deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Wet.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mer.— Pf. „ 3 3— ſendung zu ſorgen. verlorene und fern dc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ T 3 n Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gan 1— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 ——— Cherzeſen Züngtling. Roman über Musslund von William H. G. Kingston. Aus dem Engliſchen. In drei Bänden. Erſtes bis drittes Bändchen. Stuttgart. Wle der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vorwort. Jeder, der ſchreibt, ſollte auch einen beſtimm⸗ ten Zweck haben; den meinigen herauszufinden will ich meinen Leſern überlaſſen, und glaube, daß man ihn nicht für ſchlecht halten wird. Obgleich das Ganze blos Dichtung iſt, ſo ſind doch mehrere von den Charakteren in folgendem Roman nicht blos Schöpfungen des Gehirns, ſondern wirkliche Per⸗ ſonen, welche waren und wahrſcheinlich noch ſind, und immer ihre Rolle auf der Schaubühne des Lebens ſpielen, wie der heldenmüthige Arslan Gherrei, der tapfere und ſcharfſinnige Hadji Guz Beg, Selem und manche Andere welche ich unter den Tſcherkeſ⸗ ſen eingeführt habe. Die Namen der ruſſiſchen Officiere ſind jedoch blos erdichtet. Die wiederholten Verſchwörungen, gleich der in den folgenden Blättern beſchriebenen, ſind in je⸗ dem genauen Werke über Rußland zu finden. Ich hatte die beſten Mittel in Händen, genaue Erkundigungen über Tſcherkeſſien einzuziehen, und habe ſie auch, wie ich hoffe, mit Vortheil benützt. Was meine politiſchen Geſinnungen betrifft, ſo * habe ich mich enthalten, dieſelben auszudrücken, und überlaſſe dieß denen, welche Vergnügen an ſol⸗ chen Streitfragen finden, und für die Anſichten, welche von einigen Charakteren des Werkes ausge⸗ ſprochen werden, muß man nicht mich verantwort⸗ lich machen. 1 Erſtes Kapitel. Avean cercando abbreviar cammino, Lasciato pel sentir la maggior via, uando un gran pianto udir sonar vicino, Che la foresta d'ogn intorno’empia. Bajardo spinse l'un, l'altro il ronzino Verso una valle, onde quel grido uscia; E fra due mascalzoni una donzella Videa, che di lontan parea assai bella. Orlando furiosa. Zwiſchen der alten und neuen Hauptſtadt Rußlands iſt nun durch eine gute breite Landſtraße eine bequeme Verbindung hergeſtellt, wo noch vor wenigen Jahren der Wanderer, welcher von einer Stadt in die andere reiſen wollte, nur ſehr langſam, den Spuren nach, auf holperigem ſteinigem Boden, durch Sümpfe, durch dunkle Wälder und öde unſichere Steppen fortkommen konnte. Die Sonne hatte bereits ihren niederen Lauf gegen die glücklicheren und freien Länder des fernen Abend⸗ landes begonnen, und beſchien mit ihren Sommerſtrahlen die Köpfe zweier Reiter, welche ihren Weg in ſuͤdlicher Richtung auf dem noch nicht ausgebeſſerten Theile der Straße, von welcher wir ſprachen, nahmen. Ihr Schritt war langſam, wie es die Beſchaffenheit des Bodens, auf dem ſie ritten, verlangte; ihre Aufmerkſamkeit war haupt⸗ ſächlich darauf gerichtet, ihre Pferde zwiſchen den vielen tiefen Fahrleiſen und Riſſen, welche auf ihrem Wege waren, durchzuführen.— Ihre Ausſprache, ihre vornehme Tracht und ihre ganze Erſcheinung verriethen auf den erſten Blick, daß ſie einem Stand angehörten, der weit über der gemeinen Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling 1. 1 2 Klaſſe im Leben ſtand. Sie waren gleich gekleidet, in halb militäriſcher Uniform; ihre Waffen beſtanden nur in Piſtolen und ſchweren Reitpeitſchen, welch letztere eine nicht zu verachtende Waffe ſind, wenn ſie von einem kräftigen Arme geſchwungen werden. Man hätte die beiden Reiſenden für Brüder hallen können, wenn nicht die dunkel leuchtenden Augen, die ſchwarzen Haare, die olivenfarbige eſichtshaut und das regelmäßige Profil des Einen, einen zu großen Contraſt mit den lachenden blauen Augen, der hellen Geſichts⸗ farbe und dem blonden Haare des Anderen gebildet hät⸗ ten, deſſen Pyhſtognomie, obgleich ſie der ſeines Beglei⸗ ters nicht gleichkam, etwas männlich Schönes hatte. Sie ſchienen beide beinahe von gleichem Alter zu ſeyn, und waren aus den Knabenjahren in jene fröhliche Zeit des Lebens getreten, wo der Mann Alles aufgibt, was er als kindiſche Streiche ſeiner jüngeren Jahre betrachtet, wo er glücklich und ſorglos iſt, und nicht daran denkt, wie bald an die Stelledes unbewußten Gluückes mit den vorgeruckten Jahren Sorgen und Widerwärtigkeiten aller Art treten, welche der Menſch vom Mannesalter bis in das Grab zu tragen verurtheilt iſt. Der letzt Erwähnte von den beiden Reiſenden war in der That der Aeltere, obgleich er durch das heitere Lächeln bei jeder Gelegenheit und ſein munteres, fröhli⸗ ches Weſen jünger ſchien, als ſein ernſterer Gefährte. In geringer Entfernung folgte ihnen ein ſchlechter unan⸗ ſehnlicher Karren, der ihr Gepäck enthielt; er wurde von einem langhärigen kleinen Pferdchen gezogen, deſſen Füh⸗ rer nicht weniger rauhhärig und verwildert ausſah, als das Thier ſelbſt. Ein ſchlechter breitkrämpiger Filzhut bedeckte ſeinen rothhärigen Kopf und ein ſehr langer Bart von der⸗ ſelben Farbe hing ihm bis auf die Bruſt herab. Der freundliche Blick ſeiner hellgrauen Augen und ein leich⸗ tes Lächeln auf ſeinen Lippen gaben ſeinem ſonſt nichts ſagenden geiſtloſen Geſichte einen gutmüthigen Ausdruck. Sein Anzug beſtand in einem langen Rocke von 5 3. grober Leinwand, der in der Mitte des Leibes durch einen ledernen Gürtel zuſammengehalten wurde, und Stiefeln von ungegerbtem Leder, welche bis über die Knöcheln reichten. Er trieb ſein kleines Thier durch Scchreien an, ſo ſchnell zu gehen, als es auf der rauhen Straße nur möglich war, pfiff, wenn er ſein Pferd mit der Peitſche hieb, ſchwang dieſe immer über ſeinem Kopfe, und dehnte ſeine Gedanken gewiß nicht weiter als auf dieſe unmittelbare Beſchäftigung aus.. Die Gegend, durch welche der Weg ging, kann wohl zu den traurigſten und langweiligſten, welche in Ruß⸗ land zu finden ſind, gerechnet werden; ſie kann ſich in ihrer ganzen weiten Ausdehnung nur ſehr weniger Na⸗ turſchönheiten rühmen. Die Landſchaft beſteht, ſo weit das Auge reichen kann, aus einer dürren unbebauten Ebene, wo nur dann und wann kleine Gruppen niederer Bäume in dem magern undankbaren Boden fortkommen — ein getreues Bild von dem elenden ſklaviſchen Leben, der Bauern in dieſer Gegend. Die Reiſenden hatten ihren Marſch durch die in einer ziemlich großen Ausdehnung gleich unmaleriſche Gegend fortgeſetzt, als dieſe ſich allmälig zu verbeſſern anfing, indem immer mehr Grün und die Bäume in größerer Anzahl zum Vorſchein kamen. Einer der Reiſenden machte deßhalb den Vorſchlag, welchem auch der Andere beiſtimmte, den Führer ihres Gepäckes mit ſeinem Kar⸗ ren nach Twer vorauszuſchicken, einer Stadt, in welcher ſie dieſe Nacht zu bleiben dachten, während ſie nach ihrer Bequemlichkeit durch den Wald, welchem ſie ſich genä⸗ hert hatten, folgen wollten. Der Knecht, welcher Karl hieß, wurde herbeigerufen und erhielt den Befehl, ſo ſchnell, als es ſeinem matten Thiere möglich wäre, zu fahren, für eine Unterkunft zu ſorgen, das Abendmahl zu bereiten, das Gepäck, das er geführt hatte, abzuladen, und die Betten, die ſie bei ſich hatten, auszupacken— eine ſehr nothwendige Vorſicht, da die Wirthshäuſer in den 1* 4 kleineren Städte Rußlands nur ſehr wenig Bequemlich⸗ keit darbieten. Karl gab durch einige unarticulirte Laute und durch mehrere Bucklinge zu verſtehen, daß er den Befehl ver⸗ ſtanden habe, und ihn willig befolgen werde; ſchwang hierauf ſeine lange Peitſche, und ließ ſte immer ſtaͤrker und ſtärker auf die Flanken des Pferdes fallen, bis die⸗ ſes widerſtrebend in einen Trab ſtel, und das grobe kleine Fahrzeug über Stock und Stein auf eine nicht ſehr ſanfte Art fortholperte. Die beiden Reiter ritten ſodann ruhig in einem langſamen Schritte weiter, wie es bei der Hitze eines heißen Sommertages am angenehmſten iſt, und jeder hing ſeinen eigenen Gedanken nach; die des Jüngeren von Beiden ſchienen meiſtens düſterer Natur zu ſeyn, indem öfters ein Schatten von Melancholie über ſeine ausdrucksvollen Geſichtszüge hinzog, ſeine gläͤnzenden Augen zeitweiſe einen begeiſterten Ausdruck annahmen und ſeine Lippen ſich bewegten, wie wenn mächtige Em⸗ pfindungen in ſeiner Bruſt arbeiteten. Sein Freund hingegen gab ſich Mühe, ſich ſelbſt die Reiſe kurzweiliger zu machen durch luſtige franzöſiſche Lieder, die er mit einer hellen, reinen und angenehmen Stimme ſang; dann und wann brach er auch in ein fröhliches Geläch⸗ ter aus. Endlich, wie es ſchien, ſeiner eigenen Gedan⸗ ken überdrüſſig, rief er aus: 3„Gott ſey Dank, mein Freund Jvan, daß wir für immer von dem dummen arbeitſamen Studiren und dem verhaßten Collegienzwange befreit ſind. Bah! Ich habe durch das viele Leſen meine Augen und die geringe Por⸗ tion Verſtand, mit der ich begabt bin, ſo angeſtrengt, daß ich in einem ganzen Jahr von jetzt an in kein Buch mehr ſehen will. Wir werden uns jetzt nicht mehr mit dieſen erdichteten Gefechten abgeben, von nun an erwarten wir mit Ungeduld den Tag, wo wir auf dem wirklichen Kriegsſchauplatze Ehre und Ruhm ernten können. Was ſagſt Du dazu, Jvan, ſchlägt Dein Puls nicht ſchneller 1 in der Ausſicht auf die ruhmvollen Gefechte und Er⸗ oberungen, welche wir ſelbſt mitmachen werden? Was meinſt Du, werden wir unſere jungfräulichen Schwerter an den treuloſen Turbanen der Türkei verſuchen? Sie ſollen, wie man ſagt, keine zu verachtenden Feinde ſeyn; oder wenn zufälliger Weiſe unſer Regiment im Haupt⸗ quartier nicht in Gunſt wäre, könnten wir auch beru⸗ fen werden, unſeren Muth an den barbariſchen Berg⸗ bewohnern des Kaukaſus zu verſuchen. Ich höre, daß die Gefechte mit ihnen hitzig genug ſind, mehr vielleicht, als zu jeder Zeit angenehm iſt. Es ſoll in der That wahr ſeyn, daß der Kaiſer einen Feldzug im Kaukaſus für ein vortreffliches Mittel hält, die militäriſchen Ta⸗ lente Solcher zu entwickeln deren Ideen über das Phan⸗ tom, das man„Freiheit“ nennt, nicht ganz mit ſeinen eigenen übereinſtimmen; deßhalb wird es mich nicht über⸗ raſchen, wenn wir eines Tages die Nachricht erhalten, daß unſere ſchätzbaren Dienſte gefordert werden, um ſeine Armee in dieſem entfernten und wilden Theile der Erdkugel zu verſtärfen. Was hältſt Du von dieſer An⸗ ſicht, Jyvan? Biſt Du nicht begierig, Dein Schwert ge⸗ gen die wilden Horden dieſer unchriſtlichen Barbaren des Kaufaſus zu führen?“ 1 Die Stirne Jvan's hatte ſich über dieſe Bemerkun⸗ gen, welche in einem leichten, ſorgloſen Tone ausge⸗ ſprochen worden waren, verfinſtert, und mehrere Mal hatte er verſucht, ſeinen Freund zu unterbrechen, jetzt, da er geredet hatte, rief er entrüſtet aus: „Ich dachte, Du kenneſt mich beſſer, Thaddeus, als daß Du mir einen Vorſchlag dieſer Art machteſt. Nie werde ich mein Schwert ziehen, um die Sache der Ty⸗ rannei und Ungerechtigkeit zu unterſtützen. Dieſes ſchlechte Werk überlaſſe ich Sklaven und Miethlingen. Sollte Rußland ſelbſt angegriffen werden, ſo würde ich mit Freuden mein Blut zu ſeiner Vertheidigung laſſen, wie in ſolch einem ruhmvollen Bemühen, als das iſt, einem, der nach der Herrſchaft von ganz Europa trach⸗ tete, den Weg aus dem Lande zu zeigen; aber nie werde ich meine Arme dazu hergeben, die Unterjochung eines freien und unabhängigen Volkes zu unterſtützen, auf deſ⸗ ſen Herrſchaft es nicht einmal einen Schein von Recht anſprechen kann. Lieber wollte ich mein Wappen in Stücke zerbrechen, und allen Hoffnungen auf Emporſtei⸗ gen in der Welt entſagen“ Auf die Lippen von Thaddeus trat ein leichtes Lä⸗ cheln, als er dieſe Auseinanderſetzung von Grundſätzen vernahm, welche in Rußland ſo dngemöhalich ſind; die⸗ ſes verſchwand aber ſchnell wieder, als er das finſtere Ausſehen ſeines Freundes bemerkte.* „Haſt Du ſelbſt kein Gefühl für die Unterdrückten, Thaddeus?“ fuhr Ivan fort;„Du, deſſen Geburtsland ſo ſchwer von der Macht Rußlands litt, Du, der ſo ge⸗ gründete Urſache hat, die Tyrannei dieſer eiſernen Re⸗ gierung zu verabſcheuen! Und wenn Du mich liebſt, ſo ſpreche in Zukunft nicht mehr von dem Gegenſtand, den Du ſo gedankenlos berührt haſt, denn ich kann meinen Gefühlen hierüber nicht trauen.“ „Ich ſprach blos im Scherz,“ antwortete d An⸗ dere,„und ſchenke Deinen Gefühlen aufrichtigen Beifall; aber, ach! ich fürchte, die Grundſätze, welche Du aus⸗ ſprichſt, würden, wenn man ſie in dieſer Gegend aufſtel⸗ len wollte, ſchlechten Anklang finden, und es möchte klü⸗ ger ſeyn, ſie zu unterdrücken. Ich für meinen Theil be⸗ kenne aufrichtig, daß, obgleich ich heiligen Reſpect vor der Freiheit Jedermanns, namentlich vor meiner eigenen habe, ich doch eine ſolche eingewurzelte Liebe zum Fech⸗ ten beſitze, daß, wofern ſich eine Gelegenheit darbietet, meine Neigung zu befriedigen, ich mich wenig darum bekümmere, in welcher Sache ich das Schwert ziehe.“ „Schäme Dich, Thaddeus!“ rief Ivan entrüſtet. „Ich erröthe, von Einem, den ich meinen Freund nenne, und bei dem ich edlere Geſinnungen vermuthete, ſelbſt bekennen zu hören, er wolle das willige Werkzeug eines Despoten werden; denn ſo weit geht Deine Erklärung.“ Thaddeus lachte, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, und erwiederte:. „Deine Emancipation vom Collegium hat in der That die Freiheit Deiner Gefühle ſehr ausgedehnt, mein lieber Ivan; und es iſt nur ein Glück, daß Dir dort nicht die Idee gekommen iſt, Vorleſungen über das Recht und die Unabhängigkeit des Menſchen zu halten; ſie hät⸗ ten Deine Zuhörer unter den Cadeten ſehr erbaut, und wunderbare Menſchen und Soldaten aus ihnen für den Kaiſer gebildet; höheren Orts hätte Dir jedoch Deine Anſicht über Freiheit wenig Credit verſchafft.“ „Dein ungereimtes Necken,“ erwiederte der gereizte Jvan,„iſt nur eine ſchwache Vertheidigung Deines Man⸗ gels an liberalen Geſinnungen. Auch bin ich der Narr, welchen Du mich ſcheinen machen willſt. Du weißt wohl, wie ſehr ich den Zwang verabſcheute, der uns im Colleg auferlegt war, und daß ich meinen Studien mit doppelter Anſtrengung und Beharrlichkeit oblag, um mich ſo bald als möglich von dieſem verdrüßlichen verhaßten Zwange zu befreien. Dir, als einem erprobten und. einzigen Freunde habe ich nun mein Herz geöffnet im Glauben, ich habe einen Zuhörer gehabt, welcher auf⸗ richtig in meine Geſinnungen einginge; aber es ſcheint, daß ich mich ſehr getäuſcht habe, und ich habe nun die bittere Erfahrung gemacht, daß man keiner lebenden Seele trauen kann.“ Der Ton der Stimme des Sprechers bewies, daß ſein Zorn ſich in einem ſolchen Grade geſteigert hatte, daß ein Fortfahren in dem erwähnten Necken wahrſchein⸗ lich einen Bruch der Freundſchaft beider jungen Leute herbeigeführt hätte. Thaddeus beſtrebte ſich kluger Weiſe den Zorn ſeines Freundes zu beſchwichtigen, indem er die Richtigkeit ſeiner Geſinnungen anerkannte und ver⸗ ſprach, dieſelben wo möglich ſelbſt anzunehmen, als ihre Auf⸗ merkſamkeit plötzlich durch einen Laut in Anſpruch ge⸗ nommen wurde, welcher Aehnlichkeit mit einer menſch⸗ lichen Stimme hatte, die nach Hülfe rief, aber in einer ſolchen 8 Entfernung, daß der Schall nur noch ſchwach zu ihren Ohren drang. Sie hatten nun eine ausgedehnte offene Waldſtrecke erreicht, auf der vereinzelte Bäume ſtanden, die ſtellenweiſe in ziemlichen Entfernungen von einander, theilweiſe aber auch dichten Gruppen zuſammengedrängt, und von niederem verwickeltem Geſtrüpp umgeben waren.. Die jungen Leute ſchienen gegenſeitig die Gefühle verbannt zu haben, welche ſich ihrer bei der letzten hitzi⸗ gen Unterhaltung bemächtigt hatten und trieben ihre Pferde augenblicklich in ſchnellem Laufe in der Richtung fort, woher der vermeintliche Laut gekommen war, als ein zweiter ſchwacher Schrei, welcher aber von größerer Entfernung herzukommen ſchien, ihnen die Gewißheit gab, daß ſie in der wahren Richtung gefolgt waren. Ihre Pferde waren durch den rauhen und ſchlechten Boden ſehr am Springen gehindert, und oft waren ſie genöthigt, über verwachſenes, ſtachlichtes Geſtrüpp zu ſetzen, auf die Gefahr hin, in eines von den vielen un⸗ geſehenen Löchern oder in einen Moraſt zu fallen. Un⸗ geachtet der zahlreichen Hinderniſſe eilten ſie mit zuneh⸗ mender Schnelligkeit dahin, begierig, ihren Beiſtand zu leiſten; ſie waren verſichert, daß der durchdringende Schrei von einer Frau herrührte, welche in Noth ſeyn mußte. Sie waren gerade aus einer Gruppe von Bäu⸗ men herausgekommen, in die ſie verwickelt geweſen wa⸗ ren, als wieder ein lauter durchdringender Schrei gehört wurde; und in demſelben Augenblicke bekamen ſie zwei Reiter zu Geſicht, welche zwiſchen den Bäumen galop⸗ pirten, und von denen der Eine eine Frau im Arme hielt; ihnen folgten zwei Männer zu Fuß im vollſten Laufe, Sie hatten noch einige Minuten zu thun, bis ſie ſich aus dem verwachſenen niedern Geſträuche heraus⸗ arbeiten konnten, welcher Verzug der Gegenparthie Zeit verſchaffte, einen größeren Vorſprung zu bekommen; da aber jene beiden Reiter ihre Pferde mit Peitſche und Sporn über jedes Hinderniß wegtrieben und auch ſchon beſſeren Boden gewonnen hatten, ſo waren ſie den Fuß⸗ gängern weit vorgekommen, welche, als ſie die ſchnelle Annäherung ihrer Verfolger ſahen, ihren Gefährten laut zuriefen, ſie ſollen zu ihrer Unterſtützung umkehren. Letztere hingegen, ſtatt zu ihrer Unterſtützung herbeizu⸗ eilen, verdoppelten ihre Geſchwindigkeit, um ſelbſt zu entwiſchen und nahmen keine Rückſicht auf das laute Geſchrei ihrer eingeholten Gefährten. Als dieſe ſahen, daß kein Entkommen möglich war, ſielen ſie den Pferden ihrer Verfolger in die Zuͤgel, wurden aber von ſolchen Peitſchenhieben von den beiden Reitern empfangen, daß ſie nicht nur die Zügel fahren laſſen mußten, ſondern auch außer Stand waren, weiter fortzukommen. Nachdem die beiden Freunde ſich dieſer Gegner ent⸗ ledigt hatten, verfolgten ſie die berittenen Räuber, wel⸗ che die Frau gewaltſam fortführten, deren anhaltendes Geſchrei um Hülfe den Weg anzeigte, welchen ſte ein⸗ geſchlagen hatten.. Die Scene fing an anziehend zu werden. Vor ihnen lag ein ausgelichteter Wald und es entſtand nun ein gegenſeitiges Beſtreben, einander an Geſchwindigkeit zu übertreffen. Die edlen Thiere thaten ihr Aeußerſtes vorwärts zu kommen, und ſchienen die Gefühle, von denen ihre Neiter belebt waren, zu theilen. Die Räuber drehten ſich bei der Ankunft ihrer Ver⸗ folger in ihren Sätteln und erhoben ihre Piſtolen gegen ihre Verfolger; dieſe wagten nicht, ihre Waffen zu ge⸗ brauchen, aus Furcht, die Frau zu verwunden. Der Reiter, welcher allein ritt, feuerte ſeine Piſtole auf t — Thaddeus ab, aber durch die Schnelligkeit, mit welcher er ritt, zielte er unſicher und die Kugel ging weit neben dem Ziele vorbei, und ehe er Zeit hatte, eine zweite zu gebrauchen, ſchlug ihm der junge Ppole mit einer ſolchen Kraft das Ende ſeiner Peitſche t uͤber den Kopf. daß er die Kraft nicht mehr hatte, ſich * im Sattel zu halten und beſinnungslos zur Erde fiel. In demſelben Augenblicke ſetzte ſein Gefährte Ivan, 10 der es verſuchte, deſſen Roß in die Zügel zu fallen, eine Piſtole auf die Bruſt; dieſe Bewegung machte aber das Opfer frei, ſie brachte ſchnell ihren Arm aus den Falten des Mantels, mit dem ſie bedeckt war, und ſtieß den Lauf der auf ihren Retter gerichteten Piſtole auf die Seite; der Stoß. obgleich ſchwach, war doch hinrei⸗ chend, die tödtliche Richtung zu verändern; die Kugel ſtreifte jedoch noch Ivans Seite. Dem Letzteren gelang es deſſenungeachtet, die Zügel des Pferdes ſeines Geg⸗ ners zu erfaſſen, und dieſelbe zarte Hand, welche vor einem Augenblicke aller Wahrſcheinlichkeit nach ſein Leben gerettet hatte, ergriff jetzt ſchnell die Piſtole, welche noch im Guͤrtel des Räubers ſteckte, und warf ſie auf den Boden. 5 Der Mann, welcher auf Ivan gefeuert hatte, war nun genöthigt, ſich ſelbſt zu vertheidigen, und deßhalb gezwungen, das Mädchen fahren zu laſſen, welches, als ſie vom Sattel ſiel, glücklicher Weiſe von Thaddeus auf⸗ gefangen wurde. Dieſer war von ſeinem Pferde herab⸗ geſprungen, um einem ernſthaften Leide, das der Räu⸗ ber ihr hätte zufügen können, und das Jvan, der mit ihm kämpfte, unmöglich hätte abwehren können, zuvor⸗ zukommen.— Durch den Schmerz und Blutverluſt ſeiner Wunde wurde Ivan ſchwindlig, und ließ die Zügel, welche er ergriffen hatte, fahren; als dieß ſein Gegner bemerkte, ſtieß er ſeinem Pferde die Sporen in die Flanken, und ſprengte mit verhängtem Zügel in das Innere des Wal⸗ des, wo eine weitere Verfolgung nutzlos geweſen wäre. Die jungen Männer, welche jetzt Sieger des Feldes waren, richteten nun ihre Aufmerkſamkeit auf das ſchöne Geſchöpf, welchem ihre Galanterie zu ſo gelegener Zeit Hülfe gebracht hatte; und in der That verdiente die außerordentliche Schönheit ihrer Figur und ihres Ge⸗ ſichts die Blicke voll Ueberraſchung und Bewunderung, die auf ſie gerichtet waren. Die ganze Erſcheinung war wirklich ungewöhnlich, S⸗ 11 und obgleich ſie auf den erſten Blick ſahen, daß ſie nicht zu den hohen und ſtolzen Schönen des Landes gehörte, geſtanden ſie ſich doch innerlich, daß ſie wohl dieſer Aus⸗ zeichnung werth geweſen wäre. Die Aufregung bei der Scene hatte ihr das Blut in die Stirne und in ihre ſchönen ovalen Wangen geſagt, welche eine helle Oli⸗ venfarbe durchblicken ließen; ihre großen funkelnden Augen waren von Thränen feucht und ſtrahlten von einem Blicke von unausſprechlicher Dankbarkeit, als ſie ſich auf ein Knie niederließ, und die Hände ihrer Be⸗ freier küſſen wollte; dieſe kamen ihr aber in Erweiſung dieſer Ehre zuvor. Ihre glänzend ſchwarzen Haare, welche durch eine ſilberne Spange auf ihrer ſchönen hohen Stirn zuſammengehalten wurden, waren unbedeckt und hiengen in langen Locken über ihren Nacken herab und reichten beinahe bis auf ihre ſchlanke Taille. Ein hellblauer Mantel, den ſie über ihre Schultern geworfen hatte, und ein Spencer und Rock von rother Leinwand, mit Silber verziert, vollendeten ihren phantaſtiſchen, aber eleganten und reichen Anzug. Der Charakter ihres fremdartigen Anzuges und ihre ausdrucksvollen Geſichtszüge verriethen, daß ſie zu jener außerordentlichen Race gehörte, welche gegenwärtig auf dem größeren Theile der alten Welt herumirrt, und ihren Urſprung von den ehemaligen Bewohnern Egyp⸗ tens ableitet, ihre Sprache und Gebräuche von einem Menſchenalter zum andern beibehält und ſich nie ganz mit den Völkern, in deren Ländern ſie ihr Wanderleben führt, vermiſcht. Die ganze Seene, welche wir beſchrieben haben, hatte nur einige Minuten gedauert, während welcher Zeit die jungen Männer vollkommen Herrn des Feldes gewor⸗ den waren; ein Räuber, welcher durch ſeinen Anzug und ſein Benehmen von einem höheren Range als die anderen zu ſeyn ſchien, war entflohen; der andere lag immer noch beſinnungslos auf dem Boden vene gen be⸗ täubenden Schlage, welchen ihm Thaddeus gege en hatte, 12 während die zwei Männer, welche zuerſt angegriffen wor⸗ den waren, in einem gleichen Zuſtande in ziemlicher Ent⸗ fernung von dieſem Punkte lagen. 3 Stillſchweigend ſtaunten ihre Befreier das egyptiſche Mädchen an und hiengen mit Bewunderung an dieſen ſchönen Geſichtszügen, welche ſo ausdrucksvoll waren, und eine noch hohe Jugend verriethen; ſie war die Erſte, welche das Stillſchweigen unterbrach, ward aber von ihren Rettern daran verhindert, ihre Gefühle von Dank⸗ barkeit ſo auszuſprechen, wie ſie es wünſchte. „Obgleich Sie denken werden, edle Herren, der Dank eines Zigeunermädchens habe nur geringen Werth,“ ſagte ſie,„ſo glauben Sie mir doch, daß ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin, daß Sie mich von einem ſchlimmeren Schickſale als dem Tode befreit haben; denn ich kenne die niederträchtige Natur des Mannes, von dem Sie mich errettet haben, ganz genau. Aber hören Sie meine Bitte, wir wollen eilig von hier fort, ſonſt wird der Räuber, welcher uns entwiſcht iſt, mit einer Bande ſeiner an das Böſe gewöhnten Gefährten zurückkehren, und Ihre großmüthige, zu rechter Zeit ge⸗ brachte Hülfe fruchtlos machen, indem er mich wieder in ſeine Gewalt bekäme, und gar leicht Ihnen ſelbſt den Untergang bereiten könnte.“ „Fürchte nicht für uns,“ rief Thaddeus,„um Dei⸗ netwillen, liebenswürdiges Mädchen, würden wir uns hundert Feinden gegenüberſtellen; und denke nicht daß wir wegen einer ſo feigen Memme, wie jener Bube offenbar iſt, unſere Abreiſe beſchleunigen. Und wenn er einer von den Mächtigſten des Landes iſt, fürchten wir ihn doch nicht.“ „Er iſt ruchlos und mächtig genug, ſeine Verbre⸗ chen ungeſtraft zu begehen,“ antwortete die Zigeunerin; „ich bitte Sie daher ernſtlich, die Wohlthat, die Sie mir erwieſen haben, vollſtändig zu machen, und meinen Rath zu befolgen, daß wir uns ſo ſchnell als möglich entfer⸗ nen; denn ich hin feſt überzeugt, daß er ſich Muͤhe ge⸗ 13 ben wird, ſich an Ihnen zu rächen wegen Ihrer Da⸗ zwiſchenkunft zu meinen Gunſten, und daß er bald mit einer größeren Anzahl von Männern, denen Sie unmög⸗ lich widerſtehen können, zurückkehren wird.“ „Ich glaube, daß Du Recht haſt,“ ſagte Ivan,„und daß wir wohl thun werden, Deinem Rathe zu folgen.“ „Du haſt immer das Recht auf Deiner Seite, Jvan,“ antwortete Thaddeus,„ſo ſtimme ich auch mit überein, daß wir unſeren Rückzug antreten, der nach dem Siege durchaus nicht entehrend iſt, da uns eine überlegene Macht droht.“ „Ach! ja! ja!“ rief das befreite Mädchen aus, „ſchnell von hier fort; denn glauben Sie mir, es iſt kein Augenblick zu verlieren. Ich bitte Sie jetzt nur noch um die einzige Gunſt, daß Sie mich meiner Ver⸗ wandtſchaft und meinen Freunden wieder geben, damit dieſe Ihnen auch danken können, da meine Worte viel zu ſchwach ſind, um meine Empfindungen vollkommen aus⸗ zudrücken.“ „Wir wollen Dich auf alle Faͤlle in Sicherheit ſehen,“ erwiederte Ivan,„und Deinem Wunſche gemäß wollen wir ein zufälliges Zuſammentreffen mit Deinen Feinden vermeiden, obgleich wir keinen Grund haben, ſie zu fürchten.“ Sie ſchickten ſich daher an, den Schauplatz ihres Abenteuers zu verlaſſen, und Ivan war im Begriff, dem Mädchen ſeine Hülfe anzubieten, um dieſer ſchönen ſchlanken Figur auf ſein Pferd zu helfen, als durch die Bewegung, welche er machte, das Blut ſtärker aus ſei⸗ ner Seite lief, und ſte den rothen Strom, welcher her⸗ abfloß, gewahr wurde; er ſelbſt hatte bisher nicht darauf geachtet, da die Wunde nicht von Bedeutung war, und in der Hitze des Kampfes ſeine Aufmerkſamkeit davon abgelenkt worden war. Die Farbe wich auf einen Augen⸗ blick von ihren Wangen, und ſie bat ihn, indem ſie eine leichte Schärpe unter ihrem Mantel hervorbrachte, um die Erlaubniß, ſeine Wunde verbinden zu dürfen.„Sie 14. ſind verwundet, Herr,“ rief ſie aus,„und ich bin die unglückliche Urſache des Ihnen widerfahrenen Unrechts. Mein Stamm beſttzt manche Kenntniſſe in der Kunſt, Wun⸗ den zu behandeln; ich ſelbſt erhielt hierin von einer alten, in dieſer Kunſt ſehr erfahrenen Frau Unterricht, und halte es daher nicht für anmaßend, wenn ich Sie als den geringſten Beweis meiner Dankbarkeit darum bitte, daß Sie mir erlauben, die Wunde zu heilen, da ich auch die Urſache war, daß Sie dieſelbe erhielten.“ 4 Ivan nahm ihre Hülfe mit Dank an und ſie ver⸗ band ſehr gewandt und ſchnell mit ihrer Schärpe ſeine Seite, welche ihn jetzt ſchon bedeutend ſchmerzte. Wäh⸗ rend dieſes Geſchäfts bemerkten ſie die zwei Räuber, welche ſie beſinnungslos auf dem Boden ausgeſtreckt verlaſfen hatten, vorſichtig bemuht, ſich wegzuſtehlen, in⸗ dem ſie ſich an den niederen Geſträuchen hinſchlichen; gab Zeichen der wiederkehrenden Beſinnung von ſich. Thaddeus war ſo menſchlich, den Leib des Letzteren an einen Baum zu lehnen, nachdem er ihm vorher ſeine Waffen genommen hatte, welche er mit denen, die auf dem Boden lagen, in einiger Entfernung in ein Ge⸗ ſträuch warf. Das Zigeunermädchen hatte gerade ihren Verband beendigt, als das Pferd ihres niedergefallenen Feindes, nachdem es in einem großen Bogen auf der freien Waldſtelle herumgeſprungen war, ohne jedoch außer den Geſichtskreis zu gehen, ſich wieder der Stelle näherte, wo es frei gelaſſen worden war, wie wenn es ſeinen Herrn ſuchen wollte; mit Gedankenſchnelligkeit ſprang ſie vorwärts, erfaßte die Zügel des Pferdes und ſchwang ſich leicht und ohne ſichtliche Mühe auf den Rücken des Falben, da ſie ſich auf dieſe Art leichter aus ihrer gefährlichen Lage befreien konnten. „Jetzt reiten Sie zu, edle Herren,“ rief ſie aus, „aus Liebe zu dem Gott, den Sie anbeten, und ſorgen Sie nicht für mich. Wir Kinder der Wüſte werden frühe gewöhnt, gefährlichere Thaten, als dieſe iſt, aus⸗ und auch der Dritte, welcher vom Pferde gefallen war, — 15 zuführen, und ich kann ohne Gefahr den Sitz zu verlie⸗ ren, ein Pferd reiten, das viel raſcher iſt als das, wel⸗ ches mich wirklich trägt.“ Die jungen Männer waren ihrem Beiſpiele gefolgt, und hatten ihre Pferde beſtiegen; nachdem das Mädchen ihnen die Richtung des Weges, den ſie nehmen mußten, mit der Hand angezeigt hatte, ritten ſie mit ihr in vol⸗ lem Laufe fort, waren aber genöthigt, ihre Sporen tüch⸗ tig anzuwenden, um dem weniger ermüdeten Pferde ihres ſchönen und außergewöhnlichen Führers folgen zu können. Sie vermied das Dickicht des Waldes, welches ihnen ſo hinderlich geweſen war, führte ſie auf einem Umwege, aber auf gutem, feſtem Boden um dasſelbe herum, und legte doch den Weg in kürzerer Zeit zurück, als es ihnen möglich geweſen war, als ſie zu ihrer Unterſtützung her⸗ beieilten; bald erreichten ſite die Landſtraße, welche ſie quer überſchritten, und jagfen dann in den anſtoßenden Wald hinein. Plötzlich hielt ſie ihr Pferd an und wandte ſich an ihre Begleiter: —„Vergeben Sie mir die Eile einer furchtſamen Er⸗ ſchreckten; ich muß wirklich undankbar erſcheinen, daß ich ſo ſchwach ſeyn fonnte, zu vergeſſen, daß einer meiner edelmüthigen Erretter große Schmerzen ausſteht. O, verzeihen Sie mir meinen Fehler, welcher durch die Furcht vor einer Gefahr entſtand, welche Sie jetzt unmöglich be⸗ greifen koͤnnen“ Jvan verſicherte ſte, daß ſeine Wunde ihn ſo wenig beſchwere, daß er eben ſo ſchnell fortreiten könne, wie bisher, wenn ſie es fuͤr rathſam halte, worauf ſie ihr Pferd in ein ſchnelles, jedoch etwas weniger ſtarkes Tem⸗ po als vorher ſetzte..—„ „Ihre Pferde ſind ermüdet,“ ſagte ſie im Weiter⸗ reiten,„und der Tag iſt ſo weit vorgerückt, daß ſte vor Einbruch der Nacht kein Obdach erreichen können; über⸗ dieß furchte ich, daß in kurzer Zeit ein Sturm über un⸗ ſeren Häuptern losbrechen wird; jene dunkeln Wolken ſind nur die Vorläufer von anderen.“ 16 Als ſie dieß ſagte, wies ſie mit dem Finger nach einer Oeffnung zwiſchen den Bäumen, durch welche man dicke Maſſen von Wolken erblickte, die ſich am Himmel ſammelten.„Wenn Sie das geringe Dach eines Zi⸗ geunerzeltes nicht verſchmähen, werden Sie dort nach unſern Mitteln auf das Beſte bewirthet werden; was die Leute meines Stammes betrifft, ſo würden ſie ſich, obgleich ihr Anblick rauh und wild iſt, gegenſeitig über⸗ bieten, ihre Aufmerkſamkeit und Erkenntlichkeit gegen die, welche eine ihrer Töchter aus Gefahr errettet ha⸗ ben, an den Tag zu legen.“. Der Entſchluß, die junge Zigeunerin nicht zu ver⸗ laſſen, bis ſie dieſelbe an einen ſicheren Ort gebracht hätten, und ein natürliches Gefühl von Neugierde, etwas Näheres über das ſchöne Geſchöpf zu erfahren, das ihnen der Zufall unter ſolchen außerordentlichen Um⸗ ſtänden zugeführt hatte, beſtimmten Beide, Jvan und Thaddeus, ihr Anerbieten von Gaſtfreundſchaft ohne Zö⸗ gern anzunehmen. Obgleich noch vor wenigen Minuten der Himmel über ihren Häuptern rein und hell geweſen war, ſo drohte ſie jetzt der Sturm, welchen ihr Führer vorher⸗ geſagt hatte, zu überfallen; der Himmel war ſchon ganz überzogen von dunkeln ſchweren Wolken. 3 Sie trieben ihre müden Pferde wieder an und galoppirten mehrere Werſte fort, die Natur der Gegend, durch welche ſie kamen, kaum bemerkend, bis ſte an einem Orte an⸗ kamen, wo das Geſträuch des Waldes ſo dicht ſtand, daß ein Durchdringen desſelben unmöglich war. Ihre Füh⸗ rerin jedoch ging etwas rechts, führte ſie auf einem augenſcheinlich von der Hand der Natur gebildeten Wege, welcher einen ſchmalen Eingang hatte, ſich in verſchiedenen Richtungen bog und nach und nach weiter wurde, bis er in einen freien Waldplatz einmündete, der mit ſchönem grünem Raſen bedeckt war. In einer Ecke dieſer lichten Waldſtelle ſtand eine Gruppe von Zelten, die mit Wagen umgeben waren; waͤhrend Pferde 17 und ſonſtige Hausthiere mit Stricken an denſelben angebunden waren und auf der üppigen Wieſe weideten. Die Annäherung des Trupps wurde ſogleich durch das laute Bellen einiger langhaariger Doggen ange⸗ kündigt, welche mit offenen Rachen vorwärts ſtürzten, und bereit ſchienen, jeden Eindringling anzugreifen; kaum hatten aber die wilden Thiere den Klang der Stimme des Führers gehört, ſo verwandelte ſich ihr wüthendes Gebell in ein Freudengeſchrei: ſie ſtürzten auf ſie zu, ſprangen an ihr hinauf, und beſtrebten ſich, Lieb⸗ koſungen von ihr zu gewinnen. Sie wurden ſchnell von einem Mann zurückgerufen, der von einem Zelte hinter den Wagen hervorkam, und mit einer langen Flinte bewaffnet war; als er das Mädchen erkannte, ging er auf ſie zu, ohne ein Wort zu ſprechen und hielt die Zügel ihres Pferdes, als ſie abſtieg und leicht auf den Raſen hüpfte. Auf einen durchdringenden Pfiff von ihm erſchienen zwei verwildert ausſehende kleine Knaben, welche auf einen Wink von ihnm ſchnell herbeiſprangen, um den beiden Fremden denſelben Dienſt zu leiſten. Nachdem ihre Führerin einige Worte in einer für Ivan und Thaddeus unverſtändlichen Sprache mit dem Manne geſprochen hatte, ging ſie gegen ein Zelt hin, das ſeiner Größe nach das bedeutendſte im Lager zu ſeyn ſchien; wie die übrigen, beſtand es aus Fellen, welche feſt zuſammengenäht waren, und einen ſicheren Schutz vor dem Wetter boten.— Vor demſelben ſtand ein großer wohlgebildeter Mann, deſſen lange ſchwarze Locken, die unter einer Mütze von Schafpelz hervorhiengen, ihm ein etwas wildes Ausſehen gaben, das aber durch ſeine großen glänzenden Augen und ein gutmüthiges Lächeln auf ſeinen Lippen gemil⸗ dert wurde. Sein Anzug beſtand aus einer Leinwand⸗ Jacke, welche durch einen ledernen Gürtel über der Weſte zuſammengezogen war, aus weiten Beinkleidern und Stiefeln von ungegerbtem Leder. Er betrachtete mit Erſtaunen Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I.— 2 4 18 ſowohl die Fremdlinge als ihre Führerin, von welcher er eine Erklärung zu verlangen ſchien, als ſie ſich ihm mit zärtlicher Miene näherte. Er breitete ſeine Arme aus und umarmte ſie herzlich; nachdem ſie ſchnell und mit gedämpfter Stimme einige Worte gewechſelt hatten, gieng er raſch auf die Fremden zu, ergriff ihre Hände und drückte ſie an ſein Herz.— „ Die Retter meiner Tochter,“ ſagte er, indem er ſich in ruſſiſcher Sprache an ſie wandte,„ſind dreimal willkommen in meinem geringen Zelte, und es wird ſo⸗ wohl mein Beſtreben, als das des ganzen Stammes, deſſen Oberhaupt ich bin, ſeyn, Ihnen zu zeigen, wie ſehr wir für die Wohlthat, welche Sie uns erwieſen haben, dankbar ſind. Glauben Sie nicht, edle Herren, obgleich uns die Welt manche Laſter aufbürdet, daß man uns gerechter Weiſe die Undankbarkeit vorwerfen könne. Aber, während ich Sie mit meinen Worten hinhalte, wird der Sturm losbrechen; mein Zelt wird ſie wenig⸗ ſtens vor der Wuth deſſelben ſchützen, wenn es auch von allem dem Luxus entblößt iſt, an welchen Sie gewöhnt ſeyn werden.“. Große Regentropfen fiengen ſchon an zu fallen; der Wind pfiff kläglich durch die Aeſte der Bäume, welche dadurch ſtark hin und her bewegt wurden, während häufige ſtarke Blitze vom Himmel herab ſchoßen und um ihre Köpfe zuckten.— 4 „Wenn es Ihnen gefällig iſt, meine Herren, in die einzige Wohnung, welche ich mein eigen nennen kann⸗ zu treten,“ ſagte der Zigeunerhäuptling, indem er auf ſein Zelt wies;„eine in der That ſehr wandelbare; aber wo auch immer mein Zelt anfgeſchlagen iſt, meine Freunde werden dort immer willkommen ſeyn.“ Indem er dieß ſagte, kam er an dem Eingang des Hauptzeltes an, während ſeine Tochter, nachdem ſie ihre Gäſte ehrfurchtsvoll gegrüßt hatte, in ein benachbartes Zelt ſchlüpfte. 19 Zweites Kapitel. Olybius. Woher ſo plötzlich dieſer Trit? Margarita. Mein Herr, ich. bitt Euch, laßt mich gehn Hab keine Zeit— auch keinen Wunſch. Märtyrer von Antiochien. Die Reiſenden hatten alle Urſache, ſich Glück zu wünſchen, daß ſie den Strömen von Regen, welche nun von den ſchweren dunkeln Wolken herabſielen, entgiengen, da fie dem Zigeuner in ſein Zelt gefolgt waren, deſſen Inneres mehr Bequemlichkeit zu bieten ſchien, als es dem aͤußeren Anſcheine nach verſprochen hatte. In der Mitte lief ein Vorhang, der ganzen Länge nach durch das Zelt, welches, da derſelbe gerade aufgezogen war, auf einen Blick überſehen werden konnte; wenn man den Vorhang herabließ, ſo wurden durch denſelben zwei abgeſonderte Räume gebildet. Die Ausſtattung derſelben war ſehr einfach und beſtand blos aus mehreren großen Kiſten, auf welchen Haufen von Häuten und Teppichen aufgeſchichtet waren, und aus einigen Stühlen und Bänken. An dem einen Ende hiengen an den Wänden des Zeltes eine Anzahl Küchengeräthſchaften, alle auf das Schönſte geputzt; an dem anderen waren Feuer⸗ waffen von verſchiedener Größe und Arbeit, Pulverfla⸗ ſchen, Schrotbeutel und Jagdmeſſer maleriſch zwiſchen den Ergebniſſen der Jagd aufgehängt. Ueberdieß waren noch mehrere Dielen vorhanden, welche als Tiſche, Bettſtellen oder zum Sitzen dienten. Der Boden war den Blicken durch einen warmen und weichen Teppich von Fellen entzogen; der Platz ſelbſt war ganz richtig gewählt; denn da er ſich etwas über das angränzende Land erhob, blieb er vollkommen trocken, ungeachtet der Ströme von Regen, welche ſich an den Seiten vorbei wälzten. 4 2 . 20 Die einzige Perſon, welche im Zelt war, als die Fremden eintraten, war eine hübſche Frau, welche der Zigeuner ihnen als ſein Weib vorſtellte. Sie war emſig mit häuslichen Arbeiten beſchäftigt, welche ſie aber ver⸗ ließ, um ihre Gäſte zu empfangen, was ſie mit einem Anſtande that, der einem hochgebornen Fräulein Ehre gemacht hätte; dann ſchritt ſie zur Bereitung der Abend⸗ mahlzeit. Ein paar Kiſten wurden vorwärts geſchoben und mit Brettern bedeckt, wodurch ein vortrefflicher Tiſch gebildet wurde; dieſer war bald mit einem Ueberfluß von kalten Speiſen, Geflügel und Wildpret verſchiedener Art, grobem aber gutem Brode, und einer Bouteille Quaß bedeckt, dem gewöhnlichen Getränke der Gegend, das aus Malz bereitet wird: auch noch ſtärkere Geiſter fehlten nicht, um die Gäſte aufzumuntern. Der Wirth bat die jungen Männer, ſich zu Tiſch zu ſetzen, während er und ſeine Frau dafür ſorgten, daß nichts fehlte, und ſich nicht bereden ließen, die Mahlzeit mit ihnen zu theilen. Er erwiederte nur:„es iſt unſere Pflicht, Sie zu bedienen, ſo lange unſer Zelt durch Ihre Gegenwart beehrt wird, und ich bitte Sie, meine Herren, die Abweſenheit meiner Tochter Azila zu ent⸗ ſchuldigen; ſte hat ſich zu den anderen Mädchen des Stammes zurückgezogen, um ſich von der Anſtrengung zu erholen; ihre Blicke verrathen nur zu ſehr, was ſie gelitten hat. Ich geſtehe, ich kenne die Einzelnheiten ihres Abenteuers immer noch nicht; es genügte mir vor der Hand, zu wiſſen, daß Sie einer für mich ſo theuern Perſon eine Wohlthat erwieſen haben.“ „Ihre lange Abweſenheit machte mich in der That beſorgt, da ſie mich nicht von ihrer Abſicht, das Lager zu verlaſſen, benachrichti t hatte, obgleich ich ihr in ihren Ausflügen, von denen oft Niemand im Stamm etwas weiß, freies Spiel laſſe, und ſie gewohnt iſt, ungefragt zu gehen und zu kommen. Azila iſt ein ganz eigenes Mädchen, und wenige können ſich mit ihr an 21 Verſtand und Uriheil meſſen, da ich wohl weiß, daß ſte immer einen guten Grund zu ihren häufigen Ausflügen gus dem Lager hat, und daß ſie immer im Intereſſe der Gerechtigkeit und Menſchlichkeit handelt, ſo ſuche ich nicht mehr von ihr zu erfahren, als was ihr ſelbſt recht dünkt, mir zu ſagen; ich weiß wohl, daß ich ihr trauen kann.“ Obgleich die Züge und Geberden ihrer Wirthe die Begierde ausdrückten, etwas Näheres vom Abenteuer zu erfahren, ſo erlaubte doch die Gaſtfreundſchaft nicht, mit den Gäſten davon zu ſprechen, bis die Mahlzeit beendigt war, worauf jene die Begebenheiten, die zur Befreiung ihrer Tochter beigetragen hatten, erzählten. Während ſie ſprachen, trat der Gegenſtand ihrer Unterhaltung in das Zimmer, näherte ſich dem Vater und küßte ihm ehr⸗ erbietig die Hand, dann verneigte ſie ſich mit auf dem Buſen gekreuzten Armen gegen ihre Gäſte, und blieb mit niedergeſchlagenen Augen neben denſelben ſtehen. Der Vater betrachtete ſie mit zärtlichen Blicken, wäh⸗ rend die jungen Männer kaum ihre Bewundernng ver⸗ bergen konnten. †. 9 „Kann dieſes zurückhaltende, beſcheidene Geſchöpf,“ dachte Ivan,„dieſelbe ſeyn, welche vor ganz kurzer Zeit erſt ſo viel Muth und Entſchloſſenheit zeigte?“ Keiner der zwei Freunde konnte geraume Zeit Worte finden, ſie anzureden; denn ſie fühlten, daß Schmeicheleien und Complimente bei einem ſo erhabe⸗ nen Geſchöpfe nicht am Platz geweſen wären; ihr Vater half ihnen ſelbſt aus der Verlegenheit. „Jetzt, da unſere Gäſte von unſerem Brode gegeſſen und aus unſerem Becher getrunken haben, verlange ich von Dir, mein Kind, eine nähere Erklärung der Um⸗ ſtände, welche Deiner Befreiung vorangingen. Ich be⸗ ſchränke mich darauf, zu erfahren, wer es gewagt hat, einem der Kinder unſeres Stammes eine ſolche Beleidi⸗ gung zuzufügen; wer es auch immer ſey, er ſoll der 22 Strafe, welche ſeine Schlechtigkeit verdient, nicht ent⸗ rinnen.“. Schaamröthe bedeckte die Wangen des Zigeuner⸗ Mädchens, als ſie antwortete:„Ach, mein Vater, ich fürchte, mein Feind iſt zu mächtig und vorſichtig, als daß es Dir möglich wäre, ihn zu züchtigen; ich muß eine Begebenheit erzählen, welche ſchon letzthin vorfiel, und welche ich Dir gern verſchwiegen hätte, wenn nicht der, von dem die Rede ſeyn wird, ſeine Verfolgung ſo weit ausgedehnt hätte. Meine Geſchichte iſt lang; wenn Sie es aber wünſchen, will ich ſie vortragen, und bitte nur meine braven Vertheidiger, einem armen Mädchen zu verzeihen, wenn ſie zauderte, Begebenheiten zu erzäh⸗ len, durch welche ſie ſo viel leiden mußte.“ 3 „Wäͤhrend unſeres Aufenthaltes in Moskau, als unſer Lager in der Nähe dieſer Stadt war, beſuchte ich eines Tages einige Töchter eines anderen Stammes uuſeres Volkes, da ich einer darunter etwas mitzutheilen hatte. Sie tanzten und ſangen in öffentlichen Gärten im Gedränge ſchauluſtiger Bürger, welche ſich Abends von der Mühe und Laſt des Tages erholen wollten. Als wir uns von einem Platze zum andern bewegten, bemerkte ich einen Mann, der mich ſcharf beobachtete, und der mich, ſo viel ich mich erinnerte, ſchon während des Tages betrachtet hatte und mir gefolgt war; jetzt unterſchied ich ihn von der Menge durch ſeinen hübſchen Anzug, und die Verachtung, mit der er alles um ſich her betrachtete. Wenn ich mich mit meinen Gefährten in Bewegung ſetzte, folgte er uns immer, bis er zuletzt matt und überdrüſſig wurde, immer dieſelben Tänze zu ſehen und dieſelben Geſänge anzuhören, und aus den Gärten verſchwand, woraus ich denn ſchloß, daß ich mich in meinem Verdacht getäuſcht hatte. Der Abend war ſchon ziemlich vorgerückt, als ich meine Gefährten ver⸗ ließ und mich auf den Rückweg nach unſerem Lager machte, welches ich auf einem kürzeren Wege zu erreichen ſuchte; ich kam bald in einen engen Weg, auf welchem . 23„ man nicht ausweichen konnte. Indem ich ſchnell dahin lief, erblickte ich plötzlich gegenüber von mir einen Fremden, den ich augenblicklich für den erkannte, welcher alle meine Bewegungen im Garten ſo ſehr bewacht hatte. Als ich mich bemühte, unbemerkt an ihm vorüber zu kommen, ergriff er haſtig meinen Arm und rief: „Ach, habe ich Dich endlich gefunden, ſchönes Jung⸗ ferchen, die ich ſo manchen langen Tag geſucht habe? Oft habe ich Dich geſehen, bis jetzt aber nie eine Ge⸗ legenheit gefunden, meine Gefühle auszudrücken. Ich bin Graf Erintoff! Mein Wagen hält in der Nähe und wird Dich bald außer den Bereich derer führen, welche kipennüzige Beweggründe haben, Dich daran zu verhin⸗ ern.“ „Ich kann nicht alle Argumente wiederholen, welche er anwandte, um mich zu überreden, ihm zu folgen; eben ſo wenig die Schmeicheleien und niedrigen Anerbie⸗ ten, welche er mir machte. Ich wies ſie alle mit der Verachtung ab, die ſie verdienten. Als er ſeinen Namen ausſprach, erinnerte ich mich gehört zu haben, daß er wegen mancher Laſter berüchtigt war, die er mit meh⸗ reren anderen ſeines Ranges verübte, in welchem über⸗ haupt die Tugend ſo ſelten geübt und geſchätzt wird.“ „Laſſen Sie mich gehen, Herr 1 rief ich;„ich will Ihnen nicht länger zuhören; ich möchte zu meinen Freun⸗ den zurückkehren!“ 4 G „Ach, meine ſpöttiſche Schönheit,“ antwortete er la⸗ chend,„nicht ſo ſchnell, ich bitte Dich; wenn Bitten nichts fruchten, muß ich eben Gewalt anwenden, um Dich zu zwingen, Vortheile anzunehmen, welche Du ſo thöricht verwerfen willſt; doch nicht um die ganze Welt werde ich Dir ein Leid zufügen. Hierher Geſellen lu Er rief viele von den feilen Gehülfen ſeiner Verbrechen bei ihren verſchiedenen Namen. „Als ich die verſchiedenen Diener eilig herbeikom⸗ men ſah, ſuchte ich mich loszumachen, was mir auch durch eine plötzliche Kraftäußerung gelang, worauf ich auf der 24 Straße fortſprang und ohne ein einziges Mal umzuſe⸗ hen, unter Herzklopfen, und athemlos das Lager erreichte. Dieſe Beleidigung blieb in meinem Buſen verſchloſſen, weil ich wohl wußte, daß ein Wink hingereicht hätte, Viele zu veranlaſſen, daß ſie mehr als volle Genugthuung für das mir widerfahrene Unrecht genommen hätten. Da ich der gegenwärtigen Unbille entronnen war, und glaubte, er werde von einer ferneren Verfolgung abſtehen, ſo wollte ich Niemand von meinem Stamme gegenüber von einem ſo mächtigen Gegner in Gefahr bringen.“ „Leider war ich verdammt, bald wieder von Neuem ſeinen ſchlimmen Anſchlägen ausgeſetzt zu werden! Die⸗ ſen Morgen war ich mit Aza, Lina und einigen anderen Mädchen und begleitet von mehreren Kindern aus dem Lager gegangen; wir wollten uns im Walde durch Spie⸗ len die Zeit vertreiben, als ich während des Spieles, in welchem wir einander um die Baͤume herum fiengen, von den übrigen getrennt war. Ich hörte das Gelächter meiner Geſpielen, als ſie ſich zurückzogen, wegen der Dich⸗ tigfeit des Gebüſches konnte ich aber ihre Figuren nicht ſehen: in dieſem Augenblick hörte ich einen Schrei bei den Kindern, der mir anzeigte, daß ſie einen Fremden im Walde bemerkt hatten. Ich eilte, um ſo ſchnell als möglich zu ihnen zu ſtoßen, als ich plötzlich von zwei Maͤnnern ergriffen wurde, welche aus einem benachbar⸗ ten Dickicht ſprangen. In einem Augenblick, ehe ich mich von der Ueberraſchung ihres Angriffs erholen konnte, warfen ſie mir ein Sacktuch über den Kopf, um mich zu verhindern, nach Hülfe zu rufen. Ungeachtet meines äußerſten Widerſtandes brachten ſie mich auf eine rohe Art weiter, bis ſte ein anderes Dickicht erreichten; als ſich das Schnupftuch theilweiſe von meinen Augen zurück⸗ zog, ſah ich einen Mann zu Pferd, deſſen Züge durch einen weiten Mantel verborgen waren, bei dem ein an⸗ derer ſtand, der die Zügel eines ledigen Pferdes hielt. Sie bemühten ſich mich zu überreden, ich ſolle es beſtei⸗ gen; ich weigerte mich aber hartnäckig vom Fleck zu 2838 8 gehen; da ſie ſahen, daß ich nicht zu bewegen war, wurde der Reiter im Mantel ungeduldig uͤber den Verzug, nahm mich um den Leib, ſetzte mich auf den Sattel vor ſich hin, gebot einem ſeiner Gefährten das ledige Pferd zu beſteigen, und trug mich in vollem Laufe davon. Als ich meinen Räuber einen Augenblick ſehen konnte, ent⸗ deckte ich zu meinem Schrecken, daß ich in der Gewalt des Grafen Erintoff war. Die fürchterliche Erinnerung durchkreuzte jetzt mein Gehirn, daß wir in der Nachbar⸗ ſchaft eines ſeiner Güter waren, und ich ſtrengte mich ſo ſehr als möglich an, mich von ihm loszumachen, un⸗ beſorgt darüber, daß ich bei dieſem Verſuche auf den Bo⸗ den fallen konnte; er hielt mich aber feſt und verſicherte mich, er liebe mich über alle Maßen, und kein Sterbli⸗ cher ſolle mich von ihm befreien, jedem, der den Verſuch machen würde, ſchwor er tödliche Rache.“ „Ich konnte meiner Angſt und meinem Schrecken nur in lautem Rufen nach Hülfe Luft machen, da es mir gelungen war, die Binde von meinem Munde zu ziehen, und er dieſelbe nicht wieder befeſtigen konnte. Dieſer Vortheil bot mir jedoch nur geringe Hoffnung, daß man meinen Ruf hören könnte.“ „So war ich ſchon eine bedeutende Strecke fortge⸗ ſchleppt worden und verzweifelte ſchon daran befreit zu werden, als ich durch dieſe beiden edeln Herren, welche ihr Leben wagten, errettet wurde.„O, glauben Sie mir, edle Herren,“ fügte ſie bei,„daß das Zigeuner⸗ Mädchen, ſo lange ſie lebt, nie die große Wohlthat, welche Sie ihr erwieſen haben, vergeſſen wird.“ Bei rieſer Erzählung blitzten die Augen des Zigeu⸗ ner⸗Häuptlings vor Unmuth;„der freche Barbar,“ rief er,„ſoll ſein ſchlechtes Schelmenſtück, das glücklicher Weiſe vereitelt wurde, bereuen; ſein hoher Rang ſoll ihn gewiß nicht ſchützen! Kann er ſich nicht damit begnü⸗ gen, die unglücklichen Leibeigenen zu tyranniſiren, die bereits unter ſeiner Macht ſtehen, muß er ſich nach fri⸗ ſchen Opfern unter unſerem Stamme umſehen? Hält 26 er uns auch für ſolche elende Sklaven wie die Bauern dieſes Landes? Er ſoll noch lernen, daß die Zigeuner nicht zu dieſer niedern Kaſte gehören. Aber, Azila, mein Kind! was verurſacht Dir dieſe plötzliche Bewegung?“ „Seh, ſeh, mein Vater,“ rief ſie auf Ivan zeigend, welcher überwältigt von Anſtrengung und von den Schmer⸗ zen ſeiner Wunde auf den Boden gefallen war; der Zi⸗ geuner ſprang ſchnell hin und nahm ihn in ſeine Arme. „Ach,“ rief Azila mit bewegter Stimme,„wie undank⸗ bar und nachläſſig bin ich doch gegen ihn, der ſein Leben zu meiner Rettung wagte; ich konnte vergeſſen, daß er verwundet war! ich will mich aber beeilen Hagar hier⸗ her zu hoken, die ihn mit mehr Kunſt behandeln wird, als ich es kann, gewiß aber nicht mit mehr Sorgfalt.“ Azila hatte kaum das Zelt verlaſſen, als Jvan wieder zum Bewußtſeyn kam, der nun in den Armen ſeines Freundes ruhte, da Thaddeus den Zigeuner von ſeiner Laſt befreit hatte. „Er wird bald durch die Sorgfalt unſerer ehrwür⸗ digen Mutter Hagar hergeſtellt ſeyn,“ ſagte der Häupt⸗* ling;„es ſind Wenige in dieſer Gegend ſo bewandert in der Heilkunſt wie ſie.“ Als er noch ſprach, kam die er⸗ waͤhnte Perſon, begleitet von Azila, in das Zelt. Ihre Haare waren gebleicht, und ihr Rücken durch das Gewicht vieler Jahre gekrümmt; und obgleich ihre Haut runzlich und von der Sonne verbrannt war, war doch das Feuer ihres dunklen ausdrucksvollen Auges nicht erlöſcht. „Mutter,“ ſagte Azila,„wenn Du Dein Kind liebſt, ſo gebe Dir alle mögliche Mühe in der Behandlung dieſes Fremden, der, indem er mich vertheidigte, verwundet wurde; durch Deine Hülfe, bin ich überzeugt, wird er bald wieder geſund ſeyn.“ 38 „Kind,“ erwiederte die Sibylle,„die Macht zu hei⸗ len kommt allein dem großen Geiſte zu, welcher unſeren Stamm beſchützt und ich bin blos ſeine arme Magd, die willig die Mittel anwendet, die in ihre Hände gelegt ſind; dieſe werde ich auch mit Freuden zur Heilung die⸗ 27 4 ſes Fremden auwenden, doch ſcheint es mir, ſeinem Blicke nach zu urtheilen, daß Ruhe und Schlaf die Mittel ſind, die für ihn am nothwendigſten ſind.“ 9 Dieß war in der That der Fall, und auf das An⸗ rathen der alten Frau wurde ſogleich das Zelt für die Nacht von der Frau des Zigeuners willfährig bereitet. Der hinaufgezogene Vorhang wurde in der Abſicht, zwei Zimmer zu bilden, herabgelaſſen, und durch das Aufrol⸗ len eines Bundes von Häuten und Teppichen war ſchnell ein Lager auf den Kiſten und Dielen bereitet, welche vorher den Tiſch gebildet hatten. Dorthin war Ivan bald in den Armen ſeines Freundes und des Wirthes gebracht, nachdem die übrige Familie das Zelt verlaſſen hatte, mit Ausnahme von Hagar, welche fortfuhr, die Wunde zu unterſuchen; der Zigeuner bereitete mittler⸗ weile ein zweites Lager, das er Thaddeus einzunehmen bat. Nachdem die alte Frau ihre Beſichtigung der Wunde vollendet hatte, und dem Leidenden anempfohlen hatte, ſich bis zu ihrer Rückkehr vollkommen ruhig zu verhal⸗ ten, verließ ſie das Zelt, um die Heilmittel beizuſchaffen, welche angewandt werden mußten. Nachdem der Zigeuner⸗Häuptling auf den Boden in die Mitte des Zelts eine Lampe geſtellt hatte, wandte er ſich, ehe er gieng, mit den Worten an ſeine Gäͤſte: „Sie können vollkommen ſicher ſeyn, edle Herren. Ich bin im Begriff, die Runde um das Lager zu machen, um meine getreuen Männer als Poſten auszuſtellen für den Fall, daß die Räuber, welche heute einen ſo elenden Anſchlag auf meine Tochter gemacht hatten, Luſt bekom⸗ men ſollten, die Befreiung derſelben durch einen nächtli⸗ chen Ueberfalt zu vergelten. Ich glaube zwar kaum, daß ſie ſo viel Muth beſitzen, um einen ſo kühnen Ent⸗ ſchluß zu faſſen; ihr Führer iſt jedoch zu einem ſolchen Streiche fähig, und in dieſem Lande, wo die Reichen und Maͤchtigen über dem Geſetze ſtehen, darf er ſicher ſeyn, daß er ungeſtraft davon kommt, ſo himmelſchreiend auch das Unrecht iſt, das er den Armen und Niederen zufügt. 28 Das Wanderleben, dus wir führen, lehrt uns Vorſicht, und auf meine wohl abgerichteten Hunde kann ich mich vollkommen im Falle eines plötzlichen Angriffs verlaſſen, da ſie auf ihren Poſten nie ſchlafen.“ Er verließ hier⸗ auf mit ehrerbietigem Gruß das Zelt. Als Thaddeus mit ſeinem Freunde allein war, ver⸗ ſuchte er ein Geſpräch über die Ereigniſſe des heutigen Tages mit ihm einzuleiten, aber Ivan, den ſeine Wunde ſehr ſchmerzte, antwortete mit ſo ſchwacher matter Stim⸗ me, daß es offenbar war, daß er nicht die Kraft hatte, die Bemerkungen ſeines Freundes zu erwiedern. Dieſer gieng hierauf geräuſchlos an den Eingang des Zeltes und betrachtete die wilde ungewöhnliche Scene, die ſich hier ſeinen Blicken darbot. Der Sturm war nun vor⸗ übergezogen, und man ſah den dunkelblauen Himmel in ſeiner ganzen Pracht mit Millionen von Sternen über⸗ ſät, welche ein helleres Licht zu haben ſchienen, wie wenn ſie durch das Dahinrollen der dunkeln Wolken glän⸗ zender gemacht worden wären, oder im Triumphe über den ſchnellen Flug ihrer dunkeln Gegner funkelten. Die zunehmende Mondſichel warf ihr Silberlicht auf die äußerſten Gipfel und Aeſte der Waldbäume, deren gigantiſche Schatten in Ruhe auf dem grünen Waſen ausgeſtreckt lagen.. Zeitweiſe konnte er dunkle Figuren wahrnehmen, welche aus dem Schatten hervortraten und im Mondlicht fortgiengen, bis ſie wieder in der Dunkelheit verſchwan⸗ den, gleich unruhigen Geiſtern, welche ſuchend umher⸗ wandeln; es waren, wie er ſich dachte, entweder einzelne Banden, die in ihre Zelte heimkehrten, oder Patrouillen, welche vom Lager ausgeſchickt worden waren. Er blieb längere Zeit in Nachdenken verſunken ſte⸗ hen, als er plötzlich durch die Erſcheinung einer Figur aufgeſchreckt wurde, welche geräuſchlos aus der Dunkel⸗ heit hervorgetreten, und nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, als er ſie bemerkte. Er erkannte au⸗ genblicklich Hagar, die auf ihren Stock geſtützt herbei⸗ 29 kam, und in ihrer Hand einen kleinen Korb trug. Ihre langen Locken hiengen in Unordnung über ihre runzlichte, faltige Stirne herab, und gaben ihr Aehnlichkeit mit einer jener ſchlimmen Schweſtern, die um Mitternacht mehr Unheil anrichten, als ein Diener Gottes Gutes, wenn er ſich auch noch ſo ſehr Mühe giebt, ein menſchliches Weſen zu erleichtern. Der junge Pole wäre zu entſchuldigen geweſen, wenn ſich ein abergläubiſches Mißtrauen ſeines Verſtandes be⸗ mächtigt, und er Anſtand genommen hätte, ſeinen verwun⸗ deten Freund der Sorge eines ſo ſeltſamen Arztes zu überlaſſen; er verbannte aber ſchnell jeden Zweifel, und gieng in das Zelt hinein. Die alte Hagar kniete bei Ivan's Lager nieder, nahm die Binde ab, welche Azila als Verband angewendet hatte, wuſch die Wunde mit einem Decoct von Kräutern, welches ſie in ihrem Korbe hatte, und verband ſie mit Leinwand. Während der Operation hatte ſie ohne Rückſicht auf den Patienten oder ſeinen Freund, welcher horchte, folgende Worte vor ſich hingemurmelt: „Ach, ach, zu deutlich ſehe ich, was dieß werden wird, und ſo war es immer! Geringe Wunden gehen oft tiefer als ſterbliche Augen ſehen können und junge Herzen fürchten die Waffen nicht, die ſte zerſtören, ſon⸗ dern entblößen ihren Buſen noch vor ihren Streichen. Ach, mein Kind, mein Liebling! das mir näher am Her⸗ zen liegt, als mein eigenes Kind, wenn nur Dein groß⸗ müthiges edles Herz nicht Urſache findet, die Wunde zu verwünſchen, welche dieſer junge Fremde heute in Deiner Sache erhalten hat! Könnte ich doch ebenſo Dein Schickſal leſen, wie ich Dich vor dem Boͤſen hewahren kann. Wenn ich den Stern Deiner Beſtimmung betrachte, werden meine Augen trübe, meine Gedanken verwirrt, und es verſchwindet alles vor meinem Blick. Dieſer Fremde wird einen ſehr verſchiedenen Weg von dem ge⸗ hen, welchem Du folgſt, mein Kind; in dieſer Welt wird Dir keine Gerechtigkeit widerfahren. Er wird ſeine Lauf⸗ . 30 bahn unter den hohen und Mächtigen fortſetzen, und das Zigeuner⸗Maͤdchen vergeſſen. Oder, wenn ſie ihm zu⸗ fällig vor das Gedächtniß tritt, wird es nur als Phan⸗ tom eines wachenden Traumes ſeyn. Ach! wie verſchie⸗ den wird es bei ihr ſeyn! Ich ſehe ſo deutlich voraus, wie gefahrbringend ſeine Erſcheinung meinem Kinde iſt. Ach, ach, obgleich ich die Gefahr über ihrem Haupte ſchweben ſehe, weiß ich nicht, wie ich ſie davon benach⸗ richtigen kann. Ich bemerkte wohl den ernſten Blick, den ſie, ſich ſelbſt unbewußt, auf den jungen ſchönen ann warf. In dieſem einen Blick waren tiefe zarte Gefühle concentrirt, obgleich ſie ſelbſt keine Ahnung da⸗ von hatte und nur von Dankbarkeit für ihre Erretter durchdrungen war. Da ihr Schickſal, die ich liebe, die der Stolz meines Buſens und Kind meines Stammes iſt, meinem Blicke verborgen iſt, ſo ergründete und er⸗ forſchte ich wenigſtens, ſobald die glänzenden Sterne am Himmel funkelten, die Beſtimmung dieſes Fremden. Gleich dem brillanten Meteor, welcher quer durch das Firma⸗ ment zieht, und jedem menſchlichen Auge als dem mei⸗ nigen verborgen iſt, wird auch ſeine Laufbahn, was ich aus der Betrachtung deſſelben wahrnahm, ſchnell und glänzend ſeyn, aber obgleich ſtürmiſch und mit Blut be⸗ zeichnet, doch rein und frei von Verbrechen, und führt zu einer hohen Beſtimmung. Wenn man dieſe ruhigen gelaſſenen Züge betrachtet, ſieht man, daß er ſolcher Ver⸗ brechen, wie ſie die menſchliche Natur erniedrigen, nicht faͤhig iſt. Ja, er iſt ihrer Liebe werth. Möge der mäch⸗ tige Geiſt, welcher unſeren Stamm beſchützt, die Retter meines Kindes bewachen und ſchützen.“ Als die alte Sibylle ihre dunkeln Weiſſagungen, ddie ſie mit ſchwacher Stimme ausſprach, beendigt hatte, und mit ihren Verrichtungen zu Ende war, ſchenkte ſie einen kühlenden Trank ein und reichte ihn Ivan, welcher ihn gierig austrank, und ſich dann zur Ruhe legte. KChaddeus hatte ſich vor kurzem auch ſchon auf ſein grobes Lager gelegt, und war ſchon in tiefen Schlaf 31 verſunken, als ſich Hagar an der Seite ſeines Freundes nie⸗ derſetzte. Sie ſieng einen leiſen Geſang an, undfuhr fort zu ſin⸗ gen, bis ihr die Augen zufielen, und ſie einſchlummerte. Die Worte, welche ſie ſang oder vielmehr liſpelte, folgen hier unten; da ſie aber in der Zigeuner⸗Sprache geſprochen wurden, welche von Wenigen ihres eigenen Stammes gekannt iſt, ſo iſt es ſchwer, ſie buchſtäblich wiederzugeben; die meiſten Prophezeihungen, welche ſie, während ſie Ivan's Wunde verband, gemacht hatte, wa⸗ ren in derſelben Sprache, ſo daß alſo dieſer von dem Schickſale, das ſie ihm weiſſagte, gar nichts wußte. Hört, Geiſter, ich ruf Euch, Kommt Geiſter der Höh', Bewahrt mir den Fremden Vor Leid und vor Weh. Ihr Nebelgeſtalten, O kommet auch ihr Aus Euerem ſonn'gen Heiteren Revier. Und auch aus Egypten, Aus finſterer Nacht, Der großen Pyramiden Verborgenſtem Schacht. Wo man Euch in Tempeln Der Alten verehrt, Wo der Prieſter des Apis Die Zukunft uns lehrt. „Aus grundloſen Tiefen Kommt, die ihr dort wohnt Im flammenden Schovſe, Da furchtlos ihr thront. Wo blaſet der Nordwind Und ſtüurmt in der Höh, Und aus den Regionen Des ewigen Schnee. 32 Die ihr in des Meeres Korall'n reſidirt,„ Bewegliches Leben Im Wellenſchaum führt. Die ihr in Gewittern Hintreibet zum Riff In Sturmwindes Toben Das wagende Schiff. Aus Feuer und Waſſer, Aus Erde und Luft,. Aus allen Elementen eilt! Hört, wer Euch ruft! Ja Geiſter kommt alle, Erhöret mich! he! 4 Bewahrt mir den Fremden* Vor Leid und vor Weh. Nach einem tiefen Schlafe von mehreren Stunden erwachte Ivan mit trocknen Lippen und einem fieberhaf⸗ ten Durſte, welchen er mit dem kühlenden Tranke, der ihm zuvor gereicht worden war, zu löſchen dachte. Er bat darum; als er den Becher nahm, konnte er ſich nicht denken, daß die Hand, welche ihm denſelben reichte, der Alten gehöre, welche ihm denſelben das erſtemal über⸗ reicht hatte. 8 Er ſprach, um ſeinen Zweifel zu löſen, erhielt aber 5 keine Antwort, er drehte ſich daher langſam wieder um, um von neuem einzuſchlafen, als er bei einem blitzenden Scheine, den die ausgehende Lampe von ſich gab, eine leichte ſchöne Figur zu ſehen glaubte, die zum Zelt hin⸗ ausſchlich. Da er aber ſeinen Fieberzuſtand gewahr wurde, ſchrieb er dieſe Idee einer Illuſion ſeines verwirrten Ge⸗ hirns zu; auch hatte er nicht lange Zeit an dieſen Ge⸗ genſtand zu denken, da er gleich wieder in einen geſun⸗ den tiefen Schlaf fiel. 838 Drittes Kapitel. Von fernem Ufer eine Stimme kam Man rief— man fand ihn nicht mehr in dem Stamm, Er hatte ſeinen Platz am Nachtfeu'r nicht genommen, Wir ſehen doch nach ihm— er wird Pe uiß noch kommen. r s. Hemans. Das Tageslicht ſtrömte bereits durch die Oeffnung des Zeltes, als Ivan durch die fröhliche Stimme ſeines Wirthes erwachte, der ſich mit ſeinem bereits ſchon auf⸗ geſtandenen Freunde unterhielt. Auf ihre Anfragen er⸗ klärte er ſich beinahe, wenn nicht ganz wiederhergeſtellt, ſo daß er aufſtehen und ſich anziehen könne, ohne eine Unbequemlichkeit wegen ſeiner Wunde zu fühlen, auch hielt er es nicht für nothwendig, Hagar noch einmal um ihren Beiſtand zu bitten, deren Hülfsmittel dieſe gute Wirkung hervorgebracht hatten. Er war bald auf den Beinen und begleitete Thaddeus und ihren Wirth in die das Lager umgebenden Wälder, wobei letzterer ſeine Flinte umgehängt hatte, ſeinen beſtändigen Gefährten, wie er ſich ausdrückte, um im Falle ihnen ein Wild be⸗ gegnen ſollte, dieſes erlegen zu können. „Mein theurer Wirth,“ ſagte Thaddeus,„der erwar⸗ us Angriff unſerer Feinde auf das Lager unterblieb alſo?“ „Ich war wenig beſorgt deßhalb,“ antwortete der Zigeuner,„da ich bedachte, daß Graf Erintoff und ſeine Geſellen den Muth nicht haben uns anzugreifen; ſo groß auch ſeine Begierde ſeyn mag, meine Tochter zu beſitzen, ſo wiſſen ſie doch, daß ſie uns zu ihrem Empfange vor⸗ bereitet finden. So ſchlimm ſie auch ſeyn mögen; wir, die aus der Geſellſchaft Verſtoßenen und von Jedermann Verachteten, fürchten ſie nicht. So iſt es meine Herrn, in dieſer unglücklichen Gegend, wo die hochmüthigen Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 3 34 Großen das geiſtloſe und deßhalb auch hülfloſe Volk be⸗ drücken und mit Fußen treten; er darf aber nicht glau⸗ ben, daß wir von demſelben Model find, wie die, welche ſie tyranniſtren! Nein, wenn wir ihm nicht mit offe⸗ ner Gewalt entgegentreten können, werden wir unſeren Scharfſinn und unſere Liſt zu Hulfe rufen. „Sie muſſen ohnedieß noch erfahren, daß der Tag einer ſchrecklichen Wiedervergeltung herannaht; daß er kommen wird wenn ſte ihn am wenigſten erwarten. Das Volk wird bald ſeine eigene Staͤrke erkennen, ſo unwiſ⸗ ſend es jetzt auch noch daruber iſt und wird ſich dann nicht mehr linger die Ketten der Knechtſchaft unterwürfig anlegen laſſen, welchen es gegenwärtig noch geduldig den Nacken bietet. Aber Ihre Verzeihung. edle Herren, Sie ſelbſt gehören zu dem privilegirten Stande, und es wird Ihnen nicht gefallen, mit ſo wenig Achtung von Ihres Gleichen ſprechen zu hören; doch ich glaube, daß Sie Beide von gan; anderer Natur ſind, als die, welche ich beſchrieb, und weiß folglich, daß ich Ihnen trauen kann, ſonſt würde ich meiner Zunge nicht ſo freien Lauf laſſen.“ Joan war uberraſcht, einen Mann, welchen er ſich als einen wilden und ungebildeten Z'geuner dachte, Ideen ausſprechen zu hören, welche mit denen, die durch ſein eigenes Gehirn gegangen waren, ſo viel Aehnlichkeit hatten; da er aber nicht Willens war ſeine eigenen Ge⸗ fuhle einem Fremden Preis zu geben, ſo verſicherte er ihn blos, daß das, was er geſagt hatte, weder ſeinen Freund noch ihn ſelbſt beleidige, und bekräftigte dieſe Verſicherung dadurch, daß er die harte Hand des Zigeu⸗ ners freundſchaftlich druckte, während er ſprach Thaddeus fügte bei, während ſie weiter giengen und wilde Blumen pfluckten, er bedaure ſehr, daß es nicht mehr ſolche ehrbare Männer wie er in der Welt gebe; man hätte ſich dann weniger in derſelben zu beklagen. „Herr,“ antwortete der Zigeuner,„tauſend Herzen ſchlagen durch den gleichen Impuls wie das meinige, und warten nur eine gunſtige Zeit und Gelegenheit ab, ſich 35 von der Knechtſchaft zu befreien. Es wird eine fürchter⸗ liche Kriſis ſeyn; denn welche Macht kann einem ent⸗ feſſelten, verzweifelten Volke Gränzen ſetzen, wenn es einmal den Impuls zu wüthen bekommen hat. Laſſen wir die, welche die erſte Veranlaſſung zur Inſurrektion waren, dafür ſorgen dieß zu thun; die Hoffnung wäre vergeblich, einen mächtigen Strom zu hemmen, der aus einem Gletſcher herausfließt, in den er vorher eingeſperrt war, bis er ſeine eiſigen Bande ſprengte. Aber genug hiervon, meine Herren. Ich warne Sie, daß eben jetzt ein Sturm im Anmarſche iſt, welcher in Kurzem über dieſer Gegend losbrechen wird; bereiten Sie ſich wohl vor, die Gefahr zu meiden, wenn ſie kommen ſollte. Mehr mag und darf ich nicht ſagen, und bloß die Dankbarkeit und die Gewißheit, daß ich Ihnen voll⸗ kommen trauen kann, haben mich bewogen ſo viel zu ſagen, damit ſie von meiner Warnung Nutzen ziehen können.“ Als ſie ſtillſchweigend gegen das Lager zurückkehrten, kamen Ivan's Gedanken immer wieder auf die Andeu⸗ tungen zurück, welche der Zigeuner hatte fallen laſſen. „Und iſt hier,“ dachte er,„eine Ausſicht auf die Regeneration der Gegend vorhanden, wann wird die Knechtſchaft nicht mehr beſtehen; wann werden alle Men⸗ ſchen gleiche Rechte und gleiche Gerechtigkeit haben! O, wie ſehr wunſchte ich, das Werkzeug zu ſeyn, das ein ſo glückliches Produkt hervorbringen könnte!“ Bei ihrer Ankunft fanden ſie vor dem Zelte eine Mahlzeit aufgeſtellt, welche aus Kuchen und großen Schüſ⸗ ſeln mit Milch beſtand. An die den beiden Gäſten be⸗ ſtimmten Plätze waren Sträuße von wilden Blumen ge⸗ legt; der von Ivan zeichnete ſich durch eine wilde Roſe aus, auf deren zart gemalten Blättern noch der Mor⸗ genthau ſchimmerte. „Dieſe Blumen,“ ſagte der Zigeuner,„hat meine 3* 36 Tochter für ihre Gäſte gepflückt; ſie ſelbſt kann nicht vor Ihnen erſcheinen.“ Beide drückten ihren Dank für dieſe zarte Aufmerk⸗ ſamkeit aus, und thaten, nachdem ſie ihr einfaches Mahl beendigt hatten, ihren Entſchluß kund, ihre Reiſe nach Twer fortzuſetzen. Der Zigeuner⸗Häuptling bemühte ſich auf ſeine rauhe aber offene und gutgemeinte Weiſe, ſie zu bewe⸗ gen, ihre Reiſe auf einen anderen Tag zu verſchieben; ſte entſchuldigten ſich aber damit, daß ihr Diener ſte er⸗ warte, und Jvan erklärte ſich für vollkommen fähig, die Beſchwerden der Reiſe auszuhalten. „Wenn wir Sie denn nicht länger bei uns aufhalten können,“ erwiederte ihr gaſtfreundlicher Wirth,„ſo wol⸗ len wir Sie wenigſtens auf Ihrem Wege bis an die Wolga begleiten; auf den ſandigen Ufern dieſes reißen⸗ den Stromes werden wir unſer nächſtes Lager aufſchla⸗ gen, da ich es nach der geſtrigen Begebenheit für rath⸗ ſam halte, von hier fort zu gehen. Die jungen Männer nahmen mit Vergnügen ſeine Begleitung auf ihrer Reiſe an, worauf er ſogleich den Befehl gab, die Zelte augenblicklich abzubrechen. Der Befehl wurde ſehr ſchnell befolgt; Männer, Frauen und Kinder zeigten die größte Thaͤtigkeit bei deſſen Ausfüh⸗ rung. Einige riſſen die Zelte ein und rollten ſie ſorg⸗ fältig zuſammen; andere packten ihre Habe in Kiſten; jeder übernahm ein Geſchäft, das ſeinen Kräften ange⸗ meſſen war. Die verſchiedenen rohen Karren, welche zum Transporte des Gepäckes dienten, waren bald beladen, und nach wenigen Minuten war an der Stelle des noch vor kurzem in ſtiller Ruhe daliegenden Dorfes von Thier⸗ fellen nur eine geräuſchlos weiter ziehende Menge menſch⸗ licher Weſen zu ſehen; ſchwarze Platten von den Feuern, welche noch im Graſe bemerklich waren, waren die ein⸗ zigen Spuren ihrer Wohnungen. Zwei kleine Knaben, deren dunkle Locken in dichten Maſſen bis auf ihre Schul⸗ tern herabhiengen, und deren lebhafte Augen Verſtand 37 verriethen, führten die Pferde der beiden Fremden aus einem bedeckten Stalle vor, wo ſie untergebracht und ſorgfältig gepflegt worden waren; der Häuptling des Stammes beſtand darauf, ſeinen Gäſten die Bügel ſelbſt zu halten als ſie aufſtiegen, und trieb die ſchwarzlocki⸗ gen Geſchöpfe zurück, welche ſich um dieſelben verſam⸗ melt hatten, um dieſen Dienſt zu verſehen. Nachdem er ein gut gebautes Pferd beſtiegen hatte, das wohl im Stande ſchien eine große Tagreiſe auszu⸗ halten, gab er ein Zeichen, auf welches ſich die ganze Caravane in Bewegung ſetzte, und ſo ſchnell marſchirte, als die Pferde die wohl beladenen Karren mit dem Ge⸗ päck fortziehen konnten. Die Reiter zogen voran, während Azila, die Frau des Häuptlings und einige von den älteren und ſchwä⸗ cheren Frauen in einem bedeckten Wagen, der aber bei weitem beſſer gebaut war als diejenigen, in welchen das Gepäck geführt wurde, folgten; der Neſt des Stammes ging zu Fuß, und half die Karren und die Packpferde führen. Die Männer waren im allgemeinen groß und kräf⸗ tig, hatten dunkle Haare und feurige Augen, welche viel Intelligenz verriethen; Wildheit war vorherrſchend in ihrem Anzug und in ihren Sitten; ihr Blick ver⸗ rieth ein unbekümmertes Vertrauen auf ihr Schickſal, und ſie ſchienen ſehr wenig von Sorgen bedrückt zu ſeyn. Die Frauen waren in bunte Farben und ſehr phantaſtiſch gekleidet. Ihr freier und ungezwungener Gang und ihr ganzes Weſen war ſehr verſchieden von dem der Bewohnerinnen großer Städte; ihre dunkle Geſichtsfarbe ſtach ſehr gegen ihre funkelnden Augen ab, welche ſchön und ausdrucksvoll waren, und ihr heiteres ungezwungenes Lachen hallte durch die Wälder, da bei der Geſellſchaft ein Scherz den anderen ſchlug. Einige verkürzten ſich die Zeit dadurch, daß ſie mit ihren vollen harmoniſchen Stimmen wilde und klagende Melodien ſangen, wäaͤhrend Andere die Sänger auf verſchiedenen 38 Inſtrumenten begleiteten, welche ſie mit bewunderungs⸗ würdiger Fertigkeit und mit Gefühl ſpielten. Die Zigeuner im Oſten Europas geben ſich viele Zech⸗Geſellſchaft iſt, findet man eine Anzahl Zigeuner, welche vom Volke wohl gelitten ſind. * Als Ivan und Thaddeus an den verſchiedenen Grup⸗ pen vorüberritten, bezeugten dieſe den Gäſten ihres Füh⸗ Geſicht bekam, welche in ihrem ungehinderten Laufe ge⸗ gen Oſten fließt und ihre großen Waſſermaſſen in das ferne kaſpiſche Meer ergießt. Hier wurde der Befehl zum Lagern gegeben, an einem geeigneten Platze, welchen man in einiger Entfernung vom Strome waͤhlte, und bald war die ganze Geſeliſchaft emſig beſchäftigt, die Wagen abzuladen, und ihre gebrechlichen Wohnungen „ Ih Wille iſt, uns ſchon zu verlaſſen, muß ich der Nothwen⸗ digkeit weichen, obgleich ich Sie gerne überredet hätte, noch länger unter zuns zu bleiben, um das unabhängige, mal, ehe Sie gehen, ihren Dank für Ihren zeitigen Bei⸗ ſtand zu ihrer Befreiung ausdrücken möchte; und ich für 3 meinen Theil bitte Sie, obgleich eg vielleicht annaßend von mir ſcheinen mag, Ihnen das Anerbieten zu machen, daß Sie es mich wiſſen laſſen, wenn Sie ſich in irgend 39 einer ſchwierigen Lage oder Gefahr befinden; ich bin vielleicht im Stande, Ihnen mehr Hülfe zu leiſten, als andere Freunde aus einem höheren Stande zu thun Wil⸗ lens ſind.“. Ihr Vater rief Azila; das Mädchen kam mit ängſt⸗ lichem verſchämtem Schritte, und in kurzer Entfernung hinter ihr wackelte dann auch noch die alte Hagar herbei. Die Fremden hatten bereits von der Frau des Zi⸗ geuners Abſchied genommen, und bemerkten, als ſie ſich noch einmal umdrehten, Azila, welche mit auf dem Buſen gekreuzten Armen und niedergeſchlagenen Augen neben ihnen ſtand. „Adieu, edle Herren⸗“ rief ſte mit bewegter Stim⸗ me, während Thränen in ihren Augen ſchwammen, welche dadurch noch glänzender als ſonſt waren, was aber dem beredten Ausdrucke ihrer Gefühle keinen Eintrag that, „die Erinnerung an den mir geleiſteten Beiſtand wird dem Geiſte des niederen Z geuner⸗Mädchens immer ge⸗ genwärtig ſeyn, obgleich ſie nicht im Stande iſt, einen anderen Beweis ihrer Dankbarkeit zu geben; empfangen Sie alles, was ſie zu geben hat— ihren tiefen und auf⸗ richtigen Dank. Sie ſenkte ihr Haupt um ihre Verlegenheit und Be⸗ wegung zu verbergen; die alte Sibylle trat nun hervor und wandte ſich mit folgenden Worten an die Fremden: „Möge der mächtige Geiſt. der über dem Volke der Zi⸗ geuner wacht, Euch aus allen Gefahren erretten, obwohl ich vorher ſehe, daß er Euch ſeinen allmächtigen Schutz verleihen wird. Der Sturmwind erhebt ſich plötzlich und Niemand kann ſagen, wo er entſteht, ebenſo werdet Ihr von Gefahren umgeben ſeyn, ohne zu wiſſen, woher ſie kommen; aber wie der kühne Steuermann ſeine vom Sturme getriebene Barke mitten durch Klippen und Sand⸗ bänke in den ſichern Hafen lenkt, bereitet Euch auch vor, dieſelben zu meiden und ihnen zu entgehen; Ihr habt nichts zu fürchten. Und Du, edler Junge mit den dun⸗ keln Augen,“ ſagte ſie, ſich zu Ivan wendend,„die kalte 40 Sonne Rußlands ſcheint nicht auf Dein Geburtsland. Du kamſt von einem fernen Lande, und dorthin mußt Du zurückkehren; es erwartet Dich dort eine hohe und ruhmvolle Beſtimmung; der Weg wird ſtürmiſch und ge⸗ fahrvoll ſeyn, aber zaudere nicht ihm zu folgen; letzte Nacht las ich Dein Schickſal am Sternenhimmel oben, es führt zu dem, was Du am meiſten wünſcheſt. Und Du, artiger Herr,“ ſagte ſte ſich an Thaddeus wendend, „mit den fröhlichen Augen und dem heitern Lächeln, die Sterne blinkten freundlich, als ich Dein Schickſal las, ren Zeiten erlaubt hätte. „Ich danke Euch für Eure Weiſſagungen gute Mut⸗ ter, und wünſche, daß ſie in Erfüllung gehen mögen,“ rief Thaddeus,„der immer bereit war, einer ernſten Sache eine leichte Wendung zu geben,„und nun, unſer werther Mirth, können wir uns in der That nicht mehr länger aufhalten, und ſagen zum letztenmale Lebewohl.“ „Noch nicht, wenn Sie erlauben, meine Herren,“ antwortete der Zigeuner,„ich will Ihnen noch den We⸗ zeigen, welcher ſie in mehr gerader Richtung und in für⸗ zerer Zeit durch den Wald führt, und welchen ſie ohne mich wohl ſchwerlich finden würden.“ 1 „Je länger wir in Ihrer Geſellſchaft ſeyn können, deſto mehr wird es uns freuen,“ erwiederte Thaddeus, „wir nehmen deßhalb Ihr Anerbieten mit Vergnügen an.“ Ivan war in Gedanken vertieft geweſen uͤber den — 41 Schluß der Weiſſagungen der Sibylle; plötzlich erwachte er aber von ſelbſt und vereinigte ſich mit dem Zigeuner und ſeinem Freunde; als die jungen Reiſenden nun weg⸗ ritten, wurden ſie noch von dem ganzen Stamme ge⸗ grüßt, was ſie beſonders gegen Azila freundlich erwie⸗ derten. Ehe ſie das Lager aus dem Geſicht verloren, ent⸗ deckte Ivan noch einmal die ſchlanke Figur des Mädchens, welches den Abreiſenden aufmerkſam mit dem Blicke folgte; und noch manchen Tag kam ihm ſpäter wieder ihre ſchöne Geſtalt und ihr liebliches Geſicht in Erin⸗ nerung. Nachdem ſie eine Gegend durchwandert hatten, welche ſtellenweiſe wild und unfruchtbar, an anderen Stellen aber theilweiſe bebaut war, erreichten ſie die Hauptſtraße, welche von St. Petersburg über Twer nach Moskau führt, wo der Zigeuner dann ſein Pferd anhielt, und ſich zum letztenmal folgendermaßen an ſie wandte: „Hier meine Herren liegt jetzt die Landſtraße vor Ihnen, wie Sie ſehen, und ich werde ſie jetzt verlaſſen; erinnern Sie ſich aber daran, daß wenn Sie je die Dienſte des Zigeuner⸗Häuptlings oder Eines von ſeinem Stamme nöthig haben ſollten, Sie ſeinem nie gebrochenen Worte trauen dürfen— ſeinem Verſprechen, daß er Ihnen au⸗ genblicklich und mit Freuden zu Hülfe kommen wird; nun meine Herren,“ fugte er noch bei, indem er ihnen die Hand drückte,„leben Sie wohl!“ Ohne auf Ant⸗ wort zu warten, drehte er ſein Pferd und galoppirte in den Wald hinein, wo er bald ihren Blicken entſchwun⸗ den war. Die Reiſenden ſetzten ihren Weg bis Twer fort, das nun nicht mehr weit entfernt war, und unterhielten ſich über ihre gehabten Abenteuer, welche Ihnen Stoff genug boten, ſich die Zeit zu verkürzen. 42 Viertes Kapitel. Oft wenn der Knabe wollt' Mit Thräneu netzen ihre Hand, Blickt' ihr in's ſtrenge Angeſicht Und nannte Mutter ſie, entſtieg Ein Seufzer ihrer Bruſt! alaba. Thaddeus Stanisloff war der Sohn eines polniſchen Edelmanns, der ſich einer ununterbrochenen Abſtammung von einer langen Linie ausgezeichneter Charaktere von Vorfahren rühmte, welche ſchon vor den Zeiten der erſten Könige von Polen geadelt waren; und ſie waren ſtolz darauf, daß kein Einziger in dieſer langen Abſtammung den Glanz ihres Namens befleckt hatte. Graf Stantsloff hatte, als er in ſeinen jüngeren Jahren durch Frankreich reiste die Bekanntſchaft eines ruſſiſchen Edelmanns gemacht, der mit ihm von gleichem Alter war, und wie er zu ſeiner weiteren Ausbildung durch Europa reiste. Eine Uebereinſtimmung von Geſchmack und Gewohn⸗ heiten näherte die beiden fungen Männer einander, und bald beſchloſſen ſie, ibre Reiſen miteinander fortzuſetzen; das unter ſo günſtigen Verhältniſſen geſchloſſene ver⸗ trauliche Verhältniß verwandelte ſich bald in eine innige, dauerbafte Freundſchaft. Jeder wurde das Haupt einer reichen mächtigen Familie in ſeiner betreffenden Gegend; wenige Jahre führten jedoch eine traurige, beklagens⸗ werthe Beränderung in den Verhältniſſen herbei. Während der Reſt des civiliſirten Europas mit läſſiger Gleichgültigkeit zuſchaute, unterlag das unglück⸗ liche Polen, nicht im Stande, mit einem ſo mächtigen Gegner zu kämpfen, der Uebermacht und dem um ſich greifenden Chrgeize Rußlands: und zur ewigen Schande Derer, welche hätten helfen können, aber nicht wollten, ſteht es nun nicht mehr auf der Liſte der Nationen! Es iſt wahr, daß viele Individuen, in deren Bruſt — 43³ noch der Geiſt der Ritterlichkeit und Menſchenfreundlich⸗ keit wohnte, trotz der kalten vorſichtigen Staatsklugheit der Welt, ihr Aeußerſtes thaten, die Bedrückten zu un⸗ terſtützen, durch ihr Beſtreben die anderen Nationen Eu⸗ ropas aufzumuntern, welche nicht an dieſem Raube Theil nahmen, zu ibrer Rettung herbeizueilen; eine Schläfrig⸗ keit hatte ſich der Kabinete bemächtigt, und während ſie noch darüber ſtritten, ob ſie was thun wollten oder nicht, war die Sache verloren, und Polen hatte aufgehört, als eine Nation zu erxiſt ren. Obgleich jedoch Polen von der Landcharte von Europa ausgelöſcht und das Land dem Namen nach er⸗ obert war, ſo war der Geiſt ſeiner Söhne doch noch nicht überwunden; bei einem der vielen tapferen aber fruchtloſen Verſuche die verlorne aber geliebte Freiheit wieder zu erringen, lieferte das Schickſal den Grafen Stanisloff und ſeinen einzigen Sohn, den jungen Thad⸗ deus in die Hände ſeines vormaligen ruſſiſchen Freundes als Gefangene. Dieſer hatte die Freundſchaft, welche zwiſchen ihm und dem edeln, aber unglücklichen Polen beſtanden hatte, nicht vergeſſen, und beſtrebte ſich durch alle ihm zu Gebote ſtehenden Mittel, den Schmerz, welchen ſeinem Gefangenen der Ruin ſeines Landes und ſein eigener verurſachte, zu lindern. Durch ſeinen Einfluß beim Kaiſer, welcher dem Grafen unbekannt war, gelang es ihm, ihn von der Verban⸗ nung nach Sibirien zu retten, dem Looſe eines großen Theiles ſeiner Landsleute, welche ſich in einer ähnlichen Lage befanden, indem er ſich ſelbſt für ſeine ſichere Verwahrung verantwortlich machte, und ſich ſelbſt dadurch einen geehrten geachteten Mann als Gaſt ver⸗ ſchaffte. Die viele Güte und Aufmerkſamkeit, welche das edle Herz des großmüthigen Ruſſen nur erdenken konnte, waren an ſeinem ungluͤcklichen Gefangenen ver⸗ ſchwendet, welcher die Erinnerung nicht aus ſeinem Gedächtniß verwiſchen konnte, daß er ein Verbannter und Gefangener war, 44 „Obgleich er ſeine Dankbarkeit für dieſe Artigkeiten ausdrückte, ſchienen ſie ihm doch von geringem Werthe, wenn er ſein Unglück betrachtete; und lange wollte er ſeinem Freunde das Wort nicht geben, daß er keinen Verſuch machen wolle, ihm zu entwiſchen. Zuletzt ver⸗ Wällen von Warſchau wieder die Freiheit erlangen könne. Mit ſchwerem Herzen gab er das ver⸗ langte Verſprechen, und tief gebeugt darüber, daß ſein Land die Freiheit verloren hatte, entſagte er auch allen Wünſchen, je wieder die ſeinige zu gewinnen. Er lebte auf dieſe Art in einer hoffnungsloſen Verbannung von dem Lande, wo ſeine Voreltern in Ehre und Macht ſo manches Jahrhundert gewohnt hatten, und wo alle Nei⸗ gungen ſeines Herzens concentrirt waren, außer der Liebe zu ſeinem einzigen Sohne, welches noch das einzige Glied war, das die Kette ſeiner Eriſtenz zuſammenhielt. An ihn verſchwendete er alle mögliche Sorgfalt, und der Sohn erwiederte ſeine Zuneigung mit dem ganzen Feuer der Jugend. ſeines Eigenthums erretten, welcher an jedem Verſuche ſeiner Landsleute, das ruſſtſche Joch abzuſchütteln, ſo vorherrſchenden Antheil genommen hatte, ſo daß er mit usnahme einer ganz geringen Summe, die man ihm zugeſtand, ganz von ſeinem großmüthigen Freunde abhieng. muthig und niedergeſchlagen war, ſparte ſeine geringen Mittel ſo ſehr als möglich zuſammen, damit, wenn auch er von ſeinem Freunde abhängig war, doch wenigſtens ſein Sohn Thaddeus Niemand, als ihm ſelbſt, eine Ver⸗ bindlichkeit ſchuldig ſeyn ſolle. Während der Knaben⸗ 45 jahre ſeines Sohnes wandte er ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit auf deſſen Erziehung, und es war ein Troſt für den alten Mann, ihn dieſer Sorge ſehr werth zu finden; als er das gehörige Alter erreicht hatte, ſandte er ihn in die Militäranſtalt nach St. Petersburg, wohin er ihn hinlänglich mit ſeinen erſparten Mitteln ausrüſtete, da⸗ mit es ihm möglich war, die Stellung in der Geſell⸗ ſchaft, welche er durch ſeine Geburt hatte, zu behaupten. Er hätte ihn gerne zu ſeiner Erziehung in ein an⸗ deres Land geſchickt und jedem den Vorzug vor dem des Bedrückers von Polen gegeben, aber trotz aller Ver⸗ wendung konnte ſein Sohn die Erlaubniß nicht erhalten, Rußland verlaſſen zu dürfen, und da er für dieſen jede andere als eine militäriſche Laufbahn, verſchmähte, war er genöthigt, den Vortheil, den ihm das Land bot, ſo gut als möglich zu benützen. Mit der zärtlichen Liebe eines Vaters hoffte er, daß ſein Sohn ſich eines Tages durch ſeine Talente und mit ſeinem Schwerte einen Weg zur Auszeichnung bahnen würde, und vielleicht nährte er im Hintergrunde die Hoffnung in ſeiner Bruſt, er könne zur Wiederherſtellung ſeines Geburtslandes behülflich ſeyn. Seit der Zeit, als Thaddeus unter dem Dache des ruſſiſchen Freundes ſeines Vaters wohnte, war er der Liebling aller Mitglieder der Familie geworden, und als er mehr heranwuchs, war ſeine Geſellſchaft wegen ſeines gefälligen Benehmens und ſeines edelmüthigen Charak⸗ ters von Allen ſeines Alters und Standes ſehr geſucht. Keiner ſchien in dieſer Beziehung ſo viel gewonnen zu haben, als der junge Ivan Galetzoff, der ſich ſeine Zu⸗ neigung ohne die geringſte Mühe erwarb; der Grund lag hauptſächlich in dem freien, unabhängigen, oft ſtol⸗ zen Benehmen Ivan's, welche Urſache waren, daß Thad⸗ deus ihn mit mehr Intereſſe betrachtete, als den Reſt ſeiner Gefährten, welche jünger waren, als er ſelbſt. Zvan war beinahe zwei Jahre jünger als er, was in dieſer Zeit des Lebens oft einen bedeutenden Unter⸗ Jünglinge erwies, der Erſte, welcher ſeine Zurückhaltung überwand, und Letzterer ſchien für dieſe Güte erkenntlich zu ſeyn. Sie hatten ſich trotzdem gegenſeitig nur wenig aufgeſucht. bis Thaddeus von einer ernſtlichen Krankheit befallen wurde, in welcher ihn Ivan mit bruderlicher Sorgfalt pflegte, für alle ſeine Beduͤrfniſſe ſorgte, und kaum von ſeiner Seite wich. 8 3 Von dieſer Periode her ſchrieb ſich ihre enge Freund⸗ aſt. pelche, ſo warm und autrichtig ſie auch war, doch da Stillſchweigen, das Ivan immer über ſeine Familien⸗ und Verwandtſchaftsverhältniſſe beobachtete, nicht brechen konnte; und wenn man ihn darüber be⸗ fragte, drehte er ſich mit erzürnter ſtolzer Miene um, ſo daß ſelbſt Thaddeus die Geſchichte ſeines Freundes jetzt ſo wenig als vorher wußte. Nichtsdeſtoweniger ſchien jeder Tag die Freundſchaft der beiden jungen Maͤnner mehr zu befeſtigen, bis ſte beſtändig bei einan⸗ ſchieden; waͤhrend die heitere Laune des Thaddeus ihn beſtimmte, Geſellſchaften aufzuſuchen, vermied dieſe Ivan bei jeder Gelegenheit, und widmete ſich ſeinen Studien und militäriſchen Cxereitien mit ſo viel Beharrlichkeit und Energie, daß er zu gleicher Zeit mit ſeinem Freunde — -— 22* 47 Man hielt Ivan Galetzoff im Collegium allgemein für den Sohn des Freiherrn Galetzoff; da aber der junge Mann nie von ihm, ails ſeinem Vater, ſprach, und ſelbſt ſo viel als möglich vermied, ſeinen Namen nur zu erwähnen, ſo waren immer Zweifel über dieſen Punkt vorhanden, und ſeine ſtolzen, zurückhaltenden Ma⸗ nieren wurden nur als das Produkt erbitterter Gefuhle über einen Mackel, der, wie man vermuthete, auf ſeiner Geburt laſtete, angeſehen. Das Schloß des Freiherrn Gaetzoff lag nur in kurzer Entfernung von Moskau, in deſſen Nachbarſchaft auch der Sitz des großmuthigen Edelmanns lag, welcher der Beſchützer des Vaters von Thaddeus geweſen war; es beſtand aber kein Verkehr zwiſchen den beiden Familien, da der Freiherr ganz ab⸗ geſchloſſen von der Welt lebte. Der Baron Galetzoff war in Wirkiichkeit ein ſtolzer, roher Soldat, der ſich in den Kriegen Rußlands gegen die Turken und gegen die Bewohner des Kaukaus häufig ausgezeichnet hatte, ſowohl durch ſeine außerordentliche Grauſamkeit, als durch ſeine Tapferkeit und ſeine mili⸗ täriſchen Talente. Gegen ſeine eigenen Soldaten war er tyranniſch und druckte ſie; er ſchien eine Freude daran zu haben, an den unglucklichen Feinden, welche in ſeine Gewalt ſielen, Barbareien zu verüben; gegen ſeine Leibeigenen und die Diener auf ſeinen Gutern war er mürriſch und hartherzig, ſo daß ihn Niemand liebte, und er von Allen gefürchtet und gehaßt war. Seines Gleichen mißfiel er und ward von ihnen gemieden, weil er ſich weder um ihr Lob, noch um ihren Tadel zu kümmern ſchien. Er hatte ſich nun ſchon ziemlich lange vom Mili⸗ tär zurückgezogen, und ſich in ſeinem eigenen Schloſſe verſchanzt, wo nie ein Fremder Zutritt erhielt. Wenn bei verſchiedenen Gelegenheiten Ivan von Thaddeus beſtimmt worden war, ſeine dunkeln Hallen zu verlaſſen und ſich in Geſellſchaft zu miſchen, ſo konnte man nie etwas von ihm in Betreff der inneren Einrich⸗ 48 tung der Familie erfahren, ungeachtet der vielen Ver⸗ ſuche, die gemacht wurden, die Geheimniſſe des Hauſes zu entdecken. chtbar geweſen. Im Gegenſatze zu dieſen ſonderlichen Launen ſtimmte Alles in der Anſicht überein, daß die edelmüthigen Eigen⸗ ſchaften Ivan's Erſatz böten für die Fehler des Ba⸗ rons; um ſo mehr bedauerten ſie deſſen Schickſal, das ihn nöthigte, mit einem Manne von ſo entgegengefetztem Charakter zu leben. Die Diener des Schloſſes liebten ihn bis zur Anbetung; jeder von ihnen hätte im Dienſte für ihn gern das Leben gelaſſen. Ivan hatte den Baron immer mit Furcht und Angſt, und nicht mit den Gefühlen von Zuneigung und Achtung Es war jedoch eine Bewohnerin im Schloſſe, an welche er die ganze Wärme und Zärtlichkeit eines tief fühlenden Herzens verſchwendete. Sie war ein reiner glänzender Stern, gegen welchen er durch die trübe At⸗ ſie auf ihn fielen. Er hatte längſt aufgehört, ſie Mut⸗ ter zu nennen, wie er es in den Tagen ſeiner Kindheit that, bis ſie ihn einſt mit traurigem Geſichte unter einem Strome von Thränen näher an ihr Herz drückte, und 6 49 Namen zu nennen und er vermied es ſeither immer, einen zu nennen. Es war ihr gelungen, ihm zu lehren, daß er ihr keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, und gar nicht auf ſie ach⸗ tete, wenn ſie durch Zufall mit einander in der Gegen⸗ wart des Barons waren; und eben ſo ſchien es ihre größte Sorge zu ſeyn, gleich rückſichtslos gegen das Kind zu ſcheinen. Wie genußreich war es für ihn, wenn er in der Abweſenheit des Barons, als Lohn für dieſe verſtellte Kälte, ſich mit ihr unterhielt, jedem Worte, das ſie ſprach, lauſchte, und mit Entzücken den ſanften Klang ihrer Stimme hörte. Dann lehrte ſie ihn eine fremde Sprache, welche ſonſt Niemand von ihrer Umgebung ſprach, und in der ſie ſich ſtundenweiſe mit einander unter⸗ hielten, wenn ſie ſicher vor Ueberraſchung waren, bis endlich das Kind ſie ſo geläufig ſprach, als die ruſſiſche Sprache. Er hatte ſich nie erkundigt, in welchem Lande die Sprache, die er erlernt hatte, geſprochen wurde; es genügte ihm zu wiſſen, daß er ſie von dem Weſen, das er am meiſten ehrte und liebte, erlernt hatte; und er betrachtete das Wiſſen derſelben als ein heiliges Geſchenk, und hätte es für eine Entheiligung gehalten, einem Sterblichen etwas davon zu entdecken. Er dachte im⸗ mer in dieſer Sprache, und ſchüttete in ihr ſein Herz vor dem Spender alles Guten aus, weill er ſie als die Sprache der Anbetung betrachtete; er hatte dieſes Mit⸗ tel, ſich auszudrücken, von der Perſon erhalten, welche er am meiſten auf der Erde liebte und hielt ſie deßhalb auch am geeignetſten, in ihr Den anzubeten, welcher im Himmel regiert. Er betrachtete ſie als ein Weſen, deſſen Exiſtenz verſchiedenartig von der übrigen Welt war und weit über dieſer ſtand. In ihrer Gegenwart waren ſeine Ge⸗ danken heiliger, ſein Streben höher; ſeine Bruſt ſchwoll ſtolz an, wenn ſie ihm öfters von den edeln Thaten der Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 4 *¼ 51 ſehr bald auszeichnete; wenn ihm aber der Knabe ent⸗ wiſchen konnte, ſo zog er es vor, allein mit ſeiner Flinte durch die Wälder zu ziehen, und war dann viel mehr mit ſeinen Gedanken, als mit der Verfolgung des Wil⸗ des beſchäftigt; oder fuhr er in einem kleinen Nachen auf der Oberfläche eines benachbarten See's, ließ das Ruder ſinken, und überließ ſich ſeinen Betrachtungen, welche in ferne Regionen ſchweiften. Wenn er ſicher vor der Entdeckung des Barons war, eilte er zu einer Zuſammenkunft mit ſeinem ſchö⸗ nen Wächter und Freund, in deren Geſellſchaft die Stun⸗ den ſchnell und vergnügt dahin flogen. Wenn er nachdenkend neben ihr ſaß, führte ihm die Erinnerung unbeſtimmte, matte Bilder aus einer ent⸗ fernten undeutlichen Periode vor; es ſchwebte ihm ein Bild glänzender, von der Sonne beleuchteter Berge vor, und von einem ſanften heitern Klima— ein kleines Häuschen an der Seite des grünen Hügels, vorn ein heller, reißender Strom, der von Felſen zu Felſen hüpfte, und fröhlich ſeinen Weg zu dem fernen blauen See zurücklegte. Die Bäume mit ihrem verſchiedenen Laube, das ſich durch den vom See kommenden Wind bewegte, und ſchön gefärbte Blumen, welche die Luft mit ſüßen Wohlgerüchen erfüllten. Dann erinnerte er ſich dunkel einer Figur von gebieteriſcher Haltung, mit edeln Geſichtszügen, welche mit einer glänzenden Rüſtung bekleidet war, und ihn oft in die Arme gedrückt hatte. Er erinnerte ſich der Geſtalt ſeines Schildes, und des blendenden Glanzes ſeines Schwertes, wenn die Son⸗ nenſtrahlen auf daſſelbe fielen. Dann war noch in ſei⸗ ner Erinnerung ein verwirrter Lärm— der laute Don⸗ ner von Kanonen, das Knallen von Musketen— das Aneinanderſchlagen von Schwertern—Xrothes Blut, das umherfloß,— wildes Geſchrei von Männern, welche in der tödtlichen Schlacht kämpften,— der Schreckensruf von Weibern— das Geächze von Verwundeten und Sterbenden.— 4*„ Len, See hen⸗ Aawu . euen eh r und mit mehr als er ſonſt irgend einem anderen menſchlichen Weſen ſchenkte, behandelte. Einmal nur hatte Ivan dieſe dunkeln Erinner aus ſeinen Kinderjahren gegen ſeine ſchöne Beſcha erwähnt, worauf ſie ihn aber i Thränen beſchwor, wenn i am Herzen liege, nicht meh ſprechen. Mit den vorgerückten Jahren ſchwanden die Erinne⸗ rungen nach und nach aus ſeinem Geiſte, oder wenn er daran dachte, ſo betrachtete er ſte blos als einen Traum aus ſeinen Kinderjahren und glaubte ſelbſt, er ſey der Sohn des tyranniſchen Baron Galetzoff. Fünftes Kapitel. O, könnt ich nur Mit meinem Schwert erreichen ihn, wenn dann Er mir entkäm, mög ſeiner Sünden Laſt Auf meine Rechnung geh'n. éaumont nnd Fletscher, — am mit ſo viel Güte, als Wir verließen den Knecht Karl, als er das ermüdete Thier antrieb, das den Karren m Herren nach Twer ziehen ſollte, weiteren Unfall ankam, als den, welchem dieſe unter dem Zelte d waren, ganz durchnäßt wurde. in das beſte Wirthshaus, das die Stadt außzuweiſen hatte, und das einer von der verachteten Rage der Iſraeliten inne hatte, welche größtentheils die Inhaber der Wirthshäufer im Lande find. Das fragliche Wirths⸗ it dem Gepäck ſeiner wo er auch ohne einen daß er von dem Sturme, es Zigeuners entgangen Er fuhr geraden Weges 53 haus war weit unter den Gaſthöfen, in welchen man gegenwärtig in den größeren Städten Rußlands Unter⸗ kunft ſindet; ſeit Kurzem fanden bedeutende Verbeſſerungen in den Einrichtungen für die Bequemlichkeit der Reiſen⸗ den ſtatt. Der niedere untere Raum des Hauſes beſtand aus zwei Abtheilungen, von denen der eine für die Pferde und Equipagen der Fremden beſtimmt war, der andere als Küche und Aufenthaltsort— im gegenwärtigen Augenblick für eine ſehr gemiſchte Geſellſchaft menſchlicher Weſen näm⸗ lich Soldaten, Handwerkern, Karrenführern, Kutſchern, Poſtknechten, dienten, welche alle zu gleicher Zeit mit ihren unangenehmen Kehltönen durch einander ſchrieen, rauchten, tranken, mit einander jubelten, laut lachten und ſcherzten; das Ohr wurde nicht durch gemeines Fluchen oder andere Beweiſe von wilden Streitigkeiten beleidigt, welche man in anderen Ländern ſo häufig unter finer ſolchen Miſchung des Volks von dieſem Stande indet. Der obere Theil des Gebäudes enthielt Zimmer zur Bequemlichkeit für die vornehmeren Reiſenden. Eines, das größer als die übrigen war, bildete das Eßzimmer — dieſes war von Tabaksdampf ganz geſchwärzt; die übrigen waren Schlafzimmer. Als Karl in den Hof hineinfuhr, ſchien er ſich nicht wenig auf ſeine Wichtigkeit und die Verantwort⸗ lichkeit, die man ihm anvertraut hatte, einzubilden, und gab ſich Mühe, ſich ein rechtes Anſehen zu geben. „Hierher, vorwärts, hierher,“ rief er, als die Räder ſei⸗ nes Karrens über das Pflaſter raſſelten,„helft hier das Gepäck meiner edlen Herren in erſten Stock zu bringen! Kommt Niemand? Vorwärts, hierher! hallo!“ Sein Ruf um Hülfe wurde endlich von inem ge⸗ hört, der ihm an Kleidung und Geſichtszügen ziemlich ähnlich war,„Hallo! Bengel!“ rief Karl, als ſich der Mann ihm näherte,„haſt Du keine Ohren, wenn ein 8 54 Chriſt ruft? Vorwärts! Helfe mir dieſes Gepäck tra⸗ gen, willſt Du?“ „Wer biſt Du, daß Du ſo mit mir ſprichſt?“ fragte der Andere,„biſt Du beſſer als ich, Kerl? Biſt Du nicht auch Leibeigener ſo gut wie ich?⸗ „Ja, woh! wahr,“ erwiederte Karl,„aber bei einem edeln Herren, während Du nur der Leibeigene eines niedrig geborenen hebräiſchen Wirthes biſt!“ „Du lügſt!“ rief der Stallknecht entrüſtet aus, denn dieß war ſein Amt.„Ich diene blos dem Wirthe, und wenn er mich nicht zwingen würde. ſowohl ſeine Faſten als die unſerer eigenen heiligen Kirche zu halten, ſo wäre der Dienſt nicht ſo ſchlecht; aber ich bin nicht ſein Leibeigener. Ich bin der geborene Leibeigene des Gra⸗ fen Ogſtrofsky; er hat mich nur hierher vermiethet an den alten Juden Levi, um eine alte Rechnung zu bezah⸗ len, und wenn ich dieſe abverdient habe, werde ich wie⸗ der zu meinem eigenen Herren zurückkehren.“ „Das macht die Sache anders,“ erwiederte Karl, ſeine Stirne reibend, um den Unterſchied beſſer verſtehen zu können,„ſo jetzt laß uns Freunde ſeyn, und helfe mir.“ „Von Herzen gern, jetzt da Du höflich biſt,“ ſagte der Stallknecht. Er ließ die That dem Worte folgen; nachdem er die Zügel des Pferdes an einem Ringe in der Mauer befeſtigt hatte, half er das Gepäck vom Karren abladen, gieng dann eine Anzahl grob gehauener Staffeln voraus, nach deren Erſteigen ſte ſich bei dem Gaſtwirthe Levi befanden, welcher freudig herabgeſchaut hatte, in der Hoffnung, an den neuen Gäſten einen beträchtlichen Ge⸗ winn zu machen. „Mein edler Herr, der Sohn des Barons Galetzoff, und der Freund meines edeln Herrn ſenden mich voraus, ihre Ankunft zu verkündigen und Betten und ein Nacht⸗ eſſen für ſte zu beſtellen. Sie werden bald hier ſeyn; beeilen Sie ſich alſo, ſich auf ihren Empfang vorzube⸗ reiten; ihr Gepäck muß in ihr Zimmer gebracht werden. „ »* „ . 55⁵ damit ich es auspacken kann, da ſie, wie ich vermuthe, bei ihrer Ankunft ganz durchnäßt ſeyn werden. „Deine edeln Herren ſollen gut bedient werden,“ antwortete Levi, welcher mehr auf die Felleiſen der jungen Männer als auf den Träger derſelben achtete.„Nun vorwärts, vorwärts!“ Und er führte Karl in ein Zimmer, das nur ſehr wenige Bequemlichkeiten bot. Dieſem ſchien es jedoch ein prächtiges Gemach zu ſeyn, und er fing an ſein Ge⸗ päck auszupacken. Nachdem dieß geſchehen war, ſchloß er die Thüre, und ging mit ſeinem Cameraden hinunter, um nach ſeinem Pferde zu ſehen, und für ſeine eigene Erquickung und Stärkung zu ſorgen. Er ſetzte ſich an den langen Tiſch in dem allge⸗ meinen Wirkhszimmer unter die verſchiedenen dort be⸗ findlichen Gäſte, machte ſich mit unermüdlicher Energie an das Geſchäft des Kauens und ſchwemmte die Spei⸗ ſen durch große Schlücke Quaß hinunter; und er war ſo ſehr in dieſe für ihn ſehr angenehme Beſchäftigung vertieft, daß er allem, was um ihn her vorging, nur ſehr wenige Aufmerkſamkeit ſchenkte. Als ſein Appetit endlich befriedigt war, ſchob er unter einem Seufzer den ganzen Tiſch etwas von ſich weg, und nahm noch einen tüchtigen langen Zug aus ſei⸗ nem Kruge mit Quaß. Er überließ ſich dann ganz ſeiner⸗ Freude über das behagliche Gefühl befriedigt zu ſeyn, als ihm ſeine Augen zuzufallen begannen; er öffnete ſie wieder, ſie ſchloſſen ſich von Neuem und ſein Haupt nickte einige Augenblicke, worauf er ſich ſelbſt wieder auf⸗ ſchüttelte, aber bald wieder vo⸗ ſeuem einſchlummerte und endlich in einen tiefen feſt chlaf verſiel, wobei er Arme und Schultern auf dem Tiſche liegen hatte. So war er ziemlich lange gelegen, als er durch den Eintritt zweier Männer, welche ſich dicht neben ihn ſetz⸗ ten, und von denen der Eine derb an ihn anſtieß, als er ſeinen Platz einnahm, aufgeweckt wurde. Karl hob ſei⸗ nen Kopf in die Höhe, und als er zwei Leibeigene in 56 Livree ſah, welche augenſcheinlich einem Edelmann ge⸗ hörten, verſuchte er der guten Cameradſchaft wegen, ſich in eine Unterhaltung mit ihnen einzulaſſen, er fand es aber unmöglich, ſeinen Kopf ohne die Stütze des Tiſches in der Höhe zu erhalten. Er hörte jedoch einige Zeit auf das, was ſie ſagten, bis ihre Worte undeutlicher und leiſer wurden und er ſie nicht mehr recht verſtehen konnte, worauf er wieder in ſeinen Schlaf verſank. „Gewiß“ ſagte einer der Neuangekommenen,„dieß war keine geringe Sache, in die wir verwickelt waren. Zuerſt, die Gewißheit von den Zigeunern aufgehängt zu werden, wenn ſie uns bekommen hätten, was immer dabei zu befürchten war; dann die traurige Gewißheit, uns von zwei wilden Reitern niedergeſchmettert zu ſehen, welche aus dem Walde erſtanden zu ſeyn ſchienen, in der einzigen Abſicht, die Sache zu vereiteln, die ſte doch gar nichts angieng; und dann, weil wir ſie nicht verhin⸗ dert hatten, den Graf zu erreichen, während wir doch unſer Möglichſtes gethan hatten, uns mit einer Tracht Prügel und Schimpfreden belohnt zu ſehen: und endlich mit unſeren durchbläuten Köpfen noch ausgeſchickt zu werden, um die Gegend zu durchſtreifen, und nach dieſen Edelleuten zu ſehen. Und nach allem, was iſt der Grund von all dieſem Weſen?— ein Frauenzimmer— ein das nicht beſſer iſt als das, welches auf den Straßen von Moskau ſingend herumzieht. So ſpröde und be⸗ ſcheiden noch dazu! Wie der Graf nur wegen ihrer ſo viele Umſtände machen mag. Es macht mir Durſt nur daran zu denken— gebe mir den Quaß, Kruntz.“ „Du kannſt das wohl ſagen,“ erwiederte ſein Ge⸗ noſſe,„aber nie vorher ſah ich unſeren Herren ſo erpicht auf etwas. Er ſchwört, tödtliche Rache an denen zu nehmen, welche ihn verhinderten, das Mäͤdchen fortzu⸗ führen, und er werde ſie gewiß, wenn nicht mehr in die⸗ ſer Welt, doch ſicher in der anderen Welt zu finden 57 wiſſen. Ich glaube nicht, daß er ſie einſt an einem beſſe⸗ ren Orte antreffen wird, was meinſt Du, Groff?“ „Nein, nein,“ antwortete der erſte Sprecher;„unſer Herr hat auf der Erde viel zu viele ſchlechte Streiche hiezu begangen. Er würde die Reiter vielleicht wieder erkennen, denn er hatte Zeit genug, ſie näher zu be⸗ trachten; aber es iſt doch zu hart von ihm, daß er es von uns verlangt; denn ich hätte geſchworen, als ſie ſo plötzlich über uns herſtelen, es ſeyen die wilden Reiter der Wälder.“ „Und wenn es Teufel ſelbſt wären, ſo würden ſie doch der Rache unſeres Herrn nicht entgehen,“ ſagte Kruntz:„und was das Mädchen betrifft, ſo wird er. wie ich ihn kenne, nicht lange brauchen, bis er ſie ins Garn lockt. Wenn er es durch offene Gewalt nicht bewerkſtel⸗ ligen kann, ſo ſtehen ihm eine Menge geheimer Mittel zu Gebot, um die Sache zu Ende zu bringen.“ „Ich will verdammt ſeyn, wenn es nicht ſo iſt,“ ſagte der Andere;„und ſo lange er uns gut bezahlt, werde ich ihm willig dienen, obgleich ich es für hart halte, und es mir gar nicht gefällt, daß er uns in einem ſolchen Sturme dieſen herumirrenden Narren nachſchickt. Wenn ich jetzt die beiden jungen galanten Männer fin⸗ den könnte, welche uns ſo tüchtig durchwalkten, ich wollte ihnen mit einem gleichen Tractamente aufwarten. Im⸗ mer noch mehr Schnaps, Kruntz, das iſt ein Getränke; jetzt wollen wir aber auch rauchen. Zuerſt tüchtig ge⸗ trunken, dann drauf geſchmaucht, damit es nicht ſchadet; das iſt die Art wie ehrliche Leute wie wir, leben ſollen.“ Dieſe zwei würdigen Männer verließen das Zim⸗ mer, nachdem ſie ihren Tabak ausgeraucht hatten. Man wird ſie längſt als die Gehülfen des Grafen Erintoff erkannt haben, welche dieſer in größter Eile ausgeſchickt hatte, um die Reiter zu ſuchen, die ihn auf ſeiner Flucht mit dem Zigeuner⸗Mädchen angehalten hatten— ein Vorfall, welcher ſeinen Stolz außerordentlich beleidigte, nachdem er glaubte, ſich ihrer Perſon verſichert zu haben. 58 Er hatte ebenſo nach der entgegengeſetzten Richtung Leute mit denſelben Befehlen ausgeſchickt. Karl wurde endlich gewahr, daß die Schatten der Nacht die Stadt in Dunkel gehüllt hatten; er fuhr ziem⸗ lich erſchrocken auf, daß er ſo lange geſchlafen hatte, und ſuchte einige Nachrichten von ſeinem jungen Herrn und deſſen Freund einzuziehen, aber umſonſt— er hörte nichts von ihnen. Der ehrliche Geſelle wurde dadurch ſo erbittert, daß er Jedermann, der ihm begegnete, Grobheiten machte; als er endlich ſah, daß ſein Herr gewiß nicht in Twer, ngekommen war, legte er ſich auf eine der hölzernen Bänke im Eßzimmer, um ſeine An⸗ kunft zu erwarten, wo ihn bald wieder der Schlaf über⸗ wältigte— wozu das Trinken des vielen Quaß auch das Seinige beigetragen haben mochte— und erwachte erſt wieder, nachdem der Norgen getagt hatte, und die Be⸗ wohner des Hauſes ſchon beim Geſchäft waren. Er ſtand auf, rieb ſich die Augen und ſchaute um ſich, um ſich zu beſinnen, wo er war; als er ſich der Begebenheiten des vorigen Tages erinnerte, machte er ſich ſogleich auf den Weg, um Kundſchaft von ſeinem Herrn einzuziehen. Mit heftigen Geberden befragte er alle, welche ihm in den Weg kamen, Hohe und Niedere; die meiſten ſtießen aber den ungeſchorenen niedern Knecht bei Seite und würdigten ihn nicht einmal einer Antwort; viele lachten ihn aus und riethen ihm, ſich einen neuen Herrn zu ſuchen, wenn er ſeinen alten verloren habe, denn er werde ihn nicht wieder finden. Unter denen, an welche er ſich zufällig wandte, war einer von den zwei Indivi⸗ duen, deren Unterredung er theilweiſe angehört hatte, als ſie den vergangenen Abend an ſeiner Seite ſaßen. „Ihr ſucht Euern Herrn und ſeinen Freund„“ fragte Groff,„zwei junge Männer ſagt Ihr, die Ihr ungefähr zwanzig Werſte von hier verließt, als ſie in den Wald hineinritten.“ Durch dieſes Verhör erfuhr er von dem ehrlichen, aber einfältigen Karl eine Menge Einzelnheiten, — 59 welche er in Bezug auf Ivan Galetzoff und ſeinen Ge⸗ fährten zu wiſſen wünſchte. Der arme Karl brachte den Tag in großer Trübſal zu, indem er immer vor dem Wirthshauſe auf und ab⸗ ging, und Jedermann, der in der Richtung von St. Pe⸗ tersburg her kam, befragte, ob er nicht ſeinem Herrn und deſſen Begleiter begegnet habe; da ihm Niemand Auskunft geben konnte, gieng er viele Werſte weit auf der Straße fort, in der Hoffnung, ſie zu begegnen, aber vergebens, worauf er wieder in das Wirthshaus zurück⸗ kehrte, für den Fall, daß ſie einen anderen Weg einge⸗ ſchlagen hätten. Gegen Abend, aals er die verlorenen Reiter ankommen ſah, war ſeine Freude gränzenlos. Er rannte ihnen entgegen, und ergriff, ehe ſie Zeit hatten abzuſteigen, ihre Hände, und bedeckte ſie mit Küſſen. Er übergab ihre Pferde dem Stallknechte, und führte ſie in ihr Zimmer, indem ſie ſich vergnügt nieder⸗ ließen, um nach dem Abenteuer und den Strapazen des vorhergehenden Tages auszuruhen. Ihre Ankunft war von Andern mit eben ſo großer Freude bemerkt worden, als die. welche der ehrliche Karl empfand; ſie war jedoch dort aus ganz anderen Beweg⸗ gründen entſprungen. Groff und ſein Genoſſe waren in einer Einfahrt verſteckt geweſen, betrachteten ſie, als ſie abſtiegen, und nachdem ſie von ihrer Identität vollkom⸗ men überzeugt waren, ſowohl durch Karls Beſchreibung als durch ihre eigene Erinnerung von den wilden Rei⸗ tern, durch welche ſie im Walde überfallen worden waren, beſtiegen ſie ſogleich ihre Pferde, um die Kunde ſo ſchnell als möglich dem Grafen zu überbringen. Jvan fuͤhlte wenig Beſchwerden von ſeiner Wunde, da ſie Hagar mit ſo gutem Erfolge behandelt hatte. Er war daher entſchloſſen, die Reiſe nach Moskau den näch⸗ ſten Morgen in aller Frühe fortzuſetzen, ungeachtet der zahlreichen beredten Gründe, welche der Wirth hervor⸗ brachte, um ſie zum Bleiben zu beſtimmen. Sie giengen auf einer Schiffbrücke über die Wolga. 60 Dieſer mächtige Strom trennt durch ſeinen Lauf Europa von Aſten; er iſt beinahe bis in ſeine Quelle ſchiffbar — eine Strecke von viertauſend Meilen, und ergießt ſich, nachdem er die Wälle von Aſtracan beſpült hat, in das ferne Kaſpiſche Meer. Die Inſeln, welche er bei ſeiner geführt, die mit einem einzigen, aber hohen Maſte, mit einem außerordentlich großen Segel und einem langen Ruder verſehen ſind, welches ſehr weit über das Hinter⸗ an reißenden Stellen ſicher zu leiten. Die Dorfer, durch welche die Reiſenden kamen, waren in einem elenden jämmerlichen Zuſtande; ſie waren meiſtens das Eigenthum von Herrſchaften, und durch deren Leibeigene bewohnt. Sie beſtanden aus einer ein⸗ zigen langen Straße, an deren einen Seite Wohnungen von rohen Baumſtämmen erbaut waren. Die der ver⸗ An mehreren Stellen längs der Straße ſtanden kleine Kapellen mit Bildniſſen der Panagia(ruſſiſcher Name der Jungfrau Maria) oder Anderer von den zahl⸗ reichen Heiligen ihres Kalenders; dieſe waren haupt⸗ ſächlich Gegenſtand der Verehrung von Karl; er neigte immer das Haupt und bekreuzigte ſich mit der größten Ehrfurcht. Sie begegneten manchem Geſpann an kleinen, hie und da auch größeren Karren, auf welchen Unſchlitt, Hanf und Felle in die Städte geführt, und dort 1 Kaufmannswaaren umgetauſcht wurden, mit welchen ſte 61 dann wieder in das Innere zurückkehren; ihre Führer lagen in der Regel ſchlafend auf ihrem Wagen, und nur ein Einziger ging immer vor dem Zuge voraus, um ihn zu leiten. Wenn es Abend wurde, hielten ſie an, und bildeten Bivouacs auf der Seite des Weges; die Feuer, welche ſie anmachten, dienten den Reiſenden als Weg⸗ zeiger. Aber in den wenigen Jahren, die ſeit der Periode, von welcher wir ſprechen, verfloſſen ſind, ſind große Ver⸗ beſſerungen an der Hauptſtraße, welche von Sr. Peters⸗ burg nach Moskau führt, vorgenommen worden. Nicht nur wurde die Straße macadamifſirt, und iſt nun eine der beſten in Europa, ſondern es führen jetzt auch elegante Brücken über die Flüſſe und Ströme; hübſche, wohlein⸗ gerichtete Poſten ſind an der Straße errichtet, welche nun von öffentlichen Wägen regelmäßig befahren wird. Gegen den Abend des zweiten Tages nach ihrer Abreiſe von Twer näherten ſie ſich der wieder neu auf⸗ gebauten, heiligen und alten Stadt Moskau. Die Strahlen der untergehenden Sonne ſchimmerten auf der unzähligen Menge von vergoldeten Kuppeln, Kirchthurmſpitzen und Säulen ſeiner Kirchen, welche aus den dunkeln Maſſen ſeiner Wohnungen wie goldene Bäume in einem Zauberwalde hervorblickten. Auf jedem Thurme iſt das Sinnbild des chriſtlichen Glaubens, ein vergoldetes Kreuz angebracht, das durch eben ſolche Ketten gehalten wird, und glänzender iſt, als die Mee⸗ reswellen, in denen ſich die Sonnenſtrahlen brechen. Als ſich dieſe herrliche Scene plötzlich ihren Blicken darbot, hemmten ſie ihre Schritte; die prächtige, auf einer großen Strecke von wellenförmiger Bildung ausge⸗ breitete Stadt mit ihrer Einfaſſung von waldigen und bebauten Höhen— der hundertthürmige Kreml, welcher majeſtätiſch über alle die prächtigen Paläſte, Kirchen und Klöſter mit ihren Kuppeln, und blauen, weißen und vergoldeten Giebeln hervorragt, bildeten ein Gemälde vyon vrientaliſcher Pracht. 6² Karl, von einem Gefühle von Ehrfurcht durchdrun⸗ gen, ſtieg von ſeinem Karren herab, und fiel ehrfurchts⸗ voll auf den Boden nieder, als er das Jeruſalem Ruß⸗ lands,— die ihren Herzen heilige, und von jedem treuen Moskowiten geliebte Stadt erblickte. Nachdem er dieſe Ceremonien mit einer Unzahl von Kniebeugungen und Kreuzen zu ſeiner eigenen Zufriedenheit beendigt hatte, trabte er wieder weiter, um ſeinen Herrn und Thaddeus einzuholen, welche nicht von denſelben Ge⸗ fühlen von Achtung für die Stadt der Czaaren durch⸗ drungen waren, und, da ſie das Schauſpiel ſchon öfters geſehen hatten, nach einer kurzen Betrachtung der groß⸗ artigen Scene ihren Weg wieder fortgeſetzt hatten. Nachdem ſte mehrere der winkligen, unregelmäßigen Straßen der Stadt durchwandert hatten, kam der Au⸗ genblick, wo ſie ſcheiden mußten, um ihre betreffenden Wohnungen zu erreichen. Nachdem ſie ſich gegenſeitig das Verſprechen gegeben hatten, einander ſo bald, als es die Umſtände erlaubten„ aufzuſuchen, giengen ſie in entgegengeſetzter Richtung von einander. — Sechstes Kapitel. Der Name war, die Sprach auch unbekannt Der ſchmerzbewegten Frau aus fernem Land; Ihr dunkles Haar, ihr feurig Augenpaar Verriethen daß ein Kind des Morgenlands ſie war. Moore. Als ihm die Geſellſchaft ſeines heiteren Gefährten fehlte, zog ſich ein Schatten von Unmuth über die ſchö⸗ nen Züge Jvan's; da er ſich nun ganz ſeinen eigenen Gedanken hingeben konnte, und die Gegend, durch welche er kam, als er ſich den Tag nachdem er ſeinen Freund verlaſſen hatte, dem Ziele ſeiner Reiſe näherte, finſter und düſter war, ſo trug dieß viel dazu bei, die düſtere Melancholie ſeiner Gedanken noch zu vermehren. 6³ Auf beiden Seiten des Weges erhob ſich ein dichter finſterer Wald, ohne eine einzige freie Stelle, oder einen grünen Platz; überall ſchien er für Freude und Heiter⸗ keit undurchdringlich zu ſeyn. Die Wohnungen der elen⸗ den und bedrückten Leibeigenen waren geſchloſſen; da ſich die Bewohner derſelben nach der ſchlecht belohnten Mühe des Tages frühzeitig zur Ruhe begaben. Hie und da begegnete er jedoch Bauern, welche in ihre Hütten zurückkehrten, und ihn, als ſie ihn als den Sohn ihres Herren erkannten, mit Ehrerbietung und einem Blicke von Zuneigung grüßten. Augenblicklich war immer die Wolke auf ſeiner Stirne verſchwunden, wenn er ihren Gruß erwiederte und an Jeden einige freundliche Worte richtete, indem er ſie entweder über ihre Familien befragte, oder andere paſſende Bemerkungen machte, wodurch das unverfälſchte Herz des Bauern ſo leicht gewonnen wird. Je mehr er ſich dem Schloſſe näherte, deſto mehr verſchwanden die Zeichen von Leben, die bisher zum Vorſchein gekommen waren; und alles um ihn her bot, wenn es möglich war, einen noch traurigeren trüberen Anblick. Er verkürzte unbewußt die Zügel; welche Handlung hinlänglich zeigt, daß er den Baron nicht wie einen Va⸗ ter betrachtete. Weit entfernt, ſich mit ängſtlicher Be⸗ gierde zu beeilen, ſein Willkommen zu erhalten, bewies ſein langſamer Schritt ſeinen Widerwillen, ſich bälder als nothwendig in die Gegenwart des ſtolzen Herren und auf ſeinen finſteren Landſitz zu begeben. Sein Herz war leer als er den Haupteingang öffnete. Es waren keine Gruppen geſchäftiger und gefälliger Bedienten bereit, ihn nach einer langen Abweſenheit zu empfangen, keine liebe Muͤtter oder zärtliche Schweſtern, ihm mit ausgeſtreckten Armen entgegen zu gehen, und ihn mit einer liebevollen Umarmung willkommen zu heißen, oder ihn zu umgeben und mit begierigen freudi⸗ gen Augen zu betrachten, wenn ihre wiederholten Fragen wie er wohl wußte, ſeine Ankunft ſo ſehnſüchtig erwar⸗ tete. Zu gleicher Zeit bemächtigte ſich ſeiner ein Ge⸗ fühl von Trauer, es möchte ſie ein Unglück befallen ha⸗ ben; ſie moͤchte auf ihrem Todtenbette liegen, vielleicht — ſchrecklicher Gedanke!— wirklich ſchon kalt und leb⸗ wären. Ohne Verzug begab er ſich daher in das Gemach, wo der Baron ſaß, welcher weder aufſtand, als der junge Mann auf ihn zu kam, um ihm ſeine Ehrfurcht zu bezeugen, noch den kalten Zug, welcher auf ſeinem eſichte lag, verbannte. Der Baron Galetzoff ſchien längſt über die Blüthe des Lebens hinaus zu ſeyn, die Zeichen des Winters fin⸗ gen an hervorzutreten, immer hatte er aber noch das und ſeine Figur ſtark und plump. Seine Züge mochten in ſeiner Jugend hübſch geweſen ſeyn, aber nun waren ſie entſtellt durch ein angewöhntes Runzeln ſeiner Stirne, und durch eine breite Narbe, welche vom linken Auge bis an den unteren Theil des Ohres reich grauen Augen waren, gleichſam um ſie v ſicher zu ſtellen, unter den Schatten ſe überhängenden Augenbraunen zurückgezoge haariger Bart war lang und unordentlich, durch Leidenſchaft gereizt war— ein zum Untergebenen nicht ſeltener Vorfall— Erfolg ſeiner Plane in Ungewißheit wa demſelben zu drehen und zu ziehen. „So, Herr,“ rief er in ſtrenge; Ivan ſich dem Tiſche näherte,„Sie wegs aufgehalten, wie mich dünkt, ſonſt dieſer Verzug in Ihrer Reiſe? Gehorſam und Ihre Pflicht beſſer Reiſe bewieſen. Woher kommt die Ivan erzählte, daß der Ver einem heftigen Sturm herkomme, habe, unter den Zelten von Zigeun er hielt es aber für überflüſſig, e nen übrigen Abenteuern beizufüͤge Die Augenbraunen des Ba⸗ herab, als er ihm erwiederte: „Und iſt dieß mein Herr von Ihnen, mit dem Auswurfe den Schlechteſten auf der Erde ſchlecht, das ich verachte und Gründe find triftig genug. Lie dem ſchrecklichſten Sturme, den preisgegeben, ehe ich mich ge wegen einer Brodkrume, oder rabeln Zelte verpflichtet Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 66 mal im Zimmer auf und ab; dann wandte h gegen Ivan und rief: in Sie mir nicht vom Empfange, von Auf⸗ von ſolchen ſchändlichen Weſen, wie dieſt pen Zigeuner. Ich verabſcheue ihren Na⸗ der Dank, entarteter Jüngling, den Sie rgfalt und Aufmerkſamkeit ſchenken, die gend und auf ihre Erziehung verwendet e konnte ich dieß anders erwarten? Jo. eglaubt, Sie beſitzen mehr eigenen ähnliches ſelbſt zu geſtehen. Lernen s meiner Ehre und Würde mehr Ach⸗ an Sie auch ſorglos für die Ihrige Sie ſich, daß der Name, den Sie tra⸗ miſchung mit gemeinen und niedri⸗ ſoll und darf.“ end dieſes Ausbruches ganz ſtumm; r Baron einen Gegenſtand haben ne Galle auslaſſen konnte, und er een Schultern, ſie zu tragen, um pfer davor zu ſchützen. Edelmann hatte auf dieſe Weiſe enſchaftlicher Aufregung geſprn dig als grundlos war, und fuhr haſtigen Schritten zu durchſchrei⸗ Mann ſtillſchweigend dabei ſtand, rtete, da er wohl wußte, daß tte, der Zorn des Barons noch enigen Minuten ſchien ſein An⸗ ſcggelaſſen zu haben, worauf er und ihm ſagte: ſen Sie mich nicht wieder von Zuſammenkunft hören. Jetzt de, welche mich beſtimmt haben, wurde von unſerem gnädigen mmando in ſeinen zum Dienſte 37 im Ausland beſtimmten Armeen beſtimmt; und ich beab⸗ ſichtige, daß ſie mich begleiten ſollen, um die Kriegs⸗ kunſt, die Sie bisher nur theoretiſch gelernt haben, auch durch praktiſche Erfahrungen zu erlernen. Sie haben nun eine Bahn vor ſich, welche zu Chre und Ruhm führt, und es ſteht bei Ihnen, ſie zu betreten oder nicht. Wenn Sie ihr folgen, und ich Sie werth finde, werde ich beſorgt ſeyn, Sie ſchnell zu befördern. Aber merken Sie! Ich verlange unbedingten Gehorſam; wenn Sie dieſen leiſten, wird Rang und Vermögen Ihnen ſeyn— im anderen Falle nicht!“ Ivan's Herz ſchlug höher bei dieſer Nachricht, ob ſie gleich in rauhe, barſche Worte gekleidet war; er war begierig, einmal auf den unruhigen Schauplatz des thä⸗ tigen Lebens zu treten, und ſeine Augen funkelten, als er ſeine Bereitwilligkeit, den Wünſchen des Barons zu willfahren, ausdrückte, und ihm für ſeine Geſinnungen zu ſeiner Wohlfahrt dankte. „Ich habe die Abſicht,“ fuhr der Baron fort,„Sie in einigen Tagen nach Moskau gehen zu laſſen, damit Sie ſich Ihre militäriſche Ausrüſtung verſchaffen, und ſich etwas in der Geſellſchaft umſehen können; was mich betrifft, ich verabſcheue die Ceremonien und Gebräuche derſelben, und wünſche aber deſſen ungeachtet, daß Sie die Vortheile, welche man daraus ziehen kann, gewinnen möchten, ehe ſie auf den bewegteren, unruhigeren Schau⸗ platz des Lebens treten. Sie können ſich nun zurückzie⸗ hen, um ſich von Ihrer Reiſe zu erholen und morgen will ich Ihnen meine übrigen Plane mittheilen. Nachdem er ſeine aufrichtig gefühlte Dankbarkeit für die ihm eröffneten Ausſichten ausgedrückt hatte, zog er ſich vergnügt von ſeinem launiſchen Vater zurück. Obige Unterredung, welche ſo charakteriſtiſch das gewöhnliche Verhalten des Barons gegen ſeinen Sohn ſchildert, war wenig geeignet, ſich deſſen Achtung oder Liebe zu gewinnen; in der That war ſein Benehmen 5 68 gegen ihn ganz unerklärlich; obgleich er weder Sorgfalt noch Ausgaben bei der Erziehung ſeines Sohnes geſpart hatte, war es doch augenſcheinlich, daß er keine Neigung zu ihm hatte; er hatte bei jeder Gelegenheit ſein Möͤg⸗ lichſtes gethan, ihm auch ſeinen eigenen Stolz und ſeine wilden Neigungen beizubringen; dieſe Abſicht hatte aber auf eigene Weiſe durch eine Dazwiſchenkunft fehlgeſchla⸗ gen, welche er nicht vermuthet hatte. Der junge Mann benützte mittlerweile die ihm durch eine gute Erziehung zu Theil gewordenen großen Vortheile und war mit außerordentlicher Charakterfeſtigkeit und Muth begabt. Ivan hatte ſich in ſein Schlafzimmer zurückgezogen, nachdem er ſich vergebens bemüht hatte mit der Dame, die er ſo gerne zu ſprechen wünſchte, der geheimnißvollen Bewohnerin des Schloſſes in Verbindung zu treten, als er ſich in einen Seſſel geſetzt hatte und durch die Fenſter in die dunkeln Alleen blickte, welche das Schloß um⸗ gaben, wurde er durch ein Klopfen an der Thüre aufge⸗ ſchreckt. Als er ſich beeilte, die Thüre zu öffnen, er⸗ ſchien eine Perſon von ganz ungewöhnlichem und merk⸗ würdigem Ausſehen.. Es war eine von jenen außerordentlichen Produk⸗ tionen der Natur; ſie hatte ein ſchönes Ebenmaaß in ihrer Figur, war aber kaum drei Fuß hoch. Ihr Anzug war äußerſt pünktlich und ſorgfältig, hatte aber einen phantaſtiſchen Schnitt; und der kleine Mann ſchien ſich in den bunteſten Farben zu gefallen. Sein Federhut war etwas leichtſtnnig auf eine Seite des Kopfs geſetzt, von welchem eine Menge gekräuſelter Locken herabfielen. Der Knebelbart war ebenfalls mit der größten Sorgfalt gekräuſelt, während ſein langer, dünner Schnurrbart in Nachahmung einiger großen Helden ſtolz aufwärts ge⸗ dreht war. Es war ſchwer, den Ausdruck ſeiner kleinen, aber wirklich regelmäßigen Geſichtszüge, welche in größeren Proportionen für ſchön gehalten worden wären, zu er⸗ klären. Das Alter hatte ihn nicht verſchont, denn 69 bereits furchten Runzeln ſeine ſchmalen, pergamentfarbigen Wangen. Seine kleinen, immer glänzende und blitzende Augen verriethen Talent und Kenntniſſe; in ſeinem Blick und ſeinen Manieren war eine beſtändige Unruhe, und alle ſeine Bewegungen waren ſchnell, aber unficher. Er warf immer zuerſt einen ſchnellen Blick auf die Perſon, mit welcher er ſprach, und betrachtete ſte vom Kopf bis zu Fuß, wie wenn er einen Angriff befürchtete, und ſtracks drehte er ſeinen kleinen Körper auf einem Fuß herum, ehe er einen Gegenſtand wieder auffaßte, den er ſchnell abgebrochen hatte. Wenn er ſprach, war der Ton ſeiner Stimme ſo ſchreiend und laut, daß die, welche es hörten, kaum glauben konnten, daß ſie von einem ſo kleinen Geſchöpfe herrührte. Als dieſe lilliputiſche Figur in das Zimmer trat, breitete ſie ihre Arme weit aus, um Ivan zu um⸗ armen, welcher ſo gutmüthig war, ſich zu ihm herabzu⸗ bücken, da es ſonſt der kleinen Perſon, welche ihrer eige⸗ nen Größe unbewußt zu ſeyn ſchien, nicht möglich ge⸗ weſen wäre, weiter hinauf als bis an die Kniee ſeines Freundes zu reichen. „Mein Freund, mein theurer Junge,“ rief der Zwerg aus,„mein Herz ſchlägt freudig, Sie wieder zurückge⸗ kehrt zu ſehen. Sie ſind ſehr groß geworden, ſeit ich Sie das letztemal ſah, wo wir noch Arm in Arm ſpa⸗ zieren gehen konnten; jetzt bezweifle ich, ob es noch mit Leichtigkeit gienge. Ich hatte eine große Sehnſucht nach Ihnen, denn ich wußte gar nicht, was ich ohne Sie anfangen ſollte. Ich konnte ſeit Ihrer Abweſenheit weder mit Vergnügen reiten, noch jagen und ſchießen; jetzt wollen wir aber unſere früheren Unterhaltungen wieder fortſetzen.“ „Ich bin wirklich erfreut, Sie wieder zu ſehen, mein werther Freund Ladislau,“ antwortete Ivan,„und Sie ſo geſund und flink wie immer zu finden; es iſt aber noch Jemand hier, nach dem ich mich gerne erkundigen möchte; meine gute Beſchützerin, meine innig geliebte 70 Freundin; ſage mir Ladislau, wo iſt ſie? Ich hörte von Niemand etwas über ſte, und mußte mich hüten, ſelbſt Erkundigungen einzuziehen, wie Sie wohl wiſſen, ob⸗ gleich mein Herz großes Verlangen darnach hätte, und meine Gedanken mit traurigen Ahnungen belaſtet waren. „Mein junger Freund,“ erwiederte Ladislau,„ſie iſt wohl und in banger Erwartung, Sie zu ſehen; aber der mächtige Herr, der große Baron hat ſie ſtrenger behandelt als je, und erlaubt ihr nicht, jenſeits der Mauern des Gartens ſpazieren zu gehen. Dieſe Grau⸗ famkeit wird doch eines Tages ihren verdienten Lohn finden!“ „Ach!“ rief Ivan,„daß ich nicht die Macht haben ſoll, dieſes engelreine Weſen von dieſer Tyrannei zu be⸗ freien. Sie ſelbſt verbietet es mir, einzuſchreiten. Sagen Sie mir, mein theurer Ladislau, wenn werde ich Ge⸗ legenheit finden, ſie zu ſehen?“ „Ich kann es jetzt nicht ſagen,“ antwortete der Zwerg.„Ich werde jedoch die Sache in's Reine brin⸗ gen, während der Baron aus dem Haus iſt; die Zu⸗ ſammenkunft wird auch ſehr viel zu ihrer Heilung bei⸗ tragen. Ha! hal hal! Ich lache bei dem Gedanken, daß. die, welche der Tyrann ſo verachtet, ihn ſo überliſten können, und ſich auf einem Wege an ihm rächen, den er ſich nicht träumen läßt. Der Tag wird kommen, wo er erfahren ſoll, daß das Weſen, das er zu ſich genom⸗ men hat, um es zu verlachen und zu verhöhnen, auch einen Geiſt mit eben ſo ſtarken Leidenſchaften, als ſeine eigenen ſind, beſitzt, und der weiß, auf welche Art er ſich für das ſeit Jahren an ihm verübte Unrecht und die erlittenen Beſchimpfuugen rächen kann. Aber weg mit ſolchen Gedanken; jetzt, da Sie zurückgekehrt ſind, Ivan! das Vergnügen ſoll unſer einziges Studium ſeyn, und ich bin Ihnen alle meine Dienſte ſchuldig, denn Sie waren immer gütig und aufmerkſam gegen mich, wäh⸗ rend mich Andere verachteten, und über das, was ſie meine Narrenpoſſen nannten, lachten. Ich bin dankbar, 71 Jvan, und will es beweiſen; denn obgleich ich ein bit⸗ terer, unverſöhnlicher Feind ſeyn kann, kann ich doch auch ein feſter und treuer Freund ſeyn.“ „Ich habe Ihrer Liebe immer getraut, mein guter Ladislau, doch was ich gethan haben mag, iſt der Rede kaum werth, und Sie leiſten mir volle Wiedererſtattung durch Ihre Dienſte, und Ihre beſtändige Willfährigkeit, meine Wünſche zu befolgen. „Schon gut, wir wollen dieſe Sache nicht weiter unterſuchen,“ ſagte Ladislau,„aber ſagen Sie mir, wie kam es, daß Sie nicht geſtern eintrafen? Ich ſchaute den ganzen Tag nach Ihnen hinaus.“ Jvan erzählte ihm ihr Abenteuer— die Befreiung des Zigeunermädchens Azila, und ihr Beſuch in den Zelten ihres Stammes, wobei der Zwerg ſehr aufmerk⸗ ſam zuhörte. „Sie handelten ſchön,“ ſagte er, als Ivan geen⸗ digt hatte;„und Sie werden in der Zukunft reichlich dafür belohnt werden. Iſt ſie nicht ſchön, mit Ta⸗ lenten begabt, und weit erhaben über das Leben, das ſie führt?“ „Wenn Sie Azila meinen,“ erwiederte Ivan,„ſie iſt beides; aber woher find Sie mit dieſen Zigeunern bekannt?“ „Ha! ha! ha!“ kicherte der Zwerg,„das iſt eine lange Geſchichte, die ich Ihnen jetzt nicht erzählen kann, aber es wird eines Tages geſchehen. Sie haben Vieles zu erfahren— manches tiefe Geheimniß, das in meiner Bruſt niedergelegt iſt; ha! hal! die, welche mich ver⸗ achten, kennen die Macht ſchlecht, die ich beſitze. Hier iſt Einer, welcher ſein halbes Vermögen geben würde, wenn er das Geheimniß wüßte, das ſicher in meiner Bruſt verwahrt iſt, und der ſich nicht lange bedenken würde, es hervorzuziehen, wenn er wüßte, daß es hier iſt! Ha! hal ha! und der Zwerg ſerhob ein gellendes Gelächter und triumphirte im Bewußtſeyn ſeiner eigenen 7² Macht, und der Nache, welche er an bem nehmen wollte, durch den er ſich beleidigt glaubte. „Ihnen, Ivan,“ fuhr er fort,„da Sie mich nicht mit müßiger Neugierde betrachten, und immer ſo wohl⸗ wollend gegen mich ſind, werde ich eines Tages, wenn der ſchickliche Augenblick gekommen iſt, dieſes koſtbare Geheimniß entdecken.“ Sie ſind eine von den wenigen Perſonen, deren ich mich ſeit meiner Kindheit erinnere,“ antwortete Jvan, „und ich handle gegen Sie, wie ich fühle— mit auf⸗ richtiger Rückſicht. Aber ſagen Sie mir, Ladislau, was iſt hier bemerkenswerth oder ungewöhnlich in Betreff des Zigeunermädchens, außer ihrer Schönheit, von der ich urtheilen kann, und ihren Talenten, welche ſich vermuth⸗ lich nicht weiter erſtrecken, als lieblich zu ſingen, zierlich zu tanzen, und vorgeblich aus der Hand wahrſagen zu können.“ „O! Sie kennen ihren Charakter wenig, wenn Sie ſich einbilden, ſie gebe ſich mit ſolchen niederen Verrich⸗ tungen ihres Stammes ab,“ antwortete der Zwerg. Sie iſt erhaben über jede Handlung dieſer Art. Ihr Herz iſt bei ihrem Volke, und ſie gefällt ſich in ihrem wilden Leben; obgleich ſte, wenn es ihr geſiele, in Städten wohnen, und all' den verſchwenderiſchen Lurus genießen könnte, den Andere ſo hoch ſchätzen. Ihre Erziehung wurde nicht vernachläſſigt; ſie hat anßerordentliche Ta⸗ lente, ihr Urtheil iſt überlegen und ihre Tugend unzwei⸗ felhaft. Dieſe hohen Gaben wendet ſie zu edeln Zwecken an. Sie könnte einen ganz anderen Stand haben, als den, welchen ſie einnimmt; ſte könnte einen hohen Rang einnehmen, reich und mächtig ſeyn; aber dann wäre ſie wahrſcheinlich ſtolz, leichtfertig und unwiſſend gewor⸗ den. Ich liebe ſie ſehr, möchte ſie aber in keinen an⸗ deren, als ihren gegenwärtigen Verhältniſſen wiſſen, ob⸗ ſchon man in der Zukunft ſagen wird, ich habe Unrecht an ihr gehandelt; ich weiß es aber beſſer. Ich ſage vielleicht mehr, als klug iſt; ich kann Ihnen jedoch 7³ trauen, Jvan, und ich bitte Sie, wenn Sie mich lieben, nicht eine Sylbe von dem, was ſie gehört haben, hören zu laſſen.“ „Ihr Vertrauen wird nicht mißbraucht werden,“ antwortete Ivan. „Leben Sie wohl, leben Sie wohl! Ich muß nun fort, mein junger Freund;“ rief der kleine Mann, drehte ſich auf dem Abſatze iherum, ſchüttelte ihm die Hand, ſang ihm noch ein Lebewohl zu, und hüpfte aus dem Zimmer. So weit die Erinnerung Ivan's zurückreichte, war er mit dem Zwerge Ladislau immer auf einem ganz freundſchaftlichen Fuße geſtanden; aber nie ſeit ſeiner frühſten Kindheit hatte er die geringſte Veränderung in ſeinem Ausſehen bemerkt. In jenem frühen Alter pflegte er mit ihm zu ſcherzen und zu ſpielen; und als er her⸗ anwuchs, älter und ſtärker wurde, behandelte er ihn mit einer Rückſicht, welche man bei wenigen Knaben ſeines Alters gefunden hätte, und mißbrauchte nie ſeine Stäͤrke und Kraft, um ihn zu ärgern, ſo daß das winzige Ge⸗ ſchöpf eine außerordentliche Zuneigung zu ihm hatte, eine größere, als zu irgend einem anderen menſchlichen We⸗ ſen, und Ivan, der ſehr Wenige hatte, auf die er ſeine Neigung werfen konnte, erwiederte dieſe Aufmerkſamkeit mit gleicher Aufrichtigkeit. Es iſt in vielen reichen und adeligen Familien Ruß⸗ lands und Polens immer noch Sitte, einen Zwerg ſo⸗ wohl zur Beluſtigung ihrer Kinder und Zugehoͤrigen, wie auch als Zielſcheibe ihres eigenen Witzes zu halten. Dieſe Sitte aus früheren Zeiten, wo ein Poſſenmacher, Narr oder Zwerg als ein nothwendiges Anhängſel des Haushaltes jeder adeligen Familie Europas betrachtet wurde, iſt jetzt glücklicher Weiſe in die weniger ciyilifirten Länder des öſtlichen Theiles des Continents verbannt, wo die Erziehung noch geringe Fortſchritte gemacht hat. Sobald ſich der Zwerg zurückgezogen hatte, warf ſich Ivan auf ſein Lager; es dauerte jedoch lange, bis 74 die Ruhe, welche er ſuchte, einen Schleier über ſeine verwirrten und bewegten Gedanken zog. Siebentes Kapitel. Der iſt wahrhaft kein Edelmann, Der ſich ſo weit vergeſſen kann, Daß an ein Weib er Hand anlegt, Ein hilflos ſchwaches Weſen ſchlägt. 1d. Ivan hatte nur wenige und kurze Augenblicke Ge⸗ legenheit gehabt, die Frau zu ſehen, welche im Schloſſe reſidirte, und deren Geſchichte der Welt gänzlich unbe⸗ kannt war. Der Baron verlangte beſtändig ſeine Be⸗ gleitung und wachte ſtreng über ihre Handlungen. Seit Ivan's Ankunft waren mehrere Tage vergan⸗ gen, während welcher er beſtändig den Baron auf ſeinen Jagdausflügen begleitet hatte, die Letzterer machte, um ſeine Wälder von den vielen Woͤlfen, die in denſelben hausten, zu reinigen. Bei dem nächſten Ausfluge die⸗ ſer Art beſchloß er, ſich unter irgend einem Vorwande loszumachen, um die ſehnlichſt gewunſchte Zuſammenkunft mit ſeiner geheimnißvollen Freundin zu Stande zu bringen. Deßhalb erſann er, als ſeine Begleiter Jagd auf jene verhaßten Raubthiere machten, und der Wald von ihrem lauten Rufen und Jauchzen wiederhallte, eine Entſchul⸗ digung, und galoppirte in's Schloß zurück, im Glauben, ſeine kurze Abweſenheit werde nicht bemerkt werden. Mittlerweile war der Zwerg, der von ſeinem Herren nicht zur Jagd aufgefordert worden war, gern zu Hauſe geblieben, und hatte Alles vorbereitet, um die Zuſam⸗ menkunft zu erleichtern. Der junge Mann eilte mit haſtigen Schritten dem vorher beſtimmten Orte, einer von üppigen dunkeln Blattern bedeckten und von einer 8 Gruppe ehrwürdiger Bäume beſchatteten Laube zu, wo er auch den geliebten Gegenſtand fand, den er ſuchte. Die Frau hatte kaum den Meridian des Lebens er⸗ reicht, und ihre Züge waren immer noch ſchön. Ihre Figur war ſchlank und groß, jede Bereung voll An⸗ ſtand und Grazie; ihr Geſicht ganz nach griechiſchem Modell und ihre Hautfarbe war rein and durchſichtig; die langen, dunkeln, ſeidenen Augenwimpern beſchatteten glänzende graue Augen und gaben ihr ein ſanftes Aus⸗ ſehen. Ein Beobachter, der Gelegenheit gehabt hätte, die zwei Perſonen, welche neben einander ſaßen, näher zu betrachten, hätte eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen ihnen gefunden. „ Als ihr wachſames Ohr den Laut ſeiner Fußtritte vernahm, ſtand ſie auf, gieng ihm entgegen und umarmte ihn, als er verſuchen wollte, ihr ehrerbietig die Hand zu küſſen. Ein convulſiviſches Schluchzen verſagte ihr die Sprache, als ſie zu reden verſuchte, aber die vielen Thränen, die auf ſeinen Hals herabfielen, drückten be⸗ redter als alle Worte den Umfang ihrer Liebe aus. Nachdem dieſer bewegende Augenblick vorüber war, kehrte ihre Faſſung wieder zurück; ſie ließ ſich auf eine Bank nieder und Jvan ſetzte ſich an ihre Seite, indem er ſeine Hand in die ihrige legte. „Geliebter,“ ſagte ſie,„nur auf ſolche Art, ver⸗ ſtohlener Weiſe und auf ſo kurze Zeit können wir uns nach ſo langer Abweſenheit ſehen, und ach! wie bald wirſt Du für immer von mir getrennt werden? O, Jvan, ich habe viel um Deinetwillen gelitten, und gerne wollte ich noch mehr leiden; aber die Schwäche einer Frau übermannt mich, wenn ich an die Gefahren denke, denen Du ausgeſetzt ſeyn wirſt. Er hat mir geſagt, Du ſeyeſt bereit, ihm zu einer fernen militäriſchen Ex⸗ pedition zu folgen, wo Du Dir Ehre und Ruhm erwer⸗ ben könneſt, worauf ſich Dein edles Herz freut, wie ich es kenne; aber traurige Vorbedeutungen befaſſen meinen Geiſt und ich ahne, daß ſie voll von Gefahren ſeyn 76 wird; auch kann ich ihm gar nicht trauen. Ich ſuche die Plane, die er für Dich erſinnt, zu entdecken, ſie ſind aber über meinen Begriffen. Weder Neigung noch ſonſt ein anderer Beweggrund, den ich wüßte, beſtimmt ihn; und doch verſpricht er, Dich ſchnell zu befördern; deßhalb zweifle ich an der Aufrichtigkeit ſeiner Worte. Aber leider, Jvan, bin ich machtlos, und kann Dich nur der Obhut des Gottes unſerer Väter empfehlen.“ „Um Deinetwillen,“ rief der junge Mann,„wollte ich gern all meinem hohen Streben entſagen, und freue dig zurückbleiben, um Dich zu beſchützen; aber leider! muß ich dem Willen des Barons wie ein Sklave Folge leiſten, oder mir mein Glück in der Welt ohne ſeinen Beiſtand ſuchen.“ „Ich kenne Deine Liebe wohl, mein braver Junge,“ erwiederte ſie ihm,„welche Dich beſtimmen würde, Alles für meine Wohlfahrt zu wagen; aber das verlange ich nicht. Nein! gehe hin, wo Ehre und Ruhm Dich er⸗ warten, und ſorge nicht für mich, denn ich fühle, daß mein Lebenslauf beinahe zu Ende iſt, und daß der Tag meiner Freiheit nicht mehr ferne iſt. Mein Buſen hat weit mehr Angſt und Noth verborgen, als Du wiſſen kannſt, Jvan; die Stunde iſt jedoch noch nicht gekom⸗ men, wo ich Dir die Erzählung meines Jammers ma⸗ chen kann.“ „Auf was für ein Geheimniß deuten Deine Worte hin?“ rief Ivan bewegt.„O, Du, die Du mir mehr als Mutter biſt! meine Beſchützerin! mein Schutzengel! bin ich denn nicht im Stande, Dich zu beſchützen oder wenigſtens Dir zu helfen? O, ſchätze mich nicht ſo ge⸗ ring, daß Du Deine Leiden vor mir verhüllſt!“ „Leider wäre Deine Dazwiſchenkunft von geringem. Nutzen,“ ſagte ſie ganz verzagt,„Du könnteſt Dich in's Verderben dadurch ſtürzen, ohne mein Loos zu verbeſſern. Nein, nein Geliebter! Ich möchte Dein Glück nicht durch meine Sorgen ſtören. Du biſt im Begriff, Mos⸗ kau zu heſuchen, um Dich dort in die Welt zu ſtürzen; 77 ſuche alle Vergnügungen, welche ſie darbieten kann; ich fürchte jedoch, es wird nicht viel dort zu finden ſeyn. Ach! ich war auch einſt vollkommen glücklich. Du wirſt wieder hierher zurückkehren, wie ich höre, und ehe Du zu der Armee abreiſen wirſt, ſollſt Du Alles erfahren: bis dorthin ſoll Dein junges Herz von Schmerz ver⸗ ſchont bleiben.“. „Ol eröffne mir jetzt Deinen Schmerz, Theuerſte, damit ich mich bemühen kann, Dich zu tröſten, und laſſe mich meine Liebe durch meine Ergebenheit, Dir zu die⸗ nen, beweiſen. Sicher kann und darf der Baron, ſo ſtreng und ungerecht er auch zu Zeiten gegen mich iſt, nicht ſo barbariſch ſeyn, ein ſo liebenswürdiges artiges Weſen, wie Dich, zu beleidigen.“ „Ich mag Dir jetzt meine traurige Geſchichte nicht enthüllen,“ erwiederte ſie, die Klugheit verlangt, daß der Schleier jetzt nicht weggezogen wird. Du weßt nicht, was der Baron iſt. Die Zeit wird ſeine Natur zeigen.“ Die Frau und der junge Mann waren ganz in ihre melancholiſche, aber für ſie beide ſo intereſſante Un⸗ terhaltung verſunken, als ſie plötzlich durch das Erſchei⸗ nen von Ladislau aufgeſchreckt wurden, welcher einem Waldgeiſte glich, als er eilig und haſtig durch das Dickicht auf ſie zukam. „Still, ſtill!“ rief er, aber mit unterdrückter Stimme;„fliehen Sie, Ivan, fliehen Sie! Weg von hier ſchnell! Sie ſind nicht ſicher hier! Madame, ver⸗ zeihen Sie meine Anmaßung. Fliehen Sie, Jvan, flie⸗ hen Sie! Der Baron iſt zurück; ich hörte ſo eben den Huftritt ſeines Pferdes im Hofe und ſeine Stimme tͤnte ſehr erzürnt; ich beeilte mich, ſie zu warnen. Ja Seine hohen Geſtrengen tobten wie eine Windsbraut.“ Der Zwerg lachte in einem gellenden Tone und fügte noch bei:„Ohne Zweifel wird er dieſen Weg kommen und es würde ſeinen Zorn nicht beſchwichtigen, ſeinen Sohn hier zu treffen, anſtatt daß er ihn auf der⸗ Jagd gegen Thiere begleitete, die weniger wild find, 78 als er ſelbſt. So fliehen Sie doch, mein Freund, flie⸗ hen Sie eiligſt; verweilen Sie keinen Augenblick mehr! Und Ihnen, Madame, möchte ich auch rathen, ihn jetzt gehen zu laſſen, wenn Sie nicht den Ausbruch ſeiner Wuth, die durch Ivan's Abweſenheit erregt wurde, tra⸗ gen wollen.“ Jvan brachte die Hand der Dame ehrerbietig an ſeine Lippen, und ſagte ihr Lebewohl, als der Zwerg wieder rief:„Beeilen Sie ſich, oder Sie werden entdeckt werden; ſehen Sie, hier kommt er;“ in dieſem Augen⸗ blick ſah man den Baron in kurzer Entfernung von ihnen ſchnell auf ſte zukommen. Ivan entfernte ſich ſchnell auf einem entgegengeſetzten Wege, glücklicher Weiſe ungeſehen von ſeinem Vater, wäaͤhrend der Baron mit finſterem Runzeln der Stirne auf die Frau und den Zwerg zugieng. „So, ſo Madame,“ rief er,„iſt dieß der Gehorſam gegen meine Befehle, das Zimmer nicht zu verlaſſen? Wollen Sie ſich gefälligſt ſogleich in ihr Zimmer zuruck⸗ ziehen bis auf Weiteres; ich werde dieſen Ungehorſam gegen meine Befehle zu beſtrafen wiſſen. Keine Ant⸗ wort! gehen Sie Madame, lebhaft!“ „Die Dame ſprach nicht, ihre bebenden Lippen ver⸗ riethen jedoch ihre Bewegung, und ihre Stirne wurde feuerroth, als ſie ſich drehte, um dem Befehle des Ba⸗ rons Folge zu leiſten und ruhig gegen das Schloß zuging. „Und Du Taugenichts, was für Staatsgeſchäfte haſt Du der Dame gebracht?⸗ ſagte der Baron, ſich gegen den Zwerg wendend.„Ohne Zweifel habt ihr boshafte Plane mit einander geſchmiedet. Haſt Du nicht vor Kurzem Ivan geſehen, Herr Poſſenreiſſer?“ „Ja, edelſter, mächtigſter Herr,“ antwortete Ladis⸗ lau, ich traf ihn vor Kurzem erſt, als er einſam und in Nachdenken„verſunken ſpazieren gieng. Ich wagte es nicht, den Gang ſeiner Gedanken zu unterbrechen. Kann 79 ich der Ueberbringer eines Ihrer gnädigen Befehle an ihn eyn? 3„Ja, gehe zu ihm, und ſage ihm, ich wünſche, daß er zu mir komme,“ ſagte der Baron.„Nein, bleib— ich will ihn ſelbſt aufſuchen. In welcher Richtung ſagſt Du, gieng er?“ „Unter jener Baumreihe dort,“ ſagte der Zwerg indem er an einen Ort zeigte, welcher in entgegengeſetz⸗ ter Richtung von demjenigen war, wo er glaubte, daß der junge Mann ſeyn werde. Als der Baron ſchnell fortlief, murmelte er vor ſich ſelbſt hin:„Wäre es möglich, daß ihr halsſtarriger Sinn, der ſich nie meinem Willen beugen wollte, von dieſem Jungen gebrochen wäre! Beim Himmel! wenn ich es ſo finde, werde ich ihr Glied für Glied ausreißen, und den Jungen an dieſem Augenſchmauſe Theil nehmen laſſen. Wäre mir der Gedanke früher gekommen, ſo wäre er nicht mehr hierher zurückgekehrt. Er iſt einer That fähig; es iſt ein verwegener, unruhiger Geiſt in ihm, welchen ich mit feſtem Zügel bändigen muß, oder er wird über mich losbrechen. Er mein Nebenbuhler ſeyn, fürwahr! So weit treibt es der freche Junge. Beim Himmel: er hat ein edles Ausſehen, das ihm ſchon die Liebe einer Frau gewinnen kann. Ich könnte ihn auf einmal vertilgen, um fernerem Unheil vorzubeugen; aber dann verliere ich den geliebten Gegenſtand, wegen deſſen ich ihn erzog— nein, nein, das wäre mehr als Thor⸗ heit. Er ſoll leben, um der wilde Soldat zu werden, welchen ich aus ihm machen möchte, und wenn er mehr „von dem Geiſte eines Tigers bekommt, welcher ihm wirk⸗ lich noch etwas fehlt, wird es mich ſehr freuen. Er ſtammt von einem Geſchlechte, welches ſehr viele Ver⸗ wandtſchaft mit ihm hat, und er wird, denke ich, auch nicht aus der Art ſchlagen. „Während der Baron zum Schluſſe ſeines Selbſtge⸗ ſpräches gelangt war, daß ſeine Entwürfe unbeſtimmt durch⸗ blicken ließ, hatte ſich ſein Zorn etwas gemäßigt, theils 80 durch die Idee eines künſtigen Triumphes, welche dieſe erweckten, theils durch den kühlen, Wohlgerüche verbrei⸗ tenden Wind, welcher auf dem ſchattigen Spaziergange wehte. Er war den Morgen über ohne Erfolg auf der Jagd geweſen, was zunächſt ſeinen Zorn erweckt hatte, und dieſer hatte ſich noch ſehr geſteigert, als er Ivan an ſeiner Seite vermißte, und auf ſeine Fragen erfuhr, daß man ihn in der Richtung gegen das Schloß hatte reiten ſehen. Bei ſeiner Rückkehr erfuhr er, daß ſich ſein Sohn in der Richtung hin bewegt habe, wohin man kurz vor⸗ her die Dame gehen ſah. „Ich begreife, Herr,“ ſagte er, als er ſeinem Sohn gegenüber ſtand,„daß Sie üppige Gemächlichkeit in ſchat⸗ tigen Lauben der harten und edeln Uebung des Jagens vorziehen, im Ungehorſam jedoch gegen meine Wünſche; aber hören Sie, junger Mann, dieß verſpricht mir nichts Gutes für Ihre künftige Aufführung in Ihrer militäri⸗ ſchen Laufbahn; und Sie haben nicht nöthig, meinen Schutz und Beiſtand zu erwarten, wenn Sie mit ſolchen Nichtswürdigkeiten fortfahren und ſich meinem Willen widerſetzen. Ich erwarte von nun an, Sie in Gefahren immer vorn und immer bereit zu finden, Strapazen ohne Murren zu ertragen. So war ich, als ich mir einen Weyg auf die Leiter des Ruhmes erfocht, und So müſſen Sie folgen, wenn Sie Beförderung wünſchen, und ſich einen großen Namen erwerben wollen.“ „Glauben Sie mir, Herr, Sie werden mich nie läſſig finden in Erfüllung meiner militäriſchen Pflichten, ant⸗ wortete Jvan. „Sie haben ſich bereits einen Fehler in dieſer Be⸗ ziehung zu Schulden kommen laſſen,“ fügte der Baron zornig bei, dann fuhr er in ruhigerem Tone fort:„Sie hatten manche Beweggründe und zwar keine unbedeuten⸗ den, welche Sie beſtimmten, heute gegen meinen Willen zu handeln, ah, Sie ſtutzen! Nehmen Sie ſich in Acht, lunger Mann, wenn ſich mein Verdacht rechtfertigt, ſo iſt Ihr Schickſal beſtimmt! Ich wiederhole nochmals, 8¹1 nehmen Sie ſich in Acht! Meine Natur iſt ſo, daß ſie nicht mit ſich ſcherzen läßt; bereiten Sie ſich, morgen nach Moskau abzureiſen; antworten Sie mir nicht; Sie kennen nun meinen Willen.“ Da Jvan an dieſen befehlshaberiſchen Ton gewöhnt war, und wußte, daß er auch in der beſten Laune nie eine Widerrede duldete, ſo gieng kein Laut über ſeine vor Bewegung zuckenden Lippen; der Baron drehte ſich weg und gieng in das Haus. Die dunkeln Andeutungen, welche ſein Vater gege⸗ ben hatte, verſetzten Ivan in tiefes Nachdenken; ſein Ver⸗ ſtand konnte ſich aber nicht zuſammenreimen, auf was ſie zielten, indem er immer die wahre Urſache als un⸗ möglich verwarf. Endlich faßte er den Entſchluß, ſeine Befehle blindlings zu befolgen, obgleich er ſich gerne noch einige Tage länger im Schloſſe aufgehalten hätte, um noch einmal mit ſeiner ſorgenvollen Beſchützerin zu⸗ ſammenkommen zu können. Als er ſich in ſein Zimmer zurückgezogen hatte, um ſeine Vorbereitungen zu treffen, kam bald darauf der Zwerg zu ihm. Als er von der Verbannung ſeines Freundes benach⸗ richtigt war, ſielen Thränen aus den Augen des kleinen Mannes. „O, Jvan,“ rief er,„mein Freund, mein Bruder, mein Sohn, mein Ein und mein Alles, ich habe manche grauſame Erfahrungen gemacht, aber von Ihnen zu ſchei⸗ den iſt härter als alles, was ich mir denken kann. Wir werden uns nicht wiederſehen, denn ich fürchte, der Ba⸗ ron wird nicht zugeben, daß Sie hierher zurückkehren, und ich bin dieſer grauſamen Welt ſo überdrüſſig, daß ich hoffe, nicht mehr lange ein Bewohner derſelben zu ſeyn. Ivan, mein theurer Jüngling, vergeſſen Sie Ladis⸗ lau nicht, und ſeyen Sie verſichert, daß ſein erſter und letzter täglicher Gedanke auf Sie gerichtet iſt. Ivan bemühte ſich hierauf, den Schmerz ſeines klei⸗ nen Freundes durch aufrichtige Verſicherungen, daß er ſich Der Fſcherkeſſen⸗Häuptling. I., 6. 82 ſeiner erinnern werde, zu lindern. Er trug ihm dann noch auf, der Dame ein ernſtes Lebewohl von ihm zu überbringen, da er nicht hoffen könne, ſie vor ſeiner Abreiſe zu ſehen, und verſprach zugleich vor ſeiner Abreiſe zur Armee auf jede Gefahr hin noch einmal hierher zu⸗ rückzukehren und jedenfalls in der Zwiſchenzeit Ladislau regelmäßige Nachrichten von ſich zukommen zu laſſen. Nachdem der Baron ſeinen Sohn in der Nähe des Hauſes verlaſſen hatte, begab er ſich ſogleich in das Zim⸗ mer der Dame, welche ihn mit einer ſtolzen, würdevol⸗ len Miene empfing, vor welcher ſelbſt er auf einen Au⸗ genblick gedemüthigt ſtill ſtand. „Madame, ich habe entdeckt, daß Sie ihre Zeit nicht immer in der ſchrecklichen Einſamkeit zubringen, über welche Sie ſich ſo wiederholt beklagen. Hören Sie mich an! Sie wollten ſich die Zuneiqung meines Sohnes erwerben! Ha, Madame, iſt dieß ſo? Sie werden blaß und zit⸗ tern! Dieſen Augenblick verließ ich den Jungen;: als ich ihm meinen Verdacht vorhielt, verrieth ſein ſchuld bewußter Blick die Wahrheit. Er konnte kein einziges Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorbringen. Wollen Sie für ihn antworten? Habe ich nicht Recht? Sprechen Sie, Ma⸗ dame!“ Die Frau blieb eine Weile in ſtummem Erſtaunen über dieſe ſo plötzlich und heftig gegen ſie erhobenen Be⸗ ſchuldigungen; endlich ſtotterte ſie mit einer durch innere Bewegung erſtickten Stimme: „Der Himmel iſt mein Zeuge, wenn ich erkläre, daß ich unſchuldig bin an dem Verbrechen, das Sie mir auf⸗ bürden wollen.“ 8 „Verächtliches Geſchöpf, Du lügſt!“ rief der Baron, deſſen Zorn in ſeiner ganzen Heftigkeit ausbrach; er knerſchte mit den Zähnen, während ſeine Augen wild um⸗ herrollten; er erhob ſeinen Arm und ſchlug die wehrloſe Frau. Sie ſchrie nicht, aber jeder Blutstropfen wich aus ihren Wangen zurück und ſie wäre auf den Boden gefal⸗ len, wenn ſie nicht durch die Wand aufgehalten worden 2 83 wäre. Indem ſie ihre Augen feſt auf ihren Bedrücker heftete, und alle Energie aufbot, warf ſie ihm einen ſtol⸗ zen, verächtlichen Blick zu, und brandmalte ihn mit dem Namen Feigling. Der Nichtswürdige ſeinerſeits zitterte, und erſchrak vor der hohen Macht und Majeſtät einer liebenswürdigen Frau, die ſich ihrer unbefleckten Tugend bewußt iſt. Er fühlte ſelbſt, daß er das verächtliche Weſen war, das ſie ihn hieß: ſeine Ehre war für immer durch dieſen garſtigen, unauslöſchlichen Fleck beſchmutzt. Er fühlte, daß ſein Name für immer auf der Liſte der Ritter ausgelöſcht war, daß man jeden Sklaven, der in Ketten einhergeht, würdiger halten würde, die Hand einer Frau zu berühren, als die ſeine.. Der hochmüthige Herr antwortete nicht, ſeine Zunge war gelahmt— er war beſiegt. Ohne es zu wagen, ihrem Blicke von Verachtung zu begegnen, drehte er ſich um und verließ das Zimmer. Als ſie allein war, ſank ſie auf ihr Lager und bedeckte ihre Stirne mit beiden Händen. „Zu welchem Schickſal bin ich beſtimmt?“ rief ſie. „Durch die Hand dieſes feigen Tyrannen zu ſterben! Nicht mehr meine eigenen ſonnigen Hügel und lächelnden Thäler zu erblicken. Um des Geliebten willen kann und will ich jedoch alles ertragen. Könnte ich nur von ſeinem Glücke verſichert ſeyn, ich würde zufrieden ſterben. Ich habe jedoch noch hier eine Pflicht zu erfüllen, die ich ihm ſchuldig bin,— dann willkommen Tod!“. Achtes Kapitel. Was Sie geſagt, will ich erwägen; Was Sie zu ſagen noch, werd' mit Geduld ich hören Und nehmen mir die Zeit, ſo wicht’ge Ding zu würd'gen. Shakespeare. „Jvan war den Befehlen ſeines Vaters gemäß ſchon bereit, nach Moskau abzureiſen, als er von dieſem die Aufforder ung erhielt, ihn zu erwarten. 84 „Ich wünſchte Ihre Gegenwart,“ ſagte der Baron, als er hereintrat, um Ihnen meine letzten Befehle mit⸗ zutheilen. Ich werde Ihnen eine bedeutende Summe für Ihre Cquipirung und einen Aufenthalt von ſechs Wochen in Moskau zugeſtehen. Widmen Sie dieſe Zeit dem Vergnügen; nach Verlauf derſelben werden Sie meinem Stabe beigegeben werden; mittlerweile ſorgen Sie für Ihre Uniformen. Nun können Sie abreiſen.“ Der junge Mann verabſchiedete ſich nun; ſein Ab⸗ ſchiedsgruß wurde aber kaum bemerkt. Im Hofe kam noch ſein Freund, der Zwerg, zu ihm, welcher Thränen vergoß, als Ivan ſein Pferd beſtieg; er ſelbſt wurde traurig geſtimmt, als er von einem der wenigen Freunde, die er in der Welt hatte, Abſchied nahm. Zuletzt warf er noch einen Blick auf die Fenſter des Gemaches, wel⸗ ches von der von ihm ſo innig geliebten Dame bewohnt wurde. Alles war dort verſchloſſen und traurig. Er gab nun ſeinem Pferde die Sporen und ritt ſchnell vom Schloſſe fort. 3 Als er in Moskau ankam, zeigte ſich ſeinem Blicke eine belebte muntere Scene. Es war gerade ein Tag, der einem der zahlreichen Heiligen der griechiſchen Kirche geweiht iſt, und zugleich Feiertag, ſo daß alle Welt aus⸗ wärts war, um ſich an dem kurzen, aber ſchönen Früh⸗ lingstage zu beluſtigen. 1 Die prächtigen Equipagen des Adels jagten dahin, gezogen durch vier feurige Roſſe mit elegantem Geſchirr und geleitet durch einen ſehr kleinen Poſtillon, während der große in eine ſchöne Livree gekleidete Kutſcher mehr zum Staat als zum Dienſt auf dem reich verzierten Kutſchenbock ſaß. Offtziere in verſchiedenen Uniformen, gefolgt von wilden und ſtolzen kalmukiſchen Tartaren, galoppirten in jeder Richtung. Eine zahlloſe Menge von Gefährten bewegten ſich hin und her; beſonders zeichneten ſich unter dieſen die leicht conſtruirten Drosky aus, welche durch zwei Pferde gezogen werden, von de⸗ nen das Pferd in der Lanne zierlich trabt, während das . 8⁵ andere b ald durch ſein Bäumen und Curbettiren, bald durch zierliche Sprünge die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer auf ſich zieht. Die ſtolzen Adeligen, welche in ſchneller Rei⸗ henfolge vorbeiritten oder fuhren, waren koſtbar gekleidet und mit funkelnden Sternen geſchmückt, und bildeten einen auffallenden Contraſt gegen die niederen bärtigen Bürger, welche bei dieſer Gelegenheit verſammelt waren. Jedes menſchliche Weſen, was auch ſein Stand und Rang war, ſchien glücklich; und der junge Reiſende theilte, ſich ſelbſt unbewußt, dieſelben Gefühle. Da er ſeinen Freund Thaddeus von ſeiner beabſichtigten Ankunft benachrichtigt hatte, ſo war er nicht überraſcht, aber freudig bewegt, bei ſeinem Abſteigen im Gaſthofe von ihm bewillkommt zu werden. „Ernſthafter Eremit,“ rief ſein Freund aus,„ich bin glücklich, daß Du von Deinen Betrachtungen in Deinen Wäldern und Sümpfen weggelockt worden biſt, und ich glaube, daß Deine Philoſophie bald in die My⸗ ſterien des Stadtlebens eingeweiht ſeyn wird.“ „Ich danke, mein guter Thaddeus, ich habe mich entſchloſſen, Das, was Du die Welt mit ihren Vergnü⸗ gungen nennſt, zu ſehen, und überlaſſe mich hierin ganz Deiner weiſen Leitung.“ Es iſt unnöthig, den zwei Freunden durch alle Scenen von Heiterkeit, in welche ſie ſich mit dem Eifer der Ju⸗ gend ſtürzten, zu folgen; es genügt zu ſagen, daß Ivan trotz ſeiner natürlichen Schüchternheit in Beziehung auf Rang und Ton, in den höchſten Kreiſen in Moskan ge⸗ ſucht war, da er nicht nur körperlich ſchön gebildet, ſon⸗ dern auch in Hinſicht auf ſeinen Geiſt eine Zierde für die Geſellſchaft war. Er mußte ſich für die Aufmerk⸗ ſamkeiten, die man ihm erwies, dankbar zeigen, und in den verſchiedenen luſtigen Parthien, welche er mitmachte, auch heiter ſeyn; ſo daß finſtere Betrachtungen keine Ge⸗ legenheit fanden, ihn zu beſchleichen und ſeine Vergnü⸗ gungen zu ſtören. Auf dieſe Art waren viele Tage ſchnell verfloſſen ohne eine einzige Unterbrechung ihres 86 leichten und fröhlichen Laufes; das Abenteuer, das ſie auf ihrer Reiſe von St. Petersburg mit den Zigeunern gehabt hatten, war ganz in Vergeſſenheit gekommen, bis ſie eines Abends bei einer Unterhaltung, welche der Fürſt Galitzin gab, den Grafen Erintoff anmelden hörten. Gleich darauf ſahen ſie mit einem ihrer Bekannten ihn in der Richtung gegen den Ort, wo ſie ſtanden, vorſchreiten, augenſcheinlich, ohne daß er ſie erkannte, und er wäre an ihnen vorübergegangen, wenn nicht Ivan's Augen feſt auf ihn gerichtet geweſen wären. Ein plötzliches Stutzen und Runzeln der Stirne bewies, daß er ſie erkannt hatte; als ſein Begleiter ſich umdrehte und die beiden jungen Männer bemerkte, hielt er an, 5 um ihn denſelben vorzuſtellen. Er näherte ſich mit freundlichem Lächeln, grüßte höflich und begann ohne Zaudern ein leichtes unterhaltendes Geſpräch über die Tagesbegebenheiten. Seine Unterhaltung war ſo unge⸗ zwungen und ſein ganzes Benehmen gegen ſie ſo artig, daß ſie wieder in Zweifel verſetzt wurden, ob er ſich ihrer als vormaliger Gegner erinnerte; ein unbedeuten⸗ der Vorfall, der ſich ſpäter an dieſem Abende ereignete, gab ihnen aber Gewißheit hierüber. Jvan hatte ein ſchönes Mädchen, welchem der Graf viele Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte, zum Tanzen aufgefordert, und er ſtand ge⸗ rade neben ihr, als Ivan vortrat, und ſie bat, ihm die Hand zu reichen, welche ſie ihm auch mit einem Lächeln 0 — — Die Augen des Grafen wandten ſich mit einem fin⸗ ſteren erbitterten Ausdrucke nach ihm, der ſeine Gefühle 8 von Zorn beſſer und direkter kund gab, als es Worte hätten thun können, die er in einer ſolchen Ge ellſchaft zu gebrauchen wagen durfte; ehe Ivan Zeit hatte, die⸗ ſen Blick zu erforſchen, hatten die Züge des Grafen ihren gewohnten, freundlichen Ausdruck wieder angenommen, unnd er wandte ſich mit einigen witzigen Worten an das nächſte Fräulein. 87 „Es liegt nichts daran,“ dachte Ivan,„daß er mich erkannt, ich lache darüber und verachte ſeine Rache.“ Als er den Palaſt mit Thaddeus verließ, bemerkten ſie, daß ihnen Jemand folgte, und denſelben Weg machte, den ſie einſchlugen; derſelbe war jedoch ſo vorſichtig, ſich immer ſo weit von ihnen entfernt zu halten, daß ſie kei⸗ nen ſchicklichen Vorwand finden konnten, ſich an ihn zu wenden, und ehe ſte ihren Gaſthof erreicht hatten, war das Individuum verſchwunden. Der folgende Tag war ein Feſttag der Kirche, und Alt und Jung, der fröhliche Adelige und der nüchterne Handwerksmann ſchwärmten auf den Spaziergängen und in den öffentlichen Gärten herum. Thaddeus lud Ivan ein, ihn in ſeiner Equipage auf den beliebten Spaziergang der Bürger„L'Allés des Peuples“ genannt, zu begleiten; dieſelbe iſt außerhalb der Barrieren, und die Krämer und niederen Klaſſen der Geſellſchaft verſammeln ſich hier, um ſich in ihrer freien Zeit gütlich zu thun. Unterwegs bemerkten ſie in einiger Entfernung das Staatsgefängniß, in welchem die unglücklichen Verbannten vor ihrer Abreiſe nach Sibi⸗ rien verwahrt werden; ſie werden hier aus allen Thei⸗ len des Reiches zuſammengeſperrt, und erwarten in fin⸗ ſterer Verzweiflung den Tag, welcher immer auf einen Montag fällt, an welchem ſie die Reihe trifft, mit einem großen Haufen ihre muhſelige und traurige Reiſe an⸗ zutreten. 3 „Ach,“ dachte Ivan, als er die langen, niederen, aber ſtreng bewachten Mauern betrachtete,„wie manches unſchuldige Opfer iſt von hieraus von allen ſüßen und zärtlichen Banden des Lebens weggeriſſen worden, um barfuß in Ketten, kraftlos und blutend, hunderte von Meilen zurückzulegen; ſeine Gefährten, welche an ſeiner Seite Tag für Tag ſterben, und auf dem harten Lager, auf welchem ſie ausruhen wollen, die ewige Ruhe fin⸗ den, ſind glücklicher als der Ueberlebende, welcher hoff⸗ 8688 nungslos einer mühſeilgen, elen den Eriſtenz in einem unwirthbaren Lande entgegengeht.“ Es muß jedoch bemerkt werden, daß, obgleich das Loos der meiſten Verbannten über alle Begriffe elend und traurig iſt, andere von höherem Range und ſolche, welche wegen einfacher politiſcher Vergehen verbannt werden, von ihrer Ankunft an ihrem Beſtimmungsorte an einen ziemlichen Grad von Freiheit genießen. Manche. wohnen mit ihren Familien in Städten von europäi⸗ ſchem Lurus umgeben, jedoch unter der Aufſicht der Polizei. Aber was kann für eine Verbannung aus dem Geburtslande, ohne die geringſte Hoffnung, je dorthin zurückkehren zu können, entſchädigen? Der Spaziergang des Volkes, von welchem wir ge⸗ ſprochen haben, iſt ein großer, durch ſchöne Bäume ge⸗ zierter Platz, welcher mit allen Mitteln verſehen iſt, um die Nationalbeluſtigungen der Ruſſen zu fördern. Hierher waren die leicht befriedigten Bürger gezogen, um ſich nach ihrer harten Arbeit ſo gut als möglich zu unter⸗ halten. Umgeben von ihren Familien und Freunden, auf dem Waſen ſitzend, ſchlürften ſie ihren Thee, welcher aus großen Gefäßen ſervirt wurde, die vor ihnen auf dem Boden ſtanden; Scherze und Erfriſchungen machten fleißig die Runde. Hier bildete ein großer Haufen Neu⸗ gieriger einen Kreis um eine Geſellſchaft Marktſchreier und Taſchenſpieler, wobei jedes gewandt ausgeführte Stück lauten Beifall fand; dort erwarb ſich eine Truppe Zigeunermädchen gleichen Beifall, als ſie in den ver⸗ wickelten Figuren des Tanzes ihre maleriſchen und gra⸗ ziöſen Stellungen zeigten. Es iſt höchſt ſelten, daß Leute von höherem Range dieſen Scenen zuſehen; ſie beſchränken ſich in der Regel auf ihre eigenen Spaziergänge; man ſteht böchſtens einige Wenige von ihnen, welche die Neugierde, wie un⸗ ſere zwei Freunde, an dieſen Ort führte. Thaddeus unterhielt ſich mit einem Bekannten, wäh⸗ rend Ivan, der nur einige Schritte von ihnen entfernt war, —VVʒ;ʒ⅓:y:,¶——— . 88 die Ankunft einer Bande tanzender Mädchen beobachtete, unter ihnen bemerkte er ein Geſicht, das er nicht leicht vergeſſen konnte; doch gehörte dieſe Perſon augenſchein⸗ lich nicht zur Bande. Er konnte ſich nicht in Azila, dem Zigeuner⸗Mädchen, täuſchen. Eine leichte, augen⸗ blickliche Röthe färbte ihre Wangen, als ſie ihn erblickte; ſie ging dicht an ihm vorüber, gab ihm einen Wink, und entfernte ſich von ihren Gefährten. Er folgte ihr, bis ſie bei einer dichten Gruppe von Bäumen hielt, durch welche ſie vor Beabachtung geſchützt waren. „Ich fürchte, Sie werden mich für verwegen und vorwitzig halten, weil ich Sie hier anrede,“ ſagte ſie, „ich habe jedoch triftige Gründe hiezu. Ich nahm es mir feſt vor, und ſuchte Sie ſchon dieſe Tage in einem anderen Theile der Stadt zu treffen; als ich mich in der Ausſicht, die zu treffen, welche ich ſuchte, an eine Bande Tänzer anſchloß, ſah ich Sie in den Garten eintreten. Denken Sie nicht,“ und ſie erröthete tief,„daß ich mich ſelbſt den Blicken der elenden Sklaven ausſetzen wollte, welche verfammelt ſind, die Leiſtungen meiner Gefährten zu betrachten. Sie werden ſogleich die Gründe, welche mich bewegen, unter ihnen zu erſcheinen, näher erfahren; und ſo lange beurtheilen Sie mich nicht ſchlimm— aber nun zu meiner Botſchaft, die Zeit drängt. Es drohen Gefahren unter mancherlei Geſtalten; Einer, den Sie kennen, Graf Erintoff hat geſchworen, ſich an Ihnen zu rächen, für den edelmüthigen Beiſtand, den Sie mir leiſteten. Er trachtet nach Ihrem Leben und nach dem Ihres Freundes, und doch iſt er zu feig, um ſein eige⸗ nes zu wagen; es ſtehen ihm Andere zu Gebot, die ſeine Befehle ausführen. Seyen Sie daher immer auf Ihrer Hut, jedoch ohne Furcht, denn es ſind hier ſolche, die ein ernſtes Intereſſe an Ihrer Wohlfahrt nehmen, und jede Ihrer Bewegungen ſeit Ihrer Ankunft in Mos⸗ kau beobachteten.“ „Ich danke dir, meine Schöne, für deine Warnung,“ erwiederte Ivan;„ich fürchte jedoch den Grafen nicht, 990 was für Plane er auch gegen mich und meinen Freund ſchmiedet.“ „Sie wiſſen nicht,“ fügte Azila haſtig bei;„welche Mittel ein Mann von ſeiner Rachgierde und Feigheit anwendet, um einen gemeinen Vorſatz, den er gefaßt hat, zur Ausführung zu bringen; und ich rathe Ihnen, ſich vor ihm zu hüten— ich habe aber noch mehr zu ſagen. Sie ſind zu edleren Thaten, als zu dem Leben beſtimmt, das Sie gegenwärtig führen; wo Sie ihre Zeit und Ta⸗ lente auf eine Ihrer unwürdige Art verſchwenden. Meine Frechheit der Sprache wird Sie überraſchen und Ihnen unweiblich ſcheinen; ich weiß jedoch, daß ich Ihnen trauen darf in dem, was ich Ihnen ſagen will. Es iſt eine große Revolution der Angelegenheiten dieſes Landes im Werke; und Sie— die Sie ſo geeignet wären, ihre Landsleute zu leiten, und in ihrer Wiedergeburt zu un⸗ terſtützen, wiſſen nichts von dem Plane. Ich bin gewiß, daß, wenn Sie einmal aufgefordert worden ſſnd, dem edeln Werke beizutreten, Sie ſogleich die ruhmvolle Un⸗ ternehmung unterſtützen werden. Einer, auf den Sie ſich verlaſſen können, wird alsbald über den Gegenſtand mit Ihnen ſprechen; o, zaudern Sie nicht, ſeinem Finger⸗ zeige zu folgen. Der Tag der Wiedergeburt Rußlands iſt nahe! Dieß genüge vor der Hand— mehr mag ich nicht enthüllen; aber denken Sie über meine Worte nach; ſehen Sie, es nähern ſich Einige, leben Sie für einige Zeit wohl!“ Ehe IJvan Zeit hatte, auf dieſe außerordentliche Mittheilung zu antworten, war die Sprecherin entwiſcht; er folgte ihr nur noch mit den Augen, bis ſte ſich mit der Bande tanzender Mädchen vereinigt hatte, welche ſich dann ſogleich weiter bewegten. Als er zurückkehrte, um Thaddeus zu ſuchen, dachte er über das, was er ſoeben gehört hatte, nach.„Was iſt ſie doch für ein außerordentliches Weſen,“ dachte er, „welcher geheime Beweggrund kann ſie ſo ſehr für meine Handlungen intereſſtren, und wie kann ſie mit dieſen A* 91 heimlichen Verbindungen und Verſchwörungen von ſo großem Intereſſe bekannt worden ſeyn?“ Anfangs nahm er Anſtand, ſeine Unterredung gegen ſeinen Freund zu erwähnen, aber auf ihrer Rückkehr in den Gaſthof, als er über ſein ſtilles, nachdenkendes Weſen geneckt wurde, benachrichtigte er ihn von der Warnung, die er erhalten hatte. Thaddeus lachte laut, als er ſeine Anſicht darüber ausſprach;„dieß iſt in der That ein vortrefflicher Vor⸗ wand, welchen die ſchöne Zigeunerin aufgefunden hat, um ihre Bekanntſchaft mit dir zu erneuern; ja, Ivan, ich ſehe in die Sache hinein. Sie iſt verzweifelt ver⸗ liebt in Dich, und hätte Dir gerne hievon geſprochen, wenn Du ſie im Geringſten ermuthigt hätteſt, und die Zeit gelegener geweſen wäre.“ Ivan verwarf dieſe Idee entrüſtet.„Nein, nein!“ ſagte er,„ihr Benehmen war zu ernſt und ehrerbietig, um eine ſolche Neigung zu verrathen. Sie fühlt ſich natürlich zur Dankbarkeit gegen uns verpflichtet, daß wir ſie aus der Gewalt des lächelnden Räubers, des Grafen Erintoff befrsiten, und hat uns als Gegendienſt vor der Rache gewarnt, die er gegen uns brütet. In Beziehung auf den wichtigeren Theil ihres Geſpräches verlaſſe ich mich auf Dich mit demſelben Glauben, den ſie auf mich hatte. Ich ſchloß aus ihren Worten, daß eine Ver⸗ ſchwörung im Werk iſt, um das ganze Gebäude dieſer deſpotiſchen Regierung, das jetzt noch auf ſo feſtem Grunde zu ſtehen ſcheint, umzuſtürzen.“ Sein Freund brach in ein Gelächter aus und erwiederte:„Deine lebhafte Einbildungskraft, mein theurer Ivan, führt Dich über die Gränzen der Wahr⸗ ſcheinlichkeit hinaus; ich wünſche jedoch aufrichtig, es wäre ſo; ich glaube aber, daß die einzige Abſicht des ſchönen Boten die war, Deine Neugierde zu erregen, um eine zweite Zuſammenkunft zu erhalten.“ „Die Zeit wird es lehren, Thaddeus,“ erwiederte der Andere,„ich bin ganz anderer Anſicht, und bis dort⸗ 9² hin will ich die Meinung, die ich von Azila gefaßt habe, nicht aufgeben.“ Unmittelbar, nachdem ſie den öffentlichen Spazier⸗ gang der Bürger verlaſſen hatten, und ehe ſie in ihren Gaſthof zurückkehrten, ſahen ſie auf Thaddeus Verlangen noch eine von der erſteren ganz verſchiedene Scene an. Der Spaziergang der Ariſtokraten nach Pedroski führt durch einen prächtigen Wald. Die Gärten, welche das ehrwürdige Schloß umgeben, ſind mit vielem Geſchmack angelegt, und mit den verſchiedenſten Arten von Bäumen und Geſträuchen geziert: hier waren ſie unter den Leuten von Rang und Stand; unter der Elite von Moskau, welche in der Eleganz und Pracht ihrer Equipagen wett⸗ eiferte. In letzteren ſaßen elegant gekleidete Damen und ſtolze, mit Dekorationen bedeckte Herren galoppirten mit ihrem Gefolge ſteif und mit hochmüthiger Miene vorbei. Eine Menge junger Offiziere in ihren brillanten Uni⸗ formen, producirten ſich ſelbſt und ihre muthigen Pferde zu ihrer eigenen Zufriedenheit— wenn nicht zu der Anderer. Während ſie in ernſtem Geſpräche über den Gegen⸗ ſtand von Azila's Warnung begriffen waren, kam ein Bote, um Thaddeus nach Hauſe zu rufen wegen der Krankheit ſeines Vaters. Er gieng ſogleich fort und ließ Ivan allein zurück. Als dieſer ſeinen eigenen Gedanken überlaſſen war, laſtete ein ſchweres Gewicht auf ſeinem Geiſte, und der ge⸗ heimnißvolle Sinn der Worte Azila's ließ ihm keine Ruhe. Einen Augenblick warnte ihn ſeine ruhige Ver⸗ nunft nicht auf die verführeriſchen Argumente zu hören, die man anwenden konnte, um ihn zum Beitritte zu einem Verſuche zu beſtimmen, der nur zu wahrſcheinlich zum Untergang aller Betheiligten führte; dann aber er⸗ wachte wieder ſeine Begeiſterung, und er geſtand ſich, daß die Unternehmung wohl ein ernſtliches Beſtreben werth ſeye. Den folgenden Tag war er allein zu Hauſe, als ein 1 93 ſehr geachteter Edelmann, den er oͤfters in Geſellſchaft getroffen hatte, angemeldet wurde. Dieſer ſchaute vorſichtig im Zimmer herum, als der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, näherte ſich hierauf der Thüre und ſchob den Riegel vor.„Ich möchte gern allein mit Ihnen und vor einer zufälligen Unterbrechung geſichert ſeyn,“ lispelte er:„denn ich habe Ihnen eine Mittheilung von groͤßter Wichtigkeit zu machen;— ſind wir ſicher vor Lauſchern?“ „Ich glaube ſo,“ antwortete Ivan; der begierig war, zu welcher wichtigen Sache dieſe vorſichtigen Prä⸗ liminar ien führen ſollten. „Kann ich auf unverletzbare Verſchwiegenheit, in dem was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe bin, rechnen?“ fragte der fremde Gaſt;„aber warum frage ich, da ich weiß, daß ich es kann.“ „Ohne Zweifel können Sie es, mein Herr,“ erwie⸗ derte Ivan ſtolz,„in einer Sache, die meiner Ehre nicht zuwider iſt.“ „Weit entfernt,“ ſiel der Andere ſchnell ein.„Glau⸗ ben Sie nicht, daß ſich es wagen würde, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, welcher der Ehre Ihres Namens zuwider wäre. Ich verpfände Ihnen mein eigenes Wort hiefür, daß Alles, was ich als Erwiederung der Eröff⸗ nung, welche ich Ihnen machen werde, verlange, nur eine unverletzliche Verſchwiegenheit von Ihrer Seite iſt; einen Schritt weiter, ich überlaſſe es Ihrem eigenen Urtheil.“ „Sprechen Sie,“ antwortete JIvan,„was Sie mir auch enthüllen werden, ſoll nicht über meine Lippen kommen.“ „Ich habe alles Vertrauen zu Ihnen,“ erwiederte der Gaſt,„ſonſt hätte ich Sie nicht beſucht. Sie waren geſtern Abend mit Ihrem Freunde Stanisloff in der Allée des Peuples; es näherte ſich Ihnen dort ein Zigeuner⸗ mädchen, das Sie ſchon vorher kannten; ſie winkte Ihnen, worauf Sie ihr folgten. Sie erinnern ſich der 94⁴ Worte, welche ſie ſprach— der Tag der Wiedergebutt Rußlands iſt nahe! Nun, ſtutzen Sie nicht, Sie werden nicht verhört. Sie hatte blos den Auftrag hiezu von anderen Mächtigeren und Einflußreicheren— ein Auf⸗ trag, dem ſie ſich freudig unterzog. Sie wurden von denſelben als geeignet bezeichnet, dem edeln Unternehmen, das jene vorhaben, beizuſtehen. Azila, das Zigeuner⸗ mädchen, iſt eines unſerer Hauptmittel mit unſeren Freunden in allen Theilen der Gegend in Verbindung n bleiben, ſie hat ſich für Ihre Ehre und Treue ver⸗ ürgt.“ „Wie kann ich der Sache der Freiheit förderlich ſeyn?“ fragte Ivan,„da ich ſelbſt ganz machtlos bin; denn den Baron Galezoff werden Sie ſchon ſo kennen, daß er gegen alle Maaßregeln iſt, welche auf die Frei⸗ heit des Volkes hinzielen.“ 3 „Wir wiſſen wohl, daß der Sohn ganz anderer Anſicht iſt, als ſein Vater, welchen wir als eine feſte Stütze des Despotismus kennen; aber ich halte es auch nicht für nöthig, daß der Sohn an den despotiſchen Grundſätzen ſeiner Eltern hängt. Nein! ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie es nicht werden.“ Der Fremde hatte, als er ſprach, Jvans Faſſung beobachtet, und da dieſer Zutrauen zu faſſen ſchien, fuhr er fort: 1 „Ich ſehe mit Zufriedenheit vorher, daß Sie ſich unſerer Sache anſchließen werden; einſtweilen kommen Sie, unſere Plane anzuhören. Dieſe kann ich nicht in dieſen Mauern preisgeben, denn ſie könnten Ohren haben, und eine Stimme, welche die Sache wieder weiter ſagen könnte; wenn Sie aber mehr erfahren wollen, ſo werde ich Sie dorthin führen, wo Ihnen alles eröffnet wird. Wollen Sie mich begleiten?“ „Ich muß die Sache zuerſt genau erwägen, ehe ich Ihnen antworte, aber ſagen Sie mir, wo ich Sie treffen kann, im Falle ich meine Zuſtimmung gebe,“ erwiederte Jvan, — 9⁵ „Auf den Dämmen der Moskowa, nahe bei den Mauern des Kreml, iſt ein abgeſoönderter Spaziergang, in den man durch die öffentlichen Gärten gelangt— Sie werden ihn ohne Zweifel kennen; dort können wir der Beobachtung entgehen und ſind vor lauernden Spio⸗ nen ſicher. In der Däͤmmerung heute Abend kann ich auf Ihre Ankunft rechnen?“ Einige Minuten vergiengen, während welcher Ivan in tiefes Nachdenken verſunken ſchien; endlich antwortete er feſt: „Ich werde Sie an dem Orte und zu der Stunde treffen, welche Sie mir angaben, und ohgleich ich mich noch nicht verbindlich mache, in Ihre Abſichten einzuge⸗ hen, ſo ſchwöre ich doch, daß Ihr Vertrauen zu mir nicht mißbraucht werden ſoll.“ Der Beſucher lächelte, und erwiederte: „Die Furcht hat ohne Zweifel geringen Einfluß auf Sie; aber es ſind Viele da, welche dieſen Beweggrund für die Heimlichkeit nothwendig erachten; denken Sie nicht, daß man einen Gedanken von Verrätherei bei ſich beherbergen könne, ohne daß er ſogleich Wiedervergel⸗ tung nach ſich zieht. Auf Wiederſehen in der Dämme⸗ rung! Adieu!“ Ivan begleitete den Fremden bis an die Thüre; letzterer nahm, als er in die Straße trat, die ſorgloſe und heitere Miene der unzähligen Pflaſtertreter an, welche in ſeiner Nähe herumſchlenderten. 3 Wie wenig kann der durch die gedrängt vollen Straßen Wandelnde die Gefühle, Gedanken und Leiden⸗ ſchaften derer durchſchauen, welche ihm begegnen! Der Schinerz und die Qual; Verzweiflung und Haß, Geiz, Liebe, Wohlthätigkeit, die Freude oder ſorgloſe Gleich⸗ gültigkeit der Gehenden; der Mann, dem die theuerſten Bande zerriſſen wurden; der ruinirte Spieler, der Mör⸗ der, welcher zu ſeinem blutigen Werke ſchreitet, der Filz, der zu ſeinen zuſammengeſcharrten Schätzen; der Vater, welcher zu ſeinem Sohne geht; der Liebhaber, welcher 96 ſeine Geliebte beſucht; der Samariter, welcher die Noth lindert; der lang abweſende Reiſende, der ſich der Hei⸗ math zuwendet; der Narr, der Thor, oder der weiſe Mann; alle dieſe Charaktere folgen einander in jedem Augen⸗ genblick— unbeachtet und unerkannt. 4 Neuntes Kapitel. Eine Gränze hat Tyrannenmacht Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finder Wenn unerträglich wird die Laſt, greift er Hinauf getroſten Muthes in den Himmel Und holt herunter ſeine ewigen Rechte. Shakeſpeare. Da Jvan einmal entſchloſſen war, der Führung ſei⸗ nes neuen Freundes zu folgen, erwartete er mit Unruhe die Annäherung des Abends; und ehe noch die Zeit her⸗ beigekommen war, warf er ſeinen Mantel um und ſchlen⸗ derte in der Richtung gegen den Kreml fort. Dieſes ehrwürdige Schloß, das von den Bewohnern Moskau's als das Herz, die heilige Stätte, das Taberna⸗ kel der Stadt, betrachtet wird, war ehemals eine Feſte der rohen, ſtolzen Tartaren, und die ganze Stadt war in jener Periode in ihren Mauern enthalten. Sie beherrſchte die Dämme der Moskowa, deren Fluthen ihr Fundament beſpülen, und war von hohen und alten Wällen in Form eines Dreiecks, in einer Ausdehnung von beinahe zwei Meilen umgeben. In ihrem Umfang iſt eine große An⸗ zahl von Kathedralen, prächtigen Paläſten, Kirchen und Klöſtern eingeſchloſſen, auf welche alle mögliche Arten von Thürmen und Glockenhäuſern gebaut ſind, an denen die größte Verſchiedenheit in der Architektur bemerkbar iſt, da ſte von Tartaren, Hindu's, Chineſen und Gothen ſtammen. Ueber alle hervor ragt jedoch der majeſtätiſche Thurm von Jvan Veliki weg, deſſen goldene Kuppel die Strahlen der darau ſcheinenden Sonne mit blendendem 97 Glanze zurückwirft; das Ganze bildet eine eigene Mi⸗ ſchung barbariſchen Glanzes mit der ausgeſuchten Ele⸗ ganz neuerer Zeiten. Die Straßen im Kreml ſind nicht regelmäßig; die Gebäude ſtehen um freie offene Plätze herum, auf wel⸗ chen deren Bewohner ſpazieren gehen, oder ſich ſonſt her⸗ umtreiben. In den Wällen, auf welchen Wachthürme und Wach⸗ häuſer erbaut ſind, ſind fünf Thore angebracht, von wel⸗ chen das Hauptthor„das Thor des Erretters, oder das heilige Thor“ heißt. Durch dieſes Furcht einflößende Thor darf kein Mann, ſelbſt nicht der Kaiſer und Allein⸗ herrſcher aller Reuſſen anders als mit entblößtem Haupte und gebücktem Körper gehen. Durch dieſes Thor ſchritt nun Ivan mit entblößtem Kopfe, und ging auf eine ſchöne Esplanade, von welcher aus man eine der intereſſanteſten Anſichten auf Moskau hat; gerade vor ſich hat man die Reihe von Paläſten der Czare mit ihren phantaſtevollen Stylen der Archi⸗ tektur. Er gieng längere Zeit auf dieſem Platze ſpazie⸗ ren und dachte über die wichtigen Angelegenheiten nach, in welche er ſich ſo plötzlich und unvorſichtig verwickelte, was er ſich ſelbſt nicht verbergen konnte. Als die Schatten des Abends größer zu werden be⸗ gannen, verließ er den Kreml durch eines der weniger bemerkenswerthen Thore, und begab ſich auf den zum Rendez-vous bezeichneten Platz. Nachdem er mehreremal auf dem Spaziergang hin und her gegangen war, ſieng er an zu vermuthen, er habe die Zeit und den Ort falſch verſtanden, da Niemand erſchien; oder ſein neuer Freund ſey durch irgend einen unvorhergeſehenen Umſtand verhindert worden, ſich zu der Zuſammenkunft einzuſtellen. Er beſchloß deßhalb, in ſeinen Gaſthof zurückzukehren, als ploͤtzlich, wie der Erde entſtiegen, eine dunkle Geſtalt vor ihm ſtand, die ſo ver⸗ mummt war, daß es unmöglich war, ſie zu erkennen. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 4 7 98 Jvan trat einige Schritte rückwärts, ſo unerwartet war die Figur auf ihn zugekommen; und als er an Azilas Warnung in Bezug auf die heimliche Rache des Grafen Erintoff dachte, drängte ſich ihm ſelbſt⸗die Idee von Ver⸗ rätherei unwillkürlich auf und ſeine Hand griff nach den Piſtolen, die er in ſeiner Bruſt verborgen hatte. Nach dieſer Vorbereitung trat er auf den Fremden zu, unbe⸗ kümmert darum, ob er einen Freund oder Feind in ihn erkennen würde. „Warum komm Sie hierher?“ fragte die Figur mit einer Stimme, elche Ivan's Ohr fremd war. „Ich ſuche den, welcher mir an dieſem Platze eine Zuſammenkunft verſprochen hat,“ antwortete der junge Mann.„Wiſſen Sie etwas von ihm?“ „Er ſteht vor Ihnen,“ ſagte der Beſucher von die⸗ ſem Morgen, indem er vorwärts gieng, und in einem Tone ſrach. welchen der Andere ſogleich erkannte. „Es iſt ſo,“ erwiederte Ivan.„Ihre verſtellte Stimme hat mich zuerſt getäuſcht. Aber wie kommen Sie ſo plötzlich zu mir. „Ah, Sie wurden überraſcht,“ ſagte der Andere. „Sie wurden alſo mein Schiff nicht gewahr, das ich geräuſchlos gegen den Damm führte; ich landete, wäh⸗ rend Sie in den anderen Weg eingebogen waren, behielt Sie aber immer im-Auge. Es iſt ſehr nothwendig, daß wir in unſeren Bewegungen gegenwärtig äußerſt vorſichtig ſind, wenn wir auf einen guten Erfolg unſerer verwege⸗ nen Unternehmungen rechnen wollen. Wir haben jedoch keine Zeit zu verlieren; und nun zu der Sache, um deren willen wir uns hier getroffen haben. 3 „Sprechen Sie,“ ſagte Ivan.„Ich bin bereit u hören und werde mein Verſprechen nicht vergeſſen. 35 „Hören Sie denn,“ ſagte der Andere.„Jvan Ga⸗ letzoff, Sie ſind weit beſſer bekannt, als Sie ſich denken. Seit Sie nach Moskau kamen, wurden Sie beſtändig be⸗ obachtet und Ihre Worte aufgezeichnet. Viele, die Ih⸗ nen ganz unbekannt ſind, kennen Sie und bewundern 99 Ihre Grundſätze, und haben Sie deßhalb als geeignet auserleſen, ſich in edle und verwegene Thaten einzu⸗ laſſen.“ „Sie überraſchen mich!“ rief Ivan, indem er der Schmeichelei nachgab, welcher zu wiederſtehen einem Jüng⸗ ling ſo ſchwer iſt, namentlich wenn ſie auf Gegenſtände gerichtet iſt, auf die er ſelbſt einen Stolz hat;„ich ſchätzte mich nicht für wichtig genug, um meine Worte und Thaten genau zu erwägen. „Ich ſpreche bloß Wahres ven Ihnen,“ antwortete ſein Gefährte.„Sagen Sie, voarabſcheuen Sie nicht Deſpotismus und Tyrannei? Lieben Sie nicht die Frei⸗ heit und das Glück Ihrer Mitmenſchen?⸗ „Beides, ich verabſcheue Tyrannei und liebe Frei⸗ heit,“ erwiederte Jvan;„was kann aber mein einziger Arm dazu beitragen, die eine umzuſtürzen oder die an⸗ dere zu vertheidigen?“ „Sehr viel,“ ſiel der Andere ſchnell ein.„Sie ſte⸗ hen nicht allein. Ihre Grundſätze werden von Tauſen⸗ den unterſtützt, die ſo edel denken als Sie ſelbſt. Die heilige Sache der Freiheit muß und wird über alle ihre niederen Widerſacher triumphiren.“⸗ „Ich befürchte, unſere Ketten ſind zu feſt geſchmie⸗ det, um auseinander geſprengt werden zu können,“ er⸗ wiederte Ivan, und zu Viele haben ein Intereſſe dabei, neue Glieder der Kette zu ſchmieden, um uns alle Hoff⸗ nung zu nehmen, uns ſelbſt durch das Opfer unſeres Herzblutes zu befreien.“ „Sie haben hier eine ganz irrige Meinung, mein junger Freund,“ antwortete ſein Gefährte;„denn alle Klaſſen vereinigen Herz und Geiſt in dieſem ruhmvollen Werke. In der That, der Deſpot hat keine größeren Feinde, als einige unter den Höchſten des Landes, welche ihre Ketten drückender ſinden als ſelbſt die gemeinen Leibeigenen; nun frage ich Sie, ob Sie den großmüthigen 7 100 Seelen, welche dieſen edeln Verſuch wagen, nicht guten Erfolg wünſchen?“ 1 „Von ganzem Herzen wünſche ich, daß er gelinge,“ ſagte Ivan. „Genug,“ erwiederte der Verſchwörer, und erklärte ihm hierauf:„Ich halte es für unnöthig, Sie länger auf die Probe zu ſtellen, und ich ſetze unbedingtes Ver⸗ trauen in Sie. Dieſen Abend haben die Vertreter der ruſſiſchen Freiheit eine Zuſammenkunft, und da ich vor⸗ ausſehe, daß Sie ſich bald mit Herz und Hand an die⸗ agen anſchließen werden, ſo will ich Sie bei Ihnen ein⸗ ühren. „Führen Sie mich, ich werde Ihnen folgen,“ rief Ivan mit Begeiſterung; mein Herz ſehnt ſich danach, ſich — mit Einem zu verbinden, der eine ſo edle Sache ver⸗ tritt, und ich glaube, ich werde mich derſelben nicht un⸗ würdig zeigen. G „So wollen wir keine Zeit verlieren; jetzt eben werden ſie verſammelt ſeyn,“ erwiederte ſein Gefährte, „ihr Verſammlungsort iſt in einiger Entfernung von hier; ſprechen Sie nicht, bis ich geredet habe, denn wir werden genöthigt ſeyn, an den Polizei⸗Patrouillen — vorbei zu gehen, welche immer wachſam und auf der Hut ſind.“ „Vorwärts alſo,“ ſagte Ivan,„und verlaſſen Sie ſich auf meine Klugheit.“ Der Verſchwörer ſchlich ſich auf einem Wege leiſe gegen das Ufer des Fluſſes hinab, wo ſie einen kleinen Nachen fanden, der kaum drei Perſonen faſſen konnte; der Schiffer ſaß ſchon an ſeinem Ruder, und führte ſein Schiff auf ein Zeichen des Obigen ſchnell den Strom hinab. Es glitt ſo einige Zeit ſtill fort, bis der Fähr⸗ mann plötzlich zu rudern aufhörte, und das Schifſchen in eine finſtere enge Bucht am entgegengeſetzten Ufer einlief. Ivan folgte ſeinem Führer an's Land, während das Boot wieder an das andere Ufer zurückgeleitet wurde, Als ſie weiter fortſchritten, wurden Lichter ſichtbar / 101 in den Zimmern mancher ſchönen Gebäude, und Ivan erkannte, daß ſie ſich in einem ſchönen Theile der Stadt befanden, wo jedoch immer noch manche Spuren des verheerenden Brandes ſichtbar waren, der Moskau in Aſche gelegt hatte. Sein Führer gieng durch eine Menge kleiner Gaſſen und vermied ſo viel als möglich die brei⸗ ten Straßen, bis er ſich plötzlich gegen die Rückſeite eines hübſchen Hauſes wendete, das ſich erſt ſeit Kurzem aus den Ruinen, welche es umgaben, erhob; er gab einen eigenthümlichen ſchwachen Schlag an ein kleines Pförtchen, das wie es ſchien in einen Garten führte. Als das Zeichen zweimal wiederholt worden war, ant⸗ wortete ein alter abgelebter Mann mit langem Barte und zerlumptem Anzuge, der das Thor öffnete, aber ſo⸗ gleich wieder ſchloß, als die beiden Beſucher eingetreten waren. „Wer iſt es?“ ſagte er,„der den alten Diener Kerſoff noch in dieſer ſpäten Stunde ſtört?— Wenn Einer von ſeinem Garten Produkten zu kaufen wünſcht, ſo ſoll er bei Tag kommen, und ihn nicht Nachts aus dem Bette jagen.“ 4 Der Führer flüſterte dem alten Mann ein Wort in’'s Ohr, worauf er ſich in ſeine Hütte ſeitwärts vom Thore zurück zog. Das Licht des Sternen⸗Himmels machte es Ivan möglich das Ausſehen des Platzes zu unterſcheiden, auf dem ſie waren; es ſchien ein großer Garten geweſen zu ſeyn, war aber gegenwärtig mit Schutt und Trümmern augenſcheinlich den Ueberbleibſeln von Gebäuden von bedeutender Ausdehnung angefüllt. Sie giengen über Schutthaufen hinweg auf ein kleines Haus zu, das ein Sommerhaus zu ſeyn ſchien, und ebenfalls in ganz ſchlechtem Zuſtande war; daſſelbe Zei⸗ chen wie vorhin wurde gegeben und als ſich das Thor öffnete, traten ſie in ein Zimmer, das ganz finſter war. Ivan zauderte einen Augenblick zu folgen, der Ge⸗ danke an irgend eine teufliſche Verraͤtherei— wie er ſie 10² ſchon oft hatte erzählen hoͤren— bemächtigte ſich ſeines Geiſtes. Er beſchloß jedoch ſchnell, ſich aufs Aeußerſte zu wehren, und ſchickte ſich an zu folgen. Sein Führer ſprach einige Worte zu der Perſon, welche ſie eingelaſſen V hatte, und welche verſteckt blieb, und bot dann Ivan ſeine Hand, um ihn weiter zu führen.. „Der Neuling muß durch die Finſterniß gehen bis er das Licht erreicht,“ lispelte er;„fürchten Sie ſich jedoch nicht; es wird bald glänzend hell um Sie ſeyn. Ah, ich fühle, daß Ihr Puls ruhig und regelmäßig ſchlägt; das ſind die Nerven, welche wir ſuchen; ſprechen Sie jetzt nicht.“ Sie ſtiegen eine Flucht ſchmaler Wendeltreppen hinab, bis ſie an einem anderen Thore ankamen, welches auf das gleiche Zeichen wie die früheren geöffnet wurde, ohne daß jedoch der Portier ſichtbar war; ſie befanden ſich nun in einem kleinen Zimmer, welches durch eine ein⸗ fache Lampe, welche an der Decke hieng, ſchwach erleuch⸗ tet wurde. Die Wände waren ſchwarz behängt, ein Seſſel und ein Tiſch, auf welchem ſich ein Todtenſchädel und übereinander gelegte Beiner, eine Sanduhr und Schreibmaterialien befanden, bildeten die ganze Ein⸗ richtung. Sein Führer ſprach hierauf:„dieß iſt das Zim⸗ mer zum Ueberlegen; wenn Sie zaudern, können Sie noch zurückgehen. Gehen Sie nicht von hier weg, bis ich zurückkomme, worauf ich Sie leiten werde, ihre Probe zu erſtehen, wenn Sie immer noch an Ihrem edlen Entſchluſſe feſthalten, unſere Sache zu unterſtützen. Ich halte es für unnöthig Ihnen zu ſagen, Sie ſollen ſich nicht fürchten, oder vor einer Probe zittern, welche Sie leicht beſtehen werden, und welche nur kraftloſen Narren Furcht einjagt. Ich gehe nun, um die Freunde der Freiheit auf Ihre Ankunft vorzubereiten, Adieu!“ Nachdem der Verſchwörer dieß geſagt hatte, verſchwand er durch eine Thüre, welche derjenigen, durch die ſie 103 eingetreten waren, entgegengeſetzt war, dieſelbe ſchloß ſich wieder hinter ihm mit lautem Geräuſch. Ivan blickte umher, keine Thuͤre war ſichtbar; er war Gefangener und wußte nicht wo. Als er nun ſeinen eigenen Gedanken überlaſſen war, bereute er halb und halb den Schritt, den er gethan hatte. „Ich liebe dieſe Mummerei nicht,“ dachte er.„Wie ſchwach war ich, in einen Mann, den ich ſo wenig kenne, ſo unbedingtes Vertrauen zu ſetzen. Allem nach wird er mich betrogen haben, aber es iſt nun zu ſpät zurück⸗ zugehen, und wenn ich betrogen bin, muß ich für meine Thorheit büßen, und will mich kühn durch das Aben⸗ teuer durchſchlagen. Er ſetzte ſich auf den Seſſel, und rief, indem er auf den Schädel blickte:„Sinnbild der Sterblichkeit, ſo werden wir Alle werden, warum ſollteſt du einem braven Manne Schrecken einflößen? Tod, was haben wir von dir zu fürchten? Warum ſollte ich zau⸗ dern, da du, es mag ſich ereignen was da will, immer zuletzt Sieger bleibſt! Du biſt zu gleicher Zeit der mächtige Deſpot Aller und der einzige wahre Spender von Freiheit! Du bemächtigſt dich der ſtolzeſten Poten⸗ taten und machſt alle Menſchen gleich, deßhalb fürchte ich dich nicht, und warum ſollte ich ſonſt etwas fürchten? Die Zeit verfließt ſchnell, und ſo viel habe ich ſchon gelernt, daß man nichts verſchieben muß, wenn ein Werk verrichtet werden ſoll!“ Seine Augen fielen auf einen Streifen Papier, auf welchem mehrere Fragen aufgeſchrieben waren. Er ergriff die Feder und. ſchrieb entſprechende Antworten; hierauf verſank er wieder in Nachdenken.„Ja,“ rief er,„die Würfel ſind geworfen; ich will mich kühn darauf losſtürzen und an keinen Rücktritt denken.“ Als er gerade dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ſtan⸗ den plötzlich drei dunkle in Mäntel gehüllte Figuren vor Pha. welche ihre Geſichtszüge unter Masken verſteckt atten. „Sie müſſen ſich dazu verſtehen, einige Zeit des 104 Geſichtes beraubt zu werden,“ ſagte Einer derſelben, gehe das wahre Licht Sie beſcheinen kann. Sind Sie bereit die Probe zu beſtehen?“ „Ich bin auf jede nothwendige Ceremonie vorbe⸗ reitet,“ antwortete Ivan,„handeln Sie nach Ihrem Willen!“ Eine der dunkeln Figuren gieng vorwärts, ein Sack⸗ tuch wurde feſt über ſeine Augen gebunden, und er fühlte ſich bei der Hand ergriffen. „Folgen Sie mir,“ ſagte eine Stimme,„wir haben einen langen und beſchwerlichen Weg, voll von Schwierig⸗ keiten und Gefahren, welche Sie nicht hier zu finden gedenken, zurückzulegen; wahrer Muth und Beharrlich⸗ keit überwinden jedoch alle Gefahren.“ „Führen Sie mich denn,“ ſagte Ivan,„ich bin bereit die Reiſe zu unternehmen,“ Ivan fühlte, daß er aus dem Zimmer geführt wurde, als ein plötzlicher Strom von kalter Luft ihm beinahe den Athem benahm. Er ſchien über rauhe Felſen zu klettern, von welchen er auf andere ſpringen mußte, in⸗ dem er der Leitung ſeines Führers folgte; dann ſchien ein reißender Bach zu ſeinen Füßen zu ſtrömen, in wel⸗ chen er jeden Augenblick zu fallen befürchten mußte, weil der Boden außerordentlich ſchlüpfrig war. Er fühlte ſich hierauf auf einem ſteilen Bergweg weiter geführt, auf welchem die Aſche, im Steigen unter ſeinen Füßen wich, bis er zuletzt feſteren Grund erreichte; kaum ſchien er jedoch den Gipfel erreicht zu haben, als er ſogleich wieder hinabſteigen und durch mehrere niedere feuchte Höhlen kriechen mußte. Plötzlich gebot ihm ſein Führer vor⸗ wärts zu ſpringen, und riß ihn ſelbſt zu gleicher Zeit fort, wodurch er einen eiſigen Strom vermied, der ſich über ihren Köpfen brach. Er ging immer weiter und weiter ohne zu zagen und zu zittern. Ein lautes Getöſe erreichte nun ſeine Ohren, welches eine eigene Miſchung verwirrter Laute zu ſeyn ſchien, und in einem Augen⸗ blicke befand er ſich neben einem außerordentlich großen —— — 10⁵ Feuerofen, in welchen er geworfen zu werden glaubte, als ihn ſein Führer bei Seite zog, während die wilden züngelnden Flammen ihn zu erreichen drohten. Hierauf hörte er ein lautes Getöſe, das er deutlich unterſcheiden konnte. Es war das Klingen von Schwerdtern, das Geſchrei von Verwundeten und der Jubelruf von Siegern. Er befand ſich mitten in einem wüthenden Kampfe. Von allen Seiten hörte er das Sauſen der Waffen und fühlte ſie um ſeinen Kopf ſchwirren, aber ſein Führer beſchützte ihn. Die ſcharfen Schneiden der Degen ſchienen dicht an ſeinen Ohren hinunterzufahren, die hitzigen Kämpfer ſtreiften in ihrem verzweifelten Kampfe an ihm vorüber, er blieb jedoch verſchont. Plötzlich herrſchte Todesſtille um ihn herum. Er ſtand allein, hierauf näherte ſich ihm Jemand und ſprach mit einer tiefen feierlichen Stimme: „Ivan Galetzoff! Sie haben gezeigt, daß Sie durch geringe Gefahren und Schwierigkeiten des Lebens ohne Furcht gehen können; haben Sie aber den Muth das Schlimmſte durchzumachen? was Sie bis jetzt be⸗ ſtanden haben, iſt nichts gegen das was Sie leiden müſſen, ehe wir Ihnen vertrauen.“ „Ich bin auf die ſchrecklichſten Gefahren vorbereitet, und fürchte Nichts.“ „Nun gut,“ ſagte die Stimme;„beantworten Sie uns unſere Fragen. Weßhalb kamen Sie hierher?“ „Um mit denen zuſammenzukommen, welche wahre Freiheit lieben,“ antwortete Ivan. 4 „Sie ſprechen gut,“ ſagte die Stimme.„Sind Sie bereit, dieſer heiligen Sache Ihre Talente, Ihr Ver⸗ mögen und Ihr Leben zu opfern?“ „Sehr gerne moͤchte ich mein Aeußerſtes thun, um die wahre Freiheit für Rußland zu gewinnen,“ ant⸗ wortete er.. „Sind Sie Willens den Eid zu leiſten, welcher alle Mitglieder dieſer Verbindung bindet?“ „ Ich moͤchte gleich ſehr zum Schutze Anderer 106 verbunden ſeyn, als ſie es zu dem meinigen ſind, aber ich kann mich nicht für Maßregeln verbürgen, deren Zweck ich noch nicht kenne.“ „Sie ſprechen verſtändig,“ ſagte die Stimme,„wir verlangen dieß auch nicht. Unverletzliches Stillſchweigen und Treue iſt Alles, was wir von Ihnen verlangen, aber ein Eid darf nicht im Dunkeln geleiſtet werden; von nun an möge das Licht der Freiheit ſo glänzend und rein wie dieſe Flamme ſcheinen.“ In dieſem Augenblicke fiel die Binde von Ivan's Augen und er wurde ganz geblendet durch die hellglän⸗ zende prächtige Flamme, welche vor ihm brannte. Als er das Geſicht wieder erlangte, ſah er, daß er in der Mitte eines Kreiſes von Perſonen ſtand, welche die Spitzen ihrer Schwerdter gegen ihn gerichtet hatten. Mit dieſen Schwerdtern ſchwören wir, Sie zu be⸗ ſchützen! wahre Freiheit für Rußland zu gewinnen, oder in dem Verſuche mit dem Schwerdte in der Hand unter⸗ zugehen!— und mit denſelben ſchwören wir auch, den⸗ jenigen zu vernichten, welcher durch Wort oder That den in ihn geſetzten Glauben verrathen wird!“— „„Wir ſchwören!““ ſagten alle gegenwärtigen Perſonen. „Unſere Zwecke,“ fügte der erſte Sprecher bei,„ſind folgende: die despotiſche Macht des Alleinherrſchers zu brechen; die ausſchließlichen Privilegien des Adels zu vernichten; alle Bewohner Rußlands auf einen gleichen Fuß von Freiheit zu ſetzen; die Leibeigenen von der Sklaverei, unter welcher ſie ſeufzen, zu befreien; und blos Ein einziges Geſetz im Lande zu dulden, nach wel⸗ chem Jedermann regiert wird.“ „Hierauf haben wir geſchworen!“ ſagten die Ver⸗ ſchwörer. „Jvan Galetzoff! Sind Sie bereit zu ſchwören, daß Sie zu Erreichung dieſer Gegenſtände Ihr Möglich⸗ ſtes beitragen werden?“ „Auf all dieſes ſchwöre ich feierlich!“ ſagte Ivan, indem er die geheime Form des Eides ſprach. — ——.— ——— 1⁰7 Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als die Verſchwörer die Spitzen ihrer Schwerdter, welche ſie ſeit⸗ her gegen ſeine Bruſt gehalten hatten, ſenkten und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zugiengen und riefen: „Willkommen, unſer Bruder in dem großen Werke der Wiedergeburt Rußlands!“ „Wir werden Sie nun verlaſſen,“ ſagte Der, wel⸗ cher die Ceremonie geleitet zu haben ſchien,„bis es Zeit iſt, Sie zu der Verſammlung der Mitglieder zu berufen;“ als er dieß geſagt hatte, verſchwanden die Verſchwörer durch verſchiedene Thüren aus dem Zimmer, welches viel größer war, als das, in welchem er zuerſt gelaſſen wurde, und Ivan befand ſich wiederum allein. Das Zimmer war gewölbt und durch eine Anzahl Lampen erleuchtet, welche ein glänzendes Licht auf die verſchiedenen Verzierungen warf, mit denen es ausge⸗ ſchmückt war; Ivan war jedoch zu ſehr mit den fremd⸗ artigen Abenteuern, welche er durchgemacht hatte, be⸗ ſchaͤftigt, um hierauf Acht zu geben. Er hatte nun alles Zaudern und Zweifeln verbannt, da er nun einmal den Schritt gethan hatte, von welchem er nicht mehr zurück⸗ gehen fonnte; er ſtand mit erweiterten Augen, zuſam⸗ mengepreßten Lippen und entſchloſſener Stirne da, kühn darauf vorbereitet, das Aeußerſte zu thun, um das Pfand, welches er gegeben hatte, einzulöſen. Er war nicht lange ſeinen Gedanken überlaſſen geweſen, als ſein Freund, welcher ihn an dieſen Ort gebracht hatte, ein⸗ trat, und ihn aufforderte, zu folgen; ſie giengen eine Flucht rauher gebrochener Staffeln hinab, und durch einen langen Gang gegen eine Thüre, durch welche der Schall verſchiedener Stimmen drang. Er befand ſich nun in einem rohen, aber großen und gewölbten Zim⸗ mer, in deſſen Mitte eine lange Tafel aufgeſtellt war, an welcher viele Perſonen ſaßen, welche ſich bei ſeinem Eintritt erhoben; er wurde erſucht, einen Platz bei ſei⸗ nem Führer oben an der Tafel einzunehmen. Als er umherblickte, erkannte er zu ſeinem Erſtaunen die 108 Geſichter mehrerer Edeln, welche er in den erſten Kreiſen der Geſellſchaft Moskau's getroffen hatte; die größere Anzahl der Perſonen war ihm jedoch unbekannt. Die Verſammlung begriff Männer von Nang, Vermögen und Einfluß; Offiziere, Bürger von Gewicht, welche ſich von den Uebrigen durch ihre langen Bärte und weiten Mäntel unterſchieden, und ſelbſt Mehrere, welche nur niedrige Leibeigene zu ſeyn ſchienen. Alle Gegenwärtigen hatten ein Ausſehen von Ernſt und Würde; die Unterhaltung wurde nur leiſe geführt; mitt⸗ lerweile traten noch mehrere Andere herein, und nahmen ihre Sitze am Tiſche ein. Als Alle verſammelt waren, ſtand der Präſident der Verſammlung auf, worauf ſogleich Stillſchweigen eintrat. Es war ein Mann, welcher weit über den Frühling des Lebens hinaus war, von hoher gebieteriſcher Statur, man ſah ihm an ſeiner hohen Stirne, ſeinen durchdringenden Augen und feſt geſchloſ⸗ ſenen Lippen an, daß er zum Befehlen geeignet war. „Landsleute! Mitbürger Rußlands!“ rief er,„die heilige Sache der Freiheit ſchreitet mit ſchnellen Schrit⸗ ten vorwärts, und bald können wir hoffen, ihre Stan⸗ darte erhoben und ſtolz gegen unſere von paniſchem Schrecken ergriffenen Feinde flattern zu ſehen. Denen, welche nicht Gelegenheit hatten, unſere letzt gefaßten Beſchlüſſe und Zwecke zu hören, will ich ſie jetzt ſelbſt kund thun.“ „Wir haben nicht die Abſicht, Religion, Tugend, Ehre, Ordnung und eine heilſame Regierung umzuwer⸗ fen; nein, meine Landsleute, unſer Vorſatz iſt vielmehr, dieſe im ganzen Lande aufzuſtellen und zu befeſtigen. Wir ſind nur gegen Laſter und Tyrannei, gegen unge⸗ rechte Macht und Unordnung. Dieſe ſollen ſich zitternd verneigen vor unſerer triumphirenden Standarte. Ich⸗ frage Sie, iſt es recht und billig, daß ein Mann Mil⸗ lionen durch das fiat ſeines Willens regiert, daß er allein, ohne Widerrede, Herr ihres Lebens und Eigen⸗ thums iſt? Sind die Ruſſen des Namens„Mann“ — ———— 1⁰⁸ würdig, ſo lange ſie willig ihren Nacken unter einem ſo verächtlichen Joche beugen? Wer unter uns iſt einen Augenblick ſicher? Der Edle, der Bürger oder der Leib⸗ eigene können durch ein einziges Wort des Tyrannen der Freiheit, des Cigenthums und des Lebens beraubt werden; jeder von ihnen kann von Haus und Familie, von Allem, was ihm werth und theuer iſt, weggeriſſen, in Ketten geworfen, und nach Sibirien geſchickt werden, um dort in einer traurigen Wildniß in Verbannung zu leben. Kön⸗ nen wir länger ſolche Sklaven ſeyn? Nein— Gerech⸗ tigkeit, Ehre, Männlichkeit verbieten es! „Wir haben jedoch noch andere Feinde zu bekämpfen. Wir müſſen die Privilegien der eiteln und feigen Adeli⸗ gen angreifen, welche ihre Nacken unter dem Joche des Despoten beugen und ihm zugleich in ſeiner Tyrannei helfen und ihn noch aufſtiften; denn wie könnte ſeine Macht ohne dieſe feſtſtehen? Iſt der Reſt ihrer Lands⸗ leute ihnen nicht an Verſtand, Talenten und Tugenden gleich? Warum ſollte es ihnen alſo erlaubt ſeyn, Ge⸗ ſchöpfe in ſklaviſcher Unterwürfigkeit zu halten, welche Menſchen wie ſie ſelbſt ſind, mit demſelben Fleiſch und Blut, mit Herzen, welche denſelben Impuls haben, mit ſo freien Gedanken und ſo edeln Empfindungen, als ihre eigenen? Es ſind mehrere unter uns von ariſtokratiſcher Geburt, welche uneigennutzig auf ihre eigenen Vorrechte verzichten, von einem Geiſte von Menſchenliebe beſeelt ſind, und ihre Macht unter das Banner der Freiheit ge⸗ ſtellt haben.“ Der Sprecher ſetzte aus; ſeine Augen durchliefen ſtolz die Verſammlung, und in den Blicken Aller wie⸗ derhallten ſtillſchweigend ſeine Gefühle. Er fuhr fort: „Meine wackeren, geliebten Landsleute! ich bitte um Entſchuldigung, daß ich von mir ſelbſt ſpreche, ich muß es aber thun, um Ihnen ein Beiſpiel zu geben. Ich war in der privilegirten Klaſſe geboren. Ich hatte einſt einen hohen Rang, adlige Beſitzungen, ein ſehr großes Vermögen, und, wie ich glaubte, Macht. Ich war jung 11⁰ und hielt mich eitler Weiſe für glücklich und frei. Ich wagte, die Gedanken meines Herzens auszuſprechen, welche verwegen und frei waren, in der Meinung, ich ſey zu weit von der Macht des Kaiſers entfernt, um ſeinen Zorn befürchten zu müſſen. Ich wagte, die Je⸗ dermann gebührende, billige und gerechte Unabhängigkeit zu behaupten, das Wort Freiheit auszuſprechen. Wie ſehr hatte ich mich jedoch in meinem Traume von Straf⸗ lofigkeit getäuſcht; wegen eines Worteö, das ich unbe⸗ dachtſamer Weiſe geſprochen hatte, wurde ich meines Ranges und Vermögens beraubt, von meiner Familie weggeriſſen und in das unfruchtbare, wüſte Sibirien ver⸗ bannt. Ich, der ich an die luxuriöſeſten Bedürfniſſe ge⸗ wöhnt war, wurde hunderte von Meilen barfuß und in Ketten und dem ungünſtigſten Wetter ausgeſetzt, getrieben, wobei die brutalen Wachen noch durch Peitſchenhiebe meine matten, kraftloſen Schritte antrieben. Jedes⸗ mal, wenn der lederne Riemen von meinem Blute ge⸗ färbt wurde, ſchwur ich hoch, daß mich keine menſchliche Macht abhalten ſollte, zurückzukehren und alle Nerven anzuſpannen, um die Tyrannei, welche erlauben konnte, daß ſolche barbariſche Gräuel begangen wurden, zu ſtür⸗ zen. Ich brachte mehrere Jahre vergeſſen und unbekannt in der Verbannung zu. Endlich entkam ich, um in meine Geburtsſtadt zurückzukehren, und hier that ich das Gelübde, den edlen Vorſatz auszuführen, oder bei dem Verſuche umzukommen. Ruſſen, Sie kennen nun meine Geſchichte.— Mancher hier wird ſich meines Namens erinnern. Daſſelbe Schickſal kann Einen von Ihnen treffen, wenn er es am wenigſten erwartet, und ſo ſind wir alſo Alle gleich dabei intereſſirt, unſer Land von einer ſo verwerflichen Sklaverei zu befreien.“. „Iſt es nicht widerſinnig, iſt es nicht ſchändlich, daß Männer, welche durch eigene Anſtrengung Vermögen erworben haben, immer das gemeine Zeichen der Knechtſchaft tragen müſſen; daß ſie nicht ohne den Willen ihres Herrn 111 frei ſeyn können, und daß ihre Kinder als Sklaven er⸗ zogen werden müſſen!“ „Die Leibeigenen von ihrem Stande niederer Knechtſchaft zu befreien, iſt an und für ſich ſchon ein großes und edles Werk. Sobald die glänzende Stan⸗ darte der Freiheit entfaltet ſeyn wird, werden Tauſende, Hunderttauſende von der nun erniedrigten Klaſſe aus ihrer Lethargie erwachen, ſich um dieſelbe ſammeln und die Wiedergeburt Rußlands verkünden! Für dieſe Sache ſind wir Alle bereit, unſer Blut zu laſſen; und ich ſchwöre nochmals, daß ich mein Schwert nicht in die Scheide ſtecken werde, bis unſere heilige ruhmvolle Sache ausgeführt iſt.“ Alle Inhörer waren von demſelben Geiſte beſeelt, ſie ſtanden auf, zogen mit einander ihre Schwerdter und riefen:„Wir ſchwören die Wiedergeburt Rußlands aus⸗ zufuͤhren, oder in dem Verſuche umzukommen.“ gewählt werden ſollten. IJvan war zuerſt durch die Be⸗ geiſterung und die Kraft der Beredſamkeit hingeriſſen, welche Einige entwickelten; er entdeckte jedoch bald, daß anche von ganz anderen Beweggründen geleitet wur⸗ den, als von denen, welche ſie vorgaben; einige von Nachegefühlen, Andere, um bälder zu Aemtern und An⸗ ellungen zu gelangen, von welchen die gegenwärtigen Beſitzer erſt vertrieben werden mußten. Mehrere waren bankerott an Beutel und Charakter und hofften in der allgemeinen Verwirrung, welche eine Revolution herbei⸗ führen mußte, eine Erndte zu halten, da ſie auf keinen Fall etwas verlieren konnten, wahrſcheinlich nur Wenige von der ganzen Zahl wurden durch die reinen Grund⸗ ſätze der Freiheit begeiſtert. Die Verſammlung brach endlich nach zahlreichen Reden und Beſprechungen auf, nachdem kein weiterer Plan zu Stande gekommen war. Von den Verſchwö⸗ rern giengen immer nur Wenige zu gleicher Zeit, hüllten ſich, als ſie ins Freie kamen, in ihre Maͤntel, und ſchritten in verſchiedenen Richtungen durch die Maſſen von Trümmern, ſo daß nicht zwei Perſonen zu gleicher Zeit denſelben Weg giengen. Als Ivan bereit war zu gehen, redete ihn der Freund, welcher ihn in die Verſammlung gebracht hatte, folgen⸗ dermaßen an: „Sie haben gut und edel gehandelt! und ich glaube, daß Sie nie Grund haben werden zu bereuen, daß Sie dieſer gerechten Sache beigetreten ſind. Ehe wir gehen, will ich Ihnen die Geheimniſſe dieſes Ortes, wo wir un⸗ ſere Zuſammenkünfte halten, enthüllen. Dieſes hohe, gewölbte Zimmer war ein Keller, der zu einem Hauſe gehörte, das durch den Brand der Stadt während der franzöſiſchen Occupation zerſtört wurde. Die früheren Bewohner des Platzes ſind alle geſtorben oder haben Moskau verlaſſen; deßhalb kennt Niemand dieſes Gewölbe außer dem Eigenthümer des neuen Hauſes, welcher eines von den bedeutendſten und thätigſten Mitgliedern der Verbindung iſt. Er entdeckte das Gewölbe unter dem Schutte und richtete es für unſere Zuſammenkünfte ein; er ſelbſt nähert ſich demſelben nur bei Nacht und durch die verſchiedenen geheimen Eingänge, welche er mit un⸗ ermüdlichem Eifer gebildet hat. In jedem Eingange ſind treue Wächter in verſchiedenen Verkleidungen, ſo daß ein Ueberfall ſehr unwahrſcheinlich iſt; ſollten wir jedoch durch irgend einen Zufall entdeckt werden, ſo ſind wir entſchloſſen, unſer Leben theuer zu verkaufen. Ich will Sie nun fortführen; folgen Sie mir— jedoch in einiger Entfernung.“ Nachdem ſie durch mehrere Gänge gekom⸗ men waren, kamen ſie an die friſche Luft, nachdem ſie 4 ——— 11³ den Garten durch ein anderes Thor als das, zu welchem ſie eingetreten waren, verlaſſen hatten, und noch eine kurze Strecke gegangen waren, befand ſich Ivan in einem Stadttheile, welchen er kannte; ſein Führer ſagte ihm hier Lebewohl und er begab ſich in ſeine Wohnung. Zehntes Kapitel. Durch Schmeihelein wirbt er um ihre Gunſt. Blickt mit verſtellter Lieb' und ſeufzend nach ihr hin Und ſucht durch Trug ihr hartes Herz zu feſſeln. Doch Worte, Blicke, Seufzer ſind umſonſt, Ein Fels im Meer ſteht feſter nicht als ſie. Die Zauber königin. Es war immer die Abſicht des kaiſerlichen Hofes, um ſeinen Focus den Adel aus allen Theilen des Reiches zu verſammeln, um denſelben beſſer unter den Augen der Regierung zu haben, welche dafür Bänder, Orden und Titel an ihn verſchwendet.. Obgleich dieſe Lockſpeiſe bei den ärmeren Adeligen und ſelbſt einigen Mächtigeren wirkte, welche durch die Pracht und Herrlichkeit von St. Petersburg angezogen wurden, ſo fand man doch keinen Köder, um andere ebenſo Begüterte als Einflußreiche anzulocken, welche die Unabhangigkeit und Freiheit, die ſie in ihren Paläſten in Moskau und auf ihren Landſitzen genießen, den Förmlich⸗ keiten und der widerwärtigen Etikette bei Hof vorziehen. Der Czar betrachtet deßhalb die, welche ſeine Gegen⸗ . wart meiden, mit eiferſuͤchtigen Augen, als Feinde ſei⸗ ner Regierung; und Niemand beſitzt auch leicht ſo libe⸗ rale für den Deſpotismus ſo gefährliche Grundſätze, als die ſtolzen und reichen Adeligen Moskau's, welche es vorziehen, mit ihren Familien in ihren Paläͤſten zu woh⸗ nen und Freiheit und die überwiegende Schönheit ihrer Geburtsſtadt zu genießen. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 8 114 Nicht ſo jedoch der Graf Erintoff; er hielt ſich ent⸗ fernt vom Hofe und von den Augen der Macht, um mit größerer Freiheit ſeine Laſter und ſein üppiges Leben ge⸗ nießen zu können. Sein Palaſt ſtand in den Umgebun⸗ gen der Stadt und war mit aller Pracht und allem Lurus eingerichtet, zu welchem ihm ſein Vermögen hinreichende Mittel bot. Es war ein ſtattliches Gebäude und erſt nach dem Brande von ſeinem Vater erbaut worden, einem Edel⸗ manne, welcher geeignet war, den hohen Stand, den er einnahm, zu behaupten, der aber mit ſtrafbarer Nachſicht nicht die Aufmerkſamkeit auf die Erziehung ſeines Soh⸗ nes verwandte, welche dieſen fähig gemacht hätte, ein würdiger Nachfolger von ihm zu werden. Prächtige Spiegel und Gemälde zierten die Wände; Teppiche und Tapeten von Oſten; Gemälde von Italien; Verzierungen von Frankreich und die übrige Einrichtung und alles was zur Bequemlichkeit gehörte, von England, füllten alle Zimmer. 4 Der Graf ſchritt mit ſchnellen Schritten durch ſeine geräumige Gallerie, als ſich ihm ein Diener ehrfurchts⸗ voll näherte. „Was gibt es, Bube! Was thuſt Du hier?“ ſagte der Graf zornig, ohne die Perſon, welche eingetreten war, anzublicken. 3 „Ich komme, um Ihnen die Nachrichten zu über⸗ bringen, welche ich Ihrem Befehle gemäß einziehen ſollte,“ antwortete der Mann.„Theilweiſe war ich glücklich.“ „Ah, Groff! biſt Du es, vollendeter Spitzbube. Ich erwartete Dich nicht ſo bald,“ ſagte der Edelmann. „Welche Nachricht willſt Du mir bringen? denn wenn ich mich recht erinnere, haſt Du mehrere verſchiedene Auf⸗ träge von mir erhalten.““ „Eine, welche wie ich denke Ihnen am angenehm⸗ ſten ſeyn wird— von dem Zigeunermädchen, welche Ih⸗ I letzthin durch die Finger ſchlüͤpfte,“ erwiederte der ann. 3— 115 „Was weißt Du von ihr, Bube?“ ſagte der Graf in einem gereizten Tone über die Freiheit, mit welcher ſein Knecht ſprach; der Mann blieb jedoch unbewegt und antwortete: „Sie iſt jetzt in Moskau, ich begegnete ihr eben, als ich hierher ging, und ich habe einen Plan erdacht, durch den ich ſie hierher zu bringen gedenke.“ „Spreche mir nicht von Deinen Planen, Bube!“ antwortete der Graf.„Ich verlange keinen Rath von Dir, ich will nur, daß Du meine Befehle ausführſt, dann wirſt Du den verſprochenen Lohn erhalten. Aber ſage, bis wann verſprichſt Du Dir Erfolg von dem Plane, von welchem Du ſprachſt? Das Mädchen läßt ſich nicht ſo leicht fangen als Du glaubſt.“ „Bis morgen längſtens, vielleicht noch heute, wenn mein Bote das Mädchen findet; er wird geringe Schwie⸗ rigkeiten haben, ſie mitzubringen; Sie könnten jedoch Ihren Sinn geändert haben, Herr. Macht es Ihnen immer noch Vergnügen, wenn ſie hierherkommt?“ „Ja, Bube; und höre, wenn Du mich anlügſt oder betrügſt, ſollſt Du es büßen!“ ſagte der Graf.„Jetzt, ſage mir ſchnell, wie Du auf Erfolg hoffſt; laſſe mich alles hören, was Du zu ſagen haſt.“ „Das Schickſal hat uns von Anfang begünſtigt, Herr,“ ſagte Groff;„während ich ausgegangen war, um die Aufträge, die Sie mir gegeben hatten, zu beſorgen, erſchienen zwei kleine Zigeunerknaben vor dem Palaſte, welche vor den faulen Thürſtehern und anderen Dienern ſangen und Poſſen machten. Eine Drosky, welche vor⸗ beijagte, warf einen von ihnen zu Boden, wo er befin⸗ nungslos liegen blieb. Ich weiß nicht wie es kam, aber Kuntz und einige Andere fühlten Menſchlichkeit und brach⸗ ten den verwundeten Knaben in den Palaſt, und da ſein Gefährte ſo ſehr um ihn jammerte, wuſchen ihm einige ſeine Verletzungen aus und verbanden ihn. Um dieſe Zeit kam ich nach Hauſe und hatte eben das Mädchen 8 116 von derſelben Race geſehen, von der ich Ihnen vorhin ſagte. Es kam mir ſogleich der Gedanke, daß man den Vorfall zu irgend einem Anſchlage benutzen könne. Ich fand, daß die Knaben nicht wußten, in weſſen Palaſt ſie waren, und brachte endlich durch viele Fragen, welche ich an den richtete, der nicht verwundet war, heraus, daß ſte zu demſelben Stamme gehörten wie das Mäd⸗ chen. Ich ſagte dem Knaben, wo ſie wahrſcheinlich zu finden ſeyn werde, und überredete ihn zu gehen, um ſie zu ihrem Bruder zu holen, da ſie ihn doch beſſer zu hei⸗ len im Stande ſey als irgend ein Doktor. Ich ſagte ihm jedoch, dieß ſey der Palaſt des Prinzen Raz minski, in welchen ſie ſich nicht ſcheuen wird einzutreten; nach⸗ dem ich ihm noch aufgetragen hatte, ſich dieß recht ein⸗ zuprägen, um es nicht zu vergeſſen, ſandte ich ihn fort, damit er ſie ſogleich herbringe. Habe ich recht gethan, Herr?“ „Ich habe keine großen Erwartungen auf den Er⸗ folg Deines ſchlecht erdachten Planes,“ antwortete der Graf gleichgültig.„Ich weiß, ſie wird nicht kommen! Was haſt Du mir weiter noch mitzutheilen?“ .„Noch einiges in Bezug auf den Sohn des Barons Walegoſf Ich denke, Sie werden bald an ihm gerächt ſeyn.“ „Ah,“ rief der Graf, indem er einen neugierigen Blick auf ihn warf,„was weißt Du von dem Jungen? Könnte ich mich an ihm rächen und oben drein das Mädchen gewinnen, ich wäre ſehr zufrieden. Was haſt Du von ihm zu ſagen?“ „Was, Herr,“ erwiederte Groff,„ich habe entdeckt, wo er wohnt und bin ihm beſtändig gefolgt; ein oder zweimal wurde ich beinahe entdeckt, bin ihm aber ſeither immer entgangen. Ich kenne alle ſeine Gewohnheiten, ſeine Kleidung, ſeine Bewegungen, un beſtändig einen grreich —— ich finde, daß er Weg macht, wo ein Meſſer ſeine Bruſt ,ohne daß man befürchten müßte, die 117 That werde entdeckt. Sie haben auf dieſe Art die beſte Gelegenheit, Ihre Rache zu befriedigen.“ „Was, Elender!“ rief der Edelmann,„denkſt Du, ich ſey ein gemeiner Meuchelmörder, der ſeinen Feind im Dunkeln trifft. Ich wollte Rache nehmen, aber keine ſolche, wie ſie Dein dummes Hirn erſinnt. In welchem Theile der Stadt ſagſt Du, haſt Du ihn geſehn?“ Groff nannte einen Theil von Moskau, welcher in der Nähe des Ortes lag, wo die Verſchwörer ihre Zu⸗ ſammenkünfte hatten. „Und zu welcher Zeit kommt er dort gewöhnlich vorüber?“ „Bald nach Sonnen⸗Untergang,“ antwortete Groff. „Ich beobachtete ihn vom Gaſthofe an, aber jedesmal verlor ich ihn aus dem Geſichte, bald nachdem er an dieſem Orte vorüber war, ich wartete dann Stundenlang bis zu ſeiner Rückkunft; in Kurzem hoffe ich jedoch den rt zu entdecken, wo er immer verſchwindet; er muß ſehr geſchickt ſeyn, wenn er mir ferner entgeht. Ich habe Verdacht, daß er nicht die einzige Perſon iſt, welche dieſen Theil der Stadt heimlich beſucht. Ich bekenne jedoch, daß ich mich zweimal geirrt habe, und verſchie⸗ denen Perſonen gefolgt bin, als ich ihn ſuchte.“ „Das muß ausgekundſchaftet werden,“ ſagte der Graf,„wir könnten finden, daß etwas im Werke iſt, was werth iſt entdeckt zu werden. Gebe Acht, daß Du Dich nicht irrſt. Was mich betrifft, ich möchte meine Hände nicht in Blut tauchen. Es wäre mir eine ge⸗ ringe Genugthuung, ihm das Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen, und ſein Herzblut aus der Wunde ſtrömen zu ſehen; ich überlaſſe ſolche Gefühle den leidenſchaftlichen, blutdürſtigen Italienern. Aber merke auf, Groff!⸗ „Ich haſſe den jungen Galetzoff, und es genügt mir, zu erfahren, daß er aufgehört hat, zu leben. Es peßt viele dunkle, enge Gäßchen in Moskau, und die ſtvoſtchiks ſind große Verbrecher, welche oft um keiner beſſern Sache willen Mordthaten begiengen, als wegen 118 der elenden Summe, die Jemand bei ſich führen mochte; Du verſtehſt mich. Ich verabſcheue den Anblick des Jungen. Er betrachtet mich mit der kälteſten Gleich⸗ gültigkeit, wie wenn er mich nicht auf's Aeußerſte be⸗ leidigt hätte; und doch iſt etwas in ſeinen Augen, wenn er meinem Blicke begegnet, was meinen Verdacht erregt, daß er mich kennt. Ich kann nicht ruhen, bis ich an ihm gerächt bin. Du willſt wahrſcheinlich eine Beloh⸗ nung gewinnen; hier empfange die Hälfte für das, was Du bereits gethan haſt, als Angeld für die Zukunft.“ Der Graf reichte ihm eine Börſe, welche Groff in der Hand wog, wie wenn er ſchätzen wollte, ob die Summe groß genug für die That ſey.„Ich will mein Beſtes thun, um Ihnen gefällig zu ſeyn, Herr,“ ant⸗ wortete er. „Genug, ich halte nicht für nöthig, mehr hierüber zu ſprechen; die Summe, die Du in der Hand hältſt, ſoll verzehnfacht werden, wenn ich durch Zufall des Jungen Tod vernehme. Die Polizei iſt nicht ſehr wachſam in dieſen Sachen; und ich denke, der Baron wird ſich keine große Mühe geben, den Urheber von ſeines Sohnes Tod zu entdecken, denn er ſcheint ihn nicht ſehr zu lieben. Jetzt verlaſſe mich, und denke wohl an das, was ich Dir geſagt habe. Sollte das Zigeunermädchen in Deine Falle gehen, ſo laſſe mich ihre Ankunft gleich wiſſen; nehme dich aber in Acht, daß ſie Dein Geſicht nicht ſieht— dieß allein reicht hin, ſie zu erſchrecken; ſte erinnert ſich deſſen gewiß. Sehe darauf, daß der verwundete Knabe gut verpflegt wird, damit er gut von dem Eigenthümer des Hauſes zu ſprechen lernt; und laſſe das Mädchen einige Zeit bei ihm bleiben, wenn es möglich iſt, ehe ich zu ihr gehe.“. Sobald Groff verſchwunden war, ſetzte der Graf ſeinen Spaziergang durch die Gallerie fort.„Das Schickſal iſt mir guͤnſtig,“ ſagte er vor ſich hin,„um den jungen Galetzoff brauche ich mich nicht mehr länger zu bekümmern; ſein Schickſal iſt beſtimmt! Ich las es —— —— 119 aus den Blicken des elenden Groff, als ich ihm das Gold verſprach. Seine Augen funkelten und verriethen ſeine Begierde, es zu erhalten. Er iſt ein treuer Räu⸗ ber, und wird ſeine Belohnung gewinnen. Solche Skla⸗ ven wie er würden ihre Seelen für Gold verkaufen; und ich, könnte man ſagen, verkaufe die meinige auch; aber ach, für was?— Nicht für Gold, nein;— für Rache— für Liebe— für Macht— ein werther Tauſch! Was wäre das Leben werth, wenn man nicht alle drei genießen könnte?“ „Das Zigeunermädchen hat mich gefeſſelt. Ich weiß ſelbſt kaum, warum, wie nieder auch ihr Schickſal iſt, es herrſcht hier ein Zauber, welchem ich nicht widerſtehen kann. Ich muß ſie unter jeder Bedingung auf irgend eine Art gewinnen. Entweder muß Gold oder Schmei⸗ chelei ſie gewinnen; ſie mußte mehr als eine Frau ſeyn, wenn ſie dieſen beiden Mitteln widerſteht. Und wenn ſie es doch thut, mit der ſtolzen und hochmüthigen Miene, die ſie beſitzt, ſo iſt ſte werth, Gräfin Erintoff zu wer⸗ den; doch iſt dieß eine Alternative, welche ich vermeiden möchte. Bah! ich kann mir nicht denken, daß ich ſo weit gebracht werden kann, um mich einer Zigeunerin zu Füßen zu werfen!“ Waͤhrend der Graf ſeine Gedanken laut vor ſich hin murmelte, kehrte Groff zurück. „Erfolg erwartet uns, Herr,“ rief er. Das Mäd⸗ chen iſt längſt ſicher in Ihrem Palaſte, von welchem es ihr ſchwer werden möchte, zu entwiſchen: ſie iſt jedoch auf dem feſten Glauben, daß ſie ſich unter dem Dache des ernſten tugendhaften Prinzen Raziminski befinde, und wünſcht immerwährend allen Segen auf deſſen Haupt für die Wohlthat, die er Einem von ihrem Stamme erwies.“ „Genug, Bube! Du ſollſt Deinen Lobn haben,“ ſagte der Graf.„In welchen Theil des Palaſtes haben ſie den Knaben gelegt?⸗ „Ich will Sie dorthin führen, Herr,“ erwiederte 120 Groff,„denn ich zweifle daran, daß Sie allein das Zimmer finden würden.“ „Zeige es mir alſo, und verlaſſe mich dann,“ ſagte der Graf;„Deine Gegenwart könnte das Mädchen er⸗ ſchrecken!“ Indem er dieſes ſagte, folgte er Groff mehrere Fluchten von Stiegen hinab, durch lange Gänge gegen ein Zimmer im unteren Theile des Schloſſes. Er blieb hinter der halb offenen Thüre ſtehen, durch welche er den Schall von Stimmen vernahm. „Ich glaubte, wenige von den Edeln dieſer Stadt befitzen Menſchenliebe genug, um einen niederen Zigeu⸗ nerknaben zu beherbergen; ich ſehe aber, daß ich mich geirrt habe, und möge das Haupt des guten leutſeligen Prinzen geſegnet ſeyn,“ ſagte Azila. „Er iſt in der That gut,“ ſagte einer der Knaben; „denn er hat uns einen Ueberfluß von guten Dingen zum Eſſen geſchickt, und ſeine Diener ſagten, wir wer⸗ den noch mehr bekommen, und er werde uns unſere Ta⸗ ſchen mit Münze füllen, wenn wir gehen.“ „Er wird nicht unbelohnt bleiben. Sehe Conrin, ich habe Deines Bruders Arm verbunden, es wird nun gut gehen; wenn Euch der gute Prinz noch länger hier laſſen will, mußt Du Sorge für ihn tragen; denn ich habe Geſchäfte von Wichtigkeit zu beſorgen, und muß nun fort.“ Als dieß der Graf hörte, gieng er von der Thüre weg und ſuchte einen Diener. 1 „Gehe geſchwind,“ ſagte er,„in das Zimmer, wo der verwundete Knabe und das Zigeunermädchen ſind, und ſage, der Prinz— merke Dir, der Prinz wünſche ſte zu ſehen, ehe ſie geht, um ſie über ihres Bruders Befinden zu befragen; dann führe ſie in das Prunkzim⸗ mer. Bewache ſie wohl, und gebe wohl Acht, daß ſie Dir nicht durch irgend einen Zufall entwiſcht.“ Der Graf begab ſich ſogleich in das prächtige Zim⸗ mer, das er erwähnt hatte, um die Ankunft Azilas zu 121 erwarten. Der Boden deſſelben war mit reichen türki⸗ ſchen Teppichen belegt; prächtige Gemälde, und Spiegel, welche vom Boden bis an die mit erhabener Arbeit ge⸗ zierte Decke reichten, ſchmückten die Wände; letztere ſtrahlten die üppige, ſchöne Einrichtung zurück, welche das Zimmer ausfüllte; von den Fenſtern aus hatte man eine ausgedehnte Ausſicht auf die ſchöne Stadt Moskau. „Obgleich andere Mittel fehlgeſchlagen haben,“ ſagte er, ſo will ich verſuchen, ob ſie nicht durch den Anblick dieſer Pracht und dieſes Luxus Luſt bekommt, Herrin hier zu werden. Sicher kann ein Mädchen, das in einem von Fellen bedeckten Zelte erzogen wurde, dieſer Verſu⸗ chung nicht widerſtehen, und in dieſem Falle iſt mein Sieg leicht.“ Er war theilweiſe verſteckt hinter dem Faltenwurfe eines Vorhanges; ein leichter Tritt näherte ſich; Azila trat in das Zimmer, und die Thüre wurde hinter ihr geſchloſſen. Sie war in denſelben geſchmackvollen Anzug gekleidet, welchen ſie anhatte, als Ivan und Thaddeus ſie zum erſtenmal ſahen, mit dem Unterſchiede, daß ein Mantel, welchen ſie über ihrem Kleide trug, ihre Figur mehr verbarg. Sie gieng bis in die Mitte des Zimmers, ehe ſte den Grafen bemerkte, der ſich gegen ſie wandte. Sie ſtutzte ſichtlich, als ſie ihn ſah, verrieth aber ſonſt kein anderes Zeichen von Zaudern oder Furcht. „Ich muß getäuſcht worden ſeyn,“ ſagte ſie.„Ich kam, um dem edeln Prinzen Raziminski für ſeine Güte und Leutſeligkeit zu danken, welche er gegen einen ver⸗ wundeten Knaben meines Stammes bewies; es ſcheint jedoch, daß man Ihnen den Dank für dieſe barmherzige That ſchuldig iſt. Ich werde einige Leute von unſerem Stamme ſchicken, um das Kind fortzubringen, und dieſe bitten, Ihnen unſeren verbindlichſten Dank für Ihre wohlwollende Fürſorge darzureichen. Mit Ihrer Erlaub⸗ niß will ich nun fortgehen.“ Sie drehte ſich, um ſich zu entfernen, als der Graf ſich ihr mehr näherte. 12²2 iebenswürdiges Mädchen,“ ſagte er mit leiden⸗ ſchaftsloſer Miene,„ich zog Vortheil aus dem Unfalle des Knaben, und gebrauchte einen zu entſchuldigenden Kunſtgriff, um Sie hierher zu bringen. Ich ſuchte nur, Sie zu ſehen, Sie von der Wärme und Aufrichtigkeit meiner Neigung zu überzeugen, Glauben Sie mir, daß ich die Gewalt, welche ich früher gebrauchte, bereue; uur Ihre Kälte, Ihre Grauſamkeit beſtimmten mich, hiezu meine Zuflucht zu nehmen. Laſſen Sie mich meine Verzeihung von dieſen Lippen hören, ſchönes Mädchen! Dieß iſt alles, was ich verlange!“ „Für die Gunſt, welche Sie einem meines Stam⸗ mes erwieſen haben, werde ich mich beſtreben, ein Un⸗ recht zu vergeſſen, das Sie mir anthun wollten. Außer dieſem habe ich nichts zu verzeihen; ich bin nicht bös gegen Sie geſinnt, edler Herr! und alles, was ich nun berlange⸗ iſt, daß Sie mich nun gehen laſſen,“ ſagte Azila. „Immer hochmüthig und kalt, warum dieſe Gleich⸗ gültigkeit? Sie kennen die Liebe— die Leidenſchaft nicht, welche Ihre Reize in meiner Bruſt erweckt haben. Sicher kann es nicht in Ihrer Natur liegen, daß Sie ſo grau⸗ ſam gegen mich ſind, der Sie zur Verzweiflung liebt, und der gerne etwas thun möchte, um Ihnen zu ge⸗ fallen. Betrachten Sie dieſen geräumigen Palaſt, dieſe prächtigen Zimmer! Sind ſie nicht beſſer, als mit Häuten bedeckte Zelte? Bleiben Sie hier, und Sie ſollen Herrin von Allem ſeyn; zahlloſe Diener ſollen Ihnen gehorchen; ein unbeſchränktes Vermögen ſoll Ihnen zu Gebot ſtehen. Aller Lurus und jedes Bedürfniß, das Liebe erſinnen kann, ſoll Sie umgeben, wenn Sie nur Ihre Einſtimmung geben wollen, es von meiner Hand 1 anzunehmen. Was Sie auch immer wünſchen mögen, alles, alles ſoll Ihnen bewilligt werden!“ „Ich verlange nur Eins,“ antwortete das Mädchen; „nämlich die Erlaubniß, frei gehen zu dürfen, wie ich kam;— mehr kann ich nicht ſagen.“— . —— — 1²³ „Haben Sie mir nichts anderes zu antworten, grau⸗ ſames unerbittliches Mädchen? Hören Sie mich!“ rief der Graf, indem er ſich ihr zu Füßen warf, und ihre Hand ergriff, welche ſie ihm vergebens zu entziehen ſuchte. „Hören Sie mich! Ich liebe, ich verehre Sie bis zur Verzweiflung; Ihre ſtrenge Kälte hat meine Leidenſchaft entflammt! Der helle Glanz Ihrer Augen verzehrt mich; die ſanften Töne Ihrer Stimme dringen mir zu Gemüth und treiben mich zum Wahnſinn bei dem Gedanken, Sie zu verlieren! Ich kann nicht ohne Sie leben! Hören Sie mich noch einmal! Ich biete Ihnen Vermögen, Macht, unbeſchränkten Lurus! Ich biete Ihnen noch mehr— meinen Namen— meinen Rang; Sie werden als Gräſin Erintoff eine Zierde dieſes Standes ſeyn. Sprechen Sie, ehe ich zu Ihren Füßen ſterbe, denn ich ſtehe nicht auf, bis Sie mir Hoffnung auf ein Leben und Glück an Ihrer Seite geben.“ Azila ſchien einen Augenblick bewegt zu ſeyn und drehte ihren Kopf auf die Seite, um ſeinen feſten Blick zu vermeiden; ſie war jedoch nicht erweicht, dem Aus⸗ drucke ihrer großen glänzenden Augen nach zu ſchließen. Endlich ſprach ſie:„Stehen Sie auf, edler Herr! ſtehen Sie auf; Sie erniedrigen ſich ſelbſt durch Ihr Beugen vor einer ſo niederen Perſon wie ich! Ich bin Ihnen dankbar für Ihre großmüthigen Anerbieten, ich kann ſie aber nicht annehmen. Ein Gefangener kann keine billigen Bedingungen mit ſeinem Kerkermeiſter ein⸗ gehen, und ich verlange nur die einzige Gunſt von Ihnen, daß Sie mich gehen laſſen, wie ich kam.“ „Deer Graf blickte auf den Boden, Staunen und eine entſtehende Wuth ſprachen aus ſeinen Blicken. „Kann dieſes Herz!“ rief er,„ſo kalt, ſo gefroren ſeyn, daß es für die Stimme der Liebe unempfänglich iſt? Ach nein, es wäre gegen die Geſetze der Natur, es iſt unmöglich! Mädchen, Sie lieben einen Andern Ich weiß es 3 antworlen Sie mir— iſt es nicht ſo? 1²⁴ Beim Himmel! Ich kann keinen Nebenbuhler in Ihrer ¹ Liebe leiden, er ſoll es tief bereuen!“ Als der Graf ſprach, ſtieg nun zum erſten Mal eine dunkle Röthe auf ihre Wangen und Stirne, und als er mit fürchterlichen Geberden ſeinem Nebenbuhler Rache drohte, wich alle Farbe aus ihrem Geſichte, und ſie nahm ſich ſelbſt unbewußt eine gebieteriſche Stellung an, gleich einer liebenswürdigen Statue einer Göttin, welche den Sterblichen ihre Befehle überbringt. „Wenn ich meine Liebe einem Andern geſchenkt habe, warum verlangen Sie, was ich nicht mehr beſitze? ich ſage jedoch nicht, daß es ſo iſt. Ich verlange nochmals gehen zu dürfen, denn unter keiner Bedingung kann ich mich als unfreiwillig Gefangene in Unterhandlungen mit meinem Kerkermeiſter einlaſſen.“ Der Graf gieng wüthend auf ſie zu, um noch ein⸗ mal dür⸗ Hand zu ergreifen, ſie trat aber einen Schritt zurück. „Mädchen!“ rief er,„denken Sie ich könne mich ſo zahm dem Gedanken unterwerfen, mich verachtet und meine Liebe, meine Chrerbietung mit Füßen geſtoßen zu ſehen. Ich bitte Sie noch einmal, hierher zurückzukehren, meine Gräfin zu werden! meine Liebe anzunehmen, Sie können dann frei gehen, mein Wagen wird Sie führen wohin Sie wollen.“. „Es kann nicht ſeyn,“ antwortete Azila feſt,„ich kann blos meine früheren Worte wiederholen.“ „Unbeſonnenes Mädchen, Deine Härte hat mich zur Raſerei getrieben, die Schuld davon wird auf dein eigenes Haupt zurückfallen,“ rief der Graf, indem er vorwärts ſprang, um ſie zu ergreifen, ſie trat jedoch ruhig zurück und brachte ihre Hand in ihre Weſte. „Stolzer Edelmann, bleiben Sie von mir! Ich fürchte Sie nicht; denn ich wage es nie auszugehen, ohne die Mittel zu meiner Vertheidigung bei mir zu tragen; Sie ſelbſt lehrten mich die Nothwendigkeit, dieß zu thun. Gehen Sie noch einen Schritt weiter, und 125 Sie zernichten entweder mich oder ſich ſelbſt.“ Der Graf ſchien noch weiter vorſpringen zu wollen, als ſie einen Dolch aus ihrer Weſte zog, und ihn gegen ihren Buſen kehrte. „Sehen Sie,“ ſagte ſie,„meine Waffe iſt von ſo feinem guten Stahle, daß ſelbſt mein ſchwacher Arm hinreicht mich zu beſchützen.“ Der Graf war erſtaunt, er ſchien ſich zu fürchten weiter zu gehen und war nicht im Stande zu ſprechen; ſie fuhr hierauf fort: „Jetzt laſſen Sie mich gehen, gehen Sie voran, ich werde Ihnen folgen. Sie ſehen, ich habe meinen treueſten Beſchützer in meinem Buſen, verſuchen Sie alſo nicht mich aufzuhalten, oder die erſte Hand, die an mich ge⸗ legt wird, wird das Signal meines Todes ſeyn. Ich fürchte nicht zu ſterben; denken Sie alſo nicht daran, mich aufzuhalten; die beiden Knaben meines Stammes überlaſſe ich Ihrer Fürſorge mit vollem Zutrauen.“ Der Graf rief:„uUnerklärliches Mädchen! Sie haben für einige Zeit geſiegt; ich gehorche Ihnen jetzt; Sie haben aber eine unauslöſchliche Flamme in meinem Buſen entzündet, welche uns Beide verzehren wird. Wir müſſen uns bald wieder ſehen. Ich will Ihnen, da Sie es wünſchen, den Weg zeigen. Als der Graf dieſe Worte geſprochen hatte, gieng er ihr voraus, von ſeinem Zimmer durch ein Vorzim⸗ mer, wo die Bedienten mit erſtaunten Blicken ſtanden, als ihr hochmüthiger Herr gefolgt von dem niedern Zigeunermädchen an ihnen vorüber kam. Das Portal ſtand offen, als Azila hinausgieng; ſie grüßte den Grafen, welcher bei Seite getreten war, um ſie hinausgehen zu laſſen, kalt, die Uebrigen, welche gegenwärtig waren, beachtete ſie mit keinem Blicke. Sie glich eher einem ausgezeichneten Gaſte, welcher ehrfurchtsvoll an dem Eingange des Hauſes von dem Wirthe empfangen wird, als einem Mitgliede dieſer verachteten niederen Race, 126 welches den Plackereien eines ſtolzen, leichtſinnigen Edel⸗ mannes entwiſcht. Der Graf zog ſich wieder in die oberen Gemächer ſeines prächtigen Palaſtes zurück verdrießlich und wüthend über ſeine Niederlage. Er ließ dann den Räuber Groff auffordern, zu ihm zu kommen. „Höre mich, Nichtswürdiger,“ rief er,„der Junge, von welchem ich ſprach, muß ſterben! Ich will keinen Zweifel, kein Zaudern von Deiner Seite ſehen. Die Summe, welche ich Dir verſprach, ſoll, wenn ich von ſeinem Tode höre, verdoppelt werden; obgleich Du genug um Deiner ſelbſt willen zu rächen haſt, und keines wei⸗ teren Reizmittels bedarfſt. Höre! Er hat mir ſchon wieder meinen Weg gekreuzt; die Sache leidet keinen Verſchub, denn ich kann den Gedanken nicht mehr länger ertragen, daß er über mich triumphiren ſoll.“ „Ihre Befehle ſind hinreichend deutlich, Herr,“ ant⸗ wortete Groff,„und ſie ſollen ohne Furcht vor den Folgen befolgt werden. Ich bin nicht der Mann, der in ſeinen Pflichten gegen einen ſo großmüthigen Herrn zaudert; und vielleicht werden Sie ſich erinnern, daß mein erſter Plan, ſo weit es in meiner Macht ſtand, gelang; der letzte Fehler fällt nicht auf mich.“ „Ich verſtehe dich, Bube, Du willſt den Lohn für das Vollbrachte; hier nehme dieſe Börſe, ſie enthält nur eine Kleinigkeit im Vergleich mit der Summe, welche Du bald beſitzen wirſt, wenn ich etwas Gewiſſes ver⸗ nehme. Nun gehe! und laß mich Dein Angeſicht nicht mehr ſehen, bis Du die Neuigkeiten bringſt, welche ich zu hören wünſche.“ Groff entfernte ſich, und der Graf fuhr fort die Gallerie zu durchſchreiten mit Gefühlen, um deren Beſitz ihn Wenige beneiden würden. 127 Eilftes Kapitel. Ch' noch die Fledermaus Den unſeligen Flug beginnt, eh' auf Der bleichen Hekate der Käfer, Im hohlen Baum erzeugt, die müde Nacht Mit ſeinem ſchläfrigen Geſumms einläutet, Soll eine That von furchtbarer Natur Vollzogen ſeyn. Shakespeare. Es war eine finſtere und ſtürmiſche Nacht. Der Wind blies heftig und kläglich ſtöhnend durch die ſchlecht⸗ erleuchteten unregelmäßigen Straßen, und löſchte noch dann und wann eine von den wenigen brennenden Lampen aus, während die andern nur ein ſchwaches unſicheres Licht gaben; der Regen goß in Strömen herab und machte die Straßen und Fußwege ſchlüpfrig durch den Moraſt und die Pfützen. Die Nacht war ſchon angebrochen; aber ungeachtet des ungeſtümen und ſtürmiſchen Wetters, und der Schwie⸗ rigkeit auf der Straße fortzukommen, waren doch immer noch Perſonen in verſchiedenen Angelegenheiten unter⸗ wegs; auch aus einer Seitenthüre des Palaſtes des Grafen Erintoff kam ein Mann, welcher dicht in einen weiten Mantel gehüllt war(augenſcheinlich um ſich vor dem Wetter zu ſchützen). Er ging eilig weiter, ſuchte immer die dunkleren Seiten der Straßen auf, wie wenn er es vermeiden wollte, erkannt zu werden, und hielt nicht bis er an dem Gaſthofe ankam, wo Jvan ſeine Wohnung genommen hatte. Dort verbarg er ſich unter dem Dache eines Schweinſtalles auf der entgegengeſetzten Seite der Straße, wohin kein Lichtſtrahl drang; ihm machte es jedoch eine Lampe, welche in der Einfahrt des Gaſthofes brannte, möglich, alle Leute, die aus oder eingiengen, genau zu unterſcheiden. 12⁸ Indem er ſeine Hand in die Bruſt ſteckte, mur⸗ melte er vor ſich hin: „Ah! treue Waffe, Du wirſt nicht leicht fehlen, wenn mein Arm ſich getreu erweist. Der ſtille und ſcharfe Dolch iſt zu einer ſolchen That weit beſſer, als die geräuſchvolle verrätheriſche Piſtole, welche ſchon oft einen beſſeren Mann als mich, bei einer aͤhnlichen Ge⸗ legenheit verlaſſen hat; ich habe jedoch wohl daran ge⸗ than, meinen geräuſchvollen Freund auch für den Fall einzuſtecken, wenn durch Zufall erſterer verfehlen ſollte, ſeinen Mann zu liefern.— Ahl es nähert ſich Jemand.“ Groff, denn dieſer war es, trat weiter in den Schatten zurück, um zu verhüten, daß er von dem Frem⸗ den, welchen er kommen hörte, geſehen wurde. In dieſem Augenblicke kam eine Perſon mit leichtem flüchtigem Schritte, welche ganz vor dem Wetter verwahrt war, ſo vorüber, daß Groff noch einen Blick von ihren Zügen erhaſchen konnte. Hierauf hatte er nicht mehr lange auf ſeinem Poſten zu ſtehen, als eine Figur an dem Thore des Gaſthofes erſchien, von welcher er muthmaßte, es werde ſein beabſichtigtes Opfer ſeyn; nachdem dieſe Per⸗ ſon einen Blick auf den dunkeln umwölkten Himmel ge⸗ worfen hatte, gieng ſie in der Richtung fort, welche Groff erwartete, daß ſie einſchlagen werde. Der Räuber kam aus ſeinem Verſtecke hervor und folgte verſtohlen in einiger Entfernung den Schritten ſeines Opfers. Es war unmoͤglich, Jemand zu erkennen, weil Alle, die ſich in einer ſolchen Nacht hinaus wagten, ganz umhüllt waren. Groff fühlte jedoch, daß er ſich nicht geirrt haben konnte, aus den beiden Gründen, weil er ſein beabſichtigtes Opfer von dem Gaſthofe hatte heraus⸗ kommen ſehen, wo Ivan wohnte, und wegen der Rich⸗ tung, die er einſchlug. Die Perſon gieng ſchnell weiter, und betrat die winkligen dunkeln Sträßchen ohne Zaudern; dann und wann zog er jedoch ſeinen Mantel dichter um ſich, und warf einen flüchtigen Blick rückwärts, um zu beobachten, 129 ob ihm Niemand folge. Bei dieſen Gelegenheiten drückte ſich Groff in den Schatten eines Thores oder hinter eine hervorſpringende Mauer. Da er mit den Straßen genau bekannt war, und jede Windung wußte, welche die Perſon wahrſcheinlicher Weiſe nehmen würde, ſo war es ihm leicht, unbemerkt zu folgen, bis er in der Nachbarſchaft des oben beſchriebenen Hauſes, in dem Garten, wo die Zuſammenkünfte der Verſchwörer gehal⸗ ten wurden, ankam. Der Mann blieb hier ſtehen, blickte vorſichtig umher, und ſah auf dem Wege zuruck, den er gemacht hatte, wie wenn er ſich verſichern wollte, daß ihm Niemand gefolgt war; als er einen forſchen⸗ den Blick nach den zwei oder drei engen Gäßchen gewor⸗ fen hatte, welche in der Straße, die er ſoeben verlaſſen hatte, zuſammenliefen, wobei er die Hand über ſeine Augen hielt, ſchien er zufrieden zu ſeyn und ſchickte ſich an, einzutreten. „Jetzt iſt meine Zeit da,“ dachte Groff, welcher ſich hinter einem dunkeln Gewölbe verſteckt hielt;„ich will nun vorgehen und ihn erſchlagen, um es kurz zu machen und mir ſelbſt ein langes und unangenehmes Aufpaſſen zu erſparen; er ſieht aber um ſich, wie wenn er auf Gefahren vorbereitet wäre, und ich könnte einen wärmeren Empfang finden als ich wünſche, oder könnte er ſchreien und Lärm machen, ehe ich Zeit habe zu ent⸗ wiſchen.“ Während Groff dieß bei ſich ſelbſt überlegte, ging die Perſon wieder weiter, ohne eine Ahnung der Gefahr, welcher ſie eben kaum entwiſcht war; der Mörder be⸗ fürchtete, bei dieſer augenſcheinlichen Vorſicht entdeckt u werden, wenn er ihn weiter verfolgte, und verbarg ſich ſorgfältig unter einem Bogen, der in eine Mauer eingehauen war, und einſt als Eingang für den hinter derſelben liegenden Garten gedient hatte; aus manchen Gründen waren aber jetzt im inneren Theile Steine Der Tſcherkeſſen⸗Häͤuptling l. 9 130 2 aufgebeugt, welche jedoch einer Perſon, die ſich hinter denſelben verſtecken wollte, hinreichenden Schutz boten. „Hier will ich ſeine Rückkunft erwarten,“ murmelte Groff;„er muß dieſen Weg kommen, und ich habe mir ſeine Figur wohl gemerkt, ſo daß ich ihn kennen werde, wenn nur ein Schimmer von Licht vorhanden iſt. Ich wünſche, ich wäre ihm gefolgt, um zu erfahren, wohin er gegangen iſt; denn es mag dahinter ein Geheim⸗ niß ſtecken, das wohl werth iſt, entdeckt zu werden. Dieß iſt ein verdächtiger Platz für eine Perſon, welche ſo regelmäßig hieher kommt, und ich würde ein gutes Geſchäft machen, wenn ich ein heimliches Komplott entdeckte, das der Graf dem Kaiſer entdecken könnte; es würde ihn in hohe Gunſt ſetzen und ich, der Urheber davon, würde auch meinen Nutzen daraus ziehen. Ich möchte mich des Jungen gerne an einem andern Orte entledigen, und wenn ich ihn jetzt erſchlage, verliere ich meine Gelegenheit. Aber nein! Ein Plan iſt Zufällig⸗ keiten unterworfen, während mir ſein Tod die Gewiß⸗ heit einer Belohnung gibt.“ Nachdem er dieß in ſeinem Hirne ausgemacht hatte, blieb er zwei bis drei Stunden in ſeinem Verſtecke, bis er allmählig zu fürchten begann, ſein Opfer möchte durch Einſchlagen eines andern Weges entwiſcht ſeyn. Er paßte in athemloſer Erwartung auf und ſchaute in der größten Spannung aus ſeinem bedeckten Verſtecke heraus. Der Regen fiel in Strömen herab und leuch⸗ tende Blitze zuckten dann und wann vom Himmel. Ein Blitz der glänzender als die anderen war, blendete ihn, als er eben ſeinen Dolch feſt in die Hand nahm; ob⸗ gleich nur ein gemeiner Räuber, war er jedoch kein Feigling, und zitterte nicht. Er ſtellte ſich wieder zurück und horchte aufmerkſam. Fußtritte näherten ſich, er konnte ſich nicht irren; er hörte den leichten, ſchnellen Schritt kommen— derſelbe kam näher und näher— er hielt den Athem zurück, damit das Geräuſch deſſelben nicht die Ohren ſeines Opfers erreiche— er faßte ſeinen — — — — 131 Dolch feſter. Mit einem Fuße vorgetreten, den Arm zum Stoße bereit, hatte er ſich ganz feſt an die Mauer angeſchmiegt; er hörte ſchon den Athem des Nahenden. Als die Figur vor den Thorweg kam, ſprang der Mör⸗ der hervor, die Dolchſpitze gegen die Bruſt ſeines Opfers gerichtet. Ein glänzender Blitz fuhr in gezackten Streifen aus den Wolken herab, und ſpielte um den blauen Stahl herum; er brauchte jedoch die Rache des Himmels nicht, als er vor den Augen des Verurtheilten glänzte. Er ſtutzte und trat zurück, aber ach, zu ſpät. Die ſcharfe Spitze durchdrang ſein Herz. Der Arm des Mörders war zu nervig; tief— tief trieb er ſeine mörderiſche Waffe hinein; ſeine ganze Kraft war in dem Stoße. Laut rollender Donner hallte durch den Himmel als die blutige That vollbracht war, und übertönte die Todes⸗ ſeufzer des Gemordeten. Er fiel von der Kraft des Stoßes ſchwerfällig rückwärts nieder. Kein Athemzug entſtieg mehr ſeiner Bruſt; der ſchändliche mitternächt⸗ liche Mörder war jedoch nicht zufrieden; er zog den rauchenden Stahl aus der Wunde; und indem er vor Wuth mit den Zähnen klapperte, und ſeine Augen aus dem Kopf heraus hingen, ſtieß er ihn wieder und wieder in die Bruſt des gefallenen Mannes; das warme Blut lief aus jeder friſchen Wunde und beſudelte ihm die Hände. Er hielt nun an, riß ihm den Mantel und die Weſte aus einander und befühlte mit wilder Haſt die Bruſt des Erſchlagenen, um zu finden, ob vielleicht noch etwas Leben in derſelben ſchlug; er hatte aber ſein Werk ganz und ſicher vollbracht; eine tiefe tödtliche Wunde hatte das Herz durchbohrt, welches vor wenigen ſinuten noch mit Vertrauen, treuem Patriotismus, hohen Hoffnungen und Beſtrebungen geſchlagen hatte. Fux den Augenblick fuͤhlte der Möͤrder eine wohl⸗ thuende Befriedigung in ſeiner Bruſt, daß das Werk vollbracht und er die Belohnung gewonnen hatte; aber einen Augenblick nachher, ach! füͤr zehntauſend Welten 9 13²2 haͤtte Keiner die gränzenloſeſte Armuth gegen die Ge⸗ fühle, welche ihn peiniaten, eingetauſcht. Es war ſeine erſte kalte, überlegte, für Geld verrichtete Blutthat; er hielt ſich ſelbſt fuͤr einen verfluchten Elenden auf der Erde. Er konnte nicht fliehen; ein Zauber feſſelte ihn an dieſen Ort; ſeine Finger waren klebrig von Blut, und an der Handhabe ſeines Dolches hatte ſich dieſes in dicken Klumpen angehängt. Er ſuchte einen Brunnen, den er auch in der Nähe fand, und bemühte ſich, die verdammenden Flecken wegzuwaſchen, er fand es aber unmöglich. In der Hitze des Mordes war er achtlos auf das Blut geweſen, welches über ihn hinablief, jetzt aber bemerkte er, daß er ganz damit bedeckt war. Der Re⸗ gen ſiel in Strömen; er ſtund da, ſeiner ganzen Wuth ausgeſetzt, um die Flecken durch ihn wegwaſchen zu laſſen. Dieß brachte ihn wieder zur Beſinnung, und ſeine Gedanken nahmen wieder ihren gewohnten Lauf, Die Erinnerung an das Geld, für welches er die That gethan hatte, bemächtigte ſich ſeiner; Geiz ergriff ſein Herz, und er dachte daran, der ermordete Mann könne zufällig Gold bei ſich tragen. Er füͤhlte weder Zittern noch Beben, als er ſein Opfer durchſuchte. Mit Freude entdeckte er eine Börſe, welche der Größe und dem Gewichte nach Gold enthal⸗ ten mußte; er griff ihm in die Bruſt und fand dort ein Paket mit Briefen; es kam ihm ſogleich der Ge⸗ danke, ſte möchten ſeinem Herrn von Nutzen ſeyn; er nahm ſie alſo auch noch mit der Taſchenuhr und den Ringen. Er war befriedigt; keine Reue, keine Zer⸗ knirſchung über die That bedruͤckte ihn. Seine harte Gleichgultigkeit war zurückgekehrt; er faßte einen Ge⸗ danken, der gräulich— teufliſch war. Er ſuchte umher bis er einen großen Stein fand, welchen er mit aller Kraft auf den Kopf des Ermordeten ſchlug; er nahm noch einen und wieder einen und warf ſie ſo lange mit — —— 7 13³ Wuth in das Geſicht ſeines Opfers, bis er glaubte, daß die Züge unkenntlich ſeyn müßten. Ein hellglänzender Blitzſtrahl beleuchtete ihm ſein Werk. Er ſtarrte das fürchterliche Schauſpiel an; der Donner rollte ſchrecklich und ſchien ſeine Keile auf ſeinen Kopf ſchleudern zu wollen. Der Mörder, ſo gefühllos und hart er auch war, zitterte nun; er konnte nicht mehr bleiben und floh haſtig von ſeinem verfluchten Werke fort. Fort und fort lief er, und wagte nicht rückwärts zu blicken, denn er fühlte ſich von einem Phantome von gräßlichem, fürchterlichem Ausſehen ver⸗ folgt. Es laſtete ein Gewicht auf ſeiner Bruſt; ſein Gehirn brannte; er verſuchte zu ſchreien, ſeinen Gefühlen Luft zu machen, aber ſeine Stimme ſchien erſtickt; er konnte keinen Laut hervorbringen. Er fühlte eine heftige Begierde, ſich in einen tüchtigen Streit einzulaſſen, immer noch mehr uund mehr zu erſchlagen, mehr zu zerſtören. Er war wie der Tiger, der einmal Blut „gekoſtet hat; nichts konnte ſeinen Durſt ſtillen; Blut— Blut verlangte er, und immer floh er er weiter von dem, welches er zuerſt vergoſſen hatte; aber er dachte, er könne mit friſchem Blute die Erinnerung an ſeine grauenvolle That verwiſchen. 3 Er floh weiter, wobei ihm eine Art thieriſchen Inſtinktes den Weg führte, bis er durch den lauten Ruf einer Schildwache vor irgend einem Regierungsge⸗ bäude zu ſich ſelbſt gebracht wurde. In einem Augen⸗ blick war er wieder der verwegene ſorgloſe Räuber; er beantwortete den Ruf ruhig und erhielt die Erlaubniß, weiter zu gehen; er hüllte ſich dicht in ſeinen Mantel und ging mit feſten Schritten gegen den Palaſt ſeines Herrn; er mußte jedoch ſeinen Nerven Gewalt anthun, um ſich ſelbſt zu verhindern, daß er nicht wieder in ſeine vorige Eile verſiel. „Endlich erreichte er den Palaſt und klopfte an ein Seitenthor, wo ihn Kruntz erwartete. Dieſer, ſein Ge⸗ ſelle, ſtutzte, als der Schein des Lichtes auf ihn ſiel, und 134 er ſeine Bläſſe, ſeine häßlichen Züge, die heraushaͤn⸗ genden Augen, und die dunkeln rothen Flecken bemerkte, mit welchen, als ſein Mantel abfiel, ſeine Kleidung be⸗ ſchmutzt war. „Was für ein Werk haſt Du denn vollbracht, Groff?“ fragte der Mann,„Du ſiehſt aus wie ein wan⸗ delndes Geſpenſt.“ „Eine Metzelei!“ antwortete Groff mit derber, hoh⸗ ler Stimme;„aber frage mich jetzt nicht aus. Wo iſt unſer Herr? Ich muß ihn ſogleich ſehen; ich habe ihm Sachen von Wichtigkeit mitzutheilen.“ „Willſt Du in dieſem häßlichen Anzuge zu ihm gehen, Freund?“ fragte Kruntz,„es würde ihm gewiß ſehr ge⸗ fallen, Dich ſo zu ſehen. Betrachte Dich ſelbſt in einem Spiegel, Mann, Du wirſt Dein Ausſehen nicht ſehr bewundern; wenn Du immer ſo wäreſt, dürfteſt Du Dir ſehr wenig Hoffnung machen, die ſchönen Mädchen, welche Du verfolgſt, zu feſſeln, und alle Männer wären geneigt, Deine Geſellſchaft zu fliehen. Ich für meine Perſon würde mich in Acht nehmen, Dir ſo nahe zu treten, als ich wirklich bin. Gehe in Dich, und wechsle Deine beſchmutzten Kleider.“ „Ach, ich vergaß mich,“ erwiederte Groff,„laſſe kein Wort, keine Andeutung gegen die anderen Diener fallen. Ich will dieſe ſchmutzigen Kleider wechſeln und dann zu unſerem Herrn gehen; gebe mir Deine Lampe da.“. Als Groff dieß geſagt hatte, nahm er die Lampe aus der Hand des Kruntz, und hielt das Licht von ſich weg.„Gehe, ſage dem Grafen, daß ich zurück bin und ihm Neuigkeiten bringen werde, ſobald ich gerichtet bin, um vor ihm zu erſcheinen.“ Während Kruntz ging, um die Rückkunft von Groff anzumelden, beeilte ſich der Mörder, ſeine blutbefleckten Kleider auszuziehen, welche er ſorgfältig in ein Bündel zuſammenmachte und ſte mit ſeinem Dolch verſteckte; nachdem er hierauf alle Flecken von ſeinem Geſichte 13⁵ und ſeinen Händen gewaſchen hatte, ging er, um ſich dem Grafen vorzuſtellen. Er trat ſchnell in das Zimmer ein.„Die That iſt vollbracht, welche Sie verlangten,“ ſagte er;„morgen wird die ganze Stadt davon reden, und ich werde dann meinen Lohn holen. Ich habe das Werk ſicher voll⸗ tehcht. der Junge wird Ihnen nicht mehr im Wege ehen.“ „Gut,“ antwortete der Graf,„Du ſollſt Deinen Lohn haben; komme morgen, um ihn zu fordern.“ „Er iſt wohl und hart verdient; hier iſt Etwas, das ich in der Bruſt des Jungen fand; dieſe Papiere Gnuten Ihnen vielleicht manchen Aufſchluß geben,“ ſagte roff. f. gee ſie her,“ ſagte der Graf.„Iſt dieß Alles, was Du bei ihm fandſt, Bube, he?“ „Nichts außer dieſem; ich blieb nicht ſo lang, um ihn auszuſuchen,“ antwortete der Räuber. „Gut, gut, es thut nichts zur Sache,“ ſagte der Graf;„verlaſſe mich, ich will dieſe Papiere prüfen.“ Der Moͤrder zog ſich gerne von ihm, der ihn zum Verbrechen angeſtiftet hatte, zurück, ging zu ſeinem Ge⸗ noſſen, und erſäufte ſein Gewiſſen mit Wein, nachdem er zuerſt die Beute, die er ſeinem Opfer genommen hatte, unterſucht und dann ſorgfältig verſteckt hatte. Der Graf öffnete, als er allein war, ſchnell die Papiere, welche er erhalten hatte; er ſchauderte jedoch, als er auf dem äußeren Packete Flecken von Blut ſah; von dem Blute des Jungen, den er ſo hartherzig und rachgierig einem frühen Tode geweiht hatte; alle Ge⸗ danken an Reue über die That waren jedoch vergeſſen, als er die Documente durchſah. Einige waren in Zei⸗ chen; andere las er aber mit dem höchſten Intereſſe. Während des Leſens rief er laut aus:„Ach, das iſt eine glückliche Entdeckung! Wie Viele habe ich nun in meiner Gewalt! Und Dich dazu! Den Mann, den haſſe! ich werde vollkommen an ihm gerächt ſeyn! Mein — 136 Glück iſt im Steigen begriffen! Beim Himmel! dieſe Nachricht iſt ein Fürſtenthum werth! Ach, und ich werde es dazu noch gewinnen! Ich hätte tauſend Men⸗ ſchenleben geopfert, um dieß zu gewinnen! Meine Rache iſt befriedigt, nun zur Liebe! Ach, ſchönes, aber hoch⸗ müthiges Mädchen, Dein Liebhaber ſtarb, Du wirſt nun mein werden; Du wirſt mir bald willig in die Arme fallen. Glücklicherweiſe kann der Elende nicht leſen und hat auch gar nicht in die Papiere geſehen; ich werde ihn nichts von ihrem Inhalte merken laſſen, ſonſt ſtellt er höhere Forderungen an mich. Ich glaube, daß er keine anderen Papiere zurückbehalten hat, nein, er hat mir dieſe als meinen Antheil gegeben, und das Gold des Jungen als den ſeinigen behalten; er iſt mir willkom⸗ men dafür. Wenn ich aber dieſe Sache zur Anzeige bringe, wird man mich nicht des Mordes verdächtig hal⸗ ten? Dieß macht jedoch nichts; die Regierung wird ſo froh ſeyn, dieſe Nachricht zu erhalten, daß ſie mich nicht genau ausfragen wird, wie ich zu derſelben kam, und wenn ſie es thut, kann ich leicht etwas erfinden, das keinen Verdacht erregt. Nun, ich will ſehen!“ 8 Zwölftes Kapitel. O, Gott! rief ſie die Hände ringend, Du haſt mir Alles, All' in einer Stund erſetzt! Um ſeinen Nacken ſchlang ſie ihre Arme Und rief: Mein Rodrich! Mein im Himmell Indem er ſeufzend an ſein Herz ſie drückte, Entfloh ihr' ſel'ger Geiſt. Southey. Wir müſſen nun unſeren Blick auf ein Zimmer im Schloſſe des Baron Galetzoff richten. Es war mit ſchweren altmodiſchen Tapeten verſehen, welche ihm ein feierliches und düſteres Ausſehen gaben, was noch durch die Feuſtervorhänge vermehrt wurde, welche geſchloſſen 137 waren, um die Helle des Tages abzuhalten; es drang nur ein ſchwacher Strom von Licht durch dieſelben, der jedoch gegen das Innere des Zimmers zu immer mehr abnahm. Zwei aufwartende Dienerinnen ſtanden an der Seite eines Lagers, in welchem die unglückliche ge⸗ heimnißvolle Frau, welche Ivan kurz zuvor noch geſund, in aller Majeſtät der Schönheit verlaſſen hatte, bleich und abgemagert lag. Ihre Augen waren ſtarr und nicht auf ihre Umge⸗ bung gerichtet; ihre Gedanken ſchienen in weiter Ferne zu ſeyn, vielleicht mitten in den Scenen ihrer Jugend, bei den Geliebten aus früheren Tagen, welche ſie ſo lange, lange Zeit verloren hatte; bald hoffte ſie, dieſelben jedoch wieder in anderen glücklicheren Regionen zu finden. Als ſie ſo vor ſich hinſtarrte, flatterten ihr jene lieblichen Bilder vor den Augen herum, und die Züge, deren ſie ſich noch wohl erinnerte, wurden heller und deutlicher und winkten ihr zu folgen. Sie bewegte ſich nicht, ſie ſprach nicht, und als die Umſtehenden ſie anblickten, glaub⸗ ten ſie, ihr Geiſt ſey entflohen. Ein langſamer, ſchwacher Tritt näherte ſich; es war ein ehrwürdiger Mann mit grauen Haaren in dem Rocke eines Prieſters, deſſen helle, ruhige Augen und geſetztes Ausſehen ein zartfuͤhlendes, liebevolles Herz ver⸗ riethen. Er ſetzte ſich ruhig an der Seite des Lagers nieder; durch dieſe Bewegung wurde die Frau aber aus ihrem ſcheinbaren Tode geweckt, und ſie drehte die Augen nach ihm.* „Tochter,“ ſagte er,„ich konnte nicht von Ihrer Seite wegbleiben, und ſobald ich die Pflichten, welche mich von hier wegriefen, verrichtet hatte, kehrte ich zu⸗ rück, um Ihnen allen Troſt zu bieten, an welchem die Religion einen ſo großen Ueberfluß hat.“. „Vater,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme, „Ihren Lehren verdanke ich die großen unſchätzbaren Wohlthaten, deren ich nun theilhaftig bin; ſonſt wäre — 1 138 ich wie das Vieh, das ſtirbt, ohne den Glauben und die Hoffnung geblieben, welche mich nun aufrecht erhalten.“ „Tochter! das ſind die Gefühle, welche Alle beſitzen ſollten, die im Begriffe ſind, dieſes Thränenthal zu ver⸗ laſſen,“ fuhr der heilige Mann fort;„reinigen Sie Ihre Gedanken von Allem, was dieſer Welt angehört, und richten Sie dieſelben nur auf die andere Welt.“ „Ich möchte es gerne, Vater, aber ich kann es nicht,“ antwortete die Frau.„Ich muß, ehe ich ſterbe, Den ſehen, der mir am theuerſten auf der Erde iſt; bis dorthin kann ich meine Gedanken nicht von ihm abwen⸗ den. Iſt er angekommen? Ach! Wenn ich ihn nur ſehen kann, ehe meine Lebensgeiſter von hinnen fliehen. O, bringt mir ihn, wenn er kommt, ſogleich hierher, denn jeden Augenblick fühle ich mein Herz matter ſchlagen.“ 3 „Er wird ohne Verzug kommen, meine Tochter! Ein treuer Bote wurde abgeſchickt, um ihn zu rufen; als ich aber ſo eben in das Haus trat, war er noch nicht angekommen,“ ſagte der Prieſter. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als die Frau rief:„Ach, ich höre nun den Tritt ſeines Pferdes näher kommen; oh! beeilen Sie ſich, Vater, ihm zu ſagen, daß er ſogleich hierher kommt.“ „Sie irren ſich, Tochter, ich hörte keinen Laut; er könnte auch in dieſer Stunde kaum ankommen,“ ant⸗ wortete der Prieſter. „Ach nein! Vater, ich irre mich nicht; ſoeben hörte ich ſeinen Fußtritt in der Halle. Er nähert ſich. O, mein Herz! höre nicht auf zu ſchlagen, bis ich ihn noch einmal geſehen habe,“ rief ſie; auch hatte ihr Gehörſinn ſte nicht betrogen; dieſer war immer ſchärfer geworden, während ihre anderen Fähigkeiten ſich nach und nach abſtumpften. Nach einigen Minuten hörte man leiſe klopfen und der Zwerg trat ein.„Ich weiß, daß er gekommen iſt,““ agte die Frau,„o, laßt mich ihn ohne Verzug ſehen; 139. und heiliger Vater, ich mochte gerne allein mit ihm ſeyn.“ Der Prieſter ſtand auf, um ihren Wünſchen zu entſprechen, und zog ſich mit den Umſtehenden zurück, als Ivan eintrat. Als ſte ihn ſah, bekamen ihre matten Augen wieder Glanz, und ſie ſtreckte ihre Arme aus, um ihn zu empfan⸗ gen; er ließ ſich an der Seite des Lagers auf die Kniee nieder, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen, indem ein convulſiviſcher Seufzer ſeiner Bruſt entſtieg. „Finde ich Dich ſo?“ rief er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen;„meine Freundin, meine gute Beſchützerin; warum wurde ich nicht früher von Deiner Krankheit benachrichtigt? warum war ich nicht hier, um Dich zu tröſten und zu pflegen?“ „Ich wußte nicht, daß der Tod ſo ſchnell auf mich zuſchritt,“ antwortete die Frau,„denke jedoch nicht, daß ich unglücklich bin. Jetzt, da Du bei mir biſt, Gelieb⸗ ter, trage ich mein Schickſal zufrieden; aber ich darf dieſe koſtbaren Augenblicke nicht unnütz verſchwenden, denn ich habe Dir viel zu ſagen, und meine Zeit auf Erden wird ſchnell zu Ende gehen. Höre mich an,“ und ſte ſprach in der Sprache, welche ſie Ivan in ſeiner Ju⸗ gend gelehrt hatte, und in welcher ſie ſich ſo gerne mit einan der unterhielten. „Erinnerſt Du Dich der frohen Tage Deiner Jugend, und jener Scenen, von denen ich Dir einſt zu ſprechen verbot?“ ſagte ſie. „Ja— ja— lebhaft tauchen verſchiedene Bilder in meinem Geiſte auf,“ antwortete Ivan.„Ich erin⸗ nere mich eines fremden Landes, einer Gegend, welche von dieſer ſehr verſchieden iſt; Deiner Gute und Liebe ge⸗ denke ich ſeit meinen frühſten Tagen.“ „Glaubſt Du dieſe Neigung und Liebe mit der ich Deine Jugend hegte, könne eine andere als eine Mut⸗ ter fühlen! Nein, nur eine Mutter konnte die unaus⸗ loͤſchliche Liebe fühlen, welche ich für Dich empfinde. Mein Knabe, mein Kind! Komm in meine Arme und 140 laß mich Dich an mein Herz drücken, ehe ich ſterbe. Ja Du— Du biſt mein Sohn, obgleich ich es während meines Lebens um Deinetwillen nicht wagte, Dich als ſolchen anzuerkennen; ich freue mich zu ſterben, damit ich nun vor aller Welt die Wahrheit erklären kann.“ „Mein Herz ſagte es mir immer,“ rief der junge Mann, indem er ſie herzlich umarmte, als ſie ihre Arme gegen ihn ausbreitete.„O, meine geliebte Mutter! ich möͤchte Dich früher bei dieſem Namen genannt haben! Aber ſage, wo iſt mein Vater? Iſt es nicht der Baron?“ „Dem Himmel ſey es gedankt! nein, mein gelieb⸗ ter Sohn— nein! Dein Vater war edel, großmüthig und brav; ich wähne einen Widerſchein ſeines edeln An⸗ ſehens in meinem Sohne wiederzufinden; aber meine Kräfte verlaſſen mich, meine Stimme wird ſchwächer. Höre meine Geſchichte an, ehe es zu ſpät wird. „Dein Vater war in unſerem geliebten, ſchönen Lande mitten in den prächtigen Bergen, den fruchtbaren, grünen Thälern Tſcherkeſſiens einer von den edelſten, ta⸗ pferſten Häuptlingen. Fünftauſend verwegene Reiter waren unter ſeinem Befehle verſammelt und bereit, ihm überall zu folgen, wohin er ſie führte. Manche von den benachbarten Häuptlingen waren ihm unterworfen, alle ehrten oder fürchteten ihn. Er hielt ſich frei von den Zerwürfniſſen, welche andere Stämme zerrütteten und ſchwächten, und alle ſuchten auf freundſchaftlichem Fuße mit ihm zu ſtehen. Er hatte zahlreiche Heerden von Rindvieh und Schafen, welche ſich auf den üppigſten Weiden ernährten; er hatte ein ſehr großes Vermögen, flüchtige, muthige Roſſe, reiche Rüſtungen mit Zugehör, treue und ergebene Diener. 2 „Ich war die Tochter eines benachbarten Fürſten; Dein edler Vater bewarb ſich um meine Hand und erhielt ſte. Wir hatten zwei Kinder, Dich meinen geliebten Sohn und eine junge ſchöne Tochter; ach, wie ſehr blu⸗ tete mein Herz, wenn ich an dieſes liebliche Geſchöpf dachte, das mir das Schickſal nicht mehr zu ſehen 14⁴¹ erlaubte, und an deſſen Loos ich mit Zittern denke! Aber unſer Glück, welches das volle Maaß erreicht hatte, das ein Sterblicher genießen kann, ſollte nur flüchtig und vorübergehend ſeyn; wir wurden plötzlich und ohne Vor⸗ bereitung aus unſerem kurzdauernden Traume von Glück⸗ ſeligkeit aufgeſchreckt. „Unſere Ländereien, welche ſich über viele ſchroffe, kluftige Berge an der See ausdehnen, waren bisher we⸗ gen ihrer ſchwierigen einem Angriffe unzugänglichen Lage den verheerenden Beſuchen derer, welche unſer Land über⸗ fielen, entgangen. Unſere Wohnung war nahe an der Küſte gelegen, und Dein Vater war, da er der Sicher⸗ heit unſerer Lage vertraute, mit dem größeren Theile ſeines Gefolges fortgezogen, um einen Ueberfall des Fein⸗ des in einer entfernten Gegend zurückzuſchlagen, und hatte nur einige Wenige zum Schutze unſerer Heerden zurückgelaſſen, als plötzlich eine ſtolze Flotte der Ruſſen an unſerer Küſte landete. Ihre Truppen landeten in großer Zahl und ſtürmten die Päſſe, welche zu unſeren Wohnungen führten, zerſtörten auf ihrem Wege alle Kornfelder und führten alles Vieh, deſſen ſie habhaft werden konnten fort, oder tödteten es; die Wenigen von unſeren Leuten, welche in der Nachbarſchaft waren, ver⸗ ſammelten ſich in Eile, und fochten um jeden Schritt Boden, der zur Vertheidigung geeignet war mit der Energie und Tapferkeit der Verzweiflung; ſelbſt die Frauen ergriffen Waffen, geſellten ſich zu den Männern und un⸗ terſtutzten ſie auf's Beſte; ſie rollten Steine auf die Köpfe der Feinde herab, wenn ſie durch eine enge Schlucht vorrückten. Was konnte aber eine Handvoll Männer, welche auf keinen Ueberfall gefaßt waren, gegen einen wohlausgerüſteten, wüthenden Feind? Wir fochten wie Unſinnige mit hoffnungsloſer Anſtrengung, bis unſere Männer alle erſchlagen waren, denn Keiner wollte nach⸗ geben, ſo lange er noch Kraft hatte, ſeine Waffen zu gebrauchen. 3 „Mein Herz blutet noch jetzt bei der Erinnerung an — 142 die grauſamen Metzeleien, welche die rohen Barbaren be⸗ gingen. Die Kinder wurden von den Armen ihrer Müt⸗ ter weggeriſſen und vor ihrem Angeſichte geſchlachtet; Einige von den Frauen entwiſchten jedoch mit den Kin⸗ dern, die ſie unter Aufſicht hatten und gewannen die Berge außerhalb des Bereiches ihrer Verfolger, unter den letzteren befand ſich auch Deine junge Schweſter. „Ein Räuber war im Begriffe Dich umzubringen, mein Sohn, als Du durch einen menſchlicher Geſinnten, welcher, wie ich ſpäter erfuhr, ein Diener des Führers der feindlichen Streitkräfte war, aus ſeinen Klauen er⸗ rettet wurdeſt. Von einer den Paß beherrſchenden Höhe ſah ich, wie der Soldat Dich auf ſeinen Armen forttrug, und ich ſuchte mich hinabzuſtürzen, um Dich dem Räu⸗ ber zu entreißen oder Deine Gefangenſchaft zu theilen. Ich wurde jedoch gewaltſam durch meine Diener daran verhindert, welche taub gegen meine Bitten und unge⸗ horſam gegen meine Befehle, als ich ihnen befahl, mich gehen zu laſſen, mich zwangen, in einer Höhle vor den Blicken des Feindes verſteckt zu bleiben. Die Ruſſen hat⸗ ten ſich aus den Deſileen und Päſſen in den Bergen zu⸗ rückgezogen und nahe an der Küſte unter dem Schutze der Geſchütze der Schiffe ein Lager bezogen; wir die armſeligen, traurigen Uebriggebliebenen wachten auf den benachbarten Höhen und brachten dort eine lange, lange Nacht zu, denn wir hatten kein Obdach mehr, unſere vor Kurzem noch lächelnden Wohnungen waren bis auf den Grund abgebrannt; unſere Bäche waren mit Todten gefüllt und von ihrem Blute gefärbt, unſer Vieh war fortgeführt und Verzweiflung herrſchte überall.. „Wir wurden aus unſerem Wehklagen durch die Ankunft eines Truppes Reiter aufgeweckt, welche von Deinem Vater zuruckgeſandt worden waren; ſie wollten ihren Angriff noch ſo lange verſchieben bis ihre Anzahl durch die benachbarten Ortſchaften vermehrt ſeyn konnte. Aber ich dachte an Dich— meinen Sohn, der gefangen in den Händen unſerer Feinde war, und befürchtete, dieſe — 143 möchten unter Segel gehen, Dich fortführen und mtr ſo alle Hoffnung rauben, Dich wieder zu bekommen. Mit Wehklagen und Bitten, mit Thränen und Befehlen for⸗ derte ich unſere Männer zum Angriffe auf. Ich zeigte ihnen die Schmach und Schande, welche ſie bedecken würden, wenn fie einem Feinde, welcher ihre Ländereien verheert, ihre Verwandten erſchlagen, ihre Weiber und Kinder als Gefangene weggeführt hatte, erlaubten zu entwiſchen, ohne daß ſie auch nur einen Verſuch gemacht hätten, ihren Verluſt zu rächen. Ich wies darauf hin, daß der Sohn ihres geliebten Häuptlings in der Macht der Feinde war, und daß dieſe, wenn ſie den Werth ihrer Beute entdeckten, ihn nur gegen Bedingungen herausge⸗ ben würden, welche für das Land nachtheilig und ſchmaͤh⸗ lich wären. Ich reizte ihre Tapferkeit— ich feuerte ſie durch meine Beredſamkeit, welche durch die Mutterangſt auf den höchſten Grad getrieben war, an, ich bot mich als Führer an und ſetzte mich an ihre Spitze, indem ich ſchwor, nicht ohne Erfolg zurückzukehren. „Wir ſandten unſere Boten in allen Richtungen aus, um alle herbeizurufen, welche unſere Kräfte vex⸗ mehren konnten. Keiner zauderte unſerer Aufforderung Folge zu leiſten, denn derſelbe Haß gegen unſere Be⸗ drücker belebte Alle. Ehe der Morgen anbrach hatten wir aus der Umgegend ein irreguläres aber heldenmü⸗ thiges Korps zuſammengebracht, das bereit war, gegen den gemeinſchaftlichen Feind geführt zu werden. Von den dick bewaldeten Höhen, welche die Küſte beherrſch⸗ ten, bewegten wir uns gegen das Lager hinab gleich einem Bergſtrome, der von einer Eewitterwolke ploͤtzlich anſchwillt, ſich in die Ebene ſtürzt und alles mit ſich reißt. Ich war nicht wie eine ſchwache, furchtſame Frau, ſondern wie eine wüthende Löwin, der ihr Junges durch die Hand eines Jägers entriſſen wurde. Ich ſprang, um ich zu retten; durch Wort und That ermuthigte ich unſere Leute zum Angriff, und achtete die überwiegende Zahl unſerer Feinde nicht. 144 „Die Ruſſen wurden aus ihrem Schlafe aufge⸗ ſchreckt, ehe die Vorpoſten Allarm geben konnten, und ſprangen nach ihren Waffen, welche Manche in der Ver⸗ die Sichel das Korn; Keiner ſchrie um Gnade, ſie wuß⸗ ten, daß ſie keine verdienten, und wir ſchenkten keine. Ehe aber unſer Werk gethan war, brach der Morgen an und zeigte dem Feinde unſere geringe Macht, welcher in guter Ordnung zurückzog. Ich hatte aber mein Kind nicht entdeckt und ich focht doch nur um ſeinetwillen. Plötzlich ſah ich Dich mit anderen Gefangenen in eini⸗ ger Entfernung mitten in den Reihen der Feinde. Ich ſpannte alle Nerven an, um Dich zu erreichen; ich be⸗ merkte die Streiche nicht, die auf mich gerichtet waren; ich ermuthigte meine Gefährten, und fort und fort ſtürm⸗ ten wir, ohne Furcht vor Gefahr und ohne Kenntniß der Macht der gewaltigen Kanonen, welche ihre großen Schiffe fuhrten. Schritt für Schritt fechtend, drängten wir die Ruſſen zurück, bis ſie das Ufer der See erreich⸗ ten, und dann, als wir uns des Sieges gewiß hielten, eröffnete die Artilierie der Schiffe plötzlich ein mörderi⸗ ſches Feuer gegen uns, dem keine Tapferkeit widerſtehen konnte; meine tapferen Gefährten fielen faſt alle um mich her, indem ſie fochten und den Feind immer heftig verfolgten, bis der Tod ihren Lauf aufhielt.⸗ „Kaum Einer blieb an meiner Seite, als mich eine Schwäche übermannte, und ich zu Boden fiel und nicht mehr wußte was ferner vorging. Als ich wieder zu Bewußtſeyn kam, fand ich mich von meinem Geburtslande entfernt. Ich beſtrebte mich, meine zerſtreuten Sinne wieder zu ſammeln; ein Fieber raste durch mein Gehirn, als ich vor den Führer, der den Angriff auf unſer Land geleitet hatte— es war Baron Galetzoff— gebracht wurde. wirrung und Dunkelheit nicht fanden. In einem Augen⸗ blick waren wir über ihnen, und hieben ſie nieder wie ſich bei dieſem Anblicke ſammelte und ſich fechtend und am Bord eines der ruſſiſchen Sa iffe, und ſchon weit — 8 14⁵ Ivans Blick verfinſterte ſich und ein Ausruf von Zorn kam über ſeine Lippen; er unterdrückte jedoch ſeine Leidenſchaft. 4 „Er warf einen Blick auf mich, der mich ſchaudern machte; ich ſtand mit geſenktem Haupte vor ihm, und meine trockenen Lippen konnten keine Worte hervorbringen. Er ſprach, ich war aber taub für dieſe Laute. Fremdes Volk war um mich, eine rauhe Sprache wurde geſprochen, deren Zeichen ich nicht verſtand. Bitten, Widerſtand, Klagen waren gleich fruchtlos. Ich konnte Niemand rufen, von dem ich hätte Hülfe hoffen können. Ich fühlte mich ganz huͤlflos; nicht Einer um mich konnte meine Worte verſtehen. Ich wurde, ohne daß ich mich widerſetzte, in mein einſames Cabinet. zurückgeführt. Ich fügte mich in mein Schickſal, denn alle Gedanken zu entkommen, waren hoffnungslos. Ich dachte an den Tod als eine Zuflucht in meinem Elende, aber eine Idee, eine Hoffnung hielt mich immer aufrecht, und gebot mir am Leben zu hängen. Ich konnte, wenn Du der Zerſtörung entgangen warſt, durch irgend einen Zufall, wenn er auch fern lag, mit ir zuſammen kommen. Dieſer Gedanke erhielt mich. Ich beſchloß zu leben, und alle meine Energie darein zu ſetzen, Dich zu finden; ich kannte aber die Schwie⸗ rigkeiten meines Weges nicht. Das Schiff, in welchem ich als Gefangene von meinem Heimathlande fortgeführt wurde, erreichte die Küſte Rußlands, und ich wurde in einem ſeltſamen Transportmittel, wie ich nie vorher eines geſehen hatte, hierher in dieſes Haus gebracht. Ich wurde mit aller Sorgfalt und Aufmerkſamkeit behandelt, hatte weibliche Bedienung zu meiner Aufwartung und um alle meine Wunſche zu befriedigen. Von dieſen lernte ich nach und nach die fremde Sprache, welche ſie redeten, indem mich hiebei die Hoffnung ermuthigte, ſie konne mir von Nutzen ſeyn, wenn ich Dich aufſuchte; durch dieſes tiefe Gefühl aufrecht erhalten, wurde ich auch all⸗ mählig mit meinem Schickſale verſöhnt. Ich hatte von Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. 10 146 dem, der mich gefangen hielt, ſeit ich das Schiff ver⸗ laſſen hatte, nichts geſehen noch gehört, das ausge⸗ nommen, daß er ſo viel ich verſtehen konnte, immer von ſeinem Gute abweſend war. „Mein einziges Vergnügen und meine Beſchäftigung war durch die Wälder zu wandeln, dabei an Dich zu denken und viele verſchiedene Pläne zu erſinnen, wie ich entdecken konnte in welchem Theil des Landes Du ge⸗ bracht worden warſt. Auf einem dieſer Ausflüge war ich weiter als gewöhnlich vom Hauſe weggegangen, und hatte für einen Augenblick meine Begleiterin aus dem Geſichte verloren, als plötzlich das Schreien eines Kin⸗ des mein Ohr berührte. Ich ging begierig den Tönen nach, welche mein Herz erſchütterten, wie wenn ſie von einer geliebten wohlbekannten Stimme kämen. Ich hatte mich auch nicht getaͤuſcht. O! Freude, Wonnegefühl: Unausſprechliche Glückſeligkeit! Du warſt es, mein eigener geliebter Sohn— von Weitem ſchon erkannte ich Dich. Ich ſprang vorwärts— drückte Dich an mein Herz— bedeckte Dich mit Küſſen; ich ſetzte Dich auf den Boden, und nahm Dich wieder und wieder in meine Arme. Ich weinte— ich war raſend vor Freude; alle meine Sorgen, all mein Elend war für den Augenblick vergeſſen; all das Glück, das ich verloren hatte, ſchien in einem Augenblicke zehnfach vergolten. Ich wußte nicht ob Du mich erkannteſt, aber ich glaubte es, denn Du erwiederteſt meine Umarmungen, indem Du mich freund⸗ lich anlächelteſt. „Ein rauher aber ehrlich ausſehender Mann drang durch den Wald um Dich zu ſuchen, und war überraſcht und erſchreckt, als er Dich in meinen Armen erblickte. Er machte mir Zeichen, daß er Dich mir nehmen müſſe; obgleich ich es jedoch zu verhindern ſuchte, kehrteſt Du willig zu ihm zurück. Mit meinem gebrochenen Geiſte konnte ich nicht wagen, mich ihm zu widerſetzen, und ich vermuthete überdieß aus ſeinem Benehmen und ſeinem Ausſehen, daß er ſich als Freund erweiſen werde, Dieſer 147 ehrliche Diener war der Vater Karls, und von ihm er⸗ fuhr ich, daß Du von ſeinem Bruder fortgeführt wur⸗ deſt, der Dein Leben aus den Händen einiger ſeiner Kameraden rettete; daß der Baron Dich geſehen, aus irgend einer unbekannten Urſache Wohlgefallen an Dir gefunden und befohlen hatte Du ſollteſt ſeiner Sorge übergeben werden; und endlich, daß Du zu gleicher Zeit mit mir fortgeſchleppt wurdeſt, während ich mir vor Verzweiflung über Deinen Verluſt nicht zu helfen wußte. Jeden Tag beſuchte ich dieſelbe Stelle, welche nahe bei der Hütte des Dieners war, in der Hoffnung Dich zu ſehen und an mein Herz zu drücken; bis der alte Mann endlich Mitleiden faßte, und Dich dorthin brachte damit ich mit Dir zuſammen ſeyn konnte. O! das Glück, die Seligkeit dieſer Augenblicke entſchädigte mich für das viele Elend, das ich erduldet hatte. Ich kannte den Charakter des Barons nicht; aber ich faßte einen Ge⸗ danken, obgleich ich nicht ſagen kann wie er entſtand; nämlich der Baron könnte, wenn er entdeckte, daß Du mein Sohn warſt, ſich beſtreben mehr Gewalt über mich zu bekommen, indem er mir drohte, Dich mir aus den Augen zu thun. Wenn mich dieſer Gedanke befiel, be⸗ ſtärkte er immer noch meine Meinung und ich beſchloß um jedem Zufall zu begegnen, gänzliche Gleichgültigkeit gegen Dich zu zeigen, und wie ſehr war ich ſeither dank⸗ bar dafür, daß ich ſo gehandelt hatte; erſt als der Baron ankam, fing jedoch meine Prüfung an. Anfangs bat ich auf die demüthigſte und herablaſſendſte Art wieder in mein Land geſchickt zu werden, und hoffte Dich mitzunehmen, er lachte aber nur dazu, und als ich es mit ſtolzer Miene forderte, ſchlug er es mir rund ab. 3 „Alle Hoffnung zu entkommen war vergebens, da die an meinen Gefangenwärter gerichteten Bitten alle frucht⸗ los geblieben waren und ich ſelbſt nicht einmal wußte, in welche Gegend ich geführt worden war. Ich dachte an meinen geliebten Gatten, den ich verloren hatte, an 10*. 148 meine liebliche Tochter, an meine Freunde und an die Heimath, und ich fühlte, daß ich dieſen Verluſt nicht überleben konnte; aber Deine Stimme, obſchon entfernt, ſchln⸗ an mein Ohr, und um Deinetwillen beſchloß ich zu leben. „Als Du in das Schloß gebracht wurdeſt, ſchienen Deine gefälligen Manieren und Dein munteres Geplau⸗ der die Zuneigung des Barons zu gewinnen, ſo weit es ſeine rauhe und wilde Natur erlaubte; ich hielt aber meinen klugen Entſchluß und ſtellte mich als kenne ich Dich nicht. Anfangs wollteſt Du öfters Deine Arme um meinen Nacken ſchlingen, und mich, bei dem theuren Namen Mutter nennen, in Deiner Landesſprache; ich lehrte Dich aber, dieſen Namen nicht auszuſprechen, ob⸗ ſchon es mir beinahe das Herz abdrückte, daß ich ſo handeln mußte, mein Kunſtgriff gelang auch; denn er duldete, daß Du immer bei mir warſt, und ſchien gar keine Ahnung von unſerer Verwandtſchaft zu haben. „Das Benehmen des Barons gegen Dich war immer unerklärlich, denn es ſchien ganz gegen ſeine ſtolze grau⸗ ſame Dispoſition, Dich ſo zu behandeln wie er es that. Zuletzt habe ich Verdacht gefaßt, daß er irgend einen geheimen Beweggrund hat, ſo zu handeln, denn gegen mich war er immer rauh und tyranniſch „Eine Perſon aus der Umgebung des Barons zeigte ſich bald ſehr anhänglich an mich— es war der Zwerg Ladislau. Ich hatte Mitleid mit ſeiner Schwäche und Hülfloſigkeit, und behandelte ihn immer mit Leutſeligkeit, wofür er auch ſeine Dankbarkeit durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel bewies. Von ihm erfuhr ich, daß der Baron früher eine ſehr ſchöne Frau geheirathet hatte, welche nach der Meinung ſeiner Diener und Umgebungen aus einem fremden Lande war; aus welchem Theile der Welt ſie kam, wußten ſie jedoch nicht. Ladislau ſagte, er habe es beſtimmt gewußt, daß ſie eine Zigeunerin geweſen war, und den Baron mehr wegen ſeines Nangs und Vermögens als aus Liebe für ihn geheirathet hatte. 149 Dieß entdeckte er bald, und behandelte ſie aus Rache ſo barbariſch, daß ſie ſich anſchickte aus ſeinem Hauſe zu fliehen; ſie wurde jedoch hievon verhindert. Bald darauf ſtarb die unglückliche Frau, nachdem ſte ein Kind geboren hatte; vor ihrem Ende rief ſie noch den Zwerg zu ſich, und gab ihm mehrere Aufträge, welche er feier⸗ lich zuͦ erfüllen und ein tiefes Geheimniß darüber zu be⸗ wahren ſchwor. „Der Baron ſchien zuerſt ſeine Eiferſucht und Tyran⸗ nei zu bereuen, war uͤber ihren Verluſt betrübt und ſuchte ſeine Grauſamkeit gegen die Mutter durch ſeine Güte gegen das Kind wieder gut zu machen; während er aber auf einige Zeit von Haus abweſend war, ver⸗ ſchwand das Kind auf räthſelhafte Weiſe und alle ſeine Verſuche, es wieder zu erlangen, blieben fruchtlos. Mich dunkt, der Zwerg machte einen boshaften ſchadenfrohen Blick, als er mir dieſe Geſchichte erzählte. Er ſagte der Baron habe getobt und gewüthet über den Verluſt ſeines Kindes, habe aber zuletzt alle Hoffnung aufge⸗ geben, je diejenigen, welche die That verübt hatten, zu entdecken; er glaubte, es habe irgend ein gewaltſames Ende genommen, und dachte wahrſcheinlich, als er Dich das lächelnde Geſchöpf zum erſten Mal ſah, Du könnteſt ihm die Stelle des Verlorenen wieder erſetzen. „Von dem Zwerge erfuhr ich, daß der Baron einen tödtlichen Haß gegen mein Land fühle, wegen des Wi⸗ derſtandes, den er dort immer gefunden hatte, und er hatte geſchworen, ſeine Bewohner gänzlich zu unterwer⸗ fen und unter das Joch der erbärmlichſten Sklaverei zu bringen. Er kennt den edeln Geiſt, welcher ſie Alle be⸗ ſeelt, wenig, wenn er die Hoffnung nährt, dieß werde ihm je gelingen. Ladislau fügte noch bei, daß der Ba⸗ ron, als er erfuhr, daß Du, ein Tſcherkeſſen⸗Kind, von einem ſeiner Soldaten geretteſt wurdeſt, beſchloß, Dich auf⸗ zuziehen, und den tödtlichſten Haß gegen Deine eigenen Landsleute in Dir zu erwecken, wenn dieſelben durch Zufall noch nicht vor dieſer Zeit unterjocht ſeyn ſollten. Ich danke 1⁵⁰ dem Himmel, daß ich zugegen war, um dieſen ſchändlichen Planen entgegenzuarbeiten, und das Ziel meines Lebens war, Dir Liebe zur Freiheit und Haß gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit einzuflößen. Der Baron müßte ſchlech⸗ ter als irgend ein menſchliches Weſen ſeyn, wenn er nicht auch eine gute Eigenſchaft hätte; da er ſelbſt Vater geweſen war, ſchien er, da Du noch ein Kind warſt, ziemliche Neigung zu Dir zu fühlen, unabhängig von dem Zwecke, wegen deſſen er Dich erzog. Er nahm Dich an Kindesſtatt an, und wollte Dir ſein Vermögen, allen ſeinen Reichthum hinterlaſſen. Aber ach! mein geliebter Sohn, laſſe Dich nicht durch den glänzenden Köder, den er Dir bietet, verführen, ein Verräther an Deinem Geburtslande zu werden! Sonſt wären mein Leben und all meine Leiden umſonſt geweſen. O nein! ich, der Du mir das Theuerſte auf Erden biſt, rathe Dir ſelbſt, Tod oder Gefangenſchaft zu wagen, lieber, als das Blut Deiner Landsleute auf der Seite ihrer Feinde zu vergießen. Laſſe mich Dich bitten, den hohen Vorſatz, um deſſen willen ich mich entſchloß, an dieſem verhaßten Orte zu leben, zu erfüllen; und wenn ich nicht mehr bin, was bald der Fall ſeyn wird, dann fliehe von hier und ſuche Dein Geburtsland zu erreichen. Das Amulet, welches Du um den Hals trägſt, wurde immer durch den älteſten Sohn des Häuptlings Deines Stammes getragen. Sobald dieß die Anhäͤnger Dei⸗ nes Vaters ſehen, werden ſie Dich anerkennen, wenn Dein Vater auch unglücklicher Weiſe nicht mehr leben ſollte. Suche den Ort, welcher einſt Deine Heimath war, dann gebe Dich zu erkennen, und erzähle Deine unglückliche Geſchichte, worauf Dich Alle freudig em⸗ pfangen werden; und ſollte mein geliebter Gatte noch leben, ſo überbringe ihm meinen letzten Segen.“ Ihre Stimme ſtockte während ihrer Rede öfters aus Schwäche; und als ſie am Schluſſe derſelben er⸗ ſchöpft zurückfiel, zitterte ihr Sohn am ganzen Körper vor Schrecken, da er einen Augenblick glaubte, ihr Geiſt ſey t 1 151 in ſeligere Regionen entſchwebt. Zu ſeiner großen Freude öffnete ſie jedoch ihre Augen wieder, und blickte auf ihn, den ſie ſo ſehr liebte, und der ihren ſinkenden Körper in den Armen hielt. Er war von dem Intereſſe für die Geſchichte, die er gehört hatte, ganz überwäl⸗ tigt; er hatte ſie zwar geliebt, ehe er wußte, daß es ſeine Mutter war; wie tief und aufrichtig war aber nun ſeine Dankbarkeit für die hingebende, heldenmüthige Zu⸗ neigung, die ſie für ihn erwieſen hatte! „Mutter!“ rief er,„ich ſchwöre, Deinen Befehlen zu gehorchen; bereits habe ich mich in die Ausführung eines großen Werkes eingelaſſen; nach deſſen Ausgang werde ich mich beeilen, in das Land zu gehen, das mir ſo oft im Traume vorſchwebte.“ „Genug, mein Sohn; ich bin gewiß, daß Dich der Himmel auf Deinem Wege beſchützen wird; ich habe Dir aber noch etwas zu ſagen. Wenn Du in Dein Geburtsland kommſt, beſtrebe Dich, bei Deinen Lands⸗ leuten die milde und reine Religion, welche der gute Prieſter, der Dich erzog, auch mich zuerſt lehrte, einzu⸗ führen. Es war einſt die Religion unſerer Vorväter, und das Kreuz— das Zeichen dieſes Glaubens— iſt immer noch im Lande zu ſehen. O! Führe ſie wieder auf den rechten Weg, zu der wahren, ehemals im Lande eingeführten Verehrung des höchſten Weſens. Mein geliebter Sohn! Laſſe mich Dich noch einmal betrach⸗ ten, ehe meine Augen zufallen. Möge der Himmel Dein Leben bewahren, und Dich zum Befreier Deines Landes machen! Dann ſollſt Du Deinen wahren Namen ken⸗ nen, und wirſt Deines tapferen Vaters werth ſeyn! Ich kann Dich nicht mehr länger ſehen; aber küſſe mich noch einmal und empfange meinen letzten Segen; wenn Du ihn Deinem Vater bringſt, ſage ihm, daß ich ihn bis aus Ende geliebt habe.“. Sie hörte auf, zu ſprechen; Ivan ſühlte, daß ſie ſchwer in ſeine Arme ſank; er fuͤhlte feinen Puls mehr ſchlagen. Sie ſah immer noch liebevoll aus, ihre Augen 152 hatten aber den geheimnißvollen Ausdruck des Geiſtes verloren, welcher ſie während ihres Lebens beſeelte. Ihr Geiſt war entflohen. In dieſem kalten Lande ſtarb die liebenswürdige Verbannte, weit entfernt von ihrem eigenen ſonnigen Klima; ſie war ooch zuletzt noch glücklich, daß ſie ihren Geiſt in den Armen ihres Sohnes aushauchte, um deſ⸗ ſen willen ſie ihre lange mühſelige Gefangenſchaft ſo edel ertragen hatte. Der junge Mann gab keinen Klagelaut von ſich; er legte ihren Körper ruhig auf das Lager und ſchloß ihr ehrerbietig die Augen; dann betrachtete er ernſthaft ihre Züge, und ließ ſich an ihrer Seite auf die Kniee nieder. Die Anderen traten wieder herein und fanden ihn in dieſer Stellung; ſein treuer Freund Ladislau weckte ihn aber durch ſeine Bitten auf, und führte ihn ohne Widerſtand in ſein Zimmer, wo der gutherzige Zwerg alle mögliche Aufmerkſamkeit an den Beraubten verſchwendete. Der ſtrenge Herr des Hauſes war auf einige Tage abweſend und wußte nichts von der nahen Befreiung ſeiner Gefangenen vom Elende und von der Sklaverei; es war daher Ivan möglich, ſeinem Schmerze den Lauf zu laſſen, ohne eine Unterbrechung befürchten zu müſſen. *, Dreizehntes Kapitel. Tem,— E vuoi ch'io divenga Il distruttor delle paterne mura? No; tanto non potra la mia sventura. Metastasio. Die Dienerinnen und die Frauen der Leibeigenen verſammelten ſich nun, um über dem Körper der Dahin⸗ geſchiedenen ihre Lamentationen zu erheben; letztere war auf ein Paradebett gelegt, in einen rothen Rock gekleidet 153 und mit einem reichen Kopfputze verſehen. Der ehr⸗ würdige Prieſter, welcher ſte während ihres Lebens un⸗ terwieſen hatte, kam, um ihren Körper mit Weihrauch zu beſprengen; während dieſer Verrichtung ſang er Pſalmen mit einer ſchwachen feierlichen Stimme. Am dritten Tage nach ihrem Hinſcheiden wurden die Ueberreſte der Frau in einem mit carmeſinrothen Tuch überzogenen Sarg gelegt und mit Kerzen umge⸗ ben; von hier wurde ſie dann in die benachbarte Kirche gebracht. In einiger Entfernung folgte unbemerkt Ivan in ſeinen Mantel gehüllt und als der Prieſter das kurze Todtenamt beendigt hatte, trat er näher, und knieete bei dem Sarge nieder, küßte die kalte, lebloſe Hand, und ſchwor hier noch einmal, ihre Befehle zu erfüllen und ſich der Sache ſeines Geburtslandes zu widmen. Mit thränen⸗ loſen Augen, aber mit gebrochenem Herzen ſah er Alles, was er liebte, der Erde übergeben, und blieb lange auf dieſem Fleck ſtehen, bis er durch Ladislau aufgefordert wurde, zu gehen. Den Tag, nachdem dieſe traurige Ceremonie began⸗ gen worden war, kehrte der Baron in das Schloß zu⸗ rück, berührte aber das traurige Ereigniß gar nicht und ſchien nicht im Geringſten davon ergriffen zu ſeyn. Als er Ivan bald nach ſeiner Ankunft zu ſich rufen ließ, ſagte er zu ihm: „Meine Plane ſind gemacht; unſer gnädiger Kai⸗ ſer hat mich zum Befehlshaber einer ſtarken Macht er⸗ nannt, um die rebelliſchen Tſcherkeſſen zu zähmen; und in kurzer Zeit hoffe ich, ſie unter die rechtmäßige Ober⸗ herrſchaft zu unterwerfen. Dieß war immer mein höch⸗ ſter Chrgeiz. Ich bekenne, daß die Schwierigkeiten groß find; aber wenn ich falle, hoffe ich in Ihnen, Jvan, einen würdigen Nachfolger zu finden. In dieſem Per⸗ gamente ſind Sie zum Erben aller meiner Beſitzungen gemacht, und unſer edler Czar will in Betracht meiner ienſte und als die einzige Gunſt, die ich verlangt habe, erlauben, daß Sie denſelben Rang begleiten, wie ich.“ Ivan blieb einige Zeit nach dieſer Ankündigung in 154 Stillſchweigen verſunken. Es war ein ſehr wichtiger Augenblick für ihn gekommen, und er befürchtete die Wirkung Deſſen, was er als Erwiederung zu ſagen ent⸗ ſchloſſen war. „Was, junger Mann!“ rief der Baron ungeduldig, ſind Sie nicht von Dankbarkeit hingeriſſen? Was bedeu⸗ tet dieſes Stillſchweigen— dieſer ſtarre Blick— dieſe ge⸗ ballten Hände? Zaudern Sie, mein Anerbieten anzu⸗ nehmen? Sprechen Sie, Junge! Seyen Sie meinem Willen nicht zuwider oder Sie werden ihre Thorheit tief bereuen?“ Während der wilde alte Baron gleich einem ver⸗ wundeten Löwen tobte und ſich ſelbſt zur Wuth antrieb, ſtand der junge Tſcherkeſſe ruhig aber entſchloſſen vor ihm, gleich einem muthigen Jäger welcher unvermuthet in das Lager dieſer Beſtie geräth. Nach einem noch einige Zeit beobachteten Stillſchweigen, redete er den Baron endlich an: „Ich möchte das edle Anerbieten, das Sie mir ma⸗ chen, mein Herr, einſt angenommen haben; aber dieſe Zeit iſt vorüber. Ich weiß nun, wer ich bin, und lie⸗ ber wollte ich als der gerinaſte Knecht auf Ihren Be⸗ ſitzungen arbeiten, als die Waffen gegen jenes Land— mein eigenes, mein Geburtsland zu tragen. Ja, mein Herr, ich bin ein Tſcherkeſſe, und bin ſtolzer darauf, zu dieſem Geſchlechte zu gehören, als auf die höchſten Chrenſtellen, welche mir der Selbſtherrſcher aller Reuſſen verleihen könnte.“ „Was muß ich für Worte hören?“ rief der Baron wüthend.„Ungehorſam gegen meine Befehle, Empö⸗ rung gegen den Kaiſer! Habe ich Sie deßhalb aufge⸗ nommen und erzogen, und Sie reich und adelig ge⸗ macht? Ich habe Sie wie meinen eigenen Sohn be⸗ handelt, und nie wünſchten Sie zu wiſſen, daß ich nicht Ihr Vater war. Wer hat es gewagt, Ihren Geiſt mit ſolchen Träumen zu erfüllen? Er ſoll ſeine unberufene Dazwiſchenkunft und Thorheit ſchwer bereuen.“ 155⁵ „Sie, welche dem Bereiche Ihrer Macht nun ent⸗ rückt iſt,“ antwortete Ivan;„ſte, mein Herr, welche mir ihr ganzes Leben widmete, welche mein einziger Freund— meine Mutter war!“ „Was! wurde ich durch den Geiſt einer ſchwachen Frau hintergangen, und habe ich ſeit Jahren eine junge Viper an meinem Buſen ernährt, die ſich jetzt erhebt, um mich zu ſtechen. Ich widerrufe das Anerbieten, das ich Ihnen gemacht habe. Gehen Sie weg aus meiner Gegenwart! und von nun an laſſen Sie mich Ihr An⸗ geſicht nicht mehr ſehen. Von dieſem Augenblicke an entlaſſe ich Sie— wir ſind für immer von einander getrennt, und nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht als Verräther und Rebell gegen den Kaiſer leiden müſſen. Jetzt ſchon ſollten Sie ergriffen werden, Sie haben Ver⸗ rätherei und Aufruhr gegen den Kaiſer ausgeſprochen, was volle Strafe verdient. In kurzer Zeit wird Sibi⸗ rien Ihre Beſtimmung ſeyn, wo Sie, ſolchen phantaſti⸗ ſchen Unſinn predigen können, ohne Furcht, Jemand dadurch zu beleidigen. Aber unter meinem Dache ſollen Sie mit ſolchen verdorbenen Anſichten nicht mehr länger wohnen. Gehen Sie fort aus meinem Angeſicht, oder ich werde meine Sklaven rufen, um Sie fortjagen zu laſſen. Soll ich mich auf dieſe Art von einem Jungen am Bart zupfen laſſen?— Meine Anerbieten verachtet? — Keine Dankbarkeit für meine väterliche Sorge und Freigebigkeit! Gehen Siel Ich ſage es noch einmal, ich will keine Erwiederung hören.“ Ueberwältigt von ſo vielen verſchiedenen widerſtrei⸗ tenden Empfindungen, konnte Ivan nur ſchwer ſeine Gedanken hinreichend ſammeln, um ſich zu beſtimmen, wie er handeln wollte. Er fühlte, daß der Baron wirklich viel für ihn gethan hatte, und daß er ihm eben jetzt ein Anerbieten gemacht hatte, was jedenfalls groß⸗ müthig ſchien; jedoch hatte derſelbe andererſeits auch ſeine Mutter mit Grauſamkeit und Ungerechtigkeit behandelt, was der guten Behandlung, die ihm widerfahren war 156 das Gegengewicht halten mochte. Seine beſſeren Gefühle, ſiegten jedoch, und als er ſchon langſam aus dem Zim⸗ mer ging, wandte er ſich noch einmal um, um dem Baron ſeinen Dank auszudrücken; er begegnete jedoch dem wilden Blicke deſſelben, und ſah aus demſelben, daß jedes weitere Wort nur ſeinen Zorn vermehren würde. Als der Baron allein war, dnrchſchritt er mit wü⸗ thenden Geberden das Zimmer. Ich werde dennoch dieſen ſtolzen hochmüthigen Geiſt noch zähmen, der, wenn er anders geleitet worden wäre, ganz meinen Wünſchen entſprochen hätte. Ich werde ihn fortziehen laſſen; ſeine Mittel werden bald erſchöpft ſeyn, und ich werde ihn dann zurückkehren und mei⸗ nen Füßen kriechen ſehen! Ach! das wird mein Rache befriedigen; und ich kann dann mit ihm anfangen, was ich will? Er ſoll nicht mehr länger hier bleiben, und auch nicht eher zurückkehren, bis er als Bittender vor mich tritt.“. Indem er ſeiner Bedienung rief, ſagte er:„Laßt dieſem rebelliſchen Jungen, der mich eben verlaſſen hat, ein Pferd geben, und Du Karl, trage Alles, was ihm gehört, von hier fort, wohin er es wünſcht. Von nun an wird er nicht mehr hierher zurückkehren. Verſteht ihr mich, Sklaven? Geht und befolgt meine Befehle!“ Die erſchrockenen Diener ſprangen hinaus, um die Befehle des wilden Herrn zu befolgen; und der Zwerg Ladislau, welcher ſich verſtohlen hinter ihnen verſteckt gehabt hatte, beeilte ſich, ſobald er den gegebenen Be⸗ fehl vernommen hatte, Ivan davon zu benachrichtigen. „Mein beſter— mein einzig wahrer Freund!“ ſagte Ladislau in Thränen;„leider ſind Sie auf immer von hier verbannt, denn ich weiß, der Baron wird nicht nachge⸗ ben; und mir wird es nicht mehr vergönnt ſeyn, Sie zu ſehen. Ich weiß nicht, welche Bahn Sie zu betreten — gedenken; aber ich weiß, daß, wo Sie auch hingehen, Geld nöthig iſt, mein theurer Ivan. Ich ſelbſt brauche gegenwäͤrtig keines, deßhalb nehmen Sie dieſe d — 1⁵⁷ von mir an, wenn Sie im Geringſten Rückſicht auf mich nehmen, und mein Herz nicht vor der Zeit brechen wol⸗ len. Sie werden in ihr genug finden, um Ihre Be⸗ dürfniſſe in der nächſten Zeit zu decken, und ich werde den Verluſt derſelben nie fühlen.“ Ivan war durch dieſen Beweis von Zuneigung ſei⸗ nes kleinen Freundes bis zu Thränen gerührt; zu glei⸗ cher Zeit zauderte er jedoch, ihn dieſer Mittel zu be⸗ rauben, welche ihm ſeinen Unterhalt verſchaffen koͤnnten, wenn er gleich ihm in die Welt hinausgeſtoßen würde; der gereizte Ladislau brach aber in einen heftigen Strom von Thränen aus, als er zuerſt die Annahme des Gel⸗ des verweigerte, und ſchwor, er ſelbſt werde es nie be⸗ rühren, wenn Ivan keinen Gebrauch davon mache. So daß alſo dieſer zuletzt gegen ſeinen Willen genöthigt war, einen geringen Theil davon anzunehmen, welcher ſeinem Crachten nach hinreichend war, um ihn an die Küſte von Tſcherkeſſiten zu bringen.. Nachdem er einige Zeit gewartet hatte, in der Hoff⸗ nung, der Zorn des Barons werde ſich abkühlen, ſandte er einen Boten an denſelben, um ihn um die Erlaubniß zu bitten, ihn noch vor ſeiner Abreiſe ſehen zu dürfen; eine ſtrenge Verweigerung war die Antwort, und zu⸗ gleich erhielt er den Befehl, das Haus ohne allen Ver⸗ zug zu verlaſſen. Sein ſtolzer Geiſt wurde dadurch er⸗ bittert, und er zauderte keinen Augenblick mehr, dem ſtrengen Befehle zu gehorchen, nachdem er noch einen zärtlichen Abſchied von Ladislau genommen hatte, der ganz untröſtlich war. MMitit ſchwerem Herzen und bewegten Gefühlen ſchied er zum letztenmale aus den Thoren des Schloſſes; auf den Geſichtern aller Diener war Betrübniß und Bedauern ausgedrückt; ſie wagten nicht, ihre Gefühle auf eine andere Art an den Tag zu legen: und ſelbſt noch, als er durch die Beſitzungen ritt, hörte er manches Wort der Zuneigung von Seiten der Leibeigenen, welche ihm für die Leutſeligkeit, mit der er ſte behandelte, dankbar waren; 158 hierauf ſetzte er ſeine Reiſe nach Moskau fort. Bei ſeiner Ankunft ſtieg er in demſelben Gaſthofe ab, wo er früher gewohnt hatte; hier fiel ihm die Trennung von dem ehrlichen Diener Karl noch ſehr ſchwer, denn er fühlte wohl, wie wenige Menſchen er hatte, die ſich um ihn bekümmerten, und da dieſer Mann ihn von Kindheit an bedient hatte, ſo ſchmerzte ihn die Trennung von ihm um ſo mehr. Der arme Knecht, der ſo gerne und freudig das Geſchick ſeines Herrn getheilt hätte, vergoß viele Thränen, und umarmte die Kniee ſeines Herrn; dieſes Jammern war jedoch nutzlos, denn er hatte dem ſtrengen Landesgeſetze gemäß keinen eigenen Willen. Er war ein an den Grund und Boden gefeſſelt er Leibeigener; und dem Eigenthümer deſſelben, wer er auch ſeyn mochte, Gehorſam ſchuldig, und der Baron hatte ihm befohlen, ohne Verzug in's Schkoß zurückzu⸗ kehren. Lange konnte er ſich nicht von dem Jünglinge, den er ſeit ſeiner Kindheit gepflegt und bedient hatte, und zu dem er eine aufrichtige Zuneigung fühlte, trennen; doch endlich riß er ſich, in Thränen gebadet, von ihm los, beſtieg ſein Pferd und kehrte an den Ort ſeiner Knecht⸗ ſchaft zurück, indem er über ſeinen niederen Stand murrte, der es ihm unmöglich machte, dahin zu gehen, wohin ihn ſeine Neigung zog. Er hatte früher nie daran gedacht, oder nur davon geträumt, das Gut, auf dem er geboren und aufgewachſen war, zu verlaſſen; nun aber ergriff ihn der Wunſch, frei zu ſeyn, das Joch abzu⸗ ſchütteln, das ihn auf dieſe Art in ſeinen Bewegungen hindern konnte. Er kehrte mißvergnügt und unglücklich in die Hütte ſeines Vaters zurück, und beſchloß die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um ſich von der Knechtſchaft zu emancipiren. 3— Jvan ſchickte ſogleich einen Boten ab, um ſeinen Freund Thaddeus von den Umſtänden, welche eingetreten waren, zu benachrichtigen, und ihn um ſeinen Beiſtand und Rath zu bitten. Es war nun eine neue Epoche in 159 ſeinem Leben eingetreten, und er fühlte, daß er ganz auf ſein eigenes Urtheil und auf ſeinen Muth beſchränkt war, und daß dieſe ihn durch die Schwierigkeiten und die ge⸗ fährlichen Wege des Lebens, das er nun gewählt, und dem ihm vom Baron angebotenen vorgezogen hatte, füh⸗ ren mußten. Seine Gedanken ſielen auf die fröhlichen Tage ſeiner Kindheit zurück, und er fühlte, daß er jetzt ein Mann war, dem auch die Sorgen und der Kummer nicht feh⸗ len, welche meiſtens von dieſem Lebensalter unzertrennlich ſind; er fühlte aber auch, daß es keine Zeit war zu nutz⸗ loſem Hinbrüten; Handeln, ein entſchiedenes augenblick⸗ liches Handeln war nothwendig. Er hatte ſich einer großen Sache gewidmet, die Freiheit Rußlands zu fördern; er fühlte aber auch, daß ſein eigenes Land mehr Recht habe, ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen. Er zauderte zu entſcheiden, wel⸗ cher Plan ihm zu befolgen zuerſt obliege; ob er gleich das Schwerdt zur Hülfe Tſcherkeſſiens führen, oder zuerſt die Verbindlichkeiten, die er eingegangen hatte, als er noch ein Ruſſe zu ſeyn glaubte, nämlich die Be⸗ freiung Rußlands vom Deſpotismus löſen follte. Er dachte zu gleicher Zeit, daß die Ausführung des letztern Planes mittelbar auch ſeinem eigenen Lande Hülfe bringen müſſe; denn wenn die Freiheit einmal unter den Ruſſen hergeſtellt war, ſetzte er als natürlich voraus, das dieſes Volk von ihrem ungerechten Beſtreben, die Tſcher⸗ keſſen ihrer Freiheit zu berauben, abſtehen werde. Ivan beſchloß deßhalb, noch eine kurze Zeit zu war⸗ een, und dem Verlaufe der Begebenheiten zuzuſehen, ehe her ſeine Expedition zur Aufſuchung derer, welche ihm nun theuer waren, unternahm. Land— Heimath— ater— und Verwandtſchaft. Er mußte ein neues Leben beginnen; viele von ſeinen alten Gewohnheiten ablegen; fich neue Freunde erwerben, und die als Feinde betrachten, welche er bisher als Landsleute angeſehen hatte. Während dieſe Ideen ſchnell durch ſeinen Kopf 16⁰ gingen, erinnerte er ſich, daß auf dieſen Abend eine Hauptverſammlung der Verſchwörer feſtgeſetzt worden war; ſobald die Nacht anbrach, machte er ſich auf den Weg durch das Getümmel und Gedränge des Volkes, das weder ihn, noch ſeine Abſichten beachtete. Einer war jedoch in der Nähe, der ihn mit großer Spannung erwartet hatte. Dieſer, der kein anderer, als der beabſichtigte Mörder Groff war, folgte ſeinen Fuß⸗ ſtapfen, indem er ſich bald im Gedränge ihm näherte, bald wieder, wenn er es für nöthig erachtete, um der Beobachtung zu entgehen, weiter von ihm ent⸗ fernt hielt. Während Jvan ſchnell ſeines Weges ging, ſchien es ihm einmal, daß ihm Jemand, wie ſchon früher ein⸗ mal folgte, und er bereitete ſich auf einen plötzlichen Ueberfall vor. Er erreichte jedoch ohne irgend ein Hin⸗ derniß den Ort der Zuſammenkunft, und fand dort den größeren Theil der Hauptverſchwörer, und mehrere neu Angeworbene unter ihnen verſammelt. Bei ſeinem Eintritte blickten ihn alle an und ſtan⸗ den von ihren Sitzen auf. „Wie! Iſt dieß Ivan Galetzoff, den wir vor uns ſehen?“ rief einer, indem er ſich mit einem Ausdrucke von Ueberraſchung im Blicke näherte.„Iſt es möglich, daß Sie geſund und wohl vor uns ſtehen?“. „In der That,“ antwortete Ivan,„ich halte dieß für ſehr möglich; indeſſen begreife ich den Grund Ihrer Bemerkungen nicht. Haben Sie die Abſicht zu ſcherzen? Ich ſollte jedoch meinen, unſere Angelegenheiten ſeyen zu wichtig, um Stoff zum Scherzen zu liefern!“ 1 „Es walten hier beſondere Mißverſtändniſſe vor,“ ſagte der Verſchwörer,„und wir freuen uns, Sie wohl zu ſehen, nachdem wir Sie ermordet glaubten.“ 1 „Ermordet!“ rief Ivan,„was gab Veranlaſſung zu einer ſolchen Idee?“ 1 „Am Morgen nach der letzten Nacht, in der Sie hier waren, wurde eine Perſon in der Nähe dieſes 161 Ortes durch verſchiedene Stiche in die Bruſt ermordet gefunden; die Geſichtszüge waren ſo entſtellt, daß es nicht möglich war, dieſelben zu erkennen; auch ſagte man, man habe nichts bei der Perſon gefunden, durch was ſie zu erkennen geweſen wäre. Die Sage machte Sie zu dem unglücklichen Opfer, und da Sie ſeither nicht unter uns erſchienen, ſchloßen wir, daß Sie es in der That waren.“ „Es iſt deutlich, daß hier ein Mißverſtändniß obwaltet,“ ſagte ein anderer Verſchwörer,„aber,“ ſetzte er noch hinzu, indem er ſich gegen Ivan wandte: „wiſſen Sie nicht, daß Sie die Geſetze unſerer Geſell⸗ ſchaft dadurch gebrochen haben, daß Sie ſich ohne einen Grund deßhalb anzugeben, entfernt haben; um der Sicherheit Aller willen ſollten die Bewegungen jedes einzelnen Mitgliedes der Geſellſchaft dem dirigirenden Ausſchuſſe bekannt ſeyn. Erinnern Sie ſich, daß das Schwert der Rache über dem Haupte deſſen hängt, der zum Verräther unſerer Sache wird; geheim und ſicher wird die Strafe ſeyn, welcher der Schuldige nicht entgeht und wenn er im Palaſte des Selbſtherrſchers Schutz ſuchte.“ „Meine Herren!“ ſagte Ivan, indem er aufſtand,„ich wäre bereit, den Tod des Verräthers zu ſterben, wenn ich ſo niedrig wäre, die heilige, edle Sache, zu der ich mich, verpflichtet habe, zu verrathen. Es blieb mir keine Zeit mehr übrig, Sie von meiner Abreiſe in Kenntniß zu ſetzrn, als ich an das Todenbett eines Verwandten gerufen wurde. Wenn dieß als Verbrechon betrachtet wird, bin ich bereit zu leiden; überzeugen Sie ſich jedoch lieber durch meine Handlungen, wie treu und auf⸗ richtig ich es mit der Sache der Freiheit meine. Sie ſehen nun Einen vor ſich, dem alle Ausſichten in der Welt genom⸗ men fſind, und der das Werk, das wir uns vorgenommen haben, eifrig unterſtützen wird. Laſſen Sie uns die Sache nicht weiter verſchieben; wir ſind durch die Zahl und die Hülfsmittel unſerer Freunde bereits kräſtig genug. Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling l⸗ 41 Laſſen Sie uns einmal die Standarte der Empoͤrung gegen die Tyrannei aufpflanzen und die Freiheit Ruß⸗ lands verkündigen, ſo bin ich ſicher, daß ſich auf dieſes Signal der Befreiung Tauſende freudig beeilen werden, in unſere Reihe zu treten, und daß in kurzem die Ruſſen, nachdem ſie das Joch der Sklaverei abgeſchüttelt haben, ihre Köpfe unter den freien Völkern der Erde erheben können.“ Dieſe Gefühle wurden vom größeren Theile der Zuhörer mit lautem Beifallsrufen aufgenommen. „Der Herr ſpricht gut,“ ſagte Einer von den Ver⸗ ſchwörern, ein heftiger aufbrauſender Charakter und ein kräftiger Vertheidiger ertremer Maßregeln, indem er aufſtand:„bevor wir aber offen zu Werk gehen, muß noch eine große Sache ausgefuͤhrt werden, ohne welche alle unſere künftigen Beſtrebungen umſonſt ſeyn werden. Wollen Sie, der Sie ſo brav geſprochen haben, es unternehmen, das große heilige Werk zu vollbringen? Es iſt keine leichte That— ſie iſt voll von Gefahren; wenn Sie aber Ihren Zweck erreichen, wird Ihr Name für immer mit einem Kranze von Ruhm umgeben ſeyn; es iſt nämlich dieß: laſſen Sie mich nicht zaudern, es zu erklären, und rechnen Sie es ſich zur hohen Ehre an, das Land von ſeinem größten Bedrücker zu erretten; ſeyen Sie die verwegene Hand, welche dem nichts Böſes befürchtenden Tyrannen das Herz durchbohrt, während er in der eingebildeten Sicherheit ſeiner Macht ſchwelgt; denn ehe dieſer erſte Schritt gethan iſt, kann uns nichts, was wir ſonſt unternehmen können, etwas nützen!“ Ivan erhob ſich erſtaunt und entrüſtet über dieſen niedrigen Vorſchlag; ſeine Gefühle wurden von dem größeren Theile der einflußreichſten Verſchwörer getheilt⸗ welche jedoch nicht Willens waren, den raſenden Enthu⸗ ſtasmus Anderer, welche ſich nicht ſcheuten, gewaltſame Maßregeln vorzuſchlagen, zu dämpfen, da ſolche Männer als Werkzeuge nöthig waren, um ihre eigenen gemäßigten Anſichten auszuführen. „Ich kam hierher,“ ſagte er tief bewegt,„um 163 mein Schwert der heiligen Sache der Freiheit anzubieten und nicht um die ſchauerliche Rolle eines mitternächtigen Meuchelmörders zu ſpielen, und verflucht wird die Sache ſeyn, welche ſolche Mittel verlangt, um ihren Erfolg zu ſichern. Wenn dieſes die einzigen Hülfsmittel ſind, durch welche Freiheit für Rußland gewonnen werden kann, verlange ich hier mein Gelübde zurück; mein Eid ver⸗ bietet mir, Einen dem Kaiſer anzuzeigen; ich will aber nicht mehr mit Männern verkehren, unter denen es erlaubt iſt, daß ein ſolcher Vorſchlag gemacht wird.“ Er ſprach ſtolz und unerſchrocken, und wollte, als er ſeine Gefühle ausgeſprochen hatte, die Verſammlung verlaſſen, verſchiedene von den Verſchwörern verſammelten ſich aber um ihn nnd beſtrebten ſich, ſeine Bewegung und ſeinen Zorn zu beſchwichtigen, während Andere ihn mit ſtrengen bittern Blicken anſchauten und bereit ſchienen, ihn beim geringſten Zeichen, daß er ſie verrathen wolle, ihrer Rache zu opfern. 3 Obſchon ſich Mehrere ſeinem Verlaſſen der Ver⸗ ſammlung entgegenſetzten, erhielt er dennoch die Erlaub⸗ niß zu gehen durch Vermittlung ſeiner näheren Be⸗ kannten, welche ſich für ſeine Treue verbürgten. Nun entſpannen ſich hitzige, bittere Streite und Mehrere brandmalten laut den niederen gemeinen Vor⸗ ſchlag, der gemacht worden war, während Andere immer an ihrer Meinung hiengen, daß eine That gerechtfertigt ſey, welche das große Ziel fördern helſe. Die Debatten wurden immer hitziger bis die Verſchwörer zwei abge⸗ ſonderte Parthieen bildeten, als plötzlich eine Perſon in die Verſammlung ſprang, in deren Zügen ſich Schrecken und Furcht malten. „Meine Freunde,“ rief er,„ich machte ſoeben eine Entdeckung, welche uns alle in grenzenloſe Gefahr ver⸗ ſſeetzt; denn ich fand, daß anſtatt Ivan Galetzoff, den wir für ermordet hielten, der junge Graf Flatoff durch das Meſſer des Meuchelmöoͤrders ſiel, und daß dieſer 11 164 wichtige Depeſchen im Beſitze hatte, welche er von St. Petersburg hieher zu bringen übernommen hatte. Man hatte nichts bei ihm gefunden als der Leichnam entdeckt worden war, es iſt daher alle Wahrſcheinlichkeit vor⸗ handen, daß der Mörder im Beſitze aller Dokumente iſt. Viele von den Freunden des Grafen machten Nach⸗ fragen nach ihm, als ſie fanden, daß er nicht fortge⸗ gangen war, und dieß leitete mich zuerſt auf den Ver⸗ dacht, er werde die ermordete Perſon ſeyn. Wir ſind deßhalb ganz in der Macht desjenigen, welcher dieſe Papiere beſitzt, denn ſelbſt der Mörder würde wegen ſeiner That von der Regierung begnadigt werden für die ſchätzbaren Nachrichten, die er geben kann.“ Dieſe Nachricht verurſachte große Beſtürzung unter den Verſchwörern, welche augenblicklich ihre Debatten abbrachen und ſich zum Fortgehen und zur Trennung anſchickten. Wie groß war aber erſt ihr Schrecken, als ſte bei ihrem Austritte aus dem Garten alle Zugänge durch Polizeibeamte beſetzt fanden, welche als die Vor⸗ derſten erſchienen, einen nach dem andern zum Gefan⸗ genen machten. Als die übrigen das Schickſal ihrer Freunde bemerkten, hielten ſie zuſammen und machten miteinander einen verzweifelten Verſuch, ſich durch die Wachen durchzuhauen; mehreren gelang es; bei weitem der größere Theil fiel aber in die Hände ihrer Feinde. Die, welche durchgekommen waren, flohen in allen Richtungen fort, von der Polizei verfolgt, und nur ſehr wenige entkamen. Vierzehntes Kapitel. O möchte deine Hand allein das Land befreien ÜUnd fremd' Verbrechen nicht die heil'ge Sach entweihen, Dr. lohnsohn, Irene. Der junge Pole Thaddeus Stanisloff war einem Regimente zugetheilt worden, das mit mehreren anderen die Beſtimmung hatte, zu der Kaukaſus⸗Armee zu ſtoßen, ¹ 3 3 165 und gegenwärtig auf ſeinem Wege gegen Süden in Moskau einquartiert war. An demſelben Tage, an wel⸗ chem Ivan vom Schloſſe des Baron Galetzoff vertrieben worden war, verließ er ſeine Heimath, um zu ſeinem Regimente zu ſtoßen, nachdem er vorher ſeinen alten tiefgebeugten Vater, der ſich nun von Schmerzen und Betrübniß niedergedrückt, ſchnell ſeinem Ende nahte, ein Lebewohl geſagt hatte, das, wie er wohl fühlte, wahrſcheinlich das letzte war. Thaddeus, der von Natur leichten heiteren Sin⸗ nes war, hatte, bis er Moskau erreichte, ſchon die Sorgen des Abſchieds vergeſſen, und dachte an die Freude, mit ſeinem Freunde Ivan zuſammenzukommen; als er aber bald nach der Abenddämmerung durch die Straßen ging, um ſeinen Freund in ſeinem Gaſthofe aufzuſuchen, erfuhr er dort, daß dieſer ſoeben ausge⸗ gangen war. Er ging ſogleich wieder fort und hoffte ihn an einem ihrer gewohnlichen Erholungsorte zu treffen, als bald, nachdem er den Gaſthof verlaſſen hatte, das Licht einer Lampe gerade auf ſein Geſicht fiel, blieb eine hohe weibliche Figur, welche an ihm vorüber gehen wollte, ſtehen, blickte ſeine Züge aufmerkſam an, und wandte ſich dann ſchüchtern und bewegt an ihn. Als ſie aufſchaute, um zu ſprechen, ſiel der Schleier, welcher vorher ihr Geſicht verborgen hatte, auf die Seite und entblößte die Züge des Zigeunermädchens Azila. „Ich begegne Ihnen zu ſehr gelegener Zeit,“ ſagte ſie,„denn Sie können Beiſtand leiſten, wo er ſehr nöthig ſeyn wird. Sind Ihnen bereit, einem Freunde in einer großen Gefahr beizuſtehen?“ „Ich waͤre unwerth, von Einem Freund genannt zu werden, den ich zu unterſtützen zandern würde, was ich auch dabei wagen mag,“ antwortete Thaddeus.„Aber von wem ſprichſt Du?“ „Von Ihrem Freunde Jvan Galetzoff! Ich war dieſen Augenblick in ſeinem Gaſthofe, in der Hoffnung, ihn vor einer ihm drohenden Gefahr, von der ich eben 166 erſt Nachricht bekam, zu warnen. Ich konnte eine ſolche Botſchaft keinem Anderen anvertrauen; er iſt bereits ausgegangen, obſchon es jetzt aber zu ſpät iſt, die Ge⸗ fahr zu vermeiden, iſt es mir vielleicht möglich, ihn durch Ihren Beiſtand zu retten.“ „Den gebe ich herzlich gerne, auf jede Gefahr hin,“ antwortete Thaddeus.„Aber wie kann ich ihn finden? Wo iſt er, daß ich zu ſeiner Hülfe herbeieilen kann?“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiederte Azila,„verlaſſen Sie ſich aber ganz auf mich, ich werde Sie ſo aufſtellen, daß Sie im Stande ſind, ſogleich Hülfe zu leiſten, wenn es nöthig iſt.“ „Ich werde mich ganz Deiner Leitung anvertrauen,“ ſagte Thaddeus. „Ich wußte, daß Sie zu edel ſind, um zu zaudern,“ erwiederte Azila im Tone tiefer Dankbarkeit.“ Laſſen Sie uns jetzt aber nicht mehr länger hier verweilen.“ „Zeige mir den Weg, meine Schöne, ich werde folgen,“ ſagte Thaddeus. „Haben Sie Ihre Wafefen bei ſich?“ fragte ſie, denn dieſe werden nöthig ſeyn.“ „Ja, ich trage mein Schwert unter meinem Mantel.“ „Das iſt gut,“ ſagte Azila,„und nun mein Herr, folgen Sie mir heimlich und ſchnell oder wir könnten zu ſpät kommen.“. Azila ſchaute einen Augenblick zurück, um zu ſehen ob Thaddeus folgte, dann ging ſie mit ſchnellen Schrit⸗ ten weiter und nahm ihren Weg durch verwirrte, enge Straßen, ſo daß er kaum folgen konnte ohne zu laufen. Sie ging auf einer der Brücken über den Fluß, ging durch mehrere verödete Straßen, wo viele Häuſer jetzt noch nicht von Schutt und Aſche befreit waren, und rannte fort, bis ſie unter dem dunkeln Schatten eines breiten Thorweges ankamen, wo ſie hielt. Hier ſagte ſie zu ihrem Begleiter mit ſchwachem, eifrigen Flüſtern:„Ich kann Sie ferner nicht leiten; Sie müſſen aber einwilligen, geduldig hier zu harren, 167 bis Ihr Beiſtand nöthig ſeyn wird, oder bis ich zurück⸗ kehre; ich muß mich jetzt beeilen Einige meines Stam⸗ mes, die in der Nachbarſchaft ſind, herbeizurufen, um das Entkommen Ihres Freundes möglich zu machen. Hüllen Sie ſich ſelbſt dicht in Ihren Mantel und blei⸗ ben Sie verſteckt an dieſem Orte; behalten Sie Ihr Schwert zu einer plötzlichen Rettung gezogen, denn ich habe Urſache zu glauben, daß Ihr Freund durch Meu⸗ chelmörder angefallen wird, wenn er in der Nähe dieſes Ortes vorbeigeht. Auf alle Fälle ſeyen Sie vorſichtig und bei der Hand.“ Sie ſchlich ſich nun leiſe von dieſem Orte fort und ließ Thaddeus allein, der ſich dann in den dunkelſten Schatten des Thorweges zurückzog, wo er vor jedem Vorübergehenden gänzlich verborgen war. Er konnte ſich nicht deutlich vorſtellen, wodurch ſich ſein Freund einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt hatte, es war ihm jedoch hinreichend, zu wiſſen, daß ſeine Hülfe nöthig war, und ohne nur daran zu denken, was er dabei wagte, beſchloß er, das Reſultat abzuwarten, wie es auch immer aus⸗ fallen möge. Er war zu einer langen Wache verurtheilt, er ſtrengte ſeine Augen an, um das Dunkel zu durchdringen, und lauſchte aufmerkſam, um jeden nahenden Fußtritt zu hö⸗ ren; plötzlich hörte er den Ton von Stimmen, welche mit einander flüſterten, und ſich wie es ſchien dem Orte, wo er verſteckt war, näherten. Der Thorweg, in welchen Azila Thaddeus geſtellt hatte, war nicht derſelbe, in welchen Groff ſich verſteckt hatte, ehe er den Mord an dem jungen Grafen Flatoff beging, aber in geringer Entfernung von demſelben. Dieſer hatte der Abſicht des Mörders nicht ſo entſpro⸗ chen, da er zu fern von dem Sträßchen war, durch wel⸗ ches Ivan in der Regel ging. Deßhalb blieb nun Thaddeus ungeſtört in ſeinem Verſtecke. 1 „Halte hier, Kruntz,“ ſagte eine Stimme;„dieß iſt der Fleck, wo ich den verfluchten Jungen ſo oft vorbei 168 gehen ſah, und ich empfahl unſerem edeln Herrn hier auf ihn zu lauern. Irgend etwas hat den Grafen mehr als je gegen ihn erbittert, und er gelobte, nicht zufrie⸗ den zu ſeyn, bis er ihn mit ſeinem eigenen Schwerte durchbohrt habe. Er wird ſich vor ihm ſicher ſtellen, ich bin gut dafür.“ „Ein ſichereres Werk thun als Du in der Nacht letzthin, Groff,“ ſagte Kruntz. 4 „Was meinſt Du?“ erwiederte Groff;„von was für einem Werke ſprichſt Du?“ „Was ich meine! was? den Mord des Grafen Fla⸗ toff! ho, ho, denke nicht Kamerad, daß Du dieß vor mir verbergen kannſt, oder daß ich Dich verrathe. Ich hatte Dich gleich als Du nach Hauſe kamſt mit einem ſchmu⸗ tzigen Werke in Verdacht, und es dauerte nicht lange bis ich die Wahrheit entdeckte.“ „Wenn Du es weißt, warum ſprichſt Du dann noch davon?d“ murmelte Groff mit heiſerem Tone.„Ich werde mich nicht noch einmal irren, glaube mir. Wir wollen jetzt unſere Rache nehmen und den Lohn verdienen. Der Junge iſt ein ſchönes Geſchäft für uns; wir werden un⸗ ſere Zeit nicht mehr länger mit Aufpaſſen und Nachjagen verlieren“ „Wir kennen einander genau, Groff, und haben nicht nöthig, kleine Geheimniſſe dieſer Art vor einander zu haben; fürchte nicht, daß ich Dich verrathe. Aber lage mir, wie gelang es Dir ausfindig zu machen, daß der junge Galetzoff wahrſcheinlich dieſen Weg geht?“ „Wie? der Graf trug mir auf, alle ſeine Gäaͤnge zu überwachen, und verſchiedene Male folgte ich ihm in dieſe Richtung; hinter den Gartenmauern verlor ich ihn immer plötzlich aus den Augen; nachdem ich aber hier wartete, fand ich, daß er wieder zurückkehrte; und ſo ge⸗ ſchah es jede Nacht auf gleiche Art. Ich glaubte ge⸗ wiß er ſey es, als ich in der Nacht letzthin den Miß⸗ griff machte; ich werde aber zum zweitenmale nicht feh len, glaube mir; und ich weiß, daß er kommen wird, 169 denn ſicher war er es, den wir im Dunkeln vorüberge⸗ hen ſahen. Ach! was iſt das für ein Gegenſtand dort auf dem Boden, Kruntz? ſehe er bewegt ſich! es iſt zu gräßlich, um hinzuſehen!“ rief Groff mit hohler, ge⸗ dämpfter Stimme,„ich ſehe ſeine verſtümmelten Züge. Glaubſt Du an Geſpenſter, Kruntz?“ „An Geſpenſter— nein!“ antwortete Kruntz höh⸗ niſch;„ich ſah nie eines. Wie, was gibt es Mann 7 Du biſt nicht gewöhnt, ſonſt zu zittern. Faſſe Dich, Groff; ſey ein Mann. Was brauchſt Du Dich zu küm⸗ mern, daß Du den unrechten Mann aus dem Weg ge⸗ ſchafft haſt; Du hiſt nicht der erſte, der dieß that.“ „Du kannſt wohl lachen, Kruntz, Du haſt kein Ge⸗ fühl; wenn Du aber das ſchreckliche Geſicht geſehen hät⸗ teſt, das mir gerade erſchien, Du würdeſt zittern.“ „Unſinn, Geſelle,“ ſagte ſein Gefährte; dieß war nur Deine Einbildung, und jetzt laſſe dieſe Ideen fahren, denn hier kommt Jemand. Sey bereit!“ Thaddeus hörte genau jedes Wort dieſer Unterhal⸗ tung; er war ſehr für die Sicherheit ſeines Freundes beſorgt, und war ſchon bereit, hervorzuſpringen, um ihm beizuſtehen, als es ihm in der Dunkelheit ſchien, er nä⸗ here ſich. 3 Als die Fußtritte näher kamen, hörte man die Stimme des Grafen Erintoff: Pſt, Pſt! he, Geſellen, wo ſeyd Ißr? Kruntz, Groff, antwortet!“ Die Männer, welche unter dem Gewölbe verſteckt ggeweſen waren, kamen, als ſie die Stimme ihres Herrn erkannten, hervor. „Iſt die Perſon, der ich Euch aufzulauern befahl, erſchienen, oder habt Ihr ſie wieder entwiſchen laſſen, Ihr Elende?“ „Nein, Herr Graf,“ antwortete Kruntz;„befürchtet dieß nicht. Ich bin ihm einen verbläuten Kopf ſchuldig, und ich vergeſſe meine Schulden nicht. Ich möchte nur aauch ſeinen Freund, den anderen jungen Geſellen, erwi⸗ ſchen, ich wollte ihm die alten Rechnungen bezahlen.“ 17⁰0 „Achtung, Buben!“ ſagte der Graf.„Horcht, es naherf ſich Jemand; ſeyd bereit, herauszuſpringen. Er iſt es!“ Man hörte einen Fußtritt. Thaddeus umfaßte den Griff ſeines Schwerdtes feſter— ſein Herz ſchlug höher, als er ſich anſchickte, aus ſeinem Verſtecke hervorzubre⸗ chen. Die Perſon hatte den Ort erreicht. Es war Ivan, denn der Graf und ſeine Knechte ſprangen auf ihn hinein und griffen ihn wüthend an. „Ergeben Sie ſich, Sie ſind mein Gefangener!“ rief der Graf, indem er mit ſeinem Degen gegen Ivan's Bruſt fuhr, jedoch glücklicherweiſe nicht ſehr ſchnell, ſo daß dieſer Zeit hatte, auf die Seite zu ſpringen und ſein Schwerdt zu ziehen, das er ſeit Azila's Warnung immer bei ſich trug; dieß ſetzte ihn in den Stand, einen zwei⸗ ten Streich, der auf ihn geführt wurde, abzuwehren. „Rettung! Ivan! Rettung naht ſich, mein Freund!“ rief Thaddeus, indem er unerwartet hervorkam, und die Schwerdter der beiden Knechte wegſchlug, welche ſich ihm zu widerſetzen verſuchten.„Was ſoll dieſer meuchelmör⸗ deriſche Angriff?“ Er hatte es mit Groff und Kruntz zu thun, welche ſich in einem Augenblicke von ihrer Ueberraſchung erholt hatten, und ſich nun mit ihrer ganzen vereinten Kraft gegen ihn wendeten, während ihr Herr Zvan hart drängte. 4 1 „Ergeben Sie ſich!“ rief der Graf noch einmal; „Sie ſind ein Verräther an Rußland, und haben ſich aſen⸗ dunkle Verſchwörung gegen ſeine Geſetze einge⸗ aſſen.“ Dieſe Worte feuerten Ivan an, ſich mit größerem Nachdrucke zu vertheidigen; er erwiederte den Angriff des Grafen mit ſolcher Stärke, daß dieſer ſicher als Opfer ſeines ſchändlichen Anſchlages gefallen wäre, wenn er nicht Kruntz zu ſeiner Hülfe herbeigerufen hätte. Da nun Geoff allein gegen Thaddeus war, griff er dieſen mit ſolcher blinder Wuth an, daß er dadurch ſeine 171 eigene Perſon ausſetzte; ſein Gegner war begierig Ivan zu Hulfe zu kommen, der nun einen ſo ungleichen Kampf zu beſtehen hatte, und that ſein möglichſtes, ihn zu ent⸗ waffnen. Da ihm dieſer Verſuch nicht gelang, machte er einen Ausfall, um den Streit zu beendigen; ſein Schwerdt drang wirklich durch den Leib des Gegners, welcher röchelnd auf den Boden ſiel. In der Zwiſchen⸗ zeit hatte ſich Ivan mit Erfolg gegen ſeine beiden Geg⸗ ner vertheidigt; in dem Augenblick aber, als ſein Freund ihm zu Hülfe kommen wollte, glitſchte er mit einem Fuße aus, welchen Augenblick der Graf erſah, um ihm ſein Schwerdt durch die Seite zu ſtoßen. Thaddeus ge⸗ lang es bald, Kruntz zu entwaffnen, indem er ihm durch ſeine Ueberlegenheit im Fechten das Schwerdt aus der Hand wand, und über die anſtoßende Mauer warf, wor⸗ auf der Räuber, ſtatt ſeinem Herren beizuſtehen, ſich umdrehte und floh. Ehe letzterer aber Zeit hatte, ſeinen Vortheil weiter zu verfolgen, und Ivan eine zweite be⸗ deutendere Wunde beizubringen, ward er durch Thaddeus kraftig angefallen, welcher ihn zurückdrängte, um ſeinen Freund zu befreien, und ihn dann auf gleiche Weiſe ent⸗ waffnete; der Graf zog ſich hinter hervorſpringendes Mauerwerk zurück, bekam einen Vorſprung vor dem ihn verfolgenden Gegner, und da er mit den verſchiedenen Windungen der engen Gaͤßchen bekannt war, gelang es ihm auch zu entkommen. Thaddeus kehrte wieder um und kam in dem Augen⸗ blick zu ſeinem Freunde zurück, als Letzterer von den Wirkungen des Stiches wieder zum Bewußtſeyn kam und vom Boden außzuſtehen verſuchte. Er ließ ſich an ſeiner Seite nieder, und ſchickte ſich an, die Wunde zu verbin⸗ den; als Ivan ihn aber erkannte, rief er: „Fliehe, Thaddeus, fliehe! denn Verräthereien und Gefahren umgeben uns; es iſt jetzt nicht der Augenblick zu Erklärungen, ich bitte Dich aber inſtändig zu fliehen, den wird mein Untergang auch den Dennigen nach ſich zie en.“ 172 „Nie werde ich Dich ſo verlaſſen,“ erwiederte Thad⸗ deus.„Halte Dich an mir, als Stütze; vielleicht haben wir Zeit zu entkommen.“ „Ich danke für Deine edelmüthige Hülfe,“ ſagte Ivan; nich fürchte jedoch, daß ein Entkommen unmög⸗ lich iſt; ich fühle mich zu ſtark verwundet, um gehen zu können, und Du würdeſt unvermeidlich gefangen werden; denn ſey verſichert, daß ſich der Graf blos zurückgezogen hat, um die Polizei zu holen, ohne deren Hülfe er an⸗ fangs ſeine Rache ſättigen zu können glaubte. Ich weiß zu wohl durch die Worte, die er murmelte, daß ich voll⸗ kommen in ſeiner Gewalt bin, durch geheime Nachrich⸗ ten, die er erhalten hat.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen leichten Fuß⸗ tritt näher kommen, und eine weibliche Figur erſchien, welche Thaddeus als Azila erkannte. Sie ſtieß einen Schrei aus, als ſie Ivan verwun⸗ det und auf dem Boden liegend ſah; als ſie zu ihm hin kam, unterſtützte ſie Thaddeus, ſeinen verwundeten Freund aufzurichten. „Ach!“ rief ſie aus,„wie unglücklich bin ich, daß ich zu ſpät kam, um dieſen Unfall zu verhüten; es ſind V V aber Freunde auf dem Wege hierher, welche immer noch nützlich ſeyn können.“ „Ich danke Dir, ſchönes Mädchen,“ ſagte Ivan, indem er mit ihrer Hülfe aufſtand,„ich will mich ſelbſt anſtrengen, zuerſt aber überrede meinen Freund, daß er ſich ſelbſt durch die Flucht rettet, denn ſein Aufenthalt hier könnte ihm große Gefahr bringen, ohne daß er mir ferner behülelich ſeyn könnte.“ „Er ſpricht nur zu wahr,“ ſagte Azila, indem ſiet ſich gegen Thaddeus wandte.„Es wäre in der That Tollheit zu bleiben, und ſo der Rache des Grafen noch ein anderes Opfer zu bieten; denn glauben Sie mir, Ihr Freund wurde durch die feige Memme, den Graſen Erintoff, verrathen, und hat die Strenge der äußerſt tyranniſchen Geſetze auf ſich geladen, Fliehen Sie deßhalb 1 173 ſo lange es noch Zeit iſt, ehe die Polizei uns auf den Ferſen iſt, wo Ihre Uniform allein Sie verrathen würde; fürchten Sie nicht für Ihren Freund; es wird fuͤr ſeine Sicherheit geſorgt werden.“ Thaddeus verweigerte es immer, ſeinen Freund zu verlaſſen, trotz der Zureden des Letzteren, als plötzlich, während ſie ſprachen, Lichter in der Entfernung ſichtbar wurden. „Fliehe, Thaddeus! fliehe, mein theurer Freund!“ rief Ivan;„ſtehe, die Polizei nähert ſich, und Du wirſt Dich mit mir in das Unglüuck ſtürzen. Und Du, Mäd⸗ chen, überlaſſe mich ebenfalls meinem Schickſal; Deine Sicherheit iſt auch gefährdet, wenn Du entdeckt wirſt.“ „Ich werde Sie nicht verlaſſen, mein Herr; ich habe nichts zu fürchten;“ antwortete Azila.„Achlu rief ſie,„der große Geiſt iſt gütig!“ In dieſem Augenblick erſchienen zwei dunkle Figuren in entgegengeſetzter Rich⸗ Ctung von der, in welcher die Lichter erſchienen waren, und wohin ſie immer in unruhiger Spannung geblickt hatte.„Dieſes ſind meine Freunde; ſie kommen noch zu rechter Zeit, um Sie zu retten.“ Zwei Männer näherten ſich nun, zu denen ſie einige Worte in ihrer eigenen Sprache ſagte, worauf dieſe augen⸗ blicklich Jvan vom Boden erhoben und ihn in der Rich⸗ tung, woher ſie gekommen waren, forttrugen. Azila ging ſtillſchweigend voraus. Thaddeus folgte, und war glücklich zu finden, daß die Entfernung von 3 ben wichtern. welche die Polizei trug, zuſehends größer wurde. 3 Die Flüchtigen ſetzten ihren Weg geraume Zeit in dem dunkeln, engen Sträßchen, mitten in den Ruinen der Gebaäude, welche wir bereits beſchrieben haben, und mit denen Azila ganz genau bekannt ſchien, fort; nie uderte ſie bei den zahlreichen Wendungen auch nur einen Augenblick, welchen Weg ſie nehmen ſollte. End⸗ 8 lich hielten ſie vor einigen großen, eingefallenen Gebäu⸗ den, welche in der Dunkelheit noch viel finſterer und „ ¹ 174 weitläufiger ausſahen. Ihr Führer ging durch einen niedern, bedeckten Gang, gefolgt von dem Reſte der Parthei, und gab dann einen kräftigen Schlag an eine kleine Thüre, welche man kaum von dem umgebenden Mauerwerk unterſcheiden konnte. Sie wurde ohne einen Augenblick Verzug geöffnet; die Fluchtigen traten hin⸗ ein, und nachdem ſie mehrere Treppen hinuntergegangen waren, befanden ſie ſich in einem kleinen, gewölbten Zimmer. Die Thüre wurde wieder ſehr ſorgfältig hinter ihnen geſchloſſen und es erſchien nun ein ſehr alter, abgelebter Mann, der eine Lampe in der Hand trug, mit welcher er jedes Individuum bei ſeinem Eintritte prüfend beleuch⸗ tete. Die zwei athletiſchen Zigeuner legten nun den Ver⸗ wundeten auf ein kleines Bett, das an einem Ende des Gewölbes ſtand; Azila redete den alten Mann hierauf folgendermaßen an: „Vater, ich bin gekommen, um Ihren Beiſtand für einen Unglücklichen, welcher der Polizei entwiſcht iſt, die ihn nun überall ſucht, anzuſprechen. Hier wird er, wie Sie wiſſen, in Sicherheit ſeyn.“ „Tochter,“ antwortete der alte Mann,„ich möchte Dir nichts abſchlagen. Ich werde mein möglichſtes zur Sicherheit des Mannes thun; wer iſt aber dieſer An⸗ dere? Ein Offizier! was thut der hier?“ „Es iſt ein Freund des Verwundeten, der ihn nicht verlaſſen wollte, obgleich er dadurch ſelbſt große Gefahr lief,“ antwortete Azila.„Ehe aber der Morgen graut, muß er von hier fort ſeyn. Jetzt, da Sie uns aber Ihre Gaſtfreundſchaft zugeſtanden haben, Vater, müſſen wir Ihren verwundeten Gaſt pflegen.“ 3 Es war in der That Zeit, denn durch die Anſtren⸗ gungen, die Ivan gemacht hatte, blutete ſeine Wunde aufs neue; der alte Mann brachte jedoch Leinwand und Salben, um ſie auf die Wunde zu bringen; ſeine Hände zitterten, aber aus Altersſchwäche, als er von Thaddens unterſtützt, dieſes Geſchäft vornahm.. 173 „Ach, ich habe in früheren Tagen manche Wunde verbunden, und dachte nun ſchon lange an einen Ort ge⸗ V kommen zu ſeyn, wo es keine mehr zu heilen gebe. Nun, Gottes Wille geſchehe!“ Ivan hatte ſich angeſtrengt, ſeinen Dank auszu⸗ driücken, fiel aber dann erſchöpft zurück. Inzwiſchen hatte Azila die zwei Maͤnner fortgeſchickt, um die Richtung, welche die Polizei nahm, zu überwachen, und Nachricht zu geben, ſobald Thaddeus mit Sicherheit ſeine Rück⸗ kehr nach der Stadt unternehmen könne. Sie ſaß hier⸗ auf an der Seite des ſchlechten Lagers von Ivan nie⸗ der und überwachte jede Bewegung ſeines blaſſen Ge⸗ ſichtes, während Thaddeus auf der entgegengeſetzten Seite ſaß, und ihr alter Wirth beſchäftigt war, verſchiedene Erfriſchungen herbeizuſchaffen; er entkorkte eine Flaſche Wein, von welchem eine kleine Quantität Ivan wieder bedeutend belebte. Der alte Mann ging immer auf und ab, murmelte unverſtändliche Worte vor ſich hin, ſprach aber nur wenig mit den Fremden. Nach ziemlich langer Zeit kamen die ausgeſchickten Kundſchafter zurück, um zu melden, daß die Straße frei, und daß die Polizei in Verzweiflung darüber, daß ihre Beute entwiſcht war, auf ihre Poſten zurückgekehrt ſey. „Es iſt nun Zeit, daß Sie fortgehen, mein Herr,“ ſagte Azila, indem ſie ſich an Thaddeus wandte,„denn ein längerer Aufenthalt hier wäre gewagt, und Ihr reund, glauben Sie mir, wird ſorgfältig gepflegt wer⸗ den. Einer dieſer Männer wird Ihnen als Führer die⸗ nen, bis Sie in einen Stadttheil kommen, in dem Sie bekannt find. Als auf dieſe Worte Thaddeus aufſtand, um zu ge⸗ hen, rief Ivan aus: „w„Lebewohl, mein edelmüthiger Freund! Ich weiß nicht, wenn wir uns das naͤchſte Mal wiederſehen werden, denn Alles um mich her ſieht dunkel und trüb aus, doch ſagt mir etwas in meinem Innern, daß ich jetzt alle Gefahren überwinden werde. Unſere Laufbahn befürchte 176 ich jedoch wird ſehr verſchieden ſeyn; die Deinige iſt deutlich vor Dir, und doch wünſche ich, daß Du der meinigen folgen würdeſt. Du ſchüttelſt den Kopf. Gut, gut, ich kann jetzt nicht ſo mit Dir ſprechen, wie ich wünſche, ich werde aber Sorge tragen, Dich von meinen Bewegungen zu unterrichten, und vielleicht ſehen wir uns wieder eines Tages in glücklicheren Umſtänden.“ Nachdem Thadeus Azila ſeinen Dank ausgedrückt hatte, folgte er einem der Zigeuner, welcher ihn ſchnell fortführte, und in einen Theil der Stadt brachte, wo er bekannt war; hier zeigte ihm der Mann die Richtung, die er zu nehmen hatte, und verſchwand ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten; der junge Pole erreichte hierauf wohl⸗ behalten ſeine Wohnung. Fünfzehntes Kapitel. Ob auch der Hauptplan fehlgeſchlagen, Bleibt viel zu hoffen noch; ich nenn— vinglüektich nicht den Tag, der ſichert unſ're Flucht Halt für verloren nicht das Streben, das dich rettet. Dr. lohnsohn, Irene. Ivan fiel in einen feſten erquickenden Schlaf, der alle Erinnerung an die ihn umgebenden Sorgen und Gefahren aus ſeinem Sinne verbannte, während die ſorgſame Azila an ſeinem Lager ſaß und bei ihm wachte. Er war mehrere Stunden ungeſtört in dieſem Zu⸗ fluchtsorte geweſen, als er plötzlich aus dem Schlaſe auffuhr— geweckt durch ein eigenthümliches haſtiges Pochen an die Thüre. Azila ſprang gegen dieſelbe, als der alte Mann ſich ſchnell von ſeinem Sitze erhoben und murrend angeſchickt hatte, die Riegel zu öffnen. „Um's Himmels willen laſſen Sie ihn nicht herein,“ ſagte Azila,„wer er auch ſeyn mag! Er könnte Ihrem Gaſte den Untergang bringen. O, ſagen Sie ihm, er 177 ſolle ſich irgendwo anders ein Obdach, oder was er ſonſt will, ſuchen.“ „Ach, Peſtilenz über die Menſchen, die mich immer quälen,“ murmelte der alte Mann vor ſich hin;„ich möchte es wohl, aber mein Eid— mein Eid zwingt mich. Ich darf Keinem den Eingang verſagen, der das Zeichen macht“ Es wurde noch einmal geklopft, und als der alte Mann den Balken weggeſchoben und die Thüre geöffnet hatte, kam ein Mann in das Zimmer herein, bleich wie der Tod, ſein Anzug in der größten Unordnung, und das gezogene Schwerdt in der Hand. „Verſtecke mich— verſtecke mich, Vater!“ rief er. „Alles iſt verloren; mehrere ſind ergriffen, einige erſchla⸗ gen, und Alles zerſtreut; die Polizei iſt eben in meiner Verfolgung begriffen. Der alte Mann ſchaute dem neu Angekommenen ſcharf in's Geſicht, um ihn zu erkennen, und als wenn er eine Erklärung deſſen was ſich zugetragen hatte, ver⸗ langen wollte; während der Fremde ſeinerſeits überraſcht war, als er ſah, daß Azila und Jvan bereits das Zim⸗ mer eingenommen hatten. Er wurde jedoch auch als einer der Verſchwörer erkannt; und ließ ſich ganz er⸗ ſchöpft auf eine ſteinerne Bank nieder. „Warum dieſe Bewegung?“ ſagte Ivan, als die 3 Perſon ihn erkannte,„warum dieſe Aufregung? denn ich hörte die Worte nicht recht, die Sie bei Ihrem Eintritte ſprachen.“ 8„Ach!“ antwortete der Verſchwörer,„unſere edle Unternehmung wurde entdeckt, ehe Alles vorbereitet war, und iſt nun gänzlich und für immer verloren. Als die Verſammlung aufbrach, und wir uns trennten, fanden ir, daß die Polizei mit ſtarker Macht alle Zugänge des Gartens beſetzt hatte. Es war keine Zeit zu ver⸗ lieren; einige von unſeren Freunden waren bereits er⸗ griffen worden, als ich mit Andern einen verzweifelten Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling I. dieſe Nacht eentwiſcht, denn die Polizei kam eben erſt 178 Ausfall durch ein Thor machte, das weniger ſtark als die übrigen beſetzt war; mehrere von uns entkamen, be⸗ günſtigt durch die Dunkelheit und unſere Bekanntſchaft der Oertlichkeit; die Furcht gab meinen Füßen Schnellig⸗ keit, ich bekam einen Vorſprung vor meinen Verfolgern und eilte hierher. Einmal hörte ich meine Verfolger dicht hinter mir, ſie verloren mich aber aus dem Geſicht in den engen Sträßchen, welche bierher führen. Wäre die Verſammlung bälder aufgebrochen, ſo wären wir für auf dem Platze an, wohin wahrſcheinlich Spionen einige von uns hatten gehen ſehen, oder war irgend eine ſchänd⸗ liche Verrätherei im Werke. Ich entkam mit Noth, als ich aber einmal meine Verſolger hinter mir hatte, war ich außer Beſorgniß, da ich wohl wußte, daß Du Vater mich beherbergen werdeſt.“ „Ei, ei,“ murmelte der alte Mann,„auf die Ge⸗ fahr hin wieder die Knute zu befommen, und in Ketten nach Sibirien zurückgeſchickt zu werden, wenn ſie ent⸗ decken wer ich war. Ich habe bereits genug durchgemacht, fürchten Sie jedoch nichts, ich werde Sie nicht verrathen, und es wird lange anſtehen bis die Schelmen meine Höhle aus findig machen, für den ſchlimmſten Fall iſt hier ein Platz, den ſie ſchwerlich entdecken werden, jeden⸗ falls müſſen Sie ſich, wenn die Polizei kommen ſollte, da hinein verbergen.“ Auf dieſe Worte bewegte er etwas, das nur ein ſchlecht behauener Steinblock der Mauer zu ſeyn ſchien, das aber in Wirklichkeit eine mit gutgemachten Angeln verſehene Thüre war, welche den Eingang in einen kleinen Raum— ein kleines Zimmer bildete, das durch eine Oerffnung unter dem Dache Luft erhielt. Es war augen⸗ ſcheinlich mit großer Mühe und Beharrlichkeit in der Abſicht gemacht worden, in der es nun auch benützt werden ſollte, und konnte drei oder ſelbſt noch mehr Perſonen ohne Unbequemlichkeit faſſen. 3 „Wenn die Poltzei uns hier überraſcht, muß Ihr 1 179 verwundeter Freund auch an dieſem Orte Zuflucht ſuchen, und ſie muß mehr Witz haben als ich ihr zutraue, wenn ſte ihn auskundſchaften will. Horch! ich höre Fußtritte, es kann mich ſicher Keiner verrathen haben. Wenn es ſo wäre, iſt Alles verloren.“ 8 Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als ein Hagel von Schlägen auf die Thüre ſiel, und eine Stimme laut im Namen des Kaiſers Einlaß begehrte. Der Ver⸗ ſchwörer drehte ſich bleich vor Schrecken um, und ſprang gegen den Eingang des verborgenen Zimmers. „Halt!“ ſagte Azila,„wollen Sie Ihren verwun⸗ deten Kameraden umkommen laſſen, während Sie Ihren eigenen Rückzug ſichern? Zuerſt bringen Sie ihn in Sicherheit und Alles wird gut gehen; fürchten Sie nichts, ich will ſchon machen, daß wir bald von unſerem un⸗ willkommenen Beſuche befreit ſind.“ Ivan dankte ihr mit einem Blicke voll Dankbarkeit, der Verſchwörer folgte ihrer Anweiſung, und trug ihn mit der ſchwachen Hülfe des alten Mannes durch die enge Oeffnung, wo er auf etwas Stroh gelegt wurde, das man in aller Eile zuſammengeſucht hatte; Azila ſchloß hierauf den Eingang ſehr ſorgfaltig und bereitete 3 ſich vor, die Emiſſäre der Gerechtigkeit zu empfangen. Sie zog ihren Mantel ſo über Kopf und Schultern, daß er ihre Figur und ihre Geſichtszüge vollkommen verbarg, 3 ſtand darauf vor das Feuer, wie wenn ſie ein Geſchäft des Kochens zu beſorgen hätte, während der alte Mann ſich langſam gegen die Thüre bewegte, um ſie zu öffnen, nd dabei murmelte und die Augen r iearwie wenn er o eben erſt vom Schlafe aufgeſtanden wete. Ein zweites ungeduldiges Rufen mach e, daß er ſich beeilte die Riegel zurückzuſchieben; als dieß geſchehen war, wurde er durch das ſchnelle Aufreißen der Thure beinahe u Boden geworfen, ein Theil der Polizei ſtürzte herein, ſie ſtutzten aber ganz verwirrt, als ſie ſahen, wer die Bewohner des Zimmers waren. 12* 180 Azila's aufmerkſames Auge bemerkte den Diener des Grafen Erintoff— den Räuber Kruntz, unter der Parthie. „Ich könnte ſchwören,“ ſagte dieſer Mann,„daß ich vor kaum einer Viertelſtunde eine Perſon hier herein gehen ſah, und ich weiß, daß ſie nicht entwiſcht ſeyn kann, ohne daß ich ſie ſah.“ „Dieß iſt eigen,“ ſagte der Führer der Polizei, „wir müſſen den alten Mann befragen, wenn er ſo viel Sinne hat, um uns zu verſtehen. Höre, alter Mann! hat Jemand noch ſpät dieſes Dein Haus verlaſſen 2 „Wenige kommen um einen vom Alter und von Un⸗ päßlichkeiten geqnälten Mann, der in einem finſtern Ge⸗ wölbe wohnt, wohin das Tageslicht kaum dringt zu be⸗ ſuchen,“ ſagte der Eremit,„nein, nein! Alles was ich verlange, iſt, daß man mich in Frieden und Ruhe allein ſterben läßt. Was wünſchen Sie von mir, werthe Herren? Kann ich Ihnen mit etwas dienen? Ich habe in der That wenig anzubieten!“ 4 „Höre mit Deinem Geſchwätz auf, alter Mann!“ ſagte der Polizeioffizier,„und höre auf das was ich dir ſage. Ein ſchändliches Komplott iſt ſo eben entdeckt worden, und mehrere von den Verſchwörern haben ſich in dieſe Nachbarſchaft zurückgezogen. Nun horche! ich laſſe mir keine Poſſen vormalen, Du alter Mann weißt etwas von ihnen.“ „Wehe dem Tag, an dem ſolche Dinge vorkamen 1 rief der alte Mann.„Blicken Sie um ſich— ſehen Sie, Keiner iſt hier, es muß hier eine Irrung vor⸗ gefallen ſeyn.“ „Wir werden ſchon ſehen,“ rief der Polizeioffizier, der erbittert darüber, daß ihm ſeine Beute entgangen war, dem alten Eremiten einen heſtigen Schlag mit einem dicken ledernen Riemen über den Rücken gab, dieß wird Dir vielleicht Deine Ideen und Begriffe wieder auffriſchen. Sage! kannſt Du Dich nun erinnern, alter 181 Geſelle, oder ſoll ich Dich durch einen anderen Hieb beleben?“ „Ich kann nicht mehr als die Wahrheit ſprechen,“ ſagte der alte Mann gelaſſen, und ſich vor dem kleinen Tyrann verneigend, da er zu ſehr an ſolche Thaten ge⸗ wöhnt war. Ihre Streiche können mir nur die Wahr⸗ heit entlocken, ich weiß nicht, von wem Sie ſprechen.“ „Iſt dieß ſo!“ rief der Offizier, der nun wüthend wurde über dieſe fehlgeſchlagene Verfolgung, und ſtren⸗ gen Verdacht hatte, er ſey auf irgend eine Art hinter⸗ gangen worden. Wir wollen ſehen, was dieſes Leder vermag, um die Wahrheit aus Cuch zu ziehen,“ er gab ihm hierauf mehrere kräftige Hiebe, auf welche der alte Mann vor dem Barbar zuſammenſtürzte, ohne ſich jedoch auch nur mit einem Worte zu beklagen, auch konnte nicht die geringſte Nachricht ihm abgezwungen werden. Seit dem Eintritt der Pollzei war Azila, wie es ſchien, ganz theilnahmlos auf ihrem Sitze geblieben, den Kopf gegen das Feuer geneigt, und ihre Züge ſo im Mantel verſteckt, daß ſie Niemand erkennen konnte; ſie hatte jedoch ein wachſames Auge auf die, deren Gegen⸗ wart die Sicherheit Ivan's gefährden konnte, und hoffte, daß der Wit eines Weibes ſie im Nothfalle ſchon irre fuhren werde. Nnn konnte ſie jedoch nicht mehr laͤnger ihre Entrüſtung bezähmen, bei dem feigen Angriff des Polizei⸗Offiziers auf den alten kränklichen Mannz; ſie ſtand plötzlich von ihrem Sitze auf und ſtellte ſich kühn vor den Tyrann. 8 Indem ſie ſich ſtolz vor ihm erhöhte und einen Blick beie Verachtung auf ihn warf, redete ſie den Räu⸗ ber an: „Feiger Tyrann, können Sie keinen edleren Gegen⸗ ſtand finden, an dem Sie Ihre ungerechte Rache aus⸗ ben, und Ihre Macht mißbrauchen können, als dieſen lten abgelebten Mann hier? Vielleicht halten Sie ein ſchwaches hülfloſes Weib für einen würdigern Gegenſtand, 182 um Ihr ſtolzes Vorrecht auszuüben, wenn ſo— ſo ſchlagen Sie zu! Fürchten Sie nicht! Ich kann ſo viel ertragen, als dieſer alte, kränkliche Mann, vielleicht noch mehr. Wie! Fürchten Sie ſich? Dann befehlen Sie einigen Ihrer Geſellen, den Angriff zu beginnen; fehlt ihnen auch der Muth? Oh! eine ſehr brave und edle Bande, die einen alten Mann, und ein junges Weib fürchtet! Gehen Sie dann Ihres Weges, wenn Sie keinen beſſeren Auftrag haben— oder ſuchen Sie zuerſt hier, was Ihnen fehlt!“ Die rauhen Naturen der Männer wurden durch das majeſtätiſche Weſen und die gebieteriſchen Manieren Azi la's bezähmt, und ſie zogen ſich an den Eingang der Höhle zurück, während ihr Anführer vor Wuth ſchäumte, daß ihn ein junges Mädchen ſo beſchämte; er brütete aber Rache.— Azila hatte viel Takt gezeigt, daß ſie den Zorn des Offiziers von dem alten Manne auf ſich leitete, ihn in Wuth brachte und dieſe immer noch vermehrte, um ihn zu verwirren und ihn abzuhalten, eine ſtrenge Unterſu⸗ chung vorzunehmen, bei der durch einen Zufall die Zu⸗ fluchtsſtätte der beiden Verſchwörer hätte entdeckt werden können. Ihr Plan war beinahe gelungen, und der Of⸗ ftzier ſchickte ſich an, fortzugehen, als ihm einzufallen ſchien, er habe etwas vergeſſen; er drehte ſich noch ein⸗ mal um, packte den alten Mann rauh an der Schulter und fragte ihn nach ſeinem Namen; der letztere zau⸗ derte, ihn ſogleich zu ſagen, was ihm eine friſche Tracht Schläge zuzog. „Halten Sie— halten Sie ein!“ rief er;„fragen Sie nach meinem Namen? ach! mein Gedächtniß iſt ſo ſchwach, daß ich mich kaum deſſelben erinnere; ich heiße Orenoff und lebe hier von der Gnade und Barmherzig⸗ keit, die mir einige Wenige erweiſen, deren Herz noch nicht ganz zu Stein geworden iſt. Mein Herz hat dieſes Schickſal erlitten, ſonſt könnte ich Ihre Behandlung nicht ertragen.“ 183 „Während der alte Mann auf dieſe Art fortplau⸗ derte, machte ſich der Offizier Notizen aufs Papier, und wandte ſich dann mit den Worten an Azila: „Nun, Madame, geben Sie mir auch einige Aus⸗ kunft über ſich, oder bereiten ſie ſich vor, mir zu folgen. Was thun Sie hier?“ 3 „Ich beantworte Ihre Fragen nur, weil es mir ſo gefällt,“ erwiederte Azila.„Ich kam, um dieſen alten, ſchwachen und kranken Mann zu pflegen, und ihm Nah⸗ rung und Arznei zu bringen, denn er hat ſonſt Niemand, der ihn wartet.“ „Woher kommen Sie denn?“ fragte der Offtzier. „Von einer edeln menſchenfreundlichen Dame,“ ſagte Azila, und vielleicht wird Ihnen ein Licht aufgehen, wenn ich Ihnen ſage, daß es mein Mantel war, den man in dieſes Gewölbe eintreten ſah, und welchen Ihre Spionen für einen der Verſchwörer hielten!“ „Wenn Sie keine beſſere Auskunft über ſich geben können, als dieſe, müſſen Sie mich begleiten,“ ſagte der Offizier. „Wenn es mir aber nicht gefallen ſollte, mitzugehen, ſollten Sie wohl einige Schwierigkeit finden, mich zu wingen,“ erwiederte Azila. Der Offtzier lächelte höhniſch und ging vor, um ihre ſchlanke Figur zu ergreifen, welche in der That ſei⸗ nen Griffen nur ſehr geringen Widerſtand hätte leiſten können, als ſie ausrief: „ Bleiben Sie weg; wenn Sie mich berühren, iſt es auf Ihre eigene Gefahr! zu gleicher Zeit wies ſie ein Papier vor, das ſie aus ihrem Buſen hervorzog. „Können Sie dieſe Unterſchrift?“ rief ſie.„Gehen Sie Ihres Weges, und laſſen Sie dieſen alten Mann in Ruhe, welcher zu ſchwach und kränklich iſt, um von hier fortzugehen und lernen ſie in Zukunft Ihre Tapferkeit an Männern ausüben, die fähig ſind, ſich ſelbſt zu ver⸗ theidigen.“ Der ſtolze Ofſtzier ſchaute auf die Seite, runzelte 184 die Stirne und ſchickte ſich nun an, fortzugehen; er ſchien jedoch immer noch zu zaudern, wie wenn er im Zweifel wäre, ob er recht handelte; eine bedeutungsvolle Bewegung von Azila’s Hand beſtimmte ihn jedoch, ſeinen Leuten zu befehlen, daß ſie ſich zurückziehen ſollten, worauf dieſe ſich auch ſogleich durch die kleine niedere Thüre des Gewölbes entfernten, und froh waren, daß ſte fortkamen; ihr Anführer folgte ihnen. Als ihre Fußtritte verhallten, wollte der alte Mann eilig die Thüre zumachen, Azila hielt ihn jedoch davon ab. „Mein Vater,“ ſagte ſie; Sie könnten den Verdacht bei ihnen erregen, wir haben etwas zu verbergen, wenn wir ſolche Eile zeigen, ſie hinauszuſchließen; und dann moͤchten ſie leicht noch einmal kommen, und ihre Unter⸗ ſuchung erneuern, obſchon ich glaube, daß ihr brutaler Führer keine große Luſt haben wird, den Verſuch zu machen.“ Erſt nach Verlauf von mehreren Minuten wurde die Thüre wieder geſchloſſen und verriegelt. Während dieſe Scene vorging, können Ivan's Em⸗ pfindungen beſſer gefühlt als beſchrieben werden, als er mit ſeinen Gefährten in der engen Zelle verſteckt lag; zuerſt, da er die Polizei eintreten hörte, dann bei der Mißhandlung des alten Mannes, und endlich, als ihr Anführer Azila zu packen verſuchte. Anfangs fühlte er ſich geneigt, hervorzukommen, und auf jede Gefahr hin den Barbaren zurückzuhalten; die Schmerzen ſeiner Wunde brachten ihn aber zu rechter Zeit zur Vernunft, und er überlegte, daß er durch dieſe Handlung nicht nur ſeinen Gefährten und ſich ſelbſt geopfert, ſondern auch ſeinen alten Wirth und Azila in große Gefahr gebracht hätte. Das Mädchen erſchien bald, nachdem die Polizei fortgegangen war, am Eingang der Zelle, und ſagte zu den Bewohnern derſelben. „Für den Augenblick glaube ich, ſind Sie ſicher; ich kann jedoch nicht dafür ſtehen, auf wie lange es ſeyn wird, denn die Polizei wird jetzt dieſen Platz über⸗ wachen. Ihnen, mein Herr, der Sie kraͤſtig und im 185 Stande ſind, irgend wo anders Sicherheit zu ſuchen, rathe ich von hier fortzugehen, ſobald ich mich verge⸗ wiſſert habe, daß die Straße frei iſt; denn zuverläſſig werden ſie über kurz oder lang hierher zurückkehren. Sind Sie damit einverſtanden, fortzugehen?“ „Ja, ja,“ erwiederte der Verſchwörer,„lieber will ich mich den Gefahren auf der offenen Straße entgegen⸗ ſetzen, als zu riskiren, hier gleich einem Fuchs in der Höhle ergriffen zu werden; es wird aber ein gefahrvolles Unternehmen ſeyn, den Banden luchsaugiger Polizeimän⸗ ner davon zu gehen. Kann ich meinem Freunde Galetzoff dienen? werde ich ihn nicht in einer noch größeren Ge⸗ fahr zurücklaſſen?⸗ „Fürchten Sie nichts für ihn, überlaſſen Sie ihn meiner Sorge;“ antwortete Azila,„und nun ſeyen Sie bereit, von hier zu fliehen, wenn ich zurückkomme. Ich will von denen, welche auf der Lauer find, hören, ob alles ſicher iſt.“ Als das Mädchen fortgegangen war, ſchloß der alte Mann die Thüre wieder mit der größtmöglichen Vor⸗ ſicht, während der Verſchwörer Ivan's Hand drückte, ihm Lebewohl ſagte und bereit war, bei ihrer Rückkehr voon hier zu ſliehen. Sie kam bald zurück und verſicherte, daß Niemand von der Polizei in der Nachbarſchaft zu ſehen war; mit ſcheuen, ängſtlichen Blicken gieng er hierguf fort, um eine ſicherere Zufluchtsſtätte zu ſuchen. Die Thüre wurde hierauf wieder durch Riegel und Querbalken geſchloſſen. Azila nahm nun wieder ihr vo⸗ riges, ſchüchternes, zurückhaltendes Weſen an, das, wenn eſich in Ivan's Gegenwart befand, ſo verſchieden von ihrem gewöhnlichen, ungezwungenen, freien Benehmen r, wenn ſie ſich mit Anderen unterhielt; ſie ſagte zu ein verwundeten, jungen Manne: „Ich muß Sie nun auf einige Zeit verlaſſen, denn ich gehe, um Mittel zu ſuchen, die es Ihnen möͤglich machen, ſicher von hier zu entkommen, und die Zelte meines Volkes zu erreichen, wo Ihre Wunde bald heilen 186 wird, und Sie ſich ſo lange verweilen können, bis Sie Kräfte genug beſitzen, um aus dem Lande fliehen zu können. Bis zu meiner Rückkehr vertraue ich Sie einem alten erprobten Freunde und einem treuen Wächter an, welcher draußen lauert, und ſogleich von der geringſten Gefahr Nachricht geben wird.“ Dann machte ſie ihre gewöhnliche, orientaliſche Begrüßung, und gieng gegen die Thüre, nachdem ſie noch einen ſchächternen Blick auf ihren Patienten geworfen hatte; ehe er Zeit hatte, ihr ſeinen Dank auszudrücken, war ſie ſchon aus dem Ge⸗ wölbe. Ivan blieb in dem Verſtecke, deſſen Thüre aber offen war, während ſein alter Wirth ſich anſchickte, auf Stroh in einer Ecke des Gewölbes zu ſchlafen; er ſelbſt folgte dem Beiſpiele des Letzteren, ward aber durch das geringſte Geräuſch aufgeſchreckt. Die Schatten der Nacht verſchwanden, ohne daß den Bewohnern des traurigen Gewölbes ein neues Ereig⸗ niß zugeſtoßen wäre. Sobald die Morgenſtrahlen durch die Löcher der Mauer Eingang gefunden hatten, ſtand der alte Mann von ſeinem elenden Lager auf, und ſchickte ſich an, eine Morgenmahlzeit zu bereiten, nachdem er vorher Jvan ſeine Dienſte geleiſtet hatte. Dieſe erquickte und belebte den verwundeten Gaſt ſehr, ohne jedoch die Schmerzen, die er litt, zu vermindern. Immer gab ihm die Betrachtung ſeines bisherigen Entkommens Hoffnung füͤr die Zukunft, und er blickte begierig auf die Zeit, wo ſeine gegenwärtige Einſchränkung aufhören, und er wieder die reine Luft des Himmels in unbeſchränkter Freiheit genießen könnte. Mit dieſen Gedanken beſchäf⸗ tigt, brachte er den Reſt des Tages in ängſtlicher Er⸗ wartung der Rückkehr Azila's zu. 3 187 Sechzehntes Kapitel. Welch' Liebe muß im Herzen ſeyn, Das alle Leidenſchaft verbirgt, Und das im allerkleinſten Theil Mehr als ein ganzes and'res fühlt. Der Hauptaufenthaltsort der eigenthümlichen Race der Zigeuner, von denen viele Tauſende in und um die Stadt Moskau herum ſind, iſt Marina Rochte, das un⸗ gefähr zwei Werſte von der Stadt entfernt liegt. Viele von dieſem Volke gewinnen ihren Lebensun⸗ terhalt in Moskau entweder durch Schenkwirthſchaften, die ſie inne haben, oder durch Handeln mit Pferden und anderen verſchiedenen Handelsartikeln, und haben im Allgemeinen einen gutmüthigen Charakter. Die Klaſſe, von der wir nun ſprechen, iſt die geringſte; die Frauen derſelben ſin⸗ gen in Wirthshäuſern und in verſchiedenen öffentlichen Gärten der Nachbarſchaft, und ſtehen nicht im Rufe des ſittſamſten Lebenswandels. Sie verſammeln ſich dort in großer Zahl; ihrem Ausſehen nach haben ſie Aehnlich⸗ keit mit denjenigen von dieſer Rare, denen man in Eng⸗ land begegnet; ſie haben eine braune Geſichtsfarbe und größtentheils ſchöne und regelmäßige Züge; ihre Augen und ſtolz und intelligent, ihr Haar iſt borſtig und von ohlſchwarzer Farbe; und alle haben daſſelbe freie und ngezwungene Benehmen. Man trifft hier jedoch noch eine andere Klaſſe von igeunern, deren Eriſtenz diejenigen überraſchen wird, ie gewöhnt ſind, dieſes Volk blos als wandernde Bar⸗ aren zu betrachten, welche keiner Civiliſation fähig und iſcht im Stande ſind, das Glück eines ruhigen, feſten bens zu würdigen; denn Manche von ihnen bewohnen ee ſchöne Häuſer in Moskau, fahren in den elegan⸗ ſten Equipagen, und ſind kaum von den oberſten Klaſſen r Ruſſen zu unterſcheiden, wenn nicht durch höhere, 188 finnliche und geiſtige Anlagen. Die Haupturſache dieſer eigenthümlichen geſellſchaftlichen Erſcheinung ſind die weibli⸗ chen Zigeuner, welche ſeit undenklicher Zeit die Macht ihrer Stimme ſo cultivirt haben, daß, obgleich ſie im Herzen eines Landes ſind, in welchem die Singkunſt eine größere Stufe von Vollkommenheit erreicht hat, als vielleicht in irgend einem anderen Theile der Welt, mit den Hauptzigeuner⸗ chören, der allgemeinen Meinung nach, Niemand rivaliſiren kann. Durch dieſes Singen gewinnen ſie ſehr bedeutende Summen, welche ſie in den Stand ſetzen, einen Luxus zu führen, der über alle Beſchreibung geht. Manche ſind an ruſſiſche Edelleute von Bedeutung verheirathet. Die liebenswürdige, häusliche und talentvolle Frau eines Grafen, die in den höchſten Kreiſen Moskau's wohl be⸗ kannt iſt, iſt eine geborene Zigeunerin, und war früher der Hauptſtolz eines Zigennerchors in Moskau; ſie iſt nun eine der Hauptzierden der verfeinerten Geſellſchaft. In keinem anderen Theile der Welt blühen die Zi⸗ geuner wie in Rußland, wo ſie einen großen Contraſt gegen die erbärmlichen Horden bilden, welche, im Laſter und Elend lebend, die Halbinſel überſchwemmen; und eben ſo gegen das gemeine Diebsgeſindel Englands und Schottlands, das ſich nur durch Naub ernährt; ſolche Banden ſind oft nur eine Sammlung der gemein⸗ ſten Landſtreicher jeder Art, die ſich mit der Original⸗ Race vermiſcht haben. Es herrſchen ſehr verſchiedene Meinungen darüber, aus welchem Lande die Zigeuner eigentlich ſtammenz gewöhnlich wird angenommen, daß ſie urſprünglich von⸗ Hindoſtan kamen, wo ſie zu(der niederſten Klaſſe der Indianer gehörten, welche Suders heißen, das heißt, ſolche, welche zu keiner Kaſte gehören, daß ſie von hiet im Jahre 1409 in großer Anzahl auswanderten, als Timour Beg Indien verheerte, um mit Feuer und Schwerdt die Grundſätze der mohamedaniſchen Religion zu verbreiten. Es ſcheint wahrſcheinlich, daß ſie ſich auf 189 ihrem Wege gegen Egypten, wo wir zuerſt von ihnen hören, einige Zeit in der Gegend am Ausfluſſe des In⸗ dus aufhielten, welche Zinganen genannt wird, woher wohl der Name Zigeuner kommen mag. Auf welchem Wege ſie von hier aus nach Egypten kamen, iſt unbe⸗ kannt; hier hatten ſie ſich im Jahre 1517 in großer Zahl niedergelaſſen, als Sultan Selim das Land eroberte. Sie empörten ſich gegen ſeine Herrſchaft unter einem Anführer, der den Namen Zinganeus angenommen hatte, wahrſcheinlich, weil er zum Haupt des Volkes ernannt worden war, wurden jedoch gänzlich geſchlagen und ge⸗ nöthigt, ihr Heil in der Flucht zu ſuchen, worauf ſie um das Jahr 1520 in großen Banden in Europa erſchienen. Viele ihrer Anführer, welche mit ihrem Anhange den Weg in die nördlichen Theile Europa's fanden, nannten ſich Herzoge und Herren von Nieder⸗Egypten, und gaben ſich Mühe, dem Volke, zu welchem ſie kamen, durch An⸗ ſprüche von Rang und Würde zu imponiren; dieß wollte ihnen jedoch nicht xecht gelingen und ſie ſanken bald in eine Klaſſe herab, welche nicht beſſer als Land⸗ ſtreicher und Vagabunden geachtet wurden. In Rußland, einem Lande, wo eine unwiſſende bar⸗ bariſche Bevölkerung iſt, machen es ihnen ihre verſchie⸗ denen Talente und ihr Scharffinn möglich, einen höhern Nang einzunehmen; und ſie waren auch hier zu keiner Zeit den Verfolgungen und Bedrückungen ausgeſetzt, welche ſie in anderen Ländern zu dulden hatten. Obſchon viele, wie ſchon geſagt, ihre Wohnung in Städten nah⸗ men, ſo behalten doch andere immer ihre urſprüngliche handernde Lebensweiſe bei, wohnen in Zelten und ziehen on Ort zu Ort ganz wie es ihnen gefällt, oder wie es ie Zwecke, welche ſie zu ihrem Unterhalte verfolgen, fordern. Der Stamm, zu welchem Azila gehörte, war unter der Leitung eines ſcharffinnigen Führers, und wurde von ihm gezwungen, alles Rauben und Plündern zu unter⸗ laſſen. Obgleich dieſer Zigeunerhäuptling ein bedeuten⸗ 190 des Vermögen beſaß, war er zu ſehr an ein freles unabhängiges Leben gewöhnt, um ſich in die Ein⸗ ſchränkungen und den Zwang des geſelligen Lebens in Städten zu ſchicken, und zog das wechſelnde bewegtere Leben eines Lagers vor. Er hatte nichtsdeſtoweniger zahlreiche Verbindungen mit Leuten von jedem Range in der Stadt; und unter den höchſten von dieſen war ſeine Tochter Azila erzogen worden; und als ihre eige⸗ nen Neigungen ſie beſtimmten, wieder in das Lager ihres Vaters zurückzukehren, wurde ſie von ihnen immer noch mit der größten Aufmerkſamkeit behandelt; durch ihren Beiſtand, unterſtützt durch ihre eigenen Talente und ihren Scharfſinn war es ihr auch möglich geworden, die verſchiedenen Erkundigungen einzuziehen, welche wie wir bereits geſehen haben, von ſo großer Wichtigkeit für die Verſchwörer waren. Es iſt gegen Abend eines der wenigen ſchönen hel⸗ len Tage, welche die Ruſſen in ihrem kurzen Sommer erfreuen, daß wir unſere Leſer wieder in das Lager un⸗ ſeres Freundes, des Zigeunerhäuptlings führen Dieſes war erſt kuürzlich am Saume eines Waldes ganz in der 1 Nähe von Marina Rochte aufgeſchlagen worden; und da man weniger Leute als gewöhnlich im Lager ſah, ſo war es augenſcheinlich, daß manche ihre Brüder im Orte aufgeſucht hatten, um ſich dort mit ihren gewöhn⸗ lichen Unterhaltungen, Singen, Tanzen und anderen Spielen die Zeit zu vertreiben.— In einiger Entfernung vom Kreiſe der Zelte gieng der Zigeunerhäuptling langſam, die Arme auf der Bruſt gekreuzt und in Gedanken verſunken, ſpazieren. Zuletzt. hielt er laut folgendes Selbſtgeſpräch. „Dieß iſt die verderbliche Wirkung davon, daß wir von unſeren alten Geſetzen und Gebräuchen abgewichen ſind, und an den Angelegenheiten des Volkes, bei w chem wir wohnen, Theil genommen haben; wir verli ren Freiheit und Unabhängigkeit, indem wir ihren grau⸗ ſamen und ungerechten Geſetzen unterworfen werden 191 Warum habe ich nicht das liebenswürdige Mädchen ab⸗ gehalten, ſich in die Angelegenheiten Anderer zu miſchen, welche ihr ſelbſt im Falle des Gelingens wenig Dank dafuür gewußt hätten; und nun iſt ſie wahrſcheinlich ſelbſt in Gefahr; und wenn dieß der Fall iſt, was für ein Hülfsmittel habe ich, ſie zu retten— nur das, ihre Verwandtſchaft zu erklären. Das würde ſie retten, aber es würde ihrem ſtillen Leben den Untergang bringen⸗ Wenn ſie in die Hände des tyranniſchen Geſetzgebers fiele, wäre ihr Loos wahrhaft beklagenswerth. Sollte ich ſie denn nicht retten? Ja ich muß ſelbſt auf Un⸗ koſten des Eides, den ich ſo gedankenlos ablegte. Ein ſolcher zufälliger Umſtand war nicht vorherzuſehen. Es muß geſchehen, obgleich es mir beinahe das Herz brechen würde, mich von ihr zu trennen; ſie all dem Betruge und der Verrätherei unterworfen zu ſehen, welchen ſie durch ihren Stand ausgeſetzt iſt; ihren frei geborenen Geiſt durch die ſtrengen Regeln und die alberne Etikette der Geſellſchaft bedrückt zu ſehen; ſie durch Jemand regiert zu wiſſen, der ihren Werth nicht zu würdigen weiß und vor deſſen wildem mürriſchem Blicke ſie zit⸗ tern würde, und ſie in Mauern eingeſperrt zu finden, ohne Erlaubniß, je mehr in unabhängiger ungezwunge⸗ ner Freiheit umherwandeln zu dürfen. Mancher wird jetzt ſagen, ich handle unrecht, und beraube ſie des Ge⸗ nuſſes von Luxus und Vermoͤgen, welche ihr gehören. Thoren! Thoren! wie werthlos ſind Gold, äußerer Pomp, Müßiggang, ſchwaͤchliche Weichlichkeit, gegen Ge⸗ ſundheit und die freie Luft des Himmels.“ Als er wieder umkehrte, ſah er den Gegenſtand ſeiner Gedanken in ſchnellem Schritte in der Richtung von der Stadt näher kommen. Azila ſchien aufgeregt und eilig in ihrem Benehmen; nachdem ſie eine kurze nterredung mit ihrem Vater gehabt hatte, giengen ide mit einander in den Kreis der Zelte. Der Zigeu⸗ uptling verſammelte die Männer, welche im Lager ückgeblieben waren, um ſich— lauter Leute, auf die 19² er des größte Vertrauen in ſchwierigen Fällen haben konnte. „Zigeuner!“ redete er ſie in der Sprache an, welche ſie am gernſten hoͤren,„es iſt eine gewagte und gefahr⸗ volle Aufgabe auszuführen, welche viel Scharffinn und große Behutſamkeit erfordert. Ich habe Euch deßhalb gerufen, um einen auszuerleſen, der ſchwören wird, ſie zu unternehmen; wer ſich jedoch hierzu anbietet, muß wiſſen, daß er ſeine Freiheit, vielleicht ſein Leben wagt.“ Als er zu ſprechen aufgehört hatte, trat ein Jüng⸗ ling aus dem Kreiſe ſeiner Gefährten hervor und rief: „Ich bin bereit zu unternehmen, was Sie mir auch vorſchlagen mögen, weun es in der Macht eines Mannes liegt!“ Die durchdringenden, glänzenden ſchwarzen Augen, das hübſche, ausdrucksvolle Geſicht und die wohlgeſtaltete Figur des Jünglings waren mäͤchtige Empfehlungen zu ſeinen Gunſten, und der Häuptling wählte ihn ohne Zaudern. „Ich weiß wohl, daß ich Dir trauen kann,“ ſagte er:„die Aufgabe wird all Deinen Scharfſinn und Deinen Muth in Anſpruch nehmen. Sie beſteht nämlich darin, die Freiheit des jungen Fremden zu ſichern. Denke aber daran, Javis, daß wenn Dein Verſuch entdeckt wird, Ket⸗ ten, Gefangenſchaft und Verbannung unfehlbar Dein Loos find, und Alles, was ich Dir im Falle des Gelingens als Belohnung geben kann, iſt mein und meiner Tochter Azila aufrichtiger Dank. Mehr kann ſie nicht geben,“ fügte er bei, während eine dunkle Röthe für einen Augenblick die Wangen des Jünglings färbte. „Ich frage nicht nach Belohnung,“ antwortete der Junge;„es iſt blos ein Zeichen der Dankbarkeit, welche jeder Mann des Stammes dem jungen Fremden ſchuldig iſt; und ich müßte eine niedrige Geſinnung haben, wenn ich nicht bereit wäre, ſie zu beweiſen; ich will ihn retten oder bei dem Verſuche umkommen.“ 3 193 „Ich ſetze alles Vertrauen in Dich, Javis, ſagte der Häuptling;„und nun wollen wir Azila zu unſerer Unterredung herbeirufen.“ Er hieß ſeine Tochter näher kommen, worauf ſie eine beträchtlich lange Zeit Berathung mit einander hielten. Als ſie zu ſprechen aufgehört hatten, rannte ein Knabe herbei, um den Häuptling zu benachrichtigen, daß ein Fremder ſich dem Lager nähere. „Ich will mit ihm ſprechen,“ ſagte der Häuptling. In wenigen Minuten kehrte der Knabe von einem Bauern begleitet zurück, deſſen trauriges, ſorgenvolles Ausſehen Mitleid einflößten. „Wer ſeyd Ihr?“ ſagte der Häuptling, indem er ihn ſcharf betrachtete und augenſcheinlich mit ſeiner Muſterung zufrieden war.„Wer ſeyd Ihr, daß Ihr ungeladen zu dem Volke der Zigeuner kommt? Was ſucht Ihr bei uns?“ „Wenn Sie die Perſon ſind für die ich Sie halte, ſollen Sie es ſogleich erfahren,“ antwortete der Bauer; „ſagen Sie mir, ſind Sie nicht der gutmüthige, ehrliche Zigeuner, der einmal ſo gefällig gegen meinen Herrn war, gegen meinen armen jungen Herrn, den ich in der ganzen Stadt aufgeſucht habe, ohne etwas von ihm hören zu können. Ach!l ach! ich fürchte, daß er ſich in großer Gefahr beſindet.“ „Wer iſt Euer Herr?“ fragte der Zigeuner;„wenn ich dieß weiß, kann ich Euch vielleicht Eure Fragen beantworten.“ „Mein armer junger Herr,“ antwortete der Bauer, der nnſer alter Freund Karl war,„iſt der Sohn des Baron Galetzoff. Als ich heute nach Moskau geſchickt wurde, und es wagte, meinem jungen Herrn einen Be⸗ 9 ſuch zu machen, hoͤrte ich, er ſei verſchwunden und Nie⸗ mand wußte wohin. Ich habe ihn den ganzen Tag an allen Orten, die ich wußte, geſucht, und komme nun, um Sie zu fragen, ob Sie nichts von ihm wiſſen?“ 3 Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. I. „Es iſt nicht meine Gewohnheit, die Fragen derer zu beantworten, die ich nicht kenne,“ ſagte der Zigeuner. „Sagt mir, wie kommt Ihr zu der Vermuthung, daß ich etwas von Euerem Herrn wiſſen könne?“ „Wie aus dem Grunde,“ ſagte Karl,„weil ich einmal meinen armen jungen Herrn mit ſeinem Freunde Thaddeus Stanisloff von einem Zigeunerhäuptling ſpre⸗ chen hörte, welcher verſprochen hatte, ihm beizuſtehen, wenn er ſich in irgend einer Gefahr befinde. Als ich nun überall herumlief, um meinen Herrn zu ſuchen, ſah ich mehrere von dem Zigeunervolke; ich beſchloß hierauf, hierher zu gehen, und zu ſehen ob ihr Häuptling nicht in der Nähe ſey, um ihn zu fragen, ob er nichts von meinem lieben Herrn wiſſe.“ „Wohl, mein guter Freund,“ ſagte der Zigeuner, den die Einfalt und Aufrichtigkeit des armen Karl freute, „geht nun in die Stadt zurück und ſagt kein Wort mehr von Eurem jungen Herrn; kommt aber morgen bei Tagesanbruch wieder hierher, nehmt Euch aber in Acht, daß Ihr nicht bemerkt werdet, vielleicht könnt Ihr ihn dann ſehen.“ „Ich danke Ihnen, mein guter, werther Herr,“ antwortete Karl,„Sie haben mein Herz wieder leicht und fröhlich gemacht.“ Er beabſchiedete ſich hierauf dem Wunſche des Zigeuners gemäß und kehrte nach Moskau zurück, wo er, als er herum wanderte, und in verſchiedene Kram⸗ läden und Werkſtätten ſchaute, um ſich die Zeit zu vertreiben, einem Bekannten begegnete, dem er ſich nicht enthalten konnte, die angenehme Nachricht zu geben, daß er vom Sohne des Baron Galetzoff gehört habe, wobei er immer den Namen IJvan nannte. Er bemerkte nicht, daß ein Fremder eben horchend hinter ihnen ſtand; bald erfuhr er jedoch zu ſeinem Schrecken. die Wirkung ſeiner gedankenloſer Mittheilung; denn ehe eine Stunde vergieng, war er von einem Manne 19⁵ der Polizei ergriffen und ſogleich vor die Obrigkeit ge⸗ führt worden.. Er wurde zuerſt ruhig über Ivan befragt, in der Hoffnung, man werde irgend ein freiwilliges Geſtändniß von ihm erhalten. Die obrigkeitliche Perſon drang hierauf ernſtlicher in ihn, entdeckte aber, daß von dem Gefangenen ſehr ſchwer etwas zu erpreſſen war, und als man ihm ſtrenge beſahl, alles zu bekennen, was er wußte, läugnete er muthig, je etwas von der in Frage ſtehenden Perſon gehört zu haben. Unglücklicherweiſe nützte jedoch den armen Karl ſeine Beharrlichkeit nichts, denn ſein Bekannter, der alles, was er wußte, bekannt hatte, wurde mit ihm confrontirt. Eine andere Perſon wurde überdieß noch gefunden, welche bewies, daß er der Diener des Baron Galetzoff ſey, und folglich den Sohn dieſes Edelmanns gekannt haben müſſe. Sein Längnen nützte ihn ferner⸗ hin nichts mehr, er wurde den nächſten Tag vor einen 3 Gerichtshof gebracht, von dem er wegen ſeines beharr⸗ lichen Weigerns auf die an ihn gerichteten Fragen zu antworten, verurtheilt wurde, ſofort die Strafe der Knute erſtehen zu müſſeu. Der arme Karl wandte ſich erblaßt weg, als er dieſes Urtheil ausſprechen hörte, ſein Muth verließ ihn ſedoch nicht und er beſchloß, ſich lieber dieſer Tortur auszuſetzen’, als ſeinen jungen Herrn zu verrathen. Er 3 Lurde fortgeſchleppt, um dieſe Strafe mit zwei anderen Verbrechern, die gemeiner Verbrechen überwieſen waren, 1 zu erleiden; das blaſſe Ausſehen und die zitternden Glie⸗ der dieſer letzteren beurkundeten ihre Angſt vor den kom⸗ menden Martern. G 3 Der Platz zu Erecutionen und Beſtrafungen iſt in einem freien Raume außerhalb einer der Barrieren der Stadt; hier verſammelte ſich eine große Menge in Leder gekleideter Bauern und Arbeiter, als ſie die Gefangenen näher kommen ſahen, geführt durch Wachen und Officiere, 13* 196 9. welche letztere die Pflicht hatten, darauf zu ſehen, daß die Strafe richtig vollzogen wurde. In Rußland wird der Vollſtrecker des Urtheils oder Palatch, wie er genannt wird, mit demſelben Wider⸗ willen und derſelben Verachtung angeſehen, wie in vielen anderen Ländern, und iſt immer ein Verbrecher, der als Gefangener betrachtet wird, aber für ſich ſelbſt in einem einſamen Hauſe außerhalb der Thore der Stadt wohnt. Es kamen jedoch ſchon Beiſpiele vor, daß Verbrecher dieſes gehäſſige Amt ausſchlugen, und der Ausübung dieſer grauſamen Pflichten, die mühſelige und beſchwer⸗ liche Reiſe nach Sibirien mit all dem Elende und den bejammernswürdigen Zufällen derſelben, und die ewige Verbannung von ihrem Lande vorzogen. Der Palatch bei der gegenwärtigen Gelegenheit war ein Verbrecher, der wegen Mordes lebenslänglich zu harter Arbeit in den Minen Sibiriens verurtheilt war. Schon das Ausſehen dieſes Mannes verrieth ſeine wilde Natur, welche in Ausübung dieſer ſchauderhaften Pflichten eine Begnadigung ſinden konnte. Unter ſeinen rothen borſtigen Haaren war eine niedere finſtere Stirne; ſeine buſchigen Augenbraunen bedeckten ein paar triefende Augen; außer dieſen ſah man von ſeinen Geſichtszügen nur noch eine platte aufwärts gebogene Naſe; der Mund war von einer Maſſe häßlicher rother Haare verborgen, welche den ganzen unteren Theil des Geſichtes bedeckten. Selbſt die unter dem Joche ſeufzende ſklaviſche Menge ſtieß einen Schrei des Abſcheus aus, als der verhaßte Vollſtrecker der Grauſamkeit erſchien; er ſchien ſich jedoch um dieſe Gefühle nicht zu kümmern, und machte mit kalter Gleichgültigkeit die Vorbereitungen zu ſeinem Grauen erregenden Geſchäft. Die zwei wirklichen Verbrecher ſollten zuerſt leiden; alle drei waren in einem freigelaſſenen Raum aufgeſtellt und bereit, ihre Strafe zu erſtehen. Der erſte Schul⸗ dige wurde vor ein aufrechtes Brett geſtellt, das die Form eines verkehrten Kegels hatte: in dem oberen 197 breiteren Ende waren drei Löcher angebracht, von denen das mittlere für den Hals und die beiden äußeren für die Arme des Delinquenten beſtimmt waren, welch letz⸗ tere überdieß noch feſt angebunden wurden; die Füße wurden an dem Boden des Brettes befeſtigt. Der obere Theil des Leibes wurde dann ganz entblößt. Nach⸗ dem dieſe Vorbereitungen getroffen waren, ſchwang der brutale Henker die Knute um ſein Haupt und ließ ſie mit fürchterlicher Gewalt auf den Nücken des Opfers fallen, deſſen Fleiſch ſchrecklich zerfetzt wurde. Die Handhabe der Knute iſt ein dicker, achtzehn Zoll langer Prügel, an deſſen Ende eine geflochtene lederne Peitſche doppelt ſo lang als der Prügel, befeſtigt iſt; am Ende der Peitſche iſt ein kupferner Ning, an welchen durch einen Knoten ein doppelter lederner Riemen gebunden iſt, der beim Ringe einen Zoll breit iſt und gegen das Ende ganz ſpitzig zuläuft; die Riemen werden in Milch geſotten, damit ſie anſchwellen und ſich verhärten. Der arme Karl ſchaute anf dieſe ſchreckliche Waſſe in der Hand des Henkers mit dem Gefühl des bitterſten Haſſes und ſelbſt das Geſchrei ſeiner Leidensgefährten, als die Knute auf ihren Rücken fiel, brachte ihn nicht zum Wanken in ſeiner Beharrlichkeit. Er war zu einer noch ſchwereren Prüfung beſtimmt; denn gerade als die Reihe zu leiden an ihn kam, hörte er eine Stimme, die ſeinen Namen ausrief, und die augenſcheinlich von einem Karren kam, der mit mehreren anderen eben die Thore der Stadt ver⸗ ließ und ſchnell vorbeifuhr. Er ſchaute ſich einen Augen⸗ blick um, und in ſeinem Blicke zeigte ſich eine plötzliche Freude; er faßte ſich aber ſogleich wieder und ließ den Kopf hängen, und ſchien nichts um ſich her zu bemerken, bis der Karren ſchnell vorbeigetrabt war. Endlich kam die Reihe gepeitſcht zu werden an ihn; er gab aber keinen Laut von ſich, bis die Natur endlich nachließ, noch ehe der Henker ſein abſcheuliches Werk beendigt hatte, das er durch die Uebung, die er bereits gehabt hatte, nut größerer Wuth zu betreiben ſchien, 198 wie die wilde Beſtie, die, wenn ſie einmal das Blut des Menſchen verſucht hat, nicht ruht, bis ſie ihn ganz er⸗ würgt hat. Karl wußte, daß er ſich augenblicklich von der ihm auferlegten Tortur hätte befreien können; er litt jedoch willig ohne Klage— ein treues Bild des ruſſiſchen Nationalcharakters, der ſich durch blinde Treue und geduldiges Leiden, ohne Ausſicht oder Hoffnung auf Belohnung, auszeichnet. Jetzt hatte er jedoch das Verbrechen, das ihm auf⸗ gebürdet wurde, noch nicht halb gebüßt, und die Gerech⸗ ligkeit behielt ihn immer noch in ihren Klauen. Er wurde ins Gefängniß zurückgeführt, bis ſeine Wunden geheilt waren, worauf er dann gezwungen wurde, dem Kaiſer als Soldat zu dienen. Die beſtaͤndigen Verluſte, welche ein ungeſundes Klima und die tſcherkeſſiſchen Sä⸗ bel in der Kaukaſusarmee verurſachten, machten häufig die Einreihung von Verbrechern bei derſelben nöthig⸗ Er mußte an Händen und Füßen gefeſſelt mit vielen Anderen in großen Banden fortmarſchiren; unter dieſen befanden ſich zwar auch manche Freiwillige, welche jedoch wie die Uebrigen behandelt wurden, um ihr Entweichen zu verhindern, im Fall fie ihren Sinn ändern würden. Karl wußte, daß es nutzlos geweſen wäre, zu kla⸗ gen, und da er eine zufriedene, glückliche Natur hatte, und ſich nicht viel mit Denken befaßte, beſchloß er, ſein Schickſal von der leichteſten Seite zu nehmen. Zum Glück fur ihn waren auch ſeine Gefährten blind gegen die Beſchwerden und das Elend, das ſie vorausſichtlich zu erdulden hatten, und brachten ihre Zeit mit Singen und Lachen zu. Während ſie marſchirten, erhob ſich ihr Freudengeſchrei mit dem Geraſſel der Ketten gegen die Wolken, gleichſam als Hohn gegen ihre Bedrücker; die armen Tropfen kannten das Gluck der Freiheit gar nicht und waren unfähig, ihre Erniedrigung zu fühlen, 2 leicht ſelbſt unfähig, nur zu denken! So iſt nun das einzige Volk Europa's, das ſicher durch Deſpotismus regiert werden kann, und durch ſolche unfinnige Werkzeug⸗ Kinnbäyten dunkeln wollenen Mützen, und Jacken von 199 läßt der Czar von Rußland ſeinen kaiſerlichen Willen voll⸗ ziehen. Was kümmern ſie ſich darum, wie viele Freie ſie in einen gleichen Zuſtand von Knechtſchaft verſetzen, wie ihren eigenen. Das Joch hat ſo lange ihren Nacken gedrückt, daß ſie das drückende Gewicht desſelben gar nicht füh⸗ len, ſondern geduldigen Ochſen gleichen, die ſich zufrie⸗ den nach dem Willen ihres Herrn zur Arbeit antreiben laſſen. Dieſes gewiſſenloſe Werkzeug iſt in der That von ſchrecklicher Wirkung und wurde nur zu oft ge⸗ braucht, um die Freiheit mit Füßen zu treten und zu unterdrücken und die Banner der Tyrannei mitten in einem Lande aufzupflanzen, wo bisher die Flagge der Freiheit glänzend und unbeſchmutzt wehte. Siebenzehntes Kapitel. Ob auch der Hauptplan fehlgeſchlagen, Bleibt viel zu hoffen noch; ich nenn Unglücklich nicht den Tag, der ſichert unſre Flucht, Halt für verloren nicht das Streben, das Dich rettet⸗ Dr. Johnson, Irene. Gegen Tagesneige fuhr ein rüſtiger junger Bauer, der gegen den gewöhnlichen Charakter dieſer Klaſſe ein intelligentes Ausſehen hatte, mit einem kleinen Karren, der, wie es ſchien, mit Fellen und Kaufmannswaaren geladen war, auf einem ſchmalen Nebenwege gegen einen Punkt, wo dieſe in die von Süden her gegen Moskau füh⸗ rende Straße einmündete. Da er in einiger Entfernung in ſüdlicher Richtung eine Staubwolke bemerkte, trabte er auf dieſelbe zu, begierig, die Urſache davon zu erfahren. Er fand, daß ſie von einem langen Zuge von Wagen herrührte, gegen zwanzig an der Zahl, wovon die meiſten durch Ochſen gezogen wurden; an einigen Fahrzeugen von der Art, wie das ſeinige war, waren jedoch auch Pferde an⸗ geſpannt. Die Führer der Wagen waren ſtämmige, garſtig ausſehende Bauern, mit rothen Schnurr⸗ und 200 Schaaffellen, deren Wolle nach innen gekehrt war. Manche von ihnen waren oben auf ihrem Wagen halb eingeſchlafen und verließen ſich auf den Inſtinkt ihrer Thiere; es war nun aber Zeit, ſie aufzuwecken; denn ſie näherten ſich dem Ziele ihrer Reiſe, welches von ihrer Heimath vielleicht mehrere hundert Meilen weit entfernt war. Moskau, ihr Ziel, war in der Nähe.. Der junge Bauer vereinte ſich mit der Caravane und fuhr in der Reihe der Wagen fort, wie wenn er zu ihnen gehört hätte. Durch ſeine luſtigen Einfälle und ſeine Geſchichtchen erweckte er bald Gelächter und Scherze bei den leicht zu erheiternden Bauern; nachdem er unter den Häuten, welche ſeinen Karren bedeckten, geſucht hatte, brachte er eine große Flaſche mit Vodka und ein Glas hervor, das er mit dem geprieſenen Getränke füllte und es ſeiner nächſten Umgebung reichte. Sowohl durch dieſes Mittel, als auch durch die Lieder, die er von Zeit zu Zeit ſang, gewann er alle Herzen, denn die Ruſſen ſind eben ſo leidenſchaftliche Freunde der Muſik als des Vodka. „Springe herauf, mein Freund,“ ſagte er zu einem der Männer, welcher ſich ſchwerfällig nebenher bewegte, „Du wirſt hier einen beſſeren Sitz finden, als in Dei⸗ nem eigenen Wagen.“ Der Mann folgte dieſer Einladung gerne, und der junge Mann begann eine Menge Fragen an ihn zu rich⸗ ten. Auf dieſe Art erfuhr er, daß ſie nur einen Tag bleiben wollten, um ihr Vieh ruhen zu laſſen, und daß ſie den folgenden Morgen hierauf wuidder gegen Süden aufbrechen würden. Dieſe Nachricht ſchien ihm ſehr befrie⸗ digend zu ſeyn, und er machte ſeinen neuen Freunden ver⸗ ſtändlich, daß es ihm wünſchenswerth ſeye, als einer vom Zuge in die Stadt zu fahren und auf gleiche Weiſe mit ihnen zurückzukehren, zugleich ſagte er ihnen, er werde nicht vergeſſen, ſeine hölzerne Kanne mit Vodka zu füllen. Die ſtolzen Thürme und glänzenden Kuppeln Mos⸗ kau's kamen nun zum Vorſcheine; da die Karavane die 201 Erlaubniß erhielt, ohne Zögern durch die Thore der Stadt einfahren zu dürfen, ſo bewegte ſie ſich gegen den Theil der Stadt, wo ſich dieſe Volksklaſſe in der Regel aufhält; der junge Bauer richtete ſich hierin ganz nach den Anderen. Erſt nachdem es dunkel geworden war, übergab er ſeinen Karren einem der Karrenführer, den er ſich be⸗ ſonders zum Freunde gemacht hatte, zur Aufſicht, und gieng in den Straßen fort, in denen immer ein Gedränge und Getümmel iſt, und wo er Lnſtparthieen begegnete, die von den Gärten in der Nachbarſchaft zurückkehrten. Reiche Edelleute die von einer fröhlichen Geſellſchaft oder Zerſtreuung zu einer andern giengen; Soldaten die von der Wache abgelöst worden waren und zurückkehrten; betrunkene Männer aus allen Klaſſen, welche nach Hauſe wankten, und einander gegenſeitig zu halten ſuchten, wenn ſie an den Thorpoſten vorübertaumelten; von Kei⸗ nem derſelben hörte man jedoch bacchanaliſche Geſänge, wie es in England und in anderen Ländern vorkommt; denn der Ruſſe wird, obgleich er nüchtern ein ſorgloſes, leichtes Gemüth hat, wenn er betrunken iſt, ein trotzi⸗ ges, mürriſches Thier, indem alle ſeine ſchlimmſten Lei⸗ denſchaften erwachen, und der durchaus keinen Anſpruch macht, ſich zu freuen. Dieß iſt eine ſehr gewöhnliche Scene in Rußland; wir ſollten jedoch ſolche ſklaviſche Weſen, die in ſo apathetiſche Unwiſſenheit verſunken ſind, und die nicht einmal ſich ſelbſt zu achten gelernt haben, eher bemitleiden als tadeln. Der Bauer ſchien mit der Stadt wohl bekannt zu ſeyn, denn er ging ſchnell in den verwirrten Straßen fort, ohne ſich auch nur einmal unterwegs aufzuhalten. Was nun auch ſein Geſchäft war, er hatte es bald be⸗ endigt; und nach ſeiner Rückkehr ſetzte er ſich in Geſell⸗ ſchaft zu ſeinen neuen Freunden, ſchenkte ihnen aus ſei⸗ ner Kanne Vodka ein, und ſang ihnen Lieder vor bis ſpät in die Nacht hinein. Der ganze nächſte Tag wurde von den Kärrnern dazu verwendet, den Inhalt Ihrer Karren an Ihre verſchiedenen Beſtimmungsorte zu bringen, und 2⁰²2 dieſe dann wieder mit den Gütern zu beladen, welche ſie in den Süden mitnehmen wollten. Der fremde Bauer ſchaffte auf gleiche Weiſe ſeine Ladung fort, und kehrte mit einer ſehr leichten Gegenladung zurück, indem er ſagte, er habe einen Freund mit einem gebrochenen Fuße, den er gerne in ſeine Heimath nach Hauſe bringen möchte. Abends lud er ſeinen Karren wieder ab, übergab ſeine Güter der Aufſicht ſeines Freundes des Kärrners und fuhr in der Richtung, die er früher genommen hatte fort, indem er vor ſeinem Abgange ſagte, er werde mit ſeinem lahmen Freunde zurückkommen. Er führte ſeinen leichten Karren ſchnell durch die Straßen, bis er den eben erwähnten Theil der Stadt in der Nachbarſchaſt des Platzes, wo die Verſchwörer ihre Zuſammenkünfte gehalten hatten, erreichte; als er ſchwach huſtete, ſprang ein Knabe hinter einer Mauer hervor, nahm den Platz des Bauern ein und fuhr langſam weiter, während der Anndere zu der Thüre des Gewölbes eilte, in welchem Ivan ſo lange verborgen geweſen war. „Iſt alles ſicher?“ fragte er den Knaben der ſeinen Platz einnahm.„Haſt Du Keinen von der verfluchten Polizei in der Nachbarſchaft geſehen?“ „Es iſt nichts zu fürchten; es hätte Keiner hier vor⸗ über kommen können, ohne daß ich ihn geſehen oder ge⸗ hört hätte,“ antwortete der Knabe. Der Bauer klopfte auf die eigenthümliche Weiſe an die Thüre des Gewölbes, welche augenblicklich geöffnet wurde, worauf er eintrat. Es war Niemand zu ſehen, als der Karren auf dem nächſten Wege an dieſe Thüre fuhr; kaum war er dort angelangt, ſah man einen Zi⸗ geuner und den Bauern, welche miteinander einen Mann trugen, der Bauernkleider trug, und den Kopf ſo ver⸗ bunden hatte, daß man ſeine Züge nicht erkennen konnte. Sobald er auf den Karren gehoben war, der ganzen Länge nach auf dem Boden deſſelben ausgeſtreckt, ſo ergriff der junge Bauer wieder die Zügel und trabte ſchnell fort. Der alte Mann wurde wieder in ſeiner 203 Einſamkeit gelaſſen, und die beiden Zigeuner eilten in einer entgegengeſetzten Richtung fort. Der Bauer fuhr ſchnell durch die engen und winkli⸗ gen Straßen der Stadt; ein oder zweimal ſchien die Polizei geneigt, ihn aufzuhalten; da er aber eine ſorgloſe Miene machte und während des Fahrens heitere Lieder ſang und pfiff, hielten ſie es für unnöthig, ihn hierin zu unterbrechen. Endlich jedoch befahl ihm ein Polizei⸗Offtzier, der mit der Aufſuchung mehrerer Verſchwörer, welche bis jetzt der Entdeckung entgangen waren, beſchäftigt war, in befehlshaberiſchem Tone, ſeinen Karren anzuhal⸗ ten. Er gehorchte augenblicklich, worauf jener das Ge⸗ ſicht des im Karren Liegenden entblößte, wodurch rothe, buſchige Haare und ein langer, unordentlicher Bart zum Vorſchein kamen, welche künſtlich am Kopfe des verwun⸗ deten Mannes befeſtigt waren. Die Unbefangenheit und Freimüthigkeit des Bauern ſchienen den Offizier zu überzeugen, daß hier kein Grund zu Verdacht vorhanden ſey, und er befahl ihm wieder weiter zu fahren, ein Befehl, welcher ſehr ſchnell befolgt wurde, bis er endlich, ohne daß ihm ein weiteres Hin⸗ derniß zuſtieß, die Caravane ſicher erreichte. Er wurde herzlich von ſeinen Freunden bewillkommt, welche fröhlich an Kannen von ihrem beliebten Quaß und Vodka ſaßen; und nachdem er ſorgfältig für die Bequemlichkeit ſeiner Ladung geſorgt hatte, welche er in ſeinem Wagen zudeckte, begab er ſich zu ſeinen Kame⸗ raden und blieb bei ihnen bis ſie ſich wegſchlichen, um in ihren Karren zu ruhen, worauf ſich der junge Bauer gleichfalls unter die Decke ſeines Wagens legte. Den nächſten Morgen waren ſie ſehr frühe aufge⸗ ſtanden, es ſtund jedoch längere Zeit an, bis ſie in Be⸗ reitſchaft waren, ihre Reiſe gegen Süden zu beginnen. Der verwundete Mann war im Stande, aufrecht zwi⸗ ſchen den Waaren, mit denen der Wagen nun beladen war, zu fitzen; der Eigenthümer ging neben her; und als ſie durch die Stadtthore fuhren, hatte er einen Scherz 2⁰4 für jede Wache; die Caravane durfte auch, nachdem alle Karren durchſehen worden waren, ungeſtört weiter ziehen. Als ſie in kurzer Entfernung von den Thoren au⸗ ßerhalb der Stadt einen großen Zuſammenlauf von Men⸗ ſchen bemerkte, fragte der verwundete Mann um die die Urſache des Gedränges.„Es iſt nur, weil einige wenige Leute die Strafe der Knute bekommen,“ antwor⸗ tete einer der Karrenführer, der dieß als etwas ganz na⸗ türliches betrachtete. Als ſie dicht am Richtplatze vorüberfuhren, ſah, der Verwundete einen der unglücklichen Verbrecher, der frei daſtand und eben bereit war, die Strafe zu erdulden. Er ſtieß einen Schrei aus und ſchien gehen zu wollen, um den Verbrecher zu retten; ſeine Schwäche erinnerte ihn jedoch an ſeine Unfähigkeit zu gehen, und er ſank mit einem Blicke zerknirſchten Bedauerns auf ſeinen Sitz zurück. Der junge Bauer, der dieſe Bewegung bemerkte, ſprang ſchnell in den Wagen, und feuerte ſein Pferd zu einem ſtärkeren Schritte an. „Pſt, Herr, Pſt! Wollen Sie alles durch Mangel an Vorſicht verderben?“ ſagte er,„nichts kann den ar⸗ men Bauern retten, und ich weiß, er würde eher ſterben, als Sie in Gefahr bringen. Die Kunde, daß Sie frei ſind, wird ihn vollkommen entſchädigen.“ Die Caravane fuhr auf ihrem Wege weiter und Staubwolken verbargen die häßliche Scene vor ihren Augen, und vielleicht ſelbſt unter dieſer knechtiſchen Bande von Karrenführern hob ſich manche Bruſt entrüſtet über die Grauſamkeit, von der ſie Zeuge waren; denn ſie wußten, daß leider der Unſchuldige zu oft die Strafe die dem Schuldigen allein gehörte, ausſtehen muß; Keiner von ihnen wagte jedoch, ſeine Gedanken auch nur gegen ſeine Kameraden auszuſprechen. Lange Zeit konnte der junge Bauer ſeine vorige Heiterkeit nicht wieder erlan⸗ gen, nachdem er wieder auf ſeinen Poſten an der Seite des Karrens zurückgekehrt war; endlich fieng er jedoch wieder zu plaudern und zu lachen an wie zuvor, und der heitere Sinn ſeiner Gefährten verbannte vollends ſchnell die Erinnerung an die Scene, die er mit ange⸗ ſehen hatte, aus ſeinem Gedächtniß. Nachdem er noch einige Werſte mitgefahren war, trug er ſeinen Kameraden auf, nichts davon zu erwäh⸗ Inen, daß er bei ihnen geweſen ſey, nahm treuherzig Ab⸗ ſchied von ihnen, und trabte ſchuell auf dem Nebenwege, der dort einmündete, fort. Er blieb noch lange Zeit in der Erinnerung dieſer gutmüthigen, treuherzigen Leute, in deren Bruſt Feind⸗ ſchaft einen viel geringeren Halt hat, als Dankbarkeit und Zuneigung. Die Caravane war hierauf kaum eine Stunde wei⸗ ter gefahren, als ein Allarm entſtand; eine Abtheilung der berittenen Polizei galoppirte ihnen nach. Die Emiſ⸗ ſäre der Gerechtigkeit waren bald hinter den Wagen, und riefen den Führern laut zu, ſie ſollen halten, und ſchlugen mit ihren dicken Peitſchen auf ſie, indem ſie einen Verbrecher verlangten, der ihrer Wachſamkeit ent⸗ gangen ſey. Obgleich die ſtarken Kärrner ihre brutalen Feinde leicht haͤtten überwältigen können, ſo verſuchte doch nicht Einer Widerſtand zu leiſten; der junge Bau er erndtete aber die Belohnung für ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Witz, denn Einer wie Alle verläugneten jede Be⸗ kanntſchaft mit der beſchriebenen Perſon; auch konnten Schläge kein weiteres Geſtändniß aus ihnen erpreſſen. Die Polizei kehrte hierauf, nachdem vorher noch einige kleine Abtheilungen zum Streifen ausgeſchickt worden waren, auf demſelben Wege, den ſte gekommen war, zu⸗ rück; mancher Fluch wurde ihnen nachgeſchickt; die ehr⸗ lichen Kärrner freuten ſich, daß ihr Freund entwiſcht war, und indem ſte ſich fromm bekreuzigten, verrichteten ſte manches herzliche Gebet für ſein ferneres Fortkommen. Der Bauer trabte fort bis er das Zigeunerlager unſerer früheren Freunde erblickte, in deſſen Umfaſſung er ſofort einfuhr, und von den ſonnverbrannten Bewoh⸗ nern deſſelben mit Jauchzen und Gluͤckwünſchen empfan⸗ 206 gen wurde. Der Zigeunerhäuptling gieng den neuen Ankömmlingen entgegen, um ſie zu begrüßen; ein Schrei der Freude entſchluͤpfte Azila, welche ihrem Vater ge⸗ folgt war, als der verwundete Mann aus dem Wagen gehoben wurde, und nachdem er mit dem ſcheinbaren Bauern die Verkleidung abgelegt hatte, den verſammel⸗ ten Freunden als Ivan und der andere als der junge Zigeuner Javis erſchien. 3 Der Häuptling bewillkommte Ivan herzlich und wünſchte Javis Glück zu dem erfolgreichen Anfang ſeiner Unternehmung, wozu Azila noch ihren beſonderen Dank beifügte. Ivan wurde hierauf in das Hauptzelt gebracht, wo ihn die alte Hagar unter ihre wundärztliche Pflege nahm; von der Wirkung ihrer Heilmittel fuͤhlte er auch bald Linderung. Der Häuptling ſetzte ſich an ſeiner Seite nieder. „Meine Tochter,“ ſagte er,„konnte ſich nicht wieder in die Stadt wagen, um Ihre Flucht zu unterſtützen, wie ſie wünſchte; da ſie wie wir zu vermuthen Grund haben, bereits bei der Polizei im Verdachte iſt, ſie ſey in die letzte Verſchwörung verwickelt, und wie Sie wohl wiſſen iſt ein Verdacht hinreichend um eine Perſon in dieſem Lande wegen eines politiſchen Vergehens zu ver⸗ urtheilen.“ „Ich glaube, mein Freund, ich werde bald im Stande ſeyn, Sie von der Gefahr, die Sie laufen, indem Sie mich beherbergen, zu befreien,“ ſagte Ivan. „Wir werden auf keinen Fall, ehe Sie hineichend hergeſtellt ſind, zugeben, daß Sie abreiſen,“ antwortete der Zigeuner,„und dann hoffe ich, daß Sie durch die Talente und den Scharfſinn von Javis der Macht Ihrer Feinde ganz entgehen werden!“ 1 Während dieſer Unterredung kam ein Mann, der zum Kundſchaften ausgeſchickt worden war, in das Zelt herein, um zu ſagen, daß eine Abtheilung der Poliz auf der Straße in der Richtung gegen Suͤden, wohin 2. 207 bie Karavane, welche Javis kaum verlaſſen hatte, ge⸗ zogen, galoppirt ſey. „Ah!“ ſagte der Häuptling,„ſie ſind mit knapper Noth entkommen, Herr, ich hoffe nun aber, daß die Polizei ihre Spur verlieren wird, und glaube, daß wir für jetzt nicht verdächtig ſind. Wir werden jedoch unſer Lager ſo ſchnell als möglich weiter gegen Süden be⸗ wegen, wo wir vor ihrer Dazwiſchenkunft geſicherter ſeyn werden.“ Achtzehntes Kapitel. Doch immer noch der Raſende verfolget ſeinen Haß Bezähmt das tolle Wüthen nicht, das noch ihn ſelbſt verderbt Der finſtre Dämon iſt ganz Herr der ſchwarzen, wüſten Seel' Es ſchäumet auf den Lippen ihm und tobt in ſeiner Bruff. asso. —ÿ Wir müſſen nun wieder eine kurze Zeit zu dem Morgen zurückkehren, an welchem Graf Erintoff durch das allgemeine Gerede erfuhr, daß ein ſchrecklicher Mord begangen worden war an Jemand, den man nicht er⸗ kennen konnte, da die Geſichtszüge ganz zerfetzt waren und bei dem Gemordeten weder Papiere noch ſonſtige Gegenſtände von Werth gefunden wurden, woran er zu erkennen geweſen wäre. Der Graf wünſchte ſich ſelbſt Glück, daß er endlich von Einem befreit war, den er tief haßte, da er ihn als Nebenbuhler in Azila's Liebe betrachtete, und nun hielt er eine Eroberung des ſchönen Zigeunermädchens für leicht. Er wußte jedoch nicht, daß dieſe nicht allein mit ſeinen Planen gegen ſie ſelbſt, ſondern auch mit ſeiner Abſicht Ivan zu ermorden, bekannt war. Man widd ſich an die beiden Zigeuner Knaͤben er⸗ innern, welche Groff im Palaſte untergebracht hatte, in der Hoffnung Azila hierher zu locken; dieſe Knaben Sie bewieſen deutlich das Vorhandenſeyn einer Ver⸗ durften auf Befehl des Grafen auch nachher noch bleiben, weil er glaubte, Azila dadurch noch einmal herzuziehen. Keiner von ihrem Stamme ſchien jedoch Notiz von ihnen zu nehmen; der verwundete Knabe blieb im Bette, wäh⸗ rend der andere, welcher dumm und plump zu ſeyn ſchien, die Erlaubniß hatte im Hauſe umherzugehen. Der Graf dachte entfernt nicht daran, daß er ein thä⸗ tiger intelligenter Spion war, den Azila, indem ſie aus dem Zufall, der ihn in den Palaſt gebracht hatte, Nutzen zog, vorſätzlich hier zurückließ, damit er alle Bewegungen dn Grafen entdecken und ſie dann davon benachrichtigen ollte. Da der Graf von Jvans Tod überzeugt war, ſo bezahtte er gerne die verſprochene Summe als Groff zu ihm kam, um das Blutgeld zu fordern, dann dachte er auf einen Plan, wie er die Papiere, die er in die Hände bekommen hatte, am vortheilhafteſten benützen könne. ſchwörung— von welcher Natur oder von welcher Aus⸗ dehnung konnte er jedoch nicht ſagen; und er bedachte ſich, ob es nicht beſſer ſey, zuerſt weitere Entdeckungen zu machen, ehe er die Regierung davon benachrichtigte. Er befahl daher Groff, die Nachbarſchaft des Platzes zu überwachen um zu erfahren, ob ſich Andere hier ver⸗ ſammelten; ein Geſchäft, das dieſer nur ſehr ungerne übernahm, denn es ergriff ihn jedesmal ein paniſcher Schrecken, wenn er ſich dem Orte näherte, wo er den Mord begangen hatte, und trieb ihn unwiderſtehlich von hier fort, ſo daß er ſeinem Herrn die Nachricht über⸗ brachte, er habe Niemand geſehen. Die Wuth und Erbitterung des Grafen ſtiegen aufs höchſte, als er an dem Morgen, an welchem Ivan nach Moskau zurückgekehrt war, durch Zufall hörte, maß habe Verdacht Graf Flatoff ſey die ermordete Perſon, und als er auf Erkundigungen, die er im Gaſthoſe Ivan's einziehen ließ, die Nachricht erhielt, derſelbe ſeh in der Nacht, in der der Mord begangen worden war, 209 von Moskau abgereist. Dieß war gerade die Zeit als er an das Todenbett ſeiner Mutter gerufen wurde, und dieſem Umſtande hatte er es zu verdanken, daß er dem für ihn beſtimmten Looſe entgieng. Er gab daher Groff den Auftrag, auf deſſen Rück⸗ kunft Acht zu geben und ihm augenblicklich die Nach⸗ richt davon zu überbringen, und beſchloß, ſeine Rache mit eigener Hand auszuüben. Groff hatte nicht lange auf Ivans Rückkehr zu warten und beeilte ſich, ſeinen Herrn ſogleich davon zu benachrichtigen. Der Graf befahl ihm, ſich mit einem Schwerdte zu bewaffnen, und wieder zurückzukehren um Jvan's Be⸗ wegungen zu überwachen im Falle er den Ort der Zu⸗ ſammenkünfte beſuchen würde; dann nahm er Kruntz mit fich, der ebenſo bewaffnet war, und begab ſich in die Nachbarſchaft dieſes Ortes. Zuerſt benachrichtigte er noch den oberſten Polizeiofftzier, daß er Grund zur Ver⸗ muthung habe, es ſey irgend ein Komplott im Werke, und daß er wünſche es moͤchten ihn einige ſeiner Unter⸗ gebenen begleiten, im Fall ſein Verdacht gegründet wäre. Sein Plan war Ivan unter dem Vorwande ihn zu arre⸗ tiren, anzugreifen, und ihn zu tödten, wenn er verſuchen ſollte ſich zu vertheidigen, woran er nicht zweifelte. Dieſe Abſicht theilte er ſeinen zwei würdigen Geſellen mit, zum Glück hörte es jedoch der junge Zigeuner Knabe, wel⸗ cher im Zimmer verſteckt geweſen war, und ſobald es ihm möglich war zu entkommen, brachte er Azila, die ihn erwartete, dieſe Nachricht. Der Graf brauchte längere Zeit zu ſeinen Vorbe⸗ reitungen, ſo daß Ivan bereits den Ort der Zuſammen⸗ künfte verlaſſen hatte, ehe die Polizei ankam, und er ſelbſt gerade noch zu rechter Zeit kam, um ihn zu be⸗ gegnen. Sein Zorn und ſeine Wuth wuchſen noch be⸗ deutend, als er ſeine Abſicht wieder vereitelt ſah; ſeine einzige Genugthuung war der Tod Groff's, der im Be⸗ ſitze mancher gefährlichen Geheimniſſe war. Um wie viel Der Tſcherkeſſen⸗Hauptling. I. 14 210 größer war aber noch ſeine Wuth, als er bei ſeiner Rückkehr mit der Polizei fand, daß ihm ſeine Beute abermals entwiſcht war. Er ſchloß ſich der Polizei ſelbſt an, als ſie ihn aufſuchte, und munterte ſie darin noch auf, jedoch ohne Erfolg, bis er endlich betrogen und wüthend, in ſeinen Palaſt zurückkehrte, und ſich feſt vornahm nicht zu ruben bis er ſeinen Nebenbuhler entdeckt und den Beſitz Azila's erlangt habe. Um den erſten Punkt zu erreichen, ließ er in allen Richtungen hin Anfragen machen und ſandte Spionen aus, denen er bedeutende Verſprechungen für den Fall machte, daß ſie den Ver⸗ räther entdeckten, er ſelbſt vereinigte damit ſeine eigenen Nachforſchungen. Als er nach dem Zigeuner Knaben fragte, um ſich bei ihnen nach dem Aufenthaltsorte Azila's zu erkundigen, hörte er, daß beide entwiſcht waren, und Niemand konnte ſagen wie oder wann. Von Azila konnte er nichts erfahren, da ſie ſeither nicht in der Stadt erſchienen war. Es ſchien, daß er verdammt war, ſeine ſchlechten Abſichten in jeder Beziehung vereitelt zu ſehen, bis er eines Morgens früh die Nachricht erhielt, daß den vor⸗ hergehenden Abend ein Karren bemerkt worden ſey, der in der Richtung von dem Platze kam, wo die Ver⸗ ſchwörer ihre Zuſammenkünfte gehalten hatten; er be⸗ nützte dieſen Wink und begab ſich ſogleich mit einigen Leuten von der Polizei dorthin. Sie giengen geraden Weges in das Gewölbe des alten Mannes, der ſchon vorher verdächtigt worden war. Der ſchwächliche Be⸗ wohner wurde von ſeinem Gewölbe fortgeſchleppt, und da er verweigerte, die ihm vorgelegten Fragen zu be⸗ antworten, welche ſeinen Gaſt hätten verrathen können, zur Strafe der Knute verurtheilt. Der Urtheilsſpruch wurde vollſtreckt. Der alte Mann unterlag aber, er ſtarb ungekannt und unbetrauert. Die Polizei verfolgte jedoch die Spur des Karrens bis an den Ort, wo Jvan die Nacht zugebracht hatte, und da ſie erfuhr, daß eine Karavane dieſen Morgen 211 fortgezogen war, erhielt eine berittene Abtheilung der⸗ ſelben den Befehl dieſe zu verfolgen. Wie aber ſchon erzählt wurde, kam ſie erſt an, nachdem Javis ſchon weggefahren war, und war wieder im Ungewiſſen wohin ſie ihre Verfolgung fortſetzen ſollte, denn ſie war nun überzeugt, daß ſie auf eine falſche Spur geleitet wor⸗ den war. Graf Erintoff verzweifelte zuletzt daran, ſeine Rache an Ivan auszuüben, bis er durch ſein Nachfragen über Azila erfuhr, daß ſie in die Verſchwörung verwickelt geweſen war, und ihm der Gedanke kam, ſie möchte der Gefärthe ſeiner Flucht geweſen ſeyn. Er erfuhr weiter, daß der Stamm der Zigeuner, zu welchem, wie er wußte, Azila gehörte, kürzlich in der Nachbarſchaft Moskau's geweſen war, obgleich die Polizei nichts davon wußte, und daß derſelbe ſich bald, nachdem die Verſchwörung entdeckt worden war, gegen Süden bewegt habe. Da er alle dieſe Umſtände zuſammenhielt, machte er ſich wieder von Neuem Hoffnungen, in den Beſttz Azilas zu gelangen und ſeinen Feind zu beſtrafen. Als er der Polizei die Nachrichten, die er verlangt hatte, mittheilte, ſtellte ſie ihm eine Abtheilung Bewaffneter zu ſeiner Verfügung. Er glaubte nun ſicher, jetzt werden ſie ihm nicht mehr länger entwiſchen, und träumte nur von Rachge⸗ danken und von dem Erfolge ſeiner Leidenſchaft. Er fand leicht die Spur des Weges, welchen die Zigeuner genom⸗ men hatten, und verfolgte jede ihrer Tagreiſen, die er in viel kürzerer Zeit zurückzulegen im Stande war. Er fühlte eine wilde Freude über den in Ausſicht ſtehenden Triumph, als er die Zelte des Zigeunerlagers zu Geſicht bekam; er gab mehreren von den Polizeiſoldaten den Be⸗ fehl, darüber zu wachen, daß Niemand entwiſchen könne, und begab ſich mit den Uebrigen mitten in das Lager, im Vertrauen auf die Macht und den Schrecken der geſetzlichen Autorität, die er beſaß. Die Zigeuner ſtellten ſich, als ſeyen ſie ganz überraſcht worden; die Weiber ſiengen ein Zetter⸗ 14 212 geſchrei an, die Männer ſprangen erſchreckt auf und gien⸗ gen den Eindringenden entgegen. Der Häuptling kam aus ſeinem Zelte heraus, wie wenn er gerade vom Schlafe aufgeſtanden wäre. „Durch welche Veranlaſſung,“ fragte er, wird die Ruhe und Ordnung meines Lagers ſo plötzlich durch die Polizei gebrochen? Wen ſuchen Sie hier?“ „Den Verräther Ivan Galetzoff, und eine Zigeu⸗ nerin, Azila genannt,“ ſagte der Graf;„wenn ſie nicht in unſere Hände ausgeliefert werden, ſollt Ihr es büßen.“ „Ach!“ rief der Häuptling, indem er ſtutzte und den Grafen feſt anſah,„ich habe Niemand unter meinem Volke von dieſem Namen.“ „Ihr weigert Euch alſo, uns die auszuliefern, welche wir ſuchen, ſagte der Graf.„Durchſucht die Zelte,“ rief er ſeinem Gefolge, welches augenblicklich anſteng, dieſelben zu durchwühlen, und den Inhalt derſelben in allen Richtungen bis auf den Boden zu unterſuchen. Die Zigeuner betrachteten dieſes Werk der Zerſtörung mit trotzigem Stillſchweigen; Keiner legte ſich dazwiſchen, oder leiſtete den geringſten Widerſtand um das Unrecht, das begangen wurde, zu verhüten; denn die Polizei ſchnitt frecherweiſe die Stricke der Zelte ab, brach alle Kiſten auf, trieb das Vieh fort, als ſie die Wagen un⸗ terſuchte, ſo daß in den wenigen Minuten, ſeit ſie in das Lager gekommen war, da wo vorher ein ruhiger Kreis von Zelten ſtand, nun die größte Unordnung und Verwirrung herrſchte. Es war jedoch alles umſonſt, denn die, welche man zu Gefangenen zu machen beabſichtigte, konnt n nirgends gefunden werden. „eIhr habt gegen die Autorität des Kaiſers getrotzt,“ ſagte der Graf, indem er ſich an den Zigeunerhäuptling wendete,„Ihr müßt die Folgen davon tragen. Ich ar⸗ retire Euch im Namen des Czars.“ „Was, iſt der edle Graf Erintoff nun auch Polizei⸗ Ofſizier geworden, wie er ein Meuchelmörder iſt?“ rief der Häuptling aus.„Ich fürchte Sie nicht, Graf. —— * — 213 Entweder laſſen Sie mich frei gehen, oder tragen Sie die Folgen. Der Mörder des Grafen Flatoff iſt bekannt,“ fügte er bei, indem er näher zu ihm hintrat. Ich kenne Ihre Beweggründe wohl, Graf; ich werde aber ſtill ſeyn, wenn Sie keinen Verſuch machen, mir oder den Meinigen ein Unrecht zuzufügen. Wenn Sie wünſchen, bin ich ihr Gefangener.“ Der Graf drehte ſich um— blaß vor Wuth und Furcht. Er fühlte, daß er ganz in der Macht des ſtolzen Zigeuners war, wenn er ihn nicht auf einmal aus dem Wege ſchaffte, was er jedoch nicht hoffen konnte, mitten in einem Volke thun zu können, ohne daß dieſes Wider⸗ ſtand leiſten würde. Die einzige Alternative war, ihn ſich zum Freunde zu machen, denn er ſah wohl, daß Schrecken nicht leicht Eingang bei ihm fand. Der Graf gab daher vor, es genüge ihm, daß die, welche er ſuchte, nicht unter den Zigeunern ſeyen, und hoffte dadurch, fie abzuhalten, ferner auf ihrer Hut zu ſeyn, und ſie dann unvorbereitet zu überfallen; auch beabſichtigte er, bei der erſten Gelegenheit den zu ſtürzen, der ein ſolches Ge⸗ heimniß von ihm im Beſitz hatte. Er fürchtete, die Beſchuldigung könne zu Nachfragen über die Art und Weiſe, wie er die Papiere in die Hand bekommen, und wie er Nachricht von der Verſchwörung erlangt habe, führen; denn er wußte wohl, daß bereits mancher Grund zu Verdacht gegen ihn vorhanden war. Indem er jedoch im Stillen Rache ſchwor, befahl er, der Polizei wieder aufzuſitzen, und ihm bei ſeinem weiteren Nachſuchen, das er anſtellen wollte, behülflich zu ſeyn, da er überzeugt war, daß die Flüchtigen nicht weit entfernt ſeyn konnten. „ Die Zigeuner ſahen ihre Feinde mit bitteren Ge⸗ fühlen von Rache gegen ſie abziehen und ſchickten ſich an den Schaden, der ihnen muthwilligerweiſe zugefügt worden war, auszubeſſern, ſobald jene fortgeritten waren; der Graf war entſchloſſen, den Zigeuner anzuklagen, er habe gleich ſeiner Tochter ſeinen Beiſtand zu der letzten Verſchwörung geleiſtet, und hoffte, ihn auf dieſe Art 214 ohne Gefahr für ſich ſelbſt unſchädlich zu machen, da er wohl wußte, daß die erſte Anklage immer das größte Gewicht hat. Wie es ihm gelang, werden wir weiter unten ſehen.— Der Graf gewann durch die Entdeckung der Ver⸗ ſchwörung nicht die Belohnung, die er erwartete, da man Verdacht hegte, er würde ſie geheim ſgehalten haben, wenn er nicht durch einen für ſich ſelbſt vortheilhaften Beweggrund zum Gegentheil beſtimmt worden wäre. Anſtatt daher eine vortheilhafte Anſtellung zu bekommen, eine höhere Würde oder einen höheren Rang zu erreichen, gab ihm der Kaiſer, der ſeine Beweggründe zu würdigen wußte, zu verſtehen, daß er von ihm glaube, er hätte ſich, wenn es in ſeinem Intereſſe geweſen wäre, ohne Bedenken den Verſchwörern angeſchloſſen; übertrug ihm den Befehl über ein Regiment der Kaukaſusarmee und hoffte auf dieſe Art einen verdächtigen, ränkeſüch⸗ tigen Menſchen los zu werden. Da der Grnf kurze Zeit zuvor den Rang eines Oberſten erreicht hatte, ſo konnte dieſer Befehl nicht befremden; und obgleich er den Grund dieſer Anſtellung wohl einſah, hatte er keine andere Wahl⸗ als zu gehorchen. Das Regiment, das Graf Erintoff kommandirte, war eines von denen, welche unter den Befehlen des Baron Galetzoff eine Brigade bildeten, und welche nun gegen Süden marſchirten, um an die entgegengeſetzte Küſte übergeſchifft zu werden. In allen Richtungen hin waren Aushebungen gemacht worden, und die Rekruten wurden, ſobald ſie verſammelt waren, zu den Depots im Süden geführt, um zu der Armee zu ſtoßen, mit welcher der Kaiſer ſeine Gegner in den Bergen Cſcher⸗ keſſiens zu überwältigen, und zu vernichten beſchloſſen hatte; und keiner freute ſich mehr, Feuer und Schwerdt in das Land dieſer verabſcheuten Feinde zu bringen, als der Baron Galetzoff, als er ſeine gut ausgerüſteten, aber meiſt neu ausgehobenen Truppen muſterte. Unter ſeiner Standarte waren die kleinen, verwe⸗ —— — 215 genen Söhne des Nordens, Koſaken von den Sand⸗ bänken des Dons und der Wolga, Regimenter der un⸗ terjochten Polen, welche nun an der Seite ihrer Unter⸗ drücker fochten, einige wenige Reiterei, welche die Ruſſen Tſcherkeſſen nannten, welche aber in Wirklichkeit nur Männer von den Gränzen des Kaukaſus waren, Geor⸗ gier, Immeritier, Mengretier, verſammelt; jedoch nicht Einer, der ſich wirklich tſcherkeſſicher Abkunft rühmen konnte. Unter diefen Trnppen war auch das Regiment, wel⸗ chem Thaddeus Stanisloff zugetheilt war, der Moskau verlaſſen mußte, ohne etwas Weiteres über das Schickſal ſeines Freundes erfahren zu haben; und es vergieng noch mancher lange Tag, ehe er im Geringſten etwas von ihm hoͤrte. Die Abweſenheit verminderte jedoch ſo wenig ſeine Freundſchaft, als ſein Bedauern über ihre Trennung. Obgleich er unter den Befehlen des Baron Galetzoff ſtand, dauerte es lange Zeit, bis er in Be⸗ rührung mit ihm kam; er hörte nur ſagen, Keiner ſey ſo aufgebracht über den Abfall ſeines vermeintlichen Sohnes, und eifriger beſtrebt, ihn zu fangen, als er; er ſchwor, er ſolle als Verräther und Abtrünniger be⸗ ſtraft werden, wenn er in ſeine Macht falle. — Neunzehntes Kapitel. Es war ein ungeheu’res Thier, geſtreckt Erfüllt's den ganzen Raum beinah Und ſchien von grenzenloſer Kraft; Gräulich, furchtbar eine Höllenbrut. Gab's Manchem, der in ſeine Schu e gieng Den Tod—trieb nur ſein Spiel mit ihm. Aberglaube— Spencer's Zauberkönigin. Es war nun der ſchöne, balſamiſche, prächtige Mo⸗ nat eines ruſſiſchen Juni; die ganze Natur war neu erſtanden, und in das glänzende, ſaftige Grüͤn der erſt 216 keimenden Knospen gekleidet, welches noch nicht durch die drückende Sommerhitze gelitten hat; ähnlich einem ſchönen Mädchen, das eben erſt zur Jungfrau gereift, mit einem Kranze von Friſche und Reinheit umgeben iſt, ehe die verſengende, verbrennende Atmoſphäre der grauſamen Welt Zeit hat, die eine zu verdunkeln oder die andere zu beflecken. Jvan hatte einige Tage im Zigeunerlager zuge⸗ bracht, mit nur geringen Fortſchritten in ſeiner Beſſe⸗ rung, jeder Tag trug jedoch dazu bei, ihn wieder mehr zu Kräften zu bringen. Endlich erklärte er ſich hinrei⸗ chend erſtarkt, um den gefährlicheren, ſchwierigeren Theil ſeiner Reiſe zu Fuß zu machen; ſo begierig wünſchte er den Ort ſeiner Beſtimmung zu erreichen und den Schwur, den er am Todtenbett ſeiner Mutter gethan hatte, zu erfüllen. Azila hatte ihn beſtändig gepflegt, durch ihre Un⸗ terhaltung aufgeheitert, und alle ihre Aufmerkſamkeit auf ihn gerichtet; ſeine Gedanken waren jedoch ſo ſehr mit den Begebenheiten, welche ſich zugetragen hatten und noch mehr mit denen, welche noch in Ausſicht ſtanden beſchäftigt, daß kein anderes Gefühl Eingang in ſein Herz fand. Das liebliche Geſchöpf ſaß Tag für Tag an ſeiner Seite, überwachte ängſtlich jeden ſeiner Blicke, lauſchte begierig auf jedes Wort, das er murmelte, und doch liebte er nicht. Er fühlte aufrichtige Dankbarkeit für ſie als die Retterin ſeines Lebens, er hätte gerne wieder ſein eigenes gewagt, um ihr beizuſtehen; aber kein anderes Gefühl regte ſich in ſeiner Bruſt. Und ſie, die ſich ſo ſtolz, ſo gleichgültig gegen den Grafen Erintoff gezeigt hatte, konnte ſie ihre Liebe Einem ſchen⸗ ken, von dem ſie kaum Erwiederung hoffen konnte. Die Herzen der Frauen ſind eigen, unbegreiflich und uner⸗ forſchlich, und wir wagen nicht auszuſprechen, durch was für einen beſonderen Einfluß das von Azila gelei⸗ tet wurde. Jvan war der alten Hagar viel Dank ſchuldig, daß 217 ſie ſeine Heilung ſo ſchnell bewerkſtelligte, ſie wollte jedoch lange ſeinem heißen Wunſche, ihre Pflege ver⸗ laſſen zu dürfen, ihre Zuſtimmung nicht geben. Auf der Reiſe am letzten Tage, als er auf gleiche Art wie die übrige Geſellſchaft gekleidet, unter den Zi⸗ geunern ritt, theilte ihm der Häuptling den Plan mit, den er gebildet hatte, um ihm ſeine fernere Flucht aus dem Reiche möglich zu machen. „In dieſer Jahreszeit,“ ſagte der Zigeuner⸗Häupt⸗ ling,„wallfahrten Tauſende von Pilgern aus allen Theilen des Reiches nach Chioff, was ſie abergläubiſcher Weiſe ihre heilige Stadt nennen, und ich ſchlage vor, daß Sie ſich zunächſt dorthin begeben mit Javis, der Ihnen als Führer dienen kann, da er mit allen Theilen jener Gegend genau bekannt iſt, und daß Beide ſich als wallfahrtende Bauern verkleiden: ich habe bereits für alles was hierzu nöthig iſt, geſorgt. Sollten Sie zu⸗ fälligerweiſe wieder verfolgt werden, ſo wird es Ihnen leicht ſeyn, in dem großen Gedränge in Chioff zu ver⸗ hüten, daß Ihre Spur entdeckt wird. Nachdem Sie durch die Stadt gekommen ſind, müſſen Sie und Ihr Gefährte den Charakter von Pilgern annehmen, welche in ihre Wohnungen an der Grenze des Landes zurückkehren. Ich habe einen Boten zu einigen Freunden unſeres Stam⸗ mes vorausgeſchickt, welche in der Nähe des Platzes ſind, wo Sie die letzte Gefahr im Ueberſchreiten der Grenze nach Moldau, finden werden, bis wohin ſie Javis führen wird; und unſer Volk dort wird Ihnen Beiſtand leiſten, wenn Sie ihn noͤthig haben ſollten. Ich muß nun vorausreiten, um einen Platz für unſer Lager aus⸗ zuſuchen; ich möchte es wo möglich ſo aufſchlagen, daß es den Augen der Vorübergehenden verborgen iſt, denn wir wiſſen nicht, wer ſich von Ihnen als Feind beweiſt;“ nachdem der Zigeuner⸗Häuptling dieß geſagt hatte, ritt er fort. Es muß noch bemerkt werden, daß die Zigeu⸗ ner auf ihrer Reiſe die Gegend ſo viel als möglich quer durchſchnitten, ſich meiſtens auf Nebenwegen bewegten, 218 und alle Verbindung mit den Dörfern, in deren Nähe fie ſich zeitweiſe aufhalten mußten, vermieden. Während der Reiſe ritt Ivan an die Seite des Mädchens, denn dieſe ſchien traurig und niedergeſchlagen. Nach mehrerem anderem ſagte ſie zu ihm: „Mein Herr, Sie gehen einem bewegten, unruhigen Leben entgegen, in welchem alle Ihre Gedanken und Hoffnungen concentrirt ſind, und wo Sie bald die ver⸗ geſſen werden, welche Sie verlaſſen, und die ſo gerne ihr Leben gelaſſen hätten, um Ihnen zu dienen; aber glauben Sie mir, hier iſt Eine, die den Beiſtand, den Sie ihr leiſteten, und die Tapferkeit, mit der Sie ſie vertheidigten, nie vergeſſen wird, die—“ „Ebenſowenig kann ich Eine vergeſſen, der ich Leben und Freiheit verdanke,“ rief er aus;„nein, noch viel mehr, die mir es möglich machte, einen feierlichen Schwur, den ich that und deſſen Erfüllung ich ſo unbedachtſamer Weiſe auf's Spiel geſetzt hatte, zu vollbringen.“ Ihre Unterredung wurde hier durch die Rückkehr des Häuptlings unterbrochen, welcher neben Ivan hinritt. Den folgenden Tag in aller Frühe kamen Ivan und ſein Führer in einer ſo vollſtändigen Verkleidung aus ihrem Zelte, daß gewiß Niemand in den beiden alten Bauern, die ſie nun zu ſeyn ſchienen, die ernſten aber hübſchen, jungen Männer, die ſie wirklich waren, erkannt hätte. Ihre Haut war röthlich geſchminkt und Falten auf Stirn und Backen gemalt worden; ihr eigenes, dunkles Haar bedeckten rothhaarige mit grau vermiſchte Locken; lange, ſtarke Bärte von derſelben Farbe fielen über ihre Bruſt bis auf die Weſte herab, und große, ſchwere Hüte verbargen ihre Züge noch mehr. Sie trugen lange, dunkle Ueberröcke und ſchaflederne Mäntel; rohe Stiefel von ungegerbtem Leder bedeckten ihre Füße, unb an ih⸗ rer Seite hiengen Quertaſchen, um ihre Nahrung auf⸗ zunehmen. In ihren Händen trugen ſie dicke Stöcke, wie es ſchien, um ihren ſchwankenden Gang zu unter⸗ — ¹ 219 ſtützen, in Wirklichkeit aber nur, um ſich derſelben im Nothfall als Vertheidigungsmittel zu bedienen. Als ſie auf dieſe Art ausgeruſtet und zur Abreiſe bereit waren, umarmte der Zigeuner⸗Häuptling beide, ertheilte ihnen den eigenthümlichen Segen ſeines Vol⸗ kes, und empfahl Javis noch angelegentlich die Führung ſeines Schutzbefohlenen auf der Reiſe. Der ganze Stamm verſammelte ſich, um ihnen Lebewohl zu ſagen, und die alte Hagar wünſchte auf Alle, die ihrem Weiterkommen hinderlich wären, ihren Fluch, und auf die Häupter de⸗ rer, welche daſſelbe förderten, ihren Segen herab. Azila allein ließ ſich nicht blicken, und Gefühle, welche ſich Ivan ſelbſt kaum deuten konnte, verhinderten ihn, nach ihr zu fragen, bis auf den letzten Augenblick. Der Häuptling ſchickte nach allen Richtungen, um ſie ſuchen zu laſſen, und war nicht wenig beſtürzt, als man ſie nicht finden konnte. Die Reiſenden verſchoben ihre Abreiſe, in der Hoffnung, ehe ſie giengen noch Nachricht von ihr zu erhalten, denn man ſieng ſchon an zu be⸗ fürchten, ſte ſey auf irgend eine Art entweder durch den Grafen Erintoff oder durch die Polizei aufgefangen wor⸗ den, welche ſich wohl gehütet hätten, ſie durch offene Gewalt unter einer ſo großen Bande Vertheidiger zu ergreifen. Während das ganze Lager auf dieſe Art in Bewe⸗ gung war, kam einer von den Wachpoſten, welche jeder⸗ zeit ausgeſtellt waren, um ſogleich Nachricht zu geben, im Falle ſie verfolgt werden ſollten, eilig herbeigeſprun⸗ gen, und gab an, er habe in einiger Entfernung eine Truppe geſehen, die er für Polizei halte, und die ſich ſchnell gegen das Lager bewege. Ohne einen Augenblick Verzug ergriff Javis die Hand Ivan's und zog ihn fort, wahrſcheinlich in einem ſchnelleren Schritte, als das Al⸗ ter, das ſie zu haben ſchienen, erlaubt haben würde; ſie entkamen gerade noch zu rechter Zeit, denn ehe ſie das Lager aus dem Geſicht verloren, ſahen ſie die Po⸗ lizei in daſſelbe einreiten. Durch deren Aufenthalt da⸗ 220 ſelbſt, von dem wir bereits geſprochen haben, wurden ſie in den Stand geſetzt, einen ziemlichen Vorſprung zu ge⸗ winnen; doch machten ſie ſich jeden Augenblick darauf gefaßt, verfolgt zu werden; da ſich jedoch nichts von ihren Feinden blicken ließ, ſo ſetzten ſie ihre Reiſe in einem bequemeren Schritte fort. Am zweiten Tage, als ſie wegen der Sonnenhitze, die ſehr drückend war, an der Seite der Straße ausruhen wollten, hörten ſie den Schall von Huftritten hinter ſich und er⸗ blickten, als ſte ſich umdrehten eine Abtheilung berittener Polizei, die auf der Straße auf ſie zugaloppirten, ehe ſte Zeit gehabt hatten ſich zu verbergen. Javis verlor jedoch die Geiſtesgegenwart nicht, und bat Ivan, die Art ſeines Ganges nachzuahmen; die Polizei warf auch als ſie dieſelben einholte, kaum einen Blick auf ſie und ritt weiter; die beiden Reiſenden bemerkten jedoch, daß die Polizei in geringer Entfernung vor ihnen anhielt um einen jungen Bauernburſch zu befragen, den ſie eben erſt bemerkt hatten. Dieſer ſchien jedoch keines Wegs außer Faſſung gebracht und deutete als Antwort auf ihre Fragen auf eine Straße, welche die Gegend quer durchſchnitt, auf welcher jene dann auch ſchnell weiter ritten. Sie beſchleunigten ihren eigenen Schritt und überholten bald den Burſchen, der ſie, als ſie vorüber⸗ giengen, aus Achtung für ihr ſcheinbares Alter grüßte. Sie hielten es nicht für rathſam zu halten bis der Abend weit vorgerückt war; Javis führte Ivan hierauf gegen eine Hütte, in welche ſie ſogleich eingelaſſen wurden, nachdem Erſterer uunr einige wenige Worte mit den Be⸗ wohnern derſelben gewechſelt hatte. Es iſt nicht nöthig, hier eine ausführliche Be⸗ ſchreibung der einzelnen Tagreiſen zu geben, ihre Aben⸗ teuer waren nur von geringem Intereſſe und es verdient kaum hemerkt zu werden, daß ſie Nachts öfters in den Hütten der Bauern blieben, zeitweiſe aber auch unter dem Schatten dicht belaubter Bäume Schutz fanden, oder daß ſie während der Tageshitze ausruhten und Nachts —,— 221 bei hellem Mondſcheine weiterreisten. Mehreremal glaubte Ivan denſelben Bauernburſch zu ſehen, an dem ſte auf ihrer zweiten Tagreiſe vorbeigekommen waren und der ihren Schritten zu folgen ſchien; Javis erklärte jedoch, er habe ihn nicht geſehen, ſo daß er ſchloß, er müſſe ſich getäuſcht haben. Ivan hatte nun nicht nur ſeine körperlichen ſondern auch ſeine geiſtigen Kräfte wieder vollkommen erlangt, denn da er feſt darauf b ute ſeine Hoffnungen, ſein Geburtsland zu erreichen, a hin alle ſeine Gedanken und Beſtrebungen gerichtet warwo werden in Erfüllung gehen, ſo fühlte er, daß nichts en, nieder⸗ drücken oder ihn in der Erfüllung ſeines ſo ſer gewünſch⸗ ten Zweckes verhindern könne. Eines Tages überfiel ſie gegen Abend ein heftiger Sturm, und nöthigte ſie in einer ſchlechten Schenke an der Seite der Straße, der einzigen öffentlichen Herberge, welche auf eine große Strecke zu finden war, einzukehren. Die Heftigkeit des Gewitters machte es ihnen unmöglich, weiter zu gehen, ſie beſchloſſen deßhalb trotz der Gefahr, die ſte dadurch liefen, daß ſie in ein Haus eintraten, wo bereits ein Spion ſeyn könnte, hier zu bleiben bis der Himmel wieder hell würde lund ihnen ihre Reiſe fortzuſetzen erlaubte. Während ſie an dem geringen Mahle, das ſo gut war als es das Haus nur bieten konnte, ſaßen und zwar in einem Zimmer, das zu gleicher Zeit als Küche und Em⸗ pfangzimmer für die Gäſte diente, zu deren Bequemlich⸗ keit Tiſche und Bänke an dem einen Ende aufgeſtellt waren, trat ein Junge herein, welcher ſtutzte, als er ſie ſah und ſich drehte wie wenn er wieder fort wollte; Ivan erkannte in ihm den Burſchen, den er im Ver⸗ dacht hatte, er folge ihnen. Er trat jedoch in das Zim⸗ mer ein, ſetzte ſich auf eine Bank in der Nähe des Feuers und ſchien, während er ſich beſtrebte ſeine durchnäßten Kleider zu trocknen, in Träumereien verſunken, er blickte in die glühende Aſche auf dem Herde, ſprach mit Niemand 222 und drehte ſelbſt nicht einmal den Kopf um die anderen Gäſte zu betrachten. Jvan faßte zuletzt Mitleid mit dem verlegenen Be⸗ nehmen des Jungen, vergaß den Verdacht, den er gegen ihn gefaßt batte, und näherte ſich ihm in ſeinem ange⸗ nommenen Charakter als alter Mann und lud ihn ein ihre geringe Koſt zu theilen. Der Burſche ſtutzte als Jvan ſprach, eine dunkle Röthe ſtieg in ſeine Wangen und er zauderte, das ge⸗ machte Anerbieten anzunehmen, bis Javis auch erſchien und ſeine Ueberredungskunſt anwandte. Endlich willigte er ein, und nahm an ihrem Tiſche Platz, worauf Ivan ihn fragte, ob er ihn nicht vorher auf der Straße be⸗ gegnet habe. Der Knabe gab zu, daß ſie an ihm vor⸗ übergekommen waren. „Gehſt Du denn nach Chioff, Knabe, um bei den Reliquien der Heiligen Deine Andacht zu verrichten?“ fragte Ivan. „Ja ich gehe in dieſer Abſicht dorthin,“ erwiederte der Knabe. „Du biſt ein ſehr junger Pilger um eine ſo lange Reiſe allein und unbeſchützt zu unternehmen,“ ſagte Ivan. „Es wundert mich, daß Deine Eltern Dich nicht unter die Sorge älterer Leute ſtellen, welche denſelben Weg machen, und die Deine Jugend vor den Gefahren in welche Dich Deine Unerfahrenheit bringen könnte, be⸗ ſchützen würden. Hatteſt Du keine Freunde in der Nähe, welche die Wallfahrt unternahmen?“ „Ach! ich habe keine Verwandten, die im Stande find mich zu beſchützen, und wenige Freunde, die mich lieben; Schutz habe ich jedoch keinen nöthig, ich kann mich ſelbſt beſchützen.“ „Sage nicht, Du habeſt keine Freunde, Knabe,“ unterbrach ihn Javis,„hier find vielleicht Einige, die bereit wären, Dich vor dem geringſten Schaden, der Dir zuſtoßen könnte, zu ſchützen.“ Der Knabe antwortete nicht, ſondern ließ den Kopf 223 hängen, auch wagte er es nicht, Ivan anzublicken, wäh⸗ rend er ſprach. Ivan hatte Mitleid mit der Schüchternheit des Jungen und ſprach einige leutſelige Worte mit ihm um Vertrauen und Muth bei ihm zu erwecken, während Javis zu ihm ſagte:„Du gehſt denſelben Weg, den wir machen und könnteſt vielleicht Schutz nöthig haben. Du kannſt uns begleiten, wenn Du willſt, und wir werden Dir den Beiſtand leiſten, den Du von zwei alten Männern er⸗ warten kannſt. Willſt Du unſer Anerbieten annehmen?“ Der Junge ſchien immer noch zu zaudern, bis auch Ivan ihn drängte ihren Schutz anzunehmen, worauf er fröhlich einwilligte.„Armer Knabe, Du ſcheinſt durch irgend einen geheimen Kummer niedergedrückt zu werden, ſage es uns, damit wir Dich ſo viel als in unſerer Macht ſteht, tröſten können.“ „Nicht um die Welt,“ antwortete der Knabe trau⸗ rig, es würde meinen Kummer vermehren, wenn ich ihn faate, und Sie wären doch nicht im Stande ihn zu heilen.“ „Aber ſage nur Junge,“ fuhr Jvan fort,„mit welchem Namen ſollen wir Dich anreden?“ Der Knabe zauderte einen Augenblick, ehe er ſprach. „Man nennt mich Conrin mein Herr?“ „Fürwahr, das iſt ein artiger Name, Knabe,“ ſagte Ivan,„wir werden Dich alſo auch Conrin nennen. Du ſcheinſt ermattet und müde; da Du nun Deinen Hunger geſtillt haſt, lege Dich nieder und ruhe aus, denn Du haſt noch manche beſchwerliche Meile zu reiſen, ehe Du die Reliquien der Heiligen erreichſt.“ Der Knabe ſchien ſich nicht gerne in eine Unter⸗ redung einzulaſſen, horchte jedoch mit großer Aufmerk⸗ ſamfeit auf die Worte, welche aus dem Munde der ſchein⸗ bar alten Männer kamen, und als ſie zu ſprechen auf⸗ hörten, zog er ſich in eine Ecke des Zuͤnmers zurück, wo er ſich auf eine Bank warf, ſich dicht in ſeinen Mantel hullte und ſein Haupt auf ein Bündel legte, 224 das er bei ſich führte, er ſchickte ſich hierauf an zu ſchlafen. Der arme Junge war augenſcheinlich matt und nicht an die Beſchwerden, welche er auf diefer Reiſe zu ertragen hatte, gewöhnt, und obgleich er als gemeiner Bauer gekleidet war, ſo war in ſeinem Anzuge doch größere Sorgfalt und Nettigkeit wahrzunehmen als dieß in der Regel bei dieſer Klaſſe der Fall iſt, und über⸗ dieß war der Mantel ein Luxusgegenſtand, den Wenige von dieſem Stand beſaßen. Der Sturm tohte immer noch ſo wüthend wie vor⸗ her und da kein Betkd. Roch ſonſt eine ähnliche Bequem⸗ lichkeit im Hauſe zu finden war, ſo waren die beiden Reiſenden gezwungen, ſo gut es gehen mochke, auf den harten Bänken die längs der Mauern aufgeſtellt waren, auszuruhen.. 5 Den nächſten Morgen bei Tagesanbruch war ihr neuer Gefährte ſchon auf den Beinen und zur Abreiſe bereit; da der Sturm ſich nun gelegt hatte, ſo machten ſte ſich nun mit einander auf die Reiſe. Als ſie eine kurze Strecke zurück gelegt hatten, benachrichtigte Javis ſeine Reiſegefährten, daß in der Nachbarſchaft eine Hütte ſey, wo ſie einen Wagen bekommen könnten um ſchneller weiter zu kommen, er bat ſie eine Zeit lang zu warten, und gieng fort um ſich nach. demſelben umzuſehen, er kam auch bald mit einem kleinen Gefährte, das im Stande war, alle drei zu faſſen, zurück. In dieſem Gefährte fuhren ſie bis⸗ am anderen Abend fort, wo Javis wieder ein neues Pferd fand, ſo daß ſte durch häufiges Wechſeln ſowohl des Pferdes als des Wagens in wenigen Tagen in die Nähe ihres Beſtimmungsortes kamen.. Sie hatten nach eine Strecke zurückzulegen, zu welcher daß ſie in i 1 reisten, de ſich alle gegen daſſelbe Ziel bewegten. 4 Die Pilger wallfahrteten in Banden von ein his 31 * F ſie noch zwei ue zu Fuß brauchten, es war auch nöthig, 6 angenommenen Charakter als Pilger ie begegneten bereits große Haufen, welche 1 zweihundert Köpfen beiderlei Geſchlechts und jeden Alters; die weißhaarigen Großväter und die kräftige Jugend, bejahrte Frauen und lachende Mädchen; das Alter, das ſich mühſam an Stoͤcken fortſchleppte und Kinder von jedem Alter, die um ſie herumſprangen. An der Spitze dyr Pilger war ein langbärtiger Mönch in Sackleinwgld gekleidet und barfuß, der den Schwachen Muth einſlh und Lobliededodes Wels ſang.—, 1 in Sen G alterwegs aus allen„. 6 un 6 en, ruſſiſchen Rgeches, um die he hioffs zu beſugen; gps dem Kalten, eiſigen mfen uag entſeunhen Län⸗ dern Sl Sfãyzen A Ta ai, d aus der verſchiedenen Prostozo le Wen. mit großer Behgyrlichkeit de 3 ſchliefen nu en unter ej ihrem We⸗ abll der unſich Uns be ſchloßen ſi lad 4,* Oß an 4 ſetzie 3 ups hiskt/ Naßts n, 1ℳ A₰ Kausgedehlſten, vör df WeCoe geſchäͤsken M en der Straße, in weichem der blaſſe Moyd 2 Fie Häupter zahl⸗ reicher Gkuppen beſchien, Sca ung dort aus den n h dunkleren Schat hervort, EipFeuxr wurde angemacht, um ihr pärlichee Mahl zu bereiten und nach⸗ dem ſie daſſelbe ein eg atten, verſammelten ſich ehrerbietig, um Mönch, welcher einen langſamen, feierlicheß Geſang anſimmte, in welchen zu Zeiten die ganze Geſſchaft einſtimate. Weithin hörte man in der Ruhe der Maag⸗die Anbelungshymnen dieſes einfachen Volkes, Fü efa Lobpreiſungen dauerten mehrere EldAld adlich auf den nackten Boden ihr Bett e Decke der Himmel war, und ſich zu Der Knabe fand ſein Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling. 1. 226 men unter einigen Gruppen von jungen Leuten, die au⸗ genſcheinlich von demſelben Alter waren; die glänzenden Mondſtrahlen ſpielten gleich Strahlen des Ruhms um die jugendlichen Häupter der ſchlafenden Pilger. Die Straße, auf der ſie bisher gereidt waren, hatte durch eine flache, unintereſſante Steppe Gegend wurde jedoch, als ſie ſich Chioff, auch genannt wird, Kioff näherten mehr we aber erſt gegen Abend bekamen ſie di heilige ftadt zu Geſicht. 4 1 4 Als ſie zum erſtenmal von einem dem ſie ſtanden, die wirklich einzig ſchöfden ihrer Unzahl von Domen und goldeuen Kuppekn wäͤlche die Sonnenſtrahlen mit glänzendem Lichte zurückwarn, erblickten, ſtimmten die Pilger einſtimmi und Lobgeſang an. Jeder in dem großen nieder, bekreuzte ſich andächtig und ſchickte ſe und Dankgebete gen Himmel. Nach einem mehreren Minuten erhoben ſich alle wieder un geführt von dem“ den Hügel um auf einer Brücke den Dnhper zu überſchreiten, deſſen Fluthen die Mauer der Stadkäbeſpülen. Viele giengen in ungeduldiger Eile, ohne vorher ihren ermatteten Glie⸗ dern Ruhe zu gönnen gegen die Cathedrale der Ascenſion oder die Kirche des Katakomben, welche etwas entfernt von der Stadt auf den Bänken des Dneppers ſtand. Andere, unter denen Ivan mit ſeinen Gefärthen war, ſuchten Ruhe und Nahrung, ehe ſte am nächſten Morgen den zahlreichen Reliquten, die ſie zu beſuchen gelobt hat⸗ ten, ihre Ehrerbietung erweiſen wollten. Ivan und Javis hatten ihren Charakter ſo gut durchgeführt, daß nicht Einer von dem leichtgläubigen Volke, unter das ſie ſich gemiſcht häatten, Verdacht hatte, ſie ſeyen nicht die, welche ſie zu ſeyn ſchienen. Den nächſten Morgen ſetzten ſich Ivan und ſeine Gefährten in Bewegung, um auf der gewöhnlichen Tour die Reliquien zu beſuchen. Man ſagt, in manchen Jah⸗ 227 ren haben mehr fünfzigtauſend Pilger dis K beſucht, und gegenwärtig war auch die gaͤnze ihnen angefüllt, Viele lagerten ſelbſt a 9 a auf obdachloſem Boden und dachte 1 ühſelig⸗ keiten, die ſie auf Erden d 9. Ri/2 /akſ'den beee s um an die Uie ihre große Zulauf von verſchißdſſſen Plaͤßz woſf wel Glockenth das Flu len geſo 76 ü die gyößte ollen. üten luche offen waren, ſo traten die fifrigen i gi zu den Reliquien ihrer Liellings eillig ete iſſe über ihren ch rilgſken von ihnen hätten es gewiß eneJ,ar and ihrer⸗ Statt aufgeſtellten Bildern oder Figuren zu gleichen. Als die erſten, Kiefen und feierlichen Töne der Mufik beim Gottesdienſte gegen den Himmel ſtiegen, traten Ivan und feine Gefährten in die Kathedrale und knieten, dem Beiſpiele der Menge folgend, vor einem der Altäre nieder; um die Lippen von Javis zeigte ſich jedoch ein unbegreiflicher Zug von Verachtung, als er dieß that; und auch der Junge ſchien nicht ſo fromm zu ſeyn, als die lange Wallfahrt, die er unternommen hatte, er⸗ warten ließ. Als der Gottesdienſt beendigt war, kauften ſich die Wallfahrer Wachskerzen im Vorhof der Kirche und bil⸗ 16* delen eine ſehr lange Prozeſſion, und ſtiegen dann eine Stege von mehreren Stufen zum Eingang in die Kata⸗ komben hinab; bis hinab wa ren auf beiden Seiten eine ununterbrochene Linie frommer Knieender vom elendeſten Ausſehen. Die Prozeſſion hielt, als die Vorderſten— ein Prieſter an der Spitze den Eingang des Gewölbes erreichte, in welchem die Katakomben waren; ſie traten dann langſam und ehrerbietig in die unterirdiſchen Ge⸗ wölbe, welche vom Dampf der Tauſende und aber Tau⸗ ſende von Kerzen der Gläubigen, die in früheren Jahren hier verbrannt worden waren, ganz ſchwarz waren. Auf jeder Seite waren in der Mauer Niſchen an⸗ gebracht, in denen offene Särge mit den Leibern derje⸗ nigen ſtanden, welche im Geruch der Heiligkeit ſtarben, und für ihre frommen Handlungen und Gedanken zu Heiligen gemacht wurden. Hier bleiben ſie unbegraben, in leinene und ſeidene Tücher gehüllt, die mit der ſchön⸗ ſten Gold⸗ und Silberſtickerei verziert ſind, damit ſpätere Sterbliche, welche hieher kommen, um ihr Gebet zu ver⸗ richten, wenn ſie dieſe Ehrenbezeugungen nach dem Tode ſehen, ſich Mühe geben, jene in der Reinheit ihres Le⸗ bens nachzuahmen; von ihren, gen Himmel gefahrenen Geiſtern glaubt man, daß ſie eeiinen Einfluß auf den Vater und Sohn ausüben. Ihre Namen ſind ihnen auf die Bruſt geſchrieben, bei einigen ſelbſt auch noch die Geſchichte ihrer tugendhaften Handlungen; ihre ſteifen Hände ſind von ihnen wie zum Gebet gefaltet, und wer⸗ den von den Pilgern geküßt, von denen wahrſcheinlich nur Wenige ſelbſt nur den Namen derer, die ſie ver⸗ ehren, entziffern können. Weiterhin erreichten ſie einen Gang, in welchem ſich eine Reihe ſchmaler Fenſter befand, wo ſich Männer eigenhändig längs der Mauer mit Steinen eingemauert, und nur kleine Oeffnungen gelaſſen hatten, um ihre Nahrung zu empfangen; ſie ſtarben mit dem unſinnigen Gedanken, ſie haben ihrem Schöpfer dadurch einen guten Dienſt erwieſen. Vor jedem Fenſter der ehemaligen A —— 229 Wohnungen— nun Gräber dieſer Fanatiker knieten mehrere fromme, bigotte Andächtige, welche feſt glaub⸗ ten, die Selbſtopferung und der unnatürliche Tod derſelben habe ihnen das ewige Leben und Rang und Macht unter den Geiſtern der Seligen erkauft. Es mag zwar unglaublich erſcheinen, es iſt jedoch Thatſache, daß vielleicht nicht ein einziger von dem großen Haufen eine klare Anſicht von den Lehren der Religion, zu der ſie ſich bekannten, hatte; denn die ruſſiſchen Bauern ſind ſo unwiſſend, daß ſelbſt die widerſinnigſten abergläubiſchſten Legenden vollen Glauben bei ihnen fin⸗ den. Von der Eigenthümlichkeit des höchſten Weſens hat die Mehrzahl nur einen ganz beſchränkten Begriff; ſie betrachten es als eines, das dem Range nach unter ihrem Kaiſer ſteht, und haben bei weitem nicht die Ach⸗ tung oder Furcht vor ihm wie vor dieſem. So weit er⸗ ſtreckt ſich der deſpotiſche Einfluß des Czars über die größere Maſſe des Volkes, daß man es gelehrt hat, auf ihn, als auf Einen, dem göttliche Macht verliehen iſt⸗ zu ſehen, der willkürlich über ihr Leben und Eigenthum verfügen kann, gegen den zu rebelliren, die größte Gott⸗ loſigkeit wäre. Zu dieſem Ende wurde ſowohl ihre Re⸗ ligion als jede Empfindung, jedes Gefühl ihres Innern unterwürfig gemacht. So iſt das Volk, deſſen Regenten das wohlthätige Licht der Religion und den Segen der Civiliſation unter den Nationen des Oſtens zu verbrei⸗ ten vorgeben. Als ſie die Kirche verließen und im Gedränge fort⸗ giengen, erkundigte ſich Javis bei den wallfahrenden Bauern, ob und wenn eine Geſellſchaft nach den weſt⸗ lichen Gränzen des Reichs gehe und erfuhr zu ſeiner Freude, daß eine Bande ſchon am nächſten Morgen gegen die Gränzen Beſſarabiens zurückzukehren, im Begriffe war. Durch ſeinen gewöhnlichen Takt und ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit hatte er bald entdeckt, wo die Geſellſchaft wohnte, führte ſich dort ſelbſt unter den Bauern ein, . 230 und machte ſich beliebt bei ihnen. Sie nahmen deßhalb ihn ſowohl, als ſeine Freunde gerne in ihrer Bande auf. Der Reſt des Tages mußte ihrem Charakter als Pilger gemäß nothwendig damit zugebracht werden, daß ſie die Kirchen und intereſſanteſten Sehenswürdigkeiten der georgiſchen Stadt beſuchten; hierauf bereiteten ſie ſich vergnügt vor, die Pilger, welche auf demſelben Wege nach Hauſe zurückkehren wollten, den ſie ſelbſt zu ver⸗ folgen wünſchten, zu begleiten. V In unſerem Verlage iſt erſchienen und in alle Buchhandlungen zu haben: Spindlers illuſtrirtes Volkstaſchenbuch! 8 9&☛ 9 2.4 Vergißmeinnicht. Taſchenbuch der Liebe, der Freundſchaft und dem Familienleben des deutſchen Volkes gewidmet von CarlSpindler. Für das Jahr 1846. Mit 15 Illuſtrationen in Holz und 8 Stahlſtichen von L. Weißer. 17 Bog. breit 8. eleg. geh. Preis 54 kr. od. 16 Ngr. Was wir in unſerer Ankündigung dieſes Volkstaſchen⸗ buchs im vorigen Jahre prophezeiten, iſt richtig und zwar noch über unſer Erwarten eingetroffen. Spindler's Vergißmeinnicht in ſeiner neuen Geſtaltung hat überall Eingang gefunden: in Schlöſſern und Hütten, am bürgerlichen Heerde und in den Werkſtätten gebilde⸗ ter Handwerker. In vielen tauſend Exemplaren iſt es in allen Gegenden unſeres großen deutſchen Vaterlandes zu ſinden, und auch nicht ſelten jenſeits der deutſchen Gränzen. Der neue Jahrgang dieſes allgemein beliebt gewordenen Volksbuchs übertrifft den vorigen noch um Vieles, ſowohl was den Terxt, als auch was die Illu⸗ ſtrationen deſſelben betrifft. Es iſt nicht wohl möglich, eine größere Abwechslung in den Inhalt wie in die Ausſtattung zu bringen. Die„Erzählungen beim Licht,“ Gweite Reihe) ſind noch viel intereſſanter, als die erſte Reihe geweſen. Wir weiſen nur auf den„Olymp auf dem Schwarzwalde,“ den Naturdichter im vonaro la iſt der Prophet von Florenz, der uns hier in ſeinem Wirken und Denken, ſeinem Leben und Tod entgegentritt. Das Ende des 15. Jahrhunderts, eine Zeit, die eben ſo laut wie die unſrige eine religiöſe Umgeſtaltung forderte, zeigt uns in ihm den Mann, der kurz vor dem Aufflammen der nordiſchen Reformations⸗ fackel inmitten der Orthodoxie das hierarchiſche Unweſen bekämpfte. So geben ſich die Anknüpfungspunkte an die Gegenwart leicht, und die Parallelen werden mannich⸗ facher, welche ſich auch in nicht religiöfer Beziehung mit um ſeine Zeit ziehen laſſen. Das ganze i fertig, tüchtig geſchrieben; die Charaktere gut auseinanderge⸗ halten und durch das hiſtoriſche Intereſſe das ſte bieten anziehend, die Verwicklung natürlich und ſpannend. Das Getriebe der Politik in Italien und am päbſtlichen Hof bot reich die verſchiedenartigſten Situationen, in denen ſich der Verfaſſer leicht bewegt. Dabei vermeidet der Verfaſſer nicht, tiefer in die Charaktere, beſonders des Helden einzugehen. Freilich mag dann Schriften Savonarola's ſelbſt und ſeiner Zeitgenoſſen darin verborgen liegen. Es iſt ein lebendiges Gemälde jener Zeit, welchem durch die friſche„Dichtung“ nicht das Intereſſe an der hiſtoriſchen„Wahrheit“ und dem tiefen ernſten Charakter Savonarola's geraubt wird.— Zum Schluß hat der Verfaſſer noch einige Betrachtungen über die Neuzeit angefügt,, die in kurzen raſchen Zügen von Luther aus verfolgt wird. Als die Frucht von ihrem Ringen und Kämpfen ſehen wir fern oder nah eine neue große Aera! Hier die Schlußworte des ganzen Werkes:„Darum getroſt! die Noth wird der Erkennt⸗ niß die That geſellen und den Sargdeckel des erwachenden Rieſen ſprengen. Der Erlöſer wird auferſtehen, richtend/ ſtrafend, ſchaffend und ſegnend, und wird zur Wahrheit machen die frohe Botſchaft der Freiheit und der Liebe des Lichts und der Gerechtigkeit!““’ Franckheſche Verlagshandlung. vieles aus den ſiſ 3 ſſſſnnſſſſſiinſſ 12 1 Drranwnnnmmmna 8 9 10 11 14 15 16