Jridric i Nin d ausewahlte for Zxhlungen D) 8 e ſſ— — 3 L.—. 3 3 evptee: Schetl. 6 3 3 Wrer 1 nnhhnneewwhwhrnnnnnnnemen * Ne fratres porro Decios jaetate, Quirites; Haec aliquid Deciis marmora majus habent. Wwhhnn Ein ſchweres Verhaͤngniß ſchien uͤber dem Hauſe des Burggrafen Chriſtian Albrecht von Dohna zu walten. Von acht Soͤhnen, womit ihn ſeine Gemahlinn Sophia*) beſchenkt hatte, waren nach und nach ſechs, theils im Zweykampfe, theils im Felde geblieben. Nur die beyden juͤng⸗ ſten, Carl Emil**) und Dietrich**n) gaben Hoffnung, die maͤnnliche Linie fortzupflanzen. Kaum naͤherten ſich dieſe dem reifern Alter, kaum hatte der Vater den Entſchluß gefaßt, fie von Frankfurt an der Oder, wo ſie ſich des Grafen von H olland Brederode, Tochter, mählt im Jahre 1043. **) Geboren im Auguſt 1658. **) Geboren im September 1659. Er wird von auch Theodor und Theo dorich genanne A 2. *) Sophia Theodora, Johann Wolffhards, 4 halber aufhielten, zuruͤck zu berufen, als er ſelbſt, geziert mit den Wuͤrden eines Chur⸗Brandenbur⸗ giſchen General⸗Feldzeugmeiſters und Statthal⸗ ters zu Halberſtadt, in die Gruft ſank.*) Die Juͤnglinge beſchleunigten nun ihre Ab⸗ reiſe, und fanden die geliebte Mutter in tiefer Traurigkeit. Das noch friſche Andenken an den jetzt erlittenen Verluſt vereinigte ſich hey ihr mit der Erinnerung an ſo viele fruͤhere, und miſchte um ſo herberen Schmerz in die wehmuͤthigen Freuden des Wiederſehens. Ueberall duͤnkten Sophien und ihren Soͤhnen die Zimmer zu weit; denn der treue Gemahl, der theuere Vater man⸗ gelte ihrer Zaͤrtlichkeit; allenthalben trafen ihre Augen auf Gegenſtaͤnde, die das Bild des treff⸗ lichen Todten unwillkuͤhrlich in die Seele zuruͤck⸗ riefen! Nach und nach wich dieß ſchmerzliche Gefuͤhl, und an ſeine Stelle trat anfaͤnglich Ergebung, dann Beruhigung. Der Geiſt des edlen Bruͤder⸗ paares war zu kraͤftig und in der Schule der Weisheit zu gebildet, ihr Gemuͤth war zu feuerig und lebensfroh, ihr Herz fuͤhlte zu richtig, um ſee einem unthaͤtigen, weiblichen Kummer allzu lange nachhaͤngen zu laſſen; um ſie nicht auf 9 um 14. December 1677. Seiner Mutter Schweſten war an den prinzen von Oranien vermäͤhlt, der Wiſſenſchaften und ritterlichen Uebungen — 3 dasjenige zu verweiſen, was Sohnespflicht und Mannſinn jetzt von ihnen erheiſche. Mit verein⸗ ten Kraͤften bemuͤheten ſich beyde, die faſt ange⸗ bethete Mutter unvermerkt ihrem Gram zu ent⸗ fuͤhren. Der Burggraͤfinn entging dieſe kindliche 3 Vorſorge nicht, und ihr großes Herz forderte ſie nicht bloß zu ſtiller Erkenntlichkeit, ſondern auch zu thaͤtiger Vergeltung auf. Was ihr im Anfange nur mit vieler Anſtrengung gelang, gluͤckte bald beſſer, glückte bald vollſtaͤndig; auch ſie erfuhr es an ſich, daß ein maͤchtiger Wille ſich uͤber das Schickſal erhebt. Seldſt in den Stunden der Einſamkeit rich⸗ tete ſie alle ihre Gedanken auf die liebevolle Treue dieſer Soͤhne, auf die viel verſprechende Bluͤthe ihrer Jugend, auf den Adel ihrer Geſin⸗ nungen, auf ihre faſt beyſpielloſe bruͤderliche Ein⸗ tracht, und troͤſtende Hoffnung bemeiſterte ſich wieder eines Herzens, das durch ſo wiederhohlte Pruͤfungen fuͤr jede heitere Empfindung voͤllig ab⸗ geſtumpft ſchien. Doch nicht lange konnte dieſe, ſte aufrichtende Gegenwart der geiſt⸗ und muthvollen Juͤnglinge dauern. So natuͤrlich es war, daß die Graͤfinn mit aller Staͤrke muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit an die⸗ ſen letzten Zweigen ihrer Familie hing; ſo gebie⸗ theriſch forderte auch die Nothwendigkeit abermah⸗ iigs lange Trennung. Damahls war es allgemeine — — — — Sitte, daß jeder junge Mann aus den hoͤheren Staͤnden, der auf Staats⸗Aemter, ja nur auf Achtung Anſpruch machte, vor ſeinem Eintritte in das thaͤrige Leben, eine Reiſe in das Ausland un⸗ ternehmen mußte. Carl und Dietrich, deren Ehrgefuͤhl ſchon in fruͤher Kindheit durch das Beyſpiel ihrer Ahnen geweckt worden war, die an Begierde, ſich auszuzeichnen, keinem etwas nachgaben, an Lebhaftigkeit und Feuer des Gei⸗ ſtes, ja ſelbſt an koͤrperlicher Schoͤnheit und Ge⸗ wandtheit, wenigſtens unter die Erſten gehoͤrten, durften in nichts zuruck bleiben, was auf ihr küuͤnftiges Schickſal ſo bedeutenden Einfluß ha⸗ ben und ihnen den Weg der Ehre gleichſam erſt eroͤffnen mußte! Zagend, und erſt nach mancher Vorbereitung, entdeckten ſie der Gräfinn ihr Vorhaben, und fanden ſie, wie es ſchien, laͤngſt auf ſo etwas ge⸗ faßt, fanden ſie weit ſtandhafter und in das Un⸗ vermeidliche ergeben, als man zu erwarten ge⸗ wagt hatte. Mit wenig, doch feſten Worten, gab ſie ſogleich ihre Einwilligung, und nur ihre ſchnelle Entfernung aus dem Zimmer ließ die Soͤhne zweifelhaft, ob ihnen ein ſelbſt den Mann ehrender Grundſatz, uͤber nicht zu aͤndernde Dinge kurz zu ſeyn, oder nicht laͤnger zu bekaͤm⸗ ziche. 3 ofender Schmerz ihre Gegenwart ſo eilig ent⸗ . 4 4 8 eygeſetzt. 7 Die Burggraͤfinn beſchloß nun die Ausfuͤh⸗ rung des ſchon fruͤher geaͤußerten Vorſatzes, ſich auf ein angenehm gelegenes Erbgut, wo nebſt mehrern Burggrafen auch drey ihrer Soͤhne be⸗ graben lagen*), in den Schooß der Einſamkeit zuruͤck zu ziehen. Die vierzehnjaͤhrige Tochter ei⸗ ner kuͤrzlich verſtorbenen Freundinn, deren Vater ſich als Geſandter in London aufhielt, Maria Freyinn von Schwerin, aͤußerte den Wunſch, die ſtillen Freuden des Landlebens unter ihrem Schutze zu genießen, und Sophie hieß ſie als eine ihr vom Himmel geſchenkte Troͤſterinn mit Freu⸗ den willkommen. Nun erſt fühlte ſich das Herz der beyden jungen Grafen voͤllig erleichtert; nun erſt erga⸗ ben ſie ſich uneingeſchraͤnkt dem Vergnuͤgen uͤber die bevorſtehende Reiſe, von welcher ihre Fan⸗ taſte ſich unendlich viel verſprach; denn ſte konn⸗ ten ja die theuere Mutter in der erheiternden Geſellſchaft, unter der liebreichen Pflege eines edlen weiblichen Weſens hinterlaſſen, deſſen Herzensguͤte allgemein geruͤhmt ward! Aber die Beruhigung, die ſie hieruͤber empfanden, ging in lante Freude, in nicht zu verbergendes Entzüͤcken über, als die Erwartete ankam, und ihre holde Geſtalt, ihre aus jeder Miene und Bewegung 3 » Ihr Gemahl, Chriſtian Abeee, wurde in dn Güſten hervorgehende Sanftmuth, die tiefe Verehrung, welche ſie ihrer muͤtterlichen Freundinn erwies, die zärtlichen Soͤhne auf das vollkommenſte uͤber⸗ zeugte, daß, wenn etwas Sophien uͤber die bevor⸗ ſtehende Trennung troͤſten, und ihre Abgeſchie⸗ denheit freundlich verſchoͤnern koͤnne, es der Um⸗ gang mit dieſem ſo ganz, wie fuͤr ſie geſchaffenen jungen Frauenzimmer ſeyn werde. Sie ſuchten daher alles hervor, was ſich ihnen nur darboth⸗ dem Fraͤulein ihre innigſte Dankbarkeit an den Tag zu legen, und belegten ſie mit den ſchmei⸗ chelhafteſten Nahmen, unter welchen der Schwe⸗ ſternahme allen Theilen der reitzendſte ſchien. Dann traten ſte, begleitet von Mutterſegen und Mutterthraͤnen, in welche die neue Schwe⸗ ſter wehmuͤthig laͤchelnd die ihrigen miſchte, ihre Aeiſe nach Frankreich, Holland und Eng⸗ land an. Sie brachten in dieſen Laͤndern einige Jabre zu, erwarben ſich an allen Hoͤfen, die ſie boeſuchten, die Gunſt der Regierenden und den Beyfall der Damen, fanden, ihrer Kenntniſſe und gefaͤlligen Sitten halber, bey den ausgezeichnete⸗ ſten Maͤnnern wohlwollende Aufnahme, und kehrten endlich, geſtaͤrkt an Seele und Leib, be⸗ reichert mit einem Schatze mannigfaltiger Erfah⸗ erungen, durch den vorauseilenden Ruf als die edelſten Cavaliere und eintraͤchtigſten Bruͤder auf a⸗ vortheilhafteſte angeküͤndigt, in das, damabls *2 —— 86 . 9 unter der langen Regierung ſeines großen Chur⸗ fuͤrſten, Fridrich Wilhelm»), im ſchoͤn⸗ ſten Flore ſtehende Brandenburg zuruͤck. Die Frende muß, wie die Bluͤthe des Baumes, nur allmaͤhlich, nicht ploͤtzlich hervortreiben, ſoll ſie dem weichen, alternden Stamme nicht nach⸗ theilig werden. So hoch den edlen Soͤhnen das Herz ſchlug, als ſie auf der letzten Station ihren Reiſewagen mit den Reitpferden vertauſchten; ſo wenig ſie ſich es, als ſie zuerſt den Thurm des muͤt⸗ terlichen Witwenſitzes erblickten, verſagen konn⸗ ten, einen Angenblick anzuhalten und einander feurig zu umarmen; ſo wenig konnten ſie ſich auch von der Beſorgniß losreißen, daß ihre beſchleu⸗ nigte Ankunft die Geſundheit der theueren Mut⸗ ter vielleicht erſchuͤttern koͤnne. Brrathſchlagend, wie dieß zu vermeiden ſtehe, und gleich den Heroen Caſtor und Pollux, die ſelbſt das Gluͤck der Unſterblichkeit mit ein⸗ ander theilen wollten, im ſchoͤnen Wettſtreite be⸗ fangen, wer die Thuͤr oͤffnen, wer zuerſt eintre⸗ ten, wer zuerſt der Mutter in die Arme fliegen ſolle, kamen ſie dem Landſitze immer naͤher. Schon blinkten ihnen die weißen Mauern des 4 Schloſſes von fern entgegen; ſchon gelangten ſie *) Geboren den 6. Februar 1620, zur Regierung gelangt 1641, geſterben den 290. Aprill 1688. — 2 1 40 in die Schatten der dahin fuͤhrenden Linden⸗Allee; als der Falkenblick Dietrichs in einem Seiten⸗ gebuͤſche ein kniendes Frauenzimmer entdeckte, daß, ſo bald es die Reiter gewahr ward, ſich ſchnell erhob und im Begriffe ſtand, nach dem Schloſſe zu eilen. „Dort ſchickt uns der Himmel ſelbſt eine Bothinn an die Mutter!“— rief Dietrich aus, und ſprang augenblicklich vom Pferde. Auch Graf Carl uͤberließ das ſeinige dem Reitknechte, und folgte ſeinem Bruder auf dem Fnße. Das junge Frauenzimmer, ob wohl uͤberraſcht und etwas aͤngſtlich, wandte ſich mit unbeſchreib⸗ licher Anmuth nach den ihr nacheilenden An⸗ koͤmmlingen. Ihre Wangen ſchienen hoͤher zu erroͤthen, als die Noſenknospen an ihrem Buſen; ihre dunkeln, von Thraͤnen verſilberten Augen glichen den Veilchen, wenn der Thau des Mor⸗ gens in ihrem Kelche blitzt. DBeyde Bruͤder, ob ſchon des Umganges mit den vorzüglichſten Schoͤnen fremder Hoͤfe nicht uungewohnt, fuͤhlten eine nie empfundene Beklom⸗ maenheit; ſie begruͤßten die junge Dame ſtillſchwei⸗ gend, doch mit einem Blicke, der jedem andern Mldchen, nur dieſer unſchuldvollen Heiligen nicht, die Bewegungen ihres Herzens deutlich verrathen haͤtte. —— 9 A 3 172 „Was iſt ihnen“— hub Dietrich mit der feurigſten Theilnahme zuerſt an, da aus ihren zur Erde geſchlagenen Augen eine Thraͤne uͤber die Wange perlte—„was iſt ihnen, edles Fraͤu⸗ lein, oder— wie ſoll ich ſie ſonſt nennen 27 „Nichts, nichts, Herr Graf!“— erwiederte das Fraͤulein mit einer Unruhe, als waͤhnte ſie den Gegenſtand ihres, fuͤr die Wuͤnſche der verehr⸗ ten Freundinn zum Himmel geſandten Gebeths errathen— nur die Freude— die Sehnſucht meiner zweyten Mutter, meine Ungeduld— o je⸗ der hier verlorene Augenblick waͤre ein Raub an dem Herzen der edelſten Freundinn!“ Sie ſtand im Begriffe, voraus zu eilen; die beyden Grafen, die nur an der Stimme die zur holdeſten Jungfrau heran gereifte Maria wieder erkannten, beſtuͤrmten ſie mit den zaͤrtlichſten Bitten, noch ein wenig zu verziehen, und ent⸗ deckten ihr mit ganz aus der Seele ſtroͤmender Beredſamkeit die Abſicht, ſie zur Vermittlerinn der erſten Wiederumarmung zu machen. „O trefflich, herrlich!“— verſetzte Maria mit tiefer Empfindung—„Der Graͤfinn Wahl⸗ ſpruch: Wohl dem, der Freude an ſeinen Kinder erlebt! geht in die ſchoͤnſte Erfuͤllung!“. Sie erzaͤhlte hierauf den beyden Bruͤdern, daß ihr letzter, Freude verkuͤndender Brief richtig 1 angefommen ſey! daß die Graͤfnn, um nur die 142 SZeit hinzubringen und ihre Ungeduld zu bemei⸗ ſtern, ſchon ſeit einigen Tagen alle Zimmer zum Empfange mit Blumen geſchmuͤckt habe; daß ſie ſelbſt ſchon mehrere Mahle auf die Anhoͤhe gegan⸗ gen ſey, um zuerſt die Erwarteten zu erblicken und die frohe Bothſchaft zu uͤberbringen. Dann hieß ſie die Grafen nur langſam nachfolgen, und flog mit ſchnellen Schritten nach dein Schloſſe. Ihre eilige Ankunft, noch mehr aber ihr Blick, verrieth der am offenen Fenſter ſtehenden Gräfinn Mutter einen der froheſten Augenblicke ihres Lebens. Sie wollte die Treppe hinab, aber ihre zitternden Knie verſagten ihr dieſen Dienſt; halb ohnmaͤchtig ſank ſie an die Bruſt der herzu⸗ fliegenden Maria, und erwachte erſt in ihrem Zimmer zu der Umarmung der von ihr knieenden, ihre Hand mit Kuͤſſen bedeckenden Soͤhne. Mun verlebte die Graͤfinn mit ihren drey Kindern— denn das Fraͤulein ſollte und mußte durchaus auch dafuͤr gelten— einen gluͤcklichen Monath, wie in dieſer Reinheit noch wenig Sterblichen zu Theil ward. Doch auch er, wie alle menſchliche Freuden, verfloß nur gar zu bald, und die Grafen mußten ſich, um ihrer laͤngſt er⸗ waäblten Beſtimmung baldigſt naͤher zu kommen, an den Hof des Churfuͤrſten verfuͤgen. Bekanntlich hatte dieſer eben ſo ſiegreiche, als ſtaatskluge, damahls faſt ſechzigjaͤhrige Fuͤrſt 8 13 und Feldherr die Ehre des Brandenburgiſchen Nahmens wider die Schweden, Pohlen und Fran⸗ zoſen, ja ſelbſt zur See wieder die Spanier gel⸗ tend gemacht, und ſogar noch vor kurzem auf den Kuͤſten Jamaica's den Brandenburgiſchen Adler aufpflanzen laſſen. Seine Heldengroͤße ward uͤberall eben ſo gefuͤrchtet, als die Weis⸗ heit ſeines Cabinetts dem Auslande Bewunderung abdrang; ihn nennt die Geſchichte den Stifter und Gruͤnder des nachmahligen Koͤnigreichs Preußen! Was war daher wohl natuͤrlicher, als daß hoher Geiſt und Muth ſelbſt die Geringſten ſei⸗ ner Unterthanen entflammte*), als daß jeder junge Mann, der ſich fuͤhlte, vor Begierde *) So ergriffen zum Beyſpiele im Jahre 1675, da die Schweden unter dem Feld⸗Marſchall Wrangel in die Brandenburgiſchen Länder einfielen, die Branden⸗ burgiſchen Bauern unaufgefordert die Waffen. Sie ver⸗ theilten ſich ſelbſt in Compagnien, und führten in ihren Fahnen des Churfürſten Nahmenszug und Wapen mit der Umſchrift: „Wir ſind Bauern von geringem Gut, „Und dienen unſerm Churfürſten mit unſerm Blut.“ Die Schweden wurden am 18. Junius 1625 von dem Heere des Churfürſten geſchlagen. Zwey tauſend fünf hundert blieben auf der Wahlſtatt; eilf Fahnen und acht Stücke nebſt vieler Bagage fielen den Siezein in die Häude⸗. brannte, in dem Cabinette dieſes großen Fuͤrſten ſich empor zu ſchwingen, oder unter ſeinen ſieg⸗ reichen Fahnen Ruhm zu erwerben? Auch die beyden Grafen Dohna hatten oft auf ihren Reiſen mit hohem Patriotismus, doch nicht ganz ohne edle Mißgnnſt, die Thaten der Brandenburgiſchen Heere vernommen, und konn⸗ ten kaum den Zeitpunct erwarten, wo es ihnen vergoͤnnt ſeyn wuͤrde, mit andern tapfern Söh⸗ nen des Vaterlandes zu wetteifern. Das auffor⸗ dernde Beyſpiel ihrer Vaͤter und Urvaͤter, ihr jugendlicher Muth, ihre Geſchicklichkeit in rit⸗ terlichen Uebungen, die maͤnnliche Staͤrke ihres Koͤrpers, ließen ihnen zwiſchen der Feder und dem Degen keine Wahl, und der Gedanke, als Soldat dem Vaterlande zu dienen, war der ein⸗ zige, welcher ſie ſogar während des Umganges mit der geliebten Mutter und mit der ſanften Maria zuweilen in marternde Unruhe verſetzte. So zaͤrtlich beſorgt das Mutterherz der Graͤfinn Sophie fuͤr die beyden Letzten ihres Hauſes war, ſo beaͤngſtigend ihr oft die Schatten ihrer gebliebenen Soͤhne erſcheinen mußten; ſo fuͤhlte doch auch ſie zu lebhaft den Ruf der Ehre, um nicht die Schwachheit ihres Herzens nieder zu kaͤmpfen, und den Entſchluß der heldenmuͤthigen Juͤnglinge zu billigen. Sie eutließ ſie mit einer Standhaftigkeit, die ſelbſt einer Nömerinn Ehre 6 —., .. 13 gemacht haben wuͤrde, und nur Fraͤulein Maria war Zeuginn der Thraͤnen, welche nach dem Ab⸗ ſchiede des edlen Bruͤderpaares ungehindert floſſen. Kaum hatten die Grafen Carl und Dietrich ſich dem ehrwuͤrdigen Helden vorgeſtellt, als er ſie mit unverhehltem Wohlgefallen unter ſein Heer aufnahm. So wohnten ſie denn dem Feldzuge im Elſaß gegen Frankreich, und dem Feldzuge in Pommern gegen Schweden bey; ja, als die innere Ruhe des Vaterlandes es geſtattete und ihre Ruhmbegierde ſie nicht raſten ließ, ſo begaben ſie ſich ſpaͤterhin mit Erlaubniß des Churfuͤrſten als Freywillige in kaiſerliche Kriegs⸗ dienſte. Auch hier zeichneten ſich beyde, und zwar Carl in Pohlen, Dietrich aber bey der beruͤhmten Belagerung von Neuhaͤuſel“), auf das vor⸗ theilhafteſte aus, und benutzten dagegen jedes Mahl die Winterzeit, wo nach damahligem Kriegs⸗ gebrauche die Armeen oft gaͤnzlich aus einander* gingen, um den ſanfteren Forderungen ihres Her⸗ zens durch einen Zuſpruch bey Sophien und Marien zu genuͤgen. Schon der erſte Eindruck, den die fromme, holdſelige Maria in der Linden⸗Allee auf die zu⸗ ruͤckkehrenden Bruͤder machte, hatte ihr Bild den Herzen der feurigen Juͤnglinge zu tief eingepraͤgt, *) Sie dauerte voin 27. Junius bis zum 0. Auguſt 1638- 16 um es je wieder daraus verſchwinden zu laſſen; die von Zeit zu Zeit wiederhohlten Beſuche, bey welchen die reitzende Jungfrau dem Zuge ihres theilnehmenden, ſchweſterlich fuͤhlenden Herzeus ſich ganz unbeſorgt uͤberließ, fachten in dem ver⸗ ſchwiſterten Kleeblatte eine ihm ſelbſt unbekannte Leidenſchaft an, deren Gluth die Eintracht der trefflichen Bruͤder mit den furchtharſten Pruͤ⸗ fungen bedrohete. Wie die Umwohner eines Vulkans ſich uͤber ihre geſegneten Saaten freuen, nicht ahndend, daß das verſchloſſene Element, das dieſe Frurchtbarkeit hervor bringt, vielleicht bald ſeine Bande ſpren⸗ gen, und ihre Huͤtten und Herden verzehren werde, ſo freuete ſich auch die Graͤfinn Sophie dieſer wechſelſeitigen Anhaͤnglichkeit; ſie fahe in dieſer Bluͤthe nur die Frucht eines laͤngſt gehaͤg⸗ ten Wunſches heran reifen! Ihr Alter und ihre zunehmende Kraͤnklich⸗ keit hatte in ihr ſchon ſeit einigen Jahren das 8 Verlangen erzeugt, wenigſtens einen ihrer Soͤhne verheirathet zu ſehen, und ihn durch dieſe liebe⸗ vollen Bande von der allzu weit gehenden Ehr⸗ ſucht, die das Mutterherz unaufhoͤrlich fuͤr das Bruͤderpaar zittern machte, in etwas zuruͤck zu ziehen. Sie kannte das groͤßere Feuer des juͤn⸗ gern Dietrichs zu gut, als auf dieſen ihre Hoff⸗ aung zu ſetzen; Carſs ſanfteres Gemuͤth hin⸗ 4 8 3 1 —— . 27 gegen und ſelbſt die Ordͤnung der Natur, die ihn zum aͤltern Bruder gemacht hatte, ſelbſt der Zufall, durch welchen ihn um dieſe Zeit von ei⸗ nem mütterlichen Verwandten die ſouveraine Herrſchaft Vianen*) zufiel, verſprachen ihr eher Gewaͤhrung. Sie machte damit den Anfang, ihre liebe Geſellſchafterinn Maria, die ſie ſich vor allen Maͤdchen zur Schwiegertochter wuͤnſchte, uͤber ihre Geſinnungen gegen den Grafen Carl auszufor⸗ ſchen. Dieſe kannte keine groͤßere Gluͤckſeligkeit, als jeden Wunſch der verehrten Freundinn zu er⸗ fuͤllen. Sie ſchwieg einige Augenblicke, und ſuchte dann der Graͤfinn ihre Dankbarkeit fuͤr ihre muͤtterliche Guͤte auf jede Weiſe zu erkennen zu geben. So glaubte denn Sophie bey dieſer Sache voͤllig gewiß zu ſeyn!. Die bald darauf erfolgte fruͤhere Ankunft des aͤltern Bruders gab der Graͤfinn Gelegenheit, den entworfenen Plan weiter zu verfolgen. Auch dieſem entdeckte ſie ihre muͤtterlichen Wuͤnſche, nannte Maria— und fand die freudigſte Erwie⸗ *) In der Provinz Holland gelegen. Graf Carl Emil er⸗ erbte ſie nach dem Ausſterben der Grafen Brederode. Späterhin gelangte ſie an einen Grafen von der Lippez deſſen Enkel trat ſie an den Grafen von Horn⸗ geſchab, der ſie wiederum im Jahre 1225 für 000,000 Gulden an die Staaten von Holland verkaufte. 18 derung, erhielt die beſtimmteſte Zuſage! Sie dankte mit heißem Gebethe der Vorſicht, und ſahe, da ſie an der Einwilligung von Maria's Vater nicht zweifeln durfte, eine der letzten und ſehn⸗ lichſten Hoffnungen ihres Lebens in ſchoͤne Er⸗ fuͤllung gehen. Bey ſo vorbereiteten Herzen der beyden fuͤr einander Beſtimmten ward es der Graͤfinn leicht, ſie einander naͤher zu bringen. Graf Carl geſtand mit aller Waͤrme eines edlen maͤnnlichen Herzens der erroͤthenden Maria ſeine ſchon ſeit Jahren gehaͤgte, ſelbſt im Getuͤmmel der Schlacht nie von ihm gewichene Leidenſchaft; Maria ver⸗ ſicherte ihn mit jungfraͤulicher Beklommenheit ihrer ſchon frühern, ſiets ſchweſterlichen Zunei⸗ gung, und reichte ihm mit hervorbrechenden Shraͤnen zum Zeichen ihrer Einwilligung die Hand. Von nun an ſchwebte Carl in einem Him⸗ mel von Freuden, und eilte, indeß die Graͤfinn und Maria Briefe nach London abgehen ließen, dieß frohe Ereigniß vor allen Dingen dem gelieb⸗ ten Bruder zu melden, ohne deſſen Mitgenuß er kein Glück fuͤr vollkommen hielt. Graf Dietrich antwortete eben ſo ſchnell. Jedes Wort, das er ſchrieb, war der ſprechendſte Beweiß ſeines bruͤderlich theilnehmenden, hoch⸗ erfreuten Gemuͤthes. Er fuͤgte die Nachricht hinzu, 19 daß er nun um ſo eher, daß er gewiß recht bald auf dem Schloſſe eintreffen werde, um von dem Entzuͤcken des Brautpaares, das die ſchoͤnſten Rei⸗ gungen ſeines eigenen Herzens in ſich vereine, einen Augenzeugen abzugeben, und ſich ganz der Freude zu uͤberlaſſen. In der That traf er auch nach einigen Wo⸗ chen auf dem Gute ein, und war er ſchon laͤngſt als der angenehmſte, witzigſte Geſellſchafter, als der Beleber aller gebildeten Kreiſe bekannt; ſo dachte er jetzt auf nichts, als wie er ſeinem Bru⸗ der die herzlichſte Liebe, der Braut aber die hoͤchſte Achtung, die treueſte Ergebenheit, durch mancherley Feſte an den Tag legen koͤnne. Der ſtille Witwenſitz verwandelte ſich unter ſeiner Veranſtaltung in einen Schauplatz unmittelbar hinter einander folgender Vergnuͤgungen; er ſelbſt ſchien der Gluͤckliche, dem die reitzendſte aller Braͤute zu Theil worden ſey! So genoß denn Sophie der ungetruͤbteſten Freuden, und ſahe ſich, da auch nach einiger Zeit die Einwilligung von Maria's Vater ein⸗ ging, an dem Ziele ihrer Wuͤnſche. Nur weil es noch ungewiß war, ob der Churfuͤrſt in dem be⸗ vorſtehenden Jahre dem Kaiſer mehr Huͤlfsvoͤlker gegen die Tuͤrken ſchicken werde, als wozu ſeine reichsſtaͤndiſche Verpflichtung ihn verband, und dem Grafen Carl in dieſem Falle das Geſetz der 20 Ehre nicht erlaubte, ſeinen Abſchied zu forderu, ward beſchloſſen, die Bekanntmachung der vor⸗ habenden Verbindung annoch aufzuſchieben. Doch die, nur durch eine leiſe Beſorgniß zu⸗ weilen getruͤbte Ruhe des Landlebens wurde ploͤtzlich auf das unſaufteſte unterbrochen, da ein Eilbothe die beyden jungen Grafen ſchleunigſt nach Berlin berief. Zwar ſtellten ſich beyde ſehr gleichguͤltig, und wendeten eine unbedeu⸗ tende Urſache vor; allein die Augen der bekuͤm⸗ merten Mutter, die ſanfte Zaͤrtlichkeit der jun⸗ gen Verlobten, waren zu ſcharfſichtig, um nicht zu errathen, daß wahrſcheinlich ihren Hoffnungen der gefuͤrchtete Sturm drohe. Dieſe Beunruhigung erhielt auch nach Verfluß einer Woche keinen geringen Zuwachs, als die Grafen meldeten, der Kaltſinn, welcher bisher zwiſchen dem Kaiſerlichen und Churfuͤrſtlichen Hofe obgewaltet, ſey durch kluge Unterhandlun⸗ gen beſeitigt, und es ſtehe nicht mehr im Zwei⸗ fel, daß Brandenburg bey dem naͤchſten Feldzuge wenigſtens acht tauſend Mann in das Feld ſtellen werde.„llebrigens“— ſetzten ſie hinzu—„wuͤr⸗ 4 den ſi ſie mit naͤchſtem perſoͤnlich auf dem Schloſſe eintreffen, um Ueberbringer einer ſehr angeneh⸗ men und erhebenden Nachricht zu ſeyn!* Dieſes troͤſtlichen Schluſſes ungeachtet, war doch der erhaltene Brief fuͤr das Herz der Mut⸗ 1 — 2⅔ ter ein Donnerſchlag. So gewohnt ſie es ſeyn mußte, das Leben ihrer Soͤhne immer in Gefahr, und ſich ſelbſt als vielleicht voͤllig verwaiſet anzu⸗ ſehen; ſo fuͤhlte ſie doch dieß Mahl eine ſonſt nie gewohnte Beaͤngſtigung, und, die Behuthſam⸗ keit, mit welcher die Ausdruͤcke des Briefes ge⸗ waͤhlt waren, verzuͤglich das Stillſchweigen uͤber die Hauptſache, war ihr Beweiſes genug, daß ihre Soͤhne auch diesß Mahl dem Feldzuge bey⸗ wohnen wüͤrden. So ſehr die ſelbſt nichts hof⸗ fende Maria ſich bemuͤhete, immer nur die letz⸗ ten Worte des Briefes geltend zu machen, ſo furchtlos waren doch alle dieſe Verſuche. Nach einer ſchlafkoſen Nacht, faßte die Graͤ⸗ finn, da eben zum Gottesdienſte gelaͤutet wurde, den Entſchluß, in den huͤlfreichen Armen der Re⸗ ligion Troſt und Staͤrkung zu ſuchen; Maria begleitete ſie, wie immer, alſo auch heute in die Capelle. In der That empfand Sophie waͤhrend des Geſanges und der Predigt einige Linderung; doch konnte ſie es ſich nach beendigtem Gottes⸗ dienſte nicht verſagen, die Gruft ihrer Kinder zu beſuchen.„O, ſie alle,— ſagten ſie zu dem ihr folgenden Fraͤulein—„ſtarben nicht unter mei⸗ ner Pflege, nicht in meinen Armen; ſollte des Allguͤtigen Rathſchluß auch uͤber die letzten ein Gleiches verhaͤngen?n— Maria ſchuͤttelte nur 22 ſchweigend, mit einem Blicke gen Himmel, den Kopf; ſie verließen das ſchaurige Todtengewoͤlbe. Der waͤrmende Strahl eines fruͤhen Lenzta⸗ ges begruͤßte ſte an der Kirchenthuͤr; wolkenleer war der Himmel, und das erſte Grün bedeckte den Fußboden. Unwillkuͤhrlich erhoben beyde, von dieſer Fruͤh lingspracht uͤberraſcht, Ihne ein Wort zu ſagen, Augen und Haͤnde, und ſchlugen einen kleinen Umweg ein, um durch den Garten in das Schloß zu gelangen. Da erblickten ſie auf der Landſtraße einen eiſewagen, von zwey Officie⸗ ren zu Pferde begleiteet.. Die Chaiſe hielt an der Gartenthuͤr; die Reeiiter ſaßen ab; ein wohlgebildeter, ungefaͤhr dreyßigjaͤhriger Mann, eine ſchlanke Dame, ſtie⸗ gen aus; ſie konnten nicht daran zweifeln, daß ihnen von Nachbarn und Freunden ein Beſuch zugedacht ſey. Jetzt ſchienen die Fremden auch Sophien und Marien zu erblicken. Einer der Officiere reichte er Dame den Arm; der Mann in buͤrgerlicher Kleidung nebſt dem andern Officier folgten in kleiner Entfernung. Der Graͤfinn ſchon vom Al⸗ ter getruͤbter Blick ſtrengte ſich vergeblich an, die Beſuchenden zu erkennen. Erſt als ſie naͤher ka⸗ men, und die junge Frau voller Ungeduld den Arm ihres Begleiters verließ; erſt als die An⸗ nehmlichkeit ihrer Bewegungen, die Schlankheit 4. 28 ihres Wuchſes, und vorzuͤglich die ganz ungewoͤhn⸗ liche, blendende Weiſe ihrer Haut, Sophien in die Augen ſielen, blieb dieſer kein Zweifel mehr uͤbrig.—„Doris von Canitz!“— rief ſie aus, und breitete ihr die Arme, wie einer holden, himmliſchen Erſcheinung, entgegen.— Eitler Wahn des Nachruhmes, wohl gar der Uuſterblichkeit, womit oft die Mitwelt ihren Dichtern ſchmeichelt, womit dieſe oft ſelbſt, im ſuͤßen Rauſche der Fantaſie, im ſtillen Bewußt⸗ ſeyn edlerer Ankunft, ſich uͤber eine Gegenwart erheben! Wie ſo leicht, ihr bemitleidenswerthen Glucklichen, laßt ihr euch durch den Sirenen⸗ geſang derer, die euch lieben und achten, zu der ſtolzen Hoffnung verlocken, auch die ſpaͤte Nach⸗ welt werde euch dankbar nennen! 3 Aber oͤffnet doch euere Augen, greift in eueren Buſen, und fragt euch, welcher Lohn euch ſelbſt von den Zeitgenoſſen zu Theil wird? Mag euch. ein ſchoͤn uͤberraſchtes, aber„ft eben ſo ſchnell vorüberwallendes Gefuͤhl, ofßer blindes Nach⸗ ſchwatzen, vergoͤttern; die meiſten ſuchen bey euch doch nur Ausfuͤllung ihrer müͤßigen Stun⸗ den, und wohl keiner empfindet, was ihr empfan⸗ det, keiner freuet ſich euerer Freude, keinen bekuͤm⸗ mert euer Kummer! Seyd ihr dann allen irdiſchen Leiden und Freuden, und dem werthloſen Lohe der Schmeich⸗ 4 ler, wie der kleinlichen Neckerey des Neides, ent⸗ nommen, dann erhebt an euerem Grabe das Ge⸗ ruͤcht noch ein Mahl ſeine feile Stimme, um der ſtaunenden Welt zu verkuͤnden, nie werde euer Lorber welken, dauern werde euer Ruhm, gleich den ewigen Sternen des Firmamenis! Gutmu⸗ thig glauben das vielleicht die Soͤhne der euch gleichzeitigen Vaͤter auf das Wort; aber ſie ſin⸗ ken dahin;;Werfeinerung, auch nur Veraͤnderung der Sprache und des Geſchmackes, laſſen das Vergangene veralten, und der Urenkel, dem ir⸗ gend ein Zufall die Reliquien euerer ſeligſten Stunden in die Hand ſpielt, betrachtet ſie mit derſelben Miene ſpoͤttelnder Ehrerbiethung, wie die Alongen⸗Perruͤcken und Fontangen der modern⸗ den Ahnenbilder! Doch auch den Urenkel und eine Folgereihe ſeiner Abkömmlinge ereilt das Schickſal; ein Voͤl⸗ kerſturm faͤhrt dahin uͤber den Erdboden; allge⸗ meine Verheerung verſchuͤttet, gleich einem La⸗ vaſtrome, die lebendige Sprache. Vielleicht ſind euere unſterblich gegriefene Nahmen und Geſaͤnge nun begraben auf ki ig— wer bürgt uns, daß Aegypter und Phoͤnzeier, daß laͤngſt vergeſſene Nationen, nicht auch ihre Homere und Oſſiaͤne beſatzen?— vielleicht auch findet man einſt euere geiſtigen Ueberreſte in irgend einem verborgenen Erdwintel, in einem neu aufgegrabenen Pompeji⸗ „ Die ——————— — 25 Die junge Welt ahndet nun verborgene Schaͤtze; Neugier, vielleicht auch edler Durſt nach Wiſſen, muͤhet ſich ab, die Hieroglyphen zu entziffern, und findet mit Erſtaunen, daß auch unter den Horden untergegangener Barbaren Herzen menſchlich fuͤhlten, Geiſter mit hoͤherer Wuͤrde erfuͤllt wa⸗ ren! Einige, vielleicht mebrere Jahrhunderte prangt dann das Wiedergefundene mit der Glorie ſeiner Alterthuͤmlichkeit und Palingeneſte umge⸗ ben; aber nun ziehen neue Stüͤrme uͤber die Erde, verwehen den Fund mit dem Finder, wer⸗ fen ſie beyde vereint in den gähnenden Schlund der Vernichtung.— Doch zuruͤck von dieſer Ausſchweifung, wozu uns nur der Nahme des edlen Saͤngers Cani tz*) verleitete! Auch er, obſchon zu jener Zeit, in wel⸗ che dieſe Geſchichte faͤllt, als Dichter nur ſeinen Freunden, den uͤbrigen Zeitgenoſſen aber, unge⸗ achtet ſeines noch zugendlichen Alters, als der vorſichtigſte und gewandteſte Staatsmann bekannt, 4 ) Fridrich Rudolf Ludwig, ſpäterhin Fre j⸗ herr, von Cani t, ward nach ſeines Vaters Tode ge⸗ boren den 27. November 1654, und ſtarb in ſeinem 45. Jahre, als Chur⸗ Brandenburgiſcher geheimer Staats⸗ rath, am 11. Auguſt 1699. Seine geſammelten Ge⸗ dichte erſchienen erſt nach ſeinem Tode im Jahre 1700, und wurden zehn Mahl wieder aufgelegt. Unterhalt, Biblioth. 11, B. B ward bey Lebzeiten von allen, die etwas von ſeinen Poeſien in Abſchrift erhalten konnten, nach ſeinem Tode aber allgemein, als der Wie⸗ derherſteller eines reineren Geſchmackes, als ein Muſter fuͤr kuͤnftige Geſchlechter geprieſen; nicht nur ſein Gedaͤchniß, ſondern auch das Andenken ſeiner liebenswuͤrdigen Gattinn, der von ihm gefeverten Doris*), konnte nach Verſicherung der bewaͤhrteſten Kenner der Unſterblichkeit nicht entgehen! Und doch— wie viele leben nicht ſchon jetzt, die ſeinen Nahmen nur aus fluͤchtiger Ueber⸗ lieferung kennen? und wo anders, als etwa in einer Geſchichte Deutſcher Poeſie, wird man ihn aufhewahrt finden, wenn auch dieſe vergaͤngli⸗ „ Dorothea Emerentia, aus dem Geſchlechte der von Arnimb, ward geboren den 10. Februar 1656, an Canitz vermählt im Jahre 1681 und ſtarb in einem Alter von 39 Jahren, am 90. Aprill 1695. Unter ihr Bild ſchrieb der zu ſeiner Zeit ſehr geſchätzte Dichter Köni g die noch nicht ganz ve zeſſenen Verſe: „Dieſß iſt das ſittſame Geſicht, „Dieß iſt die Doris, die Geliebte, „Die ihren Eanitz eher nicht, „Als nur durch ihren Tod betrübte: Canitzens eigene Klag⸗Ode über ihren Tod ſindet ſich in ſeinen Gedichten S. 160, ſo wie eine dergleichen des damahls auch berühmten Beſßers in deſſen Gedichten 5. 286,(nach den Ausgaben von König.) * —— 27 chen, ſein Andenken ehrenden Blaͤtter ihren kur⸗ zen Fruͤhling verlebt haben? Die Liebenswuͤrdigkeit ſeines Charakters„ ſo wie ſeine Verdienſte als Geſchaͤftsmann und Dich⸗ ter, finden ſich in ſeinen eigenen und ſeiner Zeit⸗ genoſſen Schriften; zu unſerer Erzaͤhlung ge⸗ hoͤrt nur ſo viel, daß dieſer durch die Muſen und den Beſuch fremder Laͤnder auf das Edelſte aus⸗ gebildete Mann, von deſſen warmem, wahrhaft adeligem Gefuͤhle fuͤr Freundſchaft die ruͤhrend⸗ ſten Zuͤge ſich vorfinden*), wie mit den Treff. lichſten des In⸗ und Auslandes, alſo auch mit den jungen Grafen Dohna und der verwitweten Graͤfinn, durch die Bande gegenſeitrger Zunei⸗ gung verbunden war.* So oft die Angelegenheiten des Hofes ſeine Entfernung geſtatteten, zog er ſich auf ſein laͤnd⸗ liches Sorgenfrey, Blumenber g**), zuruͤck, um an der Seite ſeiner reitzenden Gemahlinn und ihrer Kinder die reinſten Freuden des Le⸗ bens zu genießen; oft auch unternahm er zu ih⸗ *) Seine treue, durch kein Verhältniß abgeänderte Freund⸗ ſchaft mit dem Licentiat der Rechte, Nicolaus Zapffe, deſſen Bekanntſchaft er auf der Univerſität Leip⸗ zig gemacht hatte, iſt der ſprechendſte Beweis hiervon. **) Zwey Meilen von Berlin gelegen. Es wurde im Jahre 1095, kurz vor ſeiner Doris Tode, duech einen Brand faſt ganz in Aſche gelegt. B 2 — 28 rer Erheiterung, oder um einen alten Freund zu beſuchen, kleinere oder groͤßere Reiſen. Auch dieſes Mahl hatte ihn der Zufall in das nahe gelegene Berlin und mit ſeinen theueren Freunden, Carl und Dietrich, zuſammen gefüͤhrt. Er fand dieſe zwar uͤber eine kuͤrzlich erhaltene Befoͤrderung ſehr vergnuͤgt, und von der Aus⸗ ſicht auf den bevorſtehenden Feldzug hochbegei⸗ ſtert, aber auch uͤber die Art, wie der kraͤnkeln⸗ den, ſo heißgeliebten Mutter dieſe von ihr ge⸗ fuͤrchtete Nachricht zu hinterbringen ſey, in die quaͤlendſte Beunruhigung verſetzt. 3 „Da waͤren wir ja ganz zur rechten Zeit gekommen, liebe Doris!“— ſagte der Zartfuͤh⸗ lende—„Seyd unbeſorgt, ihr guten trefflichen Soͤhne, die ich mit Cleobis und Biton*) vergleichen moͤchte! Welchen ſchoͤneren Beruf gaͤb es fuͤr die Freundſchaft, als d en einer troͤ⸗ ſtenden Vermittlerinn? Nicht war, Doris, du reiſeſt mit 2⁰ *) Dieſe ſpannten ſich, da ihre bejahrte Mutter, eine Prieſterinn der Juno, zu dem Tempel fahren wollte, und die Stiere ausblieben, ſelbſt vor den Wagen, und zogen ſie dahin, ungeachtet der ziemlich weiten Ents fernung. Die Mutter bethete zur Göttinn, ihre Söhne für ihre kindliche Liebe auf's ſchönſte zu belohnen, und fand die Zünglinge bey ihrer Zurückkunft aus dem Tem pel umarmt verſtorben⸗ Die ſanfte Gattinn antwertete nur, ſich an ihn anſchmiegend, durch einen Blick ihrer ſeelen⸗ vollen Augen, aus welchen Wehmuth und Freude blitz e. Sie hatte die Graͤfinn Dohna gleich das erſte Mahl, da ſie ihr vorgeſtellt ward, achten und lieben gelernt, und ſtand mit ihr in einem ununterbrochenen Briefwechſel. Dieſer verehrten Freundinn jetzt den Zoll der reinſten Zuneigung darbringen zu koͤnnen, ihren Kummer lindern zu helfen, konnte dieſes auch nicht ohne ſchmerzli⸗ ches Mitgefuͤhl geſchehen, ſchien ihr die drin⸗ gendſte Pflicht der Weiblichkeit, und eine Hand⸗ lung, die ihren Lohn in ſich ſelbſt finde. So wurde denn verabredet, daß Canitz und ſeine Gemahlinn vorausfahren, die beyden Soͤhne aber folgen ſollten. Theils um anfaͤnglich noch mehr den Schein eines unabſichtlichen Beſuches zu gewinnen, theils auch um das Haus der Schwer⸗ muth mehr zu beleben und Mutter und Braut mehr zu zerſtreuen, bath er ſeine juͤngeren Vet⸗ tern, Johann Georg und Otto Ludwig, die beyde auch im Brandenburgiſchen Heere dien⸗ ten, ihm Geſelſchaft zu leiſten. Dieſe hingen an ihm mit allem Feuer der Jugend, und ſchaͤtz⸗ ten jeden Augenblick fuͤr verloren, den ſie nicht in ſeinem und ſeiner Doris Umgange zubringen konnten; ſie waren daher augenblicklich zu Er⸗ fuͤllung ſeines Wunſches bereit. Die ehrwuürdige Burggraͤfinn hatte kaum die willkommenen Gaͤſte nach Wuͤrde empfangen und der Freundſchaft ihrer theueren Doris auch Ma⸗ rien dringend empfohlen, als ſie, nun zu eini⸗ ger Ruhe und Beſinnung gelangend, etwas von dem zwiſchen Canitz und ihren Soͤhnen geſchloſ⸗ ſenen Bunde von fern ahndete.—„Canitz!“— ſagke ſie und zog den geehrten Freund an das Feuſter—„reden ſie aufrichtig— ohne Umge⸗ hungen! Ich habe mich heute in der Gruft der Meinigen zu großer Ertragung geſtaͤrkt— Brin⸗ gen ſie mir nur ſich ſelbſt, nur Freude 25 Sie ſchienen ſich ſelbſt zu taͤuſchen, theuere Graͤfinn!“— erwiederte Canitz—„ſcheinen ſich fuͤr ſtaͤrker zu halten, als ſie ſind; denn ſie be⸗ ben, obſchon ſie dieſes verbergen, vor etwas Un⸗ gewiſſem, vor etwas, das in den Haͤnden der allwaltenden Vorſicht liegt. Geſetzt auch, es waͤre ein Theil ihrer Beſorgniß gegruͤndet— erlebten ſie nicht ſchon oͤftere Trennungen, die ſie einem ſeligen Wiederſehen entgegen fuͤhrten?* „Dieſes: Geſetzt, iſt mir fuͤrchterlich. Sollte es eintreffen,— ſollte es— ſo irgend eine Ahn⸗ dung ſagt mir ſeit geſtern, ich werde meine Soͤhne, oder ſie mich hiernieden nicht wieder finden!* „Bey ruhigerer Stimmung wuͤrden ſie nicht 15 an Ahn ungen glauben!— Doch ſie haben mich . ———— 38¾ ſelbſt zu einer Schwaͤche hingeriſſen, welche ei⸗ nen Verkuͤnder erhebender Nachrichten nicht zie⸗„ met. Mit gerechtem Mutterſtolze konnten ſie laͤngſt auf den Seelenadel, auf die innere Hei⸗ dengroͤße ihrer Soͤhne blicken; aber das Ver⸗ dienſt dieſer Soͤhne iſt nun auch vor aller Angen belohnt worden! Der große Churfuͤrſt hat den Grafen Carl zum Oberſten eines Infanterie⸗ Regiments, den Grafen Dietrich zum Ober⸗ ſten eines Regiments Dragoner ernannt“— „Dank, lieber Canitz“— antwortete Sophie leiſe—„nun weiß ich alles! Ich bin ergebeny——, Ihr erzwungener Heroismus verließ ſte. Die auf das Geſpraͤch ſchon vom Anfange an aufmerk⸗ ſame Doris eilte zaͤrtlich beſorgt herbey, und fuͤhrte die ihr in den Arm ſinkende Graͤfinn in ein Nebenzimmer. Nun mußte ſich Canitz noch dem zweyten Theile ſeines Auftrages unterziehen, und der jungen Braut die Befoͤrderung ihres Geliebten, aber zugleich den bevorſtehenden Abmarſch, hin⸗ terbringen. Das Fraͤnlein, ſo innig gewogen ſie ihrem Braͤutigam war, ſchien doch nur einer ſanften, duldenden Leidenſchaft faͤhig; der Kum⸗ mer ihrer muͤtterlichen Freundinn beaͤngſtigte ſie dem Anſcheine nach mehr, als ihr eigener; ſie verglich ihr Schickſal mit dem vieler ihrer Mit⸗ ſchweſtern, und machte es Canitz leicht, ſie zu Aberzeugen, daß ja gar kein Grund vorhanden ſey, um gerade das Schrecklichſte zu fuͤrchten. Sanft weinend verließ ſte den geiſtvollen Fremd⸗ ling, um, wie ſie ſagte, ſeiner Gemahlinn bey der Graͤfinn beyzuſtehen. Doch nicht immer iſt alles, wie es ſcheinet; der Tiefe eines weiblichen, ſchwer beaͤngſtigten Buſens, zumahl wenn er ein vor aller Welt zu verbergendes Geheimniß in ſich ſchließt, gelingt es nicht ſelten, ſelbſt den ſcharfſichtigſten Men⸗ ſchenkenner zu hintergehen. Erſt in einer halben Stunde nach dieſe terredung fand ſich Maria bey der Graͤfinn ein; ihrer und der Zuſprache der trefflichen Doris wich nach und nach Sophiens druͤckendſter Kummer; die gebeugte Mutter gab wieder der Hoffnung Gehoͤr und ließ ſich bemerkbar machen, daß einſt⸗ weilige Trennung ja nicht eben immerwaͤhrende ſeyn muͤſſe. 3 Eine leichte angenehme Unterhaltung wurde nun von den Gaͤſten herbey gefuͤhrt; das hochan⸗ ziehende Geſpraͤch des Dichters, die ſittſame Sanft⸗ muth ſeiner Gattinn, ihr und Maria's Lauten⸗ ſpiel und Geſang, die Gefaͤlligkeit und ritterliche Artigfeit der beyden Vettern, riefen, wie mit Heiterkeit in t das Schloß zuruͤck. . magiſcher Kraft, wo nicht Frohſinn, doch ttille 2 33 Obwohl Canitz, der getroffenen Verabre⸗ dung gemaͤß, die Ankunft der beyden jungen Grafen wenigſtens am folgenden Tage erwartete, blieben ſe doch wider Erwarten auch noch den zweyten Tag aus. Am dritten Morgen hingegen kam die Nachricht auf das Schloß, daß der Auf⸗ bruch des Heeres durch eine veraͤnderte Ordre be⸗ ſchleunigt worden ſey, und der Durchmarſch ei⸗ niger Regimenter eheſtens bevorſtehe; und kanm hatte man dieſes erfahren, als auch die, dem Heereszuge vorausgeeilten Grafen in ihrer neuen Oberſten⸗Uniform und mit vielen Handpferden auf dem Schloſſe eintrafen. Wer jemahls mit geliebten Freunden und Verwandten auf kurze Zeit zuſammen kam, um ein Abſchiedsfeſt zu begehen, wird es leicht fuͤh⸗ len, daß die Freuden der Bewillkommnung mit einem ſehr herben Zuſatze verſetzt waren, und die Unterhaltung bey und nach der Tafel oft ſtock⸗ te. So maͤnnlich Canitz und die beyden Burggra⸗ fen ſich bis gegen Abend kenahmen; ſo ſchlau die verſtaͤndige Doris jedes Geſprach abzubrechen wußte, was verborgene Wunden auch nur von fern beruͤhren konnte; ſo geſchickt die beyden Vettern gleichguͤltige oder angenehme Gegen⸗ Kaͤnde auf die Bahn brachten, ſo wurde die er⸗ zwungene Unbefangenheit doch mier zu ſichtbar, um nicht druͤckend zu werden, und die gauze 3 8*) 34 Gegenwart war allen Anweſenden zu ſehr im Gedaͤchtniſſe, um nicht ſelbſt durch die leiſeſten Nebenumſtaͤnde an die naͤchſtbevorſtehende Zu⸗ kunft, an den drohenden, mit jedem Augenblick⸗ näher rückenden Abſchied erinnert zu werden. Indeſſen ging man doch wenigſtens, ohne daß es einen ſtuͤrmiſchen Ausbruch der zuruͤck gepreß⸗ 3 ten Empfindungen gegeben haͤtte, bey einbrechen⸗ der Nacht aus einander, um des jedem von der Geſellſchaft mehr oder minder noͤthigen Schlum⸗ mers zu genießen, der gleichwohl die ſeiner am meiſten Beduͤrftigen auch am meiſten floh. Die Graͤfinn Sophia beſaß am folgenden zu kommen; Doris kleidete ſich ſchleunigſt an, ſie nicht allein zu laſſen; Canitz wurde durch den ſchoͤnen Morgen in das Freye gelockt; ſeine beyden Vettern, denen die baͤngliche Stimmung, die be⸗ 8 huthſame Stille, doch nach und nach laͤſtig wurde, machten ſich mit den Pferden zu ſchaffen. Maria aber forderte die beyden Bruͤder Dohna zu einem Spaziergange in den Garten auf. Stillſchweigend, oder doch nur unter abge⸗ brochenem, ſanft ſchonendem Geſpeüche, gingen ſie eine Weile, und waren, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, in die Linden⸗Allee gekommen, wo ſie „* Morgen, aller Anſtrengung ungeachtet, nicht genug Staͤrke, um in das Geſellſchaftszimmer 35 ſich einander nach der Zuruͤckkunft von der Reiſe zuerſt wieder begegnet waren. „Laſſen ſie uns hier Abſchied nehmen“— brach das Fraͤulein mit ſonſt ungewohnter Heftig⸗ keit aus, und legte die Hand auf die Achſel ihres Verlobten—„um ſpaͤterhin unſere Mutter nicht zu betruͤben! Hier war es, wo ein frohes Wie⸗ derſehen unſere Herzen ſchon einmahl naͤher ver⸗ band“—— Ihre Wange wurde von einer flam⸗ menden Roͤthe uͤberzogen; ihre Augen ſanken zur Erde; ſie konnte nicht endigen. „Ja, theuere Maria!“— erwiederte Carl mit tiefem Gefuͤhle—„hier wollen wir ſcheiden; hier ſollen ſie mich wieder erwarten!“ „Ja, ja, geliebte Schweſter!“— ſetzte Dier⸗ rich feuriger hinzu, und druͤckte ſeine beyden Haͤnde vor die Stirn. Das Bild der in frommer Unſchuld bethenden Maria war in dieſem Augen⸗ blicke, wie eine Engelerſcheinung, vor ihn ge⸗ treten. Gleich einem Blitze zuckte es durch ſeine Seele. Ein ſchreckliches Raͤthſel, vor deſſen Lö⸗ ſung er laͤngſt, wie vor einem Geſpenſte, geflo⸗ heu war, hatte ſich ihm entraͤthſelt. „Ich darf ſie nicht bitten“— hob Maria mit beklemmter Stimme wieder an—„meiner auch in der Entfernung zu denken, und in dieſer Hin⸗ ſicht haͤtte es auch dieſer kleinen Andenken nicht bedurft; aber ihre Erinnerung an mich ſoll ſich 36 auch mit dem Gefuͤhle verbinden, daß es Pflicht fuͤr ſie beyde ſey, nicht muthwillig die Gefahr aufzuſuchen— und bloß deßhalb— hier, lieb⸗ ſter Graf Carl! mein Bild— hier, guter Bru⸗ der, eine Feldbinde von meiner Arbeit!“ Sie erbleichte bey dieſen Worten; mit zit⸗ ternder Hand reichte ſie dem Grafen Dietrich ſein Geſcheuk; ſie wandte ſich mit ſcheuer Bangigkeit ein wenig zuruͤck.—„Gott! Gott!— rief ſie mit Aufbiethung ihrer letzten Kraft—„wenn ich einen von ihnen nie wieder, wenn ich keinen von ihnen wieder ſaͤhe!“ Sie konnte ſich nicht laͤnger aufrecht erhal⸗ ten, und umarmte, um dieſes zu verbergen, ſtillſchweigend ihren Braͤutigam.„Meinen Bru⸗ der, Maria, oder keinen!“»— rief Dietrich, warf die Schaͤrpe uͤber ſeine Achſel, bedeckte ihre aus⸗ geſtreckte Hand mit Thraͤnen, und verſchwand. Indeſſen war Canitz, verſenkt in ſuͤße Traͤu⸗ mereyen und ernſte Betrachtungen, durch Buſch und Feld hin⸗ und hergewandelt, und lenkte jetzt unbefangen um eine Ecke. Da ſtuͤrzte Graf Diet⸗ rich aus dem gegen uͤber ſtehenden Gebuͤſch, und flog ihm, ohne ein Wort zu ſagen, mit der heftig⸗ ſten Erſchuͤtterung an die Bruſt. „ Was iſt ihnen, Graf! ich beſchwoͤre ſie!“— frragte Canitz, die Umarmung erwiedernd. 37 „Die jungen Verlobten nehmen Abſchied— verſetzte jener, ſich aufrichtend, und warf ſchene Blicke umher—„ich konnte nicht laͤnger einen Zeugen davon abgeben!* Er ſuchte ſich zu ſammeln.„Laſſen wir das“— ſetzte er hinzu, als Canitz antworten wollte— „Was ich eigentlich will, liebſter Ca iſt Neid, Mißgunſt, Ruhmſucht“— „Was es ſey; reden ſie, Freund!“— ver⸗ ſetzte Canitz. „Ich ſagte es ſchon“— nahm Dietrich, wie heimlich laͤchelnd, wieder das Wort—„daß ich ruhmſuͤchtig bin; ich beneide in dieſem Augen⸗ b niemand als meinen Ahnherrn“— „Und welchen? und warum 5— fragte Ca⸗ nitz erſtaunend. „Carl Annibal*)“ antwortete Dietrich— „weil ihn Opitz**) beſang! Wuͤßte ich, daß nach meinem Tode das Lied eines Freundes auch mein Andenken feyern werde— o es muß fuͤß ſeyn, noch fortzuleben im Gedaͤchtniſſe der Gu⸗ ten!—— „Wober dieſes unmaͤnnlich ſcheinende Weſen in der Bruſt meines tapfern Freundes 2— er⸗ nitz!— es Standesherr zu Warteberg und Bratin, kaiſerl. Kam⸗ mer⸗Präſident in Schleſien, ſtarb den 21. Februar 1055,„ *%) S. Martin Opitz poetiſche Wälder, erſtes Buch. *) Carl Annibal, Buragraf von Dohn an freyer wiederte Canitz—„meines Dohna, der ſo oft ſchon der Gefahr muthig in das Auge ſahe? Soll ich den Gedanken an den Tod fuͤr koͤrpertiche Schwaͤche, oder fuͤr geiſtige Staͤrke anſehen? Oder ſollte? 28—— Ein Blick des Dichters verrieth einen, ihn ſchreckvoll, wie mit Zlitzesſchnelle, uͤberra⸗ ſchenden Gedanken. Dietrich hielt ihm den Mund zu, ſuchte das Geſagte zu beſchoͤnigen, und lenkte, nach und nach ſich faſſend, das Geſpraͤch auf die Freundſchaft uͤber den Graͤbern. Beyde druͤckten einander wie zum Abſchiede die Hand, und ka⸗ men als die letztern zu der nunmehr im Saale verſammelten Geſellſchaft. Hier herrſchte nach ſo mancherle Stürmen, wie in aͤhnlichem Falle auf dem Meere, eine zweydeutige Stille. Man fluͤſterte einander nur halblaut in das Ohr. Hier ging ein Paar auf ab; dort zog ſich eines zuſammen an ein Fenſter. Jeder klirrende Spornentritt ſchien So⸗ enhe ne zu erſchrecken. und— Schlag. Die zeiian zis erbleichten; die bae ner ſahen einen Augenblick vor ſich bin, und K 39 machten ſich reiſefertig. Die Pferde wurden vor⸗ gefuͤhrt. Sophia mit wehmuͤthigem Zlicke unterbrach zuerſt die Stille.—„Carl und Dietrich!“— ſagte ſie ſtockend—„kommt ihr nicht noch ein Mahl zuruͤck, damit ich euch noch zum letzten Mahle ſehe?*— Alles ſchwieg. „Keinen zweyten Abſchied, gute liebe Graͤ⸗ finn?— fing zartlich bittend, jetzt ein hoͤheres Weſen ſcheinend, Doris von Canitz an; ſte konnte nichts hinzuſetzen, als fuͤhlte ſie ſelbſt nur zu tief die Haͤrte ihres Wunſches. „Rein! keinen zweyten Abſchied! ſelbſt keine Bleitung!— riefen, wie nach einer Verab⸗ rebung, alle Maͤnner zugleich. Man ſank einan⸗ der von allen Seiten, ohne ein Wort zu ſagen, in die Arme. Bald verhallten die Tritte der Officiere auf der Treppe. Die Graͤfinn wollte an das Fenſter, kehrte ſich, bald dahin gelangt, unanf⸗ gefordert wieder um, und begab ſich in ihr Zimmer. Maria hatte ſchon fruͤher, das Geſicht in ihr Tuch verhuͤllend, den Saal verlaſſen. Erſt gegen Mittag war das Getuͤmmel des vorüberziehenden Heeres und des nachfolgenden Geſchuͤtzes, das Sophien und Marien oft von neuem aufſchreckte, voruͤber gezogen; niemand er⸗ waͤhnte laut etwas von dem Geſchehenen; nur einſam, an der Bruſt der mitfuͤhlenden Doris⸗ weinte bald die Mutter, bald die Braut; nur allein gegen Doris beruͤhrte Eanitz ſeine Vermu⸗ thung uͤber eine zwiſchen Dietrich und Maria Statt findende geheime Liebe. Doris wunderte ſich nun, ihre Beobachtungen mit den ſeinigen ver⸗ gleichend, nicht fruͤher dasſelbe geahndet zu haben. Doch bewahrten beyde dieß Geheimniß, wie ſeine Natur erforderte, in ihren Herzen, und es diente nur dazu, das ſchon fruͤher zwiſchen Doris und Maria, die ſo edel litt, entſtandene Freundſchafts⸗ band noch inniger zu verknüpfen. Erſt nach zwey Tagen, die das edle Ehepaar den in Berlin ſeiner harrenden Vergnuͤgun⸗ gen unaufgefordert entzog, um die Freunditlen in ihre nunmehrige Lage wiederum einzugewoͤh⸗ nen, reiſete Canitz und ſeine Doris wieder ab; das Schloß glich von nun an einem Trauerhanſe, und nur nach und nach gelang es den Troͤſtun⸗ gen der Vernunkt und Neligion, die, von bangen Ahndungen erfuͤllte Mutter, die, um den Sieg uber ſich ſelbſt ringende Braut, einiger Maßen zu beruhigen.— e Als das Brandenburgiſche Huͤlfsheer, ange⸗ fuͤhrt von dem General⸗Lieutenant Schöni g, zu Baracan in Ungern anlangte, fand es daſelbſt die kaiſerlichen Truppen bereits verſam⸗ maelt, und die Baieriſchen, Saͤchſiſchen, und an⸗ dern Reichsſtaͤndiſchen Huͤlfsvoͤlker in ſtarkem ,„f‧ 41 Anzuge. Die ganze Armee belief ſich ungefaͤr auf 90000 Mann, und ſtand unter den Oberbe⸗ fehlen des Herzogs von Lothringen und des Churfuͤrſten von Baiern. Mehtke der tapfe r⸗ ſten Fuͤrſten, der Prinz Louis von Baden, der, damahls erſt drey und zwanzigjaͤhrige, doch ſchon mit Heldenruhm geſchmuͤckte Prinz Eugen von Savoyen*), der Prinz von Veldenz, der Fuͤrſt Piccolomini, der Prinz Alexan⸗ der von Curland, ale von gluͤhendem Durſte nach Ruhm erfuͤllt, waren dabey zugegen. Nach mancherley Zwieſpalt uͤber die zu er⸗ greifenden Maßregeln ward vor allen Dingen die Eroberung der Hauptfeſtung Ofen, die im Jahre 1529 dem vor Wien geſchlagenen Soly⸗ man in die Haͤnde gefallen, ſeit dem aber, vieler blutigen Belagerungen ungeachtet, unter Tuͤr⸗ kiſcher Bothmaͤßigkeit geblieben war, einſtimmig beſchloſſen. Das vereinigte Heer brach zu Anfange des Junius dahin auf; man theilte es ihn drey La⸗ ger; die in der Feſtung befindliche Tuͤrkiſche Be⸗ ſatzung ward ungefaͤhr 6000 Mann ſtark angege⸗ *) Geboren den 18. October 1665, geſtorben den 21. Aprill 17⸗6 als Sieger zu genta, Chiari, Lu⸗ zara, Höchſtädt, Caſſano, Turin, Aude⸗ narde, Mons, Peterwardein und Belgrad. ben, und ruͤſtete ſich zu der herzhafteſten Gegen⸗ wehr. Es iſt hier nicht der Ort, eine Schilderung auch nur in den fluͤchtigſten Umriſſen zu geben; wir verweiſen daher, was die einzelnen Vorfaͤlle anlangt, auf die Geſchichtsbuͤcher; nur in ſo weit gehoͤren die Begebenheiten fuͤr uns, als ſie mit den Schickſalen des edlen Bruͤderpaares von Dohna und ihrer Angehoͤrigen in genauer Beruͤh⸗ rung ſtehen. Demnach iſt es hinlaͤnglich, jetzt nur ſo viel zu erwaͤhnen, daß, nach mancherley, bald gluͤcklichen, bald ungluͤcklichen Angriffen und Ausfaͤllen, nachdem die Tuͤrken die Unter⸗ und Waſſerſtadt in Brand geſteckt und den eindrin⸗ genden Belagerern uͤberlaſſen hatten, nachdeem Tuͤrkiſcher Seits verſchiedene Minen, geſprengt, kaiſerlicher Seits aber mehrere Breſchen ge⸗ macht worden waren, am vierten Julius 1686 ein abermahliger Sturm anbefohlen ward. Erſt gegen Abend um ſieben Uhr fing man damit an, eine der Breſchen zu ſtuͤrmen, und es gluͤckte anfaͤnglich, ein feindliches Rondel zu ero⸗ bern und faſt anderthalb Sunden lang zu be⸗ haupten. Zu dieſem Sturme war unter andern auch das Regiment des aͤltern Grafen Dohna befehligt; 1 4 43 Berdruſſe, und nur der Strenge kriegeriſcher Be⸗ fehle gehorchend, im Lager zuruͤck bleiben. Hier ſaß er vor ſeinem Zelte in der heftig⸗ ſten Ungeduld, jeden Augenblick zum Aufſitzen bereit, von ſeinen treuen, tapfern, nicht weniger kampfluſtigen Dragonern auf allen Seiten um⸗ geben. „Waͤre ich dort im heißeſten Kapmfe!“— ſagte er, waͤhrend des ſchrecklichen Donners des Ge⸗ ſchuͤtzes und des graͤßlichen Getuͤmmels, zu ſich ſelbſt—„Fluchwuͤrdiges Geſchick, das mich hier zu traͤger Rube verurtheilt, indeß mein Bruder vielleicht ſeinem Tode entgegen gehet!—* „Ihm, nicht mir“— fuhr er nach eitter Pauſe fort—„iſt das Leben mit Hoffnungen er⸗ fuͤllt; ſeiner harret daheim die holdeſte aller Braͤute; mir— was ſoll mir das Leben? Soll ich den Gluͤcklichen zum Traualtare fuͤhren? oder ſoll ich ſelbſt Marien uͤber ſeine Gruft hinweg in meine Arme reißen?“ „Aber wie 2— unterbrach er ſich, ſtarr zur Erde blickend—„entriß auch nicht er ſie mie? entriß ſie mir, da ich entfernt war— ohne mich zum Vertrauten zu machen— heimlich— heim⸗ tuͤckiſch 25 Wild ſprang er vom Feldſtuhle, und ging mit ſtarken Schritten auf und ab. Ploͤtzlich blieb er ſtehen.—„Wehe mir!“— rief er aus— 44 „Hal iſt es dahin mit mir gekommen? ſoll ich mich ſelbſt verabſchenen lernen? Wohin, wohin, Sohn der edelſten Mutter, Freund eines Ca⸗ nitz 2—— Er ward ruhiger. Stille Wemuth, ſanfte Erinnerungen der fruͤheſten Kindheit, der her⸗ anreifenden Jugend, traten vor ſeine Seele. Er wiederhohlte ſich ſelbſt, wie ſein treuer Carl Freuden und Leiden, Krankheit und Gefahr, alles, alles mit ihm getheilt habe, und ſein edles Herz war ſich ſelbſt wieder gegeben! Gefaßt trat er vor das Zelt, um ſich umzu⸗ ſehen; da uͤberbrachte im ein Diener Briefe von Hauſe, die ſo eben mit der Feldpoſt angelangt waren. Der eine war von der Mutter. Einge⸗ ſchlagen waren zwey offene Blätter von Maria, eines an ihn, eines an ſeinen Bruder. Sie ſchrieb an den Braͤutigam mit aller Zartheit ei⸗ ner ſittſamen Braut; an ihn ſo fluͤchtig, fo zer⸗ ſtreuet, ſo wenig und, ohne es zu wollen, ſo viel ſagend! Habe Dank, himmliſche Seele! aber ver⸗ gib»— rief er wehmuͤthig aus, und warf ſeinen Brief in das Wachfeuer— pes koͤnnte Stunden geben, wo ich weniger ſtark waͤre!“ Er ſahe mit thraͤnenden Augen in die Flam⸗ men, die ſeinen theuerſten Schatz gierig verzehr⸗ ten, wandte ſich ſchnell davon ab, und kuͤßte den 45 an ſeinen Bruder geſchriebenen Brief.—„O komm zuruͤck, Bruder! komm nur bald! Dieſe Briefe ſollen den ſauern Tag dir lohnen; ich werde Freude in deinen Augen glaͤnzen ſehen, und durch dein Gluͤck gluͤcklich ſeyn!“ Es fing ſchon an zu daͤmmern. Unruhig trat er wieder vor das Zelt, ſchickte einen Reiter ab, um ſich umzuſehen. Das dumpfe Getuͤmmel in der Ferne ſchien ſich jetzt zu mehren; die feurigen Kugeln ſtreiften zahllos hin und her. Es brannte unter ſeinen Sohlen; er erwartete jeden Augen⸗ blick Befehl, aufzuſitzen; doch— es ward zum Ruͤckzuge geblaſen! Der Feind hatte durch einen verzweifelten Ausfall die Chriſten wieder zum Weichen gebracht; man zaͤhlte uͤber 600 Bleſſirte und dritthalb hundert Todte; aber, was von der Hitze des Kampfes wohl den beſten Maßſtab ab⸗ gibt, unter letztern befanden ſich der Prinz von Veldenz, der Fuͤrſt Piccolomini, und nebſt vie⸗ len andern hohen Officieren und Hnupileuten— Sraf Carl von Dohna!— Die beyden Gebrüder Canitz, deden einer unter Dietrichs Regiment ſtand, eilten, ſo bald es ihnen der Dienſt geſtattete, bey Morgendaͤm⸗ merung nach Dietrichs Zelt. Sie fanden ihn nicht dort, ſondern in dem Zelte ſeines Bruders. Hier ſtand er, die Augen ſtarr auf den Leichnam gerichtet, Er umarmte ſie ſchweigend. Niemand, ſelbſt die vornehmſten Kriegsoberſten nicht, konn⸗ ten ein Wort aus ihm bringen. Wenn ſie frag⸗ ten, zeigte er nur auf den Leichnam, und wies auf ſein Herz. Erſt gegen Abend, als die Leiche nebſt denen der uͤbrigen gebliebenen Officiere mit Kriegsehren begraben werden ſollte, ſchien die Sprache wie⸗ der zu kehren. „Carl oder keiner!“— fluͤſterte er zu dem altern Canitz, der den Sinn nicht verſtand, und druͤckte ihm krampfhaft die Hand. Dann nahm er 1 ſeine, von Maria erhaltene Schaͤrpe, und ver⸗ tauſchte ſie mit der blutgefaͤrbten ſeines Bru⸗ ders.—„So! nun traget ihn hin!“— ſagte er, kaltſcheinend. Die Unter⸗Officiere traten ein, die Bahre aufzuheben; er folgte ihr an der Seite eines der Generale mit feſten Schritten, ohne ein Wort zu ſagen, ohne Thraͤnen. 4 Nach beendigter Beyſetzung ſchien ſeine vorige Lebhaftigkeit zuruͤck gekehrt. Er ſprach von ſti⸗ nem unerſetzlichen Verluſte, und ließ ſich aͤlle Umſtaͤnde naͤher erzaͤhlen. So oft einer ſeiner wackern Dragoner, die ihn nach ihrer Art zu troͤſten ſuchten, ihm begegnete, rief er ihm zun Das naͤchſte Mahl, Camerad! Ihr werdet den Bruder eueres Oberſten rächen! Wir kennen uns!“ Hatte ſchon vorher Dietrichs Heldenmuth und Begierde, ſich hervor zu thun, die Augen 1 45 der Anfuͤhrer auf ſich gezogen; ſo erweckte jetzt die Heftigkeit ſeines Kummers uͤber den Verluſt des geliebten Bruders, ſeine unſtaͤten, unzaͤhli⸗ ge Mahl wiederhohlten Aeußerungen, ihn zu raͤ⸗ chen, ſeine faſt bis zur Ausſchweifung gehende Kampfluſt die innigſte Theilnahme, aber auch die geſpannteſte Aufmerkſamkeit. Als, nachdem beyde Theile ihre Todten begraben hatten, ein neuer Sturm in der Kehllinie des mittlern Rondels unternommen wurde, war Graf Dietrich der erſte, der beynahe mit Ungeſtuͤm um ein Com⸗ mando bath. Man ſchlug ihm dieſes, aus Sorge fuͤr ſein Leben, beharrlich ab, und es fehlte wenig, daß er nicht den Gehorſam, die erſte Pflicht des Soldaten, vergaß. Leider lief auch dieſer Verſuch unglucklich ab; die Chriſten wur⸗ den mit einem Verluſte von acht hundert Mann gänzlich zuruͤck geſchlagen. Einige Tage ſpaͤter gluͤckte es der Artillerie, eine Bombe in das feindliche, mit Pulver, Gra⸗ naten und andern Kugeln angefuͤllte Zeughaus zu werfen. Da ſich an neun hundert Centner Pulver in demſelben befanden, ſo flog es mit einem ſo fuͤrchterlichen Schlage und Knalle in die Luft, daß das ganze Lager erſchuͤtfert ward. Man fonnte faſt eine halbe Stunde lang vor Rauch und⸗ am f die Stadt nicht erkennen; Kugeln, Baltk 1 nd Steine wurden bis in das Lager geſchleudert, und 3 1 48 die Soldaten geriethen dadurch in ſo große Un⸗ ordnung, daß ſelbſt der Churfurſt von Baiern in Gefahr kam erdruͤckt zu werden. Erſt als die ungeheuere ſchwarze Pulverwolke ſich verzog, bemertte man die ſchrecklichen Wir⸗ kungen dieſer Exploſion. Ein Theil der Mauer und des am Waſſer gelegenen Rondels waren voͤllig uͤber din Haufen geworfen. Drey andere Baſteyen am Waſſer und eine Moſchee lagen in Schutt. Zehn Klaftern von der Mauer laͤngſt der Donau, ein Theil des Caſtelles und die ganze 8 Quermauer vor demſelben, waren aufgeflogen. Der Herzog von Lothringen hielt daher aber⸗ mahls einen Kriegsrath; man beſchloß, die Stadt aufzuſordern, und im Falle dieſes abgeſchla⸗ gen werde, von neuem zu ſtuͤrmen⸗ Hoͤchſt erfreuet vernahm Dietrich die Nach richt, daß der Tuͤrkiſche Commendant von Ueber⸗ gabe nichts wiſſen wolle, vielmehr mit ſtolzem Spotte die rothe Fahne aufgepflanzt habe. Er erneuerte nun ſeine Bitten um die Ehre des er⸗ ſten Angriffes, und zwar um ſo dringender, weil nicht nur mehrere Brandenburgiſche Oberſten, ſondern auch der ſchon mit mancher Ehrenwunde geezierte Prinz Alexanden von Curland, ſeine Mit⸗ werber waren. dersenn— ſ ſtellte er den Generalen 49 den im ganzen Lager liege eine ſo heilige Pflicht ob, Blut und Leben daran zu ſetzen, als ihm; niemand habe einen ſo trefflichen, ſo geliebten Bruder verloren! Auch ſpreche er nicht bloß in ſeinem Nahmen, ſondern im Nahmen ſeines gan⸗ zen Regiments! Auch dieſes habe geſchworen, den Bruder ihres Oberſten zu raͤchen; auch die⸗ ſes brenne vor Eifer, mit ihm zu kaͤmpfen und mit ihm zu ſterben! Es fey mithin“— ſo ſchloß⸗ er ſeine Rede—„nicht bloß von der Tapferkeit, welche er allen uͤbrigen Truppen in gleichem Maße zugeſtehe, ſondern es ſey von ſeiner und ſeines Regiments Ehre die Rede; dieſe ſey jetzt in Gefahr, einen unausloͤſchlichen Schandfleck zu bekommen, was bey keinem der uͤbrigen Fuͤh⸗ rer und Heerhaufen in gleichem Grade der Fall ſey, und man wuͤrde der heiligſten Gefuͤhle ſpot⸗ ten, man wuͤrde die gebietheriſchen Forderungen der Ehre, des erſten Schatzes eines Soldaten, muthwillig und ſchimpflich aus den Augen ſetzen, wolle man ihm ein ſo theuer erkauftes Recht ent⸗ ziehen ¹“ 2 Mit dem innigſten Beyfalle vernahmen die hochherzigen Anfuͤhrer die Worte des tapfern Juͤnglings, und waren groͤßten Theils der Mei⸗⸗ nung, die ſchoͤne Flamme nicht unbenutzt verlo⸗ dern zu laſſen. Nur General Schoͤning, der, aus faſt vaͤterlichem Wohlwollen gegen ihn, dem Chur⸗ Unterhalt. Biblioth. 11. B. C 30 Fuͤrſten ſchon fruͤher, nebſt dem Tode des Grafen Carl, auch Dietrichs faſt an Ueberſpannung graͤn⸗ zende Kampfluſt gemeldet hatte, deſſen Theil⸗ nahme und Bewundernng des Heldenjuͤnglings und treuen Bruders mit jedem Augenblicke wuchs, hielt es fuͤr Pflicht, ſeinem Feuer um ſein ſelbſt willen zu wehren. Er ſtellte daher den uͤbrigen Generalen ingeheim vor, daß es nicht thunlich ſey, den Prinzen einem bloßen Oberſten nachzu⸗ ſetzen; daß, wolle man auch dieſes uͤberſehen, die keine Maͤßigung kennende Gluth des Grafen Dietrichs mit der Beſonnenheit, die einem An⸗ fuͤhrer zieme, ſich nicht vereinigen laſſe: daß endlich, da dieſer alles, ſelbſt das Unmoͤgliche, wagen werde, mit Gewißheit voraus zu ſehen ſey, es werde in ihm der letzte maͤnnliche Zweig einer der edelſten Linien, der letzte Sohn einer Mut⸗ ter umkommen, die ſchon ſieben Soͤhne durch das Schwert eingebuͤßt habe! Dieſe Vorſtellungen wirkten; man uͤbertrug dem Prinzen von Curland den Angviff. Dietrich ſtand bey dieſer Nachricht erſtarrt, wie vom Donner geruͤhrt. Aber kaum hatte er ſich von dem erſten Schrecke uͤber dieſe abſchlaͤ, gige Antwort erhohlet, als er ſeine Bitten und Vorſtellungen auf das neue wiederhohlte. Man gab, da auch ſeine Soldaten zuſammen liefen und man einen Aufſtand befuͤrchtete, ſeinem Wun⸗ 4 5* ſche endlich nach, und erlaubte ihm, mit eini⸗ gen hundert ſeiner abgeſeſſenen Dragoner an dem Angriffe Theil zu nehmen. Der juͤngere Canitz, welcher unter ſeinem Regimente diente, und ihm mit vollem Herzen ergeben war, befand ſich auch unter dieſem auserleſenen Haͤufchen! Bleib zu⸗ ruͤck, Georg!“— ſagte ihm Dietrich in das Ohr— „mit mir geht man ſeinen letzten Gang!“— Aber der wackere Georg folgte der Warnungrnicht. Es begann nun, unter Anfuͤhrung des Prin⸗ zen Alexander, einer der wuͤthendſten Stuͤrme⸗ Man ließ chriſtlicher Seits, gleichſam zur Eroͤff⸗ nung dieſes Mordſchauſpieles, zwey Minen ſprin⸗ gen. Der Prinz Alexander, mit ſeinem edlen Nebenbuhler um jeden Vorzug wetteifernd, ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze, und war einer der er⸗ ſten, der durch eine feindliche Kugel getoͤd⸗ tet ward*). Erſchreckt durch dieſen Fall wichen die chriſt⸗ lichen Truppen; aber jetzt ſprang Dietrich von Dohna hervor, um die Fliehenden zu fammeln. „Bruͤder! noch ein Mabl!“— rief er und warf ſich auf die Sturmleiter. Jeder bielt es fuͤr ſchindlich. zuruͤck zu bleiben.„Mit Dohna!“ *) Am 256. July 1686. Sein Heldentod ward von Beßer⸗ durch eine Trauer⸗Ode gefeyert. S. deſſen Gedichten S. 201. 8 C 2. 52 3 ſchrie alles in furchtbarer Wuth, und ſtuͤrzte ihm nach. Ein ſchreckliches Allahgebruͤll der Belager⸗ ten war das Echo hiervon. Saͤbel und Schwer⸗ ter klirrten; Kugeln flogen hin und her; Pul⸗ verdampf verhuͤllte Freunde und Feinde. — Faſt drey Stunden lang ſchwankte der Sieg hin und her; endlich weheten die Faͤhnchen der Belagerer auf mehreren Rondelen, und kaum konnte das ſchreckliche Feuer der Tuͤrken es noch verhindern, daß nicht ſelbſt das Caſtell erobert wurde. Doch dieſe Vortheile waren theuer erkauft; man zaͤhlte kaiſerlicher Seits an zwey tauſend Tod⸗ te und Verwundete. Auch der wackere Canitz war unter den erſtern. Neben ſeiner Leiche fand man den Grafen Dietrich zwar noch athmend, doch mit mehreren toͤdtlichen Wunden. Ohne Bewußtſeyn wurde er in das Lager geſchafft. Als er noch ein Mahl erwachte, laͤ⸗ chelte er freundlich umher, druͤckte ſeine Feld⸗ inde an ſeine Bruſt und bath mit ſchwacher Stimme, eiligſt den aͤltern Canitz zu rufen. Seine Augenlieder fielen zu; man glaubte, er werde nicht wieder erwachen. Doch kaum ver⸗ nahm er Canitzens Stimme, als er ſich ſeuft 3 mit dem Haupte erhob, und ihm ſeine Hand ent⸗ geegen ſtreckte.„Ich folge deinem Bruder— gri 8 meine Mutter— Wiarien bringe dieſe Schäͤ 53 1 53 pe— ſage nur: Earl oder Keiner!—— deinem Vetter Canitz meiſten Degen!—— Carl und Dietrich“— ſtam nelte er noch leiſe, deutete, da die Sprache ihm ſchon den Dienſt verſagte, auf die Blutflecken, laͤchelte noch ein Mahl und ſank todt zuruͤck. 8 Der Eindruck, den dieſer Tod auf die Sol⸗ daten jedes Ranges machte, war außerordentlich groß, und verſtaͤrkte ſich noch, als kurz nach Dietrichs Verſcheiden eine Depeſche vom Chur⸗ fuͤrſten einging, mit dem Befehle, den juͤngern Dohna ſo fort an den Hof zu ſenden. Auch der glorreiche Greis wollte dieſen edlen Heldenzweig der ſchon durch Carls Tod ganz zu Boden ge⸗ Ruͤckten Mutter und kuͤnftigen Zeitaltern er⸗ halten wiſſen; doch die Heldentreue des guten Beuders war der großmuͤthigen Vorſorge des Fuͤrſten zuvor geeilt! Man begrub Dietrich auf das Feyerlichſte neben der Aſche ſeines Carl. Jeder dachte dar⸗ auf, ſein Andenken zu ehren. Eine marmorne Tafel ſollte die Nahmen des treuen Paares ver⸗ ewigen. Alle Gelehrte und Dichter wetteiferten, Inſchr iften dazu vorzuſchlagen*). *) Unter andern findet ſich noch das Fragment einer von Fridrich Benedict Carpzov in Leipzig ge⸗ Zichteten Inſchrift, welches wir dieſer Geſchichte als 4 54 4 2 Nicht mindere Ebrenbezeigungen erwies man dem Leichname des mehr noch durch ſeine Tha⸗ ten, als durch ſeinen hohen Ranug, ausgezeich⸗ neten Prinzen Alexander von Curland. Der da⸗ mahlige Churprinz von Brandenburg gab Be⸗ fehl, zu ſeinem Andenken einige metallene Stüͤcke zu gießen; der Churfuͤrſt, bey dem Durchzuge der Leiche, welche nach Curland abgefuͤhrt ward, durch die Brandenburgiſchen Laͤnder, alle Kano⸗ nen zu loͤſen, und dieſe edlen Ueberreſte durch einen ausgezeichneten Offeier begleiten zu laſſen. Der General Schoͤning glaubte durch dieſen Auf⸗ rag keinen andern ſchicklicher zu ehren und zu entfernen, als den aͤltern Canitz, der wegen des Todes ſeines Bruders einen mit dem des Grafen Dietrich ähnlichen Vorſatz gefaßt zu haben ſchien. Wie tief die Burggraͤfinn Sophia und Fraͤns lein Maria ſchon durch die Nachricht vom Tode 3 des Grafen Cari ergriffen waren, bedarf keiner Erwaͤhnung. Soſehr die Seelengroͤße der erſtern mit der koͤrperlichen Schwaͤche kaͤmpfte, ſo Wr. Motto vorgeſetzt haben⸗ Auf Deutſch würde es unge: fähr lauten: 5 „Auf ſeine De cier darf Rom nicht ſtolz mehr ſeyn; „Ein edler Brüderpaar ſchließt dieſer Marmor ein.“ Auch Beßer hat in ſeiner Grabſchrift des Prinzen Alexander der tapfern Brüder rühmlich gedacht. S deſ⸗ ſen Gedichte S. 200 4 55 ſiegte der Schmerz doch endlich die Natur; die Graͤfinn verfiel in eine ſchwere Krankheit, und Maria wich nicht von ihrer Seite.— Ob ſich daher gleich die Nachricht von dem Heldentodte des juͤngern Dohna nach und nach dunkel verbreitete; obſchon bald auch die Gewiß⸗ heit davon bey Hofe eintraf; ſo huͤtheten ſich doch alle Freunde und Bekannte, aus Beſorgniß fůr Sophiens Leben, ihr und Marien auch nur das mindeſte davon ahnden zu laſſen. Nur die liebenswuͤrdige Doris, welcher ge⸗ rade um dieſe Zeit die Berufung ihres Gatten an den Hof volle Muße dazu verſtattete, fuͤhlte auch jetzt den Ruf der Freundſchaft zu lebhaft, um nicht den leidenden Freundinnen troͤſtend bey⸗ zuſtehen. Mehrere Tage lang blieb ſte, das ſchreck⸗ liche Gebeimniß in ihren Buſen verſchließend, bey der kranken Graͤfinn, bey der leidenden Ma⸗ ria. Da donnerten ploͤtzlich die Kanonen einer benachbarten Feſtung zu Ehren des prinzlichen Leichenzuges, und man konnte der fragenden Kran⸗ ken die wahre Veranlaſſung nicht wohl verheim⸗ lichen; da hoͤrte die Graͤfinn zu gleicher Zeit ei⸗ nige Reiter dem Schloſſe ſich naͤhern.„O!“— ſagte ſie ſanft—„gewiß Nachrichten von der Armee, Nachrichten von Dietrich’— und Ma⸗ ria ward ingeheim, doch nicht ohne die Aufmerk⸗ 56 ſamkeit der Graͤfinn zu erregen, aus dem Zim⸗ mer gerufen. Bleich, wie ein Todter, trat Hauptmann Canitz, ſonſt ſo bluͤhend und heiter, zu Maria ein; auf ſeinem Geſichte ſtand die Nachricht ge⸗ ſchrieben, wozu er keine Worte fand. Er ſuchte alle Kraft zu ſammeln, um das Fraͤulein nicht auf ein Mahl allzu heftig zu erſchuͤttern; aber er ſahe deutlich, daß ſie ſchon das ſchrecklichſte erra⸗ then hatte. „Sagen ſie mir nichts, Canitz“— rief ſie geccentlos, und hielt ſich krampfhaft an einen Stuhl—„ich weiß alles!“— Mit zitternder Hand uͤberreichte er ihr Dietrichs Vermaͤchtniß, 1 die mit dem Blute der edlen Bruͤder gefaͤrbte Feldbinde, ſagte, ſo ſanft er es vermochte: Carl oder Keiner!— und mit einem heftigen Schrey ſturzte Maria zu Boden. Gleich einer Leiche brachten ſie die Dienerinnen hinweg. Die Unruhe, die Maria's Ohnmacht, ſo ſorgfaͤltig man ſich auch in Acht nahm, im Schloſſe verurſachte, Maria's langes Außenbleiben, die Entſchuldigungen, die man vorbrachte, als ſie ſelbſt am Abend, ſelbſt am andern Morgen nicht erſchien, entdeckten endlich auch der kran⸗ ken Graͤfinn, was man ihr nun bald ohne dieſes nicht laͤnger zu verbergen wußte—„Bin ich ganz verwaiſet? nicht wahr, Doris?— fragte ſir r ““ 57 mit himmliſcher Gelaſſenheit, und Doris antwor⸗ tete nur durch eine leiſe Neigung des Kopfes. Die Graͤfinn reichte ihr die Hand, kehrte das „Geſicht nach der Wand, und verfiel in einen erſt aͤngſtlichen, dann ruhigeren Schlummer. Als der Arzt von Maria heruͤber gerufen ward und Doris Sophiens Hand ergriff, war ſie kalt. Die edle Mutter war den treuen Soͤhnen ſchnell in die Ewigkeit nachgefolgt. Erſt als man den Leichnam der Burggräͤfinn in die Gruft gebracht hatte, fing Maria an, ſich einiger Maßen zu erhohlen. Der Schein der naͤchtlichen Fackeln, der Todtengeſang, hatte ihr, ungeachtet ihre Lebensgeiſter heftig angegriffen waren, alles entdeckt, was im Schloſſe vorge⸗ gangen war.—„Ich bin nun ganz wieder ver⸗ laſſen„.— ſagte ſie weich zu Doris, und legte ihr bleiches Angeſicht auf die Achſel der zaͤrtli⸗ chen Freundinn. „Koͤnnen ſie ſo mich kraͤnken?“— erwiederte Doris, und die beyden edlen weiblichen We ſen waren bald daruͤber einig, daß Maria mit nach Blumenberg ziehen, und fuͤr immer dort blei⸗ ben ſolle. Mit Freuden gab Canitz hierzu ſeine Ein⸗ willigung; ja man ſahe alles gewiſſer Maßen fuͤr eine Fuͤgung der waltenden Vorſehung an, weil er gerade jetzt von dem Churfuͤrſten zu einer Sendung 2 58 nach Wien beſtimmt worden war, wohin ihn ſeine Gemahlinn nicht begleiten konnte. Er verließ nun die beyden Freundinnen mit weit groͤßerer Beruhigung, und trat ſeine Reiſe an. Von Wien aus rief ihn eine Verordnung des Hofes zu dem General Schoͤning nach Ungern, und kaum war er dort angelangt, als er in den Truͤmmern der indeſſen eroberten Feſtung das Begraͤbniß der Grafen Dohna aufſuchte, und den Wunſch ſeines Freundes Dietrich durch ein Gedicht erfüllte, das in ſeinen geſammelten Wer⸗ ken noch vorhanden iſt*).— Wie innig die ſanften Seelen der Doris und Mariens ſich verbanden, ergibt ſich daraus, daß erſtere kurz vor ihrem Tode den geliebten Canitz bath, im Falle er ſich wieder vermaͤhlen ſollte, keine, als Maria, zu waͤhlen. Er er⸗ fuͤllte dieſen Wunſch ſeiner Vollendeten nach ei⸗ nigen Jahren, und verband ſich mit der durch ſo viele Leiden gepruͤften Maria**), die er, da *) Siehe S. 176 *) Sie hieß Maria Dorothea, und ward mit Cn⸗ nitz vermählt zu Ende des Jahes 1669. In ſeinen Ge⸗ dichten findet ſich S. 205 noch ein Dankgedicht an zwey Fräuleins von Schwerin. Dieſe hatten auf ſein Bitten einen Putz augeſucht, womit er ſeine damahlige Braut, „die liehe Dorilis,“ beſchenktr. 59 auch ſie den Nahmen Dorothea fuͤhrte, ſeine Do⸗ rilis nannte. Leider! ging der Edle ſelbſt nach wenig Jahren mit Tode ab, und die, wie es ſchien, zu lauter Leiden Beſtimmte, mußte auch noch den Schmerz erleben, den Trefflichen zu be⸗ weinen. Das Bergfräaulein. MAMuWn rrrTærITIfITIKATNTTTTTNTTENTET errrferrTNANT 5 4 Wollen wir nicht auch den Afrikaniſchen Lo⸗ wen und den Tieger aus Bengalen ſehen?“— fragte Baron Rothſchild, das Franken⸗ auer Wochenblaͤttchen in der Hand, ſeinen Ge⸗ richtshalter Freiſing—„»Leſen ſie nur! der Sub⸗Collaborator Buz preiſet die Menagerie als das achte Wunderwerk der Welt!“ „Der preiſet um ein Frey⸗Billet alles!“— erwiederte jener laͤchelnd—„Indeſſen der Himmel verſpricht gutes Wetter, und— wenigſtens die Verſammlung der Schauluſtigen wird uns Zer⸗ ſtreuung, vielleicht auch Vergnügen gewaͤhren! Wie man hoͤret, wallfahrtet jetzt Alt und Jung nach Frankenau.“ So war denn der Spazierritt verabredet, und der Baron gab Befehl zu ſatteln. Baron Rothſchild und ſein nunmehriger Ge⸗ richtshalter hatten ſich ſchon auf Akademien ken⸗ nen gelernt. Gleiches Alter, ein gleich vortheil⸗ 1 haftes Aeußeres, gleiche Lieblings⸗Studien, gleiche ebhaftigkeit, gleicher Hang zu einem ſelbſtſtaͤn⸗ 4 digen, von den Lannen Anderer unabhaͤngigen Leben, hatte die Juͤnglinge innig mit einander verbunden, und den Entſchluß in ihnen erzengt⸗ ſich nie zu trennen. Der Vater des Barons, der⸗ ob ihn gleich ſein Gewiſſen von dem ſchrecklichen Vorwurfe, jemahls zum Kriege gerathen zu ha⸗ ben, ooͤllig freyſprach, dennoch den Titel eines geheimen Kriegsrathes fuͤhrte, ſtarb mit Hinter⸗ laſſung eines betraͤchtlichen Vermoͤgens gerade zur rechten Zeit, um dieſen ſchwaͤrmeriſchen Vor⸗ ſatz der Jugend in Erfuͤllung gehen zu laſſen. Freiſing trug, da ausgebreitete Kenntniſſe und ein artiges Capitaͤlchen ihn auf immer vor ſela⸗ viſcher Unterwuͤrfigkeit ſicherten, kein Bedenken, ſeinem Freunde auf deſſen Guͤter zu folgen; ſein Hang zu einem thaͤtigen Leben trieb ihn nach dem Tode des alten Gerichtsverwalters an, deſ⸗ ſen Stelle ſich uͤbertragen zu laſſen. Uebrigens waren beyde Freunde zur Zeit weder durch ein fruͤhzeitiges Verſprechen gebunden, noch verhei⸗ rathet, aber auch zu nichts weniger, als zu ſteter „Cheloſigkeit geneigt. In der froͤhlichſten Stimmung beſtieg man die vor Ungeduld ſtampfenden Braunen. Der alte Jacob, ein ehrenfeſtes Erbſtuͤck von Rothſchilds Vater, der ſeines ſeligen Herrn und der von ihm ſtets im Munde gefuͤhrten Kern⸗ ſpruͤche bey jeder Gelegenheit erwaͤhnte, und im alle dieſe Vorſtellungen und Bedenklichkeiten brach⸗ . 63 Schloſſe ſeit undenklichen Jahren uͤberall, ſo zu ſagen, Heber und Leger war, hatte aus gewohn⸗ ter Vorſicht auch heute ein reichliches Fruͤhſtuͤck eingepackt, und trottirte jetzt, gerade vor ſich hinſehend, auf das ſtattlichſte hinterdrein. „Wir ſind nun ſchon ſo oft nach Frankenau geritten— fing der Baron nach einem Viertel⸗ ſtuͤndchen an—„und immer, wie rechte Alltags⸗ menſchen, auf der gewoͤhnlich en Straße. Verſu⸗ chen wir es heute einmahl auf dem Bergwege!“ Jacob, der aus großer Schonung gegen die Pferde oft lieber zu Fuß gegangen waͤre, ſchuͤt⸗ telte gewaltig den Kopf. Er meinte, der Weg durch die Felſen ſey nichts weniger als plaiſirlich, ſondern, mit Reſpect zu vermelden, ein wahrer Mordweg; er bezog ſich auf das Beyſpiel des Herrn geheimen Kriegsrathes, der, ob er ſchon lange Jahre auf Rothſchildshauſen reſidirt habe, doch nach wie vor auf der rechten und wahren Landſtraße gefahren ſey; er eitirte zu noch kraͤf⸗ tiglicher Warnung verſchiedene Sentenzen des ſeligen Herrn, welche vor allem Vorwitz warn⸗ ten; er gedachte zuletzt, daß der vermaledeyte Mordweg gewoͤhnlich nur der ſtille Weg ge⸗ nannt werde, indem es dort nicht ganz geheuer ſey, und jeder, den nicht die hoͤchſte Noth dazu treibe, ihn gefliſſentlich fliehe und meide; allein ten gerade die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Ein Abenteuer war es ja eben, wornach die le⸗ bensluſtigen Juͤnglinge ſehnlich verlangten; und unm ſo eher auf eines zu ſtoßen, wurde nun ſogar beſchloſſen, auf dieſem gefahrvoll geſchilderten Wege alle weitere Wahl einzig und allein der Willkuͤhr der Pferde zu uͤberlaſſten. Wer jemahls mit genialiſcher Ergebenheit in das Schickſal auf Abenteuer auszog, wird es wiſſen, daß ſie, wie der Schlaf, gerade dann am wenigſten ſich einſtellen, wenn man ſie her⸗ bey wuͤnſcht! Auch den gemaͤchlich dahin traben⸗ den Freunden wollte ſich durchaus nichts Unge⸗ woͤhnliches zeigen, bis ſie ſich zuletzt unvermu⸗ thet von dem reißenden Bergſtrome und einer Fel⸗ ſenwand dergeſtalt in ein Dreyeck eingeſchloſſen ſahen, daß es keinen andern Rath gab, als um⸗ zukehren. 4 5 „Die große Baumeiſterinn Ratur“ Melmte 4 der Baron ſcherzend—„erinnert uns hier an et. was, was wir vergaßen, naͤhmlich an das Fruͤh⸗ 4 ſtuͤck! Hier und da an dieſen Felſen gibt es gar fantaſiereich erfundene Gartenſitze, und der Wein muß in dieſen Wellen zu Eis werden!“ Geſagt, gethan! Die Pferde wurden an Baͤume gebunden, der Mantelſack ſeiner Buͤrd entledigt, das edle Korbflaͤſchchen unter Waſſe geſetzt, Rothſchild und Freiſing fanden in kurzen 87 jeder einen Steinſitz, auf dem ſie, wenn ſie nur ſonſt huͤbſch das Gleichgewicht hielten, leidlich genug hingen. 3 Indem der etwas feyerliche Mundſchenk Ja⸗ cob bald dem einen, bald dem andern credenzte, und die luſtigen Wegelagerer aus Mangel an anderer weiblichen Geſellſchaft mit Miß Eecho ein wenig kurzweilten, wurde dieſe nur allzu geſchwaͤ⸗ tzige Geiſterſtimme von einer andern unterbro⸗ chen, die dem Geiſterreiche eben ſo eng verwandt ſchien. Wenigſtens vernahm jedes lauſchende Ohr einen gar feinen, lieblichen Geſang, der mit den Toͤnen vieler Virtuoſtunen auch das gemein hatte, daß man nicht einmehl daruͤber mit ſich einig werden konnte, welcher Sprache die Worte an⸗ gehoͤrten. Um das Opernaͤhnliche noch zu vermehren, zeigten ſich alsbald in einiger Entfernung kleine Genien, die man gewiß fuͤr aggregirte Schlotfe⸗ ger zu halten verſucht worden waͤre, haͤtten nicht Straͤußer mit ſchwarzen Beeren, die ſie in der Hand trugen, auf eine hoͤhere Natur hingedeutet. In der That hielt Freifing, der ihnen zu⸗ naͤchſt Poſto gefaßt hatte, die fluͤchtigen ſchwar⸗ zen Geſtalten fuͤr junge Heidelbeerleſer, und wuͤnſchte ihre naͤhere Bekanntſchaft zu machen. Allein ſie entflohen, da er ihnen zurief, und wa⸗ 68—„ ren, als er ihnen ſcherzhaft nachſetzte, faſt augen⸗ blicklich wie in den Boden verſchwunden. 3 Dagegen zeigte ſich dem frevelnden Verfol⸗ ger unter den ſchirmartigen Tannenſtaͤmmen ein anderes und weit lieblicheres Weſen, deſſen Da⸗ ſeyn in einer ſo rauhen Felsgegend allerdings auffallen mußte. Die holde, aͤußerſt anziehende Maͤdchenge⸗. ſtalt ſchien ihren Vorlaͤufern oder dienenden Ge⸗ nien nur in ſo weit aͤhnlich, daß ſie mit etwas gelblicher Hautfarbe, mit brennend ſchwarzen Haaron, und mit den feurigſten ſchwarzen Augen begabt war— Maͤngel, die, wollte man ſie auch ruͤgen, durch den reitzendſten Wuchs, durch die purpurfarbigſten Lippen und durch bezaubernde Anmuth verguͤtet wurden. Ein Hut mit Federn und ein gruͤnfeidenes Gewand dienten zu ihrer Bekleidung; ein Vogel, den ſie auf dem Finger trug, das Fremdartige ihres ganzen Aeußeren, und eine gewiſſe Heftigkeit aller Bewegungen, waren nicht im mindeſten dazu geeignet, ihr Er⸗ ſcheinen in dieſer verlaſſenen Vezen erklaͤrlich zu machen. Die niedliche Amazone warf bey Freiſtngs Aunaͤherung die Augen allenthalben umher; der Geſang ſchwieg. Sie ſprang auf, und eilte, ein Weidenkoͤrbchen mit rothen Beeren ſchon aus der Entfernung darbiethend, auf Freiſing zu. Je 68 — ward auch der Baron und Jacob ihrer gewahr.1— „Gott ſtehe uns bey! das Bergfraͤulein!“— rief dieſer aͤngſtlich, und ſprang nach den Pferden, um ſie zur ſchleunigen Flucht los zu binden. Rothſchild fuͤllte laͤchelnd den ſilbernen Rei⸗ ſe⸗Pokal, um der Wald⸗Nymphe einen Ehren⸗ trunk anzubiethen; aber ehe er noch zu Freiſing gelangte, zeigte ſich im Hintergrunde ein baum⸗ langer ſchwarzer Mann mit emporg eſchwungenen keulen igem Aſte, der dem Maͤdchen drohete. Das ſchoͤne Kind eilte, ſo ſchnell es nur konnte, nach ihm hin; ein praͤchtiger, mit vier bragſen⸗ den Pferden beſpannter Wagen raſſelte daher, und in wenig Secunden ſchien alles von irgend einem verborgenen Felſenthore verſchlungen. Voll Verwunderung uͤber das Unerklaͤrliche dieſer Erſcheinung ſahen Rothſchild und Frei⸗ ſing einander an; der ehrliche Jacob aber konnte mit dem letzten Steigbuͤgel nicht recht in Ord⸗ nung kommen, weil ihm die Haͤnde zitterten und die Knie ſchlotterten.„Ich bin fertig;“— fing er mit Zaͤhnklappen an—„der ſelige Herr Kriegs⸗ rath ſagte immery—— „Das war drollig!“— wandte ſich Freiſing zu dem Baron— „Haͤtte ich es nicht mit meinen Ausen gefe⸗ hen, ſos— erwisderte dieſer— — 7o* Doch indem ſie ſich eben anſchickten, alles auf natuͤrliche Weiſe zu erklaͤren, donnerte es hoch uͤber ihnen, wie in der Luft, und ſie hoͤrten. ganz deutlich das Trappen der Pferde, das Raſ⸗ ſeln der Raͤder uͤber ihren Haͤuptern. „Hoͤren ſie um des Himmelswillen das Speeta⸗ kel⸗— ſagte Rothſchild kleinlaut, nicht ohne wunderbare Anwandlung— „Ganz, wie bey der Komoͤdie vom Fauſt“— nahm Freiſing das vort und laͤchelte, um durch⸗ Scherz ſeine Verlegenheit zu verbergen—„ſie wiſſen doch, daß einſt ein Gaukler vor vielem Volke den Fauſt mit Marionetten ſpielte, und gerade bey der intereſſanteſten Scenen—— Er hatte waͤhrend des Redens die Angen im⸗ mer in die Hoͤhe gerichtet, und— ploͤtzlich loͤſete ſich das erzwungene Laͤcheln in natuͤrliches lau⸗ tes Lachen auf; denn ſiehe! in geringer Entfer⸗ nung erhob ſich uͤber ihnen ein ganz gewoͤhnlicher Bruͤckenbogen ,„ von einer Felſennaſe bis zur an⸗ dern geſpannt! 1 Hat der Entzifferer nur einen Buchſtaben der kraus durch einander laufenden Schrift rich⸗ tig errathen, ſo fuͤhrt ihn dieſes gewoͤhnlich auch zu Entdeckung mehrerer, oft zu Enthuͤllung des ganzen diplomatiſchen Geheimniſſes. Dieſes hoff⸗ ten, jetzt allgemach ihrer Schwaͤche ſich ſelbſtt ſchämend, auch der Baron und Freiſing; allei ¹ 71 ihre Erwartung ving nur zum Theile in Erful⸗ lung. Zwar ward es ihnen eben nicht ſchwer, bey genauerer Unterſuchung der ganzen Gegend, ſeitwaͤrts ihrer Fruͤhſtuͤcksſeſſel einen ziemlich holprichten, durch uͤberhangende Felsmaſſen ge⸗ henden Weg auszuſpuͤren, welcher wahrſchein⸗ lich nach der, auf Felſen, wie auf Pfeilern, ru⸗ henden Bruͤcke fuͤhren mußte; aber alle Nachfor⸗ ſchungen nach den ſchwarzen Genien, nach der Zauberinn in gruͤner Seide, und nach dem baum⸗ langen ſchwarzen Keulenſchwinger, der ihr wink⸗ te, blieben vergebens. Beyde Freunde hielten da⸗ her, wie ſie ſagten, nichts fuͤr natuͤrlicher, als daß die vielleicht geraubte Schoͤne nebſt den drey ſchwarzen Geſtalten zu einer herumſtreifen⸗ den Zigeunerbande gehoͤren und im Gebuͤſche ver⸗ ſchwunden ſeyn moͤge; ingeheim aber konnten ſich beyde, vorzuͤglich der von der Schoͤnheit des unbekannten Maͤdchens tief getroffene Freiſing, des Gedankens nicht ganz erwehren, die raͤthſel⸗ hafte Geſellſchaft ſey wirklich mit dem Wagen davon gefahren. Die immer heißer brennenden Sonnenſtrahlen erinnerten nun auch an baldigen Aufbruch, wollte man anders noch zur rechten Zeit bey der Wirths⸗ tafel eintreffen. Jacob mußte ſich, ſo viel er da⸗ zegen einzuwenden hatte, entſchließen, den ihr Waͤchter irgend ein Teufelsſpuk nicht paſſiere⸗ gekfaͤhrlich duͤnkenden Durchmarſch durch dee dü⸗ ſtere Felſenſchlucht mit anzutreten. Erſt als die Granitwaͤnde nach und nach aus einander traten und der Sonnenſtrahl auf ſeine, aus Furcht feſt zugedruͤckten Augenlieder fiel. wagte er es, dieſelben wieder aufzuſchlagen. Aber ach! nun zeigte ſich ihm faſt zu aͤhnlichem Schauer, wie dem Miſſethaͤter das Hochgericht, die, wie er dafuͤr hielt, recht in Regenbogen⸗Manier durch die Luft gebanete, echte und aufrichtige Teufels⸗ bruͤcke. Tief Athem ſchoͤpfend, ſtarrend, ſchauete er rnach hin, und ſtand ſchon im Begriffe, ir⸗ gend ein Wort der Weihe ſeines ſeligen geheimen Kriegsrathes den beyden verwegenen Reitern warnend nachzuſenden, als er zu großem Gluͤcke mitten auf der Bruͤcke ein altes bemooſetes Kreuz erblickte, deſſen Urſprung ſich in die aͤlteſten Zei⸗ ten verlor. Feſt uͤberzeugt, daß bey ſolch einem fahe er ſich auf ein Mahl wieder im Beſitze ſeiner gewoͤhnlichen, nur gegen das Geiſterreich nicht Stich haltenden Herzhaftigkeit, und man gelangt ohne daß auch nur ein Pferd geſtrauchelt od ein Hufeiſen ſeine Unterthanenpflicht abgeſa⸗ haͤtte, glübblich und geſund vor den goldenn Hirſch zu Frankenau. 3 Nach eingenommener Mahlzeit kannte R ſchi d und Freiſing nichts Lligeres, als ſich n9 d 73 der Thierbude zu verfuͤgen; und wer ſchildert ihr Vergnüuͤgen, als faſt zu gleicher Zeit die Equipage mit dem ſcharlachrothen Jockey und den vier brau⸗ ſenden Fuͤchſen anrollte. Freiſing machte ſich Rech⸗ nung, wenigſtens die liebenswuͤrdige Jaͤgerinn wieder zu ſehen; Nothſchild hoffte auf Entziffe⸗ rung alles deſſen, was ihnen noch unerklaͤrlich geblieben war. So ehrerbietig ihnen, der, ich weiß nicht mehr, von wie viel, und von welchen hohen Po⸗ tentaten und gelehrten Geſellſchaften, mit Belo⸗ bungs⸗Decreten und Diplomen verſehene Profeſſor Caſelli die Adlernaſe und die Gulden⸗Billets entgegen ſchob; ſo gefaͤllig einige, auf dem Da⸗ che herumgaukelnde Affen durch mancherley Poſſen die Beſtrebungen ihres Herrn und Meiſters un⸗ terſtuͤtzten; ſo wenig hatten doch die beyden Freun⸗ de jetzt fuͤr etwas anders, als fuͤr die meergruͤne Wagenthuͤr Augen und Ohren. Ein Bedienter in praͤchtiger Livree oͤffnete ſie augenblicklich, und hob eine verſchleyerte, veilchenfarb gekleidete Da⸗ me von hohem Wuchſe und eben ſo liebreitzendem, als majeſtaͤtiſchem Weſen heraus; ein munteres, vollbuſiges Fraͤulein folgte; den Beſchluß machte ein Frauenzimmer von widrigem Anſehen mit ſtruppigen Haar. Und nun ward der Tritt wieder hinaufgeklappt, und keine der Ausgeſtiegenen Unterhalt. Biblioth. 11. B. O 24 hatte mit dem Fraͤulein in dem Felſen, geſchwei⸗ ge denn mit den ſchwarzen Kobolds⸗Figuren ihrer Diener oder Waͤchter auch nur die ent⸗ fernteſte Aehnlichkeit.„ Hoͤchſt mißvergnuͤgt ſtand Freiſing und zau⸗ derte, immer noch hoffend, der Wagen werde ſich abermahls aufthun und auch die raͤthſelhafte Schoͤ⸗ ne zu Tage foͤrdern. Allein Rothſchild zog ihn draͤn⸗ gend an der Hand.„Alle Teufel!“— ſagte er ihm in das Ohr—„wenn die Veilchenfarbne blaß der Mode oder des Staubes wegen den verwuͤnſch⸗ ten Schleyer traͤgt, ſo— ſteh' ich ihnen fuͤr nichts! Sehen ſie nur den aoͤttlichen Anſtand, die runden, blendenden Arme, die großen, viel⸗ ſagenden Augen!— Herr Profeſſor! vortreffli⸗ cher Herr Caſelli! Zwey Billets erſten Rangs— geſchwind!“ gooß, wie ein beſiegter Koͤnig, ertragenden Lo⸗ Der Baron draͤngte ſich mit Freifing ziemlich zavaliermaͤßig durch die Umſtehenden, und ſie kamen eben noch zeitig genug, um fuͤr die kurz zuvor eingetretenen Damen einige Stuͤhle in Be⸗ ſchlag zu nehmen. Doch kaum hatten ſie ihne dieß zu verſtehen gegeben und einen freundliche Dank dafuͤr empfangen, als die beyden reitzen⸗ den Weſen grauſamer Weiſe nur fuͤr den grau⸗ ſamen, im Kaͤfig wild hin und her rennenden 3* Tieger, und für den edlen, ſeine Geſangenſchaft 1d 73 wen, Augen zu haben ſchienen. Bloß die Dritte, von der Natur ziemlich ſtiefmuͤtterlich Behandelte, ſchenkte den beyden galanten Unbekannten eine nur allzu guͤtige Aufmerkſamkeit. Freiſing mußte, gleich einem Daͤmon fuͤr den Foeund ſich ſelbſt aufopfernd, ſeine ganze Kenntniß der Natur⸗Hi⸗ ſtorie in Requiſition ſetzen, um nur Rothſchild vor ihrer zudringlichen Neugier wenigſtens auf Augenblicke ſicher zu ſtellen. „Finden ſie nicht auch, daß es hier in der Bude uͤbernatuͤrlich heiß iſt?n— fing der Baron endlich, tief Athem ſchoͤpfend, zu der ihn vorzuͤg⸗ lich anziehenden Gebietherinn an. „In der That, ſie haben recht!“— lispelte die veilchenblaue Dame, und ſchlug mit einem unbeſchreiblichen Blicke den Schleyer zuruͤck, daß man nun die ſchoͤnſten Goldlocken, und den, ſelbſt unter der Perlenſchnur noch blendenden Buſen bemerken konnte.—„Aber dieſe Hyaͤne iſt doch in der That zu graͤßlich, als daß man ihren Aus⸗ blick lange ertragen koͤnnte!“. Haſtig bejahete es der Baron, ob er ſchon das Augenwaͤlzen des heimtückiſchen Scheuſals gar nicht bemerkte; ihm hatten ſich Augen auf⸗ gethan, in deren Himmelsblaͤne er ewig ſchauen zu duͤrfen wuͤnſchte. Der Waldteufel, ob er ſchon, fein eigner dendul, mit lächerlichen Grimaſſen am geringel⸗ 1 2 76 ten Schwanze ſchaukelte, und, gleich einem graͤ⸗ melnden Kunſtrichter, mit haͤmiſch freundlichem Grinſen Mandeln fraß, konnte eben ſo wenig den Beyfall der Dame gewinnen. Dahingegen hatten ſich zwey roſig gefiederte Loͤffelgaͤnſe und ein gelaͤhmter Adler ihrer ganzen Aufmerkſamkeit, ihres ganzen Mitleids zu erfreuen, und der Ba⸗ ron hoffte ſchon, da hierdurch das Geſpraͤch etwas lebhafter, ja gewiſſer Maßen ſentimental wurde, durch eine geſchickte Wendung Nahmen und Auf⸗ enthalt zu erfahren, als die hohe Blondine, wie nun befriedigt, ſchnell den Schleyer herabzog, und mit einer ſtummen Verneigung ſich entfernte. Es wüuͤrde auffallend und faſt beleidigend ge⸗ weſen ſeyn, haͤtte der Baron unter dieſen Um⸗ ſtaͤnden ihr ſogleich folgen wollen; er gab daher nur Freiſing einen bittenden Wink, der ihn augen⸗ blicklich verſtand und zu erfuͤllen eilte. Doch lei⸗ der kam er eben nur noch recht, um von der zu⸗ letzt einſteigenden ſchielenden Beylage einen lie⸗ bevollen Abſchiedsblick davon zu tragen; die immer haͤumenden Pferde vernahmen kaum den Erloſung verkuͤndenden Peitſchenſchwung, als ſie durch eine zunaͤchſt an das Stadtthor führende Straße in vollem Jagen dahin raſeten. 4 Die Reihe des Mißbehagens kam, bey dieſer aicht troͤſtlichen Nachricht, nun an den Baron. Zwar gab er alle Hoffnung, den Rahmen und langweilig erklaͤrte Schauſpiel doch in der That . und der Andere ſtets auf der Lauer ſta desſelben auf das neue zu hemuͤchtigen 77 Stand der vornehmſten von den drey Damen zu— erfahren, nicht ſogleich auf; zwar erkundigte er ſich im Gaſthofe ſo genau, als es, ohne etwas zu⸗ verrathen, nur angehen wollte; zwar durchſtrich und mit ihm aus Gefaͤlligkeit auch ſein Freund, traßen und Spaziergaͤnge; zwar fand er das fuͤr dieſen Tag angekuͤndigte, ehedem fuͤr ſehr ſehenswuͤrdig; indeſſen kein Wagen mit vier Pfer⸗ den beſpannt, kein rother Jockey, weit weniger aber die veilchenblaue Fee, war zu entdecken. Alle Nachforſchungen bewirkten nichts, als die, wenigſtens füͤr Freiſing nicht unbetraͤchtliche Un⸗ annehmlichkeit, daß man in der Nacht, mithin dieß Mahl auf dem gewoͤhnlichen Wege, wieder nach Hauſe reiſete. Als man am folgenden Tage noch ziemlich verdrießlich und ſchlaͤfrig zuſammenkam, wurden vor allen Dingen die Ereigniſſe des vorigen Tages des breitern wiederholt und beſprochen. Freiſtng brachte immer den erſten Theil dieſer Tagsge⸗ ſchichte auf die Bahn; eben ſo oft unterbrach ihn der Baron mit dem zweyten Theile; es waͤre fuͤr einen Dritten in der That ein unterhaltendes Schauſpiel geweſen, einen Zeugen davon abzuge⸗ ben, wie immer der Eine das Wort an ſich riß, nd, ſich 73 Da endlich alles, was die Dame iu der Thier⸗ bude anlangte, durchaus keines Zuſatzes mehr faͤhig war, ſo gelang es Freiſing, einen ſchon ſeit dieſem ganzen Morgen auf dem Herzen ge⸗ habten Punct geltend zu machen, naͤhmlich den ſonderbaren Ausruf des alten Jacob: ⸗Das Beis. fraͤulein!“ den man bis dahin, wichtigerer n⸗ gelegenheiten halber, gänzlich als ungehoͤrt uͤber⸗ gangen hatte.. Laſſen ſie uns den ehrlichen Kautz“— meinte reifing— doch befragen, was er damit wollte? Wir haben dieſen Vormittag gerade Muſe und Geduld genug, ihm eine Herzenserleichterung zu gönnen, und gewinnen wir auch nichts weiter damit, ſo vergehen doch ein Paar Stüͤndchen, in welchen ich wenigſtens mich durchaus zu kei⸗ nem Geſchaͤft aufgelegt finde!“ Dem Baron ging es genau eben ſo; Jacob wurde alſo herauf gerufen, um Pfeifen zu ſtopfen, und ſich deutlicher zu erklaͤren. „Der ſelige Herr geheime Kriegsrath“— hub er ſchmunzelnd an—„geruheten eines Abends dieſelbe Frage an mich zu thun; Muͤßiggang, pflegte er immer zu ſagen, iſt des Teufels Ruhe⸗ bank. Was ich demſelben zu hinterbringen die Ehre hatte, werde ich auch meinem gnädigen jungen Herrn nicht verſchweigen. Gleiche Bruͤder Aliche Kappent 3 79 „Vor allen Dingen, Alter!“— unterbrach ihn der Baron gutmuͤthig— vſtopfe dir auch; dort, von dem neuen Knaſter, ſag' ich, und ſetze dich. Die Spruͤchwoͤrter aber ſchenken wir dir!0 Jacob erhob laͤchelnd und nur durch Blicke dankſagend die Achſeln, ging mit den Tobaks⸗ blaͤttern wie mit Gold um, und nahm dann, uachdem er gar manierlich den Wachsſtock in der ſilbernen Schere wieder ausgedaͤmpft hatte, ſei⸗ nen Sitz beſcheidentlich auf dem Fenſtertritte. „Wenn ich es nur ordentlich erzaͤhlen kann bey ſo großer Ehre! Sie muͤſſen vorlieb neh⸗ men!“— ſprach er Prologsweiſe——„Nun ich fange ja ſchon an!“ Im Jahr Chriſti— nel das weiß ich doch nicht gewiß, ob es in einem Jahre Chriſti war— genug, noch zu Zeiten des alten Pabſtthums ſtand auf jenen abſcheulichen Felſen— ich fuͤr meine Natur eit gar nicht, was man ſich nur Schoͤnes daran erhohlen kann— eine Ritterburg. Sie war ſchon fruͤher einmahl in Grund und Boden geſchoſſen und wieder neu aufgebauet wor⸗ den; denn in ganz alter Zeit hatten dort Raub⸗ grafen ihr Weſen getrieben, und, wie ſich ſolche Brut immer auf alle Faͤlle vorſteht, auch einen ungeheueren Schatz im unterſten Keller vergraben.“ „Derjenige, der die eingefallene Burg wieder in Stand ſetzte, haͤtte nun freylich auch den 8 3 Schatz gern gehabt. Er ließ des alte Gemaͤuer um und um kehren, wie eine Taſche; ja, aber man fand nichts, als ſo abſcheulich viele Men⸗ ſchenknochen, daß es ordentlich einen Stein in der Erde haͤtte erbarmen moͤgen. Der Schatz aber war auf eine Art verſetzt, daß der Bauherr wohl die Naſe davon laſſen mußte!“ „Es ſchauert einem Chriſtenmenſchen ordent⸗ lich die Haut, nur ſo was zu ſagen; aber, nun ſehen ſie, der Schatz konnte nicht anders ge⸗ loſet werden, als mit dem Blute eines neuge⸗ bornen, unſchuldigen Kindes. So ein abſchen⸗ iiches Herodesherz hatte der Ritter nicht, und wenn er daher auch immer in der zwoͤlften Stun⸗ de die Raubgrafen mit ihrem Gelde klimpern hoͤrte, ſo dachte er: Zaͤhlt ihr nur; ich begehre nicht eueres ungerechten Mammons! So ein chriſtlicher gnaͤdiger Herr alſo war der Ritter, und auch alle ſeine Nachkommen. Der letzte von ihnen ging ſogar auf die Wanderſchaft zum heili⸗ gen Grabe— nun, da hat die Geſchichte ſich doch wohl nach der Geburt unſers Herrn und Seligmachers zugetragen!“ „„Das waͤre nun wohl alles ganz gut gewe⸗ ſen;— denn: Wie der Gaſt iſt, ſo braͤt man die Wurſt, und: Gott ſiehet das Herz an, ſa immer der Herr Kriegsrath— aber daß der Ritter ſich auf der Heimfahrt in ein ſchoͤnes Noͤmiſches . 3 81 Fraͤulein vergaffte, das war nicht gut.„Schuſter bleib bey deinem Leiſten, und: Man ſoll die Kuh nicht neben das Pferd ſpannen, ſagte im⸗ mer—— „Bleib' bey dem Grundtexte, Jacob!“ unter⸗ brach ihn der Barsn—„wenn dn dich einmahl in deine Sprichwoͤrter verwickelſt, muͤſſen wir bis Abend hier bleiben!* »Run, alſo das Fraͤulein war freylich ſchoͤn und aus einem altadeligen Hauſe, dabey aber arm, wie, mit Reſpect zu ſagen, eine Kirchen⸗ maus, und verliebt, wie eine Ratze. Der Deutſche, ſchoͤne, gnaͤdige Herr und ſeine Burg ſtach der Noͤmiſchen Hexe gewaltig in die Augen; ſie ſuchte ihn ſo lange anzukirren, bis er Ernſt machte; kurz und gut, er ließ ſich mit ihr zuſammen ge⸗ ben, und glaubte Wunder, was fur eine rare Perl er mit heimbringe. Aber wie das Sprich⸗ wort— nel aber da ſie ſich kaum ein wenig im Neſte ausgewaͤrmt hatte, wollt' ich ſagen, da kroch ganz unvermuthet ein Kuͤchlein aus, und der Heer Ritter ſchnitt wunderbare Geſichter. Was konnte es helfen? Ein Kind iſt immer beſſer, als ein Kalb; wollte er ſich nicht auslachen laſſen, ſo mußte er an alles glauben, als ſtaͤnde es in der Bibel. Die verſchmitzte Roͤmerinn kam faſt ſchoͤ ner aus dem Kindbette, als ſie hinein geſtiegen war, und kaum hatte ſie ihren Kirchgang geh B 6 4 Z2 1 ten, als ihr nach und nach zu Hauſe alle Thuͤren und Fenſter zu eng und niedrig wurden. Wollte der gute Herr Ritter Ruhe haben, ſo mußte er ſtets mit ihr herumkutſchiren, zu Turnieren und Komoͤdien, wobey ſte denn zum ſchoͤnen Dank immer nach Andern ſah, und ihrein Herrn. oft gar ſchnoͤde begegnete. 8 „So trieb ſie ihr Weſen viele Jahre, ohne daß ein weiterer Eheſegen ſich zeigte, und ſtarb zu gutem Gluͤcke, weil ſie ſich bey einem Schlei⸗ fer erhitzt hatte, da die kleine— ja, den Nahmen habe ich vergeſſen; ich daͤchte, wir nennten ſie Fraͤulein Marianchen— ungefaͤhr zwoͤff Jahre alt war. „Der Herr Ritter gab ſich nun freylich aus Chriſtenliebe alle Muͤhe, den kleinen Wildling zu einem guten Fruchtbaͤumchen heran zu ziehen, und verſchrieb ihr recht geſchickte Gouvernanten und Informators; aber— nehmen ſie mir es za nicht uͤbel— der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme! Dabey ſah der kleine— ſchwarze En⸗ gel, ob er gleich dem Papa nicht ein Bißchen aͤhnelte, doch gar abſcheulich ſchoͤn aus, und ſo widerhaarig er war, ſo hatte doch jedermant der ihn anſah, ordentlich ſeinen Narren in ihm gefreſſen; denn, hatte Marianchen gleich ein recht gelbes Italienergeſicht, ſo trug ſie dos auch ein Paar Augen im Kopfe— hu, dure 45 8 3 2 * . 33 nenn eiſerne Thuͤren! Nun, was brauch' ich es ihnen erſt lange zu ſagen?— Sie werden es ja wohl ſelbſt geſtern geſehen haben!“* Der Baron brach in ein lautes Gelaͤchter aus, und ſtieß Freiſing an.„Ohne Gloſſen, Ja⸗ cob!“ ſagte dieſer, ein wenig gereitzt. „Nun das Froͤhlen Marianchen“— fuhr die⸗ ſer fort—„wuchs heran wie ein Orgelpfeifchen, und der Geiſt der Frau Mutter war doppelt und dreyfach in ſie gefahren. Sie ließ dem Papa Tag und Nacht keine Ruhe, ihr immer ſchoͤneren Schmuck und ſchoͤnere Kleider, heute eine golde⸗ ne Uhr, morgen ein Paar Ohrringe, uͤbermorgen einen neuen Faͤcher zu ſchaffen, und ihr ein Ver⸗ gnuͤgen nach dem andern zu machen. Bald mußte er eine Jagd anſtellen, bey welcher ſie ſich zu Pferde, einen Gruͤnſpecht oder Falken, oder was es ſonſt fuͤr ein Aas war, auf der Hand, den eingeladenen Rittern zeigte; bald mußte er zu einer Hochzeit, bald zu einer andern Luſtpartie anſpannen laſſen, wo das Fraͤulein, war es gleich das juͤngſte unter den ſaͤmmtlichen Herrſchaften, die Gewalt ihrer Augen immer ſo gut zu brau⸗ chen wußte, daß die andern Fraͤuleins ſich faſt zu Tode aͤrgerten. Die mochten ihr denn auch nachſagen, was ſie nur wollten, ſie trieb es nur um ſo aͤrger. Die Maͤnner und jungen Herren Kprachen ſchon beſſer von ihr!, „So ſehr es ihr gefiel, Alt und Jung am Narrenſeile herum zu fuͤhren, ſo ſpielte ihr die Liebe doch endlich auch den Poſſen, daß ſie ſich ſelbſt ganz im Ernſte verplaͤmperte. Der Krug geht ſo lange zum Brunnen, bis der Henfel bricht, ſagte immer der Herr geheime Kriegsrath!“ „Ihr Herzauserwaͤhlter war, mit Reſpect zu ſagen, ein ſteinreicher Prinz, ich glaube aus Portugal oder Spanien, deſſen Temparement ſi ſich zu ihrem vollkommen ſchickte. Aber, wie immer der Knuͤppel bey dem Hunde liegt, und der Teu⸗ fel bey der Kirche ein Wirthshaus bauet, ſo war der Herr Prinz ſo entſetlich ſteinreich und hoch⸗ muͤthig, daß er durchaus keine andere heimfuͤhren konnte, als die ihm gleicher Geſtalt alles in Schef feln mit in ſeine Spaniſchen Schlöſſer bringe. ¼ Das gab er denn auch einmahl dem Fraͤulein Marianchen, ſo grauſam er in ſie geſchoſſen war, 4 ganz rund zu verſtehen. Da fuhr wie ein Wind der Habſuchtsteufel zu dem Liebesteufel in ihrs 8 arme Seele!“ 1 „Leider Gottes! hatte ſich die ſelige Mama, oder ſonſt jemand, etwas von dem Schatze der Raubgrafen gegen ſie verlauten laſſen, und von nun an hoͤrte das Froͤhlen alle Naͤchte das Klim⸗ pern im Keller. „Das Sprichwort ſagt: Jugend hat nicht Fugend, und: wer Kohlen angreift, macht ſie . 85 ſchwarz— nun, mit der Tugend hatte es bey Marianchen ohne dieß keine große Noth. Der ſchoͤ⸗ ne Spaniſche Prinz war zu oft auf der Burg ein⸗ gekehrt, und das verliebte Froͤhlen war zu oft mit ihm allein herumſpaziert, als daß der boͤſe Feind nicht ſein Spiel getrieben häͤtte. Sie fuͤrch⸗ tete ſich nun ſehr, vor aller Welt zu Schanden zu werden, war daruͤber entſetzlich deſperat, und ſang Tag und Nacht: Es gehe wie es gehe, mein Vater in der Hoͤhe— nu, oder ſo etwas. Sie— wollte den Prinzen doch gewiß zum Gemahle wegſchnappen, und haͤtte er Toͤpfchen mahlen koͤnnen. Es rumorte alle Naͤchte immer aͤrger vor thren Ohren, daß es ordentlich eine Schande war.* „In einer derſelben, wo mian keinen Hund aus dem Hofe gejagt haͤtte, warf ſie ſich aber⸗ mahls auf ihrem Bettchen herum; da ſchlug der Thurmſeiger, das Nachtlichtchen loͤſchte aus, es kniſterte in den Bettumhaͤngen, und eine ſchauer⸗ liche Luft wehete ſie an. Sie war zwar uͤber⸗ haupt eben nicht zaghaft; doch wurde ihr dieß Mahl recht grauslich um das Herz. Allein ſte faßte ſich bald wieder, und zog den Vorhang ein wenig zuruͤck. Da ſtreckte ihr eine Frau in einem Lei⸗ chenhemde langſam den Kopf entgegen, daß ſie ſo zu ſagen vor Schreck ordentlich wie in Ohn⸗ macht fiel.» 4 36 3 „Fuͤrchte dich nicht Mariane!“— ſagte das weiße Geſpenſt, und der Stimme nach war es ihre Mutter—„ich weiß, was dich nicht ſchla⸗ fen laͤßt, und will dir helfen. Ziehe dich geſchwind an, und folge mir. Wenn man Sperlinge fangen will, muß man nicht mit Knuͤtteln drein werfen, und: im Zipfel faͤngt man die Fiſche!— nein, das ſagte das Geſpenſt eigentlich umcht, aber doch: der Schatz iſt ſo gut, wie in deiner Taſche 15 7 „Dieſe letzten Worte blieſen gleich eine ent⸗ ſetzliche Courage in ihr an, und da ſie uͤberhaupt ſehr keck und frech war, ſo warf ſie ſich geſchwind in ihr Saloppchen, bethete ganz heimlich ein glaͤubiges Vaterunſer, und ging dem verdammten 4 Geiſte auf dem Fuße nach; doch immer zehn Schritte vom Leibe. Mit großen Herren iſt nicht gut Kirſchen eſſen! mochte das Fraͤulein denken. Doch wir fuͤrchten, mit dem vollſtaͤndigen Berichte des alten Jacob, der nach Art alter Leute etwas breit erzaͤhlte, die geneigten Leſer zu lang⸗ weilen, und wollen ihn abloͤſen. Die weiße Geſtalt ſchritt immer ſchneller und ſchneller vor ſich hin; alle Pforten thaten ſich, ohne nur zu knarren, vor ihr auf; ſelbſt die große, ſchwere Kellerthuͤre, welche mit meh reren Schloͤſſern und Riegeln verwahrt war, als 87 alle uͤbrigen der ganzen Burg, ſprang in die Hoͤhe, wie bey einem Erdbeben. Als der Geiſt und das Fraͤulein in den letzten Keller gelangt waren, glaubte die letztere, am Ende ihrer naͤchtlichen Reiſe zu ſeyn; aber ſie ierte. Denn jetzt oͤffnete ſich vor dem Geiſte eine Fallthuͤre, und nun zeigte ſich ein langer, ganz in Felſen gehauener Gang, in deſſen Tiefe ein blaues Licht ſchimmerte. Die Burgfran wandte ihr Geſicht noch einmahl nach dem Fraͤulein, winkte dringender, und ſchritt von neuem voran. Das Fraͤulein bekaͤmpfte, ſo ſchwer es ihr ward, den letzten Reſt ihrer Furcht. Als man auf dieſe zu einem großen, ſchwar⸗ zen Steine gelangt war, verloͤſchte das ſchwefel⸗ blaue Flaͤmmchen; aber ein wunderbarer Glanz drang aus der Erde, und erleuchtete das ganze un⸗ kerirdiſche Gewoͤlbe.„Wirf ein Zeichen darauf»— ſagte das Geſpenſt und deutete auf eine Stelle.— „Drey warme Zlutstropfen aus dem Herzen eines neugebornen ungetauften Kindes in einer zwoͤlf⸗ ten Stunde der zwoͤlf Raͤchte hier vergoſſen, ſichern dir den Beſitz von zwanzig Braupfannen gediege⸗ nen Goldes!* Das Ritterfraͤulein, obwohl von Grauſen befallen, mochte doch von dieſem Gebrauche ſchon zuvor gut unterrichtet ſeyn, um etwas ſo Noth⸗ wendiges zu verabſaͤumen. Sie knuͤpfte angen⸗ blicklich ihr Haartuch ab. Die Burgglocke ſchlug zwoͤlf; der Geiſt verſchwand, und— ſie lag, in Schweiß gebadet, auf ihrem Bette. Indem ſie noch mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ob ihr dieß alles in Wahrheit begegnet, oder nur ein lebhafter Traum ihr erſchienen ſey, bemerkte ſie mit Vergnuͤgen, daß die Lampe noch brenne. Sie fuhr unwillkuͤhrlich nach ihren rabenſchwar⸗ zen Haaren, aber die ſchoͤnen Locken wallten zer⸗ ſtreut uͤber Hals und Buſen; von dem Tuͤchlein, womit ſie gewoͤhnlich zuſammen gehalten wurden, war weder auf dem Kopfe, noch im ganzen Bette, ſo genau ſie alles durchſuchte, eine Spur zu finden. Sie erſchrak nun freylich uͤber dieſe Ent⸗ deckung; allein in demſelben Augenblicke kam ihr der Spaniſche Prinz und der ungeheuere Schatz wieder in das Gedaͤchtniß, und dieſe lockenden Bil⸗ der waren fuͤr ſie ſo entzuͤckend, daß ſie nach eini⸗ ger Zeit ſogar in recht ſanften Schlaf fiel. Als ſie bey hellem Sonnenlichte wieder er⸗ wachte, und Re Erinnerung an die vergangene Nacht ſich ihr aufdraͤngte, fuͤhlte ſie freylich große Beklemmung Indeſſen ſchlug ſie ſich bald alles aus den Gedanken, weil kurz darauf der Spani⸗ ſche Prinz wieder anlangte, mit dem ſie ſich, wie immer, nicht wenig ergetzte. Doch beydem Ab⸗ ſchiede wurde ihre Freude geſtoͤrt; denn der Prin theilte ihr die Nachricht mit, daß er ein halbe 89 Jahr lang abweſend ſeyn, und erſt dann ſie wie⸗ der umarmen werde. Jetzt haͤtte es dem Fraͤulein obgelegen, das unter ihrem Herzen liegende Geheimniß nicht laͤnger zu verſchweigen. Allein ihr Stolz und der Gedanke, daß der Prinz dann vielleicht um ſo eher ihre Hand verſchmaͤhen koͤnne, hielten dieß Bekenntniß zuruͤck. Die beyden Liebenden ſchieden unter den feurigſten Umarmungen von einander, und das Fraͤulein warf dem Prinzen, von dem Soͤller der Bergfeſte noch ſo lange Kuͤſſe nach, als ſie nur das Mindeſte von ihm ſehen konnte. Kaum war ſein Federbuſch in den hohen Baͤumen gaͤnz⸗ lich verſchwunden, als ſie auf das neue bey ſich . 5 ſelbſt ſchwor, ihn zum Gemahl zu erringen, und ſollte ſie alles dafuͤr aufopfern. Die Lockungen des boͤſen Feindes hoͤrten nun nimmer auf. Vor allen Dingen hielt das Fraͤu⸗ lein fuͤr noͤthig, zu unterſuchen, ob auch die Fallthuͤr an Ort und Stelle anzutreffen ſey. Sie benutzte hierzu einen Abend, da im Schloſſe weidlich gezecht wurde, und ſtehe„im Fußboden des unterſten Kellers fand ſich, unter Sand und. Schlamm verborgen, in That und Wahrheit eine eiſerne Thuͤr. Dieſe Entdeckung, verbunden mit allen Um⸗ ſtänden, die ihr von dem Schatze der Maub⸗ 90. grafen ſchon fruͤher erzaͤhlt worden waren, ließen ſie nicht laͤnger zweifeln, daß ihr die Hebung des Schatzes vom Schickſale beſtimmt ſey; nur vor der Bedingung grauete ihr. Lange Zeit arbeitete ſie an ſich ſelbſt, dieſen letzten Reſt von Gefuͤhl zu uͤberwinden, und ihre gluͤhende Leidenſchaft nebſt den raſtloſen Eingebungen des Teufels lei⸗ ſtete ihr hierin trefflichen Beyſtand. Schon fing ſie an auf Mittel zu ſinnen, wie die Bedingung erfuͤllt werden koͤnne; ſchon hatte ſie ihr Herz ſo ſchrecklich verhaͤrtet, daß ſie in⸗ geheim, unter dem Anſcheine freundlicher Milde, Erkundigung einzog, welche Frauen unter den Knechten und Unterthanen ihres Vaters guter Hoffnung waͤren; ſchen ſann ſie auf eine Liſt, eines dieſer Kinder zu entwenden. Allein, da aller Rachforſchungen ungeachtet, kein Lamm zu dieſem hoͤlliſchen Opfer ſich vorfinden wollte, da— gab ihr endlich der Teufel den entſetzlichſten aller Gedanken in das habſuchtige, von Stolz und Wolluſt verblendete Herz.. Das Fraͤulein verbarg von nun an ihren ei⸗ genen, noch von niemand bemerkten Zuſtand weit ſorgfaͤltiger. Wuͤſt, ſtill, ohne mit den ſtar⸗ renden Augen ſelbſt das Naͤchſte zu ſehen, ging ſie oft im Hauſe herum und durchſtrich die um⸗ liegende Gegend; oft wieder ſprach ſie mit den Aermſten ſo herablaſſend, ſo himmliſch freundlich⸗ . 3 91 wie ein Engel des Lichts. Je naͤher das Weih⸗ nachtsfeſt ruͤckte, je unſtaͤter und freundlicher ward ſie; alle wunderten ſich ingeheim, was das Fraͤnlein ſo gaͤnzlich veraͤnderte. Dann bezog ſte das abgelegendſte Zimmer der ganzen Burg, und entfernte des Nachts mit herriſchem Befehle jedes menſchliche Weſen aus ihrer Naͤhe. Als in der ſiebenten von den zwoͤlf Naͤchten die Mitternachtsſtunde herannahete, fuͤhlte ſie pioͤtzlich unſaͤgliche Schmerzen. Alle ihre ſchon im voraus geſammelte Standhaftigkeit wollte kaum ausreichen; doch ſie rief ſich die ihr drohen⸗ de Schande, das Bild des Spaniers, den uner⸗ meßlichen Schatz, mit furchtbarer Herzensver⸗ ſtockung ſo oft in die Gedanken zuruͤck, daß ſie alle Qualen, ohne laut zu jammern, uͤberwand. Dann verſank ſie in Bewußtloſigkeit, und, als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, ſchlug eben die Uhr eilf; die Lampe verloͤſchte; der weiße Geiſt ſtand wieder vor dem Bette. „Gib mir das Kind!“— rief die Schatten⸗ geſtalt im Leichentuche—„ich will es opfern fuͤr dich! In der neunten der zwoͤlf Raͤchte ruhet der Schatz unter dem ſchwarzen Steine; warte dann meiner; denn ſpaͤter ruͤckt er abermahls weiter!“ Die abſcheuliche Mutter bebte— doch reichte ſie das Kind dem Geiſte, der damit augenblicklich verſchwand. Es ſchlug zwoͤlf Uhr; ein ſchreckli⸗ cher Sturm erhob ſich, warf alle Schorſteine, ſelbſt bie Thuͤrmchen der Burg, herunter, zer⸗ truͤmmerte Thuͤren und Fenſter. Kaum hatte er ſich gelegt, als der um ſeine Tochter beſorgte Ritter ihre Dienerinnen ſandte, um nachzuſehen, ob ihr ein Ungluͤck widerfahren ſey. Man er⸗ brach, da ſie nicht oͤffnete, die Thuͤren, und ſie bemuͤhete ſich umſonſt, den Zuſtand, in dem ſie ſich befand, vor den Weibern zu verbergen. Wo iſt das Kind? riefen die Zofen und — Weiber mit Grauſen; nirgends war es zu finden. Des Fraͤuleins wildes, furchtbares Weſen, ihr ſchreckliches Laͤcheln, der wuͤthende Sturmwind entraͤthſelte ihnen, was geſchehen war; noch — deutlicher aber ward alles, als man von ihren Gemaͤchern aus bis in den unterſten Keller ein⸗ zelne Blutstropfen fand, deren Spur ſich dort an der Mauner verlor. Das Fraͤulein konnte nicht laͤnger laͤugnen. Das Geruͤcht von der graͤßlichen That ver⸗ breitete ſich in der ganzen Gegend, die durch den ungeheueren Sturm aufgeſchreckt worden war. Auch der mit dem feſten Entſchluſſe, die Geliebte heim zu hohlen, zuruͤck gekehrte Spaniſche Prinz erfuhr davon, und gerieth in die graͤnzenloſeſte — Wuth. Er warf ſich auf das ſchnellſte ſeiner Roſſe, und ſtuͤrmte unvermutbet in das Kranke zimmer. — 93 „Iſt es wahr, Entſetzliche! das Pfand un⸗ ſerer Liebe haſt du der Hoͤlle geopfert?*— don⸗ nerte er ihr entgegen. „Fuͤr dich, Antonio!— verſetzte das Fraͤu⸗ lein, ſchmachtend und fieberhaft gluͤhend. „Fahr zur Hoͤlle!“ ſchrie geſtraͤubten Haares der Prinz, ſtieß ihr den Dolch in die unmenſch⸗ liche Bruſt, und begab ſich ſchleunig auf die Flucht. Der alte Ritter, dem die ſchreckliche Bege⸗ benheit alles Weltliche verleidete, uͤberließ nun ſeine Habe den Moͤnchen, und begab ſich in das Kloſter. Spaͤterhin wurde die Burg in Kriegen ſo verwuͤſtet, daß keine Spur mehr vorhanden iſt. Aber noch immer liegt der Schatz in jenen Felſen vergraben, und kann nur durch das Herz⸗ blut eines neu gebornen Kindes gehoben werden. Der Geiſt des Fraͤuleins wandelt in mancherley Geſtalten, bald als Jaͤgerinn mit einem Falken, bald als Hirtenmaͤdchen, bald als ein haͤßliches zahnluͤckiges Waldweib, bald unter einer andern Geſtalt, dort um, und ſucht die Juͤnglinge durch teufliſche Liebeskuͤnſte, die Maͤdchen durch kupp⸗ leriſchen Beyrath zur Hebung des Schatzes zu verfuͤhren. „Darum, lieber gnaͤdiger Herr!⸗— ſchloß der ehrliche Jacob ſeine lange, oft unterbrochene Erzaͤhlung—„bedenken ſie ihre theuer erkaufte 94—— Seele und ihre Pferde, und huͤthen ſte ſich kuͤnf⸗ tig vor dem verwuͤnſchten Mordwege! Sie be⸗ ſinnen ſich doch wohl noch auf das Kammermaͤd⸗ chen Jeannette, das nach der ſeligen Mama Lode noch auf dem Schloſſe blieb?“„ „Nun ja, ja!“— erwiederte der Baron— „aber was foll das?“ „Ich werde mein Lebstage daran denken, was der ſelige Herr geheime Kriegsrath einmahl ſagte, da ich das Haubenband von dem Muͤdchen in ſei⸗ nem Cabinette fand und, weil ich die Jeannette fuͤr eine Spitzbuͤbinn hielt, ein grimmiges Specta⸗ kel erhob—„Jacob!“ ſagte er—„Was deines Amtes nicht iſt, da laß deinen Vorwitz!“ Ich habe ihn mein Lebstage nicht ſo boͤſe geſe⸗ hen— ja, ja, laß deinen Vorwitz, ſagte immer der ſelige Herr Papa!“* „Schon gut jetzt laß decken!“— verſetzte Roth⸗ ſchild—„Ich weiß nicht, wie wir das alberne Zeug ſo lange mit anhoͤren konnten!“ wandte ſich dann gaͤhnend zu Freiſing, und beyde gingen mit einander zur Tafel. Am naͤchſtfolgenden Tage, da man wieder voͤllig ausgeſchlafen hatte, ſah man die Bege⸗ benheiten der kleinen Reiſe zwar⸗mit etwas gleich⸗ guͤltigern Augen an; doch blieb das Abente in der Felsgegend und die angenehme neue kanntſchaft in Frankenau noch immer ein Geget 95 ſtand mancher angenehmen Erinnerung. Mit der Zeit dien jedoch auch dieſes Andenken, von neue⸗ ren kleinen Begegniſſen gaͤnzlich verdraͤngt zu werden, und man erwaͤhnte jener Reiſe hoͤch⸗ ſtens nur dann, wen man ſich gegenſeitig ein wenig aufziehen wollte. So gleichguͤltig indeſſen beyde Freunde ein⸗ ander gegen uͤber die Sache behandelten, ſo war es ihnen um das Herz doch ganz anders. Freiſing konnte die niedliche, ihm Erdbeeren anbiethende Waldſchoͤne, Rothſchild die Dame im Schleyer durchans nicht vergeſſen. Der feurige Blick aus den pechſchwarzen Augen der Erſtern, der ſanfte, huldvolle aus den kornblauen der Zweyten hatte zu tief Wurzel geſchlagen, als daß andere, an ſich recht huͤbſche Augen einen dauernden Ein⸗ druck gemacht haͤtten. Jeder von ihnen ſtellte immer Vergleichungen an, die zum entſchiedenſten Vor⸗ theile der unbekannten Einzigen ausſchlugen, und jeder wollte und konnte die Hoffnung nicht auf⸗ geben, der, wie nicht zu laͤugnen ſtand, etwas raͤthſelhaften Dame ſeines Herzens durch ein gluͤckliches Ungefaͤhr auf die Spur zu kommen. In dieſer Abſicht unternahm man denn auch, ohne von ihr etwas gegen einander zu erwaͤhnen, oͤfter als ſonſt, bald vereinigt, bald getrennt, kleine Reiſen nach Frankenau oder einem andern der umliegenden Orte. Sollte Freiſing daran 1 Theil nehmen, ſo mußte man nicht fuͤglich au⸗ 96 ders, als wenigſtens ein Stuͤck auf der Berg⸗ ſtraße, zu dem vorgeſteckten Ziele gelangen koͤnnen. X Ziemlich ein Jahr war bereits unter der glei⸗ chen geheimen, aber fruchtloſen Nachforſchungen verfloſſen, als Freiſing eines Tages in der That durch ein Geſchaͤft nach einem entfernten Dorfe gerufen ward, zu welchem ſich allenfalls auch auf dem ſtillen Wege gelangen ließ. Er laͤ⸗ chelte zwar uͤber ſich ſelbſt, zog aber doch dieſe Straße abermahls einer weit naͤhern vor. Es war einer der ſchoͤnſten Sommermorgen nach einer Gewitternacht; der Himmel ſchien fluͤſſiges Gold, und die Sonne nur der Mittel⸗ punct dieſes gaͤnzenden Meeres; die Blumen, von dem Regen erquickt, prangten mit den fri⸗ ſcheſten Farben, die Blaͤtter mit ſo durchſichtigem Gruͤn, als wollten ſie dem Raſen unter ſich durchaus keinen Schatten machen. Selbſt die ſchwarzen, ſonſt recht traurigen Tannen ſchienen ſch mit kräͤftigem Dunkelgruͤn angethan zu ha⸗ ben, und an ihren rauſchenden Zweigen hingen. t die Regentropfen gleich unzaͤhligen Perlen und Edelſteinen. Gemaͤchlich, ſeinen Gedanken und Traͤumen uüberlaſſen, ritt Freiſing durch das duftende The Ohne es ſelbſt zu wiſſen, vielleicht nur um . munte . 97 muntern Voͤgel nichts nachzugeben, ſummte er vor ſich eine Melodie, und brach zuletzt laut in des Ritter Toggenburgs Liebeslied aus: „Und ſo ſaß er viele Tage, Saß viel Jahre lang, Harrend ohne Schmerz und Klage, Bis das Fenſter klang; Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das theure Bild Sich ins Thal herunter neigten—— In dieſem Augenblicke klang zwar kein Fenſter, wohl aber erſcholl ſchmelzender Geſang auf einer Anhoͤhe, den er noch von der erſten Reiſe durch dieſe Gegend nur allzu Lut kannte.“ Er horchte hoch auf; das Lied ſchien Italie⸗ niſch. Er wandte die Augen uͤberall umher, und wahrlich die Erdbeerſchoͤne, dieſes Mahl zwar nur in ſchwarzer, ganz laͤndlicher Tracht, aber die glaͤnzenden Haare auf das zierlichſte mit Fenerroth durchwunden, ſaß gar unſchuldig auf einer mit Raſen bewachſenen Felſenhoͤhe, und weidete einige Ziegen. Allerdings fiel ihm jetzt die Maske als Hir⸗ tinn ein, in welcher ſich nach Jacobs Erzaͤhlung das Burgfraͤulein zu Zeiten zeigen ſollte; aller⸗ dings ſchien auch das Geſicht des Maädchens ziem⸗ 3 Unterbalt. Biblioth. 11. B. E lich Italieniſch, und die Augen— nun! die Au⸗ gen waren leibhaftige Sonnen! Indeſſen ſchien die Schoͤne doch auch ſo unbefangen, und ſo we⸗ nig einem boͤſen Geiſte aͤhnlich; ſie ſchaͤkerte ſo kindlich mit ihren Ziegen, daß man bey ihrem Anblicke durchaus an nichts Uebernatuͤrliches und Geſpenſterartiges denken konnte. Freiſing band alſo unverzuͤglich ſein Röoͤßchen an einen Stamm, und ſchlich ſich auf ſchmahlen Fußſteigen die Felſen hinan, um die trillernde Saͤngerinn noch länger zu belauſchen. Da aber der Weg ziemlich ſteil war, ſo ging es ſo ganz ohne Geraͤnſch nicht ab. Die Schoͤne ward ihn gewahr, ſchien erſt ein wenig uͤberraſcht, ging aber dem Fremdlinge, den ſie wieder zu erkennen 3 ſchien, ungemein freundlich entgegen. Freiſing, uͤber dieſes Wiedererkennen nicht wenig erfreut, unterließ nicht, ſie auf das hoͤf⸗ lichſte anzureden, und erhielt zwar eine Deut⸗ ſche Antwort, doch in ziemlich fremder Mundart. Faſt ſchien es ihm, als miſche ſie mitunter Hol⸗ laͤndiſch ein, als koſte es ihr einige Anſtrengung⸗ von der hier in der Gegend gewoͤhnlichen Bauern⸗ ſprache nicht dann und wann etwas einfließen zu laſſen. G— Deſto beſſer wußte ſich die ſchwarzaͤngige Hirtinn durch Blicke verſtaͤndlich zu machen, und dieſe ſagten dem verliebten Gerichtsverwalter, 99 er werde nicht ganz ungern geſehen. Zuletzt ge⸗ ſtand ihm das Maͤdchen, daß gutes Deutſch ihr noch nicht ganz gelaͤufig ſey, und ſiel nun wech⸗ ſelsweiſe in das Franzoͤſiſche und Italieniſche, worin ihr flinkes Zaͤngelchen deſto geuͤbter ſchien. Der Ertrag dieſer langen, von Freifing auf das zaͤrtlichſte gefuͤhrten, doch auch auf das liſtigſte hin und her geleiteten Unterredung war kein an⸗ derer, als die Ueberzengung, daß ihm die ſchoͤne Kleine ſeit der erſten Zuſammenkunft auch ziem⸗ lich gewogen geblieben ſey; allen ſeinen Fragen nach Stand, Vaterland und Wohnung aber wußte ſie ſehr geſchickt zu entſchluͤpfen. Davon zu reden ſey ihr verbothen— ſagte ſie ihm bey dem Ab⸗ ſchiede, da er etwas heftiger in ſie drang— Wolle er ſie zuweilen aufſuchen, ſo werde er ſte von Zeit zu Zeit auf dieſer Stelle wieder treffen; nur ſollte er behuthſam ſeyn, und nie kommen, wenn er jemand bey ihr erblicke. Hiermit mußte ſich denn Freiſtug fuͤr dieſes Mahl begnugen, beſonders weil er noch vor Ab⸗ fluß der Gerichtszeit an Ort und Stelle eintref⸗ fen wollte, und ſeine Uhr ihm zu eilen geboth. Von manchem feurigen Blicke beg! eitet, ſetzte er ſich wieder auf, und die Schoͤne mit ihrer kleinen Heerde verlor ſich auf der entgegen geſetzten Seite in die Felswaͤnde. ⸗ E 2 Wider ſein Erwarten, und, weil er je eher je lieber wieder zuruͤck wollte, auch wider ſei⸗ nen Wunſch, feſſelte ihn ſein Geſchaͤft bis gegen den Abend. Obſchon der Himmel mit Wiederho⸗ lung des geſtrigen Donnerwetters drohte, ließ er ſich doch nicht halten, ſondern machte ſich ei⸗ lig auf den Weg. Allein diejenigen, die ihm freundlich ein Nachtlager angebothen hatten, waren ſehr ein⸗ ſichtsvolle Wetterverſtaͤndige geweſen. Denn ſchon nach einigen Stunden und viel zu fruͤhzeitig ver⸗ dunkelte ſich der Himmel; der heftigſte Sturm diente dem erhabenen Naturſchauſpiele ſelbſt gleichſam zur Ouvertuͤre. Es fing allgemachan leiſe zu troͤpfeln; es donnerte von weitem. Das Wetter ruͤckte naͤher; Sturm und Regenguß, leuchtende Blitze und ſchwarze Finſterniß, wech⸗ ſelten furchtbar mit einander ab. Er mochte ſich jetzt noch ſo gut der Regel erinnern, man ſoll bey dem Gewitter nicht un⸗ ter Baͤumen verweilen, was half es ihm? er war mitten im Walde! Er ſetzte daher mit ſtoi⸗ ſcher Verzichtleiſtung auf Leben und Trockenheit ſeinen Weg, ſo gut er ihn finden konnte, zu Zeiten uͤber Steine und abgebrochene Baumſtaͤm⸗ me fort, gerieth von Abweg auf Abweg, wußte bald nicht mehr, ob er vor⸗oder ruͤckwaͤrts muͤſſe und pries ſich endlich gluͤcklich, als ein uͤberra⸗ 101 gendes Felſcuſtuͤck ihm und ſeinem triefenden Roͤß⸗ chen ein ſchirmendes Obdach anboth. Als er hier ungefaͤhr ein Viertelſtuͤndchen Beobachtungen angeſtellt hatte, ſchien ſich das Wolkenheer im Siegesſturme zu entfernen; nur kleinere Woͤlkchen, Nachzuͤglern aͤhulich, ſpruͤh⸗ ten noch kleine Tropfen. Ein dumpfes, vom Echo vielfaltig wiederholtes Geheul, zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit nach einer Schlucht, die bis jetzt Schlagregen und Nebel ooͤllig verdeckt hatten. Nicht ohne Stutzen bemerkte er dort einen leuch⸗ tenden zuckerhutfoͤrmigen Huͤgel mit verſchiedenen duͤſter brennenden Puncten, von welchen Rauch⸗ ſaͤulen in die Hoͤhe wirbelten. Einige rieſenav⸗ tige, ſchwarze Schatten, recht, wie auf Hoͤllen⸗ breuhelſchen Gemaͤhlden, mit ungeheuern Ga⸗ beln und Schuͤrſtangen bewaffnet, bewegten ſich bald langſam, bald ſchneller auf dem dunkel gluͤ⸗ henden Grunde; koloſſale ſchwarze Hunde, dem hoͤlliſchen Cerberus nicht unaͤhnlich, gingen ih⸗ nen zur Seite. Doch ſchienen dieſe Teufel mit dem heftigen Elemente eher zu kaͤmpfen, als ſei⸗ nen Ansbruch zu befoͤrdern; ſchien eher bemuͤht, die von dem graͤßlichen Donnerwetter verurſach⸗ ten Verwuſtungen beſtmoͤglichſt wieder herzuſtel⸗ len, als ſolches wohl gar ſelbſt erregt zu haben. Ddieſe Bemerkung und— die augenblickliche Erinnerung, daß der ſchwarze Rieſe, der einſt 102 dem holden Waldfraͤulein winkte, mit dieſen Fi⸗ guren ſprechende Aehnlichkeit beſaß, zerſtreuten nicht nur jeden Gedanken an Furcht, ſondern führten auch zu der angenehmen Vermuthung, der feuerſpeyende Berg ſey nichts mehr und nichts weniger, als— ein rauchender Meiler, die ihn bewachenden Teufel nichts, als— leibhaftige Kohlenbrenner.. Sonach ſchoͤpfte Freiſing die, bey dieſem Schlackenwetter recht erfreuliche Hoffnung, die Nacht uͤber doch noch ein Unterkommen zu finden; eine noch weit ſchoͤnere verband ſich damit, naͤhmlich die, bey dieſer Gelegenheit vielleicht auch von der ſonnenaͤugigen Unbekannten etwas Genaueres zu erfahren. Er nahm nun ſein Pferd bey dem Zuͤgel, wand ſich mit ihm, ſo gut es angehen wollte, durch das traͤufelnde Gehoͤlz, und gelangte, wenn ſchon oft ſtrauchelnd und ausglitſchend, zu dem, wie es ſchien, um ihn ganz unbekuͤmmerten Gei⸗ ſter⸗Ballet. Jetzt mochten die Hoͤllenhunde ſeine Spur erwittern; wenigſtens ſchlugen ſie ſo ver⸗ nehmlich an, daß der Widerhall alle Backen voll zu thun bekam. Durch dieſe Meldung aufmerkſam gemacht, woandte ſich nun auch der Groͤßte der Rieſen nach ihm um; wahrlich, wenn Freiſing nicht alle — 103 täuſchte, ſo war es der Mohr, der ſeine Schoͤne bewachte! „Hoho, Landsmann!“— begruͤßte ihn der Rieſe mit rauher Stimme—„hat euch auch das liebe Herrgottswetter erwiſcht? Heute werdet ihr beym alten Adam herbergen muͤſſen, und waͤrt ihr der allergnaͤdigſte Landesvatter!“ „Wenn ihr mich aufnehmen wollt“— erwi⸗ derte Freiſing, durch dieſen gaſtfreyen Empfang ſehr erfreut. „Hoho! das will ich glauben!“— war die Antwort—„denkt ihr, unſer eins iſt ein Eis⸗ baͤr, und weiß nicht auch, was Geſchick hat. Macht kein eitel Geſchwätz, und kommt mit!“ „Meine Eve wird Augen machen!“— fuhr der alte Koͤhler fort—„He! Abell Seth! Hanochl! habt indeſſen wohl Acht; ſonſt ſetzt's was!* Bey dieſen Worten gab er Freiſing die ſchwar⸗ ie Fauſt, ſchuͤttelte ihm mit Deutſcher Treuher⸗ zigkeit die Hand ſo kraͤftig, daß dieſer beynahe aufſchrie, und fuͤhrte ihn durch ein Portal von Felſenwaͤnden, in deſſen Grund eine Art Woh⸗ nung ſich zeigte. Die eine Wand der Huͤtte war, wie der Au⸗ genſchein lehrte, ziemlich fuͤr die Ewigkeit ge⸗ baut, denn ſte beſtand aus einem maſſiven Fel⸗ ſenſtuͤck; die uͤbrigen hingegen ſchienen deſto hin⸗ . 10¼ faͤlliger; denn ſie waren nur von Lehm und Stroh aufgefuͤhrt. Von dieſer Lehmmauer waren einige alte Breter auf den entgegen ſtehenden Felſen gelehnt, und dieſen Verſchlag nannte der ehrliche Adam ſeinen Stall, in den er auch ohne weiters Freiſings Pferde ſeinen Aufenthalt an⸗ wies. Von dem Dache, welches das Palais ſchuͤtz⸗ te, laͤßt ſich mit Beſtimmtheit nicht angeben, ob es aus Bretern oder Strohſchoben gefertiget war. Denn das Geſtraͤuch, Farrenkraut und Moos der Felſenwand breitete ſich nachbarlich freundſchaftli ch mit daruͤber hin, und dieſe Plate⸗ forme ſchien mit dem wuchernden Gruͤn gewiſ⸗ ſer Maßen aus dem Ganzen gegoſſen. „Da bring ich dir ein verirrtes Schaaf, Eve!— hub der alte Koͤhler an, und zog den Gaſt in ein ziemlich geraͤnmiges Behaͤltniß, das nur von dem Herde aus einige Beleuchtung er⸗ hielt und mit einem Nauchfange die ſprechendſte Aehnlichkeit hatte—„Halt mir ihn ehrlich!— He! Euos] ſchnarchſt du ſchon?— Kenau! Mahaleel ſcheert euch von der Bank!— Ich komme ſchon wieder!* Mutter Eve, die mit einer Miltonſchen nicht im mindeſten zu vergleichen war, vielmehr den eintretenden Fremdling auf das lebhafteſte an die Waldweibchenmaske des Bergfraͤnleins erinnerte, reichte ihm dennoch mit moͤglichſter ℳ 4 4 ☛ 105 Hoͤflichkeit die harte Hand, und ſtaͤubte mit der rußigen Schuͤrze den einzigen vorhandenen Sche⸗ mel ab. Dann warf ſie mit hausmuͤtterlicher Ge⸗ ſchaͤftigkeit ein ungeheueres Schwarzbrot auf den in den Boden befeſtigten Tiſch, ſchleppte die hoͤl⸗ zerne Butterbuͤchſe, Ziegenkaͤſe und, als Zufoſt, verſchiedene Waldbeeren und Bergwurzeln her⸗ bey; zuletzt, damit dem Mahle nichts Koͤſtliches gebreche, fuͤgte ſie ſogar einen großen braunen Krug mit einer Art Birnmoſt hinzu. So wenig Freiſing zur Zeit Hunger und Durſt verſpuͤrte, ſo mußte er doch dieſe gaſt⸗ freyen Geſinnungen thaͤtig vergelten, und ließ ſich es daher ſo gut ſchmecken, als er nur ver⸗ mochte. Die Sprache der Koͤhlersfrau war ſo rauh, und ihr Dialect ſo ſchlecht, daß ſich mit ihr nicht wohl ein trauliches Geſpraͤch anknuͤ⸗ pfen ließ; die uͤbrigen Zweige dieſer zwar ada⸗ miſchen, doch laͤngſt aus dem Paradieſe verbann⸗ ten Familie aber ſtanden, die Haͤnde uͤber den Bauch gefaltet, in ſcheuer Entfernung, und gaff⸗ ten den Fremling nur neugierig an. Die freye Romantik aller Umgebungen mach⸗ te indeſſen Freiſing nicht geringes Vergnugen; nur um die Nacht ward ihm ein wenig bange, da er im Hintergrunde des Gemaches eine Art Bucht gewahrte, die zum Nachtlager de B Bäne a Stammes beſtimmt ſchien. 106 Indem er noch ſeinen Gedanken Audienz gab, trat der alte Adam wieder herein. Er zog ſeine Ehehaͤlfte auf die Seite, und ſchien ſich mit der⸗ ſelben in tiefe Berathſchlagungen zu verlieren. „Es wird halt Nacht“— ſagte er, da man mit einem:„Was! einmahl iſt keinmahl!“ die Unterhaltung abgebrochen hatte—„und der Herr wird muͤde ſeyn! Er ſoll in der Putzſtube ſchla⸗ fen! Hoho! er wird Augen machen! Wart', er halt nur ein wenig!“* Mit dieſem Troſt verließ Adam die Rauch⸗ ſtube, blieb ein Weilchen im Vorhauſe, trat dann wieder herein, und ſprach:„Nu, in Got⸗ tes Nahmen! mache der Herr los!* Freiſing, deſſen Reugier durch die Erwaͤh⸗ nung der Putzſtube nicht wenig erregt wurde, befolgte dieſen Befehl augenblicklich, wollte je⸗ doch zuvor noch in den Stall, um nach ſeinem Pferde zu ſehen; allein dieſes gab Adam durch⸗ aus nicht zu, und wurde hieruͤber beynahe grob. „Mach' er mir kein Weſen!“— brummte der Koͤhler barſch—„Denkt er, wir werden die Maͤhre verhungern laſſen?— Ne, wir ſind auch Chriſten, und gute! Abel hat alles verſorgt; der iſt ganz verſeſſen auf die Pferde!“ Adam oͤffnete eine noch faſt neue Thuͤre, und ſchon das, aus einer Bergmannsblende hervor⸗ ſchimmernde Grubenlicht kuͤndete, da ſolche Leute 107 die Beleuchtung ſonſt nur mit Fichtenſpaͤnen ab⸗ fertigen, allerdings etwas Vornehmes an. „Gute Nacht“— ſagte Adam ſich beurlan⸗ bend.—„Schließ er zu, ſo gut er kann, oder laß ers; hier ſtiehlt ihm kein Menſch was. Der liebe Gott und meine Bullen ſind Waͤchter genug!* Freiſing in etwas geſpannte Erwartung war zu beſcheiden, um nicht uͤbertroffen zu werden. Das Stuͤbchen, beſtand ſchon der Fußboden in Tenne, ſchien nicht bloß reinlich, ſondern faſt feſtlich, und erſt neuerlich in den Felſenkeſſel hinaus angebauet. Er nahm das Grubenlicht, und beleuchtete alles genau. Die Decke war aus Baumrinden zuſammen geſchlagen; friſches Moos bekleidete die Waͤnde. Der einzige Tiſch war von blendendem Lindenholz, der einzige Stuhl mit rohrener Lehne, und ſogar gepolſtert. Auf einer Art Sims ſtanden, als Aufſatz, auserle⸗ ſene, blank geriebene Aepfel und Quitten, unter welchen einige Kuͤrbiſſe mit ſultaniſcher Groͤße ſich blaͤhten; hier und da waren natuͤrliche Zwei⸗ ge an das Moos befeſtigt, auf welchen Rothkehl⸗ chen ſchliefen. An einer Seite ſtand eine große braune Truhe; auf der andern ein viereckiges Himmelbette, deſſen ſchlangenfoͤrmig gedrehtes Geſtaͤng und blauer Cattunteppich mit dem In⸗ nern, einem leichten, recht niedlichen Feder⸗ bettchen und halbſeidenen, modiſch geſtreiften Ueberzuge, in dem auffallendſten Widerſpruche ſtand. Die ſonderbare Miſchung der Sanftheit und Rohheit in dieſer Huͤtte, die Verbindung der Zierlichkeit mit rußiger Schwaͤrze, die Vereini⸗ gung des alten und neuen Teſtaments— denn in der That erhob ſich auf den Bettvorhaͤngen ein weiß gedruckter Moſes mit den Geſetztafeln und die Rotte Korah— vergnuͤgten Freiſing nicht wenig, aber ſie reizten auch ſeine Neugier noch heftiger, ja ſie beunruhigten ihn ſogar ein we⸗ nig.„Wie kommen die duͤrftigen, wildlebenden Koͤhler zu dieſem, fuͤr ſie koſtbaren Geraͤthe 25 fragte er, in Gedanken hin⸗ und hergehend, ſich ſelbſt, und— ſtieß durch ein Ungefaͤhr an den anſteckenden Schluͤſſel der Truhe. MNiochte auch ſein Gefuͤhl jede Nachforſchung fuͤr Beleidigung des Gaſtrechtes ausgeben; er war ja allein; er war ſich ja bewußt, keinen Mißbrauch davon zu machen; er war es ja viel⸗ leicht ſeiner eigenen Sicherheit, ſeiner Selbſt⸗ erhaltung ſchuldig, Alles zu unterſuchen. Er oͤffnete leiſe den ziemlich gewichtigen De⸗ kel, und ſah zu nur noch groͤßerer Beunruhi⸗ gung die Truhe mit feiner Waͤſche, modiſchen Kleidern und andern, zu der Garderobe einer Koͤhlersfrau gar nicht gehoͤrigen Stuͤcken bis uͤber die Haͤlfte angefuͤllt. Sogar ein zierliches Brief⸗ I 109 r taͤſchchen von Saffian, einige huͤbſche Ringe, etliche Schnuͤre Granaten und ein ſeidenes Boͤrs⸗ chen mit Gold lagen in einem Seitenkaͤſtchen. „Sollte dieſe Ehrlichkeit und genuͤgſame Ar⸗ muth nur Schein ſeyn 29— ſagte er zu ſich ſelbſt, und klappte den Deckel wieder zu—„ſollte ich mich unter Raͤubern befinden?“ So wenig er ſonſt aͤngſtlich war, ſo ſprach doch der Augenſchein zu deutlich. Alles, was er geſehen hatte, waren nicht Dinge, in deren Beſitz man Koͤhlersleute vermuthen konnte. Doch das Unſchlittlichtchen war ſchon dem Verloͤſchen nahe. Freiſing beſchloß daher, ſich des Bettes bloß ſtatt Sofas zu bedienen, ver⸗ ſchloß das ſehr einfache Schloß, legte ſeinen Hirſchfaͤnger neben ſich, und uͤberließ ſich, ſo ausgeruͤſtet, der uͤber ihn einbrechenden Finſterniß. Seine ſich kreuzenden Gedanken ließen ihn nicht ſogleich einſchlafen; ſein aufmerkſam lau⸗ ſchendes Ohr vernahm noch einige Mahl Hin⸗ und Hergehen; dann wurde alles todtenſtill. Außer den von Zeit zu Zeit unſchlagenden Hunden regte ſich keine Maus. 3 Freiſing fragte endlich, da ihm ber Schlum⸗ mer doch nicht eben unwillkommen geweſen waͤre, ſeine Repetiruhr um Rath. Sie gab ſchon zwey Uhr an.„So kommt ja bald wieder der Ta.— 110 X dachte er, und lachte uͤber ſeine erregte Phanta⸗ fte.„Gute Nacht, Herr Furchtſamer!².. Etwa zwey Stuͤndchen mochte er geſchlum⸗ mert haben, als ein lautes: Bon jour! den Schla⸗ fenden aufweckte.„Bon jour! bon jour!“ rief es auf das Neue hinter ſeinem Bette, und da er den hintern Vorhang luͤftete, rutſchte ihm zugleich ein weißes Tuch entgegen, und er ſah in einem Haͤuschen von Weidenruthen einen recht ſtattlich auf und ab kletternden Papagey. Bon jour! bon jour! kreiſchte der Gruͤnrock immer fort, als glaubte er des Guten gar nicht genug thun zu koͤnnen. „Bon jour, mon coeur!*— klang es nun auch auf einer andern Seite, und Freifing glaub⸗ te ſchon, in dem Cloſet irgend eines verwuͤnſchten Prinzen zu ſeyn, wo nicht bloß den Papchen, ſondern auch den Tiſchen und Baͤnken Sprache verliehen ſey. Er ſchlug haſtig den vorderen Vor⸗ hang zuruͤck, und war in demſelben Augenblick auf den Beinen; denn durch die ein wenig geoͤff⸗ nete Stubenthuͤre guckte, den Schluͤſſel in der Hand, nett, zaͤrtlich, leichtfertig, allerliebſt— das ſchoͤne Bergfraͤulein! 3 „Still, ſtill!s— rief ſie in Franzoͤſiſcher Sprache, die ſchon bey der geſtrigen Morgenun⸗ terredung als Eurrentſchrift beliebt worden war, da man ſich der Italieniſchen, der ſuͤßen Sprache 8 „ „— 111 der Liebe, nur zur Courtoiſe*) bediente—„ich bin keinen Augenblick ſicher. Mußte ich doch ge⸗ ſtern Abend im Stalle unterkriechen, damit fie mich im Vorbeygehen nicht ſehen ſollten! Ja, ja, bedauern ſie mich immer ein wenig! Haͤtte ich ſie nicht an der Stimme erkannt, wer weiß, haͤtte ich jemahls erfahren, wer dieſe Nacht uͤber in meinem Bette ſchlief!“ Dieſer Gedanke jagte Gluth auf Freiſings Wange; das Maͤdchen ſprach ſo leiſe und ſuͤß, ihre Augen begleiteten jedes Wort ſo ſeelenvoll, ihr Zeigefinger wies ſo ſchelmiſch auf ein Paar der netteſten Pantoͤffelchen, die recht als Zeugen, daß ſte wahr ſpreche, unter dem Vorhange her⸗ vorguckten. „Wer ſind ſie, holde Unbegreifliche?— ziſchelte er zaͤrtlich bittend—„Sagen ſie mir Ihren Nahmen, ſagen ſie mir— „Ich heiße Nanoe! Kommen ſie bald wie⸗ der dorthin, wo wir uns geſtern ſahen— ich— hoͤren ſie nicht? ich muß zur Betſtunde!“ Damit legte ſie den Finger auf den Mund, als wollte ſie ihm einen Kuß zuwerfen, unter⸗ ließ es aber doch noch, und huͤpfte leicht wieder fort; in der Rauchſtube aber erhob ſich ein geiſt⸗ *) S. das„wohlverſebene Dintenfäßlein' und alle rechtſchaffene Titularbücher! 112 licher Geſang, womit die frommen Waldbewoh⸗ ner jederzeit ihr Tagewerk begannen. Kaum war das Lied zu Ende, als der alte Adam, einen Napf mit Brotſuppe in der Hand, munter und treuherzig hereig trat. Freiſing mußte mit dem hoͤlzernen Loͤffel Beſcheid thun, und er machte ſeine Sachen deſto beſſer, weil er hoffte, wenn er ſich recht gefaͤllig bezeige, Nanoe doch wohl noch einmahl zu ſehen. Allein alle ſeine Schlauigkeit, noch einmahl in die Rauchſtube zu kommen, war vergeblich. Mutter Eva, von der er, wie er ſagte, doch auch Abſchied nehmen muͤſſe, wurde herausgerufen. Abel fuͤhrte das Pferd vor, und, da der alte Koͤhler, aller an ihn verſchwendeten Beredſamkeit ungeachtet, durch⸗ aus keine Belohnung annehmen wollte, ſo machte 3 ſich Freiſing mit wahrer Bewunderung dieſer gut⸗ miehigen Menſchen, doch auch mit manchem Raͤth ſel auf dem Herzen, wieder auf die Reiſe. 94 „Nanoe!“— rief er erwachend aus tiefem Nachdenken, als er zuerſt wieder das Schloß zu Rothſchildshauſen erblickte—„wer iſt ſie? wie kommt ſie in dieſen einſamen, verbor⸗ genen Winkel? warum fuͤrchtet ſie den Adam? warum verbarg ſie dieſer vor mir?— Ja, ja! wer das wuͤßte!— Doch Geduld, ich werde ſie wieder ſehen, ſie ſelbſt machte mir Hoſfnn dazu——⸗ 118 Freiſing konnte ſich, dieſes Troſtes ungeach⸗ tet, des Gruͤbelus immer noch nicht erwehren. Eine Abenteuerinn— ein geſtohlenes Kind— eine Emigrantinn, vielleicht eine recht vornehme Emigrantinn, welche gefaͤhrliche Nachſtellungen zu beſorgen habe.— Alle dieſe Moͤglichkeiten kreuzten ſich durch ſeinen Kopf; dabey haͤtte er ſich lieber ſelbſt uͤber die Schwaͤche ſeines Herzens recht derb ausgelacht, waͤre nur dieſes nach Wun⸗ ſche gelungen. Indeſſen— da es vielleicht dem Baron um deſto beſſer gelingen konnte, da Frei⸗ ſing ſchon im voraus aus dem Munde des Freun⸗ des ein Geſpoͤtt uͤber„das Bergfraͤulein“ oder „die kleine Zigeunerprinzeſſinn“ zu vernehmen glaubte, ſo beſchloß er wohlweislich, von ſeiner ganzen, freylich noch ſehr unvollkommenen Ent⸗ deckung nicht das Mindeſte zu erzaͤhlen. Es gelang ihm noch gut genug, was in ſei⸗ nem Herzen vorging, dem Baron zu verbergen, und es mußte nur noch ein Mittel erfunden wer⸗ den, die oͤfteren Beſuche im Felſenthale, wovon man ſich incognito ſchon den ſchoͤnſten Proſpeet machte, bloß als zufaͤllig und natuͤrlich dar⸗ zuſtellen. 3. Auch dieſes wurde gefunden. Freiſing war ſhon in fruͤheren Zeiten ein eifriger Freund der Botanik. Jetzt wurden die Pflanzenbuͤcher wieder vorgeſucht, und einige neue botaniſche Schriften * .₰ oder Geſellſchaft kam, mußte der Gerichtsver⸗ walter durchaus in den Wald, um zu botaniſiren. Freiſing kehrte gewoͤhnlich ſehr vergnuͤgt von dieſen Wanderungen zuruͤck; denn faſt immer hatte er, außer ganzen Kraͤutergarben, von wel⸗ chen er gelegentlich gegen Rothſchild viel Ruͤhmens machte, auch das ſo ſehr gewuͤnſchte und geliebte 4 Bluͤmchen Wunderhold— die feurige, zaͤrtliche Nanoe gefunden. Faſt immer wallte ſein Herz in ſchoͤnerer Hoffnung, und, um die Wahrheit zu ſagen, vor Liebe thoͤrichter. So gerne jedoch Nanoe, ſo oft ſie ihrem verſchrieben; ſo oft der Baron einen Ritt machte ſtrengen Frauenwaͤchter unter dem Vorwande des Ziegenhuͤthens entſchluͤpfen konnte, an dem Orte des beliebten Stelldicheins ſich einfand; ſo ver⸗ traulich ſie mit dem Botaniker ward; ſo enge ſich nach und nach die Herzen, zu Zeiten wohl auch die Arme, verſchlangen, ſo erfuhr Freiſing doch nur wenig, was zu naͤherem Aufſchluſſe gedient haͤtte. 8 Zwar erzaͤhlte Nanoe wohl beylaͤufig von fremden Laͤndern, von ſchwarzen Menſchen, von großen Schiffen; zwar beſtaͤtigte ihre vielſeitige Kenntniß fremder Sprachen, die Freiſing zum Theil ſelbſt dem Klange nach nicht bekannt wa⸗ ren, Wöre Erzaͤhlungen nur zu deutlich; zwar ließ 145 den, in gew iſſen Puncten ſehr ſcharfen Vater habe; aber von dem weiteren Zuſammenhange wollte ſie, ſo zaͤrtlich Freiſing auch bath, durch⸗ aus nichts entdecken. Sie habe es heilig verſpre⸗ chen müſſen— ſagte ſie dann— und ſie kenne die Pflicht, jedes, auch— ein ſeelenvoller Blick begleitete dieſe ſuͤßen Worte— auch, wenn er ſelbſt wolle, das ihm gegebene Verſpre⸗ chen zu halten! Vielleicht— ja hoffentlich— ſetzte ſie hinzu— werde in Kurzem das ganze Geheimniß an den Tag kommen! Hiermit mußte ſich denn der, wie er ſich ſelbſt in ruhigen Augenblicken eingeſtand, in der That ziemlich unuͤberlegte Liebhaber begnuͤgen, zumahl da ſein Gehorſam und ſeine Huldigung mit allem Feuer eines unſchuldigen, ſein Gefuͤhl nicht ver⸗ hehlneden Herzens vergolten ward. Als das Idyllenleben des glucklichen Paares, wovon wir keine weitere Nachricht haben, unge⸗ faͤhr ein Vierteljaͤhrchen gedauert hatte, und der mit ſeinem braunen Blaͤtterkranze heranziehende Herbſt aller erotiſchen Poeſte im Freyen eine Un⸗ terbrechung drohte, ſaßen der Baron und Frei⸗ ſing eines Abends am Kamine, und Rothſchild leitete, in ſuͤße Erinnerungen verloren, das Geſpraͤch auf die veilchenblaue Dgme.„Lachen Sie, Freiſing!n— ſagte er—„lachen Sie, wie Sie wollen, ich kann ihr Bild doch nicht ver⸗ 7 116 geſſen! O, ſollte es mir je gelingen, ſie wieder zu ſehen, wie gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn! wie un⸗ terhaltend wuͤrden dann unſere Abendgeſpraͤche werden; wie treulich wollte ich Ihnen alles er⸗ zaͤhlen, was Glück und Liebe mir zuwendetel Dieſe freundlichen Worte trafen ſtark auf Freiſings Herz; er hielt ſein langes Stillſchwei⸗ gen fuͤr einen Verrath an der Freundſchaft; er huſtete und ſuchte eine Einleitung. „Lieber Baron!»"— fing er an—„was wuͤr⸗ den ſie ſagen—— „Erſchrecken ſie nur nicht“— ſtolperte Ja⸗ cob in das Zimmer, und verwickelte ſich vor all zu großem Eifer mit dem Hufeiſen ſeines Abſatzes in den Fußteppich—„nun werden ſie nicht mehr lachen uͤber das Bergfraͤulein! Es iſt ein 4 ungeheuerer Schatz, und auch ein todtes Kinder⸗ leichnamchen gefunden worden; alleweile bringt es die Bothenfrau mit l“ „Das todte Kinderleichnamchen 2— fragte der Baron laͤchelnd—„Wo iſt es 2— 3 „Lachen hat ſeine Zeit, Weinen hat auch ſeine Zeit, ſagte immer der ſelige Herr Kriegs⸗ rath“— erwiederte, aus Verwirrung beynahe grob, der ehrliche Jacob—„Nein doch! das todte Kind nicht, aber die Nachricht!“ —— 117 „Nun, wie lautet ſie denn?“— verſetzte der Baron, ſich verbeſſernd—„laſſe das Weib her⸗ aufkommen!* Die Frau wurde heraufgeholt, aber aus ihrem, mit mancherley Zuſaͤtzen vermehrten und verbeſſerten Berichte konnte man ſo eigentlich nicht klug werden. Ein Paar Hirtenknaben— das war ungefaͤhr das Reſultat— haͤtten ſich Feuer anmachen wol⸗ len. Einer waͤre nach einem duͤrren Zweige ge⸗ klettert, habe in dem hohlen Baumſtamme mit Erſchrecken ein kleines Lodtengerippe wahrgenom⸗ men, und ſey vor Schrecken faſt herunter gefallen. Da ex aus Angſt fortlaufen wollen, habe der an⸗ dere, ein aͤlterer, ziemlich verſchmitzter Junge, ihn zuruͤckgehalten.„Du! ſey kein Narr“— habe er geſagt—„weißt du nicht die Raubgrafenge⸗ ſchichte? Der Schatz in dem Gemaͤuer muß mit einem todten Kinde geloͤſet werden; wer weiß, ob dieſes nicht geſchehen iſt, und die Herren Schatzgraͤber nicht hier was verzettelt haben? Da koͤnnten wir auch große Herren werden, ſo gut wie ein Anderer!“— Noch, indem ſie ſo ge⸗ ſchwatzt, habe der Juͤngere friſch gegrabenes Erdreich bemerkt; beyde waͤren nun daruͤber her⸗ gefallen und haͤtten, mit allen Haͤnden wuhlend, einen großen Topf mit Geld gefunden. Das haͤtten ſie unter ſich getheilt; aber der Juͤngere habe doch Jemand wieder beruͤcken kaſſen! Ja, der Teu⸗ 118— geſchwatzt. Die Bauern waͤren in die Heide ge⸗ kaufen, und haͤtten das Gerippe geſehen. Da man nun ſchon laͤngſt Verdacht auf einen Kerl gehabt, der ſich ſeit einiger Zeit recht huͤbſch eingerichtet und Geld bey ſich blicken laſſen, habe man um ſo mehr geeilt, Alles bey dem Schoͤſſer in Al⸗ lerburg zu melden. Der ſey gekommen, um vor allen Dingen den Schatz in Beſchlag zu neh⸗ men; das Gerippe ſey bey der erſten Beruͤhrung zuſammen gebrochen, und in eine Schachtel ge⸗ worfen worden. Dann habe der Schoͤſſer Haus⸗ ſuchung gehalten, und in der That unglaublich viel Geld und Kleinodien gefunden. Ein ganzes Rudel Schatzgraͤber, Zigeuner oder Raͤubergeſin⸗ del, man wiſſe es ſelbſt nicht recht, ſey von ihm fortgeſchleppt worden. 3 „Wo iſt denn das alles geſchehen?— fragte Freiſing mit leichter Beſorgniß. „Unweit des ſtillen Weges in den Felſen⸗ waͤnden“— ſagtegdie Frau.—„Da haben wir es!“— ſetzte Jarob hinzu—„Endlich hat ſich fel geht umher, wie ein bruͤllender Loͤwe, ſagten* immer der ſelige Herr!⸗ So laͤcherlich die ganze Geſchichte klang ſo ſehr ſie augenſcheinlich mit Zuſaͤtzen aus de alten Volks⸗ und Rocken⸗Sage vom Bergfräu⸗ lein verziert war, ſo blieb Freiſing, ob er es 119 ſich gleich ſelbſt nicht geſtehen wollte, doch nicht ganz unbefangen. Die Truhe in Nanoe's Stube fiel ihm immer ein, und er wuͤnſchte insgeheim den Morgen herbey, um ſich von der Thorheit ſeiner Furcht an Ort und Stelle zu uͤberzeugen. Da er aufgeſtanden war, und eben zum Ba⸗ ron wollte, ſich ein Pferd auszubitten, uͤberbrachte ihm ein Expreſſer einen Brief vom Schoͤſſer zu Allerburg. „Nachdem es mir endlich gelungen, hochge⸗ ehrteſter und wertheſter Herr Collegaly—— ſchrieb der altfraͤnkiſche Schoͤſſer mit Einmiſchung vieler lateiniſchen Worte, womit wir die Leſer verſcho⸗ nen—„einem entſetzlichen Verbrechen des Kin⸗ desmords, der Zauberey und Geiſterbeſchwoͤrung, ingleichen des Raubes, auf die Spur zu kom⸗ men, und gleichſam ein ganzes, volles Neſt der⸗ gleichen Geſindels auszunehmen und einzufan⸗ gen“— und nun folgte ein langweiliger, faſt unverſtaͤndlicher Galimathias.„Sintemahlen aber unter den aufgefundenen Diebshabſeligkeiten ſich ein ovales Bildniß in goldener Einfaſſung mit 4 Dero Nahmen befindet, ſo daher zweifelsohne Ihnen oder einer Denenſelben theueren Perſon angehoͤren muß——* „Goit im Himmel!»— rief Freiſing aus— „ſo iſt Nanoe berauht und ermordet— oder— 1* verlangte ein Pferd.—»Was iſt Ihnen denn begegnet?„— fragte dieſer, und befahl zu ſatteln. Aber Freiſing hatte keine Antwort fuͤr ihn, eilte ſelbſt mit in den Stall, und ſprengte nach eini⸗ gen Minuten in vollem Gallop auf und davon. Wir uͤberlaſſen den Baron ſeinem Erſtaunen, ſeinen Dolmetſchungen des zuruͤckgelaſſenen juri⸗ ſtiſchen, fuͤr ihn faſt hieroglyphiſchen B Briefes, und folgen dem bekuͤmmerten Liebhaber. Dieſer jagte, was ur das Pferd laufen wollte, nach der Gegend ſeiner romantiſchen Zuſammenkuͤnfte, und fand niemand; zu der Koͤhlerhuͤtte, und fand ſie geoͤffnet, von allen Einwohnern entbloͤßt. Nun konnte er nicht laͤnger zweifeln, daß Nanoe zu den Beraubten, oder— ein faſt noch ſchreckliche⸗ rer Gedanke!— zu dem Mord⸗ und Raͤnberge⸗ ſindel gehoͤre. Von neuem fuͤhlte der Fuchs die Sporen, und Freiſing hielt vor der Wohnung des noch nie von ihm aufgeſuchten Collegen, des Schoͤſſers Leberecht Krumbiegels. Er klopfte an die Thuͤre, und ein ſchielendes, ſtruppiges Haupt, deſſen Bekannt⸗ 3 ſchaft er ſchon irgendwo gemacht zu haben glaubte, guckte durch ein Fenſter. Um unſere Leſer nicht, gleich ihm, noch ei⸗ nige Zeit in Ungewißheit zu laſſen, bericheeg wir Lodtendleich rannte er zu dem Baron, der aus ibm lange nicht klug werden konnte, und — 4 — 121 wir ihnen ohne Umſchweife, daß dieſes reizende Angeſicht der einzigen Tochter des Herrn Schoͤſſers angehoͤrte. Der Papa hatte ſie zu Ehren der drey vornehmſten Grundſtuͤtzen des Juſtinianeiſchen Rechts Triboniana Theophila Dorothea genannt; ſchmeichelnder Weiſe rief man das holde Kind Mamſell Tripschen. Sie war in der ganzen Gegend als geheimer Actuarius und Amanuenſis ihres Herrn Vaters, ſo wie wegen ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit bekannt, den Gerichtsunterworfenen auf die beſte Art zu hinterbringen, wie viele Klafter Holz, Schock Cpe Scen und Kan⸗ nen Butter fuͤr bevorſtehenden Winter noch er⸗ forderlich ſeyn duͤrften; zugleich aber, was fuͤr unſere Leſer weit angenehmer zu hoͤren ſeyn wird, dieſelbe Perſon, die den Gerichtshalter Freiſing einſt in der Frankenauer Thierbude einer ganz un⸗ verdienten Gewogenheit wuͤrdigte. Ihrer Scharf⸗ ſichtigkeit und ihrer Zaͤrtlichkeit war es gelungen, in dem aufgefundenen Bilde ſogleich den heimlich Geliebten zu entdecken, und in der Capſel Frei⸗ ſings Nahmen zu finden; ſie ſelbſt hatte den ſonſt ſehr ſaͤumigen Vater zur ſchleunigſten Mitthei⸗ lung an Freiſing anermahnt und gewiſſermaßen gezwungen. So ſchnell ſie jetzt ihr Koͤpfchen herausſteckte, eben ſo ſchnell zog ſie es wieder ein, um eine etwas weniger vergelbte Haube aufzuſtuͤlpen, und Unterhalt. Biblioth. 11. B. K * .* 122 2 oͤffnete dann dem ſchoͤnen Gaſtfreunde mit eigener Hand das knarrende Thor. Es läßt ſich nicht dafuͤr ſtehen, daß Freiſing, der jetzt den Kopf voll ganz anderer Dinge hatte, mehr, als die ganz gewoͤhnlichen Complimente an ſie verſchwendet haben wuͤrde, haͤtte ſie nicht ſelbſt mit ganz unglaublicher Freude ihn von dem Gluͤcke des endlichen Wiederfindens und ſeligen Wiedererkennens unterrichtet.„Ach Gottchen! Gottchen!“*—— ſagte ſie, faltete die Haͤnde, und ſchlug die Augen recht erbaͤrmlich zur Erde— „Nel heißt es doch, Berg und Thal kommen nicht zuſammen, aber Menſchen! Ne! wahrlich— da ſind Sie ja, und noch eben ſo artig und ſo galant, wie in der Thierbude zu Frankenau!“* Nun wußte ja Freiſing, woran er war; und— o haͤtte nur nicht jetzt ein ſo ſchwerer Kummer auf ſeinem Herzen gelegen, gewiß, er wäͤre vor Freuden außer ſich gerathen, weil nun auch die Entdeckung der von ſeinem Freunde Rothſchild ſo tief in das Herz gefaßten veilchenfarbenen Dame wahrſcheinlicher Weiſe zu erwarten ſtand. Doch wie der, dem das Haus brennt, hoͤch⸗ ſtens nur fluͤchtig an die angraͤnzende Relkenflur ſeines Freundes denkt, ſo ging auch der Gedanke, daß er nun dem Baron vielleicht eine froͤhliche Nachricht hinterbringen koͤnne, nur leicht durch den Kopf, und vermnschte nur ſo viel, daß er Mam. 7 —:— 123 fell Tripschen mit aller, ihm in dieſer Minute moͤglichen Hoͤflichkeit ſeine Ergebenheit bezeigte. Aber kaum waren die gewoͤhnlichen Redensarten hin⸗ und hergeflogen, und das Pferd einem dienſt⸗ fertigen Frohnarbeiter uͤbergeben, als Freiſtug den Herrn Collegen ſobald nur immer moͤglich zu ſprechen wuͤnſchte.— Tripschen trippelte mit Siegestritt— denn ſie dankte im Herzen der guͤtigen Vorſicht, daß endlich der Mann ihres Herzens, den ſie, wie ſie oft geruͤhmt hatte, zeitlebens nicht wieder vergeſſen koͤnne, gekommen ſey— in das Stu⸗ dierſtuͤbchen des Papa, und nach einigem Verzug oͤffnete dieſer ſelbſt, in einer recht zierlichen Pe⸗ ruͤcke und nicht minder zierlichem gruͤnen Cala⸗ mang⸗Schlafrock, dem Ankoͤmmlinge Thuͤre und Arme. „»Sryen ſie mir tauſend Mahl willkommen 8 wackerer Herr College!“— rief der Herr Schoͤffer, und ſchob die langbärtige Feder hinter das Obr— vendlich einmahl wird mir die Freude zu Tbeil,“ ein recht reputirliches und honettes hochnothpein⸗ liches Halsgericht zu hegen! Laſſen ſie ſich den ganzen Casum kuͤrzlich mit allen Cireumſtanzien erzaͤhlen—— „Ich bin ſchon einiger Maßen unterrichtet— unterdrach ihn der ſehr Eilige, einer langweili⸗ geu Relation ausweichend—„ſagen ſie mir dor F 2 124 allen Dingen, beſindet ſich unter den Gefangenen auch ein junges Frauenzimmer—— „Lupus in fabula! wackerer Herr College!*— entgegnete der Schoͤſſer—„Lupus im fabula! Tragen ſie keine Sorge! wir haben das ganze ſaubere Complott— Hoͤren ſie! das junge Weibs⸗ dild hat einen rechten Hals fuͤr einen Scharf⸗ richter, und ſcheint ordentlich fuͤr das Schwert geſchaffen. Nun, ich ſage ihnen, ſie werden ihre Freude haben, wenn ſie alles hoͤren, und darum—⸗ „Aber mein Gott! Herr Schoͤſſer“— unter⸗ brach ihn Freiſing ſchaudernd—„ſind ſie denn der Sache ſchon ſo gewiß? Bey einer ſo ver⸗ wickelten Unterſuchung, ſollte ich meinen—— „He, hel“— verſetzte jener und rieb ſich die Haͤnde—„ich bin ſchon ein alter Practicus, und weiß wohl, wie man mit ſolcher Pagage umzuſpringen hat! ja Freundchen, das iſt alles ſchon ſo gut, als erhaͤrtet—he, Tripschen! reich mir doch einmahl das Kaͤſtel sub N. her ly Tripschen war ſchnell bey der Hand, und überbrachte das Verlangte.„Sehen ſie doch, Herr College, das iſt das goldene Kettchen, womit die abſcheuliche Creatur das Kind erdroſſelt oder ihm das Genick gebrochen hat. Leſen ſie einmahl die Schrift auf dem Schloͤßchen! Das ſind doch wahr⸗ lich hinlaͤnglich gravirende indicia, wie die hoch⸗ nothpeinliche Halsgerichtsordnung ſie erfordert, 125 des von der Inquiſition ſelbſt zu erkennen gegeben Habenden nicht einmahl zu gedenken!* Freiſing nahm mit zitternder Hand die un⸗ gefaͤhr ellenlange, wie es ſchien, vergoldete Kette, und fand mit Entſetzen Nanoe darauf einge⸗ graben. „Gerade ſo“— fuhr Herr Krummbiegel fort— »erſchrack die abſcheuliche Creatur auch, da ich ihr mit gehoͤrigem Ernſte zuſetzte, und zuletzt die Kette vorzeigte.“ Liebe, arme— ja des Kindes Nahmen habe ich vergeſſen, der war weder ge⸗ hauen noch geſtochen, und vermuthlich nach jetziger Mode aus einem Romanenbuche geſtohlen— ge⸗ nug: armes Kind! ſagte ſie mit Thraͤnen, und waͤre uͤber die Knochenſchachtel lieber gleich heur gefahren. Aber ich hatte ſchon genug, und ließ ſie einſtweilen wieder abfuͤhren!“ Freiſing mußte ſich noch erzaͤhlen laſſen, daß man außer ſeinem Medaillon, welches er nach vorlaͤufiger eidlicher Wuͤrdigung und Beſtaͤrkung des Eigenthums zu ſicheren Händen wieder em⸗ pfangen werde, in der Koͤhlerhuͤtte ſchoͤne Kleider und Waͤſche, ſo wie geraͤuchertes Fleiſch, Wein, Kaffeh und Thee, außerhalb derſelben aber in der Erde eine große Geldſumme gefunden habe;; allein, ſo umſtaͤndlich der Bericht des Schoͤſſers auch war, ſo wenig konnte doch noch immer Frei⸗ ſing einen Zuſammenhang finden. 126 Die ganze Sachen— meinte er—„ſcheint mir doch nichts weniger, als klar. Huͤthen ſie ſich vor einer Uebereilung, und verſtatten ſie nlir der Bernehmung beyzuwohnen!“ 8 Herr Krumbiegel äußerte, daß er zwar ge⸗ woͤhnlich mit ſolchem Packe wenig Umſtaͤnde mache, und es lieber erſt eine Weile in Gewahrſam muͤrbe werden laſſe; indeſſen, dem Herrn Collegen zu Liebe, wolle er dieſes Mahl doch von ſeiner Regel ab⸗ gehen, und noch heute einige von dem Geſindel verhoͤren. Er lietz auch ſogleich die Gerichtsperſonen und den Buttel herbeyrufen, kleidete ſich ein we⸗ nig an, und verfuͤgte ſich mit Freiſing in die Gerichtsſtube. Abel und Seth wurden in Ketten und Banden herbeygeſchleppt, und in die Kreuz und Quere befraget. Aber die armen Jungen wußten von Allem nichts, und verſicherten nur mit Thraͤnen, ſie und ihre Aeltern waͤren geringe, aber ehrliche Leute. 3 „Sehen ſie die Verſtocktheit!“— ſagte Krum⸗ biegel—„ſtehet den ſchwarzen Beſtien nicht or⸗ dentlich Galgen und Rad auf dem Geſichte? und ſie lengnen. Sehen ſie den Abel; das mag mir ein Kain ſeyn! Sehen ſie mir den Seth; ſteht er nicht aus, wie ein ſich ſelbſt gehenkter Selbſt⸗ moͤrder und Apvtochir?— Nun, nur Geduld, ich will ſie ſchon zahm machen— Aber es ha 127 Zwoͤlf geſchlagen, und mein Tripschen laͤßt recht ſehr hitten, mit uns vorlieb zu nehmen!* Freyſing haͤtte ſehr gerne die Einladung ausgeſchlagen; allein das Schickſal Nanoe's und ihrer Angehoͤrigen war ihm zu wichtig, um ſich zu entſernen, und den Schoͤſſer nicht mit moͤg⸗ lichſter Freundlichkeit zu behandeln. Zwar ſchmeckte ihm bey Tiſche kein Biſſen, ſo zaͤrtlich Tripschen ihn noͤthigte, ſo zaͤrtliche Blicke ſie ihm zuwarf; denn er dachte immer daran, welch ein Mittags⸗ mahl Ranoe halten moͤge; doch es mußte ja aus⸗ gehalten ſeyn, ſollte die Unterſuchung Nachmit⸗ tags fortgeſetzt werden. Auf vieles Bitten und auf einen gebietheri⸗ ſchen Wink Tripchens ließ ſich der Schoͤſſer nach Aufhebung der Mahlzeit auch hierzu bewegen. Enos und Mutter Eve, zuletzt Adam, wurden vorgefuͤhrt; aus den beyden erſtern war nichts zu bringen, als daß Nanoe eine Muhme von ihnen ſey; letzterer behauptete trotzig ſeine Unſchuld, ſagte, das Geld gehoͤre ſeinem Bruder aus Ame⸗ rika, nannte Nanoe ſeine Nichte, und wollte auch nur von der Moͤglichkeit eines Kindermordes nichts wiſſen. Haͤtte er ſich was vorzuwerfen— ſetzte er trotzig hinzu— ſo waͤre er mit den ſei⸗ nigen wahrlich nicht mitgegangen; fuͤr einen ſeiner Bullen ſey der Herr Schoͤſſer und die ganze Gerichtsfolge nur ein Morgenbroty.. 128 „Eine Muhme! eine Nichte! hoͤren ſte! ja, ja, ich glaube es!»— ſagte der ehalr SeSer fing, das letztere vornehm uͤberhoͤrend— Sie ſpie⸗ len doch Solo? Es wird einmahl Zeit, daß man auch eine Erholung hat! 4 So verließ man die Gerichtsſtube, und Frei⸗ ſing, obſchon entſchloſſen, ſich nicht weit zu ent⸗ fernen, ſchickte ſich doch an, das Haus des Schoͤſ⸗ ſers zu verlaſſen. Aber in demſelben Augenblicke war auch Tripschen bey der Hand, und ſtellte ihm vor, daß er bey dem entſetzlichen Regenwetter unmoͤglich fort koͤnne. Das Regenwetter beſtand nun freylich nur in einem Spruͤhregen, indeſſen, Freiſing hatte ganz andere Urſachen, als Solo und Tripschen, um auch dieſe Einladung nicht von der Hand zu weiſen. 1 Er erfuhr waͤhrend der Abendunterhaltung gelegentlich, daß jetzt auch die gnaͤdige Frau wie⸗ der angekommen, daß ſie ſeit einem halben Jahre Wittwe, und eine recht liebreiche Bloitdine ſeyy, ſchrieb ſich dieß einſtweilen fuͤr ruhigere Zeiten hinter das Ohr, und dankte nur Gott, als ſeine vorgebliche Muͤdigkeit ihm erlaubte, ſich vor dem langweiligen Geſchwaͤtze ſeines Wirthes und der eklen Zudringlichkeit Triboniana's zuruͤck zu ziehen. Hier in der Einſamkeit kreuzten tauſenderlen Gedanken durch ſeinen Kopf. Unmoͤglich konnte er Nanoe fuͤr eine Verbrecherinn halten, und eſtem Morgen ſatteln ließ, um ſeinen Pythias aufzuſuchen. 129 doch ſtand es, felbſt wenn er ſeine Bekanntſchaft mit ihr haͤtte preisgeben wollen, nicht in ſeiner Macht, ihre Unſchuld darzuthun. Ach! und die Arme die Zaͤrtliche, brachte vielleicht dieſe Nacht in einem Gefaͤngniſſe zu, das fuͤr den Aus⸗ wurf der menſchlichen Geſellſchaft beſtimmt war. Freiſing warf ſich kummervoll nieder, und ſtand, ohne geſchlafen zu haben, eben ſo wieder auf. Er ließ ſich nach eingenommenem Fruͤhſtuͤcke abermahls beym Schoͤſſer melden, und erhielt die Nachricht, daß dieſer den Morgen uͤber auf einem andern Dorfe beſchaͤftiget ſey, aber zum Mittagseſſen gewiß wieder eintreffen werde. Da⸗ gegen kam Tripschen getrippelt, und erboth ſich, ihn in der ſchoͤnen Gegend herumzufuͤhren. Die Gaſtfreyheit erforderte Dank, die Liebe laͤngeren Verzug; er reichte ihr ſeinen Arm, und erkun⸗ digte ſich angelegentlich nach der Lage des Ge⸗ faͤngniſſes. Gluͤcklicher Weiſe hatte der Spaziergang noch nicht lange gedauert, als das gar nicht gleichfuͤh⸗ lende Paar in der Ferne ein Paar Reiter erblickte. Es war der Baron mit ſeinem Jacob. Erſterem hatte das Geruͤcht ſo unglaubliche Wunderdinge hinterbracht, das naͤchtliche Ausbleiben ſeines Freundes hatte ihn ſo beunruhiget, daß er mit frü⸗ 130 Man beſchloß einmuͤthig, in das Dorf zu⸗ rüͤckzukehren. Tripschen lief augenblicklich auf das Schloß, um der Herrſchaft die Ankunft eines vornehmen Cavaliers zu hinterbringen; und kaum war ſie zuruͤck, als ihr ein Jaͤger mit der allge⸗ meinen Einladung zur Mittagstafel anf dem Fuße folgte. 3 Noch ganz zur rechten Zeit, um den Nehbra⸗ ten nicht verbrennen zu laſſen, langte auch der Herr Schoͤſſer wieder an. Die geſammte Ge⸗ ſellſchaft verfuͤgte ſich auf das Herrnhaus, und der ſchon durch Tripchens Geſicht etwas ſtutzig gemachte Baron gerieth in das hoͤchſte Entzucken, als das Eßzimmer ſich oͤffnete, und— die Dame aus der Bude in der geſchmackvollſten, ihre Reize nur noch mehr heraushebenden Halbtrauer, nebſt ihrem Geſellſchafts⸗Fraͤulein die Gaͤſte empfing. Die Unterhaltung bey der Mahlzeit war nach Verſchiedenheit der Gemuͤther und Stimmungen gleichfalls ſehr verſchieden. Der Baron und die ſchoͤne Graͤfinn Louiſe von Allerburg, bey⸗ de an einander Geſchmack findend, ſuchten alles hervor, um ihren Geiſt gegenſeitig zu entfalten; minder gluͤcklich verſuchte dieß Tripschen bey Freiſing. Der Gerichtsſchoͤſſer brachte immer die Unterſuchung, der miteingeladene filzgeſtiefelte Hausarzt Doctor Sterzel(der heute nur dar⸗ um auf das Schloß berufen war, weil Sonnet, ſchallte es durch das ganze Zimmer. 131 ſo hieß das ſilbergraue Windſpiel der Graͤfinn, das Pfotchen verſprungen, und Ballade, das iſabellne dito, ſich erkaͤltet hatte) ſeine Curen, der landwirthſchaftliche Pfarrherr, mehrerer oͤko⸗ nomiſchen Geſellſchaften Ehrenmitglied, ſeine Klagen uͤber die Treſpe und Vogelwicken, ſo die gottloſen Bauern als Decem ablieferten, auf das Tapet. Endlich war es dem Schoͤſſer gelungen, die Mord⸗ und Naͤubergeſchichte mit allen Umſtaͤn⸗ den der gnaͤdigen Herrſchaft referiren zu duͤrfen, und er ſchickte eben als Praͤludium ein gemaͤßig⸗ tes Huſten voraus, da— hoͤrte man das Raſſeln eines Wagens, und ein Fremder, der ſeinen Nahmen ſelbſt nennen wollte, ließ um Erlaubniß bitten, einen Augenblick aufzuwarten. Man ver⸗ wunderte ſich, und ließ ihn kommen. Ein anſehnlicher, anſtaͤndig gekleideter, ziem⸗ lich gewandter Mann, der einigen ſchon auf den erſten Anblick etwas bekannt vorkam, trat ein. „ Ich bin der Profeſſor Caſelli— ſagte er, ſich ſelbſt vorſtellend— und bitte die gnaͤdige Gerichtsherrſchaft, meine unſchuldige Tochter, und meine Verwandten ſogleich auf freyen Fuß zu ſetzen.“ B „Seine Tochter? ſeine Verwandten?9— 432 „Seine Tochter?“— ſagte Krumbiegel ſchmun⸗ zelnd, ging geſchwind aus dem Zimmer, und gah Befehl, den Eingetretenen im Nothfalle feſt zu halten, und die Dor fwache ſchnell herbey zu holen. Die Graͤfiun verwies den Fremden an den Schoͤſſer, der wieder eintrat.„Das wird ſchwer⸗ lich ſo geſchwinde angehen“— verſetzte dieſer hoͤhniſch—„vielmehr wird man Maßregeln zu ergreifen wiſſen, auch— „Weſſen beſchuldiget man mein Kind?,— fing Caſelli feſten Tones wieder an. „Sie iſt des Kindermordes mehr als verdaͤch⸗ tig, der Zauberey und eines Bundes mit dem boͤſen Feinde ziemlich; das ganze Gefindel ſind Schatzgraͤber, Diebeshehler, Raͤuber und Spitz⸗ huben!“* „Des Kindermordes? das waͤre drollig le⸗ — erwiederte der Profeſſor—„das wird Gott und mein Bruder Adam verhuͤtet haben! Wie kommt man auf den Gedanken?* „Wird ſich weiſen!“— meinte Krumbiegel. Aber die Gerichtsfrau erſuchte ihn aus immer ſteigender Neugier, nur alles heraus zu ſagen. „Das gefundene Todtengerippe zeugt wider ſie; iſt es nicht das gewiſſeſte Anzeichen, wenn die Todten gleichſam ſelbſt gegen die Verbrecher auf⸗ treten? Sie hat die Kette, womit das arme Kind 8. 3 183 erwuͤrgt wurde, zur Genüge fuͤr die ihrige aner⸗ kannt“—— „Was?“— ſagte Caſelli—„darf man dieſe Dinge nicht auch ſehen?“ Alle Blicke richteten ſich bittend auf den Schoͤſ⸗ ſer, und die Gerichtsfrau, ſo ſchauerlich ihr auch das Ganze vorkam, brauchte nochmahls ihr An⸗ ſehen uͤber den Unterthaͤniggehorfamen. Er zuckte die Achſeln, und gab nach. Das Kaͤſtchen mit dem verdaͤchtigen Gerippe und der Kette wurde herbey geholt. Kennet man dieſe Kette?“— fragte Krumbiegel, ſeines Triumphs gewiß, den Fremden— iſt man ſo verſtockt zu laͤugnen?“ „Dieſe Kette—o ja!“— erwiderte der Pro⸗ feſſor gelaſſen. „Hoͤren ſie! hoͤren ſie! Er recognoscirt ſie! Ich bitte um Feder und Tinte— darf ich nicht die Schoͤppen rufen laſſen 2 Die Dame verſtattete auch dieſes. Ein ſolcher Act war ihr noch nie vorgekommen. „Wo iſt denn das Gerippe? und welcher Phyſikus iſt bey der Beſichtigung zugezogen wor⸗ den 5— fragte Caſelli. „Hier iſt es“— antwortete Krumbiegel— „Hier ſteht er, mein Herr Profeſſor von der Uni⸗ verſitaͤt Utopia!“— ſogte der filzgeſtiefelte Doctor, ſich maͤchtiglich aufblaſend. 4 134 Er bemaͤchtigte ſich zugleich des Kaͤſtchens, zog den Todtenſchaͤdel hervor, nahm ihn auf die Hand, und fing ſeine Demonſtration an.„Wer hat Augen,“»— ſprach er—, und ſieht nicht, daß das ein Todtenkopf iſt? Wollte man dieſe hervor⸗ quellende Unterkinnlade fuͤr etwas zu hervorſte⸗ hend, dieſe etwas flache Stirne fuͤr eine Abnor⸗ mitaͤt halten, ſo deutet ſelbiges Alles doch hoͤch⸗ ſtens auf eine fremde Menſchenart, auf eine Abſtammung von einer unedlen Rage, zum Bey⸗ ſpiel von Negern“— 3 „Negern! bene dixisti ¹“— fiel der Schoͤſſer ein—„die Ereatur iſt ſelbſt eine halbe Mohrinn.“ „»Vielleicht auch“— ſagte der Fremde ironiſch, den Doctor firirend—„auf eine Abſtammung vom Affengeſchlechte?“ „Affe! Affe!— ſcholl es im ganzen Zimmer— „Abnormitaͤt, große Abnormitaͤt, Monſtroſitaͤt moͤchte man ſagen!“ brummte verlegen vor ſich der filzgeſtiefelte Doctor, ſetzte die ſilberne Brille auf die kupferne Naſe; und trat mit dem Schaͤdel an das Fenſter. 3 „Erlauben ſie mir, daß ich kuͤrzlich meine Geſchichte erzaͤhle;“— nahm der Profeſſor das Wort—„ſie iſt nicht langweiliger, als manche Nobinſonade, und wird hoffentlich uͤber Alles Anfſchluß geben.“ 18 —— — 135 „Ich bin eben ſo wenig Profeſſor, als mein Nahme Caſelli iſt. Eigentlich heiße ich Lamech Huͤttel. Mein Vater hieß Methuſalem, und war Koͤhler im Allerburger⸗Walde; mein aͤlterer Bruder heißt Adam, und treibt dieſe Handthierung noch. Da ich ein ziemlich ruͤſtiger Burſche war, und der vormahlige Baron Rothſchild mich auf der Jagd einmahl ſah, both er mir Dienſte an. Das Koͤhlerleben geſiel mir nicht; ich nahm die⸗ ſen Vorſchlag mit Freuden an. Ich wuſch mir den Kohlenſtaub aus dem Geſichte, gab mir alle Muͤhe, das und jenes zu lernen, und— kurz und gut, wenn ich die Staats⸗Livree trug, war ich einer der ſtattlichſten Jaͤger.“ „Ein Kammermaͤdchen, das zugleich mit mir auf dem Edelhoſe diente— es war ein gar hub⸗ ſches, raſches, aber auch recht verſchmitztes Ding, und hatte ſich ſogar nach dem Tode der gnaͤdigen Frau zu erhalten gewußt“—— „Ich erennere mich von ihr gehoͤrt zu ha⸗ ben“— fiel Baron Rothſchild ein, um allzu deut⸗ lichen Auseinanderſetzungen zuvor zu kommen— „fie diente einige Jahre in dem Hauſe meines Vaters.“ 4 „Ah“— fuhr der Fremde verbindlich fort— „nun ja! es iſt weiter nichts unrechtes, kurz, das Kammermaͤdchen fand auch ein wenig Gefallen an dem 3iger⸗ und legte es mir ziemlich nahe⸗ „ 136 ſie zu heyrathen. Ich ſtand auf dem Puncte, mich hinter das Licht fuͤhren zu laſſen, als ich bemerkte, daß ſie mich— vermuthlich zu ſehr liebte, um nicht insgeheim auf eine huͤbſche Ausſteuer be⸗ dacht zu ſeyn. Ich konnte anfaͤnglich nicht ſo recht dahinter kommen, bis ſich durch ein drolliges Un⸗ gefaͤhr ihr Haubenband an einem gewiſſen Orte auffand, wohin es gar nicht gehoͤrte— »Was deines Amtes nicht iſt, da laſſe deinen Vorwitz!,— dachten der Baron und Freiſing im Stillen. 3 „Nun, ich war freylich in das niedliche Kaͤtz⸗ chen“— fuhr Caſelli fort— gewaltig geſchoſſen; indeß hatte ich doch, ohne Ruhm zu melden, eine zu leidliche Figur und zu viel Ehrgefuͤhl, um— wie ſag' ich?— um nicht ein ehrliches Maͤdchen zur Frau haben zu wollen. Es gab daruͤber einen Verdruß; das Maͤdchen ſagte mir in der Hitze verſchmaͤhter Liebe einiges unter die Augen, was ſie beſſer verſchwiegen haͤtte; kurz, ich erhielt einen Monat Lohn ausgezahlt, und— meinen Abſchied.„ »Ich ſuchte nun anderwaͤrts Dienſte, blieb einige Jahre laug hie und da, und wurde zuletzt von einem reichen Partirulier(ſo hieß er wenig⸗ ſtens) als Leibjaͤger angenommen. Er gab die praͤchtigſte Livrre, hatte mehrere Bediente, berei⸗ ſete im Sommer die Baͤder, im Winter die Re 137 douten. Sie errathen ſchon, daß ſeine Jagdrevier im Koͤnigreiche Pharao's lag.“ „Einige Zeit ging es vortrefflich; nach und nach aber wurde die Dienerſchaft abgedankt, die Pferde eines nach dem andern verkauft. Als wir nach Hamburg kamen, floßen alle Chargen in meiner einzigen Perſon zuſammen. Auch hier ſchien nicht der gluͤcklichſte Stern uͤber meinem Herrn zu walten. Er gab mir eines Abends Geld, und befahl mir, in einem Wirthshauſe auf ihn zu warten. Ich fand dort ſehr luſtige Geſellſchaft, und— ich weiß noch in dieſer Stunde nicht, ob es mit oder ohne Vorwiſſen meines Herrn zu⸗ ging!— genug, da ich zu mir ſelbſt kam, erfuhr ich zu meinem Erſtaunen, daß ich aus ſeinen Dienſten in die Dienſte der hochmoͤgenden Staa⸗ ten uͤbergegangen ſey.“* 3 „Ich will ſie mit dem Folgenden nicht lang⸗ weilen. Sie finden das in jeder Seelenverkaͤufer⸗ und Seefahrer⸗Geſchichte. Ich ließ mir gefallen, was ich nicht aͤndern konnte, fand mit der Zeit an dem Leben Geſchmack, kam mit nach Su⸗ rinam, und wurde in kurzer Zeit Sergeant.“ „Nach einigen Jahren ſchenkte mir die Witt⸗ we eines Hollaͤndiſchen Pflanzers eine ganz unge⸗ woͤhnliche Theilnahme. Sie war eine etwa drey⸗ kigjaͤhrige, recht niedliche Mulattinn, und ver⸗ leugnete das Feuer ihrer Abkunft ſo wenig, datz ich, ohne blind zu ſeyn, ihre guten Geſinnungen— gegen mich nicht verkennen konnte. Da ſie ein ſehr betraͤchtliches Vermoͤgen beſaß, und ſogar ohne dieſes mein Herz erobert haben wuͤrde, ſo fiel es mir nicht ein, mein Gluͤck mit Fuͤßen von mir zu ſtoßen.“ „Wir wirkten beym Gonverneur durch gehoͤ⸗ rige Mittel meinen Abſchied aus, und ich ſah mich im Beſitze einer huͤbſchen, mich liebenden Frau und zweyer zu Paramaribo gelegenen Plan⸗ tagen. Zwey, drey Jaͤhrchen vergingen, ohne daß ihr ſehnlicher Wunſch nach dem Segen des Him⸗ mels erhoͤrt wurde. Endlich verkuͤndete ſie mir mit Entzuͤcken die Erfuͤllung ihrer Hoffnungen, und gebar eine Tochter, die ſie nach ihrer Mutter, einer freygelaſſenen Schwarzen, Nanoe nannte.“ „Aber ihre Kraͤfte waren durch dieſe Rieder⸗ kunft zu ſehr angegriffen; ſie legte ihr Teſtament in die Haͤnde eines geſchwornen Schreibers nieder, befahl mir auf das zaͤrtlichſte die Sorge fuͤr unſer Kind, und ſtarb in meinen Armen.“) „Eine meiner Negerinnen, ein geſundes, treues Maͤdchen, die einige Zeit fruͤher entbunden worden war, hielt es fuͤr die groͤßte Ehre, nebſt ihrem Kinde auch Nanoe ſaͤngen zu duͤrfen. Mei⸗ ne Tochter wurde taͤglich friſcher und lebhafter; alle Reger und Negerinnen waren auf ſte wie ver⸗ ſeſſen; ſie war meine einzige Luſt. Ich ſchonte keine 8 5* 133 Koſten, ſie in Allem nnterrichten zu laſſen, ſo gut es die dortige Landesart verſtattete.“* „Da ſie ungefaͤhr ſteben Jahre alt war, regte ſich in mir die Luſt, mein Vaterland wieder zu beſuchen. Ich freuete mich nicht wenig, die Mei⸗ nigen als ein reicher Mann wieder zu ſehen, die ich als ein armer Koͤhlerjunge verlaſſen hatte. Die Vorſorge fuͤr das kuͤnftige Gluͤck meiner Na⸗ noe trug auch das Ihrige dazu bey. Ich verkaufte meine Beſitzungen ſehr vortheilhaft, doch mit der Bedingung, daß die Haͤlfte der Kaufgelder ſogleich, die andere Haͤlfte in zehn Jahren zahlbar war.⸗ „Um noch mehr zu gewinten, ſteckte ich das empfangene Geld in Kaufmannsguͤter, und be⸗ frachtete damit das Schiff Chriſtine. Ich ſelbſt mit Nanoe folgte erſt etwas ſpaͤter, nur einige Koſtbarkeiten und Wechſel mit mir fuͤhrend.“ „Als ich nach Amſterdam kam, var das Schiff Chriſtine noch nicht angekommen, und in kurzem ging die Nachricht ein, es ſey in einem Sturme geſcheitert. Ich verſchmerzte den Verluſt ſo gut ich konnte, ſchrieb ſogleich an meinen Abkaͤufer, und erboth mich zu einem billigen Erlaß, wenn die Jahlung fruͤher erfolge. Allein, der damahls eingetretene Seekrieg, oder andere, mir unbekannt gebliebene Zufaͤlle verhinderten jede Antwort.“ „So lebte ich denn einige Zeit von den geret⸗ teten Truͤmmern meines Vermoͤgens, und brachte Nanoe in einer Koſtſchule unter. Aber meine Baarſchaft verringerte ſich nach und nach ſicht⸗ lich, das unthäͤtige Leben wollte mir nicht zuſagen, auch war ich mit Nanoe's Erziehung nicht ganz zufrieden.“ „Als ich einſt eben uͤberlegte, was nun anzu⸗ fangen ſey, hoͤrte ich, daß der Beſitzer einer kuͤrzlich angekommenen Menagerie geſtorben, und ſeine Sammlung um einen ſehr maͤßigen Preis zu verkaufen ſey.“ „Ich wußte, daß man in der großen Welt allenfalls mit cinem Leyerkaſten, wie vielmehr mit Affen und grauſamen Thieren, ein Anſehnliches gewinnen koͤnne, wenn man es nur recht anfange. Ich hatte ziemliche Menſchenkeuntniß erworben, hatte in meinem Leben ſchon ſo Mauches verſucht, warum nicht auch das 2* „Der Handel ward alſo richtig. Ich nahm meine recht ſchoͤn erhaltenen Beſtien in Empfang, und einige Kerls als Waͤrter in Dienſte; ein alter Plantagen⸗ Aufſeher, der mich begleitet hatte, wurde als Befehlshaber uͤber beyde geſetzt; der hatte das Commandiren ſchon bey den Negern gelernt!“ „So trat ich denn mit der ungefaͤhr zehn⸗ jaͤhrigen Nanve meine neue Wanderung an; denn ſie zuruͤck zu laſſen, konnte ich mich unmoͤglich entſchließen. Das lebhafte Maͤdchen Lußte ſie 1 1 † bald in Alles zu finden. Durch ihre große Gut⸗ muͤthigkeit ſchien ſie ſelbſt die grauſamſten Thiere zu beſaͤnftigen, durch— es klingt auffallend, aber es iſt wahr— durch herriſche Worte und die Gewalt ihrer Augen wußte ſie ihnen Gehorſam einzufloͤßen. Vorzuͤglich fand ſie, wie natuͤrlich, an den bunten Voͤgeln und an— den Affen großes Vergnuͤgen. Ein junger Papagey nahm kein Fut⸗ ter, das nicht ſie ihm reichte; eine Aeffin, Nah⸗ mens Babu, die launenhafteſte, aber auch nied⸗ lichſte von allen, mußte eingeſperrt werden, wenn ſie ihr nicht nachlaufen ſollte.“— „Ich weiß faſt nicht mehr, was ich denken ſoll, Herr Gevatter!,— füſterte der Schoͤſſer dem Doctor in das Ohr— wapelich den Nahmen Babu nannte die Crratur auch!* „Vielleicht koͤnnen ſie ſich nun erklaͤren,— nahm der Profeſſor, zu Krumbiegel gewandt, wieder das Wort—„wie auf ein neues Kettchen, welches fuͤr das Thier angeſchafft werden mußte, der Rahme Nanoe kam. Kinder und junge Maͤd⸗ chen haben ihre Einfaͤlle, und ich fand keinen Grund, meiner Tochter dieſe kindiſche Freude zu verſagen.“ »Ich durchreiſete mit meinen vierfuͤßigen Be⸗ gleitern Frankreich und Italien, und erwarb aufs neue ein nicht ganz unbetraͤchtliches Ver⸗ moͤgen. d ich nun in Deutſchland mich ziemlich anſtaͤndig zeigen konnte, ſo trat ich auch den Weg dahin an. Ais ich in dieſe Gegend kam, war es mein Erſtes, meine Angehoͤrigen aufzuſuchen. Konnte ich ſchon nicht, wie ich mir erſt ausge⸗ ſonnen hatte, mit vier Pferden und wenigſtens drey Bedienten auf dem Kutſchbocke vor der Koͤh⸗ lerhuͤtte auffahren, ſo geſchah es doch mit einer Extrapoſtchaiſe. Mein Bruder und ſeine Familie geriethen vor Freude faſt außer ſich, einen ſo vornehmen Bruder zu haben; ſie empfingen mich auf eine Weiſe, welche die ganze Vergangenheit in mir hervorrief, und mich an der angeerbten, unerſchuͤtterlichen Redlichkeit dieſer meiner An⸗ verwandten nicht zweifeln ließ. Auch Nanoe, die von Allen faſt angebetet wurde, gefſiel ſich unter ihnen recht ſehr.“ .„Ich hatte, beſonders in dem letzten halben Jahre, ungewoͤhnlich ſtarken Zulauf gehabt. Nach und nach glaubte ich zu bemerken, daß die Furcht⸗ loſigkeit, womit ſich Nanoe gegen die wilden Be⸗ ſtien benahm, die Herr ſchaft, welche ſie uͤber ſie ausuͤbte, an dieſem ausgezeichneten Beyfall we⸗ nigſtens Theil habe. Dies mochte nicht ganz un⸗ gegruͤndet ſeyn; aber, wie man nur oft blind iſt, die Hauptlache, naͤmlich, daß das aufbl hende Maͤdchen die maͤnnliche Jugend und jugend in die Bude lockte, hatte ich uͤverſehen.“ 8. . 3 143½ „Ein Ungefähr ſpielte mir ein Billet in die Faͤnde, das ein recht angeſehener Cavalier durch ein Blumenmaͤdchen an Nanoe abgeſandt hatte. Ich wurde von nun an aufmerkſamer, und aͤhn⸗ liche Verſuche ließen mich immer heller ſehen. Ein in Zeitungsblaͤtter, wo meine Sammlung weit uͤber Verdienſt angepeieſen war, eingeſchla⸗ genes Gedicht, daß ein alter, ekler Suͤßling(ich glaube Buz hieß der Patron) ihr im Heraus⸗ gehen aus der Bude in die Hand gedruͤckt hatte, verdroß ſie und mich nicht wenig; eine Ohrfeige, die der Zudringliche Tags darauf im Halbdunkel von Nanoe einerntete, konnte nur dazu dienen, ihre von mir gefuͤrchtete Celebritaͤt noch zu ver⸗ mehren. Schon ging eine boͤchſt laͤcherliche Parodie des Buziſchen Gedichts von Hand zu Hand.* „Es iſt Zeit, ſagte ich zu mir ſelbſt, mein Kind der Gefahr zu entreiſſen. Sie iſt feurig; die hieſigen jungen Leute(worunter recht huͤb⸗ ſche Huſarenofficiere waren) folgen ihr faſt auf. dem Fuße; wer weiß, ob ihr jede Ohrfeige ſo leicht von der Hand geht, als die auf den Backen des altfraͤnkiſchen Schulfuchſes.* „Nun fragte es ſich aber, wo ich mit. t dem Maäͤdchen, die kurze Zeit uͤber, die ich noch her⸗ um zu ziehen gedachte, hin ſollte„ um ſie ſicherer erwahrt zu wiſſen, als unter meinen Augen. So has ich hin⸗ und berſann, ſo fand ich doch auf 8* 444 dem ganzen Erdboden Niemand, dem ich mein einziges Kind haͤtte anvertrauen moͤgen, als mei⸗ nen Bruder Adam. Bey dem wohnt noch alte Zucht und Sitte, ſagte ich zu mir ſelbſt; der Felswinkel iſt von der ganzen Wer: abgeſondert; das Maͤdel iſt jung und kraͤftig; ich rann ihr ſchon Einiges etwas bequemer einrichten laſſen.— Gut! ſo ſoll, ſo muß es geſchehen!“* „Nanoe hatte zwar anfaͤnglich Eines und das Andere einzuwenden, doch ich ſah mit inniger Freude nur zu gut, daß ſie noch in kindlicher Unſchuld lebte. Ich muͤſſe bald wieder kommen, und ihr Papagey und Babu muͤſſe mit, das wa⸗ ren ihre einzigen Bedingungen.“ „Ich gewaͤhrte ihr das erſtere, und ſtellte ihr vor, daß das zweyte zu leicht auffallen, und, was ich nicht wuͤnſche, ihren Aufenthalt verrathen koͤnne. In der That war mir auch Babn nicht gut entbehrlich, dieſe machte gar zu allerliebſte Poſſen; manche Damen konnten ſich an ihren Spruͤngen gar nicht ſatt ſehen, und ſie wurde oft eben ſo feurig applaudirt, wie ein zweyter und eine zweyte— nun denken ſie ſich Nahmen⸗ welche ſie wollen!“ „So packte denn Ranoe ihre Habſeligkeiten zuſammen; ich gab ihr einiges Geld, brachte zu meinem Bruder, und trug ihm auf, die ſtrengſte Aufſicht uͤber ſie zu fuͤhren. Zugleich gab ich 1 145 etwas Geld, einige Beduͤrfniſſe anzuſchaffen, ſendete ihm auch zuweilen verſchiedene Eßwaaren und dergleichen„damit meine Nanoe deſto weniger etwas entbehre. Ob ſeine Frau und Kinder davon immer reinen Mund gehalten haben, weiß ich nicht, glaube aber faſt das Gegentheil, da ſich hier in der Gegend, wie ich jetzt hoͤren muß, das alberne Gerücht verbreitet hat, bald als habe Adam einen Vetter in Weſtindien beerbt, bald, als habe er das große Loos gewonnen, bald endlich, als habe er einen Schatz gehoben.“ „Rach Nanoes Entfrnung verminderte ſich der Zulauf, und ich beſchloß weiter zu reiſen. Der Weg fuͤhrte mich durch den Allerburger⸗Wald, und da wir wieder in das Freye kamen, war Ba⸗ bu verſchwunden. Ob der Affe Nanoe nachgelan⸗ fen, oder nur ſonſt entwiſcht ſey, weiß ich nicht; aber das ſcheint mir nach allen Umſtaͤnden gewiß, daß er, entweder von einem Jäger geſcheſſen, oder ſonſt verungluͤckt, in den hohlen Baumſtamm kroch, und aus Mangel an Futter verhungerte.* „Alles gut! alles aut!— unterbrach Krum⸗ biegel mit wichtiger Miene den Erzaͤblenden— vaber das Gold im Lopfe! das, das zeugt doch von einem Schatz oder Raub 5 „»Nur noch ein wenig Geduld, ich bin gleich am Ende“— verſetzte Caſell.. Anterhalt. Biblioth. 15. B. G 246 „Ich weiß nicht, ob ich ſchon erwaͤhnt habe, was ſich wohl ſelbſt verſteht, daß ich indeß fleißig an meinen Abkaͤufer nach Surinam geſchrieben, und meine Antraͤge wiederholt hatte. Ich erhielt endlich ſeine ſchriftliche Zuſtimmung; doch machte die Auszahlung des Geldes meine Gegenwart in Amſterdam noͤthig. Ich verkaufte meine Samm⸗ lung, und machte mich auf den Weg. Mein Ge⸗ ſchaͤft ging weit gluͤcklicher von Statten, als ich gehofft hatte. Da ich die blanken Goldſtuͤcke auf dem Ziſche aufgezaͤhlt ſah, fielen mir lebhafter als je, Nanoe und meine Verwandten ein. Ach! dachte ich, Nanoe lebt vielleicht in halber Duͤrf⸗ tigkeit, und du wuͤhlſt hier im Golde!* „Ich kaufte ſogleich einen Wechſel uͤber zwey⸗ hundert Ducaten auf ein Frankenauer Haus; ſo viel ungefähr und dieſe Muͤnzſorte wird ſich wahrſcheinlich in dem Topfe gefunden haben. Warum Adam dieſes Geld in die Erde grub⸗ moͤgen ſie von ihm ſelbſt hoͤren, hieruͤber kann ich keine Auskunft geben.“* „Ja, ja, Herr Profeſſor!“— ſagte der Schoͤſ⸗ ſer kleinlaut—„ſo viel ungefaͤhr und Ducaten waren es!“ 3 „Sie ſehen daher, meine Herren und Damen — nahm jener wieder das Wort—„daß ich! meine Verwandten ehrliche Leute ſind; und wegen meiner Glaubwuͤrdigkeit noch ein Zwei 14 eobwalten, ſo werden dieſe Zeug niſſe hinlaͤnglich fuͤr mich ſprechen.“. Die Papiere, welche er uͤberreichte, gingen von Hand zu Hand; es waren Paͤſſe von ver⸗ ſchiedenen Geſandten, obrigkeitliche Atteſtate, ein Abſchied von der Weſtindiſchen Compagnie, ge⸗ richtliche Kaͤufe von dem Surinamer Seeretariat, bedeutende— ſehr bedeutende Wechſel auf bekannte Haͤuſer. Krumbiegel konnte kein Ende finden, die Schriften zu leſen; er wußte vor Verlegenheit nicht, wohin. „Wer das nicht ſieht, bochgeehrteſter Herr Profeſſor!“— fing auf der andern Seite der filzgeſtiefelte Arzt an—„daß einſt dieſer Schädel der Aeffin Babu angehoͤrte, wahrlich, der muß den Staar haben! Sagt' ich es ihnen nicht, Herr Gevatter Schoͤſſer? Abnormitäaͤt, große Abnormi⸗ taͤt, beynahe Monſtroſttaͤt, hab' ich geſagt. Das haͤtte der Herr Gevatter bedenken ſollen!* „Ey! ſie haben Ehre zu reden, mein Herr Gevatter!“— eiferte Krumbiegel, vor Aergerd kald bleich, bald roth—„ich weiß in der That nicht“—. „Was fie nicht wiſſen, das will ich ihnen ſa⸗ gen!“— nahm Caſelli wieder das Wort—„Ich komme hierher, freue mich, meine Jochter wieder in umarmen, mit meinem armen⸗aber redlichen 3 6 2 7 3 145 Bruder und ſeiner Familie meinen Reichthum zu theilen. Das Geruͤcht, daß jemand im Walde ermordet, daß eine Raͤuberbande entdeckt worden ſey, kommt mir entgegen; ich zittere ſchon, mein Kind und meine Verwandten wegen des geringen, nicht genug verhehlten Geldes ermordet zu finden. Ich eile hinzu; die Huͤtte iſt verlaſſen und zer⸗ ſtoͤrt, und ein voreiliger Richter, ein unwiſſender Arzt hat ein Affengerippe fuͤr ein Menſchenge⸗ rippe angeſehen, hat meine Tochter, meinen from⸗ men redlichen Bruder mit ſeinen Kindern wie die ſchaͤndlichſten Verbrecher in Ketten und Bande gelegt“— „Aber ich bitte ſie um tauſend Gotteswillen⸗ — ſagte Krumbiegel klaͤglich'—„wer konnte wiſſen, wer ſollte glauben, wer konnte auf dieſe ſich zu Tage gelegt habende Vermuthung gera⸗ theu?* „ Ich wundere mich, Herr Schoͤſſer— nahm jetzt Freiſing feurig das Wort—„wie ſie noch verkennen, was jetzt zu thun ſey. Sie haben nu⸗ uͤberlegt gehandelt, ſie muͤſſen dieß mit Ueberle⸗ gung, muͤſſen dieß auf der Stelle wieder gut ¹ machen!* „Aber der Adam muſt doch vor allen Dingen befragt werden“— verſetzte jener—„wäru quam ab causam, mein’ ich, er die Goldſtüe vergraben? Man kann doch immer nicht wiſſen“ „Das ſcheint mir bloß Sache der Neugier— erwiederte Freiſing—„indeſſen, da wir einmahl hier Gerichtsbeyſitzer geweſen ſind, ſo ſcheint es ſehr zweckmäͤßig, daß ſie ſofort in das Gefaͤngniß eilen, die Arreſtanten befreyen, und, zur ſchul⸗ digen Ehrenerſtattung, mit gnaͤdiger Erlaubniß der Frau Graͤfinn, Adam und ſeine Familie in eigener Perſon hierher bringen.“ „Ich— ſagte der Schoͤſſer—„die rußi⸗ gen—— Der Frohn und die Gerichte ſind drau⸗ ken; koͤnnte es nicht wenigſtens durch den Dorf⸗ richter geſchehen? Oder, in der Noth erkennt man den Freund! wollten ſie dabey nicht„guͤtigſt meine Vices uͤbernehmen? Ich ratihibire ſolches, und ſtelle ſie durchgaͤngig ſchaden⸗ und koſtenlos!* „Nun ja, ich will es,”»— antwortete Frei⸗ ſing mit blitzenden Augen—„ob ſie es ſchon nicht verdienen!“ Der Schoͤſſer gab dem Frohn Befehl, die Arreſtanten ſogleich zu befreyen, uͤbrigens aber in Allem zu gehorſamen, was Freiſing gebieten werde. Die Pauſe, welche hierdurch entſtand, füllte die ſchoͤne Blondine und der Baron mit ſehr in⸗ tereſſanten Geſpraͤchen, die beyden Gevattern mit einem tüchtigen Zank, die uͤbrigen mit man⸗ cherley Bemerkungen aus. „Bleibt alle noch haußen!“— rief der Frohn vor der Thuͤr—„und ihr, Guͤrge! Maͤrten! hobt mir noch wohl auf die Gefangenen Acht!² Alle Anweſenden drehten ſich wieder von den Feuſtern. „Hochedler Herr Schoͤſſer!“— trat der Frohn ein—„es iſt mir noch etwas Verfaͤngliches vor⸗ gekommen; wenn ich nur wuͤßte, ob ich es ſa⸗ gen duͤrfte“ „Noch was Verfaͤngliches 24— ſel n Krumbie⸗ gel ein, und warf ſich von neuem in die Bruſt— „das iſt ja ſchoͤn! Redet! Saget unpartheyiſch die Wahrheit und verſchweiget nichts, weder umn. Gunſt, Gabe, Geſchenk, noch—— Alle Anweſenden waren geſpannt, und riefen „Geſch wind!“ „Run, wenn ich es ſagen darf“— ſagte der Frohn—„was mir verfaͤnglich vorgekommen iſt ſo— es iſt mir bald vorgekommen, als wenn der hochedie Herr Gerichtsdirector zu Nothſchildsbau⸗ ſen auch zu den Complicen gehoͤre. Er het— ne⸗ es iſt ein Wunder nur zu ſagen— das fremde Madel oder die fremde Mammeſell ſelbſt losge⸗ ſchloſſen, und nachher— ſind ſie einander um den Hals gefallen, und ſo— ſo Fehen ſie noch in meiner Stube wie die Salzſaͤulen, wenn ſie nich: Swa nnterdeſſen— uͤber den Zann dapo⸗ geſchappirt ſind!“ , 151 „Was hoͤr' ich?“ rief Caſelli.„Was?“ brach Nothſchild aus, und es fing ihm an zu daͤmmern. „Darum ritt er ſo ſchnell fort, darumb— „Nel's iſt nicht zu glauben! Solch buͤbſcher Leute Kind, wie der Herr Gerichtsdireetor“— fluͤſterte Tripschen dem Geſellſchafts⸗-Fraͤulein zu, und knipp ſich ſelbſt in den Arm—„und ſo eine Landſtreicherinn, ſo eine Bengabiſche Tieger⸗ Mamſell!* „Wenn dem ſo iſt“— nahm der Baron, durch die laͤchelnden Blicke der Gerichtsfrau angefeuert, das Wort—„ſo fordert es die Ehre meines Freundes, ſo— werden der Herr Schoͤſſer ſich doch wohl zur Abholung der fremden Dame verſtehen muͤſſen! Jetzt beſtehe ich nun darauf; ſollten ſie ſich aber weigern, ſo werde ich ſelbſt dieſe ſeandalenſe Geſchichte zur Keunt⸗ niß der Regierung bringen, und der Miniſter, mein Dnkel, wird hoffentlich“— Krumbiegel ſtand wie vernichtet; das hieß ſeine ſchwaͤchſte Seite angreifen,„Ich gehe ſchon⸗ ſagie er kleinlaut. „»Mein Vater, die Landſtreicherinn 2— ſeufzte Tripschen, und klopfte mit der Fauſt in die Hand—„Doch recht ſchoͤn, recht ſchoͤn! Sie wird wohl ausſehen, wie eine Afrikaniſche Meer⸗ katze.) ** 4. 152 3 „Ich daͤchte, wir unternaͤhmen indeſſen die weitere Vernehmung“— ſagte Graͤfinn Louiſe mit holder Stimme zum Baron—„ich moͤchte den Adam doch kennen lernen!* Der ehrliche Koͤhler wurde geruſen, und ent⸗ deckte ganz treuherzig die Urſache, weßhalb er den Schatz vergraben. Dieſe beſtand in nichts geringerm, als weil ſeine Frau und Kinder ſchon vorher, ſobald ſie nur von dem reichen Bruder erfahren, zu hoch hinaus gewollt. Sein Aelteſter, der Abel, habe immer den Neitknecht im Kopfe gehabt, und ſeine Eve eine neue Muͤtze. Da ihm nun das viele, diele Gold in der Stadt ausgezahlt worden, ſo habe er ganz und gar den Hoffarts⸗ teufel befuͤrchtet, und das ganze Capital, ohne Wiſſen der Seinigen, im Walde verſcharrt. Denn, meinte er, es ſey ja leichter, daß ein Ka⸗ meel durch ein Nadeloͤhr gehe, ſage der Herr Pfarrer, als daß ein Reicher in den Himmel kom⸗ me, und Gottesfurcht ſey beſſer, als viele Habe! Die geruͤhrte Gräfinn konnte ſich nicht ent⸗ halten, dem Alten ihre ſchoͤne Hand zu geben. . Ein weißer und ein ſchwarzer Engel ſtanden bey⸗ ſammen, aber ſie waren beyde ſo gut! Nun kam denn auch das liebende Paͤrchen angeflogen, und der Herr Schoͤſſer hinten nach gekeucht. Alle erſtaunten uͤber das liebenswuͤrdige Figuͤrchen, alle, nur Tripschen und ihr Vater. 3 153 nicht, waren Nanoe auf den erſten Anblick gewo⸗ gen. Der Baron erkannte nicht ohne Erſtaunen das Bergfraͤulein, und Freiſing mußte verſpre⸗ chen, gelegentlich alles Verſchwiegene auf das genaueſte nachzuholen. Caſelli erkundigte ſich nach dem Gewerbe des ihm unbekannten Liebhabers, und zog ſeine Toch⸗ ter auf die Seite. Freiſing nahm unvermerkt ſeine Hand; auch der Baron und die Graͤfinn halfen das Eiſen ſchmieden, weil es warm war. „Wenn du denkſt, meinethalben!“— ſagte Ca⸗ ſelli zu Nanoe—„Da Herr haben ſie die kleine Amerikanerinn! Bey dir, Maͤdchen, moͤchte das Neinſagen ohnedieß wenig helfen. Verderben wer⸗ det ihr beyde nicht, dafuͤr laßt Lamech Huͤttel ſorgen!“ Die Graͤfinn lud die ſaͤmmtliche Geſeilſchaft auf den Abend zu Gaſte; die Bauern mußten im Sonntagsſtaate ſich einfinden und die ehrliche Koͤhlerfamilie bewirthen. Gegen Freiſing aber er⸗ bot ſie ſich, die liebenswuͤrdige Ranoe eine Zeit⸗ lang bey ſich zu behalten. Von nun an hatte der Baron und Freiſing⸗ ſo lange nach Allerburg zu reiten und zu fahren, bis ein gemeinſchaftlicher Hochzeitstag ange⸗ ſetzt ward. Caſelli baute die balbzerſtoͤrte Koͤblerhütte weit feſter und bequemer; ſeine Handthierungz 3 2*) 154 nicht einmahl die Trauung erwarten. Kaum hatte er Freiſing zum Verwalter ſeines ganzen Vermo⸗ gens gemacht, als er wieder auf Reiſen ging. Den Koͤhlerburſchen Abel nahm der Baron⸗ in ſeine Dienſte, und keine Jranette hat ihn je aus denſelben vertrieben. Der Schoͤſſer Krumbiegel und der Doctor Sterzel wurden der ganzen Gegend zum Gelaͤchter. Es erſchien ein Geſpraͤch im Reiche der Todten zwiſchen den Schaͤdeln Krumbiegels, Sterzels und Babu's. Tripschen machte jedem, wer es nur⸗ hoͤren wollte, feyerlich bekannt, daß ſie nunmehr mit Entſagung auf jede eheliche Verbindung ſich der heiligen Jurisprudenz auf das gruͤndlichſte zu ergeben geſonnen ſey. Auch der ehrliche Jacob ſehnte ſich mit dem Vergfraͤnlein ſehr bald auf das vollſtaͤndigſte aus; Nanoe war die einzige, von der er ſich ſo⸗ gar zuweilen foppen ließ. Da ihm bey der Trauung die Graͤfinn ihren Shawl zu halten gab, bat ihn Nanoe mit hellen freundlichen Augen, auch den ihrigen zu nehmen. „Hältſt du ſie noch fuͤr das ſpukende Bergfraͤu⸗ lein?“ fragte der gluͤckliche Freiſing, aufzugeden, war Adam nicht zu bewsgen. Auch Caſelli ging es nicht viel beſſer. Er verſprach zwar hey ſeinen Kindern zu bleiben, aber er konnte 3 253 „Ach, das allerliebſte Kindchen!“— antwor⸗ tete Jacob— nu! deßwegen bleibt doch wahr, was wahr iſt! Nicht alle, die lange Meſſer tragen, ſagten immer der ſelige Herr geheime Kriegsrath, ſind darum auch Koͤche, und: Geld und Jungfern muß man bey Lichte beſehen!* unmnn 3* A 1 . 1 Vrrorvu TAA AANVAfæ& AN N NNN XT TAA4 AFNNAN 1.*) A 8 2 Benedetto an Hippolyta, Italien i⸗ ſche Nonne. Opfert euerem Heiligen eine gemahlte Kerze, ihr, meine Heilige! Das ſeyd ihr, und wollt ihr mich deßhalb ruchlos neunen, ſo klagt euch ſelbſt an, daß ihr mir oft in himmliſchen Geſichten asſo erſcheint! Aber opfert nur, und denkt zuweilen meiner, wenn ihr vor den Altaͤren kniet! Endlich, end⸗ lich ſind wir auf ſicherer Spur! O meine Freundinn, meine geliebte Schwe⸗ ſter! Ich will nicht klagen, daß mir das Schick⸗ ſal ſelbſt die Hoffnung entriß, gelingt es nur, etwas fuͤr euch zu thun! Lebt wohl, ſchoͤne Himmelsbraut, u denkt meiner in eueren Gebeten! ) In der urſchrift Italieniſch. 2Q Hilmar an Hugo. Ihr werdet euch wundern, guter Alter, daß ich, ſtatt ſelbſt an eure Thuͤr zu klopfen, dieſen Brief ſende, und abermahls Geld verlange. Allein, es muß alſo ſeyn, weil ich noch laͤnger hier zu weilen geſonnen bin, und der koͤſtliche Rukin, der mir fuͤr das Bildniß der ſchoͤnen Mathilde von ihrem fuͤrſtlichen Liebhaber verehrt ward, bey einem ehrſamen Iſraeliten in guter Verwah⸗ rung ſteht. Wie dieſes gekommen, will ich euch nicht⸗ verhehlen, und hoſſe, es werde die Begebenheit, imwelche ich anjetzt verwickelt worden, ſo ſonder⸗ bar ſie begonnen, weniger traurig ausgehen, als... Ihr wißt ja wohl, welche ich meine?. An demſelben Tage, welcher hier mein letzter ſeyn ſollte, luden mich meine Freunde und guten Geſellen zum Valet und Recompens.. denn ihr muͤßt wiſſen, daß ich die von euch mit Seufzern eingepackten Geldſaͤcklein nicht bloß auf eigene Hand vergeudet... in die goldene Traube. Ihr kennt ja die Wirthshaͤuſer noch von ehemahls, da ihr noch nicht die reiche Barbara gefreyet hattet, und als ein lockerer Virtuos leicht und luſtig durch die Welt zogt; ſonſt wollte ich euch ſagen, das 16¹1 es hier: Est, est, est! heißet. Die vier Toͤchter des Wirthes, welchen zu Lieb und Ehr das Haus auch zu den vier Jungfrauen genannt wird, ſich hochſtaͤmmige, reichbegabte und raſche Dirnen, und weil der Vater unſere Compagnie fuͤr gar ehrbar hielt, ſo auch wacker einſchenken ließ, druckte er dieſes Mahl ein Auge zu... der arme Schelm hat ein einziges, wie der ſchoͤnſte Cyclop... und verſtattete ſeinen Mhidchen ſich mit uns zu ergoͤtzen. Ihr koͤnnt leicht glauben, daß nun ein jeder den morgenden Tag fuͤr ſich ſelbſt ſorgen ließ. Die Geiger und Pfeifer mußten bald die Batzen in ihre Mützen ſchuͤtton; die Schenkjungen, ſo auch nicht leer ausgehen mochten, brachten uns Straͤußer von Thymian, wie auch Reben⸗ und RNautenkraͤnzlein, und zuletzt verlangten etliche der Geſellen von mir zum Kehraus den Todten⸗ tanz*). . Aber mir grauste, lieber Hugo! da mir der Stoßdegen gereicht ward. Ich ſchlus es rund aus *) Eine Art Ballets(deſſen Andenken mit unſern Vätern aaſt erloſchen iſt), wobey zwey Vortänzer mit bloßen Degen fochten, und einer derſelben zuletzt erlegt, und zu Grabe getragen ward. Es wäre zu unterſuchen, ob Holbein und ſeine Nachfolger die Idee zu dieſem Tanze an die Hand gegeben oder die übrigen von ihm entlehnt haben? 3 8 * * und konnte nun nimmer wieder ſo froͤhlich wer⸗ den, als zuvor. 1 3 Nach Mitternacht hatten auch unſere Tanz⸗ jungfern... ich will hoffen, in Zuͤchten und Eh⸗ ren.. ſich davon geſchlichen; die Lichter brann⸗ ten herunter, und einer nach dem andern, zum Theil mit ſchwerem Haupte, ſtahl ſich nach Hauſe⸗ Ich und Braak, ſonſt auch der Fiedler genannt, waren von den letzten. Da wir aus dem Gaſthaus traten, ſah ich in der Halle einen feinen Burſchen, der, ſchier bis an die Augen in den Mantel vermummt, ſich dicht an die Mauer druͤckte, als wollte er ſich verbergen. Ich achtete ſein aber wenig, zumahl der Geiſt des Weines alles im Ringe mit mir herum drehte. Die Nacht war gar dunkel, reg⸗ nicht und kalt, und wir ließen einen Diener mit der Fackel vorangehen. Aber ſo unfreundlich der Wind ſchnitt, ſo panſirte doch der dicke Nieder⸗ laͤnder vor einem Hauſe, und brachte auf ſeiner Gambe, die er zu allen Gelagen mit ſich ſchleppt, dem Liebchen 8 Staͤndlein. Ich war von Herzen vergnuͤgt, da wir ihn endlich abgeſetzt hatten, und befahl dem Kellner, zu eilen. Alsbald ſchritt der Knabe, der von weitem gefolgt war, ſchnell auf uns zu, als wollte er mich anſprechen. Ich kam ihm aber zuvor, und der Diener leuchtete ihm unter den Hut. Da ſchien 163 der Juͤngling gar furchtſam und bloͤde; doch ant⸗ wortete er in fremder Mundart:„Seyd ihr auf guten Wegen, ſo laßt mich mitgehen!“ Es iſt verwuͤnſcht, wenn einem bey halber Trunkenheit einmahl ein finſterer Gedanke erlegt worden; obwohl ich von Wein gluͤhte, ſo ward mir doch augenblicklich kuͤhl ums Herz... Daß ich aufrichtig gegen euch bin, der Rothman⸗ tel ſtand in dieſem Augenblicke drohend vor mir! Ich faßte mich jedoch ſchnell, und hieß den Juͤngling getroſt folgen, und da ich ſpottend ſprach:„Ging ich zum Maͤdchen, ſchoͤner Bube! ich hieß dich nicht mitgehen!*.. da war der Geiſt auch wieder verſchwunden. „Bewuahrer eure Zunge, Herr.. ergeg⸗ nete der Knabe ernſt....„der Menſch kennt nur ſeinen Ausgang!“... Dann ward er wieder ge⸗ ſchmeidiger, und forſchte, wo ich wohne? As ich nun das Gaſthaus zum Eichhorn nannte⸗ da wußte er dahin Beſcheid, ſchlug das Gewand aus einander, daß ich ſeine ſaubere Kleidung und rechtes Seraphs⸗Antlitz gewahren konnte, und nahm alsbald dem Kellner die Pechfackel ab. Ich ließ ihm den Willen, und ſandte den Diener heim. So wandelte denn der ſchoͤne Knabe mit dem Windlicht tapfer voran, und duͤnkte mir zuwei⸗ len ein guter Engel, der mich auf Wegen und Stegen durch die Finſterniß leite. Er ſchaute ſich 164. zuweilen, wie zweifelhaft, nach mir unr, und als er in der Ferne einen Schaarwaͤchter gewahr⸗ te, ſchritt er ausbeugend ſchneller. Wir gelang⸗ ten uͤber einen Kirchplatz und durch enge Gaͤß⸗ chen, und als ich ihm endlich zurief, wir ſeyen verirrt, konnte er es, obwohl bang werdend, nicht leugnen. Er entſchuldigte ſich aber, ſinte⸗ mahl er erſt ſeit einem Monate mit Vater und. Schweſter hier angekommen ſey, und mit uns zu gehen gewuͤnſcht habe, weil er ſich in der ſtock⸗ finſtern Nacht allein gefuͤrchtet; auch ſey ſeine Wohnung nicht mehr abgelegen. Ich hieß ihn alſo, weil er auch einer Schwe⸗ ſter gedachte, und ich einigen, obwohl nicht wi⸗ derwaͤrtigen, Vordarht ſchoöpfte mich mit da⸗ hin nehmen, und er erwiderte gar wunderbar freundlich, das habe er eben gemeint. Alſo kamen wir nach kurzer Weile an ein kleines, unweit der Ringmauer gelegenes Haus. Er loͤſchte die Fackel aus und klopfte leiſe an; dann reichte er mir die Hand, um mich die Stufen hinanzufuͤhren, und die Thuͤr ward anf⸗ gethan. Aber, lieber Hugo! ich habe euch heute ſo ⸗vieles geſchrieben, daß ich lieber das ganze Abenteuer mit dem Jeichenſtifte haͤtte abreißen wollen. Dennoch habt ihr anjetzt nur den Anfang, und ſeyd ihr auf ein weiteres begierig, ſo ſendet. X2* 165 mir eiligſt Geld, ſolltet ihr auch mein väͤterlich Erbe noch hoͤher verpfaͤnden muͤſſen. Ich fuͤhre allhier noch immer den Nahmen Helmold; bevor ich von euch kein Geld erhalte, ſetze ich keine Fe⸗ der wieder an. Wonach ſich zu achten, guter Freund! 3. Derſelbe an Denſelben. Euch ſollte man zu des Noͤmiſchen Reiches Seckelmeiſter erkuͤhren, wackerer Hugo! Ihr ſeyd ein trefflicher Filz mit Geld, auch wenn es nicht euer iſt, und ein Praſſer mit Verweiſen und gu⸗ ten Lehren! Weil ihr mir jedoch die einen nicht ohne das andere geſandt, mithin die Pillen lieb⸗ reich vergoldet habt, ſo bekenne ich hiermit von beyden richtigen Eingang, und erfuͤllte euer Ver⸗ langen, von meinen ſonderbaren Begegniſſen ein mehreres zu berichten. 4 Mein geheimnißvoller Leibjunker ließ mich alsbald in ein Stuͤbchen treten, das nur durch ein Laͤmpchen erleuchtet ward, und ging ſchwei⸗ gend fort. Das Getäfel der Decke war niedrig, doch alles gar ſaͤnberlich, und ein feines, mit bun⸗ tem Teppich behangenes Bett verſetzte mich in frohe, ſeltſame Ahndüngen. Doch ward mir in kurzem die Einſamkeit zuwider; ich warf mich in einen Seſſel und ſchloß vor Muͤdigkeit die Augen. Da hoͤrte ich im Nebengemach ſtarke Schritte und ein abgebrochenes Fluͤſtern; an einem Thuͤr⸗ fenſterchen zeigte ſich von Zeit zu Zeit, wiewohl undeutlich, ein lauſchender Kopf. Ich horchte nun ſcharf auf, und vernahm in Welſcher Sprache einige Worte, ungefaͤhr des Inhaltes:„Er ſchlaͤft, wahrlich, er ſchlaͤft!... Gib mir den Dolch, Benedetto! Verſchließ erſt die Hausthuͤr!... Ihr moͤgt ſelbſt ermeſſen, wie mir zu Muthe ward! Ich glaubte mich in einer Moͤrder⸗ und Diebshoͤhle zu befinden, einſam, ohne Waffen, nur einen Rebenkranz noch in der Hand... alle Schlaͤfrigkeit, jede Spur meines Rauſches, war augenblicklich verſchwunden, und ich faßte den Ent⸗ htaß mein Leben wenigſtens theuer zu verkaufen. Denket euch aber meine Verwunderung, als ſich die Thuͤr oͤffnete und ein wunderſchoͤnes, ſit⸗ tiges Fraͤulein heraus trat, jenem Juͤnglinge an Alter, Groͤße und Bildung ziemlich gleich. Ihre Hand ſchien unter dem Gewande allerdings einen Dolch zu verbergen; doch bewegte ſich in ſtillem Entzuücken mein ganzes Herz, und ich ſprach zu mir ſelbſt:„Das iſt nicht die Geſtalt einer freyen Dirne, weniger einer Moͤrderinn!*. 8 167 Das kiebreizende Fraͤulein aber naͤherte ſich enir aͤngſtlich, und redete mich verlegen an:„Be⸗ gebt euch weg von hier, Signor! Es iſt nicht gut, daß ihr hier ſeyd!* Ihre Stimme, ihr unſicheres Auge, das un⸗ ruhige Wallen ihrer Bruſt, zeigte mir genugſam, ich ſey in Gefahr. Ich ergriff freundlich ihre Hand und frug:„Wohin wollt ihr, daß ich gehe 29 „Hier, hier heraus!“... anwortete ſie, und oöͤffnete leiſe den Fenſterladen...„Die Thuͤr moͤchte beſetzt ſeyn... Geht, um aller Heiligen willen!... ſchweigt von allem, und kehrt nimmer wieder”... Ich ſetzte ohne langes Ueberlegen durch das Fenſter, und hoͤrte ſie, da ich einen guten Vor⸗ ſprung gewonnen, jemand zu Huͤlfe rufen. Der Morgen fing bereits an zu daͤmmern. Ich ſtrich hin und her, und fand, da ich immer auf die Thurmſpitze der Hauptkirche losſteuerte, endlich, wiewohl erſtarrt und ermuͤdet, meine Herberge. Gott befohlen denn fuͤr heute, lieber Hugot *** * Da der Brief erſt uͤbermorgen abgeht, ſo ſollt ihr einſtweilen wenigſtens ſo viel erfahren⸗ als ich ſelbſt weiß. 7 Als ich mich von dieſer Nachtſchwaͤrmerey ein wenig erholt hatte, zogen maucherley Ge⸗ danken durch meinen Kopf. Die Todesgefahr, welcher ich durch das edle Fraͤulein gluͤcklich ent⸗ ronnen, hätte mich füglich bewegen ſollen, eiligſt die Stadt zu verlaſſen; allein das Bild der Ret⸗ terinn ließ mich nicht an den Abſchied denken. Vielmehr kannte ich weder Ruhe noch Raſt, bis ich ein mehreres von ihr erkundet, hielt mich des Tages vor meinen Bekannten, ſo mich abgereist glanbten, verborgen, und begab mich, wenn es dunkelte, wiewohl immer bewaffnet, auf die Straßen, um jenes verdaͤchtige Haus an der Mauer aufzuſuchen. Allein dieſes wollte mir, ob ich gleich ſpäterhin auch am Tage die Gegend durchſtrich, nicht nach Wunſche gelingen, weil ich des Nachts, bey der ſchnellen Flucht, den Weg nicht in Obacht genommen. Endlich hatte ich jedoch meines Beduͤnkens ein aͤhnliches Haus, deſſen Thuͤr und Laͤden immer verſchloſſen blieben, wirklich ausgeſpuͤrt; allein ich blieb noch im Zweifel, zumahlen ich einſt des Abends zwey Patres von den Minoriten hineingehen ſah. Nach drey Tagen hatte ich mich eines Morgens auf den Weg gemacht, und gelangte auf einen freyen Platz, wo die Gaͤrtner und Ge⸗ muͤſehaͤndler ihren Markt halten. Es befindet ſich daſelbſt ein kuͤnſtlicher Springbrunnen, ringsum mit 169 mit einer Orangerie und Aloeſtauden beſetzt, der wogen der verguͤldeten Standbilder und Schnitz⸗ werks gemeiniglich der guͤldene genannt wird, und da es ſehr anmuthig und luſtig hier zu wan⸗ deln, ſo kommen gegen Mittag die ehrbaren Frauen, um ſich an dem angenehmen Geruche der Baͤume und dem Anblicke der Fruͤchte zu ergoͤtzen. Als ich nun einige Mahle durch die Reihen der Verkaͤufer auf⸗ und abwandelte, da entdeckte ich mit frohem Erſchrecken den ſchoͤnen Knaben, deſſen ſich jene„welche dem Scheine nach Uebles mit mir im Sinne gehabt, als Lockfinkens bedir⸗ net, und der anjetzt ungeſcheut bey einer Haͤnd⸗ lerinn ſtand. Ich druͤckte den Hut tief in die An⸗— gen, naͤherte mich, ohne daß er meiner gewahrte, durch das Gedraͤnge, und hoͤrte, wie er einen ho⸗ hen Korb mit Blumen kaufte, und dem Gaͤrtner⸗ buben uͤbergab, um ihn vor die Jungfrau im ſchwarzen Schleyer zu ſtellen, die auf den Stufen des Brunnens ſitze. Da ſah ich in die Hoͤhe... o lieber, treuer Hugo! rufet euch eure Jugend Zuruͤck... Sie war es ſelbſt, ſte ſelbſt war es, die, zu den blauen Luͤften liebend aufblickend, hier am Brunnen im ſpielenden Sonnenſcheine ſaßz! Der falſche Juͤngling ging noch weiter umher, wie es ſchien, um ſich auch die Früchte zu beſe⸗ ben; ich aber eilte dem Gaͤrtnerburſchen nach Uuterhakt. Biblioth. m. B. 5 170 und verbarg mich hinter dem Muſchelwerk und Tritonen. Hier weilt' ich wie ein Betender... mein Auge konnte ſich nicht ſaͤttigen. Sie hatte den Schleyer ein wenig aus dem Geſichte geſchla⸗ gen, und ſchien faſt krankhaft blaß... doch... o wenn je Bothen des Himmels den Menſchen erſcheinen, ſo nahten ſie der Erde in dieſer Rein⸗ heit, in dieſer Verklaͤrung!... Lieber Hugo! koͤnnt' ich je ein ihr aͤhnliches Bild meinem Junern entwenden!.. Doch, ſo ich nicht irre, ſandt' ich euch einſtmahls das Conter⸗ fey der ſchoͤnen Valenzianerinn.. ja, ich beſinne mich deutlich; ihr antwortetet mir noch: muͤſſe man einmahl fuͤndigen, ſo ſoll man es we⸗ nigſtens um dieſe!... Denkt euch dieſelben flehen⸗ den, gebietenden, allmaͤchtigen Augen, denſelben niedlichen Mund, dasſelbe liebreizende Laͤcheln, aber hellbraune Madonen⸗Locken, ſtatt jener brennend ſchwarzen, ſtatt der rei enden Weiblich⸗ keit die erſte Bluͤthe der Jungfrau, ſtatt des Blicks einer liebaͤugelnden Venus, den einer auf den Fittigen der Muſik gen Himmel ſchwebenden Frommen, ſtatt des Ausdrucks wollüͤſtigen Be⸗ gehrens, den der ſtillen Verzichtung auf irdiſche Frenden.. nein, wenn ihr euch nicht ein Ge⸗ bild denkt, das man nicht ſehen kann, ohne es anzubeten, ſo habt ihr nicht den Schatten einmahl. 171 Freundlich, mit ſchmachtenden Augen, buͤckte ſie ſich jetzt zu den vor ihr bluͤhenden Blumen. Hingeriſſen von dieſer Holdſeligkert, trat ich vor fie, zeigte auf den Korb„und ſprach:„Gebr mir ein Andenken, Holdeſte! an die Stunde, wo ich euch zuerſt ſah!* Sie fuhr zuſammen, ihr Geſicht verwandelte ſich, ſie ſchoͤpfte tief Athem.„Gebt mir ein An⸗ denken an meinen Schutzengel!*.. wiederholte ich dringender. Da ſchaute ſie furchtſam um⸗ fich, und zog aus den Carthäͤuſernelken, Roſen und andern Sommerblumen eine Feuerlilie...„Nehmt denn Signor!*... ſprach ſie leiſe, doch beden⸗ tend„Es iſt die Blume des Zorns; eine andere darf ich euch nicht geben.. Nehmt, und verlaßt mich!“ „Womit koͤnnt' ich euch erzuͤrnen?„.. fragte ich ſanft bittend, und ſchlug dieſes Geſchenk aus... „Euch, die ich nie noch geſehen?“ Sie winkte mit der Hand, und warf mir einen flehenden Blick zu; ich ſah mich um, und eben trat jener Juͤngling aus dem Volke. Da ich mich nun eilig wieder hinter den Brunnen begeben hatte, kaͤm jener freundlich her⸗ bey, ſprach ihr in welſcher Sprache Troſt zu, und bat auf das flehendlichſte, ihrer Geſundbheit zu ſchonen, und ſich nicht allzu ſehr niederbengen zu laſſen.. Der Juͤngling war bis zum Weinen H 2— 172 1 bewegt..O, ihr haͤttet ihn hoͤren ſollen! Ihr wuͤrdet, wie ich, ihm alle Suͤnden vergeben. Sodann nahm der Knabe den Korb, und führte die Reizende fort. Ich folgte von weitem, und ſah nun, daß ich mich in dem Hauſe doch nicht getaͤuſcht hatte. O mein Freund! Wer iſt dieſer Knabe? Und wodurch erzuͤrnte ich nicht allein ihn, wodurch auch ſie, die Himmliſche, Sanfte? 4. Derſelbe an Denſelben. Ich habe eine ſchreckliche Nacht verlebt, treuer Alter! Was wird, was ſoll aus mir werden? Ich begab mich geſtern in der Daͤmmerung wieder nach der Wohnung meiner geliebten Feinde;. die Fenſter waren geoͤffnet, aber tief vevhaͤngt. Man trug einen Sarg und Leichengeraͤth in das Haus. Keiner der Traͤger konnte mir etwas Naͤ⸗ heres ſagen... Mußte ich das Schoͤnſte auf Erden nur dar⸗ um finden, um es vergehen zu ſehen?... Ver⸗ geben?... ach vergangen nun ſchon! vertlise die ſchoͤnſte Noſe der Erde. 1 173 Uinruhe und Angſt treibt mich raſtlos umher. Ich muß fort... noch einmahl muß ich ſie ſehen, und ſoll ich zu ihr in die Gruft hinabſteigen. 5.*) Benedetto an Hippolyta. Das Ungluͤck folgt uns in dieſem verwuͤnſch⸗ ten Lande auf dem Fuße, meine theuere, geliebte Hippolyta! War es nicht genug, daß der ehrwuͤr⸗ dige Vincenzo das ſchoͤne Vaterland mit dem Ruͤcken anſah, und unter dieſem rauhen Him⸗ melsſtriche alle Beſchwerden des Alters und der Krankheit doppelt empfand; mußte ihm auch noch der Anblick der Rache entzogen werden, dem er ſo nahe war?... mußte er ſterben, da der Ver⸗ ruchte noch lebt?. Ihr muͤßt alles wiſſen, holde Schweſter! Krank kam der Vater mit uns hierher, wurde bettlaͤgerig, und von Tag zu Tag ſchwoͤcher; ich troͤſtete mich in truͤben Stunden nur damt, die Vorſicht habe mich zum Werkzeuge der Rache erkohren. In der That gluͤckte es mir, den Be⸗ wußten noch gerade zur rechten Zeit, in derſelben Nacht, ehe er abreiſen wollte, in meine Hand zu bekommen; ſein boͤſes Schickſal fuͤhrte ihn in *) Aus dem Italieniſchen. △ 174 meine Hoͤhle. Schon eilte ich mit kaum verhehl⸗ tem Jauchzen an das Bett des Vaters; ſchon hoffte ich, durch dieſe Nachricht alle ſeine Lebens⸗ geiſter zu wecken, da... denkt euch mein Erſchrecken, holde Hippolyta! der treffliche Vincenzo hatte waͤhrend meiner Abweſenheit die Sprache ver⸗ loren, und lag wie im Sterben. Ich faßte ſeine erkaltende Hand...„Laß uns ſein Geluͤbde loͤſen!“.. ſprach ich zu Cor⸗ nelien...„ſind wir gleich ſchwaͤcher, ſo ſind wir ja zwey gegen einen... Laß den Vater be⸗ ruhigt ſcheiden.“... Die Schweſter welligte end⸗ lich ein, hieß mich die Hausthuͤre verriegeln, und ., ließ den Feind entfliehen. Ja, ich bleibe dabey, ſie iſt nicht ſchuldlos, wie ſie ſich auch rechtfertigen mag. Zu weich iſt die Seele des Maͤdchens fuͤr eine maͤnnliche That; immer hat ſie dem Vater angelegen, den Gedanken aufzugeben, und... wenn wir vormahls Briefe erhielten, wie feurig erhob ſie immer den wackern, froͤhlichen Deutſchen; wie konnte ſie nimmer ge⸗ nug von ihm hoͤren. Der Vater erholte ſich zwar mit Anbruch des Morgens ein wenig; zwey ganzer Tage ſchien ſeine ſtarke Natur mit dem Tode zu käͤmpfen, doch endlich erlag ſte. Seit geſtern ruht der Ehle im geweihten Boden... 175 Fahre denn wohl, edler Schatten! und be⸗ ruhige dich.. Du haſt einen Sohn hinterlaſſen, und war auch deine Zunge im Tode gelaͤhmt, ſo hat doch dein ſtarres, brechendes Ang mich zum Erben des Zornes ernannt... Fuͤr dich und Hip⸗ polyta! Lebt wohl, meine Schweſter, meine Heilige, und bleibt meine Fuͤrbitterinn bey Gott! 4 6. Hilmar an Hugo. 8 sch ſandte euch meinen letzten Brief in hal⸗ (ber Verzweiflung; allein der Himmel ſcheint es beſſer mit mir im Sinne zu haben, als ich es hoffte. Meine Beſorgniß um die kranke Cornelia... Ich habe euch wohl ſchon gemeldet, daß die Herr⸗ liche alſs heißt... trieb mich wieder nach ihrem Hauſe. Ein Leichenzug, dem der veyatheriſche fremde Juͤneling in lieſer Trauer voranging, ſchwankte mir entgegen. Doch, als ich mich bey einem der Leidtraͤger Kuche erfuhr ich, der Derſtorbene ſey ein alter Italiener, des Knaben Vater.. alſo auch ihr Vater, Hugo. Ich ging nun mit der Leiche zur Kirche der Wnorien, und als der Sarg vor dem Altare 7 176 geöffnet ward, erfuͤllten die Zuͤge des Todten meine Seele mit ſchauderhafter Verehrung. Seine Stirne ſchien ſo eiſern, ſeine Augenbrauen ſo dro⸗ hend, ſein ganzes Geſicht ſo truͤb und duͤſter... käͤm' es mir jemahls bey, das Urtheil des Brutus zu mahlen, ich wuͤrde um das Antlitz des ſtrengen Vaters wenig verlegen ſeyn. Syiterhin habe ich denn erkundſchaftet, der Verſtorbene ſtamme aus einem alten edlen Ge⸗ ſchlechte, und ſey ſchon ſeit einigen Jahren, ohne feſten Aufenthalt, in Deutſchland von Ort zu Ort gezogen. Ein Mord ſoll die Urſache ſeiner Entfernung aus Italien ſehn; doch niemand weiß etwas genaues. Cornelia und Benedetto ſind Zwil⸗ lingsgeſchwiſter... Bis hierher, liebſter Hugo, werdet ihr ſ⸗ ſo ziem⸗ lich alles fein ordentlich finden; aber ſonderbar wird es euch duͤnken, daß dieſer Benedetto, ob⸗ ſchon er nach dem, was zwiſchen uns vorgegan⸗ gen, nicht Urſache hat, ſich von mir Gutes zu verſehen dennoch mich wieder aufge ſucht⸗ und ſich mir gleichſam freywillig Beſ ſtellt hat. Und dennoch iſt es alſo. akt, geſtern als ich kaum aufgeſtanden war, na chen ein wenig zeichnete, trat der ſonderbare Juͤngling ſchleichend 3 in nein Zimmer„Wollt ihr mir wieder leuch⸗ ten, Junker 22.. rief ich ihm etwas barſch, laut luchen entgegen. — — 177 Es war wahrlich kein Wunder, daß er bey dieſer harten Anrede ein wenig zuruͤckwich und erblaßte.„Verzeiht, Herr!*... ſtammelte er verlegen..„mein Herz erlaubt mir nicht, bey euch noch laͤnger verdaͤchtig zu erſcheinen. Ich komme, um euch Abbitte zu leiſten, und, ſo ihr das geſtatten wollt, Rede und Antwort zu geben.“ „Laßt denn hoͤren!*... erwiederte ich, weil ich es ihm doch nicht gaͤnzlich vergeſſen konnte, mit beleidigender Kaͤlte, und lelch eie gleichguͤl⸗ tig fort. Da eroͤffnete er mir mit immer abneh⸗ mender Schuͤchternheit und ſteigender Waͤrme, daß er mich verkankt und fuͤr einen andern ge⸗ halten habe, durch welchen ein, von ihm heim⸗ lich geliebtes M ſchen in das Kloſter zu gehen bewogen und chſt ungluͤcklich geworden ſey⸗ Nur dieſe, ihn bis reuende Verwechslung habe ihn vermocht, daß er mit mir, den er ſonſt nie geſehen, Boͤſes im Sinne gehabt, und halte ich ihn fuͤr ſtrafbar, ſo ſey er jetzt in meiner Ge⸗ walt; ich koͤnne ihn der Obrigkeit uͤberliefern, oder ſelbſt Rache an ihm nehmen. Ihr koͤnnt leicht denken, daß mich dieſes Be⸗ nehmen, haͤtt' ich es ihm auch wirklich nachtragen wollen, ganz entwaffnete. Zudem... hab' ich nicht ſelbſt in ſolchen Dingen mancherley auf dem Kekb⸗ holz, und euddic„„ iſt er nicht Cornelia's Bruder? 1 6 178 „Ich liebe Leute, die ſich nicht Alles gefallen laſſen.. antwortete ich alſo, und reichte ihm meine Hand. doch nimmer haͤtt' ich einen ſo zarten Juͤngling fuͤr ſo rachſuͤchtig gehalten!.. Dieß ſchien ſein ſtolzes Gemuͤth in etwas zu ver⸗ wunden, und er antwortete mit brennendem Blicke: „Was redet ihr? Kennt ihr die Liebe und die Rache 29* Ich leitete alsbald das Geſpraͤch auf etwas anders, weil ich noch ſpüuͤrte, er ſey heftig er⸗ griffen. Dieß ſchien er mit Dank zu erkennen, und ob ich nur ſchon nach und nach ſein Ver⸗ trauen gewann, ſo ſchieden wir doch voͤllig ver⸗ ſöbnt, mit dem Verſprechen, uns kuͤnftig oͤſter zu ſehen. Wißt ihr, was ich hierbey empfinde?... o Hugo! Hugo! bey ihm iſt Cornelia. Mein gan⸗ zes Blut wallt, wenn ich es denke, daß ich die Schoͤnſte der Erde wieder, daß ich ſie oͤfter er⸗ blicken werde. 5 Derſe lbe an Denſelben. Ich bin fromm worden durch das Maͤdchen, lieber Alter! Sie geht mit dem Bruder regel⸗ maͤßig, doch immer verſchleyert, bey den Angn⸗ * — 179 ſtinern in die Meſſe; ob ich eine verfaͤume, moͤgt ihr ſelbſt rathen. Wenn das ſchoͤne Zwil⸗ lingspaar die Kirche verlaͤßt, dann begegne ich ihnen, wie von ungefäͤhr, und wechsle mit dem Bruder einige Worte. Nur ſelten miſcht ſich die Holde in das Geſpräch, allein, wenn es geſchieht, mit einer Milde und Wehmuth, daß meine ganze Seele davon erfuͤllt wird. Ach, Hugo!... Auf heute Abend habe ich mit Venedetto eine Zuſammenkunft in dem Lindengange unweit des Marienthores verabredet. Ob ſie wohl mitkom⸗ men wird? 8. Derſelbe an Denſelben. Euere Bedenklichkeiten, euere Warnungen kemmen zu ſpaͤt, guter, argwoͤhniſcher Alter! Glaubt ihr, ich ſey ſo verblendet, daß ich Ver⸗ ſtellung und Wabhrbeit, Heucheley und herzliche Zuneigung nicht zu unterſcheiden wiſſen Aber laßt nur alle Furcht ſchwinden, und freuet euch lieber mit mir. Swar blieb die holde Cornelia, wie ich wohl im Voraus denken koͤnnen, bey dem Spaziergange aus, aber dafuͤr bin ich auch dem feurigen Benedette um vieles naͤber ge⸗ ruͤckt; ja, unſere Herzen haben ſich innig mit 180 einander verbunden, Denkt euch, lieber Hugo, der junge Schalk iſt ſterblich in eine Ciſterzien⸗ ſer⸗Nonne verliebt, die, wenn ich es ihm recht abgemerkt habe, vormahls die Braut ſeines Bru⸗ ders war. Ihr koͤnnt euch nicht vorſtellen, welche Gluth ihn ergreift, wenn man nur von ferne auf die Liebe hindeutet; man ſollte ſchier meinen, ſein Blut muͤſſe uͤberwallen. Doch das jetzt nur beylaͤufig, um euch zu zeigen, wie ſehr ihr dieſem Benedetto Unrecht thut, und wie vertraut wir in kurzem mit ein⸗ ander geworden. Dieß iſt aber bey weitem nicht alles, ſondern zuletzt zeigte es ſich auch, daß die ſchoͤnen Geſchwiſter nach des Vaters Hinſcheiden der geraͤumigen Wohnung nicht mehr beduͤrfen; das Haus iſt trefflich gelegen, alle Fenſter ſchauen gegen Morgen, und man gelangt von da aus mit wenig Schritten ins Freye. Kurz, wir ſind einig, und in morgender Nacht ſchlafe ich mit Cornelia in einem Geſtock. Gute Nacht denn, lieber Hugo! 9. Derſelbe an Denſelben. Dieſe meine eigene Handſchrift buͤrgt euch genüglich, daß ich immer noch lebe; laßt euch aber auch ſagen, daß ich eigentlich jetzt erſt an⸗ — 181 igen zu leben. Die ganze Vergangenheit, mein Jetzt? Taͤglich ſehe ich elien, und ſelten entſchlaſe ich, ohne daß ihr Silberton mir beym Vorüubergehen: kelicis- sima notte! zuger ufen hat. Eins druͤckt bey alle dem jetzt ſchwerer, als je, anf meine Seele. O Hugo! Hugo! daß ich rein waͤre von Blutſchuld; daß ich Gebeine her⸗ vorrufen koͤnnte aus dem Grabe, oder daß ein Geiſt wiederkehrte, um bey mir ſelbſt fuͤr mich zu zeugen! Darf die blutbefleckte Hand werben um die Reinſte auf Erden? Ich kann euch nicht bergen, daß mich ſolche Gedanken unaufhoͤrlich ve rfolgen; immer treten die Bilder des Schreckens vor meine Augen, und ich habe ſie nun in düſterer Laune zu einem Todtentanze vereinigt. Ihr wißt wohl, daß mir das Ungluͤck zu***⸗ auf dem Rieſenſaale begegnete. Aus jenen Pfei⸗ lern ſchwebt Lucretia von Valenzia, der Zwietracht Urſache, in anmuthigem Tanze, Liebe fordernd, hervsr. Ich habe ſie mir als die Freude gedacht, und daher nicht in der Spaniſchen Tracht vorgpſtellt, ſondern in jener, worin ſie im Tri⸗ umph des Bacchus die Augen Aller bezau⸗ berte. Ein buntes Pantherfell flattert von der blendenden Achſel; ihr ſchwarzes, uͤppiges Haar iſt mit Roſen und Reben geſchmuͤckt; ihre Rechte gefat was iſt ſt ſte gege ſchwingt den Thyrſus, ihre Linke eine Hand⸗ trommel. Auf dieſe ſuͤß lockende Geſtalt fiegen zwey Juͤnglinge zu, ich uns Giacomo, beyde, wie es ſcheint, im lieblichen Taumel, beyde im Begriffe, die Reizende zu umarmen. Aber keiner erreicht ſte. Giacomo wird von dem hinter ihm⸗ ſtehenden, in ein Leichentuch gehuͤllten Tode mit beyden Knochenarmen umklammert, und mich er⸗ greift eine ſchwarzumflorte, furchtbare Geſtalt bey dem flatternden Haar; es iſt die Reue und Verzweiflung!... Ich habe emſig und mit ſchauerlicher Luſt an dem Bilde gearbeitet, und hoffe, es gelingt, des grellen Colorits ungeachtet, ziemlich gut. Donna Lucretia iſt nicht zu verkennen, und der hagere Giacomo, nach ſeinem Gebrauch mit einem Schar⸗ lachmantel bekleidet, droht mir oft in der Daͤm⸗ merung, wie ein blutiges, Nache heiſchendes Geſpenſt. Benedetto kann das Bild nicht ohne Er⸗ ſchuͤtterung anblicken, und hat mich ſehr gebeten, es vor Cornelien zu verbergen. Sagt mir aunfrichtig, guter, treuer Hugo ſollte dem reuigen Suͤnder nie köoͤnnen vergehen werden, was er ohne Willen veruͤbte? *) Benedetto an Hippolyta. In der Nacht. Bald oder nimmer, ſeht ihr mich wieder, rtheure, ewig geliebte Schroeſter! Ich, ich allein miſche jetzt die Looſe des Todes. Cornelia liebt ihn, obſchon ſie es leuanet, und muͤßte ſie, wie ſchwer er berent, ſie wuͤrde ihm alles verrathen. Seht... alſo ſtehe ich hier allein; jeder, den ich nur von ferne auszuforſchen begann, ſchaudert vor dem bloßen Gedanken. Man kennt hier die Nache nicht. Doch... morgen Abend athmet er, oder ich, nicht mehr auf Erden. Alles iſt bereit; wir lieben uns ſo nachbarlich, daß ich ihm jeden Morgen friſches Waſſer aufs Zimmer trage. Ich bin ja ſein Lehrling geworden. Gelinat mein Vorhaben, ſo fliehen wir nach dem Vaterlande, und... zu euch, zu euch, himmliſche Hippolyta! 2— 11. * „ Hilmar an Hugo. Ich bin abermahls einer Gerahr gluͤcklich entgan gen. Ihr ſaht weiter, als ich. Eornelia Aus dem Italieniſchen. 184 8 und Benedetto ſind des ermordeten Giacomo Ge⸗ ſchwiſter. Sie haben die Flucht ergriffen, aber ich folge ihnen. Sendet mir keinen Brief, bis ich wieder ſchreibe. Ich weiß noch nicht, wohin, Gott mit euch! 12.) Cornelia an Hippolyta. Unweit der Italieniſchen Grenze. FIch ſchreibe dir, liebe, fromme Schweſter, vorzüglich um Benedetto zu beruhigen; aber wo f ich Worte finden, dir alles zu melden? Ich weiß, du kannſt mich nicht verdammen, wenn ich dir geſtehe, daß ich nie von Herzen i9 den Blutrath willigte. Gedanken der Rache kom⸗ men nicht von oben, und der Schwur des Todes wandelt ſich in Fluch! Doch, ich habe getragen und geduldet, obwohl ich faſt erlegen; ich habe gefleht und geweint; ich habe aus Angſt um Benedetto mehr gethan, als ich geſollt; ich habe geſchwiegen, als er den Ungluͤcklichen;. nimmer, nimmer iſt dieſer Hil⸗ mar des Freundes vorſätzlicher Moͤrder!... mit 8 urſprünglich Italieniſch. euchleriſcher Zuneigung an ſich lockte, als er ehrten meine Lebensgeiſt den Argloſen uͤberredete, ſogar untere mit uns zu wohnen. Immer hoff nedetto zu bewegen, und er ſelb ts ſch lig den Gedanken aufzugeben... Vorgeſtern in der Fruͤhe ward ich von Bene⸗ detto geweckt. Er bat mich, aufzuſtehen und mich anzukleiden; der Morgen ſey ſchoͤn wie in Welſch⸗ land. Wie freute ich nich dieſer ſeiner Nuhe, wie dankte ich den Heiligen im heißen Gebet Doch nach Verlauf einer Viertelſtunde ſtuͤrzte er, bleich, athemlos, zitternd wieder herein... „Komm, Cornelia!“.„ſagte er leiſe...„Hier iſt unſers Bleibens nicht mehr. Die pferde ſtehen bereit; Geld und Kleider ſind gepackt... Jetzt kinkt des Verraͤther den Tod 1“ ch bebte, wie getroffen vom Blitz, und kaum er zuruͤck, da flog ich auf Hilmars Zimmer, riß die Thuͤre auf.. Ach Hippolyta! er mahlte mit ſtiller Schwermuth an einem Bilde, auf welchem deinen Giacomo der Tod, ihn ſelbſt eine Furie ergriff. Der noch volle Zecher mit Waſſer, von Benedetto vergiftet, ſtand neben ihm auf dem Tiſche. 3 „Uum aller Heiligen willen„... rief ich, und ſtieß den Becher vom Tiſche. Benedetto, einem Wuͤthenden gleich, ſprang mit gesütktem Dolche herzu. 486 Von dieſem Augenblicke an habe ich nichts mehr geſehen. Sie haben heftig mit einander ge⸗ rungen; zuletzt, da Hilmar Benedetto den Dolch faſt entwunden, hat dieſer ſeine letzte Kraft ge⸗ braucht, ſich ſelbſt zu durchboren. Ein tiefer Stich in die Bruſt iſt Zeuge ſeines Wunſches zu ſter⸗ ben..... Als ich wieder zur Beſinnung kam, kniete Hilmar vor mir. Benedetto, den er mit eigener Hand verbunden hatte, lehnte bleich und ſchwei⸗ gend im Fenſter. Hilmar troͤſtete uns beyde, ſagte, er wiſſe mit Wunden umzugehen, und habe oft felbſt eine Schmarre davon getragen; ging aber doch zuletzt ans, einen ihm bekannten Wund⸗ arzt herbey zu rufen. Kaum war er fort, als Benedetto meine Hand ergriff..„Der Wagen ſteht noch bereit... ſprach er.„Willſt du mich auf dem Schaffot als Giftmiſcher ſterben ſehen?n. So ſind wir denn auf ſchneller Flucht bis hierher gelangt, wo Benedetto's Wundſieber ſich ſo vermehrte, daß ich mich zum Weiterrei ſen durch⸗ aus nicht bewegen ließ. Gott allein welß, ob ich nicht bald ganz verwaist bin. Manchmahl ſcheint der Bruder leidlich, oft aber liegt er in der gluͤ⸗ bendſten Hitze.. Dann nennt er deinen Namen, 5 137 liebe Hippolyta, glaubt dich zu ſehen, und kuͤßt in dieſem Wahne unaufhoͤrlich meine Hand.. Bete fuͤr uns, meine Schweſter! 13. Hilmar an Hugo. + Hugo! treuer, theuerer Hugo! Warum ann ich nicht gleich in euere Arme eilen? Kaum hatte ich die Flucht der lieben Un⸗ gluͤcklichen in ſichere Erfahrung gebracht, als ich ihnen nachſetzte. Mein raſtloſes Rachforſchen, meine reichlichen Spenden, ließen mich nach dreyen Tagen ſie ansfindig machen. Ich kam in demſelben Gaſthofe an, wo ſie eingekehrt waren, nannte mich beym Wirthe des verwundeten Juͤng⸗ Aings Bruder, und bat, mich ſogleich zu ihm zu fuͤhren. „Iſt dem alſo,. verſetzte der Wirth... „ſo eilt, ihn noch am Leden zu treffen. Eben verſieht ihn Fra Servato mit den Sacramenten.“ Erſchrocken flog ich die Treppe hinan, und eroͤffnete die Thuͤre. Benedetto lag ſchwach auf dem Ruhebette; betend kniete neben ihm die holde Cornelia. Ein langer Barſuͤßermoͤnch breitete ſſeine Haͤnde gen Himmel; alle ſchienen in heftiger Bewegung, ſo, daß ich Benedetto ſchon verſchie⸗ 188 den glaubte, als ſich der Moͤnch, mein Eintreten zuerſt hoͤrend, ſich umwandte... „Hilmar!y... rief der Barfuͤßer aus, und Thraͤnen hemmten ſeine Sprache..„Hilmar!“ rief er, und Giacomo ſchloß mich in die Arme. Doch kaum batte Giacomo, jetzt Servato ge⸗ nannt, ſich von der Ueberraſchung erholt, da ent⸗ zog er ſich meiner und Corneliens wehmuͤthiger Freude...„Dem Himmel gehoͤrt mein Herz, nicht der Erde!“.. ſagte er ernſt, und entfernte ſich augenblicklich. Gegen Abend ſandte er durch einen Layenbruder einige Blaͤtter, von welchen ich euch hier in deutſcher Mundart die Abſchrift mittheile:. „Mein Geluͤbde verbeut mir, irdiſchen Gefuͤh⸗ len und Leidenſchaften mein, nur den Heiligen geopfertes Herz zum Naube zu geben; deßhalb werdet ihr mich nimmer wieder erblicken. Damit ihr aber und jeder, der mich einſt kannte, erfahret, auf welchem Wege der Herr mich zu ſich gefuͤhrt habe, und ſeine Barmherzigkeit mit mir preiſet, ſo vernehmet kuͤrzlich meine Geſchichte:* „Als ich auf meiner Reiſe in die Naͤhe von*rer kam, lockte mich die Pracht der dorti⸗ gen Hofhaltung, auf einige Zeit dort zu verwei⸗ len. Hier erblickte ich in der Hpera die ſchoͤne Spanierinn Lucretia, und obwohl ich mich da⸗ heim mit einer edlen Jungfrau verſprochen hatte, -— 189 ſo vergatz ich doch meines Schwures, und dachte nur darauf, mich der liebreizenden Taͤnzerinn auf alle Weiſe gefaͤllig zu machen.“ „Allein, da Lucretia von Jedermann, ſelbſt von den Hoͤchſten, gleich einer Gottheit geehrt ward, ſo wollte dieſer mein Wunſch nicht erfuͤllt— werden, ob ich ſchon meine Kunſt eine Zeit lang hintanſetzte, und mich, um Lueretien meine Rei⸗ gung zu bewaͤhren, zum Mahlen der Verwand⸗ lungen verdingte. „Es verhalf mir jedoch nach einiger Zeit mein guker Freund und Bekannter, der wackere deutſche Mahler Hilmar, der ſie verſchiedene Mahle ab⸗ conterfeyen muͤſſen, zu ihrer naͤheren Beke chaft, gab mir auch deutlich zu verſtehen, er die junge Valenzianerinn, obwohl fuͤr die ſchoͤnſte Taͤnzerinn auf Erden, jedoch Tehens fuͤr eine Lucvetia halte.“ „Deſſen ungeachtet ward ich immer heftige in ſie entzuͤndet; und ob ich ihr ſchon durch Blicke und Worte, auch durch mancherley, mein Vermoͤgen faſt uͤberſteigende Geſchenke, meine Reigung zu erkennen gab, ſo ſchien ſie dos we⸗ nig darauf zu achten.“ „Ich faßte daher einen Haß und Arg gmohn gegen meinen Freund, obwohl wir einander vor⸗ her auf das innigſte liebten, und vermeinte, er ſtrhe mir bey der Donna im Wege.. 8 190 „Lange bruͤtete in meinem Herzen dieſe Eifer⸗ ſucht, bis ſie endlich bey einem Freudengelage gluͤhend ausbrach. Es ward naͤmlich, der alles bezaubernden Schoͤnen zu Ehren, auf dem Kauf⸗ hauſe ein praͤchtiger Schmaus angerichtet, wobey⸗ ſie durch einen uͤppigen Fandango aufs neue Aller Augen eroberte. Bald darauf begehrte ſie auch einen der dort zu Lande uͤblichen Taͤnze zu ſehen, und da Hilmar als der vorzuͤglichſte Taͤnzer und Fechter beym Todtentanze beruͤhmt war, ſo ward ſelbiger einſtimmig dazu aufgefordert. Ich ſelbſt hatte dieſen Tanz waͤhrend meines Aufenthaltes⸗ in Dentſchland erlernt, und weil ich mich auch vor den Augen der Liebſten zeigen wollte, ſo er⸗ bot ich mich zum Gegenfechter.“* „So ſehr ich mich auch beeiferte, ſo ward doch jener alles Vortheils und Lobes theilhaftig, und da auch die Spanterinn ihn ſtets durch ihren Beyfall ermunterte, ſo erzuͤllte mich dieß mit ſo heiſſem Ingrimm, daß ich mir letztlich die Ge⸗ legenbeit abſah, ihn, da er ſich des am wen gſien vermuthete, am Arme zu verwunden.“ „Aber auch dieſes nahm Hilmar leicht auf, wiarute mich mit freundſchaftlichen Worten, und wand ſich ein Luch um den Arm, das ihm die Spanierinn mit feurigen Winken zuwarf. Jett, da ihm abermahls ein kunſtreicher Stoß gelang, und der ganze Saal vom Geklatſche wiederhallte, 191 konnt' ich meine Wuth nicht laͤnger bemeiſtern. Ich fiel mit ſo tollkuͤhner Hitze gegen ihn aus, daß er mich nicht anders abwehren konnte, als dadurch, daß er mir mit einem heftigen Stoße z uvor kam.* „Ich hoͤrte nur noch das Geſchrey des Mords von allen Seiten erſchallen; meine Augen wur⸗ den dunkel. Erſt nach vielen Wochen erlangte ich wieder Beſinnung. Man hatte mich in das Kloſter der barmherzigen Bruͤder geſchafft, und obſchon meine Wunde ganz nahe am Herzen und aͤußerſt gefaͤhrlich war, ſo wurde ich doch durch Gottes Enade vom zeitlichen und ewigen Tode gerettet.“ „Ich erkannte durch ſolche Rettung meiner Seele und durch die Zuſprache der frommen Bi⸗ ter die Suͤndhaftigkeit meines vorigen Wandels, beſchloß von Stund an mein ganzes Herz zu än⸗ dern, und ſolches dem Dienſte des Herrn auf immer zu werhen. „Solchergeſtalt begab ich mich zu Abbuͤßung meiner Frevel in den Orden der Barfuͤßer, und bin nun auf Befehl meiner Obern angero ver⸗ ſetzt worden.» * **A Ich ſchließe dieſen Brief, lieber Hugo, mit Freud' und mit Leid. Benedetto ward, nachdem Cornelia auf ſein Verlangen Giacomo's Schrift laut geleſen, zuſehends rubiger, aber auch ſchwaͤ⸗ cher. Er winkte uns zu ſich; da ſie geendigt, fluͤſterte er bittend:„Vergib mir, mein Bruder!* Er lichelte ſanft, da Cornelia mir bewegt die Hand gab, druͤckte unſere Haͤnde vereint an ſein matt ſchlagendes Herz, und... ſein Puls ſtand ſtill. Morgen Nachts wird der ungluͤckliche Knabe im Kloſter der Barfuͤßer zu ſeiner Ruͤhe gebracht; auf Erden haͤtt' er fie nimmer gefunden. Erſt dort will Servato den Leichnam ſehen, und fuͤr Er⸗ loͤſung der Seele jeglichen Tag eine Stunde beten. Ihr aber, geliebter o! laßt nun ſchlen⸗ nigſt mein Haus zum br atlichen Empfange berei⸗ ten. Die weinende Co i ten, was ſie dem gliebten Todten ſch weigend gelobt hat; ſie liebte mich fruͤher, als ich Seliger ahndete. Gleich nach Benedetto's B zegraͤbniß verlaſſen wir dieſe Stadt. Ich habe mir ſelbſt geſchworen, des En⸗ gels wuͤrdig zu werden. Meinen Todtentanz, von dem ich euch juͤngſt ſchrieb, habe 1, um des Vergangenen zu vergeſſen, unter dem Nanien: Suͤnd de, Satan und Tod, als Boriv⸗Bild in das Refertorium d der barmherz Uen Bruͤder geſchenkt. 4. . Der Traum von der Roſe NAIANN Unterbalt. Biblioth. 11. S. 3 NNMMAMAMMAX MAF r. MN W De Kinder dieſer Welt beſchuldigen insgemein die Kinder jener,— es iſt ja wohl erlaubt, Weltleute und Dichter ſo zu unterſcheiden— daß ſie Phantaſite und Wirklichkeit fuͤr Geſchwiſter, und die ſchoͤnen Traͤume, Ahndungen und Hoffnun⸗ gen ihres Innern fuͤr ſichere Pfaͤnder halten, welche das Leben ausloͤſen wird. Laͤßt ſich dieſer rrizende Wabn gleich damit vertheidigen, daß ſeine Anhaͤnger keinem Dritten, nur ſich ſelbſt ſchaden; ſo kann man den Vorwurf an und für ſich doch nicht grundlos nennen. Nur zu oft er⸗ 8 weckt der Ernſt der buͤrgerlichen Verfaſſung die ſuͤß Getzuſchten gar unſanft, und die Goͤtterge⸗ 3 ſtalt, die ſte zu umarmen glaubten, zerrinnt in ein dunſtiges Wolkenbild. Als eine Abweichung von dieſem Erfahrungsſatze kann die Geſchichte des Dichters Alwill gelten, in welcher eine gewiſſe geiſtige Vorherbeſtimmung, die ihres Zie⸗ les auch nicht verfehlte, kaum zu verkennen iſt. Nicht alltaͤgliche Geiſtesfaͤbigkeiten und ge⸗ wihr guͤnſtige Verhaͤltniſſe eröͤffneten dem jungen 3 196. Alwill die vielverſprechendſten Ausſichten fuͤr die Zukunft. Die Gegenwart war gegen ihndeſto karger. Der Zufall hatte ihm nur eine anſtändige Geburt und Erziehung, aber kein Vermoͤgen zugewandt. Seine erſte dichteriſche Lectuͤre beſtand in den Geſaͤngen Oſſians und einigen Alt⸗Eng⸗ liſchen und Schottiſchen Balladen. Unwiderſteh⸗ lich hiervon ergriffen, und von der Gluth ſeines eigenen Gemuths raſtlos angetrieben, bildete er ſich ſelbſt eine Dichtungsgattung, die zwiſchen jenen beyden mitten innen lag. Eine Wanderung nach dem claſſiſchen Oſſianiſchen Boden war ſeine Sehnſucht am Tage und der Traum ſeiner Nächte;. was dem kanſtliebenden Juͤngling das ſchoͤne Ita⸗ lien, was dem glaͤubigen Pilger das Grab des Heilandes iſt, das war ihm das romantiſche Hochland. Eben hatte er durch kleine ſchriftſtelleriſche Arbeiten ſo viel erſpart, als er, nach ſeiner ge⸗ ringen Weltkenntniß, zur Befriedigung dieſes⸗ ſehnſuchtsvollen Wunſches fuͤr noͤthig hielt, und den ziemlich genialiſchen Reiſeplan entworfen, als er auf einem einſamen Spaziergange ein auf⸗ blühendes Maͤdchen von ſeltener Schoͤnheit erblick⸗ te. Eine hoͤhere Gewalt hatte jetzt uͤber ſein Schickſal entſchieden. Alles vergeſſend, unbekuͤm⸗ mert darum, daß Amalie von der blinden Glücksgöttinn noch weniger begünſtigt worden 197 war, als er ſelbſt, ruhte er nicht eher, bis er ihr ſeine alle Hinderniſſe uͤberfliegende Liebe ent⸗ deckt hatte. Ihr faſt noch kindliches, aber tief em⸗ pfindendes Herz ergab ſich mit traͤumeriſchem Ent⸗ zuͤcken einer ſo graͤnzenloſen, uneigennützigen Zuneigung. Alwill ward von nun an ihr einziger Freund, ihr Lehrer, ja, da die Zinſen eines klei⸗ nen Capitals, und das wenige, was ſie insgeheim mit feiner Naͤtherey verdiente, kaum zu dem Noth⸗ duͤrftigſten ausreichten, ihr Verſorger. Keine Anſtrengung ſchien ihm zu beſchwerlich, keine Aufopferung zu groß; ſich von Mally(ſo hatte der ſchwaͤrmende Dichter ſie genannt) geliebt zu wiſſen, war ihm Alles. 4 Liebe und Kunſt vechalten ſich, wie Sonne und Blume. Keimen und ſproſſen kann die pflanze wohl im Dunkeln, aber ſoll ihr Kelch ſich veizend und duftend entfalten, ſo muß ſie vom St ahle des himmliſchen Lichtes erwaͤrmt und gekuͤßt wer⸗ 4 den! Auch Alwills Anlagen zur Poeſte entwickel⸗ ten ſich im Sonnenſcheine von Mally's begeiſtern⸗ den Augen ſchneller, reicher und mannigfaltiger. Er gewann Vertrauen zu ſich ſelbſt, und faßte . zuletzt ſogar den Muth, was er nur an und fuͤrr das Maͤdchen ſeiner Liebe gedichtet hatte, unter verſtelltem Namen öͤffentlich befannt zu machen. Dieſe Erſtlinge ſeiner Muſe erregten Anfmerkſam⸗— Keit; ſein Incognito wurde von feinen Vertrauten * 198 oder auch von ihm ſelbſt nicht ſo ganz bewahrt, daß ihn nicht nach und nach auch mancher Dritte unter der Maske erkannt haͤtte. Die zu wenig geſchaͤtzte Wohlthat, daß der einſame, von ſeinen naͤchſten Mitbuͤrgern üͤber⸗ ſehene Dichter oft in weiter Ferne Herzen findet, die ſich liebevoll an ihn anſchließen, fing nun auch an, ihm zu Theil zu werden. Ein junger, nach Deutſchland gekommener Schottlaͤnder, Ed⸗ ward Maclean, deſſen hochherziger Enthuſias⸗ mus mit angenehmer Ueberraſchung in einigen von Alwills Dichtungen einen Anklang vaterlaͤn⸗ diſcher Toͤne entdeckt hatte, ſuchte erſt ſeine ſchriftliche, und, als er nach Alwills Wohnort kam, auch ſeine perſoͤnliche Bekanntſchaft. Da Maclean ganz nach eigener Willkuͤhr leben konnte, und in dieſer Stadt langwierige Befriedigung ſeines Eifers fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft hoffen durfte, ſo lag ein laͤngerer Aufenthalt daſelbſt ſchon fruͤher in ſeinem Plane. Die taͤglich wach⸗ ſende Achtung und Freundſchaft fuͤr Alwill be⸗ ſtärkte ihn nur noch mehr in dem gefaßten Ent⸗ ſchluſſe. Er miethete in der Vorſtadt ein ange⸗ nehm gelegenes Gartenhaus, und beſtuͤrmte Al⸗ will ſo lange mit Vorſtellungen und Bitten, bis dieſer einwilligte, zu ihm zu ziehen. Der junge Schotte war zu reich und liebens⸗ wuͤrdig, folglich auch mit zu vollguͤltigen Em⸗ ——— — 2₰ 199 pfehlungsbriefen verſehen, um nicht in den ange⸗ ſehendſten Familien der Stadt zuvorkommend em⸗ pfangen zu werden; dennoch zog er den Umgang mit dem ihm gleichgeſtimmten Alwill allen, ſelbſt den glaͤnzendſten Vergnuͤgungen vor, und war gewoͤhnlich nur dann zu erlangen, wenn auch ſein Freund eingeladen ward. Erſt durch den geiſtvol⸗ len Auslaͤnder wurde Alwill in den hoͤhern Krei⸗ ſen eingefuͤhrt, und fand dort um ſo mehr Theil⸗ nahme, weil die nachſpuͤrende Neugier nun ſeine ſchon vorher ziemlich beliebten Dichtungen mit ſeinen Schickſalen, mit ſeiner fruͤhen, etwas ro⸗ mantiſchen Liebſchaft, in Zuſammenhang zu brin⸗ gen wußte. Gleiche Begeiſterung fuͤr das Schoͤne und aͤhn⸗ liche Beſchaͤftigungen verbanden die Freunde von Tag zu Tag immer inniger, ihre ſchwaͤrmeriſche ge⸗ genſeitige Zuneigung war faſt keiner Steigerung faͤhig; wie haͤtte Alwill ſeinem Edward laͤnger das Gluͤck ſeines innern Lebens verſchweigen, wie ihn nicht mit der geliebten Mally bekannt machen ſol⸗ len?⸗Maclean war bey dem Anblicke der faſt idea⸗ liſch⸗zarten Maͤdchengeſtalt ein wenig betroffen; er umarmte Alwill und pries ſein ſeliges Loos mit unverhehltem Entzuͤcken. Er verglich Mally zum oͤftern den Agandekka's und Evirallins, Komala's und Darthula's des Barden von Morvenz er kannte von nun an nichts An⸗ 200 gelegentlicheres, als der jugendlichen, von ſeinen Huldigungen wunderbar gereizten Schoͤnen ſeine innigſte Achtung und Verehrung zu erkennen zu geben. Sah man dieſes, Aller Blicke auf ſich zie⸗ hende Kleeblatt beyſammen— und von nun an geſchah dieß nicht ſelten— ſo ward man ver⸗ ſucht, beyde Freunde fuͤr Mally's Liebhaber zu halten; vielleicht haͤtte man auch nicht ganz ge⸗ irrt, nur muͤßte das Wort in ſeinem reinſten, edelſten Sinne, der freylich uͤber das Faſſungs⸗ vermoͤgen der Menge geht, genommen werden. Bey den Spaziergaͤngen, welche Alwill und Edward regelmaͤßig jeden Abend, und groͤßten⸗ theils in Mally's Geſellſchaft, bald in den nahe gelegenen Garten, bald in ein ſchattiges Thal unternahmen, mußte der Fremdling ſehr oft von ſeinem Vaterlande, von den patriarchaliſchen Sitten der Bergſchotten, von ihrem Hirten⸗ und Fiſcherleben, von ihren Taͤnzen, von ihrer Luſt zum Geſang, von dem majeſtaͤtiſchen Glencoe, Oſſians Geburtsthale, von der verwünſchten Haide, wo Macbeth die ſchickſalkundigen Hexen erſchienen, vom Huͤgel Dunſinnane, zu dem der Birnam⸗Wald kam, von der Inſel Staffa und der Rieſenhoͤhle Fingals erzaͤh⸗ len. Sowohl Edward als Alwill brachen dann nicht ſelten in Oſſianiſche und Shakeſpear'ſche Stellen aus; Mally ließ den Strickſtrumpf aus —— —— — 26R der Hand fallen, und hoͤrte mit ſuͤßer, ſchauerli⸗ cher Beklemmung zu. Einſt, da der begeiſterte Erzaͤhler mit duͤ⸗ ſtrerer Stimmung, als gewoͤhnlich, auch der fruͤ⸗ hern und ſpaͤtern Ereigniſſe ſeines eigenen Stam⸗ mes gedachte, und dann mit einer an Heimweh graͤnzenden Sehnſucht die klaren Seen, die rau⸗ ſchenden Baͤche, die von reinem Aether durch⸗ ſtroͤmten Thaͤler, die ewig gruͤnenden Inſeln ſei⸗ nes Landes pries, fuͤhlte die um ihn ſanft beſorgte Mally ſich bewogen, eine froͤhlichere, wenigſtens andere Simmung herbey zu fuͤhren. Sie fragte ihn daher mit naiver Freundlichkeit, wie er bey dieſer, doch vielleicht etwas parteyiſchen Vor⸗ liebe fuͤr die Heimath, es uͤber ſich habe g ewin⸗ nen koͤnnen, ſein Vater land auch nur auf einen Monat zu verlaſſen, um Gegenden aufzuſuchen, wo vielleicht hoͤhere Bildung, aber weit weniger große Natur, weit weniger Gutmuͤthigkeit und Sitteneinfalt zu finden ſey? Er las ihre Abſicht in den ausdrucksvollen Augen, dankte mit wehmuͤthigem Laͤcheln, und erwiederte:„Ihre Frage, liebe, holde Mally! koͤnnte leicht eine entgegen geſetzte Wirkung her⸗ vorbringen. So gern ich eingeſtehe, daß der Wunſch, Kenntniſſe einzuſammeln, und ſo manche Merkwuͤrdigkeit fremder Gegenden zu ſehen, großen Autbeit an meiner Reiſe hat, ſo zap boc ) 20⅔ der ploͤtzliche, gewaltſame Tod eines Frenndes, den ich auf das innigſte, den ich bruͤderlich liebte, die Hauptveranlaſſung dazu. Laſſen ſie mich die Geſchichte ihnen kuͤrzlich mittheilen— leider, find mir ſelbſt von den fruͤhern Begebenheiten nur wenige Bruchſtuͤcke bekannt. Fuͤrchten ſte nicht fuͤr mich eine zu heftige Erſchuͤtterung; auch die Trauer hat ihre Wonne, und ſelbſt Thraͤnen ind zu Zeiten erquickend.“ 3 „Der treffliche Juͤngling, den ich ewig mit treuer Liebe beweinen werde, hieß mit dem Vor⸗ namen Renald. Durſt nach Veredlung ſeiner ſelbſt, und ein raſtloſes, ſchwer zu befriedigendes Streben des Geiſtes hatte ihn weit fruͤher als mich(ich war damahls ein ſechsjaͤhriger Knabe, und lernte Renald erſt nach ſeiner Zuruͤckkunft nach Verdienſt achten und lieben) zu Beſuchung des Auslandes bewogen. Seine naͤchſten Anver⸗ wandten erhielten von ihm erſt die froheſten, bald ruhigere, zuletzt aber ganz von der duͤſterſten Melancholie erfuͤllte Briefe. Er hatte an einem auswaͤrtigen Hofe ein reizendes Fraͤulein kennen gelernt, und ihr mit der Gewalt jugendlicher Leidenſchaft ſeine ganze Seele gewidmet. Die junge Dame erwiederte ſeine Liebe gegen den Willen ihres Vaters, der wider den Stand und das Vermoͤgen des jungen Auslaͤnders zwar ſo wenig, als gegen ſeinen Charakter, etwas einzu⸗ ——— 1 4 8 203 wenden fand, aber die Hand ſeiner Tochter aus Familienruͤckſichten einem Gluͤcklicheren beſtimmt hatte. Die Heftigkeit der erſten, feurigen, durch Gegendruck nur noch hoͤher getriebenen Zaͤrtlich⸗ keit uͤberflog die Schranken des kindlichen Gehor⸗ ſams; Renald glaubte die Geliebte ſchon fuͤr immer in ſeinen Armen zu halten, als ſie auf eine ihm unerklaͤrliche Weiſe verſchwand. Wenige Tage nachher erhielt er ſelbſt von ihrem Vater eine Ausforderung, und die gegenſeitige Erbitte⸗ rung war ſo groß, daß der erzuͤrnte Vater, von Renalds Kugel getroffen, fuͤr todt vom Plaze ge⸗ tragen ward.“ „Renald mußte fliehen, ohne je wieder das Mindeſte von dem Auſenthalte und den Schick⸗ ſalen ſeiner Geliebten zu erfahren. In ſich ſelbſt gekehrt, hoffnungslos, in finſtere Verzweiflung verſenkt, kehrte er zu den Seinigen zuruͤck, aber nur, um nach Verfluß weniger Wochen am Sarge einer von ihm zaͤrtlich geliebten Schweſter zu weinen.* „Dieß ſchwere Verhaͤngniß, das auch mir tiefe Wunden ſchlug, und Renalds eigenes trau⸗ riges Schickſal, verknuͤpften mich jetzt noch feſter mit ihm, als die Bande des Bluts. Wir wurden bald unzertrennlich. So ſehr ich mich bemuͤhte⸗ ihn aufzuheitern, ſo wollte dieß doch nicht gelin⸗ gen; ſo ſehr er den Vater ſeiner Geliebten noch 204 im Tode haßte,— denn der Stolze hatte ihm ja die Wonne ſeines Lebens geraubt— ſo er⸗ blickte er doch ſich ſelbſt immer als Moͤrder, fuͤrchtete die Rache der Vergeltung, und verlor ſich in Ahndungen des Todes.“* „Eines Morgens entdeckte er mir, alle Ge⸗ genvorſtellungen uͤberhoͤrend, den Entſchluß, ſei⸗ nen letzten Willen aufzuſetzen. Sein alter, treuer Diener gab mir insgeheim zu verſtehen, der Herr moͤge„das zweyte Geſicht“ geſehen haben. Deſſen ungeachtet ließ ſich Renald nicht abhalten, ſeiner Gewohnheit nach, auf die Jagd zu gehen. Ich ritt ihm gegen Abend entgegen, und traf auf ſeine Leute, die— um ſeinen Leichnam verſam⸗ melt ſtanden. Er war von einem hohen Felſen herabgeſtuͤrzt, hatte dem alten James nur noch einige unzuſammenhaͤngende, unverſtaͤndli⸗ che Worte zugefluͤſtert, und war dann in ſeinen Armen erkaltet.“— Als Edward geendigt hatte, ſah er Mally's Augen von Thraͤnen verſilbert; Alwill druͤckte ihm zaͤrtlich die Hand. Man ſchied dießmahl tran⸗ riger, als jemahls vorher. Bey der naͤchſtfolgen⸗ den Zuſammenkunft wurde jedoch dieſe ſchmerzlich tönende Saite von niemand wieder beruͤhrt, und ſo war in Kurzem die vorige ſtille Heiterkeit wie⸗ der hergeſtellt. 1 203 Einige Wochen ſpaͤter lud Maclean Freund und Freundinn auf einen herbſtlich⸗ſchoͤnen Nach⸗ mittag zu einer Spazierfahrt ein. Der Director der Kunſtakademie, Profeſſor G***r, der mit ſeiner Familie die ſchoͤneren Monate auf dem Lande verlebte, hatte die Partie veranlaßt; ſeine Frau und Toͤchter waren zu neugierig, die ſchon Aufſehen erregende Mally naͤher kennen zu ler⸗ nen, um nicht mit weiblicher Feinheit das Uebri⸗ ge einzuleiten. Alwill ſagte ohne Bedenken zu. Mally, die jetzt zum erſten Mahl in der ſogenann⸗ ten groͤßern Welt auftreten ſollte, machte einige Einwendungen, ließ ſich aber doch zuletzt uͤber⸗ reden..- Die beyden Freunde waren nicht wenig uͤber⸗ raſcht, als ſie das reizende Maͤdchen mit dem Wagen abholten; ſo einfach und doch ſg reizend, ſo ungeküͤnſtelt und doch ſo dichteriſch geſchmuͤckt, glaubten ſie noch nie ein holdes, weibliches We⸗ ſen geſehen zu haben. Maclean konnte ſich un⸗ moͤglich das Vergnuͤgen verſagen, ſelbſt zu kut⸗ ſchiren, worin er ein Meiſter war. In ſtetem Trabe und wie im Triumphe langte man am Sommerhauſe des Profeſſors an. Die Geſellſchaft, die zum Theil fruͤher ge⸗ kommen war, zum Theil ſich nach und nach ein⸗ fand, war ziemlich zahlreich und dennoch die gewaͤhlteſte. Man hatte ſich ſchon gewöhnt, die 266 jetzt immer mehr und mehr aus ihrer Dunkelheit hervortretende Mally nicht bloß als Alwills Muſe, ſondern auch als ſeine Verlobte und Edwards Gebietherinn zu betrachten. Je beſcheidener ſie jedem der mit anweſenden Frauenzimmer den Vorrang einraͤumte, deſto zuvorkommender, ja, man kann ſagen, deſto zaͤrtlicher bezeigten ſich dieſe gegen ſie. Schoͤnheit allein kann nur Maͤn⸗ ner beherrſchen; mit Kindlichkeit und Demuth gepaart, bezaubert ſie auch die Edleren des eige⸗ nen Geſchlechts. Der Nachmittag verging, wie gewoͤhnlich, ohne daß die Unterhaltung allgemein worden waͤre. Als bey herannahendem Abend die faſt ſommeraͤhnliche Hitze ſich legte, trat man eine Wanderung duͤrch das benachbarte, ſehr rei⸗ zende Waldthal an. Das Ziel derſelben war ein mit uͤppigem Geſtraͤuch umrankter Huͤgel, auf deſſen Spitze ſich die Truͤmmer einer verfallenen Burg erhoben. Mitten unter dieſen bemoosten Mauern, dem ſprechendſten Beweis irdiſcher Ver⸗ gaͤnglichkeit, war, ein Vild des Lebens, die nied⸗ lichſte Tafel gedeckt, und ſchien, mit ihren bunt⸗ farbigen Lampen, mit den lieblich lockenden Fruͤchten, mit den ſchimmernden Cryſtallgeſchir⸗ ren, in dieſen wilden Umgebungen recht, wie durch Feenruf, aus dem Boden gerufen. Froh⸗ ſinn und ſcherzhafte Laune, Spiele des Witzes —— 207 und Eingebungen der Begeiſterung, flatterten, vom edlen Geiſte des Traubenſaftes befluͤgelt, von einer Seite zur andern. Die Maͤdchen ſchmuͤck⸗ ten ſich ſelbſt und den Becher des Nachbars mie den Orangebluͤthen und Sommerblumen, die zur Verzierung der Melonen und Torten beſtimmt waren. Jedes Mitglied trug nach Vermoͤgen ſein Scherflein zum allgemeinen Vergnuͤgen bey. Selbſt Mally's Herz oͤffnete ſich gleich der ſtillen Nachtviole, wenn der Abend erſcheint, und der bejahrte Director hoͤrte nicht auf, ihr nach ſeiner treuherzigen Art ſein innigſtes Wohlgefallen zu geſtehen. Jetzt trat der Mond ſtill und hehr hinter dem gegenuͤber ſtehenden Berge hervor, und das ganze fruchtbare Thal, von ſilbernen Fluͤßchen durchſchnitten, vom anſteigenden Rebel wie mit feinem Flor bedeckt, breitete ſich auf der einen Seite wunderbar herrlich aus, indeß auf der an⸗ dern ein Kirchthurm uͤber den mit ſchwarzen Kreuzen und blinkenden Leichenſteinen uͤberſaͤten Kirchhof rieſenmaͤßige Schatten warf. Alle ſchwiegen einen Augenblick.—„Schoͤn biſt du, Tochter des Himmels!“— unterbrach Macelean zuerſt mit feyerlicher Stimme die erha⸗ bene Stille!—„hold auf deinem Antlitz das Schweigen! Du wandelſtz in deiner Lieblichkeit daher; die Sterne begleiten deine blauen Schritte „ 203 in Oſten. Wohin weichſt du von deinem Pfade, wenn auf deinem Antlitz der Schatten waͤchſt? Haſt du deine Halle wie Oſſian? wohnſt du im Schatten des Grams? Fielen deine Geſchwiſter vom Himmel?— Ja, ſie ſind gefallen, ſchoͤnes Licht, und oft kehrſt du zur Trauer zuruck! Aber auch du wirſt fallen in einer Nacht, und deinen blauen Pfad am Himmel verlaſſen. Dann heben die Sterne die gruͤnen Haͤupter empor; ſie, die deine Gegenwart jetzt noch beſchaͤmt, werden jauchzen.“*)—— Noch immer lauſchten die Anweſenden der Stimme von Cona, als Edward ſchon laͤngſt geendiget hatte. Jetzt erklangen, wie aus weiter, unbekannter Ferne, einzelne, wunderliebliche Toͤne. Dann warf der alte Direetor einer mit ge⸗ genwaͤrtigen Schauſpielerinn einen bittenden Wink zu. Es ſchien unter ihnen beyden ſchon alles verabredet. Die talentvolle Kuͤnſtlerinn trat auf eine, von Truͤmmern gebildete, dicht mit Eppich bewachſene Erhoͤhung, und ſprach mit tief ergreifender Empfindung Matthiſſon's Elegie in den Ruinen eines alten Bergſchloſſes. Groͤßere Wirkung konnte dieß Gedicht des gefuͤhlvollen Landſchaftsdichters wohl niemahls hervorbringen, als gerade hier und jetzt. Kaum waren die inhaltſchweren Worte: *) Aus Darthulg. — „Eines Weltgebieters ſtolze Scheitel Und ein zitternd Haupt am Pilgerſtab Deckt mit einer Dunkelheit das Grab!“* aus dem Munde der begeiſterten Sibylle verhallt, da klangen aufs neue, anfaͤnglich abermahls wie aus fernen Sphaͤren„dann naͤher heranſchwellend, liebliche Geiſtertoͤne. So natuͤrlich d eß zuging— denn Em ma, die aͤlteſte Tochter des Profeſſors, eine Meiſterinn in der Muſik, hatte, wie ſchon einige Mahle bey aͤhnlicher Gelegenheit, ſo auch heute, ihre Harmonika nach der Ruine ſchaffen laſſen— ſo duͤnkte es doch allen Gäſten, wie vielmehr Mally, die jetzt zum erſten Mahl dieß bimmelentwandte Inſtrument hoͤrte, eine Art Magie. Selbſt als der Profeſſor, um nicht eine allzu ernſte Stimmung einreiſſen zu laſſen, ſeine Loch⸗ ter hervor rief, und das Wunder lachend erklaͤrte, ſchien dieſer Zauber noch ſeine Macht auszuuͤben. Denn kaum hatte man den beyden Kuͤnſtlerinnen den lauteſten Beyfall gezollt, als das Geſpraͤch ſich allmaͤhlig nach den unbekannten Regionen der Geiſter, auf Traͤume„Ahndungen und Er⸗ ſcheinungen hinlenkte, deren Erzaͤhlung denn freylich in einem verfallenen Schloſſe und in einer Sommermondnacht außerordentlich anzie⸗ hend, und recht angenehm ſchauerlich war. 216 „Der Traum iſt eine romantiſche Oper, das Wachen ein laͤcherlich ruͤhrendes Familiengemaͤhl⸗ de fuͤr die menſchliche Seele“— rief zuletzt ein Virtnos, der von der Geſellſchaft war, dem, das Uebernatuͤrliche eifrig in Schutz nehmenden, „Maclean zu. „Sagen ſie lieber“— ſetzte der Direetor hin⸗ zu, und ſtieß freundlich an Mally's Glas, die, wie in ſich ſelbſt verloren, vor ſich hinſtarrte— „jede Viſion iſt eine Art von Fata Morgana, und jeder, auch der wohlgezogendſte Traum, laͤßt, gleich der Chineſiſchen Kunſt(man koͤnnte wohl auch: Natur! hinzufuͤgen) etwas von poſſirlich grellem Colorit und von einem Affengeſicht blicken.“ „Der meinige doch nicht!“ fiel Mally, wie erwachend, ein, und erſchrack uͤber das Geſagte. Aber ihr Schweigen, ſelbſt ihre Bemuͤhung, das Geſpraͤch abzubrechen, fruchtete nichts; die Neu⸗ gier der zunaͤchſt Sitzenden war einmahl aufge⸗ regt, und theilte ſich augenblicklich auch den Ue⸗ brigen mit. Je mehr die junge, ſtillbeſcheidene Schoͤne ſich weigerte, deſto heftiger drang man in ſie. Die Schauſpielerinn und Emma machten es geltend, daß ſie ihrerſeits unaufgefordert de⸗ elamirt und muſteirt haͤtten, Mally aber ihr Contingent zur allgemeinen Unterhaltung noch ſchuldig ſey; ſelbſt Alwill und Edward, mehr als alle Andere geſpannt, beſtuͤrmten ſie mit Bitten. 211 Wollte ſie nicht in den Verdacht einer, ihr ganz fremden Ziererey fallen, ſo konnte ſie nicht laͤnger ausweichen. 5 „Schreiben ſie es denn ſich ſelbſt zu,“— hob ſie ſchuͤchtern und hoch erroͤthend an—„wenn ein unwillkuͤhrlich entſchluͤpfter Ausruf Erwar⸗ tungen in ihnen erregt hat, die ich zu erfuͤllen zu ſchwach bin. Ich muß ſie in meine fruͤheſten Jahre zuruͤckfuͤhren. Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit ſollen ja, wie man ſagt, die lebhaf⸗ teſten ſeyn, und ſo iſt es ſehr erklaͤrlich, daß die⸗ ſer Ort, daß Emma's himmliſches Spiel, welches fuͤr mich etwas ganz neues war, daß ihre Ge⸗ ſpraͤche, gewiſſe, lang in den Hintergrund meiner Seele zuruͤck geſchobene Bilder mit den taͤuſchend⸗ ſten Zuͤgen vor meine Angen zauberten, und mich ganz in einen Traum zuruͤck verſetzten— nun ja! es war ja wohl nur ein Traum!— an den ich ſonſt ſehr oft in der Einſamkeit dachte.“ „Der Ort, wo ich erzogen ward, mag ziem⸗ lich weit von hier entfernt ſeyn. Etwa eine Viertelſtunde davon liegt ein altes, ganz in Ver⸗ fall gerathenes Schloß, eben ſo verwittert, grau und bemoost, doch, wenn ich mich recht beſinne, von groͤßerem Umfange und im Ganzen noch beſſer erhalten, als dieſe Ruinen. Einige runde Thuͤrme ſtehen noch unverwuͤſtet auf den Mauern; die Fenſter ſind groͤßtentheils offen, oder mit Bretern 212 — verſetzt; einige Wirthſchaftsgebaͤude moͤgen in ſpaͤtern Zeiten angebaut ſeyn, und werden, glaub ich, von einem Verwalter und ſeiner Familie bewohnt. Die umliegende Gegend iſt theils mit duͤſtern Baͤumen, theils mit hohem Graſe bewach⸗ ſen; ich habe dort oͤfters zahlreiche Heerden wei⸗ den fehen. Auf den Wieſen, noch mehr aber um die wild herumliegenden Steine, wachſen immer die herrlichſten Grasblumen, und ich habe oft mehrere Stunden dort zugebracht, um mein gan⸗ zes Koͤrbchen damit anzufuͤllen.“ „Eines Sonntags— vermuthlich bin ich ein Sonntagskind— ich erinnere mich noch recht genau, daß man fruͤh zur Kirche gelaͤutet hatte— traͤumte mir, ich ſey weit ſchoͤner angezogen, als gewoͤhnlich, und die alte gute Magd, die mich außerordentlich liebte, fuͤhrte mich an der Hand in das verfallene Gebaͤnde. Die Mauern waren ſo hoch und duͤſter, daß ich mich vor Furcht feſt an ſie anklammerte. Wir mußten erſt ſteigen und klettern, aber nach einer Weile wurde der Weg bequemer, und wil gingen durch große, ho⸗ he Zimmer, wo alte Tapeten von den Waͤnden herabhingen, und der abgebroͤckelte Kalk meine kindiſche Einbildungskraft wunderbare Thiere und Geſichter erblicken ließ. Alte Spieße und Faͤhn⸗ chen, verroſtete Helme hingen noch hie und da; ich weiß mich noch zu erinnern, daß der Wind . 233 damit ſpielte und klirrte; einige Eulen und andere Nachtvoͤgel rauſchten uͤber unſern Koͤpfen dahin. Ich fing vor Furcht an zu weinen, und wollte nicht weiter. Da boͤrte ich auf einmahl eine ſanfte traurige Muſik. Ich horchte und horchte, meine Angſt war vergeſſen.»„ »„Geh nur jetzt allein, Kind! die Frau Pathe iſt's, die drinnen ſpielt!“— ſagte die alte Magd, und oͤffnete eine noch ganz erhaltene Fluͤgelthuͤre ein wenig. Ich guckte furchtſam durch die Spalte, aber es war hier alles ſo ſchoͤn und ſo ganz an⸗ ders, als ich es fruͤher und auch ſpaͤterhin je ge⸗ ſehen, daß ich mich recht freute. Die Muſik waͤhrte immer noch fort. Ich that einige Schritte vorwaͤrts, um mir alles genauer zu betrachten. Seidene Ta⸗ peten mit großen Blumen und goldenen Leiſten, altmodiſches Geraͤthe mit ſchoͤner Stickerey, hohe Fenſter mit bunten Glasbildern, ein Tiſch mit einem kuͤnſtlich gewirkten Teppich, der an einem geoͤffneten Fenſter ſtand, ein ſchoͤner Roſenſtock auf demſelben, dieß alles ſteht noch ſo lebendig vor meinen Augen, als her ich es mahlen.“ „Ich lief auf den RNoſenſtock zu, mit dem Vorſatze, mir einige Knospen abzubrechen, und dann mit meinem Raube ſchnell wieder fort zu eilen. In dem Augenblicke ſchwieg die Muſtk; ich hoͤrte ein Geraͤuſch, wie wenn ein Inſtrument faͤlt; ein ſeidener Vorhang ward zuruͤck geſchla⸗ 214 gen; ein ſchlankes Frauenzimmer mit einer ſchwar⸗ zen Halbmaske, die ſie abreiſſen wollte, aber nicht konnte, uͤbrigens mit ſo langen blonden Haaren, daß ſie mir wirkliches Gold ſchienen, flog auf mich zu, blieb, als fuͤrchtete ſie, mich zu erſchrecken, einen Augenblick ſtehen, kniete dann zu mir nie⸗ der, und liebkoste mich auf das zaͤrtlichſte. „Hatte ich gleich anfaͤnglich nach meiner Waͤr⸗ terinn geſcheien, ſo wußte mich doch die ſchoͤne Frau bald zu beruhigen, daß ich mir recht geduk⸗ dig von ihr die Wangen ſtreicheln und mich auf ihren Schooß nehmen ließ. Mit unausſprechlicher Freundlichkeit gab ſie mir Obſt und Confect, und unterhielt ſich mit mir, ſo gut ich dieß konnte, bis ich endlich meine Luſt nach den Roſen im Fen⸗ ſter nicht laͤnger unterdruͤcken konnte.“ „Die ſchoͤne Dame fprang heftig auf und rang die Hände; ſie beugte ſich uͤber mich und ſah mich wehmuͤthig an; die Thraͤnen brachen aus ihren Augen und tropften auf mein Geſicht; ſie blickte gen Himmel, und preßte mich dann ſo hef⸗ tig an ihre Bruſt, daß ich laut aufſchrie. Ein Me⸗ daillon, das in ihrem Buſentuche verborgen war, quetſchte mich ſchmerzbhaft.“ „Sey nur wieder ſtill, arme Kleine!“— ſagte ſie troͤſtend—„ja, du ſollſt eine Roſe haben, und eine weit ſchoͤnere, als jene!“—„Gib mir ſo rinel“— erwiederte ich mit kindiſchem Eigene 1 213 füinn.—„Nun ja, auch das!'“ verſetzte die Da⸗ me, oͤffnete ein Kaͤſtchen, wo alles flimmerte und blinkte, und nahm etwas heraus, das ich fuͤr ein Meſſerchen hielt. Dann trat ſie an den Roſenſtock, ſchien eine Noſe abzuſchneiden, und gab ſie mir in die Hand. Die Roſe war außerordentlich ſchoͤn und glaͤnzte weit heller, als alle die an dem Stocke.— Der ſchimmernde Schein machte mir unglaubliche Freude; ich huͤpfte froͤhlich im Zimmer herum. Dann ſtellte mich die Dame vor den Spiegel, zog mir die Spitzen des Kragens zurecht, und ſteckte mir die Roſe vor die Bruſt. Ich trieb mich, immer vor Frenden ſpringend, im ganzen Zim⸗ mer herum, bis ich muͤde wurde. Dann legte ich mich mit dem Kopfe in ihren Schooß, und ſie ſpielte mit meinen Locken. Weiter weiß ich nichts zu erzaͤhlen, und vermuthete nur, daß ich endlich ſo eingeſchlafen bin, oder vielmehr, daß mein Traum ſich geendiget hat. Wenigſtens erwachte ich in meinem Bette, obwohl voͤllig angezogen. Ich uͤberlaſſe es ihnen nun, dieſe lebhaften Phan⸗ kaſien eines Kindes zu erklaͤren, ſo gut ſie koͤn⸗ nen“— „O es iſt wunderbar, es iſt auffallend!“— fiel Maclean ein, und kuͤßte mit weni gemaͤßig⸗ tem Feuer die Hand der liebenswuͤr igen Frou⸗ merinn. Die ganze Geſellſchaft, die, weil Mally's Ton und Miene alles weit lebendiger darſtellte, 216. als der kalte Buchſtabe dieß vermag, ſehr auf⸗ merkſam zugehoͤrt hatte, ſah dieß fuͤr eine Art oöͤffentlicher Liebeserklärung an, und beobachtete eine baͤngliche Stille. Mally, obwohl die eigent⸗ liche Urſache hiervon ihr entging, ergluͤhte auf's neue, und ſtrich ſich mit der weiſſen Hand uͤber die Stirn. Der Director, zu vertraut mit den Pflichten des guten Wirths, um nicht jedes Auf⸗ ſehen zu erſticken, nahm zuerſt wieder das Wort. „Aber doch immer etwas von Affennatur!— huſtete er verlegen hervor.—„Bedenken ſie ſelbſt, die Dame mit der Masfe, die ſie nicht abnehmen konnte, vielleicht wohl gar einer eiſernen, wie einſt die beruͤhmte in Frankreich; und dann die Roſe, die einen ſo wunderbaren Schein von ſich gab*— „Das kann ich nicht ablengnen“— erwie⸗ derte Mally, etwas gereizt— wohl aber weiß ich noch beſtimmt, daß ich beym Erwachen aͤngſt⸗ lich nach meiner Roſe verlangte, und daß man mich auslachte. Haͤtte man mir nur eben ſo gut ein Stuͤckchen Confect aus der Taſche genommen, das ich eingeſteckt hatte“—— „Vermuthlich doch, ehe ſie in den Traum verſanken!“— fiel der Profeſſor laͤchelnd ein. „Sie haben Recht;“— endigte Mally—„2s war nur ein Scherz von mir, um ſie irre zu fuͤh⸗ ren; aber ich ſehe ſelbſt ein, daß dieſe Erfindung zu. ⁵ 21 zu ungeiſtig iſt, um meine Sache damit zu ver⸗ fechten.“ Die Urtheile der Anweſenden blieben deſſen ungeachtet insgeheim getheilt. Manchen ſchien die reizende Mally jetzt weit raͤthſelhafter, mit⸗ hin auch bedeutender, als vorher. Andern war Mally's Erzaͤhlung hauptſaͤchlich um deßhalb wich⸗ tig, weil ſie ſich insgeheim fuͤr uͤberzeugt hielten, durch ſie gelegentlich zur Kenntniß des zwiſchen ihr und dem jungen, reichen Schotten ſtatt fin⸗ denden Verhaͤltniſſes gelangt zu ſeyn; noch an⸗ dere nahmen Alles leichter, und begnuͤgten ſich, die reizende Seherinn zu verſichern, daß ihr Traum wenigſtens ſehr poetiſch und immer ſo be⸗ friedigend ſey, als man in der Regel von einem Traume nur verlangen köoͤnne. Zu dieſen letztern gehoͤrte auch Edward, der ſich unterdeſſen wieder geſammelt hatte. Nur Alwill konnte ſich nicht ſo⸗ gleich wieder in die vorige Stimmung verſetzen, theils weil er unter Manchem, was ihm von der fruͤhern Geſchichte ſeines Maͤdchens ſchon bekannt war, doch auch manches Neue, nicht recht Er⸗ klaͤrliche gehoͤrt hatte, theils weil ſich ihm auch jetzt zum erſten Mahl eine lang bekaͤmpfte ge⸗ heime Liebe ſeines Freundes zu Mally verrathen zu haben ſchien. Gerade zur rechten Zeit wandten ſich jetzt einige Damen an Maclean, und forderten auch Unterhalt. Biblioth. 11. B. K 4 218. dieſen auf, dem ſo ſchoͤn verſammelten Kreiſe aus ſeinem Vaterlande, wo ſo fruͤh der Ton der Harfe erklungen ſey, ein Geſchichtchen zu ſchen⸗ ken. Nichts haͤtte fuͤr ihn erwuͤnſchter ſeyn koͤn⸗ nen! Seinem Scharfblicke war die Wirkung nicht entgangen, die er durch ſeinen Ausruf, durch ſeinen feurigen Handkuß, bey einem Theile der Geſellſchaft, und ſelbſt bey Alwill hervor gebracht; hatte. Da er die wahre Veranlaſſung ſeiner Hef⸗ tigkeit in einem ſo gemiſchten Zirkel zu entdecken nicht fuͤr gut fand, ſo ergriff er begierig die ſich anbiethende Gelegenheit, ſeine Unvorſichtigkeit wieder gut zu machen, und einem fuͤr Mally's Ehre nachtheiligen Verdacht durch ein deutliches Ausſprechen ſeiner Denkungsart gleichſam die Spitze zu biethen. „ Auf der Juſel Mull»— fing er an—„und in der ganzen benachbarten Gegend, pflegt ſich das gerechte Gefuͤhl über erlittenen Undank und gemißbrauchtes Vertrauen in der ſprichwoͤrtlichen Redensart zu aͤußern:„Ich Thor, der ich dieſem. zu Lieb meine Harſe verbrannte!“— Die erſte Veranlaſſung dazu ſoll folgende Begebenheit ge⸗ geben haben:*) ³) S. Garnett in ſeiner Reiſe durch die Hochlande und einen Theil der Hebriden. Th. I. S. 207. nach der deutſchen überſetzung. 3 219 „Es lebte auf dieſer Inſel ein beruͤhmter Harfenſpieler, der mit einem andern Juͤnglinge feines Alters den Bund der innigſten, zaͤrtlichſten Freundͤſchaft geſchloſſen hatte. Er uͤbte die Pflichten, die dieſe ſchoͤne Vereinigung ihm auf⸗ legte, mit der redlichſten Treue, und rettete einſt das Leben ſeines Freundes mit Gefahr feines eigenen. Doch fuͤgte es das Schickſal, daß beyde Freunde ſich trennen mußten.* „Lange blieb eine unausfuͤl bare Leere im Herzen des edlen Harfners, und er wußte ſeinen Schmerz durch nichts zu lindern, als durch Er⸗ findung der lieblichſten Lieder und Weiſen. Sein Ruhm ſtieg hierdurch von Tag zu Tag; ſeine Kunſt uͤbertraf bald die Kunſt allen andern; die Bewun⸗ derung, die man ihm zollte, war ſo allgemein und auffallend, daß man zuletzt gar einen Theil ſeines Rufes ſeiner Harfe beymaß. In der That war dieſe ſo trefflich gebaut, daß es faſt ihres gleichen nicht gab; nach ſeinem Freunde ſchaͤtzte der Harf⸗ ner ſie hoͤher, als alles.*.. „Nach einiger Zeit mußte jedoch die Liebe zu ſeiner Harfe einer noch glüͤhendern Leidenſchaft nachſtehen. Er ſah ein Maͤdchen von unausſprech⸗ licher Liebenswuͤrdigkeit. Die Schoͤne ward von nun an der Gegenſtand ſeiner zaͤrtlichſten Sehn⸗ ſucht, der Inhalt aller ſeiner Lieder. Der Ruhm des Harfners, der Ruhm, den nun auch die Ge⸗ H 2 338 220 liebte durch ſeine Geſaͤnge erwarb, beſiegten ihr Herz. Sie ward ſeine Gattinn, und er liebte ſie mit aller jener Gluth, deren vielleicht nur das Gefuͤhl eines Kuͤnſtlers faͤhig iſt.. „Nach Verfluß eines Jahres erfrankte ein Verwandter des gluͤcklichen Paares auf der gegen⸗ über liegenden Küſte. Sogleich brachen beyde auf, zhn zu beſuchen. Es war ein truͤber, duͤſterer Wintertag; wer die Straßen jener Inſel kennt, wird ſich nicht daruͤber wundern, das die Kaͤlte und die Beſchwerlichkeit der Reiſe das junge Weib zuletzt uͤberwaͤltigten. Der Regen troff von den Baͤumen; der Wind blies kalt und ſchneidend; der ſchluͤpfrige Boden wich unter jedem Tritte. Sie gewannen endlich den Gipfel eines Berges, den ſie nicht umgehen konnten. Gaͤnzlich erſchoͤpft ſank die Frau des Harfners dort zur Erde, und gah kaum noch Zeichen des Lebens von ſich.* „Der liebende Gatte war in Verzweiflung; er bemühte ſich, ſie wieder zu ſich zu bringen, und ſein wiederholter Verſuch gelang ihm; er eilte, ein Feuer anzuzuͤnden, um die Erſtarrte zu erwaͤrmen. Er raffte in dieſer Abſicht einiges duͤrres Haidekraut zuſammen, und fing damit die Funken ſeines Stahls auf; aber ach! das Feuer brannte nur ſpaͤrlich, und drohte, augenblicklich wieder zu verloͤſchen; denn der Platz lag zu frey und zu hoch, als daß dort die Haide, das Einzige — 221 was in jenen Wuͤſteneyen waͤchſt, reichlich haͤtte gedeihen können. Jetzt ſah der bedraͤngte Liebende auf ſeine Harfe, und beſann ſich keinen Augenblick. Er zerbrach ße, und ſchuͤrte mit den Stuͤcken ein Feuer an; ſeine Gattinn erholte ſich bey der wohl⸗ thaͤtigen Flamme; der Harfner vergaß vor Freu⸗ den, aus welchem koſtharen Stoff dieſe Kohlen beſtanden! „Waͤhrend noch der Harfner mit dankbarem Blicke bald zum Himmel, bald in das Feuer ſah, naͤherte ſich ein junger Mann, der eben in der Gegend gejagt hatte, und durch den aufwirbeln⸗ den Rauch herbey gezogen worden war. Der Harf⸗ ner ſah nach der Gegend, wo er Schritte raſcheln hoͤrte, und breitete entzuͤckt ſeine Arme aus; der herzueilende Fremdling war der Freund ſeiner Jugend. Kaum hatten beyde der Wonne des Wir⸗ derſehens ſich einen Augenblick überlaſſen, als der Fremde ſeine Verwunderung aͤußerte, in dieſer wilden Gegend ein Frauenzimmer von ſo zarter Schoͤnheit zu finden, und, da er erfuhr, ſie ſey die Gattinn ſeines Freundes, in die ſchmeichel⸗ hafteſten Lobeserhebungen und Glckwunſche aus⸗„ brach. Auch in den Augen der Geprieſenen glaͤnz⸗ ten Strahlen des Wohlgefallens und der Freude. Der Fremdling aͤußerte die zaͤrtlichſte Theilnahme an ihrem Unfalle. Er lud das ihm befreundete Paar ein, ſich eines kleinen Vorrathes von Lebens⸗ 22² mitteln, die er gluͤcklicher Weiſe bey ſich trug, zu bedienen. Der Harfner trug kein Bedenken, dieſe Gabe mit frohem Danke anzunehmen; er ſah in ſeinem Freunde den Retter des geliebten Weibes. Sie ſelbſt waren zu eilfertig aufgebro⸗ chen, um ſich mit gehoͤriger Vorſicht zu verſorgen; gleichwohl ſchien es jetzt unmoͤglich, daß die faſt erſchoͤpfte Frau ohne Staͤrkung auch nur die naͤch⸗ ſte Herberge erreiche.“* „Die Frau genoß von Speiſe und Trank, und ward zuſehends munterer. Ihre Niederge⸗ ſchlagenheit verſchwand, und ſie fing an, uͤber das Vorgefallene zu ſcherzen. Der Harfner war innig vergnuͤgt, und bedauerte keinen Augenblick den Verluſt ſeiner Harfe; er freuete ſich von gan⸗ zem Herzen, daß ſein Freund an ſeiner Gattinn ſo hohes Gefallen fand, und daß dieſe den Fremd⸗ ling mit entgegenkommender Hoͤflichkeit unter⸗ hielt.* „Man verweilte laͤnger, als den Umſtaͤnden nach zu erwarten geweſen waͤre, bey dieſem freund⸗ ſchaftlichen Mahle; das Geſpraͤch ward nach und nach ſo lebhaft und vertraut, daß ein minder argwohnfreyer Ehemann, ein minder vertrauens, voller Freund, gewiß aufmerkſam geworden waͤre. Aber ſo ſcharf der Fremdling der Frau zuweilen in die Augen ſah; ſo oft er ihre Hand faßte; ſo läͤchelnd auch ſie die Blicke erwiderte; der ved⸗ 223 liche Harfner baute zu feſt auf Freundſchaft und Liebe, als das mindeſte Arge dabey zu denken; er war der Treue dieſes Paares ſo gewiß, daß er ſogar, um nach dem Wege und der Witterung umzuſchauen, Gattinn und Freund auf eine Weile allein ließ.“ „ Jetzt ſah die ſchnell entſtandene Leidenſchaft des raſchen Jaͤgers, die Schwaͤche des von der Schoͤnheit des Juͤnglings beſiegten Weibes, ſich jedes Zwanges entbunden. Uneingedenk der heili⸗ gen Freundſchaft, nneingedenk der ſchuldigen Treue, geſtanden ſie einander erſt durch Blicke, und bald kuͤhner auch durch Worte, die Heftigkeit des erſten, gegenfeitigen Eindruckes, prieſen den Zufall, der ſie fuͤr einander geſchaffen, zuſammen gebracht habe, und trafen Verabredung, ihn nicht unegenutzt entſchluͤpfen zu laſſen. Rur dem Zuge einer blinden Leidenſchaft folgend, jede andere Ruͤckſicht vergeſſend, entſchloſſen ſie ſich, bey der erſten ſich zeigenden Gelegenheit mit einander zu Fentfliehen, und nach einer entlegenen Inſel zu ſchiffen, wo Niemand ſie kenne.v. „Der ſchaͤndlich verrathene Gatte kehrte end⸗ lich zuruͤck, und ſchlug der Frau vor, die Reiſe fortzuſetzen; der Fremde erboth ſich mit erheu⸗ chelter Waͤrme, die Wandernden eine Streche Weges zu begleiten. Mau gelangte an den Ein⸗ gang einer waldigen Schlucht. Ein Bach rauſchte 1 224 in der Ferne. Die Treubruͤchige klagte uͤber Durſt, und, waͤhrend der argloſe Harfner augenblicklich eilte, fuͤr ſie Waſſer zu ſchoͤpfen, verſchwand ſie mit dem nichtswuͤrdigen Verraͤther.“* „Als der gute Harfner die Gegend gaͤnzlich verlaſſen fand, glaubte er anfaͤnglich, es ſey dem, von ihm ſo innig geliebten Paare irgend ein Un⸗ fall zugeſtoßen; er rief ihre Nahmen; er durch⸗ ſuchte die ganze Gegend. Aber bald erfuhr er von dem zuruͤck kehrenden Fiſcher, der ſie uͤbergeſetzt hatte, ihre Treuloſtgkeit, ihr, ſein innerſtes Ge⸗ fuͤhl eipoͤrendes Verbrechen.“* „Eingewurzelt ſtand er einen Augenblick, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet. Doch bald ſiegte ſein hohes Gemuͤth.„Ich Thor, der ich ihr zu Liebe meine Harfe verbrannte!“ ſagte er mit verachtender Gleichguͤltigkeit in Bezug auf die ſtrafbare Geliebte, ſte mit der Schwaͤche des weiblichen Herzens, mit den Reizen des fremden Juͤnglings entſchuldigend; nur fuͤr die Nichtswuͤr⸗ digkeit des Elenden, der die Freundſchaft ſo ſchaͤnd⸗ lich verrieth, fand ſein Schmerz keine Worte, und nie hat er ſeinen Nahmen wieder genannt!— Der feurige Maclean hatte zuweilen mit Fleiß die Farben dieſes Gemaͤhldes ſehr ſtark aufgetra⸗ gen, und das ſchuͤchterne Lob, das ihm vorzuͤg⸗ lich von denen zu Theil ward, die vorher ihn und Mally beſonders ſcharf in das Auge gefaßt bat⸗ 223 ten, war ihm Beweiſes genug, daß er ſeines Hauptzwecks nicht verfehlt habe. Mally blieb ſich, waͤhrend er erzaͤhlte, und auch jetzt, da er geendigt hatte, ganz gleich; ihr reines, ſchuld⸗ loſes Herz ließ ſie nicht das mindeſte von dem Nachtheile, den Edwards Aufwallung ihrem Rufe zuziehen koͤnne, mithin noch weniger etwas von Macleans Abſicht ahnden, jenen Eindruck zu ver⸗ loͤſchen. Alwill fuͤhlte in ſeiner Seele das dem edlen Freunde, obwohl nur auf wenige Augen⸗ blicke, zugefuͤgte Unrecht, und war mit ſich ſelbſt unzufrieden. Nach und nach wendate ſich die Unterhaltung wirder auf andere, gleichgultigere Gegenſtände, und bald erinnerte die Glocke vom nahen Kirch⸗ thurme an die Heimkehr, Es ſchien Maclean und ſeinem Freunde eben nicht unangenehm, daß eine Tochter des Directors um einen Platz im Wagen bat, und ſie uͤberlieferten die reizende, ein wenig vor Froſt ſchaudernde Mally, mit um ſo groͤßerer Innigkeit der, ihrer harrenden Verwandten, je mehr der heutige Tag die Vollkommenheiten des boldſeligen Maͤdchens nur noch in ein helleres Licht geſetzt hatte. 4 Kaum war der folgende Tag angebrochen, als Maclean noch in Morgenkleidern zu Alwill ins Zimmer trat.„Es laͤßt mich nicht ruhen*— redete der edle Schotte ihn an—„Mally's Traum 3 226 hat mich kein Auge zuſchließen laſſen. Auch ſie werden dieß natuͤrlich finden, wenn ich ihnen ſage, daß ſich in meiner Familie ſchon ſeit lan⸗ gen Jahren eine Sage erhalten hat, die mit den Phantaſtebildern des holden Mädchens wunderbar üͤbereinſtimmt. Bey aller ihrer Liebe, die ſie zu dem himmliſchen Geſchoͤpf hegen, ſelbſt bey der gränzenloſen Anhaͤnglichkeit, womit mein Herz ihnen beyden angehoͤrt, beſchwoͤre ich ſie: Be⸗ wahren ſie die liebenswuͤrdige Schwaͤrmerinn vor allem, was ihre Einbildungskraft naͤhren, und vielleicht ihrem Leben, wenigſtens ihrer Geſund⸗ heit und Ruhe nachtheilig werden, und ihrem beyderſeitigen Gluͤcke Gefahr bringen koͤnnte! Schon ſo manches bemitleidenswerthe Opfer iſt einem unſeligen Wunderglauben gefallen, ſchon meine eigenen Thraͤnen ſind ihm zahllos gefloſſen.“ „Sie erregen meine ganze Theilnahme, und kommen gewiſſen Beſorzniſſen entgegen, die auch mir den Schlummer verſcheucht haben!“— er⸗ wiederte Alwill mit einer zaͤrtlichen Umarmung.— „Auch mir ſcheint es, Mally lege auf ein Gan⸗ kelſpiel ihrer kindlichen Phantaſte ein viel zu hohes Gewicht; ſie ſey durch die Erzaͤhlung viel heftiger angegriffen worden, als ſie es aͤußerlich zu erkennen gab.— Was iſt das fuͤr eine Sage, deren ſie erwaͤhnen? Faſt moͤchte man zuweilen bey ſich ſelbſt uͤber die Art irre werden, wie ſich 92) Fabel und Wahrheit, das Sinnliche und das Ueberſinnliche gegenſeitig berüͤhren.“ „Das alte Maͤhrchen iſt ein wenig dunkel,“ — nahm Edward wieder das Wort—„aber es iſt mir durch das traurige Beyſpiel meiner eigenen Schweſter Malvina allerdings furchtbar gewor⸗ den; es iſt an ſich einfach und durch nichts ver⸗ buͤrgt, aber wahrlich in ſeinen Folgen bedeutend. Einer unſerer Vorfahren ſoll auf dem Zuge gegen die Unglaͤubigen ſich außerordentlich hervor ge⸗ than, und nach ſeiner Zuruͤckkunft aus Palaͤſtina vom heiligen Vater eine goldene Roſe, dergleichen am Sonntage Laͤtare gewoͤhnlich zu Rom geweiht werden⸗ zur Belohnung ſeiner Tapferkeit em⸗ pfangen haben. Freudig kehrte er in ſein Vater⸗ land zuruͤck, wo die Liebe ihn ſehnſuchtsvoll er⸗ wartete. Seine Verlobte war ihm voll zaͤrtlicher Ungeduld eine Strecke Weges entgegen gezogen/ und empfing ihn durch Zufall auf jener ſchwarzen, ſſchaudervollen Haide unweit Forres, die ſchon läͤngſt von Shakeſpear, als von Geiſtern bewohnt, verrufen war, und es bey den dortigen Landleu⸗ ten noch jetzt iſt. Kaum hatten ſich die Liebenden an den Freuden der erſten Wiederumarmung ein wenig geſaͤttigt, als ſie ſich, um noch laͤn 3 gegen Herz einzutauſchen, im Schatten ei 1 fenwand lagerten, zu welcher ein ganz ungewoͤhn⸗ lich ſchoͤn bluͤhender RNoſenſtrauch ſie gleichſam 228 einzuladen ſchien. Sie koſeten eine Weile mit einander, und der Ritter uͤberreichte endlich der Geliebten die goldene Noſe als Minnegeſchenk, ohne im Erguß ſeiner Zaͤrtlichkeit ihrer heiligen Weihe zu gedenken. Das Fraͤulein fuhr haſtig darnach, druͤckte die Liebesgabe an ſich, und ritzte ſich den Buſen, blendend, wie der Schnee auf den Huͤgeln.—„Was bedarf es des kalten Me⸗ talls,“— rief ſie, vor ihrem eigenen Blute zu⸗ ruckſchaudernd, und ſchwelgend in Wonne der Liebe, vielleicht auch von der ganz auffallenden Schoͤnheit des natuͤrlich ſcheinenden Roſenbuſches bezaubert, feurig aus, und ließ das Heiligthum auf den Boden ſinken— veine weiche, duftende Roſe dieſes Strauches aus deiner Hand halte ich hoͤber, und ſie ſchmuͤckt dein Maͤdchen wohl koͤſtlicher..— Der Ritter brach ihr nun eine RNoſe vom Stocke, die zu beyderſeitigem Entſetzen bey der erſten Beruͤhrung ſchwarz wurde. So ſehr das Fraͤnlein, hierdurch aufmerkſam gemacht, den unwiſſend begangenen Frevel bereute; ſo mancherley ſchweren Buͤßungen ſie ſich deßhalb unterzog, ſo ward er dennoch an ihr geraͤcht. Zwar vermaͤhlte ſich der geliebte Ritter mit ihr, und ſie gebar ihm eine Tochter, aber ſie konnte davon nicht wieder geneſen, und verfiel in ein ſchleichendes Siechthum. Zu mehrerem Beweis ihrer aufrichtigen Rene mußte man ſie in Non⸗ * 229 nenkleidern in den Sarg legen, und ihr die gol⸗ dene und eine natuͤrlich bluͤhende Roſe mit ins Grab geben. Nun erſcheint ſie, wie die Sage berichtet, an irgend einem abgelegenen Orte allen Toͤchtern unſers Stammes, und bietet ihnen bald eine rothe, bald eine goldene Roſe, jene als An⸗ zeichen eines fruͤhen Todes, dieſe als Pfand lan⸗ gen Lebens und Gluͤcks.* „Was uͤbrigens zu dieſer Erfindung Gelegen⸗ heit gegeben haben mag, ſo ſchreibt ſich doch da⸗ von die in meinem Geſchlechte eingefuͤhrte Ge⸗ wohnheit her, das faſt jeder Braut eine dergleichen Gluͤcksprophetinn zum Geſchenke gemacht wird. Auch will man wiſſen— was ich freylich zu unterſuchen noch nie Gelegenheit gehabt— daß alle Jungfrauen, welchen die Gluͤcksroſe beſtimmt iſt, an demſelben Orte, wo ihre Urmutter von dem Heiligthume verwundet ward, ein kleines Mal in Geſtalt eines Kreuzes mit auf die Welt bringen; ein Ereigniß, womit, falls es gegrun⸗ det ſeyn ſollte, die Erforſcher der Naturgeheim⸗ niſſe hoffentlich fertig zu werden wiſſen. Leider iſt auch ſchon mehrere Mahle der Fall eingetre⸗ ten, daß uͤberreizte, jugendliche Einbildungskraft, von dieſer Sage erhitzt, dem goldenen Roſenge⸗ ſchenk zuvor kam, und meine ewig geliebte Mal⸗ vina ſelbſt fand den TJod an dieſer verhaͤngniß⸗ vollen Gabe.“* 230 „Es ſchmerzt mich, truͤbe Erinnerungen in ihnen zu erwecken;“*— ſagte Alwill— aber die Beſorgniß, die ſie wegen Mally mit mir theilen, und die ich vermehren muß, wenn ich ihnen er⸗ zaͤhle, daß Mally, ſo leidenſchaftlich ſie alle Blu⸗ men, beſonders die Roſen liebt, dennoch durch eine ſonderbare Antipathie den Geruch der letztern nicht ertragen kann, dringt mich zu der Bitte, mir auch Malvina's Geſchichte nicht vorzuent⸗ halten. Jener Widerwille Mally's gegen den Ro⸗ ſenduft, iſt ihr ſo natuͤrlich, dabey aber auch ſo unbezwinglich, daß ſie, da ich einſt aus Unwiſſen⸗ heit ihr mit der erſten Fruͤhlingsrofe ein Geſchenk machen wollte, noch ehe ſie etwas davon wußte, in eine faſt todtenaͤhnliche Ohnmacht verſank.“ „Die Wunder ſcheinen ſich um uns zu haͤu⸗ fen,“— antwortete Maclean—„hoͤren ſie denn aufmerkſam zu. Eben um Malvina's Geſchichte ihnen zu erzaͤhlen, kam ich ſo fruͤh zu ihnen.“ „Ohne Zweifel habe ich ihnon ſchon einmahl geſagt, daß ich das Juͤngſte von drey Geſchwi⸗ ſtern bin. Mein Bruder war wenigſtens zehn Jahre aͤlter, als ich; die mittelſte war meine Schweſter. Nach dem Tode unſerer Eltern wurden wir bey einem Oheim erzogen, der nebſt ſeiner edlen Gemahlinn Herſilia dieſe Pflicht um ſo ſorgfaͤltiger uͤbte, weil ihre eigene Ehe nicht mit Kindern geſegnet war.“ 231 „Malvina, wie ſie noch jetzt in meinem Ge⸗ daͤchtniſſe lebt, wuͤtte ich ihnen nicht treffender zu ſchildern, als wenn ich ſie eine Lilie im Mor⸗ genroth nenne. Da ihre Gemuͤthsſtimmung mehr zu den ſanften, wehmuͤthig ſtillen, als zu den kindlichfrohen gehoͤrte, ſo ſuchte Lady Herfſilia alles von ihr zu entfernen, was ihren Hang zur Schwaͤrmerey nur im mindeſten befoͤrdern konnte. Vorzuͤglich hatte ſte allen ihren Leuten unterſagt, der Sage von der Roſe je mit einem Worte zu erwaͤhnen; die augenblickliche Verabſchiedung war auf jede ebertretung geſetzt. Es iſt moͤglich, daß Malvina ſchon in fruͤherer Kindheit von dem Maͤhrchen gehort haben mag, oder daß gerade das Verboth ſie zur Suͤnde gereizt hat. Doch muß ich beydes faſt bezweifeln, da meine Schweſter ſchon nach dem Tode unſerer Mutter unter die Aufſicht der Tante kam, und die Befehle der La⸗ dy von allen ihren Untergebenen aus Anhaͤnglich⸗ keit und Liebe auf das Puͤnctlichſte befolgt zu werden pflegten. „Als mein Bruder, um ſich auf Reiſen zu begeben, das Schloß des Obeims verließ, war Maloina ungefaͤhr vierzehn Jahre alt. Den guten Oheim, der jenen mehr wie ſeinen juͤngern Freund und unzertrennlichen Begleiter, als wie ſeinen Muͤndel, zu betrachten gewohnt war, duͤnkte nach ſeiner Entfernung alles zu leer und zu enge. Die Jagd gewaͤhrte ihm kein Vergnuͤgen mehr, weil der ruͤſtige Juͤngling nicht mehr vor ihm her⸗ ſprengte; die Verbeſſerung der Schaͤfereyen ge⸗ rieth in Stocken, weil jener keine Vorſchlaͤge mehr that; die weitlaͤnfigen Gartenanlagen wurden nicht fortgeſetzt, weil jener dazu keine Riſſe mehr zeichnete.“ „Nachdem der treffliche Alte Alles hervor geſucht hatte, ſeinen Mißmuth zu zerſtreuen, fam ihm der Gedanke ein, das Hochland zu be⸗ reiſen. Seine Gemahlinn, Malvina und ich muß⸗ ten ihn begleiten. Die friſche Bergluft, die ſtarke Bewegung, der Anblick der majeſtätiſchen Berge, der herrlichen Thaͤler, ja ſelbſt des Meeres, wirk⸗ ten ſo vortheilhaft auf die Geſundheit meiner Schweſter, daß ihre Wangen ſich roͤtheten, Hei⸗ terkeit und Lebensluſt aus ihren vunklen, ſonſt nur ſanft ſchmachtenden Augen blitzte.“ „Unter die mancherley Sehenswuͤrdigkeiten, auf welche wir waͤhrend dieſer langwierigen Reiſe ſtießen, gehoͤrte eine tiefe, unterirdiſche Hoͤhle, aus welcher ein, wie es ſcheint, theils durch die Natur, theils durch Menſchenhaͤnde gebildeter Gang zu einer in Schutt liegenden Abtey fuͤhrt. Wir hoͤrten bey der uns ſeit Jahrhunderten ver⸗ ſchwaͤgerten Familie, in deren gaſtfreyem Hauſe wir mehrere Tage verweilten, daß dieß Ronnen⸗ kloſter von einem unſerer gemeinſchaftlichen Ahnen 233 erbaut, und dem heiligen Oran gewidmet wor⸗ den ſey; in den wenigen, noch einiger Maßen erhaltenen Ruinen ſollten einige Inſchriften und Wappenſchilde dieß ganz außer Zweifel ſetzen. Mein Oheim beſtand nun um ſo eifriger darauf, die Hoͤhle und jene Denkmahle der Vorzeit zu beſuchen, und unſer freundſchaftlicher Wirth faßte den Entſchluß, uns mit allen den Seinigen hierbey Geſellſchaft zu leiſten.“ „Wir fuhren eines Morgens in drey bis vier Wagen und von mehreren Reitern begleitet zu dem Eingang der duͤſtern Felſenkluft. Indeß wir Juͤngern, uns theils in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, froͤhlich herum tummelten, theils die dort haͤufig wachſende Schottiſche Diſtel pfluͤckten, zuͤndeten die Bedienten Fackeln an. End⸗ lich war alles in Bereitſchaft. Nur der erſte durch die Schlucht fuͤhrende Pfad war etwas beſchwer⸗ lich; aber kaum hatten wir uns, zum Theil an der Hand der Erwachſenen, hindurch gewunden als der innere Raum ſich oͤffnete, und wir beym Schein der Fackeln einen unbeſchreiblich erhabe⸗ nen Anblick genoſſen. Wenn gleich nach verjuͤng⸗ tem Maßſtabe, doch mit gleicher Regelmaͤßigkeit, wie auf der Inſel Staffa, und immer noch das Herz bis zur Beklemmung mit Erſtaunen und Be⸗ wunderung erfuͤllend, gleicht das Innere der Hoͤhle einem unuberſehlichen Dome, deſſen Hallen. — 234 von langen Reihen aufrecht ſtehender Pfeiler ge⸗ tragen werden. Dieſe Saͤulen ſind von dunklem, ins Purpurfarbige ſpielenden Schwarz; lichtgruͤne und orangefarbene Streifen winden ſich marmor⸗ artig bindurch; Mooſe, von dem praͤchtigſten Farbenſchmelz bedecken ſie. In langer, unuͤber⸗ ſehlicher Perſpective theilen ſich dieſe Saͤulen⸗ gaͤnge nach mehreren Richtungen, und jede Ab⸗ theilung ſcheint bey naͤherer Betrachtung maje⸗ ſtaͤtiſcher und unermeßlicher als alle Andern,“* „Kaum hatten wir uns von dem erſten Ein⸗ druck dieſes, keine Beſchreibung vertragenden An⸗ blicks ein wenig geſammelt, als unſere Fuͤhker einige Piſtolen abſchoſſen, deren Knall vom Echo tauſendfaͤltig wirderholt wurde. Es ſchien uns unbegreiflich, daß der Wiederhall, ſo lange wir auch auf ihn horchten, immer fort dauerte; aber wir hoͤrten nun, daß ein unterirdiſcher Waſſer⸗ fall dieſes donneraͤhnliche Rauſchen verurſache. So ſehenswuͤrdig dieſer Wogenſturz von mehre⸗ ren der Geſellſchaft geſchildert wurde, ſo wurde doch auch der ſchmale, dahin führende Weg fuͤr mühſam und gefährlich ausgegeben. Nur mein Oheim und einige der uͤbrigen Maͤnner hatten daher den Muth, ſich der Gefahr zu unterzieben, um jene praͤchtige Raturſcene in der Raͤbe zu betrachten. Wir uͤbrigen blieben, ihre Zuruͤck⸗ 2355 kunft erwartend, in einem der innern, faſt un⸗ geheuern Saͤlen gleichenden Raͤume.“ „Wir mochten faſt eine Stunde hier verweilt haben, als die muͤtterlich ſorgende Lady Herſtlia, uns Juͤngere durchmuſternd, mit unglaublichem Schreck meine Schweſter vermißte. Man fragte, man rief, man ſuchte vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts, alles vergebens. Die Angſt wuchs mie jedem Au⸗ genblicke; die Damen weinten und rangen die Hände; die Lady lag in einer Ohnmacht; da er⸗ kannte man am Fackelſchein die zuruͤck kehrenden Maͤnner, und einer derſelben trug auf ſeinen Schaltern die verloren Geglaubte zwar noch le⸗ bend, doch voͤllig beſinnungslos. Man hatte ſie ſo auf einem zu dem verfallenen Nonnenkloſter fuͤhrenden Nebenwege, dicht am Nande eines rauſchenden Bergſtromes, gefunden. Vielleicht nur einen Schritt naͤher, und die unterirdiſchen Fluthen haͤtten ſie auf immer begraben.“ „Als man ſie durch ſtaͤrkende Geruͤche ins Le⸗ ben gerufen hatte, ſah ſie ſich erſt ſtill freundlich im Kreiſe um, ging dann auf die kaum wieder zu ſich gekommene Herſilia zu, und kuͤßte ihr auf das zaͤrtlichſte die Haͤnde. Sie glich jetzt mehr, als je, einer Lilie; aber ein lieblicher Schimmer war uͤber ihre trunknen Augen verbreitet. Erſt nach Verfluß einer halben Stunde ſchien ſie ſich voͤllig erholt zu haben. Ohne die Truͤmmer des 236 St. Oraus⸗Kloſters fuͤr heute zu beſehen, eilte man wieder nach Hauſe.“ „Als wir hier angelangt waren, ſuchten die Damen Malvina vorſichtig auszufragen, was ihr begegnet ſey? Es koſtete Muͤhe, ihr dieß zu ent⸗ locken; doch ließ ſie ſich endlich dazu bewegen.“ „Nun ja“— ſagte ſie ſanft— pich will ihnen gerne alles erzaͤhlen, ſo gut ich es kann. Aus Beſorgniß um die allzu kuͤhnen Maͤnner, ſah ich ihnen lange nach, und ließ mich zuletzt ſogar ge⸗ luͤſten, ihnen auch einige Schritte nachzugehen. Auf einmahl hoͤrte ich abwechſelnde Toͤne, bald keiſe und lieblich, wie das Lied des ſterbenden Schwanes, bald hohl und ernſt, wie das Brauſen einer entfernten Orgel. Zugleich bemerkte ich in weiter Ausſicht einen Schimmer, der ſich in den Kriſtallzacken der Decke tauſendfarbig brach. Die Muſtk war zu ſuͤß, die Beleuchtung zu wunder⸗ bar; ich ging weiter, und ſah ein Licht, das, ohne zu verloͤſchen, auf dem Waſſer ſchwamm.“ „Vermuthlich die kleine Kerze”— fiel einer der Männer ein—„die wir auf ein Bret befe⸗ ſtigten, um ſie unter den Felſen hervor kommen zu ſehen*. „Es iſt möglich“— fuhr Malvina fort— „ich weiß daruͤber keine Auskunft zu geben. Ich olgte immer der mich lockenden Muſik, und ging orſichtig neben dem Fluͤßchen. Der Weg wurde — 5- 237 enger; ich glaubte, er werde bald endigen. Die Toͤne waren ſo ſanft und ſonderbar, als ich ſte noch niemahls gehoͤrt habe; die Luft bewegte immer meine Locken. Es ſchien etwas in der Hoͤhe uͤber mir zu ſchweben, uͤber mir dahin zu ziehen.“ „Endlich ſah ich ganz von weitem ein graues Gewand ſich regen, und hoffte, es ſey jemand von der Geſellſchaft. Es fiel mir auf' Herz, daß man um mich beſorgt ſeyn koͤnne; ich war daher daruͤber ſehr erfreut. Das Frauenzimmer kam auf mich zu, und trug grau und ſchwarz; ich glaubte gewiß, es ſey Couſine Liddy. Doch, da wir einander naͤher kamen, traf ich eine ganz Unbekannte, aber ſie ſah ſo blaß, ſo freundlich und ſanft aus, daß ich ſie bitten wollte, mir den Weg zu ihnen zu zeigen. Schon hatte ich mir den Muth gefaßt, ſie, ob ſie gleich ganz ſtarr vor ſich hinblickte, anzureden, als ich deutlich be⸗ merkte, daß ſie ein Ronnenkleid trug. Dieſe Ent⸗ deckung verurſachte mir eine unglaubliche Ban⸗ gigkeit; das halb verhuͤllte Geſicht ſchien mir immer bleicher und ſtarrer, das Kleid verwittert und falb, als gehoͤrte es einer Bewohnerinn der Gruft. Schon wollte ich entfliehen, obſchon mei⸗ ne Fuͤße mir den Dienſt verſagten, als die Nonne eine wunderſchoͤn bluͤhende Roſe von der Bruſt nahm, und ſie mir ſchweigend entgegen reichte. Von dieſem Augenhlicke an bis dahin, als ich bey 238 ihnen erwachte, weiß ich mich auf nichts zu be⸗ ſinnen, als daß ich mich ruhig und unbeſchreib⸗ lich wohl befand. Vergeben ſie mir die verur⸗ ſachte Unruhe, ich fuͤhke, daß ich gefehlt habe— und doch kounte ich nicht anders, auch wenn ich gewollt haͤtte. Ich glaube, ſollte ich je die locken⸗ den Toͤne wieder hoͤren, ich muͤßte ihnen nach, und zoͤgen ſie mich in ein offenes Grab!“* „Lady Herſilia und alle, die von der Fami⸗ lienſage wußten, waren uͤber Malvina's Er⸗ zaͤhlung nicht wenig betroffen, zumal da die Lady insgeheim verſicherte, ihre Nichte habe nie etwas von der geheimnißvollen Roſe erfahren. Die uͤbri⸗ gen hielten das liebe ſtille Maͤdchen ſuͤr„doppel⸗ ſichtig“ und waren um ſie ſehr bekummert. Doch gab man ſich Muͤhe, meiner Schweſter jede Furcht zu verbergen. Man ſuchte ſie zu uͤberreden, die vermeintliche Erſcheinung ſey irgend eine Fremde geweſen, die vermuthlich die Hoͤhle auch beſucht, und ihr eine irgendwo abgebrochene Roſe aus gut gemeinter Zuneigung angeboten habe. Mak⸗ vina ſtellte ſich, als glaube ſie dieß, und bat, des unangenehmen Vorfalls nur gar nicht weiter zu erwaͤhnen.“ „Die Beſorgniß, die man ihretwegen ge⸗ habt hatte, ſchien bald ganz ohne Grund. Man bemerkte an ihrem Beſſern faſt keine Veraͤnde⸗ rung; nur wenn ſie ſich allein glaubte, ſchien ihr 239 Inneres heimlicher, inniger, als vorher. Erſt ſpäͤterhin haben wir erſahren, daß das zaͤrtliche Maͤdchen, um die ihrigen nicht zu bennruhigen, von dieſer Zeit an zuweilen heimlich Noth auf⸗ gelegt habe.“ „Doch auch von ihrer Liebe zur Einſamkeit, von ihrer insgeheim beobachteten Zuruͤckgezogen⸗ heit, ließ ſich bald eine natuͤrliche Veranlaſſung ausfindig machen. Kurze Zeit darauf, als wir in das Schloß meines Oheims wieder eingetroffen waren, erhielten wir den Brſuch eines Vetters, Allan Maelean, deſſen naͤhere Beranutſchaft wir auf der Reiſe gemacht hatten. Er bewarb ſich nach wenigen Tagen um Maloinag's Hand. Da ſein Vermoͤgen ſehr anſehnlich und ſein Cha⸗ rakter eben ſo lichenswuͤrdig war, als ſeine Perſon, ſo wurde ſein Antrag von dem Oheime ſehr ehrenvoll⸗ aufgenommen, und die Ent⸗ ſcheidung wegen der Jugend meiner Schwe⸗ ſter nur bis zur Ruͤckkehr des erſtgebornen Bru⸗ ders ausgeſetzt. Malvina und Allan ſchienen ſchon ſich ſeit dem erſten Zufammentrefſen heimlich, doch deſto inniger geli⸗ be zu haben.“* „Es vergingen andrethalb Jahre in unge⸗ ſtoͤrter Ruhe, waͤhrend die Lilie immer ſchoͤner aufzubluͤhen ſchien. Der abweſende Bruder hatte bereits ſchriftlich ſeine Einwilligung gegeben, und die feyerliche Verlobung hing nur noch von ſeiner bald zu erwartenden Gegenwart ab.“ „Er langte endlich, obwohl ſpaͤter, als man erwartet, bey den Seinigen an; es ſchien dem Gluͤcke der Liebenden durchaus kein Hinderniß mehr im Wege zu ſtehen. Die Berlobung ſollte, weil die Mutter des Braͤutigams zu einer Reiſe zu bejahrt und kraͤnklich war, auf Allan's Schloſſe gefeyert werden. Wir reisten mit einem anſehn⸗ lichen Gefolge dahin ab. Maloina ſchien die be⸗ neidenswuͤrdigſte aller Braͤnte; niemand konnte ſie ſehen, ohne von ihrem Reize ſtill geruͤhrt zu werden.“— „Allan's Schloß war ein altes, ehrwuͤrdiges, ſehr gut erhaltenes und mit weitlaͤufigen Gärten umgebenes Caſtell; der Braͤutigam hatte zum Empfang der geliebten Braut und ihrer Angehoͤ⸗ rigen alles auf das Köͤſtlichſte einrichten laſſen. Wir langten, begruͤßt von weit ſchallender Jagd⸗ muſik, erſt mit einbrechender Nacht dort an. Die kuͤnftige Schwiegermutter, von den Zuruͤſtungen und den Freuden der Erwartung erſchoͤpft, hatte ſich bereits niederlegen muͤſſen, und ließ uns auf den folgenden Vormittag zu ſich einladen.“ „Sie war eine edle, nur etwas feyerliche, auf das Herkommen ſtreng haltende Matrone; deßhalb hatte ſie auch die Veranſtaltung getroffen, die Braut des einzigen Sohnes in demſelben alten 241¹ alten Familienſaale zuerſt zu umarmen, den ſie felbſt vor langen Jahren als Braut zuerſt be⸗ treten hatte. Der Weg dahin fuͤhrte aus dem Fluͤgel, den wir bewohnten, uͤber einen langen, offenen Corridor. Da wir daruͤber bingingen, hoͤrten wir einzelne dahin ſchwebende Toͤne. Wir entdeckten ſehr bald die Urſache ihrer Entſtehung, eine große, in einem Bogenfenſter befeſtigte Windharfe. Allein, obgleich auch Malvinen dieß ſchwerlich entgehen konnte, ſo bemerkten doch die zunaͤchſt Folgenden, daß ſie erbleichte, und ihre Lippen einige Mahle zuckten.* „Die Thuͤren des großen Saales oͤffneten ſich, die ehrwuͤrdige Lady in altmuͤtterlicher, ſehr reicher Tracht, trat mit ausgebreiteten Armen Malvinen entgegen, eine goldene Roſe in der Hand.„Sey mir geſegnet, liebe, liebe Tochter* — ſagte ſte feyerlich, nachdem ſie die Braut mit Freudenthraͤnen umarmt hatte—„und nimm das Gluͤckszeichen unſers Stammes, das ſchon ſo mancher jener Ahnenmuͤtter von treuen Hän⸗ den uͤberreicht ward!“ Sie zeigte bey dieſen Worten auf die hohen, mit Frauenbildern bedeck⸗ ten Waͤnde. Malvina ſah empor, wankte, wollte ſich an den Thuͤrpfoſten feſt halten, rief:„Das iſt ſie! und ſtuͤrzte zu Boden.“ G „Das allgemeine Entſetzen, die Verzweiflung des Braͤutigams, können ſie ſich denken. Alle Unterhalt. Biblioth. 11. B 28 ———— 242 Verſuche, ſie wieder zu erwecken, blieben frucht⸗ los; Malvina wurde in der Familien⸗Capelle ihres Braͤutigams beygeſetzt. Ich weiß nichts hinzu zu ſetzen, als daß die erſte jener Frauen, mit welcher die Reihe jener Bilder begann, in der That als graue Nonne gekleidet war, und in der linken Hand eine goldene; in der rechten eine rothe Roſe trug. Ohne Zweifel war es das Bild der Ungluͤcklichen, die zu dieſer ganzen Sage Veranlaſſung gegeben haben ſoll.“— Je weiter Maclean in der Erzaͤhlung vor⸗ gerückt war, deſto unruhiger hatte Alwills Herz geſchlagen. Jetzt fuͤhlte er eine Beaͤngſtigung, die er ſeinem Freunde kaum einzugeſtehen wagte; denn, ſo maͤhrchenhaft auch alles klang, ſo ſtimmte doch die Sage und das von Malvinen erblickte Geſicht mit Mally's Traum auf eine zgewiß nicht alltaͤgliche Art uͤberein. Heberdieß iſt wahre Liebe zum Wunderglauben weit geneigter, als zum Un⸗ glauben, und Malvina's fruͤhzeitiger, ploͤtzlicher Tod war wenigſtens ganz dazu geeignet, die Ge⸗ fahren einer lebhaften, heftig gereizten Phan⸗ taſie in vollem Lichte zu zeigen. Edward ſelbſt, der faß noch befangener ſchien, als Alwill, beſtaͤrkte dieſen noch mehr in ſeiner Beſorgniß, und machte ihn auf die Noth⸗ wendigkeit aufmerkſam, die Geliebte von nun an vor dem ſuͤßen Gifte einer angreifenden Lectuͤrt — 243 auf das ſorgfaͤltigſte zu bewahren, dagegen, ſo weit es ſich thun laſſe, ſie noch mehr uͤber ihre fruͤhere Lebensgeſchichte auszuforſchen. Vielleicht, meinte der Schottlaͤnder, koͤnne man dann die Veranlaſſung ihres Traumes auffinden; dieß wer⸗ de gewiß dazu dienen, ihr die Erinnerung daran gleichgultiger, wenigſtens unſchaͤdlich zu machen. Alwill konnte jetzt kaum die Stunde erwar⸗ ten, wo er ſeine Mally gewoͤhnlich beſuchte; aber wie beftig erſchrack er, als die alte Ver⸗ wandte ihm, Stille zuwinkend, entgegen trat, und die Nachricht ertheilte, ſeine Freundinn ſey⸗ nach einigen Stunden unruhigen Schlafes, in welchem ſie einige Mahle laut von einer Roſe geſprochen, erwacht, und befinde ſich ſo krank, daß ſie das Bett nicht verlaſfen koͤnne. Der ſchon herzucg fene Arzt habe uͤber die Art ihrer Krankheit in gaͤnzlicher Ungewißbeit geſchwebt, vermuthe jedoch, das ein hi si iges Fieber im An⸗ zuge ſey. Als ſich Alwill vn ſeiner Beſtuͤrzung ein wenig erholt hatte, bat er um Erlanbniß, Mally zu ſehen. Die ſchoͤne Patientinn ſchob bey ſeinem Eintritte den blendenden Bettvorhang zurück, reichte ihm die fieberhaft gluͤhende Hand, und ſuchte ihn uͤber ihren Zuſtand zu beruhigen. Sie verſicherte leiſe, nur die Ungewohnheit, in ſo gro⸗ ker Geſell lſchaft zu erſcheinen, die daber entſprun⸗ 8 2. 20.,» gene anhaltende Spannung, das Harmonikaſpiel mit ſeinen ſchauerlichen Umgebungen, vielleicht eine wenig bedeutende Erkaͤltung in der Nacht⸗ luft, vielleicht auch der Geruch einiger Roſen, die ſich, ihr unbemerkt, unter den uͤbrigen Blu⸗ men auf der Tafel befunden haͤtten, moͤge ihr dieſe, ganz gewiß unbedeutende Unpaͤßlichkeit zu⸗ gezogen haben. Dagegen erwaͤhnte ſie ihres Trau⸗ mes von der Roſe, der ſich allem Anſcheine nach geſtern auf das lebhafteſte in ihrer Seele erneu⸗ ert hatte, mit keiner Sylbe, und eben deßhalb fuͤrchtete Alwill, durch Edwards Erzaͤhlung mit hangen Ahndungen erfuͤllt, gerade das Schlimmſte. 1 Er traf auf das ſorgfaͤltigſte alle Veranſtal⸗ tungen, die zu Mally's Pflege und Wiederher⸗ ſtellung dienen konnten, ward aber in ſeinen aͤngſtlichen Vermuthungen nunenoch mehr be⸗ ſtaͤrkt, als der er fahrne Arzt, den er ſagleich ſelbſt aufſuchte, bedenklich die Achſeln zuckte und aͤußer⸗ te, wahrſcheinlich müſſe hier irgend eine heftige Gemüͤthsbewegung zum Grunde liegen; man dern muͤſſe mit der groͤßten Behutſamkeit zu Werke gehen. Noch denſelben Nachmittag ging Alwill wie⸗ der zu Mally. Die Vorherſagung des Arztes ſchien ſich zu beſtaͤtigen; Mally lag in fliegender Hitze. Der Liebende ſowohl, als ſein theilneh⸗ dürfe die Krankheit nicht zu leicht anſehen, ſon⸗ 3 3 245 mender Freund, brachten eine peinliche Nacht zwiſchen Furcht und Hoffnung zu. Am folgenden Morgen beſuchte Alwill die geliebte Kranke ſehr fruͤh; die Wittwe war ſchon ausgegangen; eine im Vorhaus beſchaͤftigte Kran⸗ kenwaͤrterinn berichtigte ihm, Mally habe aber⸗ mahls ſtark phantafirt, ſey aber gegen Morgen in ſanften Schlummer verfallen. Der Doctor, der noch vor ſechs Uhr gekommen, ſey der Mei⸗ nung, es muͤſſe ſich nun entſcheiden. Alwill druͤckte bey dieſer Nachricht beyde ge⸗ faltete Haͤnde heftig vor die Stirne; fuͤr ihn lag eine Welt in dem Worte: entſcheiden. Er ging ins Zimmer, und oͤffnete leiſe die Thuͤre des Schlaf⸗Cabinets. 5. Die, ſcho an lief anft, aber ef. Der Guud. en haaſel hendch ſan iheu⸗ den einen Anblicke dei ihm jungfraͤuliche Un⸗ ſchuld, auch bey der heftigſten Gegenliebe, ſtets mit unerbittlicher Strenge entzogen hatte. Die langen, caſtanienfarbenen Locken ſchienen durch ihre eigene Schwere entfeſſelt, und wallten uͤber die rundeſten, blendendſten aller Schultern und Arme; der volle, jugendlich bebende Buſen, ein athmender Pygmalionsmarmor, hatte Tuch und Leibchen zuruͤck gedraͤngt. Alwill ſtand erroͤthend, aͤngſtlich beklommen, doch auch ſuͤß bezaubert. Wer je bep dem Aublicke einer heißgeliebten, 246 ſchlummernden Pfyche den Muſſelinvorhang ſo⸗ gleich wieder fallen ließ, werfe den erſten Stein auf ihn!— Doch bald warf der Genius reiner Liebe den Augen des Liebenden ihren frevelnden Raub vor; der Bettvorhang zitterte in ſeiner Hand. Nur noch einen Kuß wollte ſein Blick der Heißgeliebten zuwerfen— aber, faſt verließ den liebenden Dich⸗ ter auf einen Moment ſeine Denkkraft; er ent⸗ deckte unterhalb der ſanft ſteigenden Bruſt, zu⸗ naͤchſt einer Bluthe, welche die Liebe kennt, aber nicht nennt, zwey feine, ſehr zart gezeichnete, ſich kreuzende Striche. Mit erhoͤhter Beſtuͤrzung — denn Edwards Erzaͤhlung von dem Zeichen des Kreuzes kam ihm augenblicklich ins Gedaͤchtniß— verließ er die geliebte Heilige, und trat, mit vorvar nopfendem Herzelt, ſich ſeiner ſelbſt kaum bewußt, ans Fenſter des Wohnzimmers. Die jetzt zuruͤckkehrende Wittwe fand ihn ſo, und konnte ſich ſein Benehmen, das faſt dem eines Traͤumenden glich, nicht erklaͤren. Sie hielt es fuͤr den Ausbruch der tiefſten Verzweiflung. „Verſuͤndigen ſie ſich nicht an Gottes Vorſehung“ — ſagte ſie fromm—„noch hat ja der Arzt gute Hoffnung. Wir ſtehen alle in der Hand der All⸗ macht, aber Jugend, und eine, durch keinen Fehltritt geſchwaͤchte Kraft kann gar vieles uͤber⸗ ſtehen.“ 9. 4 17 1 — 247 „Faſſen ſie ſich, lieber Freund!“— fuhr ſie fort, da er ſie mit großen, aber ruhigen Augen ſchweigend anſah—„rufen ſie alle ihre Stand⸗ haftigkeit zuſammen, ſo will ich ihnen auch ohne Furcht etwas vertrauen, das ich ſchon lange gegen ſie auf dem Herzen trug, und nun nicht laͤnger verſchweigen mag. Unſere liebe Mally hat oftmahls mit ſuͤßem Laͤcheln nach einer Roſe verlangt, die wir ihr doch, wie ſie wiſſen, nicht geben duͤrfen, und ich glaube faſt, daß irgend ein anderer Sinn darunter verborgen iſt, den wir vielleicht zu entraͤthſeln im Stande ſind.* Wunderbares Verhaͤngniß!— rief Alwil zagend— was haſt du uͤber das Gluͤck meines Lebens beſchloſſen? „Gewiß waltet hier ein ſonderbares Geheim⸗ niß ob. Unmoͤglich koͤwne wir aber doch gerade etwas Schreckliches zu befuͤrchten haben“— Ich beſchwoͤre ſie bey ihrer Liebe zu Mally, bey dieſen meinen Thraͤnen! was iſt ihnen von Mally's fruͤheſter Geſchichte bekannt? „Was ich weiß, will ich ihnen nun mit Vergnuͤgen entdecken. Ihre Mally wurde mir, da ſie ungefaͤhr ſieben Jahre alt war, von mei⸗ nem Bruder, dem verſtorbenen Caplan auf der Herrſchaft Derr/r in Boͤhmen, uͤbergeben. Ibre treue Pflegerinn war damahls eben verſtor⸗ ben. Ich erhielt ſeitdem von dem Verwalter jene⸗ Guts die ihnen bekannte kleine Rente, die der Ertrag von Mally's unbetraͤchtlichem muͤtterli⸗ chen Erbtheil ſeyn ſoll.“ „Es moͤgen jetzt ungefaͤhr fuͤnf Jahre ſeyn, als mein Bruder, ſeines Alters und der weiten Reiſe ungeachtet, einmahl hierher kam. So oft und ſo angelegentlich er ſich immer nach Mally erkundiget hatte, ſo wollte er ſich doch durchaus nicht zeigen, wie er ſagte, um allen Erkundi⸗ gungen uͤber ihre Abkunft auszuweichen. Er ver⸗ abredete es mit mir, daß er das geliebte Pflege⸗ kind auf einem Spaziergange beobachten konnte. Da ich wieder zu ihm in den Gaſthof kam, war er bis zu Thraͤnen geruͤhrt. Er ſegnete das gute, ſchoͤne Maͤdchen, lenkte dann das Geſpraͤch darauf, daß wir uns hier nicht wiederſehen wuͤrden, und uͤbergab mir ſodann ein verſtegeltes Kaͤſtchen, mit der Bedeutung, es Mally's kuͤnftigem Gatten zu üͤbergeben, oder auch, wenn ihr ſelbſt fruͤher ein Ungluͤck zuſtoßen ſollte, zu eroͤffnen. Der gute Bruder hatte ſeinen nahen Tod nur zu richtig geahndet. Kaum war er einige Wochen in ſeine Heimath zuruͤck, als ich von ſeinem Ableben Nachricht erhielt.“* O um meiner, um unſerer aller Ruhe willen!“* — fiel Alwill beftig ein— zeigen ſte mir dieß 4 Käſtchen! — —, e . ———— 249 Die alte Verwandte holte es ohne Zoͤgerung aus einem verborgenen Fache ihres Schrankes hervor; man loͤste Faden und Siegel.—— „Sie iſt von Gold! von Gold!“— rief Alwill ſo laut, daß ihm die Wittwe, aus Furcht, er moͤge die Kranke im Rebenzimmer aufwecken, mit beyden Haͤnden den Mund zuhielt. Aber er griff haſtig nach ſeinem Hute, und rannte zu Maclean. Alwill hatte ſchon laͤngſt ſo ganz in dem Hei⸗ mathlande der Liebe, wie Schiller die Fabel nennt, gelebt, daß er jetzt feſt uͤberzeugt war, Mally koͤnne nun in ihrer fruͤhen Jugend nicht ſterben. Der Gedanke, daß die ſicherſte Buͤrg⸗ ſchaft ihres dauernden Gluͤckes nun gefunden ſey, verſetzten den Eilenden in einen ſo freudigen Rauſch, daß der ſtaunende Edward eine ziemliche Zeit ihn durchaus nicht verſtand. Erſt, da Alwill ſich wieder ein wenig abgekuͤhlt und beruhigt hatte, brachte ſein Freund ſo viel aus ihm her⸗ aus, daß in dem geheimnißvollen Kaͤſtchen, vor⸗ ſichtig in Baumwolle gewichelt, eine goldene, kuͤnſtliche Roſe liege, daß— nach der Wittwe Verſicherung— denn zu dieſer Unwahrheit ward Alwill von ſeiner achtungsvollen Liebe genoͤthigt — auch das gluͤckweisſagende Mahl bey ihr ſich auffinden ſolle. .*) Edward verſchlang dieſe Bothſchaft mit be⸗ gierigem Ohr; eine wunderbare, traurigſuͤße Ahndung bemäͤchtigte ſich ſeines Herzens. Die beyden Freunde berathſchlagten gemeinſchaftlich, was weiter zu thun ſey. Alwills Wunderglaube ging ſo weit, daß er fuͤr rathſam hielt, Mally die Roſe zu geben, feſt uͤberzeugt, das Zeichen des Gluͤcks werde ihre Wiederherſtellung befoͤr⸗ dern. Gerade der entgegen geſetzten Meinung war Maclean. Er berief ſich auf Malvina's Bey⸗ ſpiel, um zu beweiſen, daß unter gewiſſen Um⸗ ſtaͤnden Glüͤck ſich ſehr leicht in Ungluͤck verwan⸗ deln koͤnne. Alwill ward hierdurch augenblicklich von ſeiner Meinung abgebracht, und man be⸗ ſchloß, ehe man einen Schritt weiter wage, erſt Mally's Wiederherſtellung abzuwarten. Ihre Krankheit ſchien allerdings durch den erquickenden Schlummer gebrochen zu ſeyn, und wich nach einigen Wochen gänzlich; nur die Kraͤfte wollten ſich, aller ſtaͤrkenden Mittel un⸗ geachtet, nicht wieder einfinden; der beſorgte Lie⸗ bende fuͤrchtete ſchon eine Verzehrung. Jetzt wurde abermahls Rath gepflogen, und die beyden Freunde fanden es zweckmäͤßig, auch den Arzt mit einiger Einſchraͤnkung zum Vertrau⸗ ten des Roſengeheimniſſes zu machen. Dieſer entſchied, daß die goldene Roſe nach dermahliger Lage der Dinge eher eine erheiternde, als nieder⸗ A 231 ſchlagende Wirkung in Mally's Seele hervor brin⸗ gen muͤſſe, nannte die Freude eine Arzeney der Seele, und gab ſeine volle Einwillign ng. Wer war froher, als Alwill! Er drang jetzt zum erſten Mahle in Edward, Mally ſelbſt mit zu beſuchen, und dieſer war hierzu um ſo bereitwilliger, da er ſchon laͤngſt dieſen Wunſch gehegt und nur aus Delicateſſe ihn nicht geaͤußert hatte. Sie fanden die reizende Kranke blaß, aber ſtill heiter; Maclean's Beſuch ſchien ſie ſehr zu erfreuen. Nach einer langen zart abgewogenen Vorbereitung, welcher das holde Maͤdchen ahndend und hoffend Gehoͤr gab, rief Alwill, ſeine Mally feſt umarmend:„Faſſe Mutb, ſußes Maͤdchen meiner Liebe! Du wirſt leben und gluͤcklich ſeyns die goldene Roſe iſt gefunden!* „Taͤuſche mich nicht, du mein Freund, mein uͤber alles Geliebter!“— erwiderte Mally mit ſchmachtendem, ſeelvollen Blicke—„Du weißt es nicht, wie zarte Saiten meiner Seele du mit dieſem freundlichen, hwohl vergeblichen Troſte beruͤhrſt!* Und ſchon hatte Alwill, der Verabredung ge⸗ maͤß, die künſtlich gearbeite Roſe aus der Hand der Wittwe heimlich empfangen, und legte ſie zitternd auf Mally's Schooß. „Gott! Gett!“— rief das holde Maͤdchen, ſich ſanft an ihn anſchmiegend, mit Treaheaeen. 2352— 8 Augen—„ich kann nicht laͤnger zweifeln— es iſt Wahrheit, kein lebhafter Traum— ich werde nicht länger zwiſchen Ahndung und Furcht von mir ſelbſt, ſchwanken! Maclean beugte ſich, um die goldene Roſe ge⸗ nauer zu betrachten; ſie ſchien ihm ganz ſo geſtal⸗ tet, wie jene, die er zuweilen in ſeiner Familie geſehen hatte. Mally lag noch immer, ſanft athmend, Bluͤ⸗ thenhauch auf den Wangen, im Auge Verklaͤrung, an der Bruſt des zaͤrtlich Geliebten. Dann bat ſie die beyden Freunde, ſie fuͤr jetzt zu verlaſſen. Sie erfuͤllten augenblicklich, doch nicht ohne Be⸗ Stunden erkundigen, und erhielten in einem kurzen Billet der Wittwe die troͤſtliche Nachricht, daß Mally wohl eine Stunde lang in dem Schlaf⸗ cabinette einſam gebetet habe, nun aber unge⸗ woͤhnlich erheitert ſey und auf den naͤchſten Be⸗ ſuch ihrer Freunde ſich nicht wenig freue. KRaturlich wurde dieſer nicht lange verſcho⸗ ben; beyde kamen abwechſelnd, bald zuſammen, zige Schweſter zärtlich ſorgende Bruͤder. Mally ſorgniß, dieſen Wunſch, ließen ſich nach einigen bald auch allein; es ſchienen zwey, um die ein⸗ erholte ſich von Sas zu Dag mehr; die goldene Roſe ſtand in einem Porzelläͤngefäß auf ihrem 8 Kahtiſchchen, und ſo oft ſie mit Alwill von ihrer Liebe ſprach, blickte ſie vertrauensvoll nach ihr hin. — —2 — 253 Nach kurzer Zeit war ihr von der Krankheit faſt keine Spur mehr anzuſehen; ſie durfte aus⸗ fahren, und ſchien jetzt ſogar noch leichter und froͤhlicher geſtimmt, als vorher., Edward und Al⸗ will faßten den Entſchluß, ein Geneſungsfeſt zu feyern, und zwar, um der alten Verwandten auch hierdurch ihre Dankbarkeit zu bezeigen, in der⸗ ſelben eigenen Wohnung. Beſtand hierbey die Geſellſchaft gleich nur aus vier Perſonen, ſo lachte doch Freude und herzliches Wohlwollen aus jedem Auge. Mally glich einer Engelgeſtalt, die vom Himmel herab⸗ ſinkt, um der blutbedeckten Erde den lang erſehn⸗ ten Frieden zu bringen. Die Wittwe war bered⸗ ter, freundlicher, aber auch feyerlicher, als man ſie ſonſt zu ſehen gewohnt war; ſie ſchien etwas mittheilen zu wollen, ohne das Wie? eigentlich zu wiſſen.* „Ich muß wohl noch einmahl beichten“— fing ſte endlich an und oͤffnete die Thuͤren ihres Schrankes—„das ihnen allen, wenigſtens dem Bericht nach, bekannte Kaͤſtchen ſcheint noch mehr Schaͤtze in ſich zu verſchließen, als der ſtuͤrmiſche Alwill zu heben verſtand, und als ich ihm bey jener Heftigkeit, die er bey dem Fund der Roſe zeigte, damahls zu entdecken fuͤr gut halten konnte. Jetzt iſt bierzu ein ſchicklicherer Zeitpunct gekom⸗ 254 men, und ich uͤberlaſſe es nun ihnen insgeſammt, die weitere Unterſnchung ſelbſt anzuſtellen.“* Mitt dieſen Worten ſchob ſie Alwill das Kaͤſt⸗ chen in die Hand. Man oͤffnete begierig den De⸗ ckel, und fand unter der Baumwolle, in welche die Roſe eingewickelt geweſen war, zuerſt einen Brief mit der Ueberſchrift:„An meine Pflege⸗ tochter Amalie.“ Alwill bat aus Vorſicht um Er⸗ laubniß, ihn erſt ein wenig durchzulaufen, und las ſodann laut: „Was ich dir von deiner Geburt entdecken kann, liebes Kind! iſt wenig und unvollſtaͤndig. Dein muͤtterlicher Großvater war, wie ich erſt ſpaͤterhin erfahren habe, der vor Kurzem mit Tede abgegangene Miniſter von******, der vor⸗ mahlige Beſitzer der Herrſchaft D**r*r*r, Deine Mutter hatte in einer unglücklichen Stunde die Pflichten des kindlichen Gehorſams uͤbertreten, und ſich mit einem jungen Manne, dem ihr Va⸗ ter ihre Hand verſagte, in einem Graͤnzdorfe heimlich trauen laſſen. Dieſes gab Veranlaſſung zu einem Zweykampfe, in welchem dein Vater auf dem Platze geblieben ſeyn ſoll. Auch dein Groß⸗ vater ward ſchwer in demſelben verwundet.“ „Deine Mutter hat fuͤr ihren jugendlichen Fehltritt lange und hart gebuͤßt. Sie war ſchon in ihrer fruͤheſten Jugend mit dem bejahrten Fuͤr⸗ ſten von Crr*erer verlobt, der ibrer Familie 255 aus unbekannten Gruͤnden aͤußerſt wohlwollte, und dieſe Vermählung fuͤr das dienlichſte Mittel anſah, gewiſſen, von ihm gehaßten Seitenverwandten ſeine Guͤter zu entreiſſen. Ihr Vater, der die⸗ ſen betraͤchtlichen Vortheil auf keine Weiſe aus den Haͤnden zu laſſen geſounen war, gerieth bey⸗ nahe in Wuth, als er die Nachricht erhielt, daß die heimliche Ehe ſeiner Tochter nicht ohne Folgen ſey. Er beſchloß alles aufzubieten, um dieß wenig⸗ ſtens geheim zu halten. Schon fruͤher war es ihm gelungen, die junge Dame dem Geliebten zu ent⸗ reiſſen; jetzt ließ er ſie, dem aͤußern Vorgeben nach, einſtweilen in ein Kloſter, aber der Wahr⸗ heit gemaͤß auf ein weitentferntes, faſt gaͤnzlich in Truͤmmern liegendes Stammgut bringen. Einige Ziminer waren der Jagd halber immer noch in brauchbarem Stande erhalten worden Miamnees erfuhr damahls Stand und Nahmen der Ungluͤckli⸗ chen; ja man trieb die Furcht und Vorſicht ſo weit, daß die Bedauernswerthe ſtets eine ſchwarze⸗ kuͤnſtlich verſchloſſene Maske vor dem Geſichte tragen mußte.“ „Als ich dich getauft hatte, wardſt du mir als Pflegekind uͤbergeben; meine alte Magd ward deine zweyte Mutter. Dein hartherziger Großvater hat niemahls etwas fuͤr dich gethan, und nie haſt du etwas von ſeinem Nachlaſſe zu erwarten. Seine Erbitterung gegen deinen Vater hat er auch auf 256 dich fortgepflanzt. Ein kleines Capital, das deine Mutter von ihrem Nadelgelde erſpart hatte, war das Einzige, was ſie dir mitgeben konnte.“ „Deine Mutter lebte ungefaͤhr vier Jahr lang in ihrem einſamen Gefaͤngniſſe, und ward wider ihren Willen daraus geriſſen, um mit dem ge⸗ dachten Fuͤrſten vermaͤhlt zu werden. Sey es, daß er von ihrer fruͤhern Verbindung nichts erfahren hatte, oder daß er, um nür einen Erben zu er⸗ zielen und ſeinen Lehnsvettern weh zu thun, die⸗ ſes uͤberſah, genug, die ſchon fruͤher verabredete Heirath wurde vollzogen. Jetzt erſt gelang es ihr durch Liſt oder durch unaufhoͤrliche Bitten, eine alte, ihr zur ſtrengen Aufſicht mit gegebene Tante zu entfernen, oder ſie zu der ſtets verweigerten Erlaubniß zu bereden, dich ihre geliebre Tochter, Aamahl zu ſehen. Veelleicht ſchwebt dir hiervon noch eine dunkle Erinnerung vor. „Ein Geſchenk, daß du mir zuruͤck brachteſt, mußte ich aus Vorſicht dir damahls entziehen. Du empfaͤngſt es wieder mit dieſen Zeilen, nebſt noch einigem, was ich ſpaͤterhin von deiner Mut⸗ ter zugeſchickt erhielt. Dieſe iſt wenige Jahre nach ihrer zweyten Ver maͤhlung ein Opfer ihres Grams geworden.“ „Meine Augen ſind zu ſchmach, meine Hand zittert zu ſehr, um uͤberfluͤſſige Worte zu machen. Lebe fromm und tugendhaft, ſo wird der Segen —— Gottes, den ich dir mit vaͤterlichem Herzen er⸗ flehe, auf dir ruhen dein Lebelang!* Dieß war der Inhalt des von dem alten Ca⸗ plan geſchriebenen Briefes.„Weiter! weiter!“— rief der ungeduldige Maclean der ſanft gerüͤhrten Mally zu. Man ſchlug ein zweytes, zuſammen gefaltetes Papier aus einander; Mally fuhr nach einem goldenen Medaillon mit dem Bildniß einer Dame, Edward nach inem aͤhnlichen mit dem Bruſtbild eines jungen Mannes in Hochlaͤndiſcher Tracht.*) „Gott!“— ſagte das in den Anblick verlorne Maͤdchen—„das iſt die Dame, die mir die Roſe gab; ſo war ſie gekleidet; ſo blond war ihr her⸗ abwallendes Haar!“* *) Die vollſtändige Hochländiſche Tracht beſteht aus einer kurzen Jacke von Wollentuch, die in lauter Vierecken von den brennendſten Farbe n gewe ebt iſt; aus dem Philabeg oder Kilt, einer Art kurzen Unterrocks von demſelben Zeuge; aus Halbſtrümpfen, die nicht ganz bis ans Knie reichen und roth und weiß geſchacht ſind; und in einer Taſche aus Ottern⸗oder Fuchs⸗ Fell. Ihren Mantel, Plaid genannr, wiſſen die Hochländer mit vieler Anmuth über die Schulter zu falten; ſtatt des Huts tragen ſie eine blaue Mütze mit rothen und weißen Rändern, oft mit einer Feder ver⸗ ziert; im Gürtel einen Dolch oder Dirk Dieſe ganze Tracht iſt ſehr mahleriſch und kleidet wohlgebildete Män⸗ ner ſehr vortheilhaft. 258 „äEr iſts! ſie iſts!“— ſchrie in ausſchweifen⸗ der Freude Maclean—„mein edler Bruder! mein trefflicher, ungluͤcklicher Renald! Ich habe ſeine Tochter, meine holdſelige Richte, gefunden!“ Lange dauerte die Umarmung der Glüͤcklichen, lange dieſer entzuͤckende Rauſch. Dann erſt be⸗ trachtete und erklaͤrte man alles genauer. Eine Familien⸗Aehnlichkeit des maͤnnlichen Bildes mit Edward war nicht zu verkennen; er hatte fruͤher Renalds Geſchichte, bloß, um das fuͤr ihn ſchon beſorgte Mädchen nicht noch mehr zu bekuͤmmern, nue als die Geſchichte eines jugendlichen Freun⸗ des erzaͤhlt; die wenigen Worte, die Renald ſei⸗ nem alten Jaͤger, ohne ſte vollenden zu koͤnnen, mit brechendem Munde zugefluͤſtert hatte, waren nun hinlaͤnglich erklaͤrt; ja, ein halb zerriſſenes Billet, worein die Medaillons gewickelt waren, wurde von Edward auf den erſten Anblick fuͤr Renalds eigene Handſchrift erkannt. „So ſieh doch nur, Zweifler!“— rief Mac⸗ lean Alwill'n zu—„ſo ſtehe doch nicht ſo ſtumm! ſo freue dich doch mit uns! Wirſt du mir gehor⸗ chen? Bin ich jetzt nicht der gutherzige Onkel, oder ſteht es nicht in meiner Gewalt, dir die Hand meiner Nichte, der reichen Erbinn meines Renalds, zu gewaͤhren oder zu verſagen 25 Aber der liebende Alwill ſchwieg keineswegs aus zu weit gehender Zweifelſucht, ſondern nur ——, 259 aus gar zu großer Ueberzengung, und— hoher Muth iſt ja nicht Hochmuth, Delicateſſe nicht Stolz!— aus Gewißheit, daß er in dieſem Au⸗ genblicke das Gluͤck ſeines Lebens, daß er Mally verloren habe; daß er, der arme Dichter, ohne Amt, ohne gewiſſe Ausſichten fuͤr die Zukunft, auf die Hand der vornehmen und reichen Schott⸗ länderinn Verzicht thun muͤſſe. Furchtſam, doch mit edler Reſignation, aͤn⸗ ßerte er, da Edward und Mally immer heftiger in ihn drangen, einige dahin abzielende Worte; aber man kann leicht denken, wie dieſe von dem zaͤrtlichen Maͤdchen, von dem großherzigen Schot⸗ ten aufgenommen wurden. Faſt kam es unter die⸗ ſen Dreyen zum erſten Mahle zu bittern Vorwuͤr⸗ fen und heftigem Streite; wollte Alwill am Ende wohl oder uͤbel, er mußte dem gutherzigen Onkel die Hand geben, er mußte ſich von der ſchoͤnen Nichte, die ſich ſonſt nur von ihm kuͤſſen ließ, als Braͤutigam kuͤſſen und uͤberreden laſſen, kuͤnf⸗ tig ganz ſorgenfrey nur der Liebe und den Muſen zu leben. Die Abreiſe nach Mally's und Maeclean's Vaterlande, nach dem Lande Alwills fruͤher Sehn⸗ ſucht, wurde in Kurzem gemeinſchaftlich ange⸗ treten; Mally's Dankbarkeit uͤberließ den alten Verwandten die Leibrente und was ſonſt von ih ren Habſeligkeiten Werth hatte. 260 Nach den letzten Briefen, die Alwill aus den Hebridiſchen Inſekn nach einem Deutſchen Hafen einzuſchwaͤrzen gewußt hat, ſpricht er bereits das Galiſche, wie ſeine Mutterſprache, und wird ſei⸗ nen Landsleuten eheſtens verſchiedene noch unge⸗ druckte Oſſianiſche Fragmente in der Urſprache und Ueberſetzung mittbeilen, die er theils bey den Walkermaͤdchen guf der Inſel Mull, theils hey einem Mugliede der berüͤhmten Grobſchmieds⸗ Familie Mac Nad zu Glenorchay zu ent⸗ decken das Glück gehabt hat. Der edle Edward hat ſich mit einem der edelſten Fraͤulein ſeines Stammes vermaͤhlt, und kann daher nun ver⸗ mathlich von dem bewußten Mahle, als geſetzli⸗ cher Augenzeuge ſorechen; Mally aber iſt bereits Mutter zweyer Toͤchter, welche bluͤhend, wie die vollſte natürliche Centifolie, die ſchoͤnſte Hoffnnng geben, in zehn bis zwoͤlf Jäahrchen zu den geprie⸗ ſendſten aller goldenen Roſenkreuzerinnen gezaͤhlt zu werden... * —— —=— mſnſſnſnſninſſſiſ immm mpm 12 1 Tennn 1 9 11 3 14 15 16 17 —— „— ——ÿ— Seean