Leihbibliothet von.. 5 Ednard Ottmann in Gießen, K Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben ent hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wirr..— 838 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: bei Entgegennahme ſprechende Summe e von mir zurückerſtattet und 6 Bücher: 3 4 Mr. Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Aar.— Pf. 85. Auswärtige Abonnenten bab en für Hin⸗ und Zuruckſendung 1 ſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. i chn r„verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der 3 1 ſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 2„ größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ der Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher j † 5— 8 74 7* 6 —— Erzählungen vyn Gottfried und Johanna Kinkel. Zweite unveränderte Auflage. e-Hered. Stuttgart und Tübingen. J. G. Cotta'ſcher Verlag. 1851. een 2, V, 2 wee 5 Tan haake, Suu, 7 2 2 e e ae. weeee H Fe Fe-ben, Rue. 2752 ze, Shu. 2 5 3 3 Margret. Eine Geſchichte vom Lande. Von Gottfried Kinkel. 1 ———— Am obern Schluſſe des ſchönen Ahrthales, wo das Flüßchen dem Fuße eines ſtark anſteigenden Berges ent⸗ ſpringt, liegt in die grüne Schlucht zurückgezogen das Städtchen Blankenheim, ein Schutz und Schirm der jetzt zertrümmerten Grafenburg, der es ſeinen Urſprung dankt. Mancher Wanderer wird ſich mit Vergnügen des lieben Oertchens erinnern, wo er nach den rauhen Pfaden der obern Ahr oder nach beſchwerlicher Eiffel⸗ fahrt zum erſtenmal wieder ſtädtiſches Behagen in rei⸗ zender ländlicher Umgebung fand. Zumeiſt, wer etwa im erſten Frühling das Thal beſuchte, gedenkt ſicher mit Entzücken des weiten weißen Blüthenſchleiers, mit dem die ganze Schlucht wie überſponnen liegt, ein blühend Idyll mitten unter den wilden Eiffelhöhen, deren theils kahle, theils bewaldete Rücken die Stadt rings umziehen. Im Schirm dieſer Höhen ruht ſie und genießt in Folge dieſer Lage eines rheiniſchen Sommers, während eine Viertelſtunde Weges die Berge hinauf genügt, uns in eine rauhe, nur der Fichte noch günſtige Luft zu verſetzen. Freilich ſieht's dann im Winter ganz anders aus. 232 Sein über die endloſen Schneeflächen ringsum herſau⸗ ſender Hauch ſchont auch das Thal nicht. Die Wieſe dorrt vor ihm, durch welche in der mildern Jahreszeit die junge Aar ſo munter herabtanzt, tiefer Schnee ſperrt die Stadt von dem gebildeten Leben entfernterer Gegenden und ſelbſt von dem Verkehr mit den benach⸗ barten Ortſchaften ab. Da ziehen ſich dann die Hono⸗ ratioren Abends ins Caſtno zuſammen, ſpielen Karten und trinken Wein; draußen aber vor den Mauern iſt's nimmer gut hauſen. Am wenigſten erwünſcht kommt dann in ſolchen Zeiten der Beſuch der Wölfe, welche durch den hinter Blankenheim endlos ſich ausdehnenden Zitterwald aus den Ardennen vorrücken und ihren räuberiſchen Hunger bis dicht vor die Stadtthore tragen. Unſer ungründ⸗ licher Nachbar, der Franzoſe, hat die Singvögel aus ſeinen Laubhainen, die Haſen aus ſeinen Feldern weg⸗ 8 geſchoſſen, aber nicht Ausdauer genug gehabt, jenes widrig gemine Raubthier zu tilgen; an ſeiner Süd⸗ und Nordgrenze, in Pyrenäen und Ardennen, höhnt es noch den cioiliſirten Zuſtand des Landes. Was von dieſen grauen und böſen Gäſten nach Deutſchland herüberkommt, findet jetzt meiſt raſch ſeine Kugel, aber ſo lange iſt's noch nicht her, daß man ſie ſogar in der Rheinebene und, wenn das Eis ihnen eine Brücke über den großen Strom gab, ſelbſt auf dem rechten 8 Ufer antraf. Die ganze Eiffel bildet noch bis heute ihre Domäne, der ſie einen Winterbeſuch abzuſtatten 4 niemals verfehlen. Nachts gehen ſie am liebſten auf die Hunde an der Kette aus, am Tage holen ſie vor den Augen der Hirten Schafe von den Weideplätzen. Selten werden ſie dem Menſchen gefährlich; doch geht die unheimliche Sage im Volk, daß ein Wolf, der einmal aus grimmigem Mangel an Nahrung Menſchen⸗ fleiſch gekoſtet habe, hernach an keinem Thier ſich mehr vergreifen möge. Jener Wald nun der ihren Zug gegen Blanken⸗ heim hin deckt, zieht ſich faſt von der Stadt an, näm⸗ lich von dem Thiergarten der alten Grafen bei den Schloßtrümmern über einen hohen Bergrücken fort, der die Stromſcheide zwiſchen Ahr und Kyll bildet. Bei⸗ derſeits liegen ſpärliche Dörfer meilenweit auseinander, hie und da trifft man einen Bauernhof, und wo in tiefen bebuſchten Rinnen Bäche jenen größern Flüßchen zulaufen, hat ſich wohl eine einſame Mühle auf einem Stück mühſam gerodeten Wieſen⸗ oder Ackerlandes an⸗ geſiedelt. 4 Solch ein Fleck in der tiefen lautloſen Stille einer flimmerkalten Winternacht liegt vor uns; nicht einmal das Rauſchen des Waſſers oder der leis plätſchernde Umſchwung des Mühlrades regt ſich, alles ſtarrt im Eiſe. An den Menſchen und ſein Daſein mahnt nur ein ſchwaches Licht in einem Fenſter des kleinen an die Mühle angelehnten Nebenbaus, das gegen den kalten, blauen, öſtlich über die ſchneeigen Baum⸗ und Berg⸗ ſpitzen heraufkommenden Mond mit warmem Roth ſich 234 abſetzt. Sonſt herrſcht allwärts der ernſte, grauſige, allem Leben feindliche Todesſchlaf einer herben Wild⸗ und Waldnatur. Bei jener Lampe aber wacht und klopft ein armes Menſchenherz— ein junges Weib beim Sterbebett ihres Kindes. Sie iſt nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Wittwe, aber dennoch iſt ſie Mutter. Ganz ein⸗ ſam und verlaſſen übt ſie ihre Pflicht, über die fiebernde Stirn des Kindes, das in tiefem ſtarrem Gehirnſchlaf mit geſpenſtig halb geöffneten Augen theilnahmlos ihre Mühe hinnimmt, ſchlägt ſie raſch wechſelnd die naſſen kühlenden Tücher— und zwiſchen jedem Aufſchlag kniet ſie vor der Mutter Gottes hin, die zwiſchen den Fen⸗ ſtern unter der Lampe hängt, und ſpricht ein ſtilles, ringendes Gebet. Gott und ſeine Heiligen ſind furchtbar ſtumm in ſolchen Nächten! die einſame Mutter erfuhr es. Kein Engel kam herab, ſeine heilende Hand auf die Stirn des kranken Knaben zu legen, das heiße Fieber ſtieg gegen die Mitternacht hin, immer ſchneller mußte ſie ddas kühlende Linnen erneuern. Ueber die dunkle Ecke, wo das Kind vor dem Lampenſchein geſchützt lag, fiel jetzt mit blaſſem blauem Licht der Mondſchein, wob einen Glanz um das blonde müde Köpfchen und ſchlich nach kurzer Friſt wieder darüber hinweg, als hätte er das Sterbende noch einmal mit dem Strahl des Lebens umleuchten wollen und dann der ewigen Nacht geweiht. Die Stunden rannen hin, die Mutter, ſtumpf von 235 Leid und Ermattung, empfand ihren Gang nicht mehr und hörte gleichgültig den Schlag der Wanduhr, der ihren Wandel verkündigte. Gegen Morgen ging der Odemzug des Kindes ruhi⸗ ger, die Händchen wurden kühler, die Adern der Stirne begannen leiſer zu ſchlagen und die Augdeckel zogen ſich feſter zu. Sie wußte jetzt aus der Erfahrung dreier ſchrecklichen Wochen, daß ihr das Kind wieder auf Einen Tag geſchenkt ſei. Noch einmal legte ſie, das Köpfchen ſanft aufhebend, ein feuchtes Linnen unter. Dann ſetzte ſie ſich beiſeits ans Fenſter, lehnte den Kopf auf die aufgeſtützten Hände, hielt die heiße ſchmerzende Stirn an die gefrornen Scheiben und ſah mit den verwachten verweinten Augen in die troſtloſe Schneenacht hinaus, die der Mond in ihrer ganzen lautloſen Erſtorbenheit noch blaſſer und leichenhafter malte. Und nun, da keine äußere Thätigkeit und Sorge ſte mehr zerſtreute, erwachte ihr inneres Auge. Ihre ganze Vergangenheit lief in raſchen Bildern vor ihr vorüber, jede frühere Luſt, jeder vergangene Schmerz bohrte ſich tief und wühlend in ihre müde Seele ein, und alle dieſe kämpfenden Erinnerungen führten ſie zu⸗ letzt wieder zu ihrer Gegenwart, zu ihrer gräßlichen Verlaſſenheit, zum Sterbebett ihres ſchönen Kindes. Margret war das Kind begüterter Eltern aus einem benachbarten großen Dorfe. Ihr Vater hatte unter Napoleon gedient, viele Länder geſehen, und mit dem —ʒ—y——˖ñLOx⏑’—ꝛB:B’BZBQ˖˖U˖Fxʒ— verſtändigen Blicke, der dem rheinfränkiſchen Stamme eigen iſt, Menſchen und Sitten beobachtet. Ueberall fand er daß Kenntniß Macht gibt, und als er mit einem zerſchoſſenen Arme, aber ſonſt noch rüſtig in ſein väterliches Dorf zurückkehrte, ein Weib nahm und ſein kleines Erbgut zu bewirthſchaften anfing, da wandte er Alles was er geſehen und in achtſamem Herzen be⸗ wahrt hatte, auf ſein Arbeiten an, nicht in dem neuern⸗ den Geiſte halber Bauernbildung, der Alles verſucht und gleich wieder aufgibt, bevor es ſich als nützlich hat bewähren können, ſondern mit beſonnener und ge⸗ duldiger Prüfung. Zum Staunen des Dorfes trat er, der ſchlichte Mann vom Pfluge, in einen benachbarten Verein reicher und gebildeter Grundbeſitzer ein, der eben damals zur Aufbeſſerung der ſchmählich vernach⸗ läſſigten Landwirthſchaft jener Gebirge zuſammentrat; gern nahmen ihn die Theoretiker auf, die von ſeinem ſichern Blichund ſeiner verſtändigen Erfahrung vieles lernten, während dagegen er von ihnen die Reſultate der neuern Wiſſenſchaft für den Landbau empfing und ſogleich benützte. In fünfzehn Jahren ſtand der Mann, der ſo klein angefangen hatte, bloß durch die Macht des Verſtandes unter den wohlhabendſten Leuten ſeiner Gemeinde da, und die erſt über ſeinen neuen Bebauungs⸗ weiſen und die wunderlichen Beſſerungen und Futter⸗ kräuter lachend den Kopf geſchüttelt, beeiferten ſich jetzt von ihm zu lernen. Man wählte ihn zum Schöffen, und wenn er ſeine Meinung über eine gemeinſchaftliche 237 Maßregel im Gemeinderath oder auch im Wirthshauſe vortrug, ſo war Alles ſtill, dem klaren, ſcharfen Auge, den ruhig hingeſtellten Gründen, der beredten prakti⸗ ſchen Ausführung ſeiner Vorſchläge vermochte auch kein Gegner zu widerſtehen, und er war im Geiſte der Fürſt ſeines Kreiſes, obwohl an äußerer Stellung und an Reichthum der alte Schultheiß noch über ihm ſtand. Jenen Schatz von Kenntniſſen uun, dem er ſein Lebensglück dankte, wollte er um jeden Preis auch ſeiner ganzen Familie ins Leben mitgeben. Er hatte neun Kinder und ſah alſo voraus, daß von ſeinem Erbe auf jedes doch nur ein kleines Theil fallen werde, daß ſie alſo gleich ihm wieder unten anfangen müßten, wenn ſie es in der Welt zu etwas Rechtem bringen wollten. Die Sühne nahm er ſelbſt in ſeine Schule, gewöhnte ſte von früh auf an eigenes kräftiges Zugreifen bei der Feldarbeit, führte ſie ſchon als Knaben mit auf die Jagd und theilte ihnen alle Vortheile mit, gie ſich dem Landleben und der allnährenden Erde abgewinnen laſſen. Dann mußten ſie, die Kinder eines wohlbegüterten Landmannes, dennoch ohne Ausnahme für ein paar Jahre als Knecht auf großen Gütern bei tüchtigen Guts⸗ beſitzern eintreten: denn beim Militär hatte der Alte gelernt, daß nur wer vortrefflich gehorchen gelernt hat, hernach vortrefflich zu befehlen verſteht. Dann aber, mit klugem Blicke die zu große Zahl der Bevölkerung in einem rauhen, wenig ergiebigen Lande wägend, ſchloß er ſich, einer der Erſten, mit Rath und That an die 23838 große Auswanderung nach Amerika an, welche noch jetzt von jenen Gegenden abſtrömt. Die beiden älteſten Söhne gingen, trotz den Thränen der Mutter, mit einer mäßigen Geldſumme nach Michigan, die beiden nächſten in der Reihe folgten zwei Jahre ſpäter mit der ältern Schweſter und einem bedeutenden Nachſchuß von Geld. Hierfür mußte er einen anſehnlichen Theil ſeiner Ländereien veräußern, aber er ließ ſich auch von den Abziehenden, deren Schickſal er ſo geſichert hatte, einen ſchriftlichen Revers ausſtellen, daß ſie nach ſeinem 4 Tode keinen weitern Anſpruch ans Erbgut machen wollten. Wirklich ging es den jungen Leuten in Amerika vor⸗ trefflich, da ſie Fleiß, praktiſchen Blick und ein Be⸗ triebskapital vom Vater mitgebracht hatten. Die Söhne konnten in jedem Briefe Beſſeres von ihrem Haus⸗ und Viehſtand melden, das Mädchen, durch Schönheit und eine in Amerika ſeltene Bildung ausgezeichnet, hatte einen der reichſten Pflanzer aus dem Süden geheirathet und aad achtzig Sklaven und Sklavinnen. Und ſo gelang es ihm auch mit den zu Hauſe ge⸗ bliebenen Kindern trefflich. Zwei Söhne verheiratheten ſich in reiche Häuſer, dem letzten, jüngſten wurde das väterliche Haus und Gut beſtimmt. So blieb nur noch die kleine Margret übrig; ſie war noch ein Kind, als nun ihre Mutter nach kurzem Krankenlager ſtarb. Hier fühlte nun der Vater daß ſein Wiſſen nicht us eiche für alles Feinere, was Frauen lernen können und lernen ſollten. Ihm ſelbſt war ſeine Jugend — 239 vernachläſſigt worden; der Mann, der mit ſeinem Geiſte die amerikaniſchen Verhältniſſe überblickte und ſeine ganze Umgebung beherrſchte, hatte als Kind nicht ſchreiben gelernt und ſpäter nur mühſam die Fähigkeit ſich erworben Geſchriebenes zu leſen und ſeinen Namen mit ſteifer Hand hinzumalen. Und doch liebte er, und ſo auch die verſtorbene Mutter, dieſe Margret vor allen Kindern, zuletzt im Alter, nachdem das vorhergehende Kind ſchon acht Jahre alt, war dieß Neſthäkchen wie eine ungehoffte Weihnachtsfreude den Eltern noch ge⸗ ſchenkt worden. Früh ſchon anſtellig und dem Vater nachſchlagend zeigte ſte auch für Anderes als Spinnen und Nähen Sinn, und der alte Schulmagiſter fand, als ſie zehn Jahre alt war, daß ſie von ihm nichts mehr lernen könne, obwohl er ſich wohlweislich hütete davon ein Wort zu ſagen. Trotz dem ſah der kluge Schöffe ſehr bald ein wie es damit ſtand: es verdroß ihn daß ſein Mädchen noch bis zur erſten Communion auf den Schu inken ſitzen ſollte, ohne davon etwas im ſpäteren Leben Förderliches zu gewinnen. Er ſann ſich einen Plan aus und griff zur Ausführung. Theils beim Wein im Wirthshaus, theils im Geſpräch mit den Frauen der reichern Ge⸗ meindeleute verfolgte er ihn: er wußte ein Dutzend Fa⸗ milien für ihn zu gewinnen. Es ſollte nämlich ein ſtudirter Mann auf ein paar Jahre in's Dorf gezogen werden, um etwa zwanzig Kinder in demjenigen zu unterrichten, was die Dorfſchule nicht leiſtete. Manche 240 Bauern hatten Söhne zum Studiren beſtimmt, mehrere Frauen wünſchten ihren Kindern ſtädtiſche Erziehung zu geben. Der Schöffe erbot ſich den künftigen Lehrer in Koſt und Wohnung zu nehmen, ſchen weil er ſich freute dadurch manche Stunde Geſpräch mit einem ge⸗ bildeten Manne zu gewinnen: die andern Familien ſollten ein kleines Schulgeld erlegen, das, als man hernach die Köpfe der angemeldeten Schüler zählte, dreimal ſo groß war, als das Salair, womit der Adel ſich ſeinen erſten Bedienten unter dem Namen eines Hauslehrers ins Haus zu miethen pflegt. Als dies feſtſtand, ging der Schöffe ſelbſt in die nahe Univerſitätsſtadt, fragte einen zufällig begegnenden Studenten nach dem allerbeſten Profeſſor, den ſie an der Univerſität für die Sprachen hatten, und ging fri ſchweg auf deſſen Haus zu. Der berühmte Philolog, zuem er dort geführt wurde, ſah den Mann im Linnen⸗ kittel erſt erſtaunt an bei der Bitte, ihm den wackerſten ſei er Studenten als Bauernhauslehrer zu empfehlen; als er ihn aber ſeinen verſtändigen Plan in klarer, einfacher Rede darlegen hörte und zuletzt mit Staunen den Betrag des angebotenen Einkommens vernahm, da nannte er ſogleich einen höchſt tüchtigen Jüngling, der eben bei Beendigung ſeiner Studien noch unverſorgt war, und ſchon am Abend wanderte der egoff mit dem neuen Lehrer ſeiner Heimath zu. Die Wahl war gut getroffen. Der Lehrer war auf der Univerſität ein kräftiger Demagog und Turner 241 4 geweſen, neigte nicht zur ſtädtiſchen Ueberfeinerung, und . ſelbſt Bauernſohn fand er ſich in das ſchlichte aber reichliche Leben beim Schöffen leicht und gern hinein. Den Knaben gab er Latein und ſonſtige Gymnaſial⸗ fächer, brachte ſie auch ſo weit, daß die meiſten beim ſpäteren Eintritt in öffentliche Schulen ein paar Klaſſen überſprangen. Die Mädchen aber unterrichtete er mit den Knaben zuſammen im Deutſchen, in Erdbeſchreibung, Vaterlands⸗ und Völkerkunde und in Geſchichte. Vom nächſten Quellchen und Mühlbach, von den überall ſicht⸗ baren Nachbarhöfen beginnend führte er die Einbildungs⸗ kraft und die Begriffe ſeiner kleinen Schüler in das Ahrthal, an den Rhein, an die See, und ſo weiter in allen Ländern und Herrlichkeiten umher; dann erſt begann er die Geſchicke der Menſchen auf unſerm Balle zu berichten. Er war eine der herrlichen Naturen, bei denen jedes Wiſſen augenblicks ins Praktiſche, j 8 Ferne ins Nächſte übergeht, und der ſtürmiſche Rh heitsmuth, mit dem er die Gegenwart umgeſtalten wollte, gab ſeinen Erzählungen aus der Geſchichte eine Gluth, * die als zündende Menſchen⸗ und Vaterlandsliebe in die jungen Herzen ſchlug. Alles Fremdländiſche, alles Charakterloſe, alle Verirrungen der modernen Kultur hielt er von ihnen fern, ſchon weil ihm ſelbſt das alles fern lag. Mit leuchtendem Auge hing ſelbſt der alte Schöffe in dieſen Unterrichtsſtunden an dem Munde des männlichen Jünglings, mit noch leuchtenderem die kleine Margret. Kinkel, Erzählungen. 11 16 V V V 242 Der Sinn des Mädchens iſt weich und auf alles Milde gewendet, ſo lang es jung bleibt. Schwindet dieſer frühe Duft von ihm, erwacht der ſchärfer ſon⸗ dernde Verſtand, ſo wird das Weib, weil ſein Denken meiſt keine edeln und großen Stoffe ergreift, kleinlich, perſönlich⸗beobachtend, und leicht herb, bösartig oder gemein. Iſt aber jener anfänglichen Wärme ein Ge⸗ danke geboten, iſt dem Kinde eine Zahl mächtiger Per⸗ ſönlichkeiten bekannt geworden, dann erhält ſich an dieſen Erinnerungen die Jugend des Geiſtes und des Gemüthes, das reifende Denken ſinkt nicht in's Kleine, Alltägliche hinunter, und die ganze Hingabe, die in der weiblichen Natur liegt, wird zur Nachahmung jener großen Menſchen und ihrer reinen Thaten. Solch ein Weib wird ſtärker in ſeinem feſten Willen, aufopferungs⸗ fähiger für die erkannte Pflicht und ausdauernder in ſeiner Lebensaufgabe, als der kräftigſte Mann. Margret lernte aus der Geſchichte, was zu allen Zeiten wenig Weiber begreifen, daß die Pflicht mehr iſt als das Gefühl, der Beruf wichtiger als die Neigung. Das gab ihr in Allem, was ſie that, auch im Kleinſten, eine Macht des Willens, die bei andern Frauen zum widrigen Eigenſinn geworden wäre. Sie aber hatte Erkenntniß genug, nur an das ihren Willen zu ſetzen, was eines Willens werth war. In allem Uebrigen blieb Margret ein Kind vom Land gleich allen andern Dorfmädchen. Zwei Frauen des Dorfes, die Küſterin und die Wundärztin, gaben ihren Töchtern, als dieſe 243 ins Jungfernalter traten, ſtädtiſche Hüte, Umſchlag⸗ tücher und Sonnenſchirme, und eine reiche Bäuerin ſchickte die ihren gar auf ein Jahr in eine Penſion zu Profeſſoren⸗ und Kaufmannstöchtern:„damit ſte doch ſich unterhalten lernen,“ wie die Mutter ſagte. Das hätte der Schöffe nie gelitten und Margret hätte es nie gewollt. Im Sommer führte ſie mit den Mägden die Sichel und den Melkeimer, im Winter ſpann ſte. Obwohl ſie Sonntags unſere beſten Schriftſteller las und ſie beſſer verſtand als die ſtädtiſchen Nähmädchen, redete ſie doch mit Jedermann den derben Dialekt, an welchem die Rheinländer ſo feſt halten. Auch ihre Tracht blieb die ländliche; nur auf den Reihen und am Feſt⸗ tag trug ſie den koſtbaren aber immer der Dorffitte gemäßen Putz, wie man ihn am Rhein bei reichen Halfenstöchtern ſieht. Es iſt eine kleidſame Tracht: das Haar wird vorne ſchlicht geſcheitelt, nach hinten aber heruntergekämmt, und dann über den Kopf in rundem, auf dem Nacken liegenden Wulſt wieder her⸗ aufgeſchlagen. Eine große eckig gebogene Goldſpange ſitzt auf beiden Schläfen auf und trägt auf dem obern Bügel die weiße, nur das Hinterhaupt bedeckende Haube von klarem Stoff, mit der koſtbaren Spitze, welche handbreit um Stirn und Wangen flattert. Das Kleid fällt lang und faltig an den Hüften herunter, ein Spitzentuch liegt über Schultern und Bruſt; lange Handſchuhe decken den untern Theil des vollen, vom Sommerbrand gerötheten Arms. Man findet in dieſem Stande zuweilen die ſchönſten, ſchlankſten Geſtalten: mit großen feſten Schritten ſieht man ſie wohl am Arme ihrer Burſchen auf den Jahrmärkten herumziehen, das Körbchen am Arme, mit klugen braunen Augen, voll von Selbſtgefühl auf ihre Jugendfülle und auf den Reſpekt, den ihnen der Reichthum ihres Vaters unter ihren Umgebungen erwirbt. Solch ein Mädchen wurde Margret, nicht eben fein oder beſonders hübſch, aber kräftig an Leib und Seele, klar und friſch wie ein blühender Schlehdorn; weil ſie ernſter und männlicher war als die meiſten andern Dirnen, hielten die Burſche des Dorfes ſie für ſtolz, und vielleicht war ſie das auch. Aber fremde Manieren hatte ſie nicht an ſich, und auf dem Tanzboden wußte ſie zwiſchen reichen und armen Burſchen keinen Unterſchied. Mit ihr war als Spielgenoß und ſpäter auch als Mitſchüler in jenen Unterrichtsſtunden bei dem neuen Lehrer der einzige Sohn des Schultheißen aufgewachſen, nicht allein der reichſte Erbe im Dorfe, ſondern auch der ſchmuckſte und tüchtigſte Junge von allen, ſtrebſam, verſtändig und kühn. Trefflich führte Nikola ſeine Büchſe, auf die Jagd nahmen ihn auch die benachbar⸗ ten herrſchaftlichen Jäger gerne mit, und wer mit dem alten, gebrechlichen Schultheißen ein Geſchäft hatte, verhandelte lieber mit dem raſchen Sohne. Daß er hübſch war, hätte Niemand abſtreiten dürfen, und er ſelbſt wußte es am beſten, auch wenn's ihm die Mäd⸗ chen nicht zu verſtehen gegeben hätten. Gegen eine ſtarke Neigung zur Eitelkeit hatte ſchon bei dem Kna⸗ ben der Student, der jenen Unterricht gab, vergebens angekämpft; er trug ſich ſtädtiſcher und modiſcher als die andern Burſche, und auf ſeinen Betrieb hatte der Schultheiß die Hauptſtube ſeines Hauſes, als ſie einer Auffriſchung bedurfte, nicht neu mit Waſſerfarbe malen, ſondern mit Tapeten auskleiden laſſen. Das Gefühl beiderſeitig anerkannter Tüchtigkeit hatte Nikola und Margret von früh auf zuſammengeführt und vertraut gemacht, und als ſie älter wurden, zweifelte Niemand daran daß aus ihnen ein Paar werden ſollte: wer hätte auch im ganzen Dorfe beſſer zuſammengepaßt? Aber zu einer Erklärung war es zwiſchen ihnen beiden noch nicht gekommen. Das jährliche Dorffeſt des Vogelſchießens kam heran. Früh morgens zogen Trommler und Pfeifer durch alle Straßen, Buben und kleine Mädchen jubelnd hinter ihnen her. Die Burſche, welche durch Zahlung eines mäßigen Geldes am Rechte des Königsſchuſſes ſich be⸗ theiligt hatten, putzten ihre Büchſen und Stutzer und bürſteten die grünwollenen Schützenhüte aus, die nur an dieſem Feſte getragen werden; die Herzen der Mäd⸗ chen aber pochten voller Erwartung, ob ihr Schatz oder ein Anderer dießmal den Vogel abſchießen möchte. Um elf Uhr, nach dem Hochamte, begann der Fahnen⸗ ſchwenk. Paarweis zogen die Schützen zur Kirche, und holten die ſeidene Fahne mit dem Bilde der Maria ab. Der Fähnrich trat gleich hinter die Muſtkanten, dann oaͤoͤoöoͤͤͤſe 7 246 folgte der Schützenkönig des vorigen Jahres, deſſen Ehrenregiment nun zu Ende ging, und hinter ihm die andern Schützen, deren jeder insgeheim hoffte heut an ſeine Stelle zu treten. Auf dem Hauptplatz unter der Linde angekommen, ſtellten ſich die Jünglinge in einen Kreis, um welchen die Maſſe der übrigen Dorfbewohner wogte. Der Fähnrich trat in die Mitte: es war ein ſtattlicher Burſch mit hübſchgekräuſeltem Schnurrbart; er trug das blaue Baret mit drei Federn und die breite weißſeidene Schärpe. Trommel und Pfeife ſpielten eine alte muntere Weiſe: nach ihrem Rhythmus erhub er die Fahne in die Luft, ſchwang ſie über dem Haupte, dann ſtemmte er den Schaft in die Seite und ließ das flatternde Banner mitten um ſeinen Leib in weitem Kreiſe rauſchen, dreimal rechts, dreimal links herum. Hierauf erhub er den einen Fuß, und um das Knie des andern beſchrieb die Fahne, dicht am Boden her⸗ wehend ohne ihn zu berühren, ihre raſchen rauſchenden Kreiſe; auch um den rechten Fuß führte ſie ſodann die andere Hand, während der linke ſich erhub ſie durchzu⸗ laſſen. Zuletzt noch einmal wogte das Banner, unter dem jauchzenden Zuruf der Maſſen, in feſter Fauſt hoch in die Lüfte über dem Haupte des Starken, der ſtolz auf die gelungene Schauſtellung mit flammendem Ant⸗ litz aufgerichtet ſtand. Nun ging's wieder in feierlichem Zuge, aber haſtiger und ungeduldiger, zur Vogelſtange oben am Wald. Die Schützen zogen ihre Looſe, wäh⸗ rend man im Dorf eilfertig die Suppe und das Sonn⸗ tagsrindfleiſch aß, und noch ſtand die Sonne mitten am Himmel, als gegen den monſtröſen hölzernen Vogel, deſſen Gleichen auch Raff's Naturgeſchichte nicht kennt, das muntere Pfeifen der Büchſenkugeln begann. Glückliche Schüſſe fegten den Schwanz, die Flügel und zuletzt auch den Kopf weg; ein lautes Triumph⸗ geſchrei der Jugend folgte jedem herabſplitternden Theile, und die kleinen Jungen balgten ſich um die Holzſpäne. Aber der Rumpf, obwohl am Ende klein wie eine Hand und ganz ungeſtalt von Streifſchüſſen, haftete noch auf dem letzten ſtarken Nagel. Die Entſcheidung konnte jetzt jeder nächſte Schuß bringen, die heiße Spannung der Schützen gab ihnen eine vorher ſeltene Sicherheit im Zielen, und oft zitterte der Vogel, wenn die Kugeln dicht unter ihm gegen den eiſenbeſchlagenen Maſt prallten. Dem Nikola bebte die Büchſe in der Hand; krampfhaft zählte er die Schützen, die noch vor ihm an der Reihe waren, der letzte hatte den Nagel krumm geſchoſſen, an welchem das kleine Holzſtück jetzt wie an einem einzigen Splitter im Winde ſchwankte. Da ſpannte Nikola den Hahn, trank ein großes Glas des beſten Ahrweins, drückte den Hut feſter in die Stirne und warf unter der Krempe einen Blick auf Margret herüber, die gerade vor ihm am Waldabhang unter andern Mädchen ſtand. Alsdann ſchritt er zum Schützenſtand, legte an und wartete einen Augenblick ab, als der Abendwind den Vogel nicht mehr ſchaukelte. Jetzt ſchoß er, der Nagel fuhr zerbrochen aus der Spitze „* des Maſtes und in weitem Bogen ſprangen die Trüm⸗ mer des Vogels zerſpällt auf die Köpfe der Zuſchauer herab. Wenn bis dahin die Herzen der Männer in Span⸗ nung geweſen, ſo kam nun das Zittern an die Mädchen. Keines hatte mit Nikola ein heimliches Verſtändniß, keines durfte ſich Hoffnung machen, und doch konnte kein Zweifel ſein, daß die, welche er zur Königin nähme, auch die Erwählte ſeines Herzens ſei. Aber als wäre das eine längſt beſchloſſene und abgemachte Sache, ging Nikola, die Büchſe über die Achſel hängend, drüben zum Waldraum hinauf, umfaßte Margret, gab ihr einen herzhaften Kuß und führte ſie als Königin auf den Schützenplatz. Die andern Burſche wählten eben ſo raſch ihre Dirnen, die Muſtkanten ſetzten ſich in Marſch, und man zog zu dem eine gute halbe Stunde weiter auf einem ſchönen Berge aufgeſchlagenen Schützen⸗ zelt, wo Alles zum Reihentanz eingerichtet war. Margret ging ſelig und ſtolz an der Hand ihres Nikola, und ehe man noch oben anlangte, wurde auch bereits ein feſterer Bund zwiſchen beiden jungen Herzen geſchloſſen, die ja ſchon von der Wiege an ſtill mit einander verwachſen waren. Den Meiſten kam es ganz gelegen, daß eben Nikola den Königsſchnß gethan hatte. Er war ſo reich, daß er nicht zu ſparen brauchte, und übernahm alsbald die Zeche für die ganze Geſellſchaft der Schützen und ihrer Mädchen. Die blanken Thaler, die er in die Mützen 4 der Muſikanten ſpringen ließ, der feurige Wein von Altenahr, den er preisgab, und die friſche ſommerliche Lebensluft des Gebirges entzündeten bald den wildeſten Tanz. Nach dem erſten Walzer zog Nikola ſeine Mar⸗ gret aus dem Zelt, ſie gingen unter die Kirſchbäume beim Saume des Waldes, umfaßten ſich mit Inbrunſt und wechſelten ihre Küſſe. Es waren die erſten Küſſe, die ſie gaben und empfingen— die erſten, welche ver⸗ dienen, Küſſe zu heißen. Sie ſind gefährlich und ver⸗ hängnißvoll. Margret fühlte ein leiſes Beben in allen Gliedern, ſie ſpürte ihr Blut raſch und heiß aus dem Herzen in die Wangen ſtrömen; ſie faßte Nikola an der Hand und führte ihn wie im Spiele unter Plaudern und Koſen zu dem Tanzreihen zurück. Dort unter dem Zelt fanden ſie ein wildes Leben: die Mädchen glühten wie Pfingſtroſen, die Burſche athmeten tief vom Tanze auf. Als das Paar wieder eintrat, blieſen die Muſikanten, wie es verabredet war, Tuſch, und Alles rief laut und fröhlich mit erhobenen Gläſern: Unſer Herr Bräutigam, des Schultheißen Nikola, ſoll leben, und ſein Bräutchen, des Schöffen Margret, auch daneben! Erröthend nahm Margret, lachend Nikola den Glückwunſch an. Die Burſche woll⸗ ten ihm ihre Gläſer zubringen, er aber rief: Wartet ein wenig, mein Verlöbniß muß in Walporzheimer ge⸗ trunken werden! 2 Der dunkelglühende, ſtarke Sohn der Ahrtraube, wie er auf den heißeſten ſchwarzen Schieferfelſen des Thales reift, rann in die Kelchgläſer. Nikola trank mit Allen, und auch Margret mußte ſtärker Beſcheid thun als ſie wünſchte. Die Mädchen brachten ihr einen Kranz, die Burſche dem Nikola einen Roſenſtrauß mit Bändern ins Knopfloch. Der Walzer begann von neuem, von den beiden ſchlanken, ſtolzen Geſtalten er⸗ öffnet. Und nun ergoß ſich auch durch ihre Adern die ungebändigte Lebensluſt; bis über die Mitternacht hin⸗ aus wurden Nikola und Margret nicht müde, in jedem neuen Tanz ſich wieder zu umſchlingen und Herz an Herz ſchlagen zu hören. Als die Hähne aus den Thälern die Mitternacht anzeigten, gingen die meiſten Burſche mit ihren Mäd⸗ chen heim. Nikola, weil er den Wirth machte, mußte der letzte ſein, und ſuchte manches Paar durch Zutrinken noch feſtzuhalten. Als die Muſikanten ihre Geigen in die Ecke geſtellt und ſich auf die Streu gelegt hatten, als nur der Wirth noch ſchlaftrunken hinter dem Schenk⸗ tiſch ſaß, brach auch er mit ſeiner Braut auf Vor das Zelt getreten, ſahen ſte den Himmel von einer plötzlich aufziehenden Wetterwolke dunkel, ein paar ſchwere Tropfen fielen herab, eine matte Schwüle lag über dem Walde. Nikola meinte, ſie ſollten den Regen noch unterm Zelt abwarten. Aber Margret war bange wegen des ſpäten Ausbleibens und mochte ſich keinem Gerede ausſetzen, da man wußte, daß ſie mit Nikola allein zurückgeblieben war. Sie drängte alſo zum Fort⸗ gehen; vielleicht, ſagte ſie, erreichen wir noch vor dem . 251 Dorf die letzten Paare, und kommen gar vor Anbruch des Wetters heim. Dann laß uns den nächſten Weg gehen durch den Buſch, antwortete Nikola, dort haben wir auch eher Schutz als auf dem Felde. Sie ſchlugen den kleinen Waldweg ein; er ging ſteil abwärts, und Nikola hielt ſtützend den Buſen Margrets an ſein wildes Herz gepreßt, während ſeine Wange auf ihrer heißen vollen Schulter ruhte. Es war eine furcht⸗ bar ſchwüle Juninacht, Johannisfünkchen gaukelten zwiſchen den dunkeln Sträuchern, kein Laut klang in dieſe träumende Stille herüber. Aber die Wetterwolke zog ſchwarz und ſchwärzer über ihr Haupt, und fern überm Walde hörten ſie ſchon das laute Platſchen des Regens, der auch ihnen raſch näher drang. Es iſt unmöglich, ſagte Nikola, wir zwingens nicht bis nach Hauſe. Komm in das Mooshüttchen auf dem Vogelherd, das liegt ganz nahe hierbei in meinem Buſch. Damit zog er ſie durchs pfadloſe Gebüſch, ſie zitterte, als ſie ihm folgte, und wußte nicht, warum. Die Hütte nahm ſie auf: Moos, Wald und Wetter woben eine dichte undurchdringliche Nacht um ſie her. Im Hollunder vor dem Pförtchen ſaß die Nachtigall und ſchlug, wie bange vor dem Wetter, ihre tiefſten, bebendſten, erſchreckendſten Klänge; durch die kleinen Fenſter ſtreckte üppiges Geißblatt ſeine Blüthenſträuße herein und füllte die Hütte mit berauſchendem, ſinn⸗ verwirrendem Duft; ein Johannisfünkchen ſchwebte hin⸗ 252 durch und zeigte mit ſeinem flüchtigen Glanz dem Mäd⸗ chen das lodernde Auge des Geliebten. Dazwiſchen entlud ſich der Regen und durchbrach mit wildem Rau⸗ ſchen die ſtille Nachtſchwüle. Müde von Tanz, Glück und Sehnſucht ſaßen ſie auf der weichen Moosbank, die Welt mit all ihren Gedanken lag fern von ihnen, nur ihre Herzen wachten, ihre Lippen fanden ſich, ihre Arme umwmanden ſich. Oeſtlich über dem Walde dämmerte ein grauer Schein, im Weſt verzuckte das Gewitter mit rothem Wetterleuchten. Da trat das Paar aus der Hütte. Margret nahm weinend den Kranz aus ihren Haaren und ſtreute ſeine welken Blumen in den Hollunderbuſch, weich und innig an den Geliebten geſchmiegt ſtieg ſie durchs Gebüſch zum Dorfe hernieder und achtete es nicht, daß die Tropfen ihr Kleid durchnäßten. Mit Schrecken ſah ſie in der Stube des Vaters ein Licht brennen; Nikola aber umfaßte ſie unter der Hofthür noch einmal mit voller Inbrunſt und jauchzender Selig⸗ keit, und ging dann die Gaſſen des Dorfes hinunter nach dem Schultheißenhauſe. Der jüngſte Bruder machte der Margret die Haus⸗ thür auf.„Aber du bleibſt lange,“ ſagte er,„der Vater liegt oben auf dem Bett; es iſt ihm ſeit geſtern Abend nicht recht, und wir haben ſoeben den Großknecht auf dem Falben nach dem Doktor geſchickt. Geh herauf zu ihm, ich mache jetzt in der Küche geſchwind Feuer and dann kochſt du ihm einen Hollunderthee. 253 Margret flog die Treppe hinauf: blutroth trat ſie vor den Vater, denn ſie meinte, Jeder müſſe ihre Schuld auf ihrer Stirne leſen, und erwartete vom Vater hef⸗ tigen Tadel, der aber war weich wie man ihn ſelten ſah, bot ihr die Hand und ſagte:„Ich habe es ſchon geſtern Abend von den jungen Geſellen gehört, du biſt Braut und haſt, das muß ich ſagen, einen wackern Burſchen mitgekriegt. Sieh, Margret, das freut mich, denn nun hab ich auch dich verſorgt, mein letztes Kind — und mein liebſtes, ſetzte er leiſe hinzu, nun es mit mir auch einmal zu Ende geht.“ 4 Weinend übep die Güte des Vaters ſtürzte Margret — an ſeine Bruſt und ſuchte ihm die Todesgedanken aus⸗ zureden.„Nein,“ ſagte der Alte,„laß das: mein Lebtage bin ich geſund geweſen, und die ſtarken Bäume brechen am erſten: ſo wie heut war mir's noch nie zu Muth., Nach neun Tagen kniete Margret am Sarg des Vaters: er war an einem hitzigen Fieber verſchieden. Neben ihr ging Nikola zum Kirchhof, da er ſich nun als zur Familie gehörig anſah. Die beiden Brautleute beſchloſſen nach der Sitte ein Jahr zu warten, und kamen von jetzt an, da Margret ohnehin wegen ihrer Trauer keinen Tanz beſuchte, nur noch in andrer Leute Geſellſchaft zuſammen, wo ſie denn ganz unverholen ſich als Braut und Bräutigam küßten und vertraulich unter einander plauderten. Bei der Freiheit, die auf dem Lande im Verkehr der jungen Leute herrſcht, dachte über jenen nächtlichen Heimgang aus dem Schützenzelt keine Seele etwas Arges. Margret ſelbſt glaubte ihr Vergehen(denn ſo erſchien es ihrer reinen Seele) ab⸗ gebüßt durch den Schmerz, daß ihr Vater ins Grab gegangen war mit einer beſſern Meinung von ihr als ſie es verdiente. An Nikolas Treue zu zweifeln kam ihr gar nicht in den Sinn. Aber auch die kleine Schuld fordert oft eine große Buße ein. Nach zwei Monaten wurde Nikola vor die Unterſuchungskommiſſion gefordert, um ſich zum preußi⸗ ſchen Militärdienſt zu ſtellen. Als einziger Sohn und Stütze ſeines alten Vaters war er bereits zweimal zu⸗ rückgeſtellt worden und hatte auch jes die allerſicherſte Ausſicht vollſtändig freizukommeff Luſtig zog er eines Morgens mit den übrigen Burſchen ſeines Zuges nach— einer nahen Stadt aus und nahm lachend von Margret Abſchied. Nun aber war von den höhern militäriſchen Be⸗ hörden vor Kurzem Unterſchleif bei den Aushebungen bemerkt worden. Einige Regimentsärzte, welche, der Beſtechung zugänglich, begüterten Bauerſöhnen unred⸗ liche Untauglichkeitsſcheine ausgeſtellt hatten, mußten ihre Stellen räumen, größere Strenge und Gleich⸗ mäßigkeit des Verfahrens gegen Arm und Reich wurde den Unterſuchungskommiſſionen von neuem eingeſchärft. Nikola hatte die Sache zu leicht genommen; die frühern Gründe der Zurückſtellung ließ man nicht mehr gelten, man fand, daß er zwar keinen Bruder, aber zwei tüchtige geſunde, junge Schwäger habe, die dem alten Schultheißen mittlerweil ſchon in der Wirthſchaft durch⸗ helfen könnten. Auch ſtach der ſchöne ſchlanke Junge den Officieren ſehr in die Augen; man fand unter dem Meßſtock, daß er die gehörige Größe habe um unter die Garde zu treten, und das Endurtheil war, daß er einem Regiment zugewieſen wurde, das in der großen Hauptſtadt des Staates garniſonirte: binnen Monats⸗ friſt mußte er ſich, da ſeine Zurückſtellungstermine ab⸗ gelaufen waren, zum Eintrit ſtellen. Das war ihm verdrießlich um Margrets willen, aber es reizte ihn auch die Uniform des Gardiſten und der Aufenthalt in einer ſo fernen und ſo ſchönen Stadt. Da er doch mit ſeiner Heirath noch ein Jahr warten ſollte und bei guter Aufführung gewiß war, mit höchſtens zwei Jahren loszukommen, ſo kehrte er nicht eigentlich mißvergnügt zu ſeiner Braut zurück. Als aber dieſe den Zettel an ſeiner Mütze ſah und die Sache vernahm, wurde ſie leichenblaß und ſiel rück⸗ lings in den Stuhl zurück. Vergebens tröſtete er ſie; ſie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Baum⸗ garten hinter dem Hauſe, wo ſie allein waren. Dort fiel ſie wie verzweifelnd an ſeine Bruſt und wilde, un⸗ erſchöpfliche Thränen rannen nieder. Nikola ahnte end⸗ lich, was ſie ſo erſchüttere, er hob ihren Kopf auf und ſah in ihre Augen; ſie waren müde und glanzlos. Iſt's denn wahr? fragte er, ſie antwortete nicht, ſie um⸗ armte ihn nur ſo feſt wie noch nie. Nikola wurde blaß, und auch ſeine Augen floſſen; aber mit der 256 innigſten Herzlichkeit küßte er ihr die Thränen weg und ſagte:„Dann gehören wir ja erſt recht zuſammen; ſei munter mein Mädchen, nun heirathen wir in vierzehn Tagen.“ „Ach,“ ſagte Margret,„du willſt als Soldat eine Frau haben?“ „Hab' ich ein Kind,“ antwortete Nikola,„ſo will ich auch die Mutter dazu haben.“ „Aber was werden die Leute ſagen, wenn ich im Trauerjahr meines Vaters heirathe?“ „Die laß du reden, was ſie wollen, erwiederte der junge Mann. Beſſer gegen die Sitte anſtoßen als die Ehre verlieren. Und wenn du erſt meine Frau biſt, ſo möcht' ich doch Den ſehen, der über des Schultheißen Nikola Frau zu mucken wagte. Und nun dürfen wir keine Zeit verlieren. Du mußt deine Papiere ſchaffen und ich muß meines Vaters Einwilligung haben. Komm!“ Die Papiere! Dieß Wort iſt ſchon manchem jungen Brautpaar ein Schrecken geworden. Die franzöſiſche Geſetzgebung, welche am Rheine herrſcht, hat mit großem Verſtande den Eigenſinn der Eltern bei Verheirathung ihrer Kinder beſchränkt, indem ſie dem Volljährigen nach gewiſſen Formalitäten das Recht gibt auch ohne Einwilligung der Eltern die Ehe zu ſchließen. Aber auf Einem Punkt ſchleppt jene Geſetzgebung eine un⸗ leidliche und lächerliche Freiheitsbeſchränkung nach: ſie rückt, wenn die Eltern todt ſind, in deren Rechte die Großeltern ein, und fordert 1 ehe die Trauung geſtattet wird, deren Einwilligung oder ihren Todtenſchein. In dieſem Falle befand ſich Margret. Beide Eltern waren todt; drei Großeltern ruhten auf dem Kirchhof des Dorfes, nur die Großmutter mütterlicher Seite war hoch betagt einer verheiratheten Tochter in ein kleines heſſiſches Dorf nachgezogen, deſſen Namen Margret nicht einmal deutlich mehr wußte. Der Bürgermeiſter eröffnete dem Nikola, als er zur bürgerlichen Trauung ſich meldete, daß er wenigſtens ein Atteſt vom Vorſtand jenes Dörfchens beibringen müſſe, welches darthue, daß man dort den Namen der Geſtorbenen nicht auffinden könne. Noch an demſelben Tage ging der Brief dorthin ab: es verfloſſen zwei angſtvolle Wochen, dann kam er uneröffnet zurück mit der Aufſchrift auf der Adreſſe, daß ein Ort dieſes Namens in beiden Heſſen nicht aufzufinden ſei. Augen⸗ blicklich machte Nikola ſich auf die Reiſe, ſparte Geld und Mühe nicht und fand endlich den Ort. Der alte halbblinde Pfarrer ſuchte in den nachläſſig geſchriebenen Sterbeliſten wieder mehrere Tage lang, und Nikola half ihm. Endlich fanden ſie in einem noch im vorigen Jahrhundert angelegten Regiſter den Namen und den Todestag der alten Frau auf, Nikola erhielt das Atteſt und flog auf dem Dampfboot den Rhein hinunter zu ſeiner Geliebten. Noch war eben Zeit die geſetzlichen Ankündigungen und die Trauung vor dem Tage des Abmarſches vorzunehmen: da aber fand er Margret in Fieberphantaſten wieder; die raſchen Schickſalsſchläge, Kinkel, Erzählungen. 17 258 welche ſie ſeit jener Nacht betroffen hatten, die Angſt um das Bekanntwerden ihres Zuſtandes, die fürchter⸗ liche Spannung der letzten Wochen hatten ihr eine hef⸗ tige Krankheit zugezogen. Der Doktor verſicherte: es werde ihr Tod ſein, wenn man ſie jetzt aufrege, und der Pfarrer, der die Kranke beſuchte, mußte auch mit Schmerz erklären, daß weder der Bürgermeiſter noch er jetzt die Trauung vornehmen dürften, da Margret offenbar ihrer Sinne nicht mächtig und daher unfähig ſei eine gerichtlich gültige Erklärung abzugeben. Nikola meinte raſend zu werden: der Doktor aber zog ihn bei Seite und ſagte: Halten Sie den Kopf oben, junger Mann. Ich weiß leider warum Sie ſo eilig ſind, und ich verſpreche Ihnen unſerer Kranken auch nach der Geneſung zur Seite zu ſtehen. Jetzt können Sie nichts thun; reiſen Sie ruhig ab, und bleiben Sie dem armen Mädchen treu. Der Abſchiedstag kam, Nikola faßte die heiße Hand ſeiner Braut, die im Fieber ihn laut anlachte und ausrief: Sei luſtig, Nikola, morgen heirathen wir ja. Der Brautkranz iſt ſchon fertig, im Fliederbuſch liegt er, weißt Du, beim Mooshäuschen oben im Wald. Geſtern hab ich auch die Nachtigall gehört; der Bruder ſagt, ich wär' närriſch, denn im Herbſt ſchlügen die Nachtigallen nicht. Es iſt aber doch wahr, ſchau da fliegen ja auch die Johannisfünkchen, ſieh hier, dort, und da mir dicht vor der Stirn. Ihre verzehrenden Augen ſtarrten weitgeöffnet in 3 259 die leere Luft hinaus. Nikola riß ſich in Verzweiflung von ihrem ſchauerlichen Anblick los, drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn, und hörte auf der Treppe einen lauten Jammerſchrei, den ſie ihm nachſandte. Margrets Krankheit dauerte bei ihrer kräftigen Ju⸗ gend nicht lange, nach wenigen Wochen konnte ſie ſchon wieder die freie Luft ertragen. Man hatte ihr anfangs Nikolas Abreiſe verborgen, und ihr eignes Unglück entſchwand ihrem Bewußtſein vor der Schwäche ihres Gehirns. Nun aber, wie ſie wieder auf dem Stuhle vors Haus getragen wurde, wie ſte über die Nachbar⸗ dächer im Glanz der warmen Herbſtſonne den bräun⸗ lichen Wald und durchs fallende Laub das Mooshüttchen vorſcheinen ſah— da legte ſich auch die Erinnerung wieder wie eine Centnerlaſt auf ihr armes Herz. Und als ſie nun endlich doch erfahren mußte, daß Nikola nicht ihr Mann vor der Welt geworden ſei ehe er ab⸗ reiste, als ſie nun ihre Schmach nahe und näher herankommen ſah, da gingen fürchterliche Gedanken und Rathſchläge durch ihre Seele. Aber es kam ihrem beſſern Gewiſſen der Doktor zu Hülfe, als er der Geneſenden den letzten Beſuch machte; er wollte ſein Wort halten, das er dem Nikola gegeben hatte. Schonend lockte er ein Bekenntniß von Margret heraus deſſen Inhalt er längſt wußte, und bewog ſte, um ihrer Seele Ruhe wieder zu geben, gleich in den nächſten Tagen auch dem Pfarrer ihre Beichte abzulegen. Der letz⸗ tere übernahm es der Familie das Geheimniß zu eröffnen. 260 Von jetzt kamen ſchwere Tage über Margret. Zwar ſie ſelbſt, als ſie mit Gott ſich wieder verſöhnt wußte und bei dem ſonſt fremden Manne, dem Doktor, menſch⸗ liche Liebe und Theilnahme gefunden hatte, gewann ihre alte Kraft und Entſchloſſenheit wieder; aber ſie brauchte ſie auch in dem Kampf mit der Außenwelt, der nun begann. Die ältern, außer dem Hauſe verheiratheten Brüder, aufgereizt von ihren Weibern, waren über die Unehre entrüſtet, welche die Schweſter über die Familie brachte, und wandten ſich mit ganz kaltem Herzen von ihr ab. Der jüngſte Bruder war ihr wohl gut und blieb es auch, aber er hatte ein ſchwaches Gemüth und es wurde ihm doch läſtig ſie im Hauſe zu behalten. Man nahm die Erbtheilung vor, und die Geſchwiſter glaubten ſich völlig berechtigt, bei dieſer die Schweſter für ihr Ver⸗ gehen zu beſtrafen. Der Vermögensſtand fand ſich nicht ganz ſo glänzend wie man erwartet hatte. Der jüngſte Sohn, der nach der Anordnung des Vaters das Haupt⸗ gut übernahm, mußte doch große Schulden darauf machen, um die andern Brüder abzufinden, und ſuchte dafür Margrets Antheil, der ihm ja ebenfalls zur Laſt fiel, möglichſt gering anzuſetzen. Da die andern Ge⸗ ſchwiſter nicht für ſie ſprachen, wurde ſte hierbei bedeu⸗ tend verkürzt, und es fiel ihr nur eine Summe zu, die zu ihrer und des Kindes Erhaltung allenfalls hinreichte, aber weit von der Ausſteuer abſtach, auf die aſte bei Lebzeiten ihres Vaters rechnen durfte. Der Doktor 261 rieth ihr dringend Einſprache zu thun, die Sache an die Gerichte zu bringen. Aber dann hätte ſie öffentlich vor den Leuten auftreten müſſen, und das wurde ihr jetzt zu hart, da ohnehin die unbarmherzigen Zungen der Schwägerinnen bereits Alles an die große Glocke gebracht hatten. So fügte ſie ſich dem Unrecht, das ſtets den Unglücklichen verfolgt; aber mit Blutsver⸗ wandten, die ſo unbrüderlich an ihr gehandelt hatten, vermochte ſie nicht mehr zu leben, und die Vorſtellung war ihr unerträglich, daß eine boshafte Hand vielleicht auf derſelben Schwelle des Vaterhauſes ihr Häckſel ſtreuen könnte, wo einſt an jedem erſten Maitag grünes Mailaub für ſie geprangt hatte. An einem frühen, ſchon kühlen Morgen des Spät⸗ herbſtes, als noch irgendwo von den Tennen der Takt⸗ ſchlag der Dreſcher herklang, ſchlich ſie durch die Gaſſen des Dorfs, welche ſie monatlang vermieden hatte, in den Wald und ſchlug einen kleinen rauh anſteigenden Buſchpfad ein. Nach dem Marſch einer guten Stunde ſenkte ſich der Weg in das kleine Bachthal zu einer Mühle hinab. Die alte Müllersfrau war ihre Tante und Pathe zugleich; eine gutmüthige Seele gleich ihrem Bruder, dem todten Vater Margrets, wenn auch ohne deſſen klaren Verſtand. Sie traf die Alte noch beim Kaffee, und es that ihr ſo wohl, als dieſe, obwohl ebenfalls mit allem Vorgefallenen bekannt, ihr mit herzlicher Freude entgegenkam und ſie gleich zum Eſſen und Trinken nöthigte. Die Pathe erzählte ihr dabei 17 ⸗ 262 —xxx;;,;; 2 aus ihrer langen Lebenserfahrung ein Dutzend Fälle, wo ſolche Dinge am Ende doch noch gut abgelaufen und mit einer Hochzeit beſchloſſen worden ſeien; die drei Dutzend, welche ein betrübteres Ende genommen hatten, verſchwieg ſie. Nun rückte Margret mit ihrem Plan hervor. Sie wollte bei der Tante als Magd eintreten ohne Lohn, Garten, Küche und Näharbeit beſorgen; dafür ſollte ihr dann ein kleiner Nebenbau der Mühle eingeräumt werden, und für die Pflege des Kindes Zeit bleiben. So hoffte Margret durch ihrer Hände Arbeit ihrem Kinde wenigſtens das kleine Vermögen als Erbe zu ſichern das ſie gerettet hatte. Die Tante, der Margrets Tüchtigkeit und Fleiß wohl bewußt war, ging mit Freuden darauf ein und verſprach ihr, daß ſie wie ein Kind vom Hauſe gehalten ſein ſollte. Schon am folgenden Morgen zog Margret ein, nachdem ſie vorher an Nikola einen Brief geſchrieben und ihm ihren neuen Wohnort angezeigt hatte. Bis jetzt war ſie unter allen dieſen Beſchäftigungen nur noch wenig ans Grübeln darüber gekommen, daß Nikola von Berlin aus noch immer nichts von ſich hören ließ; auf dem Lande iſt man ohnehin der Briefe nicht ſo bedürftig als in der Stadt. Jetzt aber bei dem ſtillen und gleichmäßigen Arbeiten auf der Mühle ſtiegen ihr allerlei Gedanken auf, die ſie jedoch tapfer abwehrte. Daß er in der Hauptſtadt angekommen ſei⸗ wußte ſie durch ſeine Verwandten, und ein aus dem Dienſt entlaſſener Kamerad hatte ihr einmal einen Gruß 263 von ihm mitgebracht. Damit beruhigte ſie ihr Gemüth, nachdem ſie die Welt hinter ſich gelaſſen, erwachte ſtatt der Trauer die ſüßeſte Hoffnung der Mutterfreude, und mit klarem Blicke ſah ſie wieder ihr Geſchick an ſtark in Muth und Vertrauen. So kam ihre Stunde. Die Wehmutter trug das Kind, ehe ſie die Fenſterläden ſchloß, noch einmal ans Licht und ſagte tröſtlich zur Mutter: Freut euch Margret, ihr habt einen hübſchen Jungen, und blaue Augen kriegt er wie ſein Vater, der Nikola kann ihn euch nicht abläugnen. Dann aber winkte ſte die alte Mül⸗ lerin hinter dem Rücken der Muttter zu ſich und zeigte im Antlitz des Kindes verſtohlen auf eine kleine blaue Ader, die dicht unter der Stirn herlief. Aengſtlich neigte die Tante ihr Geſicht über das Köpfchen des Neugebornen, und als ihre Blicke dann der Hebamme begegneten, verriethen die Augen ein ſtilles bekümmertes Einverſtändniß; die Hebamme nickte ein Ja, die Tante ſchüttelte traurig das Haupt; dann legten ſie das Kind, in den Arm der Mutter. Am folgenden Sonntag wurde es auf den Namen Nikolaus getauft. Margret aber ſchrieb voller Mutterſeligkeit, mit überſtrömendem Herzen und mit noch zitternden Händen dem Vater einen Brief, der ihm den glücklichen Ausgang meldete, und nun erſt, da ſie das Gefühl einer unerhörten Freude mit ihm auszutauſchen hatte, ſah ſie mit bren⸗ nender Sehnſucht einer Antwort von ihm entgegen. Eines Abends brachte der Mühlknecht, der von Blankenheim Getreide heraufgefahren hatte, einen Brief von dem Poſtamt daſelbſt mit. Die Tante hatte eben der Margret ein Geſchäft in der Küche zugewieſen und ſchickte ihr den Knecht dorthin. Ueber eine Weile rief ſie nach ihr: Margret antwortete nicht und kam nicht. Die Tante eilte zur Küche, das Feuer ſchlug hoch aus dem Ofen herauf, Margret ſah es nicht: ſie ſaß be⸗ wußtlos neben der Glut auf der Erde, der Brief lag in ihrem Schooß. Die Alte nahm ihn auf, las ihn und vermochte Margrets Erſchrecken nicht zu deuten. Er klang ja ſo freundlich, er ſagte ja daß Nikola ſeine Hand von dem Kinde nicht abziehen wolle, er fragte an ob er ſchon jetzt für Margret etwas thun könne. Aber Margret hatte mit tieferem Empfinden zwiſchen den Zeilen geleſen, und ſchon die erſten Worte lauteten ſo, daß ſie keinen Widerhall gaben zu ihrer unermeß⸗ lichen Mutterfreude: von jener Innigkeit, die einſt Nikolas gleichgültigſtes Geſpräch durchwehte, war in dieſem Briefe kein Hauch mehr. In einem Augenblick war es ihr klar geworden, daß ſie eine Verlaſſene und ihr Knabe ein Waiſenkind ſei. Dießmal weinte ſie nicht, ſie nahm den Brief ſchweigend aus der Hand der Tante, ging mit feſtem Schritt über den Hof in ihren Nebenbau und hob ihr Kind aus der Wiege, das eben erwachte und die Händ⸗ chen nach ihr ſtreckte. Mit ihm warf ſie ſich vor dem Bilde der Maria nieder und in lautloſem Gebete that ſie Gott und ſeiner Mutter ein hohes Gelübde, daß 265 ſie hinfort dem Kinde Vater und Mutter zugleich ſein wolle. Erſt als ſie dann den Knaben an ihre Bruſt legte und er mit den herrlichen blauen Augen ſeines Vaters zu ihr heraufſah, rannen ihre Thränen über ſeine Stirn, und ſie empfand ſein warmes Leben wie ein ſtillendes Heilkraut, das unmerklich aus der Wunde ihres Herzens den Schmerz hinwegſog. Seit dieſem Tage kam Nikolas Name nicht mehr über ihre Lippen, auch ſchrieb ſie ihm nicht wieder: aber ihre Geſchäfte vollzog ſie wie ſonſt, das Kind gedieh unter ihren Händen, und die Tante hatte Segen in allem ihrem Hausweſen. Wie ſcharf hatte doch der Blick der Liebe in jenem Briefe geleſen! Als Nikola nach Berlin kam, wurde er anfangs von allen den Mühſeligkeiten des erſten Eingewöhnens weggenommen, die keinem Rekruten erſpart ſind. Seine Eitelkeit auf äußeres Erſcheinen und Anſehen machte ihn zum tüchtigſten Soldaten ſeines Zuges: das viele Geld, das er verſchwenden konnte, überhob ihn mancher Beläſtigung, und er genoß, obwohl er nicht als Frei⸗ williger eingetreten war, durch die Nachſicht der näch⸗ ſten Vorgeſetzten beinah die Freiheit eines ſolchen. Er fühlte ſich ſtolz in der ſchmucken, knappen Uniform, in der er merklich durch ſeine männliche Schönheit alle Offiziere überbot. Ihm, der bisher nur einfaches Landleben kannte, thaten ſich nun plötzlich die mannig⸗ fachen Reizungen einer der glänzendſten Städte auf, und die wirklich tüchtigen Kenntniſſe, die jene Privat⸗ ſchule ihm gegeben hatte, führten ihn leicht auch in die Kreiſe des höhern Geea ein. Er beſuchte Theater und bürgerliche Bälle und zog durch reichliches Leben und Lebenlaſſen junge Kaufmannsſöhne in ſeine Bekanntſchaft. Dieſe fanden es bald nicht ungerathen, den reichen jungen Landbeſitzer in ihre Familien ein⸗ zuführen. Der Rheinländer hat in der Berliner Geſellſchaft einen Vortheil voraus. Man kommt ihm mit günſtigem Urtheil entgegen, man liebt das ſorgloſe leichte Blut ſeines Stammes, man verzeiht ihm ſeinen Dialekt und manchmal ſogar den Mangel feinerer Bildung. Nikola war nicht ungebildet: er ſang ſchön und fertig, er hielt etwas auf ſich und beſaß auch Empfindung genug, um ſich raſch in die Bücher hineinzuleſen die eben Mode waren; in politiſchen Geſprächen wie man ſtie dort liebt, gab er ſogar durch ſeine genaue Kenntniß der heimathlichen Sachlage einen erwünſchten Beitrag zur Unterhaltung her. Schon nach ſechs Wochen hatte ſich ihm am Wirthstiſch wie am Theetiſch eine Menge von Kreiſen eröffnet, die ihn bezauberten und hinriſſen. Ihnen widmete er alle freie Zeit: ſonſt nahm ihn die Pünktlichkeit des Militärdienſtes hin, welche doch auch den Kräftigſten ermüdet, und ſo blieb ihm kaum Zeit an die arme Margret zu denken, vielweniger an ſie zu ſchreiben. 8. Auf jenen Brief, der die Geburt des Knaben 267 meldete, hatte Margret in der Freude ihres Herzens ein Eilig zur Adreſſe geſetzt. Als er dem Kameraden Niklas ausgehändigt ſurde, den dieſer als Burſchen zum Putzen brauchte, meinte der, wegen jenes Wört⸗ chens den Brief raſch abliefern zu müſſen; und brachte ihn daher in das Haus eines kleinen Kaufmanns, bei deſſen Frau und Töchtern Nikola dieſen Abend zu Thee und Muſtik eingeladen war. Nikola ſaß eben mit der ſchönen, vornehm blaſſen Adelaide im lebhafteſten Ge⸗ ſpräch, als das Kammermädchen ihm den Brief übergab. Wohl erkannte er die zitternden Züge der Aufſchrift, aber er ſchämte ſich in dieſer Geſellſchaft an ein Bauern⸗ mädchen erinnert zu werden, ſein Blick flog über Ade⸗ laidens weiße Stirn, über ihre feinen Züge, über das glänzende modiſch geſchnittene Kleid— und wider ſeinen Willen trat dieſem Bilde gegenüber Margrets verhärmte Geſtalt mit dem wirren Blick und zerwühlten Haar, wie er zuletzt auf dem Krankenbette ſie geſehen hatte. Adelaidens Mutter bat ihn höflich ſich nicht zu geniren und den Brief gleich zu leſen; er aber antwortete frei und leicht, es habe keine Eile, und der Brief, der ihm verkündigte, daß ein Sproſſe ſeines Blutes ihm ge⸗ boren ſei, wurde uneröffnet unter die Uniform ge⸗ knöpft. Heiter führte er ſodann ſeine Nachbarin zum Klavier, heiter ſang er zu ihrer Begleitung ihr rheini⸗ ſches Lieblingslied von dem Mädchen, das um den ge⸗ ſtorbenen Geliebten ſich im Kloſter zu Tode trauert— und ſelbſt bis zur Adelaide von Beethoven verſtieg er ſich. Die wirkliche Adelaide vernahm dieſe Huldigung „nicht ungern; einer Berlinerin, deren Vater unglück⸗ lich in Eiſenbahnaktien ſpekulirt, kommt es ſehr roman⸗ tiſch vor, mit einem wohlhabenden Landwirth in ein rheiniſches Dorf zu ziehen und eine Idylle mit dem Schäferhut durchzuſpielen. Adelaide war ſehr gütig an dieſem Abend— Nikola küßte beim Abſchied mit Feuer ihre ſchlanke kühle Hand. Erſt als er daheim ſich aus⸗ kleidete und Margrets Brief aus der aufgeknöpften uniform zu Boden fiel, dachte er wieder an dieſen. Im Bette brach er das Siegel auf, las den Brief, legre ſich auf die Seite und ſchlief ein. Als er erwachte ging ſein erſter Gedanke zu Adelaide, der zweite in die Heimath. Er war nicht verhärtet: zu ſeinem Kinde fühlte er einen ſtarken Zug, die Mutter war ihm nicht unlieb, aber doch gleichgültig. In dieſer Laune ſchrieb er jenen Brief an ſie; zu dem Entſchluß ſie zu verlaſſen war er noch nicht gekommen, aber er hatte auch nicht den Muth ſie als ſeine ge⸗ liebte Frau anzuerkennen. Dieſe Feigheit gab dem Briefe den Ton; da konnte er freilich nicht ſo herzlich werden wie vormals. Und als darauf Margret nicht ſchrieb, legte Nikola es ſich ſo aus als habe nun ſie die Schuld des Bruchs: ihr Bild wurde ſeiner Seele fremd, und wenn es ja ſich noch einmal heraufhob, drängte er es höchſtens mit einem Seufzer wieder auf die Seite. Leider wurde er auch Adelaidens und ſeines ganzen 269 hauptſtädtiſchen Lebens überdrüſſig. Das Soldatenleben, nachdem er ſeine Lehrzeit daran durchgemacht hatte, kam ihm, der an rüſtige Arbeit, an Zweck und Erwerb gewöhnt war, wie eine glänzende Spielerei vor. Seine jungen kaufmänniſchen Freunde waren ihm durch ihre kleinlichen Geldgeſpräche und theils auch durch die Ge⸗ meinheit ihres Lebens und Genießens geradezu wider⸗ lich. Mit Adelaide aber hatte er nun etwa hundertmal die rheiniſchen Volkslieder und eben ſo oft die Adelaide abgeſungen und den Thomas Thyrnau durchgeſprochen. In dieſem Hauſe lieh er der Unterhaltung ſeine eigne Wärme, daher war ſeine Seele jetzt immer kalt und müde, wenn er Abends wegging. Er mißte faſt über⸗ all neben dem Reiz die Kraft, und wenigſtens in keinem der Kreiſe, die ihm offen ſtanden, fand er die Tiefe und Unendlichkeit des Gemüthes, ohne welche ein kraft⸗ volles Jünglingsherz ſich unglücklich fühlt. Die ſchweren Steinmaſſen der prächtigen Stadt im ſcharfen Strahl der heißern nordiſchen Sommerſonne lagen wie Fels⸗ blöcke auf ihm, und ſchon jetzt am Ende des erſten Jahres dehnte ſich das zweite, das er hier noch zu verleben hatte, farblos und geſtaltlos vor ihm aus. Hatte er früher zu haſtig den Kelch der ihm ſo neuen geſellſchaftlichen Genüſſe geleert, ſo verſank er jetzt in ein einſames Verzehren ſeiner Kraft. Liebe war nicht in ſein Herz gekommen, und mit ſeinem ernüchterten Blicke erkannte er, daß kein unter dieſen Umgebungen erwachſenes Weib ihm und ſich ſelber zum Frieden in ein rheiniſches Dorf ihm folgen könne. Eine zierlich geſtochene Karte meldete ihm endlich Adelaidens Ver⸗ lobung: als er immer und immer eine Erklärung zu⸗ rückhielt, hatte ſie endlich in halbem Verdruß den Antrag eines Wittwers aus Schleſien angenommen, der in ihr nicht eine Frau, ſondern eine ſtädtiſch gebildete Gouvernante für ſeine Töchter heirathete. Aus dieſer Gleichgültigkeit, die Nikola's Jugend⸗ muth langſam untergrub, riß ihn denn im Herbſt ſeines erſten Dienſtjahres ein ſtarkes Briefpaket von ſeinem Dorfe heraus. Der alte Schultheiß, ſein Vater, war geſtorben; ihm fiel ein ſchuldenfreier großer Landbeſitz zu, und ſeine Gegenwart daheim wurde jetzt, wo er gleich für die Beſtellung ſeines Erbgutes ſorgen mußte, ganz unerläßlich. Die Beſcheinigungen von Seiten der Behörden lagen gleich bei dem Briefe, und in zwei Tagen hatte er ſeinen Urlaub, der einer völligen Dienſt⸗ entlaſſung gleich ſtand. Seinen Unterofficieren und dem modiſchen Pöbel, mit dem er anfangs zuſammen ge⸗ kommen war, gönnte er noch an einem Abende die Freude, für ſein Geld in Rheinwein ſich zu baden; an Adelaidens Wohnung gab er, da er ſie ſelbſt nicht zu Hauſe fand, ſehr ruhig eine Abſchiedskarte ab, und warf dann die Viſitenkarten(ſelbſt dieſe Mode hatte er mitgemacht) von der Königsbrücke in die Spree, ſammt dem geſtickten Täſchchen, das er irgendwo als Viel⸗ liebchen geſchenkt bekommen hatte; mit ihm ſchwamm ſein ganzer ſtädtiſcher Modetraum auf der ſchwarzen 271 ſchlammigen Flut hinunter. Im blauen Kittel ſetzte er ſich auf die Eiſenbahn und fuhr ſeinem Rheine zu. Und als er ihn nun bei Köln zuerſt wieder ſah, den grünwogigen ſtillen Strom, als er, den Stab in der Hand, von Bonn hinaufwanderte und durchs Felſen⸗ thor ſchritt zwiſchen Drachenfels und Rolandsbogen hindurch, da brach aus ſeiner befreiten Bruſt ein lauter heller Jubelſchrei; ſo ſchön hatte er nie ſich das Land, ſo lieb und traut nicht die klangvolle Sprache der Hei⸗ math gedacht. An der Ahr laſen ſie Trauben wie da⸗ mals, als er mit zagem Herzen von Hauſe auszog; Schlucht und Fels hallten wieder von den langgezogenen Melodien der Volkslieder, und heute ſang er ſie, unten auf der Straße daher ſchreitend, aus ganz anderem Herzen mit, als an Adelaidens Klavier. Wie dem Wandervogel war ihm zu Muthe, wenn er zur Zeit, wo der mächtige Zug nach dem Süden ihn ergreift, in Haft gehalten wird und dann entſchlüpft, um mit weit gebreiteten Schwingen die Brüder noch über dem Spiegel des Meeres einzuholen. Aber ganz rein war ndoch ſein Herz noch nicht; Margrets Platz darin blieb leer. Als er nach Hauſe kam, wurde ſein Fehltritt mit ihr als eine leichte Sache genommen; das Mädchen, wie immer, traf die ganze Ungunſt der herrſchenden Meinung. Ihre eigene Fa⸗ milie redete ſchlecht von Margret, um den Gedanken an das Unrecht nicht aufkommen zu laſſen, das man ihr angethan hatte; die Brüder wünſchten nicht einmal, „ daß ein ſo kräftiger und entſchloſſener Mann, wie Nikola, ihrer ſich annähme, denn ſie mußten beſorgen, daß alsdann jene Erbtheilung noch einmal in Frage genommen und ihnen ein ſehr böſes Spiel bereitet würde. Seit beinahe einem Jahre hatte man Margret im Dorfe nicht mehr geſehen; daß ſie kein Wort von Nikola mehr redete, erfuhr er bald, und ſchloß daraus daß ſie die Hoffnung auf endliche Heirath aufgegeben habe. Wäre Margret ihm auf der Schwelle des elter⸗ lichen Hauſes wie vor Zeiten ſehnſüchtig und liebevoll begegnet, hätte er ſie im Walde auf einſamem Stege getroffen, wer weiß, was jetzt noch geſchehen wäre. Aber ihrem Stolze ſich aufzudringen, war er ſelber zu ſtolz, denn er ſah nicht ein, daß ſie ihm mit Ehren nicht entgegen kommen durfte. So ſchlug er ſich die ganze Sache aus dem Sinne, warf ſich in ſeine neue Thätigkeit für Verwaltung des großen Gutes hinein, das ihm alle Hände voll zu thun gab, und beſchloß, in ſpäterer Zeit, wenn der erſte Schmerz und Groll ver⸗ wunden wäre, der Verlaſſ enen Anträge wegen Verſorgung des Kindes ſtellen zu laſſen. So kam der Winter heran, ein langer, grimmig kalter Winter. Margrets Knabe war nun bald ein Jahr alt und lief ſchon an Einer Hand; es war ein blühendes ſchönes Kind und der Stolz der Mutter, die der alten Tante manchmal recht böſe wurde, wenn dieſe allerhand Bedenken über ſein Aufkommen kund gab. Als nun aber der Winter recht auf ſeiner Höhe ſtand, 273 als die Mühle in Schnee und Eis begraben und faſt unzugänglich war, da ſchien doch die Tante mit ihren. Beſorgniſſen Recht zu behalten. Eines Abends wurde das Kind mitten unter ſeinen Spielſachen unruhig, ſchrie heftig und bekam in der Nacht ſtarkes Fieber. Reißend nahm in den nächſten Tagen Kraft und Fülle ab, und als der treue Freund Margrets, der Doktor, über gefährliche Pfade voll Glatteis doch zur Mühle durchdrang, fand er ſchon das Gehirn leidend, die Ge⸗ fahr bedeutend. Margret zitterte, den letzten und ein— zigen Zweck zu verlieren, für den ſie ihr Leben noch ertrug; mit unerhörter Anſtrengung und Pünktlichkeit ſchaffte ſie alles herbei, was der Arzt zweckdienlich fand; viele Wochen lang kam kein Schlaf in ihre Augen. Draußen im Wald ſtieg die Kälte und ſchauerliche Troſtloſigkeit des Winter; drinnen ſank die Hoffnung der Mutter von Tag zu Tag mehr. Keine Arznei gab dem Kinde Lebenskraft wieder; es war erſchreckend hager und leichenhaft anzuſehen, und ohne Bewußtſein, ohne Lächeln oder Weinen nahm es die zärtliche Pflege der Mutter hin. Sein Seelchen ſchien bereits geſtorben vor dem Leibe. 4 So fanden wir Margrei an jenem Morgen, als ſie endlich, ſtumpf von Weinen nud Jammer, matt von monatlanger Anſtrengung nud Schlafloſigkeit, Gebet und Pflege aufgab, und an der Grenze des Verzwei⸗ felns angelangt, zerwühlt von den Erinnerungen ver⸗ lornen Glücks, durch die Scheiben ihres Fenſters in Kinkel, Erzählungen. 12 18 274 den Wintermorgen hinaus ſtarrte, der troſtlos bleich und trübe über den Schneebergen anbrach. Im Hof ſcholl der Huf eines Pferdes, es war der Doktor, der jetzt vor Froſt zitternd in ihre Stube trat; die Tante kam mit ihm. Er ſetzte ſich ans Bettchen des Kindes, nahm das Händchen und befühlte Puls und Stirn; mit weitem ſcharfem Auge blickte die Mutter auf ihn. Es geht endlich auf eine Entſcheidung los, ſagte er. Margret erbebte. Noch iſt nicht Alles verloren, fuhr er fort, an Lebenskraft haben wir nichts verloren ſeit vorgeſtern, aber es iſt leicht möglich, daß das Fieber in der nächſten Nacht ſtärker wird. Ge⸗ ſchieht dieß, ſo müſſen wir mit einem ſehr kräftigen Mittel durchgreifen. Ich will neue Tropfen aufſchreiben, merken Sie wohl auf, liebe Margret. Der Tag wird ruhig bleiben, vor Abend thun Sie ja nichts, ſondern ſchlafen heute ſelbſt ein Stündchen. Aber um zehn Uhr in der Nacht richten Sie ein ſcharfes Auge auf das Kind. Bleibt es wie in den vorigen Nächten, ſo geben Sie die neue Arznei nicht; ſpüren Sie aber größere Unruhe und Hitze an ihm, dann raſch zehn Tropfen jede Viertelſtunde; ich glaube, daran hängt das Leben des Kindes. Morgen früh komme ich wieder. Während der Doklor das Recept aufſchrieb, ſagte die Tante: Das trifft ſich gut, unſer Paul fährt heut mit dem zweiſpännigen Wagen nach Blankenheim und bringt hernach Frucht mit herauf, da kann er gleich die Tropfen in der Apotheke holen. Der Doktor ſah vom Papier auf und ſagte: Er wird doch ja vor Abend wieder kommen? Ich ſage Ihnen, es hängt viel daran. Sicher, ſagte die Alte, er iſt treu und gut. Der Doktor ſtand auf, bot Margret herzlich die Hand und reichte der Tante das Recept hin. Zu glei⸗ cher Zeit, als ſein Klepper höher in's Gebirg zu einem andern Kranken trabte, zogen die beiden tüchtigen Braunen den Wagen Pauls durchs große Hofthor auf die Straße nach dem Ahrthal hinaus. Die Tante ver⸗ ſprach, in der Stube zu bleiben, und da der Knabe jetzt ganz erquicklich und feſt ſchlief, legte ſich auch Margret aufs Bette. Ein geſunder Schlummer ward ihr zu Theil, und ſie erwachte erſt, als bereits die Sonne ihren kurzen Winterlauf vollendet hatte. Iſt Paul zurück? war ihre erſte Frage. Noch nicht, antwortete die alte Frau, aber wir haben auch noch fünf Stunden bis zehn Uhr. Mach Dir keine Sorge, der kommt ſicher. Die beiden Frauen ſtärkten ſich jetzt mit Speiſe und Trank. Margret, vom Schlafen wie neugeboren, war voller Hoffnung, und in traulichem Plaudern gingen ein paar Stunden beim Spinnrad vorüber. Die Wand⸗ uhr ſchlug acht, draußen wehte pfeifend ein ſcharfer Nordwind. Die Alte ſtand auf und ſagte: Nun aber begreife ich's doch ſelber nicht mehr. Ob dem Paul mit den Pferden ein Unglück zugeſtoßen iſt? Jetzt müßte und müßte er hier ſein, wenn Alles recht ſtünde. 276 Ich will einmal in die Mühle hinüber und hören, ob ſie da noch nichts von ihm wiſſen. Mit dieſen Worten ging ſie fort. Margret blieb mit böſen Ahnungen allein. Das Kind lag noch immer ruhig. Gegen neun Uhr kam die Tante zurück. Der Michel von der obern Mühle iſt eben vorbei gekommen, ſagte ſie. Es iſt ein bös Wetter draußen im Wald, der Nordwind hat den Fahrweg mit Schnee verweht ſo hoch, daß drei Männer über einander ſtehen könnten und ſähen doch nicht drüber weg. Unſer Paul iſt bis an die Enge gefahren, da iſt ihm der Wagen im Schnee ſitzen geblieben; der Michel hat ihn da ſtecken ſehen, der Paul aber muß die Pferde ausgeſpannt haben und nach Blankenheim in die Herberge zurückgeritten ſein. Margret rang die Hände. Alſo die Tropfen bekomme ich nicht vor der Nacht? Konnte er denn die nicht durch Jemand zu Fuße heraufſchicken? Ja, ſagte die Tante, wenn er einen fände. Aber Michel hat erzählt, daß ſie drunten zu Blankenheim von nichts reden, als von den Wölfen. Es iſt ein Menſchenwolf im Zitterwald, oder gar viele; geſtern Morgen in der Frühe haben ſie ein Jüngelchen zerriſſen, das nach dem Kyllthal in die Schule ging. Die Dör⸗ fer haben ſich zuſammen gethan und wollen nächſter Tage eine große Jagd halten. Während die Alte dieſen Bericht gab, zuckte das Kind in ſeiner Wiege zuſammen und ſchrie laut auf. Margret ſprang zu ihm und nahm es auf ihren Schooß⸗ es war heiß und fieberte ſchon. Mit heftigem Krampf und Geſtöhn wand es ſich in ihren Armen; die Kriſis trat ein, die der Arzt vorausgeſehen hatte. Margret mußte es wieder in's Bettchen legen, und die ſo tröſt⸗ lich gemeinten Worte des Arztes: Ich ſage Ihnen, es hängt viel von dieſer Arznei ab, ſchnitten ihr jetzt wie ſcharfe Meſſer durch die Bruſt. Jede Minute Schlafs, die ſie während des Tages im Vertrauen auf Pauls Wiederkehr ſich gegönnt hatte, wurde ihr zum innern Vorwurf. Wär' ich doch ſelber heut am Tage gegangen! ſprach ſie leiſe, und plötzlich rief ſie laut aus: Aber warum kann ich jetzt nicht noch gehen? Sie ſprang auf und band ſich ein großes Tuch um den Kopf. Die Tante griff ſie beſorgt bei der Hand und ſagte: Mädchen, Du biſt von Sinnen! Du allein in ſolcher Nacht durch den Zitterwald? Und Du haſt ja das Recept nicht einmal. Margret ſtand einen Augenblick überlegend. Doch, ſagte ſte, das Recept muß ja in der Apotheke liegen, ſonſt hat es der Paul noch und deſſen Herberge weiß ich zu finden. Zwei Stunden ſinds nach Blankenheim auf dem Fußpfad, die laufe ich in anderthalb, um Mitternacht bin ich wieder hier und vielleicht rette ich dann noch mein Kind.— Höre, Margret, ſagte jetzt die Alte, darauf darfſt Du nicht rechnen. Setz Dich wenigſtens noch einen Augenblick her zu mir; ich muß Dir eine Sache eröffnen, die ich bisher verſchwiegen habe. Margret ſah erſtaunt ihre Tante an. Sieh, ſagte dieſe, ich und die Hebamme haben es gleich bei der Geburt geſehen, daß du das Kind nicht aufbringen kannſt. Leiſe ſetzte ſie hinzu: Es hat ja ein Todes⸗ äderchen. Bei dieſem Worte ergriff ſie die Lampe und ließ deren ſtärkſten Schein auf das Antlitz des Kindes fallen. Schau her, ſagte ſie und wies auf die Stelle unter der Stirn. Wirklich lief dort der dunkelblaue Streif, ſtark von dem wachsblauen Krankengeſicht abgehoben, von einem Auge zum andern hinüber. Margret erſtarrte; ſie beſann ſich erſt jetzt auf den allgemein herrſchenden Aberglauben, daß dieſe Ader ein Todesbote ſei, der kein mit ihm behaftetes Kind über die erſten Jahre hinüber kommen laſſe. So lange der Knabe geſund war, bemerkte man dieß Zeichen wenig, jetzt trat es unverkennbar hervor. Es mag in der That bei manchen Kindern auf Schwäche deuten, und da es im reifen Alter ganz verſchwindet, ſo iſt es freilich richtig, daß kein geſunder und erwachſener Menſch daſ⸗ ſelbe an ſich trägt.. Aber nur einen Augenblick ſiegte der Aberglaube über das Mutterherz. Tante, ſagte ſie, es kann ſein, daß Ihr Recht habt. Aber ein Jahr hat mein Kind gelebt trotz dem Todesäderchen, und wenn es dieſe Nacht ſtirbt, ſo ſtirbt es nicht an der Ader, ſondern daran, daß ihm das rettende Heilmittel fehlt. Und nun haltet mich nicht mehr, ich gehe. Sie nahm eine Laterne vom Wandbrett, weil der Mond erſt ſpät aufging, ſchlug eine Decke um Schultern und Bruſt und band ſie, damit die Arme frei blieben, auf den Rücken zuſammen. Dann nahm ſie das Kind aus dem Bettchen— ach, ſie wußte ja nicht, ob ſie es lebend wieder fand!— küßte es und übergab es der Obhut der alten Frau, die gleich wieder mit kalten Umſchlägen anzufangen verſprach. So trat Margret vor die Thüre auf den Hof hin⸗ aus. Ein leiſer Schauder ſträubte ihr Haar, als ſie zuerſt in die furchtbar kalte Sturmnacht hinausblickte. In der Ecke des Hofes ſah ſie eine große Holzart ſtehen; die ergriff ſie, um eine Stütze und zugleich für alle möglichen Fälle eine Waffe zu haben. Am Mühlbach verließ ſie den Fahrweg durchs Thal, weil ſie ihn vom verwehten Schnee ungangbar wußte, und ſtieg durch den ſauſenden Forſt auf dem kleinen nähern Fußweg empor. Erſt ſchlng ihr Herz hörbar, aber an alles Grauſen gewöhnt ſich der Menſch, und oben auf der Bergesplatte angelangt, wo der Weg, von Gebüſch nicht mehr ſo eng umſchloſſen, ebener und breiter hinlief, ſchritt ſte zwar langſam und in ſchwerem Kampfe gegen den Sturm, aber mit muthvoller Seele vorwärts. Der gefrorne Schnee, vom Winde aus allen Sträuchern und kleinen Schluchten aufgefegt, rieſelte bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus. So kam ſie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum ſich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forſtes ringsum die weiße Ebene einſchloſſen. Plötzlich ſtand Margret hier ſtill, und ihre Knie zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Wind⸗ zug auf den Schnee vor ihr warf, ſah ſie eine Spur, die ſchon halb zugeweht war. Gern hätte ſie ſich über⸗ redet, daß ſie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forſt dieſe Stapfen gezeigt und erklärt. Sie ſah es mit Grauſen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde geweſen ſein, die Wölfe gelaufen; ein großer in weiten mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die ſich⸗ in den undeut⸗ lichen Spuren nicht mehr beſtimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen ſein, denn dorthin, rechts ins Thal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margrets Pfad hinüber. Es war alſo zu vermuthen, daß ſie noch in dieſer Nacht auf demſelben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren vürden. Das muthige Mädchen ließ durch dieſe furchtbare Ueberlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein klei⸗ ner Troſt wurde ihr gegönnt als ſie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier ſtieß ſie nämlich auf die ganz friſchen Spuren eines menſchlichen Fußes, welche der Wolfsfährte offenbar folgten: erſt vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Beſtien nachgegangen ſein. Dieſer unbewußte Gruß eines menſchlichen Weſens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geiſt auf. Bald ſenkte ſich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühſamer je tiefer ſie kam, weil der Flugſchnee vom ganzen Gebirg in die Thäler hinab⸗ wehte. Manchmal mußte ſie durch knietiefe Maſſen ſich Bahn brechen; immer langſamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als ſie endlich die bequeme Land⸗ ſtraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Ka⸗ pelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte ſie in dem nun ganz nahen Städtchen ſchon die Mitternachtsſtunde ſchlagen. Die Apotheke war erreicht: ſie klingelte mehrmals an der verſchloſſenen Thüre, und nach einer Viertel⸗ ſtunde öffnete der Proviſor. Das Recept fand ſich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indeſſen war der Proviſor, ſobald Margret berichtete, warum das Fläſchchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig das Recept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein mit ins Laboratorium zu kommen und ſich zu wärmen. Als er erfuhr, daß ſie noch in dieſer Nacht zurück wollte, bereitete er ihr, durch ſolche Muttertreue gerührt, ein heißes ſtärkendes Getränk und drang ihr auch einen Biſſen Brod auf, während er ſeine Arbeit vollendete. Sie empfing von ihm ein ſchwarzes Fläſchchen, welches ſie unter ihr Buſentuch ſteckte, und er empfahl ihr noch, die Tropfen nicht dem Licht auszuſetzen, weil das ihre Kraft ſchwäche. Es ſchlug zu ihrem Schrecken ſchon Ein Uhr, als ſie, auf die Art geſtützt, von der großen Landſtraße wieder in den ſchmalen Waldpfad einbog. Die Wärme und Kraft, welche nach der kurzen Ruhe jetzt ihre Glieder durchdrang, gab ihr eine wunderbare Freudigkeit und die Anſtrengung des Körpers milderte ihren Seelenſchmerz. Die Laterne war erloſchen, aber ſie konnte ihrer jetzt entbehren, denn das letzte Mond⸗ viertel ging auf und warf ſein helles Licht auf ihren Pfad. Noch war es bitter kalt, aber der Nordwind hatte ſich gelegt, der Himmel wurde wolkenfrei, und die klitzernden Sterne ſchauten taßſtlich herab. Mit der Einſamkeit der Nacht nun ſchon vertraut, dachte ſie an Gefahren nicht, und erſt als ſie die Hochebene erſtieg, fiel ihr plötzlich wieder ein, daß ſie die furchtbare Stelle der Wolfsſpur noch zu überſchreiten habe. Sie kam jetzt an der Oeffnung einer Thalſchlucht vorbei, die nach ihrem Heimathdorf ſich öffnete: plötz⸗ lich vernahm ſie hier, obwohl von Schnee und Wald gedämpft, doch deutlich genug aus dem fernen Grunde herauf das wilde Gebell aller Dorfhunde; es klang heftiger und wüthiger als das Geheul, das dieſen Thieren ſonſt in Winternächten die Kälte auspreßt. Sie ahnte nichts Gutes; mit ſtürmendem Fuß, mit pochenden Adern flog ſie die letzte Höhe hinauf, um ſo raſch als möglich über die gefahrvolle Ebene hinwegzu⸗ kommen, die ſich in glänzendem Licht vor ihr hinſtreckte. Schnee und Mond ließen jeden fernen Buſch in ſcharfem 283 Umriß erſcheinen; den einzigen dunklen Fleck bildete mitten auf der Fläche jener einzeln ſtehende Baum mit dem kargen Schatten ſeiner laubloſen Aeſte. Margret, nachdem ſie am Waldſaum eine Minute Raſt gemacht und mit ſcharfem Blicke ſich überzeugt hatte, daß der Weg noch ſicher ſei, flog einem Rennthier gleich über die Schneefläche auf den Baum zu, der wohl drei Büchſenſchüſſe von ihr entfernt war. Hier angelangt, blickte ſie von Neuem nach allen Seiten ſorglich um, und— war es Täuſchung? Nein, jetzt ſah ſie links aus dem Walde, noch weit von ſich entfernt, einen ſchwarzen Fleck auf die Schneefläche vorrücken. Sie ſprang in den Schatten des Baumes, ſtemmte ſich, um nicht in die Knie zu ſinken, mit dem Rücken gegen den breiten Stamm und faßte mit beiden Händen den Stiel der Art. Da mehrten ſich die ſchwarzen Flecke auf dem Schnee und wurden größer. Deutlich erkannte ſie jetzt eine große Wölfin mit zwei noch kleinen Jungen: lodernden Auges, mit weiten kühnen Sprüngen und hochgehobenem Schweif, jagten ſie genau auf der Fährte zurück, die Margret auf ihrem erſten Gange entdeckt hatte und die ganz nahe an dem Baume vorbeiführte. Margrets Herz ſtand ſtill in ihrer Bruſt, ſie hielt den Odem an, als könnte ſein leiſer Zug ſie verrathen. Die Thiere liefen neben einander, das eine Junge blieb etwas zurück, alle ſchienen in banger Eile dem ſichern⸗ den Walde gegenüber zuzuſtreben. Jetzt waren ſie ganz nahe; Margret hörte das Keuchen ihres Odems. Die alte Wölfin und das eine Junge, das ſich dicht an ſie hielt, ſausten vorüber, das andre ſuchte winſelnd nach⸗ zukommen. Plötzlich aber blieb es ſtehen, ſchnupperte, ſchwang den Schweif und bog auf Margret ab, wie neugierig zu ſehen, was unter dem Baume ſtecke. Das Mädchen ſpannte alle ſeine Sehnen, krampfte ihre Fin⸗ ger um die Waffe, und in dem Augenblicke, als das Thier mit ſchleichendem Schritt und hochgehobener ſpüren⸗ der Naſe unter den Hieb kam, ließ ſie mit Rieſenſtärke die mordende Schneide recht mitten zwiſchen ſeine Funkel⸗ augen niederſauſen. Der furchtbare Schlag ſchnitt durch den Kopf und das Eiſen ſchlug noch auf den gefrornen Boden auf; das Thier aber ſtieß einen markdurchſchnei⸗ denden Schrei aus und verzuckte dann röchelnd zu ihren Füßen. Margret ſtreckte ſich raſch in die Höhe und hub die Art von Neuem über ihr Haupt. Es war nöthig, denn die alte Wölfin, die ſchon nahe am Waldſaum angekommen war, wandte bei dem Schrei ihres Jungen das Haupt und kehrte mit dem zweiten Wölfchen in wenigen Sprüngen zurück. Als ſie das todte Junge am Boden und ſein Blut, den Schnee berieſeln fand, heulte ſie laut auf und wollte Margret anſpringen; aber da ſah ſie in des Mädchens weit aufgeriſſenes Auge, ſah die blanke Art über ihrem Haupte in den Strahlen des Mondes glitzernd, die einzeln durch die Zweige herabfielen. Feig ſprang ſie zurück, aber bald näherte ſie ſich wieder, langſam Fuß vor Fuß voran⸗ ſetzend, um den Augenblick des Sprunges abzuſehen. 6 — Das noch lebende Junge kroch ihr bange nach. So rückte das Unthier bis dicht vor das Mädchen vor, aber ehe es in den Bereich der Waffe kam, blieb es ſtehen, hockte auf die Hinterfüße nieder und peitſchte den Schnee mit ſeinem wedelnden Schweif, geduldig den Augenblick abwartend, wo Margret mit dem Auge blinzeln oder vor Müdigkeit die Arme niederſenken mußte. So ſtanden ſie ſich entgegen, die beiden Todfeindin⸗ nen; die wölfiſche Mutter um dem Mord ihres Kindes zu rächen, die menſchliche um dem ihrigen den Heiltrank des Lebens zu ſichern. Wie lange dieſe gräßlichen Au⸗ genblicke dauerten, wußte Margret nicht. Ihr Denken ſtand ſtill, und nur den Willen hielt ſie in ihrer tief⸗ ſten Seele feſt, den rechten Augenblick des Hiebes nicht zu verſäumen. Aber ſchon trat der kalte Schweiß der Mattigkeit vor ihre Stirn, die Füße zitterten unter der Laſt des Körpers, die Arme wurden ſtarr durch die Anſpannung, mit der ſie die ſchwere Art empor hielt, und vor den Augen flirrten ihr auf dem blendenden Schnee ſchon alle Farben des Regenbogens. Sie gab ſich verloren. Da ſchlug an der Stelle, wo der Waldſaum am nächſten bei ihr in die Schneefläche verlief, im dunklen Gebüſch ein Blitz auf— ein Pfeifen ziſchte durch die Luft— dann rollte über das Schneefeld, an der Wald⸗ grenze prächtig wiederhallend, der helle Knall der Büchſe. Die Wölfin heulte wild auf, das Junge winſelte; beide wandten ſich zur Flucht und verſchwanden im Walde. Ueber den Schnee kam ein raſcher, leichter Schritt. Der Jäger, der jenen Schuß gethan hatte, trat aus dem Verſteck, zog vom Monde beleuchtet, den Hahn des zweiten Laufes auf und ſchritt vorſichtig dem Baum zu, um zu ſehen was dort die Wölfe feſtgehalten und ihm ſo trefflich zum Schuß gebracht hatte. Da ſah er, vom Monde halb erhellt, die herrliche Geſtalt des bleichen Mädchens noch in der Haltung die ſie dem Un⸗ thier gegenüber behauptet hatte. Noch war der eine Fuß vorgeſchoben und trug die Laſt des übergebeugten Körpers, die runden nervigen Arme huben ſich, zum Schwunge ausholend, über das Haupt herauf. Ihr Buſen wogte, ihr Mund war mit feſtem Trotz zuſam⸗ mengepreßt, und das Auge, noch zornfunkelnd und weitgeöffnet, ſah den flüchtigen Raubthieren nach. So muß das Weib geweſen ſein in jenen erſten Tagen der Welt, als es noch mit dem Manne Haß und Kampf theilte und auf Jagd und Walſtatt ihm nachſchritt. Jetzt aber wandte auch ſie ihr Auge auf ihren Retter, ein lauter Schrei entfuhr ihr— es war Nikola. Die⸗ ſen Anblick ertrug ſie nicht; vornüber ſtürzte ſie mit der Art zu Boden und ſiel in Ohnmacht über das er⸗ ſchlagene Thier nieder. Nikola hatte anfangs beinahe gemeint eine Erſcheinung zu ſehen, jetzt ſprang er hinzu, legte ihren Kopf auf ſeinen Schooß und rieb ihr die Schläfe mit Rum aus ſeiner Jagdflaſche. Sie ſchlug die Augen auf und ſah ſeine Blicke, beſorgt. und hold wie ehemals, über ihrem Antlitz ſchweben. Aber * 4 287 auch jetzt wachte nur Ein Gedanke in ihrer Seele; ſie zog das Arzneifläſchchen aus ihrem Buſen, drückte es in ſeine Hand und ſagte matt und leiſe; Nikola, Dein Kind drunten in der Mühle will ſterben, aber dieſe Tropfen können es vielleicht noch wenden. Bis hieher habe ich ſie ihm geholt, ich kann nicht mehr. Gehe um Gottes Barmherzigkeit willen und trage Du ſie jetzt ins Mühlenthal; mich laß hier. Nikola umfaßte ſie mit naſſem Blick und ſagte: Iſt das wahr, Margret? Dieſe Nacht haſt Du überſtanden um meines Kindes willen? Nun, ſo ſollen alle guten Engel von mir weichen in meiner Todesſtunde, wenn ich Dich hier verlaſſe! Er nahm die Weigernde auf beide Arme und trug ſie über das Schneefeld. In Margrets Adern begann das Blut wieder ſeinen vollen warmen Lauf. Nach wenigen Schritten ſagte ſie: Laß mich auf die Füße, ich kann wieder auftreten. Sie lehnte ſich auf ſeinen Arm, und ging anfangs ſchwer, dann immer flinker der Heimath zu. Nur ſprechen konnte ſie nicht: je näher ſie dem Lager ihres Kindes kam, deſto ängſtlicher drückte ſie die neue Entſcheidung über Leben und Tod, der ſie nun entgegen ging. Nikola erzählte ihr unter⸗ wegs mit freundlichen Worten, was ihrer wunderbaren Rettung Urſache geweſen ſei. Er hatte, da auch ſchon in der vorigen Nacht die Wölfe bei ſeinem Heimaths⸗ orte ſich blicken ließen, einige gute Schützen bewogen mit ihm Wache zu halten. Er ſelbſt ging nur mit 288 Einem Gefährten in den Forſt, entdeckte jene Wolfs⸗ ſpur und ſchloß daraus, daß die Thiere denſelben Weg zurückkommen würden. Seine Tritte waren es, welche Margret neben der Fährte im Schnee angetroffen hatte. Während nun ſein Genoſſe nach der entgegengeſetzten Seite der Spur folgte und einen guten Poſten zum Schießen auſſuchte, hatte ſich Nikola unweit der Ebene über einer engen Schlucht auf die Lauer gelegt. Hier vernahm er nach zwei Stunden Büchſenſchüſſe aus der Nähe ſeines Dorfes, die ihm anzeigten, daß man auch unten die böſen Gäſte entdeckt und übel empfangen habe. Allein die flüchtigen Wölfe mochten ihn in ſei⸗ nem Verſteck gewittert haben, ſie waren in einem Bogen an ihm vorbeigeſchlüpft und erſt der Todesſchrei des einen ganz in ſeiner Nähe verrieth ihm die Richtung ihrer Flucht. Raſch machte er die paar Schritte durch den Buſch hinauf und kam eben zu rechter Zeit auf die Hochebene, um der auf Margret lauernden Alten eine Kugel zuzuſchicken. Kurz vor der Mühle begegnete ihnen jetzt auch mit dem Spürhund jener Jagdgenoſſe Nikola's, der noch etwas tiefer in den Forſt hinein auf dem Anſtand ge⸗ legen hatte, und meldete, daß die große Wölfin, von Nikola's Schuſſe wirklich getroffen, nahe bei ſeinem Poſten geſtürzt ſei. Ihr Junges war allein entwiſcht. Mit beflügeltem Fuße ſtürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, ſchon ſahen ſie die bren⸗ nende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum 4 289 folgen, Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Dr hätteſt den Gang nicht nöthig gehabt, ſagte ſie freund⸗ lich, dein Kind lebt und iſt glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es ſind ihm zwiſchen vorgeſtern und heut zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es ſo mitgenommen. Sieh hier. Margret ſchob die Tante bei Seite und ſprang durch die Thür ins Gemach, da ſaß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt ſich, ſchwach wie er war, aber luſtig, aufrecht, um der Mutter die Aermchen entgegen ſtrecken zu können. Das kleine Ge⸗ ſichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader ſah man ſchon nicht mehr. Jetzt ſchritt auch Nikola durch die Stubenthür, ge⸗ beugt und wie eines ſchweren Frevels ſchuldig. Er kniete an der Wiege nieder und ſah ſeinem Kinde in das große ſchöne, blaue Auge, das ein ſo treuer Spie⸗ gel des ſeinigen war. Dann lehnte er ſein Haupt an die Knie der Mutter und ſagte leiſe: Margret ich habe geſündigt an Dir vor Gottes Angeſicht, und wäre dieß keine Glücksſtunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufſchlagen zu Dir. Jetzt aber habe ich erkannt was für ein goldnes Herz Du biſt, und weiß, Du kannſt auch mir vergeben. Sieh, meine Hände lege ich auf die Stirn Deines und meines Kindes, und nun frage ich Dich: Willſt Du verzeihen, willſt Du noch jetzt meine Frau werden in alter rechter Liebe? Er wagte nicht ſie anzuſchauen bei dieſer Frage, Kinkel, Erzählungen.. 13 19 aber er fühlte ihre heißen Thränen auf ſein Haupt rinnen und empfand den Druck ihrer Hände, die ihn an das geliebte Herz emporzogen. Noch immer blieb er auf den Knien, da nahm Margret das Kind aus der Wiege und legte es in ſeine Arme. Jauchzend ſprang er auf, und inniger als in dem glühendſten Rauſch der Leidenſchaft, feſter als je in den Stunden ihres tiefſten Wehes, hielt Margret ihn in ihren Armen umſchloſſen. Ein Augenblick hatte ihrer Treue das Leben ihres Kin⸗ des und den verlornen Gatten wiedergeſchenkt. Ein Reiſeabenteuer. Skizze von Johanna Kinkel. CEs war im Spätherbſt, als ich auf der neuen Eiſen⸗ bahnſtraße von meiner Heimath nach W.... reiste. Bei einbrechender Nacht erreichten wir die Zwiſchen⸗ ſtation A...... wo ſchon viele Perſonen des Wagen⸗ zugs harrten. In unſer Coupé ſtiegen ein alter Mann und ein kleines Mädchen ein, die von einer zahlreichen Geſellſchaft beiderlei Geſchlechts bis an den Wagenſchlag begleitet wurden. Einige hatten Wein bei ſich, deſſen ſie den Abreiſenden zum Scheide⸗ und Labetrank noch einen hohen Becher voll in den Wagen reichten. Daß es nicht der erſte war, der an dem Abend genoſſen wurde, zeigte die überaus lebhafte Stimmung der ganzen Menſchengruppe. Die Abfahrt verzögerte ſich, und ſo blieben die Begleitenden noch auf dem Bahnhof ſtehen. Einer nach dem Andern ſtieg wiederholt auf den Wagen⸗ tritt, ſchüttelte dem alten Manne die Hand, oder küßte das Kind, welches bitterlich weinte. Die Frauen em⸗ pfahlen dem Manne die möglichſte Sorgfalt auf der langen Fahrt, die Männer redeten dem kleinen Mäd⸗ chen Faſſung zu; ein Knabe rief mehrmal:„Weine nicht, meine liehe, liebe Minny, wir ſehn uns gewiß wieder, 294„ wenn du groß biſt.“ Von den draußen im Dunkel Stehenden konnte ich nur halb die Umriſſe erkennen, doch ſchloß ich, daß es eine Schauſpielergeſellſchaft ſei. Es iſt ein unverkennbarer Ton der Stimme, der dieſem Stande eigen iſt. Die Nothwendigkeit in einem weiten Raum ſich dem Entfernteſten verſtändlich zu machen, ſelbſt im leiſeſten Flüſtern, gewöhnt den Schauſpieler an ein ſehr ſcharfes Artikuliren. Dazu kam noch in dieſem beſondern Fall der Stereotypausdruck, der der rührenden Abſchiedsſcene eigen iſt. Nicht aus bewußter 3 Affektation, ſondern gewiß ganz unwillkürlich fielen die Scheidenden in den gewohnten thränenweichen Ton, der den gleichgültigen Zuhörer nur an die Lampenreihe 4 vor den Couliſſen erinnerte. Der Zug ging vorwärts, das Schluchzen des kleinen Mädchens löste ſich in Schlaftrunkenheit auf. Der alte Mann ſagte:„Schlafe nur ruhig ein, Minny, ich wecke dich, wenn der Vater kömmt.“. Eine gute Seele mußte es ſein, dieſer Alte. Frei⸗ willig hielt er lange Zeit die unbequemſte Stellung aus, um ſeinen Schützling nicht zu ſtören, der mit dem Köpfchen auf ſeine Kniee geſunken war. Ich fragte ihn:„Reiſen Sie weit?“ „Bis P......“¹ erwiederte er. „Da haben Sie noch manche Tag⸗ und Nachtreiſe, und wenn Sie keinen Raſttag unterwegs halten, werden Sie noch viel Noth mit dem Kinde haben. Glauben denn, daß es die Fahrt in einem Zuge aushält?“ 4 295 „Es wird es wohl müſſen. Seine Mutter iſt ge⸗ ſtorben, und die Geſellſchaft die uns begleitete, hat das Kind ſo lange unterhalten bis ſich eine Gelegenheit fand, es zu einer Verwandten zu ſchicken, die in P...... lebt. Ich mußte eine Geſchäftsreiſe in die Gegend machen, und da haben ſie es mir anvertraut.“ Der alte Mann erkundigte ſich bei dem Condukteur, wie weit wir noch von der Station C.... entfernt wären, und ſetzte hinzu, dort werde der Vater des Kin⸗ des an den Wagen kommen, um Abſchied von ihm zu nehmen. Ich hörte, daß er den Schauſpieldirektor aus O. nannte, eine Stadt, die viele Meilen ſeitwärts von der Bahn liegt, worauf der Condukteur erwähnte, dann hätte es der Herr ja bequemer bis zur Station E..... zu fahren, wo der Zug noch vor Mitternacht vorbeikäme. Die Abrede wurde getroffen ſo gut es ging, um den Augenblick nicht zu verfehlen, und der Eiſenbahnbeamte verſprach ſich unſern Wagen wohl zu merken. Der Alte lehnte ſich zurück in die Wagenecke und ſchien zu ſchlummern; mich aber floh der Schlaf ſowohl als alle Gedanken an den Zweck meiner eignen Reiſe. Nichts beſchäftigte mich jetzt ſo ſehr, als die Sorge: der fremde Mann möchte den Wagen verfehlen, in dem ſein Kind ihm noch einmal begegnete, ehe es ihm viel⸗ leicht auf ewig entriſſen würde. Doch meine Wachſam⸗ keit war überflüſſig; denn ſo oft die Lokomotive pfiff, richtete der Alte ſich auf, blickte auf die Uhr oder fragte die Paſſagiere:„Wo ſind wir?“ 296 Kurz vor E..... weckte er Minny, und ſagte: „Vielleicht kömmt hier ſchon der Vater an den Wagen, halte dich wach, mein Kind.“ Minny rieb ſich die Aeug⸗ lein, taumelte ſchlaftrunken noch einmal zurück, dann aber richtete ſte ſich auf, und blickte aufmerkſam durch die Scheiben nach den Fackeln des Bahnhofs. „Dort ſteht ein großer Herr in einem Mantel an der rechten Thüre,“ rief der Alte,„der könnte es ſein.“ „Nein,“ ſagte Minny,„der iſt es nicht!“ „Haſt du denn den Vater ſchon geſehen?“ fragte jener verwundert. 1 „O ja, einmal, als ich noch ganz, ganz klein 3 war.“ Um ſicher zu ſein, rief der Alte laut den Namen des Schauſpieldirektors in die Nacht hinaus.— Keine Antwort.—„Sei ruhig Minny,“ fuhr er fort,„der Vater kömmt alſo wohl auf der nächſten Station erſt. Er kömmt ganz gewiß. Bleibe jetzt nur wach, denn in zehn Minuten ſind wir dort.“ Die Kleine ſetzte ſich aufrecht, und ſchaute recht zu⸗ verſichtlich um ſich her. Die zehn Minuten konnten noch nicht verſtrichen ſein, da pfiff es wieder. Die Augen des Kindes leuchteten; der Alte bog ſich weit aus dem Wagenfenſter, und rief wiederholt den Namen. Es ſtiegen viele Menſchen aus und ein; Gedränge, Stimmengewirr überall, der Alte rief nach dem Con⸗ dukteur, der war überbeſchäftigt ſeine Menſchenwaare unterzubringen⸗ und ſtand nicht Rede. 4 297 Mir pochte das Herz bei der Frage:„Wird der Mann kommen oder ausbleiben?“ Die Wagenthüren wurden zugeſchlagen, und der Zug brauste weiter. Minny fing laut an zu weinen, der Alte ſeufzte ſchwer, und verſuchte ſie zum Schlafen zu bringen, indem er ihr Köpfchen an ſeine Bruſt legte und ihr leiſe Troſtesworte zuflüſterte. Kaum war es ihm gelungen, ſo hielt der Zug wieder. Laut rief draußen die Stimme des Condukteurs:„Station C.... Der Zug hält vier Minuten!“ Alſo hatte eine neue Zwiſchenſtation uns vorher getäuſcht. Minny fuhr aus dem Schlaf auf, blickte aufmerkſam durch das Fenſter und ſchrie auf:„Da iſt der Vater!“ Zugleich öffnete der Condukteur den Schlag und ſagte:„Es iſt noch Platz, ſteigen Sie ein. Bis zur nächſten Station haben wir ſieben Minuten.“ „Gut, ich fahre mit,“ ſagte Minny's Vater, und drängte ſich haſtig an die Seite ſeines Kindes, das er ganz in ſeinen Armen begrub. Ich ſah, daß er ſchon im Vorgefühl des bittern Scheidens mit ſich kämpfte, wie er dieſe armen und doch ſo unſäglich reichen ſieben Minuten am inhaltvollſten genießen ſollte. Dann be⸗ trachtete er die Züge des Kindes beim Schein der trüben verlöſchenden Lampe, die von der Wagendecke herab⸗ hing, dann ſchloß er es wieder an ſein Herz und küßte ihm Stirne, Augen und Mund. Die Kleine hatte ohne auffallend ſchön zu ſein, ein ſehr ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht, und ihre großen treuen Augen hingen mit einer 298 8 Sehnſucht an dem Bilde des Vaters, daß es das feſteſte Herz ſchmelzen mußte. Sie antwortete ſo lieblich, ſo verſtändig auf ſeine Fragen. Ihr Herzchen ſchien über⸗ voll, und doch lag eine ſo ſüße Schüchternheit über ihrem Weſen. Hatte der Vater einen Augenblick in dem Klang der holden Stimme ſeines Kindes geſchwelgt, ſo mußte er ſich ſelbſt unterbrechen, um mit dem alten Begleiter noch einige wichtige Worte zu wechſeln. Sie flüſterten ſehr haſtig und eifrig miteinander. Der Alte⸗ verſicherte ihn, daß es eine treffliche Frau ſein ſolle, welche von nun an Mutterſtelle bei Minny vertreten werde, daß er um ihre Erziehung unbeſorgt ſein dürfe. Eine Frage, die Minny leiſe und ſchmeichleriſch an ihren Vater richtete, ſchnitt der gellende Pfiff der Lokomo⸗ tive mitten durch. Der Vater ſchwieg und ließ wie ge⸗ brochen ſein Haupt auf des Kindes Schulter fallen. Die Minuten waren dahin. „Schnell Herr, ſteigen Sie aus,“ herrſchte der Con⸗ dukteur ihn an,„der Zug geht augenblicklich weiter.“ Der Mann verſchwand draußen in der ſtürmiſchen Nacht. Nach kurzem heftigem Schluchzen ſank das Kind wieder überwältigt vom Schlaf auf den Schooß ſeines alten Führers, dem jetzt allein in der endloſen Fremde ſein Schickſal anvertraut war. 3 Wie nah iſt doch der Menſch dem Menſchen ver⸗ wandt! Dieſer fremde Mann, der da ſchied, deſſen ab⸗ gewendetes Geſicht ich gar nicht geſehen, deſſen Stimme ich kaum in undeutlichen Lauten vernommen, und der 299 mir wohl im Leben nie wieder begegnet, der beſchäftigt nun meine Gedanken unaufhörlich; auch meine Thränen rollten, als er mit ſeinen die Stirn des Kindes benetzte, und ich vergaß des eignen Schickſals im Grübeln dar⸗ über: Was können das für unerhörte Verhältniſſe ſein, die einem Vater nur vergönnen in tiefer Nacht die Straße aufzuſuchen, auf der ſein Liebſtes ihm wie ein Traum erſcheint und verſchwindet. War es eine nach bittern Täuſchungen früh gelöste Ehe, war es eine mit Sitte und Geſetz im Widerſpruch ſtehende unglückſelige Neigung, die dieſem Kinde das Daſein gab? Trug der Vater vielleicht den Druck einer zweiten allzu kinder⸗ reichen Ehe, und durfte der ſtrengen Gattin nicht dieſe unwillkommenſte aller Laſten zu ihren übrigen aufbürden? Doch ſicher war es im Grunde die Armuth, die ihn zwang, ſeinen Liebling in ein fernes Land zu entlaſſen, denn die Reiſe bis an die große Eiſenbahnſtraße hatte er nur durch ſchwere Opfer möglich gemacht, wie eine ſeiner Aeußerungen verrieth. 4. Das Morgenroth dämmerte herauf, und umfloß mit einem Hauch von Verklärung das ehrwürdige greiſe Haupt des alten Mannes mir gegenüber, deſſen Augen meiſt auf ſeinem verwaisten Schützling ruhten, oder ſich mit ſchweren Seufzern zu den purpurnen Wolken emporhoben. Das Kind lag todtenbleich auf ſeinem Schooß und ſchien im Schlafe geweint zu haben. Erſt ſpät öffnete es die Augen und ſchaute verwirrt uns alle an, als wollte es die Gegenſtände um ſich her 300 mit der flüchtigen Nachterſcheinung im Zuſammenhang bringen. Bald ſiegte die leichte Genußfähigkeit, die dem Kindesalter eigen iſt. Minny gerieth in Entzücken über alle die ſchönen Städte mit bunten Gärten, an denen wir vorüberflogen, und als gar zwei wildkeuchende Lokomo⸗ 3 tiven uns entgegenbrausten, die ein Regiment Uhlanen in ungeheuren kaſtenähnlichen Wagen verpackt mit ſammt den Pferden im Sturm fortſchleppten, wollte ſie ſich todtlachen über die verkehrte Welt. Nicht das Gemüth, nur der Gedanke befähigt den Menſchen einen Schmerz bis in ſeine Tiefen durch⸗ zuſtehen, doch im Begreifen der Schmerzen liegt zugleich ihre Heilung. Dieſe Eine Scene war mir ein Bild der tauſendfach wiederholten Wunde der Menſchheit, und ich ſagte mir: nie wird ein auf ſocialen Grundlagen erbauter Staat ſo grauſam ſein, als es jetzt die Familie in ihrer patriarchaliſchen Abgeſchloſſenheit gegen alle Individuen iſt, die außer ihr ſtehen. Muſtkaliſche Orthodorie. Novelle von Johanna Kinkel. „Beſſer lerne ich die F-Moll⸗Sonate doch nicht ſpielen,“ ſagte Ida und ſtand müde vom Clavier auf. „Eigentlich geht ſie recht gut, und ſelbſt mein über⸗ ſtrenger Lehrer wäre damit zufrieden geweſen,“ fügte ſie hinzu.„Was ihr in meinem Gefühl noch fehlt, das, fürchte ich, läßt ſich mit weiterem Ueben nicht herausbringen. Das unbegreiflich Phantaſtiſche des erſten Allegro, das verzweifelte Spielen mit dem Schmerz im Adagio, dieß lachend dem Untergang Zuſtürzen im Finale, das hab' ich anfangs beſſer ausdrücken können. Indem ich aber die raſchen Paſſagen zu feilen ſuchte, ich kann nicht mehr in den großen Styl zurück. Ich ſpiele die Sonate jetzt exakt aber ohne Geiſt, das iſt „Sie nehmen auch Alles gar zu pedantiſch ſtreng,“ 6 antwortete eine bejahrte Dame, die zuhörend in der Sofaecke ſaß,„und legen Dinge in die Muſik hinein, die kein anderer Menſch heraushört.“ Die Künſtlerin war früh verwaist von entfernten 304 à * Verwandten in Obhut genommen worden. Ein ver⸗ ſtändiger Vormund hatte ihr kleines Vermögen größten⸗ theils dazu verwendet, ihr hervorragendes Lalent für die Muſik ausbilden zu laſſen. Jetzt war ſie ſelbſt⸗ ſtändig und hatte den Reſt ihres Eigenthums für einen Flügel von Erard hingegeben. Kaum ſo viel blieb ihr übrig, daß ſie die Reiſekoſten nach ihrem Beſtim⸗ mungsort und eine ſehr einfache Einrichtung beſtreiten konnte. Umherreiſen und Conzerte geben mochte ſie nicht, da ihre muſikaliſche Richtung zu ſehr dem herrſchenden Geſchmack des Publikums entgegenſtand; auch hätte ſich ihr abgeſchloſſener Charakter nie zu den tauſend kleinen Demüthigungen hergegeben, die Keinem erlaſſen werden, der noch unbekannt in der Fremde ſeine Erfolge ſucht. Lieber wollte ſie in einer bedeutenden Stadt als Lehrerin ihr Heil verſuchen, und indem ſie das Opfer brachte, Anfänger zu bilden, ſich ſo die Mittel erwerben, um auf jene höchſte Kunſtſtufe zu gelangen, die ihr in der abgelegenen Heimathſtadt unerreichbar war. Jetzt war ſie bei einer alten Freundin ihrer ver⸗ ſtorbenen Mutter gaſtlich aufgenommen worden. Es war die Frau des Amtmanns Werl in Waldheim, welches eine Stunde von der Hauptſtadt in einem Ge⸗ birgsthale lag. So lange ſollte ſie dort verweilen, bis ſie eine paſſende Wohnung und einige Schülerinnen gefunden hätte. Mit großer Gefälligkeit begleitete Frau Werl ſie täglich zur Stadt, um die nöthigen Beſuche 305 zu machen und Erkundigungen einzuziehen, wobei es leider viel ergebliche Schritte gab. Der Empfang bei den meiſten Kunſtgenoſſen war ziemlich abſtoßend oder kam doch Ida ſo vor. Weil ſie immer an die traute Umgebung der Verwandten und Jugendfreunde gewöhnt war, erſchienen ihr die groß⸗ ſtädtiſchen Formen unſäglich froſtig und die Kürze wahrhaft erſchreckend, mit der die muſikaliſchen Nota⸗ bilitäten ihre Fragen abfertigten. Meiſt vertröſtete man ſie damit: es werde ſich wohl machen, wenn ſie es abwarten könne, bis ihre Leiſtungen bekannter wür⸗ den; doch um dieſe bekannt zu machen, rührte ſich Niemand, obgleich hier Alles auf eine raſche Entſchei⸗ dung ankam. Neben der Amtmanns⸗Wohnung des Dörfchens Waldheim lag die Villa des Grafen Selvar, die er vom erſten Frühlingswehen bis zu den Novemberſtürmen zu bemßhnen pflegte. Der Amtmann und ſeine Frau waren immer gern dort geſehen, und ſo oft der Graf ihnen begegnete, wiederholte er ſeine Einladung, ihn häufiger zu beſuchen; doch ging Frau Werl nur in der ſchlechtern Jahreszeit darauf ein, wenn die Beſuche der vornehmen Welt ausblieben, die in den Sommer⸗ monaten ſtets Salon und Garten des Grafen füllten. Um Ida's willen überwand ſte dießmal ihre Scheu vor der großen Geſellſchaft. Im Selvar'ſchen Hauſe trieb man leidenſchaftlich die Muſik, und hatte ſich dieſe Familie einmal für Ida intereſſirt, ſo konnte es ihr Kinkel, Erzählungen. 20 4 nicht fehlen, daß ſie in den erſten Häuſern Zutritt fand. Frau Werl theilte Ida ihren Plan mit und er⸗ mahnte ſie, nur ja keine Fugen von Johann Seba⸗ ſtian Bach im Salon des Grafen vorzutragen, weil ſie damit Alles verderben würde. „Warum ſoll ich denn nicht mein Beſtes leiſten?“ ſagte Ida.„Ich weiß nichts, was mehr die Aufmerk⸗ ſamkeit wach erhält, als eine Fuge. Ich möchte deren Stimmengang dem ewigen Wandel der Geſtirne ver⸗ gleichen. Die wunderlich in einander verſchlungenen Melismen in den Präludien erinnern mich dagegen an die ſeltſamen Mooſe und Steinbildungen, die ich zu⸗ weilen geſehen.“ Frau Werl theilte der jungen Bach⸗Enthuſiaſtin ihre eigenen Erfahrungen über das Muſik⸗Naſchen der Vornehmen mit, und brachte ſie glücklich dahin, einige vermittelnde Compoſitionen von Hummel und Carl Maria von Weber friſch einzuüben, die ſo ziemlich die Grenze zwiſchen den gelehrten und ganz trivialen Muſik hielten. Um die Theeſtunde ging ſie mit Ida hinüber. Die Geſellſchaft ſei heute im entfernteſten Theile des Gartens unter dem neuen Zelt verſammelt, ſagte der Diener. „Das iſt auch eine Liebhaberei des Grafen,“ er⸗ zählte, indem ſie den Garten durchwanderten, Frau Werl,„immer friſche Anlagen zu machen, und man muß zugeben, daß er ſehr viel Geſchmack hat.“ Ida hatte nie einen ſo reizenden Aufenthalt geſehen, der, wie dieſer, das Elegante mit dem Phantaſtiſchen verband. Immer waren ihr die kleinen Obſt⸗ und Blumengärtchen, die angelegten Promenaden unaus⸗ ſtehlich geweſen, und der wilde Bergwald ihr einzig lieber Spaziergang. Hier trat ihr zuerſt die reiche Poeſie eines geordneten Pflanzenlebens in den ſchönſten maleriſchen Formen entgegen. Das ſchneeweiße, in klaren Verhältniſſen erbaute Landhaus lehnte an eine Parthie von hohen dunkeln Linden. Aus dem Garten⸗ ſaal trat man in einen weiten Kreis von Aloen und blühenden Orangenbäumen. Der Garten zog ſich wohl eine halbe Stunde weit dieſſeit und jenſeit eines kleinen Flüßchens bis zu einem Dorf, das zu der ganzen Anlage zu gehören ſchien. Durch Arkaden von Clematis und wildem Wein, an den ſchönſten Blumenpartien, Springbrunnen und Volièren entlang erreichten Ida und ihre Beſchützerin das Zelt, wo eine große Verſammlung von Herren und Damen ſo vertieft in ſcherzende Geſpräche waren, daß ſie die unſcheinbaren Geſtalten der beiden Ankom⸗ menden gar nicht zu bemerken ſchienen. Der Graf war eben mit einigen Perſonen zu einem andern Theile des Gartens hin gegangen. Seine Schweſter, die die Fremden empfing, bot zwar der Nachbarin einen Platz an ihrer Seite an und unterhielt ſich ſehr zuvorkom⸗ mend mit Ida, doch ſo oft ein neuer Wagen herbei⸗ rollte, gab es neues Begrüßen, Vorſtellen ankommender 308 Gäſte, wobei die beiden einzigen bürgerlichen Perſonen am Tiſche nie das gedrückte Gefühl des Verlaſſenſeins los wurden. Die Dame des Hauſes hatte zwar Takt genug, ſich in jedem freien Moment zu ihnen hinzu⸗ wenden und ein Geſpräch anzuknüpfen, doch konnte ſie nicht füglich die Rückſicht, die ſie einem großen Kreiſe ſchuldig war, auf zwei Perſonen allein concentriren. Die Andern waren zu egoiſtiſch, um ſich einen Augen⸗ blick in ihrer Bequemlichkeit ſtören zu laſſen. Man ſchwatzte mit den Bekannten und beachtete die Verlegen⸗ heit der beiden Fremden nicht, die, nachdem ſie ſich eine kleine halbe Stunde lang leiſe unter ſich von der ſchönen Natur unterhalten hatten, die günſtige Minute erhaſchten, um ſich zu empfehlen. Draußen athmete Ida ſchwer auf und wollte eben gegen ihre Beſchützerin das Gelöbniß ausſprechen, nie wieder dieſe ſchwüle Atmoſphäre zu beſuchen, als ein Mann, den ſie für den Obergärtner hielt, raſch vor ihnen hin über eine Brücke ſchritt, ohne ſie zu ſehen. Er war ſehr luftig in hellgrauen Stoff gekleidet und trug einen großen Strohhut tief in die Stirne gedrückt. „Welch ein merkwürdig ſchönes Geſicht iſt das!“ ſagte Ida.„Ich dachte, ſolche gäb' es nur im Antiken⸗ Muſeum, nicht in der Wirklichkeit.“ „Ei, das iſt ja der Graf,“ lachte Frau Werl;„nun, eine Antike iſt er freilich, wenn er ſich auch trägt wie ein junger romantiſcher Maler.“ Verwundert hörte Ida, daß der Mann, dem ſie kaum vierzig Jahre zugetraut hatte, mindeſtens acht und fünfzig alt ſein müſſe. Es war eine jener unver⸗ wüſtlichen Männerſchönheiten, die als Greiſe noch be⸗ zaubernd ſein können. In der Jugend höchſt ſchmächtig, hatte er durch die Jahre eine kräftige Fülle geliehen erhalten, die nirgends über das reine Ebenmaß hin⸗ ausſchwankte. Das Proſil mit der Adlernaſe, den gra⸗ ziöſen feingerundeten Lippen über dem etwas vorſtre⸗ benden Kinn war wirklich majeſtätiſch. Während die entſchieden blauen oder ſchwarzen Augen meiſt im Alter eine trübere Farbe annehmen, hatten ſeine, von einem dunkeln Grau, eine geiſtige Klarheit bekommen, die ſeinem Blick etwas Hinreißendes, Unwiderſtehliches gab. „Welch ein unermeßlicher Vorzug iſt ein ſchönes Geſicht,“ ſeufzte Ida;„dieſem völlig Unbekannten traue ich ſogleich ein Verſtändniß alles Großen und Schönen zu, bloß weil er ſo ſehr geſcheidt ausſieht. Wäre ich ſchön, oder hätte ich nur⸗ irgend etwas Impoſantes in Miene und Geberde, ſo hätte mich in dem Kreiſe, den ich mit gepreßtem Herzen verlaſſen, gewiß Einer oder der Andere angeredet, während Niemand daran denkt, daß hinter einem blaſſen Geſicht und einer gebückten Stellung auch eine Seele wohnt.“ Nach einigen Tagen kam eine freundliche Einladung an die Amtmannsfamilie und deren Gaſt, einen ſtillen Abend beim Grafen Selvar und den Seinigen zuzubringen. „Gott ſei Dank, es iſt ein Regentag,“ ſagte Frau Werl,„da bleiben wir wohl allein drüben.“ 20- „ 310 Und ſo war's auch. Außer der verheiratheten Tochter des Grafen und deren Gemahl kam Niemand weiter. Der Amtmann, ein ſehr munterer alter Herr, mit dem Seloar gern verkehrte, hatte ihn mit Ida's Verhält⸗ niſſen und Ausſichten bekannt gemacht, indeß dieſe mit der jungen Gräfin über Bellini und Donizetti diſputirte. Gleich den meiſten ariſtokratiſchen Damen liebte die Grä⸗ fin dieſe beiden Componiſten über alles Maß, und fand Alles von ihnen magnifique, superbe u. ſ. w. Ida hielt ihr die große Armuth der modernen ita⸗ lieniſchen Compoſitionsweiſe entgegen. Sie erinnerte ſie an die immer wiederkehrenden ſüßlichen, charakterloſen Melodien, unfähig, das höchſte Entzücken, wie den tiefſten Seelenſchmerz auszudrücken; an die Anſätze zu Kraftſtellen, die ſtets affectirt und lächerlich erſchienen und durch die mindeſte Parodie ſogleich in ihrer ganzen Blöße aufgedeckt würden; an den monotonen Marſch⸗ rhythmus; an die Harmonie, die in zwei oder drei verwandten Tonarten im Kreiſe läuft, wie im Tretrad, und an die totale Nichtigkeit der Begleitung und der Zwiſchenſpiele. „Und dennoch entzückt dieſe Muſik alle Welt,“ ſagte die Gräfin,„man hört und ſingt ſie mit Vergnügen alle Tage, während man bei einem Oratorium von Bach oder Händel vor Langeweile einſchläft.“ „Wer ſich bei dieſen Meiſtern langweilen kann,“ er⸗ wiederte Ida,„dem traue ich überhaupt keinen Kunſt⸗ ſinn zu. Es iſt vielleicht eine Trägheit des Denkens in 311 vielen muſikaliſch begabten Menſchen, die ſie verlockt, ſich mit halbem Ohr und halber Seele dem ſinnlichen Reiz einer ſchmeichelnden Melodie hinzugeben, ohne Rechenſchaft zu verlangen, ob dieſes die wahre und edle Kunſt iſt. Könnten Sie ſich einmal überwinden, Frau Gräfin, den Gang jeder Einzelſtimme in einer Bach'ſchen Fuge aufmerkſam zu verfolgen, oder eine Sonate von Beethoven ſo zu ſtudiren, daß Sie die Unendlichkeit ihrer Tiefe empfänden, Sie würden nach ſolch einem geiſtigen Genießen gar nicht mehr zu jener faden Spielerei mit Tönen zurückkehren mögen.“ Die Gräfin lachte und meinte, wozu ſie ſich denn die Mühe eines anſtrengenden Studiums geben ſolle, wenn die leichte Muſik, die ſie von ſelbſt begriffe, eben ſo angenehm klänge.„Das mag für die gelehrten Muſtker ſein,“ fügte ſie hinzu,„die den ſogenannten Contrapunkt verſtehen. Für uns genügt eine Melodie, die oben liegt und die vom Baß und den Mittelſtim⸗ men nicht weiter behelligt wird. Die künſtliche Aus⸗ arbeitung iſt nur Schuld, daß man das Schönſte nicht mehr klar verſteht. Es iſt gewiß Zeichen eines feinern Geſchmacks, daß die Italiener ſo elegant und einfach componiren.“ Der Graf erinnerte jetzt, daß die Zuhörer ſich viel beſſer an wirklicher Muſik, als am Geſpräch darüber, ergötzen würden, und bot Ida den Arm, um ſie ans Clavier zu führen. Ida wählte Hummels Es-Dur⸗Phantaſie, ein Stück, das auf der letzten Grenze desjenigen Gebietes ſteht, welches ein an Sebaſtian Bach gewohnter Spieler nicht überſchreitet, und deſſen anmuthige Verzierungen anderer⸗ ſeits noch eben im Stande ſind, einen Bellini⸗Fanatiker zu verſöhnen. Ida's Vorzüge als Spielerin waren beſonders groß in mannigfaltigen Schattirungen des Vortrags. Ward ſie hie und da in Fertigkeit der Finger übertroffen, ſo blieb ſte doch unnachahmlich in dem Intereſſe, das ſte durch die freie Entfaltung ihrer eigenthümlichen Auf⸗ faſſung einem Tonſtück zu geben wußte, ſo daß es bald wie ein Drama, bald wie ein Bild erſchien, wobei ſie dennoch nie die Schranken überſchritt, die der Wille des Componiſten vorſchrieb. Kam ſie in Feuer, ſo beflügel⸗ ten ſich ihre Finger, die Wangen rötheten ſich und das ſchwarze Auge leuchtete auf. Selvar betrachtete ſie während des Spiels und wun⸗ derte ſich über die Veränderung ihrer Züge, die ihm vorher ſo unbedeutend erſchienen waren. Fein und klug wußte er ihr, als ſie aufſtand, die üblichen Schmeiche⸗ leien in einer ganz neuen Weiſe zu ſagen, ſo daß ſie mehr wie eine Beurtheilung, die er an die Anweſenden richtete, und nicht wie Complimente klangen. „ Werſteht denn Ihr Mund auch ſo zu ſingen, wie Ihre Finger?“ fragte er. „Der Geſang iſt mein Fach nicht, doch ſinge ich gerne Lieder, deren Text meiner Stimmung entſpricht; aber die kann ich nur gut vortragen, wenn ich allein 3 313 bin; vor Zuhörern glaube ich mein Innerſtes zu ver⸗ rathen, wenn ich ausdrucksvoll ſinge.“ „Das iſt eine zu unkünſtleriſche Geſinnung, als daß ich ſie Ihnen zutrauen könnte.“ Nach einigen Weigerungen, die ihr übrigens ganz ernſt gemeint waren, ſang Ida mit einer vollen tiefen Altſtimme einige überaus ſchöne Volkslieder fremder Nationen deren Ueberſetzungen in dieſem Kreiſe noch unbekannt waren. Selvar war völlig hingeriſſen; ſeine von den Jahren nie herabgeſtimmte enthuſiaſtiſche Natur verleitete ihn zu Ausdrücken der Bewunderung, welche eben ſo begeiſternd auf die Sängerin zurückwirkten. Die verſchloſſene Glut ihrer Seele machte ſich Luft in ſchmelzenden, jubelnden, verzweifelnden und ſchalkhaften Liedern, und Blitz auf Blitz entzündeten dieſe noch nicht ganz erloſchene jugend⸗ liche Empfindungen im Herzen ihres Zuhörers. So un⸗ erſchöpflich ihr Gedächtniß, ſo unerſättlich war er im Belauſchen ihrer ſchönen Lieder. Den Andern ward es denn doch endlich zu viel. Erſt hatten ſie mit um Mehr gebeten; dann zogen ſie ſich aus dem Kabinet, worin das Clavier ſtand, in den anſtoßenden Salon zurück, um verſtohlen neben der Muſik des Plauderns zu ge⸗ nießen. Dort wurden Lampen hereingebracht. Der Graf verbat das Licht als die reine Wirkung der Muſik ſtörend. Nur durch ein geöffnetes Gartenfenſter blickte zwiſchen duftenden Orangebäumen der aufgehende Mond herein, und vom Waſſerfalle her rauſchte und plätſcherte es zu dem ewig rührenden, zauberreichen Liede von Goethe: Fülleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz. 44 Jetzt ſtand Ida auf, weil ſie fürchtete, Frau Werl möchte es tadeln, daß ſie ſich zu ſehr von der Geſell⸗ ſchaft iſolire. Raſch ergriff der Graf noch in der Thüre ihre Hand, drückte dieſe auf ſein Herz, nannte ſie: „liebe, holde Freundin!“ und ſprach mit ſchmeichelnden Lauten ihr aus, wie ſie ſeine liebſten Träume aus der Verſchollenheit alter Zeiten neu heraufbeſchworen, und wie ihrer Stimme eine Wundergewalt über ſeine Seele verliehen ſei, die er ſich nicht erklären könne. Bei der Abendtafel war Ida zerſtreut und verlegen. Kein Gedanke erſchien ihr gut genug, um ihn ihm gegenüber auszuſprechen. Der Witz verſagte ihr, wenn ſie in ſeine mächtigen Augen blickte, die er ernſt und zuverſichtlich auf ſie gerichtet hielt. Ida's Umgang war ſeit ihrer Kindheit auf ſehr ſpießbürgerliche Perſonen beſchränkt geweſen. Eine Ausnahme machte ihr Vormund und ihr Muſtklehrer. Das Publikum der jungen Männer in ihrer Heimath beſtand meiſt aus Handlungsbefliſſenen oder angehenden Landwirthen. Dachte ſie jetzt an die Wenigen zurück, die ihr einſt vorzüglich gebildet und angenehm erſchienen waren, oder deren Artigkeit ſie in eine kleine Aufregung xerſetzt hatte, ſo ſchämte ſie ſich vor ihr ſelber. Wie 9 315 äſthetiſch waren alle Bewegungen, wie ruhig der lang⸗ ſame Sprachton des vornehmen Mannes; welch eine furchtſame Ehrerbietung flößte ſeine edle, prachtvolle Erſcheinung ihr ein! Und dieſer Mann mit der Königs⸗ miene hatte ihre Hand an ſein Herz gedrückt, ſie ſeine liebe, holde Freundin genannt. Alſo hatte er auch den⸗ ſelben Zug zu ihr in ſeinem Herzen empfunden, wie ſie zu ihm; ſo glaubte ſte mit ſchauerndem Entzücken. Nie an Verſtellung gewöhnt, bemühte ſte ſich nicht im geringſten, ihre Aufwallung zu verbergen. Daheim ſaß ſie ungeſprächig, oft völlig ſtumm, und ſchaute nach dem weißen Hauſe hinüber, ward glühend roth, wenn der Graf erſchien, und zitterte merklich, als er herauf⸗ kam, ſie zu beſuchen. Frau Werl durchſchaute bald ihr Gefühl, und ſetzte ſich eifrig vor, ſie von einer ſo unnatürlichen Narrheit zu kuriren; denn ſo ſah ſte die Leidenſchaft eines jungen Mädchens zu einem Manne an, der bei aller Liebenswürdigkeit doch immer dem Greiſenalter nahe ſtand. Sie erzählte Ida eine Menge von Liebesgeſchichten, die er der Sage nach während und nach ſeiner Heirath durchlebt haben ſollte, und warnte, daß ſie ſich nicht lächerlich machen möchte, indem ſie einen zu großen Werth auf ſeine Freundlichkeiten legte. Das immer wiederkehrende Thema ihrer Tiſchreden, in welche der Amtmann, wenn er auch weniger rigoriſtiſch mit ein⸗ ſtimmte, war:„Selvar iſt eine männliche Coquette und um ſo gefährlicher, weil er nicht ſelber kalt bleibt. 316 Aber nur ſo lange dauert ſeine Begeiſterung, bis er merkt, daß er einen tiefen Eindruck gemacht hatz dann iſt ſeine Eitelkeit befriedigt, und er iſt wieder kalt höf⸗ lich und verbindlich, wie immer. Und was begeiſtert ihn nicht Alles! Schönheit, Talent, Eleganz und geniale Nachläſſigkeit, was nur irgend auffallend iſt. Am läng⸗ ſten feſſelt ihn ein kalter, witziger, minutiöſer Verſtand. Wenn er dieſe vornehmen Eigenſchaften einmal in ſeiner Umgebung entbehren muß, ſo läßt er ſich auch wohl herab, dem Talent im Kattunkleidchen zum Spaß den Hof zu machen.“ Von all dieſem glaubte Ida natürlich nichts, und ſah nur die Abſicht ihrer Freunde hindurch. Die Schilderung war auch wirklich nicht in dem Maße wahrhaft, als ſie wohlmeinend gegeben wurde. Es war ein Kern in der Begeiſterung für das Hohe, Geiſtige, bis zum äußerlich Anmuthigen hinab, welche Selvar den Frauen gegenüber empfand. Allerdings wehte ein Anflug von Eitelkeit und vornehmer Leichtfertigkeit drüber hin, doch dieſe waren nicht der Grundinhalt, und jenes liebevolle Element eben ſo wenig eine bloße Färbung. Die jetzt ſehr häufigen Einladungen des Grafen lehnte der Amtmann unter allerlei Vorwänden ab, konnte aber nicht hindern, daß er deſto häufiger ſein Haus beſuchte und ſich unbefangen neben Ida ans Clavier ſetzte. Es ward für Frau Werl unmöglich, dasjenige conſequent durchzuführen, was ſie ſich zur Pflicht 317 gemacht hatte, nie einen Augenblick das Paar allein zu laſſen, damit, wie ſte es platt ausſprach:„der alte Roué nicht vollends dem unerfahrnen Mädchen den Kopf verrücke.“ Nur zu oft fand ſich eine unbewachte Minute, wo er ihr einen neuen Funken in die Seele werfen konnte, den ſie in der Einſamkeit tagelang nährte. Ihre erſte Sorge ward jetzt, ſich der Tyrannei ihrer Beſchützerin zu entziehen, deren ſtetes Verunglimpfen Selvars ihr unausſtehlich erſchien. Se erklärte, ſie wolle ihren Beruf als Lehrerin nun endlich friſch an⸗ treten. Raſch hatte ſie eine Wohnung in der Stadt gemiethet, und da ſie durch die bekannte Vorliebe ihres Freundes einmal der vornehmen Welt intereſſant ge⸗ worden war, ſo drängte man ſich dazu, von ihr Unter⸗ richtsſtunden zu erhalten. Nun begann eine neue Lebensordnung, in die ſich Ida ſehr ſchwer hineinfand. Jedes große muftkaliſche Talent muß im Lehrerberuf anfangs eine Periode der Verzweiflung überwinden. Alle freie Zeit, die Ida ehemals dem Studiren der trefflichſten Werke gewidmet hatte, wurde nun durch größtentheils talentloſe Schüler aufgezehrt, die gar zu gerne ſchwere Compoſitionen ſtotterten, zu denen ſie nicht befähigt waren. Ihr ſelbſt ging noch die Mäßigung und Routine ab, die ein Muſik⸗ lehrer vor allem braucht, um nicht aus übelverſtandener Pflichttreue den Schüler auf einmal mehr zu lehren, als er binnen einer Stunde begreifen kann. Nun kam — das Schwerſte hinzu: ihr Gemüth war von einem an⸗ dern Intereſſe ganz erfüllt, und wenn ſie ſich bewußt ward, daß ſie die Schülerin gedankenlos hatte weiter ſpielen laſſen, weil ſte in ihren Träumen bei dem ſchönen Freunde drüben in Waldheim war, ſo ſchreckte ſie zu⸗ ſammen und verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit. Mitten im Streben, jene Gewiſſenloſigkeit wieder gut zu machen, ward ihr von neuem die Seele entführt. Erſchöpft kam ſie nach Hauſe, und warf ſich in die Sofaecke, um end⸗ lich ungeſtört an ihn zu denken; dann ſcheuchte der Trieb Neues zu lernen ſte wieder auf, und mit unglaublicher Anſtrengung zwang ſie ſich, die wenigen Stunden, die ihr bis zur Nacht blieben, redlich auf ihre Fortbildung zu wenden. Aber alle Vorſätze zerriſſen, wenn der Wagen des Grafen draußen hielt, um ſie nach Wald⸗ heim zu führen. Dieſe Einladungen waren für ſie unwiderſtehlich, und doch kamen ſie nie zu einer reinen Seelenſtimmung, wenn ſie ihnen gefolgt war. 4 So ſehr ſie ſich ihrer alten Beſchützerin entfremdet hatte, hielt ſie ſich doch verpflichtet, ſte jedesmal zu beſu⸗ chen, ehe ſie das Haus der neuen Freunde betrat. Dann konnte Frau Werl ſich's nie verſagen, die junge Künſt⸗ lerin, die ſich ihrer Botmäßigkeit entzogen hatte, mit einer Warnung oder einem Spott zu quälen, der ihr den Abend verbitterte. Selten ward ihr der Erſatz eines einſamen, recht herzlichen Geſprächs mit Selvar; denn die junge Gräfin, ſeine Tochter, ließ es abſichtlich nicht dazu kommen. An flüchtige leidenſchaftliche Zuneigungen * 319 des Grafen zu dieſer oder jener Weltdame war ſeine Familie gewöhnt und fand ſie ganz in der Ordnung. Hier aber drohte ein ernſtlicher Ausgang, weil die Lei⸗ denſchaft mit jugendlicher Heftigkeit erwiedert ward. Dieſe Beſorgniß war indeß ungegründet; denn ſo ſehr Selvar manche kleine Neckereien ſchmeichelten, es ward ihm doch etwas ängſtlich dabei, wenn er an Ida's geringe Selbſtbeherrſchung und an ihre Weltunkenntniß dachte. Stets war er in Gefahr, daß ſie ſich durch eine unverhohlene Liebesäußerung vor Menſchen verrieth, die darüber witzelten, während er ſelbſt in den Schran⸗ ken der Klugheit blieb. Darum ward er immer ſpar⸗ ſamer mit Ausdrücken der Leidenſchaft, und ließ ſich nur in ſolchen Stunden den Zügel ſchießen, wo er ſicher war, daß ihm Zeit blieb, ſeine Enthuſtaſtin wieder zu beruhigen. Die Muſik war hierzu die beſte Vermittlerin. Ida's eigene Seele lechzte nach geiſtiger Nahrung, wenn ſie einen Tag lang die muſtikaliſchen Fadaiſen ihrer Schü⸗ lerinnen durchgeſtanden hatte. Ihre geliebten Melodien waren ihr nun zugleich Liebesſprache geworden. Selvar fühlte es, wie ſie mit der höchſten Glut ihres Vortrags ihm ihr ganzes Sein zu Füßen zu legen ſtrebte. Nichts Leichtfertiges lag in dieſem Spiel mit den Tönen. In⸗ dem ſie nur das Edelſte, was die Kunſt im leiden⸗ ſchaftlichen Styl geſchaffen, zum Ausſprechen ihrer Gefühle erwählte, erſchienen dieſe dichteriſch verklärt und geadelt. Wie ein Donnerſchlag traf es ſte, als Selvar ihr vorſchlug, Variationen von Herz über ein Thema von Roſſini einzuſtudiren. Er hatte ſie in einem Concert gehört und war davon ungemein entzückt. Die junge Gräfin, die bemerkte, wie Ida ſtutzte, fiel ein:„Man iſt doch endlich des langweiligen Beethoven müde, und Ihr Repertoire würde durch etwas Mannig⸗ faltigkeit ſehr gewinnen.“ Ida ſprach mit gewohnter Heftigkeit ihre Verachtung aller bloßen Variationen⸗Schmiede aus, und erklärte, daß Herz in der Kunſt auf der unterſten Stufe ſtehe, ja ſtreng genommen er und ſeines Gleichen gar nicht mitzählten. Der Graf wollte begütigen:„Meine Freundin,“ ſagte er ſanft,„Sie ſind allzu exrtrem. Man muß gegen alle Leiſtungen gerecht ſein. Ich höre ſehr gerne Beethoven, aber Roſſini macht mir eben ſo viel Vergnügen. Voll⸗ kommen liebenswürdig würden Sie handeln, wenn Sie mir zu liebe jetzt die moderne italieniſche Muſik eben ſo eifrig ſtudiren wollten, als ich Ihnen bisher treu in die Labyrinthe der claſſiſchen deutſchen gefolgt bin.“ Ida war einen Augenblick erſtarrt. Dann ſagte ſie: „Heißt das nicht: laß das Schlechte gelten, ſo wollen wir tolerant gegen das Gute ſein?“ Die junge Gräfin entgegnete ſpitz:„Auch das größte Talent verliert an Werth, wenn einem Künſtler bi⸗ Beſcheidenheit abgeht.“ Ein mißbilligender Blick ihres Vaters ließ ſie ſchnell abbrechen. Er hatte ſich zwar auch durch Ida's Aeuße⸗ rung verletzt gefühlt, doch ſah er eher eine ihr längſt verziehene geſellſchaftliche Unbildung darin, die er durch ſeinen Einfluß mehr und mehr abzuſchleifen hoffte. Ida hatte die Augen voll ſchwerer Thränen. Selvar bot ihr einen Spaziergang durch den Garten an. Es war ſchon herbſtlich kühl geworden; die abfallenden gel⸗ ben Blätter mahnten an den baldigen Heimzug in die Stadt. Selvar bat Ida, dort ſein Haus wie das eines Vaters anzuſehen, und dabei drückte er ihren Arm noch zärtlicher an ſeine Bruſt, als ein Vater gethan hätte. Ida hatte ſich ſchon im Stillen gelobt, ihm zu Ehren als höchſtes Liebesopfer die verhaßten Variationen ein⸗ zuüben, obſchon ſie ihre muſtkaliſche Religion dabei ver⸗ läugnen mußte. Sie ſpiegelte ihrem Gewiſſen vor: „Wer weiß, ob nicht auch dieſe Art von Muſik ihren Zauber beſitzt, der nur demjenigen ewig verſchloſſen bleibt, der ſich nicht mit Kindesglauben hinein verſenkt. Ich habe nie ein ſolches Stück geduldig bis zu Ende geſpielt, es gleich nach den erſten Seiten weggeworfen; eine affectirte Paſſage reichte hin, mir eine ganz an⸗ muthige Melodie, die vielleicht nicht ohne Seele war, zu verleiden. Eben ſo ungerecht habe ich ja einem Menſchen mit modiſcher Friſur bisher keinen großen Gedanken zutrauen können.“ Dieſem Gedankengange ſchloß Selvar unbewußt noch einige Bemerkungen an, die Ida in ihrem Toleranzent⸗ ſchluß beſtärkten. Er ſagte:„Sie haben in Ihrer ſchönen Kinkel, Erzählungen. 14 21 322 Begeiſterung mich ſo oft überzeugt, daß Ihr Gluck, Ihr Händel und Ihre anderen Abgötter die heiligſten Menſchengefühle, das größte Geſchick, das Sterbliche treffen kann, uns in Tönen wieder erſchließen. Aber wie wenige Menſchen haben Ungeheures erlebt oder ſind befähigt, es zu verſtehen. Wie fern liegt uns die Sympathie für eine Armida, eine Alceſte! Dieſe Fabel⸗ weſen haben kaum einen Anſpruch an unſer Mitgefühl, und wir müſſen uns vorher in eine erhöhte Stimmung ſchrauben, die wir unmöglich jeden Abend zur Thee⸗ ſtunde heraufbeſchwören können. Sollen wir Salon⸗ menſchen mit unſern Salonſchmerzen, die wahrlich oft nicht geringer ſind als die eines zerſchnürten Herzens, ſollen wir völlig unberechtigt ſein, eine Kunſt zu kulti⸗ viren, die eben unſere Leiden ausſpricht? So wie die feine Sitte, die Grazie der äußern Erſcheinung jeden rohen Ausbruch der Leidenſchaft verhüllt, ſo umſchleiern Roſſini's und ſeiner Nachfolger reizende Fiorituren die tieferen Ausdrücke eines Wehegefühls, das uns ohne dieſen Schmuck peinlich afficiren würde.“ Ida begann zu Hauſe die Variationen, und war nach zwei Tagen über die Wahrheit im Reinen, daß es leichter iſt, für ein geliebtes Weſen ſich in Lebens⸗ gefahr zu ſtürzen, als eine täglich ſich erneuende Wider⸗ wärtigkeit zu ertragen: ein Opfer, das von demjenigen gar nicht als ein ſolches anerkannt wird, dem man es mit blutendem Herzen darbringt. Während der größere Theil gediegener Muſikſtücke 323 einem geübten Spieler wenig techniſche Schwierigkeiten in den Weg wirft, und er ſogleich den Genuß ihres geiſtigen Inhalts gewinnt, der ſich beim jedesmaligen Durchſpielen ſteigert, tritt das Gegentheil bei der Salon⸗ Muſik ein. Eine oberflächliche Melodie, die man ſogleich auswendig behält, muß man tagelang unermüdlich wie⸗ derholen, weil die abſurden Sprünge und Zierrathen, die ihr zugeſellt ſind, in der ungeheuerſten Raſchheit blindlings getroffen werden müſſen. Auch ein Virtuoſe erſten Ranges wendet mindeſtens einen Monat Zeit an das ſchwierigſte moderne Concertſtück.. Ida verzweifelte an der dritten Variation. Sie ſaß mit heißen Unmuthsthränen am Clavier, weil ſie ſich gelobt hatte, ſie durchzuführen. Ihre wenigen Muße⸗ ſtunden vergingen, ohne daß die Sprünge merklich raſcher und reiner gelingen wollten. Dieſes Geklimper lag ihr zu fern; ſie hätte eher das ganze„wohltemperirte Clavier“ vom Blatt geſpielt. Nun ſah ſie von weitem drohen, daß es bei dieſer einen Anforderung nicht bleiben werde, daß, je glänzender ſie dieß erſte Stück vortrüge, allen Rondo brillants, Fantaisies sur des thèmes favoris, ja dem ganzen parfümirten Verlage von Schott's Söhnen in Mainz die Schleußen ſo viel weiter eröffnet würden. Ihr treuer Erard'ſcher Flügel erſchien ihr profanirt, und nachdem ſie den„Henri Herz“ erſt in eine Ecke geſchleudert, und dann erſchrocken als ein Geſchenk des Geliebten wieder aufgehoben, ge⸗ küßt und ſanft auf den Tiſch gelegt, nahm ſie die — „chromatiſche Phantafie“ hervor und entſühnte damit die Saiten. Plötzlich fuhr's ihr durch den Sinn:„Dieß Opfer iſt nicht durchzuführen und kann gar nicht von mir verlangt werden. Wäre ich über die volle Tageszeit Herr, wie ſonſt, ſo wendete ich ein paar Stunden an dieſe Monſtremuſtk, und erholte mich nachher am Vor⸗ trefflichſten. Aber jetzt, da ich ſechs Stunden unter⸗ richte und faſt jeden Abend in Waldheim zubringe, muß ich geiſtig verſchmachten, wenn mir die wenigen Mußeſtunden geraubt werden. Er wird das begreifen, wenn ich ihm ſchildere, wie dieſer Henri Herz mich ums Leben bringt. Aber das Andere kann ich: italieniſche Opern ſingen lernen. Die koſten weniger Zeit und machen ihm eben ſo viel Freude.“ Sie ließ ſogleich Bellini'ſche Arien holen und ver⸗ ſuchte ſie in der modernen Prima⸗Donnen⸗Manier zu ſingen. Faſt mußte ſie über ſich ſelbſt lachen; denn ſie kam ſich vor, als probire ſie eine Maskeraden⸗Toilette. „Wie kann Selvar glauben,“ rief ſie,„daß ſolche Karrikaturen wirkliche Liebe und wirklichen Schmerz ausſprächen! Nur Lüge und Afefectation iſt in dieſer Muſik, und was ſollen wir von den vornehmen Em⸗ pfindungen der Salonmenſchen Beſſeres halten, wenn ſie ſagen: das iſt unſere Sprache. Und Aleeſte, Iphigenie ſollen nicht mehr von der Gegenwart ver⸗ ſtanden werden können? Was iſt denn ewig und allen Generationen aufgeſchloſſen, wenn nicht die geheiligten 4 — 325 Triebe der Eltern⸗, Gatten und Geſchwiſterliebe, für die Gluck die wahrhafteſte und einfachſte Sprache ge⸗ funden hat? Der Stolz und die Hingebung Armidens, leben ſie nicht neu in jedem Herzen auf, das von der Leidenſchaft für die Schönheit nach verzweifelten Kämpfen überwältigt wird!“ „Ach, wer vertilgt ihn wohl von des Daſeins Spur, ſtimmte ſie an, und vertiefte ſich ſo ſehr in die Rolle Armidens, daß ſie das Klopfen an der Thür überhörte und plötzlich Selvar neben ihr ſtand. Es war das erſtemal, daß er ſie in ihrer Woh⸗ nung beſuchte. Bisher hatte er vermieden in die Stadt zu kommen; nun wollte zer beim Vertauſchen ſeines Landgutes mit dem Winteraufenthalt ihr einige Zim⸗ mer ſeines Hauſes anbieten, wo ſie unter dem Schutze ſeiner Familie, wie er ihr vorſtellte, ſchicklicher in der großen Stadt exiſtiren könne, als ſo allein bei fremden Menſchen. So reizend es Ida erſchien, mit ihm unter einem Dache zu leben, ſo ſüß ſie ſich dort in ein innigeres Verhältniß zu ihm geträumt hätte— in welches, war ihr ſelbſt nicht klar— ſo hatte ſie doch eine unnenn⸗ bare Scheu, von ihm etwas anzunehmen, das nur den Schein eines Geſchenkes gehabt hätte. Liebe und geiſtige Gaben konnte ſie erwiedern, aber womit ſollte ſie die verſchwenderiſche Gaſtfreundſchaft des Reichen lohnen, als indem ſie ihr Talent dem Salon dienſtbar machte? Ihn wollte ſie zu jeder Stunde damit erfriſchen, wenn 326 ihm die durchgenoſſene Welt ſchaal erſchien, aber eben aus dieſer faden Welt heraus ſtrebte ſie in kindlicher Unſchuld ihn zu reißen, in den geweihten Tempel eines überirdiſchen Daſeins, wie ihr die Muſtk erſchien. Nachdem ſie entſchieden Selvars Anerbieten abge⸗ lehnt hatte, legte ſie ihm Alles, was ſie heute über gute und ſchlechte Muſik gedacht(hatte, in wohlgeord⸗ neten Beweiſen vor. Sie führte abwechſelnd Bei⸗ ſpiele von Gluck und Bellini ſogleich praktiſch auf dem Klavier aus, und meinte, heute oder nie werde ſie ihn überzeugen. Statt deſſen entfremdete ſie ſich ſeiner Neigung, da er dieſe Hartnäckigkeit in einer Sache, die ihm nicht bis zu ſolchem Grade wichtig erſchien, höchſt unliebens⸗ würdig fand. Sein Verſtand war ihren Beweisgründen keineswegs verſchloſſen, aber er hielt ihren Standpunkt für ganz einſeitig, da ſie excluſio nur wenige Com⸗ poniſten gelten ließ, welche die wahren Kunſtforderungen erfüllt hätten. Mehr noch als ihr unerſchöpflicher Liederquell hatte ihn die unverhohlene Liebesglut ent⸗ zückt, die ihm aus ihren tiefen ſchwarzen Augen, aus dem Erröthen ihrer jugendlichen Wangen entgegenblitzte. Seit langen Jahren hatte er keine ſo unverſtellte Leiden⸗ ſchaft mehr geweckt, ünd in einer ſo klaren ächten Mädchenſeele. Jetzt, da es ihr unmöglich war, ihm ein Opfer zu bringen, das er nur als eine Gefälligkeit in Anſchlag brachte, begann er an ihrem Gemüth und zugleich an ihrer Bildungsfähigkeit zu zweifeln. Innerlich 327 verſtimmt, aber mit einer ſehr höflichen Ausrede, brach er ab, küßte ihre Hand und ging, als im ſelben Mo⸗ ment Frau Werl zur Thüre hereintrat. Dieſe hatte Selvars Anſtalten zum Umzug aus Wald⸗ heim beobachtet und ſich verpflichtet, noch einmal den ehemaligen Schützling vor der ihm jetzt drohenden zwie⸗ fachen Gefahr zu warnen. „So, ſo,“ fing ſie an,„der Herr Graf iſt wohl hier ſchon wie zu Hauſe.“ „Er war zum erſtenmale bei mir,“ entgegnete Ida. „Nun, da Sie alle Tage zu ihm gehen, braucht er ſich ja nicht zu Ihnen zu bemühen.“ „Sie haben mich ja ſelbſt bei ſeiner Schweſter ein⸗ geführt und wiſſen, daß ich dem Einfluß dieſer Familie meine ganze Stellung hier verdanke; wie kann ich an⸗ ders, als mich denen dankbar anſchließen, die wie für ein Kind für mich geſorgt haben.“ „Und die jetzt eben ſo ſicher ſorgen, daß Sie dieſe Stellung wieder verlieren werden. Glauben Sie denn, daß die geſtrengen Mütter Ihnen länger das Lehreramt bei ihren Töchtern anvertrauen, ſobald erſt Ihr Ver⸗ hältniß zum Herrn Grafen Selvar das Mährchen der ganzen feinen Geſellſchaft wird?“ 4 „Und wie kann man denn ein Verhältniß zu meinem väterlichen Freunde mißdeuten?“ „Ein ſchöner väterlicher Freund, der Ihnen den Hof macht, wie er vor Ihnen einer ganzen Reihe von Schau⸗ ſpielerinnen und Coquetten den Hof gemacht hat.“ 328 „Sie ſehen's nun einmal von dieſer Seite an. Ich aber glaube, daß ſein feiner Verſtand ihn gewiß nicht mehr als die übliche Galanterie an unwürdige Gegen⸗ ſtände verſchwenden ließ. Was mich betrifft, ſo bin ich ſeiner wahren Theilnahme längſt gewiß.“ „Das iſt ja eben der Beweis, wie Sie von Ihrer thörichten Leidenſchaft verblendet ſind, daß Sie vor⸗ geben, ihn in ein paar Monaten beſſer kennen gelernt zu haben, als wir, die wir ihn ein halbes Leben hindurch ſchon beobachten. Ich bin überzeugt, daß ſeine Eitelkeit ein unverantwortliches Spiel mit Ihnen treibt.“ „Eben hat er mir den Beweis des Gegentheils ge⸗ geben,“ ſagte Ida kalt. Frau Werl rief eifrig:„Wie, er hat 6 wirklich einen Heirathsantrag geſtellt??“ Ida ſchrack zuſammen und ward bleich und roth. „Gott bewahre, welch eine wahnſinnige Vorausſetzung!“ rief ſie, und hielt beide Hände vor die Augen.„Wie können Sie ein ſolches Wort ausſprechen? Der Gedanke hat auch nie von fern meine Seele berührt.“ „Ach was! Ueberſpanntes Zeug, wie immer! Der einzig vernünftige Abſchluß einer Liebſchaft iſt die Hei⸗ rath. Sieht man die nicht als Ziel winken, ſo bricht ein vernünftiges Mädchen den Umgang ab, ehe er ihrem Rufe geſchadet hat. Doch laſſen Sie hören, was denn Ihr vortrefflicher, weiſer und. väterlicher Freund heute für Sie ausgeſonnen hat.“ 329 Ida berichtete unbefangen den Vorſchlag Selvars, und Frau Werl brach in ein lautes Gelächter aus. „Alſo das iſt der große Beweis von Verehrung, den Sie von ihm erhalten haben. Nun, mit den Fol⸗ gerungen, die das Publikum aus dieſer Hausgenoſſen⸗ ſchaft machen würde, will ich Sie verſchonen. Aber ſehen Sie denn nicht den bloßen Egoismus aus der Zumuthung heraus, daß Sie das Amt der Hauskünſt⸗ lerin verſehen ſollen, die Klavier ſpielt, wenn lang⸗ weilige Geſellſchaft da iſt, damit man die Pauſen nicht hört, die im Geſpräch eintreten; oder die die Familie amuſirt, wenn man nicht bei Laune war auszugehen; die bei Geburtsfeſten paſſende Melodien unter Dilettan⸗ tengedichte bringt, und im Theater die Lieblingsarien aus den neuen Opern auswendig behält und ſogleich zwiſchen dem Souper reproducirt.“ „Alles dieß wäre für einen Mann von Selvars Bildung ein überflüſſiger Zeitvertreib. Ihm ſteht ja ohnehin zu Gebot, was dieſe Stadt an Kunſtgenüſſen bietet. Was ſollte ihn vermögen, gerade mich auszu⸗ zeichnen, wenn es nicht der Zug ſeines gütigen, wohl⸗ wollenden Herzens wäre!“ „Das iſt juſt das Gefährliche, daß wirklich ein Funke in dieß alte entzündbare Herz gefallen iſt. Sie verſtehen nur zu ſchlecht Ihren Vortheil, und dämpfen den durch Ihr Entgegenkommen, anſtatt ihn anzufachen. Das hätte mir in meiner Jugend vorkommen ſollen, ich hätte die Sache ganz anders angefangen. Dieſer 330 Selvar hat's mit den meiſten Männern gemein: wenden wir uns von Einem ab, ſo verfolgt er uns; merkt Einer, daß unſer Herz ihm nachgezogen wird, ſo er⸗ kältet ſich das ſeine. Sobald Sie merkten, daß Sie auf dem Wege waren, ihm unentbehrlich zu werden, da hätten Sie ſich ſelten machen müſſen, und gerade dann nicht kommen dürfen, wenn er am dringendſten Sie einlud. Dann wäre ihm endlich der Gedanke auf⸗ geſtiegen: was hindert mich, mir meinen Lebensabend ſo hell wie möglich zu ſchaffen! Und er hätte alle Rück⸗ ſichten über den Haufen geworfen, um Sie für immer zu feſſeln. Aber nun, was braucht er ſich der Miß⸗ billigung ſeiner Familie, dem Spott ſeiner Standes⸗ genoſſen auszuſetzen, um ein Herz zu gewinnen, das ſich ihm ohne alle Bedingungen zu Füßen wirft?“ Ida rief empört:„Welche unwürdige Rolle muthen Sie mir zu! Alſo den Egoismus in der Liebe, den Sie am Manne tadeln, empfehlen Sie mir als Tugend? Nein, lieber verſchmäht werden, lieber lächerlich vor der Welt, als kalt berechnen.“ „Halten Sie die, wie Sie wollen, nur mit dem Einen Punkte, mit dem Rufe, ſpaßen Sie nicht; dieß iſt mein letzter guter Rath.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich und ließ Ida in einer rechten Seelenfolter zurück. Sie war an dieſem Abend zu keinem hellen Gedanken fähig. Der rauhe Eingriff in ihr Liebesheiligthum hatte ihr die Reinheit der Seele getrübt. Sie war ſo beſchämt, als hätte ſie 331 ſelbſt und nicht Frau Werl vom Heirathen geſprochen. Ihr Clavier mochte ſie nicht anrühren. Die Variationen, die ſie ſich gelobt hatte durch kein neues Studium zu unterbrechen, widerten ſie an; ihre Lieblingsſtücke konnten ſie nicht tröſten; denn die waren es ja, die ſie mit ihm entzweit hatten, und ach, die letzte Zuflucht des wun⸗ den Herzens, ſein Bild heraufzubeſchwören, von Ihm zu träumen, war ihr genommen. Wohl hatte ſie die Kühle und Förmlichkeit des heutigen Abſchieds empfun⸗ den. Es ſtand etwas zwiſchen ihnen, und ſo gern ſie ihn wiedergeſehen hätte, um den böſen Zauber zu zer⸗ reißen, nach dem verwirrenden Gerede der Frau Werl wäre es ihr unmöglich geweſen, ſein Haus unbefangen zu betreten. Dießmal vergingen einige Tage, bis ein Billet des Grafen ihr ankündigte, daß er, durch ein leichtes Un⸗ wohlſein ans Zimmer gefeſſelt, ſich ſehr nach ihrer Gegenwart ſehne. Im ſelben Augenblick war ſie auf dem Wege zu ihm. Da ſie einige Perſonen um ſeinen Theetiſch ver⸗ ſammelt fand, beſchloß ſie dießmal recht an ſich zu halten und die Stimmung der Anderen gegen ſie genau zu beobachten. Da ließ ſich denn nicht abläugnen, daß Einige mit ſpöttiſchem Lächeln einander anſahen, wenn ihr Blick ſchüchtern den Geliebten geſucht und wieder geflohen hatte; daß Andere ſie zwar fein, aber dennoch verletzend aufzogen; daß die junge Gräfin ſich mühſam bezwang, 332 um ihre Antipathie gegen eine Perſönlichkeit im Zaume zu halten, die ihren Platz im Vaterherzen zu verengen ſchien; und daß— dieß war das Bitterſte— er mehr auf ſeiner Hut war, nicht lächerlich zu erſcheinen, als ſie zu kränken. Und ſie war tief gekränkt, daß er nicht mehr ſo hingeriſſen, ſo rückſichtslos ſich zeigte, wie an den erſten unvergeßlichen Abenden in Waldheim. Mit jeder Zuſammenkunft ward der Riß tiefer; denn Ida verlor ihre Lebhaftigkeit und erſchien in der Ge⸗ ſellſchaft ſtumpf und unmuthig. Ihre Gegenwart wurde mehr ein Druck als eine Aufheiterung für den Grafen. Daheim weinte ſie unaufhaltſame Thränenſtröme ihrem ſchönen Traume nach, der ſich nicht mehr neu geſtalten wollte. Dann verzweifelte ſie an Selvars Liebe; dann hoffte ſie die alten Zauberformeln wiederzufinden, die ſie friſch entfachen ſollten. Hatte ſie geſchworen, ihn nicht wieder zu ſehen, ſo ward ſie des Lebens über⸗ drüſſig, und ſie folgte bald wieder dem Zuge zu ſeiner gefährlichen Nähe. Nun wollte ſie fröhlich, gefällig, unbefangen erſcheinen, und lauſchte doch nur mit bangem Herzklopfen auf ein Zeichen der Sehnſucht, der bangen Leidenſchaftsglut aus ſeinem Munde. Aber wehe, dieß Auge blieb immer klar und freundlich, dieſe Stimme blieb mild und herzlich wie die eines Vaters, aber ſie erbebte nicht. Wurde Ida einmal von einer Erinne⸗ rung überwältigt, lockte ein Lied, deſſen Worte Selvar einſt als Dolmetſcher ſeiner heimlichen Neigung vor⸗ ſichtig und nur ihr deutlich wiederholt hatte, ihr Thränen 333 ins Auge, ſo ward er kühlhöflich und lenkte das Ge⸗ ſpräch auf allgemeine Dinge. Sie verzehrte ſich in Qual. Er war unwiderſtehlich liebenswürdig geblieben, und ſie konnte ſeine Gegen⸗ wart nicht mehr entbehren. Daß ſie ihm nicht mehr gefiel, fand ſie natürlich und rechnete es ihm nicht zum Vorwurf. Sie fühlte, daß ſie nicht mehr dieſelbe war, daß ein verſtummtes, meiſt verweintes Mädchen, un⸗ fähig, ihre Stimmung zu beherrſchen, dieſen Mann nothwendig langweilen mußte. Ihre Berufsthätigkeit ward ihr eben ſo aufreibend, als der Liebeskummer. Früher ertrug ſie eine Reihe ohrenzerreißender Clavier⸗ ſtunden nur in der Hoffnung des holden Abends, der die tagelange Geduld krönen ſollte. Jetzt ſpannte jeder Mißgriff der Schülerin empfindlich ihre überreizten Nerven. In einer Stunde, als ein Mädchen, das alles muſtkaliſchen Gehörs entbehrte, immer mit der rechten Hand eine Dur⸗Terz zu einem Moll⸗Accord in der linken griff, ſtieg ihr ganz ernſtlich der Gedanke an Selbſt⸗ mord auf.„Soll man leben müſſen, wenn das unſer Schickſal bis ins Alter ſein ſoll: Anhören falſcher Töne und weiter nichts!“ ſo murmelte ſie auf dem Heimweg. Und Selvar? Er läugnete ſich nicht, daß er einen Fehler gemacht, indem er einem kleinſtädtiſch erzogenen Mädchen dieſelbe Leichtigkeit, mit ſeiner Liebe fertig zu werden, zugetraut hatte, als etwa der franzöſiſchen Ge⸗ ſandtin. Doch wie tief der Pfeil gedrungen, dafür hatte er trotz der Fülle ſeiner Liebeserfahrungen keinen Maß⸗ ſtab. Er meinte, ſobald er ſelbſt die Schranken wieder⸗ gefunden, auch ſie wieder durch ein beſchwichtigendes, ſtets ruhiges Entgegentreten in das Geleiſe kindlicher Empfindung zu bannen. Daß der alte Meiſter hier gleich dem Zauberlehrling ſtand, erzürnte ihn faſt gegen Ida, deren langſamen, melancholiſchen Blick er nun am liebſten vermied. So verging der Winter, und ſchon im März ſiedelte die gräfliche Familie nach Waldheim über. Selvar verreiste auf einige Wochen mit ſeiner Tochter und deren Gemahl. Seine Schweſter blieb allein auf dem Lande, und überwachte die Verſchönerungen, die er in Haus und Garten angeordnet hatte. Ida fühlte ihr Herz, wenn es auch ſtill blutete, jetzt leichter, als ſie faſt dieſe ganze Zeit hindurch bei der liebenswürdigen alten Dame zubrachte, die ihr dringend gerathen hatte, ſich einmal kurze Ferien zu gönnen. Dieſe milde Seele berührte ſo lind, ſo heilend die wunde Stelle in Ida's Herzen. Sie verſtand zu ſchonen, zu reden und zu ſchweigen, wenn es Noth that. Sie hatte das ſeltene Talent zu tröſten, ohne falſche Hoffnungen zu wecken, und eben ſo wenig der Liebekranken letzte arme Zuflucht, das Verſinken in träumeriſches Sinnen, zu ſtören. Ida durchwandelte mit ihr den öden, weiten Garten, in dem auf vielen Stellen der Schnee noch nicht ge⸗ ſchmolzen war. Der erſte Hauch von warmer Luft aus dem Süden ſpielte ihr heute entgegen. Ein Strauch Veilchen war friſch aufgeblüht, und elektriſch durch⸗ 335 bebte es ihr die Bruſt:„Nun muß ſich Alles, Alles wenden!“ Da— war das nicht ein Reiſewagen, der in den Hof rollte?— Ja— er kehrte wieder! Ihr Herz loderte in Flammen auf— ihm entgegen flog ſie— dann bezwang ſie ſich und hielt den Arm ſeiner Schweſter feſt, um ihre Aufregung unter deren ſtillerer Begrüßung zu verbergen. Da kam noch ein zweiter Wagen; aus dem erſten ſtieg die junge Gräfin, welche mit einem eigenen tückiſchen Lächeln Ida grüßte und dann ein paar heimliche Worte an ihren Gemahl richtete, der ſie auch ironiſch anſah. Selvar ſprang eben geſchäftig und leichtfüßig wie ein Jüngling aus dem andern Wagen und hob eine ſehr hübſche Dame von etwa acht und zwanzig Jahren heraus, die er ſeiner Schweſter als ihren Gaſt vorſtellte. Dann bewillkommte er Ida und ſagte freundlich:„Sie dürfen mir dankbar ſein; denn ich bringe Sie in die Nähe der größten Sängerin unſerer Zeit, die Sie oft zu hören gewünſcht. Wir wohnten im ſelben Hotel, da habe ich ſie vermocht, hier Gaſt⸗ rollen zu geben, und vorher von den Anſtrengungen des Winters in unſerm Familienkreiſe zu raſten.— „Hier, Madame Fioretta,“ fuhr er zu der Fremden ge⸗ wendet fort,„ſtelle ich Ihnen einen weiblichen Kapell⸗ meiſter vor.“ b Die Sängerin beantwortete Ida's Gruß nur ſehr flüchtig, und richtete das Geſpräch ſogleich wieder an die Herren. Sie theilte die Unart der meiſten Bühnen⸗ * 336 künſtlerinnen, ſich den Frauengeſprächen unzugänglich zu machen. Sie hatte nur für den männlichen Theil der Geſellſchaft Auge und Ohr, und nicht etwa darum, weil ſie auf dieſer Seite die tiefere Bildung voraus⸗ ſetzte; nein, auch mit dem ungebildetſten Manne ſprach ſie lieber, als mit der geiſtreichſten Frau. Madame Fioretta mußte ſich nach einigen Scenen, die ihr Ida vom Blatt begleitete und auf ihren Wunſch ſogleich in eine andere Tonart transponirte, überzeugt haben, daß dieſe mindeſtens eine ihr ebenbürtige Künſtler⸗ natur war. Dennoch richtete ſie kein Wort, kein Urtheil je an ſie, noch weniger beachtete ſie es im Strom ihrer Rede, wenn Ida eine Aeußerung verſuchte und erſchrocken wieder abbrach. Außer Ida waren Alle von dem Wortgefecht ent⸗ zückt, das Madame Fioretta bei Tiſche mit dem Grafen hielt und das wie ein buntes Feuerwerk ſchimmerte. Sie war witzig und bei ziemlicher Kälte des Herzens mit großer Geiſtesgegenwart begabt. Der Graf konnte ſein Behagen an der kecken, philinenhaften Art der Italienerin gar nicht verbergen, und Ida ſah, wie ſich vor ihren Augen die Nacht immer düſterer zuſammen⸗ zog, bis endlich die Stunde des Aufbruchs ſie befreite. Am andern Morgen war ſie nicht mehr zu halten; endlich ließ man ſie zur Stadt fahren, da alles Zu⸗ reden umſonſt geweſen. Die Sängerin, die ſich nicht ern ſelbſt begleitete, weil ſie gewohnt war beim Singen 8 geſtikuliren, ſtimmte aufrichtig in die Bitten der 337 Familie mit ein, daß Ida recht bald, recht oft wieder⸗ kommen möge. Sie verſprach es, und wollte ſich zur Erfüllung der Zuſage zwingen, weil ſie ſich den wahren Grund ihres Widerwillens nicht geſtehen mochte. Innerlich unklar und faſt gedankenlos wanderte ſie am folgenden Nachmittage vors Thor, zwiſchen Gärten, und Landhäuſern hin, die ſich von der Vorſtadt bis nahe gegen Waldheim zogen. Es dämmerte ſchon ein wenig, als ſie die Plattform des hohen weißen Hauſes blinken ſah. Zweifelhaft, ob ſie umkehren ſolle, blieb ſie ſtehen, wagte dann einige Schritte weiter, und ſtand endlich am Ufer des Flüßchens, das ſie juſt von der Stelle des Gartens ſchied, wo ſie die Fenſter des Muſtkſaales ſehen konnte. Dieſe erhellten ſich von vielen Lichtern, ſte unterſchied bei der Stille des Abends die bekannten Stimmen, und bald begann nach einem un⸗ geſchickten Vorſpiel, das die Hand der jungen Gräfin verrieth, eine der Roſſiniſchen Lieblingsarien des Grafen, um die er Ida einigemale vergebens gebeten hatte. Madame Fioretta ſang ſie ſo, daß ſie Einen mit der ganzen italieniſchen Muſik hätte verſöhnen können. Die lang gehaltenen Töne des Adagio in der tieferen Stimm⸗ region bebten und ſchwellten ſich von der lieblichſten Zartheit bis zur unerhörteſten Kraft. Wie ein Spiel kryſtallener Glöckchen ſchlug dann das Rondo hinein, und der Abſchluß, der im höchſten Sopran lag, ließ die Prachtſtimme der Sängerin ihren ganzen Reichthu entfalten. Kein höherer Geiſt war in dieſer Leiſtung, Kinkel, Erzählungen. 13 22 8G 338 aber ein ſinnlicher Zauber, der auch den ärg⸗ ſten Rigoriſten auf Augenblicke blenden und berücken mußte. Ida wußte Alles, was in Selvar jetzt vorging, als wäre ſie zugegen; was er ſagen würde, mit welchem Blick er jetzt nach den Lippen der ſchönen Sängerin hinlauſchte. Sie bog ſich über das Geländer und ließ die Thränen in den Fluß hinabtropfen. Am liebſten hätte ſie ſelbſt ſich hinuntergeſtürzt. Das Waſſer rauſchte munter vorwärts, drüben hörte ſie ein neues Vorſpiel, ſie wollte nicht länger horchen; raſch wandte ſie ſich und ging durch die Dunkelheit der Stadt zu. Nach einer unſäglich bittern Nacht brachte ihr der erſte Sonnenblick den Entſchluß, der ſie aus ihrer Seelen⸗Erſchöpfung endlich errettete. Sie ordnete Alles zur Abreiſe, wohin, wußte ſie noch nicht. Erſt als ſie durch eine ſchriftliche Anzeige an ihre Schülerinnen den Schritt unwiderruflich gemacht hatte, ſchlug ſie in der muſikaliſchen Zeitung die Berichte aus verſchie⸗ denen Städten auf, und erwählte diejenige zu ihrem Wohnort, wo die elaſſiſche Muſik vorherrſchend gepflegt wird. Der ſchwere Gang nach Waldheim ließ ſich nicht vermeiden. Zuerſt nahm ſie Abſchied von Frau Werl, welche gutherzig genug war, ſie dießmal ohne Spott zu entlaſſen. Nur die Sorge ſprach ſie ihr aus, daß ſie ohne alle Empfehlungen in einer fremden Stadt ſchwerlich ſo ſchnell Glück machen werde, als hier. Das galt Ida gleich; ſie dachte:„Was iſt es dem, die Noth 339 des Lebens zu ertragen, dem das Leben ſelbſt nur eine läſtige Gewohnheit iſt.“ Die Sehnſucht, Selvar noch einmal zu ſehen, ließ ſie vergeſſen, daß es das letztemal ſei. Sie traf ihn und ſeine Schweſter allein, doch erwarteten ſie Geſell⸗ ſchaft. Ida wollte keinem fremden Geſicht mehr be⸗ gegnen, nachdem ſie, wie ſie meinte, das ſchönſte auf Erden mit feſtem Blick lange angeſchaut und ihrer Erinnerung auf ewig eingeprägt hatte. Sie ſprach kurz aus, warum ſie gekommen ſei, und erregte ihren Freunden das höchſte Erſtaunen. Man nannte ihren Entſchluß übereilt und ganz excentriſch, man wollte nicht an ihren Ernſt glauben und forderte vernünftige Gründe. Den wahren Grund konnte ſie nicht aus⸗ ſprechen, und lügen mochte ſie nicht; ſo ſprach ſte ſtatt aller Antwort nur den Dank für das wirklich Gute aus, das ihr dieß Haus geboten, und riß ſich in faſt ungeſtümmer Eile los. Als am andern Morgen früh Selvar in ihrer Wohnung nach ihr fragte, hieß es, ſie ſei ſchon am vorigen Abend mit einbrechender Nacht fortgefahren. „Sie war ein ſonderbares Mädchen,“ dachte er;„etwas mehr kalte Beſonnenheit wäre ihr zu wünſchen geweſen, doch hat ſie eigentlich dießmal nichts ganz Verkehrtes ergriffen, wenn ſie ſich doch nicht in ihre geſellſchaft⸗ liche Stellung fügen konnte. Im Spätſommer trafen ſich zufällig Selvars Schweſter und Frau Werl auf einſamem Spaziergange. Faſt * 340 zugleich fragte Jede die Andere:„Haben Sie noch keine Nachricht von unſerer Freundin Ida?“ Die Gräfin hatte oft eine leiſe Beſorgniß wegen Ida's Gemüthsverfaſſung genährt; dahingegen fürchtete Frau Werl mehr für ihre äußere Lage, und ſprach darüber weitläufig mit der vornehmen Dame, welcher das Wort Noth noch nicht eingefallen war. Er⸗ ſchreckt von ſolcher Möglichkeit, mahnte die Gräfin da⸗ heim ihren Bruder, ſich doch einmal zu erkundigen, was aus Ida geworden. Dieſer erinnerte ſich, daß ein junger Muſiker, der ehedem Lehrer ſeiner Tochter geweſen war, in Ida's jetzigem Wohnort eine Stelle beim Orcheſter habe, und bat dieſen ſchriftlich die junge Künſtlerin zu beſuchen und ihm Nachricht von ihrem dortigen Ergehen zu geben. 4 Der junge Concertmeiſter Sohling ſaß im Kreiſe einiger Collegen, die ſich in einem öffentlichen Garten vertraulich von ihren Verhältniſſen unterhielten. Einer, der zugleich Clavierlehrer war, erzählte Anekdoten von ſeinen Schülerinnen: „Da hatte mich neulich die Baronin zu einer ihrer muſikaliſchen Soiréen gezogen, wo ich ein paar Etüden von Chopin vorſpielte.„Bringen Sie mir dieſe Etüden doch morgen,“ ſagte ſie,„ich will ſie auch durchſpielen!“ Ich, gerade heraus, erwiedere:„Die ſind zu ſchwer, Frau Baronin, die können Sie unmöglich ſpielen!“ 341 Sie wollte aber durchaus an die Nr. 11 in Es⸗Dur mit den unmenſchlich weiten Griffen. Als ſie nun mit hartnäckiger Todesverachtung einen Accord ſo falſch wie den andern hinwürgte, hörte ich mit ſtummer Ver⸗ zweiflung zu; da mahnte ſie mich, ſie doch sans geéne zu corrigiren. Ich begann alſo beim nächſten Takt jede Note zu kritiſiren; denn es kam gar keine reine vor. Da ſagte ſie gleichmüthig:„Weiter, weiter!“ Und ſo wechſelte ſie ab mit:„Ei, ſo helfen Sie doch, und ſagen, wo ich falſch greife!“ und:„Weiter, weiter!“ Als das Stück aus war, ſagte ihr Mann, der kopf⸗ ſchüttelnd zugehört hatte:»Mais c'est un diable de compositeur, ce Chopin là!« „Wenn ich nur begreifen könnte,“ fragte Sohling, „auf welche Art ſich dieſe Dame bei den unmuſikali⸗ ſchen Leuten in den Ruf einer Muſikkennerin gebracht hat?“ „Nun,“ erwiederte der Vorige,„den Ruf halten nur die Leute oben, die ſie nie ſpielen gehört haben. Sie hat eine fabelhafte Kühnheit im Beurtheilen.“ „Leider imponirt ſie damit Keinem vom Fach,“ ſagte Sohling;„denn ſie bringt ſeit Menſchengedenken nur zwei Phraſen vor. Wird eine Sängerin gelobt, ſo ſagt die Baronin:„Es iſt nur Schade, daß ſie keine Idee von Portament hat.“ Und iſt von einem guten Clavierſpieler die Rede, ſo wirft ſie ein:„Wie kann man dieß Spiel ſchön finden; denn er hat ja einen ſchlechten Anſchlag.“ Im umgekehrten Falle, wenn eine „ Anfängerin auftritt, ſo ſagt die Baronin:„Sie kann zwar noch nicht viel: aber ſie hat ein natürliches Por⸗ tament, was man bei mancher großen Sängerin ver⸗ mißt.“ Oder:„Man mag dieſen Spieler tadeln, wie man will, ich finde aber, daß er einen guten Anſchlag hat, und das iſt die Hauptſache.“ „Auch mir iſt heute eine gute Probe von weiblichem Kunſturtheil vorgekommen,“ berichtete ein Dritter.„Ich gebe einer kleinen Engländerin Stunde, die vorher nichts als Walzer gelernt hatte. Ich brachte, wie ſich ver⸗ ſteht, die Clavierſchule an die Stelle, und da klagte die Kleine ihrer Mutter bitterlich, daß der neue Lehrer ſie lauter ugly pieces ſpielen ließe. Spielte ich dann ein ſolches richtig, ſo tröſtete die Mutter:»Look, my dear child, the most ugly piece is turned in a fine piece, when it is well practised.« Als ich heute zur Stunde kam, fand ich die ganze Familie um die neueſte Etüde verſammelt, und die Mama rief vom Clavier her mir entgegen, dieß ſei aber wirklich ein ſo gräuliches ugly piece, daß man es der poor creature nicht zumuthen dürfe. Sie hatten es alle probirt, und die älteſten Miſſes, die im Hauſe für Virtuoſinnen galten, hatten es auch most ugly gefunden. Ich ſetzte mich hin und begann die Etüde, die ganz natürliche wohlklingende Accorde hatte, da unterbrach mich der gellende Ausruf der Mutter und aller drei Töchter: »The treblekey, the treblekey, oh dear, the treble- keyl« Der alte Herr kam herbei, betrachtete das 343 Notenheft und ſchüttelte ſich vor Lachen, indem er immer im tiefſten Baß wiederholte:»O ho, the treble- key, ho, ho, ho, the treblekey!« Zu dieſen lang⸗ ſam hervorgeſtoßenen Lauten klang das Gekicher der Weiber wie ein figurirter Contrapunkt in der erſten Violine zum Cantus firmus der Baßtuba; ſie wurden nicht müde, einander zuzurufen:»The treblekey, yes indeed, the treblekey!« Ich ſtand, als wenn ich in ein Narrenhaus gerathen wäre und begriff nichts, bis mir die Eine explicirte, daß der Violinſchlüſſel auf Engliſch the treblekey heiße, und daß ſie bei jenem Stück Alle überſehen hätten, daß dieſes Zeichen auch der linken Hand vorgeſchrieben ſei. Da hatten ſie denn freilich eine hölliſche Harmonie hervorgebracht.“ Ein Anderer ſagte:„Man lacht wohl über der⸗ gleichen Dummheiten, aber es bleibt doch wahr, daß ein Clavierlehrer ein gequälter Menſch iſt. Die An⸗ fänger auf einem Streich⸗ oder Blasinſtrument können nur einen einzigen Ton falſch ſpielen, indeß einer auf dem Clavier gleich eine Handvoll Diſſonanzen greift. Man ſchämt ſich Lor ſich ſelbſt, daß man eine ſolche Ohrenmißhandlung um des Dings willen aushält, das Exiſtenz genannt wird bei den Philiſtern.“ „Und dieſe Wuth, die jetzt unter die Satans⸗Dilet⸗ tanten gefahren iſt, Clavier und nur Clavier zu ſpie⸗ len“ ſagte ein Harfeniſt.„Alle Clavierlehrer proſperi⸗ ren in dieſer Stadt, während ich meine Harfe an die Weiden Babylons hängen müßte, wenn ſich nicht hie 344 und da im Orcheſter aus ihrer Verſchollenheit ans Licht gerufen würde!“ „Man kann nicht behaupten, daß es den Clavier⸗ lehrern hier ſo leicht gelänge,“ wandte der Erſte ein; „ich habe als friſcher Ankömmling mein Erſpartes zu⸗ ſetzen und endlich für einen Spottpreis meine koſtbare Zeit aufopfern müſſen, bis ich in die Mode kam, und da gings gut. Keiner will es mit einem ungeprüften Lehrer verſuchen, und immer heißt es: man muß erſt ſehen, ob ſich ſeine Methode bewährt. Die alten an⸗ ſäßigen Meiſter haben auch dann noch, wenn ſie aner⸗ kannt faul neben den Schülern ſitzen, mehr das Ver⸗ trauen, als ein junger noch ſelbſtſtrebender. Und doch ſind in der Regel die letztern die eifrigſten und gewiſſen⸗ hafteſten Lehrer.“ „Ob denn wohl die Fräulein Ida Fernhofer Stun⸗ den bekommen hat, über deren lakoniſche Anzeige im Intelligenzblatt wir damals ſo viel lachten?“ fragte der Chopinſpieler. „Ich habe nichts mehr davon gehört,“ antwortete der Vorige.„Welche Prätentation iſt's aber auch, daß ein völlig namenloſes Mädchen, von einem namenloſen Lehrer gebildet, aus einem Winkelſtädtchen gebürtig, gerade hierher kommt, um Unterricht zu geben.“ Sohling merkte auf und rief:„Denkt euch, heute erhalte ich einen Brief von meinem alten Gönner Sel⸗ var, der mir dieſe Ida Fernhofer als ein Genie empfiehlt. Ich fürchte mich eigentlich, die Pathenſchaft über eine muthmaßliche Herz⸗ und Kalkbrenner⸗Virtuoſin zu über⸗ nehmen, doch muß ich wohl hingehen, da ich dem Selvar⸗ ſchen Hauſe von früher her verpflichtet bin. Weiß denn Einer, wo das Mädchen wohnt?“ Der Chopinſpieler antwortete:„Ich hätte gar nicht mehr an die Perſon gedacht, wenn ich nicht heute zu⸗ fällig ihren Namen wieder geleſen hätte.“ Hiermit zog er ein altes Intelligenzblatt aus der Taſche, in welches er Cigarren gewickelt hatte, und reichte es Sohling, indem er auf Ida's Adreſſe deutete. In einem entlegenen Stadtviertel wohnte ſie; dort angelangt, wies man Sohling durch zwei Höfe und Hintergebäude hindurch nach einem Gartenhäuschen, das inmitten eines großen Bleichplatzes lag. Eine alte Wäſcherin mit einer jüngern Gehülfin trieb dort ihr Weſen, und die Kübel und Schragen, die in dem Häus⸗ chen umherſtanden, ließen den Concertmeiſter bezweifeln, daß hier eine Kunſtgenoſſin wohnen könne. In der Meinung, daß eine Namensverwechſelung obwalte, wollte er eben umkehren, als er ein paar mächtige Accordfolgen auf einem vorzüglichen Inſtrumente hörte, die als Ein⸗ gang zu einer Toccata von Scarlatti improviſirt wurden. Horchend blieb er ſtehen, und fand den Vortrag des ſehr bedeutenden Muſikwerks völlig tadellos. Sobald es geendet, trat er ins Haus und fand Ida in einem niedrigen Zimmer, deſſen Fenſter von einem außen an⸗ gepflanzten Rebſtock verdunkelt waren. Nur die noth⸗ dürftigſten Möbel und Geräthe enthielt der Raum, 346 deſſen geweißte Wände ſehr gegen das prächtige Piano⸗ forte abſtachen. Die Bewohnerin ſah leidend und etwas vernachläſſigt aus, und erſchien auf den erſten Blick nichts weniger als anziehend. Als der Concertmeiſter Selvars Namen nannte, überzog eine Fieberröthe ihre Wangen, und ſie war ſo verlegen, daß Jener kaum wußte, wie er die Unter⸗ haltung weiter ſpinnen ſollte. Er meinte, mit einem Geſpräch über ihr gemeinſchaftliches Fach müſſe es doch endlich gelingen. Er fragte, was ſie von Mendelsſohn, von Chopin ſpiele? Sie hatte von Keinem je eine Note angerührt. Die Opern von Spohr, Weber, Spontini waren ihr fremd. In ihrem Geburtsorte war keine Bühne, und in der Reſidenz hatte man nur das Mo⸗ dernſte aufgeführt. Aus Clavierauszügen hatte ſie das ſtudirt, was mindeſtens ſeit einem halben Menſchenalter als unübertrefflich galt. Die neueſte Oper, die ſie kannte, war Fidelio. Sohling blätterte in den Muſikalien, die umher lagen und fand Namen vom erſten Range, aber nur bis zu einer gewiſſen Zeit. Von den Lebenden auch nicht Einen. 3 „Welche Fülle von Genuß ſteht Ihnen noch bevor,“ ſagte er, wenn Sie das Treffliche kennen lernen, das unſere Zeitgenoſſen ſchufen. Bei einer Grundlage, wie die Ihre, werden Sie leichter als Andere auffaſſen, wie redlich unſere großen Meiſter auf der Bahn weiter bauten, die jene Unſterblichen vorher geebnet haben.“ 347 Ida lächelte bitter:„Sie werden doch einem Ohr, das von dieſen unſterblichen Klängen genährt iſt, nicht zumuthen wollen, ſich an ſo ephemerer Muſik zu erfreuen.“ Sohling ſah ſie ironiſch an. Sie ſchlug die Augen nieder; denn ſie beſann ſich, daß ſie ja keinen von den Componiſten, die er ihr genannt, je eines gründlichen Studiums gewürdigt hatte. Er ſelbſt war mit Per⸗ ſonen von dieſer Urtheilsſtufe ſchon zu oft zuſammen⸗ getroffen, um ſich daran zu ärgern. Höchſtens ein Lächeln hatte er, wie jeder gebildete Muſiker von weit⸗ umfaſſendem Ueberblick, für den beſchränkten Hochmuth der kleinen Gemeinde, die man wohl die muſikaliſchen Pietiſten nennen möchte. Die eine Hälfte beſteht aus denjenigen, die zu träg waren, mit der Kunſt gleichen Schritt zu halten. Auf einer gewiſſen Stufe zurück⸗ geblieben, erklären ſie dieſe eigenſinnig für die höchſte, weil ſie nur vornehm auf die Gegenwart hinab, nie demüthig zu ihr emporſchauen möchten. Die andere Hälfte ſind ganz jugendliche Talente von wenig eigener Erfahrung, wie Ida. Dieſe ſprechen blindlings dem ſtabilen Urtheil eines Lehrers nach, der das Lernen ſeit dem neunzehnten Jahrhundert aufgegeben, oder ſie laſſen ſich von der Anſicht irgend eines Familienoberhauptes beherrſchen, welches bloß in der Jugend Begeiſterung für Muſik hatte, und, anſtatt in ſich ſelber, in dem Geiſte der neuen Zeit die Erſtarrung ſpürt.„ Ueberzeugt, daß dieſe Kunſtanſicht ſo ſchwer und 348 langſam zu heilen iſt, wie eine fire Idee, brach Soh⸗ ling das Thema ab und fragte:„Iſt es Ihnen ſchon gelungen, Schülerinnen zu finden?“ Auf Ida's verneinende Antwort fuhr er fort:„Daran kann Ihre entlegene Wohnung ſchuld ſein. Wir Künſt⸗ ler ſind mit unſerm Erwerb leider an die Gunſt der Vornehmen angewieſen und müſſen uns in deren An⸗ forderungen fügen, ſollten uns dieſe auch bloße Vor⸗ urtheile dünken. Wohnten Sie mitten in der Stadt in einem eleganteren Hauſe—“ „So hatte ich's angefangen,“ unterbrach ihn Ida, „aber damals fehlte es mir an der Energie, deren es bedarf, um die erſten Schritte in die Oeffentlichkeit zu thun. Ich blieb immer zu Hauſe und hatte keine Luſt Protection zu ſuchen. Nach ein paar Monaten vergeb⸗ lichen Wartens ſah ich die Nothwendigkeit ein zu ſparen, und da habe ich mich bei meiner Wäſcherin eingemiethet.“ Sohling beſann ſich einen Augenblick; dann ſagte er:„Wollen Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken, ſo will ich für Sie einen paſſenderen Aufenthalt und eine gemäße Thätigkeit ausmitteln.“ Ida erwiederte nichts. Sie ſchämte ſich, zu beken⸗ nen, daß ſie heute ihr letztes Goldſtück gewechſelt hatte. Jetzt blieb ihr nur noch die Ausſicht, ihren getreuen Erard zu verpfänden, und dann der Troſt, den die Jugend nach einer verlorenen Liebe ſo leicht und natur⸗ gemäß findet, der Troſt, daß der Tod der beſte Aus⸗ weg iſt, wo man keinen blumenreichen Pfad vor ſich ſieht. Doch hat auch darin die Natur ſo ewig weiſe vorgebaut, daß gerade die Noth es iſt, die ſo eiſern den Menſchen an das liebe verachtete Daſein feſſelt. Sohling drang nicht weiter in den Sonderling, der ihm mehr ein neugieriges Intereſſe, als Wohlgefallen erweckte. Er bat Ida um die Erlaubniß, wieder zu kommen, ſobald er einen fertigen annehmbaren Vorſchlag hinſichtlich ihres Unterkommens hätte. Zu einer ihm befreundeten Malerin, die durch den Tod ihrer Schweſter eben vereinſamt geworden, begab ſich alsbald Sohling mit der Aufforderung, daß ſie die junge Tonkünſtlerin in ihren Schutz nehmen möge. Dieſe war bereitwillig und ſuchte zuvorkommend die Fremde auf. Ida's angeborne Scheu, Wohlthaten materieller Art anzunehmen, und das Bewußtſein ihrer düſtern, unheimlichen Stimmung bewirkten, daß ſie ſich lange weigerte; endlich ging ſie auf das Anerbieten ein, als Sohling ihr vorſtellte, daß ſie aufheiternd auf ihre neue Freundin wirken könne und ihr über die erſte ſchwerſte Zeit des Verluſtes hinüber helfen ſollte. Hier wußte ſie ſich an ihrer Stelle, denn ſie war, gleich der Nacht, ſchaurig den Frohen, aber lieblich und mild tröſtend den Leidenden. Ida ward von ihren jetzigen Freunden vorzugsweiſe bei den Familien eingeführt, die ihren excluſiven Ge⸗ ſchmack theilten, oder ſich doch den Schein davon gaben, um für die ſuperfeinſten Kenner zu gelten. Einigen zwar war ſie noch nicht orthodox genug, weil ſie neben Bach und Händel auch Mozart und Beethoven verehrte; doch die meiſten trugen ſie auf Händen, weil ſie mit unermüdlicher Gefälligkeit faſt die ganze klaſſiſch⸗muſika⸗ liſche Literatur des vorigen Jahrhunderts auswendig producirte. Nebenbei lernte Ida auch ein wenig die Heuchelei dieſer Menſchenklaſſe kennen, welche nur am Namen ihrer Abgöͤtter klebt, ohne deren Geiſt je be⸗ griffen zu haben. In einer Anwandlung von Muth⸗ willen myſtificirte ſie einen alten Profeſſor, welcher eine große Verachtung gegen Beethoven zur Schau trug, den er noch vor ſeiner Berühmtheit perſönlich gekannt hatte. Sie ſpielte ihm Melodien ſeines Händel aus einer wenig bekannten Oper deſſelben für Beethoven'ſche vor und ebenſo umgekehrt, und er nannte die erſteren: einen erz⸗romantiſchen Nebel, und von den andern ſagte er: „So kann nur Händel ſchreiben!“ Als ſie Sohling den Spaß erzählte, erwiederte er trocken:„Ganz ebenſo könnte man Sie myſtificiren, wenn man Ihnen einzelne Partien aus guten neueren Werken für Mozart und Beethoven ſpielen wollte.“ Ida meinte, das ſei unmöglich; Sohling drohte, ſie nächſtens auf die Probe zu ſtellen. Die Malerin wandte ein: es ſei doch beſſer, die andere Probe zu verſuchen, ob Ida vorurtheilsfreier ſei als jener Profeſſor, und rieth Sohling, ſie mit guten neuen Compoſitionen ohne Verhüllung des Namens bekannt zu machen. Ida ge⸗ lobte, ſich nicht dem Schönen zu verſchließen und ehrlich zu prüfen, ehe ſie verwerfe. V I 351 Ihre Zuverſichtlichkeit war heute etwas wankend geworden, als Sohling ihr alte Recenſionen aus den Zeiten, da Mozart und Beethoven noch junge Männer waren, verſchafft hatte. Darin wurde beiden Ungründ⸗ lichkeit, Verſchrobenheit, mit Haaren herbeigeriſſene Originalität vorgeworfen; ja ſogar der liebliche ſonnen⸗ klare Mozart ſollte ſich in ohrenzerreißenden, geſchmack⸗ los gehäuften Diſſonanzen gefallen, und verſtorbene untergeordnete Componiſten wurden dem Heroen als Muſter einfach edlen Styls vorgehalten. „Iſt es nicht, als leſe man einen Beethoven⸗Fana⸗ tiker unſerer Tage gegen die Lebenden eifern?“ fragte Sohling, als ſie jenes vergilbte Blatt anſtaunte. Ida meinte, der Unterſchied ſei nur, daß der Beethoven⸗ Fanatiker mehr in ſeinem Rechte wäre, und fragte Sohling, ob er denn Einen Namen unter den Lebenden an die Seite jener Herven ſtellen könne, deren kleine Schaar ſie einzig verehre? Sohling erwiederte, daß auch er weit entfernt ſei⸗ zu läugnen, daß die Sechszahl: Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven bisher das Vollendetſte geleiſtet; daß in ihren Schöpfungen die Maſſe des Großen bei weitem über das Unbedeutende vorwalte. „Aber,“ ſetzte er hinzu,„dieß Zugeſtändniß ſchließt nicht aus, daß ſie auf einzelnen Punkten von Andern über⸗ troffen werden könnten. Ich finde es ganz in der Ord⸗ nung, daß Sie den Don Juan höher ſtellen, als etwa den Oberon; aber lächerlich, wenn Sie Ihre Pietät ſo 352 weit treiben, daß Sie die Bravourarien der Conſtanze oder der Königin der Nacht durchſtudiren und es da⸗ neben verſchmähen, die Partie der Rezia eines Blickes zu würdigen. Halten Sie es nicht für Ihre heilige Pflicht, alle Variationen von Beethoven, ſelbſt die ganz unausſtehlichen— nun, fallen Sie nicht in Ohn⸗ macht— über God save the King zu kennen, indeß Sie Mendelsſohns Lieder ohne Worte als kleinliche und bedeutungsloſe Spielerei bezeichnen? Die faden muſikaliſchen Scherzſtücke von Bach und Mozart über das„Lieſel und den Coffee,“ oder„Liebes Mandel, wo iſt's Bandel“ finden Sie rührende Reliquien. Gut; aber hätte ein Lebender die Naivetät gehabt, dergleichen herauszugeben, Sie würden denken: an dem Stück haben wir genug, um den ganzen Menſchen darnach zu beurtheilen, und Sie würden kein Heft mehr aufſchlagen, das ſeinen Namen an der Stirn trüge.“ Ida lachte:„Das iſt ja gerade, als ob Sie einem großen Manne vorwerfen wollten, daß er einmal beim Wein einen platten Spaß gemacht habe.“. „Das nicht; aber ich würde es ſeinen Verehrern vorwerfen, wenn ſie den Spaß als Orakelſpruch ein Jahrhundert lang weiter trätſchten und ihn über alle Weisheit der Andern erhöben. Die großen Meiſter fördern uns nur, inſofern wir ſie verſtehen, ſie in ihren Measgl den in ihren Vorzügen richtig und ſcharf be⸗ urtheilen. Ihre blinden und verdummten Anbetlt aber ſind es, die alle Kunſtentwicklung, wenn niaht in * manchen Fällen ertödten, doch ſtets hemmen und ver⸗ zögern. Selbſt von den Mozart'ſchen Opern iſt noch ein Rieſenſchritt zum Beſſeren und Höheren möglich, wenn er auch noch nicht gethan iſt. Doch zeigen die Verſuche, daß der Pfad richtig erkannt worden. Don Juan und Figaro will ich als Ausnahmen gelten laſſen. Von keiner Nummer darin möchte ich die frevelnde Be⸗ hauptung wagen, daß ein Anderer ſie beſſer erſchaffen hätte. Doch ſeine anderen Opern haben alle ſchwache Stellen, und gewiſſe Glieder derſelben werden von analogen aus Spohrs und Webers Opern bei weitem überboten.“ Er ſetzte ſich ans Clavier und ſpielte die kleinen Chöre der Krieger aus Cosi fan tutte, aus Idomeneo, und hieß Ida gewiſſenhaft beurtheilen, ob die Krieger⸗ chöre aus Jeſſonda nicht edler, lebhafter ſeien. Sie mußte es zugeben. Er fuhr fort und hieß ſie die Ge⸗ ſänge der drei Knäbchen aus der Zauberflöte mit den verwandten Elfenchören aus Oberon vergleichen. Er führte ihr Kirchenmuſiken von Mozart und Haydn mit anderen von Mendelsſohn in bunter Reihe vorüber. Er gruppirte das Beſte von Spontini neben Verwaldtes von Gluck, und wenigſtens mußte Ida geſtehen, daß man es neben einander ertragen könne. Bis ſpät Abends ermüdeten die beiden Zuhörerinnen nicht vor dieſer Muſterreihe, die er aufrollte, und als er weg war, fetzte ſich Ida nochmals daran, aus dem Gedächt⸗ niß die ſchönſten Melodien zu wiederholen. Kinkel, Erzählungen. 23 354 Ein verſtockter Dilettant kann allenfalls ſein Leben mit den Gedanken von ſechs Componiſten friſten. Doch ſei es auch das Auserwählteſte, die Seele desjenigen, der ſtets in Tönen lebt und athmet, hat es endlich ausgenoſſen. Der Durſt nach Neuem, Unerhörtem wird rege, und den, der ſich an dem Beſten ſeines Faches gebildet hat, laßt nur ſelbſt dafür ſorgen, aus dem Neuen das Falſche, Alltägliche auszuſcheiden. Ihn wird nur das Edle reizen, das ſich würdig an das ihm vor⸗ angegangene Große anſchließt. Ida's Verſtand war zu klar, ihre Seele dem Schö⸗ nen zu weit geöffnet, um ſich nicht bald von dem er⸗ fahrneren Künſtler überzeugen zu laſſen, daß der Geiſt der Tonkunſt ſich nicht auf einige wenige Häupter in der Friſt eines kurzen Zeitraumes niedergelaſſen hat, um als unwandelbares Sternbild über einer unendlichen Nacht zu glänzen, ſondern daß er wie ein Feuerſtrom durch alle Zeiten ergoſſen hier als Flamme, dort als Fünkchen aufglüht, und daß er, wo ſein reines Licht erſcheint, zünden und ſtrahlen, nicht verlöſcht und zer⸗ treten werden ſoll. „Sie verwerfen aber doch die modernen Italiener und ihre Nachahmer?“ fragte Ida bei der nächſten Zu⸗ ſammenkunft Sohling. „Ja, weil ſie die Lüge in der Kunſt darſtellen. Aus demſälben Grunde negire ich aber auch die Arie des Sertus, welche das lieblichſte Rondo auf den Text voll„Verzweiflung und Höllenpein’bringt. Abſtrahiren bald durchſchaut, daß Ida in allen Gebieten außerhalb 1 wir aber vom Text, ſo verſöhnt uns hier das reizende Zuſammenwirken von Melodie, Harmonie und Rhyth⸗ mus, während die Italiener wenig mehr beſitzen, als eine arme, flitterhafte Melodie. Unſer Flötiſt vergleicht ſie mit einer Waſſerſuppe, auf der oben nur wenige Fettaugen ſchwimmen.“ Die Malerin ſagte:„Der Vergleich iſt richtig, aber garſtig. Eher ſollte man die Melodie der Italiener eine coquette Dame nennen, die allein ein leichtfertiges Ge⸗ ſpräch führt, indeß unſere deutſche Muſik der Unter⸗ haltung einer gebildeten Geſellſchaft ähnlich alle Stimmen zur Geltung kommen läßt.“ Die beiden Damen und der Concertmeiſter waren mehrmal in der Woche bei Geſprächen, zu denen ge⸗ meinſchaftlich ausgeführte Muſikſtücke die Grundlage gaben, vereinigt. Ida's leichtes Verſtändniß, das, wie ſie mehr und mehr ihr Vorurtheil abſtreifte, ſich aus⸗ bildete, zog Sohling ſehr an. Ihre witzige Laune kehrte wieder, wenn auch durch den heimlichen Schmerz etwas gedämpft. Doch war dieß mehr zu ihrem Vortheil; denn ihre allzugroße natürliche Aufregung bedurfte einer Milderung. Nach und nach kehrte mit der Seelenruhe ihr blühendes Ausſehen wieder, und ſie mußte ſich zu⸗ geſtehen, daß ſie nicht mehr elend war, trotzdem, daß ſie mit der eigenſinnigen Conſequenz ihres Alters nie wieder glücklich werden wollte. 6 Ff Ddie Malerin, eine vielſeitig gebildete Dame, hatte der Muſik ziemlich unwiſſend geblieben war. Ihre Fragen, wenn ſie ſie mit in die Gemäldegallerie ge⸗ nommen hatte, oder wenn ihr ein bedeutendes Buch in die Hand fiel, zeigten, wie wenig ſie geleſen, und wie ſie, ſtets in das innerliche Behorchen der Töne ver⸗ ſunken, nie die Erſcheinungen der äußern Welt beob⸗ achtet hatte. Sie konnte hundertmal an einem merk⸗ würdigen Gebäude, an einer Statue vorbeigegangen ſein, ohne ſich ein deutliches Bild ihrer Einzelheiten im Ge⸗ dächtniß bewahrt zu haben. Bei einem Geſpräche mit Ida lobte die Malerin es beſonders an Sohling, daß er nicht wie ſeine meiſten Kunſtgenoſſen ein ſogenannter Stockmuſikus ſei. Sie ſetzte hinzu:„Man lernt darum ſo viel von ihm, weil er nicht dem Laien auf bloß techniſchem Wege ſein Fach begreiflich macht, wie jene, ſondern weil ihm bei ſeiner allgemeinen Bildung tauſend Analogien zu Gebote ſtehen, um jeden da zu faſſen, wo die lichte Stelle ſeiner Begriffsfähigkeit ſich aufthut. Wüßten Sie zum Beiſpiel ſo viel vom claſſiſchen Alterthum, als er, ſo könnten Sie beſſer Ihren Gluck vor den Laien in die rechte Beleuchtung ſtellen. Kein gebildeter Mann, der den Sophokles geleſen hat, wird noch die Schwäche für niedrige Opernmuſik feſthalten, wenn Sie ihm eine eben ſo ewige und wahre Dramatik in der Tonkunſt vor⸗ führen, als die griechiſche war.“ Bei einer Ausſtellung, wo die Malerin entzückt einem trefflich componirten Bilbe älterer Zeit ſtehen 357 blieb, welches Ida wegen ſeiner nachgedunkelten Fär⸗ bung langweilig und düſter vorkam, und dem ſie einen Edelknaben nach der frühern Manier der Düſſeldorfer Schule bei weitem vorzog, neckte die erſtere ſie:„Und Sie wollen es den Muſikaliſch⸗Unwiſſenden übelnehmen, daß ſie lieber Donizetti, als Sebaſtian Bach hören! Hier haben Sie den Geiſt Beider, wie er in Farben ſich offenbaren würde.“ Ein Jahr in dieſer Umgebung reichte hin, den leb⸗ hafteſten Trieb zum Lernen in Ida aufzuſtacheln. Sie machte ſich's zur Pflicht, nicht eine Stunde mehr dem Erwerb zu widmen, als ſie zur Beſtreitung der näch⸗ ſten Bedürfniſſe mußte. Alle freie Zeit benützte ſie redlich zu ihrer Fortbildung. Sie trat in die geheiligte Atmoſphäre der großen vaterländiſchen Dichter ein, und mit dem klaren Unterſcheiden der Kunſtformen auf dem Gebiete des Wortes ward ihr zugleich die Beurtheilung und Erkenntniß muſikaliſcher Lyrik, des Epiſchen in der Symphonie aufgeſchloſſen. Sie öffnete den Farben und Formen ihren Sinn, und wie ſich ihre Seele an der Geſchichte der Völker erweiterte, ſo blühte ihrer Phan⸗ taſie an deren Sagen ein neues Leben auf. Sohling ward nun eben ſo lebhaft von ihrem Ge⸗ dankenaustauſch angeregt und erhielt durch ihre Auf⸗ faſſung neue Anſchauungen, wie ſie einſt von ihm. Sie ward der Umgang, der ihn am meiſten anzog, ohne daß ſein Herz die mindeſte Leidenſchaft für ſie empfun⸗ den hätte. Er kam bei ihr zu gar keiner träumeriſchen 3 23* Stimmung, die dem Verlieben ſo günſtig iſt. Ihr Geiſt war zu beweglich, als daß ein junger Mann aus Lange⸗ weile nur einen Augenblick dem Gedanken nachgehangen hätte:„Du biſt hier am ſpäten Abend mit einem hüb⸗ ſchen Mädchen allein.“ Oft kam die Dämmerung, ohne daß ſie es bemerkten, und ſtatt der Lampe ſchienen Mond und Sterne herein. Die blühenden Linden auf dem Platze draußen ſandten ihren Duft hinauf, und der Springbrunnen plätſcherte gar anmuthig. Dennoch fand keine zärtliche Hinneigung Raum, ſich zwiſchen beiden Herzen eine Brücke zu bauen. Es kam kein Moment des Schweigens, ſie hatten immer noch unerſchöpflichen Geſprächsſtoff, wenn ſie ſchieden. Die Gewohnheit des Beiſammenſeins hatte längſt die ſteifen Formen norddeutſchen geſelligen Verkehrs aufge⸗ hoben; ihr Verhältniß glich dem zweier Freunde gleichen Geſchlechts, die einander unverholen Alles mittheilen, auch die Herzensangelegenheiten. Sohling hatte ſich oft über ihr ſchnelles Abbrechen gewundert, wenn er ſie an das Selvar'ſche Haus erin⸗ nerte. Ihre Bewegung bei ſeinem erſten Beſuche und ihre ſcheue Weigerung, ſeinem Briefe an Selvar einen von ihrer Hand beizufügen, fielen ihm wieder ein. Später hatte ihm wohl geahnt, es ſei ein Herzenskum⸗ mer im Spiele, doch da er auf den wahren Gegenſtand nie verfiel, ſondern nach Art der jungen Männer(auch der nicht beſonders eiteln) glaubte! nur zwiſchen Zwanzig und Dreißig könne man einem Mädchen gefährlich 359 werden, ſo ſprach er immer ganz unbefangen von dem „alten Grafen,“ und erzählte Anekdoten von ihm, die ihm ganz harmlos dünkten, aber ſeiner Zuhörerin die vernarbte Herzenswunde aufriſſen. Bei einer ſolchen Gelegenheit, als Ida ihre Thrä⸗ nen nicht mehr verbergen konnte, hatte ſie den jungen Mann zum Vertrauten gemacht. Wie ein tobender Flammenberg eröffnete ſich ihr Herz, und der Strom leidenſchaftlicher Schmerzen breitete ſich gleich der Lava über das ſtille Gartenbild aus, das ſich Sohling von ihrem Leben und Treiben gemalt hatte. Er verſtand dieſe Liebe zu einem kühlen, halbergrau⸗ ten Manne nicht, doch intereſſirte ihn die Macht und Wahrhaftigkeit ihrer Aeußerung, da ihm dergleichen bei der Herzensverſchloſſenheit großſtädtiſcher Damen nie vorgekommen war. Ida fühlte ſich zwar am andern Tage beſchämt, weil ſie ihr Herzensgeheimniß verrathen; doch überwog die heimliche Luſt, daß ſie endlich Einen Menſchen gefunden, mit dem ſie von ihm reden konnte, der auch einſt in ſeiner zauberiſchen Nähe gelebt hatte. Sie ſtrebte ihre Erinnerungen vor dem unvermeidlichen Verblaſſen zu bewahren, dem endlich jede Liebe, die ihren Hauptſitz in der Phantaſie hat, vor Mangel an friſcher Nahrung verfällt. Sohling hatte einen ähnlichen düſtern Punkt in ſeiner Vergangenheit, mit deſſen Enthüllung er Ida's Vertrauen erwiederte. Eine ſchöne vornehme Schülerin hatte er geliebt, die mit einer herrlichen Stimme ein 360 wirkliches Talent verband. Eben aus einer Pariſer Penſion heimgekehrt, hatte ſich das junge coquette Mädchen darin gefallen, mit dem Geſanglehrer ein Vor⸗ ſpiel der Rolle aufzuführen, die ſie den Winter bei Hofe zu erhalten dachte. Die Mama hatte es nicht übel gefunden, daß die Kleine ſich an den Huldigungen eines ſo unſchädlichen Individuums einübte, um bei den bald zu erwartenden ernſtlicheren nicht linkiſch und verlegen zu erſcheinen. Sohling hatte lange geglaubt, einer kindlichen Seele erſte Liebe zu ſein; mit bitterer Entſagung bezwang er ſich ihr gegenüber, im Vorgefühle der Hoffnungsloſig⸗ keit ihrer gegenſeitigen Wünſche. Dann wußte die kleine Raffinirte ihn durch ſcheinbar unbefangene Fragen in eine neue Aeußerung ſeiner verhehlten Glut zu verſtricken, bis ihn endlich die Zuthunlichkeit des Fräuleins und das gleichmüthige Zuſehen der Mutter wirklich täuſchte, und er an die Möglichkeit der Erreichung glaubte. Nach⸗ dem er noch einige Monate gehänſelt worden, heirathete das unſchuldige Kind einen reichen Hageſtolzen, deſſen Häßlichkeit nur von ſeiner Dummheit übertroffen wurde. Sohling war nicht ſo ſchwach, ſie noch fort zu lieben; ſein Herz war ſo plötzlich abgekühlt, daß er ein paar Jahre fortlebte, ohne es einer neuen Liebe zu öffnen. Die beiden Künſtler gingen nun ihren Lebenspfad ruhig neben zizander hin, mit dem vollen Gefühl der Sicherheit; M er zu gleichmüthig geworden ſei, um je wieder zu lieben; ſie, daß ihre ewige Trauer um Selvar der Talisman ſei, der ihr Herz mit dreifachem Panzer umgäbe. Dabei bemerkten Beide nicht, warum ein Abend in anderer Geſellſchaft zugebracht, ſelbſt bei reichen geiſtigen Genüſſen, ihnen bei weitem leerer und inhaltloſer erſchien, als das ſtille Beiſammenſein im Hauſe der Malerin. War Ida nicht im Concerte, ſo dirigirte er nur mit halbem Ehrgeiz; erwartete ſie ihn vergebens um die Stunde, wenn er zu kommen pflegte, ſo ward ſie verſtimmt, und konnte weder am Clavier noch bei ihren Büchern rechte Ruhe finden. Ein lang gehegter Wunſch Sohlings ward ihm jetzt unvermuthet wieder nahe gerückt. In einer kleineren, aber ſehr gebildeten Stadt ward ein Muſtkdirektor ge⸗ ſucht, der zugleich ein gutes Theater und einen trefflich geſchulten Geſangverein zu leiten hatte. Sohling bewarb ſich um die Stelle und erhielt ſie vor vielen nicht un⸗- würdigen Mitſtrebenden. Er eilte mit ſeiner frohen 2 Nachricht zu Ida, die erblich und ſehr trüb und nach⸗ denkend ward. Die Malerin gab ihrer Ueberraſchung die rechten Worte; ſie wünſchte ihm Glück, doch beklagte ſie aufrichtig die unausfüllbare Lücke, die ihrem Hauſe durch ſeine Entfernung entſtehen mußte. Sohling fühlte beſchämt, daß die erſte Freude ihn dieß ganz hatte vergeſſen laſſen. Sein Herz war ſehr warm und treu. Großer Schmerz, das bedachte er jetzt, werde ihm beim Abſchied gewiß nicht ₰ werden. „Und dieſe Eine wirſt du am ſchwerſten vermiſſen 1a ſo ſprach es in ihm, als er Ida anſah, die ſanft ⸗die Augen niederſchlug. So lieblich war ſie ihm nie erſchienen, als in dieſer ſtillen, anſpruchsloſen Wehmuth. Sein Herz klopfte unruhig, er ſeufzte und überſann, daß es doch ein recht blindes, vernunftloſes Geſchick ſei, welches nicht gewollt, daß ſie lieber ihn ſtatt jenes Selvar ſo heiß liebte. Seine Abreiſe mußte ſehr beſchleunigt werden. Nach jeder flüchtigen Stunde, die ſie noch mit Sohling zu⸗ brachte, ward Ida'n ihre eigene Empfindung räthſel⸗ hafter. Es lag wie Gewitterdruck auf ihr. In ſeiner Gegenwart verſagte ihr die Rede, und auch er ſchien von einer lähmenden Traurigkeit befangen. Der Abſchiedsabend war da.„Noch einmal ſingen Sie mir eines der ſchottiſchen Lieder von Beethoven,“ bat er ſie.„Mein liebſtes wiſſen Sie ſchon: O, Zaubrin, leb' wohl!“ Der Blick, mit dem er in ihr Auge ſah, war ihr von ihm noch nicht geworden. Sie bebte zuſammen, wie vor etwas Fremdem, Unheimlichem. Die liebe be⸗ kannte Melodie lößte ihr wieder das Herz; es war ja ihr Freund, ihr Bruder, der heute von ihr ſchied, er, dem ihre ſtürmiſche Seele offen lag, der ihr den freien Blick in ſein mildes, ruhiges Innere vergönnt hatte. Sie begann zu ſingen, doch aus dem tiefſten Herzensgrund guollen ihr die Thränen empor, und als die Stelle kam: „O nur ein zärtlich Herz, Das Liebe will brechen, Verſteht meine Qual, daß ich dich nicht mehr ſeh— 363 da verdunkelte ſich ihr Auge, kein Ton wollte mehr aus der gepreßten Bruſt, ſie mußte plötzlich abbrechen, und wandte ihr Geſicht nach der Wand hin.„Gott, iſt es möglich,“ ſprach ihr Herz,„ich liebe ja ihn, und keinen Andern!“ Sohling ſaß eine Weile ſchweigend neben ihr, dann ſtand er auf und nannte leiſe ihren Namen. Sie faßte ſich und erhob ſich ihm entgegen. Er wollte das Wort: Lebewohl, das grauſame, troſtloſe Wort, ausſprechen, doch es wollte nicht über ſeine Lippen. Ganz ſelbſtver⸗ geſſen umfaßte er ſie, ſie ruhte mit dem Haupt auf ſeiner Bruſt, dann ein einziger Kuß, in dem ſie ſich faſt unbewußt begegneten,— ſie wollte ſich losringen, er ließ ſie nicht, immer von neuem preßte er ſie wilder an ſich, bis er laut weinend ſich auf ihre Schulter lehnte.„Ich kann Dich nicht laſſen, Ida,“ rief er,„ich bin unglückſelig; denn ich liebe Dich, nur Dich, und wußte es nicht.“ Sie fand keine Sprache, ſtill ließ ſie ihn ausweinen, dann richtete ſie ihn empor, ſah ihm mit dem liebevollſten Blick ins Auge, und reichte ihm die Hand. Die Abreiſe ward um ein paar Tage hinausgeſcho⸗ ben; denn noch mehr Stoff, als einſt die Muſik, gab ihnen nun das gelöste Herzensräthſel, das ſie ſo uner⸗ müdlich beſprachen, wie Kinder die überreichen Gaben * der Weihnachtsbeſcherung. Auf eine kurze Zeit ward die Kunſt, ja die ganze Welt vergeſſen, bis endlich die verſtändige Malerin erinnerte, daß die Reiſe und 364 häusliche Einrichtung eines Ehepaars mehr beſonnene Vorbereitung bedürfe, als die eines Junggeſellen. Doch ein Glück war's, daß die Freundin dieſe Sorge auf ſich nahm; denn ſonſt wären die Beiden, die in ihrer neuen Aufwallung zu keinem proſaiſchen Alltagsthun mehr im Stande waren, noch heute nicht unter Einem Dache. Zehn Jahre waren verfloſſen, ſeit Ida von Wald⸗ heim geflohen war. Des Grafen Selvar Schweſter war ſchon vor langer Zeit geſtorben, er ſelbſt, wenn nicht in ſeinen Neigungen, doch ſehr in ſeiner äußeren Er⸗ ſcheinung gealtert. Seine Tochter und deren Gemahl, welcher ein Deutſch-Ruſſe war, mußten den ſtrengen Geſetzen des Czaren zufolge, nachdem ſie mehreremale um längeren Aufenthalt in Deutſchland petitionirt hat⸗ ten, endlich auf ihre Güter heimkehren. So blieb Selvar, der keine nähere Verwandte beſaß, die ſeinen Salon weiblich vertreten hätte, ziemlich vereinſamt in ſeinem Hauſe. Häufigere Reiſen ſollten ihn für die Stille entſchädigen, die jetzt in dem ehemals ſo belebten Waldheim eingezogen war. In dieſem Sommer war ihm ſelbſt das Theater langweilig geworden; keine neuen Stücke, keine intereſ⸗ ſanten Gaſtſpielerinnen wollten kommen. Er beſchloß, ein paar Monate bei ſeiner Tochter zuzubringen. Eine eintägige Raſt von der Reiſeanſtrengung hielt er in einer mitteldeutſchen Stadt, die in einer ſehr lieblichen — 365 Gegend lag und, wie die vielen Bauten verriethen, in blühendem Wachſen begriffen war. „Iſt Theater hier?“ fragte er den Wirth ſeines Gaſthofs. „Heute nicht,“ war die Antwort,„aber ſtatt deſſen ein Concert.“ „Theater hätte mir mehr zugeſagt, als ein Concert,“ erwiederte Selvar,„doch womit ſoll ich den Abend aus⸗ füllen? Laſſen Sie mir eine Karte holen.“ Etwas zu ſpät angekommen, fand Selvar nur einen der entfernteſten Plätze im Saale leer. Das Programm überleſend, fiel ihm der Name Sohling auf.„Das iſt ja ein alter Bekannter,“ ſprach er vor ſich hin,„rich⸗ tig, ich habe ja einmal an ihn geſchrieben wegen der armen Ida;— nun, ſolches Unheil verſchulde ich jetzt nicht mehr!“ und ein kleiner Seufzer folgte dieſer Re⸗ flexion. Die Symphonie begann, von Sohling trefflich diri⸗ girt. Faſt überall herrſcht noch im vornehmen Pu⸗ blikum der Aberglaube, als gehöre die Symphonie nicht ſo recht mit zum Concert, ſondern ſei nur eine Art Vorſpiel zu demſelben. Ja, die Damen behandeln ſie oft mit nicht mehr Aufmerkſamkeit, als die Trommel in den Menagerien. Sie finden das vollſtändige Orcheſter⸗ eben bequem, um die Bemerkungen zu übertäuben, die ſie halblaut mit der Nachbarin über die Toiletten der Anweſenden machen. Hier aber ſchien das Publikum beſſer erzogen zu —— ſein. Bei dem erſten Verſuche Selvars, der von dieſer ächt-ariſtokratiſchen Unart nicht frei war, während der Muſik eine Converſation mit den Nachbarn anzuknüpfen, erhielt er ſtatt der Antwort nur ein höfliches Zeichen, und die vor ihm ſtehenden Perſonen ſahen ſich faſt er⸗ ſchrocken nach ihm um. Von den Anweſenden mit lautem Applaus empfangen, trat Ida auf. Trotz ſeiner Lorgnette erkannte Selvar ſie nicht mehr. Die Ver⸗ wandlung iſt mächtig, die in ſolchen Frauen vorgeht, welche in der früheſten Jugend durch geiſtige Anſpan⸗ nung und überſtarke Gemüthsaufregung in ihrer Ent⸗ faltung geſtört wurden. Kommt ihnen noch zur rechten Zeit ein Zuſtand des Glücks und der Ruhe, ſo wirkt ein Spätfrühling größere Wunder, als je ein Lebensmai. Sie berührte leicht präludirend die Taſten, und als wollte ſte die eben erſt verrauſchten Accorde mit den folgenden vermitteln, ging ſie unmerklich aus jenen Anklängen in die Tonart der zauberhaften Notturnen von Chopin über, die ſie heute zum erſtenmale ihren Zuhörern vorführte. Wie leiſes Glockenläuten aus einer im Meere verſunkenen Stadt beim ſtillen Abend⸗ roth herauftönt, ſo märchenhaft faſſen dieſe ungeahnten Melodien die Seele in ihren geheimen Abgründen. Es iſt, als ob in dieſe Muſik die Stimmen der Nacht gebannt wären, die uns im einſamen Walde, von den Sternen herab und aus dem Set herauf anzurufen ſcheinen. Wenige vermögen es indeſſen, dieſen Zauber zu ☛ beſchwören. Wer mit proſaiſchem Sinne nur Noten abſpielen kann, der löst das Räthſel nicht, und ver⸗ worrene Klänge beunruhigen den Hörer. Ida verſtand, jeder Fingerſpitze Zartgefühl einzuhauchen, hier einen Ton ins Licht, dort einen in die Dämmerung zurück⸗ treten zu laſſen, wie es das Tonbild forderte. An dieſem Anſchlag, der die Herrſcherin über die Saiten verrieth, die dem todten, ſtarren Metall ein warmes Leben, einen ewig bewegten Geiſt einhauchte, erkannte Selvar ſie zuerſt, und noch einmal tauchte der verſchollene Traum jener Tage vor ihm auf. Keinen Blick verwandte er von ihr, bis das Schattenbild aus der Erinnerung mit den Zügen der Gegenwärtigen ver⸗ ſchmolz. Das flackernde Auge war ſanft und ruhig ge⸗ worden; die ſcharfen Züge, die bleichen Wangen von ehemals blühten nun in weicher, milder Friſche. Ihre Geſtalt ſchien größer, weil ſie ſich der nachläſſigen Haltung endlich entwöhnt hatte. In der Pauſe beobachtete Selvar, wie lebhaft ge⸗ ſprächig Ida mit dem großen Kreiſe der Befreundeten verkehrte, die ſie umringten. Es waren nicht bloß junge Stutzer, wie ſie ſich ſonſt ausſchließlich an die Künſtlerinnen zu drängen pflegen, ſondern Perſonen jeden Alters. Auch mit den Frauen ſchien Ida in Verhältniſſen der Achtung und Theilnahme zu ſtehen. Sie ſelbſt war lebhaft geſprächig, und ſchien verſöhnt und zufrieden mit der Welt, die ſie umgab. Eine neue Compoſition Sohlings rief am Schluſſe ₰* des Abends noch einmal Ida ans Clavier. Sie war für bloß weibliche Stimmen und eine Begleitung von Clavier und andern Solo⸗Inſtrumenten geſchrieben, die nur für bedeutende Künſtler ausführbar war. Der Text war ſehr lieblich und beſchrieb den Tanz der Elfen in der Mondnacht auf den erſten Maiblumenkelchen, den das erwachende Sonnenlicht mit ſeinem fröhlichen Wald⸗ rauſchen und Lerchengeſchmetter zuletzt überwältigt. Die Feinheit der Compoſition und der Ausführung wetteiferten mit einander. Ein Halbkreis von lieben, roſigen, jungen Mädchen mit klaren Glockenſtimmen ſangen die Rollen der Elfen und Lerchen. Faſt ohne merkliches Kopfneigen, nur mit dem Blicke lenkte Ida den Chor, den ſie, wie Selvar von einem Nachbar erfuhr, ſelbſt gebildet hatte. „Sie iſt an ihrem Platz,“ dachte er, als er den Saal verließ und den heitern Abſchied ſah, den die Sänger von ihrer Dirigentin nahmen. Er ſchwankte, 8 ob er zu ihr treten und ſte begrüßen ſollte; doch eine Art von Verſtimmung hielt ihn zurück, als er ſie ſo ſtrahlend von Freude an Sohlings Arm ſah. Es ſchien ihm aus den Mienen der beiden Glücklichen, als ſchriebe Jeder dem Andern ſeinen Erfolg zu, und als dankten ſie einander mit jedem Athemzuge, während er unbeachtet ihr fern ſtand. In den Gaſthof zurückgekehrt, öffnete Selvar ein Fenſter und lehnte ſich in die kühle Nachtluft hinaus. An dem Hauſe gegenüber fuhr ein Wagen vor, und bei dem hellen Kerzenſchein glaubte er Ida's Geſtalt raſch in den Hausflur ſchreiten zu ſehen. Oben wurden einige Fenſter erhellt; gewiß, ſie war es, die hereintrat im weiß und lichtblau geſtreiften ſchimmernden Seiden⸗ kleid, mit den rabenſchwarzen Locken, die über die Wangen herabfielen. Nun konnte er dem Wunſch nicht Schweigen gebieten, noch einmal ihre Stimme zu hören. Er ſchickte ſeine Karte hinüber mit der Frage, ob er ſo ſpät noch einen kurzen Beſuch wagen dürfe. Eine bejahende Antwort lud ihn zu dem Künſtlerpaare. Mit unbefangener Herzlichkeit ward er von Sohling und Ida empfangen, obgleich die Wangen der letzteren ſich merklich rötheten. Selvar hatte ſchnell den rechten Ton gefunden; er ſchützte den neugierigſten Antheil an ihren Schickſalen vor, um nicht das Gefühl von Ver⸗ laſſenheit zu verrathen, das ihn bei dem Gedanken an ſein eigenes Haus befiel. Bald aber ward das Geſpräch durch ein paar rothwangige Kindergeſichtchen unter⸗ ₰ brochen, die ſich ſchalkhaft lauſchend an der Thüre zeigten, und trotz des ernſten Abwehrens ihres Vaters nicht zu Bette wollten, bis ſie von der Mutter noch einen Kuß bekommen hätten. Ida ſtand lachend auf, aber noch ehe ſie die Thür erreichte, ſtürzten die locki⸗ gen Schelmchen in ihren Nachtröckchen auf ſie zu und umklammerten ſie. Als dieſe nun endlich beſchwichtigt waren und dem fremden Herrn ein Händchen gegeben hatten, wobei ſie treuherzig den Papa fragten:„Iſt das der Großvater, der uns dieſen Sommer beſuchen ſoll?“ da fing das Jüngſte im Nebenzimmer an zu lallen Kinkel, Erzählungen. 16 24 370 und nach der Mama zu weinen. Wollte ſte Ruhe haben, ſo mußte Ida es auf ihren Schooß nehmen, wo es, unbekümmert um den ſchönen Seidenſchmuck, den es zerknitterte, bald einſchlief. Mit dieſem Bilde von ihr ſchied Selvar. Sie ge⸗ hörte nun einer Welt an der er keinen Antheil hatte, „und doch,“ ſprach er leiſe, als er über die Schwelle ſchritt,„hat ſie einſt nur mir gelebt!“ Als Sohling und Ida wieder allein waren, fragte ſie:„Hat es Dich denn gar nicht getrübt, dem Manne zu begegnen, den ich vor Dir geliebt habe?“ Er küßte lächelnd ihre Stirne und ſagte:„Soll ich es ihm nicht danken, daß er Dich ſo lieben gelehrt? Denn die losgefeſſelte Glut Deines wilden Herzens hat mich überwältigt, und nimmer hätte mich die unbewußte erſte Liebe einer unreifen Seele ſo beglückt.“ Die Heimatloſen. Erzählung aus einer armen Hütte. Il faut que Lazare quitte son fumier, afin que le pauvre ne se réjouisse plus de la mort du riche. Il faut que tout soient heureux, afin que le bonheur de quelques-uns ne soit pas criminel et maudit de Dieu.. Georges Sand, la mare au diable- Auf dem ſüdlichen Abhang des Odenwaldes, da wo dieſer in's Neckarthal abfällt, liegen mehrere anſehnliche Dörfer, die nicht wie das übrige Gebirge zu Heſſen, ſondern zur ehemaligen oſtrheiniſchen Pfalz gehörten und gegenwärtig dem badiſchen Lande einverleibt ſind. Die Gegend iſt geſund, fruchtbar und ſchön; von den Höhen dehnen ſich weite Ausſichten über die Rheinebene bis zu den ſcharfgezeichneten Bergformen des Haardt⸗ gebirges hin, und da alle Bodenerzeugniſſe in den klei⸗ nern und größern Städten am Neckar und an der Bergſtraße guten Abſatz finden, ſo fehlt es den Bauern dort nicht an Wohlſtand und ſogar an Reichthum. Selbſt der Arme gewinnt, wie in der ganzen auch in dieſer Hinſicht geſegneten Pfalz, für redliche Arbeit meiſt noch ſein ausreichendes Brod. In einer der größten unter dieſen Ortſchaften, wenig über eine Meile von Heidelberg entfernt, hatte ſich nach den letzten Franzoſenkriegen eine usntige Famils angeſiedelt, welche urſprünglich aus Böhmen ſtammte. Der Mann war Horniſt bei einem öſterreichiſchen Regi⸗ ment geweſen, das vor der Schlacht bei Auſterlitz in der Gegend von Philippsburg geſtanden hatte; die Frau diente bei ſeiner Compagnie als Marketenderin. Joſeph Jelinetz, ſo hieß der Hausvater, war, wie ſo viele Böhmen, ein wohlkundiger Muſiker, der neben ſeinem Blasinſtrument auch die Geige vortrefflich ſpielte; das Land gefiel ihm und er ſah, daß bei der Fröhlichkeit und Lebensluſt des pfälziſchen Volks ein Muſikant, der bei den Kirmeſſen kräftig aufzuſpielen verſtünde, beſſern Erwerb machen würde, als ein Horniſt bei einem Linien⸗ regiment. Sobald alſo ſeine Dienſtzeit abgelaufen war, machte er der Markedenterin, die ihm wegen ihres rüſti⸗ gen Weſens gefiel, einen Heirathsantrag. Beide warfen ihre Kriegserſparniſſe in eine gemeinſame Kaſſe zuſam⸗ men und hatten genug daran, um ſich ein großes Familienbett und einen genügenden Hausrath anzu⸗ ſchaffen. Sie wohnten erſt über der Grenze im Heſſiſchen, dann aber pachteten ſie in dem erwähnten pfälziſchen Dorfe, das rings um ſich einen Kranz der berühmteſten Jahrmärkte und Kirmeſſen hatte, ein kleines Häuschen mit einem Gemüſegarten und einem Fleckchen Kartoffel⸗ feld. Auf dieſem Grundſtück zog die Frau, der die Beſorgung deſſelben zufiel, einen guten Theil der täg⸗ lichen Nahrung, während der Mann wenigſtens den Sommer über faſt immer aus dem Hauſe fort war und als wandernder Muſikant ſeinem Unterhalt nachging. So lebten die Leute glücklich und hatten ihr Auskommen. Nacheinander hatten ſie ſchon im Heſſiſchen drei Töchter bekommen, die ſie mit in die Pfalz brachten; 375 ein Knabe blieb ihnen verſagt. Das erſte Spielzeug, das der Vater den Kindern ſchenkte, war bei der älteſten Tochter eine Kindergeige, wie man ſie für wenige Kreuzer auf Jahrmärkten kauft, bei der zweiten eine Schellen⸗ trommel. Als ſie dieſe nach Kinderart zerſtört hatten und nach neuen Inſtrumenten fragten, lehrte er ſie auf ſeiner eigenen Geige und auf einem guten Tamburin ſpielen, das er eigens hiefür anſchaffte. Außerdem ſang er ihnen in den langen Wintertagen Volkslieder, Opern⸗ arien und Tiroler Schnaderhüpferl ſo lange vor, bis ſie dieſelben mit den glockenhellen Kinderſtimmchen ganz genau, richtig und taktfeſt nachſangen. Das mit wun⸗ derbarem Auffaſſungstalent für Muſik begabte ezechiſche Blut half dem Unterrichte nach und ehe die drei Mäd⸗ chen leſen und ſchreiben konnten, ſangen und ſpielten ſie bereits als kleine Virtuoſinnen. Sobald ihr junges Alter die Anſtrengungen des Wanderns ertrug, mußten die beiden Aelteſten den Vater begleiten und die Jahr⸗ märkte mit ihm beſuchen: durch dieſe ländlichen Wun⸗ derkinder ſteigerte ſein Erwerb ſich anſehnlich.. Aber ein Stein, der rollt, ſetzt kein Moos an. Das Leben des fahrenden Muſikanten iſt aufregend und nutzt ſich raſch ab. Große, Tag und Nacht ohne Unter⸗ brechung fortdauernde Anſtrengung wechſelt mit Müßig⸗ gang. Um auf der heißen, ſtaubigen und dunſtvollen Xanzbühne bis zum lichten Morgen aushalten zu können, muß er durch geiſtige Getränke ſich aufregen, und in müßigen Tagen trinkt er aus Langeweile. Dieſes Laſter, 376 das den Mann ſo leiſe und ſo unwiderſtehlich beſchleicht, führte auch unſern Böhmen in Geſtalt des herrlichen und wohlfeilen Pfalzweins nur zu oft in Verſuchung. Außerdem war Jelinecz ein überaus gutherziger Vater, der den Kindern auf der Wanderſchaft zu eſſen gab ſo oft ſie verlangten, und ihnen lieber ein nenes Kleidchen anſchaffte als der arbeitſamen Mutter den Gulden da⸗ für mit nach Hauſe brachte. Dieß Alles wurde Urſach, daß die Familie trotz reichem Verdienſt doch auf keinen grünen Zweig kam, und als der Hausvater an einem Stickfluſſe ſchon mit fünfundvierzig Jahren ſtarb, hin⸗ terließ er den Seinigen weniger Eigenthum, als er beim Eintritt in den Eheſtand beſeſſen hatte. Schon fürchtete die Gemeinde, daß die drei Waiſen⸗ kinder und bald auch die Mutter ihr zur Laſt fallen würden; allein die Wittwe Jelinecz ließ es dazu nicht kommen. Es war eine ſonderbare Frau, über welche im Dorfe die wunderlichſten Reden liefen. Schon der Name war auffallend; ſie hieß Wlaska, ihre Patronin war alſo jenes furchtbare Weib, auf welches die Sage den Urſprung des in Böhmen mährchenhaft berühmten Mägdekriegs zurückführt. Die Odenwälder vermochten den Namen nicht zu erlernen und nannten ſie daher nie anders als die böhmiſche Mutter. Man wußte, daß ſie ganz tief in Ungarn, nahe bei der türkiſchen Grenze, ihre Heimat habe; aber ihr körperliches Aus⸗ ſehen ließ ihren Stammbaum noch tiefer im Orient wurzeln. Eine dunkelgelbe Haut, olivenfarbiger als die Ernteglut unſere Bäuerinnen brennt, verbunden mit einer hagern knochenſtarken Geſtalt und den brennend⸗ ſten Augen hätte vielleicht auf eine Jüdin ſchließen laſſen; allein ihr Haar, deſſen Schwärze ſo tief war, daß ſie ins Blaue ſpielte, trug ſie ſtets ohne Stirn⸗ band, was den jüdiſchen Frauen Sitte und Geſetz ver⸗ bietet. Kein Alter ſchien über ihre ehernen tiefgefurchten Züge Macht zu haben; noch lange nachher, als die Töchter erwachſene Mädchen waren, glänzte ihr Auge in unwandelbarem Feuer, und in ihre Zöpfe flocht ſich kein weißes Härchen. Ein dunkelrothes Kopftuch, das ſie faſt wie einen Turban umband und nie ablegte, vollendete den morgenländiſchen Ausdruck dieſes merk⸗ würdigen Kopfes, und wer je im Oſten gereist war, mußte augenblicklich in ihr das Blut der Zigeuner er⸗ kennen, wie dieſes Volk ſich in den Oſtländern unſeres Welttheils noch zahlreich herumtreibt. Sie ſelbſt läug⸗ nete auch dieſe Abſtammung keineswegs; ganz im Ge⸗ gentheil, mit dem vollen Stolze einer Baronin, die ihre ſechzehn Ahnen an den Fingern herrechnet, rühmte ſie ſich die Tochter eines großen Häuptlings zu ſein, der um die Zeit der franzöſiſchen Revolution ihre Horde aus Armenien durch die Kaukaſusländer und die Türkei bis in die Grenzwälder Bosniens und Croatiens geführt hatte. Die dem deutſchen Ohr ungewohnte Häufung ſcharfer Ziſchlaute, an welchen man die in Slavenlän⸗ dern Aufgewachſenen erkennt, herrſchte in ihrem Munde mit dem allerſchneidendſten Accent, und wenn ſie heftig 7 378 redete oder ſchalt, ſo pfiff es aus ihren feinen, ſchma⸗ len Lippen unheimlich wie Schlangengeziſch. Auch auf die Töchter ging dieſer Sprachfehler über, obwohl in minderem Grade; aus ihren rothen Mündlein tönten die Ziſchlaute lieblich wie das leiſe Zwitſchern der Schwalben, wenn ſie Abends im Neſtchen ihre Jungen in den Schlaf flüſtern. Oft genug in Winterabenden erzählte die Zigeunerin den Kindern die rührende Legende von der Miſſethat, die ihr Volk gleich Juden und Armeniern zu raſtloſem Wandern verdamme; wie die Mutter Maria mit dem kleinen Chriſtuskindlein flüchtig nach Aegypten gekom⸗ men, und vor dem wahren Gott, wo ſie durchgezogen, alle Götzenbilder von den Säulen zu Boden niederge⸗ ſtürzt ſeien; wie aber aus Ingrimm darüber der Stamm der Zigeuner ſie als eine landſtreichende Dirne aus ſeinen Grenzen gejagt habe. Da erhub ſich, fuhr ſie fort, das Wochenkindchen auf dem Arm der Gebenedei⸗ ten, und ſein Auge leuchtete wie Feuer, und durch ein Wunder begann es zu reden mit einer Stimme wie die Poſaunen der Ewigkeit, und gebot dieſen argen Heiden flüchtig und elend zu ſein auf der ganzen Erde, weil ſie dem Herrn der Welt keinen Raum bei ſich gegönnt. Und nachher, da die großen Zeichen und Wunder Ihn beglaubigten, da zog wehklagend und heulend der ganze Stamm aus und theilte ſich gegen Oſt und Weſt. Und da nun Aegypten als ihr geglaubtes Stamm⸗ land ihr theuer war; ſo hatte die Zigeunerin noch im 379 Felde mit heißer Gier den Erzählungen eines von ihrem Regiment gefangenen franzöſiſchen Soldaten gelauſcht, der mit Bonaparte, Kleber und Menou unter den Pyra⸗ miden geweſen und als Eskorte mit den franzöſiſchen Ingenieuren und Forſchern nach Theben hinaufgegangen war. Dieſer berichtete vom Nil und von des Landes Fruchtbarkeit, von den Pharaonen und den Mumien⸗ ſärgen in den Pyramiden— und das Herz der hei⸗ matloſen Frau ſchauderte vor wilder Freude über die Herrlichkeit ihrer Heimat, die ſie doch niemals wieder⸗ ſehen ſollte. So miſchten ſich die Hirngeſpinnſte alt⸗ ägyptiſcher Königspracht, chriſtlicher Legende und bona⸗ partiſtiſcher Abenteuer in ihrem heißen Kopfe, und in den bunten Teppich derſelben hüllte ſich früh die Ein⸗ bildungskraft ihrer Töchter ein, die ſich dadurch eben⸗ falls höher und ſtolzer empfanden als die deutſchen flachshaarigen Bauernmädchen ihrer Nachbarſchaft. Ohne⸗ hin überſahen ſie dieſe ſchon als Kinder weit, weil ſie mit dem Vater im ganzen Lande herumgezogen waren und Vieles konnten, was jenen wie ſpaniſche Schlöſſer erſchien. Allerdings baute dieſe ausländiſche Abſtammung auch noch eine andere Scheidewand zwiſchen die Familie Je⸗ linectz und ihre ländliche Umgebung. Die Mutter hatte in Oeſterreich die katholiſche Taufe angenommen und war eine inbrünſtige Verehrerin der Jungfrau Maria; denn ſie behauptete, dieſe ſei ganz insbeſondere die Be⸗ ſchützerin ihres Stammes, der ja nur, um ihre Ehre 380 wieder herzuſtellen, zu einem ſo harten Gericht verur⸗ theilt worden ſei. Die Fürſprache der Mutter beim Sohne war ihr das ſicherſte Mittel, für das zerſtreute Volk das Ende des langen Elends herbeizuführen. Zu dieſem inbrünſtigen Glauben erzog ſie nun auch ihre Kinder, und die ganze Familie wanderte Sonntags, es mochte wettern wie es wollte, zur Meſſe in ein ent⸗ ferntes katholiſches Dorf. Nun aber waren ſie die einzigen Katholiken in ihrem Orte; die Pfalz iſt in dem Jahrhundert der Reformation von harten Glaubens⸗ bedrückern erſt lutheriſch, dann ſtreng reformirt gemacht worden, und in dem dort verfaßten Katechismus iſt bis heute der beklagenswürdige Satz ſtehen geblieben, daß die katholiſche Meſſe nichts als eine abſcheuliche Ab⸗ götterei ſei. Ein Anhänger dieſes Glaubens erſchien alſo dem dortigen Landvolk wie ein von Gott Ausge⸗ ſtoßener, Verblendeter, der gleichſam einer niederern Verſtandesſtufe als andere Menſchen angehören müſſe. Der Name des Abgöttiſchen macht ganz beſonders auf Kinder, die noch nicht wiſſen, daß jeder Menſch Götzen in ſeinem Herzen umzuſtürzen hat, einen faſt ſchauer⸗ lichen Eindruck; ja dieſes unklare Gefühl entfremdete den heranwachſenden Mädchen ſogar die Zuneigung der jungen Leute. Endlich kam etwas noch mehr Verfinſterndes hinzu: Mutter Wlaska galt für eine Zauberin und halbweg noch für etwas Schlimmeres. Aus dieſem Grunde war ſie im Dorfe zwar oft geliebt und geſucht, aber doch 381 noch viel mehr gefürchtet. Etwas wußte man gewiß, und Wlaska ſelber leugnete es nicht, daß ſie Kenntniß heilſamer Kräuter hatte, das Blut ſtillen konnte und eine Salbe verfertigte, die Wunden auffallend ſchnell ſchloß und heilte. Dabei war nichts Unheimliches, wenn auch ſchon Wlaska ihre Kräuter gerne im Mond⸗ ſchein auf den ſtillen Hochflächen der⸗Odenwaldes ſuchte, ihnen fremdländiſche wunderliche Namen gab und auf beſtimmte Tage des Einſammelns, wie namentlich auf Johannistag, viel hielt. Gar Mancher hatte bei ihr ſich Heilung geholt; auch bei harten Geburten wurde ſie mehr als einmal Retterin der Mutter und des Kin⸗ des; in ihrem eignen Hauſe war nie eine Krankheit, und was ihre Kuren am meiſten empfahl, ſie nahm kein Geld dafür. Auch ſagte ſie nach der Weiſe der Frauen ihres Volks aus der Hand und andern Zeichen wahr. Allein wer einigermaßen im Hexenfache bewan⸗ dert iſt, der weiß, daß Heilen, Beſprechen und Wahr⸗ ſagen nur grobe Buchſtaben in dieſer edlen Kunſt ſind, und daß man erſt dann ein Hexenmeiſter zu heißen verdient, wenn man erſtens den Teufel wirklich in ſicht⸗ barer Geſtalt zu citiren und zweitens einen Dieb zu ſtellen verſteht. Ob nun das auch in den Kräften Wlaskas liege, darüber herrſchten im Dorfe Zweifel. Aus ihrem Garten hätte gewiß Niemand einen Apfel gebrochen, aus Furcht geſtellt zu werden: aber als ein⸗ mal eine Nachbarsfrau, der jedes Jahr regelmäßig die Trauben vom Spalier geſtohlen wurden, ſie wie um 382 eine kleine nachbarliche Gefälligkeit bat, ihr den Dieb zu binden, da hatte Wlaska ein Kreuz geſchlagen und heftig geſagt:„Laſſe Sie das, daraus wird nichts!“ die Bäurin aber ließ nicht nach:„Warum nicht, böh⸗ miſche Mutter?“ fragte ſie.„Ihr weiſſagt, ihr gießt den jungen Mädchen das Blei, ihr beſprecht das Blut, ihr zeiget verlorene Sachen an, ihr macht Johannisöl und Palmtags⸗Krautwiſche; weßwegen wollt ihr mir denn in dem Stück die Freundſchaft nicht anthun?“ Da ſprach die Böhmin überaus ernſt, daß es der Andern durch die Seele ſchnitt:„Das will ich Ihr ſagen, Frau Nachbarin. Zum Diebesverbannen braucht der Menſch die[Kraft von unten und nicht die Kraft von oben; wenn ich den Dieb vor Sonnenaufgang nicht erlöſe, ſo kommt im Zwielicht der Teufel und erwürgt ihn; ſtürbe ich alſo zuvor des jähen Todes, ſo wäre meine Seele dahin um die ſeinige. Aber weiſſagen und Alles was dem Menſchen zum Heil von Leib und Leben dient, das iſt von Gott und iſt die weiße Kunſt, die viele fromme und heilige Männer getrieben haben; aber was die abgeſchiedenen Seelen angeht und die böſen Geiſter, das iſt Schwarzkunſt und die iſt jedem getauften Haupt verboten. Unſer Volk im Oſten verſteht ſie, aber nur die unter uns nicht katholiſch geworden ſind, treiben dieſe Dinge; wer das Taufwaſſer und den heiligen Chriſam empfängt, der entſagt dem Teufel und allen ſeinen Künſten. Ich bin ein Chriſtenmenſch, Frau Nachbarin, und darum ſoll Sie mich nicht in Verſuchung 383 führen.“— Nach dieſem Beſcheide ging die Nachbarin bedenklich fort, aber in ihrem Herzen blieb nicht die Weigerung Wlaskas, ſondern nur die Verſicherung ſtehen, daß ſie eigentlich recht gut ſolche Dinge könnte wenn ſie nur wolle, und der Glaube an ihre Hexen⸗ ſchaft ſtellte ſich nur um ſo feſter, je eifriger ſie mit den deutlichſten Worten ſich dagegen verwahrte. Eine alte Geſchichte kam hinzu. Eines Abends waren Nachbarskinder bei Jelineczs, und ſpielten mit den Mädchen, welche damals etwa ſechs bis acht Jahre alt ſein mochten. Da es im Hof ſehr ſchwül wurde, gingen ſie allzuſammen in das düſtere Hinterſtübchen. Dort fragte ein vorwitziges Kind das älteſte Töchterchen, ob denn wirklich die Zigeuner Wetter machen und Geiſter beſchwören könnten. Das Kind, welches wie ſeine Mutter Wlaska hieß, lachte laut auf, ſah zum Fenſter hinaus und ſagte leichtfertig: das kann ich ſelber ſchon und wills euch einmal zeigen. Mit dieſen Worten ſchloß es den Laden, holte ein brennendes Licht und begann wohl eine Viertelſtunde lang aus einem großen Buche zu murmeln. Plötzlich zog draußen ein Wetter auf, der Blitz leuchtete durch die Ladenritzen, und es wurde ſtockfinſter drinnen und draußen. Da las das Mädchen mit viel lauterer Stimme, und mit einem⸗ male blies es das Licht aus und ſchlug dabei heftig auf den Tiſch. Der Sturm ſauste, und ein furchtbarer Stoß geſchah gegen den Laden. Aha, er pocht, ſagte die kleine Wlaska; ſeht ihr, wie gehorſam er iſt? Damit ſprang ſie, wieder laut lachend, auf den Laden zu, öffnete ihn ein wenig und ſprach: Da ſteht er vor dem Fenſter, er hat große rothe Augen wie ein Teller und mächtige Hörner; jetzt will ich ihn auch noch herein beſchwören, daß ihr ihn alle ſehen ſollt; ihr dürft euch aber ja nicht fürchten, ſonſt frißt er euch. Da ſanken die todtbleichen Kinder auf die Knie vor ihr und flehten aus Leibeskräften, ſie möge doch den ſchwarzen Mann wieder wegſchicken. Wlaska ließ ſich rühren und winkte dem Geiſte abzutreten; aber in dieſem Augenblicke ſchlug hart über dem Hauſe ein Blitz, augenblicklich vom Donner gefolgt, ſo grimmig nieder, daß die kleine Zauberin ſelbſt leichenblaß vom Fenſter zurücktaumelte, während die andern Kinder, vor Angſt laut heulend, durchs Vorhaus fortſtürmten und durch den Regen weinend zu ihren Eltern liefen mit der gräßlichen Ge⸗ ſchichte. Es war vergebens, daß das luſtige Kind am folgenden Tage ſeinen dickköpfigen Geſpielen betheuerte, es habe mit ihnen nur eine Eulenſpiegelei getrieben. Der Aberglaube, der jetzt überall ſeinen Untergangg im Siege der geſunden Vernunft vorausſteht, iſt wie eine häßliche Raupe, die auf einem ſchnellfließenden Bache dahinſchießt; um ſich vor dem Ertrinken zu retten, um⸗ klammert ſie auch das kleinſte Strohhälmchen, das doch ſogleich mit ihr unterſinkt. Dieſe Geſchichte ward im Dorfe nicht mehr vergeſſen, und von da an ließen die Eltern ihre Kinder nicht gerne mehr mit Jelinecz Töch⸗ tern ſpielen. 385 Dieſe Stellung zur Gemeinde hatte Mutter Wlaska, als der Mann ſtarb und ſein älteſtes Kind erſt zwölf Jahr alt war. Sie war eine Fremde, hatte keinen Grund und Boden und ſomit kein Bürgerrecht am Orte. Das Gewerbe des Mannes konnten Weiber ohne den Schein der größten Leichtfertigkeit nicht forttreiben, und doch mußte Brod beigeſchafft werden, denn das Gärtchen mit dem Kartoffelſtück reichte am Ende zur Koſt, aber nicht zur Hausmiethe und zu ſonſtigen Bedürfniſſen hin. Wie alle Mütter, hoffte ſie auf die Möglichkeit, durch eine der Töchter noch einmal ihr Glück zu machen. Die Mädchen waren geſund, hübſch und lebhaft; das ezechiſche Blut gab ihnen ein in Deutſchland nicht ge⸗ kanntes Feuer und eine angenehme ſinnliche Beweglich⸗ keit. Die älteſte, Wlaska, die man im Dorfe ſehr un⸗ paſſend in Bläßchen umtaufte, war feiner als die Schweſtern; die zweite, Sabine, das Ebenbild der Mutter an Kraft und an Feſtigkeit der Züge; Ludomilla aber, das jüngſte, erſt ſechs Jahr alte Kind, das im Dorfe Mielchen genannt wurde, machte ſeiner Taufpatronin, einer heiligen Fürſtin Böhmens, alle Ehre; es war ſchüchtern und hatte von der Mutter nur die brennende hingebende Frömmigkeit ererbt. Um jedoch eine Zu⸗ kunft hoffen zu dürfen, mußte vor Allem die Gegen⸗ wart geſichert werden. Die Mutter faßte den Plan, ein Geſchäft anzufangen, das ihr möglich machte, in einigen Jahren das Häuschen mit Grund und Boden anzukaufen und ſo ſich als Eigenthümerin in der Kinkel. Erzählungen. 17 25 Gemeinde feſtzuſetzen. Dadurch, ſo ſchloß ſie nicht mit Unrecht, würde auch ein Freier eher ſich anlocken laſſen. Auf dem Lande gibt es einen großen Uebelſtand für die Hauswirthſchaften: das ſind die Marktgänge. Eine Bäuerin hat ein Viertel Eier, ein Dutzend Kohlhäupter und ein Schock Zwiebeln zuſammen; ſie braucht Geld, oder ſie muß verkaufen, weil die Sachen ihr verderben. Sie läuft alſo mit einer kleinen Laſt in die Stadt eine Meile weit, kommt ſpät am Nachmittag zurück, hat vielleicht einen Gulden gelöst, aber einen Arbeitstag verſäumt. Die Kinder ſind nicht gewartet worden, im Hauſe hat die Aufſicht gefehlt, die Thiere haben ihr Futter nicht gehörig bekommen, und im ganzen Haus⸗ weſen iſt zweimal mehr Schaden geſtiftet, als der Gul⸗ den werth war. In größern Haushaltungen iſt es nicht viel beſſer, da man um des Marktgangs willen das Dienſtmädchen faſt einen ganzen Tag aus der Ar⸗ beit mißt. Allerdings ſind Bauersfrauen und Bauern⸗ mädchen von dieſer Wahrheit ſchwer zu überzeugen, denn den meiſten iſt der Markttag, was den ſtädtiſchen Damen die Kaffeeviſite: ſieſehen die Welt, treffen ihre Bekanntinnen, und unter dem Scheine, beſchäftigt zu ſein, auf den alle Weiber ſo viel geben, brauchen ſie doch nicht zu arbeiten, gerade wie die vornehme Welt mit Stickereien ihre faulen Stunden entſchuldigt. Allein in Stadt und Land gibt es auch der braven Mütter viele, und auf dieſe baute die kluge Böhmin ihren Plan. Sie wollte mit Hülfe ihrer Töchter Zwiſchen⸗ — 387 händlerin zwiſchen dem Dorfe und der nahen Univer⸗ ſitätsſtadt werden, indem ſie die Bodenerzeugniſſe ein⸗ kaufte und dann auf ihre Rechnung zu Heidelberg feil bot. Damit verband ſie das Geſchäft einer Boten⸗ gängerin, was oft gute Nebenverdienſte mit ſich führt, wenn es gewiſſenhaft beſorgt wird. Sie verkaufte zwar etwas theurer als die Bäuerinnen ſelbſt, allein da es ihr Grundſatz war, nur gute Waare, reifes Obſt und friſche Gewächſe feilzubieten, dieſe aber ſtets zu feſten Preiſen, ſo ſtanden auch die ſtädtiſchen Hausfrauen zuletzt bei ihr ſich beſſer, als bei dem langen Ausſuchen und Feilſchen, das den andern Verkäuferinnen gegen⸗ über nöthig war. Obenein war ſie redlich; ſowohl ihr Stolz als auch ihre einfach herzliche Frömmigkeit be⸗ hüteten ſie vor jeder gemeinen Betrüglichkeit. In einem einzigen Sommer erwarb ſie ſich ſo viele ſtädtiſche Kunden, daß ſie ſchon täglich ihren Stadtgang machen konnte und in der Regel ſogar eins oder zwei der Kin⸗ der mit Körben voll von Geflügel oder leichtem Gemüſe mitnehmen mußte. Die Mädchen fanden ſich leicht in dieſen Erwerb. Wlaska, die ſchwächſte, beſorgte meiſtens Haus und Küche; Sabine und Ludmilla aber thaten die Markt⸗ gänge mit der Mutter, bis die letztere, nachdem die Töchter nun vollſtändig erwachſen waren, dieſes müh⸗ ſamſte Geſchäft ihnen faſt ganz überließ und dafür den eben ſo wichtigen Einkauf im Dorfe übernahm. So wurde Sabine für die Stadt die Hauptperſon, wozu ſie auch trefflich ſich eignete. Sie war zu einer kräf⸗ tigen Schönheit herangeblüht, und die täglichen Märſche ſtärkten noch ihren feſten Körper. Ihre Haut war weißer, als die der Mutter, aber dunkel genug, um von keiner Sonnenglut angegriffen zu werden. Auch kannte ſie ihren Werth und wußte ihn geltend zu machen; bald lockte in Heidelberg die Anmuth der Ver⸗ käuferin ebenſo wohl wie die reinlich ausgelegte Waare manchen anfangs nicht Kaufluſtigen an. Namentlich die Muſenſöhne waren ihres Lobes voll; ſie verſäumte aber auch nie, neben den nutzbaren Sachen ein paar Blumenſträuße mitzubringen, die ſie an die jungen Leute verſchenkte, wenn ſie Obſt von ihr kauften und dabei artig waren, während ſie jede Ungezogenheit mit der treffendſten Antwort abzuweiſen verſtand. Die früheſten Veilchen wurden dazu an allen ſonnigen Hecken mit Eifer geſucht; ſpäter gab das eigene Gärt⸗ chen oder die Gärten der Nachbarn Roſen und Jelänger⸗ jelieber die Fülle her: denn mit Blumen iſt auch der Bauer nicht geizig, weil ſie ihm nichts einbringen. Waren ſo die Studenten mit Binchens Munterkeit ebenſo ſehr als mit ihren Kirſchen und Roſenſträußen zufrieden, ſo gewann ſie die Herzen der Hausfrauen durch ihre Pünktlichkeit, aber noch mehr freilich durch ihre Cier. Denn die Odenwälder Eier ſind am Neckar und im ganzen Craichgau ſehr beliebt wegen ihrer wunderſchönen goldgelben Dotter. Dieſe goldgelben Dotter hält man für beſonders wohlſchmeckend und auch für beſonders ** ³ * 389 geſund, weil die Hühner auf dem Odenwald frei laufen und in munterer Laune herumflattern, auch viel friſches Gras und feines Kraut freſſen; während die milzſüch⸗ tigen und hektiſchen Stadthühner, die in kleinen Höfen nur düſtern Phantaſien nachhängen, überhaupt allzu⸗ ſehr einem einſamen Brüten ſich hingeben, nur ſolche Dotter zu Wege bringen, denen, um mit einem großen Dichter zu reden, bereits die Bläſſe des Gedankens angekränkelt iſt. An einem Nachmittage im hohen Sommer 1844 wanderte ein friſcher Burſche, der einen hübſchen, ganz ungeſchornen Bart und in der Taſche ein Patent als badiſcher Unteroffizier trug, über die heſſiſche Grenze auf, dem Odenwald in die badiſche Pfalz hinein. Trotz ſeinem Bündel ſchritt er ſo munter aus, als wolle er heute noch nach Heidelberg oder wer weiß wie weit ins Nachtquartier. Allein als die Schatten allgemach länger wurden und er aus einer Waldſchlucht, durch welche der Weg ihn faſt eine Stunde geführt hatte, plötzlich auf der Höhe in die von der Abendſonne beleuchtete Kornflur hinaustrat, da blieb er im Staunen über die Schönheit der Gegend ſtehen und ſuchte ſich, um ſie zu genießen, eine Raſteſtelle. 3 Dieſe fand er wenige Schritte vom Wald entfernt auf der ſteinernen Einfaſſung eines Felſenbrünnchens, das mit kleinen Blaſen aus den Kieſeln auf ſeinem Grunde aufperlte und ſein ſonnenhelles Wäſſerchen nach kurzem Laufe in die umliegenden Kornfelder verſenkte. Eine breite Linde beſchattete den Platz und hielt ihn heimlich und kühl mitten unter den in der Sonnenglut zitternden Aehren. Von hier flog der Blick in eine unendliche Weite. Während fern links ein kleines grünes Fleckchen des Neckarthals oberhalb Heidelberg zwiſchen Wald und Fels hervorſchien, blickte man rechts in die Rheinebene, wo die Sonne in Majeſtät hinter den dunkeln Thürmen von Speyer ſich ſenkte. Dort hob der Donnersberg, im Abendgold leuchtend, ſeine ruhig erhabene Linie hinter den eigenſtnnigern Zackenformen des Haardtgebirges herauf. Es war etwa eine Woche vor dem Beginn der Roggenernte, das Korn leuchtete weiß in der Abendſonne, und durch dieſen lichten Tep⸗ pich zogen grünliche Meereswellen, vom Oſtwinde des nahenden Abends aufgeregt. Die Wachtel ſchlug im hohen Spelz, der in der reifenden Dürre wie vor leiſen Geiſterfußtritten kniſterte; der Thymian duftete mächtig auf dem heidebedeckten Felsrücken, der vom Wald zum Gefilde ſich abſenkte und aus deſſen Schooße das Quell⸗ chen entſprang. Drunten aber, einige Büchſenſchüſſe weit, auf ſteilabfallendem Pfade erreichbar, lag im Thalkeſſel unter grünen Obſtbäumen das Dorf, deſſen wir früher gedachten; der Rauch der Abendküche ſtieg leiſe in die von Goldſtrahlen durchſponnene Luft, und mit dem eben jetzt erklingenden Tone der Nachtglocke vermiſcht, ſcholl das Lachen der ſpielenden Kinder und 391 das frohe Gebrüll herauf, mit dem das Vieh, eben von der Weide einziehend, die heimathlichen Ställe begrüßte. Es war einer der Abende, an denen das glückliche Men⸗ ſchenherz nach Liebe verſchmachtet, das gramvolle aber zugleich mit dem brechenden Sonnenauge ſanft in den Tod ſich aufzulöſen wünſcht. Mutter Wlaska, die alles Naturfriſche liebte, hielt ſtreng darauf, daß in ihrer Küche zu Speiſen und Ge⸗ tränk nicht Waſſer aus dem Dorfbrunnen, den jeder Regen milchweiß färbte, ſondern nur die kühle, ewig helle Gabe des Felſenborns gebraucht wurde. Zu die⸗ ſem Zwecke mußte jeden Abend abwechſelnd eine der Schweſtern mit der Bütte hinauf. Heute traf Sabinen die Reihe, und kaum hatte Valentin, ſo hieß der junge Mann, einen Blick in der Gegend umhergeſandt und einen Trunk aus dem Quell gethan, ſo ſah er des Mädchens hohe Geſtalt den Felſenpfad heraufſteigen. Er erhub ſich vom Steinſitz und hielt ſtaunend die Hand vors Auge, um vor der Abendblendung ſchärfer zuſehen zu können— denn nie war ihm ein ſolches Mädchen vorgekommen. Sabine war jetzt zweiundzwan⸗ zig Jahre alt und ſtand in der Fülle jugendlicher Blüte und Kraft. Sie trug einen kurzen, aber weiten Rock von hellem Zeuge, der faltig über die Hüften herabfiel. Wer neben ihr hinaufſtieg, hätte den Strumpf von ungebleichtem Zwirn in das rothe Knieband auslaufen ſehen. Dagegen lag das rothe Mieder, vorn mit Schnüren geheftet, knapp an, und unter ihm zeichneten 392 ſich voll und ſcharf die Brüſte. Nur das Hemde be⸗ deckte die Schulter und den Oberarm, der ſchlanke Hals war blos und trug an dünner ſchwarzer Schnur ein kleines ſilbernes Kreuz. Auf dem leicht emporgeworfe⸗ nen Kopfe ſchaukelte ſich der Zuber, der ihr dunkles Antlitz warm beſchattete. Das herrlichſte ſchwarze Haar, das Erbtheil des Zigeunerſtammes, legte ſich vorne in kleinen, hinter dem Ohr wieder aufgebundenen Zöpfen bogenförmig an ihre Schläfe, hinten aber ſiel es in mächtigen Strängen bis zur Kniebeuge aus dem blen⸗ dendweißen Kopftuch hervor, das ſeinen Glanz noch erhöhte. Die ſchönen braunen Gazellenaugen unter dunkeln Brauen und die lichte Kirſchfarbe der feinge⸗ ſchnittenen Lippen deuteten auch bei ihr noch auf die Heimat unter den Palmen des Nils oder den Maulbeer⸗ ſchatten das Multans zurück. Nur auf den Fußſpitzen ſich hebend, ohne einmal die Ferſe aufzuſetzen, ſtieg ſie leicht und ſchwebend wie eine Gemſe den ungleichen Felspfad hinauf und überhüpfte die ſcharfen Steine, die ein dort im Winter herabſchäumender Gießbach regelmäßig jedes Jahr aufhäufte. Nicht zauberiſcher in dunkler Schönheit war die Tochter des Midianiters, als ſie des großen Moſes Herz gewann beim Brunnen der Wüſte, nicht feuriger und herzpverlockender Rebekka, als ſie auf dem abendlichen Gefild vom Sattel des Kameeles herabglitt, um ihren jugendlichen Bräutigam zu begrüßen. Als ſte nahe vor dem Brunnen die Bütte abhob, 393 erblickte ſie ihn. Schönheit und Kraft werfen in jedes Herz ein fröhliches Licht; beide lächelten ſich an, und Valentin grüßte zuvorkommend und mit Achtung. Wie heißt der Ort, Jungfer, fragte er, und wie weit iſts von drunten noch nach Heidelberg? Das Mädchen nannte ihm das Dorf und fügte hin⸗ zu: Wer gut ausſchritte, könnte um zehn Uhr in der Stadt ſein.. Nach dieſer wichtigen Mittheilung trat ſofort eine „Stockung ein. Sabine nahm einen Krug aus der Bütte und begann mit dieſem das Waſſer aus dem Born zu ſchöpfen. Valentin ſuchte nach einer neuen Anknüpfung. Nun, Jungfer, fragte er, iſt bald Kirmeß unten im Dorf? O freilich, erwiederte ſie, heute haben wir Don⸗ nerſtag, und Sonntag über vierzehn Tage iſt unſere Kirmeß. Ei da werden die Burſche drunten ſich drum reißen, wer Sie zum Tanz zu führen hat, und der Schatz wird wohl eiferſüchtig werden? Sabine erröthete, aber ihr Stolz ſtand ihr zur Seite; ſie hob den Kopf auf und ſagte: Ich habe keinen Schatz und ſo gehe ich auch nicht zum Tanz. Da ſprang Valentin auf, ſah ihr ins Geſicht und ſagte mit ungeheucheltem Erſtaunen: Sie hat keinen Schatz? Das macht Sie mir nicht weiß. Das war unfein von Valentin, und ſchon wollte 394 Sabine ſchnippiſch ſagen: Wers nicht glauben will, mags halten, wie er Luſt hat— aber ein Blick in ſein ehrliches Geſicht hielt ſie zurück und ſie ſagte ruhig: Ich bin ein gar armes Mädchen und eine Fremde oben⸗ ein, da regnen die Schätze nicht vom Himmel, Sie können mirs glauben! Als ſie ihn ſo mit Sie anredete, merkte er, daß er ſich im Tone vergriffen habe. Auch er ſprang in die feinere Redeweiſe hinein, die ihm leicht war, denn wie durchweg in Baden hatte er einen guten Schulunter⸗ richt genoſſen. Hören Sie, ſagte er beſcheiden, wenn ich nun am Kirmeßtage hier wäre, würden Sie wohl mir die Ehre geben, und ein paar Walzer mir zu⸗ ſagen? Sabine war verlegen. Der Mann war wildfremd, und ſah doch ſo ordentlich und geſittet aus. Sie wollte ausweichen. Ach Sie ſind ja hier fremd, ſagte ſie; heute Abend oder morgen früh ſind Sie über Berg und Thal, und da könnte ich lange warten nachher, wenn ich auf Sie warten ſollte. Und als wollte ſte von dem Tanzantrag abſpringen, fragte ſie mit gleichgültigem Tone: Um Vergebung, wo ſoll denn die Reiſe hin? Valentin war ſchlau genug, in dieſer Frage das zu erkennen, was wirkich in ihr lag. Sabine wollte erſt eine Auskunft über das Wo und Wie ihres ſich an⸗ bietenden Tänzers, ehe ſie zuſagte. Da nun konnte er genügend ſich ausweiſen. Er berichtete, daß er aus 395 dem Oberlande an der Schweizergrenze von Bauers⸗ leuten herſtamme und jetzt einmal wieder heim wolle. Er erzählte, wie er früh Waiſe geworden und auf Koſten der Gemeinde im Hauſe des Lehrers erzogen ſei, der ihn zum Unterlehrer habe bilden wollen. Aber das gefiel mir nicht, fuhr er fort, ich ſchaffe lieber in der freien Luft, als daß ich ſollte in der Schulſtub hocken. Da bin ich Knecht geworden bei einem reichen Bauern zu Emmendingen, und hernach bin ich zu einem Verwandten von dem gezogen, der wohnt hier unten im Heſſiſchen. Dann hab ich zum Militär gemußt, und weil ich ſchön ſchreiben kann und meine Sachen ordentlich verſtanden habe, bin ich Unter⸗ offizier geworden, und wollte erſt auf den Offizier dienen; aber alleweil gefallt mir das Faullenzen in den Kaſernen auch nimmer recht, da hab ich meinen Ab⸗ ſchied genommen, bin ins Heſſiſche hinüber meine Sachen zu holen, und alleweil will ich ins Oberland, zu ſchauen, was dort paſſirt iſt die Zeit über; und darnach Arbeit ſuchen, wo ichs finde. Arbeit? ſagte Sabine. Arbeit gibts doch alleweil überall, denn es iſt Erntezeit. Arbeit finden Sie auch hier in der Pfalz, und hier iſt in dem Stück ein guter Brauch: wer das Korn ſchneidet, bekommts auch zu dreſchen. Lag nicht ein Wink in dieſen Worten? Wenigſtens Valentin nahm es ſo. Wenn Sie das meinen, ſagte er: ich wollte heut noch nach Heidelberg oder noch ein 396 Endchen weiter hinauf gegen Wiesloch zu, denn um zehn Uhr kommt der Mond. Aber ebenſo gut bleib ich da und probire mein Glück, wo ich bin. Und nun Jungfer— ah ſo, wie heißen Sie denn? Sabine heiß' ich, ſagte das Mädchen erröthend. Alſo, Sabine, wenn ich nun Arbeit treffe hier in der Pfalz, darf ich dann Sonntag über vierzehn Tage kommen und Sie abholen. Sabine hatte jetzt keine Möglichkeit mehr, auszu⸗ weichen, und kein Recht, zu weigern. Sie ſagte alſo herzhaft: Warum denn nicht?— und rüſtete ſich, weg⸗ zugehen. Valentin trat zu ihr und faßte ein Oehr der Bütte an, um ihr die Laſt auf den Kopf heben zu helfen. Darf ich wohl mit Ihnen hinuntergehen, fragte er ſchüchtern, damit ichs doch zu finden weiß, wo Sie wohnen? Das gäbe gleich ein Gerede, ſagte Sabine. Warten Sie, bis ich unten am Stein bin, dann können Sie nachkommen und zuſchauen, wo ich eintrete: das iſt meiner Mutter Haus. Bei dieſen Worten hob ſie die Bütte an einem Ende, und Valentin am andern. Als ſie auf dem Kopf Sa- binens ſchwebte, wollte ſie ihm für den kleinen Dienſt danken; da ſie es aber wegen der Laſt nicht mit einem Kopfnicken konnte, mußte ſie es mit einem Winke der Augenlider thun, was denn freilich, wenn wir ver⸗ liebten Leuten in dieſem Stücke glauben, noch viel ver⸗ 397 traulicher ausſieht, als ein bloßes Kopfnicken. Mädchen in dieſer Lage, eine ſchwere Waſſerbütte auf dem Kopfe, ſind ziemlich wehrlos, und das benutzte Valentin, um ihr als Erwiederung auf den Augenwink einen geſchwin⸗ den Kuß auf die Wange zu geben. Sabine erröthete tief, aber ſie ſagte kein Wort und ſtieg, trotz der Laſt, mit eben ſo leichten Schritten, wie ſie gekommen war, den Felspfad hinab. Valentin wartete eine kurze Weile, ſprang hierauf dem Mädchen nach und fing noch einen flüchtigen Gruß der braunen Augen auf, den ſie unter ihrer Hausthüre ihm zuwarf. Alsdann beſchloß er, im rothen Ochſen ſein Nachtquartier zu nehmen. Man muß nämlich wiſſen, daß ganz Baden ſchier keinen Ort beſitzt, in welchem es keinen Rothen⸗Ochſenwirth gäbe. Valentin ſchaute ſich alſo nach dieſem ebenſo angenehmen, als bedeutungsvollen Zeichen um, und bald leuchtete ihm ein ſolches durch die Abenddämmerung nahe bei der Kirche entgegen. Er trat in die Gaſtſtube und forderte einen Schoppen Batzenwein, ein Abendbrod und ein Nachtlager. Wenn nun meine norddeutſchen Brüder von einem Wirthszimmer des Südens hören und dabei die lang⸗ weiligen Reſtaurationen, Leſekabinette und Kaffeeſtuben ihrer Städte ſich vormalen, oder gar an die fliegen⸗ ſummenden Branntweinſchenken auf dem Lande denken, ſo muß ich ihrer Einbildungskraft etwas nachhelfen. Ueberall wo Wein wächst, und am Orte ſeines Wachs⸗ thums alſo zu wohlfeilen Preiſen getrunken wird, lebt eine höhere, feinere Wirthshausgeſelligkeit. Die ſüd⸗ deutſche Gaſtſtube iſt einer der wichtigſten Plätze für das öffentliche Leben. Nicht wie im Norden ſondern ſich hier die Stände in Caſinos und Klubs ab: der Schoppen dient vielmehr als Bindemittel zwiſchen allen Berufsarten und ſelbſt allen Bildungsſtufen, die in⸗ deſſen in Baden nicht ſo gar weit auseinander liegen. Während der Berliner zur Theeſtunde ſich mit ſeiner Familie und vielleicht einem Buche zuſammenthut, geht hier der Bürger allabendlich ins Wirthshaus, denn hier iſt die Hochſchule des Volks für die Politk. Der Lehrer, der im deutſchen Süden faſt durchweg die Fort⸗ ſchrittspartei vertritt, liest die Zeitung vor, welche jeder Wirth als das hauptſächlichſte Anlockungsmittel zu halten verbunden iſt, die kraftvollſten Kammerreden kommen zum Vortrag und werden ausführlich beſpro⸗ chen; auch bildet ſich hier das Urtheil darüber, ob der gewählte Abgeordnete des Kreiſes im Sinne der Wähler ſeine Schuldigkeit thue oder nicht. Alle Stände gleichen ſich in den gemeinſamen Intereſſen des Staatslebens aus; ſelbſt Pfarrer und Bürgermeiſter verſchmähen es nicht hier öfter einzuſprechen, und hierauf zum großen Theile beruht es, daß der Klaſſenkampf zwiſchen Reich und Arm hier noch nicht ſtark durchgreift, vielmehr die Begüterten gerade den Kern der Oppoſitionspartei bilden. Es würde auffallen, wollte Jemand in die Herrenſtube ſich zurückziehen; höchſtens geht man dahin, um allein 399 und ungeſtört zu ſpeiſen, und kehrt dann in die allge⸗ meine Gaſtſtube zurück. Natürlich ſpielt bei dieſem Allem der Wirth eine Hauptperſon; in ihm ſammelt ſich gleichſam alles politiſche Licht, das die geſammten Gäſte von ſich ſtrahlen; er hat mit der neuen Zeitung und durch die hne henen Eebe zuerſt die neueſten Nachrichten in Händen, und weiß ſeine Belehrungen ſtets an den rechten Mann zu bringen; daher auch in allen ſüddeutſchen Bewegungen die Gaſtwirthe ſtets eine große Rolle geſpielt haben. Manche Wirthsſtube der Pfalz iſt wichtiger, als zwölf Gemeindehäuſer zu⸗ ſammengenommen. Gewiß, dieß hat auch ſeine Kehrſeite. In den be⸗ wegteſten Wirthshäuſern werden nur Oppoſitionsblätter geduldet; der Ton dieſer politiſchen Beſprechung, die gar oft auch zur politiſchen Kannegießerei wird, iſt heftig und leidenſchaftlich, und der zu dieſem geiſtigen Vergnügen hinzugenoſſene Wein, verbunden mit der lauten und redſeligen Art dieſes warmblütigen Men⸗ ſchenſtammes macht gründliche Belehrung, kalte Ueber⸗ legung unmöglich. Das knattrige Rauſchgold macht ſich ebenſo wohl wie das Edelmetall geltend, und das zornige Raiſonniren der offiziellen Wirthshausdemokraten erſetzt nur zu oft die tüchtige Bildung, den gediegenen Charakter. Unſtreitig iſt dieß ein Uebelſtand, den die Regierung überwinden konnte, wenn ſie früh genug ſich entſchloß, durch ihre Schulen geſunde und klare Staats⸗ begriffe in die Köpfe des heranwachſenden Geſchlechtes 400 ———— zu pflanzen. Allein hier wie überall ſind die neun Stufen der Engel aus dem Katechismus ſtets für wich⸗ tiger zu wiſſen erachtet worden, als die Kenntniß der heiligen Rechte und Pflichten, die dem Bürger ſeinem freien Staate und der Gemeinde gegenüber zukommen. Nebenbei ſchließen ſich denn im Wirthshaus noch eine Menge anderer Geſchäfte ab, die auf Handel und Wandel Bezug haben. Die Gaſtſtube iſt die Bank und Börſe des Dorfes, wo man die Schrannenpreiſe der nächſten Märkte erfährt und gar oft auch die Preiſe macht; außerdem aber dient die abendliche Zuſammen⸗ kunft als allgemeines Commiſſionsbureau. Darauf nun ging unſer Valentin ſogleich aus. Nachdem er dem Ochſenwirth auf die gewöhnlichen Fragen Rede geſtan⸗ den, rückte er mit ſeinem Anliegen heraus, ob es wohl für einen rüſtigen Tagewerker Arbeit im Orte gebe. Ehe eine Viertelſtunde verging war er bereits mit einem begüterten Bauern in Unterhandlung, der für die be⸗ vorſtehende Ernte Hülfe brauchte und in deſſen Lohn Valentin gleich morgenden Tages eintreten konnte. Nachdem dieſes im Reinen war, gab man ſich ſorglos den politiſchen Debatten hin, die von Minute zu Mi⸗ nute lebhafter wurden, und Valentin, der gegen das Allgemeine nie gleichgültig geweſen war, klang begeiſtert mit an, als ſich zur Zeit der Bürgerglocke die Geſell⸗ ſchaft mit einem fröhlichen Anſtoßen der Gläſer auf Vater Itzſtein trennte. 401 Valentin war als Knecht in die Dienſte des Bauern getreten, der eine Viertelſtunde vom Dorf einen großen Hof bewohnte und während der Ernte hatte er treu ſeine Pflicht erfüllt. Da ihm ſeine vor dem Militär⸗ dienſt getragenen Kleider zu knapp und zu abgetragen erſchienen, ſo wandte er einen Reſt ſeines früheren Lohns, den er im Heſſiſchen eingezogen hatte, auf einen zierlichen neuen Anzug. Eine ſchwarze, engzugeknöpfte Jacke, auf dem Rücken mit ein paar Schnüren beſetzt, hob ſeine ſchlanke Geſtalt gut hervor. Statt der hier zu Lande modiſchen Kappe wagte er, einen jener über dem linken Ohr aufgeſchlagenen Heckerhüte mit hinten herabhängenden Troddeln anzuſchaffen, die jedem kräf⸗ tigen Männerkopf den Ausdruck einer kecken Entſchloſſen⸗ heit verleihen. Seinen Bart ließ er ungeſchoren, ob⸗ wohl das in jener Zeit beim Landvolk noch ebenſo ſelten war, als es nach der Revolution von 1848 bräuchlich geworden iſt. In dieſer Tracht, der ſeine feſte mili⸗ täriſche Haltung erſt den rechten Ausdruck gab, ging er am Kirmeßtage vor dem Mittagseſſen ins Haus Sabinens, die er mittlerweile während der harten Erntetage nur im Vorübergehen hatte begrüßen können, und ſtellte ſich der Mutter Wlaska vor. Von dieſer, die auf ihn in ihrem Ernſt einen ebenſo bedeutenden Eindruck machte, als wiederum ſein männliches Weſen ihr wohlgefiel, erhielt er ſodann gleichfalls die Erlaub⸗ niß, Abends vier Uhr Sabiuen auf den Tanzboden führen zu dürfen. Valentin war ſo klug, auch die Kinkel, Erzählungen. 26 beiden Schweſtern einzuladen; die ältere nahm es nach kurzem Schönthun mit innerem Vergnügen an, die kleine fromme Ludmilla aber hatte am Morgen aus⸗ nahmsweiſe die für heut etwas reichlicher bedachte Küche verſehen und deßhalb auf die Meſſe verzichten müſſen; ſie erklärte daher, ſie wolle lieber den Nachmittag dazu verwenden, um auf das entfernte katholiſche Dorf zu wandern und ſich für die verſäumte Meſſe durch Veſper und Predigt zu entſchädigen. Schon um drei Uhr war Valentin da und ging ſtolzen Schrittes zwiſchen den beiden ſchönen Mädchen, eines an jedem Arme führend, durchs Dorf zum rothen Ochſen hinab, in deſſen Oberſtock der angeſehenſte Tanzplatz des Ortes ſich befand. Er tiſchte ſeinen Tänzerinnen vom beſten Weinheimer Wein auf, und bald begann nun der Tanz, ſo luſtig, ſo wild und ſo unermüdlich, wie das Landvolk in ganz Deutſchland und in der ganzen Welt an den auserwählten Tagen des Vergnügens— und das ſind ja vor Allem die Kirmeßtage— ihn liebt. Valentin tanzte zuvorkom⸗ mend mit beiden Mädchen, aber Sabine war und blieb ſein Herzblatt, und auch ſie ſelber ward mit jedem neuen Walzer feuriger und zutraulicher, während die feine Wlaska bald andere Tänzer fand. Der Tanz mochte eine Stunde gedauert haben, als mit lautem Peitſchenknall und noch lauterem Halloh neue Gäſte heranfuhren. Es waren Heidelberger Stu⸗ denten mit bunten Mützen und vielfarbigen breiten Verbindungsbändern, die, ſechzehn an der Zahl, ihre Beine und Stöcke aus zwei gichtbrüchigen Droſchken herausſuchten, deren jede von Einem einzigen lenden⸗ lahmen Gaul gezogen wurde. Unſere Leſer ſollen hier erfahren, daß es in der Nähe jeder Univerſitätsſtadt Eine Hauptkirmeß gibt, die von den Muſenſöhnen ganz regelmäßig und bloß zu dem höchſt uneigennützigen Zwecke beſucht wird, da⸗ ſelbſt ſich eine triftige Anzahl gediegener Prügel zu holen. In Bonn galt für dieſe Kirmeß während un⸗ ſerer akademiſchen Periode die zu Siegburg; in Heidel⸗ berg ſtand 1844 gerade jenes Odenwälder Dorf in Mode. Die Waffen, mit denen man für dieſen geiſt⸗ reichen Zweck ſich verſah, waren vor zwanzig Jahren die Ziegenhainer; ſeit aber der einzige Wald bei Jena eingegangen iſt, welcher dieſes berühmte Gewächs er⸗ zeugte, ſind die dicken ſpaniſchen Rohre ſtark in Schwung gekommen, deren Hieb ſchon ſanfter, obwohl kaum minder einſchneidend iſt. Endlich hat die jüngſte Zeit uns mit der Erfindung der Gutta⸗Percha⸗Stöcke be⸗ ſchenkt. Ich trage kein Bedenken, dieſen den Preis zu geben und ſie für das Ideal und Nonplusultra aller Prügel in der ernſteren Gattung zu erklären(in der komiſchen würde ich das Studentenrapier vorziehen), da ihre gewichtigen Hiebe ſich mit einer Wolluſt und Bieg⸗ ſamkeit, die etwas wahrhaft Schlangenartiges hat, an jede Vertiefung und Erhöhung des Körpers anſchmie⸗ gen, dem ſie zufallen. Allein in dem Jahr, von 404 welchem wir erzählen, war die heilſame Erfindung der Gutta⸗Percha leider noch nicht gemacht, und ſo waren es, außer den aushülflich dienenden fauſtdicken Weichſel⸗ rohren der Pfeifen eben Stöcke verſchieden an Holz und Stärke, mit denen unſere Achäer den Kampfplaß betraten. Es gibt keine Menſchenklaſſen, mit denen man herz⸗ licher und unbefangener zechen und froh ſein kann, als mit Bauern und Handwerkern. So wie aber ein ächter Student in deren Nähe kommt, fordert es der akade⸗ miſche Brauch, gegen ſie brutal zu werden und ſie durch Neckereien und Renommagen herauszufordern. Dieß⸗ mal gab Sabine den Anlaß her, welche einige der Corpsburſche als frühere Bekannte vom Markt her be⸗ grüßten. Sie tanzten ein paar Walzer mit ihr, und Valentin war vernünftig und gebildet genug, um ſich darüber nicht zu ärgern. Aber da das Weſen von Eini⸗ gen etwas zutäppiſch wurde, beſchloß Sabine ſelbſt, der Sache ein Ende zu machen. Das flinke Mädchen trat mit dem Längſten und Uebermüthigſten zum Walzer an, und begann ihn ſo unabläſſig und unaufhaltſam herumzureißen, daß er, nachdem ſie ihn zehnmal zur Tour um den ganzen Saal herum gezwungen hatte, endlich plump zu Boden fiel. Sie erwartete das, ließ ihn im rechten Augenblick los, ſprang mit einem feder⸗ leichten Hupf über ſeine Beine weg und tanzte laut lachend den Walzer ohne Tänzer fort bis zu Valentin. Dieſen riß ſie ſofort in den Wirbel hinein und zeigte 405 deſſen unermüdliche Kraft dem ſtädtiſchen Renommiſten, der gedemüthigt giftige Blicke auf den von Sabinen offenbar begünſtigten Nebenbuhler ſchoß. Die Studen⸗ ten beſchloſſen Rache: einer trat Sabinen mit dem Sporn ins Kleid und zerriß es ihr, worauf er ſich halb ſpöt⸗ tiſch entſchuldigte, und bei dem nächſten Tanz flog ein Stock, wie unverſehens gefallen, Valentin dicht vor die Füße, ſo daß er, wenn Sabine nicht aufmerkte, heftig hätte hinſtürzen müſſen. Er ſprang aus dem Tanz und trat vor den Tiſch der Studenten hin.„War das Spaß oder Ernſt,“ fragte er,„daß Sie mich und das Mädchen zu Boden werfen wollten?“ „Nimms wie Du willſt, Bauer!“ ſagte der lange Renommiſt. So nehm ichs als Ernſt, ſchrie Valentin, ſprang drei Schritte zurück und warf ſeine Jacke ab. Von Sabine vergebens zurückgehalten, ergriff er mit erſtaun⸗ licher Behendigkeit einen jener eichenen Bauernſtühle von ſehr einfacher Bauart bei der Rücklehne, und ſtieß deſſen vordere Beine kräftig auf den Boden. Der Er⸗ folg entſprach: das Sitzblatt ſprang entzwei und lieferte ihm an den Vorderbeinen zwei auserwählte Schlägel. Mit dem Rückenblatt und dem, was ſonſt von Trüm⸗ mern in ſeiner Hand blieb; hielt er ſich nicht lange auf; dieß diente ihm bloß dazu, den langen Renommiſten ſofort kampfunfähig zu machen, indem er es ihm kurz⸗ weg an den Kopf warf, daß er zu Boden taumelte. Dann packte er die beiden Stuhlbeine wie Keulen an 26- 406 deren dünnem Ende, und mit dem einen parirend, mit dem andern draufklobend drang er in den brüllenden Haufen der Studenten ein.. Die deutſchen Studenten ſind, wenige Ausnahmen abgerechnet, nicht allzuſehr durch Herzhaftigkeit aus⸗ gezeichnet. Man kann es erleben, daß ein Stubdenk, eine ehrbare Frau öffentlich beleidigt; das iſt nichts, denn einzelne Niederträchtige hat jeder Stand; man kann es aber gleichfalls erleben, daß andre Studen⸗ ten zugegen ſind, welche den Niederträchtigen nicht mit der Reitpeitſche züchtigen. In der That, wer ſich auf unſern ideenloſen Schulen acht Jahre mit dem verſtümmelten Alterthum abplagt und dann unſere Profeſſoren ein paar Semeſter hindurch die herkömm⸗ lichen Brodcollegien vortragen hört, kann keine Be⸗ geiſterung in ſich retten; die letzte Kraft aber geht mit dem erbärmlichen Duellrenommiren verloren, das den Menſchen durch ſeine Lächerlichkeit ſo aushöhlt, daß er hernach vor einer pfeifenden Kugel nicht aufrecht zu ſtehen vermag. Man ſah dieß glänzend im letzten badiſchen Revolutionskrieg; unter den Freiſchaarencom⸗ pagnien ſind dieſe liebenswürdigen Jünglinge, die doch ſtets die ſchönſten und längſten Hahnenſchwänze tru⸗ gen, in der Regel die erſten geweſen, die für ihre Mütter ihr junges Leben retteten. Das wirkliche Leben, die Noth und große Schickſale verbeſſern glück⸗ licherweiſe das, was unſere Gelehrtenſchulen geſün⸗ digt haben, bei Einzelnen— nicht bei Allen freilich, * denn unſere Candidaten, Referendarien und jungen Aerzte ſind ja meiſt die Söhne derjenigen Stände, welche ſich, ſie wiſſen ſelbſt nicht warum, die gebildeten nennen — und aus dieſen iſt die herbe Tugend und der natur⸗ wüchſige Heldenmuth längſt entſchwunden, um der ge⸗ prieſenen Mäßigung, der hochbeliebten Weltklugheit Platz zu machen. Trotz dieſem verſuchten die Studenten einigen Wi⸗ derſtand, ſobald ſie wahrnahmen, daß Valentin allein auf ſie einſtürmte; denn die andern jungen Burſche hatten nicht übel Luſt dieſen ſtecken zu laſſen, da er ein Fremder war, während die Mädchen der ſtolzen Sabine halbwegs eine Demüthigung gönnten. Allein noch zur rechten Stunde beſann man ſich, welch eine Lücke es in der Chronik des Dorfes geben müſſe, wenn man einmal die Heidelberger ohne Prügel von der Kirmeß heimließe. Die Ueberlieferung überwog alſo, wie ſo oft, die eigene Meinung; einige Bauernburſche entſchloſſen ſich zum Entſatz Valentins, der ſich von ſpaniſchen Röhren bereits bedenklich umſchwirrt ſah. Und nun wurden die Studenten blitzſchnell und mit wunderbarer Leichtigkeit vom Tanzboden weggeklopft und die Treppe hinuntergeworfen; damit aber war auch nach ritterlicher Kampfesart die ganze Fehde zu Ende, und dem fliehenden Feinde wurde eine goldene Brücke gebaut. Die Studenten durften in der Unterſtube un⸗ geſtört ihre Brauſchen mit naſſen Tüchern verſehen und g üch in ihre Droſchken ſetzen, welche ſie denn ſo raſch 408 8 He Studentengäule vermögen, in den Sitz ihrer ernſten Muſen und lieblichen Nymphen zurückführten. Nachdem die Luft rein war und jeder der Dorf⸗ burſche mit dem tapfern Valentin auf nähere gute Be⸗ kanntſchaft angeklungen hatte, begann der Tanz von neuem. Valentin hatte ſofort, als wäre nichts vorge⸗ fallen, ſeine ſchwarze Jacke wieder angezogen und ſchwang ſich eben mit Sabine in einer luſtigen Polka, als er plötzlich einen ſcharfen ſtechenden Schmerz im linken Arm ſpürte. In einer Pauſe griff er unter den Aermel und fühlte das warme Blut ſeiner Hand entgegenquel⸗ len. Gleichwol tanzte er erſt die Polka durch, trank mit den Mädchen ſeine Flaſche Wein aus und bat Sa⸗ binen erſt dann, ſo leid es ihm thue, eine Weile mit ihm hinauszugehen, indem er auf das ſchon den Fuß⸗ boden beträufelnde Blut hinwies. Heftig erſchreckt forderte ſte ihn auf, mit nach ihrem Hauſe zu kommen, da ihre Mutter ihn raſcher als jeder Arzt heilen werde. Wie gerne folgte er, und wie ſtolz auf einander ſchritten Beide durchs Dorf in die kleine Hütte der Mutter Wlaska! Eine zerbrochene Flaſche war nach Valentins Kopfe gezielt geweſen, hatte ihm aber bloß den fleiſchigen Theil des Oberarms zerſchnitten. Wlaska nahm mit einem feinen Zänglein eine kleine Glasſcherbe, die ſitzen geblie⸗ ben war und den Schmerz verurſachte, heraus, und verband geſchickt die Wunde, nachdem ſtie ausgewaſchen war. Dabei aber verbot ſie den jungen Leuten ſtreng, fing und nebenbei als Tagewerker arbeitete, ſo hatte er des Jünglings werden könne: wie zum Erſatz aber ſollte er zum Abendeſſen da bleiben. Wie froh war das Paar auf den Tanzboden zurückzukehren, weil dieſes der Tod über dieſe Auskunft! Die Mutter und die älteſte Tochter, welche auch bald vom Tanzboden heimkam, wirthſchaf⸗ von heute auf einmal ſich ganz nahe gebracht, durften Viertelſtunden lang allein in der traulich dämmernden Stube zuſammenſitzen. Valentin war für Sabine zum Retter und halbwegs ja auch zum Märtyrer geworden, und von da iſts bei den Frauen nicht mehr weit zum Geliebten. Unſre Leſerinnen mögen ſich jener wonne⸗ vollen Stunden der erſten liebenden Annäherung zweier jungen Gemüther erinnern, die Jede, auch die unglück⸗ lichſte von ihnen einmal im Leben wenigſtens in einem blaſſen Abbilde kennen gelernt hat. Unſere Leſer weiſen wir dafür auf jene Gefühle zurück, die ſie empfanden, als ſie zum erſtenmal am Familientiſche des Mädchens ſaßen, dem ſie ihr Herz geſchenkt hatten. Wir ſelber erzählen von dieſem Abend nichts weiter. 2 Es war Winter geworden. Valentin hatte ſich in ſeinem Dienſte als einen treuen und tüchtigen Arbeiter bewährt. Wenn er mit einer rührigen Frau eine eigene Wirthſchaft auf einem gepachteten Stückchen Acker an⸗ teten in der Küche, Ludmilla war aus der Veſper noch nicht zurück; Valentin und Sabine, durch den Vorfall 410 Ausſicht auf das Loos, das manchem Armen in der arbeits⸗ luſtigen und betriebſamen Pfalz winkt. Man fängt mit Wenig an, man kauft zuletzt von irgend einem Aus⸗ wanderer zu billigem Preiſe ein kleines Grundſtück und legt mit jahrelanger Anſtrengung das darauf ruhende Schuldkapitälchen ab. Dann wird ein Wies⸗ chen angeſchafft, um eine Ziege und wenns hoch kommt eine Kuh zu halten. Auf dieſer Stufe des errungenen Wohlſtandes wird nun ein Gemüſegärtchen, die Leiden⸗ ſchaft der Frau, wo ſie pflanzen und durch den Markt⸗ gang Etwas verdienen kann— und ſo erringt das Paar am Ende auch noch eine eigene Hütte. Dann gehen ſie zu ihren Vätern, zufrieden ihren Kindern die erſte Handhabe hinterlaſſen zu können, an welcher dann dieſe ſich manchmal ſogar zum Reichthum emporſchwin⸗ gen. Was aber Einem gelang, war auch für Valentin möglich, zumal wenn Sabine das Marktgeſchäft oder doch ein gutes Theil ihrer Kunden in ſeinen Haushalt mit herüberbrachte. Seit der Kirmeß galten Beide im Dorfe für ein Liebespaar, und auch im Hauſe des Mäd⸗ chens wurde das ſtillſchweigend angenommen. Als im Herbſt die Abende lang wurden, ſpannen die vier Frauen noch eifriger als ſonſt, und jede wußte im Stillen wofür. Valentin war nicht ganz ein Mann nach dem Wunſche der Mutter Wlaska, ſie hätte der rührigſten Tochter, die ſo ſehr in ihre kräftige Art ſchlug, gerne eine glänzendere Partie gegönnt als einen Tagewerker. Auch fürchtete ſie häuslichen Unfrieden, da Valentin deih Proteſtant war. Aber die Freier waren in dieſem Hauſe ſchon allzulange ausgeblieben, als daß man hätte wäh⸗ leriſch ſein dürfen. Außerdem lebte Wlaska, wie jede töchterreiche Mutter, des Glaubens, daß ein glücklich verheirathetes Mädchen die Schweſtern gleichfalls in den heiligen Eheſtand mitreiße: was auch unter zehn Fällen zuweilen einmal zutreffen ſoll. Auch hatte ſie ja ſelber noch immer ihren Wunſch nicht erreicht, es zu einem liegenden Eigenthum zu bringen: durfte ſie Valentin abweiſen, weil er arm war? Als daher eines Sonntags morgens der junge Mann ſein Anliegen der Mutter vortrug, erhielt er ohne Bedenken die Zuſage; er wollte nur ſeine Zeit beim Bauern ausdienen, und dann ſoll⸗ ten die jungen Leute ihre eigene Wirthſchaft anfangen. Seitdem fand Valentin ſich faſt regelmäßig Abends in der Spinnſtube ein, wo Sabine ihre kleine Ausſtattung rüſtete. So verfloſſen ein paar ſtillglückliche Monate, und nun wars zum Aufgebot Zeit, wenn man im Frühjahr Hochzeit machen wollte. 5 In Baden haben die Geiſtlichen noch die Führung der Civilſtandsregiſter, und die kirchliche Trauung ſchließt die bürgerliche in ſich. Valentin begab ſich demnach zum proteſtantiſchen Pfarrer des Dorfes, bei dem er ſich bereits gleich bei ſeinem Dienſtantritt als Gemeinde⸗ glied gemeldet hatte. Er traf ihn, wie man Paſtore zu treffen gewohnt iſt, im Schlafrock und Lehnſtuhl mit der brennenden Pfeife und einer Taſſe Kaffee vor ſich. An dieſem Pfarrer war das Merkwürdigſte, daß er in ſeiner ganzen Gemeinde keinen Feind hatte. Dieß iſt freilich ſchwer zu begreifen, denn ein Pfarrer ſoll ja das Laſter züchtigen und die Bosheit aufdecken, was ohne Feindſchaften nicht abgeht. Allein ob nun Laſter und Bosheit in dieſem glücklichen Erdenwinkel gar nicht vorkamen, oder ob der Paſtor das Züchtigen und Auf⸗ decken vergaß— genug, er galt für einen vortrefflichen Mann, dem Niemand Etwas vorwerfen könne. Im Vertrauen hierauf trug Valentin geläufig ſeine Wünſche vor. Der Pfarrer nickte freundlich, überzeugte ſich, daß alle nothwendigen Tauf⸗ und Todtenſcheine vorhanden ſeien, und ſchrieb ſich bereits die Vor⸗ und Zunamen auf das Ankündigungsblättchen, das er aus ſeiner Kanzelbibel hervornahm. Das erſte Aufgebot ſollte ſchon am nächſten Sonntag ſtattfinden, und an Valentins Geburtsort erbot ſich der Pfarrer ſelbſt die nöthige Aufforderung amtlich abgehen zu laſſen; der Bräutigam gab ihm herzlich dankend die Hand. Noch einen Gruß an die Jungfer Braut, ſagte der Pfarrer, als Valentin die Thüre in die Hand nahm. Schon war er auf der Treppe, da rief ihn die Stimme des Seelenhirten noch einmal hinauf.„Wie iſt es denn,“ fragte dieſer,„mit den hundertfünfzig Gulden?“ „Hundertfünfzig Gulden?“ ſagte Valentin mit einem leiſen Schauder.„Was für hundertfünfzig Gulden?“ „Nun, Sie kennen doch unſere badiſche Gemeinde⸗ ordnung? Wer ſich in einer Gemeinde verheirathen will, muß zuvor Bürger ſein und zu dieſem Zweck ein Grund⸗ ſtück oder eine Geldſumme aufweiſen. Ein liegendes Eigenthum haben Sie meines Wiſſens nicht, die Braut hat es auch nicht; die Geldſumme aber beträgt für Landſtädtchen und Dörfer hundertfünfzig Gulden.“ „Herr Pfarrer,“ ſagte der arme Junge,„das kommt mir wie ein Blitz vom Himmel herunter. Ich kann ja doch von meinem Arbeiten leben und gut leben, ſelbſt wenn ein paar Kinder dazu kämen; ſoll ich denn, weil ich arm bin, keine Frau nehmen dürfen?“ Der Pfarrer that ein Paar ſtarke Züge aus der Pfeife, zuckte die Achſeln und erwiederte:„Jede Ge⸗ meinde ſucht ſich zu hüten, daß nicht arme Leute in ſie hineinheirathen, Kinder zeugen und ſo in das Vermögen der Gemeinde ſich breit hineinſetzen. Darum haben unſere Kammern Anno 1831, als die neue Gemeinde⸗ ordnung und die vielen liberalen Geſetze gemacht wor⸗ den ſind, dieſen Punkt ausdrücklich aufgenommen.“ „Aber mein Gott,“ ſagte Valentin faſt verzweifelnd, „was iſt denn da zu thun? Wäre die Sabine meine Frau und ich hätte meine eigene Wirthſchaft, ſo ſoll⸗ ten die hundertfünfzig Gulden in anderthalb Jahren da ſein, aber ſo zwingen wirs nicht bald.“„Herr Pfar⸗ rer,“ fuhr er fort, als Jener ſchwieg:„Sie ſind ein guter Mann und haben auch eigenes Vermögen; helfen Sie mir in die Ehe hinein, leihen Sie mir hundert Gulden, die fünfzig wollen wir ſchon dazu verdienen, bis zum Herbſt. Oder ſchaffen Sie mirs von guten Leuten.“ 414 „Hören Sie, Valentin, das geht nicht an,“ ſagte der Pfarrer gleichmüthig.„Meine kleinen Kapitalien ſtehen alle feſt; und ich muß zuerſt an meine eigene zahlreiche Familie denken. Ich halte Sie für einen braven Mann, aber wenn Sie ſterben? Und bei Andern für Sie borgen— das müſſen Sie nicht verlangen. Ich kann bei Ihnen wohl frei heraus ſprechen. Sehen Sie, die Gemeinde hat die Familie Ihrer Braut nicht gern. Es iſt eine brave Familie, eine arbeitſame Familie, auch eine fromme Familie auf ihre Art und Weiſe— aber ſie ſind fremd, ſie ſind katholiſch, ſie ſind arm. Hei⸗ rathen die Mädchen und es geht nachher mit der Wirth⸗ ſchaft ſchief, ſo fallen die Kinder der Gemeinde zur Laſt. Nun muß ein Pfarrer ſich alle Mühe geben, daß er ſeinen Gemeindegliedern zu Willen lebt und ſich ja keine Feinde macht. Darnach habe ich immer geſtrebt, und Gott ſei Dank, es iſt mir auch gelungen. Wenn ich nun Ihnen zur Ehe mit dem Mädchen verhülfe, ſo würde mir das übel genommen. Probiren Sie es da⸗ her lieber in Ihrer eigenen Heimath; dort können Sie nach den Geſetzen ebenfalls getraut werden.“ Valentin erblaßte vor Zorn, und ſprach ingrimmig: „Zu was ſoll ichs erſt noch einmal im Oberland ver⸗ ſuchen? Daheim bin ich gerade ſo gut ein armer Junge, wie hier unten in der Pfalz. Obenein bin ich dort fremd geworden und müßte wenigſtens ein Jahr erſt wieder daſelbſt arbeiten, daß die Leute Vertrauen zu mir hätten. So lange kann ich und will ich nicht 415 warten. Alſo,“ ſagte er zum Weggehen ſich wendend, „iſt das Ihr letztes Wort? Sie wollen wirklich nichts dafür thun, daß ich als redlicher Bürger und guter Chriſt in die Ehe komme?“ „Ich habs Ihnen ja geſagt,“ erwiederte der Pfarrer mit Ungeduld,„ich kanns nicht und darf es nicht. Die Amtspflicht und, junger Mann, die Amtsklugheit!— Uebrigens thut es mir leid, daß wir über dieſen Gegen⸗ ſtand uns gegenwärtig nicht weiter beſprechen können; mein Küſter wartet ſchon lange unten, denn ich habe eine Kindtaufe.“ Bei dieſen Worten zog der Pfarrer(ſo eilig waren die Amtsgeſchäfte) vor Valentins Augen den Schlafrock aus und griff nach ſeinem ſchwarzen Rock, der an der Wand hing. Dieſe Andeutung, daß die in Gnaden ge⸗ währte Audienz bei dem hochehrwürdigen Herrn nun⸗ mehr vorüber ſei, konnte Niemand mißverſtehen. Va⸗ lentin ſtieß einen tiefen Seufzer aus und trat mit einer ſtummen Verbeugung aus der Thüre. Der Pfarrer aber beendete gleichmüthig ſeinen Anzug und ſetzte ſich ſodann wieder in den Lehnſtuhl, um vor den ſo eiligen Amtsgeſchäften zuvörderſt noch ſeine Pfeife auszurauchen und keinen Reſt darin zu laſſen. Während ſein ſterb⸗ liches Theil ſich mit dieſer Verrichtung zerſtreute, ſam⸗ melte er in ſeinem Geiſte einige locker in der Studir⸗ ſtube herumflatternde Gedanken, um ſie im Hauſe des Bauern, wohin er ging, zu einer nothdürftigen Kind⸗ taufrede zuſammenzuſetzen. 416 ——— 4 Valentin ging geſenkten Hauptes und tief beſchämt zum Hauſe ſeiner Braut zurück; er hatte jetzt freilich Gelegenheit, darüber nchndenten woher die geprieſene Beliebtheit des Herrn Pf rrer ſamme. Ein giftiger Mehlthau fiel über da lratne⸗ das geſtern Abend die trauß Stube ſoch mit ſo frohem Hoffnungs⸗ ſchimmer vergoldet hatte. Die Mutter Wlaska war, wie gewöhnlich, die Erſte, die ſich faßte. Ei, ſagte ſie, die Sabine gehört ja gar nicht zu der Gemeinde des proteſtantiſchen Predigers. Wir wollen Sonntag nach der Meſſe mit unſerm Dechanten darüber ſprechen, der iſt mir immer gut geweſen und hat mir gar manchmal freundlichen und nützlichen Rath gegeben. Du ſollſt ſehen, Valentin, der iſt vernünf⸗ tiger und auch beſſer auf die armen Leute. Und ſo geſchah es. Sabine ging den folgenden Sonntag mit der Mutter, und ſie fanden einen freund⸗ lichen Empfang beim Dechanten, der ihren regelmäßigen Kirchenbeſuch aus dem entfernten Orte ſehr zu ſchätzen wußte. Stockend trug Sabine ihren Wunſch vor und ſchüttete in Einem Athem ihr Herz auch über die hun⸗ dertfünfzig Gulden aus.„Ich wollte mich,“ ſagterfie⸗ „Tag und Nacht plagen, bis wir ſie hernach zuſammen⸗ hätten und wiedergeben könnten, und auch der Valentin verſtehts Arbeiten wie Einer! Wenn nur auf Ihr Wort, Herr Dechant, Einer ſie uns vorſtreckte!“ ⸗ „Das könnte ſich machen,“ ſagte der Dechant.„Warum nicht? Ich habe gute Freunde unter den Herrn droben & um Freiburg und ſonſt im Oberland, die würden ſchon Etwas thun. Es iſt zwar bedenklich, daß die Sabine einen Calviner heirathet, da aber natürlich alle Kinder katholiſch werden— 2 1 Alſo das wäre die Bedingung? fiel ihm die Braut ins Wort. Wie kannſt Du darnach nur fragen, Sabine? ſagte der Geiſtliche erſtaunt. Erinnerſt Du Dich denn der Chriſtenlehre nicht mehr, die Du bei mir empfangen haſt? Eher will ich die Stola nimmer anziehen, ehe denn ich eine gemiſchte Ehe traue, wo das nicht zuge⸗ ſagt wird. Noch viel weniger möchte ich zum Bürger⸗ gelde helfen, daß eine Ehe ohne dieſe Bedingung ge⸗ ſchloſſen würde. Dann geht es nicht, ſagte Sabine. Wir zwei haben das ſchon mit einander beredet, daß wir darüber nie⸗ mals hadern wollen. Wir überlaſſen es dem lieben Gott: ſchenkt der uns Kinder und das erſte iſt ein Junge, ſo gehen ſie alle nach des Vaters Glauben, iſts ein Mädchen, ſo laſſen wir ſie alleſammt katholiſch taufen, dann haben ſie auch unter ſich nachher keinen Hader. Davon geht auch der Valentin nicht mehr ab, das weiß ich zum voraus. 8 Za, Mädchen, ſagte jetzt der Dechant mit offener Entrüſtung, wenn Du ſo leichtſinnig das Seelenheil Deiner Kinder aufs Spiel ſetzeſt, daß Du Dir nicht einmal Mühe geben willſt, Deinen Mann herumzu⸗ kriegen, dann wäre es ja eine Sünde, Dir zu einer Kinkel, Erzählungen. 18 27 418 ſolchen Ehe zu verhelfen; am Ende riſſe der Calviner noch Deine eigene Séele dazu ins Verderben mit. Nein, mein Kind, fügte er ſanfter hinzu(denn die Kirche redet ſtets ſanft, wenn ſie uns einen Stich ins Herz gibt) opfre Du lieber Deinen Wunſch Gott auf; beſſer nicht freien, als am Glauben Schiffbruch leiden! Trotz den Einſprüchen der Mutter, trotz den thränen⸗ reichen Bitten der unglücklichen Braut beſtand der De⸗ chant auf ſeiner Weigerung, und als er nun zuletzt die bis dahin ruhige Beſprechung in eine heftig nieder⸗ regnende Strafpredigt auslaufen ließ, da fanden beide es gerathen, dieſem kräftigen Waſſerbade mit verzagtem Herzen ſich zu entziehen. Valentin kam ihnen unter⸗ wegs entgegen und empfing die hoffnungsloſe Kunde aus erſter Hand. Nach dieſer abermals erloſchenen Ausſicht war e für heute an keine vertrauliche Familienunterhaltung mehr zu denken. Auch für die Schweſtern Sabinens lag ja eine bittre Lehre darin, und die Hoffnungen der Mutter Wlaska, auf eine Verbeſſerung ihres Hausſtandes durch künftige Schwiegerſöhne gingen gleichfalls einiger⸗ maßen in die Brüche. Valentin benutzte alſo den Sonntagabend zu einem einſamen Spaziergang in den Wald. Er fühlte, daß hier ein ſchweres Unrecht der menſchlichen Geſellſchaft verborgen liege; aber zum er⸗ ſtenmale berührte ihn dieſer Gedanke, und ſein einfacher Verſtand konnte aus ihm noch keine Folgerungen ziehen. Demnach lenkte er lieber ſeinen Sinn darauf, was ſeinerſeits zur Abhülfe geſchehen könne. Er rechnete zuſammen, daß, wenn er ſeine und Sabinens Habſelig⸗ keiten verpfände, wenn die Mutter alles Geld auf ein paar Wochen aus dem Handel ziehe, alles vorhandene Geflügel und Gartenkraut ausverkaufe, und wenn end⸗ lich auf die im Hauſe vorhandenen Hausgeräthe geborgt werde, man wohl fünfzig Gulden zuſammen bringen könne; ſomit blieben noch Hundert zu beſchaffen. Hun⸗ dert Gulden ſind eine unermeßlich große Summe, wenn ſie nicht auf der Börſe, am Spieltiſch oder mit der Feder, ſondern mit Spaten und Botengängen verdient werden ſollen. Das wußte auch Valentin recht wohl, aber dennoch meinte er, dieſes Geld, wenn Sabine mit Spinnen nachhelfe, etwa in vier bis fünf Jahren auf⸗ bringen zu können. Die Rechnung war ohne den Wirth gemacht, aber ſie erleichterte wenigſtens ſein Herz. Er theilte ſte noch an demſelben Abend Sabinen mit und trat ſobald als möglich aus dem Dienſt als Knecht heraus, weil er als Tagewerker mehr baares Geld hoffte zurücklegen zu können. So arbeiteten und ſparten ſie denn zur Probe drei volle Monate. Sabine ſpann mit müden Augen und Händen ein paar Stunden tiefer als ihre Schweſtern in die Nacht hinein; Valentin zog ſich an Eſſen und Trinken das Mögliche ab. Nach drei Monaten kamen ſte zuſammen und rechneten. Mit der höchſten An⸗ ſtrengung hatten beide zuſammen neun Gulden erſpart, aber beide fühlten auch, daß ſie dieſes Leben keine drei 420 Jahre fortſetzen könnten. Ein ſtiller tiefer Ingrimm gegen die Welt, die ihr Glück an unmögliche Bedin⸗ gungen knüpfte, zerwühlte ihre Herzen, und ſchon waren beide dem Entſchluſſe nahe, dafür nach dem Urtheile dieſer Welt auch nichts mehr zu fragen. Wir können ſo lange nicht warten, ſagte Valentin. Dieſes Leben iſt ein Hundeleben, und nur wenn wir beiſammen wären, könnte etwas verdient werden. Die Gemeinde hat Dir, Sabine, Dein ſchönes Angeſicht und mir meine Kräfte nicht geſchenkt, und wenn ich grabe und Du ſpinnſt, ſo machen wir doch andere Leute reich mit unſerem Arbeiten. Mein Arm iſt gerade ſo gut wie eines andern Bauern Grundſtück, denn das Grund⸗ ſtück trägt nichts ohne die Arbeit des Armes. Darf nun der heirathen, der das Grundſtück hat, ſo darf ichs auch. Ja, ſagte Sabine, aber die Kirche? Liebes Herz, antwortete Valentin, man liest alle⸗ zeit, daß die erſten Chriſten bitterarme Leute geweſen ſind, aber geheirathet haben ſie doch, und wenn Noth kam, ſo halfen ſie den armen Eheleuten fort. Thut das die Kirche jetzt nicht mehr, ſo geht ſie auch nicht mehr in den Wegen der Apoſtel. Und obenein hats Ehen gegeben, ehe man an eine Kirche dachte. Ob wir getraut ſind oder nicht, fügte er bitter hinzu, unſere Kinder taufen ſie uns doch, und wenn wir ſterben, müſſen ſie die auch ernähren. Ein liebendes Gemüth iſt leicht zu überzeugen, daß es außer der Liebe keine Pflicht gebe, und daß ihr 421 jedes Bedenken weichen müſſe. Als ſie ſchieden, als nun Valentin ſeine Braut fragte: Sprich, Sabine, willſt Du zum Trotz aller Welt vor Gott meine Frau werden mit Leib und Seele, bis wir ſo viel haben, daß wir getraut werden können?— da wandte Sabine ſich ab, aber ſie gab ihm abgewendet die Hand. Morgen iſt Sonntag, ſagte er, ſo komm morgen, wenn die Sonne untergehen will, in Deinen beſten Kleidern ans Brünnele, wo wir uns zuerſt geſehen haben. Ein reines Herz freut ſich auf ſeinen Hochzeitstag, wie ein Kind auf den Chriſtbaum, und dieſes Braut⸗ paar hatte ein reines Herz. Nicht ein wilder Rauſch der Sinne, ſondern die innige ſtille Vorfreude in dem Gedanken, endlich einander ganz anzugehören, wohnte dieſen Sonntag in ihren Seelen, und mit ſüßer Scheu ſahen ſie den Abend herannahen, der heiß und prächtig über der ſchönen Sommerflur aufging. Und wieder war es im Juli, wie voriges Jahr, als der erſte Augenblick, da ſie einander ſahen, ihr Schick⸗ ſal entſchied. 2he verglomm die Sonne jenſeits des Speyerer Doms, wieder kniſterte der Spelz geiſterhaft in der Abendglut, wieder ließ die Wachtel ihren ein⸗ tönigen Laut über die Felder gellen, und der Thymian ſtand in voller duftiger Blüthe. Und wieder ſtieg auch Sabine den Felspfad hinauf, ſchön gekleidet, leicht und herrlich wie damals, und Valentin harrete ihrer auf der Einfaſſung des Börnleins unter dem dunkeln Linden⸗ ſchatten. Schweigend ſetzten ſie ſich zuſammen, ſchwei⸗ gend ſaßen ſie eine lange, lange Zeit Herz an Herz, bis die Sonne ganz herunter und die Flur verſtummt war. Dann ſprach Valentin: So frage ich Dich denn nun, ob Du von heut an und immerdar, bis der Tod uns ſcheidet, meine treue Frau ſein willſt vor Gott im Himmel, recht ſo, als ob wir vor dem Altar ge⸗ traut wären? Und Sabine antwortete Ja. Da kniete er vor ihr nieder und ſprach: So will auch ich Dein Mann ſein in Noth und Tod, und meine Seele ſoll verloren gehen, wenn ich Dich jemals verlaſſe! Damit löste er einen goldnen Ring von ſeinem kleinen Finger — es war ein kleines Ringlein, einſt von ſeinem Tauf⸗ pathen ihm geſchenkt und nun ſchon längſt von der harten Arbeit dieſer Hand dünngeſchliffen— das ſteckte er an ihre Hand. Und Sabine nahm dafür das ſilberne Kreuzchen von ihrem Halſe und hängte es auf die Bruſt ihres Bräutigams. Dann fiel ſie neben ihm auf die Knie nieder und gab ihm den Kuß der ewigen Treue, und ſie falteten ihre vier Hände in Einen Bund und aus beider Herzen ſtieg ein ſtummes Gebet zu Dem auf, der alle Ehen in der erſten geſegnet hat, die er im Schweigen des Paradieſes oder im Rauſchen des Urwalds ohne die Formeln eines Prieſters ſchloß. Und nun erhuben ſie ſich. Sabine hatte im Körb⸗ chen ein Abendbrod mitgebracht, Valentin nahm eine Flaſche Wein aus dem Brünnchen, wo er ſie kühlte. Sie ſetzten ſich auf den Rand des Quells, und zum 4 erſtenmale aßen ſie fröhlich allein mit einander, wie ſie bald hofften am eigenen feſten Tiſche zuſammenzuſitzen. Dann ſprang Sabine auf und hat ſcherzend, als wolle ſie ihm fortlaufen; er aber verfolgte ſte— und die Waldſchlucht, aus der er einſt zum erſten Anblick dieſes beglückten Thals hervorgetreten war, nahm beide in ihren undurchdringlichen Schatten auf. Am folgenden Morgen ging Sabine auf den Markt nach Heidelberg, und die Mutter, die Einiges ſelbſt zu beſorgen wünſchte, ging ausnahmsweiſe mit. Die junge Frau fühlte, daß ſie vor der Mutter ihr Geheimniß nicht bewahren dürfe und fragte alſo: Sag, Mutter, wie kam es denn, daß Du ohne Mühe mit dem Vater getraut wurdeſt, denn arm waret ihr doch auch? Ach Gott, Kind, antwortete Wlaska, in der Kriegs⸗ zeit gabs allewege nicht ſo viel Umſtände; nach Geld und Gut fragte dazumal Niemand. Dein Vater und ich wir gingen zu einem Feldpater und ſagten: Traut uns. Das that er und damit wars gut; der Pater war froh, daß wir uns nur die Mühe gaben ihn um ſeinen Segen zu bitten. Du haſt es alſo leicht gehabt, Mutter. Wenn aber der Pater Nein ſagte, was hätteſt Du gethan? Liebe Sabine, antwortete Wlaska, Du mußt Deine Mutter nicht in Verſuchung führen. Du weißt, was über die Sache im Katechismus ſteht. 424 —— Mutter, ſagte die Tochter, ich fragte Dich nicht nach dem Katechismus,„Aondern nach Deinem Herzen. Hätteſt Du den Vater gehen heißen, wenn Ihr nicht getraut wurdet? Nein, ſagte Wlaska, ich hatte ihn zu lieb dafür. Aber damals fragte man auch nicht ſo viel nach dem Geſetz, wie jetzt. Bei uns Zigeunern iſt das immer freier geweſen: man heirathet ſich im Walde und hernach zeigt mans nur dem Hauptmann an. Nun, Mutter, ſagte Sabine friſch heraus, ſo hab' ich auch gethan, und Valentin iſt jetzt wirklich mein Mann. Die Mutter blickte ihre Tochter bekümmert ins Antlitz. Sabine, ſagte ſie, ich ſollte Dir böſe ſein, doch ich wußte voraus, daß es ſo kommen würde, und es konnte auch nicht anders kommen. Aber Du dauerſt mich, denn Dn wirſt ſchrecklich hiefür leiden müſſen! Mutter Wlaska kannte das Leben und die Menſchen⸗ natur; ſie ſagte die Wahrheit. Nach der ächten rück⸗ ſichtsloſen Liebe ſehnt ſich jedes Menſchenherz, und da dennoch nur wenige Herzen die Kraft haben, ſie zu ge⸗ winnen, ſo entſteht in den meiſten Gemüthern ein . 8 8 Ingrimm gegen Jeden, der es wagt, um einer ſolchen Liebe willen der menſchlichen Geſellſchaft, ihren Ur⸗ theilen und Vorurtheilen zu trotzen. Dieſes Paar glaubte ſeine Lage zu verbeſſern, indem es einen unwiderruflichen Schritt that; aber es hatte ſte im Gegentheil wo möglich noch verſchlimmert. Verhältniſſe, wie dieſes, werden auf dem Dorfe ſehr ſchnell bekannt. Was bei Sabine ein ganz freier, ja ein ſchwerer und ſtarker Entſchluß geweſen war, wurde ihr als Schwäche und Leichtſinn angerechnet; man ſah darin nichts als eine wohlverdiente Demüthigung ihres Stolzes, und Alles war überzeugt, daß Valentin ihr nicht einmal treu bleiben werde. Um ſte recht zu ängſtigen, gaben ſich jetzt ſogar mehrere Mädchen ab⸗ ſichtlich und augenfällig Mühe um den jungen Mann, der ſie freilich übel ablaufen ließ. Es entſtand unter den Frauen eine Art ſtiller Verſchwörung, welche ſich nicht bloß auf das Paar, ſondern auch auf die ganze Familie bezog und dem Marktgeſchäft derſelben bald er⸗ heblichen Schaden that. Die wackern Gemeindevorſteher grämten ſich bitter über die Möglichkeit, daß nun doch die Zigeunerhaushaltung, wie man ſie nannte, ſich um Sproſſen vermehren könne, denen ſich das Heimatsrecht nicht abſprechen laſſe. So vereinigte ſich Alles zu einem freilich nie ausgeſprochenen Plan, den jungen Leuten nirgendwo einen Vorſchub zu thun, um ſie wo mög⸗ lich zum Wegziehen nach einem andern Orte zu ver⸗ anlaſſen. 1 Valentin und Sabine waren Geächtete— und ein Geächteter kommt auf keinen grünen Zweig. Das fühlte Valentin am bitterſten, als er ſich für ſeine anzufangende Haushaltung eine kleine Wohnung miethen wollte. Seine Arbeitskraft und Sabinens Fleiß kannte Jeder, und Wohnungen gab es genug, da noch 2 426 kürzlich mehrere Haushaltungen nach St. Louis aus⸗ gewandert waren. Allein die Frauen in allen Häuſern, wohin er kam, wieſen ihm mehr oder minder grob mit der Andeutung die Thüre, daß ſie die Wirthſchaft einer wilden Ehe unter ihrem Dache nicht dulden würden. Wie ſelig hatte er ſich das geträumt, mit ſeinem jungen Weibe einſam zuſammen zu ſitzen und allen Verdruß im vertrauten Geplauder an ihrem Herzen zu vergeſſen! Gelang erſt das, kam erſt die ſüße Ruhe des eigenen Herdes über ſie, dann konnte, dann mußte ja Alles beſſer gehen! Aber ach— ſtatt des gehofften eigenen Herdes ſah Valentin ſich plötzlich ſelber obdachlos, da er ſeine Stelle als Knecht gekündigt hatte und nun dem neugemietheten Manne Platz machen mußte. Kaum erlangte er zuletzt für ſeine eigene Perſon eine kleine Bodenkammer auf einem einſamen Gut, das wohl eine halbe Stunde von dem Dorfe entfernt lag. Er nahm auch dieſe Zufluchtſtätte vorläufig an; denn ſich ins Haus der Mutter Wlaska einzudrängen, dazu war er zu ſtolz, ſelbſt wenn es möglich geweſen wäre. Es war aber auch nicht möglich, denn Sabinens Schweſtern hätten das nicht geduldet. Beide fühlten ſehr wohl, daß der Nachtheil dieſer unglücklichen Liebe auch auf ſie und zwar ſehr ſtark zurückfiel; ihre Hoff⸗ nungen auf häusliches Glück ſanken tief herunter durch die arme Schweſter. Zwar behandelten ſie die letztere nicht geradezu unfreundlich, aber das fühlte Sabine doch durch, daß ſtatt der frühern Herzlichkeit 427 eine leiſe Verachtung in den Gemüthern aufwuchs. Die ältere, Wlaska, machte große Anſprüche an Glück, und ſah ſich nun ſogar von Valentin, den ſie wegen ſeiner Armuth ſtets mit Stolz behandelt hatte, gegen die jüngere Sabine zurückgeſetzt. Ludmilla aber entwickelte täglich mehr eine nonnenhafte Frömmigkeit, und hatte gegen Sabinen jenes um ſeines Hochmuths willen ganz unerträgliche Mitleid, mit welchem die Gottſeligen Alles von oben herab anſchauen, was ihnen ein Fehltritt heißt. Nur das Mutterherz verleugnete ſich niemals; Mutter Wlaska, obwohl ſie klarer als Alle überblickte, welch ein Schlag ihr Haus und ihr Geſchäft betroffen habe, rechnete die Verſchuldung der Welt nicht ihrer Tochter an. Die Natur erquickt auch das große Leid mit ihren unſchätzbaren Gaben. Im Frühling brachte Sabine ihrem Manne ſein erſtes Kind, einen ſchönen Jungen mit den treuen dunkelbraunen Augen der Mutter. Zwar war es ein trauriges Vorzeichen, daß als Taufpathe der Todtengräber genommen werden mußte, weil kein anderer Mann dafür ſich auffinden ließ. Auch ging das Gerede im Dorf von neuem und bitterer als je zuvor los. Gerade die Frauen, die den ein Obdach ſuchenden Valentin am ſchnödeſten aus ihren Häuſern gewieſen hatten, äußerten jetzt den meiſten Ingrimm darüber, daß das Paar nicht wenigſtens zuvor unter Ein Dach gezogen ſei, damit die Sache doch noch einen Schein von Eheſtand an ſich hätte. Aber es iſt mit 428 Kindern doch ein wunderlich Ding, zumal wenn ſie hübſche Augen haben: ſie ſtehlen auch den böſeſten Leuten zuweilen das Herz, und leicht geſchieht es, daß ſie uns mit der Welt und die Welt mit uns verſöhnen. Die Mutter Wlaska war im höchſten Grade glücklich über den Enkel, und auch die Töchter trugen ihre Ab⸗ neigung nicht auf das unſchuldige Kind über. Ganz ſelig aber war Valentin, und beide Ehegatten gelobten von neuem auf das Haupt des Knaben ſich unverbrüchliche Treue und den höchſten Fleiß, um ihm eine berechtigte Stellung im Leben zu verſchaffen. Zu dieſem Zwecke faßte Valentin einen Entſchluß, den man unter dieſen Umſtänden faſt einen verzweifelten nennen konnte. Bis dahin hatte er ſich noch ganz wohl als Schnitter und Dreſcher erhalten; jetzt aber im Frühjahr ließ die Arbeit nach und er mußte von ſeinem Gelde zehren. Die Ungunſt der Nachbarſchaft erſtreckte ſich auch auf ihn; er nahm ſich mit blutendem Herzen vor, auswärts Arbeit zu ſuchen und ſein Weib mit ihrem Kummer allein zu laſſen. Nach einem herz⸗ zerreißenden Abſchied ging er in die jenſeitige Pfalz und arbeitete dort den Sommer über an der Eiſenbahn nach Kaiſerslautern, was gut bezahlt wurde. Im Herbſt kam er mit einer anſehnlichen Handvoll Gulden zurück nach Hauſe; aber nun gab es in den Wintermonaten gar keinen Verdienſt, und er fand die Familie ſtark im Zurückgehen. Die Abneigung der Gemeinde trug ihre giftigen Früchte. Auch konnte Sabine wegen des Kindes die Marktgänge nicht regelmäßig mehr thun; die älteſte Schweſter war zu ſchwächlich, die jüngere nicht regſam und munter genug zu dieſer Art von Geſchäft. Während Valentin auf den Erwerb dieſes Hauſes Hoff⸗ nungen gebaut hatte, ſah er jetzt gerade umgekehrt ſich genöthigt, ſeine Frau mit ſeinem Verdienſt zu unter⸗ ſtützen. Im Frühling war kein halber Gulden mehr in ſeiner Taſche, und Valentin mußte von neuem auf die Eiſenbahn wandern. Alle Ausſicht, je die nöthige Summe zuſammenzubringen, war dahin, und mit dem dumpfen Schmerz der Hoffnungsloſigkeit nahm der Vater dießmal von Weib und Kind Abſchied. Hatte er aber ſo an der eigenen einzelnen Kraft verzweifeln müſſen, ſo lernte er dafür in ſeinem neuen Geſchäft Glauben an die Geſammtheit faſſen. Jene Eiſenbahn, wie ſie von Neuſtadt aus viele Meilen weit in ſchlängelndem Lauf durch die rothen Sandſteinfelſen ſich bis Hochſpeyer hinaufzieht, iſt ein Rieſenzeugniß von der Macht des Menſchengeiſtes und der Menſchen⸗ fauſt; ihr bloßer Anblick hebt die Bruſt und zwingt uns, groß von dem gegenwärtigen Geſchlecht zu denken. Die endloſen Tunnels, in kühnem Bogenlauf unter den alten Raubburgen durchgeführt, drücken ſo recht unſere Uebermacht über die Vorwelt mit den ſchloßartigen Ein⸗ gängen aus, die wie Triumphbogen der Arbeit das dunkelgrüne Thal ſchmücken. Ein ſtarkes Wehen dieſes Stolzes fühlte Valentin unter den Arbeitern, die dort ſeine Genoſſen wurden. Sie waren aus aller Welt 430 zuſammengeſtrömt, und viele trugen in ihrem Kopfe über die deutſche Grenze die neue Lehre, welche beſtimmt iſt, in der nächſten Zukunft die Geſtalt unſeres altern⸗ den Welttheils noch einmal zu verjüngen. Wie einſt in den Katakomben Roms das Chriſtenthum, wie in den tiefen Schachten des Erzgebirges und des Salz⸗ kammerguts die neue Lehre Luthers, ſo verbreiten in unſern Tagen im Dunkel der werdenden Tunnels unter den Arbeitern ſich jene Lehrſätze des jüngſten Welt⸗ evangeliums, die klar ſind wie das Licht der Sonne, einfach und unumſtößlich wie das Zeugniß der Menſchen⸗ ſeele von Gott, und die das ſchärfſte Siegel ihrer Wahrheit darin an ſich tragen, daß ihre Anhänger von den ungläubigen und harten Herzen mit demſelben dunkeln Haß verfolgt und gekreuzigt werden, wie die Apoſtel und die Boten der Reformation zu ihrer Zeit. Hier im ſtillen einſamen Denken und in der leiſen Be⸗ lehrung ſeiner Kameraden ging auch für Valentin end⸗ lich die Klarheit auf. Er begriff, daß aller Reichthum des Volkes allein auf der Arbeit ruht, und daß das Kapital ſelbſt nur das Kind der Arbeit iſt, das un⸗ dankbare Kind, welches ſeine Mutter in den Hunger⸗ thurm ſperrt. Er ſah ein, daß wer arbeitet, nicht bittweiſe das Recht zu leben erlangt, ſondern daß er von Natur Anſpruch hat auf ein menſchenwürdiges Daſein— nicht Anſpruch auf Federbetten, Champagner und Trüffeln, denn ſie ſind zum Genuß des Lebens nicht nöthig, wohl aber den Anſpruch, ein Weib recht⸗ 431 mäßig zu beſitzen, ſatt an einem eigenen Herde auszu⸗ ruhen und Kinder ohne Schamgefühl und Seelenqual an ſein Herz zu drücken. Er ſah es an ſeinem Bei⸗ ſpiel, daß eine Weltordnung, wie die gegenwärtige, eben weil ſie auf das Eigenthum einen falſchen Werth legt, das Recht des Eigenthums der großen Mehrheit der Lebendigen grauſam entreißt; daß alſo ein neuer Begriff des Eigenthums in den Geiſtern der Menſchen lebendig werden müſſe. Seit dieſer Stunde tröſtete ihn die Ruhe des Gedankens für den eigenen Seelenſchmerz — aber es war eine Löwenruhe, die ſich ſtets bereit hielt, aus dem Lager der Ueberzeugung auf das Feld der That und des Kampfs hinüber zu ſpringen. Als er im Spätherbſt 1847 nach Hauſe kam, ſah er ſich ärmer als je; denn das ſchreckliche Nothjahr hatte die Familie ganz heruntergebracht und ſogar ge⸗ zwungen, von ihrem Hausrathe zu leben, den er nun mit ſeinem Erwerb wieder einlöste. Aber Valentin verzagte jetzt nicht mehr, denn gerade die Noth war ihm ein Morgenwehen der neuen Zukunft, auf welche auch ſchon die Proletarieraufſtände deſſelben Sommers deutlich hinwieſen. Er brachte mehrere Schriften ſeiner Richtung mit, die ganz zerleſen waren, da ſie unter den Arbeitern von Hand zu Hand gingen. Seiner Frau redete er wenig von dieſen Dingen, aber ein of⸗ fenes Ohr und einen hellen Kopf fand er an Mutter Wlaska. Ihr war ja von ihrer Jugend an die Noth vertraut; bis zum dreißigſten Jahre jene Kriege durch⸗ lebend, in denen Oeſterreich unter den ermattendſten Anſtrengungen in Italien, Schwaben, Böhmen, der Macht Napoleons erlag, hatte ſie⸗das Elend in ſeinen ſcheußlichſten Geſtalten kennen gelernt, und jetzt ſah ſie nicht in ihrer allein, ſondern in gar mancher Familie des Dorfs die Verarmung anpochen. Sie verſtand das Feuer, mit welchem Valentin ſeine Lehren vortrug, und ſie gab ihm zu ſeinen Lehrſätzen die Summe der Erfahrung. Tüchtige Weiber ſind das feine reinliche Linnen, durch welches ein Heilkünſtler die Arznei fließen läßt, um ſie zu klären: was noch truͤb und wirr im Tiegel des menſchlichen Geiſtes kocht und brodelt, das nöthigen ſie ihn durchſichtig und kryſtallen ans Licht zu treiben. Im Februar ſtand Valentin am Wochenbett ſeiner Frau, die ihm ſein zweites Kind, dießmal ein luſtig in die Welt hineinſchauendes Töchterchen, auf den Arm reichte. In dieſem Augenblick ſchlug im Weſten der prächtige Blitz der Pariſer Revolution auf, und Valen⸗ tin goß heiße Freudenthränen über die Stirn ſeines Kindes, das nun ſchon Bürgerin einer neuen Weltord⸗ nung werden ſollte. Al as war der erſte Schlag, ſagte er zu ſeiner Schwiegermutter, die andern folgen! Und ſie folgten, raſcher als der kühnſte Seher Zeit fand, ſie zu weiſſagen. Gn Mailand, Win, Ungarn zündeten die Schläge, am ſpäteſten, aber am unwider⸗ ſtehlichſten in Berlin. Das politiſche Spatzengezänke über eine Verfaſſung war ſchleunig beſeitigt, und mit 433 dem furchtbaren, kalt lächelnden Räthſelgeſicht einer Sphinx trat hinter allen konſtituirenden Verſammlungen die Frage der Arbeit und des Brodes hervor. Die Einheit Deutſchlands! das war das Zauberwort, wel⸗ ches den Bundestag niederwarf und das Frankfurter Parlament ſchuf. Nicht der ſchwärmende Burſchen⸗ ſchäftler allein, nicht der Preußiſchgeſinnte, der auf eine Kaiſerkrone ſpekulirte, oder der Bürger kleiner Staaten, der endlich einmal im Strome eines großen Volksthums verſchwimmen wollte— nicht ſie allein ſchwuren, das Frankfurter Einheitswerk mit Gut und Blut zu ſchirmen, ſondern auch die vier Fünftel der deut⸗ ſchen Bevölkerung thaten es, die von der Arbeit ihrer Fauſt leben müſſen. Denn die Arbeiter ſahen, daß, wenn Deutſchland mächtig werde, wie England; einig, wie Frank⸗ reich, es ſeine Waaren ſelbſt auf den Weltmarkt bringen und alſo doppelt verwerthen könne. Für uns war die Einheitsfrage der Anfang zur Löſung der Arbeitsfrage. Und wieder ſchaffte Valentin auf der Eiſenbahn bei Frankenſtein— da brach die pfälziſche Revolution los. 5 Dieſelbe Frankfurter Verſammlung, der das Volk trotz ihrer Schwäche treu anhing, erkannte durch ihren Sendboten den Landesausſchuß an. Plötzlich trat auch Baden bei, der Ruf: Freiheit, Wohlſtand, Bildung für Allel den ſchon Strupe auf ſeine Fahne geſetz, ſcholl jetzt als Bannerſpruch eines ganzen Staats, mächtig lockend für jeden Armen, herüber. Nun war Valentin nicht mehr zu halten. Er warf ſeine Spitzhaue Kinkel, Erzählungen. 19 28 434 hin, brauste auf der Bahn, an der er ein gutes Stück in drei ſchwülen Sommern mitgebaut, nach Mannheim hinunter und kam zu Hauſe an, als ſo eben die proviſoriſchen Herrſcher des Landes das Geſetz über die Volksbewaffnung erließen. Jetzt war ihm ein Feld aufgethan für ſeine militäriſche Tüchtigkeit. Die Jünglinge ſeines Ortes konnten ihn nicht mehr ent⸗ behren, das erſte Aufgebot wählte ihn zum Befehls⸗ haber, und in wenigen Tagen hatte er mit ihm die nöthigen Uebungen in der geſchloſſenen Bewegung durch⸗ gemacht. Er eilte zum Civilkommiſſär ſeines Amtes; Verdienſt und Tüchtigkeit werden in Revolutionszeiten leicht anerkannt, weil man dann ſogar die Untüchtigen in Ermangelung Beſſerer verwenden muß. Valentin wies auf die Wichtigkeit der Grenzorte gegen Heſſen hin, und es gelang ihm, für ſeine Compagnie Feuer⸗ gewehre, Munition und regelmäßige Bekleidung zu er⸗ wirken. Jetzt folgten raſch Tirailleurübungen und Unterricht im Felddienſt. Valentin war unermüdlich, ſeine friſche Begeiſterung riß die Jünglinge mit fort. Er ſelbſt war ein Anderer geworden, man hätte ihn kaum wieder gekannt. Der blaue Kittel mit dem rothen Halstuch und der hellen, weiten, zum Märſch ſo be⸗ quemen Hoſe, der kecke Heckerhut mit rothen Schnüren — es iſt an ſich die zumeiſt maleriſche Tracht, die unſere verſchneiderte Zeit kennt, und für einen Som⸗ merfeldzug hat ſie in ihrer Leichtigkeit ſogar vor der Uniform des regulären Soldaten ihre Vorzüge. In 435 dieſer Tracht, welche der Offizier ſo gut wie der ge⸗ meine Wehrmann trug, erſchien Balentin wie umge⸗ tauſcht: in ihm ging der friſche militäriſche Geiſt wieder auf, welcher in Keinem zu erſticken iſt, der einmal die bunte Jacke getragen hat, und war früher ſein Körper unter der Laſt ſeiner Gedanken und Sorgen gebeugt, ſo gewann er jetzt ſeine feſte männliche Haltung wieder. Von ſtolzen Hoffnungen ſchwoll ſein Herz. Sein Glaube weiſſagte ihm den Sieg einer Sache, die er mit ſolcher Glut umfaßt hatte; wenn er in dieſem Kriege ſich aus⸗ zeichnete, ſo war ja auch ſein Loos endlich feſtgeſtellt. In ſchlafloſen Nächten, wenn die Einbildungskraft eines kühnen Mannes ſich ſo oft wie die Schneide eines Bohrers bis in die tiefen Gründe der Hölle einwühlt, dachte er wohl an Beute, Ueberfall und kühnen Gewinn in Feindesland, aber der Tag verſcheuchte von ſeiner reinen Stirn wieder die Runzel der Begehrlichkeit. So flocht er all ſein Hoffen in den Sieg dieſer Revolution hinein. Als daher die Heſſen und Mecklenburger vom Norden her die feſte Stellung an der Neckarlinie bedroh⸗ ten, rückte Valentin mit einer vortrefflich eingeübten Com⸗ pagnie von 150 Mann aus ſeinem Dorf aus und ſtellte ſich zu Labinburg dem Kommandanten zur Verfügung. F8 Es war ein Abend gegen die Mitte des Juni; das Gefecht bei Käferthal war vorüber, der erſte Sieg, den die Freiheitsarmee, begeiſtert von Mierolawski's 436 friſchem Eindrücke, gegen Heſſen und Mecklenburger errang. Valentin, deſſen Volkswehr am Tage nicht ins Feuer gekommen war, erhielt dafür den Befehl, in der Nacht einen Theil des Schlachtfeldes abzupatrouil⸗ liren und bis dicht an die Stellungen des Feindes vor⸗ zugehen. Er nahm dazu die tüchtigſten Burſche ſeiner Compagnie und begann, als der letzte Tagſchein am Weſthimmel verglomm, die ſtille Wanderung. Das Gefecht war, wie faſt alle in dieſem badiſchen Feldzug, nicht ſehr bedeutend geweſen, obwohl doch be⸗ ſonders die Mecklenburger, durch eine Kriegsliſt mitten unter die Feinde gelockt, ſtark verloren hatten. Jeden⸗ falls boten ſich dem Blicke der Patrouille alle Züge eines Schlachtfeldes dar. Dem Gotte des Krieges ſchaut der Wehrmann ruhig und kaltblütig ins ernſte Antlitz, wenn er, die tüchtige Waffe in der Fauſt, ſelbſtthätig zur Vernichtung des Feindes vorwärts ſchreitet. Aber wenn der Kampf ausgetobt hat, wenn nicht mehr das ſpannende Lebensgefühl, die gehobene Thatkraft den Krieger beſeelt, wenn der Feind als Leiche, blaß und wehr⸗ los, mit dem gebrochenen Auge ihn zu bedräuen ſcheint— dann fühlt auch der Tapferſte, welch ein menſchen⸗ ſchändender Wahnſinn der Krieg iſt! Verwundete und Todte waren bereits während des Kampfes weggeſchafft worden; aber Spuren von ihnen blieben. Die Patrouille ſah, wenn ſie auf ſchmalen Feldwegen einherzog, wie die dort marſchirenden Ba⸗ taillone links und rechts vom Pfade vier bis ſechs 437 Schritte weit das hohe Korn ſo flach niedergewandert hatten, wie das Stroh auf der Dreſchtenne liegt. Felder, durch welche Tirailleure beim Ausſchwärmen vorgegangen waren, ſahen wie verrupft oder von einem ſchweren Hagel eingeſchlagen aus. Man mußte über eine kleine Schlucht weg, die mit Brombeergeſträuch, Neſſeln und einigen Bäumen beſetzt war; hier hatten Schützen ſich feſtgeſetzt und waren erſt nach heftigem Kugelwechſel gewichen. Die Bäume ließen geknickte Zweige bis auf den Boden hängen, Patronen lagen im Graben zerſtreut, einige noch geladene Gewehre, ohne Zweifel den Händen der Todten entfallen, blinkten aus dem Graſe hervor und wurden mitgenommen; auch blutige Tücher fand man, welche Sterbende, um das raſche Verrinnen des Lebensſtromes zu hemmen, noch eine Weile auf ihre zerſchmetterten Glieder gepreßt hatten. Auf andern Plätzen waren ſchon einzelne zer⸗ ſprengte Trupps in regelloſer Flucht durchgekommen; man fand einige verlorene Patrontaſchen, Mäntel und Kopfbedeckungen. Endlich bezeichnete auf einem Kreuz⸗ wege eine im Sternenlicht dämmernde große Blutlache den Platz, wo man am Schluſſe des Gefechtes mehrere Leichen zuſammengehäuft hatte, um ſie auf einen Wagen zu laden und in das nächſte Dorf zum Friedhofe abzuführen. An dieſer Stelle ſammelte Valentin ſeine Leute und befahl den Rückweg; das nächſte Dorf war vom Feinde beſetzt, und die Wachtfeuer ſeiner Biwachten glänzten in der Entfernung von wenigen Minuten herüber. Lautlos lösten ſich nach gegebenem Befehl die Rotten wieder auf und traten, jetzt näher gegen das Gebirge der Bergſtraße ſich ziehend, den Rückmarſch an. Bald waren ſte aus dem Bereiche, wo ein Zuſammenſtoß mit dem Feinde gefährlich werden konnte. Es ging ſchon gegen den Morgen, die Leute wurden müde und ſchläfrig. Um ſo mehr fühlte ſich Valentin zur Aufmerkſamkeit veranlaßt; er ſtrich eifrig durch die thaubenetzten Korn⸗ felder, ſah unter allen Geſträuchen nach und war bald vor, bald hinter ſeinen Leuten, die nachläſſig plaudernd die bequemſten Feldwege ſich ſuchten. Als er in dieſer Weiſe ſeitwärts vom Wege ein dichtes Weizenfeld durchſchritt, glitt plötzlich ſein linker Fuß aus und er ſtürzte aufs rechte Knie nieder. Seine Hand, auf die er ſich ſtützte, um raſch aufzuſtehen, tappte in Näſſe: er griff um ſich und traf etwas Weiches, Kaltes— ſo kalt, daß es in ſolcher Sommer⸗ nacht nur eine Leiche ſein konnte. Er ſprang ſchaudernd auf und bog die Halme nach der Seite hin nieder, wo eben der Mond im letzten Viertel blutroth hinter dem Odenwald aufging. In ſeinen Strahlen blitzte ihm der blanke Metallhelm eines jungen mecklenburgiſchen Offi⸗ ziers entgegen, der auf dem Rücken vor ihm lag. Das ſteigende Licht ließ ihn raſch erkennen, daß aus dem Haupte ein heftiger Blutſtrom auf den Boden gefloſſen war, aber auch die Bruſt war durchſchoſſen, und auf dieſe Wunde hielt der Jüngling mit dem Krampfe des Todes, ſeime linke Fauſt gepreßt; aus der rechten Hand 439 war ihm der blanke Degen gefallen, der jetzt einige Schritte von ihm entfernt lag. Er mußte lange mit dem Tode gerungen haben, oder hatten andere Flücht⸗ linge über ihn weggeſetzt? denn ringsum war das Ge⸗ treide zerdrückt, und breite einzelne Spuren durchs Korn zeigten, daß auch Roſſe hier durchgejagt hatten. Valentin umfaßte alle dieſe Umſtände mit Einem Blick, ſprang an den Saum des Feldes und erwartete ſeine Leute. Er ſchwieg von dem Todten, übergab aber dem Feldwebel das Kommando und befahl ihm, ſich ruhig in die Quartiere zu begeben und an ſeiner Statt den Rapport über die Patrouille abzuſtatten. Zweien der Leute aber gebot er, am nächſten Kreuzweg Halt zu machen, bis er zu ihnen käme. Die Leiche mußte zur Beſtattung weggebracht werden und ihre Uniform ging mit ihr ins Grab; aber was ſie ſonſt von Werth an ſich trug, gehörte nach allem Kriegsrecht dem, der ſie fand. Er kehrte auf die blutige Stelle zurück, und mit der Schonung, welche jeder nicht ganz rohe Menſch einer friſchen Leiche zuwendet, bog er den Arm derſelben ſacht von der Wunde weg. Der Jüngling mußte reich ſein: eine Cylinderuhr mit zierlicher Goldkette fiel zuerſt in Valentins Hand; es folgten ein Ring und eine Bruſtnadel mit ſchönen Steinen, endlich eine Börſe mit Goldſtücken und eine Brieftaſche mit norddeutſchem Papiergeld. Der Arme ſetzt jedes Ding ſofort in ſeinen Werth um, denn die Noth lehrt ihn leider die Schätzung der Dinge kennen; raſch überſchlug Valentin, daß der Betrag des Ganzen auf mehrere hundert Gulden ſich belief. Und ſo hielt er es auf einmal durch den wun⸗ derbarſten Glückszufall in ſeiner Hand, was er ſo lange, ſo qualvoll erſehnt hatte: eine gültige Ehe, rechtmäßige Kinder, ein hübſches Stück Ackerland und vielleicht gar ein Häuschen für Frau und Kinder! Das Alles, Alles war ſein, der Schmerz war zu Ende, das bittre Räthſel ſeines Lebens gelöst— und mit naſſem Auge und dank⸗ erfülltem Herzen blickte er zum ſtillen Sternenhimmelempor. In dieſem Augenblicke vernahm er zu ſeinen Füßen ein leiſes Geräuſch, erſchreckt bog er ſich nieder und traute kaum ſeinen Sinnen. War es das zitternde Mondlicht, was ſein Auge blendete? war es das von ſeinen Brüchen im Labſal des Thaues ſich wieder auf⸗ richtende Korn, was in ſein Ohr kniſterte? Nein— der Todte zu ſeinen Füßen erhub langſam und unter⸗ brochen ſeinen Arm und legte die Hand wieder auf ſeine Bruſtwunde, welche in Folge der Erſchütterung von friſchem Blute ſich röthete. Zugleich ſcholl aus der Kehle jenes ſchwere röchelnde Athemholen, das für den Vorboten des nahen Todes gilt, und mit einem hefti⸗ gen, durch den ganzen Leib gehenden Zuck warf er ſich aus der Rückenlage mehr auf die rechte Seite. Er lebte noch: aber das Krampfige ſeiner Bewegungen und der jetzt wahrhaft grimmig ſich verzerrende Aus⸗ druck ſeines Antlitzes bewies, welchen Schmerz ihm der noch übrige Lebensfunke verurſache. Sein Anblick war furchtbar. Valentin überzeugte ſich nochmals beim Scheine des nun ganz hellen Mondes, daß er wirklich zwei ſchwere Wunden habe. Bei dem ſtarken Blutver⸗ luſt ſchien Rettung nur durch ein Wunder möglich; auch waren Wangen und Lippen bereits kalt wie Eis und der Puls faſt nicht mehr zu ſpüren. Valentin be⸗ dachte, was er ſelbſt in ſolchem Falle als Soldat wünſchen möchte: Abkürzung der Todesqual ſchien ihm Menſchlich⸗ keit gegen den Feind. Er zog ſeine Piſtole aus dem Gurt, ſpannte den Hahn und ſetzte die Mündung auf die ſchon vom Todesſchweiße perlende Stirn des Sterbenden. In dieſem Augenblicke ſchoß am Weſthimmel ein Stern, und Valentin, unwillkürlich aufblickend, zitterte in ſich zuſammen, denn es war ihm, als erblicke er drei Schritte vor ſich am Rande des Kornfeldes Sabinen auf den Knieen liegend, die Hände zum Gebet erhoben. Es war wohl ein Spiel ſeiner durch die Nachtwanderung geweckten Einbildung; aber jetzt erſt zuckte der Gedanke durch ſeine Seele, wie ſein Weib in dieſer Nacht bangen müſſe um ihn, da ſein Dorf von dieſer Stelle nicht fern lag und die Nachricht von dem Gefecht ſchon am Abend dort ſein mußte. Wie der Blitz ſchoß hinter dieſem Gedanken der zweite auf: Wenn Du ſo dalägeſt, was würde Sabine darum geben, noch vor der tödtenden Kugel des Feindes zu dir zu kommen und deine letzten Odemzüge zu erhaſchen! Und auf breiten Schwingen ſtürmte nun ſein Geiſt nach der Oſtſee, in die Heimat ſeines Opfers— ein Vater, eine Mutter— eine Braut — ein Weib vielleicht und ein verwaistes Kind!— und dann kehrte er zu ſich zurück, und wie ein Dolch⸗ ſtich fuhr der Vorwurf durch ſeine Bruſt: Wollteſt du vielleicht auch den Mann bloß darum tödten, um ſeines Erbes und deines Lebensglückes ganz ſicher zu ſein? So ſchnell wie der fallende Stern ſeinen Lauf vollendete, ebenſo ſchnell lief Valentins Geiſt alle dieſe Gedanken durch. Vielleicht hätte in ihm der dunkle Geiſt des Eigennutzes den Kampf gegen den lichten Engel des Rechtes noch einmal gewagt— aber die Eine Sekunde des Zögerns hatte ſchon über Leben und Tod ſeines Feindes das Loos geworfen: der Sterbende öffnete die Augen, verdrehte ſie qualvoll und ſtieß aus den blaſſen Lippen mühſam und kaum verſtändlich die Worte: Waſſer, Waſſer! hervor. Dem Auflebenden gegenüber war Valentin augen⸗ blicklich wieder ganz Menſch. Bei ſeiner genauen Kennt⸗ niß der Gegend wußte er jeden Fußpfad und fand ſo mit Leichtigkeit ein kleines vom Walde herabkommendes Bächlein, das durch die Felder dem Neckar zulief. Im Helme des Feindes ſchöpfte und brachte er das Labſal; er richtete ihn langſam auf, und als er den Helmrand den Lippen näherte, ſah er mit Staunen die Gier und Kraft, mit welcher dieſe die kühle Fluth ſchlürften. Das harte Röcheln der Bruſt ließ nach, der furchtbare Ausdruck des Angeſichtes milderte ſich. Valentin hatte ſchon ein paar Schritte durchs Weizenfeld gethan, um ſeine Begleiter zu rufen und mit ihrer Hülfe den Kranken im Quartier dem Chirurgus zu übergeben. Aber plötzlich 443 hielt er inne. Wenn ſie den Mant, ſo dachte er bei ſich, jetzt eilfertig verbinden, auf einen Bauernwagen werfen und nach Heidelberg transportiren, ſo iſt er hin, und i*ſt er das nicht, ſo ſtirbt er hernach im Lazareth. Nein, ich weiß einen beſſern und nähern Ort! Er eilte zu den beiden Leuten, die ſeinem Befehl gemäß am nächſten Kreuzweg ſich ausruhten; den Einen ſchickte er mit einem im Monddämmer ſchnell geſchrie⸗ benen Zettelchen der Patrouille nach und meldete ſeinem im Quartier gebliebenen Lieutenant, daß er erſt in einigen Stunden eintreffen werde. Den Andern nahm er zu dem Verwundeten mit und befahl, ihn mit Vor⸗ ſicht anzufaſſen und aufzurichten. Dann legte er ſein Schnupftuch mit Waſſer ſtark benetzt als Aufſchlag auf deſſen Kopfwunde und knüpfte ſein Halstuch darum: das blutrothe Republikanertuch eines Freiſchärlers legte ſich rettend auf die Wunden des mecklenburgiſchen Ari⸗ ſtokraten. Beide faßten nun den Jüngling an; auf dem nächſten Bauernhof klopfte Valentin die Leute her⸗ aus und requirirte eine leichte Tragbahre mit einer Schütte Stroh. Auf dieſe wurde der Verwundete ge⸗ legt, und raſch gings jetzt die Höhe hinauf, dem Dorfe zu, wo Valentin wohnte. Niemand begegnete den Trägern, im Schein des Morgenroths ſetzten ſie die Bahre vor Wlaska's Hauſe nieder, und Valentin ſchickte ſofort ſeinen Kameraden zurück, indem er ihm, wenn er ganz von der Sache ſchweigen würde, ein gutes Ge⸗ ſchenk aus der Börſe des Gefangenen verſprach. Alsdann pochte er an das Kammerfenſter, und Sabine trat ganz angekleidet mit der erſchreckten Frage: Wer da? ihm entgegen. Das Haus war raſch geöffnet, die Trag⸗ bahre und das blutige Stroh im Ziegenſtalle unter⸗ gebracht; den Verwundeten empfing die Mutter Wlaska und ließ ihn zuvörderſt ohne Weiteres auf den Tiſch der Wohnſtube niederlegen. Man brachte Licht; die Zigeu⸗ nerin beſichtigte flüchtig ſein Antlitz und ſeine Wunden, griff nach ſeinem Puls und hielt die Hand vor ſeine Lip⸗ pen. Dann ſagte ſie zu ihrer älteſten Tochter: Raſch die Brieftaſche mit den Meſſern, Wlaska, einen Eimer kaltes Waſſer aus dem Börnlein und den Lebensſpiritus! Das Verlangte ſtand da. Jetzt gebot ſie kurz und beſtimmt: Alle drei Mädchen aus der Stube, Valentin bleibt allein bei mir. Wlaska, Du machſt heißes Waſſer in der Küche. Sabine, du zerſchneideſt mein Braut⸗ leinen, es iſt das feinſte im Hauſe, zu Bändern ſo breit wie Deine Hand. Aus einem Deiner Kopftücher machſt Du zwei große Handvoll Wieken. Alsdann zwei reine Leintücher auf Dein Bett drin in der Hinterſtube. Du, Ludmilla, gehſt auf die Bodenkammer und beteſt, daß die heilige Muttergottes mir eine gute Hand gibt zu dieſer Stunde, und fährſt damit fort, bis die Sonne aufgeht. Keine von Euch kommt in die Stube, bis Valentin ſie ruft. Hinaus jetzt und raſch Eure Sachen gethan! So, Valentin, jetzt riegle die Thür und paß wohl auf: thue nichts mehr und nichts weniger, als was ich Dir befehle. 445 Wlaska wuſch dem Verwundeten, der jetzt kein Lebenszeichen mehr von ſich gab, zuerſt den Kopf. So⸗ fort zeigte ſich, daß die Wunde der Tritt eines flüchtigen Pferdes war, den die Kraft des Schädels zur Seite gelenkt hatte; von den Hufnägeln waren die deutlichen Schrammen noch zu ſehen. Sobald die Wunde klar und rein vorlag, begann das Blut wieder zu rinnen, und der Jüngling ſchlug ab und zu matt die Augen auf. Valentin empfing aus Sabinens Hand die Wieken, die das Blut aufſogen und ſchnell wieder ſtillten. Mit ſachter und unmerklicher Hand ſchnitt ſodann die alte Frau ihrem Pflegling alle Oberkleider herunter, ohne ſeinen Körper zu erſchüttern. Man kam nun zur Bruſtwunde. Es war ein Schuß, der unter dem rech⸗ ten Schulterblatt ins Fleiſch gegangen war, halb hatte er die Weiche des Arms, halb die Bruſt über den Rippen durchgeſchlagen und ſo durch zwei Wunden den heftigen Blutverluſt bewirkt, von denen jedoch an ſich keine tödtlich war. Wlaska befühlte die Doppelwunde und nickte hoffnungsvoll, als der Kranke dabei vor Schmerz ſtöhnte und heftig zuckte. Sie öffnete das Beſteck, und mit einem Geſchick, das jedem Wundarzt Ehre gemacht haben würde, zog ſie die Kugel, die im Oberarm vor dem Knochen ſtecken geblieben war, her⸗ aus, während Valentin auf ihren Befehl dem Leidenden den Lebensſpiritus vorhielt. Sabine wartete bereits mit den Verbandwickeln vor der Thüre und eilte nun in die Kammer, um das Bett zu bereiten. Das Blut ſchoß noch ziemlich ſtark der Kugel nach, aber Wlaska kreuzte ihre Zeigefinger über dem Verband und mur⸗ melte einen kurzen Reimſpruch— da ſtand es ſtille. In einer Viertelſtunde lag der Verwundete vortrefflich verbunden auf dem ſtillen Lager. Man hielt ihm mehr⸗ mals Waſſer an die Lippen, obwohl er nicht die Kraft hatte, es zu verlangen, aber ſobald er das Glas am Mund ſpürte, trank er heftig. Mach uns eine Taſſe Kaffee, Wlaska, und kommt jetzt herein, Kinder, ſagte die Mutter freundlich, nach⸗ dem ſie ihre Inſtrumente ſorgſam gereinigt und die Brieftaſche wieder verpackt hatte. Jetzt erſt fragte Valentin: Wird er leben? Das kommt aufs Wundfſieber an, antwortete Wlaska. Ich hoffe aber ihn durchzubringen, nur darf kein anderer Doktor mir ins Handwerk greifen. Die Sache muß vor der Hand ſtill bleiben; verſprecht mir Alle zu ſchweigen, bis ich Euch die Erlaubniß zu reden gebe. Es war leicht das Geheimniß zu bewahren, da außer den Bewohnern niemand das Haus der Armuth zu betreten pflegte, und die Kinder ſagten der Mutter Stillſchweigen zu. Valentin übergab jetzt beim Frühſtück an ſeine Schwiegermutter alles Beſitzthum des Verwundeten, um es demſelben bei ſeiner Geneſung wiederzugeben. Man zählte Alles, ſchrieb es auf und ſchloß es ein, nach⸗ dem man aus dem Beutel für die nothwendigen Aus⸗ lagen zwei Goldſtücke herausgenommen hatte. Es war im Ganzen für mehr als dreihundert Gulden Werth. In der Brieftaſche lag das Offizierspatent und mehrere Briefe, man las ſie und ſah aus ihnen, daß er der Sohn eines adelichen Gutsbeſitzers unfern Strelitz ſei. Die Briefe waren von ſeiner jetzt verwittweten Mutter und athmeten eine mit zärtlicher Bekümmerniß gemiſchte Liebe für dieſen Sohn, der ihr jüngſtes Kind zu ſein ſchien. Sabine erinnerte daran, wie ſchwer dieſe Mutter leiden würde, wenn ſie die Nachricht empfinge, daß ihr Kind ſpurlos verſchwunden ſei, und Valentin ſetzte ſich ſofort hin, um ihr ſo troſtreich als es möglich war zu ſchreiben. Den Brief nahm er an ſich, weil er ihn zu Ladenburg ſelbſt auf die Poſt geben wollte. Die aufgehende Sonne mahnte ihn jetzt an ſeine Dienſt⸗ pflicht; er küßte ſeine noch ſüß ſchlafenden Kinder, nahm ſeine Waffen, drückte ſeinen Verwandten herzlich die Hand und ſchritt, obwohl um eine große Hoffnung ärmer, mit leichtem Herzen ſeinem Tagewerk entgegen. Sabine begleitete ihn bis vor das Dorf. Was habe ich dieſe Nacht um dich gelitten, Va⸗ lentin: ſagte die junge Frau. Stets ſchwebteſt Du mir als durchſchoſſen, verwundet, gefangen vor den Augen. Ich konnte es im Bett nicht aushalten; heute früh zog ich mich an und lief hier heraus vors Dorf; Du fandeſt mich auch noch in den Kleidern. Sieh dort beim Kornfeld lag ich auf den Knieen und betete für Dich und mich. Wie ſprach Valentin erſtaunt, dort knieteſt Du, dort am Kornrande? Um welche Stunde war das? * 448 4 Die Stunde weiß ich nicht, aber der Mond, der eben über den Berg kam, hatte mich geweckt; es wird gerade eine Viertelſtunde nach ſeinem Aufgang geweſen ſein. Valentin ſchauderke. Es war dieſelbe Minute, als er Sabinen drunten beim Neckar am Saume des Korn⸗ feldes mit betend erhobenen Händen knien geſehn, als der jähe Gedanke an ihren Schmerz ſeine Hand vor einem Morde bewahrt hatte. Er wagte nicht, ihr die Thatſache zu geſtehen, ſondern küßte ſie nur gedanken⸗ voll auf Mund und Stirn. Als er aber weit genug von ihr entfernt war und ihre letzten Winke zwiſchen den Obſtgärten hindurch aufgefangen hatte, da warf er ſich auf den thaufeuchten Raſen und weinte wie ein Kind. Es waren Thränen der Reue zugleich und Thränen der Freude, daß die furchtbarſte Verſuchung ſeines Lebens ihn zwar ſchwach gefunden, aber nicht überwältigt hatte. Ein ſchöner Julimorgen glänzte in das kleine Hin⸗ terſtübchen von Mutter Wlaska's Hauſe. Durch das offene Fenſter zog friſch der Oſtwind herein und ſpielte mit den Weinblättern, die durchſichtig in der Sonne glänzten. Vor dem Fenſter lag ein mit einigen Obſt⸗ bäumen beſetzter Grasfleck, wo die Ziege weidete; da⸗ hinter, durch eine Hecke getrennt, das Gärtchen mit den hohen Bohnenſtangen und den reinlichen Beeten voller Küchengewächſe; rechts hatte in einem umhegten kleinen Hofraum das Federvieh ſeinen Tummelplatz 8 —— 449 Eine tiefe Ruhe lag über dieſer friedlichen Einſamkeit, man hörte nur das Summen der Bienen, dann und wann durch das zornige Brummen einer Hummel unter⸗ brochen, die in den Weinblättern ſich verfangen hatte. Zuweilen tauchten auch aus dem Bohnenfelde die hellen Töne von Sabinens Schweſtern hervor, welche dort Bohnen brachen. Zweiſtimmig ſangen ſie die unſterb⸗ lichen Lieder, in welche unſer Volk ſein ganzes tiefes Gefühl ausgegoſſen hat:„Zu Straßburg auf der Schanz,“ und:„Es ſtehen drei Stern am Himmel,“ und:„Muß i denn, muß i denn zum Städtli naus“— es waren die letzten Reſte des muſikaliſchen Unterrichts, den ſie in ihrer Jugend vom Vater, dem böhmiſchen Muſikanten, erhalten hatten; aber in dieſer Naturſtille griffen die einfachen Klänge dieſer glockenreinen Stimmen tiefer ans Herz, als es die feinſten modernen Notturnen auf einem Erard'ſchen Flügel vermocht hätten. Wohl war dieß eine Umgebung, in der ein Kranker geneſen konnte! Am Bette des jungen Offiziers, der noch im Mor⸗ genſchlaf ruhte, ſaß ſeine Mutter, eine hohe adliche Frau mit dem Ausdruck mütterlicher Güte und vor⸗ ſorgender Milde in ihren Zügen. Sie war auf Valen⸗ tins Brief augenblicklich mit der Schnelle, die jetzt Eiſenbahn und Dampfboot dem ſehnenden Herzen ge⸗ währen, herbeigeeilt, und fand den Sohn in dem Augen⸗ blick, als er neun Tage nach dem Gefecht die Phantaſien des Wundſiebers eben überſtanden hatte und zum erſten⸗ mal wieder mit Bewußtſein um ſich ſah. Sein erſter Kinkel, Erzählungen. 29 Blick fiel in das mütterliche Auge, und ſeine Geneſung ſchritt raſch und ohne unglückliche Zwiſchenfälle vor⸗ wärts. Die Dame, welche alle Urſache hatte mit Wlaska's ärztlichem Geſchick zufrieden zu ſein, gab ihren erſten Gedanken auf, den Sohn ſo raſch als möglich in eine Stadt hinüberzuſchaffen, und beſchloß vielmehr, der Hand, die ihn gerettet hatte, auch das Verdienſt der gänzlichen Heilung zu laſſen. Sie miethete ſich deß⸗ halb beim Ochſenwirth ein, wohnte aber ſonſt den ganzen Tag in Wlaska's Hinterſtübchen, das man für den Kranken ganz ausgeräumt und hübſch geſäubert hatte. Das Eigenthum ihres Sohnes war ihr ebenfalls gleich beim Eintritt ins Haus ausgehändigt und über das, was von dem Gelde für ihn verwendet worden war, Rechnung abgelegt worden. Die Matrone lebte wie zur Familie gehörig im Hauſe mit, und freute ſich an der einfachen, aber reinlich und ſchmackhaft bereiteten Koſt, die ſie täglich durch eine Zuſatzſchüſſel aus ihrer Kaſſe bereicherte. Am glücklichſten waren dabei Sabi⸗ nens Kinder, denen die neue Tante tagtäglich Spielzeug und Naſchwerk aus der Stadt mitkommen ließ und die bald eine grenzenloſe Anhänglichkeit an ſie zeigten. So ſaß ſie auch jetzt mit Sabinens anderthalbjährigem Töchterchen auf dem Schooße, das mit ihrer goldenen Uhr ſpielte, während der Junge auf der Thürſchwelle ein großes Bilderbuch auf den Knieen hielt und in wahrer Andacht deſſen bunte Blätter umſchlug— es war ja das erſte Bilderbuch, das in dieſe Peme Stube drang! 8 Längſt war der junge Offizier kein Kriegsgefangener mehr. Die ſo kräftig begonnene Revolution ſtockte. Frankreichs zehnter Juni mißlang, der dem Druck aus Norden einen Gegendruck aus Weſten gegeben hätte. Die Volkswehr hatte geübten Truppen gegenüber die Probe nicht beſtanden, unfähige und zaghafte Führer das Staatsruder nicht zu lenken vermocht. Als die feindlichen Truppen im Rücken der Neckararmee über den Rhein gingen, wurde die unangreifbare feſte Stel⸗ lung verlaſſen. Valentins Compagnie(es hatte ja keiner wie Er unter den alten Verhältniſſen gelitten!) floß auseinander, um von der angebotenen Amneſtie Gebrauch zu machen. Und⸗als nun auch Willichs Corps, das letzte, den Rückzug über Bretten machen mußte, da nahm Valentin von den Seinigen einen verzweifelten Abſchied, zog ſich mit den letzten Flüchtlingen an der würtembergiſchen Grenze hin und nahm noch an dem Schießen bei Durlach Theil. Dann, von dem Gefühl geleitet, daß ein Mann auch eine ſinkende Sache nicht verlaſſen dürfe, trat er in die Linie wieder ein und ſtand eben jetzt an der Murg, wo die badiſchen Trup⸗ pen, auf Raſtatt geſtützt, die letzte feſte Stellung nahmen. Aber ſchon war aus ihren Reihen der Geiſt gewichen; Wankelmuth, Feigheit und Eigennutz hinder⸗ ten jeden ſtodesmuthigen Kampf, und die Gemeinheit war einzig noch darauf bedacht, das was ſie der Be⸗ wegung geopfert hatte, durch Auspreſſung des unglück⸗ lichen Landes raſch wieder zu dewinnen, um nicht ganz 452 4—— verarmt in die Verbannung zu ziehen. Der einzelne edle Menſch, der in dieſem Strudel mitſchwamm, vermochte höchſtens ſich ſelber obenzuhalten, nicht aber die ſchlams mige Fluth einzudämmen. Und ſchon meldeten ſich im Lande die Stimmen, die jetzt von furchtbarer Rachgier über den ganzen Aufſtand erfüllt waren, nachdem er geſcheitert. Mit Entſetzen hatte die Mecklenburgerin in 4 ihrem Gaſthof einige Nummern jenes Blattes geleſen, das eben damals zu der ſchauderhafteſten Rolle von Allen ſich zudrängte, die es nach einem Bürgerkrieg geben mag— zu der Rolle, der ſiegenden Partei Todes⸗ urtheile über gefangene Gegner anzurathen und die voll⸗ zogenen der öffentlichen Meinung zu empfehlen: es war 1 die von Giehne geleitete Karlsruher Zeitung. Und ſie wirkten, dieſe Stimmen! Die Verhaftungen und Se⸗ queſter gingen ins Maßloſe, und Preußen, nachdem ſeine Linie und Landwehr ſo brav ſich geſchlagen, gab allen Vortheil dem eroberten Lande gegenüber dadurch wieder aus den Händen, daß es die Blutgerichte mit ſeinen Offizieren und Soldaten beſetzte und ſo auf ½. ſeinen Namen allen Jammer der Familien lud, die jetz verdammt waren, monatelang um Väter, Brüder, Söhne zu erbeben, bis das ſchreckliche Standrecht ſeinen Blitz 2 auch auf ihre Häupter entladen hätte!. In dieſen trüben Anſchauungen verfloß der alten Dame Stunde um Stunde, und es ging ſehr ſtark gegen Mittag. Jetzt erwachte der Geneſende und ſah munter um ſich. Sabine, der ihr kleiner Junge ſogleich 8* . 453 die Nachricht in die Küche brachte, trat mit einem Napf Fleiſchbrühe und geröſtetem Weißbrod ein und grüßte den jungen Mann freundlich. Die Frauen hal⸗ fen ihm in einen Seſſel, der mit Kiſſen weich belegt war, und Sabine gab ihm ſeine Mittagsmahlzeit. Dann holte ſte das Süppchen für ihr Kleines, nahm das „Kind vom Schooße der Matrone, auf den es ſich ſo⸗ * 4 4 fort wieder heraufgebettelt hatte, und gab ihm mit dem Löffelchen ſein Eſſen, worauf ſie es in die Wiege legte und zum Mittagsſchläfchen zudeckte. Morgen, ſagte Sabine, darf der Herr ſchon ein Stündchen im Garten ſitzen, das hat mir heut früh die Mutter geſagt. Lieber Gott, fuhr ſie fort, indem ſie die Wiege näher an ſich rückte, es iſt auch ſo eng hier, man weiß ſich kaum herumzudrehen! Laſſen Sie das gut ſein, Frau'chen, antwortete die Andre, Sie haltens ſchon in Ordnung. Aber das freilich ſeh' ich auch nicht, wie denn in dieſem Häuschen Sie mit Valentin noch Platz gehabt haben. Sabine wurde roth und antwortete: Valentin hat nie mit uns unter Einem Dache gewohnt. O mein Gott, ſagte die Dame, und Ihr hattet Euch doch ſo lieb. Das muß ein hartes Loos ſein, in der Che getrennt zu leben! Warum zoget Ihr nicht in Ein Haus? Die Frage war ſo gutmüthig gethan, daß kein Arg dahinter liegen konnte. Sabine wollte einen Augenblick ausweichen, aber ein Gefühl von Stolz auf ihre Schuld⸗ lofigkeit bekämpfte in ihr die Scham. Ich höre, ſagte ſie 29 ⸗ mit einem Tone, der gleichgültig ſcheinen ſollte, Sie wiſſen noch nicht, daß ich mit Valentin nicht getraut bin. Die alte Dame ſtand haſtig und mit dem Ausdruck der Entrüſtung auf. Wenn der Brahmine, unwiſſent⸗ lich in des Paria Hütte getreten, plötzlich erfährt, wo er ſich befindet, er kann nicht mehr erſchrecken, nicht heftiger erzürnt ſein, als die vornehme, tugendhafte Frau aus dem ſittenſtrengen Norddeutſchland es in die⸗ ſem Augenblicke war. Sie warf einen Blick des Abſcheus auf das Mädchen; ſie ſchaute wie entſetzt auf das Bette, aus welchem eben ihr Sohn erſtanden war. Ihr Sohn hatte das Bette einer Frau berührt, die in wilder Ehe lebte! Es war gut, daß Sabinens Kind nicht mehr auf ihrem Schooße ſaß— ſie war ſo heftig erregt, daß ſie es vielleicht unfreundlich von ſich geſtoßen hätte! Dieſes kränkende Benehmen reizte Sabinen: ſie aber bezwang ſich. Bleiben Sie ſtill ſitzen, gnädige Frau, ſagte ſie mit bitterer Ruhe. Arme Leute können nicht wie ſie wollen, und hätten wir halb das Geld gehabt, das vielleicht Ihr Hochzeitskleid gekoſtet hat, ſo ging dieſer Kelch an uns vorüber, und Sie, gnädige Frau, hätten mir dann auch ein Angeſicht wie dieſes zwiſchen meinen eigenen Pfählen und in Gegenwart die⸗ ſes Mannes nicht gezeigt, den meine Palenlin und meine Mutter vom Tode gerettet haben! Sie haben Recht, ſagte die Matrone beſchämt und nahm ihren Platz wieder ein. Aber ich verſtehe die ganze Sache nicht; ſollte es denn in der menſchlichen —Q—QQ—— — 455 Geſellſchaft Verhältniſſe geben, die eine rechtmäßige Ehe verhindern? So hören Sie, ehe Sie urtheilen, ſagte Sabine und ſetzte ſich an die Wiege ihres Mädchens, das un⸗ gewiegt nicht ſchlafen wollte. Und nun erzählte ſie kurz, aber mit der beredten Zunge der Erfahrung, ihr grenzenloſes Unglück. So ſtehts, Madame, ſchloß ſie ihren Bericht. Ich bin kein Mädchen und keine Frau. Nur Eins fürchte ich ſehr, daß ich vielleicht ſchon jetzt eine Wittwe bin. Mein Mann läßt nichts aus dem Felde hören, es geht mit unſerer Sache alle Tage ſchlech⸗ ter, und wir ſind verloren ſo oder ſo; entweder wird er getödtet oder er muß in die Fremde, Gott weiß wie lange! Nun richten Sie, gnädige Frau, wie Ihr Gewiſſen ſpricht! Mit dieſen Worten ſtand Sabine auf, da das Kind jetzt feſt ſchlief, und wollte die Stube verlaſſen. Die Dame aber kam ihr zuvor, bot ihr die Hand und ſprach: Verzeihen Sie mir, Frau, ich habe gegen Sie mich ver⸗ fehlt— zwar nur mit einem Blick, aber ich habe mich ſchwer verfehlt. Sind Sie mit dieſer Abbitte zufrieden? Sabinens naſſe Augen dankten der Matrone für dieſes herzliche Wort, und dieſe redete weiter: Wieviel ſagten Sie betrage die Summe, die Sie brauchten, um Bürger zu werden? Hundertfünfzig Gulden, antwortete Sabine. Eine Ahnung von der Selbſtverleugnung, die ihrem Sohne das Leben gerettet hatte, ging erſt jetzt wie ein Licht in den Gedanken der Mutter auf. Mein Sohn, 456 ſagte ſie, hatte doppelt ſoü viel bei ſich, als Valentin ihn fand— und Valentin brachte ihn hierher zur Pflege! Was meinen Sie damit? fragte die junge Frau er⸗ ſtaunt. Sie denken wohl gar, er hätte Ihren Sohn liegen laſſen können, um ſeines Geldes gewiß zu ſein? O Gott, Madame, welch ein Unglück iſt doch die Ar⸗ muth, daß man ihr ſogar zutrauen darf, ſie könne ſchlecht ſein und unchriſtlich handeln! Im Gemüth verwundet ſchritt Sabine hinaus und brachte ihren Knaben, den ſie von der Schwelle mit⸗ nahm, in den Garten zu ihren Schweſtern. Die Ma⸗ trone aber trat zu ihrem Sohn, ſtrich ihm das Haar von der Stirne und blickte ihm liebevoll ins Angeſicht. Ihre Hand zitterte noch vor dem Gedanken an die Ge⸗ fahr, die an ihm vorbeigegangen war, und deren Größe ſie erſt jetzt durchſchaut hatte. Haſt Du gehört, Ar⸗ thur? ſagte ſie. Das Lebensglück dieſer Menſchen hing daran, daß Du ſtarbſt, und ſie retteten Dein Leben! Hundertfünfzig Gulden— es iſt gerade ſo viel, als wir jährlich bei der großen Jagd auf unſerem Gute, zu der wir Deine Freunde einladen, an dem Madera verbrauchen, der bloß zum Frühſtück genommen wird! Um dieſer Summe willen ſind zwei Menſchen fünf Jahre lang gepeinigt und ſittlich erniedrigt worden! Liebe Mutter, antwortete der Sohn, Du biſt im Reichthum erwachſen und kennſt die junge Welt nicht. Ich habe trotz meiner Jugend mehr draußen gelebt als Du, und auf dieſem kurzen Feldzug bin ich oft mit meinen Soldaten ins Geſpräch gekommen, auch in allerlei OQuartieren herumgefahren. Da habe ich manche neue Erfahrung geſammelt; glaube mir, Mutter, der Druck, der dieſe zwei Herzen zerpreßt, laſtet in tauſendfach ver⸗ ſchiedener Geſtalt auf ganzen Millionen unſeres Volks. Aber was Du ſagſt, iſt wahr— nur Wenige hätten ſich gehalten wie dieſe Leute. Du erſchreckſt mich, Arthur, ſagte die Mutter, doch Du haſt Recht, ich habe zu wenig auf die Welt außer meinen Kreiſen geachtet, um prüfen zu können, ob Du nicht allzu dunkel ſiehſt. Ich möchte es auch nicht un⸗ terſuchen, denn wäre es ſo, ich trüge es nicht, daß ich Millionen elend wüßte, denen ich nicht helfen könnte. Aber dem Einzelnen kann geholfen werden;— wenn wirk⸗ lich gegen dieſe Menſchen das Schickſal ſo furchtbar hart geweſen iſt, dann bin ich entſchloſſen, ihr gutes Schickſal zu werden und eine Ausgleichung in ihr Leben zu bringen. Mutter und Sohn ſprachen noch vieles über die Wege, die zu dieſem Zwecke die geeignetſten wären. Nach dem Mittageſſen beſuchte die alte Dame, um voll⸗ kommen auf den Grund der Sache zu ſchauen, nach⸗ einander den Wirth, den Bürgermeiſter und den Pfarrer des Ortes. Am Abend aber fuhr ſie nach Mannheim und von dort, da die Eiſenbahnfahrt durch den Kriegs⸗ lärm geſtört war, mit dem Dampfboot nach Straßburg. Am zweiten Abend darnach kam ſie zurück, fand ihren Sohn ſchon wieder bedeutend in der Geneſung fortgeſchritten und theilte ihm das Ergebniß ihrer Erkundigungen mit. 458 Wir finden alle Perſonen, von denen unſere Er⸗ zählung handelt, in den letzten Tagen des Auguſt⸗ monats in Havre verſammelt Arthur mit ſeiner Mutter wollte eine Nachkur im Seebade halten; hinter Wlaska aber mit Valentin und ihrem ganzen Hauſe war Deutſchland mit allem Schmerz und aller Noth in die Vergangenheit geſunken, und vor ihrem inneren Auge dämmerte das Land der Hoffnung auf: Amerika. Valentin durfte nicht mehr nach Hauſe zurückkehren: als Bildner und Führer einer Compagnie, die ohne ihn nicht zu Stande gekommen wäre, konnte er einer endlos langen Unterſuchungshaft in den ungeſunden Kaſematten von Raſtatt und ſpäter dem Zuchthauſe nicht entgehen;— da ſowohl ſeine Geſinnung als auch ſeine tapfere Betheiligung an mehreren Gefechten ſich nicht verhehlen ließ, war ſogar ein Todesurtheil denk⸗ bar. Arthurs Familie hatte Verbindungen in den Vereinigten Staaten, und ſo konnte die Matrone, ohne die Beſorgniß, der Armuth eine gefährliche Gabe zu ſchenken, ſie zur Auswanderung ermuthigen. Es war vorauszuſehen, daß Mädchen, ſo ſchön und fleißig wie Sabinens Schweſtern, dort, wo Frauen von guter Sitte ſo ſehr geſucht werden, nicht bloß paſſende, ſon⸗ dern ſogar glänzende Partien thun könnten. Die Mutter Wlaska nahm freilich ſchweren Abſchied von der alten Welt; es war ihr, als ſchiede ſte nun ganz aus der Lebensgemeinſchaft mit ihrem ergrauten Volke; aber der Gedanke, endlich den Wunſch ihres Lebens zu erreichen und wenigſtens im Alter noch auf einem ihr eigenthümlich zugehörigen Flecke der Welt wohnen und wirthſchaften zu können, lockte auch ſie zu mächtig. Vor Allem aber war für Valentins Thatkraft und Geiſtes⸗ helle drüben eine ausgedehnte Laufbahn geöffnet. Und doch entſchloß Valentin ſich von Allen am ſchwerſten. Da alle Briefverbindung mit dem Ober⸗ lande unſicher war, ſo ſchickte man ihm einen klugen Mann aus dem Dorfe als Boten zu, der ſich durchs Elſaß bis zur Schweiz durchwand. Er fand die Trüm⸗ mer der badiſchen Freiheitsarmee bereits auf fremdem Boden. Valentin empfand ganz das bittere Loos des Flüchtlings am Tiſche des Auslandes, aber dennoch wäre es ihm beinahe als Pflicht erſchienen, den großen Kampf der Zeit, deſſen Bedeutung er ſo ſcharf begriff, in Europa durchzufechten. Gleichwohl ſah er klar genug in die Welt hinein, um zu wiſſen, daß der Kampf, den Er führte, der Kampf der Beſitzloſen gegen die erdrückende Geldmacht der Gegenwart, überall ſeine Streiter finde dieſſeits und jenſeits des Meeres, und mit dem feſten Entſchluſſe, in dieſem Kampfe nie zu ermüden, folgte er ſeinem Landsmann und traf in Straßburg mit ſeiner Familie zuſammen, die auf den Rath der Matrone nur ihr beſtes Linnen und Bettzeug mitgenom⸗ men, alles Uebrige aber zu jedem Preiſe verkauft hatte. Inhaltreiche Geſpräche über die ſchwere Frage der Zeit kürzten die Fahrt im Poſtwagen. Der verſchie⸗ dene, oft ſcharf entgegengeſetzte Standpunkt der Parteien — 4 460 machte dieſe Geſpräche höchſt anziehend, und doch wirk⸗ ten ſie ſtets verſöhnend, weil man auf dem Boden der Menſchlichkeit und eines gegenſeitigen guten Willens immer wieder herzlich ſich begegnete. In Paris blieb man drei Tage, um den Eindruck der wunderbarſten Stadt der alten Welt in die neue mitzunehmen und in Andacht die Straßen, Plätze und Vorſtädte zu beſuchen, welche das Gethſemane und Golgatha unſerer Tage ſind. Dann trug das Dampfboot Alle nach Havre herunter. Das Paketboot lag zum Abſegeln bereit, Arthur und ſeine Mutter fuhren noch mit an Bord, um die letzte halbe Stunde mit ihren Freunden zuzubringen. Dort im kleinen Boot, während Sabine ängſtlich ihre Kinder behütete und die Dame herzlich mit Wlaska plauderte, ſetzte ſich Arthur mit Valentin auf eine Ruderbank und ſagte: Hören Sie mich nun, Valentin. Sie haben mein Leben gerettet, ich ſchenke Ihnen dafür Ihr Lebensglück. Verwandte von uns ſind vor weni⸗ gen Jahren nach Amerika gegangen und haben nahe bei St. Louis ſich angeſiedelt. Meine Mutter war um Ihretwillen ſelbſt bei Hecker, als dieſer vor einem Mo⸗ nat in Straßburg verweilte; er verſicherte ihr, daß jene Männer, die er ſelbſt gut kennt, in einer Gegend leben, die in wenigen Tagen ein Paradies ſein wird. Empfangen Sie dieſe Brieftaſche, ſie enthält die Zah⸗ lungsbeſcheinigung eines Grundſtücks, das meine Ver⸗ wandten im vorigen Jahre in meinem Auftrag für einen Freund gekauft hatten, der aber vor der Abreiſe ſtarb. — ——— — 461 In dieſer Brieftaſche finden Sie ferner Adreſſen und Empfehlungsbriefe für alle Hauptſtädte, durch welche Ihre Reiſe ins Innere führt. Nach New⸗York und zu meinen Berwandten am Miſſouri trägt bereits ein Dampfſchiff unſere Aufträge über Sie, das vor drei Tagen von hier abging. Sie können nicht irren: aber ſelbſt wenn Ihnen ein Verluſt begegnen ſollte, brauchen Sie ſich nur an meine Verwandten zu wenden, bei denen Sie auf mich Kredit haben bis zu einem Betrage, den Sie im erſten Jahr ſchwerlich überſchreiten müſſen. Im nächſten Jahr eröffne ich Ihnen einen neuen Credit, um Ihr Neubruchland und Ihre Heerden vergrößern zu können, davon werden ſie auch Sabinens Schweſtern ausſteuern. Schütteln Sie nicht den Kopf, Valentin, ich ſchenke Ihnen nichts außer der freien Fahrt und dem Grundſtück ſelbſt, und das iſt wenig— denn Sie müſſen es erſt durch eigene Fauſt urbar machen. Das Kapital dazu ſchenke ich Ihnen nicht— hören Sie wohl, was ich ſage: ich leihe es Ihnen nur, natür⸗ lich wie Brüder leihen, ohne Zinſen. Nach zehn Jah⸗ ren müſſen Sie, wenn nicht hartes Unglück Sie trifft, ein Mann ſein, den man in Deutſchland ſchon reich nennen würde. Von da an beginnt Ihre Verpflichtung, die Schuld zurück zu zahlen, ich oder meine Familie behalten das Recht darüber zu verfügen, um einer an⸗ dern Auswandererfamilie damit zu helfen. Und nun das Letzte, Valentin. Sie wiſſen, ich bin reich und aus einem alten Hauſe, darum gehöre ich der 462 Erhaltungspartei an. Aber mir ahnt, daß dieſe Partei in Europa fallen wird. Wenn ich, Valentin, oder Einer meines Bluts(er ſtockte bei dieſen Worten), wenn viel⸗ leicht einmal ein Kind von mir als armer Flüchtling an Ihrem Hauſe drüben anklopft— Ihre Hand drauf, Valentin, daß Sie oder Ihre Kinder alsdann dieſer Stunde gedenken werden! Die edle Art, mit welcher der Reiche gab, machte dem Armen die Annahme leicht. Valentin ſchlug, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeine Rechte in die dargebotene des Ariſtokraten. Sie waren am Ziel: das Boot legte an den Flanken des Schiffes an, und Alle beſtiegen das Deck. 5 Im Flaſchenkorbe hatte Arthur noch einige Flaſchen Rheinwein und die grünen Römer mitgebracht, die zu ihm gehören; noch einmal in Europa ſollten ſeine Freunde das Edelſte genießen, was der alte Welttheil an Naturgaben bietet, und auch die beiden Kinder be⸗ kamen ihre Becher vorgeſetzt. Die Frauen ſchauten nicht ohne leiſes Zittern auf die Fluth und dann noch einmal nach dem Lande, wo Havre's Thürme im blauen Abendduft ſchwammen; aber Valentins Auge glitt der im Weſt verglühenden Sonne auf der Goldbrücke nach, welche dieſe über das Meer bis zu den Planken des Schiffes warf. Wlaska, die greiſe Mutter, faßte die Hand der Matrone und goß noch einmal dankend ihr Herz aus für den ſanften Lebensabend, den gute Men⸗ ſchen ihr nach harten Stürmen zurüſteten. Aber die 463 Dame ſprach mit gerührter Seele: Danket uns nicht. Ihr thatet mehr an uns als wir an Euch, und ich habe Vieles bei Euch gelernt. Ich habe gelernt, daß die Grundlagen all unſeres Lebens hier in Europa nicht mehr feſt liegen, weil ſie nicht mehr auf Recht und Vergeltung aufgebaut ſind. Aber ich habe auch gelernt, daß ein neues Fundament ſchon gelegt iſt in Herz und Gemüth Derer, die bisher für die Niedern und Geringen gehalten worden ſind— in Herz und Gemüth der arbeitenden Klaſſen. Stoßen Sie an mit mir, Valentin! Sie haben mich überzeugt und bekehrt, mit mir und meinem Geſchlecht geht eine alte Bildung zu Grunde; Valentin, ich grüße in Ihnen den Ver⸗ treter der neuen Zeit. Aufs Wohl des vierten Standes! Aus Valentins Auge drang eine heiße Thräne: es war das erſtemal, daß ihm aus einem gebildeten Munde eine Anerkennung des Gedankens tönte, auf deſſen Altar die tiefſte Glut ſeiner Seele ſich verzehrt hatte. Er hob ſein Glas und ſprach: So ſpreche ich Heil dem alten Europa im Morgenſchimmer ſeiner Frei⸗ heit und ſeiner Auferſtehung von den Todten! Heil jenem Frankreich, unſerem gelobten Lande, zu dem die Völker mit Sehnen hinaufblicken! Heil meinem Deutſch⸗ land, das berufen iſt, Frankreichs Anfang in der Liebe zu vollenden! Auf Wiederſehen in einem Lande, das keine Sklaverei mehr kennt, es ſei in Europa oder in Amerika! 3 464 Alle erhuben ſich bei dieſem Trinkſpruch; die grü⸗ nen Gläſer klangen an einander, und Thränen ffielen in den goldenen Wein. Der Abendwind ſprang vom Lande auf und ſchwellte prächtig die franzöſiſche Trico⸗ lore, die ſo eben am Maſt emporflatterte. Der Capitän trat an die Geſellſchaft heran, und mit den Worten: Meine Damen, meine Herrn, es iſt Zeit zum Abſchied, in fünf Minuten ſegelt mein Schiff— ſchritt er zum Steuermann; die Matroſen ſtellten ſich auf ihren Plätzen bereit und faßten die Taue. Arthur und ſeine Mutter gingen zur Treppe, die Schiffer im Boot warteten, die Hand am Ruder. Sabinens Kinder umklammerten die Tante und wollten nicht von ihr laſſen. Die Dame ſegnete ſie, warf ſich noch einmal an Wlaska's Bruſt und küßte die drei Mädchen auf die Stirne, während Arthur mit ſeinem Retter den letzten Händedruck wechſelte. Die Treppe flog auf, der Kahn tanzte auf den Wellen. In dem⸗ ſelben Augenblick breitete das Paketboot ſeine mächtigen Schwingen aus, der Hauch aus den grünen Thälern der Normandie legte ſich ſpielend in die Segel, das Spriet tauchte tiefer zu den Wogen hinab, und ſcharf gegen die Stelle, wo das Sonnenbild in der Meerfluth verſank, wendete ſich der ſchäumende Kiel. Ein Gruß noch, ein Wink weißer Tücher— und der Duſt.s Abends ließ Schiff und Boot verſchwin ſſſiſſ mmf 8 9 11 13