auf Erden in ſeiner Menſchheit vollendet, Und durch die er Adams Geſchlecht zu der Liebe der Gottheit, Leidend, getoͤdtet, und verherrlichet, wieder erhoͤht 1 hat. Alſo geſchah des Ewigen Wille. Vergebens erhub ſich Satan gegen den goͤttlichen Sohn; umſonſt ſtand Juda Gegen ihn auf;: er thats, und vollbrachte die große Verſoͤhnung. Aber, o That, die allein der Allbarmherzige kennet, Darf aus dunkler Ferne ſich auch dir nahen die 4 Dichtkunſt? Weihe ſie, Geiſt Schoͤpfer, vor dem ich hier ſtill . anbete, Fuͤhre ſie mir, als deine Nachahmerin, voller Ent⸗ zuͤckung, A 2 4 Der Meſſias. I. G. V. 12— 26. Voll unſterblicher Kraft, in verklaͤrter Schoͤnheit, entgegen. Ruͤſte mit deinem Feuer ſie, du, der die Tiefen der Gottheit Schaut, und den Menſchen aus Staube gemacht zum Tempel ſich heiligt! Rein ſey das Herz! So darf ich, obwohl mit der bebenden Stimme Eines Sterblichen, doch den Gottverſoͤhner be⸗ ſingen, Und die furchtbare Bahn, mit verziehnem Strau⸗ cheln, durchlaufen. Menſchen, wenn ihr die Hoheit kennt, die ihr damals empfinget, Da der Schoͤpfer der Welt Verſoͤhner wurde; ſo hoͤret Meinen Geſang, und ihr vor allen, ihr wenigen Edlen, Theure, herzliche Freunde des liebenswuͤrdigen Mitt⸗ lers, Ihr mit dem kommenden Weltgerichte vertrauliche Seelen, Hoͤrt mich, und ſingt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben. Nah an der heiligen Stadt, die ſich jetzt durch Blindheit entweihte, Und die Krone der hohen Erwaͤhlung unwiſſend hin⸗ wegwarf, Sonſt die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heili⸗ gen Vaͤter Erſter Geſang. 5 I. G. V. 27— 4r. Pflegerin, jetzt ein Altar des Bluts vergoſſen von Moͤrdern; Hier wars, wo der Meſſias von einem Volke ſich losriß, Das zwar jetzt ihn verehrte, doch nicht mit jener Empfindung, Die untadelhaft bleibt vor dem ſchauenden Auge der Gottheit. Jeſus verbarg ſich dieſen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen Vom begleitenden Volk; zwar klang dort ihr lautes Hoſanna; Aber umſonſt. Sie kannten ihn nicht, den Koͤnig 8 ſie nennten, Und, den Geſegneten Gottes zu ſehn, war ihr Auge zu dunkel. Gott kam ſelbſt von dem Himmel herab. Die ge⸗ waltige Stimme: Sieh, ich hab' ihn verklaͤrt, und will ihn von neuem verklaͤren! War die Verkuͤndigerin der gegenwaͤrtigen Gott⸗ heit. Aber ſie waren, Gott zu verſtehn, zu niedrige Suͤnder. Unterdeß nahte ſich Jeſus dem Vater, der wegen 3 des Volkes, Dem die Stimme geſchah, mit Zorn zu dem Him⸗ mel hinaufſtieg. Denn noch Einmal wollte der Sohn des Bundes Entſchlieſſung, Der Meſſias. I. G. V. 42— 56. Seine Menſchen zu retten, dem Vater feierlich kund thun. Gegen die oͤſtliche Seite Jeruſalems liegt ein Gebirge, Welches auf ſeinem Gipfel ſchon oft den goͤttlichen Mittler, Wie in das Heilige Gottes, verbarg, wenn er ein⸗ ſame Naͤchte Unter des Vaters Anſchaun ernſt in Gebeten durch⸗ wachte. Jeſus ging nach dieſem Gebirg. Der fromme Jo⸗ hannes Er nur folgt' ihm dahin bis an die Graͤber der Seher, Wie ſein goͤttlicher Freund, die Nacht im Gebete zu bleiben. Und der Mittler erhub ſich von dort zu dem Gipfel des Berges. Da umgab von dem hohen Moria ihn Schimmer der Opfer, Die den ewigen Vater noch jetzt in Bilde ver⸗ ſoͤhnten. Ringsum nahmen ihn Palmen ins Kuͤhle. Gelin⸗ dere Luͤfte, Gleich dem Saͤuſeln der Gegenwart Gottes umfloſ⸗ ſen ſein Antlitz. Und der Seraph, der Jeſus zum Dienſt' auf der Erde geſandt war, Gabriel nennen die Himmliſchen ihn, ſtand feirend am Eingang Erſter Geſang. 7 I. G. V. 57— 71. Zwoer umdufteter Cedern, und dachte dem Heile der Menſchen Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als jetzt der Erloͤſer Seinem Vater entgegen vor ihm in Stillem vorbei⸗ ging. Gabriel wußte, daß nun die Zeit der Erloͤſung her⸗ ankam. Dieſe Betrachtung entzuͤckt' ihn, er ſprach mit lei⸗ ſerer Stimme: * Willſt du die Nacht, o Goͤttlicher, hier in Gebete durchwachen? Oder verlangt dein ermuͤdeter Leib nach ſeiner Er⸗ 3 quickung? Soll ich zu deinem unſterblichen Haupt ein Lager bereiten? Siehe, ſchon ſtreckt der Sproͤßling der Ceder den gruͤnenden Arm aus, Und die weiche Staude des Balſams. Am Grabe der Seher Waͤchſt dort unten ruhiges Moos in der kuͤhlenden Erde. Soll ich davon, o Goͤttlicher, dir ein Lager be⸗ reiten? Ach, wie biſt du, Erloͤſer, ermuͤdet! Wie viel 3 ertraͤgſt du Hier auf der Erd', aus inniger Liebe zu Adams Geſchlechte! Gabriel ſagts. Der Mittler belohnt ihn mit ſegnenden Blicken, Der Meſſias. I. G. V. 72— 36. Steht voll Ernſt auf der Hoͤhe des Bergs am naͤ⸗ heren Himmel Dort war Gott. Dort betet' er. Unter ihm toͤnte die Erde, Und ein wandelndes Jauchzen durchdrang die Pfor⸗ ten des Abgrunds, Als ſie von ihm tief unten die maͤchtige Stimme vernahmen. Denn ſie war es nicht mehr des Fluches Stimme, die Stimme. Angekuͤndet im Sturm, und in donnerndem Wetter geſprochen, Welche die Erde vernahm. Sie hoͤrte des Segnen⸗ den Rede, Der mit unſterblicher Schoͤne ſie einſt zu verneuen beſchloſſen. Ringsum lagen die Huͤgel in lieblicher Abend⸗Daͤmm⸗ rung, Gleich als bluͤhten ſie wieder, nach Edens Bild geſchaffen. Jeſus redete. Er, und der Vater durchſchauten den Inhalt, Graͤnzlos; dieß nur vermag des Menſchen Stimme zu ſagen: Goͤttlicher Vater, die Tage des Heils, und des ewigen Bundes Nahen ſich mir, die Tage zu groͤßeren Werken er⸗ kohren, Als die Schöͤpfung, die du mit deinem Sohne voll⸗ brachteſt. Erfter Geſang. 9 I. G. V. 87— 101. Sie verklaͤren ſich mir ſo ſchoͤn und herrlich, als damals, Da wir der Zeiten Reih durchſchauten, die Tage der Zukunft, Durch mein goͤttliches Schaun bezeichnet, und glaͤn⸗ zender ſahen. Dir nur iſt es bekannt, mit was vor Einmuth wir damals, Du, mein Vater, und ich, und der Geiſt die Er⸗ loͤſung beſchloſſen. In der Stille der Ewigkeit, einſam, und ohne Ge⸗ . ſchoͤpfe. Waren wir bei einander. Voll unſrer goͤttlichen Liebe, Sahen wir auf die Menſchen, die noch nicht waren, herunter. Edens ſelige Kinder, ach unſre Geſchöpfe, wie elend Waren ſie, ſonſt unſterblich, nun Staub, und ent⸗ ſtellt von der Suͤnde! Vater, ich ſah ihr Elend, du meine Thraͤnen. Da ſprachſt du: Laſſet der Gottheit Bild in dem Menſchen von neuem uns ſchaffen! Alfo beſchloſſen wir unſer Geheimniß, das Blut der Verſoͤhnung, Und die Schoͤpfung der Menſchen verneut zu dem 1 ewigen Bilde! Hier erkohr ich mich ſelbſt die goͤttliche That zu vollenden. 10 Der Neſſias. I. G. V. 102— 117. Ewiger Vater, das weißt du, das wiſſen die Him⸗ mel, wie innig Mich ſeit dieſem Entſchluß nach meiner Erniedrung verlangte! Erde, wie oft warſt du, in deiner niedrigen Ferne, Mein erwaͤhltes, geliebteres Augenmerk! Und o Kanan, Heiliges Land, wie oft hing unverwendet mein Auge An dem Huͤgel, den ich von des Bundes Blute ſchon voll ſah! Und wie bebt mir mein Herz von ſuͤſſen, wallenden 1 Freuden,— Daß ich ſo lange ſchon Menſch bin, daß ſchon ſo viele Gerechte Sich mir ſammeln, und nun bald alle Geſchlechte der Menſchen Mir ſich heiligen werden! Hier lieg' ich, goͤttlicher Vater, Noch nach deinem Bilde geſchmuͤckt mit den Zuͤgen der Menſchheit, Betend vor dir: bald aber, ach bald wird dein toͤd⸗ tend Gericht mich Blutig entſtellen, und unter den Staub der Todten begraben. Schon, o Richter der Welt, ſchon hoͤr' ich fern dich, und einſam Kommen, und unerbittlich in deinen Himmeln da⸗ hergehn. Schon durchdringt mich ein Schauer dem ganzen Geiſtergeſchlechte Erſter Geſang. 41 I. G. V. 118— 133. Unempfindbar, und wenn du ſie auch mit dem Zor⸗ ne der Gottheit Toͤdteteſt, unempfindbar! Ich ſeh den naͤchtlichen Garten Schon vor mir liegen, ſinke vor dir in niedrigen Staub hin, Lieg', und bet', und winde mich, Vater, in To⸗ desſchweiße. Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will des all⸗ maͤchtigen Zuͤrnen, Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorſam er⸗ tragen. Du biſt ewig! Kein endlicher Geiſt hat das Zuͤr⸗ nen der Gottheit, Keiner je, den Unendlichen toͤdtend mit ewigem Tode, Ganz gedacht, und keiner empfunden. Gott nur vermochte Gott zu verſoͤhnen. Erhebe dich Richter der Welt! 3 Hier bin ich! Toͤdte mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Verſoͤhnung. Noch bin ich frei, noch kann ich dich bitten; ſo thut ſich der Himmel Mit Myriaden von Seraphim auf, und fuͤhret mich . jauchzend, Vater, zuruͤck in Triumph zu deinem erhabenen Throne! Aber ich will leiden, was keine Seraphim faſſen, Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen . einſieht; 12 Der Meſſias. I. G. V. 134— 149. Ich will leiden, den furchtbarſten Tod ich Ewiger leiden! Weiter ſagt' er und ſprach: Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf, Meine Hand in die Wolken, und ſchwoͤre dir bei mir ſelber, Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menſchen . erloͤſen! Jeſus ſprachs, und erhub ſich. In ſeinem Antlitz war Hoheit, Seelenruh, und Ernſt, und Erbarmung, als er vor Gott ſtand. Aber unhoͤrbar den Engeln, nur ſich und dem Sohne vernommen, Sprach der ewige Vater, und wandte ſein ſchauen⸗ — des Antlitz Nach dem Verſoͤhner hin: Ich breite mein Haupt durch die Himmel, Meinen Arm aus durch die Unendlichkeit, ſage: ich bin Ewig! und ſchwoͤre dir, Sohn: Ich will die Suͤnde vergeben! Alſo ſprach er, und ſchwieg. Indem die Ewi⸗ gen ſprachen, Ging durch die ganze Natur ein ehrfurchtsvolles Erbeben. Seelen, die jetzo wurden, noch nicht zu denken be⸗ gannen, Zitterten, und empfanden zuerſt. Ein gewaltiger Schauer Faßte den Seraph, ihm ſchlug ſein Herz, und um ihn lag wartend, Erſter Geſang. 13 IJ. G. V. 150— 165. Wie vor dem nahen Gewitter die Erde, ſein ſchwei⸗ gender Weltkreis. Sanftes Entzuͤcken kam allein in der kuͤnftigen Chriſten Seelen und ſuͤßbetaͤubend Gefuͤhl des ewigen Lebens. Aber ſinnlos, und zur Verzweiflung nur noch em⸗ pfindlich, Sinnlos, wider Gott was zu denken, entſtuͤrzten im Abgrund Ihren Thronen die Geiſter der Hoͤlle. Da jeder dahin ſank, Stuͤrzt' auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe Ungeſtuͤm ein, und donnernd erklang die unterſte Holle. Jeſus ſtand noch vor Gott; und jetzt began⸗ nen die Leiden Seiner Erloͤſung, ein Vorgefuͤhl, ſo in furchtbarer Naͤhe Graͤnzt' an das wirkliche: Wie, ihn zu richten, Gott von des Throns Hoͤhn Kommen, mit Schuld ihn belaſten der Spruch der verworfenſten Menſchen, Er, mit Blute beſtroͤmt, den Tod der Kreuzigung ſterben Wuͤrd' auf Golgatha. Gabriel lag in der Fern auf dem Antlitz Aiefanbetend, von neuen Gedanken maͤchtig erhoben. Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt, ſo lang“ als die Seele 14 Der Meſſias. I. G. V. 166— 181. Sich die Ewigkeit denkt, wenn ſie dem Leib' in Gedanken Schnelles Fluges entfleugt, ſeit dieſen Jahrhunder⸗ ten hatt' er So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gottheit, Ihre Verſoͤhnten, die ewige Liebe des goͤttlichen Mittlers, Alles eroͤffnet ſich ihm. Gott bildete dieſe Gedanken In des Unſterblichen Geiſte. Der Ewige dachte ſich jetzo, Als den Erbarmer erſchaffner Weſen. Der Seraph erhub ſich,. Stand, und erſtaunt', und betet', und unausſprech⸗ liche Freuden„ Zitterten durch ſein Herz, und Licht und blendendes Glaͤnzen Ging von ihm aus. Die Erde zerfloß in himmli⸗ 3 ſche Schimmer Unter ihm hin, ſo dacht' er. Ihn ſah der goͤttliche Mittler, Daß er den Gipfel des ganzen Gebirgs mit Klar⸗ heit erfuͤllte. Gabriel, rief er, huͤlle dich ein, du dienſt mir auf Erden! Mache dich auf, dieß Gebet vor meinen Vater zu bringen, Daß die edelſten unter den Menſchen, die ſeligen Vaͤter, Daß der verſammelte Himmel der Zeiten Fuͤlle vernehme, — Erſter Geſang. 15 I. G. V. 182— 197. Die er mit innigem heißem Verlangen verlangte. Dort leuchte Als der Geſendete Jeſus, des Mittlers, im Glanze der Engel! Schweigend, mit goͤttlich heitrer Geberd', er⸗ hub ſich der Seraph. Jeſus ſchaut' ihm vom Oelberg nach. Der Göott⸗ liche ſah ſchon, Was der Seraph that, an dem Throne der Herr⸗ 3 lichkeit Gottes, Eh der eilende noch des Himmels Sonnen erreichte. Jetzo erhuben ſich neue, geheimnißvolle Geſpraͤche Zwiſchen ihm und dem Ewigen, ſchickſalenthuͤllenden Inhalts,. Heilig, und furchtbar, und hehr, voll nie gehoffter Entſcheidung, Selbſt Unſterblichen dunkel, Geſpraͤche von Dingen die kuͤnftig Gottes Erloͤſung, vor allen Erſchaffnen verherrlichen werden. Unterdeß eilte der Seraph zum aͤuſſerſten Schim⸗ mer des Himmels Wie ein Morgen empor. Hier fuͤllen nur Sonnen den Umkreis; Und, gleich einer Huͤlle gewebt aus Strahlen des Urlichts, Zieht ſich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dämmernder Erdkreis Naht ſich des Himmels verderbendem Blick. Ent⸗ fliehend und ferne 16 Der Meſſias. I. G. V. 198— 212. Geht die bewoͤlkte Natur voruͤber. Da eilen die Erden Klein, unmerkbar dahin, wie unter des Wanderers Fuße Niedriger Staub, von Gewuͤrme bewohnt, aufwal⸗ let und hinſinkt. Um den Himmel herum ſind tauſend eroͤffnete Wege, Lange, nicht auszuſehende Weg', umgeben von Sonnen. Hurh den glaͤnzenden Weg, der gegen die Erde ſich wendet, Floß, ſeit ihrer Erſchaffung, am Fuß des Thrones entſpringend, Einſt nach Eden ein Strom der Himmelsheitre her⸗ unter. Ueber ihm, oder an ſeinem Geſtad' erhoben von Farben, Gleichend den Farben des Regenbogens, oder der Fruͤhe, Kamen damals Engel, und Gott, zu vertraulichem Umgang, Zu den Menſchen. Doch ſchnell ward der Strom heruͤber gerufen, Als durch Suͤnde der Menſch zu Gottes Feinde ſich umſchuf. Denn die Unſterblichen wollten nicht mehr, in ſicht⸗ barer Schoͤnheit, Gegenden ſehen, die vor ihnen des Todes Verwuͤ⸗ ſtung entſtellte. Damals Erſter Geſang. 17 I. G. V. 213— 227. Damals wandten ſie ſchauernd ſich weg. Die ſtillen Gebirge, Wo noch die Spur des Ewigen war; die rauſchen⸗ den Haine, Welche vordem das Saͤuſeln der Gegenwart Gottes beſeelte; Selige, friedſame Thaͤler, ſonſt von der Jugend 3 des Himmels Gern beſucht; die ſchattigen Lauben, wo ehmals die Menſchen, Ueberwallend von Freuden und ſuͤſſen Empfindungen, weinten, Daß Gott ewig ſie ſchuf; die Erde trug des 3 Fluches, Laſten jetzt, war ihrer vordem unſterblichen Kin⸗ der Großes Grab. Doch dereinſt, wenn die Morgen⸗ ſterne verjuͤnget, Aus der Aſche des Weltgerichts triumphirend her⸗ vorgehn; Wenn nun Gott die Kreiſe der Welten mit ſeinem Himmel. Durch allgegenwaͤrtiges Anſchauen alle vereinet, Dann wird auch der aͤtheriſche Strom von dem himmliſchen Urquell Wieder mit hellerer Schoͤne zum neuen Eden ſich ſenken. Nie wird dann ſein Geſtade von hohen Verſamm⸗ 1 lungen leer ſeyn, Klopſt. Meſſias I. B. B lte Aufl. 18 Der Meſſias. I. G. V. 228— 242. Die zu der Erde Geſpielen der neuen Unſterblichen wallen. Dieß iſt der heilige Weg, mit welchem Gabriel fortging, Und von fern dem Himmel der goͤttlichen Herrlich— keit nahte. Mitten in der Verſammlung der Sonnen ſtrah⸗ let der Himmel, Rund, unermeßlich, des Weltgebaͤus Urbild, die Fuͤlle Jeder ſichtbaren Schoͤnheit, die, ſich gleich fluͤchti— gen Baͤchen, Ringsum durch den unendlichen Raum nachahmend ergießet. Wenn er wandelt, ertoͤnen von ihm, auf den Fluͤ⸗ geln der Winde, An die Geſtade der Sonnen des wandelnden Har⸗ monieen Rauſchend hinuͤber. Die Lieder der goͤttlichen Har⸗ 3 fenſpieler Schallen mit Macht, wie beſeelend, darein. So vereiniget ſchweben Toͤne vor dem, der das Ohr gemacht hat, und Preiſe voruͤber. Wie ſein freudiger Blick an ſeiner Werke Geſtalten Sich ergoͤtzt, ſo vergnuͤgten ſein Ohr die Geſaͤnge des Himmels. Die du himmliſche Lieder mich lehrſt, Geſpie⸗ lin der Engel, Erſter Geſang. 19 I. G. V. 243— 257. Seherin Gottes, du Hoͤrerin hoher unſterblicher Stimmen, Melde mir, Sionitin, das Lied, das die Engel itzt ſangen. Sey uns gegruͤßt, du heiliges Land der Er⸗ ſcheinungen Gottes! Hier erblicken wir Gott, wie er iſt, wie er war, wie er ſeyn wird, Siehe, den Seligen ohne Verhuͤllung, nicht in der Daͤmmrung Fern nachahmender Welten. Dich ſchauen wir in der Verſammlung Deiner Erloͤsten, die du auch wuͤrdigſt des ſeligen Anblicks. Ach unendlich vollkommen biſt du! Zwar nennt dich der Himmel, Und der Unausſprechliche wird Jehova geheißen! Unſer Geſang lebendig durch Kraͤfte der Urbegeiſt⸗ — rung Suchet dein Bild, doch umſonſt; auf deine Ver⸗ klarung gerichtet, Koͤnnen Gedanken ſich kaum von deiner Gottheit beſprechen. Ewiger, du biſt allein in deiner Groͤße vollkom⸗ men! Jeder Gedanke, mit dem du dich ſelbſt, o Erſter, durchſchaueſt, Iſt erhabner, iſt heiliger, als die ſtille Betrach⸗ tung, B 2 Der Meſſias. I. G. V. 258— 272. Auf erſchaffene Dinge von dir hernieder gelaſſen. Dennoch entſchloſſeſt du dich, auch auſſer dir Weſen zu ſehen, Und auf ſie den beſeelenden Hauch hernieder zu laſſen. Erſt erſchufſt du den Himmel, dann uns, die Be⸗ wohner des Himmels. Fern war't ihr da von eurer Geburt, du juͤngerer Erdkreis, Und du Sonn', und du Mond, der ſeligen Erde Gefaͤhrten. Erſtgeborner der Schoͤpfung, wie war dir bei dei⸗ nem Hervorgehn, Da, nach undenkbarer Ewigkeit, Gott zu dir ſich herabließ, Dann zu der Staͤte dich der Herrlichkeit kohr, und des Anſchauns? Dein unermeßlicher Kreis, heraufgerufen zum Da⸗ ſeyn, Bildete ſich zu ſeiner Geſtalt; die ſchaffende — Stimme Wandelte noch mit dem erſten Getoͤſe kriſtallener Meere; Ihre Geſtade, die ſich, wie Welten, zuſammenge⸗ birgten, Hoͤrten ſie, noch ein Unſterblicher nicht! Da ſtan⸗ deſt du, Schoͤpfer, Auf dem neuen, erhabenen Thron dich ſelber be⸗ trachtend, Erſter Geſang. 21 I. G. V. 273— 288. Einſam, und ernſt. O jauchzt der denkenden Gott⸗ heit entgegen! Damals, ja damals erſchuf er euch, Seraphim, Geiſtergeſchoͤpfe, Voll von Gedanken, voll maͤchtiger Kraft, die Ge⸗ danken des Schoͤpfers, Die er in euch von ſich ſelbſt erſchafft, anbetend zu faſſen. Halleluja, ein feirendes Halleluja, o Erſter, Sey dir von uns unaufhoͤrlich geſungen! Zur Ein⸗ ſamkeit ſprachſt du: Sey nicht mehr! und den Weſen: Entwickelt euch! Halleluja! Unter dem Liede, das nach dem Dreimalhei⸗ lig der Himmel Allzeit ſinget, hatte des Mittlers heiliger Bothe Eine der ndehſtan Sonnen am Himmel leuchtend . betreten. Ueberall ſchweigen die Seraphim jetzt, und feiren den Anblick, Welcher, des Preißgeſangs Belohner, von Gott auf ſie ſtrahlte. Und ſie erblickten den helleren Seraph am Sonnen⸗ meer. Gott Schaut' auf ihn, der Himmel mit Gott. Er betete kniend. Zweimal die Zeit, in der ein Cherub den Namen Jehova, Tief in Gebet, und das Dreimalheilig der Ewigkeit ausſpricht, Der Meſſias. I. G. V. 289— 304. Wuͤrdiget ihn des Anſchauens Gott Dann eilet der Thronen Erſtgeborner herab, ihn feierlich vor Gott zu fuͤhren. Gott nennt ihn den Erwaͤhlten, der Himmel Eloa. Vor allen, 3 Die Gott ſchuf, iſt er groß, iſt der naͤchſte dem Unerſchaffnen. 4 Schoͤn iſt ein Gedanke des gottgewaͤhlten Eloa, Wie die ganze Seele des Menſchen, geſchaffen der Gottheit, Wenn ſie, ihrer Unſterblichkeit werth, gedankenvoll nachſinnt. Sein umſchauender Blick iſt ſchoͤner, als Fruͤhlings⸗ morgen, Lieblicher, als die Geſtirne, da ſie vor dem Antlitz des Schoͤpfers Jugendlichſchön, und voll Licht, mit ihren Tagen, vorbeiflohn. Gott erſchuf ihn zuerſt. Aus einer Morgenroͤthe, Schuf er ihm einen aͤtheriſchen Leib. Ein Himmel voll Wolken Floß um ihn, da er ward. Gott hub ihn mit offe⸗ nen Armen Aus den Wolken, und ſagt' ihm ſegnend: Da bin ich, Erſchaffner! Und auf Einmal ſahe vor ſich Eloa den Schoͤpfer, Schaut' in Entzuͤckungen an, und ſtand, und ſchaute begeiſtert Erſter Geſang. 23 I. G. V. 305— 319. Wieder an, und ſank, verloren in Gottes Anblick. Endlich redet' er, ſagte dem Ewigen alle Gedan⸗ zen,. Die er hatte, die neuen, erhabnen Empfindungen 3 alle, Die das große Herz ihm durchwallten. Es werden die Welten Alle vergehn, und neu aus ihrem Staube ſich ſchwingen, Ganze Jahrhunderte werden dann erſt in die Ewig⸗ keit eingehn, Eh der erhabenſte Chriſt die großen Empfindungen fuͤhlet. Jetzo kam Eloa auf neuerwachenden Strahlen Zu dem geſendeten Engel in ſeiner Schoͤnheit her⸗ nieder, Ihn zum Altar des Verſoͤhners zu fuͤhren. Er ging noch von ferne, Da er ſchon Gabriel kannte. Der Seraph zerfloß in Entzuͤckung, Von den unſterblichen einen zu ſehen, mit dem er vor dieſem Jeden Kreis der Schoͤpfungen Gottes, und ſeine Bewohner Sah, und mit dem er unnachahmbarere Thaten vollfuͤhrte, Als durch die beſten aus ihm das vereinte Menſchen⸗ geſchlecht that. V V b 24 Der Neſſias. J. G. W. 320— 335. Jetzo verklaͤrten ſie ſich ſchon liebend gegen einan⸗ der. Schnell, mit bruͤnſtig eroͤffneten Armen, mit herz⸗ lichen Blicken Eilten ſie gegen einander. So zitterten beide vor Freuden, Als ſie ſich umarmten. So zittern Bruͤder, die 3 beide Tugendhaft ſind, und beide den Tod fuͤr das Va⸗ terland ſuchten, Wenn ſie, von Heldenblute noch voll, ſich nach ewi⸗ gen Thaten Sehen, und ſich vor ihrem noch groͤßeren Vater umarmen.— Gott ſah ſie, und ſegnete ſie. So gingen ſie beide, Herrlicher durch die Freundſchaft, dem Thron des Himmels entgegen. Alſo kamen ſie weiter zum Allerheiligſten Gottes. Nah bei der er Herrlichkeit Gottes, auf einem himm— liſchen Berge, Ruhet des Allerheiligſten Nacht. Lichthelles Glaͤn⸗ zen Wacht inwendig um Gottes Geheimniß. Das hei⸗ lige Dunkel Deckt nur das Innre dem Auge der Engel. Zu⸗ weilen eroͤffnet Gott die:iinaunde Huͤlle durch allmachttragende Donner Vor dem Blick der himmliſchen Schauer. Sie ſehen, und feiren. Erſter Geſang. 25 I. G. V. 336— 351. Sieh, auf Einmal ſtand bei des Allerheiligſten Ein⸗ gang, Wie ein Gebirg, der Altar des Verſoͤhners vor Ga⸗ briels Auge Wolkenlos da. Er ſah ihn, und ging, in feſtlicher Schoͤnheit, Prieſterlich zu dem Altar, und trug zwo goldene Schalen Heiliges Raͤuchwerks voll, und ſtand tiefſinnig am Altar. Neben ihm ſtand Eloa, und rief aus ſeiner Harfe Goͤttliche Toͤne, zum hohen Gebet den opfernden Seraph Vorzubereiten. Der hoͤrt ihn, und durch die maͤch⸗ tige Harfe Hub ſich ſein Geiſt entflammter empor. Wie der Ocean aufwallt, Wenn auf ihm in Sturme daher die Stimme des Herrn geht. Gabriel ſchauete Gott, und ſang mit maͤchtiger 3 Stimme. Jetzo hoͤrt der ewige Vater, es hoͤret der Himmel, Mittler dein Soͤhnungsgebet. Gott zuͤndete ſelber das Opfer Wunderbar an; und heiliger Rauch ſtieg mit dem Gebete Stillbegleitend empor, dann hub er ſich weiter, und wallte, Wie von der Erde Gebirgen ein ganzer Himmel, zu Gott auf. 26 Der Meſſias. I. G. B. 352— 366. Nieder zur Erde hatte bis jetzt Jehova geſchauet. Denn es hielt noch immer der Sohn aus der Fuͤlle der Seele Mit dem Vater Geſpraͤche des ſchickſalenthuͤllenden 3 Inhalts, Heilig, und furchtbar, und hehr, voll nie gehoffter Entſcheidung, Selbſt Unſterblichen dunkel, Geſpraͤche von Dingen, die kuͤnftig Gottes Erloͤſung, vor allen Erſchaffnen, verherrli⸗ chen werden. Aber itzt fuͤllte des Ewigen Blick den Himmel von neuem; Jeder begegnete feirend und ſtill dem goͤttlichen Blicke. All' erwarten die Stimme des Herrn. Die himm⸗ liſche Ceder Rauſchte nicht, der Ocean ſchwieg an dem hohen Geſtade. Gottes lebender Wind hielt zwiſchen den ehernen Bergen Unbeweglich, und wartete mit verbreiteten Fluͤ⸗ geln, Auf der Stimme Gottes Herabkunft. Donnerwet⸗ ter Stiegen zum wartenden langſam das Allerheiligſte nieder. Aber noch redete Gott nicht. Die heiligen Donner⸗ wetter Erſter Geſang. 27 I. G. V. 367— 382. Waren Verkuͤndiger nur der nahenden goͤttlichen Antwort. Als ſie ſchwiegen, that vor der Thronen freudigem Blick Gott Offenbarend ſein Heiligthum auf, die verlangenden Tghronen Zu den hohen Gedanken des Ewigen vorzubereiten. Und da wandte ſich Urim voll Ernſt, mit goͤttlichem Tiefſinn, Cherub Urim, des ewigen Geiſtes vertrauterer 3 Engel, Zu dem hohen Eloa, und ſprach: Was ſiehſt du, Eloa? Seraph Eloa ſtand auf, ging langſam vorwaͤrts, und ſagte: Dort an den goldenen Pfeilern, da ſind labi⸗ rinthiſche Tafeln Voll Vorſehung; dann Buͤcher des Lebens, welche dem Hauche Maͤchtiger Winde ſich oͤffnen, und Namen kuͤnftiger Chriſten, Neue belohnende Namen, des Himmels unſterblich⸗ keit, aufthun. Wie die Buͤcher des Weltgerichts, gleich wehenden Fahnen Kriegender Seraphim, furchtbar ſich oͤffnen. Ein toͤdtender Anblick Fuͤr die niedrigen Seelen, die wider Gott ſich em⸗ poͤrten! O wie Gott ſich enthuͤllt! Ach Urim, in heiliger Stille Der Meſſias. I. G. V. 383— 397. Schimmern die Leuchter im Silbergewoͤlk; bei taus ſenden tauſend Schimmern ſie, Vorbilder der gottverſoͤhnten Ge⸗ meinen! Zaͤhle ſie, Urim, die heilige Zahl. Die Welten, Eloa. Siehe, der Engel gekroͤnete Thaten, die Freuden der Engel Sind uns zaͤhlbar: allein die Folgen der großen Erloͤſung, Gottes Erbarmungen nicht. Da ſprach Eloa: Ich ſehe Seinen Gerichtsſtuhl! Schrecklich biſt du, Welt⸗ richter, Meſſias! Schau des hohen Stuhles Geſtalt. Er toͤdtet von ferne! Und die zur Rache geruͤſtete Glut! Ein lebender Sturmwind Hebt ihn in donnernden Wolken empor. Ach ſchone, Meſſias, Schone, Richter der Welt mit ewigem Tode be⸗ waffnet! So beſprachen Eloa und Urim ſich unter ein⸗ ander. Siebenmal hatte der Donner das heilige Dunkel eröͤffnet, Und die Stimme des Ewigen kam ſanftwandelnd hernieder: Gott iſt die Liebe. Ich wars vor dem Da⸗ ſeyn meiner Geſchoͤpfe. Erſter Geſang. 29 I. G. V. 398— 413. Da ich die Welten erſchuf, war ich auch der. Bei der Vollendung Meiner geheimſten erhabenſten That, bin ich eben derſelbe. Aber ihr ſollt, durch den Tod des Sohns, den Rich⸗ ter der Welten, Ganz mich kennen, und neue Gebete dem Furcht⸗ baren beten. Hielt euch dann des Richtenden Arm nicht, ihr wuͤrdet im Anſchaun Dieſes großen Todes vergehn. Denn ihr ſeyd endlich. Und der Auszuſoͤhnende ſchwieg. Die tiefe Bewundrung Faltete heilige Haͤnde vor ihm. Jetzt winkt' er Eloa, Und der Seraph verſtand die Red' in dem Antlitz Jehova, Wandte ſich gegen die himmliſchen Hoͤrer, und ſagte zu ihnen: Schaut den Ewigen an, ihr vorerwaͤhlten Gerechten, Heilige Kinder. Erkennt ſein Herz, ihr war't ihm das Liebſte Seiner Gedanken, als er ſich das Heil des Erloͤſen⸗ den dachte. Euch hat herzlich verlangt, Gott ſelber iſt euer Zeuge, Endlich zu ſehen die Tage des Heils, und ſeinen Meſſias. Seyd geſegnet, ihr Kinder des Herrn, von dem Geiſte geboren! 30 Der NMeſſias. I. G. V. 414— 429. Jauchzet, Kinder, ihr ſchaut den Vater, das We⸗ ſen der Weſen. Siehe, der Erſt und der Letzte, der iſt er, und ewig Erbarmer! Der von Ewigkeit iſt, den keine Geſchoͤpfe be⸗ greifen, Gott, Jehova, laͤßt zu euch ſich vaͤterlich nieder. Dieſer Bote des Friedens, von ſeinem Sohne ge⸗ . ſendet, Iſt zu dem hohen Altar um eurentwillen gekom⸗ men. Waͤret ihr nicht zu der großen Erloͤſung Zeugen erkohren; O ſo haͤtten ſie ſich in entfernter Stille beſprochen, Einſam, geheim, unerforſchlich. Doch ihr, Geborne der Erde, Sollt die Tage mit Wonne, mit ewigem Jauchzen, vollenden, Wir mit euch! Wir wollen den ganzen verborge⸗ . nen Umfang Eurer Erloͤſung durchſchaun, mit viel verklaͤrterem Blicke Werden wir dieſe Geheimniſſe ſehn, als eures Er⸗ loͤſers Fromme, weinende Freunde, die noch in Dunkel⸗ heit irren! Aber ſeine verlornen Verfolger! der Ewige hat ſie Lang' aus den heiligen Buͤchern vertilgt! allein den Erloͤsten Erſter Geſang. 31 I. G. V. 430— 445. Sendet er goͤttliches Licht! Sie ſollen das Blut der Verſoͤhnung Nicht mit weinendem Auge mehr ſehn. Sie wer⸗ den es ſehen,. Wie ſich vor ihnen ſein Strom in das ewige Leben voeerlieret. O dann ſollen ſie hier, in des Friedens Schooſe getroͤſtet, Feſte des Lichts und der ewigen Ruh triumphirend begehen. Seraphim, und ihr Seelen, erloͤste Vaͤter des Mittlers, Fangt ihr die Feſte der Ewigkeit an. Sie dauern von jetzo Mit der Unendlichkeit fort. Die noch ſterblichen Kinder der Erde Werden, Geſchlecht auf Geſchlecht, zu euch ſich alle verſammeln, Bis ſie dereinſt vollendet, mit neuen Leibern um⸗ geben, Nach vollbrachtem Gericht zu Einer Seligkeit kommen Gehet indeß von uns aus, ihr hohen Engel der Throne, Meldet den Herrſchern der Schoͤpfungen Gottes, daß ſie ſich der Feyrung Dieſer erwaͤhlten geheimnißvollen Tage bereiten. Und ihr Frommen des Menſchengeſchlechts, ihr Vaͤ⸗ ter des Mittlers, Denn von jenem Gebein der Sterblichkeit, das ihr im Staube Der Meſſias. I. G. V. 446— 460. Reifend zur Auferſtehung zuruͤckließt, ſtammt der Meſſias, Er, der Gott iſt und Menſch! auch euch iſt die Freude gegeben, Die allein bei ſich, mit ſeiner Gottheit Gefuͤhl, Gott Ganz empfindet; unſterbliche Seelen, eilt zu der Sonne, Welche den Kreis der Erloͤſung umleuchtet. Hier ſollt ihr von ferne Eures Erloͤſers und Sohns verſoͤhnende Thaten be⸗ trachten. Dieſen Lichtweg ſteiget hinab. Aus allen Bezirken Sieht euch die weite Natur mit erneuter Schoͤn⸗ heit entgegen. Denn Jehova will ſelbſt, nach dieſer Jahrhunderte Kreislauf, Einen Ruhtag Gottes, den zweiten erhabneren Sab⸗ bath, Bei ſich feiren. Der iſt viel hoͤher, als jener be⸗ ruͤhmte, Jener von euch, ihr erhabenen Weſen, ſeraphiſche Schaaren, Heilig beſungene Tag, den ihr, nach Vollendung der Welten, Einſt an dem Schoͤpfungsfeſte begingt. Ihr wißt es, o Geiſter, Wie die neue Natur, in liebenswuͤrdiger Schoͤne, Da Erfter Geſang. 33 I. G. V. 461— 474: Da ſich erhub, wie in eurer Geſellſchaft die Mot⸗ genſterne Vor dem Schoͤpfet ſich neigten. Allein jetzt wird ſein Meſſias, Sein unſterblicher Sohn viel großere Thaten voll⸗ 5 enden. Eilt, verkuͤndigt es ſeinen Geſchoͤpfen. Sein Sab⸗ bath erhebt ſich, Jetzt mit des hocherhabnen Meſſias freiem Gehor⸗ ſam. Gott Jehova nennt ihn den Sabbath des ewigen Bundes. Staunend ſchwieg Eloa, und, ſchweigend ſahe der Himmel Zu dem Allerheiligſten auf. Dem Geſendeten Chri⸗ ſtus Winkte Gott; da ſtieg er hinauf zu dem oberſten Throne. Dort empfing er, an Uriel, und die Beſchuͤtzer der Erde, Wegen der Wunder beim Tode des Sohns, ge⸗ heime Befehle. Unterdeß waren die Thronen von ihren Sitzen 1 geſtiegen Gabriel folgte. Da er dem Altar der Erde ſich 3 nahte, Hoͤret er Seufzer, die fern den hohen Gewoͤlben entwallten, Klopſt. Meſſias 1. B⸗ G hie Aufl. 33 Der Meſſias. I. G. V. 475— 489. Und mit weinendem Laute das Heil der Menſchen verlangten. Aber vor allen Stimmen erſcholl die Stimme des Erſten Unter den Menſchen. Er dachte den Fall Aeonen herunter. Dieſer iſt der Altar, von dem auf Patmos des neuen, Blutenden Bundes Prophet das himmliſche Bild erblickte, Dort wars, wo ſich im hohen Gewoͤlbe der Maͤr⸗ tirer Stimme Klagend erhub; dort weinten die Seelen Thraͤnen der Engel, Daß er den Tag, der Richter den Tag der Nas verzoͤgre! Als jetzt zu der Erd' Altar der Seraph hinabſtieg, Eilt' ihm mit jedem heißen Verlangen Adam ent⸗ gegen, Nicht ungeſehn; ein ſchwebender Leib aus Heitre gebildet, War dem ſeligen Geiſt zur verklaͤrten Huͤlle ge⸗ worden. Seine Geſtalt war ſchoͤn, wie du vor des Schoͤ⸗ pfers Gedanken, Goͤttliches Bild, da er Adam zu ſchaffen gedanken⸗ voll da ſtand, Und im geſegneten Schooſe des lebenduftenden Edens Erſter Geſang. 35 I. G. V. 490— 504. Unter ihm heiliges Land zum werdenden Menſchen ſich losriß. Alſo gebildet nahte ſich Adam. Liebliches Laͤcheln Machte ſein Antlitz wie goͤttlich, er ſprach mit ver⸗ langender Stimme: Sey mir gegruͤßt, begnadigter Seraph, du Friedensbote. Da uns die Stimme deiner erhabenen Sendung erſchallte, Hub ſich mein Geiſt in Jubel empor. Du theurer Meſſias, Koͤnnt ich dich auch, holdſelig in jener menſchlichen Schönheit, Wie der Seraph hier, ſehn! ach in jener Geſtalt der Erbarmung, Die du kohreſt, in ihr mein gefallnes Geſchlecht zu verſöhnen. Zeige mir, Seraph, die Spur, wo mein Erloͤſer gewandelt, Mein Erlöſer und Freund, ich will ihn nur ferne begleiten! Ruhſtatt jenes Gebets, wo unſer Mittler ſein Antlitz Aufhub, ſchwur, er wollte die Kinder Adams er⸗ loͤſen, Duͤrfte der erſte der Suͤnder mit Freudenthraͤnen dich anſchaun! Ach ich war ja vordem dein erſtgeborner Bewohner, C 2 Der Meſſias. I. G. V. 505— 519. Muͤtterlich Land, o Erde! wie ſehn' ich nach dir mich hinunter! Deine vom Donnerworte des Fluchs zerſtoͤrten Ge⸗ filde Waͤren mir, in des Meſſias Geſellſchaft, den jenes Todes Leib umhuͤllet, welchen ich dort in dem Staube zu— ruͤckließ,. Lieblicher, als dein Gefilde nach himmliſchen Auen erſchaffen, O Paradies, verlorner Himmel! So ſagt er voll Inbrunſt. Deine Verlangen will ich, du Erſtling der Auserwaͤhlten, Sprach mit freundlicher Stimme der Seraph, dem Soͤhnenden kund thun. Iſt es ſein goͤttlicher Wille, ſo wird er Adam ge⸗ bieten, Daß er ihn ſeh, wie er iſt, die erniederte Herrlich⸗ keit Gottes. Jetzo hatten den Himmel die Cherubim feirend verlaſſen, uUnd ſich uͤberall ſchnell in der Welten Kreiſe ver⸗ breitet. Gabriel ſchwebt' allein herab zu der ſeligen Erde, Die der benachbarte Kreis voruͤbergehender Sterne Stich mit ſeinem allgegenwärtigen Morgen be⸗ gruͤßte. Erßter Geſang. 37 J. G. V. 520— 534. Rings erſchollen zugleich die neuen Namen der Erde. Gabriel hoͤrte die Namen: Du Koͤnigin unter den Erden, Augenmerk der Geſchaffnen, vertrauteſte Freundin des Himmels, Zweite Wohnung der Heerlichkeit Gottes, unſterb⸗ liche Zeugin Jener geheimen erhabenen That des großen Meſ⸗ ſias! Alſo ertoͤnte durchhallt von engliſchen Stimmen der Umkreis. Gabriel hoͤrt' es, doch kam er mit eilendem Fluge zur Erde. Schlummer ſank und Kuͤhle noch hier in die Thaͤler, und ſtille, Dunkle, geſellige Wolken verhuͤllten noch ihr Ge⸗ birge. Gabriel ging in der Nacht, und ſuchte mit ſehnen⸗ dem Blicke Gott den Mittler. Er fand ihn in einem niedri⸗ gen Thale, Das ſich herabließ zwiſchen den Gipfeln des himm⸗ liſchen Oelbergs. Hier war, tief in Gedanken verſenket, der Gott⸗ verſoͤhner Eingeſchlafen. Ein Felshang war des Goͤttlichen Lager. Gabriel ſah ihn vor ſich in ſuͤßem luftigen Schlafe, Der Neſſias. I. G. V. 535— 549. Stand bewundernd ſtill, und ſah unverwandt auf die Schoͤnheit, Durch die vereinte Gottheit der menſchlichen Bil⸗ dung gegeben. Ruhige Liebe, Zuͤge des goͤttlichen Laͤchelns voll Gnade, Huld und Milde, noch Thraͤnen der ewig treuen Erbarmung Zeigten den Geiſt des Menſchenfreundes in ſeinem Antlitz; Aber verdunkelt war durch des Schlafes Geberde der Abdruck. Alſo ſieht ein wallender Seraph der bluͤhenden Erde Halbunkenntliches Antlitz an Fruͤhlingsabenden lie⸗ gen, „Wenn der Abendſtern am einſamen Himmel her⸗ aufgeht, Und, ihn anzuſchaun, aus der daͤmmernden Laube 1 den Weiſen Herwinkt. Endlich redte nach langer Betrachtung 31194 Ir n der Seraph: O du, deſſen Allwiſſenheit ſich durch die Him⸗ 13 mel verbreitet, Der du mich hoͤreſt, obgleich dein Leib von Erde 429. da ſchlummert, Deine Befehle richtet' ich alle mit eilender Sorg' aus! Als ich es that, eroͤffnete mir der erſte der Menſchen, Erſter Geſang. 39 I. G. V. 550— 564. Wie er, dein Antlitz zu ſehn, erhabener Mittler, ſich ſehne. Jetzo will ich, ſo hats dein großer Vater geboten! Wieder von hier, die Verſoͤhnung mit zu verherrli⸗ chen, eilen. Schweiget indeß, o nahe Geſchoͤpfe! die fluͤchtigſten Blicke Dieſer eilenden Zeit, da euer Schoͤpfer noch hier iſt, Muͤſſen theurer euch ſeyn, als jene Jahrhunderte, die ihr Euren Menſchen mit aͤmſiger, reger Sorge gedient habt. 1 Schweig, Getoͤſe der Luft, in dieſer Oede der 3 Graͤber, Oder erhebe dich ſanft mit ſtillem bebenden Saͤu⸗ ſeln. Und du, nahes Gewoͤlk, o ſenke du tiefere Ruhe In die kuͤhlenden Schatten aus deinen Schoͤßen 1 herunter. Rauſche nicht, Ceder, und ſchweig, o Hain, vor dem ſchlummernden Schoͤpfer. Alſo verlor ſich mit ſorgſamen Ton des Un⸗ ſterblichen Stimme. Und er eilete zu der Verſammlung der heiligen 3 Waͤchter, Die, Vertraute der Gottheit und ihrer verborgneren Vorſicht, 40 Der Meſſias. I. G. V. 565— 578. In geheimer Stille mit ihm die Erde beherr⸗ ſchen. Dieſen ſollt' er noch jetzo, eh er ſich erhuͤbe zur Sonne, Jenes Verlangen der ſeligen Geiſter, die nahe Ver⸗ ſoͤhnung, Und den zweiten, den Sabbath des großen Geopfer⸗ ten, kund thun. Der du nach Gabriel jetzo den Kreis der Er⸗ loͤſung beherrſcheſt, Goͤttlicher Huͤter der Mutter ſo vieler unſterblichen Kinder, ⸗ Die ſie, wie ihre Begleiter, die ſchnellen Jahrhun⸗ derte, eilend, Und unerſchoͤpflich an Fuͤlle den hoͤheren Gegenden ſendet, Dann zertruͤmmert die Huͤtte des ewigen Geiſtes hinabgraͤbt Unter Huͤgel, auf denen der fliehende Wandrer nicht ausruht; O du dieſer einſt verherrlichten Erde Beſchuͤtzer, Seraph Eloa, verzeih es deinem kuͤnftigen Freun⸗ de, Wenn er deine Wohnung ſeit Edens Schoͤpfung . verborgen, Ben der Saͤngerin Sions gelehrt, den Sterblichen zeiget. Erſter Geſang. 41¹ I. G. VB. 579— 592. Hat er in tiefe Gedanken ſich je, voll einſamer Wolluſt, und in die hellen Kreiſe der ſtillen Entzuͤckung ver⸗ loren;. Hat mit Gedanken der Geiſter ſich ſein Gedanke vereinigt, uUnd die enthuͤlltere Seele der himmliſchen Rede vernommen: O ſo hoͤr' ihn, Eloa, wenn er, wie die Jugend — des Himmels, Kuͤhn und erhaben, nicht ſingt verſchwundene Groͤße des Menſchen, Sondern des Todes Geweihte, der Auferſtehung Ge⸗ weihte Zu der Verſammlung der Himmliſchen fuͤhrt, zu dem Rathe der Waͤchter. In dem ſtillen Bezirk des unbetrachteten Nord⸗ pols Ruhet die Mitternacht einſiedleriſch, ſaͤumend; und Wolken Fließen von ihr, wie ein ſinkendes Meer, unauf⸗ hoͤrlich herunter. So lag, unter der Finſterniß Gottes von Moſes gerufen, Einſt der Strom Aegyptus, in vierzehn Ufer ge⸗ draͤnget, und ihr, ewige Piramiden, der Koͤnige Graͤ⸗ ber. 1 42 Der Aeſſde I. G. V. 593— 66. Niemals hat noch ein Auge, von kleineren Himmeln umgrenzet, Dieſe Gefilde geſehn, die in naͤchtlicher Stille ruhen unbewdhnt, und wo von des Menſchen Stimme 81 kein Laut toͤnt Wo ſie keinen Todten begruben, und keiner erſtehn wird. Aber, tiefen Gedanken geweiht, und ernſter Betrach⸗ tung, Machen ſie Seraphim herrlich, indem auf ihren Gebirgen, Gleich Orionen ſie wandeln, und, in r phetiſhe Stille Sanft verloren, der Sterblichen kuͤnftige Seligkeit anſchaun. Mitten in dieſem Gefild' erhebt ſich die engliſche Pforte, Die der Erde Beſchuͤtzer zu ihrem Heiligthum ein⸗ führt. Wie zu der Zeit, wenn der Winter belebt, ein heiliger Feſttag Ueber beſchneiten Gebirgen nach truͤben Tagen her⸗ vorgeht; Wolken und Nacht entfliehen vor ihm, die beeisten Gefilde, Hohe durchſichtige Waͤlder entnebeln ihr Antlitz, und glaͤnzen: Erſter Geſang. 4³ I. G. V. 607— 621. So ging Gabriel jetzt auf den mitternaͤchtlichen Bergen, Und ſchon ſtand des Unſterblichen Fuß an der hei⸗ ligen Pforte, Welche vor ihm, wie rauſchender Cherubim Fluͤgel, ſich aufthat, Hüurer iöm wieder mit Eile ſich ſchloß. Nun wan⸗ delt der Seraph In der Erd' Abgruͤnden. Da naͤlzten ſich Oce⸗ ane Ringsum, langſamer Flut, zu menſchenloſen Ge⸗ ſtaden. Alle Soͤhne der Oceane, gewaltige Stroͤme Floſſen, wie Ungewitter ſich aus den Wuͤſten her⸗ aufziehn, Tiefauftoͤnend ihm nach. Er ging, und ſein Hei⸗ ligthum zeigte Wiih ihm ſchon in der Naͤhe. Die Pfort' erbauet von Wolken Wich ihm aus, und zerfloß vor ihm, wie in himm⸗ liſche Schimmer. Unter dem Fuße des Eilenden zog ſich fluͤchtige Daͤmmrung Wallend weg. Nah hinter ihm an den dunkeln Geſtaden Blieb es in ſeinem Tritte zuruͤck, wie wehende . Flammen. Und der Unſterbliche war zu der Engelverſammlung gekommen. Der Neſſias. I. G. V. 622— 636. Da, wo ferne von uns zu der Mitte die Erde ſich ſenket, Woͤlbt ſich in ihr ein weiter Bezirk voll himmliſcher Luͤfte. Dort ſchwebt leiſe bewegt, und bekroͤnt mit fluͤſſi⸗ gem Schimmer, Eine ſanftere Sonne. Von ihr fließt Leben und Waͤrme In die Adern der Erd' empor. Die obere Sonne Bildet mit dieſer vertrauten Gehuͤlſin den blumigen Fruͤhling, Und den feurigen Sommer, vom ſinkenden Halme belaſtet, Und den Herbſ auf Traubengebirgen. In ihren Bezirken Iſt ſie niemals auf, und niemals untergegan⸗ gen, um ſie laͤchelt in roͤthlichen Wolken ein ewiger Morgen. Unterweilen thut, der alle Himmel erfuͤllet, Seine Gedanken den Engeln daſelbſt durch Zeichen in Wolken Wunderbar kund; dann erſcheinen vor ihnen die Folgen der Vorſicht. Alſo entdeckt ſich Gott, wenn nach wohlthaͤtigen Wettern Ueber beſaͤnftigten Wolken der Himmelsbogen her⸗ vorgeht, Erſter Geſang. 45⁵ I. G. V 637— 650. Und dir, Erde, den Bund, und die Fruchtbarkeit Gottes verkuͤndigt. Gabriel ließ jetzo auf dieſer Sonne ſich nie⸗ der, Die, ungeſehen von uns, die innere Flaͤche der Erde, und, was dort Lebendigkeit athmet, mit bleibendem Strahl labt. Alſo unſers Mondes Gefahrt. Wir ſehn ihn nicht wallen; Denn ihm entquillt nur daͤmmernder, bald verſie⸗ gender Schimmer, Auch verſinſtert et nicht, ſo locker vereinte ſein Stoff ſich: Aber die Menſchen im Hesperus ſehn, die im Ju⸗ piter ſehn ihn. Alfo der hohe Saturn. Der himmliſchen Aehre Bewohner Sehen des mondumwimmelten Sterns weitkreiſen⸗ den Lauf nicht. Um den Seraph verſammelten ſich die Beſchützer der Voͤlker, Engel des Kriegs und des Todes, die im Labirinthe des Schickſals Bis zu der göttlichen Hand den fuͤhrenden Faden begleiten; die in Verborgnem uͤber die Thaten der Koͤnige herrſchen, 46 Der Meſſias. I. G. V. 651— 664. Wenn ſie damit triumphirend, als ihrer Schoͤpfung ſich aufblaͤhn. Dann die Huͤter der Tugendhaften, der wenigen Edlen, Die in ſeiner Entfernung den denkenden Weiſen be⸗ gleiten, Wenn er das Menſchengewebe der Erdeſeligkeit fliehet, 3 Und die Buͤcher der ewigen Zukunft betend er⸗ oͤffnet. Auch ſind ſie oft insgeheim bei einer Verſammlung zugegen, Wo der feurige Geiſt die Herabkunft Gottes em⸗ pfindet, Wenn ein bruͤderlich Volk, durch das Blut des Bundes geheiligt, Vor dem Verſoͤhner der Menſchen in Jubellieder ſich ausgießt. Wenn die Seelen entſchlafner Chriſten ihr todtes Antlitz, Und den Schweiß, und die traurigen Zuͤge des ſie⸗ genden Todes, Und die bezwungne Natur auf ihrem Leichnam er⸗ blicken; So empfangen ſie dieſe Gefuͤhrten mit troͤſtendem Anblick: Lieber, wir wollen dereinſt die Truͤmmern alle verſammeln! Erſter Geſang. 3 47 I G. V. 665— 678, Eben dieſe Wohnung der Stecblichkeit, dieſe Ge⸗ beine, Welche die Hand des gewaltigen Todes ſo⸗ traurig entſtellt hat, 3 Soll mit dan Morgen des Richters zur neuen Schoͤpfung erwachen. Kommt, zukuͤnftige Buͤrzer des Himmels, helleres Anſchaun. Siehe, der erſte der Ueberwinder exwartet euch, SSeelenn Auch die Seelen, die zarten, nur ſproſſenden . Leibern entflohen, Sammelten ſich um den Seraph herum. Sie flo⸗ 4 hen noch ſprachlos, Mit der Kindheit. zaͤrtlichem Weinen. Ihr ſchuͤch⸗ ternes Auge. Ha⸗ kaum ſlaunend erblickt der Erde kleine Ge⸗ „filde; 3 Darum duuften ſie ſich auf der Welten fesrhaten — Schauplatz, deng ndebinder. ſo bald heeborznüteten nicht wa⸗ gen. Ihre eſhite geletten ſie zu ſich, uß lehren ſi reizend, 1 Unter beſeelender Harfen Klang', in lieblichen die⸗ dern: Wie, und woher ſie entſtanden; wie groß die menſchliche Seele 43 Der Meſſias. I. G. V. 679— 692. Von dem vollkommenſten Geiſte gemacht ſey, wie jugendlich heiter Sonnen und Monde nach ihrer Geburt zu dem Schoͤpfer gekommen. Euch erwarten vollendete Vaͤter! Herrliches An⸗ ſchaun Eutes Erbarmers erwartet euch dork am ewigen Throne! Alſo lehren ſie dieſe der Weisheit wuͤrdigen Schuͤ⸗ ler, Jener erhabneren Weisheit, nach deren fluͤchtigem Schatten, Dutch ihr Glaͤnzen geblendet, die irren Sterblichen eilen. Jetzo hatten ſie alle die ſchimmernden Lauben ver⸗ laſſen, Und ſich zu ihren Vertrauten, der Erde Huͤtern, verſammelt. Gabriel that jetzo der ganzen Geiſterverſamm⸗ lung Alles das kund, was Gott ihm befahl vom Meſſias zu ſagen. Dieſe blieb, wie entzuͤckt, um den hohen goͤttlichen Lehrer, Senkte froh die Gedanken in tiefe Betrachtungen nieder. Aber ein liebenswuͤrdiges Paar, zwo befreun⸗ dete Seelen,— Ben⸗ Erſter Geſang.⸗ 49 I. G. V. 693— 706. Benjamin und Jedidda umarmten einander, und ſprachen: If das nicht, o Jedidda, der holde vertrau⸗ liche Lehrer? Iſts nicht Jeſus, von welchem der Seraph es alles * erzaͤhlte? Ach ich weiß es noch wohl, wie er uns inbruͤnſtig umarmte, Wie er uns an die klopfende Bruſt mit Zaͤrtlichkeit druͤckte. Eine getreue Zaͤhre der Huld, die ſeh' ich noch immer, Netzte ſein Antlitz, ich kuͤßte ſie auf, die ſeh' ich noch immer! Benjamin, und da ſagt' er zu unſern umſtehenden Muͤttern: Werdet wie Kinder, ſonſt koͤnnt ihr das Reich des Vaters nicht erben. Ja, ſo ſagt' er, Jedidda. Und der iſt unſer Er⸗ loͤſer; Durch den ſind wir ſo ſelig! Umarme deinen Ge⸗ liebten! Alſo beſprachen ſie ſich mit Zaͤrtlichkeit unter ein⸗ ander. Gabriel aber erhub ſich zur neuen Bothſchaft. Der Feier Herht Glanz floß uͤber den Fuß des Unſterblichen nieder. Klopſt. Meſſias I. B. D qte Aufl. 8 50 Der Meſſias. I. G. V. 70)— 721. Alſo ſehen der Erde Tag die Bewohner des Mondes, Ihren Naͤchten zu leuchten, in ſtiller thauender Wolke, Auf die Gipfel ihrer Gebirge herunterwallen. Alſo geſchmuͤckt ſtand Gabriel auf, und, unter dem Nachruf Jauchzender Engel und Seelen, betrat er den freie⸗ ren Luftkreis. Rauſchend, wie Pfeile vom ſilbernen Bogen, zum Siege befluͤgelt, Flieget er neben Geſtirnen vorbei, und eilt zu der Sonne. Und ſchon ſinket er ſchwebend auf ihren Tempel her⸗ unter. Auf der Zinne des Tempels fand er die Seelen der Vater, Die unverwandt den ſuchenden Blick mit den Strah⸗ 1 len vereinten, Welche den weckenden Tag in die Thaͤler Kanaans ſandten Unter den Vaͤtern war einer von hohen denkendem Anſehn, Adam, der Sohn der erwachenden Erd', und der Bildungen Gottes. Gabriel, er, und der Sonne Beherrſcher erwarteten ſehnend, Unter Geſpraͤchen vom Heil der Menſchen, des Oel⸗ bergs Anblick. 85 ˙ — 8 — O —+½ — — 082 2 Inhalt des zweiten Geſangs. De Seelen der Vaͤter ſehen den Meſſias, bei anbre⸗ chendem Tage, erwachen, und begruͤßen ihn mit einem heiligen Liede. Jeſus erfaͤhrt vom Raphael, dem Schutzen⸗ gel Johannes, daß dieſer Juͤnger, in den Graͤbern am Oelberge einen Beſeſſenen betrachte. Er gehet dahin, und findet Samma, den Satan bei ſeiner Ankunft durch Verzweiflung toͤdten will. Der Meſſias antwortet der ſtolzen Anrede Satans nicht; aber dieſer muß vor ihm entfliehen. Samma wird von ſeiner Qual befreiet. Jeſus bleibt mit Johannes allein in den Graͤbern. Sa⸗ tan koͤmmt zur Hoͤlle, erzaͤhlt, was er von Jeſu weiß, und beſchließt ſeinen Tod. Einer von den gefallnen En⸗ geln, Abdiel Abbadona, widerſpricht Satan. Satan kann ihm vor Wuth nicht antworten. Adramelech thuts, und billigt die Entſchließung Satans. Dieß thut hierauf die ganze Hoͤlle. Satan und Adramelech kehren zur Erde zuruͤck, ihre Entſchließung auszufuͤhren. Abbadona folgt ihnen von fern. Er ſieht bei der Pforte der Hoͤlle, Abdiel, einen guten Engel, und ſeinen ehemaligen Freund. Er redet ihn von fern wehmuͤthig an. Aber Abdiel will ihn nicht bemerken. Abbadona geht fort, und beim Ein⸗ tritte in die Welt bejammert er ſeine verlorne Herrlich⸗ keit, und verzweifelt, Gnade zu finden. Nach einigen umſonſt angewandten Bemuͤhungen, ſich zu vernichten, koͤmmt er zur Erde. Satan und Adramelech nahen ſich auch der Erde. Da Adramelech die Erde ſieht, redt er ſie an, und druͤckt ſeine ganze Bosheit durch wuͤthend ausſchweifende Entſchließungen aus. Er und der Satan laſſen ſich auf den Oelberg herunter. 4 Zweiter Geſang. II. G. V. 1— 10. etzt ſtieg uͤber den Cedernwald der Morgen her⸗ unter. Jeſus erhub ſich, ihn ſahn in der Sonne die See⸗ len der Vaͤter. Als ſie ihn ſahn, da ſangen zwo Seelen gegen ein⸗ ander, Adams Seele, mit ihr die Seele der goͤttlichen Eva: Schoͤnſter der Tage, du ſollſt vor allen kuͤnf⸗ tigen Tagen Feſtlich und heilig uns ſeyn, dich ſoll vor deinen Gefaͤhrten, Kehreſt du wieder zuruͤck, des Menſchen Seele, der Seraph Und der Cherub, beim Aufgang und Untergange, begruͤßen. Steigſt du zur Erd' herab; verbreiten dich Orione Durch die Himmel; und gehſt du am Thron der Herrlichkeit Gottes 54 Der Neſſias. II. G. V. 11— 24. Strahlend hervor: ſo wollen wir dir in feirendem Aufzug, Jauchzend mit Hallelujageſäͤngen entgegenſegnen! Dir, unſterblicher Tag, der du unſerm getroͤſteten Auge Gott, den Meſſias, auf Erden in ſeiner Erniedri⸗ gung zeigeſt. O von Adam der ſchoͤnſte! Meſſias in menſchlicher Bildung! Wie enthuͤllt ſich in deinem erhabenen Antlitz die Gottheit! Selig biſt du und heilig, die du den Meſſias gebareſt, Seliger du, als Eva, der Menſchen Mutter. Un⸗ zaͤhlbar Sind die Soͤhne von ihr, und ſind unzaͤhlbare Suͤnder. Aber du haſt Einen, nur einen goͤttlichen Men⸗ . ſchen, Einen gerechten, ach Einen unſchuldigen theuren Meſſias, Einen ewigen Sohn,(ihn ſchuf kein Schoͤpfer!) geboren! Zaͤrtlich ſeh', und mit irrendem Blick ich hinab zu der Erde; Dich, Paradies, dich ſeh' ich nicht mehr. Du biſt in den Waſſern 9/ 0 Zweiter Geſang. II. G. V. 25— 33. Niedergeſtuͤrzt, im Gericht der allgegenwaͤrtigen Suͤndfluth! Deiner erhabnen umſchattenden Cedern, die Gott ſelbſt pflanzte, Deiner friedſamen Laube, der jungen Tugenden Wohnung, Hat kein Sturm, kein Donner, kein Todesengel geſchonet! Bethlehem, wo ihn Maria gebar, und ihn bruͤn⸗ ſtig umarmte, Sey du mir mein Eden; du Brunnen Davids, die Quelle, Wo ich goͤttlich erſchaffen zuerſt mich ſah; du . Huͤtte, Wo er weinete, ſey mir die Laube der erſten Un⸗ ſchuld! Haͤtt' ich dich in Eden geboren, du Goͤttlicher, haͤtt' ich Gleich nach jener entſetzlichen That, o Sohn, dich geboren: Siehe, ſo waͤr' ich mit dir zu meinem Richter ge⸗ gangen; Da, wo er ſtand, wo unter ihm Eden zum Grabe ſich aufthat, Wo der Erkenntniſſe Baum mir fuͤrchterlich rauſchte, die Stimme Seiner Donner den Richterſpruch des Fluches mir ausſprach, 56 Der Meſſias. II. G. B. 39— 52. Wo ich in bangem Erbeben verſank, zu ſterben ver⸗ ſank, da Waͤr' ich zu ihm gegangen; dich haͤtt' ich weinend — umarmt, Sohn! An mein Herz dich gedruͤckt, und gerufen: Zuͤrne nicht, Vater! Zuͤrne nicht mehr, ich habe den Mann Jehova ge⸗ boren! Heilig biſt du, anbetungswuͤrdig, und ewig, o Erſter! Der du deinen goͤttlichen Sohn von Ewigkeit zeug⸗ teſt, Ihn, nach deinem Bilde gezeugt, zum Erloͤſer der Menſchen, Meines von mir beweinten Geſchlechts, erbarmend erwaͤhlteſt. Gott hat meine Thraͤnen geſehn; ihr habt ſie ge⸗ ſehen, Seraphim, und ſie gezaͤhlt; auch ihr, ihr Seelen der Todten, Seelen meines entſchlafnen Geſchlechts, ſie alle ge⸗ zaͤhlet. Waͤreſt du nicht, o Meſſias, geweſen; die ewige Ruhe. Haͤtte ſelbſt mir traurig, und ungenießbar geſchie⸗ nen. Aber von deiner goͤttlichen Huld, von deiner Er⸗ barmung, Zweiter Geſang. 57 II. G. B. 53— 66. Stifter des ewigen Bundes, von ihr umſchattet, da lernt' ich Selbſt in der Wehmuth Schmerz mehr Seligkeiten empfinden. Und nun traͤgſt du ſein Bild, das Bild des . ſterblichen Menſchen, Gottmenſch, Mittler, dich beten wir an! Vollende dein Opfer, Das du fuͤr uns, Weltrichter, fuͤr uns zu vollen⸗ den herabſtiegſt. Mache die Erde bald neu, die du zu verneuen be⸗ ſchloſſeſt, Dein und unſer Geburtsland! Komm zuruͤck in den Himmel! Komm, ſey gegruͤßt in deinen Erbarmungen, Gott⸗ menſch, Mittler! Alſo ertoͤnte mit maͤchtigem Klang die Stim⸗ me der Seelen, Durch des ſtrahlenden Tempels Gewoͤlbe. Jeſus vernahm ſie Fern in der Tiefe. Wie mitten in heiligen Ein⸗ ſiedleien, In der Zukunft Folge vertieft, prophetiſche Weiſe Dich, in der Fern heranwandelnde Stimme des Ewigen, hoͤren. Jeſus ſtieg an dem Oelberg nieder. An ſeiner Mitte 58 Der Meſſias. II. G. V. 67— 30. Standen Palmen vor allen auf niedrigen Huͤgeln erhaben, Von leichtſchimmernden Wolken des Morgennebels umfloſſen. Unter den Palmen vernahm der Meſſias den Engel Johannes, Raphael iſt ſein Name, der ihn hier betend ver⸗ ehrte. Liebliche Winde zerfloſſen von ihm, und trugen die Stimme, Die ſonſt keine Geſchoͤpfe nicht hoͤrten, hinab zu dem Mittler. Raphael komm, rief ihm der Meſſias mit freundlichem Anblick, Wandle mir hier ungeſehn zu der Seite. Wie haſt du die Nacht durch Unſers lieben Johannes unſchuldige Seele bewachet? Welche Gedanken, die deinen Gedanken, Raphael, glichen, Hatt' er? Wo iſt er jetzt? Ich bewacht' ihn, ſagte der Seraph, Wie wir die Erſtlinge deiner Erwaͤhlten, o Mittler, bewachen. Seinen geoͤffneten Geiſt umſchatteten heilige Traͤume, Traͤume von dir. O haͤtteſt du ihn da ſchlummern geſehen, Zweiter Geſang. 59 II. G. V. 3 ¼— 94. Als er dich, Goͤttlicher, ſah! Ein heiliges Fruͤh⸗ lingslaͤcheln Fuͤllte ſein Antlitz. Dein Seraph hat auch in Edens Gefilden Adam geſehen, da er ſchlief, und das Bild der werdenden Eva, Und des bauenden Schoͤpfers vor ſeine Gedanken herabkam. 3 Aber ſo ſchoͤn war er kaum, wie dein goͤttlicher Juͤnger Johannes. Doch jetzt iſt er dort unten in traurigen naͤchtlichen Graͤbern, Klaget einen beſeſſenen Mann, der im Staube der Todten Fuͤrchterlich bleich, wie bebend Gebein, heruͤberge⸗ ſtreckt liegt. Mittler, du ſollſt ihn ſehn, du ſollteſt den zaͤrtli⸗ chen Juͤnger Neben ihm voll mitleidiges Kummers und Weh⸗ muth erblicken, Wie vor Menſchenliebe das Herz ihm erbarmend zerfließet, Wie er bebet. Mir ſelbſt drang eine Thraͤne der Wehmuth Zitternd ins Auge. Da wandt' ich mich weg. Das Leiden der Geiſter, Die du zur Ewigkeit ſchufſt, iſt mir ſtets durch die Seele gedrungen. Der Neſſias. II. G. V. 95— 109. Raphael ſchwieg. Der Goͤttliche ſah mit Zor⸗ ne gen Himmel. Vater, erhoͤre mich! Es werde der Haſſer der Menſchen Deinem Gericht' ein ewiges Opfer, das jauchzend der Himmel, Das mit Beſtuͤrzung und Schand' und Schmach die Hoͤlle betrachte! Alſo ſagt' er, und naͤherte ſich den Graͤbern der Todten. Unten am mitternaͤchtlichen Berge waren die Graͤ⸗ ber In zuſammengebirgte zerruͤttete Felſen gehauen. Dicke, finſterverwachſene Waͤlder verwahrten den Eingang, Vor des fliehenden Wanderers Blick. Ein trauri⸗ ger Morgen Stieg, wenn der Mittag ſchon ſich uͤber Jeruſalem ſenkte, Daͤmmernd noch in die Graͤber mit kuͤhlem Schauer hinunter. Samma, ſo heißt der beſeſſene Mann, lag neben dem Grabe Seines juͤngſten geliebteren Sohns in klaͤglicher Ohnmacht. Satan ließ ihm die Ruh, ihn deſto ergrimmter zu quaͤlen. Samma lag bei des Knaben Gebein in modernder Aſche; Zweiter Geſang. 61. II. G. V. 110— 123. Neben ihm ſtand ſein anderer Sohn, und weinte zu Gott auf. Jenen todten, den der Vater beweint', und der Bruder, Brachte die zaͤrtliche Mutter einſt, erweicht durch 5 ſein Flehen, Mit in die Graͤber zum Vater hinab, zu dem Va⸗ ter im Elend, Den jetzt Satan in grimmiger Wuth bei den Tod⸗ ten herumtrieb. Ach mein Vater! ſo rief der kleine geliebte Benoni, Und entflohe der Mutter Arm, die aͤngſtlich ihm 3 nachlief; Ach mein Vater, umarme mich doch! und kruͤmmt' um die Hand ſich, Druͤckte ſie an ſein Herz. Der Vater umfaſſet ihn, bebet! Da mit kindlicher Inbrunſt nun der Knab' ihn umarmte, Da er mit ſanft liebkoſendem Laͤcheln ihn jugendlich anſah, Warf ihn der Vater an einen entgegenſtehenden Felſen, Daß ſein zartes Gehirn an blutigen Steinen her⸗ abrann, Und mit leiſem Roͤcheln entfloh die Seele voll Un⸗ ſchuld. 62 Der Meſſias. II. G. V. 124— 137. er ihn troſtlos, und faßt das kalte Be⸗ haͤltniß Seiner Gebeine mit ſterbendem Arm. Mein Sohn, Benoni! Ach Benoni, mein Sohn! ſo ſagt er, und jam⸗ mernde Thraͤnen Stuͤrzen vom Auge, das bricht, und langſamſtar⸗ rend dahinſtirbt. Alſo lag er beklommen von Angſt, da der Mittler hinabkam. Joel, der andere Sohn, verwandte ſein thraͤnendes Antlitz Von dem Vater, und ſah den Meſſias die Graͤber herabgehn! Ach mein Vater, erhub er froh vor Verwundrung die Stimme, Jeſus, der große Prophet, kommt in die Graͤbet hernieder Jetzo klagt Satan hoͤrt' es, und ſah beſtuͤrzt durch die Oeffnung des Grabmals. So ſehn Gottesleugner, der Poͤbel, aus dunkeln Gewoͤlben, Wenn am donnernden Himmel das hohe Gewitter hderaufzieht, Und in den Wolken der Rache gefuͤrchtete Wogen ſich waͤlzen. Satan hatte bisher aus der Fern nur Samma ge⸗ peinigt. Zweiter Geſang. 63 II. G. V. 138— 151. Aus den tiefſten entlegenſten Enden des naͤchtlichen Grabmals Sandt' er langſame Plagen hervor. Itt erhub er 4 ſich wieder, Ruͤſtete ſich mit des Todes Schrecken, und ſtuͤrzt' auf Samma.. Samma ſprang auf, dann fiel ohnmaͤchtig von 3 neuem er nieder. Sein erſchuͤtterter Geiſt,(er rang noch kaum mit dem Tode!) Riß ihn, von dem moͤrdriſchen Feind' empoͤret zum Unſinn, Felſenan. Hier wollt' ihn, vor deinen goͤttlichen Augen, Richter der Welt, am hangenden Felſen Satan zer⸗ ſchmettern. Aber du wareſt ſchon da, ſchon trug voreilend die Gnade Dein verlaßnes Geſchoͤpf auf treuen allmaͤchtigen Fluͤgeln, Daß er nicht ſank. Da ergrimmte der Geiſt des Menſchenverderbers, Und erbebte. Ihn ſchreckte von fern die kommende Gottheit. Jetzo richtete Jeſus ſein helfendes Antlitz auf Samma; Und belebende goͤttliche Kraft, mit dem Blicke ver⸗ einet, 64 Der Meſſias. II. G. V. 152— 165. Ging von ihm aus. Da erkannte der bange ver⸗ laſſene Samma Seinen Retter. Ins bleiche Geſicht voll Todesge⸗ ſtalten* Kam die Menſchheit zuruͤck, er ſchrie, und weinte . gen Himmel; Wollte reden, allein kaum konnt' er, von Freuden erſchuͤttert, Bebend ſtammeln. Doch breitet' er ſich mit ſehn⸗ lichen Armen Nach dem Goͤttlichen aus, und ſah mit getröſtetem Auge, Voll Entzuͤckung, nach ihm von ſeinem Felſen her⸗ unter. Wie die Seele des truͤberen Weiſen, die, in ſich gekehret, Und an der Ewigkeit der kunftigen Dauer ver⸗ zweifelnd, Innerlich bebt; die unſeerbihe ſchauert vor der Vernichtung: Aber itzt nahet ſich ihr der weiſeren Freundinnen eine; Ihrer Unſterblichkeit ſicher, und ſtolz auf Gottes Verheißung, Kommt ſie zu ihr mit troͤſtendem Blick. Die truͤbe Verlaßne Heitert ſich auf, und windet mit Macht vom jam⸗ mernden Kummer Un⸗ Zweiter Geſang⸗ 65 II. G. V. 166— 178.. Ungeſtuͤmfreudig ſich los; die ewige jauchzt nun und ſegnet Sich in Triumph, und iſt von neuem unſterblich geworden! Alſo empfand der beſeſſene Mann die Beruhigung Gottes. Jetzo ſprach der Meſſias mit maͤchtiger Stimme zu Satan: Geiſt des Verderbens, wer biſt du, der du vor meinem Antlitz Dieß zur Erloͤſung erwaͤhlte Geſchlecht, die Men⸗ ſchen, ſo quaͤleſt? Ich bin Satan, antwortet' ein zorniges tie⸗ fes Gebruͤll, bin Koͤnig der Welt, die oberſte Gottheik unſklaviſcher Geiſter, Die mein Anſehn etwas erhabnerem, als den Ge⸗ ſchaͤften Himmliſcher Saͤnger beſtimmt. Dein Kuf, o ſterb⸗ licher Seher, Denn Maria wird wohl Unſterbliche niemals gebaͤ⸗ ren! Dieſer dein Ruf drang, wer du auch biſt, zu der unterſten Hoͤlle. Selber ich verließ ſie, ſey ſtolz ob meiner Herauf⸗⸗ kunft! Klopſt. Meſſias I. B. E lte Aufl. 7 Der Meſſias. II. G. V. 179— 193. Dich von himmliſchen Sklaven verkuͤndigten Retter zu ſehen. Doch du wurdeſt ein Menſch, ein goͤttertraͤumender Seher, Wie die, welche mein maͤchtiger Tod hinab in die Erde Graͤbt! Drum gab ich nicht Acht, was die neuen Unſterblichen thaten. Aber nicht muͤßig zu feyn, ſo plagt' ich, das haſt du geſehen! Deine Geliebten, die Menſchen. Da ſchau die To⸗ desgeſtalten, Meine Geſchoͤpf, auf dieſem Geſicht! Jetzt eil' ich zur Hoͤlle. Unter mir ſoll mein allmaͤchtiger Fuß das Meer und die Erde, Mir zu bahnen gehbaren Weg, gewaltſam ver⸗ wuͤſten. Dann ſoll ſchauen die Hoͤll' in Triumph mein koͤ⸗ niglich Antlitz. Willſt du was thun, ſo thu es alsdann. Denn ich kehre wieder, Hier auf der Welt mein erobertes Reich, als Koͤ⸗ nig, zu ſchuͤtzen. Stirb indeß noch, Verlaßner, vor mir! Er ſprachs, und er ſtuͤrzte Stuͤrmend auf Samma. Allein des ruhigſchweigen⸗ den Mittlers Stille verborgne Gewalt kam, gleich des Vaters Allmacht, Zweiter Geſang. 6⁷ II. G. V. 194— 208. Wenn er Untergang unerforſcht auf Welten herab⸗ winkt, Satan in Zorne zuvor! Er floh, und vergaß im Entfliehen, Unter allmaͤchtigem Fuß zu verwuͤſten das Meer und die Erde. Samma ſtieg indeß von ſeinem Felſen hernieder. Alſo entfloh von dem hohen Euphrates Nebukad⸗ nezar, Da ihm der Rath der heiligen Waͤchter die Bildung des Menſchen Wiedergab, und, von neuem den Himmel zu ſchaun, ihn erhoͤhte. Gottes Schreckniſſe gingen nicht mehr, mit dem Rauſchen Euphrates, Ihm in Wettern voruͤber, als warens des Sinai Wetter. Nebukadnezar erhub ſich auf Babilons hangende Höohen; Jetzo kein Gott mehr, lag er gen Himmel ausge⸗ breitet, Dankbar im Staube gebeugt, den Ewigen anzu⸗ beten. So kam Samma zu Jeſus herab, und fiel vor ihm nieder. Darf ich dir folgen, du heiliger Mann? Ach laß mich mein Leben, Das du von neuem mir gabſt, bei dir, Mann Got⸗ tes, vollenden! E 2 68 Der Meſſias. II. G. V. 209— 222. Alſo ſagt' er, und ſchlang ſich mit bruͤnſtigen zit⸗ ternden Armen Um den Erloͤſer, der ihn mit menſchenfreundlichen Blicken Dieß erwiederte: Folge mir nicht, doch verweile dich kuͤnftig Oft an der Hoh der Schaͤdelſtaͤte; da wirſt du die Hoffnung Abrahams und der Propheten mit deinen Augen er⸗ blicken. Als der Mittler zu Samma ſo ſprach, da wandte ſich Joel Zu Johannes, und ſagte zu ihm mit ſchuͤchterner Unſchuld: Lieber! ach fuͤhre du mich zu Gottes großem Pro⸗ pheten, Daß er mich hoͤre, du kenneſt ihn ja. Der zaͤrtli⸗ che Juͤnger Nahm ihn, und fuͤhrt' ihn zu Jeſus, da ſagt' er in ſeiner Unſchuld: Gottes Prophet, ſo kann denn mein Vater und ich dir nicht folgen? Aber, o darf ich es ſagen, warum verweileſt du jetzo, Wo mein jugendlich Blut erſtarrt vor der Tahten — Gebeinen? Komm, Mann Gottes, ins Haus, wohin mein Vater zuruͤckkehrt; Zweiter Geſang. 69 II. G. V. 223— 236. Dort ſoll meine verlaſſene Mutter mit Demuth dir dienen. Milch und Honig, die lieblichſte Frucht von unſe⸗ ren Baͤumen Sollſt du genießen; die Wolle der juͤngſten Laͤmmer der Aue Soll dich decken. Ich ſelber will dich, o Gottes 82 Prophet, dann, Koͤmmt der Sommer, unter der Baͤume Schatten begleiten, Die mein Vater im Garten mir gab. Mein lieber Benoni! Ach Benoni, mein Bruder! dich laſſ' ich zuruͤck in dem Grabe! Ach nun wirſt du mit mir die Blumen kuͤnftig nicht traͤnken! Wirſt am kuͤhlenden Abend mich niemals bruͤderlich wecken! Ach Benoni! ach Gottes Prophet, da liegt er im Staube! Jeſus ſah mit Erbarmen ihn an, und ſprach zu Johannes: Trockne dem Knaben die Zaͤhren vom Aug', ich hab ihn viel edler Und rechtſchaffner, als viele von ſeinen Vaͤtern er⸗ funden. Alſo ſagt' er, und blieb mit Johannes allein in den Graͤbern. Der Meſſias. II. G. V. 237— 250. Satan ging indeß, mit Dampf und mit Wol⸗ ken umhuͤllet, Hin durch Joſaphats Thal, und uͤber das Meer des Todes, . Stieg von da auf den wolkigten Karmel, vom Kar⸗ mel gen Himmel. Hier durchirrt er mit grimmigem Blick den goͤttli⸗ chen Weltbau, Daß er, nach ſo vielen Jahrhunderten ſeit der Er⸗ ſchaffung, In der Herrlichkeit ſtrahle, die ihm der Donnerer anſchuf! Gleichwohl ahmt' er ihn nach, und aͤnderte ſeine Geſtalten Durch aͤtheriſchen Glanz, daß die Morgenſterne, wie dunkel Und verworfen er ſey, in ſtillem Triumphe nicht ſaͤhen. Doch dieß helle Gewand war ihm bald unertraͤglich; er eilte, 4 Aus der ſchreckenden Schoͤpfung Bezirk zu der Hoͤlle zu kommen. Jetzo hatt' er ſich ſchon bei den aͤuſſerſten Weltge⸗ baͤuden Stuͤrmiſch heruntergeſenkt. Unermeßliche daͤmmern⸗ de Raͤume Thaten vor ihm wie unendlich ſich auf. Die nennt er den Anfang Zweiter Geſang. 71¹ II. G. V. 251— 265. Weiterer Reiche, die Satan durchherrſcht! Hier ſah er von ferne Fluͤchtigen Schimmer, ſo weit die letzten Sterne der Schoͤpfung Noch das unendliche Leere mit ſterbendem Strahle durchirrten. Doch hier ſah er die Hoͤlle noch nicht. Die hatte die Gottheit Ferne von ſich, und ihren Geſchoͤpfen, den ſeligen Geiſtern, Weiter hinunter in ewige Dunkelheit eingeſchloſſen. Denn in unſerer Welt, dem Schauplatz ihrer Er⸗ barmung, War kein Raum fuͤr Orte der Qual. Der Ewige ſchuf ſie Farchtbar, zu dem Verderben, zu ſeinem ſtrafen⸗ den Endzweck, Weit hinreichend, vollkommen. In drei erſchreckli⸗ chen Naͤchten Schuf er ſie, und verwandte von ihr ſein Antlitz auf ewig. Zween der heldenmuͤthigſten Engel bewachten die Hoͤlle. Dieß war Gottes Befehl, da er ſie mit maͤchtiger Ruͤſtung Segnend umgab. Sie ſollten den Ort der dunkeln Verdammniß Ewig in ſeinem Kreiſ' erhalten, damit der Em⸗ poͤrer 72 Der Meſſias. II. G. V. 266— 279. Kuͤhn mit ſeiner verfinſterten Laſt nicht die Schoͤ⸗ pfung beſtuͤrmte, Und das Antlitz der ſchoͤnen Natur durch Verwuͤ⸗ ſtung entſtellte. Wo an der Pforte der Hoͤlle mit herrſchendem Auge ſie ruhen, Dort her ſenkt ſich ein ſtrahlender Weg, wie von Zwillingsquellen, Hell die Wogen, ein Strom, den noch die Wen⸗ dung nicht kruͤmmte, Gegen den Himmel gekehrt, nach Gottes Welten hinuͤber, Daß in der Einoͤd' hier es ihnen an heiliger Freude, Ueber die mannichfaltige Schoͤne der Schoͤpfung nicht fehle. Neben dieſem leuchtenden Weg' eilt Satan zur Hoͤlle, Reiſet ergrimmt durch die Pforte ſich, ſteigt in dampfendem Nebel Auf den hohen gefuͤrchteten Thron. Ihn ſahe kein Auge Unter den Augen, die Nacht und Verzweiflung truͤbe verſtellten. Zophiel nur, ein Herold der Hoͤll', entdeckte den Nebel, Welcher hinauf ſich zog die erhebenden Stufen, und ſagte . Zweiter Geſang. 73 II. G. V. 280— 293. Einem, der neben ihm ſtand: Kommt Satans ober⸗ ſte Gottheit Etwa zur Hoͤlle zuruͤck? Werkuͤndigt der dampfen⸗ de Nebel Jene Ruͤckkehr, welcher die Goͤtter ſo lange ſchon harrten? Als der Herold noch ſprach, floß ſchnell die umhuͤllende Daͤmmrung Rings von Satan; er ſaß auf einmal mit zornigem Antlitz Fuͤrchterlich da. Gleich eilte der fluͤchtige ſclaviſche Herold Gegen das Feuergebirg, das ſonſt mit Stroͤmen .. und Flammen Satans Ankunft weit, auf den uͤberhangenden Felſen, In den gedrohten, verſinkenden Thaͤlern umher an⸗ kuͤndet. Zophiel ſtieg auf Fluͤgeln des Sturms durch die Hoͤhlen des Berges Gegen die dampfende Muͤndung empor. Ein feu⸗ 1 riges Wetter Machte hierauf den ganzen Bezirk der Finſterniß ſichtbar. Jeder erblickt in ſchimmernder Fern den ſchrecklichen Koͤnig. Alle Bewohner des Abgrunds kamen. Die Maͤch⸗ tigſten eilten, 74 Der Meſſias. II. G. V. 294— 307. Neben ihm auf den Stufen des Throns ſich nie⸗ derzuſetzen. Die du mit Ruh voll Feuer und Ernſt zu der Holl' hinabſiehſt, Weil du zugleich im Angeſicht Gottes Klarheit er⸗ blickeſt, Und Zufriedenheit uͤber ſich ſelbſt, wenn er Suͤnder beſtrafet, Sionitin, und laß die maͤchtige Stimme Rauſchend, gleich Sturmwinden, wie Wetter Got⸗ tes, ertoͤnen. Zeige ſie mir, Adramelech kam erſt, ein Geiſt verruchter als Satan, Und verdeckter. Noch brannte ſein Herz von grim⸗ migem Zorne Wider Satan, daß dieſer zuerſt zur Empoͤrung ſich aufſchwang! Denn er hatte ſchon laͤnge bei ſich Empoͤrung be⸗ ſchloſſen. Wenn er was that; er thats nicht, Satans Reiche zu ſchuͤtzen: Seinetwegen veruͤbt' er es. Seit undenkbaren Jah⸗ ren Hatt' er darauf ſchon gedacht, wie er ſich zu der Herrſchaft erhuͤbe, Wie er Satan entflammte, mit Gott von neuem zu kriegen; Zweiter Geſang. 75 II. G. V. 308— 321. Oder ihn in den unendlichen Raum auf ewig ent⸗ fernte; Oder zuletzt, waͤr' alles umſonſt, durch Waffen bezwaͤnge. Da ſchon, als die gefallenen Engel den Ewigen 3 flehen, Sann er darauf. Da ſie alle ſchon der Abgrund einſchloß, Kam er zuletzt, und trug vor ſeinem kriegeriſchen Harniſch Eine leuchtende goldene Tafel, und rief durch die Hoͤlle: Warum fliehen die Koͤnige ſo? In hohem Tri⸗ umphe Solltet ihr, o Krieger fuͤr unſre behauptete Frei⸗ heit, In die neue Wohnung der Pracht und Unſterblich⸗ keit einziehen! Da der Meſſias und Gott den neuen Donner er⸗ fanden, Und in ihr Kriegsgeſchaͤft vertieft euch zornig ver⸗ folgten, Stieg ich ins Allerheiligſte Gottes, da fand ich die Tafel Voll vom Schickſal, das unſre kuͤnftige Groͤße ver⸗ kuͤndigt. Sammelt euch, ſeht die himmliſche Schrift! So redet das Schickſal: Der Meſſias. II. G. V. 322— 335. Einer von denen, die jetzt Jehovah, als Skla⸗ ven, beherrſchet, Wird, daß er Gott ſey! erkennen; wird den Him⸗ mel verlaſſen, Und mit ſeinen vergoͤtterten Freunden im einſamen Raume Wohnungen finden. Die wird er zwar erſt mit Abſcheu bewohnen; Wie der, der ihn vertrieb, eh ich ihm die Welten . erbaute, Lange, dieß war mein herrſchender Wille! das CEhaos bewohnte. Aber er ſoll nur die Reiche der Hoͤlle muthig be⸗ treten; Denn aus ihr entſtehen ihm einſt gleichherrliche Welten. Die wird Satan erſchaffen, doch ſoll er den goͤtt⸗ lichen Grundriß Selber von mir vor meinen erhabenen Thronen empfangen. Alfo ſaget der Goͤtter Gott, ich, der ich allein mir Alle Bezirke des Raums„ mit ihren Goͤttern und Welten, Rings, mit meiner vollkommenſten Welt, unendlich umgrenze! Aber ihm glaubte die Hoͤlle nicht, zwang ſich umſonſt, es zu waͤhnen. Zweiter Geſang. 7⁷ II. G. V. 336— 349. Gott vernahm die Stimme des laͤſternden, ſprach zu ſich ſelber: Auch der erſähättitte Suͤnder iſt meiner Herrlichkeit Zeuge! Und mit Eile ging das Gericht vom Angeſicht Gottes. Tief in der innerſten Hoͤll' erhebt ſich ein leuchten⸗ der Klumpen Aus dem flammenden Meer, geht unter ins Meer des Todes. Der erhub aus der Laufbahn ſich in donnernden Kreiſen, Faßt' Adramelech, und ſtuͤrzt' in das todte Meer ihn. Da wurden Sieben Naͤchte, ſtatt einer. Die N Naͤchte lag er im Abgrund. Lange darauf erbaut' er der oberſten Gottheit den Tempel, Wo er, als ihr Prieſter, die goldene Tafel des Schickſals AUeber den hohen Altar geſtellt hat. Die aͤlternde Luͤge Glaubt zwar keiner; doch kommen, die Adramelech verehren, Sklaviſche Heuchler, dahin, und beten fein luftiges Unding, Wenn er da iſt, gebuͤckt, und wenn er weg iſt, mit Hohn an. 78 Der Meſſias. II. G. V. 350— 363. Von dem Tempel kam Adramelech, und ſetzt' auf dem Throne Mit verborgenem Grimm an Satans Seite ſich nieder. Drauf eilt Moloch, ein kriegriſcher Geiſt, von ſeinen Gebirgen, Die er, kaͤme der donnernde Krieger, ſo nennt er Jehovah, In die Gefilde der Hoͤlle, ſie einzunehmen, her⸗ unter, Sich zu vertheidigen, ſtolz mit neuen Bergen um⸗ thuͤrmt hat. Oft wenn der traurige Tag an des flammenden Oceans Ufern Dampfend hervorſteigt, ſehen ihn ſchon die Bewoh⸗ . ner der Hoͤlle, Wie er unter der Laſt, von Getoͤſ' umſtuͤrmt, und von Krachen, Muͤhſam geht, und ſich dem hohen Gipfel des Berges Endlich naht. Und wenn er alsdann die neuen Gebirge Auf die Hoͤh, der Hoͤlle Gewoͤlben entgegengethuͤrmt hat, Steht er in Wolken, und waͤhnt, indem ein zer⸗ truͤmmerter Berg noch Hallet, er donnr' aus den Wolken! Ihn ſehn die Erdebezwinger Zweiter Geſang. 79 II G. V. 364— 377. Unten erſtaunend an. Er rauſchete von den Ge⸗ birgen Durch ſie gewaltig einher. Sie wichen, gefluͤgelt von Ehrfurcht, Vor dem Krieger. Er ging, von ſeiner toͤnenden Ruͤſtung Dunkel, wie der Donner von ſchwarzen Wolken, umgeben. Vor ihm bebte der Berg, und hinter ihm ſanken die Felſen Zitternd herab. So ging er, und kam zu dem Thron des Empoͤrers. Belielel erſchien nach ihm. Er kam verſtum⸗ mend Aus den Waͤldern und Aun, aus denen Baͤche des Todes Dunkel von nebelndem Quell nach Satans Throne ſich waͤlzen, Dort bewohnt's Belielel. Umſonſt iſt alle ſein Muͤhſal, Ewig umſonſt, des Fluches Gefild wie die Welten des Schoͤpfers Umzuſchaffen. Ihn ſiehſt du mit hohem erhabenen Laͤcheln,. Ewiger, wenn er jetzt den furchtbarbrauſenden Sturmwind Sehnſuchtsvoll, hinſinkendes Arms, gleich kuͤhlenden Weſten, 30 Der Meſſias. II. G. V. 378— 391. Vor ſich uͤber zu fuͤhren am traurigen Bach' ar⸗ beitet. Denn der brauſt unaufhaltſam dahin, und Schreck⸗ 3 niſſe Gottes Nauſchen ihm auf den verderbenden Fluͤgeln; und öde Verwuͤſtung Bleibt ungeſtalt im erſchuͤtterten Abgrund hinter ihm liegen. Grimmig denkt Belielel an jenen unſterblichen Fruͤh⸗ ling, Der die himmliſche Flur, wie ein junger Seraph, umlaͤchelt. Ach ihn bildet' er gern in der Holle zu naͤchtlichem Thal nach! Doch er ergrimmt, und ſeufzet vor Wuth; denn die traurigen Auen Liegen vor ihm in entſetzlicher Nacht unbildſam, und oͤde Ewig unbildſam, unendliche, lange Gefilde voll Jammer. Traurend kam Belielel zu Satan. Noch brannt' er vor Rachſucht Wider den,„der von himmliſchen Aun zu der Hoͤll' ihn hinabſtieß, Und, ſo dacht' er, mit jedem Jahrhundert ſie ſchreck⸗ licher machte. Satans Ruͤckkehr faheſt auch du in deinen Waſſern, Magog Zweiter Geſang. 8¹ II. G. V. 392— 405. Magog, des todten— eers Bewohner. Aus brau⸗ ſenden Strudeln Kam er hervor. Das Meer zerſloß in lange Ge⸗ birge, Da ſein kommender Fuß die ſchwarzen Fluten zer⸗ theilte. Magog fluchte dem Herrn; der wilden Laͤſterung 5 Hall bruͤllt Unaufhörlich aus ihm. Seit ſeiner Verwerfung vom Himmel Flucht er dem Ewigen. Voll der Rachſucht will er die Hoͤlle, Daur' es auch laſtende Ewigkeiten, doch endlich ver⸗ nichten. 3 Jebo, da er das Trockne betrat, da warf er ver⸗ wuͤſtend Noch mit ſeinen Gebirgen ein ganzes Geſtad' in den Abgrund. Alſo verſammelten ſich der Hoͤlle Fuͤrſten zu Satan. Wie Eilande des Meers aus ihren Sitzen geriſ⸗ ſen, Rauſchten ſie hoch, unaufhaltſam einher. Der Poͤ⸗ bel der Geiſter Floß mit ihnen unzaͤhlber, wie Wogen des kom⸗ menden Weltmeers Gegen den Fuß gebirgter Geſtade, zum Thron des Empoͤrers. Klopſt. Meſſias I. B. F ute Aufl. 32 Der Meſſias. II. G. V. 406— 420. Tauſendmal tauſend Geiſter erſchienen. Sie gingen, und ſangen Eigene Thaten, zur Schmach und unſterblichen Schande verurtheilt. Unterm Getoͤs geſpaltner, ſie hatten Donner ge⸗ ſpalten! Dumpfer, entheiligter Harfen, verſtimmt zu den Toͤnen des Todes, Sangen ſie's her. So rauſchen in mitternaͤchtlicher Stunde Grimmige Schlachten von toͤdtenden, und von ſter⸗ benden Streitern Furchtbar umher, wenn brauſend auf ehernen Wa⸗ gen der Nordwind Gegen ſie faͤhrt, und gebruͤllt von dem Wiederhall' ihr Gebruͤll wird. Satan ſah, und hoͤrte ſie kemmen. Vor wilder Entzuͤckung Stand er mit Ungeſtuͤm auf, und uͤberſah ſie alle. Jern bei dem unterſten Poͤbel, erblickt er in ſpot⸗ tender Stellung Gotteslaͤugner, ein niedriges Volk. Sein ſchreckli⸗ cher Fuͤhrer, Gog, war darunter, erhabner als all' an Geſtalt, und an Unſinn. Daß das alles ein Traum, ein Spiel ſey irrer Ge⸗ danken, Was es im Himmel geſehen, Gott, erſt Vater, dann Richter, Zweiter Geſang. 83 II. G. V. 421— 434. Das zu waͤhnen, reizt' es ſich, kruͤmmt' es ſich, wand es ſich wuͤthend. Satan ſah ſie mit Hohn. Denn mitten in ſeiner Verfinſtrung Fuͤhlt er doch noch, daß der Ewige ſey. Bald ſtand er voll Tiefſinn, Sah bald langſam ringsumher, und ſetzte ſich wie⸗ der. Wie auf hohen unwirthlichen Bergen drohende Wet⸗ ter Langſam und verweilend ſich lagern, ſaß er, und dachte, Ungeſtuͤm that ſein Mund ſich itzt auf, und tau⸗ . ſend Donner Sprachen aus ihm, da er ſprach. Wenn ihrs, o furchtbare Schaaren, Wenn ihrs noch ſeyd, die mit mir die drei erſchreck⸗ lichen Tage Auf der himmliſchen Ebn' aushielten; ſo hoͤrt in Triumphe, Wmas ich euch jetzt eroͤffne von meiner Zoͤgrung auf Erden. Aber nicht dieſes allein, ihr ſollt auch den maͤchti⸗ gen Rathſchluß Hoͤren, Jehova zur Schmach zu verherrlichen un⸗ ſere Gottheit. Eh ſoll die Hoͤlle vergehn, und eh der ſeine Ge⸗ ſchoͤpfe, F 2 84 Der Meſſias. II. G. V. 435— 448. Der vor dieſem einmal im naͤchtlichen Chaos ge⸗ 8 baut hat, Um ſich vernichten, und wieder allein in der Ein⸗ 4 ſamkeit wohnen, Eh er die Herrſchaft uͤber die ſterblichen Menſchen uns abzwingt. Goͤtter, ſtets unbeſiegt, unſklaviſch wollen wir blei⸗ ben, Wenn er auch gegen uns ſeine Verſohner zu tau⸗ ſenden ſchickte, Wenn er auch ſelbſt ein Meſſias zu werden, die 3 Erde betraͤte. Doch wem zuͤrn' ich? Wer iſt der neue, geborne Jehova, Der die Gottheit, ſogar im ſterblichen Leibs, um⸗- 3 hertraͤgt, Daß daruͤber die Goͤtter ſo ſinnen, als ob ſie von neuem Hohe Gedanken ihrer Vergoͤttrung, und Schlachten erfaͤnden? Sollte der Ewigen Einer, um uns den Sieg zu er⸗ leichtern, Aus den Schoͤßen ſterblicher Muͤtter, die bald die Verweſung, Auch zertruͤmmert, auf uns, die er kennt, zu kaͤm⸗ pfen hervorgehn? Das waͤr moͤglich? Es handelte ſo, den Satan bekriegt hat? Zweiter Geſang. 85 II. G. V. 449— 462. Zwar ſtehn einige hier, die vor ihm mit Zagen ent⸗ flohen, und aus morſchen Gerippen gequaͤlter Sterblicher wichen; Furchtſame, bebt vor dieſer Verſammlung, huͤllt euch das Antlitz In verfinſternde Scham! die Goͤtter hoͤrens, ihr flohet! Warum flohet ihr ſo, Elende? Was nanntet ihr Jeſus, Euer und meiner unwuͤrdig, den Sohn des ewigen Gottes? Doch daß ihr wißt, wer er fey, der unter den Iſraeliten Auch gern Gott waͤr; ſo hoͤret von mir die Ge⸗ ſchichte des Stolzen. Hoͤr du es auch in hohem Triumphe, Verſammlung der Göͤtter. Unter dem Volk des Jordans iſt ſeit undenkbaren Zeiten Eine prophetiſche Sage geweſen; denn unter der Sonne Hat vor allen Voͤlkern dieß Volk am meiſten ge⸗ traͤumet! Nach der Prophezeihung entſpringt von ihnen ein Heiland, Poelcher ſie von den umliegenden Feinden auf ewig erloͤſet, 86 Der Meſſias. II. 6. V. 463— 477. Und vor allen Landen ihr Reich zu dem herrlichſten Reich macht. Und ihr wißt, daß vor wenigen Jahren von Unſrer Verſammlung Einige kamen, verkuͤndeten, daß ſie auf Tabors Gebirgen Heere feirender Engel geſehn, die haͤtten den Na⸗ men Jeſus unaufhoͤrlich genannt mit Entzuͤckung und Ehrfurcht, Daß die Cedern davon bis in die Wolken erbeb⸗ ten, Daß die Palmenhaine der Hall der Jubelgeſaͤnge Ganz durchrauſchte, und Jeſus, Jeſus! Tabor erfuͤllte. Drauf ging uͤbermuͤthig vor Stolz, und wie in Triumphe, Gabriel nieder den Berg zu der Iſraelitinnen ei⸗ ner, Gruͤßte ſie, wie man uUnſterbliche gruͤßt, und ſagt! 3 ihr voll Ehrfurcht, Siehe, von ihr ſollt' ein Konig entſtehn, ſo die Herrſchaften Davids Maͤchtig ſchuͤtzen, und Iſraels Erbe verherrlichen wuͤrde. Er hieß Jeſus, ſo ſollte ſie nennen den Sohn der Goͤtter! Ewig ſollte die Macht des großen Koͤniges dau⸗ ren! Zweiter Geſang. 87 II. G. V. 478— 491. Dieſes vernahmt ihr? Warum erſtaunten die Goͤt⸗ ter der Hoͤlle, Da ſie es hoͤrten? Ich ſelbſt, ich habe viel mehr noch geſehen Doch nichts ſchreckt mich! Ich will euch alles mu⸗ thig entdecken, Nichts will ich euch verſchweigen, damit ihr ſehet, wie feurig Sich mein Muth in Gefahren erhebt; ſind es an⸗ ders Gefahren, Wenn ſich ein ſterblicher Traͤumer auf unſerer Er⸗ de vergoͤttert. Jetzo ſah er an ſich des Donners Narben und zagte! Doch arbeitet' er ſehr von neuem empor zu ſchwel⸗ len, uUnd er begann: Dort wartet' ich auf des goͤttlichen Knaben Hohe Geburt! Bald wird aus deinem Schooße, Maria, Dacht' ich, der Goͤttliche kommen. Geſchwinder, als fliegende Blicke, Schneller noch, wie Gedanken der Goͤtter von Zor⸗ ne befluͤgelt, Wird er gen Himmel erwachſen. Er deckt in ſeiner Erhoͤhung Jetzt mit dem einen Fuße das Meer, mit dem an⸗ dern den Erdkreis! v 88 Der Meſſias. II. G. V. 492— 505. Baͤgt in der ſchreckenden Rechte dann den Mond und die Sonne, In der Linken die Morgenſterne! Da kommt er, und toͤdtet! Mitten in Stuͤrmen, die er aus allen Welten her⸗ beirief, Riauſcht er zum Sieg unaufhaltſam daher. Ach fliehe nun, Satan! Fliehe, damit er dich nicht mit ſeinem allmaͤchtigen Donner Ungeſtuͤm faſſe, bis du, durch tauſend Erden ge⸗ worfen, Sinnlos, bezwungen, ja todt, in dem Unermeßli⸗ chen liegeſt. Seht, ſo dacht' ich, ihr Goͤtter; allein ihm gefiel es noch jetzo, Daß er ein Menſch, ein weinendes Kind, wie die Soöhne des Staubs blieb, Welche ſchon bei ihrer Geburt die Sterblichkeit weinen. Zwar ſang ſeine Geburt ein Chor der himmliſchen Geiſter. Denn ſie kommen bizweilen herab, die Erde zu ſehen, Wo wir herrſchen; da Gruͤfte zu ſehen, und Huͤ⸗ gel der Todten, Wo vordem Paradieſe nur ſtanden; dann kehren ſie thraͤnend, Zweiter Geſang. 89 II. G. V. 506— 519. And, ſich zu troͤſten, mit feirenden Liedern zuruͤck in den Himmel. Alſo war es auch jetzt. Sie eileten, ließen den Knaben, Oder hoͤrt ihrs ſo lieber, den Herrn der Himmel, im Staube. Drauf entfloh er vor mir, ich ließ ihn immer ent⸗ 4 fliehen; Einen ſo furchtſamen Feind zu verfolgen, war mei⸗ ner nicht wuͤrdig. Unterdeß ließ ich, nicht muͤßig zu ſeyn, durch mei⸗ nen Erwaͤhlten, Meinen Koͤnig und Opferprieſter, Herodes, zu Bethlem Saͤuglinge wuͤrgen. Das rinnende Blut, der Ster⸗ - benden Winſeln, Und der untroͤſtbaren Muͤtter Verzweiflung, der Leichname Ausfluß, Der, mit Seelen vermiſcht, mir wallend entgegen⸗ — dampfte, Waren mir, dem Vater des Elends, ein liebliches 4 Opfer.— Wandelt nicht dort der Schatten Herodes? Ver⸗ worfene Seele, War es nicht ich, der in dir den Gedanken, die Bethlehemiten Wegzuwuͤrgen, erſchuf? Kann etwa des Himmels Beheerrſcher 90 Der Meſſias. II. G. V. 520— 533. Seiner Bildungen muͤhſames Werk, die unſterbli⸗ chen Seelen, 3 Vor mir ſchuͤtzen, daß ich ſie mit meiner verborg⸗ nen Begeiſtrung Nicht umſchatte, und uͤber ſie nicht zum Verderben mich breite? Ja, Verlaßner, dein klagendes Winſeln, dein ban⸗ 1 ges Verzweifeln, Und der Seelen Geſchrei, die du ſonſt unſchuldig erwuͤrgteſt, Daß ſie ſuͤndigend ſtarben, und dir und dem Schaf⸗ fenden fluchten, Iſt nun deinem befriedigten Herrſcher ein liebliches Opfer. Als er ſtarb, verſammelte Goͤtter, da kehrte der Knabe Aus Aegiptus Gefilde zuruͤkk. Die Jahre der Ju⸗ gend Lebt' er im Schooß der zaͤrtlichen Mutter, in wei⸗ cher Umarmung, 3 Unbekannt. gein jugendlich Feuer, kein edles Er⸗ kuͤhnen Trieb ihn zu Unternehmungen an, ſich krrchtbor z zu machen. Doch ihr Goͤtter, im einſamen Wald', an dem oͤden Geſtade, Bo er oft war, da hat er vielleicht auf Dinge ge⸗ ſonnen, Zweiter Geſang. 9¹ II. G. V. 534— 547. Die, aus ſchreckender Ferne, den Untergang der Hoͤlle Drohn, und von uns erneuerten Muth und Wach⸗ ſamkeit fordern? Seht, dieß glaubt' ich vielleicht, haͤtt' er ſich mit tiefen Gedanken Mehr beſchaͤftigt, als mit der Betrachtung der Blu⸗ men und Felder, Und der Kinder um ihn, und mit dem ſklaviſchen Lobe „Deſſen, der ihn mit den Wuͤrmen aus niedrigem Staube gemacht hat. Ja, ich waͤre vor Ruh und langer Muße vergan⸗ gen, Haͤtte mir nicht der Menſchen Geſchlecht ſtets See⸗ len geopfert, Die ich, dem Himmel voruͤber, hierher zur Bevoͤl⸗ kerung ſandte. Endlich ſchien es, als ſollt' er nun auch merkwuͤr⸗ diger werden. Gottes Herrlichkeit kam, als er einſt am Jordan herumging, Strahlend vom Himmel. So hab' ich mit dieſen unſterblichen Augen Selbſt am Jordan geſehen! Kein Bild, kein himm⸗ liſches Blendwerk Hat mich getaͤuſcht! Sie wars, wie ſie von dem Throne des Himmels 92 Der Meſſias. II. G. V. 543— 561. Durch die langen betenden Reihen der Seraphim wandelt. Aber warum, und ob ſie, dem Erdenkinde zu Ehren, Oder, um unſre Wachſamkeit auszuforſchen, her⸗ abſtieg, Dieſes entſcheid' ich nicht. Zwar hoͤrt' ich gewalti⸗ ge Donner, Donner mit dieſer Stimme vereint: Das iſt mein Geliebter, Siehe, der Sohn nach meinem Herzen! Der war wohl Eloa, Oder einer vom Thron, der, mich zu verwirren, es ausrief; Gottes Stimme wars nicht! Denn, bei der unter⸗ ſten Hoͤlle! und bei ihrer naͤchtlichſten Nacht! ſie toͤnte mir . anders, Als er uns Goͤttern einſt den Sohn der Ewigkeit aaufdrang. Auch weiſſagt ihm ein finſtrer Prophet, der dort in der Wuͤſte Menſchenfeindlich die Felſen durchirrt, er rief ihm entgegen: Siehe Gottes Lamm, das der Erde Suͤnde ver⸗ ſoͤhnet! „Der du von Ewigkeit biſt, du, der ſchon lange vor mir war, Zweiter Geſang. 93 II. G. V. 562— 575. Sey mir gegruͤßt! Aus dir, o du der Erbarmun⸗ gen Fuͤlle! Nehmen wir Gnad' um Gnade. Durch Moſes ward das Geſetz kund; Aber durch den Geſalbten des Herrn kommt Wahr⸗ heit und Gnade. Iſt das nicht hoch und prophetiſch genug? So iſt es, wenn Traͤumer Traͤumer beſingen, da bauen ſie ſich ein heiliges Dunkel; Und dann ſind wir unſterblichen Goͤtter viel zu ge⸗ ringe, Bis in das innere Gebaͤu der Geheimniſſe durchzu⸗ ſchauen. Will er uns nicht den erhabnen Meſſias, den Koͤnig des Himmels, denem Donnerer Gottes, der in der gewaltigen Ruͤ⸗ ſtung Wider uns ſtritt, bis wir die neuen Welten erreich⸗ ten, Unſern wuͤrdigen Feind, und erhabneren Widerſa⸗ cher, Will er ihn nicht in jene Geſtalt, die wir toͤdten, verkleiden? Zwar er ſelbſt, das Erdegeſchoͤpf, von dem der Prophet traͤumt, Duͤnkt ſich nicht wenig zu ſeyn. Oft haͤlt er Kran⸗ ke, die ſchlummern, Der Meſſias. II. G. V. 576— 589. Sie fuͤr Todte, geht hin, und rufet ſie wieder ins Leben! Aber das iſt nur Beginn. Einſt folgen groͤßere 3 Thaten!. Denn er will das ganze Geſchlecht der ſterblichen Menſchen Von der Suͤnd', und dem Tode befrein, der Suͤn⸗ de, die allen Eingepflanzt, und immer empoͤrend, und ungeſtuͤm immer Wider Gott in ihren unſterblichen Seelen ſich auf⸗ lehnt, Unbezwingbar der ſklaviſchen Pflicht; von dem To⸗ de, der alle, Der das ganze Geſchlecht, ſo oft wir ihm winken, durchwuͤrget, Will er ſie alle befrein: euch alſo auch, ihr See⸗ len, Die ich ſeit der Schopfung zu mir, wie Wogen des Weltmeers, Sammle, wie Sterne, wie Gott anbetende ſklavi⸗ ſche Saͤnger, Ja euch auch, die quaͤlet die ewige Nacht des Ab⸗ grunds, Und in der Nacht des Strafenden Feuer, im Feuer Verzweiflung, In der Verzweiſlung Ich! euch will von dem Tod' er befreien! Zweiter Geſang. 95 II. G V. 590— 603. Wir, wir werden alsdann, der Gottheit Vergeſſer, und Sklaven Liegen vor ihm, vor ihm, dem neuvergoͤtterten Menſchen. Was der mit dem allmaͤchtigen Donner von uns nicht erzwinget, Wird der aus des Todes Gebiet unbewaffnet voll⸗ enden. Auf, Verwegner! befreie dich erſt, dann wecke die Todten. Er ſoll ſterben, ja ſterben! er, der Satans Be⸗ ſiegte Eigenmaͤchtig vom Tode befreit. Dich leg' in den Staub ich, Bieiih und entſtellt, in der Todten Staub! Dann will ich den Augen, Die nicht ſehn, die Dunkel und Nacht nun ewig umnebeln, Sagen: Ach ſeht, da erwachen die Todten! will ich ddeen Ohren, Die nicht hoͤren, die ewig nun ſind dem Tone ge⸗ ſchloſſen, Sagen: Ach hoͤrt, es rauſchet das Feld, die Tod⸗ ten erwachen! Und der Seele, wenn ſie nun aus dem Leibe ge⸗ flohn iſt, Und zu der Hoͤlle vielleicht, dort auch zu ſiegen, ſich wendet, 96 Der Meſſias. II. G. B. 604— 617.. Ruf' ich nach in furchtbarem Sturm, mit donnern⸗ der Stimme: Eile, du ſiegteſt auf Erden! ja eile, du feſſelteſt Goͤtter! Dich erwartet Triumpheinzug! die Pforten der Hoͤlle Thun vor dir einladend ſich auf! dir jauchzet der Abgrund! Gegen dich wallen in feirenden Choͤren Seelen und Goͤtter! Gott muß entweder jetzt, da ich hier bin, eilend 3 die Erde, Und mit der fliehenden ihn, und die Menſchen gen Himmel erheben: Oder ich fuͤhr' es hinaus, was meine Weisheit mir eingab! Oder ich thu, was ich maͤchtig beſchloß, und ich end' und vollbring' es! Er ſoll ſterben! So wahr ich des Todes Erhalter und Schoͤpfer Unbezwingbar durchlebe die kommenden Ewigkei⸗ ten. Er ſoll ſterben! Bald will i von ihm den Staub der Verweſung Auf dem Wege zur Hoͤlle, vorm Antlitz des Ewi⸗ gen, ausſtreun. Seht den Entwurf von meinem Entſchluß. So raͤchet ſich Satan! Satan Zweiter Geſang. 97 II. G. V. 618— 631. Satan ſprach es. Indem ging von dem Ver⸗ 1 ſoͤhner Entſetzen Gegen ihn aus. Noch war in den einſamen Graͤ⸗ bern der Gottmenſch. Mit dem Laute, womit der Laͤſterer endigte, rauſchte Vor den Fuß des Meſſias ein wehendes Blatt. An dem Blatte Hing ein ſterbendes Wuͤrmchen. Der Gottmenſch gab ihm das Leben. Aber mit eben dem Blicke ſandt' er dir, Satan, Entſetzen! Hinter dem Schritt des geſandten Gerichts verſank die Hoͤlle, Und vor ihm ward Satan zur Nacht! So ſchreckt! ihn der Gottmenſch. Und die Satane ſahen ihn; wurden zu Felſenge⸗ ſtalten. Unten am Throne ſaß einſiedleriſch finſter und traurig 1 Seraph Abdiel Abbadona. Er dachte die Zu⸗ kunft, Und den Vergang voll Seelenangſt. Vor ſeinem Geſichte, Das in traurendes Dunkel, in ſchreckliche Schwer⸗ mmuth huͤllte, Sah er Qualen gehaͤuft auf Qualen zur Ewigkeit eingehn. Klopſt. Meſſias I. B. G lte Aufl. 98 Der Meſſias. II. G. V. 632— 646. Jetzo erblickt' er die vorige Zeit; da war er voll Unſchuld Jenes erhabneren Abdiels Freund, ſo den Tag der Empoͤrung Eine ſtrahlende That, vor Gottes Auge voll⸗ fuͤhrte. 4 Denn er verließ die Empoͤrer allein, und unuͤber⸗ windlich; Kam zu Gott. Mit ihm, dem edelmuͤthigen Se⸗ raph, War ſchon Abbadona dem Blick der Feinde Jeho⸗ va's Faſt entgangen: doch Satans beflammter rollender Wagen, Der, zu Triumphen zuruͤck ſie zu fuͤhren, ſchnell unmm ſie herkam, Und der Drommetenden Kriegszuruf, der ſie unge⸗ ſtuͤm einlud, Und die Heerſchaar, jeder von ſeiner Goͤtterſchaft taumelnd, Uebermannten ſein Herz, und riſſen ihn hin zu der Ruͤckkehr. Hier noch wollt' ihn ſein Freund mit Blicken dro⸗ hender Liebe Fortzueilen bewegen; allein, von kuͤnftiger Gottheit Trunken, erkannt' Abbadona die vormals maͤchtigen Blicke Seines Freundes nicht mehr. Er kam in dem Tau⸗ mel zu Satan. Zweiter Geſang. 99 II. G. V. 647— 661. Jammernd denkt er, und in ſich verhuͤllt, an dieſe Geſchichte Seiner heiligen Jugend, und an den lieblichen Morgen Seiner Schoͤpfung zuruͤck. Der Ewige ſchuf ſie auf Einmal. Damals beſprachen ſie ſich mit angeſchaffner Ent⸗ zuͤckung Unter einander: Ach Seraph; was ſind wir? Wo⸗ her, mein Geliebter? Sahſt du zuerſt mich? Wie lange biſt du? Ach ſind wir auch wirklich? Komm, umarme mich, goͤttlicher Freund, erzähle, was denkſt du? Und da kam aus ſtrahlender Fern die Herrlichkeit Gottes Segnend einher. Sie ſahen um ſich unzaͤhlbare 3 Schaaren Neuer Unſterblichen wandeln; und wallendes Silber⸗ gewolk hob Sie zu dem Ewigen auf. Sie ſahn ihn, und nannten ihn Schoͤpfer! Dieſe Gedanken marterten Abbadona. Sein Auge Floß von der jammernden Thrane. So floß von Bethlehems Bergen Rinnendes Blut, da die Sauglinge ſtarben. Er hatte mit Schauer Satan gehoͤrt; doch duldet' ers nicht, und erhub 1 ſich zu reden. G 2 100 Der Meſſias. II. G. V. 662— 675. Dreimal ſeufzet' er, eh er ſprach. Wie in blutigen Schlachten Bruͤder, die ſich erwuͤrgten, und, da ſie ſtarben, 4 ſich kennten, Neben einander aus roͤchelnder Bruſt ohnmaͤchtig ſeufzen. Drauf begann er, und ſprach: Ob mir gleich dieſe Verſammlung Ewig entgegen wird ſeyn; ich wills nicht achten, und reden! Reden will ich, damit des Ewigen ſchweres Gericht nicht Ueber mich auch komme, wie, Satan! es uͤber dich kam. Ja, ich haſſe dich Satan! dich haſſ' ich, du ſchreck⸗ licher! Mich mich! Dieſen unſterblichen Geiſt, den du dem Schoͤpfer entriſſeſt, Fordr' er, dein Richter, ewig von dir! Unendliches Wehe Schrei' in der Abgrundskluft, in der Nacht, der unſterblichen Heerſchaar, Satan! und laut mit dem Donnerſturme, ſie alle, die, Satan! Du verfuͤhret haſt! laut mit des Todes Meere ſie alle Ueber dich! Ich habe kein Theil an dem ewigen Suͤnder! Zweiter Geſang. 101 II. G. V. 676— 689. 1 Gottesleugner! kein Theil an deiner finſtern Ent⸗ ſchließung, Gott den Meſſias zu toͤdten. Ha wider wen, du Empoͤrer! Haſt du geredt? Iſt es wider den nicht, der, du bekennſt es Selber, wie ſehr du dein Schrecken auch uͤbertuͤn⸗ cheſt, dir furchtbar, Maͤchtiger iſt, als du? O ſendet den ſterblichen Menſchen Gott Befreiung vom Elend und Tode; du haͤltſt ihr nicht Obſtand! und du willſt des Meſſias Leib, den willſt du er⸗ wuͤrgen? Kennſt du ihn, Satan, nicht mehr? Hat dich des Allmaͤchtigen Donner Nicht genug an dieſer erhobnen Stirne gebrand⸗ mahlt? Oder kann Gott ſich nicht vor uns Ohnmaͤchtigen ſchuͤtzen? Wir, die zum Tode die Menſchen verfuͤhreten; we⸗ he mir, wehe! Ich that's auch! wir wollen uns wider ihren Er⸗ loͤſer Wuͤthend erheben? den Sohn, den Donnerer wollen wir toͤdten? Ja ben Pfad zu einer vielleicht zukuͤnftigen Ret⸗ tung, 102 Der Meſſias. II. G. V. 690— 703. Oder doch zu der Lindrung der Qual, den wollen wir ewig uns, ſo vielen vordem vollkommnen Geiſtern ver⸗ wuͤſten? Satan! ſo wahr wir alle die Qual gewaltiger fuͤhlen, Wenn du dieſe Wohnung der Nacht und der dun⸗ keln Verdammniß Koͤniglich nennſt, ſo wahr kehrſt du mit Schande belaſtet, Statt des Triumphs, zuruͤck von Gott und ſeinem Meſſias! Grimmiger hoͤrt', und geduldlos, und droh'nd den furchtbaren Satan; Wollte jetzt von den Hoͤhen des Throns der thuͤr⸗ menden Felſen Einen gegen ihn ſchleudern: allein die ſchreckliche Rechte Sank ihm zitternd im Zorne dahin, er ſtampft', und erbebte. Dreimal bebt' er vor Wuth, ſah dreimal Abba⸗ dona Ungeſtuͤm an, und ſchwieg. Vor Grimm ward dun⸗ kel ſein Auge, Ihn zu verachten, ohnmaͤchtig. Mit muthigem Ern⸗ ſte, nicht zornig, Blieb Abbadona vor ihm, und mit traurendem An⸗ geſicht ſtehen. Zweiter Geſang. 103 II. G. V. 704— 717. Aber Gottes, der Menſchen, und Satans Feind, Adramelech, Sprach: Aus finſtern Wettern will Ich mit dir reden, Verzagter, Ha! zudonnern ſollen dir Ungewitter die Ant⸗ wort! Darfſt du die Goͤtter ſchmaͤhn? Darf einer der niedrigſten Geiſter Wider Satan, und mich, aus ſeiner Tiefe ſich ruͤſten? Wirſt du gequaͤlt; ſo wirſt du von deinen niedern Gedanken, Sklav, gequaͤlt! Entfleuch, Kleinmuͤthiger, aus den Bezirken Unſerer Herrſchaft, wo Koͤnige ſind! entfleuch in die Leere! Laß dir da vom Allmaͤchtigen Reiche des Jammers erſchaffen! Bringe da die Unſterblichkeit zu! Doch du ſtuͤrbeſt wohl lieber! Stirb denn, vergeh! anbetend, du Sklav, gen Himmel gebuͤcket, Der du mitten im Himmel fuͤr einen Gott dich er⸗ kannteſt, Und dem großen Allmaͤchtigen kuͤhn mit flammendem Grimme Widerſtandeſt, kuͤnftiger Schoͤpfer unzaͤhlbarer Wel⸗ ten, 104 Der Meſſias. 1 3 II. G. V. 718— 731. Komm, komm, Satan! wir wollen den kleinen nie⸗ drigen Geiſtern Unſeren furchtbaren Arm durch Unternehmungen zeigen, Die, wie ein Wetter, auf Einmal ſie blenden, und niederſchlagen! Komm! Labirinthe verborgner Liſt, verwirrt zum Verderben, Zeigen ſich mir! Der Tod iſt darin. Kein oͤffnen⸗ der Ausgang, Und kein Fuͤhrer ſoll ihn den Labirinthen ent⸗ reißen. Aber entfloͤh' er auch unſerer Liſt, gaͤbſt, du auf dem Throne, Uns zu entrinnen, ihm Götterverſtand: ſo ſollen in Grimme Feurige Wetter ihn ſchnell vor unſeren Augen ver⸗ nichten! Wie die Wetter, womit wir einſt den geliebteren Gottes, Seinen glüͤcklichen Job, vor dem Antlitz des Him⸗ mels beſtritten. Fleuch, fleuch, Erde, wir kommen mit Tod' und Hoͤlle bewaffnet! Wehe dem, der auf unſerer Welt ſich wider uns auflehnt! Alſo ſprach Adramelech. Nun fiel die ganze Verſammlung Zweiter Geſang. 105 II. G. V. 732— 746. Satan auf Einmal mit Ungeſtuͤm bei. Gleich ſtuͤr⸗ zenden Felſen Stampft' ihr gewaltiger Fuß, daß die Tiefe darun⸗ 3 ter erbebte. Jauchzend erhuben um ſich ſie, und ſtolz auf nahe Triumphe, Fuͤrchterliches Stimmengetoͤs. Das rufte vom Auf⸗ gang Bis zu dem Niedergange. Der Satane ganze Ver⸗ ſammlung Williget ein, den Meſſias zu toͤdten! Seitdem 4 Gott ſchuf, ſah Eine That, wie dieſe, die Ewigkeit nicht. Ihr Erfinder, Satan, und Adramelech, voll Rache und grimmi⸗ gen Tiefſinns, Stiegen vom Thron. Aus den Stufen kracht's, wie erſchuͤttert der Fels kracht, Da ſie wandelten. Bruͤllender Zuruf waͤlzt ſich, empoͤret Mehr die Empoͤrer, begleitet ſie dumpf zu der Pforte des Abgrunds. Abbadona,(nur er war unbeweglich geblie⸗ ben) Folgte von fern: entweder ſie noch von der That zu erretten; Oder ihr Ende, der ungeheuren, mit anzuſehen. Jetzo naͤhert' er ſich mit ſaͤumendem Schritte den 8 Engeln, 106 Der Meſſias. II. G. V. 747— 761. Welche die Pforte bewachten. Wie war dir, Ab⸗ badona, Da du Abdiel hier, den unuͤberwindlichen ſaheſt? Seufzend ſchlug er ſein Angeſicht nieder. Itzt wollt' er zuruͤckgehn, Wollte jetzo ſich nahn, dann wollt' er einſam und * traurend Ins Unermeßliche fliehn; allein noch ſtand er mit Zittern Wehmuthsvoll. Nun faßt' er ſich ganz auf Ein⸗ mal zuſammen, Ging auf ihn zu. Ihm ſchlug ſein Herz mit maͤch⸗ tigen Schlaͤgen; Stille, den Engeln nur weinbare Thraͤnen bedeckten ſein Antlitz; Senfza aus allen Tiefen des Herzens, langſame Schauer, Sterbenden ſelbſt unempfindbar, erſchuͤtterten Ab⸗ badona, Als er ging. Doch Abdiels ihn fruͤhſehendes Au⸗ ge Schaut unverwandt in die Welt des Schoͤpfers, dem er getreu blieb; Aber auf ihn nicht. Der Sonn' in der Jugend, den Fruͤhlingstagen Gleich, die hinab zu der kaum erſchaffenen Erde ſich ſenkten, Glaͤnzte der Seraph, doch nicht dem traurenden Abbadona. Zweiter Geſang. 107 II. G. V. 762— 776.. Der ging fort, und ſeufzte bei ſich verlaſſen und einſam: Abdiel, mein Bruder, du willſt dich mir ewig entreißen! Ewig willſt du mich ferne von dir in der Einſam⸗ keit laſſen! Weinat um mich, ihr Kinder des Lichts! Er liebt mich nicht wieder, Ewig nicht wieder, ach weinet um mich! Verbluͤ⸗ het, ihr Lauben, Wo wir mit Innigkeit ſprachen von Gott, und unſerer Freundſchaft! Himmliſche Baͤche, verſiegt, wo wir in ſuͤßer Um⸗ armung Gottes des Ewigen Lob mit reiner Stimme be⸗ ſangen! Abdiel mein Bruder iſt mir auf ewig geſtorben! Hoͤlle! mein finſterer Aufenthalt, und du Mutter der Qualen, Ewige Nacht, beklag' ihn mit mir! Ein naͤchtli⸗ ches Jammern Steige, wenn Gott mich ſchreckt, von deinen Ber⸗ gen herunter. Abdiel mein Bruder iſt mir auf ewig geſtorben! Alſo jammert er ſeitwaͤrts gekehrt. Drauf ſtand er am Eingang In die Welten. Ihn ſchreckte der Glanz und die fliegenden Donner ⸗ Der Meſſias. 108 II. G. V. 777— 790. Gegen ihn wandelnder Orione. Er ſahe die Wel⸗ ten Weil er ſich ſtets, in ſein Elend vertieft, in Ein⸗ ſamkeit einſchloß, Seit Jahrhunderten nicht. Er ſtand betrachtend, und ſagte: Seliger Eingang, duͤrft' ich durch dich in die Welten des Schoͤpfers Wiederkehren! und nie das Reich der dunkeln Ver⸗ dammniß Ihr Sonnen, unzaͤhlbare Kinder der Schoͤpfung, da der Ewige rief, da ihr glaͤnzend hervorgingt; Heller als ihr, da ihr jetzt aus der Hand des Schoͤ— pfers herabkamt? Wieder betreten! War ich nicht ſchon, Und nun ſteh' ich da verfinſtert, verworfen, ein Abſcheu Dieſer herrlichen Welt! Und du, o Himmel! Ha jetzo Beb' ich erſt, da ich dich erblicke! Dort ward ich ein Suͤnder! Stand dort wider den Ewigen auf. Du unſterbli⸗ che Ruhe, Meine Geſpielin im Thal des Friedens, wo biſt du 3 geblieben 2 Ach, kaum laͤßt, fuͤr dich, mein Richter trauriges Staunen Zweiter Geſang. 109 II G. V. 791— 804. Ueber ſeine Welten mir zu! O duͤrft' ich es wa⸗ 5 gen, Schoͤpfer ihn niederſinkend zu nennen, wie gerne wollt' ich Dann entbehren den liebenden Vaternamen, mit dem ihn Seine Getreuen, die hohen Engel, kindlicher nen⸗ — nen! O du Richter der Welt! dir darf ich Verlorner nicht flehen, Daß du mit einem Blicke mich nur hier im Ab⸗ grund anſehſt. Finſtrer Gedanke, Gedanke voll Qual! und du wil⸗ de Verzweiflung! Wuͤthe, Tirannin, ha wuͤthe nur fort! Wie bin 3 ich ſo elend! Waͤr' ich nur nicht! Ich fluche dir, Tag, da der Schaffende ſagte: Werde! da er von Oſten mit ſeiner Herrlichkeit aus⸗ 4 ging! Ja dir fluch' ich, o Tag, da die neuen Unſterbli⸗ . chen riefen: Unſer Bruder iſt auch! Du Mutter unendlicher Qualen, Warum gebareſt du, Ewigkeit, ihn? Und mußt er ja werden, Warum ward er nicht finſter und traurig, der ewi⸗ gen Nacht gleich, 110 Der Meſſias. II. G. V. 805— 818. Welche mit Ungewitter und Tod vor dem Donnerer herzieht, Leer von Geſchoͤpfen, belaſtet vom Zorn und dem Fluche der Gottheit? Wider wen empoͤrſt du dich hier vor dem Auge der Schoͤpfung, Laͤſterer! Senaen, fallt auf mich her! bedeckt mich, ihr Sterne, Vor dem grimmigen Zorn deß, der vom Throne der Rache Ewig als Feind und Richter mich ſchreckt! Du in deinen Gerichten Unerbittlicher! iſt denn in deiner Ewigkeit kuͤnf⸗ tig Nichts von Hoffnungen uͤbrig? Ach wird denn, goͤttlicher Richter, Schoͤpfer, Vater, Erbarmer!... Ach nun verzweifl ich von neuem, Denn gelaͤſtert' hab' ich Jehova! ich nannt' ihn mit Namen, Heiligen Namen, die nennen kein Suͤnder darf oh⸗ ne Verſohner! Ha, ich Pntſtiehe! Schon rauſchet von ihm ein all⸗ maͤchtiger Donner Durch das Unendliche furchtbar einher! Doch wo⸗ 7 hin? Ich entfliehe! Ruft' es, und eilet’, und ſchaute betaͤubt in des Leeren Abgrund. Zweiter Geſang. 111 II. G. V. 819— 332. Schaffe da Feuer, toͤdtende Gluth, die Geiſter ver⸗ zehre, Gott, Verderber! zu furchtbarer Gott in deinen Ge⸗ richten! Doch er flehte vergebens. Es ward kein toͤdtendes Feuer. Darum wendet' er ſich, und floh zuruͤck in die Welten. Endlich ſtand er ermuͤdet auf einer erhabenen Son⸗ ne, Schaute von da in die Tiefen hinab. Dort draͤng⸗ ten Geſtirne Andre Geſtirne, wie gluͤhende Seen. Ein irrender Erdkreis Naͤherte ſich, ſchon dampft' er, und ſchon war ihm ſein Gericht nah. Auf den ſtuͤrzete ſich Abbadona, mit ihm zu ver⸗ gehen: Doch er verging nicht, und ſenkte, betaͤubt vom ewigen Kummer, Wie ein Gebirge weiß von Gebein, wo Menſchen . ſich wuͤrgten, Im Erdbeben verſinkt, zu der Erde ſich langſam nieder. Unterdeß war Satan mit Adramelech der Erde Auch ſchon naͤher gekommen. Sie gingen neben einander, 112. Der Meſſias. II. G. V. 333— 846. Jeder allein, und in ſich gekehrt. Jetzt ſahe den Erdkreis Adramelech vor ſich in ferner Dunkelheit liegen. Sie, ſie iſt es, ſo ſagt' er bei ſich, ſo draͤng⸗ ten Gedanken Andre Gedanken, wie Wogen des Meers, wie der Ocean draͤngte, 6 Als er von drei Welten dich, fernes Amerika, los⸗ riß, Ja ſie iſt es, die ich, ſo bald ich Satan entfer⸗ net, Oder, beſiegend den Gott, mich vor Allen habe ver⸗ herrlicht, Die ich dann, als Schoͤpfer des Boͤſen, allein be⸗ herrſche! Aber warum nur ſie? Warum nicht auch jene Geſtirne, Die, zu lange ſchon ſelig, um mich durch die Him⸗ mel dahergehn? Ja auch dort ſoll der Tod, von einem Geſtirn zu dem andern, Bis an die Grenze des Himmels, es ſchau der Ewi⸗ ge! toͤdten! Dann wuͤrg' Ich die Erſchaffenen Gottes, wie Sa⸗ tan, nicht einzeln; Nein, zu ganzen Geſchlechten! Die legen vor mir in den Staub ſich Nieder Zweiter Geſang. 113 II. G. V. 847— 860. Nieder, kruͤmmen vor mir ſich entſtaltet, winden ſich, ſterben! Drum will ich hier, oder dort, oder da, triumphi⸗ rend und einſam Sitzen! mich hoch umſehn! Die du nun deinen Geſchoͤpfen Pgodeſt durch mich zum Grabe, Natur, auf deine Verwesten, Will, in dein tiefes unendliches Grab, Ich lachend hinabſehn! und gefaͤllt es dem Ewigen dann in dem Grabe der Welten Neue Geſchoͤpfe zu baun, daß ich ſie von neuem verderbe: Auch die will ich mit eben der Liſt, mit eben der Kuͤhnheit, Wieder, von einem Geſtirn zu dem andern, ver⸗ fuͤhren und toͤdten! Adramelech, das biſt du! Gelaͤng' es dir endlich doch, endlich, Daß du auch erfändeſt der Geiſter ſterben, daß Satan Ha! verginge durch dich, durch dich zerfloͤſſ' in ein Unding! Unter ihm, vollbring du kein Werk, das deiner nur werth iſt! MNaͤchtiger Geiſt, der du Adramelech beſeeleſt, ers ſchaffe! Klopſt. Meſſias I. B⸗ H ate Aufl. Der Meſſias. II. G. V. 861— 874. Toͤdte die Geiſter, ich fluche dir, toͤdte ſie! oder t vergehe! Ja vergeh, ſey lieber nicht mehr, eh du lebſt und nicht herrſcheſt! Ja, ich will gehn, gehn will ich, und alle meine Gedaͤnken„ Sie, wie e Götter, verſarmalm, erfinden ſollen ſie! G ttoͤdten! Jetzt iſt die zet, worauf ich ſeit Ewigkeiten ſchon dachte, Das zu vollenben! ja jetzt, da Gott von neuem er⸗ wacht iſt, und, wenn ſich Satan nicht taͤuſcht, uns einen Menſchenerloͤſer. Unſer erobertes Reich ſich zu unterwerfen, herab⸗ ſchickt. Aber er taͤuſche ſich icht Der Menſch ſey der groͤßte Prophete Von den Propheten allen ſeit Adam, er ſey ein Meſſias; Seine Beſiegung ſoll doch, vor der ganzen Gaste⸗ ſammlung, Mich, zu beſteigen der Hoͤlle Thron, zu dem wär⸗ digſten machen! Oder, was ich vielmehr von meiner Gottheit, er⸗ warte, Was du viennehr, unſterblicher Adramelech, voll⸗ endeſt, Zweiter Geſang. 115 II. G. B. 875— 888. Wenn ich Satan vor ihm verderbe; der maͤchtigen That dann Meiner Knechtſchaft Ende verdanke: ſey jener der Erſtling Meiner Beſiegten, durch den, als der Goͤtter Ober⸗ monarch, Ich Schimmre! Satan, wie ſchwer wird es dir, den 3 Leib des Meſſias Nur zu erwuͤrgen! Erwuͤrg' ihn denn! Ja, die kleinen Geſchaͤfte Laſſ' ich dir, eh du vergehſt; ich aber toͤdte die Seeleln Die vernich ich; des Sterblichen Staub Vrſrene du muͤhfſam! Alſo verlor ſich ſein Geiſt, empoͤrt vom wuͤn⸗ ſchenden Herzen, In den ſchwarzen Entwurf! Gott, der das Kom⸗ mende ſchaute, Hoͤrt' ihn, und ſchwieg. Voll ermuͤdendes Tiefſinns blieb Adramelech Unvermerkt auf einem Gewoͤlk, das unter ihm Nacht ward, Starr, mit gluͤhender Stirn, die der Grimm durch⸗ faltete, ſtehen. Doch das Getoͤs der wandelnden Erde, die jetzt mit der Nacht kam, Weckte den wilden Empoͤrer aus ſeinen ſchwarzen Gedanken, H 2 116 Der Meſſias. Zweiter Geſang! II. G. V. 889— 696. Und er wandte ſich wieder zu Satan. Sie gingen und ſtuͤrmten Gegen den Oelberg, dort den Verſöhner mit den Vertrauten Aufzuſuchen. So ſtuͤrzen ſich rollende toͤdtende Wagen Nieder ins Thal, dem ruhigen Fuͤhrer des Feindes entgegen. Jetzo ſendeten ſie, von himmelnahen Gebirgen, Eherne Krieger, ſie rauſchen mit eiſernem dumpfen Getoͤſe Ueber den Fels, und es kracht, und es donnert, und toͤdtet von ferne. Alſo kam Adramelech herab, und Satan zum Oel⸗ berg. Der 6 M e ſ. ſe i a 3. Dritter Geſang. Inhalt des dritten Geſangs. Da Meſſias iſt noch in den Graͤbern. Die Leiden der Erloͤſung nehmen in ſeiner Seele zu. Eloa ſteigt vom Himmel und zaͤhlt ſeine Thraͤnen. Die Seelen der Vaͤter ſenden einen Seraph, Selia, aus der Sonne, Jeſum zu betrachten, den ſie, weil es Nacht iſt, nicht mehr ſehen. Der Meſſis ſchlaͤft zum letztenmal ein. Selia wird durch die Schutzengel der Juͤnger, die Jeſum um den Oelberg ſuchen, von den Charaktern derſelben unter⸗ richtet. Satan erſcheint dem Iſchariot unter der Geſtalt ſeines Vaters im Traume. Der Meſſias erwacht, und kömmt zu den Juͤngern, und redet von ihrer nahen Tren⸗ nung mit ihnen. Iſchariot, der ſich ſeitwaͤrts verborgen haͤlt, hoͤrt den Meſſias, und faͤngt an, die Wirkungen ſeiner eigenen Bosheit und der Eingebungen Satans bei ſich zu empfinden. Dritter Geſang. III. G. V. 1— 10. So mir gegruͤßt! ich ſehe dich wieder, die du mich gebareſt, Erde, mein muͤtterlich Land, die du mich in kuͤh⸗ lendem Schooße Einſt bei den Schlafenden Gottes begraͤbſt, und mir die Gebeine Sanft bedeckeſt; doch erſt, dieß hoff' ich zu meinem Erloͤſer! Wenn des neuen Bundes Geſang zu Ende gebracht . iſt. O dann ſollen die Lippen ſich erſt, die den Lieben⸗ den ſangen, Dann die Augen erſt, die ſeinetwegen vor Freude Oftmals weinten, ſich ſchließen; dann ſollen, mit leiſerer Klage, Meine Freunde mein Grab mit Lorbeern und Pal⸗ . men umpflanzen, Daß, wenn in himmliſcher Bildung dereinſt von dem Tod' ich erwache, Der Meſſias. III. G. V. 11— 24. Meine verklaͤrte Geſtalt aus ſtillen Hainen her⸗ vorgeh. O du, die zu der Holle mich fuͤhrte, Saͤnge⸗ rin Sions, Und nun meinen noch bebenden Geiſt zuruͤck gebracht haſt; Du, die vom goͤttlichen Blick die ernſte Gerechtig⸗ keit lernte, Aber auch ihren Vertrauten mit fſuͤßer Freundlichkeit laͤchelt; Heitre die Seele, die noch, umringt von dem Graun der Geſichte, Innerlich bebt, mit himmliſchem Licht, und lehre ſie ferner Ihren erhabenen Mittler, den beſten der Menſchen, beſingen. Jeſus war noch allein mit Johannes am Gra⸗ be der Todten. Unter nahem Gebein, von Nacht und Schatten um⸗ geben, Saß er, und uͤberdachte ſich ſelber den Sohn des Vaters, Und den Menſchen zum Tode beſtimmt. Vor ſei⸗ nem Geſichte Sah er der Menſchen Suͤnden, die alle, die ſeit der Erſchaffung Adams Kinder vollbrachten, auch die, ſo die ſchlim⸗ mere Nachwelt Dritter Geſang⸗ 2214 III. G. V. 25— 39. Suͤndigen wird, ein unzaͤhlbares Heer, Gott flie⸗ hend vorbeigehn. Satan war mitten darin, und herrſchte. Vom An⸗ geſicht Gottes Trieb er, den Suͤnder, das Menſchengeſchlecht, und verſammelt' es zu ſich. Wie die Ebnen des Meers ein mitternaͤchtlicher Strudel Ringsum in ſich verſchlingt, und ſtets zu dem Un⸗ tergange Offen, imſichtber unter den Wolken des ſinkenden Himmels Alle zu ſichre Bewohner des Meers in die Tiefen hinabzieht. Jeſus ſah die Suͤnden, und Satan, ſah dann zu Gott auf. Gott, ſein Vater, ſchaute nach ihm tiefſinnig her⸗ unter. Zwar brach aus dem Blicke des Vaters das ernſte Gericht ſchon Langſam hervor, zwar donnerte Gott, und ſchreckt ihn von ferne: Gleichwohl blieben noch Zuͤge des unausſprechlichen Laͤchelns In dem Antlitz voll Gnade zuruͤck. Die Seraphim ſagen, Damals habe der ewige Vater die andere Thraͤne Still geweint. Die erſte weint' er, da Adam ver⸗ flucht ward. 122 Der Meſſias. III. G. V. 40— 53. Alſo ſchauten ſie ſich. In feirender Sabbath⸗ enftile. Neigt ſich vor ihnen die ganze Natur. Ehrfuͤrch⸗ end und wartend Bleiben die Welten ſtehn, und gerichtet auf Bei⸗ der Anſchaun Geht der betkachtetäe Cherub in ſtiller Wolke vor⸗ uͤber. Auch kam Seraph Eloa, von himmliſchen Wolken 2 umfloſſen, 38 der Erd' herunter, und ſah von Antlitz zu Antlitz Gottes Erloͤſer, und zaͤhlte die menſchenfreundlichen Thraͤnen, Ale Thraͤnen, die Jeſus weinte. Dann ſtieg er gen Himmel. Als er hinaufſtieg, ſah ihn Johannes. Ihm Pfhnete Jeſus, Das er den Seraph erblickte, das Aug'. Er ſah ihn, und ſtaunte, Und umarmt' inbruͤnſtig den Mittler, nannt' ihn mit Seufzern Seinen Erloͤſer und Gott, mit unausſprechlichen Seufzern Nannt' er ihn ſo, und blieb bei ihm in ſuͤßer Um⸗ armung. Aber die uͤbrigen Eilfe, die Jeſus lange nicht ſahen, Dritter Geſang. 123 III. G. V. 5 ¾— 67. Gingen im Dunkeln am Fuß des Berzes, und ſuch⸗ ten ihn traurig. Außer einem, der Jeſus, wie ſie, nicht liebend mehr ehrte, Waren ſie Maͤnner voll Unſchuld. Die Goͤttlichkeit ihrer Herzen Kannten ſie nicht. Gott kannte ſie. Er erſchuf ſie zu Seelen, Welche dereinſt des Ewigen Offenbarungen ſchau⸗ ten. 8 Aber nicht jener zugleich, ſo, der himmliſchen Juͤn⸗ gerſchaft unwerth, Jeſus verrieth: er konnte ſie ſchaun, verrieth er nicht Jeſus. Ihnen wurden, eh ſie der Leib der Sterblichkeit ein⸗ ſchloß,. Neben den Stuͤhlen der vierundzwanzig Aeltſten im Himmel Goldene Stuͤhle geſetzt; doch einen der goldenen Stuͤhle Deckten einſt Wolken von Gott, bald aber flohen 1 die Wolken, Und lichtheller ewiger Glanz ging wieder vom Stuhl' aus. Damals rief Eloa und ſprach: Er iſt ihm genom⸗ men, Und iſt einem andern gegeben, der beſſer, als er iſt! 124 Der Meſſias. III. G. V. 68— 81. Ihre Beſchuͤtzer, Engel der Erde, die unter der Aufſicht Gabriels ſtehn, erhuben ſich jetzt auf die Höhe des Oelbergs, Und betrachteten da mit der ſuͤßen Freundſchaft Ge⸗ nuſſe Ungeſehn die Geſpielen, wie ſie den goͤttlichen Mittler Ringsum thraͤnenvoll ſuchten. Da kam mit eilen⸗ dem Schritte Von der Sonn' ein Seraph, und ſtand auf Einmal vor ihnen, Einer der Viere, die gleich nach dem hohen Uriel herrſchen.. Selia war ſein Name. Jetzt ſprach er alſo zu ihnen: Sagt mir, himmliſche Freunde, wo iſt, in welchen Gefilden Wandelt er itzt, der erhabne Meſſias? Die See⸗ len der Vaͤter Senden mich, daß ich ihn auf allen goͤttlichen Wegen Still begleite, und jede That der großen Erloͤ⸗ 1e ſung Achtſam bemerke; kein heiliges Wort, kein Seufzer des Mitleids Soll von ſeinem unſterblichen Mund' ungehört mir entfliehen! Dritter Geſang. 125 III. G. V. 32— 95. Himmliſche Freunde, kein troͤſtender Blick, und keine der Zaͤhren, Jener getreuen der Gottheit und Menſchheit wuͤrdi⸗ 3 gen Zaͤhren, Soll mir ungeſehn in dem goͤttlichen Auge ſich zei⸗ gen. Ach zu fruͤh entfernſt du dem Blicke der heiligen Vaͤter, Erde, dein ſchoͤnſtes Gefilde, wo Gott in den Huͤl⸗ len der Menſchheit Wandelt, und wo er dem Soͤhnaltare, ſein Opfer ſich nahet. Ach zu fruͤh entfliehſt du dem Tag' und Uriels Antlitz, Der nun traurig das Gegengefilde Salems erleuch⸗ tet! Dort iſt ihnen kein aͤnderndes Thal, kein erwachend Gebirge Angenehm; dort wandelt er nicht, der erhabne Meſſias! Selig endigte ſo. Ihm erwiederte Seraph Orion, Simons Engel: Dort unten, wo ſich die traurigen Graͤber Oeffnen, und ſinkend ſich mit des Oelbergs Fuße vertiefen, Dort ſteht, himmliſcher Freund, der hohe Meſſias, und denket. 4 26. Der Meſſias. 2 III. G. V. 96— 110. Selia ſah ihn, und blieb unverwandt in ſanf⸗ ter Entzuͤckung Stehn. Schon waren eilendes Flugs zwo ſliehende Stunden Ueber des Seraphs Haͤupte dahin mit der Stille geflogen, Als er noch ſtand. Jetzt kam der letzte vertrauliche Schlummer In das Auge des Mittlers herab. Die heilige Ruhe Eilte, geſandt von Gott, zum Allerheiligſten Got⸗ tes Nieder in ſtillen Duͤften auf ihn, und kuͤhlendem Saͤuſeln. Jeſus ſchlief. Da wandte ſich Selia zu der Ver⸗ ſammlung, Und trat mitten hinein, und ſprach vertraulich zu 8 ihnen: Sagt mir, himmliſche Freunde, wer ſind die — Maͤnner am Huͤgel, Die 5 wandeln, und wie verlaſſen, und traurig 6 128 herumgehn? Seher, ſanfter ruͤhrender Schmerz deckt ihre Ge⸗ ſichte, 4 Doch entſtellt er ſie nicht. So zeigen edlere Seelen Ihre Wehmuth. Sie weinen vielleicht um einen d Wün Und entſchlafenen Freund, der ihnen an Tugenden gleich war. Dritter Gelans. 127 III. G. V., 111—) 1247 Ihm erwiedert Orion: Das, ſind die heiligen Zwoͤlfe, 7 Selia, die zu Vertrauten der Mittler Gottes ſich 6. Kauskohr. Ach wie ſelig ſind wir, daß uns ihr Meiſter gebo⸗ ften, Ihre Beſchuͤtzer und Freunde zu ſeyn! Da ſehen 3 wir immer, Wie er mit fuͤßer geſelliger Huld ſich ihnen eroͤff⸗ net, Wie er ſi lehret, und bald mit maͤchtiger Rede den Eingang Zu den hohen Geheimniſſen zeigt, in menſchlichen Bildern Bald die unſterbliche Tugend verklärter und fuͤhlba⸗ grer zeiget, Und dadurch ihr empfindendes Herz zu der Ewigkeit 8 bildet. O wie vieles lernen wir da! Wie ladet ſein Bei⸗ us ſpiel Aufzumerken uns ein, und ihm anbetend zu fol⸗ gen! Selia, ſollteſt du ihn, und ſeine goͤttliche Freund⸗ Nanthat ſchaft, Und ſein edles, des ewigen Vaters wuͤrdiges Le⸗ 41 ben Taglich ſehen, dein Herz zerfloͤſſ' in ſtiller Entod⸗ ckung! 128 Der Meſſias. III. G. V. 125— 239. Auch iſt es ſchoͤn, und klinget auch ſelbſt in un⸗ ſterblichen Ohren Lieblich, wenn ſeine Vertrauten von ihm ſich zaͤrt⸗ lich beſprechen. Seraph, wie wir uns lieben, ſo lieben ſie Jeſus. Ich ſagt' es Oft in unſrer Verſammlung, und wiederhol’ es auch jetzo: Vielmals wuͤnſch' ich von Adams Geſchlecht, ja ſel⸗ ber auch ſterblich Mit den Menſchen zu ſeyn! kann anders ohne die Suͤnde Sterblichkeit ſeyn. Vielleicht verehrt' ich ihn inni⸗ ger, treuer; Meinen Bruder von eben dem Fleiſch und Blute geboren Liebt' ich vielleicht weit bruͤnſtiger noch. Mit wel⸗ cher Entzuͤckung Wollt' ich fuͤr ihn, der zuerſt fuͤr mich ſtarb, mein Leben verlieren! Mitten in heißem unſchuldigen Blut, mit brechen⸗ den Augen, 3 Wollt' ich ihn preiſen! Mein ſchwaches Seufzen, 5 mein ſterbendes Stammeln Sollte, wie Harmonieen der hohen Lieder Eloa's, Geht er am Throne vorbei, in dem Ohre Gottes ertoͤnen. Dann, dann ſchloͤſſeſt, Selia du, ſchloͤſ' einer von dieſen Sanft Dritter Geſang. 129 III. G. V. 140— 153. Sanft mit unſichtbarer Hand die gebrochenen Au⸗ gen des Todten, Fuͤhrte die fliehende Seele dann zu dem ewigen Throne. Selia ſprach: Wie ruͤhreſt du mich! Wie reizet dein Wunſch mich, Auch ein n Vruder der Menſchen zu ſeyn! Die Maͤn⸗ ner am Huͤgel, Die ſind alſo die Zwoͤlfe, die heiligen Freunde des Mittlers, Welche zu ſeyn, ſelbſt Seraphim, auch mit der Sterblichkeit, wuͤnſchen? Seyd mir geſegnet! Ihr ſeyd es auch wuͤrdig, Un⸗ ſterbliche! Jeſus Liebt euch wie Bruͤder; ihr werdet auf goldenen Stuͤhlen am Throne Sitzen, und einſt die Erde mit eurem Koͤnige richten. Seraphim, nennet ſie mir. Ich will die Namen auch hoͤren, Die ſchon lang' in dem Buche des Lebens leuchten⸗ der glaͤnzen. Nennet mir jenen zuerſt, der dort mit feurigem Auge Um ſich blickt, und mit Ungeduld in den Naͤchten des Waldes Suchet, Jeſus vielleicht! Muth ſeh' ich, entſchloß⸗ 4 nere Kuͤhnheit Klopſt. Meſſias I. B. b Ate Aufl. 130 Der Meſſias. III. G. V. 154— 167. Seh' ich in ſeinem Geſicht. Aufrichtig ſagt es mir alles, Was vom fuͤhlenden Herzen entflammt, die Seele gedenket. Dieſer iſt Simon Petrus, erwiederte Seraph Orion, Einer der groͤßten. Mich waͤhlte, daß ich ihn be⸗ ſchuͤtzte, der Mittler. Wie du ſagteſt, ſo iſt auch mein Freund. Du ſoll⸗ teſt ihn immer Nebſt mir in jedem kleinen Betragen, in Jeſus Geſellſchaft, Wenn er kreubig ihn hoͤrt, auch wenn er am fer⸗ nen Geſtade, Nicht vor dem Auge des Goͤttlichen mehr, doch von meinem begleitet, Schlummert, verloren in Traͤume von Gott da im⸗ mer ihn ſehen; Seraph, du wuͤrdeſt ſein fuͤhlendes Herz noch goͤtt⸗ licher nennen. Einſt als Jeſus die Juͤnger befragte: Fuͤr wen ſie 1 ihn hielten? Sprach er: Du biſt Chriſtus, der Sohn des leben⸗ den Gottes! Dieſes ſagt er, und weinte vor Freude. Wir wei⸗ neten, Seraph, Mit dem gluͤcklichen, als er es kaum vor Wonn’ und vor Wehmuth Dritter Gefang.. 131 III. G. V. 168— 181. Ausſprach. Aber haͤtt' ich nur nicht ach ſelbſt aus des Mittlers Munde von Detrus gehoͤrt: Du wirſt mich dreimmal verleugnen! Traurige Worte, was ſagtet ihr mir! Ach Simon, mein Bruder, Hoͤrteſt du ſie? Und wenn du ſie hoͤrteſt, wie ward — dirs im Herzen? Simon, du ſagteſt zwar kuͤhn: Du wollteſt nie ihn verleugnen, Deinen Erloͤſer und Gott! doch Jeſus ſagt' es noch Einmal.. Wenn du es wuͤßteſt, wie mir mein Herz in Trau⸗ ren zerfließet, Denk' ich daran; du ſtuͤrbſt viel lieber, als daß du den beſten, 1 Deinen getreuſten unſterblichen Freund unedel ver⸗ kennteſt. Aber du weißt ja, wie Jeſus dich liebt; du ſahſt ja ſein Auge, Das voll goͤttlicher Huld bei dieſen Worten dich anſah; Simon Petrus, du wirſt ihn doch nicht unedel ver⸗ kennen? Selia hoͤrt' ihn. Den Seraph durchdrangen 2 zaͤrtliche Kummer. Nein, ſo ſagt' er zu ihm, nein, theurer Orion, er wird nicht J 2 132 Der Meſſias. III. G. V. 182— 195. Seinen getreuſten unſterblichen Freund unedel ver⸗ leugnen! Schau ihn nur an, welch redliches Herz dieß An⸗ geſicht ausdruͤckt! Aber wer iſt jener, der dort auf maͤnnlicher Stirne Feuer zur Tugend, und zuͤrnenden Haß der Laſter verbreitet, Unerbittlich dem ſklaviſchen Suͤnder, der Gott ver⸗ kennet? Iſt er nicht Simons Vertrauter? O wie er um ihn ſich beſchaͤftigt! Waͤr' er ſein Bruder, ſo koͤnnt' er ihm nicht ver⸗ trauter begegnen! Sipha, ſein Engel, redete jetzt: Du irreſt nicht, Seraph, Dieſer iſt Simons Bruder, Andreas. Sie wuchſen zugleich auf, und Orion, und ich erzogen der Juͤnglinge Seelen Neben einander mit Sorgſamkeit auf. Oft hab' ich .— ihn damals, Wenn mit Zaͤrtlichkeit beide die bruͤnſtige Mubtef umarmte, Unvermerkt zu jener vollkommneren Liebe ge⸗ bildet, Die er dereinſt dem großen Meſſias heiligen ſollte. Dritter Geſang. 133 III. G. V. 196— 209. Ats ihm Jeſus am Jordane rief, da war er noch 4 einer Von den Juͤngern Johannes. Noch klang ihm die Rede Johannes Von dem kommenden Mittler am immerhoͤrenden Ohre, Als ihn mit ſeinem durchdringenden Blick, voll ſeg⸗ nender Liebe, Jeſus berief. Ich hab' ihn geſehen; goͤttliches Feuer Drang gewaltig in ihn, er flog dem Meſſias ent⸗ gegen! Jetzo ſprach Philippus Beſchuͤtzer, Libaniel, alſo: Den du dort um beide geſellig und friedſam er⸗ blickeſt, Dieſer iſt Philippus. Die menſchenfreundliche . Heitre Bildet die Zuͤge des ſtillen Geſichts; und treues Beſtreben, Alle, die Gott zum Bilde ſich ſchuf, wie Bruͤder zu lieben, Iſt der geliebtere Trieb in ſeinem goͤttlichen Herzen. Auch hat Gott in ihn der ſuͤßen Beredſamkeit Gaben Piele gelegt. Wie vom Hermon der Thau, wenn der Morgen erwacht iſt, 15a. Der Meſſias. III. G. V. 210— 223 Traͤufelt, und wie wohlriechende Luͤfte vom Oel⸗ baum fließen, Alſo fließt von Philippus Munde die liebliche Rede. Selia ſprach weiter: Der dort mit langſamem Schritte Unter den Cedern wandelt, wer iſt der? Auf ſei⸗ nem Geſichte Gluͤht die edle Begierde nach Ruhm. Da geht er, wie einer Von den Unſterblichen, welche der Nachwelt ihre Geſchaͤfte Heiligen, und von Enkel zu Enkel unſterblicher werden. Oft erhebet ſich uͤber die Erd' ihr Ruhm; unbe⸗ grenzter 4 Geht er von einem Geſtirn zu dem andern. Und wenn ihr Geſchaͤft war, Wuͤrdige Lieder von Gott und ſeinen Wegen zu ſingen, Engel, ſo wißt ihr, wie ſie in unſeren Choͤren er⸗ ſchallen! Seraph Adona ſprach: Der Zebedaͤide Ja⸗ 1 kobus Iſt der, welchen du ſiehſt. Die Ehrbegierde des Weiſen Iü n nur auf gtiliche Dinge gerichtet. Vor jener — Berſammlung Dritter Geſang. 135 III G. V. 224— 237. Aller Menſchen, im großen Gericht der erwachenden Todten, Durch die Entſcheidung des ewigen Erſten, und ſei⸗ nes Geſalbten,. Wuͤrdig noch der Ehre zu ſeyn! das iſt ſein Be⸗ ſtreben. Weniger Ehre waͤr Schmach fuͤr dieſe himmliſche Seele! Sieht er den Goͤttlichen kommen, ſo geht er, von Seligkeit trunken, Ihm entgegen, als ging er ihm ſchon am ewigen Throne Jauchzend entgegen. Ich hab' ihn geſehen, da zu Tabors Gebirge Niederſtiegen die Bothen des Herrn, Elias und Moſes. Siehe! der Berg umzog ſich mit hellen ſchattenden Wolken. Jeſus wurde verklaͤrt. Sein Antlitz war, wie die Sonne, Wenn 4 allgegenwaͤrtig und hoch im Mittag glaͤnzet; Und das Gewand war ſilbern! wie Licht. Da eilte Jakobus, Wie in das Allerheiligſte Gottes der oberſte 3 Prieſter, Aron, zu Gott, und dem Gnadenſtuhl, und der Lade des Bundes; 136 Der Meſſias. III. G. V. 238— 251. Alſo eilte Jakobus, erfuͤllt von der Ehre des An⸗ ſchauns, Daß er gewuͤrdiget ward, der hohen Erſcheinung entgegen. Unter den heiligen Zwoͤlfen iſt dieſer der Maͤrtirer Erſtling. Alſo ſagen der Vorſicht Tafeln. Ihm iſt es be⸗ ſtimmet, Bald zu gehn in Triumph auf der Zukunft weite⸗ 3 ren Schauplatz, Und des ewigen Geiſtes Begierd' unendlich zu ſtillen. Simon, der Kananit, den du dort ſitzend er⸗ blickeſt, Sagte ſein Engel, Megiddon, war ein Schaͤfer in Saron. Jeſus rief ihn vom Felde. Sein ſtilles Leben voll Unſchuld, Und die Demuth, mit welcher er ihm in Einfalt 3 diente, Wandte das Herz des Erloͤſers ihm zu. Denn da er ermuͤdet Einſt zu ihm kam, da ſchlachtet' er Jeſus mit ſorg⸗ ſamer Eile Güeich ein jugendlich Lamm, und ſtand, und dient' ihm in Unſchuld, Seguete ſich, und die niedrige Huͤtte, wo Gottes Prophet war. Dritter Geſang. 437 III. G. V. 252— 265. Jeſus aß ſo froh, wie er einſt in dem Haine zu Mamre Mit zween Engeln, und Abraham aß. Komm fol⸗ ge mir, Simon, Sagt' er zu ihm, und laß den Geſpielen die Heer⸗ de der Laͤmmer. Denn ich bin es, von dem du das Lied der himm⸗ liſchen Schaaren Neben der Quelle Bethlehems einſt, noch Knabe, vernahmeſt. Dort geht mein Geliebter hervor, ſprach Se⸗ raph Adoram, Schau, Jakobus, der Alphaͤide! Dieß ernſte Geſichte Iſt verſchweigende Tugend, die weniger ſaget, als ausuͤbt. Kennt ihn der Ewige nur, wenn ihn auch von En⸗ kel zu Enkel. Menſchen nicht kennten, er unbekannt den Unſterb⸗ lichen bliebe; Sieh, er wuͤrde, vom Ruhm unbelohnt, doch edel und gut ſeyn! Umbiel ſprach ferner: Der dort voll Gedan⸗ ken und einſam Tief in dem Walde ſich zeigt, iſt Thomas, ein feu⸗ riger Juͤngling. Stets entwickelt ſein Geiſt aus Gedanken Gedan⸗ ken! Ihr Ende 138 Der Meſſias. III. G. V. 266— 279. Findet er oft nicht, wenn ſie vor ihm ſich, wie 4 Meere, verbreiten! Bald haͤtt' er ſich in dem finſtern Gebaͤu des traͤu⸗ menden Saddok Kläͤglich verloren; allein des Meſſias gewaltige Wunder Retteten ihn, er verließ die labirinthiſchen Irren, Kam zu Jeſus. Doch wuͤrd' ich mich ſeinetwegen noch oͤfter Zaͤrtlich bekuͤmmern, haͤtt' ihm zu dieſer denkenden Seele Nicht die Natur ein redliches Herz und Tugend gegeben. Jener iſt Matthaͤus, ſo ſprach Bildai, ein Juͤnger, Der in dem vollen Schooß wolluͤſtiger Aeltern er⸗ zogen, Und durch ſie zu dem niedern Geſchaͤft der Reichen verwoͤhnt ward, Die des unſterblichen Geiſtes uneingedenk, uner⸗ ſaͤttigt, Wie fuͤr die Ewigkeit, ſammeln. Allein die maͤch⸗ tigern Triebe Seines Geiſtes erhuben ſich bald, da er Jeſus er⸗ blickte. Kaum winkt’ ihm der Meſſias; er folgt', und ließ die Geſchaͤfte, Dritter Geſang. 139 III. G. V. 280— 293. Die ihn bisher zu der Erde gedruͤckt, den Thieren zuruͤcke. So entreißt ſich ein Held der Koͤnige weichlichen Toͤchtern, Ruft ihn der Tod fuͤr das Vaterland. Ins Gefſil⸗ de, wo Gott ſteht, Und dem Verderben, geruͤſtet mit Rache, die Schul⸗ digen zuzaͤhlt, Rufet ihn mehr, als ewiger Ruhm, die Stimme der Unſchuld. Dankbar wird ihn der Mund befreiter Gluͤcklicher 1 ehren; Denn ſein Krieg war gerecht. Und bleibet er, mit⸗ ten im Wuͤrgen, Da noch Menſch; ſo wollen wir ihm vor dem Ewi⸗ gen ſingen. Seraph Siona fuhr fort. Der dort mit ſil⸗ bernem Haupthaar, Jener freundliche Greis, iſt Bartholomaͤus, mein Juͤnger, Schau ſein frommes heiteres Antlitz. Die heilige Tugend Wohnt da gern. Den Sterblichen wird die Strenge der ernſten, Wenn er vor ihnen ſie thut, weit liebenswuͤrdiger werden. Du wirſt viel zu dem Herrn verſammeln. Sie werden dein Ende 140 Der Meſſias. III. G. V. 294— 307. Sehen, und ſich wundern, wenn du in dem Schwei⸗ ße des Todes Deinen Moͤrdern und Bruͤdern, wie junge Sera⸗ — phim, laͤchelſt. Trocknet mit mir, wenn er ſtirbt, das Blut von ſeinem Antlitz, Himmliſche Freunde, damit ſein abſchiednehmendes Laͤcheln Alle Verſammlungen ſehn, und ſich zu dem Sohne bekehren. Jener blaſſe verſtummende Juͤngling, ſo ſagte jetzt Elim, Iſt mein auserwaͤhlter Lebbaͤus. So zaͤrtlich und fuͤhlend,— Als die Seele des ſtillen Lebbaͤus, ſind wenig er⸗ ſchaffen. Da ich aus jenem Gefilde ſie rief, wo die Seelen der Menſchen Schweben vor des Leibes Geburt, ſich ſelber nicht 3 kennend, Fand ich ſie im Truͤben an einer rinnenden Quelle, Welche, wie fernherweinende Stimmen, klagend ins Thal floß. Hier hat einſt, wie die Engel erzaͤhlen, der trauri⸗ — ge Seraph, Abbadona, geweint, als er aus Eden zuruͤck⸗ kam, Dritter Geſang. 141 III. G. V. 308— 321. Und der heiligen Unſchuld der Muͤtter erſte beraubt ſah. Ach ihr dvißt es, daß Seraphim oft hier Seelen beklagen, Denen ſie Gott zu Vertrauten erkohr, die aber auf Erden Erſt die heilige Jugend mit frommer Unſchuld be⸗ kroͤnen, Dann des goͤttlichen Lebens Beginn entheiligen werden. Ach ſie wird, vom Laſter entſtellt, ein ſchreckliches Ende Nehmen. Sie ſind es, um die vor ihrer dunkeln Geburtszeit Bruͤderlich, mit Seufzern der himmliſchen Freunde ſchaft, mit Thraͤnen, Menſchen unweinbar, die Seraphim klagen. Hier fand ich die Seele Meines delltten Lebbaͤus gehuͤllt in ruhige Wol⸗ ken. Alſo vetnahm ſie den traurigen Ton mit leiſer Em⸗ pfindung, Walche, ſo lang die ſtaͤrkern der irdiſchen Sinnlich⸗ keit walten, Schlummert, aber erwacht, und des erſten Lebens erinnert,— Wenn die Seele mit Licht bekleidek dem Leib' ent⸗ flohn iſt. 142 Der Meſſias. III. G. V. 325— 335. Dennoch blieb das leiſe Gefuͤhl der traurigen Stim⸗ men Maͤchtig genug, die erſte Geſtalt der Seele zu bilden. Sie hab' ich ſanft in dem Schooß leichtfliegender Morgenwolken Bis zu der ſterblichen Huͤtte gebracht. Die Mutter gebar ihn Unter Palmen. Da kam ich vom Wipfel der rau⸗ ſchenden Palmen Ungeſehn, und kuͤhlte den Knaben mit lieblichen Luͤften. Aber er weinte ſchon dazumal mehr, als Sterbliche weinen, Wenn ſie mit dunkler Empfindung den Tod von ferne ſchon fuͤhlen. Alſo bracht' er, bei jeder Thraͤne, die Freunde ver⸗ goſſen, Innig geruͤhrt, bei jedem Schmerz der Menſchen empfindlich, Seine Jugend voll Traurigkeit hin. So iſt er bei Jeſus Immer geweſen. Wie ſehr bin ich deinetwegen be⸗ kuͤmmert! Wenn der Erlöſer ſtirbt, dann wirſt du, heiliger Juͤngling, Unter des Elends Laſt vergehn. Ach ſtaͤrk ihn, Er⸗ loͤſer, Dritter Geſang. 443 111. G. B. 336— 349. Staͤrk ihn alsdann, Erbarmer der Menſchen, da⸗ mit er nicht ſterbe. Siehe, da kommt er ſelbſt, tiefſinnig mit wanken⸗ 1 dem Schritte, Gegen uns her. Hier kannſt du ihn, Seraph naͤ⸗ her betrachten, Und von Antlitz zu Antlitz der Seelen zaͤrtlichſte ſehen. Als der Seraph noch ſprach, da trat der ſle Lebbaͤus Unter ſie hin. Mit Schnelligkeit wich die hohe Ver⸗ . ſammlung Vor dem Sterblichen. Alſo zertheilen ſich Fruͤh⸗ —— lingsluͤfte, Vor der Nachtigall klagendem Ton, wenn ſie muͤt⸗ terlich jammert. Jetzo umgaben ſie ihn, und ſtanden, wie Menſchen, voll Liebe n ihn herum. Von keinem wo, wie er glaubte, vernommen, Klagte der ſtille Lebbaͤus, und ſchlug in der herzli⸗ chen Klage Ueber dem Haupt die Haͤnde zuſammen. So find' . ich ihn nirgends! Schon iſt ein trauriger Tag, ſchon ſind zwo Naͤchte vergangen; umnd wir ſehen ihn nicht! Ja, ſeine verruchten Ver⸗ folger 444 Der Meffias. 1II. G. V. 350— 363. Haben ihn endlich gewiß ergriffen! Ich armer Vere laßner Kann noch leben, und Jeſus iſt todt! Dich haben die Prieſter Klaͤglich erwuͤrgt, du goͤttlicher Mann! und ich ſah dich nicht ſterben! Ach, und ich habe dir nicht dein goͤttliches Auge ge⸗ ſchloſſen! Sagt, Verruchte, wo wuͤrgtet ihr ihn? In wel⸗ che Gefilde, Welche bange veroͤdete Wuͤſte, zu welchen Ge⸗ beinen Unter den Todten brachtet ihr ihn, und nahmt ihm das Leben? Ach wo liegeſt du, goͤttlicher Freund? Ja, unter den Todten, Bleich und entſtellt, der innigen Huld, und des himmliſchen Laͤchelns, Aller deiner erbarmenden Blicke von Moͤrdern be⸗ raubet, d Liegeſt duz und dich haben die Deinen nicht ſterben geſehen! Ach daß nur dieß bange Herz mir laͤnger nicht ſchluͤge! Daß mein Geiſt, geſchaffen zur Angſt, wie dieß dunkle Gewoͤlke, Tief in die Nacht des Todes entfloͤh! ich laͤg', und 3 ſchliefe! 1 Alſo Dritter Geſang. 145 III. G. V. 364— 377. Alſo klagt' er und ſank ohnmaͤchtig in Schlum⸗ mer danieder. Elim bedeckt' ihn mit Sproͤßlingszweigen des ſchat⸗ tenden Oelbaums, Wehete dann mit waͤrmenden Luͤften ſein ſtarrend Geſicht an, Ungeſehen, und goß ihm Leben und ruhigen . Schlummer. Ueber ſein Haupt. Er ſchlief, und ſah im heiligen Traume, Durch den Engel, den Mittler vor ſich lebendig herumgehn. Selia hing mit thraͤnendem Blick, und menſch⸗ . lichem Mitleid Ueber ihm, als bei den Graͤbern noch einer der Juͤn⸗ ger heraufſtieg. Nennet mir auch jenen, ſo ſagt er, der dort an dem Berge Uns nicht nahet. Ihm faͤllt ſein ſchwarzes lockig⸗ tes Haupthaar Ueber die breiten Schultern herab. Sein ernſtes Geſicht iſt Voll von maͤnnlicher Schoͤne. Dieß Haupt, das uͤber die Haͤupter Aller Juͤnger ragt, vollendet ſein wäaliche⸗ An⸗ ſehn. Aber darf ich es ſagen, und irr' ich nicht, himmmü ſche Freunde, Klopſt. Meſſias I. B. K lte Aufl. 146 Der Meſſias. III. G. V. 378— 391. Wenn ich in dieſem Zug des Geſichts Unruh ent⸗ decke, und in jenem nicht Edles genug? Doch er iſt ja ein Juͤnger, Und er wird ja dereinſt Gericht mit dem Goͤttlichen halten! Aber ihr ſchweigt, Unſterbliche! Keiner von meinen Geliebten Sagt mir ein Wort! Ach warum ſchweigt ihr, himmliſche Freunde? Hab' ich euch traurig gemacht, daß ich dieſen Juͤn⸗ ger verkannte? Redet mit mir, ich habe geirrt. Und du, heiliger Juͤnger, Zuͤrne du nicht; ich will, wenn du einſt, als Maͤr⸗ tirer, Gott ehrſt, Und in Triumph die Unſterblichen ſiehſt, dann will ich den Fehl dir Dur die zaͤrtlichſte Freundſchaft vor dieſen Sera⸗ phim gut thun. Ach ſo muß ich denn reden, ſprach Ithuriel ſeufzend;; Ging mit banggerungenen Haͤnden dem Seraph ent⸗ gegen, Ach ſo muß ich denn reden, mein Freund! Ein ewiges Schweigen Waͤre fuͤr meinen Kummer und deine Beruhigung beſſer! Dritter Geſang. 147 III. G. V. 392— 405. Aber du willſt es, ich red, o Seraph. Iſchariot heißt er, Welchen du ſiehſt. Ja, Seraph, ich wollte nicht uͤber ihn weinen, Ungeruͤhret, und khraͤnenlos, und ohne Be⸗ truͤbniß, Wollt' ich ihn ſehn, und in heiligem Zorn den Schuldigen meiden: Haͤtt' ühm Gott nicht ein Herz, das auch dem Gu⸗ ten erweicht ward, Und in der unentheiligten Jugend Unſchuld ge⸗ geben; Haͤtt' ihn nicht der Meſſias der Juͤngerſchaft wuͤr⸗ dig geachtet, Die er auch frommen Herzens begann, und mit heiligem Wandel⸗ Aber ach nun! Doch ich ſchweige, mein Leid nicht unendlich zu haͤufen; Ja, nun weiß ich, warum, da wir von den See⸗ len der Juͤnger Und vor des Leibes Geburt, vor dem Antlitz Got⸗ tes, beſprachen, Warum damals, ſo winkte der Richter ihm! Se⸗ raph Eloa Traurig herunterſtieg, und einen der goldenen Stuͤhle, Die den Zwoͤlfen der Ewige gab, mit Wolken be⸗ deckte. K 2 III. G. V. 406— 419. Auch iſt Gabriel traurig und mit verhuülltem 148 Geſichte Mir voruͤbergegangen, als ihn in der ſchrecklichen Stunde Seine verlaſſene Mutter gebar.„Waͤrſt du nicht geboren! Haͤtte von deiner ewigen Seele kein Seraph ge⸗ ſprochen, Du Verlorneri dieß waͤr dir beſſer, als daß du den Mittler, Und der Juͤnger erhabnen Beruf unedel ent⸗ 1 heiligſt. Seraph Ithuriel ſprachs, und blieb mit ſin⸗ kendem Blicke Bang vor Selia ſtehen. Mein ganzes Herz erbebt mir, Und ein truͤbes Dunkel, wie Daͤmmrung umwoͤlket mein Auge! Sagte Selia ſeufzend. Iſchariot, einer der Zwoͤlfe, Und dein Juͤnger, Ithuriel? Was der Unſterbli⸗ chen keiner Jemals geglaubt, was jetzo vor Wehmuth ihr Mund kaum ausſpricht! Der entheiligt der Juͤnger Beruf„ und den goͤttli⸗ chen Mittler? Doch was iſt denn des Armen Verbrechen? Was that der Verlorne, Dritter Gefang. 149 III. G. V. 420— 433. Das ihn vor Jeſus, und dir, und allen Geiſtern entehrte? Sag' es frei, zwar bebt mir das Herz, doch, Ithu⸗ riel, ſag' es! Seraph, heimlicher Haß hat den ungluͤckſeli⸗ gen Juͤnger Wider den goͤttlichen Mittler empoͤrt. Er haſſet Johannes, Weil den Jeſus vor Allen mit inniger Zaͤrtlichkeit liebet; Und, zwar dieß verbuͤrg' er ſich gern, er haßt den Erloͤſer! Auch ſind in einer erſchrecklichen Stunde Begierden nach Reichthum Tief in ſeiner Seele, die war ſonſt edler, ge⸗ wurzelt. Denn ſie kannt' ich im Juͤnglinge nicht. Von ih⸗ nen geblendet, Glaubt er, nun werde Johannes dereinſt, vor den anderen Juͤngern, Aber beſonders vor ihm, in dem neuen Reiche des Mittlers, Ringsum herrliche Schaͤtze, des Reichthums Erſtlinge, ſammeln! Dieß hab' ich oft, wenn er, wie er glaubte, von keinem bemerket, Einſam irrte, von ihm aus klagendem Munde ver⸗ 3 nommen. 150 Der Meſſias. III G. V. 434— 447. Einſt, als er auch, dieß ſchreckliche Bild wird mir lange vor Augen Schweben, und lange mein Herz mit ſtiller Weh⸗ muth erfuͤllen! Einſt, als er auch im Thal Benhinnon voll Unruh es ſagte, Und in Wuͤnſche der Bosheit bei ſeiner Beſchuldi⸗ gung ausbrach; Als ich dabei, voll Kummer, und troſtlos in mich 8 gekehret, Stand, und mein Antlitz erhub, da ſah ich, wie 3 Satan vorbeiging, Und mit bitterem Spott, und triumphirendem Laͤcheln Von Iſchariot kam, und ſtolzmitleidig mich an⸗ ſah. Jetzt iſt ſein Herz ſo elend, ſo bloß dem Sturme des Laſters, Daß ich wegen jedes Gefuͤhls, und jedes Ge⸗ dankens Innig ſorge, ſie fuͤhren ihn einſt zum ſchnellen Ver⸗ derben. Gott! daß deine gefuͤrchtete Hand jetzt Satan im Abgrund Mit diamantenen Ketten der tiefſten Finſterniß hielte! Daß die unſterbliche Seele, die du, erhabner Meſſias, Dritter Geſang. 151 III G. V. 448— 461. Auch zu deiner Ewigkeit ſchufft, von ihrer Verir⸗ rung Wiederzukehren, die theuren ihr uͤbrigen Stunden ergriffe! Daß ſie, wuͤrdig der hohen Geburt und der ſchaf⸗ fenden Stimme, Da zur Unſterblichkeit Gott ſie rief und der Juͤnger⸗ ſchaft weihte, Ahren ergrimmten Verderber unuͤberwindlich und furchtbar, Gleich dem muthigſten Seraph, mit Heiligkeit widerſtuͤnde! Theurer Seraph, was ſagt denn der Mittler, ſprach Selia ferner, Ach was ſagt denn der goͤttliche Mittler von dem Verlornen? Koͤnnen des Goͤttlichen Blicke noch ſehn den nahen Verbrecher? Liebt er ihn noch? und wenn er ihn liebt, wie ent⸗ deckt er ſein Mitleid? Selia, du zwingſt mich, ich muß dir alles entdecken, Was ich ſo gern vor mir ſelbſt, vor dir, und den Engeln verbuͤrge. Jeſus liebt den Unwuͤrdigen noch. Voll ſorgſamer Liebe, Zwar mit Worten nicht, aber mit Blicken der goͤtt⸗ lichſten Freundſchaft, 15² Der Meſſias. III. G. V. 462— 476. Sagt' er ihm juͤngſt bei einem zufriednen vertrau⸗ lichen Mahle Vor der Juͤnger Verſammlung: Er ſeys, er werd' ihn verrathen! Selia, ſiehe, da kommt er herauf. Ich will den Verruchten Ferner nicht ſehn, komm mit mir. Ithuriel ſagt“ es, und eilte. Selia folgte betruͤbt. Johannes zweiter Be⸗ ſchuͤter, Salem, ein himmliſcher Juͤngling, begleitete beide von ferne. Jeſus gab dem geliebten Johannes zween heilige . Waͤchter Raphael, einer vom Thron, der hohen Seraphim einer, Und aus Gabriels Ordnung, der ward ſein erſter Beſchuͤtzer. Selia, und Ithuriel gingen beide zu Jeſus In die Graͤber. Da trat mit heiterem Angeſicht Salem Unter ſie hin, und blickte ſie an, und umarmte ſie zaͤrtlich. Frohe beſaͤnftigte Zuͤge verklaͤrten das Angeſicht Sa⸗ lems. Und ein jugendlich Laͤcheln umfloß des Unſterblichen Stirne; Da, wie die Pforten des lieblichen Morgens im Fruͤhling ſich oͤffnen, 7 Dritter Geſang. 133 III. G. V. 477— 490. Sich ſein heiliger Mund voll ſuͤßer Beredſamkeit aufthat, Und ihm von der Lippe der Hauch ſanfttoͤnend her⸗ abfloß.. Seraph, beruhige dich, der dort in den Graͤ⸗ bern bei Jeſus Jener iſt Johannes, der liebenswuͤrdigſte Juͤn⸗ . ger. Schau ihn an, bald wirſt du nicht mehr an Iſcha⸗ riot denken! Heilig, wie ein Seraph, o wie der Unſterblichen einer, Lebt er bei Jeſus, der ihm ſein Herz vor allen eroͤffnet, Und mit goͤttlicher Huld ſich ihn zum vertrauteſten waͤhlte! Wie die Freundſchaft des hohen Eloa und Gabriels Freundſchaft; Oder wie Abdiels Liebe war zu Abbadona, Als er mit ihm noch lebte in anerſchaffener Un⸗ ſchuld: Alſo iſt Johannes und Jeſus goͤttliche Freund⸗ ſchaft. Und er iſt es auch wuͤrdig. Noch ward in heiligen Stunden Keine ſo himmliſche Seele vom großen Schoͤpfer gebildet, 8 154 Der Mefſias. III. G. V. 491— 504. Als die unſchuldige Seele Johannes. Ich hab' es geſehen, Da die Unſterbliche kam. Sie prieſen glaͤnzende Reihen Himmliſcher Juͤnglinge ſelig, und ſangen von der Geſpielin: Sey uns zu deiner Schoͤpfung gegruͤßt, un⸗ ſterbliche Freundin, Heilige Tochter des goͤttlichen Hauchs, komm, ſey uns geſegnet! Du hiſt ſchoͤn und zaͤrtlich, wie Salem; wie Ra⸗ — phael, himmliſch Und erhaben. Dir werden aus deiner heiteren Fuͤlle, Wie aus der Morgenroͤthe der Thau, die Gedanken geboren, Und dein menſchliches Herz, dein Herz voll Innig⸗ keit fließet Ueber von ſuͤßem Gefuͤhl, ſo wie der Unſterblichen Auge Voller Entzuͤckungen weint, wenn es froͤmmere Tha⸗ 5 ten erblicket. Tochter des goͤttlichen Hauchs, vertraulichſte Schwe⸗ ſter der Seele, Die einſt Adam in ihrer unſchuldigen Jugend be⸗ feelte, Komm, wir fuͤhren dich jetzt zu deinem Genoſſen, dem Leibe, Dritter Geſang. 1⁵⁵ III. G. V. 505— 518. Den die Natur ſchoͤn bildet, damit ſein Laͤcheln, o Seele, Schatten deiner Himmelsgeſtalt im Antlitze zeige. Ja, er wird ſchoͤn, und deinem Leibe, du Goͤttli⸗ cher, gleich ſeyn, Den nun bald der ewige Geiſt zu dem ſchoͤnſten der Menſchen Bilden wird, dem ſchoͤnſten vor allen Kindern von Adam. Ach, dieß zarte Gebaͤu muß einſt in den Staub hinſinken, Und verweſen! Aber dich wird bei den Todten dein 1 Salem Suchen, und auferwecken, und wenn du erwacht biſt, verklaͤren! Herrlich, nach himmliſcher Bildung, mit neuer Schoͤnheit umkraͤnzet, Wird er dich dann in kommenden Wolken, du Rich⸗ ter der Menſchen, Deinem Meſſias entgegen zu ſeinen Umarmungen fuͤhren. Alſo ſang von meinem Johannes die himmliſche Jugend. Salem ſagt' es, und ſchwieg. Er und die Seraphim blieben um Johannes herum voll ſuͤßer Zaͤrtlichkeit ſte⸗ hen. Der Meſſias. III. G. V. 519— 532. Alſo ſtehn drei Bruͤder um eine geliebtere Schwe⸗ ſter Zaͤrtlich herum, wenn ſie auf weich verbreiteten Blumen Sorglos ſchlaͤft, und in bluͤhender Jugend Unſterb⸗ lichen gleichet. Ach ſie weiß es noch nicht, daß ihrem redlichen Vater Seiner Tugenden Ende ſich naht. Ihr dieſes zu ſagen, Kamen die Bruͤder; allein ſie ſehen ſie ſchlummern, 3 und ſchweigen. Unterdeß ſchliefen, muͤde von Kummer, die uͤbrigen Juͤnger In den Schatten des Oelbergs ein. Der unter dem Oelbaum, Wo er ſeinen bedeckenden Arm am tiefſten herab⸗ ließ; Jener im Thale, das ſich bei kleinen Huͤgeln ver⸗ ſenkte; Dieſer am Fuß der himmliſchen Ceder, die hoch und erhaben Stand, und mit leiſem Geraͤuſch von dem ſtillen waldigen Wipfel Schlummer und Thau auf die Nuhenden traͤufte. Viel ſchliefen in Graͤbern, Welche die Kinder der mordenden Stadt den Pro⸗ pheten erbauten. Dritter Geſang. 257 III. G. B. 533— 547. Judas Iſchariot war, nicht weit von dem ſtillen Lebbaͤus, Der ſein Verwandter und Freund war, voll Unruh eingeſchlafen. Aber Satan, der ſeitwaͤrts in einer verborgenen Hoͤhle Alles, was die Engel von ihren Juͤngern erzaͤhl⸗ ten, Hatte zaß„brach zuͤrnend hervor, und ließ, voll Gedanken Zu dem Verderben entflammt, ſich uͤber Iſchariot nieder. Alſo nahet die Peſt in mitternaͤchtlicher Stunde Schlummernden Staͤdten. Es liegt auf ihren ver⸗ breiteten Fluͤgeln An den Mauren der Tod, und haucht verderbende Duͤnſte. Jetzo liegen die Staͤdte noch ruhig; bei naͤchtlicher Lampe Wacht noch der Weiſe; noch unterreden ſich edlere Freunde, Bei unentheiligtem Wein, in dem Schatten duf⸗ .122. tender Lauben, Von der Seele, der Freundſchaft, und ihrer un⸗ ſterblichen Dauer! Aber bald wird der furchtbare Tod ſich am Tage des Jammers Ueber ſie breiten, am Tage der Qual und des ſter⸗ — benden Winſelns, 158 Der Neſſias. III. G. V. 548— 561. Wenn mit gerungenen Haͤnden die Braut um den Braͤutigam wehklagt; Wenn, nun aller Kinder beraubt, die verzweifelnde Mutter Wuͤthend dem Tag', an dem ſie gebar, und gebo⸗ ren ward, fluchte; Wenn mit tiefem verfallneren Auge die Todten⸗ graͤber Durch die Leichname wandeln, bis hoch aus der Donnerwolke Mit tiefſinniger Stirn der Todesengel herab⸗ ſteigt, Weit umherſchaut, alles ſtill, und einſam, und oͤde Sieht, und auf den Graͤbern in ernſten Betrachtun⸗ gen ſtehn bleibt. So kam uͤber Iſchariot Satan zum nahen Ver⸗ derben, Goß dann einen verfuͤhrenden Traum in ſein offnes Gehirne. Schnell empoͤrt er das klopfende Herz zu Begier⸗ den der Bosheit; Senkte zuerſt empfundne Gedanken, voll Feuer, ſtuͤrmend, Ihm in die Seele. So wie ſich der Donner in ſchweflichte Berge Himmelab ſtuͤrzt, ſie entzuͤndet, dann neue Donnet verſammelt, Dritter Geſang. 159 III. G. V. 562— 576. Dann durch die Tiefen, nunmehr ein ganzes Wet⸗ ter, ſich fortwaͤlzt. Denn der Seraphim hohes Geheimniß, den Seelen der Menſchen Edle Gedanken, der Ewigkeit wuͤrdige große Ge⸗ danken Einzugeben, war Satan, zu ſeiner groͤßern Ver⸗ dammniß, Noch bekannt. Zwar kam aus treuer ſorgſamer Ahndung Seraph Ithuriel wieder zuruͤck, bei dem Juͤnger zu bleiben; Aber da er entdeckte, wie uͤber Iſchariot Satan Sich verbreitete, bebt' er und ſtand, und ſahe zu Gott auf,. Und entſchloß ſich, vom Schlaf Iſchariot aufzu⸗ wecken. Dreimal ſchwebt' er auf Fluͤgeln des Sturms durch brauſende Cedern Ueber ſein Angeſicht hin, ging dreimal mit maͤchti⸗ . gem Schritte Bei dem Juͤnger vorbei, daß des Bergs Haupt unter ihm bebte. Aber Iſchariot blieb, mit kalter erblaſſender Wange, Wie in toͤdtlichem Schlummer. Der Seraph ver⸗ huͤllte ſein Antlitz. Gleich erſchien dem Juͤnger im Traum ſein Vater, und ſah ihn p160 Der Meſſias. III. G. V. 577— 590. Starr und troſtlos an: und ſprach mit bebender Stimme: Und du ſchlaͤfſt, Iſchariot, hier unbekuͤmmert und ruhig, Und entfernſt dich ſo lang von Jeſus, als wenn du nicht wuͤßteſt, Daß er dich haßt, und die uͤbrigen Juͤnger alle dir vorzieht! Warum biſt du nicht immer um ihn mit ihne zu⸗ gegen? Warum ſucheſt du nicht von neuem ſein Herz zu gewinnen? Ach wem ließ, Iſchariot, dich dein ſterbender Va⸗ ter! Gott! mit welcher Vergehung hab' ichs, mit wel⸗ chem Verbrechen Hats mein Geſchlecht verdient, daß ich aus dem Thale des Todes Kommen, und um Iſchariot hier und ſein trauri⸗ ges Schickſal Weinen muß? Und meynſt du, du werdeſt im Reich des Meſſias,— Das er errichtet, gluͤcklicher ſeyn; ſo betruͤgſt du 3 dich, Aermſter! Kenneſt du nicht Petrus, o kennſt du die Zebedaͤi⸗ den, Dieſe geliebteren Juͤnger, nicht mehr? Die ſind es, die werden Groͤßer, Dritter Geſang. 161 III. G. V. 591— 604. Groͤßer, als du, und herrlicher ſeyn! Die werden bei Jeſus Schaͤtze, wie Stroͤme, zu ſich von des Landes Milde verſammeln. Auch die uͤbrigen werden ein viel gluͤckſeliger Erbe, Als mein verlaſſener Sohn, von ihrem Meſſias empfangen.* Komm, ich will dir ihr Reich in ſeiner Herrlichkeit zeigen. Steige mir nach! auf, wanke nicht! komm, er⸗ manne dich, Judas! Sieheſt du dort vor uns das unendliche breite Ge⸗ birge, Welches ins fruchtbare Thal verlaͤngte Schatten hin⸗ abſtreckt? Hier wird unaufhoͤrlich, wie aus dem ſchimmernden Ophir, Gold gegraben; hier trieft das Thal, durch ſelige Jaͤhre, Reich und unerſchoͤpflich, vom Ueberfluſſe des Se⸗ gens. Dieß iſt ſeines erwaͤhlten Johannes grſegnetes Erbe⸗ Jene Huͤgel, belaſtet von dichten ſchattenden Re⸗ ben, Dieſe von wallendem Korn weit uͤberfließenden Auen Klopſt. Meſſias I. B. 8 ate Aufl. A 162 Der Meſſias. 4 III. G. V. 605— 618. Sind dem geliebteren Petrus von ſeinem Meſſias gegeben. Siehſt du die ganze Fuͤlle des Landes? Wie hier ſich die Staͤdte, Gleich der Koͤnigstochter, Jeruſalem, unter der Sonne- Glaͤnzend und hoch, voll unzaͤhlbarer Menſchen, im Thale verbreiten! Wie ſich neue Jordane dort, die Staͤdte zu waͤſ⸗ ſern, 11 Unter jener Umwoͤlbung der hohen Mauren dahin⸗ ziehn! Gaͤrten, gleich dem befruchteten Eden, beſchatten, den Goldſand 2 Ihrer Geſtade. Dieß ſind die Koͤnigreiche der Juͤn⸗ ger. Aber erblickſt du, Iſchariot, auch in jener Entfer⸗ nung Dort das kleine gebirgichte Land? Da liegt es ver⸗ oͤdet, 1 Wild, unbewohnt, und ſteinicht, mit duͤrrem Ge⸗ hoͤlz durchwachſen. Ueber ihm ruhet die Nacht in der kalten weinenden Wolke, Unter ihr Eis und nordiſcher Schnee in unfruchtba⸗ ren Tiefen, Wo verdammt zu der Klage, zur Oed', und deiner Geſellſchaft, Dritter Geſang. 163 III. G. V. 619— 632. Naͤchtliche Voͤgel die donnergeſplitterten Waͤlder durchirren. Ach dein Erbe! Wie werden vor dir, verachteter .. Juͤnger,. Bald die uͤbrigen Eilfe, mit triumphirender Stir⸗ ne, Stolz voruͤbergehn, und kaum in dem Staube dich merken! Judas, du weineſt vor Gram, und edelmuͤthigem Zorne! Sohn, du weineſt umſonſt, umſonſt fließt jede der Thraͤnen,. Die in deiner Verzweiflung dir fließt, wenn du ſelbſt dir nicht beiſtehſt! Hoͤre mich An⸗ ich ſchließe dir ganz mein vaͤterlich Herz auf: Sieh, der Meſſias ſaͤumt mit ſeiner großen Erloͤ⸗ 3 ſung, Und mit dem herrlichen Reich., das er aufzurichten verheißen. Nichts iſt den Großen verhaßter, als Nazarets Koͤ⸗ nig zu dienen! Taalich ſitnen ſie Tod' ihm aus. Verſtelle dich, Judas, Schein', als wollteſt du ihn in die Hand der war⸗ 3 tenden Prieſter Ueberliefern: nicht Rache zu uͤben, weil er dich haſſet; 8 2 164. Der Meſſias. III. G. V. 633— 646. Sondern ihn nur dadurch zu bewegen, daß er ſich endlich Ihrer langen Verfolgungen muͤd', und furchtbarer zeige, Daß er, mit Schande, Beſtuͤrzung, und Schmach ſie zu Boden zu ſchlagen, Sein ſo lang' erwartetes Reich auf einmal er⸗ richte. O dann waͤrſt du ein Juͤnger von einem gefuͤrchte⸗ ten Meiſter; Dann, dann wuͤrdeſt du auch dein Erbtheil fruͤher 3 erlangen! Iſt es auch klein; ſo kannſt du es doch, erlangſt du es fruͤher, Endlich mit unermuͤdetem Fleiß, mit Wachen und Arbeit, Durch Anbauung und Handel bereichern, daß es der andern Großem geſegneten Erbe, wiewohl von ferne nur! gleiche. Hierzu fuͤllen gewiß, fuͤr die Ueberlieferung Je⸗ ſus, Dir die dankbaren Prieſter mit ihrem Golde die Haͤnde. Dieß iſt der Rath, den dir dein bekuͤmmerter Va⸗ ter ertheilet. Schaue mich an! Iſt es nicht mein blaſſes erſtor⸗ benes Antlitz? Dritter Geſang. 265 III. G. V. 647— 659. Ja, aus des untern Libanons Hain, ſelbſt da fuͤr dich wachend, Komm' ich hierher, und zeige dir deine Rettung im Traume! Doch du erwachſt. Verachte nicht, Sohn, die er⸗ mahnende Stimme Deines Vaters, und laß mich nicht traurend zu meinen Genoſſen, Zu den Seelen der Todten mit Herzeleid nicht hin⸗ abgehn! Satan richtete ſich nach ſeiner Geſichte Voll⸗ endung Ueber ihm auf. So richtet ſich hoch ein werdender Berg auf, Kurz noch ein Thal, wenn Thaͤler um ihn bei Er⸗ ſchuͤttrung der Erde Mit den geſunknen Gewoͤlben hinab in die Tiefe ſſiich ſtuͤrzen. Judas erwacht, ſpringt ungeſtuͤm auf. Ja ſie war es, die Stimme Meines todten Vaters, ſo redt' er, ſo ſah ich ihn ſterben! Alſo iſt es gewiß: Er haſſet mich! Selbſt bei den Todten Iſt es bekannt! Was du immer mit zitternder Ahndung vermuthet, 166 Der Meſſias. III. G. VB. 660— 673. Du Verlaßner, das melden dir jetzt die Seelen der — Todten! Nun wohlan! ſo will ich denn hingehn, alles voll⸗ enden, Was mein Geſicht mir gebot! Allein ſo handl' ich ja untreu An dem Meſſias! Und wenn mir zuͤrnende Schwer⸗ muth den Traum gab, Oder Satan! Entfleuch, zu furchtſamer kleiner Gedanke! Aber ich fuͤhle bei mir nach Reichthum heiße Be⸗ gierden! Heiße Begierden nach Rache? Was biſt du, Seele, ſo zaͤrtlich, Ach ſo empfindlich, und bang, dich mit ſchwachen Gedanken zu quaͤlen? Traͤume zeigen ſich dir! Die Traͤume befehlen dir Rache! Wenn ein Geſicht ſie gebeut, ſo iſt die Rache ge— heiligt! Satan hört' ihn ſo reden, den ſchon die Ge⸗ richte des Richters Leiſe trafen, weil er vorher die Unſchuld der Seele Schon entheiliget hatte. Mit vollem ſchweigenden 1 3 Stolze, Schaute Satan auf ihn, und mit wildem Antlitz herunter.. Dritter Geſang. 167 III. G. V. 674— 686. Alſo ſieht ein gefuͤrchteter Fels aus der hohen Wolke In das wogende Meer auf ſchwimmende Leichname nieder! Aber nun faßt der Donner ihn bald, bald iſt er, zertruͤmmert,— Tief in dem Meer ein Thal, und liegt; ihn werden die Inſeln Fallen ſehn, und rings zujauchzen dem raͤchenden Donner. Satan verließ das Gebirg', und ging mit ge⸗ hobenem Schritte Ueber Jeruſalem hin, und ſucht' in den ſtillen Pal⸗ laͤſten Kaiphas auf, den Feind, und den Hohenprieſter . der Gottheit, Ueber ſein Herz voll Bosheit noch viel boshaftere Gedanken Auszugießen, und ihn mit dunkeln Geſichten zu taͤuſchen. Judas Iſchariot blieb noch vertieft in irre Ge⸗ danken Auf dem Gebirge. Der Tag ging jetzt der ſchlum⸗ mernden Welt auf. Jeſus erwachte, Johannes mit ihm. Sie gingen zuſammen 4 168 Der Meſſias. III. G. V. 687— 699. Auf den Berg, und fanden daſelbſt die Juͤnger noch ſchlafend. Jeſus ergriff dem frommen Lebbaͤus die ſinkenden Haͤnde, Sprach, als er jetzt erwachte, zu ihm: Da bin ich, und lebe, Frommer Lebbäus! Der Juͤnger ſprang auf, um⸗ armt' ihn mit Thraͤnen, Lief, und weckte die uͤbrigen Juͤnger, und brachte . ſie Jeſus. Als ſie ihn rings vertraulich umgaben, ſprach er zu ihnen: Komm, du heilige Schaar, wir wollen uns unter einander Dieſen uͤbrigen Tag vor dem Abſchiedskuſſe noch — freuen! Komm, jetzt ſtehet uns Saron noch offen, thaut nooch der Himmel Ueber uns aus dem fruͤhen Gewoͤlk in die Segens⸗ gefilde. Siehe, die himmliſche Ceder, von meinem Vater erzogen, Sendet noch kuͤhlende Schatten herab. Noch ſeh ich den Menſchen Von ſo goͤttlicher Bildung bei meinen Unſterblichen wandeln! Dritter Geſang. 169 III. G. V. 700— 713. Aber bald iſt das Alles nicht mehr! Bald wird ſich der Himmel Dunkel mit ſchnenden Wolken umziehn! Bald werden die Tiefen Ungeſtuͤm erzittern, und dieſe Gefilde voll Se⸗ gen, Dieß geliebte Gefilde verwuͤſten! Bald ſchaun die Menſchen Mit Mordblicken mich an! bald werdet ihr alle mich fliehen! Weine nicht, Petrus, und du, mein zaͤrtlichbekuͤm⸗ merter Juͤnger, Weine du nicht! Wenn der Braͤutigam da iſt, weinet die Braut nichk. Ach ihr werdet mich wieder erblicken, mich ſehn, wie die Mutter, Sie ein einziger Sohn bei den Auferſtehenden ſehn . wird. Dieſes ſagt’ er, und ſtand mit goͤttlichheite⸗ rem Antlitz Unter ihnen; allein in ſeinem Herzen empfand er Innerlich Seelenangſt und der Soͤhnung erhabene Leiden. Alſo ging er, und ward von allen vertraulich be⸗ gleitet; Nur von Iſchariot nicht. Der hatt' ihn unter den Schatten 170 Der Meſſias. III. G. Ve 714— 727. Waldichter Wipfel von ferne gehoͤrt. So weiß er ja ſelbſt ſchon, Sagt' er in ſich, da er Jeſus, der eilt', in der 1 Ferne noch nachſah, Daß ihm ein Tag der Finſterniß droht! So wird er auch wiſſen, Wie er ſeinen Verfolgern begegnen, und unuͤber⸗ windlich, Was er anfing, endigen ſoll. Doch weiß er auch, Judas, Weiß er, was du beſchloſſeſt, auch ſchon? Du willſt ihn verrathen! Aber wenn das Geſicht mich nun taͤuſchte? der Traum mich betroͤge? Taͤuſchet mein Traum mich; und kam er, noch mehr den Gehaßten zu quaͤlen; O ſo ſey ſie verflucht die Stund', in welcher ich einſchlief! Und zu mir mein Vater, wie Todtengeſtalt, her⸗ aufkam! Kehrt ſie zurück, dann muͤſſe man ſterbend Geheul auf den Bergen Hoͤren! ſterbend Geheul in tiefen fallenden Graͤ⸗ bern Muͤſſe man hoͤren! Verflucht ſey der Ort, wo ich lag und einſchlief! Dort, dort muͤſſ' ein entſetzlicher Sohn den Vater erwuͤrgen! Dritter Geſang. 191 III. G. V. 728— 741. Ha! dort fließe das Blut von meinem geliebteren Freunde, Wenn er mit eigner Hand in ſeiner Wuth ſich er⸗ wuͤrgt hat! Judas, wohin verirreſt du dich! Verirreſt? Was zuͤrnſt du Ueber dich ſelbſt? Du verirreſt dich nicht, wenn du alſo getauſcht wirſt! Lehret mich ein geſandtes Geſicht den Meſſias ver⸗ rathen, Und ich ſuͤndige dran; ſeyſt du auch, unter den Tagen Schrecklichſter Tag, verflucht, da mich der Meſſias erwaͤhlte, Da er voll Liebe, mit Blicken der Huld, dem ge⸗ horchenden ſagte: Folge mir nach! Du muͤſſeſt umwoͤlkt, und dunkel, . und Nacht ſeyn! Naheſt du; muͤſſe die Peſt in Finſterniſſen umher⸗ gehen! Toͤdten, ſenkt die Sonne den Strahl, verderbende Seuche! Dich, Tag, nenne kein Menſch! und unter den Tagen vergeß dich Gott! Wie ergreift mich die Angſt! wie zittern mir alle Gebeine! Judas, wo biſt du? Erwache, ſey ſtark! Was quaͤlſt du dich, Aermſter? 172 Der Meffias. III. G. B. 742— 745. 1 Deine Geſichte taͤuſchen dich nicht! Und wenn ſie . dich taͤuſchten; Kannſt du es anders, als ſo, wonach du duͤrſteſt, erlangen? Alſo rief er, wuͤthet' er, war ſeit ſeinem Ge⸗ ſichte, Zwo erſchreckliche Stunden der Ewigkeit naͤher ge⸗ kommen. M e i t i a s. Vierter Geſang. Inhalt des vierten Geſangs⸗ Kanphas, der auch einen Traum vom Satan gehabt hat, verſammelt das Sinedrium, den Tod Jeſu endlich voͤllig zu beſchließen. Er erzaͤhlt ſeinen Traum, den er fuͤr eine goͤttliche Eingebung ausgiebt. Philo, ein Pha⸗ riſaͤer, widerſpricht ihm hierinz verurtheilt aber Jeſum mit noch groͤßerer Heftigkeit zum Tode⸗ Gamaliel raͤth, die Sache Gott zu überlaſſen. Nikodemus dankt ihm oͤffent⸗ lich dafuͤr. Philo haͤlt eine ſehr heftige Rede wider den Meſſias, wider Gamaliel und Nikodemus, zu welcher ihn Satan zuvor insgeheim einweihet, denn dieſer war mit Ithuriel unſichtbar gekommen, weil Judas ſich nahte, Jeſum zu verrathen. Nikodemus antwortet dem Philo, und geht mit Joſeph aus der Verſammlung. Judas koͤmmt, und ſagt Kaiphas ſeine Abſichten insgeheim, der ſie der Verſammlung entdeckt, und den Verraͤther belohnt. Der Meſſias naht ſich Jeruſalem, und ſchickt Petrus und Johannes in die Stadt, das letzte Abendmahl fuͤr ſie zu bereiten. Petrus ſieht von dem Soͤller des Hauſes die Mutter Jeſu, Lazarus, den Auferweckten, Maria, ſeine Schweſter, den Juͤngling von Nain, und Cidli, Jairus Tochter kommen, die Jeſum ſuchen. Dieſe ſehn Petrus, und kommen hinauf. Johannes ſagt, daß Jeſus bald, von Bethanien her, kommen wuͤrde. Maria wartet. Jeder iſt ſtill. Die fromme Liebe zwiſchen dem Juͤngling von Main und Eidli. Maria kann nicht mehr warten, Sie glaubt ihren Sohn auf dem Wege von Bethanien zu finden. Jeſus nimmt einen andern Weg, und ver⸗ weilt ſich bei Golgatha. Er ſteht bei Joſephs neuem Grabe, und denkt uͤber ſeinen Tod und uͤber ſeine Aufer⸗ ſtehung. Der Abend iſt gekommen. Er geht auf Jeru⸗ ſalem. Judas koͤmmt an den Mauern der Stadt zu ihnen. Ithuriel redet den Meſſias an, daß er des Verraͤthers Schutzengel nicht mehr ſeyn koͤnnte. Er wird von Jeſu zu dem zweiten Engel Petri beſtimmt. Jeſus koͤmmt in die Stadt, und ſetzt ſich mit allen Juͤngern zu Tiſche, redet von ſeinem Tode, nimmt von ihnen Abſchied, weiſſagt von ſeinem Verraͤther, und ſtiftet das Gedaͤchtniß ſeines Todes. Johannes faͤllt, da er den Kelch ſieht, zu Jeſu Fuͤſſen, und ſieht die Verſammlung der gegenwaͤrtigen Engel. Judas will es Johannes nachthun; Jeſus heißt ihn aufſtehen, und weiſſagt wieder von ſeinem Verraͤther.) Judas geht fort. Es war nunmehr Nacht. Seine Ge⸗ danken, da er zu Kaiphas geht. Nun iſt die Verſammlung ganz heilig. Jeſus redet von ſeiner Verherrlichung. Petri Kuͤhnheit, und die Verkuͤndigung ſeiner nahen untreu. Jeſus betet knieend unter ſeinen Juͤngern. Hierauf ſteht er auf, an den Oelberg, ins Gericht, ſtatt der Menſchen, 4 zu gehen. Da er ſich Kidron naͤhert, bleibt er an einem Huͤgel ſtehen, und bezeichnet Gabriel einen einſamen Ort in Gethſemane, wo er die Engel verſammeln ſoll. — . —2 Vierter Geſang. IvV. G. V. 1— 10. Knhss aber lag, nach Satans dunklem Geſichte, Noch voll Angſt auf dem Lager, von dem die Ruhe geflohn war; Lahnief bald Audonülrene dann wacht er wieder, Ss unnd warf ſich Ungeſtuͤm, voll Gedanken herum. Wie tief in der Feldſchlacht Sterbend ein Gonteeleuaher ſich waͤlzt; der kom⸗ mende Sieger, 3522 und. das hwende Roß, der rauſchenden Hanzer Gekoͤſe, Und des Geſchrei, und der Toͤdtenden Wuth, und der donnernde Himmel Gturmen auf ihn, er liegt, und ſinkt mit geſpal⸗ tetem Haupte. Dumm und gedankenlos unter den Todten, und glaubt zu vergehen. Dimn Liͤest er ſich wieder, und iſt noch, denket noch, fluchet, 7 176 Der Meſſias⸗ IV. G. V. 11— 24. Daß er noch iſt, und ſpritzt mit bleichen zuckenden Haͤnden Himmelan Blut; Gott fluchet er, wollt' ihn gerne noch leugnen. Alſo betaͤubt ſprang Kaiphas auf, und ließ die Ver⸗ ſammlung Aller Prieſter und Aeltſten im Volk ſchnell zu ſich berufen. Mitten im hohen Pallaſt war ein weiter Saal der Verſammlung, Aus des erhabenen Libanons Hain ſalomoniſch er⸗ bauet. Dort verſammelten ſich die Prieſter und Aelteſten Juda's, Mit den Aelteſten Joſeph von Arimathaͤg, ein Weiſer Unter der ganzen enkarteten Nachwelt des goͤttlichen Abrams, Von der Zahl her aͤbergebliebenen wenigen Edlen. Still, wie der friedſame Mond in der hohen daͤm⸗ mernden Wolke Ueber uns waid ſo ging in dieſen Gerfanmunnge Joſeph⸗ Auch kam Nikodemus, ein Freund des Meſſas und Joſephs⸗ Kaiphas trat jetzt herriſch hervor, und ergrimmt', und ſagte: 38 Vierter Geſang. 177 Endlich, ihr Vaͤter Jeruſalems, muͤſſen wir etwas beſchließen, Und mit gewaltigem Arm den Widerſacher vertil⸗ gen: Oder er fuͤhret es aus, was er wider uns lange ſchon ausſann; Und wir halten vielleicht heut unſere letzte Verſamm⸗ lung! Ja dieß Prieſterthum Gottes, das Gott auf Sinai ſelber Durch den groͤßten Propheten des Enkels Enkel ge⸗ ſetzt hat, Das, in ber langen Gefangenſchaft, ſelbſt Babilons Thuͤrme, Das, in der Waffen Sturm, die ſchrecklichen ſieben Huͤgel Nicht zu erſchuͤttern vermochten; das wird ein ſterb⸗ licher Seher, Iſrael, uns, dem Tempel des Herrn zur Schande, vertilgen. Iſt nicht Jeruſalem ſein? Sind nicht die Staͤdte Judaͤa's Sklavinnen ihres vergoͤtterten Sehers? Entfliehet das Volk nicht Aberglaͤubiſch und blind dem Tempel weiſerer Vaͤ⸗ ter Seine derführenden Wunder in weitentlegenen Wuͤ⸗ ſten Klopſt. Meſſias I. B. M Ate Aufl. Der Meſſias. IV. G. V. 39— 53. Anzuſtaunen, die Wunder, die Satan durch ihn gethan hat? Und was blendet wohl mehr? was iſt dem ſtaunen⸗ den Poͤbel Wunderbarer, als wenn er ſo gar Geſtorbne, vom Tode, Oder vielmehr ohnmaͤchtige Kranke, vom Schlum⸗ mer, erwecket? Unterdeß ſind wir ruhig, und warten, wenn uns ſein Anhang In der Empoͤrungen Wuth vor ſeinen Augen er⸗ wuͤrgt hat, Daß er uns auch von den Todten erwecke! Ja, Vaͤter, ihr ſeht mich Stumm und erſtaunend an! Koͤnnt ihr noch zwei⸗ feln? Ja zweifelt, Zweifelt nur, und ſchlummert! Es rief ihn Juda zum Koͤnig Niemals aus! Das wißt ihr nicht! Niemals be⸗ ſtreut' es mit Palmen Ihm den Weg! Nie haben ſie ihm Hoſianna ge⸗ ſungen! Daß du, ſtatt Hoſianna, den Fluch des Ewigen hoͤrteſt! 5„ Daß im betaͤubten Ohre dir des Donnerers Stimine, Statt des Triumphtons, ſchallte! daß tief in dem Thore des Todes Koͤnige dir von dem eiſernen Stuhl' aufſtuͤnden, die Kronen 178 Vierter Geſang. 179 IV. G. V. 54— 68. Niederlegten, mit bitterem Spott Hoſianna dir riefen! Ja, unwuͤrdige Väter des Volks!( Verzeiht dieß Wort mir, Welches ergrimmt in heiligem Zorn mein wuͤthen⸗ der Geiſt ſprach!) Nicht die Klugheit allein, noch viel was hoͤh'res gebeut uns, Gott gebeut uns, ihn ſchnell von dem Antlitz der . Erde zu tilgen! Vormals redete Gott durch offenbarende Traͤume unſeren Vaͤtern. Entſcheidet, ob nicht auch Kaiphas Traͤume, Die Gott ſendet, geſehen hat? Ich lag,(voll To⸗ desgraun war Mir die Nacht) auf dem Lager, und dachte dem endlichen Ausgang Dieſer neuen Empoͤrungen nach. Das dacht' ich, und ſchlief dann Unentſchloſſen und kummervoll ein. Da war ich im Traume In dem Tempel, und eilte, mit Gott das Volk zu verfoͤhnen. Schon floß Blut der Opfer vor mir; ich ging an⸗ 1 betend Schon in das Allerheiligſte Gottes; ich hatte den 3 Vorhang Schon eroͤffnet: da fah, noch beben mir alle Ge⸗ beine! M 2 180 Der Meſſias. IVv. G. V. 69— 32. Gottes Schreckniß faͤllt noch auf mich, wie toͤdtend herunter! Aron ſah ich im heiligen Schmuck, mit drohender Stirne, Gegen mich kommen. Sein Auge voll Feuer, ven goͤttlichem Grimm voll, Toͤdtete! Siehe, der Bruſt Bild voll gewaltiger Strahlen Blitzte, wie Horeb, auf mich! Der Cherubim Fit⸗ tige rauſchten Fuͤrchterlich her von der Bundeslade! Auf Einmal entfiel mir Schwindend mein Hohesprieſtergewand, wie Aſch' auf die Erde. Fleuch! rief Aron mit ſchreckendem Ton, du des Prieſterthums Schande, Fleuch! Elender, dir ſag' ich, daß du die heilige Staͤte Kuͤnftig nicht mehr, als Prieſter des Herrn, ver⸗ 4 wegen entheiligſt. Biſt du es nicht? Hier ſah er mich grimmig mit toͤdtendem Blick an, Wie man herab auf den Todfeind blickt, und lieber ihn wuͤrgte! Biſt du es nicht, Unwuͤrdiger du, der jenen Ver⸗ ruchten, Jenen entſetzlichen Mann ungeſtraft das Heiligthum laͤſtern, Vierter Geſang. 181 IV. G. V. 83— 97. Meinen Bruder, Moſes, und mich, und Abraham ſchmaͤhen, Und die Sabbathe Gottes mit feiger Traͤgheit ent⸗ weih'n ſieht? Geh, Elender! damit dich nicht ſchnell, wo du fer⸗ ner verweileſt, Gottes Gnadenſtuhl mit dem heiligen Feuer ver⸗ 1 zehre. Alſo fagt' er. Ich floh, und kam mit zerfliegenden . Haaren, Und mit Aſch' auf dem Haupte, gewandlos, ent⸗ ſtellt, und verwildert Unter das Volk. Da ſtuͤrmte das Volk, und wollte mich toͤdten. Da erwacht' ich. Drei Stunden voll Qual, drei aͤngſtliche Stunden Hab' ich ſeitdem, wie ſinnlos, in Todesſchweiße ge⸗ .. legen. Und noch beb' ich, noch zittert mein Herz von ge⸗ heimem Schauer; Und, der Stimme beraubt, erſtarrt mir die Zung' im Munde! Er muß ſterben! Von euch, verſammelte Vaͤter, erwart' ich, Wie er ſterben ſoll, ſchleunigen Rath! Mit ſtar⸗ rendem Blicke, Stand er hier ſprachlos. Endlich erwacht' er wie⸗ der, und ſagte: Beſſer toͤdten wir Einen, als daß wir alle verderben! Der Meſſias. IV. G. V. 98— 111. Aber auch dieſes gebeut die Weisheit: Die Tage des Feſtes Muß er nicht ſterben, daß ihn ſein ſklaviſcher Poͤ⸗ bel nicht ſchuͤtze. 18² Kaiphas ſchwieg. Kein Laut, noch Geraͤuſch von Redenden wurde Durch die Verſammlung gehort. Sie blieben alle . verſtummend Sitzen, und wie von dem Donner geruͤhrt, hin⸗ ſtarrende Laſten. Joſeph ſah die herrſchende Stille. Da wollt' er fuͤr Jeſus. Ihn zu vertheidigen, reden; allein ein gefuͤrchteter Prieſter, Seine Wuth, mit welcher er ſchnell zu reden her⸗ vortrat, Schreckten ihn. Philo, war des Prieſters Name. Noch hatt' er Nie von Jeſus geredet, zu ſtolz, vor der Reife der Sachen, Unentſcheidend zu reden. Ihn hielten alle fuͤr weiſe, Kaiphas ſelbſtz doch haßt' ihn der phariſäiſche Philo. 1 Der ſtand auf. Sein tiefes und melancholiſches Auge Funkelte! Jetzo ſprach er mit zorniggefluͤgelter Stimme: Vierter Geſang. 183 IV. G. V. 112— 125. Kaiphas! du wagſt es, uns hohe goͤttliche Traͤume Herzuerzaͤhlen, als wuͤßteſt du nicht, daß der Ewige niemals Wolluͤſtlingen erſcheinen, daß heimlichen Saddu⸗ caͤern Wohl kein Geiſt was verkuͤndigen wird. Entweder du leugſt uns: Oder du ſahſt das Geſicht; Gott ließ ſo tief ſich herunter! Iſt das erſte; ſo zeigſt du dich deiner roͤmiſchen Staatskunſt, Und des erhandelten Prieſterthums werth: und waͤr' auch das letzte, Hoherprieſter! ſo wiſſe, daß Gott, Verbrecher zu ſtrafen, Sonſt auch taͤuſchende Geiſter zu falſchen Propheten geſandt hat. Daß der Sklav von Jeſabels Baal, daß Ahab ver⸗ derbe, Daß nicht laͤnger zu Gott das Blut des Getoͤdte⸗ ten rufe, Steigt ein Todesengel vom Thron, und giebt den Propheten Falſche Prophezeihung! und ſiehe, die rollenden Wagen Trugen den ſterbenden Ahab zuruͤck. Er ſtarb und ſein Blut floß 184 Der Meſſias. IV. G. V. 126— 139. Hin in das Feld, wo Nabot erwuͤrgt ward; ins Feld, wo Gott ſtand, Und der Todesengel vor Gott des mordenden Blut goß. Aber dein Traum gebeut ja den Widerſacher zu ſtrafen! Du haſt keinen gehabt! doch mit Weisheit haſt du . erfunden. Aber zitterſt du nicht, da ich den furchtbaren Namen Eines Todesengels dir nenne? Vielleicht, daß ein ſolcher Schon dein bald zu vergießendes Blut vor des Ewi⸗ gen Thron waͤgt! Nicht, als ob ich fuͤr ſchuldlos hielte den ſchuldigen Jeſus! Gegen den Nazaraͤer, biſt du ein kleiner Verbre⸗ . cher! Du entweiheſt das Heiligthum nur: er will es zer⸗ ſtoͤren! Ihm iſt in der richtenden Wage, die oft Verbre⸗ cher, Oft ſchon hochgethuͤrmte Bezwinger der Voͤlker zu leicht fand, Eh er wurde, ſein Blut, zum gewiſſen Tode ge⸗ wogen! Er ſoll ſterben! und ich, ich will es mit meinen Augen Vierter Gefang. 13⁵ IV. G. V. 140— 154. Sehen, wenn er erſtarrt! Von dem Huͤgel, wo er erwuͤrgt wird, Will ich Erde mit Blute bedeckt ins Heiligthum tragen; Oder noch rauchende Steine von Blut an dem ho⸗ hen Altare Niederlegen, Abrahams Volk' ein ewiges Denk⸗ mal! Niedrige Furcht, die uns beugt, den wankenden Pöobel zu ſcheuen! Kleinmuth, nicht von den Vaͤtern gelernt! Wo⸗ fern wir dem Donner, Gottes roͤchendem Donner zuvorzukommen nicht eilen; Wird mit ihm uns Gott zerſchmettern! Mit bre⸗ chendem Auge Werden wir's ſehn, wenn er ſtirbt, und unrein neben ihm ſterben! Fuͤrchtete der aus Thisba den Poͤbel, die Prieſter zu wuͤrgen, Als der ſchlafende Baal zu keinem Wetter erwachte? Oder vertraut' er ihm mehr, ſo vom Himmel Feuer ihm ſandte? Stehen auch keine Wetter uns bei; ſo will ich al⸗ lein mich Unter das Volk hinſtellen! Und Weh dem unter dem Volke, Der ſich wider mich auflehnt, ſagt, der Leichnam des Traͤumers 186 Oer Meſſias. IV. G. V. 155— 168. Blute nicht Gott zu Ehren! Ihn ſoll die ganze Gemeine Steinigen; ſendet mein ſchauender Blick ihr Winke zum Tode! Vor den Augen Iſraels, vor dem Antlitz der Roͤ⸗ mer, Soll der Empoͤrer ſterben! Dann wollen wir ſtolz im Gerichte Sitzen, und lautfeirend zu Gottes Heiligthum ein⸗ ziehn. Philo ſprach dieß, und ging mit hocherhobe⸗ nem Arme Vorwaͤrts in die Verſammlung„ und ſtand, und rufte von neuem: Seliger Geiſt⸗ wo du jetzo noch biſt, wenn du himmliſch bekleidet, Neben Abraham ruhſt, und um dich Propheten verſammelſt; Oder wenn du vielleicht in deiner Kinder Verſamm⸗ lung Wuͤrdigeſt einzukehren, und unter Sterblichen wan⸗ delſt, Moſes Geiſt! dir ſchwoͤr' ich, bei jenem ewigen Bunde, Den du, gelehrt von Gott, aus donnernden Wet⸗ tern uns brachteſt: Ich will eher nicht ruhn, als bis dein Haſſer er⸗ wuͤrgt iſt! Vierter Gefang. 187 IV. G. V. 169— 182. Als bis ich von des Nazaraers vergoſſenem Blute Volle Haͤnde zum hohen Altar der Dankenden bringe, und ſie uͤher mein Haupt, das lange ſchon grau war, erhebe! Alſo ſagt' er, und feurte ſich an zu waͤhnen, die Gottheit. Decke getuͤuchte Graͤher nicht auf; doch nannte ſein 3 Herz ihn Heuchler! Er fuͤhlt' es, und ſtand mit unverra⸗ thendem Auge Vor der Verſammlung. Von Grimm und von uͤber⸗ mannender Wuth voll, Lehnt’ an ſeinen goldenen Stuhl ſich Kaiphas 3 nieder, Und erbebte. Ihm gluͤhte das Antlitz. Er ſchaut auf die Erde Sprachlos, ſtarr. Ihn ſahen die Sadducaͤer, und ſtanden Gegen Philo mit Ungeſtuͤm auf. Wie tief in der Feldſchlacht Kriegriſche Roſſe vor eiſernen Wagen ſich dägellos heben, Wenn die klingende Lanze daherbebt, fliegend dem Feldherrn, Den ſie zogen, den Tod traͤgt, dann blutathmend zur Erd' ihn 188 Der Meſſias. IV. G. V. 183— 197. Stuͤrzt. Sie wiehern empor, und drohn mit fun⸗ kelndem Auge, Stampfen die Erde, die bebt, und hauchen dem Sturm entgegen. Jetzo haͤtt' in der Wuth ſich ſchnell die Verſamm⸗ lung getrennet; Waͤre nicht unter ihnen Gamaliel aufgeſtanden. Heitre Vernunft erfuͤllte fein Antlitz. Der weiſere ſprach ſo: Wenn in dieſem Sturme des grimmigen Zorns die Vernunft noch Etwas vermag, iſt Weisheit euch lieb; ſo hoͤret mich, Vaͤter. Wenn der ewige Zwiſt ſtets wieder unter euch auf⸗ wacht; Wenn Phariſaͤer, und Sadducaͤer, wenn dieſe Na⸗ men Ewig euch trennen, wie werdet ihr da den Prophe⸗ ten vertilgen? Doch Gott ſendet vielleicht die eiferſuͤchtige Zankſucht Unter euch, Vaͤter, weil er es ſeinem hohen Ge⸗ richte Vorbehalten, zu ſprechen dem Nazaraͤer ſein Urtheil. Laſſet, Vaͤter, Gott ſein Gericht! Ihr moͤchtet zu ſchwach ſeyn, Seinen Donner zu tragen, und unter den maͤchti⸗ gen Waffen, Vierter Geſang. 289 IV. G. V. 198— 211. Denen die Himmel erzittern, in niedrigen Staub hinſinken. Schweigt ihr vor Gott, und hoͤrt der Stimme des kommenden Richters Still entgegen! Er wird bald reden, und ſeine — Stimme Wird von dem Aufgang' hoͤren die Erd', und dem Untergange. Spricht Gokt zu dem Gewitter: Zerſchmettr' ihn! und zu dem Sturme: Hauche ſein ſinkend Gebein, wie Staub, in alle vier Winde Oder zum blinkenden Schwert: Auf, waffne raͤ⸗ chende Haͤnde, Trinke des Suͤnders Blut! gebeut er der Erd' Ab⸗ gruͤnden: Thut euch auf, und verſchlingt ihn! ſo iſt er der ſchuldige Traͤumer! Aber wenn er, durch himmliſche Wunder, die Erde zu ſegnen Fortfaͤhrt; wenn der Blinde durch ihn zu der Son⸗ ne ſein Antlitz Freudig erhebt, und mit ſehnendem Aug' auf den leitenden Vater Staunend blickt;(Verzeiht mir, wofern ich, ent⸗ flammt von der Groͤße Seiner Thaten, vielleicht, nach eurem Sinn, zu erhaben 190 Der Meſſias. IV. G. V. 212— 225. Von ihm rede!) wenn Tauben das Oht ſich der Stimme des Menſchen Wieder oͤffnet, wenn es die Rede des ſegnenden Prieſters Wieder vernimmt, und die Stimme der Braut, und die weinende Mutter, Und das feirende Chor, und die Hallelujageſänge; Wenn durch ihn die Todten dahergehn, gegen uns zeugen, Ach gen Himmel weinen mit wieder lebendem Auge, Goͤttlichzuͤrnend auf uns herabblicken, ihr Grab uns zeigen, und mit jenem Gericht uns drohn, vor dem ſie ſchon waren; Wenn er, welches noch goͤttlicher iſt, untadelhaft fortfaͤhrt Vor uns zu leben; wenn er, mit ſeiner maͤchtigen Tugend, Wunder thut, und Gött gleicht: ach, ſo beſchwoͤr⸗ ich euch, Vaͤter, Beim lebendigen Gott, ſprecht, ſollen wir ihn ver⸗ dammen? Alſo ſagt' er. Jeht ſtrahlt die erhabene Mit⸗ tagsſonne Ueber Jerufalem nieder. Um die Zeit nahte ſich Judas, Viekter Geſang. 191 IV. G. V. 226— 239. In die Verſammlung der Prieſter zu gehen. Vor ihm wandelten Satan Eilendes Tritts, und Ithuriel her, und ſie ſtanden im Saale Neben den Prieſtern, und ſahn ungeſehn in die tiefe Verſammlung. Aber Nikodemus ſaß, und betrachtete ſchwei⸗ gend Aller Antlitz. So wie ein Mann, der ein Suͤnder iſt, zitternd Stehet, und bleich wird, wenn uͤber ihm nah der 1 Donner des Herrn ruft, Alſo war die Verſammlung. Auch Philo und Kai⸗ phas ſchienen Vor Gamaliels Weisheit zu zittern. Mit Furcht und Veraͤchtung Sahe ſie Nikodemus, ſtand auf, und wagt' es zu reden. Hochgebildet, ein Mann von menſchenfreundlichem Anſehn, Stand er. Wehmuth und Ernſt erfuͤllte des den⸗ kenden Antlitz; Und die Ruh des empfindenden unbefleckten Ge⸗ wiſſens Sprach ſein ganzes Geſicht. Sein treuer Zeuge, das Auge Weint', und verbarg nicht die Thraͤnen. Er glaubt', er ſpraͤche vor Menſchen. 192 Der Meſſias. IV. G. V. 240— 253. Alſo ſagt er: Geſegnet ſey mir, Gamaliel, ewig Unter den Maͤnnern! geſegnet ſey, du Theurer, die Nede Deines Mundes! Es hat dich der Herr zum Hel⸗ den geſetzet, Und ein ſchneidendes Schwert in deinen Mund dir gegeben! Noch bebt unſer Gebein, das deine Rede getheilt hat! Noch ſinkt unſer ohnmaͤchtiges Knie! Noch decket Dunkel Unſer Auge! Raſ ſehen wir Gott in ſtrafenden Wettern, Daß die Empzrer wider ſein Thun des Staubs ſich erinnern, Der ſie gebar! Der Gott, der dieſe Weisheit dich lehrte, Der ein Herz des Entſchluſſes dir, und maͤnnlichen Muth gab, Schuͤtze, Gamaliel dich! Der gottgeſandte Meſ⸗ ſias, Sey auch dein Meſſias, und deines Samens . Meſſias! Aber euch, euch ſegnen, die Gottes erhabnen Pro⸗ pheten Alſo verfolgen? Philo, dich nicht! dich, Kaiphas, auch nicht! Weinen Vierter Geſang. 193 IV. G. V. 254— 267. Weinen kann ich vor euch; wenn anders die Stim⸗ me des Weinens Eurem Herzen hoͤrbar noch iſt, und wenn fuͤr die Unſchuld Menſchlich vergoſſene Thränen noch eure Seele be⸗ wegen! Jetzo klagt noch der Thraͤnen Stimme, zu retten die Unſchuld. Hoͤret ſie, Vaͤter. Iſt erſt ihr heiliges Blut ver⸗ goſſen: O dann ruft, wie die Wetter Gottes, erhabner die Stimme. Ihres vergoſſenen Bluts! ſie ruft, und ſteigt in den Himmel Zu des Ewigen Ohr. Der wird ſie hoͤren, und kommen, und, im Gericht ohn' Erbarmen, um den Getoͤd⸗ teten rechten: Juda, Juda! wo iſt dein Meſſias? Und wenn er nicht da iſt, Wird er vom Aufgang' her bis zum Niedergange 4 vertilgen Alle Maͤnner des Bluts, die ſeinen Heiligen wuͤrgten⸗ Alſo trat er zuruͤck. Noch ſaß mit drohendem Auge Philo da, und erbebte vor Wuth und grimmigem Zorne Klopſt. Meſſias I. B. N Ate Aufl. 194 Der Meſſias. IV. G. V. 268— 281. In ſich ſelber, und zwang ſich aus Stolz, ben Zorn zu verbergen. Aber er zwang ſich umſonſt. Sein Blick ward dun⸗ kel, und Nacht lag Dicht um ihn her, und Finſterniß deckte vor ihm die Verſammlung. Jetzo mußt' er entweder ohnmaͤchtig niederſin⸗ ken: Oder ſein ſtarrendes Blut auf Einmal feuriger wer⸗ den, und ihn wieder maͤchtig beleben. Es hub ſich und wurde Feuriger, und von dem hochaufſchwellenden Herzen 3 ergoß ſichs In die Mienen empor. Die Mienen verkuͤndigten Philo. Sieh, er ſprang auf, und riß ſich aus ſeiner Reih' und ergrimmte. So, wenn auf unerſtiegnem Gebirg' ein nahes Ge⸗ witter Furchtbar ſich lagert, ſo reißet ſich eine der naͤcht⸗ — lichſten Wolken, Mit den meiſten Donnern bewaffnet, entflammt zum Verderben, Einſam hervor. Wenn andre der Ceder Wipfel nur faſſen, Wird ſie von einem Himmel zum anderen waldichte Berge, Vierter Geſang. 195 IV. G. V. 232— 295. Wird hochthuͤrmende, nicht abſehbare Koͤnigsſtaͤdte Tauſendmal donnernd entzuͤnden, und ſie in die Truͤmmer begraben. Philo riß ſich hervor. Ihn ſahe Satan, und ſagte Bei ſich ſelber: O ſey mir zu deiner Rede ge⸗ weihet! Wie wir unten im Abgrund weihn, ſo weih ich dich, Philo! Gleich gefärchteten Waſſern der Hoͤlle, ſtroͤme ſie wild hin! Stark, wie das flammende Meer! wie vom Hauch der Donner gefluͤgelt, Die mein Mund ſpricht, wenn er gebeut! Wie je in dem Abgrund Menſchenfeindlich, mit Grimm, an ſeinen unendli⸗ . chen Bergen Von den Goͤttern heruntergeredet ward, daß die Stroͤme Horchend es lernten, und um ſich herum den Stroͤ⸗ men erzaͤhlten!. So ſprich Philo! ſo fuͤhre dieß Volk im Triumphe gebunden! Alſo denke! ſo fließe dein Herz von Empfindungen uͤber, Derer ſich, waͤr' er ein Menſch, ſelbſt Adramelech nicht ſchaͤmte! N 2 196 Der Meſſias. IV. G. V. 296— 309. Sprich dem Nazaraͤer den Tod. Ich will dich be⸗ lohnen! Und dein Herz mit der Hoͤlle Freuden, ſo bald du ſein Blut ſiehſt,— Ganz erfuͤllen; und, kommſt du zu uns, dein Fuͤh⸗ rer werden, Und zu den Seelen dich fuͤhren, die Helden waren, und wuͤrgten! So ſprach Satan fuͤr ſich, und Seraph Ithuriel hoͤrt' ihn. Aber Philo ſtand da, ſchaut' ernſt gen Himmel, und ſagte: Blutaltar, wo Gott das Lamm der Verſoͤh⸗ nung gebracht wird, Und ihr anderen hohen Altaͤre, wo vormals die Opfer,. Gott ein ſuͤßer Geruch, ſich unentheiligt erhu⸗ ben! Und du Allerheiligſtes ſelbſt! du Lade des Bundes! Und, ihr Cherubim, Todesengel! du Stuhl der Gnade,. Wo, von den Menſchen unangefeindet, der Ewige vormals Saß, und uͤber Verbrecher aus heiligem Dunkel Gericht hielt! Tempel des Herrn, den Gott mit ſeiner Herrlichkeit fuͤllte! Vierter Geſang⸗ 197 IV. G. V. 310— 323. Und du Hoͤrer der goͤttlichen Stimmen, Moria, Moria! Wenn euch der Nazaraͤer verwuͤſtet; euch dieſe Ver⸗ worfnen, Dieſe Maͤnner der Bosheit, gefuͤhret von dem Em⸗ — poͤrer, Mit verwuͤſten: ſo bin ich an der Verwuͤſtung nicht ſchuldig! Bin unſchuldig, wenn unſere Kinder mit aͤngſtlichem Blicke, Und mit bebendem Knie, mit bangzerrungenen Haͤnden, Gehn, und den Gott der Vaͤter in ſeinem Heilig⸗ thum ſuchen, Ihn nicht finden! ſich Throne der Nazaraͤer geſetzt hat, Wo Gott uͤber den Cherubim ſaß! wenn vor aller Antlitz Goͤtzenſklaven dem Suͤnder entweihendes Raͤuchwerk bringen, Wo der Vorhang hing! wo ſonſt nur der Hohe⸗ prieſter, „Betend, mit verhuͤlltem Geſicht, zu dem Gnaden⸗ ſtuhle Hintrat. Laß mich, Gott, den Jammer nicht ſehn! und mein Auge Eher brechen, als dieſer Graͤul der Verwuͤſtung dein Volk trifft! 1938 Der Meſſias. IV. G. V. 324— 337. Aber was ich noch thun kann, dem nahen Verder⸗ ben zu wehren, Dieſes thu' ich vor Gott! Hier ſteh' ich vor dei⸗ nem Antlitz! Hoͤr, Gott Iſrael, mich; wenn du je in dem Him⸗ mel gehoͤrt haſt, Was von dir auf der Erd' ein Menſch in dem Staube gefleht hat! Traf, auf Elias Gebet, die geſandten Moͤrder des Koͤnigs Feuer vom Himmel, und fraß es ſie weg von dem Gipfel des Carmels; Riß, da Meſes dich bat, in ihre Tiefen die Erde Corah lebend und Dathan hinab, und die Abira⸗ . 3 miden: O ſo hoͤr, Gott Iſrael, mich! Ich fluche den Maͤnnern, Die dich ſchmaͤhn, und den Suͤnder, der Moſes Feind iſt, beſchuͤtzen. Nikodemus! dein Ende ſey, wie das Ende des Fraͤumers! uUnd dein Grab, wie das Grab des Empoͤrers! un⸗ ter den Moͤrdern, Welche, fern vom Altar und dem Tempel, geſtei⸗ niget werden! Hart ſey dein Herz, wenn du ſtirbſt, ununterwuͤr⸗ ſig der Gottheit! Vierter Geſang. 199 IV. G. V. 338— 351. Thraͤnenlos ſey dein Auge! Das Weinen muͤſſ' ihm verſagt ſeyn; Willſt du zu Gott dich ſterbend bekehren, weil du geweint haſt, Einen Verruchten zu ſchuͤtzen, und weil dein dienſt⸗ bares Auge Wider den Ewigen ſtritt, und unheilige Thraͤnen herabgoß! Auch du ſchüßeſt den Traͤumer, Gamaliel! Finſter⸗ niß decke Und entſetzliches Dunkel das Auge dir! Sitz dann, warte Auf die Huͤlfe des Nazaraͤers, und ſchmachte ver⸗ gebens! Taubheit ſchließe dein Ohr! ein ſchreckliches Ende dein Leben! Lieg dann, und harre, daß dich der Nazaraͤer er⸗ wecke! Lieg, und verweſ', und harr' umſonſt! Und, wenn du dem Poͤbel, Der ihn wie du anſtaunt, in dem letzten Traume noch ſagteſt: Merket darauf, er wird mich erwecken! ſo trete der Poͤbel Auf dein Grab, und ſpotte daſelbſt des Propheten und deiner! Vor dem Gerichte ſteh dein Geiſt dann, und hoͤre ſein Urtheil! 200 Der Meſſias. IV. G. V. 352— 365. Heb' empor den gefuͤrchteten Arm, und ſchkage den Suͤnder, Schlage Nikodemus, Gott! und vollende die Fluͤ⸗ che, Die ich zu Ehren dir that! Den Andern, der nebſt ihm das Knie bog, Leg' auch ihn in den Staub, Gamaliel hin, wo der Tod wohnt! Aber deinen grimmigen Zorn, worunter der Berge, gehſt du daher, worunter die Hoͤll' erzit⸗ tert, Deine Donner, die rings um dich her, Unendlicher, donnern, Nimm, und ſchlag den ſchwaͤrzeren Suͤnder, den Nazaraͤer! Ich bin jung geweſen, und bin zum Greiſe ge⸗ worden, Habe dir ſtets nach der Weiſe der Vaͤter gedient und geopfert! Aber laͤſſeſt du, Gott, den Jammer den Sterbenden fehen, Daß der Empoͤrer von Nazaret ſiegt! dein ewiger Bund nichts, Daß nichts mehr dein Heiligthum gilt, und dein . Eid und dein Segen, Den du Abraham ſchwurſt, und nach ihm den Abra⸗ hamiden: Vierter Geſang. 20⁰1 IV. G. V. 366— 379. So entſag' ich hiermit, vor dem Antlitz des ganzen Judaͤa, Deinem Recht und Geſetz! ſo will ich ohne dich leben! Ohne dich ſoll mein ſinkendes Haupt in die Grube ſich legen! Ja, wenn du von der Erde Antlitz den Traͤumer nicht wegtilgſt: Siehe, ſo erſchieneſt du Moſes nicht! war es ein — Blendwerk, Was er im heiligen Buſch an dem Fuße des Ho⸗ reb erblickte; Stiegeſt du zu der Hoͤh des Sina nicht wunderbar nieder! Keine Poſaune klang! kein Donner! ſo bebte der Berg nicht! Unſre Vaͤter und wir ſind ſeit undenkbaren Zei⸗ ten Unter den Voͤlkern der Welt die beweinenswuͤrdig⸗ ſten Menſchen! Weh uns! ſo iſt kein Geſetz! ſo biſt du Iſraels Gott nicht! Philo ſprach's, trat grimmig zuruͤck. Allein . Nikodemus Stand mit unverwendetem Antlitz. So, wie ein Mann ſteht, Welcher den Unterdruͤcker erduldet, und in ſich den Vorzug, 202 Der Meſſias. IV. G. V. 380— 393. Und die Erhabenheit ſeiner Tugend und Ünſchuld empfindet. Ernſt iſt in ſeinem Geſichte, tief in der Seele der Himmel! Jetzo dachte der goͤttliche Mann voll Gedanken der Ehrfurcht An die heilige Nacht, wo allein mit ihm der Meſ⸗ 2— ſias Von der ESwigkeit ſprach, und von den Geheimniſ⸗ ſen Gottes; Wo er in Tiefſinn mit Mienen voll Seele, mit himmliſchem Laͤcheln, Neben ihm ſtand, und ſprach. Er ſah ſein Antlitz voll Gnade, Und den mehr als menſchlichen Geiſt der goͤttlichen Augen, Sah die Enthuͤllung der Unſchuld des Paradieſes, erhabne, Strahlende Zuͤge des ewigen Bildes, den Sohn des Vaters! Alſo ſtand er ſtillanbetend, zu ſelig, vor Men⸗ ſchen Sich noch zu fuͤrchten. Maͤchtiges Feuer, ein — Schauer vom Himmel Hub ihn empor. Ihm war, als ſtaͤnd' er vor Got⸗ tes Anſchaun, Vor der Verſammlung des Menſchengeſchlechts, und dem Weltgerichte. Vierter Geſang⸗ 203 IV. G. V. 394— 407. Auf ihn ſchaute die ganze Verſammlung. Sein Auge voll Ruhe, Voll des unwiderſtehlichen Feuers der furchtbaren Tugend, Schreckte die Suͤnder. Sie fuͤhlten ihn grimmvoll. Er zwang ſie; ſie hoͤrten. Heil mir, daß mein Auge dich, du Goͤttli⸗ cher, ſchaute! Heil mir, daß ich der Vaͤter Hoffnung, den Retter erblickte! Welchen zu ſehn, in dem Hain zu Mamre ſchon Abraham oftmals, Einſam ſeufzte! den David, der Mann zum Beten geſchaffen, Gern aus des Vaters Arm herunter haͤtte ge⸗ betet! Den die Propheten, in Staube gebuͤckt, mit Thraͤ⸗ nen verlangten, Die Gott ſammelt' und zaͤhlte! den uns Unwuͤrdi⸗ gen Gott gab! Ja, du zerriſſeſt die Himmel umher, du eilteſt her⸗ nieder Unter dein Volk, es zu ſegnen, du Eingeborner des Vaters! Oder, wie dieſe Maͤnner dich nennen, du Traͤumer und Suͤnder! Ach unſchuldiger Mann, wer ſind ſie, die alſo dich nennen? 204 Der Mefſias. IV. G. V. 408— 421. Und wenn haſt du Luͤgen getraͤumt? wenn haſt du geſuͤndigt? Stand er nicht vor dem Geſicht der verſammelten Ifraeliten? Standſt du nicht, Philo, dabei? und rief er nicht alſo, und ſagte: Wer kann einer Suͤnde mich uͤberzeugen? Wo war da,. Philo, der grimmige Zorn auf dieſen Lippen der Laͤſtrung? Warum ſtandeſt du, ſtand um dich her dein Hau⸗ fen ſo ſprachlos? Erſt war uͤberall herrſchendes Schweigen, und war⸗ tende Blicke! Wilde Geſichte voll Freude! Geſichte von ſorgender — Furcht voll! Still und verſtummend ſtand die Verſammlung, und 3 wartete, bis ſich Einer erhuͤb, und wider ihn zeugte. Da aber nicht Einer, Unter dieſer dichten Verſammlung unzaͤhlbarer Menſchen, Wider den Goͤktlichen aufſtand, und zeugte: da hub ſich die Stimme Vom zuſegnenden Volk von allen Seiten gen Him⸗ mel, Daß Moria davon, und des Oelbergs waldichte Gipfel, Vierter Geſang. 205⁵ IV. G. V. 422— 435. Von der Stimm' erbebten der rufenden! drangen die Blinden, Und die vormals Tauben herzu, und dankten und jauchzten! Siehe, da kam ein unzaͤhlbares Volk, das er wun⸗ derbar vormals Speiſt' in den Wuͤſten, und eilt' und dankte dem Menſchenfreunde! Da rief unter dem Volk mit lauter Stimme der JInGͤngling, Den er vor Nains Thoren erweckte, der rief, und ſagte: Du biſt mehr, als ein Menſch! du biſt kein Suͤn⸗ der geboren! Gottes Sohn der biſt du! Die Hand, die ich ge⸗ gen dich ſtrecke, War mir erſtarrt! Dieß Auge, das weint, dir, Goͤttlicher, zuweint, War mir geſchloſſen! Auch ſie, die dir jauchzend betet, die Seele War nicht bei mir! Sie trugen mich hin zu dem Grabe der Todten. Aber du gabeſt der ſtarrenden Hand, du gabeſt dem Auge Leben und Feuer! Ich ſah von neuem die Erd' und den Himmel, Und die zitternde Mutter bei mir! Du riefeſt die Seele 206 Der Meſſias. IV. G. V. 436— 449. Wieder zuruͤck! Sie trugen nicht mehr zu dem Grabe den Juͤngling! Du biſt mehr, als ein Menſch! du biſt kein Suͤn⸗ der geboren! Heil mir! du biſt des Ewigen Sehn! der Verheiß⸗ ne! die Wonne Deiner Mutter! die Wonne der Erde, die du er⸗ löſeſt! Alſo rief er. Allein du ſtandeſt, und ſahſt zu der Erde. Warum verſtummteſt du ſo vor dem Antlitz des ganzen Judaͤa, Philo? Doch was erzaͤhl' ich dieß hier? Ihr wißt es ja alle! Haͤtteſt du Augen zu ſehn; und Ohren zu hoͤren; 4 und waͤre Nicht dein Verſtand mit Dunkel umhuͤllt, und dein Herz voll Bosheit: O du haͤtteſt in ihm den Sohn des ewigen Va⸗ ters Lang' erkannt! Und waͤrſt du hierzu zu niedrig ge⸗ weſen; Haͤtteſt du Gott doch geſcheut, und tief in dem Staube gewartet, Bis ihn vom Himmel herab der Richtende losge⸗ ſprochen; Oder uͤber ſein Haupt dem Untergange geru⸗ fen. Vierter Geſang. 207 IV. G. V. 450— 463. Religion der Gottheit! du heilige Menſchenfreun⸗ din! Tochter Gottes, der Tugend erhabenſte Lehrerin, Ruhe, Beſter Segen des Himmels, wie Gott dein Stif⸗ ter, unſterblich! Schoͤn, wie der Seligen Einer! und ſuͤß, wie das ewige Leben! Schoͤpferin hoher Gedanken! der Froͤmmigkeit ſelig⸗ ſter Urquell!* Oder wie ſonſt dich die Seraphim, unausſprechliche nennen; Wenn dein ewiger Strahl in edlere Seelen ſich ſenket: Aber ein Schwert in des Raſenden Hand! des Bluts und des Wuͤrgens Prieſterin! Tochter des erſten Empoͤrers! nicht Re⸗ . ligion mehr! Schwarz, wie die ewige Nacht! voll Grauns, wie das Blut der Erwuͤrgten, Die du ſchlachteſt, und uͤber Altaͤren auf Todten . dahergehſt! Raͤuberin jenes Donners, den des Richtenden Arm ſich Vorbehalten, dein Fuß ſteht auf der Hoͤlle, dein Haupt droht Gegen den Himmel empor; wenn ungeſtalt des Ver⸗ brechers 2⁰8 Der Meſſias⸗ IV. G. V. 464— 477. Seele dich macht, wenn das Herz des Menſchen⸗ feindes dich umſchafft Zur abſcheulichen! Religion! den lehrteſt du wuͤr⸗ gen?. Ohne den du nicht waͤrſt, den deine goͤttlichſten Kinder Sangen, eh du zu den Menſchen kamſt, entheiligt 4 zu werden, Deinen Stifter zugleich, und deinen goͤttlichen In⸗ halt, Religion! den lehrteſt du wuͤrgen? Das lehreſt du uns nicht! Das iſt ferne von dir, die du des Ewigen Kind biſt, Friedensſtifterin! Heil! Bund Gottes! ewiges Leben! Meine Seele bewegt ſich in mir; mein bebendes Knie ſinkt; Schwermuth, und Mitleid, und Angſt erſchuͤttern mir die Gebeine: Wenn ich dieß alles in ernſten Betrachtungen uͤber⸗ denke. Und ein Schauer vor Menſchen, ein Graun vor de⸗ nen, die Gott ſchuf, Ueberfaͤllt mich ſo oft ich es denke, wie wenig ihr . dieſes Bei euch empfindet, wie niedrig ihr ſeyd, nur menſchlich zu fuͤhlen; Wie Vierter Geſang. 2⁰9 IV. G. V. 478— 491. Wie ohnmaͤchtig zu ſondern die Religion, und die Mordſucht; Und wie poͤbelhaft klein, die lichten Strahlen der ſchoͤnen Und der liebenswuͤrdigen Unſchuld nur dunkel zu ſehen! Zwar was ſorget die Unſchuld, von euch geſehen zu werden! Gott ſieht ſie, der Himmel mit Gott! Sie wird nicht erzittern! Wenn ſie der niedrige Suͤnder verdammt! Wenn Seraphim daſtehn, Und ſie bewundern, ihr hoch von dem Himmel der Ewige laͤchelt; Wenn dann wir in unſerer Heimath niedrigem Staube Stehn, und wider ſie zeugen: wie klein und ver⸗ achtungswuͤrdig Stehen wir da, und zeugen! Und wenn in dem Weltgerichte, Wenn dereinſt, vor der ganzen Verſammlung er⸗ wachender Todter, Seraphim gegen uns wandeln, und ſtehn, und wi⸗ der uns zeugen; Wenn die Stimme der Cherubim ruft, und auf uns herdonnernd, Gottes Heilige nennt; Gott redet, und die Ge⸗ rechten Klopſt. Meſſias I. B.* O te Aufl. 210 Der Meſſias. IV. G. V. 492— 506. Zu ſich, in hohem Triumph, zu ſeiner Herrlichkeit, einfuͤhrt; O, wie werden wir da den Huͤgeln flehen: Bedeckt uns! Und den Bergen: Fallt auf uns her! und den Mee⸗ ren: Verſchlingt uns! und: Vernichte du uns! dem Verderben, daß die uns nicht ſehen, Die wir verdammten! daß ſie uns nicht ſehn die ſchrecklichen Frommen! Daß uns der Vater ſo furchtbarer Kinder in Zorne nicht anſchau! Staͤrke mich, großer Gedanke, Gedanke vom Welt⸗ gerichte! Sey mir ein Gottesberg, zu dem ich entfliehe, wenn nun mich, Sterbender Mittler, dein letzter, letzter Anblick er⸗ ſchuͤttert. Ach, ich fuͤhl' es zu ſehr, wie meine Seele bewegt wird, Welch zweiſchneidiges Schwert auf meinen Scheitel deaherblinkt, Wenn ich deinen nahenden Tod von ferne betrachte! Ach vergebens erhoͤheſt du mir, erhabner Gedanke, Meine Seele! dem fuͤhlenden Herzen, dem Herzen voll Mitleids, Voll von Jammer, voell Angſt ſind deine Donner nicht hoͤrbar. Vierter Geſang. 211 4 IV. G. V. 507— 521. Du ſollſt ſterben, du goͤttlicher Juͤngling! du, wel⸗ chen mein Arm hielt, Als du ein Knabe noch warſt; umſchloſſen hielt dich mein Arm da, Druͤckte dich an mein Herz, mit freudigem tnnen Erſtaunen! Um dich ſtanden die Weiſen herum, und hoͤrten dich lehren, Und bewunderten dich! O damals ſtand auch der Himmel, Aus! den ewigen Pforten zu Legionen gegoſſen, Um dich herum, und hoͤrte dich lehren, und jauchzte dir Lieder! Siehe, du weckteſt Todte! Dein Auge gebot den Gewittern; Und die Gewitter gehorchten dir gern. Da ruhte der Sturmwind. Du erhubeſt dich, gingeſt daher, da ſanken die Waſſer, Wie Gebirge, vor dir, und wurden Ebnen. Da gingſt du Auf den ſchweigenden Waſſern. Die Himmel ſahen dich wandeln! Du ſollſt ſterben? So ſtirb denn! Iſts deines erhabenen Vaters Heiliger Rathſchluß, ſtirb! Ich aber will weinend gehen An dein Grab, zu dem heiligen Quell der Vethhe⸗ hemiten, 4 O 2 212 Der Meſſias. IV. G. V. 524— 535. Wo dich Maria gebar, da will ich weinen, und ſterben, Beſter der Menſchen! du Gottesſohn! du Engel des Bundes! Theurer Juͤngling! Mein Ende ſey, wie dein En⸗ de! Mein Grab ſey Neben dem Grabe dieſes Gerechten! nah den Ge⸗ beinen, Die in Sicherheit ruhn, und dem ewigen Leben er⸗ ſtehen! Doch was ſaͤumet mein Fuß aus dieſer Verſamm⸗ lung zu gehen? Heilig und rein, der geh' ich hinaus! Gott hat mich gehoͤret! Rein des gerechten unſchuldigen Bluts! Nun rufe . u dir mich, Richter der Welt! Denn ich habe kein Theil an dem Rathe der Suͤnder! Alſo ſpricht er, und bleibt noch ſtehen, faͤllt nieder, und betet: Der du vor Abraham warſt, Meſſias, ſey du mein Zeuge, An dem Tage des Weltgerichts! Dich bet' ich als Gott, an! Stand dann auf, und redte zu Philo. Sein Antlitz war heiter, 3 Wie der Seraphim Angeſicht iſt. Du haſt mir ge⸗ 4 fluchet! Vierter Geſang. 213 IV. G. V. 536— 549. Aber ich ſegne dich, Philo. Der hats mich alſo gelehret, Den ich als Gott anbetete. Philo, vernimm mich, und kenn' ihn! Wenn du nun ſterben willſt, Philo; wenn jetzt des Unſchuldigen Blut dich Schreckt, und auf dich, wie ein Meer, ſich herab⸗ ſtuͤrzt; deinem Ohr nun, Wie ein Wetter des Herrn, der Rache Stimmen . ertoͤnen; Wenn du dann wirſt hoͤren um dich, durch das Dunkle, dahergehn— Gottes Tritt, den eiſernen Gang des wandelnden Richters, Und der entſcheidenden Wagſchal Klang, des blin⸗ kenden Schwerts Schlag, Welches er wetzt, ſein Geſchoß von dem Blute der Grauſamen trunken; Wenn von dem Angeſicht Gottes die Todesangſt ausgehet, Dich erſchuͤttert; und nun ganz andre Gedanken die Seele Ueberſtrömen; und um dein ſtarres ſterbendes Auge Lauter Gericht iſt; du dich alsdann vor dem toͤd⸗ — tenden Richter Windeſt und kruͤmmſt, mit bebender Angſt laut wei⸗ nend zu Gott flehſt, 214 Der Meſſias. IV. G. V. 550— 563. um Erbarmung; ſo hoͤre dich Gott, und erbarme ſich deiner! Alſo ſagt ir⸗ und geht durch ſie hin. Ihn beglei⸗ tete Joſeph. Aber Ithuriel ſah Nikodemus, den goͤttlichen Mann, gehn. Da erhub ſich der Seraph, und ſchwebt' in hoher Entzuͤckung, Mit weit ausgebreiteten Armen. Des denkenden Auge Schaute voll Wonne gen Himmel empor, und goͤtt⸗ liches Laͤcheln Heilte die ſelige Stirn, und unausſprechliche 4 Freude Floß um ſein Haupt, da er ſchwebte. So wie der Himmliſchen Einer, Der, als Waͤchter, Liebende ſchuͤtzt, die edler ſich lieben, Tief verloren in ſeiner Entzuͤckung, auf bluͤhenden Huͤgeln, Stehet am ewigen Thron, indem Eloa vor Gott ſingt, Und der toͤnenden Harfe die hoͤhere Sprache ge⸗ bietet. Von der Belchundg der Tugend, vom Wiederſehen der Freunde Und der Liebenden, ſingt dann Eloa. Der andere Seraph Vierter Geſang. 215 IV. G. V. 56 4— 578. Stehet entzuͤckt. Die Harfe toͤnt fort mit gefluͤgel⸗ ten Stimmen, Schlag auf Schlag, Gedank' auf Gedanke! Der hoͤrende Juͤngling Jauchzt, und zerfließt im Gefuͤhle der Freuden, die Namen nicht nennen! Alſo ſtand Ithuriel da, und ſprach zu ſich ſelber: Welche Seligkeit wird, nach des Mittlers Tode dich kroͤnen, Wenn du noch mehr ſo erhabene Seelen, o Men⸗ ſchengeſchlecht, haſt, Und nun bald die Chriſten ſo ſind, wie dieſer Ge⸗ rechte! Alſo ſagt er, und achtet nicht Satan, ihn hoͤren zu laſſen, Was er ſagt. Doch Satan ſah ihn in ſeiner Ent⸗ zuͤckung, Und empfand den gewiſſen Triumph des erhabneren Seraphs. Nikodemus ging bei dem Arimathaͤer, und ſagte, Als er von ihm ſich wandte: Du aber ſchaͤmteſt dich ſeiner, Theurer Joſeph! Das ging ihm durchs Herz. Der froͤmmere Joſeph Hatte geheim ſchon geweint, daß er unentſchloſſen verſtummt war. Zitternd ging er von Nikodemus, vermochte vor Wehmuth 216 Der Meſſias. IV. G. V. 579— 592. Nicht zu ſprechen. Er hub nur den Blick voll Un⸗ ſchuld gen Himmel. Nikodemus ließ die Verſammlung in tiefem Erſtaunen, und, auf den Tag des Gerichts, mit Wunden der Seele gebrandmarkt, Wunden, deren Gefuͤhl ſie jetzt zu betaͤuben ſich zwangen, Aber die offen einſt ſind, weit offen, den Tag der Vergeltung, Ewig zu bluten, wenn dann nicht mehr der Zeuge betaͤubt wird, Den der Richter der Welt in das Herz des Men⸗ ſchen geſandt hat. Alle ſchwiegen. Es haͤtte ſich jetzt die Verſammlung getrennet; Waͤr' Iſchariot nicht, des Gehaßten Juͤnger, ge⸗ kommen.. Judas Iſchariot ward hereingefuͤhret. Sie ſahn ihn Voll Verwundrung die Reihn der tiefen Verſamm⸗ 1 lung vorbeigehn, Und mit ruhiger Miene dem Hohenprieſter ſich naͤ⸗ 3 hern. Der empfing ihn, und neigte ſein laͤchelndes Antlitz auf Judas. Judas ſpricht ins Geheim mit dem Hohenprieſter. Der kehrt ſich Vierter Geſans. 217 IV. G. V. 593— 606. Zu der Verſammlung und ſagt: Noch ſind in Iſrael uͤbrig, Die ihr Knie vor dem Goͤtzen nicht beugen. Der Mann iſt ſein Juͤnger, Und doch muthig genug, das Geſetz der Vaͤter zu halten! Er verdienet Belohnung! Iſchariot nahm die Be⸗ lohnung. und, erfuͤllt vom Stolze, daß ihn die Vaͤter ſo ehrten, Ging er aus der Verſammlung. Nur war ihm der Lohn zu geringe. Doch ermuntert er ſich mit der Hoffnung, mehr zu beſitzen, Haͤtt' er mit Weisheit und Eifer die That erſt aus⸗ gefuͤhret. 4 Philo ſah den voruͤbergehenden, haßt' ihn. Daß Einer Von den Geringen des Volks, an ſeiner Ehre, den Antheil Haben ſollte, das quaͤlt' ihn. Doch ſah er mit winkendem Laͤcheln Nieder auf ihn, und feuert' ihn an, ſein Werk zu vollfuͤhren. Lange ſchaut' er Iſchariot nach. So ſchaut dem Erobrer, Eilt er zur Schlacht, der erſte der Moͤrder mit Spott und Triumph nach. 218 Der Meſſias. IV. G. V. 607— 620. Dieſer wars, ſo den Helden geſetzte Grauſamkeit lehrte, Und in ihm das Gefuͤhl der Menſchenliebe be⸗ taͤubte. Jetzo flattert der Traum des ewigen Ruhms um ſein Auge; G Bluͤhende Lorbeer umwinden des Siegers Stirne. Nur Menſchen, Die, den Unſterblichen nachzuahmen, Thiere wie er ſind, Haͤlt er ſchaͤtzbar. Es fliegt der Loͤwe, Tod zu ge⸗ bieten. Schon ertoͤnen ihm ſuͤß in dem Ohre des eiſernen Feldes Dumpfe Gewitter! er hoͤrt unerweicht der Sterben⸗ den Winſeln! Und vergißt, daß auch ihn zu der Liebe das Chri⸗ ſtenthum einlud, Und der Donner auch ihn mit den Todten dereinſt — zum Gericht weckt! Judas, vom Aug' und dem Wunſche des Phari⸗ ſaͤers begleitet, Und in goldene Traͤume vertieft, ging, Jeſus zu ſuchen. Jeſus kommt aus den Schatten des nahen Kidron, und wandelt Durch die Palmen im Thal. Er ſieht Jeruſalem liegen, Vierter Geſang. 219 IV. G. V. 621— 634. Und den Tempel, ſein Bild; ſieht ſeiner Feinde Verſammlung, Und der Chriſten erſte. Seht da die Zeugin! ſo ſprach er Zu den Juͤngern, ich weine nicht mehr um Jeru⸗ ſalems Kinder. Schaut der Heiligen Graͤber! Die alle hat ſie ge⸗ toͤdtet. Aber von ihren Soͤhnen ſind viel, die werden einſt mein ſeyn; Meine Zeugen mit euch! Jetzt will ich ruhig den Rathſchluß Meines Vaters vollenden. Bald wird euch alles enthuͤllt ſeyn. Gehet, Petrus, und du, Johannes, beide zur Stadt hin. Euch wird in Jeruſalems Mauer ein Juͤngling be⸗ gegnen: Einen Waſſerkrug traͤgt dieſer Juͤngling, und ſieht ſich Oft nach euch um, und liebt die beiden Fremd⸗ . linge! Folgt ihm, Wo er hingeht. Kommt ihr ins Haus, ſo ſagt dem Bewohner: unſer Lehrer ſendet uns her, das Feſt hier zu fei⸗ ren. Und der redliche Mann wird auf den oberen Saal euch 220 Der Meſſias. IV. G. V. 635— 649. Eilend fuͤhren. Der iſt ſchon bereitet. Es fanden die Juͤnger Alles ſo, und ließen das Lamm zu dem Mahle be⸗ reiten. Petrus verweilte ſich nicht, das Mahl bereiten zu ſehen, Eilt' auf den hohen Söoller des Hauſes, und ſchaute mit Sehnſucht Nach der Seite der Stadt, die auf Bethanien — fuͤhrte, Jeſus kommen zu ſehn. Da er ſo mit gefluͤgeltem Blicke Jede Ferne durcheilt, da ſieht er die liebende Mutter Seines Meſſias, begleitet von wenigen Freunden, dahergehn. Muͤd' und voll Schmerz, ſie hatte den Sohn nun Tage geſuchet, Lange Naͤchte geweint! doch durch den Schmerz nicht entſtellet, Ging die hohe Maria, unwiſſend der eigenen Wuͤrde, Die ihr die Unſchuld gab, und ſtrenge Tugend be⸗ wachte. Reines Herzens, vom Stolz nicht entehrt, die menſchliche Seele! Werth, wenn es Eine der Sterblichen war, der Toͤchter von Eva Erſtgeborne zu ſeyn, waͤr' Eva unſchuldig geblieben: Vierter Geſang. 221 IV. G. V. 650— 663. Hoch, wie ihr Lied, holdſelig, wie Jeſus, und ge— — liebet Von dem Sohne. Sie kam mit Freunden, die immer ihr folgten. Lazarus, den der Meſſias vor Kurzem vom Tod' 4 erweckte, Lazarus, himmliſch geſinnt, und gewiß des ewigen 3 Lebens, Ging am naͤchſten bei ihr. Sein niederſchauendes Auge Schauete Tiefſinn her, mit einer Hoheit vereinet, Die, unausſprechlich der Sprache des Menſchen nur ſterbende Chriſten Fuͤhlen, und durch ihr Laͤcheln im Tode beim Na⸗ men ſie nennen. Lazarus dachte den Tod, und die Auferſtehung vom Tode, Da er zu dem Meſſias, wie zu des Ewigen An⸗ ſchaun, Aus dem Staube, gefaßt von dem Schauer Got⸗ tes, heraufſtieg. Seine Schweſter, Maria, die fromme Hoͤrerin Je⸗ ſus, Die, in ihrer Unſchuld und Ruh vor ihm hinge⸗ goſſen, Da den ewigen Theil zu ſeinen Fuͤßen erwaͤhl⸗ te, 222 Der Meſſias. IV. G. V. 664— 677. Dieſe folgte dem himmliſchen Bruder. Ihr ruhiges Antlitz War mit Todesblaͤſſe bedeckt. In dem Auge voll Wehmuth Hielt ſie die ruͤhrendſte Thraͤne zuruͤck, die jemals geweint ward. Von Nathangel, ihrem Geliebten, dem Jeſus den Namen Des Rechtſchaffenen gab, zu ihrem himmliſchen Bruder, Welcher geſtorben, und ihr von den Lodten wieder⸗ gekehrt war, Zitterten hin und her des heiligen Maͤdchens Ge⸗ danken. Ruhig fuͤhlt ſie den kommenden Tod. Um Natha⸗ naels willen, Nur um ihres himmliſchen Bruders, um Lazarus willen, Trauert ſie wegen der Blaͤſſe, von der die Geſpie⸗ linnen reden. Neben ihr ging die ſittſame Cidli, die Tochter Jairus. Still in Unſchuld waren ihr kaum zwoͤlf Jahre ver⸗ floſſen, Als ſie, dem jungen Leben entbluͤhend, heiter und freudig In die Gefilde des Friedens hinuͤberſchlummerte⸗ Todt lag V Vierter Geſang. 223 IV. G. V. 678— 691. Cidli vor dem Auge der Mutter. Da kam der Meſſias, Rief ſie aus dem Schlummer zuruͤck, und gab ſie der Mutter. Heilig traͤgt ſie die Spuren der Auferſtehung; doch kennt ſie Jene Herrlichkeit nicht, mit der ihr Leben gekroͤnt iſt, Nicht die zartaufbluͤhende Schoͤnheit der werdenden Jugend, Noch ihr himmliſches Herz, dir, edlere Liebe, ge⸗ bildet. So ging, da ſie erwuchs, der Iſraelitinnen ſchoͤn⸗ ſte, Sulamith, als die Mutter am Apfelbaume ſie weckte, Wo ſie die Tochter gebar, in der Kuͤhle des wer⸗ denden Tages. Sanft rief ſie der ſchlummernden Tochter, mit liſpelnder Stimme Rief ſie: Sulamith! Sulamith folgte der fuͤhrenden Mutter, Unter die Mirrhen, und unter die Nacht einladen⸗ der Schatten, Wo, in den Wolken fuͤßer Geruͤche, die himmliſche Liebe Stand, und in ihr Herz die erſten Empfindungen hauchte, 224 Der Meſſias. IV. G. V. 692— 706. Und das verlangende Zittern ſie lehrte, den Juͤng⸗ ling zu finden, Der, erſchaſſen fuͤr ſie, dieß heilige Zittern auch ſfühlle. So geht Cidli. Sie haͤngt an der Hand der Hoͤre⸗ rin Jeſus. Und mit lockichtem fliegenden Haar, in der Blume des Lebens, Schoͤn, wie der Juͤngling David, wenn er an Beth⸗ lehems Quelle Saß, und entzuͤckt in der Quelle den großen All⸗ maͤchtigen hoͤrte; Aber nicht laͤchelnd, wie David, begleitet die ſitt⸗ . ſame Cidli, Semida, den von dem Tode bei Nain der Goͤttli⸗ che weckte. Aber die Mutter Jeſus erhub ihr Antlitz, und ſahe Petrus ſtehn. Da eilte ſie ſchnell, den Meſſias zu finden. Petrus war in den Saal heruntergegangen, und kam ihr Mit Johannes entgegen. Sie ſahen ſie kommen, 4 und ſtaunten, Als ſie ſie ſahen. So viel ſprach von der Hoheit des Geiſtes Ihre Bildung! So hatte ſie der mit Wuͤrde be⸗ kleidet, Der, eh' er Menſch ward, Schoͤpfer war, und wie⸗ der es ſeyn wird, Wenn Vierter Geſang. 225 IV. G. V. 707— 720. Wenn er neue, nicht ſterbliche Leiber den ewigen Seelen Aus dem Staube der Auferſtehung wird heißen her⸗ vorgehn! Ihre Begleiterinnen, die unter den Toͤchtern Ju⸗ daͤg's Zwo der liebenswuͤrdigſten waren, und werth, von der Mutter Ihres Propheten geliebt, und uͤbertreffen zu wer⸗ den, Gingen neben Maria mit ſanfter vertraulicher De⸗ muth. Wie vor allen Bergen Judaͤg's Tabor hervor⸗ ragt, Er der Zeuge der Herrlichkeit Jeſus; zwar ruhet auch Sion Lieblich vor Gott; zwar nahm den erhabnen Meſ⸗ ſias der Oelberg Oft, wenn er rang in Gebet; zwar traͤgt die Stir⸗ ne Moria's Hoch das Allerheiligſte Gottes, und zittert dar⸗ unter: Aber vor allen Bergen Judaͤ'as iſt Tabor doch herrlich. Tabor, verbreitet vor Gott, ein Zeuge der hohen Verklaͤrung. Alſo war unter den heiligen Frauen die hohe Maria. Klopſt. Meſſias I. B. P kte Aufl. 226 Der Meſſias. IV. G. V. 721— 734. Als ſie bei den geliebteren Juͤngern Jeſus nicht ſahe, Blieb ſie in Wehmuth ſtehn. Da ſie zu reden ver⸗ mochte, Wandte ſie gegen Johannes ihr Antlitz, und laͤchelte weinend: Den mein Arm getragen, der oft mit kindli⸗ chem Blicke An mein Herz ſich geneigt hat; ich zittre, Sohn ihn zu nennen! Denn er iſt viel zu erhaben fuͤr eine ſterbliche Mutter! Wiel zu wunderthaͤtig und groß, von Maria ge⸗ boren, Und geliebet zu ſeyn! wo iſt, o theurer Johan⸗ nes, Ach wo iſt er, des Ewigen Sohn? Ich hab' ihn ſchon lange Ueberall aͤngſtlich geſucht, daß er nicht nach Jeru⸗ ſalem komme, 1 In die entheiligte wuͤthende Stadt. Sie wollen ihn toͤdten! Ach, ſie wollen ihn toͤdten, den meine Haͤnde ge⸗ tragen Haben, meine Bruͤſte geſaͤugt, den weinende Au⸗ gen Muͤtterlich angeblickt, als er ein bluͤhendes Kind war. Vierter Geſang. 22²⁷ IV. G. V. 735— 747. Sanft erwiedert der fromme Johannes: Er hat uns geboten, Hier ihm ein Mahl zu bereiten, das Lamm des Bundes zu ſchlachten. Bald wird er ſelbſt von Bethania kommen. Er⸗ wart' ihn, Maria! Rede mit ihm, wenn er kommt, was dann dein Herz dir gebietet, Das ſo muͤtterlich iſt, ſo wuͤrdig unſers Prophe⸗ ten! Alle ſchwiegen, und Lazarus Schweſter, die Höoͤrerin Jeſus, Neigte ſich ſanft an ihre geliebtere Cidli; zu Cidli Trat itzt Semida naͤher; doch ſchwieg er, und ſah zu der Erde. Dieſe kannte den Schmerz, der lange ſchon Semi⸗ da's Herz traf; Und ſie blickte ſeitwaͤrts ihn an, und ſah die Em⸗ pfindung Seiner Seel' in dem Auge vell Wehmuth, ſahe die Hoheit, Welche mit Zuͤgen der Himmliſchen ſchmuͤckt die leidende Tugend. Da zerfloß ihr das Herz, und liſpelte dieſe Ge⸗ danken: P 2 228 Der Meſſias. IV. G. V. 748— 761. Edler Juͤngling! Um mich bringt er ſein Le⸗ ben mit Wehmuth, Seine Tage mit Traurigkeit zu! Ach, war ichs auch wuͤrdig, Daß du ſo himmliſch mich liebſt, wars deine Cidli auch wuͤrdig? Lange ſchon wuͤnſch' ich, die Deine zu ſeyn, und von dir zu lernen, Wie ſie ſo ſchoͤn iſt, die ſelige Tugend! dich innig 3 zu lieben, Wie zu der Vaͤter Zeit die Toͤchter Jeruſalems lieb⸗ ten; Wie ein jugendlich Lamm um deine Winke zu ſpie⸗ len; Gleich den Roſen im Thal, die der fruͤhe Tag ſich erziehet, So in deiner reinen Umarmung gebildet zu wer⸗ den, Dein zu ſeyn, und dich ewig zu lieben! Du froh⸗ ſte der Muͤtter, Warum geboteſt du doch das himmliſche ſtrenge Ger vbot mir? Aber ich ſchweig', und gehorche der Weisheit der liebenden Mutter, Und der Stimme Gottes in ihr! Dem bin ich ge⸗ — widmet! Ich bin auferſtanden! gehoͤre zu wenig der Erde, b V 1 Vierter Geſang. 229 IV. G. V. 762— 775. Sterbliche Soͤhn' ihr zu geben! Nur du mußt dei— ne Betruͤbniß, Deine zaͤrtlichen Klagen, du edler Juͤngling, auch mindern! Wuͤrde doch meinem Leben der Troſt noch Einmal . gegeben, Daß ich in deinem Geſicht das ſuͤße Laͤcheln er⸗ blickte, Da du keine Thränen noch kannteſt, als Thraͤnen der Freude, Da du ein Knabe noch warſt, und ich dem ſchmei⸗ chelnden Arme Deiner Mutter entfloh, hinuͤber in deinen zu eilen! Alſo denkt ſie. Es bricht ihr das Herz, ſie kann ſich nicht halten, Stille Thraͤnen zu weinen. Es ſah ſie Semida weinen, Ob ſie gleich mit dem fließenden Schleier ihr Auge bedeckte. Semida Pet ſtill aus der Verſammlung, und da er hinauskoͤmmt, Sieht er mit traurigem Angeſicht nieder, und denkt bei ſich ſelber: Warum weint ſie? Ich konnte ſie laͤnger weinen nicht ſehen! Denn es brach mir mein Herz! Zu theure zaͤrtli⸗ che Thraͤnen, 230 Der Meſſias. IV. G. V. 776— 789. Schoͤne Thraͤnen, ſo ſtill, ſo zitternd im Auge ge⸗ bildet! Waͤre nur Eine von euch um meinetwillen ge⸗ weinet; Eine waͤre mir Ruhe geweſen! Ich klage noch im⸗ mer, Immer um ſie! Mein Leben voll Qual, mein trauriges Leben, Iſt noch immer von ihr ein einziger langer Ge⸗ danke! O du! welches in wir unſterblich iſt, dieſer Huͤtte Hohe Bewohnerin, Seele, von Gottes Hauche ge⸗ boren! Du des Erſchaffenden Bild, der nahen Ewigkeit 3 Erbin! Oder wie ſonſt dich bei deiner Geburt die Unſterb⸗ lichen nannten, Red', ich frage dich, lehre du mich! enthuͤlle das Dunkle Meines Schickſals! oͤffne die Nacht, die uͤber mich herhaͤngt! Red', antworte mir! ich frage dich! Muͤde zu wei⸗ nen, Muͤde bin ich zu trauren in dieſer Wehmuth mein Leben! Warum, wenn ich ſie ſeh, die vielleicht zur Un⸗ ſterblichkeit aufſtand, Vierter Geſang. 231 IV G. V. 790— 80⁰3. Oder, ferne von ihr, und nicht um Cidli, ſie denke, Warum fuͤhl' ich alsdann im uͤberwallenden Her⸗ zen Neue Gedanken, von denen mir vormals keiner ge⸗ dacht war? Bebende, ganz in Liebe zerfließende, große Gedan⸗ ken! Warum weckt von der Lippe Cidli's die ſilberne Stimme, Warum vom Aug' ihr Blick voll Seele mein ſchla⸗ gendes Herz mir Zu Empfindungen auf, die mit dieſer Staͤrke mich ruͤhren? Die ſich rund um mich her, wie in hellen Verſamm⸗ lungen, draͤngen, Jede rein, wie die Unſchuld, und edel, wie Tha⸗ ten des Weiſen? Warum decket der Schmerz mit mitternaͤchtlichem Fluͤgel Dann mein Haupt, und begraͤbt mich hinab in die Schlummer des Todes, Wenn ich, ſie liebe mich nicht! den truͤben Gedan⸗ ken! entfalte? Ach, dann wall' ich am Grabe, dem ich ſo nah war, und weine Meine Jammer. Mir horcht die ſchauernde Todes⸗ ſtille. 23²2 Der Meſſias. IV. G. V. 8304— 817. Oft will ich dann mit gewaltigem Arm den Kum⸗ mer beſtreiten; Meine Seele verſammelt in ſich die Empfindungen alle, Welch' ihr, von ährer hohen Geburt, und Unſterb⸗ lichkeit zeugen. Sey, ſo red' ich ſie an, ſey wieder dein, die himmliſch, Die du biſt unſterblich erſchaffen! So red ich ihr Hoheit Und Standhaftigkeit zu; ſie aber verſtummt, ſich zu troͤſten, Schaut auf ihre Wunden herab, und weinet, und zittert, Warum bin ichs allein, der, ungeliebet, auf ewig Liebt? Was erhebt ſich mein Herz, auch uͤber die edelſten Herzen, Groß und elend zu ſeyn? Was iſt es in mir, das noch immer Sie bei dem Namen mir nennt; will ich ihr Ge⸗ daͤchtniß vertilgen? Welche Stimme Gottes iſt das, die mit heiligem Liſpeln, Und mit Harmonieen, den zärteren Seelen nur hoͤrbar, Meinem Herzen leiſe gebeut, ſie ewig zu lie⸗ ben? Vierter Geſang. 233 IV. G. V. 818— 831. Und ſo will ich denn ewig dich lieben; wie ſchwei⸗ gend du mir auch Wie verſtummend du biſt! Ach, da ich es, Cidli, noch wagte, Zitternd zu denken, du ſeyſt mir geſchaffen; wie ſtill war mein Herz da! Welche Wonnen erſchuf ſich mein Geiſt, wenn Cidli 1 mich liebte! Welche Gefilde der Ruh um mich her! O darf ich noch Einmal, Suͤßer Gedanke, dich denken? und wird dich mein Schmerz nicht entweihen? Du warſt, Himmliſche, mein! durch keine kuͤrzere Dauer, Als die Ewigkeit, mein! Das nannt' ich fuͤr mich geſchaffen! Jeder Tugend erhabneren Wink, der unſichtbar mir ſonſt war, Lernt' ich durch deine Liebe verſtehn! mit zitternder Sorgfalt Folgte mein Herz dem gebietenden Wink. Die Stimme der Pflichten Hoͤrt' ich von fern! Ihr werdendes Liſpeln, ihr Wandeln im Stillen, Ihren goͤttlichen Laut, wenn keiner ſie hoͤrte, ver⸗ nahm ich! Und nicht umſonſt! Wie ein Kind voll Unſchuld, mit biegſamen Herzen, . 23 4 Der Meſſias. IV. G. V 832— 845. Folgt' ich dem leichten Geſetz der ſanftgebietenden Stimme, Daß ich deinen Beſitz, die du mir theurer, als alles, Was die Schoͤpfung hat, warſt, durch einen Fehl nicht entweihte. Welche Gabe warſt du mir von Gott! Wie dankt' ich dem Geber, Daß ich, wie auf Fluͤgeln, von deiner Unſchuld getragen, Naͤher dem Liebenswuͤrdigen kam, der ſo ſchoͤn dich gebildet, Der ſo fuͤhlend mein Herz, und deins ſo himmliſch gemacht hat! Wie, mit dem Laͤcheln ihrer Entzuͤckungen, deine Mutter, Da du geboren warſt, uͤber dir hing; und wie ſie ſich neigte Ueber dein Antlitz mit Todesangſt, da du ihrer Umarmung Still enrſchlummerteſt⸗ ſie den Schall der kommen⸗ den Fuͤße Noch nicht hoͤrete, noch nicht die Stimme des Hel— fers in Juda: Alſo ſa: meine Seele ſich oft mit jeder Empfin⸗ dung, Und mit jeder Entzuͤckung in ihr, die ſie maͤchtig erſchuͤttert, Vierter Geſang⸗ 235⁵ IV. G. V. 846— 859. Auf den großen Gedanken gerichtet: Du ſeyſt ihr geſchaffen! Ausgebreitet hing auf ihn hin die ſchauende Seele, Sah ihn ganz den Gedanken der Ewigkeit; ſah von dem Endzweck Ihres Daſeyns viel in ihm, von Entzuͤckungen trunken, Wie ſie ſelten ins Herz des Menſchen vom Him⸗ 3 mel ſtroͤmen! Aber in Traurigkeit, welche kein Maaß, kein en— dendes Ziel kennt, Und in Schauer namloſer Angſt, in Schlummer des Todes, Löste meine Seele ſich auf, wenn ich jenen Ge⸗ danken, Jenen andern Gedanken der Nacht und der Ein⸗ ſamkeit dachte! Dann, dann war ich von Allen verlaſſen! dann war ich einſam! Ach du warſt mir nicht mehr! Ich war allein in der Schoͤpfung! O bei Allem, was heilig iſt! um der Tugend und Liebe, Um der Schoͤnheit willen, die deine Seele voll Un⸗ ſchuld Ueber den Staub der Erd' erhoͤht; und wenn was noch theurer, 236 Der Meſſias. IV. G. V. 860— 873. Wenn was erhabner noch iſt: bei deinem Erwachen vom Tode! Und bei jener Unſterblichkeit, die du, mit Lichte bekleidet, Unter des Himmels Bewohnern einſt lebeſt! o um der Kronen, Um der Tugend Belohnungen willen, beſchwoͤr' ich dich, Cidli: Sage, was denkt da dein Herz? was fuͤhlt's? wie iſt es ihm moͤglich, Dieſes mein Herz, das ſo liebt, mein blutendes Herz zu verkennen? Ach, der große Gebdanke, der ſchauernde, ſuͤße Ge⸗ danke, Daß ſie vom Tod' erweckt iſt, daß ich erweckt bin — vom Tode! Daß wir von neuem vielleicht nicht ſterben! und beide zum hoͤhern, Beſſeren Leben... Doch ſchweigt, zu kuͤhne, zu feurige Wuͤnſche! Dieſer Gedanke fuͤhrte vielleicht mich zu weit, und 1 ich liebte Sie zu heftig! Wie kann ich zu ſehr die lieben, mit der ich Jenes erhabnere Leben vielmehr, als dieß in dem 8 Staube Wuͤnſche zu leben? Mit der, es ſey dort, oder auf Erden, Vierter Geſang. 237 IV. G. V. 874— 8387. Angefeuert durch ſie, ich den ewigen Schoͤpfer der Himmel, Unſeren Schoͤpfer, noch mehr zu lieben, ſo innig verlange? Aber der goͤttliche Sohn des angebeteten, Je⸗ ſus, Mein Erretter iſt in der Gefahr, getoͤdtet zu wer⸗ den! Iſt es jetzo! Aber ich kann nicht, wie kann ich 3 3 es glauben, Daß der ſterben werde, der mich von den Todten erweckt hat? Und wie oft entging er nicht ſchon der Verfolgen⸗ den Unſinn! 8 Fehlet' ich dennoch, durft' ich, da dieſe Gefahren ihm drohen, Meinem Schmerz mich nicht, nicht ſo hingeben der Wehmuth; So verzeih du es mir, du theurer, goͤttlicher Retter! Reiß denn von einem Kummer dich los, der dich nur angeht, Traurender, Eines Ruhe nur nahm, und vielleicht nicht auf immer! Ganz ſey deine Seele gerichtet auf jenen Aus⸗ gang, Den der Ewige deinem erhabnen Retter beſtimmt hat. 233 Der Meſſias. IV. G. V. 888— 904. Alſo denkt er, verlaͤßt Jeruſalem, eilt zu dem — ſtillen Einſamen Felſen, der vor Kurzem zum Grab ihm gehaun ward. Aber die Mutter Jeſus ſtand auf. Er kommt nicht, Johannes, Sagte ſie aͤngſtlich, ich eil' ihm entgegen. Wenn ihn nur die Mordſucht Seiner Feinde nicht ſchon zu den todten Propheten geſandt hat! Wenn er noch lebet, mein Sohn noch lebet, und wenn ich es werth bin, Ihn noch Einmal zu ſehn, mit meinen Augen zu ſchauen„ Ach des Propheten Geſtalt, und meines Sohnes Geberde! Dann ſein gnaͤdiges Antlitz auf ſeine Mutter noch Einmal Wuͤrdigt herab zu läͤcheln; ſo will ich zitternd es wagen, Hin zu ſeinen goͤttlichen Fuͤßen, es hat ja begna⸗ digt Magdale Maria zu ſeinen Fuͤßen geweinet, Die doch ſeine Mutter nicht iſt! da will ich es wa⸗ gen, Zitternd mich nieder zu werfen! Ich will ſie feſt an mich halten, Vierter Geſang. 239 IV. G. V. 902— 915. Vor ihm weinen! und wenn mein Auge ſich muͤde geweint hat, Will ich muͤtterlich ihm in das Antlitz blicken, und ſagen: Um der Thraͤnen willen, der Erſtlinge deiner Er⸗ barmung, Die du, als du geboren warſt, weinteſt! um jener Entzuͤckung, Jener Seligkeit willen, die da in mein Herz ſich ausgoß, Da die Unſterblichen deine Geburt in Triumphe be⸗ ſangen! Wenn ich dir jemals theuer war, und wenn du zuruͤckdenkſt, Wie du mit kindlicher Huld der Mutter Freude be⸗ lohnteſt, Als ich nach bangem Suchen dich fand, an der hei⸗ ligen Staͤte, Unter den Prieſtern, die dich mit ſtummer Be⸗ wunderung anſahn! Wie ich jauchzend, mit offenen Armen, entgegen dir eilte, Tempel und Lehrer nicht ſah, nur dich an das Herz gedruͤckt hielt, Und anbetend mein Auge zu dem, der ewig iſt, aufhub! dc, um dieſer himmliſchen Freude, der Ewigkeit Vorſchmack! 240 Der Meſſias⸗ IV. G. V. 916— 929. Aber du blickſt mich nicht an! um deiner Menſch⸗ lichkeit willen, Welche ſie Alle begnadet! um jener Entſchlafenen willen, Die du auferweckteſt! erbarme dich meiner, und lebe! Alſo ſpricht ſie, und eilt. So fliegt ein großer Ge⸗ danke Feurig gen Himmel zu dem empor, von dem er gedacht ward. Aber der ewige Sohn ſah ſeine Mutter da⸗ hergehn, Nicht mit dem menſchlichen Auge; mit jenem Auge, mit dem er Jedes Wurmes Geburt, den Staub, auf welchem 5 er wohnet, Den, wo ſein Leben verfliegt, und des Seraphs Gedanken vorherſieht. Ach, ich will mich deiner erbarmen! Mehr, als die Mutter Ihres Sohns ſich erbarmt, will ich mich deiner er⸗ barmen, Wenn ich auferſtehe! So dacht' er bei ſich, und 5 nahm dann Einen andern Weg. Die Abenddaͤmmerung kam jetzt. Alle ſchwiegen um ihn, auch die ungeſehnen Be⸗ gleiter, Alſo Vierter Geſang. 241 IV. G. V. 930— 944. Alſo gingen ſie ſtil, und kamen mit langſamen Schritte Naͤher hin zu der Schaͤdelſtaͤte. Nicht fern von dem Huͤgel War ein einſames Grab in hangende Felſen ge⸗ hauen. Noch kein Todter verweſte daſelbſt. Dieß baute der Weiſe, Joſeph von Arimathaͤa, am letzten Tage des Todes Ueber dem Staub' hier zu ſtehn: und wußte nicht, wem er es baute! Welchen Tempel er baute! und welchem Todten den Tempel! Jeſus ſteht bei dem Grabe; und Blicke voll goͤttli⸗ chen Tiefſinns Richtet er auf Golgatha's Hoͤh. So denket der Gottmenſch: Ach nun ſinken die Laſten des Tags. Mit ſchlummernden Luͤften Kommt die erbetete Nacht, ruht uͤber Gethſemane. Bald wird Wieder erleuchten ein Tag den Huͤgel, der daͤm⸗ mernd dort aufſteigt, Golgatha! den die Gebeine der niedrigſten Suͤnder bedecken! Du biſt zum Altar geworden! Das Opfer iſt willig, Dort geſchlachtet zu werden! Es wird bald bluten! Willkommen,. Klopſt. Meſſias I. B⸗ Q 4te Aufl. 1 242 Der Meſſias. IV. G. V. 945— 958. Tod fuͤr das Menſchengeſchlecht! Dann wird mein Vater mich ſehen, Von dem Thron, wo ich war. Die Seraphim wer⸗ den mich ſehen, Und viel Zeugen von denen, fuͤr die ich ſterbe! Willkommen, Tod fuͤr die Erben des ewigen Lebens! Zur Rechte des Vaters Saß ich mit Herrlichkeit uͤberkleidet, der Schoͤpfer der Menſchen, Und der Freund der Erſchaffnen! Ich bin ihr Bru⸗ der geworden! Auch mit Herrlichkeit uͤberkleidet, voll ſchoͤner Wun⸗ den,. Will ich mein Leben fuͤr ſie auf deinen Hoͤhen ver⸗ bluten, Golgatha! Dann, lhier wandt' er ſich um, und ſchaut' auf das Grabmal) Dann will ich hier in dem ſtillen Gewoͤlbe des kuͤh⸗ lenden Grabes Wenige Stunden, wie in den Gefilden der Seli⸗ gen ſchlummern, Einen ſanfteren Schlaf, als der, den Adam ſich dachte, Da das große Raͤthſel vom Tod' ihm ſelber enthuͤllt ward, Und ihm an einem traurigen Abend der heiligen Waͤchter Vierter Geſang. 243 IV. G. V. 959— 972. Hoher Nathſchluß ſcholl: Er ſollte ſich legen, und ſterben, Viel Jahrhunderte ſchlafen, und uͤber ihm ſollten die Fuͤße Seiner Soͤhne wandeln; er ihre Stimme nicht hoͤ⸗ ren! Aber auch die ſind geſtorben, und uͤber ihren Ge⸗ . beinen Hat der Soͤhne Fuß, mit ſaͤumendem Schritte, ge⸗ wandelt! Ach, iſt unter den Freuden der jauchzenden Ewig⸗ keit Eine Meiner Seligkeit zu vergleichen? Sie werden er⸗ wachen! All' an Einem Tage der Wonne, des lauten Wei⸗ nens, Und des Triumphs, der Feier, der Jubellieder er⸗ wachen! Weil mein Leib in dem Mutterſchoße der Erde ge⸗ ſchlummert; Ich des Menſchenſohnes Gebein, zu dem Leben ohn' Ende, Auferweckte! Dann wird des zweifelnden Staubes Beſorgniß, Jede Thraͤne wird ſchweigen. Der Tod wird wer— den des Laͤchelns Und des Triumphs ein ſuͤßer Gedanke. Kein dro⸗ hendes Grab wird, Q 2 244 Der Meſſias⸗ IV. G. V. 973— 936. Und kein Tod mehr ſeyn auf der neuen Erde Ge⸗ filden. Sinn' ich ihm nach; ſo zittert Entzuͤckung mir durch die Gebeine, Und der Menſchheit Empfindung verſtummt! Sie kommen und wandeln, Hell, mit weißen Kleidern geſchmuͤckt. Viel tragen auch Wunden, Wie des Menſchen Sohn, hellglaͤnzende Wunden! ſie jauchzen Jubel dem Sieger, und nennen ihn Sohn! und 3 nennen ihn Bruder! Wer kann auf Erden ſie zaͤhlen, wer in den Him⸗ meln? Ihr Nam' iſt Tauſendmal Tauſend! Die alle ſind mein! Das Alt' iſt vergangen! Alles hab' ich verjuͤngt zu der Unſchuld der Schoͤ⸗ pfung! Doch erſt muß Golgatha ſterben mich ſehen, und mir Ruhſtaͤte dieß Grab ſeyn. Alſo denkt er, und eilt. Ihn fand an Jeru⸗ ſalems Mauer Iudas, der in der Daͤmmerung ſtand. Er miſchte ſich ſchweigend Unter die Heiligen; bildete ſchon die Miene der Unſchuld In betruͤgendem heitren Geſicht: doch ſchlug ihm ſein Herz noch! Vierter Geſang. 245, IV. G. B. 987— 1001. Aber Ithuriel geht vor ihm her, und hoͤrt von dem Wipfel Einer Palme den kommenden Fuß des Meſſias ent⸗ gegen; Senkt in den Schatten ſich nieder, als Jeſus am Baume vorbeigeht, Wandelt unſichtbar neben ihm her, und redt, wie die Seele Eines eatſähzairnden Chriſten die letzten Empfindun⸗ gen denket, Sanft, mit leiſen Worten, ihn an: Iſchariots Elend Iſt, Allwiſſender, deinem Auge voruͤbergegangen, und du kennſt des Unwuͤrdigen That. Er hat dich verrathen! Den dein Wandel gelehrt, der deine Wunder ge⸗ ſehen, Dem dein Mund das Geheimſte von jenem Leben enthuͤllt hat, Den du wuͤrdigteſt Juͤnger zu nennen! er hat dich verrathen! Noch ertoͤnt mir die fliegende Stimme des hehen Eloa Suͤß in dem Ohre, noch oͤffnen ſich mir die Lippen des Seraphs, Als er zu deinem Throne mich rief: Zu der Erde zu eilen, Und Iſchariots Engel zu ſeyn! Ich verlaſſe den Suͤnder! 246 Der Meſſias. IV. G. V. 1002— 1015. Bin ſein Engel nicht mehr! Sein Zeuge, den Tag der Vergeltung, Der will ich ſeyn! und wider ihn mit der Stimme der Donner Meine Rede bewaffnen! und zwiſchen den glaͤnzen⸗ . den Stuͤhlen Derer, die wuͤrdiger waren, mit dir die Erde zu richten, Dunkel hervorgehn, gegen die Nacht am richtenden Throne Meine Hand ausbreiten, und ſagen: Bei dem der geblutet, Von der Hoͤhe des Kreuzes herab, ſein Leben ge⸗ bluret, Duns die Hand des Geliebten! Iſchariot hat ſich gebrandmarkt def den furchtbaren Tag! Er ſelber hat das Ver⸗ derben Ueber ſein Haupt gerufen! durch laute Thaten das Schickſal Jener Verworfnen gerufen! Er iſt es wuͤrdig, ge⸗ richtet, Und von dem Antlitz des Menſchenſohns verworfen 1 zu werden! 1 Wiuin, die Wege zu wandeln des ewigen Todes! Sein Blut ſey Ueber ihrn felbſt! Ich bin unſchuldig am Blute des Suͤnders! 4 Vierter Geſang. 247 IV. G. V. 1016— 1029. Und der Unſterbliche ſah in dem Auge des Mittlers, er duͤrfe Seinem Schmerze noch mehr ſich uͤberlaſſen. Er ſagte: Ach, ganz andre Gedanken, von einer helleren Aus⸗ ſicht, Hatt' ich vordem von dem Juͤnger des Menſchen⸗ freundes! Du ſollteſt, Judas, von ſeinem Tode durch ſchoͤne Wunden einſt zeugen, Auch ein Maͤrtirer ſeyn! die hohen Lieder auch hoͤ⸗ ren, Die wir ſingen den Ueberwindern! So waͤrſt du geſtorben! Deine Wiale mit Licht bekleidet, haͤtte dein Freund dann Bei der Hand in Triumphe daher zum Meſſias ge⸗ fuͤhret, Zu dem Erſten der Ueberwinder! Ich haͤtt' in der Ferne Unter den goldenen Stuͤhlen der zwoͤlf Erwaͤhlten des Mittlers Deinen erhabenen Stuhl dir gezeigt! Du waͤrſt in Entzuͤckung, Bei des glaͤnzenden Stuhls Anblick, und deß auf dem Throne Ueberſloſſen! Ich haͤtte dich Freund, ich haͤtte dich Bruder, 248 Der Meſſias. IV. G. V. 1030— 1044. Ach, ich haͤtte mit froher Stimme dich Seraph ge⸗ nennet! Mein Iſchariot haͤtte mich dann in der Chriſten Geheimniß Unterrichtet: Was da in ſeiner Seel' er fuͤhlte, Da der Geiſt der Propheten auf ihn von dem Him⸗ mel herabkam! Da du den Muth zu ſterben empfingſt! von dem Geiſte gelehret, Beteteſt unausſprechliche Worte! nicht ſuͤndigen konnteſt, Weil dein Herz zu der Unſchuld des Paradieſes ver⸗ juͤngt war! Aber ſie ſind nun dahin, die Gedanken der from⸗ men Entzuͤckung! Wie ein laͤchelnder Fruͤhling verbluͤht, die Blume des Lebens Bald im hoffenden Juͤnglinge ſtirbt, vor der Reife der Jahre! Alſo ſind ſie voruͤbergegangen. Mein Juͤnger ver⸗ laͤßt mich! Kurz noch eines Heiligen Schutzgeiſt, wandl' ich itzt einſam Unter den Engeln, die traurend um mich verſtum⸗ men. Gebiete, Gott Meſſias! ſoll ich mich wieder zum Himmel erheben?2 Oder bin ich gewuͤrdiget worden, dich ſterben zu ſehen? Bierter Geſang. 249 IV. G. V. 1045— 1058. Jeſus wandt' auf den Seraph ſein ernſtes An⸗ tlitz, und ſagte: Simon Petrus wird auch geſucht von der Wuth des Verderbers. Sey ſein Engel! Es ſind zween Huͤter Johannes gegeben; Petrus habe ſie auch. Er wird die Lieder einſt hoͤren, Die den Ueberwindern ihr ſingt, und im Tode mir gleichen. Kaum vernahm es der Seraph, ſo ſtrahlt' er vor wallender Freude In Orions Umarmung, der ihren Juͤnger beſchuͤtzte. Jeſus eilte nunmehr, mit ſeinen Juͤngern das letzte Feſtliche Mahl zu halten. Er ging viel hohe Pallaͤſte Praͤchtiger Suͤnder vorbei, trat jetzt in die ſtillere Wohnung Eines verkannten redlichen Manns. Sie legten ſich ſchweigend Um das bereitete Lamm des Bundes. Nah am . Meſſias Lag Johannes, und laͤchelte ſanft. Viel heiterer ſchaute Jeſus in die Verſammlung. Von ſeinem Angeſicht floſſen 250 Der Meſſias. IV. G. V 1059— 1072. Ruh' und Wehmuth und Tiefſinn und Seligkeit in die Verſammlung. So iſt, nach dem Gefuͤhl der erſten Entzuͤckungen, Joſeph Unter ſeinen Bruͤdern geweſen, da jetzo die Thraͤnen, Da die lauten Thraͤnen im ſehenden Auge ver⸗ ſtummten, Da die Sprache zuruͤck ihm kam, nicht mehr an des Bruders Haiſe Benjamin hing, und nun ſein Vater noch lebte. Singe, mein Lied, den Abſchied des Lieben⸗ den von den Geliebten, und die Reden der traurenden Freundſchaft. Wie damals der Juͤnger, Der mit dem hohen Jakobus ein Sohn des Don⸗ . ners genannt wird, Und in der einſamen Patmos die Offenbarung auch ſahe, An der Bruſt des Meſſias der vollen Seele Gefuͤhl 3 ſprach, Dann zu dem Himmel vom Auge des Liebenswuͤr⸗ digen aufſah; Alſo fließe mein Lied voll Empfindung und ſeliger Einfalt. Jeſus ſprach, und ſchaute voll Wehmuth in die Verſammlung: Vierter Geſang. 251 IV. G. V. 1073— 108 z7 Mich hat herzlich verlangt, mit euch dieß Mahl noch zu halten, Eh' ich leide. Bald ſind ſie erfuͤllt, die Worte der Zeugen, Welche von mir verkuͤndiget haben. Ihr kennt den Propheten, Der gewuͤrdiget ward, zu ſehn die Erſcheinung der Gottheit; Der der Seraphim Stimme vernahm, die den auf . dem Throne Mit dem feſtlichen Halleluja der Himmel empfin⸗ gen, Daß von dem Schalle der Lieder des Tempels Schwellen erbebten, und das Heiligthum ganz von Opferwolken erfuͤllt ward. Damals war ich zugegen mit meinem Vater. Auch ich ward Heilig! Heilig! genannt. Auch mir erhuben ſich . Opfer Von den goldnen Altaͤren! Auch mir erbebte der Tempel! Denn ich bin lang vor Abram geweſen. Eh' aus den Waſſern Dieſes heilige Land mit Gottes Bergen hervorſtieg, Eh die Welt war, bin ich geweſen! Doch dieſen Gedanken Faßt ihr in ſeiner Groͤße noch nicht! Der himm⸗ liſche Seher, 252 Der Meſſias. IV. G. V. 1088— 1102. Welcher der Gottheit Herrlichkeit ſah, hat auch in der Zukunft Einen Menſchen, wie ihr ſeyd, geſehn, und, vom Geiſte gelehret, Alſo von ihm verkuͤndet: Die Schoͤnheit des goͤtt⸗ lichen Mannes, Seine Geſtalt iſt vergangen! Das Laͤcheln der fried⸗ ſamen Jahre, Jede Ruh des Lebens iſt hin. Das Elend der Suͤnder Iſt ganz uͤber ſein Haupt gekommen! Die Men⸗ ſchen verſtummen, Wenn ſie ſehen den Jammer in ſeiner Seele! Sie wenden Ihm ihr Angeſicht weg. Er aber hat unſere Schmerzen, Unſer Elend getragen! Wir waͤhnten, er truͤge die Laſten Seiner Schuld! es haͤtte Gott den Suͤnder erſchuͤttert! Aber um unſertwillen ſind jene Wunden geoͤffnet, Die er blutet. Wir ſind die Verbrecher! Die Hand des Verderbens Hat ihn um unſertwillen ergriffen! Er leidet, daß Friede Ueber uns komme, daß Heil mit ſeinem Fluͤgel uns decke! Denn wir wandelten alle den Weg der Irre. Wir alle Vierter Geſang. 253 IV. G. V. 1103— 1117. Waren elend genug, uns ſelber Weisheit zu waͤhlen. Darum hat unſere Schuld auf ihn der Naͤcher ge⸗ worfen! Er iſt unſer Verſoͤhner, und geht ins Gericht, und leidet, Wird, bis zum Tode, gehorſam, und oͤffnet den goͤttlichen Mund nicht. Wie ein verſtummendes Lamm zu dem Spferaltare gefuͤhrt wird; Alſo geht er geduldig daher, und ſchweigt. Nun A iſt er Aus dem Gericht genommen! Wer kann nun ſeine Verſoͤhnten Zaͤhlen? wer der heiligen Schaar, die durch ihn ge⸗ recht ſind? Weil er ſein Leben fuͤr die Suͤnder zum Opfer ge⸗ bracht hat, Werden ihm ganze Geſchlechte zur neuen Schoͤpfung 4 erwachen, Und ſein Leben wird Ewigkeit ſeyn! So ſagt der Erloͤſer, Schaut gen Himmel, und ſchweigt. Er hatte lan⸗ ge geſchwiegen, Fuhr jetzt fort: Es iſt das letztemal, daß wir zu⸗ ſammen Halten dieß Abendmahl! Ich werde mit den Geliebten Nun nicht mehr das Gewaͤchs der frohen Rebe ge⸗ nießen, 254 Der Meſſias. IV. G. V. 1118— 1132. Noch die Laͤmmer im Thal. Allein in den Huͤtten des Friedens, Wo viel Wohnungen ſind, dort werdet ihr euren Meſſias Wiederſehen, und, nebſt den verſammelten Vaͤtern des Bundes, Neue Feſte begehn, die Abſchiednehmen nicht trennet. Jeſus ſchwieg, und die Juͤnger um ihn. So ſchwieg in den Hallen Auf Moria das heilige Volk, da der weiſeſte Juͤng⸗ ling Unter den Soͤhnen von Abram, da Salomo bei den Altaͤren Seine Krone vor dem, der ewig iſt, niedergeworfen, Und der Weihe Gebet vollendet hatte; da ſichtbar Wurde der Tempel erfuͤllt von den Wolken der Herr⸗ lichkeit Gottes, Daß die ſchauenden Prieſter nicht mehr zu opfern vermochten, Und der Jubelgeſang der Halleluja verſtummte. Jeder ſehivieg Nur daß unterweilen der Betenden Einer, Schnell don heiligem Schauer ergriffen, ſein Ange⸗ ſicht aufhub, Gegen die Nacht der Erſcheinungen ſah, mit beben⸗ der Stimme, Vierter Geſang. 255 IV. G. V. 1133— 1146. Heilig! Heilig! ſprach, und die Arme gen Himmel emporhielt. Alſo ſchwiegen die Juͤnger, und alſo redte Leb⸗ 3 baͤus, Da er mit leiſer Stimme ſich gegen Iſchariot wandte: Ach, nun weiß ichs gewiß! Der Sohn des Men⸗ ſchen wird ſterben, Was die uͤbrigen Juͤnger von ſeinen Reden auch denken, Die er vom Tode ſo oft an uns haͤlt! Komm Ruhe vom Elend, Tod, des muͤden Wanderers Schlaf, und erbarme dich meiner, Wenn, wie ein Lamm zum Altar, der beſte der Menſchen gefuͤhrt wird, Komm dann, mein einziger Troſt! Hier ſprach er lauter, und Seufzer Unterbrachen die Rede des Juͤnglings. Ihn ſah der Meſſias; Dich, Iſchariot, auch. Mit zoeſchenferandrichet Wehmuth Schaut' er in der Verſammlung umher, und ſagte, zu ihnen: Ja, ich muß es euch ſagen! Hier, bei mei⸗ nen Geliebten, Iſt ein Juͤnger, der mich verrathen wird, einer der Zwoͤlfe! —— 256 Der Meſſias. IV. G. V. 1147— 1160. Banges Erſtaunen ergriff die Verſammlung. Sie fragten ihn alle: Herr, bin ichs? Det Meſſias erwiederte: Ja, einer der Zwoͤlfe! Einer von euch, die mit mir das Mahl des Bun⸗ des itzt halten. Zwar(hier deckte ſein Antlitz die ernſte Miene des Richters!) Zwar der Sohn des Menſchen geht, wie die Seher verkuͤnden, Seinen erhabenen goͤttlichen Weg: doch wehe dem Menſchen, Der ihn verraͤth! Es waͤr dir beſſer, du waͤrſt nicht geboren! Jeſus ſchaute voll Ernſt. Ihn fragte Judas noch Einmal, Jeſus erwiedert mit leiſerer Stimme: Du ſagteſt es ſelber. Aber Gedanken voll Ruh' erheiterten wieder den Mittler. Suͤße Gedanken vom ewigen Heil. Er ſtand, das Gedaͤchtniß Seines Todes zu ſtiften. Itzt ſprach er die feirli⸗ chen Worte, Die ſo viele Prieſter der Chriſten, ſo viel der Ge⸗ meinen Kuͤhn entweihn, und in lauten Geſaͤngen das Ur⸗ theil des Todes Ueber Vierter Geſang. 2⁵⁷ IV. G. V. 1161— 1174. Ueber ſich rufen. Er kennt ſie nicht, der goͤttlicher lebte, Und am Kreuze nicht ſtarb, fuͤr ewige Suͤnder zu buͤßen! Aul' empfingen von ihm das Brodt, das er hatte geweihet, Und den heiligen Kelch. Sie kamen alle mit De⸗ muth, Und in trauernder Stille, von ſeiner Hand es zu nehmen. Da Johannes ſich naht“, und auf den glaͤnzenden Kelch ſah, Warf er zu Jeſus Fuͤßen ſich nieder, kuͤßte ſie weinend, Trocknete dann die Thraͤnen mit ſeiner fallenden Locke. Laß ihn meine Herrlichkeit ſehn! ſprach Je⸗ ſus, und ſchaute Zu dem Vater empor. Johannes erhub ſich, und ſahe In der Tiefe des Saals der Seraphim helle Ver⸗ ſammlung. Und die Seraphim wußten, daß er ſie ſahe. Jo⸗ hannes Stand in Entzuͤckung verloren. Er ſchaute Gabriels Hoheit Starr, mit Erſtaunen. Er ſchaute des himmliſchen Raphael Glaͤnzen; Klopſt. Meſſias I. B. R Ate Aufl. 258 Der Neſſias. IV. G. V. 1175— 1188. und verehrt ihn. Er ſah auch Salem in menſchli⸗ 4. chem Schimmer, und mit ausgebreiteten Armen entgegen ihm laͤ⸗ che ln; Und er liebte den Seraph. Er wandte ſich um, und erblickte In des Meſſias ruhigem Auge die Spuren der Gottheit; und er ſank verſtummend ans Herz des erhabnen Meſſias.. Gabriel aber erhub ſich mit leiſen Luͤften, und 3 ſagte Feurig zu Teſus⸗ Umarme mich auch, wie du die⸗ ſen umarmteſt, Miittler Gottes! Ihm ſagt der Meſſias: Du dienſt mir am Thron einſt Meiner Herrlichkeit, und ſtehſt auf der glaͤnzenden d Stufe, Wo Eloa ſtand, an dem Allerheiligſten Gottes! Gabriel betet ihn an. Zuletzt kam Judas und warf ſich, Wie Johannes, zu Jeſus Fuͤßen. Ihm ſagte der Gottmenſch: Indat, ſteh auf! und gab ihm den Kelch, des Todes Gedaͤchtniß! Er empfi ing ihn mit Ruh'. Ihm ſah der Meſſias ins Antlitz, Vierter Geſang. 259 IV. G. V. 1189— 1202. Ward erſchuͤttert im Geiſt, und ſprach mit Keſas ner Stimme: Alle kenn' ich, die ich mir auserwaͤhlte: doch Einer Wird mich verrathen! Ich ſag' es euch itzt, daß ihr glaubt, wenns geſchehn iſt, Und daß ihr wißt, wie ich den belohne, welcher ge⸗ 4 treu bleibt; So vernehmet von mir die Wuͤrde der Ueberwinder: Wer, wen ich ſend', aufnimmt, der nimmt mich ſelbſt auf! wer aber Alſo mich aufnimmt, nimmt auch den auf, der mich geſandt hat! Dieſe Kron' empfaͤngt kein Verraͤther! Ich ſag' es noch Einmal: Einer von euch wird gewiß den Sohn des Menſchen verrathen! Jeder ſahe den Andern von neuem mit ſor⸗ gender Angſt an. Petrus winket Johannes. Der neigt ſich ans Herz des Meſſias. Herr, wer iſt es? So fengt mit ſanfter Stimme Johannes. Dem ich dieß Brod eintauche, dem ichs mit ver⸗ traulicher Liebe, Und mit Bruderfreundlichkeit gebe, der iſt es, Jo⸗ hannes! R 2 Der Meſſias. IV. G. V. 1203— 1216. Alſo ſagt der Meſſias, und reicht den Biſſen voll Freundſchaft Judas Iſchariot hin. Johannes ſah dieß, und bebte. Aber aus Menſchenliebe ſchwieg er vom nahen Ver⸗ raͤther. Judas ging mit Ungeſtuͤm fort. Die Nacht war gekommen. Ihn umgaben die Schrecken der Nacht. Mit ſtar⸗ rendem Blicke 4 Schauet' er in die Finſterniß aus, und ſprach zu ſich ſelber: Alſo weiß er's gewiß! Nun wird's der ſanfte Jo⸗ hannes, Der ſtets laͤchelt, wenn man um ihn zugegen iſt, . ſagen; Alles ſagen, was ihm an dem Herzen Jeſus ver⸗ traut iſt. Alle werden es wiſſen! Es ſey! Die neuen Be⸗ herrſcher Muͤſſen erſt fliehn, eh ſie Könige werden! Viel⸗ leicht, daß Johannes Bald ſein Laͤcheln verlernt, und in Banden Petrus nicht kuͤhn iſt! Und(hier gluͤht' er von ſelbſt, hier wirkte der zuͤn⸗ dende Traum nicht) und ſelbſt Jeſus, wie ſtreng, wie hochgebietend be⸗ fahl er: Vierter Geſang. 261 IV. G. V. 1217— 1230. Judas, ſteh auf! So gebietet er nicht dem Liebe ling Johannes! Zwar den Koͤnigen wird nicht befohlen! Ich will ſie noch ſehen, Eh ſie Koͤnige ſind; in der Feſſel will ich ſie ſehen! Aber ihr Freund will ſterben! Was iſt das? Welch ein Gedanke Iſt das Sterben fuͤr den, der ſelber Todte geweckt hat? Sterben? Will er mein Herz nur erweichen? Sey du nicht zu menſchlich, Leidendes Herz! Wenn er ſtirbt, ſo war's nicht zeigender Zufall, Daß er ſo oft den Feinden entging! ſo iſt er ein Traͤumer, Und von Gott nicht geſandt! Auch unſere Prieſter ſind Weiſe, Sind Geweihte des Gottes der Goͤtter! Sie haß⸗ ten ihn immer! Und ſie handeln nach Moſes Geſetz! Ich bin ihr Vertrauter! 3 Aber er wird nicht ſterben! Doch ich will ihn ſehn in der Kette, Wie er da redet! Vielleicht, daß er dann der ge⸗ liebteren Juͤnger Hohe Wuͤrde vergißt, und den niedrigen Judas auch anſieht! 262 Der Meſſias. IV G. V. 1231— 1244⸗ Doch ich muß eilen! Es warten auf mich Jeru⸗ ſalems Herrſcher. Alſo denket er, eilt zu des Hohenprieſters Pal⸗ laſte. Und die Verſammlung war itzt ganz heilig. Wie damals der Frommen Heiliges Volk, in reinerer Schoͤne, dem Antlitz des Siegers, Deſſen Wunden nun glaͤnzten, erſchien, da die JZugend der Chriſten, Von dem Grab' Ananias, der Gott log, wiederge⸗ kommen. 4 Kein Unedler mehr war, zu entweihn der Heiligen Einmuth. Jeſus, ſeiner Groͤße gewiß, und, wegen der Naͤhe Seiner Verſoͤhnung, ins Helle der Ewigkeit ausge⸗ breitet, 4 Sprach mit goͤttlicher Hoheit und Ruh zu ſeinen Erwaͤhlten: Nun iſ der Sohn des Menſchen verherrlicht! und ob er gleich Menſch iſt, Denaos iſt Gott auch verherrlicht durch ihn! Da durch ihn des Himmels Hoͤchſtes Geheimniß, die Gottheit durch ihn den 1 Menſchen enthuͤllt wird: Wird der Vater ihn auch, durch Erbarmung ohn“ Ende, verklaͤren. Vierter Geſang. 263 IV. G. V. 1245— 1258. Bald wird er ihn den Menſchen in ſeiner Schonheit entdecken! Eure Trapkigeit unterbricht mich. Was weinet ihr, Kinder? 1 Ja, es if wahr, ich werd' euch verlaſſen! Ihr werdet mich ſuchen, Und nicht finden. Ihr koͤnnet den Weg, den ich gehe, nicht gehen. Aber weinet nicht mehr. Ihr werdet mich wieder . eerblicken! Kinder, ich geb' euch ein neues Gebot, ein Gebot, 8 das edler, Viel erhabener iſt, als was die Satzungen lehren: Liebet euch unter einander! Wie euer Mittler euch liebte, Alſo liebet euch unter einander! Dann wiſſ es der Erdkreis, Daß ihr mein ſeyd; wenn ihr ſo unter einander euch liebet! Simon Petrus ſtand auf, trat naͤher zu Je⸗ ſus, und ſagte: Herr, wo geheſt du hin? Du kannſt mir jetzo nicht folgen! 8 Sprach der Erloͤſer, einſt folgeſt du mir, die Wege 3 zu wandeln, Die ich wandle. Hierauf erwiederte Petrus mit Feuer. 26 ½ Der Meſſias. IV. G. V. 1259— 1272. Warum ſoll ich dir jetzt nicht folgen? Ich laſſe mein Leben Fuͤr dein Leben! Du ließeſt dein Leben? Ich ſag' es noch Einmal: Simon, du wirſt vor des Tags Anbruch mich drei⸗ mal verleugnen! Jeſus war aufgeſtanden. Er knieete nieder zu beten. Neben ihm knieten die Juͤnger. Seyd ihr auch alle 3 zugegen? Sprach der Erloͤſer mit Wehmuth. Hier ſind wir! ſprachen die Juͤnger. Eines Stimme hoͤr' ich nicht mehr! Seyd ihr alle zugegen? Judas Iſchariot fehlt! antwortete zitternd Leb⸗ baͤus, Sank dann nieder. Der Mittler erhub ſein Antlit gen Himmel, Betete mit erhabener Stimme: Die Stund' iſt ge⸗ kommen, Deinen Eingebornen in ſeiner Schoͤnheit zu zeigen! Zeig' ihn nun, Vater, daß du durch ihn verherrli⸗ chet werdeſt! Unter ſeine Gewalt gabſt du die Sterblichen alle, v er ſie auferwecke vom Tod', und ewiges Le⸗ ben Vierter Geſang. 265 IV. G. V. 1273— 1286. Ihnen gebe. Das aber iſt ewiges Leben, d Vater, Der du der Ewige biſt, und den du geſandt haft, erkennen, Jeſus, den Sohn, und den Herrſcher! Ich ſehe, Vater, im Geiſte Schon die Fuͤlle der ganzen Vollendung. Ich hab' auf der Erde Dich ze ſarrſihett habe vollfuͤhrt der Gottheit Nath⸗ ſchluß! Nun erwarten mich Kronen zu deiner Rechte! Du wirſt mir Wieder die Herrlichkeit geben, die mein war, eh wir erſchufen. Deinen gefuͤrchteten Namen hab' ich den Erwaͤhlten verkuͤndigt Aus den Suͤndern. Du gabeſt ſie mir. Sie ha⸗ . ben die Weisheit, Die ich ſie lehrte, ich bin ihr Zeuge! mit Treue gehalten! Nun erkennen ſie auch, daß, was ich habe, von dir iſt. Denn ich habe ſie alles gelehrt, was du ſelber mich lehrteſt! Alſo haben ſie's aufgenommen! die goͤttliche Wahr⸗ heit Tief in das Herz gefaßt: Daß ich von dem Vater geſandt bin! 266 Der Meſſias. IV. G V. 1287— 1300. Vater, ich bitte fuͤr ſie, fur die Welt nicht! weil ſie auch dein ſind; Weil wir in jedem Beſitz der Seligkeiten vereint ſind! t Vater, ich bitte fuͤr ſie! Denn, auch durch ſie bin ich herrlich! Ich verlaſſe die Erde nun, komme zum Throne des Himmels, Pater, zu dir, zuruͤck; ſie aber bleiben auf Er⸗ 4 den, Sehn noch lange der Suͤnder Muͤh, und fuͤhlen ihr Elend! Laß ſie, heiliger Vater, der hohen Erkenntniß ge⸗ treu ſeyn, Die ſie haben werden von dem, der jetzo verſhnt iſt. Laß ſie eins ſeyn, wie wir; ein Haus voll Bruͤ⸗ der! Ich ſorgte Selber fuͤr ſie, da ich noch gleich ihnen Menſch war. Ich wachte Ueber ihren unſterblichen Geiſt. Hier ſind ſie, mein Vater! Keinen hab' ich verloren! Nur hat der Sohn des . Verderbens Mich verlaſſen, und iſt den Propheten ein Zeuge geworden! Nunmehr komm' ich zu dir! Das ſag' ich, da ich bei ihnen Vierter Geſang. 267 IV. G. V. 1301— 1314. Noch auf der Welt bin, daß ſie an meine Herrlich⸗ keit denken, und ſich freuen, wie ich mich freue! Sie haben die Worte Deines Lebens gehoͤrt. Der Suͤnder hat ſie ge⸗ haſſet, Wie er mich haßte! Nicht bitt' ich, daß du der Erde ſie nehmeſt! Schuͤtze ſie nur vor ihrem Verfolger, dem Geiſt des Verderbens! Denn ſie gehoͤren den Suͤndern nicht zu. Sie wan⸗ deln in Unſchuld, Wie ich wandle. Die Welt hat keinen Theil an deinen Verſoͤhnten. Heilige ſie in deiner Wahrheit. Dein Wort iſt die Wahrheit! Wie du in die Welt mich geſandt haſt, ſo ſend' ich ſie wieder; dufe mein Leben fuͤr ſie, damit ſie rein und gehei⸗ ligt, Tutuſthnae, vor dir erſcheinen. Doch bitt' ich, o Vater, Nicht fuͤr die Juͤnger allein! Der neuen Schoͤpfun⸗ gen Kinder Werden einſt, wie aus dem Morgen der Thau, durch ihr Wort mir geboren! Auch fuͤr dieſe bitt' ich, mein Vater, daß alle ſie eins ſeyn, 8 26⁸ Der Meſſias. IV. G. V. 1315— 1328. Wie wir eins ſind! und daß die ganze Erd' es er⸗ kenne, Daß du mich, Vater, ſandteſt! Ich habe das ewi⸗ 1 ge Leben, Meine Herrlichkeit denen gegeben, die du mir ge⸗ . ſchenkt haſt, Daß ſie eins ſeyn, wie wir zu Einem goͤttlichen Endzweck Alle vollendet! und daß die Suͤnder der Erd' es vernehm en: Jeſus ſey von dem Himmel geſandt! Gott liebe die Kinder Seiner Verſoͤhnung, wie er den Erſtling der Soͤhne geliebt hat. Vater, es ſollen meine Verſoͤhnten zu mir ſich ver⸗ ſammeln, Daß ſie ſeyn, wo ich bin, und meine Herrlichkeit ſehen, Jene, die du mir, Liebender, gabſt, eh die Him⸗ mel entſtanden! Dich verkennet die Welt, gerechter Vater; ich aber Kenne dich! den Erwaͤhlten hab' ich enthuͤllt das Geheimniß Meiner Sendung, und deiner Gottheit, und wills noch enthuͤllen, Daß die Liebe, mit der du mich liebteſt, ihr Herz auch ergreife, Vierter Geſang. 269 IV. G. V. 1329— 1341. 3 und den unſterblichen Geiſt nur ſein Verſoͤhner er⸗ fuͤlle. Nun erhub ſich der Mittler, entgegen zu gehn dem Vater Ueber Kidron in das Gericht. Ihm folgten die Juͤnger. Als er naͤher den Bach, und das naͤchtliche Rau⸗ ſchen des Oelbaums Lauter vernahm, da ſtand er an einem Huͤgel, und ſagte; Gabriel, in der Tiefe des Gartens, am ſteigenden Berge, Iſt ein einſamer Ort von zwanzig Palmen um⸗ ſchattet; Gegen die hohen Wipfel der Palmen ſenkt ſich vom Himmel, Gleich herhangenden Bergen die Nacht; dort ver⸗ ſammle die Engel! Alſo ſagt' er, und nahete ſich erhabneren Thaten, Als, ſeit der Engel Geburt, dem Anbeginne der Erden Und der Sonnen, geſchahn, auf jeder Unendlichkeit Schauplatz, Jemals geſchahn! Er nahte ſich ſtill den goͤttlichen Thaten. 270 Der Meſſias. IV. G. V. 1342— 1345. Aeußerliches Geraͤuſch, und Laͤrm, ſuͤßtoͤnend dem Eiteln, Klein genug, zu folgen des Helden Thaten, der Staub iſt, War um den hohen Meſſias nicht; und nicht um den Vater, Als er dem Unding' einſt die kommenden Welten entwinkte, Der 5 2 — 8 — ο 2 — — — 8 80 Inhalt des fuͤnften Geſangs. Ger ſteigt auf Tabor herunter, Gericht uͤber den Meſſias zu halten. Eloa folgt auf Gottes Befehl von ferne. Gott naht ſich der Erde langſam. Beim Aus⸗ gange des Sonnenwegs kommen ihm die Seelen von ſechs morgenlaͤndiſchen Weiſen, die kaum geſtorben ſind, ent⸗ gegen. Eine von dieſen Seelen redet Gokt an. Der erſte unter einem unſchuldigen und unſterblichen Geſchlechte von Menſchen, redet zu ſeinen Kindern von Gott, da er ihn zornig vorbeigehn ſieht. Gott iſt auf Tabor. Alle Suͤn⸗ den kommen vor ihn. Eloa ruft den Meſſaas feierlich zum Gericht. Eine neue Anrufung an den heiligen Geiſt. Das Leiden hebt an. Der Meſſias betet. Er ſieht die Qualen der Verdammten. Adramelech koͤmmt, ſeiner zu ſpotten; aber er bleibt ſinnlos ſtehn. Der Meſſias kömmt zu den Juͤngern. Nun iſt die erſte Stunde vor⸗ bei. Die Himmel, die den zweiten großen Sabbath feiern, ſingen davon. Der Meſſias geht wieder ins Ge⸗ richt. Abbadona koͤmmt. Er hatte den Meſſias lange geſucht. Er entdeckt ihn nicht auf einmal. Endlich er⸗ kennt er ihn, und redet ihn an. Der Meſſias leidet, und betet. Abbadona flieht zuletzt. Die zweite Stunde iſt vorbei. Die Himmel ſingen davon. Der Meſſias geht zum drittenmal ins Gericht. Eloa wird von Gott geſandt, ihm ein Triumphlied von ſeiner kuͤnftigen Herr⸗ lichkeit zu ſingen. Der Meſſias wird auf einige Augen⸗ blicke heiter. Darauf werden ſeine Leiden ſtaͤrker, als ſie vorher nicht geweſen waren. Alle Engel, außer Eloa und Gabriel, wenden ſich weg. Nun iſt die dritte Stun⸗ de vorbei. Die Himmel beſingen ſie. Und Gott kehrt zu ſeinem Throne zuruͤck. Fuͤnfter Fuͤnfter Geſang. V. G. V. 1— 9. NAae Jehovah ſaß voll Ernſt auf dem ewigen Throne. Neben ihm ſtand Eloa, und ſprach: Wie iſt jetzt dein Antlitz, Ewiger, furchtbar! Wie ſtrahlet herab von deinem Auge Lauter Gericht! Wie Reden ſo laut die Donner herunter! Dieß Zehntauſend ſprach! ſchon ſpricht das andre! nun hoͤr' ich Schon das Rauſchen des dritten von fern! Dort wandelten Sterne: Gott, kaum ſahſt du herab, und die Sterne waren geflohen! Warum hoͤr' ich nicht um mich herum die Geſaͤnge . der Welten? Wo du hinblickſt, weit um dich her, da ſchweigen Welten! Klopſt. Meſſias I. B. S lte Aufl. 274 Der Meſſias. v. G. B. 10— 24. Alle Seraphim ſchweigen, es ſchweigen die Cheru⸗ bim alle! Keine von allen unuͤberzaͤhlbaren Myriaden Singet ein Lied von dem ewigen Sohne! keine von allen! Sollt' ich euch uͤberzaͤhlen, ich muͤßte Jahrhunderte zaͤhlen, Ihr ſchweigt alle! Nicht Einer ſingt von dem ewi⸗ gen Sohne! Alle verhuͤllen vor Gott, ihn anzubeten, ihr Antlitz! Willſt du dich, Gott, aufmachen, zu halten uͤber der Erden Ein Gericht? Denn dieß iſt das Angeſicht des Ver⸗ derbers! Dieſes des Richters Schaun! Gott, oder haſt du beſchloſſen, Satans Reich zu zerſtoͤren? Den Laͤſterer Gottes zu ſchlagen? Zieheſt du aus im Dunkeln daher, daß den ewigen Suͤnder Du vernichteſt, und um ihn her die Tiefen der Hoͤlle? Soll ſein Name nicht mehr in dem Buche der Le⸗ benden ſtehen, Die du erſchufſt? er unter den Ewigen ganz vertilgt ſeyn? 2„ Liegen will ich ihn dann, dann will ich, Raͤcher, vor dir ihn 2 Fuͤnfter Geſang. 275 V. G. V. 25— 38. Liegen ſehn, wie ihn laſten dein Zorn, und un⸗ nennbare Qualen, Daß das Heulen ſeiner Verzweiflung die Hoͤll' und 4 der Himmel, Und die Welten vernehmen, und ein Geſtirne dem andern Ruf' im Voruͤbergange: Da liegt er geſtuͤrzt, der Empoͤrer! Bis du wirbelwehend mit ihm, und flammend es endigſt. Willſt du das, o Richter, ſo waffne mich, laß mich mit ausziehn, Gegen des Schrecklichen Angeſicht! Gieb mir aus dieſen Gewittern Tauſend Donner, und Nacht um mich her, und goͤttliche Staͤrke, Daß ich, vor deinem Antlitz vorbei, in dem Thore des Todes, Jene wilden Verflucher der Reu zu tauſenden ſchlage. Ach wie ſchrecklich biſt du! Wie ſendet dein toͤd⸗ tendes Auge Lauter Zorn und Gericht! Zorn ohn' Erbarmen, Jehovah! Lange war ich, ich ſchaue zuruͤck in Ewigkeiten! Als du wurdeſt, o Welt, da waren ſchon viel der Aeonen S 2 276 Der Meſſias. V. G. V. 39— 53. Vor Eloa voruͤbergefloſſen, und meine Tage Sind nicht eines Sterblichen, der aufbluͤhet, und Staub wird. Ewigkelten ſind es, daß ich, Jehovah, oich ſchautes Doch ſo hab' ich noch nie dein furchtbares Antlitz geſehen! Ach dein ganzes Gericht, und alle deine Ver⸗ derben Weckteſt du, Ewiger, auf! und dieſe Herrlichkeit Gottes, Die ſonſt Liebe nur war, iſt ganz zu Zorne ge⸗ worden! Und ich habe mich unterwunden, mit Gott zu reden, Der ich eine Wolke nur bin, woraus du mich auf⸗ ſchufſt, Und von deinem Odem ein Hauch, ein endlicher Seraph! Zuͤrne nicht, Vater, und ſchaue mich nicht mit dem ſchreckenden Blick an, Den du hinab zu der Erde geſenkt haſt, daß ich nicht ſterbe, Dann mein Name nicht mehr in dem Buche der Ewigen ſtehe, Und nicht laͤnger mein Sitz ſey am Allerheiligſten Gottes! Seraph, ich ſteig' hinunter, Gott den Meſ⸗ ſias zu richten, Fuͤnfter Geſang⸗ 477 V. G. V. 54— 67. Welcher zwiſchen mich und das Menſchengeſchlecht ſich geſtellt hat, Daſteht, Gottmenſch iſt, und mein ganzes Gericht erwartet. Folge mir, mein Erwaͤhlter, in deiner Schoͤne von fern nach. Gott ſprach ſo, und ſtand auf vom ewigen Throne. Der Thron klang Unter ihm hin, da er aufſtand. Des Allerheiligſten Berge Zitterten, und mit ihnen der Altar des goͤttlichen Mittlers, Mit des Verſoͤhnenden Altar die Wolken des heili⸗ gen Dunkels. Dreimal fliehn ſie zuruͤck. Zum viertenmal bebt des Gerichtsſtuhls Letzte Hoͤh, es beben an ihm die furchtbaren Stufen Sichtbar hervor; und der Ewige ſteigt von dem himmliſchen Throne. So, wenn ein feſtlicher Tag durch die Himmel alle gefeirt wird, und mit allgegenwaͤrtigem Wink der Ewige winket, Stehn dann auf Einmal, auf allen Sonnen und Erden, Glaͤnzender von den goldenen Stuͤhlen, bei tauſen⸗. den tauſend, 278 Der Meſſias. V. G. V. 68— 31. Alle Seraphim auf: dann klingen die goldenen Stuͤhle, Und der Harfen Gebet, und die niedergeworfenen Kronen. Alſo ertoͤnte der himmliſche Thron, da Gott von ihm aufſtand. Gott ging nun, und wandelt' einher in dem Wngf der Sonnen, Der hinab zu der Erde ſich ſenkt. Ihm kommt bei 4 der letzten Aus der Tief' ein Seraph entgegen; der fuͤhrt ſechs Seelen, Die ſeit Kurzem der Erd' und ihren Leibern entflogen, Sechs Gerechte! Die Hoͤlle nahm mehr in die ewi⸗ ge Nacht ein! Dieſe verklaͤrte der Seraph, und goß unſterbliche Strahlen Um den neuen, ſchwebenden Leib. Sie waren die Seelen Jener Weiſen der Morgenlande, die kamen, und Jeſus, Von dem eilenden Sterne gefuͤhrt, Anbetungen brachten, Jeſus, dem himmliſchen Kinde, mit ſeinen Engeln die erſten! Hadad, ſo war der Name des erſten, ließ die Geliebte Fuͤnfter Geſang. 279 . V. G. V. 32— 95. Seiner Seele, die ſchoͤnſte der Toͤchter im Hain zu Bethurim. Er entſchlaͤft; ſie weint nicht um ihn. Dieß hatte ſie Hadad Einſt, in einer heiligen Stunde der Liebe, ge⸗ ſchworen. Ihrer und ſeiner Unſterblichkeit ſicher, vergaß ſie — der Thraͤnen Aber ſie liebten ſich mehr, als ſonſt ſich Sterbliche lieben. Selima hatte ſein Leiden ertragen. Er ſtarb, und war gluͤcklich. Simri lehrte das Volk. Das Volk entehrt' ihn, und lebte Suͤndigend fort. Doch bewegt' in dem Tode Sim⸗ ri noch einen, Daß er, gleich i ihm, ein goͤttliches Leben fuͤhrte⸗ Da ſtarb er. Mirja erzog fuͤnf Soͤhne, die macht er tugendhaft. Reichthum Ließ er den Tugendhaften nicht da. Sie ſahen ihn ſterben! Beled druͤckte die laͤchelndbrechenden Augen ſein Tod⸗ feind Weinend zu. Es hatte ſich Beled gerochen, durch Großmuth, Und die Haͤlfte des Reichs ihm gegeben. Der lebte, wie Beled. 280 Der Meſſias. V. G. V. 96— 109. Sunith ſang in dem Hain zu Parphar Bethlehems Knaben, und drei heilige Toͤchter mit ihm. Dich haben die Cedern, Und am einſamen Ufer geweint die Baͤche Jedidoth, Ach dich haben in Schleier gehuͤllt jungfraͤuliche Thraͤnen Deiner Toͤchter die Harfen herab, o Sunith, ge⸗ weinet. Dieſe Seelen verklaͤrte der Seraph. Ihr hel⸗ leres Auge Sahe weit um ſich her, einſt Schauer der Herrlich⸗ keit Gottes. Leichter und freier erhuben ſie ſich, von zaͤrteren 1 Sinnen, Nichts Geringerem, als dem ewigen Leben ge⸗ bildet. Aber des Ewigen Herrlichkeit ging vor den Seelen voruͤber; Und anbetend rufte der freudenhelle Geleiter: Das iſt Gott! Und Selima wagte die neue Stimme. Da er ſprach, erſtaunt' er vor dieſer toͤnenden Stimme, Die, mit ſilbernem Laute, wie in Geſaͤnge, dahin⸗ floß. Fuͤnfter Geſang. 281 V. G. V. 110— 123. O du, den ich erblicke, mit welchem Namen, 0 Erſter, Ach, mit welchem wuͤrdigen Namen, mit welcher Entzuͤckung, Nenn' ich dich, den mein Auge nun ach zum er⸗ ſtenmal anſchaut? Gott, Jehovahl Richter der Welt! mein Schoͤpfer! mein Vater! Oder hänſt du dich lieber den Unausſprechlichen nennen? Oder Vater des ewigen Sohns, der zu Bethlehem Menſch ward, Den wir ſahn, und mit uns der Seraphim feirende Schaaren? Sey gegruͤßt, des ewigen Sohnes ewiger Va⸗ ter! Halleluja! mein Schoͤpfer! Dir jauchzt die un⸗ ſterbliche Seele, Deines Odems ein Hauch, die Erbin des ewigen Lebens. Seliger, unausſprechlicher Schoͤpfer, dich hoͤrt ich die Liebe Unter den Sterblichen nennen; wie biſt du aber ſo ſchrecklich! Und dein Auge, wie iſts zu dem Tode geruͤſtet! Dein Seraph Troͤſtete mich, da ich todt war: Er fuͤhre mich nicht ins Gericht hin, 28²2 Der Meſſias. V. G. V. 124— 137. Nicht ins ernſte Gericht, vor dem kein Endlicher * ſtehn kann, Aber furchtbar biſt du, ſehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer! Doch, du richteſt mich nicht! Das fuͤhlt ſie, die betende Seele, Die du mir ſchufeſt, ihr Ewigkeit gabſt, und dei⸗ . nen Erloͤſer! Kameſt du, Richter der Welt, das Geſchlecht der Feinde zu toͤdten? Soll die Staͤte der Suͤnder nicht mehr vor deinem Antlitz, Ewiger, ſeyn? und tilgſt du ſie weg, die den Sohn noch verkennen? Ach ſo wirſt du nicht richten! Auch ihnen haſt du den Gottmenſch, Deinen erhabenen Meſſias geſandt! So wirſt du nicht richten! Sey gegruͤßt, des ewigen Sohnes ewiger Vater! Laß, Gott, deiner Herrlichkeit Spur von weitem 18 uns anſchaun! Selima ſprachs, und fiel mit den Seelen aufs An⸗ geſicht nieder. Auf der andern Seite des Sonnenweges erhub ſich Auf dem glaͤnzenden Wagen Eloa, worauf er Elias Fuͤnfter Geſang. 283 V. G. V. 138— 151. Einſt in den Himmel brachte, worauf er, Fuͤhrer der Engel, Dothan, auf deinen Bergen entwoͤlkt: von Eliſa geſehn ward. Seraph Eloa ſtand hoch auf dem Wagen. Ihm kam in das Antlitz Durch die Himmel entgegen ein tauſendſtimmiger Sturmwind. Da erklang's um die goldenen Achſen, da flog ihm das Haupthaar Und das Gewand, wie Wolken, zuruͤck. Mit der 3 Nuhe der Staͤrke, Stand der unſterbliche da! In der hochgehobenen Rechte Hielt er ein Wetter empor. Bei jedem erhabnen Gedanken Donnert' er aus dem Wetter hervor. So folgt' er Jehovah. Tauſend Sonnenmeilen, der Raum von Sonne zu — Sonne Iſt von jeder das Maas! die Ferne folgte der Se⸗ raph. Gott ging jetzt durch die Sterne, die Milchſtraße — wir nennen, Aber bei den Unſterblichen heißt ſie die Ruhſtatt 1 Gottes. Denn da der erſte himmliſche Sabbath vollendet die Welt ſah, 284 Der Meſſias. V. G. 152— 165. Stand der Ewige dort, und ſchaute den werdenden Sabbath. Gott ging nah an einem Geſtirne, wo Menſchen waren; Menſchen, wie wir von Geſtalt, doch voll Unſchuld, nicht ſterbliche Menſchen. Und ihr Vater ſtand in freudiger, maͤnnlicher Ju⸗ gend, Ob in dem Ruͤcken des Juͤnglinges gleich Jahrhun⸗ derte waren, Unter ſeinen unausgearteten Kindern. Das Auge War ihm nicht dunkel geworden, die ſeligen Enkel zu ſchauen, Noch zu der Freudenthraͤne verſiegt. Sein hoͤren⸗ des Ohr war Nicht verſchloſſen, die Stimme des Schoͤpfers, der Seraphim Stimme, und aus der Enkel Munde dich, Vaternamen zu hoͤren. An der Rechte des Liebenden ſtand die Mutter der Menſchen, Seiner Kinder, ſo ſchoͤn, als ob der bildende Schoͤpfer Ihres Mannes Umarmungen jetzt die Unſterbliche braͤchte; Unter ihren bluͤhenden Toͤchtern der Maͤnninnen Schoͤnſte. ————õ Fuͤnfter Geſang. 285 V. G. V. 166— 179. An der linken Seite ſtand ihm ſein erſtgeborner Wuͤrdiger Sohn, nach dem Bilde des Vaters, voll himmliſcher Unſchuld. Ausgebreitet zu ſeinen Fuͤßen, auf lachenden Huͤ⸗ geln, Leichtumkraͤnzet mit Blumen ihr Haar, das lockich⸗ ter wurde, Und mit klopfendem Herzen, des Varers Tugend zu folgen, Saßen die juͤngſten Enkel. Die Muͤtter brachten ſie, Eines Fruͤhlinges alt, der erſten Umarmung des ſegnenden — Vaters. Und er hub von dem ſeligen Anblick ſein Auge gen Himmel, Sah Gott wandeln, und neigte ſich tief, und ruft, und ſagte: Das iſt Gott, verſammelte Kinder, der mich, und euch alle Zu Lebendigen ſchuf; der jene Thaͤler mit Blu⸗ men, Dieſe Berge mit Wolken umkraͤnzte! Doch gab er dem Thal nicht, Nicht dem Berg' unſterbliche Seelen; die gab er euch, Kinder! Auch gab er dem Gebirg' und dem Thale die ſchoͤ⸗ ne Geſtalt nicht, 286 Der Meſſias. V. G. V. 180— 193. Die ihr habt, nicht die menſchliche Bildung, ſo maͤchtig, der Serle Tiefſtes Denken herunter zu ſagen vom redenden Antlitz; Keinen freudigen Blick, ſo gen Himmel dankbar hinaufſchaut; Stimmen nicht, mitanbetend der Seraphim Lieder zu ſingen. Der erſchiem in dem wehenden Hain mir des Pa⸗ radieſes, Als er aus Erde zum Menſchen mich ſchuf, der fuͤhrte mich ſegnend Eurer Mutiter Umarmungen zu. Sprich, Ceder, und rauſche! Sprich! Denn unter dir ſah ich ihn wandeln. Reißender Strom, ſteh! Steh dort! Denn da ging er hinuͤber. Du ſanf⸗ teres Athmen Stiller Winde, liſple von ihm, wie du liſpelteſt, als Er, Ach der Ulnendliche! laͤchelnd von jenen Huͤgeln her⸗ abkam! Steh vonr ihm, Erd', und wandle nicht fort, wie ehmals du ſtandeſt, Als er uͤber dir ging, als ſein erhabneres An⸗ . tlitz Wandelende Himmel umfloſſen, als ſeine goͤttliche Rechte — — Fuͤnfter Geſang. 287 V. G. V. 194— 207. Sonnen hielt, und wog, und Morgenſterne die Linke! Darf ich mich unterwinden, von neuem dich anzu⸗ blicken, Ewiger? Aber gebeut, daß jene Mitternacht flieh, Welche dich, Vater, umgiebt! Ach laß dein Auge 3 nicht fuͤllen Dieſen ſchreckenden Ernſt, den kein Unſterblicher ſchaun kann! Ach wer muͤſſen die ſeyn, auf die dieß Antlitz ſich ruͤſtet, Und dieß Auge voll Zorn? Wahrhaftig, keine Ge⸗ ſchoͤpfe„ Die du liebſt! ein unſeliges Volk von Geiſtern, die fielen, Und es wagten, ich kann den Gedanken nicht den⸗ ken! es wagten, Gott zu erzuͤrnen! Vernehmt es denn, Kinder! . lange verſchwieg ichs, Eure ſelige Ruh durch keine Wehmuth zu ſtoͤ⸗ ren. Ferne von uns, auf der Erden einer, ſind Menſchen, wie wir ſind, Nach der Bildung; allein der anerſchaffenen Un⸗ ſchuld und des goͤttlichen Bildes beraubt, ach ſterbliche Menſchen! 288 Der NMeſſias. V. G. V. 208— 221. Ihr erſtaunet daruͤber, wie der kann ein Sterblicher werden, Welchen Gott gewuͤrdiget hat, ihn ewig zu ſchaf⸗ fen. Nicht ihr Geiſt iſt ſterblich, der ewige Geiſt nicht; der Leib nur Wird zur Erde, woraus er gemacht war. Das nen⸗ nen ſie Sterben. Ihrer Soͤhne beraubt, der anerſchaffenen Unſchuld, Tritt alsdann vor Gottes Gericht die entflohene Seele, und vernimmt ein ſchreckliches Urtheil. Ernſter Ge⸗ danke, Fleuch! dich denke nur Gott, der Weſen Schoͤpfer uunnd Richter! Das ſchon iſt ſchrecklich genug fuͤr einen Unſterbli⸗ chen, Sterben! Das zu denken. Dem Sterbenden bricht das Auge, und ſtarret, Sieht nicht mehr. Ihm ſchwindet das Antlitz der Erd' und des Himmels Tief in die Nacht. Er hoͤret nicht mehr die Stim⸗ me des Menſchen, Noch die zaͤrtliche Klage der Freundſchaft. Er ſelbſt kann nicht reden; Kaum noch mit bebender Zunge den bangen Ab⸗ ſchied ſtammeln; Athmet Fuͤnfter Geſang. 289 V. G. V. 222— 236. Athmet tiefer herauf; und kalter aͤngſtlicher Schweiß laͤuft Ueber ſein Antlitz; das Herz ſchlaͤgt langſam, dann ſtehts, dann ſtirbt er! In der liebenden Mutter Arm, die gern mit ihr ſtuͤrbe, und nicht ſterben kann, ſtirbt die Tochter. Umfaßt von dem Vater, Und an das Herz gedruͤckt, ſtirbt ach der Juͤngling im Aufbluͤhn, Seines Vaters einziger Sohn. Vor jammernden Kindern Sterben Aeltern, ihr Troſt, und die Stuͤtze der wankenden Jahre. In ihr Elend vertieft, ſtirbt eine theure Geliedte An des zaͤrtlichen Juͤnglings Bruſt. Die himmli⸗ ſche Liebe, und was ſie von ſanften und edlen Empfindungen 4 eingiebt, Iſt, doch nur wie ein Schattengebilde, wenigen Beſſern, Von der Unſchuld uͤbrig geblieben! Aber nicht lange, Ach nicht lang' und ſie ſterben; und Gott erbarmt ſich nicht ihrer, Nicht des abſchiednehmenden Laͤchelns der frommen Geliebten, Nicht der brechenden Augen, die gern noch wein⸗ ten, der Angſt nicht, Klopſt. Meſſias I. B. T üte Aufl. 290 Der Meſſias. V. G. V. 237— 250. Die ſie betet, und Gott, nur um Eine Stunde noch! anfleht; Nicht der Verzweiflung des bebenden Juͤnglings, der ſtumm ſie umarmt haͤlt, Deiner auch nicht, bekuͤmmerte Tugend, welcher die Liebe, Und ihr zartes Gefuͤhl die beiden Sterblichen weihte. Alſo ſagt er. Ihn unterbrach wehmuͤthiges Weinen„ Seiner Kinder um ihn. Die Vaͤter druͤckten die Soͤhne, Und die Muͤtter die Toͤchter, geſchreckt, an die . ſchlagenden Herzen. Knaben faßten das Knie ſich niederbiegender Vaͤ⸗ ter, Und entkuͤßten dem Auge der Vaͤter die maͤnnliche Thraͤne. Hand in Hand ſaß Schweſter und Bruder, und ſahen ſich bang an Lnd an der theuren Geliebten Bruſt herunter ge— ſunken, Lagen, bebten unſterbliche Juͤnglinge, fuͤhlten das Leben Von den Herzen der Himmliſchen Maͤdchen gewal⸗ tiger ſchlagen. Doch es ermannte ſich wieder der Vater der heili⸗ gen Menſchen. Fuͤnfter Geſang. 291 V. G. V. 251— 264. Liebend an ihn gelehnt ſtand ihre Mutter. Er ſagte: Wenn es nur dieſe nicht ſind, zu denen in Zorn Gott hingeht, Gegen deren unheiliges Antlitz der Ewige wan⸗ delt!. Ach ſie haben vielleiſht zu ſehr den Richter ent⸗ . ruͤſtet, Und er iſt herab geſtiegen, ſie alle zu toͤdten! Unſer Brudergeſchlecht, einſt auch unſterbliche Men⸗ ſchen, Wenn ihr es wuͤßtet, wie ſehr wir euch lieben und unſere Wehmuth Ueber euch: ſo haͤttet ihr nicht den Richter gezwun⸗ gen, Von dem Himmel herab zu ſteigen, euch alle zu toͤdten. Unſer Brudergeſchlecht! wenn ja die Erde dein Grab wird, Und auf Einmal dich Gott in ihre Tiefen hinab⸗ ſtuͤrzt; O ſo wollen wir hier die Todten Gottes beweinen, Oft hinab zu der Erde, der Ruhſtatt ihres Gebeins, . ſehn!: Aber du haſt ja dieſem Geſchlecht, o Vater, den Gottmenſch, T 2 292 Der Meſſias. V. G. V. 265— 277. Deinen erhabnen Meſſias geſandt: ach, willſt du 8 ſie richten? Davon reden ſie alle, die Seraphim, wenn ſie hier wandeln, Und die feirenden Himmel umher. Der ſoll ſie er⸗ loͤſen! Deine Todten ſollen dereinſt gzu dem Leben erwa⸗ chen,. Und wir ſollen ſie ſehn! ach, willſt du, Vater, ſie richten? Seht, er wendet ſein Antlitz von mir, und ſteiget, noch furchtbar, 3 Immer noch furchtbar und ernſt, gerade zur Erd' hinunter. Wunderbar ſind, Gott, deine Gerichte! dein ewiger Weg iſt Dunkel vor uns! du aber biſt heilig, und ewig dir ſelbſt gleich! Halleluja, mein Schoͤpfer! Dir beten unſterbliche Maenſchen Von der heiligen Erde! Dir beten ſterbliche Men⸗ 3 1*. ſchen, 4 Die du toͤdteſt, im Staube gebuͤckt! Der weiſere Seraph Betet dir, Gott, das Antlitz umhuͤllt, am ewigen Throne! Fuͤnfter Geſang. 293³ V. G. V. 278— 290. Alſo ſagt er, und ſah der Herrlichkeit Gottes von fern nach. Jetzo nahte Gott der Erde ſich. Seraph Eloa Sah Gott und den Meſſias von einem Wolkenge⸗ birge. Und er hielt in den Wolken, ſtand da, und don⸗ nert', und ſagte: Sohn des Vaters! wie groß mußt du ſeyn, dieß 3 Gericht zu ertragen! Ach wenn doch in der Endlichkeit Raum die Er⸗ kenntniſſe ſtrahlten, Dieß Geheimniß zu faſſen, und dieſe Tiefen zu ſchauen, Gottheit! Schweig, Eloa! verhuͤlle dich, anzube⸗ ten! Heil dir, Menſchengeſchlecht! Bald wirſt du ſelig, wie ich, ſeyn! Alſo ſprach Eloa, und ſtand mit verbreiteten Armen, Gegen die Erde gekehrt, und ſegnete bei ſich die Erde. Gott ging nach dem Tabor hinab, und ſchaute die Erd' an Aus der Mitternacht, in die er einſam gehuͤllt war. 294 Der Meſſias. V. G. V. 291— 303. Und er ſahe der Erd' Antlitz mit Goͤtzenaltaͤ⸗ ren, Cah. es mit Suͤndern bedeckt; auf ihren weiten Gefilden Ausgebreitet den Tod, des Richters ewigen Zeu⸗ gen! Alle Suͤnden! vom Anbeginn der Schoͤpfung her⸗ unter Bis zum Gericht, der Götzenſklaven, der Diener . Jehova's, 3 Und die ſchrecklicheren der Chriſten erhuben ſich be⸗ bend 4 In die Wolken empor, zu dem ſchauenden Antlitz des Richters. Hingeriſſen vor Gott, aus ihren Naͤchten geho⸗ 8 ben, Aus den Tiefen, in die ſie begraͤbt das Herz, der Empoͤrer Wider den, der es ſchuf, mit daurender Schande gebrandmarkt, Kamen ſie alle! die auch, ſo der fliegende ſchnelle 2 Gedanke, Oder zartes Gefuͤhl, in dem duͤnnen Gewebe, ver⸗ deckten! Und es fuͤhrten das naͤchtliche Heer die Suͤnden der hohen * Fuͤnfter Geſang. 295 V. G. V. 304— 317. Und weitgrenzenden Seelen, die dich in der himm⸗ liſchen Schönheit, Fromme Tugend, ſahn; doch deinem Laͤcheln nicht folgten! Zwar voll leiſen Gefuͤhls; dich doch entweihten! Sie gingen, Aufgethuͤrmt in Rieſengeſtalten, und naͤher dem . Donner. Alle rief mit allmaͤchtiger Stimme das ernſte Ge⸗ wiſſen Hin vor Gott, nannt' alle mit Namen, die na⸗ 3 menlos waren Unter dem Menſchengeſchlecht, das ſich taͤuſcht, und die Zeugen verkennet Zwiſchen ihnen und Gott! des Todes nahende Stunde. Da erhub in dem Himmel ſich allgemeines Ver⸗ klagen. Auf den zitternden Fluͤgeln der Winde Gottes er⸗ klangen Stille Seufzer der leidenden Tugend, ein einſames Jammern.. Gleich dem kommenden Meer, ertoͤnte der Sterben⸗ den Winſeln Von dem Schlachtfeld her, und zeugete gegen Er⸗ obrer. Siehe, dem Blute der Maͤrtirer ward die Stimme des Donners 296 Der Meſſias. V. G. V. 318— 330. Und der Gewitter Gottes gegeben; es rief durch die Himmel: 3 Du, der ruht auf dem Thron, und des Weltge⸗ richts Wagſchaal haͤlt In der furchtbaren Hand, ich bin unſchuldig ver⸗ goſſen! Ich bin heiliges Blut, um deinetwillen ver⸗ goſſen! Jetzt denkt Gott ſich ſelbſt, und das Geiſter⸗ heer, das ihm treu blieb, Und, den Suͤnder, das Menſcheugeſchlecht! Da zuͤrnet er. Ruhend Hoch auf Tabor, haͤlt er den tieferzitternden Erd⸗ kreis, Daß der Staub nicht vor ihm in das Unermeßliche ſtaͤube! Wendet gegen Eloa darauf ſein ſchauendes An⸗ tlit, 9 Und der Seraph verſteht die Red' in dem Antlitz Jehova's; Steigt von dem Tabor gen Himmel. So hub von der Huͤtte des Bundes Sich die Fuͤhrerin weg, die himmelſtuͤtzende Wolke, Wenn das Volk, der ſichtbare Zeuge von Bethle⸗ hems Sohne, Fuͤnfter Geſang. 297 V. G. V. 331— 343. Seine Gezelte von Oede zu Oed' auf Moſes Ge⸗ bot trug. Und der Geſendete ſtand auf einer Mitternacht ſtil Schaute zum Oelberg nieder, erhub die Donner⸗ poſaune, Toͤnte des Weltgerichts Entſetzen aus der Po⸗ ſaune, Rufte gegen die Erd', und ſprach: Bei dem furcht⸗ baren Namen Deſſen, der ewig iſt, und ſeiner Gerechtigkeit Dauer Mit Unendlichkeit maß; der haͤlt die Schluͤſſel des Abgrunds, Der mit ruͤgender Flamme die Hoͤlle, den Tod mit „ Allmacht, Und mit Gericht bewaffnet! Iſt einer unter den Himmeln, Welcher, ſtatt des Menſchengeſchlechts, im Gericht will erſcheinen, Dieſer komme vor Gott! So ruft' Eloa vom Himmel. Und der Gottmenſch ſchaute dem hohen Se⸗ raph ins Antlitz, Hoͤrte den Klang der Poſaune! Da ging er mit ſchnellerem Schritte 298 Der Meſſias. V. G. V. 344— 356. In Gethſemane fort. Noch folgten ihm drei von den Juͤngern In die ſchreckende Nacht. Er entriß ſich ihnen, und eilte Ganz in das Einſame hin. Jehovah hub das Ge⸗ richt an. In das Heilige haſt du mich zwar, Sionitin, gefuͤhret, Aber nicht in das Allerheiligſte. Haͤtt' ich die Ho⸗ heit Eines Propheten, zu faſſen die ewige Seele des Menſchen, Und mit gewaltigem Arm ſie fortzureißen; und haͤtt' ich Eines Seraphs erhabene Stimme, mit welcher er Gott ſingt; Toͤnete mir von dem Munde die ſchreckenvolle Po⸗ ſaune, Die auf Sina erklang, daß unter ihr bebte des Bergs Fuß; Spraͤchen der Cherubim Donner aus mir, Gedan⸗ ken zu ſagen, Deren Hoheit ſelbſt der Poſaune Ton nicht er⸗ reichte: Dennoch erſaͤnk' ich, du Gottverſoͤhner! dein Lei⸗ den zu ſingen, Fuͤnfter Geſang. 299 V. G. V. 357— 368. Als mit dem Tode du rangſt, als unerbittlich dein Gott war. Der du des erſten Bundes Propheten, den kuͤhnſten der Beter, Als er bat, von Antlitz zu ſehn zu Antlitz Je⸗ hovah, In der Hoͤhle verbargſt, bis vor ihm die Herrlich⸗ keit Gottes War voruͤbergegangen, und er in der Ferne die 5 Schoͤnheit Deſſen, der ewig iſt, ſah, und ihm Gottes Stim⸗ me von Gott ſprach: Geiſt des Vaters und des Sohns ich bin dem Tode beſtimmter, Mehr von Staub', als Moſes; o laß in meiner Entfernung, Mich, von deinem umſchattenden Fluͤgel ins Dunkle geſichert, Gott, den leidenden Sohn, in ſeiner Todesangſt. ſehn. Ueber den Staub der Erde gebuͤckt, die, im Graun vor dem Richter, Gegen ſein Antlitz herauf mit ſtillem Schauer er⸗ bebte,— Der Meſſias. V. G. V. 369— 352. Und im Beben den Staub zahlloſer Kinder von Adam, Alle verdorrten Gebeine der todten Suͤnder, be⸗ wegte, Lag der Meſſias, mit Augen, die, ſtarr auf Tabor gerichtet, Nichts Erſchaffenes ſahn, des Richtenden Antlitz nur ſchauten, Bang, mit Todesſchweiße bedeckt, mit gerungenen Haͤnden, Sprachlos, aber gedraͤngt von Empfindungen! Stark, . wie der Tod trifft, Schnell, wie Gottes Gedanken, erſchuͤtterten Schauer auf Schauer, Auf Empfindung Empfindung, des ewigen Todes Empfindung Den, der Gott war, und Menſch. Er lag, und fuͤhlt', und verſtummte. Aber da immer baͤnger die Bangigkeit, heißer die Angſt ward, Dunkler die Nacht, gewaltiger klang die Donnerpo⸗ ſaune; Da ſtets tiefer bebte der Tabor unter Jeho⸗ vah; Statt des Todesſchweißes, vem Antlitz des Leiden⸗ den Blut rann: Hub er vom Staube ſich auf, und ſtreckte gen Him⸗ mel die Arm' aus; Fuͤnfter Geſang. 301 V G. V. 383— 395. Thraͤnen floſſen ins Blut: er betete laut zu dem Richter: Vater, die Welt war noch nicht.... Bald ſtarb der erſte der Menſchen; Bald ward jede der Stunden mit ſterbenden Suͤn⸗ dern bezeichnet! Ganze Jahrhunderte ſind, von deinem Fluche be⸗ laſtet,. Alſo voruͤbergegangen. Nun iſt ſie, Vater gekom⸗ men; Da die Welt noch nicht war, da noch kein Todter verweſte, Wurde ſie ſchon die ſelige Stunde des Leidens er⸗ kohren: Und nun iſt ſie gekommen! O ſeyd mir, Schla⸗ fende Gottes, Seyd mir in euren Gruͤften geſegnet! Ihr werdet erwachen! Ach wie fuͤhl' ich der Sterblichkeit Loos! Auch ich bin geboren, Daß ich ſterbe! Der du den Arm des Richters emporhaltſt, Und mein Gebein von Erde mit deinen Schrecken erſchuͤtterſt, kaß die Stunde der Angſt mit ſchnellerem Fluge vorbeigehn! 302 Der Meſſias. V. G. V. 396— 408. Vater! es iſt dir alles moͤglich, ach laß ſie verkai⸗ gehn! Ganz von deinem Zorn, von deinem Schrecken ge⸗ fuͤllet, Haſt du mit ausgebreitetem Arm den Kelch der Leiden Ueber mich ausgegoſſen. Ich bin ganz einſam, von allen, Die ich liebe, den Engeln; den Mehrgeliebten, den Menſchen, Meinen Bruͤdern, von dir, von dir, mein Vater, verlaſſen! Schau, wo du richteſt, ins Elend herab! Jehovah! wer ſind wir, Adams Kinder, und ich! Laß ab, die Schrecken des Todes Ueber mich auszugießen! Doch nicht mein Wille geſchehe! Vater, dein Wille geſcheh! Mein hingeheftetes Auge Schauet aus in die Nacht, und kann nicht weinen; mein Arm bebt, Starrt nach Huur⸗ gen Himmel empor; ich ſink' auf die Erde: Sie iſt Grab! Es ruft, durch alle Tiefen der 1 Seele, Fuͤnfter Geſang. 3⁰3 V. G. V. 409— 421. Laut ein Gedanke dem andern: Ich ſey von dem Vater verworfen! Ach, da der Tod noch nicht war“ da noch die Stille des Vaters Ruht' auf dem Sohne! da Adam ward, daß er ewig lebte... Aber mein Erdegebein traͤgt auch die Gottheit! Ich leide! Ich bin ewig, wie du! Es geſcheh, o Vater, dein Wille! Alſo ſprach er, und richtete ſich von ſeinem i Gebet auf, Stuͤtzt' auf die wankende Rechte ſich nieder, und ſchaut' in die Nacht hin. Und da gingen ihm vor den Gedanken des ewigen Todes Schreckengeſtalten voruͤber. Er ſah die zerworfenän Seelen, Welche der Schoͤpfung Tage, dem Rufer zur cwi keit fluchten! Hoͤrte das dumpfe Geheul des wiederhallenden Ab⸗ grunds; Donnernde Stroͤme von Felſen herab in die Tiefe ſich ſtuͤrzend; Auf den donnernden Strömen der Angſt gefluͤgelte Stimme; 304 Der Meſſias. V. G. V. 422— 434. Sanftere Fluͤſſe, die taͤuſchend die Seelen zur Ruh' einluden, Zu dem Entſchlummern ins Nichts. Dann ſtieg die Qual der Getaͤuſchten; Dann, in Einen unendlichen Seufzer der alten Verzweiflung Ausgegoſſen, empoͤrte die Stimme des Menſchenge⸗ ſchlechts ſich, Klagte der Schoͤpfung den Schoͤpfer an! verwuͤnſchte ſein Daſeyn! Und daß er ewig ſey! Ihr Elend fuͤhlte der Gott⸗ menſch! Lange ſchon hatt' auf ihn hin, von einem veroͤdeten Felſen, Adramelech geſchäut. Jetzt ſtieg er herab von dem Felſen, Blickt' auf die Erde. Da ſah er vor ſich, in rau⸗ . chendem Blute, Einen Moͤtder, der ſich erwuͤrgte. Der Schrei der Verzweiflung, Jammernde Seufzer der wiederkehrenden Menſchlich⸗ keit fuͤllten Jeden Huͤgel umher. Von dieſer Stimme beglei⸗ tet, Nahte ſich Adramelech, und ſtand, des Meſſias zu ſpotten. Mit Fuͤnfter Geſang. 3⁰⁵ V. G. V. 435— 447. Mit vernichtendem Stolz in dem hohen Auge ge⸗ ruͤſtet, Und in Meere verruchter Gedanken, in Sich, ver⸗ — loren, Stand er, und feurte ſich an, die Gedanken toͤnen zu laſſen, Wie ein Strom ſich ergeußt, die Donnerwolke da⸗ herrauſcht. 3 Aber es wandte der hohe Meſſias ſein Angeſicht, ſah ihn An, mit der Miene des Weltgerichts. Der Wuͤ⸗ thende fuͤhlte, Wer ihn anſah, bebt' ohnmaͤchtig zuruͤck in ſein Elend. Mitten in einem verruchten emporgethuͤrmten Ge⸗ danken, Blieb er gedankenlos ſtehn. Nur dieſe Leerheit em⸗ 1 pfand er; S Sahe den Fels, die Erde nicht mehr, nicht mehr den Meſſias: Nur ſich ſelber: Zuletzt vermocht' er kaum zu ent⸗ fliehen. Drauf verließ der Meſſias der Leiden traurige Stille; Wandte ſich zu den ſchlafenden Juͤngern, nach die⸗ ſem Leiden, Klopſt. Meſſias I. B. u 4Ate Aufl. 3⁰6 Der Meſſias. V. G. V. 448— 460. Dieſer einſamen Qual, der Menſchen Antlitz zu ſehen. Mit dem Anblick der Menſchen, mit dieſem Troſte zufrieden, Ging der Erloͤſer, und nahte ſich ſtill den ſchlafen⸗ den Juͤngern. Aber ihm jauchzten die Himmel umher, und feirten den Sabbath, Seit der Schoͤpfung den zweiten, der heiliger iſt, als der erſte. Wenn der Gerichtstag untergegangen iſt, geht der dritt' auf; Ewigkeit heißt ſein Maß, ſein erſter Feirer Meſ⸗ ſias! Jetzo feirten die Himmel des Sabbaths heiligſte Stunden. Alle wußten, daß jetzt der ewige Hoheprieſter In dem Alleerheiligſten war, die Verſoͤhnung zu ſtiften. Denn Eloa hatte geſagt, und alſo geſprochen: Wenn wird toͤnen um euch der Pole Don⸗ nern, mit ihnen Dann der Welten Geſang, in Stimmen der Meere verwandelt, Fuͤnfter Geſang. 3⁰⁷ V. G. V. 461— 472. Brauſend voruͤbergehn; wenn aus ihren Kreiſen die Sterne, Tauſend Sonnenmeilen herauf, und taufend hin⸗ unter, Werden erziktern durch die Unendlichkeit! uͤber euch kommen Schauer von Gott, und eurem Haupt die goldenen Kronen Schnell entſinken, und unter euch beben die golde⸗ nen Stuͤhle: Dann, dann i dichter das ernſte Gericht! dann leidet der Gottmenſch! Jetzo ſangen die Himmel: Sie iſt, der erha⸗ benſten Leiden Erſte Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte, Jetzo iſt ſie voruͤbergegangen! So fangen die Him⸗ mel. Aber es ſtand der Meſſias vor ſeinen Juͤn⸗ gern, und ſah ſie Tief in Schlafe. Noch fuͤllte der Ernſt des hohen Jakobus Gluͤhendes Antlitz. So ſchlummert ein Chriſt, wenn dem Tod' er nahet, u 2 3⁰-³ Der Meſſias V. G. V. 473— 485. Ruhig und ernſt. An den ſanften Johannes lehnte ſich Petrus, Nicht, wie Johannes, voll laͤchelnder Ruh; um den Juͤnger der Liebe Schwebeten Salems Erſcheinungen noch. Jetzt rief — der Meſſias: Simon Petrus, du ſchlaͤfſt! vermagſt du mit mir, . da ich leide, Auch nicht Eine Stunde zu wachen? Ach bald wird die Ruhe, Bald der Schlummer nicht mehr dein weinendes Auge bedecken. Wachet, und betet, damit der Verſucher nicht uͤber euch komme. Zwar ihr wolltet es gern; allein auch ihr ſeyd Erde, Und den himmliſchen Geiſt druͤckt noch der Sterb⸗ lichkeit Buͤrde! Alſo ſah er die drei. In einer weiteren Aus⸗ ſicht, Sah er, mit Einem unendlichen Blick, die Geſchlechte der Menſchen, Aller derer, die ſuͤndigten, ſtarben, und auferſte⸗ hen; Ging dann wieder in das Gericht, fuͤr Alle zu lei⸗ den! Fuͤnfter Geſang. 3⁰9 V. G. V. 486— 499. Aber ſeitwaͤrts an dem Gebirge kam Abbado⸗ na In den Huͤllen der ſchweigenden Nacht, und ſprach zu ſich ſelber: Ach, wo werd' ich endlich ihn finden, den Mann, den Verſoͤhner? Zwar ich bin unwuͤrdig, zu ſehn den beſten der Menſchen! Aber ihn hat doch Satan geſehn! Wo ſoll ich dich fuchen? Und wo find' ich endlich dich auf, Mann Gottes, Verſoͤhner? Alle Wuͤſten hab' ich durchirrt! Ich bin zu den Quellen Aller Fluͤſſe gegangen! In aller daͤmmernden Haine Einſamkeit hat ſich mein Fuß mit leiſem Beben verloren! Zu der Ceder hab' ich geſagt: Verbirgſt du ihn, Ceder, O ſo rauſche mir zu! Ich ſprach zu dem hangen⸗ den Berge: Neige dich, einſamer Berg, nach meinen Thraͤnen herunter, Daß ich ſehe den goͤttlichen Mann, der etwa dort ſchlummert! Ihn hat, dacht' ich, vielleicht mit ſtiller Sorge ſein Schoͤpfer 310 Der Mefſias. V. G. V. 500— 512. Unter ſchattende Decken der Abendwolke geleitet! Ihn hat die Weisheit vielleicht, und menſchenflie⸗ hender Tiefſinn In die Hoͤhlen der Erde gefuͤhrt. Doch er war nicht am Himmel; Nicht in der Erde Schooß! Ich bin unwuͤrdig, dein Antlitz, Ach unwuͤrdig, die Blicke zu ſehn, mit welchen du laͤchelſt. Bild der Gottheit, unſterblicher Menſch! Du er⸗ löſeſt nur Menſchen! Mich erloͤſeſt du nicht! du hoͤrſt die jammernde Stimme Meiner Ewigkeit nicht! ach du erloͤſeſt nur Men⸗ ſchen! Alſo ſagt' er, und ſahe vor ſich die ſchlafenden Juͤnger. Und es lag der ſchoͤne Johannes in laͤcheln⸗ dem Schlummer Nahe vor ihm; er ſah ihn, und trat mit zittern⸗ dem Fuße Fuͤrchtend zuruͤck. Kaum wagt' er zuletzt ſtill diſs zu ſagen: V Wenn du es biſt, den ich ſuche, du dieſer goͤttliche Menſch biſt, Fuͤnfter Geſang. 311 V. G. V. 513— 525. Der, ſein Geſchlecht zu erloͤſen, erſchien: ſo ſey mir mit Thraͤnen, Sey mir, in deiner Schoͤne voll Huld, mit ewigen Thraͤnen, Und mit bangen unſterblichen Seufzern, Erloͤſer, gegruͤßet! Wahrlich, in deinem Geſicht ſind Zuͤge der himmli⸗ ſchen Unſchuld; Laute Zeugen von einer bewundernswuͤrdigen Seele! Ja, du biſt es! dich hab' ich geſucht! Wie ath⸗ met die Ruhe, Deiner Tugend Belohnung, aus dir! ein Schauer befaͤllt mich, Da ich ſehe die Ruh, die aus voller Seele dir zu⸗ ſtroͤmt. Wende dein Antlitz; oder ich muß wegſehen und weinen! Alſo ſprach er. Indem er noch redete, wandte ſich Petrus Aengſtlich gegen Johannes, und rief, da er itzo er⸗ wacht war: Ach, Johannes, ich ſah in Traum den Meiſter! . Er ſah mich Ernſt mit Blicken voll Drohungen an, mit Blicken des Mitleids! 31²3 Der Meſſias. V. G. V. 526— 539. Dieſes vernahm der Seraph, und blieb voll . Verwunderung ſtehen. Ihn umgab die Stille der Nacht, und er hoͤrte von fern her, Durch die ſchauernde Stille, wie eines Sterbenden Stimme. Und er neigte ſein forſchendes Ohr nach dem Orte der Stimme, Wo ſie herkam, neigte ſich tiefer, und hoͤrte ſie werden Immer trauervoller, und fuͤrchterlicher. Da ſtand er Bang und erſtaunt, da bebte ſein Herz von dieſen Gedanken: Soll ich gehn, und ſchauen den Mann, der dort mit dem Tode, Und mit Gedanken von jenem Gericht in ſchrecken⸗ der Angſt ringt? Soll ich ſehen das Blut des Erſchlagnen? Viel⸗ leicht, daß er ruhig In den Schatten der Nacht forteilete, ſtammelnde Kinder An dem Halſe der Mutter mit Vaterfreuden zu gruͤßen;. Da erſchlug ihn ein laurender Feind, ein Moͤrder im Dunkeln! Und es war doch vielleicht gekroͤnt ſein Wandel mit Unſchuld, Fuͤnfter Geſang. 313 V. G. V. 540— 553. Und ſein Thun mit Weisheit geſchmuͤckt! Ach ſoll ich ihn ſehen? Soll ich ſehen des Sterbenden Angſt, die brechen⸗ den Augen, Und die Tobesblaͤffe der Wangen, die jetzo verbluͤht ſind? Soll ich hoͤren der Seufzer Getoͤn, den rufenden Donner Seiner Stimme, mit welcher er ſtirbt? Ach Blut des Erſchlagnen! Furchtbares Blut des unſchuldigen Manns! auch du biſt ein Zeuge Wider mich vor jenem Gericht, das Erbarmung nicht kennet. Auch ich habe zum Tode die Kinder Adams ver⸗ leitet! Blut! du Blut unſchuldiger Menſchen, das jemals vergoſſen Ward, und lange Jahrhunderte noch vergoſſen wird werden,. Laß von mir ab! ich hoͤre die Stimme, mit der du donnerſt! Ach ich hoͤre dein furchtbares Seufzen, mit dem du zu Gott ſchreiſt, Rache forderſt, und mich der ewigen Rache dahin⸗ giebſt! Ich muß ſchauen dahin, wo deine Verweſungen ruhen! 3¹ ½ Der Meſſias. Vv. G. V. 554— 566. Kinder Adams, auf euer Gebein, dahin muß ich ſchauen! Mein Gewiſſen ergreift mein weggewendetes An⸗ tlitz! Wie ein Krieger, und wendet es, kehrt es dahin, wo die Todten, Die auch ich erſchlug! im ſtillen Grabe verwe⸗ ſen. 3 Todesſtille, mich ſchauert vor dir! Er kommt nicht in Stillem, Nicht in dieſer ruhenden Nacht, der gegen mich wuͤthet! Donnernd geht er in Wolken daher! ſein Schritt iſt ein Wetter! Seines Mundes Geſpraͤch iſt Tod! iſt Gericht ohn' Erbarmen! Alſo dacht' er, und nahte ſich ſaͤumend des Ster⸗ benden Stimme. Jetzo ſah er von fern den Meſſias, doch ſah er ſein Antlitz Und die blutende Stirne noch nicht. Es lag der Meſſias Auf dem Antlitz, und betete ſtill mit ringenden Haͤnden. Abbadona ſchwebte von fern am ruhenden Bo⸗ den Fuͤnfter Gefang. 31⁵ — V. G. V. 567— 580. um den Meſſias herum. Indem trat Gabriel langſam Aus den dichten Schatten hervor, in die er gehuͤllt war. Abbadona bebte zuruͤck. Der himmliſche Se⸗ raph Trat herzu, und neigte ſein Ohr zu dem Mittler herunter, Hielt in dem ernſthinſchauenden Auge, voll tiefer Ehrfurcht, Eine menſchliche Thraͤne zuruͤck, ſtand denkend, und hoͤrte Nach dem Meſſias herab; und mit dem Ohre, mit dem er, Tauſendmal tauſend Meilen entfernt, den Ewigen wandeln Hoͤrt, und am Himmel herunter die Orionen in Jubel, Hoͤrt' er das langſamwallende Blut des betenden Mittlers Bang von Ader fließen zu Ader. Lauter vernahm er, In den Tiefen des goͤttlichen Herzens, betende Seufzer, 3 Unausſprechliche, himmliſche, ſie, dem Ohre des Vaters Mehr, als aller Geſchoͤpfe Geſang, die ewig ihn ſingen, 02 — Der Meſſias. V. G. V. 581— 594 Herrlicher, als die Stimme, die ſchuf; ſo erhaben ihm ſelber Gott Jehovah erklingt, wenn er Jehovah ſich nen⸗ net! Alſo vernahm des Meſſias geheimes Leiden der Se⸗ raph. Und er hub ſich von ihm empor, trat ſchauernd feitwaͤrts, Faltete hoch die Haͤnde zu Gott, und ſchaute gen Himmel. Abbadona blickte kaum auf, da er Gabriel ſahe, Ach auf Einmak uͤber ſich ſah der Himmliſchen Schaaren, Ihrer Augen Gebet, und ihres Schweigens Gedan⸗ ken, All' Ein Antlitz, auf dich, o Meſſias, herunter ge⸗ richtet. Und der Verworfene ſchauert“, und ſenkte Blicke der Ohnmacht Auf den Meſſias, der jetzt aus dem noch blutigen Staube, Und dem Todesſchweiße ſein Antlitz langſam empor⸗ hub. Mit dem Anblick umſtroͤmt des Todes Nacht den Geſchreckten. Da er wieder zu denken vermag, da denket er alſo; — — — Fuͤnfter Geſang. 317 V. G. V. 595— 607. Jetzt verſchließt er die bangen Gedanken; itzt laͤßt er ſie jammernd Durch die Schauer der Nacht in vollen Seufzern ertoͤnen: O du, der du vor mir mit dem Tode ringeſt, wer biſt du? Einer vom Staube gebildet? ein Sohn der niedri⸗ gen Erde, Die verflucht ward, und reif dem Gericht, vor dem letzten der Tage, Und dem offenen Grabe der alten Vergaͤnglichkeit zittert? Einer von dieſem Staube gebildet? Ja! doch es decken Deine Menſchheit Schimmer von Gott! was hoͤh'⸗ res, als Graͤber Und Verweſung, redet dein Auge! So iſt nicht das Antlitz Eines Suͤnders! ſo ſchaut er nicht hin der Verwor⸗ fene Gottes! Du biſt mehr, als ein Menſch. In dir ſind Tie⸗ fen verborgen, Deren Abgrund mir unſichtbar iſt, Labyrin⸗ the Gottes! Ich ſeh ſtets mehr in dir! Wer biſt du? O wende, 318 Der Meſſias. V. G. V. 608— 621. Wende dein Auge von ihm, Verworfner! Ein ſchneller Gedanke Trifft, wie ein Donner auf mich, ein ſchreckender großer Gedanke! Eine furchtbare Gleichheit erblick' ich. Verlaßt mich, verlaßt mich Ahndende Schrecken! umſtroͤmt mich nicht, Schauer des ewigen Todes! Ach er gleicht dem ewigen Sohn, der ehemals vom Thron her, Hoch von dem Thron, auf Fluͤgeln getragen des flammenden Wagens, Donnernd uͤber uns kam, und dicht an unſere Fer⸗ ſen Heftete ſeine Verderben, und das Erbarmen nicht kannte: Da die Unſterblichkeit Fluch, das Leben ewiger Tod ward; Da die Unſchuld der Schoͤpfung, mit allen Freuden des Himmels, Uns auf ewig entfloh, verloren ins Heer der Ge⸗ rechten; Da Jehovah nicht Vater mehr war. Ich wandte mein Antlitz Einmal bebend herum, und ſah ihn hinter mir 3 kommen, Sah den furchtbaren Sohn, des Donnerers ſchauen⸗ des Auge! — Fuͤnfter Geſang. 319 V. G. V. 622— 635. Hoch ſtand er auf dem flammenden Wagen, die Mitternacht ſtand Unten, unten der Tod. Ihn hatte gewaffnet mit Allmacht Gott! mit Verderben geruͤſtet den Allbarmherzigen! Weh mir, Wehe! den Schwung der ſtrafenden Rechte, des donnernden Wurf rief, Bebte die bange Natur in allen Tiefen der Schoͤ⸗ pfung Schauernd nach! Ich ſah ihn nicht mehr, mein Auge verlor ſich Tief in die Nacht. So ſchlummert' ich hin, durch Sturm und durch Donner Hin, und das Weinen der bangen Natur, im Ge⸗ fuͤhl der Verzweiflung, Und unſterblich! Noch ſeh' ich ihn, noch! Ihm gleichet das Antlitz Dieſes Mannes im Staube gebuͤckt, der mehr als ein Menſch iſt. Iſt er, ach iſt er des Ewigen Sohn; der gegebne Meſſias? Jener Richter? Aber er leidet! er ringt mit dem Tode! Er, der ſtand auf dem Flammenwagen, ringt mit dem Tode! Ohne Maß iſt die Angſt, die ſeine goͤttliche Seele 320 Der Meſſias. V. G. V. 636— 649. Rings erſchuͤttert! er jammert in Staube! die ſtei⸗ genden Adern Bluten Todesangſt! Ich, dem kein Jammer ver⸗ deckt iſt, Der ich alle Stufen der Qual und Verzweiflung hinabſtieg, Weiß mit keinem Namen die Angſt der Seele zu nennen, Die er fuͤhlt! ihm mit keiner Empfindung nachzu⸗ empfinden Dieſen daurenden Tod! In tiefer naͤchtlicher Ferne, Seh' ich neue Gedanken, voll wunderbarer Entde⸗ ckung, Aber in Labyrinthe verirrt, ſich gegen mich naͤhern. Jener Koͤnig des Himmels, der Sohn Jehovah, des Vaters Ewiges Bild, ſtieg nieder vom Thron in einen Menſchen? V Leidet jetzt, fuͤr die Menſchen? fuͤr ſeine ſterblichen Bruͤder, Gehet er hin ins Gericht? Kann ich mich himmli⸗ ſcher Dinge Recht noch erinnern, ſo hab' ich, habe von dieſem Geheimniß Einſt was dunkles im Himmel gehoͤrt. Auch zeu⸗ gget es Satan Durch e Fuͤnfter Geſang. 321 V. G. V. 650— 662. Durch das Schlangengeziſch von ſeinen Reden und EFhaten. und wie nahn die Engel ſich ihm! wie betet ihr Antlitz, Und die gefaltete Hand vor ihm an! Auch ſcheint die Natur hier Ueberall ſtill zu ſchauern, als waͤre Gott wo zu⸗ gegen. Wenn du gehſt ins Gericht fuͤr deine ſterblichen Bruͤder, Wenn du biſt des Ewigen Sohn; o Sohn! ſo ent⸗ flieh' ich, Daß du nicht, wenn du mich ſiehſt vor deinen Fuͤ⸗ ßen hier zittern, Gegen mich zornig erwachſt, und auf deinen Thron dich erhebſt. Abet du blickſt mich nicht an! doch kennſt du mein innerſtes Denken! Darf ich, dieſen Gedanken hinauszudenken, es wa⸗ gen, Deſſen erſtes Zittern ich fuͤhle? Du wardſt der. Meſſias Fuͤr die Menſchen; und nicht der Meſſias der hoͤ⸗ heren Engel. Ach wenn du uns gewuͤrdiget haͤtteſt, ein Seraph zu werden, Klopſt. Meſſias I. B. xX lte Aufl⸗ Der Meſſias. V. G. V. 663— 676. Und ſo uͤber des Himmels Gefild' hinuͤbergebrei⸗ tet Laͤgeſt, wie hier im Staube du liegſt; ſo in das Gericht gingſt, Unſertwegen in das Gericht des ewigen Vaters; Falteteſt ſo die Haͤnde zu Gott, zu dem Thron ſo aufſaͤhſt: O wie wollt' ich alsdann mit aufgehobenen Haͤn⸗ den Gehen um dich herum, und mit Hallelujageſaͤn⸗ gen Dich, mit der Stimme der Harfenſpieler, du Goͤtt⸗ licher, ſegnen! Aber weil ihr es denn ſeyd, die ſuͤßen Lieblinge Gottes, Kinder Adams, ſo faſſe der Fluch mit ewigem Feuer Jedes Haupt, das den Sohn zu verkennen, niedrig genug denkt! Jedes Herz, das, ſeiner nicht werth, die Vagden entheiligt! Die ihr kommen werdet, Geſchlechte ſo vieler Exs loͤster, Wenn ihr entehret das Blut, ſo von dieſem Ange⸗ ſicht rinnet, Sah es euch zu dem Tode vergoſſen, zum ewigen Tode! „ 8 v— Fuͤnfter Geſang. 323 V. G. V. 677— 689. Ja, euch meyn' ich, und nenn' euch zugleich bei dem furchtbaren Namen, Den euch der Unerſchaffene gab, unſterbliche See⸗ len, Wenn nun auch in euch das Vorgefuͤhl des Gedan⸗ kens Mit dem erſchuͤtternden Graun der ernſten Ewigkeit ſtroͤmet, Dann er ſelber: Daß ihr, gleich uns, verworfen von Gott ſeyd, Von dem erſten und beſten der Weſen, ewig ver⸗ worfen! Dann will ich auf die offenen Wunden der ewigen Seelen, Durch die Gefilde voll Elend und Nacht, hinſchauen und ſagen: Heil dir, ewiger Tod, dich ſegn' ich, Jammer ohn' Ende! Zwar ihr Anſchaun wird, die ſelige Ruh der Er⸗ loͤsten, Die mit weiſerer Sorge durch Tugend der Ewigkeit lebten, Wird von dem Himmel herab, mich aus ihrer Herr⸗ lichkeit, ſchrecken; Doch will ich auf die offenen Wunden der ewigen Seelen, X 2 Der NMeſſias. V. G. V. 690— 702. Durch die Gefilde voll Elend und Nacht, hinſchauen, und ſagen: Heil dir, ewiger Tod, dich ſegn' ich, Jammer ohn' G Ende! Aus dem eiſernen Arm der Hölle will ich mich reiſ⸗ ſen, Gehn zu dem Throne des Richters, und rufen mit donnernder Stimme, Daß es die Erden umher, und die Himmel alle vernehmen: Ich bin ewig, wie er! was hab' ich gethan, daß 6 du ihn nur, Nur den menſchlichen Suͤnder, und nicht den Ens gel, verſoͤhnteſt? Zwar dich haſſet die Hoͤlle! doch Ein Verlaßner iſt uͤbrig, Einer, der edler geſinnt iſt, und nicht dein Haſſer, Jehovah! Einer, der blutende Thraͤnen, und Jammer, der nicht geſehn wird, Ach zu lange vergebens, zu lange! Gott, vor dir ausgießt, Satt, geſchaffen zu ſeyn, und der bangen Unſterbz lichkeit muͤde! Abbadona entfloh. Es ſtand der Meſſias vom Staube Fuͤnfter Geſang. 325 V. G. V. 703— 715. Jetzt das zweitemal auf, der Menſchen Antlitz zu ſehen. Und da ſangen die Himmel: Sie iſt, der erhaben⸗ ſten Leiden Zweite Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte, Jetzo iſt ſie voruͤbergegangen! So ſangen die Him⸗ mel. Aber der Mittler verließ von neuem die ſchlum⸗ mernden Juͤnger, Ging das drittemal hin, ſich dem zum Opfer zu geben, Der mit gefuͤrchtetem Arme noch ſtets die Wag' em⸗ porhielt, Todesworte noch ſtets, und des Weltgerichts Fluch ausſprach. Ueber ihn hing, da er litt, die Nacht von dem Himmel herunter, Eine ſchreckliche Nacht! So haͤngt, vor dem rich⸗ tenden Tage, Dunkel, von allen Himmeln, dereinſt die letzte der Naͤchte. Dicht an ſie draͤngt eilend der Tag ſich heran! Der Poſaune Donnerhall ruft bald, bald rufet der Schwung der Gebeine, 326 Der Meſſias. V. G. V. 716— 726. Und das rauſchende Feld voll Auferſtehung, vom Thron her Jeſus, der auch ein Todter einſt war, zu der gro⸗ ßen Entſcheidung. Aber es ſchaut' auf den Sohn von dem Ta⸗ bor der Vater herunter, S des ewigen Todes Geberd' in dem Antlitz des Sohnes. Unten am Fuß des Berges, in mitternaͤchtli⸗ cher Stille, Stand Eloa. Er hatte ſein Haupt in Wolken, verhuͤllet, Und die denkenden Blicke ſtarr auf die Erde ge⸗ richtet. Gott rief aus den Wolken herab: Eloao! Da eilte 1 Schweigend ins Dunkle der Seraph hinauf, und ſtand vor der Gottheit. Da ſprach Gott zu Eloa: Haſt du die Leiden ge⸗ ſehen, Die der Ewige litt? Geh, ſinge dem Sohn ein Triumphlied, Fuͤnfter Geſang. 3²⁷ V. G. V. 727— 737. Von den Schaaren der Heiligen alle, durch Leiden des Todes Und mit Blute, verſoͤhnt; von dem Halleluja der Himmel, Wenn er Koͤnig wird ſeyn, zu der Rechte Gottes erhoben! Zitternd erwiedert der Seraph: Wie aber ſoll ich dich nennen, Wenn ich geh zu dem Sohne, die goͤttliche Both⸗ ſchaft zu bringen? Gott ſprach: Nenne mich Vater! Mit tief⸗ anbetendem Blicke Und mit heiliggefalteter Hand, ſprach Seraph Elog: Aber wenn ich, von Antlitz zu Antlitz, im blutigen Schweiße, Und in die Leiden des Todes gehuͤllt, den Gott⸗ menſch ſehe; Wenn ich ſeh das Gericht, in des Sohns erloſchnen Geberde, Und in der muͤden Geberde nur dunkel der Gött⸗ lichkeit Spuren: 328 Der Meſſias. V. G. V. 738— 750. Werd' ich nicht ſprachlos ſtehn? wird mir mein ſchlagendes Herz nicht Auch den leiſeſten Laut der himmliſchen Lieder ver⸗ ſagen? Werden mich ſelbſt die Schreckniſſe Gottes, die Bil⸗ der des Todes Nicht umſchatten? und werd' ich vor ihm in dem Staube nicht liegen? Vater, ſende mich nicht! Ich bin zu gering, dem Meſſias, Viel zu endlich, dem leidenden Sohn Triumphe zu ſingen. Voller Huld ſprach Gott: Wer hub hoch uͤber 78 die Himmel Deinen feurigen Muth? wer gab dir da dein Tri⸗ umphlied, Als an dem Tage des erſten Gerichts das Heer der Verworfnen Meine Donner verfolgten, du auf den Fluͤgeln der Donner? Wer ermannte dein Herz, den Tod des erſten der Menſchen, Und mit ihm alle Tode der Kinder Adams zu ſehen? Eil', ich fuͤhre dich ſelbſt! Und wenn du mehr auch erzitterſt, — — Fuͤnfter Geſang. 3²9 V. G. V. 751— 762, In der Naͤhe des Richters der Welt; ſo wird er dich lehren, Unter die zitternden Stimmen den Ton der Trium⸗ phe zu miſchen! Gott ſprach ſo. Der Seraph ging fort mit dem Rauſchen des Jordans, Und mit dem Wehen der Donner von Tabor. Er 82 ſtieg an dem Oelberg Langſam herab. Ein furchtbarer Schauer naͤchtlicher Winde Trug ihm die betende Stimme des hohen Meſſias entgegen; Und ein ſtilles Zittern befiel den ſtaunenden Se⸗ raph. Aber als er ſah des Sterbenden Antlitz, den Blick ſah. Voller Gefuͤhl des Gerichts, den Sohn von dem Vater verlaſſen; Stand er, auf die Erde geheftet, des himmliſchen Glanzes, Seiner Schoͤnheit beraubt, nicht mehr der unſterb⸗ liche Seraph, Gleich dem Menſchen von Erde gemacht. Der Gott⸗ verſoͤhner 330 Der Meſſias. V. G. V. 763— 775. Richtete Blicke der Hoheit auf ihn, und laͤchelte Gnade. Mit dem Anblick ward des Himmels Schimmer dem Seraph Und der Unſterblichen Schoͤne von neuem. Er hub, wie am Throne, Sich auf goldenen Wolken empor, und ſang aus den Wolken: Sohn des Vaters, von welchem Gedanken er⸗ weckte dein Blick mich! Heil mir! Ich bin gewuͤrdiget worden dir nachzu⸗ empfinden, Was du empfindeſt; von ferne zu ſchaun des Ver⸗ ſoͤhners Gedanken, Die in der Stunde der baͤngſten Erniedrung der Goͤttliche denket. Ueber euch ſenkt ſich die Decke der tiefſten Geheim⸗ niſſe nieder, Ganze Himmel voll Nacht, der Einſamkeit Gottes Umſchattung, Huͤllen euch ein, kein Endlicher ſah euch, Gedan⸗ ken der Gottheit! Und ich bin gewuͤrdiget worden von fern euch zu ſchauen, Aus der gemeßnen Endlichkeit Kreiß' hinuͤber zu blicken, Fuͤnfter Geſang. 331 V. G. V. 776— 783. Ich, ein kurzer Gedanke des Unerſchaffnen, ein Tropfen In der Schoͤpfungen Meer, gleich einer Sonne, die aufgeht, Einem Staube zu leuchten, der ſchwimmt, und Er⸗ de genannt wird! Heil mir, daß ich geſchaffen bin! Heil, daß ihr ewig ſeyd! Heil euch, Vater, und Sohn! Und ihr, die meine Seele noch fuͤllen, Die mit der Stille der Gegenwart Gottes noch uͤber mich kommen, Heilige Schauer, fahr fort aus meiner Endlichkeit Grenzen Mich hinuͤber zu tragen ans Dunkle der Herrlichkelt Gottes! Ganz empfind' ich, was einſt die Auferſtehenden fuͤhlen! Wie aus dieſem tiefen Erſtaunen der Mittler mich weckte, Adams Geſchlecht, ſo weckt er dich einſt! Dieß freu⸗ dige Zittern, Dieſe Wonne des ewigen Lebens wird uͤber dich kom⸗ men! Sitzen wird dann auf dem Throne, der hier in dem Staube gebuͤckt liegt, 332 Der Meſſias. V. G. V. 789— 801. Einen langen furchtbaren Tag das Gericht der Ge⸗ richte Halten, vollenden den Bund, durch dieſe Leiden ge⸗ ſtiftet! O mit welchem Gefuͤhl der neuen Schoͤpfung, wie ſelig Werden, die du verſoͤhnteſt, dich dann auf dem Thron des Gerichts ſehn! Deine ſchimmernden Wunden, der Liebe Zeugen, der Liebe Bis zu dem Tod' am Kreuze mit betendem Auge betrachten, Und dir feiren, dir Halleluja der Ewigkeit ſin⸗ gen! Dann wird ſchweigen vor ihnen der Todesengel Po⸗ ſaune, Und der Donner am Thron. Es wird die Tiefe ſich buͤcken, Und gefaltete Haͤnde die Hoͤh zu dem Richter er⸗ heben! Wird der letzte der Tage den ſtillverloͤſchenden Schims mer, Vor dem Throne der Ewigkeit niederſenken! und 5 du wirſt Deine Gerechten um dich verſammeln zu deinem Anſchaun, Fuͤnfter Geſang. 333 V. G. V. 802— 813. Daß ſie dich ſehn, wie du biſt! Sie werdens fuͤh⸗ len, und jauchzen, Daß ſie Unſterbliche ſind, und des ewigen Lebens Gedanken, Weil du ſie liebeſt, erſt ganz in ſeiner Hoheit em⸗ pfinden. Alſo ſaget Er, den des Himmels Heere Jehovah, Raͤcher nennen, die er verwarf, der Vater ſſich dir nennt. Alſo ſang Eloa vom Himmel. Es ſchaute der Gottmenſch Sanft dem preiſenden Seraph ins Angeſicht, ſanfter auf Tabor. Aber noch daurte das ernſte Gericht, die baͤng⸗ ſten der Leiden Ueber ihn auszugießen, und kein Erbarmen zu ken⸗ nen. Und er neigte ſich tief, rang ſeine Haͤnde gen Him⸗ mel, Und verſtummte. So windet ein Lamm, geſchlach⸗ tet am Altar, Sich in ſeinem Blut. So lag, umſtroͤmt von des Himmels 334 Der Meſſias. V. G. V. 814— 825. Ihm nun naͤchtlichen Wolken, umſtroͤmt von Blute, ſo neigte Abel ſich, als er entſchlief, und ſeinen Vater nicht ſahe. Alle Seraphim, welche bis jetzt den Verſoͤhnenden hatten Angeſchaut mit halbgewendetem bebenden An⸗ tlitz, Konnten den Gottmenſch nicht, nicht dieſe Todes⸗ angſt mehr Sehen, fuͤhlten die Endlichkeit, wandten ſich ganz, und entflohen. Gabriel nur blieb ſtehn, und verhuͤllte ſich. Auch Eloa Blieb, ſank, neigte ſein Haupt in eine truͤbere Wolke. Und die Erde ſtand ſtill. Der Richter richtete. Dreimal Bebte die Erde, zu fliehen; und dreimal hielt ſie Jehovah! * · Jetzt erhub ſich vom Staube der Erd', als Sieger, der Gottmenſch; Jetzo ſangen die Himmel: Sie iſt, der erhabenſten Leiden Fuͤnfter Geſang. 335 V. G. V. 326— 328. Dritte Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte, Jetzo iſt ſie voruͤbergegangen! So ſangen die Him⸗ mel. Und Gott wandte ſein Antlitz, und ſtieg zu dem ewigen Thron auf. ſſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſnnnſnmnmnaepan 8 9 10 11 12 14 135 16 17 ſſſiſſ 18