——* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo. 1. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rhealt der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —y— wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3—— „ 1 1 7—„ 1 1r 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 8 e 4— „ —— — ——— Der Tſcherkeſſen Zäuptling. Noman über Russlund von Aus dem Engliſchen. In drei Bänden. Siebentes bis neuntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franchg ſchen Buchhandlung. 1846. Erſtes Kapitel. Die wilden Felſen hier und dieſe Einſamkeit Sie ſcheinen für die Freiheit nur geſchaffen; Sie ſchlägt an Bergen gern, an wilden Strömen . ihre Wohnung auf Und liebt der Felſen Nacktheit. Das moderne Griechenland— Mrs. Hemans. Es war ein ſchöner maleriſcher Anblick, als eine Cavalcade von Kriegern in ihrer ritterlichen Tracht an der Seite der fruchtbaren Berge Ghelendjik's hin zog. Der friſche Thau der Nacht befeuchtete noch immer die grünen Weiden; die CEryſtalltropfen, die an dem Graſe hiengen, glänzten in den Sonnenſtrahlen wie die koſtbaren Diamanten Golkonda's; während die Lüfte die um ihre Häupter ſpielten, von dem Duft und Aroma der Bergkräuter und zarter, wohlriechender Blumen ge⸗ ſchwängert waren. Die reine elaſtiſche Athmoſphäre ſchien von Leben und Licht zu funkeln; die ganze Natur ſchien ſich des neugeborenen Tages zu freuen und ath⸗ mete Glück und Zufriedenheit; im Gegenſatze zu den Scenen der Verheerung und des Elendes, welche das Land erdulden mußte. Die Häuptlinge waren in reiche glänzende Rüſtun⸗ gen gekleidet; ihre Speere und Schwerter funkelten in den Sonnenſtrahlen und ihre Banner faatterten luſtig im Wind. An ihrer Spitze ritt auf einem ſchwarzen Streit⸗ roſſe Arslan Gherrei und der tapfere Hadji Guz Beg nebſt vielen anderen Häuptlingen von Rang und An⸗ ſehen. In der Mitte kam Ina, friſcher und lieblicher als der glänzende Morgen ſelbſt mit ihrem Gefolge von Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. III. 1 2 Frauen; neben ihr ritten auf einer Seite ihr Bruder Selem, der ihren Zelter über rauhe unwegſame Stellen führte, und auf der andern wurde ſie von Thaddeus be⸗ wacht, während ſie aufmerkſam der Beſchreibung ſei⸗ nes eigenen, geliebten Landes und ſeinen Vergleichungen jenes Landes mit dem, in welchem er nun zu leben be⸗ ſtimmt war, lauſchte. Dann und wann wandte ſie ihre Augen von ihrem Bruder ab, und warf einen verſtohle⸗ nen Blick nach ihm, ſchaute aber immer ebenſo ſchnell wieder weg. 4 Der junge Alp Beg und andere galante Jünglinge in koſtbaren Kleidungen auf prächtigen feurigen Roſſen courbettirten in allen Richtungen hin in der Hoffnung, einen Blick aus ihren glänzenden Augen auf ſich zu zie⸗ hen oder den ſanften Ton ihrer Stimme zu hören. Dicht hinter ihnen folgte der junge Page Conrin, und obgleich er ſich über das Glück ſeines Herrn freute, ſo ſchlich ſich doch hin und wieder ein Schatten von tiefer Melancholie über ſeine Geſichtszüge, und er hörte dann nicht auf die Worte des Troſtes, die Javis umſonſt an ihn richtete. Die Reitknechte der Edeln, ihre Pagen und die übrige Dienerſchaft folgten und vollendeten den Zug. Das herbſtlich gefärbte Laub der hohen Bäume fiel ſchon ab, und die Kräuter, welche die Seite des Berges bedeckten gaben, wenn ſie von den Hufen der Pferde zer⸗ treten wurden, einen feinen Wohlgeruch von ſich. Im Thale unten ſchlängelte ſich ein blauer freundlicher Bach zwiſchen reichen Weiden hin; am jenſeitigen Ufer erho⸗ ben ſich zackige, phantaſtiſche Felſen, und in weiter Ferne über dieſen eine große Anzahl bläulicher, wellenförmiger Berge. Am vorigen Abend waren Boten von den Kriegern angekommen, die ſich bereits auf den Bänken des Ubin, eines reißenden Stromes, der in den Kuban fällt, ge⸗ lagert hatten; dieſelben hatten den Auftrag, die Häupt⸗ linge aus allen Theilen Tſcherkeſſiens aufzufordern, ihnen 3 ohne Verzug zu Hülfe zu kommen. Es war irgend ein großer Plan im Werk, eentweder die Ruſſen anzugreifen ehe ſie ſich in ihre Winterquartiere zurückzogen oder ſie zu verhindern, ſelbſt einen Einfall in ihre heimathlichen Berge zu machen. Der Hadji war voll Feuer und Be⸗ gierde ihnen entgegenzugehen in der Hoffnung, bald Ge⸗ legenheit zu einem Kampfe zu finden, in welchem ſich ſein Liebling, ſein Sohn, unter ſeiner Leitung ſiegreiche Lorbeeren erwerben könnte; denn er betrachtete die Erſtürmung des Forts als eine That von zu geringer Bedeutung, um daran ſeinen Muth erproben zu können. Arslan Gherrei hatte auch beſchloſſen, dieſen Zweck zu verfolgen, nach⸗ dem er Ina, die nun wieder im Stande war, die Reiſe zu unternehmen, bei der Familie eines edeln Verwandten, der Oberhaupt von Demorghoi war, nämlich des ehr⸗ würdigen Prinzen Aitek Tcherei untergebracht haben würde. Ihr Wirth Shamiz Bey mit einer großen Zahl der kriegeriſchen Einwohner der Nachbarſchaft erhielt den Auftrag zurückzubleiben, um den Theil des Landes, der von der Garniſon Ghelendjik bedroht war, zu be⸗ wachen, da es als eine Ehrenſache betrachtet wurde, einen Diſtrict ſelbſt und ohne eine. überlegene Macht gegen den Feind zu vertheidigen.. Deſſenungeachtet war eine große Reiterſchaar zu⸗ ſammengekommen; viele Häuptlinge waren gekommen, um den berühmten Hadji bei ſeiner Rückkunft von ſei⸗ ner Pilgerfahrt zu begrüßen, oder um Arslan Gherrei über das Wiederſinden ſeines ſo lange Zeit verlorenen Sohnes Glück zu wünſchen, und Selem in ſeinem Vater⸗ lande willkommen zu heißen. Ihre Reiſe war gleich einem Triumphzuge. Von allen Weilern, durch die ſie kamen, giengen ihnen die Einwohner entgegen um den Kriegern zu ihrem Siege Glück zu wünſchen; der Ruf ihrer That war ihnen be⸗ reits vorausgegangen. Die Dorſbewohner machten ihre bewundernden Bemerkungen ſowohl über den würdigen 1* 4 und edeln Arslan Gherrei und ſeinen Sohn, als über ſeine liebenswürdige Tochter, und der fremde Pole wurde als ein neuer Kämpe für die Sache ihres Landes be⸗ grüßt. Die Minneſänger ſchlugen auf ihren Harfen Triumphlieder an, in welche die Mädchen mit einſtimm⸗ ten. Die wilden Jünglinge galoppirten vor und gaben eine Salve aus ihren Gewehren, welche von der Jugend der Weiler erwiedert wurde, die ſich ſodann auf ihre bereits geſattelten Pferde ſchwangen und herbeijagten, um ſich dem Feſtzuge anzuſchließen. Die grünen Hügel, welche ſich von den Doͤrfern herabſenkten waren mit alten Männern, Frauen und Kindern bedeckt, welche ihre Stimmen mit dem allgemeinen Freudengeſchrei vereinig⸗ ten, durch welche die Bande, wo ſie immer erſcheinen mochte, bewillkommt wurde. Der Name Hadji erklang überall. Oefters hielt die Cavalcade an, um irgend einen befahrten Häuptling zu begruͤßen, der nicht mehr im Stande war die Beſchwerden und Miühſeligkeiten des Krieges zu ertragen, und der ſich hatte herausführen laſſen um aus ihrem eigenen Munde die Erzählung ihrer letzten Unternehmung zu hören. Die Augen des nun ab⸗ gelebten Kriegers entflammten ſich und die Begeiſterung röthete ſeine Wangen, während er der Erzählung lauſchte; ſeine Stimme bebte und eine Thräne der Bedauerniß rollte über ſeine gefurchten Wangen herab, daß er nicht mehr im Stande war den Ruhm und die Gefahren des Krieges zu theilen. Sie mußten ſo oft anhalten und hatten ſo viele Fragen zu beantworten, daß es ſchon ziemlich ſpät war, als ſie ihren Ruheplatz für die Nacht erreichten; und der Häuptling, den ſie zu ihrem Tocav gewahlt hatten, ſchätzte ſich glücklich Gäſte von ſolcher Auszeichnung aufzunehmen. Der Weg, den ſie den nächſten Tag zu machen hatten, gieng am Fuße der weit ausgedehnten Reihe der ſchwarzen Berge hin, unter denen ſich der hoch über ſeine Brüder hinausragende Elborus mit ſeinen dunkeln ſchrof⸗ 5 fen Schluchten auszeichnete. Die Cavalcade zog durch ein wildes Thal, in welchem die Felſen ſo überhäugend waren, daß ihre Köpfe keinen Augenblick vor dem Ein⸗ ſturze derſelben ſicher ſchienen. Licht und Helle fanden kaum Intritt in daſſelbe, und die Luft war feucht und ſchwer von dem Waſſer, das von den mit Moos bedeck⸗ ten Felſen herabträufelte. Ein bedrückendes Gefühl be⸗ mächtigte ſich der ganzen Geſellſchaft— eine Ahnung von Böſem. Gefahren in unbekannter Geſtalt ſchienen ſie zu brdrohen. Selbſt die Heiterkeit des Hadji wurde gedämpft; ein Schauer befiel ſeinen Geiſt. Er warf einen zärtlichen und ängſtlichen Blick auf ſeinen Sohn Alp, als er einen Augenblick an die Gefahren dachte, welchen er dieſen ausſetzen wollte. „Warum biſt Du ſo ſtille, meine Schweſter?“ ſagte Selem, der an Ina's Seite ritt,„warum ſchleicht ſich der Schatten der Traurigfeit über Deine noch vor Kur⸗ zem heiteren lächelnden Züge?“ „Ich weiß es ſelbſt kaum, warum ich traurig bin, Selem,“ erwiederte das hübſche Mädchen;„ich dachte an die Gefahren, denen unſer edler Vater beſtändig aus⸗ geſetzt iſt und daran, daß Du mein neu gefundener Bru⸗ der nun ſchon wieder von mir geriſſen wirſt und ein Leben voll Beſchwerden und Mühſeligkeiten führen mußt. Ich dachte an das Elend unſeres Landes, daß unſere Wohnungen und Felder zerſtört, unſere Väter und Brüder erſchlagen werden, und daran, warum wohl Allah Männer geſchaffen hat, die ſchlecht genug ſind um ſolche Thaten zu vollbringen. Sage mir mein Bruder, warum greifen die Urus unſer Land an? warum wollen ſie uns unſere geringen Wohnungen und unſere felſigen Berge nehmen, wenn ſie Ueberfluß an Land haben, auf welchem mäch⸗ tige Städte ſtehen?“ „Die Begierde nach Macht und Eroberung, von welcher Du Dir keinen Begriff machen kannſt,“ erwie⸗ derte Selem.„Sie bekümmern ſich wenig darum unſere heimathlichen Berge zu beſttzen, und die edeln Herzen, 6 deren Blut ſie verſpritzen ſind ihnen nichts. Was iſt ihren tauben Ohren das Geſchrei der Waiſen, die Klage beraubter Wittwen. Es gibt reiche ſchöne Länder außer unſerem, nach welchen ſie gerne ihre Klauen ſtrecken möchten, um ſie ihren weitläufigen mit Sklaven bevöl⸗ kerten Ländern einzuverleiben. Sie fürchten ſich aber vorzudringen, und in ihrem Rücken einen Fleck unerober⸗ ten Bodens, wie unſer eigenes Land, zu laſſen, weil wir ſie verhindern könnten, mit Beute beladen in ihre Heimath zurückzukehren. Wir gleichen einem Kaſtell in einer Ebene, das von Marodeurs belagert wird, und das ſich ſo lange die Vorräthe reichen, gegen ein ganzes Heer ſolcher Feinde vertheidigen kann; und dieß werden wir auch ſo lange tyeue und brave Herzen in Tſcher⸗ keſſten ſchlagen. Aber nun Ina verbanne ſolche traurige Gedanken; ſehe, wir ſind nun in eine ſchöne heitere Landſchaft gekommen.“ Als Selem dieß ſagte, ritten ſie aus der finſteren Schlucht hinaus in ein breites ausgedehntes Thal, das in der That ſo breit war, daß man es eine Ebene nen⸗ nen konnte. Es war von Bergen umgeben, die ſich all⸗ mälig in wellenförmigen Hügeln erhoben und die Seiten des weiten Amphitheaters bildeten. Grüne Weiden, reiche Kornfelder, und zwiſchen ihnen Gruppen edler Bäume bedeckten die Oberfläche; und eine große Anzahl von Hütten, die von Ställen, Meiereien, Scheunen und Gärten umgeben waren, vollendeten dieſes anmuthige Bild. „Sehe Ina,“ rief ihr Bruder begeiſtert aus,„ver⸗ ſcheuche die trüben Ahnungen aus Deinem Geiſte, denn wir ſind ſicher durch dieſe wilde Schlucht gekommen, und welche liebliche Scene iſt nun vor unſere Augen getre⸗ ten! So mag es auch mit unſerem Lande ſeyn. Wir mögen noch helle ruhmvolle Tage über Tſcherkeſſien ſchei⸗ nen ſehen, wenn es von den dunkeln Flügeln des ruſſi⸗ ſchen Adlers befreit iſt.“ Die Gegend, durch welche ſie nun kamen glich einem prächtigen Parke oder dem Landgute eines reichen Edel⸗ 7 mannes in Frangiſtan; die Felder waren durch hohe regelmäßig beſchnittene Hecken getrennt und durch Kanäle bewäſſert, die ihren Zufluß von dem in der Mitte des Thals laufenden Bach erhielten. Die Abhänge der Hügel waren mit Schaafheerden bedeckt und ſchönes Vieh wei⸗ dete auf den Wieſen. Nachdem die Cavaleade das Thal verlaſſen hatte, erſtieg ſie die Seite eines der Hügel, von welchen jenes ganz eingefaßt iſt und zog auf dem ſchmalen Rücken deſſelben hin, auf welchem man rechts und links in tiefe Schluchten hinabblickte. Wohin das Auge reichte erſchien das Land impracticabel für einen Feind, wenn es nur durch eine Handvoll tapferer Bewohner vertheidigt wurde. Der Zug blieb nicht immer in der am Anfange der Reiſe beſchriebenen Ordnung; öfters ritt der Häupt⸗ ling Arslan Gherrei neben ſeiner Tochter, um Worte der Zuneigung und Ermuthigung an ſie zu richten; dann unterhielt er ſich wieder mit ſeinem Sohne über Gegen⸗ ſtände von großem Intereſſe und Wichtigkeit. Es war aber einer da, der Ina's Seite nie verließ. Jeder Augen⸗ blick, den Thaddeus in ihrer Geſellſchaft zubrachte, feſſelte ihn mehr und mehr an ſie, ohne daß er ſich deſſen be⸗ wußt wurde. Als der mächtige Elborus mit zahlreichen anderen wilden, zerriſſenen Bergen zu ſeinen Füßen zum Vorſchein kam, ſagte der Hadji zu Selem:„Wiſſen Sie, daß der Bruder des verrätheriſchen Khan's Beſin Kaloret zwi⸗ ſchen dieſem felſigen kluftigen Bergen ſeine Wohnung hat; doch ſind ſie nicht ſo ſteil und wild als ſie auf dieſe Entfernung ſcheinen. Er iſt ſehr reich an Schaf⸗ und Vieheerden und edeln Pferden, und eine große An⸗ zahl von Unterthanen gehorcht ſeinem Willen. Ich denke er wird ſich gegen Sie und die Ihrigen als unverſöhn⸗ lichen Feind zeigen, wenn er erfährt, daß ſein Bruder durch Ihre Hand, oder was noch ſchlimmer iſt, durch die Hand Ihres jungen Pagen fiel. Aber Mashallah 8 fürchten Sie ihn nicht! Er weiß, daß er im uUnrecht iſt, und ſoll ſich hüten Rache nehmen zu wollen,“ Ina wurde blaß und wandte ſich ab, als ſie dieſe Erzählung hörte.„Wohnt in der That jener ſchreckliche Khan in unſerer Nähe?“ ſagte ſie. Ich fürchtete mich immer ihn anzuſehen, er ſchien ſo wild, ſo grauſam, meinem Vater und Dir ganz unähnlich. O, wir wollen ihn meiden, denn ſeine Gegenwart kann nur Schlimmes bringen.“ 4 „Fürchten Sie ihn nicht. Mädchen,“ rief der Hadji. „Was kann er Schlimmes thun? Sein Gefolge kann ſich nicht mit uns meſſen. Bis er den Flecken der Ehre ſeines Bruders im Blute unſerer Feinde ausgewaſchen hat, kann er nicht in der Geſellſchaft der Häuptlinge Abaſia's erſcheinen.“ „Ich fürchte ihn nicht um meiner ſelbſt willen,“ antwortete Ina;„ich fürchte ihn nur wegen des Uebels, das er meinem Vater und meinem Bruder anthun kann; ich weiß, daß ſie in offenem Kampfe gegen ihn nichts zu befürchten hätten; er iſt aber ebenſo verſchmitzt als wild und wird Mittel ſuchen, ſich heimlich an ihnen zu rächen.“ „Beunruhige Dich nicht mit ſolchen Gedanken über unſeren Vater oder mich, theure Ina,“ ſagte ihr Bruder. Der Khan kann uns nichts zu Leid thun, wenn er es auch wollte.“ „Mashallah! wenn er ſo ſchlau wie ein Fuchs wäre,“ rief der Hadji,„wir wollen ihn aus ſeiner Höhle trei⸗ ben, wenn er es verſuchen ſollte ſich für die gerechte Strafe des jungen Verräthers zu rächen.“ Die Reiſenden näherten ſich nun der Reſidenz des ehrwürdigen Prinzen Aitek Tcherei, des Verwandten Arslan Gherrei's, bei welchem Ina während ſeiner und ſeines Sohnes Abweſenheit bleiben ſollte. Die ganze Geſell⸗ ſchaft war eingeladen, ſich hier den Reſt des Tages auf⸗ zuhalten, ehe ſie ſich in das Lager der vereinten Prinzen und Häuptlinge am Ubin begaben. 9 Der Zug bewegte ſich am Abhange eines Hügels hinab, der ein anderes ſchönes, romantiſches Thal be⸗ gränzte und auf welchem der Sitz des bejahrten Häupt⸗ lings ſtand, und erblickte nun eine Gruppe hoher Bäume, welche das Haus umgaben; ſie waren aber auch ſchon von einem Wachthurm der Nachbarſchaft aus bemerkt worden und eine Bande feſtlich gekleideter Jünglinge galoppirte auf ihren feurigen Roſſen den Häuptlingen entgegen, rief ihnen ein freudiges Willkommen entgegen und feuerte ihre Piſtolen und Gewehre zur Begrüßung in vollem Laufe ab. Sie hielten als ſie bei den Füh⸗ rern der Parthie ankamen, verneigten ſich ehrerbietig vor denſelben, grüßten ihre jüngeren Freunde als ſie vorüber kamen, und ſchloſſen ſich hinten an den Zug an. Eine lange Allee veredelter Bäume führte gegen das Thor des Hauſes, vor welchem der alte Häuptling in einen langen Rock gekleidet und mit einem Turban bedeckt(der Kleidung des Friedens) ſtand, um ſie zu empfangen; hinter ihm war ſein Reitknecht in Rüſtung und bewaffnet, mehr zum Staate als zur Vertheidigung, und eine Menge Unterthanen und Hausdiener, welche ſich beeilten, den Häuptlingen als ſie abſtiegen die Pferde abzunehmen. Er umarmte Arslan Gherrei und ſagte ihm:„Mein edler Verwandter ſey willfkommen in meiner Heimath⸗ es freut mich, daß meine alten Augen Dich noch einmal ſehen, und mein Herz ſchlug vergnügt, als ich hörte, daß Dein verloren geglaubter Sohn wieder gefunden iſt. Allah iſt groß, der ihn in ſo manchen Gefahren im Lande der Giaour beſchützt hat, um ihn unverſehrt an Dein Herz zu führen. Iſt dieß dort der edle Jüngling? Er ſcheint werth, ein Tſcherkeſſenhäuptling zu ſeyn. Laſſe mich ihn umarmen,“ fügte er bei, als Selem, nachdem er vom Pferde geſtiegen war, auf den alten Mann zu gieng. „Komme hierher, mein Sohn, und erlaube, daß Dich der älteſte Freund Deines Vaters umarmt. Ah! ich 10 ſehe aus ſeinen Augen und ſeinem Benehmen, daß er Deiner wüͤrdig iſt, Uzden. Und Dein anderes Kind? Deine Tochter? Komme her, Ina, gönne meinen alten Augen Deinen Anblick. Meine Zara wird ſich auch freuen, Dich zu ſehen. Gehe zu ihr, Ina, ſie ſehnt ſich ſehr danach Dich zu umarmen, ſie fürchtet ſich aber vor ſo vielen Fremden das Frauengemach zu verlaſſen. Ah! mein wackerer Freund Hadji Guz Beg! ich freue mich, den Löwen der Atteghei von ſelner Pilgerfahrt zurück⸗ gekehrt zu ſehen um Schrecken unter den Herzen der Ürus zu verbreiten. Und auch Du Achmet Beg mit Deinem Sohne Alp, der eines Tages ein Held wie ſein Vater werden wird, und Ihr andern Häuptlinge, ſeyd alle willkommen.“. Als er die Häuptlinge ſo anredete, trat jeder der⸗ ſelben vor, um dem alten Manne ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. „Mein Herz,“ rief er,„hat nicht ſo freudig geſchla⸗ gen ſeit die verfluchten Urus die letzte Stütze meines Alters, meinen einzigen Sohn, erſchlugen. Häuptlinge, ich habe Befehl gegeben, ein Bankett zu richten, um Ihre Ankunft zu feiern, und es wird bald die Stunde zum Feſte ſeyn.“ Nachdem er dieß geſagt hatte, gieng der ehrwürdige Edle gegen eine Gruppe hoher Bäume in der Nachbar⸗ ſchaft voraus, unter welchen durch ſeine Dienerſchaft eine friſche, grüne Laube errichtet worden war, welche Schutz vor den noch brennenden Strahlen der Sonne gewährte. In der Laube, welche ſich auf eine grüne mit Baumgruppen beſetzte Wieſe öffnete, waren Divans und Sophas aufgeſtellt. Als ſich die Häuptlinge nach ihrem Range auf dem⸗ ſelben niedergelaſſen hatten, nahm ihr ehrwürdiger Wirth in ihrer Mitte Platz. Auch viele von den benachbarten Edeln hatten ſich verſammelt, um den Gäſten ihres Häuptlings Ehre zu erweiſen; ihre zahlreiche Dienerſchaft ſtand in Gruppen 4 4 11 mit den Dorfbewohnern und dem Gefolge des Wirthes vor der Laube. Die Dehli Khans oder jungen Männer unterhielten ſich mittlerweile mit verſchiedenen athletiſchen Künſten. Bald erſchienen Truppen von Dienern, welche die mit köſtlichen Speiſen und Früchten beladenen Tiſche in die Laube trugen. Bowlen mit Meet und Boza wurden unter den Gäſten herumgereicht; denn ſelbſt die, welche ſich zum muhamedaniſchen Glauben bekannten, nahmen keinen Anſtand, von dieſem köſtlichen Getränke zu genie⸗ ßen, auch fehlten nicht andere geiſtige Getränke und Wein für diejenigen, deren Gewiſſen nicht ſo zart war, um ihnen den Genuß derſelben zu verbieten. Auch Minneſänger kamen von nah und fern, um dieſes Gelegenheitsfeſt zu verherrlichenz denn welches Feſt wäre vollſtändig ohne die Meiſter des Geſangs? Der bejahrte Haſſein Shahin, der berühmte Barde der Atteghei, der hunderte von Gefechten beſang, von denen er ſelbſt Zeuge geweſen und viele ſelbſt mitgemacht hatte, ſpielte nun auf ſeiner Leyer einen Kriegsgeſang. Alles war ſtill und jedes Ohr lauſchte, um keines ſeiner Worte zu verlieren, die wie folgt lauteten: Der Freiheit Harf' erklingt, o hört auf ihren Ton Ihr Atteghei All'! Hört, wackrer Kriegerſtamm! Die Feinde ziehen an, ſind in der Nähe ſchon. Friſch auf aus Eurer Ruh! Vereinigt Eure Kraft Zum Kampfe für das Land, wo unſre Ahnen ſtarben, Durch deren muth'gen Tod die Freiheit wir erwarben. Die Ruſſen kommen an, mit Ketten in der Hand; Uns Feſſeln anzuthun iſt ihr verruchter Plan. Des Banners Adler ſchon beſchattet unſer Land. Wir ſchwuren aber All', auf Leben oder Tod Zu kämpfen für das Land, wo unſre Ahnen ſtarben, Durch deren muth'gen Tod die Freiheit wir erwarben. Die Ruſſen kommen an, die Polens freies Land (Erinnert Brüder Euch an deſſen traurig Loos) 12 Erobert, unterjocht mit blutbefleckter Hand Und ſeine braven Söhn' zu Sklaven dann gemacht. Drum laſſet ſterben uns, wie unſre Ahnen ſtarben, Durch deren muth'gen Tod die Freiheit wir erwarben. Bedenket, daß der Kampf für unſrer Väter Heerd, Für unſre Heimath iſt, dieß ſchöne Heiligthum, Daß unſre Väter hier den Feind ſchon abgewehrt, 5 Und daß ſie unbeſiegt in dieſer Erde ruhn; Daß ſie im edeln Kampf für ihre Sache ſtarben, Durch ihren muth'gen Tod die Freiheit uns erwarben. Der Freiheit Banner iſt im Land noch aufgeſtellt, Es flattert hoch und ſtolz, vom Feind noch unberührt, Blickt heiter um ſich her, beweiſt der ganzen Welt, Daß wir für uns allein zu ſtehn im Stande ſind. Wir kämpfen für das Land, wo unſre Ahnen ſtarben, Durch deren muth'gen Tod die Freiheit wir erwarben. Wer unſer Land verräth, von Allen ſey verflucht, Wir fluchen Alle auch dem Feigling, welcher flieht; Nie finde er das Glück, wo er es immer ſucht, Verachtung nur und Haß treff' ihn bis an ſein End. Mög' er in fremdem Land, verlaſſen, einſam ſterben Und ſeine Kinder nicht der Freiheit Gut ereerben. Nun vorwärts! Schärft den Speer! des Bogens Sehn' erprobt z Und Eure Schwerter wetzt! Friſch rüſtet Euch zum Kampf! Denkt an den heil'gen Eid, den Alle wir gelobt, Zu fechten nur allein fuͤr Freiheit oder Tod, Gedenket auch des Tods, den unſre Ahnen ſtarben, Wodurch dem Land und uns die Freiheit ſie erwarben. 4 Friſch auf! Laßt fechten uns mit unverzagtem Muth. 3 Vertheid'gen unſer angeſtammtes Erb und Recht, Von Ahnen ſchon erkämpft— der Freiheit koſtbar Gut! Der Väter edles Werk vollende nun der Sohn! Und ſollten wir auch gleich im heil'gen Kampfe ſterben, So ſollen unſre Söhn die Freiheit von uns erben. 13 Die Krieger umfaßten den Griff ihrer Schwerter; ihre Augen flammten, ihre Bruſt hob ſich bei dem Ge⸗ ſange des Barden; die Wirkung war ſo, daß ſie aus der obigen, mageren Beſchreibung ohne die Begleitung der reichen, wohltönenden Stimme des Sängers und der ſchönen Accorde ſeines Inſtrumentes ſchwer zu erklären wäre. Es folgten noch verſchiedene andere Barden, die verſchiedene Themas für ihren Geſang wählten. Wenn ſte die heroiſchen Thaten ihrer Krieger beſchrieben, waren ihre Töne ſtark und begeiſternd. Wenn ſie den frühen Tod derer beſangen, die durch das Schwert der Feinde fielen, wurde ihre Stimme ſchwach und klagend. Wenn ſie die Schönheit eines Mädchens be⸗ ſangen, die ſich durch Liebenswürdigkeit vor ihren Gefähr⸗ ten auszeichnete, wurde ihre Weiſe ſanft und ſchmelzend. Als das Bankett beendigt war, ſtanden der tapfere Hadji und ſein Bruder Achmet Beg auf, um weiter zu reiſen, denn ihre Heimath war nicht mehr ſehr ferne, und die Frau des Hadji erwartete die Rückkehr ihres Gemahls mit großer Spannung, obgleich der alte Krie⸗ ger nicht daran dachte, ſich einen Tag Ruhe zu gönnen, ſondern verſprochen hatte, am nächſten Morgen bereit zu ſeyn, um die anderen Häuptlinge auf die Bänke des Ubin zu begleiten. 8 Als man den jungen Alp ſuchte, war er nirgends zu finden; er hatte ſich ſchon frühzeitig vom Feſte weg⸗ geſtohlen. 1 „Dein wackerer Sohn war in der letzten Zeit ein beſtändiger Beſucher hier,“ ſagte der ehrwürdige Wirth zu Hadli.„Der Jüngling hört gerne meinen Erzäh⸗ lungen von unſeren Kriegen mit den Urus zu. Er wird ganz in Deine Fußſtapfen treten, edler Hadji, und ich liebe ihn ſehr. Ich weiß nicht, ob es ſo iſt; öfters ſcheint es mir aber, daß er eine Neigung für meine Zara gefaßt hat; und wenn Du mit einverſtanden biſt, mein Freund, ſo ſoll er ſie heirathen.“ „Es iſt jetzt nicht die Zeit, für den Jungen eine Frau zu nehmen; ſeine Gedanken ſollen jetzt allein auf den Krieg gerichtet ſeyn,“ antwortete der Hadji;„aber Mashallah! er würde glücklich durch den Beſitz einer ſolchen Gattin.“ Der Verdacht des alten Häuptlings war gegründet, denn Alp wurde zuletzt entdeckt, als er eben in der Rich⸗ tung vom Frauengemach herkam; er begab ſich nun mit ſeinem Vater in ſeine Heimath. Den nächſten Morgen verſammelte ſich eine große Bande von Kriegern, die bereits ein kleines Heer bil⸗ deten, in dem Thale, und ſetzte ſich gegen das Lager am Ubin in Bewegung. Sie begaben ſich zunächſt, den alten Häuptling an der Spitze, an ein geheiligtes Grab in der Nachbarſchaft, auf welchem ein altes, ſteinernes Kreuz ſtand, eine Reliquie der vorigen Religion des Landes, um welches herum die Häuptlinge und ihr Ge⸗ folge niderknieeten und Gebete an das höchſte, allmäch⸗ tige Weſen richteten, ſie im Vertreiben der Urus aus ihrem Lande zu unterſtützen. Jeder Krieger trug einen Roſenkranz in der Hand, welchen er als ein der Gott⸗ heit dargebrachtes Gelübde aufhieng— ein heidniſcher Gebrauch aus den fernſten Zeiten. Nachdem dieſe Ceremonie verrichtet war, beſtiegen die Häuptlinge ihre Pferde und traten ihre Reiſe an; der alte Häuptling erhob ſeine Hände gen Himmel und flehte Segen auf ſie herab, als ſie vorüberritten. Selem hatte viele Schwierigkeiten, den jungen Conrin zu beſtimmen, daß er zurückblieb; erdlich gelang es ihm, dem Knaben das Verſprechen abzunehmen, er wolle das Thal nicht ohne Erlaubniß verlaſſen, als Page von Ina zurückbleiben und ihre Befehle beſolgen. Er verſuchte es nicht, Thaddeus zu überreden, er ſolle ihn begleiten; und der junge Pole wurde durch Bande, die feſter waren, als die der Freundſchaft, im Thale zurück⸗ gehalten. Es wäre auch gegen den gewöhnlichen Ge⸗ brauch geweſen, einem, der eben erſt den Feind verlaſſen hatte, zu erlauben, mit bewaffneter Hand an der Seite 1⁵ der Patrioten zu erſcheinen; da die Häuptlinge gegen alle Fremden eine Art von Mißtrauen hegten, bis ihre Treue für die Sache erwieſen war. Er blieb deßhalb mit Karl, als ſeinem Diener, zurück— ein Leben, das dem ehrlichen Knechte ſehr zu behagen ſchien. Zweites Kapitel. O, könnt ich ſterben, Ich waͤre glücklich, meine Seele Iſt ſo befriedigt nun, daß ich befürchte Das Schickſal gönnt in Zukunft mir nicht wieder Ein Loos wie dieſes. Othello. Ina's Schmerz war groß, als ſie ihren geliebten Vater und Bruder in den Kampf fortziehen ſah, und ihr Herz konnte ſich trauriger Ahnungen nicht erwehren, wenn ſie an die Gefahren dachte, denen ſie ausgeſetzt ſeyn mußte. Oft ſchon war ſie Zeuge der jämmerlichen, herzbrechenden Klagen geweſen, wenn Frauen, die ängſt⸗ lich einen Vater, Gemahl oder Bruder erwarteten, ſtatt deſſen den verſtümmelten Leichnam des Geliebten auf einer blutigen Bahre durch ſeine Kameraden bringen ſahen. Solchen Schmerz hatte ſie ſelbſt nie gekannt; aber ſie fühlte zu deutlich, daß ein Unglück wie dieſes, auch ſie befallen könne; und das wilde Kriegsgetümmel, das im Lande umher wüthete, hatte ihr Herz nicht ſtählen können. Zara that alles, was in ihrer Macht ſtand, um ihre Freundin zu beruhigen, und ihr Muth zuzuſprechen; aber nur zu wohl konnte ſie ſich die Befürchtungen ihrer Freundin denken, denn ſie ſelbſt hatte ihren tapferen Vater ſteif und kalt auf ſeinem Schilde nach Hauſe brin⸗ gen ſehen, geſchlachtet durch den Feind, den er von einem Einfall in das Land zurücktreiben wollte. Dieſer Vater war die letzte Stütze ihres alten Großvaters, und hoff⸗ 16 nungslos hatte ihn der alte Mann betrauert, denn er hatte nun keinen Krieger zum Nachkommen, der ihm im Namen und in den Beſitzungen hätte folgen können, und Keinen, der ſein Kind vor Gefahren ſchützen konnte. Nach ſeinem Tode würde ſie wahrſcheinlich den Aelteſten ſeines Stammes als Frau zufallen, ohne daß man ſie vorher befragte, ob ſie auch das Herz mit der Perſon geben könne. Ihr Schickſal wäre dann ein grauſames. Es würde ein neuer Häuptling gewählt, um den Clan in der Schlacht und im Frieden zu leiten, bei den Be⸗ rathungen zu präſidiren, und die arme Zara würde dann wahrſcheinlich vernachläßigt. Dieß waren die Befürchtungen des ſchönen Mädchens über ihre Zukunft, und ſo fanden beide Freundinnen gegenſeitig Troſt, indem ſie ihre Herzen und Schmerzen ganz vor einander ausſchütteten. Sie vertraute ihr an, daß Einer ſie wohl gewinnen könne, und daß ſie auch von dieſem glaube, er liebe ſie; er habe aber kein Ver⸗ mögen, und bis jetzt noch keinen großen Ruf in den. Waffen. Dann flüſterte ſie ihrer Freundin in's Ohr, es ſey der wackere, junge Alp, den ſie ſo innig liebe, ob⸗ gleich ſie nur ſehr wenig Gelegenheit gehabt habe, ihn zu ſehen.. Da der alte Prinz Aitek Tcherei ſehr ſtrenge an den Gebräuchen des Islam's hieng, ſo waren die beiden Mädchen ſrenger abgeſondert, als es Ina bisher gewöhnt war; die alte Ana oder Amme, welche den häuslichen Angelegenheiten des Frauengemachs vorſtand, hielt eine beſtändige und ſtrenge Wache über ſie. Obgleich der Gebrauch des Landes es nicht erlaubte, daß ſie ſo be⸗ ſchränkt und ſtreng abgeſchloſſen waren wie in einem tür⸗ kiſchen Harem, ſo war es doch ein Schrecken für die Amme, daß Ina öffentlich erſchien, ohne ihr Geſicht ganz mit einem dicken Schleier zu bedecken, und ſie konnte ihre Neigung, durch Wälder und zwiſchen den Felſen heru zu ſtreifen, durchaus nicht billigen. Die Ideen der alten Kahija über weibliches Glück 17 erſtreckten ſich nicht weiter, als über den Beſitz eines neuen Schleiers oder Rockes, oder mehr denn alles, den Genuß, zu plaudern. Welche Freude konnten die jungen Mädchen daran finden, auf den ſchmutzigen Bergen oder feuchten Wieſen umher zu laufen? oder warum ſollten ſie tanzen oder ſingen, außer, um ihren Gatten und Herrn zu gefallen, da ja andere Perſonen bezahlt wer⸗ den, um vor ihnen zu tanzen und zu ſingen? Ihre Eltern hatten ſie, als ſie jung war, und große Schönheit verſprach, an einen türkiſchen Sklavenhändler verkauft, und mit aufrichtiger Freude im Vorgenuß der Neuheit und Pracht des großen Stamboul gieng ſie an Bord des Schiffes, das ſie von ihren Freunden und ihrem Lande weg führen ſollte. Anfangs war ihr der Zwang unbehaglich, doch bald verſöhnte fie ſich mit ihrem ſelbſt gewählten Looſe und lernte bald die Einrichtungen des Harems, in welches ſie kam, billigen. Als ſie da⸗ her nach dem Tode ihres Herrn in ihr Vaterland zurück⸗ kehrte, war ſie ſehr gegen die Freiheit, und wie ſie es nannte, die Leichtfertigkeit der Frauen ihres Landes, und erhob die Sitten und Gebrauche der ſchönen Ge⸗ fangenen in den Harems von Stamboul über alles. Gleich anderen Frauen, die finden, daß ihre Reize nicht mehr länger feſſeln können, war ſie oft wunderlich und launiſch, doch behandelte ſie die junge Waiſe immer mit Liebe und Sorgfalt. So war die alte Amme, Kahija, die in ihr Feridji gehüllt in das Frauengemach trat um mit ihrem Geplau⸗ der die Unterhaltung der beiden Mädchen zu unterbrechen. Sie freute ſich zu plaudern— welche alte Amme thut es nicht? Beſonders eine türkiſche. Sie kam nun athem⸗ los von einem Beſuche in einer benachbarten Hütte zu⸗ rück um die Nachricht zu bringen, daß der oberſte Schäfer eben von den fernen Bergen zurückgekehrt ſey, wo er den finſtern Bergkhan Khoros Kaloret, den Bruder jenes Verräthers, den der junge Häuptling Selem erſchlagen, Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. III. 2 18 geſehen habe, und daß dieſer mit einem langen Zuge wilder Gefährten in der Richtung gegen den Ubin ge⸗ ritten ſey. „O, Allah gebe, daß er meinen Vater oder meinen Bruder nicht dort trifft!“ rief Ina voll Schrecken. „Ich weiß nicht, was ſich begeben wird, Kind,“ ſagte die alte Amme.„Sie ſagen er ſey ein wilder Häͤuptling. Ich höre auch, er bewerbe ſich um Ihre Hand. Mashallah! Sie ſind ſehr ſtolz, daß Sie einen ſo reichen Khan ausſchlagen, und doch Boshl was iſt er gegen einen Kaufmann von Stamboul?“ „Warum konnteſt Du ihn nicht lieben?“ fragte Zara; „er ſoll artig und galant ſeyn.“ „O Zara! ihn lieben? Du weißt nicht was Liebe iſt, wenn Du mich dieß fragſt. Ihn lieben! Nein, ich könnte ihn nur fürchten, er ſieht ſo ſtreng und wild aus; ſo ganz unähnlich den ruhigen ernſten Zügen meines Vaters,“ ſagte Ina. „Was iſt all das Zeug, das die Mädchen über Liebe ſchwätzen?“ ſpöttelte die alte Amme.„Bosh! Unſinn iſt es? Liebe! was iſt Liebe? es iſt nichts; es iſt weni⸗ ger als nichts; es iſt Thorheit, es iſt— Bosh! Was braucht ein Mädchen von Liebe zu wiſſen? Wenn ſie verheirathet iſt, hat ſie Zeit ihren Gatten und Herrn zu lieben.“ Ina und Zara waren in Verzweiflung, denn es war keine Hoffnung vorhanden einen Austauſch ihrer eigenen Gefühle bewerkſtelligen zu können, ohne veſtändig von der alten Kahija beobachtet und unterbrochen zu werden, die zu Zeiten wirklich unterhaltend ſeyn konnte, wenn ſie ſich mit ihren wundervollen Geſchichten von der Türkei und Stamboul ganz allein der Unterhaltung bemächtigte. Sie wurden aus dem Unmuth, in welchen ſie ihr ge⸗ zwungenes Stillſchweigen verſetzte, durch den Eintritt Conrin's geweckt, der ein kleines Packet von ſeinem Herrn an Ina überbrachte. Wir ſagten ſchon, daß Arslan Gherrei in der Türkei 19 erzogen wurde, und einen hohen Poſten in der Armee des Sultans bekleidete, wodurch er ſich manche Fertig⸗ keiten zueignete, die bei ſeinen Landsleuten ungewöhn⸗ lich ſind. In der Ruhe des Frauengemachs ſeiner Tochter hatte er ſich Mühe gegeben, wenn keine Fremden als Zeugen ſeiner Beſchäftigung zugegen waren, ihren jugend⸗ lichen Verſtand mit Hülfe der wenigen Bücher, die er mit ſich gebracht hatte, zu cultiviren; und er hatte ſie nicht allein gelehrt zu ſprechen, ſondern auch türkiſch zu leſen und zu ſchreiben; Fertigkeiten, welche wahrſchein⸗ lich kein anderes Mädchen in Tſcherkeſſien beſaß; denn wenige hatten ſolche Väter, die mit den heroiſchen Tugen⸗ den des Kriegers die Segnungen des Friedens verbanden. Zara, die nichts von dieſen Fertigkeiten ihrer Freun⸗ din wußte, blickte mit ſtummer Ueberraſchung auf Ina, als dieſe den Brief aus der Hand des Pagen nahm, den Faden mit dem er zugenäht war, brach, und die Nach⸗ richt von der Sicherheit ihres Vaters und Bruders, ſo weit ſie bis jetzt in ihren kriegeriſchen Operationen ge⸗ kommen waren, las. Der Page war ebenfalls ſehr ver⸗ gnügt. „Sagen Sie mir Fräulein, iſt mein theurer Herr in Sicherheit?“ redete er ſie an. „Ja, er iſt es. Allah ſey geprieſen! er und mein Vater ſind wohl und er trägt mir auf gut für Dich zu ſorgen, Conrin.“ „Der Himmel ſey gelobt, daß er wohl iſt. Es freut mich auch ſehr, daß er ſich meiner erinnert!“ rief der Junge, indem er in die Hände klatſchte. Deer ehrwürdige Prinz war äuſſerſt gütig und höf⸗ lich gegen ſeinen polniſchen Gaſt, doch fand Thaddeus zu ſeinem großen Mißvergnügen, daß das Frauengemach für ihn verbotener Boden war, und ſtatt, daß er wie er ſich vorgeſtellt hatte, in immerwährendem Umgange mit Ina war, konnte er ſich ihr höchſtens nähern wenn ſie friſche Luft ſchöpfte, und nur wenige Worte der Ar⸗ 2* 20 tigkeit an ſie richten. Und ſelbſt dieß war nur in Gegen⸗ wart der alten Kahija geſchehen, die darüber aufgebracht war, daß das junge Fräulein angeredet wurde, wenn es auch nur durch die gewöhnlichen Begrüßungsformen war; und noch mehr, als ſie bemerkte, daß Ina es duldete. Alle ſeine Verſuche zu einer weiteren Unter⸗ redung waren fruchtlos wegen der beſtändigen Wachſam⸗ keit der alten Frau; und Ina's angeborne Beſcheidenheit verbot ihr, ihm entgegenzukommen, obgleich ſie ihn gern geſehen hätte. Zuletzt verſuchte er das Vertrauen des jungen Con⸗ rin zu gewinnen; der Knabe wich ihm jedoch beſtändig aus, und nur dann hielt er und hörte ihm zu, wenn er von ſeinem Herrn zu ſprechen anfteng und Bemerkungen zu deſſen Lob machte. Auf dieſe Art wurde ihm die Zeit ſehr lang waͤhrend der Abweſenheit ſeines Freundes, denn er hatte nur Wenige, mit denen er ſich unterhalten konnte, auſſer dem alten Prinzen, der türkiſch ſprach, nur einige polniſche Gefangene oder vielmehr Deſerteurs; ſeine ein⸗ zige Befriedigung waren die Blicke, die er gelegenheitlich von Ina auffieng, und das Vergnügen die muſicaliſchen Töne ihrer Stimme zu hören, wenn ſie ſeine Begrüßung erwiederte. Seine Hauptbeſchäftigung war die Jagd. Mit einem leichten Gewehre in der Hand, und begleitet von Karl, und ſeinem ehemaligen polniſchen Diener, welchen dieſes freie und unabhängige Leben wohl behagte, das ſo verſchieden von der niederen Knechtſchaft war an die ſie bisher gewoͤhnt waren, durchſtreifte er Wälder und Berge. Bei dieſen Ausflügen wurde er auch von mehreren Jünglingen des Thales be⸗ gleitet, welche noch zu jung waren um in den Kampf zu ziehen; dieſe machten den Führer üͤber die Abgründe und zeigten ihm die Stellen, wo ſich das Wild beſon⸗ ders aufhielt. Zu anderen Zeiten beſtieg er ein Pferd, das ihm zum Gebrauche angewieſen war, galoppirte in den grünen Thälern und auf den Abhängen der Berge umher, und wetteiferte mit den jungen Bergbewohnern in ihren Reitübungen, bis er ein ſo geübter Reiter als 21 ſie ſelbſt war. Er ſchoß oft mit ſeiner Flinte einen Vogel aus der Luſt, den ſie nicht mehr erreichen konnten, und gewann durch dieſe ſeine Fortſchritte in dem was ſie am meiſten bewunderten, ſchnell ihre Herzen. Er fieng jedoch an zu bereuen, daß er ſeinen Freund nicht in's Lager begleitet hatte und klagte ſich ſelbſt über Mangel an Freundſchaft gegen ihn an. Wir ſagten ſchon, daß Ina ſich danach ſehnte die freie Luft der Berge zu athmen, ohne in ihrer Freiheit durch die langſamen Schritte der alten Kahija beſchränkt zu ſeyn. Obgleich ſie die ſchüchterne Zara nicht über⸗ reden konnte ſie zu begleiten, ſo behauptete ſie doch häufig ihre Unabhängigkeit, indem ſie nur von ihrem Pagen begleitet fortgieng. Nach ihrer Rückkunft hörte ſie mit ruhiger Miene die ſtrengen Lektionen an, die ſie für dieſen Verſtoß gegen das Decorum erhielt und war ent⸗ ſchloſſen es bei jeder Gelegenheit zu wiederholen. Wie vergnügt war ſie, wenn ſie gleich einem Hirſche mit dem ſie in Flüchtigkeit rivaliſirte, durch die ſchattigen Wälder floh. Dann erſtieg ſie wieder die Spitzen der Berge um die friſche reine Luft einzuathmen und vergaß über den Anblick der ſchönen Berge, Thäler und Ströme das Elend, durch welches das Land heimgeſucht war. Gegen Ende eines lieblichen Tages verließ ſie das Frauengemach mit ihrem Pagen, der ſie nun ſchon zu lieben gelernt hatte, nicht ſowohl aus Zuneigung für ihren Bruder als wegen ihrer eigenen trefflichen Eigen⸗ ſchaften; als ſie durch das offene Thor umherſchaute und Niemand ſah, der ſie an ihrem Ausfluge hätte hindern können, nahm ſie ihren Weg durch den Wald gegen ein Thal, das ſie ſchon lange auszubeuten gewünſcht hatte, und das nur in geringer Entfernung vom Hauſe lag. Es war ein lieblicher Ort, der urſprünglich eine Spalte in den Bergen war und ſich allmälig durch das Herab⸗ ſtrömen von Winterbächen vergrößert hatte. Durch die Sommerhitze war der Strom in ein dünnes helles Bäch⸗ lein geſchmolzen, das an einer Stelle einen glänzenden 22 Waſſerfall bildete, dann ſchnell weiter rieſelte über meh⸗ rere Felſen hinabſtürzte hierauf in ein weiteres Thal floß und ſich endlich in einen kleinen See mündete. Das Mädchen gieng mit ihrem Diener an der Seite deſſelben hin, über die weichen ſanften Kräuter, welche das zurückweichende Waſſer ſtehen ließ, und fieng an die felſige Seite des Thälchens zu erſteigen, auf deren Gipfel nun verſchiedene wohlriechende Kräuter und Blumen bluͤh⸗ ten. Ein heller heiterer Himmel verſchönerte noch die Gegend, und die Luft war mit den köſtlichſten Wohl⸗ gerüchen ganz geſchwängert. Ohne an die Schwierig⸗ keiten zu denken, die ſie überwanden, und ohne Furcht vor den ſteilen felſigen Wegen, kletterten ſie immer wei⸗ ter von Fels zu Fels, indem ſie ſich an Geſträuchen und Stauden hielten, bis ſie endlich eine Plattform er⸗ reichten, auf der ſie anhielten um das breite ſchöne Thal, in welches das kleinere Thal mündete, zu be⸗ trachten. Unter ihnen war das freundliche Dorf zwiſchen ſchönen Baumgruppen, mit ſeinen Maierhöfen, Scheu⸗ nen, Viehſtällen und Baumgärten. In geringer Ent⸗ fernung am Ufer des Stroms war die ländliche an⸗ ſpruchsloſe Moſchee von deren Minaret herab der Muezzin alle gläubigen Muſelmänner zum Abendgebet rief. Dort ſah man Hirten, die ihre Schafheerden von den Berg⸗ weiden in ihre Ställe trieben um ſie vor wilden Thieren zu ſchützen. Das Vieh brüllte auf dem Weg in ſeine Ställe, und die Dorfmädchen trillerten heitere Lieder, während ſie ihre Kühe melkten. Die Vögel ſangen auf allen Felſen und Zweigen; die ganze lebende Natur ſchien ruhig und zufrieden. Der Page ſtörte Ina in ihrer Betrachtung der Gegend. „Fräulein,“ ſagte er,„wir ſollten uns jetzt auf den Weg machen nach Hauſe zu gehen; der Weg iſt ſteil und ſchwierig, und die Schatten des Abends wer⸗ den uns überraſchen ehe wir das Thal erreichen können.“ ℳ 23 „Fürchte Dich nicht Conrin. Es iſt hier keine Ge⸗ fahr vorhanden, die uns ſchrecken könnte. Das Schelten der alten Kahija iſt das ſchlimmſte, was uns begegnen kann. Wir Bergmädchen ſind ſicher auf den Füßen, und furcht⸗ los, wie Du ſiehſt, auf dem Rande des ſteilſten Ab⸗ grundes. Aber wie Du ſagſt, es iſt die höchſte Zeit, daß wir nach Haus zurückkehren; wir werden ſonſt im Frauengemache vermißt und die alte Kahiſa könnte denken wir ſeyen für immer aus ihrer Grabesherrſchaft entflohen.“ Als ſie aber umher ſchauten und in Zweifel waren, an welchem Theile der ſteilen Felſen ſie anfangen ſollten hinab zu ſteigen, fanden ſie, daß das Rückkehren nicht ſo leicht war, als Ina geſagt hatte; denn ſie hatten ſo viele Wendungen und Umwege gemacht, daß ſie den Weg nicht mehr entdecken konnten, auf welchem ſie an den Ort wo ſie ſtanden gelangt waren. Es war ſchwer zu ſagen, wie ſie ihre gegenwärtige Stellung erreicht haben konnten, und ſie ſuchten umſonſt nach dem Wege. Endlich wagte Conrin auf einen nie⸗ deren, hervorſtehenden Felſen zu ſpringen, von welchem aus ein practicabler Fußweg hinab zu führen ſchien, als er durch ein Geſchrei von oben herab aufgeſchreckt wurde, und als er aufwärts ſah, erblickte er Ina in den Klauen eines rohen, wildausſehenden Mannes, der ſich bemühte, ſie nach dem ſteilen Felſen zu ſchleppen, während ſie aus aller Macht widerſtand, und ihren Pagen zu ihrer Hulfe herbeirief. Conrin bemühte ſich vergebens, den oberen Rand zu erreichen, denn die zarten Büſche und Stau⸗ den löſten ſich aus dem Boden ab, als er ſich an ihnen halten wollte, und er fiel wieder an den Ort zuruͤck, von welchem aus er mit ſo vieler Anſtrengung emporzuſteigen verſucht hatte. Das Ausſehen des Mannes war in der That wild. Er war von gigantiſcher Höhe, ſein Geſicht mit ver⸗ wirrten, dunkeln Locken, die vom Kopfe herabhiengen, beinahe ganz bedeckt; er trug eine Mütze von ungegerb⸗ ten, braunen und weißen Ziegenfellen, deren lange Haare, 24 die ihm bis auf den Hals herabſielen, noch die Wildheit ſeines Ausſehens vermehrten. Er war in einen Rock von demſelben Stoffe gekleidet, und ein Mantel von Ziegenhaaren hieng über ſeine Schultern. An ſeinen Füßen trug er rauhe Sandalen von Baumrinde, die durch Lederſtreifen an den Zehen befeſtigt waren. Auf ſeinem Rücken hieng ein Bogen und ein Köcher und in der einen Hand hielt er einen dicken Speer oder vielmehr eine Keule und einen runden, dunkeln Schild von Hunds⸗ haaren, während er mit der anderen die ſchlanke Figur Ina's umfaßt hielt. „Laßt mich in Freiheit! Wie wagt Ihr es, mich pei beſchimpfen?“ rief ſie.„Laßt mich nach Hauſe gehen.“ „Nicht ſo, ſchönes Mädchen,“ antwortete der Mann in rauhem, barſchen Tone und in einem fremdartigen Dialecte, den jedoch Ina hinreichend verſtand, um den Sinn ſeiner Worte entnehmen zu konnen.„Nicht ſo; Sie ſind ein Preis von zu großem Werthe, um ihnen zu erlauben, ſo ſchnell zu entwiſchen.“ „Weg Barbar, laßt mich gehen,“ rief Ina mit der ihrem Lande eigenen Würde, obgleich ſie unter den rauhen Griffen zitterte uad bebte.„Glaubt Ihr der Rache meines Stammes zu entgehen, wenn Ihr mir ein Leid zufügt?⸗ „Rache! ſagen Sie?“ rief der Mann ſpöttiſch. „Glauben Sie, ich fürchte je eine Rache?“ „Ihr werdet Urſache haben ſie zu fürchten, wenn Ihr mich nicht ſogleich loslaßt,“ antwortete ſie.„Wißt Ihr nicht, daß ich eine Häuptlingstochter bin?“ „Ich weiß es ganz gut,“ ſagte der Wilde.„Sie ſind die Tochter des Häuptlings, der meinen Herrn be⸗ ſchimpfte, der meines Herrn Bruder erſchlug; Sie ſind das ſpröde Mädchen, das ſeine Braut nicht ſeyn wollte. Nun ſollen Sie ſich aber nicht ferner weigern, ſeinem Willen zu gehorchen.“ 2⁵ „Ich weiß nicht von wem Ihr ſprecht,“ rief Ina. Mein Vater erſchlug nie einen Häuptling der Atteghei.“ „Ich kenne Ihren Vater wohl,“ antwortete der Räuber. Es iſt der Häuptling Arslan Gherrei, und Sie verweigerten es, die Braut des braven Khan Khoros Kaloret, meines Herrn, zu werden.“ „Euer Herr iſt der Khan Kaloret? rief Ina, durch den Klang dieſes Namens mehr erſchreckt als zuvor. „Er wird es doch nicht wagen, einem edeln Uzden ſeine Tochter zu rauben. Laßt mich, Räuber!“ „Mein Herr fürchtet keinen Häuptling der Atteghei,“ antwortete der Mann wild.„Ich will nun aber nicht mehr länger ſchwatzen, laſſen Sie Ihr Geſchrei und folgen Sie freiwillig. Mein edler Herr erwartet Ihre Ankunft.“ Ina ſchrie vor Furcht.„O, Allah beſchütze mich!“ rief ſte, als der Wilde ſie fortſchleppen wollte.„Bar⸗ bar, laßt mich, ich bitte Euch laßt mich gehen!“ „Nein, nein, Mädchen, Ihre Bitten ſind umſonſt,“ antwortete der Mann.„Richten Sie dieſelben an meinen Herrn. An mich ſind ſie verloren.“ „Eile, eile, Conrin,“ rief ſie in türkiſcher Sprache, fliehe in unſere Heimath. Sende Boten an Selem, an meinen Vater, biete die Dorfbewohner auf.“ Als der Barbar den Pagen forteilen ſah, um dem Befehle zu gehorchen, ſagte er zu Ina:„Stellen ſie den Knaben bis wir ihm aus dem Geſichte ſind. Wenn er ſich von der Stelle bewegt, ſo werde ich ihm einen Pfeil durch die Bruſt jagen.“. Conrin, der dieſe Worte nicht verſtand— Ina war zu ſehr erſchreckt, um ſie auszulegen— eilte von Felſen zu Felſen, ohne Furcht vor der Gefahr, welche ein ein⸗ ziger Fehltritt herbeiführen konnte und vor dem grau⸗ ſamen Tode, der ihm drohte, denn der Barbar ſchickte ſich an, ſeine Drohung in Ausführung zu bringen. Er ließ Ina auf einen Augenblick los, nahm ſeinen Bogen vom Rücken und zog einen Pfeil aus dem Köcher mit 26 einer Hand, die ihr Ziel nie verfehlte. Umſonſt rief Ina Conrin zu zu halten und bat das Ungeheuer, nicht zu ſchießen. Keiner von beiden hörte ihre Stimme. Der letzte Augenblick des Knaben ſchien gekommen, als der Pfeil von der Sehne fortgeſchnellt wurde; ehe er aber abgeſchoßen wurde, wurde der Schaft durch einen heftigen Schlag aus der Richtung gebracht und der Pfeil flog weit über dem Kopfe des Pagen weg. Der wilde Bergbewohner nahm einen zweiten Pfeil, indem er ſich gegen ſeinen Angreifer wandte, als er ſich plötzlich durch einen kräftigen, ſtarken Arm feſtgehalten fühlte. Ina ſchrie aus Furcht für das Leben ihres Retters — denn ſie erkannte in ihm den Fremden, Thaddeus— als der Diener des Khans den Verſuch machte, ſeine ſchwere Keule zu ergreifen, um ihn damit zu Boden zu ſchlagen. Der junge Pole verhinderte ihn aber durch ſein Ringen daran, ſie hoch genug zum Schlagen zu erheben. Obgleich Thaddeus gewandt und ſtark war, ſo war ſein wilder Gegner doch ſtämmiger und kräftiger. Er machte einen Arm durch eine plötzliche Anſtrengung los und ſuchte den Dolch in ſeinem Gürtel; der Pole warf ſich aber mit ſeiner ganzen Kraft auf ihn und beide Kämpfer fielen mit einander zu Boden. „Fürchten Sie nichts für mich theuerſte Ina.“ rief er;„retten Sie ſich ſelbſt. Eilen Sie die Felſen hinab und fliehen Sie nach Hauſe. Ich werde dieſen Räuber halten bis Sie in Sicherheit ſind.“ Ina hörte dieſe Worte kaum, oder wenn ſie dieſelben auch hörte, ſie befolgte den Rath nicht; ſie zitterte für ſein Leben, und ſchaute dem Kampfe zu, um ihm wo möglich beizuſtehen. Für einen Augenblick war Thaddeus oben, als er aber ſeinen Gegner an der Kehle packen wollte und dadurch genöthigt war, einen Arm loszulaſſen, griff dieſer nach dem Meſſer in ſeinem Gürtel, warf ſich durch eine heftige Anſtrengung herum, und hatte jetzt den unglücklichen Jüngling unter ſich und den Dolch in der Hand, um ihn zu tödten. Er ſtieß mit demſelben 27 nach dem jungen Polen, aber eine andere obgleich ſchwache Hand leitete ihn vom Ziele ab und das Meſſer gieng tief in den Boden, in eine Spalte des Felſens. Thaddeus ergriff das Meſſer, ſein Gegner erhob ſich aber durch eine außerordentliche Kraftanſtrengung und verſuchte ihn über die Felſen hinabzuwerfen; als ſich der Bergbewohner jedoch dem Rande derſelben näherte, ſchlüpfte ſein Fuß aus. Thaddeus benutzte dieſen Augen⸗ blick, nahm ſeine ganze Kraft zuſammen und ſtieß ihm das Meſſer tief in die Bruſt. Der hohe Barbar ſiel ſchwer auf den Boden, indem er Thaddeus immer noch in ſeinen Armen hielt; dieſer machte ſich jedoch frei und ſtieß ihn vollends über den Rand des Felſens hinab, der nur noch wenige Fuß von der Stelle entfernt war, auf der ſie geſtanden waren. Nachdem Thaddeus ſich wieder erholt hatte, wandte er ſich an Ina mit den Worten:„Fräulein, ich ver⸗ danke Ihrem Muthe mein Leben, Ihre zeitige Hülfe rettete mich.“ „O, nein,“ ſagte ſie;„Sie haben mir das Leben gerettet, und mehr ſelbſt als das Leben, und dafür Ihr eigenes gewagt. Allah ſey geprieſen, der Ihr Leben bewahrte und Sie zu meiner Rettung herbeiführte! Sie retteten auch dem armen Conrin das Leben. Wir wollen uns aber hier nicht aufhalten. Die Kameraden des Mannes könnten kommen und ſeinen Tod rächen. Laſſen Sie uns nach Hauſe eilen.“.. „Ich werde Sie ſicher über dieſe ſteilen Felſen hinab tragen, Fräulein,“ ſagte Thaddeus;„Sie ſind ſchwach und vor Schrecken kaum im Stande zu gehen.“ Er erhob ſie artig(Ina dachte nicht daran, ſein Anerbieten auszuſchlagen) und ſuchte mit feſten, furcht⸗ loſen Schritten einen Weg über die Felſen, und als er ihre ſchlanke Figur in ſeinen Armen trug, drückte ihre Hand, ohne daß ſie ſich deſſen bewußt war, die ſeinige. Ihre glänzenden, ſchönen Augen gaben ihre große Dant⸗ barkeit kund, welche ihre Lippen auszuſprechen fürchteten. 28 Sie blickte ängſtlich in ſein Geſicht, um zu ſehen, ob er ſich durch die Anſtrengung nicht zu ſehr ermüdet fühle; hier las ſie aber nur ſeine Liebe und ſeinen Stolz ſie gerettet zu haben; auch konnte ſte ihn nicht dazu bringen ſie niederzulaſſen, bis ſie die Thalſohle ſicher erreicht hatten. 4 „Ich fühle mich nun wieder ſtärker, und will Ihre Arme nicht mehr länger ermüden, edler Herr,“ ſagte ſie. Thaddeus gehorchte endlich, wiewohl ungern, ihren wie⸗ derholten Bitten, ſie willigte jedoch darauf ein, ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen, als er ſie nach Haus begleitete. „Woher kam denn der Räuber, der ſie ſo ſehr er⸗ ſchreckte?“ fragte Thaddeus. 1 „O, es war kein Räuber,“ antwortete Ina,„ſon⸗ dern ein Diener des wilden Khans, deſſen Bruder der junge Conrin erſchlug, und der mich heirathen will., „Sie heirathen, Fräulein? Kann ein ſolcher Ihrer werth ſeyn?“ rief der junge Pole begeiſtert aus. „Ich weiß es nicht, ich liebte ihn jedoch nie,“ erwiederte Ina;„und nun fürchte ich ſeine Rache dop⸗ pelt um Ihretwillen. Wenn er hört, daß Sie ſeinen Diener erſchlagen haben, wird er nicht ruhen, bis er Genugthuung für deſſen Blut hat. Ich moöchte, Sie wären ſicher außerhalb ſeines Bereiches!“ „Ich fürchte kein Leid, das er mir zufügen könnte,“ „rief Thaddeus. Es iſt mir ein ſolches Glück, Sie aus einer Gefahr gerettet zu haben, daß ich gerne mein Leben gelaſſen hätte, um es zu erreichen.“ Ina fühlte ihr Herz ſchneller ſchlagen, als er ſo ſprach; denn der Ton ſeiner Stimme ſagte noch mehr als ſeine Rede.* Es war ein Augenblick der Freude und reiner Seligkeit fuͤr beide junge Leute, ungeachtet der Wild⸗ heit der Scene, der Gefahr, die ſie beſtanden hatten, und die ſie immer noch verfolgen konnte. Sie wußten, daß ſie ſich gegenſeitig liebten. Sie verſuchten nicht zu ſprechen, denn ſie fühlten, daß Worte ihrer Liebe nicht 29 gleich kämen. Sie blickten einnander in den Augen, und hier laſen ſie, was ſie zu wiſſenſwünſchten. Ina dachte an ihren Retter und an die Gefahr in der er ſich noch befand, und als ſie durch das Thal eilte, warf ſie man⸗ chen ängſtlichen Blick zurück, um zu ſehen, ob Niemand folgte. Sie wähnte Fußtritte zu hören; es war blos das Rieſeln eines Baches über einen Felſen; ſie ver⸗ ſuchte ſchneller zu gehen; ſie wandte ſich abermals ängſt⸗ lich um— es war blos der Wiederhall ihrer Tritte zwiſchen den Felſen. Thaddeus bemühte ſich, ihre Angſt zu beſchwichtigen und theilweiſe gelang es ihm dadurch, daß er ſie verſi⸗ cherte, er ſey ſelbſt durch das Thal herabgekommen und habe Niemand begegnet. Als ſie aus der engen Schlucht hinaus kamen, wurden ſie durch lautes Freudengeſchrei begrüßt, und ſie ſahen eine Bande Dorfbewohner unter der Anführung Conrins, der von der Anſtrengung über⸗ mannt, zu den Füßen ſeiner Gebieterin niederſank, als er ſie gerettet ſah. Ina beugte ſich mit Theilnahme küber den armen Knaben, und verſuchte, ihm die Weſte zu öffnen; er widerſtand aber ernſtlich ihrem Anerbieten, und verſicherte, er habe ſich ſchon wieder erholt. Die Bande, die aus alten und jungen bewaffneten Männern zuſammengeſetzt war, erhob ein lautes Freu⸗ dengeſchrei, als ſie Ina unverſehrt und gerettet vor ſich ſah; ſte dankte ihnen für die Eile, mit der ſie zu ihrer Hülfe herbeigeeilt waren, und ſtellte ihnen Thaddeus als ihren Retter vor. Die Dorfbewohner ſagten ihm Artig⸗. keiten über ſeinen Muth und das Gelingen ſeines Unter⸗ nehmens und folgten ihm unter lautem Jubel und Ge⸗ ſang nach Hauſe. Der alte Häuptling hatte ſein Haus verlaſſen, um das Volk zur Verfolgung des Räubers zu ermuthigen, als er aber ſeine junge Verwandte in Si⸗ . cherheit ſah, fühlte er eine große Luſt, ſie wegen ihres Herumſtreifens zu ſchelten. Da ſie aber durch die An⸗ ſtrengung ſehr erſchöpft war, unterließ er es und über⸗ 30 ließ ſie den Lektionen, die ſie, wie er wohl wußte, von der alten Kahija erhalten würde. Thaddeus ging nicht von ihrer Seite, bis er ſie an die Thüre des Frauengemachs geführt hatte, wo er ſie der zarten Sorgfalt Zara's überließ, welche ihrer ängſtlich harrte. Drittes Kapitel. Sie reichten ſich die Hand zum Bund der Treue, Den Himmel riefen ſie zum Zeugen auf; Sie ſchwuren Beiſtand ſich im Leiden und im Tode Und ſchwere Rache dem Verräther. Mrs. Hemans. Die Tſcherkeſſen⸗Häuptlinge hatten für das Lager ihrer irregulären, aber zahlreichen Armee einen maleri⸗ ſchen Ort gewählt, deſſen Schönheit durch die wilden, kriegeriſchen Banden, die denſelben nun anfüllten, noch weit erhoͤht wurde. Es war in einem reichen, fruchtbaren Thale, das durch den Aphibs und Ubinfluß bewäſſert wird. An den Ufern des letzteren Fluſſes ſtand der größere Theil der Zelte unter hohen Bäumen, theils in Gruppen, theils vereinzelt auf der Wieſe, wie die Bäume in einem wohl bebauten Parke. Der Boden erhob ſich in kleinen, wellenförmigen Erhöhungen vom Ufer des Fluſſes an, die nach und nach runde, mit den reichſten Weiden be⸗ deckte Hügel bildeten, auf welchen zahlreiche Schaf⸗ und Viehheerden grasten, während weiterhin Männer, Frauen und Kinder mit Ackerbau beſchäftigt waren, unbekümmert um die Gegenwart der Krieger. In weiter Ferne ſah man die hohen Spitzen der Schwarzen Berge. Jeder Häuptling ſuchte ſich ganz nach Gefallen den Ort aus, wo er ſein Zelt aufſchlagen wollte und ihre Untergebenen und Diener ließen ſich um ſie herum nieder. Mancher kriegserprobte Häuptling ſaß hier auf dem Waſen vor ſeinem Zelte, und rauchte die lange Chi⸗ bouque, während er den Uebungen ſeines Gefolges in 31 allen möglichen, kriegeriſchen Spielen zuſchaute. Viele bezeichneten ſich ein Ziel an einem Baume, giengen dann auf einige Entfernung zurück, und warfen mit außer⸗ ordentlicher Sicherheit nach demſelben, entweder mit der ſchweren Keule oder mit dem leichteren Wurfſpieße; andere ſchoßen Pfeile von ihren Bogen auf ein weiter entferntes Ziel ab, das ſie nie verfehlten. Mehrere be⸗ ſchäftigten ſich auch mit Ringen und Rennen. An einem anderen Orte hörte man den Hammer des Schmiedes auf dem Ambos ertönen, um Feuerwaffen für das kommende Gefecht auszubeſſern. Im Fluſſe waren junge Männer damit beſchäftigt, ihre Pferde das Schwim⸗ men über Flüſſe zu lehren, um ſich dadurch zu einem plötzlichen Einfall in das Land des Feindes fähig zu machen. Dort ſah man eine Bande junger Edler auf ihren flüchtigen, muthigen Pferden durch das Thal und auf den Seiten der Berge umher jagen. Die buntfar⸗ bigen, reich mit Silber verzierten Decken ihrer Pferde und ihre eigenen, prächtigen Waffen und Rüſtungen glänzten hell, wenn man ſie zwiſchen den Bäumen hin⸗ durch erblickte. Es war in der That eine brillante, kriegeriſche Scene von hohem Intereſſe. Die Häuptlinge und Edeln waren in ihren voll⸗ ſtändigen Kriegsſchmuck gekleidet; viele in prächtig ein⸗ gelegte und verzierte Rüſtungen von polirtem Stahle; andere in ſchön gearbeitete, genau paſſende Kettenrü⸗ ſtungen, welche keine Bewegung hinderten, und die ſchö⸗ nen, kräftigen Figuren mehr hervorhoben. Die hohen Federn ihrer Helme wallten weit über den Köpfen ihres Gefolges, wenn ſie ſich im Gedränge bewegten; ihre reich eingelegten Dolche, die Inſignien ihres Ranges waren in goldgewirkte Gürtel geſteckt, und alle ihre an⸗ deren Waffen waren ebenſo auf's Schönſte verziert. Viele der ehrwürdigen, älteren Häuptlinge erſchienen im Tur⸗ ban und im langen Rocke, der Tracht des Friedens; und einige wenige Edle trugen den einfachen, eleganten, eng⸗ 83 anliegenden Waffenrock mit geſtickten Gürteln, welche ihre Waffen hielten. Die Armee war aus verſchiedenen Stämmen und Racen des Kaukaſus zuſammengeſetzt, die verſchiedene Dialekte redeten, verſchiedene Sitten und Gebräuche hatten, und eine große Verſchiedenheit in der Kleidung. Die erſten nach Zahl und Tapferkeit waren die Stämme der Atteghei, die aus den Abzeki, Khapſoukhi, Notha⸗ khaitze, Demirghoi und vielen anderen beſtanden. Ban⸗ den der disciplinirten Lesghier waren von den fernen, an's kaſpiſche Meer gränzenden Ebenen gekommen, um die Bedrücker ihres Heimathlandes zu bekriegen, mit welchen ſie ſich dort nicht einzulaſſen wagen konnten. Dort waren auch Banden von den Nomadenſtämmen der ſtämmigen, breitköpfigen Kalmuken und der Nogai Tar⸗ taren. Auch von Georgien, Mingrelien, Immeritien, welche Länder zwar der ruſſiſchen Macht unterlegen wa⸗ ren, aber immer noch den tödtlichſten Haß gegen ſie nährten, waren viele Krieger gekommen. Viele Banden waren aus den wilden Schlupfwinkeln der Schneeberge herabgekommen; ſie waren ſo wild, als die Regionen, die ſie bewohnten, oder die Beſtien, die ſie ritten, eine kleine, rohe, aber muthige und thätige Race. Es waren Männer von dunkler Geſichtsfarbe, mit vorſtehenden Backenknochen und dunkelrothen Bärten, die größten⸗ theils mit Fellen, weiten Pelzkappen und Stoffen vom rohſten Materiale bekleidet waren. Obgleich ſie ſonſt ein räuberiſches, ungeſelliges Volk waren, ſo beſeelte ſie jetzt doch das gemeinſchaftliche Gefühl des Haſſes gegen die Urus. Dort waren die Stämme der Tubi und Ubick, welche zu Fuß fochten, woran die unzugängliche Natur ihrer heimathlichen Berge Schuld iſt, auf denen kein Pferd einen ſicheren Tritt findet, und wohin ſich nur die leichtfüßigen Bewohner und die gewandten Ziegen und Gemſen wagen können. Sie ſind meiſtens von gi⸗ gantiſcher Höhe mit hübſchen Geſichtszügen, aber von wildem Ausſehen, welches nicht wenig durch ihre Tur⸗ bans von Schaffellen, deren lange, weiße Wolle ihnen über Geſicht und Schultern herabhieng, vermehrt wurde. Sie trugen die anli gende Tunica der Tſcherkeſſen, über welche ein Mantel von Ziegen⸗ und Schafwolle ge⸗ worfen wurde; ihre Sandalen waren aus der Rinde des Lindenholzes gebildet. Jeder Mann war mit einem Wurfſpieße, einem Dolche im Gürtel und einem leichten Gewehre, das er über die Schulter hieng, bewaffnet, und führte in der Hand einen gewichtigen Knotenſtock, der am Ende mit einer langen, ſtählernen Spitze ver⸗ ſehen war, um ihm beim Paſſiren von Bächen, oder beim Springen von Fels zu Fels behülflich zu ſeyn. Auch diente derſelbe als Stütze für die Gewehre, um das Ziel um ſo ſicherer zu treffen, und als Waffe auf der Jagd, oder in Stunden der Beluſtigung als Wurſſpieß, der mit furchtbarer Sicherheit auf das Ziel geſchleudert wurde. 3 Neben dieſen kamen andere Stämme von Fußkrie⸗ gern von eben ſo wildem Ausſehen aus den oberen Re⸗ gionen der ſchwarzen Berge; ſie trugen große dunkle runde Schilde von Holz, die durch Eiſen verſtärkt und mit Büffelhäuten überzogen waren. Dieſe Völker waren noch mit dem urſprünglichen Bogen und Pfeil bewaff⸗ net, mit welch letzterem ſie ihr Ziel nie verfehlen. Auch viele von den wilden Tartarenſtämmen, den wegen der Uſurpation ihres Landes tödtlichſten Feinden der Ruſſen, waren hier. Als ſte als Verbannte und Flüchtige aus ihrem Lande getrieben wurden, ließen ſie ſich in den vorher unbewohnten und beinahe unzugäng⸗ lichen Regionen der Kaukaſuskette nieder. Sie trugen gleichfalls Jacken von Fellen und Pelzturbane, welche ihr von Natur wildes Ausſehen noch vermehrten. Ihre Waffen waren breite gekrümmte Meſſer und lange ſchwere griechiſche Flinten, Wurfſpieße und mit Silber einge⸗ legte Piſtolen, die ſie im Gürtel trugen. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. III. 34 Selbſt Europa hatte manche Krieger geliefert von den unglücklichen ruinirten Polen, die Zuflucht und Sympathie unter den großmüthigen Bergbewohnern ge⸗ funden hatten, und mit ihnen ihr Schwert gegen die verhaßten Moscoviten verſuchen wollten. Unter der Infanterie waren die einzigen Banden, welche einigen Anſpruch auf regulaͤre Disciplin machen konnten die Lesghier, welche auf ihren Ebenen in com⸗ pacten Maſſen manövriren, eine Fechtart, die übrigens in den Bergen Tſcherkeſſiens nicht wohl anzuwenden iſt. Das Gefolge der Prinzen und Edeln war ziemlich ähnlich gekleidet; ſie trugen die elegante anliegende Tu⸗ nika ohne Kragen um den Hals, der ganz blos war; weite Beinkleider, verzierte Gürtel, geſtickte Pantoffel oder niedere Stiefeln von gefärbtem Leder, und die breitkraͤmpige niedere mit Pelz verbrämte Kappe von Wolle, Tuch oder Leder. Alle hatten Säbel an der Seite und den Lama im Gürtel, viele führten aber auch Bogen und Pfeile ohne Feuerwaffen. Die größere Zahl war mit Pferden verſehen, welche mit allen möglichen Zierrathen bedeckt waren, die ſie hatten auftreiben können. Die Alten und Richter, welche ſich in's Lager be⸗ geben hatten, um ihren Rath und ihre Anweiſung zu geben, trugen große weite Turbans und lange Weſten, und man ſah ſie im Schatten weit verzweigter Bäume im Kreis herum ſitzen und ernſte Unterredungen halten; ihre weißen bis auf die Bruſt reichenden Bärte gaben ihnen ein ehrwürdiges und feierliches Anſehen. Mehrere von ihnen, die in der Türkei gedient hatten behielten die Kleidung jenes Landes bey, und vermehrten die maleri⸗ ſche Verſchiedenheit von Trachten, die bei dieſer Ver⸗ ſammlung wackerer Krieger zu ſehen war. Bei der Anlage des Lagers war auf keine Regel⸗ mäßigkeit Rückſicht genommen worden; die verſchiedenen Banden ſchlugen ihre Zelte auf oder bauten ihre Schutz⸗ dächer von Zweigen, wo es ihnen gefſiel. Vielen der Krieger waren ihre Frauen in's Lager gefolgt, um die 3 Zelte einzurichten und die Küche zu beſorgen, ihre ſchlan⸗ ken zierlichen Formen waren in weite Röcke von ver⸗ ſchiedenen Farben, die mit Gold und Silber durchwirkt waren, gekleidet, und lange weiße Schleier fielen von ihren Koͤpfen herab, wenn man ſie hin und wieder zwi⸗ ſchen den Bäumen hin ſchlüpfen ſah. Das Lager war nicht befeſtigt, denn obgleich es nur auf geringe Entfernung von den ruſſiſchen Poſten war, ſo hatten ſie doch keinen Ueberfall zu befürchten, da vor⸗ geſchobene Abtheilungen und Poſten beſtändig den Feind überwachten, der nicht die geringſte Bewegung machen konnte, ohne daß Nachricht hievon gegebe. Dieß war das Hauptlager der Abaſier; es waren aber noch andere unter erfahrenen Anführern längs der Gränze gegen Anapa errichtet, welche die Kaſtelle des Feindes in die⸗ ſer Richtung hin überwachten, So war das prächtige Schauſpiel, das Selem's Augen begrüßte, als er in Geſellſchaft mit ſeinem Vater und dem Hadji Guz Beg von einem Berge herab in das Thal des Ubin ritt, und dieſe belebte reizende Scene noch durch die Strahlen der Abendſonne beleuchtet war. Als ihre Reitknechte ihre Gewehre abſchoſſen, eilten eine große Anzahl von Häuptlingen aus ihren Zelten oder aus Gebüſchen und zwiſchen den Bäumen hervor, beſtie⸗ gen ihre Roſſe und galoppirten ihren Waffenbrüdern entgegen. Von allen Seiten wurde der Hadji und Ars⸗ lan Gherrei mit Glückwünſchen über ihre Ankunft em⸗ pfangen, und die jungen Edelleute waren nicht weniger erfreut den jungen Alp zu ſehen, der ein Liebling von Allen war. Die Häuptlinge warfen fragende Blicke auf Selem und als Arslan Gherrei ihn ſtolz als ſeinen Sohn vor⸗ ſtellte und ſeine romantiſches Geſchichte und ſeine neueren Thaten erzählte, wurde er mit lautem Jubel als Häupt⸗ ling Tſcherkeſſiens begrüßt. Sein Herz ſchlug ſtolz über die Erlangung dieſes ruhmvollen Namens, und als ſeine 3 36 Waffenbrüder auf ihn zu kamen und ihm zum Willkomm die Hand boten. Ihr Gefolge hatte ſich unter einer Gruppe hoher Bäume in der Nähe des Fluſſes geſammelt, und wenige Minuten nach ihrer Ankunft an dem Orte waren die Zelte ſchon aufgeſchlagen und alle Einrichtungen zu ihrer Beguemlichkeit getroffen. Selem begleitete dann ſeinen Vater durch das Lager, um die Projecte und Abſichten der Anführer kennen zu lernen. Verſchiedene Operationsplane waren geprüft worden, aber unglücklicher Weiſe herrſchte keine Einheit in ihren Berathungen, und ſie waren deßhalb noch nicht weiter gekommen. Der klügſte war jedoch dafür, die ſtarke ruſſiſche Armee, welche ſie bedrohte, zu verhindern in's Innere vorzudringen, ohne ihre Kraft durch kleinere Unterneh⸗ mungen zu zerſplittern; andere waren aber dafür Ueber⸗ fälle auf unbewachte Poſten im Lande der Koſaken zu machen, während der Feind anderwärts beſchäftigt war; viele waren auch dafür die ruſſiſchen Forts alle auf ein⸗ mal zu erſtürmen. Selem ſah mit Schmerz den trauri⸗ gen Mangel einer Organiſation in einem Heere, welches unter einer guten Leitung im Stande war, die Feinde in ihre eigenen wüſten Steppen znruckzutreiben. Sie waren aber von Artillerie und Munition entblöst, und er ſah zu deutlich, daß außer der Vertheidigung ihrer heimathlichen Berge nicht viel errreicht werden konnte; und ohne ein in Ausſicht ſtehendes Object konnte dieſe große Menge die an keine combinirte Bewegung gewöhnt war, bald des Zwanges überdrüſſig ſeyn und in weni⸗ gen Stunden wie der Schnee vor den Sonnenſtrahlen ſchmelzen und in die eigene Heimath zurückkehren. Sie bedurfte eines Anführers von hohen Talenten, den Alle als ihren Befehlshaber anerkennen würden, um ſie im Kriege zu leiten, dann wären ſie unüberwindlich gewor⸗ den. Dieſen Mangel kannten die Ruſſen wohl und bau⸗ ten darauf. 37 Den nächſten Morgen erhob ſich die Sonne in un⸗ getrübtem Glanz über das ſchöne Thal des Übin, und pflanzte in die Herzen der verſammelten Krieger eine Ahnung von gutem Erfolg. Dieſer Tag war für eine feierliche Ceremonie beſtimmt; nämlich alle Prinzen, Edeln und Anführer der Tſcherkeſſen hatten beſchloſſen einen Eid abzulegen, das Schwert nicht eher in die Scheide zu ſtecken oder ſich in Unterhandlungen mit dem Feind einzulaſſen, bis er ſich aus der Nachbarſchaft ihres Landes zurückgezogen habe, und ſo lange auch alle alten Fehden und Streitigkeiten unter ſich ruhen zu laſſen. Einige von den Häuptlingen hatten bereits dieſen Ver⸗ trag unter einander eingegangen, die Mehrzahl hatte bis jetzt aber noch vermieden dieſen Eid zu leiſten, wel⸗ cher ihnen nicht nur verbot ſich in Unterhandlungen mit den Feinden einzulaſſen, ſondern auch die Nothwendig⸗ keit in ſich begriff ihre Landsleute im Beſitz ihres un⸗ rechtmäßig zurückgehaltenen Eigenthumes herzuſtellen. Dicht an das Lager ſtieß ein einzeln ſtehender Hügel,⸗ der mit einer Gruppe hoher ehrwürdiger Bäume bedeckt war; ein Ort, der ſeit undenklichen Zeiten als geheiligt betrachtet wurde. In einem freien Raume im Mittel⸗ punkt der Gruppe ſtanden die zerfallenen Ueberreſte eines ſteinernen Kreuzes, bei welchem ſich nun im kühlen Schatten der hohen Bäume Hunderte von edeln Kriegs⸗ oberhäuptern verſammelten. Ein Gefühl, eine Seele begeiſterte die Bruſt Aller— der tödtlichſte Haß gegen ihre Feinde, und der Entſchluß bis zum letzten Athem⸗ zug zu widerſtehen. Jeder der verſchiedenartigen Stämme und Banden, aus welchen die patriotiſche Armee zuſam⸗ mengeſetzt war, ſandte einen Repräſentanten hierher um in ihrem Namen zu ſchwören und über die zum allge⸗ meinen Wohl dienlichen Maßtegeln zu berathen. Als die Prinzen, die Edeln und Anführer ankamen, nahmen ſie ihren Sitz auf dem grünen Raſen, und als alle verſammelt waren, ſtand ein Häuptling auf und gieng gegen die Mitte. Sein weißer Turbau, ſein lan⸗ 38 ger Rock, ſeine grauen Locken und ſein langer Bart ver⸗ kündeten ſeinen heiligen Charakter. In ſeiner Hand hielt er ein Buch, das er in die Höhe hob, als er vor dem Kreuze niederkniete und an das allmächtige allwiſſende Weſen, das alle Anweſenden verehrten— wie verſchie⸗ den im übrigen ihr Glauben ſeyn mochte— ein Gebet für den Erfolg der heiligen Sache der Freiheit und für das Verderben ihrer tyranniſchen Feinde richtete. Jeder Krieger neigte das Haupt und ſprach ehrfurchtsvoll „Amen!,“ als der ehrwuüͤrdige Weiſe ſein Gebet beſchloß. Er erhob ſich wieder, indem er immer das Buch vor ſich hielt, und rief mit einer Stimme, die obgleich zeit⸗ weiſe vor Alter zitternd doch tief und wohlklingend war: „Edle Krieger, Häuptlinge Tſcherkeſſiens, wir ſind heute in einer großen, gerechten Sache verſammelt. Dieſe iſt, uns ſelbſt durch einen feierlichen Vertrag zu binden, die ganze Energie unſeres Körpers und Geiſtes aufzu⸗ bieten, um die Feinde unſeres Landes aus dieſem zu vertreiben. Unſere Schwerter nicht mehr ruhen zu laſ⸗ ſen, ſo lange noch ein Feind Tſcherkeſſiens in deſſen Gränzen weilt; alle Privatſtreitigkeiten und Zwiſte ruhen zu laſſen und Jedem die Hand der Liebe und Freund⸗ ſchaft zu bieten, der ſich uns in dieſer heiligen Sache anſchließen will. Ich fordere alle Anweſenden auf her⸗ beizutreten und auf das heilige Buch, das ich halte zu ſchwören, entweder für unſer Land zu ſiegen oder zu ſterben, und der Welt zu zeigen, was eine brave Brüder⸗ bande, obgleich gering an Zahl gegen die großen Heere unſerer Gegner, für die Sache der Freiheit thun kann.“ Als er ſeine Rede beendigt hatte, trat einer der einfllußreichſten Häupter der Atthghei vor, kniete ehr⸗ furchtsvoll nieder, küßte das Buch und leiſtete den ver⸗ langten Eid. Seinem Beiſpiele folgten Andere bis die Begeiſterung allgemein wurde und alle herbeitraten, um den Vertrag einzugehen. Als ſie den Eid leiſteten ſtell⸗ ſie ſich im Kreiſe und faßten ſich gegenſeitig an den Händen als Zeichen ihrer Brüderſchaft. Die, welche ſich 39 früher nur mit der Hand am Schwerte begegnet hatten, drückten ſich nun die Hände zum Zeichen von Liebe und Freundſchaft; und es war der heißeſte Wunſch aller, nun gegen den gemeinſchaftlichen Feind geführt zu werden. Viele, die erſt nach der Eröffnung der Ceremonie gekommen waren, eilten aus allen Richtungen herbei, um den Ruſſen ewige Feindſchaft zu ſchwören. Der bejahrte Richter kniete abermals nieder, als Alle den Eid abgelegt hatten, um dem Himmel für die Einig⸗ keit zu danken, welche unter der Bande von Patrioten herrſchte; und als die Ceremonie beendigt war, erhoben die verſammelten Krieger, welche die Seite des Hügels und alle freien Waldſtellen anfüllten, ein lautes Jubel⸗ geſchrei. Wäre ein ruſſiſcher Spion zugegen geweſen, er möchte ſeine Landsleute vor der Hoffnungsloſigkeit auf Erfolg in ihrem widerrechtlichen Verſuche, ein ſo ent⸗ ſchloſſenes Volk zu unterjochen, gewarnt haben. Viertes Kapitel. Sie kamen mit Ketten beladen Für das ſo verhaßte Geſchlecht— Der Hirte jedoch auf den Alpen Iſt kräftig und muthig zugleich. Mrs. Hemaus. 1 Unſer Held und ſeine Freunde hatten zwei Tage im Lager der patriotiſchen Armee am Ubin zugebracht, ohne daß ein Operationsplan zu Stande gekommen oder eine Bewegung gegen die Ruſſen gemacht worden wäre, als man drei Reiter mit verhängtem Zügel an der Seite der Berge herab gegen das Lager rennen ſah. Die Pferde ſchienen über ihre Kraft angeſtrengt zu ſeyn. Eines der edeln Thiere ſiel und warf den betäubten Reiter weit über ſich hinaus. Das Pferd des zweiten kam mit furchtbarer Gewalt herab, machte noch drei 40 oder vier Sprünge und war außer Stande ſeinen Lauf noch weiter fortzuſetzen; der dritte jedoch ritt ohne ſich einen Augenblick aufzuhalten, um zu ſehen was ſeinen Gefährten begegnet war, wüthend gegen das Lager hin, in welchem ſogleich viele Häuptlinge und Krieger zuſam⸗ menliefen, um die Neuigkeiten, die er brachte, zu hören. Der Bote ſprang vom Pferde als er bei ihnen an⸗ kam; das edle Thier zitterte an allen Gliedern; es war kaum im Stande noch einen Fuß zu rühren und athmete mit der größten Anſtrengung. „Edle Häuptlinge,“ rief der Bote.„Ich bringe Ihnen ſchlimme Nachrichten von Ghelendjik. Vor drei Tagen näherte ſich eine zahlreiche Flotte ruſſiſcher Schiffe unſeren Küſten, und eine mächtige Armee wurde aus ihnen ausgeſchifft. Wir hoffen, ſie werde einige Tage im Fort bleiben, um von der Reiſe auszuruhen; aber dann werden ſie ohne Zweifel vorrücken und das Land verheeren, wenn man ihnen nicht eine ſtärkere Macht entgegenſetzt als die, welche dort verſammelt iſt. Die Manner von Ghelendjik werden ihr Aeußerſtes thun, um die Feinde aufzuhalten, was können ſie aber gegen eine ſo überwiegende Macht hoffen? Unſer Seraskier ſendet uns deßhalb eilig hierher, um einige ſeiner Freunde auf⸗ zufordern, ſich mit ſeinem Heere zu vereinigen.“ Unter den erſten Häuptlingen, die herbeigeeilt wa⸗ ren, um die Nachrichten des Boten zu vernehmen, war der Hadji.„Bismillah! Es iſt kein Augenblick zu ver⸗ lieren,“ rief er, indem er die vor ſeinem Zelte ſtehende Standarte wegnahm, ſie in der Luft ſchwang und wieder in den Boden ſtieß.„Ich werde mit Freuden unſeren Häupt⸗ lingen zu Hülfe eilen, und wir werden dieſe Urus in ihrem Marſche aufhalten. Narſere Edle und Krieger, wer von Ihnen mich begleiken will, um unſeren hart⸗ bedrängten Landsleuten beizuſtehen, ſchaare fech innerhalb drei Minuten um dieſes Banner, und wir werden fort⸗ ziehen; denn vielleicht jetzt ſchon haben die Ruſſen ihren Marſch begonnen. Wer folgen will ſchließe ſich an.“ 4¹ Nachdem er dieß geſagt hatte, eilte der brave, alte Häuptling ſeinen Helm aufzuſetzen, ſein Reitknecht führte ſein Pferd vor, und in weniger Zeit als er angegeben hatte, war er ſchon zu Pferd, an der Seite ſeines Ban⸗ ners. Alp, ſein Sohn, galoppirte herbei, ihm folgte Selem, der ſich ſogleich freiwillig ſeinem ehrwürdi⸗ gen Freunde anſchloß, nachdem er von ſeinem Vater, der nothgedrungen zurückbleiben mußte, Abſchied genom⸗ men hatte. Che die angegebene Zeit verfloſſen war, kamen zahlreiche Haufen von Kriegern aus allen Rich⸗ tungen herbei; die Nachricht, daß eine Expedition im Werke ſey, flog mit Blitzesſchnelle durch das Lager, ſo daß in weniger als fünf Minuten von der Ankunft des Boten an, mehrere Hunderte wohl ausgerüſteter Reiter verſammelt waren, um dem Hadji zu folgen. Dieſer ergriff nun wieder ſein Banner und ſchwang es hoch als Zeichen zum Abmarſch, ein lautes Frendengeſchrei der verſammelten Krieger ſtieg zum Himmel, und die Bande ſetzte ſich ſchnell in Bewegung; noch viele Andere verſprachen zu folgen. Der Hadji führte ſeine Anbänger ſo ſchnell als fie fortkommen konnten, ohne ihre Pferde übermäßig anzu⸗ ſtrengen; er hielt blos bei Nacht, um einige wenige Stunden zu ruhen, und ehe die Sonne aufgieng, waren ſie ſchon wieder im Sattel. Ihre Begierde, Nachrichten vom Feinde zu hören, war außerordentlich, denn ſie näherten ſich nun der Nachbarſchaft des ruſſiſchen Forts; doch war es immer noch unmöglich zu ſagen, in welche Gegend jene ihren Raubzug unternehmen würden. Auf dem Gipfel eines Berges, von welchem ſie eine weite Ausſicht auf die See in der Richtung gegen Ghelendjik und auf die zwiſchenliegenden Hügel und Thäler hatten, hielten ſie an; von hier aus konnten ſie mit Hülfe ihrer Gläſer in allen Richtungen Rauch⸗ wolken gegen den reinen Himmel ſteigen ſehen. Dieß war eine genügende Erzählung der Zerſtörung, welche 42 im Werke war. Der Hadji blickte ängſtlich auf dieſe Scene und rief dann: „Fluch auf die grauſamen Giaours! Feuer und Qualm ſind ihr hölliſches Werk! Seht, wie die bren⸗ nenden Hütten, Höfe und reifen Kornfelder unſerer Lands⸗ leute den Marſch unſerer Feinde bezeichnen. Seht, ſie bewegen ſich gegen die Päſſe von Anapa. Ahl es wird noch Zeit ſeyn, ſie aufzuhalten, ehe ſie dieſes Fort errei⸗ chen. Sie werden nicht zaudern in den Paß des Thales von Zemes zu gehen und dort wird ſie der brave Seras⸗ kier Manjour Beg erwarten. Vorwärts meine Freunde, wir wollen ſehen, was dieſe Moscoviten gegen uns ver⸗ mögen.“ Nach dieſen Worten trieb die ganze Bande ihre Pferde an, ſie ritten die ſteile Seite des Berges hinab, durch Thäler, Flüſſe, über Felſen und Hügel, in ihrer Begierde auf dem Schauplatze des Kampfes anzukommen. Kurz vor Sonnenuntergang hörten ſie in der Ferne ſchießen und als ſie einen Hügel erſtiegen hatten, er⸗ blickten ſie in dem breiten Thale unter ſich die ſtarke ruſſiſche Macht, welche ſich an der Seite eines hellen Fluſſes hin bewegte, durch welchen die eine Flanke gedeckt war. Die langen und dichten Kolonnen kamen in regel⸗ mäßiger, gedrängter Reihenfolge; ihre Fahnen wehten über ihren Köpfen, die Muſikbanden ſpielten liebliche, belebende Weiſen, und Vor⸗ und Nachhut waren durch Artillerie gedeckt. In der Mitte waren Züge von Ba⸗ gage⸗ und Munitionswagen, die mit allem Kriegsmaterial verſehen waren; kleine Koſackenabtheilungen durchſtreiften die Felder nach allen Seiten hin, um die Flanken zu decken und ſie vor Ueberfall zu ſichern. Hin und wieder ſah man Abtheilungen patriotiſcher Reiter, welche ſchnell über die Koſacken herſielen und ihre Gegner zuſammen⸗ hieben, oder ſie abſchnitten, ehe die Ruſſen Zeit hatten, ihre Haubitzen auf dieſelben zu richten. Nun kam ein Bote, der von dem Seraskier aus⸗ 43³ geſchickt worden war, um die Bande des Hadji aufzu⸗ ſuchen; erſterer commandirte die Hauptmacht der Tſcher⸗ keſſen, die verſammelt war, um die Fortſchritte der Ruſſen zu hemmen. Er benachrichtigte ihn, dieſer Häuptling habe beſchloſſen, ſich in keinen Kampf einzulaſſen, bis der Feind in das Thal von Zemes eingedrungen ſey, was wahrſcheinlich ſchon am folgenden Morgen geſchehe, er werde ſeine Truppen in einen Hinterhalt legen, wenige Wachen ausgenommen, die zur Beobachtung der Bewe⸗ gungen des Feindes aufgeſtellt ſeyen. Der Hadji und ſeine Bande beſchloſſen ſogleich, den Wünſchen des Ge⸗ nerals zu willfahren; auch die meiſten von den Reiter⸗ abtheilungen, welche den Feind in ſeinem Marſche unauf⸗ hörlich beunruhigt hatten, waren eingezogen worden und nur wenige ſetzten noch die Flankenangriffe fort. Der Hadji und ſein Gefolge wandten deßhalb ihre Pferde in der Richtung gegen den Ort, wo ihre Freunde verſammelt waren, ritten über den Gipfel der Hügel, welche das Thal begränzten, bis ſte an dem Rande der ſteilen Felſen ankamen, welche den Paß oder das Thal von Zemes bildeten. Der Sereskier Manjour Beg kam herbei, um ſeine Freunde zu bewillkommnen, die ihm ſo zeitig zu Hülfe geeilt waren, und führte ſie an den Orten umher, wo er ſeine Leute poſtirt hatte, die für dieſe Nacht unter den Wafefen ſchliefen, um gegen jede plötzliche Bewegung des Feindes, wenn er verſuchen ſollte unter dem Schutze der Nacht die Schlucht zu paſ⸗ ſiren, auf der Hut zu ſeyn; der Hadji vertheilte ſeine Anhänger in andere vortheilhafte Stellungen. Hinter jedem Felſen und Buſch, hinter allen vorſpringenden Steinmaſſen, wo man nur den Fuß hinſetzen konnte, ſah man die athletiſchen Formen der Hochländer Krieger, die Gewehre und Bogen zum Kampfe bereit und auf⸗ merkſam lauſchend, um die erſten Töne der ruſſiſchen Hörner zu vernehmen, welche das Vorrücken der Feinde verkündeten. Viele, die an Orten ſtanden, wohin ſie ihre Pferde führen konnten, legten ſich an der Seite 44 ihrer gelehrigen Thiere, verdeckt durch dichtes Gebüſch oder Felſen, nieder. Es war nur ein kleines Corps von Bergbewohneru, die der Hadji und Selem verſammelt fanden; ſie waren gänzlich von Artillerie entblöst, und hatten Mangel an Munition. Sie hatten blos ihre breiten, ſcharfen Schwerter, um gegen die wohl geübten Truppen Euro⸗ pas, die mit allen Kriegsbedürfniſſen ausgerüſtet waren, zu kämpfen. Der Hadji war ſehr niedergeſchlagen, als er die Hoffnungsloſigkeit entdeckte, die ruſſiſche Armee gänzlich vernichten zu können, wie er es anfangs er⸗ wartet hatte; er beſchloß aber, ſie ſo viel als nur mög⸗ lich, in ihrem Marſche zu ſtören. Die brave, patriotiſche Bande brachte die lange Nacht in ängſtlicher Erwartung zu; kein Wort wurde lauter, als flüſternd geſprochen, um die Todesſtille, welche überall herrſchte, nicht zu ſtören. Der junge Alp blieb an der Seite ſeines Vaters, ebenſo auch Se⸗ lem, denn ſte wußten wohl, daß der tapfere, alte Krie⸗ ger überall zu finden ſeyn werde, wo das Gefecht am hitzigſten war. Sie brachten die Nacht auf einer kleinen Anhöhe ſitzend, die ſich nur wenig über die Sohle des Thals erhob, zu, und lauſchten ſeinen langen Erzäh⸗ lungen von Kriegen und von ſeinen eigenen Abenteuern. Unſer Held, der noch nicht an Nachtwachen und an das Bivouak gewöhnt war, war äußerſt geſpannt und voll Erwartung; die Nacht ſchien kein Ende nehmen zu wol⸗ len; für die anderen, muthigen Krieger war dieß ein längſt gewohntes Ereigniß, doch waren ſie vielleicht nicht weniger begierig auf den Ausgang des nahen Kampfes, der von ſo großer Wichtigkeit für die Freiheit der Pro⸗ vinz Khapſoukhie ſeyn konnte.. Zuletzt legte er ſich auf den Raſen zurück und blickte an den reinen, hellen Himmel über ſich, an welchem Myriaden von Sternen glänzten, die nach und nach blaſſer und blaſſer zu werden ſchieſte nen, bis man kaum mehr in dem blauen Raume unterſcheiden konnte. Er 1 43 ſprang auf die Füße; man hörte keinen Laut; die erſten Strahlen der Dämmerung erſchienen im Oſten, aber Niemand bewegte ſich hinter den ſchützenden Büſchen. Die Sonne gieng auf, eine große Kugel lebendigen Feuers, ſie ſchien im Zorn über die Blutſcene, welche ihre Strahlen bald beſcheinen ſollten, zu glühen; ſie warf eine glühendrothe Flamme auf die thaubenetzten Bäume zu ihren Häuptern, in welcher bald eine von immer dunklerer Farbe folgte. Ueberall herrſchte eine ſolche Ruhe und Stille, daß ein Wanderer, der durch das Thal gegangen wäre, keine Ahnung gehabt hätte, daß er von Hunderten von Krie⸗ gern mit ihren Pferden umgeben war. Alle waren in der geſpannteſten Erwartnug, denn jeder Augenblick konnte die ruſſiſche Armee bringen; das Intereſſe wuchs aber zehnfach, als die Wachen durch das Gebüſch durch⸗ brachen und auf ihren Pferden an den Thalhängen hin⸗ jagten.— Die Urus rücken vor! Die Urus rücken vor!“ riefen ſie, als ſie vorbeiritten, um dem Seraskier Meldung zu erſtatten, und dann ihren Poſten im Dickicht einzu⸗ nehmen. Dann trat wieder Grabesſtille ein, hierauf trug der Wind die munteren Töne von Pfeifen und Trommeln dnrch die Biegungen des Thales; bald konnte man den feſten Tritt des herannahenden Feindes hören; endlich erſchien die Vorhut der ruſſiſchen Armee. Sie rückten immer weiter und weiter vor, ohne Ahnnng, von der ſte bedrohenden Gefahr. Die Krieger des Hochlandes hielten den Athem mehr an ſich, und faßten den Griff ihrer Schwerter feſter, in geſpannter Erwartung, auf den Feind loszuſtürzen; oder hielten ſie den Finger am Drücker ihrer Gewehre, oder zogen den Pfeil an's Ohr und harrten nur des Commandowortes, um das Todes⸗ werk zu beginnen. Kein Blatt bewegte ſich; man hörte nicht das lei⸗ ſeſte Flüſtern, als die vorrückenden Kolonnen der ruſſt⸗ ſchen Macht erſchienen. Das Gros kam eben unter 486 dem Hinterhalt an. In dieſem Augenblick erſcholl ein furchtbares Geſchrei an den Seiten des Thales und wiederhallte von Fels zu Fels, von Schlucht zu Schlucht in der ganzen Ausdehnung des wilden Thales. „Kommt, meine Söhne, nun iſt der Augenblick ge⸗ kommen; vorwärts auf den Feind. Folge, wer will. Wa, Allah! Allah! Allah!“ ſchrie der tapfere Hadji, als er auf ſein Roß ſprang. Seinem Beiſpiele folgten Alp, Selem und gegen zwanzig andere Krieger, welche ihre Schwerter zogen, als ſie aus ihrem Verſtecke her⸗ vorbrachen; ſie ſchrieen ihr Kriegsgeſchrei und warfen ſich ſo ſchnell auf die vorderſten Reihen der Feinde, daß dieſe kaum Zeit hatten, ſich zu vertheidigen. Es iſt nöthig, in unſerer Erzählung etwas zuruͤck⸗ zugehen, und die Urſache dieſes plötzlichen Ueberfalles von Seiten der Ruſſen zu erklären. Die Wuth des Baron Galetzoff kannte keine Gränzen, als die Kriegs⸗ brig nach Ghelendjik zurückkehrte, und die Ueberbleibſel der Carniſon und zugleich die Meldung von dem Ver⸗ luſte des Forts überbrachte; ſein Zorn wuchs noch, als er hörte, daß ſein Sohn einer der kühnſten Anführer geweſen, und daß Lieutenant Stanisloff entkommen war. Immer und immer erneuerte er ſein Gelübde, ſchwere Rache an den Tſcherkeſſen zu nehmen, und verkündete ſeinen Entſchluß, die zwei Freunde unter allen Umſtän⸗ den gefangen zu nehmen. Graf Erintoff bekannte, daß er anfänglich die Abſicht gehabt habe, das Todesurtheil des Barons ſelbſt zu vollziehen und Thaddeus im Ge⸗ fängniß mit eigenen Händen umzubringen; der Ueberfall der Hochländer war jedoch ſo plötzlich, daß er mit Mühe ſein eigenes Leben rettete. Einige Zeit nach dieſen Vor⸗ fällen landete eine Flotte mit friſchen Truppen für die Garniſon Ghelendjik, und der Baron erhielt vom Ober⸗ general den Befehl mit einem ſtarken Corps zu Land durch die Deſileen von Zemes gegen Anapa zu dringen, dort eine Stelluug zu nehmen und in der Nähe des 47 Kuban ein neues Fort zu errichten, in kleiner Entfer⸗ nung von dem Ort, wo der Ubin in dieſen Fluß fällt. Der Baron marſchirte vom Fort mit vier bis fünf⸗ tauſend Mann unter ſeinem Kommando, die alle wohl ausgerüſtet und mit Munition verſehen waren, aus, und konnte ungehindert durch die breiteren Thäler ziehen, wo ſeine Kanonen Raum gehabt hatten, zu ſpielen; bei ſeinem Vorrücken durch die lächelnden Thäler mit ihren freundlichen Weilern und üppigen Kornfeldern hinterließ er nur eine lange Spur von Zerſtörung und Verwüſtung. Die ruſſiſche Armee war in der That ſo ſchnell ausmar⸗ ſchirt, daß die Eingebornen kaum Zeit gehabt hatten, ihre Vieh⸗ und Schafheerden fortzutreiben und Sachen von Werth wegzuſchaffen, und noch von der Ferne trau⸗ ernd, aber mit einer feſten Hoffnung auf Rache ihre Wohnungen ſchonungslos den Flammen übergeben ſahen. Die Ruſſen ſetzten ihren Weg durch die offenen Thäler und durch den Anfang der Deſileen von Zemes fort, ohne einem Feind zu begegnen; die Gegend umher ſchien ein Zauberland zu ſeyn, ſo ruhig und ſchön ſah es aus. Sie fiengen ſchon an, ſich Glück zu wünſchen, daß die Eingebornen aus Furcht Frieden hielten, und ſie unge⸗ hindert und unbeläſtigt ihren Marſch ausführen köna⸗ ten. Gegen Abend waren einige Tſcherkeſſen erſchienen, gleich den Hörnern eines großen Thiers; ſie flohen aber, ehe man ihnen eigene Reiterei zur Verfolgung nach⸗ ſchicken konnte. Der General hatte die Koſaken beordert, die Seiten des Thales zu durchſuchen, um das Gros des Corps vor einem Ueberfall zu ſichern— ein ſehr gefähr⸗ licher Dienſt; denn einer nach dem anderen von denen, welche die äußerſte Reihe bildeten, verſchwand, und ihre Kameraden, welche ſie ſuchten, erfuhren daſſelbe Schick⸗ ſal; es war jedoch keine Zeit, Nachfragen darüber an⸗ zuſtellen. Die Nacht ſchlief die Armee unter den Waffen; und vor Sonnenaufgang den anderen Morgen war ſie ſchon wieder auf dem Marſche. Sie rückten vorſichtig durch mehrere Schlangenwindungen der tiefen Schlucht vor; zu ihren Füßen rauſchte ein Bergſtrom hin, in deſſen glänzenden Waſſern die Soldaten gierig ihren Durſt löſchten. Kein Feind war geſehen worden, ſeit ſie wieder weiter marſchirten; die kühle Morgenluft erfriſchte ihre Wangen; eine tiefe feierliche Stille herrſchte durch das Thal. Ein Augenblick verwandelte dieſe Scene der Ruhe und des Friedens in ein Blutbad und Gemetzel. Die Ruſſen bebten bei dem wilden Kriegsgeſchrei der Berg⸗ bewohner; die vorderſten Reihen derſelben fielen, als hinter allen Gebüſchen Felſen und Bäumen hervor ein Hagel von Kugeln unter ſie ſiel. In dieſem Augenblick jagte eine Bande wilder Reiter zwiſchen den Felſen her⸗ vor, und hieb alles nieder, was ihr in den Weg trat, und ehe die Kanonen herbeigebracht werden konnten, waren ſie ſchon auf der entgegengeſetzten Seite ver⸗ ſchwunden. Es war die verwegene Bande von Guz Beg. „Ya Allah! vorwärts, meine wackeren Söhne!“ rief der alte Veteran.„Mein braver Alp, Du wirſt Deinem Vater keine Schande machen. Du hauſt dieſe verächt⸗ lichen Urus nieder, wie ein Mäher das Korn mit ſeiner Sichel. Verlange von mir was Du willſt, mein Sohn; es ſoll Dir für dieſen einzigen Kampf gewährt werden. Was ſagt Ihr, meine Freunde, wollen wir uns wieder auf ſie werfen?“ Nach dieſen Worten, noch ehe ſie Zeit gehabt hat⸗ ten, an die große Gefahr zu denken, der ſie entgegen⸗ giengen, war Hadjis Bande ſchon wieder auf den ge⸗ drängten, verwirrten Maſſen der Feinde, die ſich kaum von ihrem paniſchen Schrecken erholt hatten. Dießmal waren ſie nicht ſo glücklich; einer aus ihrer Mitte ſiel durch das Feuer, das die Ruſſen nun auf fie eröffneten; und Selem war nahe daran, daſſelbe Schickſal zu er⸗ leiden, denn als er vorritt, erblickte er den Grafen Erin⸗ toff, der ſein Pferd ſpornte, um auf ihn einzudringen; es iamen aber im Gedräͤnge zu viele Leute dazwiſchen; 48. ſie konnten ſich nicht treffen; Selem mußte dann ſeinen Freunden folgen, und war der letzte tſcherkeſſiſche Reiter, der den ſchützenden Wald erreichte. „Das war ein Coup,“ ſagte der Hadji.„Aber, Mashallah! wir wollen gleich wieder auf ſie los. We⸗ nige Angriffe wie dieſe, werden ihre ganze Armee ver⸗ nichten.“ Selem drang jedoch in ihn, dieſes Manöver nicht zu wiederholen, da er ſein Leben zu ſehr ausſetzte, ohne großen Vortheil zu bringen. Doch ſah man den Hadji und Selem unaufhörlich über den Feind herfallen, und dann wieder an den ſteilen Thalwänden hinaufgaloppiren. Die Ruſſen waren ganz beſtürzt über das ſchreck⸗ liche Geſchrei und wußten nicht welchen Weg ſie nehmen ſollten. Wo ſie am wenigſten einen Angriff erwarteten, wurden ſie von den thätigen Bergbewohnern überfallen, welche aus den Felſen über ihren Köpfen zu wachſen ſchienen, und mit ihren ſcharfen breiten Meſſern den Tod verbreiteten wo ſie ſich blicken ließen, dann ver⸗ ſchwanden ſie wieder ebenſo ſchnell hinter den Felſen und kletterten von einem Vorſprunge zum andern, wohin ihnen Niemand folgen konnte. Hunderte wurden durch die ſicher treffenden Pfeile ihrer unſichtbaren Feinde er⸗ ſchoſſen. Die Ruſſen blickten mit Furcht umher und konnten nicht ſagen woher dieſelben kamen. Die Sol⸗ daten ſahen ihre nächſten Kameraden durch dieſe tödtlichen Geſchoſſe fallen; ihre Reihen wurden immer dünner und ſte konnten ſich weder vertheidigen noch auch ihre Feinde angreifen; aber in dieſen Angenblicken triumphirte die ſtrenge Disciplin ſelbſt von Sklaven über ihre Furcht, und rettete ſie aus den Händen der verwegenſten muthig⸗ ſten Krieger. Die Officiere zeigten einen Muth, der einer edleren und beſſeren Sache werth geweſen wäre; ſie ſtrengten ſich ſelbſt auf's Aeußerſte an, ermuthigten ihre Leute mit ruhiger Stimme, ſchloßen die Reihen und führten ſie in Ordnung. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling.„Il. 4 50. War es aber wirklicher Muth, der dieſe Leute in den Stand ſetzte dieſen ſchrecklichen Sturm auszuhalten? Es war eher eine ſtumpfe und herzloſe Apathie. Sie ſahen ihre Kameraden fallen, und wußten, daß ſie von einem Leben voll von Entbehrungen und tyranniſchen Plackereien befreit wurden, deßhalb kümmerten ſie ſich auch nicht darum ob es ihr Loos ſeyn werde als nächſtes Opfer zu fallen; es war ihnen gleichgültig ob ſie durch Hunger, durch das Schwert oder durch Seuchen um⸗ kommen ſollten; eine dieſer Todesarten war ihnen jeden⸗ falls gewiß. Die Armee ſezte mit ihren gelichteten Reihen den Marſch fort und wurde als ſie in freieres Terrain kam durch ihre leichten Haubitzen geſchüzt, die von Pferden getragen wurden und welche die verwegenen Angreifer in der Ferne hielten. Sie marſchirten ſo ſchnell als nur möglich; ſie waren jedoch noch nicht ſicher; denn der Seraskier der Tſcherkeſſen, ein tapferer aber auch ſcharf⸗ ſinniger vorſichtiger Anführer erlaubte zwar ſeinem Ge⸗ folge nicht ſich mit den Ruſſen auf der Ebene zu meſſen, beunruhigte aber unaufhörlich deren Nachhut und Flanke, bis er in der Nähe von Anapa durch eine andere ſtärkere Abtheilung Patrioten unterſtützt wurde. Die ganze feindliche Armee wäre nun vernichtet wor⸗ den, hätten die Bergbewohner Artillerie gehabt. Sie entgiengen der gänzlichen Zerſtörung nur durch den Bei⸗ ſtand der Garniſon Anapa, welche mit Artillerie und einem ſtarken Corps Koſacken einen Ausfall machte. Dier verſtümmelten Ueberreſte erreichten endlich das Fort. „Mashallah!“ rief der alte Krieger als er zornig den zurückziehenden Colonnen nachſchaute, welche in das Fort marſchirten.„Wir haben ihnen die Ueberraſchung vergolten, die ſie Ihrem edeln Vater zu bereiten ver⸗ ſuchten. Sie werden dieſes Tagewerk in der nächſten Zeit nicht vergeſſen. Allab! Hätten wir einige von ihren leichten Geſchützen, ſo waͤren ſie gewiß nicht ſo 5¹ entwiſcht. Aber ſeyd zufrieden meine Söhne, wir wer⸗ den in Bälde wieder mit ihnen zuſammentreffen.“ Es ſchien ſehr wahrſcheinlich, daß der Feldzug in dieſem Theile des Kaukaſus für dieſes Jahr bald been⸗ digt ſeyn werde. Der Hadji kehrte deßhalb mit ſeinem Gefolge in das Lager am Übin zurück, um weitere Be⸗ gebenheiten abzuwarten. 7 1 Das Vorangehende enthält eine treue Schilderung der Art wie die tſcherkeſſiſchen Bergbewohner die Ruſſen bekriegen, von welch letztern jährlich Tauſende von Opfern fallen. Was kümmert ſich aber die Regierung von St. Petersburg um einen ſolchen Verluſt? Sie haben Mil⸗ lionen von Sklaven um die Stellen derer, welche fallen, zu erſetzen; und ſie haben beſchloſſen die Barbaren trotz der Ströme von unſchuldigem Blut, welche fließen mö⸗ gen, auszurotten. Der Himmel gebe zu, daß die Tapfer⸗ keit und der Patriotismus der hochherzigen Tſcherkeſſen vollkommen uber alle Bemühungen ihrer ſklaviſchen und despotiſchen Bedrücker triumphire! Fünftes Kapitel. O, hör die Sprache meiner Seele; Im erſten Augenblick als ich Dich ſah Mein Herz flui hin zu Dir, und ſeitdem iſt Es ganz Dir unterthan. Shakſpeare. Thaddeus Stanisloff war nun vollkommen glücklich. Er zauderte nicht mehr länger ſich dem Frauengemache zu nähern, und auch Ina fürchtete ſich nicht mehr ihm zu begegnen, ihr Ohr lauſchte beſtändig um ſeinen nahen⸗ den Fußtritt zu vernehmen, und trotz den Stirnrunzeln der alten Kahija eilte ſie an das Thor der Umfaſſung; denn kein Mann darf es wagen dieſe geheiligte Gränze zu überſchreiten. 4*† 52 Sie hielt ſich jedoch nicht damit auf ſich deutliche Rechelkſchaft von ihren Gefühlen zu geben; ſie waren aber ſo neu, ſo ſüß und rein, daß ſie nicht anders als nachſichtig gegen dieſelben ſeyn konnte. Thaddeus fühlte für Ina die heißeſte zärtlichſte Liebe; und oft malte er ſich ein Leben von Glück an ihrer Seite aus, mitten in den Thälern und Bergen Tſcherkeſſtens; er gab ſich Mühe ſie mit der Religion und den Gebräuchen des civiliſirten Europa bekannt zu machen, und ſie lauſchte begierig den Reden ihres galanten Retters. Bis jetzt hatten ſie immer noch nicht von Liebe geſprochen; er ſehnte ſich aber danach in der Sprache des Vertrauens mit ihr zu reden, ungeſtört durch die Gegenwart der artigen Zara oder des jungen Conrin. Eines Morgens früh traf er ſeine Gebieterin am Thore des Frauengemaches, glücklicherweiſe ehe die alte Kahija erſchien; er benüzte dieſe Gelegenheit und ſagte ihr: „Ina, ich habe Ihnen Vieles von großem und ern⸗ ſtem Intereſſe mitzutheilen, und ich moͤchte nicht, daß andere Ohren als die Ihrigen lauſchten. Wollen Sie mir keine Zuſammenkunft gewähren um meine Worte zu hören, denn hier kann ich nicht ſprechen? Wollen Sie nicht heute Abend vor Sonnenuntergang in den heiligen Hain in der Nähe der Ruinen kommen, uͤber deren Schutt das Kreuz immer noch ſein triumphirendes Haupt erhebt; Sie werden mich dort treffen.“ „Fremder,“ autwortete Ina,„Sie ſind der treueſte Freund meines Bruders. Ich habe das Vertrauen auf Ihre großmüthige edle Natur, daß Sie nichts von mir verlangen würden, was ſich für ein Mädchen nicht ſchickte. „Glauben Sie mir, Sie haben nicht Unrecht mir zu trauen. Ich werde warten bis Sie ſich der Wach⸗ ſamkeit der alten Kahija entziehen können. Ihr Page kann Sie zur Sicherheit begleiten und zugleich während wir ſprechen, wachen, daß Niemand uns überraſcht. Willigen Sie ein Fräulein?“ „Ich werde kommen, edler Fremder,“ antwortete 53 Ina ſchüchtern und erröthend.„Ich weiß daß Sie mich vor Gefahr ſchützen werden.“. „Ich danke Ina, ich danke Ihnen für Ihr Zutrauen; mein Leben ſoll für Ihre Sicherheit bürgen.“ Thaddeus hätte vielleicht jetzt Gelegenheit gehabt Ina ſeine innige Liebe zu geſtehen, wären ſie nicht durch die Ankunft der discreten alten Kahija unterbrochen wor⸗ den, welche die Unterredung ſchon über die Gränzen des Anſtandes ausgedehnt betrachtete. Er war deßhalb gegen ſeinen Willen genöthigt ſich zurückzuziehen, und die Stun⸗ den mit Gedanken an ſeine Herrin zuzubringen; bis die alte Amme in die Moſchee gieng um ihr Abendgebet zu verrichten, während welcher Zeit Ina mit ihm zuſam⸗ menkommen wollte. Der Ort, den Thaddeus gewählt hatte war ein ſchöner nicht weit entlegener Hain am Bergabhange, welcher ſeit undenklichen Zeiten mit Ehrfurcht von den Einwohnern betrachtet wurde, weil dort Ueberlieferungen zu Folge ihre Voreltern den großen Geiſt und ſeinen Sohn, der einſt die Erde beſuchte, verehrten. Auf ſei⸗ nen Ausflügen hatte Thaddeus die erwähnten Ruinen entdeckt, welche die einer Kirche von beträchtlicher Größe waren, ſo viel man aus den zerſtreuten Bruchſtücken und Trümmern erſehen konnte; es mußten aber manche Jahre vergangen ſeyn, bis ſie in ihren gegenwärtigen Zuſtand gekommen war, denn große alte Baͤume ſtanden zwiſchen den Stein und Schutthaufen. Der Fuß des Kreuzes ſelbſt war aus zwei großen Blöcken gebildet, und tief in einen am Bergabhange hervorſpringenden Felſen eingelaſſen. Ueber dieſes hei⸗ lige Emblem hatten die Bäume ein ſchützendes Dach gebildet; ſeine Exiſtenz war ein treues Symbol des chriſt⸗ lichen Glaubens, da es mitten auf dem Felſen ſogar zwiſchen den Trümmern ſeiner eigenen Tempel feſt und unverſehrt ſtand. 4* An dieſen Ort wallfahrteten die, welche eine be⸗ ſondere Gunſt von dem mächtigen Geiſte, den ſie ver⸗ 54 ehrten, erbitten wollten; da ſte aber nichts von dem wußten, welcher das Kreuz zu ſeinem Emblem erwählt hatte, ſo fielen ſie in Verehrung vor dieſem ſelbſt nieder. Viele glaubten der Geiſt ſelbſt wohne in demſelben und der Stein habe verborgene Kräfte. Er wurde auch als ein Heiligthum betrachtet,, das Niemand zu verletzen wagte. Einen der von ſeinem Todfeinde verfolgt wurde und es erreichen konnte und ſich an daſſelbe anhängte war ſicher vor Rache. Selbſt die, welche ſich zum Is⸗ lam bekannten, hielten es in Ehren. Blumenkränze, Gelübde der Verehrer, hiengen an den umgebenden Bäu⸗ men bis ſie von der Witterung zerſtört wurden. Thaddeus eilte lange, ehe er die Ankunft ſeiner Herrin erwarten konnte, an den Ort; er wünſchte allein an dieſem heiligen Orte zu ſeyn, um ſich mit ſeinen Ge⸗ danken zu beſchäftigen und im Voraus das Glück zu genie⸗ ßen, das ihm die Erfüllung ſeiner Hoffnungen gewähren würde. Er wandelte um die Ruinen des einſt gehei⸗ ligten Gebäudes herum; bald befürchtete er, ſie werde ihn nicht wirklich lieben, und einen Augenblick nachher hatte er wieder volles Vertrauen, ſie zu gewinnen. Dann warf er ſich in den Schatten eines Baumes und betrachtete mit Unruhe die länger werdenden Schatten, dann ſtand er wieder auf und elite durch den Hain in der Richtung in welcher ſeine Gebieterin kommen ſollte; er ſah ſte aber nicht. Die Sonne ſtand noch nicht tief genug am Himmel und er bedauerte, daß er ſie nicht überredet hatte, zu einer früheren Stunde zu kommen. Er kehrte wieder zurück, da ſie vielleicht auf einem ande⸗ ren Weg gekommen ſeyn konnte. Begeiſtert durch den feierlichen Ort warf er ſich vor dem Kreuze nieder, dankte dem Himmel für ſeine eigene Rettung und bat ihn um ſeinen Segen für die Zukunft. Ganz in ſeine Verehrung vertieft, bemerkte er den Verlauf der Zeit gar nicht und als er anfſtand und geſpannt umherblickte, ob Ina noch nicht in der Nähe war, hatte die Sonne ſchon den Saum der Berge 5⁵ erreicht und färbte den Abhang des Berges röthlich, deſſen Fuß ſchon ganz im Schatten war. Die Minuten verfloſſen ihm nun wie Stunden; er befürchtete, ſie möchte verhindert worden ſeyn zu kommen; es möchte ihr irgend ein Unfall begegnet ſein; er dachte an die Rache des Khans und zitterte für ihre Sicherheit. Die Verzweiflung war nahe daran, ſich ſeiner zu bemächtigen, plötzlich ſchlug ſein Herz freudig; er er⸗ blickte ſie zwiſchen den Bäumen hindurch; ſie ſchien ein guter Geiſt des Hains zu ſein. In geringer Entfernung hinter ihr folgte Conrin traurig und niedergeſchlagen und gieng auf die Seite als er Thaddeus erblickte. Der junge Verliebte eilte ſchnell ſeiner Herrin ent⸗ gegen; er ergriff artig ihre Hand, die ſie ihm nicht entzog und führte ſie zu einem Sitze, den eine umge⸗ ſtürzte Säule am Fuße des Kreuzes bildete. Einige Minuten ſprach keines von beiden ein Wort; ſie blickten auf das üppige freundliche Thal unter ſich, das von einem ſanften Lichte beleuchtet war; eine ernſte feierliche Stille herrſchte über die ganze Scene. Die Liebenden fühlten ſich vollkommen glücklich; ſie fürchteten zu ſprechen, aus Beſorgniß ein Wort moͤchte dieſen ſanften Zauber brechen. Thaddäus wandte ſich gegen Ina, und als er in ihre ſanften, zärtlichen Augen blickte, bemerkte er einen Ausdruck in denſelben, der ihm Muth gab zu ſprechen. „Ina,“ ſagte er,„ich kam als Fremder in dieſes Land unter Ihr Volk. Alle meine Hoffnungen im Leben waren zernichtet. Ich war ein Gefangener, ein zum Tode Verurtheilter, erwartete jeden Augenblick durch die Hand meiner Kameraden umzukommen, ward aber durch die Tapferkeit ihres Bruders gerettet. Ihm ver⸗ danke ich alles was ich nun beſitze; ich verdanke ihm mein Leben und— mehr noch, bei weitem mehr als mein Leben— das Glück Sie zu ſehen. Von dem Augenblick an, als ich ſie ſah, wich ihr Bild nicht mehr aus meinen Gedanken, In der Hitze der Jagd, in der Ein⸗ 56 ſamkeit der Nacht, dachte ich einzig nur an Sie; und und ach! das Entzücken, als ich ſie von dem Näuber errettet ſah, der Sie von mir zu reißen drohte! Schöne Ina, ich liebe Sie!"⸗ 3 Ina blickte ihn an. Ein ſanftes Lächeln ſchwebte um ihren Mund, und ihre Augen nahmen einen leb⸗ haften Glanz an. „Iſt es möglich?“ ſagte ſie mit fragendem Blicke, daß Sie Thaddeus, da Sie an die Pracht der Städte und die vollendeten Schönheiten Frangiſtan's gewöhnt ſind, an ein Mädchen der Berge wie mich denken können, das nie die Küſte ihres Landes überſchritten hat? Vielleicht ſprechen Sie blos im Scherz; aber nein, Sie würden nicht ſo mit mei⸗ nem Herzen ſpielen.“ 1 „Ina, könnten Worte allein Sie überzeugen, wie heiß ich Sie liebe, ſo würde ich ſprechen,“ antwortete Thaddeus;„keine Sprache hat aber geeignete Worte, um meine Gefühle auszudrücken. Ich möchte ſterben, um Sie vor Widerwätigkeiten zu erretten. Theuerſte Ina können Sie mich lieben?“ „Sie lieben? Wonniges Gefühl! o gewiß! Viel⸗ leicht liebe ich Sie nicht wie ich ſollte; ich wollte, immer, daß mich kein anderer Arm als der Ihrige von ihm errettete, der mich Ihnen entriſſen hätte. Glauben Sie nun, daß ich Sie liebe? „Ja Theuerſte,“ ſagte ihr Geliebter, indem er ſeinen Arm um ſie ſchlang; ihr Kopf ſank auf ſeinen Hals. „Ja Ina, bei dieſem Kreuze ſchwöre ich, Sie mit meinem Leben zu beſchützen, keine andere als Sie zu lieben.“ „Es macht mich in der That glückſelig ſolche Worte von Ihnen ſprechen zu hören⸗“ antwortete das Mädchen. Vor Kurzem noch dachte ich nur einen Einzigen zu lieben, meinen geehrten Vater, dann theilte ich dieſe Liebe mit meinem Bruder, welcher ankam, nun fühle ich aber mein Herz zu eng für die Liebe, die ich für Sie em⸗ pfinde. Die Gefühle, die ich für dieſe Theuern hatte, wünſchte ich der ganzen Welt zu ſagen, was ich aber 57 für Sie empfinde, iſt ein koſtbares Geheimniß, das ich Niemand als Ihnen ſagen möchte.“ „Ina Du biſt mein eigen,“ rief Thaddeus.„Be fürchte nicht, daß ich meine Liebe zu Dir mit einer andern theile, der Gedanke ſchon wäre ſchändl ich. Wie lange ſehnte ich mich ſchon darnach, Dir dieß zu ſagen — von Deinen eigenen ſanften Lippen zu hören, ob Du daſſelbe für mich fühlen kannſt! Immer fürchtete ich aber, einer ſolchen Liebe wie der Deinigen nicht werth zu ſein.“ Wir werden nicht mehr länger verſuchen die Worte zu beſchreiben, durch welche der junge Pole der reinen artigen Ina die lieblichen Gefühle ſeines Herzens eröff⸗ nete. Sie ſaßen Seite an Seite und bemerkten nicht, wie ſchnell die Zeit verrann. Die Sonne war längſt untergegangen; die Sterne erſchienen in ihrem Glanze an dem dunkeln blauen Himmel und der Mond ſtieg in reiner, ruhiger Majeſtät als Zeuge ihrer unſchuldigen Liebe empor und warf ſeine Silberſtrahlen durch die dunkeln Bäume auf den Hain. Sie zauderten immer noch und flüſterten einander Worte von zärtlicher Zu⸗ neigung in's Ohr. Endlich erhoben Sie ſich von dieſem Orte, der für immer in ihrem Andenken geheiligt war, als ein leiſer Tritt ſich ihnen näherte, und der junge Conrin vor ihnen ſtand. Ina glaubte einen Seufzer zu hören. Er ſprach mit ſchwacher, leiſer Stimme: „Ich kam, um Sie zu warnen, daß die Nacht ein⸗ bricht. Man wird Sie änſtlich im Weiler ſuchen, und es wird ein großer Allarm entſtehen, wenn man Sie vermißt.“ „O, iſt es wirklich ſchon ſo ſpät? ſagte Ina! Ich glaubte wir hätten blos einige Minuten hier zugebracht. Wir wellen nach Haus eilen.“„Ich werde Dich nach Hauſe geleiten, theure Ina!“ ſagte Thaddeus, indem er ihr den Arm reichte. Obgleich beide wußten, daß ſie zu eilen hatten, 58 fühlten ſie doch keine Neigung ſchneller zu gehen, ſie wandelten miteinander durch den heiligen Hain und wählten, ohne daß ſie es ſelbſt wußten, den weiteſten Weg. Sie hatten ſich noch viel zu ſagen, als ſie an dem Thore des Frauengemachs ankamen. Der junge Conrin folgte langſam, und ſie hörten abermals halb unterdrückte Seufzer; er ſuchte jedoch ihrer Beobach⸗ tung zu entgehen. Sie hielten an dem Thore an, um ſich noch manche Liebesworte zuzuflüſtern, und vielleicht hätten ſie ſo noch eine weitere Stunde zugebracht und ſich eingebildet, es ſeye blos eine Minute, als ſie durch die gellenden Töne der Stimme Kahija's aufgeſchreckt wurden, die in keiner angenehmen Stimmung über die lange Abweſenheit ihrer Schutzbefohlenen war. 1 „Das ſind ſchöne Sachen für ein Mädchen, zu ſo ſpäter Stunde noch aus dem Hauſe zu gehen. Was hätte man geſagt, wenn es einer der Frauen im Harem des alten Muſtapha in Stamboul in den Kopf gekom⸗ men wäre, auf dieſe Weiſe umherzuwandeln? Ich denke ſie hätte bald mit dem Bosphorus nähere Bekanntſchaft gemacht. Das iſt die Art, wie junge Fräuleins in dem einzigen civiliſirten Lande der] Welt behandelt werden, wenn ſie ſich etwas zu Schulden kommen laſſen!— und in der That eine ſehr geeignete Art. Sie geben meinem jungen Fräulein, der Zara, ein recht hübſches Beiſpiel. Bald wird ſie, die immer ſo artig war— Dank meinen Unterweiſungen— ſich auch in den Kopf ſetzen, auf ſolche Weiſe herum zu ziehen. Ich werde aber mein Möglichſtes thun, um es zu verhüten. Ich hoffe die freien Sitten der Mädchen dieſes Landes noch umge⸗ wandelt zu ſehen, ehe ich ſterbe. Es iſt ſchändlich, ſchmählich, ſte ſo unabhängig umherwandeln zu ſehen, den Schleier vom Geſicht gezogen, daß ſie jeder, dem es gefällt anſtarren kann. Kommen Sie, Herr,“ ſagte ſie, indem ſie ſich gegen Thaddeus wandte,„ich wundere mich, daß Sie hier ſtehen. Ich dachte Sie wiſſen, daß 27 59 das Frauengemach ein verbotener Grund für ſeden an⸗ deren, als meinen Herrn iſt. Ich ſollte denken, Sie ſeyen jetzt genug in der Geſellſchaft meines Fräuleins geweſen.“ Thaddeus war jedoch gar nicht geneigt, fort zu gehen, ohne auch nur mit einem Worte Lebewohl zu ſagen; der Zorn der alten Kahija legte ſich bald, und da ſie von Natur durchaus nicht böswollend war, ſah ſie bald ein, daß es nutzlos war ſich einer Sache entge⸗ genzuſetzen, die nicht ihr Geſchäft war. Sie wandte ſich deßhalb auf einige Minuten weg, während welcher Zeit Thaddeus ſeine Geliebte noch einmal umarmte und ihr das Verſprechen abnahm, den nächſten Abend wieder zu kommen. Als die alte Amme wieder zurückkehrte, war der Eindringling zu ihrer großen Befriedigung fort⸗ gegangen. Ina trat dann in das Frauengemach, wo ihr Zara nachdem ſie eine Stickerei, mit der ſie eben beſchäftigt geweſen war, auf die Seite gelegt hatte, ent⸗ gegen ſprang. „Theure Ina,“ rief ſie,„ich befürchtete Du ſeyeſt in eine andere Gefahr gerathen, weil Du nicht früher zurückkehrteſt. „Es konnte mir dort wohin ich gieng keine Gefahr zuſtoßen,“ autwortete Ina.„Ich war ſicher vor jedem Leid. Ein ſo lieblicher Abend um ſpazieren zu gehen!“ fügte ſie mit einer leicht verzeihlichen Lüge bei.„Ich wundere mich, daß Du es ertragen kannſt, ſo einge⸗ ſchloſſen zu ſeyn.“ „ ch, ich gienge auch gern hinaus in's Freie um die Abendluft zu genießen,“ erwiederte Zara; die alte Kahija will aber nichts davon hören.“ „Was ſagen Sie da?“ fragte die alte Amme, die eben eintrat.„Was! wollen Sie Zara verführen, Ihre eigenen wilden Gewohnheiten anzunehmen? Es wird Ihnen aber nicht gelingen; ſie iſt ein zu gutes Mädchen um den Wunſch zu hegen etwas von der Art zu thun. Wenn ſie den jungen Alp Beg heirathet, mag ſie thun 60 was ſie kann; ſie wird aber dann ſtrenge genug einge⸗ ſperrt werden, und ebenſo Sie Ina! wenn Sie einen Rechtgläubigen heirathen, anſtatt einen unſerer heidniſchen Landsleute.“ Glücklich war der Schlummer Ina's in dieſer Nacht, als ſie ihr Haupt in ihr Kiſſen drückte. Sie träumte wieder mit ihm, ihrem Geliebten, in dem hei⸗ ligen Haine zu ſeyn— ſie hörte wieder ſeine Stimme jene magiſchen Worte ſprechen, welche ihr ganzes Weſen umänderten— ſie fühlte den Druck ſeiner Hand in der ihrigen— und ſie ſah den Mond als Zeuge ihrer Liebe zwiſchen den Bäumen aufgehen. Sechstes Kapitel. Ich ſeh mit Blut befleckt Der Krieger blanke Rüſtung, Seh eine dunkle Bahr Im Hochzeitszuge tragen. Mirs. Hemans. In dem Thale Abran Baſhi, das fern von dem Kriegsgetümmel war, herrſchte vollkommene Ruhe, doch kamen gelegenheitlich Nachrichten von den Scharmützeln mit den Ruſſen an, und hie und da kam auch ein ver⸗ wundeter Krieger, um ſich durch die Pflege ſeiner Fa⸗ milie wieder herſtellen zu laſſen, Zu Zeiten hörte man auch Jammern und Wehkla⸗ gen, wenn eine Familie die Nachricht erhielt, daß irgend ein theurer Verwandter im Gefechte gefallen war; oder zog ein Trauerzug durch das Thal, der die Leiche irgend eines Edeln begleitete, welcher von ſeinem Schlachtroſſe getragen wurde, und ſein Leben in einem der vielen nutz⸗ loſen Angriffe verloren hatte, die zu dieſer Zeit auf die ruſſiſchen Linien gemacht wurden, mehr aus Tollkühnheit und um die Tapferkeit und Sorgloſigkeit wegen der Fol⸗ 1 61 gen zu beweiſen— der charakteriſtiſche Zug des tſcher⸗ keſſiſchen Kriegers— als um einen Vortheil zu erreichen. Ungeachtet der Vorherſagungen des alten Häupt⸗ lings begann Thaddeus Hoffnung zu ſchöpfen, der Khan Khoros Kaloret habe alle weitere Verſuche aufgegeben Ina zu entführen und werde ſeine Rache, da er nicht wiſſe durch wen jener Mann ſeines Stammes gefallen war, nicht auf einen einzelnen richten. Auf dieſe Art ſchlug er ſich alle Furcht vor ſchlimmen Folgen aus dem Sinn, und ſelbſt Ina fürchtete ſich nicht mehr ihre Aus⸗ flüge unter ſeinem Schutze ſelbſt über ihre früheren Gren⸗ zen hinaus auszudehnen obgleich ſie ſicher war nach ihrer Zurückkunft eine ernſtliche Lection von der alten Kahija zu erhalten. 3 Wir haben bis jetzt nur eine unvollkommene Skizze von ihrer ſchönen Freundin Zara gegeben; es war eine zarte, friſche und bluͤhende Roſenknospe, welcher die erſten Strahlen der Morgenſonne den Kriſtallthau noch nicht geraubt haben, eine vollkommenes Kind der Natur. In dieſem abgeſchloſſenen Thale auferzogen, wußte ſie nichts von der Welt außerhalb der hohen Berge, welche das⸗ ſelbe umgaben. In dieſem Orte waren alle ihre Ge⸗ danken und Hoffnungen concentrirt; ſie liebte ſeine reinen Ströme, ſeine üppigen Felder und ſchattigen Wälder; ſſe war glücklich, zufrieden und dankbar gegen die gütige Natur, die ſie hierhergeſetzt hatte, ſchon die Idee dieſen Ort verlaſſen zu müſſen hätte ſie unglücklich gemacht; ſelbſt die Beſchreibungen, welche die alte Kahija von dem prächtigen Stamboul machte, reizten ſie nicht. Ihr Charafter war rein wie ihr ſanftes Geſicht; ſie ſchien nur für Liebe und Zärtlichkeit gebildet, und unfähig ſich mit den Sorgen und Mühen der Welt herum zu ſchla⸗ gen. Sie glich einer zarten Pflanze, deren Sprößlinge ſich um einen ſtarken Baum ſchlingen müſſen um Stütze und Kraft zu erlangen. Ihr Temperament war ſanft und liebenswürdig gegen Jedermann; und ſelbſt die alte Kahija predigte ihr nur wenig. Sie war pflichtgetreu — 62 und gehorſam gegen den einzigen Verwandten, der ihr geblieben war und pflegte ihn in Krankheiten mit der zarteſten, unermüdlichſten Sorgfalt; der alte Häuptling liebte aber auch ſeine kleine Zara als Erwiederung innig und zartlich. Ihre Züge waren ſanft und weiblich wie ihr Cha⸗ rakter; ſie war ſehr hübſch, ihre feinen kaſtanienbraunen Haare hiengen in langen, reichen Locken über ihren Schwanenhals; ihre großen Augen vom reinſten Blau waren von dunkeln Wimpern beſchattet, welche ihren ſanften, ſchmachtenden Glanz noch vermehrten, und ein freund⸗ liches Lächeln um ihre purpurrothen Lippen verriethen ein glückliches und zufriedenes Herz. Ihre Figur war eben ſo reizend aber etwas kleiner und ſtärker als die ihrer Freundin; man konnte ſie aber nicht anders als vollkommen nennen. So war das hübſche junge Weſen, das ihre ganze reine und warme Zuneigung dem tapferen jungen Krie⸗ ger Alp Beg geſchenkt hatte, und auch er verehrte auf⸗ richtig das koſtbare Mädchen, das er gewonnen hatte. Er wurde von Kindheit an von ihrem Großvater wegen ſeines Muthes und ſeiner Fertigkeit in allen männlichen Spielen geliebt, und nun gab er freudig ſeine Einwilligung zu ihrer Verbindung, welche er mit dem Hadji ſchon vor deſſen Abreiſe in's Lager in's Reine gebracht hatte. Bis jetzt wußte das hübſche Mädchen noch nichts davon, daß ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen werden, denn obgleich Alp Gelegenheit gefunden hatte, ihr ſeine Liebe zuzuflüſtern, ſo wußte doch Keines von Beiden, daß ihre Eltern die Zuſtimmung zu der Heirath geben wollten; und oft bemächtigten ſich trau⸗ rige Ahnungen ihres ſonſt ſo ruhigen Geiſtes, Befürch⸗ tungen, ihre Vereinigung möchte vereitelt werden, oder ihr Geliebter durch die grauſamen Urus fallen. Die beiden Mädchen ſaßen auf einer Ottomane im Frauengemach; während Ina an einem Gürtel mit Gold⸗ fäden ſtickte, ihrem erſten Geſchenke für Thaddeus, griff 63 Zara in die Saiten ihrer Laute, und ſang mit ſanſter, rührender Stimme folgende einfache Ballade: Die Sonm ſchien wie funkelndes Gold auf den See, Der Wind wehte ſanft durch die Wälder, Die Lerche, die muntere, ſang in der Hoͤh', Zart dufteten Wieſen und Felder, Leis murmelt das glänzende Bächlein im Thal, Drin ſchwammen buntfarbige Fiſchlein ohn'Zahl. Ob lächelnd Natur auch, die Sorge war nah. Am Bächlein mit wogendem Buſen Und weinendem Auge ein Mädchen man ſah, So ſchön wie die ſchönſte der Muſen. Ein rüſtiger Krieger drückt ſie an ſein Herz, Sucht küſſend zu lindern des Abſchiedes Schmerz. Im Wäldchen bereit ſchon ſtand's Kampfroß, das wild Mit Ungeduld wiehert und ſcharret, Sein Reitknecht, er bringt ihm den Speer und den Schild, Ein muthiger Hauf' ſeiner harret. Ein Blick noch, ein Kuß und er ſchwang ſich auf's Roß, Zog fort nun zum Kampfe; es folgte ſein Troß. Doch ſchickt' er noch manchen gar zärtlichen Blick, Als fürbaß den Wald ſie durchzogen, 3 Nach ſeiner ſo ſchönen Geliebten zurück, Bis Bäum' ſie dem Auge entzogen. Dann ſpornt er ſein Roß an, das ihn wie im Flug In die dichteſten Haufen der Feinde hin trug. Der Weide gleich, die zu dem Bächlein ſich neigt, Die Maid war gebeugt und in Trauer; Eine glänzende Thrän' auf der Wange ſich zeigt, Wie Thau auf der Roſe. Von Dauer Iſt ſelten— ja niemals das menſchliche Glück, Und weislich fehlt uns in die Zukunft der Blick. Sie faſſet ſich wieder, erklettert die Höh'n, Ihr Auge blickt ſtarr in die Weite; 64 Sie wähnet ſein flatterndes Banner zu ſehen, Doch er reitet nicht ihm zur Seite. Eine Bahre trägt langſam den Berg man herauf, Es liegt ein getödteter Krieger darauf. Voll Sorgen und bange, ſo ſchnell wie der Wind Läuft ſie nun der Bahre entgegen;, Erkannt hat ſie, daß ſeine Waffen es ſind Seine Rüſtung, die auf ihr gelegen. Sie fiel auf den Leichnam, im tödtlichen Schmerz, Sie ſeufzt' nicht, ſie weint nicht, es brach ihr das Herz. Gegen das Ende füllten Thränen ihre Augen und ihre Stimme zitlerte bei den letzten Strophen. „Warum ſingſt Du dieſes traurige Lied, theure Zara?“ fragte ihre Freundin.„Es iſt zu betrübt für Jemand, deſſen Augen durch Sorgen und Kummer nicht getrübt wurden.“ „Ich weiß nicht warum ich es ſinge,“ antwortete Zara;„ich konnte aber nicht anders, die Worte ſloſſen unwillkürlich von meinen Lippen.“ „Wer lehrte Dich eine ſo traurige Weiſe 2“ fragte Ina. „Ein ehrwürdiger Barde, der einſt dieſen Weg reiſte. Sein Tritt war ſchwach, und ſeine Locken waren durch die Jahre gebleicht; als er ſich in unſerem Hauſe auf⸗ hielt, blickte er mir ſorgenvoll ins Geſicht und lehrte mich dieſe Worte, ich weiß nicht warum. Er gieng wieder weiter, und ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen, zu Zeiten überfällt mich aber eine Trauer, und ich ſinge dieſes Lied.“ Ein tief geholter Seufzer ließ ſich in der Ecke hören, wo der junge Conrin ſich auf einen Divan geworfen hatte. „Komm hierher, Conrin,“ ſagte Ina theilnehmend. Er hatte geweint, denn ſeine Augen waren geröthet und ſeine Züge waren traurig. 65 „Warum weinſt Du, theurer Conrin? Was macht Dir denn Sorgen?“ „Traurige Gedanken und Gefühle,“ antwortete der Page.„Ich habe vieles, was mich weinen macht; dieß⸗ mal war es das Lied, was mich ſo rührte. Ich weinte wegen trauriger Ahnungen, die es in meiner Seele erregte; um meinetwillen bin ich unbeſorgt, aber nicht, um die welche ich zu lieben lernte.“ „Welche Urſache zum Schmerz haſt Du denn, theurer Knabe?“ ſagte Ina.„Biſt Du nicht glücklich hier, wo Dich Alle lieben?“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen, Fräulein,“ ant⸗ wortete der Page. „Warum mir Deinen Schmerz nicht ſagen? Viel⸗ leicht könnte ich ihn lindern, wenn Du mir vertrauſt,“ ſagte Ina. „Ach nein, es iſt nicht möglich; mein Schmerz iſt zu tief um Troſt zu finden; es iſt ein Geheimniß, das ich nie ſagen werde,“ antwortete der Page. „Ich könnte aber vielleicht Mittel finden, es Dir zu entlocken,“ ſagte Ina. „Fräulein, ich bitte Sie, halten Sie mich nicht für undankbar; aber ich bitte Sie noch einmal, erlauben Sie, daß ich Sie verlaſſe;“ rief der junge Conrin.„Ich liebe Sie ſehr, aber ich liebe Ihren edeln Bruder noch mehr. Der einzige Troſt, den Sie mir geben können, iſt, daß Sie mich zu ihm gehen laſſen.“ „Warum willſt Du aber dieſen ſtillen Ort verlaſſen, um mitten in das Schlacht⸗ und Kriegsgetümmel zu eilen?“ ſagte Ina. „Ich würde zu meinem Herrn gehen, wo er auch ſeyn mag, Fräulein,“ antwortete Conrin.„Ich fürchte, irgend eine Gefahr bedroht ihn; ich weiß nicht welche, aber dunkle Ahnungen bemächtigen ſich meines Geiſtes, Ich kann nicht auf die Zukunft blicken, wie ich es ſonſt that und Tage des Glücks und der Freude hoffen: mein Der Jſcherkeſſen⸗Häuptling. Ill. 5 66 Herz ſchläͤgt nicht wie ſonſt durch Gedanken von Glück bewegt. O, laſſen Sie mich meinen Herrn aufſuchen, daß ich ihn vor drohendem Uebel bewahren kann, wenn es in meiner Macht ſteht. Auch möchte ich noch einmal ehe ich ſterbe in ſeine geliebten Züge ſchauen, denn ich fühle zu ſicher, daß mein Geiſt bald aus dieſer Welt fliehen wird. Ich fühle, daß nichts meinen Tod hindern kann, er möge kommen wie er wolle.“ „Knabe, Du ſprichſt von ſonderbaren, geheimniß⸗ vollen Dingen,“ rief Ina in aufgeregtem Tone.„Warum denkſt Du, meinem theuern Bruder drohe eine Gefahr? und warum dieſe traurigen Ahnungen Deines eigenen Schickſals?“ „Fräulein, ich ſtamme von einem Geſchlechte, das oft Dinge ſieht, die ſchwächeren Augen verborgen ſind, und einſt konnten meine Voreltern entweder den Tod der Sterblichen oder ihre Beſtimmung vorherſagen; dieſe Macht ging aber dadurch verloren, daß wir unſer Blut mit anderen Stämmen kreuzten. Aber ſelbſt jetzt noch ſehen wir oft den Schatten eines kommenden Uebels und der Fluch ruht auf unſerem Geſchlechte, daß wir uns nicht vor demſelben hüten können, wenn es uns ſelbſt bedroht. Bei anderen können wir es, und deßhalb will ich es verſuchen, meinen Herrn zu ſchützen.“ „Conrin, Du überredeſt mich ſchnell, Dich gehen zu laſſen; um meines theuern Bruders willen gebe ich es zu, obgleich ich mich ungern von Dir trenne. O, beſchutze ihn, wenn Du es kannſt, vor Gefahren und Allah ſegne Dich!“ „Ich danke Fräulein, ich danke! Sie nehmen mir einen ſchweren Stein vom Herzen,“ rief Conrin.„Ich möchte noch heute abreiſen, morgen möchte es zu ſpät ſeyn.“ „Du kannſt auf Deinem Wege nicht allein reiſen, theurer Page,“ ſagte Ina;„Du ſollſt die erſte Bande von Kriegern, die in das Lager abgeht, begleiten.“ „O, ich werde meinen Weg altein durch jedes Hin⸗ 67 derniß zu Ihrem edeln Bruder finden,“ ſagte der Knabe munter. „Conrin, das kann nicht ſeyn; Du kennſt die Ge⸗ fahren nicht halb, welche Dir auf Deinem Wege zuſtoßen könnten. Schon morgen gehen vielleicht einige Krieger fort. Du ſagſt, Du habeſt ein Geheimniß, das Du nicht ſagen willſt; laß es mich aber hören, denn ich liebe Dich ſehr wegen der Zuneigung, die Du für meinen Bruder haſt, und der Gedanke betrübt mein Herz, daß das Deinige bluten ſoll ohne theilnehmenden Freund, der Deinen Kummer lindern könnte. O! wie blind war ich! ein Gedanke hat mir nun die Augen geöffnet. Komme her, laß mich etwas in Dein Ohr flüſtern.“ Die hübſche Ina bog ſich über den Kovpf Ihres Pagen. Eine dunkle Röthe überzog deſſen Geſicht, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. „Ahl iſt es ſo? Laſſe mich mit Dir weinen,“ rief ſie.„Habe aber gute Hoffnung, alles wird jetzt gut gehen. Eine ſolche Liebe wie die Deinige kann nicht unbelohnt bleiben.“ 3 Die alie Kahija kam gewiß immer, wenn man ſie am wenigſten brauchte; in dieſem Augenblick hinkte ſie herein, denn ſie hatte einen etwas lahmen Gang. Sie ſchien vor Ungeduld zu brennen, irgend eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen. „Es ſind Nachrichten für Sie da, junge Fräuleins, aus dem Lager,“ rief ſte.„Ah Zara, meine hübſche Zara, Sie werden, denke ich, nicht mehr länger um den jungen Alp ſeufzen. Nun Mädchen, was befomme ich, wenn ich die Nachrichten ſage? Ihre ſchönſten Ohrringe denke ich; nein, ich bin nicht graufam, ich will Sie nicht länger in Zweifel laſſen,“ fügte ſie bei, ebenſo begierig rie Neuigkeiten mitzutheilen, als die Bewohnerinnen des Harems waren, dieſelben zu hören.„Vernehmen Sie denn, meine artige Zara, daß unſer edler Haͤuptling, Ihr Großvater, die Einwilligung zu Ihrer Verheirathung 65 68 mit dem jungen Alp Beg gegeben hat, der in kurzer Zeit hierherkommen wird, um Sie uns zu entreißen.“ 8 „Sprechen Sie die Wahrheit Kahija?“ rief Zara erröthend. Sie ſchien ganz glücklich zu ſeyn, und warf ſich vor Freude an den Hals ihrer Freundin Ina.„O, ſagen Sie, wann wird er kommen?“ „Er hat Jemand geſandt, um Ihnen eine Botſchaft zu überbringen; hüllen Sie ſich deßhalb dicht in Ihren Schleier und gehen Sie hinaus an das Thor des Frauen⸗ gemaches und auch Ihnen Conrin hat er etwas zu ſagen von Ihrem Herrn.“ „Ah! rief der Page freudig und eilte gegen das Thor.„Wie freue ich mich etwas von ihm zu hören!“ „Ein Bote von meinem Bruder!“ fragte Ina. „Da muß ich auch hören, was für Neuigkeiten er bringt.“ „Am Thore des Frauengemaches fand Conrin den Javis der ſeine Ankunft erwartete. „Ich bringe Nachrichten von unſerem Herrn für ſeine Schweſter,“ ſagte der Reitknecht.„In wenigen Tagen wird er hier ſeyn, und dann werde ich ſeinen Dienſt verlaſſen, wenn ich nach Rußland zurückkehren kann. Ich habe meinen Eid gelöſt; ich habe Deinen Wünſchen gehorcht, kein Sterblicher, der Gefühl hat, würde mehr thun.“ „Javis ich verdanke Dir viel,“ rief der Page.„Ich möchte Dir mit meinem Leben vergelten; aber die ein⸗ zige Belohnung die Du verlangſt, ach! die kann ich Dir nicht geben.“ „Ich frage nach keiner Belohnung,“ erwiederte Javis; „die einzige, die ich wünſchte, kann ich leider nicht ge⸗ winnen, und ſo wird mir der Tod am willkommenſten ſeyn. Zuerſt möchte ich aber mein Volk wieder ſehen und dann meinen Geiſt unter ihnen aushauchen. Ich habe gethan, was Du mir gebotſt. Ich gelobte zu thun was Du wünſchteſt, ohne daß mir eine Belohnung dafür verſprochen war. Ich rettete den jungen Häuptling aus der Gewalt der Ruſſen. Ich habe mich beſtrebt — 69 mich von dem Gedanken an das Verbrechen, das ich begehen wollte, rein zu waſchen; ich ſah ihn ſicher an ſeiner vaterländiſchen Küſte landen; ich ſah ihn ſeinen Platz unter ſeinem Volke als Häuptling Tſcherkeſſtens einnehmen; ich lernte ſogar ihn um ſeiner ſelbſt willen lieben; mehr kann ich aber nicht thun. Ich könnte es nicht ertragen, ihn wieder an Deiner Seite zu ſehen; ich muß gehen, ſelbſt von Dir.“ Die Unterredung wurde durch die Ankunft von Ina und Zara unterbrochen. „Sagen Sie, wenn wird mein Bruder kommen?“ rief Ina.„O, wie freue ich mich, ihn zu ſehen.“ „In drei Tagen von heute an, wenn die Ruſſen ſich nicht aus ihren Lagern bewegen,“ antwortete Javis. „Bringen Sie eine Botſchaft für mich?“ ſagte Zara, indem Sie ſich ſchuchtern an den jungen Krieger wandte, der ſie ehrfurchtsvoll grüßte, als ſie ſich ihm näherte. „Ja, Fräulein, ich bringe eine Botſchaft von meinem Freunde, dem wackern Alp Beg. Ehe zwei Tage ver⸗ gangen ſind und ehe der Schatten jener hohen Bäume den Strom erreicht, der in geringer Entfernung von ihrem Fuße vorbeifließt, wird er hier ſeyn.“ „Sie bringen mir in der That angenehme Nach⸗ richten. Ich ſage Ihnen meinen aufrichtigen Dank dafür!“ erwiederte Zara. Sagen Sie, iſt ihr Freund wohl?“ „Ja, Fräulein, er iſt wohl, und zeigt ſich wacker gegen den Feind,“ antwortete der Bote. Kommen Sie, kommen Sie meine Fräulein,“ rief Kahija, die eben herbeihinkte, es iſt nicht recht, daß Sie ſich länger als nothwendig iſt am Thore des Frauenge⸗ maches verweilen. Wenn Sie Ihre Botſchaften empfangen haben, ſo treten Sie in das Haus und laſſen Sie den jungen Mann ſeines Weges gehen.“ Da ſie keine Ausreden hatten, um noch länger bleiben zu können, ſo mußten die hübſchen Mädchen ihrem Wunſche Folge leiſten, obgleich ſie gerne noch mehr von jenen Theuern gehört hätten. —— 75 Siebentes Kapitel. Hurrah! Hurrah! Vermeid de rachedurſt'gen inde eg Der Sturmwind iſt ſo ſchnell nicht als ſein Roß; Es decket geiſterhafte Bläſſe ſeine Wangen Und iu der Hand trägt er ein tödtlich Meſſer. Lockhart's Spaniſche Balladen. Wir müſſen nun wieder zurückgehen um einen Blick auf das patriotiſche Lager am Ubin zu werfen. Die kleinen bereits beſchriebenen Scharmützel ausgenommen, war nichts von Wichtigkeit vorgefallen, und da der Win⸗ ter nun vor der Thüre war ſchienen die Ruſſen keine wei⸗ tere Bewegung mehr zu beabſichtigen. Eines Tages wurde in einem Wäldchen, das von dem Getümmel und Lärm des Lagers entfernt war, ein Kriegsrath gehalten, in welchem unter anderen Prinzen und Edeln Tſcherkeſſiens auch Arslan Gherrei ſein Sohn und der Hadji anweſend waren, als plötzliches Schießen die Ankunft irgend eines andern Häuptlings verkündete und man eine Bande wilder Reiter von einem Stamme der Bergtartaren, die in Pelz und Felle bekleidet waren, näher kommen ſah. An ihrer Spitze ritt der Khan Khoros Kaloret, der ſich nachdem er abgeſtiegen war, allein dem berathenden Kreiſe näherte. Die Häuptlinge erhoben ſich, als er kühn in ihre Mitte trat. Seine Blicke waren wild und zornig, als er ſie auf den verſammelten Edeln umher⸗ ſchweifen ließ, denen ſeine hechmüthige Miene gar nicht geſtel. Einer der Aelteſten redete ihn endlich an: „Warum kommen Sie hierher Khan, um unſere Berathung zu unterbrechen? Haben Sie Sachen von Wichtigkeit mitzutheilen?“ „Warum ich hierher komme?“ wiederholte der Khan wüthend.„Glauben Sie ich komme nur zum Zeitver⸗ treib? Nein, ich komme um meines Bruders Blut aus 71 ihren Händen zu fordern. Sagen Sie, wo er iſt oder ich werde mit Allen, die hier ſind, die Freundſchaft brechen. Sagen Sie wo iſt mein Bruder?“ „Wir wiſſen nichts von Ihrem Bruder, Khan; wir haben unſere Antwort geſagt.. „Lebt mein Bruder? frage ich Sie,“ ſagte der Khan. „Wir wiſſen nichts von Ihrem Bruder,“ antwor⸗ tete der vorige Sprecher. „So wende ich mich an Sie, Uzden Arslan Gher⸗ rei,“ ſagte der Khan.„Ich ſandte ihn zu Ihnen um mir Ihre Tochter als Braut mitzubringen, und ſeit er Ihr Haus verlaſſen hat, weiß Keiner von meinem Stamme mehr etwas von ihm.“ „Ihr Bruder der Khan verließ mein Haus mit dem freien Willen zu gehen wohin er wollte. Ich kann Ihnen nicht mehr von ihm ſagen,“ antwortete der Häuptling. Der Khan blickte einige Minuten lang ohne zu ſprechen wild um ſich her, während deſſen giengen die Mitglieder des Rathes weiter zuruͤck, nahmen ihre Sitze wieder ein und ließen ſo den wüthenden Khan allein ſtehen, ein verſtändliches und genügendes Zeichen, daß ſeine Gegenwart nicht erwünſcht war! Der Khan ſtand einige Minuten unentſchloſſen, dann näherte er ſich ihnen auf einmal wieder gegen alle Sitte. „Häuptling,“ rief er, indem er ſich an Arslan Gherrei wandte:„ich frage Sie noch einmal, wo iſt mein Bruder? Wenn er todt iſt, ſo ſagen Sie wer ihn erſchlug, damit ich meinen Feind kenne; oder wenn er vor dem Feinde ſiel, warum brachten Sie ſeinen Leich⸗ nam und ſeine Waffen nicht?“ „Khan,“ antwortete der Häuptling;„iſt es nicht genug wenn ich ſage, daß ich nichts von Ihrem Bruder weiß? Fragen Sie mich alſo nicht weiter.“ Nach dieſen Worten begab ſich die ganze Verſamm⸗ lung wieder in ihre frühere Stellung und ließ den Khan abermals allein. Er folgte jedoch wieder, worauf ihn 8 72 der bejahrte Häuptling, der früher geſprochen hatte, fol⸗ gendermaßen anredete. „Zweimal habe ich Sie gewarnt, Khan, uns nicht nach Ihrem Bruder zu fragen. Nun hören Sie ſein Schickſal; er ſtarb den Tod eines Verräthers, indem er in den Reihen unſerer Feinde focht, er fiel indem er eine Verrätherei zu begehen ſuchte. Er liegt nun unter einem Haufen verfluchter Urus. Sein Name iſt ent⸗ ehrt und aus unſerer Erinnerung geſtrichen. Nun gehen Sie und fragen Sie nicht mehr nach ihm. Sein Name iſt geſchändet.“ „Häuptling, wer ſagt mein Bruder ſey den Tod eines Verräthers geſtorben, lügt ſo ſchwarz wie Eblis. Eine niederträchtige Lüge; ich werde die Verläumdung ſtrafen,“ ſchrie der Khan.„Mein Bruder war immer ein Feind Rußlands und ich werde ſeine geſchändete Ehre bitter rächen,“ Auf dieſe Worte zogen die Häuptlinge ihre Schwer⸗ ter halb heraus; da ſie ſich aber erinnerten, daß er allein „gegen viele war, und ſie Mitleid mit ſeinem Schmerze und dem Verbrechen und Tode ſeines Bruders hatten, ſteckten ſie dieſelben wieder in die Scheiden ohne zu ſprechen. „Uzden Arslan Gherrei, von nun an ſehen Sie in mir Ihren Todfeind,“ rief der Khan,„welchen Tod auch mein Bruder ſtarb, Sie haben denſelben veranlaßt, und ich werde Rache nehmen, ſollte ich dabei auch ſelbſt umkommen.“ Nachdem er dieß mit trotziger Stimme und Ge⸗ berde geſagt hatte, kehrte er ſich um, beſtieg ſein Kampf⸗ Roß und ritt wüthend mit ſeiner Bande aus dem Lager fort, ohne einen Häuptling zu grüßen. Wir müſſen den Khan auf ſeinem tollen Rennen verlaſſen, um den Bewegungen des Baron Galetzoff und der kleinen Armee unter ſeinen Befehlen zu folgen. Nach⸗ dem ſie Anapa verlaſſen hatten, marſchirten ſie in das neu errichtete, wie ſchon geſagt, ſüdlich vom Kuban ge⸗ legenen Fort, das auf einer kleinen Anhöhe nicht weit A 73 von dieſem erbaut war; jedoch außer Schußweite von der Bergkette, welche nun die Gränze der Ländereien der Atteghei Stämme bilden. Auf dem anderen Ufer dehnte ſich eine große Ebene aus, die von dem Schlamme und Moraſte des Kuban gebildet wird, deren Ausdünſtung für die Geſundheit der Soldaten ſo ſchädlich iſt; aber gerade die ſumpfige Natur des Bodens vereint mit der Stärke der Stellung vermehrt die Sicherheit vor einem Ueberfall, und die Geſchütze können nach allen Seiten hin ungehindert wirken. Das Fort war unter dem Schutze einer ſtarken Macht angelegt worden, und der Baron war nun damit beſchäftigt neue Verſchanzungen zu errichten und alle zu Gebot ſtehenden Mittel anzuwenden, um dieſe Stellung zu verſtärken, und hoffte Gelegenheit zu finden, ſich für den erlittenen Verluſt zu rächen. Bis jetzt waren noch keine Häuſer gebaut; die Truppen waren in ſchlechten Hütten untergebracht, die in der Eile von Zweigen und Moos errichtet worden waren, und die Offiziere lagen in Zelten. 4 Gegen Abend ſaß der Baron in ſeinem Zelte als ſein Adjutant ihm anzeigte ein Häuptling des Feindes mit einer Friedensflagge wünſche unmittelbar eine Audienz. „Laßen Sie ihn hereintreten,“ ſagte der General. „Vielleicht will ſich endlich einer von dieſen Barbaren unterwerfen.“ Der Baron ſtand auf um ſeinen Gaſt zu empfangen und der Offizier brachte einen ſchlanken wild ausſehen⸗ den Krieger herein, deſſen ſchweres Schwert an ſeiner Rüſtung klirrte; er trat furchtlos in das Zelt. Der General ſtutzte als er ihn ſah, denn er dachte an den jungen Khan, zu deſſen Tod er ein Werkzeug geweſen war, und an deſſen Reitknecht, den er ſo ungerechter Weiſe hatte erſchießen laſſen; er fixirte den Fremden feſt und glaubte beinahe der Todte ſtehe vor ihm. Einige Minuten lang ſprach keiner von beiden ein Wort, als der civilifirte europäiſche Befehlshaber den wilden Krieger 74 der Berge von Kopf bis zu Fuß betrachtete, erwiederte dieſer ſeinen Blick hochmüthig und ſcheinbar verächtlich. Zuletzt verbannte er ſeine abergläubiſche Furcht und ſprach: „Wer ſind Sie Häuptling, daß Sie ſich auf dieſe Art in das Lager der Ruſſen wagen?“ „Ich bin Khan Kaloret,“ erwiederte der Häuptling mit wildem Tone. Bei dem Klange dieſes Namens erſchrack der Baron und legte ſeine Hand an ſein Schwert um ſich zu dem erwarteten Angriffe vorzubereiten. „Fürchten Sie nichts, ſagte der Khan in verächt⸗ lichem Tone.„Ich komme nicht um Ihnen ein Leid zuzufügen. Wenn ich Sie umbringen wollte, hätte ich es ſchon vorher thun können. Sehen Sie,“ fügte er bei, indem er auf die Oeffnung des Zeltes zeigte, vor welchem ein wilder Tartar ſein Pferd hielt.„Ich hätte Sie todtſchlagen, mein flüchtiges Roß beſteigen und Ihre armſeligen Verſchanzungen verlaſſen können, ehe mich einer Ihrer trägen Soldaten aufgehalten hätte. Nein, Ruſſe, ich komme nicht um Ihnen ein Leid zuzufügen.“ „In welcher Abſicht kommen Sie denn hierher? Was wollen Sie?“ ſagte der General. „Ich komme,“ ſagte der Khan, indem er die Stirne runzelte und ſeine nervige Hand ballte,„ich komme um Rache zu ſuchen.“ „Ein ſchönes Gefühl, das man bei allen braven Männern aufmuntern ſollte,“ antwortete der Baron, „und an wem ſuchen Sie dieſelbe auszuüben?“ „An denen, welche mich beſchimpft haben. An einem Häuptlinge Arslan Gherrei, der mir ſeine Tochter zur Frau verweigerte; ſoll ich feig eine ſolche Beſchimpfung ertragen? Ich möchte das Mädchen trotz ihrer Weiger⸗ ung entführen; ich moͤchte mich an ihm wegen des Todes meines Bruders rächen, der, wie man ſagt, Ihre Hülfe angeſprochen haben ſoll, um ſich der Tochter des Haͤupt⸗ lings zu bemächtigen, und der durch die Hand Selem's, ſeines neu gefundenen Sohnes ſtarb.“ 75⁵ „Sie haben recht gehört Khan,“ antwortete der General.„Sagen Sie, wie kann ich Ihnen in Ihren Wünſchen behülflich ſeyn, ich will Ihnen gern die Hand der Freundſchaft bieten.“ „Ich möchte die Tochter des Häuptlings hierher bringen, denn ich will meine Heimath, meine Schaf und Viehheerden verlaſſen, und mich mit meinem Ge⸗ folge Ihnen anſchließen.“ „Sie ſprechen klug, Khan,“ ſagte der Baron.„Sie ſollen mit offenen Armen empfangen werden; Sie müſſen aber auch den Sohn Arslan Gherrei's und ſeinen jungen Pagen bringen, und auch einen ruſſiſchen Offizier, der kürzlich entwich, als das Todesurtheil an ihm vollzogen werden ſollte. Ich verſpreche Ihnen als Erwiederung Ländereien, Schaf und Viehheerden, welche Ihnen die, welche Sie verlaſſen, hinlänglich erſetzen ſollen.“ „Sie ſprechen von Selem Gherrei, Ruſſe,“ rief der Khan.„Es wäre leichter einen wilden Bär zu fangen und ihn gutwillig hierherzubringen, als einen der Häupt⸗ linge der Attegbei lebendig vor Sie zu führen. Ich will es aber verſuchen, und wenn es nicht gelingt, iſt es nicht aus Mangel an Haß und Rache.“ „Bringen Sie ihn wo möglich lebendig; wenn nicht ſo bringen Sie mir ſeinen Leichnam; Sie werden mir ſehr willfkommen ſeyn. Es ſind auch auch noch andere da, deren ich mich verſichern möchte— ſein Reitknecht, und ein geringer, plumper Sklave, der wahrſcheinlich bei ihm iſt.“ „Ich habe bereits geſagt, daß ich mein Möglichſtes thun werde, um Ihnen geſällig zu ſeyn:“ ſagte der Khan hochmüthig,„und nun muß ich abreiſen.“ „Leben Sie wohl, bis Sie mit Ihren Gefangenen zurückkehren,“ fügte der Ruſſe bei. „Häuptling der Ruſſen,“ antwortete der Khan,„Sie ſollen mich bald wieder ſehen. Ich zögere nicht mit mei⸗ ner Rache.“ Mit dieſen Worten gieng Khoros Kaloret aus dem 76 Zelte, mit derſelben hochmüthigen Miene, die er beim Hereintreten gezeigt hatte, beſtieg ſein Pferd und ga⸗ loppirte weiter. „Hier geht ein Verräther,“ ſagte der Baron, der ihm mit den Augen folgte, als er fortritt;„und wenn wir nur wenige ſolche, wie er, hätten, ſo könnten wir bald mit Recht die ſchönen Länder Tſcherkeſſiens uns eigen nennen. Ich denke, ich kann dieſem Barbaren trauen wegen des Beweggrundes ſeiner Handlung; und wenn er die Tochter Arslan Gherrei's bringt, ſo habe ich eine Gewalt über ihn, die er nicht leicht brechen kann.“ Dann ließ er den Grafen Erintoff vor ſich rufen. „Ah! Oberſt,“ ſagte er, als der Graf eintrat; —— „ich habe endlich Hoffnung, die zu züchtigen, die bisher meiner Rache entgangen waren.“ „Ich freue mich ſehr, dieß zu hören, Herr General,“ ſagte der Graf. Es iſt eine Pflicht, die wir unſerem Lande ſchuldig ſind, dieſe ſchändlichen Deſerteure zu züch⸗ tigen, der Forderungen einer kleinen Privatrache gar nicht zu gedenken. Aber auf welche Art denken Sie zum Ziele zu kommen?“ „Der wilde Khan Khoros Kaloret iſt in Zorn dar⸗ über gerathen, daß der Häuptling Arslan Gherrei ihm ſeine Tochter verweigert— dieſelbe, von welcher wir ſchon ſo viel ſprechen hörten, und die uns neulich kaum in den Schluchten von Mezi entkam, als der Bruder des Khans ſie in dieſe Falle führte. Er wünſcht nun, dieſe Dame zu entführen, und ſeine Zuflucht zu uns zu nehmen; auch habe ich ihm ſchon die Bedingung ge⸗ ſtellt, unter welcher er gut aufgenommen wird; näm⸗ lich, daß er jene Deſerteure Ivan Galetzoff, ſeinen Pa⸗ gen, Lieutenant Stanisloff und Andere bringt. Ich fürchte, es wird ihm nicht gelingen, Ivan Galetzoff ge⸗ fangen zu nehmen, der, wie ich höre, jetzt den Namen Selem Gherrei trägt; ich zweifle in der That nicht daran, daß er der Sohn Arslan Gherrei's iſt, da ich 77 den Knaben ſelbſt gefangen nahm, und mich wohl er⸗ innere, daß dieß der Name des Häuptlings von dem Orte war, das ich angrief und verbrannte. Ich führte ſeine Frau mit dieſem Knaben fort, von dem ich nicht wußte, daß es ihr Sohn war, und dachte nicht daran, was für eine Natter ich pflegte. Ich dachte einen bit⸗ teren Feind gegen dieſes rebelliſche Land aus ihm zu machen, ich finde aber, daß dieſe Frau alle meine Ab⸗ ſichten vereitelte, indem ſie ihm eine unbändige Liebe für dieſes Land und für die Freiheit einflößte. Ich würde Welten darum geben, ihn in meine Gewalt zu bekom⸗ men, und obgleich es dem Khan nicht gelingen wird, ihn zu fangen, mag er ſich vielleicht ſeines Pagen verſichern, den er von Rußland mitbrachte, und für den er eine große Zuneigung hat. Ich denke, auf den Knaben ein⸗ zuwirken, entweder durch Güte oder durch Drohungen gegen ſein Leben, und ihn dahin zu bringen, daß er ein Complott unterſtützt, um ſeinen Herrn zu verrathen. Auf alle Fälle hoffe ich, daß der junge Gherrei, wenn er hört, daß wir im Beſttze ſeiner Schweſter und ſeines Pagen ſind, es verſuchen wird, ſie zu retten. Wir wer⸗ den auf der Hut ſeyn, um ihn dann auch zu fangen, und ich werde dem, der ihn zum Gefangenen macht, eine Belohnuug ausſetzen. Was ſagen Sie zu meinem Plane, Graf?“ „Er iſt vortrefflich ausgedacht, und kann nicht fehl⸗ ſchlagen,“ ſagte dieſer würdige Offizier;„wir müſſen uns aber auch beſtreben, Lientenant Stanisloff wieder zu bekommen. Ich habe einen kleinen Privatgroll gegen ihn, den ich gern kühlen möchte. 3 „Ol es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er entkommen wird,“ antwortete ſein General,„er wird Selem Gherrei gewiß in's Feld begleiten, und mit ſeinem Freunde in eine Falle gehen. Sie ſollen das Fräulein als Ihre Beute erhalten, Herr Graf.“ „Ich kann ein ſo edelmüthiges Anerbieten nicht aus⸗ ſchlagen,“ ſagte der Graf.„Ich denke, ſie wird ſchön 78 ſeyn, ſonſt haͤtte ſie das Herz dieſes wilden Khans gewiß nicht entflammt. Ich habe irgend ein ſchönes Mädchen nöthig, um mir die Zigeunerin Azila aus dem Kopfe zu treiben; denn ich konnte keine weitere Spur mehr von ihr finden, als entdeckt wurde, daß ſie in jene elende Verſchwörung verwickelt war.“ „Eine große Widerwärtigkeit, Oberſt; ich wage aber, zu behaupten, daß dieſe wilde Bergſchönheit Sie für Ihren Verluſt entſchädigen wird,“ ſagte der Baron. „Vielleicht wird ſie es,“ antwortete der Oberſt, „denn man ſagt, dieſe tſcherkeſſiſchen Schönheiten wett⸗ eifern mit den Lieblichſten in der Welt. Wir müſſen jedoch vorſichtig ſeyn. Der wilde Khan wird es nicht ſo ruhig hinnehmen, daß wir ihm ſein Mädchen rauben. Er ſcheint mir necht der Mann zu ſeyn, der ſich ruhig ſeine Geliebte entreißen läßt, nachdem er ſte mit ſo vieler Mühe und Gefahr gewonnen hat.“ „Das thut nichts zur Sache,“ antwortete der Ba⸗ ron;„er wird uns nicht viel beunruhigen; wir werden ſehen, daß wir ihn bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit aus dem Wege ſchaffen. Ich dachte nie daran, ihn am Leben zu laſſen. Ich liebe dieſe ungeſelligen Bergbe⸗ wohner nicht, und kann ihnen nie trauen. Wir können ihn in die Hände ſeiner Landsleute fallen laſſen’, dieſe werden ſchon Sorge dafür tragen, daß wir keinen wei⸗ teren Gedanken an ihn zu haben brauchen.“ Wirklich eine gute Idee, Herr General,“ antwor⸗ tete der Graf. Ich ſtimme mit Ihnen überein, daß dieſe Barbaren als Freunde wie als Feinde gleich unum⸗ gänglich ſind; und ich muß geſtehen, der Blick, den er im Vorbeigehen auf mich und alle Umſtehenden warf, geſiel mir gar nicht; er ſah ſo ſtolz aus, wie wenn er ein Eroberer wäre, der mitten unter ſeinen Sklaven reitet.“ „Es iſt eine abſcheuliche Race,“ rief der General, indem er durch die ſtark bebarteten Lippen hindurch grinste;„wir werden aber bald ihren Stolz demüthigen — 79 und ſie in Ketten nach St. Petersburg ſchleppen, wo ſte als Bilder der ehemaligen Ritter gezeigt werden ſollen; wir können uns dann unſer Schloß hier bauen und un⸗ ſeren Park mitten auf dieſen grünen Hügeln und in den fruchtbaren Thälern anlegen, ohne Furcht, beunruhigt zu werden. „Sie haben luſtige Abſichten mit dieſen Wilden, Herr General,“ ſagte der Graf.„Aber nach meinem Geſchmacke iſt das Land zu weit von der Hauptſtadt ent⸗ fernt, um hier ein Landhaus zu bauen. Ich würde übrigens gern einige von den wilden Schönheiten dieſes Volks mitnehmen, um meine Domäne in der Nähe von Moskau zu bevölkern; und was die Männer betrifft, die uns ſo viele Widerwärtigkeiten verurſachten, ſo wäre ich der Anſicht, daß ſie alle als Verräther erſchoſſen, oder in die Bergwerke Sibiriens geſchickt werden, um dort zu arbeiten. Sie ſind zu wild, um gezähmt werden zu können; gleich Hyänen würden ſie nie ruhig werden und uns anfallen, wenn wir es am wenigſten erwarten. Aber Scherz bei Seite, Herr Baron, was beabſichtigen Sie mit den Gefangenen zu thun, die der Khan uns bringt? Sie verdienen ernſte Züchtigung.“ „Sie als Deſerteure, die in den Waffen gegen den Kaiſer gefangen genommen wurden, erſchießen zu laſſen,“ antwortete der Baron, indem er die Hand ballte und die Stirne finſter runzelte,„iſt noch eine zu gelinde Strafe für ſie.“ „Jener Page von Ivan Galetzoff, oder Selem Gher⸗ rei, oder wie er immer genannt wird, verdient ſtrenge Züchtigung wegen der Affaire bei Mezi,“ ſagte der Graf. „Ich ſah ihn ſo wüthend, wie den älteſten Kämpen unter ihnen fechten. Der wilde Jüngling ſchoß den Bruder des Khans und einen von unſeren Koſaken nieder, der im Begriffe war, ſeinen Herrn zuſammenzuhauen. Ich fürchte, wir werden keinen großen Nutzen aus ihm ziehen können.“ „Dann muß er ſterben. Wir müſſen ein Exempel 2 8⁰ für alle Deſerteure geben,“ fagte der General,„ſonſt werden unſere Reihen in Kurzem ganz verlaſſen ſeyn. Zu der Deſertion dieſer bübiſchen Sklaven, die man uns als Soldaten hierher ſchickt, kommen noch dieſe ver⸗ dammten Fieber, die ſo viele wegraffen, und die ver⸗ wegenen Angriffe dieſer barbariſchen Bergbewohner, die uns mehr Leute gekoſtet haben, als wir auftreiben kön⸗ nen. Wenn es auf mich ankäme, würde ich dieſe ver⸗ dammten Tſcherkeſſen mit einem Streiche niederhauen und ſie von der Oberfläche der Erde vertilgen.“ „Ich bin ganz mit Ihnen einverſtanden, Herr Ge⸗ neral, dieß iſt die einzige Art, wie man mit ihnen um⸗ gehen kann,“ antwortete der Graf. Achtes Kapitel. Werft weg die Becher; zieht das Schwert, Piraten ſind im Walde; Es glänzen ihre Säbel zwiſcheu Bäumen durch. Nun fließt ſtatt Weines rothes Blut. Mrs. Hemans. Mit leichtem, frohen Herzen trieb der junge Alp ſein Pferd gegen das freundliche Thal von Abran Bashi; endlich ſah er vom Gipfel des letzten Berges herab zwi⸗ ſchen den Bäumen hindurch die Wohnung ſeiner gelieb⸗ ten, jungen Zara. Er trug eine perſiſche Rüſtung von den feinſten Ketten, ein Geſchenk ſeines Oheims Achmet Beg, und über dieſer einen blauen, mit Gold geſtickten Tuchmantel. Ein Gürtel von türkiſchem Leder, der reich mit Gold durchwirkt war(ein Geſchenk ſeiner Geliebten, das ſie mit eigener Hand gefertigt hatte) band ſeine Weſte zuſammen und hielt ſeinen koſtbaren Dolch, und an ſeiner Seite trug er eine treffliche Damascener Klinge. Stiefel von türkiſchem Leder ebenfalls mit Gold gewirkt, bedeckten ſeinen Fuß. Auf dem Kopfe trug er ſtatt des kriegeriſchen Helmes eine Kappe von Tuch, die mit einem 8¹ ſchmalen Pelzſtreifen verbrämt und von einer großen, weißen Feder beſchattet war. Es war in der That ein edler Bräutigam, welcher der Liebe dieſer lieblichen Tochter Tſcherkeſſiens, die den einzigen Stolz ihres wackeren, alten Großvaters ausmachte, werth war. An ſeiner Seite ritt ſein erprobter, geſchworener Freund, der Sohn des braven und kühnen Häuptlings Ali Beg, ſein Gefährte in manchen wilden und verwe⸗ genen Abentheuern, ſo lange ſie noch beide Knaben wa⸗ ren, und in der letzten Zeit in den ernſteren und bluti⸗ geren Scenen des Krieges. Er war ebenfalls in höchſter Galla, ſeine Waffen glänzten prächtig; ſein Waffenrock war von einer buntfarbigen Weſte und von dem Man⸗ tel, den er über die Schultern geworfen hatte beinahe ganz verdeckt. Sein Freund hatte ihn zu dem ehren⸗ vollen und wichtigen Poſten eines Brautführers gewählt, um der Braut das Geleite in das Haus des ihr be⸗ ſtimmten Mannes zu geben. Mittlerweile zählte Zara die Stunden, die ihr viel zu langſam zu verfließen ſchienen, und ſtahl ſich oft, trotz der Vorleſungen der alten Kahija über Schicklich⸗ keit, an das Thor der Umfaſſung des Frauengemachs und warf manchen ſuchenden Blick auf den Gipfel des Berges, über welchen, wie ſie wußte ihr Ritter kommen mußte. Dann rannte ſie wieder zurück und ſchien eifrig in ihr Werk vertieft zu ſeyn; ihr Ohr lauſchte aber noch eifriger auf den Schall von Huftritten, als ihr Auge vorher nach ſeiner ſchlanken Figur geſpäht hatte. Dann wollte ſie ſich ſelbſt und ihre Freundin überreden, ſie habe Kopfweh, und ein wenig friſche Luft werde ihr ſehr gut thun; ſie ergriff deßhalb Ina am Arme und rannte fort. Ihre Freundin begriff die Urſachen ihrer beſtändigen Viſtten am Thore ganz wohl. „Warum kommt er nicht, Ina?“ ſagte ſie endlich. „Was meinſt Du, daß ihn auf ſeinem Wege aufgehalten haben könnte? Er ſagte, er werde kommen, ehe der Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I!, 6 — 82 Schatten jener Bäume das ufer des Bächleins berührt, und ſehe es fehlt nur noch wenig. O Allah! könnte ihm ein Leid zugeſtoßen ſeyn? Ich denke nie an dieſe ſchrecklichen Urus, ohne zu ſchaudern, und Alp iſt immer auf einer gewagten Unternehmung gegen ſie; ihr Name ſchon macht mich zittern.“ „Ich bitte Dich,“ ſagte Ina,„gebe keinen ſolchen Befürchtungen Raum. Der Schatten hat ja das Waſſer noch nicht erreicht, und ehe er ſich bis dorthin ausdehnt wird Alp wahrſcheinlich hier ſeyn.“ „Sage mir Ina, wie kommt es, daß viele Frauen unſeres Landes ſo viel Muth haben, ſich in das Schlacht⸗ getümmel zu ſtürzen, daß ſie die Ruſſen nicht fürchten, und ſich ſo tapfer wie die Männer ſchlagen? Ich für meinen Theil zittre ſchon bei dem Knall eines Gewehrs und könnte keine Piſtole abfeuern, um mein Leben zu vertheidigen,“ ſagte Zara. „Weil Du, Theuerſte,“ antwortete ihre Freundin, „immer von den Scenen der Verwüſtung und des Blut⸗ vergießens entfernt warſt, welche ihre Herzen gegen alle Gefühle von Mitleid für unſere Feinde ſtählen, ihre Arme ſtärken, ‚und ihnen Muth einflößen, ſelbſt das Schlimmſte zu ertragen.“ „Es iſt ſchrecklich nur daran zu denken,“ rief Zara ſchaudernd.„Ich würde lieber gleich ſterben als Blut zu ſehen. Der Feind könnte mich umbringen, ich würde nicht fechten,“ „O, wir wollen Allah bitten, daß der ſchreckliche Feind nie in dieſes Thal kommt, dann brauchſt du ihn nicht ſo zu fürchten,“ antwortete ihre Freundin. „Ich wünſche immer, Alp wäre kein ſo großer Krieger, und doch höre ich ſo gerne von ſeinen kühnen Thaten erzählen. Man ſagt, er werde ganz wie ſein Vater, und dieſer iſt einer der tapferſten Helden der Atteghei. Ina, ich will Dir ein Geheimniß anver⸗ trauen. Ich habe Alp ſchon ſehr lange geliebt— ſeit ich ihn zum erſtenmal ſah, als er nach Hauſe kam, und 83³ zwei ruſſiſche Gefangene mitbrachte. Da ich ihn von Jedermann ſo ſehr loben und rühmen hörte, wagte ich nach ihm zu blicken, und ſah was für ein edler, wackerer Junge er war. Dann tanzte er mit mir bei der Hoch⸗ zeit eines Unterthanen meines Vaters. O, wie ſchlug mir das Herz als er mir die Hand drückte, und mich in's Grüne hinaus führte. Ich bekümmerte mich nicht um das Stirnrunzeln der alten Kahija. Und dann die ſüßen, ſchönen Sachen, die er mir ſagte! Ich hörte nie ſolche Worte, und als ich ihn wieder anblickte ſchien er mir der hüͤbſcheſte von allen Jünglingen der Atte⸗ ghei zu ſeyn— wie es auch einſt der Sage nach ſein Vater geweſen ſeyn ſoll. Ich war immer glücklich wenn er kam, undwandte manche Liſt an um die alte Kahija zu hintergehen, der ich ſonſt ſo gehorſam war; doch wagte ich mich nie ſo weit vom Hauſe weg als Du. Wenn er mir dann immer erzählte wie ſehr er mich liebe, und daß er ſterben wolle, oder mich erringen, war ich immer ſo glücklich! Ich dachte nicht daran, daß er ſterben müſſe.“. „Ja theure Zara, Alp iſt in der That ein edler Jüngling, und der Liebe eines Mädchens wohl werth,“ antwortete Ina. „ Ah!“ ſagte Zara, indem ſie den Arm ihrer Freun⸗ din dichter an ſich zog,„ſehe Ina, ſehe er kommt. Ich ſehe ſeine glänzende Rüſtung. Ich ſehe ſeine weiße Feder. Ah, er eilt, er ſieht hierher um einen Blick von mir zu erhaſchen. Jetzt blickt er nach dem Schatten der hohen Bäume um zu ſehen ob er ſein Verſprechen gehalten hat. Sehe der Schatten berührt noch nicht das Waſſer. Er fliegt ſchneller als die Sonne. Er wird in wenigen Minuten hier ſeyn. O. Ina wie ſchlägt mein Herz! Ich muß weggehen, ich muß mich verſtecken. Er wird denken, ich habe nach ihm geſchaut. Ich ſollte nicht hier ſtehen. Was wird Kahija ſagen?“ Was aber auch Zara thun ſollte, ſie zeigte nicht 6 84 die geringſte Neigung wegzugehen, ſondern blieb ſtehen, um die Ankunft Alp's zu erwarten, der durch die Schnellig⸗ keit, mit der er herbeigaloppirte bewies, daß er ein zärt⸗ licher Liebhaber war. Er näherte ſich in der That ſo ſchnell, daß ſie keine Zeit gehabt hätte ſich zurückzuzie⸗ hen, ſelbſt wenn ſie gewollt hätte; er ſprang von ſeinem Pferde und umarmte ſie trotz ihres Erröthens und der Gegenwart Ina's, die er ganz überſehen zu haben ſchien. Er grüßte ſie jedoch jetzt ſehr artig. „Sehe Zara,“ ſagte er, ich halte Wort; ich wollte kommen, ehe der Schatten der Bäume das Waſſer er⸗ reicht, und eben jetzt berührt er den Rand deſſelben. Ich komme, Geliebte,“ und er flüſterte ihr einige magi⸗ ſche Worte in's Ohr, die ihr das Blut in ihre Wangen trieben. „Mein Vater gönnt mir blos einige Tage, bis er mich wieder in's Lager zurückruft; wir haben alſo nur kurze Zeit. Er wird alles mit Deinem Großvater in's Reine bringen, und morgen wirſt Du in meiner Heimath erwartet.“ Wir wollen uns nicht länger bei der Unterredung der Liebenden verweilen, eben ſo wenig die zärtlichen Worte ſagen, die ſie ſich zuflüſterten; denn wir glauben, daß ſich die Liebe in allen Theilen der Erde gleich äußert, und daß die Gefühle und Gedanken, welche ſie einfloͤßt bei allen denen gleich ſind, deren junge Herzen noch nicht durch die Welt verdorben wurden; denn dieſe verurſacht nur zu bald einen Wechſel in der zärtlichen, edeln Rein⸗ heit derſelben. Dieſe Verliebten der Berge gebrauchten vielleicht nicht die zierlichen Phraſen der Städte Fran⸗ giſtans, ſie redeten aber eine Sprache, die beide voll⸗ fommen verſtanden, und wenn ſie einander in die Augen blickten, fanden ſie die Worte unnöthig. Sie bemerkten ſelbſt nicht, daß Ina ſie ſchon lange verlaſſen hatte, und waren ſehr erſtaunt, als ſie an ihrer Stelle die alte Kahija fanden, nach einem Zwiſchenraume, deſſen Dauer ſie nicht berechnet hatten. Ihr Erſcheinen trieb ihnen manches, das ſie ſich noch ſagen wollten aus dem Kopfe; und die alte Amme behauptete ihre Stelle ſo feſt, daß Alp, der nie vor dem Feuer der Ruſſen wich, nun einen unfreiwilligen Rückzug antreten mußte. Von nah und fern ſtrömten Gäſte zu der Hochzeits⸗ feier der hübſchen, jugendlichen Zara und des tapferen Alp herbei. Von den Bergdörfern und den benachbar⸗ ten Höfen verſammelten ſich alle, die der Krieg nicht aus ihrer Heimath gerufen hatte; und alle Klaſſen und Stände waren dem ehrwürdigen, gaſtfreundlichen, alten Haͤuptlinge gleich willkommen. Banden von Jünglingen und Mädchen ſtrömten in ihrem ſchönſten Anzuge von den Hügeln und im Thale herab; ihre geſtickten Mäntel ſtatterten im Winde, und das Silber glänzte in der Sonne; ſie ſangen auf ihrem Wege Loblieder über das junge Paar. Einzelne Edle ſah man auf ihren ſchön verzierten Kampfroſſen das Thal herabjagen um dem Feſte beizuwohnen; andere kamen in der Erwartung, ihre ſchönen Tänzerinnen zum Reigen zu führen; ihre Galan⸗ terie war aufrichtiger aber vielleicht nicht weniger fein als in den civiliſirten Städten Europas. Die Weſten der Mädchen waren mit Silberſchnüren verziert, und wurden durch Schlöſſer von demſelben Me⸗ talle zuſammengehalten; um ihre ſchlanken Taillen waren ſchöne Bänder geknüpft. Weiße Schleier, die mit Silber⸗ ſchnüren in ihren geflochtenen Haaren befeſtigt waren, hiengen beinahe bis auf den Boden herab. Sie trugen Muſſelinhoſen, die um die Knöcheln befeſtigt waren; ihre Roͤckchen reichten bis an die Kniee; und als Fuß⸗ bedeckung hatten ſie geſtickte Pantoffeln. Die niedereren Klaſſen hatten keinen ſo eleganten Anzug; der Schnitt war aber im Allgemeinen derſelbe; und alle hatten das Möglichſte gethan, um ſo brillant als möglich zu er⸗ ſcheinen, und das Feſt durch Glanz zu verherrlichen. Das Feſt wurde in dem Wäldchen dicht bei der Wohnung des Häuptlings gehalten, wo für die weibli⸗ chen Gäͤſte Zelte errichtet worden waren. Im Haupt⸗ 86 zelte ſtanden Zara, Ina und die alte Kahija, um dieſelben zu empfangen. Zahlreiche Banden von Sklaven waren damit beſchäftigt Tafeln auf der freien Waldſtelle aufzu⸗ ſchlagen, von welcher aus man durch eine Oeſſnung zwiſchen den Bäumen den unteren Theil des Thals über⸗ ſchaute; und hier ſtand der alte Häuptling mit Alp und ſeinem Freunde um die männlichen Gäſte zu empfangen, die ſich ſchnell verſammelten. Die Tafeln ſtanden in einer langen Reihe auf dem Wiesboden; die Häuptlinge und die vornehmeren Gäſte wurden um ihren ehrwürdi⸗ gen Wirth herumgeſetzt, während die anderen, die nicht von edler Geburt waren und die Freien an das andere Ende zu ſitzen kamen. Im benachbarten Dickicht waren zahlreiche Feuer; über jedem derſelben war ein Bratſpieß oder ein Keſſel angebracht, und die weiblichen Sklaven waren emſig da⸗ mit beſchäftig werk für die verſammelte große Geſellſchaft zuzubereiten. In einiger Entfernung ſtanden in gieriger hungriger Erwartung die Diener und dieje⸗ nigen, deren Rang nicht hirreichend hoch war, um ihnen das Privilegium zum Sitzen zu geben, denen aber die Ueberbleibſel des Banketts ſervirt wurden, nachdem die Edeln geſpeist hatten. Es waren auch Minneſänger vorhanden, die Loblieder auf den Bräutigam und die ſchöne Zara ſangen; einer löste immer den andern ab, und jeder beſtrebte ſich den vorhergehenden in zierlichen und feinen Complimenten zu übertreffen. Inzwiſchen unterhielten ſich Zara und die übrigen hübſchen Mädchen in den Zelten, und ihr heiteres Ge⸗ lächter ſchallte bis zu dem Orte, wo die Edeln ſaßen. Obgleich viele von der Geſellſchaft Nuhamedaner waren, ſo machte doch der Becher mit funkelndem Weine beim Klang der Muſik fleißig die Runde; ſie blieben jedoch nicht lange ſitzen, denn die Jungen waren begierig zu tanzen, als ſie die lieblichen Mädchen, die ihre zierlichen Figuren mit Guirlanden von den ſchönſten Blumen um⸗ wunden hatten auf dem Grasboden herumhüpfen ſahen. 87 Die Jünglinge ſprangen ſchnell von der Tafel auf und verfolgten die ſchönen Mädchen, die ſich umſonſt unter neckendem Gelächter beſtrebten denſelben zu entkommen, denn die leichtfüßigen flinken Hochländer erreichten ſie bald, und führten ſie als nicht widerſtrebende Gefangene auf einen ebenen zum Tanzen beſtimmten Platz. Dann ſpielten die Muſikanten ihre heiterſten Weiſen, die Tanzenden bewegten ſich zuerſt in langſamem, ab⸗ gemeſſenem Takte im Kreiſe umher, wobei ſie eine bunte Reihe bildeten, erhoben bald die Arme in zierlichen Bewegungen und vereinigten dann wieder ihre Haͤnde in der Mitte. Dann, als die Muſik ſchneller wurde, verfolgten ſie einander im Kreiſe; die Mädchen bekränzten dann mit ihren Blumenguirlanden die Köpfe der Jüng⸗ linge, die zu ihren Füßen niederknieten. Dann ſprangen ſe unf und ſetzten ihren ſchwindelerregenden Lauf wieder ort. 3 Alp führte natürlich ſeine erwählte Braut zum Tanze; es war dieß das letzte Mal, daß er auf dieſe Art öffentlich mit ihr erſcheinen konnte; Thaddeus folgte ſeinem Beiſpiele mit Ina, und manche dicht verſchleierte und vermummte Matrone führte ihre Töchter zum Tanze, in der Ausſicht, ſie an den Mann zu bringen. Sie ſchwebten graziös durch die freien Waldſtellen hin. Die Minneſänger boten ihr ganzes Talent auf und wurden mitunter von den ſanften Mädchenſtimmen unterſtützt; gelegenheitlich erſchallte auch fröhliches Gelächter von allen Seiten. Die Aelteren und die Matronen ſaßen auf Divans und Teppichen in den Zelten oder im Schatten der Bäume und blickten freudig und beifällig auf die zierlichen und gewandten Bewegungen ihrer Kinder. Die Zeit nahte ſich nun, wo Zara dieſe heitere Seene verlaſſen mußte, um als Vorbereitung zur Reiſe in ihren dichten Schleier gehüllt zu werden, und die alte Kahija wartete ſchon darauf, ſie ins Haus zu führen. 6 4 Alle Anweſenden ſchienen vollkommen glücklich, der .— 88 junge Page Conrin ausgenommen. Die Heiterkeit der Scene war gegen ſeine Stimmung; er verließ das Ge⸗ wühl und ſuchte ſeine trüben Gedanken in der Ferne in Einſamkeit und Ruhe zu beſchwichtigen. Er ſehnte ſich ſehr danach, ſeinen Herrn wieder zu ſehen; er war miß⸗ vergnügt, daß Selem nicht angekommen war, wie er erwartet hatte und befürchtete, die Gefahr, die er ahnte, möchte ihn bereits befallen haben. 4 Als Javis ſeine Entfernung vom Feſte bemerkte, folgte er ihm von weitem, in der Hoffnung, ihm Troſt gewähren zu können; Conrin ſchien ihn jedoch zu meiden. Endlich holte ihn Javis ein. „Habe ich etwas gethan, das Dich beleidigen könnte?“ ſagte er,„weißt Du nicht, daß ich um Deinetwillen gern einen hundertfachen Tod ſterben würde? Warum fliehſt Du mich denn auf dieſe Art?“ „O, ſpreche nicht ſo,“ erwiederte Conrin.„Ja, Du biſt gütig, Du biſt aufrichtig, Du biſt brav, und ich bin Dir dankbar, ſehr dankbar für alles, was Du an mir gethan haſt; ich kann Dich aber nicht dafür belohnen.“ „Ich ſuche keine Belohnung, ich möchte nur Dich tröſten,“ ſagte Javis.. „Du kannſt mich nicht tröſten. Ich habe mir mein Elend ſelbſt zuzuſchreiben und auf Dich, mein gütiger Freund, habe ich Gefahren und Miühſeligkeiten geladen; und ich weiß nicht, wie Du ihnen entrinnen kannſt. Wegen meiner bin ich unbekümmert; mein Schmerz kann nicht geheilt werden.“ „waſſe dieſe eitle Hoffnung. Du kannſt immer noch glücklich werden durch einen der Dich aufrichtig liebt,“ antwortete Javis. „So lange ich lebe werde ich das Land nicht ver⸗ laſſen, wo ſich der junge Häuptling Selem aufhält. Glaubſt Du, ich werde ihn verlaſſen, wenn ſich ihm eine Laufbahn von Ruhm eroöffnet? Ich liebe es, in ſeine edeln Züge zu ſchauen, ſeine Worte zu hören, 89 wenngleich ſie zu anderen geſprochen werden. Wenn er fällt, werde ich ihn nicht uͤberleben. Nun verlaſſe mich, guter Javis, und vergeſſe alles Leid, das ich Dir zuge⸗ fügt habe. Höre, was iſt dieß für ein lautes Geſchrei?“ Die Luſtbarkeiten wurden mit immer gleichem Eifer fortgeſetzt. Der Waſen war mit luſtigen und glücklichen Paaren angefüllt. Alp wollte die letzte Tour mit ſeiner hübſchen Zara tanzen: dann mußten ſie ſich trennen, um jedoch bald wieder zuſammen zu kommen. Der Geſang, das Gelächter und die heiteren Töne der Muſikanten erfreuten Jedermanns Herz, als die Frauen plötzlich laut ſchrien, und ein furchtbares Geſchrei wie von Dä⸗ monen durch die Wälder umher ertönte. Ehe die Jüng⸗ linge ihre Schwerter ziehen konnten, war eine ſtarke Bande wilder Reiter über ſte hergefallen. Einige von den erſchreckten Mädchen flohen, andere ſchienen vor Furcht feſtgebannt, und ſtützten ſich auf die Arme ihrer Beſchützer. Die Bankettiſche wurden umgeworfen, als die Verfolgten und die Verfolger durch den freien Wald⸗ platz rannten; der funkelnde Wein floß auf das Gras, vermiſcht mit dem rothen Blute der Kämpfenden, als die jungen Krieger wacker zuſammenſtanden, um ſich den überwiegenden Angriffen des Gefolges des Khans Khoros Kaloret entgegenzuſetzen; denn er war es, der dieſe Bande von Geſindel anführte. Seine Augen hatten ſich einen ſchönen Gegenſtand als Beute auserleſen, und er focht ſich einen Weg nach dieſem Orte; ſie wehrte ſich eben, um ſich aus den Griffen eines von ſeinen Unterthanen loszuwinden, der ſte um den Leib gepackt hatte, um ſie auf ſein Pferd zu heben, als Thaddeus denen die ihn angegriffen hatten entkam, vorwärts drang und dem Wilden die Schulter bis an den Arm ſpaltete. Er hatte kaum Zeit ſeine Geliebte wegzuziehen, damit ſie nicht von dem Gewichte des fal⸗ lenden Körpers erdrückt wurde, ehe ihn der wilde Khan erreichte, der von ſeiner Beute Beſitz zu nehmen trachtete. Alp hatte ſich bei dem erſten Andrange der Feinde A.. 9⁰ vor Zara geworfen und ſchlug alle Angriffe ab. Er trug ſie gegen einen Trupp ſeiner Freunde hin, welche ſich um den alten Häuptling geſchaart hatten, und die Reiter entfernt hielten, um die Frauen zu ſchützen. Er ließ ſeine Braut unter dieſem Schutze, ſammelte einige Männer und eilte einer kleinen Abtheilung zu Hülfe, die von den Tartaren ſtark bedrängt war; er warf ſich mit ſolcher Energie auf dieſe, daß ſie gezwungen waren, zu fliehen, jedoch nur, um mit erneuter Wuth zum Angriff zurückzukehren. Mittlerweile warf ſich der Khan, da er ſich Ina entriſſen ſah mit ſeiner ganzen Kraft auf Thaddeus, in der Hoffnung, dieſen unſchädlich zu machen. Thaddeus wich dem erſten Anlaufe aus, ſtellte Ina auf ſeine linke Seite und parirte mit der größten Schwierigkeit die wiederholten wüthenden Streiche, die der Khan gegen ihn führte. Er zog ſich fechtend zurück, um ſeine Ge⸗ liebte an einen ſicheren Ort zu bringen, als er plötzlich durch einen ſchweren Hieb mit dem Schwerte des Khans ins Knie zu Boden flel; den Kopf hatte er noch zu rechter Zeit durch eine Parade gedeckt. Ein zweiter Hieb ſeines Gegners mit dem Säbel hätte ihn vollends zu⸗ ſammengehauen, Ina warf ſich jedoch ſelbſt vor ihn und hielt den Arm des Khans auf, ehe das Schwert herab⸗ fiel, wodurch Thaddeus Zeit gewann wieder auf die Füße zu kommen. „Thörichtes Mädchen, Du ſollſt Deinen Geliebten nicht zum zweiten Mal retten,“ rief der Khan, indem er ſie zu faſſen verſuchte; doch wäre dieſe Bewegung beinahe fatal für ihn ausgefallen; denn Thaddeus fuͤhrte eeiinen ſo wüthenden Hieb nach ihm, daß er genöͤthigt war von ihr abzulaſſen, um ſich zu decken. „Fliehe Ina, fliehe! nun da Du frei biſt,“ rief ihr Geliebter.„Ich will den wilden Häuptling ſchon im Schach halten.“ Ina gieng jedoch nicht von ſeiner Seite. In dieſem Augenblick galoppirte eine friſche Abtheilung Tartaren * 91 ihrem Herrn zu Hülfe. Thaddeus ſieng an zu befürchten, ſeine Vertheidigung werde umſonſt ſeyn, als Alp mit einigen anderen Jüngtengen ſich denſelben tapfer entge⸗ genwarf. In einem andern Theile des Wäldchens waren einige von der feſtlichen Geſellſchaft durch den erſten Ueberfall geworfen worden; andere hatten jedoch ihre Waffen ge⸗ zogen, ſich Rücken an Rücken geſtellt, und ſo tapfer gefochten, daß ihre Tänzerinnen dadurch Zeit gewannen zu entkommen; ſie behaupteten ihren Boden ſo feſt, daß ſie den größeren Theil vom Gefolge des Khans ganz beſchäftigten, und dieſe dadurch verhinderten, ihrem Herrn zu Hülfe zu kommen; ſie verfolgten dieſelben ſo heftig, wenn ſie es je verſuchten ſeinem wiederholten Hülferufen Folge zu leiſten, daß die Tartaren immer wieder genöthigt waren zu halten, um ſich ſelbſt zu vertheidigen. Doch konnten die Jünglinge trotz aller Tapferkeit, da ſie blos eine leichte Gallakleidung trugen, und zu ihrer Vertheidigung keine andere Waffen als ihre kurzen Schwerter hatten, kaum den wüthenden Angriffen ihrer vollſtändig ausgerüſteten Feinde widerſtehen, und der Sieg, der anfangs ſchwankte, mußte ſich nun gegen ſie ent⸗ ſcheiden, als man plötzlich das Kriegsgeſchrei der Atteghei hörte; eine kleine Abtheilung vollſtändig gerüſteter Krie⸗ ger unter Selems Anführung aus dem Walde brachen, ſich wild auf die Tartaren warfen, die ihnen eben im Wege waren und ſie vor ſich hertrieben. Ihre Ankunft wandte das Schickſal des Tages. Mehrere von den jungen Männern flohen ins Haus, um ihre Waffen zu holen, und ihre im benachbarten Gebüſche angebundenen Roſſe zu beſteigen. Selem erfocht ſich einen Weg nach dem Orte, wo Thaddeus immer noch Ina vertheidigte und zwang den vor Wuth ſchänmenden Khan zum Ruͤckzkuge. Die eben beſchriebenen Ereigniſſe waren in wenigen Minuten vorgefallen, ehe die in allen Richtungen ver⸗ einzelten Spaziergänger Zeit gehabt hatten,⸗ ſich zu ſam⸗ * 92 meln. Als der alte Häuptling dieſe, ſeine Diener und mehrere andere Unterthanen zuſammengebracht hatte, welche über die ihnen auf eigenem Boden zugefügte Be⸗ leidigung ganz entrüſtet waren, führte er ſie ſo ent⸗ ſchloſſen gegen den Feind, daß die Tartaren nicht nur gezwungen waren, vom Angriff abzuſtehen, ſondern auch ihr Heil in der Flucht ſuchen mußten. Zu gleicher Zeit kehrte auch eine Abtheilung der jungen Krieger zu Pferd zurück und konnte auf dieſe Art mit mehr Vortheil fechten; als der Khan ſah, daß ein weiterer Verſuch ſich derer zu bemächtigen, die er in Beſitz zu bekommen ge⸗ wünſcht hatte, vergeblich war, ſo rief er ſeinem Gefolge zu, ſich zurückzuziehen; er ließ mehrere Todte auf dem Kampfplatz zurück, denn der Angriff war mit einer ſol⸗ chen Wuth geführt worden, daß jeder der fiel ohne Gnade von den Tſcherkeſſen zuſammengehauen wurde. Die geſchlagenen Tartaren zogen ſich in der größten Wuth über den erlittenen Unfall eilig zurück, und wurden von den flinken tſcherkeſſiſchen Jünglingen zu Fuß und von Selem mit einigen anderen zu Pferd verfolgt; den Fußgängern war es jedoch nicht möglich zu folgen, und die Zahl der Reiter war zu gering, als daß ſie mit Erfolg hätten angreifen können. Ueberdieß waren die Pferde von Selem und ſeiner Begleitung ermüdet; er machte deßhalb ſeinen Freunden den Vorſchlag umzu⸗ kehren, ſich vollſtändig zu rüſten, friſche Pferde zu beſtei⸗ gen, dem verwegenen Khan zu folgen und für die zuge⸗ fügte Beleidigung vollſtändige Rache zu nehmen. Einige, die bereits flüchtige Roſſe beſtiegen hatten, jag⸗ ten nun fort, um den Tartaren in einiger Entfernung zu folgen und zu beobachten, welchen Weg ſie machten. Als ſie nur noch eine kleine Strecke von ihnen entfernt waren, ſahen ſie, daß die Parthie des Khans auf einen Augenblick ihre Pferde anhielt, zwei Perſonen ergrief, die zu Fuß waren und dieſe fortſchleppte. Sie bewegten ſich ſodann gegen den Kuban zu in der Richtung gegen das neu errichtete ruſſiſche Fort; einer von den Wachen 8 —— 9³ wurde zurückgeſchickt, um dieſe Nachricht zu überbringen. Die jungen Krieger eilten nach Hauſe, um ſich zu rüſten und dann den Khan Kaloret zu verfolgen. Alp war einer der erſten, die gerüſtet waren, ſagte ſeiner weinen⸗ den Zara ein zärtliches Lebewohl und war nun gezwungen den Feind zu verfolgen, ſtatt ſie zu ſeiner Frau zu machen. Als Selem dem Javis rufen wollte, war er nirgends zu finden, und als er an Ina vorüberkam, die bei den übrigen Frauen ſtand und ſich nun von ihrem Schrecken erholte, vermißte er auch Conrin. Niemand hatte den Jungen geſehen. Er rief ihm durch den Wald, er ant⸗ wortete nicht. „O, mein Bruder!“ rief Ina.“ Allah verhüte daß er unter den Gefangenen iſt! Für Welten möchte ich nicht, daß der arme Knabe erſchlagen wurde.“ Sie ſuchten unter den Todten im Walde umher, und erwarteten jeden Augenblick ſeine erbleichten Züge zu ſehen; er war jedoch nicht zu finden. Es war nun ein Wehklagen und Weinen in dieſem Walde, wo kurz zuvor noch Jubelgeſchrei und heitere Geſänge ertönten. Der weiche grüne Raſen, auf welchem vor wenigen Augen⸗ blicken noch die jugendlichen ſchönen Paare getanzt hatten, war nun mit dunkeln, rothen Blutſtreifen gefärbt. Meh⸗ rere Jünglinge waren gefallen; ſie waren beim erſten Anlaufe der Tartaren erſchlagen worden; und ihre weib⸗ lichen Freunde und Verwandten trauerten nun mit lau⸗ tem Geſchrei und Weheklagen über den Geliebten, welche „ſo barbariſch durch diejenigen ermordet worden waren, die ſte bisher immer als Landsleute betrachtet hatten. Als Selem und Thaddeus zur Verfolgung bereit waren, kam einer der zur Beobachtung fortgeſchickten Männer zurück und meldete was er geſehen hatte. „Es muß Conrin geweſen ſeyn,“ rief Ina.„Seine traurigen Ahnnngen gingen in Erfüllung, und Beide, er und Javis wurden von dem Kahn fortgeführt. O, eile Selem, eile mein Bruder! folge dieſem grauſamen 94 Häuptling, denn er führt Jemand weg, der Dich mehr als ſein Leben liebt. Ich will nicht mehr ſagen; um Deinetwillen, aber ſuche den armen Conrin auf jede Ge⸗ fahr hin wieder zu erlangen.“ „Fürchte nichts, theure Ina. Wir werden den Khan erreichen, und Rache an ihm nehmen,“ antwortete Selem. Da nun mehrere andere Reiter ankamen, nahmen er und Thaddeus einen zärtlichen aber kurzen Abſchied von Ina, und jagten dem Khane nach. Viele von ihren Pferden waren zwar von gutem Blute und vorzügliche Laͤufer, die Pferde des Khans waren aber auch von den beſten, die er beſaß, da er die Nothwendigkeit einer ſchnellen Flucht wohl berechnet hatte; er behielt deßhalb einen bedeutenden Vorſprung vor ſeinen Verfolgern. Keiner von den Bewohnern der Dörfer, durch die er kam, ſetzte ihm ein Hinderniß entgegen, da ſie nichts von ſeiner verruchten That wußten. Er ritt wüthend und verzwei⸗ felt fort, denn er wußte gut, daß er nicht die ge⸗ ringſte Gnade zu hoffen habe, wenn es einer überlegenen Abtheilung Tſcherkeſſen gelingen ſollte, ihn zu erreichen; mit gleichem Eifer wurde er auch verfolgt. Nichts hielt dieſe wilde Bande in ihrem Laufe auf, ſte ſchwammen mit ihren Pferden durch die reißendſten Ströme, ritten durch ſchreckenerregende Abgründe, die ſteilſten Hügel hinauf und erkletterten die jähſten Felſen. Den ganzen Reſt des Tages jagten ſie auf dieſe Art Art fort. Die Nacht hielt ſie nicht auf; nur wenige Minutenz gönnten ſie ihren Pferden Ruhe, aber der Schall der Tritte ihrer Verfolger ſchlug an ihr Ohr. Von neuem trieben ſie ihre beinahe fallenden Pferde an; Blut ſtrömte aus ihren Flanken; ihre Mäuler waren mit Schaum bedeckt, die Augen traten wild hervor; den⸗ noch ging es immer weiter. Es galt dem Tode zu entgehen. 1 Ihre Verfolger bekamen ſie zu Geſicht— es war ein Wettlauf auf Leben und Tod, Gefangenſchaft, vielleicht 95 Tod, oder Freiheit für den armen Pagen. Sie erreichten den Wald auf dem Berge von welchem aus man das ruſſiche Fort erblickte; ſie jagten durch denſel⸗ ben, ſie flogen über die Ebene hin; und als Selem und ſeine Freunde den Saum des Hügels erreichten, ſahen ſie den Verräther und ſeine Bande in die Thore einreiten, wo fie als Freunde aufgenommen wurden. „Ach mein armer Page, mein ergebener Reitknecht,“ rief Selem,„Gefangenſchaft oder Tod werden Euer Loos ſeyn, wenn ich Euch nicht retten kann; ich will es aber thun, oder bei dem Verſuche umkommen. Was ſagſt Du Thaddeus? Meinſt Du die Ruſſen werden ihnen ein Leid zufügen? Sie können nicht ſo barbariſch ſein.“ „Ich fürchte ſie werden es ſein“ antwortete Thad⸗ deus., Erinnere Dich an das Schickſal, dem ich kürzlich erſt entging; ich weiß, daß der Baron die Abſicht hat an allen, deren er als Deſerteurs habhaft werden kann, ein abſchreckendes Beiſpiel zu geben.“ „Er kann aber dieſe Jungen, die nie Waffen für Rußland trugen, nicht Deſerteure heißen,“ antwortete Selem. 1. „Er kann ſie heißen, wie er will, nun da ſie in ſeiner Macht ſind,, ſagte Thaddeus. „Wir müſſen uns jedenfalls beſtreben, ſie wieder zu bekommen,“ rief Selem.„Ich weiß nicht wie es kommt; der junge Knabe hat aber mein Herz ſo umſtrickt, daß ich ihn nicht für Welten laſſen möchte. Es iſt ein wirklich edler Junge, voll warmer, glühender Gefühle. Wenn ſeine Kraft einmal ſeinem Geiſte gleichkommt, ſo wird er eines Tages große Thaten verrichten; ich be⸗ fürchte jedoch dieſer iſt auf Koſten von jener ſoſehr aus⸗ gebildet. Das feinere Weſen läßt die gröberen Mate⸗ rien nicht auffkommen.“ Die kleine Kriegerbande blickte ängſtlich in das ruſſiſche Fort hinab; es wäre jedoch mehr als Tollheit geweſen, dieſes mit ihrer müden Truppe anzugreifen. Sie ließen ſich deßhalb unter dem Schutze der Baͤume 96 nieder und wachten bis die Lichter in dem Lager angezün⸗ det wurden und die Wachfeuer überall umher brannten. Einige ſchlugen vor, einen Angriff zu unternehmen und den Verſuch zu machen, den Feind zu überfallen und die Ge⸗ fangenen dann in der Verwirrung fortzuführen; obgleich ſich aber Alp anbot, an die Spitze der Unternehmung zu treten, ſo widerſetzte ſich Selem dieſem übereilten Plane. Der einzig mögliche Ausweg ſchien zu ſeyn, in's Lager am Übin zu eilen, dort eine hinreichende Macht zu ſammeln, um das Fort mit der Ausſicht auf einen günſtigen Erfolg angreifen zu können. Ohne länger Rath zu halten wandten die jungen Krieger die Köpfe ihrer müden Pferde gegen den Ubin, wo bei ihrer Ankunft durch die Erzählung der ihnen durch den Khan widerfahrenen Beleidigung die verſam⸗ melten Häuptlinge in die höchſte Entrüſtung geriethen. Als der Hadji ſeinen Sohn erblickte, umarmte er ihn. „Was mein wackerer Alp, Du haſt Deine hübſche Zara verlaſſen, ehe Du ſie zur Frau gemacht haſt, um Deinen Freunden beizuſtehen und um eines kleinen Gefechtes wegen? Mashallah! Du biſt ihrer wohl werth, und ſie wird Dich dafür um ſo mehr lieben. Ich bin ſtolz auf Dich mein Junge. V b b Der alte Krieger war über dieſe Gelegenheit den Feind anzugreifen ſehr erfreut; er hatte ſchon befürch⸗ tet, es werde in dieſem Jahre nicht mehr zum Gefecht kommen und er zeigte ſich ſehr eifrig, Freiwillige für die Uuternehmung zu werben. Arslan Gherrei überredete um ſeines Sohnes willen viele Ritter, ſich ihm anzuſchließen, außer ſeinem unmittelbaren Gefolge. Auch Alp war nicht müßig, ſeine Freunde unter den wilden Söhnen der Häuptlinge zu ſammeln, die immer zu jeder kühnen That bereit waren; ſo daß in weniger als zwei Stun⸗ den mehr als zweitauſend Reiter zur Abreiſe bereit wa⸗ ren. Selem drang ſehr darauf, daß dieſe keinen weiteren Verſchub erlitt, aus Furcht vor der Grauſamkeit, welche 97 4 der ruſſiſche General an ſeinen Gefangenen ausüben konnte.— Die Bande tapferer Ritter machte ſich nun auf friſchen Pferden auf den Weg zu ihrer Unternehmung welche tollkühn geweſen wäre, wenn man den unvollen⸗ deten Zuſtand der Feſtungswerke nicht gekannt hätte, der ihnen Hoffnung gab, durch einen plötzlichen Anlauf die unvollendeten Tranſchee'n zu überſchreiten, und die Gar⸗ niſon durch Ueberfall zu nehmen. Neuntes Kapitel. Auch kann erzählen ich vom Glauben eines Weibes⸗ Die muthig der Gefahr, Verachtung, ja dem Tod ſich ausgeſetzt; Ihr Glaub war feſt— wie Diamantſtein So rein und unverfälſcht— die Liebe, die im Herz ſie trug War nicht gekannt von ihm, wurd nicht er⸗ wiedert. Ihr ſeſter Glaube doch erduldet alles; Sie folgte ihm von Land zu Land, von Ort zu Ort— Durch Ungemach und durch Gefahren hin. Scott. Drei Tage waren verfloſſen ſeit der Baron Ga⸗ letzoff den Beſuch von dem verrätheriſchen Khan Khoros Kaloret erhalten hatte; er erwartete begierig ſeine Rückkehr mit ſeinem Gefolge und ſeinen Gefangenen, und fing ſchon an zu fürchten, der Häuptling habe ihn betrogen. Da eine Stunde nach der anderen verging, ohne daß der Khan erſchien, ſo wuchs ſein Zorn verhältnißmäßig. Auch war er in beſtändiger Furcht vor einem Angriff der Hoch⸗ länder, obgleich er bis jetzt noch wenige Zeichen von ihnen geſehen hatte. Die Truppen waren emſig damit beſchäftigt, Tran⸗ Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling III. 7 98 ſcheen zu graben, Wäͤlle aufzuwerfen und die Feſtungs⸗ werke zu vollenden. Ochſen zogen mit Proviant beladene Karren oder Futter für die Pferde. Offtziere ritten um⸗ her, um die Leute zu beaufſichtigen. Ein ſtarkes Detaſche⸗ ment war mit Kanonen und einer Koſackenabtheilung ausge⸗ ſchickt, um Holz für die Palliſaden zu fällen. Andere waren beſchäftigt, Gras zu mähen oder Brennholz nach Haus zu ſchaffen. Schildwachen waren in jeder Richtung aufgeſtellt; Patrouillen gingen vor, und die Soldaten arbeiteten jederzeit mit umgehaͤngten Waffen, denn ſie wußten nie, wenn die ſchrecklichen Bewohner der Berge aus der ſchützenden waldigen Höhe losbrachen und ſie mit einer Schaar von Reiterei gleich einem Wirbelwinde überſielen, ehe ſie Zeit hatten, ihre Rei⸗ hen zu formiren. Die bis an die Mündung mit Kar⸗ tätſchſchroten geladenen ſchweren Kanonen waren nach allen Seiten hin gerichtet, und manches Auge war ängſtlich gegen die Berge gerichtet in der Beſorgniß die Feinde in ihren glänzenden Rüſtungen herabjagen zu ſehen. 5 Gegen Tagesneige als ſich die Sonne gegen die Sümpfe des Kuban hinab ſenkte und ihre glänzenden warmen Lichtſtrahlen auf die ſchon etwas gelben Blätter der Bäͤume warf, kamen die Außenpoſten eilig mit der Nachricht, der Feind ſey ihnen ſchon ganz auf den Ferſen. Die Trommeln wurden geſchlagen, die Pfeifen ertönten, und die ganze Macht eilte unter die Waffen, als die Bande Hochländer, deren Rüſtungen und Schwerter in den Sonnenſtrahlen glänzten, aus dem Walde heraus⸗ ritt und im Galopp gegen das Fort jagte. Sie wollten eben die Ankömmlinge mit Kartätſchen begrüßen, Graf Erintoff hielt ſie aber davon ab, weil es nur wenige zu ſeyn ſchienen.. „Es ſind Freunde,“ rief er;„thut ihnen nichts zu leid.“ Und als er den Khan ſah, ritt er ihm entgegen. Vor ſich auf ſeinem Roſſe trug der Khan eine zarte in einen Mantel gehüllte Figur; der Graf war ſehr miß⸗ 99 vergnügt als er ſtatt der ſchönen Züge des Tſcherkeſſen⸗ Maͤdchens, das er zu erblicken hoffte, nur den jungen Pagen Conrin ſah. „Wie kommt dieß Khan?“ rief er;„warum haben Sie Ihre Beute zurückgelaſſen. Wo ſind die anderen Gefangenen, die Sie mitzubringen verſprachen? Der General wird Ihnen keinen großen Dank für Ihren Eifer wiſſen.“ „Ich konnte nur dieſe bringen,“ antwortete der Khan wild.„Meine Verſuche wurden vereitelt und miß⸗ langen; ich werde aber dennoch meine Rache finden. Nehmen Sie dieſe zwei Gefangenen; es ſind ihrem Aus⸗ ſehen nach Giaours. Bringen Sie ſie um nach Ihrem Willen; fragen Sie mich aber nicht weiter.“ „Wir müſſen uns denn mit der Beute, die Sie bringen, begnügen; und bald werden wir mehr Beſchäf⸗ tigung für Sie finden,“ erwiederte der Graf.„Warum gelang es Ihnen aber nicht das Fräulein zu finden?“ „Ich ſagte ſchon vorhin, fragen Sie mich nicht weiter,“ ſagte der Khan zornig.„Nehmen Sie dieſe zwei Gefangenen und bringen Sie ſie um, wenn Sie wollen.“ „Es wird geſchehen, Khan; wenn wir durch ſie ihren Herrn nicht in unſere Gewalt bekommen können, werden ſie morgen erſchoſſen,“ antwortete der Graf. „Es kümmert mich wenig; ihre Freunde haben mir Widerwärtigkeiten genug bereitet, und hätte Ihr General nicht gewuͤnſcht ſie zu bekommen, ſo hätte ich ſie ſelbſt umgebracht, wie ich es mit vielen anderen machte,“ er⸗ wiederte der Khan. Der Baron, der von der Ankunft des Khans be⸗ nachrichtigt wurde, erwartete ihn in ſeinem Zelte. Der Barbar wurde deßhalb ſogleich durch den Grafen dort⸗ hin geführt. „Wo find die Gefangenen, die Sie zu bringen ver⸗ ſprachen?“ redete ihn der Baron an, indem er ihn ſtreng anblickte. 7* 10⁰0 „Ich habe nur zwei gebracht, die in den Händen meines Gefolges ſind,“ antwortete der Khan. „Wer ſind ſie?“ fragte der Baron neugierig. „Der Page und ein fränkiſcher Diener Selem Gher⸗ rei's,“ antwortete der Khan. „Ach, ich muß Sie unmittelbar ſehen,“ rief der General.„Khan, Sie haben meine Erwartungen nicht erfüllt, Sie ſollen aber dennoch willkommen ſeyn. Für Sie und Ihre Diener ſoll vor der Hand hier geſorgt werden, bis ich Ihnen in irgend einem Theile des be⸗ nachbarten Landes, den Sie ſich ſelbſt wählen mögen, Ländereien anweiſen kann.“ Mit einem hochmüthigen Gruß und einem mißver⸗ gnügten Blick verließ der Khan das Zelt. „Laſſen Sie dieſen ſtolzen Häuptling wohl bewachen,“ fuhr der Baron fort, als er weggegangen war. Sorgen Sie dafür, daß keiner von ſeinem Gefolge das Lager verläßt. Ich traue ihm ſelbſt jetzt noch nicht. Hätte er die Tochter des Häuptlings gebracht, ſo hätten wir ihn durch ſie halten können, aber ſo kann er uns ent⸗ kommen. Oberſt Erintoff, Sie haben Ihr Mädchen verloren.“ „Ich werde den Barbaren für dieſe Täuſchung finden,“ antwortete der Graf. 3 „Sie werden bald eine Gelegenheit finden, ſich an ihm zu rächen,“ ſagte der Baron.„Aber nun zum Ge⸗ ſchäft. Laſſen Sie die Gefangenen hereintreten, ich will ſehen ob etwas mit ihnen zu machen iſt. Bleiben Sie, um mir beizuſtehen.“ In wenigen Minuten wurden Javis und der junge Conrin durch eine Abtheilung Soldaten mit gebundenen Armen an den Eingang des Zeltes geführt. Der Baron befahl ihnen einzutreten, worauf ſich die Soldaten zu⸗ rückzogen. Javis blickte mit feſter, entſchloſſener Miene um ſich, ohne ſich durch die Gegenwart des Generals einſchüchtern zu laſſen. 4 Der junge Page war ermüdet und erſchöpft durch 1⁰1 die ſchnelle Reiſe und die Verſuche, die er gemacht hatte, zu entkommen; ſeine Augen glänzten aber feurig als er auf den Baron und den Grafen Erintoff blickte, wäh⸗ rend ein Zug von Spott und Verachtung um ſeine Lip⸗ pen ſpielte. „Trete näher Junge,“ ſagte der Baron in ſtrengem Tone zu ihm.„Was veranlaßte Dich Dein Geburts⸗ land zu verlaſſen, und Dich den Horden dieſer Barbaren anzuſchließen?“ „Mein eigener freier Wille,“ antwortete Conrin. „Weißt Du nicht, toller Junge, daß Du durch dieſen Schritt Deine Verbindlichkeit gegen den Kaiſer gebrochen haſt, und der Verrätherei ſchuldig biſt?“ ſagte der Baron. „Ich bin Niemand eine Verbindlichkeit ſchuldig,“ entgegnete Conrin feſt und ſtolz.„Ich habe volles Recht zu gehen wohin ich will.“ „Du biſt ein Unterthan des Kaiſers, Junge, und als ſolcher lebteſt Du unter ſeinen Feinden,“ ſagte der Baron.„Weißt Du nicht, daß es in meiner Macht ſteht Dich als Verräther zu behandeln?“ „Ich bin keinem Herrſcher unter dem Himmel unter⸗ than,“ erwiederte der Page.„Ihre Macht kenne ich aber wohl.“ „Du ſprichſt toll, ich habe aber Mitleid mit Deiner Jugend, ich möchte gelind mit Dir verfahren,“ ant⸗ wortete der Baron. „Wenn Sie gnädig gegen mich ſeyn wollen,“ ſagte Conrin mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen und im Tone der Ironie,„ſo laſſen Sie mich frei. Ich bin nur ein Jüngling und was kann ich der gewaltigen Macht Rußlands zu Leid thun?“ 3„Was ſagen Sie dazu, Graf, ſoll ich dieſen un⸗ ſchuldigen Jungen frei gehen laſſen? ſagte der Baron höhniſch.„Sie ſcheinen ganz mit mir einverſtanden! Nun höre Junge; Du ſollſt die Freiheit haben zu gehen wohin Du wiliſt, ſelbſt in Deine Berge zurück wenn 1⁰² Du willſt; aber unter einer Bedingung. Du folgſt einem Herrn, der Dich, wie es ſcheint, unter dieſe barbari⸗ ſchen Horden von Wilden führte, wofür Du ihm nicht viel Dank ſchuldig biſt, da Du durch ihn in dieſe gegen⸗ wärtige Gefahr gebracht wurdeſt. Ich will Dir nicht verhehlen, daß Dein Herr ein Abtrünniger und Ver⸗ räther an Rußland iſt, und daß ich mich ſehne, ihn in meine Gewalt zu bekommen. Nun Junge Du könnteſt das Werkzeug ſeyn um meinen Wunſch zu erfüllen und wenn Du Dich unterziehen willſt, meinen Befehlen zu gehorchen, ſo ſoll Dir nicht allein verziehen ſeyn, Du ſollſt ſogar noch reichlich belohnt werden. Was ſagſt Du zu meinem Vorſchlage? Willigſt Du ein?“. Es war anfangs ſchwer zu beſtimmen, welche Ge⸗ fühle das Herz des Pagen bewegten, als er dieſen Vor⸗ ſchlag hörte. Der Glanz ſeiner Augen erhöhte ſich, und ein bitteres Lächeln zuckte um ſeinen Mund. Eine Minute lang ſtund er dem Generale gegenüber, und ſchien nach Worten zu ſuchen um ſeine Gefühle auszudrücken.“ „Mann,“ ſagte er,„Befehlshaber von Tauſenden! Gehen Sie, ſuchen Sie unter den Sklaven, die Ihnen gehorchen, einen, der ſeinen Herrn verrathen hat, ſen⸗ den Sie ihn zu mir, daß ich eine Lection von ihm nehme und in Zukunft weiß, auf welche Art ich die Züge eines ſolchen Niederträchtigen ausdrücken ſoll. Vergleichen Sie dieſelben mit meinen, und ſehen Sie ob ſie ähnlich ſind, und dann ſagen Sie ob ich geneigt ſeyn werde Ihr edles Anerbieten anzunehmen, wenn ein ſolcher Preis auf meine Freiheit geſetzt iſt. Es iſt unnöthig mehr zu ſprechen.“ „Junge, Du biſt toll,“ ſagte der Baron, indem er ſich bemühte ſeine rauhe Stimme zu einem Tone von Gutmüthigkeit zu mäßigen, und ſeinen Zügen das Aus⸗ ſehen von Wohlwollen zu geben.„Was ich von Dir verlange, würden Hunderte in Deiner Lage um geringeren Preis thun. Es iſt keine ſchwierige Aufgabe, die ich von Dir verlange, und wenn Du ſie nicht unternimmſt, wer⸗ 1⁰³ den ſich Andere dafür ſinden, und Dein Herr kann mir nicht entgehen. Alles was ich von Dir wünſche iſt, daß Du dieſen jungen Selem Gherrei in die Nähe des Forts lockſt; ich werde dann einen Hinterhalt legen um ihn gefangen zu nehmen. Glaubſt Du ich werde ihm ein Leid zufügen? Nein!— nur zu ſeinem eigenen Wohl will ich ihn von dieſen Barbaren erretten, und ihn in ein civiliſirtes Leben zurückführen. Und was Dich betrifft, ich verſpreche Dir eine reiche Belohnung. Du kannſt bleiben und in die Armee treten, oder werde ich Dich ſicher in Dein eigenes Land in Deine Heimath geleiten laſſen. Bedenke das Anerbieten wohl, das ich Dir mache.“ Der junge Conrin warf einen Blick voll Verachtung auf den General, wandte ſeine Augen langſam gegen den Grafen und antwortete mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Ein edles Anerbieten, in der That; könnten Sie nur in meinem Herzen leſen um zu ſehen, welche Aus⸗ ſicht Sie haben, daß ich es annehme. Glauben Sie um Vermögen zu bekommen werde Jeder ſchlecht? Jeder⸗ mann habe einen Preis, um den man ihn kaufen und erhandeln könne? Ich habe Mitleid mit einer ſo arm⸗ ſeligen Philoſophie. Nur ſchlechte Herzen können ſo denken. Nein, nein, ſolche niedere Anerbieten ſind wegge⸗ worfen wenn ſie mir gemacht werden. Geben Sie mir die Freiheit, ich werde Ihnen dankbar dafür ſeyn.“ „Noch einmal Junge, ich mache ein Anerbieten, wie ich es ſonſt nicht gewöhnt bin,“ ſagte der Baron.„Ich weiß nicht wie es kommt, ich fühle aber Mitleid mit Deiner Jugend und möchte Dir nichts zu Leid thun, wenn Du nur meine Wünſche befolgen wollteſt. Du ſollteſt frei ſeyn, frei wie die Luft, die wir athmen, unter der Bedingung, daß Du Deinen Herrn überredeſt zu kommen; ich will Dir verſprechen, daß ihm kein Leid zugefügt werden ſoll; denn trotz aller ſeiner Beleidigungen moͤchte ich ihn von der Sache, die er vertheidigt, ab⸗ wendig machen und ihn auf die Seite Rußlands bringen.“ „Nein,“ antwortete der Page feſt.„Würden Sie 1⁰⁴4 ihm Reichthum, Chrenſtellen— ſolche Ehrenſtellen, wie Sie ſie ertheilen können— anbieten, ſelbſt wenn er einen, auf Tyrannei gegründeten Thron beſteigen ſollte, würde ich ihn nicht von der Bahn des Ruhmes abwen⸗ dig machen, welcher er nun folgt, indem er für die Sache ſeines Landes ſicht, obgleich ſeine Wohnung nur eine einfache Hütte am Abhang eines Berges iſt.“ „Bedenke aber, Junge, ich mache das Anerbieten, Rang und Vermögen für ihn zu gewinnen, und ihn wieder in ein civiliſirtes Leben einzuſetzen, fern von dieſen Scenen des Kriegs und Blutvergießens. Reizt Dich dieſes Verſprechen auch nicht?“ Der Page ſchien in die geheimſten Falten des Her⸗ zens des Barons ſchauen zu wollen, ſo durchdringend war der Blick, den er auf ihn warf; er antwortete ihm dann mit verächtlichem Tone. „Nein, ich habe ſchon vorhin geſagt, mein Herr ſchätzt ſolche Dinge bei weitem geringer, als die Ehre. Wenn ich auch dächte, er werde Ihr Anerbieten anneh⸗ men— ich weiß zwar wohl, daß er es nicht würde— ſo könnte ich Ihnen nicht trauen, General! Sie wollten auf meine Jugend und Unerfahrenheit bauen; Sie haben ſich getäuſcht.“ Die Stirne des Barons verfinſterte ſich; ſeine Stimme zitterte vor Wuth, als er überzeugt wurde, daß alle Verſuche, den Jungen zu überreden, daß er ſeinen Wünſchen gehorche, fruchtlos waren.„Höre mich, toller Junge,“ rief er aus.„Du verlangſt die Freiheit. Hoffſt Du, ſie zu erlangen? Nie! Gehorche meinen Befehlen, oder Tod und QWual allein harren Deiner. Du ſprachſt von einem friedlichen Leben, das Du führteſt; Graf Erintoff, vor welchem Du ſtehſt, beobachtete Dich bei Mezi, wo Du Deinem Herrn in’s Gefecht folgteſt. Zweimal ſah man Dich Soldaten des Kaiſers erſchlagen; Du fochteſt in den Reihen der Rebellen. Das allein iſt hinreichend, Dich als Verräther gegen Rußland zum Tode zu verurtheilen. Denke nicht, durch eine ſchein⸗ 1⁰⁵ bare Erzählung Deiner Unſchuld zu entrinnen, oder wegen Deiner Jugend auf Gnade hoffen zu können. Du biſt alt genug, um Deine Waffen zu führen. Du wirſt verurtheilt werden, morgen zu ſterben.“— „Ich habe ſchon geſagt, daß ich die That, die Sie verlangen, nicht vollbringen werde; nicht für alle Reich⸗ thümer des Oſtens;“ entgegnete Conrin feſt.„Und mein Leben ſchlage ich ſo gering an, daß ich zu Ihren Drohungen mit Verachtung lachen kann. Laſſen Sie das Schlimmſte über mich ergehen, ich bin bereit, ihre Rache zu ertragen.“. „Hartnäckiger, toller Junge!“ ſchrie der Baron wüthend,„Dein Schickſal iſt beſtimmt. Ich will den anderen Gefangenen examiniren. Entfernen Sie den Jungen.“ Auf dieſe Worte ſprang Javis, der mit einem fin⸗ ſteren Blick den Baron betrachtet hatte, trotz ſeiner ge⸗ ſeſſelten Hände vorwärts.„Halten Sie, General,“ rief er ernſt;„Sie wiſſen nicht, was Sie thun. Dieſer ſcheinbare Page iſt“— 3 „Javis!“ rief Conrin,„ſpreche kein Wort von mir, ich beſchwöre Dich. Schwöre mir, daß Du es nicht thun wirſt, denn ich kann ihrer Tyrannei bald entgehen. Ich mochte gern ungekannt von Allen, außer Dir, mei⸗ nem treuen, ergebenen Freunde ſterben. Schwöre, daß Du mich keiner ſterblichen Seele verrathen willſt.“ Er zauderte.„Ich befehle, daß Du ſchwörſt, oder ſelbſt jetzt, wie Du wohl weißt, habe ich die Mittel; Du ſuun mich dieſen Augenblick zu Deinen Füßen ſterben ehen.“ „Ich ſchwöre, Deine Wünſche zu befolgen; aber ac rette Dich ſelbſt. Ein Wort würde es thun,“ rief avis. „Mie, ich fürchte den Tod nicht halb ſo viel, als ein Leben in der Gewalt dieſer Männer,“ rief Conrin. „Junge, ich gebe Dir immer noch Bedenkzeit. Laſſe Dich nicht durch den Schlaf überwältigen, bis Du das 10⁰6 Anerbieten, das ich Dir gemacht habe, genau geprüft haſt, oder Deine letzte Stunde hat geſchlagen,“ ſagte der Baron, als Conrin fortgeführt wurde. Wie man ſich denken kann, konnte der General nicht die geringſte Nachricht von Javis erpreſſen, der jede Frage, die an ihn geſtellt wurde, unbeantwortet ließ, bis der Baron ganz wüthend wurde. Dieſelben lockenden Anerbieten wurden ihm gemacht, mit denen er Conrin hatte verführen wollen, er verwarf ſie jedoch entrüſtet. „Ich will kein Verräther an meinem Herrn werden,“ ſagte er;„ich will Ihnen aber treu dienen, wenn Sie das Leben des Jungen ſchonen; oder wenn Sie das Meinige wollen, ich gebe es freudig für ſeines. Sie wiſſen nicht, wen Sie umbringeu.“ 5 „Wenn Du meinen Wünſchen gehorchſt,“ ſagte der Baron,„ſo werde ich nicht nur dem Jungen verzeihen, ſondern Dich auch noch mit Reichthümern überhäufen, wie Du ſie nie in Deinem Leben in Beſitz zu bekommen wähnteſt.“ „O, mächtiger Geiſt meiner Väter, bewache mein Herz!“ ſchluchzte Javis.„Nein, es kann nicht ſeyn; alle die Anerbieten, die Sie mir machen, können meinen Vorſatz nicht zum Schwanken bringen. Sie können aber kein ſo niedriger, grauſamer Tyrann ſeyn, um dieſen jungen, harmloſen Knaben umzubringen.“ „Sklave, ſprichſt Du auf dieſe Art zu mir?“ rief der Baron. Glaubſt Du, Du habeſt eine Hoffnung, dem Tod zu entgehen? In dieſem Falle betrügſt Du Dich. Du ſollſt auch ſterben. Der Knabe ſtirbt zuerſt, während Du dabei ſtehſt. Bis zum letzten Augenblick ſoll ſein Leben in Deiner Hand ſeyn. Wenn Du ihn retten willſt, ſo willige ein, meinen Wünſchen zu ge⸗ horchen. Er ſoll morgen noch vor Mittag ſterben, und Dein Tod wird folgen. Denke wohl an das, was ich Dir ſage. Gehorche mir, oder hege keine Hoffnung, die Sonne noch einmal untergehen zu ſehen. Führt ihn weg,“ rief er zu den außen ſtehenden Wachen,„und er 1⁰⁷ ſoll abgeſondert von dem anderen Gefangenen eingeſperrt werden. Nun, Graf,“ ſagte er, indem er ſich an dieſen Offizier wandte,“ wie habe ich dieſe Verräther be⸗ handelt?“ „Bewunderungswürdig, Baron,“ antwortete Graf Erintoff.„Doch ſah ich nie ſo viele Hartnäckigkeit ent⸗ falten. Ich denke, Sie haben ſie beſtimmt, Ihren Wunſchen nachzugeben; und durch ihre Hülfe habe ich immer noch Hoffnung, daß wir den jungen Selem Gher⸗ rei in unſere Hände bekommen.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Baron;„es war ein wilder, halsſtarriger Ausdruck in den Augen des Jun⸗ gen, den ich kaum von dieſer Jugend erwartete; es wäre aber möglich, daß der Zigeuner, der eine ſehr roman⸗ tiſche Zuneigung zu ihm zu haben ſcheint, um ſich zu retten, meinen Wünſchen nachgiebt. Wenn er es aber nicht thut, ſo ſchwöre ich, daß ihn keine Macht retten ſoll. Morgen in aller Frühe müſſen ſie verhört werden; wir wiſſen das Urtheil. Gehen Sie, Graf, und treffen Sie die Vorbereitungen zum Verhör. Ich wünſchte, allein zu ſeyn.“.. Wir müſſen um der menſchlichen Natur willen hof⸗ fen, daß der General in ruhigeren Augenblicken den Entſchluß, den er ausgedrückt hatte, geändert hätte, obgleich die grauſamen Barbareien, die er ſich gegen tſcherkeſſiſche Gefangene zu Schulden kommen ließ, wenn einer durch Wunden geſchwächt oder betäubt in ſeine Hände fiel, keinen Schluß zu Gunſten ſeiner Menſchen⸗ liebe machen laſſen und uns nur in unſerem Haß gegen ihn beſtärken. 3 Conrin war in eine ſchlechte, kleine Hütte von Baumſtämmen gebracht worden, die erſt kürzlich errichtet worden war, um als Gefängniß zu dienen; bis jetzt war dieſelbe aber noch nicht beſetzt geweſen, da die immer⸗ währende Beſchäftigung der Soldaten ſie davon abhielt, Fehler zu begehen. Der Boden war nicht einmal ge⸗ ebnet, Ende von Zweigen hiengen an den Seiten herab⸗ 1⁰⁸ und an einem Ende lag ein Baumſtamm, der als Lager oder Sitz für die Gefangenen dienen ſollte; bis jetzt war er aber noch nicht einmal behauen. Conrin war durch ſeine Wachen dorthin geführt, und dann ſeinen einſamen Betrachtungen überlaſſen worden, mit etwas ſchwarzem Brode und bereits faulem Waſſer, das die Soldaten ſelbſt aber wahrſcheinlich auch nicht beſſer hatten. Er warf ſich auf den Baumſtamm; tiefe Seufzer entſtiegen zu Zeiten ſeiner Bruſt; er hatte die Hände gefaltet und wandte die Augen gen Himmel, wie wenn er um ſeinen Beiſtand flehen wollte. „Nein! nein! mein Loos iſt hoffnungslos! Ich bin verlaſſen von dem mächtigen Geiſte! und auf dieſe Art zu ſterben ohne Ausſicht auf einen zärtlichen Blick von ihm, für den ich alles auf der Erde geopfert habe! Dann das bittere Gefühl, zu wiſſen, daß er mich nicht kennt; oder wenn er mich kennte, vielleicht meine Liebe nicht erwiedern würde. Tod— Vernichtung wäre bei weitem beſſer. Nein, er ſoll die Wahrheit nie erfahren. Und doch möchte ich, daß er wüßte, wie treu und feſt mein Herz war, dann würde er mich doch vielleicht, wenn ich wieder zu Staub geworden bin, aus dem ich entſprang, in zärtlichem Andenken bewahren. O, könnte ich denken, daß er mich lieben würde, ich würde aus Freude darüber zum Tod ſelbſt lachen. Aber auf dieſe Art zu ſterben!“ die Seufzer des vermeintlichen Pagen erneuerten ſich. Er ſiutzte und ſuchte ſeine Bewegung zu bemeiſtern, denn er hörte Fußtritte nahen. Es war um Mitternacht— die Zeit, wenn die Gefühle am ſchärfſten, die Nerven am meiſten aufgeregt ſind; wenn die Gedanken in den Regionen des unend⸗ lichen Raumes umherſchweifen und geheimnißvolle, uner⸗ gründliche Dinge zu erforſchen ſuchen; wenn der Geiſt oft die Gränzen dieſer unſerer lebenden, ſterblichen Hülle zu verlaſſen ſcheint, um in idealen Regionen umherzu⸗ ſchweifen. Es ſind nicht die Geiſter der Todten, welche Sterbliche oft zu ſehen wähnen; dieſe ſind längſt in an⸗ ————.. ——————ͤ — 1⁰9 dere Reiche, von denen wir nichts wiſſen, entflohen; es ſind ihre eigenen, noch irdiſchen Seelen, die durch irgend einen mächtigen Einfluß fieberhaft anfgeregt find, wenn ihnen die belebende Kraft der Sonne entzogen iſt. Conrin lauſchte auſmerkſam. „Ach! ich kenne dieſen Fußtritt wohl! O, mein Feind, haſt Du mich gefunden? Selbſt jetzt fühle ich ſeinen giftigen Einfluß gleich dem dunkeln Geiſte, der herumſchleicht und nach Beute ſucht. Die abergläubiſchen Leute hätten nicht nöthig gehabt, ihm andere Attribute beizulegen, als die eines ſterblichen Mannes, wenn ſchändliche Leidenſchaften die Herrſchaft über ihn ge⸗ winnen.“ 3 „Werda?“ rief die Schildwache am Thor der Hütte. „Dein Oberſt,“ antwortete in tiefen Tönen die Stimme des Grafen Erintoff.„Bleibe hier ſtehen, und kehre nicht um, bis ich Dir rufe.“ Nach dieſen Worten hörte Conrin die Thüre ſeines Gefängniſſes öffnen, und durch das ſchwachhereinſtrömende Licht erkannte er die ſchlanke Figur des Grafen, welcher die Thüre wieder ſchloß, und eine Laterne, die er in der Hand trug, ſo auf den Boden ſtellte, daß das Licht ſeine Strahlen auf die Züge des Gefangenen warf. Der Page erhob ſich nicht, ſprach nicht, ſondern blieb in ſeiner vorherigen Stellung mit geſalteten Händen und gebeugtem Haupte ſitzen. Der Beſuchende betrachtete ihn ernſtlich ehe er ihn anredete; er dachte augenſcheinlich darüber nach, was er ſagen ſollte. „Ich komme um Dir die Freiheit und das Leben zu geben anſtatt des Todes, den Du in der Tollheit zu ſuchen ſcheinſt. Glaubteſt Du ich kenne Dich nicht? Als jener plumpe ſchottiſche Bär, der General, Dich be⸗ fragte, erkannte ich ſogleich dieſe ausdrucksvollen Züge, dieſe hochmüthige Stirne, dieſe verächtlich lächelnden Lippen. Glaubſt Du ein Knabe wäre furchtlos vor der raſenden Wuth jenes grimmigen Barons geſtanden und 1¹⁰ hätte ihm Wort für Wort Blick um Blick erwiedert? Eben ſpielteſt Du Deine Rolle ſchlecht, was Du auch früher gethan haben magſt, um den Jüngling zu täu⸗ ſchen, dem Du nach Tſcherkeſſien folgteſt(wenn Du dieß überhaupt thateſt). Kann er ſo ſtumpffinnig, ſo hart⸗ herzig ſeyn, daß er das Mäͤdchen nicht erkennt, das ihn liebt? Beim Himmel er muß ganz unempfindlich und gleichgültig gegen dieſe Reize ſeyn, deren Verluſt mich beinahe wahnſinnig machte, da er Dich bis jetzt noch nicht erkannt hat; er liebte Dich nicht; er ſonnte ſich vielleicht in dem Lächeln irgend einer von jenen Berg⸗ ſchönheiten, während Du in der niedrigen Tracht eines Pagen zu ihm aufſchauteſt.“ Da das Mädchen ſah, daß jede Verſtellung nutzlos geweſen wäre, rief ſie mit einem gedämpften Schrei aus: „Halte ein, Elender. Welcher Dämon treibt Dich hierher, um mich zu qualen?“. „Nun, nun, mein ſchöner Page,“ ſagte der Graf, indem er ſich ihr näherte,„ich möchte Deine Gefühle nicht für die ganze Welt beleidigen. Ich ſprach nur die reine Wahrheit, ich frage Dich, warum Du für einen, der Dich nicht liebt Dein Leben aufopfern und alle die glänzenden Anerbieten, die ich Dir gemacht habe und die ich halten würde ablehnen willſt? O! es wäre grau⸗ ſam dieſe Reize, die mein Herz ſo ſehr gefeſſelt haben, mit dem Staub vermiſchen zu laſſen, dieſe glänzende, freudige Welt voll Vergnügungen(für die, welche den Sinn dazu haben, ſie zu ſinden) zu verlaſſen, und mit jenem unbekannten Orte zu vertauſchen. Ich verlange ja nicht, daß Du den Mann verrathen ſollſt, den Du liebteſt. Ich bin nicht ſo thöricht um zu glauben Du werdeſt es thun bis Du überzeugt wäreſt, daß er Dich verachtet; obſchon ich glaube, daß der hochmüthige Re⸗ bell, der junge Selem Gherrei, wie man ihn nennt, ſich nicht um Dich bekümmert. Fliehe aber mit mir fort, ich kann dieſen mürriſchen General leicht hintergehen. Ich biete Dir Vermögen und Glück, eine glänzende, 111 ruhmvolle Zukunft, denn ſolche Reize wie die Deinigen werden die ſtolzeſten Schönheiten der Hauptſtadt verdun⸗ keln. Glaube mir, ich bin kein ſo ſtumpfinniger Thor, um nicht den glänzenden, erhabenen Geiſt würdigen zu können— dieſe ſtolze, furchtloſe Seele— welche Dich fo ſehr über Dein Geſchlecht erhebt. Ich bin nicht ſo engherzig wie es Thoren wären. Ich liebe Dich mehr, nun da ich weiß, daß Dein Herz ſolcher Gefühle fähig iſt; ich möchte ſie alle mir zueignen. Komme denn ge⸗ liebtes Mädchen. Jetzt, augenblicklich ſollſt Du frei ſeyn. In einigen Tagen ſchon ſollſt Du auf dem Wege nach Rußland ſeyn, wo Reichthum, Luxus und Glück Deiner harren.“ Der Graf trat noch näher und verſuchte die Hand des Mädchens zu faſſen. „Mann,“ rief ſie, wenn Sie kein eingefleiſchter Teufel ſind, ſo laſſen Sie ab. Quälen Sie mein Herz, das bereits gebrochen iſt. nicht noch mehr. Wiſſen Sie, daß Luxus und Reichthum Dinge ſind, die ich ſo ſehr wie den, welcher ſie anbietet verachte; und was das Glück betrifft, ſo ſoll ich es nicht mehr in dieſer Welt kennen lernen, und Sie haben nicht die Macht es mir zu geben. Laſſen Sie ab und überlaſſen Sie mich mir ſelbſt. Sie bewegen mich nicht. Wenn Sie meinen Befehlen nicht gehorchen, ſo laſſen Sie ſich doch durch meine Bitten rühren; o erhören Sie meine ernſtlichen Bitten und überlaſſen Sie mich mir ſelbſt.“ „Welche Tollheit macht Dich ſolche Worte reden?“ ſagte der Graf. Denke wohl daran was Du wegwirfſt, und an das dunkle Schickſal, das Dich erwartet. Der Baron ſchwor— und ich weiß, daß er ſeine Eide hält, wenn er durch Grauſamkeit und Rache getrieben wird— daß Du morgen ſterben mußt; und keine ſterbliche Macht als die meinige kann Dich retten. Ein Wort von mir würde Dich retten. Fliehe mit mir. Wenn Du es verweigerſt, denke nicht, daß Du dadurch dem Manne, den Du liebſt etwas Gutes erweiſeſt; denn hier ſchwoͤre ich, daß ich ihn mit dem tieſſten Haſſe verfolgen will um Deinen Tod zu rächen, deſſen Urſache er iſt. Er iſt mir ſchon früher in den Weg gekommen, und ich hoffe ihn in Kur⸗ zem in meine Gewalt zu bekommen.“ „Sie bewegen mich nicht durch die Furcht vor einem Leide, das Sie mir zufügen können,“ antwortete das Mädchen ruhig. Er ſteht über Ihrer Bosheit und würde Ihren Schwur der Rache verachten.“ „Wenn nicht um ſeinetwillen, ſo rette Dich wegen Deiner ſelbſt,“ rief der Graf.„Denke, daß Du ſterben mußt, verkannt und ungekannt, bis Du aufgehört haſt zu athmen, und dann werden noch wilde Soldaten ihre brutalen Scherze mit Dir treiben. O, warum dieſe Tollheit? Erlaube, daß ich Dich vor Dir ſelbſt rette und fliehe mit mir.“ Der ſtolze Graf knieete zu ihren Füßen nieder und beſtrebte ſich abermals ihre Hand zu faſſen.„Sehe,“ rief er,„ich kniee vor Dir, um mir die Erlaubniß zu erbitten, daß ich Dich von einem grauſamen Tod und von Beſchimpfung retten darf.“ Das Mädchen wich zurück,„halten Sie ein, ſage ich noch einmal,“ rief ſte.„Glauben Sie mir, ich ver⸗ achte Sie viel zu ſehr, um ſelbſt nur Ihr Mitleid zu ſuchen.“ Der Graf ſprang auf die Füße.„So wiſſe denn, halsſtarriges Mädchen, daß Nichts Dich retten ſoll. Deine Grauſamkeit wird meine Liebe in Haß verwandeln; und obgleich ich immer Dein Leben retten möchte, ſo werde ich nicht ruhen bis ich Dich ſterben ſehe. Niemand ſoll wiſſen, daß Graf Erintoff ſich vergebens erniedrigt hat. Es ſind noch einige Stunden bis zu Tagesanbruch. Denke an meinen Schwur und verſpreche meinen Wün⸗ ſchen zu gehorchen. Ein Wort von Dir wird meine Liebe wieder gewinnen; ſonſt wirſt Du ehe die Sonne den höchſten Punkt am Himmel erreicht hat, ein kalter Leichnam ſeyn. Ich verlaſſe Dich nun.“. Das Mädchen antwortete nicht, und blickte mit 113 Berachtung auf den Grafen, als er ſich zurückzog. Dann ſank ſie auf den harten Stamm, hielt ihre Hände vor die Augen, wie um etwas Schreckliches, das ihr vor dem Geſicht ſchwebte zu verdecken. Ein fürchterlicher Kampf ſchien ſich in dieſem zarten, liebenden Buſen zu entſpin⸗ nen, wie wenn der bewegte Geiſt im Begriff geweſen wäre, ſeine Hülle zu zerſprengen; er legte ſich aber wie⸗ der, und ſie ward ruhig, ſo ruhig, daß ſie zu ſchlafen ſchien. Zehntes Kapitel. Bleich waren Gertrud's Lippen, trugen aber immer noch Den ſanften Ausdruck ihrer Liebe, die Nicht ſterven konnte; ihre Hand drückt todt Sie noch auf's Herz, das nicht mehr ſchlug. Campbell. Der Morgen brach an; die Sonne gieng an einem wolkenloſen Himmel auf; die ganze Natur hatte ein heiteres Ausſehen, die Vögel ſangen fröhlich auf den belaubten Zweigen und der erfriſchende Thau auf den Kräutern und den herbſtlich bemalten Blättern glänzte in den ſchönſten Farben In der Niederung erhob ſich ein leichter ſchwacher Nebel; die übrige Landſchaft er⸗ ſchien aber gerade durch dieſen Contraſt nur noch lieb⸗ licher und heller. Die Gefangenen wurden aus ihren Kerkern abge⸗ holt. Das Verhör begann. Sie ſtanden furchtlos vor allen den höchſten Offizieren der Garniſon. Mehrere Soldaten erklärten, daß ſie dieſelben auf der Seite des Feindes fechten ſahen. Keiner von den Gefangenen wollte auf die an ſie geſtellten Fragen ant⸗ worten. Das Urtheil wurde geſprochen. Der Spruch lautete auf Tod. Ihre Schuld war klar, und ſie hielten Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. UI. 114 es unter ihrer Würde um Gnade zu bitten. Als ihnen das Urtheil bekannt gemacht wurde, ſprang Javis mit einem flehenden Blick gegen den Präſidenten vor, er ſchien etwas ausrufen zu wollen; ein Blick von dem vermeintlichen Pagen hielt ihn jedoch davon ab, und er kehrte niedergeſchlagen Zurück, indem er einen betrüb⸗ ten, ängſtlichen Blick auf ſeinen Gefährten warf; in ſein eigenes Schickſal ſchien er jedoch ganz ergeben zu ſeyn. Der Baron leitete das ganze Verfahren mit bru⸗ taler Eile, und die Gefangenen ſollten nun aus dem Lager geführt und als Verräther Rußlands erſchoſſen werden. Sie wurden von dem Zelte aus, in welchem das Kriegsrecht gehalten worden war, zwiſchen einer Reihe von Soldaten fortgeführt und marſchirten ſo gleichmäßig und ſicher, wie wenn ſie vergeſſen gehabt hätten, daß ſte nur noch wenige Minuten zu leben hatten. Das Fort war, wie ſchon früher geſagt wurde, auf einem erhöhten Punkte erbaut und erhob ſich wie eine Inſel über die Ebene und die Sümpfe des Kuban. Der zwiſchenliegende Raum zwiſchen dem Fort und den Ber⸗ gen war eine fortlaufende, weder durch Felſen noch durch Umzäunungen oder ſonſtige Gegenſtäͤnde unterbrochene Wieſe. Der Ort, welcher zu der grauſamen Expedition beſtimmt wurde, war ein grüner Abhang, der ſich von den Verſchanzungen aus gegen die vor den Bergen lie⸗ gende Ebene verflachte; hier war eine Abtheilung Sol⸗ daten aufgeſtellt, während die Uebrigen ihre Arbeiten, das Aufwerfen von Verſchanzungen und das Errichten von Gebäuden für Baracken und Wachhäuſer auf den kommenden Winter fortſetzten. In geringer Entfernung vom Fort marſchirte eine fouragirende Abtheilung in dichten Maſſen, von Artillerie und Reiterei begleitet auf der Ebene in der Richtung vom Kuban her, ohne die geringſte Vermuthung der Grerntion, die vor ſich gehen ſollte. er Baron hatte dem Grafen Erintoff ſtrengen 115 Befehl gegeben, die für die Erecution beſtimmten Trup⸗ pen anzuführen, obgleich ſich dieſer gern, wie es ſchien, dieſer Pflicht entzogen hätte; er war jedoch gezwungen zu gehorchen, und er ſtand nun an der Spitze ſeines Regiments, das auf der ſchon oben beſchriebenen Wieſe in Linie aufgeſtellt war; die zum Feuern beſtimmte Ab⸗ theilung ſtand etwas vor den anderen Truppen. Der General ſelbſt hatte ſich auf einem erſt neu errichteten Walle des Forts aufgeſtellt, gieng zeitweiſe mit finſterem Geſichte auf und ab, und ſeine Augen ſchweiften unſtät umher. Als die jungen Gefangenen aus dem Fort ge⸗ führt wurden, kamen ſie an dem Orte vorüber, wo er ſtand. Er gab der Escorte den Befehl zu halten, und dieſelben vor ſich zu bringen. Der verkleidete Page war ſo ernſt als am vorher⸗ gehenden Tage, aber ein glänzendes, beinahe übernatür⸗ liches Feuer brannte in ſeinen Augen, als er vor den General trat, Javis kam ſtolz, mit ſicherer Haltung und feſtem Tritte herbei, als er jedoch auf ſeinen Gefährten blickte, zuckten ſeine Züge, wie wenn ihn ein heftiger Schmerz berührte.. „Gefangene,“ ſagte der Baron,„Ihr habt nur noch einige furze Augenblicke zu leben; aber ſelbſt jetzt noch gebe ich Cuch Gelegenheit, dieſem Schickſal zu entgehen. Gehorcht meinen Befehlen und ich verſpreche Euch zu begnadigen. Zu Dir Junge ſpreche ich zuerſt. Willſt Du thun was ich wünſche?“ „Nie!“ antwortete der Page mit tiefer, feſter Stimme.„Ich bin bereit zu ſterben.“ „Dann führt ihn fort,“ ſchrie der Baron wüthend. „Vielleicht biſt Du klüger,“ fuhr er fort, ſich an Javis wendend,„als dieſer halsſtarrige Junge, der an ſeinem Schickſale ſelbſt Schuld iſt. Willſt Du nicht allein Dein eigenes Leben, ſondern auch das ſeinige retten?“ „Gerne moͤchte ich das ſeinige retten,“ rief Javis aus;„er würde mich aber zuerſt darüber tadeln. Mein 8 116 eigenes bringe ich gar nicht in Anſchlag. Aber, o ſcho⸗ nen Sie ihn, General, ſchonen Sie ihn ſchon wegen ſeiner Jugend. Fordern Sie nicht von ihm etwas zu thun, wozu er ſeine Einſtimmung nie geben kann. Sie wiſſen nicht, was Sie thun, wenn Sie ihn toͤdten laſſen. Schonen Sie ihn, wenn Sie ſelbſt einſt Gnade hoffen.“ „Man führe den frechen Rebellen ab,“ ſchrie der Baron wüthend,„der Junge ſoll zuerſt erſchoſſen wer⸗ den,“ fügte er bei, indem er ſich gegen den Offizier — Q—ᷣ—ᷣ—ᷣ——— wandte, der ſeine Befehle erwartete.„Ich kann nichts durch ihn gewinnen und ſein Gefährte ſoll Zeuge ſeines Schickſales ſeyn, vielleicht kommt er dadurch zur Vernunft.“ Es war kein Soldat im Lager, der nicht in dieſem Augenblick, wenn es in ſeiner Macht geſtanden wäre, das Leben dieſes Jungen gerettet hätte; keiner wagte jedoch zu ſprechen; ſelbſt dieſen ſtumpfen Soldaten traten die Thränen in die Augen. Der wilde Khan, der zu Pferd und von einer Truppe Reiterei umgeben dabei war, blickte mit Erſtaunen auf dieſe Scene, und als er Zeuge des edeln Benehmens und des Muthes der Ge⸗ fangenen war, empfand er ſelbſt Reue, daß er dieſes unzeitige Schickſal über ſie gebracht hatte; bis er ſich wieder erinnerte, daß ſein Bruder durch die Hand eines derſelben gefallen war. Von allen ſchien jedoch Graf Erintoff am meiſten aufgeregt zu ſeyn. Sein Geſicht war ſo blaß wie der Tod; er wagte ſeine Augen nicht auf die Gefangenen zu richten. Er fühlte, daß er ein Elender, vom Himmel Verdammter war; ein kaltblütiger durch die niederſte und ſchwärzeſte Rache aufgereizter Mörder. Die Gefangenen hatten den fatalen Ort er⸗ reicht, und der jüngſte wurde zuerſt aufgeſtellt, während man den anderen auf die Seite führte; ſie wechſelten Blicke, aber Keiner ſprach. Der vermeintliche Page ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als er den ſchmerzlichen Blick ſah, den der treue Javis— an deſſen Tod ſie allein die Schuld trug— auf ſie warf. — 117 Ein Soldat trat vorwärts, um ihr die Augen zu verbinden. „Nein,“ rief ſie, indem ſie das Tuch auf die Seite warf.„Ich will bis zum letzten Augenblick den blauen Himmel über mir ſehen, wohin bald mein Geiſt fliehen wird. Ich kann dem Tod ſo furchtlos wie der älteſte Soldat ins Angeſicht ſchauen. Laßt wenigſtens meinen Augen bis zum letzten Augenblick die Freiheit. Der Soldat blickte gegen den Offizier, der ihm befahl, die Wünſche des Gefangenen zu befolgen, worauf derſelbe in's Glied zurücktrat. Alles war vorbereitet. Das Mädchen ſtand furcht⸗ los da; ihre Augen wandten ſich aber mit einem ängſt⸗ lichen Blick gegen die Berge. Was ſieht ſie dort? Iſt es die Sonne, welche die glänzenden Blätter des Waldes beſcheint? Sie ſtand wie feſtgewurzelt und bekümmerte ſich gar nicht um ihre Henker, denn eine Bande von Kriegern in Stablrüſtungen jagte vom Berge herab; ihre Schwerter glänzten in der Sonne wie ein ſchäu⸗ mender Strom. Der Wald iſt von ihnen angefüllt. Auf allen Seiten kommen ſie hinter den Bäumen hervor. An ihrer Spitze reitet Einer, der ſein Pferd zum ſchnell⸗ ſten Laufe antreibt und ſeinen Säbel in der Luft ſchwingt. Die Augen der Liebe entdecken ihn ſchon von weitem, ehe die Ruſſen, die nur mit der Execution beſchäftigt waren, die ihnen drohende Gefahr bemerkten. Der Ge⸗ fangene ſtieß einen Schrei der Freude aus.„Ich danke, großer Geiſt, daß ich dieſen Geliebten, ehe ich ſterbe noch einmal ſehe,“ rief ſie.„Ja, ja! ich vereinige mich mit Dir trotz dieſer Tyrannen!“ Sie vergaß ihre Lage, ſie vergaß alles außer ſich, als daß der, welchen ſie liebte, zu ihrer Rettung nahte; ſie erhob den Arm, wie wenn ſie ihm entgegen gehen wollte. Dieß war das Signal zu ihrem Tode, und deos der ſeinen Wachen losbrach, ſtürzte ſich ſelbſt vor e hin. In dieſem Augenblick erreichte die ſouragirende Ab⸗ 118 theilung das Fort, als ein Soldat aus dem Gliede gegen den Ort ſprang, wo der Baron ſtand. „Halt, halt!“ ſchrie er in wilder Haſt.„Halt mit der Execution. Barbariſcher Befehlshaber! Sie wiſſen nicht was Sie thun! Halten Sie, ſonſt werden Sie ihre eigene Tochter, die ihnen durch den Zwerg Ladislau entführt wurde, morden; ſie wurde um ihrer Mutter willen, die eine Tochter meines Stammes war, in meine Hände geliefert. Erkennen Sie mich als den Zigeuner Conrad.“ Der Baron war wie Einer, der nicht hörte; er war erſtaunt und blickte wild auf den Sprecher. Alle ſeine Fähigkeiten ſchienen zernichtet; er zitterte an allen Gliedern. Der koſtbare Augenblick floh. Er erhob den Arm. „Halt mit der Execution,“ ſchris er. Ehe aber dieſe Worte ausgeſprochen waren, hörte man das Knallen der Musketen. Der Rauch lag wie ein Leichentuch über dem Ort; der wilde Baron ſprang gegen denſelben und fiel beſinnungslos neben dem verſtümmelten Körper ſeiner Tochter, des Zigeunermädchens Azila, nieder; und an ihrer Seite lag der Leichnam ihres treu ergebenen, aber verſchmähten Liebhabers Javis. Plötzlich wurde Allarm gegeben, daß der Feind ſich eilends nahe. Es war keine Zeit mehr ſich in die Ver⸗ ſchanzungen zurückzuziehen. Die Reiter der Berge kamen ſchnell und wüthend heran. Die Trommeln ſchlugen zu den Waffen; die Soldaten ſprangen, um die Kanonen zu bemannen und ihre Waffen zu ergreifen. Die Truppen ſchaarten ſich zuſammen, um ſich dem Schock des wüthen⸗ den Feindes entgegenzuſtellen; die Reiterei rückte vor, um ihm zu begegnen; ſie gliechen jedoch dem Schilfe, .das ſich unter den Sprüngen des Tigers biegt. Reiter und Pferde zitterten bei dem wilden Kriegsgeſchrei. Keiner konnte dieſem verzweifelten Anlaufe widerſtehen, und der erſte, der vorderſte der fiel, war der verrätheriſche 119 Khan, der durch das Schwert des Thaddeus zuſammen⸗ gehauen wurde. 1 „Ein Streich zu rechter Zeit, braver Pole,“ ſchrie der Hadji, als er vorjagte, um die Ruſſen anzugreifen. „Alle Verräther an Tſcherkeſſien mögen auf dieſe Art ſterben!“ Dicht bei ihm war Selem; er traf auf den Grafen Erintoff, welcher ihm zuxief:„Ah! kommen wir endlich zuſammen? Verräther Rußlands, ſterbe 1 „Der Himmel vertheidige das Recht!“ ſchrie Selem, indem er den gegen ihn geführten Streich parirte. Es folgte Hieb auf Hieb und der Graf fiel in einem Au⸗ genblick tödtlich getroffen von ſeinem Pferde. Der Hadji, Alp und viele andere Häuptlinge ſprengten gegen die Bajonette der Infanterie an.„Ah! Allah!“ ſchrie der alte Krieger,„wir wollen uns durch dieſen Wall von Stahl durchhauen. Vorwärts, Männer der Atteghei!“ Der Angriff war ſo heftig, daß die beiden vorderſten Reihen der Ruſſen ſchwankten und auf die hinteren fielen, als die furchtloſen Krieger anrückten, die anderen ſodann in hoffnungsloſer Verwirrung zurücktrieben, und theils mit ihren Säbeln niederhieben, theils auch unter den Tritten ihrer Pferde zertraten. „Ah! Allah!“ ſchrie der Hadji abermals.„Folge mir mein Sohn, wir werden bald in ihren Verſchan⸗ zungen ſeyn;“ er grieff mit einer kleinen Reiterabtheilung alle an, die ſich noch zu halten ſuchten, und verfolgte den zurückziehenden Feind. Die Ueberbleibſel der Ruſſiſchen Reiterei waren umgekehrt und flohen gegen den Eingang ihres Forts; Keiner konnte es jedoch erreichen; die Zugbrücke war aufgezogen und das Thor geſchloſſen. Warum hält Selem in ſeiner Siegeslaufbahn an, warum ſind ſeine Wangen ſo bleich, mitten in der Auf⸗ regung des Gefechts! Auf dem Boden in Blut ſchwim⸗ mend ſieht er den geſchlachteten Körper ſeines treuen, geliebten Pagen; er ſtieg vom Pferde herab und hob 120 ihn in ſeine Arme. Vorwärts und immer vorwärts jagten die Hochländer nach ihrem gehofften Ziele; als ſie jedoch unter die verwirrten Maſſen fliehender Infan⸗ terie kamen, welche dicht vor den Tranſcheen waren, wur⸗ den ſie durch eine furchtbare Entladung von Kanonen begrüßt. Freund und Feind wurde gleich mit einem Hagel tödtlicher Kartätſchſchrote überſchüttet, und die Bruſt⸗ wehre waren mit einem Walle von Bajonetten beſetzt. Viele von den Patrioten fielen durch das verheerende Feuer in ihrer Siegesbahn. „Kehrt um, kehrt um meine edeln Freunde!“ rief der brave Häuptling Arslan Gherrei.„Es iſt Toll⸗ kühnheit, ſich dieſem Eiſenhagel auszuſetzen. Wir können das Fort zu Roß nie nehmen.“ Auf dieſe Worte kehrte die ganze Truppe um. Ein Reiter in ruſſiſcher Uniform ergrieff Selems Zügel und trieb ſein Pferd an, während Thaddeus ſich auf der anderen Seite den zurückziehenden Tſcherkeſſen anſchloß. Ehe die Kanonen von neuem geladen werden konnten, waren ſie ſchon außer ihrem Bereich. Die Hochländer hielten erſt im Walde wieder an. Selem ſprang vom Pferde herab und bemühte ſich das Blut zu ſtillen, das aus vielen Wunden in der Bruſt ſeines Pagen floß. Er rieß deſſen Weſte auf; er war ſtumm vor Schrecken, als er eine weibliche Form erblickte. Er bog ſich mit tiefem Schmerz über dieſelbe. Der Schleier, der ſo lange auf ſeinen Augen lag, war plötzlich weg⸗ gezogen. Er erkannte die Züge von Azila. In einem Augenblick ſtand die Geſchichte ihrer tiefen uneigen⸗ nützigen Liebe, die ſich bis auf den letzten Augenblick durch Gefahren, Mühſeligkeiten und trotz ihrer Vernach⸗ läßigung gleich blieb, vor ſeinem Blick. Er fühlte ihr an's Herz um zu entdecken ob es noch ſchlug. Er ſuchte ſich ſelbſt zu überreden, ihr noch warmer Athem berühre ſeine Wangen, jedoch vergebens. Ein zartes Lächeln ſpielte immer noch auf ihren Zügen; ſeiner Berührung antwortete jedoch kein Herzſchlag mehr. Das dunkle Blut —— 12²¹ floß langſam aus ihren Wunden; ihr heroiſcher, lieben⸗ der Geiſt war entflohen; Azila war todt. Keiner von den Häuptlingen, ſelbſt nicht Selem's Vater näherte ſich ihm. Sie waren Zeuge der Scene geweſen und erkannten die traurige Geſchichte auf einen Blick. Er war lange in tiefem Schmerz über den leb⸗ loſen Körper gebeugt. Endlich wurde er durch den Deſerteur aufgeſchreckt. „Glauben Sie nicht, junger Häuptling, daß ich auch Urſache zum Schmerz habe? Erinnern Sie ſich nicht, wie ſehr ich das ſchöne und edle Mädchen liebte? Er⸗ kennen Sie mich nicht?“ „Ja, ja, ich erkenne Sie nun, mein Freund,“ er⸗ wiederte Selem, der in dem Fremden den Zigeuner⸗ Häuptling wieder erkannte, der ihm zu ſeiner Flucht aus Rußland behülflich geweſen war, nämlich den vermeint⸗ lichen Vater Azila's.„Sie haben in der That gerechte Urſache zum Schmerz um Ihre Tochter.“ „Sie ſtammt zwar von meinem Geſchlechte, iſt aber nicht meine Tochter, jedoch liebte ich ſie mehr als eine ſolche. Sehen Sie, ich verlor auf einmal zwei von meinem Geſchlechte, die auf eine ſolch grauſame Art ermordet wurden;“ und er zeigte auf den Leichnam von Javis, den er auf dem Pferde eines Erſchlagenen mitge⸗ bracht hatte.„Sie noch überdieß von ihrem eigenen Vater gemordet; doch erfuhr er es erſt als es zu ſpät war, worauf Tollheit ſein Gehirn ergrieff; dieſer arme Junge verdient aber auch unſer Mitleid, denn ich kenne ſeine tiefe aber hoffnungsloſe Liebe für Azila, um deren willen er Ihnen folgte.“ „Was ſagen Sie, mein alter Freund?“ ſagte Se⸗ lem, indem er ſich vom Boden erhob auf dem er geknieet war;„durch welches fremde Schickſal kamen Sie dazu, dieſe ſchreckliche Geſchichte zu erfahren? und welcher wun⸗ derbare Zufall führt Sie in dieſem Augenblick hierher?“ „Es mag außerordentlich erſcheinen, daß ich hier bin, und doch war mein Schickſal ſchon ſo beſtimmt, als 122 wir uns das erſtemal unter meinem Zelte in Rußland begegneten. Sie waren, ohne daß Sie es ſelbſt wußten, das Werkzeug, das mich hierher brachte. Die letzte Urſache war dieſe: es wurde entdeckt, daß ich Ihr Ent⸗ weichen aus Rußland unterſtützt hatte, worauf ich und alle meines Stammes, die gefunden werden konnten er⸗ griffen und verdammt wurden, in den Reihen der ruſ⸗ ſiſchen Armee im Kaukaſus zu dienen. Azila's Geſchichte habe ich allein mit dem Zwerge Ladislau von ihrer Ge⸗ burt an gekannt. Er war eine weitere Urſache dieſer Begebenheiten. Wie Sie ſich wohl erinnern werden, machte ihn der Baron immer zur Zielſcheibe ſeines Witzes und behandelte ihn mit Verachtung; er dachte nicht daran, welche tiefe Gefühle von Haß und Rache in der Bruſt dieſes kleinen Geſchöpfes Wurzel faßten. Ein liebliches Mädchen unſeres Stammes, deren ſanfte Stimme den ſtolzeſten des Adels von Moskau feſſelte, gewann das Herz des hochmüthigen Barons; und verblendet durch ſeinen Rang und ſein Vermögen willigte ſie in einem unglücklichen Augenblick ein, ihre Freiheit zu vertauſchen, um das ſklaviſche Weib eines tyranniſchen Herrn zu wer⸗ den. Sie betrauerte bald ihre Freiheit und ſeufzte über das elende Loos, das ſie thörichterweiſe gewählt hatte; und als ihr Gemahl ihre Reize nicht mehr bewunderte, behandelte er ſie mit Grauſamkeit und Verachtung. Doch bemächtigten ſich eiferſüchtige Gefühle der Bruſt des Ty⸗ rannen und er ſieng an mit verdächtigen Augen auf eine unſchuldige Tochter zu blicken, die ſie ihm eben geboren hatte. Die Frau des Barons ſtarb mit gebrochenem Herzen, und Ladislau brachte, um ſich an dem Tyrannen zu rächen, das Kind weg, überlieferte es mir und ließ mich ſchwö⸗ ren, daß ich die Geſchichte nicht vor ſeinem Tode ent⸗ hüllen wolle, und dieſen vernahm ich noch ehe ich Ruß⸗ land verließ. Um ſie von einem Leben von Knechtſchaft und Vernachläßigung zu retten, beſchloß ich, ſie als meine eigene Tochter anzunehmen, und alle mir zu Gebot ſtehen⸗ 12³ den Mittel anzuwenden, um ſie gut zu erziehen. Ihr Verſtand und ihre Figur bildeten ſich aus wie ich es nur wünſchen konnte, und ich gewann ſie ſo lieb wie nur ein eigenes Kind; und als ſie einſt meine Zelte be⸗ ſuchte, ſchien ſte eine ſolche Freude an der wilden Frei⸗ heit unſeres Lebens zu finden, daß ich mich nicht mehr von ihr trennen konnte; ich beabſichtigte jedoch nach Ladislau's Tod ihrem Vater Kenntniß von ihr zu geben und ſie in Rang und Vermögen wieder einzuſetzen. Als Sie in unſere Zelte kamen, hoffte ich durch Sie, da ich wohl wußte, daß Sie nicht ihr Bruder waren, auf irgend eine Art meinen Zweck zu erreichen und ich dachte nicht daran, daß eine ſo tiefe Liebe für Sie im zarten Buſen dieſes Mädchens keimte.“ „Wie konnte ich ſo blind und ſtumpfſinnig ſeyn!“ rief Selem im Tone des bitterſten Schmerzes,„daß ich ſie nicht früher trotz ihrer Verkleidung erkannte; denn jetzt da ſie auf immer für mich verloren iſt, fühle ich wie innig ich ihre Liebe erwiedert hätte.“ Er knieete wieder zu ihr nieder und er grieff ihre kalte lebloſe Hand:„Meine treue bis in den Tod ergebene Azila! Dein Mörder hat meine Schuld der Wiederver⸗ geltung gegen unſere tyranniſchen Feinde hundertfach ver⸗ mehrt. Ja Geliebte, ich ſchwöre noch einmal Deinen Tod an jedem dieſer verfluchten Race, der ſeinen Fuß auf unſere Küſten ſetzt, zu rächen. Seyen Sie Zeuge mein Freund, ich lege meinen Eid vor dieſem Bilde ab, das ſo ſchön iſt als es die Natur je erſchaffen hat! dieß ſoll das Zeichen ſeyn! wo das Kampfgewühl am dich⸗ teſten iſt, will ich dieſe Seiden⸗Locke hin tragen. Er küßte ihre bleiche Stirne und ſchnitt mit ſeinem Dolche eine von ihren ſchwarzen Locken ab, die er durch die Gleiche ſeiner Kettenrüſtung zog. Er knieete noch einige Augenblicke ſtillſchweigend über dem butenden Kör⸗ per, dann erhob er ſich und bot dem Zigeuner⸗Häuptling ſeine Hand. 1 „Willkommen mein Freund in dem Lande, das ich 12⁴ mein eigenes nenne. Ich kann nun hoffen, Ihnen Ihre Gaſtfreundſchaft erwiedern zu können.“ „Wenn meine Dienſte angenommen werden, ſo biete ich Hand und Herz der Sache der Patrioten an. Ich wäre ein guter Unterthan Rußlands geblieben, wenn ſie es mir erlaubt hätten; nun haben ſie aber mich und meinen Stamm zu Todfeinden gemacht; denn ich zweifle nicht daran, daß alle von meinem Volk die erſte Ge⸗ legenheit zu entweichen ergreifen werden, wenn ſie hören, daß ich auf der Seite der Tſcherkeſſen bin; und von ganzem Herzen werden ſie ſich vereinigen, um den Tod des armen Mädchens zu rächen.“ „Es war eine barbariſche That,“ rief Selem, indem er einen ſchmerzlichen Blick auf die ſelbſt im Tode noch ſchönen Züge Azila's warf. Arslan Gherrei näherte ſich nun ſeinem Sohne;„gebe Dich nicht zu ſehr dem Schmerz über den Verluſt dieſes ſchönen Mädchens hin, mein Sohn. Ich weiß Deine Gefühle wohl zu würdigen; zeige Dich aber ernſt als Krieger unter Deinen Landsleuten. Denke nicht an Schmerz, ſo lange wir noch Schwerter in der Hand haben um unſere Feinde zu rächen. Das arme Mädchen ſoll auf angemeſſene Art beſtattet werden; wir wollen ſie der Sorge Ina's überlaſſen, die mit ihren Freundinnen über den Verluſt ihrer Schweſter trauern wird.“ „Du haſt Recht, mein Vater,“ rief Selem,„„Keiner ſoll von nun an eine Thräne weder der Freude noch des Schmerzes in meinem Auge ſehen, bis der geringſte Fleck unſeres geliebten Landes von dem letzten Ruſſen befreit iſt, oder bis die Todeswunde kommt und mich in das Grab eines Kriegers bringt.“ „Mein Sohn, Deine Worte machen das Herz Dei⸗ nes Vaters ſtolz ſchlagen,“ ſagte der Häuptling,„und Du biſt unſeres koniglichen Geſchlechtes werth. Sehe, iſt jene Ausſicht dort nicht hinreichend, die Bruſt eines jeden Feindes von Rußland zu erfreuen?“ Selem wandte den Blick in der Richtung hin, welche — 125 ſein Vater anzeigte, wo der Boden vor den ruſſiſchen Verſchanzungen mit Todten ganz angefüllt war; ſo ſchnell und ſicher hatten die tſcherkeſſiſchen Säbel ihr Werk unter den von paniſchem Schrecken ergriffenen Ruſſen gethan. Nur wenige von ihnen hatten das Thor erreicht, und von denen, welche dem erſten wilden Anlaufe entgiengen, wurden viele durch die Kartätſchen und Granaten, welche von ihren eigenen Landsleuten abgefeuert wurden, nie⸗ dergeſchmettert. Auch von den Tſcherkeſſen waren viele gefallen; Keiner war jedoch auf dem Schlachtfelde zu⸗ rückgelaſſen worden; jeder Reiter ergrieff ſeinen verwun⸗ deten oder erſchlagenen Kameraden und brachte ihn auf ſeinem Pferde weg. Die Bande von Kriegern, die in dem Walde ver⸗ ſammelt war, von welchem aus man das Fort über⸗ ſchaute, hielt die Garniſon in einem beſtändigen Allarm; weil man jeden ſogleich erblickte, der ſich dem Saume des Waldes näherte. Es wurde nun Kriegsrath gehalten. Der Hadji machte den Vorſchlag noch einmal über den Feind her⸗ zufallen und zwar plötzlich aus dem Verſtecke hervorzu⸗ brechen, ohne den Feind vorher zu warnen, und dann trotz des etwaigen Kugelregens die Verſchanzungen zu erſteigen. „Mashallah!“ rief er;„ſie ſollen bald ſehen wie wenig ſie ihre großen Kanonen nützen, wenn wir ihnen einmal auf dem Halſe ſind, denn ſie können weder ſchla⸗ gen noch beißen.“ Selbſt Selem, der gewöhnlich ebenſo vorſichtig als verwegen war, unterſtützte gern den Vorſchlag ſeines alten Freundes; und Alp war eifrig bemüht viele von ſeinen Gefährten zu bereden, daß ſie ihn begleiteten. Der Vorſchlag wurde jedoch von Arslan Gherrei und den klugeren Anführern mißbilligt, welche den Verſuch als eine Tollkühnkeit betrachteten, da ſie das Fort ja bereits ſo ſtark mit Kanonen beſetzt gefunden hatten; keiner von ihren Kriegern war gefallen außer durch das 126 zerſtörende Feuer der Kanonen. Zuletzt kam man über⸗ ein das Fort erſt ſpäter einmal zu ſtürmen, wenn die Garniſon nicht vorbereitet ſey, ſie zu empfangen. Selem überwältigte ſeinen Schmerz und ſtellte den Umſtehenden den Zigeuner⸗Häuptling als Pflegvater des erſchoſſenen Mädchens vor, indem er ihnen zugleich ſeine Geſchichte erzählte. Da kein weiterer Grund vorhanden war ſich länger aufzuhalten, ſo ſchickte ſich die Bande von Kriegern an, den Schauplatz ihrer Thaten zu ver⸗ laſſen; die Deli Khans jagten voran und ſchwangen ihre Schwerter höhniſch als Abſchiedsgruß gegen ihre Feinde. Selem ſtand neben Azila's Leichnam. Der Zigeuner näherte ſich ihm. „Ueberlaſſen Sie mir das Amt dieſe Ueberreſte zu tragen,“ ſagte er;„für Sie möochte es eine zu ſchwere Aufgabe ſeyn.“ Selem leiſtete keinen Widerſtand; der Zigeuner hüllte daher den Leichnam in ſeinen Reitermantel und legte ihn vor ſich hin auf ſeinen Sattel. Ein Diener Arslan Gherrei's trug auf gleiche Weiſe den Leichnam von Javis; Thaddeus ritt neben Selem hin, und gab ſich vergebliche Mühe dieſes tief verwundete Herz zu tröſten. Nachdem ſie eine Strecke weit geritten waren, trennte ſich die Geſellſchaft; viele kehrten in's Lager zurück, und einige wenige, unter welchen anch Alp war, begleiteten Selem in das Thal von Abran Bashi. 127 2— 4 Eilftes Kapitel. Gerührt durch Muſik und die traurige Scen Kein einziges Auge blieb thränenleer. Auſf Die Schwerter ſich ſtützend, verhüllten die Krieger Die Augen; die Frauen mit weicherer Seele Die brachen in lautes Gejammer. Campbell. Es war ein trauriger, betrübter Zug, der in das Thal von Abran Bashi zurückkehrte, das vor wenigen Tagen noch der Schauplatz des Hochzeitsfeſtes und all⸗ gemeiner Freude war. Selem hatte einen Boten vor⸗ ausgeſchickt, um ſeiner Schweſter die Nachricht von ſeiner Rückkehr und eine Erzählung der traurigen Cataſtrophe, welche vorgefallen war, zu überbringen. Als der Zug ſich dem Hauſe des Häuptlings näherte, kam ſie mit ihren Frauen und noch mehreren anderen aus dem Dorfe demſelben entgegen; in ihre Hände wurden nun die Ueberreſte der erſchoſſenen Azila übergeben. Der Zigeuner naͤherte ſich Selem, der ſich, nachdem er ſeine Schweſter umarmt hatte, in den Wald zurück⸗ gezogen hatte, um ſich ungeſtört ſeinem Schmerz über⸗ laſſen zu können. „Junger Häuptling,“ ſagte er,„wo ſoll mein ar⸗ mes Kind beerdigt werden?“ Wie traurig, wie unangenehm mußten dieſe Worte Selem's Ohr berühren! Wie viele ſchmerzliche und be⸗ trübte Gedanken rufen ſie überhaupt hervor? Die Ent⸗ fernung eines geliebten Gegenſtandes aus unſerem An⸗ geſicht— die traurige Wirklichkeit des Todes, den man vorher als ein entferntes Ziel betrachtete! „Ich bin der Anſicht, daß es ihren Neigungen am angemeſſenſten wäre, ſie an einen abgeſonderten ſtillen Ort zu legen, wo ihr Geiſt, der in dieſem Leben raſtlos bewegt war, Ruhe finden koͤnnte.“ NX 1 128 „Mein Freund,“ erwiederte Selem,„hier in det Nähe iſt ein Hain, der dem einen großen Geiſte geweiht iſt, den wir Alle anbeten, was auch ſonſt unſer religjöſer Glauben ſeyn mag. Niemand nähert ſich dieſem Orte mit unehrerbietigen oder leichtſinnigen Gefühlen; dort ſoll Azila ruhen.“ „Einen ſolchen Ort würde ſie ſich ſelbſt gewählt haben,“ antwortete der Zigeuner.„Und an ihre Seite wollen wir den armen Javis legen. Er verdient es wohl an ihrer Seite zu ruhen, denn er wäre jetzt noch am Leben, hätte er ſich nicht vor ſie geworſen um den Schuß aufzufangen.“ „Er war ihr bis zum letzten Augenblick treu er⸗ geben,“ ſagte Selem,„und doch war der Tod ein glück⸗ licheres Schickſal für ihn. Aber, mein Freund, ſprechen wir nicht mehr über dieſen Gegenſtand. Es geziemt uns als Männern bald wieder auf den ſtürmiſchen Kriegs⸗ ſchauplatz zu eilen. Wiſſen Sie, wo die Leute Ihres Stammes ſtationirt ſind, damit wir uns beſtreben könn⸗ ten, ihnen zu ihrer Entweichung vom Feinde behülflich zu ſeyn? Sie werden von meinen Landsleuten mit offenen Armen empfangen werden, und Sie können Ihre früheren unabhängigen Gewohnheiten und Ihre freie Lebensweiſe auch unter uns fortſetzen. Sie werden hier keine tyranniſchen Geſetze finden, welche Sie beſchrän⸗ ken, wenn Sie ſich in die einfachen Sitten und Gebräuche meines Volkes ſchicken; und Sie können wieder das Oberhaupt Ihres Stammes werden.“ „Das kann nicht ſeyn,“ antwortete der Zigeuner. „Mein Stamm iſt gebrochen und zerſtreut; obgleich die Wenigen, welche aus ruſſiſcher Knechtſchaft entweichen können, mir wie früher gehorchen werden. Wo ſind aber unſere Frauen und Kinder? Wo unſer Vieh und unſere Zelte? Ich und mein Volk werden unter Ihnen dienen. Wohin Sie gehen, werden wir auch gehen, und wir werden Ihnen bis in den Tod treu und ergeben ſeyn.“ 12²9 „Ich könnte mir nie einen ergebeneren Diener wün⸗ ſchen als Javis war,“ antwortete Selem.„Und ich bin überzeugt, daß Sie mir eben ſo treu ſeyn werden. Deß⸗ halb gehe ich den Vertrag, den Sie vorſchlagen, mit Freuden ein.“ Nachdem ſie einige Zeit gegangen waren, klangen die Töne einer ſchwachen klagenden Melodie durch den Wald und erreichten ihr Ohr; als ſie zurückkehrten, fanden ſie eine Gruppe verſchleierter Mädchen um einen offenen Sarg herum ſtehend, in welchem der Leichnam Azila's lag, die nur in einen tiefen Schlaf verſunken ſchien. Sie wurde noch einmal, ehe ſich die Erde für immer über ihr ſchloß, in die Tracht ihres Geſchlechtes ge eidet. In ihrem Haare wurde ein weißer Schleier befeſtigt, der auf beiden Seiten ihres bleichen Geſichts herabhieng, wodurch ſie noch mehr einer ſchönen in Marmor ge⸗ hauenen Bildſäule gliech. Ihre Hände waren auf der Bruſt gefaltet, auf welcher eine Roſe angeheftet war; ein weißer Rock umhüllte ihre Figur, und ſie ruhte auf friſchen im Walde und auf der Wieſe gepflückten Blumen, welche in den Sarg geſtreut waren. Die Mädchen, die weinende Ina an der Spitze tru⸗ gen den Leichnam, indem ſie klagende Weiſen ſangen, in langſamem Schritte weiter; während ein bejahrter Minneſänger, welcher dem Zuge vorausgieng, in Zwi⸗ ſchenräumen zu den Tönen ſeiner Harfe eine Erzählung ihres Todes ſang. Hierauf folgte eine Bande von jun⸗ gen Männern, welche den in ein Sterbekleid gehüllten Leichnam von Javis in einem offenen Sarge trugen; am Ende eines jeden Verſes vereinigten ſich ihre Stimmen im Chor mit denen der Mädchen. Hierauf folgten Selem, Thaddeus und mehrere andere Jünglinge und Mädchen des Dorfes, welche den vorhergehenden Tag daſſelbe trau⸗ rige Amt an denen vollzogen hatten, welche in dem Kampfe mit dem Khan gefallen waren. Als der Trauerzug den geweihten Hain erreichte, wo Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling, III. 9 13⁰ bereits die Gräber gegraben waren, fanden ſie dort den ehrwürdigen Aelteſten des Thales auf ihre Ankunft war⸗ tend; und als die Leichname dieſer beiden jungen Weſen in ihre letzte Ruheſtätte hinabgeſenkt waren, ſprach er Ge⸗ bete zu dem großen Geiſte um baldige Verſetzung ihrer Seelen in die Räume der Seligen und um eine glückliche Unſterblichkeit; welcher frommen Bitte ſich die ganze Ver⸗ ſammlung ehrfurchtsvoll anſchloß, Die Gräber der Verſchiedenen waren neben einander unter dem Schutze eines überhängenden Felſens, der ſich frei aus dem Berge erhob. Zwei Bäume bogen ſich über dieſen Ort und beſchatteten ihn mit ihren Zweigen. Ein kleiner, behauener Stein wurde an jedes Grab obenhin geſetzt, und die Mädchen hiengen an die Bäume Kränze von wilden Blumen. Das fremde Maͤdchen ſchläft ruhig in ihrem frühen und blutigen Grab; ihr Name iſt jedoch nicht aus der Erinnerung der Hochländer verſchwunden. Ihre roman⸗ tiſche Geſchichte und ihr trauriges Loos ſind in ihren Lie⸗ dern, und in vielen ihrer kunſtloſen und melancholiſchen Balladen wiedergegeben, zu welch letzteren ſie leider gar viel Stoff haben. Die, welche gekommen waren um die Begräbniß⸗Cere⸗ monie zu verrichten waren gegangen, und es blieb nur noch ünſer Held. Er uberließ ſich ſeinen Gedanken am Grabe derjenigen, die ihn ſo hoch verehrt hatte, und welche er zu ſpät erſt zu lieben gelernt hatte. Er hörte neben ſich ſeuf⸗ zen und als er umblickte, ſtand ſeine Schweſter neben ihm; er ergrieff ihre Hand, jedoch ohne zu ſprechen. Das letzte Leichenbegängniß, dem er beigewohnt hatte, war das ihrer Mutter geweſen, und alles was ſie ihm ſterbend anbefoh⸗ len hatte, trat nun, da ſein Herz von Kummer erweicht war, von Neuem vor ſeine Seele. Selem hatte ſeither gefühlt, daß er einer von den großen ihm auferlegten Aufgaben nicht nachgekommen war, nämlich der Begeiſterung in der Sache der Reli⸗ gion. Er hatte wirklich nie tief über den Gegenſtand 131 nachgedacht; und wie konnte er, ſo lange er in einen blutigen, rachevollen Krieg verwickelt war, ein Apoſtel eines Glaubens ſeyn, der Frieden und Liebe gegen Je⸗ dermann predigte? Hatte er nicht geſchworen, ſein Schwert nicht ruhen zu laſſen, ſo lange noch ein bewaff⸗ neter Ruſſe in ſeiner Nähe weilte? Wie konnte er auch ſeinen Landsleuten eine Religion als Muſter aufſtellen, welcher ihre Feinde anhiengen, die jedoch alle Vorſchrif⸗ ten, welche dieſelbe giebt, offen durch den ungerechten Vertilgungskrieg gegen die Freiheiten ihres Landes brachen? Er wußte, daß ſie über ſeinen Unterricht ſpöttiſch gelacht hätten, wenn er ihnen keine überzeugenderen Gründe als dieſe Beiſpiele anfuhren konnte, und daß ſie ihn wegen ſeiner Thorheit einen Glauben vorzuſchlagen, der ſeinen Bekennern ſolche Handlungen erlaubte, wie ſie ſich ihre Feinde gegen ſie zu Schulden kommen ließen, verachtet hätten. Er fühlte jedoch, daß ſich ſeine Schweſter nicht durch dieſe Betrachtungen verführen laſſen werde, wenn ſie hörte, daß dieß der Glaube war, in welchem ihre Mut⸗ ter ſtarb; und daß es der letzte Wunſch ihres Herzens war, ihre Tochter möͤchte denſelben annehmen; er hatte alſo gerechte Hoffnung, ſte mit Hülfe von ſolchen Grün⸗ den von der Wahrheit und Schönheit deſſelben zu über⸗ zeugen. Er wußte nicht, welchen mächtigen Advokaten ſeiner Sache er in Thaddeus hatte. Seine einzige Hoff⸗ nung in Hinſicht auf ſeine Landslente im allgemeinen blieb die Thatſache, daß das Chriſtenthum, obgleich in einer ſehr entfernten Pexiode der Glaube ihrer Voreltern geweſen war; daß das Zeichen deſſelben immer noch im Lande verehrt wurde, und daß ſie im allgemeinen ihre alten Gebraͤuche ſehr in Ehren hielten. Sein großer Gegner, der Islam, hatte nur ſchwache Wurzel bei ihnen gefaßt; und ſie nahmen gewiß eher einen Glauben an, der ihnen beſſer begründet erſcheinen mußte, wenn ſie überzeugt waren, daß es der Glaube ihrer Voreltern 9* 1³² war, und daß die Zeichen deſſelben immer noch unter ihnen exiſtirten. Selem ergrief Ina's Hand, und gieng allein und anfangs ſtillſchweigend mit ihr weiter. Endlich ſagte er: „Ich habe Dir viel mitzutheilen, und habe vielleicht nur kurze Zeit zu dieſem Zwecke; denn ich weiß nicht, wie bald ich aufgerufen werde, mein Blut als Opfer für die Freiheiten unſeres Landes hinzugeben, und gerne wollte ich den Tod erleiden, wenn er für ein ſo theures Weſen, wie Du mir biſt, erſprießlich ſeyn kann.“ „Ol ſpreche nicht von Tod, theurer Selem; der Gedanke daͤran bricht mir ſchon das Herz,“ rief Ina. „Habe ich Dich eben erſt gefunden, um Dich gleich wieder zu verlieren? Der edle Geiſt unſeres Vaters würde einem ſolch heftigen Schlage erliegen.“ „Mache Dir keinen Kummer, theure Schweſter! Gedanken an den Tod bringen den gefürchteten Tyrann nicht näher, ſo wenig, als die eitle Hoffnung, daß er uns nicht erreichen kann, uns vor ſeinen nie fehlenden Pfeilen ſicherer ſtellt. Ich ſprach blos, was jeder Krie⸗ ger fühlen muß, wenn er täglich ſeine Freunde an ſeiner Seite niederhauen ſieht; dieß macht ihn jedoch nicht weniger tapfer und kühn, obgleich er weiß, daß nun die Reihe zu fallen an ihn kommen kann. Ich wünſche jedoch nicht, zu ſterben; und um Deinetwillen, meine Schweſter, möge der Himmel mir ein langes Leben ſchenken, und meine geringen Kräfte für die Sache un⸗ ſeres Landes bewahren! Aber, Ina, der Gegenſtand, über den ich mit Dir ſprechen wollte, iſt nicht der Tod, ſondern das Leben. Ich bringe Dir eine Botſchaft von unſerer hingeſchiedenen Mutter, mit welcher ich ſchon zu lange geſäumt habe. Du, ihr ungekanntes Kind, das ſie meiner Sorge anvertraute, im Fall es mir gelin⸗ gen ſollte, Dich zu entdecken, beſchäftigteſt ihre Ge⸗ danken noch im letzten Augenblick.“ Sie hatten das früher beſchriebene Kreuz im Haine erreicht, auf welches Selem nun hinzeigte. 1³³ „Weißt Du, Ina, warum und durch wen dieſes Kreuz hierhergeſetzt wurde?“ „Ich dachte wenig daran, warum?“ entgegnete ſie. „Vielleicht durch unſere Voreltern, ehe Allah und ſein Prophet in unſerem Lande bekannt war.“ „Ja, es wurde ohne Zweifel durch unſere Väter geſetzt,“ erwiederte Selem;„aber als Sinnbild eines reinen, heiligen Glaubens, von welchem ihre Kinder wieder weit abgekommen ſind. Es iſt das Sinnbild eines Glaubens, in welchem unſere Mutter ſtarb, in wel⸗ chem ich auferzogen wurde, und in welchem ſie mir auf⸗ trug, Dich zu unterrichten. „Was!“ rief Ina.„Giebt es noch mehr Glaubens⸗ bekenntniſſe als das, welchem vor Kurzem noch das ganze Land anhieng und den Glauben Mahomets— den ich ffr den einzigen Weg hielt in das Paradies zu kommen?“ 3„Ja wohl, Ina, es giebt noch viele verſchiedene Religionen in der Welt,“ antwortete Selem;„aber nur eine iſt wahr und ächt. Dieſe wurde lang vorher auf⸗ geſtellt, ehe Mahomet ſeine Lehren predigte; und ihre Grundſätze ſind ſehr, ſehr verſchieden von jenen. Seiner Religion liegt in der That auch etwas Wahres zu Grund, er kannte das große unendliche, allmächtige, allwiſſende Weſen an, das unſere Landsleute mit einem Glauben an das Nachfolgende, verehrten. Auf dieſem Grunde errichtete er ſodann ein Gebäude von ebenſo groben als unwahrſcheinlichen Irrthümern; er richtete ſeine Lehren eben ſo ein, daß ſie den wilden Horden gefielen, über welche er Macht zu gewinnen hoffte. Sein Ziel war Eroberung. Er verſprach denen, welche im Kampfe für ſeine Sache fielen, eine ruhige Verſetzung in die Reiche der Seligen; und ſein Paradies malte er als den höchſten Genuß ſinnlicher Vergnügungen, wie ſie ſeine Anhänger auf der Erde am meiſten liebten, und beſtimmte euch, dem ſchöneren Theile des Menſchengeſchlechts, dieſelbe Stelle niederer Unterwürfigkeit, in welche er euch in dieſer Welt verſetzen wollte. Um ſein großes Ziel— 134 perſoͤnliche Größe— zu erreichen, predigte er Vernich⸗ tung gegen alle, welche ſeinem Glauben nicht anhiengen oder mit anderen Worten, ſeine Herrſchaft nicht aner⸗ kannten. Er fand, daß die Frauen nichts zu Erreichung ſeines Zweckes beitragen konnten; deßhalb ſagte er, ſie ſeyen geſchaffen, um die niederen Sklaven des männlichen Willens zu ſeyn.“ „Dieß theure Schweſter iſt die Religion, welche die Türken in unſerem Lande einzuführen ſuchten, und die ſchädlichen Folgen davon ſind bereits fühlbar. Nun merke die Verſchiedenheit der Religion des Kreuzes. Sie ſchärft Friede und Liebe gegen Jedermann ein. Sie malt einen Himmel von unausſprechlicher Seligkeit, die frei von allen niederen ſinnlichen Leidenſchaften des Lebens, rein und ewig iſt. Sie macht die Frau zur Ehehälfte, zur Gefährtin, zum Rathgeber des Mannes und ſtellt ſle ihm gleich. Sie ruft alle die edleren Gefühle unſerer Natur hervor. Sie reinigt die Liebe, heiligt die Hei⸗ rath, ſteigert den wahren Muth und bringt eine feſte uneigennützige Freundſchaft hervor.“ „Ah! welch ſchöne Religion muß dieß ſeyn, mein Bruder!“ rief Ina, indem ihre Augen einen Ausdruck von Ehrfurcht annahmen, und ihre Wangen ſich leb⸗ haft rötheten.„Ich habe mich oft gewundert, daß ein großer Geiſt, den man gerecht und gut nennt, die eine Hälfte der Menſchen zu Stlaven der anderen gemacht haben ſoll; nun ſehe ich aber, daß nicht Er es iſt, der ungerecht war, ſondern daß der Mann herrſchſüchtig und ſchlecht wurde. O! ich kann nicht mehr glauben, daß Mahomet ein ächter Prophet war!“ „Ina, Deine Warte freuen mich,“ rief ihr Bru⸗ der.„Ich finde meine Aufgabe bereits vollbracht, wenn Du ſo ſprichſt. Der große Geiſt ſandte wegen der Gott⸗ loſigkeit der Welt einen Auserwählten vom Himmel auf die Erde, welche jene das reine und heilige Geſetz lehren ſollte. Chriſtus liebte die Menſchen ſo ſehr und betrübte ſich dergeſtalt über ihre Sünden, daß er es trotz ſeiner 135 Macht zugab, daß er an's Kreuz geſchlagen wurde durch diejenigen, deren gottloſe Gebräuche er umzuſtürzen kam. Seine Verehrer gebrauchten daher dieſes Zeichen um ſich an ihn zu erinnern, der um ihretwillen ſtarb, und in dieſem Haine, auf dem Flecke, wo wir nun ſtehen, haben unſere Väter das Kniee zur Anbetung dieſes wohlwollen⸗ den Weſens gebeugt.“ „O, mein Bruder,“ ſagte Ina.„Wie gerne höre ich Dich ſo ſprechen; denn ich fühle und erkenne, daß Deine Worte die der Wahrheit ſind!“ „Ich glaube daran,“ antwortete Selem.„Und mein höchſter Wunſch iſt, daß nicht allein Du, ſondern auch alle unſere Landsleute dieſen Glauben annehmen möchten. Er wäre ein ſicheres und feſteres Bollwerk gegen unſere Feinde als alle fremde Hülfe. Das Bewußt⸗ ſeyn, daß unſere Sache gerecht iſt, würde ihnen einen feſteren Glauben an den Gott der Gerechtigkeit geben. Dieſer Glaube würde ſie ferner von gehäſſigen Belei⸗ digungen gegen andere abhalten, denn er lehrt uns gegen Andere ſo zu ſeyn, wie wir wünſchen, daß Andere gegen uns ſeyn ſollen. Er wird ſie erleuchten und ihrem Ver⸗ ſtande mehr Feſtigkeit geben, denn er verbannt den Aber⸗ glauben und die Furcht vor ſchlimmem Omen. Er wird ihren Räthen Einheit und Kraft verleihen, denn ſie werden mehr Vertrauen zu einander haben, wenn ſie zu einer Brüderſchaft verbunden ſind, wie ſie es zu ſeyn wünſchen. Er wird ihnen die Kraft geben, Beleidigungen muthig zu tragen, denn ſie werden dieſelben als gutge⸗ meinte ihnen für ihre Sünden vom Himmel auferlegten Strafen betrachten; und auch im Sieg wird er ſie ge⸗ mäßigt zu ſeyn und denſelben als eine Gnade des Him⸗ mels zu betrachten lehren, die mit Dankgebeten von dem großen Geber ampfangen werden muß.“ Ina war einige Minuten lang in Gedanken ven⸗ ſunken.„Aber ſage mir Selem,“ hub ſie endlich an, wie kommt es, daß die Urus, von welchen Du dieſe Religion gelernt haſt, auf ſolche Art handeln? Wie 136 kommt es, daß ſie unſer Land angreifen, und diejenigen morden und plündern, welche ihnen nie ein Leid zuge⸗ fügt haben?“ „Du machſt einen Einwand, den ich vorherſah,“ erwiederte Selem:„es iſt jedoch keine Folge, daß eine Religion falſch iſt, weil die Anhänger derſelben ihre Vorſchriften nicht befolgen. Sie hat einen ſehr verſchie⸗ denen Einfluß auf ihre wahren Bekenner. Die Religion des Kreuzes iſt nicht weniger wahr, weil Männer, die ſich Anhänger derſelben nennen, gottlos ſind. Unter den Ruſſen iſt ſie ſo ſehr erniedrigt und verändert wor⸗ den und Aberglauben und Prieſterliſt haben eine ſolche Herrſchaft ausgeübt, daß ſie nun in einen verächtlichen thörichten Götzendienſt ausgeartet iſt. Das Evangelium verlangt einen einfachen, reinen und moraliſchen Lebens⸗ wandel, den jeder leicht begreifen und befolgen kann. So iſt die Religion, Ina, in welcher ich Dich unter⸗ richten möchte und in der ich ſelbſt durch einen guten, verſtändigen Mann unterwieſen wurde, der ſich frei von den groben Irrthümern und dem Aberglauben derer hielt, welche ihn umgaben. Die Ungerechtigkeit dieſes Kriegs, den die Ruſſen gegen uns führen, iſt in der That kein Argument gegen die Religion, von der ich ſpreche; denn es iſt ſchon zu häufig vorgekommen, daß mächtige Män⸗ ner ihren Vorſchriften geradezu entgegen handeln. Sie ſenden Armeen aus, welche Länder verheeren, Städte zerſtören, und Grauſamkeiten aller Art begehen, und welche nicht denken, daß ſie ſich dadurch als ſchlechte Verehrer eines milden vergebenden Glaubens erweiſen, da ſich das einzelne Individuum nicht für die Handlungen des Ganzen verantwortlich glaubt. Auf dieſe Art läßt ſich ein Volk, das ſich zu den civiliſirten und religiöſen in der Welt rechnet, Verbrechen zu Schulden kommen, wie ſie nur bei den wildeſten, barbariſchen Horden vor⸗ kommen, wenn ihr Intereſſe oder eine Leidenſchaft im Spiel iſt.“ An dieſem ſtillen Orte enthüllte der junge Tſcher⸗ 137 keſſe ſeiner ſchönen Schweſter die Wahrheiten ſeiner Reli⸗ gion und als ihr ungekünſtelter Verſtand ihn zu begreifen anfieng, faltete ſte die Hände aus Dankbarkeit, daß eine ſo ſchoͤne Einrichtung für das Wohl des Menſchenge⸗ ſchlechtes getroffen wurde. „O, mein Bruder,“ rief ſie,„als mein Herz über Deine Rückkehr freudig ſchlug, dachte ich nicht daran, daß Du mir auch eine ſo koſtbare Gabe bringen werdeſt. Welche neue ausgedehnte Ausſicht auf Glück haſt Du meinen Gedanken eröffnet! O, verlaſſe mich nicht Selem, bis Du mich alles gelehrt haſt, was ich lernen kann, denn ich möchte nun dieſe Religion nicht für Welten verlieren. Sie kommt mir vor wie ein werthvoller Juwel, den ich jeden Augenblick zu ver⸗ lieren fürchten muß, bis er vollkommen geſichert iſt. Und glaubt Thaddeus, glaubt Dein Freund auch an dieſe Religion?“ „Ja, er glaubt daran, Theuerſte,“ erwiederte Selem. „Es iſt jedoch ſchon lange Zeit, daß ich nicht mehr üͤber dieſen Gegenſtand mit ihm geſprochen habe. Ach! hier kommt er und kann ſelbſt antworten; ich ſehe ihn in Ge⸗ danken vertieft durch den Wald wandeln.“ Die zuneh⸗ mende Dämmerung verhinderte den Sprecher die tiefe Röthe zu ſehen, welche ſeine Ankündigung in Ina's Wangen trieb. Thaddäus war freudig überraſcht, als ſein Freund ſich ihm näherte und er ſah von wem der⸗ ſelbe begleitet war.„Mein Freund,“ ſagte Selem zu ihm,„ich habe eine Aufgabe unternommen, in wel⸗ cher Du mich, wie ich hoffe, unterſtützen wirſt, nämlich meiner Schweſter unſeren Glauben zu lehren, mit Ver⸗ meidung jedoch aller kitzlichen und thörichten Streit⸗ fragen.“ „Gern übernehme ich dieſe Pflicht und habe ſelbſt ein großes Intereſſe dabei, daß meine Unterweiſungen von Erfolg ſind,“ entgegnete Thaddäus.„Aber mein Freund, ich ſehnte mich danach, Dir ein Geheimniß mit⸗ 138 zutheilen, damit Du Dich nicht über Betrug und Ver⸗ rätherei beklagen kannſt.“ Ina fühlte ihr Herz ſchneller ſchlagen, da ſie die Worte vermuthen konnte, welche folgten. „Spreche Thaddaäͤus, was möchteſt Du mir eröͤff⸗ nen,“ ſagte Selem, indem er die Hand ſeiner Schweſter faßte. „Selem, mein Freund,“ erwiederte Thaddäus, Dir verdanke ich mein Leben und alles, was ich nun beſitze; obgleich ich Dir ſehr dankbar bin, möchte ich immer noch mehr verlangen. Ich habe die Erlaubniß Deiner Schweſter, zu ſprechen.“ Selem fühlte, daß Ina ſeine Hand drückte.„Von dem erſten Augenblicke an, da ich ſie ſah, fühlte ich, daß ich lieber ſterben würde, als auf⸗ hören ſie zu lieben oder erfahren zu müſſen, daß ſie mich nicht mehr liebt. Darf ich hoffen, daß Du unſere Liebe billigen und uns behülſlich ſeyn wirſt? wo nicht, ſo liefere mich wieder in die Hände der Ruſſen, von welchen Du mich erretteteſt.“ „Mein Freund! mein Bruder! Deine Worte machen mir eine aufrichtige Freude,“ rief Selem.„Glaube mir, daß ich mir alle Mühe geben werde, den Wünſchen der beiden Weſen, die mir am theuerſten auf der Erde ſind, zu entſprechen. Erinnere Dich aber, daß wir einen Vater zu befragen haben; obgleich ich nicht zweifle, daß er ſeine Tochter einem geben wird, ohne deſſen Hülfe er ſte ganz verloren hätte.“ „O, ich weiß, er wird es,“ ſagte Ina,„denn er liebt mich ſehr.“ 1 Unſer Vater iſt eben ſo gut als tapfer und es ſoll eine angenehme Aufgabe für mich ſein, Eure Sache bei ihm zu vertreten. Ich werde ihm ſagen, daß mein Freund von einem adligen und fürſtlichen Geſchlechte ſtammt, welches in ſeinem eigenen Lande Herrſchaften beſaß, ehe es von den Ruſſen überwältigt wurde. Was das Ver⸗ mögen betrifft, fehlt uns nicht; wir haben Ueberfluß an allem.“ 139 Bei dieſer Unterhaltung ſaßen die drei jungen Weſen unter den Bäumen des heiligen Hains bis der aufgehende Mond ſie an's Nachhauſegehen mahnte. In den heißen Klimaten des Oſtens folgen Lächeln und Lachen ſo ſchnell auf Thränen und Schmerz, wie Sonnenſchein auf einen Regenſchauer. Das Leben bietet mehr Aufregung und Gefahr; der Puls ſchlägt ſchneller; die Leidenſchaften ſind bälder erweckt, ſowohl die des Kum⸗ mers, als ſolche der Freude. Es iſt vielleicht mehr Genuß im Leben; dieſes iſt jedoch auch gebrechlicher und nützt ſich bälder ab, als in den kälteren Regionen des Nordens. Den folgenden Morgen waren die Bewohner des Frauengemachs in großer Bewegung, als die alte Kahija herbeihinkte, um Zara mit ihrem Hochtskleide zu ſchmuͤcken; denn ihr Bräutigam erwartete ihre Ankunft ungeduldig im Hauſe ſeines Vaters. Die alte Amme war, während Thränen aus ihren Augen ſtrömten, emſig damit beſchäftigt, ſie in einem langen weißen Schleier zu hüllen, der am Kopfe befeſtigt wurde, und ihre Figur gänzlich verbarg. „Meine theure Ina,“ ſagte das erröthende Mädchen, „Alp überredete mich geſtern Abend, Dich zu verlaſſen. Er ſagt, er müſſe bald wieder in jenen ſchrecklichen Krieg ziehen, und ſeine Mutter erwarte mich mit Sehnſucht in ſeiner Wohnung. Er wäre ungehalten, wenn ich nicht käme; er gebrauchte noch manche andere Argu⸗ mente, bis ich endlich einwilligte, trotz der Bemühungen meider guten alten Amme mich zum Gegentheil zu über⸗ reden.“ „Es thut mir leid, Dich zu verlieren, Theure; es wäre aber bös von Dir, den Unwillen der Mutter Dei⸗ nes braven Alp zu erregen,“ ſagte Ina lächelnd; indem ſie ihre Freundin auf die Wange küßte.„So mußt Du Dich eben in Dein Schickſal ergeben; ein ſchreckliches in der That, die Frau eines ſo muntern und hübſchen Jünglings wie Alp zu werden!“. „Ich wundere mich, daß der junge Ali Bey noch 14⁰ nicht hier iſt. Alp ſagte, er werde bald kommen; ich fürchte aber den ſtarken Galopp in ſeine Heimath.“ „Wir wollen an das Thor gehen und ſehen, ob er noch nicht kommt,“ ſagte Ina.„Biſt Du bereit, Theure?" Zara bedeutete ihr, daß ſie auf das ſchlimmſte was ihr begegnen könne, gefaßt ſey; und nun gingen die beiden Mäd⸗ chen hinaus, gefolgt von der alten Kahija. Sie hatten nicht lange zu warten, ſo kam der Bräutigam in ſeinem feſtlichſten Anzuge mit einem fröhlichen und ſchönen Zuge herbeigaloppirt. In einiger Entfernung von ihnen ſtiegen ſie alle ab, und banden ihre Pferde an, worauf er allein vorſchritt, die beiden Mädchen höflich grüßte, ſodann ſein Schwert zog, zu Zaras Füßen niederkniete und einen feierlichen Eid ſchwur, ſie mit ſeinem eigenen Leben zu vertheidigen und zu beſchützen. Dann hob er ſie, nach⸗ dem dieſelbe zuvor noch Ina und die alte Kahija geküßt hatte, ſorgfältig vor ſich auf ſein Pferd und galoppirte gegen die Domäne des Hadji Guz Beg fort. „Ach, es iſt eine zarte Blume,“ ſeufzte die alte Kahija,„ich werde ihren Verluſt lange betrauern. Was mich aber hauptſächlich ſo traurig ſtimmt, iſt der Ge⸗ danke an die Unterbrechung des Hochzeitfeſtes. Es iſt ein ſchlimmes Vorzeichen, das mir gar nicht gefällt. Ach! Ach! auf ſolche Dinge kommt nie etwas Gutes. Und geſtern noch ein ſo melancholiſches Leichenbegängniß! Und dann die wackeren Jünglinge, die bei dem Hoch⸗ zeitsfeſte durch den wilden Kban und ſein Gefolge ge⸗ tödtet wurden! Geben Sie Acht, es kommt immer noch etwas Schrecklicheres nach;“ und ſie zog ſich in das Frauengemach zurück, um in eine Fluth von Thränen auszubrechen. Vielleicht wäre ihr Ina gefolgt, wenn ſie nicht Thaddeus und ihrem Bruder verſprochen gehabt hätte, um dieſe Zeit mit ihnen zuſammenzukommen; ſie dachte bald daſſelbe Glück zu genießen, das, wie ſie hoffte, ihrer Freundin Zara zu Theil werden würde. 141 Zwölftes Kapitel. Hör durch die Ruh' der kalten dunkeln Nacht Geräuſch von Truppen, die in Haufen ſchaaren ſich. Sieh! dunkle Maſſen ſchleichen hin Sich längs der hohen Dämme Des ſchon beſetzten Bachs, indeß Der Sterne flackernd Licht die feuchten Dünſte, die In ſonderbaren Wolken ringeln ſich, durchdringt. Wie bald wird ſie der Hölle Dampf in tief're Nacht noch hüllen? Byron. Die große Menſchen maſſe, welche wie oben beſchrie⸗ ben wurde, an den Ufern des Ubin verſammelt geweſen war, hatte ſich längſt wieder in ihre Heimath zerſtreut, und war ungehalten darüber, daß keine größere Unternehmung zu Stande gekommen war, obgleich verſchiedene kühne An⸗ griffe auf die Ruſſen gemacht worden waren, mit ſtarken Verluſten auf beiden Seiten. Der kurze, aber ſtrenge Winter hatte nun ſeinen weißen Mantel über die nördlichen Provinzen Abaſiens geworfen; die Ebenen des Kuban glichen einem großen Tuche von blendender Weiße; und in weiter Ferne erho⸗ 4 ben fich die dunkeln ruſſiſchen Forts aus denſelben. Die Bäume, welche vor Kurzem mit dem reichen und ver⸗ ſchiedenartigen Laubwerk des Herbſtes bedeckt waren, gliechen nun fabelhaften Silberbäumen in einer Zauber⸗ landſchaft; ſie waren durch die Kälte eryſtalliſirt und hatten einen fremden und phantaſtiſchen Glanz. Eine tiefe und feierliche Stille herrſchte in den die Ebe⸗ nen beherrſchenden Wäldern. Man hörte keinen Vogel im Walde pfeifen. Hie und da nur konnte man die Fuß⸗ ſtapfen irgend eines Raubthieres erblicken, das über den Berg gegangen war, um ſeine Nahrung in den Suͤmpfen zu ſuchen. Der Kuban, welcher im Sommer ein Hauptvertheidigungsmittel der Ruſſen gegen die wohlgeleiteten Angriffe der Hochländer bildet, war nun 142 eine ebene und helle Eismaſſe und gewann jeden Tag noch mehr Dichtheit und Kraft. Die feindliche Armee hatte ſich, weil ſie viel von den Einflüſſen der Witterung litt, in ihre Winterquartiere zurückgezogen; und die Tſcherkeſſen, welche ebenfalls der Einkerkerung ihrer Feinde trauten, hatten den größeren Theil ihrer Wachen und Poſten eingezogen. Sie hattrn beſchloſſen, nicht angreifend zu Werk zu gehen, ſondern ihre Feinde womöglich zu überzeugen, daß ſie blos für Freiheit und Frieden kämpften. Eine allgemeine Ruhe ſchien über die Gegend ver⸗ breitet, welche noch kürzlich von den Stürmen des Krie⸗ ges in Aufruhr war. Die Krieger dachten dieſe kurze Ruhe zu genießen, bis mit dem rückkehrenden Frühling die nun eingeſperrten Feinde wieder losbrechen würden. Sie brachten ihre Zeit in ihren Familien zu, ſorgten für ihre Maiereien, oder ſtärkten und übten ſich durch die Jagd. Selem genoß einige Tage der Erholung von den Strapazen des Krieges in dem Hauſe ſeines bejahrten Verwandten, in der Geſellſchaft von Thaddeus und ſeiner Schweſter. Er freute ſich mehr und mehr über die ſchnelle Auffaſſungsgabe und den hohen Geiſt der letzteren; und dieſer wurde täglich noch mehr ausgebildet durch ihre Unterhaltungen mit ihrem Geliebten. Wie angenehm war dieſe Aufgabe des jungen Polen, dieſes ſchöne Ge⸗ ſchöpf zu unterrichten, das er bald ſein eigen zu nennen hoffte! Viele von den Bewohnern des Thales wunderten ſich darüber, daß zwei ſo tapfere und kühne Krieger, wie Selem und ſein Freund, Vergnügen daran finden konn⸗ ten, ihre Zeit mit einem einfachen Mädchen hinzubringen. „Allah!“ riefen ſie,„welche ſeltſamen Gebräuche müſſen ſie unter den Giaours gelernt haben!“ Sie wurden in ihren Studien durch den Eintritt der kleinen Sklavin Buda unterbrochen, welche die An⸗ kunft des Hadji Guz Beg melrete. Als ſie in das 143 Gaſthaus eilten, fanden ſie den alten Krieger in voll⸗ kommener Kriegsrüſtung und von ſeinem Sohne Alp begleitet, der ſich aus den Armen ſeiner Zara losgeriſſen hatte, um ſeinem Vater zu folgen. „Auf auf, mein Sohn,“ rief er,„das Schwert um⸗ gegürtet, und freuen Sie ſich, denn wir führen ein Werk im Schilde, das unſerer werth iſt. Dieſe verfluchten Ruſſen ſind nicht zufrieden damit, daß wir ſie in Ruhe laſſen; ſie machen einen Einfall in unſer Land und ſengen und brennen in unſeren Dörfern. Mashallah! wir wollen uns dafür an ihnen rächen. Ich habe Boten von vielen Häuptlingen, die ihren Anhang verſammeln; ſo wollen wir denn jetzt, da das Eis uns eine Brücke bietet, welche der Feind nicht leicht zerſtören kann, einen Zug in ihre Ländereien unternehmen, der ſie lehren ſoll, die unſrigen zu reſpectiren.“ „Wohin Sie mich auch führen, mein Freund, ich bin bereit zu folgen,“ antwortete Selem. „Mashallah! Ich zweifelte ntcht an Ihnen,“ rief dur Hadji,„denn wahrhaft es iſt kein Kinderſpiel, was wir vorhaben. Die Unternehmung wird in dieſer Zeit keine Luſtparthie ſeyn.“ „Nun, was haben Sie denn vor?“ fragte Selem. „Nichts geringeres als einen Angriff auf die Stadt Kislavosk,“ ſagte, er, indem er vor Freude in die Hände klatſchte wie ein Jüngling bei dem Gedanken an einen Feldzug.„Dieſe Ruſſen haben, wie man hört, ganze Heerden von Vieh in der Nachbarſchaft geſammelt, um ihre Feſtungen längs des Valdi⸗Kaukaſus zu provian⸗ tiren, und glauben ſich nun im ſicheren Beſitz deſſelben; wir werden ſie aber, wenn es mir nicht mißlingt, ihrer Mahlzeiten berauben.“ „Es wäre mir lieber, wir hätten etwas Edleres zu unternehmen, als blos einige Stück Vieh wegzuführen,“ ſagte unſer Held. „Ah, wenn Sie länger unter uns gelebt haben, werden Sie ein ſolches Werk nicht mehr verachten,“ rief 144 der Hadji.„Für was fechten Heere im allgemeinen? Um Gold und Silber zu gewinnen! Iſt nicht das Vieh für ein hungriges Volk bei weitem mehr werth und ſchwerer wegzuführen? Man macht oft ſeine Unter⸗ ſcheidungen, wo im Grunde keine beſtehen. Die Ruſſen nennen uns Räuber, weil wir im Galopp in die Gegend einfallen, die ſie uſurpirt haben, und alles wegführen, was uns in die Hände fällt, und ſie behaupten, einen geſetzlichen Krieg zu führen, wenn ſie unſere Dörfer und Felder verbrennen und zerſtören, weil ſie eine regelmäßige Armee mit Kanonen und Munition beſitzen, während wir nur unſere guten Pferde und unſere Schwerter haben. Solche Ideen ſind abſurd. Die Giaours werden eines Tages erleuchteter und civiliſirter werden. Wir werden jedoch genug zu fechten haben, um Sie zufrieden zu ſtellen; denn dieſe Urus werden ihre Nahrung nicht ſo leicht hingeben. Nein, nein, ſie werden ſich darum weh⸗ ren, wir werden aber bald mit ihnen fertig ſeyn. Wir haben jedoch keine Zeit mit Plaudern zu verlieren.“ „Ich werde bald bereit ſeyn, Ihnen zu folgen,“ antwortete Selem, indem er ſeine Waffen von der Wand nahm, und Karl befahl, ſein Pferd für die Expedition zu richten. Thaddeus folgte ſeinem Beiſpiele, obgleich er ſich ungern von ſeiner Geliebten trennte; denn er hatte ſich ſchon ſo ſehr mit ſeinen tſcherkeſſiſchen Freun⸗ den verbunden, daß er keine weitere Entſchuldigung vorbringen konnte, um zurückzubleiben. Es mußte ihm auch daran gelegen ſeyn, ihr Lob und ihr Vertrauen zu gewinnen, da nun für ihn ſelbſt der Erfolg ihrer Sache vom höchſten Intereſſe war. Alp war, obgleich er bedauerte ſeine ſchöne Zara verlaſſen zu müſſen, begeiſtert durch den Gedanken an eine ausgedehntere Unternehmung als die geweſen waren, welche er bisher mitgemacht hatte. Die Ausſicht auf den Ruhm, den er ſich unter ſeinem Vater erwerben konnte, und auch die Hoffnung auf reiche Beute für ſeine Geliebte waren weitere Anziehungspunkte. 145 „Mashallah!“ rief der Hadji;„wir werden Vieh genug wegführen, um ganz Abaſien für das ganze zu⸗ künftige Jahr damit zu verſehen.“ Ina bebie vor Furcht, als ſie hörte, daß ihr Bruder und ihr Geliebter im Begriffe ſtanden, ſie zu verlaſſen und eine ſo gefährliche Expedition mitzumachen, da ſie doch der feſten Hoffnung gelebt hatte, ſie werden den ganzen Winter über in Sicherheit zubringen. Sie erin⸗ nerte ſich aber, daß ſie ein Tſcherkeſſenmädchen war, und indem ſie dieſelben der Sorgfalt des Himmels empfahl, trennte ſie ſich von ihnen mit einem weinenden Lächeln und einem Gebet für ihre ſchnelle und fiegreiche Rück⸗ kehr. Sie begaben ſich, ehe ſie abreiſten, noch zu ihrem alten Wirthe, der ſeit einiger Zeit wegen Altersſchwäche und Unpäßlichkeit das Lager hüten mußte, und nahmen Abſchied von ihm. „Lebewohl, mein Sohn,“ ſagte er, ſich an Selem wendend.„Ehe Du zurückkehrſt, werde ich wohl zu meinen Vätern heimgegangen ſeyn; denn ich fühle, daß ich nicht mehr lange unter meinem Volke ſeyn werde, obgleich ich immer hoffte, noch vor meinem Tod den Frieden in meinem Lande hergeſtellt zu ſehen. Ich empfehle aber Deiner Leitung eine Abtheilung meiner auserleſenſten Jünglinge, denen ich den Beſehl gegeben habe, Dir zu folgen. Ich bin nun der letzte Häuptling meines Geſchlechtes; meine Söhne haben ihren Geiſt als Märtyrer der Sache ihres Landes hingegeben. Ich ſelbſt hätte Allah für das ruhmvolle Privilegium gedankt, auf dem Schlachtfelde ſterben zu dürfen, wie es einem Kriegsoberhaupte zukommt; aber auf dieſen Segen kann ich nun nicht mehr hoffen. Wenn ich nicht mehr ſeyn werde, wirſt Du mein Sohn Alp als Gemahl meines einzigen Kindes von den Aelteſten meines Volkes gewahlt werden, mir als ihr Anführer zu folgen, das heißt, wenn Du hinreichendes Alter und Erfahrung haben wirſt. Bis dorthin wird der edle Häuptling Arslan Gherrei ſie in Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling.l. 10 146 die Schlacht führen; und Dir Selem trage ich als einem Sohn unſeres Geſchlechtes auf, ſeine Intereſſen zu wah⸗ ren und zu bewachen; denn Dir würden zunächſt nach Alp meine Beſitzungen zufallen. Herrſcht feſt und ge⸗ recht, ſo wird man Euch gerne gehorchen.“ Die jungen Männer verſprachen feierlich, den Rath des alten Häuptlings zu befolgen. „Lebt wohl, meine Söhne,“ ſagte er,„ich fühle daß ihr es wahr und aufrichtig meint, und nun iſt meine einzige Hoffnung die, lange genug zu leben, um Euch ſiegreich von Eurer Expedition zurückkehren zu ſehen; und möge Euch der Himmel auf derſelben bewahren. Wie es der Häuptling verſprochen hatte, fand unſer Held, als er aus dem Hauſe trat, eine wackere Truppe von fünfzig jungen und verwegenen Reitern in voller Rüſtung— bereit ſeinen Befehlen zu gehorchen. Jeder Mann führte am Sattel Vorräthe mit, die bei ihren mäßigen Gewohnheiten auf mehrere Tage hinreichten. Sie waren in Röcke und Kappen von Fellen gekleidet und trugen über die Schultern dicke, große von der Näſſe und Kälte undurchdringliche Mäntel. Ihre Gewehre und Piſtolen waren gegen die Einflüſſe der Witterung wohl verwahrt; ferner hatten ſie noch ihre Dolche und lange Säbel bei ſich. Der Hadji und Alp, die auf ziemlich ähnliche Art über ihrer Kettenrüſtung gekleidet waren, ſetzten ſich mit Selem und Thaddeus, welche gleichfalls in Winterkleider gehüllt waren, an die Spitze des Trupps. Der für die Sammlung beſtimmte Platz war in einem Thale innerhalb der letzten Reihe von Bergen, welche die Kaukaſuskette bildet, ehe ſie ſich in die Ebene verliert, in der Nähe des Karafluſſes, der ſeinen Weg durch ein felfiges, enges Thal nimmt und ſich dann in den Kuban ergießt. Dorthin wandten ſie ihre Pferde und ritten in einem langſamen, ſteten Tempo, um ihre Pferde nicht zu ermüden, und ſie im beſtmöglichen Zu⸗ ſtande beim Angriff ſelbſt zu haben. Am Ende eines jeden Tages wurden ſie im Hauſe irgend eines Häupt⸗ 1 147 lings mit aufrichtiger Herzlichkeit empfangen. In jedem Orte und Weiler durch den ſie kamen, vergrößerte ſich ihre Bande durch zahlreiche Haufen von Freiwilligen, welche alle begierig waren, die Beute, die man ſich vom Feinde verſprach, zu theilen. Als ſie die Höhen erreichten, von welchen das für die Sammlunag beſtimmte Thal beherrſcht wurde, bot ſich ihren Blicken ein kriegeriſches Schauſpiel. Von allen Richtungen her ſah man Banden von Kriegern aus dem Walde herauskommen, Trupp auf Trupp folgte ſich, alle in kriegeriſcher Tracht; ſie zogen in langen Linien zwi⸗ ſchen den Felſen und Bäumen durch in das Thal hinab, wo ſie ſich in eine dichte Maſſe ſammelten. Ihre Banner flatterten luſtig im Wind; ihre Waffen glaͤnzten hell in den Sonnenſtrahlen, und der Reflex des Schnees ver⸗ mehrte noch dieſen Glanz; ihr lautes und fröhliches Geſchrei ſchallte durch die Lüfte. Als der Hadji und ſeine Bande herabkam, wurde er mit lautem Jubel bewillkommnet; und ſeine Stan⸗ darte wurde als eine von den Hauptanführern aufge⸗ pflanzt. Den ganzen uͤbrigen Tag ſtrömten Kriegerbanden von allen Seiten herbei; auch Arslan Gherrei kam bald an der Spitze einer wohlausgerüſteten, wackeren Truppe und Selem eilte ſeinen Vater zu begrüßen. Als der Kämpe auf einem prächtigen ſtarken Rappen ankam, ſcholl ihm von allen Seiten ein begeiſtertes Beifallsrufen ent⸗ gegen und viele von den unabhängigen Banden ſtellten ſich unter ſein beſonderes Banner. Der Hadji trachtete nicht nach dem Commando einer ganzen Armee; er zog ſeine eigene, ungeſtüme und verwegene Art zu fechten der Verantwortlichkeit und den ſtrengen Pflichten eines Generals vor; er war ſtolz darauf, ein Anführer von Banden in einer Art von Guerillakrieg zu ſeyn. Der Seraskier oder Obergeneral, der zum Anführer dieſer republikaniſchen Armee gewählt worden war, war ein Häuptling von ſehr vorgerucktem Alter, obgleich er 148 immer noch die ganze Kraft und Küſligkeit der Jugend beſaß. Er war von renommirtem Muthe und ein ſcharf⸗ ſinniger Anführer; er war in Egypten von Kindheit an für die Waffen erzogen worden, und ſeit dem Beginn der Feindſeligkeiten in einen beſtändigen Kampf mit dem Feinde verwickelt geweſen, von welchem er ſehr gefürch⸗ tet war. Er war von hoher, gebieteriſcher Statur und kräftigem Köoͤrperbau, der durch immerwährende Anſtren⸗ gungen und Uebungen noch geſtärkt war; ſeine Geſichts⸗ farbe war durch die brennende Hitze der afrikaniſchen Sandwüſten ſtark gebräunt und contraſtirte ſehr gegen die weißen Locken, die unter ſeinem mit Federn geſchmuͤck⸗ ten Helme herabhiengen. Er ritt in der Mitte einer Anzahl von Häuptlingen, welche ſich gern um ihn ver⸗ ſammelten, um ſich von ihm belehren und unterrichten zu laſſen. Mit einem Blicke ſtolzer Zufriedenheit blickte der veterane Anführer auf die Banden der im Thale verſammelten Krieger, welche ſo ſchnell ſeiner erſt vor einigen Tagen ergangenen Aufforderung Folge geleiſtet hatten. Es war in der That ein ſchöner Anblick, als der alte Held auf ſeinem Streitroſſe die Hand ausſtreckte um Stille zu gebieten. Er redete die ihn umgebenden Häuptlinge und Anführer dieſer kleinen Armee folgender⸗ maßen an: Meine edeln Freunde Häuptlinge der Atteghei, der Grund warum wir uns wieder unter den Waffen ver⸗ ſammelten, ſind die verſpäteten, ohne eine Veranlaſſung von unſerer Seite erfolgten Angriffe der Urus. Da wir allein den Frieden und den ungeſtörten Genuß unſeres Landes und unſerer Freiheiten ſuchen, haben wir uns enthalten als Angreifer gegen unſere Feinde zu Werk zu gehen, obgleich wir volles Recht dazu gehabt hätten. Denn wer von uns hat nicht alle möglichen Unbillen und Ungerechtigkeiten von ihrer Seite erlitten, ſeit ihre dunkeln Adler zum erſtenmale innerhalb der Gränzen unſeres Landes ſchwebten? Sie haben unſere Weiler und Höfe verbrannt— ſie haben unſere Kornerndte zer⸗ — 149 ſtört— unſere reichen Weiden niedergetreten— ſie haben unſer Vieh weggeführt; und doch könnte dieß alles noch verſchmerzt werden. Aber wie viele unſerer tapfer⸗ ſten Krieger ſind in der Vertheidigung unſeres Landes und unſerer Freiheit gefallen! Wer von uns hat nicht einen Vater, Bruder oder Sohn verloren? Immer dringen die Klagen unſerer Frauen über ihren Verluſt noch an unſer Ohr. Wie können wir ſie erſetzen? Kön⸗ nen unſere Feinde uns für den Verluſt entſchädigen? Wie oft wurden diejenigen von uns, welche in der Nähe derſelben wohnen in der Dunkelheit der Nacht durch den Donner ihrer Kanonen aufgeſchreckt, hatten kaum Zeit ihr Leben und das ihrer Theuern zu retten und wurden in die Oede der Berge getrieben, von welchen aus ſie ihre Wohunugen und ihr ganzes Hab und Gut in Flam⸗ men aufgehen ſaben. Welche Mittel haben wir dagegen? blos tiefe, tiefe Rache? Sind wir Sklaven, ſind wir armeniſche Kaffirs, um ſolches Unrecht zu dulden? Nein, meine Landsleute, wir ſind tapfere Krieger, die aus einer langen Reihe von Fürſten und Edeln abſtammen, die nie ihre Nacken unter dem Joche der Sklaverei bogen, die Häuptlinge und Eroberer waren, lange ehe die wolfs⸗ ähnlichen Heerden der Urus aus dem Norden herein⸗ brachen, um ſich des reichen und freundlichen Landes, das uns umgibt zu bemächtigen. Werden wir zugeben. daß ſie nur einen Augenblick denken, wir ſeyen unſeres langen Kampfes müde und bereit ihre Liſte von Crobe⸗ rungen zu vergrößern? Werden wir wie die ſchwachen und weibiſchen Georgier handeln, und uns feiger Weiſe in Ketten an den Fußſchemel ihres Czaars ſchleppen laſſen? Sollen wir zugeben, daß unſere Kinder in den ſklaviſchen Reihen ihrer Armee geſchlachtet werden? Sol⸗ len wir unſere Frauen und Jöchter wie geringe Sklaven fortführen ſehen? Sollen Kaſtelle und Feſtungen auf allen Bergen des Landes erbaut werden, um das Volk in Unterwürfigkeit zu halten; denn auf dieſe Art allein könnten ſie die Länder der Atteghei erhalten. Wir haben 15⁰ ihnen erſt kürzlich ein Beiſpiel der Mäßigung gegeben; ſie wollten es aber nicht benützen. Wir wollen ihnen nun eine Lection geben, die nicht ſo leicht aus ihrem Gedächtniſſe verſchwinden wird. Wir wollen ihnen zei⸗ gen, daß wir nicht vergeſſen haben eine ſtrenge Wieder⸗ vergeltung für erlittenes Unrecht zu üben; daß wir eine Nation von Kriegern ſind, die ſich nicht vor ihrer Macht fürchten, wie groß dieſelbe auch ſeyn mag, und daß wir die unzählige Menge von Sklaven, die uns gegenüber⸗ ſtehen verachten. Nun vorwärts, meine Landsleute, vor⸗ wärts Maͤnner der Atteghei, und möge Allah unſere Waffen beſchützen!“ Dieſe Rede ihres veteranen Anführers wurde mit dem Ausdruck der aufrichtigſten Beiſtimmung von Seiten der Häuptlinge, und mit lautem Beifallrufen der großen Maſſen von Anhängern derſelben aufgenommen, welche einen weiten Kreis um den Redner gebildet hatten. „Erinnern wir uns, meine Landsleute,“ ſchloß er; „daß die Urus uns unciviliſirte Barbaren und Räuber nennen. Wir wollen ihnen zeigen, daß wir mehr Menſch⸗ lichkeit haben als ſie; daß wir die einem Jeden zukom⸗ menden Rechte anerkennen und unſere Waffen nie durch Grauſamkeit beſudeln, Wir wollen ihre Frauen wie bisher mit Artigkeit und Leutſeligkeit behandeln und da⸗ durch zeigen, daß wir nicht gegen dieſe fkämpfen. Wir wollen uns nicht damit aufhalten die vertheidigungsloſen Bewohner der Höfe zu plündern; nur das Vieh wollen wir wegtreiben, um ſie der Mittel ſich in unſerer Nachbar⸗ ſchaft zu halten, zu berauben. Auch wollen wir ferner unſer Beſtreben dahin richten, ihre Kanonen, Waffen und Mu⸗ nition zu nehmen, denn dadurch erſt können wir unſer Land gegen ihre Angriffe unüberwündlich machen. Be⸗ ſolgt dieſe Anordnungen, leiſtet Eueren Befehlshabern ſtrengen Gehorſam und der Sieg wird uns nicht fehlen. Morgen bei Tagesanbruch werden wir unſeren Marſch beginnen, und ehe die Ruſſen aus ihrem Schlummer erwachen, werden wir ſchon jenſeits ihrer Forts ſeyn.“ —— 151 Es wurde ihm wiederholter Beifall zugerufen und Alle verſprachen ſeine Verordnungen zu befolgen. Der Seraskier ſetzte dann den Häuptlingen den Operationsplan, den er vorhatte auseinander: zuerſt, daß die Infanterie, welche hauptſächlich aus den Bauern der Doͤrfer in der Nähe des Kuban’s beſtand— kräfti⸗ gen Leuten, welche an den Gränzkrieg gewöhnt waren, an den ufern dieſes Fluſſes zurückbleiben ſollten, um den Rückzug der Anderen zu decken, im Fall ſie hart bedrängt werden ſollten, und um die Viehheerden, die genommen werden möchten in Sicherheit zu bringen. Sie ſelbſt ſollten bis an die Stadt Kislavosk vorrücken, dieſe durch einen Ueberfall mit dem größeren Theile der Cavallerie nehmen; oder jedenfalls die ruſſiſchen Truppen vollkom⸗ men beſchäftigen, um dem Reſte Zeit zu geben das Vieh aus der benachbarten Gegend fortzutreiben; hierauf im Fall ſie ſiegreich wären und auf ihrer Rückkehr nicht verfolgt wuͤrden, einen weitausgedehnten Streifzug un⸗ ternehmen, und alles vor ſich reinigen. Der ſcharfſinnige General ſelbſt, wie auch Arslan Gherrei und noch mehrere Andere hätten es vorgezogen, ihr Streben ganz dahin zu richten die ruſſiſchen Forts zu nehmen und die Kanonen und Pulvervorräthe derſel⸗ ben wegzuführen; ſie wußten jedoch zu wohl, daß viele von ihren Anhängern nicht ihr Aeußerſtes thun würden, ohne eine Ausſicht auf reiche Beute, und wir müſſen erinnern, daß Alle ohne eine Bezahlung irgend einer Art fochten, und ſelbſt für Waffen, Munition und Nahrung ſorgen muß⸗ ten; es war alſo natürlich, daß ſie irgend eine Entſchä⸗ digung dafür wünſchten, daß ſie ihre Beſchäſtigungen und Höfe in dieſer ungünſtigen Jahreszeit verlaſſen muß⸗ ten und daß ihnen die bloße Genugthuung dem Feinde Schaden zuzufügen nicht hinreichend war. Sie ſahen alle die Nothwendigkeit ein, ihre Ländereien gegen einen Angriff zu ſchützen, aber einen Streifzug in das Land des Fein⸗ des zu unternehmen ohne Beute mitzuſchleppen, war in 1⁵² ihren Augen eine Thorheit; mit der Ausſicht auf Beute waren Alle bereit zu fechten. Es waren nun ungefähr ſechstauſend Mann ver⸗ ſammelt, beinahe nur von einer Provinz; unter dieſer großen Maſſe zuſammengelaufener wilder Krieger herrſchte in dieſem aufregenden Augenblicke die größte Ordnung, was man dem höflichen Benehmen der Häuptlinge und der gewohnten Kaltblütigkeit der Leute verdankte; ob⸗ gleich im ganzen Heere nicht die geringſte Spur von Disciplin oder Subordination zu finden war, Nachdem den Häuptlingen ihre Richtung und etwaige Verhaltungsregeln gegeben waren, trennten ſie ſich um ſich an die Spitze ihres reſpectiven Gefolges zu ſetzen, gegen den Kuban vorzurücken, und an deſſen Ufern ein Bivouac zu beziehen, um noch die Ankunft von Cavallerie⸗ verſtärkungen aus den entfernteren Gegenden abzuwar⸗ ten, während die Infanterie ſogleich in die Stellung zu rücken hatte, die ſie beſetzen mußten, um in Bereitſchaft zu ſeyn die Reiterei den nächſten Morgen zu unterſtützen. Auf ein gegebenes Signal ſetzte ſich die ganze Maſſe gegen den einige Meilen entfernten Ort, der zum Bi⸗ vouac beſtimmt worden war in Bewegung; von Zelten oder anderen Bedeckungen irgend einer Art außer ihren dicken Mänteln war keine Rede. Wenn ein Trupp an⸗ kam, ſo wurden die Pferde an die niederen Sträuche, welche in der Ebene wuchſen angebunden und dann die Wachfeuer angezündet, welche in der Dunkelheit der Nacht hell erglänzten. Lange Zeit kamen in jedem Augen⸗ blick friſche Banden an, und der weit ausgedehnte Flam⸗ menkreis erweiterte ſich immer mehr bis die Ebene von Feuern, wie aus einem vulkaniſchen Boden ganz über⸗ ſäet ſchien. Die wackeren Krieger verſammelten ſich, in ihre Mäntel gehüllt, um dieſelben und lauſchten den Ge⸗ ſängen ihrer Minneſänger, welche bei ſolchen Gelegen⸗ heiten nie ermangeln, ſich an ihre Banden anzuſchließen um ſie aufzumuntern. 3* An einem Feuer ſaßen in dicke Reitermäntel ge⸗ 1⁵³ hüllt der Kämpe Arslan Gherrei, Selem, Thaddeus, der Hadji und verſchiedene andere Häuptlinge. „Nun, mein Sohn,“ ſagte der alte Krieger Hadji, „morgen wirſt Du ein Feld haben, das Deiner Tapfer⸗ keit werth iſt, und wirſt Deinem Vater durch Deine Thaten Ehre machen. Wo der Kampf am hiitzigſten iſt, laſſe Dein Schwert in die Reihen Deiner Feinde fallen. Durch das Beiſpiel allein können wir von un⸗ ſerem Gefolge erwarten, daß es ſich tapfer hält, und die Nationen werden bald Sklaven ihrer Nachbaren, deren Häuptlinge im Kampfe zurückhalten. Nur dadurch, daß wir bereit ſind unſer eigenes Leben zu opfern, können wir die Freiheit unſeres Landes ſichern, und wie viel beſſer iſt es, in das Paradies geſchickt zu werden, als ſeine Exiſtenz noch einige Jahre länger in den ſchweren Ketten des Sklaven hinauszuziehen. Ich fürchte jedoch nichts für Dich, mein Sohn.“ Alp erhob ſich und ergriff die Hand ſeines Vaters. Dieß geſchah ohne vorherige Ueberlegung, eigentlich ohne daß er ſich deſſen bewußt war; er kniete an ſeiner Seite nieder, und ſagte:„Vater, ich werde Dir keine Schande machen.“ 2 Dieſe Worte waren einfach, ſie wurden jedoch im Tone tiefen Gefühls geſprochen, welcher zeigte, daß er ſein Wort halten wollte. Er leiſtete keinen Eid und rief auch die Götter nicht zu Zeugen ſeiner Worte auf; ſein Vater war doch befriedigt. Endlich ſuchte einer nach dem anderen von der Parthie einige Stunden Ruhe zu genießen, indem ſie ſich dichter in ihre Mäntel hüllten, ihre Füße gegen das Feuer ſtreckten und ihre Köpfe auf ihre Sättel legten. Der reine Himmel war mit Myriaden glänzender Sterne überſät. Ehe Selem ſich zur Ruhe legte, blickte er noch auf die Scene um ſich her. So weit das Auge reichen konnte, war die weiße Heide mit den Figuren der ruhen⸗ den Krieger bedeckt; ein Augenblick hätte ſie aber alle zu wilder Thätigkeit gerufen, wenn ſich die Ruſſen in 154 der Nähe gezeigt hätten. Obgleich ſie jedoch dem Auge ſo ruhig ſchienen, wer konnte die wilden Gedanken und Leidenſchaften kennen, die in der Bruſt dieſer ſchlafenden Tauſende wühlten? Jetzt ſchon waren viele in ihrer Phantaſie in den Kampf des folgenden Tages verwickelt. Thaddeus erblickte im Schlafe oft das Bild ſeiner Ina. Seine Gedanken ſlogen dann in ſeine ferne Hei⸗ math, in das ſtolze Kaſtell ſeiner Väter, wo er ſeine Kindheit zugebracht hatte, und das nun durch die Be⸗ drücker ſeines Vaterlandes zerſtört war. Er ſah den Adler Rußlands über den Leichen ſeiner Landsleute flat⸗ tern, während Gefangene, die an den Stock ſeiner Standarte gebunden waren, in Ketten knieten. Mitten unter ihnen erſchien ein Krieger von majeſtätiſcher Figur und edelm Benehmen, einer der das Knie nie vor dem Deſpotismus gebeugt hat. Als er ſein Schwert ſchwang, ftelen die Ketten vom Nacken der Gefangenen; die Todten erwachten und die Adler flohen ſchreiend vor der geretteten Bande aus dem Lande. Abermals änderte ſich die Scene. Er ſtand noch einmal vor ſeinem väter⸗ lichen Kaſtelle mit Ina an ſeiner Seite. Seine treuen Unterthanen bewillkommneten ihn mit Freudengeſchrei. Er brachte ihnen ruhmvolle Neuigkeiten. Rußland war in ſeinem ſchnellen Siegeslaufe aufgehalten worden. Es hatte ſich vor der Tapferkeit einer Bergnation zurückge⸗ zogen. Möchte Polen wieder frei ſeyn! Dreizehntes Kapitel. Ja, es iſt uns!— Das Feld, es iſt gewonnen Ein dunkles, ſchlimmes Feld! Erhebt vom Boden meinen edeln Sohn, Tragt ihn nach Haus auf ſeinem blut'gen Schild. Mrs. Hemans. „Zu Roß! zu Roß!“ hörte man etwa zwei Stunden vor Tagesanbruch rufen und in wenigen Minuten waren 1⁵5⁵ alle Krieger der kleinen Armee in ihren Sätteln, bil⸗ deten einen dichtgeſchloſſenen Zug unter ihren reſpeetiven Anführern, und marſchirten ſchnell weiter. Der Boden auf dem ſie ritten, ehe ſie den Kuban in der Dunkelheit und in der größten Stille überſchreiten konnten, war felſig und rauh und ſtellte ihrem Weiterkommen manche Hinderniſſe in den Weg. „Vorwärts Männer der Atteghei,“ rief der Seras⸗ kier, indem er ſein Schwert ſchwang; auf dieſes Signal zog die ganze Bande den Abhang hinab, und durch einen breiten Gürtel hohen Schilfes auf die nun gefrorene, glatte Oberfläche des Fluſſes. Die Infanterie, welche bereits auf dem entgegengefetzten Ufer zwiſchen dem dichten Schilfe verſteckt war, meldete, daß der Feind ſich nicht habe blicken laſſen und nicht auf ihre Ankunft vorbereitet ſcheine. Die Reiterei ritt nun in dichten Maſſen in einem ſchnellen Trab wacker vorwärts; auf einer langen Strecke begegneten ſie nur einigen Bauern mit ihrem Vieh, welches ihnen ſogleich abgenommen und ſogleich zur Nachhut geſchickt wurde; kleine Reiterabtheilungen, die in die Flanke geſendet wurden, hatten dafür zu ſor⸗ gen, daß keiner von den Bauern entkam, der die Nach⸗ richt von der Annäherung des Feindes hätte überbringen können. Die Herzen aller ſchlugen höher und ihre Augen leuchteten in freudiger Aufregung, als die Mauern und Häuſer von Kislavosk in der bleichen Morgendämmerung ihren Blicken erſchienen. Ein Freudengeſchrei erhob ſich, als ſie ihre Pferde in Galopp ſetzten und gegen die ge⸗ weihte Stadt jagten. Die Außenwachen hatten keine Zeit Allarm zu geben, ehe ſie niedergehauen wurden, und die Bande jagte weiter in die Straßen; die Wachen am Eingange hatten ihrem furchtbaren Anlauf nur ge⸗ ringen Widerſtand entgegenſetzen können. Die Einwoh⸗ ner wurden aus ihrem Schlafe aufgeſchreckt und blickten zitternd und bebend auf die wilden Reiter. In allen Theilen der Stadt wurden die ruſſiſchen Soldaten zu den 136 Waffen gerufen; ehe ſie ſich jedoch in hinreichender Zahl verſammeln konnten, um den Angriff abzuſchlagen, war das Vieh, das die Tſcherkeſſen in großer Anzahl vor⸗ handen fanden, fortgetrieben, und ein Magazin von Pulver und Waffen geſtürmt und geleert. Dann jagte die ganze Bande mit Windesſchnelle wieder durch die Stadt. Die Einwohner wurden geſchont, die Soldaten aber, welche ihre Glieder zu formiren ſuchten, fanden keine Gnade. Die Stadt, welche noch vor wenig Minuten in eine vermeintliche Sicherheit gewiegt war, war nun ein Schauplatz von Tumult und Blutvergießen, als die Hoch⸗ länder ſich einen Weg durch die breiten Straßen erfochten, welche den Ruſſen wenig Schutz boten, und ehe dieſe mit ihren Kanonen zum Schuß kommen konnten, waren die Angreifer ſchon aus dem Bereich der Schußweite, doch wurden ſie noch mit einem ſchweren Feuer aus den Feſtungswerken begrüßt. Als die tſcherkeſſiſche Nachhut aus der Stadt hin⸗ ausritt, formirte ſich die ruſſiſche Infanterie und griff ſie in Linie an; die Reiter wandten ſich jedoch plötzlich und jagten mit dem Säbel in der Hand ſo wüthend auf ſte hinein, daß ſie ſich gern zurückzogen, nachdem ſie eine große Anzahl ihrer Leute auf dem Schlachtfelde gelaſſen hatten. Auch die Tſcherkeſſen verloren mehrere Mann; dieſe wurden jedoch von ihren Kameraden auf die Pferde gehoben und fortgebracht. Die Stadt hätte ſich ihnen ergeben müſſen, ſie wußten jedoch, daß ſie dieſelbe auf die Länge doch nicht hätten halten können und alle niederen Klaſſen der Tſcherkeſſen waren ungeachtet des Rathes der kaltblütigſten und ſcharfſin⸗ nigſten Häuptlinge, darauf expicht, noch weiter vorzudrin⸗ gen, um noch mehr Beute zu machen. Sie hatten in der Stadt keine Reiterei begegnet, deren Verfolgung ſie zu befürchten gehabt hätten; und die Infanterie konnte ihnen nichts anhaben. Die Bande der Hochländer drang immer weiter und weiter durch mehrere Döorfer und ver⸗ heerte alles auf ihrem Wege. 7 —— — ——— 1⁵⁷7 Der Seraskier forderte ſie nun auf zurückzukehren, denn da der Feind jetzt allarmirt war, konnte er aus den benachbarten befeſtigten Städten eine überwiegende Macht ſammeln, um ihre Fortſchritte zu hemmen; die größere Zahl war von der Hitze des Zuges ſo hingeriſſen, daß ſie an nichts geringeres dachten, als alle ruſſiſchen Niederlaſſungen an der Gränze zu plündern, weßhalb ſie ſehr ungern darauf eingiengen umzudrehen und auf einem Umwege gegen die Stelle des Kuban zurückzukehren, wo ſie denſelben bereits paſſirt hatten. Alp Beg hatte den Tag über beſtändig ſeinen Freund, unſeren Helden, an der Spitze ſeiner Truppe begleitet, und mit dieſem mehrere verzweifelte Angriffe auf die ruſſiſchen Linien, als dieſe ſich formirt hatten, gemacht; es war ihnen nie mißlungen, ſie durch ihren furchtbaren Anlauf zu brechen. Als bei ihrer Rückkehr die Hauptmacht, bei welcher Selem und Alp waren, in der Nähe von Kislavosk vorüberkamen, hörte der Hadji, der die Nachhut führte, welche näher gegen die Stadt hin kam, von einigen Bauern, daß ſie nicht alles Vieh mitgenommen hatten und daß noch eine große Heerde in einiger Entfernung außerhalb der Mauern ſey. „Mashallah! was ſagt Ihr, meine Freunde? rief der alte Krieger.“ Sollen wir zugeben, daß die Ruſſen immer noch Ochſenfleiſch zu ihren Mahlzeiten haben? Wir wollen ihnen zeigen, daß ſie uns nicht auf dieſe Art hintergehen können. Was ſagt Ihr, meine Freunde? Wollen wir ihnen noch einen Beſuch abſtatten? Er wird uns blos einige Minuten Zeit rauben.“ Der Vorſchlag war zu ſehr im Sinne aller Par⸗ thien, um nicht allgemeinen Anklang zu finden. Der Hadji ſandte deßhalb zu dem Seraskier, um dieſem ſeine Abſicht mittheilen zu laſſen, und ſtürzte ſich dann in vollem Laufe, gefolgt von etwa fünfhundert Pferden, gegen den Ort, den die Bauern angegeben hatten. Die Ruſſen begrüßten ſie während ihres Vorrückens mit einem Hagel von Kartätſchen, während die Truppen einen 138 Ausfall gegen ſie machten; nichts konnte jedoch das Un⸗ geſtüm ihres Angriffs aufhalten; ſie bemächtigten ſich ſchnell des Viehes und trieben dieſes in einem ſchnelleren Schritte fort, als dieſe Thiere je zu gehen gewohnt waren.. „Gut gemacht, meine Freunde,“ rief der Hadji. „Ich ſagte Euch, wir werden dieſe Ungläubigen ihrer Mahlzeiten berauben; und nun Bismitllah! wollen wir ſte noch einmal angreifen,“ fügte er bei, als ſich ihnen eine ſtarke Infanterieabtheilung entgegenſtellte. Sie erhoben ihr Kriegsgeſchrei und griffen die Ruſ⸗ ſen an, indem ſie das Vieh in ihre Glieder trieben. Die Truppen wichen, worauf ſie ſelbſt jedoch abermals von einem furchtbaren flankirenden Kartätſchenfeuer begrüßt wurden, und ehe ſie aus dem Bereich der langen Reihe von Kanonen kamen, ſprengte eine ſtarke Abtheilung Koſacken, welche in dieſem Augenblick von den benach⸗ barten Städten ankamen, in vollem Laufe gegen ſie an. Bereits waren mehrere aus ihrer Mitte durch das Feuer aus der Stadt gefallen; der alte Krieger ließ ſich jedoch durch die überwiegende Macht ſeiner neuen Gegner nicht aus der Faſſung bringen; er rief ſein Kriegsgeſchrei und ermuthigte ſein Gefolge, auf ſie einzureiten. Furchtbar war das Zuſammentreffen der beiden wil⸗ den Abtheilungen feindlicher Reiterei, welche durch den bitterſten Haß und die wildeſte Wuth belebt waren; die überlegene Geſchicklichkeit, Gewandtheit und Verwegen⸗ heit der Tſcherkeſſen glich die Verſchiedenheit der Zahlen etwas aus. Die Koſacken wurden in ihrem Laufe auf⸗ gehalten, und die Hochländer hieben ſich buchſtäblich einen Weg durch ihre Glieder. Sie entdeckten jedoch als es ſchon zu ſpät war, daß ſie hierin einen ſtarken Miß⸗ griff begangen hatten; denn eine friſche Abtheilung Ko⸗ ſacken kam in derſelben Richtung an, ſo daß ſie alſo plötzlich ganz umzingelt waren. Der Boden, auf wel⸗ chem ſie fochten, war eine breite offene Heide vor der —* 1588 Stadt, welche der ſtärkeren Abtheilung ihrer Feinde er⸗ laubte, ihre ganze Macht gegen ſie in's Gefecht zu bringen. Die Hauptmacht der Tſcherkeſſen, bei welcher Alp und Selem waren, drehten ſogleich zur Unterſtützung des Hadji um, als ſie die Botſchaft deſſelben erhielten und das Feuern hörten. Der vorderſte der Bande war der brave Alp, der begierig war, den Angriff mitzumachen und ſeinem Vater beizuſtehen. Der Hadji vertheidigte ſich mit kaum dreihundert Mann gegen mehrere tauſend Koſacken, er rief das Kriegs⸗ geſchrei und munterte ſeine Leute zum Angriffe auf, wel⸗ chen dieſen in allen Richtungen hin ausführen mußten, da ſie einen vollkommenen Kreis in der Mitte ihrer Feinde bildeten; ihre Pferde hatten ſie ſo dicht zuſammengedrängt, daß es nur wenigen Feinden gelang in die wackere Truppe einzudringen, und dieſe wurden dann durch die inneren Glieder ſicher niedergehauen. Endlich ſchienen ſich jedoch die Soldaten zu ſchaͤmen, daß ſie von einer ſo kleinen Abtheilung im Schach gehalten wurden, und grieffen ſie mit erneuter Stärke an, in der Hoffnung, ſie zu zer⸗ nichten, ehe die Hauptmacht ankam. Eine große Anzahl Tſcherkeſſen fiel durch dieſen friſchen Angriff, die Ueber⸗ bleibſel fochten jedoch immer noch mit ungeſchwächtem Muthe. Aber ſelbſt ihr tapferer alter Anführer blickte ängſtlich nach der Unterſtützung ſeiner Freunde um. Sie machten manchen friſchen, verzweifelten jedoch frucht⸗ loſen Verſuch ſich durchzuhauen; der Hadji focht immer⸗ während, rief ſeinen braven Gefährten Muth zu und dachte keinen Augenblick daran ſich zu ergeben. „Ah! Allah! Gut gemacht meine Söhne!“ rief er. „Gut gemacht, Männer der Atteghei! Seht die Reihen der Koſacken um uns her werden ſchnell lichter. Wir werden bald einen Hügel von ihren Körpern haben, über den wir wegreiten können. Fechtet meine Männer! unſere Freunde werden bald hier ſeyn; dann werden wir ſehen, wie ſchnell dieſe Giaours fliehen können. Greift an, meine Söhne! greift an! Ah! Allah! Hier kommt mein 160 edler Sohn, mein Alp. Ich wußte, daß er der erſte ſeyn werde, um ſeinen Vater zu retten.“ Während er ſo rief, hatte der Alte mit einem oder zwei Männern von ſeinem Gefolge einen ſo verzweifel⸗ ten Angriff gemacht, daß ſich die Reihen der Koſacken theilweiſe öffneten; ſie ſchloſſen ſich jedoch wieder, ehe die Uebrigen folgen konnten, und er war auf dieſe Art ganz eingeſchloſſen. Seine Feinde, die ihn als einen der verwegenſten Häuptlinge erkannten, drängten ihn hart; jeder beſtrebte ſich, ihn zum Gefangenen zu machen oder ihn auf der Stelle niederzuhauen; als plötzlich Alp, welcher der erſte von der anrückenden Unterſtützung der Tſcherkeſſen war, die große Gefahr ſah, in welcher ſein Vater ſchwebte. . Ohne ſelbſt nur zu warten, um zu ſehen, wer folgte, ſtieß er ſein Kriegsgeſchrei aus, und ſtürzte ſich kühn auf den Feind, von welchem die Vorderſten wichen als ſie den tapferen Jüngling nahen ſahen. Ein junger Ko⸗ ſackenoffizier aber, der ihn ohne Unterſtützung ſah, ſpornte ſein Roß an und feuerte zu gleicher Zeit ſein leichtes Gewehr gegen ihn ab. Alp war hierauf vorbereitet; er bückte ſich ſchnell an die Seite ſeines Pferdes und die Kugel gieng über ihn weg. Im Augenblick hatte er ſein eigenes Gewehr in der Hand; er feuerte, aber der Ko⸗ ſacke ahmte ſein Manöver nach und entgieng dadurch ebenfalls. Sie trieben nun ihre Pferde an; ihre Schwer⸗ ter kreuzten ſich; die Hiebe fielen ſchnell auf einander, während ſie ihre Pferde hin und her wandten. Alp fand Gelegenheit dem Koſacken ſeine Deckung durchzuſchlagen, und beſtrebte ſich denſelben zu packen und ihm den Dolch in's Herz zu ſtoßen; ehe er jedoch dieſen Vorſatz in's Werk ſetzen konnte, traf eine Kugel aus der Piſtole ſeines Gegners ſein Pferd in den Hals und das edle Thier fiel tödtlich verwundet zu Boden. Alp ließ ſich dadurch nicht aus der Faſſung bringen, er machte ſich in einem Augenblick von ſeinem Pferde los; ſprang gleich einem Tiger auf ſeinen Gegner und ſtieß ihm den Dolch . 161 in den Leib, daß er vom Pferde herabfiel. Dann ſchwang er ſich ſchnell auf dieſes, ſchwang ſein Schwert und ohne ſich einen Augenblick damit aufzuhalten, einen ſcheiden⸗ den Blick auf ſeinen beſiegten Feind zu werfen, ſetzte er ſich an die Spitze ſeiner Freunde, welche eben ange⸗ kommen waren. Vater und Sohn erkannten einander mitten im Kampfgetümmel. Alp ſtieß noch einmal laut ſein Kriegs⸗ geſchrei aus, und trieb ſein Pferd, gefolgt von den we⸗ nigen, welche die ſchnellſten Roſſe hatten, mitten in den dichteſten Haufen der Feinde; er erſocht ſich einen Weg an die Seite ſeines Vaters und ſchützte ihn vor den auf ihn geführten Streichen, ohne Rückſicht auf die, welche er ſelbſt erhielt. Er kämpfte verzweifelt, um ſeine Feinde ſo lang aufzuhalten, bis ſeine Freunde zu ſeiner Unter⸗ ſtützung herbeieilen konnten. Der alte Häuptling war gerettet; aber durch wel⸗ ches Opfer! das Blut floß Alp von der Seite; ſeine Augen verdunkelten ſich; ſein Kopf wurde ſchwindlig; er konnte nicht mehr länger die Streiche der Feinde pariren. 4 Als Selem an der Spitze ſeiner braven Truppe die ſchlimme Lage ſeiner Freunde ſah, griff er den Feind wüthend an, hieb die, welche ſich ihm widerſetzten, nie⸗ der, oder trieb ſie zurück bis er den Hadiji erreichte, der ſeinen Dank ausrief, als die letzten Koſacken zwiſchen ihm und ſeinen Rettern verſchwanden. Aber warum kommt Alp nicht herbei? O! Allah! wo iſt er? Ach! Seht ihn in ſeinem Blute unter ſeinem Pferde wälzen. Indem er ſeinen letzten Athemzug aushaucht, dankt er Allah! daß er ſeinen Vater gerettet hat. Auch den Na⸗ men ſeiner geliebten Zara ſpricht er noch aus. Er wird auf ſein Pferd gehoben; ſein Puls hat jedoch aufgehört zu ſchlagen. Der junge Krieger iſt nicht mehr. Der alte Hadji glich einer bejahrten, durch den Blitz getroffenen Eiche. Er hört das Geſchrei der Kämpfenden nicht. Seine Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. III. 11 16² eigene Stimme ſchweigt. Er weiß nicht wohin ſie ihn führen. Nur eins ſieht er— ſeinen edeln tapferen Sohn als Leichnam an ſeiner Seite. Er trauert, daß er noch lebt, während der tapfere Jüngling gefallen iſt. Die Hauptmacht der Tſcherkeſſen kommt nun an; ſie werfen ſich wüthend auf die Koſacken, welche ſie vor ſich her treiben; da ſie dieſelben aber zu hitzig verfolgen, ſetzten ſie fich abermals dem vernichtenden Feuer der Stadt aus; ein Hagel von Kartätſchſchroten ſchlägt mit tödt⸗ licher Wirkung durch ihre Reihen. Sie werden dadurch wieder zum Rückzuge gezwungen. Die ruſſiſche Infan⸗ terie folgt nun mit der Reiterei den Tſcherkeſſen, welche ſich immer, wenn ihnen der Feind zu nahe kommt, um⸗ drehen, ihn plöͤtzlich angreifen, ſeine Reihen lichten und ihn eine Strecke weit zurücktreiben. Thaddeus hatte ſich ſowohl bei dieſen gefährlichen Scharmützeln als beim Hauptangriff zur Rettung des Hadji, den er an Selem's Seite mitgemacht hatte, ſehr ausgezeichnet. Als ſie ſich nun dem Kuban näherten, wurden ſie von ihrer eigenen Infanterie aufgenommen; die Koſacken mußten die Flucht ergreiſen und erlitten, bei der Verfolgung noch bedeutende Verluſte; obgleich die Tſcherkeſſen im Ganzen ſiegreich geweſen waren, ſo war dieſer Sieg doch theuer und durch beträchtliche Ver⸗ luſte von ihnen erkauft; viele von ihren Häuptlingen und eine große Anzahl von ihrem Gefolge waren durch das zerſtörende Kartätſchfeuer gefallen, welches aus den Bat⸗ terien auf ſie eröffnet worden war; bei ihrem Zuſammen⸗ treffen mit den Koſacken hatten ſie jedoch im Verhältniß ſehr wenige Leute verloren; ſo überlegen ſind ſie in der Reitkunſt und im Gebrauche ihrer Waffen. Arslan Gherrei ritt neben ſeinen alten Freund und Waffenbruder, den Häuptling, und beſtrebte ſich ihm Troſt beizubringen. „Ach! mein Freund,“ ſagte der veterane Krieger, „ich trauere nicht für meinen Sohn.„Allah iſt gnädig, und hat ihn mitten im Siege in's Paradies geſchickt. 16³ Welches edlere Loos hätte ich ihm wünſchen können? Ich möchte, daß ich auch mit ihm geſtorben wäre! Wozu wurde er geboren? Für was habe ich ihn als Krieger auferzogen, als um für ſein Land zu ſterben? Die Weiber werden weinen und wehklagen genug, wenn er nach Haus gebracht wird. Ach! ſeine Frau! ihr Herz wird brechen. Und ſeine Mutter! Es iſt ein ſchlimmer Tag für ſie. Aber! ich— nein ich kann nicht trauern. Die Gefühle meines Herzens ſind ſeit langer Zeit er⸗ ſtorben. Sein Verluſt ſchmerzt mich nicht.“ Die tiefe hohle Stimme, die gefurchte Stirne und die ausgedehnten aber thränenloſen Augen des alten Häupt⸗ lings ſtraften ihn Lügen. Er ſprach nicht mehr während ſie weiter ritten, ausgenommen, um an dieſenigen von ſeinem Gefolge, welche am Leben geblieben waren, Be⸗ fehle zu ertheilen. Seine Gedanken waren in ſeiner eige⸗ nen Bruſt verborgen, auf ſeinen Zügen lagerte ſich jedoch ein Ausdruck von ſolchem Schmerz, daß man wohl ſah, daß die Gefühle des Vaters in ſeinem Innern wühl⸗ ten. Neben ihm ritt ſein Reitknecht, welcher das Pferd führte, das den jungen Krieger und ſeine Waffen trug; hie und da warf ſein Vater einen langen, ſtarren Blick auf dieſen herüber. Das Heer lagerte in dieſer Nacht an demſelben Orte, wo ſie auch die vergangene Nacht zugebracht hatten; jedoch wurden Pikets ausgeſtellt, um ſogleich Meldung zu geben, wenn der Feind den Verſuch machen ſollte ihnen zu folgen. Die Ruſſen hatten jedoch an dieſem Tage eine Lektion erhalten, welche hinreichte, um ihnen zu zeigen, daß die Tſcherkeſſen Feinde ſeyen, mit denen man nicht ſpaſſen könne. In dieſer Nacht ſpielten keine Minneſänger auf ihren Harfen bei den Wachfeuern; auch unterhielten ſich die Krieger nicht mit Erzählungen ihrer Waffenthaten; ſobald die Pferde gepflegt und gefüttert waren und ſie ſelbſt ihr frugales Mahl eingenommen hatten, hüllten 11 164 ſie ſich in ihre Mäntel und ſehnten ſich nach einigen Stunden Ruhe auf die Anſtrengungen des heutigen Tages. Als Selem, der ſeinen Platz an dem Feuer nahm, an welchem ſich der Hadji auf den Boden geworfen hatte, den alten Krieger überwachte, ſah er manche Thräne über ſein Geſicht herabfließen. Dann richtete ſich der⸗ ſelbe auf und blickte ſtarr in die brennenden Kohlen; ſeine Gedanken hiengen wahrſcheinlich an ſeinem geſchlach⸗ teten Sohne; ſein weißes Haar hieng über ſeine ernſte, gefurchte Stirne herab, ſein Mund war feſt geſchloſſen und ſeine Hände hatten ſeinen langen Silberbart ange⸗ faßt. Er glich einer bejahrten Eiche, deren Stamm durch die Blitze zerriſſen und ausgehöhlt iſt, die ſich aber dennoch weigert, ſich unter der Wuth des Wetters zu beugen. Der Wahlſpruch eines ächten Patrioten iſt: „Ich mag unterrliegen, aber beugen werde ich mich nie.“ Vierzehntes Kapitel. Sie konnt' nicht mehr. Entſetzliche Verzweiflung Bemächtigt ihrer ſich. Sie blickte llumm Und regungslos die blut'ge Wunde an, Durch die das Leben hif entſtrömt Glover's Leonidas. Den nächſten Morgen, ſobald die erſten Lichtſtrah⸗ len im Oſten erſchienen, war die ganze Bande auf den Beinen, da alle ungeduldig waren, in ihre Heimath zu⸗ rückzukehren, Die Vertheilung der Beute, ein wichtiges Geſchäft, war eben beendigt worden; die Anführer der verſchiedenen Banden theilten nach Verhältniß der Zahl ihrer Anhänger, unter welchen dann abermals getheilt wurde; ſie trieben das ihnen zugeſprochene Vieh ſogleich fort und ſo ſchmolz nach und nach die ganze Macht weg. Es war ein eigenes Schauſpiel, die verſchiedenen 165 Banden zu betrachten, welche ſich in ihrer kriegeriſchen Rüſtung in allen Richtungen im Thal und an den Seiten des Berges hinaufwandelten und das unzähm⸗ bare Vieh vor ſich her trieben. Viele hatten auch je nach ihren Bedürfnißen Waffen und Pulver erhalten. Die verſchiedenen anderen Beutegegenſtände(und unter dieſen einige Koſacken, die zu Gefangenen gemacht und zu Sklaven beſtimmt wor⸗ den waren), hatte man ſo viel als möglich gleichmäßig vertheilt.. Der Seraskier wurde nun, ſein eigenes unmittel⸗ bares Gefolge ausgenommen, wieder ohne Macht gelaſſen, obgleich ihm alle mit der größten Achtung begegneten. Jeder hielt ſich für vollkommen berechtigt, ganz nach Ge⸗ fallen abzureiſen, jedoch waren ſie bereit, ſich zu einer neuen Expedition jeden Augenblick wieder zu verſammeln. Die Häuptlinge ſchieden von ihrem Oberanſührer mit einem ehrfurchtsvollen und herzlichen Lebewohl, er kehrte nun gleich einem zweiten Cineinatus in ſeine Hütte und Oeconomie zurück, um mit eigenen Händen ſein Land zu bauen. Thaddeus erhielt zu ſeiner großen Ueberraſchung und Zufriedenheit einen großen Antheil an der Beute, und als die Theilung beendigt war, ſchickte er ſich an, mit Selem und Arslan Gherrei den Hadji auf ſeinem Trauerzuge in die Heimath zu begleiten. Ihre trau⸗ rige Reiſe war, wie es die Nothwendigkeit gebot, ſo ſchnell als möglich; ſie hielten ſich bei Nacht blos einige wenige Stunden auf, um ſich die nöthigſte Ruhe zu gönnen, und friſche Pferde zur Weitterreiſe herbeizu⸗ ſchaffen. Die Natur des Hadji ſchien durch dieſen Schlag des Schickſals ganz verändert zu ſeyn; er, der ſonſt ſo lebhaft war, immer Anecdoten erzählte und Späſſe machte, ſprach nun kein Wort und lächelte nie; er ſchien in beſtändiger Angſt zu leben, über den Aus⸗ bruch des Schmerzes, den ſeine Ankunft mit dem Leich⸗ name ſeines Sohnes ſeinen Theuern verurſachen würde. 166 Als ſie ſich ſeinem Wohnſitze näherten, wurde der Leichnam vom Pferde gehoben und derſelbe auf eine Tragbahre gelegt, welche aus Zweigen von in der Nähe ſtehenden Bäumen gebildet wurde; ein Mantel wurde über denſelben geworfen und die Waffen des Verſchiede⸗ nen neben ihn hingelegt. Sobald der Zug in der Ferne erſchien, als er ſich im Thale herab wand, kamen die Frauen herbei, um ihnen zu ihrer ſiegreichen Rückkehr Gluck zu wünſchen. Unter den Vorderſten war Zara, die ſich darnach ſehnte, ihren jungen Helden in die Arme zu ſchließen. Der Kranz, den ſie geflochten hatte, um ihn zu krönen, ſiel ihr aus den Händen; eine traurige Ahnung ergrieff ſie, und als ſie in der Ferne eine Bahre tragen ſah, ſchweiften ihre Augen ängſtlich nach Alp nmher. Sie vermißte ihn unter den Reitern. Sie ſprang wild vorwärts. „Wo iſt er?“ rief ſie,„Wo iſt mein Alp? Wa⸗ rum kommt er nicht mit Euch, Krieger?“ Ihr Blick fiel auf die Bahre.„Tragt Ihr ihn hier verwundet? O ſprecht! ſagt mir iſt er hier?“ „Tochter,“ ſagte der Hadji,„Allah hat meinen Sohn zu ſich genommen.“ Sie ſchien ihn nicht zu hören, ſie ſprang vorwärts. Sie deckte den Mantel von ſeinem Geſicht, ehe einer ſte daran verhindern konnte. Sie ſchrie nicht, ſie ſtel nicht in Ohnmacht, aber mit dem ſtarren Blicke der Verzweif⸗ lung ſtand ſte wie eine Bildſäule da, über den Körper ihres gefallenen Gemahls gebeugt, ſo kalt und leblos wie dieſer. Endlich ergriff ſie eine Hand, ſie fiel ſchwer nieder. Sie drückte ihre Lippen anf dieſen kalten leb⸗ loſen Mund, um zu finden, ob ihn kein Athem mehr belebe. Sie ſchien ſich kaum bewußt zu ſeyn was Tod iſt. Es dauerte lang, bis ſie ſich von der Wirkiichkeit überzeugte; aber keine Thräne entſchlüpfte ihren Augen, kein Senfzer ihrem Herzen. „Wer that dieß?“ rief ſte.„Die wilden Urus; ja ich kenne ihr Werk. Alp Du ſollſt gerächt werden!“ 167 Wiederum ſtand ſie ſtill, ſchweigend, ſtarr und unbeweglich über den Körper gebeugt. Niemand wagte ſie zu ſtoͤren, bis die Mutter des erſchlagenen Jünglings mit den Frauen ihres Hauſes herbeikam, um in gränzenloſem Schmerz ihren Verluſt zu beklagen. Ihr Jammern und Wehklagen erfüllte die Luft. „Mein Sohn! mein Sohn!“ ſchrie die unglückliche Mutter,„warum wurdeſt Du mir entriſſen? Hätte nicht irgend ein älterer Krieger dem Feinde genügt? Warum wurdeſt Du in der Blüthe Deiner Jugend getödtet? Weh! Weh! Weh! Warſt Du deßhalb als der verwegenſte, tapferſte und ſchönſte Jüngling bekannt? Ich ſoll nicht mehr Dein heiteres Lachen durch die Wälder ſchallen hören, nie mehr Deine kräftige Figur, Dein Roß auf der grünen Wieſe herumtummeln ſehen. Mein Sohn, mein Sohn! Fluch auf die Feinde, welche Dich erſchla⸗ gen haben! Mögen ſie gleich mir ihrer Kinder beraubt werden. Können ſie mir einen anderen Sohn geben, der Dir gleicht? Tragt ihn weiter,“ rief ſie den Dienern zu,„tragt meinen Sohn in meine Wohnung, daß ich üͤber ihn weinen kann. Weh! Weh!“ Die Diener des Hadji brachten die Tragbahre an den befohlenen Ort; die Frauen führten Zara, die einer Wohnfinnigen glich; ihre Augen ſtarrten auf die Bahre; ſie gieng in einem maſchienenartigen Gange wei⸗ ter, ohne ein Wort zu ſprechen. Ihr Schmerz war zu tief für Worte oder Geſchrei. Ihr Herz war nicht gebrochen, es war von ſtarker Beſchaffenheit, obgleich es zart und ſanft ſchien und Niemand— am wenigſten ſie ſelbſt— es dafür gehalten hätte. Wir wiſſen nicht von welcher Beſchaffenheit wir ſind, bis wir erprobt wurden. Sie hätte gedacht, ſie könne keinen Tropfen Blutes ſehen, oder nicht den kleinſten Unfall ertragen, ohne unter dem Streiche zu erliegen; aber nun leider! kannte ſie ſich ſelbſt. Ihr Herz war in einem Augenblicke verſengt und verbrannt; wie der Reiſende in einem Augenblicke durch den Hauch des gif⸗ 168 tigen Sirocco überraſcht und erſtickt wird. Ihre Bruſt war gegen Gefühle des Mitleids verhärtet, und brannte vor Rache gegen die, welche ſie ihres Geliebten beraubt hatten. Dieß ſind die ſchlimmen Folgen des Krieges. Wenn ein ſiegreicher Eroberer über die glänzende Scene und den prächtigen Triumphwagen, welche ſeinen Zug ver⸗ herrlichen, hinausſchauen würde, müßte er ſchaudern, wenn er den Schmerz und die hoffnungsvolle Verzweif⸗ lung nur eines einzigen von den vielen tauſend Menſchen ſehen würde, an deren Elend er Schuld iſt. Die Haufen von Erſchlagenen find nichts; die Augen gewöhnen ſich bald an einen ſolchen Anblick; die Gefühle werden bald mit dem Anblick von Blut vertraut, wenn man anfangs auch beim bloßen Gedanken an daſſelbe ſchauderte. Die Gefallenen ſind von den Plackereien des Lebens befreit und haben Ruhe; aber die, welche in der größten Span⸗ nung die Rückkehr derſelben erwarten, dieſe ſind es, wel⸗ che leiden, es ſind die liebenden Herzen wohlwollender Aeltern, einer innig liebenden Frau oder Geliebten, einer zärtlichen Schweſter, welche jenen Schmerz ertragen müſſen; ihr Fluch trifft die lorbeerbekränzte Stirne des Ehrgeizes. 6 Den Hadji begleitete den Leichnam ſeines Sohnes bis an die Thüre ſeiner Wohnung, wo er der Sorge ſeiner weinenden Mutter überlaſſen wurde; er führte hierauf ſeine Freunde in das Gaſthaus, und beſtand da⸗ rauf, die Pflichten der Gaſtfreundſchaft ſelbſt zu üben. Nachdem dieß geſchehen war, ließ er ſich ein Pferd vor⸗ führen, und ritt eilig fort in den benachbarten Wald. Hier, wo er von Niemand geſehen war, ließ er ſeinem Schmerz und den Qualen ſeiner Bruſt freien Lauf. „Der Junge ſtarb für mich! O! Allah! Wäre ich doch ſtatt ſeiner gefallen!“ rief er in einem Ausbruche ſeines Jammers. Selem, ſein Vater und mehrere andere Häuptlinge blieben um dem tapferen jungen Helden die letzte Ehre 169. zu erweiſen. Die Lamentationen ſchallten mit hoher, erſchütternder Feierlichkeit durch die Wälder; alle Frauen der benachbarten Weiler hatten ſich verſammelt und ver⸗ mehrten das melancholiſche Wehklagen. Ungefähr zwei Stunden vor Sonnenuntergang kehrte der Hadji zurück; der Leichnam Alp's wurde nun aus dem Hauſe gebracht, vor welchem ſich eine große Menge Volkes verſammelt hatte, um denſelben zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu begleiten. Der Begräbnißplatz war auf einer Terraſſe am Ab⸗ hange des Berges; ein ſchöner Ort, auf welchem Cy⸗ preſſen und Ahornbäume die Gräber der wackeren Krie⸗ ger beſchatteten, welche hier ihre letzte Ruhe fanden. Ein ehrwürdiger Barde, der das Geſicht verloren hatte, wurde von einem Diener herbeigeführt, im Augenblicke als die von ſechs Jünglingen getragene Bahre heraus⸗ gebracht wurde. Er ſetzte ſich an die Spitze der Pro⸗ ceſſion. Seine Mutter und andere Frauen folgten wei⸗ nend; und Zara in wahnſinnähnlichem Zuſtande, weder weinend noch ſprechend, gieng ganz maſchinenmäßig unter ihnen, und wandte ihre Augen keinen Augenblick vom Leichnam ihres Gatten ab. Hierauf folgte der Hadji mit feſtem Schritt und aufrechter Haltung; ein leichtes Zucken des Mundes und die zuſammengezogene Stirne allein verriethen ſeinen geiſtigen Schmerz. Arslan Gherrei und die anderen Häuptlinge nahmen ihn ihre Mitte und nach ihnen kamen noch die Bewohner des Dorfes. Während ſich die Proceſſion langſam weiter bewegte, ſtimmte der bejahrte Minneſänger auf ſeiner Leyer eine ſchwache, klagende Weiſe an; ſeine Stimme zitterte als er ſang; am Ende eines jeden Verſes ſielen die Trauern⸗ den im Chor in den melancholiſchen Geſang ein. Betrau'rt Atteghei den Jungen, Des ächten Stamms muthigſten Sohn, Der ſo tapfer für Freiheit gerungen; Sein edler Geiſt iſt nun entfloh'n. 170 Sein Vater vom Feind war umringet, Der Sohn eilt zur Rettung herbei; Die Feinde er bald auch bezwinget, Doch er fällt als Opfer der Treu. Beweinet den Ruhm unſrer Lande, Den Braven, der niemals gefloh'n; Beweint um den Führer die Bande, Den Vater um ſolch' einen Sohn. Er war im Gefechte vor Allen, Im dichteſten Kampfesgewühl, Und Hunderte waren gefallen Durch ihn, eh' er ſelbſt endlich fiel. Hier ruht nun der wackere Krieger, Der ſelbſt als der Tod ihn abrief Sein Banner nicht ließ, und als Sieger In dieſes gehüllet einſchlief. Sein Schwert auch, den treuen Gefährten, Hielt ſeine Hand ſtarr noch umfaßt, Drum ſollen mit ihm in der Erden Sie finden nun Ruhe und Raſt. Beweinet ihn, dem wir hier betten; Geheiliget ſey dieſer Ort, Ein Sklave mög' nie ihn betreten, Sein Geiſt ſelbſt ſey Wächter und Hort. Der Name des trefflichen Jungen Geprieſen ſey ſtets und verehrt! Denn wer, den die Barden beſungen War jemals des Nachruhms mehr werth? Die Mädchen des Stammes ſelbſt trauern, Die Braut erſt— wer kennt ihren Schmerz! Sie iſt in der That zu bedauern Des Geliebten Verluſt brach ihr Herz. Sein Leichnam ruh' ſanft in der Erde, Sein Geiſt, Krieger, erbe auf Euch Damit Euer Leben einſt werde, Euer Tod auch dem Seinigen gleich. 171 Es herrſchte ein tiefes feierliches Stillſchweigen, als die irdiſchen Ueéberreſte des jungen, wackeren, lieben⸗ den Alp in das enge zu ſeiner Aufnahme bereitete Grab geſenkt wurden. Als der Leichnam ſeine letzte Ruhe⸗ ſtätte erreichte, wurde dieſes Stillſchweigen durch die Seufzer der Mutter und der Frauen, welche ſie beglei⸗ teten gebrochen. Selbſt abgehärtete Krieger, die nie einen Gedanken oder nur Traum von Furcht hatten, und gegen alle zarteren Sympathien unſerer Natur geſtählt ſchienen, wurden bis zu Thränen gerührt. Als die erſte Handvoll Erde auf den nicht eingeſargten Leichnam ge⸗ worfen wurde, knieten alle Anweſenden um das Grab herum nieder, und der alte Barde betete mit erhobenen Händen für die Seele des dahingeſchiedenen, jugendlichen Kriegers. Dann ſtimmte die ganze Geſellſchaft in ein Gebet für die ſchnelle Verſetzung derſelben in die Reiche Glückſeligkeit ein. Der ehrwürdige Alte erhob ſich nun wieder und wandte ſich mit tiefer, feierlicher Stimme an ſeine Gefährten. „Männer der Atteghei! Ein neues Opfer wurde der Feindſchaft der verhaßten Ruſſen gebracht; ein Opfer, welches des Altares der Freiheit wohl werth iſt; denn wer iſt tapferer, wer edler, als er es war? Er war ſanft wie ein Lamm im Frieden, kühn wie ein Löwe im Krieg, geliebt von ſeinen Freunden, gefürchtet von ſeinen Feinden; wer iſt hier, der ihn nicht liebte? Wer hätte nicht gern ſein Leben durch das eigene geſchützt? Warum wurde er uns denn entriſſen, in der Blüthe ſeiner Jahre erſchlagen? Warum, meine Landsleute? Weil der edelſte Altar das edelſte Opfer verlangt, und welcher Altar iſt edler als der Altar der Freiheit und wo ein geeigneteres Opfer als das, um welches wir trauern? „Sein Loos und ruhmvoll und glücklich. Schon jetzt ſteigt ſein Geiſt in die Reiche der Glückſeligkeit, während wir, immer noch an unſere ſterblichen Ketten gefeſſelt, ſeinen Verluſt betrauern. Aber immer müſſen noch viele, viele Opfer gebracht werden, ehe unſer Land 172 ſich von unſeren verhaßten Feinden frei maͤchen kann; denkt jedoch nicht, daß unſere Krieger vergebens ſterben. Ich ſehe ſchon dunkel, inſtinktartig die Zeit vorher, wo unſere Feinde aus den Gränzen unſeres Landes in die wüſten, froſtigen Gegenden zurückgetrieben ſeyn werden, von welchen fle kamen; und unſer Land, befreit von Be⸗ drückung, wird ſich dann über ſeinen frühern Zuſtand erheben und einen Platz unter den Nationen der Erde einnehmen.“ Als die Rede beendigt war, knieten Alle wieder zum Gebet nieder, während der heldenmüthige Alp mit Erde bedeckt wurde, die ihn für immer den Blicken der ihn Liebenden entzog. Auf das Grab wurde ein großer Stein gelegt, und über dieſes wurde ein leichtes Ge⸗ bäude von Holz aufgeführt, das hinreichend groß war um die faſſen zu können, welche am Jahrestage ſeines Todes hier beten und ſich die tapferen Thaten des jungen Krie⸗ gers in's Gedächtniß zurückrufen wollten. Die beraubte Zara wurde nach Haus geführt, und viele, unendlich lange Tage ſaß ſie regungslos da und bekümmerte ſich um nichts, was außer ihr vorgieng. Sie war ganz betäubt durch ihren Schmerz und brütete beſtändig uͤber ihren Verluſt. Der Hadji ſchien ſich von dem Schlage, der ihn betroffen hatte, bälder als ſeine übrige Familie erholt zu haben; manche bemerkten jedoch, daß der elaſtiſche Geiſt des alten Mannes für immer entflohen war. Es war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Alle ſeine Gedanken, ſeine ganze Aufmerkſamkeit waren jetzt nur noch darauf gerichtet, Pläne zu machen, wie die Ruſſen geſchlagen und das Land im kommenden Frühjahre gegen die Angriffe derſelben vertheidigt werden könne. So verſchieden iſt der Schmerz eines Mannes über den Verluſt eines theuern Gegenſtandes von dem einer Frau! Er hat noch Hülſsmittel, auf welche er ſeinen Verſtand und ſeine ganze Energie wenden kann. Die wilde Aufregung des Kriegs, die Hitze der Jagd, das 173 Bankett, der Rath und hundert andere Gegenſtände bie⸗ ten ihm Gelegenheit, ſeine Gedanken zu zerſtreuen; wäh⸗ rend ſie allein die Erinnerung an ihren Verluſt hat. Bei allen ihren häuslichen Geſchäften wird ſie immer der Gedanke an ihre Beraubung verfolgen; oft wird ſie mitten in ihren Beſchäftigungen plötzlich halten, ein con⸗ vulſtviſcher Seufzer entſteigt ihrem Herzen, wenn ihr das Bild des Verluſtes vor die Seele tritt und ſie an den denkt, welcher war, nun aber nicht mehr iſt. Fünfzehntes Kapitel. Und ſie, die einſt vor einem Tropfen Bluts Erblaßte; ſie, die jeder Lärm erſchreckt, Stürzt kühn ſich auf den Wall von Bajonetten, Trägt muthig über Tode hin ihr Banner; Sie ſchreitet mit Minerva's Schritten fort, wohin ſelbſt Mars Zu geh'n gezaudert hätte. Byron. Unſer Leben iſt voll von Sonnenſchein und Wolken, von Lächeln und Thränen, und die Erwartung immer nur das Eine zu beſitzen iſt eben ſo thöricht, als es zu be⸗ dauern iſt, daß unſer Loos im Leben auch mit dem an⸗ deren gemiſcht ſeyn muß. Welch' großen Contraſt bildete der Empſang, welcher die Krieger im Thale von Abran Bashi erwartete gegen den, welchen ſie im Thale von Gazlan erfahren hatten, als Ina, blühend wie die Roſen von Gul über die Ebene flog, ſobald ſie den ritterlichen Zug gegen das Thal herabkommen ſah. Es folgten ihr alle Frauen und Mädchen des Dorfes, die alle be⸗ gierig waren ihre Gatten, Väter und Brüder zu begrü⸗ ßen und ſie für die Mühſeligkeiten des Kriegs und die Gefahren, denen ſie ſich um ihretwillen ausgeſetzt hatten, zu entſchädigen.. Arslan Gherrei ſprang von ſeinem Pferde und um⸗ 174 armte ſeine Tochter, die ihm entgegenlief; koſtbare Thrä⸗ nen der reinſten Freude füllten ihre glänzenden Augen, daß ſie ihn wieder wohlbehalten zurückkehren ſah. Wir wollen es nicht verſuchen, das Wiederſehen von Thad⸗ deus und ſeiner ſchönen Geliebten zu beſchreiben; er fühlte ſich ſelbſt wohl dafür belohnt, daß er ſich der Sache ihres Landes angeſchloſſen hatte. Der Tod war während ihrer Abweſenheit im Thale auch nicht müßig geweſen. Die Ahnungen des ehrwür⸗ digen Fürſten Aitek Tcherei waren in Erfüllung gegan⸗ gen; reich an Jahren wie an Ehren war er den Tag nach ihrer Abreiſe zu ſeinen Vätern heimgegangen. Er war mit allen durch das Herkommen vorgeſchriebenen Ceremonien beerdigt worden und ſein Stamm mußte nun einen Nachfolger wählen, der für würdig erachtet wurde, ſite im Kriege anzuführen und bei ihren Bera⸗ thungen in Friedenszeiten den Vorſitz zu führen. Nach dem letzten Willen des ſterbenden Häuptlings, den er den Aelteſten des Stammes übergab, ſollte ihm Alp in ſeinen Beſitzungen folgen, im Falle dieſer ſtele, ſollten ſte auf Selem übergehen; unſer Held kam alſo durch den traurigen Tod ſeines Freundes in Beſitz eines be⸗ deutenden Vermögens. Die Aelteſten und Bedeutenderen des Stammes ver⸗ ſammelten ſich nun, um über dieſen wichtigen Gegenſtand zu berathen; die Augen Aller fielen auf Selem. Seine Tapferkeit im Feld und ſein artiges Benehmen hatten ihm Aller Herzen gewonnen; wenn ſie ihn wählten, bekamen ſie nicht nur einen tapferen, ſcharfſinnigen An⸗ führer, ſondern dieſe Wahl verhinderte auch alle Eifer⸗ ſucht, die ſehr wahrſcheinlich entſtanden wäre, wenn ſie einen aus ihrer Mitte gewählt hätten. Selem Gherrei wurde deßhalb einſtimmig gewaͤhlt, dieſen tapferen und zahlreichen Stamm zu befehligen. Unſer Held war nun in jedem Sinne des Worts ein Tſcherkeſſen⸗Häuptling, und er erwies ſich immer als ein braver und edler. 1 17⁵ Wir müſſen uns nun ſchnell dem Schluſſe unſerer Erzählung nähern. Die Bäume trieben von neuem Blätter; die Felder waren mit Blumen überſät; die Vögel ſangen in den Wäldern und die ganze Natur trug das Gepräge neuer Thätigkeit und neuen Lebens. Der Winter war vorüber. Die Tſcherkeſſen an der Gränze gürteten ihre Schwerter um und hiengen ihre Gewehre über den Rücken, wenn ſie auf ihre Felder giengen, um Korn einzuſäen, um jeden Augenblick bereit zu ſeyn, einem Einfalle der Feinde zu widerſtehen. Banden von Kriegern bewegten ſich gegen die Gränzen, um in Bereitſchaft zu ſeyn, die Ruſſen überall zurückzuſchlagen, wo ſie auch ihren erſten Angriff machen würden; und in allen Richtungen hin galoppirten Boten durch das Land, um Nachrichten von einem Häuptlinge zum anderen zu bringen, entweder über ihre eigenen Plane oder über die Bewegungen des Feindes. Unter den Truppen am Kuban war eine große Thätig⸗ keit bemerkt worden; man hatte alle ruſſiſchen Garni⸗ ſonen verſtärkt; doch war es nicht möglich, zu ſagen, was ihre Abſicht war. Der neue Frühling ſah auch das Glück von Ina und Thaddeus vervollſtändigt; der Häuptling verweigerte auch ſeine Zuſtimmung nicht, daß Selem ſeinem Freunde ſo viel Vermögen übermachte, als er nöthig hatte, um den Rang ſeiner Braut behaupten zu können. Auch fand man einen polniſchen Prieſter, der die Ceremonie nach den Vorſchriften des Chriſtenthums vollziehen konnte; dieſer Verbannte war erſt kürzlich mit vielen ſeiner Landsleute nach Tſcherkeſſien[gekommen, wo ſie ſicher waren, von denen, welche ihr Unglück und ihre Leiden ſo wohl zu würdigen wußten, eine gute Aufnahme zu finden. Selem hatte alſo die Genugthuung, ſeine Schwe⸗ ſter nach der Form getraut zu ſehen, die er für noth⸗ wendig erachtete, um ſie den Händen ſeines Freundes zu übergeben. Arslan Gherrei war zu tolerant, um 176 ſeine Tochter zu verhindern, daß ſie die Religion ihres Gatten annahm, beſonders, als Selem es unternahm, ihm zu erklären, wie ſehr die Bande der Ehe in dieſer Religion geheiligt werden, und wie viel höher ſie durch dieſelbe geſtellt werde, als wenn ſie die Frau eines der eingeborenen Häuptlinge geworden wäre. Der Häuptling bewunderte dieß ſehr in der Theorie, glaubte aber, daß es ſeine Landslente im Allgemeinen nicht billigen werden; denn es gab zu viel Macht in die Hände derjenigen, welche man als Eigenthum zu betrachten gewöhnt war; dieſes mußten ihre Herrn und Gebieter ſogleich verlieren, ſo bald das ſchöne Geſchlecht einſah, daß es die gleichen Rechte und Freiheiten hatte. Das junge Paar genoß eine Zeit lang das äußerſte Glück, wie es nur den vom Schickſal am meiſten Be⸗ günſtigten auf der Erde zu Theil wird. Sie waren wahrhaft glücklich in ſich ſelbſt, und in ihrem gegen⸗ wärtigen Looſe; denn ſie dachten nicht— ſie wollten nicht daran denken, welche Veränderung die Zukunft bringen konnte. Jeden Tag glaubten ſie gegenſeitig einen neuen Reiz zu entdecken, um ſich noch mehr zu lieben. Nach ihrer Hochzeit waren ſie in das Haus in der Nähe des Sees zurückgekehrt, wo wir unſeren Leſern zuerſt Ina vorgeſtellt haben; und oft wandelten ſie miteinander das Thal hinab, an das Ufer der tiefen, blauen See, welche ruhig und lieblich zu ihren Füßen lag. Wenn ſie die durchſichtigen Wogen derſelben betrachteten, dachten ſie nicht, daß dieſe verrätheriſche Oberfläche ganze Hor⸗ den ihrer Feinde bringen werde. Selem beſuchte ſie immer, wenn er ſich von ſeines wichtigen Geſchäften losmachen konnte, um Zeuge ihres Glückes zu ſeyn; er machte mit ſeinem Vater viele Reiſen, durch alle Theile des Landes, um die Lauen anzutreiben, die Schwachherzigen zu ermuthigen, und zu beſtimmen, den Eid der Freundſchaft zu den Patrioten und ewiger Feindſchaft gegen ihre Feinde zu leiſten. Wohin ſie mmer giengen, wurden ſie von anderen einflußreichen —— — 177 Häuptlingen begleitet, und überall mit der größten Ach⸗ tung aufgenommen. Die, welche ſich von der Gefahr eines Angriffs der Ruſſen frei hielten, wurden beſtimmt aufgemuntert, ihren Landsleuten in mehr ausgeſetzten Diſtrikten beizuſtehen; und andere, welche die Verzweiflung dahin gebracht hätte, um Frieden mit ihren übermächtigen Feinden zu bitten, wurden dahin vermocht, ihr Land bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Viele gaben freiwillig das Ver⸗ ſprechen, der Standarte Arslan Gherrei's beizutreten, ſo wie er ſie erheben würde, zu welcher Expedition er es immer für räthlich erachten mochte. Der Hadji Guz Beg begleitete ſeinen Freund be⸗ ſtändig auf dieſen Reiſen, und ſeine begeiſterten Ermah⸗ nungen trugen ſehr viel zur Aufregung des Volkes bei. In ſeiner eigenen Wohnung blieb er ſo wenig als nur möglich, denn er konnte es nicht ertragen, das laute und beſtändige Jammern ſeiner Frau zu hören, und den tiefen Schmerz ſeiner Zara zu ſehen.. Dieſes arme Mädchen war immer noch unfähig, etwas zu thun; nichts, was um ſie her vorgieng, konnte ſie anregen; ihre Gedanken hiengen immer nur an ihrem verlorenen Alp. Man dachte endlich, eine Aenderung des Orts, die Neuheit der See, in deren Nähe ſie nie geweſen war, und die zärtlichen Umarmungen ihrer frü⸗ heren Freundin werden ſie aus ihrem Stumpfſinne auf⸗ rütteln. Ina empfieng die junge Wittwe mit aufrichtiger Herzlichkeit, konnte aber ihre Thränen nicht zurückhalten, als ſie die gegenwärtige Melancholie derſelben mit ihrer früheren, außerordentlichen Heiterkeit vergliech, da ſie als Braut ihr entriſſen wurde; ihre jungen Hoffnungen waren zernichtet, und er, den ſie liebte, lag in ſeinem frühen, blutigen Grabe. 1 Die zärtlichen Bemühungen Ina's waren kaum im Stande, ſie aus ihrer apathetiſchen Gleichgültigkeit gegen alle irdiſchen Angelegenheiten aufzurüttetn; Zara erwie⸗ Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling, III. 12 178 derte ihre Güte nur mit einem leichten Lächeln des Dankes. Arslan Gherrei entfernte ſich nun auch mit leich⸗ terem Herzen von Haus, da er wußte, daß ſeine Tochter einen Beſchützer hatte; Selem war eben angekommen, um ſeine Schweſter und ſeinen Freund zu beſuchen, ehe dieſe ſich in eine weiter im Innern des Landes gelegene Wohnung zurückzogen; denn da das Frühjahr immer mehr vorrückte, fürchtete man, die Ruſſen könnten eine Landung an der Küſte verſuchen. Der zahlreiche, kräftige Stamm Arslan Gherrei's war durch den Krieg und Seuchen ſehr vermindert worden, ſo daß, wenn er ſeine Krieger in's Feld führte, kaum genug zurückblieben, um ſeine Ländereien zu beſchützen; weßhalb er auch im ver⸗ gängenen Jahre ſeiue Tochter in das Haus ſeines Ver⸗ wandten, des verſtorbenen Fürſten Aitek Tcherei gebracht hatte. Sechzehntes Kapitel. Wir trieben weg. Die Fremden aus dem Land; das Leben nicht beachtend Die Kämpfer ſtürzten in die Schlacht; die Mit⸗ tagsſonn Beſchien den heißen Kampf.. Madoc. Ein lieblicher, heller Frühlingsmorgen hatte Selem und ſeinen Freund veranlaßt, ihre Gewehre umzuhängen und bei Tages⸗Anbruch auf die Jagd zu gehen. Sie waren lange Zeit auf den ſanft geneigten, von friſchem Thau glänzenden Hügeln umhergeſchweift, als ſie plötz⸗ lich ein lautes Rufen hinter ſich hoͤrten und Karl ſahen, der herbeirannte, um ſie einzuholen. Mit Beſtürzung im Angeſicht meldete er, er habe eben vom höchſten Berge der Nachbarſchaft aus, wo er Holz gehauen habe, eine große Flotte bemerkt, die ſich 179 der Küſte nähere, und welche, wie er befürchte, von ſeinen gefürchteten Landsleuten ſeye. „Dieß wird ein Schlachttag werden, meine Freunde,“ rief Selem, als er mit Thaddeus ſchnell nach Hauſe eilte.„Wir wollen eher ſterben, als unſere Feinde den Fuß auf unſeren Strand ſetzen zu laſſen, von wo ſie ſchwer zu vertreiben wären, wenn ſie einmal Fuß gefaßt hätten.“ Sie wagten nicht ſich ſo lange aufzuhalten, um noch in das Frauengemach zu gehen, ſondern ergriffen ihre Waffen, ſammelten ſo viele Leute als ſie im Augen⸗ blick zuſammenbringen konnten, und eilten an das Ufer, ohne an die überwiegende Macht des Feindes zu denken, und entſchloſſen, ſich bis zum letzten Athemzuge zu ver⸗ theidigen. Als ſie aus dem Thale an die Sandküſte kamen, bot ſich ihnen ein Anblick, der im Stande war, den Beherzteſten unter dieſen tapferen Hochländern erblei⸗ chen zu machen. So weit das Auge reichen konnte, war die glänzende See mit den hohen, weißen Segeln ruſſiſcher Kriegs⸗ und Transportſchiffe bedeckt, welche ſich langſam und ſtolz gegen die Küſte bewegten. Die Tſcherkeſſen blickten ängſtlich auf dieſe feind⸗ liche Flotte, da ſie wohl fühlten, wie wenig Ausſicht ſie hatten, ſich mit der geringen Macht, die ſie geſam⸗ melt hatten, dem Landen ihrer Feinde mit Erfolg wider⸗ ſetzen zu können. Selem trat jedoch mit dem Schwerte in der Hand vor die kleine Bande und ermuthigte ſie durch ſeine Worte, dem Feinde kühn zu widerſtehen. „Meine Landsleute, meine braven Freunde,“ rief er,„wenn wir unſeren Feinden erlauben zu landen, ſo iſt unſer Untergang und der aller unſerer Theuern gewiß. So wollen wir denn unſer Leben hingeben, um ihre Fortſchritte zu hemmen, bis unſere Landsleute ſich ver⸗ ſammeln fönnen, um unſere Stelle zu erſetzen; und wir wollen uns freuen, daß wir unſer Blut der Sache der Freiheit Tſcherkeſſiens zum Opfer bringen können. 12 180⁰ „Wir werden Euch in den Tod folgen, edler Häuptling. Wohin Ihr geht, werden wir gehen. Allah wird das Recht beſchützen!“ riefen von allen Seiten die Männer, welche, als Sie ihre Saͤbel zogen, ſchworen, ſich nicht zu ergeben. Die Flotte näherte ſich keilförmig. Die kleineren Schiffe waren voran und näherten ſich der Küſte ſo weit es die Tiefe des Waſſers erlaubte, und richteten dann die finſteren Batterien ihrer breiten Seiten gegen das Land; die größeren Schiffe folgten hierauf, während die Transportſchiffe eine Linie außerhalb bildeten; und ſobald die Segel eingezogen waren, wurden Hunderte von Boo⸗ ten ausgeſetzt und rückten ſchnell und in geſchloſſener Linie vor. Selbſt der heldenmüthige Selem fühlte, daß es ein Act der Tollkühnheit war, ſich einer ſo überwiegenden Macht entgegenzuſetzen, und fuͤr einen Augenblick zauderte er, das Leben ſeiner Untergebenen ſo hoffnungslos aufs Spiel zu ſetzen. Seine Entſchloſſenheit kehrte aber wieder zurück, und er beſchloß, lieber alles zu wagen als zu fliehen. In dieſem Augenblick hörte man in den Wäldern über ihnen ein Geſchrei und eine Bande von Häuptlin⸗ gen, die auf ihrer Reiſe nach Norden begriffen waren, an ihrer Spitze der Hadji und ſein Bruder, galoppirten gegen ſie herab. Die Krieger hatten kaum Zeit, ihre willkommenen Freunde in aller Eile zu begrüßen, ehe der Kampf begann; ihre Zahl belief ſich nun im Ganzen nur auf wenige Hunderte, während die annähernden Böte verſchiedene Tauſende von Feinden faßten. Die Bande der Tſcherkeſſen, meiſtens Häuptlinge und berühmte Krieger, blieben hinter den Bäumen ver⸗ deckt bis die Boote nah genug gekommen waren, daß ſie ſicher treffen konnten, worauf ſte ein ſchnelles und tödtliches Feuer aus ihren Gewehren eröffneten, wodurch die überraſchten Ruſſen in ziemliche Unordnung gebracht wurden; aber trotzdem, daß viele in den Booten ver⸗ wundet niederfielen, ſammelten ſie ſich doch bald wieder 181 und rückten von neuem vor. Als der Kiel des vorder⸗ ſten Schiffes an den Strand ſtieß, riefen Selem und der Hadji ihren Kameraden zu, zogen die Saͤbel und ſturmten mit verzweifelter Wuth auf den Feind ein. Ehe der erſte Ruſſe Zeit hatte, einen Fuß ans Land zu ſetzen, fiel er ſchon blutend in die See. Eines nach dem anderen von den vorderſten Booten, welche nach und nach ankamen, wurden mit der gleichen verzweifelten Tapferkeit empfangen, und als die lebloſen Körper ans Ufer geworfen wurden, bildeten ſie einen Wall gegen das Feuer der nachfolgenden. Der Feind folgte immer in ununterbrochener Reihe, wie Welle auf Welle, gegen den Strand; Selem und ſeine Freunde empfiengen ſie jedoch mit ſolcher heldenmüthigen Tapfer⸗ keit, daß der erſte Theil des Detaſchements vollkommen zernichtet wurde, und der Reſt halten mußte, bis mehr Boote von den Schiffen ankamen. Für die Tſcherkeſſen war es jedoch ein furchtbarer Kampf, ihre kleine Bande einer ſo überlegenen Macht entgegenzuſetzen, um ſo mehr, da man am Bord der Kriegsſchiffe, als man den kräftigen Widerſtand erblickte, anfteng, auf Freunde und Feinde gleich zu feuern. Ob⸗ gleich jedoch viele von den Patrioten gefallen waren, fochten ſie immer noch furchtlos. Als jedoch die hinteren Boote aufgerückt waren, rückten ſie alle in einer ſehr ausgedehnten Linie vor, und es gelang wirklich einer Abtheilung des Feindes zu landen, ehe man ſich ihnen widerſetzen konnte. 4 Als der Hadji ſie erblickte, rief er:„Allah! Allah! Nieder mit den Feinden Tſcherkeſſiens. Keiner ſoll hier Fuß faſſen. Allah! Allah!“ Und indem er mehreren ſeiner Gefährten zurief, machte er einen furchtbaren An⸗ griff auf ſie; ungeachtet ihrer äußerſten Tapferkeit wurden ſie jedoch wieder auf den Hauptkampfplatz zurückgetrieben, und von dem nachfolgenden Feinde hart gedrängt. Mitt⸗ lerweile war auf der anderen Seite eine neue Abthei⸗ lung von Truppen gelandet. Die Tſcherkeſſen befanden 182 ſich nun in großer Noth; doch ließen ſie ihren Feinden keine Zeit, ſich zu formiren; eine Abtheilung griff die⸗ ſelben mit dem verzweifeltſten Muth an und verhinderte ſte dadurch, der Ausſchiffung der anderen Truppen zu Hülfe zu kommen. Die patriotiſche Bande wurde ſehr ſchnell kleiner; ſelbſt die Kühnſten von ihnen hofften nur noch ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen; der Strand war bereits mit ihren Leichen überſät; die reinen Waſſer des Oceans waren durch Menſchenblut dunkelroth gefärbt. Sie dachten an ihre Frauen und Kinder, und ſuchten ſich noch wenigſtens ehe die Reihe zu ſterben an ſie kam, zu rächen. Das Bild ſeiner jungen Frau trat auch Thaddeus vor die Seele, und indem er ſie der Sorge des Himmels anempfahl, focht er tapfer mit erneutem Muthe an der Seite ihres Bruders. Als alle Hoffnung verſchwunden war, hörte man plötzlich von den Bergen her ein Ge⸗ ſchrei, welches das Knallen der Musketen, den Donner der Kanonen und das Klirren der Säbel bei weitem übertönte. Man ſah eine zahlreiche Bande aus dem Walde heraus kommen und gegen den Kampfplatz herab⸗ jagen; an ihrer Spitze war eine Frau, die einen glän⸗ zenden Säbel in der Hand ſchwang. Es war die ver⸗ wittwete Zara, die eine Bande von Bauern gegen die NRuſſen anführte, die ſich vor der Wuth ihres Anlaufes zurückzogen; und ihr Geſolge hieb ſodann die Feinde auf allen Seiten nieder. Ihr Leben ſchien bezaubert, denn ſie achtete gar nicht auf ſich ſelbſt, ſtürzte ſich überall in das dichteſte, verzweifeltſte Gefecht, rief ihrem Gefolge Muth zu, und führte mit ihrem zarten Arme tödtliche Streiche um ſich her. Auf einer langen Strecke längs der Küſte entſpannen ſich eine Menge einzelner Kämpfe, wo immer ein Boot zu landen und ſeine Truppen auszuſchiffen verſuchte; diejenigen, welche zurückgelaſſen wurden, während die Boote zurückkehrten, um Verſtärkung zu holen, wurden 183 in Stücke gehauen, denn die Vertheidiger waren zu ſchwach an Zahl, um verſuchen zu können, Gefangene zu machen. Als die Ruſſen den verzweifelten Stand der Dinge ſahen, ließen ſie alle Boote von den Kriegs⸗ ſchiffen ſowohl als von den Transportſchiffen ins Waſſer und füllten ſie mit Truppen, um den bereits ins Gefecht verwickelten Hülfe zu ſenden; die Briggs fuhren zu gleicher Zeit ſo nahe ans Ufer, daß ihre Kiele ſtrandeten. Dieſe Schiffe eröffneten über die Köpfe ihrer eigenen Leute weg ein mörderiſches Feuer auf die Ver⸗ theidiger des Landes. Die Tſcherkeſſen waren viel zu eifrig und thätig, als daß dieſes Manöver von großem Nutzen hätte ſeyn können. Sie ſtürzten ſich auf ihre Feinde im Augenblick wenn ſie anlamen, giengen ihnen ſelbſt ins Waſſer entgegen und fochten bis an die Bruſt im Waſſer ſtehend, ſo daß das Feuer der Schiffe gleiche Verheerung auf beiden Seiten anrichten mußte. Die Ruſſen ſahen nun ein, daß es klüger von ihnen geweſen wäre, mit dem Anfange des Feuerns zu warten bis alle ihre Feinde am Ufer verſammelt waren; nachdem dann ihre Kanonen auf die Haufen der Tſcherkeſſen geſpielt gehabt hätten, hätten ſie unter dem Schutze derſelben ohne Beläſtigung ihre Boote ans Land ſchicken können. Wie ſie es gemacht hatten, waren ſie furchtbar zuſam⸗ mengehauen worden, ohne mit Erfolg landen zu können. Sie verſuchten nun, ihren Fehler durch Aufopferung ihrer ei genen Leute zu verbeſſern; dieß machte ihnen nichts, wenn ſie nur zuletzt guten Erfolg hatten. Nachdem Selem mehrere, die ihm eben gegenüber geſtanden waren, niedergemacht hatte und ſich umwenden konnte, um zu ſehen was vorgieng, erblickte er Zara mitten im dichteſten Gefecht, ihr Gefolge aufmunternd und ſelbſt zum Angriffe führend; er eilte in größter Beſorgniß um ihre Sicherheit gegen ſie hin und ſuchte ſie von dieſer blutigen Scene zu entfernen. „Glaubt Ihr, das Leben meines Gemahls fordere nicht auch irgend ein Opfer von meiner Seite?“ rief 184 ſie.„Das Blut aller dieſer elenden Sklaven wiegt nicht einen Tropfen von dem auf, welches in ſeinen Adern floß. Wer iſt mehr dazu verpflichtet, ſeinen Tod zu rächen als ſeine Frau? Ich habe nichts zu fürchten. Haltet mich nicht von dem heiligen Werke ab. Sie riß ſich los und ſtürzte ſich von Neuem auf den Feind. Karl jedoch, der ihr gefolgt war und der nicht gegen ſeine Landsleute fechten mochte, blieb an ihrer Seite und deckte ſie gegen die Streiche, die nach ihr⸗ geführt wurden; bis endlich der Zorn in ihm aufbrauſte und er die Streiche ſelbſt mit Intereſſe wieder zurückgab. Selem ſah, daß alles vergebens geweſen wäre, ſie zurückzuhal⸗ ten, und Alle mußten nun ihre äuzerſte Energie anwen⸗ den, um den friſchen Angriff zurückzuſchlagen. Als die Boote ſich ſchnell der Küſte näherten, ſprangen die feindlichen Soldaten, die durch das Schickſal ihrer Ka⸗ meraden und durch das Aufmuntern ihrer Offlziere in die verzweifeltſte Wuth gebracht waren, mit ihren bereits aufgepflanzten Bajonetten ins Waſſer und griffen die Tſcherkeſſen an. Aber die thätigen Hochländer bekämpften ſte wie vorher, ſie ſprangen zwiſchen die Bajonette hinein und ſtießen ihre Gegner mit ihren kurzen Schwertern nieder. Die Entſcheidung des Kampfes war jedoch immer noch im Zweifel; denn an einer Stelle, die weniger hart⸗ näckig vertheidigt worden war, waren mehrere Boote auf einmal gelandet, und es war ihnen gelungen, ihre Truppen ans Land zu bringen, wo ſie ſich formirten und die Tſcherkeſſen in der Flanke ſo muthig angriffen, daß Selem zu fürchten anfieng, ihre heldenmuüthige Ver⸗ theidigung ſey nutzlos geweſen. In dieſem kritiſchen Augenblick hörten ſie abermals ein lautes Kriegsgeſchrei hinter ſich, und als Selem ſich umwandte, ſah er ſeinen Vater an der Spitze einer Bande aus dem Walde her⸗ ausbrechen und über den Sand herbei galoppiren. Es wurde nun ein friſcher verzweifelter Angriff auf die 185 Ruſſen unternommen und dieſe mit großem Verluſt in ihre Boote zurückgetrieben. Die Boote, die bereits flott waren, wurden ange⸗ halten und nun entſpann ſich erſt ein ganz verzweifelter Kampf, die Ruſſen verſuchten immer abzuſtoßen, wäh⸗ rend die Tſcherkeſſen die Boote umgaben und anhielten, das Schiffsvolk in's Waſſer zogen und die Soldaten, die noch weiteren Widerſtand leiſteten, niederhieben; als die Feinde jedoch ſahen, daß man ſie ihrem Schickſale über⸗ ließ, hörten ſte auf zu fechten und baten um Gnade. Es wurde eine große Anzahl zu Gefangenen ge⸗ macht, die Ruſſen hatten im Ganzen mehr als die Hälfte der Truppen verloren, die ſie zu landen verſucht hatten. Auch viele von ihren Booten blieben geſtrandet am Ufer zurück. Sobald die, welche auf den Schiffen zurückge⸗ blieben waren, ſahen, daß ihre Truppen eine gänzliche Niederlage erlitten hatten, eröffneten ſie von neuem eine furchtbare Kanonade auf die Tſcherkeſſen, welche ihre Todten und Verwundeten ſammelten und ſich in den Schutz des Waldes zurückzogen, wo ſie den Feind über⸗ wachen konnten ohne ihr Leben ſo ſehr auszuſetzen. Selem blickte ängſtlich nach Zara umher. Sie war unverſehrt entkommen. Sie hielt ihr Schwert— wel⸗ ches früher Alp geführt hatte,— und das vom Blute der Feinde noch rauchte, feſt in der Hand, und zog ſich langſam zurück, ohne von den in dichten Maſſen um ſie her fallenden Kugeln, welche noch in der Stunde des Sieges Viele erlegten, beſchadet zu werden. Die Patrioten bewachten ihre Feinde mit Luchs⸗ augen, da ſie beſorgten, ſie möchten einen zweiten Ver⸗ ſuch machen zu landen. Aus dem Walde wurde in allen Richtungen ein ununterbrochenes Feuer auf die zurück⸗ ziehenden Boote und Schiffe gegeben, welche noch durch Gewehrkugeln erreicht werden konnten, wodurch dieſe ihren Rückzug noch mehr beſchleunigten, um ſchneller aus dem Bereiche derſelben zu kommen. Der Feind hatte eine hinreichende Lektion erhalten. In kurzer Zeit waren 186 die Boote wieder eingezogen, und dieſe große Flotte, die im Stande ſchien, ganz Tſcherkeſſten zu unterwerfen, ſtach nun wieder in die See, nachdem ihr Unternehmen an einer Handvoll entſchloffener Hochländer geſcheitert war, und ſie eine tüchtige Niederlage erlitten hatten. Einen ſolchen Widerſtand kann patriotiſcher Muth gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit leiſten. Ein lauter Jubel erhob ſich unter den tapferen Sie⸗ gern als man die dunkeln Adler in die See fliehen ſah; der ganze Theil des Landes war vor der Hand vor dem ſchädlichen Schatten ihrer Flügel befreit. Aber gleich dem zerſtörenden Engel der Egyptier hatten ſie überall wo ſie hinkamen Schmerz und Trauer auf ihrem Wege hinterlaſſen; denn viele von den braven Patrioten waren gefallen. Selem begab ſich, ſobald die Schiffe unter Segel gegangen waren, mit einer Abtheilung von den Menſch⸗ licheren an den Strand hinab, wo ſie unter den ver⸗ wundeten Tſcherkeſſen auch noch viele von ihren fürz⸗ lichen Gegnern noch am Leben fanden. Dieſe armen Geſchöpfe zeigten ſich äußerſt dankbar, als ſie ſich in ihrer eigenen Sprache anreden hörten, und als Selem befahl ſie in das Dorf zu bringen und dort ſorgfältig zu pflegen. Keiner von unſeren Freunden unter den Häuptlingen war gefallen; aber Thaddeus hatte eine Wunde erhalten, die von hinreichender Bedeutung war, um die ganze Sorg⸗ falt und Aufmerkſamkeit Ina's in Anſpruch zu nehmen. Viele Monate vergiengen„ehe er wieder in's Feld konnte; und Ina wäre zu entſchuldigen geweſen, wenn ſie dieſe ſeine unfreiwillige Gefangenſchaft nicht bedauert hätte. Er hat ſich ſeitdem als treuen Kämpen ſeines Adoptiv⸗ Landes erwieſen, und wir glauben, daß ſeine wackeren Söhne in wenigen Jahren ſeinem edeln Beiſpiele folgen werden. Sobald der Tumult des Gefechtes aufgehört hatte, ſo legte ſich auch die Aufregnng Zaras, und überwältigt ————nꝛ—— —— —— 187 durch die übernatürliche Anſtrengung, die ſie erſtanden hatte, ſank ſie auf den Boden und ihre Hand ließ den Griff der Waffe fallen, welche ſie vorher nicht hatte verlaſſen wollen. In dieſem Zuſtande wurde ſie in das Haus Arslan Gherrei's getragen. Sie genaß und ſiel dann nie wieder in ihren apathetiſchen Zuſtand. Aber ihre Natur, ihr ganzes Ausſehen waren verändert, ob⸗ gleich ihre Augen glänzender waren als je. Eine hectiſche Röthe enſtand auf ihren feinen bleichen Wangen; ihre Lippen erblaßten und ihre Stimme verlor die ſanfte, liebliche Melodie. Gleich den kriegeriſchen Frauen ihrer Vorfahren war die beraubte junge Wittwe, wo immer der Feind nahte, im dichteſten Gefechte zu ſehen; ihr Heldenmuth ermunterte ihre Landsleute und verbreitete Schrecken in den Reihen der Urus, Wo das Blutbad am ſchrecklichſten war, und das Blut wie Waſſer aus einer den Winter über geſperrten Fontäne floß, die durch die Wärme des Fruhjahrs wieder losgelaſſen wird, war die junge Amazone mitten unter Erſchlagenen unverletzt und unverſehrt zu ſehen; ihr Leben war, wie es ſchien, bezaubert; und wenn ſie auch ihren Schmerz im Tode vergeſſen wollte, ſie konnte nicht; die Kugeln fallen ver⸗ gebens in dichten Haufen in ihrer Nähe; umſonſt ſaust der ſcharfe Stahl um ihr Haupt. 8 Viele folgen ihr als einem vom Himmel geſandten heiligen Weſen, das ſie zum Siege führen ſoll; und die Feinde fliehen von paniſchem Schrecken ergriffen, wenn ſie das Kriegsgeſchrei ihres Gefolges hören und ihre Annäherung ſehen. Das Feuer der Nache für ihren ge⸗ ſchlachteten Geliebten glüht immer noch ungekühlt in ihrem Buſen. Der Tod— der Tod allein kann dieſe verzehrende Flamme löſchen. Der edle Kämpfer ſeines Landes Arslan Gherrei ſührt immer noch ſein Gefolge in den Krieg; möge es ihm vorbehalten ſeyn, noch die Segnungen des Friedens zu genießen, die er ſo wohl verdient, und das Glück ——————u, 188. ſeines Landes zu erleben, für welches ſein Herz ſo treu ſchlägt. Auch das Kriegsgeſchrei des wilden Hadji wird jetzt noch im dichteſten Gefechte gehört, und obgleich ſein Tritt die Elaſticität, ſein Arm etwas von ſeiner Stärke verloren hat, ſo theilt er doch noch gute Streiche unter den Feinden ſeines Landes aus. Möge der gerechte Himmel den guten und braven alten Mann vor den Waffen der Feinde ſchützen! Und Selem, unſer Held— noch wohnt das Bild der liebenden, der gemordeten Azila in ſeiner Bruſt. Er hat ſein Gelübde nicht vergeſſen. Er erfüllt es furchtbar. Aber das Ende iſt noch nicht vollbracht. Seine einzige Braut, ſeine irdiſche Liebe iſt ſein Land; und welche ſchönere heiligere Gefühle könnte ſeine Bruſt beſitzen? Er kämpft immer energiſch für die Wohlfahrt Tſcherkeſfiens, und bereut es keinen Augenblick, daß er Vermögen, Rang und herzloſe Zerſtreuung, welche die Ketten des Despo⸗ tismus vergolden, gegen ſeine einfache Hütte und die Freiheit vertauſcht hat. Möge ſich jeder wahre Menſchenfreund unſerer ernſt⸗ lichen Hoffnung, unſerem aufrichtigſten Wunſche an⸗ ſchließen, daß Tſcherkeſſien nicht das Schickſal Polens erleiden möge! nnnRnnmnmmnnnnſſnniſiſſſſſſſſſſiſ 1 1 7 8 9 1 12 13 14 15