deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur I Epduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bir pfangnahme und Rückgabe der Bücher 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Lem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 1 3. õGaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d zibiothek ſteht zur Em⸗ jeden Tag von Morgens * wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. a⸗ und Zurü 5— Ir CA»). Jridrich Ninds 7 ☛ 9 3— aus Cewechlteser zchlumoen. +‿. — . e, e Ausgewählte Erz aàhlungen von Fridrich Kind. Drittes Baͤndchen. 3 1. Das ſchoͤne Eismaͤdchen. MAWarrTATN Unterhalt. Biblioth. 12. B. U * 1 Die Eishütte. „Haben ſie die Eremitage ſchon beſucht?2— fragte mich Freund B. kurz nach meiner Ankunft am Brunnen zu***—„Richt? Nun ſo kommen ſie gleich mit. So lange ſie das ſchoͤne Eis⸗ maͤdchen nicht geſehen haben ſind ſie ein Fremd⸗ 8 ling fuͤr die hieſige feine Welt.⸗. 3 Er nahm meinen Arm, und fuͤhrte mich nach einer von Platanen, Akazien und Wallnußbaͤu⸗ men freundlich beſchatteten Wieſe. Hier ſtieg ein Tempel leicht empor, erbant von Birken nnd bedeckt mit Nohr; 4 Doch roſ'ge Scherze tanzten anf der Schwelle, geführt vom loſen Cypripor; 3 3 denn wißt, ein Prieſterinnenchor, im Morgenhut, verhuͤllt von neid⸗ ſchem Flor, wie man's nur ſelten ſieht, umringte die Eapelle. In ſchoͤnen Gruppen foßen, auf Divans; auf dem Raſen, orinnen mild und ſproͤde, 8 Stiftsfraͤuleins, frey und bloͤde, Agneſen, Elegante, und Nichtchen bey der Tante. Die laͤſterte des Walzers wilden Sprung, doch einen Tanz gelobte kluͤſternd jene; man pries Bellinchen mit Begeiſterung, man meiſterte den Wallenſtein der Scene, hier liebelte ein junges Ehepaar, das ſich allein der ganze Erdkreis war; dort ſchmachtete ein einſam Kind verſtohlen, als truͤg's zum Imitiren Luſt; hier wogte, nur befrey't vom tiefen Athemholen, durch Scharlachhuͤllen eine weiße Bruſt; dort flammte, ſeiner Macht bewußt, aus Noſenſchnee ein Auge, ſchwarz wie Kohlen; kurz, wer es ſah, das liebliche Gewuͤhl, 1 der fand den Schatten nicht mehr kuͤhl! Das Innere der, ſeße mit Unrecht alſo ge⸗ 5 nannten Einſiedeley, die auch, weil Gefror⸗ nes dort verkauft wurde, ſchlechtweg die Eishuͤtte nicht unwerth. Das himmelblaue Stuͤbchen war mit Blumenſchnuͤren, Thyrſusſtaͤben und Masken fluͤchtig, doch niedlich genug ausgemahlt. In einer Art Laube blinkten Trinkgeſchirre vom feinſten Parzellan und geſchliffenem Kriſtall. In der Mitte aber, auf einer blendendweiß bedeckten Tafel, hieß, zeigte ſich ſeiner gefaͤlligen Umgebungen 82 5 ſtanden, gleichſam des winterhaften Ramens ſpottend— 4 Ihr ſaht ja wohl an Galerienwaͤnden manch' lockend Bild von ſchoͤpferiſcher Hand, wo Lenz und Herbſt die Freoler ſollten pfaͤnden, die ſolchen Raub dem Goͤtterpark entwandt; ſaht roͤthlich⸗weiße Glockenbluͤthen, mit Ichor Hiaeynths geſtreift; Blutnelken, die um blaſſe Lilien gluͤhten; Aurikeln, ſilberweiß bereift; Levkoyen, Feuermohn und Roſen, auf welchen Thau des Morgens glaͤnzt, „ und, von der Feige Blatt umkraͤnzt, den Pfirſich neben Aprikoſen, und Nanken, wo, vom Licht durchſtrahlt, an falbem, roͤthlich braunem Laube, der Sonne Blick die ſanftgeſchwellte Traube mit goldnem Grüͤn und Veilchenfarbe mahlte. und, von der Strickerinn Pomone im Retz gefangen, die Melone— kurz Alles, womit die Mignon's und De 6 Heem's, die Friederichinnen und auch du, armer, zu ſpaͤt erkannter Wellerl luͤſterne Augen, Naſen und Gaumen zum Genuß einla⸗ den, wenigſtens Alles, was davon zwiſchen Korn-⸗ eente und Weinleſe gepfluͤgt und gebrochen wird, 6 and hier in Vaſen, Weidenkoͤrbchen und Scha⸗ len ſo reizend, wie auf den ſchoͤnſten Blumen⸗ und Fruchtſtuͤcken, von niedlichen Fingern ge⸗ ordnet. 2. Zwey Hebe's und eine Urania. Doch weit mehr, als dieſe lebloſen Lieblinge der Narur, hatten die Bewohnerinnen des kleinen Feentempels die Einbildungskraft in irgend ein entlegenes Paradies verſetzen koͤnnen. Zwar will ich die im Hintergrunde ſtrickende Dame vom Hauſe gar nicht in Anſchlag bringen; denn dieſe, ſo reinlich gekleidet und freundlich ſie auch immer ſeyn mochte, war freylich— eine Sechzigerinn! Ich will auch auf die beyden huͤbſchen Kinder 6— in Miederlaͤndiſchem Geſchmack, welche bedientan, abwohl die liebende Ratur an dieſen. ſich nirgends karg und boͤsgelaunt ertwieſen; obwohl bey Nettchen ſchwarz, bey Nant⸗ chen nuß farb Haar in'’s Retizill geſchlagen war; obwohl die Schelmenaugen ſah'n und ſiegten; obwohl am knapp verhuͤllenden Gewand das Auge nirgends Faͤltchen fand; ob auf des ſchaͤferlichen Mieders Nanzt 4 das ſelbſt dem ſchoͤnſten Fruchtkorb glich, ſich gleich die Liebesgoͤtter wiegten, und bandbeſetzte Roͤckchen ſich um fein gedrehte Fuͤßchen ſchmiegten, kein beſonderes Gewicht ſetzen. Allein dagegen ſey mir auch geſtattet, eine Raphaeliſche Him⸗ melsgeſtalt, deutlicher zu reden, eine ſchlanke Blondine von bezaubernder Huld geltend zu ma⸗ chen. Dieſe ſchien die Seele des Ganzen, und wuͤrde in ihrer Schweizeriſchen, nur noch mehr als bey jenen credenzenden Hebe's, veredelten Schaͤfertracht, ſelbſt den erbittertſten Weiberfeind an ihren Triumphwagen gekettet haben. „Micht mahr 29— feßgte mrin Freund, als ſie zum erſten Mahl die großen, ſchmachtenden Augen gegen uns aufſchlug—„vor dieſer Mund⸗ ſchenkinn muß ſich Liotard's Chocoladenmaͤd⸗ chen noch ein wenig verſtecken?“ „Der Tag ſey ſchoͤn, die Nacht erhaben!— fluͤſterte ich ihm improviſirend in's Ohr— „hat einſt ein Mann von hohen Gaben, vom heil'gen Dreyfuß uns gelehrt. Ach! haͤtt' er dieſen Blick geſehen, er wuͤrde ſeufzend eingeſtehen: Hier iſt der Fall wohl umgekehrt!* 8 . * 3⸗ Fanchon. Mein freundlicher Begleiter hatte kaum Li⸗ monade beſtellt, die uns das flinke Braͤunchen unter eine hohe Platane brachte, als er die Neugier, welche deutlich genug auf meinem Ge⸗ ſichte gezeichnet ſeyn mochte, zu befriedigen eilte. „Dieſe, jedes Herz an ſich ziehende Schoͤne,⸗ — fing er an—„die ſie hoffentlich nicht bloß an der Perlenſchnur an Haar und Arme fuͤr die Ge⸗ bietherinn erkannten, nennt ſich Fanchon, und gilt fuͤr die Tochter jener Altmutter. Die ganze Familie iſt vor kurzem, wie vom Himmel herab geſunken, hier zum Vorſchein gekommen, und ſchon ſpricht Alles, was auf Gefuͤhl und Geſchmack Anſpruch macht, mit Entzuͤcken von dem reizen⸗ den Eismaͤdchen!“— „Wahrlich, eine ſchlau berechnete Specula⸗ tion!“— erwiederte ich, von meiner vorigen Begeiſterung ein wenig abgekuͤhlt—„Kein Wun⸗ der, wenn die Neuheit, die Abenteuerlichkeit, die Romantik des Plans, dieſe verfuͤhreriſche Circe mit einem ganz eigenen Nimbus umgibt. Aber Schade, daß dieſe— ſo duͤnkt es mich ſelbſt — wahrhaft himmliſchen Reize“—— — + 7 4 9 „Sey keuſch wie Eis, ſey rein wie Schnee“— „Sie wiſſen ja, wie es weiter heißt?2— unter⸗ brach mich B. und drohte laͤchelnd mit dem Fin⸗ ger—„aber huͤten ſie ſich vor jedem entehrenden Argwohn! Schon haben vier der vornehmſten Cavaliere ſich Fanchons wegen herausgefordert, unter welchen ſelbſt Sir Arthur, der liebens⸗ wuͤrdige Sproͤßling des Herzogs von D. genannt wird.“— „Bravo! ſo iſt ihre Unſchuld erhaͤrtet!“— ſpoͤttelte ich boshaft, und konnte die Schaden⸗ freude nicht verbergen, auch meinen hageſtolzen Freund an Omphale's Spinnrocken zu finden. „Ihren Glauben an Frauenwuͤrde haͤtte ich für ſtaͤrker gehalten,»— verſetzte er, ohne ſich irren zu laſſen—„als daß ſie nach dem Scheine verdammen ſollten! Zwar empfangen manche der hier anweſenden Damen, durch den Aufgang dieſer Sonne verdunkelt, jeden Ankommling mit der Verſicherung, Fanchon werde von einem Gro⸗ ben unterhalten. Aber, waͤre dieß auch gegruͤndet, woran ſich noch ſehr zweifeln laͤßt, ſo muͤßte man doch die Liebenswuͤrdige gewiß nur fuͤr eine arme Verfuͤhrte, nicht fuͤr eine ſchlaue Verfuͤhrerinn halten. Ihre natuͤrliche, in dieſem Grade nie zu erkuͤnſtelnde Reinheit; ihr edles, ſtolzes, wuͤrde⸗ 8 volles Weſen, das bis jetzt ſelbſt die ühnſten Eroberer in den Schranken ehrerbietiger Entfe. e 10 3 aung hielt; die Eingezogenheit, in welcher ſie, dieſes aͤußern Wohlſtandes ungeachtet, ſichern Berichten nach lebt; ſelbſt ihr heller, oft Be⸗ wunderung erregender Verſtand, bey welchem ſie die Niedrigkeit einer Buhlerinn, auch unter den glaͤnzendſten Verhaͤltniſſen, unmoͤglich uͤber⸗ ſehen koͤnnte, buͤrgt mir fuͤr die Wahrheit dieſer Behauptung, und— wetten wir einen Cottai⸗ ſchen Goͤthel— die Leſewelt bekommt noch fruͤher oder ſpaͤter von ihnen, mein ſchwerglau⸗ biger Freund, eine deutſche Fanchon zu Geſicht?“* d— 4. Das Viſittenbillet. Ich habe, wie Figura zeiget, die Wette be⸗ zahlen muͤſſen; mag denn die Fortſetzung bewaͤh⸗ ren, ob ich den Verluſt mit guter oder uͤbler Laune ertrug. Ohne die leiſeſte Ahndung hiervon, ſchlug ich damahls herzhaft ein, und forderte den von ſeiner Lobrede faſt erſchoͤpften Erzaͤhler auf, voon Fanchon's geruͤhmten Talenten auch mir Un⸗ geweihten ein Proͤbchen mitzutheilen. „Das wird leicht ſeyn!“— fuhr er gefaßt fort—„Sie muͤſſen wiſſen, dieſe Fanchon, die ſie eine Ciree zu nennen beliebten, verdient eher den Nahmen einer Sibylle oder Muſe! Denn nicht bloß ihre Huldgoͤttinngeſtalt, nicht bloß ihre geiſt⸗ 4 21 vollen blauen Augen, nicht bloß ihre romanti⸗ ſchen Umgebungen, ſondern vorzüglich ihre nied⸗ lichen Verſe,— bald Epigramme, bald Chara⸗ den, bald Sonnette oder kleine Romanzen— welche ſie, unter Blumen und Fruͤchten verbor⸗ gen, in den Kauf gibt, und die nicht ſelten eine Art Wahrſagergeiſt zu verrathen ſcheinen, haben die Aufmerkſamkeit der Badegaͤſte auf ſie ge⸗ vichtet.“ Wir hatten die Limonadenbecher geleert, und die Zeit zur Mittagstafel nahte heran. Mein Freund ließ mich bemerken, daßz ſchon der ganze Platz unter den Baͤumen leer ſey; ich folgte ihm, doch nur gegen das Verſprechen, waͤhrend des Gehens in ſeiner Erzaͤhlung fort zu fahren. Bedauernd, daß ſein Gedaͤchtniß ſo untreu, und ſein Taſchenbuch nicht bey der Hand ſey, erzaͤhlte er mir nun einige Bade⸗ Aneecdoͤtchen in welchen Fanchon's Scharfblick und Dichterga⸗ be allerdings keine ganz alltaͤgliche Rolle ſpielte. Die neuvermaͤhlte Prinzeſſinn von H. hatte in einem Orangerie⸗Koͤrbchen eines der niedlichſten Wiegenlieder, der ehrwuͤrdige Veteran W. auf einem Erdbeertellerchen ein willkommenes Gaſtgeſchenk, dieſe Dame in einer Bonboniere eine, wie von ihrem heimlich beguͤnſtigten An⸗ beter berruͤhrende Liebeserklaͤrung, jene, die recht 12 artig zur Guitarre ſang, ein liebliches compo⸗ nirtes Balladchen gefunden. Immer geſpannter forderte ich B. auf, ſich doch auf eins dieſer Gedichtchen, waͤr' es auch noch ſo klein und unbedeutend, zu beſinnen. „w„Eben faͤllt mir eins bey,“— verſetzte er— das ich mehr als hundert Mahl wiederholen ge⸗ hoͤrt habe. Kaum wuͤrden ſie gerade dieſes der Sanftmuth unſerer Fanchon zutrauen!“ „Laſſen ſte hoͤren!“ „Sie wiſſen ja wohl, daß ſich auch der ſanfte Dichter. unter den Badegaͤſten befindet. Der berühmte Kritiker ℛ. war ſchon einige Wochen fruͤher hier eingetroffen. Dieſer hatte jenen einige Mahle aus ſeinem Hinterhalte angegriffen, X. aber, deſſen nicht achtend, oder auch inen Feind unterm Vifir nicht kennend, bey dem Herrn XX. wie bey andern hier befindlichen Gelehrten, ein Viſttenbillet abgeben laſſen. Dieſer papirenen Hoflichkeitsbezeigung nun uͤberhob ſich XX. in mehrern Geſellſchaften, als einer Art Bittſchrift um guͤnſtige Verſchonung; X. hingegen wuͤrdigte ihn nicht des Anſehens, geſchweige denn einer Entgegnung. Auf dieſe Weiſe ſchien die ganze Sa⸗ che vergeſſen, als X. ſich kurze Zeit darauf bey Fanchon einen Teller— die Verleumdung be⸗ hauptet, mit Stachelbeeren— kaufte. Da blickte denn unter den Weinhlaͤttern eine Karte hervor. »y —=—— — ᷣA— 1 — 13 X. im feſten Vertrauen, gleich dem edlen W. eine Lobpreiſung ſeiner we diegeze fillden, uͤber⸗ ließ das Blatt unbeſehen eine ame, die nun mit lauter Stimme vorlas: „R. an X N. Wie konnt' ich unterlaſſen, Dich, Mordax, zu beſuchen? Ich liebe, die mich haſſen, Und ſegne, die mir fluchen!* Nicht alle Hoͤrer waren hoͤflich genng, das La⸗ chen zu unterdruͤcken, und XX. hoͤrte von nun an, gleich Ariſtophaniſchem Froſchgekraͤchz, das fatale Mordax ſo oft in ſeinem Ruͤcken, daß er eines Morgens ohne Abſchied verſchwunden war, und bereits in einem oͤffentlichen Blatte die hieſigen Environs, noch mehr aber die Bade⸗ geſellſchaft, unter aller Kritik zu finden be⸗ liebt hat.“* 5 Der Pränumerantenſammler. Wir waren unter dieſem Geſpraͤche im Spei⸗ ſeſaale angelangt, wo ich an der Seite meines Freundes Platz nahm. Ich geſtehe gern, daß die reizende Fanchon durch dieſe fuͤr X. ausgeuͤbte Nache ein wenig in meiner Gunſt geſtiegen war. Aber, gleich als ſollte ich den Gedanken an dieß raͤthſelhafte Geſchoͤpf durchaus nicht wieder los werden, ſo lenkte ſich auch die Tiſchunterhaltung in kurzem auf das ſchoͤne Eismaͤdchen. Mehrere Anweſende prieſen mit ſonſt nicht eben gewoͤhn⸗ licher Beſcheidenheit ihre koͤrperlichen, andere ihre geiſtigen Vorzuͤge; einige recitirten Verſe von ihr. Ja, als man endlich zu dem fuͤr dieſen Abend angekuͤndigten Schauſpiel uͤbergehen wollte, wurde das eben erſt abgebrochene Thema durch Herumgabe einer gedruckten Ankuͤndigung aber⸗ mahls auf die Bahn gebracht. Ein gewiſſer Pſeudonymus— er mag hier Ludwig Thymian heiſſen— hatte zu Folge derſelben den Entſchluß gefaßt, zur angenehmen Erinnerung an die dießjaͤhrige Brunnenzeit und zum Beſten der Dichterinn, eine Sammlung ih⸗ rer kleinen, einzeln zerſtreuten Gedichte, unter dem Titel: Fanchon's Zugaben, zu veran⸗ ſtalten. Ihr Portraͤt, eine der ſchoͤnſten Anſich⸗ ten des Badeorts, und Muſikbeylagen ſollten das Buͤchlein zieren. Er erſuchte alle Freunde des Guten und Schoͤnen, ihm zu dieſem Behufe die etwa nur in ihrer Hand befindlichen Verſe des liebenswuͤrdigen Eismaͤdchens auf kurze Zeit zu uͤberlaſſen, und— nach Befinden zu praͤnu⸗ meriren, oder Praͤnumerationsgelder einzu⸗ ſammeln. 1 13 Dieſer Einfall ward von der ganzen Tafel⸗ runde mit ſeltener Bereitwilligkeit aufgenommen, und ein Ungefaͤhr fuͤgte es, daß man mich einſtim⸗ mig aufforderte, den mir nur dem Autornamen nach bekannten Herrn Thymian zu Ausführung ſeines Vorhabens zu ermuntern, und fuͤr ihn ſo⸗ wohl ſchriftliche, als klingende Beytraͤge anzu⸗ nehmen. 6. Ludwig Thymian. Ich konnte dem, fuͤr Fanchon wahrſcheinlich enthuſtaſtiſchen Sammler die Nachricht von dem gluͤcklichen Anfange ſeines Unternehmens unmoͤg⸗ lich lange vorenthalten. Noch an dem naͤhmlichen Nachmittage ſuchte ich das dießjaͤhrige Badege⸗ nie— dafuͤr hielt ich ihn— auf, und erfuhr zu meinem Leidweſen, daß er ſich nicht im Brun⸗ nenorte ſelbſt, ſondern auf einem benachbarten Dorfe angeſiedelt habe. Eben war die groͤßte Hitze voruͤber, und ich zu Antretung einer Wanderſchaft nach dem Doͤrf⸗ chen entſchloſſen, als ein Marqueur mich benach⸗ richrigte, Herr Thymian wandle auf einer Wieſe neben der Lindenallee. Ich ließ mir das nicht zwey Mahl ſagen, und exblickte einen leſenden jungen Mann an einen Baum gelehnt, vor dem, nicht bloß der Einbik⸗ dung nach, fonern in Wahrheit, ein allerliebſter Genins, halb in der Kappe, halb in Hoſen, ein Mittelding von Prieſt'rinn und Matroſen, das Flügelkleid geſchuͤrzt mit Roſen, ein Liebesgott von Kopf zu Fuß, mit einem Krauskopf, wie des loſen Copido's, wenn er bey Cylherens Kuß mit ſchalkhaft trotzigem Erboſen der ſchoͤnen Mutter droht mit ſeinem Schuß, ſich herumtrieb, um, gleich ſeinem himmliſchen Bruder auf Gemmen, einer unbeſorgt flattern den, auxorfarbenen Pſyche die kurze Lebensze zu verkuͤmmern. Herr Thymian achtete anfaͤnglich ſo wenig, als der kleine Wildfang, auf meine Anna ſchien jedoch, da ich nur noch zwanzig von ihm entfernt war, zu ſtutzen und im Begriff auszuweichen. Er winkte dem niedlichen Jaͤger zu ſich, und ſchlug den Weg ins Gebuͤſch ein. Ich ſpuͤrte nicht die mindeſte Luſt, wegen des im zu verkuͤndenden Evangeliums eine ander⸗ weite Apoſtelreiſe anzuſtellen, lud ihn daher zu mir ein, und machte ihn mit meinem Auftrage hekannt. 3 * 4 8 Jetzt, nur gezwungen, ſtand er mir Rede, und— breitete ſeine Arme gegen mich aus. Ich erkannte augenblicklich meinen fruͤheſten und lieb⸗ ſten, aber lang verſchollenen Jugendgeſpielen. „Du, Ludwig?“— rief ich ihm freudig zu— „und du mit Ludwig Thymian ein und derſelbe 28 Wir umarmten uns auf das innigſte, und er geſtand mir mit gutmuͤthiger Verlegenheit, daß er von meiner Ankunft gehoͤrt, auch mich jetzt erkannt habe; doch ſey ihm, er wiſſe ſelbſt nicht, vie? der Gedanke eingekommen, das Incognito noch fortzuſetzen, um mich morgen an der Quelle deſto unerwarteter zu uͤberraſchen! Seine Schick⸗ * ſale ſeit unſerer Trennung verſprach er mir bey gelegener Beit zu erzahlen, und feyre pinzu, Conſtanze, die herumſchwaͤrmende Kleine, ſey ſeine Schulerinn, deren Aeltern, eine adelige Fa⸗ milie aus Mecklenburg 3 er hier ſpäter 5der frů⸗ her erwarte. 4 . Nun beruͤhrte ich ſein literariſches Unterneh⸗ men und den Beyfall, den ich ihm im Ramen mehrerer Badegaͤſte zuſichern ſolle. Hoͤchlich uͤber dieſe Nachricht erfreut, dankte er mir aufs waͤrm⸗ 1 ſte, verſicherte aber zugleich, als ich ihn mit Fanchon neckte, ziemlich kaltbluͤtig, daß ihn keis naesweges eine Art leidenſchaftlicher Empfindung fuͤr die Dichterinn, ſondern nur der Wunſch, 18 Wohlwollen, das wohl Jeder bey ihrem Anblicke in ſich aufwallen fuͤhle, zu dieſer Sammlung veranlaſſe. So ſchieden wir nach einer ſehr frohen Stunde mit der gegenſeitigen Verſicherung, einander recht oft an der Wirthstafel und auf Spaziergaͤngen zu ſeben. *— 7. Der Beobachter in der Klemme. Gibt es wirklich Reminiscenzen eines fruͤ⸗ hern Daſeyns, oder verlieh die Natur manchem Geſichte das ſchoͤne Vorrecht, daß, wer es ein⸗ mahl erbriltre, feirn Züge, auch vyne roure Erinnerung, ohne Wunſch und Hoffnung, nim⸗ mer wieder vergißt; genug, ich fuͤhlte bald in meinem Buſen, daß wohl der Praͤnumeranten⸗ ſammler viel enthuſtaſtiſcher fuͤr die ſchoͤne Dich⸗ eerinn ſey, als der Herausgeber! So oft ich mir's auch beym Schlafengehen vorgeſagt hatte, die reizende Fanchon ſey doch nichts, als eine, nur recht verſchmitzte Lais; ſo hatte mich doch kaum die aufgehende Sonne in den wohlthaͤtigen Zu⸗ ſtand verſetzt, wo man den Schlaf fuͤhlt, als, von den Wölkchen Aurorens, wie mit einer Glorie, umgeben, 19 ein Heil'genbild, wohl werth, daß Engel es bedienen, in Hirtenkleidern eine Koͤniginn, der Liebe Zauber in Madonnenmienen, im Aug' Cytherens ſtiller Nonneuſinn, ein Himmelskind, wie Schillern einſt er⸗ ſchienen, als ihm des Geiſtes hoher Ruf erklang, und er die Himmelfahrt Johanna's ſang, kurz, als das Ideal der himmliſchen Blondinen, oder, um wieder auf die Erde zu kommen, das liebenswuͤrdige Eismaͤdchen, durch die Magie des Sommermorgentraums verklaͤrt, vor die Augen meines Geiſtes trat. Auch erſchrack ich ſo wenig voör dieſer Erſcheinung, daß ich ſie beym Früh⸗ ſtuͤck racht gern noch einmahl geſehen haͤtte, und heute— von Freund B. ſchon als ein eifriger Aprikoſenkaͤufer uͤberraſcht ward. Die, den Schriftſtellern unſers Jahrzehends angeborne Beſcheidenheit zwingt mich, mit Still⸗ ſchweigen zu uͤbergehen, ob auch mir aus der Urne dieſer ſchoͤnen Schickſalsgoͤttinn ein Loos zu Theil wurde; nur ſo viel beichte ich gern, daß ich mich mit Fanchon mehrere Mahle unterhielt, daß ihr Geiſt mich bald eben ſo anziehend dünkte, als ihre Geſtalt, und daß ich unter den vielen Beſuchern der Eisbude nicht eben der ſeltenſte war. Bald fuͤhlte ich mich von der Reinheit ibrer 20 Seele ſo feſt, als ihre eifrigſten Verehrer, uber⸗ zeugt, und haͤtte mich allenfalls eben ſo gut dar⸗ auf todt ſchlagen laſſen, als irgend einer vom hohen Adel, waͤr' ich nicht bald dakauf— doch 4 ich will der Erzaͤhlung nicht vorgreifen! 2 8. Das Abendlied. Seh'’ ich nicht auf lichten Bahnen himmelblauer Sterne Dreh'n? von Akazien, Platanen roſenfarb'ne Flaͤmmchen weh'n?— Lispeln nicht melodiſch Floͤten? 4 Tockt nicht ſchmelzender Geſang * ſelbſt die Frommen und die Spröden durch den düſtern Lindengang? Zauberiſche Nachtigallen floͤßen fanft're Triebe ein; weiße Nymphenchoͤre wallen durch die naͤchtlich dunklen Hallen nach dem lieblich milden Schein; wie im Garten von Armiden, wie im Hain der Hesperiden,„ ſeh' ich an ſmaragd'nem Gruͤn Fruͤchte, gold und feurig, gluͤh'n. Doch die Leſer erriethen es laͤngſt, daß von ei⸗ nem muſikaliſchen Abende bey Chineſiſcher Er⸗ 21 leuchtung die Nede iſt, und alles, was mir noch zu ſagen uͤbrig bleibt, beſteht darin, daß Sir Arthur, der ſchon oben erwaͤhnte Ritter fuͤr Fan⸗ chons Ehre, die ganze Badegeſellſchaft zu einem laͤndlichen Feſte eingeladen, und dieß— der Him⸗ mel mag wiſſen, warum— vor der Eishuͤtte veranſtaltet hatte. Der ſchoͤnſte Sommerabend beguͤnſtigte ſein gaſtfreundliches Vorhaben, und er ſelbſt ließ es an nichts mangeln, um durch die Ausfuͤhrung Ehre einzulegen. Guirlanden von Epheu und Jelaͤngerjelieber verbanden die Baͤume; niedlich geformte Laternen aller Farben verbreiteten ein magiſches Licht; Erfriſchungen aller Art waren in Luculliſchem lleberfluß angeſchafft. Was aber die zaͤrter fuͤhlenden weit mehr, als jenes, dem edlen Fremdling verdankten, war die Ohrenweide, fuͤr welche er mit ſeinem Kennerſinn geſorgt hatte. Denn nicht genug, daß ſich Floͤten und Wald⸗ hoͤrner abwechſelnd aus dem Gebuͤſche hoͤren lie⸗ ßen, ſo hatte Sir Arthur auch einige Virtuoſen zu dieſem Abende ausdruͤcklich verſchrieben, und die beliebteſten Theaterſaͤngerinnen der im Bade anweſenden Geſellſchaft zur Verherrlichung des⸗ ſelben eingeladen. Man wird leicht vermuthen, daß noch vor Sonnenuntergang der zahlreichſte Theil der ele⸗ ganten Badewelt vor Fanchon's Tempel verſam⸗ melt war, und daß auch ich nicht zuruͤck blieb. Schon ſchwebten die Anweſenden, weuigſtens ihrer Verſicherung nach, durch einige Opern⸗ Arien und Concerte empor gehoben, in hoͤhern Regionen, als Arthur die bis jetzt unſichtbar gebliebene, ſich weigernde Fanchon mit der fein⸗ ſten Artigkeit nach einem Seſſel fuͤhrte, und ſie mit feuriger Beredſamkeit an die Erfuͤllung ihres Verſprechens erinnerte. 6 Im Damenkreiſe verbreitete ſich augenblick⸗ lich eine auffallende Stille; die Juͤnglinge und Maͤnner aber preßten ihre Bewunderung nur in O! und Achs! vielleicht, weil die Meiſten durch ausfuͤhrlichere Herzensergießungen ihre Goͤttin⸗ nen zu erzuͤrnen fuͤrchteten. Wirklich bezauberte auch Fanchon heute mehr als jemahls! Sie hatte zu Ehren des Feſtes ihre romantiſche Schaͤfertracht mit einem einfachen griechiſchen Gewande vertauſcht; weiſſe Sanda⸗ len zogen das Auge auf das netteſte Fuͤßchen; der Knoten ihrer goldenen Flechten und die reine Stirne war zweyfach mit gruͤnen Zweigen um⸗ ſchlungen. Hoch erroͤthend und in der That verlegen, bat ſie nochmahls um Verſchonung; ihre kleinen Lieder, ihr Naturgeſang, meinte ſie, koͤnnten unter ſolchen Meiſtern, in einer ſo gewaͤhlten 23 Verſammlung, unmoͤglich gefallen; auch habe ſie ihre Laute nicht bey ſich, ohne welche ſie nicht zu ſingen gewohnt ſey. Bis hierher war ich mit dem ſchoͤnen Eis⸗ maͤdchen ziemlich zufrieden. Allein, faſt waͤr' ich verſucht worden, dieß alles fuͤr ein angelegtes Spiel zu halten, als Arthur, gleich als haͤtt' er dieſen Einwand vorgeſehen, ihr augenblicklich die koſtbarſte Guitarre, in Form einer Lyra, mit HPuldigenden Zlicken überreichte. Haͤtte die ſchoͤne Blonde nur nicht gar zu lieb, nur nicht gar zu ſehr wie ein leibhaftiger Unſchuldsengel vor mir geſeſſen, wahrlich, mein ganzes Mittrauen gegen ſie waͤre wieder geweckt worden. Sie ſchien etwas gereizt, nahm die Guitarre, und ſaß einen Augenblick nachdenkend, einer Muſe gleich, wenn die Begeiſterung naht, Dann ſtimmte ſie mit den niedlichen Fingern die Saiten, erhob ihre Augen nach der eben untergehenden Sonne, 4 und ſang, ohne von der erhabenen Scheidenden ihren Blick zu wenden, nach einer Melodie fol⸗ gende Strophen: „Fliehſt auf ewig du, o Milde! Wenn der Abend thaut, Von dem Erdgefilde, Wo nach deinem holden Bilde Lieb' und Sehnſucht ſchaut? Zu der Blume ſtillen Zaͤhren Kehrſt, nach duͤſtrer Racht, Du aus ſernen Sphaͤren, Troſt und Wonne zu gewaͤhren, In des Morgens Pracht. Schied'ſt du ewig, ſuͤßer Friede, Sel'ger Unſchuld Gluͤck? Kehrſt, was Reue biete, Selbſt im Tranm, im ſanften Liede, Nimmer mir zuruͤck? Aus der Hoffnung goldnen Raͤumen Winkt ein Freund, der Tod! Wie, nach ſchweren Traͤumen, Roſig hinter Bluͤthenbaͤumen Winkt das Morgenroth!) 9- Sin Handkuß. Der Eindruck, den dieſer Geſang auf ale Zuhoͤrer machte, war ſehr auffallend, und viel⸗ leicht um ſo tiefer, weil Inhalt und Melodie von den vorher geſungenen Arien nicht wenig abſta⸗ chen, und die Saͤngerinn dabey von dem innigſten Gefuͤhl, von der lebhafteſten Ruͤhrung ergriffen ward. Mir eil hir ſie jetzt als eine Harfnerinn des — 25 des Himmels, der zum Wiederaufſchweben nur die Fittige fehlten. Erſt nach einer langen Pauſe ertoͤnte die ge⸗ woͤhnliche, den Kuͤnſtler groͤßtentheils beſchaͤmen⸗ de Beyfallsbezeigung. Arthur dankte der Saͤnge⸗ rinn mit zaͤrtlicher Heftigkeit, und— abermahls haͤtte man ein fallendes Blatt hoͤren koͤnnen! Die Geſellſchaft ſchien ganz aus ihrer vori⸗ gen Lanne geriſſen, und um 2 uffindung einer neuen verlegen. Fanchon bemerkte dieß, und bat mit weicher Stimme um Verzeihung, daß ſie ger⸗ rade dieß Lied erwaͤhlt habe. Es falle ihr, ſagte ſie, die Augen niederſchlagend, alle Mahl von ſelbſt ein, wenn ſie ins Morgen⸗ oder Abendroth ſehe. Hierauf gab ſie die Guitarre dem Bedienten zu⸗ ruͤck, und entfernte ſich, ohne daß jemand, felbſt nicht der gedankenvoll uͤber ihren Seſſel gebeugte Arthur, ſie zuruͤckhielt. Nach und nach wurde es duͤſterer, und die Erleuchtung begann. Nun fing eine minder ernſt⸗ hafte Stimmung, bald wieder laute Freude, un⸗ ter der Verſammlung zu herrſchen an. Mir aber wollte es nicht gelingen, Fanchons Geſang zu vergeſſen, und die folgenden Muſteſtuͤcke fanden an mir einen untheilnehmenden Hoͤrer. Ich dachte mir— wahrlich, ich wußte keinen Grund davon anzugeben!— Fanchon ſelbſt als die Dichterinn jenes Liedes, und maß ihr, der Unterhalt. Biblioth. 12. B. B 26 Himmel weiß, welche Schuld bey, die ſie zu die⸗ ſer Wehmuth geſtimmt habe. Doch kann ich nicht ſagen, als haͤtte ihr dieß in meinem Herzen ge⸗ ſchadet.—„Iſt ſie ein gefallener Engel?2“— fragte ich mich immer ſelbſt—„waͤre es moͤglich, daß dieß reine Geſicht taͤuſchte?.. Und wenn ſie es waͤre!“— antwortete ich dann—„gefallen wie dieſe, iſt edler, als nie gefallen!“— Doch bey allen dieſen Selbſtgeſpraͤchen ließ ich aus guten Gruͤnden die Eishuͤtte nicht aus den Augen, und mußte— gegen zehn Uhr ge⸗ wahr werden, daß Arthur Fanchon nach einem eifrigen Geſpraͤche halb verſtohlen die Hand kuͤßte, ſeinen Ueberrock umwarf und verſchwand. Auch mir gefiel es nun nicht laͤnger in dem laͤrmenden, doch allgemach leerer werdenden Zir⸗ kel, und ich beſchloß, einen in mir aufwallenden geheimen Mißmuth nach beſtem Vermoͤgen aus⸗ zuſchlafen, 8 10. Mondſchein. Jedes gefuͤhlvolle Herz hat es gewiß einmal erfahren, welchen Eindruck es macht, wenn man aus lautem Geraͤuſche und heller Erleuchtung in 8 4 27 das einſam naͤchtliche Ge buͤſch, in das ſtille Mond⸗ licht tritt. Das Aug erhebt ſich, und die Fuͤlle der raſchen P. tlfe tritt zuruͤck; entfeſſelt von der Erdenhuͦ ahnt Pſyche u ſie hat vom fuͤhlt Fluͤgel an der Erde Graͤ und nied're Won ine, nied'res L was heil'ger Saͤnger Mund v der Hoffaung kü mit jener 2 ſind wir verbuͤnde und jegliches Geheimniß klar!— In der That kann ich nicht begreifen, wie man darauf kam, die Schatten der Abgeſ ſchwarzen Dunkel der laſſen; in der myſtiſ chiedenen im 1* Mondſchei wo Himmel und Erde, dießſeits und zenſene 13 zuſammenſchmelzen, wuͤrde ſelbſt der Unglaͤubig⸗ ſte eine aus dem unbe? kimten Lande zurückkeh⸗ rende Erſch heinung natuͤr finden, und wenig⸗ ſtens ich dann am erſten ein Sonntagsfind werden!— 3 3 Auch damahls regte ſich eine aͤhnliche Eme pfindung in mir. D as umer, in welches ich 8 2 28 zuruͤckkehren wollte, duͤnkte mich ein Kerker, und ich wuͤrde, durch das Helldunkel der Baͤume wan⸗ delnd, vielleicht noch lange in den Sphaͤren ge⸗ ſchwebt haben, haͤtte ich nicht, um eine Ecke lenkend, bemerkt, daß ich, wider alles Vermu⸗ then, hier nicht der einzige Nachtwandler ſey. Dieſe Entdeckung verſetzte mich augenblicklich wieder aus dem Himmel in das Bad zu***, und zwar um ſo leibhaftiger, weil ich unter ei⸗ nem nur halb niedergelaſſenen Schleyer, unter der Huͤlle eines ſchwarzſeidenen Mantels, die reitzendſte Mädchengeſtalt, mit einem Worte, Fanchon, gewahr ward. Wie ſtill, wie heilig, wallte ſie daher durch ſanfte Schatten, durch Selenens Meer! Die Göoͤttinn weilte, ſie zu ſehen, luͤſtern, und mancher junge Zephyr ſtahl** ſich aus dem Wald mit leiſem Fluͤſtern; der hob in Luna's Silberſtrahl der goldnen Loͤckchen leichte Ringe; ein and'rer faͤchelre mit ſilbergruͤner Schwinde das reinſte, weiß und roſige Oval. * Wie es mir armen Sterblichen erging, da ſelbſt groͤßere und kleinere Gottheiten in ſolche Unru⸗ 3 geriethen, bedarf keiner Anfuͤhrung. Nein, s war unmoͤglich, an dieſem Engel ſich irgend * einen irdiſchen Fehl zu denken! Zufrieden, ſie nur von fern erblickt zu haben, blieb ich ehrer⸗ bietig an der Waldecke ſtehen, um ſie meine Ge⸗ genwart nicht einmahl ahnden zu laſſen, als— aus dem entgegenſtehenden Birkenwaͤldchen ein dunkler Ueberrock heraustrat, in dem ich alsbald— Sir Arthur erkannte. Sie ſehen, und mit freudigem Ausrufe ihr entgegenfliegen, ihn ſehen, um die im Mond⸗ lichte nur noch blendenderen Arme nach ihm aus⸗ breiten, war Eins! Ich mußte einen Zuſchauer abgeben, wie ſie einander mehrmahls umarmten, und dann unter zaͤrtlichem Kofen eilig weiter gingen. Mein ganzes Syſtem von Engeln und Erzengeln war, wie ein Kartenhaus, uͤhber den Haufen geblaſen. Jetzt ſchien mir die Abendluft erſtaunlich feucht; ich bemerkte ſchon die Vor⸗ bothen des Schnupfens. Muͤrriſch eilte ich nach Hauſe, und warf mich unmuthig auf mein ein⸗ ſames, von demſelben Mond, der jener Unſchul⸗ digen leuchtete, freundlich umdaͤmmertes Bett. 11. Immer beſſer. Ich kann betheuern, daß auch nicht der ge⸗ ringſte Grad leidenſchaftlicher Neigung ſuͤr Fan⸗ .=. 2 8.——.2 laͤndiſchen Borons M. Dieſer, hieß es, beziehe 30 chon in meinem Herzen ſich vorfand, daß nur das reinſte, uneigennützigſte Wohlgefallen an Schoͤn eine, unter ſo mancherley Ge ausfindig gemacht z1 fuͤr ſie in mir erregt folgenden Morgen aͤ ſt verſtimmt; mein ho⸗ hes Ideal der Weiblichkeit war voͤllig ſeinen Him⸗ mein entfallen. Auch loste die Disharmoni 5 ts 1181 u†r 3 nur das meines Innern 3 ich am Quell die Reuigkeit erfuhr, der großherzige Auslaͤnder habe die Geſellſchaft um den Dank betrogen, und ſey mit Anbruch des Tages auf und davon gefahren. Man ktroͤſtete ſich uͤber ſeine Entſernung mit der noch heute zu erwartenden Ankunft des Lief⸗ E Arthurs Wohnung; er ſey, nach dem Bericht ſeiner Landsleute, zwar ſchon im Greiſenalter, und ſeit dem kurz hinter einander erfolgten Tode feiner beyden Kinder immer kraͤnklich, aber den⸗ noch liebe er die Geſellſchaft und veranſtalte oft kleine Feſte. Auch mir war dieſe Nachricht nicht ganz gleichguͤltig, doch bloß um deßwillen, weil ich mit dem Baron vor einigen Jahren in Brief⸗ wechſel geſtanden und ſeine edle Humanitaͤt ken⸗ 2 31 ₰ nen gelernt hatte. Es freute mich, nun auch ſeine perſoͤnliche Bekanntſchaft zu erlangen. Fuͤr jetzt ging ich, wie gewoͤhulich, nach der Eishuͤtte, mit dem feſten Vorſatze, die ſchoͤne Suͤnderinn dieß Mahl recht feſt ins Auge zu faſ⸗ ſen, und zu unterſuchen, ob nicht wenigſtens in einem Zuge ihres Geſichts Schuld, Reue, oder etwas Aehnliches zu entdecken ſey. Doch— nun ward mir und der ganzen feinern Welt Alles klar— auch Fanchon war mit ihrer Mutter in der vorigen Nacht aus dem Bade verſchwunden, und die Bruͤnette dirigirte von nun an, freylich mit abnehmendem Gluͤck, die Erfriſchungsanſtalt. 12. Baron M*** Ja! wahrlich, nun war fuͤr mich jedes Raͤth⸗ ſel geloͤſt, und gern haͤtte ich die Scham und Kraͤnkung uͤber jene Taͤuſchung durch bittere Spoͤttereyen an meinem Freund B. geraͤcht⸗ hätte ich nur niccht ſelbſt genug Werk am No⸗ cken gehabt! Ich verſchwor daher nur ganz ins⸗ geheim, jemahls wieder einer Unſchuldsmiene zu trauen, ſchiene ſie auch unmittelbar aus dem Himmel abzuſtammen, und brachte es bald da⸗ hin, Andere und mich ſelbſt mit unſerer Leicht⸗ 3² gläͤubigkeit gegen ein Paar ſchoͤne Augen auf⸗ zuzlehen. Die Ankunft des Barons M. verzog ſich um einige Tage; allein die Erwartung der Geſell⸗ ſchaft fand ſich in ihm faſt noch uͤbertroffen. Auch ich erlangte ſehr bald ſeine naͤhere Bekanntſchaft, und meine aus Briefen vorgefaßte Idee von ihm beſtätigre ſich vollkommen. Waren ſchon Spuren 5 des Kummers auf ſeinem ehrwuͤrdigen Geſichte zu leſen, ſo wurden ſie doch durch unbeſchreibli⸗ che Guͤte und ſanftſchwermuͤthige Freundlichteit gemildert. Sein Auge ſchien jedem Freude, kei⸗ nem die innern Leiden mittheilen zu wollen, und ſeine hohe Geiſtesbildung, der Schatz ſeiner Er⸗ fahrungen, die Schaͤrfe ſeines Witzes und das Gefällige ſeines Umganges verſchaffte ihm bald den Vorrang in den Kreiſen der Bejahrten, wie bey den Spielen der Juͤngern. Es war wohlthuend fuͤr mich, von ihm nach einigen Tagen eines engern Vertrauens gewuͤr⸗ digt zu werden; haͤtte ich der Schatten irgend ich der ſeinige geworden! AA eines Mannes ſeyn und heißen moͤgen, ſo waͤre 92 82* 13. Ein kurzer Beſuch. An einem heitern Morgen, der einen ſchoͤ⸗ nen Abend verſprach, lud der Baron drei ſeiner Landsleute und Freunde nebſt mir zu einem Abendeſſen ein. Der gruͤne Platz vor weiland Fanchons Huͤtte war an ſich ſehr angenehm, und nun einmahl zu einer gewiſſen Celebritaͤt gelangt; der Badewirth ward auch dieß Mahl beordert, unter den Platanen decken zu laſſen. Als ich mich eben zum Ausgehen ankleidete, trat ganz unvermuthet mein Freund Ludwig in's Zimmer, den ich anfaͤnglich oft, ſeit kurzem aber gar nicht, geſehen hatte. Er ſchien heute geſpannt und um Worte verlegen, ſetzte ſich nur, um ſo⸗ gleich wieder aufzuſtehen, und ſtand nur auf, um ſich wieder zu ſetzen. Ich fragte ihn laͤchelnd nach ſeiner Gedichteſammlung, nach der entflohe⸗ nen Daphne; er verwuͤnſchte den Zufall, und wollte nichts davon hoͤren. „Du ſpeiſeſt heute beym Baron M. 22— brach er endlich mit ſichtbarer Nuͤhrung aus. „Ich werde auch dort ſeyn,“— fuhr er hi⸗ tig fort, da ich dieß bejahte—„obwohl ungela⸗ den! Biſt du aber mein Freund, hat unſere fruͤ⸗ 82 ) 34*. he Jugendliebe noch Macht uͤber dein Herz, ſo bin ich dir dieſen Abend fremd!“* Ich konnte ihn durchaus nicht begreifen, fand jedoch kein Bedenken, dieß zu verſprechen, und kaum hatte er daruͤber mein Wort, als er mich wieder verließ. 14. Abermahls eine unverhoffte Er⸗ ſcheinung. Und ſchon wurden die Deſſertglaͤſer herum⸗ gereicht, als das ſchwarzgelockte Nettchen unbe⸗ ſtellt eine der ſchoͤnſten Fruchtſchalen vor dem Baron aufſetzte, und ſich ſchweigend zuruͤckzog. Dieſer griff laͤchelnd nach einigen obenauf liegenden Ananas von ſeltener Schoͤnheit, und fand gleich darunter einen Zettel. Auch meinen Leſern muß ich den Inhalt mittheilen. Ballade. „Wird ewig ein Vergehn gerochen? Verbuͤßt es nimmer Reu' und Schmerz? Was Lieb' und Jugendgluth verbrochen, Verzeiht es nie ein großes Herz?— Als Kaiſer Karl auf weitem Zuge In niedrer Herberg' kehrte ein; Trat, ſchwanenweiß. in Schuͤrz' und Tuche, Vor ihn die Wirthinn, jung und fein. „Dieß wurde, Herr! fuͤr Euch gefangen!⸗ Sprach ſie, und ſetzte auf den Tiſch, Mit Zittern und mit heiſſen Wangen, Des großzen Kaiſers Lieblingsfiſch! „Wunderbar!“ unterbrach ſich der Beron laͤchelnd, doch nicht ohne einige Beſtuͤrzung.—„Worauf deutet dieſer Eingang? Faſt ſcheint es, als wuͤßte man hier, daß Ananas meine Lieblings⸗ frucht iſt!* Seine Landsleute, gleich ihm etwas betrof⸗ fen, gaben alles fuͤr Zufall aus; ich, der hier⸗ von noch weit ernſtlicher, als jene, uͤberzeugt war, erzaͤhlte ihm ſcherzend, daß aus dieſer Eishuͤtte vordem, als noch Fanchon Pythia ſie bewohnt habe, mancherley Drakelſpruͤche ausge⸗ gangen waͤren. Die Gaͤſte beſtaͤtigten dieß; auch der Baron beſann ſich, ſchon davon gehoͤrt zu haben.— „Hat man keine Nachricht, wohin ſie ſich gewen⸗ det hat?— fragte er aufmerkſam. „Wollten Sie nicht fuͤr mich eine Vorbitte einlegen?“ lispelte in demſelben Angenblick eine 35 ſuͤßſchmeichelnde Stimme mir in's Ohr—„daß ich die Ballade ſingen darf 29— Ich wandte mich, und— glaubte einen Geiſt zu ſehen! Die ver⸗ ſchwundene Fanchon, einen tiefen Strohhut in's SGeſicht gezogen, legte die Hand auf meine Schul⸗ ter. Etwas weiter entfernt ſah ich in der Daͤm⸗ merung einen Mann mit der Harfe. „Dieß Frauenzimmer, wahrſcheinlich die Verfaſſerinn“— ſagte ich mit Bedeutung zu dem Baron— perſucht um Erlaubniß, die Ballade zu ſingen.“ Wirth und Gaͤſte immer verwunderter wa⸗ ren dieß gern zufrieden. Fanchon trat zum Harf⸗ ner, und ſang mit dem ſchmelzendſten Accent weiter. „Doch mundet nicht dem Herrn der Biſſen, Iſt's gleich ein ſeltnes Leibgericht; Er ruft, von Wehmuth hingeriſſen: „Wie ihr gelingt es keiner nicht!* „Oft brachte ſie mir dieſe Speiſe, Die ſtill von ihr bereitet ward, Und lauſchte kindlich, fromm und leiſe—— O Emma! Emma! Eginhard!“ Da ſtüͤrzten zu des Kaiſers Fuͤßen Der muntre Wirth, die junge Frau; Bedeckten ſeine Hand mit Kuͤßen, Mitt heiſſer Thraͤnen Silberthau. 37 „Du Emma*' rief mit ſuͤßem Beben Der edle Kaſer wehmuthsvoll— „An meine Bruſt! Euch ſey vergeben, Vergeſſen aller Zorn und Groll“ Und ſchloß in ſeinen Arm ſie beyde, Ward, Emma anzuſeh'n, nicht ſatt, Und hieß, im Rauſch der Vaterfreude, Den kleinen Flecken Seel'genſtadt. Wird ewig ein Vergehn gerochen? Verbuͤßt es nimmer Reu' und Schmerz? Was Lieb' und Jugendgluth verbrochen, Verzeiht es nie“—— Weiter konnte Fanchon vor Thraͤnen nicht fingen; laͤnger der tief geruͤhrte Baron nicht ſchweigen. „Conſtanze!“— rief er mit Thraͤnen aus, und ſprang vom Stuhle. Fanchon ſchob den Strohhut aus den Augen; der Harfner— wer baͤtte das gedacht?— mein Freund Ludwig, warf den Mantel ab und hob ſeine vorgebliche Zoͤglin⸗ ginn, die er bis jetzt hinter ſich verborgen hatte, dem edlen Greiſe entgegen.—„Vaſer!— Toch⸗ ter!— Vergebung!— O Gott ſey Dank, daß ich dich wieder habe!“— eoͤnte es von allen Seiten, und wer von uns nicht zu der gluͤckli⸗ chen Familie ſelbſt gehoͤrte, der umarmte, er⸗ 38 griffen von der innigſten Theilnahme, wenigſtens ſeinen Mitgaſt. 15. Mancherley Abentener. Mein Ingendfreund Ludwig hatte mit mir weder dieſelbe Schule, noch dieſelbe Akademte, bezogen. Nach vollendeten Univerſitaͤts⸗Jahren nahm er, um auch das Ausland kennen zu ler⸗ nen, den Ruf zu einer Hofmeiſterſtelle in Lief⸗ land an.— Der alte Baron, den wir ſchon kennen, war ſeit langer Zeit Witwer. Ludwigs eigentliche Eleven beſtanden in einem reifenden Juͤnglinge don ſehr liebenswuͤrdigem Charakter, der ſpaͤ⸗ terhin in Militaͤr⸗Dienſte trat, und in deſſen Schweſter Antonie, bey der nicht gemeine Talente mit dem verderbteſten Herzen ſich verei⸗ nigten. Ein junges Maͤdchen, Conſtanze, nun die aͤltere dieſes Nahmens, welche fuͤr die Toch⸗ ter einer Ausgeberinn galt, durfte an dem Un⸗ terrichte Theil nehmen. Antonie, die bereits insgeheim mit einem benachbarten Rittergutsbeſitzer verlobt war, faßte kurz nach Ludwigs Ankunft den ſonderbaren Ent⸗ ſchluß, den Lehrer in ihren Anbether zu verwan⸗ 8 39 deln. Ludwig widerſtand dieſer Verſuchung; aber nicht ſeiner eigenen Leidenſchaft, nicht der auf⸗ keimenden Liebe zu der holden Roſe Conſtanze! Eine Zeit lang verehrte er dieſe im Stillen, indeß er oͤffentlich nur das Wo rers gegen ſie aͤußerte; d e Liebe offuung auf ihre Seite. Ein hinreiche kommen war ja wohl zu erlangen; Conſt anze war ihm an Stan⸗ de gleich, und ihre Mutter, die alte gutherzige Ausgeberinn, te ihn ſchon laͤngſt, wie die Mutter einen talentvollen Sohn. Die Liebenden wußten ihre Liebe faſt ein Jahr lang vor fremden Augen zu verbergen. Heimliche Winke galten ihnen fuͤr Lieb eserklaͤ⸗ rungen, unbelauſchte Blicke fuͤr K Kuͤſſe, verſtoh⸗ lene Haͤndedruͤcke fuͤr Imarmungen. Schon ſtand Ludwig im Begriff ff, ſich gegen Conſtanzens vermeintliche Mutter zu erklaͤren, als ein ſcharfſichtiger Hausfreund ihm mit ſcho⸗ nender Gleichguͤltigkeit vertraute, Conſtanze ſey des Grafen natuͤrliche Tochter. Jetzt erſchrack Ludwig; er verſuchte, ſeine Leiden haft zu be⸗ käͤmpfen; er verrieth mit gehoͤriger Vorſicht auch Conſtanzen das Geheimniß ihrer Geburt. Doch bein 4 3 3 umſonſt! Die Heftigkeit jugendlicher Zaͤrtlich⸗ keit, die Gluth der erſten Liebe, ließ das fuͤr einander geſchaffene Pärchen alle Hinderniſſe gering achten. Kurze Zeit darauf entdeckte auch die ſcharf beobachtende Antonie das geheime Verſtaͤndniß zwiſchen Hofmeiſter und Stiefſchweſter. Laͤngſt ſchon hatte ſie dieſe gehaßt, nicht bloß, weil ſie von Conſtanzen in Schatten geſtellt wurde, ſon⸗ dern noch weit mehr, weil ſie dieſer die Zunei⸗ gung des Grafen, und das ihr zugedachte, ſehr anſehnliche Erbtheil beneidete. Ihr Eigennutz, ihre durch Ludwigs Kälte gereitzte Empfindlich⸗ keit, ihre Rachſucht, jauchzte uͤber die erhaltene Aufklärung, und wußte den beſten Gebrauch da⸗ von zu machen. Es blieb den Liebenden— ich ſtehe nicht dafuͤr, daß Freund Ludwigs Geſtaͤnd⸗ niſſe durchgaͤngig vollſtaͤndig waren— bald nichts uͤbrig, als dem Zorne des Vaters zu ent⸗ fliehen. Conſtanze nahm nur das Allernoͤthigſte mit, und die Ausgeberinn, die wir bereits oben als die Alte in der Eishütte kennen gelernt ha⸗ ben, entſchloß ſich, ihr geliebtes Pflegekind auch im Ungluͤcke nicht zu verlaſſen. Doch bald zog dieſe Begleitung noch eine andere nach ſich. Die Alte hatte naͤhmlich eine wirkliche Tochter, da ſchwarzgelockte Rettchen, die in einer ungefaͤh zwoͤlf Meilen weit entfernten Stadt, bey eine 5 9 41 Verwandten ſich aufhielt. Dort wollten ſich die Fluͤchtlinge fuͤrs erſte verbergen. Doch bald fuͤrch⸗ teten ſie, entdeckt zu werden, und Ludwig ſah keinen Ausweg, als nach Deutſchland zuruͤck zu kehren. Nun wollte aber weder die ehrliche Alte ihre Tochter, noch Conſtanze die Alte zuruͤck laſſen; alſo mußte Ludwig, dem Conſtanze die Thraͤnen uͤber ihre Undankbarkeit gegen ihren Vater und Wohltbhaͤter nicht immer verbergen konnte, der nur zu gut fuͤhlte, wie große Opfer ſie ihm ſchon gebracht habe, ſich entſchließen, in dieſe Vermehrung des Gefolges zu willigen. Auf Deutſchlands Graͤnzen ließ er ſeinen Liebesbund mit Conſtanzen durch des Prieſters Segen beſtaͤtigen, und die junge Frau gebar ihm den niedlichen Wildfang Conſtanze, dieſes Nah⸗ mens die zweyte. 16. Fortſetzung. Fuͤnf Jahre lang lebte das junge Paar mit ſeinen Begleiterinnen ziemlich vergnuͤgt, und nichts truͤbte den Himmel, als die Schwermuth der edlen Conſtanze, weil alle, noch ſo flehentlich an ihren Vater geſchriebene Briefe unbeantwortet blieben, oder unerbrochen zuruck kamen. Ludwig beſaß ſelbſt einiges Vermoͤgen, und erwarb man⸗ 4: chen Zuſchuß durch ſchriftſtelleriſche, ſo wie Conſtanze mit ihren Freundinnen durch weibliche Arbeiten. Doch endlich bemerkte man mit Erſchrecken, daß der Caſſenbeſtand ſich immer mehr und mehr vermindere, und daß man, wolle man nicht zu Grunde geben, weit ernſtlicher auf Erhoͤhung des Erwerbes denken muͤſſe. Man entwarf man⸗ cherley Plane, und raſfſte alle Ueberreſte zuſam⸗ men, ohne noch recht eigentlich zu wiſſen, was man damit anfangen wolle. Eine durchreiſende Schauſpielerinn, mit welcher Conſtanze bekannt wurde, als dieſe eben nach dem Brunnenorte reiſen, und bey der dort ſpielenden Geſellſchaft Engagement ſuchen wollte, gab den Ausſchlag. Ludwig und Conſtanze ent⸗ ſchloſſen ſich aus halder Verzweifelung, mit der muntern Soubrette zugleich auf das Theater zu geben. So langte denn die ganze, nun in fuͤnf Per⸗ ſonen beſtehende Geſellſchaft eines Abends im Bade an. Man beſchloß, da gerade geſpielt wurde, vor allen Dingen die Geſellſchaft zu ſehen. Es wurde eben Fanchon, oder das Leyermaͤdchen, gegeben, und dieſes Stuͤck brachte den phantaſtereichen Ludwig auf einen Ä„ Entwurf, bey dem wohl, auch ohne ſein Heil auf den Brettern zu verſuchen, der geſchwaͤchte 4 43 ſtaͤrkt, und die kuͤnftige koͤnne. Die idylliſche Schauſpielerinn halfen ausbilden, und letz⸗ „ bey Auffuͤbrung greife als Schoͤn⸗ ernehmen. den rohen Entt tere freute dieſer Komoͤd Nannchen eine Rolle mit 31 ſich am folg genannte Eremitage, wenn gleich ein wenig verfallen, war ſchon vorhanden. Sie herzuſtellen und anlockender einzurichten, konnte nicht viel koſten. Die Alte— denn von nun an trat Ludwig in den Hintergrund— erhiekt zu Anlegung ihres kleinen Gewerbes leicht Er⸗ laubniß die Idee mit der Eishuͤtte, faſt mit der ganzen, noch üuͤbrigen Bar⸗ ſchaft, ausgefuͤhrt ward, haben die Leſer ſchon oben erfahren; warum manches ſo und nicht an⸗ ders durfte, werden ſie bey einigem Nach⸗ ken uͤber die Art, wie man auf ein Bade⸗ den 3 Publicum wirken muͤſſe, bald von ſelbſt finden. Nur das muß ich noch hinzuſe daß Ludwig er von Fanchons unterrichte war. Dieſer ke ſich aus der Badeliſte von allen an⸗ kommenden Fremden; er ſpeiſete, beſonders da gleich anfaͤnglich ein gluͤcklicher Erfolg das Unter⸗ nehmen beguͤnſtigte, faſt taͤglich an der Wirths⸗ 44 tafel und beſuchte alle zffentliche Drte. Auf dieſe Art wurde es ihm leicht, jeden Vorfall zu erfah⸗ ren und alle genauern Verhaͤltniſſe zu erforſchen, um durch geſchickte Benutzung derſelben den Obſt⸗ und Blumenzugaben einen Schein der Allwiſſen⸗ heit und Prophezeihung mitzutheilen. Da Alles weit beſſer von Statten ging, als ihm ſelbſt ſeine, oft ausſchwe fende Phantaſie vorgeſpiegelt hatte, faßte er zuletzt den Entſchluß, auch durch Samm⸗ lung der vereinzelten Sedichte ein huͤbſches Suͤmmchen zu Capitale zu ſchlagen. Sehr natrlich war es übrigens, daß bey der Nachricht von der Ankunft des Barons Fan⸗ chon mit ihrer Mutter ploͤtzlich verſchwand; eben ſo natürlich, daß nun Conſtanzens ganze Schwer⸗ muth erwachte, und fie mit Ludwig alles aufzu⸗ bieten beſchloß, um daes Herz ihres vaͤterlichen Wohlthaͤters wieder zu gewinnen; eben ſo natuͤr⸗ lich endlich, daß der verwaiſte Vater, nachdem ſein Sohn in einem unglücklichen Duell geblie⸗ ben, ſeine ausgeartete Tochter aber— wie das Gerücht ſagte, an genommenem Gifte,— ploͤtz⸗ lich derſtorben war, und man in ihrer Chatoulle Conſtanzens aufgefangene Briefe geſunden hatte, doppelte Sehnſucht nach der holden Tochter einer 5 einſt angebeteten Mutter empfand, mithin den Zufall ſegnete, der die Verſtoßene wieder in ſeine Arme fuͤhrte. —— 17. „Aber der Ueberrock?“— fragen Leſer und Leſerinnen. Allerdings fragte auch ich alſo bey mir ſelbſt, als Freund Ludwig ſeine Lebensgeſchichte erzaͤhlt hatte. Vermuthlich beſaß mein Geſicht hierbey zu wenig Verſtellung, um nicht irgend eine Bedenk⸗ lichkeit zu verrathen. Wenigſtens drang Ludwig mit freundſchaftlichem Ungeſtuͤm in mich, frey von der Bruſt zu ſprechen, und machte mich treu⸗ herzig genug zu der Aeußerung:„Danke dem Himmel, daß noch alles ſo abgelaufen iſt! Mit Sir Arthur waͤre doch leicht die Komoͤdie ein wenig ernſthaft geworden!* »„Ich danke dir, daß du mich daran erin⸗ nerſt;“— erwiederte er mit einem Haͤndedruck— „ich ſehe daraus, daß du wirklich mein Freund biſt!— Aber verkenne nicht laͤnger ein, bis auf das, was ſie meinetwegen fehlte, engelreines Weſen; entweihe nicht das Andenken eines Juͤnglings, der Hochachtung und Bewunderung verdient!*. Nach dieſen Worten uͤberreichte mir Ludwig aus ſeinem Taſchenbuche einen Brief. Er war von Arthur an Fanchon, und lautete ungefaͤhr alſo: 46 „Sie haben mich geſtern durch Ihr, fuͤr mich ehrenvolles Vertrauen uüberzeugt, daß Sie nie die Meinige werden koͤnnen! Ich beneide den Gluͤ hen, dem der Himmel ihre Liebe ſchenkte; ich ſegne ihn, weil ich aus Ihrem Munde weiß, daß er Ihre Liebe verdient; allein ich ehre Sie auch zu ſehr, um mich, bey dieſer gluͤhende Leidenſchaft, nicht auf ewig aus Ihren Augen zu verbannen. Behalten Sie die Guitarre, zu der Sie das Trennungslied ſangen. In einer Stunde reiſe ich ab. Goͤnnen Sie mir die Hoff⸗ nung, Ihnen durch einen ſchwer erkaͤmpften Sieg bewieſen zu haben, daß ich unter andern Ver⸗ haͤltniſſen Ihrer Zuneigung nicht unwuͤrdig ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde!“ Wahrlich, der Brief klang recht ſchoͤn; ent⸗ weder dieſer Arthur mußte ein halber Engel, oder ein Teufel, dieſe Conſtanze eine Heilige, oder— die giftigſte Schlange ſeyn!—„Entſtehe⸗ auch daraus, was wolle!— rief ich heftig— „ich muß dich ganz gluͤcklich wiſſen, oder ich kann dich nicht ungeraͤcht ſchändlich betrogen ſehen! Wiſſe denn, in der Nacht vor Arthurs Abreiſe ſah ich Conſtanzen dort im Waͤldchen einem Juͤnglinge zaͤrtlich in die Arme eilen. „Nichtig! das iſt der naͤchſte Weg zu meinem Doͤrſchen,»— verſetzte er—„und war es denn wohl unbillig, daß die Holde wenigſtens de 47 Rachts zu mir kam, zu mir, der nach der ver⸗ abredeten Einrichtung ſeiner eigenen, von ſo vie⸗ len Anbethern umringten Frau allein nicht oͤſſent⸗ lich huldigen durfte?»— „Aber Arthurs Ueberrock?— Laut lachend lief Ludwig in die Kammer, und kam im Ueberrocke wieder heraus. Wahrlich er, er ſelbſt war es geweſen! ich hatte, durch meinen Argwohn geblendet, meinen Freund fuͤr den leibhaftigen Arthur gehalten! 18 Schluß. So waͤren wir denn ziemlich in Ordnung— Um kein Aufſehen zu erregen, wurde die Ent⸗ wickelung dieſer Geſchichte von den Wiſſenden verſchwiegen. Fruͤher, als man erwartete, ver⸗ ließ Baron M. das Bad. Ihm folgte in kurzem Ludwig und die beyden Conſtanzen, nebſt der Alten und Nettchen. Die Eishuͤtte mit Zubehoͤr ward dem braunen Nannchen zum Geſchenke hin⸗ terlaſſen, das, auf Thaliens Lerber Verzicht lei⸗ ſtend, den Handel im kuͤnftigen Sommer fort⸗ ſetzen will. Vor wenigen Monathen hat mir Freund Ludwig ſeine gluͤgkliche Zuruͤckkunft nach den Guͤtern ſeines Schwiegervaters gemeldet, und— nicht des Todes— der Liebe Genius winkt jetzt Conſtanzen hinter Bluͤthenbaͤumen, wenn ſich die Wolken roſig ſaͤumen; des Gatten und der Tochter Wonnekuß weckt ſie aus ſchoͤnen Morgentraͤnmen, und, hebt ſich ihre Bruſt zuweilen bans und⸗ ſchwer, ſo ruͤhrt's— von ſchoͤner Ahndung her. Der Engel und die Schaͤferinn. Whnhnn Aus den Papieren eines gebliebenen Officiers. Unterhalt. Biblioth. 12. B, E 1 9* beim Hinausgehen den entſch hung ſehr ſtreng. Ich war oft gezwungen, n gehen. Dieſe, aufaͤnglich mit Hoh — Ein kalter Schauer uͤberlief mich; ich hörte, ¹ uͤber mir Straͤnge knarren, den Hammer aushe⸗ ben und laut eine Glocke ſchlagen; ich erwachte. So oft ich die Augen rieb, ich lag nicht in mei⸗ nem Bette. Hinter dem Pfeiler des Chors, wo ich waͤhrend ſanfter, langdauernder Muſik einge⸗ ſchlafen war, ſaß ich in tiefer Finſterniß ganz allein. Niemand hatte nach beendigter Vesper lummerten Knaben in ſeinem Winkel bemerkt.. Waren gleich in der fruͤheſten Kindheit die Geiſter⸗ und Geſpenſtermaͤhrchen des Geſindes, meiner Einbildungskraft die Frucht des zwar ver⸗ botenen, aber deſto ſehnlicher begehrten Baums, meiner Erinnerung die ſuͤßeſte Weide gew ſo fehlte mir es doch keineswe keit. Mein Vater war In und mit Leib und gs an Herzhaftig⸗ haber eines Negiments, Seele Soldat; meine Erzie⸗ bei Nachtzeit allein durch die entlegenſten Zimmer Hohn und Spotr .. C 2 eſen;* 5² begleiteten Verſuche hatten mir Beſonnenhe it und einen gewiſſen kalten, die Außenwelt ver⸗ achtenden Trotz eingeſfloͤßt. Auch jetzt fuͤhlte ich daher nichts von eigent⸗ licher Furcht; ja, der Gedanke, in der verſchrie⸗ enen Benedictinerkirche mich im Dunkeln allein zu befinden, waͤre vielleicht meinem kindiſchen Stolze ſogar wohlthaͤtig geweſen, haͤtte mich nicht der Froſt ſehr unbehaglich geſchuͤttelt. Ich tappte noch halb ſchlaftrunken mit den Haͤnden hinter der Orgel hinweg; der Zugwind ſauſte durch die ſchadhaften Fenſterſcheiben und ſtrich toͤnend durch die Pfeifen; ein bleiches Mondlicht ging durch zerriſſene Wolken auf, und zeigte mir die zwoͤlf Juͤnger, die, aus Holz geſchnitzt und grell bemahlt, in Lebensgroͤße an der Chortreppe ſtanden. Die Froͤmmigkeit des alten Meiſters hatte den Judas Iſcharioth mit einer hoͤchſt wi⸗ derwaͤrtigen Geſichtsbildung beſchenkt; jetzt, im Mondſchein, ſchien ſie mich doppelt haͤmiſch und heimtückiſch anzugrinſen; ich rief allen Muth zuſammen, und gab dem rothhaarigen Verraͤther mit etwas krampfbafter Hand einen Backenſtreich. Nicht ganz ohne Grauen eilte ich nach dieſer Heldenthat die Stufen hinab. Als ich in die Vorhalle der Kirche trat, wech⸗ 4 ſelte die Nacht mit duͤſterer Daͤmmerung; die hei lige Lampe, ohwohl mir noch verdeckt, verbreitets 53 einen ſchwachen Schimmer, nur eben hell genug, um die hohen Gewoͤlbe, die ſtarken Pfeiler mit ihren mancherley Zierathen, rieſenhafte Schat⸗ ten werfen zu laſſen. Weit gefehlt, daß dieſer Anblick mich muthloſer gemacht haͤtte, diente er mir vielmehr zur Erhebung; ich beſann mich auf eine Gruft, deren Standbilder, Fahnen und Wappen ich oft waͤhrend des Gottesdienſtes mit innigem Vergnuͤgen betrachtet hatte, und faßte alsbald den Entſchluß, zu verſuchen, ob die Gitterthuͤr offen ſtehe. Aber ſo ſchnell und fruchtlos ich auch den Zug zu jenem mir heiligen Grabe begann, ſo fing doch mein Herz gewaltig an zu klopfen, als ich ploͤtzlich vom hohen Altar her helles Licht er⸗ blickte, und durch den Kreuzgang mir— ein En⸗ gel entgegen ſchwebte. Ja, ein Engel mußte es ſeyn! Die liebliche Geſtalt glich ſo ganz den gefluͤgelten Knaben, die ich ſo oft auf Bildern geſehen hatte; weiß war ihr Gewand, und das goldene, lang her⸗ abwallende Haar mit einer laus Sternen und Roſen gewundenen Krone bedeckt. Schon im Begriff zu eucfliehen, blickte ich noch ein Mahl nach der ſich naͤhernden Erſchei⸗ nung. Das kindlich freundliche Geſicht des Engels ſetzte meiner Furcht Schranken, und das von meinem Vater mir oft ertheilte Geboth, allen * 5 Geiſtern unr keck entgegen zu treten, hielt mei⸗ ne Schritte zuruͤck. Je laͤnger ich die weiße Geſtalt ins Auge faßte, deſto feſter ward ich von ihrer himmliſchen Abkunft uͤberzeugt. Der ſchoͤne Engel faßte laͤ⸗ chelnd, mit kindlicher Unſchuld, meine Hand, und fing an, recht zutraulich mit mir zu reden. Was wir eigentlich mit einander ſprachen, weiß ich nicht mehr; nur ſo viel erinnere ich mich, daß wir ganz wie Kinder mit einander ſpielten, und der kleine Engel mir eben etwas Freudiges erzaͤhlen wollte, als ein ſtarkes Pochen an der Kirchthuͤr uns unterbrach. „Komm, wir wollen uns hier verſtecken!“ — ſagte der Engel, und wies nach dem Ritter⸗ grabe. Aber ein ernſter, ſchwarz gekleideter Mann ſchritt in der Ferne; die Pforten wurden aufge⸗ — 3 ſchloſſen; der Engel war verſchwunden. Mein Sofmeiſter und einige Diener, die mich bis in die tiefe Nacht allenthalben geſucht, und erſt ſpaͤt erfahren hatten, man habe mich bey den Bene⸗ dietinern geſehen, waren ſehr froh mich zu fin⸗ den, und fuͤhrten mich, der aus Furcht vor Strafe, ihren Freudenbezeigungen wenig traute, in die unweit der Kirche gelegene vaͤterliche Wohnung. 25 Meine Bangigkeit vor ſchwerer Zuͤchtigung wegen der Kuͤhnheit, heimlich nach der Kirche zu ſchleichen, war dießmahl ungegruͤndet. Nicht bloß die Freude, mich wieder zu haben, ſondern noch mehr die Beſorgniß um meine Geſundheit, ließ meine Aeltern der Strafe vergeſſen. Man ſchaffte mich ſchnell zu Bette, und— erſt nach ſechs Wochen durfte ich es wieder verlaſſen. Die Erkaͤltung, vielleicht auch der gewaltſam nieder⸗ gedaͤmpfte Schauder„hatte mir ein heftiges Fieber zugezogen. Vermuthlich war mir im Paroxismus ſehr oft der Engel erſchienen; wenigſtens ſuchte man mich nach meiner Geneſung uͤber den Aufenthalt in der Benedictinerkirche mit einer Art behuth⸗ ſamer Neugier genau auszuforſchen. Allein, aus Furcht, verſpottet zu werden, beobachtete ich gegen Jedermann das hartnaͤckigſte Stillſchweigen, wei⸗ dete mich aber insgeheim deſto inniger an der Erinnerung. Oefter, als vorher, ſuchte ich nun Einſamkeit und Daͤmmerung auf; ich hegte ge⸗ heime Hoffnung, der himmliſche Geſpiele werde mich gelegentlich aufs neue begruͤßen. Doch vier Jahre verfloſſen, ohne daß mein Wunſch in Erfuͤllung ging. Dieſe Zwiſchenzeit ſchob zwar das Andenken an den Engel nach und nach in den Hintergrund; allein deſſen ungeachtet hatte die gehabte Erſcheinung mich noch mehr von den Menſchen entfernt. Ich hegte ein dunkles Gefuͤhl, als gehoͤre ich ihnen nicht recht an; meine ältern Geſchwiſter und jugendlichen Be⸗ kannten liebte ich nicht, und vor den Erwachſe⸗ nen ſcheute ich mich; die Freuden der Kindheit ſchienen fuͤr mich verloren, und nur wenn der Vorabend des ehnachtefeſdes nahte, an wel⸗ chem ich den Engel geſehen hatte, war ich leb⸗ haft, weich, fuͤr alles empfaͤnglich, wie Andere meines Alters. Doch auch das vierte Weihnachtsfeſt war vergangen, und der Engel abermahls ausgeblie⸗ ben. Jetzt uͤberredete ich mich allgemach ſelbſt, nur getraͤumt zu haben, und ſetzte mir ordent⸗ lich vor, die Gedanken an dieſen Traum gaͤnzlich zu verbannen, als jene Erinnerung durch ein Ungefaͤhr auf das lebendigſte wieder geweckt ward. In O⸗****, wo wir uns aufhielten, hatte der Meßner die Erkanbniß, nach den Weihnachts⸗ feyertagen von ſeinen Schuͤlert geiſtliche Komoͤ⸗ dien auffuͤhren zu laſſen. So wenig ich darnach Verkangen trug, durfte ich doch eine weitlaͤufige Verwandte, die, ich weiß nicht, ob aus Mitleid, oder warum ſonſt? ſich ſtets meiner annahm, in eine derſelben begleiten. 3 Eine leichte, froͤhliche Muſik verku dete ein Paſtorale als Vorſpiel; der aͤrmliche Borhang rollte auf; Hirten⸗Knaben und Mädchen, feey⸗ 57 lich nichts weniger als in morgenlaͤndiſchem Co⸗ ſtuͤm, lagen unter dem, mit Mond und Sternen leuchtenden Himmel, neben weiß gemahlten Scha⸗ fen, auf der Erde; doch— fuͤr mich verſchwand augenblicklich alle dieſe Herrlichkeit; denn— im blauen Schaͤferkleidchen, mit ſilbergeſtickter Schäfertaſche und flatterndem Schaͤferſtabe trat ein blondes, etwa zehnzjaͤhriges Maͤdchen auf, ſang ein einfaches, altes Hirtenliedchen, und— taͤuſchte mich nicht alles, ſo war dieß liebliche Kind niemand anders, als— der Engel! Vergebens erſchienen nun in moͤglichſter Pracht die heiligen drey Koͤnige vor Herodes; vergebens verließ dieſer, von ſeinem Leibhuſaren begleitet, unter den heftigſten Drohungen gegen den neu⸗ gebornen Koͤnig der Juden ſeinen goldpapiernen Thron; vergebens endigte fuͤr heute ein komiſch⸗ graͤßlicher Kindermord. So lebhaftes Vergnuͤgen die uͤbrigen Zuſchauer aͤußerten, ſo taub und laut⸗ los blieb ich. Die holdſelige Hirtinn trat, ſo ſehr ich darauf hoffte, nicht wieder auf, und meine getaͤuſchte Erwartung erzeugte in mir eine ſo kalte Verachtung gegen die ganze Außenwelt, daß ich der gutmuͤthigen Tante, aller Anſtren⸗ gung ungeachtet, beym Abſchiede kaum freund⸗ lich danken konnte. nmm unn 8 Mit geheimer Sehnſucht pries ich alle die⸗ jenigen glücklich, welche der naͤchſten geiſtlichen Komoͤdie beywohnen wuͤ rden; aber nichts haͤtte mich vermocht, mir dazu Erlanbufß zu erbitten, die mir auch wahrſcheinlich abgeſchlagen worden waͤre. Von nun an theilten ſich der Engel und die Schaͤferinn in meine innerſten, ſtets verbor⸗ gen gehaltenen, mir ſelbſt nicht verſtaͤndlichen Gefuͤhle. Meine Außen⸗ und Innen⸗Seite war himmelweit von einander verſchieden; indem ich Alles, was von mir gefordert ward, mit der ſtrengſten Punctlichkeit verrichtete, im uͤbrigen aber der käl lteſte, gefuͤhlloſeſte Knabe ſchien, war ich im Stillen ein angehender Gei⸗ flerſeher. So verſchwanden abermahls einige Winter⸗ Ich war indeſſen ſehr aufgeſchoſſen, und nun fuͤnfzehn Jahre alt. Der gewoͤhnliche Schulun⸗ 4 terricht hoͤrte auf. Deſto eifriger trieb ich fremnde Sprachen und militaͤriſche Wiſſenſchaften. Ich ward Cadet, und bald darauf Fahnjunker im Re⸗ giment meines Vaters. Die mir hierdurch gewaͤhrte groͤßere Frey⸗ heit war mir ſehr willkommen; dennoch vermied ich, ſo viel moͤglich, alle Geſellſchaft. Keiner meiner Cameraden fand an mir, ich an keinem Geſchmack; ich verbrachte meine muͤßigen Stun⸗ den mit Loctuͤre, wie ſie der Zufall mir in die — — Hand ſpielte, oder mit der Jagd und wuͤſtem Herumſchweifen. An einem Rovembertage, als ich mit mei⸗ nem Hunde, dem einzigen von mir gern geſehenen Begleiter, auf die Jagd ging, ſah ich ungewoͤhn⸗ lich viel Leute durch die offenſtehende Kirchhofs⸗ thuͤr gehen. Es war der Tag aller Seelen, wo Zaͤrtlichkeit und Andacht auf den Graͤbern gelirb⸗ ter Verſtorbener Thraͤnen, Gebete und ſpaͤte Blumen opfert. Nur eine Schweſter von mir, Nahmens Thereſe, die ich in fruͤheſter Kind⸗ heit ſehr geliebt hatte, war meines Wiſfens hier begraben. Kaum beſann ich mich darauf, als meine Geiſterſeherey den Engel und den Geiſt meiner Schweſter augenblicklich in wunderbare Verbindung brachte, und ich Jagdtaſche und Buͤchſe in einer Mauerniſche der Bewachung meines Hundes uͤberließ. Die Fruͤhe des Morgens, die feyerliche Stille, in welcher die Wallfahrtenden, hier und da zer⸗ ſtreut, auf den Graͤbern beteten, oder fromme Gaben darbrachten, bewegten und erhoben mein Herz. Ich war noch nicht lange zwiſchen den Huͤ⸗ geln gewandelt, als ich an einem derſelben eine weiße Geſtalt, deren Geſicht ein Schleyer be⸗ deckte, auf den Knien ſah. Sie betete andaͤchtig den Noſenkranz, blickte, durch mein Voruͤberge⸗ den geſtoͤrt, ein wenig auf, und— man deuke, ob mein Puls ſchneller ſchlug, meine Wange ſich faͤrbte, als ich in ihr den Engel und das Schaͤfermaͤdchen zu erkennen glaubte. „Bin ich Ihnen hier im Wege?5— fragte mich, ohne Zweifel durch meinen ſtarr auf ſie gerichteten Blick irre geleitet, die aͤußerſt zart gebildete, eben auf der Graͤnze zwiſchen Kind und Maͤdchen ſtehende Beterinn, und richtete ſich auf. Haͤtte ſchon der ſuͤße Ton ihrer Stimme und der reine Blick ihrer Augen meine Schwaͤr⸗ merey beſtaͤtigen koͤnnen, ſo zerſtoͤrte doch dieſe Anrede meinen Traum. „Mir im Wege?“— erwiederte ich— ich darf ſagen, eben ſo unſchuldig und fern von ir⸗ diſcher Leidenſchaft, als die Kleine—„O nein! — fuͤr weſſen Seele beten Sie auf dieſem Grabe?5 Das, wahrlich abſichtloſe: Sie jagte alles Blut auf ihre Wangen, und zog ihre Augen zur Erde. Sie ſchwieg einige Secunden, ſchuͤchtern und tiefathmend.—„Ich bete fuͤr alle Seligen hier;— ſagte ſie dann, und ſchlug wieder die Augen gegen mich auf—„ich glaubte nur, Sie ſuchten dieß Grab. Ich weiß nur eine Seele, fuͤr die ich zu Gott bitten koͤnnte, aber der Leich⸗— nam ruhet nicht hierl“ Mein ſonſt gegen Jedermann verſchloſſenes Gemuth ſchien ſich wunderbar zu oͤffnen. Herz⸗ lichkeit und Unſchuld ſproßten, wie heym erſten 4 X 3 61 mildern Schein der Sonnee. eine zarte Bluͤthe, in einfacher Reinheit daraus vor. Meine Worte ſchienen das Maͤdchen nicht mehr zu be frenden ein Verhaͤltniß, wie unter Geſc 9 gendgeſpielen, fand in kurzen zwiſchen uns Statt. Ich fragte ſie, nicht, weil ich es eben zu wiſſen wuͤnſchte, ſondern weil es ſich ſo fuͤgte, um ihren Nahmen. Ich glaubte, ich hoffte faſt den Nahmen: Thereſe! zu vernehmen, der mir jetzt ſchoͤner, als alle andern geklungen haben wuͤrde. Aber ſie nannte ſich Roſa, oder, wie ſie leiſer hinzuſetzte, Roſalba.— Dann kamen wir auf die Zukunft. Sie zeigte mir mit leuchten⸗ der Wonne ibr Paternoſter.—„Das hier ſind Thraͤnen!“— ſagte ſie laͤch helnd, und küßte den Roſenkranz.—„Sehen Sie nur, wie ſilberfarb ſie ſpielen, und wie fein das Kreuz hier aus Perlenmutter geſchnat iſt.“* „Thraͤgen? 29— verſetzte ich mehr neugierig als verwundert. „Ja wohl; Mutter gottesthraͤnen*) nennt man es. Sie wachſen im Kloſtergarten bey den Ürſelinerinnen; eine Nonne, die mich recht ſehr liebt,— o, Sie glauben es nicht, wie ſehr!— *) Eine Art weißbläulicher Veeren,; die man trocknet und azu Paternoſtern anreihet. K hat mir den Noſenkranz geſchenkt; ich werde auch Nonne, und dirß Paternoſter will ich noch mit in den Sarg nehmen!—— Auf dieſe Wei⸗ 3 ſe fuhr ſie fort, mir mit inniger Freude und Rüh⸗ 3 rung das Gluͤck des Kloſterlebens zu ſchildern, wie in den Zellen alles ſo rein und blank, und ſo viele ſchoͤne Bilder, ſo viele ſchoͤne Buͤcher und Singvoͤgel und Blumen waͤren! Alle ihre Gedanken waren nach dem Kloſter gerichtet, und 4 ſie ſchien die Zeit kaum erwarten zu koͤnnen, wo ſie einſt das Geluͤbde werde ablegen duͤrfen. Auch ich war zuletzt von ihrer lieblichen Schwaͤrmerey ergriffen; ich ſah in ihr eine Toch⸗ ter des Himmels, war mit ihr in den Himmel entrüͤckt— und die Wirklichkeit drang ſchwer auf mich ein, als die Zlicke einiger benachbar⸗ ten Andaͤchtigen, welchen unſer lebhaftes Ge⸗ ſpraͤch auffiel, mich erinnerten, die ſtille Ruhe des Ortes nicht laͤnger zu anterbrechen. Es war mir ſonderbar zu Muthe, als ich 8 wieder ins Freye kam; ich verlor mich in tiefes Nachſinnen. So eifrig mein Jagdhund ſich im Spuͤren bewies; ſo verwundernd er nach mir zuruͤck ſah; heute war Alles vor meinem Schuß ſicher! Je oͤfter ich mit die gehabte Unterredung wiederholte, je mehr ſchien mir auch ſie bloß ein lebhafter Traum, und kaum konnte ich mich üͤberzeugen, daß ich, der jetzt durch dießs Felder und Buͤſche ſtreiche, mit dem, der heute dieß alles gehoͤrt und geſprochen habe, ein und der⸗ ſelbige ſey. Erſt die ſinkende Sonne ne mein Gruͤbeln, und erinnerte mich, do nicht, wie ſonſt, des Mittags zu Hauſe gegat war. Schon eilte ich um ſo ſchneller, als K beyfiel, es habe auf dem Grabe, wo Roſalb kniete, auch ein Stein gelegen.—„Du haͤtteſt doch nachſahen ſollen, wer dort begraben liegt»,— dachte ich—„um den Ort dir zu merken!“ Als ich wieder beym Kirchhofsthor voruͤber⸗ kam, ſtand die Pforte noch offen. Ich ging au⸗ genblicklich hinein, in Hoffnung, die Stelle wie⸗ der zu finden. Nicht lange durfte ich ſuchen, als ich glaubte, ſie zuverlaͤſſig entdeckt zu haben. Ich büͤckte mich nach der Inſchrift, und— fand den Nahmen meiner Schweſter Thereſe, nebſt Ster⸗ bejahr und Tage. nwnnnnn Mochte ich mich in der Stelle geirrt, oder ein Ungefaͤhr dieß alles gefuͤgt haben: fuͤr einen Juͤngling, wie ich damahls war, galt dieß gleich⸗ viel. Der Geiſt Thereſens und Roſalba ſchmol⸗ zen von neuem in Kins, und ich wuͤrde den wie einen Todfeind gehaßt haben, der mir dieſe Ueber⸗ zengung haͤtte rauben wollen. So etwas ſtand ber auch gar nicht zu befuͤrchten; ſelbſt meinem 64 Beichtiger, ſelbſt auf dem Todesbette, häͤtte ich mein Geheimniß nicht entdeckt. Dieß war nur ein Stern, deſſen Strahlen meinen innern Him⸗ mel beleuchteten. Mein aͤußerer Charakter blieb ſich ganz gleich, oder ward vielmehr noch ver⸗ ſchloſſener. Dabey war ich nie ſtrenger in Erfuͤl⸗ lung aller meiner Obliegenheiten, nie eifriger in meinen Studien geweſen, als eben jetzt. Durch anhaltenden Fleiß hatte ich denn nach Verfluß von wieder einigen Jahren mancherley Kenntniſſe eingeſammelt, die mich zu einem wei⸗ ter umfaſſenden Geſchaͤftskreiſe geſchickt machten. Mein Vater, der mit dem General, Grafen von Z., unnnterbrochen in Briefwechſel ſtand, machte mir bekannt, daß ich in kurzem zu die⸗ ſem nach**** abgehen ſolle. Mir war der Ort meines Aufenthaltes, das Regiment, unter welchem ich diente, ſelbſt das vaͤterliche Haus, ziemlich gleichguͤltig; ich! patte laͤngſt alle Hoffnung aufgegeben, den Geiſt oder Roſalba wieder zu ſehen. Dennoch, und obgleich mein reiferes Alter jene Schwaͤrmereyen der Kindheit ziemlich in Schatten ſetzte, faßte ich den Entſchluß, noch vor meiner Abreiſe das Kir⸗ chengewoͤlbe zu beſuchen, worin nach meinet Meinung der Engel verſchwunden war. Sel mein Verſtand rieth mir an, dieß nicht zu un laſſen; ich glaubte mich ſelbſt getaͤnſcht zu h⸗ 65 ben; aber ich hielt es, um meine Phantaſſe fuͤr die Zukunft zu zuͤgeln, fuͤr gut, mich davon, daß jene Gruft nichts, als jede andere enthalte, feſt zu uͤberzeugen, ſollte auch dieſe Ueberzeu⸗ gung bloß dahin fuͤhren, uͤber mich ſelbſt bitter zu ſpotten. Der Sacriſtan, ein gottesfuͤrchtiger, gut⸗ muͤthiger Greis, ſiutzte ein wenig, da ich ihm meinen Wunſch entdeckte. Doch ſchien ihm dieſe Neugier an einem jungen Soldaten zu gefallen, und er dadurch ſich ſelbſt und ſeine Kirche fuͤr geehrt zu halten. Er beſtellte mich anf den Abend wieder, wo das Gotteshaus von allen Betern verlaſſen ſeyn wuͤrde. Es dunkelte, als ich in die Kirche kam; mein Fuͤhrer ſtand mit einer Blendlaterne und ſeinem Schluͤſſelbunde bereit. Er erzaͤhlte mir, bevor er das Gitter oͤffnete, dieſe Gruft habe dem alten, nun ganz erloſchenen Geſchlecht der Reichsrit⸗ ter von S. angehoͤrt, und nannte mir die be⸗ ruͤhmteſten der hier Ruhenden und ihre Thaten; die Geſchichte dieſes Hauſts ſchien gewiſſer Ma⸗ ben unter ſeine Lieblingsmaterien zu gehoͤren. Wir ſtiegen zehn bis zwoͤlf Stufen hinab. Der Anblick der, theils zinnernen, theils mit Tuch und Sammt uͤberzogenen, modernden Saͤrge, die in ziemlich langer Perſpective hinter einander ſtanden, hatte wenig Anziehendes. Die Schilder * 66 4 darauf waren groͤßtentheils von Alter, Staub und Feuchtigkeit geſchwaͤrzt und unlesbar. Un⸗ zufrieden, daß das, was meine kalte Vernunft mir vorhergeſagt hatte, nun in der That einge⸗ troffen war, doch von der Duͤſterheit des Leichen⸗ gewoͤlbes zu ernſten Empfindungen geſtimmt, woll⸗ te ich ſchon die Gruft wieder verlaſſen, als der Lichtſtrahl auf das filberne Schild des letzten, ſchwarz bekleideten, und dem Anſcheine nach neue⸗ ſten Sarges fiel. Ich nahm meinem Begleiter die Laterne, um mir zu leuchten; aber mein aus⸗ geſtreckter Arm fing an zu zittern, als ich den Vornahmen: Noſalba, las. Der Geſchlechts⸗ nahme war, wie es ſchien, anfaͤnglich auch be⸗ merkt geweſen, aber nachher wieder ausgelöſcht worden. „Roſalba 25— fragte ich meinen Begleiter mit gedehnter Stimme—„Ach von dieſem Geas ſchlecht?7 Der Kirchner betrachtete mich aufmerkſam. Er ſchien antworten zu wollen, beſann ſich aber, und ſagte nach einigen Secunden.„Ich weiß es nicht. Dort im Himmel heißt ſie wohl nur Ro⸗ ſalba. Sie war eine weiße Roſe, wie keine auf Erden mehr bluͤht!“ Er ſchwieg, als haͤtte er ſchon zu viel geſagt. Alle meine weitern Nachforſchungen waren ver⸗ geblich.—„Die Stimme der Gruͤften— ſagte A 67 der Alte mit wuͤrdigem Ernſt—„verhallt fuͤr die Lebenden. Hier ruht ja alles in Frleden Ich konnte meine Augen von dem Sarge nicht abwenden; faſt ohne es zu wiſſen, kniete ich nieder, und ſprach ein ſtilles Gebet. Der Alte ſah mich verwundernd an, und kniete ne⸗ ben mich. Als wir aufſtanden, druͤckte er mir die Hand. Zu Annehmung eines Geſchenkes fuͤr ſeine Bemuͤhung war er auf keine Art zu bewegen. Im Innerſten meiner Seele toͤnten die Worte: „Sie war eine weiße Roſe, wie keine auf Erden mehr bluͤht!“ unaufhoͤrlich wieder. Sie mahlten meine Beterinn auf Thereſens Grabe mit den lebendigſten Farben. Mein Glaube an gehabte Erſcheinungen aus dem unbekannten Lande war wieder um vieles geftaͤrft.. 2 nAA Die Zeit meines Abganges nahte heran. Der Abſchied vom vaͤterlichen Hauſe, von Verwand⸗ ten und Bekannten, ward mir leicht. Ich ehrte und achtete meine Aeltern; ich war dankbar ge⸗ gen ſie und einige andere, die es gut mit mir gemeint hatten; aber meine ſtrenge Erziehung und ſpaͤterhin meine— Geiſterliebe hatten kind⸗ liche Liebe und Anhaͤnglichkeit nicht aufkommen laſſen.* 4 Mieine Reiſe und der Kreis von lauter frem⸗ den Perſonen, in welchen ich zu**** eintrat, lehrten mich bald die Nothwendigkeit einſehen, 1 Andere nicht mehr zu fliehen, ſondern ſie aufzu⸗ ſuchen. Im Hauſe des Ungariſchen Generals, eines noch maͤnnlich ſchoͤnen Alten, fand ich die erwuͤnſchteſte Aufnahme; er behandelte mich nicht als Fremdling, ſondern als den Sohn eines ver⸗ trauten Freundes, und beehrte mich nach eini⸗ gen Pruͤfungen mit verſchiedenen wichtigen Auf⸗ trägen. Nach Verfluß eines Monats war ich nicht nur zu ſeinem Adjudanten ernannt, ſondern auch in ſeinem Hauſe ein taͤglich erwarteter Gaſt. Jetzt ſchien auch Freundſchaft, ein Gefuͤhl, das ich bis dahin nur dem Rahmen nach kannte, mir geſchenkt zu werden. Der General hatte nur zwey Kinder, aber ſein Stolz auf dieſe war ſehr verzeihlich. Der Sohn, Graf Franz, ſtand un⸗ ter der Garde, und haͤtte fuͤr einen der wohlge⸗ bildetſten Juͤnglinge gelten koͤnnen, waͤre nicht dürch eine blaſſe Geſichtsfarbe ſeinem Anſehen et⸗ was Kraͤnkelndes, durch ſehr zuſammengedraͤng. te Augenbrannen ſeinem Geſicht etwas Finſteres mitgetheilt worden. Mich konnte dieß am aller⸗ wenigſten von ihm zuruͤckſchrecken; ich ehrte Ernſt am Mannec. Ueberdieß war auch das Feuer aus ganzen zeſee⸗ er Lebhaftigfeit und 69 verſucht fand, dieſe aufzuregen, bloß um ſeine Aeußerungen uͤber den oder jenen Gegenſtand zu hoͤren. Groͤßtentheils ſtimmten unfere Ur⸗ theile uͤberein. Wenn wir uns aber widerſprachen, ſo diente dieß immer bloß dazu, unſere gegen⸗ ſeitige Achtung und Anhaͤnglichkeit noch mehr zu befeſtigen. Ihm an Geiſt und Gluth der Gefuͤhle aͤhn⸗ lich, und zugleich eine der erſten Schoͤnheiten der Reſidenz, war ſeine Schweſter Gabriele. Ihre hohe, ſchlanke Geſtalt gab ihrer bluͤhenden Jugend etwas wahrhaft Goͤttliches, und ihre Augen, die ſchwaͤrzeſten, brennendſten, die man ſehen konnte, waren ſo treue Spiegel ihrer Em⸗ pfindungen, daß man ihre Gedanken wußte, ehe ſie redete. Obwohl ihre verſtorbene Mutter ge⸗ trennt von ihrem Gemahle gelebt, und man dieſe allein fuͤr die Urſache der eingeriſſenen Uneinig⸗ keiten gehalten hatte, ſo waren doch Gabrielens Talente ſchon in den fruͤheſten Jahren nicht uͤber⸗ ſehen oder vernachlaͤſſigt worden. Noch eine voll⸗ endetere Ausbildung aber erbielten ſie, als die Tochter nach Ableben der Mutter in die Haupt⸗ ſtadt zuruͤckkehrte. Ihre ungewoͤhnlichen Geiſtes⸗ gaben machten in kurzem alle Lehrer entbehrlich; ſie kannte das Wichtigſte alles Wiſſenswerthen; alle neueren Sprachen waren ihr gelaͤnfig; in Geſang und Tanz, in Mahlerey uͤnd Muſit, lei⸗ ,5 ſtete ſie weit mehr, als man billiger Weife von einer Dilettantinn erwarten konnte. Kein Wunder, daß dieſes liebenswuͤrdige 9⸗ ſchwieſterpaar meinem Herzen uͤber alles theuer ward; daß ich jede Gelegenheit, wo ich um Franz und Gabrielen ſeyn konnte, begierig ergriff, daß ich ihnen nacheiferte, daß ein Spazierritt, eine Jagdpartie, eine Fechtſtunde mit ihm, ein Be⸗ ſuch in ihrem, mit feiner Wahl angelegten Gar⸗ ten, oder an ihrem Fluͤgel, meine willkommen⸗ ſten, oft mit mancher Anſtrengung erkauften Er⸗ holungen waren. Der alte Graf ſelbſt ſchien dieß nicht ungern zu bemerken; er baute auf mein Ehrgefuͤhl und auf die Strenge meiner Grund⸗ ſaͤtze zö'er glaubte, daß mein Charakter durch Ga⸗ brielens Umgang eine hoͤhere Politur, ſo wie ſein Sohn durch den meinigen eine feſtere Rich⸗ tung und einen Sporn zu ernſterer Thaͤtigkeit erlangen werde. — Ich geſtehe gern, daß die reitzende, talent⸗ volle Gabriele, die, wie mich duͤnkte, mit ſtolzem Hochgefuͤhl, meine Gegenwart nicht nur duldete, ſondern oft ſelbſt beförderte, meine jugendliche Geiſterſeherey zu verbannen drohte. Oft zwar erinnerte ich mich in einſamen Angenblicken an des Engels oder Noſalba's Erſcheinungen, 71 weidete mich daran mit ſtillem Entzuͤcken; aber doch ſchien mir jetzt alles theils Taͤuſchungen und Traͤume, theils ganz gewoͤhnliche, nur durch meine Einbildungskraft erhoͤhte Begebenheiten— oder hoͤchſtens— Geheimniſſe der Reminiscenz, im myſtiſchern Sinne des Worts. Deſto lebhafter bemäͤchtigte ſich die Wirklich⸗ keit meines Herzens, als ich nach einiger Zeit, ſo wenig ich dieß ahndete oder glaubte, faſt nicht mehr daran zweifeln konnte, Gabrielens Freund⸗ ſchaft gegen mich habe eine zaͤrtlichere Richtung angenommen. Jetzt war es Zeit, maͤnnliche Fe⸗ ſtigkeit zu zeigen; jetzt fuͤhlt ich die Pflicht, mich des Vertrauens dieſer edlen Familie wuͤrdig zu machen, und, geſchehe es auch mit dem hef⸗ tigſten innern Kampfe, jeden Schritt zu vermei⸗ den, den ich, oder die hochfuͤh lende Gabriele, jemahls bereuen koͤnne. Doch ſo ſehr ich alle Standhaftigkeit aufbot, einzig und allein das Verhaͤltniß eines Unter⸗ gebenen, eines günſtig behandelten Fremdlings, im Hauſe des Grafen beyzubehalten, ſo verei⸗ telte doch Franzens lebhafte Zuneigung und Ga⸗ brielens immer unbeſchraͤukter werdende Guͤte gegen mich meine Vorſätze. 3 Der erſtere uahm mich überall mit, wo er ſeine Schweſter und einige ihrer Freundinnen zu ſinden hoffte; ich war gegenwaͤrtig, wenn Ga⸗ briele mahlte, Muſtk machte, oder, worin ſie vorzuͤglich Meiſterinn war, mit hinreiſſender Empfindung vorlas. Ich ſah ſte ihre N Nachtigallen fuͤttern, ihre Blumen, ihre auslaͤndiſchen Straͤu⸗ cher, ihre ſeltenen Heiden anbinden; konnte ich kalt bleiben, wenn ſie mich froͤhlich willkommen hieß; wenn ſie ſich, allen geheim, doch mir ver⸗ ſtaͤndlich, nach mir wandte; wenn ſie mir den Nahmen einer Pflanze nännte, und, zu beſſerer Erinnerung, fuͤr mich eine Bluͤthe abbrach; wenn ſie ihre Hand nachlaͤſſig auf meinen Arm legte; wenn ihre Augen mich trafen, wie kein anderes Auge treffen kann? Ach, wie oft war ich nahe daran, dieſe blendende, mir dargebotene Hand feurig an meine Lippen zu druͤcken, und welchen Kampf kuere es mich, dieß zu unter⸗ laſſen!— —BMénêönBnAn Eines Tages holte mein Freund mich ab, Gabrielen zu beſuchen, dießeben beſchaͤftigt ſey, ein bis jetzt geheim gebaltenes Bild Maria's, woran ſie lange mit inniger Liebe gearbeitet, zu volle nden. Da wir in ihre Zimmer traten, toͤnte uns aus dem entfernteſten derſelben Geſang und Harfenſpiel entgegen„Still!“— ſagte Franz— 1 kenne die Stimme n kicht;; ſollte es die lang erwar⸗ . 73 erwartete Geſellſchafterinn ſeyn, von der geſtern Gabriele ſprach?* Wir ſchlichen uns auf den Fußſpitzen an die gruͤn verhangene Glasthuͤr, und vernahmen zu einer einfach taͤndelnden Melodie, faſt im Wie⸗ genliedston, einen in Nonnenkloͤſtern bekannten Geſang ⁵), den ich ſpaͤterhin zu oft mit dem hoͤchſten Genuß wiederholen hoͤrte, um ihn nicht im Gedaͤchtniß behalten zu haben: Madonna mit dem Kinde. Schlumm're Kind, daß Mutterfreude Sich an deinem Laͤcheln weide! Schlaͤfchen! lieblich ſchmeichelnd komm! Schlumm're Knabe, Suͤßer, Lieber! Schlaͤfſt du nicht, ſo wein' ich druͤber; Schlaf, mein Knaͤbchen! fanft und fromm,. Ach! wie ſuͤß der zarte Holde Mit dem klaren Lockengolde Sich am Mutterherzen wiegt! Wie, vom Himmelslicht umfangen, Er mit warmen Noſenwanget. An der Liebe Bruſt ſich ſchmiegt! *) In einigem nach: Dormi Jesu, mater ridet ete. Unterhalt. Biblioth. 12. B. D 6 Nehmt ihn auf, ihr weichen Halmen! Rauſchet ſanfter, gruͤne Palmen, Die ihr ſchattend uns umhegt! Wie? umgibt nicht Sternenhelle, Morgenroͤthe, dieſe Stelle, Wo ich ihn in's Gras gelegt? Ach, ſo ſingt nicht Waldgefieder! Himmelsſaͤnger ſchweben nieder Unter ſuͤßen Melodie'n; Fromme Kinderſeelen buͤcken Sich aus Zweigen; mit Entzuͤcken Schau'n ſie bruͤderlich auf ihn! Und ſo kann ich ruhig, neben Meinem Liebling, fingend weben, In der Palmen gruͤner Nacht. Wehet ſanfter, Fruͤhlingswinde, Daß mein Kind nicht zu geſchwinde, Kuſſe fordernd, mir erwacht! : Stimme und Harfenſpiel ſchwieg, aber wir ſtanden noch, Hand in Hand, auf der Stelle, wie feſt gezaubert.„Komm!“— rief endlich mein Freund mit feurigem Blick, und riß die Thuͤr auf. Wir fanden Gabrielen an der Staffele, ar ihr das Gemaͤhlde der heiligen Jungfrau, dit 73 ſich in einer lachenden, morgenlaͤndiſchen Gegend uͤber den ſchlummernden Kuaben beugte; in einiger Entfernung ſaß, mit dem Kopfe au die Harfe gelehnt, eine Fremde in nonnenartiger Tracht, deren Geſicht gegen uns zur Haͤlfte vom herabfallenden ſchwarzen Flor verdeckt ward. Mahlerinn und Saͤngerinn wandten ſich gegen uns; ich bebte wonnezitternd zuruͤck; die Ver⸗ ſchleyerte war meine junge Heilige, war Roſalba! Dieſer Augenblick verſetzte mich in ein an⸗ deres Leben. Auch Roſalba betrachtete mich nach⸗ denk unſerer fruͤhern Bekanntſchaft zu erwaͤhnen. Gabriele erzaͤhlte uns nun mit vor Wonne ſchimmernden Blicken, daß die, von ihrem Vater längſt verſp rochene Geſellſchafterinn endlich au⸗ gekommen ſey, und von ihr ſo lange mit Bitten und Liehe beſtuͤrmt werden ſoll, bis die kleine Grillenfaͤngerinn ihres hartnaͤckig vertheidigten Entſchluſſes, ſich ins Kloſter zu begeben, daruͤber vergeſſe. Wenn man den beyden Schoͤnen in die Augen ſah, ſo blieb es in der That ſchwer zu heſtimmen, welche von ihnen den Sieg uͤber die andere davon tragen werde. Es waͤhrte nicht lange, ſo war Noſalba das vierte, unzertrennliche Glied unſerer ſchoͤnen D 2 6. Kette, und, da bald Freundſchaft und Vertrau⸗ lichkeit kein Geheimniß mehr unter uns duldeten, ſo gedachte ich auch an einem ſchoͤnen, unſere Herzen oͤffnenden Abende, des Engels, der Schaͤ⸗ ferinn und der Beterinn auf den Graͤbern, doch aus Vorſicht, nur wie eines fruͤhe gehabten Traumes. 3„Es war kein Traum, lieben Freunde!“— erwiederte Roſalba mit verſchaͤmter Innigkeit— „hat gleich ein Ungefaͤhr das kleine, irdiſche Maͤdchen mit unverdienter himmliſcher Glorie umgeben. Sie wiſſen es ſchon, Graͤſinn Gabriele, daß meine Mutter fruͤh verſtarb, und ich bey dem Sacriſtan in O. erzogen ward. In der Chriſt⸗ mette fingen dort gewoͤhnlich einige, als Engel gekleidete Kinder, eine lateiniſche Cantilene. Auch mir goͤnnte mein Pflegevater, wie ſpaͤterhin eine Rolle bey dem Schaͤferſpiele, dieſe kindliche Freude. Mit Silberblumen und bunter Folie von einer, mir gewogenen Urſeliner⸗Nonne reichlich geſchmückt, konnte ich die Zeit der Mette nicht erwarten, ſondern ſchlich mich, indeß mein Pflegevater auf dem Altare die Kerzen aufſteckte und ſonſt allch in Bereitſchaft ſetzte, durch den aus unſerm Hauſe in die Kirche fuͤhrenden Kreuz⸗ gang. Da fand ich denn dieſen unſern wunderlie⸗ benden Freund, mit dem ich nach Kinderweiſe bald bekannt wurde. Das Pochen an der aͤußern —. 77 Kirchthuͤre, das Herzukommen meines Pflege⸗ vaters, erſchreckte mich, und aus kindiſcher Furcht ſuchte ich mich am erſten beſten Orte zu verſte⸗ cken.— Daß Sie mich ſpaͤterhin auf dem Grabe ihrer Schweſter Thereſe fanden, war weniger Spiel des Zufalls. Ich ging abſichtlos, bloß, weil der Tag es mit ſich brachte, und der fromme Gehrauch mir gefiel, nach dem Kirchbofe. Nie⸗ mand lag dort begraben, für den ich insbeſon⸗ dere zu beten gehabt haͤtte. Da ſuchte ich vor allen andern kleine Graͤber, weil ich ſelbſt faſt noch Kind war, und las die Inſchriften der Leichenſteine. Ich fand den Nahmen Ihrer Schwe⸗ ſter, und beſann mich, daß ich ſie im Sarge lie⸗ gend, recht blaß und recht ſchoͤn, unter Blumen, wie in einem Garten ſchlafend, geſehen hatte. „Dieſe haſt du doch gewiſſermaßen gekannt, ehe ſie begraben ward“— dachte ich ſtill vor mich hin—„und wenn ihr Geiſt vielleicht damahls als ein unſichtbarer Engel uͤber der Leiche ſchweb⸗ te, ſah ſie dich auch, und erkennt dich wohl wie⸗ der. Auf ihrem Grabe willſt du beten!“— So war mir denn, bis auf das Schild in der Kirchengruft, nach dem ich mjich jetzt nicht zu fragen getraute, das Wunder erklaͤrlich, obſchon ich, aufrichtig zu ſagen, meinen Glauben mir ungern entreiſſen ließ. Doch der Ton und die Art, womit Roſalba alles erzaͤhlte, ließ mich ja in ihr einen hiernieden wandelnden Engel er⸗ blicken. Ich gelobte mir im Stillen, dieſen mit eben der Waͤrme, aber auch mit gleicher Reinheit zu lieben, als den geglaubten Bewohner des Himmels.— Auch auf das feurige Gemuͤth des Grafen Franz hatte die Unſchuld der holden Erzaͤhlerinn tiefen Eindruck gemacht.—„Du konnteſt leicht in deinen Wunderglauben verfallen“— ſagte er, da wir die Laube verlaſſen hatten, mich um⸗ armend,—„und gluͤcklich iſt der, der ſo traͤu⸗ men kann.“* +A 3 erhielt kurze Zeit nachher auf des Ge⸗ nerals Vortrag eine Rittmeiſterſtelle; dieß veraͤn⸗ berte aber in meinem Verhaͤltniſſe zu ihm und feiner Familie nicht das mindeſte; Gewohnheit an mich ſelbſt und edle Erinnerung an die Freund⸗ ſchaft meines Vaters hatte mich dem alten Gra⸗ fen bey ſeinen Geſch höften und an ſeiner Tafel faſt unentbehrlich gemacht. Der Sohn ſchien ſich immer inniger an mich zu ſchließen, und wurde nicht muͤde, die Erzaͤhlung meiner jugend⸗ lichen Geſchichte auf's neue von mir zu verlan⸗ gen. Gabriele gab mir, ſo weit es ihr Stand und die Feinheit ihres Gefuͤhls verſtattete, täg⸗ lich nene, unzweydeuntigere Beweife ihrer Zunei⸗ 79 gung. Umſonſt wuͤrde ich mich mit Grundſaͤtzen geruͤſtet haben, waͤre nicht Liebe zu Roſalba mein Genius geweſen. Dieſe endlich ſelbſt— ol was ſie mir war, wie ihr ganzes Weſen, ihre Froͤmmigkeit, ihre Zartheit, ihre reine, von ihr nicht geahndete, auf Erden beyſpielloſe Liebe mich entzuͤckte, meine ganze Seele erfuͤllte und erhob, mich, mitten unter den Menſchen, in ein vor Aller Augen verborgenes Paradies verſetzte,— wie vermoͤchten Worte dieß zu ſchildern? Ihren Entſchluß, oder, wie ſie es nannte, ihr der Urſeliner⸗Nonne und dem Himmel abge⸗ legtes Geluͤbde ſchien anfaͤnglich jeder irdiſchen Macht zu trotzen; doch ſing ſie nach einiger Zeit au, davon zu ſchweigen, und ſchien ſogar, wie es mir vorkam, zuweilen zu wanken. Der Ge⸗ danke, dieſen Engel mein nennen zu koͤnnen, ſtieg dann, obwohl ich ihn verraͤtheriſch nannte,— wie Dichtern im Traum das Bild einer elyſiſchen Landſchaft, die mit ihren Morgenroͤthen, Ber⸗ gen und Wunderbaͤumen in den finſtern Ocean ſchnell wieder verſinkt— in meiner Seele auf. Doch wagte ich es nicht, irgend jemand, nicht einmahl den mir ſo ganz ergebenen Grafel. Franz, am allerwenigſten aber die geliebte Heilige ſelbſt, in mein Innerſtes blicken zu laſſen. Dieß Ge⸗ heinniß war meine Wonne und mein Schmerz, die ich mit feinem theilen durfte. Leicht haͤtte dieſe Verſchloſſenheit das Un⸗ gluck meines ganzen Lebeuns bewirken koͤnnen; was ſage ich? hat ſie dieß nicht wirklich gethan? — Einſt waren Franz und Gabriele, wider ihre Gewohnheit, allein ausgefahren. Es hieß, ſie wuͤrden erſt ſpaͤt zuruͤckkommen. Nicht ſowohl der Wunſch, Roſalba zu ſehen,— ihr Bild ſtand ja unaufhoͤrlich vor mir!— als Gewohnheit, fuͤhrte mich in den Garten. Ich ſtrich in den Gaͤngen umher; die ſchoͤnſte Mondnacht ging auf. Ich erblickte an einem Fenſter Roſalba, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, die himmliſchen Au⸗ gen, in welchen Thraͤnen glaͤnzten, gen Himmel erhoben. Ich verſchlang dieſen Anblick; ich wagte es nicht, die Heilige, die zu beten ſchien, durch mein Erſcheinen zu ſtoͤren. Schon laͤngſt hatte meine ſtille, aber deſto heiſſere Liebe, mich Toͤne fuͤr Freude und Schmerz gelehrt. Da ich nur — militaͤriſche Plane zu zeichnen, nicht zu mahlen verſtand, war ich gewohnt, meiner Phantaſie durch Worte zu Huͤlfe zu kommen. Ich ſetzte mich in ein Gebuͤſch und ſchrieb, um das Bild der ſchoͤnen Beterinn mir zu erhalten, nach der Melodie eines der kleinen Lieder, die Roſalba zu hunderten auswendig wußte, folgende Zeilen: Weine nicht, Weine nicht, Du mein ſuͤtzes Leben! Laß dein Aug' zu jenem Licht Ungetruͤbt ſich heben! Schau' empor, Schau' empor, Durch die Rebelhuͤllen; Dorthin, wo das Sternenchor Engel Gottes fuͤllen!— Freundlich lacht Durch die Nacht Mondenlicht am Himmel; Feyernd ruht bey Sternenpracht Irdiſches Gewimmel. Rein're Luſt Hebt die Bruſt Ueber Erdenleiden, Ihrer Abkunft ſich bewußt, Will die Seele ſcheiden.—— Ich konnte nicht enden.—„Verraͤther!*— ſchrie hinter mir eine Stimme, Ich ſchaute um, und erblickte den Grafen Franz, der mir uͤber die Achſel geſehen hatte, und jetzt wuͤthend den Degen zog. 1— „ „Wer darf ſie lieben, als ich?v— erwie⸗ derte er heftig, ohne auf mich zu hiren, da ich ihn beſaͤnftigen wollte—„Ha! ſchon lange hegte ich dieſen Verdacht; ſchon, ehe ich ſie kannte, haſt du mir ihre Liebe entwandt; und— mein muß ſie werden, oder ich ſterbe!“ Ich war; mich an ſeinen Hals; ich beſchwor ihn bey Allem, was ihm heilig ſey, ſich zu maͤ⸗ kigen; ich ſuchte ihm den Degen zu entwinden, aber mit der Kraft eines Naſenden ritß er ſich los, und mir blieb zuletzt nichts uͤbrig, als auf meine Vertheidigung zu denden. Ich ſetzte ihm anfaͤnglich alle Kaltbluͤti igkeit entgegen, die mir beyzubehalten möͤglich war; meine Schonung ſchien ihn noch mehr zu erbit⸗ tern. Ja, als endlich Roſalba, durch das Schwer⸗ tergeklirre erſchreckt, mit gefalteten Haͤnden, mit fliegenden Haaren, herbeyeilte und meinen Rah⸗ men ausrief; als ich, in Hoffnung, dieß werde ſeine Hitze abkuͤhlen, einige Schritte zuruͤck wich, da ſchien ſeine Wuth in volle Flammen aufzu⸗ lodern. Mit Zaͤhneknirrſchen drang er von neuem auf mich ein, und ob ich ſchon noch immer ihn nur abzuhalten ſuchte, ſo empfing er doch, nach kurzem Gefecht, von Zorn voͤllig verblendet, einen Stich in die Bruſt. Er verſuchte noch einen Stoß nach mir, wankte und ſank; bey ſeinem Falle drang es eis⸗ — — kalt an mein Herz. Ich und Roſalba ſt uͤrzten uͤber ihn; er ſchien nur noch zu roͤcheln. Ich beſann mich keinen Augenblick, einige Bedienten herbey zu rufen. 3 Man machte Anſtalt, den Verwundeten in das Haus zu tragen.—„Denken Sie auf Ihre Rettung,“— fluͤſterte mir ein alter Haushof⸗ meiſter, faſt weinend, ins Ohr— pehe der Ge⸗ neral“— Dieß Wort ſchlug wie ein Blitzſtrahl vor mir nieder.„Ich?— fliehen?2v— ſagte ich finſter zu mir ſelbſt. Ich ließ meinen ungluͤcklichen Freund unter den Haͤnden ſeiner Diener, und begab mich augen⸗ blicklich zu ſeinem Vater. Er kam mir freundlich entgegen, und bebte vor meinem Anſehen zuruͤck. —„Nehmen Sie meinen Degen, Herr General!* — rief ich ihm zu—„Verdammen Sie mich, aber verdammen Sie mich nicht ungehoͤrt! Mein geliebteſter Freund iſt gefallen von dieſer Hand!* Der Graf that heftig einige Schritte auf mich zu; mein Bekenntniß ſchien ihn zu entwaff⸗ nen. Er trug das Ungluͤck, wie ein Mann.„Sie fuͤhlen ſelbſt, welche Botſchaft Sie mir brachten. Bleiben Sie, bis ich wiederkehre,— oder— fliehen Sie auch. Gott! Gott! mein Sohn* Er ließ mich allein, unbewacht. So beunru⸗ higt meine Seele war, ſo kam doch der Gedanke an Flucht mir nicht ein. Ich hatte dem Grafen 84 zu viel zu verdanken, um nicht, wenn auch das Opfer meiner That, wenigſtens gerechtfertigt vor ihen erſcheinen zu muͤſſen. Bleich, ernſt, doch gefaßt, kam er nach eini⸗ ger Zeit zuruͤck.„Es iſt noch nicht alle Hoffnung verloren“— ſagte der bedauernswerthe Vater, als wollte er mich troͤſten—„Wie geriethen Sie an einander?“— IZch erzaͤhlte ihm, mit moͤglich⸗ ſter Schonung Franzens, Alles; ich ſagte kein Wort, das ich nicht noch ſterbend mit einem Eide haͤtte bekraͤftigen koͤnnen. Er ließ mich ausreden, und ging dann mit ſtarken Schritten auf und ab. „Ich kenne Sie, ich kenne meinen Sohn!* — ſagte er dann mit gedaͤmpfter Stimme—„ich kenne die Hitze der Jugend. Was Sie mir ſagten, laͤßt keinen Zweifel in meiner Seele. Bleiben Sie denn, als waͤre nichts vorgefallen! Niemand als meine getreueſten Leute und der Wundarzt, wiſſen davon; ich habe allen Stillſchweigen auf⸗ erlegt, und, ſollte dennoch etwas verrathen wer⸗ den, ſo rechnen Sie darauf, daß ich ſelbſt Sie ſchuͤtzen, daß ich Sie rechtfertigen werde!“ Ich wollte ihm zu Fuͤßen ſinken; er reichte mir die Hand, und ſagte, endem er eine Thraͤne wegwiſchte:„Richt wahr, Sie haßten meinen Franz nie? Sie vergeben ihm, wenn er ſterben ſollte? O Noſalba!— Unſichtbare Hand, die mich im Verborgenen faßt!“—— 85 Nach dieſen Worten fuͤhrte er mich in ein Nebenzimmer, mit der Anweiſung, hier den Morgen zu erwarten. G— Welch eine Nacht ich durchwachte, darf ich wohl nicht ſchildern. Schon mit Tagesanbruch troͤſtete mich der edle Greis mit der Nachricht, daß Franz noch lebe, und vielleicht gerettet werde. Bald darauf kam er wieder, und verſt⸗ cherte mich, daß von dem Duell nicht das min⸗ deſte ruchtbar worden ſey; der Wundarzt habe vorgegeben, als ſey Graf Franz, wie in der That ſchon ehedem einmahl geſchehen, von einem Blutſturz betroffen worden. Ich verfuͤgte mich nun, auf des Generals Geheiß, wieder in meine Wohnung. Ich ging, um immer Erkundigung von Franzens Beſfinden einzuziehen, taͤglich einige Mahle in das graͤfli⸗ che Haus, doch ohne mich jemahls Gabrielen oder Roſalba zu zeigen. Nach ungefaͤhr ſechs Wochen gab der Arzt die beſte Hoffnung, den jungen Grafen ooͤllig herzuſtellen. Sein Vater war daruͤber ſehr froͤh⸗ lich, ließ ſich von mir wiederholen, wie heiß ich Roſalba geliebt habe, ſchien damit nicht un⸗ zufrieden, und begleitete mich dann ſelbſt zu ihr und Gabrielen, 86 Nicht ohne Erſchrecken entdeckte ich, daß der Kummer auch auf dieſe holden Weſen den tief⸗ ſten Eindruck gemacht hatte. Sie druͤckten mir,— war es zum Zeichen des Bedauerns, oder der Vergebung?— beyde die Hand, und kaum hatte ſich der General wieder entfernt, als ſie, mit zarter Schonung des Geſchehenen nicht erwaͤh⸗ nend, die ſonſt unter uns ſtatt gefundene Stim⸗ mung herbeyzufuͤhren ſich bemuͤhten. Daß dieſes nicht gelang, laͤßt ſich leicht vermuthen. Einen ſo tiefen Stachel dies aber auch in meine Bruſt druͤckte, ſo ward ich doch noch weit ſchmerzlicher verwundet, als Roſalba, zwar gelegentlich, doch wie es ſchien, abſichtlich, erklaͤrte, ihr Entſchluß, Ronne zu werden, ſey nun keiner Aenderung mehr unterworfen; ſpaͤte⸗ ſtens in einem Vierteljahre werde ſie das Geluͤbde ablegen. War es meine That, die dieſe Feſtigkeit in ihr erzeugt hatte, oder— was war es ſonſt, das ſie von mir zuruck ſcheuchte? mmnmnnn „ 4 Das Gutachten der Aerzte uͤber Franzens Befinden ward von Tag zu Tag erfreulicher; der General hielt es fuͤr Zeit, mich zu ihm zu fuͤhren. Er verſprach ſich von unſerer Verſoͤhnung, 37 und von dem, was er ſeinem Sohne noch zu ſagen habe, den beſten Erfolg. Franz ſtreckte mir bey unſerm Eintritt haſtig die Hand entgegen, zog ſite aber, wie berenend, ſchnell wieder zuruͤck, und rief mit f Stimme:„Liebſt Du Roſalba? „Ermanne Dich, mein„— unterbrach ihn der General, und ſetzte ſich neben ſein Bett— „Du darfſt und ſollſt Roſalba lieben, aber Dein Freund darf es auch; denn ſie iſt— Deine Schwe⸗ ſter!* „Ich bin nicht mehr ſchwach genug, mir Maͤhrchen aufbinben zu laſſen!“— antwortete Franz mit bitterm Laͤcheln und beleidigendem Trotze. „Ich vergebe dieß dem Kranken!“— ver⸗ ſetzte der General—„aber ſo ſchwer es mir wird, ſo mußt Du mich anboͤren. Ich hoffe, Ihr werdet als Freunde ſcheiden, und einander wert inniger lieben, als zuvor. Der General erzaͤhlte nun, nicht ohne Schwer⸗ muth und Neue, einen Theil ſeiner Lebeusge⸗ ich gebe dieß, wie es mir ſpaͤterhin noch ausfuͤhrlicher bekannt worden iſt. Nicht eigentlich des Generals Gemahlinn, wenigſtens ſie nicht allein, war Urheberinn ſeiner unzufriedenen Ehe. Er hatte ſich mit ihr, die ſich weder durch koͤrperliche Schoͤnheit, noch durch * 38 geiſtige Borzuͤge auszeichnete, ohne Reigung, bloß aus Conveni enz, vermaͤhlt. Einige Jahre er⸗ trug man ſich gegenſeitig, und vielleicht waͤre am Ende Zuneigung aus langer Gewohnheit ent⸗ ſtanden, haͤtte nicht der General das Fraͤulein Roſalba von S., die Zierde des Hofes zu****, kennen gelernt. Gegen dieſe faßte der Graf, da⸗ mahls noch ein bluͤhender, fruriger Mann, die heftigſte Zuneigung— niemand kann ihr Ge⸗ maͤhlde, das noch auf der Gallerie vorhanden iſt, ſehen, und ihn deßhalb verurtheilen. Ein fremder Kuͤnſtler hat es unaufgefordert gemahlt, und dem Hofe fuͤr ein ehrenvolles Geſchenk uͤber⸗ laſſen. Das Fräulein ſcheint mehr aus Aerher gewebt, als aus irdiſchem Stoffe gedildet; ſte geboͤrt zu jenen idealen Geſtalten, die jeder Ge⸗ fuͤhlvolle, einmahl erblickt, nie wieder vergißt!— Auch das Fraͤulein war dem Grafen im Stil⸗ len gewogen, ohne von ihrer Zuneigung ſelbſt recht zu wiſſen. Eine Zeit lang dauerte dieß Ver⸗ haͤltnis ohne Stoͤrung; endlich erwachte der Graͤſinn Eiferſucht. Das Fraͤulein wurde hier⸗ durch auf ſich ſelbſt aufmerkſam, erkannte mit Schrecken die Schwäͤche ihres Herzens, und ver⸗ ließ den Hof. Weit gefehlt, daß ihre Entfernung den Frie⸗ den unter den Cheleuren hergeſtellt haͤtte, diente ſie nur dazu, den Groll zu vermehren. Der Graf 89 ſah in ſeiner Gemahlinn das Hinderniß ſeines Gluͤckes, die Graͤfinn in ihm erten Pflichtver⸗ geſſenen; die beyderſeitigen Anverwandten ver⸗ anlaßten eine freywillige Trennung, da eine ge⸗ ſetzliche großen Schwierigkeiten untirworfen war. Einige Jahre verfloſſen, eh' es dem Grafen gelang, den Aufenthalt der ſchoͤnen Entflohenen zu entdecken. Nun erwachte ſeine Liebe mit nicht laͤnger zu beſiegender Heftigkeit. Er unternahm eine Neiſe in die Naͤhe von O., ſuchte Roſalba auf, taͤuſchte ſte, von Leidenſchaft verblendet, mit der Verſicherung, daß er geſchieden ſey, und ſiegte in einer ſchwachen Stunde uͤber ihre Tugend. Kaum war das Fraͤulein der Veraͤnderung ihres Zuſtandes gewahr worden, als zu gleicher Zeit die Nachricht, ihr Geliebter habe ſie hin⸗ tergangen, ſie zu Boden ſchmetterte. Scham, Schreck, Neue, ranbte ihr faſt das Leben, und ließ ſie ihren Verfuͤhrer verwuͤnſchen. Aber ſie konnte in der Familie, bei welcher ſie ſich auf⸗ hielt, die Entdeckung ihrer Schande nicht abwar⸗ ten; ſie war von allen verlaſſen, und nahm end⸗ lich das Anerbieten ihres Geliebten an, ſie in O. bey einem Freunde— dieß war mein Vater — unterzubringen. Hier ward ſie, vorgeblich als eine fremde Officierswittwe, von einer Tochter enthunden, die man Noſalba, ſpaͤterhin aber, um 93 3 nicht zu Entdeckungen Anlaß zu geben, Roſa nannte, und ſtarb in den Armen einer Jugend⸗ freundinn, eben der Urſeliner⸗Nonne, die ſich ſpaͤterhin auch der Tochter muͤtterlich annahm, an den Folgen ihrer Niederkunft und ihrem Kum⸗ mer. Sie war der letzte Sproͤtzling des alten Ge⸗ ſchlechtes von S., und ward in der Familien⸗ gruft beygeſetzt. Die benachbarte Frau des Sacri⸗ ſtans war kurze Zeit vorher gleichergeſtalt nie⸗ dergekommen; das Kind ſtarb aber nach wenig Tagen. Dieſer uͤbergaben meine Aeltern die ver⸗ waiſte Kleine, und Roſalba war in dem Hauſe des Meßners ſo lange erzogen, bis der General den Entſchluß faßte, ſie Gabrielen als Geſell⸗ ſchafterinn beyzugeſellen. —Vù Ddieß ungefaͤhr, wiewohl mit mancher Ent⸗ ſchuldigung ſeiner ſelbſt, mit groͤßter Schonung ſeiner Geliebten, erzaͤhlte der alte General mir und ſeinem Sohne. Er aͤußerte zuletzt noch die Hoffnung, daß das Schickſal nun verſoͤhnt ſeyn, und Alles einen froͤhlichen Ausgang gewinnen werde. Franz hatte ſchon eine Zeit lang, ganz ſtill, mit ſtarren Augen, zugehoͤrt. Jetzt wollte der General ſeine Hand ergreifen; da blickte ihn der Kranke mit furchtbar leuchtenden Augen an, 3 1 ſchleuderte ſeine Hand von ſich, und brach in ein, der Raſerey aͤhnliches Phantaſtren aus. Diener und Aerzte wurden herbey gerufen; aber die Heftigkeit des Ungluͤcklichen, ſeine Weigerung, Huͤlfe anzunehmen, machte jeden Verſuch frucht⸗ los; eine wiederholte Ruͤckkehr des fruͤher gehab⸗ ten Blutſturzes, wahrſcheinlich auch die Ver⸗ ſchlimmerung ſeiner Bruſtwunde, raubte ihm noch vor Nacht das Leben. Meine Lage in einem Hauſe, das durch mich in die tiefſte Trauer verſetzt worden war, durch mich Sohn und Bruder verloren hatte, ward, der Schonung, die man mir von allen Seiten bewies, des Mitleids, das aus jedem Auge mich anſtrahlte, ungeachtet, immer druͤckender, zuletzt aber unertraͤglich; ſelbſt meine perſoͤnliche Si⸗ cherheit ſchien jetzt in Gefahr. Rur mit Aufbie⸗ tung meiner ganzen Faſſung vermochte ich, das Begraͤbniß des jungen Grafen abzuwarten; aber kaum war der Leichnam auf das Familiengut abgefuͤhrt, als ich um den Abſchicd anſuchte, und dem General meinen Entſchluß bekannt mach⸗ te, in freindde Dienſte zu treten. Er geſtand mir die Nothwendigkeit hiervon zu, entließ mich mit ſichtbarem Schmerz, und gab mir zum Troſt die Verſicherung mit, daß er keinen Haß, nur Freundſchaft und Bedauern gegen mich hege; ja, wenn die Vorſicht es alſo gefuͤgt haͤtte, mir 92 ſelbſt Roſalba nicht verweigert haben wuͤrde. Die Trennung von Gabrielen und Roſalba er⸗ ſcuͤtterte mich um ſo heftiger, weil ſie mich uͤber⸗ zeugte, wie ſehr beyde mir wohlwollten. Spaͤterhin belehrte mich ein von Rofalba, kurz vor ihrer Einkleidung, erhaltener Brief, daß ſie nur aus inniger Reigung fuͤr mich eine Zeit lang in ihrem Entſchluſſe gewankt, und an jenem verhaͤngnißvollen Tage, da ich ſie am Fenſter erblickte, Gabrielens geheime Liebe zu mir durch ſie ſelbſt erfahren, ſodann aber ihr Geluͤbde unter den heiligſten Schwuͤren erneuert habe. Sie nannte mich ihren Bruder, und nahm Abſchied von mir auf Dießſeits.— Gabriele ver⸗ maͤhlte ſich in einiger Zeit an den Fuͤrſten von C.— RNach fuͤnf Jahren wurde das Kloſter der Urſulinerinnen aufgehoben; ich eilte dahin, ließ mich bey der Aebtiſſin anmelden, und fragte nach Schweſter Thereſen— ſo hatte ſich Roſalba ge⸗ nannt! Eine Thraͤne fiel auf die Hand der wuͤrdigen Oberinn.—„Dort unten ruht ſie, unter Thraͤnen⸗ ſtraͤuchern und weiſſen Roſen!“— antwortete ſie mit ſtockender Stimme—„Sie rief Ihren Rah⸗ men, ehe ſie ſtarb!— Bluͤthen, wie dieſe, werden fruͤh in die himmliſche Heimath verpflanzt“ Wwnnn AAA 1. Durch Dornen drang ich zu der Waldcapelle; Geoͤffnet ſtand des wuͤſten Kirchleins Thor; Von bleichen Scheiben fiel des Mondes Helle Mit blauen Schatten ins vermorſchte Chor. An des bemoosten Altars lockrer Schwelle Schwankt' eingeſchleyert eine Jungfrau vor. Sie ſchwebte hehr am roſtigen Gelaͤnder; In weißem Schimmer blinkten die Gewaͤnder. „Ob kuͤhle Luͤfte dir entgegen ſchweben“ So ſprach ſie mit enthuͤlltem Angeſicht— „Doch ſollſt du, ſtiller Waller, nicht erbeben; Denn Gott erblickt mein Geiſt in ſeinem Licht. Ermanne dich, des Grabes Stein zu heben, Der muͤrbe unter deinen Haͤnden bricht, Womit die Laͤſt'rung meine Gruft umſponnen, Iſt dann vor deinem Auge hald zerronnen!— 4 8 96 Und was ich dort in halb erblich'nen Kunden, Verwahrt in kaltem, geungefleckten Bley, Von Wiligard, der Lieblichen gefunden, Wie bald verbluͤht die ſuͤße Roſe ſey, Das geb' ich Euch des alten Worts entbunden, Wie mir's geliebt. Des Dichters Will' iſt frey Und gern vernimmt das Ohr der Liebe Klage, Die fromm erklingt aus Graͤbern fruͤh'rer Tage. 2. 4* —* 6. Hanns Veldeck, genannt der Hinkler, an Georg von Weſthauſen d. j. Ich danke dir, lieber Georg, deinem edlen Vater und der guten Buͤrgerſchaft fuͤr die ehren⸗ volle Einladung. Du kennſt mein reitzbares Ge⸗ muͤth, und wie ſchwer ich es uͤber mich gewinne, eine Gelegenheit zu verabſaͤumen, wo es Ehre zu erwerben gibt. Mein Nuf, der erhebende Ge⸗ danke, im Munde des Volkes und im Herzen der Sdelſten zu leben, iſt das Einzige, worauf das Schickſal den fruͤh Verwaiſeten bey dieſem ge⸗ brechlichen Koͤrper verwieſen hat, und ich denke ſehr ernſtlich darauf, den Nuhm meiner Jugen fuͤr mein Greiſenalter aufzuſparen, wie die emſige Biene den Fruͤhlingshonigſeim fuͤr den bluͤthen loſen Winter. Still und ruhig, wie ein Feld wenn auch uͤber verborgene Felſen und Untiefen, koͤnnte kuͤnftig mein Leben dahin fließen, ſpornte nicht eine ſeltſame Begier mich raſtlos an, den alten Ruhm meines Nahmens, den ſchon mein Vater aus dem Grabe wieder erweckte, noch mehr zu verbreiten, und keinen der Zeitgenoſſen in meiner Kunſt uͤber mich zu laſſen. Ich habe dir dieſe meine Schwaͤche nie verhehlt, und, Trotz alles inneren Widerſtandes, iſt ſie ſeit un⸗ ſerer Trennung nur noch gewachſen. Zeihe mich immer des Neides oder einer kleinlichen Miß⸗ gunſt; ich muß mir dieß gefallen laſſen, aber du ſtehſt wenigſtens aus meinem offenen Geſtaͤnd⸗ niſſe, daß ich den Antrag, bey der Erbhuldigung eures jungen Herzogs zu erſcheinen, nicht aus Eigenſinn von mir ablehne. Ach, wie manchen harten Kampf mit mir ſelbſt habe ich zu beſtehen gehabt; wie viel Ueberwindung wird es mich noch koſten, dieſen Brief an dich abgehen zu laſſen. Doch es iſt beſchloſſen, und keine Lockung foll mich in dieſem Entſchluſſe wankend machen. Wenigſtens binnen fuͤnf Jahren betrete ich die Thore der Vaterſtadt, die mir durch die Groß⸗ muth deines Vaters zu meiner eigenen gewordent iſt, nicht wieder. Sage dem vielgeehrten Herrn Stadt⸗Voigt und den braven Viertelsmeiſtern, der Herr Mark⸗ Unterhalt. Biblioth. 12. B. E * graf wolle mir keinen Urlaub geſtatten, und die edelmuͤthigſte Aufnahme habe mich ihm zu tief verbunden, als das ich wider ſeinen Willen die Reiſe antreten koͤnnte. Dir ſelbſt entdecke ich wohl einmahl die wahre Urſache, wenn ich mich ſtark genug dazu fuͤhle. Berichte mir, wenn die Feyerlichkeiten vor⸗ äber ſind, Alles genau, und beſonders, welche Meiſterſaͤnger ſich bey der Hofhaltung eingefun⸗ den haben, und welchem von ihnen Beyfall zu Theil geworden ſey? 3. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Du haſt doch unrecht gethan, trefflicher Johannes, dem Locken des jungen Fruͤhlings zu widerſtreben, und meine Einladung, ſo wie gemeiner Stadt Waͤnſche, hartnaͤckig zu ver⸗ ſchmaͤhen. Zwar der Sieg, den du jeden Falls uͤber alle deine Mitwerber davon getragen haͤtteſt, wuͤrde dir wenig genügt haben; denn, unwuͤrdig ihrer trefflichen Vorgaͤnger, wetteiferten ſie unter ein⸗ ander an veraͤchtlicher Schmeicheley und begehr⸗ licher Unverſchaͤmtheit, ſelbſt der greiſe Vinold erniedrigte ſich, den jungen, feurigen; —. 99 aber noch ruhmloſen Herzog uͤber die alten Helden ſeines Stammes zu erheben, die doch gegen die Tuͤrken und ſonſt maͤnnliche Kriegsthaten geuͤbt. Doch die biedere, ungeheuchelte Freude eines treuen Voͤlkchens, der Ausdruck der Ruͤhrung im Antlitz der huldvollen Fuͤrſtinn, ja ſelbſt das bunte Gewuͤhl, und die anſtaͤndige Pracht der Aufzuͤge, haͤtten deinen finſtern Sinn erheitern muͤſſen. Zuerſt muß ich dir melden, daß der achtzig⸗ jaͤhrige Caſpar Hollmann, vormahls der trauteſte Freund meines Vaters, aber ſeit kur⸗ zem wegen eines geringen Zwiſtes toͤdtlich mit ihm verfeindet, ſeine Stadthauptmannsſtelle nie⸗ der gelegt hat. Der reiche Gewerkherr, Conrad Zeuner, iſt dafuͤr eingeruͤckt, und mich hat die einmuͤthige Stimme der Zuͤnfte zum Faͤhnrich bey der erſten Notte, naͤhmlich bey der Rotte der Armbruſtſchüͤtzen, erkoren. Zwar die alten Verfaſſungen, wo der Buͤr⸗ ger allein ſeine Waͤlle und Baſteyen mannhaft vertheidigte, und nur ſelten Soͤldlinge in die Ringmauer aufnahm, nähern ſich dem Verfalle; zwar ſuchen die Fuͤrſten des Reichs die Kraͤfte der Staͤdte zu brechen, und ſparen weder Liſt. noch Gewalt, eine Freyheit nach der andern ihnen zu entwinden;..... ach! wir ſind nur Schatten unſerer Vaͤter und Proaͤter; was wer⸗ E 2 100 den unſere Soͤhne und Enkel ſeyn?.... aber immer noch lebt im Herzen der aͤltern Rottmei⸗ ſter, leuchtet aus der Einrichtung des Ganzen ein kraͤftiger Geiſt hervor, und als ich bey dem Einzuge des fuͤrſtlichen Paares zum erſten Mahle mein Amt verwaltete, da ergriff mich eine wun⸗ derbare Ruͤhrung, eine ſowohl erhebende, als niederdruͤckende Wehmuth..... ich vermag es nicht mit Worten zu ſagen! Dieſe alte Fahne, die nur bey beſondern Feyerlichkeiten gebraucht wird, und ſeit Jahren in einem Winkel des Ruͤſt⸗ Hauſes unter Staub und Spinnengewebe verbor⸗ gen gelegen hatte, dieſe unſcheinbare, zerfetzte, halbvermoderte Fahne hatte einſt auf dem alten Werke, der Trotzen genannt, den Mittelpnnct einer wuͤthenden Vertheidigung gegen ſtuͤrmende Belagerer abgegeben; dieſe Fahne wurde einſt bey einem naͤchtlichen Ausfalle von dem Fahnen⸗ traͤger, einem trefflichen Juͤnglinge aus dem al⸗ ten Buͤrgergeſchlechte der Preißler, und dem Braͤutigam der zuͤchtigſten Jungfrau, da ibm durch ein Steingeſchuͤtz die Rechte zerſchmettert worden, mit der Linken in die Stadt zuruͤck ge⸗ bracht, und er ſank, ſie noch empor haltend, todt zur Erde; der roͤthliche Roſt an dieſem Fahnenſponton hatte ſich vielleicht zuerſt von ſei⸗ nem Blute, von den Thraͤnen der ungluͤcklichen Braut angeſetzt..... ach, Johannes, ich 101 ſtampfte die Spitze feſt in den Boden, und ſprach zu mir ſelbſt: Warum ward ich ſo ſpaͤt ge⸗ boren? Wir poſtirten uns am Margarethen⸗Thore, das ganze erſte Faͤhnlein in Panzern und Stahl⸗ hauben mit ſchwarz und rothen Helmfedern; das zweyte, der Buͤchſenſchuͤtzen, in ſchwarz und gruͤn geſchlitzten Waͤmſern, mit Spaniſchem Kra⸗ gen und Hut, hielt uns gegen uͤber. Nach einer Stunde verkuͤndeten ein Heerpauker und ſechs Trompeter in praͤchtiger fuͤrſtlicher Livree die baldige Ankunft des erwarteten hohen Paares. Jetzt wallte unter dem Gelaͤute aller Glocken, wobey auch von der Bruſtwehr die zwoͤlf Mo⸗ nathe“*), und die kleinern Boͤller ſich wacker hoͤren ließen, ein Zug Jungfrauen durch unſere Mitte, die Frau Herzoginn mit Bluͤthenkronen und mit Geſchenken von feinen Gewaͤndern ein⸗ zuholen; Mathildis von Harteiſen, die juͤngere Tochter des erſten Buͤrgermeiſters, meine längſt beſtimmte Braut, an ihrer Spitze. Du kennſt ſie ja wohl, dieſe Mathilde. Herrlich, in goldgeblumtem Sammet, den vollen Buſen⸗ wie die Hof⸗Fräuleins, recht entblöͤßt und mit dem koͤſtlichſten Schmucke belaſtet, glich ſie ſelbſt einer Prinzeſſinn, und ihr ſchwarzes, lodern⸗ *) Naymen der groben Geſchütze. des Auge winkte mir einen freundlichen Gruß. Mein Blick erwiederte ihn, wie ich denn wohl zuußte.... An die funfzig Jungfrauen mit Rautenkraͤnz⸗ lein, Rosmarinzweigen und fruͤhen Lenzblumen geziert, zogen ſtill und ſittig an uns voruͤber, nur die juͤngſten, reitzendſten, unbeſcholtenſten unſerer Stadt. Einfacher, als alle, ſchwannen⸗ weiß, und ſchier zuͤchtiger, als eine Kloſter⸗ Nonne, gekleidet, ſchloß ein Maͤgdlein den Zug, das ich vorher noch niemahls geſehen hatte. Auch die wunderholde Dirne ſchaute von ungefaͤhr aus dem breiten Spitzenſchirme ihrer Haube, der faſt das ganze zarte Geſicht mir verbarg, mit unbe⸗ ſchreiblichem, himmliſchen Blicke mich an. Jo⸗ hannes! Haͤtteſt du ſie geſehen..... ich kann dir nicht ſagen, wie mir zu Muthe ward! Meine Hand bebte an der Fahne; ich zuckte, ſie vor der Herrlichen zu ſenken, und Gott weiß, was ge⸗ ſchehen waͤre, haͤtte ſie nicht, ſchnell erſchreckend, ihr Auge zur Erde gewandt. Naͤchſtens das Weitere! 4. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Es wuͤrde dir wenig Vergnuͤgen gewaͤhren, mein geliebter Freund! koͤnnte und wollte ich dit 1 103 auch die Pracht des Einzuges, die Schoͤnheit der Wagen und Roſſe, die Menge und roͤſtlichen Kleider der herzoglichen Diener, die Ceremonie der Huldigung aufs genaueſte beſchreiben. Du haſt, wie dein Aeneas und Ulyſſes, viel Städte und Laͤnder geſehen, und lebſt jetzt an einem der glaͤnzendſten Hoͤfe; was einem Juͤnglinge, der nur aus einer Handelsſtadt in die andere reiſte, neu und merkwuͤrdig ſcheint, kann unmoͤglich deine Aufmerkſamkeit reitzen. Eher wird es dir nicht ganz gleichguͤltig ſeyn, wenn ich dir melde, daß der junge Regent ein gar ſchoͤner, lebhafter und leutſeliger Herr iſt, von hoher, ſtattlicher Statur, doch dabey zart und wohlgenaͤhrt. Auf ſeiner Stirn thront das Freye, Ungebeugte, Stolze, eines zur Regierung Gebornen; um ſei⸗ nen Mund ſchwebt der Zug des Wohllebens und einer faſt weichen Gutmuͤthigkeit. Die Frau Her⸗ zoginn aber iſt nur von kleiner Geſtalt und blaſſer Geſichtsfarbe, doch ein wahrbaſtiges Engelsge⸗ bild. Man ſchmeichelt ſich mit der Hoffnung, ſie werde ihren Herrn bald mit einem Erben be⸗ ſchenken. Als ſie bey uns vorbey fuhr, und mit den großen freundlichen Kornblum⸗Augen immer winkte, und mit den runden, weißen Händen auf beyden Seiten dankte, ja zuletzt gar anhal⸗ ten ließ, und ein reich geſticktes Band an unſere Fahne verehrte, da ſchmunzelten ſelbſt die aͤlte⸗ 104 ſten Graubarte aus ihren Pickelhauben hervor, und hinter uns flogen alle Mützen und Huͤte in die Luft.. Schon gegen vier Uhr begab ſich die gnaͤdige Herrſchaft auf das Rathhaus, wo ein gar ſtaͤtt⸗ liches Banket mit Muſik und Tanz fuͤr ſie ange⸗ richtet war. Mir fiel es in etwas auf, daß unter den Edeldamen und Nathsherrenfrauen auch ei⸗ nige Buͤrgersweiber und Maͤgdlein ſich befau⸗ den, unter dieſen auch die Eine, die ich aus dem ganzen Zuge allein noch im Gedaͤchtniſſe hatte. Aber bald erfuhr ich, die Frau Herzoginn habe ſich bey der Bewillkommung vorzuͤglich mit dieſer, die ihr eine ſilberne Spindel voll des zarteſten Geſpinnſtes uͤberreicht, unterhalten, wie denn auch der Herzog dieſen Abend nur mit ſeiner Gemahlinn, mit Mathilden von Harteiſen und mit dieſer Einen getanzt hat. Die Buͤrger hielten dieß fuͤr eine beſondere Gunſt und Herablaſſung gegen den Buͤrgerſtand; aber, guter Johannes, mir kam es ganz anders vor. Ich hatte zu ſeh auf die Augen des Herzogs geſehen.... Koͤnnte ich dir dagegen ihr Erroͤthen und Er⸗ blaſſen, jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer ſitt⸗ ſamen Schritte ſchildern; koͤnnte ich dir beſchrei⸗ ben, wie ſie, in ſich ſelbſt geſchmiegt, nur dann das Auge aufſchlug, wenn das Gegentheil unan⸗ ſtaͤndig geweſen waͤre, wie ſte nur mit der aͤußer⸗ 103 ſten Spitze der zierlichen Finger die Hand des Herzogs beruͤhrtee... koͤnnte ich dieß, und haͤtteſt du je ſie geſehen, du wuͤrdeſt ausrufen: Das war Wiligarrd Den Tag nach dem Banket uͤberreichte die Buͤrgerſchaft dem hohen Fuͤrſtenpaare das ge⸗ woͤhnliche Geſchenk. Mein Vater und einige Vorſtaͤnde reichten dem Herzoge den Ehrenwein; für die Herzoginn war bey dem alten Preiß⸗ ler... er iſt Wiligards Vater.... ein präͤchtiges Lavoir gearbeitet worden. Du erin⸗ nerſt dich vielleicht ſeiner noch; er iſt der ge⸗ ſchickteſte Goldſchmid der Stadt, und hat ehe⸗ dem ſelbſt in Italien und Frankreich große Ehre gewonnen. Man ſagt, bey dem vorigen Herzoge, der koſtbares Geſchirr hoch ſchaͤtzte, habe er nicht wenig gegolten. Zwey hundert Mark ſchwer war das Gefaͤß, und der alte, wunderlich ſtolze Mann hatte fuͤr ſeine Arbeit von der Buͤrgerſchaft durchaus keine weitere Vergeltung annehmen wollen, als nur die Verguͤnſtigung, das Lavoir der Frau Herzo⸗ ginn ſelbſt zu uͤberreichen. Dieß geſchah denn auch. Das Lavoir uͤbertraf alles, was in dieſer Art je geſehen worden; die ſtark vergoldete Un⸗ terſchale war mit Najaden, Tritonen und Del⸗ phinen reichlich verziert, und die ſchlanken Hand⸗ haben der Kanne wurden von Schwaͤnen und *)* 406 Sirenen kuͤnſtlich gebildet. Am meiſten verwun⸗ derte man ſich uͤber das Bild des Perſeus, das dem Herzoge glich, und eine an den Felſen ge⸗ feſſelte Andromeda. Es ſtand auch eine raͤth⸗ ſelhafte Inſchrift dabey, aber der Preißler wollte die Deutung nicht ſagen. Die Herzoginn dankte ihm mit den freund⸗ lichſten Worten, und kaum hatte der Herzog den Nahmen des Kuͤnſtlers vernommen, als er mit ſchneller Reugier laut ausrief: Ha, wohl gar der Vater meiner ſchoͤnen Tanzjungfer?... Er reichte dem Alten huldvoll die Hand, ohne Zwei⸗ fel zum Kuſſe; aber der treuherzige, geſchmei⸗ chelte Kuͤnſtler, der dieſe Abſicht nicht errieth oder errathen wollte, ſchuͤttelte und drüͤckte ſie ihm ſo derb, das das junge Herzoglein ſie heftig zuruͤckzog. Doch ſchien er nachher uͤber dieſe Ver⸗ wegenheit nicht erzuͤrnt, ſondern ſtellte ſich im⸗ merfort wunderfreundlich gegen den Preißler. Ich muß jetzt ſchließen, lieber Johannes, weil ein großes Schießen mit Kugelbuͤchſen zu Ehren des Herzogs veranſtaltet iſt, wobey ich nicht fehlen darf. Ich denke auch, dy haſt fuͤr heute genug! Sobald ich mich den jetzigen rau⸗ ſchenden Unruhen auf einige Augenblicke entrei⸗ ßeu kann, ſchreibe ich dir wieder. BAAWWAwWAN 5. Veldeck an Weſthauſen d. j. Ihr haͤttet euch die Muͤhe erſparen koͤnnen, Junker! uͤber meine ſchlau errath'ne Schwach⸗ heit ſolch Geſpoͤtt zu treiben. Ich habe mir ſchon tanſend Mahl bittere Vorwuͤrfe gemacht, daß mein Herz noch an Redlichkeit, Freundſchaft und Liebe glauben kann. Aber bin ich auch ein Thor, ſo hab' ichs doch nicht um euch verdient, daß ihr mich hoͤhnt. Geht denn hin; macht mich zum Gelaͤchter der Stadt und der Gegend; bringt es dahin, daß man meine Lieder, die ich mit from⸗ mem Gemuͤth auf die Herrlichſte dichtete, vor den Herbergen abſiugt.... ich werde auch dieſe Schmach zu erdulden wiſſen, werde es uͤberleben, daß ich einem Juͤngling mein Heiligſtes aufſchloß, der im Uebermuthe auf Schoͤnheit der Geſtalt, Anſehen und Reichthum, einen Mann zu ver⸗ ſpotten im Stande war, der fuͤr ihn ſein Leben geopfert haͤtte. Leht wohl, wenn ihr koͤnnt! 6. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Veldeck! ewig geliebter Veldeck! ich be⸗ ſchwoͤre dich bey allen Heiligen, welch' ein boͤ⸗ 103 ſer Geiſt iſt wieder einmahl uͤber dich gekommen? Bey allen Anſpruͤchen auf Erdengluͤck und ewige Seligkeit! ich kann es nicht errathen, wodurch ich dich erzuͤrnt habe, und nie kehrt Ruhe wie⸗ der in mein jetzt von allen Seiten beſtuͤrmtes Herz, bis du mir die Urſache deines, ſo ganz grundloſen Argwohnes zu wiſſen thuſt. Richt als Freund den Freund.. denn eiae Freundſchaft haſt du mir aufgekuͤndigt... als Menſch den Menſchen, fordere ich dich auf, mir jenes unſelige Mißverſtaͤndniß baldigſt zu entziffern, das mich voͤllig zu Boden ſchmettern wuͤrde, wuͤßte ich mich nicht gaͤnzlich ſchuldlos. Ich wiederhole es, daß die Ruhe mich ſlie⸗ ben wird, bis ich Antwort von dir habe. Vel⸗ deck! wirſt du mich lange vergeblich darauf har⸗ ren laſſen? 7⸗ Ve ldeck an Weſthauſen d. Ja, ich ſehe es ein.. Du mußt mich haſ⸗ ſen, theurer Georg! mußt mich verabſcheuen; ich bin deiner Freundſchaft, was ſage ich, bin meiner eigenen Achtung, bin dieſes armen, trau⸗ rigen Daſeyns nicht werth. Verwaiſet von mei⸗ ner ſruͤheſten Jugend, gebrechlich von den erſten 8 109 Kuabenjahren an, mißtrauiſch gegen die Vor⸗ ſicht, getrennt nun auf ewig von meinem Hei⸗ ligſten, verzweifelnd an mir ſelbſt, konnt' ich auch dich in einer Stunde ſchwarzen Truͤbfinns verkennen und beleidigen, dich, den einzigen, an dem meine Seele haͤngt, dem vom erſten Augen⸗ blick an mein Herz feurig wallte.... Ich habe daine beyden letzten Briefe noch einmahl durchlefen, und ich bekenne es: voͤllig betaͤnbt muß ich in der Stunde geweſen ſeyn, als ich durchgehends Spott und Hohn in deinen Worten fand. Etwas anderes freylich, etwas, das mich unter andern Umſtaͤnden von Sinnen bringen wuͤrde, ſpricht aus jeder Zeile; aber darf und kann ich deßhalb mit dir zuͤrnen? Rein, nein, du guter, lieber, trefflicher Georg! du biſt unſchuldig; du Fellſt und mußt gluͤcklich werden; du haſt nichts verbrochen; ich allein bin der Ver⸗ brecher an der heiligſten Freundſchaft. Gern, gern moͤchte ich mir jede Erklaͤrung erſparen, die mich aufs neue tief verwunden wird. Aber nein! ich will buͤßen, was ich ver⸗ brach; nur durch dieſe freywillige Buße kann ich mich deiner Freundſchaft wieder wuͤrdig machen. Hoͤr' es alſo, lieber Grorg... Deine lobprei⸗ ſende Schilderung einer Alles, ſelbſt das Herz des Landesherrn, bezanbernden Schönheit, als Antwort auf meinen Entſchuldigungsbrief; dein: 1 10 „Ich denke auch, du haſt fuͤr heute genug!» meine „Hoffnungsloſigkeit, meine nur gewaltſam beſiegte⸗ thoͤrichte Neigung.. Was ich auch mit mir ſelbſt käͤmpfe, es iſt mir unmoͤglich, dir es dentlicher zu entdecken; o gewiß, du haſt mich auch ſchon verſtanden! Erinnerſt du dich noch, liebſter Freund! je⸗ nes Herbſtabends, des letzten, ehe ich von dir ſchied? Wir ſaßen Hand in Hand bis faſt um Mitternacht in deiner Laube; du warfſt dich an meinen Hats und beſchworſt mich, laͤnger bey dir zu verweilen; denn du wußteſt ja nicht, was mich zwang, deine Vaterſtadt zu verlaſſen, du waͤhnteſt, nur Mißmuth, nur angewoͤhnter Hang zum Herumſchweifen, nur eitle Ruhmſucht, trei⸗ be mich wieder hinaus. Wir wurden immer ſtil⸗ ler und ſtiller, der Mond zitterte immer bleicher durch die Blaͤtter, ich ſah Thraͤnen in deinen Augen... Da ergriff ich die Harfe und ſang dir meine Trauer; ich feyerte eine Lebendige, die fuͤr mich todt war. Fuͤr mich todt.... ſo hatt' ich mir ſelbſt geſchworen! Georg! längſt haſt du jene Toͤne vergeſſen; jene Worte hallten fluͤchtig und unverſtanden vor dir voruͤber; das Echo davon klang noch nicht in deinem Herzen. Hier haſt du den Klagegeſang, ſo weit ich ihn im Gedaͤchtniß habe. Er wird dir alles erklaͤren! Nur in deiner Hand will ich ihn 2 111 wiſſen; in jeder fremden wuͤrde er zum Dolche, an dem mein Herz ſich verbluten muͤßte. Nicht wahr, du wirſt mir vergeben? 8. Was lockſt du, junge Roſe! Mich zu dem Quellenmooſe? Ach, fluͤſternd ruft die Luft Aus kalter Todtengruft: Ihr Juͤnglinge, wir haben Die Schoͤnheit hier begraben!.. Seit Wiligard verſchied, Lebt Schoͤnes nur im Lied. Ihr ſuͤßen Nachtigallen! Zu euch darf ich nicht wallen; Denn Euer Silberton Spricht meiner Klage Hohn. Ich koͤnnt' in jenen Buchen Ja noch die Schoͤnſte ſuchen.... Seit Wiligard verſchied, Lebt Schoͤnes nur im Lied. Was winkt aus hoher Ferne Ihr, ſanfte Liebesſterne? Ihr taͤuſcht mit eurem Licht Dieß matte Auge nicht. Ich find' in eurem Schimmer Ja meine Holde nimmer;.... Seit Wiligard verſchied, Lebt Schoͤnes nur im Lied. Ob Lenz und Winter ſchwinden, Du wirſt ſie nirgends finden! Horch! fluͤſternd ruft die Luft Aus kalter Todtengruft: Ihr Juͤnglinge, wir haben Die Schoͤnheit hier begraben!... Seit Wiligard verſchied, Lebt Schoͤnes nur im Lied. 9. Wiligard an Eliſabeth. Ich habe meinem Vater nie waͤrmer im Stil⸗ len dafuͤr gedankt, daß er mich Schreiben lehrte, als ſeit der Zeit, da er mich mit nach Unſerer lieben Frauen nahm, und ich euch, meine theure, hochverehrte Eliſabeth, kennen lernte. Euer letz⸗ ter Brief zeigt mir genugſam, daß ihr von dem, was ſeit einigen Wochen in unſerer Stadr vor⸗ gegangen, die genaueſten Nachrichten erhalten habt, und nur das iſt mir raͤthſethaft, datz auch ihr, wie mein guter Vater, die zwepdeutige Huld Minute ſtand ſein Bild ſo lebeudig in meiner 113 des Herzogs, die mich ſo tief gekraͤnkt und in unbeſchreibliche Angſt verſetzt hat, fuͤr ehrenvoll anſeht und mir gewiſſer Maßen dazu Gluͤck wuͤnſcht. Nein, meine edle, fromme Eliſabeth! das kann unmoͤglich eure ernſtliche Meinung ſeyn; gewiß wollt ihr dadurch eure Wiligard nur pruͤ⸗ fen, nur erforſchen, ob ſie eurer Gunſt und Zaͤrtlichkeit werth ſey. Aber ſeyd unbeſorgt, liebe Eliſabeth! Eitel⸗ keit und Stolz werden mich nie vom rechten Wege verlocken, dafuͤr buͤrgt mir mein inneres Gefuͤhl und... ach! ich muß es euch endlich entdecken; ſchon ſeit Monden liegt es mir wie eine Centnerlaſt auf dem Herzen... und eine geheime, aber unausloͤſchliche Neigung. Ihr wißt es, daß ich keinen Tag verſaͤume, der heiligen Meſſe oder Predigt in unſerm Wain⸗ ſter beyzuwohnen. Am Tage aller Seligen, als ich lang' u inbruͤnſtig fuͤr das Heil meiner fruͤh verſtorbenen Mutter gebethet hatte, ſtand ich freudigen Her⸗ zens auf, und meine Zlicke fielen auf die Ca⸗ pelle in der Naͤhe des hohen Altars. In demſel⸗ ben Augenblick hob ſich dort hinter dem Schnitz⸗ werk auch ein Juͤngling von den Knien, wie ich noch nimmer einen erblickt. Ich wage es nicht, euch ſeine Zuͤge zu ſchildern; aber von dieſer 114 Seele, daß ich nicht einmahl wuͤnſchte, ihn je wieder zu ſehen, ſondern ihn bald nur fuͤr ein Gebild meiner feurigen Andacht hielt, und... warum ſollte ichs euch verbergen, verhielt es ſich anders?... in dieſem Wahn mich ſogar gluͤck⸗ lich fuͤhlte. Man hat euch gemeldet, daß ſie, um mei⸗ nem Vater eine Freude zu machen, mich mit zu dem Zuge erwaͤhlt haben, der unſere Frau Herzeginn bewillkommen ſollte. Ich ging ſtill durch die Reihen der Buͤrgerwache, und nur die Hauptfahne, bey deren Vertheidigung einſt ein edler Juͤngling meiner Familie das Leben einge⸗ buͤßt hatte, reitzte meine Neugier. Denkt euch meine Freude, mein Entſetzen, meinen faſt toͤdt⸗ lichen Schreck, als ich aufblickte, und dieſe, mir ſo denkwürdige Fahne in der Hand des naͤhmli⸗ chen Juͤnglings gewahrte, den ich zwar ſchon mondenlang wachend und traͤumend um mich er⸗ blickt hatte, aber noch immer fuͤr eine bloße Er⸗ ſcheinung hielt. Meine Knie bebten; ich war nahe daran, zuſammen zu ſinken; nur Scham und die Furcht, mich zu verrathen, hielt mich aufrecht. 5 1 Ich habe den Guten ſeitdem oͤfter geſehen; als Sohn des Vornehmſten unſerer Stadt, iſt er gewoͤhnlich im Geſolge des Fuͤrſtenpaars, und wunderbar!. auch er ſcheint auf eine mir un⸗ 115 erklaͤrliche Weiſe an mich gefeſſelt. Seine Blicke ſuchen immer die meinigen; wie ein Schutzgeiſt ſchwebt er mir unaufhoͤrlich zur Seite; oft ſchien er um mich beſorgt, blickte oft trotzig und kuͤhn auf den Herzog; oft richtete er ſeine Augen fle⸗ hend, rathend, zurechtweiſend auf mich, und, irre ich nicht ganz, ſo war er ſchon mehrmahls in Begriff, mich anzureden, und ſcheute nur die Zeugen. Schreibt mir, theuerſte Eliſabeth! was ihr davon denkt. Sollte das Liebe ſeyn? und iſt es wohl unrecht, daß ich ſo immer an ihn denke? 10. Veldeck an Weſthauſen d. j. Faſt ein Monath iſt verfloſſen, und ich habe keine Zeile von dir erhalten. Koͤnnteſt du noch mit mir zuͤrnen? oder... ich zittere es zu den⸗ ken... waͤre mein letzter Brief in fremde Hän⸗ de gerathen? Ich beſchwoͤre dich, mein Georg! reiß mich aus dieſer Unruhe, und... wenn du mich noch liebſt, wenn du ganz mir verziehen haſt, ſo melde mir alles, was dich... und was Wiligard betrifft. Alle Freuden ſind laͤngſt von mir gewichen; nur eine Hoffnung iſt in meinem Buſen jetzt aufgelebt, die mich wunderbar auf⸗ hig 116 richtet: Keiner wird Wiligard beſitzen, als mein Georg! Da ich dieſen Brief durch einen ganz zu⸗ verlaͤſſigen Bothen ſende, ſo lege ich auch endlich die verſprochene Abſchrift von dem Liebes⸗ und Heldenbuche meines Vaters bey. Der alte Preißler hat die Urſchrift mir beym Abſchiede geſchenkt; weiß Gott, wie dieſer dazu gekommen iſt. Dieß Buch hat mich zuweilen mit unſaͤglicher Wehmuth er⸗ füͤllt; ich moͤchte weinen, wie Alexander bey Philippi Siegen, und habe noch viel zu lernen, ehe ich meinem Vater gleich komme. Die Zwiſchengeſchichte von der Mauriſchen Koͤnigstochter Liſarda iſt doch unbeſchreib⸗ lich ſchoͤn, und wird dich gewiß hoͤchlich ver⸗ gnuͤgen. Lebe wohl! 1 1. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Ich habe alle deine Briefe, auch dein ange⸗ nehmes Geſchenk, richtig erhalten, und bin ru⸗ und gluͤcklich jetzt. Koͤnnte ich doch an deine Bruſt finken und dir alles ſagen, was ich em⸗ pfinde. Mancher Sturm iſt, ſeitdem ich das letz⸗ te Mahl an dich ſchrieb, durch meine Seele ge⸗ 117 zogen, und au dem naͤhmlichen Tage, als ich deinen vorletzten Brief erſt bey Nachtzeit erbre⸗ chen konnte, hatte Wiligard. ja, ich kann dir den Schmerz nicht erſparen, und du ſelbſt nennſt ihn ja deine einzige, dich aufrichtende Hoffnung... an meinem Herzen die Thraͤne des erſten Geſtaͤndniſſes geweint. Ja, ſie iſt mein, Veldeck! die Treffliche mein, und waͤre es moͤglich, nun doppelt mir heilig, da auch du ſie liebteſt und im Gluͤcke meiner Liebe dich ſelbſt begluͤckt fuͤhlſt. Alle Angſt und Qual iſt nun voruͤber, und durch die Abreiſe des Hofes fuͤhle ich mich erleich⸗ tert, wie ein Verbrecher, dem auf dem Richt⸗ platze das Leden geſchenkt wird. Doch noch weißt du bey weitem nicht alles, und haͤtteſt du auch nicht ſelbſt mich dazu aufge⸗ fordert, ſo wuͤrde mir mein Herz doch keine Ruhe laſſen, bis ich dir alles vertraut, was ſeit kur⸗ zem mich bald zum Abgrunde der Verzweiflung geſchlendert, bald in den Himmel erhoben hat. Beſinne ich mich recht, ſo gab ich dir zuletzt von einer zweyten, zu Ehren des fuͤrſtlichen Paa⸗ res veranſtalteten Luſtbarkeit vorlaͤufige Nach⸗ richt. Der Herzog war dabey noch weit praͤchti⸗ ger und huldvoller, als zuvor, und ließ es nicht dabey bewenden, gemeiner Stadt zu dieſem Tage auf ewige Zeiten ſechs Fuder Weins aus der Hofkellnerey und zwey Hirſche zu verehren, ſon⸗ 118 dern hatte auch am Abend einen Gluͤckstopf an⸗ richten laſſen, wo lauter Treffer waren. Ich kann dir mit Recht ſagen, lieber Jo⸗ hannes, der junge Herzog iſt ein trefflicher Schuͤtz. Er traf drey Mahl ſchwarz ganz nahe am Cen⸗ trum, und ich und der alte Hollmann waren ihm zunäͤchſt. Aber die ſtattlichen Hofherren und Ruͤſtmeiſter wunderten ſich nicht wenig, daß ſie vor den gemeinen Schuͤtzen ſo gar keinen Vor⸗ theil erlaungten, ſondern einmahl uͤber das an⸗ dere von ihnen ausgeſtochen wurden. Der Herzog bezeigte ſich ungemein erfreut, daß er faſt bis zuletzt immer der Beſte blieb; endlich ſchoß der Nothgießer Lorenz Scheufler ohne Schen vor des Herzogs Verdruſſe auf den Nagel, daß die Kugel breit wie ein Zweyguldenſtuͤck herun⸗ terpatſchte. Da ſtampfte das Herzoglein mit dem Fuße, ward aber bald wieder froͤhlich, und ſchenkte dem Hollmann und mir, vielleicht bloß um den Scheufler zu kraͤnken, jedem einen Jagd⸗ ſtutz, ſchoͤn mit Eifenbein und Silber ausgelegt. Die ordentliche Vertheilung der Preiſe und Vortheile wartete der Herzog nicht ab, ſondern fuͤhrte ſeine Gemahlinn faſt ungeduldig aus dem Gezelt nach dem Tanzſaale. Ich laͤugne es nicht, daß ſeine Eile mir auffiel, und ich vermuthete auch die Urſache. Leider hatte ich mich nicht be⸗ trogen. Er uͤberſah mit ſtuͤchtigen Blicken die 119 verſammelten Frauen, und als er Wiligard gewahr ward, die ſich ganz in die Ecke zuruͤckge⸗ zogen hatte, ſchienen ſeine Augen wie feſt ge⸗ zaubert. Er ſagte mehrern von den Inngfrauen, die ihm eben nicht auswichen, einige gnaͤdige Worte; aber ſeine ganze Abſicht war darauf ge⸗ richtet, auch an Wiligard zu kommen. Doch dieſe wußte das Zuſammentreffen ſehr geſchickt zu vermeiden, und zog ſich in die Naͤhe der Herzoginn, die ſie wieder zu ſich rief und ſehr freundlich mit ihr ſprach. So ging es denn bis zur Abendtafel, wo wacker gezecht wurde und der Herzog ſelbſt ſich nicht wenig guͤtlich that. Nach dem Mahle wurde ein Vorhang vor einem Schaugeruͤſt aufgezogen, und der Gluͤcks⸗ topf nahm ſeinen Anfang. Es war aber dazu von einem luſtigen Rathe des Herrn ein Schimpf⸗ ſpiel angegeben, und von einem der Meiſter in zierliche Reime verfaßt, das einige der Hoffraͤu⸗ lein und Junker gar ſchoͤn darſtellten, naͤhmlich das Urtheil des Trojaniſchen Prinzen Paris. Die drey heidniſchen Goͤttinnen, praͤchtig in Brokat und Silberſtuck gekleidet, ſtritten ſich um einen goldenen, kunſtreich gearbeiteten Biſamapfel, als den Preis der Schoͤnheit und den Hauptge⸗ winnſt. Aber Paris wollte ſich zu keiner Ent⸗ ſcheidung verſtehen, ſondern warf den Apfel in den Gluͤckstopf, und Cupido mit verbundenen Au⸗ 120 gen mußte die Looſe ziehen. Da haͤtteſt du ſehen ſollen, wie alle die Hof⸗ und Edelfrauen vor Er⸗ wartung auf die Zehen traten; meine Braut hatte ſich ganz vor ans Theatrum gedraͤngt, aber Wi⸗ ligard ſtand am aͤnßerſten Fenſter. Nun merkte ich und auch andere zwar wohl, daß es mit der Verlooſung nicht ganz redlich zuging, ſondern daß der Marſchall bald hier bald da was ins Ohr fluͤſterte; aber wir ließen uns das nicht irren und freuten uns alle, daß ohne Zweifel der lie⸗ ben Frau Herzoginn der Apfel zu Theil werden ſolle. Denke dir aber das allgemeine Erſtaunen, als der Liebesgott faſt zuletzt bey Wiligards Num⸗ mer den goldenen Apfel hervorzog, und ihn dem Herzoge zuſtellte, um ihm der Gewinnerinn ei⸗ genhaͤndig zu uͤberreichen. Alle die Hof⸗ und Nathsherrenfrauen gluͤhten im Geſichte wie Zin⸗ nober; Wiligard aber mußte ſich an einem Schenktiſch feſt halten, daß ſie nicht umſank. Boshaftigliche Blicke, faſt in aller Augen, wei⸗ deten ſich an ihrer Verlegenheit; doch ſie faßte ſich ſchnell, nahm den Apfel mit einer tiefen Ver⸗ beugung an, legte ihn auf einen ſilbernen Ere⸗ denzteller, und uͤberreichte ihn mit einem Fußſall der ſelbſt außer Faſſung gebrachten Fran Herzo⸗ ginn. Dieſe ſchien ſonderbar uͤberraſcht, kuͤßte Wiligard... ach, ſie lag vor ihr in dem engen brannen Gewand, wie eine betende Hei⸗ lige 121 lige. auf die Lilienſtirn, heftete ſchnell das Ohr des Biſamapfels an eine ihrer eigenen Per⸗ lenſchnuren und hing ſie um Wiligards wei⸗ ßen Nacken, mit den nachdenklichen Worten: „Tragt dieß zur ſteten Erinnerung an eure Her⸗ zoginn, ſchoͤne beſcheidene Wiligard!“ Gott befohlen fuͤr heute, lieber Johannes 12. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Ich ſollte dir wohl einen Theil des uͤbrigen verſchweigen, mein wackerer Veldeck! deun es dient nicht zum Ruhm meines Herrn, dem ich doch gehuldigt habe. Aber unſere Seelen ſind ja eins, und was ich weiß, kannſt du auch wiſſen. Alſo der Herzog machte bey dem Fußfalle gegen ſeine Gemahlinn eine recht ſauerſuͤße Miene, und dieſe ſaß nun den ganzen Abend uͤber wie in wehmuͤthigen Traͤumen. Ihr Herr ſchien ſich wenig darum zu kuͤmmern, ſondern gab Befehl, daß noch eine Stunde getanzt werden ſolle. Ich will wohl glauben, daß er vom Weine ein wenig erhitzt und betaͤubt war; genng, als die Geiger und Pfeifer aufſpielten, kehrte er ſeiner Gemah⸗ linn halb den Ruͤcken und. ſprach etwas ſpitzig; Unterhalt. Biblioth. 12. B. 122 Ener Liebden! Erlaubt mir den Bortanz mit der ſchoͤnen, beſcheidenen Wiligard! Hierauf ergriff er ohne weiteres die Hand des zitternden Maͤdchens, das wie eine verſchuͤch⸗ terte Taube ſich nicht zu rathen wußte, um⸗ ſchlang die ſittig Verhuͤllte waͤhrend des Reigens einige Mahl ſo bruͤnſtig, ſchwenkte die vor Schaam Ergluͤhende ſo wild und ungeſtuͤm, daß zuletzt ihre langen zierlich geflochtenen Zoͤpfe vor eige⸗ ner Schwere ſich losneſtelten und den ganzen Ruͤcken herabfielen. Alle Augen waren auf ſte ge⸗ richtet, und ſie ſchuͤtzte endlich, faſt einer Leiche aͤhnlich, einen Schwindel vor, um vom Reihen abtreten zu duͤrfen. Ich rufte ihren Vater her⸗ bey, und dieſer verließ bald mit ihr den Saal. Du haſt Wiligard gekannt, und geliebt; du weißt es alſo gewiß, was ich mit ihr und um ſie bey dieſen Auftritten litt; was ich em⸗ pfand bey den Geruͤchten, daß man auf man⸗ cherley Weiſe an den Preißler zu kommen ſuche; was ich empfand, da man bald die Ehre der ſittigſten, zuͤchtigſten Jungfrau ſchaͤndlich verunglimpfte und ich mit dieſem Herzen voll der heißeſten, aber noch unerwiederten Liebe, mich nicht einmahl oͤffentlich zu ihrem Verthei⸗ diger aufwerfen durfte. Hoͤllenqualen uͤberſtand ich mehrere Tage, da ich ſie nicht ſah, und, ſo ſorgſam ich mich auch insgeheim erkundigte, nichts 123 Gewiſſes uͤber ihr Befinden erfahren konnte. Doch meine Angſt ward mir reichlich vergolten; Wi⸗ lig ards Verfolger fuͤhrten ſie ſelbſt in meine Arme. 3 Ungefähr den ſechsten Tag darauf hatte der Herzog ſich fruͤh mit der Jagd erluſtiget. Ich war daheim geblieben, und mein Vater, dem meine Unruhe und Schwermuth nicht ganz enr⸗ ging, befahl mir, ſelbſt in den Garten heraus⸗ zugehen, um fruͤhreife Kirſchen ſeltener Art, die er im Glashauſe gezogen hatte, und noch vor der Abreiſe der Frau Herzoginn verehren wollte, ſorglich abnehmen zu laſſen. Er brauchte das nur zum Vorwande; aber da er mich ſo beſorgt an⸗ ſah, ging mirs durchs Herz, und ich gehorchte willig. Es war ein warmer Maͤrzabend; die Baͤn⸗ me, vom Sonnenſtrahl nach einem milden Ne⸗ gen erquickt, hatten ihre vollen roſigen Bluͤthen geoͤffnek, und der ſchwarze Grund der Blumen⸗ beete war mit hellgruͤnen Blaͤttern und aufbre⸗ chenden Knospen, fleiſchfarb und achatblau, weiß und goldgelb und violett, wie ein koͤſt icher Tep⸗ pich durchwirkt. Schon fiug es an zu daͤmmern. Ich hatte an der uͤberſchickten Abſchrift des Hel⸗ denbuches mich nicht wenig vergnuͤgt, und wan⸗ delte nachdenkend zwiſchen den hohen nur erſt knospenden Buchenwänden, als ploͤglich das 124 Pförtlein aufging und ein weibliches Weſen, mit einem Regentuche verhuͤllt, haſtig und furchtſam, eintrat. Sie oͤffnete ein wenig das Tuch, ſchaute um ſich wie ein geſcheuchtes Reh, erkannte mich.... es war Wiligard! Sie riefaͤngſt⸗ lich: Verbergt mich, Junker Georg! Ueberraſcht fuͤhrte ich ſie hinter eine Taxus⸗ hecke, als auch ſchon der Herzog, in einen Man⸗ tel gewickelt, mit einigen Kaͤmmerlingen auf dem Fuße folgte. Ich ging ihm, ſchnell mich faſſend, demuͤthig entgegen; er ſchien verwundert, mich, und mich allein, zu finden, warf die Augen ſpaͤhend uͤberall umher, meinte dann, er habe von des Stadtvoigts Kunſtgarten manches Nuͤh⸗ mens gebhoͤrt, und ſey jetzt eben in der Naͤhe ge⸗ weſen. Mit demuͤthigem Danke zeigte ich ihm die Waſſerorgel, den Bilderſaal, das Grotten⸗ werk und was ſonſt noch zu den Herrlichkeiten ge⸗ höͤrt. Da pries er denn alles weidlich, wunderte ſich beylaͤufig uͤber die Wohlhabenheit ſeiner ge⸗ treuen Unterthanen, hatte ſich aber bald ſatt ge⸗ fehen und machte ſich auf und davon. Nun ſuchte ich auch meine Verſchuͤchterte wieder auf, und fand ſie faſt erſtarrt im aͤußer⸗ ſten Winkel des Irrgartens.„Sind ſie fort? ſind ſie gewiß fort?5... lispelte ſie mit aͤngſtlichem Blicke, klagte mir mit niedergeſchlagenen Augen, daß man ſogar auf offener Straße ihrer Ehre zu 125 nahe trete, und bat dann faſt weinend: Ach Jun⸗ ker Georg! es ziemt ſich wohl nicht, aber ich bitte euch, daß ihr mich nach Hauſe begleitet. Ich verſprach ihr mit Entzuͤcken ſicheres Ge⸗ leit, und ſuchte ſie zu beruhigen; ich faßte ehr⸗ erbietig ihre Hand und ſie uͤberließ ſie mir einige Augenblicke. Die holde Unſchuldige ſchien bald freyer zu athmen, und die im Winde wogende Tulpeuflor lockte ihr ein gefaͤlliges Laͤcheln ab. Du weißt es, Johannes, daß mein Vater keine Koſten ſchont, immer recht huͤbſche Sorten von dieſen Zwiebeln ſich zu verſchaffen; Wiligard er⸗ getzte ſich ſehr an den buntfarbigen, hin und her nickenden Glocken, dergleichen ſie noch nie in der Naͤhe geſehen.*) 4 *) Die Tulpen kamen aus Aſien, wo ſie ohne Pflege auf Bergen und Wieſen wachſen, erſt um das Jahr 1559 in die Abendländer. Der Geſandte des Kaiſers Ferdi⸗ nand an Soliman beſchreibt noch im Jahre 1554 die Tulipan, wovon ihm bey Conſtantinopel Sträußer überreicht wurden, als eine Seltenheit,(ſ. Busbequii Epist. Turcic. ep. 1. pag. 47. ed. Elzevip.), und Con⸗ rad Geſiner, der 1559 in Augsburg die erſte ſah, ſchil⸗ dert ſie in ſeinem Buche de hortis Germaniae ausführ⸗ lich, unter Beyfügung eines Holzſchnittes. Ein Augs⸗ burger Kaufmann, Nahmens Heerwardt, hatte den erſten Tulpenſaamen aus TConſtantinopel erhalten.— Nach einer Tradition ward 1652 in Amſterdam eine Zwiebel, der Semper Augustus, mit 1000 Gulden — 126 „Sie ſind ſchoͤn! fie ſind ſchoͤn!“... ſagte ſie, freundlich ihnen zunickend.„utur habe ich immer gehoͤrt, daß ſie auch ſehr hoch im Preiſe ſtehen“ Ich zeigte ihr welche von den ſel⸗ tenſten, wo jede fuͤnf und zwanzig Florenen ge⸗ koſtet hatte. Eine dunkelbraun und roth geflamm⸗ te zog ſte allen uͤbrigen vor, und kaum hatte ſie das geaͤnßert, als die Tulpe auch ſchon abgeſchnit⸗ ten in ihrer Hand lag. „Was habt ihr gemacht, Junker!5*... rief ſie erſchrocken...„und was wird euer, was mein Vater, dazu ſagen?“ „Es iſt nur eine Tulpe, theure Wiligard!).. erwiederte ich....„ach! haͤtte ich eine Wun⸗ derblume fuͤr euch, wie ſie in keines Koͤnigs Garten bluͤht! Die Tulpe iſt eurer nicht werth’.. Ich zerpfluͤckte die Tulpe ſchnell.. Sdie ſenkte das Haupt, bewegte die Lippen, aber unterdruͤckte die Rede, und gab mir, das feuchte Auge himmliſch erhebend, die Hand. Ich war außer mir vor Entzucken; es war ein Mo⸗ ment, wie jene, die du immer die Silberblicke bezahlt, und der Verkäufer bereuete noch den Handel gar ſehr, als ſich bey der Aushebung zwey Setzlinge fanden. Dieſe Tulipomanie ſoll endlich zu einer ſolchen Höhe geſtiegen ſeyn, daß iemand, um das Jahr 1637, für die zehn rarſten Stücke 12000 Gulden geboten, und ſie nicht einmahl erhalten habe. 8 12) der Liebe und Poeſie nannteſt.... ſchnell vor⸗ ubergehend, doch unſaͤglich ſchoͤn! „Laßt mir ſie, laßt mir dieſe Hand, Wili⸗ gard!... rief ich aus...„Ich habe es um euch verdient, ob ihr mich ſchon kaum kennt; ich habe Todesqualen in dieſen wenigen Tagen um euch erlitten. Wiligard! koͤnntet ihr meine Liebe erwiedern: 65 „Gott vergebe es mir, wenn ich unrecht da⸗ ran thuen... antwortete ſie mit Thraͤnen... „Schon ſeit aller Seligen liebe ich euch.“ Ich legte meine Hand auf ihre Achſel; ſie reichte mir ihre Wange. Ach, Johannes, haſt du's gehoͤrt? ſeit aller Seligen ſchon grhöre ich ſelbſt unter die Seligen! 13. Weſthauſen d. j. an Veldeck. Deine Gluͤckwuͤnſche kommen zu fruͤh, lieber Johannes. Ruhiger bin ich zwar ſchon ſeit dem Abgange des Hofes; aber an Gluͤck und Freude darf ich nicht denken. Mein Vater, ob er ſchon von der Sache nicht gern ſpricht, will doch ſein dem Harteiſen gegebenes Wort nicht zuruͤck nehmen; meiner Mutter iſt Wiligard zu gering. Die ehrwuͤrdige Matrone wehrte mirs gern, nur 1 28 an Wiligard zu denken, und doch liebt ſie mich ſo muͤtterlich. Ich ſehe die Herrliche nur ſelten, und habe meinem Vater das Wort geben muͤſſen, einſtweilen nicht mit ihr zu ſprechen. Das halte ich auch, und ſollte ich daruͤber eingehen; aber es treibt mich nun von dannen, fort in die weite Welt. Vorerſt ſoll ich nicht weiter, als Antwer⸗ pen; aber ich gehe von da nach Venedig, das habe ich feſt beſchloſſen. In einigen Wochen reiſe ich ab, und umarme dich vielleicht vorher noch einmahl auf ſpaͤtes Wiederſehen. — 14. Bürgermeiſter Heinrich von Hart⸗ eiſen an den Stadtvoigt Georg von Weſthauſen d. ä. Hochachtbarer Herr und Freund! Die wechſelſeitig freundlichen Geſinnungen unſerer Familien werden hoffentlich keinen Ab⸗ fall leiden, wenn ich deutlich uͤber gewiſſe Dinge ſpreche, die ſchon laͤngſt niemanden ein Geheim⸗ niß mehr find. Die Verlobung unſerer Kinder, ehe ſie noch mannbar waren, ſchien uns damahls auf lange Zeiten ein feſtes Band der Eintracht zu knuͤpfen und zu beyderſeitiger Zufriedenheit zu 129 fuͤhren; aber die Reigungen unſerer Kinder ſtim⸗ men mit unſern damahligen Abſichten nicht uͤber⸗ ein. Es iſt allgemein bekannt, daß euer Junker Georg nur für die ſchoͤne Preißlerinn Au⸗ gen habe, welche denn freylich auch durch die Gewogenheit unſers gnaͤdigen Herzogs ſolcher Ehre doppelt wuürdig iſt, und ſicherlich ein reich⸗ liches Ehegeld empfangen wird. Da aber meine Tochter gleichwohl eine Rebengeliebte der Art nicht ertragen mag; ſo will ich hiermit zu er⸗ kennen geben, daß ich die alten Verbindungen fuͤr voͤllig abgebrochen anſehe, und die Hand meiner Tochter heutigen Vormittag dem Herrn Marſchall unſers gnaͤdigen Herrn, Leonbard von Schroffeneck, feyerlichſt zugeſagt habe. Ich bin der gegentheiligen frohen Theilnahme an dieſem fuͤr gemeiner Stadt Beſtes ſo erfreulichen Ereisniſſe in Gewiſſem uͤberzeugt, und verbleibe u, ſ. w. 15. Stadthauptmann Caspar Hollmann . an Georg von Weſthauſen d. 4. Hochachtbarer, geſtrenger Herr Stadtvoigt! 5 Ich wollte euch nie wieder ſehen und auch nigt an euch ſchreiben; ich habe darum meine 3*† ) 1380 Stelle niedergelegt, daß ich an euch auch nicht mehr denken wollte; aber meine zitternde Hand und meine alten Augen muͤſſen noch einmahl dar⸗ an. Ich habe euern Junker, den Georg, aus der Taufe gehoben, und es bleibt dabey, daß er mein Erbe iſt, ob ich ſchon von euch nichts wei⸗ ter wiſſen mag. Es war Unrecht von euch, daß ihr das Heu von der Zwingerwieſe zum Hoſpitale St. Lazari ſchluget; denn es hat uͤber Menſchen⸗ gedenken der Kirche gehoͤrt, es iſt aber eben ſo Unrecht, daß ihr aus eitlem Stolze den Junker in das Elend dahin gehen laßt. Ich habe ihn ge⸗ ſtern geſehen, als er wie verwildert in den Forſt ging; er ſah mich nicht einmahl; ſein Geſicht war recht aſchenbleich und ſein Leib faſt duͤrr, wie ſeine Windhunde, daß es mich jammerte. Seyd ihr ein rechtſchaffener Vater an eurem ein⸗ zigen Sohne? und iſt der Preißler nicht ein ehren⸗ werther Mann? und iſt ſein Geſchlecht nicht hochverdient um unſere Stadt? und iſt die Wili⸗ gard nicht ein Dirnlein, keuſch und ſchmuck, wie ein Muttergottesbild? Wahrlich auf das Maͤgd⸗ lein laſſe ich nichts kommen, und ſie iſt eine Frau fuͤr euern Georg, das ſage ich! Ich kenne ſie noch, wie ſie erſt mit dem Vater daher kam und noch ſo eine Wieſel war. Meine Gertraud, Gott gebe ihr einen guten Tag im Himmel, die war nun ſo ein Kindernarr, weil ſie ſelbſt keine — — — *. 131 kriegte; mehr als hundert Mahl hat ſie die Wili⸗ gard hinein gelockt, und ſie abgeherzt, und ihr ein Wuͤrzaͤpflein um das andere gegeben, und das kleine weiß und rothe Ding nur ihr Schnee⸗ roͤslein genannt. Nein, das iſt nicht Recht von euch, daß ihr es nicht zugeben wollt, und ich muß es euch ſagen, weil alle andern ſich vor euch fuͤrchten, als nur der alte Hollmann nicht. Aber der fuͤrchtet ſich vor niemand, und wird es nun bald gewohnt ſeyn, nicht mehr des Abends zu euch zu kommen.. Ja, was wollte ich ſagen.... ich habe euch uͤber die Sache nicht ſchreiben wollen, weil ihr wegen des Georgs dem Harteiſen das Wort gegeben hattet, und freylich, das haͤttet ihr halten muͤſſen, aber nunmehr iſt das vorbey, ünd die Heirath mit dem Hofſchranzen freuet mich gar nicht. Alſo ſage ich es noch ein Mabl: Richtet mir den Georg und die Wtligard nicht zu Grunde, oder ihr habt es einſt bey Gott zu verantworten. Nun wißt ihr doch meine Meinung. Gehabt euch wohl! r 16. Weſthauſen d. ä. an Hollmann. Biſt du endlich wieder gut, Caspar Holl⸗ mann? Nun, laß deinen Zorn vollends weichen. 13² Sieh, wir ſind beyde alte Knaben; wie lange wird es ſeyn, daß wir noch⸗ leben, ſollen die Leidtragenden hinter unſerem Sarge ſagen: Sie ſind in Groll und Unfrieden dahin gefahren? Sieh, die Wieſe kann ich der Kirche nicht wie⸗ der geben, das iſt vorbey; aber ich will ihr ein eben ſo großes Stuͤck von meinem Vorwerke zu⸗ ſchreiben laſſen. Darum komme heute Abend her⸗ uͤber; ich habe deine alte ſilberne Kanne wieder blank ſcheuern laſſen, da wollen wir es bereden, wie es ſich am geſcheidteſten machen laͤßt, daß du Recht behaͤltſt, und ich, als Stadtvoigt, doch auch. Und hernach morgen wollte ich dich um einen Liebesdienſt bitten. Du biſt nun ein⸗ mahl der Pathe des Georgs, und gut mit un⸗ ſerem Hauſe meinſt du es auch, haſt auch zuge⸗ rathen, und biſt angeſehen bey der ganzen Stadt... darum wollte ich dich fragen, ob du nicht morgen fruͤh zum alten Preißler gehen wollteſt, und um die Wiligard anhalten fuͤr meinen Georg. Der Junge iſt einmahl toll und thoͤricht auf das Schneeroͤslein, und ich bin dir zu Gefallen heute vom Rathhauſe bey des Preißlers Fenſtern vorbey gegangen und habe hinein geſchaut, und du haſt Recht, es iſt mei⸗ nem Jungen nicht zu verargen. Alſo heute Abend zu rechter fruͤher Zeit, alter Geſelle! 4 17. Hollmann an Weſthauſen d. à Laͤge doch der alte Hollmann ſeit Jahr und Tag drey Klaftern unter der Erde und waͤre laͤngſt verfault; ich moͤchte meine Buͤchſe laden und mich ſeldſt vor den Kopf ſchießen. Ich traue mich zeitlebens nicht wieder uͤber deine Schwelle, Weſthauſen; und geſtern war das eine Freude, und heute iſt es ſo ganz anders. Kurz und gut, ſtehe zu, wie du es mit dem Georg machſt, daß er ſich nur kein Leid thne! Bey dem Preißler bin ich gepeſen, und er iſt ein Ehrenmann, wie es ſich gehoͤrt, und iſt offen mit der Sprache heraus gegangen. Anfaͤnglich zwar hielt er hin⸗ ter dem Berge, und ſchlug mein ehrſames Geſuch rund ab, daß ich ihn vor Zorn ſchier an der Bruſt faßte. Aber nachher ſprach er vernuͤnfti⸗ ger, daß aus der Sache nichts werden koͤnne. Die Wiligard naͤhmlich.... ach! was iſt aus dem Schneeroͤslein fuͤr eine holde Roſe gewor⸗ den, und was hat ſie mit den Augen mich freund⸗ lich angeblinkert, und mir ſelbſt den ſchweren Stuhl an den Ofen geſchoben.... aber das arme Ding iſt nicht ehrlicher Geburt; mehr will der Vater nicht ſagen. Da haſt du das Ungluͤck! 18. Leonhard von Schroffeneck an Ger⸗ hard Preißler. Meein gnaͤdiger Herr haban geruht mir anzu⸗ befehlen, euch zu melden, wie Hochdieſelbſt ein gar praͤchtiges und kuͤnſtliches Tiſchgeraͤth ferti⸗ gen zu laſſen gemeinet. Da Hoͤchſtdenenſelben nun ihr vor allen Meiſtern in Silber und Gold geruͤhmt worden, wie denn auch das Tafelge⸗ ſchirr, ſo ihr fuͤr deſſen in Gott ruhenden Herrn Vater vormahls getrieben, und das Lavoir der Frau Herzoginn, als welches von allen Fremden hoͤchlich bewundert worden, fuͤr eure ſonderliche Geſchicklichkeit buͤrget; als habet ihr ench ehe⸗ moͤglichſt anhero zu verfuͤgen, und weitern Be⸗ fehls zu gewarten. P. 3. Da auch der Frau Herzoginn Gnaden an eurer Tochter Wiligardis gnaͤdiges Wohlge⸗ fallen bezeigt, ſo haben Hoͤchſtſelbſt mir zu erkennen gegeben, wie ſolche bey dieſer Gelegenheit gar wohl mit auhero kommen foͤnne, welches ich euch aus guter Freund⸗ ſchaft zu eurer Nachachtung nicht verhalten wollen. — 19. Wiligard an Georg von Weſthauſen 4 d. j. Ich habe es erfahren, Junker Georg, daß weder der Zorn eurer Aeltern, noch ſelbſt der Flecken meiner Geburt, den endlich mein Vater, 4 durch meine Thraͤnen erweicht, als Urſache un⸗ 3 ſers Ungluͤcks mir entdeckt hat, euer Herz von mir abgewandt. Darum wage ich es auch jetzt, wider die Regel der Sitte, an euch zu ſchreiben, und euch zu melden, daß die Angſt meines Her⸗ zens groß iſt. Ach, Georg, außer Gott und euch habe ich in dieſer meiner Noth keine Hoffnung, als nur den Tod“, und auch auf dieſen bin ich bereitet. Der Herzog hat meinen Vater nach der Hofſtatt einladen laſſen, und dieſer iſt geblendet von der Ehre, ſo ihm widerfaͤhrt, und will auf meine Thraͤnen und Seufzer nicht achten. Ich mag ihm vorſtellen, was ich will, wie ſie ſchon 7z hier mich verſolgt haben, und wie ich Tag und Nacht von bangen Ahndungen gemartert werde, ſo haͤlt er das doch fuͤr gering, und meint, es werde wohl beſſer gehen, als ich denke. Wollt auch ihr mich verlaſſen, wie mich alles verlaͤßt? Morgen mit Togesanbruch reiſen wir ab. — 236 Lieber Junker! ich wollte euch doch bitten, daß ihr dieß, ſo es moͤglich, der Stiftsfrau Eliſabeth zu wiſſen thaͤtet, denn die Zeit iſt zu kurz. Ich ſchreibe dieß auf meinem Kaͤmmerkein, und die Lampe wird bald verloͤſchen. Dieſe Eliſa⸗ beth hat vordem meine Mutter gar gut gekannt, und iſt auch mir mit beſonderer Gnade zugethan. Den Brief habt ihr abgeben zu laſſen im Stifte unſerer lieben Frauen zu W., mehr weiß ich ſelbſt nicht; aber dann wird er richtig beſorgt. Lebt wohl, Junker Georg! Werde ich euch jemahls wiederſehen? Meine Hoffuung und Troſt iſt einzig eure treue Liebe. 20. Eliſabeth an Veldeck. Eine Nachricht, die ich kuͤrzlich von fremder Hand erhielt, und die mich einiger Maßen beun⸗ ruhigt, erregt von neuem den ſchon lang geheg⸗ ten Wunſch, an deſſen Erfuͤllung ich aber in fruͤherer Zeit nicht denken durfte, den beruͤhm⸗ ten Meiſterſaͤnger, Hanns Veldeck, bey mir zu ſehen. Ich erſuche euch daher aufs dringendſte, mit Ueberbringern dieſes, meinem ſichern Bothen, euch ſogleich aufzumachen. Der Erfolg wird fuͤr euer Herz ſicher belohnend ſeyn. Eliſabeth Graͤfinn von Bartenſtein. 21 21 Kudolph von Schroffeneck an Leon⸗ hard von Schroffeneck. Herr Bruder! Habe ich es dir nicht tauſend Mahl vorher geſagt, die Befreundung mit dem Kraͤmer⸗Adel taugt nichts? Einen Sack Gold und Silbers ſchleppt einem der Schwiegervater wohl in das baufaͤllige Schloß, aber, was iſt das? Schimpf und Schande hinkt hinten nach. Die gnaͤdige Frau Schwaͤgerinn macht, waͤhrend du auf dem Anſtande lauerſt, verzweifelte Streiche, und die Frau Herzoginn hat ihr ſogar nun den Hof un⸗ terſagt. Die liebe gnaͤdige Dame iſt auch gar zu ei ferſuͤchtig. Das moͤchte noch hingehen, wenn dein Ehe⸗ geſpons nur nicht ſo unſinnig ſpielte, und ſonſt auf den guten Ruf beſſer bedacht waͤre... Ich mag es aus Achtung fuͤr unſer ganzes hohes Haus gar nicht herſchreiben.... Mit der bewußten Sache ſteht es auch ſchlecht. Der alte Preißler will ſich nicht weiter kirren laſſen; weiß der Teufel, was dem alten Fuchſe im Kopfe ſteckt! Wenn man nur ſo von weiten 8 138 anpocht, lacht der Kerl einem hoͤhniſch ins Ge⸗ ſicht, und letzthin hob er wahrlich den Hammer gegen mich, und es fehlte nicht viel, er haͤtte mich koͤpflings die Treppe herunter geſtuͤrzt. Wahrhaftig, ich traue ihm das zu; ſo gar un⸗ geſchlacht iſt er dir. Er ſcheint jetzt ganz andere Dinge im Kopfe zu haben, als mit dem Wachs⸗ laͤrvlein der Jungfer Techter auf den Markt zu ziehen; der Geyer werde aus ihm klug! Dazu, das Maͤdchen iſt wie eine wilde Katze; ich ſage dir, du wirſt noch lange auf dem Jagdhauſe lauern muͤſſen, wenn wir ſie in Gutem da hin⸗ aus ſchwatzen ſollen. Da iſt alles vergebens! Sie hat wie durch Hexerey das Herz der Frau Her⸗ zoginn gewonnen, und gilt mehr bey ihr, als alle Fraͤuleins. Auch der alte Vater hat einmahl ganz allein mit der Herzoginn geſprochen. Was ſie da nur moͤgen ausgeſponnen haben! Aber das ſchlimmſte von allem kommt noch. Kannſt du es denken, da hat doch der Himmel den Stadt⸗Faͤhnrich Weſthauſen, mir nichts, dir nichts, an unſern Hof geſchneyt. Aber ich habe es weg. Ohne Zweifel iſt die Wiligard ſchon zu Hauſe ſeine Concubine geweſen; denn er hat ſeine Augen uͤberall, wo ſie nur zu blicken iſt, und hat ſich darch ſeine Force bey dem Her⸗ zoge dergeſtalt beliebt gemacht, daß man ihn bey Hofe duldet. Ja, ich kann dir ſagen, er hat ſich 2 139 ordentlich raſend in Reſpect geſetzt, und faſt wagt es keiner von den Hofjunkern, ihn noch ſchief anzuſehen. Das ging ſo zu. Du wirſt wohl ſchon gehoͤrt haben, daß unſer gnaͤdiger Herr bey der Baͤrenhatz in Todesgefahr gekommen; mich ging das nichts an, denn ich gehoͤre nicht zu dem Jagdweſen, aber wer Geyer wollte auch mit der raſenden Beſtie es aufnehmen? Weiß Gott, der Weſthauſen, der mit zuſah, unterfing ſich es, und ſtach den Baͤr durch den Wanſt, daß er nur noch zuckte. Der Herzog ſchaͤumte, da er ſich ein wenig erholt hatte, auf die Ruͤſtmeiſter und Jagdjunker, wie ich noch kaum geſehen. Er zerſchlug an den zunaͤchſt ſtehenden den Schaft des abgebrochenen Baͤrenſpießes, und wollte den Weſthauſen auf der Stelle zum Hofjunker machen. Kannſt du dir es denken, daß der Buͤrger⸗Faͤhn⸗ rich es rund ausſchlug, und nur, uns wie zum Spotte, um die Baͤrenhaut bat? Nun, ſtehſt du, Herr Bruder! es iſt jetzt hier ein verdammtes Leben, und der Herzog iſt immerfort ungnaͤdig und wild, weil es dieſes Mahl mit der verwuͤnſchten Goldſchmidstochter nicht gluͤcken wifl. Wahrlich an uns liegt es nicht. Ich habe mich heute aus Verdruß kranuk mel⸗ den laſſen, um dir nur alles zu melden. Aber ich habe nun auch vom fruͤhen Morgen bis in die 140— ſinkende Nacht geſchrieben, und kann wohl ſagen: in meinem Leben habe ich noch an keinem Tage ſo viel gearbeitet. Ich glanbe, wenn ich nicht ſchließe, ſo falle ich vor Muͤdigkeit um. Meinen Gruß an Claͤrchen.... du weißt ſchon!.... und ſie ſoll ſich mit dem bewußten Geſuche nur gedulden, bis unſer Herr wieder gnaͤdig iſt! 22. Veldeck an Weſthauſen d. j. Freue dich, Herzens⸗Georg! freue dich mit mir! Dein und Wiligards Schickſal wird die gluͤcklichſte Wendung nehmen. Uebergib dieſe Briefſchaften augenblicklich an den Herzog; nach allen Nachrichten koͤnnte Verzug ſchaden; ich hoffe in wenig Tagen ſelbſt zu erſcheinen, um jede Dunkelheit vollends aufzuhellen. Zu deiner eigenen einſtweiligen Beruhigung kuͤrzlich ſo viel! Wiligard iſt des Herzogs Schwe⸗ ſtertochter, und meine, meine Schweſter! Alles, was du in dem Buche meines Vaters von dem Minneſaͤnger Freihold und der ſchoͤnen Mauriſchen Prinzeſſinn Liſarda geleſen haſt, iſt ein Theil ſeiner eigenen Geſchichte. Er kam nach dem fruͤhen Tode meiner Mutter als der 1 4¹ bluͤhendſte und ſchoͤnſte unter den Maͤnnern an den herzoglichen Hof, und gewann die Reigung der aͤlteſten, damahls ſiebenzehnjaͤhrigen Prin⸗ zeſſinn. Lange blieb dieſe Liebe ein Geheimniß, aber endlich ward ſie verrathen, und mein Vater in den Kerker geworfen. Dort habe ich bey ihm die erſten Jahre meines Lebens zugebracht, bis er endlich den verzweifelten Entſchluß faßte, ſich mit mir von dem Thurme herab zu laſſen. Das Seil war nicht lang genug; der Sturz koſtete ihm das Leben; mir aber war durch den Fall nur die Huͤfte zerſchmettert worden. Die ungluͤckliche Prinzeſſinn Eliſabeth wurde unter dem Nah⸗ men einer Grafinn von Bardenſtein auf der Bergfeſtung Hohenfels beß W.. gefangen gehalten. Jetzt, nach des alten H Herzogs Tode, iſt ihr Befreyung zugeſichert, und ſie lebt in der Hoffnung, dich mit ihrer geliebten Wiligard zu verbinden. Bald umarme ich dich als den gluͤcklichſten Braͤutigam, und dann zuruͤck mit dir in dein vaͤterliches Haus, um mit dir und Wilisarh zu leben und zu ſterben! Wwmrhwmhn 23. Gerhard Preißler an Veldeck.(Mit demſelben Bothen zurück geſandt). Zu ſpaͤt, zu ſpaͤt, treuer, ungluͤcklicher Vel⸗ deck! O du bedauernswerthe Eliſabeth! o meine Wiligard! meine Wiligard! o mein edler Weſt⸗ hauſen! Zur Groͤße wollte ich euch fuͤhren, meine Kinder, und habe euch zur Schlachtbank gelie⸗ fert. Arme Wiligard! Ach, du allein kannteſt die Groͤße deiner Gefahr; warum glaubte ich dir nicht?.... Wiligard iſt gewaltſam geraubt, und auf ein tief im Walde liegendes Jagdhaus gefuͤhrt wor⸗ den. Sie hat, um ihre Entehrung nicht zu erle⸗ ben, heimlich Gift genommen, das ſie wahr⸗ ſcheinlich ſchon vor der Abreiſe aus meiner Werk⸗ ſtatt entwendet. Mit eurem Briefe faſt zugleich traf die Todespoſt ein. Die Herzoginn, die von mir auf die Entdeckung ſchon vorbereitet war, und Wiligard auf das Innigſte liebte, faͤllt aus einer Ohnmacht in die andere; der Herzog raſet gegen ſeine Laſterknechte; Weſtbauſen liegt ſtarr auf den Boden, haͤlt mich für euch, und ſtuͤſtert nur manchmahl, wie im Wahnſinne: Nicht wahr, 5 3 71 143 Johannes! Seit Wiligard verſchied... ſo heißt unſer Brautlied? 24. Und man begrub Sie in der Wald⸗Capelle Beym Schein der Fackeln unter dem Altar. Dort lag ihr Juͤngling auf der Marmorſchwelle Mit hohlem Blick und aufgeloͤstem Haar, Bis er gefunden ſeine Schlummerſtelle, Eh' noch die Nachtigall entflohen war. Was lebend nicht Vereinigung gefunden, Iſt durch ein Grab zu ſanfter Ruh' verbunden. MwAnnn Das Probejahr. NAV Unterhalt, Biblioth. 2. B. 6 Der Monath Julius war erſchienen; ganz Pa⸗ lermo glich einem ſchimmernden Opernſaale, und es ward faſt Beduͤrfniß fuͤr das Auge, von den kunſtreich gewirkten Tapeten und natuͤrlichen Noſenhecken, womit alle Fenſter und Balrone, alle Hausthuͤren und Straßenaltaͤre umzogen waren, zu irgend einer weiß gekleideten Andäch⸗ tigen ſich zu erheben, um nur nicht unaufhoͤrlich das Roth der Roſen, und doch etwas zu erblicken, das gegen jene reitzenden Toͤchter der Gaͤrten nicht verloͤre. Unter der Volksmenge, welche zum Feſte der heiligen Roſalie aus den benachbarten Ge⸗ genden herzugeſtroͤmt war, befand ſich auch der Chevalier RNiccardo di***. Wenn Natur und Gluͤck ſonſt ihre Guͤnſtlinge nur mit einzelnen ihrer Weihgeſchenke ausſtatten, ſo hatten ſie uͤber dieſen mit parteyiſcher Vorliebe ihr ganzes Fuͤllhorn ergoſſen; vornehme Geburt, fuͤrſtliche Neichthuͤmer, die bluͤhendſte, kraͤftigſte Jugend, und eine Geſtalt, auf welcher kein Maͤdchenauge 3 G 2— 148,. ohne ſtilles Entzuͤcken, kein Maͤnnerauge ohne Zu⸗ trauen und inniges Wohlwollen verweilte, waren nur die Hullen edlerer Vorzuͤge; hoher Muth, 8 bezaubernde Sanftmuth und das feurigſte Ge⸗ fuͤhl wohnten vereinigt in dieſem Juͤnglingsher⸗ zen, und die wohlklingende Stimme verſinnlichte keinen Gedanken, das große, geiſtvolle Auge verrieth keine Empftndung, die nicht vorher weit ſchoͤner und lieblicher in ſeiner Seele erklungen waͤren. Der Chevalier hatte bereits in einem Streif⸗ zuge wider die Korſaren Proben ſeines Helden⸗ geiſtes, ſeiner Tapferkeit abgelegt; ganz Sici⸗ lien und Unter⸗Italien nannte ſeinen Nahmen mit Achtung und Bewunderung; da es ihm aber jetzt mehr um Erholung von der lang⸗ wierigen Seefahrt, als um rauſchende Vergnu⸗ gungen zu thun war, und ſeine Beſcheidenheit üͤberhaupt alles Aufſehen gern vermied; ſo zog er das ſtrengſte Incognito, der Wohnung im Pallaſte einer ihm verwandten angeſehenen Fa⸗ milie vor, und hatte, nur von ſeinem treueſten Waffenfreunde Antonio und einigen vertrau⸗ ten Dienern begleitet, in einem Gaſthofe ſeinen Aufenthalt genommen. Das feyerliche Gelaͤute von allen Thuͤrmen, der Donner des Geſchuͤtzes, und der weitſchallende Geſaag der Proceſſion rief jetzt Einheimiſche und 4 mit dem Blitze zu vergleichen ſind. Riccatdo's 149 Fremde aus ihren Häͤuſern und Herbergen. Alles wallte in buntem, freudigen Gemiſche nach der Roſalien⸗Kirche, und nuter dieſem unuͤberſeh⸗ lichen Zuge befand ſich auch Riccardo am Arme ſeines Freundes, Schon hatten ſie bey der heiligen Feyerlich⸗— keit aufmerkſame Zuſchauer abgegeben, und waren— im Begriffe, den Tempel wieder zu verlaſſen, als zwey Damen ſich bey ihnen vorbey draͤngten, um dem Hauptaltare zuzueilen. Riccardo machte ihnen augenblicklich Platz, und druͤckte auch die hinter ihm ſtehenden mit freundlichen Bitten zuruͤck; die juͤngere der ſchoͤnen Beterin⸗ nen wandte ſich fluͤchtig um, in der That mehr aus Reugier, als aus Dankbegier; aber ihr Ange ſchien ſich von der Geſtalt des hoͤflichen jungen Mannes nicht ſogleich wieder losreiſſen zu kin. 3 nen. Ihre Gefaͤhrtinn faßte ſie bey der Hand, folgte, nicht ohne noch ſuͤchtig zuruͤck zu ſeher. und verſchwand unter dem Getuͤmmel. Es gibt eine Art des Umſeheus, die ſich nicht leicht wieder vergeſſen läßt; es iſt in den gehei⸗ men Annalen der Liebe zuweilen von Blichen die Rede, welche an Schnelligkeit und Gewalt nur Beyſpiel gab hiervon einen Beweis.—„Sahſt du Sie? ſahſt du dieſen Blick?»— fluͤſterte er ſeinem Frrunde mit glühender Wange und ſchöͤ⸗ „ „ 139 ner Verwirrung zu—„o geſchwind komme mit mir nach dem Haupteingange; vielleicht, daß wir Sie noch einmahl erblicken!* Verwundert uͤber die ungewöhnliche Heftig⸗ keit des Ritters folgte Antonio; Riccardo richtete ſeine Augen unverwandt nach der geoͤff⸗ neten Hallr, und erſt als alles Volk die Kirche verlaſſen hatte, ging er, durch vergebliche Hoff⸗ nung ein wenig verſtimmt, mit ſeinem Freunde nach dem Hotel. Im Innern der holden Camilla— ſo hieß die junge Schoͤne, mit den ſiegenden Au⸗ gen— hatte die Erſcheinung des ſchlanken, bluͤ⸗ henden und ſo zuvorkommenden Unbekannten, denn doch auch einige Veraͤnderung hervor ge⸗ bracht; allein maͤdchenhafter Stolz erlaubte ihr nicht, ſich dieß ſelbſt einzugeſtehen, grſchweige denn ihrer Freundinn Agathal Auch Camilla war aus einem der edelſten Geſchlechter entſproſſen; auch ihr hatte das Schickſal faſt von ihrer Geburt an immer aufs freundlichſte zugelaͤchelt. Zwar entriß ihr der Tod ſchon fruͤhzeitig ihre Mutter; doch, da ihr Vater, einer der Vornehmſten in ganz Paler⸗ mo, alle fuͤr ſeine verſtorbene Gemahlinn ge⸗ begte Liebe auf die einzige Tochter uͤbertrug, 1 3 3 3 und in der ſich entfaltenden Schoͤnheit und Her⸗ zensguͤte der jungen Camilla ſeine einzige 151 Glückſeligkeit fand; ſo blieben dieſer immer ſo wenig Wuͤnſche unerfuͤllt, daß ihr die Erde nur als ein Wohnplatz der Freude und Ruhe erſchei⸗ nen mußte. Von der Natur mit der lebhafteſten Empfänglichkeit fuͤr alles Schoͤne, und mit ei⸗ ner, wie ſie wenigſtens glaubte, unbeſieglichen Heiterkeit begabt, ſah fie die Zukunft wie einen anbrechenden Fruͤhlingstag vor ſich liegen, und war bis jetzt nicht einmahl zu der entfernteſten Ahndung gekommen, daß ihre Seele auch tieferer, vielleicht ſchmerzlicher, Gefuͤhle faͤhig ſey. Der in ſeinem lebendigen Frohſinne durch einen einzigen Zlick ſo ploͤtzlich geſtoͤrte Ric⸗ cardo, wußte ſich bey der Mahlzeit und den ganzen Nachmittag uͤber vor innerer Ungeduld kaum zu faſſen, und kaum ſchoß die Sonne ihre Strahlen weniger ſcheitelrecht, als er ſeinen Freund zu einer Wanderung nach dem Monte Pellegrino aufforderte. Der Weg, welcher dahin fuͤhrt, iſt zwar mit einiger Beſchwerde verknuͤpft; allein da manche reitzende Ausſicht den Spaziergaͤnger reichlich belohnt, und fuͤr heute die ganze Gegend mit frohen Wallerzuͤgen nach der Roſalien⸗Capelle erfüͤllt war, ſo gelang es dem Chevalier nach und nach, ſeine Zerſtreuung zu bekaͤmpfen und ſich init Antonio ziemlich zuſammen haͤngend zu unter⸗ halten. 5 1 . 53 Doch jetzt erblickten ſie von weitem das uͤber den Hafen erbaute Bethaus; jetzt wandelten ſie zwiſchen den Felswaͤnden, wo die Andaͤchtigen hier und da zur Verehrung der Heiligen kleine, artig ausgeſchmückte Altaͤre errichtet hatten; jetzt naͤherten ſie ſich der bekraͤnzten Grotte ſelbſt, wo das Bild der Heiligen, wie eines ſchoͤnen ſchlummernden Maͤdchens, von weißem Marmor dargeſtellt iſt; und jetzt konnte es nicht fehlen, daß ſich eine maͤchtige, aber ſuͤße Beklemmung aufs neue Riccardo's bemeiſterte; denn un⸗ ter den Frommen, welche das Heiligenbild mit den ſchoͤnſten Blumengewinden umſchlangen, war auch die reitzende Unbekannte an der Hand ihrer Freundinn. Andacht und Freundlichkeit, liebliche Schwaͤrmerey, und eine gewiſſe, nicht ganz zu unterdrüuͤckende Schalkhaftigkeit waren auch jetzt wieder uͤber Camilla's Geſicht ver⸗ breitet; in der reitzendſten Stellung auf die Knie dahin gegoſſen, hing ſie einen uͤppigen Kranz von ſeltenen ſchwarzen Roſen an das Fußgeſtell des heiligen Roſenmaͤdchens, und erhob ſich, reitzender als das Heiligenbild ſelbſt, nach einem kurzen Gebete.— „Was mag ſie gebetet haben?“— ſagte Riecardo zu ſeinem Antonio mit inniger Nuͤhrung—„ich glaube, ſie hat weder Suͤnden, noch Wuͤnſche.“— ——j 155 Kaum hatten ſich Camilla und Agatha entfernt, als der Chevalier ihre Stelle einnahm, doch dieſes Mahl nicht ſo ganz mit dem froͤmm⸗ ſten Herzen; der liebende Frevler wagte einen Altarraub, und brach ſich eine Roſe von dem, der heiligen gewidmeten Kranze. Entzückt uͤber dieſe Eroberung, begab er ſich mit ſeinem Freunde auf den Nuͤckweg, und kam noch eben zu rechter Zeit, um die Damen in ihren Wagen ſteigen zu ſehen. Agatha, die ihn ſchon dieſen Morgen in das Auge gefaßt hatte, entdeckte von ungefaͤhr die ſchwarze Roſe an ſei⸗ ner Bruſt, und machte Camillen mit freund⸗ licher Neckerey darauf aufmerkſam; dieſe brach in ein froͤhliches Gelaͤchter aus, aber— ihre Wange war nicht bloß von dem Widerſcheine der untergehenden Sonne ſo purpurfaͤrhig ge⸗ roͤthet. Den aufmerkſamen Augen Ri iccardo's und ſeines Vertrauten war dieſer Verrath Ag a⸗ thenz keinesweges entgangen; ſo ſorgfaͤltig aber auch der Chevalier bis jetzt uͤber ſich gewacht hatte, irgend eine Dame, waͤre ſie auch der Liebesgoͤttinn ſelbſt aͤhnlich geweſen, mit Zaͤrt⸗ lichkeit auszuzeichnen; ſo war ihm doch dieſes Mahl die Entdeckung ſeines Diebſtahles gar nicht unangenehm; er drückte das Roſenkleinod an ſein Herz, umarmte Antonio, und rief: 2541 „Mag ſie es doch wiſſen, deß ich ſie anbeten muß!* Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die freund⸗ liche Agathe waͤhrend des Heimfahrens den Roſenraub noch mit mancher Anmerkung und Erlaͤuterung verzierte, und daß auch bey dieſer Gelegenheit der eben nicht widerwaͤrtige Raͤuber etwas genauer gemuſtert wurde. Camilla fand die ganze Sache allerliebſt luſtig, und wollte bald gar nichts mehr davon hoͤren, brachte aber doch Agathen immer gelegentlich wieder auf die ſchon abgehandelte Materie, und ſchien uͤber die Pluͤnderung ihres Weihgeſchenkes eben nicht allzu heftig erbittert. Ja, duͤrfte man es wagen, uͤber Maͤdchenherzen zu urtheilen, ſo koͤnnte man es vielleicht ein wenig ſonderbar finden, daß in den folgenden Wochen die Kirche der heiligen Roſalie faſt taͤglich von Camillen beſucht ward, und daß ſie bey der Zuruͤckkunft meiſten Theils recht ausgelaſſen froh, zuweilen aber doch auch, ganz wider ihre ſonſtige Gewohnheit, ein wenig uͤbel gelaunt war. Das letztere freylich war nur aͤußerſt ſelten der Fall, und verſchweigen koͤnnen wir auch nicht, ohne gegen den Chevalier ungerecht zu werden, daß dieſer ſeit dem Feſte der heiligen Roſalie unter die eifrigſten Verehrer derſelben gehoͤrte. Sein theilnehmender Freund, ein lei⸗ 5 —— 5 135 denſchaftlicher Kunſtfreund, der in Stunden der Muße mit ſehr gluͤcklichem Erfolge ſelbſt Mah⸗ lerey trieb, hatte faſt jeden Morgen fuͤr den darauf Harrenden die Gefaͤlligkeit, mit gleich⸗ guͤltigem Tone einen Kirchengang in Vorſchlag zu bringen, und man erlaubte es ſich endlich ſo⸗ gar, dem Wagen der ſchoͤnen Unbekannten in der Ferne, doch mit ſchnellen Schritten zu folgen. Wahrlich, Riccardo war der Gluͤcksgoͤttinn Lieblingsſohn; der Wagen hielt vor dem Thore eines ihm, dem Aeußeren nach, laͤngſt bekannten Pallaſtes, und bald hatte man erkundſchaftet, daß die heißgeliebte junge Dame keine andere, als die einzige Tochter ſeines Verwandten war. Nun waͤre freylich eine Annaͤherung, ja ſo⸗ gar das Zuſammenwohnen unter einem und dem⸗ ſelben Dache, durch eine einzige Aufwartung zu bewirken geweſen. Allein der Chevalier, deſſen Stolz durch Camilla's immer nur fluͤchtige und nicht im mindeſten theilnehmende Blicke oft gekraͤnkt wurde, der ihre, ihm auffallende Hei⸗ terkeit zuweilen fuͤr abſichtliche Zurüͤckweiſung ſeiner ſtillen Huldigung hielt, und der bey der heimlich Geliebten durchaus nicht durch ſeinen Stand und Nahmen, oder durch die zufällige 1 Verwandtſchaft, etwas gewinnen wollte, konnte⸗ ſich nicht entſchließen, ſein Incognito aufzu⸗ geben. 150 „Nein!“— ſagte er mit Heftigkeit zu An⸗ tonio—„fann ich nicht als Unbekannter ihre Zuneigung, ihre Liebe, mir erwerben, ſo ſey es fern von mir, den Ruͤckſichten auf Rang und Verwandtſchaft ein duldendes Wohlwollen, viel⸗ leicht dem vaͤterlichen Rathe ihre Hand zu ver⸗ danken!“ „Rein!“— ſagte dagegen Camilla zu ihrer Agathe, wenn dieſe bald ſcherzend, bald ernſthaft, ihr mehrere Gefaͤlligkeit gegen den liehenswuͤrdigen, und nach allen Umſtaͤnden zu urtheilen, ſehr edlen Fremdling zur Pflicht machte—„wenn er nicht durch alle Schwierig⸗ keiten und Hinderniſſe bis zu meinem Vater hin⸗ durch zu dringen weiß, wenn er nicht wenigſtens ein Jahr lang, ohne Hoffnungen zu erhalten, in meinem Dienſte beharrt, mir nicht wenigſtens ein Jahr lang, ohne alle Aufmunterung meiner Seits, die unverkennbarſten Beweiſe ſeiner Ver⸗ ehrung gibt, ſo kann ich an die Ewigkeit ſeiner Liebe nicht glauben. Es koͤnnte kommen— Dir geſtehe ich es ein— daß ich ihm gut wuͤrde; aber, ſoll und muß ich nun einmahl lieben,*— ſte brach dabey in ein munteres Gelaͤchter aus— „ſo will ich auch wieder geliebt werden, wie keine; ſo will ich dieß kleine, ungenuͤgſame Herz nicht eher verſchenken, bis ich ein Maͤnnerherz gefunden, das mit unerſchuͤtterlicher Treue mir angehoͤrt.* — 8 ———————— —,— ——————.— 157 Dieſe, ſich ziemlich widerſtreitenden Ent⸗ ſchluͤſſe wurden denn auch von beyt den Theilen auf das Beharrlichſte ausgeführt. Riecardo fuhr mehrere Monathe hindurch fort, Cami llen in den Kirchen und an andern oͤffentlichen Orten aufzuſuchen; ſie ſchenkte ihm jedes Mahl einen Blick, aber mehr einen verwundernden, fragen⸗ den, warum er doch immer in ihrer Naͤhe ſey? als einen, dem ſeinigen antwortenden. Er naͤherte ſich ihr im Theater und auf Spaziergaͤngen, ja ſogar in den Zirkeln des Adels, in die er ſich unter einem angenommenen Nahmen hatte ein⸗ fuͤhren laſſen; aber ſie ſchien ihm abſichtlich aus⸗ zuweichen, und antwortete ihm, wenn ſich dieß nicht thun ließ, mit der gleichguͤltigſten, unbe⸗ fangenſten Heiterkeit. Er ſchlich ſich in ihren Garten, wenn ſie in ſchoͤnen Naͤchten die Laute ſpielte, und gab ihr die feurigſte Liebe in zaͤrt⸗ lichen, geheimnißvollen Liedern zu erkennen; ſie unterbrach zwar eine Zeit lang ihre Muſik, ſpielte aber dann, ſchnell wieder einfallend, ein froͤh⸗ liches Allegro, verſchloß die Glasthuͤr des Al⸗ tans, und loͤſchte die Lichter aus. „Sie hat kein Herz!“— klagte nun Niec⸗ cardo ſeinem Antonio—„Wenigſtens fuͤr mich nicht!“ ſetzte er ſchonend hinzu; denn es reute ihn augenblicklich, etwas Nachtheiliges von der heiß Geliebten geſagt zu haben. 258. „Sage, was du willſt;“— antwortete An⸗ tonio—„wie ſie ſich auch verſtellen mag, ſo iſt ihr doch deine Verehrung keinesweges gleich⸗ guͤltig!* „Wohl moͤglich;“— erwiederte der Cheva⸗ lier—„waͤre ſie die Einzige, die nach der Hul⸗ digung Aller geitzte?* „Wenn es ihr bloß um Triumphe zu thun waͤre“— verſetzte Antonio—„ſchon ihr un⸗ ſchuldvolles Geſicht widerſpricht dieſem Ver⸗ dacht— aber waͤre es ſo, wuͤrde ſte dir wohl ſo ſcheu und ſorgfäͤltig ausweichen; wuͤrde ſie nicht vielmehr durch Witz und entgegen kommende Freundlichkeit dich noch mehr an ſich zu feſſeln glaͤuben? Das beſte waͤre gewiß, du zeigteſt dich bey ihrem Vater, und gaͤbeſt dich ihm wenig⸗ ſtens zu erkennen; willſt du aber dieſes nicht, ſo gaͤbe es wohl noch ein Mittel“— „Und welches koͤnnte das ſeyn?* „Es ließe ſich wenigſtens verſuchen, und hat bey aͤhnlichen Herzensangelegenheiten ſchon die beſten Dienſte geleiſtet. Stelle auch du dich einige Zeit gleichguͤltig gegen ſie, und huldige dem Scheine nach einer Andern! Hilft dieſes nicht, ſo gebe ich dir Recht, daß du ſie aufgeben mußt, und dann— fahre wohl, ſchoͤnes Palermo!“ Der Chevalier fand dieſen Vorſchlag nicht ganz verwerflich, und wollte, ſo viel es ihm auch 1 —— 3 8. 139 koſten moͤchte, wenigſtens nicht unverſucht laſ⸗ ſen, was auf das Gluͤck ſeines ganzen Lebens einen ſo bedeutenden Einfluß haben koͤnnte. Er kam von nun an ſeltener zur heiligen Roſalie, erſchien aber dagegen taͤglich in den Theatern oder bey den Feſten der Vornehmern, und zeigte ſich nun ſo unaufhoͤrlich an der Seite einer ſchoͤnen und geiſtreichen Marquiſe, daß ihn nicht allein dieſe ſelbſt, ſondern faſt die ganze ſchoͤne Welt, fuͤr ihren erklaͤrteſten Anbeter hielt. Jetzt hatte fuͤr Camilla die Stunde ge⸗ ſchlagen, wo auch ſie erfahren ſollte, daß es ſchmerzliche Gefuͤhle gebe. Schon die ausgeſetzten Kirchenbeſuche des reitzenden Unbekannten hatten ſie nicht wenig bekuͤmmert; da ſie ihn aber end⸗ lich, nicht ohne heimliche Freude, in einer glaͤn⸗ zenden Verſammlung wieder erblickte, und faſt ſchon entſchloſſen war, ſich hente etwas weniger fremd zu ſtellen; da ging er mit einer leichten Verbeugung an ihr voruͤber, und kuͤßte mit dem lebhafteſten Feuer die ihm dargebotene Hand der reitzenden eroberungsſuͤchtigen Signora Fran⸗ cesca.. Clamilla traute kaum ihren Augen; je laͤnger ſie ihn insgeheim beobachtete, deſto weni⸗ ger konnte ſie an ſeiner Falſchheit zweifeln. Das Herz wollte ihr im Buſen zerſpringen; alle Qua⸗ len der Eiferſucht erwachten in ihr; jetzt erſt 160 ward ſie ſich ſelbſt verſtaͤndlich, aber ſie rief ibren ganzen Stolz zuſammen, ſie mahlte ſich Riccardo's Unwuͤrdigkeit auf das lebhafteſte aus, ſie ſuchte ſelbſt ein, ihrem Herzen ganz fremd⸗ artiges, Rachegefuͤhl zu erkuͤnſteln, um nur ſich aufrecht zu halten, und den leichtſinnigen Fremd⸗ ling ihre ganze Gleichguͤltigkeit empfinden zu laſſen. Nicht ohne die gewaltſamſte Anſtrengung ge⸗ lang es ihr, jeden Anſchein von Mißmuth aus ihrem Weſen zu verbannen, und bald ſah ſie ſich mit einem zahlreichen Kreiſe der Juͤnglinge und Maͤdchen umgeben, die durch ihr Laͤcheln herbey gezogen, und durch ihre muntere Unterhaltung bey ihr feſt gehalten wurden. Wenn dieſe erzwungene und doch ſo natuͤrlich ſcheinende Froͤhlichkeit dem liebenden Riceardo den verwundenden Stachel noch tiefer in die Seele druͤckte, und in der folgenden Kacht allen Schlummer aus ſeinen Augen verſcheuchte; ſo war auch Camilla's Stimmung nichts weni⸗ ger, als beneidenswerth. Durch die anhaltende Aufbietung eines Leichtfinnes, der jetzt weit von ihr entfernt lag, fuͤhlte ſie ſich nach ihrer Zuruͤck⸗ kunft faſt gaͤnzlich erſchoͤpft, und als Agathe am folgenden Morgen ſie beſuchte, ſchien der be⸗ ſorgten Freundinn die auffallende Blaͤſſe des ſonſt ſo bluͤhenden Geſichtes, das Matte der ſonſt ſe . 161 blitzenden Augen, auf tief verborgenen Seelen. kummer zu deuten. Doch Camilla ſchob alles auf eine leichte Erkaͤltung, auf zu raſches Tanzen, auf tauſen⸗ derley andere Zufaͤlligkeiten, und ſuchte ſich aufs neue in ihre ſonſt gewoͤhnlich froͤhliche, taͤndel⸗ hafte Laune zu verſetzen. Agathe, welche die Wallungen einer ver⸗ ſchwiegenen Liebe aus eigener Erfahrung kannte, war nicht leicht zu hintergehen; zaͤrtliches Mit⸗ leid gegen die geliebte Freundinn, ja ſelbſt Mit⸗ leid mit dem, wie ſie ſich fuͤr uͤberzeugt hielt, ſo heiß liebenden Juͤngling, oͤffnete ihre Lippen. „Gib dir keine Muͤhe, gutes Kind!“— lispelte ſie ſanft, indem ſie die kleine Grauſame neben ſich niederzog—„mir ein anderes Geſicht zu zeigen, als dein wahres; lege in meiner Ge⸗ genwart immer die Maske ab, die mich doch nicht taͤuſchen kann.* „Was haſt du, liebe Agathe?“— erwiederte Camilla mit aller, ihr nur zu Gebote ſtehen⸗ der Unbefangenheit—„was willſt du von mir? Willſt du mich wieder einmahl aufziehen, oder glaubſt du“—— „Ich glaube nichts, du gutes, argloſes Taͤubchen!“— verſetzte Agathe und ſtrich ihr mit der Hand uͤber das glaͤnzende, glatt geſchei⸗ telte Stirnhaar—„ſondern ich weiß— weiß es, das dieß trotzige Herzchen geſtern weit unruhiger ſchlug, als dieß Auge geſtehen mochte; aber— ich habe auch eine Arzeney bereit, die— dich von der leichten Erkaͤltung— nicht wahr?— und den ſchaͤdlichen Folgen des raſchen Tanzes, und— nun, was es ſonſt noch weiter war— gewiß im Augenblicke herſtellt.“— 4 Camilla legte die Hand um ihre Schul⸗ ter; ſanfte Roͤthe verbreitete ſich uͤber ihre Wan⸗ gen; ſie ſah der Freundinn freundlich und neu⸗ gierig, doch ohne ein Wort zu ſagen, in die Augen. „Ja, frage mich nur bloß mit den leuchten⸗ den Augen“— fing Agathe wieder an—„da⸗ mit ich dich nicht etwa beym Wort faſſe und zu einem Geſtaͤndniſſe zwinge. Doch ich brauche dieß auch nicht; ich habe laͤngſt in deiner Seele gs⸗ leſen; in deiner, und noch in einer andern; und da habe ich denn entdeckt, daß der— nun, der gewiſſe Unbekannte, nichts weniger, als in die Marquiſe verliebt“— „Ha! wars nur das? Geh mir mit deinem Unbekannten!“— 5 „— ſondern, daß alle Beweiſe ſeiner Ver⸗ ehrung, die er ihr oͤffentlich gab, nur darauf be⸗ rechnet waren, eine gefuͤhllos Scheinende zu pruͤfen, einer Grauſamen die Qualen, die er 163 ſelbſt erduldet, auch erdulden zu laſſen, ſie von ihrer hartnaͤckigen Verſtocktheit zu bekehren.“ „Hahaha! was bildeſt du dir doch ein?— rief Camilla laͤchelnd, aber zugleich preßzte ſie die Freundinn heftig an ſich, und ſetzte hin⸗ zu:„Was du nicht alles geſehen haſt, meine ſcharfſichtige Herzenskuͤndigerinn!“ „Spotte, wie du willſt“— fuhr Agathe fort— vich kenne dein Herz beſſer, als du viel⸗ leicht ſelbſt, und ich habe ſehr wohl bemerkt, wie deit zaͤrtlicher Anbeter immer verſtohlen nach dir heruͤberſchielte; ich habe die Anſtrengung be⸗ merkt, die ihm ſeine Aufwartungen bey der ge⸗ lehrten Marquiſe koſteten; ich habe ihn behorcht, als er ſeinem Begleiter im Ton der Verzweif⸗ lung zufluͤſterte:„Es iſt vergeblich; ſie hat nie etwas fuͤr mich empfunden; ſahſt du es nicht, wie ſie lachte, wie ſie im ſchnellen Walzer dahinflog 29 „Haſt du das wirklich, Liebſte?“— fragte Camilla mit einer neuen Umarmung; aber in demſelben Augenblicke flog ſie, um ihre Ver⸗ wirrung zu verbergen, fort, und brachte Aga⸗ then eine kunſtvolle Stickerey, von welcher ſie vor einigen Tagen geſprochen hatten. Agathe, welche wohl wußte, daß ein Funke, in ein Pulvermagazin geworfen, genug ſey, hielt es 164 nicht fuͤr noͤthig, das abgebrochene Geſpraͤch wie⸗ der anzuknuͤpfen. Camilla's Scharfſinn fand bey reiflicher Ueberlegung genug Beweiſe, daß ihre Freun⸗ dinn ſehr richtig geſehen; auch ſie ſelbſt hatte ſich nicht enthalten koͤnnen, den geliebten Ver⸗ raͤther aus der Ferne zu beobachten, und da ihr bey aller Unſchuld doch auch keine geringe Doſis Liſt verliehen war, ſo ward ihr Riccardo's ganzes Benehmen in kurzem ſo ganz erklaͤrlich und verſtaͤndlich, als haͤtte ſie es ihm ſelbſt an die Hand gegeben. Wie der geuͤbteſte General, entwarf ſie nun nach den errathenen Planen des Feindes ihren eigenen, und da ihr Stolz ihr jetzt auf das drin⸗ gendſte zufluͤſterte, das RNiccardo fuͤr den kuͤh⸗ nen Verſuch, ſie ſogar zur Eiferſucht zu reitzen, doppelte Strafe verdiene; ſo ward feſt beſchloſ⸗ ſen, ſich kuͤnftig nur noch froͤhlicher und gegen ihn kaͤlter zu bezeigen. Was eine beleidigte Schoͤne beſchließt, iſt, zumahl wenn ſie Camilla's Geiſt beſitzt, ſchon ſo gut, als geſchehen. Riccardo mochte ſo oft mit ihr zuſam⸗ mentreffen, als er nur wollte, mochte der Mar⸗ quiſe ſo ausgeſuchte Schmeicheleyen ſagen, als ſeine Galanterie ihm nur an die Hand gab; Ca⸗ milla ſchien es entweder nicht zu bemerken, — 3 2 —ynz —— 1653 oder war wohl gar die erſte, die ſeine Ein faͤlle als aͤußerſt treffend und witzig, ja als ganz aller⸗ liebſt und entzuͤckend pries. Alle Pfeile, die er gegen ſie richtete, prallten von ihrem ſtolz um⸗ panzerten Herzen ab, und verwundeten im Zu⸗ ruͤckfliegen nur ſo empfindlicher ihn ſelbſt. Endlich, da beyde Theile faſt drey Viertel⸗ jahre ſeit dem erſten Zuſammentreffen bloß mit dergleichen Demonſtrationen verſchwendet hatten, fuͤhlte Niccardo ſeine Geduld voͤllig erſchoͤpft. Mit leidendem Herzen, doch zugleich mit Unwil⸗ len uͤber ſeine bisherige Schwaͤche, entſchloß er ſich eines Abends, abzureiſen, und noch war die Sonne uͤber den Thuͤrmen Palermo's nicht aufgegangen, als ſchon der Aufenthalt der grau⸗ ſamen Schoͤnen in ſeinem Ruͤcken lag. Camilla vermißte ihn mehrere Tage, und troͤſtete ſich jeden Abend, ihn doch gewiß mor⸗ gen wieder zu ſehen. Als aber alle dieſe Erwar⸗ tungen fehlſchlugen, als ſie endlich gar in Er⸗ fahrung brachte, daß der von allen Weibern ge⸗ kannte ſchoͤne Fremdling in der That abgereiſet ſey; da fuͤhlte ſie ſich auf ein Mahl von aller Her⸗ zenshaͤrtigkeit, von allem Stolze, verlaſſen, und geſtand nun, doch leider zu ſpaͤt, ibrer zaͤrtli⸗ chen Freundinn de⸗ und wehm uͤthig, daß ſie den Unbekannten innig geliebt habe. Dieſe ſowohl, als der um Eamtllas Geſundheit beſorgte 166 Vater, ſuchten alles hervor, um ſie zu erheitern, und ihre Neigung auf einen andern Gegenſtand hinzuleiten; aber alle Vorſorge und Zuſprache haftete nicht an ihrem tief verwundeten Herzen. Sie machte ſich ſelbſt insgeheim die bitterſten Vorwürfe, einen ſo zaͤrtlich und feurig liebenden Juͤngling gegnaͤlt und von ſich entfernt zu haben; nur ſelten erſchien ein erzwungenes Laͤcheln in ihrem, jetzt mit dem Zuge ſtiller Schwermuth bezeichneten Geſicht, und ſie kannte nichts ange⸗ legentlicheres, als taͤglich in der Kirche der hei⸗ ligen Roſalie die Meſſe zu hoͤren, um der ver⸗ gangenen gluͤcklichern Tage ſich zu erinnern, und zu der Heiligen die feurigſten Gebete fuͤr den Un⸗ bekannten zu ſenden. Und ſchon kehrte der Junius zuruͤck, und ganz Palermo bereitete ſich auf's nene zu der zaͤhrlichen Feyer. Auch Riccardo, der, den abgebrochenen Pfeil noch im Buſen, nur in ge⸗ ringer Entfernung auf einem Landgute gelebt hatte, gedachte mit ſanfter Schwermuth des Ta⸗ ges, wo er Camilla zum erſten Mahl geſehen, wo er die immer noch heilig bewahrte Roſe, ach! leider nicht von ihr erbalten, nur geraubt hatte. „Ich kann, ich kann ſie nicht ver⸗ geſſen“— ſagte er zu ſeinem Antonio „noch ein Mahl will ich ſie ſehen, und dann ſchnek 167 zu einem neuen Kreuzzuge gegen die Barba⸗ resken!“— Mit fruͤhem Morgen eilte Camilla nach der Hauptkirche; ſie betete mit der heiſſeſten An⸗ dacht zu der Heiligen, den Geliebten ihr zuzu⸗ fuͤhren, ihn nur noch ein Mahl ihr zu zeigen; ſie gelobte Noſalien die ſeltenſten Blumen, die praͤch⸗ tigſten Weihgeſchenke. Mehrmahls blickte ſte, Gewaͤhrung hoffend, nach dem in ihrem Ruͤcken verſammelten Volke; aber kein Riccardo wollte wieder erſcheinen, nur ein Paar ganz ver⸗ huͤllte Pilger knieten in ihrer Naͤhe. Unerhoͤrt ſtand ſie auf, und begab ſich, die einzige Traurige unter der großen Menge, in ernſter Stille nach Hauſe. Es wurde Abend. Agathe kam, ſie auch heute zu einer Wahlfahrt nach der Capelle al Pellerino abzuholen; Camilla ließ einen zierlich geflochtenen Korb mit den ſchoͤnſten Ro⸗ ſen in den Wagen ſetzen, und ſtieg truͤhen Sin⸗ nes ein. Als ſie angelangt waren, und den gewoͤhnli⸗ chen Weg einſchlagen wollten bemerkten ſie auf einer etwas entfernten Seite des Berges einen hellen Schein, welcher den Filſen und die um⸗ her ſtehenden Feigenbaͤume und Kaſtan en ſanft, aber auf das mahleriſchſte, beſenchtete. Agathe ſchlug vor, dahin auszubeugen; Kamilla ließ 168 ſich ihr Koͤrbchen reichen, und befahl den Be⸗ dienten, ſie am Fuße des Berges zu erwarten. Da ſie ſich dem Lichtſchimmer naͤherten, er⸗ blickten ſie eine mit Geißblatt und blauer Win⸗ de niedlich umgitterte Niſche, auswendig von ei⸗ nigen hohen Fackelhaltern erleuchtet. Die Neu⸗ gier trieb ſie hinzu, und ſie gewahrten auf ei⸗ ner Moosbank einen Pilger. Der andaͤchtige Wallbruder ſaß mit verſchlungenen Armen und ſah unverwandten Zlickes nach dem Bilde einer ſchlummernden Roſalie, und nicht genug, daß den glaͤnzenden Nadmen des Heiligenbildes ſchwar⸗ ze Roſen und, als deutungſchwangeres Anagramm, die ſuͤßduftenden Bluͤthen der Mallica um⸗ kraͤnzten, ſo ſchien auch das Bild ſelbſt Camil⸗ len ſehr aͤhnlich, und war ganz, wie ſie am vorjaͤhrigen Feſte, gekleidet. Camilla trat beklommen zuruck; aber mit freundlicher Stimme fragte Agathe:„Darf man an eurem Felſenaltar beten, frommer Bruder 27— „Tretet ein, ſo es euch gefaͤllt!“— antwor⸗ tete unter dem breiten Muſchelhute hervor die Stimme des gelebten Unbekannten—„tretet ein in mein kleinis Heiligthum; doch was koͤnn⸗ tet ihr zu erflehen oder zu bereuen haben, ſchoͤne Fromme“? „Hei⸗ ——..ꝛꝛ———y— — 169 „Heilige Roſalia, du haſt mich erhoͤrt!“— rief Camilla zitternd, und verbarg, einer Ohnmacht nahe, ihr Geſicht an dem Buſen der Freundinn. „Darf ich dieſem entzückenden Ton trauen, meine theure Verwandte?“ fragte Niecardo. „Wer ſeyd ihr, Signor?“— lispelte Ca⸗ milla mit unruhig gehobener Bruſt, und druͤckte mit einem verwundernden Zlicke ſeine Hand von ſich zuruͤck. „Ein Juͤngling, der euch auf das zaͤrtlichſte liebt— und, kann das euer Zutrauen feſ⸗ ſeln— euer naher Verwandter, Niccardo di*X** „Ihr? Ihr ſelbſt?“— ſtammelte Camilla, und zog ſeine Hand in holder Vergeſſenheit wie⸗ der an ſich—„Ihr jener Riccardo, deſſen Muth mein jugendliches Herz mit ſtiller Theil⸗ nahme Begeiſterung erfuͤllte— Ihr, der Stolz meiner Familie, und, auch ungekannt, der Stolz des ſchwaͤrmeriſchen Maͤdchens— 25 Derr Chevalier ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen, und ſein Probejahr war vollendet, AN Anterhalt, Biblioth. 12. B. 5H — Abendſtern. ÖAAAên Joh hatte mir ſchon im Matroſenjäckchen— im Fluͤgelkleide darf ich nicht ſagen, denn die Fittige ſtehen nur jenen lieblichen Kindern zu, die, wie allbekannt, ſpaͤteſtens im ſechzehnten Jahre zu leibhaftigen Engeln reifen— alſo, ſchon im Matroſenjaͤckchen hatte ich mir man⸗ cherley, ganz beſondere Liebſchaften zugelegt. Den Vorrang unter allen behauptete der Abend⸗ ſtern und die Roſe. — In meinen Juͤnglingsjahren las ich in den Dichtern, daß der Abendſtern der reitzendſten aller Goͤttinnen angehoͤre; daß Ichor aus Cy⸗ therens Dornenwunde die Roſe gefaͤrbt habe. Das Geſtirn und die Blume der Liebe mußte dem Juͤnglinge natürlich doppelt liebenswuͤrdig erſcheinen. Nun bin ich ein Mann worden, und kom⸗ me ſo eben von einem Spaziergange nach den Morgenlaͤndern zuruͤck. Meine Leſer und Leſerinnen koͤnnen leicht denken, daß ich auch dort jene meine Lieblinge . 174 nicht vergaß. Sie, die das heitere Gemüuͤth des Griechen zu den lieblichſten Dichtungen ge⸗ reitzt hatten, konnten unmoͤglich die gluͤhende Phantaſte des Orientalen unbeſchaͤftigt gelaſſen haben. Ich forſchte und forſchte; aber meine reine, faſt abgoͤtteriſche Verehrung für die Roſe ward mir gewaltig verleidet. Zwar hoͤrte ich anfaͤnglich mancherley von einem Liebesverkehr ſprechen, das einſt zwiſchen Roſe und Nachtigall Statt gefunden habe, und weidete mich an den ſüßeſten Hoffnungen! Als ich aber bey einem alten Iman tiefer in das Geheimniß zu dringen verſuchte, und der fromme Prieſter mit graͤnzenloſer Ehrfurcht und Sal⸗ bung die erſte Roſe— nicht etwa bloß die erſte gelbe oder aurorafarbene Roſe, die denn in der That einen recht lieblichen— Leinoͤlge⸗ ruch ausſpenden— nein! das ganze Geſchlecht der Roſen, aus nichts geringerm als— man denke! aus dem Schweiße des großen Propheten, entſpringen ließ— nun man kann leicht vermu⸗ then, wie mir zu Muthe ward! 6 Nein, wahrhaftig dieſe Blumen⸗Geneſie war doch auch gar zu tuͤrkiſch! Ich mochte den geiſtlichen Vater nun gar nicht wegen des Abend⸗ ſterns in Unkoſten ſetzen. Unwillig verließ ich ihn, und reiſete, ohne mich irgendwo zu verwei⸗ len, einige hundert Meilen tiefer ins Land. Als 175 ich vierzehn Wochen lang durch eine faſt endloſe Sandwuͤſte gezogen war— meine Leſer koͤnnen ſich auf meinen Reiſebericht eben ſo ſicher verlaſ⸗ ſen, als auf die der Damberger und Tau⸗ rinius— gelangte ich mit einbrechender Daͤm⸗ merung zu einer Horde herumſtreifender Araber. Die Leute waren um vieles rechtlicher, als ſie ausſahen, und drangen mir ſaure Stuttenmilch und halb geroͤſtetes Kamehlfleiſch mit echtpatri⸗ archaliſcher Gaſtſreyheit auf. Als wir uns geſaͤttigt hatten, ſtreckten wir uns in der hellen Nacht guten Muthes in das duͤrre, ſchilfaͤhnliche Gras, und der Abendſtern leuchtete uns ins Geſicht. „Weißt du, wer dort wohnt?“— fragte mich ein alter Araber. Er nannte mir einen Nahmen, und es war ein weiblicher. Natuͤrlich ſchien mir dieß von guter Vorbedeutung; ich ver⸗ langte mehr zu erfahren, und der Araber zeigte ſich bereitwillig, meine Wißbegier zu befriedigen. „Die Brunnen der Tiefe und die Fenſter des Himmels hatten ſich vergeblich geoͤffnet,“— ſo begann er ſo ernſthaft und beſonders im Anfange ſo eintoͤnig, als ſagte er Worte aus dem Koran her—„um den Erdboden von Bosheit und Fre⸗ vel zu reinigen. Jeder Keim verderblicher Leiden⸗ ſchaft war in den Kindern Noahs mit erhalten worden, und bald erſann der Geiſt des Boͤſen eine neue Liſt, um die verjuͤngte Schoͤpfung ſei⸗ ner Herrſchaft dauernder, als zuvor, wieder zu unterwerfen.“ „Als einſt Noah ermuͤdet von ſeinem Acker kam, lagerte er ſich im Schatten, und dachte, niedergedruͤckt von der Laſt des Alters, an ſeine kraͤftige Jugend Da gewahrte er im hohen Graſe einen Paradiesvogel. Er verwunderte ſich, daß dieſer Vogel, der doch ſonſt immer in den Luͤften ſchwebe, jetzt auf dem Boden ruhe, glaubte, er ſey von dem Gefluͤgel der Arche, und rief ihn zu ſich nach ſeiner Gewohnheit. Doch der Vogel hoͤrte nicht auf ſeine freundliche Stimme, und war eben ſo wenig einer von Noahs Geretteten, ſondern der Verſucher hatte nur dieſe Geſtalt angenommen, um ſeinen laͤngſt erdachten Betrug auszufuͤhren.* „Roah ſtand auf und trat naͤher. Er be⸗ merkte, daß des Paradiesvogels buntes Gefieder faſt ergraut war vor Alter; daß er die Fittige ſenke, die Augen ſchließe, und kaum noch athme. Zu gleicher Zeit vernahm Noah uͤber ſich ein Geflatter, und ſah auf den dichtbelaudten Zwei⸗ gen einige junge Paradiesvoögel ſitzen; um den Stamm aber rankte ſich eine uͤppig gruͤnende Rebe, mit ſchwellenden, rothgluͤhenden Trau⸗ ben. Und die jungen Paradiesvoͤgel hackten mit ihren Schnaͤbeln in die reifſten Beeren, und der 177 Saft floß davon herunter, und ſammelte ſich auf einem hohlen Steine. Der alte Paradiesvogel aber ſtreckte mühſam ſeinen Hals ans, und ſchluͤrf⸗ te einige Tropfen. Und kaum hatte er davon ge⸗ ſogen, als ſeine Augen hell wurden, und er im⸗ mer gieriger trank. Bald ſchwang er geſtaͤrkt ſeine Fluͤgel, und flog mit ſeinen Jungen luſtig davon.“ „Da erſtaunte Roah uͤber das, was er ge⸗ ſehen hatte, koſtete von dem Safte, und be⸗ merkte, daß er lieblichen und ſuͤßen Geſchmackes ſey. Und er glaubte, daß ihm Gott eine Labung fuͤr ſein Alter gezeigt habe, und dankte dem Herrn, und ſammelte von den Reben, ſo viel er finden konnte, und pflanzte ſich einen Weinberg.“* „Du erzäaͤhlſt mir von der Erfindung des Weines“— unterbrach ich meinen Araber etwas ungeduldig—„und ich wollte von dem Abend⸗ ſtern hoͤren!“ „Ohne den Weinſtock kein Abendſtern!“— entgegnete der Beduine, und ſah unter den ſchwarzen Augenbraunen ziemlich ſtoͤrrig und faſt drohend auf mich herab—„»Willſt du beſſer ver⸗ ſtehen, als ich, was zur Geſchichte gehoͤrt, und was nicht? Ich habe ſie laͤngſt in mein Gedaͤcht⸗ niß aufgenommen und mehrmahls daruͤber nach⸗ gedacht; du hoͤreſt ſie heute zum erſten Mahl, zeuchſt dann deines Weges, und nimmſt nur das X₰⁸ ) 178 Ganze mit dir. Iſt aber das Ganze erzaͤhlens⸗ werth, ſo biſt du mir auch fuͤr das Einzelne Dank ſchuldig, und magſt meine Geſchichte, wenn du denn ſo uͤber alle Maßen geſcheidt biſt, gele⸗ gentlich beſſer erzaͤhlen.“ Der Mann der Wuͤſte ſprach ſehr buͤndig und kernhaft, ja, wie es mir duͤnkte, ſogar ziemlich verſtaͤndig; ich ſchaͤmte mich ein wenig und ſchwieg. Und der Araber fuhr finſtern Blickes fort:. „Der boͤſe Geiſt jauchzte uͤber das Gelingen ſeines boshaften Anſchlages, das faſt ſeine eigene Erwartung uͤbertraf. Selbſt die Erwaͤhlten Got⸗ tes konnten den Lockungen des Traubenſaftes nicht widerſtehen; der Sohn ſpottete ſeines trunkenen Vaters, der berauſchte Vater fluchte dem geliebten Sohne, und, obſchon des Herrn Zorn zwey Staͤdte mit Feuer⸗ und Schwefelre⸗ gen vertilgte, ſo wandten doch ſelbſt die Gefluͤch⸗ teten, von dem ſuͤtzen Gifte betaͤubt, ſich aufs neue von Gott, und wurden ein Raub ſchaͤndli⸗ cher Begierden. Ein Menſchengeſchlecht nach dem andern verging in ſchweren Suͤnden; immer furchtbarer wucherte der Same des Unkrautes; immer feſter ſah Satan ſein Reich auf Erden ge⸗ grüͤndet. Ach! die heiligſten Bande loͤſten ſich allgemach auf; Unſchuld und Scham, Gerech⸗ tigkeit, Mitleid und Liebe flohen zum Himmel 179 zuruͤck; nur die Herrſchbegier und Gewaltthat, nur die Wolluſt und der Mord, walteten unter den Menſchenkindern.“* „Endlich, nach vielen blutigen Jahrhunder⸗ ten, als immer frecher das Laſter ſich wider den Himmel empoͤrte, blickte der Herr auf die entweihte Erde, und eine neue Suͤndfluth ſchien ihm noͤthig, den ſeuſzenden Stern zu erretten. Doch er ſah den leuchtenden Bogen, den er in die Wolken geſetzt hatte, und dachte ſeines Bun⸗ des mit Noah, und erbarmte ſich, und rief zu ſich die Engel Aroth und Maroth, und ſprach zu ihnen:„Steiget hernieder zu jenem Sterne, von dem Blutgeruch und Rauch zur Sonne auf⸗ dampfen, und nehmt menſchliche Geſtalt an, und übet Recht und Gerechtigkeit auf Erden. Aber huͤthet euch vor der Frucht der Weinſtockes, den der Geiſt des Argen dem Noah gezeigt hat zum Verderben, damit ihr nicht abfallet von mir und nach den Toͤchtern der Menſchen ſchauet in ihrer Schoͤne, und euch mit ihnen vermiſchet, gleich euern Bruͤdern, die ich auf den Erdkreis ſandte als meine Bothen vor der großen Fluth.“* „Die beyden Engel gehorchten alsbald dem Befehle des Allerhoͤchſten, ſchwebten unſichtbar zur Erde herab, und kamen bey Anbruch des Morgens in einem Walde, unweit der Haupt⸗ ſtadt von Perſien, an, Das erſte, was ſie daſelbſt 480 erblickten, waren zwey ſchoͤne, koͤſtlich geſchmuͤck⸗ te, aber in Blut ſchwimmende Jünglinge, Ein ehrwuͤrdiger Greis kniete bey den Leichnamen, vergoß einen Thraͤnenſtrom und raufte ſich Haupt⸗ haar und Bart. Zu dieſem trat ein Landmann und ſprach:„Herr, wer ſind dieſe Juͤnglinge? und was weinet ihr 2 „Da richtete der Greis ſich auf, und ſetzte ſich neben den Wanderer, und antwortete:„Sollt' ich nicht weinen, da dieſe Juͤnglinge ſich einander getoͤdtet haben, die doch meiner Obhuth anver⸗ traut waren von je, und die ich bewahrt habe bis auf dieſen Tag, wie meinen Augapfel? Wiſſe denn, mitleidiger Wanderer, dieſe Todten ſind die Soͤhne unſers Koͤnigs von einer Mutter, und alle Gerechten hofften auf ſie wegen ihrer fruͤhen Tugend, die ſonſt nirgends gefunden wird auf Erden, und ſie ſelbſt liebten einer den andern mehr, als ſich ſelbſt. „Als aber geſtern die Sonne aufging, da eilten die Juͤnglinge in den Wald, um zu jagen, und ich folgte ihnen. Wir erlegten des Wildes viel, und des Abends bereiteten uns die Diener ein Mahl unter dieſen Cedern. Wir genoſſen gar freudig des Backwerks und der Fruͤchte, und lab⸗ ten uns mit dem Safte des Weines, und gedach⸗ ten in unſerer Heiterkeit nicht an die Heimkehr. 181 Und da wir faſt trunken waren, biickten wir auf, und ſahen, daß ſchon der Abendſtern her⸗ aufziehe in den Wolken.” „Ah, der Abendſtern!“— rief ich halblaut, und hoffte, nun endlich der Sache naͤher zu kommen. Doch der Araber ſtrich ſich laͤchelnd den Knebelbart, und ließ ſich nicht im mindeſten un⸗ terhrechen.*— „Der Himmel war ganz beiter und klar— alſo berichtete der Greis dem Landmanne— und die Sterne funkelten lieblich am Himmel. Die Juͤnglinge tranken immer froͤhlicher, und ermun⸗ terten auch mich dazu, und umarmten ſich, und ſahen in die Hoͤhe.“* „Sieh, wie ſchoͤn geſtirnt der blaue Himmel iſt!“— ſagte der juͤngere—„Welch eine herr⸗ liche Nacht!“ „Ich moͤchte mir wohl was wuͤnſchen“— fing der aͤltere darauf an, trank noch einmahl, und reichte dem Bruder die Schale. „Und was„— fragte der juͤngere laͤchelnd, indem er trank. „Einen ſo großen Wald, als der Himme dort oben!* „Das laͤßt ſich bören. Doch— da hatte 1 noch einen luſtigern Wunſch.* „Und welchen ²* „Ich wuͤnſchte mir eine Heerde von ſo viel weißen Gazellen und Rehen, als die Sterne dort oben* „Wo wollteſt du aber mit deiner Heerde hin?* — fragte der aͤltere etwas heftig. „Ich triebe ſie in deinen Wald! Das ver⸗ ſteht ſich!“— antwortete der juͤngere ſchnell. „Sie ſahen einander an, und griffen beyde wieder zur Trinkſchale.“* „Das wuͤrde ich nicht zugeben!“ ſagte der aͤltere dann. 3 „Ey, ich thaͤt's doch! erwiederte der zuͤngere. „Du? Auch wenn ich's nicht erlaubte?“ „Dir zum Trotz!“ „So erlegte ich deine Gazellen und Rehe!* „Das wollte ich ſeh'n!“ „Ja, ja, dir zum Trotz!“ „Sie wurden immer hitziger und erzuͤrnter, tranken immer haſtiger, und griffen endlich zum Schwert. Ich— o Schande und Fluch uͤber dieſes graue Haupt!— ich wollte ſie aus einander bringen, aber ich taumelte, und bald ſanken ſie 3 uls Leichen neben einander nieder. Erſt mit auf⸗ gehender Sonne kam ich zur Beſinnung, und bin nun zur Verzweiflung erwacht. Der Koͤnig wird ſeine Rache in meinem Blute kuͤhlen!? .„Die Engel Aroth und Maroth entſetzten ſich uͤber dieſe neue Beſtaͤtigung von der furchtharen 4 183 Gewalt des Weins, und nahmen ſich um ſo ernſt⸗ licher vor, den Befehl des Herrn treulich zu erfuͤllen. Doch zugleich von Mitleid gegen den Greis erfuͤllt, beſchloſſen ſie angenblicklich, in die Koͤrper der getoͤdteten Koͤnigsſoͤhne zu fahren. Welche erwuͤnſchtere Gelegenheit haͤtte ſich ihnen auch darbiethen koͤnnen? In welcher andern Ge⸗ ſtalt haͤtten ſie ihren Beruf, Recht und Gerech⸗ tigkeit zu uͤben auf Erden, bequemer auszufuͤh⸗ ren vermocht?9 „Indem noch der Greis mit dem ſtieren Blick des Jammers, der Landmann mit gutmuͤthiger Theilnahme, nach den Leichnamen bliche, fingen dieſe zu athmen und ſich zu beleben an. Bald richteten beyde Juͤnglinge ſich auf, und faßten den Greis bey der Hand.“ „Gib alle Furcht auf;“— redete Aroth“ der, als der ſtaͤrkere und ſtolzere Geiſt, die Ge⸗ ſtalt des aͤltern Prinzen angenommen hatte, ihn an—„der Herr hat ſich unſerer und deines Al⸗ ters erbarmt, und unſere Seelen wieder zuruͤck geſandt in ihre vorige Wohnung.“ „Kaum konnte der Greis glauben, was ſeine Augen ſahen. Doch da die Juͤnglinge ihm die gefaͤhrlichſten ihrer Wunden geſchloſſen und ge⸗ heilt zeigten, ſo fiel der Alte betend auf ſein Antlitz, der Landmann aber, die Koͤnigsſoͤhne Lerehrend, auf ſeine Knie nieder, und die Juͤng⸗ 184 linge legten beyden uͤber das vor ihren Angen geſchehene Wunder ein unverbruͤchliches Schwei⸗ gen auf.“ „Doch bald gedachte der Greis, daß die Die⸗ ner ohne Zweifel die Todespoſt ſchon dem Koͤnige binterbracht haben wuͤrden. Er ermunterte daher ſeine Zoͤglinge, ſchnell mit ihm nach der Haupt⸗ ſtadt zuruͤckzueilen, um die Trauer ihres koͤnig⸗ lichen Vaters zu ſtillen. „Kaum hatten ſie den Ruͤckweg angetreten, als ein faſt unuͤberſehbarer Zug von Hoͤflingen ihnen entgegenſtroͤmte, welche, wie die Juͤng⸗ linge aus der Ferne bemerkten, ganz heiter und unbefangen unter ſich ſcherzten, aber doch zu⸗ weilen, um ihren Schmerz uͤber das dem Koͤnige wiederfahrene Ungluͤck gebuͤhrend zu bezeigen, in lautes Klagegeſchrey ausbrachen, und ſich wie Verzweifelnde geberdeten. Aroth und Maroth ergrimmten in ihrem Innern uͤber dieſe ſchaͤnd⸗ liche Heucheley, waͤren aber, als ſie von den Hoͤflingen gewahrt wurden, faſt von ihnen ge⸗ taͤuſcht und uͤberzeugt worden, ſich in ihnen ge⸗ irrt zu haben. Denn die lauten Freudenbezei⸗ gungen und die tiefe Verehrung der Schranzen kannten nun ſchier keine Graͤnze; die ganze, noch vor kurzem wehklagende Menge warf ſich auf die Erde, und küßte den Staub; alle breite⸗ ten die Haͤnde lobpreiſend zum Himmel, alle Her⸗ 8 285 zen ſchienen im Rauſch der Wonne zerſpringen zu wollen; alle Augen ſchienen vor Freu denzaͤhren faſt zu erblinden.“ „Als man ſich vom Taumel der freudigſten Ueberraſchung ein wenig erholt hatte, ſuchten denn doch einige Kaͤmmerlinge, welche den Prin⸗ zenlehrer heimlich haßten, entfernter Weiſe den Urſprung des traurigen Geruͤchts zu erkunden, welches nach ihrer Verſicherung mehrere Bewoh⸗ ner der Hauptſtadt bis zur Ohnmacht erſchuͤttert habe. Aroth und Maroth mußten zu einer Noth⸗ luͤge ihre Zuflucht nehmen. Sie gaben zu ver⸗ ſtehen, daß ſie ſich, mit Vorwiſſen ihres Erzie⸗ hers, nur todt geſtellt haͤtten, um die Treue und Ergebenheit ihrer Diener zu erforſchen, und kaum war dieſe Rachricht von Mund zu Mund gegangen, als alle Anweſenden nichts angele⸗ gentlicheres zu thun wußten, als die Weisheit der Prinzen und ihres wuͤrdigen Lehrers bis zu dem Himmel zu erheben, und die grauſamen Wirkungen auf das ausfuͤhrlichſte zu ſchildern, welche die ſchrecklichſte aller Bothſchaften, wie ein furchtharer Donner bey wolkenleerem Ho⸗ rizonte, in der ganzen Hauptſtadt, vorzuͤglich aber bey jedem der Erzaͤhlenden ſelbſt, hervor⸗ gebracht habe. Zwar im Stillen hielten es einige fuͤr den duͤmmſten Knabenſtreich, den Koͤnig, den Hof, die ganze Hauptſtadt, und vorzuͤglich ſie 186 ſelbſt auf eine ſo unverantwortliche Weiſe aus dem Schlaf zu ſtoͤren; zwar glaubten andere, daß es unter den Prinzen doch wenigſtens zu Zwiſt und Zweykampf gekommen ſeyn moͤge; allein die erſtern haͤtten ſich eher die Zunge ab⸗ gebiſſen, als etwas von ihrer Meinung verlaut⸗ baren zu laſſen, und die letztern hofften, die Um⸗ ſtaͤnde ſchon gelegentlich noch genauer zu erfahren, und, nach Befinden, zum Sturz des zuweilen etwas vorlauten Prinzenlehrers zu benutzen.“ „Man ſendete indeſſen Eilbothen an den Koͤ⸗ nig voraus. Alles, was in der Reſidenz zuruͤck⸗ geblieben war, ſtuͤrzte aus den Thoren; man holte die Prinzen im Triumph ein; der koͤnigliche Vater ſelbſt kam ihnen einige Schritte aus dem Pekaſte entgegen, und befahl augenblicklich, durch das ganze Land achttägige Feſttage anzu⸗ ſtellen. Freudengeraͤuſch und Jubel erfuͤllten als⸗ bald die Hauptſtadt. Taͤnzer und Taͤnzerinnen zeigten ſich auf den öffentlichen Plaͤtzen; uͤberall ſah man Ueberfluß und Wohlleben; eine eben ausgeſchriebene Steuer war in kurzer Zeit ver⸗ ſchwendet, um jede, durch die falſche Todespoſt geſchlagene Wunde wieder zu heilen.“ „Aroth und Maroth, obſchon ſie mit der menſchlichen Geſtalt auch Etwas von menſchlichen Schwaͤchen angenommen hatten, konnten die feſtlichen acht Tage kaum am Hofe aushalten. Die 187 Schwelgerey, die Habſucht, der Stolz, die Heu⸗ cheley, womit ſie ſich allenthalben umringt ſahen, erfuͤllte ſie mit dem unwiderſtehlichſten Ekel, und kaum war der neunte Morgen angebrochen, als ſie ſich in das Schlafzimmer des Koͤnigs begaben, und um Erlaubniß baten, ungekannt und ohne Begleitung das Land zu durchreiſen.“ „Der Koͤnig fand nun freylich dieſen Einfall ſehr ſonderbar, und ſuchte ſeine Soͤhne davon abzubringen; allein da ſie auf ihrem Vorſatze be⸗ harrten, und das Reden ihn nachgerade ermuͤdete, ſo unterzog er ſich endlich der Muͤhe, einer von ihnen ſchon bereit gehaltenen Vollmacht, wovon ſie im Nothfalle Gebrauch machen wollten, durch Aufdruͤckung des koͤniglichen Inſiegels das erfor⸗ derliche Gewicht zu geben. Man ſtreute in der Reſtdenz das Geruͤcht aus, daß die Prinzen in gewiſſen Geheimniſſen der Prieſter eingeweiht werden ſollten, und daher eine Zeit lang unſicht⸗ bar ſeyn wuͤrden; ehe noch die Sonne des fol⸗ genden Tages erſchien, befanden ſie ſich außer⸗ halb der Mauern ihrer Hauptſtadt. „Sie wanderten durch Flecken und Staͤdte; alles, was ſich ihnen darboth, geſtattete keinen Sweifel, daß die Verworfenheit und Schaͤnd⸗ lichkeit des Menſchengeſchlechts den hoͤchſten Gipfel erreicht habe. Die erſte Nacht brachten ſte bey einem Armen zu, und nannten ſich rei⸗ 188 ſende Kaufleute; ſie erwachten durch ein Ge⸗ raͤuſch, und fanden ihren Wirth im Begriff, ſie zu ermorden. In der zweyten Nacht blieben ſie bey einem Reichen, und gaben ſich fuͤr koͤnig⸗ liche Diener aus; ihr Wirth ließ am Ende des Abendmahls ſein eigenes Weib und ſeine einzige, kaum mannbare Tochter uͤppig geſchmuͤckt hereint⸗ treten, und both ſie ſeinen Gaſtfreunden als Bettgenoſſinnen an. Sie ſuchten dieß abzulehnen; aber als ſie in ihr Schlafgemach traten, fanden ſie Mutter und Tochter ſchon halbentkleidet auf dem nach Narden duftenden Lager.“ „Entruͤſtet verließen Aroth und Maroth das Haus, ſchuͤttelten den Staub von ihren Fuͤßen, und entſchliefen in einem nahegelegenen Walde. Als ſie erwachten, ſahen ſie ſich faſt aller lhrer Kleider und Koſtbarkeiten beraubt.“ „Am dritten Abende gelangten ſie zu der he⸗ hen Mauer eines praͤchtigen Gartens. Es erhob ſich ein heftiger Sturm und Platzregen, und da eben der Herr des Gartens das Thor ſchloß, ſo baten ſie ihn um ein Unterkommen in ſeinem ge⸗ raͤumigen Landhauſe. Er ſchalt ſie hoͤhnend Bett⸗ ler und Landſtreicher, und warf hartherzig das Thor zu. Sie gingen längs der Mauer fort, und fanden ganz am Ende derſelben eine elende, halb eingeſtuͤrzte Rohrhuͤtte, in welcher ſie vor dem Ungewitter Schutz zu ſuchen beſchloſſen.“ 189 „Als ſie hier eintraten, gürzte ihnen, durch ihre Ankunft ein wenig erſchrocken, eine ſchoͤne, aber nur in Lumpen gekleidete Dirne entgegen. „Wen ſuchet ihr 25— feagte ſie mit freundli⸗ chen, hell leuchtenden, doch beſcheidenen Augen, und zeigte ſich, als die Wanderer ihr Anliegen entdeckt hatten, ſogleich bereitwillig, ihnen, ſo gut ſie es vermoͤge, aus Halmen und Blaͤtrern eine Lagerſtaͤtte zu bereiten.“ „Es war kein Wunder, daß die Engel, nach ihren bisher gemachten Erfahrungen, ſich auch hier nicht eben in der beſten Geſellſchaft glaub⸗ ten. Sie hielten das Madchen, ungeunchtet ihres ſittſamen Weſens, fuͤr eine feile Dirne, und wurden nicht eher aus dieſem Irrthume geriſſen, bis ihre junge Wirthinn das Lager beſorgt harte, und im Begriff ſtand, ſich zu entfernen. Auf die Frage: wohin? erhielten ſie von ihr zur Ant⸗ wort, daß ſie des Nachts nie ſchlafen duͤrfe, ſon⸗ dern den Garten von außen umgehen müſſe, um das Wild und die Diebe zu verſcheuchen. Wirk⸗ lich verließ ſte auch, nicht achtend des ſchreckli⸗ chen Wetters, die troͤpfelnde Huͤtte, und kehrbe erſt am Morgen in dieſelbe zurück. 5 „Aroth und Maroth, ſo ermudet ſie waren, konnten nicht einſchlafen; fie erſchoͤpften ſich die ganze Nacht uͤber in mancherley Muthmaßungen, warum doch eine ſo holde und ſittſame Dirne, 196 die zur Herrinn des Gartens geboren ſcheine, zur Huͤtherinn desſelben dienen muͤſſe, und der anhrechende Morgen kam ihnen ſehr erwuͤnſcht, weil ſie nun eine Erklaͤrung hofften.“ „Die reitzende Thirza— ſo hieß die Huͤ⸗ therinn des Gartens— oͤffnete ſorgfaͤltig die Thuͤr, und trat erſt dann herein, als ſie ihre Gaͤſte ſchon wachend und ooͤllig gekleidet ſah. Aroths und Maroths Neugier uͤberſtieg jede Graͤnze, als ſie im Schimmer der Morgenroͤthe die Eintretende genauer betrachteten. War ſie ihnen geſtern in der Dunkelheit nur reitzend vor⸗ gekommen, ſo glaubten ſie jetzt, noch nie etwas Sanfteres und Schoͤneres erblickt zu haben. Selbſt die duͤrftige Kleidung konnte die holde Jungfrau nicht entſtellen, und ihre von Dornen verwun⸗ deten Fuͤße dienten nur dazu, das Erbarmen gegen dieſe ſchoͤne Ungluͤckliche in die zaͤrtlichſte Theilnahme, in den feurigſten Wunſch, ihr zu helfen, zu verwandeln. Beyde Juͤnglinge rubten mit dem innigſten Wohlgefallen auf der hinreiſ⸗ ſenden Geſtalt; beyde wetteiferten mit einander, der armen Thirza die freundlichſte Achtung zu bezeigen, und den Urſprung ihres Unglücks von ihr zu erforſchen.“ „Auch Thirza fuͤhlte ſich zu den ſchoͤnen Fremdlingen unwiderſtehlich hingezogen; dieſes ſanfte Mitleid, dieſe zarte Schonung, dieſe ſuͤße 191 Ueberredung, dieſe bezaubernde Guͤte, hatte ſie noch bey keinem der Sterblichen gefunden.“ „ Ich bin nicht immer ſo ungluͤcklich geweſen“ — ſagte ſie, da ſie den Fragen der Fremdlinge nicht laͤnger widerſtehen konnte,—„meine Ael⸗ tern waren Beſitzer des Pallaſtes und Gartens, welchen ich jetzt naͤchtlich bewachen muß; der Elende, der ihn jetzt ſein Eigenthum nennt, lag einſt aͤrmer und huͤlfloſer, als ich jetzt bin, auf den Knien vor mir, und flehte um einen Blick des Erbarmens.“ „Wie iſt das moͤglich, reitzende Thirza!“— ward ſie in demſelben Augenblick von Aroth feu⸗ rig, von Maroth ſchmeichelnd, unterbrochen. „Meine Aeltern“— fuhr Thirza traurig fort—„lebten ſehr einſam, und ſahen in mir ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Gluͤck. Sie ver⸗ mieden allen Umgang mit denjenigen, die ihnen an Stand und Vermoͤgen gleich waren, und ſuchten auch mir ſchon fruͤhzeitig begreiflich zu machen, daß es edlere Freuden gebe, als die Vergnuͤgun⸗ gen der Menge, und eine ſchoͤnere Beſtimmung des Weibes, als uͤber Sclavinnen tyranniſch zu herrſchen. Mein Vater ſtarb, ehe ich noch das vierzehnte Jahr beendigt hatte, und nach ſeinem Tode nahm uns einer ſeiner Bruͤder, der oberſter Richter iſt, in ſeinen Schutz.» 192 „ ungefaͤhr ein Jahr ſpäter wandelte ich einſt mit einigen Dienerinnen bey einbrechendem Aben⸗ de in unſerm Garten, und vernahm außerhalb der Mauer ein leiſes Aechzen. So furchtſam ich auch war, ſo trieb mich doch das Mitleid, den Garten zu verlaſſen. Wir fanden einen Juͤngling, den Raͤuber gepluͤndert und toͤdtlich verwundet hatten. Als er uns erblickte, richtete er ſich muͤh⸗ ſam auf, und flebte, ohne vor Schwaͤche reden zu koͤnnen, durch Miene und Blick um Huͤlfe und Erbarmen.“ „Ich zitterte; ich eilte zu meiner Mutter, und ſandte alle unſere Diener zu dem Verwun⸗ deten. Er ward auf meinen Befehl in das Haus, in das kuͤhlſte, freundlichſte Zimmer geſchafft.* „Es koͤnnte ruhmredig von mir ſcheinen, wollt' ich euch den Antheil ſchildern, den ich an dem Ungluͤcklichen nahm. Es ſey daber genug⸗ euch zu ſagen, daß er nach einigen Monathen genaß, und anf die taͤuſchendſte Weiſe die ruͤh⸗ rendſte Dankbarkeit gegen meine Mutter, die zaͤrtlichſte Zuneigung gegen mich, zu erkennen gab. Seine eigennuͤtzige Heucheley gelang ihm ſo gut, daß meine Mutter ihm in kurzem meine Hand und den Beſitz unſeres ganzen Vermoͤgens verſprach; ich gab ihm willig meine ganze Seele hin.⸗* „Nur 4 ¹ 193 „Nur einige Monathe waren ſeit jenem Ver⸗ ſprechen verfloſſen, als er, anfaͤnglich nur ent⸗ fernt, bald aber dringender, an die Erfuͤllung desſelben erinnerte. Meine Mutter verlangte we⸗ gen meiner Jugend einen laͤngern Aufſchub, und er ſuchte nun mich fuͤr ſeine Abſichten zu ge⸗ winnen. Doch ſo ſehr ich ihn liebte, ſo wenig wuͤrde ich im Stande geweſen ſeyn, den Wuͤn⸗ ſchen meiner theuern Mutter zuwider zu handeln, ſelbſt wenn ich nicht nach und nach die angſtvolle Entdeckung gemacht haͤtte, daß ich einer edlern Empfindung werth ſey, als dieſer mein Braͤuti⸗ gam gegen mich hege.“* „Mein Verlobter, der ſeine Begierde nach unſerm Vermoͤgen nicht laͤnger in Schranken halten konnte, ſuchte nun mit meines Vaters Bruder, dem Oberrichter, der ihm vorher gaͤnz⸗ lich abgeneigt geweſen war, in ein gutes Ver⸗ nehmen zu kommen, welches ihm auch vollkom⸗ men gelang.“* „lUm dieſe Zeit ſtarb meine Mutter, und zwar ſo ploͤtzlich, daß ich einen aͤngſtigenden Verdacht nicht gaͤnzlich unterdruͤcken konnte, und der Schreck uͤber dieſen Todesfall meine Trau⸗ rigkeit noch um ein großes vermehrte. Als ich einſt in den erſten Tagen nachher an ihrem Grabe Blumen und Milch opferte, und ihrem Andenken kindliche Thraͤnen weihte, uͤberraſchte Unterhalt, Biblioth. 12, B. J 194 mich mein Verlobter, und forderte mich heftig auf, ihm noch heute meine Hand zu reichen. Ich kann euch nicht ſchildern, wie ſchmerzlich ſein Ungeſtuͤm in dieſem Augenblicke auf mich wirkre; ich konnte meinen Unwillen nicht unter⸗ druͤcken, und weigerte mich ſtandhaft, ſein Ver⸗ langen zu erfuͤllen. Er ging zornig von mir, und kam einige Tage nicht wieder, waͤhrend deſſen ich mir Vorwuͤrfe machte, And ſeinetwegen ſehr hekuͤmmert war.“ „Nach Verfluß einiger Zeit brachte ich in Erfahrung, daß er ſich mit der Tochter meines Oheims vermaͤhlt habe, und haͤtte ich an ſeiner Treuloſigkeit und Niedrigkeit noch einen Augen⸗ blick zweifeln koͤnnen, ſo wuͤrde mich doch bald eine Vorladung des Kadi's voͤllig davon uͤber⸗ zeugt haben. Mein ehemahliger Braͤutigam mach⸗ te Anſpruch auf den ganzen Nachlaß meiner Ael⸗ zern, und ſo wenig ihm auch das mindeſte Recht daran zuſtand, ſo ließ ſich doch der Erfolg leicht vorausſehen. Ich hatte mich nicht getaͤuſcht. Der Schaͤndliche verſicherte, daß er meiner Mutter Haus und Garten, wie alles ſtehe und liege, noch bey Lebzeiten abgekauft habe; bewies dieſes Vorgeben durch falſche Zeugen, und ſein nun⸗ mehriger Schwiegervater ſprach ihm mein ganzes Eigenrbum 397 195 „Ich, die unter dem Scheine des Rechts Beraubte, wußte nun keine Staͤtte, wo ich mein Haupt hinlegen konnte, und meine gluͤckliche Ne⸗ benbuhlerinn beſaß Menſchlichkeit oder Bosheit genug, mir, gegen Auflegung der Pflicht, den Garten des Nachts zu bewachen, dieſe elende Huͤtte einzuraͤumen.“ „Schon hatte Thirza unter vielen Thraͤnen laͤngſt ihre Geſchichte geendigt, als noch immer, wie feſt gezaubert, Ardehs Blick an ihrem ſchoͤ⸗ nen Munde, ſo wie Maroths an ihren ſchmel⸗ zenden, ſanftklagend gen Himmel gerichteten Augen hing. Doch jetzt, in demſelben Augenblick, kehrten beyde aus ihrer Vergeſſenheit zuruͤck, und begnuͤgten ſich nicht bloß damit, die Trau⸗ rige durch die freundlichſte Zuſprache aufzurich⸗ ten, ſondern verſprachen ihr auch unter den heiligſten Zuſicherungen, ſie zu ſchuͤtzen, und wieder in ihr Eigenthum einzuſetzen. Sie ver⸗ langten in dieſer Abſicht von ihr, daß ſie am naͤchſtfolgenden Morgen unter dem Stadtthore ſich einfinden ſolle, und verließen ſie mit den feurigſten Dankſagungen und zaͤrtlichſten Haͤnde⸗ druͤcken.“ „Aroth und Maroth wanderten nun in tie⸗ fem Nachdenfen— denn ich kann dir nicht ver⸗ ſchweigen, daß die ſchimmernden Gazellenaug en Thirza's auf die beyden himmliſchen Bothen 3 2 196 einen ſehr lebhaften Eindruck gemacht hatten— nach der Stadt, und ließen ſich augenblicklich zu dem oberſten Richter fuͤhren. So ſehr dieſer erſchrak, als er den koͤniglichen Firman in den Haͤnden der Ankoͤmmlinge erblickte, ſo ſuchte er doch ſeine Angſt unter den lauteſten Freuden⸗ bezeigungen zu verbergen, und fuͤgte ſich in alles, was die koͤniglichen Abgeſandten verlang⸗ ten. Oeffentliche Ausrufer verkuͤndeten alsbald in allen Straßen, daß morgen unter dem Stadt⸗ thor ein Gericht gehegt werden ſolle, wobey jeder ſich einfinden koͤnne, der durch einen richterlichen Ausſpruch Unrecht gelitten zu haben vermeine. Alle Einwohner harrten, theils mit Furcht, theils mit Hoffnung, des kommenden Morgens.“ „So wenig die ſchon an Ungluͤck gewoͤhnte Thirza von den Verheißungen der beyden Fremd⸗ linge eine Abaͤnderung ihrer Lage erwartete, eben ſo wenig konnte ſie doch unterlaſſen, am naͤchſtfolgenden Tage unter dem Stadtthore zu erſcheinen. Und wie freudig wurde ſie uͤberraſcht, als die Herolde verkuͤndeten, daß nun die Stunde zu Eroͤffnung des Gerichts gekommen ſey; als ſie aufſah, und ihre beyden edlen Beſchuͤtzer auf dem Sitze der Richter erblickte. Von Hoffnung belebt, mit von Freude beſtuͤrmter Bruſt, warf ſie ſich vor den Stufen des Richterſtuhls nieder, und trug ihre Sache mit der Beredſamkeit unter⸗ 197 druͤckter Unſchuld ſo einleuchtend und ſo hinreiſſend vor, daß ihres Vaters Bruder einmahl uͤber das andere erblaßte, in den Augen Aroths und Ma⸗ roths aber der furchtbarſte Unwille aufflammte. Der undankbare, ungerechte Beſitzer ihrer Erb⸗ ſchaft, ſeine Gattinn, die gebrauchten falſchen Zeugen, wurden herbey geholt und verhoͤrt; ſehr bald kam die Wahrheit ans Licht, und der lie⸗ beuswuͤrdigen Thirza wurde unter dem Jubel des Volks nicht nur ihr Eigenthum, ſondern auch das Recht zugeſprochen, uͤber den Raͤuber des⸗ ſelben und ſein Weib, als uͤber ihre Selaven, nach Willkuͤhr zu verfuͤgen. Sie erklaͤrte mit ſanfter Stimme, daß das Gefuͤhl ihrer Dank⸗ barkeit gegen die gerechten Richter keine Rache in ihrem Herzen aufkeimen laſſe; daß ſie daher ihren Beleidigern alles vergebe; uͤnd begab ſich, ſchoͤn erroͤthend bey den lauten Lobſpruͤchen der Verſammlung, mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ neigung gegen die Richter hinweg.“ „Doch es eilt dir,“— ſo unterbrach mein Araber jetzt ſich ſelbſt—„wie ich bemerke, gar ſehr, auf das baldigſte nach dem Abendſterne zu gelangen, und deine bisher bezeigte Geduld iſt es ſchon werth, daß ich die vor Aroths und Ma⸗ roths Richterſtuhle noch fernerhin gefaͤllten Rechts⸗ ſpruͤche, obſchon ſte dich von ihrer Salomoniſchen Scharfſichtigkeit und Weisheit auf das deutlichſte 198 uͤberzeugen, und, wegen ihrer wunderbaren Ver⸗ wicklung, einen Araber ſehr vergnuͤgen wuͤrden, jetzt mit Stillſchweigen uͤbergehe. Wiſſe daher, daß die beyden Koͤnigsſoͤhne bis faſt zur Erſchoͤ⸗ pfung ihrer Kraͤfte Recht und Gerechtigkeit uͤbten, ſo daß man es endlich wohl zu gute halten konn⸗ te, wenn ſie ſich nach einiger Erholung ſehnten.“ „Eher koͤnnte es ein wenig auffallen, daß, als ſie ſich mit einander daruͤber beſprachen, beyde faſt zugleich Thirza's Nahmen nannten, da ſie doch dieſen Nahmen uͤber den Nahmen ſo vieler Anderer, welchen ſie Gerechtigkeit ver⸗ ſchafft hatten, gar leicht haͤtten vergeſſen koͤnnen. Beyde ſtutzten uͤber dieſen ſonderbaren Zufall; beyde faßten ſich einander ins Auge, aber da beyder Stimmen nun einmahl auf ein und das⸗ ſelbe gefallen waren, ſo war nichts natuͤrlicher, als daß ſie ſich aufmachten, um ihre gerettete Freundinn in ihrer wieder erlangten Beſitzung zu beſuchen.“ „Thirza hatte ſchon laͤngſt nichts ſehnlicher gewuͤnſcht, als ihren Rettern die feurigſte Dank⸗ barkeit an den Tag legen zu koͤnnen, und nur jungfraͤuliche Scham, verbunden mit einer ge⸗ wiſſen ſcheuen Ahndung, die ſie ſich ſelbſt nicht eingeſtehen mochte, hatten ſie abgehalten, ſich ihnen wieder zu naͤhern. Jetzt, da ſie von ihren Dienerinnen erfuhr, daß die beyden koͤnig⸗ 199 lichen Juͤnglinge in ihrem Garten luſtwandelten, wurde jenes dunkle Gefuͤhl von dem ſchoͤnen Feuer ihres dankbaren Herzens gaͤnzlich ver⸗ draͤngt; ſie warf einen Schleyer uͤber ihr Geſicht, und ging ihren Wohlthaͤtern entgegen.“ „Aroth und Maroth glaubten kaum dieſelbe Thirza vor ſich zu ſehen, als die holde, ſchlanke Jungfrau, die Reitzendſte unter ihren Dienerin⸗ nen und Geſpielinnen, einfach, doch ihrem Stande gemaͤß gekleidet, ſie ſittſam begruͤßte. Sie fuͤhlten ſich beyde von Bewunderung ihrer ſchoͤnen Freundinn hingeriſſen, und nahmen ſehr gern ihre Einladung an, dieſen Abend bey ihr zu verweilen.“ „Thirza ihrer Seits wendete alles an, ihre Wohlthaͤter auf das praͤchtigſte zu bewirthen, und dieſer Wunſch gelang ihr ſo gut, daß Aroth und Maroth ſogar auf die Vermuthung gerie⸗ then, das Gebot des Allerhoͤchſten, nicht zu ſchauen nach den Toͤchtern der Menſchen, ſey doch wohl nicht ſo ganz buchſtaͤblich zu verſtehen. Ja, bezaubert durch die ſchoͤnen Augen und freundlichen Blicke ihrer Wirthinn, die ſich je⸗ doch nie von dem ſtrengſten Anſtande entfernten, konnten ſie zuletzt nicht einmahl widerſtehen, als ihnen Thirza eine Schale nach der andern mit Wein von Schiras und Tabris aufnoͤthigte.“ 200 „Heiterkeit und begeiſternde Freude bemaͤch⸗ tigten ſich aller Herzen, und je mehr die Engel von dem holden Weſen Thirza's bezaubert, je mehr ſie von dem ſuͤßen Feuer des Traubenſaftes in eine wohlthaͤtige Waͤrme verſetzt wurden, deſto weniger dachten ſte daran, daß es anjetzt noch lange nicht Zeit ſey, etwas von ihrer himm⸗ liſchen Abkunft zu verrathen. Vielmehr uͤber⸗ ließen ſie ſich allmaͤhlig einer gaͤnzlichen Unbe⸗ fangenheit, und erzaͤhlten von Dingen, die in der Regel kein Sterblicher, und waͤre er auch Prinz von Perſten, wiſſen kann.“ „Thirza, die bey der reinſten Unſchuld zu⸗ gleich einen ziemlichen Antheil weiblicher Fein⸗ heit beſaß, horchte auf ihre Worte mit aͤngſtli⸗ chem Entzuͤcken; eine gewiß verzeihliche Reu⸗ gier— denn ſie beſchaͤftigte ſich ja mit dem Himmel— gab ihr gleichſam von ſelbſt die un⸗ ſchuldige Liſt an die Hand, ihren Gaͤſten immer oͤfter, und mit immer bittendern Blicken, bald feurigen Taberſeh, bald gelblichen Keſeke und braͤunlichen Hallage*) darzureichen, und durch leiſe Fragen und Zweifel immer mehr von ihnen herauszulocken. Der Erfolg hiervon uͤber⸗ ſchritt noch ihr Verlangen. Denn, nicht genug, ( Nahmen perſiſcher Weine, die in Morgenlande vor⸗ züglich geachtet ſind. 3 201 daß ſie zuletzt gar nicht laͤnger zweiſeln konnte, zwey Bothen des Allerhoͤchſten an ihrer Tafel zu ſehen, ſo konnte es ihr auch bald nicht laͤnger entgehen, daß dieſe Soͤhne des Himmels ſo we⸗ nig, als irgend ein menſchlicher Juͤngling, der vereinten Macht des Weins und der Schoͤnheit zu widerſtehen vermoͤchten.“ „Ein wenig geſchmeichelt, doch noch weit mehr erſchreckt durch dieſe letztere Entdeckung, war ſie ſchon darauf bedacht, das Mahl abzu⸗ kuͤrzen, als der aͤltere Prinz, da er ſich einen Augenblick von ſeinem Bruder unbemerkt glaub⸗ te, ihr heftig die Hand druͤckte, und zugleich ſehr dringend um die Erlaubniß bat, ſie allein beſuchen zu duͤrfen, weil er ihr ein wichtiges Geheimniß zu entdecken habe; und kaum hatte ſie aus Dankbarkeit, aus Achtung, und— Neu⸗ gier furchtſam darein gewilligt, als auch der zuͤngere Prinz, mit einem ſchmelzenden Blicke, doch eben ſo verſtohlen, als Aroth, das naͤhmliche von ihr erbat, und die naͤhmliche Zuſage erhielt.* „Auf's hoͤchſte entzuͤckt durch ein Verſpre⸗ chen, das jeder allein erhalten zu haben glaubte, brachen die Engel auf, und mit den ſuͤßeſten Hoffnungen kehrten ſie in den Pallaſt des, laͤngſt ſeines Amtes entſetzten, Oberrichters zuruͤck.“ „In Thirzas Seele hingegen hatte dieſes Er⸗ eigniß eine noch nie geſuͤhlte, unglaubliche Un⸗ 2) 202 ruhe erregt. Noch immer hatte ſie in einſamen ſeligen Stunden gehofft, einſt ein Herz zu fin⸗ den, das, rein von niedriger Leidenſchaft, einer edlern Liebe faͤhig ſey, einer Liebe, nach welcher ihr eigenes reines, ſanft gluͤhendes Herz ſehnlich verlangte, Jeßt wankte dieſer ihr ſchoͤner Glaube; die Erde duͤnkte ihr ein unwuͤrdiger, trauriger Aufenthalt, und ein ſtilles Verlangen nach einem gluͤcklichern Sterne erwachte in ihrer Bruſt. Denn waren ſelbſt die Soͤhne des Himmels Be⸗ gierden unterworfen, die ſie, ſo gern ſie ſich's abgelaͤugnet haͤtte, doch gewiß in den Blicken der Engel geleſen zu haben glaubte, was konnte ſie hoffen von dem Juͤnglinge des Staubes 25 „Mit ſich ſelbſt uneinig, bald verloren in ſuͤße Schwaͤrmerey, bald von innern Stuͤrmen umhergetrieben, zuletzt von einem großen Ge⸗ danken ergriffan, harrte ſie ungeduldig auf die Stunde, in welcher Aroth zuruͤckzukehren ver⸗ ſprochen hatte. Ernſt anfaͤnglich, mit ſich ſelbſt kämpfend und verſchloſſen, wandelte er an ihrer Seite durch die Gaͤnge der Palmen; als ſie aber ſich immer freundlicher und zaͤrtlicher gegen ihn bewies, als ſie mit einladendem Laͤcheln ihm wieder ſchoͤne Fruͤchte und die duftende Trink⸗ ſchale darboth, da ward auch Aroth wieder ſo vertraulich und menſchlich, als das erſte Mahl, und entdeckte ihr ſtuͤrmiſch das Geheimniß ſeiner 203 heiſſeſten Liebe. Bald hatte ſie ihm durch ſanfte Worte nicht nur die voͤllige Gewißheit, daß er wirklich vom Himmel gekommen ſey, ſondern auch die Art und Weiſe entlockt, wie man vom Himmel auf die Erde gelangen koͤnne.“ „Hiermit allein nicht zufrieden, both ſie nun jeden unſchuldigen Zanber ihrer Reitze und die ganze verfuͤhreriſche Macht des Weines auf, auch von ihm zu erfahren, wie man von der Erde zum Himmel hinauf komme.“* „Doch gerade hieruͤber ſchien ihr Gaſt ganz unerbittlich, und nur erſt, als er von Liebe und Wein in den hoͤchſten Taumel verſetzt war, ver⸗ ſprach er ihr auch dieß zu entdecken, doch gegen einen Lohn, den die züchtige Thirza unmoͤglich gewaͤhren konnte.* „Betruͤbt uͤber den tiefen Fall ihres bimmli⸗ ſchen Gaſtfreundes, entfloh ſie aus dem Garten, und hoffte bey dem ſanfteren Maroth eine edlere Denkungsart, oder wenigſtens eine minder eigen⸗ nuͤtzige Offenherzigkeit, anzutreffen.“ „Der ſanſtere, aber nicht minder verliebte Maroth hatte die Stunde, wo er die ſchoͤne Thirza wiederſehen ſollte, eben ſo wenig aus der Acht gelaſſen, als der ſtuͤrmiſche Aroth; es glückte der ſchoͤnen Thirza ſehr bald, ihm durch die Beredſamkeit eines zur Erde geſchlagenen Auges und das Feuer des Tranbenſattes das Ge⸗ ————— ꝗ— 204 heimniß abzuſchmeicheln, wie man ſich durch Ausſprechung gewiſſer heiliger Worte von der Erde zum Himmel erhebe. Die Freude uͤber ihren gegluͤckten Anſchlag haͤtte ſie faſt auf einen Au⸗ genblick ihrer ſelbſt vergeſſen laſſen; die Waͤrme eines erwiederten Haͤndedrucks, der Blick der Wonne, der aus ihren großen Augen ſtrahlte, die Purpurfarbe, die auf ihrer Wange gluͤhte, ſchienen dem Engel Vorbothen einer ſuͤßen Ge⸗ waͤhrung; er beſtuͤrmte ſie mit reitzenden Schil⸗ derungen himmliſcher Dinge, und benutzte end⸗ lich die Traͤumerey der zaͤrtlich aufhorchenden Schoͤnen zum Raube eines ganz irdiſchen Kuſſes.“* „Thirza erwachte durch dieſe Kuͤhnheit, und wußte ihn durch das Verſprechen eines baldigen Wiederſehens zu beſaͤnftigen und zu entfernen.“ „Und kaum ſah ſie ſich allein, als ſie, unter heißem Gebet zu dem Herrn des Himmels, auf dem Blumenraſen niederſank, und die geheim⸗ nißvollen Worte ausſprach, die ſie von Maroth erforſcht hatte. Alle Bluͤthenkelche bewegten ſich lispelnd, und ſchienen auf ein Mahl die ſuͤßeſten Wohlgeruͤche um ſie auszuſpenden; liebliche Luͤfte ſpielten mit ihrem Schleyer; ſanft empor⸗ gehoben ſchwebte ſie uͤber Berge, Wolken und Sterne; von Glanz geblendet, mit hochathmen⸗ der Bruſt, mit geſenktem Blick, ſtand die Reine 2 1.— 205 in wenigen Seeunden an den Stufen des Thro⸗ nes Gottes.* „Und der Herr ſah verwundernd, doch gnaͤ⸗ dig, auf die Kniende herab, und durchſchaute ihre ganze Seele, und ſprach zu ihr:„Gehe ein, du Reine, zu den Freuden, nach welchen du verlangeſt. Du warſt es werth, unberuͤhrt von der Hand des Todes einer Erde zu ent⸗ ſchweben, die meiner vergeſſen hat, und den Funken der Liebe nicht mehr kennt, die ich ihren Bewohnern ins Herz pflanzte Aber du— wandle nach jenem Sterne, den ich mit Liebe erſchuf, und wo reinere Seelen wohnen, als auf dem Planeten, den du trauernd verließeſt; hebe dich nach dem Abendſtern, und regiere dort als der Liebenden Engel!“* „Da fuͤhlte ſich Thirza alsbald von neuem auf Windesfluͤgeln getragen, und ſank in einer duftenden Laube von unbekannten Blumen nie⸗ der, und regieret ſeitdem auf jenem ſanften Sterne, von dem auch zuweilen zu dieſer Erde reine Liebe hoffend aufblickt in den Stunden ſe⸗ liger Ahndung.“ Alſo erzaͤhlte mir der Beduine, und ich konnte mich, da er geendet hatte, nicht enthalten, meine Arme bruͤderlich um ſeinen Hals zu ſchlingen. Nie wird das Andenken an jene Sternen⸗ nacht in der Wuͤſte aus meiner Seele wieder 206 4 verſchwinden, und nur»das eine bekuͤmmert mich, daß mein Araber die geheimnißvollen Worte, die Maroth an Thirza verrieth, mir nicht ſagen konnte. Haͤtte ich ſie erfahren, gewiß, ich theilte ſie mancher meiner Leſerinnen oehne Eigennutz mit, und den uͤbrigen ſendete ich kuͤnf⸗ tig, ſtatt dieſer irdiſchen, duftloſen Tulpen, wo nicht Roſen, doch wenigſtens ein Straͤußchen Nachtviolen, unmittelbar aus dem Abendſtern! 6. Der alte Huſar. BA Der Abendſtern, von deſſen Regierungsverfaſ⸗ ſung vorſtehende Blaͤtter eine kurze, doch ſehr authentiſche Nachricht enthalten, erinnert den Erzaͤhler an ein Geſchichtchen, in welchem der⸗ ſelbe Stern, wiewohl nicht als Nachtreter, ſon⸗ dern als Vorlaͤufer der Sonne, eine Rolle ſpielt. So verſchiedenartig es mit jenem Perſiſchen Maͤhr⸗ chen iſt, ſo traͤgt man doch um ſo weniger Be⸗ denken, auch dieſes hier mitzutheilen, je gerin⸗ gern Raum es einnimmt, und je gewiſſer es iſt, daß das Auge des Laien vorzuͤglich durch wech⸗ ſelndes Farbenſpiel an ein Tulpenbeet gefeſſelt wird. A‚AAN „Ja, lieben Freunde!“— ſo erzaͤhlte uns an einem ſchoͤnen friſchen Herbſtmorgen der bie⸗ dere, für die Muſtk bis zur Aengſtlichkeit lei⸗ denſchaftliche Dorfeantor zu R., der, wie Ken⸗ ner verſicherten, bey guͤnſtigern Jugendverhaͤltniſ⸗ ſen wenigſtens fuͤrſtlicher Capellmeiſter haͤtte wer⸗ den muͤſſen—„ja, lieben Freunde! jetzt kann man ſich dieſer herrlichen Gottesgegend wohl freuen und, gleich der Lerche in excelsis, dem Herrn Zebaoth mit heller Stimme lobſingen; aber in meinen fruͤhern Jahren habe ich hier Zei⸗ ten erlebt, wo ein gar feſtes Vertrauen dazu ge⸗ hoͤrte, ohne bange Sorgen die Morgenſonne hin⸗ ter den Bergen heraufſteigen zu ſehen. Auf jenen Anhoͤhen ſtanden die Oeſterreicher, in jeuen Schluchten die Preußen; wir erhielten von bey⸗ den faſt taͤglich Beſuche; wir hatten weder Pferd noch Kuh, weder Milch, noch Brot mehr; faſt in jeder Nacht krachten die Kanonen; ja— koͤn⸗ nen Sie ſichs vorſtellen?— hier in dieſen Kirch⸗ hof ſollten zuletzt, da ſchon alles verloren ſchien, nach dem Rathe eines geſchickten Ingenieurs, zwey der entſchloſſenſten Granatier⸗Compagnien geworfen und— nun, mit duͤrren Worten!— 3 dem gewiſſen Tode preisgegeben werden, um einen Ruͤckzug zu decken. Nur ein Zufall wandte dieſe Gefahr von unſerm armen Dorfe ab; ſonſt ſtuͤnde jetzt wahrſcheinlich weder Schulmeiſterwoh⸗ nung und Pfarre, noch ſelbſt das liebe Gottes⸗ haus auf dieſem Flecke; aber dafuͤr erfolgte denn auch der genugſam bekannte Maxner Fin⸗ kenfang.⸗ 212 „Einſtmahls— damit Sie doch auch ſehen, wie wahr der theure Gottesmann Lutherus die Muſik eine halbe Disciplin und Zuchtmeiſterinn nennt, ſo die Leute gelinder und ſanftmuͤthiger, ſittſamer und vernuͤnftiger mache, und wie ſelbſt die roheſten, verhaͤrteſten Gemuͤther je zuweilen nach ſelbiger ſchmachten, wie der Hirſch nach friſchem Waſſer— einſtmahls hatten wir wie⸗ der die ganze Nacht hindurch plaͤnkeen und den Boden ſchuͤttern gehoͤrt; an Zubettegehen war gar nicht zu denken, weil man in jeder Nacht immer horchte, ob nicht die Flamme ſchon im Dachgiebel kniſtere. Ich hatte eben das Mor⸗ genlaͤuten beſorgt, guckte zum Schallloche her⸗ aus, um zu ſehen, was uns heute wohl bevor⸗ ſtehe, und ſaltete meine Haͤnde mit einem from⸗ men Seufzer uͤber die Bruſt, da alles ganz ru⸗ hig ſchien. Ehe ich noch mein Muͤtzchen wieder aufſetzen konnte, jagte ein alter ſchwarzer Huſar— er hing ganz vom Alter niedergedruͤckt, wie ſpaͤ⸗ terhin ſein großer Friedrich auch, uͤber dem Pfer⸗ de— ja der jagte zum Kirchhofsthore herein und band ſeinen Braunen an meine Fenſterladen. Mir ward nicht zum allerbeſten zu Muthe; doch wa⸗ ckelte ich hinunter. Er ließ mir nicht Zeit, mei⸗ nen, gewiß ſehr zuvorkommenden guten Morgen anzubringen, ſondern rief mir in barſchem Tone zu:„Den Kirchenſchluͤſſel her, Schulmeiſter 212 „Ich erſchrak nicht wenig uͤber dieſe Anrede. Das Bißchen Kirchenvermoͤgen und der vergol⸗ dete Kelch mit der Hoſtienſchachtel, die von einer frommen Kirchenpatroninn hierher verehrt ſind, waren zwar wohl in Sicherheit gebracht; doch fand ſich noch eine Altarbekleidung mit Treſſen und anderes Abendmahlgeraͤth von einigem Wer⸗ the. Ich ſuchte den Kirchenſchluͤſſel, den ich un⸗ gluͤcklicher Weiſe in der Hand hielt, zu verber⸗ gen; ich wagte Ausfluͤchte, Bitten und Vorſtel⸗ lungen; aber der alte Kriegsmann ſah mit ſo ganz eigener Manier bald auf mich, bald auf ſeinen Saͤbelgriff, daß ich, um Unheil zu ver⸗ huͤthen, voranging und die Pforte oͤffnete. Meine Frau, die wie einſt Sara hinter der Hausthuͤr gehorcht hatte, und— ich muß es der guten Mutter zu Ehren nachſagen— vor der Gefahr immer verzagter, in der Gefahr aber immer entſchloſſener, als ich ſelbſt war, kam, aus Be⸗ ſorgniß um mich, von freyen Stuͤcken hinter uns her.“ „Der alte Huſar draͤngte ſich in der Halle haſtig voran, ging, ohne ſich umzuſehen, an der Sacriſtey und dem Altartuche voruͤber, und ſchritt, ſo ſchnell es ſein Alter erlaubte, klirr! klirr! die Chortreppe hinauf.). „Hier ſetzte er ſich Athem ſchoͤpfend auf eine Bank und rief mir gebieteriſch zu:„Die Orgel 213 auf! Ein Geſangbuch her!“— So unerwartet mir dieß kam, ſo leicht ward es mir doch auf ein Mahl ums Herz; ich konnte mir nicht anders vorſtellen, als der alte Schnurrbart ſey vormahls ein College von mir geweſen und wolle mich jetzt uͤberhoͤren. So ein tentamen, meine Herren! pflege ich nun nicht zu ſcheuen; ich that augen⸗ blicklich, was er verlangte, und gab auch meiner Frau einen Wink; ſie zog die Balken; der Hu⸗ ſar ſchlug ein Lied auf, und ſprach:„Wie ſchoͤn leuchtet der Morgenſtern! Spiel er das; aber fein ordentlich, Herr Schulmeiſter!“* „Nun war ich in meinem Elemente. Ich ſpielte die Orgel nach Herzeusluſt; der Huſar fiel nach dem Praͤludium mit einer tiefen Baß⸗ ſtimme ein; ich, und meine Suſanna hinter der Orgel, thaten ein gleiches; meine ganze Seele erhob ſich zu dem Herrn und mein Herz ſchlug am Schluſſe des herrlichen Chorals ſo muthig, daß ich anjetzt wohl ſchwerlich dem alten Huſar ſo gutwillig aufgeſchloſſen haͤtte, als vorher. „Gar kecklich ſchaute ich nach meinem Zuhoͤ⸗ rer; er hatte noch immer die Haͤnde gefaltet, und zwey helle Thraͤnen fielen uͤber den eisgrauen Knebelbart auf ſie herab. Er wiſchte ſich, da ich auf ihn zutrat, mit den Ballen die Angen, ſchuͤttelte mir die Hand, und ſprach:„Großen Dank, Herr Cantor! Wo iſt der Gotteskaſten?v 8 214 „Mein vorheriger Argwohn, daß es auf eine Pluͤnderung angeſehen ſey, war gaͤnzlich verſchwun⸗ den; ich holte die Armenbuͤchſe herbey und der alte Huſar warf einen halben Gulden hinein.“* „Wir theilen, Herr Schulmeiſter!“— ſagte er dann, zeigte mir noch zwey halbe Gulden und noͤthigte mir einen davon auf—„Da klebt kein Blut daran; nehme er fuͤr ſeine Muͤhe!“ Er verließ die Kirche, und wir begleiteten ihn.“ „Sowohl ich, als meine Frau, waren un⸗ glaublich bewegt. Ich konnte mich nicht enthal⸗ ten, unſern wunderbaren Gaſt auf dem Kirchhofe zu befragen, wie ihm der Gedanke gekommen ſey, hier ſeine Morgenandacht zu halten?“ „Das will ich euch gern ſagen, lieben Leu⸗ tely— antwortete er, und faßte uns beyde treu⸗ herzig bey der Hand—„aber nur keine Predigt hinterher, Herr Schulmeiſter! das bitte ich mir aus!— Geſtern Abend ſollte ein verlorner Po⸗ ſten ausgeſtellt werden, um, mitten unter den herumſchwe fenden Patrouillen, den Feind auf einem gewiſſen Puncte zu beobachten. Jeder von uns wußte, was die Sache auf ſich habe; wir ſind ſeit einigen Wochen brav daran geweſen; unſer Rittmeiſter frug nach Freywilligen. Nie⸗ mand bezeigte Luſt. Endlich ritt ich vor— und meine drey Jungens konnten ja wohl den alten Vater nicht allein laſſen!— Er braucht es nicht 215 zu wiſſen, Herr Schulmeiſter! wie wir es anſin⸗ gen; genng, wir ſchlichen uns durch, und hiel⸗ ten die ganze Nacht uͤber auf einer buſchichten Anhoͤbe. Links und rechts blitzte es um uns her; wir ſahen bald hier, bald dort feindliche Mann⸗ ſchaften; nicht meinetwegen— denn wie lange werde ich noch reiten?— ſondern nur wegen meiner Soͤhne, ſeufzte ich einmahl in der fin⸗ ſtern Racht: Herr, erhalte uns! Kaum hatte ich es heraus, als es anfing zu daͤmmern und der Morgenſtern mir ins Auge blinkte. Wie ſchoͤn leuchtet der Morgenſtern! fiel mir in dieſem Au⸗ genblicke aus meiner Jugendzeit ein; gar man⸗ ches, was ich ſeitdem gethan und— was wohl nicht allemahl recht war— haͤngte ſich wie eine Bleylaſt daran; ich rechnete nach, ſeit wie viel Jahren ich in keine Kirche gekommen, und ich that Gott das Geluͤbde, wenn ich dießmahl da⸗ von komme, wieder einmahl eine Andacht zu hal⸗ ten. Das habe ich denn nun gethan, und er kann wohl denken, ob mir das: 4 Du Herr biſts, der mich dieſe Nacht Durch dein' Engel⸗Guardi bewacht! von und zum Heczen gegangen. Meine Soͤhne—. das iſt nun noch leichtes, unbeſonnenes Volk, und ich alter Thor traute mich nicht einmahl, 216 ihnen etwas von meinem Verhalten zu ſagen— ſind dort unten eingekehrt in der Schenke; ich muß nun wohl fort, daß ſie nicht gar denken, mir ſey was begegnet. Nochmahls großen Dank, lie⸗ ber Herr Schulmeiſter! Alle— Tauſend, er ſchlaͤgt ſeine Orgel, daß einem das Herz zittert! Reun ich dente doch, der Herr Gott wird ſehen, daß ich auch ein Chriſt bin im Herzen, und ſollte ich hente oder morgen meinen letzten Ritt thun, ſo will ich in Himmel als Feldgeſchrey rufen: Wie ſchoͤn leuchtet der Morgenſtern!“ „Mit dieſen Worten ſetzte er ſich auf und ritt davon. Wenige Tage darauf ereignete ſi ſich der be⸗ kannte Ueberfall unter Haddik; vermuthlich iſt das Morgenlied des alten Huſaren auch ſein Schwanengeſang geweſen.“ mmnmn Die Braut aus Oſen. hMunAnn Unterhalt. Biblioth. 12. B. 4 Auf der hervorragendſten Spitze des Vorge⸗ birges ruhte Henarez, riß zarte Epheuran⸗ ken aus den Ritzen der Felswand, verflocht ſie halbtraͤumend in leichte Kraͤnze, und warf ſie in den rauſchenden Golf. Jetzt ſchoß die zoͤgernde Sonne ihren erſten, zuͤckenden Strahl uͤber die ſchwarze Fluth, uͤber die grauen, dunkelpurpur⸗ nen Nebelgebirge; der Morgenſtern erblatzte; filberne erſt, dann goldene Funken zitterten auf der ſich gruͤnfaͤrbenden Meeresflaͤche; lichte, rofig⸗ geſaͤumte Woͤlkchen ſchwebten fluͤchtig, wie die im blaſſen Morgenroth flatternden Meerſchwal⸗ ben, uͤber den Horizont, und mit einer Alles ſchnell uͤberfliegenden Gluth hob ſich das Licht aus den Wogen. Leben und Freude erwachte in der feyerlich ſtillen Natur; alle Luͤftchen des Mor⸗ gens ſchwangen ihre Fluͤgel; alle Zweige rauſch⸗ ten und ſchuͤttelten Thauperlen von den glaͤnzen⸗ den Blaͤttern; alle Bluͤthen und Blumen oͤffneten ſich; alle Geſangvoͤgel ſtimmten ein Lied der Sehnſucht und Liebe an. K 2 220 Hoͤher, ſtuͤrmiſcher, feuriger ſchlug des Juͤnglings Herz; in geheimem, unerklaͤrlichem Verlangen ſtreckte er ſeine Arme nach dem Him⸗ mel, nach dem Ocean, nach den in blaͤulicher Ferne ſchwimmenden Eilanden, ſtuͤtzte ſich an den Stamm eines ehrwuͤrdigen alten Lorbeers und ließ ſein feurigblitzendes Auge in der unbegraͤnz⸗ ten Weite umherſchweifen. Jetzt ſchwieg das vollſtimmige Concert der Voͤgel; nur zwey Nach⸗ tigallen im nahen Olivengebuͤſche wetteiferten noch eine Zeit lang in ſchmelzenden Toͤnen, und als auch dieſe endlich verſtummten, erſcholl zu Henarez, wie von fernem Saitenklang beglei⸗ tet, ein lieblicher Ruf:„Heute winkt dir dein Gluͤck!“. Henarez war der ſchoͤnſte, lebensmuthig⸗ ſte, gluͤhendſte Juͤngling, der nur je den Umar⸗ mungen eines tapfern Spaniers und einer eben ſo inbruͤnſtig frommen, als heißliebenden Ita⸗ lienerinn das Daſeyn verdankte; zugleich aber hatte die Einſamkeit ſeiner erſten Jugend, die ſtille Trauer ſeiner gefuͤhlvollen Mutter und der Umgang mit ſeinem Lehrer, einem der ſeltenſten Geiſter, ein unerklaͤrliches Etwas in ſeine Seele gelegt, das ihn, ſobald er ſich ſelbſt uͤberlaſſen war, nicht ſelten wunderbar uͤberfiel und zu ſuͤ⸗ zer Wehmuth, zu der ausſchweifendſten Traͤu⸗ merey, unwiderſtehlich fortriß. 2821 Sein Vater, Don⸗Diego, ein Spaniſcher Grand und zugleich Comthur eines geiſtlichen Ritterordens, hatte, ſchon waͤhrend ſeines erſten Aufenthaltes in Italien, zu einer ſchoͤnen Nonne von ſehr vornehmer Abkunft eine unausloͤſchliche Zuneigung gefaßt, und auch die zaͤrtliche Ju⸗ lia— ſo hieß ſie— hoͤrte mehr auf die Stimme ihres Herzens, als auf die Forderungen ihres hei⸗ ligen Geluͤbdes, vergaß die Unmoͤglichkeit einer geſetzlichen Verbindung, und widerſtand den feurigen Beſchwoͤrungen des kuͤhnen, alle Schwie⸗ rigkeiten beſiegenden Ritters ſo wenig, daß ſie mehrere Jahre hindurch ein geheimes Verſtaͤnd⸗ niß mit ihm unterhielt, ja zuletzt nur in einer Entfuͤhrung ihre Rettung finden konnte. Nach manchem ſruchtloſen Verſuche, die Heiß⸗ geliebte durch Liſt und Beſtechung aus ihrem Kerker zu befreyen, wagte die bis zur Verzweif⸗ lung getriehene Leidenſchaft Don Dieg o's einen gewaltſamen Raub. Mir Huͤlfe ſeines Freun⸗ des, eines edlen Venetianers, und eines kecken Tuͤrkiſchen Seeraͤubers, uͤberſtel er in einer dun⸗ keln Nacht das nahe am Meeresufer liegende Kloſter, und indeß ſeine Verbuͤndeten, alle in Turkiſcher Tracht oder maskirt, unter wildem Ge⸗ toͤſe Kirche und Kloſter beſetzt hielten, erwartete er ſelbſt in aͤhnlicher Verkleidung die bey der allgemeinen Verwiͤrrung nicht beohachtete Ge⸗ 222 liebte, und trug ſie auf ſeinen Armen nach der bereit liegenden Barke. 4 Auf ein gegebenes Zeichen zogen auch ſeine Getreuen, als fuͤrchteten ſie einen Ueberfall, ſich aus dem Kloſter zuruͤck, und nach mancher⸗ ley Gefahren, welche bald zur See den Unter⸗ gang, bald zu Lande eine Entdeckung drohten, langte er mit der fuͤr einen jungen Italieniſchen Cavalier ausgegebenen Ju lia gluͤcklich in ſei⸗ nem Vaterlande an. Doch auch hier blieb noch Alles zu fuͤrchten uͤbrig; welches Schickſal häͤtte in einem Reiche, wo die Geifrſichkeit uneingeſchraͤnkt herrſcht, eine entflohene Kloſterjungfrau, welches Schickſal haͤtte ein Eidbruͤchiger, ein Heiligthumsraͤuber unausbleiblich zu erwarten gehabt? Um daher ſein gefaͤhrliches Geheimniß ſelbſt vor jedem Verdacht zu ſichern, brachte Don Diego ſeine Geliebte, deren Geſchlecht nun bald nicht mehr zu verbergen war, in ein ent⸗ legenes, von Gebirgen umringtes Schloß, wo ſie von nun an ihre Tage in ooͤlliger Abgeſchiedenheit von der Welt, nur in Geſellſchaft einer kleinen, ihr ganz ergebenen Dienerſchaft verlebte, und nur dann eines freudigen Gefuͤhles theilhaft ward, wenn die Ordensgeſchaͤfte und andere Berhaͤlt⸗ niſſe dem geliebten Diego, der ſelbſt von den Dienern fuͤr ihren wirklichen, in Dienſten des 223 Hofes ſtehenden Gemahl gehalten ward, einen kurzen Aufenthalt in der, ſein Liebſtes umfan⸗ genden Wildniß geſtatteten. Hier alſo, in einem duͤſtern, halb verfalle⸗ nen, menſchenleeren Schloſſe, zwiſchen rauhen, waldbedeckten Steinklippen, aus welchen man nur ſelten den Blick zum heitern Himmel erheben konnte, wurde Henarez geboren, und, als das einzige Kind, von ſeiner ſanften, frommen, ſtets der Sehnſucht nach dem abweſenden Gelieb⸗ ten uͤberlaſſenen Mutter, mit ganz ungetheilter, unſaͤglicher Zaͤrtlichkeit aufgezogen. Doch als die Knabenjahre herannahten und gleichwohl die beſorgte Iulia ſich nicht ent⸗ ſchließen konnte, den lieblich aufbluͤhenden Sohn, den einzigen Troſt ihres einfoͤrmigen Lebens, aus ihren Armen zu laſſen, brachte Don Diego bey einem der naͤchſten Beſuche fuͤr den jungen Henarez einen Erzieher mit. Nur der Comthur und Julia ſchienen die⸗ ſen Ankoͤmmling genauer zu kennen; bey den uͤbrigen Schloßbewohnern galt er fuͤr einen Ita⸗ lieniſchen Weltprieſter, Nahmens Mariani. Dem feurigen Henarez oͤffnete ſich nun eine ganz neue, freyere Ausſicht ſeines Lebens. Der unwillkuͤhrlich von jedem Ehrfurcht heiſchen⸗ de, und doch ſo ſanfte, ruhige Mariani hatte ſich bald der ganzen Zuneigung ſeines Zoͤglings 224 bemeiſtert, und nicht nur der aufſtrebende Geiſt des Knaben erlangte unter deſſen Leitung eine ſeltene, ſeinem Alter faſt zuvoreilende Ausbil⸗ dung, ſondern auch ſein Herz bereicherte ſich mit Empfindungen, welche den meiſten Sterbli⸗ chen ihr ganzes Leben hindurch fremd bleiben. Jahre floſſen dahin in gluͤcklicher Unſchuld und ungetruͤbtem Frieden, und nur erſt, als der Tod die edle Julia abrief, ward von dem Comthur und ſeinem Freunde Mariani eine Veraͤnderung des Aufenthaltes, ja ſogar eine Trennung, fuͤr noͤthig erachtet. Henarez ſchied von dem geliebten Lehrer unter unzaͤhligen Thraͤ⸗ nen, und folgte ſeinem Vater mit unruhig ſchla⸗ gendem, erwartungsvollem Herzen, anfaͤnglich auf kurze Zeit nach Madrid, und dann nach Italien. Als Don Diego mit Henare;, ſeinem angeblichen Reffen, zu Rom, als dem Orte ſei⸗ ner jetzigen gewoͤhnlichen Beſtimmung, ange⸗ langt war, uͤbergab er ihn den beruͤhmteſten Lehrmeiſtern, um ihn vollends in allen, einem jun⸗ gen Edelmann erforderlichen Wiſſenſchaften und ritterlichen Uebungen zu unterrichten. Aber ſo angelegen es ſich dieſe auch ſeyn ließen, die Wuͤnſche des Comthurs treulichſt zu erfuͤllen, und den vielverſprechenden Juͤngling fuͤr die Gegenſtaͤnde ihres Unterrichtes zu gewinnen, 223 ſo hing dieſer doch nur mit getheilter Seele an ihnen, und ihre Unterweiſungen machten weit geringern Eindruck auf ihn, als einſt die Worte ſeines Mariani. 8 Schon oftmahls hatte Henarez bey ſei⸗ nem Vater ſich nach Briefen von Mariani er⸗ kundigt; aber da Don Diego immer nichts be⸗ ſtimmtes von ihm zu ſagen wußte, ja ſeinem Sohne zuletzt gar die Nachricht mittheilte, daß der theure Freund bey einem Schiffbruche ſein Leben eingebuͤßt habe, ſo feyerte Henarez faſt in jeder Stunde des ungeſtoͤrten Selbſtgenuſſes ſein Andenken mit dankbaren Zähren, rief mit ſtiller Wehmuth die Bilder der fruͤhern, einſa⸗ men Jugend in ſeine Seele zuruͤck, und das, was ihm Mariani von Menſchenwuͤrde und Gluͤckſeligkeit, von Sugend, Wahrheit und Schoͤn⸗ heit, mit hinreiſſendem Feuer geſagt hatte, duͤnkte ihm weit hoͤhern Werths, als alles, was man jetzt mit gelehrtem Stolze ihm einzupraͤgen be⸗ muͤht war. So hatte Henarez das zwey und zwanzig⸗ ſte Jahr ſeines Lebens erreicht, und ſollte nach den Abſichten ſeines Vaters in Spaniſche Kriegs⸗ dienſte treten, eine Lebensart, wogegen er bey ſich ſelbſt weder beſondere Luſt, noch auch be⸗ ſondere Abneigung verſpürte. Doch che dieſer Entſchluß zur Reiſe gelangte, wurde der, ſeit 226 Julia's TJode faſt fiets duͤſtere, und daher um ſo leichter zu reitzende Comthur in einem Zwey⸗ kampfe töodlich perwundet, und Henarez ſah ſich durch deſſen letzten Willen im Beſitze eines ſehr anſehnlichen Vermoͤgens und in vooͤlliger Un⸗ abhaͤngigkeit. Er verließ ſeine bisherigen Lehrer, kaufte ſich in der amphitheatralichen Gegend Neapels eine unweit des Seegeſtades gelegene, reitzende Villa, und ergab ſich nun mit raſtloſem Eiſer dem Studium der Geſchichte und Poeſie, welche Wiſſen⸗ ſchaften er ſchon im Umgange mit Mariani vor allen andern lieb gewonnen hatte. So wenig er dabey die Geſellſchaft vermied oder vernach⸗ laͤſſigte, mit ſo vollem Genuſſe er an jedem ju⸗ gendlichen Vergnuͤgen Theil nahm; ſo liebte er doch auch die Einſamkeit mit jugendlicher Schwaͤr⸗ merey, und, da er noch nirgends einen, ſein ganzes feurig ſchlagendes Herz feſſelnden Gegen⸗ ſtand gefunden hatte, ſo war unaufhoͤrlich eine ſanfte Gluth, eine geheime, aber deſto heißere Sehnſucht uͤber ſein Weſen verbreitet. „Heute winkt dir dein Gluͤck!“— ſo war eine ahndungsreiche Stimme— er wußte ſelbſt nicht, kam ſie von außen, oder toͤnte ſie nur b 227 in ſeinem Innern— lieblich lockend und ſuͤß, wie gedaͤmpfter Lantenton, zu ihm gedrungen, und da er, nicht ohne geheimes Zutranen zu die⸗ ſer Prophezeyhung, die ſteile Anhöhe verlaſſen wollte, ſah er auf dem engen, verſchlungenen Bergpfade einen Moͤnch daher wallen, der au⸗ faͤnglich ſtill vor ſich zu beten, aber, ſobald er Henarez gewahr ward, auf ihn zuzueilen ſchien. „»Seyd ihr, wie ich glaube, Don Henarez⸗ — redete ihn, da ſie ſich begegneten, der ſchon ziemlich bejahrte Kamaldulenſer gutmuͤthig an— „ſo freut es mich, dieſen an mich eingeſchla⸗ genen Srief baldigſt an euch uͤberliefern zu koͤn⸗ nen.“ Henarez erbrach mit einigem Herzklopfen den an ihn, aber ganz von unbekannter Hand, uͤberſchriebenen Brief, und die geheime Hoffuung, daß ſeine Ahndung augenblicklich in Erfuͤllung gehe, ward nur durch den etwas raͤthſethaften Inhalt, und durch die Entdeckung, daß der Ueber⸗ bringer ſich ſchon wieder entfernt habe, ein we⸗ nig niedergeſchlagen. „Euer Vater, lieber Don Henarez,— ſo lautete das Billet—„iſt ſichern Nachrichten zu⸗ folge dahin. Feſſeln euch nicht Verhaͤltniſſe oder eigener Wunſch an die große Welt und euern jetzigen Aufenthaltsort, ſo kommt in das Land 228 des Friedens und Gluͤcks! Der Eapitaͤn des jetzt im Hafen liegenden Schiffes Amurat wird euch auf Vorzeigung dieſer Zeilen ohne Verzug dahin bringen.“ Don Henarez las, las noch einmahl; die Unkenntlichkeit der zierlichen, aber ſehr feinen Handſchrift, der Mangel einer Unterſchrift, ver⸗ ſetzten ihn in tiefes Nachdenken; das Verſchwin⸗ den des Ueberbringers, verbunden mit der ge⸗ heimnißvollen Stimme, die er ſich nicht ablaͤug— nen konnte und mochte, verwandelten ſeinen Hang zum Wunderbaren faſt in Glauben; er eilte nach dem Hafen, wo eben nur ein einziges fremdes Schiff vor Anker lag. Schon die Flagge gab ihm dieſes als ein Tuͤrkiſches Kauffahrtheyſchiff zu erkennen. Er fragte nach dem Nahmen— es hieß Amurat; nach dem Ort ſeiner Beſtimmung— die Fahrt ſollte vorerſt nach Cypern, von da aber ver⸗ muthlich noch weiter gehen. Er verlangte den Capitaͤn zu ſprechen, und fand an dieſem einen Mann, der weit feiner Italieniſch ſprach, als ſein Turbau und Kaftan vermuthen leßen, der aber deſſen ungeachtet weit weniger redſelig war, als Henarez wohl gewinſcht haͤtte. Als er ihm zuerſt bloß die Aufſchrift, dann auch den Inhalt des empfangenen Briefes vor⸗ zeigte, konnte er, trotz aller, theils offener Er⸗ .„ 229 kundigungen, theils liſtiger Ausforſchungen. nichts als die kurze, trockene Zuſicherung von ihm erlangen:„Wenn er mit zu reiſen geſonnen ſey, ſo ſolle er ſich nur bereit halten, und zu⸗ verlaͤſſig an den angezeigten Ort gebracht werden.* Selbſt dieſe hartnaͤckige Verſchwiegenheit des Tuͤrkiſchen Capitaͤns, welchen Henarez nach ſeinem Aeußern fuͤr einen Renegaten hielt, konnte nur dazu dienen, ſeine Reugier noch hef⸗ tiger aufzureitzen, und eine Reiſe nach Cyper n, wozu er ſchon oft Luſt gehabt hatte, war ja nichts weniger, als bedenklich. Bald war daher ſein Entſchluß gefaßt, er eilte nach ſeiner Villa, er⸗ theilte ſeinen Bedienten die waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit etwa erforderlichen Anordnungen, ließ ſein Reiſegeraͤth an Bord ſchaffen, und konnte kaum den Augenblick erwarten, bis die Anker gelichtet wurden. Nach einer ſchnellen, guͤnſtigen Fahrt langte der Amurat gluͤcklich auf Cypern an; aber ſo ſehr auch Henarez immer in der Naͤhe des Capitaͤns verweilte, um ihn durch ſeine Gegen⸗ wart an das ertheilte Verſprechen zu erinnern, ſo ſchien doch jener nicht im mindeſten darauf zu achten, vielmehr trat man in kurzer Zeit die Reiſe auf's neue, und zwar, wie Henarez er⸗ fuhr, nach den Joniſchen Inſeln an. Erſt als man auf Corfu gelandet war, gab der Capitaͤn am folgenden Morgen einem Steuermann und einigen alten Matroſen Be⸗ fehl, gewiſſe Waaren auf ein Both einzuſchiffen, und zugleich den fremden Paſſagier mit ſeinem Gepaͤck einzunehmen. Vergeblich ſuchte Henarez waͤhrend der Fahrt zu erforſchen, ob der Weg nur nach einer andern Anfuhrt, oder ganz nach einer andern Inſel gehe; denn die Muſelmaͤnner mochten oder konnten ihn nicht verſtehen; aber mit einbrechen⸗ dem Abend legte das Fahrzeug in einer, von Gebuſch uͤberwachſenen Bay an, und einige Ma⸗ troſen brachten Henarez und ſein Reiſegeraͤth nach einem kleinen, ziemlich einladenden Meyer⸗ hofe, worin er uͤbernachten ſollte. Er fand hier die freundlichſte Aufnahme; allein, als er ſich bey ſeinem Wirthe nach andern Bewohnern dieſer Gegend erkundigte, erbielt er abermahls keine Auskunft, ſondern nur das Ver⸗ ſprechen, daß man ihn morgen fruͤh wecken, und auf den einzigen, weiter fuͤhrenden Weg brin⸗ gen wolle; vermuthlich werde er jedoch nicht allzu weit kommen, weil ein hoher ſchroffer Fel⸗ ſen den Weg in der Entfernung von wenig Stun⸗ den gaͤnzlich verſperre. MWw 231 So ermuͤdet Henarez von der Neiſe, ſo bequem auch das erhaltene Nachtlager war, ſo erwachte er doch weit eher, als Niccolo, ſein gemuͤthlicher, keiner Entdeckung entgegen ſehen⸗ der Wirth. Er ließ, da dieſer ſeine geſtrige Vor⸗ herſagung wiederholte, ja ihm ſogar in der Ferne den ſteil emporſteigenden Felſenruͤcken bemerklich machte, alles Gepaͤck in der Meyerey zuruͤck, und ſie machten ſich kurz nach Anbruch des Ta⸗ ges auf den Weg. Kaum hatten ſie ſich durch ein kleines Gebuͤſch und⸗ einige Schluchten hin⸗ durch gewunden, als ſein Begleiter ihm ſagte: „Er ſolle nur unbedenklich weiter gehen; nun⸗ mehr ſey nicht zu fehlen!“— Nach dieſer lafo⸗ niſchen Anweiſung beurlaubte ſich Niccolo mit der moͤglichſten Unbefangenheit. Es war ein Sonnenaufgang, wie jener„als die unbekannte Stimme Henarez ſein Gluͤck verkuͤndigt hatte; nur erinnerte ihn zugleich die dunkle Bergwand an ſeine erſte Heimath; nur gluͤhte der Hintergrund dieſes Himmels noch in rei⸗ nerm Feuer; nur buhlten dieſe Blumen noch ge⸗ wuͤrziger duftend und ſchoͤner gefaͤrbt um Bewun⸗ derung, prangten dieſe Baͤnme noch gruͤner und uͤppiger, als ſelbſt an den reitzenden Kuͤſten Nea⸗ pels; nur ſchlug ſein Herz noch ungeduldiger und lauter, und noch bruͤnſtiger breiteten ſich 32 ſeine Arme gegen den lichten, azurblauen Ho⸗ rizont.. Und immer paradieſtſcher wurde das Felſen⸗ thal, immer mahleriſcher ordnete ſich die Gegend. Dattelpalmen und weiße Maulbeerbaͤume von dem friſcheſten, ſaftigſten Glanzgruͤn, bis an die Wipfel mit Weinreben umrankt, ſtreckten ihre Zweige uͤber ihn aus; die mannigfaltigſten Gattungen von Pflanzen und Stauden bildeten einen Fußteppich von dem bezauberndſten Far⸗ benſpiel. 1 Jetzt gelangte er durch ein liebliches Waͤld⸗ chen von frucht⸗ und bluͤthentragenden Dran⸗ gen⸗ und Granatbaͤumen zu einer weiten Um⸗ zaͤunung, die aus den Aeſten des Nopals*) und hohen Aloeſtengeln geflochten war; jetzt bemerkte er einige weiße, mit bunten Baͤndern geſchmuͤckte Lämmer, die unbefangen auf der wie mit Schmelz uͤberſtreuten Wieſe grasten; jetzt *) Nopal, der Feigenbaum aus der Barbarey, oder ei⸗ gentlicher der Indianiſche Feigenbaum. Er wird, wie die auf den Griechiſchen Inſeln, zu einer außerordent⸗ lichen Höhe wachſenden Aloe's, vorzüglich zu Einfaſ⸗ ſungen gebraucht; ſeine Früchte ſitzen auf den Blättern und ſeine Fruchtbarkeit iſt ſo groß, daß man nur ein Blatt in die Erde zu ſtecken braucht, um ihn fortzu⸗ pflanzen. . 233 zeigte ſich ihm in einem Kreiſe faſt himmelhoher Eypreſſen eine aus dem Gipfel des Felſens ber⸗ vorſprudelnde Quelle, die, nachdem ſie in meh⸗ reren Abſaͤtzen eine ſchaͤumende Kaskade gebildet hatte, in ein zierliches Becken von gelbem Mar⸗ mor fiel, und ſich dann mit einem kryſtallhellen Bache vereinigte; jetzt erblickte er unfern des Waſſerfalls einige, von den mahleriſchen Grup⸗ pen des Johannisbrotbaums und der reitzendſten fuͤdlichen Bluͤthenſtraͤuchen umgebene Sitze, und — nein! was er nun gewahr ward, unmoͤglich konnte das Wirklichkeit ſeyn; gewiß war es Taͤu⸗ ſchung der Sinne und Feerey! Noch einmahl blickte er nach dem lieblichen Trugbilde; der Boden ſchien ihm heilig, und er wagte es nicht, einen Fuß breit weiter zu gehen; ſein Athem ſtockte, ſein Herz drohte die Bruſt zu zerſprengen; und immer, immer noch gaukel⸗ te das ſchwelgeriſche Traumgeſicht vor ſeinen Augen. Auf einer der Raſenbaͤnke lag in einem leichten, roſenfarbenen Gewand, das den blen⸗ dendſten Hals und Nacken, die ſchimmerndſten Arme nicht verbarg, mit feſt geſchloſſenen Au⸗ genliedern ein himmliſch ſchoͤnes, hoͤchſtens ſech⸗ zehnjaͤhriges, doch, wenn ihn ſein Ange nicht trog, etwas bleiches und wie in einem ſtarren Schlaf liegendes Maͤdchen; ein anderes, eben 234 ſo gekleidet, doch eher noch ſchoͤner und jugend⸗ licher, war uͤber die Schlummernde gebeugt, druͤckte ſie mit den zaͤrtlichſten Blicken ſanft an ſich, kuͤßte ſie auf die Stirn, und breitete einen zarten, wie aus Nebel gewebten Schleyer, der uͤber die Haͤlfte ihres eigenen Geſichts in durch⸗ ſichtigen Falten herabwallte, uͤber die Schlaͤfe⸗ rinn, als ſollte der Morgenſtrahl ſie noch nicht wecken. Die Wachende ſchien dem entzuͤckten Juͤngling wie aus Roſen- und Lilienduft gebil⸗ det, ſchien ein verkoͤrperter Engel, der den Schlaf einer Heiligen bewacht— ach! alles, womit das todte Wort dieß himmliſche Leben und Weben des lieblichen Paares zu ſchildern ſich erkuͤhnte, waͤre nicht im Stande, auch nur entfernt den Abglanz der Erſcheinung zu verſinnlichen, deren jetzt der wonnezitternde Henarez in dieſem Vorhof des Himmels gewuͤrdiget ward. —Mʃꝛõ Rein! nein! die wahrſagende Stimme, nein! ſeine Hoffnung hatte ihn nicht getäuſcht. Einige Augenblicke ſtand er in ſtiller Entzuͤckung, dann warf er ſich auf die Knie, und erhob ſeine Haͤn⸗ de, wie ein Betender. Aber war es das Raſcheln ſeines Kleides an den Zweigen, war es das ſilberne Gelaͤute eines huͤpfenden Lammes, war es das Geflatter zweyer 235 weißer Tauben unter dem Laube der Cypreſſen. was die wachende Schoͤne aufmerkſam machte, was den Morgentraum von den Wimpern der Schlummernden verſchenchte; genng, jene wandte ihr Geſicht, ſtreckte die Lilienhand, wie zuruͤck⸗ weiſend, gegen ihn aus— genug, dieſe richtete ſich langſam auf, und— in dieſem Augenblicke be⸗ merkte Henarez, daß er ſich doch, wiewohl nur zur Haͤlfte, getaͤuſcht hatte. Denn der aͤthe⸗ riſche Schleyer, in welchen zwey Maͤdchen nach ſeiner Vorſtellung ſich mit ſchweſterlicher Eintracht getheilt hatten, ja die Verſchleyerte ſelbſt, war wie in Luft zerfloſſen; nur ein Maͤd⸗ chen, nur eine Erwachende, erhob ihr unverdeck⸗ tes, aber roſig bluͤhendes Geſicht, und richtete mit ſuͤßer Unſchuld und Schwaͤrmerey die ſchim⸗ mernden Augen, als haͤtte bis jetzt ein Traum der Liebe vor ihnen geſchweht, auf den knienden Fremdling. e Auch ſie ſchien ihn nur fuͤr eine Luftgeſtalt. ſeine Erſcheinung nur fuͤr die Fortſetzung ihres Traums zu halten; auch ihr Blick verweilte mit holder Trunkenheit und innigem Entzuͤcken auf Henarez; auch ihre Arme ſchienen ſich, als wollten ſie einen geliebten fliehenden Schatten umſchlingen, gegen ihn auszubreiten, und, wie eine durch die Ankunft des Geliebten freudig uͤberraſchte Braut, lispelte ſie in dem ſchmel⸗ 23⁰ zendſten Italieniſchen Accent, und ſuͤß, wie ein Seufzer der Nachtigall:„Du— du, mein Ge⸗ liebter?n Der in frommes Anſchauen verſenkte He⸗ narez glaubte ſich in hoͤhere Sphaͤrkn verſetzt; fuͤr ihn gab es jetzt nichts Wundervolles, nichts Unglaubliches mehr. Die an ihn ergangene Stim⸗ me: Heute winkt dir dein Gluͤck! war ja unge⸗ zweifelt der naͤmliche Wonneton, welchen er jetzt wieder vernahm; zwey Geſtalten, die er doch gewiß mit offenen, wachenden Augen geſehen zu haben glaubte, waren ja in eine einzige zuſam⸗ men geſchmolzen; die runden Lilienarme des ſchoͤnſten weiblichen Weſens breiteten ſich ja gegen ihn aus, als wollten ſie ihn zaͤrtlich an einen Buſen ſchließen, der ſelbſt in der feſt an⸗ liegenden Umhuͤllung die idealiſchen Formen ei⸗ ner jungfraͤulichen Anadyomene noch weit uͤber⸗ traf. 9 Beklommen, zitternd, doch ſchnell, ſprang er vom Boden auf, und bewegte ſich ihr entge⸗ gen; zuruͤckweichend, ſchuͤchtern, ſchamhaft er⸗ röthend, ſchien die Liebliche ihren Irrthum zwar zu erkennen, aber doch verließ ſie den Raſenſitz, und ſchwebte einige Schritte auf ihn zu. „Wer biſt du, Tochter des Himmels?²— fragte Henarez, und ſchlug betroffen die Augen zur Erde. 4 — 237 „Man nennt mich Medora“— antwortete das Maͤdchen;„aber“— ſie blickte furchtſam auf die ſchoͤne, hochathmende Bruſt—„ſag' mir auch deinen Nahmen, freundlicher Fremdling!“ Henare;z. Henarez hieß ich bis jetzt— aber— man darf ja den Ueberirdiſchen mit frommer Bitte ſich naͤhern— wollteſt du mir eine erfuͤllen?* Medora. Und welche? Henarez. Lieblich, wie Saitenlispel der Engel, wuͤrde zwar der Nahme Henarez von deinen Lippen mir toͤnen; doch— kenne ich nun einen lieblichern Laut! Goͤnne mir ein Entzuͤcken, das dich ja ſo wenig koſtet; nenne mich Medor! Das Maͤdchen laͤchelte mit unbeſchreiblicher Holdſeligkeit; ihr Mund wies eine weiße Per⸗ lenſchnur zwiſchen zwey Reihen der feurigſten Corallen. Selbſt die Unſchuld, naͤhme ſie Maͤd⸗ chengeſtalt an, koͤnnte die Allgewalt ihrer Schoͤn⸗ heit nicht ohne Wohlgefallen gewahr werden; Medora erhob ihre reinen klaren Augen zu Henare;, und ſagte mit hinreiſſender Schalk⸗ haftigkeit:„Sey denn willkommen auf dieſer Inſel, guter Henarez, nun auch Medor genannt!* Henarez, nun auch Medor genannt, ergriff, wie begeiſtert ihre kleine Hand; er wollte ſeine Lippen darauf preſſen, wie ein Andaͤchtiger 238 auf ein ſchoͤnes Heiligenbild, aber ſelbſt hierzu verließ ihn ſein Muth; er druͤckte ſie nur leiſe an ſein pochendes Herz, blickte dem Maͤdchen in das große, ſchimmernde Auge, und fragte mit ehrerbietiger Zaͤrtlichkeit:„Sage mir mehr von dir, Himmliſche! Sage mir, ob das alles Wirk⸗ lichkeit iſt; ſage mir, wo ich bin?“ „Doch wohl auf einer der Joniſchen Inſeln 29 — verſetzte ſie in dem vorigen, unſchuldsvollen, doch ein wenig neckenden Tone. Sind ſie dein Vaterland? „Vielleicht!9 Ich haͤtte geglaubt, du waͤrſt nicht allein, als ich dich entdeckte; gleichwohl— Medora ſchien auf ein Mahl nachdenklich und ernſt.—„Vielleicht, daß der Spiegel des Waſſerſtrahls, daß der Widerſchein des Staub⸗ regens mein Bild verdoppelte!“— ſagte ſie et⸗ was beklommen, und ſchwieg einen Augenblick. Doch ſchnell ſetzte ſie wieder leichter und lebbafter hinzu:„Wohl war ich allein, guter Medor! Ich kam mit fruͤhem Morgen hierher, um, in⸗ deß meine kleine Heerde weidete, mir einige Fruͤchte zu brechen“— ſie zeigte auf ein hohes, aus Staͤben von Roſenholz und Silberdraht ge⸗ flochtenes Koͤrbchen, das, mit den ſchoͤnſten Oran⸗ gen, Granataͤpfeln, Trauben und Feigen an⸗ gefuͤllt, auf der Raſenbank ſtande, hob es auf 4 . 239 das freundliche, leckenumwallte Haupt, und ſchien im Begriff zu gehen——„und ward da⸗ bey bald ſo ermuͤdet, daß in der Kuͤhle der Quelle ein ſanfter Schlummer mich uͤberſchlich.» „Wo wohnſt du, freundliche Goͤttinn dieſer Fluren? Darf ich dich nicht begleiten?— fing Henarez zagend wieder an. „Wir werden uns wieder ſehen!“— ant⸗ wortete Medora—„doch fuͤr jetzt muß ich dir Lebewohl ſagen.“ Henarez, furchtſam und bloͤde, wie die erſte Liebe, wagte es weder ſie laͤnger aufzuhal⸗ ten, noch mit Bitten zu beſtuͤrmen. Sie bot ihm zum Abſchiede freywillig die Hand, die er nun doch an ſeine Augen zu druͤcken wagte, und ging, mehrmahls ſich umblickend, in den gegenuͤb er liegenden Hain. Ihre kleine, zahme Heerde folgte ihr ungerufen auf dem Fuße, und bald verbarg das bluͤhende Gebuͤſch die reitzenoͤſte aller Hir⸗ tinnen. mwnmnnnn „„ Ein Seufzer aus dem Tiefſten ſeiner Bruſt weckte den ihr immer noch in trunkener Bewun⸗ derung nachſehenden Henarez aus ſeinem ent⸗ zuͤckenden Zanber, und gewiß haͤtte er ſich uͤber⸗ redet, nur getraͤumt zu haben, waͤre nicht die rauſchende Quelle mit ihrem ſchoͤnen Marmor⸗ 240 becken unverruͤckt an ihrem Platze geblieben, und — haͤtten ihm nicht von Medora's Raſen⸗ bette einige ſilberne Lahnfaſern in's Auge ge⸗ blitzt, die doch zuverlaͤſſig von ihrem Fruchtkoͤrb⸗ chen ſich losgeſplittert haben mußten. An dieſe knuͤpfte der junge Schwaͤrmer die Gewißheit ſeines Gluͤcks, und bald erzeugte ſich in ihm der Vorſatz, die ganze fruchtbare Gegend zu durch⸗ ſtreifen, um vielleicht zu irgend einer gewuͤnſch⸗ ten Entdeckung zu gelangen. Doch leider traf nur gar zu bald die Vorher⸗ ſagung ſeines Wirthes ein. Denn er mußte nach kurzem Herumſchweifen bemerken, daß ein hoher, mit rankendem Laubwerke mahleriſch bewachſener Felsruͤcken das ganze Thal begraͤnze, und ob ſchon hierdurch die Gegend vor den brennenden Suͤdwinden einiger Maßen geſchuͤtzt wurde, ſo noͤthigte ihn doch bald die Hitze des Mittags, wieder zur kuͤhlen Kaskade ſeine Zuflucht zu nehmen. Aber auch hier ſchien ihm nun, da die ſchoͤne Oreade ſich nicht mehr zeigte, alles einſam, und ſelbſt das Geplaͤtſcher des Waſſers duͤnkte ihm bald ſehr einfoͤrmig und langweilig. Er verließ daher, als er nur ein wenig ausgeruht, das liebliche Thal, und beſchloß, wieder in ſeine geſtrige Herberge zuruͤck zu kehren, und von da 241 ans mit jedem Morgen eine fromme Wallfahrt nach der Auelle anzuſtellen. „Warum ſollte ich mich, vielleicht vergeblich, abmuͤhen“— ſagte er zu ſich ſelbſt—„einen Weg durch die Berge auszuſpuͤren? wo kann ich das Gluͤck ſuchen, als wo ich es ſchon fand? Je weiter ich mich von hier entferne, deſto weiter entferne ich mich ja von meinem Gluͤcke!» Kanm war er auf dem Meyerhofe wieder angelangt, als Riecolo ihm einen bedeckten, ziemlich gewichtigen Korb überbrachte, den in ſeiner Abweſenheit ein junges Mohrenmaͤdchen fuͤr ihn uͤberbracht habe. Nicht nur die Handhabe, ſondern auch der ganze Korb, war mit Reben umflochten, und enthielt eine Schale, voll gol⸗ dener und purpurfarbener Fruͤchte, wobey ſelbſt die umſtrickte Melone und die auserwaͤhlteſten Gartengewaͤchſe, als Brokoli, Spargel und Ar⸗ tiſchoken, nicht fehlten. Alles war zwiſchen gruͤ⸗ nen Blättern und bunten Bluͤthen reitzend zu⸗ ſammen geſchichtet, und ſtand in einer Umgebung Cypriſcher Flaſchen; ja bey wiederholter Unter⸗ ſuchung fanden ſich ſogar auf einem um den Hen⸗ kel gewundenen Zettel die Worte:„Gaſtgeſchenk fuͤr den Erwarteten.“ Die Handſchrift war die naͤhmliche, welche ihm aus dem, durch den Moͤnch überbrachten Billet noch ſehr genau im Andenken ſchwebte. Unterhalt. Biblioth. 12. B. L 242 Kein Wunder, wenn Medor's Neugier hierdurch einen noch hoͤhern Grad von Spannung erhielt, und er aufs neue alles anwendete, von dem Landmanne etwas genaueres auszukundſchaf⸗ ten. Allein dieſer blieb ſtandhaft bey ſeiner Ver⸗ ſicherung, daß er weiter nicht das Mindeſte wiſſe, und ſetzte luſtig binzu:„Nun, bey dem heiligen Spiridion, Signor! waͤre ich an eurer Stelle, ich wollte mir deßhalb keinen Kummer machen! Meines Erachtens muß doch die Fee oder der Zauberer, die ſogar fuͤr euren Gaumen ſorgen, auch, wie wir, von Fleiſch und Bein ſeyn, und einen Erwarteten wird man ja wohl nicht ewig fliehen und meiden!“ Dieſe Art zu ſchließen leuchtete dem He⸗ narez endlich ziemlich ein, und der heitere Sinn des Wirthes erweckte bald auch in ihm ſo viel Hoffnung und frohes Gefuͤhl, daß er nur die hesperidiſchen Fruͤchte, die nach ſeiner Vermu⸗ thung Medora's Finger gebrochen und geord⸗ net haben mußte, wie ein Heiligthum aufbe⸗ wahrte, aber mit anbrechendem Abend ſeine Mahlzeit unter dem Dache eines bluͤhenden Baumes veranſtalten ließ, und den Cyprier nicht nur ſelbſt mit heiterer Laune verſuchte, ſondern auch Nie⸗ co lo und deſſen, nur Reu⸗Griechiſch verſtehende Frau, zur Theilnahme einlud. 243 In der gewiſſen Zuverſicht, morgen die rei⸗ tzendſte Schoͤne und vermuthliche geheime Wohl⸗ thaͤterinn wieder zu finden, ſchlief er fuͤr heute ziemlich ruhig ein, war aber auch faſt noch eher, als die Sonne, wieder auf dem geſtrigen Wege. maAA Zwey ganzer Tage hatte ihn ſeine ſehnſuchts⸗ volle Erwartung getaͤuſcht, und ſeine Unruhe kannte nun faſt keine Graͤnzen, ſeine Hoffnung ging ſchon in Hoffnungsloſigkeit und Trauer uͤber. „Und waͤre es nur ein Traum geweſen,“— ſagte er am dritten Morgen heftig zu ſich ſelbſt— „waͤre es ein Traum geweſen; o alle ihr Heili⸗ gen! ſo laßt mich noch ein Mahl, und dann auf ewig ſo traͤumen!“ Schon erblaßte wieder der Morgenſtern; ſchon durchſtrich Henarez mit forſchenden Blicken den fruchtbaren Thalgrund, und hat ietzt klangen aus weiter Entfernung ſuͤße Toͤne und— nein, er taͤuſchte ſich nicht— Medora's Stimme heruͤber. Er durchbrach das verwachſene Gebuͤſch; er ſchaute nach allen Himmelsgegenden umher; aber, obſchon der Schall heſtimmt von der Morgenſeite ertoͤnte, ſo duͤnkte er ihm doch — L 2 244 immer deſto ferner, je mehr er ſeine Richtung darauf zunahm. Endlich, da alle Muͤhe vergeblich ſchien, und doch bald hier, bald da, der zauberiſche Ton von neuem an ſein Ohr ſchlug, ergab er ſich in die Nothwendigkeit, und warf ſich auf einer kleinen Erhoͤhung nieder, um den Geſang zu be⸗ lauſchen. Und jetzt in ziemlicher Naͤhe, doch leiſe und lieblich, wie Geiſterſtimmen, toͤnte Saite und Lied, und der Lauſchende vernahm ſehr deutlich jedes einzelne Wort. 3 Das liebliche Maͤdchen ſang zu einer Muſik, wie er noch niemahls vernommen hatte.— Frage nicht, von wo ich bin? Mit der Liebe ſuͤßem Schalle* Forſche, Juͤngling, nicht, wohin Meiner Hoffnung Fittig walle? Die verborgen dich erkoren, Iſt erkannt fuͤr dich verloren. Oeſtlich ſchwebt mein Vaterland Ueber deinen Blick erhoben, Und dieß braͤntliche Gewand Ward auf ferner Flur gewoben. Rein're Sonnen, mild're Lenze Faͤrbten meine Bluͤthenkraͤnze. Sieh' das duft'ge Wolkenbild Von der Jris Hand gezogen; Zu dem irdiſchen Gefild Hat es liebend ſich gebogen; Liebend magſt du hin verlangen, Nimmer ſeine Strahlen fangen. Schnell in leichte Luft verweht, Schweigt der Hauch der Hirtenfloͤtez Nie vom Oſt zuruck erfleht Leuchtet dieſe Sonnenroͤthe; Andre Morgen, andre Lieder, Nimmer kehren dieſe wieder. Jetzt ſchwieg die zur innigſten Wehmuth ſin⸗ kende Stimme; aber nach einer kurzen Stille, vaͤhrend welcher man das Fallen eines Baum⸗ blattes haͤtte vernehmen koͤnnen, erhob ſich Sai⸗ tenton und Geſang auſs neue, ſchmelzend⸗r, feuriger, als zuvor: Wo der Born des Lichtes quillt, Die Geſtirne Strahlen trinken, Wird des Herzens Gluth geſtillt, Liebe und Gewaͤhrung winken. Wandle fromm an meiner Seite, Daß ich dich zur Wonne leite. Hebe, Jungling, deinen Blick, Hemme deiner Sehnſucht Frage, Und entweihe dein Geſchick Nicht mit ird'ſcher Neigung Klage. Deinem Glauben, deinem Hoffen, Steh'n des Himmels Thore offen. Gluͤcklich, daß du mich geſeh'n, Wandle rein und ſtill hiernieden; Doch mit ird'ſcher Liebe Fleh'n Unterbrich nicht unſern Frieden. Zart geknuͤpfte Zauberbande Leiten dich zum Sonnenlande. m˖ So ſehr Henarez durch den raͤthſelhaften Inhalt dieſes Liedes in einen neuen Traum voller Unerklaͤrlichkeiten eingewiegt ward, ſo glaubte er doch nach einigem Nachdenken, daß es eine Art Antwort auf ſeine Fragen nach Medora's Ab⸗ kunft abgeben ſolle, und faßte den feſteſten Ent⸗ ſchluß, die reitzende, ihm immer noch unſichtbare Sängerinn durch zudkingliches Forſchen nie wie⸗ der zu kraͤnken, und vielleicht von ſich zu entfer⸗ nen. Deſto erlaubter ſchien es ihm dagegen, ſie ſelbſt aufzuſuchen, und kaum war er aus dem Schatten der Baͤume getreten, als er ſie ſogleich 247 auf einem gruͤnen Abhange des Gebirges erblickte. Ihr Geſicht war wieder verſchleyert, ein ſchoͤn geformtes Inſtrument, deſſen goldener Saiten⸗ zug bloß uͤber gekruͤmmte Zweige geſpannt ſchien, ruhte zwiſchen Arm und Buſen. Es duͤnkte ihm, als werde auch ſie ſeiner gewahr; wenigſtens winkte ſie mit der Hand und ſchien zu ihm herab ſieigen zu wollen. Entzuͤckt nahm Henarez die naͤhmliche Richtung, nur mußte er leider, um geradeaus zu gehen, den Weg durch ein Waͤldchen einſchla⸗ gen. So oft die Baͤume etwas lichter wurden, ſah er ſie immer naͤher wallen; doch da er ſich zuletzt ihr ſchon ganz nahe glaubte, ſtand er an einem breiten, ziemlich reiſſenden Bache ohne Bruͤcke und Steg, uͤber welchen zu gelanden an Unmoͤglichkeit graͤnzte. So raſtlos er am Ufer hin und her ſuchte, um vielleicht einen Nachen anzutreffen, ſo war doch alle Muͤhe vergeblich; ja bald war Medora gaͤnzlich aus ſeinen Augen verſchwunden, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als dem Strome nachzugehen, um vielleicht bey irgend einer ſeichtern Stelle uͤberzuſetzen. Erſt nach Verfluß einer Stunde fing das Flußbett an, ſich zu verengen; er befand ſich in der ihm wohlbekannten Gegend mit den Ey⸗ preſſen und Raſenſitzen, und bemerkte, daß der AQuell des Fluſſes Medora's Waſſerfall ſey⸗ 248 bemerkte,— wilder ſtroͤmte das Blut zu ſeinem Herzen— wiewohl noch in ziemlicher Entlegen⸗ heit, Medora, die Liebliche ſelbſt. Sie hatte jetzt Schleyer und Saitenſpiel ſchon wieder abgelegt, fuͤtterte in frommer Unſchuld ein Paar zahme, glaͤnzende Schwaͤne, und ſchien nichts weniger zu vermuthen, als daß irgend ein mäannliches Auge ſie beobachte. Wenigſtens erhob ſie ſich nach wenig Augenblicken von ihrem Sitze, einer halb in den Boden geſunkenen, ganz mit wuchernden Bluͤthenſtauden umwachſenen Corin⸗ thiſchen Saͤule, flocht ſich mit der reitzendſten Unbefangenheit das bis zu den Knien reichende blonde Haar, ſtreifte das leichte Gewand von den ſchoͤnen Armen bis zur Achſel hinauf, band ein leichtes, goldenes Kettchen vom Halſe, und zog daran eine ſchimmernde Einfaſſung aus dem jugendlich geſchwellten Buſen. Jetzt warf ſte dem darin befindlichen Bilde noch einen zaͤrtlichen Blick zu, legte das Medaillon behuthſam auf das hoch hervorragende Capital der Saͤule, und eilte dann an die Kaskade, um Geſicht und Haͤnde mit dem friſchen Quellwaſſer zu erquicken. Der liebende, gefuͤhlvolle Medor wuüͤrde es ſich unter keiner Bedingung verziehen haben, die kindliche Schoͤne in ihrer Beſchaͤftigung zu unterbrechen, und ſeine Gegenwart durch ein Geraͤuſch zu verrathen. Da jedoch die Saͤnlen⸗ — . 72249 truͤmmer ziemlich weit von dem Waſſerfalle ent⸗ fernt und von einer Seite mit Myrten und Ca⸗ pergeſtraͤuchen, wie mit einer Laube, ganz uͤber⸗ woͤlbt waren, ſo trieb ihn ſein Herz, ſich leiſe naͤher zu ſchleichen, um bey guͤnſtigem Glcke vielleicht das Bildniß zu erkennen, das einer ſo ſchoͤnen Ruheſtelle genoß. „Ach gewiß“— fluͤſterte ihm Hoffnung und Furcht zu—„iſt es das Bild eines Vaters, ei⸗ ner Mutter, einer Schweſter!“— Doch der Ge⸗ danke an eine Schweſter fuͤhrte ihn weiter zu dem Gedanken an einen Bruder, und nun— ach! wer konnte es wiſſen, ob es nicht auch das Bild eines andern Juͤnglings, eines Geliebten war? Dieſe letzte Vermuthung jagte alles Blut in ſeine Wangen, und von Eiferſucht entzundet, eilte er ſchneller nach der Ruine, war nur noch einige Schritte davon entfernt, entdeckte ſchon,— o all ihr Heiligen!— daß eine weiß gekleidete Juͤnglingsgeſtalt aus der goldenen Faſſung her⸗ vorſchimmere, als Medora ihr Hand⸗ und Ge⸗ ſichtsbad vollendet hatte und langſamen Schrit⸗ tes wieder auf die Saͤule zu wanderte. Henarez gewann nur noch ſo viele Zeit, ſich unbemerkt hiuter die Myrten zuruͤck zu zie⸗ hen. Medora ſetzte ſich wieder, nahm das Bild in ihren Schooß, betrachtete es laͤchelnd, band das Halskettchen wieder um, und druͤckte 4* 250 das Bild, gleich als wollte ſie von ihm, ehe ſie es wieder verbaͤrge, zaͤrtlichen Abſchied nehmen, an die Lilien der Bruſt, an die Aoſenknosven der Lippen. Laͤnger konnte Henarez ſeinen Schmerz nicht beherrſchen.—„Ach Medora!“— feufzte er laut. Das holde Maͤdchen, von dieſer Ueberraſchung ein wenig beſtuͤrzt, wandte ſich deſſen ungeach⸗ tet freundlich zu ihm und ſagte mit kindlicher Freude: Sey gegruͤßt, lieber Medor!“ „Bin ich dir lieb“— erwiderte Medor, und preßte ihre Hand zaͤrtlich an ſein klopfendes Herz—»ach, Reitzendſte deines Geſchlechtes, ſo vergoͤnne mir eine Frage!“ Medora erhob ſchalkhaft⸗drohenb den Fin⸗ ger.—„Du biſt ein arger Frager,“— ſagte ſie, doch ohne Mißfallen—„Bleibſt du laͤnger unter meiner Botmaͤßigkeit, ſo wirſt du dir das abge⸗ woͤhnen müuͤſſen.“ Nun, ſo verwandle ich die Frage in eine Bitte. „Etwa in die Bitte, dir eine Frage zu be⸗ antworten?“ Nicht ganz, aber faſt ſo!— Zeig' mir das Bild, welches dir ſo theuer ſcheint.. „Dacht' ichs doch; das Gemaͤhlde ſoll ſtatt meiner deine Reugier befriedigen?“—(Nach 25¹ einigem Nachſinnen).„Nun, eigentlich wohl, ſollte ich dieß abſchlagen; doch, wenn mich Medor an einen Gewiſſen nicht verrathen will.“— Sie legte die Hand um ſeine Schulter, und hielt ihm mit leichter Taͤndeley das Bild unter die Augen. Der gluͤckliche Medor— glaubte in einen Verkleinerungsſpiegel zu blicken; das Bild war ſein eigenes, nur um vier bis fuͤnf Jahre juͤnger.. So ſtarker Glaube auch dazu gehoͤrte, das, wovon ihn doch ſeine Augen uͤberzeugten, fuͤr wahr zu halten; ſo war doch die Aehnlichkeit zu auffallend, zu unlaͤugbar; ſo war es ja dasſelbe weiße Atlaskleid, derſelbe oſenfarbene Mantel, dieſelbe gruͤne Hutfeder, womit ihn ſein Vater zu Madrid hatte mahlen laſſen; ſo war ja ſelbſt die kleine Narbe am Halſe nicht vergeſſen, die er noch als Knabe erhalten hatte, als er, um deſto eher zu dem geliebten Mariani zu kommen uͤber einen ſchwankenden Steg gelaufen und in den angeſchwollenen Regenbach hinab⸗ geſtuͤrzt war. „Kennſt du wohl den Knaben 2— lispelte Medora freundlich, als ſie ſeine frohe Be⸗ ſtuͤrzung bemerkte, deutete mit dem Finger vor⸗ zuͤglich auf die Narbe, und wandte das Auge nach ſeinem Halskragen. 5 25² „Und iſt dir der Knabe werth?— antwor⸗ tete Henarez, wie aus einem lieblichen Traume ſich auf Augenblicke erholend. „Dem Knaben duͤrfte ich antworten!“— und nun entſtand eine Pauſe, waͤhrend welcher erſt nur Blicke ſprachen, und Medor zuletzt in tiefes Nachdenken verſank. „Was iſt dir, Medor?“— unterbrach Me⸗ dora das Stillſchweigen—„Du biſt heute ſo einſylbig, feyerlich, traͤurig“— Kann dich das wundern? Alles, was mir ſeit meinem hieſigen Aufenthalte begegnete, ſcheint mir Magie, und doch ſoll ich nicht fragen; doch verbot mir dein geheimnißvoller Geſang— „Welcher Geſang?“ Dein Fruͤhgeſang— vorhin— kaum vor einer Stunde— dort auf dem gruͤnen Abhang des Felſens. „Was ſagſt du da? Roch bin ich kaum eine halbe Stunde wach— o, Medora iſt manmahl eine Langſchlaͤferinn!— und mein erſter Gang war gerade nach der Schwanenhuͤtte, und dann“— Laͤugne mirs nicht. Ich ſah dich auf der Mitte des Berges, wo der Boden ſo gruͤn, wo die Felsgeſtraͤuche mit weißen Bluͤthen wie uͤber⸗ ſchneit ſind; du ſchlugſt deine Laute, dein liebes Angeſicht war verſchleyert— 253 „Wie konnteſt du mich da erkennen?— ſagte Medora etwas betroffen, ſah ihn ernſthaft an, und ſchwieg einige Augenblicke. Dann fiel fie wieder mit leichtem Frohſinn ein:„Wir wollen nicht daruͤber ſtreiten. Vielleicht ſag' ich dir ein andermahl mehr!*. Bey dieſen Worten ſtand ſie auf, reichte ihm zum Abſchied die Hand, und verſchwand wieder hinter den Buͤſchen. —; Dem gluͤcklichen Henarez wurden nun im Umgange mit der reitzenden Medora alle Seligkeiten der erſten Liebe zu Theil. Da die Geliebte nienahls ſeine Begleitung zu wuͤnſchen ſchien, ſondern immer abbrach, ſo oft er auch nur von fern das Geſpräch auf ihren Aufenhalt, auf ihre Aeltern, auf ſo manches, woruͤber er gern Erklaͤrung gehabt haͤtte, hinlenkte; da auch ſein Wirth Niccolo, obſchon er an dieſem bald mehrern Scharffſinn entdeckte, als deſſen aͤußeres Anſehen verrieth, ihm nie eine befrie⸗ digende Auskunft gab, ſondern ſich ſtots mit voͤl⸗ liger Unwiſſenbeit entſchuldigte; ſo deſchloß Henarez, ſo ſehr ſich auch ſein Herz dagegen ſtraͤubte, geduldig den Zeitpunct abzuwarten, in swelchem ſich die Naͤthſel vielleicht von ſelbſt loͤ⸗ 4 * 254 ſen wuͤrden, und die ſchoͤne Gegenwart mit dank⸗ barem Herzen und der lebendigſten Empfaͤnglich⸗ keit zu genießen. Er hatte ſich bald auf der Meyerey ein mit weiter Ausſicht verſehenes Zimmerchen voͤllig eingerichtet, und da er vermuthete, ziemlich lange, wo nicht zeitlebens, hier zu bleiben, durch Nic⸗ colo's Beſorgung, der ſich unaufgefordert dazu erbot, ſeine Buͤcher, ſeine Floͤte, ſeine Zeich⸗ nungsgeraͤthſchaften nachkommen laſſen. Nun ſuchte er waͤhrend der in jenen Gegenden ziemlich drüͤckenden Mittagshitze, oft auch die Haͤlfte der Nacht hindurch, die traͤg dahinſchleichenden Stun⸗ den mit Beſchaͤftigung zu verkuͤrzen; er mahlte an Medora's Bilde, das ihm jedoch nie zart, nie— ach! was traͤumt nicht ein liebender Juͤng⸗ ling?— nie himmliſch und uͤberirdiſch genug gelingen wollte; er ſann auf Melodien und dich⸗ tete Lieder, womit er oft die ihrigen, wenn ſie aus weiter Ferne zu ihm heruͤber toͤnten, zaͤrt⸗ lich beantwortete. Wenn aber der Abend heran⸗ nahte, oder der Stern des Morgens vor Auro⸗ ra's hoͤherm Lichte ſich verbarg, dann durchſtrich er die arkadiſchen Gefilde und ward groͤßtentheils durch Medora's Anblick erfrent. Selig fuͤhlte er ſich dann in der Wirklichkeit, und noch lange nachher ſelig in der Erinnerung; ja er wuͤrde ein wahres Goͤtterleben gefuͤhrt haben, haͤtten * 8 255 ſich nicht auch einige Tropfen Wehrmuths in den Kelch ſeiner Wonne gemiſcht. Denn nicht nur das Geheimnißvolle in Medora druͤckte zuwei⸗ len heftig auf ſeine Seele; ſondern ſein Herz duͤnkte ihm auch zuweilen auf eine ſonderbare Weiſe getheilt, ſo wie Medora nicht ſtets dieſelbe. So oft ſie ihm naͤhmlich verſchleyert er⸗ ſchien— welches immer nur des Morgens, oft noch im Fruͤhſchimmer des Mondes geſchah— verkuͤndete ſie ſich aus der Ferne mit wunderlieb⸗ lichen Toͤnen, und wenn ſie ſich ja ihm naͤherte, dann lag in ihrem Daherſchweben, in der gan⸗ zen Bewegung ihrer ſchoͤnen Geſtalt, in ihrer Stimme, in dem Aufſchlagen ihrer, wie Sterne aus lichten Woͤlkchen, durch den Schleyer hin⸗ durch ſchimmernden Angen, etwas ſo Hobhes, Wunderbares, Heiliges, daß er ſich ſelbſt einer ſolchen Geliebten faſt unwerth fuͤhlte und es nicht wagte, ihr Alles zu ſagen, was er empfand. Sie ſelbſt ſprach dann zuweilen auf eine ſeltſame Weiſe von fernen reitzenden Gegenden, von ufer⸗ loſen, unuͤberſehlichen Meeren, von lichtern Sternguͤrteln, als der, welcher dieſe Erde um⸗ gibt, von ſchoͤnern Morgenroͤthen, als uns er⸗ ſcheinen, von dem Ort, wo Sonnen aufgehen und verſinken; und ſo wenig ſeine Fantaſie der entzückten Schwaͤrmerinn zu folgen vermochte, 256 ſo ſchienen ihm doch alle ihre Worte ſo gewiß, ſo unlaͤugbar, daß er ſich ſelbſt, wie durch einen unwiderſtehlichen Zauber, in jene Lande verſetzt, ſchon ſelbſt der Erdenbande entfeſſelt fuͤhlte. So hingeriſſen und entzuͤckt von ihrem gan⸗ zen himmliſchen Weſen, ſo uͤber ſich ſeibſt er⸗ hoben und in undekannte Sphaͤren verſetzt er dann auch war, ſo haͤtte er es doch um keinen Preis gewagt, von ſeiner heißen, graͤnzenloſen Liebe auch nur das mindeſte zu erwaͤhnen, noch weit weniger aber, Medora nur mit einem Finger anzuruͤhren; und dennoch fuͤhlte er ſich mit ihr ſo ganz eins, ſo wie mit unſichtbaren Armen von ihr umfangen, daß Zeit und Ewig⸗ keit in einem Blick ihren Augen zu vergehen ſchienen. Erſt, wenn ſie ihn verlaſſen hatte, Fehrte er in das Erdenleben zuruͤck, und nichts fonnte ihn erfreuen, als die Hoffnung, ſie viel⸗ leicht dieſen Abend, oder doch morgen— o mor⸗ gen gewiß!— wieder zu finden. Groͤßtentheils ging ſeine Hoffnung in Er⸗ füllung. Run luſtwandelte ſie entſchleyert unter ihren Laͤmmern am Waſſerfalle, oder im Hain der bluͤhenden Granatbaͤume, und nun ſchien ſie mit dem Schleyer zugleich alles Majeſtäͤtiſche, alles ſein Herz zum Schweigen Bringende, gaͤnz⸗ lich abgelegt zu haben, war nur ganz kindliche Unſchuld und Freude, zaͤrtliche, Hingebende 3 257 Liebe. Nun duechſtrich ſie mit ihm Hand in Hand Anhoͤhen und Thaͤler, brach ihm die ſchoͤnſten Fruͤchte von den zur Erde gebengten Aeſten, reichte ihm einen Becher, den ſie in der Quelle gekuͤhlt und koſtend mit ihren Roſenlip⸗ pen beruͤhrt hatte, erwiderte ſeinen Haͤndedruck, weigerte ihm ſelbſt nicht den Kuß und ließ ihn in ihren Armen neben ſich ruhen. Dann erwach⸗ ten wohl auch oft im Buſen des feurigen Juͤng⸗ lings heißere Wuͤnſche; er preßte ſie gluͤhend an ſich; er warf ſich vor ihr nieder; er geſtand ihr, daß nur ihr völliger Beſitz, nur ihre Hand, ihm ſeine Ruhe wieder zu geben vermoͤge. „Unzufriedener! Stuͤrmiſcher!“— ſagte ſie dann wohl mit ſanftem Vorwurfe, aber die Zaͤrt⸗ lichkeit ihres Blickes verrieth ihm ſehr deutlich, daß ſie nicht zuͤrne— genuͤgt dir nicht an dem, was bis jetzt der Himmel uns vergoͤnnte? fuͤrch⸗ teſt du nicht, durch dein Bitten mich zu betruͤ⸗ ben, vielleicht das hoͤchſte Gluͤck von uns zu ver⸗ ſcheuchen?“— Und nun wurde ſie gewoͤhnlich ſtill und ernſt, aͤußerte auch wohl, ſie habe nicht allein uͤber ſich zu gebieten; ſobald er aber wieder in ſie drang, ihn zu ihrem Vater zu fuͤh⸗ ren, brach ſie die Unterredung ab und verließ ihn ſchnell, doch mit freundlichem Laͤcheln. WAAAA Eines Morgens, als Henarez am Abend zuvor, an der Bruſt des zaͤrtlichen Maͤdchens ſich und alles um und neben ſich vergeſſend, ſeine Wuͤnſche auf's neue geaͤußert, als ſie ihn mit einem:„Vielleicht naht ſich die Zeit, wo ich dir antworten darf“»— liebevoll beruhigt hatte, be⸗ gegnete ſie ihm wieder verſchleyert. Sie ſchien dieß Mahl noch weit reitzender, himmliſcher, als je, aber auch ernſter und trauriger, und reichte ihm noch aus der Ferne zwey Blumenſtaͤngel ent⸗ gegen, die ſie unter dem Schleyer von ihrer Bruſt nahm. Roch nie hatte Henarez aͤhnliche Blumen erblickt; ſie glichen keiner andern auf Erden, ob eſie ſchon die Gerüche aller in ſich vereinigten; die eine hatte weiße, wie die Aepfelbluͤthe mit Roſenſchein ſanft uͤberhauchte Blaͤtter und aurora⸗ farbene Faͤden und Griffel; die andere war hell⸗ roth, wie die ſogenannte brennende Liebe, und ihr Kelch ſchwarz und golden. „Waͤhle unter dieſen!— lispelte Medora. „O gib mir ſie beyde, liebliches Maͤdchen!“ „Beyde nicht auf ein Mahl; ſo will es die unerforſchliche Macht, welche uͤber uns waltet!* Henarez beugte ſich unwillkuͤhrlich nach der glaͤnzenden, feuerfarbenen. Medora ſah es mit wehmuͤthigem Lächeln; aber indem He⸗ narez ſeine Hand ausſtreckte, waren beyde Bluͤ⸗ thenſtaͤngel, wie vom Winde verweht, ſeinen Augen entſchwunden, und die Geberinn ſelbſt trennte ſich ſchnell von ihm, beſchied ihn aber auf den Abend wieder, wo ihre Stimmung ge⸗ wiß wieder heiterer ſeyn wuͤrde. Und wirklich kam ſie ihm dießmahl mit an⸗ brechendem Abend ſogar ein Stuͤck Weges ent⸗ gegen. Freude und Zaͤrtlichkeit blitzte aus ihren Augen, eine gewiſſe reitzende Unruhe herrſchte in ihrem ganzen Weſen, und ſobald Henarez, nach einer feurig erwiederten Umarmung, die ge⸗ ſtern gegebene Hoffnung in Erinnerung brachte, erbot ſie ſich täͤndelnd, doch die Augen von ihm abwendend, ihn ſogleich zu einem Prieſter zu fuͤhren, der vielleicht in einigen Wochen ihre Haͤnde zuſammenfuͤgen ſolle. Froͤhlicher hatte Henarez ſich noch nie fremder Leitung uͤberlaſſen, aber auch noch nie war er beſſer gefuͤhrt worden. Denn die ſteile, unerklimmliche Felſenwand zeigte bald eine ver⸗ borgene, nach wenig Schritten geraͤumiger wer⸗ dende Spalte, und kaum hatte ſich Henarez an der Hand des geliebten, ihn ſorgſam leiten⸗ den Maͤdchens, durch einen dunkeln Hoͤhlengang hindurchgewunden, als er bey dem wieder ein⸗ brechenden Tageslicht eine ſich weit ausdehnende, noch viel reitzendere und fruchtbarere Landſchaft gewahr ward. Ein freundlicher Pallaſt, mit einem 260 ſchoͤnen Saͤulengange umgeben, lag in dem Mit⸗ telpuncte derſelben, und in der Ferne zeigte ſich neben einer ſteinernen Capelle eine zwar nur mit Baumrinden und Stroh bedeckte, aber mit dem Gewinde der Weinroſe ganz und gar gruͤn um⸗ webte Eremitenhuͤtte. 3 „Dort wohnt deine Medora“— ſagte das Maͤdchen, mit dem Finger nach dem ſchoͤnen, von der Abendſonne hell erleuchteten Landhauſe deu⸗ tend—„aber wir wollen jetzt weiter!“ So gelangten ſie denn nach der Einſiedler⸗ huͤtte, und ſobald der davor ſitzende Eremit das liebende Paͤrchen erblickte, ſtand er auf und kam ihnen entgegen. „Hier find wir, lieber Vater!“— rief Me⸗ dona und warf ſich um ſeinen Hals. „Seyd mir gegruͤßt, meine Kinder! ſey mir willkommen, mein Sohn!“— antwortete der Alte, und zog ſie beyde an ſein Herz— und He⸗ narez erkannte augenblicklich au Stimme und Bildung den geliebten als todt beweinten Freund und Lehrer Mariani⸗. —M Ein heiteres, nicht eben anachoretiſches Mahl⸗ wobey Medora, vor innerem Entzuͤcken mehr fliegend als gehend, das Amt der jungen Haus⸗ 261 frau trefflich verwaltete, feyerte die Wiederum⸗ armung. Hen arez mußte Mariani alles er⸗ zaͤhlen, was ihm ſeit ihrer Trennung begegnet war, kounte aber um ſo ſchneller zum Schluſſe eilen, weil er bald bemerkte, daß Mariani ſchon das Hauptſaͤchlichſte davon bekannt war. Dieſer verſprach ihm zur Vergeltung einen Aus⸗ zug ſeiner eigenen Lebensgeſchichte, ſchien aber abſichtlich ſo lange damit zu zaudern, bis Me⸗ dora, oon ihrer Lieblingsdienerinn, einem jungen Negermaͤdchen, abgeholt, bey Vater und Braͤutigam ſich mit Kuͤſſen beurlaubte. „Meinen wahren Rahmen“— ſo fing Ma⸗ riani nach ihrer Entfernung an—„las man ehedem im goldenen Buch der Venetianiſchen Edlen; aber ſchon ehe du, lieber Henarez! meiner Obhuth uͤbergeben wurdeſt, hatte man ihn dort ausgeloͤſcht. Meine Jugend war nicht thatenlos verſtrichen; doch eben die Beweiſe meiner repub⸗ likaniſchen Geſinnungen und meine 6 Muthes, verbunden mit verſchiedenen kuͤhnen Aeherungen uber die Verwaltung der oͤffentlichen Einkuͤnfte, hatten mir machtige Neider und Feinde erweckt, und dieſe benutzten meine oͤftern Reiſen nach Corfu zum Vorwand, mich einer Staatsver⸗ raͤtherey zu beſchuldigen. Schon war ich nahe daran, vor die geheime Staats⸗ Inquiſition ge⸗ bracht zu werden, wo dann der Tod oder lebeus⸗ 26²2 laͤngliche Gefangenſchaft unter den Bleydaͤchern mein unvermeidliches Schickſal geweſen waͤre, als ich, von einem edlen Freunde gewarnt, mich noch fruͤh genug durch die Flucht rettete. Die⸗ ſer Freund war kein anderer, als der muthvolle Don Diego, dein trefflicher Vater, der mir die geringen Dienſte, die ich ihm in fruͤhern Zeiten bey der Entfuͤhrung deiner Mutter gelei⸗ ſtet hatte, durch die Rettung meines Lebens mit eigener, nicht geringer Gefahr vergalt.“ „Die Haupturſache meines oͤftern Aufent⸗ halts zu Corfu, welchem ein gegen mich vor⸗ zuglich erbitterter Podeſta ſtaatsverderbliche Ab⸗ ſichten anzudichten wußte, war die feurigſte Liebe zu der Tochter eines vornehmen Corfioten, der reitzendſten ihres Geſchlechts, und Medora's Mutter. Die Staͤrke und Gluth unſerer Liebe leidet keine Schilderung; da aber die Verſchie⸗ denheit der Religion, und üͤberdieß Familien⸗ verhaͤltniſſe mancherley Schwierigkeiten in den Weg legten, ſo ſollte meine Verbindung mit der liebenswuͤrdigen Helena, wenigſtens noch vor der Hand, ein Geheimniß bleiben.“ „Haͤtte ich bey meiner Flucht der Stimme meines Herzens folgen düͤrfen, ſo wuͤrde ich frey⸗ lich mein Exil nach Corfu verlegt haben, und dieß um ſo mehr, weil meine Gemahlinn ihrer erſten Entbindung entgegen ſah. Doch da dieſe 263 Inſel mit Venedig zu genau verbunden iſt, und die Muthmaßungen meiner Verfolger ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach dorthin zuerſt richten mußten, ſo waͤhlte ich den Weg nach Spa⸗ nien, und fand dort in einem Kloſter durch Vorſchub deines Vaters ſehr bald ein Aſyl.* „Die Unruhe und Bekuͤmmerniß, die ich un⸗ terdeſſen bey dem Gedanken an meine Gattinn empfand, ward nur dadurch in etwas vermin⸗ dert, daß ich ſie unter dem Schutz ihres Vaters, und unter der freundlichen Obhuth einer edlen Freundinn, Nahmens Irene, wußte, welche ſich nach dem Tode ihres Braͤutigams zum ledigen Stande entſchloſſen, und bey Helenen ihren immerwaͤhrenden Aufenthalt genommen hatte. Doch bald wollte auch dieſer geringe Troſt nicht mehr anſchlagen, weil ich, ungeachtet der deß⸗ halb getroffenen Maßregeln, lange Zeit keine Nachricht von der geliebten Iaſel erhielt.“ „Endlich langte zwar wieder ein Brief von Irenen, aber zugleich die Trauerpoſt an, daß meine Gattinn, kurz nach einer hoͤchſt gefaͤhr⸗ lichen Niederkunft mit Zwillingstoͤchtern, ver⸗ ſtorben ſey, und nur eine Erbinn ihrer Schoͤn⸗ heit und Tugend hinterlaſſen habe. „Mein Schmerz graͤnzte an Verzweiflung; die Erde ſchien mir keines Wunſches mehr werth; ich traf wegen meiner kleinen Tochter mit mei⸗ — 6 264. 2 nem Schwiegervater und Irenen durch Briefe die noͤthige Verabredung, und nahm ſelbſt die Weihe.“ „So zuverſichtlich ich nun mein Leben, das nach dieſem unerſetzlichen Verluſte wenig Reitz fuͤr mich hatte, in den heiligen Mauern ruhig beſchließen zu koͤnnen hoffte, ſo mußte ich doch erfahren, daß das geheime Gericht der Zehn mei⸗ nen Aufenthalt entdeckt, und einige Fante's zu meiner Aufhebung oder Ermordung abgeſandt habe.“ 1 „Auch will ich nicht laͤugnen, daß die Ein⸗ foͤrmigkeit des Kloſterlebens und die rohe Unwiſ⸗ ſenheit der Moͤnche mich nach und nach anekelte; kurz, meine Wuͤnſche vereinigten ſich bald mit dem ſchon oft geaͤußerten Verlangen deines Va⸗ ters, in ſeinem tief verborgenen Gebirgsſchloſſe meinen Aufenthalt zu nehmen.* „Was nunmehr erfolgte, weißt du ſelbſt aus den Lrieneenneeinde Ingend. Deine zaͤrtliche Anhaͤnglichkeit dekband mich auf's neue mit der Welt, und wahrſcheinlich waͤre ich nie wieder von deiner Seite gewichen, haͤtte ich es eines Theils wagen duͤrfen, in der Naͤhe des Hofes und in den Kreiſen der Vornehmern wieden zu erſcheinen, und waͤre andern Theils nicht kurz nach dem Tode deiner Mutter die Nachricht vom 9 2 265 von dem Ableben meines Schwiegervaters in Corfu bey uns eingegangen.“ „RNun rief mich die Vaterpflicht gegen meine verwaiſte Tochter und die Sorge fuͤr ihr Erb⸗ theil aus Spanien ab. Um von meinem eigenen Vermoͤgen ſo viel als moͤglich zu retten, hatte ich alle meine Guͤter an deinen Vater verkauft, und er hoffte durch ſeine bedeutenden Verbin⸗ dungen dieſem Vertrage dasjenige Anſehen zu verſchaffen, was ihm atwa an geſetzlicher Kraft abging.* „In der That gluͤckte dieß auch mit dem be⸗ traͤchtlichſten Theile, aber⸗ leider hatte auch dieſe Liſt auf's neue die Aufmerkſamkeit und Erbitte⸗ rung meiner Feinde gereitzt. Nach einem kurzen Aufenthalte auf Corfu, waͤhrend deſſen ich alles Noͤthige angeordnet, das in einer ſchoͤnen Gegend gelegene Grab meiner Helena mehr⸗ mahls beſucht, und in Madora das holde Eben⸗ bild ihrer Mutter zaͤrtlichſte lieben ge⸗ lernt hatte, mußte ich wieder vor den Staats⸗ ſplonen fluͤchten, und begab mich mit einem Tuͤr⸗ kiſchen Schiffscapitaͤn, der mir und deinem Vater ſchon manche Proben ſeiner Treue und Klugheit gegeben hatte, nach der Gegend von Conſtan⸗ tinopel. Da auf dieſer Fahrt ein Schiff unſerer Convoy im Sturme unterging, ſo verbreiteten wir, um alle fernere Nachſtellungen zu verhin⸗ Unterhalt. Biblioth. 12. B. M 266 dern, das Geruͤcht, als ſey auch ich mit unter den Verungluͤckten. Deinem Vater habe ich ſpaͤ⸗ terhin die Wahrheit gemeldet; doch faſt muß ich zweifeln, daß ihn dieſe Nachricht noch am Leben getroffen.* „Die Sehnſucht nach meiner Tochter Me⸗ dora, von deren aufbluͤhender Schoͤnheit die edle Irene mir die erfreulichſten Berichte ab⸗ ſtattete, und der Tod meines unverſoͤhnlichſten Feindes, einer der Staatsinquiſitoren, beſtimm⸗ ten mich dann, nach Corfu zuruͤck zu kehren.* „Schon waͤhrend meiner Abweſenheit war auf meine Veranſtaltung uͤber Helena's Grab⸗ hügel eine Capelle erbaut worden, und, um durch meine Erſcheinung die Benachbarten nicht auf mich aufmerkſam zu machen, beſchloß ich, in der Naͤhe dieſes Bethauſes eine Klauſe an⸗ zulegen, und hier, von wo ich ſehr leicht und unbemerkt nach meinem Landhauſe kommen kann, dem Anſcheine nach, ein Anachoretenleben zu fuͤhren. Daß dieß Geluͤbde nicht allzu ſtreng von mir beobachtet wird, haſt du vermuthlich ſchon zu bemerken Gelegenheit gehabt.“ „Ihr habt mir“— hub jetzt Henarez an —„in Hinſicht eurer Geſchichte ſo ziemlich alle Raͤthſel geloͤst, theurer Marianil allein ich kann nicht verſchweigen, daß deſſen ungeachtet“— 26„ „Ich bin noch nicht ganz am Schluſſe;— erwiderte Mariani, indem er noch einmahl 4 die Kelchglaͤſer fuͤllte—„waczich dir ſagen kann, ſollſt du noch vor dem Schlafengehen treulich erfahren.“ „Es kann dir kein Geheimniß geblieben ſeyn, mit welcher Zaͤrtlichkeit ich dich von jeher um⸗ fing; haͤtte ich einen Sohn gehabt, ich haͤtte ihn nicht zartlicher lieben koͤnnen. Dein Vater mußte mir von deinen weitern Fortſchritten in jedem ſeiner Briefe ausfuͤhrliche Nachricht geben, und ich geſtehe dir, daß ich in mancher Hinſicht mit dir noch weit zufriedener war, als er ſelbſt. Er ſchickte mir von Madrid aus dein Miniatur⸗ bild, und ich ſuchte dieß unter einigen andern mir theuern Andenken ſo oft hervor, als ich mich mit der Welt und meinem Schickſal aus⸗ ſoͤhnen wollte.“ „Es faͤngt an zu tagen!“— unterbrach ihn Henarez mit froher Beklommenheit. „Es wird noch heller werden, lieber He⸗ narez! Laß mich enden!“* „Meine Zuneigung zu dir, die ſich nach allen eingezogenen Erkundigungen nur noch ver⸗ ſtaͤrken mußte, die zaͤrtliche Liebe gegen Me⸗ Dora, meine Freundſchaft fuͤr deine Aeltern, meine Dankbarkeit gegen deinen Vater, welcher ſich meinetwegen nicht ſelten den gefaͤhrlichſten . M 2 268 Unternehmungen unterzogen hatte, ſelbſt das Gefuͤhl einer Verbindlichkeit gegen ihn in Hin⸗ ſicht mancher bedeztenden Aufopferung— denn ich erfuhr nur gar zu beſtimmt, daß er weit groͤßere Summen an mich ausgezahlt, als er in der That aus den Truͤmmern meines Vermoͤgens geborgen hatte— erregte zuerſt den fluͤchtigen Wunſch in mir, dich mit meiner Tochter zu ver⸗ hiunden. Welche reitzendere Ausſicht konnte es fuür mich geben, als zwey, mir ſo unendlich theure Kinder durch und mit einander zu be⸗ gluͤcken 25* „War aber dieſer Gedanke anfaͤnglich nur voruͤbergehend, ſo ward er bald mein Lieblings⸗ gedanke, meine ſchoͤnſte Hoffnung, als ſich die Seele meiner Medora vor meinen Augen im⸗ mer lieblicher entfaltete. Die Gluth ihres Her⸗ zens, die Zartheit ihrer Empfindung, die Un⸗ ſchuld ihres mit der Welt unbekannten Gemuͤthes, und ſelbſt eine gewiſſe ſonderbare Stimmung, eine gewiſſe ſanfte Schwaͤrmerey, die, je mehr ſte heranwuchs, deſto mehr in ihrem ganzen We⸗ ſen ſich aͤußerte, gaben mir bey der großen Ver⸗ derbtheit der meiſten Juͤnglinge deutlich genug zu erkennen, daß ſie nur durch einen Gatten gluͤcklich werden koͤnne, wie du dich von deiner Kindheit an gezeigt, und nach allen Nachrichten auch ſpaͤterhin erhalten und bewaͤhrt hatteſt.“ 269 „Ich erzaͤhlte Medoren in unſern ſchoͤn⸗ ſten Stunden alles, was ich von dir wußte, und fand bald an ihr eine ſo aufmerkſame Zu⸗ hoͤrerinn, daß ſie in dir ein Ideal zu lieben an⸗ fing, und mir keine Ruhe ließ, bis ich ihr dein Bildniß ſchenkte, welches der zaͤrtlichen Schwe⸗ ſter, wie die Schmeichelnde ſagte, ja ohne Wi⸗ derrede zukomme.“ „Nach dem Tode deines Vaters, welchen ich bald erfuhr, ſchien mir zur Erreichung mei⸗ ner Abſicht der rechte Zeitpunet noch nicht ganz gekommen. Doch nach Verfluß eines Jahres gab ich Medoren endlich die Verſicherung, daß ich dich zu uns einladen wolle.“ „Du kannſt dir ihre frohe Beſtuͤrzung, ihre Scham, wenn man anders das ſchoͤne Erroͤthen der unſchuldigſten, ſich ſelbſt noch nicht kennen⸗ den Liebe alſo nennen darf, unmoͤglich ſo lieb⸗ lich denken, als dieß Bild noch jetzt vor meiner Seele ſteht. Furchtſam wagte ſie zum erſten Mahl eine Bitte, und ich gab ihrem Wunſche, ſelbſt den Brief an dich zu ſchreiben, um ſo „lieber nach, je mehr ich— verzeih' dieß dem alten Lehrer!— deiner jugendlichen Liebe fuͤr alles Wunderbare und Geheimnißreiche alles moͤgliche zutraute, und dich bey einem gewuͤnſch⸗ ten Erfolge dieſes Verſuchs, der allenfalls nicht * ) 276 der einzige geblieben waͤre, um ſo froher zu uͤberraſchen hoffte.“ „Ich erhielt durch meinen Tuͤrkiſchen Freund, den Capitaͤn des Amurats, und durch Nie⸗ colo, einen meiner aͤlteſten und gepruͤfteſten Diener, zeitig genug Nachricht von deiner An⸗ kunft, und nur der Wunſch, dich einige Zeit unbemerkt zu beobachten und zu pruͤfen, nur gewiſſe Offenbarungen, welche meine ſchwaͤrme⸗ riſche Medora zu haben vorgibt, konnten mich beſtimmen, die Freuden der erſten Umarmung einige Zeit zu verſchieben.“ „Dieſe Offenbarungen“— fiel Henarez ha⸗ ſtig und mit geſpannter Aufmerkſamkeit, doch zugleich mit einiger Verwirrung ein—„und ſo manches mir nunerklaͤrliche—— Ihr ſpracht von zwey Toͤchtern, welche euch eure Helena seſchenkt habe“— „Sieh', lieber Henarez!“— antwortete Ma⸗ riani—„ſchon hat ſich der Mond hinter jene weitſchattenden Gebirge gefluͤchtet, und Mitter⸗ nacht iſt voruͤber. Alles, was dir ſonſt noch ge⸗ heimnißvoll ſcheinen mag, mußt du von Me⸗ dora ſelbſt oder ihrer muͤtterlichen Freundinn zu erfahren ſuchen. Ich bin ſchon zu alt, zu er⸗ kaltet, zu weltklug,— nenne es, wie du ſelbſt fuͤr gut findeſt— um an gewiſſe Einfluͤſſe der Geiſterwelt bey wachenden Augen zu glauben, 271 ob ich ſchon, nach manchem Ereigniſſe zu urthei⸗ len, nicht alles geradezu ablaͤugnen mag. Das Reich des Glaubens und der Wunder gehoͤrt ja recht eigentlich den Frauen und“— Maria⸗ ni's Geſicht verzog ſich in ein wohlwollendes Laͤcheln—„den liebenden Juͤnglingen; wolltt. ich Alter dir davon erzaͤhlen, ſo muͤßte dir aus meinem Munde alles wie ein Maͤhrchen aus dei⸗ nen Kuabenjahren vorkommen.— Hier, dieſe Thuͤr fuͤhrt zu deinem Schlafeabinett; nimm dieſe Kerze— gute Nacht, lieber Gaſtfreund!* mmrnm So wenig das Innere des kuͤhlen, einer Grotte gleichenden Zimmers, wohin das Maul⸗ thier des geſchaͤftigen Niccolo ſchon das ganze Gepaͤck ſeines Gaſtes uͤberbracht hatte, dem einfachen Aeußern der ſtrohbedeckten Ein⸗ ſiedlerhuͤtte angemeſſen war, und ſo duftig das Bett, vermuthlich von Medora's Hand ge⸗ ſchmuͤckt,— denn auch ein Band, das Hena⸗ rez an ihrem Buſen erblickt hatte, lag verraͤ⸗ theriſch unter den Blumen— dem Eintretenden ſich entgegenblaͤhte; ſo wenig, oder vielmehr um ſo weniger, konnte Henarez ein Auge ſchließen. Schon die von Mariani am Schluſſe ſeiner Erzaͤhlung nur fluͤchtig erwaͤhnten Ofſen⸗ barungen, welche in Henarez ſo manche —— — wunderbare eigene Bemerkung erneuerten, haͤtten den Schlaf von ihm verſcheuchen, und ſeine Seele in ein unruhiges, ſieberhaftes Gruͤbeln verſetzen muͤſſen; aber gewiß war es auch kein Wunder, wenn Medora's Buſenband den Lie⸗ benden auf das lebhafteſte an die Geliebte erin⸗ nerte, und ihm ihr Bild in gluͤhenden Farben vor die Seele mahlte. Wirklich glaubte er auch, als ihn zuletzt ein Morgentraum uͤberſchlichen hatte, ſie, uͤber ſeinem Lager ſchwebend, erblickt zu haben; wirklich dachte er beym Erwachen an nichts ſehn⸗ licher, als jede Verzoͤgerung ſeines Gluͤcks durch flehentliches Bitten aus dem Wege zu raͤumen. Und kaum fiel der erſte Sonnenſtrahl durch das Fenſter, das wie ein Niß des Felſens in der Grotte kuͤnſtlich angebracht war, als er ſich vom Lager erhob, und, um ſeine heiße Wange an der Morgenluft zu erfriſchen, ohne den geliebten Lehrer zu wecken, in das nahe Waͤldchen eilte. Blitzend zuckten die Schimmer der Fruͤhlings⸗ ſonne durch die Spitzen der Kaſtanien und Pal⸗ men, und kaum war er einige Schritte gewan⸗ delt, als er, wie in den Wipfeln, eine feurige Melodie, und, von Medora geſungen, folgende Worte vernahm: Bald im Heiligthum der Liebe Finden ſich der Sehnſucht Blicke; Bald begegnen ſich die Lippen, Windet Seele ſich um Seele, Schmiegt ſich wallend Bruſt an Bruſt. Kuͤſſe rauſchen durch die Stille, Durch die liebeheil'ge Stille, Wie der Silberton der Laute, Wie der Floͤte lispelnd Girren Durch die Sommernacht dahin. Aus den Augen ſtuͤrzen Thraͤnen Ueber liebeheiße Wangen Auf der Jungfrau reinen Buſen⸗— Miſchen ſich in Flammenkuͤſſe Werden zaͤrtlich aufgekuͤßt.. Wie ſich Luͤftchen mit Geruͤchen 3 Suͤßer Balſambluͤthen miſchen, So vermiſcht ſich Kuß und Athem Zaͤrtlich mit den heißen Lippen In der Liebe Heiligthum! Mit ſtockendem Athem, mit fliegender Bruſt horchte Henarez auf das liebliche Brautlied; noch einige Mahle klangen die Saiten, noch einmahl ſchien ſich die Stimme erheben zu wollen; aber ein Morgenſchauer rauſchte durch die Zwei⸗ ge, Mariani trat aus ſeiner Zelle, und alles verſtummte. Freundlich both der Einſiedler dem Juͤng⸗ linge zum Morgengruße die Hand, und dieſer, vom Wonneton der Hymenaͤen noch ergluͤhend, warf ſich mit hervorſtuͤrzenden Thraͤnen an Ma⸗ riani's Hals, und rief ſchluchzend aus:„O, Mariani! dem ich meinen Himmel, dem ich alles verdanke, laßt dieſe Sonne uͤber ein gluͤckliches Paar untergehen!“ „Meine Einwilligung hatteſt du laͤngſt, Ungeduldiger!“— antwortete der Greis mit Guͤte—„„die Prieſterweihe, welche ich empfing, gewaͤhrt mir die Freude, enern Bund ſelbſt zu heiligen; aber alles übrige kommt auf Medora, oder vielmehr, wie ſie ſich uͤberredet hat, auf eine innere, ihr rathende Stimme an.“*. „O mangelt nur Medoras Einwilligung“ — verſetzte Henarez entzuͤckt—„ſo bin ich der Gluͤcklichſte; denn eben vernahm ich dort von der Hoͤhe einen Geſang“— 4 Mariani laͤchelte unglaublich, nahm aber ſein Wort nicht zuruͤck.. „Geh' denn hin, mein Sohn!“— ſagte er —„zu der jungfraͤulichen Braut, von der du ſo ſicher baldige Gewaͤhrung hoffeſt, gehe denn. hin zu der ſittigen Irene⸗ und verſuche dein Gluͤck. 275 In der Capelle werdet ihr mich beym Gebet finden.“ Freudetrunken eilte Henarez nach dem weißen, im Morgenroth blinkenden Pallaſt, und bemerkte ſchon von fern auf dem platten Dache die Negerinn, die ihn zu erwarten ſchien, und, ſobald ſie ihn gewahrte, von dem Soͤller herab ſtieg. Noch ehe er durch den Saͤulengang in den Saal trat, kam ſie ihm entgegen, und bat, ein wenig hier zu verziehen, weil Medora und Irene erſt vor kurzem das Bad verlaſſen haͤt⸗ ten, und jetzt im Putzzimmer ſich ankleideten.— Nach kurzem Verzug, der freylich dem ſehn⸗ ſuchtsvoll Harrenden eine Ewigkeit duͤnkte, kamen ſie endlich auf ihn zu, Irene, eine hohe Ge⸗ ſtalt, deren einfache weiße Tracht, bloß durch ein violetſammtnes, goldgeſaͤumtes Oberkleid et⸗ was gehoben, die Wuͤrde des Jungfrauenſtandes mit muͤtterlicher Milde vereinigte, und Me⸗ dora, die himmliſch ſchoͤne Medora— o, ſollte Henarez ſeinen Augen trauen?— im weit⸗ gefalteten, blendenden Kleide, einen Purpurguͤr⸗ tel um die jugendliche Bruſt, einen Myrien⸗ kranz auf dem blonden, lang herabwallenden Haar. 4„Iſt's moͤglich, ſchoͤnſtes der Maͤdchen! iſt's moͤglich, meine Medora, und— meine Mutter!* — rief Henarez, und warf ſich mit ausgebrei⸗ 276 teten Armen vor Braut und Brautfuͤhrerinn nieder—„fuͤhrten die Himmliſchen den Augen⸗ blick meines Gluͤcks ſchon herbey? taͤuſcht mich kein zauberiſches Traumgeſicht 5 Irene blickte wohlgefäͤllig auf ihn herab, ſah verſchaͤmt zur Erde und ſchwieg; Medo⸗ ra's Geſicht gluͤhte mit noch hoͤherem Roth, als ihr Guͤrtel; ſie ſprach mit niedergeſchlagenen, thraͤnenfeuchten Augen:„Es iſt mir geheißen— ich folge dir, wohin du mich fuͤhrſt!“ Schweigend, doch mit lautpochender Bruſt, wandelten ſie, nur von der ſchwarzen Selavinn⸗ und einigen andern Dienerinnen begleitet, Arm in Arm nach der Capelle; die Thuͤren rauſchten auf; Mariani im zeiſtlichen Ornat ſtand vor dem Altar. Der Eintritt in den kleinen, aber mit nicht geringer Kunſt und Pracht erbauten Tempel verſetzte ſie alle in noch ernſtere Stille, in noch wehmüuͤthigere, ſußere Beklommenheit. Die ho⸗ hen Fenſter waren faſt ganz von den ſie auswaͤrts⸗ umgebenden hohen Baͤumen verdnnkelt; nur eine weiß⸗alabaſterne Lampe und das durch die offene Kuppel fallende Morgenlicht erhellten die liebli⸗ che, feyerliche Daͤmmerung. Medora's Buſen wallte in ſchnellen Schlaͤgen; Irene bedeckte⸗ 277 das Geſicht mit dem Schleyer und weinte; He⸗ narez Auge weilte entzuͤckt auf der reitzenden Braut, und ſiel dann, faſt unwillkuͤhrlich, wieder auf das Altarblatt, das ſchon beym Oeffnen der Thuͤr ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte. Es war von Meiſterhand eine Geſchichte des alten Teſtaments, eine Hagar in der Wuͤſte dar⸗ auf vorgeſtellt, und ungeachtet der davon haͤn⸗ genden Ampel, ſchien doch alles Licht von dem himmliſch ſchoͤnen, der armen Verſchmachtenden einen Waſſerquell zeigenden Engel auszugehen, der dem bezauberten Braͤntigam auf das auffal⸗ lendſte Medoren zu gleichen ſchien. In dieſem feyerlichen Augenblicke glaubte der liebende Schwaͤrmer ſeine Medora auf's nene gedoppelt zu ſehen, und waͤre vielleicht noch ſo bald nicht aus ſeiner Traͤnmerey erwacht, haͤtte nicht Irene ſeine Hand gefaßt, und die ſich anſchmiegende Medora ſanft in ſeine Arme gelegt.„Geh' denn, geliebte Tochter!o— ſprach ſie, und konnte den Lauf ihrer Thraͤnen nicht mehr hemmen—„geh' von dem Buſen der Mut⸗ ter in die Arme des Heißgeliebten. Er wird dich lieben, wie ich dich liebte, und dieß— alle Hei⸗ ligen und ſelbſt den frommen Schatten der ver⸗ ewigten Helena ruf' ich zu Zeugen!— iſt der ſchoͤuſte Segen, den ich dir auf deinem Wege zum Altar geben kann!“ Unterhalt. Biblioth. 12. B. M —ʒʒʒ ö ⅓³ʒ 278 Jetzt kniete Henarez und Medora ooll inniger Ruͤhrung auf die Altarſtufen, und mit tiefer Stimme ſprach Mariani die Worte der Weihe uͤber ſie aus. Sie wechſelten die Ringe, erhoben ihre Haͤnde, um ſie in einander zu legen,— da duͤnkte es Henarez, als bewege der Engel des Altargemaͤhldes die Fittige, als erhebe ſich von ihm ein weißblaͤnlicher Schimmer, balle ſich in bald lichtere, bald dunklere Kreiſe, ſchwebe einige Augenblicke an der Deffnung der Kuppel, und ſenke ſich dann langſam auf Me⸗ dora berab. Erſchrocken heftete er feſter ſein Auge auf fie; ſie ſchien etwas bleich, ihr Auge halb ge⸗ brochen; doch blitzte ihr Myrtenkranz wie ein Diadem von Smaragden, ihr Buſenguͤrtel flammte gleich feurigen Rubinen, und auf ihrem Kleide wogten helle Streifen, mit Sternen durch⸗ ſchimmert, hin und her; und als ſie, wie von einer Ohnmacht befangen, ihm die Hand reichte, da ſchwebte, licht, wie der Abglanz des Mondes auf Schneegefilden, noch eine andere Lilien⸗ hand daneben, gleich einem luftigen Schatten. Henarez konnte, ſo ſehr er auch alle ſeine Faſſung aufboth, kaum das Ende der Ceremonie abwarten, und eilte dann, ohne ſich ſeine ſonder⸗ 279 bare Beklemmung abmerken zu laſſen, mit ſeiner Geliebten ſchnell in die freye Luft. —Bꝑ Es gelang Henarez, ungeachtet der ange⸗ ſtrengteſten Bemuͤhung nicht ganz, ſeine Zer⸗ ſtreuung, ſeine ſcheue Aengſtlichkeit zu verbergen. Selbſt Medora und Jrene ſchienen etwas, ja wohl gar etwas naͤheres, wenigſtens zu ahnen. Gegen Abend ſchlugen ſie einen Spaziergang nach dem Marmorbrunnen vor, und Mariani wandte, um keinen Zeugen ihrer Unterredung abzugeben, eine Abhaltung vor. Jetzt, da ſich fuͤr Henarez an Medora's Arm alle Bilder der ſchoͤnſten Tage ſeines Lebens erneuten, traten auch bald die bezauberndſten Hoffnungen vor ſeine Seele, und ſeine Heiter⸗ keit wuͤrde keine Gräͤnzen gehabt haben, waͤre bey jenen Erinnerungen nicht auch das Anden⸗ ken an Medora's erſtes Erblicken in der Um⸗ armung eines Luftbildes wieder erwacht, welches ſeinem Entzücken eine gewiſſe Feyerlichkeit und ungewoͤhnliche Heftigkeit beymiſchte. „Was iſt dir?5— redete ihn endlich Me⸗ dora mit hinreiſſendem, um Liebe werbenden Blick an, indem ſie ſeine Hand zaͤrtlich an ihre Bruſt drückte.—„Entdecke mir, deiner Gattinn, und unſerer edlen Freundinn, was auf deiner N 2 280 Seele liegt. Es koͤnnte doch wohl der Fall ſeyn, daß wir dich zum Theil erriethen, und auch manches dir zu entziffern im Stande waͤren.* Henarez konnte ſich bey den fuͤßen Bitten und Liebkoſungen der reitzendſten Braut unmoͤg⸗ lich einer Taͤuſchung ſchuldig machen, und ent⸗ deckte ihr, wiewohl mit der groͤßten Behuthſam⸗ keit, ſein ſonderbares Geſicht am Marmorbrunnen und vor dem Altar, erzaͤhlte ihr von den Toͤnen und Geſaͤngen in der Hoͤhe und Ferne, und ver⸗ ſchwieg ſogar nicht, daß Mariani gewiſſer geheimer Stimmen erwaͤhnt habe, an welche Medora glaube. „Ich will dir Alles ſagen, du uͤber Alles Geliebter, was ich ſelbſt weiß“— erwiderte Medora nicht ohne einige Baͤnglichkeit— „das Uebrige magſt du dir, ſo gut es angehen will, ſelbſt erklaͤren, wenn du nach mir auch Irenen gehoͤrt haben wirſt. Meine Ueberzeugung dringt mir allerdings den Glauben an eine mirr ſelbſt unerklaͤrliche Verbindung meines Weſens mit der Geiſterwelt auf. Wie es zugeht, iſt mir ſtets ein Geheim⸗ niß geblieben; aber ſo viel iſt entſchieden, daß ich zuweilen in einen kurzen, gewaltſamen Schlaf falle, der ſich durch ein mich umgebendes Daͤm⸗ merlicht und durch unbeſchreiblich liebliche Toͤne jederzeit ankuͤndigt. Mehrmahls habe ich ver⸗ —. 28* fucht, diefer wunderbaren Ermattung und Be⸗ taͤubung zu widerſtehen, aber niemahls iſt es mir gelungen. Nicht ſelten erſcheine ich mir dann ſelbſt im Traume, wie in einem Spiegel oder durch einen Flor, nur iſt mein Zild leichter, luftiger, zerfließender— etwa ſo, wie es hier auf dem Kryſtall des Brunnens ſchwebt“—— Medora beugte ſich bey dieſen Worten, den Geliebten umſchlingend, uͤber die reine Flaͤche des Waſſers, und ſetzte dann mit der hinreiſſendſten Innigkeit hinzu—„auch wohl noch ſchoͤner, als dieſe deine Medora. Dann ſage ich mir, was mir begegnen wird, und was ich ſelbſt dabey thun ſoll, wie — dieſen Morgen. KNicht ſelten ſcheine ich mir aber auch außer mir ſelbſt zu ſchweben, und mit leichter Bewegung uͤber die Spitzen des Graſes und der Blumen dahinzuwallen, ohne ſie im min⸗ deſten zu kruͤmmen. Selten dauert ein ſolcher Zu⸗ ſtand uͤber eine halbe Stunde, und oftmahls wuͤrde ich ſelbſt nicht wiſſen, daß er mir wieder begegnet ſey, fuͤhlte ich nicht eine gewiſſe Traͤg⸗ heit, eine meine Kraͤfte aufloͤſende, doch nicht unangenehme Ermattung. Dir mehr davon zu entdecken, bin ich nicht vermoͤgend. Was Jrene davon glaubt, wuͤrde mich jetzt vielleicht auf's neue mit Furcht und Tiefſinn erfuͤllen; darum erlaube deinem Maͤdchen, daß ich dich auf wenige 282. 4 Augenblicke verlaſſe. Gibt es doch unterdeß noch ſo manches zu beſorgen, was meine Ireue bey der Schnelligkeit dieſer Hochzeitsfeyerlichkeit un⸗ moͤglich anordnen konnte, und doch ungern ver⸗ miſſen wuͤrde.“ 1 Mit erkuͤnſteltem Frohſinn huͤpfte ſie fort, und warf ihrem Henarez noch manchen Kuß aus der Ferne zu. nn „Die liebe, zarte Seele hat recht,*— fiel nunmehr Irene ein—„daß ſie Dinge zu ver⸗ geſſen ſucht, die doch nur zu einem unnuͤtzen, die Sinne verfuͤhrenden Gruͤbeln Anlaß geben koͤnnen. Auch was ich ſelbſt ihnen zu erzaͤhlen fuͤr Pflicht halte, iſt wenig, und leitet nur hoͤch⸗ ſtens auf entfernte Vermuthungen.“ „Sie wiſſen vielleicht ſchon, daß ich, als die vertrauteſte Freundinn von Medora's Mutter, bey ihrer Niederkunft zugegen war.“ „Sie ſah derſelben ſchon lange vorher mit unglaublicher Beaͤngſtigung entgegen, nicht bloß, weil Mariani entfernt, und vielleicht toͤdtli⸗ chen Gefahren ausgeſetzt war, ſondern auch, weil ſchon in der erſten Racht nach ihrer Vermaͤh⸗ lung ein ſonderbares Traumgeſicht ſie geſchreckt hatte.“ „Ihre Fantaſte hatte ihr naͤhmlich vorge⸗ piegelt, ſie ſitze in einer Laube und betrachte mit ſtillem Wohlgefallen ihren Trauring. Auf dem Mittelſteine desſelben, einem gelben Hiaeinth von der ſeltenſten Groͤße und Schoͤnheit, zeige ſich, wie in einem Spiegel, ein laͤchelndes, ſich umarmendes Kinderpaar, doch das eine von ihnen nur wje ein Schatten, mit blaſſen, un⸗ dentlichen, aber von einer Glorie umgebeuen Zuͤgen, das Andere hingegen mit friſchen, bluͤ⸗ henden Wangen „Ueber die Deutung dieſes Traumes hatte⸗ ſie einen alten Popen befragt, und dieſer war unklug genug geweſen, der Zagenden ihre erſte Niederkunft als ſehr ſchwer, die zweyte aber gluͤcklicher zu prophezeihen.“ „Bey alle dem ſchien jetzt etwas von dieſer Traumdeutung in Erfuͤllung gehen zu wol⸗ len.* „Das reitzende Weib, das noch jetzt wie eine Geſtalt aus hoͤheren Regionen mir vorſchwebt, litt unbeſchreiblich; erſt nach Verfluß mehrerer ſchrecklichen Stunden entdeckte uns die ſehr er⸗ fahrene Wehmutter mit Zittern, daß eine Zwil⸗ lingsgeburt zu erwarten, aber, weil beyde Kin⸗ der ganz mit einander verſchlungen waͤren, eine Entbindung unmoͤglich ſey, wenn nicht eins der⸗ ſelben vorher getoͤdtet werde.* 284 „Denken ſie ſich ſelbſt, wenn ſie es vermoͤ⸗ gen, unſere Angſt, unſer Entſetzen. Die faſt ganz ſchon entkraͤftete Helena ſank vor Schre⸗ cken in eine todtenähnliche Ohnmacht; und als ſie ſich wieder erholte, beſiegte ſie ihren Schmerz mit wahrhaft heldenmaͤßiger Standhaftigkeit, und betete laut zu einem, uͤber ihrem Bette haͤn⸗ genden Bilde der heiligen Jungfrau von Kaſſope, beyde Leben zu retten, waͤre es auch mit Verluſt ihres eigenen.“ „Sie ſank aufs neue in einer Art von Be⸗ wußtloſigkeit auf die Kiſſen zuruͤck, und ſchien einige Augenblicke ſanft zu ſchlummern. Dann richtete ſie ſich wieder auf; ihr Auge ſchien mun⸗ ter, alle ihre Lebensgeiſter geſtaͤrkt. Mit be⸗ wundernswürdiger Feſtigkeit befahl ſie nun der Wehmutter, zu thun, was nicht zu vermeiden gehe.“ „Dieß geſchah denn, mußte aber freylich dem Mutterherzen doppelt ſchmerzhaft ſeyn, weil beyde Kinder, das todte ſowohl, als das lebende, ſchoͤn, wie kleine Genien, und dabey einander ſo aͤhnlich waren, wie zwey Roſenknoſpen von gleichem Al⸗ ter und an einem Staͤngel.“ 5 „Daß Helena, durch dieſe ſchreckbaren Er⸗ eigniſſe voͤllig entkraͤftet, ihre Entbindung nur einige Wochen uͤberlebte, und mit ihrem Kinde unter dem Altare der Capelle begraben liegt, iſt 233 ihnen vermuthlich ſchon bekannt. Kurz vor ihrem Tode rufte ſie mich zu ſich, und erzaͤhlte mir mit Sammlang aller Lebensgeiſter, was ſie zu jenem ſtandhaften Entſchluſſe geſtärkt habe. Es ſey ihr naͤhmlich ein Engel erſchienen und habe ihr ver⸗ kuͤndigt: Von dieſen beyden, noch vereinigten Leben ſey nur eines zu retten; doch, wenn ſchon der Lebensfaden des einen Kindes fruͤher abge⸗ riffen werden muͤſſe, um nicht Mutter und Kin⸗ der zugleich zu verderben, ſo habe doch die Ge⸗ benedeyte das Gebet der Flehenden erhoͤrt, und es ſolle auch der koͤrperloſen Seele geſtattet wer⸗ den, irdiſch zu wandeln, und jede reine Freude der Kindheit und Ingend zu genießen, doch alſo, daß ſodann das Leben der Schweſter einen Stillſtand mache, und nur ſo lange, bis die Ruͤckkehr der Himmelsbewohnerinn die Ruhe der Erdentochter ſtoͤren koͤnn „Dieß ungefaͤhr kounte ich mir aus den, zu⸗ weilen unverſtaͤndlichen Reden meiner ſterbenden Freundinn zuſammen ſetzen, und da ſie ſich ſelbſt mit einem frommen Blicke gegen Himmel der verſchmachtenden, von einem Engel geſtaͤrkten Hagar verglich, ſo iſt dieß Bild fuͤr den Altar gewaͤhlt worden, wobey denn der Kuͤnſtler aus eigenem Antriebe den himmliſchen Geſandten nach Medora gemahlt hat. a E. 286 „Von dieſer letztern aber— denn ich will ihre Rachſicht gegen ſolche Unglaublichkeiten nicht laͤnger mißbrauchen— koͤnnte ich noͤthigen Falls mit einem Eide bekraͤftigen, daß ich mehrmahls, wenn ſie ſchlief, ein ihr ganz aͤhnliches Luft⸗ gebild neben ihr erblickt habe, daß ſie noch jetzt zuweilen in eine ſonderbare Starrſucht verfaͤllt, daß ſie von je Dinge wußte, die weit uͤber ihre Jahre gingen, und daß ſie ſtets das Beſte er⸗ waͤhlte, wenn ſie das befolgte, was ſie, wie ſie glaubt, ſich ſelbſt im Traume gerathen hat.“ Hiermit beſchloß Irene ihre Erzaͤhlung, und reichte dem in tiefes Nachdenken verſunkenen Henarez die Hand, um nach dem Landhauſe zuruͤck zu kehren. Henarez hatte nun doch wenigſteus eine Art von Erlaͤuterung, und begnügte ſich um ſo mehr, die Geheimniſſe der Geiſterwelt vor der Hand einzig und allein den Geiſtern zu uͤber⸗ laſſen, je mehr ihn die ſchoͤnſte Wirklichkeit ſchon hiernieden in hoͤhere Zonen verſetzte. Dachte er bey den Kuͤſſen der reitzendſten Braut ja wieder an die Einwirkungen eines hoͤheren, verſchwi⸗ ſterten Weſens, ſo umarmte er doch jetzt ſeine Medora eben wegen dieſer Beruͤhrung mit —— 287 dem Ueberirdiſchen nur um ſo feuriger, und ſah, verloren in Traͤume der Liebe, dem Ende des hochzeitlichen Mahles mit ungeduldig klopfendem Herzen entgegen. Endlich verſchwand Medora mit Irenen; Henarez küͤßte Mariani, und folgte der Negerinn, die ihm, in Begleitung mehrerer be⸗ kraͤnzten Maͤdchen, welche Fackeln, muſtkaliſche Inſtrumente, Blumen und Fruchtkoͤrbchen tru⸗ gen, zur Thuͤr des Brautgemaches leitete. Auf, und ſchnell hinter ihm zu, rauſchten die Thuͤren des Cabinetts; in weiter Entfernung toͤnte die⸗ Melodie, die er dieſen Morgen vernommen hatte, doch ohne Begleitung der Stimme; ſchoͤner, als die braͤutliche Eythere, ſchlummerte Medora, der die Scham nur eine einzige Kerze fuͤr das Brautgemach, der die Liebe fuͤr die jugendliche Bruſt, fuͤr die runde, blendende Achſel, nur den Schleyer der goldenen Haare geſtattet hatte, auf dem bluͤthenbekraͤnzten Ruhebette. Die Muſik verſtummte; Medora oͤffnete die liebetrunke⸗ nen Augen, hob den blendenden Arm, und die Kerze verloͤſchte. A—O Und ſchon hatte Aurora uͤber das ſchwanen⸗ weiße Lager der Liebe ihren Roſenflor ausge⸗ ſpannt, als der gluͤckliche Henarez aus dem ſuͤßeſten Schlummer erwachte. Er ſuchte die Ge⸗ liebte, aber ſie war ſchon entflohen; nur der Myrtenkranz und die braͤutliche Buſenbinde lagen ihm zur Seite. Er rief ihren Rahmen— und in demſelben Augenblicke ſah er ſie uͤber ſich ſchweben, doch verſchleyert. „Wohin, Geliebte?— liſpelte er zitternd, und breitete ſeine Arme gegen ſie aus. 1 „In die Heimath nach Oſten!d— antwor⸗ tete die ſuͤßeſte Stimme.—„Aber traure du nicht„ theurer Medor! Mein Bild bleibt in deinem Her⸗ zen und in deinen Armen zuruͤck!”* Die Erſcheinung luͤftete ein wenig den Schleyer und zeigte ihre ganze verklaͤrte Geſtalt;. ein ſuͤßes Schmachten drang zu Henarez. Bruſt, und eine ſonderbare Trunkenheit ſenkte⸗ ſich auf ſeinen Blick, die ihn nie wieder verließ; noch ein Mahl breitete er die Arme aus, und verſchwunden war Alles. Nur eine goldene Wolfe erfullte das ganze Gemach. Ungewiß, ob er gewacht, oder getraͤumt habe, ſtand er ſchnell auf, und forſchte bey der harrenden Regerinn nach ihrer Gebieterinn. Sie⸗ zeigte ihm ben Weg nach dem Waſſerfalle, und noch ehe er dort anlangte, kam ihm Medora⸗ mit einem friſchen Kranze entgegen. „Ich — 289 „Ich wollte dich mit Blumen wecken, lieber Langſchlaͤfer!“— ſagte ſie in aller Glorie einer jungen Frau—„aber am Brunnen uͤberfiel mich wieder der unwillkuͤhrliche Schlaf. Doch habe ich mich waͤhrend dieſes Schlummers im tiefſten Hintergrunde meiner Seele ſelbſt wie⸗ der geſehen, und das Echo meiner Stimme hat mir geſagt, daß ich nun lange, lange nie an⸗ ders ſchlummern werde, als nur da, wo ich es ſelbſt will— in deinen Armen, geliebter Juͤngling!“* AWMWWA A In ungetruͤbter Gluͤckſeligkeit verfloſſen nun den jungen Vermaͤhlten einige Jahre, bis der Tod die edelſte der Freundinnen, die ſanfte Jrene, von ihrer Seite riß. Von dieſem Augen⸗ blicke an fuͤhlte auch Medora eine unbeſchreib⸗ liche Sehnſucht nach dem Tode; ſie konnte ſich oft des Gedankens nicht erwehren, daß ihr Henarez eine ſtille Sehnſucht nach ihrer himmliſchen Schweſter hege, die, wie ſie glaub⸗ te, mit ihr bald eins, bald aber auch von ihr getrennt ſey; alle Schwaͤrmereyen ihrer erſten. Jugend kehrten zuruͤck, und endlich entdeckten ſie ſogar ihrem Geliebten, daß ſie ſich ſelbſt wieder OH 290. geſehen und die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche vorher geſagt habe. Allen ihr von Henarez zugeſprochenen Troſt, alle Hinweiſungen auf Hoffnung fuͤr dieß⸗ ſeits, beantwortete ſie nur mit ſanfter, ruͤhren⸗ der Zaͤrtlichkeit, und als bald darauf Mariani in ein ſchoͤneres Leben uͤberging, da ſchien die Hand des Todes auch ihre Bluͤthe zugleich mit beruͤhrt zu haben. Sie verbluͤhete, wie eine Blume, deren Staͤngel geknickt iſt, und ſenkte, wie jene, das ſterbende Haupt. Die Betruͤbniß ihres Gemahls graͤnzte an Verzweifelung; wohin er ſich wandte, ſtiegen die Bilder ſeines unerſetzlichen Verluſtes vor ihm auf; Monden lang ſchloß er ſich ein, und ſprach mit keinem ſeiner Bekannten. Endlich erholte er ſich wieder; ſein Bluͤthen⸗ leben war voruͤber; er war ſchnell zum Manne gereift, und fuͤhlte ſeine pflicht, nun auch Fruͤchte zu tragen. Einſtmahls lockte ihn die Morgenſonne, die er lange gemieden hatte, wieder in das Freye. Er ſetzte ſich in die Naͤhe des Marmorbrunnens, und heftete ſein Auge nachdenkend auf den ſo ſchoͤnen Erinnerungen geweihten Boden. Da regten ſich ploͤtzlich alle Wipfel, und wohl bekannte Toͤne drangen an ſein Ohr, doch noch weit ſchoͤner und geiſtiget, als er ſie jemahls 291 gehoͤrt hatte, und da er zum Himmel aufblickte, da ward er zwey Himmels⸗Jungfrauen gewahr, beyde nun duftig und verſchleyert. Und beyde hoben, ihm winkend und ſich zaͤrtlich umſchlin⸗ gend, den aͤtheriſchen Schleyer, und er hoͤrte ihre Stimme:„Nun ſind wir zwey wieder eins— und wir drey ſind es— und werden ewi es bleiben!“ Von nun an war aller Schmerz von ihm genommen; eine ſanfte Ruhe und ſtille Heiterkeit lebte in ſeinem Herzen; alles Irdiſche ſchien ihm keines Laͤchelns, keiner Thraͤne mehr werth; weder Kummer noch Freude ruͤhrte ſein Herz. Er begab ſich nach Italien zuruͤck, unter⸗ nahm waitn Naiſon hald zu Lande bald See, und machte ſeinen Rahmen ſowohl im Ceés binette, als im Felde, auf das ruͤhmlichſte be⸗ kannt. Doch fuͤhrte er mitten im Geraͤuſche des Lebens einen einſamen Wandel, und behielt manche Eigenheiten an ſich, die wider ſeine Abſicht die Neugier Anderer reitzten. Niemand durfte in ſein Cabinett, und gleichwohl betheuer⸗ ten ſeine Bedienten insgeheim, daß man oft Muſik und mehrere Stimmen daſelbſt ver⸗ nehme. 4 Es verbreitete ſich daher endlich ſogar das Geruͤcht, als habe er einen Umgang mit Ver⸗ ſtorbenen, und ſelbſt das geiſtliche Gericht maß 292 dieſer Sage ſo viel Glauben bey, daß es einſt unvermuthet eine Unterſuchung ſeiner Papiere anordnete. Man fand einen zahlreichen Buͤcher⸗ ſchatz und Rechnungen uͤber die bedeutendſten, zu wohlthaͤtigen, weitumfaſſenden Zwecken ver⸗ wendeten Summen, doch nichts weniger als magiſche oder kabbaliſtiſche Schriften, und der vermeintliche Geiſterſeher ward daher auf das ehrenvollſte fuͤr voͤllig unſchuldig erklaͤrt.— Gegen einen Freund, den einzigen, den er zu Zeiten ſeines Vertrauens wuͤrdigte, ſagte er einſt, da ihn dieſer uͤber dieß Geruͤcht befragte, mit dem heiterſten Laͤcheln:„Durch Zauberkreiſe und Linien wirſt du nie Geiſter rufen; frey⸗ 3 ee, der dr Rryſt te nimmer; aber gluͤcklich iſt der zu nennen, der ſchon hiernieden mit der irdiſchen auch die himmliſche Schoͤnheit ſeine Brant neunen durftel“ Erſt in ſeinem achtzigſten Jahre rief der Tod ihn ab. Er lag heiter im Bette, einem Fenſter geßgen uͤber, durch welches ein milder Morgen⸗ wind ſtrich. Sein alter Diener, den er noch aus Corfu mitgebracht und ſtets um ſich gehabt hatte, erzaͤhlte, er habe in den erſten Fruͤhſtunden einen hellen Schimmer und einen Kranz von weißen Blumen uͤber dem Haupte des Don Henarez ſchweben ſehen; der Kranke habe ſich ſchnell in 293 die Hoͤhe gerichtet und beyde Arme gehoben; nach wenig Minuten ſey der Schimmer verſchwunden, und da er ſelbſt Muth geſaßt, dem Bette naͤher zu treten, habe ſein Herr, wie ein ſPrummurn⸗ 5 der Patriarch, die Stirn in die Hand gelegt gehabt, und ſey, ohne die mindeſte Spur der ſonſt gewoͤhnlichen Todesangſt, ſtill und ruhig verſchieden geweſen. Ahhunnn . 1 Inhalt. Das ſchoͤne Eismaͤdchen.. Der Engel und die Schaͤferinn. . Wiligard...... Das Probejahr. 4... ſ Der Abendſtern....—. Der alte Huſar..... Die Braut aus Oſten.. innnninnmnſnnnmnſſſſſſſſiſiſſſſniſſſſſſiiſſiſiiiſniſſſſn 8 9 1 1 12 13 14 15 16 0 1 17 —