——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur .. von.. Eduard Okklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ eeSheeee dSee pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] en angenommen. 1 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und etrãt 3 3 gt; 5 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 4 ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen hder Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ausCewæhlte Kr zahlunden I S 4 7 Lrfee wau — * I. Jung gefreyt. Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. P —4- * F. rdinand M. hatte von ſeinen Altern einiges Vermögen ererbt, und gehörte daher zu den Bé⸗ günſtigten, die ihre akademiſchen Jahre ohne bäng⸗ liche Beſorgniſſe, ohne Erniedrigung, verleben kön⸗ nen. Sein gebildeter Verſtand, ſein ausgezeichne⸗ ter Fleiß, erwarb ihm die Achtung ſeiner Lehrer und Bekannten, ſo wie ſein makelloſer, gefälliger Charakter den Zutritt in die Geſellſchaften der Vor⸗ nehmern. Schon hatte er, ohne jemahls von ſemnen, ziem⸗ lich ſtrengen Grundſätzen im mindeſten abzuweichen, ſeine Studien, wie man das zu nennen pflegt, vol⸗ lendet, und nur ſeine gefaßte Vorliebe für das aka⸗ demiſche Leben, nur der Wunſch, ſich demſelben ganz zu widmen, hielten ihn noch zurück; als, ganz wi⸗ der ſein Wiſſen und Wollen, eine zärtliche Neigung ſich ſeines Herzens bemeiſterte. 4 Er war durch den Conſiſtorialrath H., den er bey zunehmendem Alter in ſeinen Arbeiten unter⸗ 35 ſtützte, ſchon vor miges Jahren in die, demſelben 4 5 A. 1 4 verwandte Familie des Kaufmanns L. eingeführtr worden, wo man ihm auf das freundſchaftlichſte entgegen kam. Zu einiger Vergeltung machte er ſichs⸗ zur Pflicht, die Lectüre der ſchon erwachſenen, ſehr reitzenden Tochter zu beſorgen, und dieß um ſo mehr, weil der Vater von allem, was nicht zum Waaren⸗ cours gehörte, wenig Notiz nahm, und die Mut⸗ ter mit dem Stolze auf ehemahlige Schönheit einen hohen Grad von Leichtſinn, eine raſtloſe Sucht nach rauſchenden Vergnügungen verband. Wenn Amalie— ſo hieß die Tochter— ſich öffentlich zeigte, ſah ſie ſich immer von einem Kreiſe ſchmeichelnder Bewunderer umgeben; doch ſo wenig. ihre mädchenhafte Eitelkeit dieſen Triumph ver⸗ ſchmähte, ſo ſchien ſie doch nur Ferdinanden einige Vorrechte einzuräumen. Er bemerkte dieſe Auszeichnung anfänglich mit ſtiller Freude, betrachtete ſich gewiſſer Maßen als Amaliens Lehrer, und war weit entfernt, für ſein oder Amaliens Herz hier Gefahr zu ahnen. Erſt, als einige ſeiner ältern Freunde ihn, bald ſcherz⸗ weiſe, bald ernſthafter, mit ſeinen öftern Beſuchen im L-— ſchen Hauſe aufzogen, machte er ſich ein srößere Wachſamkeit zur unerläßlichen Pflicht, ei Entſchluß, den er doch nicht durchgängig auszufün ren vermochte! Wie ſehr er ſich auch ſträubte, gab es doch bald ein Buch abzuhohlen, bald ein neuen Almanach zu überbringen; bald ſtand A 4 i. Hiähend.⸗ wie der daneben ſtehende Roſenſt⸗ und freundlich nickend am Fenſter, bald traf er ſie auf einem der beyderſeitigen Lieblingsſpatziergänge, bald lud man ihn zu einem Geburtstage oder andern Familienfeſte ein; wie war es ihm möglich, die lie⸗ benswürdige Freundinn kaltſinnig zu vermeiden? — Einſt an einem ſchönen Sommerabende brach⸗ te ihm das Stubenmädchen im L— ſchen Hauſe ein Billet. Es war nicht von Amalien ſelbſt, ſondern von ihrer Mutter, geſchrieben; man wünſchte auf den morgenden Tag ſeine Begleitung bey einer Spa⸗ tzierfahrt nach A. Das Mädchen, ſonſt ein ſehr raſches, queckſil⸗ briges Weſen, ſah ihn, waͤhrend er las, einige Mahl bedeutend an; dann fuhr ſie, wie verſtohlen, nach der Schürze, als gäbe es ein Thränchen abzutrock⸗ nen. Verwundernd fragte er nach der Urſache ih⸗ rer Traurigkeit; doch ſie wollte nichts verrathen.— „Ach mein armes Mamſellchen“— ſeufzte ſie nur wie vor ſich; und kaum hatte ier verſprochen, ſich einzufinden, ſo war ſie auch ſchon über alle Berge. »Nehmen Sie unſern innigſten Dank,“— be⸗ willkommte ihn des andern Morgens die Mutter— „daß Sie vorzüglich heute uns nicht verſchmäͤhen. Ich höffe nun gewiß, es wird alles gut!“ „Warum vorzüglich heute? und was ſoll gut werden?“— entgegnete er mit Verwunderung. Madame unterrichtete in nun, Baß der Sohm 6 eines fremden, Tonnen Goldes reichen Wechslers um Amaliens Hand angehalten habe; daß der Ge⸗ mahl auf Eingehung dieſer Verbindung beſtehe; daß aber die Tochter— Gott möge es wiſſen, aus wel⸗ chen Gründen?— durchaus nichts hören und lieber ſterben, als ſich einem Manne aufopfern wolle, den ſie nicht liebe.—„Nufen Sie Malchen ab, und re⸗ den Sie ihr zu, daß ſie vernünftig ſey“— ſchloß Madame die Erzählung.—„Der Wagen muß gleich da ſeyn; unfehlbar iſt ſie längſt mit der Toilette „fertig.“. Schon einige Augenblicke hatte die Dame ge⸗ endigt, und Ferdinand ſtand noch immer, ohne ein Wort zu erwiedern, ohne zu gehen. Jetzt erſt ſprach ſein Herz deutlich, was es ihm ſo lange verſchwie⸗ gen hatte, und zum erſten Mahl ſtrömte ſein Blut etwas unruhiger.—„Sie iſt Braut?“— fragte Zzer langſam, und ſah betroffen auf den Boden. »So gehen Sie doch, lieber M.“— verſetzte die Mutter lächelnd—„hätte ich doch nimmermehr Ihre Freundſchaft für ſo warm, Ihre Theilnahme für ſo innig gehalten!“ DJetzt erſt beſann ſich Ferdinand, und ging tief⸗ ſinnig auf Amaliens Zimmer. Er klopfte; keine Ant⸗ wort. Er öffnete leiſe die Thür; die reitzende Freun⸗ dinn war noch nicht fertig, wie die Mutter geglaubt Hatte. In der Fülle ihrer noch nicht völlig verſchlei⸗ erten Neitze ſtand ſie vor einem Putzſpiegel, und trocknete ſich mit einem Tuche die Augen. 1 3 4 ——— —— Ferdinand, von ihrem Anblick bezaubert, blieb ſchweigend in weiter Entfernung ſtehen, ohne be⸗ merkt zu werden.—„Ach wie meine Augen feuern!“ — ſagte Amalie im unſchuldigſten Tone vor ſich— „Wie entſetzlich werde ich ausſehen!— Erſt als ſie bas reiche, ſchön geflochtene Haar mit dem golde⸗ nen Dianenpfeile durchſtochen, und das verhüllende Tuch um ſich geſchlagen hatte, wagte es Ferdinand, ihr, wie erſt eintretend, guten Morgen zu ſagen, und ſie— breitete überraſcht, erſchreckend, beyde Arme gegen ihn aus, die doch alsbald wieder her⸗ abſanken. Er entlockte ihr nun nach und nach durch ſanf⸗ te Beſorgniß das ihm ſchon von der Mutter anver⸗ trauke Geheimniß; ſeine Tröſtungen wurden im⸗ mer inniger, immer zaͤrtlicher, und ſchon ſchwebte auf ſeinen und Amaliens Lippen ein ſüßes Geſtänd⸗ niß, als der Wagen raſſelnd anfuhr, und die er⸗ röthende Geliebte unter den ſchmelzendſten Blicken ihn erinnerte, es ſey hohe Zeit, die Mutter nicht länger ohne Geſellſchaft zu laſſen. 8 Ziemlich verſtimmt ſtieg der Vater, liebreich die beyden jungen Leute betrachtend, die Mutter, zwiſchen Lächeln und Weinen getheilt, Amalie, mit klopfendem Herzen Ferdinand in den Wagen; aber, trotz des paradieſiſchen Morgens, trotz der arkadi⸗ ſchen Gegenden, worauf die Mutter mehrmahls auf⸗ 3 merkſam machte, wollte keine heitere fortdauernde Unterhaltung gelingen. Und kaum war man ausge⸗ ſtiegen, als der Alte Ferdinanden auf die Seite. nahm, und ihn, unter Beziehung auf das, was er vermuthlich ſchon von der Mutter gehört haben wer⸗ de, erſuchte, Amalien ſachdienliche Vorſtel⸗ lungen zu machen, indem man wohl wiſſe, wie viel ſie auf ſein Urtheil gebe. Achſelzuckend, ſtockend, verlegen, konnte dennoch Ferdinand dieſen Dienſt des geachteten Hausfreundes unmöglich verweigern, und ehe er ſichs verſah, waren die Ältern weit zu⸗ rückgeblieben, und er mit Amalien wieder allein. Beyden Theilen ſchien das vor kurzem abge⸗ brochene Zweygeſpräch gleich anziehend geweſen zu ſeyn, und es war daher auch in kurzem wieder an⸗ geknüpft. Zärtliche Blicke, zärtliche Händedrücke, wurden aufs neue gewechſelt; die ſchlanken italie⸗ niſchen Pappeln rauſchten, der Sonnenſchein buhl⸗ te mit den Blumen, die Nachtigallen ſchlugen, und — unweit eines ſanftplätſchernden, mit dem Nah⸗ men Laura's bezeichneten Quells, geſtand man ſich die lang verſchwiegene, gegenſeitige Neigung. Amalie erklärte, von ſüßer Begeiſterung ergrif⸗ fen, den heroiſchen Entſchluß, jeder, dieſer Liebe drohenden Gefahr, ja ſelbſt dem Tode ſtandhaft zu trotzen: Ferdinand, deſſen ruhigere Phantaſie ihm eine weniger ſchreckrare Zukunft zeigte, hielt es für rathſam, vor allen Dingen die Mutter mit in das Bündniß zu ziehen, welche dann wohl mit der ——— —— — — 9 Zeit auch des Vaters Einwilligung zu bewirken vermögen werde. Herr L. hatte indeſſen mit dem Gärtner, der ihm zuweilen Sämereyen abkaufte, ein weitläufiges Geſpräch angeſponnen, und die Mutter ſuchte, um der langen Weile zu entfliehen, die Liebenden wie⸗ der auf. Man fand ſie ſo heiter, ſo gütig geſtimmt, daß man ihr ſogleich das Geſchehene anvertraute. Durch Vorſtellungen und Bitten, durch Schmeiche⸗ leyen und Amaliens Thränen überwältigt, gab ſie mit mütterlicher Rührung ihre Einwilligung, und verſprach ſogar freywillig die thätigſte Verwendung bey dem Gemahl. Auch geſtattete ihre Lebhaftigkeit keinen Verzug. Sie ſuchte den verlaſſenen Gatten wieder auf, und— was gelingt nicht einem ver⸗ ſtändigen Weibe?— trotz des gefürchteten hartnä⸗ ckigen Widerſpruchs, ward der alte Herr ſo bald zur Vernunft gebracht, daß er nicht nur die Mahl⸗ zeit mit der Geſundheit der Liebenden ganz unver⸗ muthet beſchloß, ſondern auch ſeiner Tochter beym Zurückfahren, mit der jovialſten Laune und einer, ihm nicht ſehr geläufigen Galanterie, den, vorher in eigener Perſon eingenommenen Ehrenplatz im Grunde des Wagens überließ. Berauſcht von dem Abſchiedskuſſe, lieblich um⸗ ſchwärmt von Gefühlen, die auch das Herz eines jungen Mannes von Grundſätzen, gleich ſpot⸗ 10 tenden Amoretten, umgaukeln, wenn er ſich zum erſten Mahl geliebt weiß, kehrte Ferdinand erſt ſpät nach Hauſe, und ſeine Träume waren nur Fortſe⸗ tzungen der angenehmen Begebenheiten des verfloſ⸗ ſenen Tages. Doch als er zur gewohnten Stunde erwachte und am geöffneten Fenſter die kühle Mor⸗ genluft einathmete, da ſchien auch die ihm ſonſt gewöhnliche, kühlere Überſicht der Dinge bey ihm wieder einzukehren, und, ſo ſehr das Herz ſich ent⸗ ſchuldigte, ſo behielt doch am Ende der Verſtand voöllig die Oberhand. Jetzt erſt ſiel es ihm bey, daß er ſich vor allen Dingen um ein Amt bewerben müſſe; jetzt erſt wunderte er ſich über die Nachgie⸗ bigkeit der Altern in ſeine und Amaliens, doch ein 4 wenig unbedachtſame, Wünſche; jetzt ſchien es ihm ausgemacht, daß er ſeinen Geiſt noch in mancher⸗ ley Hinſicht anbauen und bereichern müſſe, und bald war es ihm klar, daß unter einigen Jahren an ei⸗ 4 ne Heirath ſchwerlich zu denken ſey. Seine Unruhe. wuchs, da er auf einer Seite an Amaliens ſchon mannbares Alter, auf der andern an die Unmög⸗ 5 lichkeit dachte, von ihren Ältern, auch wenn ſie da⸗ zu bereit wären, für ſich ſelbſt eine Unterſtützung anzunehmen, und er hätte wohl noch lange ſich mit Zweifeln und Entwürfen gepeinigt, wäre nicht in dieſem Augenblicke, ganz wider Gewohnheit, der Conſiſtorialrath ſelbſt eingetreten, der ihm, mit ei⸗ nem Glückwunſche zu Erlangung der jüngſt erle⸗ digten Profeſſur, einen Brief des Miniſters G. — . 11 uberbrachte. Etwas Naͤheres über die Sache wußte der Conſiſtorialrath nicht anzugeben; doch ſchmei⸗ chelte er ſich mit dem Glauben, daß bloß ſein eige⸗ nes Anſehen bey ſeinem alten Gönner und ſeine Empfehlung die unerwartete Beförderung Ferdi⸗ nands bewirkt habe. Die Ehre dieſes Antrags erhob Ferdinands Seele, und der Augenblick, in welchem er eintraf, verdoppelte ſeine Freude. Er überſchüttete den Über⸗ bringer mit Verſicherungen ſeiner Dankbarkeit, und faßte augenblicklich den Entſchluß, den Brief des Miniſters bey Amalien zu erbrechen, um auch die Geliebte eben ſo angenehm zu überraſchen, wie er ſelbſt überraſcht worden war. Kaum hatte der Conſiſtorialrath ſich wieder entfernt, als Ferdinand zu Amalien flog. Der Ein⸗ gang des Schreibens:„der Miniſter habe Ferdi⸗ nanden durch einige ſeiner anonymiſch herausgege⸗ benen Abhandlungen philologiſchen und pädagogi⸗ ſchen Inhalts, ſo wie durch die Zeugniſſe mehrerer akademiſcher Lehrer, auf das vortheilhafteſte ken⸗ nen gelernt, und finde ſich daher, als Curator der Univerſität, bewogen, ihm die erledigte Profeſſur zu übertragen“— verſetzte zwar Mutter und Toch⸗ ter in das froheſte Erſtaunen, doch kam es Ferdi⸗ nanden vor, als habe der Conſiſtorialrath ſchon ge⸗ plaudert. Man las weiter—„dieſe Stelle, nebſt dem damit verknüpften Gehalt, werde daher Fer⸗ dinanden hiermit ſofort conferirt; doch hege der 12 Miniſter zugleich das Vertrauen, er werde ſich da⸗ gegen entſchließen, ſeinen Neffen auf einer Reiſe durch England, Frankreich und Italien zu beglei⸗ ten“— und die Geſichter der Zuhörerinnen ſchienen ſich ein wenig zu verlängern. Doch bald war man wieder gefaßt. Die Mutter hielt die Trennung der Liebenden freylich für hart, doch, bewandten Um⸗ ſtänden nach, für unvermeidlich; Amalie weinte an Ferdinands Bruſt Thränen der Freude und des Schmerzes zugleich; der Vater, den man endlich auch herzugerufen hatte, fand wenigſtens das gut, daß die Stelle, und vorzüglich die Beſoldung, ſo⸗ fort conferirt worden ſey. So waren denn vor der Hand alle Theile zu⸗ frieden! Ferdinand nahm, zumahl da ihm der Neffe des Miniſters als ein ſehr geſitterer Jüngling be⸗ kannt war, beyde Anträge dankbar an. Man hielt für gerathen, die Verlobung bis zur Rückkehr ge⸗ heim zu halten. Die Liebenden ſchenkten ſich Ringe, Haarlocken, Gemählde, und von Amaliens Klagen, von der Mutter ſchönen Redensarten, von des Va⸗ ters Lehren über das Verhältniß der Münze gegen Papiergeld u. ſ. w. begleitet, ſtieg Ferdinand mit dem jungen Grafen G. in den Wagen. Die Reiſe ging zuerſt nach Italien. Als die Reiſenden zu Venedig in einem der erſten Hotels abgeſtiegen waren, verwunderten ſie ſich nicht we⸗ 8 — * 13 nig, in dem Nebenzimmer deutſch, und ſogar den Dialeet ihrer Provinz, zu vernehmen. Die im Aus⸗ lande weit größere Anhänglichkeik an Landsleute, ſelbſt die Neugier, vermochte ſie, ihren Nachbarn einen Beſuch zu machen. Sie erkannten in ihnen den Sohn eines reichen Banquiers aus der Reſi⸗ denz, und einen alten erfahrnen Handlungsdiener, der jenem zum Mentor diente. Der Reiſeplan, der dieſen beyden vorgeſchrieben war, ſtimmte faſt ganz mit dem ihrigen überein.. Der junge Fritz Heimfeld, ein blühender, lebensfroher Jüngling, war nur um einige Jahre älter, als der Graf, und man konnte ihn nicht ſe⸗ hen, ohne ihn wegen ſeiner Gutherzigkeit, wegen ſeines offnen Betragens, wegen ſeiner nie verſie⸗ genden Heiterkeit, für den angenehmſten Geſellſchaf⸗ ter zu halten. Der Commis, der dieſe Reiſe ſchon ehedem einmahl gemacht hatte, verbarg unter einem trockenen Außern, Erfahrung, vielſeitige Menſchen⸗ kenntniß und practiſche Lebensklugheit, ſo daß bey ihm ſelbſt Ferdinand manches zu lernen fand. Man kam bald überein, ſo lange es Zeit und Umſtände erlaubten, die Neiſe zuſammen zu machen, und war bald ſo an einander gewöhnt, daß man, um uch nicht trennen zu dürfen, auch über Zeit und..⸗ ſtände zuweilen hinweg ſah. Während man auf dieſe Weiſe Italien und Frankreich durchſtrich, erhielt Ferdinand zuweilen von Amalien Briefe, voll Verſicherungen der treue⸗ 14. ſten, ſehnſuchtsvollſten Liebe, die in ihm nur um deßwillen einige Unruhe erweckten, weil ſie gar zu leibenſchaftlich und faſt ein wenig romanhaft klan⸗ gen. Doch Liebe iſt immer zu entſchuldigen bereit, beſonders getrennte Liebe! Ferdinand verſuchte da⸗ her, um nicht kälter zu ſhiunen⸗ auch ſeine Zärt⸗ lichkeit in ſchönklingenden Phraſen auszudrucken, woraus denn freylich manchmahl— eine Predigt in Jamben entſtand! Deſſen ungeachtet fühlte der gu⸗ te Mann weit wärmer und inniger, als er, aus einem ſonderbaren männlichen Stolze, der Gelieb⸗ ten, ja ſich ſelbſt eingeſtehen mochte, und ſeine Be⸗ ſorgniß war daher ſehr groß, als er, nach der An⸗ kunft in England, zwar andere Briefe, aber kei⸗ nen mehr von Amalien, empfing. Seine hierdurch entſtehende Unruhe, ſeine Sehnſucht nach dem Vaterlande, theilte ſich jetzt, am Ziele einer faſt dreyjährigen Reiſe, nach und nach auch ſeinen Gefährten mit. Man verkürzte den Aufenthalt in England um einige Wochen, und beſtieg mit inniger Freude ein nach den vaterlän⸗ diſchen Küſten abſegelndes Schiff. Schon längſt hatte der ſchlaue Heimfeld Fer⸗ dinanden eine gewiſſe Herzensbeklemmung abmer⸗ ken wollen, und ihn zuweilen, wenn ſie dem Re⸗ benſaft der Fremde gebührende Gerechtigkeit wider⸗ fahren ließen, freundlich damit geneckt. Jetzt, an einem friſchen Morgen, da Ferdinand auf dem Ver⸗ deck trübſinnig auf die Wellen hinabſchaute, die ihn 15 zu ſeiner Amalie tragen ſollten, trat der junge Ver⸗ ſucher mit verſtellter Theilnahme zu ihm und ſprach „Ich fühle ihren Kummer, mein Freund; ich theile ihre Sehnſucht. Darum vertrauen Sie ſich mir; ich verſtehe Sie— denn auch ich liebte— aber ach! unglücklich!“ „Sie 2“— erwiederte Ferdinand lächelnd— „Wie alt ſind Sie denn 2“ „Drey und zwanzig anjetzt, doch, ſo wie Sie mich hier ſehen, ſchon einmahl in meinem ſechzehn⸗ ten bis über die Hutſchnur verliebt.“ „Ihr Roman muß intereſſant ſeyn!“ „Wenigſtens belehrend! Ich war einen ganzen Monath lang feſt entſchloſſen, meine ganze Lebens⸗ zeit im ſtrengſten Cölibat zuzudringen.“ „Darf man fragen, wer die Grauſame war 28 „Hören Sie die Leiden des jungen Heimfelds! — Ich war erſt ſechzehn Sommer alt, unſchuldig und nichts weiter; da reiste ich mit meinem Herrn Papa auf die Meſſe. In der Woche gab es natür⸗ lich ſtets zu arbeiten; dafür ſchmausten wir aber auch Sonntags weidlich, und ich verſäumte niemahls den großen Ball, wozu ich von einer bekannten Fa⸗ milie regelmäßig eingeladen wurde. Ich ſah mich anfänglich faſt blind an den vielen hübſchen, aufs anlockendſte herausgeputzten Kinderchen, bis ich end⸗ lich die Eine, Einzige, bald auch Vielgeliebte, er⸗ blickte. Faſt mir an Jahren gleich, gewachſen, wie eine Nymphe, an Anmuth und Holdſeſigkeit Cy⸗ ch: 16 theren wenigſtens gleich, Summa Summarum, wie ſich von ſelbſt verſteht, ein leibhafter Engel, ſchwebte ſie an der Hand eines Herrn in Uniform zephyrleicht bey mir vorüber; ihr feuriger Blick traf von ungefähr mich Armen; ich war außer mir, doch — als ich mich erhohlt hatte, keck genug, ſie um ei⸗ nen Tanz zu bitten. Die Göttinn war viel zu ar⸗ tig, es auszuſchlagen. Ich Seliger walzte mit ihr. Die Erde ſchwankte unter meinen Füßen; ihr Bu⸗ ſen klopfte an dem meinigen, ihr Nelkenathem ſtreif⸗ e an meine Wange— kurz und gut, mein Herz, mein Herz war fort! »Und wie ging es weiter?“— fragte Ferdi⸗ nand ein wenig neugierig. »Kurz von der Sache, ich war ſterblich verliebt — mithin auch ſtumpf und dumpf für alle Geſchäf⸗ te! Selbſt meinem Vater konnte das nicht entge⸗ hen. Am Montag Morgens überraſchte er mich, als ich, ſtatt Ziffern, Figuren zu engliſchen Tänzen mahlte; des Mittags hatte ich gerechnet: zweymahl eins iſt eins; des Nachmittags hatte ich zwey fal⸗ ſche Louisd'or für gut angenommen.—„Es iſt nicht richtig mit dir“— ſagte Papa kopfſchüttelnd am Abend, und ich mußte beichten. Gern hätte mein Vater etwas väterlichen Ernſt ſpüren laſſen, hätte er nur nicht über mich lachen müſſen!—„Je nun“— ſagte er endlich ſchmunzelnd— denn Sie müſſen wiſſen, man hielt damahls den Vater des Mädchens noch für ſehr ſolid—„wir wollen über⸗ 2 17 legen! Die einzige Tochter— der Vater Kaufmann — ein gutes, recht gutes Haus— ich werde mich erkundigen! Jetzt freylich iſt an Ernſt nicht zu den⸗ ken— doch, wie bald vergehen drey, vier Jähr⸗ chen! Anpochen laſſen könnte man immer vorläufig; denn die reichen, und dabey hübſchen Mädchen ge⸗ hen reißend ab!' „Mein Papa iſt nicht gewohnt, ein Negoz lan⸗ ge aufzuſchieben. Die eingezogenen Nachrichten lau⸗ teten gut; er ließ—anpochen, durch einen Sen⸗ ſal, der als ſolider Unterhändler bekannt war; ich ſchwamm auf Roſenwolken der Hoffnung! Doch, 0 Jammer! o Entſetzen! o Höllenſchmerz! das Anpo⸗ chen war dießmahl umſonſt und Demoiſelle bereits die Braut eines Barons, vermuthlich des Herrn in der eihen Uniform!“ Darf man nicht fragen?“— unterbrach ihn Ferdinand⸗ und rutſchte ungeduldig auf der Schiff⸗ bank hin und her. „Hören Sie das Ende!“— verſezte Heimfeld. —„Sie können leicht denken, daß ich mich anfäng⸗ lich dem eiskalten, kohlſchwarzen Tode mit Haut und Haar ergeben wollte, und treulich erfüllte ich ein Gelübde, wenigſtens in vier Wochen kein Bil⸗ lard zu ſpielen. Nach und nach aber goß die Zeit lindernden Balſam in mein verwundetes Herz. Ich fluchte einige Monathe, ſo oft ich einen Officier ſah; dann machte ich eine Reiſe nach Böhmen, und da ich zurückkam, war die Sache vergeſſen!“* ₰ ⸗ 18 „Ich gratulire Ihnen“ „»Was ich herzlich annehme“— ſchloß Heimfeld —„denn noch vor Jahresfriſt erhielten wir ſicher Aviſo, daß es mit dem Vater der weiland Gelieb⸗ ten wanke, daß die Frau Mutter in gar keinem vortheilhaften Rufe ſtehe, daß der Herr Baron auf Reiſen gegangen, und mein Schätzchen nachher mit einem verarmten Cammer⸗, ſodann wieder mit ei⸗ nem Kraut⸗Junker, Braut geheißen habe. Zuletzt, kurz vor meiner Abreiſe— denken Sie ſich ſelbſt unſer Erſtaunen!— ließ ihr Herr Vater nun bey uns eine freundliche Anfrage präſentiren, die wir aber, wie ſich verſteht, mit Proteſt zurückſchickten!* »Sie reisten einen Monath früher, als wir, ab?“— fragte Ferdinand in Gedanken. »Einen Monath, allerdings!— „Nun ich gratulire nochmahls!*— verſetzte Fer⸗ dinand abbrechend—„Sehen Sie einmahl! iſt das dort nur eine Wolke, oder wäre es wirklich ſchon Land 2“ So ſehr ſich auch Ferdinand bemühte, einen ihn beunruhigenden Verdacht gänzlich zu verbannen, ſo ſehr er es ſich aus einander ſetzte, es könne ja unmöglich alſo ſeyn; ſo blieb doch von dieſem Ge⸗ ſpräch ein Stachel in ſeinem Herzen zurück. Einige Nebenumſtände trafen doch wirklich recht ſonderbar zu; im L- ſchen Hauſe hatte man ihn doch in der 19 That ein wenig übereilt, und— wenn auch Amalie krank war, warum ſchrieb nicht wenigſtens ihr Va⸗ ter, ihre Mutter? Noch bänglicher ward ihm ums Herz, als er in Hamburg auf eingezogene Erkundigung erfuhr, daß Herr L. vor einiger Zeit inſolvent verſtorben ſey, und der, bloß in ſein Inneres verſchloſſene Kummer machte ihm ſogar die Trennung von ſei⸗ nen Reiſegeſellſchaftern und von ſeinem Zöglinge weniger fühlbar. Mit immer ſteigender Ungeduld ſah er die Thurmſpitzen des heimathlichen Muſenſi⸗ tzes aus den Gebüſchen hervorragen; kaum ausge⸗ ſtiegen, eilte er in das L— ſche Haus, und fand es von Fremden bewohnt! Seine nähern Bekannten bedauerten ihn, wegen Verluſts eines bei L. ſtehen gehabten Capitals; er erfuhr, daß die Mutter in ein entferntes Städtchen zu einer Verwandtinn ge⸗ zogen, Amalie aber, kurz vor Ausbruch des Ban⸗ kerotts, mit einem holländiſchen Hauptmann auf und davon gegangen ſey.— Kaum vermochte er bey Hinterbringung dieſer Nachricht ſeine Faſſung zu behalten. Er hatte Ama⸗ lien für ein gutes Mädchen gehalten; er hatte ſie redlich geliebt. Daher war auch ſein Schmerz tief und innig, und nur angeſtrengte Beſchäftigung, noch mehr aber, eine nähere Kenntniß von Dingen, wovon er vorher, theils weil man ſeine Verbindung nicht kannte, theils weil man ihn für einen Haus⸗ freund und mit dieſen Umſtänden längſt für bekannt 20 3 hielt, nichts erfahren hatte, gaben ihm nach und nach ſeine vorige Ruhe wieder. Amalie war allerdings die eitle, gefallſüchtige Thörinn geweſen, welche ihm Heimfeld, ohne von ſeiner Bekanntſchaft mit ihr zu wiſſen, geſchildert hatte. Ihre Mutter hatte ihr frühzeitig in den Kopf. geſetzt, daß ſie, bey ihren Reitzen und glänzenden Vermögensumſtänden, wenigſtens auf die Hand ei⸗ nes regierenden Grafen des, damahls noch heil. rö⸗ miſchen Reichs Anſpruch zu machen habe. Man both in dieſer Abſicht alles nur Mögliche auf, begnügte ſich jedoch mit einem Reichsfreyherrn, weil er zu⸗ gleich Gardeofficier war. Dieſer ſowohl, als ſeine Nachfolger, benutzten die Thorheit der Mutter und die Coquetterie der Tochter bloß zu Erreichung ih⸗ rer Wünſche, ohne je an Erfüllung der, ihnen ge⸗ wiſſer Maßen abgedrungenen Verſprechungen zu den⸗ ken. Schon fing man an, über L— s Vermögens⸗ umſtände zweifelhaft zu werden; ſchon war ein Fähn⸗ rich, der Amalien bey einer Schlittenfahrt ewige Liebe geſchworen hatte, gleichergeſtalt treulos gewor⸗ den, als man ſich auf Heimfelds ehemahligen Antrag beſann, und davon, wo möglich, noch Vortheil zu ziehen verſuchte. Die recht ſchön vergoldete abſchlä⸗ gige Antwort brachte ſowohl Mutter, als Tochter, faſt zur Verzweiflung, und man warf nun die An⸗ gel nach Ferdinanden aus, deſſen Vermögen man als ziemlich anſehnlich kannte, und von deſſen be⸗ vorſtehender Anſtellung man eben durch den Conſt⸗ ⸗ 21 5. ſtorialrath einen Wink erhalten hatte. Man ſuchte ſich ſeiner, ſo bald nur möglich, zu verſichern, und obſchon die dreyjährige Reiſe nicht in dem Plane lag, ſo ſöhnte man ſich doch bald d amit aus, theils, weil vorauszuſehen ſtand, daß Ferdinand ſeine Be⸗ ſoldung durch L. werde erheben laſſen, theils auch, weil man gar nicht abgeneigt war, Kiiheige Ju⸗ gend noch beſtmöglichſt zu genießen. Amalie verſag⸗ te ſich, verſteht ſich, m it gehöriger Vorſicht, nach Ferdinands Abreiſe kein rauſchendes Vergnügen, und ihr Ruf war ſchon längſt gänzlich geſunken, als die⸗ ſer, durch den Glauben an ihre Tugend noch ſehr glücklich, durch die heiligſten ſchriftlichen Verſiche⸗ rungen von ihrer Treue noch feſt überzeugt war. Der ausgebrochene ſchimpfliche Bankerott vollendete das tragiſche Luſtſpiel; Amalie warf ſich mit Freuden einem Spieler in die Arme, der ſie in die große Welt einzuführen verſprach. —— Ferdinand, ſehr zufrieden, bloß mit Verluſt ei⸗ nes Capitals von einem unglücklichen Ehebundniſſe, 4 von Schande und Kummer befreyt worden zu ſeyn, warf ſich nun, um das falſche weibliche Geſchlecht zu vergeſſen, mit dem größten Eifer auf ſein Stu⸗ dieren. Doch glückte es ihm weit beſſer, ſeinen Nah⸗ men in kurzem rühmlich bekannt zu machen, als die Neigung für das Schönſte auf Erden? gänz lich zu unterdrücken. 22 Er lernte nach einigen Jahren ein ſittſames, reitzendes und wohlhabendes Mädchen kennen, der er, und die ihm, von Herzen gewogen ward. Oh⸗ ne Zweifel hätten die Altern nichts einzuwenden ge⸗ habt; doch Ferdinand fetzte ſich vor, nicht eher um ihre Hand anzuhalten, bis ſeine neueſte Abhand⸗ lung— über die Gynecäen der Perſer und Meder — vollendet ſeyn würde. Dieß verzögerte ſich von Monath zu Monath. Endlich ward die Abhandlung fertig, ja ſogar von einer Akademie gekrönt! Jetzt dachte Ferdinand ernſtlich an einen noch lieblichern Lohn, und erfuhr mit großem Erſtaunen, daß die Auserkorne, gerade in dieſer Woche, ihren glück⸗ lichen Gatten mit dem erſten Söhnlein erfreut habe! Drey Jahre ſpäter führte ihn der Zufall mit einer noch ſehr hübſchen Dreyßigerinn zuſammen, die von jedermann für ſehr brav, für ſehr klug, für fehr haushälteriſch, gehalten ward. Er ſelbſt glaub⸗ te, mit ihr gewiß glücklich zu werden, und war feſt entſchloſſen, ſie morgenden Tags um das Jawort zu bitten, als ſie bei einer Gevatterſchaft, wozu auch er eingeladen ward, nach ſeiner Meinung et⸗ was zu frey gekleidet erſchien. Dieß lief ſeinem Sy⸗ ſtem ſchnurſtracks entgegen; er gab augenblicklich; je⸗ den Gedanken an ſie auf. Abermahls nach drey Jahren ließ ihm eine rei⸗ che, noch ſehr liebenswürdige Witwe ihre Hand an⸗ tragen. Alle ſeine Freunde riethen ihm zu; er ſelbſt ſah dieſe Perbindung für eben ſo ehrenvoll, als — — 23 vortheilhaft, an, hatte ſich auch ſchon gegen den ver⸗ mittelnden Freund ziemlich beſtimmt erklärt, als er mit ihr und einigen Fremden das Attelier eines be⸗ ruͤhmten Künſtlers beſuchte. Die muntere Witwe verweilte hier vor einem Apollo einen Augenblick länger, als Ferdinand für zuläſſig hielt, und— er ſchrieb ein zweytes, Alles wiederrufendes Billet! Jetzt trat eine gänzliche Windſtille ein, wäh⸗ zend welcher ſich Ferdinand von der Welt, wie die „Welt von ihm, völlig zurückzog. Eine alte Haus⸗ hälterinn, die zucht⸗, ehr⸗ und tugendbelobte Jung⸗ ſer Sara Krüme lin, beſorgte ſeine Wirthſchaft. Sein immerwährender Umgang waren Pergament⸗ bände; ſein Vergnügen nach der Mahlzeit eine Ca⸗ narienhecke, die er, um doch auch was Lebendiges um ſich zu haben, zwiſchen ſeinen Fenſtern angelegt hatte; ſeine Kurzweil des Abends ein ſchnurrender sypriſcher Kater, der Günſtling der Ausgeberinn. Schon ſeit langer Zeit hatte der junge Graf G. und Heimfeld, die beyde längſt verheirathet waren, Ferdinanden zu ſich eingeladen; ſchon oftmahls hatte er einen Beſuch verſprochen, ohne vor mannigfalti⸗ ger Arbeit bazu bommen zu können. Endlich, an ei⸗ nem ſchönen Herbſttage, da er eben den letzten Bo⸗ gen eines, mit unglaublicher Mühſamkeit vollende⸗ ten Werkes in die Buchdruckerey geſchickt hatte, fühlte er mehr als je das Bedürfniß, ſeine Freude 8 träumend durch die, wie mit Guirlanden geſchmücks * 24— über die gelungene Arbeit jemanden mitzutheilen. Aber ach! Sara Krümelin, von Jahnſchmerzen übel geplagt, wandelte mit verbundenem Geſicht, wie eine Scheuche, im Hauſe herum; das ſchönſte Hähn⸗ chen der Hecke hatte leider! den Pipps, und ſelbſt Peter war übler Laune, und krellte den Streicheln⸗ den ins Geſicht. Jetzt fühlte er auf einmahl, daß es nicht länger ſo auszuhalten ſey, und beſchloß augenblicklich, dem dumpfen Kerker der Studierſtube auf einige Zeit zu entfliehen. Noch in derſelben Stunde beſtellte er ei⸗ nen Wagen nach der Reſidenz, und, obſchon am an⸗ dern Morgen das Einpacken und das Reiſen über⸗ haupt ihm ziemlich unbequem dünkte, ſo ſchämte er ſich doch vor ſich ſelbſt, und ſetzte ſich mürriſch ein. Sein luſtiger, bald blaſender, bald pfeifender, Po⸗ ſtillion, die reine Luft, das buntgemiſchte Laub, der helle Himmel, kurz Alles, was ihn umgab, ſchien ihn zur Freude zu ermuntern. Seine Bruſt erwei⸗ terte ſich allmählich, und je weiter er kam, deſto leichter, deſto fröhlicher ſchlug ſein Herz, deſto em⸗ pfänglicher und geſelliger ward ſeine Stimmung. Als nun vollends der ſilberne Fluß, und, von ihm umarmt, die grünenden Rebenhügel ſich vor ſeinen 4 eine Art von Gefängniß. Er ließ den Schwager auf Augen ausbreiteten, da ſchien ſelbſt der Wagen ihm der Poſtſtraße langſam hinfahren, und ſchlenderte 4 ten Weinbergsgaſſen. 4 Noch. 4 2 25 Noch war er kaum ein Viertelſtündchen gewan⸗ 4 delt, als ein froher, lieblicher Geſang ſeine Schrit⸗ . 2 te hemmte. Sein Herz war jetzt der Freude, dem 8 Mitgefühl, der Sehnſucht geöffnet; die Stimme war eine weibliche. Er ſtäubte haſtig ſeinen Reiſehut, ſeine Stiefeln ab, zzog die von der Jungfer Krüme⸗ lin gefältelten Manchetten behutſam hervor, und faßte den Muth, die Sängerinn aufzuſuchen.— 3 Ddie Thür des Weinbergs ſtand glücklicher Weiſe offen; er war erſt einige Stufen geſtiegen, als ein naſeweiſes Spitzchen ihn bellend bewillkommte, und dann eilfertig zurückſprang, als wollte es den Fremd⸗ ling anmelden. Er ging weiter, und immer freund⸗ licher, immer einladender, immer idyllenartiger ſchienen ihm alle Umgebungen. Auf einem umzäum⸗ ten großen Raſenflecke ſtand ein alter, hoher Birn⸗ baum mit goldener Frucht und weit herabhängen⸗ den Zweigen. Darunter lagen drey muntere, von Geſundheit ſtrotzende Kinder, zwiſchen drey bis acht Jahren, und balgten ſich mit einem ehrwürdigen, faſt über ſeine Natur gutmüthigen Ziegenbocke. Die⸗ ſer lehnte ſich jetzt mit inſtinetmäßiger Liſt rücklings aufſteigend an den Baumſtamm, und ſchüttelte, mit gewaltig wackelndem Barte, an den AÄſten, bis ei⸗ ne Birne herabſiel. Die Kinder fingen ſie auf, und der Bock kam ſtutzend herzu, um ſein beſcheidenes Theil von der Beute zu empfangen. Ferdinand wußte nicht, wie ihm geſchah. Er 8 mußte lachen, und doch traten ihm Thränen in die 1 Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. B 26 Augen. Jetzt ließ das bellende Hundchen ſich aufs neue hören, und zog Ferdinands Augen auf eine Bank, wo er ein aufgeſchlagenes Buch und ein Strohhütchen gewahrte. Eben hatte der Wind das Band davon losgeſpielt, und wehte es ihm durch das hohe Gras, wie eine Zauberſchlange entgegen. Er bückte ſich, es zu haſchen, und erblickte, ſich auf⸗ richtend, die muthmaßliche Beſitzerinn. Sein Herz, ſein Athem, ſchien einen Augenblick zu pauſiren, er glaubte noch nie ein freundlicheres Geſichtchen, ein niedlicheres Geſchöpfchen, geſehen zu haben. Dieß ſchwarz gelockte Tituskopfchen, dieſe blühenden Wan⸗ gen, dieſe dem Kuß entgegenſchwellenden Lippen, dieſe feurigen, ſchelmiſchen, und doch ſo ſchmachten⸗ den Augen, dieſer faſt üppige, und doch ſo harmo⸗ niſche Wuchs, bildeten ein ſo reitzendes Ganzes, daß Ferdinand, der ſonſt ſo beſonnene Ferdinand, glühend roth ward, und, ſehr verlegen, ein ziemlich altfränkiſches Compliment ſtotterte. Das freundliche Weſen wußte ihn mit unbe⸗ ſchreiblichem Wohlwollen ſehr bald auf den rechten Weg zu bringen; ein gleichgültiges, und doch für Herdinanden ſehr anziehendes, Geſpräch war in Fur⸗ zem angeknüpft; eine Einladung, wenigſtens einige Trauben hier zu genießen, um das Recht künftiger vorüberziehender Wanderer nicht verjähren zu laſ⸗ ſen, folgte. Schon eilte die gaſtfreundliche Grazie nach einigen naheſtehenden Stöcken, um eine ver⸗ ſchiedenfarbige Auswahl ſchöner Trauben abzuſchnei⸗ c . 27 den; ſchon fühlte ſich Ferdinands Bruſt ſo geſtärkt, ſo wohlthätig beklommen, und ſchon wollte der Ge⸗ danke, daß dieſe ſeine Reiſe und die Veranlaſſung dazu, das Zahnweh der Haushälterinn, der Pipps des Canarienvogels, das Krellen der Katze, daß ſein Einfall, zu gehen, nebſt der offenſtehenden Weinbergthür, kein Spiel des blinden Zufalls ſeyn möge, ſich bey ihm feſtſetzen, als die nette Win⸗ zerinn dem zu laut werdenden älteſten Knaben zu⸗. rief:„He, Ferdinand, ſag' doch dem Vater, er ſol⸗ le herabkommen!“ Ferdinands Träumerey war augenblicklich un⸗ „ terbrochen; es ward ihm zu Muthe, als hätte ihm jemand kaltes Waſſer ins Geſicht geſprengt, und kaum folgten die Sprachwerkzeuge ſeinem Willen, als die junge Dame das in ein Fruchtköybchen ver⸗ wandelte Strickkörbchen ihm tändelnd vorhielt. »Ferdinand heißt der Kleine?“— fragte er, um doch etwas zu ſagen. „Ja wohl, Ferdinand! Der Nahme iſt hübſch — meinen Sie nicht?— und von einem Freunde meines Mannes, der Pathe war, und ein recht gu⸗ ter, grundgelehrter Mann, aber, daß ſich Gott er⸗ barme! auch ein recht verſtockter Hageſtolz ſeyn ſoll!“. — Sie lachte, und hätte durch ihre Schelmerey den⸗ gegenwärtigen großen Ferdinand vermuthlich ganz aus der Faſſung gebracht, wäre nicht in demſelben Augenblicke ein junger Mann—— Nahmens Heim⸗ erſchienen, der, ſobald er Ferdinanden er lkann⸗ * B 28 te, mit großen Sprüngen herzuflog, und ihn mit ausſchweifender Freude umarmte. „Ey Herr Profeſſor M... wohl ſelbſt?“— ſagte die kleine Frau etwas verlegen, war aber ſchnell wieder in Ordnung, und drückte die beyden Männer mit ihren runden, weißen Armen noch fe⸗ ſter an einander. Man kann ſich leicht vorſtellen, welch ein Feſt des Wiederſehens nun begann! Man machte ſogleich aus, daß unter vierzehn Tagen an kein Weiterrei⸗ ſen zu denken ſey; ein Arbeiter mußte die Kutſche herbeyſchaffen; Alt und Jung half den Koffer abpa⸗ cken, und unter lautem Jubel wurde Ferdinand m das freundliche Gaſtſtübchen feyerlich eingewieſen. Ferdinand konnte es, da er nach dem Abend⸗ mahle auf ſein Zimmer kam, und von dem hohen Weinberghauſe herab die weite Mondſcheinland⸗ ſchaft überſchaute, kaum begreifen, daß es, wie doch bey Tiſch ausgerechnet worden war, ſchon zwölf Jah⸗ re ſey, ſeitdem er den Grafen auf die Güter beglei⸗ tet, ſchon acht Jahre, ſeitdem ihm Heimfeld einen Gevatterbrief zugeſchickt habe. Er mochte aber die einzelnen Perioden, an welche ſich ſeine Erinnerung Fnüpfte, zuſammenrechnen, ſo oft er nur wollte, es gab immer dasſelbe Facit, ſo wie ſich auch im⸗ mer der Gedanke damit verband, er habe dieſe Jah⸗ e nicht viel beſſer, als die zwar arbeitſame, aber * 12 2 29 auch menſchenfeindliche Spinne in ihrem beſtäubten Gewebe, verlebt. Er ſchlug heftig das Fenſter zu.— „Und wenn ich morgen ein Mädchen finde, wie Ma⸗ dame Heimfeld“— ſagte er zu ſich ſelbſt, und klei⸗ dete ſich ſchnell aus—„ſo ſoll ſie mein Weib wer⸗ den, und wäre es die Tochter von Heimfelds Winzer!“ Nur die Ermüdung ließ ihn bald und feſtein⸗ ſchlafen, und als er erwachte, ziſchelten ſchon Heim⸗ felds Kinder vor ſeiner Thür, die, als er dieſe öffne⸗ te, mit großen Ruthen hereinſprangen, um ihm zum Pavillon, wo das Frühſtück auf ihn wartete, nach Standesgebühr vorzureiten.— Ferdinand verlebte nun unter dieſen guten, fröhlichen Menſchen die heiterſten Stunden ſeines Lebens; Heimfelds offener, biederer, und doch, wo es ſeyn mußte, eben ſo feſter, als ſonſt gefälliger Charakter; Fränzchens— ſo hieß die niedliche Hausfrau— Kindlichkeit, Munterkeit und Häus⸗ lichkeit; ihre nicht zur Schau geſtellte, und doch ſo zärtliche Mutterliebe, in welcher ſie Ferdinanden oft nur wie ein ſchöner, ſchützender Genius aus hö⸗ hern Regionen erſchien; die Anhänglichkeit, Geſund⸗ heit und manchmahl an Wildheit ſtreifende Lebhaf⸗ tigkeit der Kinder; die Treue und Anhänglichkeit des Geſindes, ſo wie wiederum die Vorſorge der Herrſchaft für jene— ſtellte ihm ein Bild der rein⸗ ſten, edelſten Glückſeligkeit vor, und der Gedanke, immer feſter in ſeiner Seele. Er begleitete einige Mahl Heimfelden, der faſt täglich in die Stadt fuhr, und machte bey Heimfelds Vater und Geſchwiſtern, ſo wie bey ſeinem ehemahligen Zöglinge, den er mit einer liebenswürdigen und ſehr geiſtreichen Dame vermählt fand, einige Beſuche; doch nahm er von allen Einladungen keine an, als nur das Anerbie⸗ then, ihm die Bibliothek zeigen zu laſſen. Sein Herz zog ihn zu jenen glücklichen Bergen, zu ſeinen eige⸗ nen Träumen, die hier ihm freundlich erſchienen, unaufhörlich zurück.— Und ſchon ſah er mit geheimem Grauen ſeiner, ſich herannähernden Heimkehr entgegen; ſchon fühl⸗ te er zuweilen im voraus, wie weh es ihm thun werde, aus dieſem glücklichen Kreiſe zu ſcheiden, als er eines Abends, bey einem gemeinſchaftlichen Spa⸗ ziergange durchs Luſtwäldchen, ſeinem beklomme⸗ nen Herzen durchaus Luft machen mußte.„Ey, laßt ſie doch ſpielen“— ſagte Ferdinand der Erſte, da man auf einer Bank Platz genommen hatte und Heimfeld dem eommandirenden Ferdinand dem Zweyten Stillſchweigen auflegen wollte. Eiligſt voollendete er die, von den Kindern ihm abverlang⸗ te Standarte, ob er ſchon, in Ermangelung eines andern, den kürzlich erhaltenen Bogen mit der ſchmeichelhafteſten Recenſion aufopfern mußte.— „Hier Ferdinand!“— fuhr er vergnügt fort— yein Hundsfott, wer ſeine Fahne verläßt! Aber dort un⸗ ten müßt ihr ſpielen; da iſt beſſeres Terrain.— 5¹ Ihr aber, meine großen Kinderchen, thut mir jetzt den Gefallen, und erzählt mir ein wenig, wie ihr euch fandet!“ „Meinethalben“— erwiderte Heimfeld—„das wird bald abgethan ſeyn!“ „Sie wiſſen, es war im Frühherbſt 17**, als wir uns zu****9 von einander trennten. Als ich die väterlichen Gründe wieder erblickte, freute michs wohl, aber ich kann nicht ſagen, daß mein Blut in große Unruhe gerathen wäre. Ich wußte aus den letzten Briefen, daß Papa und die Geſchwiſter ge⸗ ſund waren; das übrige war mir ziemlich gleichgül⸗ tig. Als wir nun hierher in die Gegend kamen, ſiel es mir ein, daß, weil eben die Weinleſe anging, wahrſcheinlich jemand von den Meinigen auf un⸗ ſerm Berge ſeyn werde; ich meine den Berg hier neben an; denn dieſen, welchen wir jetzt bewohnen, hat meine werthe Ehefrau ein⸗ und zugebracht. Man kann durch dieſen gar füglich auf jenen kommen, und ich ſchlug dieſen Schleifweg um ſo lieber ein, weil die noch von Alters her wohlbekannte Belline des Nachbarhauſes mir luſtig entgegenſchwänzelte, „Ey der Geyer— ganz meine Geſchichte!“— ſagte Ferdinand lächelnd—„die Bellinen müſſen hier eiſernes Vieh ſeyn!“ „Das iſt die Tochter, wenn Sie erlauben!“— unterbrach ihn Fränzchen, und drückte das weiche Behänge des, ordentlich darauf lauernden Spitze chens recht zärtlich an ihren Hals. 3 — 8 ———— 32 „Ich folgte der blendenden, bellenden Führe⸗ rinn,“— fuhr Heimfeld fort—„wie die Prinzen der Mährchenwelt den ſchneeweißen Hündinnen, ſprang und ſtolperte die Stufen herauf, lief dann im ge⸗ ſtreckten Galopp— da—“ „Geben Sie Acht, nun kommt die ſchönſte Stel⸗ le!*— ſagte Fränzchen. „Da kam ein kleines, wildes, närriſches Mäd⸗ chen mit einer Schmetterlingsfalle, wie blind, auf mich zugerannt, indem die ſehr reſpectable Mada⸗ me Dümont-— ſey nicht böſe, Weibchen; ich weiß, du hältſt große Stücke auf ſie, und wahrlich— ſie war eine recht wackere, aber auch recht dicke Frau — alſo, indem Madame Dümont faſt athemlos, hu⸗ ſtend und rufend, bergab hinterdrein wankte. Die niedliche Inſecten⸗Jägerinn hört und ſieht nicht; es fehlt wenig, daß ſie, ſtatt des entfliehenden Trauermantels, mit dem Fangeiſen meine ar⸗ me Naſe einklemmt. Ich ſpringe beyſeits, ſtaune ſie an, und es dünkt mir in meinem guten Her⸗ zen, als müſſe ich dieß allerliebſte Geſichtchen ſchon irgend einmahl wo geſehen haben. Doch ſo ſehr ich grüble, kann ichs nicht finden, bis ma bonne: re- gardez donc, Francoise! ſchnarrend ausruft, und ich nun, wie durch Eingebung von oben herab, au⸗ genblicklich Hofrath Richters Fränzchen erkenne,* 8* die ich Ruchloſer mir immer noch in der Kappe 4 dachte. 2 „Aber nur noch ihr erzgen war in der Kappe, 1 53 ſie ſelbſt war während meiner Abweſenheit recht hübſch aufgeſchoſſen, und kam mir ſo hübſch, ſo allerliebſt vor, wie— nun, gerade wie ſie noch jetzt iſt! Sie mochte ſich denn gelegentlich auch beſinnen, ſie ſey ja kein Kind mehr, und nahm ſich gewaltig zuſammen, ſprach gar mancherley von Freude über glückliche Zuruͤckkunft, von Vergnügen und Ehre, wobey Madame Dümont treulichſt nachhalf, ſo daß unſer Dialogue nach dieſer Verbeſſerung in jedem Peplier eine Stelle verdient hätte.“ „Nun hören Sie nur einmahl, wie er über⸗ treibt!?— fiel Fränzchen hier ein, mit einem ſo kläglichen Tone, als müßte ſie weinen. „Worauf unſer Geſpräch hinauslief, weiß ich wahrlich nicht mehr; nur ſo viel erinnere ich mich, daß ich auf der Gränzſcheide der Madame ein tie⸗ fes, tiefes Compliment, wenn ich aber nicht i irre, Fränzchen noch ein weit tieferes machte, und daß mir, als ich, beliebter Kürze wegen, über den Zaun ſetzte, bey dem Sprunge zugleich der Gedanke auf die Lippen ſprang:„Richters Fränzchen iſt doch wahrlich ein kleiner Engel!“ „Ich fand glücklicher Weiſe meine ältern Schwe⸗ ſtern ſchon auf dem Verge, und ob es mir nun gleich frey ſtand, mich ſofort ganz in die Stadt zu bege⸗ ben, ſo ließ ich dieß doch weislich unterwegs, prä⸗ ſentirte mich vielmehr nur meinem Vater, und bath um Erlaubniß, die Weinleſe über draußen zu bleiben.“ 2 „Von nun an war ich täglich an und über dem Zaune; auch Fränzchen kam oftmahls dahin, um für ihr Cabinet an den Weinſtöcken Schnecken zu ſuchen. Da half ich denn redlich, ſo lange ma bonne uns nicht aus den Augen ließ— „Auch auf unſerm Berge kam nun die Zeit der Leſe; Papa und einige alte Herren und Da⸗ men kamen heraus; für das junge Volk und die Winzer ſollte ein Ball die Freude beſchließen. Im te Capelle!“ „Ich war am Feſte der Winzer gleich nach Ti⸗ ſche, ganz und gar in ein Buch vertieft, wieder am Zaune, deſſen eine Stelle, ich weiß ſelbſt nicht, auf welche Weiſe, jetzt in eine Breſche verwandelt war. Ehe ich michs verſah, war auch Fränzchen gluͤcklich der ma bonne entwiſcht. Ich ging ihr ein großes Stück Weges entgegen. Sie kam mit hoch⸗ rothen Wangen, um, wie ſie ſagte, noch vor An⸗ faang des Tanzes meine Schweſtern ein wenig zu 3 beſuchen.“ „Der kleine Narr war— natürlich wegen des Balls— recht feen⸗ und ſchäfermädchenartig ge⸗ kleidet, verſteht ſich, wie die Schäfer in der Oper! Ein leichtes Hütchen mit einem Roſenſtrauße; ein recht ſchmachtend roſenfarbenes Corſetchen; ein kurzes⸗ bandbeſetztes Röckchen, das den weißen Strumpf und die ſchoͤnen Atlasſchuhe niht„ganz verbarg; Hals und Bruſt ziemlich bloß— 8 nächſten Dorfe gibt es eine weit und breit berühm⸗ 2 TA* 35 „Garſtiger!“— unterbrach ihn hier Fränzchen, und ſchlug ihn recht derb ins Geſicht—„iſt das der Dank?—— O recht betteln, recht zappeln ſollte man euch laſſen!“— fuhr ſie zu Ferdinanden, der nach ſeinem Syſteme auch das Seinige dabey dachte, gekehrt, trotzig fort—„aber glauben Sie ihm nicht, Ferdinand!—— Überdem war es drü⸗ ckend heiß!“ „»Natürlich, das bezeuge ich“— fuhr Heimfeld fort und rieb ſich den Backen—„Es war gerade der erſte November! Kurz, Fränzchen war damahls das liebenswürdigſte Kind, das der Kindheit eben entflattern will! Wir gaukelten eine Weile in ſüßer Traulichkeit um einander herum; wir jagten einan⸗ der, bis wir außer Athem waren, ganz wie wir das ehemahls gethan hatten. Endlich konnte Fränze chen nicht weiter. Gerade auf dem Flecke, wohin ich nachher den Amor, der dem Schmetterling die Flügel verbrennt, habe ſetzen laſſen— Sie haben ihn ja wohl vielmahls geſehen— umfing ich ſie und hielt ſie mit beyden Armen zärtlich umſchlungen.“ „O fühlen Sie nur, wie mir warm iſt— ſag⸗ te ſie endlich, und legte mit der reitzendſten Unſchuld ihr Geſichtchen an meine Wange— 4 „O mir auch, mik auch“— ſagte ich zärtlich— „Fränzchen, wüßt' ich nur, ob du mir gut wärſt 2* „Sie ſah mich freundlich an, und ſing an zu lachen.„Ja“— ſagte ſie dann altklug—„wie mei⸗ nen Sie das? Meinen Sie nur ſo: auf ein Paar Wochen— ſo wie ſonſt— ſo wie man alle Men⸗ ſchen lieben ſoll—o ja! da haben Sie meine Hand darauf. Aber— wenn Sie es etwa anders meinen ſollten, da habe ich immer gehört———— Sie ſtockte; ihre Wange wurde wie Zinnober; ihr Au⸗ ge konnte ſich unmöglich aufſchlagen. Losbrechend und wie unwillig über ſich ſelbſt, ſagte ſie endlich, indem ſie ihr Geſicht an meine Bruſt lehnte:„Nun meinetwegen; ja wohl bin ich Dir gut, ja wohl! Sprich mit deinem und meinem Vater! Das hab ich immer gehört”— „Ich küßte ſie; ich hob ſie triumphirend in die Höhe“——„Und ſo iſts noch! iſts noch!“— ſetz⸗ te er jubelnd mit einer Umarmung hinzu. Ferdi⸗ nanden ward dabey weich in der Seele und feucht in den Augen. „Verzeihen Sie“— fing Heimfeld wieder an. — Meine Geſchichte iſt gleich zu Ende. Ich mach⸗ te aus meiner Liebe meinem Vater nicht lange ein Geheimniß. Dieſer ſprach beym Schlaftrünkchen mit dem Hofrath Richter. Beyde ſagten: „Die Anker gränzen nachbarlich zuſammen, Die Herzen ſtimmen überein— das ſtiftet Ein gutes Eh'band!* zwar niͤcht in Jamben, doch in kernhafter, bündi⸗ ger Proſa— und bey der nächſten We uleſe tanz⸗ ten wir als Mann und Frau!“ 8 4 4 — 3 37 Als Ferdinand an einem der folgenden, ziem⸗ lich unfreundlichen Morgen wieder allein im Reiſe⸗ wagen faß, rufte er ſich mit ſüßer Wehmuth Alles ins Gedächtniß zurück, was er bey Heimfelds ge⸗ ſehen und gehört hatte, und ſein über Liebe und Ehe mühſam entworfenes Syſtem kam dabey nicht wenig ins Gedränge. Hätte ihm jemand Heimfelds Liebesgeſchichte erzählt, er würde nichts weniger, als eine glückliche Ehe, prognoſtieirt haben, und doch hatte ihn der Augenſchein vom Gegentheil über⸗ führt; doch mußte er ſeinen Freund wegen ſeines Glücks faſt beneiden; doch ſagte er ſich ſelbſt, daß er an der Seite eines, ihn ſo hold umgaukelnden Weſens ein ganz anderer, ein weit glücklicherer Menſch ſeyn würde! Wenn er dagegen an ſeine ſin⸗ ſtere Studierſtube, an ſeine umgehende Haushälte⸗ rinn zurück dachte—— o ihr Götter! er hätte ver⸗ zweifeln mögen! . Er verſank faſt den ganzen Tag über aus ei⸗ ner Speculation in die andere.—„Alles kommt am Ende auf die Erziehung an, und wer ſich ſeine Gattinn erziehen könnte“— ſagte er gegen Abend zu ſich ſelbſt, als ihn— ein ſehr unſanfter Stoß aus ſeinen Betrachtungen rüttelte, und der Poſtil⸗ lon fluchend meldete, das vermaledeyte Vorderrad ſey wenigſtens in kreutztauſend Stücko! Was war 8 zu thun? Er ſchlenderte gemächlich nach dem näch⸗ ſten Dörfchen, wo ohnedieß Station war, und war⸗ 38 tete beym Poſthalter, der zugleich Gaſthalter war, 4 auf ſeinen Koffer. Als er hier in der Paſſagierſtube, noch immer üͤber die Erziehung des Weibes nachgrübelnd, die blauen Tabakswölkchen in die Luft blies, ſtand auf einmahl, gleich einer Erſcheinung, ein zehnjähriges⸗ blaſſes, in eine zerriſſene Taftſaloppe gehülltes, aber wohlgebildetes Mädchen vor ihm, und überreichte ihm, mit einem durchdringenden, flehenden Blicke, einen offenen Brief. Er ſchlug das Papier aus ein⸗ ander, und las:„Alle edeldenkenden Durchreiſen⸗ den bittet eine Unglückliche, durch eine kleine Bey⸗ ſteuer ihre letzten Augenblicke zu erleichtern. Nur die drückendſte Noth kann ſie bewegen, fremdes Mitleid für ſich anzuflehen. Witwe Berginn, vormahls Schauſpielerinn bey der**'ſchen Geſellſchaft.“. „Wo iſt die Arme?“— fragte Ferdinand ha⸗ ſtig das Kind, das ihn mit großen Augen anblick⸗ te, und noch immer mit gefalteten Händen ſchwei⸗ gend vor ihm ſtand. Die Kleine ſchien ein Herz zu ihm zu faſſen.„Ach lieber Gott!*— antwortete ſie mit ſehr reinem Dialect und zarter Geſchmeidig⸗ keit—„Sie ſind gewiß ein guter, mitleidiger Berr, und meine arme Muttar——“ 3. „Komm, mein Kind! führe mich zu ihr’— fuhr Ferdinand freundlich fort.— Das Mädchen nahm ihn bey der Hand, zog ihn über den Hof, 59 und führte ihn in eine Scheune. Seine ganze See⸗ le war wunderbar aufgeregt, ergriffen, empört; er trat mit leiſen Schritten an ein elendes Strohla⸗ ger, und erblickte ein abgezehrtes weibliches We⸗ ſen, das mehr einem Gerippe, als einem noch le⸗ benden Menſchen glich. Die Kranke wollte ſich gegen ihn aufrichten: ſie war zu ſchwach; ſie erhob ihre matten Augen— „Hinweg! hinweg!“— rief ſie dann mit hoh⸗ ler Stimme und abwehrender Hand, wie in Ver⸗ zweiflung und Wahnſinn. Ferdinand ſchauderte Er erkannte an der Stimme Amalien! So ſehr ihn dieſe Entdeckung erſchütterte, ſo traf er doch augenblicklich Anſtalt, der Kranken ſo viel Beyſtand zu verſchaffen, als hier zu erlangen war. Er ſchob ſeine Weiterreiſe auf; er ließ den Dorſbader, den einzigen Arzt in der Gegend, her⸗ beyrufen; er verlangte für die Kranke Bett und Stube, und erhielt dieß auf ſein Verſprechen, für alles zu ſtehen. Der Bader erſchien endlich, gab aber achſelzuckend zu erkennen, hier werde nicht viel mehr zu verdienen ſeyn. Dennoch mußte die Patien⸗ tinn in ein warmes Bett gebracht werden. Sie ſchlummerte, ſobald ſie dahin gelangte, ſanft ein, und erwachte nicht wieder. Am frühen Morgen ſtand ſchon die Kleine weinend und jammernd vor Ferdinands Thür, mit der Nachricht, die Mut⸗ 4⁰ ter ſey um Mitternacht ziemlich ſchmerzlos ver⸗ ſchieden. „Was willſt du nun anfangen, armes Kind?“ — fragte Ferdinand tief gerührt. „Das wird ſchon gehen,“ erwiderte das Mäd⸗ chen leicht—„ich kann tanzen, ein wenig keſen und ſticken— Gott läßt keinen Sperling verhungern⸗ wie die Leute ſprechen—“* „Wie heißt du denn?“ „Maria Katinka! Meine Mutter nannte ſich zuletzt Witwe Berginn, aber ſonſt auf den Zetteln hieß ſie anders! Meinen Vater habe ich niemahls geſehen. Ach! wenn nur meine gute Mutter noch lebte, meine arme Mutter—— ich wollte gern für ſie betteln!“ Dieſe kindliche Liebe, die tiefe, ungekünſtelte Trauer, dabey dieſer Leichtſinn, das ganze trauli⸗ che, zwar gewandte, doch beſcheidene Benehmen des Mädchens, ging Ferdinanden ans Herz. Er dachte hin und her— „Sie ſcheint zwar ein wenig ſchlau, doch noch rein, noch unverdorben!“— ſagte er endlich ent⸗ ſchloſſen; ſie könnte gewiſſer Maßen meine Tochter ſeyn, ich habe ſie auf gewiſſe Weiſe geerbt; ich ha⸗ be genug für zwey, ich will ſie erziehen laſſen!— „Wollteſt Du wohl bey mir bleiben, Maria 2** — fragte er dann, und wiſchte ihr die Thränen von den Wangen. Sie machte große Augen.— »Ach Sie ſpaßen wohl nur— ſagte ſie etwas ſcheu 3 41 —„übrigens, wenn Sie wollen ſo gut ſeyn, ſo nennen Sie mich lieber Katinka!“ Ferdinand überzeugte ſie nun, daß es ihm al⸗ lerdings Ernſt ſey; ſie ſiel, da ſie endlich daran glauben mußte, mit großer Heſtigkeit vor ihm auf die Knie und faltete ihre Hände. Er beſorgte Ama⸗ liens Begräbniß, ließ Katinka reinlich kleiden, folg⸗ te mit ihr dem Sarge, und nahm ſie dann, ihr immer ſanft zuredend, mit ſich fort. Je länger ſie reisten, deſto mehr gewann Ka⸗ tinka Ferdinands Herz. Ihr naives Geſpräch zeigte von vielen Anlagen; ihr ganzes Betragen ließ es nicht zweifelhaft, daß ihr das Reiſen in mancher⸗ ley Form keineswegs fremd ſey. Sie erzählte mit unſchuldiger Offenherzigkeit das Wenige, was ihr von der, leicht zu errathen⸗ den Geſchichte ihrer Mutter bekannt war; dann weinte ſie wieder ein Geſätzchen; dann freute ſie ſich ungemein über das, wenigſtens ganze und rein⸗ liche neue Habitchen, dem ſie, wie ſie Ferdinanden zu verſtehen gab, ſchon ein ganz anderes Anſehen zu geben gemeint war. Endlich, da es düſter wur⸗ de, nickte ſie ein, und entſchlummerte ganz unbe⸗ fangen an Ferdinands Schulter. Er ſelbſt entwarf indeſſen den Plan, was er mit Katinka anfängen wolle, und vor gllen Din⸗ gen, wie ſie bey Jungfer Krümelin, vor der er ſich 4 2.. 1 dooch ein wenig fürchtete, auf gute Art eingeführt werden könne. Es fiel ihm wohl ein, ob es nicht rathſamer ſey, wieder umzukehren, und Katinka zu Heimfelds zu bringen, die ſich des armen verlaſſe⸗ nen Geſchöpfs gewiß annehmen würden; allein er verwarf dieſen Gedanken; die häusliche, unbeſorg⸗ te Glückſeligkeit konnte nach ſeiner Meinung in Katinka's feuerfangender Seele leicht romantiſche Ideen erwecken, und die Kleine ſollte nun ein für alle Mahl ohne alle Nomantik erzogen werden. Er beſchloß endlich, die neue Pflegetochter für eine ent⸗ fernte Verwandte auszugeben, deren Mutter— ir⸗ gend eine gebildete Frau, die er ſchon noch aufzu⸗ ſinden verhoffte— eheſtens nachkommen werde. Dann ſollte Jungfer Sara Krümelin, und ihr Pe⸗ ter die Dimiſſion erhalten; das Üübrige werde ſich finden!— Katinka wurde demnach kurz vor der Ankunft in**“ geweckt, und in ihrer Rolle, die ſie leicht begriff, ſo weit nöthig, unterrichtet; der Poſtillon ſtieß ins Horn; der Wagen hielt. So freundliche als zuweilen ihr Peterchen, kam, in Erwartung eines angenehmen mitgebrachten Geſchenks, Jung⸗ fer Sara mit der Laterne an den Wagen; aber ih⸗ re Naſe wurde noch einmahl ſo ſpitzig, als ſie mit 3 ihrem wertheſten Herrn Profeſſor auch die ziemlich keck ausſteigende und ſichan ſeinen Arm hängende junge Perſon remarkiren mußte. Kaum hatte ſie kopfſchüttelnd das Abpacken be⸗ 4⁵ forgt, als ſie, mit wieder angenommener Freund⸗ lichkeit, den ehrlichen Peter herzubrachte, der dem Herrn Profeſſor ſein Bewillkommungscompliment machen ſollte. Ihr eigentlicher Zweck hierbey, nähm⸗ lich die Hoffnung, die Bewandtniß mit dem Kinde genau zu erfahren, ward jedoch nur in ſo weit er⸗ füllt, daß ihr Ferdinand, mit erzwungenem, recht heroiſchem Muthe, die bevorſtehende Veränderung kürzlich bekannt machte— worauf ſie denn mit vor⸗ nehmer Miene ihren Peter auf den Arm nahm, und unter der Thür einige Worte von ſchnödem Un⸗ dank, Bankerten und dergleichen, wie auf dem Theater für ſich, d. h. ziemlich vernehmlich fal⸗ len ließ. 4 Ferdinand war in der That durch die Reiſe um vieles verändert worden; er fühlte ſich ſelbſt weit freyer, ruhiger, männlicher, als zuvor, und Ka⸗ tinka, die ſich bald in ihrer neuen Lage gefiel, und dabey fromm, wie ein Lamm, und luſtig, wie ein Eichhöruchen war, wußte ſich immer mehr und mehr ſeiner Zuneigung zu bemeiſtern. * Die Haushälterinn, die von nun an ein ſarka⸗ ſtiſches Stillſchweigen beobachtete, mußte für die Kleine ein vollſtändiges, recht gutes Bett anſchaf⸗ fen, und bald war Ferdinand ſo glücklich, in einer Pfarrerswitwe von miktlerem Alter das gewünſchte Subject ausfindig zu machen. Als einſt— nach Ver⸗ ſicherung der Haushälterinn— die Mamſell mit dem Komödiantennahmen, den ſie unmöglich merken 44 könne— dem Peter eine Klammer an den Schwanz gehängt haben ſollte, gab dieß die beſte Veranlaſ⸗ ſung, ſich der Jungfer Krümelin, noch früher, als es eigentlich Zeit geweſen wäre, durch ein raiſon⸗ nables Koſtgeld zu entledigen. Sarchen wünſchte ſpitzig zu der neuen Wirth⸗ ſchaft Glück, packte ihre ſieben Sachen, unter lau⸗ ter Anſtimmung des Geſangs: Valet will ich dir geben, du arge, ſchnöde Welt! zuſammen, und zog mit Petern aus; die Frau Magiſterinn aber ein. Bald hatte ſich Katinka auch bey dieſer ſo einzu⸗ ſchmeicheln gewußt, daß alles recht ruhig und fried⸗ lich war, und Ferdinand über ſeine verbeſſerte häus⸗ liche Lage ſich nicht genug wundern konnte. Katinka erhielt nun durch ihre Erzieherinn und verſchiedene Lehrmeiſter eine zwar nicht modiſche, doch ſehr guts Erziehung. Die Leiden ihrer frühern Jugend waren bald vergeſſen; ſie war das niedlich⸗ ſte, heiterſte Geſchöpf, das man ſehen konnte, und galt überall für die Tochter der Frau Magiſterinn. Wie der Gärtner die zartgepflegte Pflanze, ſo ſaß Ferdinand das holde Mädchen immer ſchöner heranblühen. Bald war es ihm unmöglich, ihr ir⸗ gend einen ihrer mädchenhaften, doch ſehr beſchei⸗ denen, Wünſche abzuſchlagen. Er ſelbſt wurde viel⸗ mehr auf dieſe Weiſe wieder in die Welt eingeführt, 8 3 . 45 einer Erwachſenen, Spatziergaͤnge und Concertſäle beſuchte. ——C—— Das ſchmeichelnde Mädchen war nunmehr ſech⸗ zehn Jahre alt, und nannte Ferdinanden weit ſel⸗ tener, als vorher, Onkel oder Papa. Ja, als er um dieſe Zeit die Rector⸗Würde auf das bevorſte⸗ hende Halbjahr erhielt, da konnte ſie unmöglich ih⸗ re Freude darüber ganz im Stillen dahin gehen laſ⸗ ſen. Sie wußte vielmehr ihre Erzieherinn mit ins Intereſſe zu ziehen, und als Se. Magniſicenz eines Tages zur Mahlzeit kamen, fanden dieſelben den Tiſch mit Blumen und Zweigen feſtlich geſchmückt, und unter dero Serviette eine zierlich geſtickte Brief⸗ taſche, mit einem ſehr artig, aber auch ſehr aus⸗ ſchweifend, geſchriebenen Briefchen, worin die zärt⸗ lichſte Dankbarkeit und die innigſte Liebe die eur⸗ renteſten Ausdrücke waren. Ferdinand konnte und mochte dem darauf lauſchenden Mädchen ſeine Rüh⸗ rung und Freude nicht ganz verhehlen, und Katin⸗ ka wußte eine Scene herbeyzuführen, die ſich ihrer Seits nicht anders, als mit einer Umarmung, be⸗ ſchließen konnte. „»Ich glaube wahrhaftig, ſie liebt mich“— ſag⸗ te Ferdinand mit ſtillem Wohlbehagen—„»Aber— ſie hat meines Wiſſens keinen Roman geleſen; wie Geyer! kommt ſie zu den romanhaften Ideen? — 47 ſchuhe, aber dieſe trugen ja nur— ich weiß nicht wer? noch beym Schützenſchmauſe; jeder Mann von Geſchmack mußte lederne Patent mit Stickerey haben! Obſchon Ferdinand auch dieſe Neckereyen nach — einem Wunſche auslegte, und hierin eine gewiſſe 4 dinand, der Sache ein Ende zu machen. Einſt, als ——— größere Theilnahme, eine gewiſſe weibliche Vorſor⸗ ge zu erblicken glaubte; ſo war er doch ſehr damit⸗ zufrieden, als er wieder nach einer Zwiſchenzeit ei⸗ ne gewiſſe ſcheue, jungfräuliche Zurückgezogenheit, und bald darauf eine ſanfte Wehmuth, eine auffal⸗ lende Innigkeit und ſtille Glut, an ihr zu bemer⸗ ken glaubte.. „Es iſt richtig!“— ſagte er eines Abends zu ſich ſelbſt—„Anfänglich unſchuldige Zärtlichkeit, dann, da jene nicht mehr ſchicklich war, um ſich ſelbſt zu täuſchen, eine auffallende Luſtigkeit, eine ſcheinbare Herrſchſucht; dann, da dieß alles nicht fruchten wollte, ſcheue Entfernung, zuletzt, da die⸗ ſer Zwang zu ſchmerzlich wird, ſüße, hinreißende Schwermuth— o wahrlich, das ſind die echten Symptome geheimer Liebe, und mein Projeect, mir eine Frau zu erziehen, iſt über Erwartung geglückt!“ Faſt ſchon ein halbes Jahr lang hatte dieſe Pe⸗ riode zärtlicher Wehmuth gedauert, da beſchloß Fer⸗ 46 8 Der gute Profeſſor dachte bey aller Gelehrſam⸗ keit nicht daran, daß in der Regel in jedem ſech⸗ zehnjährigen Mädchenkopfe Plane genug zu einer ganzen Nomanenbibliothek ſtecken, und glaubte ſich nach einiger Zeit doch geirrt zu haben, als Katinka die Rolle der erſten Liebhaberinn nach und nach auf⸗ gab, und ſich ſtatt deren der Rolle der Soubrette bemeiſterte. So auffallend ihm vorher ihre Zärtlichkeit ge⸗ weſen war, ſo unangenehm war ihm jetzt, ſo we⸗ nig er es ſich ſelbſt geſtand, der Gedanke, daß ſie ihm doch wohl weniger ergeben ſey, als er ſich im Stillen geſchmeichelt, und er ſuchte daher durch zu⸗ vorkommendes Betragen das Vormahlige wieder her⸗ bey zu führen. Er führte ſie öfter, als vorher, an öffentliche Orte, er behandelte ſie mit Achtung; er wendete ſogar auf ſein eigenes AÄußeres eine größe⸗ re Aufmerkſamkeit. Doch ſo ſehr er ſich hierbey an⸗ ſtrengte, ſo wenig war es ihm möglich, jemahls Katinka's völligen Beyfall zu erhalten. Vielmehr fand ſie unaufhörlich etwas an ſeinem Anzuge zu verbeſſern, und ließ es ſich ordentlich angelegen ſeyn, auf mancherley Weiſe zu hofmeiſtern. Er ließ ſich⸗ um recht aufzuleben, ein ertraſeines apfelgrünes Kleid machen; ſie ſchmählte auf den Schneider, der ja wiſſen müſſe, daß man nur engliſch⸗ſchwarz ein⸗ d ——— ihn, verſteht ſich, mit der größten Freundlichkeit, 3 hergehen könne; er kaufte ſich, um ſie durch ſeine Galanterie recht zu überraſchen, weißſeidene Hand: 48 Katinka, den Strickſtrumpf in der Hand, ſtill den⸗ kend neben ihm ſtand, fragte er ſie mit dem innig⸗ ſten Händedrucke:„Was fehlt dir, meine Katinka 2“ „Ach“— ſeufzte ſie, und ihr Geſicht wurde mit Purpur überzogen—„Sie ſind ſo gut, ſo herzlich gut gegen mich, und doch hege ich Undankbare noch gewiſſe Wünſche— 3„So ſprich ſie aus, gutes Mädchen!“ „Ach, wenn Sie nicht zürnen wollten— ge⸗ wiß nicht?— Ich wünſchte ſo ſehr—— die Giti⸗ tarre zu lernen! „Nichts als dieß!“— erwiderte Ferdinand aber den kindiſchen Wunſch ſich verwundernd— „Du ſpielſt ja ſo hübſch auf dem Flügel „Das wohl, lieber, lieber Ferdinand“— ant⸗ wortete Katinka ſanft—„aber ich bin nun ein⸗ mahl ſo— ich bin der Guitarre ſo gut! Wenn man ſie ſo im Arm hält, und ein recht ſchöngs Band daran herabhängt, o es läßt ſo allerliebſt——— ſpa niſch, ſo allerliebſt romantiſch!“ Ferdinand lächelte; ihr Wunſch war ſo gut, als gewährt. Er nannte ihr den vorzügli chſten Mer ſter auf dieſem Inſtrumente, deſſen Charakter mo⸗ raliſcher Seits ſattſam bekannt war, und das gun Kind ließ ſich alles gefallen, was ihrem Verſorge und einzigem Freunde beliebte. Herr Lambert, der Muſikmeiſter, fühlte ſic durch des Profeſſors Antrag, ſeiner Nichte Stun den zu geben, ſehr geehrt, Er wendete, wie is 1 ⸗ te et. 6 ne ü6 1 1 49 5 bald ergab, vielen Fleiß an; Katinka's glückliches Talent kam zu Hülfe; bald hatte ſie auch auf die⸗ ſem Inſtrumente große Fortſchritte g gemacht, und ließ nun nicht eher nach, bis Ferdinand ihre Lehr⸗ ſtunden manchmahl zu beſuchen verſprach. Er that dieß ein und bald mehrere Mahle; nicht bloß die liebe, reitzende Sängerinn, ſondern auch der kennt⸗ nißvolle, feurige junge Künſtler, wurde fur ihn ſo anziehend, daß er in kurzem keine angenehmere C Er⸗ ohlung kannte, als wenn jener ihn auch manch⸗ mahl des Abends beſuchte, und beyde dann die neue⸗ ſten Arien mit einander ſangen und ſpielten— ein“ Vergnugen; dem leider! ſchon nach einem halben Jahre ein auswärtiger Ruf Lamberts Unterbrechung drohte. Wirklich mußte Lambert eine Reiſe unter⸗ nehmen, und Ferdinand und Katinka fühlten nach ſeiner Entfernung, was ihnen vorher nie vorgekom⸗ men war, das Drückende ihrer Einſamkeit. Kein Wuͤnder daher, daß auch Katinka's Schwermuth ſich von neuem zeigte. Ferdinand fand ſie ſogar oft in Thränen, und beſchloß, bey erſter ſchicklicher Ge⸗ legenheit ſich gegen ſie zu erklären. „Du biſt nicht mehr ſo heiter, ſo unbefangen, wie ſonſt, meine Katinka“— ſagte er einſt, da ſie ihn ſelbſt gebethen hatte, bey ihr zu bleiben—„und deine Schwermuth hat auch mich angeſteckt. Sey offenherzig gegen deinen kreueſten⸗ einzigen Freund,: wie du mich oft nannteſt— Sie ließ ihn nicht ausreden; Thränen bra⸗ Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. E 5b chen aus ihren Augen; ſie ſtürzte heftig vor ihm nieder- „Nicht dieſe Heftigkeit, mein theures Mädchen.! bin ich nicht mehr dein Freund— 2* „O Ihre Güte und meine Verwegenheit, mei⸗ ne furchtſame Hoffnung und das ſüße Geheimniß, das ſchon ſo lange auf meinem Herzen liegt— „In dieſe treue Bruſt kannſt du es ausſchüt⸗ ten—“ „O wüßten Sie, wußten Sie alles! kennten Sie dieſes Herz, wie es bebt, Sie vielleicht zu er⸗ zurnen—“ „Nicht doch, Katinka! Wer könnte dir zür⸗ nen? Sprich—“ „Ach Ferdinand! ich liebe, ich habe ſchon lange im Stillen geliebt, ehe Sie es ahnen konnten!“ „Iſt es möglich, Katinka?“ „Sie ſind ſo gütig, ſo nachſichtsvoll— und ich Undankbare konnte es wagen— „Ich verſtehe dich nicht—5 „O Vergebung, mein Wohlthäter, Vergebung, mein Vater!“ 1 „Vergebung, edler. Mann!“— rief es auch noch von einer andern Seite, und Lambert trat aus dem Cabinet. 3 Ferdinand brauchte einige Minuten, ſich zu ſammeln. „Ol er zürnt auf mich; er verabſcheut meinen Undank— ſiehſt du nun, Lambert!“ viei Ka⸗ 5¹1 tinka, immer noch auf den Knien, und erhob fle⸗ hend die Hände. „Ich habe das nicht erwartet, meine Tochter!“ — antwortete Ferdinand, ſich faſſend, und hob ſie auf—„aber ich hätte es freylich erwarten ſollen! Seyd denn glücklich, ihr—— meine Kinder! aber — verlaßt mich nicht!“ Unter Umarmungen und Thränen betheuerte nun Lambert, daß er auf Katinka's Verlangen die ferne Verſorgung bereits ausgeſchlagen habe, und morgen als Adjunct bey der Marienkirche ange⸗ ſtellt werde. Alles ſchloß ſich, wie ſich leicht den⸗ ken läßt. Ferdinand erfuhr nun auch, daß das Liebes⸗ verſtändniß mit Lambert in jener Periode der Zu⸗ rückgezogenheit, und früher, als die Guitarrenſtun⸗ den, bey einer Freundinn Katinka's entſtanden ſey, und bald ward Lambert Katinka's glücklicher Gat⸗ te. Ferdinand zog zu ihnen ins Haus, und ſpiekter wenn ſein Studieren es erlaubte, den, etwas mo⸗ derniſirten, Magiſter Philoteknos bey ihren Kin⸗ dern. Er nannte zuweilen ſein Schickſal noch im⸗ mer geſegneter, als ein Hageſtolz es verdiene. Vor einigen Wochen iſt der Gute geſtorben, und hat Katinka's Kindern ſeine Manuſeripte und ſein ganzes Vermögen vermacht. II. Das Muͤnſter. Erhebt euch denn, ihr gottge weihten Hallen! Noch einmahl ragt in ernſter Pracht empor! Zu euch zurück will ich im Geiſte wallen, Beklommen ſteh'n im heilig⸗düſtern Chor. Schon hör' ich nur die eig'nen Tritte ſchallen, Nur Gräberſtimmen flüſtern an mein Ohr. Was mir der Todten Mund ins Herz gegeben, Ruf ich zurück, wie mirs erklang, ins Leben. Wo aus bemoosten, mondbeglänzten Mauern Ein alter Dom mit Rieſenſchatten ſteigt; Wo Marmorbilder um die Grüfte trauern, Das Haupt der Neſſel ſich von Trümmern neigt, Da weil' ich gern, von ſüßer Wehmuth Schauern Erhoben bald, bald wunderbar erweicht. 3 Das Heroldsbuch, der Wappenbriefe Rollen, Beſchwör' ich oft, vergrab'nen Schatz zu zollen. Ihr aber, die ihr manchen Kranz, gewunden Aus Todtenblumen, nahmt aus meiner Hand, In Eurem Innern ſucht des Mährleins Kunden, Das ſehnend ſich dem alten Wort verband; Die Liebe weiß aus Gräbern zu erſtehen! Was ſich des Dichters heißer Bruſt entwand. 0 Von Eurem Herzen werd' es warm empfunden, Mag Liebesglück, wie Lenzesluft, verwehen; 56 Nach meines mütterlichen Urgroßva⸗ ters, Ottobald Befyners, handſchritte lich hinterlaſſenem: Wunderbaren,⸗ . dochwahrhaftienReif und Geſcchichts⸗ buüchlein. 4.* Auf den Michaclisthurm, welcher um ein Merk⸗ liches höher, als der gegenüberſtehende, ſo insge⸗ mein der Schiefe genannt wird, führen ſechs⸗ hundert Stufen, und habe ich, nach Art der neu⸗ gierigen Neiſenden, erſtern am Tage Viti 1620 mit Gottes Hülfe friſchen Muthes beſtiegen. Es iſt ſel⸗ diger aber an der Haube, die einer Papſteskrone nicht unähnlich, von allen Seiten luftig und offen, gleichwohl dergeſtalt künſtlich zugerichtet, daß durch das ſteinerne Rankenwerk, ſo mit ſeinen alabaſter⸗ nen Heiligenhäuſern, Lilien, Königſtäben und Ro⸗ ſen einer lebendigen Laube zu vergleichen, weder die feurigen Strahlen der Sonne, noch die Regen⸗ fluthen, zu dringen vermögen. Als ich nun auf der oberſten, mit einer eiſer⸗ *₰ 58— nen Bruſtwehr ſicher umgebenen Zinne die ganze Gegend nebſt vielen weit entlegenen Bergſpitzen nicht ohne ſonderbares Vergnügen beſchauet, und mich gegen denjenigen, ſo für eine kleine Verehrung das Amt der Schlüſſel übet, dahin geäußert, wie es vor Menſchenaugen ſchier unmöglich bedünke, daß ohne ſonderliche Leibes⸗ und Seelengefahr der Bauleute ein dergleichen Gerüſt, wie vielmehr ſolch ein maſſiv Wundergebäu, in die Höhe gebracht wer⸗ den könne; ſo hat der furchtſame Saeriſtan einen ſichern Dechant, welcher mich, da ich vor dem in Bononia mit ihm gute Bekanntſchaft gemacht, aus ſonderlicher Zuneigung allhier immer begleitet, von der Seite angeſehen, alſo, daß ich wohl abnehmen mögen, es ſey etwas Geheimes unter ihnen. Als⸗ bald habe ich gedachten Freund höflich erſucht, mir das Geheimniß zu eröffnen, falls es nichts enthal⸗ te wider die Landesherrſchaft oder die Kirche. Hier⸗ auf hat derſelbe mir die Hand gereicht, und mich guten Muths zu ſeyn geheißen, indem ich ja bey Lebzeit nichts davon zum Nachtheil des Stifts aus⸗ bringen werde, und deßhalb nach unſerer Daheim⸗ kunft alles, was ihm ſelbſt bekannt, unter der Ro⸗ ſe erfahren ſolle. Als wir nun in des Dechanten Behauſung an⸗ gelangt, iſt uns von deſſen Beſchließerinn, einer gar anſehnlichen und raſchen Perſon, ein reichliches . Mittagsmahl aufgetragen geweſen, alſo, daß ichin Wahrheit noch dermahlen die Geiczii iheitd dieſer . 59 ſchwarzäugigen Marthä, wie den Keller der Her⸗ ren Thumherren, nicht nach Würden zu erheben vermögend. Nachdem wir uns alſo ſattſam ausgeruhet und erquicket, auch ſehr fröhlich wurden, und der De⸗ chant, um ſein faſt brüderliches Herz gegen mich zu beweiſen, ein ſteben Mahl verſiegeltes echtes Le⸗ bensfläſchlein heraufbringen laſſen; habe ich demſel⸗ ben ſtraͤcklich den Beſcheid verweigert, bis er we⸗ gen des Münſterthurms das handgebend ertheilte Wort auslöſen werde. Und obſchon ſich derſelbe ent⸗ ſchuldiget, als laufe es wider die Regel der ſaler⸗ nitaniſchen Schule, alsbald nach der Mahlzeit das Gemüth mit beweglichen Gedanken zu beſchweren; ſo bin ich docht, nach der mir angebornen Begier⸗ de, durch ſo Erwiederung auf den Bericht nur 3 um ſo eifriger worden, habe auch mit Bitten und Weigerungen des Trunks nicht abgelaſſen, bis die recht lebhaftige Mundſchenkinn, maßen ihr Herr beym Aufſtehen in etwas gewanket, mir aus der Bücherey eine mit künſtlich ausgemaͤhlten Capita⸗ len verſehene Chronicam herbeyhohlen, und, wie ſie geſagt, von einer eiſernen Kette losſchließen müſ⸗ ſen, in welche einige Mönche und Canonici, mit rühmlichem Fleiße und zierlicher Handſchrift, man⸗ cherley Nachrichten und Urkunden zuſammen ge⸗ tragen. In ſelbiger hat der Dechant mir den Ort an⸗ gezeigt, woſelbſt eine Saͤttigung meiner Wißbegier⸗ 60 de zu finden, und iſt ſodann, nachdem ich zur ſchul⸗ digen Dankſagung annoch einen vollen Römer mit ihm geleeret, von der Ausgeberinn in ſein Schlaf⸗ ſtüblein geleitet worden. Ich aber habe mich unverweilt zu dem geöffne⸗ ten Schatze niedergelaſſen, und, ohne mich durch die wunderfreundlichen Blicke der geiſtlichen Evä über Gebühr verlocken zu laſſen, in einem fort, bis der Abend mit finſtern Wolken hereingedrun⸗ gen, an dem Chronikenbuche großes Ergetzen ge⸗ funden, alſo, daß ich wohl im Stande, dieſe an⸗ muthige Geſchichte der Nachkommenſchaft kürzlich, doch gründlich, aufzubewahren. Es hat nähmlich vor langen Zeiten ein Kaiſer, weil ihm vor teragege Feldſchlacht, wovon in den weltlichen Seribenten ein mehreres nachzuleſen, die beyden Erzengel Raphael und Michael, mit feu⸗ rigen Panieren und den himmliſchen Heerſcharen, im Traume erſchienen, denſelben annoch auf dem Siegesfelde, in ſieben Jahren einen gothiſchen Dom mit zweyen Thürmen zu erbauen, gelobet. Als er nun mit unſäglicher Beute heim kommen, iſt zu ihm berufen worden Nunez, ein Mann von ſtol⸗ zem, hochfahrenden Weſen, von Geburt aber ein Maure, aus dem Geſchlechte der Bencerrajen, ſo mit den Seinigen den chriſtlichen Glauben angenom⸗ men, und in Hispania durch Erbauung einer Bru⸗ cke, die er ohne Pfeiler und einige Unterlage über einen reiſſenden Strom geführet, großen Ruhm er⸗ 61 worben. Diefem hat der Kaiſer ſolchen Thurm⸗ und Kirchenbau übergeben, mit großer Verheißung, da in ſieben Jahren alles vollendet wäre; da aber ei⸗ ne Verweilung entſtehe, mit Verpfändung des Kai⸗ ſerworts und dem Beding, daß Nunez unwider⸗ ruflich auf dem Vorplatze des Münſters ſolle ent⸗ hauptet werden mit ſeinem ganzen Hauſe. Welcher Strafe ſich auch der Maure, falls ihm die kaiſerli⸗ che Schatzkammer ſo täglich, als nächtlich, offen ſte⸗ he, lachenden Muthes unterworfen. Solchemnach iſt demſelben alles bewilliget, und ſind von ihm Werkleute, Steinmetzen und Schmiede von fremden Orten verſchrieben, auch alsbald gan⸗ ze Felſen zu Bruchſteinen verarbeitet worden, alſo, daß der Grund in zweyen Payren aufgemauert ge⸗ weſen und die pfeiler mächtig emporgewachſen. Es hat aber derſelbe Nunez nebſt dreyen Söh⸗ nen mit ſich gebracht Aljamam, ſeine Tochter, die zwar von den allzuheißen hispaniſchen Lüften in etwas gebräunet, jedennoch mit ſo unvergleich⸗ licher Leibesgeſtalt und verſtändigem Geiſte gezieret, daß, ungeachtet ihrer jungen Jahre, nlemand, weß Alters und Standes er auch theilhaftig, derſelben ungeſtraft unter die Augen getreten, und ſelbſt der durchlauchtigſten Kaiſerinn Frau Liebden an ihr ein beſonderes gnädiges Wohlgefallen gefunden. Dieſe wunderbare mauritaniſche Helenam hat auch, da er mit ſeinen Vormündern und Hofmei⸗ J. ſtern ungefähr durch dieſe Stadt kommen, geſehen 2 4 62 ein Junger von Adel, ſo von früher Zeit an in Mathematicis und andern Künſten großen Fleiß be⸗ wieſen, deſſen Nahme aber, da ſein anſehnliches Geſchlecht in einer ſichern Stadt der Hanſa noch dermahlen blühet, anjetzt billig zu verſchweigen. Dieſer iſt alsbald in Aljamam ſo heftig entzündet worden, daß er weder des Tages, noch des Nachts, ſie aus den Sinnen gebracht, und den Anſchlag ge⸗ faßt, ſich bey Nunez, ihrem Vater, in die Lehre zu verdingen. Wie er nun nicht minder mit eluger und ſchlauer Gemüthsart begabt, als von der alles überwinden⸗ den Liebe durchdrungen geweſen, alſo hat er auch ſolchen ſeinen geheimen Vorſatz klüglich ausgerich⸗ tet, maßen er, als die Vormünder abgereiſet, um freundliche Vergunſt angehalten, die Compagnie ei⸗ ne Strecke Wegs zu Roſſe zu begleiten. Als man ihm nun dieſes verſtattet, iſt er anfänglich nur we⸗ nige Schritte zurückblieben, bis er allgemach dem Zuge gänzlich aus den Augen und an einen ange⸗ laufenen Regenbach kommen, woſelbſt er, ſeinem lieben Rappen nicht ohne Thränen Valet ſagend, ſelbigen ins Waſſer getrichen, das Baretlein aber ans Ufer geworſen, und ſich ſodann eilig in einen dicken Wald geflüchtet. Als man denſelben vermißt, haben die Vor⸗ münder, und den er ſonſt untergeben, mit tauſend Angſten allenthalben ſleißige Nachforſchung gehal⸗ ten, ſind aber, da man das Roß annoch triefend, 65 und am Sattel einiges Schilfgras, auch das Ba⸗ retlein unfern des Waſſers gefunden, der Leichnam aber von den Fiſchern vergeblich geſucht worden, daß das Junkerlein ertrunken und ſein zarter Kör⸗ per von der unbarmherzigen ire mit brünſti⸗ gen Armen entführet, leichtlich überredet worden, und ſolchergeſtalt mit tiefen Trauern in ihre Hei⸗ math gereiſet. Der Junker aber hat ſich einer ganzen Woche lang in einer Köhlerhütte verborgen, auch dieſe ar⸗ men Leute durch eine reichliche Verehrung zu bewe⸗ gen gewußt, daß ſie reinen Mund zu halten eidlich gelobet und ihm eine geringe Kleidung zukommen laſſen. Alſo iſt er vor Nunez getreten und hat, ſich für einen älternloſen Knaben, Namens Egbert, ausgebend, von demſelben Dienſte begehret, wel⸗ ches auch der ſtolze Baumeiſter, da ihm der Knabe einer guten Geſichtsbildung und gehorſamen Her⸗ zens geſchienen, demſelben zugeſaget. Von nun an hat das junge Herrlein ſich raſt⸗ los beſtrebet, die Baukunſt aufs gründlichſte zu er⸗ lernen, auch, da er ſchon vorher einen guten Grund geleget und von ſeiner geheimen Liebe zu Aljamãä raſtlos angeſpornet worden, es in kurzem dahin gebracht, daß der Meiſter, obwohl er ihn anfäng⸗ lich gar gering geachtet, auch, gleich andern gemei⸗ nen Lehrlingen, mit großer Strenge gehalten, den⸗ noch nach Verlauf weniger Monathe deſſen Thun und Treiben nicht ergründen können, und aus ge⸗ 8 r r Iluß Fluß 64 heimer Furcht, es möge dieſer Lehrling über lang oder kurz dem Meiſter zu Häupten wachſen, gelin⸗ dere Saiten aufgezogen, auch in deſſen Unterwei⸗ ſung geringere Mühe aufgewendet. Nicht minder hat der junge Egbert, wo es ihm gelingen wollen, der reitzenden Aljamä zu begegnen, mit ſchier abgöt- tiſcher Unterwürſigkeit derſelben ſein redlich Gemüth, auch, wenn und wo es ſich fügen wollen, ſich zu den geringſten Dieſtnreichungen erböthig bewieſen, den⸗ noch dadurch ein mehreres nicht bey ihr erlanget, als daß ſie, welche ſeine Liebe in keine Weiſe ver⸗ muthen mögen, auch nicht gewußt, weßhalb er ſei⸗ nen ritterlichen Stand freywillig mit dem Rücken angeſehen, ſich jezuweilen deſſen freundlich bedanket. Unterweilen iſt das fünfte Jahr des Kirchen⸗ baues verfloſſen, und hat der ſtolze Nunez, obwohl ſein Argwohn gegen Egbertum täglich gewachſen, jedennoch, da derſelbe ſters eine ſonderliche Geſchick⸗ lichkeit und Entſchloſſenheit bewähret, alſo, daß er auch von den Bauleuten in Abweſenheit des Lehr⸗ herrn zu Rathe gezogen worden, ihn zu erheben nicht entſtehen können, hat demſelben beſſere Klei⸗ der gereichet, und weil die Aufſicht ihm allein zu ſchwer worden, dem Egbert allenthalben zu gehor⸗ chen gebothen. Aljama aber, als ſie den Lehrling einſt⸗ mahls in ſolcher veränderten Tracht geſehen, iſt in eine wunderbare Verwirrung gerathen, und von nun an, je mehr er ſie aufgeſuchet, deſto eifriger vor ihm gewichen, maßen ſie nie einen feinern Ge⸗ e 65 ſellen erblickt zu haben vermeinet, und ſich geſcheuet, ſich vordem ſeiner Dienſte gebraucht zu haben. Von dieſer Zeit an hat ihr denſelben jezuweilen heimlich zu ſehen verlanget, daher ſie auch, ohne daß er deſ⸗ ſen gewahret, oftmahls auf dem Söller ſeiner ge⸗ wartet. Wiewohl nun zu glauben geſtanden, es werde Egbertus, ob dieſes ſeines ſteigenden Anſehens, ei⸗ ne große innere Freude empfinden; iſt ſolcher den⸗ noch ſchwermüthiger worden von Tage zu Tage, iſt bis zur Feyerſtunde unruhig allenthalben auf den Gerüſten umhergegangen und hat die Werkleute, ſo „mit freundlichen, als ſtrafenden Worten, zu eifri⸗ * gerer Arbeit angeſtrenget, des Nachts aber in ſei⸗ nem Kämmerlein, ſtatt des erquickenden Schlafs zu genießen, ſich raſtlos mit einem Modele, inglei⸗ chen mit Riſſen und mancherley Rechnungen fleißig beſchäftiget, alſo, daß auch ſein vorher blühendes Geſicht augenſcheinlich verfallen und das Feuer ſei⸗ ner Augen in etwas erloſchen. Dieſe unheilbar ſchei⸗ nende Gemüthskrankheit iſt aber nicht allein durch ſeine unerwiederte heiße Liebe veranlaſſet worden, ſondern in gleicher Maße um deßhalb, weil ihm die Bedingung des Kaiſers bekannt geweſen, und er insgeheim befürchtet, es möge der Bau binnen der geſetzten Friſt nicht zu Stande kommen, mithin der Lehrherr nebſt den Seinigen und der ſchönen Alja⸗ ma Ehre und Leben einbüßen. Solche Beſorgniß hat er auch einſtmahls mit geziemender Beſcheiden⸗ —₰ 66— heit und hervorquellenden Thranen. dem Nunez an den Tag zu legen ſich unterfangen, iſt aber von dem ſtolzen Baumeiſter mit der ſchnöden Antwort, daß das Ey nicht klüger ſeyn ſolle, denn die Henne, unfreundlich abgefertiget worden. Solchergeſtalt hat auch das ſechste Jahr wie⸗ der Abſchied genommen, und das heilige Oſterfeſt, bey deſſen nächſter Wiederkehr das Münſter geweiht werden ſollen, ſich genahet. Ob nun wohl damah⸗ len das Kirchengebäu bereits unter das Dach ge⸗ bracht, ſo iſt jedennoch der Raphaelis⸗Thurm noch kaum zur Hälfte, der Thurm Michaelis aber erſt achtzig Schuhe über der Erde geweſen, alſo, daß Nunez bey ſich ſelbſt in etwas unſicher worden und mehrere Bauleute angeſtellet, welche jedoch, da ſie wegen des engen Raums einander im Wege geſtan⸗ den, den guten Fortgang ſchier mehr verhindert, als befördert. Egberti Angſt und Bekümmerniß iſt einfolglich von Tage zu Tage um ein Merkliches ge⸗ ſtiegen, und hat er, ohne der erlittenen Schmach ferner zu gedenken, um Aljamä willen ſich aber⸗ mahls einen Muth gefaſſet, und dem Mauren, da dieſer einſt guter Dinge geweſen, einen Plan vor⸗ geleget, wie durch ein von ihm erſonnenes Hebe⸗ werk und andere künſtliche Maſchinen die Arbeit um ein Großes erleichtert und beſchleuniget werden, mit⸗ hin dem Verlangen kaiſerlicher Majeſtät hoſfentlich annoch ein Genüge geſchehen könne. Da iſt der Meiſter über die Maße n entrüſtat ¹ * 67 worden, hat ihn beſchuldiget, daß er nür mit Hülfe des böſen Feindes dergleichen zu erſinnen vermocht, auch denſelben, obwohl er die Erfindung nicht ſchel⸗ ten können, dennoch mit harten Worten bedräuet, ſich hinweg zu begeben und ſeinen Anſchlag keinem Menſchen vor die Augen zu bringen, anſonſt er ihn ohne Schonung, als einen, der mit den hölliſchen Geiſtern einen Bund geſchloſſen, ſofort anzeigen, und mit Schimpf und Schanden von der Arbeit jagen werde. Dieſer ſchweren Bezüchtigung unge⸗ achtet, iſt der gute Egbert ſanften Sinnes verblie⸗ ben, und hat nicht abgelaſſen mit Flehen und Bit⸗ ten, auch endlich zu erkennen gegeben, es ſey der Geiſt, welcher ihn angetrieben, kein anderer, als nur der liſtige Knabe Veneris, alſo, daß er auch, falls Nunez ihm die Hoffnung, Aljamam durch lang⸗ wierige Dienſtleiſtung zu erwerben, nicht raube, jenem alles, als d ſen eigene Erfindung, auf ewig zu überlaſſen, und ein unverbrüchliches Stillſchwei⸗ gen anzugeloben bereit ſey. Iſt aber Nunez ſchon vorher hart erzürnet geweſen, ſo iſt ſein Hochmuth und Haß nunmehr in volle Flammen ausgebrochen, dergeſtalt, daß er auch ſeinen im Gürtel tragenden ſcharfen Dolch nach Egberto geſchleudert, welchem dieſer, wie vordem der fromme Hirtenknabe David dem Spieße des wahnſinnigen Sauls, bloß durch Gottes ſonderbare Vorſehung und eine ſchleunige Flucht entgangen.. Doch auch dieſe mörderiſche und wahrhaftig 66 mauriſche Bosheit hat Egbertus Gott allein uüber⸗ laſſen, und ſich bey dem Bau fortan eben ſo eifrig, ja noch eifriger bewieſen, denn zuvor. Da er je⸗ doch von ungefähr Aljamam wieder vorübergehen ſehen, und durch ihre wundergleiche Schönheit aufs neue zu dem heftigſten Verlangen und der innigſten Erbarmung aufgereitzet worden; hat ihm ſein gu⸗ ter Engel insgeheim zugerufen, daß er für die hol⸗ de Aljamam Alles aufs Spiel ſetzen und, da er bey Nunez nichts auszurichten vermocht, an ſeine Geliebte, ja an die huldreiche Kaiſerinn Benig⸗ nam, ihre Beſchützerinn, ſelbſt ſich verwenden müſſe. Dieſer Stimme hat er, unter inbrünſtigem Danke zu Gott, zu folgen ſofort beſchloſſen, und in der Frühe des nächſtfolgenden heil. Sonntags ſich in den Luſtgarten der Kaiſerinn, woſelbſt ſie, wie ihm bekannt worden, mit Aljama oft zu luſt⸗ wandeln gepfleget, begeben, auch von einem Lehr⸗ ling ein zierlich gearbeitetes, allenthalben verwahr⸗ ztes Käſtlein nachtragen laſſen. 3 Dieſer Luſtgarten, wovon dermahlen noch eine Spur in einigen Reihen hoher, wiewohl mit we⸗ nigen Zweigen gezierter Bäume anzutreffen, iſt von ganz unvergleichlicher Anmuth und Herrlichkeit ge weſen. Es erzeugten daſelbſt, wie ich in der Chro nica befunden, die blühenden Linden am hellen Tage eine angenehme Nacht, und ſo man aus ſel⸗ biger durch einen Gang lieblicher Jasminen und Sammetroſen hervortrat, bothen alsdann die Lor * * 69 ber: und Feigenbäume, auch die mit Silberblüthen und Goldfrüchten zu gleicher Zeit prangenden Ci⸗ tronenſtämme, unter welchen Aljama zum Anden⸗ ken der früheſten Kindheit und ihrer, in Hispania verſtorbenen Mutter, Lindarajä, am liebſten ſich aufhielt, mehreren Sinnen eine ergetzende Sät⸗ tigung an. Auch waren daſelbſt mancherley Geſträu⸗ che und Hecken mit Netzen von Gold⸗ und Silber⸗ draht künſtlich umſponnh, alſo, daß in ſelbigen diejenigen Vögel, ſo, theils wegen ihres prächtigen Federſchmucks, theils wegen ihrer kunſtreichen Keh⸗ le, der Kaiſerinn von Zeit zu Zeit verehret worden, obwohl gefangen, dennoch ſich frey, los und ledig dünkten.. Als nun Egbertus ſich einige Stunden daſelbſt⸗ verborgen gehalten, und eben nach einem kurzen⸗ Ungewitter die Sonne hervorgetreten, auch ein ſchöner Milchregen Zefallen, iſt Aljama, indem die Hofleute der Kaiſerinn nach gehaltener Meſſe ihre Verehrung bezeigt, um des erquickenden Grüns und der Melodien der Vögel ſich zu erfreuen, in einem, mit Gold geſchnürten amaranthenfarbenen Ober⸗ kleide, zu dieſem Luſtreviere kommen, und hat, kei⸗ nen Laurer allhier vermuthend, mit der Kaiſerinn Leib⸗Pſittig gekurzweilet, auch demſelben Egberti Nahmen vorgeſprochen. Da iſt der gute Geſell, erſt erbleichend, dann hoch erröthend, eilig herzugeflo⸗ gen, hat ſich, ohne daß ſie es gewahret, maßen ſie immer noch an dem goldenen Gitter geſtanden⸗ vor⸗⸗ 70 46 ihr aufs Knie niedergelaſſen, und ſodann die Schlep⸗ pe ihres Gewandes mit ſeinen Lippen berühret. Die ſtolze Aljama aber, als ſie nunmehr ſeiner anſichtig worden, iſt heftig erſchrocken, hat ihn un⸗ ſanft zurück geſtoßen, und ſich eilig auf die Flucht begeben, iſt jedoch unweit der Gartenthür ſtill ge⸗ ſtanden, um dem allzukühnen Jungfernknecht ſeinen Frevel mit ſpitzigen Worten zu verweiſen. Es iſt ihr ſolches aber nicht nach Wunſche gelungen, dieweil Egbert, von ſeiner Liebe angetrieben, aus der vo⸗ rigen Kleinmuth zu einer wunderbaren Dreiſtigkeit gelanget, und, da ſie doch gegen den Pſittig ihre, zu ihm tragende Liebe nur allzudeutlich verrathen, ihr ſeinen wahren Stand und gränzenloſe Liebes⸗ gluth offen bekannt, alſo, daß die reitzende Aljg⸗ ma, deren Blut den heißen Sonnenſtrahlen ihres Vaterlandes nicht unähnlich, ihre wahre Geſinnung weder verſtellen, noch den demüthig flehenden Eg⸗ bert länger auf dem Boden liegen laſſen können. Vielmehr iſt die Morgenröthe der Liebe auf ihr ſchamhaftes Antlitz getreten, und hat ſie ihn ſchluch⸗ zend aufzuſtehen geheißen, nicht minder, ſo er ih⸗ ren Vater für ſich gewinnen könne, ihn zu lieben, auch ſeine Hausfrau zu werden, angelobet, ihm 6 auch zum Beweis ihrer guten Geſinnung mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen, wiewohl freywillig, ihre bis dahin noch unberührte Wänglein gereichet. Alſo iſt Egbertus ſchier in einem Meer uner⸗ meßlicher Wonnen untergangen, hat jedoch nach ei⸗ 2* 71¹ ner Weile ſich wieder gefaſſet, und ihr ihres Va⸗ ters, ja ihre ſelbſt eigene Leibs⸗ und Lebensgefahr, mit rührenden Worten und überfließenden Augen zu Gemüthe geführet. Als ſie nun hierüber, da ſie vorher nichts dergleichen geahnet, in tödtliche Angſt gerathen, auch Rath und Hülfe von ihm begehret; hat der Jüngling ihr vorgeſtellet, wie er ſelbſt den Bau zur gegebenen Friſt zu vollenden ſich erkühne. Da jedoch von Nunez eine Einwilligung zu kräf⸗ tiglicher Mitwirkung nicht zu erwarten, ſo ſey er gewilligt, ſich an die Frau Kaiſerinn deßhalb zu wenden, und ſolle ſie verſuchen, ihn mit derſelben zuſammen zu bringen. Alsbald iſt Aljama wieder fröhlichen Herzens worden, und hat dieſes ein Leichtes genannt, indem ſie bey der Kaiſerinn in hohen Gnaden ſtehe und derſelben vielmahlen mauriſche und hispaniſche Wei⸗ ſen vorſpiele, auch den guten Egbert angewieſen, nur allhier zu verweilen. Hierauf hat ſie ſich hin⸗ wegbegeben, und dem liebenden Geſellen, der noch⸗ mahls einen Kuß zu erflehen ſich unterfangen, ſel⸗ biges förder nicht eher zu verſtatten geſchworen, als nach vollführtem Baue auf der Zinne des Thur⸗ mes St. Michaelis. Ob. ihr ſolches aber nicht wie⸗ der leid worden, bleibe dahin geſtellet, maßen ſie wenigſtens beym Hinweggehen ihre, gleich Sonnen ſtrahlenden Augen gar liebreich und wehmüthig nach Egberto gerichtet, auch ihm in kurzem, zum Zei⸗ chen, daß die Frau Kaiſerinn ihre Bitte gewähret, 72. durch einen kaiſerlichen Leibknecht in einer ſilbernen Schale Früchte und Backwerk, als eine Erquickung, geſendet, wobey auch eine Granatblüthe, die er vorher auf ihrer Bruſt geſehen, wie durch ein Un⸗ gefähr gelegen. 9 3 Egbertus hat die feurige Granatblüthe inbrün⸗ ſtig geküßt, und, als ein geheimes Amulet, in ſei⸗ nem Wamms heimlich verwahret, von dem Zucker⸗ werk und ſeltenem Obſt aber nichts berühret, ſon⸗ dern iſt, unter eifrigem Gebeth zu dem Höchſten, auch ſtäter Erwägung ſeines jetzigen Vorhabens, im⸗ mer ungeduldig auf⸗und abgangen, jedoch, wenn er jezuweilen von dem, bis jetzt verborgen gehal⸗ tenen Käſtlein die Decke gehoben, wieder ermuthi⸗ get worden. Als hierauf die kaiſerliche Tafel aufgehoben⸗ geweſen, iſt die Kaiſerinn, welcher Aljama unter: vier Augen einen Fußfall gethan, mit der jungen Maurinn in den Garten kommen, und hat ſich da-⸗ ſelbſt unter einer grünen Laube auf die ausgebrei⸗ tete Tapete niedergelaſſen, jedoch vermuthend, daß der junge Baumeiſter ihr mancherley insgeheim zu vertrauen, ihre Hofleute an der Pforte zu bleiben⸗ befehliget. Da iſt Egbertus, welchem Aljama einen Wink gegeben, ehrbar herzugetreten und mit ritter⸗ lichem Weſen vor der Kaiſerinn niedergekniet, alſo, daß Frau Benigna von der Höflichkeit und ſonder⸗ lichen Wohlgeſtalt des Jünglings wunderbar befan⸗ gen worden, und denſelben, ſein Anliegen frey und offen 73 offen zu entdecken, mit huldvollen Geſichtsmienen geheißen. 3 Wie nun der allmächtige Gott, zu welchem Eg⸗ bertus ſein brünſtigliches Gebeth geſendet, ihn in dieſem wichtigen Stündlein mit einer gar kecklichen Zuverſicht ausgerüſtet, auch ihm ins Herz gegeben, daß er vor dieſer gnädigen Frauen weder den, aus inniger Liebe begangenen Jugendfehler, noch ſeinen wahren Stand und Nahmen zu verſchweigen; ſo hat die Frau Kaiſerinn bey deſſen Nennung mit ſichtlicher Bewegung von ihrem Ruheſitz ſich erho⸗ ben, die Hände verwundernd in einander geſchlagen und nicht ohne Woyhlgefallen ſich erinnert, daß ſie ihn vordem in ihrem ledigen Stande, da ſie mit ihrem Herrn Vater ungefähr durch ſeine Geburts⸗ ſtadt gereiſet, mit einigen Andern von hohem Adel aus der Taufe gehoben. Hierdurch, als durch eine ſonderbare Fügung Gottes, iſt nicht nur Egbertus in ſeinem Vertrauen kräftig geſtärket, ſondern auch Aljama dergeſtalt heftig erſchüttert worden, daß ſie ihre, in Thränen ſchwimmenden Augen benebſt dem rubinfarbenen Munde der Frau Kaiſerinn auf den Arm gepreſſet, welches dieſe lächelnd geduldet und der feurigen jungen Maurinn huldvoll die Wangen geklopfet. 3 Sodann hat Egbertus von dem Baue angefan⸗ gen und in wohlgeſetzter Rede zu erkennen gegeben, wie er ſeinen Vorgeſetzten, Nunez, nach Würden ehre, auch demſelben ſtets unterworfen ſeyn wolle, Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. D 274 jedennoch, aus ſeiner zu deſſen Tochter tragender Zuneigung und ſchuldiger Ehrfurcht gegen das Kai⸗ ſer⸗Wort, ſein Bedenken zu offenbaren nicht unter⸗ laſſen dürfe, es möge der Dom, falls nicht andere Hulfsmittel aufgebracht würden, auf künftiges heil. Oſterfeſt nicht geweiht werden können. Durch die⸗ ſe ſittſame und verſtändige Vorſtellung iſt das Herz der Frau Kaiſerinn dem Jünglinge immer mehr zu⸗ gewandt worden, und hat ſelbige die Achſeln gezu⸗ cket und gefraget, ob ihm dergleichen andere Hülfs⸗ mittel bekannt? Da nun Egbertus ſich deſſen ver⸗ meſſen, die Kaiſerinn aber ihm ſein wagliches ju⸗ gendlich Unternehmen freundlich verwieſen; hat er um die Erlaubniß, ſich einen Augenblick zu entfer⸗ nen, ſowohl um die Gnade, einſtweilen den ober⸗ ſen Hofmeiſter und die Kämmerlinge, auch wem fonſt der Zutritt verſtattet und es beliebig ſey, her⸗ beyrufen zu laſſen, demüthigſt gebethen. Als nun auf der Kaiſerinn Befehl mehrere hoch⸗ erfahrne Perſonen nebſt der Kaiſerinn Hofdieneru und Frauen ſich neugierig verſammelt, iſt Egber⸗ tus mit ſeinem zierlichen Käſtlein hervortreten, wel⸗ ches ſich, als er es der Frau Kaiſerinn präſentiret, von ſelbſt aus einander geſchlagen und ein künſtlich gearbeitetes Münſter mit zweyen Thürmen, wie ſol⸗ ches alles faſt anjetzt zu ſehen, nebſt mancherley Ge⸗ * rüſten, Maſchinen und Kranichen vor aller Augen geſtellet. Da ſich nun die Anweſende deſſen nicht wenig verwundert, hat Egbertus das Modell ſtuͤc⸗ 35 weis aus einander genommen und den Bau alſo gezeiget, wie er bis dahin vollführt gewefen, ſodann aber ſeine erfundenen Werkzeuge angeleget und die Fäden von Aljama und andern Hoffräuleins faſſen laſſen, welche hierauf nach ſeiner Anweiſung ſelbige von Zeit zu Zeit anziehen müſſen, da ſich denn in kurzem die Werkſtücke und Schäfte in einander ge⸗ füget und die Thürme bis zur Fahne aufgeriihtet geſtanden. Solches Kunſtſtück hat niemand ohne Erſtau⸗ nen mit anſehen können, und iſt, da auch einige gelahrte Männer demſelben ihren Beyfall geſchenket, die Kaiſerinn aufs höchſte erfreuet worden, hat Eg⸗ bertum ſofort zu ihrem Baumeiſter ernannt, ſowohl: mit ihrem Gemahl, welcher damahls ſich nicht bey dem Hoflager befunden, des eheſten aus der Sache zu ſprechen gelobet, und den Jüngling mit vielen Bezeigungen höchſten Wohlgefallens für jetzo ent⸗ laſſen. Es ſind aber wenig Tage verſtrichen, als des Kaiſers Majeſtät heimgekehret und den Bau beſich⸗ tiget, auch ſehr unruhigen und mißvergnügten Ge⸗ müths bey ſeiner Gemahlinn eingeſprochen. Als die⸗ ſe nun mit ſanften Liebkoſungen in denſelben ge⸗ drungen, und in Erfahrung gebracht, wie er dem Nunez aufs äußerſte erzürnet ſey, und die Erfül⸗ lung ſeines, den heil. Erzengeln gethanen Gelüb⸗ des, obſchon der Maure ſich deſſen beharrlich ver⸗ meſſe, vor menſchlichen Augen unmöglich ſcheine; 8 8 2 „6 g hat ſie demſelben Alles, was ſich begeben, ausführ⸗ lich berichtet, worüber Se. Majeſtät verſchiedene Zweifel getragen, jedoch Nunez und Egbertum, nebſt ſeinem Werkkäſtlein, alsbald vor ſich gefordert. Letzterer hat vor Sr. Majeſtät und des Nunez Augen alles aufs neue aus einander genommen und in kurzem wieder zuſammengefüget; alſo daß auch der Meiſter, obſchon mit innerm Ingrimm erfül⸗ let, kein Wort dagegen aufzubringen vermocht. Als jedoch der Kaiſer, Egberti Geſchicklichkeit über die Maße erhebend, ihm den ganzen Bau übergeben wollen, hat dieſer deßhalb um gnädige Verſchonung gebethen, ſintemahl er nur durch des Nunez vorhe⸗ rige gründliche Anweiſung und eigenes Nachdenken ſolchen Anſchlag gefunden, dahero auch ſeinem Lehr⸗ 4 herren ferner alle Ehre und Gnade, auch aus die⸗ ſem Bau bey der Nachwelt verbleibenden Ruhm, voon Herzen gönne, und nur, wiewohl unter deſſen Aufſicht, wenn es ſeiner kaiſerlichen Majeſtät alſo beliebe, ſich der Ausbauung des noch am weiteſten zurückſtehenden St. Michaelisthurms unterziehen, auch, wenn er denſelben bis zum Oſterfeſte nicht darſtelle, der dem Nunez und den Seinigen ange⸗ droheten kaiſerl. Pön mit unterworfen ſeyn wolle. Da hat der Kaiſer ihn einen eben ſo wackern, als kunſtgeſchickten Geſellen geſcholten, und in ſein Ver⸗ 1 langen, welches auch Nunez, ſpöttiſch vorgebend, daß kleine Klötzlein Holz keine Quadratſtücke, und etwas dergleichen leichter zu ſchnitzen, als auszue 77 fuͤhren, ſich gefallen laſſen, durchgehends gewilli⸗ get, doch alſo, daß ein jeder der Baumeiſter ſeinen Thurm ohne Einmiſchung des Andern, auch in ſol⸗ cher Höhe und mit ſolcher Art und Kunſt aufführe, als er binnen der gegebenen Friſt zu leiſten vermö⸗ ge. Bis dahin aber ſolle dem Kaiſer zwar jezuwei⸗ len von dem Fortgange des Baues Bericht abge⸗ ſtattet werden, jedennoch wolle er ſelbigen, bevor das Oſterfeſt eintrete, nie wieder mit Augen ſehen. Ich übergehe billig mit Stillſchweigen, wie Nunez nach ſeiner Zurückkunft mehr einer hölliſchen Furie, als einer vernünftigen Creatur Gottes, ge⸗ glichen, auch gegen ſeine Söhne gewüthet, und ſie, als von Egberto übertroffen, zur Rache gegen den⸗ ſelben aufreitzen wollen, ſeine Tochter Aljamam aber, obſchon er ſelbige auf das zärtlichſte geliebet, und auf der Kaiſerinn Befehl von allem, was in dem Luſtgarten ſich ereignet, reiner Mund gehalten werden müſſen, dennoch mit Verwünſchungen über⸗ ſchüttet und ſie heftig bedräuet, falls ſie dem un⸗ ſchuldigen Egberto jemahls anders, als es einer Bencerraja gezieme, will ſagen, mit dem ſchnöde⸗ ſten Stolze und höhniſcher Verachtung, begegne. Dahingegen iſt zu wiſſen, daß von nun an in ei⸗ nem Monathe das Dach der Kirchen vollendet, an den beyden Thürmen aber von dem Meiſter und Lehrling mit unermüdlicher Anſtrengung zu bauen fortgefahren worden. Ob nun ſchon Nunez eine doppelte und drey⸗ 4 78 fache Zahl Arbeiter angeleget, auch ſeiner Seits, da, Egberti Erfindung zu gebrauchen, ihm von ſeinem Haß und Dünkel nicht geſtattet worden, einige an⸗ dere künſtliche Hebel⸗ und Räderwerke erſonnen, ſo hat er doch nicht verhindern können, daß nach zweyen Monathen Egberti Thurm dem ſeinigen gleich kom⸗ men, ja in wieder einer Weile ſogar den ſeinigen überwachſen.— Als Nunez aber eines Abends ſich ſelbſt über⸗ zeuget, daß es nunmehr unmöglich falle, ſeinen ge⸗ weſenen Lehrling wieder einzuhohlen, viel weniger, wie ſich doch gebühre, ſelbigen zu übertreffen; hat er, um ſeinen Unmuth in etwas zu bekämpfen, ſich in das öffentliche Weinhaus zum goldenen Bock, wo nur Perſonen ritterlichen Standes zu trinken gewohnt, begeben, und daſelbſt in einer abgeſon⸗ derten Ecke finſter allein ſitzend einen anſehnlichen Mann von gelber, ſchier mauriſcher Geſichtsfarbe wahrgenommen. Dieſer iſt mit einem roſtigen Bruſt⸗ harniſch, auch bluthrother Feldbinde bekleitet ge⸗ weſen, und hat deſſen Antlitz, da er in kurzem die ſchwarze Blechhaube, ſo auch mit einer rothen Fe⸗ der verſehen, mit haſtiger Bewegung auf den Schenk⸗ tiſch geworfen, dem Baumeiſter dergeſtalt unge⸗ wöhnlich und auffallend geſchienen, daß er auch denſelben, wiewohl es ſich nicht alſo verhalten, ſchon irgend eines Orts geſehen zu haben vermeinet. Der fremde Gaſt aber hat des Nunez in keine Weiſe ge⸗ achtet, ſondern immer laei Blicks auf den Bo⸗ — — 79 den geſehen und den vor ihm ſtehenden Weinbecher nicht berühret. ¹Da nun dem Mauren dieſes ſonderbar bedün⸗ ket, hat er den Kellerwirth, welchen er wohl ge⸗ kannt, gelegentlich auf die Seite gezogen und ſich nach dem finſtern Ritter erkundiget, von dieſem aber zur Antwort erhalten, daß er ſelbſt dieſen Fremdling, ſo erſt zwey bis drey Mahl allhier ein⸗ geſprochen, nicht kenne, ſelbiger aber es immer gern zu ſehen geſchienen, wenn wacker gewürfelt und bankettirt worden, gleichwohl den allezeit ge⸗ forderten rothen Wein nie gekoſtet und beym Hin⸗ weggehen jegliches Mahl einen alten Goldgülden auf den Tiſch geworfen habe, welcher ganz mit grünem Schimmel überzogen geweſen, jedoch bey angeſtell⸗ ter Probe für das feinſte Gold befunden worden. Dieſer wunderſame Bericht hat Nunez nicht wenig ergetzet, und ihn bewogen, einen Tiſch un⸗ weit des Fremden einzunehmen, auch, da er ſich niedergelaſſen, auf deſſen Geſundheit zu trinken. Deſſen hat der Ritter ſich lachend, doch freundlich bedanket, iſt auch alsbald weit beredſamer und höf⸗ licher worden, als man nach ſeinem rauhen Anſehen erwarten ſollen, alſo, daß Nunez ſich zu ihm geſe⸗ tzet, und ſich deß und jenes bey ihm befraget. Es hat aber der Fremdling nach einer Weile mit heftigen Worten des Kirchenbaues gedacht, und unez bedauert, daß ſeine erprobte Kunſt und Ge⸗ chicklichkeit anjetzt zum Spotte eines Knaben dienen * 80 8 ſolle, wie gleichwohl nicht anders zu erwarten. Als nun der Maure„dem dieſes glühende Eiſen unt er⸗ geleget, hierauf erwiedert, daß noch nicht aller: a⸗ ge Abend hereingebrochen ſey, und er immer noch hoffe, Egberto hinkünftig gleich, ja auch vorzukom⸗ men; hat jener bitter gelachet und mit feſter, doch ſchneidender Stimme ihm eingewendet, wie es kei⸗ nem wackern und herzhaftigen Manne gezieme, ſich mit einer Zukunft zu tröſten, immaßen in der Ge⸗ genwart ihr eigenes Heil oder Verdammniß liege, und man, wenn der Himmel ſich verſchließe, an⸗ derswo anklopfen müſſe. Dieſe freche, doch mann⸗ hafte Rede iſt dem ehrſüchtigen Bencerrajen kräftig ans Herz drungen, und hat ſelbiger einen Becher nach dem andern geleeret, auch letztlich von dem Fremden zu wiſſen verlanget, was er damit ſagen wollen? Allein jener hat ſich geweigert, mit etwas yerauszurücken, dieweil hier kein ſchicklicher Ort da⸗ zu ſey; ſo es ihm aber beliebe, mitzukommen, ſo wolle er ihm treulich an die Hand gehen mit Rath und That, und ſolle der milchbärtige Lehrling über den berühmten Meiſter nicht länger triumphiren. Da hat ſich Nunez, von ſeinem böſen Geſtirn verleitet, ſofort zur Begleitung entſchloſſen, und, da ſie herausgetreten, mit Verwunderung bemer⸗ ket, daß die Sternlein bereits geſchienen, mithin ſie im eifrigen Geſpräch mehrere Stunden verbracht. Auch iſt alsbald ein kleiner, ſchwarz vermummter Geſell herbey kommen, ſo äußerſt behend geweſen 81 und mit einer blauſchimmernden Laterne wacker vorangeleuchtet. Der ſchwarze Ritter aber iſt die⸗ ſem immer, ohne ſich umzuſehen, mit ſchnellen Schrit⸗ ten gefolget, und über Weg und Steg, Sumpf und Stumpf, alſo geeilet, daß dem Baumeiſter ſchier ein Grauen ankommen, zumahl da auch der Knecht mit dem Lichtlein gar ungewöhnlich über Steine und Graben geſprungen, und ſie einem dun⸗ keln Walde genahet. Jedoch hat der Baumeiſter ſich wieder in etwas gefaſſet, als aus ſolchem Walde der Klang einer Orgel erklungen, und er auf einem Berge ein Kloſter vor ſich erblicket, woſelbſt die Kir⸗ chenfenſter alle erleuchtet geweſen. Da ſie bey dem Kloſter angelanget, iſt der Vor⸗ leuchter plötzlich verſchwunden, und hat Nunez nicht ohne große Verwunderung weltliche Weiſen und lu⸗ ſtige Schimpf⸗ und Buhlerlieder vernommen, iſt aber in ein noch größeres Erſtaunen und Schrecken gerathen, als der ſchwarze Ritter die Kirchpforte geöffnet, und er durch ſelbige einen luſtigen Reihen grauer Nonnen und Möoͤnchlein gewahret, welche ſämmtlich, wie Trunkene, in mancherley frechen und unzüchtigen Stellungen zum Klang der heiligen Or⸗ gel einen luſtigen Tanz gehalten, alſo, daß auch mehrere derſelben, benebſt ihren Tänzerinnen, ſo in ihren fliegenden Schleyern, Scapulieren und Kutten mehr, als die auf dem Theatro ſich präſen⸗ tirende geſchminkte Weltkinder, entblößt geſchienen, ſchwindelnd zur Erde geſunken ſind. Als nun der 32 ſchwarze Ritter ein Zeichen gegeben und eine der Nonnen, ſo die Äbtiſſinn und vor allen andern nppig und ſchön geweſen, ſein gewahr worden, iſt ſelbe flugs zum hohen Altar geſprungen, woſelbſt ein dicker Mönch, als der heidniſche Weingott Bac⸗ chus, auf einer Tonne geritten und eine der geiſt⸗ lichen Nymphen nach Herzensluſt geliebkoſet, und hat in einen der geweihten goldenen Kelche einen Trunk gezapfet, welchen ſie, dem Ritter durch einen Handkuß ihre Ehrfurcht bezeigend, demſelben ere⸗ denzen wollen. Der Ritter aber hat mit der Hand ſie zurück gewinket, und ſind in dieſem Augenblicke alle Lichter verloſchen, und alle Tänzer, benebſt der Orgel und ſonſtigen Kigthen ⸗Zierath, vor des Nu⸗ nez Augen zerronnen. Alsbald hat der Ritter mit der rothen Helm⸗ feder Nunez bedeutet, ſich nicht irren zu laſſen, zu⸗ gleich ihm zu erwägen gegeben, wie alle Frömmig⸗ keit auf Erden nichts, als ein leerer Schatten und Schemen ſey, und ſelbſt die hochgeweiheten Prieſter und Jungfrauen, ſo öffentlich mit ungemeiner An⸗ dacht verehret würden, insgeheim die freventlichſten Wucherer, Erzſchelme, Schlemmer und Buhldir⸗ nen ſeyen, iſt aber zuletzt wieder auf ſein voriges Wort kommen, erwähnend, daß Nunez ja nicht wiſſe, auf was Weiſe Egbertus ſo Unglaubliches zu leiſten vermöge, mit der Hinzufügung, daß, falls Nunez von ſeinem neuen Glauben nicht allzu ver⸗ bſendet, er demſelben kräftiglich Beyſtand zu leiſten 5 1— d —— — gewillet ſey. Als nun Nunez, obwohl der Gedanke, daß ſein Lehrling durch übernatürliche Dinge eine dergeſtaltige frühzeitige Geſchicklichkeit erlanget, von neuem erreget worden, auch der zu befürchtende Schimpf lebhaft ihm vor die Augen getreten, den⸗ noch ſich bedenken wollen, iſt durch ein hölliſches Blendwerk ſofort ſeine Tochter Aljama in bräutli⸗ chem Schmuck, daneben, von der kaiſerlichen Hof⸗ haltung umgeben, Egbertus in prächtigen Gewän⸗ dern, welchem auch der Kaiſer vor ſeinen Augen eine goldene Kette verehret, erſchienen, alſo, daß plötzlich alle ſeine Sinne verwirret worden und er ſich mit kurzen Worten dahin geäußert, daß ein Bencerraja, was ein Anderer wage, auch nicht zu ſcheuen pflege. Hierauf iſt der ſchwarze Ritter all⸗ mählich näher gerückt, und hat ihm bey den Grund⸗ feſten des Meeres und bey der ewigen Verdammniß auf das theuerſte geſchworen, daß Nunez, ſo er ihm eine Seele zu opfern gelobe, dem Egberto jederzeit gleich kommen und ſeinen Bau zur geſetzten Friſt gebührend vollenden ſolle. Dieß iſt Nunez, mehr ſein eigenes Wohlſeyn und Ruhm, als das Heil einer fremden Seele, bedenkend, bereitwillig ein⸗ gegangen, und iſt der ſchwarze Ritter, als ſie die⸗ ſen Vertrag wechſelſeitig handgebend angelobet, auf einem alsbald herzukommenden ſchwarzen Streit⸗ hengſt eilig davon geritten, daß es hinter ihm feu⸗ rige Funken geſtiebet. Der Baumeiſter aber hat ſein Verſprechen au⸗ 94 34 genblicklich in etwas bereuet⸗ zumahl ihn eine ſchau⸗ erliche Luft angegangen, und der kalte Thau ihn befeuchtet, auch der Morgen zu dämmern angeho⸗ ben und er bey weichendem Dunkel ſich, unter Krö⸗ ten und Eidexen, auf den Trümmern eines, wie er ſich nunmehr erinnert, wegen ſeiner Unzucht ein⸗ geäſcherten Nonnenkloſters, wo auch annoch ein von einem Mönchskloſter anhebender Gang unter der Er⸗ den zu ſehen, unfern einer Vehmſtätte befunden. Nachdem er ſolchergeſtalt, in dieſer Nacht um ein Jahr gealtert, nach ſeiner Wohnung gekommen,⸗ und Aljama, die ſeiner die ganze Nacht hindurch ängſtlich gewartet, über ſeine Geſtalt tödtlich er⸗ ſchrocken, ſolches dem guten Egberto durch eine ver⸗ traute Magd alsbald anſagen laſſen; iſt dieſer da⸗ durch alſo beweget worden, daß er herbey geeilet, und, vermuthend, daß jener bloß von ſeiner Furcht, übertroſſen zu werden, alſo angegriffen und ent⸗ kräftet worden, ihm mit demüthigen Worten ſeine Ehre verpfändet, daß er, falls Nunez ihm mit vä⸗ terlichem Herzen hinkünftig Allamam zum Weibe zu geben verſpreche, mit ſeinem Baue willig zö⸗ gern, und ſolchen nur mit dem ſeinigen in gleicher Weiſe vollenden, ja, wenn der Lehrherr ſeinem Lehrling dieſen Schimpf zuziehen wolle, hinter dem⸗ ſelben zurück zu bleiben, willig gelobet. Ob nun wohl Aljama und derſelben drey Brüder, von Eg⸗ berti guter Geſinnung kräftiglich überzeugt, mit demſelben zu des Vaters Füßen geſunken und mit 8⁵ Thränen geflehet, auch Nunez eine Zeit lang gewan⸗ ket, ſo iſt er doch, da in dieſem Augenblick eine feu⸗ rige Wolke, ſo Egbertus und die übrigen wenig⸗ ſtens dafür gehalten, vor dem Fenſter vorüberzo⸗ gen, plötzlich andern Sinnes worden, und hat ſich und ſeine Kinder, falls mit ſeinem Willen je ein Finger Aljämä mit Egberto in das hochzeitliche Bett komme, ewig verfluchet, auch Egbertum und Aljamam mit den Füßen von ſich geſtoßen. Alſo iſt Egberti gute Abſicht von dem Hoffartsteufel auch dießmahl vereitelt worden, und hat der Jüngling, da ſeine ritterliche Ehre es alſo verlanget, von Stund an verſchworen, dem Nunez jemahls mit Bitten wieder zu nahen, ſich auch alsbald ohne wei⸗ teres aus dem Gemach begeben. Von nun an hat Egbertus mit allem Fleiße dem Baue ſeines Thurms obgelegen, das übrige aber Gott anheim geſtellet. Der böſe Feind aber, welcher, wie dem Leſer unverhalten ſeyn wird, dem Baue der Kirche zur Ehre Gottes vom Anfang her mit neidiſchen Augen zugeſehen, und nur eine Ge⸗ kegenheit geſuchet, des Kaiſers fromme Abſicht nach Vermögen zu hindern, hat jederzeit des Nachts an dem Thurme des Erzengels Raphaelis gebauet, je⸗ dennoch durch Gottes wunderbare Schickung und ſeine eigene Triegerey ſelbigen nicht weiter geför⸗ dert, denn daß dieſer von nun an mit dem Baue des St. Michaelisthurmes gleichen Schritt gehal⸗ ten, mithin, ſo wie Egberti Thurm zehn oder zwan⸗ . . 86 1 zig Ellen geſtiegen, dieſes auch mit dem Thurme des Nunez gleicher Maßen geſchehen. Alſo iſt des Ar⸗ gen zweydeutige Zuſage zwar in ſo weit erfüllet worden, daß er ſeinen Bundesgenoſſen immer mit Egberto in gleichem erhalten, dennoch aber hat ſel⸗ biger, nach ſeiner gewohnten Heimtücke, den Bau alſo eingerichtet, daß der Thurm ſich in kurzem merklich auf die Seite geſenket, wovon er noch zum Spott der Schiefe heißet bis auf dieſen Tag. Als nun der Maure, hiermit wenig vergnügt, den Böſen abermahls in dem verfallenen Schand⸗ kloſter aufgeſuchet, und, nachdem er ihn gerufen, ſeine fälſchliche Zuſage ihm mit bittern Worten vor⸗ gehalten, hat der Arge, da er ſeine Unmacht gegen Gott den Allmächtigen wohl gekannt, eine andere Liſt ausgeſonnen, und, weil er Nunez über Ver⸗ mögen zu helfen nicht vermocht, den guten Egber⸗ rum im gedeihlichen Fortgange auf eine andere Art zu hemmen geſuchet. Solchemnach iſt, was dieſer mit emſiger Mühe des Tages erbauet, jederzeit des Nachts wieder boshaftiger Weiſe eingeriſſen gewe⸗ ſen, und hat der Teufel ſelbſt das Sims⸗ und Schnitzwerk durch ſeine Kunſt des Nachts umzu⸗ wandeln verſtanden, alſo, daß die hier und da an⸗ gebrachten geflügelten Cherubinen als heidniſche Sphinxe und Drachen, die Kinder⸗ und Heiligen⸗ köpfe aber in häßliche Faunenlarven und abſcheulich grinſende Katzenköpfe umgeſchaffen, erſchienen. Als nun, deſſen ungeachtet, Egbertus den 3 83„ Thurm bis zur Spindel vollendet, allein dieß Teu⸗ felsſpiel, da Oſtern herangenahet, durchaus nicht länger ertragen können, auch vermeinet, als ob die Arbeiter des Nunez ſolches nächtliche Unheil bey ihm anſtifteten; hat derſelbe, obſchon er des heil⸗ ſamen Schlummers allerdings ſehr vonnöthen, end⸗ lich beſchloſſen, auch des Nachts auf ſeinem Thurme zu wachen. Da iſt unverhofft der teufliſche Bau⸗ meiſter abermahls zu Nunez kommen, und hat ihm mit arger Liſt vertrauet, daß er wenigſtens in der Nacht vor der heiligen Marterwoche den Lehrling daheim zu halten verſuchen möge, maßen er ſelbſt ſodann mit einer gewiſſen Schwefelmaſſe, womit unbezweifelt das Schießpulver gemeinet geweſen, ein gewaltiges Unheil und Erdbeben anzurichteg entſchloſſen ſey, allein in der heiligen Woche uns folgends, da der Tag komme, an welchem der Sohn Mariä zur Hölle hinabgeſtiegen und ihre Pforten zerſtöret, keine Macht habe. Hierbey hat er auf die allgewaltige Schönheit Aljamä mit frechem Muthe angedeutet, und iſt der hoffärtige Vater dadurch zuletzt auf den Gedanken kommen, ſeines eigenen, obwohl ſo unſchuldigen, als heißgeliebten Blutes nicht zu verſchonen, ſondern ſelbiges ſeinem feind⸗ ſeligen Haſſe und verdammlichen Stolze zum Opfer zu bringen. Solchergeſtalt hat er mit freundlich ſcheinender Geberde Aljamam vor ſich gefordert, und ihr zu verſtehen gegeben, wie er ſeinen Zorn gegen Eg⸗ 5₰ 88 bertum aus guten Gründen plötzlich in herzliche Liebe und Zuneigung gekehret Es ſey ihm aber aus guten Gründen daran gelegen, daß ſelbiger ſeiner Geſundheit ſchone, und ſolle ſie daher in der näch⸗ ſten Nacht ihn daheim halten, auch zu dieſem Be⸗ huf, da nöthig, ihn auf ihrem Zimmer verweilen laſſen, wie es denn in Manritania gewöhnlich, daß eine Verlobte den Bräutigam heimlich zu ſich rufe, auch, ſo er des Nachts bey ihr zu verweilen be⸗ gehre, ſolches zu Bezeigung ihrer gegen ihn tra⸗ genden Liebe nicht verſage. Ob nun ſchon Aljamä ſchamhaftiger Unſchuld ſolches allerdings wunder⸗ bar gedünket, hat ſie doch mit Freuden ſich für die geänderte Geſinnung ihres Vaters herzlich bedanket, d von ihrer Vorſorge für Egbertum, ſo wie von eigener, langunterdrückter Sehnſucht auf das hef⸗ tigſte angereitzet, ihre jungfräuliche Keuſchheit alſo bekämpfet, daß ſie Egbertum gegen Abend heimlich zu ſich beſtellen laſſen. Alſo iſt der liebende Geſell, da er kurz vor Dunkeln heimgekehret, um ſich in etwas mit Speiſe und Trank zu erquicken, von Aljama, ſo nach mau⸗ riſcher Sitte mit ſchimmernden Hals⸗ und Arm⸗ ringen geſchmücket, auch mit nichts, als einem, un⸗ ter der Bruſt gebundenen, mit Silber durchwirk⸗ ten Schleyer, aus welchem ihr, gleich Ebenholz glän⸗ zendes, in köſtlichen Gewäſſern gebadetes Haar be zur Ferſe herabgewallet, bekleidet geweſen, in vol⸗ ler Pracht ihrer jungen Schönheit, zärtlich empfan⸗ . gen, ſie auch, von der heißen, zu ihm tragenden Liebe, dahin verleitet worden, daß ſie, ihres Schwu⸗ res nicht denkend, als ſie ihm des Vaters verän⸗ 1 derte Geſinnung mit leuchtenden Augen verkündet, ihm inbrünſtig um den Hals gefallen, und ſolcher⸗ geſtalt ihre herzliche Zuneigung, mehr als gnüglich, zu erkennen gegeren. Wie Egberto hierbey zu Muthe worden, weſ⸗ cher die reitzende junge Maurinn vorlängſt mit tau⸗ ſend Armen zu umfaſſen begehret, bleibe den Poe⸗ ten zu ſchildern überlaſſen, in deren Büchern da⸗ von, daß Liebe, Jugend und Nacht eine gefährliche Geſellſchaft abgeben, mehrere Beyſpiele anzutreffen. Ich gedenke nur ſo viel, daß Egbertus, ob er wohxe an des Nunez gute Geſinnung anfänglich nicht glau⸗ ben wollen, jedennoch, da er den klaren Beweis davon nicht bloß vor ſeinen Augen gehabt, ſondern in Wahrbeit mit ſeinen Armen umfangen, des Ver⸗ gangenen, wie des Zukünftigen, völlig vergeſſen, auch es ſich wohl gefallen laſſen, als die reitzende Aljama ihn fröhlich zu ſeyn geheißen, und zum Si⸗ tzen neben ſich eingeladen, wobey ſie ein Tiſchlein herbeygezogen, welches zu ſeiner Erquickung mit allerley trockenen Conſituren und weingefüllten Be⸗ chern artig beſetzet geweſen. Es iſt aber deß ungeachtet an Eſſen und T Trin⸗ ken wenig gedacht worden, ſondern haben die jun⸗ . gen unbedachtſamen Leute einander ſtets in die Au⸗ * ges geſehen, bald gelächelt, bald geweinet, und ker⸗ 7 90 nen Durſt noch Hunger verſpüret, denn nach wech⸗ ſelſeitigen Küſſen und Umhalſungen. Alſo iſt beynahe die Mitternachtsſtunde, wo der Satan ſein Weſen treiben wollen, herangenahet, und will ich nicht behaupten, daß ſelbe beyde, da das Lämplein im⸗ mer dunkler gebrannt, ohne daß ſie deſſen gewah⸗ ret, das Lotterbettlein eben ſo unſchuldigen Herzens verlaſſen haben dürften, als ſie ſich darauf nieder⸗ gelaſſen. Allein, da ſie eben in eine völlige verliebte Trunkenheit gänzlich verſunken geweſen, und Nunez, vom Weine erhitzt aus dem goldenen Bock zurück⸗ kehrend, das Ausgehen der Lampe mit heimtücki⸗ ſcher Freude bemerket, gleichwohl dieſen Schimpf einer Bencerraja mit dem Tode zu vergelten grim⸗ mig bey ſich geſchworen; hat Aljama drey Mahl deut⸗ lich ihren Nahmen vernommen, und da ſie erſchrocken aufgeſprungen, ihre verſtorbene Mutter Lindarajam, mit weißen Gewändern und einem ſanften Schim⸗ mer umgeben, vor ſich ſtehend erblicket, welche mit mütterlichen, doch wehmüthigen Blicken zu ihr her⸗ abgeſchauet und mit einer ſchneeweißen Garten⸗Li⸗ lie, wodurch zweifelsohne auf der Jungfrau bisher unbefleckte Unſchuld angedeutet werden ſollen, ſie berühret. Solche Lindaraja iſt, da ſie durch eine wunderbare Fügung nach einer Stunden, nachdem Nunez benebſt ſeinem ganzen Stamme getauft wor⸗ den, plötzlich mit Tode abgegangen, folglich, durch das heilige Bad von allen Sünden rein gewaſchen, in das Paradies der Frommen gelanget, von dem allmachtigen Gott zum Werkzeuge erkoren worden, um ſowohl das Vorhaben des Böſen, wodurch er den zur Ehre Gottes unternommenen Bau hindern wollen, zu nicht zu machen, als die beyden unwiſ⸗ ſenden jungen Leutlein vor ſträflicher Sünde zu be⸗ wahren, und haben beyde alsbald der Gebothe Got⸗ tet, Egbert aber des, ſeinem Thurme drohenden Unheils gedacht, alſo, daß er, nur Aljamä Schleyer noch einmahl küſſend, ſich eilig davon gemacht. Wor⸗ auf Lindarajä Geiſt wieder verſchwunden, und, da das Zimmer mit einem wunderlieblichen Geruche erfüllt blieben, die holde Aljama in einen ſanften Schlummer verfallen. 4 Egbertus aber iſt kurze Zeit vor der Mitter⸗ nachtsſtunde zu dem Thurme gelanget, woſelbſt ihm auf der Treppen des Gerüſts einige rieſenhaftige, ſchwarz vermummte Schanzgräber mit ſcheußlichen Geſichtern und weiß hervorſchimmernden Augäpfeln, auch Schaufeln, Erdbohrer und anderes Arbeits⸗ geräth in der Hand tragend, begegnet, ſo ein dum⸗ pfes Gemurmel von ſich gegeben, allein, da jener das Kreutz geſchlagen und ein Gebethlein geſprochen, augenblicks mit einem garſtigen Schwefelgeſtank verſunken. Sodann iſt der Jüngling mit dankendem Herzen bis auf die höchſte Spitze geſtiegen, und hat auf offenem Gerüſt unter dem Sternenhimmel auf ſeinen Knien ein frommes Gebeth geſprochen, wodurch er alſo geſtärket worden, daß alle ſündhaf⸗ tige Luſt aus ſeinem Herzen gewichen, und er, bis 9²— die Morgenſonne hinter den Gebirgen hervorkom⸗ men, guten Muthes auf Einlegung des obern, aus einem Stück gearbeiteten Schlußſteines, bis wohin bereits alles fertig geſtanden, denken können. Da nun auch hierbey alles ohne Verunglückung irgend eines Menſchen zu Stande gebracht worden, iſt am Morgen vor dem Gründonnerſtag, wo Chriſti Lei⸗ den begonnen, auf dem Michaelisthurme der letzte Hammerſchlag gefallen, auch die Thurmhaube, ſo von Egberto zu Ehren der Frau Kaiſerinn, und weil er dieſelbe zuerſt in einer Laube geſehen, einer offenen Laube ähnlich, erbauet worden, gänzlich vollendet geweſen. An dem Thurme St. Raphaelis aber hat die ganze heilige Woche hindurch mit ängſt⸗ licher Beſorgniß gearbeitet werden müſſen, alſo, daß auch Nunez, auf ſonderbare Veranlaſſung ſei⸗ nes hölliſchen Gehülfen, in tödtlichen Zweifelmuth verfallen, und mehrmahlen an das Waſſer gegan⸗ gen, nicht weniger an der gemauerten Bruſtwehr ſeines Thurms, als das erſte Oſterfeuer erblicket worden, und um dieſe Zeit auf Befehl bes Kaiſers die Arbeiter abgehen müſſen, annoch einige Qua⸗ dern ohne Mörtel eingelegt geblieben. Nunmehr wäre ein Vieles zu berichten, mit welcher glänzenden und wahrhaft kaiſerlichen Pracht der Zug zur Einweihung des Münſters, unter Vor⸗ tretung vieler Herolde, ingleichen der kaiſerlichen Fatſchiere, ſo wie der geſammten Prieſterſchaft mit brennenden Kerzen, bey ſeyerlicher Ertönung der 9³ Glocken, Zinken und Heerpauken, von der Hofburg begonnen. Dieweil aber ein AÄhnliches, mit Aus⸗ nahme der damahlen mit einhertretenden geſchmück⸗ ten Jungfrauen und Kinder, auch anjetzt bey den Kaiſerwahlen und ſonſt üblich, will ich den geneig⸗ ten Leſer damit nicht verweilen, und nur gedenken, daß der gute Egbertus, welchem die Frau Kaiſe⸗ rinn, als ihrem Taufpathen, hiezu ein köſtlich dun⸗ kelgrünes Genueſiſches Sammetkleid, auch derglei⸗ chen Baret mit weißer Feder, verehret, benebſt ſei⸗ nen Bauleuten am Thurme Michaelis, ſo wie Nu⸗ nez benebſt ſeinen Söhnen und Aljama, ſo zu Eg⸗ berti ſonderlicher Überraſchung mit einem ähnlichen Gewande von der Frau Kaiſerinn geſchmückt wor⸗ den und an dieſem Tage mehr einer königlichen Prinzeſſinn, denn der Tochter eines Baumeiſters, geglichen, am Thurme St. Naphaelis die kaiſerli⸗ chen Majeſtäten pflichtſchuldigſt erwartet. Als nun der Kaiſer, unter Begleitung vieler Vaſallen und Leibjunker, auf ſeinem weiß gebor⸗ nen, mit Purpur aufgezäumten Leibroſſe, die Frau Kaiſerinn aber in einer goldenen Staatskutſche, auf dem offenen Platze der Kirche, wo die Handwerks⸗ zünfte mit fliegenden Fahnen ſich geſtellet ange⸗ langet, iſt des Nunez Thurm, obwohl an ſelbigem⸗ der boſe Feind mit gearbeitet, annoch an dreyen Seiten mit dem Gerüſte umgeben und nur an der einen offen, Egberti Thurm aber, ſo um ein Merk⸗ liches höher, zwar von unten noch mit dem Gerüſt 96 allenthalben umringet, doch oben herum bis auf einige, lang hervorragende Säulen völlig frey ge⸗ weſen, und hat ſich, auf einen von letzterm gege⸗ benen Wink, gleichſam wie durch ein Wunderwerk, die Vermachung aus einander begeben, alſo, daß die ſchöne Thurmkrone alsbald und auf ein Mahl in voller Zier ſich gezeiget. Solche artige Zuberei⸗ tung nicht minder, als das, den Meiſter lobende Werk, hat Ihrer Majeſtäten Augen höchlich gefal⸗ len, und iſt deßhalb der Kaiſer mit Dero Frau Ge⸗ mahlinn zuerſt zu Egberto kommen, hat auch nebſt ſelbiger nicht die Mühe geſcheuet, den Thurm bis faſt zur Spindel zu beſteigen. Nunez aber iſt mit verbißnen Lippen auf den ſchiefen Thurm getreten, um von da aus die, ſeinem Lehrling widerfahrende Gunſt, mit giftigem Neide zu beobachten, hat auch die Seinigen mit ſich zu kommen geheißen. Auf dem Austritt des Michaelisthurmes aber hat der Kaiſer, als er ſich alles beſehen, dem jun⸗ gen Baumeiſter ſeine Gunſt und Gewogenheit nicht gnüglicher zu beweiſen gewußt, als daß er alsbald ſeinem Marſchall eine ſchwere goldne Kette abge⸗ nommen, und ſelbige Egberto, welcher ſich auf ein Knie niedergelaſſen, um den Hals gehänget, wobey der Frau Kaiſerinn vor inniger Freuden die Thrä⸗ uen aus den Augen getreken, ſie auch der, von dem Raphaelisthurme herüberſchauenden Aljamä, die, alles vergeſſend, die Arme ausgebreitet, ohne Hehl — mit der Hand gewinket. 3 8 5H 95 Aber dem Nunez iſt in dieſem Augenblicke der Teufel nicht allein ins Herz fahren, ſondern ihm auch in Geſtalt eines ſchrecklichen Geſpenſtes, die verſprochene Seele fordernd, vor Augen erſchienen, alſo, daß er, auf teufliſche Eingebung alsbald er⸗ rathend, wie er das Gelübd erfüllen und zugleich ſich an Egberto auf das grimmigſte rächen könne, plötzlich die noch loſen Steine der Bruſtwehr mit großem Gekrach hinabgeworfen, und, indem er die ittternde Aljamam unverſehens umfaßt, nachdem er mit lauter Stimme: Egbert! Egbert! gerufen, ſich .„ mit ſelbiger zugleich in den furchtbaren Abgrund geſtürzet hat. Es iſt nicht zu ſagen, welch ein Schrecken und Jammergeſchrey über dieſe grauſame, unnatürliche That, ſich unter der verſammelten Menge erhoben; der liebende Egbertus aber, da er die Wonne und Hoffnung ſeines Lebens alſo dem Tode in die Arme fliegen ſehen, hat eine Weile gleich einem ſteiner⸗ nen Bilde geſtanden, ſodann aber das Geländer er⸗ griffen, um von ſelbem der lieblichen Aljamä, da er ſie nicht erretten mögen, in den Tod nachzuſprin⸗ gen, woran er nur durch einige rüſtige Hauptleute des Kaiſers mit vieler Mühe zurückgehalten worden. Niemand, weder die auf dem Thurme, noch welche unten geſtanden, haben es anfänglich gewa⸗ get, nach dem Orte zu blicken, wohin der umbarm⸗ herzige Vater mit ſeiner unſchuldigen Tochter nie⸗ derfallen müſſen, vielmehr hat ein jeder die Augen 1 94 abgewendet, um die ſchreckliche Zertrümmerung der ſchönſten Jungfrau nicht anzuſehen. Allein der ge⸗ rechte Gott, der dem Satan ſeine ſchändliche Liſt nicht gelingen laſſen und nicht zugeben wollen, daß der Gerechte mit dem Ungerechten vergehe, hat es aus ſonderlicher Barmherzigkeit alſo geſchicket, daßt der abſcheuliche Geyer⸗Vater im Fallen das un⸗ ſchuldige Lamm aus ſeinen Krallen gelaſſen, und Aljama, wie die Naturkündiger verſichern wollen, weil ſich die Lüfte in ihrem weiten ſeidenen Gewan⸗ de gefangen, oder aber, von den Engeln, deren Händen der wunderſame Gott ſie befohlen, wie von einer Wolke getragen, ſanft und unverſehrt zur Er⸗ de kommen. Von dem Leichnam des mauriſchen Nu⸗ nez aber iſt nirgends eine Spur, wohl aber ein tie⸗ fes, vorher nie zu ſehen geweſenes Loch aufgefun⸗ den worden, ſo niemahls vermauert werden kön⸗ nen, auch, wiewohl beſonders verſchloſſen und mit eiſernen Gittern verwahret, den Neugierigen annoch gezeiget wird, aus welchem, ſo man hineinrufet⸗ b ein dumpfes Brauſen, dem Donner in den Bergen nicht unähnlich, zu vernehmen. 3. Egbertus, ſo auf gute Zuredung ſich endlich einiger Maßen beruhiget, jedoch von ſich ſelber nichts gewußt und keine Sylbe von ſich gegeben, iſt auf Befehl kaiſerl. Majeſtäten unter ſicherer Bedeckung die Stuſen heruntergeleitet worden. Wie aber ſein todtenbleiches Geſicht bey der geliebten Aljlamä Ent⸗ gegenkommen ſich plötzlich wieder geröthet⸗ auch ſie 8 2 beyde 8 — 19. beyde unter tauſend eigenen, und aller Umſtehen⸗ den Thränen, einander in die Arme gefallen, dieß unterläſſet meine Feder zu beſchreiben, ſintemahl mit ſchwachen Worten bey feurigen Gemüthern da⸗ mit wenig Ehre einzulegen ſeyn dürfte. Selbſt Ih⸗ zo, des Kaiſers und der Frau Kaiſerinn Majeſtät, haben ſolchem Anblick mit ſonderlicher Rührung beygewohnet, und, um gleichſam ſofort nach dem ſchweren Unglückswetter den Sonnenſchein hervor⸗ brechen zu laſſen, Egberto und ſeiner geliebten Al⸗ jamä geheißen, ſich nach gehaltener Meſfe ſofort ehe⸗ lich zuſammengeben zu laſſen. Welches jedoch bey⸗ de, in ziemender Erwägung des ſchrecklichen Todes des Brautvaters, vor der Hand demüthig von ſich gewieſen. 3 Und ob zwar, nach Verſtreichung zweyer Jah⸗ re, während deren die fromme Tochter für das Seelenheil ihres Vaters unabläſſig gebethet, ſelbi⸗ ge dem edlen Egberto vor dem Altar die Hand ge⸗ reichet; ſo haben doch beyde, ungeachtet ihrer in⸗ brünſtigen Liebe, dem Herrn ein ſtrenges Gelübd gethan, ſich auch jederzeit eines unbefieckten, ſtillen und gottſeligen Lebenswandels befliſſen, bis, nach⸗ dem Egbertus enn prächtiges kaiſerliches Erbbegräb⸗ niß, auch andere viele Baue zu Gottes Ehren und den Menſchen zum Nutzen mit großem Ruhm aus⸗ geführet, die Engel zuerſt der huldreichen Aljamä, und ſodann auch dem treuen Egberto⸗ den himn:⸗ liſchen Brautkranz gebracht haben, und iſt ſchlüßlich Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. G — dieſe Geſchichte, weil die Thurmherren es für ſchimpflich geachtet, daß der böſe Feind an dem Thurme St. Raphaelis den Baumeiſter abgegeben, nach und nach verſchollen, und bis ich ſelbe anjetzt wieder ans Tageslicht gezogen, bey den Laien gänz⸗ ſich in Vergeſſenheit kommen. III. — — ½ — 2 —2 — — 82 — ₰ — — — — 8 E 2 — Nach dem Tagebuche des Rittmeiſters 3***. De Entſcheidung an dem verhängnißvollen Tage bei**r rückte immer näher; die Wirkung des feind⸗ lichen Geſchützes ward immer furchtbarer,—„Ich habe genug, Bruder!— rief mein Freund, der Adjutant von G*en, und ſtürzte rückwärts vom Pferde. Ich wollte abſitzen; das Gedränge verſtatte⸗ te es nicht. Er hohlte tief Athem, iſtrengte ſich an, zu ſprechen; ein peinigendes Geheimniß ſchien ſich Luft machen zu wollen. Umſonſt! die Sprache ver⸗ ſagte ſchon dem Sterbenden ihren Dienſt. Mit krampfhafter Angſt grub er unleſerliche Züge in den Staub, richtete ſich auf, und reichte mir, mit hoh⸗ lem Aug' blickend, einen Ring. Todesbläſſe bedeck⸗ te ſein Geſicht. Seine Bruſt hob ſich. Ein Blut⸗ ſtrom machte ſeinem Leben ein Ende,„ Dieß alles war das Werk weniger Secunden. Unſer Regiment war noch im Avanciren begriffen⸗ 102.. bſchon längſt alles verloren ſchien. Ich biß die Zäh⸗ ne zuſammen, und commandirte: Vorwärts!— Der Gehorſam war aufgehoben.— Der Ausgang jenes Gefechts, das, an ſich ſelbſt von geringer Bedeutung, gleichwohl von unüber⸗ ſehbaren Folgen war, iſt bekannt. Ich konnte ihn damahls aus dem ſich entfernenden Kanonendonner nur errathen; denn ich lag unter den Schwerver⸗ 0 wundeten. Mein rechter Arm war von einer Kugel zerſchmettert; ein Streifhieb über den Kopf raubte mir von Zeit zu Zeit alle Beſinnung. Als ich am Abende des folgenden Tages aus ei⸗ ner todtähnlichen Erſtarrung erwachte, war man eben beſchäftigt, mich mit mehrern Bleſſirten auf einen Wagen zu laden. Meine Uhr und Börſe wa⸗ ren genommenz doch das Vermächtniß meines Freun⸗ des, der Ring, befand ſich noch an der verwunde⸗ ten Hand, die ich, ſo gut als möglich, mit⸗ meiner Feldbinde umwickelt hatte. 5 Ein Regimentschirurgus nahm ſich meider auf das thätigſte an. Ich war nach vier Woch⸗ wieder ſtark genug, um weiter zu reiſen, und mein Ehrenwort die Erlaubniß, mich meinen Verwandten wenden zu dürfen. 1 andern Erwartungen für die Zukunft hatten wir vor wenig Monathet Abſchied— Wehmuth Meine Freunde empfingen mich uud der zärtlichſten Theilnahme; mein Unglück ſchien ſie nur noch feſter an mich geknüpft zu haben. Meh⸗ — — 103 8 rere bothen mir Wohnung, Vorſchuß und was ſonſt 5 in ihren Kräften ſtand, mit der uneigennützigſten Bereitwilligkeit, mit der edelſten Schonung an. Nur ein Darlehen ſchlug ich nicht aus, weil ich mich im Stande wußte, mit der Zeit Erſatz zu leiſten. Die Gaſthöfe in*** waren mit Einquartier⸗ ten, Geflüchteten, entlaſſenen Gefangenen ange⸗ füllt; doch glückte es mir nach Verfluß einiger Ta⸗ ge, in einem der erſten Hotels eine Binterſtube zu erlangen. Meine eigene verzweifelte Lage, meine noch nicht ganz geheilten Wunden, das Unglück meines Königs, das Schickſal meines Vaterlandes, beſtimm⸗ ten mich, alle öffentliche Geſellſchaften zu vermei⸗ den. Ich ſpeiste größten Theils auf dem Zimmer, und zerſtreute mich dann und wann durch Spatzier⸗ gänge in der, ſelbſt im Winter, reitzenden Gegend. Zufälliger Weiſe hatte in demſelben Hotel ein Mann mit Wachsſiguren den geräumigen, und jetzt, weil an Feſtlichkeiten gar nicht zu denken war, ganz leer ſtehenden Concertſaal zu ſeinen Ausſtellungen gemi. Der Zulauf war nicht gering. Man rühm⸗ te die Leichtigkeit und Ähnlichkeit ſeiner Figuren, die Richtigkeit und Schönheit der Gruppen, die ausgezeichnete Pracht der Garderobe; doch für mich hatten dieſe Dinge zu wenig Anziehendes, um mei⸗ ne Menſchenſchen zu überwinden.— Der tieffüh⸗ 9 lende Leidende ſteht am liebſten allein! 4 Kurs vor ſeiner Abreiſe ſtellte der Maſchiniſt 1043. eine neue Gruppe aus, die ſowohl wegen des Ge⸗ genſtandes, als wegen der Zeitereigniſſe, doppeltes Intereſſe erregte. Es war das Caſtrum Doloris des gebliebenen Prinzen, deſſen Heldenſtirn eine er⸗ habene weibliche Hand mit dem Lorberkranze ſchmück⸗ e. Ich hatte den früh Vollendeten ſeit Jahren per⸗ fönlich gekannt; meine Anhänglichkeit konnte es ſich nicht verſagen, wenigſtens ſein Bild noch ein Mahl zu betrachten. Ich wählte eine Stunde kurz vor Nachtzeit, weil ich dann den geringſten Zuſpruch vermuthete. Wie zu einer Todtenfeyer, mit einem aus Stolz und Schmerz gemiſchten Gefühl, zog ich zum erſten Mahl wieder Uniform an. Mein Wunſch ging in Erfüllung. Als ich ein⸗ trat, war der Saal ſchon ſtill und verlaſſen; die Kronleuchter wollten verlöſchen. Das ungewiſſe Hell⸗ dunkel der Zimmer, die langen, ſonderbaren Schat⸗ ten der hohen Bilder, das feyerliche, grabähnliche Schweigen an einem Orte, der am Tage immer ſo geräuſchvoll und von einer auf⸗ und abwogenden Menge belebt war, ſiel mir beklemmend aufs Herz. Der Aufſeher wollte mir die Figuren nennen und erklären. Ich verbath das; die meiſten waren mir perſönlich⸗ bekannt, die übrigen gleichgültig. Selbſt einem ſchleichenden Schatten ähnlich, wandelte ich unter dieſen Lebendigtodten herum. Stolz und ſchweigend ſtanden ſie hier friedlich ne⸗ ben einander, die Heroen, ausgezeichnet durch Ge⸗ 106 nie, Heldenſchönheit, glühendes Ehrgefühl und un⸗ gebeugten Muth, ſie, die noch in dieſem Augenblicke über die Herrſchaft des Erdkreiſes blutig unter ſich rechteten. Ich ging langſam, mit ehrfurchtsvollem Schauer, durch ihre Reihen; auch Friedrich, mit dem Falkenblick, und der alte Ziethen, wa⸗ ren, gleich Schatten Samuels, in ihrem Kreiſe. Zwey halb geöffnete Flügelthüren führten in ein kleineres, ſchwarz behangenes Zimmer, und lie⸗ gen mich ein Trauergerüſt bemerken; mehrere weib⸗ liche Figuren in ſchwarzer Tracht umgaben es. Ich erkannte den erhabenen Todten. Mein Herz ſchlug in längern Pauſen; mein Auge ſtarrte. Vergangen⸗ heit, Gegenwart und Zukunft lagen düſter vor mir. Mein ſchmerzlich erwachendes Gefuhl, mein ſtärker wallendes Blut, vielleicht meine Kopfwunde, ver⸗ urſachten mir eine Art Schwindel; ich mußte mich auf einen Augenblick am Eingange feſt halten. Ich hatte nicht Luſt, dem Bilde näher zu tre⸗ ten; die Nähe ſtört gewöhnlich den Genuß, und ich wünſchte doch, das Bild rein und edel in meiner Erinnerung aufzubewahren. Ich drückte meinen ge⸗ lähmten rechten Arm mit dem linken ans Herz;z tauſend ſchreckliche Empſindungen kreutzten ſich in meiner Bruſt; ich wollte mich wieder entfernen, aber ich fühlte mich immer noch angezogen. Das Zimmer ward immer dunkler, die Stille um mich für meine gereitzte Stimmung immer fey⸗ erlicher, mein Schmerz i immer dunnoſer. Faſt kam 10⁰6 es mir vor, als ſtänd ich in einer Verſammlung lauter Abgefchiedener, und Todeskälte ſchien auch mich zu ergreifen. Da hörte ich in meiner Nähe ei⸗ nen tiefen, ängſtlichen Seufzer. Ich ſah mich um; ich lauſchte; alles blieb ſtill.— Nun glaubte ich gewiß, mich getäuſcht zu haben; doch drang es mir ſchauerlichkalt ans Herz; ich wollte mich entfernen. In dieſem Augenblicke ſchien eine der Nebenfi⸗ guren, die, von mir abgewandt, an der Seite des Sarges ruhte, die Augen ſtarr gegen mich zu erhe⸗ ben; jetzt richtete ſie ſich empor, rief mit heftiger Stimme einige unverſtändliche Worte, that mit ausgebreiteten Armen einige Schritte auf mich zu, und ſank zu Boden. Länger konnte mir dieß alles nicht Sinnentrug, eben ſo wenig das Ganze eine künſtliche Maſchine⸗ rie dünken. Ich ſprang hinzu und umfaßte eine ohnmächtig gewordene junge Dame in ſchwarzem Schleyer. Ich rief um Hülfe. Der Künſtler, ſeine Frau und ein Kammermädchen eilten herzu. Die Letztere ſchien ſehr erſchrocken und bath mich ſehr verlegen, aus Achtung gegen die Dame den Saal zu verlaſ⸗ ſen. Ich gehorchte augenblicklich, doch ſuchte ich bey dem Beſitzer der Sammlung Erklärung einzuziehen. Er kannte die trauernde Schoͤne nicht, und erzähl⸗ te nur, daß ſie ſchon einige Abende, gerade um die⸗ ſe Zeit, in einem Wagen und bloß in Begleitung ihres Madchens hieber gekommen ſey 4 4 Ich begab mich ſehr unruhig in meine Woh⸗ nung. Der Schlaf, den ich ſehnſuchtsvoll herbey⸗ rief, wollte mich dies Mahl nicht hören. Erſt gegen Morgen verſiel ich in jenen ängſtlichen Zuſtand zwi⸗ ſchen Wachen und Schlaf, wo die Phantaſie, durch den trägen Körper gehemmt, alle Vorſtellungen um ſo wilder verwirrt. Der Unterſchied zwiſchen Leben und Tod ſchien für mich völlig vernichtet. Die geſtern erblickten Fi⸗ guren wandelten mit haſtigen Schritten auf und ab; einige verfolgten mich; andere ſprachen unter ein⸗ ander, bald auf die lächerlichſte, bald auf die grau⸗ ſendſte Art.— Hinweg mit den Fieberträumen!— Ich ſuchte ängſtlich die Dame mit dem Schleyer; ich fand ſie in einer engen, düſtern Dorfkirche; ſie war begraben worden, doch wieder erwacht, und bemühte ſich mit kraftloſer Anſtrengung, den gebor⸗ ſtenen Grabſtein von ſich abzuwälzen, faſt wie Nahls Auferſtehende*), die ich auf meinen Rei⸗ ſen geſehen hatte. Dazwiſchen ſang eine ſcharfe Dis⸗ eantſtimme unaufhörlich: „Durch den Riß geſprengter Särge— Sie im Chor der Engel ſehn!“ und dieſe immerwährende Wiederhohlung wirkte höchſt ſchmerzlich auf mein inneres Gehör. Endlich, nach langem Kampfe, erwachte ich. Ich fühlte mich wenig erquickt; doch wehmüthig 9 Bekanntlich zu Hindelbank, unweit Bern⸗ ruhig; aber auch wachend konnte ich die Begeben⸗ heit des vorigen Abends nicht aus meinem Gedächt⸗ niß bringen. Sie kehrte bald lieblich, bald ſchaurig, immer wieder zurück, und oft ertappte ich mich auf der Anſtrengung, die rührenden Züge der jungen Dame mir zu vergegenwärtigen. Kaum nahte wieder der Abend, als ich, ohne mir von der Urſache Rechenſchaft zu geben, vor dem Eingange des Hotels ſtand: Einige Wagen fuhren ab; aber keiner wollte anfahren, am wenigſten ei⸗ ner mit der tieftrauernden Dame! Da alles vergeblich ſchien, beſchloß ich, lieber oben auf dem Saale zu warten. Ich ſuchte, weil durchaus niemand kam, das geſtrige Geſpräch mit dem Aufſeher wieder anzuknüpfen, um vielleicht noch etwas von ihm zu erforſchen. Aber er wußte in der That ſelbſt nichts Genaueres, und vermuthete nur, die reitzende Dame möge eine Landsmänninn von mir ſeyn, die, aus irgend einem beſondern Grun⸗ de, ungewöhnlich lebhaften Antheil an dem Schick⸗ ſale des gebliebenen Peinzen, oder ihrer beſiegten Landsleute nehme. Sie habe, verſicherke er, ſchon einige Mahl hier an dem Sarge heftig geweint und die Hände gerungen, geſtern aber, da ſie wieder zu ſich gekommen, durchaus den vorhin da geweſenen Officier ſprechen wollen. Nur durch die dringendſten Vorſtellungen und Bitten habe ihre Begleiterinn ſie beruhigen können. Man wird mir glauben⸗ daß das, ſchon auſſch * — 109 hochſt liebenswürdige Weſen nunmehr meine dop⸗ de Theilnahme erregte. Ich war bis jetzt in ei⸗ em dumofen Trübſinne, gleichſam mechaniſch, durch de Leben gewandelt; immer getäuſchte Erwartun⸗ gen und bald die gewiſſe überzeugung, daß jede Er⸗ wartung Thorheit ſey, hatten meine Seele für die ganze Außenwelt erkältet; ein Geiſt und Herz, wie ich, dieſen Nachrichten zufolge, in der jungen Lands⸗ männinn vermuthen mußte, war mir nöthig, um über meine Narht einegſanften, wohlthätigen Schim⸗ mer zu verbreiten. Schon jetzt ſchien mir das Leben wieder etwas erträglicher.— Wem dieß auffallend dünkt, der vermag nicht, ſich ganz in meine damah⸗ lige Lage zu verſetzen.— Kein Wunder alſo, daß ich die Hoffnung, die aichende Unbekannte am Eingange des Hotels er bey den Wachsſiguren noch ein Mahl zu tref⸗ ene nicht ſogleich aufgab. Nach manchem verun⸗ glückten Verſuche ſchämte ich mich endlich, öfter im Dunkeln am Hotel zu ſtehen, und fürchtete, von dem Beſitzer des Gabinets nicht nur errathen, ſon⸗ dern auch vielleicht, ob ich ſchon gewiß ſein beſter Kundmann war, aus ſcherzhafter Geſchwätzigkeit an irgend einen Dritten verrathen zu werden. Ich machte es mir daher zum Geſetz, jeden der künftigen Abende anderswo zuzubringen. Auch ver⸗ ließ der reiſende Maſchiniſt mit ſeinem Cabinet bald die Stadt, und ich hätte dieſe Begebenheit viel⸗ leicht gänzlich vergeſſ„ wäre nicht die Emeterun— 110 3 an jenes holde, ſo tief fühlende weibliche Weſen zuweilen unwillkührlich in meiner Phantaſie erwacht; hätte der Gedanke an ſie nicht meinem eigenen Le⸗ ben einen lieblich⸗ſchmerzlichen Reitz mitgetheilt. Es vergingen mehrere Monathe, währeud wel⸗ cher ich vor allen politiſchen Nachrichten mein Ohr verſchloß, und gewiß in die ſeelenzerſtörendſte Un⸗ thätigkeit verſunken ſeyn würde, hätte nicht meine glückliche Erziehung mich auch außer den militäri⸗ ſchen Wiſſenſchaften andere geiſtige Beſchäftigung kennen gelehrt. Ich wandte mich an die Geſchichte längſt entflohener Jahrhunderte, und, wenn ja die ühnlichkeit der ſich immer wiedergebärenden Er⸗ eigniſſe mich auch aus dieſem Aſyl auf einige Zeit wieder verſcheuchke, ſo floh ich in die lachenden Hai⸗ ne der Dichtkunſt, wo ſtets Ruhe, Peiede und Pren⸗ de wohnen.— So kam der Frühling heran. Meine vermnthe. liche Landsmänninn trat ſo oft, als ich von Liebe und Geiſtesadel etwas las, wie aus einem fernen Morgenduft in ſanfter Schönheit hervor: doch hat⸗ te ich längſt alle Hoffnung aufgegeben, von ihr je⸗ mahls etwas mehr, als ein holdes Traumbild, zu erblicken. Eines Tages fand ich an der Wirthstafel den Komödienzettel. Minna von Barn helm war angekündigt. »Es dünkt mich— wenigſtens eine Unberlegte heit, dieß Stück jetzt zu geben!— ſagte ich zu 111 meinem Nachbar, einem jungen Gelehrten von wei⸗ chem, ſanft ſchwärmeriſchen Charakter, für den ich eine Art Zuneigung gefaßt hatte. Unwillkührlich, doch augenblicklich über ſich ſelbſt erſchreckend, ſah dieſer auf meinen Arm in der Binde. Ich wollte ſeinen und meinen Fehler wieder gut machen.— „Bey alle dem— fuhr ich fort, und zwang mich. zu lächeln—„muß ich den Major Tellheim ein Mahl wieder ſehen, um ihm— etwas Grazie im Armtragen abzulernen! Darf ich Sie gegen ſechs Uhr abhohlen 2* Der junge Mann ſagte es, obſchon erröthend und mit den Augen auf dem Teller ſuchend, augen⸗ blicklich zu. 4 Mich ſelbſt reute nach kurzer Zeit mein An⸗ trag, ſo wie vermuthlich ihn ſein Verſprechen. Al⸗ lein in der zufällig unter uns entſtandenen Span⸗ nung mochte und konnte keiner ſein Wort zurück⸗ nehmen. Ich erſchien pünctlich, doch— nicht in Uniform! 3 Hätte ich den Eindruck vorausſehen können, den für dieß Mahl das Schauſpiel auf mich machte,. ich glaube faſt, ich hätte den Gang doch hinterdrein abgeſchrieben. Die unangenehmſten Ahnlichkeiten und wiederum die ſchneidendſten Contraſte trafen jeden Zuſchauer ans Herz; ſelbſt die Schauſpieler ſchie⸗ naen dieß zu fühlen und ſpielten mit ſehr bemerkba⸗ rer, und darun niedetſchlagender⸗ drückender An⸗ ſtrengung! 1 112. Niemand ſchien hiebey mehr betroffen, als mein gutmüthiger Begleiter. Er ſah mich mehrmahls ver⸗ ſtohlen an; er drückte mir dann und wann freund⸗ lich die Hand; er ſuchte mit dem Anſchein von Un⸗ befangenheit irgend ein Geſpräch einzuleiten. „»Der Reitz zum Schauſpielerſtand iſt doch un⸗ glaublich groß:— fing er endlich, während der Zwiſchenmuſik der letzten Aete, luftſchöpfend an— „denn hier reift die, den Künſtler lohnende Früͤcht, ſo zu ſagen, mit der Blüthe zugleich. Sehen Sie, dort in der Loge—” Ich ſah auf, und erblickte ein Frauenzimmer, die mit einem weißen Tuche das Geſicht bedeckte. Sie hatte ihre Thränen endlich getrocknet; es war — meine Unbekannte; „Kennen Sie die Dame?“— fragte ich haſtig. »Ein wenig!”— erwiederte er.—„Sie iſt im⸗ mer mit dem Hofrath von F**» in der Loge, ich weiß nicht, ob ſeine Braut oder nahe Verwandte, und, nach dem allgemeinen Rufe, eines der edelſten Mädchen der Stadt! Seit einiger Zeit ſoll ſis a an Leib und Geiſt kränkeln, weil—— Er ſchwieg, ſich abwendend. So ſehr ich mir Mühe gab; ich erfuhr nichts weiter. Jetzt war mein Entſchluß gefaßt. Ich entfern⸗ te mich unter dem Vorwande, mit einem Dritten zu ſprechen, von meinem Freunde, und näherte mich der Ausgangsthüre, um die holde Trauernde we⸗ nigſtens beym Herausgehen nicht zu verfehlen, Noch —˖QQO⏑—Qõ—;=/pr ᷑ꝗ— 3 113 oor dem völligen Ende ſchien ihr ubel zu werden, ſie verließ mit dem neben ihr ſtehenden jungen Man⸗ ne die Loge. Auch ich ſuchte ohne Geräuſch dem Parterre zu entkommen. Das anziehende Pärchen war eben ein⸗ geſtiegen, als ich mich dem Wagen näherte.— „Großer Gott! da ſieh, ob ich mich geirrt habe!“ — rief die Dame ihrem Begleiter heftig zu, und wollte wieder heraus.—„O mein Gott!“— ſeufzte jener,—„ich beſchwöre dich'—— Die Wagen⸗ thür ward zugeſchlagen; der Kutſcher fuhr ſchnell ab. Der Wagen war bald aus meinen Augen. Aufs neue bezaubert von der rührenden Ge⸗ ſtalt, mißvergnügt, die Dame abermahls verloren zu haben, und zugleich mit der geſpannteſten Neu⸗ gier erfüllt, in welchem Verhältniſſe eben ich mit der mir völlig Unbekannten ſtehen könne, kam ich nach Hauſe. Einige Tage lang vermochte ich keine ernſte Beſchäftigung zu unternehmen; ich war im⸗ mer zerſtreut, und grübelte, ſo ſehr ich mich davon abziehen wollte, unaufhörlich über die räthſelhaften Worte der Fremden, die, aufrichtig geſtanden, mei⸗ nem Herzen gar nicht mehr fremd war! Auf den Rahmen ihres Begleiters beſann ich mich wohl noch; allein dieß half mir zu nichts, als ſeine Wohnung auszukundſchaften. Auch glückte es mir nie, die trauernde Schöne am Fenſter zu erblicken, obſchon ich in der That mich einige Mahl zu l0 romaniichen Gängen entſchloß. 114 Ungefahr den dritten Tag drauf ließ ſich ein Fremder bey mir melden. Ich hörte zu meinem Er⸗ ſtaunen den Nahmen des Hofraths. Ich fand in ihm einen angenehmen, kenntniß⸗ vollen, doch, wie es ſchien, etwas niedergedrückten Dreyßiger. Nach den gewöhnlichen Höflichkeitsbe⸗ zeigungen und Entſchuldigungen, faßte er mit Ver⸗ legenheit und Wehmuth meine Hand.—„Ich habe mich bey Einigen, die Sie kennen, nach Ihnen er⸗ kundigt,— redete er mich an,—„und ich darf hoffen, einen Mann in Ihnen zu finden, an deſſen Edelmuth und Delicateſſe ich mich voll Zutrauen wenden kann.“* 3 Gewiß mußte dieſer Eingang meine Ungeduld nach näherem Aufſchluſſe nur noch vermehren. Ich verſprach aufs heiligſte, alles für ihn zu thun, was einem Manne von Ehre vergönnt ſey. 3 „Es kommt hier nicht auf irgend eine bedenk⸗ liche oder gefahrvolle That an,“— fuhr er fort— „ſondern bloß auf ein einziges, vielleicht früheres Aufſtehen, auf einen einzigen Gang; es kommt dar⸗ auf an, eine Perſon, die mir über alles theuer iſt, zu überzeugen, daß Sie derjenige nicht ſind, für den Jene Sie hält. Sie wiſſen ja⸗ daß ein durch mancherley Leiden geſchwächter Geiſt, ein fein orga⸗ niſirter, reitzbarer Körper, oft wunderbar träumt; daß man bey ſolchen Träumen zwar oft glücklich iſt, doch nicht anders geheilt werden kann, bis die⸗ * ſe Träume zerflattern! Erlauben Sie mir, nichts 4 415 weiter hinzu zu ſetzen. Ehren Sie ſelbſt das, was ich Ihnen ſagte, als ein anvertrautes Geheimniß— und nun—— darf ich auf Ihren Beyſtand rechnen 2“ Ich bezeigte mit dem theilnehmendſten Herzen meine Bereitwilligkeit, obſchon mir, aufrichtig ge⸗ ſtanden, dieſe Art von Auflöſung, wonach ich nur alsperk annt ein Intoreſſe eingeflößt zu haben ſchien, nicht die willkommenſte war. Der Hofrath gab mir ſodann den Wunſch zu erkennen, daß die Zuſammenkunft unvorbereitet und ganz zufällig ſcheinen möge. Er beſitze— ſagte er mir— in der Vorſtadt einen aufs Feld herausge⸗ henden Garten, wozu jedem der Eintritt erlaubt ſey. Dort halte die bewußte Perſon, einer Eur halber, in dieſem Frühls ſe ſich auf, und pflegre jeden Morgen um ſechs Uhr in und vor dem Gar⸗ ten ſpatzieren zu gehen. Wäre es mir nun gefällig, mich ein Mahl um dieſe Zeit dort einzufinden, ſo werde das Begegnen ſich von ſelbſt geben. Er ſelbſt werde jeden Falls in der Nähe ſeyn. Ich verſprach, mit dem erſten wolkenleeren Morgen zu kommen. Wir ſchieden von einander als Freunde, die durch ein gemeinſchaftliches Unglück verbunden ſind. Zuweilen kamen mir woyl Fragen, wie dieſe: Iſt ſte ſeine Geliebte? Hat er diich viel⸗ leicht getäuſcht, oder will er ſie täuſchen?— Doch ich unterdrückte dieſen Verdacht augenblicklich, und erbaunko die Schwäche meines Herzens. Die ſchöne Abendröthe verſprach meinem un⸗ 116 geduldigen Herzen einen heitern Morgen, und die aufgehende Sonne ſerfüllte meine Hoffnung. Ich war ſchon um fünf Uhr angekleidet, und ſchon halb ſechs ging ich nach dem bezeichneten Orte. Hier ſetzte ich mich auf eine grüne, bebuſchte Anhöhe, von wo aus ich den ganzen Garten überſehen konnte.. Noch hatte die beſtimmte Stunde nicht geſchla⸗ gen, als die Thüren des Gartenhauſes ſich öffneten und zwey weiße Geſtalten durch die Weihmuthskie⸗ fern herauf ſchwebten. Ich erkannte ohne Mühe die junge Dame mit ihrem Mädchen. An des Fräuleins Morgenkleidung ſah man kein Schwarz mehr; ein hellrother Shawl umwehte ihren ſchlanken Wuchs. Sie brach nahe am Haute einige Blumen ab, und ſteckte ſie an die Bruſt. e Leicht und fröhlich, wie es ſchien, doch mit ei⸗ ner gewiſſen wehmüthigen Freude, ſetzte ſie ihren Weg fort. Sie ſchien ſich des Morgens mit inniger Heiterkeit zu freuen, und ſprach dann und wann lächelnd mit ihrer Geſellſchafterinn. Wo eine Nach⸗ tigall ſchlug, blieb ſie lauſchend ſtehen. Mein Herz klopfte höher in ſchmerzlichſüßer 4 Empfindung. Ein reitzendes weibliches Weſen, nach allem, was ich von ihr wußte und ſah, ſo tiefer Schmerzen, ſo reiner Freuden fähig, mußte auf mich, vorzüglich an dieſem Morgen, bey dieſer ge⸗ 4 ſpannten Erwartung, den tiefſten Eindruck machen. Der Verabredung gemäß hielt ich es für nö⸗ thig, mich von meiner Erhöhung unbemerkt zu ent⸗ —.—-— 4 117 fernen, und ſeitwärts durchs Gebuͤſch auf ſie zuzu⸗ kommen. Meine Unbekannte, von ihrem Mädchen in der Ferne begleitet, lief fröhlich auf eine entge⸗ gengeſetzte Erhöhung, warf ſich auf dem Gipfel mit einer Art lyriſcher Entzückung im jungen Graſe nie⸗ der, und richtete die Augen nach der Sonne. Jetzt trat ich aus dem Gebüſch. Mich gewahr rden, und ſich faſt von dem Hügel herabſtürzen, war eins!—„Biſt du's? biſt du's wirklich? Hab' ich dich wieder*“— rief ſie wiederhohlt, und ſ chlang ihre Arme um mich. Ich wich zurück; ihr Auge traf auf meine Arm⸗ binde. „Du biſt's! Ja, du biſt's! Nur ſo konnteſt du zurückkehren!“— rief ſie von neuem, wie mit Triumph.—„So ſprich doch! So rede doch! Wie entgingſt du dem Tode? O ſey nicht ſo kalt, nicht 2 ſtumm! Y t Alle meine Bitten, ſich zu beruhigen, alle meine hürue den ,mich anzuhören, fruchteten nichts. ie dankte laut Gott; ſie küßte meinen gelähmten Armz; ſie preßte meine Linke feurig an ihr Herz. Nun erſt konnte ich mich losmachen. Sie ſtand einige Augenblicke, als dächte ſie tief nach, als wollte ſie einen Gedanken feſthalten, der ihr immer ent⸗ ſchlüpfte. Ich ſah angſtvoll nach ihrem Mädchen; der Hofrath trat nach einigen Minuten aus einer Sei⸗ tenallee.—„Still, Heinrich!— ſagte ſie, und er⸗ * s hob warnend den Finger. Wunderbar! auch mein Vornahme war ihr bekannt. 1 Der Hofrath empfing mich, wie einen ganz Un⸗ bekannten. Die Dame ſchien darüber erbittert, doch zu ſtolz, um eine Entdeckungsſoene veranlaſſen zu wollen. Ich nannte ihm meinen Nahmen. Sie ſtutzte. Doch ſchien ſie auch dieß ſich bald zu erklären, und ſtimmte nun mit auffallender Lebhaftigkeit in den Ton einer willkommenen, aber neu angeknüpften Bekanntſchaft. Wir ſprachen über verſchiedene Ge⸗ genſtände; ſie redete über alles mit Scharfſinn und unglaublicher Zartheit, doch flammte manchmahl ge⸗ gen den Hofrath ein Strahl von Zorn in ihren dun⸗ kelblauen, übrigens ſo ſaͤnft ſchwärmeriſchen Augen. Der Hofrath drückte mir nach einiger Zeit ver⸗ ſtohlen die Hand, und ſchien ſich über den glückenden Erfolg der Zuſammenkunft zu freuen. Ich ſelbſt ſah noch nicht deutlich; denn, war es bey dem Fräulein Verſtellung, ſo war dieſe, ich möchte faſt ſagen⸗ furchtbar weit getrieben; war alles ihr Ernſt, ſo ließ ſich wieder das Vorhergehende gar nicht er⸗ klären. Auf jeden Fall verſtattete es der Anſtand, dieſen bänglichen Beſuch nunmehr abzubrechen. Niiemand hatte dem Anſcheine nach etwas da⸗ wider. Doch benutzte die Dame einen unbeobachteten Augenblick, und flüſterte mir zu:„Kommen Sie heute Abends!“ Ich entfernte mich mit tauſend ſich widerſpre⸗ chenden Gefühlen. Wehmuth, Mitleid, Auaſel wel⸗ 1¹9 leicht auch eine geheime zärtlichere Regung, kreutzten ſich in meiner Seele. Ich mochte gar nicht mehr über die Sache nachdenken, und mußte es doch immer aufs neue! Noch denſelben Vormittag kam der Hofrath. Er ſagte mir den feurigſten Dank, und war voller Hoffnung, daß die gehabte Unterredung den beabſich⸗ tigten Erfolg haben werde. Zwar könne er nicht läugnen, daß die Dame nach meinem Abſchiede wie⸗ der einmahl auf die alte Idee zurückgekommen und gegen ihn äußerſt heftig geworden ſey; doch habe ſie ſich beſänftigen laſſen, und zuletzt verſprochen, ſie wolle ihm vollen Glauben beymeſſen, ſobald er im Stande ſeyn würde, es ihr von mir ſchriftlich auf⸗ zuweiſen, daß ich ſie nicht ſchon ſeit dem Auguſt vo⸗ rigen Jahrs kenne. Er bath mich, durch einige Zei⸗ len dieſes Inhalts ſeine unbeſchränkte Dankbarkeit zu verdienen, und zugleich nicht bloß ſeine, ſondern auch die Ruhe eines ſo edlen⸗ ihm ſo theuern We⸗ ſens wieder herzuſtellen. Ich konnte ihm dieſe Gefälligkeit nicht abſchla⸗ gen. Ich verſicherte ihn, daß ich jene Dame, außer heute, nur im Salon des Hotels und im Schau⸗ ſpielhauſe geſehen habe. Er fragte flüchtig:„Tru⸗ gen Sie das erſte Mahl Uniform? und von wel⸗ chem Regiment?“”— Als ich dieſe Fragen beant⸗ wortet hatte ſagte er:»„So iſt es halb und halb er⸗ klaͤrlich!”— l. meine Bitte, auch mir ſeine Muth⸗ maßung mitzutheilen, entſchuldigte er ſich auf die 120 rührendſte Weiſe mit der Achtung für ſeine gelichte Kranke. Ich ehrte ſeine männliche Thräne. Ich ſchrieh nun der Dame in den ſchonendſten⸗ verbindlichſten Ausdrücken, daß, wenn ſie mich ſchon im Auguſt vorigen Jahres gekannt zu haben glaube, ſie in der Perſon irre. Ich ſetzte hinzu, daß ich je⸗ den um ihre frühere Bekanntſchaft beneide, und unterzeichnete meinen Nahmen. Nach des Hofraths. Verſicherung ſtand ſie in dem Irrglauben, ich ha⸗ be dieſen Nahmen jetzt bloß angenommen, entwe⸗ der, um bloß ihn zu täuſchen, oder um mich gegen feindſelige Entdeckung und Verhaftung durch dieß Incognito zu ſchützen. 4 Es ward mir ſchwer, das Billet aus der Hand zu geben; die ſchöne Unglückliche hatte nur zu tie⸗ fen Eindruck auf mich gemacht. Ich war den gan⸗ zen Tag über äußerſt unruhig. Da es dämmerte fiel mir die erhaltene Beſtellung wieder ein. Eine ſonderbare Gluth überſiel mich. Ich fühlte eine un⸗ beſchreibliche Angſt. Was ich auch mir ſelbſt dage⸗ gen anführte, ich begab mich nach der Gegend des Gartens. Die Sonne wollte eben untergehen. Ich wan⸗ delte unter den Bäumen, womit eine Seite des Hügels bedeckt iſt. Als ich um eine Ecke beugte, hörte ich ein Geräuſch und einen ängſtlichen Laut. Ich trat geſchwind aus den Ellern. Das Ufer des rauſchenden Stromes lag vor mir. Sine blendende Hand ragte aus den Wellen; an ihrem Finger er⸗ 85 blick⸗ 121 blickte ich im Strahl des Abendroths einen großen Chryſopras mit kleinen Brillanten beſetzt, einen Ning, ganz wie der meinige vom Adjutant G**r. Jetzt hellte ſich mir das ganze ſchreckliche Ge⸗ heimniß auf. Ich ſchrie um Hülfe. Fiſcher eilten her⸗ zu; die Arme wurde erſt nach einer halben Stunde gefunden und herausgezogen; aber— ohne Hoff⸗ nung des wiederkehrenden Lebens! Der Hofrath wurdeherbeygehohlt; er ſank mir, in Schmerz aufgelöst, verzweifelnd in die Arme. Die Unglückliche war ſeine einzige, über alles ge⸗ liebte Schweſter! Da wir am andern Morgen unſere Gedanken etwas ſammeln konnten, theilten wir uns gegen⸗ ſeitig unſere Vermuthungen mit. Ich zeigte ihm an meiner Linken den RNing.—„O Gott!“— rief er aus—„nun wird mir alles erklärlich. Sie ſoll ge⸗ ſtern einige Mahl gerufen haben:„Er wär' es nicht Er iſt's! Er verläugnet mich! Er hat meinen Ring!. meinen Ring!“ Ich erfuhr nun die ganze Geſchichte. Mein g ge⸗ bliebener Freund hatte ſich bey dem letzten Durch⸗ marſch einige Zeit in*** aufgehalten, und auf ei⸗ nem Balle mit der ſchönen Selbſtmörderinn Be⸗ kanntſchaft gemacht. Beyde voll Feuer, beyde gleich liebenswürdig und edel, liebten ſich mit der höch⸗ ſten Gluth erſter Liebe. Die Familie des Fräuleins ſah dieſen umgang nicht gern; ihr Bruder, der Hof⸗ rath, war damahls wegen einer Geſchäftsreiſe nicht Unterh. Bibl. 2. Juhrg. 4. B. F — 122 gegenwärtig. Vermuthlich hatten die Liebenden ge⸗ heime Zuſammenkünfte.— Man verſicherte, beyde die Nacht zuvor, ehe G*** zum Regiment mußte, auf der Redoute geſehen zu haben.— Nach dem Vorrücken des Regiments ſchwebte das zärtliche Mäͤdchen zwiſchen Hoffnung und Furcht in einem unaufhörlichen Sturme. Sie erhielt keine Briefe. Triegeriſche Siegesnachrichten wurden ver⸗ breitet; ſie lebte in einem freudigen Rauſche. Die Gerüchte nahmen eine andere Richtung, Mehrere Tage ward ſie in der ſchrecklichſten Ungewißheit umhergetrieben; doch hoffte ſie mit Feſtigkeit, mit Beharrlichkeit, ja mit Verzweiflung, was ſie nicht anders denken konnte und mochte“ Jetzt traf die Nachricht von der allgemeinen Niederlage ein; ſie erhielt die Schreckenspoſt von dem Tode des Prin⸗ zen und ihres Geliebten, der des erſtern erklärter Günſtling geweſen war, mit einander zugleich. Von nun an ſchien alle Freude der Welt für ſie ver⸗ ſchwunden, jede Hoffnung auf die Zukunft ihr ent⸗ riſſen. Mit bangem Entſetzen bemerkte ihr Bruder den Eindruck, den dieß alles auf ihr Herz machte. Sie ward ſtill, verſchloſſen,— verſteint, könnte man ſagen; ſie las alle Zeitungen und politiſche Flug⸗ ſchriften mit Begier, mit Heißhunger; ſie ſtritt hi⸗ tzig, oft mit halb wahnſinniger Heftigkeit, über die Neuigkeiten des Tages; ſie glaubte an keine Vor⸗ ſehung mehr; doch merkte man ſonſt keine Aus⸗ 123 ſchweifung. Als das Caſtrum doloris des Prinzen angezeigt wurde, wünſchte ſie, es zu ſehen. Ihr Bruder fand keinen Grund, ihr dieß zu verwehren; er wähn⸗ te, es ſey beſſer, den Schmerz ins Auge zu faſſen. Sie ging heimlich öfter dahin. Meine, mit der ih⸗ res Geliebten gleiche Uniform, eine geringe, in der Dämmerung vielleicht größer ſcheinende Ähnlichkeit, meine Bleſſur, die Überraſchung am Paradebette, wo ihre Phantaſie eben auf das heftigſte gereitzt war, mochten ſie auf den Gedanken gebracht haben, ich ſelbſt ſey ihr für todt gehaltener Geliebter. Sie hielt ſich an dieſen Glauben, wie der Schiffbrüchige an das ſchwankende Bret, und ſchöpfte Verdacht, daß ſein Tod von ihrer Familie fälſchlich erdichtet worden ſey, um ſie von ihm zu trennen. Bey dem Wiederſehen vor dem Schauſpielhauſe war ihre Hoff⸗ nung in Gewißheit übergegangen; ſie hatte am fol⸗ genden Tage die Trauer abgelegt. Was ihr Bruder für ein Mittel hielt, ſie herzuſtellen, mußte ihr Un⸗ glück befördern. Mein Freund G*** führte mit mir denſelben Vornahmen, der bekanntlich bey uns, noch von den frühen Tagen des Ruhms her, ſehr gewöhn⸗ lich iſt. Der Anblick des Rings an meiner Hand hatte allen Zweifel bey ihr vernichtet. Doch nach Empfang meines Billets ließ die geglaubte Treu⸗ oſigkeit ihres ſo heiß Geliebten ihr keine Rettung, als nur den Tod, vor ſich ſehen.—— Von dieſem *. F 2 . ich mochte ihn darin nicht irren. Leicht möglich je⸗ doch, daß ſie in einem hellen Augenblick von ihrem Irrthum ſich ſelbſt überzeugte, daß ihre beleidigte Delicateſſe, ihr, wie ſie glaubte, verrathenes Ge⸗ heimniß, daß irgend ein ſchreckliches Etwas, das ſich nach manchen Umſtänden nur ahnen, nicht be⸗ haupten läßt, ihre Schwermuth auf den höchſten Grad trieb und ſie drang, ſich und ihr Geheimniß zugleich in den Wellen zu begraben.—— Man hatte ſie ſeit jener Komödie bewacht, doch, da ſie immer gelaſſen und heiter ſchien, nicht ſtreng. Ach! die Bedauernswerthe hatte nur immer in ih⸗ rem Innern gekampft; ihre ſtarke Seele trug viel⸗ leicht manchen ſchrecklichen Sieg über die zerſtören⸗ do Gluth ihres Herzens davon! Sie hatte ſich am. Tage ihres Todes mit dieler Schlauigkeit und Be⸗ ſonnenheit den Augen ihres Mädchens und einer Alufwärterinn entzogen.—. 3 Wir beweinten beyde die Unglückliche als eine Schweſter. Ihr Leichnam ward heimlich in das Fa⸗ milienbegräbniß des Hofraths nach*** geſchafft, Sonderbar! da ich vor einiger Zeit die Dorfkirche beſuchte, fand ich mich in demſelben finſtern. Ge⸗ wölbe, das ich einſt im Traume erblickt hatte!— Da mir keine Hoffnung übrig blieb, meinen G⸗**rauf dem Wahlplatze ein Denkmahl der Freund; ſchaft zu ſtiften, ſo bath ich den Hofrath um Er⸗ Jaubniß⸗ mit ihm gemeinſchaftlich den beyden Lies 124 letztern überredete ſich wenigſtens der Hofrath, und — * 4 125 benden eins zu errichten. Es war ein einfacher Stein unter den überhängenden Weihmuthskiefern; die Inſchrift nur den wenigen Wiſſenden verſtändlich. Zer⸗ knickte Lorberzweige, Cypreſſen und Myrthen kränz⸗ ten die abgebrochene Säule. Der Garten ward von nun an jedem Fremdling verſchloſſen.— Seit vier Monathen iſt auch der Hofrath, nach langſamer Verzehrung, ſeiner Schweſter gefolgt. Sein Abſchiedsbrief läßt mich nicht zweifeln, daß er Jahre lang mit einer Leidenſchaft kämpfte, die der vertraute Umgang mit einem der liebenswürdigſten weiblichen Weſen dem Menſchenkenner erklärlich machen, aber nicht entſchuldigen kann. Sie ſchlummern nun beyde vereint— Du lang geliebt, ach lang erweint, Du friedſam Grab, umfingſt ſie, wie ein Freund. Der Kampf iſt ausgekämpft, ſo dauernd und ſo ſchwer; Gebrochen iſt ihr Herz; nun blutet es niche mehr!* *⁴) Aus der Grabſchrift einer Schweſter Johann Wes⸗ leys, Stifters der Methodiſten. · 4* IV. Das Prinzen⸗Band. Unier den Kreiſen meiner weiblichen Sippſchaft gab es im Lenz meines Lebens mancherley Fami⸗ liennachkichten wunderbaren Inhalts. Beſonders ge⸗ dachte man zuweilen mit geheimnißvollen Winken eines ſchwarzen Käſtchens, das von einem der Stamm⸗ 5 väter verſiegelt hinterlaſſen worden ſey, und zwey— meiner Großtanten brüſteten ſich mit dem Beſitz ei⸗ . nes amaranthenfarbenen, golddurchwirkten Leib⸗ bands, das eine der Altmütter, als Siegeszeichen ihrer unwiderſtehlichen Schönheit, von einem Prin⸗ zen zum Geſchenk erhalten habe. Vermuthlich maßen die ehrwürdigen Damen dieſer fürſtlichen Minnegabe insgeheim die Eigen⸗ ſhaften von Cytherens Gürtel, die Erhaltung ewi⸗ ger Jugend und Anmuth bey... und wahrlich, in dieſer Hinſicht wäre ſolch ein Talisman beyden 4 zu gönnen geweſen!... genug, es herrſchte unter ihnen, des gerühmten Beſitzſtandes halber, eine unverſöhnliche Feindſchaft, welche unſer friedliches Geſchlecht mit einer gänzlichen, die unheilſchwan⸗ 5 15⁰0 gern Tage der Guelfen und Gibellinen er⸗ neuernden Spaltung bedrohte. Doch ſo leicht dieſer Streit durch Vorzeigung des fraglichen Gegenſtandes für immer zu entſcheiden geweſen wäre, ſo ließ ſich doch keine der Prätendentinnen jemahls dazu be⸗ wegen. Schon längſt war ich mündig und hatte einige unbedachtſame Einfälle über das Prinzenband ſo⸗ gar noch im Teſtament der ſeligen Tanten abgebüßt, als in einer fernen Gebirgsſtadt auch ein Onkel dieß irdiſche Jammerthal verließ. Er hatte als alter Ha⸗ geſtolz in tiefſter Eingezogenheit gelebt, und höchſt ſelten etwas von ſich hören laſſen. Gleichwohl über⸗ ſandten die Orksgerichte uns, als ſeinen nächſten Anverwandten, unvermuthet ſeine Verlaſſenſchaft. Sie war nicht unbeträchtlich, und wir Neffen und Nichten ſegneten daher ſämmtlich nach Gebühr im nächſten Zeitungsblatte des Verewigten Aſche; doch mich reitzte vorzüglich ein, außer dem Schloſſe, noch mit ſieben Siegeln eines Petſchaftrings wohl ver⸗ wahrtes Käſtchen von Ebenholz. Auf dem Deckel desſelben fand ſich auf einem Zettel, eigenhändig von oberwähntem Urvater geſchrieben, die Angabe der Conſtellation, unter welcher derjenige von ſei⸗ nen Nachkommen das Licht der Welt erblickt haben müſſe, welchem er die hierin beſindlichen Papiere erb⸗ und eigenthümlich vermache. Jedem andern Eröffner war zeitlicher Uuſrgen und ewiger Fluch angedroht! * 131 Hatte der gute Urgroßvater mit prophetiſchem Geiſt meine Enterbung von Seiten der Großtanten vorausgeſehen und mich deßhalb entſchädigen wol⸗ len, oder hatte irgend eine andere Rückſicht ſeinen Entſchluß geleitet, genug, ich gerieth in das frohe⸗ ſte Erſtaunen, als das angezeigte Horoſkop ganz genau auf mich Glücklichen zu paſſen ſchien. Ein ver⸗ witterter Magiſter, der einzige Aſtrolog, den ich aufzutreiben vermochte... er war nebenbey das ſeltenſte Exemplar eines Beſeſſenen, und ſpielte auf ſeinem Dachſtübchen ganze Haupt⸗ und Staats⸗Ac⸗ tionen mit dem böſen Feinde.., erklärte nach lang⸗ wieriger Ausrechnung auch die übrigen Zeichen, de⸗ ren Sinn für ſämmtliche Miterben zu hoch war, einzig und allein zu meinem Vortheil; kurz, da Himmel und Erde mich zur Ererbung des Käſtchens beriefen, und ſich überdieß bey der Erbrechung in pleno nichts, als vermoderte Bücher und Hand⸗ ſchriften, darin vorfanden; ſo wurde der ſchon von mir ergriffene Militärbeſitz von allen Anweſenden, nicht ohne ſatyriſches Lächeln meiner ſchönen Cou⸗ ſine mit den Perlen⸗Zähnchen, für den rechtmäßig⸗ ſten von der Welt einſtimmig anerkannt. Ich meiner Seits konnte kaum den Schluß der, dem guten Onkel gewidmeten Todtenfeyer ab⸗ warten... ſie beſtand, auf Koſten des Nachlaſ⸗ ſes, in einem königlichen Punſch... um, den er⸗ oberten Kaſten unterm Arm, wie ein triumphiren⸗ der Cäfar in meine Behauſung zu eilen und, un⸗ 152* 1 geachtet ſchon Mitternacht herannahete, über mei⸗ nen Schatz herzufallen. Je länger ich wühlte, je mehrere Hefte ich umwälzte, deſto gewiſſer mußte ich, in meinen Buſen fühlend, mich ſelbſt an pro⸗ he ſaiſcher Freygeiſterey und poetiſchem Wunderglauben für die zweyte Auflage des guten Altvaters erken⸗ nen; deſto heller dünkte mir ſein weisſagender Blick in die Zukunft! Wahrlich, bey keinem ſeiner Enkel wäre dieſer koſtbare Fund dem Kleiſterpinſel des Krämers entgangen; mir, dem angehenden Novel⸗ lenſchreiber, hätte ihn ſelbſt ein Nabob umſonſt mit Gold aufgewogen! O! Alles, was ſich hiex meinen begeiſterten Blicken both, war augenſcheinlich geeignet, meiner Unſterblichkeit unter die Arme zu greifen: aber vor Entzücken ſprang ich bis faſt an die Decke, als ich ein kleines Büchelchen in Quartformat... es ſchien ſeines ſchwarzſammtnen Einbands halber ein Gebeth⸗ oder ein Zauberbuch... aus einander ſchlug und darin, als Zeichen, ein handbreites, hochrothes, von Gold ſtarrendes Band gewahr ward! Ich eyre die lobliche Zunft der noch lebenden Poſamentirer nach Würden; aber wenigſtens an Un⸗ verwüſtlichkeit der Arbeit können ſie es mit ihren Altvordern nicht aufnehmen! Dieſer heilige Über⸗ reſt war gut und gern einen Meſſerrücken ſtark; auf brennendrothem Grunde wuchſen aus grünen Blät⸗ tern und Stängeln goldene Granatäpfel hervor; ſüberne Sterne und Blumen blinkten dazwiſchen 8 .. — — 133 erſtreut; alles war noch ſo friſch, ſo glänzend, vom Schimmel und vom Zahn der Zeit ſo unangegrif⸗ ſen; alles beurkundete das Bandendchen als einen echten, unverkennbaren Abſchnittling des berühm⸗ ten Prinzen⸗ und Zankbandes... der für die Schönſte meiner Leſerinnen zur gefälligen Abhohlung ſtündlich bey mir bereit liegt! In immer geſpannterer Erwartung fuhr ich nach dem Titel des Büchleins. Mit der Magie war es wahrlich, wie es war! Ich las die Worte:„Hier⸗ in iſt zu befinden Fauſti, des jüngern, Höllen⸗ zwang, item, wie ich mit meiner herzliebſten Jung⸗ frau Sibylla ehelich verbunden ward, und was ſich ſonſt dabey begeben.“ Meine, durch die Kälte des Zimmers ein we⸗ nig abgekühlten Wangen glühten plötzlich wieder brennender, als noch vor kurzem vom Feuergeiſte der dampfenden Schale;—„Geyorchen und Herr⸗ ſchen! Seyn und nicht ſeyn!... Ein Diadem er⸗ kämpfen iſt groß, es wegzuwerfen, wäre göttlich!“ — declamirte ich im Tone weiland Reineke⸗La⸗ vagna's; der verführeriſche Wahn, ich armer Er⸗ denſohn könne am Ende wohl ſelbſt aus fürſtlichem Geblüthe abſtammen; auf, Gott weiß, welche? Herrſchaften und Länder ſtehe mir vielleicht das ge⸗ gründetſte Anrecht zu, trieb mir alles Blut zum Herzen. Ich räuſperte den Docht der düſtern Stu⸗ dierlampe und... verlor bey genauerer Prüfung freylich die glänzenden Ausſichten auf Grafenkronen 136 und Fürſtenhüte, fand aber doch den vorliegenden Stoff anziehend genug, um erſt mit der Morgen⸗ dämmerung zu mir ſelbſt zu kommen. 3 Fern von mir ſey die frevelhafte Abſicht, mei⸗ ne Leſer auch nur um ein Stündchen ihres Nacht⸗ ſchlafs bringen zu wollen; indeß hoffe ich ſie doch auch micht gerade zu langweilen, wenn ich ihnen den Inhalt des ſchwarzen Büchleins in gedrängter Kürze und etwas verfeinerter Mundart beſcheident⸗ lich mittheile, wie folget: ꝭ——jx— „In meinem ſechs und zwanzigſten Jahre— ſo ſchreibt mein wackrer Urvater und vielgeliebter Erblaſſer— ward ich zum Hofmeiſter des Prin⸗ zen**rner ernannt, und ihm nach Montpel⸗ lier entgegen geſchickt, weil ſein bisheriger Men⸗ tor in Marſeille verſtorben war. Der Prinz, bekanntlich ein natürlicher Sohn des Königs von***r und der Fürſtinn L**ka,reiste un⸗ ter dem Nahmen eines Barons von N****** und hätte eigentlich keiner Aufſicht bedürfen ſollen; denn er war kaum fünf Jahr jünger, als ich. Allein ſein reitzbares Temperament, wobey ihm mein Vorgän⸗ ger aus Liebedienerey zuweilen durch die Finger ſah, hatte ihn nicht ſelten in die Hände der Glücksritter und freyen Weibsperſonen geſpielt, ſo daß auch ſei⸗ ne vorher blühende Geſundheit nicht wenig ge⸗ ſchwächt war. 2* 3— 2. 135 Wie nun bey dergleichen Gemüthern die Ein⸗ drücke der Sinne deſto lebhafter, und den Leiden⸗ ſchaften gleichſam alle Zügel gelaſſen ſind; ſo hatte auch bey dieſem jungen Cavaliere eine, während ſeines Aufenthalts in Marſeille angeſponnene Liebſchaft, über welche wegen des Todes ſeines Füh⸗ rers nicht wohl ins Klare zu kommen war, eine Art von Geiſteszerrüttung, Tiefſinn und Lebens⸗ überdruß hinterlaſſen. Dieſe zeigten ſich jedoch in dem Umgange mit Andern nur ſchwach und ſelten, deſto öfter und ſtärker aber in der Einſamkeit durch nancherley auffallende Bewegungen und Reden. Sonach wurde für gut gefunden, ihn nicht oh⸗ ne eine ſichere und verſtändige Perſon ſeine Reiſe fortſetzen zu laſſen, und ich wurde hiezu erſehen, weil ich nicht nur, ohne mich zu rühmen, in den Sprachen und Wiſſenſchaften nicht unerfahren war, ſondern auch an Muth und Ennſchloſſenheit, wie im Reiten, Springen und Fechten, keinem ſo leicht et⸗ was nachgab. Für mich war dieſer Ruf in vielerley Hinſicht ſehr erwünſcht. Ungerechnet eine reichliche Beſoldung und die Zuſicherung, gleich nach Beendigung der NReiſe in Srrrrr« vortheilhaft angeſtellt zu wer⸗ den, hegte ich auch gar trefflich Luſt, mich in der Welt umzuſehen, und getrauete mir dabey vollkom⸗ men, mit dem jungen Herrn fertig zu werden. Ich nahm ihn ſofort nach meinem Antritt in gar ſtren⸗ ge, obwohl geheime, Aufſicht, und bediente mich 136 dabey hauptſächlich eines alten treuen Jägers, der unter dem Anſcheine der Einfalt eine nicht alltäg⸗ liche Verſchlagenheit zu verbergen wußte. Dem Prin⸗ zen ſelbſt konnte ich mehrere Monathe lang, aller erſinnlichen Mühe ungeachtet, kein Zutrauen abge⸗ winnen. Er wußte gar wohl, daß ich ihm zum Ar⸗ gus geſ ſetzt ſey, hegte daher heimlichen Groll wider mich, und ſetzte jeder freundlichen Zuſprache Kälte und Trotz entgegen. Ich ließ mich jedoch hiemit von weitern Ver⸗ ſuchen auf ſein Herz nicht abſchrecken, was mir um ſo leichter ward, da er, bey allen ſeinen Fehlern, doch auch ſehr ſanft und lenkbar ſchien, und ſein zerrütteter Geiſteszuſtand mein ganzes Mitleid er⸗ weckte. Manche Tage ſiel es faſt unmöglich, ihn nur aus dem Hauſe zu bringen; er ging dann bald ängſtlich, bald tiefſinnig herum, antwortete auf al⸗ le Fragen kurz oder gar nicht, und ſeufzte zuweilen aus dem Innerſten. War dieſer Zuſtand vorüber, ſo warf er ſich wieder in einen Strudel von Zer⸗ ſtreuungen, und ich hatte vollauf zu thun, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. 1 Er gerieth endlich bey einem ſolchen Anfalle der Luſt in verdrießliche Händel, und ein Cavalier, der weit und breit als der geſchickteſte Fechter be⸗ kannt war, ſandte ihm eine Ausforderung. Da es eine Ehrenſache betraf, ſo ſtand das Duell nicht zu vermeiden. Doch wußte ich es, unter Vermittlung verſtändiger Freunde, alſo zu drehen, daß ich un⸗ — —— 4 4 137 verzüglich ein Patent als»errniſcher Major erhielt und mich ſtatt ſeiner ſchlagen durfte. Ich trug bey dieſem Zweykampfe, da mich doch zuletzt die Be⸗ ſonnenheit ein wenig verließ, einen tüchtigen Stich durch den rechten Arm davon. Dieſer Zufall hatte auf ein Mahl das Herz des Prinzen mir zugewandt; er ſiel mir um den Hals, und bath mich, unter, tauſend Freundſchaftsverſicherungen, um Verzei⸗ hung alles deſſen, was er mir zuwider gethan. Kurze Zeit darauf, als wir eben im Begriff ſtanden, in einigen Tagen Lyon zu verlaſſen, trat der Prinz eines Abends in der heftigſten Wallung aus ſeinem Zimmer in das meinige. Er ſchien mich nicht im mindeſten zu bemerken, rang die Hände, warf ſich in einen Seſſel und ſah ſtarr auf den Bo⸗ den, Ich näherte mich ihm, ergriff ſeine Hand; wie aus einem Traume erwachend, ſah er mich mit gro⸗ den Augen an, ſtürzte mir dann mit vielen Zähren in die Arme und rief ängſtlich:„Retten Sie mich! retten Sie mich vor mir ſelbſt! Sie haben Muth, Sie haben Wiſſenſchaft; mich hat eine untilgbare Gluth... Ha! die Gluth der Hölle“— unterbrach er ſich ſchaudernd—„ergriffen, und alle Kräfte meiner Jugend verzehrt!“ Er verſank nach dieſen Worten in eine mir be⸗ denkliche Starrſucht. Ich rief den alten Diener, ſchaffte mit deſſen Beyhülfe den Kranken ins Bette, und ſandte nach einem Arzte. Dieſer unterſuchte den Puls, ſchuttelte bedächtig das Alongenhaupt, . 1³⁸ verſchrieb kühlende Mittel und verſicherte, ſelbſt nicht zu wiſſen, was er denken ſolle. Da waren wir nun einer ſo klug, als der andere! Das Gefühl mei⸗ ner Pflicht und mein immer lebhafter werdendes Mitleid mit dieſem verzogenen Sohne des Glücks bewog mich, die Nacht über ſelbſt bey ihm zu wachen. Bis gegen Mitternacht ſchien er bald in entzü⸗ ckenden, bald in furchtbaren Träumen zu liegen; aber kaum war die Tageſcheide vorüber, als er er⸗ wachte, und mit zärtlich auf mich gerichteten Bli⸗ cken meine Hand drückte.„Ich bin nicht krank“— ſagte er mit ſanfter Stimme—„aber unglücklich⸗ ſehr unglücklich!“ „Und warum, lieber Prinz!— fragte ich mit der innigſten Theilnahme, hocherfreut, die unbe⸗ kannte Quelle ſeinos in Wahnſinn ausartenden xrub⸗= ſinns im glücklichſten Augenblick zu entdecken— „Vertrauen Sie Sich mir, Ihrem wahren, treue⸗ ſten Freunde!“ „Der ſein Leben für mich wagte!“— ant⸗ wortete er gerührt—„Wiſſen Sie denn: ich lie⸗ be. ,“ „Was es auch ſey,“— verſetzte ich eben ſo— ie können es mir entdecken!“ »Nun denn ich liebe mit einer Sehnſucht, mit einer zum Wahnſinn führenden Angſt,... o ich be⸗ ſchwöre Sie bey allen Heiligen! lachen Sie nicht!.. ich liebe die griechiſche Helena!“ Kaum hatte er dieß geſagt, als er wieder in 4 — — — 139 die vorige Starrſucht zurück ſiel. Ich konnte nicht länger umhin, ihn in der That für wahnſinnig zu halten, und fürchtete mit jedem Augenblick, ſein in⸗ neres Kämpfen in laute Wuth ausbrechen zu ſehen. * Aber meine Beſorgniß hatte mich getäuſcht. Mit anbrechendem Morgen ſchien ſein Blut beru⸗ higter, ſeine Beklommenheit in ſanfte Schwermuth übergegangen; ſein Herz fühlte das Bedürfniß, das ihn quälende Geheimniß in das meinige auszu⸗ ſchütten.. „»Vor ungefähr fünf Monathen“— ſo ſing er mit Gelaſſenheit ſeine Erzählung an—„ging ich in Marſeille eines Morgens nach dem Hafen, wo eben eine neuerbaute Galeere vom Stapel laufen ſollte. Mein Hofmeiſter war erſt vor einigen Tagen mit Tode abgegangen. Das wilde Gewühl, der betäubende Lärm, ſing ſchon an mir beſchwerlich zu fallen, als zwey Frauen⸗ zimmer, die in einiger Entfernung am Ufer luſt⸗ wandelten, meine Augen auf ſich zogen. Die Eine, von ſchlankem Junoniſchem Wuchſe, ganz und gar in die feinſten Muſſeline gehüllt, zeigte eine Aun muth im Gange und in allen Bewegungen, daß ſie mir in Wahrheit nicht wie eine Sterbliche vorkam, Die Zweyte, in ſchwarzer Kleidung, trug das Ge⸗ ſicht offen, war ſchon bey Jahren und ſchien die Mutter oder Hofmeiſterinn von jener. Beyde konnte 140 ich, der fremdartigen Tracht halber, nicht für Fran⸗ zöſinnen halten.. Da ſie allein gingen, und die göttliche Geſtalt der Jüngern, je länger ich ſie betrachtete, deſto un⸗ widerſtehlicher alle meine Sinne feſſelte, ſo trug ich kein Bedenken, mich ihnen zu nähern und ſie ziem⸗ lich unbefangen zu begrüßen. Die Jüngere verneig⸗ ee ſich ein wenig, doch wie es ſchien, befremdet und ſtolz. Sie ergriff den Arm der Altern. Dieſe aber antwortete mir in gebrochnem Italieniſch auf eine Art, daß ich wohl bemerkte, mich geirrt zu haben. Ich mußte nach ihrer Erwiderung wenigſtens die ſchweigende Schöne für eine Dame vom höchſten Nange anſehen, was denn freylich ein Juwelen⸗ ſtrauß, der mit Perlen, Rubinen und Diamanten verſchiedene Blumen auf das natürlichſte nachahm⸗ te und den turbanartigen Schleyer auf dem Schei⸗ tel befeſtigte, und zwey brillantene Armbänder, womit die weitgefalteten Armel um die Handſchuhe feſt gegürtet waren, noch mehr beſtätigten. Voll Ärger über meinen Mißgriff, ich kann wohl ſagen, mit brennender Schamröthe, verbeug⸗ te ich mich ehrerbiethig, ohne eine Entſchuldigung hervorzubringen, und blieb zurück. Die Jüngere wandte ſich in einer Entfernung von zwanzig Schrit⸗ ten auf einen Augenblick nach mir um, und hob, halb wie verſtohlen, ein wenig den Schleyer. Ich ſtand geblendet von nie geſehener Schönheit, und erwachte zu ſpät aus meiner Betäubung, um die 141r im Getümmel Verſchwundenen mit den Augen wie⸗ der zu erlangen. Mißmuthig, die Hand vor der Stirn, ach! von allen Qualen des heißeſten Verlangens ergrif⸗ ſen, ſtand ich noch wie ein Träumender, als Del⸗ la Spina, ein Genueſiſcher Schiffscapitän, mit einer Einladung auf den Abend mich aufweckte. Er hat auf einem Streifzuge gegen die Seeräuber den linken Arm eingebüßt und treibt ſich nun als Spie⸗ ler herum. Ich ſelbſt hatte vor einigen Tagen eine beträchtliche Summe von ihm gewonnen. »Sahen Sie die Schönſte der Welt?“— rief ich ihm haſtig entgegen. »Vermuthlich die ſchöne Uzelle!“— ſagte er zu ſeinem Geſellſchafter, einem mir unbekannten Cavalier.—„Dieſe, mein Prinz!“— ſetzte er ge⸗ gen mich gewandt ehrerbiethig hinzu—„ſahen wir eben mit ihrer Aya wieder einſteigen.“ Sie können leicht denken, daß ich nun in ihn und ſeinen Begleiter drang, mir alles von der rei⸗ tzendſten ihres Geſchlechts zu erzählen, was ihnen bekannt ſey. Aus dem letztern, der ſich Don Ra⸗ miro nannte, war ſehr wenig zu bringen. Doch verwunderten ſich beyde, daß ich noch gar nichts von der Prinzeſſinn gehört habe.„»Freylich“— verſicher⸗ te mich Della Spina—„beruhe alles, was er wiſſe, auch nur auf leeren Vermuthungen. Es ſey nur noch Wenigen das Glück zu Theil worden, die beyden Damen in der Nähe zu ſehen. Habe ſchon 142² die Schönheit der Jüngern und die Pracht ihrer Umgebungen die Neugier der Müßiggänger bis faſt zum Zerſpringen geſpannt, ſo ſey doch durchaus nichts Näheres zu entdecken. Nicht ein Mahl ihren Aufenthalt habe man ausforſchen konnen. Doch ſtim⸗ me das allgemeine Gerücht darin überein, daß die junge Dame eine Tochter des regierenden Sultans, und ihrem Vater, aus unbekannten Gründen, wie auf unbekannte Art, mit großen Schätzen entflo⸗ hen ſey.“ 8 Ein mehreres ſchienen der Genueſer und der ſinſtere, wortkarge Spanier von der ſchönen Türkinn durchaus nicht zu wiſſen. Die wenige Theilnahme, die Kälte, womit Della Spina von der Sache ſprach, ſing mich an zu verdrießen. Ich gab ihm, nur um mich ſeiner zu entledigen, meine Zuſage, ſchweifte noch eine Weile durch die Alleen und be⸗ gab mich dann, die heißeſte Leidenſchaft im Buſen, nach meiner Wohnung.“ 4 —— So begierig mich... nähmlich meinen Urva⸗ ter... dieſer Anfang der Erzählung auf die Fort⸗ ſetzung machte, und ſo rathſam ich es fand, die war⸗ me Vertraulichkeit des Prinzen nicht wieder erkal⸗ ten zu laſſen; ſo bath ich ihn doch aus Vorſorge für ſeine Geſundheit, vor der Hand abzubrechen. Indeſſen ſchien ſeine Krankheit durchaus nur vom Geiſte herzurühren, und da ihn die Eröffnung des 8 143 verljebten Abenteuers in eine ſehr frohe Stimmung verſetzt hatte, ſo ließ er ſich nicht bewegen, im Bet⸗ te, ja nicht ein Mahl zu Hauſe, zu bleiben. Kaum waren wir angekleidet, als wir in dem herrlichen Karthäuſergarten ein abgelegenes Bosket aufſuch⸗ ten, wo er unaufgefordert den abgeriſſenen Faden wieder aufnahm: 4 „Ich konnte den ganzen Tag über meine Un⸗ ruhe kaum verbergen, und mußte bey der Mahlzeit von mehrern meiner Bekannten mancherley Spöt⸗ tereyen anhören. Da jedoch alles Sinnen und Grü⸗ beln mich der ſchönen Uzelle um keinen Schritt nä⸗ her führte; ſo beſchloß ich, um mich zu zerſtreuen, die dem Capitän gethane Zuſage zu erfüllen. Schon war es Dämmerung geworden; ſchon ſtand ich im Begriff, mich zu Della Spina zu verfügen; ſchon hatte ich meinen Bedienten nach meiner Ge⸗ wohnheit Erlaubniß gegeben, ihren eigenen Ver⸗ gnügungen nachzugehen; als es drey Mahl leiſe an die Vorſaalthür pochte. Ich nahm den Leuchter und öffnete. Ein junger Menſch in kurzem Mantel, eine Larve vor dem Geſicht, trat ein und folgte mir bis faſt in das Zimmer. Er ſchien ſehr ängſtlich und beſtürzt; ich glaubte tiefe Seufzer zu vernehmen. Neugterig, was dieß auf ſich habe, befahl ich ihm, vollends einzutreten. Augenblicklich ſchlug er den Mantel zu⸗ rück, zog die Maske ab, und ich erblickte einen jun⸗ gen Mohren in glänzender Pagen⸗Livree. Deer ſchöne Page ließ ſich vor mir auf ein Knie .7 * 144 nieder und bekannke, zwar in franzöͤſiſcher Sprache, doch, wie es ſchien, nicht ohne Anſtrengung, er ha⸗ be mir ein Geheimniß zu hinterbringen, deſſen Ent⸗ deckung ihm, wenn er verrathen werde, leicht ſein Leben koſten könne. Das Auffallende dieſes Auf⸗ tritts, die Pracht der Livree, ſelbſt die ſchwarze Ge⸗ ſichtsfarbe des Edelknaben, erinnerte mich augen⸗ blicklich an die ſchöne Uzelle. Ich ſprach dem Pagen Muth ein, und hob ihn tröſtend auf. Er küßte mit Innigkeit meine Hand, drückte ſie an ſich, und... ſtellen Sie ſich meine ſteigende Verwunderung vor⸗ als mein Gefühl und ein ſchärfer auf ihn geworfe⸗ ner Blick in dem vermeintlichen Jüngling ein ſehr wohlgebildetes Mädchen entdeckte. Sie ſind mein Freund, ich bin Ihnen Offen⸗ herzigkeit ſchuldig, und werde bey Fortſetzung mei⸗ ner Geſchichte noch manchmahl Ihrer Nachſicht be⸗ dürfen. Ich geſtehe Ihnen daher, daß dieſe Wahr⸗ nehmung, die Einſamkeit des ſchwach erleuchteten Zimmers, die Unruhe meines Blutes, in welcher ich ſchon von frühem Morgen geſchwebt hatte, end⸗ lich die nicht gewöhnlichen Reitze der niedlichen, ſich furchtſam an mich anſchmiegenden Mohriun, mein Herz in noch ſtärkere Wallung verſetzten. Auch die artige Schwarze ſchien nicht wenig beklommen; doch entwand ſie ſich mir, und ſagte etwas verwirrt mit ſchmachtendem Tone:„Ich diene der reitzenden Uzel⸗ le.. wer kann neben dieſer noch etwas ſchön fin⸗ . den. 4 5 8 3 die Treppe hinunter zu leuchten, der ſchaff pe keinen Menſchen geſehen, vielmehr nach de 143 den?.. Das Geheimniß... mein Herz dringt mich, Ihnen zu verrathen...“ 3 Ich weiß nicht mehr, wollte ich die Sclavinw durch Liebkoſungen beſtechen, oder war ich zu ſchwach, der Gegenwart zu widerſtehen; genug! ich hatte meinen Arm mit Heftigkeit um die Achſel der Ne⸗ gerinn geſchlungen und bedeckte die recht lieblich aufgeworfenen, ſammtweichen Lippen mit Küſſen, als... ein Geſicht mit feurigem Munde und ſpi⸗ tzem Hute, über den eine lange rothe Feder ſchräg hervorragte, durch die ein wenig geöffnete Thür ſchaute. Die ſchwarze Zofe ſtürzte, wie vom Blitz getroffen, zu Boden; die Kerzen im Zimmer ver⸗ löſchten mit einem wunderbaren Gepraſſel, und da ich wieder zur Beſinnung kam, fand ich mich im Finſtern allein. »Sie waren unter Gauner und Schwarzkünſt⸗ ler gerathen, mein Prinz!— unterbrach ich ihn— »Ein Kellnerburſch iſt zu erkaufen, und das Kunſt⸗ ſtück mit den Lichtern könnte ich Sie ſelbſt lehren!“ „Hören Sie erſt weiter“— erwiederte er, oh⸗ ne ſich irren zu laſſen—„Es möchten Dinge vor⸗ kommen, die ſich weniger leicht entziffern ließen!“ „Der Aufwärter, dem ich ſogleich ſchellte, mir Tropf, den man finden kann, hatte auf der Trep⸗ ßen Stille vermuthet, es ſey ſchon im erſten Stock Alles ausgegangen. Ich hüllte mich inn delacen Man⸗ Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. 8G „ T46* tel und machte, um mich von meiner Beſtuͤrzuns zu erhohlen, einige Umwege. Della Spina und ſei⸗ ne Freunde hatten ſchon längſt auf mich gewartet. Immer in Gedanken vertieft ſetzte ich ohne Aufmerk⸗ ſamkeit, doch, ſo viel ich mich erinnere, ohne be⸗ deutenden Verluſt. Da ich nach Mitternacht aus dem Spielzimmer trat, bemerkte ich unter den wartenden Bedienten auch den jungen Neger. Er gab mir einen geheimen Wink; ich befahl meinem Diener, mit der Fackel ein wenig voraus zu gehen. „Haben Sie Muth genug, mir allein zu fol⸗ gen,“— flüſterte die ſchwarze Selavinn, ſich an meine Seite drängend, und zeigte auf einen bereit ftehenden Wagen—„ſo gelingt es vielleicht, Ihnen eine Zuſammenkunft mit meiner Prinzeſſinn zu ver⸗ ſchaffen. Sie ſelbſt wünſcht dieß. Noch ehe es tagt⸗ ſind Sie wieder am Ufer!“* 4 So bedenklich mir unter andern Umſtänden dieſer Antrag geklungen hätte; ſo war doch das Aben⸗ teuer zu anlockend, und ich ſelbſt von Leidenſchaft zu heftig entzündet, um nicht jeder Gefahr zu tro⸗ tzen. Ich ließ mir von meinem Bedienten den De⸗ gen geben, was Zaide.ſo hieß die Moh⸗ rinn.. lächelnd bemerkte, und befahl ihm, bis zum Morgen meiner zu warten. Wir ſtiegen in den Wagen, und vermuthlich nur die Kühle der Nacht, nur die Schnelligkeit, womit wir nach dem Hafen gelangten, nur die geſpannteſte Erwartung, die Da⸗ * 143 me meines Herzens zu erblicken, ließ mir für jetzt die Annäherung an die reitzende Schwarze nicht ge⸗ fährlich werden. Als wir auf der Rhede waren, rief die Moh⸗ rinn nach einer Barke, die uns weiter bringen ſoll⸗ te, und verband mir freundlich ſchmeichelnd mit ih⸗ rer eigenen rothen Schärpe die Augen. Wir lande⸗ ten kaum nach Verfluß einer Viertelſtunde. Soviel ich, der Augenbinde wieder entledigt, in der Dun⸗ kelheit erkennen konnte, ſtanden wir am Eingange eines, nur ein Geſtock hohen, mit Säulen ainge⸗ benen Landhauſes. Hier klatſchte Zaide einige Mahl in die Hände, Dieß Zeichen wurde erwiedert, Eine Hinterthür öff⸗ nete ſich. Wir gelangten durch eine ſinſtere Gallerie in ein ſchwach erleuchtetes Zimmer, wo mich die al⸗ te Aya empfing.„Nur aus Gehorſam befolge ich die Befehle meiner Gebietherinn,“— redete ſie mich an—„das übrige hören Sie von ihr ſelbſt!“ Urtheilen Sie, mein Freund! ob mein Herz feuriger ſchlug, als die Alte das nächee Cabinet öffnete. Es war mit Wohlgerüchen erfüllt, die aus ſilbernen, die ſeltenſten Blüthen enthaltenden Kör⸗ ben und einigen Rauchfäſſern empor dufteten. Nur zwey Wandleuchter erhellten es. Uzelle ſelbſt lehnte auf einigen, mit prächtigen Teppichen bedeckten Pol⸗ ſtern mit untergeſchlagenen Knien. Sie trug einen 5 eng anſchließenden Kaftan, und Beinkleider von ro⸗ enjarbgam Damaſt mit ſilbernen Blumen; nur⸗ G 2 448 eins der ſchönſten Füßchen entzog ſich dem Auge nicht. Die Hände und ein Theil des athmenden Bu⸗ ſens waren bloß von der durchſichtigen Gaze des Hemdes beſchattet, aber das Geſicht bis zu den pur⸗ purnen, wahrhaft bezaubernden Lippen mit einem ſchwarzen Schleyer verhüllt.’ Von dem Glanz ſo ſeltener Reitze, von der Würde und Majeſtät dieſes himmliſchen Geſchöpfs geblendet, näherte ich mich ſchweigend. „Verkennen Sie mich nicht, mein Prinz!*— fprach ſie im reinſten Italieniſch—„wenn mein trauriges Verhängniß mich des Anſtands vergeſſen läßt. Ich bin ſo unglücklich und verlaſſen, und glaubte, dieſen Morgen eine Theilnahme in Ihren Blicken geleſen zu haben, die... Ich beugte ein Knie, dankte ihr mit wenigen Worten des Entzückens, und beſchwor ſie, unein⸗ geſchränkt über mich zu befehlen. Aber, war es nur die Anweſenheit der uns nicht verlaſſenden Matro⸗ ne, was ihr Stillſchweigen auflegte, oder fürchtete ſie eine Unterbrechung; ſie nahm bloß mein Gelübde mit ſüßem Lächeln und zärtlichem Dank an, ver⸗ ſprach mir zu ſeiner Zeit das Nähere wiſſen zu laſ⸗ ſen, öffnete dann zum Zeichen der Entlaſſung mit der blendendſten Hand ein wenig den Schleyer, und ließ einen ſanft hinſterbenden Blick auf mir ruhen, in welchem ein Himmel von Seligkeit ſchwamm. Die Aya ergriff drängend meine Hand und über⸗ p Referte mich der Mohrinn. Dieſe führte mich wie⸗ 149 der nach der Gondel, verband mir die Augen, em⸗ pfing von mir alles Gold, was ich noch bey mir trug, zum Geſchenk, und fuhr, nachdem ſie mich abgeſetzt hatte, wieder zurück. Es war ſchon Mor⸗ gendämmerung, als ich im Wappen von Holland wieder anlangte; ſo hieß der Gaſthof, wo ich wohnte. „Aber Sie träumten dieß alles doch nur?2— unterbrach ich den Prinzen mit einigem Unwillen. „O weh...o wohl mir,“ erwiederte er mit einem Seufzer—„wäre mein ganzes bisheriges Le⸗ ben nichts, als ein wundervoller Traum! Doch ich muß Athem ſchöpfen, bevor ich fortfahre. Erinnern Sie mich dieſen Abend!“ — C— Es bedurfte dieſer Erinnerung nicht. Kaum hat⸗ ten wir abgeſpeist, als der Prinz mich neben ſich zog, um mir den Schluß ſeines Abenteuers mitzu⸗ theilen. »s würde zu weitläufig werden,“— ſagte er—„wollte ich einiger weitern Zuſammenkünfte gedenken, welche mir die reitzende Uzelle von nun an, unter der Hülle des ſtrengſten Geheimniſſes, theils in Gegenwart der alten Dame, theils allein, zugeſtand. Die Mohrinn war ſtets die bereitwillig⸗ ſte und verſchlagenſte Unterhändlerinn, ob ſie ſchon, wie ich glaube, einige Untreue gegen die Gebiethe⸗ rinn mir verziehen hätte. Wenigſtens weigerte ſie ſich einige Mahl, das ſo wohlverdiente Bothenlohn 150 von mir anzunehmen, und verſicherte mich oft mit Augen voll Waſſer ihrer, keine Gefahr ſcheuenden⸗ Ergebenheit. Mein Umgang mit der himmliſchen Uzelle war nach und nach etwas inniger, etwas zäͤrtlicher gewor⸗ den. Sie ließ ſich meine, an Anbethung gränzende, Huldigung gefallen, wußte mich aber immer in den Schranken der ſtrengſten Sprerbierhung zu erhalten. „Und erhielt nicht auch ſien— fiel ich dem Prin⸗ zen ins Wort—„von Ihnen einige Geſchenke⸗ als Beweiſe dieſer Huldigung?“ „Ich entſinne mich nicht“— erwiedert⸗ er mit einiger Verwirrung.—„Nur Blumen oder derglei⸗ chen, bloß durch die Hand des Gebers Werth er⸗ haltende Verehrungen wagte ich ihr anzubiethen, und hielt ich es auch für Pflicht, für einige mir ſcherzend verehrte perſiſche Tücher und Roſenöhl⸗ Fläſchchen einige Koſtbarkeiten an ſie zu überſenden, ſo erlebte ich doch nie die Freude, etwas davon an ihr zu erblicken.“ „Schon vier⸗bis fünfmahl“— fuhr er fort „hatte ich ſie bald in jenem Cabinet, bald am Geſtade, bald in einem nahe am Meer gelegenen Garten geſehen, ohne etwas Näheres über ihr Schickſal zu erſahren. als ich eines Morgens, in Begleitung des*werſchen Kammerherrn von 3****, der ſich eben auch ane Reiſen befand, dem Bocham⸗ te in der St. Lazaruskirche beywohnte. Beym Her⸗ ausgehen ſiel mir unter der ſtrömenden Menge V 3 151 Della Spina ins Auge. Er bemerkte mich anfäng⸗ lich nicht, gab mir jedoch, da ich ihn begrüßte, zu verſtehen, daß er mir gelegentlich etwas allein zu entdecken wünſche. Dieſes Winks ungeachtet, ſchien er am folgen⸗ den Tage, da ich ihm auf einem Spatziergange be⸗ gegnete, nicht mehr daran zu denken, ſondern ließ ſich von mir erinnern. Es dünkte mich, als wünſche er nun, des Geſprächs lieber gänzlich überhoben zu ſeyn. „Wäre vielleicht, mein Prinst*— fing er zau⸗ dernd an—„jüngſt Ihre Erkundigung nach der ſchönen Uzelle nicht ganz ohne Abſicht geſchehen., ſo.. dringt mich beynahe die Pflicht...“ r ſtockte. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte und beſchwor ihn, mir nichts zu verſchweigen. Es iſt wunderbar zu ſagen,“— fuhr er nach⸗ ſinnend fort—„und ich weiß in der That nicht, wie ich... Laſen Sie nie, mein Prinz! von ge⸗ wiſſen oſtindiſchen Einſiedlern, die ſich Gioghi's nennen und des vertrauten Umgangs mit unſterb⸗ lichen, geiſtigen Weibern, oder, was wohl dasſel⸗ be iſt, mit Satanisken ſich rühmen 2“ „So weit erſtreckt ſich meine Gelehrſamkeit nicht“— erwiederte ich lächelnd mit ſteigender Ver⸗ wunderung. „Hörten Sie auch nie,“— nahm er wieder das Wort—„daß zuweilen hölliſche Geiſter ſich in 15² ſchöne Mädchen verwandelten; daß zum Begſsie das Heldenmädchen von Orleans ,.. „Umgekehrt möchte eher der Fall eintreten, darf man manchem Ehemann Glauben beymeſſen!““ — fuhr ich ſpottend fort—„aber wozu das alles 2“ „Alſo halten Sie es auch für Fabel, daß Dä⸗ monen die Macht haben, Leichname zu beſeelen? daß einſt eine heidniſche Braut aus dem Grabe zu⸗ rückeehrte, um ihren Geliebten bey nächtlicher Wei⸗ le zu umarmen?“ „Aber bey allen Heiligen!“— anterbrach ich ihn heftig—„wozu dieſe Einleitung? wozu dieſe alten, längſt vergeſſenen Geſchichten*“ „Verkennen Sie nicht meine Vorſorge für Ihr Wohl“— entgegnete der Capitän—„wäre ſie auch übertrieben! Sollte vielleicht der bezaubernde Blick Uzellens auch auf Sie, wie aufalle, die er jemahls traf, einen tiefen, unauslöſchbaren, faſt übernatür⸗ lichen Eindruck gemacht haben, ſo... ſeyn Sie wenigſtens auf Ihrer Huth! Es läuft, ſelbſt unter den gebildetſten Einwohnern dieſer Stadt, ein dunk⸗ les Gerücht... und, wenigſtens die letzte Bege⸗ benheit wird doch von mehrern glaubwürdigen Au⸗ genzeugen verbürgt!“ „Sie foltern mich! welche Begebenheit?“ „Sey es auch, wie es ſey! So viel iſt unläug⸗ bar, daß die ſogenannte Sultanstochter ſich vor ei⸗ nigen Tagen auf der Straße befand, als eben das Venerabile zu einem Kranken getragen wurde. Schon 6 153 als ſie von fern das Klingeln vernahm, ſchien ſie von Schrecken ergriffen, ſie ward blaß und ſtützte ſich auf die Aya. Als aber der Prieſter um die Gaſ⸗ ſenecke lenkte und das Volk anbethend auf die Knie ſtürzte, da ſank Uzelle, wie von einer höhern Hand berührt, plötzlich nieder und wurde todtenbleich in ihre Sänfte gebracht!... Sie wiſſen nun, was ich Ihnen zu ſagen hatte! Ich fälle kein Urtheil; ich bin weder abergläubig, noch ungläubig; indeſ⸗ ſen glaubte ich Ihnen dieſe Nachricht ſchuldig zu ſeyn!“* Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und über⸗ ließ mich dem verworrenſten Nachſinnen. 1 „Ich kann nicht läugnen,“— ſagte der Prinz fortfahrend—„daß dieß Geſpräch nicht wieder aus meinen Gedanken wich, ſo viel Mühe ich mir auch gab, es zu vergeſſen, ſo oft ich es bey mir ſelbſt ein widerſinniges Gerücht, ein albernes Pfaffenmährchen nannte. Vielmehr verband ſich damit eine Erinne⸗ rung aus früheren Zeiten, die mich in der That mit einer gewiſſen Bangigkeit erfüllte. Ich hatte einſt im wilden Rauſch unter mehrern, mit gleich⸗ geſtimmten Sdelleuten dem Teufel meine Seele ge⸗ lobt, führte er je die Schönſte der Welt in meine Umarmung! Dachte ich überdieß an das beharrliche Still⸗ ſchweigen, das Uzelle beobachtete, ſo oft ich auf Hᷣ 154 ihre Verhältniſſe leiſe hindeutete, an die Schwer⸗ muth, in welche ſie bey ſolcher Gelegenheit immer gerieth, ſo ward mir noch banger ums Herz. Auch gränzte die Unruhe, die Gluth, mit welcher ich ſie liebte, die Sehnſucht, womit alle meine Gedanken unaufhörlich nach ihr hinſtrebten, wahrlich an Be⸗ zauberung. Noch nie in meinem Leben hatte ich et⸗ was Ähnliches empfunden! Dieſe Naſtloſigkeit, dieß mich ſelbſt aufreiben⸗ de, ſtete Nachihrhinverlangen ſtieg jetzt, leider! um ein Großes, da mehrere Tage verfloſſen, ohne daß die erwartete Liebesbothinn ſich blicken ließ. Endlich ſchlug mir wieder die ſelige Stunde; ich fand Uzel⸗ len bey der Dämmerung in einem düſtern Wäld⸗ chen von Feigen⸗ und Orangenbäumen. Sie ruhte auf einem Blumenraſen, leicht gegürtet und nur wie in dünne Nebel gehüllt. Alle holde Formen, welche die Kunſt jemahls der Liebesgöttinn lieh, ſchienen nur zu verrätheriſch hervor. Der Ort, der ſchöne Abend, die klagenden Gefänge der Vögel, alles ſtimmte zur tiefſten Melancholie; war es ein Wunder, daß ich auch in ihren Augen Thränen er⸗ blickte 2 3 Ich mußte meinem gepreßten Herzen Luft ma⸗ chen; ich warf mich zu ihren Füßen; ich beſchwor ſie, mir den Grund ihrer Trauer zu entdecken; ich flehre um Gegenliebe.— 7 „Und würden Sie dieß Gelübde nicht bereuen,“ — antwortete e mit unbeſchreiblicher Anmuth— -— ᷓmᷓ— 155 „wenn Sie jemahls entdeckten, daß dieſe, Sie ent⸗ zückenden Reitze nicht ſo makellos wären, als ſie jetzt Ihnen ſcheinen? daß die von Ihnen vergötter⸗ te Fürſtinn vielleicht das Zeichen einer ſchmählichen⸗ verworfenen Knechtſchaft an ſich trüge?“ Ihre Blicke, ihre ſchmelzende Stimme, ihr ganzes bezauberndes Weſen, hatte meine Leiden⸗ ſchaft auf eine Höhe geſpannt, wo ich alles, wo ich mich ſelbſt und die ganze Erde vergaß⸗„Ich liebe Dich, Göttliche! ich werde nur Dich ewig anbethen; ich kann eher ſterben, als mich irgend etwas im Himmel und auf Erden von Dir zu entfernen ver⸗ mag!“— rief ich in halbem Wahnſinn. „Auch dann noch, mein Prinz?“— antworte⸗ te ſie mit heftigem Zittern—„auch dann noch?— Sie zog bey dieſen Worten das Gewand von der alabaſternen Achſel. Ich erblickte auf ihrer linken Schulter ein rothes Mahl von ſonderbarer Form; aber... und wäre Uzelle in dieſem Augenblick die niedrigſte Sclavinn geweſen, und hätte der Schlund der Hölle ſich gegen mich aufgethan... ihre all⸗ mächtige, bey dieſer Entſchleyerung noch zauberi⸗ ſcher werdende Schönheit, hätte mich alles verla⸗ chen laſſen. Ich drückte ihre Hand an meine glühenden Au⸗ gen. Ich warf mich aufs neue vor ihr nieder. Der Himmel weiß, zu welcher Kühnheit mich die Ver⸗ wirrung aller meiner Sinnen verleitet hätte, wäre nicht Uzelle in dieſem Augenblick auf ein gegebenes — Zeichen aufmerkſam und dadurch genöthigt worden, ſich von mir loszureißen. Doch ſchon am folgenden Abende hohlte mich Zaide wieder ab. Uzelle erwartete mich in ihrem Ca⸗ binet, das mir, wie das erſte Mahl, die lieblichſten Gerüche entgegenhauchte. So ſchön hatte ich ſie noch niemahls erblickt! Nur wenig, oder gar keine Spu⸗ ren ihrer türkiſchen Abkunft waren bemerkbar. Ein aurorfarbener, mit Silber durchwirkter Schleyer * umgab ſie. Hals, Arme und Buſenband ſtarrten von Diamanten. Ihr ſchwarzes, ſein geflochtenes Haar hing faſt bis zu den Füßen herab. So ſtand ſie am geöffneten Fenſter, vor wel⸗ chem die ſchönſte Landſchaft mit duftenden Blüthen⸗ ſträuchen ausgebreitet lag. Sie rief mich zu ſich, und reichte mir mit unbeſchreiblich ſüßem Lächeln die runde, mit den reitzendſten Grübchen verſehene Hand. 3* „So iſt Ihre Liebe denn nnerſchütterlich?“— fragte ſie mit hinreißendem Schmachten— „Ewig, Uzelle, ewig, wie meine Seele!“ „Und... würden Sie nicht zurücktreten“,— fuhr ſie lächelnd fort—„wenn ich mich nicht an dieſer mündlichen Verſicherung begnügte? nicht da⸗ mit begnügen dürfte 2“ „öSGebiethen Sie über mich, angebethete Uzelle!* — antwortete ich im lieblichſten Rauſch.— DSie ergriff tändelnd ein Blatt Seidenpapier, das eben auf einem, im Zimmer ſtehenden Blu⸗ — 8 157 mentiſche lag.„Schreiben Sie Ihren Nahmen;— lispelte ſie—„Ihre Schwüre ſchreibe ich gelegent⸗ lich ſelbſt, wenn.. ⸗Sie Uzellens vergeſſen!“ Ich ergriff unbedenklich die Feder, ſchrieb mit wonnezitternder Hand, und überreichte ihr die Un⸗ terſchrift. „Hier denn den Kuß ewiger Gegenliebe!!'— koſete ſie mit den zärtlichſten Aecenten; die großen ſchmachtenden Feueraugen wurden von Thränen ver⸗ ſilbert; ich warf mich mit wüthendem Entzücken an ihre Bruſt.. Der Prinz glühte fieberhaft, da er dieſes er⸗ zählte.„Frech hätte ich den Himmel aufgefordert,“ — ſetzte er hinzu—„mir höhere Seligkeit zu ge⸗ währen... ach! werde ich nimmer ſie wiederſehen?* Nach einer Pauſe nahm er wieder das Wort: Jetzt warf ſie plötzlich einen ſtarren, furchtbaren Blick auf mich. Ihr ganzes Weſen ſchien verändert, ſchien erſchüttert. Ihre Wange erbleichte; die Wär⸗ ine ihres Körpers erkaltete. Sie ſchien im Zwielicht der Zweige mehr ein Schatten der Unterwelt, als zein lebendes Weſen. Weißt Du auch, wen Du liebſt, Sterblicher! w — ſagte ſie mit einem Tone, der mich eine Wahn⸗ ſinnige in ihr vermuthen ließ“— weißt Du, wem Du Deine Gelübde darbrachteſt, Du, der Hölle Ge⸗ weihter?“ Ich ſchauderte zuſammen. Ihre Thränen ſloſſen häufiger; ſie rang die Hande und ſchien in Verzweiflung—„Ich bin ticht * „58* Uzelle, ob ich ſchon in dieſer Geſtalt jetzt erſcheine;“ — ſagte ſie weicher— vich bin nicht die entflohene Sultanstochter, noch ſonſt eine Lebendige! Dieſer Leib..„o kannſt du nicht tödten, du dort oben!... dieſer Leib, die Quelle endloſen Jammers, ſeufzt nach Vernichtung, aber die Gewalt der Hölle gab ihm Unſterblichkeit zur Verdammniß! Schon Jahr⸗ tauſende ſchweife ich je und je auf Erden, ewig dazu erkoren, mir mit dieſen fluchwürdigen Reitzen Buh⸗ ler, dem Abgrunde Seelen zu werben!“ „Und Dein Nahme?“— rief ich mit unbe⸗ ſchreiblicher Angſt, mehr noch entſetzt über den qualvollen Zuſtand der über Alles Geliebten, als noch an die Wahrheit ihrer furchtbaren Phantaſien glaubend.— 3 „Die Schönſte der Sterblichen nannte mich ſchon die Urwelt;“— antwortete ſie mit furchtbare Heftigkeit—„durch mich ſtand Troja in Brand!.. ich bin die ehebrecheriſche Helena; ich wanderte ſchon in vielfacher Geſtalt auf dem Erdkreis herum, und nichts kann mich nichts kann Dich, Heißgeliebter! dem ewigen Verderben entreißen, als—— Ein kalter Wind rauſchre durch die Blätter; ein rieſenhafter Mann in ſchwarzer Tracht, eine ro⸗ the Feder auf dem Hute, ſchritt am offenſtehenden Fenſter mit großen Schritten vorbey. Sie ſtürzte mit einem Schrey des Entſetzens zurück, und ich hörte zerſplitterte Scheiben klirren. Ich weiß ſelbſt nicht, wie ich wieder in den Gaſt⸗ * 159 hof gekommen bin. Zwey Unbekannte hatten mich in der Barke ans Land, und dann nach Hauſe ge⸗ bracht. Drey Tage lang war ich krank, ſehr krank; aber auch da ich mich erhohlt hatte, entdeckte ich nie⸗ manden, was mir begegnet war. Als ich nach einiger Zeit wieder einmahl zum Ha⸗ fen ging.. denn obſchon die Mohrinn ſich nicht wie⸗ der ſehen ließ, ſo konnte doch ſelbſt das Gräßlichſte mich nicht bewegen, Uzellen zu vergeſſen,... faßte mich ein ehrwürdiger Greis ins Auge. Sein ſilberweißes Haar hing ſpärlich unter dem Hute hervor; ſein Auge ſah zum Himmel; ſein Mantel war mit einem Strick um die Hüfte gegürtet; er ſchien ein Mittelding von Mönch und Pilger. Mit Rührung betrachtere er mich lange von weitem, näherte ſich langſam und faßte dann mei⸗ * 4 1 Hand.„»Sey getroſt, mein Sohn!“— redete mich an—„und wirf deine Laſt auf den Herrn! Er ſelbſt ſandte mich zu Dir vom hohen Libanon. Du biſt zum Rüſtzeug erkoren, die Schönſte aller Sterblichen zu erlöſen vom ewigen Tode! Morgen, wenn es nachtet, wird man hier deines harren! Nimm die Hälfte dieſes Silberlings, und wer die andere dir vorzeigen wird, dem folge getroſt!— „Hiermit gab er mir eine zerbrochene alte Mün⸗ ze und verließ mich, ohne meine Antwort zu er⸗ warten. Mir war es unbegreiflich⸗ wie dem Alten et⸗ was vyn meinem Geheimniß bekannt ſeyn könne; 8 1 160 8 doch war ſein ganzes Weſen ehrfurchtgebiethend; ich beſchloß, mich ihm ganz anzuvertrauen. Pünct⸗ lich fand ich mich in der zweyten Nacht ein, aber... der ſehnlich Erwartete ließ ſich nicht wieder blicken! 4 Noch mancher wiederhohlte Gang war gleich⸗ falls vergeblich; alle meine eifrigen Nachforſchun⸗ gen nach der Mohrinn ,nach Uzellen, liefen frucht⸗ los ab. Die heißeſte Sehnſucht im Herzen mußte ich meine Reiſe fortſetzen; nie wird dieſe Liebe, nie wird dieſe Angſt, in nur erlöſchen!“ „Und was erſchreckte Sie geſtern aufs neue?“— fragte ich, als der Prinz geendigt hatte. „War es Schreck, war es Entzücken'— ant⸗ wortete er—„ich weiß es ſelbſt nicht. Ich trat ganz unbefangen in mein Zimmer. Eine ſchwarze Taube flatterte mir entgegen. Sie trug einen rothen Faden am Halſe, woran dieſer Brief befeſtiget war. Se⸗ yen Sie ſelbſt!“ 3 4 Er zeigte mir ein zuſammengerolltes Seiden⸗ papier, worauf ſich mit goldener Schrift einige ita⸗ lieniſche Stanzen befanden. Sie enthielten Klagen an die Nachtigall und eine hirſchäugige Schöne. Unfehlbar war es der Anfang einer Überſetzung aus türkiſchen Liebesgedichten. Uzelle hatte dieß Lied, wie der Prinz mich verſicherte, einſt in ſeiner Gegenwart zur Theorbe geſungen. Die ſchwarze Brieftaube, in welcher der ſcon ziemlich an Wunder gewöhnte Prinz, obwohl er ſichs zu ſagen ſchämte, irgend einen hölliſchen Abgeſand⸗ 161 1 ten, vielleicht auch die verwandelte Zaide, vermu⸗ thete, dünkte mir ſo wenig übernatürlich, daß ſie vielmehr meine Aufmerkſamkeit auf unſere näheren und entfernteren Umgebungen, beſonders auf den vertrauteſten Bedienten des Prinzen, noch mehr an⸗ ſpannte. Doch konnte ich zu keiner Entdeckung ge⸗ langen; auch war die Phantaſie des Prinzen zu ſehr gereitzt, um ihm ſchon jetzt die Augen zu öffnen. In Hoffnung, daß wohl ſämmtliche Acteurs auf eine oder die andere Art ihre Gegenwart wieder ver⸗ kündigen würden, begnügte ich mich, den Prinzen, bis zu unſerer Abreiſe, ſo oft er ſich ausbegab, zu begleiten.— Aber die, bloß durch die Unpäßlichkeit des Prinzen veranlaßte Verlängerung unſerer Anwe⸗ ſenheit in Lyon verſtrich, ohne daß ſich das minde⸗ ſte regte. Der Prinz, den ich, ſo viel möglich, zu zerſtreuen und zu erheitern ſuchte, fing auf dag Reiſe an ruhiger zu werden. Sein Tiefſinn zeigte ſich nur noch ſelten, ja nach einigen Monathen ſchien faſt die ganze Sache wieder vergeſſen. Endlich gelangten wir in das ſchöne Straßburg.— Wir machten hier die Bekanntſchaft zweyer jungen Grafen von O. aus Dänemark. Der ältere, mit dem Vornahmen Ludwig, wurde für ausſchweifend gehalten, und hing ſich vorzüglich an 168 2 meinen Prinzen, den ich nach gerade auch wieder in ſchärfere Obhuth nehmen mußte. Deſto wackerer betrug ſich, ſeiner Jugend ungeachtet, der jüngere Bruder Guſtav, ein in jeder Hinſicht liebenswür⸗ diger Cavalier. Dieſer ſchien bald an mir großen Geſchmack zu finden, und ließ, da er von meiner Geſchicklichkeit im Fechten gehört hatte, nicht eher nach, bis ich ihm wöchentlich einige Stunden Un⸗ terricht gab. Da wurde denn der Rappiere nicht im mindeſten geſchont; doch je tüchtigere Püffe ich dem jungen Dänen verſetzte, deſto mehr jubelte er, ja ich möchte faſt ſagen, deſto lebhafter ward ſeine Zunei⸗ gung zu mir!— Wir hatten den Winter vor uns, und gedach⸗ ten wenigſtens einen Theil desſelben in Straßburg hinzubringen. Wir mietheten uns daher eine Privat⸗ wohnung. Das Gaſthaus zum goldenen Romer war dort das berühmteſte; alle Fremde von Nange pfleg⸗ ten dort des Mittags zu ſpeiſen. Der Wirth, ein gar ſtattlicher, luſtiger Alter, ſtand in dem Nufe der ſtrengſten Rechtlichkeit. Weniger Gutes rühmte man von ſeiner Ehehälfte. Er hatte dieſe nach dem Tode ſeiner erſten Frau geheirathet, und dabey frey⸗ lich die Ungleichheit des Alters nicht recht bedacht. Die runde Wirthinn trieb ſich ſtets unter den Gäſten herum, und ſollte, der Sage nach, den gut⸗ müthigen Alten dann und wann mit Geweihen be⸗ ſchenken. 44 165 Ganz das Gegentheil von ihr, und der Stolz des Vaters, der Abgott aller Nachbarn, war ſeine einzige Tochter erſter Ehe, Nahmens Sibylle. Man konnte dieſe nicht ſehen, ohne ſie für die Zier⸗ de ihres Geſchlechts zu halten. Sie war von mitt⸗ lerer Größe; ihre Haut beſchämte an Zartheit die Lilie und die Roſe, und wenn ſchon ihre Jugend und blühende Geſundheit den reitzenden Gliedern eine gewiſſe Fülle mittheilte, ſo wurde man doch ihres ſittſamen Anzugs halber verſucht, ſie eher zu den Schlanken, als zu den zu reichlich Begabten, zu zählen. Ihr hellbraunes, glänzendes Haar, das nur mit Mühe in die Flechten gezwungen ſchien, bildete auf dem Scheitel eine zierliche Krone, und die niedliche Straßburgiſche Tracht ſchien nur deß⸗ wegen erfunden, um dieſe keuſche Dirne zu verhin⸗ dern, der ſchaffenden Natur gänzlich den Tribut der Bewunderung zu entziehen.— Die Leſerinnen mögen der Empfindung des für weibliche Reitze nicht blinden Urvaters die Aus⸗ führlichkeit dieſer Schilderung, und dem Familien⸗ ſtolze ſeines Urenkels ihre Aufnahme in dieſe Blät⸗ ter verzeihen! Zudem erſchien mir in jener Nacht, als das ſchwarze Buch in meine Hände ſiel, gerade da ich an dieſe Stelle kam, der Schatten meiner öAltermutter, ziemlich im Coſtum von Rubens Weibern, ich erkannte in ihr die auffallendſte Ähn⸗ lichkeit mit einem alten Bilde, das mit ſeinem Spi⸗ tzenkragen, hochrothen Schleifen und ſonſtigem 164 Schmuck vor Zeiten einem finſtern Gange meines väterlichen Hauſes zur ungemeinen Zierde diente,... und meine erſte geheime Liebſchaft geweſen war! Jetzt nickt die recht niedliche Ahnfrau zum zärtlichen Enkelſohne dreymahl wohlgefällig mit dem Kopfe und verſchwand dann, eben da er im Begriff ſtand, ihren Neitzen die gebührende Huldigung zu bezeigen, lang⸗ ſam und mit dem huldvollſten Lächeln durch die feſtverſchloſſene Thür. Konnte ich dieſe Viſion für etwas anders nehmen, als für einen Befehl, ihr wohlgetroffenes Bild im Strudel der Zeiten nicht gänzlich untergehen zu laſſen?— Die tugendliche Sibylle— fähr⸗mein Urvater fort— hätte bey der Verſtändigkeit, womit ſie von der Vorſicht begabt war, nicht im mindeſten Urſa⸗ che gehabt, dem Geſpräche mit irgend Jemanden auszuweichen. Allein ihre Sittſamkeit und der Rang der einſprechenden Gäſte vermochte ſie, ſich nur ſel⸗ ten blicken zu laſſen. Solchergeſtalt fühlte ſich jeder⸗ dem dieſes Glück zu Theil ward, außerordentlich begünſtigt, rühmte auch wohl mit geziemender Be⸗ ſcheidenheit ſein Glück bey der Tafel. Man kann mit Recht ſagen, alle Gäſte liebten und prieſen ſie, doch wie ein Galleriebild hoher Kunſt, das man bewun⸗ dert, ohne ſeinen Beſitz zu hoffen. Daß ich nicht zu lange bey Nebendingen ver⸗ weile, auch mein Prinz und ich gehörten unter die Zahl ihrer ſtillen Verehrer, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß ſeine Neigung ſich gar bald in ein wild⸗ 165 loderndes Feuer verwandelte, die meinige aber eine milde, mich insgeheim beſeligende Wärme blieb. An ihm bemerkte ich zuweilen wieder jenes raſtloſe Her⸗ umtreiben, das ich jedoch irgend einer andern Ur⸗ ſache zuſchrieb; ich meiner Seits war Tage lang froh, wenn ich Sibyllen im Vorbeygehen geſehen hatte, und dachte dabey uneigennützig: Ja das Weib iſt doch das Schönſte in der ganzen Natur! Wie groß war daher mein Erſtaunen, wie ſehr füͤhlte ich mich geehrt, als mich eines Tags eine Magd im Gaſthauſe auf die Seite zog, und im Nahmen der ſchönen Wirthstochter erſuchte, einige Augenbli⸗ cke zu ihr zu kommen! 3 Die holde Sibylle ſtand bey meinem Eintritt vom Spinnrocken auf, drehte verlegen an einem Flachsfädchen und ſchlug die Augen zur Erde.„Ver⸗ geben Sie,“— fing ſie leiſe an, und jungfräuliche Scham lieh ihren Wangen höheres Roth—„daß ich Sie zu mir bemühte. Ich bin in einer Lage, wo nur Sie mir rathen und helfen können.“ Ich pries mich glücklich wegen dieſes Zu⸗ trauens, und bath, in Allem auf mich zu rech⸗ nen, obſchon ich nicht im geringſten die Veranlaſ⸗ ſung errathen könne, weßhalb ſie meines Beyſtands bedürfe. „„ös wird mir ſchwer, von der Sache zu ſpre⸗ chen,“— erwiederte ſie mit beklommener Bruſt— „aber ich muß!... Ihr Prinz verfolgt mich mit einer Zudringlichkeit, der ich, ohne die ⸗Ehrerbie⸗ 166 1 thung zu verletzen, nicht immer auszuweichen ver⸗ ſtehe. Meine Stiefmutter... ſie iſt eben auswärts und darum erwählte ich dieſe Stunde... denkt über manches anders, als ich.“ Sie ſchwieg hier eine Weile und ſah nachſin⸗ nend vor ſich hin.„Sie wiſſen noch nicht alles“— fuhr ſie fort, da ich mich eben von meinem Erſtau⸗ nen erhohlt hatre und das Wort nehmen wollte.— „Ich mußie meine Mutter vor einigen Tagen in ei⸗ nen Galanterieladen begleiten Ich erſchrack nicht wenig, als kurz nach uns auch Ihr Prinz hinein⸗ trat. Er verlangte ohne weiteres von mir, ich ſollte etwas auf ſeine Rechnung auswählen. Da ich mich weigerte, forderte er von der Verkäuferinn das koſt⸗ barſte Stück Band, das im ganzen Laden ſich vor⸗ finde, warf dafür eine Nolle Goldſtücke auf den Tiſch, und wollte mir das Band aufdringen. Ich glühte im ganzen Geſicht und lehnte es ab; aber meine Stiefmutter gab mir einen verweiſenden Blick, nahm das Geſchenk an, und dankte in mei⸗ nem Nahmen. Auch ihr hat man hinterher.. o ich möchte vergehen vor Kummer und Scham!... ein Stück Stoff zugeſchickt. Mag ſie denn thun, was ihr gut ſcheint; aber dieß Band... ich kann, ich darf, ich werde es nicht behalten!“ Sie öffnete nach dieſen Worten, mit ſichtba⸗ rem Zorn, eine durch Ordnung und blendende Reinheit, für die Häuslichkeit der Beſitzerinn zeu⸗ gende Truhe, nahm das noch unaufgerollte Band⸗ . 4 167 ſtück heraus und bath mich, es dem Prinzen wieder zuzuſtellen. „»Es iſt nur ein Band“— ſagte ich, nicht ohne Verlegenheit.* „Aber ein auf dieſe Art bezahltes, ein ſo koſtba⸗ res!... und aus welchen Händen?“ »Könnte für Sie“— erwiederte ich, von ihrem ganzen, ſich ſo ſchön vor mir entfaltenden Weſen un⸗ widerſtehlich hingeriſſen—„irgend etwas auf der Welt zu koſtbar ſeyn?“”“ Sie ließ mich nicht ausreden. Sie erhob ge⸗ gen mich die großen, ſonſt immer ſo ſanften Augen. Ihr Zorn ſchien ſich auf mich zu richten. Ihr Blich war ſtrafend. »Sollte ich mich auch an Ihnen geirrt ha⸗ ben?“— ſagte ſie langſam, und ſchien dem Wei⸗ nen nahe. Ich fühlte, daß ich den Verweis verdiente; ich ſchien mir ſelbſt gering in dieſem Augenblicke; ſo beſchämt hatte ich noch vor keinem Menſchen geſtan⸗ den! Und hätte es noch ſo viel gekoſtet, ich mußte mich rechtfertigen. „»Was Ihnen in einem andern Munde“— fing ich an, und berührte ſanft ihre ausgeſtreckte Hand— „der Ton leerer Schmeicheley dünken konnte, war jetzt in dem meinigen der unwillkührliche Ausdruck der wahrſten, reinſten Empfindung. Von dem Au⸗ genblick an, da ich Sie erblickte, waren Sie der Gesgenſtand meiner innigſten Achtung, meiner waärm⸗ 168 ſten Verehrung. Dennoch hat noch nie ein freundliches Wort, nie ein kühner Blick Ihnen verrathen, was in meinem Innerſten vorging... und ſollte ein Geſtändniß, das mir jetzt unwillkührlich entwiſchte, dem Manne Ihren Unwillen nziehene den Sie doch noch vor kurzem vertrauten... 2“ Sie war ſichtlich bewegt. Sie ſah mir hell un⸗ ter die Augen. Sie entzog meiner Hand die ihrige nicht. Sie ſchien eine Thräne zu verſchlucken, und lächelte mich doch an. „Nun ja!“— lispelte ſie ſanft—„nein! ich irrte in Ihnen nicht! Es ſchmerzt mich, Sie gekränkt zu haben; aber... wenn Sie wirklich ein wenig gut von mir denken, ſo werden Sie auch um ſo eher einſehen, daß dieß verdächtige Geſchenk unmöglich in meiner Hand bleiben kann!““ 5 Ich bath ſie, die Sache ruhig mit mir zu über⸗ legen. Ich ſtellte ihr vor, daß dieſe Zurückgabe an ſich ſelbſt doch wie Beleidigung, und gerade durch mich faſt wie eine ſchimpfliche Strafe herauskomme. Ich ließ ſie bemerken, daß es meine Pflicht ſey, die Empfindlichkeit des Prinzen nicht gegen mich aufzureitzen. Aber ich predigte tauben Ohren, ſo wenig Si⸗ bylle mich widerlegen konnte. Wollen Sie es nicht wenigſtens“— ſagte ſie plötzlich—„für mich auf⸗ heben? Ich ſtehe Ihnen dafür, niemand ſoll es er⸗ fahren... und... Sie können es mir ja allen falls bey Ihrer Abreiſe⸗... ſie betonte dieſe Worte 4 169 ſtärker, inniger, möchte ich ſagen...„wieder zurückgeben. Vielleicht trag' ich dann minderes Be⸗ denken...“ Ich kann nicht läugnen, dieß überaſchte mich. Es lag etwas in dem Antrage, das mir wohl that; es lag etwas in der Art, wie ſie ihn machte, in dem Blick, womit ſie ihn that, das mein Herz ſchnel⸗ ler hob.. „Ich ſollte vielleicht,“— ſagte ich ſanft— vaber ich kann Ihnen dieß nicht abſchlagen. Wie aber? fürchten Sie ſich nicht, daß ein Geheimniß, welches ich mit Ihnen Theile, mich auch öfter an Sie erinnern, und Wünſche in mir nähren könnte, die... 25 »Wagen wir es darauf, mein Freund!“— antwortete ſie mit faſt zärtlicher Schalkheit— vich habe Ihnen nun ein Mahl mein Verkrauen geſchenkt. Da, nehmen Sie denn! Ich überlaſſe Ihnen Alles. Selbſt... wieder nehmen will ich das Band, wenn Sie es mir anrathen!“ Es war mir, als wenn Sie meinen Hände⸗ druck bey dieſen Worten erwiederte. Sie begleitete mich ſanftlächelnd bis an die Thür, und das erſte Glas, das ich mit dem freudigſten Gefühl an der Tafel leerte, war im Innerſten meines Herzens der wunderlieblichen Sibylle geweiht! 4 unterh. Bib. 2. Jahrg. 4. B. 170 1 4 Sobald ich wieder mir ſelbſt überlaſſen war⸗ zog ich Sibyllens Wunſch in reifliche Überlegung: Es ſchien mir allerdings zu ihrer Sicherſtellung noth⸗ wendig, dem Prinzen ſein Betragen zu verweiſen und ihm alle Hoffnung zu benehmen. Inzwiſchen wollte mir doch keine gute Art beyfallen, wie dieß geſchehen könne, und zuletzt ſchien es mir am gera⸗ thenſten, reine Wahrheit zu ſagen. Der Ausweg, den die ſittige Jungfrau ohne lange Beſinnung ge⸗ wählt hatte, dünkte mir auch nach der reiflichſten Aberlegung immer der ſchicklichſte. Ich ergriff daher die erſte ſich darbiethende Ge⸗ legenheit, dem Prinzen eine höhere Achtung gegen das weibliche Geſchlecht als die erſte Pflicht eines echten Cavaliers anzupreiſen, und entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sibylle durch ſein freyes Betra⸗ gen ſich gekränkt fühle; daß ſie im Begriff geweſen fey, ihm ſein Geſchenk durch mich zurück zu ſenden; daß ich dieſes, um ſeiner Ehre nichts zu vergeben, abgelehnt, daß ich aber nicht umhin gekonnt, dieß Geſchenk nach ihrem Verlangen his zu unſerer Ab⸗ reiſe in Verwahrung zu nehmen So lange er hier ſey— fügte ich hinzu— könne freylich dieſe fürſt⸗ liche Verehrung Sibyllens Rufe, der beſonders in ihrem Stande leicht verletzbar ſey, nachtheilig werden alsdann aber wolle ſie es als ein Andenken ſeiner, dem Hauſe ihres Vaters geſchenkten ehrenvollen Ge⸗ genwart recht gern bey dem übrigen weiblichen Ge⸗ xäth aufbewahren!.* 3 7. 171 Mein Zögling machte anfänglich bey dieſer Vor⸗ haltung große Augen, erzwang zuweilen ein vor⸗ nehmes Lächeln, und geruhte zuletzt die artige Wirthstochter eine Närrinn zu ſchelten. Er ver⸗ ſchluckte die Pille, ſo gut es ihm möglich war; doch ſiel es ihm ſchwer, ſeinen Arger zu unterdrücken, und ich ſelbſt wurde ihm von nun an wieder ein Dorn im Auge. 3. 4 Hatte ich nun auf dieſe Weiſe der guten Si⸗ bylle ſo ziemlich Ruhe verſchafft, ſo erregte ſie mir zum Dank dafür deſto mehr Unruhe. Ich fühlte zum erſten Mahle die Noth eines Verliebten in vollem Maße, und wußte es recht gut ſo einzurichten, daß ich manches Mahl von ihr einen Gruß oder einige freundliche Worte davon trug. Auch ſchien ſte mir dieß nicht eben zu erſchwe⸗ ren. Sie ſtand jetzt, wenn ich kam, weit uͤfter als ſonſt mit dem feinen Vortuch am Anrichttiſch, und hatte immer, wenn ich früher, als andere, mich einſtellte, an der Tafel noch einiges zu ordnen. Brachte ich ihr, was nicht eben ſelten geſchah, ei⸗ nen Blumenſtrauß mit, ſo konnte ich darauf rech⸗ nen, daß ſie ihn mit ſüßem Lächeln vorſteckte. Da⸗ gegen erhielt ich eben ſo oft beym Nachtiſche irgend eine ſchöne Frucht aus ihren Händen„was mir denn ihre vertraute Magd getreulich verrieth. Kurz, wir wechſelten mit allerhand Höflichkeiten, die, ohne ge⸗ rade verbindlich zu machen, doch gegenſeitige Zunei⸗ Lung verrathen, und hoffentlich Dir, theurer En⸗ 9 2 * 172 3 kel und Erbe meiner Papiere!...„O Geiſt meines Urahnen! mit welcher Rührung leſe ich dieſe Worte!?*... nicht gänzlich fremd ſeyn werden. So war denn die Faſtnachtszeit herangekom⸗ men, welche mit einem glänzenden Mummenkanze beſchloſſen werden ſollte. Ich würde mich nicht im mindeſten geweigert haben, den Prinzen dahin zu begleiten, hätte er es gewünſcht. Allein er bezeigte dazu nicht die mindeſte Luſt, und begab ſich ſogar am Abende ſelbſt, unter dem Vorwande einer Un⸗ päßlichkeit, ſehr frühzeitig in ſein Schlafzimmer. Auch ich ſtand gegen eilf Uhr im Begriff, ſei⸗ nem Beyſpiel zu folgen, als der alte Jäger mir eilig entdeckte, eben ſey der Prinz, bloß in Begleitung ſei⸗ nes Vertrauten, in einem Lohnwagen weggefahren. Er hatte bey dieſem Bedienten gegen Abend einen portugieſiſchen Judenhabit bemerkt, dergleichen Maske damahls ſehr gewöhnlich war, ohne Zweifel war dieſer für den Prinzen beſtimmt. Ich ging alsbald in das Zimmer des Prinzen, fand dieß leer, ſandte ſogleich nach einem dem ſeini⸗ gen ähnlichen Anzuge, nahm noch einen Mantel und meinen erprobten pohlniſchen Säbel mit, und begab mich eiligſt nach dem Ballhauſe.. Ich war ſchon eine Zeit lang unter den Mas⸗ ken hin und her geſtrichen, ohne den Prinzen oder atwas Verdächtiges zu entdecken, als ich an der 173 Stimme eines Vorbeygehenden den jüngern Gra⸗ fen von O. erkannte. Seine Gegenwart war mir nicht wenig erwünſcht. Ich öffnete meinen Mantel, und fragte, ob er noch keine der meinigen ähnliche Maske geſehen habe. Er verneinte dieß, und wollte ſich von mir trennen.. »Könnten Sie ſich“— fragte ich, ihn noch auf⸗ halten—„hier im Fall der Noth wohl einen De⸗ gen verſchaffen?“ 4 3 »Wie ſo?“— erwiederte er ſtutzend.—„Was ſoll es geben?... Denken Sie, auch mein Bru⸗ der befahl dem Bedienten, den Degen in den Wa⸗ gen zu legen! Waffen zu führen, iſt eigentlich hier verbothen... Nun, was auch geſchehe, ich werde den Degen meines Bruders gut in Acht halten; rech⸗ nen Sie, wie es komme, auf meine Hand!“* Die ungewöhnliche Vorſicht des ältern Grafen O. machte auch mir Gedanken, aber ſo viel ich über⸗ legte, ich fand nirgends Zuſammenhang. Nach ungefähr einer Stunde zog mich Graf Gu⸗ ſtav wieder anf die Seite:„Die ähnliche Maske, Ihr Prinz, iſt gefunden; er ſcheint in guter Ge⸗ ſellſchaft zu ſeyn. Gehen Sie dort in das Seiten⸗ zimmer!“ Ich trat an die Glasthür; der Prinz und Graf Ludwig bedienten einige Damen mit eingemachten Früchten und ſüßen Weinen. Drey derſelben wa⸗ ren, wie es ſchien, ſehr munter und laut; eine lüngere ganz in weißen Tafft gekleidet, nahm au 8* 174 dem Geſprãche wenig Theil. Dieſe kam mir ſehr rei⸗ tzend, aber auch ſehr verlegen, ſehr ängſtlich und unruhig vor. In der That ſchien ſie mir nicht in den beſten Händen. Ich nahm mir vor, die ganze Ge⸗ ſellſchaft auf das ſchärfſte zu beobachten. Doch dieß war auf die Länge unmöglich. Der Prinz mit ſeiner Begleitung verließ nach einer Weile das Zimmer, und miſchte ſich unter die Masken; das Gedränge war nicht gering; ſte kamen aus ein⸗ ander. Ich verlor den Prinzen aus den Augen, und entdeckte ihn erſt ſpät, aber nun in einem Domino wieder. So war ungefähr drey Uhr herangekommen und die Lichter ſingen ſchon an matter zu brennen, als ich an einer Eingangsthür einen niedlich geklei⸗ deten Mohren ſtehen ſah. Ich bemerkte ſehr genau, daß er auch unter der Larve gefaͤrbt war; alle Umriſſe verrielhen ein Mädchen. Jetzt ſchien es mir Zeit, die Rolle des Prinzen zu übernehmen. Ich legte im Aus⸗ kleidezimmer meinen oberſten Mantel ab, knüpfte ein kurzes Geſpräch mit einer mir unbekannten Da⸗ me an, und gelangte ſo, wie ganz unabſichtlich, wie⸗ der in die Nähe der Shirden 4 Kaum ließ ich die Dame 8 der Hand, als die Negerinn mich aufſuchte. Sie ſchien zu ſeuf⸗ zen, gab mir einige Zeichen, und winkte mir, ihr zu folgen. . Ich ließ mich hierzu bereitwillig finden, ſie ging voraus. Wir kamen durch finſtere Gänge und Tre 175 den. Alles war einſam. Nur ein einziges Mahl glaubte mein aufmerkſames Ohr ein Gewiſper zu vernehmen, mein Auge zwey in einem Winkel lau⸗ ernde Vermummte zu entdecken. In geſpannter Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, ſtand ich endlich vor einer Thüx, welche die Mohrinn ſchweigend öffnete. Ein Licht⸗ ſchimmer drang hervor, und auf einem Ruhebette ſaß in ſchwarzer Venetianer Tracht eine Dame, ganz dazu geſchaffen, die Sinne, ſelbſt des Unempfind⸗ lichſten, zu berauſchen. Die ſammtene Halbmaske diente nur dazu, die blendende Weiße ihrer Haut deſto auffallender zu machen; die ziemlich entblößte Bruſt war mit mehreren Perlenſchnüren geſchmückt; an dem Federbuſche des Hutes flimmerte eine Aigret⸗ te von Edelſteinen. Ich kann es nicht laͤugnen, daß mir bey die⸗ ſem Anblick wunderbar genug zu Muthe ward; aber noch ſchwieriger ward meine Rolle, als die verfüh⸗ reriſche Venetianerinn in der Fülle ihrer üppigen Schönheit zu meinen Füßen ſtürzte und meine Hand mit Küſſen bedeckte.„Finde ich Sie endlich wieder, geliebter Prinz!“— rief ſie mit dem ſchmelzendſten Tone—„b wie unendlich hat Ihre Uzelle gelitten, ſeitdem das Schickſal uns trennte!“ Nun wußte ich ja, woran ich war! Ich faßte die Hand der Dame.„O beruhigen Sie ſich, Sig⸗ nora!“— ſagte ich mit kalter, unverſtellter Stim⸗ 176 me—„Ich werde dafür ſorgen, daß Ihr Schickſal von nun an...“ „Jeſus Maria! Verrath!“— kreiſchte ſie mit dem Schrey des Entſetzens, und ſank ſehr zierlich in Ohnmacht. Beyde Flügelthüren ſprangen aus ein⸗ ander. Eine furchbare Geſtalt in unſcheinbarem, Ver⸗ wweſung duftenden Grabesgewand und roſtigem Bruſtharniſch, ſchritt herein. „Elender Sterblicher!“— rief der ſchwarze Ritter in ſchrecklichem Tone, und ſtand unbeweg⸗ lich. Das Viſier der Sturmhaube trennte ſich ab, ſo daß ich einen grinſenden Todtenſchädel mit feuri⸗ gen Augen dahinter gewahrte. Faſt in demſelben Au⸗ genblicke fuhr mir der Geiſt nach der Gurgel. Aber ſo ſehr dieß alles geeignet war, auch ſchon einem Muthigen Furcht einzujagen, ſo war ich doch zu ſehr auf ein Gaukelſpiel vorbereitet, um außer Faſ⸗ ſung zu gerathen, ja mein Muth wuchs noch mehr, als ich bemerkte, daß dem Höllenfüirſten die lin⸗ ke 38 an d mangle. ch entwiſchte der nach mir haſchenden Fauſt, zog 5 Ru meinen Damascener, und hieb damit nach dem erdröhnenden Todtenſchädel.—„Signor Teufel! heißt ihr nicht Della Spina?“— rief ich mit feſtem Tone, und faßte mit Macht den Obertheil des verſtümmelten Armes—„»Verlaßt euch darauf, auch ihr ſollt der Galeere nichi ent⸗ gehen! 4 Jetzt verließ den Betrieger das Vertrauen auf 177 ſein Blendwerk. Er zog ein Stilet und zuckte es gegen mich; allein, als ich ihn einige Mahl mit fla⸗ cher Klinge derb auf den Blechhandſchuh geklopft hatte, ließ er es fallen und verlor plötzlich allen Muth. Er ſtreifte ſchnell den Todtenſchädel von ſei⸗ nem Schurkenſchädel, wodurch ſich ſeine Goliaths⸗ figur um eine ganze Kopflänge verminderte, und wollte entfliehen. Doch ich hatte ihn zu feſt gepackt. Er riß ſich mit mir an eine, auf die Straße füh⸗ rende Hintertreppe, um hinabzuſpringen. Ich ſchrie aus allen Kräften:„Wache! Wache herbey!“ Mein Rufen war fruchtlos. Schon hatte er mich einige Stufen mit hinuntergezogen, als ich auf der Gaſſe ein Angſtgeſchrey um Hülfe vernahm. Ich ließ den Elenden fahren. Allmächtiger Gott! täuſchte mich nicht alles, ſo war es die Stimme Sibyllens! Wie ein Wüthender ſtürzte ich nach dem Ort, wo die Stimme herkam. Es war noch ſehr finſter. Ich ſah einen Wagen; die weiße Maske rang mit zwey Verlarvten, die ſie nach dem Wagen trugen. Mein drohender Zuruf und einige Säbelhiebe. womit ich die Buben bewillkommte, ſprengten ſie aus einander. Ich umfaßte die vor Schreck ohn⸗ mächtige weiße Maske, und eilte mit ihr nach der Treppe. Aber im Augenblick warfen ſich mir drey bloße Degenſpitzen entgegen. Immer noch das Frau⸗ enzimmer im linken Arme, zog ich mich an die Mauer, und wehrte mich„was ich konnte. Allein * 3 178 4 meine Hand fing ſchon an zu ermüden, als, wie ein Rettungsengel, der brave Graf Guſtav auf die Fech⸗ tenden eindrang. Seine Stimme ſchien ihnen allen Muth zu be⸗ nehmen; ſie entflohen; auch der Wagen jagte im Galopp davon. Von dem Geſchrey und Degengeklirr herbeygelockt, drängten ſich mehrere Masken um uns her; man brachte Fackeln; die Polizeywache erſchien; wir wurden genöthigt, uns ſämmtlich in ein Zimmer des Ballhauſes zu verfügen. Auf mein Ver⸗ langen durchſuchte man ſofort kalle Gemächer nach der ,von mir beſchriebenen Gaunerbande. Nur die Mohrinn und einige andere verlorne Kinder ihrer Gattung wurden in einem Nebenſtübchen, ziemlich berauſcht, aufgegriffen. Auch fand man den, mit einer Spirituscapſel verſehenen Todtenkopf und einige, ohne Zweifel der edlen Venetianerinn auf ihrer Flucht entfallene Perlenſchnüre. 7 14* Die Verwirrung war natürlich zu groß, um im Augenblick nur einiger Maßen ins Klare zu kom⸗ men. Mich⸗beſchäftigte, ſobald ich zu einiger Beſin⸗ nung gelangte, nur die immer noch ohnmächtige weiße Maske; ihre ganze Geſtalt glich Sibyllen. Ich wagte es endlich, ihr die Larve abzubinden; Gott! ich hatte mich nicht geirrt. Es war mir we⸗ nig erfreulich, ſie hier zu finden; doch ſiel es mir aunognich⸗ ihre Tugend nur im mindeſten in Ver⸗ 179 dacht zu ziehen,—„Gott, wo bin ich?“— ſagte ſte, und warf die Augen umher. Ich nannte ihr meinen Nahmen. Sie ergriff heftig meine Hand.—„O retten Sie mich:— bath ſie weinend—„Gott! mein Vater! meine Ehre! Schrecklich! was wird man von mir denken?“ Ich beſchwor ſie auf das zärtlichſte, ſich zu be⸗ ruhigen. Ich und der jüngere Graf O. entdeckten uns dem Anführer der Polizeywache. Er kannte den Grafen und die ſchöne Wirthstochter von Anſehen. Wir verſprachen, uns zu jeder Zeit vor Gericht zu ſtellen, und erhielten die Erlaubniß, Sibyllen nach Hauſe zu bringen. Man verſchaffte uns einen Wa⸗ gen. Die übrigen Arreſtanten, die vorgebliche Moh⸗ rinn und ihre Geſellſchaft, ingleichen einer unſerer Bedienten mit verſchiedenen, ſchon längſt verdächtig geweſenen Perſonen, wurden in das Stadtgefäng⸗ niß abgeführt. Ich und mein wackerer Däne, Dem ich wahr⸗ ſcheinlich mein und Sibyllens Leben verdankte, brach⸗ ten die noch immer ganz Troſtloſe gegen Morgen zu ihrem Vater, den wir eben mit ſeiner Hausehre bey dem heftigſten, in thätliche Mißhandlungen aus⸗ brechenden Wortwechſel antrafen. Er beſchuldig⸗ te ſie der Verkuppelung ſeines Kindes, und glich einem Wüthenden. Sein Zorn ging in die lauteſte Freude über, als er Sibyllen wieder in ſeine Arme ſchloß. Wir riethen ihm, vor allen Dingen für ihre 180 Geſundheik zu ſorgen, und verſprachen, ihm alle nur denkbare Genugthuung zu verſchaffen. Nun begaben mir uns jeder in ſeine Wohnung. Ich fand einen Wundarzt mit Verbindung des Prin⸗ zen beſchäftigt.—„Wie ſoll ich Sie nennen, Prinz!“ — rief ich, da ich dieß gewahr ward, mit nicht mehr zurückgehaltenem Unwillen. „Sorgen Sie für ſich ſelbſt, elender Heuch⸗ ler!“— erwiederte er nicht weniger heftig—„man wird Sie entlarven!“— Sein Blut ſchien zu kochen. 4„Kommen Sie zu ſich ſelbſt!“— verſetzte ich mit innerem Kampf, und begab mich, um mich nicht zu vergeſſen, auf mein Zimmer. Da es vollends Morgen war, ſorgte ich auf das angelegentlichſte für ſeine Wiederherſtellung, ohne doch mehrere Tage lang auch nur ein Wort mit ihm zu wechſeln. Er war in drey Finger der rechten Hand ziemlich bedeutend, und ohne Zweifel von mir ſelbſt verwundet. Auch der Graf Ludwig hat⸗ te, wahrſcheinlich von ſeinem eigenen Bruder, eine derbe Schmarre davon getragen. Ich begab mich am Vormittag der Aſchermitt⸗ woche zu dem Director der Polizey, entdeckte ihm, daß auch der Prinz gewiſſer Maßen in den Handel verwickelt ſey, und bath daher, unter Bezehung auf den**erniſchen Geſandten in Paris, um mög⸗ lichſt geheime Fortſetzung der Unterſuchung. Er ver⸗ ſprach dieß, und gab mir zugleich die angenehme 8 181 Nachricht, daß man auch Della Spina, NRamiro und die edle Venetianerinn, eben da ſie, um zu entfliehen, in die Poſtkaleſche ſtiegen, in Arreſt ge⸗ nommen habe. Er hatte die größte Hoffnung, auch den übrigen Verbündeten und dem ganzen, wie es ſchien, gedoppelten Complott völlig auf die Spur zu kommen. Dieſe Erwartung ging ſehr bald in Erfüllung. Allerdings kreutzten ſich zwey Schurkenſtreiche, nähm⸗ lich eine beabſichtigte Prellerey und eine Entfüh⸗ rung. Ich will verſuchen, die Hauptfäden dieſes Gewirrs in Gemäßheit der geführten Unterſuchung und anderer mir bekannt gewordener Umſtände ein wenig zu entwickeln. Die Erziehung des Prinzen**rn‚n war von ſei⸗ ner Kindheit an recht dazu geeignet, um ihn bey reifern Jahren jedem Betrieger, jeder verſchmitzten Buhlerinn, in die Hände zu liefern. Er war unter Weibern und Mönchen aufgewachſen, von erſtern geſchmeichelt und geliebkost, von letztein mit Aber⸗ glauben reichlich erfüllt, von ſeiner Mutter nicht bloß verzogen, ſondern faſt vergöttert. Als ſein Va⸗ ter ein ſtrengeres Augenmerk richtete, war es zu ſpät, die begangenen Fehler ſu verbeſſern; alle verderbliche Leidenſchaften waren ſchon zu tief eingewurzelt, um ihnen einen Damm entgegen zu ſetzen, und wäre dieß auch möglich geweſen, ſo wür⸗ * 1 de doch die Fürſtinn Lrerda es verhindert haben, da ſie den angebetheten Liebling, wenn er nur irgend einen Wunſch äußerte, insgeheim mit den bedeutend⸗ ſten Summen unterſtützte. Zeitig genug hatten dieſe Lage der Dinge, Spie⸗ ler, Schwarzkünſtler und andere desſelben Gelich⸗ ters ausgeforſcht. Unter dieſen befand ſich auch Del⸗ la Spina und Ramiro, die aber, als Meiſter ihres Gewerbs, ſich nicht mit dem Wenigen zu begnügen gedachten, was ſie dem Prinzen, ohne in die Hand der Gerechtigkeit zu fallen, im falſchen Spiele ab⸗ gewinnen konnten. Sie begegneten ſich anfänglich in Verſuchen, den Prinzen auf eine oder die ande⸗ re Art auszuplündern; doch ſehr bald ſahen ſie ein, daß dieſe Nebenbuhlerey beyden nachtheilig werde, und fanden daher für gut, ſich zu vereinigen. Es war, da ſie mit dem Prinzen in Bekannt⸗ ſchaft traten, auf einen Plan abgeſehen, wie man ihn kängere Zeit hindurch in ſeiner Gewalt haben, oder, was dasſelbe galt, ihm von Zeit zu Zeit die anſehnlichſten Summen abnöthigen könne. Die Gauner kannten aber ſeine frühern Ausſchweifungen zu gut, um nicht zu wiſſen, daß theils ſeine Sinn⸗ lichkeit ſchon zu abgeſtumpft, theils ſeine Erfahrung dooch ſchon zu groß ſey, um ihn durch irgend eine ſchlaue Schöne, beſäße ſie auch die ſeltenſten Reitze, zu ſehr reichlichen Aufopferungen zu vermögen. Sol⸗ chergeſtalt mußte von dem Gewöhnlichen abgegan — 183 en, es mußte ein feineres, weiter umgreifendes Retz ausgeworſen werden! Dem vorgeblichen Spanier und Genueſer recht zur gelegenen Zeit langte daher die ſogenannte Uzel⸗ le aus Italien an, eine Abenteurerinn, die mit dem glänzendſten Erfolge ſchon verſchiedene Rollen ge⸗ ſpielt hatte. Ibre Schönheit war in der That be⸗ wunderungswürdig, und wurde nur von ihrer Liſt übertroſſen. Als einen kleinen Beweis hievon neh⸗ me man vorläufig an, daß die Zauberint auch in Straßburg während des Fortganges der Unterſu⸗ chung eine obrigkeitliche Perſon zu feſſeln wußte. Noch ehe ſie ihr Urtheil empfing, war ſie auf eine unerklärliche Art aus dem Gefängniſſe verſchwunden. Kaum hatte ſich das auserwählte Kleeblatt zu⸗ ſammengefunden, als die ſchlaue Buhlerinn einen Plan in Vorſchlag brachte, der allgemeinen Bey⸗ fall erhielt. Sie hatte ganz vor kurzem bey einem abgelebten italieniſchen Biſchof faſt eine ähnliche Betriegerey ausgeführt, und wenigſtens eine ſehr glänzende Garderobe mit davon gebracht. Der Haupt⸗ entwurf beſtand in nichts geringern, als den Prin⸗ zen mit einer verdammten Seele in eine Liebſchaft zu verwickeln, und ihn ſo zu umſtellen, daß er ſich bereitwillig finden laſſe, für deren Erlöſung nach und nach ungeheure Summen aufzuwenden. Die, geößten Theils ſtumme Rolle des Teufels übernahm Della Spina, weil dieſer, ſchon genauer mit dem Prinzen bekannt, leichter zu entdecken geweſen wä⸗ 5.. 1 184 re; der ehrwuͤrdige Pilger vom Berge Libanon, der das Erlöſungswerk der armen Seele übernehmen ſollte, fand an Don Ramiro einen um ſo treffli⸗ chern Schauſpieler, da dieſer, als ein entlaufener Kloſtergeiſtlicher, auf Beſchwörungen und derglei⸗ chen Fratzen ſich völlig verſtand. Es fehlte nun nichts weiter, als der Sultans⸗ tochter ein anſtändiges Gefolge zu verſchaffen. Eine Kupplerinn, die eine Art von Geſellſchaftsdame vorſtellen konnte, war leicht ausſindig zu machen. Ein niedliches Zöſchen, um des Prinzen Sinnlich⸗ keit ſchon im voraus außzureitzen, die ſogenannte Zaide, verſchaffte Ramiro. Die Kleine war gerade weder zu klug, noch zu einfältig, übrigens zu ih⸗ rer Rolle um ſo geſchickter, da ſie einige Zeit über als ſchöne Afrikanerinn bey einer herumziehenden Seiltänzergeſellſchaft zum Lockvogel gedient hatte. So kam man denn in kurzem in Ordnung, nnd alles wäre fein genug angelegt geweſen, wenn nur die ſpielenden Frauenzimmer nicht zuweilen mehr auf ihren eigenen, als auf den allgemeinen Nutzen gedacht hätten. In der That gelangte in Marſeille nur die Mohrinn zu barer Vergeltung ihrer man⸗ cherley treuen Dienſte, und die Durchlauchtige Uzel⸗ le, außer einigen Juwelen und Stoffen, zu einer Unterſchrift, welche noch ſpäterhin als ein Wechſel von bedeutendem Betrag, dem Prinzen vorgelegt ward. Doch eben, da der ehrwürdige Pilger einen Hauptſtreich anzulegen gedachte, kam die Obrigkeit 185 der ganzen edlen Compagnie auf die Spur, und nöthigte ſie, Marſeille bey Nacht und Nebel zu ver⸗ laſſen. 4 Ob ſie den Prinzen nicht ſogleich wieder aus⸗ ſindig machen konnten? ob meine Dazwiſchenkunft ſie vorſichtig machte... der plötzliche Tod meines Vorgängers erregte allerdings Bedenklichkeit, ob ſich ſchon nichts beweiſen ließ... oder ob ſie ſich nicht eher, als in Straßburg, wieder zuſammen fanden? kann ich nicht entſcheiden. Die Prinzeſſinn und Mohrinn waren allerdings in Lyon dem Prin⸗ zen auf der Spur geweſen; aber erſt bey dem Mas⸗ kenballe, bey welchem man des Prinzen Gegenwart ohne mich erkundſchaftet hatte, war alles wieder im Gange, um den, das erſte Mahl verunglückten Ver⸗ ſuch zu wiederhohlen. Ramiro und Della Spina wurden bey Fort⸗ ſetzung der Unterſuchung zu vieler Verbrechen über⸗ führt, um nicht zur Brandmarkung und ewiger Ket⸗ tenſtrafe verurtheilt zu werden. Die Negerinn, die gleich bey der erſten Vernehmung ſo weiß, als ir⸗ gend eine Franzöſinn, erſchienen war, diente eine Zeit lang zur Zierde des Spinnhauſes, und beſaß, wie man ſpäterhin erzählt hat, nach ihrer Entlaſ⸗ ſung noch Reitze genug, um einen Mann mit ganz artigem Vermögen zu angeln, dem ſie, dieſen Schritt zu bereuen, auch keine Veranlaſſung gegeben ha⸗ ben ſoll. Einfacher, aber, wegen der darein verwickelten Perſonen, mir freylich auch um ſo unangenehmer, war die Entführungsgeſchichte. Der Prinz hatte nach meiner Vorſtellung ſeine Hoffnungen auf Si⸗ byllen nicht im mindeſten aufgegeben, ſondern ſei⸗ ne Pläne nur um ſo mehr zu verheimlichen geſucht. Verſchiedene Annäherungen an ſie ſelbſt waren miß⸗ lungen, allein deſto mehr geglückt waren die Ver⸗ ſuche auf ihre Stiefmutter. Dieſe, durch die Artig⸗ keiten und Geſchenke des Prinzen ganz zu ſeinem Vortheil gewonnen, verſprach um ſo lieber, Sibyl⸗ ten in ſeine Hände zu liefern, je mehr ſie dieſe von je her haßte, und in ihr nur eine Beobachterinn ih⸗ res eigenen laſterhaften Wandels zu erblicken glaub⸗ te. Wie ſehr war ſie daher erfreut, als ſie von dem, ſo unſchuldigen Verhältniß, das zwiſchen mir und Sibyllen Statt fand, etwas ausſpürte; mit welcher boshaften Freude hinterbrachte ſie dem Prinzen die Nachricht, daß das, was man ihm ſtandhaft ver⸗ weigere, ſeinem Hofmeiſter im volleſten Maße zu Theil werde! Der Prinz gerieth bey dieſer Entdeckung, die er ganz nach ſeiner Art auslegte, in die heftigſte Wallung. Meine Vorhaltung und die Geſchichte mit dem Bande ſchienen ihm nun erſt erklärt. Er wuß⸗ te nicht, ſollte er den Zufall verwünſchen, oder dar⸗ über jauchzen; auf jeden Fall aber glaubte er ſich nun von allen Banden gelöst, und beſchloß, Si⸗ byllenz, mit Gute oder mit Gewalt, in ſeine Hän⸗ 1857 de zu bekommen. Er eröffnete dieſen Plan ſeinem vertrauten Freunde, dem ältern Grafen O. und er⸗ hielt von dieſem das Verſprechen der kräftigſten Mitwirkung. Es mußte nunmehr eine Gelegenheit erdacht werden, Sibyllen aus dem väterlichen Hauſe, wel⸗ ches ſie nur ſelten verließ, zu entfernen und ohne Aufſehen auf die Seite zu bringen. Der Masken⸗ tanz ſchien dieſe zu gewähren. Ein Vetter der Wir⸗ thinn, oder deutlicher zu reden, ihr Galan, mußte ſich erbiethen, Mutter und Tochter auf den Ball zu führen. Man rechnete hierbey auf Sibyllens ju⸗ gendliche Neugier, weil dieſe noch nie bey einem ſol⸗ chen Feſte geweſen war. Aber man hatte ſich geirrt. Sie verweigerte anfänglich ſtandhaft das Mitgehen. Nur als die Mutter mit erheuchelter Vorſorge dem Vater zu Gemüthe führte, das Mädchen komme ja nicht an das Tageslicht und müſſe wohl am Ende krank werden; nur als der ſchwache Alte Sibyllen befahl, der Mutter zu gehorchen, entſchloß ſich die⸗ ſe endlich dazu. Nebenbey,— geſtand mir die Hol⸗ de ſpäterhin,— ſey ſie doch auch neugierig geweſen, ob ich auf dem Balle zu treffen ſeyn werde; und wahrlich, ſie war zu gut, um dieß gegen mich bloß als Beſchönigung zu gebrauchen! 3 3 Kaum erſchien Sibylle mit Mutter und Vetter auf dem Saale, als ſich einige, dem Anſcheine nach vornehme Damen zu ihnen geſellten; dieß waren Freundinnen des ältern Grafen O. unter Aufſicht 138 einer bejahrten Matrone, zu welcher man auch Si⸗ byllen, wenigſtens dieſe Nacht über, zu bringen ge⸗ dachte. Einige Herren kamen bald darauf hinzu, worunter ſie mit großem Erſchrecken auch den Prin⸗ zen entdeckte; ja, man hatte ſogar den Verſuch ge⸗ macht, Sibyllen etwas Betäubendes in das Ge⸗ tränk zu miſchen, was aber nur in geringem Grade gelang, weil das gute Mädchen aus Angſtlichkeit faſt gar nichts genoß. Erſt gegen Morgen war die Mutter zu bewe⸗ gen geweſen, den Saal zu verlaſſen. Als ſie heraus⸗ traten, blieb der Vetter und die Mutter etwas zu⸗ rück, und Sibylle wurde von den beyden Vermumm⸗ ten nach dem Wagen geſchleppt, in welchem die drey Freundinnen des Grafen Ludwig ſie erwarteten. Nicht bloß der begünſtigte Diener des Prinzen, ſondern auch noch zwei Andere von unſerm Gefolge, waren theils in dieſen Entführungsplan mit verwi⸗ ckelt, und ſtanden theils im Solde Ramiro's und Della Spina's. Ich habe— ſagt mein Urvater, ans Ziel ei⸗ lend— dieſe unangenehmen Dinge vorausgeſchickt, um mich nun mit deſto erleichterterm Herzen dem frohen Ende zu nähern. Ich beſuchte Sibyllen noch am Aſchermittwoche und dann öfter, was um ſo leichter geſchehen konnte, da der ſie zärtlich liebende Vater die böſe Stiefmutter gänzlich aus dem Hau⸗ 189 ſe entfernt, und mich, den er für den Retter ſei⸗ ner Tochter anſah, außerordentlich lieb gewonnen hatte. Die holde Sibylle bezeigte mir nicht minder ihre Dankbarkeit auf jede nur denkbare Art, und würde ſich von der Unpäßlichkeit, in welche dieſer Vorfall ſie verſetzt hatte, weit früher erhohlt haben, wäre es möglich geweſen, ihr zartes Gefühl über den erlittenen Schimpf zu beruhigen. So große Mühe ich mir auch gab, ſo ſiel es doch ſchwer, ſie anderen Sinnes zu machen.—„Was habe ich ver⸗ brochen,“— ſagte ſie immer—„daß mir dieß be⸗ gegnen mußte? Wer wird es glauben, daß ich un⸗ ſchuldig dabey war? Was kann man von einer Jungfrau halten, bey der man ſich ſo etwas er⸗ laubte?“. Dieß tiefe Gefühl, ich kann wohl ſagen, felbſt die Bläſſe ihres Geſichts, machte ſie in meinen Au⸗ gen nur noch liebenswürdiger, und da unſere Heim⸗ reiſe ohnedieß herannahete, ich auch dann ſogleich auf meine Anſtellung rechnen konnte, ſo faßte ich den Entſchluß, Sibyllen meine ernſtlichen Abſichten auf ihre Hand bey der erſten Gelegenheit zu entde⸗ cken. Ich fragte ſie daher eines Mittags, obich dies ſen Abend wiederkommen dürfe, um etwas ſehr Ernſtliches mit ihr und ihrem Vater zu beſprechen? Es dünkte mich ein ſehr gutes Zeichen, daß ſie bey dieſer Frage auf ein Mahl recht ſchön erröthe⸗ 19°*. te und mir, obwohl mit niedergeſchlagenen Augen, ein freundliches Ja ertheilte. „W zerden Sie mir auch dieſen Abend eine gleich erwünſchte Antwort geben?— fragte ich, und drückte zum erſten Mahl ihre Hand an meine Lip⸗ pen.—„Gott!— antwortete ſie tief erſchüttert— „wie fragen Sie ſondexbar 2“ Sie legte ihre Hand auf meine Achſel, wollte mir in die Augen ſehen, vermochte es nicht, und eilte nach der Thüre. Ich erhaſchte ſie noch bey der Hand.„Werden Sie nicht?“— wiederhohlte ich inniger. „Wir werden ja ſehen!“— verſetzte ſie ſanft lächelnd, und zwey der klarſten Perlen rollten über ihre Wangen. Sie entwand ſich mir nicht, als ich es wagte, dieſe ſchönen Verrätherinnen wegzuküſſen. Daß ich mich nun am Abend wieder einfand; daß ich von Vater und Tochter ein freundliches Ja⸗ wort davon trug, daß ich in einem halben Jahr meine ſchöne Straßburgerinn heimhohlte... darf ich dir, werther Urenkel, dieß wohl noch des Brei⸗ tern erzählen? Das Hochzeitgeſchenk. Orro von D— kehrte, obwohl er vier Jahr auf Reiſen, und die zwey leuten davon in der üppigen Hauptſtadt Frankreichs verlebt hatte, als ein jun⸗ ger Mann von kraftigem Körper und Geiſt nach Teutſchland zurück, Sein heller, durch Erfahrung geſchärfter Blick ließ ihn ſehr bald die Fehler ent⸗ decken, wodurch, waͤhrend der letzten Kränklichkeit, vorzüglich aber nach dem Tode ſeines Vaters, die Familiengüter in Unordnung gerathen und ziemlich verſchuldet worden waren; ſeine Thätigkeit, von eigenen und fremden Kenntniſſen unterſtützt, brach⸗ te es in kurzem dahin, daß von dem Ertr age der ziemlich mrzoer Beſitzungen, nicht nur die rückſtändigen Zinſen gehörig entrichtet, ſondern auch die erborgten Capitale nach und nach bezahlt wer⸗ den konnten. Nun erſt, da er der Zukunft ruhi g entgegenſah⸗ hielt er es für Zeit, ſich eine Geſährtinn zu erwäh⸗ len, die ihm die Freuden des Lebens mit freundit⸗ chem Blick würze, die Laſten desſelben durch treut . Unterh. Bibl. 2. Jahrg. 4. B. J 4* 8 26. * — 194 Theilnahme erleichtere. Er hatte Adelheid, des Oberforſtmeiſters von 3— jüngere Tochter, als ein aufblühendes, hoffnungsvolles Mädchen von vierzehn Jahren verlaſſen; als eine gebildete, mit allen Reitzen jugendlicher Unſchuld geſchmuckte Jung⸗ frau fand er ſie wieder, und ſchon die, bey einer ſtarken Anzahl Kinder, beſchränkten Vermögens⸗ umſtände ihrer Altern, ſchon ihr eigenes Erröthen, 6 beym erſten Wiederſehen, würden ihn keine abſchlägi⸗ ge Antwort haben fürchten laſſen, wäre er auch in jeder andern Hinſicht en weniger willkommener Eidam und Bräutigam geweſen, als er in der That war.— 3 Geſegnet von Vater und Mutter, von den ver⸗ eiratheten Schweſtern unter Wehmuth und Freu⸗ de lieblich geſchmückt, von den beyderſeitigen Un⸗ terthanen im eigentlichſten Sinne faſt auf den Hän⸗ ddeen getragen, ging Adelheid an ſeiner Seite über Blumen zum ländlichen Altar, und es hätte der ge⸗ haltvollen Traurede des alten Pfarrers, ihres ehe⸗ mahligen Lehrers, nicht bedurft, um das auf ewig bindende Ja durch ihre Thränen zu verſchönern. Das Hochzeitmahl war ganz dem Herkommen gemäß, gan eines ſolchen Brautpaars würdig ver⸗ anſtaltet. Nur die nächſten Verwandten, und der würdige Pfarrer mit ſeinem ſtillbeſcheidenen Weib⸗ chen, ſaßen in dem⸗ mit ſtattlichen Geweihen ver⸗ zierten Saale zur Taſel; aber unten, auf dem von Linden beſchatteten Vorplatze des Schloſſes, ſpeis⸗ — „— 195 ten, unter Oberaufſicht des Schulmeiſters, die Borſteher, die Hausväter und die alten Auszügler beyder, nun befreundeten Gemeinden, indeß die Weiber, die jungen Burſche, die Mädchen und Kin⸗ der im ſchönſten Sonntagsſchmuck ungeduldig auf den Augenblick harrten, wo auch ihnen vergönnt ſeyn werde, an der Perrlichkeit des Feſtes Theil zu nehmen. Der biedere Oberforſtmeiſter, der nach ſeiner alten Gewohnheit den Pfarrer erſt ein wenig ge⸗ reitzt, aber ihm dann auch zur Verſöhnung wacker die Hand geſchüttelt hatte, fand endlich den Über⸗ gang von der vierten zur fünften Flaſche doch be⸗ denklich, und gab dadurch das, von den übrigen Gäſten ſchon ſeit einer Stunde herbeygewünſchter Zeichen zum Aufbruche. Der Brautkranz ward nun die Beute des älteſten Brautbruders, eines bärti⸗ gen Huſarenrittmeiſters, und in demſelben Augen⸗ blick ſprangen ſchnell die bey der Tafel aufwarten⸗ den Trompeter an die Fenſter, um die jetzt freyer aufathmende Weiberſchaft und Jugend aus ihrem verhaßten Hinterhalte zu befreyen. Alle Gäſte, die junge Frau, nun mit einem ſchnell herzugebrachten ſittſamen Häubchen bedeckt, in der Mitte, kamen auf den Lindenplatz; unter Vortritt der Dorfmuſtkanten überreichten die Bäue⸗ rinnen eine Wiege und ſelbſtgeſponnenes, feines Kinderzeug, die jungen Burſche ein ſchönes Füllen und. Wkerg eräͤthſchaften, die Mädchen ein ſchnee⸗ & 196 weißes Lämmchen, die Kinder Tauben und Blumen. Adelheid gab allen ſchweigend die Hand. Otto ſprach wenige, aber ans Herz dringende Worte, und for⸗ derte am Schluſſe die ganze Verſammlung im Nah⸗ men des Brautvaters zum frohen Mahle und Tan⸗ ze bis in die ſpäte Nacht auf, wozu auch ſogleich Anſtalt getroffen wurde. Schon erklangen Geigen und Pfeifen luſtig un⸗ ter den bluhenden Linden; ſchon hatte Otto und Adelheid, wiewohl vergeblich, den Verſuch gemacht, ſich vor dem lauten Getümmel in der Gartenlaube freundliche Stille zu flüchten; ſchon wurden die Lam⸗ pen des Tanzplatzes angezündet; als ein fremder, ziemlich dürftig gekleideter Livreebedienter mit un⸗ verſtändlichem Geſchrey und Fluchen einen Trupp der ländlichen Gäſte um ſich verſammelte. Auch ei⸗ nige der Vornehmern ſtreckten ihre Hälſe über den lachenden, lärmenden Kreis; aber alles, was man aus dem gebrochenen Deutſch des mit Händen und Füßen geſticulirenden Volksredners zuſammenſetzen konnte, beſtand darin, daß hinter dem Tannenbüſch⸗ chen ein verwünſchtes Hinterrad morſch entzwey ge⸗ brochen ſey, und ſein guter alter Herr nun heute nicht weiter könne.— „Ey was Rad! was weiter reiſen fagte der alte Oberforſtmeiſter, um zu zeigen, daß er auch noch ſeine Worke zu ſetzen wiſſe, und klopfte, ſich ſelbſt applaudirend, mit den Fingern auf das ſtro⸗ tzende Jagd⸗Kuppel—„Hente mü ſſen alle Rä⸗ —— 197 der in Stücken gehen; heute ſoll niemand weiter! Komm, mein Sohn, und führe mich zu deinem Herrn!“ Jung und Alt, den gravitätiſch einherſchreiten⸗ den Oberforſtmeiſter an der Spitze, ſetzten ſich als⸗ bald nach dem Wäldchen in Bewegung. Hier lehn⸗ te ein leichtes, mit einem Dach von gemahlter Wachsleinwand verſehenes Wägelchen an einer jun⸗ gen Tanne, und ſchien mit dem ſeitwärts gebeug⸗ ten Obertheil recht flehentlich um Mitleid zu bit⸗ ten; die Speichen des Rades waren nach dem Ur⸗ theil der ſachverſtändigen Schirrmeiſter recht wie mit einer Axt zerſplittert; eine lange, hagere Geſtalt, im einfachen blauen Überrock, deren beyde Arme das Chiragra zu ſeinem Wohnplatze erwählt zu ha⸗ ben ſchien, deren linkes Auge mit einem ſchwarzen⸗ Tuche verbunden war, hielt mit finſterer Miene das magere, eben nicht zum Ausreißen geſchaffene Röß⸗ lein. Kaum hätte der fremde alte Herr den herbey⸗ eilenden Haufen bemerkt, als er ſich mit vieler Ar⸗ tigkeit, doch auch mit leider! ſehr geläuſiger fran⸗ zöſiſcher Zunge, an den Anführer wandte; allein obſchon der Oberforſtmeiſter ſein ganzes ehemahliges Hof⸗Franzöſiſch ſtotternd hervorſuchte, ſo gelang es ihm doch nur mit Mühe, den Alten zu verſtän⸗ digen, daß er heute durchaus nicht weiter dürfe, ſondern einen Hochzeitgaſt abgeben müſee. „Derr fremde Papa nahm dieß, weil er ohne⸗ dem ſehr ermüdet, und die Straße in dieſem Lande auch ganz execrabel ſey, mit verbindlichem Dank an, ließ ſich von ſeinem Sancho ſogleich Reiſehut und Stiefeln ein wenig abſtäuben, und öffnete, da das Ausziehen mit vieler Schwierigkeit verbunden ſchien, ſeinen Überrock, aus welchem eine Art von Uniform beſcheiden hervorguckte. So ausgerüſtet, doch von nun an ziemlich wortkaxg, ſetzte er ſich mit Hülfe eines tüchtigen Krückenſtocks an der Seite des Brautvaters in Marſch, bey welcher Gelegenheit denn zugleich wahrzunehmen ſtand, daß auch der linke Fuß nicht vollkommen mobil, doch der Hin⸗ kende in dieſer Kunſt nicht ein bloßer Dilettant, ſon⸗ dern ein wahrhaftiger Virtuos ſey. Kaum war man, unter dem lauten Jubel der Dorfjugend, wieder zu den Linden gelangt, als der alte Franzos dem Brautpaar vorgeſtellt zu werden verlangte. Er ſtattete dem Bräutigam nur ganz kurz in geradebrechtem Deutſch ſeinen Glückwunſch ab: der Braut hingegen küßte ex mit vieler Galanterie, ja ſogar mit einer ſichtbar werdenden wohlgefälli⸗ gen Rührung, die Hand, und ſagte ihr halb leiſe auf Franzöſiſch viele, recht ausgeſuchte Schmeiches leyen, die ihr jedoch, ſeines fremden Organs we⸗ gen, größten Theils verloren gingen. Alles eilte nach dieſer Unterbrechung wieder raſch zum Tanz und zum Spiel; Otto, an dem der Frem⸗ de wenig Behagen zu finden ſchien, wußte ihm ſei⸗ ne Braut bald genug zu entführen: man ſah es für ſehr natürlich an, daß der ſteife und ermüdete alte —,— — 199 Papa, der ſich vor der Hand nichts als Bisquit und Limonade ausbath, eine Bank unter einer allein ſte⸗ henden Linde zu ſeinem Ruheſitzchen erkor, und ſich von aller Geſellſchaft, die ihn, und die er nicht verſtand, möglichſt entfernt hielt. Nur erſt, da die Zeit zur Abendtafel herannahte, ſtellte man Be⸗ rathſchlagung an, ob man wohl dem Fremden eine Marſchallstafel decken laſſen dürfe; was jedoch, da er ſich durchgängig als einen Mann vom beſten Tone gezeigt hatte, als unſchicklich verworfen ward. Auch fand der Alte die Einladung zur Tafel ganz in der Ordnung, hinkte mit möglichſtem Anſtand nach dem Eßſaal, und pflanzte ſich ſogar mit nicht geringer Gewandtheit, einem jungen Lieutenant recht zum Trotz, zwiſchen deſſen ſchöne Couſinen, zwey der volleſten und kerngeſundeſten Landfräuleins, die aber kein Wort Franzöſiſch verſtanden. Die heiterſte Fröhlichkeit bemeiſterte ſich aufs neue aller Herzen; niemand bekümmerte ſich um den alten Franzoſen, deſſen einziges Auge den jungen Nachbarinnen bey jeder ſchicklichen Gelegenheit ſehr verbindliche Dinge ſagte; jeder ſprach und ſcherzte laut oder leiſe, wie es ihm gut dünkte, und nur da richteten ſich ſchnell alle Augen„ach dem Brautpaa⸗ re, als ein aufwartender Bedienter dem Bräutigam ein wohl verſiegeltes Kiſtchen überreichte, das ſo eben ein Bothe gebracht habe. Die ganze Geſellſchaft, einen Scherz vermu⸗ thend, beſtand auf alsbaldiger Eröffnung. Otto * 200 und Adelheid durchſchnitten eilig Stränge, erbra⸗ chen Siegel, rüttelten am Deckel; der Bediente mußte Hammer und Zange herbeybringen, und als man durch die faſt zahlloſen Hüllen endlich zu dem Inhalte gelangte, erhob Otto einen einfachen, aus Holz geſchnitzten Becher mit der Inſchrift: Présent de noces du gueux. „Jaques!— rief Otto tief gerührt mit leuch⸗ tenden Augen, und küßte den Becher; mit neugieri⸗ gen, zärtlich fragenden Blicken ſah Adelheid den Ge⸗ liebten an, und ließ ſich die Inſchrift zeigen; doch kaum hatte ſie den Becher gefaßt und ihn, da er wegen ſeiner unvermutheten Schwere ihre Hand nie⸗ derzog, etwas ſtark auf den Tiſch geſetzt, als der Boden herausging, und man auf einem roſenfar⸗ benen Kiſſen zwey brillantene Armbänder vom ſchön⸗ ſten Feuer und neueſten Geſchmack erblickte. Auf den Atlaß waren die Worte geſtickt: A la belle épouse de mon ami. Man kann ſich denken, welche Aufmerkſamkeit, welche Reugier von allen Seiten entſtand; die ge⸗ ſammten Gäſte erhoben ſich von den Stühlen, nur dder fremde Papa blieb mit beynahe beleidigender Kälte ſitzen und ſahß mit dem Juge ſpöttiſcher Ver⸗ achtung auf ſeinen Teller. Otto, deſſen vorgefaßter Widerwille gegen den Fremden dadurch verdoppelt ward, maß ihn mit den Augen, und ließ ſich nun von ſeiner ſchönen Br aut und den übngen Gäſten . 3 9 —,—— ———,— —— . 201 um ſo leichter erbitten, den Zuſammenhang zu er⸗ klären. „»Ja, meine Herren!“— ſing er mit ſchöner Wallung an, indem er zuweilen ſtrafende Blicke auf den Fremden ſchoß und die Hauptſtellen, gleich⸗ ſam in usum delphini, alsbald ins Franzöſiſche üͤberſetzte—„ja, meine Freunde und Freundinnen! ein Bettler— Jaques iſt der Nahme des Edlen— iſt mein innigſter Freund, iſt— um Ihnen mit we⸗ nig Worten Alles zu ſagen— der Retter meines Le⸗ bens! Mag ich immer vor Ihnen mich eines ju⸗ gendlichen Leichtſinns anſchuldigen müſſen; ich ſcheue dieſe Erniedrigung nicht, um dem wackern Jaques nach Würden zu lohnen, deſſen Hochzeitgeſchenk mir ſtets das theuerſte von allen, und meiner Adelheid in meinen Augen ſtets der koſtbarſte Schmuck ſeyn wird!“. „»So darf ich auch heute ihn tragen?“— frag⸗ te die holde Jungfrau mit ſchwimmenden Augen, und ſchnell wanderten die Armbänder von dem ro⸗ ſigen auf den weißen Atlaß ihres Arms. Otto fuhr mit einem Blick, in dem alle Seligkeit der Liebe verſchmolzen war, nach kurzer Pauſe fort: „Während meines Aufenthalts in Paris führte mich mein Weg faſt jeden Tag über Pant-neuf. Dort, jederzeit in einem und demſelben Pfeiler, ſaß ein Bettler, den man, ungeachtet er kaum fünfzig Jahre alt ſchien, ſchon ſeit dreyßig Jahren dort ge⸗ ſehen hatte und durchgängig den alten Jaques nann⸗ 202 te. Auch mich, wie alle Vorübergehende, ſprach er um eine Gabe an. Nicht aus irgend einem beſondern Mitleid, ſondern um mich nicht aufzuhalten, und weil mir ſein Weſen gefiel, warf ich ihm jedes Mahl, wenn ich ihn ſah, einen Sou in den Hut. Dieß ward mir und ihm mit der Zeit zur Gewohnheit, ſo oft ich vorbeyging, fuhr ich wie von ſelbſt in die Ta⸗ ſche, obwohl, wenn ich es auch unterlaſſen hätte, er mich ſchwerlich erinnert haben würde. Er wünſchte mir immer— ich kann wohl ſagen, auf eine recht vernünftige Weiſe— alles mögliche Gute, verkün⸗ digte mir zuweilen die Neuigkeiten des Tages, warute mich ſogar dann und wann; kurz, wir ſtanden nach einem halben Jahre faſt in dem Ver⸗ hältniſſe von guten Bekannten, die ſich zwar an Stande ungleich, an gegenſeitiger Zuneigung aber gleich ſind.“. „Mein Aufenthalt zu Paris verſtrich mir ſehr augenehm, ich darf auch ſagen, nicht ohne Nutzen. Ich lebte ſo anſtändig, als es meine Einkünfte ver⸗ ſtatteten, aber nie verſchwenderiſch, nur kurz vor meiner Abreiſe ward ich in den Umgang mit einigen jungen Leuten verwickelt, und durch ſie, ſo ſehr ich mich bis dahin davor gehütet hatte, erſt zum kleinen, bald auch zum größern Spiel verleitet. Meine Vernunft ſagte mir, an welchem Abgrunde, ich ſtehe; allein mißverſtandenes Ehrgefühl, die Hoff⸗ nung, meinen Verluſt zu gewinnen, ein unzeitiges Vertrauen gegen meine Geſellſchafter, und mein 1 203 leichter Sinn, der nur zu oft alles im ſchönſten Lichte erblickte, ließen mich dennoch die Gefahr nicht vermeiden. Meine ſogenannten Freunde waren we⸗ niger eigennützig, als ich geglaubt hatte; ich war in kurzem theils ihnen, theils dem Wirth des Hotels, dreyhundert Louis’dor ſchuldig.“ „Unruhiger, als ſonſt, ſah ich jetzt der Ankunft meiner Wechſel entgegen, mit dem feſten Entſchluß, meine Schulden ſogleich abzutragen und meine Rück⸗ reiſe anzutreten. Die Wochſel blieben aus; ich mußte zu Wucherern meine Zuflucht nehmen, und gerieth täglich tiefer in Verfall. Immer muthloſer, immer ſinſterer und ſtiller, ging ich nun bey Jaques vorüber; ſein feſt auf mich gerichteter Blick ſchlug mich nur noch mehr zu Boden; ich machte mich gewöhnlich ſo ſchnell von ihm los, als es nur anging.“. „Endlich kamen Briefe aus der Heimath, aber ſie enthielten, ſtatt der gehofften Anweiſungen, wo⸗ mit ich wenigſtens das Nöthigſte zu decken hoffte, die Nachricht von dem Tode meines Vaters und von der Unmöglichkeit, anjetzt ein mehreres, als hundert Louisd'or Reiſegeld, zu überſenden.“ »Wahrlich, zu viel ſtürmte jetzt zugleich auf mich los! Der Tod meines guten Vaters verſetzte mich in tiefe Traurigkeit; die erſt jetzt mir bekannt gewordene verſchuldete Lage der Güter nahm mir alle Ausſicht für die Zukunft; der Gedanke, hier— in einem fremden Lande, wo ich keinem mich anver⸗ trauen mochte, Schulden zu haben, die ichenicht befriedigen konnte, der Gedanke, daß man mich für einen Betrieger halten und mit Arreſt verfolgen werde, meine Ehre, meina, ſehr unedlen Menſchen Preis gegebene Ehre, brachte mich zur Verzweif⸗ lung. Je länger ich nachſann, deſto mehr ver⸗ 3 ſinſterte ſich alles vor mir; je länger ich auf Ret⸗ tungsmittel dachte, deſto unmöglicher ſchien mir die Rettung.“ „Mit einer faſt an Wahnſinn gränzenden Me⸗ lancholie, mit Entſchlüſſen, die nur die Verzweif⸗ lung hervorbringen kann, ging ich eines Morgens, nachdem ich meine Schriften verbrannt und alles, ſo weit möglich, in Ordnung gebracht hatte, mit 3 haſtigen Schritten über den Pont-ne uf. Jaques ſtellte ſich mir, zudringlicher, als je, in den Weg. Ich wo Ulte ihn nicht ſehen.“ „Ein Wort, mein Herr!*— ſagte er im flehend⸗ ſten Tone, und hielt mich zurück. „Laß mich, guter alter Jaques!— antworkere ich mit erzwungener Ruhe, die von dem Tone meiner Stimme Lügen geſtraft ward—„ich— habe heut Alles weggegeben! 2 4 Er hatte mich beſſer verſtanden, als meine Ab⸗ ſicht war.—„Bey allem, was heilig iſt, lieber, jun⸗ ger Herr!“— ſagte er ernſt—„vertrauen Sie mir, was Ihnen fehlt!** 3 „Wozu kann das führen 25— verſetzte ich kalt— Du wirſt mir nicht helfen!“ * 84 205 „Wer weiß! Sprechen Sie nur, mein Herr! Ich kann nicht ruhen, bis ich weiß, was Sie ſo ver⸗ ändert hat!“ 3 „Hm!“— antwortete ich mit Spott— „lumpige, vier hundert Louisd'or waren das im Stande!“* „Vierhundert! Gut! trefflich! Ich leihe ſie Ihnen!“ „Du, Jaques?— Guter Alter, heut' haſt du doch wohl getrunken!“— verſetzte ich ſpöttiſch. „Bemühen Sie ſich dieſen Abend zu mir, und bis dahin— ich beſchwöre Sie— unternehmen Sie nichts!“ »Seine theilnehmende Miene, die Feſtigkeit, womit er dieß ſagte, und der Gedanke, daß ja zu Vollführung meines Vorſatzes jeder Augenblick ge⸗ icet ſey, bewogen mich, den Ausgang abz uwar⸗ ten. Jaques nannte mir ſeine Wohnung in einer der entfernteſten Vorſtädte, und ich gab ihm endlich mein Ehrenwort, ihn mit einbrechendem Abende zu beſuchen.“ 3 „Nichts hoffend, aber auch nichts mehr fürch⸗ tend, erſchien ich des Abends in dem bezeichneten Hauſe. Ich ſand Jaques in einem kleinen, doch ſehr reinlichen Zimmer, das, wenn gleich mit ſichtlicher Snoſapteite doch recht nett und artig verziert war. Er ſelbſt trug jetzt einen anſtändigen Hausrock, und huumi freundlich entgegen.“ Sehen Sie alles, was Sie hier ſinden, fur ————nnnͤ 206 das Ihrige an!“— redete er mich beym Empfang an—„Ich habe weder Kinder noch Verwandte; für mich und meine Haushälterinn langt das, was ich täglich an milden Gaben erhalte.“ „Sie können leicht denken, lieben Freunde, daß zch in meiner damahligen Lage kaum wußte, ſollte ich den Mann für einen zunzeitigen Spaßma⸗ cher, oder für verrückt halten. Doch ſehr bald über⸗ zeugte er mich eines andern. Indem er mich bath, mich einiger aufgetragenen Erfriſchungen zu bedie⸗ nen, hob er unter der Diele einen gewichtigen Topf hervor und ſetzte ihn mit immer ſich gleich bleiben⸗ der Freundlichkeit, gleichſam zum Deſert, auf den Tiſch.“—„Langen Sie zu, mein Herr!“— ſagte er mit aufblitzender Freude in ſeinen ſonſt finſtern Augen—„Hierin ſind gegen fünfhundert Stück vollwichtige Louisd'or: alles, was ich an ba⸗ rem Gelde beſitze! Sollten Sie mehr brauchen, ſo—— „Er nahm bey dieſen Worten den Deckel vom Topfe; denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich das Gefäß in der That faſt bis zum Nande mit Goldſtü⸗ cken angefüllt ſah.“ „Verkennen Sie mich nicht!“— fing mein ehr⸗ licher Jaques wieder an—„Ich bin kein gemeiner Bettler, der das Handwerk aus Hang zum Mü⸗ ßiggehen treibt und Dürftigern die fromme Gabe der Mitleidigen ſtiehlt. Ich bin von edler, doch ar⸗ mer Geburt, und ward, früh verwaist, in meinem —,— 207 ſechzehnten Jahre Soldat. Ich diente unter dem Marſchall von Sachſen; ob würdig eines ſolchen Feldherrn, darüber ſpreche dieß Zeugniß!'— Er zeigte mir einen Ludwigsorden, der, ſauber in Pa⸗ pier gewickelt, auf den Goldſtücken lag.—„In mei⸗ nem zwanzigſten Jahre“— fuhr er fort—„nahm mir eine Kugel den rechten Arm; ich erhielt meinen Abſchied und— war nun mir ſelbſt überlaſſen! Eine Kunſt, ſelbſt ein Handwerk, hatte ich nie er⸗ lernt; auch würde der Mangel des Arms mir ſchwerlich erlaubt haben, meinen Unterhalt durch ir⸗ gend eine andere Anſtrengung zu erwerben. Ich ver⸗ ſuchte mit meiner Linken das Schreiben; es wollte nicht ſo glücken, daß ich davon leben konnte. Eine Krankheit, in welche ich aus Schwermuth verfiel, und hinterdrein— eine Art von Trotz, machten mich zum Bettler. Meine Jugend und mein Gebrechen gewannen mir mehr Mitleid, als ich erwartet hak⸗ te. Ich erwarb bald nicht nur mein tägliches ſpar⸗ ſames Auskommen, ſondern legte auch etwas zu⸗ rück. Da ich mir auf den Fall der Krankheit einen Nothpfennig geſammelt hatte, kam ich auf den Gedanken, das Übrige in Lotterien zu legen. Auch hier wandte mir das Glück ſeine Gunſt zu; ich gewann mehrere Mahl, wenn gleich nicht auf einmahl etwas Beträchtliches. Ich ſah dieß als einen Wink der Vorſicht an, ihr Verwalter zu werden. Ich unterſtützte meine, in ihrem Gewer⸗ be weniger glücklichen Elendsgefährten, und er⸗ langte dadurch zwar ein gewiſſes Anſehen unter ih⸗ nen, aber keine uneigennützige Zuneigung. Dieß that mir weh. Ich fing an, mich noch weit mehr einzuſchränken, als vorher. Ein Fündlingskind ward das meinige. Ich ließ den Knaben bis in ſein ſechzehn⸗ tes Jahr erziehen und unterrichten; da fand ſich ein Parlamentsadvorat, der mich überzeugte, daß er nähere Rechte an ihn habe, und den Jüngling in ſeine Dienſte nahm. Dieſer ſelbſt— o Frangçois! François! wie viel Thränen haſt du mir ausge⸗ preßt!— Er dünkte ſich bald zu vornehm, um nur dann und wann zu mir zu kommen. An dem nähm⸗ lichen Tage, da Sie nirr das erſte Mahl ein Almo⸗ ſen gaben, ging er, als kennte er mich nicht, vor mir vorüber, und— ſchämte ſich meiner, meiner, der udch jetzt für ihn bettelte!—„Er bedarf mei⸗ ner nicht!“— ſagte ich zur mir ſelbſt, und ſeine unnatürliche That trieb alles Blut nach meinem Herzen—„Du, allmächtiges Weſen! gib mir ei⸗ nen andern Sohn!— Kaum hatte ich dieß Gebeth geſprochen, als Sie über die Brücke kamen, und mir mit den freundlichſten Augen eine Gabe in den Hut warfen!“ Otto war bis zu Thränen gerührt, und muß⸗ te eine Pauſe machen. Adelheid, in ſchöner Ver⸗ geſſenheit, drückte ſeine Hand an die hochwallende Bruſt. Otto begann von neuem:„Sie werden ſich nicht meiner ſchämen“— fuhr mein guter Jaques — 209 ſanft fort—„Sie ſind ungluͤcklich jetzt— machen Sie dem alten Bettler die Freude, ſich von ihm helfen zu laſſen!“ „Sie können leicht vermuthen, wie mir in die⸗ ſem Augenblicke zu Muthe war. Die wunderbare Schickung der Vorſehung, der edle, ich möchte faſt ſagen, himmliſche Blick des Alten, meine ſchreckli⸗ che Lage— ich bedachte mich keinen Augenblick, ſein großmüthiges Erbiethen anzunehmen. Mein Vorſatz, ihm die Urſache meiner jetzigen drückenden Lage zu geſtehen, war ſehr zwecklos: er hatte insgeheim ſehr genaue Aufſicht über mich geführt; faſt alles war ihm ſchon bekannt!* „»Ich ließ mir vierhundert Louisd'or von ihm abzählen: ich bath um Feder und Dinte, ein Be⸗ kenntniß darüber auszuſtellen. Allein hiervon woll⸗ te der Alte nichts hören.—„Kränken Sie mich nicht— nehmen Sie, nehmen Sie, mein Herr!9 — ſagte er mit vor Freuden ſchimmernden Au⸗ gen—„Sie werden mich nicht hintergehen; und ſterben Sie, ſo— bezahlen Sie dort! Ich brauche nur wenig— und als Sohn ſind Sie nun doch ein⸗ mahl vom Himmel mir zugeſandt, Sie mögen auch wollen, oder nicht! Ich bin, bey Gott! ein Ehren⸗ mann, und den geheimen Gedanken, ich ſey ihr Va⸗ ter, können Sie mir doch nicht nehmen!“ 3 „Ja, Vater! Netter und Vater!“— ſagte ich weinend und ſtürzte in ſeine Arme—„Einen gab 2 mir die Natur, und da ich ihn verlor, gab mir der Himmel einen zweyten!“ „Erſt ſpät in der Nacht verließ ich die Hütte des wackern Jaques; die Sterne ſchienen mein Ent⸗ zücken zu theilen, und zum erſten Mahl wieder ſank der Schlaf auf meine Augenlieder.“ „ Sobald es Tag wurde, bezahlte ich zur allge⸗ meinen Verwunderung alle meine Gläubiger in den ſchönſten, blankſten Goldſtücken, feyerte bey mei⸗ nem Bettler noch ein von ihm angeſtelltes Abſchieds⸗ feſt unter Zweyen, und machte mich eilends auf die Rückreiſe. Gewiß wäre es nach meiner Ankunft maein erſtes Geſchäft geweſen, dem edlen Darleiher ſofort meine Schuld zu erſtatten; allein, da er beym Abſchiede ausdrücklich von mir verlangte, daß ich dieß zum Beweis meines Vertrauens wenigſtens vor Jahresfriſt nicht thun dürfe; ſo mußte ich da⸗ mit billig bis ganz vor kurzem anſtehen, wo ich denn auch ihm, den ich ſtets für meinen Vater und Ret⸗ ter mit dankbarem Herzen erkennen werde, mein bevorſtehendes Glück im Beſitz meiner Adelheid, und den Tag unſerer Verbindung zugleich meldete.“ „Auch mein Vater ſey er!“— unterbrach Adel⸗ heid den Geliebten, und füllte den hölzernen Becher mit den köſtlichſten Tropfen—„Hoch leben meine edlen Väter, Oberforſtmeiſter von 3= und Bettler Jaques in Paris!) Die ganze Geſellſchaft war ergrifen„ und ſchwang freudig die Gläſer;; nur der Framde Biie „ „. — 8 211 noch immer gleichgültig, ſchob ſeinen Stuhl zurück und ſtand mit einem Geſicht, auf dem ungefähr: Viel Lärmen um einen Bettler! in verzerrten Buch⸗ ſtaben zu leſen war, haſtig auf. „Aber, mein Herr! Sie mißbrauchen das Recht der Gaſtfreundſchaft!“— donnerte Otto, der jetzt ſeine ganze Faſſung verlor, und ſtürzte auf den ſich ihm nähernden Fremden— „Mon ami! ah mon fils!“— erwiederte der Al⸗ te, der auf ein Mahl recht ordentlich gehen konnte und das Tuch von dem ſehr hellſehenden linken Au⸗ ge abriß, mit dem zärtlichſten Ausdruck—„O mein Herr! Sie haben mich nicht verläugnet— o meine ſchöne Braut, Sie haben mich Vater genannt!— Rur davon wollte ich mich überzeugen; nur darum wagte ich dieſe weite Reiſe und ließ die Radſpeichen in Stücken hauen—— Er konnte nicht weiter ſprechen. Otto, Adel⸗ heid, der biedere Oberforſtmeiſter, alle Gäſte be⸗ ſtürmten ihn mit Lobſprüchen und Umarmungen; der dankbare Otto nannte, ſeine Adelheid küſſend, dieſen Augenblick den ſchönſten ſeines Lebens. „Laßt mich denn die wenigen Tage noch bey zeuch verleben!“— ſagte der Alte, und zog mit der Linken ein Papier aus dem Buſen, indeß alle An⸗ weſende nunmehr die rechte Hand für ſehr täuſchend aus Wachs geformt erkannten—„Hier, mein Sohn, ſind Fhre Anweiſungen zurück. Zur Laſt werde ich Söne nie fallen; ich ziehe jährlich zwoͤlfhundert 11²2. Liores Renten. Geben Sie mir ein hübſches Stüb⸗ chen in Ihrem Gartenhauſe, oder wo ſonſt ein ehr⸗ licher Bettler den Tod freundlich erwarten kann, und — einſt ein Grab neben Ihrem Erbbegräbniß!“ Alle Anweſende, groß und gering, reichten ſich ſtill bewegt die Hände. Jaques d'Avry ſchlummert in der Familiengruft zu D— neben Adel⸗ heid und Otto. Der Holzbecher und ſeine Geſchich⸗ te wird no⸗ jetzt im Archiy des Geſchlechts als ein Kleinod bewahrt. J. Jung gefreyy. „ II. Das MNünſter.. III. Verirrungen der Leidenſchaft. IV. Das prinzen Band.. V. Das Hochzeitgeſchenk.. 8 ——————— ſſinſſinnſi 10 11 EEE 8 9 Dnnänandnaſnam 12 13 14 15 16 17