V Leihbibliothe! deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Ibonnement. Daſſelbe imuß voraus ſbezahlt werden und eträgt: fr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. Pf. 38 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — Petersburg und Stockholm. Hiſtoriſcher Roman von 4 9 Karl von Keſſel. Zweiter Band. Leipzig, 6 Ernſt Julius Günther. 6 1868. Erſtes Kapitel. Wir müſſen den Leſer jetzt bitten, von dem freundlichen Herrenhofe Sarlaa, wo ſich die bisher geſchilderten Er⸗ eigniſſe unſerer Erzählung theilweiſe ereignet haben, Abſchied zu nehmen und ſich mit uns in ein etwa drei Poſtſtationen von Stockholm entferntes Dorf zu ver⸗ ſetzen, wo acht Tage ſpäter, zu einer Stunde, wo der gewöhnliche Tagesverkehr ſchon längſt aufgehört hatte, ein Reiſender in der niedrigen Stube eines unanſehn⸗ lich ausſehenden Wirthshauſes, welches zugleich als Poſtſtation diente, auf und ab ſchritt. Der Fremde mochte etwa vierundzwanzig Jahre alt ſein, und aus ſeiner Kleidung ſowohl wie aus ſeiner ſtolzen, heraus⸗ fordernden Haltung war man berechtigt, den Schluß zu ziehen, daß er den ariſtokratiſchen Kreiſen angehöre. Allein obgleich ſein Geſicht, das ein ſorgfältig cultivir⸗ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. ter, nach militäriſcher Weiſe zugeſtutzter Schnurrbart zierte, keine unſchönen Züge zeigte, ſo offenbarte ſich darin doch eher etwas Abſtoßendes wie Gewinnendes, denn ein finſterer Trotz trat auf ſeiner Stirn hervor und aus ſeinen Augen leuchtete eine gewiſſe Wildheit, welche auf ein rohes, den Leidenſchaften verfallenes Gemüth ſchließen ließ. In dem Augenblick, wo der Fremde mit allen Zei⸗ chen einer übellaunigen Ungeduld die kleine Gaſtſtube durchſchritt, trat der Eigenthümer des Hauſes, welcher zugleich das Amt eines Poſthalters bekleidete, mit der Mütze in der Hand in das Zimmer und verneigte ſich in einer Weiſe vor ſeinem Gaſt, die halb linkiſch, halb demüthig ausſah. „Zum Teufel, Herr“, ſchrie dieſer, vor dem Ein⸗ tretenden ſtehen bleibend, mit zorniger Stimme,„wie lange dauert es, bis dieſer faulenzende Skjut*) zur Stelle iſt? Glaubt Ihr etwa, daß ich Luſt habe, Eurer Nachläſſigkeit zu Gefallen hier in dieſem Neſt die Nacht zuzubringen, während man in Stockholm Champagner trinkt und ſich die Zeit im Theater und auf Bällen vertreibt?“ **) Da es in Schweden keine regelmäßigen Poſten wie bei uns gibt, ſo vertreten dieſelben Lohnbauern, welche zur Stellung von Pferden verpflichtet ſind und Skjuts heißen. Der Verfaſſer. 3 „Der Skfut wird ſogleich angeſpannt haben, Herr“, antwortete verlegen und eingeſchüchtert der bäuer⸗ liche Poſthalter;„außerdem werden aber auch noch zwei Paſſagiere erwartet, die ihre Ankunft angemeldet haben.“ „Was gehen mich Eure Paſſagiere an!“ brauſte der Herr jetzt noch viel zorniger auf.„Geht ein Kurier des Königs und noch dazu ein Offizier ſeiner Garde nicht etwa irgend einem Landpfarrer oder Pach⸗ ter vor? Kurz und gut, ich gebe Euch den Rath, mich ſchnell zu bedienen, ſonſt—“ Der Sprecher hatte mit einer drohenden Bewegung den Arm erhoben, ließ ihn aber ſogleich wieder ſinken, denn in demſelben Augenblick hatte ſich die Thür ge⸗ öffnet und ein zweiter Fremder trat in Begleitung einer Dame ein. „Was zum Kukuk iſt denn das für ein ſonderbarer Kauz?“ ſagte halblaut der Offizier, indem er zu⸗ gleich in ein helles Gelächter ausbrach.„Wenn das etwa mein Reiſegefährte ſein ſoll, ſo lohnt es ſich wahrlich, dieſes Murmelthier etwas näher in Augen⸗ ſchein zu nehmen.“ Indem er dies ſagte, begann er wieder mit ver⸗ ſchränkten Armen das kleine Zimmer mit langen Schrit⸗ ten zu durchmeſſen, wobei er nicht unterließ, an dem 4 1* 5 Herrn, welcher ſeine Aufmerkſamkeit ſo plötzlich erregt hatte, ganz nahe vorüber zu ſchreiten und denſelben mit ſtolzen Blicken in ungenirter Weiſe zu muſtern. Allerdings war das Individuum, welches ſo eben ein⸗ getreten, ganz dazu geeignet, die beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu ziehen. Ein langer ſchwarzer Pa⸗ triarchenbart bedeckte die untere Hälfte ſeines Geſichts, während unter ſeiner niedrigen Stirn und unter ſeinen buſchigen Augenbrauen zwei große ſchwarze Augen lauernd hervorblickten, welche ſich in den Schein der Demuth hüllten und die näher zu prüfen man nicht Gelegenheit fand, weil der Beſitzer derſelben ſie beharr⸗ lich zu Boden ſchlug. Außerdem war aber auch ſeine Kleidung mehr eine geiſtliche wie eine weltliche, denn er trug einen ſchwarzen, bis über die Kniee reichenden Rock mit kurzem, ſtehendem Kragen, Gamaſchen von gleichem Stoff und ein weißes Tuch, das glatt um ſeinen Hals geſchlungen war. „Gott ſegne Euch und Friede ſei mit Euch“, ſagte im ſalbungsvollen Tone der neue Ankömmling, in⸗ dem er gleichzeitig mit ſeiner Begleiterin auf eine Bank zuſchritt und ſich mit dieſer auf derſelben nie⸗ derließ. „Freund, bemerkte der Offizier, indem er ſich un⸗ genirt vor den Fremden ſtellte,„wenn Ihr mir einen 5 Gefallen thun wollt, ſo bleibt mir mit Euren frommen Redensarten vom Leibe. Sagt mir lieber, ob ich das Ver⸗ gnügen haben werde, mit Euch und Eurer Begleiterin die Reiſe nach Stockholm gemeinſchaftlich zu ma⸗ chen?“ „Der Herr hat mich dorthin berufen“, antwortete der ſonderbare Menſch, ohne ſich irgendwie aus ſeinem Gleichmuth bringen zu laſſen. „Der Herr? Welcher Herr denn?“ fragte der An⸗ dere.„Doch nicht am Ende gar Seine Majeſtät der König?“ ſetzte er hinzu. „Es könnte möglich ſein“, antwortete der Be⸗ fragte in demſelben monotonen und ſalbungsvollen Tone, wobei er diesmal ſcheinheilig die Augen ver⸗ drehte. „Teufel!“ brummte ſein Geſellſchafter,„dahinter ſteckt am Ende etwas und ich werde klug handeln, wenn ich mich ein wenig vorſichtig benehme. Sollte dieſer Kerl vielleicht berufen ſein, Seiner Majeſtät guten Rath zu ertheilen? Nun, nach dem zu urtheilen, was wir an Guſtav IV. bereits erlebt haben, wäre es ge⸗ rade nicht unmöglich; jedenfalls aber werde ich mir den Burſchen merken und ſeine Spur in Stockholm nicht aus den Augen laſſen, denn man kann nicht wiſ⸗ ſen, was für Perſonen es ſind, die ſich bei den Ereig⸗ 6 niſſen, welche ſich in Schweden vorbereiten, dieſe ſon⸗ derbare Marionette verſchrieben haben.“ Während der Offizier ſich dieſen Gedanken hingab, hatte er zugleich Zeit gehabt, die Begleiterin des Rei⸗ ſenden in Augenſchein zu nehmen. Sie war ein junges Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren mit ein paar ſchwarzen verführeriſchen Augen, in denen ſich Schlau⸗ heit und Liſt abſpiegelten. Ihre Geſtalt zeigte eine mittlere Größe und ſchöne abgerundete Körperformen wurden erkennbar; auf ihren Wangen endlich trat ein ſtarkes, nicht zu friſches Roth hervor, welches die zarte weiße Haut durchdrang, und ein kleines, nicht übel ge⸗ formtes Stumpfnäschen paßte vortrefflich zu den leb⸗ haften, koketten Blicken, welche die Beſitzerin offenbar nur mit großem Zwange und weil ihr Begleiter es ſo wollte, ſchüchtern und ſittſam niederſchlug. Dies Alles war dem Offizier nicht entgangen, und zugleich hatte er einen ſehr niedlichen Fuß bemerkt, welcher unter dem ſchwarzſeidenen Kleide, das ſie trug, hervorblickte. „Alle Wetter“, murmelte unſer Bekannter,„die Kleine iſt wahrhaftig nicht übel und es würde ſich wohl der Mühe lohnen, an ihr eine Eroberung zu machen! Nun, ſchaden wird es nicht, wenn ich ihr et⸗ was auf den Zahn fühle; in ſolchen Dingen habe ich ein geſundes Urtheil, und übrigens ſcheint mir hinter 5 4 7 der frommen Miene, welche die Kleine annimmt, eine gute Portion Weltlichkeit zu ſtecken.“ Mit dieſen Betrachtungen beſchäftigt, näherte ſich der Herr der jungen Dame, und indem er jetzt eine artige, zuvorkommende Verbeugung machte, ſagte er mit der Galanterie eines Mannes von feiner Erziehung: „Mademoiſelle reiſen wahrſcheinlich in Begleitung eines Bruders oder Verwandten, um Stockholm kennen zu lernen?“ „Ich habe keine Verwandten“, entgegnete die Be⸗ fragte mit einem Ernſt, welcher offenbar erzwungen war, denn ihre Blicke begegneten dabei denen des Of⸗ fiziers in ziemlich vielſagender Weiſe. „Sie iſt eine Waiſe, die Gott in ihrer Verlaſſenheit unter meinen Schutz geſtellt hat“, bemerkte ihr Beglei⸗ ter in näſelndem, ſcheinheiligem Tone. „Nun, beim Himmel, Ehrwürden“, rief derjenige, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, ſpöttiſch,„dann werden Sie alle Mühe haben, das Ihnen zugetheilte Amt mit Würde und Gewiſſenhaftigkeit zu verwalten, denn in Stockholm weiß man Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit zu ſchätzen, und ſelbſt eine Heilige, wie Ihre Schutzbefohlene, wird es nicht vermeiden können, in Verſuchung geführt zu werden.“ 8 Während der Mann mit dem langen ſchwarzen Bart durch dieſe Bemerkung offenbar in Verlegenheit geſetzt wurde und, um ſeine Würde zu wahren, mit entſprechender Augenverdrehung etwas von den Fall⸗ ſtricken murmelte, die Satanas überall der Unſchuld lege, konnte dieſe Unſchuld ſelbſt ſich jetzt nicht mehr eines Lächelns enthalten, welches durch einen ſchelmi⸗ ſchen Blick, den ſie mit dem jungen Herrn aus⸗ tauſchte, in entſprechender Weiſe unterſtützt wurde. „Aha, bläſt der Wind von daher!“ dachte dieſer. „Nun, ich glaube, es wird nicht ſchwer halten, hier eine Eroberung zu machen, jedenfalls aber will ich dieſe intereſſante Bekanntſchaft in Stockholm weiter culti⸗ viren!“ Nach dieſen ſtillen Betrachtungen wendete er ſich wieder zu ſeinem Geſellſchafter und ſagte in einem weit höflichern Tone wie bisher: „Da mir der Zufall das Glück gewährt hat, Ihre Bekanntſchaft zu machen, ſo halte ich es für Pflicht, mich Ihnen vorzuſtellen. Ich bin der Baron von Ce⸗ derſtröm und Lieutenant in der Garde Seiner Majeſtät des Königs, in deſſen Dienſt ich augenblicklich reiſe.“ Der Andere verbeugte ſich, während ſeine Beglei⸗ terin einen heimlichen Blick auf den Lieutenant warf und ein zweites entgegenkommendes Lächeln ihren von 9 rothen und friſchen Lippen eingefaßten Mund um⸗ ſpielte. „Ich habe Ihnen nun meinen Stand und Namen geſagt“, fuhr der Baron fort,„darf ich jetzt auch ein Gleiches von Ihnen erbitten?“ „Ich bin ein Mann des Friedens“, entgegnete der ſonderbare Fremde und verfiel nach dieſen Worten wie⸗ der in ſein früheres Schweigen. „Oho“ dachte der Offizier,„der ſchlaue Fuchs will mir ausweichen, er hat ſeine Gründe, unbekannt zu bleiben. Aber, Freundchen, da biſt Du an den Un⸗ rechten gekommen! Du führſt einen Magnet bei Dir, welcher mich mit geheimnißvoller Kraft anzieht und mir ſchon den Weg zeigen wird, wo ich Dich ſpätet wiederzufinden habe.— Und wie heißen Sie, ſchöne Dame?“ wandte ſich Herr von Cederſtröm jetzt mir einer galanten Verbeugung zu dem jungen Mädchen. „Wollen Sie auch ſo grauſam ſein, mir Ihren Namen zu verweigern?“ „Ich heiße Julie“, entgegnete dieſes lächelnd. „Reizende Julie, ich heiße Sie willkommen“, rief ziemlich ungenirt der Lieutenant,„und ich würde mich glücklich ſchätzen, zur Bekräftigung der Wahrheit mei⸗ ner Worte Ihre kleine niedliche Hand küſſen zu dürfen.“ Während die ſchelmiſchen Augen Juliens andeute⸗ 10 ten, daß ſie den von dem Baron ausgeſprochenen Wunſch keineswegs übel nehme, zogen ſich die Brauen ihres Begleiters finſter zuſammen und er ſchleuderte ihr einen Blick zu, vor dem ſie zu erſchrecken ſchien, denn ſie ſenkte augenblicklich den Kopf und bemühte ſich, ihre frühere zurückhaltende Miene wieder anzunehmen. In dieſem Augenblick trat der Poſthalter ein und meldete, die Mütze in der Hand: „Der Skjut hat angeſpannt, und wenn es den Herr⸗ ſchaften gefällig iſt, ſo können ſie nunmehr die Reiſe fortſetzen.“ Der Mann mit dem langen Bart und den ſchein⸗ heiligen Augen erhob ſich, und indem er ſich der Thür zuwendete, gab er ſeiner Begleiterin einen Wink, voran zu gehen. Aber der Baron ſprang dazwiſchen und bot dieſer galant den Arm. „Erlauben Sie, daß ich Sie führe, ſchöne Julie“, rief er;„die Nacht iſt finſter und ich würde in Ver⸗ zweiflung gerathen, wenn Ihr niedlicher Fuß ſich an einem Steinchen ſtieße.“ Ein ſchelmiſches, halb unterdrücktes Lachen entglitt den Lippen der ſchönen Julie, während ihr Begleiter mit finſtern, zornglühenden Blicken nachfolgte, ohne daß er jedoch gegen das freie, ungenirte Benehmen des Barons Einſprache zu thun gewagt hätte. —— 11 „Sitzen Sie auch recht bequem?“ fragte der letztere nachdem er der Dame in den Wagen geholfen hatte. „Ganz bequem“, tönte es mit wohllautender Stimme. Jetzt wollte auch der Geſellſchafter der Dame ein⸗ ſteigen, wahrſcheinlich in der Abſicht, durch ſeine Per⸗ ſon eine Scheidewand zwiſchen dem Offizier und ſeiner Schutzbefohlenen zu bilden. Aber dieſer ſchob ihn ohne Umſtände ziemlich unſanft zurück. „Sie werden jedenfalls dort in der Ecke weit be⸗ quemer ſitzen“, ſagte er ziemlich ſarkaſtiſch;„es iſt ein vortreffliches Plätzchen, um ein kleines Schläfchen zu halten, und daß bei Ihnen hierzu die Abſicht vorhan⸗ den iſt, daran zweifle ich gar nicht, würdiger Herr.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, ſchob ſich der Lieutenant zwiſchen den Fremden und deſſen Be⸗ gleiterin, und da in demſelben Augenblick die Pferde anzogen und der ſchlechtgebaute Wagen holpernd fort⸗ rollte, blieb das dumpfe Brummen, welches der Mann mit dem ſalbungsvollen Antlitz ausſtieß, völlig unbeachtet. Wir würden den Leſer ermüden, wollten wir ihm die monotone nächtliche Fahrt in einer ſchwediſchen Poſt⸗ kutſche näher beſchreiben, wir bemerken daher nur noch, daß es dem Baron bei aller Schlauheit, die er anwen⸗ dete, nicht gelang, ſeinen Reiſegefährten dahin zu brin⸗ 12 gen, ihm die Wohnung zu nennen, welche er in der Hauptſtadt zu nehmen gedachte. Als ſie aber das Ziel ihrer Reiſe erreicht hatten und er von der ſchönen Julie Abſchied nahm, flüſterte dieſe ihm zu: „In dem Hotel zum ſkandinaviſchen Hofe können Sie Näheres über uns erfahren.“ Zweites Kapitel. Wir müſſen den Leſer jetzt erſuchen, mit uns einen Zeitraum von drei Monaten zu überſpringen und ſich in den Monat Januar des Jahres 1809 zu verſetzen. Das von Guſtav III. nach dem Muſter des Verſailler Hofes eingeführte Ceremoniel war auch von ſeinem Nachfolger, Guſtav IV. Adolf, ſtreng beibehalten wor⸗ den. Bei dem ſteifen, pedantiſchen Charakter des Kö⸗ nigs und bei den hohen Begriffen, welche derſelbe in Betreff der ihm anvertrauten hohen Würde hegte welche leider keine zeitgemäßen Rathſchläge bei ihm aufkommen ließen und die ſchließlich ſeinen Sturz her⸗ beiführten, war es natürlich, daß er einen großen Werth auf Aeußerlichkeiten legte, und was ſein Vater aus Prachtliebe eingeführt, glaubte er als eine dem — 14 — Königthum unentbehrliche Norhwendigtet ſtreng auf⸗ recht halten zu müſſen. Ein ſchöner Wintermorgen war einer ſtrengen nor⸗ diſchen Nacht gefolgt, und während die hellen Strahlen der Sonne die hohen Spiegelſcheiben des königlichen Schloſſes beſchienen, hatte ſich das Audienzzimmer und der an das Schlafgemach ſtoßende Saal des Königs bereits mit Aufwartenden gefüllt. Unter dieſen be⸗ merkte man den bei Guſtav Adolf Alles vermögenden Baron Toll, deſſen Aeußeres ſich durch eine lange, ha⸗ gere Figur, durch blondes Haar, durch eine Habichts⸗ naſe, durch eine breite Stirn und durch große blaue Falkenaugen auszeichnete; dann den Grafen Ugglas, Oberſtatthalter von Stockholm, den Kanzleipräſidenten, Kabinetsminiſter von Ehrenheim, den Marſchall Kling⸗ ſporr und andere Militärs und Mitglieder des hohen Adels. Am meiſten erregte aber in dieſem Augenblick der Graf Moritz von Armfelt, einſt als nordiſcher Apoll und als der Liebling aller Damen des Hofes bekannt, die Aufmerkſamkeit der Anweſenden, denn ihm zur Seite ſtand ein ſchöner junger Mann von hoher Geſtalt mit einem offenen, ausdrucksvollen Geſicht, welcher in ſeiner einfachen finiſchen Nationaltracht, beſtehend in einem weiten Ueberrock mit gelber Schärpe, gegen dieſe gold⸗ geſtickten, beſternten Uniformen zwar ſehr abſtach, deſ⸗ 15 ſen beſcheidenes und unbefangenes Weſen indeſſen einen höchſt vortheilhaften Eindruck hervorrief, weshalb ſich auch die Blicke der anweſenden Herren mit beſonderem Intereſſe auf ihn richteten. Wer iſt denn jener kräftige, blühende Jüngling, mit welchem ſich Graf Armfelt ſo eben dort in die Fenſterniſche zurückzieht?“ fragte der Marſchall Kling⸗ ſporr, indem er ſich an den Baron Toll wendete. „Eure Excellenz, ohne deren Wiſſen und Wollen ſich Niemand dem König nahen kann, werden mir dies ge⸗ wiß zu ſagen vermögen.“ „Sie übertreiben meinen Einfluß“, antwortete Toll, obwohl man ihm anſah, daß er ſich durch dieſe Be⸗ merkung geſchmeichelt fühlte;„der Wille Seiner Maje⸗ ſtät iſt ein durchaus unabhängiger. Was aber Ihre Frage anbelangt, ſo bin ich allerdings im Stande, die⸗ ſelbe zu beantworten, denn ich intereſſire mich eben⸗ falls für den jungen Mann, ſowie für den Herrn dort in einfacher Civilkleidung, zu dem er ſo eben herantritt. Der erſtere iſt der Neffe eines alten tapfern Haude⸗ gens, des Majors Jönſon auf Sarlaa, und der zweite iſt ein Graf Zubow, ein ruſſiſcher Flüchtling, welcher bei uns Schutz ſucht.“ „Ja, ja, die Ruſſen, ſie machen uns viel zu ſchaf⸗ fen“, ſagte der Marſchall, wurde aber in ſeinen wei⸗ tern Bemerkungen durch einen dienſtthuenden Kam⸗ merherrn unterbrochen. Dieſer öffnete plötzlich die Thür des königlichen Schlafgemachs und der Hofmar⸗ ſchall von Silfverſparre rief vortretend mit lauter Stimme: „Meine Herren, der König wechſelt das Hemde!“ Bei dieſen Worten, welche eben nur verſtändlich ſind, wenn man das damals am ſchwediſchen Hofe be⸗ ſtehende Ceremoniel ins Auge faßt, verbeugten ſich die Anweſenden und begaben ſich dann in das Schlafge⸗ mach des Monarchen, wo ſie ſich, einen Halbkreis bil⸗ dend, in der Nähe des Kaminfeuers aufſtellten. Guſtav IV. war damals dreißig Jahre alt, ziemlich groß, ſchlank und wohlgebaut und hatte ein langes, regelmäßiges Geſicht, eine gerade Naſe und eine flache Stirn. Aber der vortheilhafte Eindruck, welchen ſeine äußere Erſcheinung hervorrief, wurde durch die Steif⸗ heit in ſeinem Weſen und durch die Strenge und Härte, welche in ſeinem Geſicht hervortrat, bedeutend abge⸗ ſchwächt. In dieſem Augenblick ſaß er in Strümpfen, Pantoffeln und Beinkleidern neben ſeinem Bett, deſſen Baldachin und Vorhänge, ſowie die Tapeten und Mö⸗ belüberzüge des Zimmers aus rothſeidenem, mit golde⸗ nen Blumen durchwirktem Zeuge beſtanden. Als die Eintretenden ſich aufgeſtellt hatten, überreichte ein Kam⸗ 17 merjunker dem König die reine Wäſche, worauf dieſer aufſtand und in Gegenwart aller das Hemde wechſelte. Sobald er mit dem Kopf durch daſſelbe gekommen war, nickte er den ſich tief Verneigenden wohlwollend zu und ſagte, indem er einen muſternden Zlick auf dieſel⸗ ben warf:„Guten Morgen meine Herren!“ Als dieſe Begrüßung ſtattgefunden, forderte Guſtav Adolf ſein Waſchbecken, welches ſofort der„garçon bleu“, ein unadliger Page, dem anweſenden Kammerherrn nebſt einer Kanne in Emaille reichte. Dieſer hielt nun den Waſchnapf dem König hin, während ein Kammerjunker auf einem emaillirten Teller ein Stück wohlriechende Seife präſentirte. Nachdem die Ceremonie des Wa⸗ ſchens beendet war und Guſtav ſich an dem von dem Reichsmarſchall dargebotenen Handtuch die Hände ge⸗ trocknet hatte, fuhr er in die von einer Anzahl Pagen in Bereitſchaft gehaltenen Kleider und ſtand nun völlig angezogen vor den zu ſeiner Begrüßung erſchienenen Hofleuten. „Guten Morgen, meine Herren“, wiederholte der König nochmals, indem er nun dem Halbkreiſe, welchen die Aufwartenden bildeten, einen Schritt näher trat; nich freue mich, daß Sie ſich ſo wohl befinden, wie dies bei mir ſelbſt der Fall iſt.“ „Eurer Majeſtät Geſundheit iſt für uns das theuerſte v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 2 Gut“, ſagte Baron Toll mit einer tiefen Verbeugung, „und Gott gebe, daß dieſelbe zum Wohl aller loyalen Schweden noch recht lange erhalten bleibe.“ „Ich weiß, daß Sie es aufrichtig meinen“, antwor⸗ tete Guſtav IV.,„im Gegenſatz zu denen, die mir feind⸗ lich geſinnt ſind. Aber wir ſind willens, das Scepter, welches uns Gott in die Hand gegeben hat, mit Fe⸗ ſtigkeit zu führen, und mag die Welt auch aus ihren Angeln gehen, wir werden nie zugeben, daß man un⸗ ſere legitimen Rechte auch nur um ein Haar verkürzt.“ Die ohnehin ſtrengen Züge des Königs hatten bei dieſen Worten einen noch ſtrengern Ausdruck ange⸗ nommen, und das unglückliche Gemiſch von frömmeln⸗ dem Aberglauben und religiöſer Myſtik, verbunden mit einer Ritterlichkeit, die leider nur zu oft den Verhält⸗ niſſen durchaus nicht angemeſſen war, endlich ſein ſtarrer Eigenſinn, der häufig jeden guten Rath verwarf: dies Alles zuſammengenommen, was ſeinen ſpätern Sturz herbeiführte, drückte ſich jetzt in dem Ton ſeiner Stimme aus, als er ſeine Höflinge anredete. „Was gibt es Neues in meiner Hauptſtadt, Graf Ugglas?“ wandte er ſich an den Oberſtatthalter. „Ich kann nur Erfreuliches melden“, antwortete dieſer, ſich verbeugend.„Die Bewohner Stockholms be⸗ wahren für Eure Majeſtät und deren erhabene Familie 19 ein treues Herz und ich kann für ihre Loyalität ein⸗ ſtehen.“ 1 Damit ſprach der Graf übrigens nur die Wahrheit, denn ſo ſehr auch Guſtav Adolf durch ſeine Hand⸗ lungsweiſe Schweden bereits in Gefahr gebracht hatte, ſo war doch die Anhänglichkeit an das alte Königshaus der Waſa unter den Bürgern noch immer ſehr. groß und die ſpäter folgende Revolution ging ausſchließlich von der Armee aus, während der Oheim des Königs, der Herzog von Södermanland, heimlich der Hauptlenker derſelben war. Während ſich in dem Antlitz des Königs Genug⸗ thuung und Zufriedenheit über die ſo eben gehörten Worte ausſprachen, blieb ſein Auge jetzt auf dem Grafen Armfelt haften, der ſich mit ſeinem Schützling bisher im Hintergrund gehalten hatte, während Zubow dem General von Toll auf deſſen Wink näher getreten war. „Nun, mein lieber General“, rief er freundlich,„Sie weiſen ſich ja in Ihrer Beſcheidenheit faſt den letzten Platz an. Treten Sie näher! Wen haben Sie denn da mitgebracht? Was iſt das für ein junger Mann? Hat er irgend ein Anliegen an mich zu richten?“ „Majeſtät“, antwortete der General, indem er mit Olof vortrat,„dies iſt der Neffe des Majors Jönſon, über den Baron von Toll Ihnen ſchon Mittheilung 2* gemacht haben wird und welchen ich Ihrer Gnade noch⸗ mals auf das dringendſte zu empfehlen wage.“ „Major Jönſon? Ach, jetzt erinnere ich mich! Treten Sie näher, junger Mann, es iſt mir bereits viel Gutes über Sie geſagt worden.“ Unſer Bekannter trat vor und verbeugte ſich ehrer⸗ bietig, aber ungezwungen vor dem König. Dieſer ließ ſeinen Blick prüfend über ihn gleiten und ſchien ihn vom Kopf bis zum Fuß aufmerkſam zu muſtern. „Sie wollen in meine Dienſte treten?“ fragte er endlich mit befriedigter Miene. „Er bittet um die Ehre, in die Garde eingeſtellt zu werden“, bemerkte Armfelt. „Sind noch Stellen vacant?“ fragte Guſtav Adolf, ſich zu Toll wendend. „Bei den Leibgrenadieren iſt noch eine Unterlieute⸗ nantsſtelle offen“, antwortete dieſer. „Sie erbitten viel, junger Mann“, fuhr der König weiter fort.„Wiſſen Sie auch, was für Eigenſchaften man beſitzen muß, wenn man einer ſolchen Ehre theil⸗ haftig werden ſoll?“ „Majeſtät“, antwortete Olof unerſchrocken,„wenn ein treues, für meinen Monarchen warm ſchlagendes Herz genügt, ſo glaube ich für mich ſelbſt Garantie leiſten zu können.“ 21 „Ihre Antwort gefällt mir“, rief Guſtav Adolf mit einem Lächeln, welches für einen Augenblick ſeine harten Züge erhellte.„Treue iſt unter allen Umſtänden zu ſchätzen, aber heutzutage, wo Alles wankt und bricht, erhält dieſelbe einen doppelten Werth.“ „Ich bin in keinen andern Grundſätzen erzogen worden“, bemerkte Olof,„und es iſt mein Vorſatz, den⸗ ſelben zu jeder Zeit treu zu bleiben.“ „Nun, ich will Ihnen glauben, junger Mann, Ihr Geſicht ſpricht für Ihre Verſicherung, und, glauben Sie mir“, fügte der König, ſein Lieblingsſprichwort gebrau⸗ chend, hinzu,„ehrlich währt am längſten!“ „Der Ausfertigung des Patentes ſtände alſo wohl nichts im Wege?“ fragte Toll. „Die Stelle ſei ihm in Gnaden gewährt“, bemerkte Guſtav IV.„Aber ſeien Sie pünktlich im Dienſt, den Rath gebe ich Ihnen, denn ich liebe Ordnung und Vernach⸗ läſſigungen ſtrafe ich unerbittlich.“ Der junge Fine zog ſich unter einer tiefen Verbeu⸗ gung zurück und auch der General von Armfelt that als Zeichen ſeines Dankes ein Gleiches. „Hier iſt noch Jemand, welcher den Schutz Eurer Majeſtät in Anſpruch zu nehmen wagt“, ſagte der Ge⸗ neral von Toll, indem er etwas beiſeite trat und 22 dem Grafen Zubow Gelegenheit gab, mehr in den Vordergrund zu treten. „Wer ſind Sie, mein Herr, und was erbitten Sie?“ fragte der König, ſeinen Blick feſt auf den Ruſſen heftend. „Der Herr iſt ein Graf Zubow“, bemeitte Toll, ‚und iſt genöthigt geweſen, als Flüchtling ſein Vater⸗ land zu verlaſſen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil er von dem General Araktſchejew, dem Günſt⸗ ling des Kaiſers Alexander, verfolgt und gehaßt wird.“ Die Stirn des Monarchen verfinſterte ſich.„Mein Schwager Alexander“, ſagte er in herbem Tone,„ver⸗ folgt mich und hat ſich meinen Feinden zugeſellt. Statt mit mir für das Recht der Legitimität in die Schran⸗ ken zu treten, tauſcht er Freundſchaftsverſicherungen mit dieſem Bonaparte— er nannte Napoleon nie anders— aus, welcher darauf ausgeht, die alten Throne umzu⸗ ſtürzen. Er hat ihm ſeinen höchſten Orden verliehen und jetzt nimmt er ſogar keinen Anſtand, mich in Fin⸗ land zu bedrohen.“ „Deshalb iſt es doppelt nothwendig, Majeſtät“, be⸗ merkte Toll mit Schlauheit,„daß wir uns gegen die⸗ jenige Partei in Petersburg zuvorkommend zeigen, welche den corſiſchen Uſurpator ebenfalls haßt und mit Schweden in Frieden und Freundſchaft zu leben wünſcht. Graf Zubow iſt mir von dieſer Seite auf das drin⸗ gendſte empfohlen worden und aus politiſchen Gründen erlaube ich mir, Eurer Majeſtät gegenüber deſſen war⸗ mer Fürſprecher zu ſein.“ „Gut. Sie können unangefochten hier in Stockholm leben, Graf.“ „Dieſe Zuſicherung wird auch ſehr nöthig ſein“, ſagte Toll,„denn bereits hat der ruſſiſche Geſandte Verſuche gemacht, des Grafen Auslieferung zu er⸗ langen.“ „Das geſchieht auf keinen Fall“, antwortete der König ſehr lebhaft;„ſchon deshalb nicht, weil ich mir auch nicht den kleinſten Anſchein geben will, als wäre ich von Rußland in irgend einer Weiſe abhängig.“ „Der Graf darf alſo unter allen Umſtänden auf Höchſtdero Schutz bauen?“ „Unter allen Umſtänden!“ Toll verbeugte ſich und Zubow folgte ſeinem Bei⸗ ſpiel, indem er ſich wieder in den Hintergrund zu⸗ rückzog. Jetzt trat der Kabinetsminiſter von Ehrenheim vor und verneigte ſich tief vor Guſtav Adolf. „Gut“, ſagte dieſer, den Wink verſtehend,„ich bin 24 ſogleich bereit, Sie anzuhören.“ Und ſich zu den ihm Aufwartenden wendend, rief er: „Meine Herren, Sie ſind entlaſſen, andere Geſchäfte nehmen mich in Anſpruch!“ Sogleich leerte ſich das Zimmer und wenige Mi⸗ nuten nachher befand ſich der König mit ſeinem Mini⸗ ſter allein. „Nun, welche Nachrichten bringen Sie?“ fragte der erſtere, indem er ſich in einen Seſſel warf. „Keine guten“, antwortete Ehrenheim, indem er gleichzeitig ein Papier aus der Mappe, die er bei ſich trug, hervorlangte.„Dieſe Depeſche hat ſo eben ein Kurier aus Petersburg von unſerm dortigen Geſandten überbracht.“ „Nun, was enthält ſie denn?“ fragte Guſtav, in deſſen Zügen ſich Ungeduld und Unruhe gleichzeitig abſpiegelten. „Sie enthält die überraſchende Mittheilung“, ant⸗ wortete der Miniſter,„daß bereits in dieſem Augenblick ſechzigtauſend Ruſſen im Anzuge ſind, um auf drei Punkten in Finland einzubrechen.“ Der König ſchnellte von ſeinem Sitz in die Höhe. „Bin ich denn überall nur von Verrath umgeben?“ rief er, indem er mit großen Schritten das Zimmer durchmaß. „Eure Majeſtät vergeſſen, daß in dieſem Augenblick einer Ihrer treueſten Diener vor Ihnen ſteht“, warf Ehrenheim ein, indem er ſich tief verbeugte. „Ihre Treue kenne ich“, erwiderte Guſtav Adolf begütigend,„und wenn ich von Verrath ſprach, ſo reicht derſelbe diesmal höher hinauf. Hat mein Schwager Alexander mir nicht noch vor kurzem die freundſchaft⸗ lichſten Verſicherungen gegeben? Und nun— bei Gott, es iſt empörend, und ich vermag für eine ſolche Hand⸗ lungsweiſe keine Worte zu finden!“ „Das Schlimmſte iſt“, bemerkte der Miniſter,„daß wir gegenwärtig kaum ſechzehntauſend Mann in Fin⸗ land ſtehen haben.“ „Ich weiß es“, antwortete der König, deſſen Stirn ſich immer finſterer zuſammenzog. „Was ſoll nun geſchehen?“ fragte Ehrenheim.„Ich erwarte Eurer Majeſtät Befehle.“ Es war ein Unglück für Guſtav IV., daß er im entſcheidenden Augenblick ſtets die verkehrteſten Maß⸗ regeln ergriff und daß ſein Eigenſinn und ſeine Nei⸗ gung, in abſoluter Weiſe die Staatsgeſchäfte ſelbſt zu ordnen, ihn gegen jeden guten Rath taub machten. Auch jetzt trat dieſer Fall ein, denn ſtatt beſonnen zu han⸗ deln und mit ſeinem Miniſter zu berathſchlagen, rief er: „Da der Krieg nun einmal begonnen hat, ſo werde ich denſelben auch fortſetzen und zu dieſem Zweck habe ich beſchloſſen, dem Feldmarſchall von Klingſporr den Oberbefehl in Finland anzuvertrauen.“ Ehrenheim erbleichte.„Ich bitte Eure Majeſtät unterthänigſt, die Sache nochmals in reifliche Erwä⸗ gung zu ziehen, bevor Sie in dieſer Beziehung einen Entſchluß faſſen. Wir bedürfen eines energiſchen, that⸗ kräftigen Mannes, und meine Pflicht gebietet mir, offen zu bekennen, daß ich dieſe Eigenſchaften bei dem Feldmarſchall nicht zu finden vermag.“ „,hre perſönliche Abneigung gegen denſelben gibt Ihnen dies wohl nur ein“, antwortete halsſtarrig Gu⸗ ſtav Adolf, welcher inzwiſchen an ein Pult getreten war und zu ſchreiben begonnen hatte.„Hier nehmen Sie dies, ich betrachte nunmehr jede Brücke zwiſchen mir und meinem Schwager als abgebrochen und ver⸗ traue jetzt lediglich nur noch auf Gott und meine ge⸗ rechte Sache.“ Der Miniſter überflog mit raſchem Blick die ihm überreichten Zeilen und Beſtürzung malte ſich auf ſei⸗ nem Antlitz. „Wie“, rief er,„Eure Majeſtät erklären dem ruſ⸗ ſiſchen Geſandten, daß Sie mit dem heutigen Tage jeden diplomatiſchen Verkehr mit ihm als abgebro⸗ chen betrachten, und kündigen ihm und dem geſamm⸗ b2 27 ten Geſandtſchaftsperſonal gleichzeitig Arreſt auf ihren Zimmern an? Nein, einen ſolchen Auftrag vermag ich nicht auszuführen, dies verbietet mir die Pflicht gegen Höchſtdero Perſon und die Rückſichtnahme auf das Wohl des Staates.“ Der König ſtampfte zornig mit dem Fuße.„Gehen Sie“, rief er,„auch ohne Sie wird mein Wille voll⸗ führt werden! Ich werde meinem Flügeladjutanten dieſen Auftrag ertheilen; er iſt Soldat, und als ſolcher weiß er zu gehorchen. Gehen Sie!“ Der verblendete Monarch machte eine abweiſende Bewegung mit der Hand, und Ehrenheim, welcher wußte, daß gegen ſeinen Starrſinn nicht anzukämpfen war, entfernte ſich mit einem tiefen Seufzer. Als er den Vorſaal durchſchritt, begegnete ihm der General von Toll, welcher ihn mit höfiſcher Freund⸗ lichkeit grüßte, während ſich in ſeinem Geſicht eine heimliche Schadenfreude ausſprach. „In welcher Stimmung befinden ſich Seine Maje ſtät?“ fragte er, einen Augenblick ſtehen bleibend. „Eure Excellenz ſind ja im Begriff, ſich ſelbſt davon zu überzeugen“, antwortete der Miniſter kurz, denn er wußte, daß alle dieſe Höflinge ihre perſönlichen In⸗ tereſſen verfolgten und gewiſſenlos an dem Sturz des unglücklichen Monarchen arbeiteten. 28 „Man muß das Eiſen ſchmieden, ſolange es warm iſt“, murmelte Toll und trat, von dem ihm gewährten Vorrecht Gebrauch machend, unangemeldet in das Zim⸗ mer Guſtav's IV. „Gut, daß Sie kommen“, rief dieſer.„Sie ſind der einzige Mann, dem ich in dieſer Zeit des Ungehorſams und des Verraths vollſtändig vertrauen kann.“ „Mein Blut und mein Leben ſteht Eurer Majeſtät zu jeder Stunde zu Gebote“, antwortete der General, heuchleriſch die Hand aufs Herz legend. „Ich weiß es, Sie ſind mir ein treuer Freund. Haben Sie ſchon die neueſten Nachrichten vernom⸗ men?“ „So eben begegnete ich dem Miniſter von Ehren⸗ heim.“ „Und Sie billigen meinen Entſchluß?“ „Vollkommen, Majeſtät. Ein entſchiedenes Auf⸗ treten iſt nothwendig, jede Nachſicht wäre Schwäche.“ „Und Gott wird mir den Sieg verleihen oder mich als Märtyrer ſterben laſſen“, bemerkte der König, indem er wieder in ſeine falſch angebrachte Frömmelei verfiel. „Das iſt auch meine Ueberzeugung, und da der Himmel ſich ſeine beſondern Organe auserwählt, durch deren Mund er ſpricht, ſo wäre es gerade jetzt an der Zeit, einen frommen Mann zu Rathe zu ziehen, um ——— »„ uns durch ihn Aufklärung über die nächſte Zukunft geben zu laſſen.“ Der König ergriff dieſe Idee ſogleich mit Eifer, denn ſie ſagte ſeiner Einbildungskraft vollkommen zu. „Sie haben alſo ein ſolches von Gott erwähltes Werkzeug aufgefunden?“ fragte er lebhaft. „Erinnern ſich Eure Majeſtät doch nur des Man⸗ nes, welchen Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Södermanland, uns etwa vor vierzehn Tagen zuführte.“ „Ah, Winburg!“ rief Guſtav IV.„Er führt ein junges Mädchen mit ſich, eine Hellſeherin, die im Stande ſein ſoll, wunderbare Dinge zu enthüllen.“ „Allerdings; der Herzog hat mir faſt Unglaubliches hierüber erzählt.“ So blind der König auch in vielen Dingen war, ſo empfand er doch ein inſtinctives Mißtrauen gegen Alles, was von ſeinem Oheim herrührte. Er wußte ſehr gut, daß die öffentliche Meinung denſelben als den eigentlichen Mörder ſeines Vaters, Guſtav's III., bezeich⸗ nete, indem man ihm ſchuld gab, denſelben nach ſeiner Verwundung durch Ankarſtröm mit Hülfe des Leib⸗ arztes Salomon mittels eines Glaſes Limonade ver⸗ giftet zu haben; er hatte auch nicht vergeſſen, daß der Herzog während der Zeit, wo er die Vormundſchaft über ihn führte, ſeine legitime Geburt in engliſchen 30 Blättern verdächtigt und ſogar den Plan entworfen hatte, ihn zur Zeit, als er noch minderjährig war, auf einer Reiſe nach Upſala bei einem künſtlich hervorge⸗ rufenen Aufſtand erſchießen zu laſſen. Dies Alles mochte ſich jetzt wieder in dem Gedächt⸗ niß Guſtav's IV. auffriſchen, denn ſich zu Toll wen⸗ dend, ſagte er: „SIch habe nur ein Bedenken dabei und dies beſteht darin, daß mein Oheim dieſen Mann unter ſeine Pro⸗ tection genommen hat.“ Der General, welcher, wie geſagt, gleich dem Herzog von Södermanland, ſeine eigenen geheimen Intereſſen verfolgte, indem er ſich des Gauklers bediente, ant⸗ wortete auf dieſe Bemerkung: „Diesmal können Eure Majeſtät ſich jedes Verdachts entſchlagen. Bedenken Höchſtdieſelben, welche Empfeh⸗ lungen dieſer Winburg mitbringt. Hat er nicht in Ihre eigenen Hände ein Schreiben von dem frömmſten aller Männer, von Jung Stillng, dem von Gott Be⸗ gnadigten, niedergelegt?“ „Das iſt wahr“, entgegnete Guſtav.„Und nun, was meinen Sie, das wir thun ſollen?“ „Ich erwarte von der Hellſeherin Alles, und unter dem geheimnißvollen Einfluß des frommen Mannes, der ihr zur Seite ſteht, dürfte ſie vorausſichtlich im —— —y— 31 Stande ſein, den Schleier von manchen Dingen zu lüften, die jetzt noch im Schooße der Zukunft verborgen liegen.“ „Ich glaube es auch“, antwortete der abergläubiſche Monarch;„es gibt verborgene Kräfte, von welchen wir keine Ahnung haben.“ „Aber man muß,“ fuhr Toll weiter fort,„wenn man ſolche geheimnißvolle Kräfte erwerben will, auch ein gewiſſes Ceremoniel beobachten.“ „Zum Beiſpiel?“ „Nun, zunächſt eignet ſich die Stille der Nacht am beſten hierzu.“ „Und dann?“ „Da es ein Werk iſt, welches nur unter der beſon⸗ dern Einwirkung Gottes gelingen kann, ſo iſt zur Ausführung deſſelben eine Kirche am paſſendſten.“ „Aber wo finden wir eine ſolche, in der wir nicht bemerkt werden?“ „Dazu dürfte ſich die Kirche zu Kernbo, welche Gripsholm gegenüber, auf einem hohen Berge liegt, ganz beſonders eignen. Sie wird ſeit hundertundfünfzig Jahren nicht mehr benutzt, und wir ſind ſicher, dort durch Niemand geſtört zu werden.“ „Gut, ſo treffen Sie die erforderlichen Veranſtal⸗ tungen zu dieſer Zuſammenkunft. Vielleicht gefällt es 32 dem Allmächtigen, durch den Mund dieſes jungen Mäd⸗ chens zu mir zu ſprechen.“ „Ich zweifle nicht im geringſten daran, zumal da unſere Hellſeherin eine Tochter der berühmten Demoi⸗ ſelle Arſtvirdsſon iſt, welche ſchon Eurer Majeſtät er⸗ lauchtem Vater wahrſagte.“ Der König wollte hierauf eben noch etwas erwi⸗ dern, als ein Kammerherr eintrat und meldete, daß der Wagen bereit ſtehe, welcher Guſtav nach dem nur eine halbe Stunde von Stockholm entfernten Luſt⸗ ſchloß Haga, das er für gewöhnlich mit der Königin und ſeinen Kindern bewohnte, bringen ſollte. „Auf Wiederſehen“, ſagte er, ſich zu dem Baron von Toll wendend, indem er zugleich ſeinen Degen an⸗ legte und ſeinen Hut ergriff.„Beſorgen Sie Alles pünkt⸗ lich, und wenn Ihre Vorbereitungen vollendet ſind, ſo geben Sie mir Nachricht.“ Er nickte ſeinem Vertrauten wohlwollend zu und dieſer entfernte ſich unter einer tiefen Verbeugung. Als er die Treppe langſam hinunterſtieg, verklärte ſich ſein Geſicht, und ſich die Hände reibend, murmelte er vergnügt: „Jetzt habe ich ſie auf einige Zeit wieder in meiner Gewalt und das Gaukelſpiel mit dieſer angeblichen Hellſeherin ſoll meinen Einfluß noch mehr befeſtigen. 33 Mein Anſehen wird wachſen und trotz aller Gegenmi⸗ nen, die man ſpringen läßt, bleibe ich doch der allmäch⸗ tige Günſtling!“ Der König war inzwiſchen mit den ihm eigenen ſchweren, unbeholfenen Schritten ebenfalls zum Erdge⸗ ſchoß hinabgeſtiegen. Sowie er den Schloßhof betrat, rief die Schildwache ins Gewehr. Guſtav, ein Klei⸗ nigkeitskrämer und Pedant im ausgedehnteſten Sinne des Worts, unterließ es bei ſolchen Gelegenheiten nie, die Wache ſtreng zu muſtern, und wie ein Korporal forſchte er dann, ob er etwas entdecken konnte, was ihm Gelegenheit zum Tadel darbot. Auch jetzt ſchritt er die Reihen der Soldaten forſchend entlang, und ſchon glaubte der dienſtthuende Offizier diesmal ohne Verweis durchgekommen zu ſein, als ſich der König nach ihm ſelbſt umwendete und mit einem finſtern, drohenden Blick vor ihm ſtehen blieb. „Lieutenant von Cederſtröm“, ſagte er in barſchem Tone,„ich bemerke mit Mißfallen, daß Ihre Halsbinde nicht in Ordnung iſt und daß Ihre Knöpfe nicht vor⸗ ſchriftsmäßig geputzt ſind. Ein Soldat, welcher nicht an derartige Sachen denkt, iſt kein Soldat, und damit Sie ſich künftig beſſer an Ihre Pflichten erinnern, wer⸗ den Sie nach der Ablöſung vierundzwanzig Stunden im Arreſt zubringen.“ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 3 34 Guſtav Adolf faßte grüßend an ſeinen Hut und entfernte ſich, während der Lieutenant von Cederſtröm, unſer Bekannter von der Poſtſtation, mit geſenktem Degen ſteif daſtand. Als aber der Wagen des Monarchen vom Schloßhofe rollte und die Wachmannſchaft abge⸗ getreten war, ballte der Baron ſeine Fauſt, und indem ſeine Augen Funken ſprühten und der Zorn ſein Ge⸗ ſicht purpurroth färbte, murmelte er: „Für dieſen Schimpf ſollſt du mir verantwortlich ſein und ich werde deſſen gedenken, wenn die geeignete Stunde gekommen iſt! Armer, verblendeter Fürſt, du ſtehſt auf einem Vulkan und dein umnebelter Geiſt ahnt nicht, daß die Krone auf deinem Haupte bereits im Wanken begriffen iſt!“ Wie von uns ſchon bemerkt wurde, hatte die Natur Guſtav IV. keineswegs kärglich ausgeſtattet. Er beſaß Verſtand, Talent und manche ſchätzbare Anlagen des Kopfes und des Herzens. Allein er wollte Alles ſeinem Willen unterordnen, er fühlte ſich berufen, als Kämpfer für die Legitimität in die Schranken zu tre⸗ ten und bei den Welthändeln eine Rolle zu ſpielen, die den Kräften ſeines Reichs nicht entſprach. Er hatte einen entſchiedenen Hang für das Ritterliche zur Zeit der Kreuzzüge und endlich war er abergläubiſch und huldigte dem Myſticismus, wozu die Schriften von ——8ſ Jung Stilling das Ihrige beigetragen hatten. So be⸗ reitete ſich der unglückliche Monarch ſein ſpäteres trau⸗ riges Schickſal mit eigener Hand und zog in ſeinen Sturz die übrigen Glieder ſeiner Familie mit hinein, indem dieſe für die Fehler und für die unbedachten Handlungen, welche er beging, büßen mußten. Während übrigens die Ereigniſſe, welche wir hier ge⸗ ſchildert haben, im Schloſſe zu Stockholm vor ſich gingen, fand auch im Luſtſchloß Haga eine kleine Scene ſtatt, deren Einzelnheiten wir dem Leſer um ſo weniger glau⸗ ben vorenthalten zu dürfen, als wir dabei einer lieben Bekannten begegnen. Die Königin Friederike, eine Tochter des regierenden Markgrafen von Baden, war ſowohl durch ihre Schönheit wie durch ihre Sanftmuth und engelsgleiche Güte eine Perle unter den Frauen und ein Muſter der Tugend und Seelenreinheit auf dem Throne. Sie zählte damals ſiebenundzwanzig Jahre und ſtand ſomit in der Blüte ihres Lebens. Während ſie ihr volles kaſtanienbraunes Haar in einer Flechte um den Kopf gelegt trug, fielen einige natürlich ge⸗ ringelte Locken an ihren Schläfen herab. Ein paar wundervoll ſchöne blaue Augen, voll Milde und Güte, Hoheit und Schüchternheit, ein zartgeformter Mund, feine Lippen, ſtarkgewölbte Augenbrauen, lange dunkle Wimpern, eine weiße jungfräuliche Stirn und eine 3* 36 ſanfte, wohllautende Stimme, dies waren die Gaben, mit denen die Natur dieſe Fürſtin beſchenkt hatte und welche ihr alle Herzen gewannen. Es mochte etwa zehn Uhr ſein und die Königin be⸗ fand ſich in einfacher Morgentoilette, beſtehend in einem weißen Kleide mit lilaſeidener Schärpe, in ihrem Ar⸗ beitszimmer, mit einer Handarbeit beſchäftigt. Dieſes Zimmer war ein kleiner Salon mit rothſeidener Tapete und Möbelüberzügen von gleicher Farbe. An den Wän⸗ den hingen die Portraits ihrer Mutter und Geſchwiſter, während die Chiffonière mehrere hübſche Nippſachen, zum Theil theure Andenken, ſchmückten. An der einen Seite des Gemachs ſtand ein koſtbarer Flügel, denn Friederike beſaß ein ausgezeichnetes Talent für Muſik, ſpielte vom Blatt und hatte Generalbaß ſtudirt. Endlich befand ſich auch noch auf einem Poſtament eine kleine Büſte von Dannecker, ihren Vater vorſtel⸗ lend, welcher nach einem Beſuche bei ihr auf der Heim⸗ reiſe durch einen Sturz mit dem Schlitten das Leben verloren hatte, und den Schluß bildete ein Papagei, der ſie durch ſein Geplauder ergötzte, denn er ſprach eine Menge franzöſiſcher Worte ſehr deutlich. Die Königin war, wie geſagt, eben mit einer Stickerei beſchäftigt, als ihre vertraute Kammerfrau del Saſſo, die ſchon ſeit ihrem ſechsten Jahre bei ihr war, eintrat und meldete, daß die Gräfin Piper hü noch einer andern jungen Dame um die Erlaubniß nachſuche, ihre Aufwartung machen zu dürfen. 1 „Führe die Damen ſogleich herein“, lautete die Antwort der hohen Frau;„ich weiß ſchon, was dieſer Beſuch zu bedeuten hat, und habe denſelben bereits erwartet.“ Die Kammerfrau verſchwand und eine Minute dar⸗ auf ſtand die Gräfin Piper, in deren Begleitung ſich unſere Bekannte Anna Jönſon vom Herrenhofe zu Sarlaa befand, vor der Fürſtin, vor welcher ſich beide Damen jetzt tief verneigten. „Seien Sie mir willkommen“, rief die Königin mit ihrer ſanften, gewinnenden Stimme, indem ſie einen Schritt vortrat und der Gräfin die Hand reichte. „Wie freue ich mich, Sie wieder einmal in meinem lie⸗ ben Haga zu ſehen, und welche Ueberraſchung bereiten Sie mir durch den Anblick dieſes lieblichen Kindes, welches ſich in Ihrer Geſellſchaft befindet!“ Die Augen Friederikens hefteten ſich bei dieſen Wor⸗ ten auf Anna und muſternd überflog ihr Blick das junge Mädchen. Aber in dieſem Blick lag ſo viel Herzensgüte und ſo viel Vertrauen Einflößendes, daß die Beklommenheit, welche ſich unſerer Bekannten an⸗ fangs bemächtigt hatte, faſt ganz ſchwand und ſie im Stande war, die Worte der hohen Frau durch ein ſchüchternes, Zutrauen erweckendes Lächeln zu beant⸗ worten. „Eure Majeſtät wollen huldvollſt verzeihen“, nahm die Gräfin Piper das Wort,„wenn ich dieſe junge Dame Ihrer Gnade zu empfehlen wage. Sie iſt die Nichte eines wackern alten Mannes.“ „Des Majors Jönſon“, fiel die Königin ein.„Sie ſehen wohl, ich habe mich mit der Kleinen bereits be⸗ ſchäftigt.“ „Eine um ſo günſtigere Vorbedeutung für dieſelbe“, antwortete die Gräfin unter einer zweiten Verbeugung, „denn wenn die Gedanken Eurer Majeſtät ſich irgend⸗ wohin wenden, ſo geſchieht dies jedesmal nur, um Glück und Segen zu verbreiten.“ „Wollte Gott, meine Macht reichte ſo weit wie mein guter Wille“, antwortete die Königin, während ſich ihre ſchönen Augen in den Ausdruck eines unend⸗ lichen Wohlwollens hüllten.„Aber treten Sie doch näher, liebes Kind“, fuhr ſie zu Anna gewendet fort, „und tragen Sie mir Ihr Anliegen ſelbſt vor.“ Unter hohem Erröthen näherte ſich dieſe, und indem ſie ſich in holder Verwirrung tief verneigte und auf die dargereichte Hand der Königin einen ehrerbietigen Kuß drückte, ſagte ſie mit ſchüchterner Stimme: , 39 „Majeſtät, ich bitte um die hohe Gnade, unter die Zahl Ihrer Hoffräulein aufgenommen zu werden.“ Die Königin lächelte huldvoll.„Dieſe Gnade ſei Ihnen gewährt“, ſagte ſie,„und damit Sie ſehen, daß ich Gefallen an Ihnen finde, ſollen Sie den Vorzug haben, in meiner unmittelbaren Nähe zu bleiben.“ „Das iſt mehr, als wir hoffen durften“, rief die Gräfin Piper,„und ich denke, das Fräulein Jönſon wird nie vergeſſen, welche Pflichten es hiermit über⸗ nimmt.“ „Die Pflichten der Dankbarkeit und der nie erſter⸗ benden Liebe gegen meine erhabene Gebieterin“, rief Anna mit ſo viel Natürlichkeit und mit einer ſolchen Wärme des Gefühls, daß die Königin ſichtbar dadurch überraſcht wurde. „Ich nehme Ihr Gelöbniß an, mein Kind, denn ich zweifle nicht, daß daſſelbe aus einem aufrichtigen Her⸗ zen kommt“, ſagte ſie mit gerührter Stimme, indem ſie dabei unſerer Bekannten ſanft über das blonde Haar ſtrich.„Bereiten Sie ſich zum ungeſäumten Eintritt in den Dienſt vor; ich werde meiner Oberhofmeiſterin unverweilt die nöthigen Befehle ertheilen.“ Die beiden Damen empfahlen ſich unter einer tiefen Verbeugung und zugleich trat auch die del Saſſo ein und meldete: „So eben iſt Seine Majeſtät der König angelangt.“ Die hochherzige Fürſtin, welche wir hier kurz ſkiz⸗ zirt haben, beſaß eine viel zu edle Natur und war von ihren Pflichten als Frau viel zu ſehr durchdrun⸗ gen, als daß ſich Guſtav IV. von ihrer Seite über Kälte oder Mangel an Aufrichtigkeit hätte beklagen können. Aber wie alle, die mit ihm in nähere Berüh⸗ rung kamen, litt auch Friederike von Baden unter der Sonderbarkeit ſeines Weſens, das ſich heute als rauh und abſtoßend, morgen als rechthaberiſch und excen⸗ triſch documentirte. Gewiß liebte auch ger im Grunde des Herzens ſeine mit ſo reichen Tugenden begabte Gemahlin, aber ſeine ganze Natur war nicht dazu ge⸗ ſchaffen, dieſer Liebe den richtigen Ausdruck zu geben, und ſtatt anzuziehen, mußte er nothwendig ein ſo wei⸗ ches, zartes Gemüth vielfach verletzen. Man konnte es der Königin deshalb gewiß auch nicht verargen, daß ſich bei der Nachricht von der An⸗ kunft ihres Gemahls eine leichte Wolke auf ihrer ſonſt ſo reinen Stirn lagerte, aber ſogleich wieder zum Be⸗ wußtſein ihrer Pflicht zurückkehrend, zwang ſie ihren lieblichen Mund zu einem anmuthigen Lächeln, als ſie die Schritte des ſich nahenden Monarchen vernahm. Guſtav Adolf trat ziemlich aufgeregt ins Zimmer, und nachdem er der Königin die Hand geküßt und w— 41 dieſelbe zu ihrem Sitz zurückgeführt hatte, warf er ſich ſelbſt zerſtreut in einen Seſſel. „Iſt Eurer Majeſtät etwas Unangenehmes paſſirt?“ fragte Friederike mit zaghafter, ſchüchterner Stimme. „Habe ich nicht Urſache, mich zu beklagen“, antwor⸗ tete dieſer heftig,„wenn meine eigenen nächſten Ver⸗ wandten an mir zu Verräthern werden? Noch vor kurzem gab der Kaiſer Alexander meinem Geſandten die beruhigendſten Verſicherungen, und jetzt erhalte ich die Nachricht, daß die Ruſſen im Begriff ſtehen, mit ſech⸗ zigtauſend Mann an drei Punkten in Finland einzu⸗ rücken. Ich will Ihnen wegen dieſes treuloſen Ver⸗ fahrens keine Vorwürfe machen“, fuhr der König fort, als er ſah, daß ſich ein Schleier über die Augen der Königin legte und ſie den Kopf ſenkte,„aber ſagen Sie ſelbſt, iſt es nicht ein bitteres Gefühl, ſich auf ſolche Weiſe gelohnt zu ſehen, wenn man, wie ich, für die Rechte der Legitimität unerſchrocken in die Schranken tritt, während die übrigen Fürſten ſich vor dieſem Uſurpator, vor dieſem eidbrüchigen Bonaparte beugen?“ „Und doch“ bemerkte Friederike ſchüchtern,„läge es vielleicht in Ihrem und in Schwedens Intereſſe, wenn Sie ſich entſchließen könnten, dieſen Widorwillen zu überwinden.“ „Nimmermehr!“ rief Guſtav Adolf heftig.„Keine 42 Macht der Erde könnte mich dazu bewegen; ich würde damit mein zeitliches und ewiges Verderben begründen!) Sie können doch Jung Stilling's Erklärung der Apo⸗ kalypſe?“ „Allerdings kenne ich dieſe“, antwortete die Königin reſignirt, dann aber richtete ſie ihre ſchönen ſanften Augen plötzlich empor, und indem ſie dem König einen Blick der Liebe und der Theilnahme zuſchickte, ſagte ſie mit einer Stimme, die vor Rührung zitterte:„Nun, mein Gemahl, was ich dazu beitragen kann, Ihre Sor⸗ gen zu mildern, das ſoll gewiß geſchehen. Suchen Sie den Kummer, welcher Sie niederdrückt, im Kreiſe Ihrer Sie liebenden Familie zu vergeſſen.“ „Friederike“, antwortete Guſtav bewegt, indem er auf die Hand ſeiner Gattin einen zärtlichen Kuß drückte, „Sie ſind ſtets ein Engel von Langmuth und Güte geweſen. Nie habe ich Ihren hohen Werth verkannt und Sie und meine Kinder bieten mir allerdings eine reiche Entſchädigung für die Laſten, welche mich nieder⸗ drücken.“ „Nun, ſo werfen Sie dieſelben wenigſtens hier im Kreiſe der Ihrigen von ſich“, rief, durch dieſe Worte ermu⸗ thigt, lebhaft die Königin.„Hier dürfen Sie es, denn *) Hiſtoriſch. e„ 43 hier richten ſich nur liebende Augen auf Sie. Sehen Sie nur, wie kräftig der Kronprinz heranwächſt, und auch unſere jüngſte Tochter, die Prinzeſſin Cäcilie, ge⸗ deiht zuſehends.“ „Sie geht jetzt ins dritte Jahr“, bemerkte der Kö⸗ nig, welcher ſich nun wieder ganz auf den Standpunkt des Familienvaters ſtellte.„Erinnern Sie ſich wohl noch der Taufe derſelben, welcher Seine Majeſtät Lud⸗ wig XVIII. von Frankreich beiwohnte?“ „O ja“, entgegnete die Königin lachend,„ich werde Zeit meines Lebens daran denken, denn Seine Majeſtät der König von Frankreich hat mir dabei durch die ungeſchickte Art und Weiſe, wie er ſeine Hände und Füße gebrauchte, ein koſtbares oſtindiſches geſticktes Mullkleid verdorben, indem er ſeine Taſſe Chocolade über daſſelbe ausſchüttete.“ Jetzt brach auch Guſtav in ein heiteres Gelächter aus.„Es iſt wahr“, ſagte er,„unſer Herr Vetter von Frankreich benahm ſich dabei ziemlich ungraziös, allein er iſt ein gekrönter Märtyrer und man muß ihm etwas zu gute halten. Ich will Eure Majeſtät lieber an eine andere Scene erinnern, die für mich wenigſtens noch bis heute ihren Reiz nicht verloren hat.“ „Nun?“ antwortete lächelnd Friederike.„Ich bin doch begierig, was Sie meinen.“ 44 „Denken Sie an das Jahr 1797“, ſagte Guſtav Adolf. „Wie ſollte ich daſſelbe vergeſſen! Damals war es, wo wir uns zum erſten Mal ſahen.“ „Und zwar in Erfurt, wohin Sie mit Ihren Ael⸗ tern behufs unſeres Zuſammentreffens gereiſt waren. Zu jener Zeit hatten Sie eben ihr ſechzehntes Jahr erreicht, und wiſſen Sie, was geſchah?“ „Haben Sie das Alles wirklich ſo gut behalten?“ fragte die Königin, der man es anſah, daß ſie ſich durch die Worte ihres Gemahls geſchmeichelt fühlte. „Die Scene iſt mir noch ebenſo friſch in Erinne⸗ rung, als hätte ſie ſich geſtern ereignet. Ihr An⸗ blick bezauberte mich und ich gab mir alle Mühe, Ihnen zu gefallen. Aber Sie waren ſo ſchüchtern, daß Sie den Blick nicht aufzuſchlagen wagten, bis ich mir ein Herz faßte und ſagte:„Prinzeſſin, haben Sie die Gnade, mich nur ein einziges Mal anzuſehen, denn ſeit den drei Tagen, während welcher ich mit Ihnen zuſammen bin, habe ich ſelbſt noch nicht Gelegenheit gehabt, die Farbe Ihrer Augen zu betrachten.““ Der König war aufgeſtanden und lachte herzlich. „Seitdem habe ich freilich unzählige Male in Ihre Au⸗ gen geblickt“, fügte er hinzu,„und immer habe ich die⸗ ſelben gleich ſchön gefunden. Und nun, Friederike, ſagen 45 Sie nicht, daß Sie keinen galanten Ehemann haben“, ſchloß er und drückte einen neuen Kuß auf die Hand ſeiner Gattin.„Ich entferne mich jetzt, um in den An⸗ lagen des Parkes etwas zu promeniren, und wollen Sie mir eine Freude bereiten, ſo finden Sie ſich mit den Kindern ebenfalls dort ein.“ „Ich werde ſogleich nachfolgen“, antwortete die Kö⸗ nigin, und während Guſtav das Zimmer verließ, beglei⸗ tete ihn der zufriedene und liebevolle Blick einer in dieſem Augenblick wirklich glücklichen Frau. Drittes Kapitel. Der Monat Januar des Jahres 1809 neigte ſich zu Ende und die Stimmung des Königs zeigte ſich düſterer wie zuvor. Er hatte aber auch alle Urſache dazu, denn zu dem Kriege in Finland hatte ſich nun auch noch eine Kriegserklärung der Dänen geſellt, und auch gegen dieſe machten die ſchwediſchen Waffen unter der Führung des Generals von Armfelt keine Fort⸗ ſchritte. Sweaborg, der ſichere Hafen für die Scheeren⸗ flotte, war durch Verrath in die Hände der Ruſſen gefal⸗ len, der Feldzug auf den Alandsinſeln, unter der perſön⸗ lichen Leitung des Königs, hatte ebenfalls ein klägliches Ende genommen. Bereits war der arme Guſtav von allen Seiten von heimlichen Feinden umgeben, die ſeinen Sturz beſchloſſen hatten und auf ſein Verderben hinar⸗ beiteten. An der Spitze derſelben ſtand des Königs eigener r 47 Oheim, der Herzog von Södermanland, welcher ſich zwar erſt vor kurzem ſcheinbar mit Guſtav Adolf ausgeſöhnt hatte, der aber doch unter dem Deckmantel der Aufrichtigkeit beharrlich ſeine ehrgeizigen, hochver⸗ rätheriſchen Pläne verfolgte und zu dieſem Zweck ſchon ſeit langer Zeit mit den Häuptern der Oppoſition unterhandelte, an deren Spitze der Oberſt Adlerſparre ſtand, welcher auch eine Hauptrolle in dem ſpäter fol⸗ genden Drama ſpielte. Wir erſuchen den Leſer jetzt, uns in die Wohnung des Herzogs Karl von Södermanland zu folgen. Die Nacht iſt längſt angebrochen, aber die Fenſter des Pa⸗ laſtes ſind faſt alle dunkel und nur in einem Eckzimmer zeigt ſich ein matter Lichtſchimmer, der durch die eng zuſammengezogenen Fenſtervorhänge außerdem noch ge⸗ dämpft wurde. Dieſes Gemach war das Arbeitszimmer des Herzogs, in welchem er jetzt mit lebhaften Schrit⸗ ten auf und ab ging, mitunter nur ſtehen bleibend und auf ſeinen vertrauten Kammerdiener lauſchend oder dieſem eine Bemerkung zurückgebend, wenn bei deſſen Berichterſtattung etwas vorkam, was ausnahmsweiſe ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Der Herzog ſtand damals in dem Alter von ſechzig Jahren, aber dennoch wühlten in ſeiner Bruſt fortwährend die Lei⸗ denſchaften eines unerſättlichen Ehrgeizes, die ihn ſchließ⸗ lich zum Verräther an ſeinem König werden ließen, denn er war, wie geſagt, die Seele der ſich gegen Guſtav vorbereitenden Revolution und das Motiv ſei⸗ ner Handlungen beſtand dabei in nichts Anderem, als ſich ſelbſt des umgeſtürzten Throns zu bemächtigen. Karl von Södermanland war kleiner als Guſtav, aber rüſtiger wie dieſer und von breiter Geſtalt. Er hatte feſte, ſtarke Geſichtszüge, ungewöhnlich große Au⸗ gen, die aber matt waren, während ſeine Haltung plump und gewöhnlich erſchien. Auch er neigte ſich zur Myſtik, und ſowie er Großmeiſter aller ſchwediſchen Freimaurerlogen war, ſo liebte er es auch, ſich mit Roſenkreuzerei, Alchemie, Goldmachen und andern der⸗ artigen Dingen zu beſchäftigen. Jetzt eben, wo wir den Leſer bei dem Herzog einführen, hatte derſelbe wieder einen Rundgang durch das Zimmer gemacht und ſich ſchließlich mit dem Rücken gegen den Kamin geſtellt, indem er das Geſicht ſeinem Kammerdiener zuwendete, welcher über verſchiedene Gegenſtände Bericht abzuſtatten ſchien. „Weiter!“ ſagte der Prinz, als der letztere eben wieder eine kleine Pauſe machte. „Weiter? Eurer Königlichen Hoheit wird es wahrlich nicht angenehm ſein, wenn ich fortfahre, und doch kann ich allerdings auch wieder nicht ſchweigen. Da iſt zu⸗ — —— v — 49 nächſt der Lotterieeinnehmer; er will nicht länger Credit geben und die neuen Looſe nicht eher verabfol⸗ gen, als bis die vorhergehenden Klaſſen bezahlt ſind.“ „Hol' der Kukuk den Kerl, ich muß die Looſe ha⸗ ben! In acht Tagen iſt die Hauptziehung; ich habe von den Nummern dreimal hinter einander geträumt und bin feſt überzeugt, daß ich diesmal das große Loos ge⸗ winne.“ „Dann müſſen Eure Königliche Hoheit allerdings den Lotteriecollecteur zu befriedigen ſuchen“, antwortete der Kammerdiener mit einem ironiſchen Lächeln. „Iſt denn gar nichts mehr in der Kaſſe?“ „Nur noch ſehr wenig und dies Wenige—“ „Nun?“ „Hoheit hatten mir ja befohlen, mich zu Mademoi⸗ ſelle Slottsberg zu begeben.“ Mademoiſelle Slottsberg war die Geliebte des Her⸗ zogs. „Allerdings. Du ſollteſt Dich in meinem Namen nach ihrem Befinden erkundigen.“ „Sie dankt beſtens für dieſe Aufmerkſamkeit und bittet Eure Hoheit, es nicht ungütig zu nehmen—“ „Was denn?“ Der Kammerdiener überreichte ein zuſammengeleg⸗ tes Papier. v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 4 ** „Mademoiſelle hat mir befohlen, dies abzugeben. „Es iſt nur eine Kleinigkeit, ſagte ſie,„und ich beläſtige den Herzog nur ſelten. Er wird ſich nicht weigern, mir in dieſer Art gefällig zu ſein.““ Nur mit Widerſtreben nahm Karl von Söderman⸗ land das Blatt in die Hand. Mit gerunzelter Stirn entfaltete er daſſelbe, kaum aber hatte er ſich flüchtig mit deſſen Inhalt bekannt gemacht, als er das Papier mit allen Zeichen des Verdruſſes auf einen dicht neben ihm ſtehenden Tiſch ſchleuderte. „Wie“, rief er,„blos für Putzſachen hundert Reichs⸗ thaler! Und dies nennt Mademoiſelle Slottsberg eine Kleinigkeit! Wenn das ſo fortgeht, weiß ich zuletzt nicht mehr, wo ich das Geld hernehmen ſoll!“ Der Kammerdiener zuckte diplomatiſch mit den Ach⸗ ſeln. „Haſt Du den Ephraim geſprochen?“ fragte der Herzog weiter. „Allerdings. Aber er will ſelbſt gegen fünfzig Pro⸗ cent kein Geld mehr hergeben.“ „Hol' der Teufel den alten Wucherer lu brummte Karl von Södermanland.„Es iſt Zeit, daß es an⸗ ders wird!“ Mit dieſen paar Worten enthüllte der Herzog die ehrgeizigen Pläne, mit denen ſeine Seele ſich herum⸗ — — 51 trug. Er mochte vielleicht auch fühlen, daß er eine Unvorſichtigkeit begangen hatte, denn unmittelbar dar⸗ auf ſah er ſeinen Kammerdiener mißtrauiſch und ſcharf prüfend an. Aber ſchon im nächſten Augenblick wurde ſeine Aufmerkſamkeit wieder von dieſem abgelenkt, denn ein leiſes dreimaliges Pochen ließ ſich an der Thür vernehmen. „Was iſt das?“ fragte der Herzog aufhorchend. „Eure Hoheit wiſſen ja, daß dies das geheime Zei⸗ chen iſt, wenn ein außergewöhnlicher Beſuch angemel⸗ det wird.“ „Richtig! So ſieh zu, wer da iſt.“ Der Vertraute kehrte nach wenigen Minuten zurück und meldete: „Der Oberſt Adlerſparre ſteht draußen und erwar⸗ tet Eurer Königlichen Hoheit Befehle.“ „Führe ihn ſogleich herein“, lautete die Antwort, und man konnte bemerken, daß ſich in dem Geſicht des Herzogs Spannung und Unruhe ausdrückten. Göran Adlerſparre war die Seele der ſich hinter dem Rücken des Königs vorbereitenden Militärrevolu⸗ tion. Er gehörte zu dem revolutionären Offizierclub, der ſich zu Stockholm heimlich gebildet hatte, und ſtand an der Spitze des Anjalabundes, der ſich unter dem geheimen Schutz des Herzogs von Södermanland die 4* Aufgabe ſtellte, die Macht des Königs zu beſchränken und den Ständen ihre frühern Rechte wiederzugeben. Adlerſparre war vor fünfzehn Jahren unter Guſtav III. als einer der ärgſten Oppoſitionsmänner auf dem Reichs⸗ tage zu Norrköping als Rittmeiſter verabſchiedet wor⸗ den und lebte ſeitdem auf einem kleinen Gute zu Ahludden, theils aus Laune, theils aus Berechnung, um ſeine wirklichen Abſichten nicht errathen zu laſſen, während er gleichzeitig fortwährend mit Karl von Sö⸗ dermanland und den Häuptern der Mißvergnügten in Verbindung blieb. Der erſtere hatte, trotz aller Abnei⸗ gung des Königs, ſeine Wiederanſtellung in der Armee als Oberſt bewirkt und zugleich Sorge getragen, daß er zur Weſtarmee, welche in Finland gegen die Ruſſen kämpfte, verſetzt worden war, woſelbſt man den Höchſt⸗ commandirenden, General Klingſporr, und den Chef des Generalſtabes, Adlerkreutz, bereits ebenfalls für die Revolution gewonnen hatte. Adlerſparre beſaß eine gewaltige Länge, eine hohe, eckige Stirn, ſtolzblickende Augen, und als er jetzt vor den Herzog trat und ſich vor dieſem verbeugte, konnte man bemerken, wie ſeine äußere imponirende Erſchei⸗ nung nicht verfehlte, auf dieſen Eindruck zu machen, obgleich derſelbe mehr ein gezwungener als natürli⸗ cher war. —, 2 — 53 „Seien Sie mir willkommen“, ſagte Karl, indem er dem Oberſten ſeine Rechte entgegenſtreckte, wobei er es jedoch vermied, denſelben anzuſehen.„Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet und bin begierig, aus Ihrem Munde das Reſultat der geſtrigen Verſammlung zu vernehmen.“ „Alles geht gut, Königliche Hoheit“, antwortete Adlerſparre.„Die Mitglieder unſeres Bundes haben ſich zahlreich eingefunden und wir können mit dem Re⸗ ſultat der gefaßten Beſchlüſſe zufrieden ſein.“ „Wer war denn anweſend?“ fragte der Herzog. „Außer mir“, antwortete Adlerſparre,„wohnten der Verſammlung der General Armfelt, der Oberſt Skjöldebrand, der Major Bjönſtierna, die Gardeoffiziere Baron von Ankarſwärd, von Cederſtröm, von Holm, ſowie viele andere Mitglieder des Anjalabundes bei.“ „Baron von Holm?“ wiederholte der Herzog nach⸗ denkend.„Ich traue dieſem Menſchen nicht, er ſcheint mir eine doppelte Rolle zu ſpielen.“ „Wir haben auch bereits im Stillen ein Auge auf ihn geworfen“, bemerkte der Oberſt,„und wenn es ſich herausſtellen ſollte, daß er ſich in unſere Mitte einge⸗ ſchlichen hat, um zu ſpioniren und ſchließlich zum Ver⸗ räther an uns zu werden, ſo wird er ganz gewiß dem verdienten Schickſal nicht entgehen.“ 54 „Gut, ich vertraue Ihrer Vorſicht. Sie ſind alſo zufrieden mit dem Geiſt, welcher ſich in der Verſamm⸗ lung kundgab?“ „Alle Anweſenden waren darüber einig, daß zu⸗ nächſt der tief erſchütterte Rechtszuſtand in Schweden wiederhergeſtellt und die Vereinigungs⸗ und Sicher⸗ heitsacte, welche Guſtav III. 1789 erzwang und wo⸗ durch die letzten Vorrechte der Stände vernichtet wur⸗ den, wieder aufgehoben werden müſſe.“ „Ich hoffe“, bemerkte der Herzog, indem er dabei einen lauernden Blick auf Adlerſparre warf,„Sie und Ihre Freunde werden nicht vergeſſen, daß ich zu jeder Zeit bereit geweſen bin, dem Vaterlande die größten perſönlichen Opfer zu bringen.“ „Dies iſt nie verkannt worden“, antwortete Adler⸗ ſparre mit einem Blick, welcher mehr einen ſpöttiſchen wie überzeugenden Ausdruck hatte. „Nun alſo?“ fuhr Karl fort, welcher that, als be⸗ merke er dieſen Blick nicht. „Königlicher Hoheit möge es belieben, ſich deutlich auszuſprechen“, erwiderte der Oberſt,„ich werde dann nicht verfehlen, ebenſo deutlich zu antworten.“ Der Herzog zögerte einen Augenblick.„Dreifaltig⸗ ſter großer Baumeiſter der Welt“— eine Lieblingsre⸗ densart von ihm— rief er dann,„Sie treiben mich „ —— 55 in Wahrheit in die Enge! Nun, es könnte doch der Fall eintreten, daß eine Thronveränderung nothwendig würde, wer ſollte dann die Krone tragen?“ „Natürlich Niemand anders wie Eure Hoheit“, be⸗ merkte Adlerſparre.„Die Abdankung Guſtav's IV. hat auch zugleich die ſeines Sohnes zur Folge, denn wir haben nicht Luſt, uns ſpäter der Rache deſſelben aus⸗ zuſetzen.“ „Es würde mir leid thun, wenn es ſo kommen müßte“, bemerkte Karl heuchleriſch,„aber wenn es die Wohlfahrt Schwedens erfordert, ſo würden derſelben natürlich Familienrückſichten und Blutsverwandtſchaft nachſtehen müſſen.“ „Es wurde übrigens auch in der Verſammlung die Frage discutirt“, fuhr der Oberſt fort,„ob man den König nicht ſchon an einem der nächſten Tage, wenn er ſich vom Schloſſe nach Haga begibt, aufheben ſollte. Die Majorität verwarf dieſen Plan indeſſen, weil man fürchtete, Guſtav würde das Volk um Hülfe anrufen.“ „Es gibt allerdings Pinſel genug, welche im Stande wären, ihm beizuſpringen“, bemerkte der Herzog, indem er auf dieſe Weiſe unverhohlen ſeine wirkliche Geſin⸗ nung an den Tag legte. „Der Lieutenant von Cederſtröm meinte freilich, er übernehme es, dem König das Schreien zu ver⸗ treiben, wenn derſelbe ſich zu rühren wage, allein bei dem excentriſchen Charakter des Barons—“ „Er iſt ein wilder, gefährlicher Menſch“, fügte Karl hinzu,„und jedenfalls halte ich es für beſſer, Gewalt⸗ thaten zu vermeiden.“ „Solange dies nämlich geht“, bemerkte der Oberſt, indem ſich ſeine Stirn finſter zuſammenzog.„Eure Hoheit mögen nicht vergeſſen, daß unſer aller Köpfe auf dem Spiel ſtehen, der Ihrige vielleicht mit einge⸗ rechnet.“ Der Herzog von Södermanland entfärbte ſich bei dieſer Bemerkung unwillkürlich, aber er bezwang ſich doch, und indem er die ihm gereichte Pille hinunter⸗ ſchluckte, antwortete er mit erzwungener Feſtigkeit und mit einem ſtarken Anſtrich von Heuchelei: „Nun, wer nicht wagt, der nicht gewinnt; übrigens geſchieht ja Alles zur Wohlfahrt des Vaterlandes. Gott weiß es“, fügte er mit einem ſcheinheiligen Blick hinzu, „welchen Kampf es mir gekoſtet hat, ehe ich zu dem Entſchluß gelangen konnte, mich der Bewegung anzu⸗ ſchließen. Und wie ſteht es bei der Armee in Fin⸗ land?“ ſetzte er weiter hinzu. „Sie iſt auf die kommenden Ereigniſſe vorbereitet, es fehlt ihr nur ein Führer.“ „Und dieſer Führer kann natürlich Niemand anders —, — 57 ſein als Sie“, bemerkte der Herzog.„Keiner beſitzt das Vertrauen der Offiziere und Soldaten in einem ſolchen Grade; auf Sie ſind daher in dieſem Augenblicke die Blicke aller Eingeweihten gerichtet.“ „Was ich thue, thue ich aus Ueberzeugung und ohne Eigennutz“, bemerkte Adlerſparre, ſich ſtolz empor⸗ richtend. Der Herzog ſchlug verwirrt die Augen nieder.„Sie müſſen noch dieſe Nacht ins Feldlager abreiſen“ ſagte er. „Ich bin dazu bereit. General von Adlerkeutz wird mich inzwiſchen hier vertreten.“ „Gott befohlen alſo! Da der König mir erſt vor kurzem den Oberbefehl über die geſammte Armee an⸗ vertraut hat, ſo werde ich unverzüglich die betreffende Ordre für Sie ausfertigen laſſen. Leben Sie wohl, Oberſt, bald ſehen wir uns hoffentlich unter ganz andern Verhältniſſen hier in Stockholm wieder.“ Karl verbeugte ſich, und wenige Augenblicke darauf ſchloß ſich die Thür hinter Adlerſparre. Der Herzog ſah ihm mit einem boshaften Lächeln nach.„Er iſt ein Stier“, murmelte er,„welcher ſeine Hörner zum Stoß vorſtreckt, aber man wird Sorge tragen, wenn er ſeine Dienſte geleiſtet hat, ihn bei dieſen Hörnern zu faſſen und unſchädlich zu machen!“ Mit geſenktem Kopf und in tiefe Gedanken verlo⸗ ren ſchritt er in dem Zimmer auf und ab. Aber es dauerte nicht lange, ſo zeigte ſich abermals ſein ver⸗ trauter Kammerdiener. „Nun, was gibt es?“ fragte der Gebieter. „Königliche Hoheit, der Wahrſager ſteht draußen.“ „Laß ihn ſogleich eintreten. Der Kerl koſtet mich ſchweres Geld, ich muß ihn nach Kräften für meine Zwecke zu benutzen ſuchen.“ Der Kammerdiener verſchwand und faſt unmittel⸗ bar darauf ſtand der Mann mit dem langen ſchwarzen Bart, welchen wir bereits auf einer Poſtſtation vor Stockholm kennen gelernt haben, vor dem Herzog. „Der Herr ſei mit Eurer Königlichen Hoheit“, begann er in ſalbungsvollem Tone, indem er demüthig den Kopf ſenkte, dabei aber doch lauernd von der Seite ſchielte. „Laßt dieſe Faſeleien, Freund“, erwiderte Karl von Södermanland mit einem halb ſpöttiſchen, halb ver⸗ ächtlichen Blick.„Haltet Euch an die Sache und ver⸗ geßt nicht, daß man Euch zu einem Geſchäft gemiethet und dafür reichlich bezahlt hat.“ „Aber es gehört zu meiner Rolle, mich in das Ge⸗ wand der Demuth zu hüllen“, bemerkte der falſche Heilige. „Dreifaltigſter großer Baumeiſter der Welt!“ rief ————— —— 59 der Herzog.„Meinetwegen ſeid ſo demüthig, wie Ihr wollt, nur thut Eure Schuldigkeit, wenn Euch Euer Leben lieb iſt, denn ich ſage Euch, Freund, man würde wenig Umſtände mit Euch machen, wenn auch nur ein verrätheriſches Wort über Eure Lippen käme.“ „Ich glaube, ich habe mich bisher des Vertrauens Eurer Hoheit werth gezeigt.““ „Nun, ich will nicht in Abrede ſtellen, daß Ihr Euch bisher vorſichtig und ſchlau benommen habt. Ihr kommt aus Petersburg?“ „Ja, Hoheit.“ „Und zwar ſeid Ihr von dem ruſſiſchen Reichskanz⸗ ler Fürſten Romanzow nach Stockholm geſchickt worden?“ „Eure Hoheit werden dies ebenſo gut wie ich wiſſen.“ „Nun, ich will nicht in Abrede ſtellen, daß die Rolle, mit welcher Ihr beauftragt ſeid, zwiſchen mir und dem Fürſten Romanzow verabredet worden iſt. Der ruſſiſche Hof hat an einem Thronwechſel in Schwe⸗ den ein ebenſo großes Intereſſe wie gewiſſe andere Leute; mit einer neuen Regierung wird man ſich we⸗ gen der Abtretung Finlands ſchneller einigen als mit dem halsſtarrigen Guſtav IV. Ihr habt ein junges Mädchen mitgebracht?“ „Ohne dieſes würde ich hier ganz unnütz ſein.“ 60 „Eine Somnambule?“ Der Wahrſager zuckte ſpöttiſch mit den Achſeln. „Sie gehorcht meinen Befehlen, indem ſie ſich den An⸗ ſchein gibt, als ſpräche ſie im magnetiſchen Schlafe.“ „Sie iſt in unſere Pläne eingeweiht?“ „Sie genießt das volle Vertrauen des Reichskanz⸗ lers Fürſten Romanzow.“ „Eine hübſche Perſon, wie ich höre?“ „Sie gehört den höhern Ständen an und hat der ruſſiſchen Polizei in den vornehmen Kreiſen ſchon frü⸗ her gute Dienſte geleiſtet.“ „Nun, Freund, ſo beginnt Euren Hokuspokus ſobald wie möglich und zeigt Euch der ruſſiſchen Regierung und mir nützlich. Bei einiger Geſchicklichkeit wird Euch dies nicht ſchwer fallen. Ich habe Euch bereits vor⸗ gearbeitet und der eitle General Toll iſt, ohne daß er es ſelbſt weiß, ein Werkzeug in unſern Händen.“ „Ich habe bereits mehrere Unterredungen mit ihm gehabt.“ „Ich weiß dies. In der Kirche zu Kernbo ſollt Ihr ja wohl Euer erſtes Debüt geben.“ „Allerdings. Der General wird mir den Tag und die Stunde hierfür noch näher beſtimmen.“ „Nun, haltet Euch wacker, mein Freund“, ſagte der Herzog und rieb ſich vergnügt die Hände.„Laßt Eure ——— 61 ſchwarzäugige Sibylle ihre Orakel ſprechen; ich zweifle nicht daran, daß ſie von Wirkung ſein werden.“ Der Herzog winkte zum Zeichen der Entlaſſung. „Werde ich von Euer Hoheit noch beſondere In⸗ ſtruction empfangen?“ fragte der Wahrſager. „Allerdings, aber nicht eher, als bis die Zeit für das Gaukelſpiel in der Kirche zu Kernbo feſtgeſetzt iſt. Jetzt geht!“ Der Mann mit dem langen Bart verbeugte ſich und verließ das Gemach. Als er durch die Vorhalle des Palaſtes ſchritt, deren Decke durch ſtarke doriſche Säu⸗ len getragen wurde, ſchlüpfte ein Mann hinter einem der umfangreichen Pfeiler hervor und folgte ihm aus der Ferne mit großer Vorſicht. „Die Meldung, welche ich dem Herzog zu machen habe“, murmelte er,„hat keine Eile. Den Burſchen aber da vor mir kenne ich; er liebt den Trunk, und ich bin ſicher, daß er ſich nach dieſer ſalbungsreichen Unterredung mit ſeinem Protector erſt hinter der Flaſche gütlich thun wird, ehe er nach Hauſe zurück⸗ kehrt. Da, ich wußte wohl, was ich ſagte! So eben verſchwindet er dort in jenem Weinhauſe! Nun, wäh⸗ rend er dem Bacchus fröhnt, will ich die Zeit dazu be⸗ nutzen, der ſchönen Julie einen Beſuch zu machen. Ein verteufelter Kerl, dieſer Tauſendkünſtler! Hütet das 62 Mädchen mit Argusaugen! Wie viel Mühe hat es mir zunächſt gekoſtet, ſeine Wohnung ausfindig zu ma⸗ chen, und die ſchöne Julie— na, an ihrem guten Wil⸗ len hat es nicht gelegen— konnte ich bisher immer nur auf ein paar Augenblicke ſprechen. Aber jetzt, Freund Winburg, will ich Alles nachholen, und wahr⸗ haftig, ich müßte mich ſelbſt verleugnen, ſollte ich nicht bevor du zurückkehrſt, mit deiner reizenden Schutzbe⸗ fohlenen zu einem vollkommenen Einverſtändniß ge⸗ langt ſein!“ Er ſtürzte fort, flog über den Ritterhausplatz, bog in die Ritterſtraße ein, erreichte dann die Münze und die große Neugaſſe und blieb ſchließlich am Trangſund, einer völlig abgelegenen Gegend, ſtehen. „Es iſt wahr“, murmelte er,„der ſchlaue Burſche hat es trefflich verſtanden, das Täubchen, welches er mit ſich führt, vor den Augen der Welt zu verbergen. Wer ſollte in dieſem öden, menſchenleeren Stadttheil eine ſolche Perle vermuthen? Richtig, dort jenes Haus iſt es, wo ſie wohnt, und die Kleine befindet ſich auch daheim, denn ich bemerke im erſten Stock Licht.“ Er ſchlüpfte in ein ziemlich unanſehnliches Gebäude, eilte die ſchmale Treppe hinauf und klopfte bald darauf an eine im Hintergrund ſichtbar werdende Thür. 2 63 „Wer iſt da?“ fragte eine wohltönende weibliche Stimme. „Ich bin es, ſchöne Julie, der Baron von Ceder⸗ ſtröm.“ „Mein Gott, Sie! Nein, ich darf Sie nicht her⸗ einlaſſen, ich wäre verloren, wenn—“ „Wenn Ihr Cerberus mit dem langen Bart uns überraſchte“, fiel Cederſtröm dem jungen Mädchen ins Wort.„Nun, darüber machen Sie ſich keine Sorgen, mit dem werde ich ſchon fertig werden, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Nein, ich wage es nicht. Dieſer Menſch würde hinterher ſeine Rache an mir ausüben.“ „Schöne Julie“, rief der Baron ungeduldig,„ich brenne aber vor Verlangen, Sie zu ſehen, und ich bitte Sie daher, meine Liebe nicht auf eine zu harte Probe zu ſtellen, denn öffnen Sie nicht gutwillig, ſo bleibt mir nichts Anderes übrig, als dieſe morſche Thür mit dem Fuß einzuſtoßen, und das würde Lärm verurſachen.“ „Nun, ſo weiche ich der Gewalt“, antwortete die Dame in einem Tone, welcher keineswegs zürnend klang, und zugleich wurde der Riegel zurückgeſchoben. „Ich grüße Sie, Flamme meines Herzens“, rief Cederſtröm eintretend und drückte zugleich einen Kuß auf Juliens Hand. 64 „Aber, Herr Baron“ ſagte dieſe mit ſchmollender Miene,„es iſt wirklich ſehr unrecht von Ihnen, mich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen.“ „Mein Gott, ſtehen Sie denn in der That ſo ganz unter dem Einfluß dieſes Mannes?“ „Ich bin ein armes Mädchen, welches verlaſſen in der Welt daſteht.“ „Verlaſſen bei ſolchen Reizen? Dieſe bilden ja eine Macht, welche Ihnen unzählige Gönner erwer⸗ ben muß.“ „Ich kenne hier Niemand.“ „Aber Sie kennen doch mich!“ „Ich weiß ja gar nicht einmal, ob ich Ihnen trauen kann.“ „Unbedingt können Sie dies“, rief Cederſtröm und ſeine Augen glühten.„Ich beſitze zwar eine polternde Natur und viele Leute nennen mich roh, aber wenn ich mir einmal etwas in den Kopf geſetzt habe, ſo führe ich es auch aus.“ „Nun, was wollen Sie denn thun?“ „Alles, was Sie wünſchen, vorausgeſetzt—“ „Sprechen Sie.“ „Nun, vorausgeſetzt, daß ich hoffen darf, daß Sie mir dafür Ihre Liebe ſchenken.“ Die ſchöne Julie ſah dem Lieutenant mit einem — 65 koketten Lächeln ins Geſicht.„Ich glaube wirklich, ich könnte Ihnen recht gut werden“, erwiderte ſie. So weit waren beide in ihrem Geſpräch gekom⸗ men, als die Thür plötzlich aufgeriſſen wurde und der Wahrſager mit wuthſprühenden Blicken mitten im Zim⸗ mer ſtand. „Was machen Sie hier?“ fragte er barſch, indem er ſich zu Cederſtröm wandte. Dieſer drehte ſich kalt um und ſchlug die Arme übereinander. „Wollen Sie mir zunächſt ſagen, was Sie hier ma⸗ chen?“ fragte er, Winburg ſtark fixirend. „Darüber habe ich Ihnen keine Rechenſchaft zu ge⸗ ben“, antworte der Andere grob. „O, iſt Ihnen etwa ſchon der Kamm gewachſen, Sie frommer Mann, weil Ihnen ſo eben die Ehre zu Theil wurde, beim Herzog vom Södermanland vorge⸗ laſſen zu werden?“ Der Gaukler ſchrak ſichtbar zuſammen. „Und weil der General von Toll Sie ebenfalls zu ſeinen Zwecken zu benutzen beabſichtigt?“ fuhr der Of⸗ fizier fort. Jetzt erbleichte Winburg. „Sie ſind mir ein wunderbarer Heiliger“, lachte Cederſtröm nunmehr hell auf.„Ich kümmere mich ſonſt v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 66 nicht darum, was andere Leute treiben und womit ſie ſich ihr Brod erwerben“, fuhr er fort,„aber bei Ihnen habe ich mich doch veranlaßt geſehen, eine Ausnahme zu machen, und zwar hier dieſes reizenden Weſens we⸗ gen, welches zu ſo einem alten Murmelthier, wie Sie ſind, durchaus nicht paßt. Das Fräulein intereſſirt mich, was Sie übrigens durchaus nichts angeht“, fuhr der Baron hohnlachend fort,„und Sie werden es da⸗ her nicht übelnehmen, Sie Gotterkorener, wenn ich jetzt öfters Ihre ſtille Klauſe beſuche, die ſo verborgen liegt wie ein Schwalbenneſt hinter einem Balken. Uebri⸗ gens liebe ich Klarheit in allen Dingen, und ſomit will ich Ihnen denn auch in Betreff deſſen, was uns beide angeht, reinen Wein einſchenken. Als ich nämlich vor zwei Jahren in Stralſund in Garniſon ſtand, gab es dort einen fortgejagten Candidaten der Theologie, wel⸗ cher Ihnen auf ein Haar ähnlich ſah.“ „Was geht mich Ihr Candidat an!“ brummte Win⸗ burg. „Nun, Jeder kümmert ſich doch ſonſt in der Regel etwas um ſich ſelbſt. Kurz und gut, Herr, ich ſage es Ihnen auf den Kopf zu, Sie und dieſer Menſch ſind eine und dieſelbe Perſon.“ „Ich leugne dies“, murmelte ziemlich kleinlaut der Betrüger. »y— — —»—— 67 „Soll es vielleicht der Polizeipräſident von Stock⸗ holm übernehmen, Ihnen die Beweiſe dafür zu lie⸗ fern? Dann möchte aber doch unfehlbar auch die Frage zur Sprache kommen, was Sie, Herr Winburg, ſo plötzlich veranlaßt hat, von Petersburg nach Stock⸗ holm überzuſiedeln.“ „Aber was haben Sie denn davon, wenn Sie mich unglücklich machen?“ platzte der entlarvte Candidat jetzt plötzlich heraus. „Ich will Sie gar nicht unglücklich machen, ich will Ihnen nur zeigen, daß Sie ein Werkzeug in meiner Hand ſind. Uebrigens gehöre ich zur Partei des Her⸗ zogs von Södermanland, dem Sie dienen, und ſchon deshalb werde ich Ihnen nicht hindernd in den Weg treten. Treiben Sie alſo ungeſtört Ihren Hokuspokus, ich ſtelle dabei nur eine Bedingung.“ „Befehlen Sie“ ſagte jetzt ſehr unterwürfig der Gauk⸗ ler;„es liegt in meinem Intereſſe, Ihnen zu gehorchen.“ „Nun, bald wird die Komödie ohnehin aus ſein, zu deren Aufführung Sie ebenfalls berufen ſind“, fuhr der Baron fort.„Was Sie dabei verdienen, ſei Ihnen gegönnt. Ich ſtelle nur die Bedingung, daß Sie dieſe junge Dame hier ſtets mit Höflichkeit und Anſtand be⸗ handeln und daß Sie meinem Verkehr mit derſelben nicht hinderlich ſind.“ 5*½ 68 „Das Erſte verſteht ſich wohl von ſelbſt“, antwor⸗ tete Winburg,„denn das Fräulein beſitzt hohe Gönner in Petersburg und iſt aus Staatszwecken hierher geſchickt worden. Mir lag es nur ob, das Geheimniß, welches uns umhüllt, zu hüten; jetzt aber, da Sie den Schleier deſſelben gelüftet haben, beſitze ich auch kein Recht weiter, Ihnen fernere Beſuche bei Mademoiſelle zu unterſagen. Nur bitte ich dabei um die nöthige Vorſicht.“ „Das heiße ich doch vernünftig geſprochen“, rief der Baron,„und bei Gott, altes Haus, Euer Ver⸗ trauen ſoll belohnt werden! Von heute an bin ich Euer Verbündeter und werde Euch rathend und hel⸗ fend treulich zur Seite ſtehen. Und Sie, ſchöne Julie? O wie reizend ſteht Ihnen dieſes Lächeln! Au revoir, mon petit ange!“ Und der Lieutenant überſchritt die Schwelle der Thür, indem er ſeiner Flamme noch eine Kußhand zuwarf, und einen Augenblick nachher hörte man ſeinen polternden Schritt auf der Treppe. Viertes Kapitel. Guſtav IV. hatte ſeinem Oheim, dem Herzog von Södermanland, den Oberbefehl über die Flotte und über das Landheer übertragen. Dies war jedenfalls ein Act der Großmuth, vom Standpunkt der Klugheit betrachtet ließ es ſich aber nicht rechtfertigen, denn der König wußte, wie ſehr er Urſache hatte, dem Herzog zu mißtrauen, und dieſer erhielt hierdurch nur eine neue Gelegenheit, in noch engere Verbindung mit den bereits für die Revolution gewonnenen Führern des Heeres zu treten. Wie dem nun auch ſein mochte, Karl von Södermanland lag gewiſſermaßen die Ver⸗ pflichtung ob, ſich für die ihm zu Theil gewordene Gunſt auch durch ein äußerliches Zeichen erkenntlich zu zeigen, und dies ſollte durch einen Ball geſchehen, welchen er dem Monarchen zu Ehren gab. Obgleich 70 ſeine Kaſſe ſtets leer war, ſo konnte er ſich dieſer neuen Ausgabe doch nicht entziehen, und man mußte ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er hatte nichts ver⸗ ſäumt, um das von ihm arrangirte Feſt ſo glänzend wie möglich zu machen. Was zu der Elite der Stock⸗ holmer Geſellſchaft gehörte, war geladen worden, und während die Herren in den hellerleuchteten Sälen auf und ab wogten, hatten die Damen in ihren glänzenden Toiletten in langen Reihen auf Sitzen, die ſich an den mit feinen Tapeten bedeckten Wänden hinzogen, Platz genommen. Auch an Graf Zubow war eine Einla⸗ dung ergangen, denn vertrauend auf den ihm vom Kö⸗ nig zugeſagten Schutz und noch immer mit reichlichen Geldmitteln verſehen, war unſer Bekannter längſt aus ſeiner Verborgenheit hervorgetreten und hatte ſeinem Range und Stande gemäß in den erſten Kreiſen Stock⸗ holms eine entgegenkommende Aufnahme gefunden. Nachdem Anna von ihm ehrerbietig, aber doch nur flüchtig begrüßt worden war, weil beide das Ueber⸗ einkommen getroffen hatten, ihr Verhältniß als Ver⸗ lobte vorläufig vor der Welt noch geheim zu halten, war der Major unter der in den verſchiedenen Sälen hin und her wogenden Menge mit Olof verſchwunden. Unſerer Bekannten war an dieſem Abend mehr Frei⸗ heit wie ſonſt vergönnt, denn die ſtets gütige Königin — 71 wollte das Vergnügen ihrer Hoffräuleins nicht ſtören und hatte deshalb das Band der Etikette für dieſen Abend aus eigenem Antrieb gelöſt. Aber die Stim⸗ mung der jungen Dame entſprach weder der rauſchen⸗ den Muſik, welche ertönte, noch der Fröhlichkeit, die rings um ſie herrſchte; ſie hatte an dem Grafen eine Zerſtreutheit bemerkt, welche ſie, ſie wußte ſelbſt nicht weshalb, quälte und eine Unruhe in ihr hervor⸗ rief, von der ſie ſich eigentlich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Sie fühlte das Bedürfniß des Alleinſeins, ſoweit dies in dieſen Räumen möglich war, und hatte deshalb hinter einer Gruppe von äl⸗ tern Damen Platz genommen, die, wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu geſchehen pflegt, die Toiletten mu⸗ ſterten oder über dieſe oder jene Perſönlichkeit flüſternd ihre Bemerkungen machten. „Meine Liebe“, flüſterte eine alte Baroneſſe zu ihrer Nachbarin,„betrachten Sie einmal dort jene Dame im Roſa⸗Ballkleide. Wie finden Sie dieſelbe?“ „Hm“, entgegnete die Andere, die Naſe rümpfend, „an ihrem Exterieur wäre wohl noch Manches auszu⸗ ſetzen. Aber das muß man ſagen, ihre Kleidung iſt prachtvoll. Welche Verſchwendung blos an Spitzen! Ich glaube, Ihre Majeſtät die Königin hat keine koſt⸗ barern aufzuweiſen.“ 72 „Und erſt die Diamanten! Mein Gott, damit könnte man ja ein Rittergut kaufen!“ „Wer iſt denn dieſe moderne Königin von Saba? Iſt Ihnen etwas Näheres über dieſelbe bekannt?“ „Ich weiß nur, daß es eine unermeßlich reiche ruſ⸗ ſiſche Fürſtin iſt, eingeführt durch den engliſchen Ge⸗ ſandten.“ „Aber, mein Gott, was will ſie denn gerade jetzt hier, wo wir uns mitten im Kriege mit Rußland be⸗ finden? Hat ſie etwa die Abſicht, Frieden zu ſchlie⸗ ßen?“ „Meine Theure“, antwortete die Baronin, indem ſie eine geheimnißvolle Miene annahm,„hier in Stockholm ereignen ſich gegenwärtig ſo wunderbare Dinge, daß man ſelbſt über die Anweſenheit einer ruſſiſchen Für⸗ ſtin nicht verwundert ſein darf. Ich könnte Ihnen Ge⸗ ſchichten erzählen— ja, wer weiß, ob wir nicht ſchon in dieſem Augenblick hier auf einem Vulkan tanzen.“ „Auf einem Vulkan? Mon dieu!“ Und die würdige Dame ſah ſich erſchrocken um, als befürchte ſie ſchon in der nächſten Minute in die Luft zu fliegen. Anna konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, das Geſpräch zerſtreute ſie und ſie horchte demſelben auch weiter aufmerkſam zu. „Kennen Sie dort jenen Herrn, der eben zum Tanz 73 antritt?“ fragte eine dritte der würdigen Matronen eine alte corpulente Excellenz. „Ei, das iſt ja Graf Zubow, ebenfalls ein Ruſſe.“ „Sie haben Recht, jetzt erinnere ich mich ſeiner, ich ſah ihn neulich in der Soirée des Grafen von Wetter⸗ ſtedt. Ein ſchöner Mann, nicht wahr? Sie ſollen in ſolchen Dingen ja Kennerin ſein.“ Die Baronin rümpfte die Naſe.„Theure Gräfin“, antwortete ſie pikirt,„ich erinnere mich gewiſſer Da⸗ men am Hofe Seiner hochſeligen Majeſtät, des ritter⸗ lichen Guſtav III., welche ebenfalls nicht unempfindlich gegen männliche Reize waren.“ Die Augen der alten Excellenz glühten, und dieſe Plänkeleien würden wahrſcheinlich zu einem offenen Gefecht geführt haben, wenn die dritte des würdigen Kleeblattes nicht noch bei Zeiten dem drohenden Sturme vorgebeugt hätte. Man ſagt, Graf Zubow ſei wegen einer unglück⸗ lichen Liaiſon genöthigt geweſen, Petersburg zu ver⸗ laſſen“, bemerkte ſie. Anna horchte hoch auf. „Ja, ich weiß es ganz genau“, fuhr die redſelige Dame fort;„der Graf ſollte zu einer Convenienzheirath mit einer Anverwandten des Reichskanzlers Fürſten Ro⸗ manzow gezwungen werden. Aber er hatte ſein Herz 74 ſchon einer andern Dame, wenn ich nicht irre, einer Fürſtin Trubetzkoi geſchenkt, und deshalb floh er hier⸗ her und ſtellte ſich unter den Schutz Seiner Majeſtät des Königs.“ Anna mußte im Stillen über die Klatſchgeſchichten der alten Damen lachen, denn ſie wußte ja am beſten, an wen Graf Zubow ſein Herz verſchenkt hatte, und ihre eben noch etwas düſtere Stimmung begann allmälig in eine heitere umzuſchlagen, als ſie plötzlich durch einen ziſchelnden Ton dicht an ihrer Seite auf⸗ geſchreckt wurde. Erſchrocken ſchaute ſie ſich um und blickte in das Antlitz ihres Vetters, des jetzigen Haupt⸗ manns von Holm. „Couſinchen“, flüſterte er,„aus Sarlaa wurde ich zwar verwieſen, aber hier befinden wir uns auf neu⸗ tralem Boden und ich nehme daher das Necht in Anſpruch, Dir meine erneuten Huldigungen darzu⸗ bringen.“ Anna blickte ihm ſtolz ins Geſicht. „Die Du hoffentlich jetzt nicht zurückweiſen wirſt, bemerkte der Kapitän. „Ich bitte, beläſtige mich nicht.“ „Alſo noch immer dieſelbe Härte gegen mich?“ fuhr Holm fort.„Und noch immer ſteht derſelbe Mann zwi⸗ ſchen uns, welcher unſere Herzen trennt?“ — —4——— ———— 75 „Unſere Herzen?“ bemerkte Anna mit einem kalten Blick.„Mein Herz hat Dir niemals gehört.“ „Dann haſt Du aber ſehr unrecht daran gethan“, fuhr der Kapitän mit einem finſtern Blick fort,„daß Du eine Flamme in mir entzündeteſt, welche ich jetzt nicht mehr zu löſchen vermag.“ Anna erröthete tief, ihre edle Natur fühlte ſich durch ſolche Worte beleidigt. Den Kopf ſtolz empor⸗ richtend, ſagte ſie mit jener jungfräulichen Würde, vor welcher ſich ſchließlich auch der grundſatzloſeſte und fri⸗ volſte Mann unwillkürlich beugt: „Ich habe nie danach geſtrebt, einen Mann an mich zu ziehen; mein weibliches Bewußtſein ſträubt ſich dagegen. Willſt Du mich beleidigen, ſo thue es; Du haſt Recht, dieſer Boden iſt neutral und ich beſitze nicht die Mittel, Dir es zu verbieten.“ „Aber ich liebe Dich zum Raſendwerden“, rief Holm, „mein Herz blutet aus tauſend Wunden, und dieſer Ruſſe“— er knirſchte mit den Zähnen—„hat mich um mein Glück gebracht!“ Die junge Dame erhob ſich jetzt und wollte ſich entfernen. „Nein, bleibe“, ſagte der Kapitän, fte faſt ungeſtüm zurückhaltend;„bleibe, denn ich habe Dir etwas mit⸗ zutheilen, wovon Du Dir nichts träumen läßt.“ 76 Das Auge Holm's flammte in wildem Feuer, ein⸗ rachſüchtiger Triumph ſpiegelte ſich in demſelben ab, und Anna, ſie wußte ſelbſt nicht weshalb, vermochte dem faſt befehlenden Tone ſeiner Stimme keinen Wi⸗ derſtand zu leiſten, ſie ſank ſchweigend auf ihren Sitz zurück, von welchem ſie ſich ſchon halb erhoben hatte. Der Vetter blickte ſie einen Augenblick mit einem kalten, faſt grauſamen Lächeln an. Dann beugte er ſich noch näher zu ihr und flüſterte: „Leontine d'Ecars, die Franzöſin aus Petersburg, iſt hier.“ Das Fräulein zuckte zuſammen, ſie ſah den Spre⸗ cher ſtarr an, ein leiſes Beben durchzuckte ihren Körper. Holm entging die Wirkung nicht, welche dieſe we⸗ nigen Worte auf Anna hervorgebracht hatten. „Ein thörichter Wahn hat Dich bisher verblendet“, fuhr er fort,„aber Gott ſei Dank, ich beſitze die Mit⸗ tel, Dir die Augen zu öffnen. Sieh, dort ſchwebt der Falſche, welcher ein ſo unverſchämtes Spiel mit Dir trieb, ſo eben im Tanze vorüber; betrachte Dir ihn genau und dann höre, denn ich bin mit meinen Ent⸗ hüllungen noch nicht zu Ende!“ „Fahre fort!“ ſagte das junge Mädchen und heuchelte eine Faſſung, die es in der That nicht beſaß. „Es iſt jetzt halb zwölf“, ſagte Holm, ſeine Uhr ———y 77 ziehend;„um Mitternacht wird dieſer Graf, auf wel⸗ chen Du ſo große Stücke hältſt, dieſen Saal ver⸗ laſſen.“ „Nun, um ſich nach Hauſe zu begeben“, bemerkte das Fräulein mit erkünſtelter Ruhe. „Nein, um in den Armen dieſer Leontine eine Schä⸗ ferſtunde zu feiern. Arme Couſine, Du biſt arg betro⸗ gen worden, aber Du ſiehſt, auch hier bewährt ſich das Sprichwort wieder: Alte Liebe roſtet nicht.“ Anna war dem Umſinken nahe, aber wie wir wiſ⸗ ſen, beſaß ſie ein muthiges Herz, und es war ihr die Kraft eigen, ſich ſelbſt in den ſchwierigſten Lagen zu beherrſchen. Ihr Stolz ſträubte ſich dagegen, Holm in dieſem Augenblick einen Blick in ihr Inneres thun zu laſſen. Zwar mit blaſſen Wangen, aber doch mit feſter Stimme fragte ſie daher: „Und woher haſt Du alle dieſe Neuigkeiten, wenn ich fragen darf?“ „Das iſt mein Geheimniß, Couſinchen, aber halte Dich überzeugt, daß alle meine Mittheilungen auf Wahr⸗ heit beruhen. Glaubſt Du etwa, ich hätte dieſen Gra⸗ fen auch nur einen Tag aus den Augen verloren? Zwiſchen mir und ihm beſteht ein Haß, welcher nur mit dem Tode des einen oder des andern endigen kann! O könnteſt Du in mein Inneres blicken und ſehen, wie es da ſtürmt und tobt, wie dieſes Herz ſich abquält und verzehrt, weil es von Dir verſchmäht wird!“ „Genug, laß das! Kannſt Du mir Beweiſe von der Treuloſigkeit des Grafen liefern?“ „O ja, wenn ich wollte, könnte ich auch dies. Aber es mag Dir genügen, wenn ich Dir ſage, daß ich vollſtändig hinter die Schliche dieſes ſaubern Herrn gekommen bin. Es hat mir Zeit, es hat mir Geld, es hat mir Mühe gekoſtet, aber der Zufall war mir auch günſtig und wie geſagt, ich fühle mich glücklich, daß ich Dir noch zeitig genug die Augen öffnen konnte.“ „Und wenn ich Dir Küde Deiner Verſicherungen nicht glaubte?“ Holm knöpfte ſeine Uniform auf und zog ein klei⸗ nes Briefchen hervor.„Sieh“, ſagte er,„dieſes Billet enthält die Einladung zum Rendezvous. Ich leſe in Deinen Augen die Frage, wie ich dazu gekommen bin. Nun, Couſinchen, auf die einfachſte Art: ich habe es ſtehlen laſſen. In dieſer Beziehung bin ich Diplomat; auf die Mittel kommt es mir gar nicht an, wenn ich nur meinen Zweck erreiche.“ Anna antwortete nicht. Sie hatte ſich zurückge⸗ lehnt und ſtarrte vor ſich hin. — 79 „Ueberzeuge Dich von der Wahrheit meiner Mit⸗ theilungen“, fuhr Holm fort;„die Mittel, die Du dabei anwendeſt, muß ich Dir freilich überlaſſen. Und nun, Couſinchen, lebe wohl, ich überlaſſe Dich Deinen eige⸗ nen Betrachtungen und hoffe, Du biſt aus Deinen Illuſionen erwacht!“ Er verbeugte ſich und war im nächſten Augenblick unter der hin und her wogenden Menge verſchwun⸗ den. Anna ſenkte den Kopf faſt bis auf die Bruſt, denn ſie wollte die hervorſtürzenden Thränen verber⸗ gen.„Er untreu?“ murmelte ſie.„So wäre alſo wirk⸗ lich die Geſchichte ſeiner Leiden eine bloße Lüge gewe⸗ ſen? Nein, ich will, ich mag es nicht glauben, nicht eher wenigſtens, als bis ich darüber unumſtößliche Ge⸗ wißheit erhalten!“ Sie blickte auf und ſah, wie ihr Bruder Olof ſich ihr näherte. „Nun, Schweſterchen“, ſagte dieſer in heiterem Tone, „überkommt Dich denn heute gar nicht die Luſt zu tanzen? Aber, mein Gott“, rief er, das junge Mäd⸗ chen näher betrachtend,„wie ſiehſt du denn aus? Ich glaube wahrhaftig, Du haſt geweint! Was haſt Du, meine theure Anna? Sprich!“ „Dlof“, ſagte dieſe,„ich bitte Dich, nimm, ohne daß es Aufſehen erregt, an meiner Seite Platz. Ich habe 80 Dir eine Mittheilung zu machen und Dir zugleich einen Auftrag zu geben.“ „Nun, jetzt ſprich, Schweſterchen“, ſagte dieſer, nach⸗ dem er ſich niedergelaſſen hatte. „Holm war ſo eben hier.“ „Ich habe es bemerkt; ich bin wirklich über ſeine Unverſchämtheit erſtaunt.“ „Er hat mir Enthüllungen gemacht.“ „Der? Gewiß irgend eine neue Lüge. In ſolchen Dingen iſt er ſtark.“ „ Scherze nicht, Olof, es handelt ſich um die Ruhe meines Herzens.“ „Aber, Schweſterchen!“ „Wie viel Uhr haſt Du jetzt?“ „In zehn Minuten iſt es Mitternacht.“ „Schlag zwölf Uhr wird Graf Zubow den Saal verlaſſen.“ „Ich weiß es.“ „Wie, Du weißt dies?“ Und Anna ſah den Bruder ganz erſtaunt an. „Kennſt Du auch den Zweck ſeines Weggehens?“ „So halb und halb. Unterwegs ſoll ich das Nä⸗ here erfahren.“ „Olof, jene Leontine d'Ecars aus Petersburg iſt hier.“ 81 „Auch das weiß ich.“ Jetzte wußte Anna nicht, was ſie dazu ſagen ſollte. „Und Du nimmſt dieſe Mittheilung in einer Weiſe auf, als wenn ſie von gar keiner Bedeutung wäre?“ „Nun, jedenfalls brauchſt Du Dich nicht zu beun⸗ ruhigen.“ „Wie, ich ſollte mich nicht berunruhigen, wenn Zu⸗ bow im Begriff ſteht, eine offenbare Untreue gegen mich zu begehen?“ „Wer ſagt denn das?“ „Holm.“ „Wahrheit und Dichtung“, erwiderte der junge Fine; nes beweiſt aber doch immer, daß der Herr Vetter ein ausgedehntes Spionirſyſtem ins Leben gerufen hat und unſere Schritte und Handlungen ſorgſam überwacht. Das iſt ſehr ſchlimm und wir müſſen doppelt vorſich⸗ tig ſein, denn bei ſeiner Rachſucht traue ich ihm das Schlimmſte zu.“ „Aber das Rendezvous?“ fragte Anna ſchüchtern. „Daß daſſelbe kein zärtliches iſt, kannſt Du ſchon daraus entnehmen, daß ich Zubow begleite.“ „Aber—“ Olof lachte.„In der Liebe ſeid Ihr Frauen Euch doch alle ähnlich“, ſagte er;„ich glaube, Ihr würdet v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 6 83 wo ſie anhalten muß, weil ſie weder vorwärts noch rück⸗ wärts kann, das Geſicht zu. Ein leiſer Schrei entſchlüpft ihr, während ich ihr mit weitgeöffneten Augen ins Antlitz ſtarre, denn ich erkannte Leontine und meinte einen Geiſt vor mir zu ſehen. Aber es war Fleiſch und Blut, darüber war ich, als die erſte Ueberraſchung geſchwunden, keinen Augenblick im Zweifel. Noch einmal wendete ſich die Franzöſin nach mir um, und ein glü⸗ hender Blick der Rache ſchoß aus ihren Augen, dann wand ſie ſich ſchlangenartig durch den Menſchenknäuel, denn es lag offenbar in ihrer Abſicht, mir zu entflie⸗ hen. Nun iſt es ſonderbar, Olof, daß oft im Menſchen, wenn ihm eine Gefahr droht, plötzlich eine Stimme laut wird, welche ihn zu warnen ſcheint. Ohne daß ich mir einen Grund dafür anzugeben vermochte, brachte ich die⸗ ſes plötzliche, geheimnißvolle Erſcheinen Leontinens mit einer mir drohenden Gefahr in Verbindung und inſtinkt⸗ mäßig folgte ich derſelben, ſo ſchnell es mir möglich war, um ſie wieder einzuholen. Als ich auf den Norr⸗ malmsmarkt trat, kam ſie mir auch wirklich wieder zu Geſicht, jetzt aber in der Geſellſchaft eines Mannes mit einem langen ſchwarzen Bart, welcher ſich eilig mit ihr entfernte und ihr heftige Vorwürfe zu ma⸗ chen ſchien. Meine Neugier wurde dadurch nur noch mehr gereizt, und die Beiden immer im Auge behal⸗ 6* 82 auf einen Buckligen eiferſüchtig werden, wenn Ihr Euch einmal einbildet, denſelben zu lieben.“ „Indeſſen zu meiner Beruhigung bitte ich Dich, theile mir, bevor Du gehſt, mit, was Du über die⸗ ſes geheimnißvolle Stelldichein weißt.“ „Morgen, Schweſterchen, morgen ſollſt Du Alles erfahren. Jetzt lebe wohl, der Graf macht mir ein Zeichen, er verläßt den Saal, ich muß ihm folgen.“ Der junge Fine verſchwand, und Anna, von Unruhe und Zweifeln gepeinigt, preßte mit einem tiefen Seuf⸗ zer die Hand aufs Herz und folgte dem Fluge ihrer hin und her ſchwankenden Gedanken. „Nun“, ſagte Olof, als er mit ſeinem Begleiter auf die Straße getreten war,„jetzt erzählen Sie.“ „Es iſt mir noch wie ein Traum“, bemerkte der Major.„Wie kommt dieſe Perſon plötzlich hierher und was macht ſie hier? Das bleibt mir ein Räthſel.“ „Sie trafen alſo mit ihr auf der Straße zuſammen?“ „Ja, vor etwa acht Tagen. Ich hatte die Oper beſucht und als ſich das Haus nach Beendigung der⸗ ſelben leerte, gab es ein ſtarkes Gedränge. Plötzlich verſucht eine weibliche Geſtalt, in eine ſchwarzſeidene Kapuze gehüllt, ſich an mir vorbeizudrängen. Aber der Menſchenſtrom hält ſie auf, und war es Zufall, war es Abſicht, genug, ſie wendet mir in dem Augenblick, 84 tend, folgte ich ihnen beharrlich in einiger Entfernung. Offenbar gaben ſie ſich alle Mühe, mir zu entſchlüpfen, und durcheilten zu dieſem Zweck eine Menge Kreuz⸗ und Querſtraßen, allein ich hielt ſie feſt im Auge und folgte ihnen faſt auf dem Fuße, als ſie in eins der abgelegenſten Stadtviertel einbogen. Dort verſchwanden ſie plötzlich in einem kleinen Häuschen und ich ſtand allein auf der Straße. Aber ich hatte doch meinen Zweck erreicht, ich wußte jetzt, wo die Dame wohnte, und kehrte langſam und gedankenvoll in meine Wohnung zurück.“ „Ich glaube“, ſagte Olof,„Sie würden beſſer ge⸗ than haben, wenn Sie die Verfolgung gar nicht erſt begonnen hätten.“ „Wie ſo?“ „Weil überhaupt der Boden hier in Stockholm ſo unterwühlt iſt, daß man jeden Augenblick befürchten muß, auf eine Mine zu ſtehen zu kommen. Gott weiß, was vorgeht. Ich bin noch zu unerfahren in ſolchen Dingen, aber ſo viel iſt mir aus allerhand Anzeichen klar geworden, daß im Finſtern etwas geſchmiedet wird was vielleicht eines Tages in Form einer erſchüttern⸗ den Exploſion zum Vorſchein kommt. Man bedient ſich hierzu aller möglichen Werkzeuge. Auch Sie haben Feinde, und zwar ſolche Feinde, die ſich kein Gewiſſen 85 daraus machen würden, Sie ohne Umſtände aus dem Wege zu räumen.“ „Sie ſehen wohl zu ſchwarz“, antwortete der Graf, konnte aber doch nicht umhin, ein nachdenkliches Geſicht zu machen.„Ja, wenn es in Rußland wäre, aber hier in Schweden! Zudem erinnere ich mich durch⸗ aus nicht, irgend Jemand Veranlaſſung zum Haß oder zur Rache gegeben zu haben.“ „Hierauf werden wir ſogleich zurückkommen“, ſagte Olof.„Zunächſt erzählen Sie mir, was Sie bewog, auf dieſes Rendezvous einzugehen.“ „Nun, wahrſcheinlich iſt mir Jemand heimlich ge⸗ folgt, als ich an jenem Abend nach der eben erzählten Verfolgung in meine Wohnung zurückkehrte. Denn nur ſo kann ich mir es erklären, daß ich geſtern ein Billet von Mademoiſelle d'Ecars erhielt. Ich wollte daſſelbe anfänglich Ihrer Schweſter einhändigen, aber ich fürchtete dieſe damit zu beunruhigen, und ſo be⸗ ſchloß ich, nur Sie mit dem Inhalt deſſelben bekannt zu machen. Hier iſt es, treten Sie dort unter jene Laterne und leſen Sie; Sie mögen mir dann ſagen, ob Sie an meiner Stelle nicht ebenſo gehandelt haben würden.“ Der Major griff in ſeine Bruſttaſche, um den Brief hervorzulangen, ſchüttelte aber erſtaunt und überraſcht mit dem Kopfe. 86 „Sie ſuchen vergebens“, ſagte der junge Fine. „Wie ſo? Ich weiß doch ganz beſtimmt, daß ich ihn dieſen Morgen zu mir geſteckt habe.“ „Aber ſeit heute Morgen und jetzt iſt ein Zeitraum von mehr als zwölf Stunden verfloſſen. Der Brief iſt Ihnen geſtohlen worden.“ „Geſtohlen?“ rief Zubow.„Das iſt unmöglich!“ „Und doch iſt es ſo“, bemerkte der junge Fine. „Der Brief befindet ſich in den Händen des Haupt⸗ manns Holm; er zeigte ihn dieſen Abend auf dem Ball meiner Schweſter und machte ſie mit dem Inhalt deſ⸗ ſelben bekannt.“ „Der Elende!“ murmelte der Major.„Er muß mei⸗ nen Diener beſtochen haben. Ich werde blutige Rechen⸗ ſchaft von ihm fordern.“ „Der iſt es nicht werth, daß ſich Ihre Klinge mit der ſeinigen kreuzt“, bemerkte Olof.„Ueberlaſſen Sie ihn ſeinem Schickſal; ich bin überzeugt, daß ihn daſſelbe früher oder ſpäter verdientermaßen ereilen wird. Aber jetzt haben Sie den Beweis für meine Behauptung. Sie beſitzen Feinde und werden deshalb wohl daran thun, vorſichtig zu ſein.“ „Aber was ſagte Anna?“ fragte der Graf beſorgt. „O warum folgte ich nicht meinem erſten Entſchluß und theilte ihr Alles mit!“ 87 „Beſſer wäre es allerdings geweſen, denn Sie kön⸗ nen denken, daß ſie in die höchſte Gemüthsaufregung gerathen iſt. Allein ſchließlich habe ich ſie doch einiger⸗ maßen beruhigt; ſie weiß, daß ich Sie zu dieſem Stelldichein begleite, daß alſo von einer Untreue gegen ſie nicht die Rede ſein kann.“ „Aber ſchon der bloße Verdacht—“ „Nun, nun“, bemerkte Olof begütigend,„ſie weiß, daß ich mich unter keinen Umſtänden zu einem Betruge gegen ſie hergeben würde, und wenn der Schein aller⸗ dings gegen Sie ſpricht, ſo wird mein Zeugniß doch jeden Verdacht entkräften.“ „Welche Unvorſichtigkeit habe ich begangen“, rief der Major,„indem ich mich durch eine falſch angebrachte Großmuth zu einer Thorheit hinreißen ließ! Wenn man Ihnen ſchreibt:„Ich habe mich an Ihnen ſchwer verſündigt, aber ich rechne auf Ihren Edelmuth; ich bin ein unglückliches Geſchöpf, in den Händen eines Mannes, der mich gewaltſam zurückhält; retten Sie mich und verſchaffen Sie mir meine Freiheit wieder!— was würden Sie an meiner Stelle gethan haben?“ „Hm, ich hätte vielleicht ebenſo gehandelt.“ „Nun, ſehen Sie, wörtlich ſo lautet der Inhalt des Briefes. Er ſchloß mit der Bitte, heute um Mitter⸗ nacht in Leontinens Wohnung zu erſcheinen, um das 88 Erforderliche mit ihr zu verabreden. Straße und Nummer waren richtig angegeben, ein Licht am Fenſter ſollte als Zeichen dienen, daß ſie allein ſei.“ „Nun, dann in Gottes Namen“, rief der junge Fine.„Haben Sie A geſagt, ſo müſſen Sie auch B ſagen! Ich werde mich in Ihrer Nähe aufhalten, und ſollte Ihnen etwas Unerwartetes zuſtoßen—“ „So feuere ich dieſen Schuß ab“, ſagte Zubow, ein Taſchenpiſtol hervorziehend. „Gut. Sie ſollen dann auf meinen Beiſtand nicht lange zu warten brauchen. Kommen Sie alſo, denn ſo eben verkündet dort die Kirchthurmuhr die zwölfte Stunde.“ Fünftes Kapitel. Wir erſuchen jetzt den Leſer, uns in die Wohnung derjenigen zu folgen, welche den Grafen durch ihr Schrei⸗ ben zu dieſer Zuſammenkunft veranlaßt hatte. Leontine d'Ecars war dieſelbe Perſon, welche wir unter dem Namen der ſchönen Julie kennen gelernt haben, wir wiſſen auch bereits, daß ſie ein Werkzeug der ruſſiſchen Regierung war, um unter Winburg's Lei⸗ tung als Hellſeherin gewiſſen politiſchen Zwecken för⸗ derlich zu ſein. Sie ſaß jetzt an einem Tiſch dem Magier gegenüber, welcher ſie noch immer mit finſtern, drohenden Zlicken betrachtete. „Wenn wir verrathen werden“, ſagte dieſer,„ſo ſpazieren wir beide ins Zuchthaus, und daß der Graf, welcher Urſache hat, Sie zu haſſen, nicht verfehlen wird, Rache an Ihnen zu üben, ſcheint mir außer allem 90 Zweifel. Warum hätte er uns denn ſonſt bis zu un⸗ ſerer Wohnung verfolgt? Und an alledem iſt allein Ihre unbezähmbare Vergnügungsſucht ſchuld! Sie muß⸗ ten in die Oper, das half nichts, ſo ſehr ich auch da⸗ gegen proteſtirte! Haben Sie uns alſo in die Patſche gebracht, ſo ſorgen Sie auch dafür, daß wir wieder aus derſelben herauskommen.“ „Das ſoll auch ganz gewiß geſchehen, Herr Brumm⸗ bär“, lachte die Franzöſin.„Bah, ich kann Blut fließen ſehen, und Blut ſoll fließen, darauf können Sie ſich verlaſſen! Glauben Sie, Leontine d'Ecars verziehe eine ihr zugefügte Beleidigung? Und hat mich dieſer Graf Zubow durch ſeine alberne Eiferſucht nicht zum Stadtgeſpräch von Petersburg gemacht? Hat ſich der Großfürſt nicht deshalb von mir zurückgezogen? Nun gut, er ſoll dafür büßen, ich werde ihm Jemand zur richtigen Zeit auf den Hals ſchicken, der ſich den Kukuk daraus macht, ob er ihm ſeine Degenſpitze drei oder vier Zoll in den Leib ſtößt.“ „Verſchwinden muß er“, ſagte Winburg,„denn, wie geſagt, ich habe nicht Luſt, ins Zuchthaus oder nach Sibirien zu wandern. Kann es in Form eines Duells geſchehen, deſto beſſer; die Todten ſprechen nicht mehr und unſer Geheimniß bleibt dann doch unentdeckt.“ „Nur eine Franzöſin iſt liſtig genug, einen ſolchen 91 Plan zu erſinnen“, bemerkte Leontine nicht ohne Be⸗ friedigung;„Ihr Deutſchen ſeid viel zu hölzern und töl⸗ pelhaft, um auf eine ſo geniale Idee zu verfallen.“ „Nun, darüber wollen wir uns jetzt nicht ſtreiten, die Hauptſache iſt, daß der Retter aus der Noth zur rechten Zeit eintrifft.“ „Das wird ſchon geſchehen, denn trotz ſeiner wilden Natur iſt er verliebt bis über die Ohren.“ „Nun, und dann?“ „Und dann? Ich lamentire, ich klage, ich mache ihn eiferſüchtig und hetze ihn wie eine Bulldogge auf den Grafen.“ „Gut. Jetzt will ich mich zurückziehen, denn ich glaube, die Stunde, wo Ihnen der Graf ſein Erſcheinen zugeſagt hat, iſt nicht mehr fern.“ „Eilen Sie, denn bereits habe ich das Licht an das Fenſter geſtellt und er kann jeden Augenblick ein⸗ treffen.“ Der Gaukler verſchwand in einem anſtoßenden Ge⸗ mach und ſeine Genoſſin blieb, den Kopf in die Hand geſtützt am Fenſter ſitzen. „Die Männer ſind doch einfältig“, murmelte ſie, mag es nun aus Liebe oder aus Großmuth ſein! Sollte man nicht meinen, daß dieſer Zubow, nachdem ich ihn ſchon einmal hintergangen habe, jetzt klüger 92 und vorſichtiger geworden wäre? Und dennoch läßt er ſich durch ein paar heuchleriſch hingeworfene Worte abermals verlocken! Das nennen ſie Edelmuth, dieſe Träumer, darauf thun ſie ſich etwas zu gute, wenn. ſie einer Frau, ungeachtet ſie von ihr betrogen worden ſind, dennoch im Augenblick der Gefahr, ſobald ihre Hülfe in Anſpruch genommen wird, ihren Beiſtand nicht verſagen! Nun, ſolche Sentimentalitäten kenne ich glücklicherweiſe nicht“, rief Leontine, höhniſch auf⸗ lachend;„er hat mich beleidigt, er hat mich compro⸗ mittirt, er war eiferſüchtig, der Tölpel, wo er es nicht hätte ſein ſollen, und— enfin! ich bin eine Fran⸗ zöſin und werde mich rächen!“ Sie fuhr jetzt empor und horchte aufmerkſam. Die Treppe knarrte und Fußtritte ließen ſich verneh⸗ men. Sogleich veränderte ſich der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts. Die noch eben in böſer Leidenſchaft glühenden Augen nahmen den Ausdruck einer ſanften Trauer an, um ihren Mund lagerte ſich ein Zug düſterer Melan⸗ cholie und ſogar ihr Körper paßte ſich dieſer Verände⸗ rung an, indem er jetzt etwas Niedergedrücktes, etwas Gebrochenes zur Schau trug. „Herein!“ rief ſie mit matter Stimme, als jetzt leiſe an die Thüre geklopft wurde. Im nächſten Augenblick ſtand der Major vor ihr. 93 „Sie haben mich gerufen“, ſagte er„und aus dem Umſtand, daß ich gekommen bin, erſehen Sie wenigſtens, daß das Mitleid für Sie bei mir noch nicht erſtorben iſt. Eine Frau, die ſich im Unglück beſindet, darf im⸗ mer auf meine Hülfe rechnen, und hätte ſie mich noch ſo ſehr gekränkt!“ „O mein Gott“, rief Leontine, und hielt beide Hände vor das Geſicht,„faſt wage ich es nicht mehr Sie anzublicken! Ich bin eine Unwürdige, ich habe Sie hintergangen, ich bin nicht werth—“ „Laſſen Sie das“, fiel der Graf hier kalt ein,„und ſagen Sie mir vielmehr, wie ich Ihnen helfen kann. Sie ſchrieben mir, daß Sie ſich in der Gewalt eines rohen Menſchen befänden.“ „O, eines Ungeheuers“ ſchrie die Franzöſin,„eines Elenden, welcher mich unter dem Verſprechen, mich zu heirathen, hierher lockte und der jetzt einen ſchändlichen Handel mit mir treiben will!“ Zubow ſah die Sprecherin erſtaunt und zugleich mißtrauiſch an. Ein Zweifel an der Wahrheit dieſer Worte ſchien in ihm aufzuſteigen. „Wenn dies wirklich der Fall iſt“, bemerkte er kalt, nſo bedarf es von Ihrer Seite ja nur einer einfachen Anzeige bei der Obrigkeit, um Sie aus dieſen Fanſeln zu befreien.“ 94 „O das Ungeheuer! Ich werde ja mit Argusaugen bewacht, er läßt mich ja keinen Augenblick aus den Augen!“ „Aber Sie fanden doch Gelegenheit, an mich zu ſchreiben? Was Sie mir jetzt ſagen, hätten Sie mir auch ſchriftlich mittheilen können, und ich würde dann die erforderlichen Schritte zu Ihrer Befreiuung gethan haben.“ Ein tiefer Seufzer entrang ſich der Bruſt Leonti⸗ nens; wahrſcheinlich wußte ſie auf Zubow's verfäng⸗ liche Frage keine Antwort zu geben und ſuchte auf dieſe Weiſe ihre Verlegenheit zu verbergen. Des Grafen Mißtrauen wurde hierdurch nur noch mehr angeregt.„Wenn Sie ſo ſtreng gehalten wer⸗ den“, bemerkte er,„ſo wundert es mich, daß Ihnen der Mann, unter deſſen Gewalt Sie zu ſtehen be⸗ haupten, noch Zeit läßt, um Mitternacht Fremde zu empfangen.“. „Es wäre dies auch nicht möglich geweſen“, erwi⸗ derte die Franzöſin dreiſt,„wenn ich ihm nicht einen Schlaftrunk eingegeben hätte.“ Der Major ſah die Sprecherin mit einem durch⸗ dringenden Blick an, er wollte aus ihren Mienen herausleſen, ob ſie die Wahrheit ſpreche; aber jene wich dieſer Prüfung dadurch aus, daß ſie die Augen ——-— V ——-— V 95 niederſchlug. Zugleich horchte ſie im Stillen auf, denn ihr feines Gehör hatte leiſe Fußtritte vernommen. „Nun“, ſagte der Graf ſchließlich,„ich bitte, faſſen Sie ſich kurz und ſagen Sie mir endlich, was Sie von mir wünſchen.“ Jetzt ſprang die Franzöſin auf, und ehe Zubow es noch verhindern konnte, hing ſie an ſeinem Halſe. Ein wie⸗ derholtes heftiges Aufſchreien, welches man ebenſo gut für einen Angſtruf wie für den Ausbruch eines der Verzweiflung preisgegebenen Herzens halten konnte, glitt über ihre Lippen und zugleich klammerten ſich ihre Arme krampfhaft um den Hals des Majors. „Was machen Sie?“ rief dieſer halb beſtürzt, halb unwillig und ſuchte ſich ſeiner Bürde zu entledigen. „Zurück, Mademoiſelle! Was ſoll dieſes Gebaren? Füh⸗ ren Sie keinen neuen Theatercoup aus, wenn ich bitten darf!“ „Zu Hülfe! Zurück, Schändlicher!“ rief aber jetzt Leon⸗ tine mit kreiſchender Stimme und klammerte ſich nur noch feſter an den Grafen an. In dieſem Augenblick wurde die Thüre mit einem gewaltigen Ruck aufgeriſſen und ein Offizier, in einen Mantel gehüllt, ſtürzte herein. Sein Geſicht flammte, ſeine Augen glühten wild, und krampfhaft ruhte ſeine Hand auf dem Degen, den er an der Seite trug. 96 „Was geht hier vor?“ rief er, wobei ſich ſein Blick wuthentbrannt auf Zubow richtete. „O retten Sie mich, retten Sie mich vor den Ver⸗ folgungen dieſes Schändlichen!“ rief die Franzöſin, in⸗* dem ſie ſich jetzt in die Arme des Offiziers flüchtete. „Was iſt Dir geſchehen, mein Engel?“ „Dieſer abſcheuliche Menſch verfolgt mich ſchon ſeit Wochen auf Schritt und Tritt mit ſeinen Anträgen. Dieſe Nacht nun— ich ließ die Hausthür offen, weil ich wußte, daß Du noch kommen würdeſt— drang er in das Haus und— o, mein Gott, mein Gott, iſt denn Niemand, der einem armen verlaſſenen Mädchen bei⸗ ſteht?“ „Sei ruhig, meine ſüße Julie, ich werde Dein Rä⸗ cher ſein.— Herr“, rief er, einen Schritt vortretend, „kennen Sie mich?“ Der Graf, welcher bisher ganz erſtarrt vor Er⸗ ſtaunen dageſtanden hatte, fühlte ſich durch den ro⸗ hen, unhöflichen Ton des Offiziers unangenehm berührt, und indem er ſich jetzt ernüchterte, antwortete er, ſich* ſtolz emporrichtend und ſeinem Gegner feſt ins Auge ſehend: „Woher ſollte ich Sie kennen? Sie haben mir ja Ihren Namen noch nicht genannt!“ „Nun, Herr, ich bin der Lieutenant von Cederſtröm 97 und jeder Offizier der Garniſon kann Ihnen Auskunft über mich geben. Ich mache mir den Teufel etwas daraus, Jemand meine Klinge vier Zoll tief in die Bruſt zu ſtoßen. Dieſe Dame hier ſteht unter mei⸗ nem Schutz, und bei Gott, Herr, Sie ſollen für Ihre Unverſchämtheit büßen!“ „Und ich bin der Major Graf Zubow“, antwortete unſer Bekannter, indem er dem Sprecher ruhig und feſt ins Auge blickte.* „Und mögen Sie der Großmogul ſelbſt ſein, Herr“, brüllte Cederſtröm,„lebendig verlaſſen Sie dieſes Zim⸗ mer nicht mehr!“ „Stoße ihn nieder!“ rief die Franzöſin.„Er iſt ein Spion, er will mich verrathen, er macht mich und Dich unglücklich!“ „Alſo ein Mord?“ fragte der Graf, indem er kalt die Arme verſchränkte. „Wenn es nöthig iſt, warum nicht?“ rief der Lieu⸗ tenant.„Und es iſt nöthig“, brüllte er,„denn vielleicht ſchon in einigen Tagen— Tod und Teufel! mögen Sie zur Hölle fahren, wo das Leben ſo vieler braven Männer auf dem Spiele ſteht!“ Der wilde rohe Menſch war einen Schritt zurück⸗ geſprungen und die blanke, breite Klinge blitzte jetzt in ſeiner Hand. v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 7 98 „Stoß zu!“ rief die Franzöſin.„Er wird uns ver⸗ rathen, und wenn Du ihn ſchonſt, bringſt Du Deinen eigenen Hals in Gefahr!“ „So ſtirb, Verräther! Dein Mund wird nichts mehr ausplaudern!“ Wie ein wilder Stier drang Cederſtröm vor und führte mit aller Kraft einen Stoß nach der Bruſt des Grafen. Aber dieſer hatte ſich vorgeſehen und parirte den Stich, welcher ihm galt, mit einem Stuhl, welchen er zu ſeinem Schutz und zu ſeiner Vertheidigung ergrif⸗ fen hatte. „Elender!“ rief er.„Nie hätte ich geglaubt, daß ein Offizier und Edelmann bis zum gemeinen Mörder herabſinken könnte! Doch ich bin nicht unbewaffnet und auch nicht allein; ich kenne dieſe ſaubere Dame, der Sie Ihre Liebe widmen, ſehr genau, und habe daher keine Vorſicht außer Acht gelaſſen. Sehen Sie hier“— und Zubow zog ſeine Piſtole hervor—„jetzt könnte ich Wiedervergeltung üben und Ihnen die Kugel, welche in dieſem Lauf ſteckt, durch den Kopf jagen! Wer wollte es mir verdenken? Es wäre ja nur Nothwehr! Aber ich bin kein Bandit, und ſomit will ich mich vor⸗ läufig damit begnügen, Hülfe für mich herbeizurufen!“ „Schiebe den Riegel vor die Hausthür“, ſchrie Ce⸗ derſtröm Leontinen zu;„es iſt ſchon zu weit gekommen, —— 99 ich muß mit ihm fertig ſein, ehe er Unterſtützung er⸗ hält!“ Ein Schuß krachte, eine Fenſterſcheibe flog zerſchmet⸗ tert klirrend zu Boden und mit ſtarker Stimme rief jetzt Zubow in die Nacht hinein: „Zu Hülfe, Olof! Schnell, ſchnell, ehe man das Haus ſchließt!“ Zum Glück befand ſich der junge Fine in unmit⸗ telbarer Nähe. Che die Franzöſin noch den Riegel vorzuſchieben vermochte, hatte er dieſelbe bereits bei⸗ ſeite gedrängt, war die Treppe hinaufgeflogen und ſtand jetzt mitten im Zimmer. „Was geht hier vor?“ rief er, indem er fragend um ſich blickte. „Dieſer Herr“, ſagte Zubow, auf den Lieutenant zeigend,„hatte den beſten Willen, mich nach der Weiſe eines Banditen in die andere Welt zu befördern.“ „Pfui, ſchämen Sie ſich, Herr von Cederſtröm!“ ſagte Olof, indem er dieſem einen Blick der tiefſten Verachtung zuwarf. „Sie werden wohl thun, ſich nicht in meine Ange⸗ legenheiten zu miſchen“, antwortete dieſer trotzig. „Nun, das wäre ja noch ſchöner“, antwortete Olof. „Sie glauben alſo, Sie dürften ungeſtraft einen Mord begehen?“ 7* 100 „Einen Mord? Wer ſagt Ihnen denn das? Wenn eine Dame meine Hülfe in Anſpruch nimmt, ſo leiſte ich dieſer Bitte Folge und erfülle damit nur eine Pflicht.“ „Eine Dame?“ entgegnete der junge Fine und brach in ein ſpöttiſches Gelächter aus.„Was nennen Sie denn eine Dame? Sie beehren doch hier dieſe Perſon nicht mit einem ſolchen Titel?“ „Herr!“ brüllte der Lieutenant und faßte von neuem an den Griff ſeines Degens. „Still!“ rief Olof mit feſter, gebietender Stimme. „Still, Sie Bramarbas, hier iſt Niemand, der ſich vor Ihnen fürchtet.“ „Tod und Teufel!“ ſchrie Cederſtröm, und ſeine Augen funkelten vor Wildheit. „Ruhig! ſage ich Ihnen nochmals. Der Graf war wehrlos, Sie waren bewaffnet. Bezeichnen Sie das etwa als eine Heldenthat?“ „Den Kukuk war er unbewaffnet! Wie nennen Sie das, wenn Jemand eine Kugel auf mich abſchießt?“ „Der Schuß des Grafen galt nur mir als Benach⸗ richtigung. Beweis dafür iſt, daß die Kugel durch das Fenſter ging.“ „Kommen Sie, Olof“, ſagte der Major;„überlaſſen wir dieſem Herrn die Auslegung nach ſeinem Belieben. Ich glaube, wir haben hier nichts mehr zu thun; kom⸗ — —— 101 men Sie, es verlangt mich danach, dieſen Ort zu ver⸗ laſſen.“ „Noch einen Augenblick, wenn ich bitten darf“, rief Cederſtröm, welcher inzwiſchen heimlich ein paar Worte mit der Franzöſin ausgetauſcht hatte. „Faſſen Sie ſich möglichſt kurz“, ſagte der junge Fine.„Was wünſchen Sie?“ „Sie werden die Güte haben und Ihr Wort zurück⸗ laſſen, daß Sie der Bekanntſchaft mit dieſer Dame und ihrer Wohnung gegen Niemand Erwähnung thun.“ „Wollen Sie das etwa auch von uns ertrotzen?“ fragte Olof. Der Lieutenant ſtand im Begriff, eine herausfor⸗ dernde Antwort zu geben, als Leontine ihre Hand auf ſeinen Mund legte und ſtatt ſeiner das Wort ergriff. „Meine Herren“, ſagte ſie in ſehr herabgeſtimmtem Tone,„Sie ſind Cavaliere, und in meinem Vaterlande kommt es ſehr häufig vor, daß man einer Dame wegen den Degen zieht. Aber niemals läßt man dieſe Dame ſelbſt empfinden, daß ſie die Urſache des Haſſes und des Grolles iſt. Man übt Großmuth und zeigt unter allen Umſtänden Ritterlichkeit. Nun, üben Sie dieſe jetzt mir gegenüber, indem Sie auf den Wunſch des Barons eingehen. Ein Geheimniß umgibt mich, das weder Jemand ſchadet noch nützt, deſſen Enthüllung 10² mir aber große Gefahr bringen würde. Ich appellire daher nochmals an Ihre Discretion.“ Olof und der Graf tauſchten einen fragenden Blick mit einander aus. „Gezwungen geben wir unter keinen Umſtänden ein ſolches Verſprechen“, ſagte der letztere,„indeſſen freiwillig—“ „Es iſt mir ganz gleichgültig, auf welche Weiſe Sie es geben“, warf Cederſtröm hin. „Nun, uns gelüſtet nicht danach, den Schleier von Ihren Geheimniſſen zu lüften, Mademoiſelle“, fuhr Zubow fort.„Jeder iſt für ſeine Thaten verantwort⸗ lich und wir fühlen uns nicht berufen, über Sie zu Ge⸗ richt zu ſitzen, obgleich die Rolle, welche Sie hier zu ſpielen ſcheinen, mir verdächtig genug vorkommt. Wir werden alſo ſo lange über Ihre Perſon und über Ihren Aufenthalt ſchweigen, als wir nicht amtlich dar⸗ über gefragt werden oder eine höhene Pflicht uns das Reden gebietet.“ Die ſchöne Julie erröthete; es ſchien ihr doch nicht ganz wohl zu Muthe zu ſein. „Kommen Sie, Olof“, ſagte der Graf, und noch einen Blick der Verachtung auf die Franzöſin ſchleudernd, verließ er mit dem jungen Finen das Zimmer. „Dieſer hochmüthige Ruſſe hat uns ſchon zu tief 5— 103 in die Karten geſehen“, rief der Lieutenant, als er ſich mit Leontinen wieder allein befand. „O wie haſſe ich ihn!“ rief dieſe, die Fauſt ballend und den Boden mit dem Fuße ſtampfend. „Sei ruhig, mein Herzchen, Du ſollſt Genugthuung erhalten. Er muß verſchwinden, der Mund muß ihm für immer geſchloſſen werden, denn meine Sicherheit wie die vieler andern Herren von Bedeutung hängt davon ab.“ „Aber wie willſt Du das anfangen?“ „Laß mich nur machen, ich habe mir ſchon einen Plan entworfen. Ich kenne einen Kameraden, ebenfalls ein Hitzkopf, dem hat er ſein Liebchen weggefiſcht. Nun, der hat ihm ſchon längſt Rache geſchworen. Paſſe auf, ehe acht Tage vergehen, iſt dieſer Ruſſe um die Ecke und ſein Leichnam ruht mit Steinen beſchwert auf dem Grunde der Oſtſee.“ „Charmant!“ rief die Franzöſin.„O ich könnte ſei⸗ nen todten Körper noch mit Meſſerſtichen zerfleiſchen!“ Während ſich das würdige Paar auf dieſe Weiſe unterhielt, kehrten der Graf und Olof, ebenfalls im Geſpräch begriffen, nach ihren Wohnungen zurück. „Was ſagen Sie zu dem Verſprechen, welches man uns abgefordert hat?“ fragte der erſtere. Sein Begleiter ſchüttelte ſehr ernſt mit dem Kopfe. „Ich fürchte, es ſteckt dahinter mehr, als wir vermu⸗ 104 then. Es bereiten ſich hier allerhand Dinge im Fin⸗ ſtern vor und ich fürchte, die Pläne, welche insgeheim geſchmiedet werden, ſind unmittelbar gegen den König ſelbſt gerichtet.“ „Meinen Sie? Aeußerlich ſcheint doch die größte Ruhe zu herrſchen.“ „Ich bin ſelbſt noch zu kurze Zeit in Stockholm, um die Verhältniſſe überſehen zu können“, antwortete Olof,„aber wie ich von meiner Schweſter gehört habe, ſcheint ſelbſt die Königin nicht ohne Beſorgniß zu ſein. Es gibt hier eine ſtarke Partei Unzufriedener unter den Offizieren und es iſt kein Geheimniß, daß der Herzog von Södermanland mit ihnen in Verbin⸗ dung ſteht. Man ſucht den unglücklichen Monarchen von allen Seiten zu umſtricken und ihn zu Fehlgriffen, die ihn in der öffentlichen Meinung herabſetzen, zu verleiten.“ „Aber in welcher Weiſe könnte dieſe Franzöſin dazu mitwirken?“ „Das, lieber Freund, weiß ich mir ſelbſt nicht zu entziffern, aber was ſie mir verdächtig macht, iſt, daß ſie mit dieſem Cederſtröm in ſo enger Verbindung ſteht. Dieſer Menſch gehört zu den roheſten, wildeſten und gewiſſenloſeſten Offizieren der Garniſon und macht aus ſeinem Haſſe gegen den König gar kein Hehl.“ „— 105 „Etwas hat es jedenfalls zu bedeuten“, ſagte nun auch der Major nachdenklich,„daß dieſe Mademoiſelle d'Ecars ſo plötzlich hier auftaucht. Ohne höhern Be⸗ fehl würde ſie ſchwerlich ihre ganz einträglichen Ver⸗ bindungen in Petersburg aufgegeben haben. Ich kenne die ruſſiſche Regierung; ſie betritt zur Erreichung ihrer geheimen Abſichten oft die wunderlichſten Wege und benutzt dabei nicht ſelten Werkzeuge, die äußerlich ganz unbedeutend erſcheinen und deshalb unbeachtet bleiben.“ „Wir wollen ſie daher nicht aus den Augen laſſen“, bemerkte Olof;„ohnehin haben wir ja unſer Verſpre⸗ chen nur unter Vorbehalt gegeben.“ „Natürlich“, erwiderte der Major.„Treibt dieſe Dame insgeheim Politik, ſo hört ſelbſtverſtändlich jede Rückſichtnahme gegen ſie auf.“ Er war ſtehen geblieben.„Hier trennen ſich un⸗ ſere Wege“, ſagte er zu ſeinem Geſellſchafter.„Ich ſage Ihnen gute Nacht und bitte Sie, bei Ihrer Schweſter meine Rechtfertigung zu übernehmen.“ „Seien Sie unbeſorgt, Sie ſollen morgen von ihr mit einem Lächeln empfangen werden, welches Sie zu⸗ friedenſtellen wird.“ „Dann begebe ich mich beruhigt zu Bett. Gute Nacht denn, bei Anna ſehen wir uns wieder!“ Sechstes Kapitel. Wenige Tage nach dem eben geſchilderten Auf⸗ tritt ſtiegen zwei Herren in einer dunklen Nacht einen ſteilen Berg hinauf, auf deſſen Spitze, dem alten Schloſſe Gripsholm gegenüber, die gänzlich verfallene, ſeit hundertundfünfzig Jahren nicht mehr benutzte Kirche von Kernbo lag. „Sie ſind alſo überzeugt, General Toll“, ſagte der eine,„daß der Mann, zu welchem wir uns jetzt bege⸗ ben, ein von Gott erwähltes Werkzeug iſt?“ „Das unterliegt gar keinem Zweifel, Majeſtät! Wie ſollte er denn ſonſt die Kraft beſitzen, das junge Mäd⸗ chen, welches bei ihm iſt, in einen Zuſtand zu ver⸗ ſetzen, in welchem deſſen Seele gleichſam aus dem Kör⸗ per heraustritt und es im Stande iſt, Dinge zu ſehen —— ————rv— 107 und vorherzuſagen, die ſonſt dem Auge jedes Sterb⸗ lichen auf das tiefſte verhüllt ſind?“ „Ja, ja“, murmelte der König, indem er nachdenk⸗ lich weiter ſchritt,„die Kraft des Gebets und ein frommer Wandel bringen den Menſchen Gott näher und ſeine Gnade ergießt ſich dann über Einzelne durch die Gabe der Offenbarung, die er ihnen zu Theil wer⸗ den läßt.“ „Ganz richtig“, bemerkte Toll, welcher, wie wir wiſ⸗ ſen, ſein ſpecielles Intereſſe daran hatte, den König in ſeinem Irrthum zu erhalten;„man muß aber auch einen feſten Glauben mitbringen, wenn die geheimniß⸗ vollen Enthüllungen ſolcher gottbegnadigten Perſonen nicht abgeſchwächt werden ſollen.“ „Nun, an dem rechten Glauben fehlt es mir nicht“, antwortete der in der That von Herzen fromme Mo⸗ narch.„Ich habe dies, wie ich meine, mein ganzes Leben hindurch bewieſen.“ „Deshalb werden Eure Majeſtät auch ſchließlich über alle Ihre Feinde triumphiren“, warf der Gene⸗ ral ein. „Oder zum Märtyrer meiner gerechten Sache wer⸗ den“, fügte prophetiſch Guſtav IV. hinzu. Beide waren jetzt bis zum Eingang der Kirche ge⸗ langt, durch deren Fenſter ein mattes Licht ſchimmerte. 108 „Bleiben wir einen Augenblick ſtehen und ſammeln wir unſern Geiſt in ernſtem Gebet“, ſagte der König, die Hände faltend und den Kopf auf die Bruſt ſinken laſſend. Toll that daſſelbe, aber um ſeinen Mund ſpielte ein ſpöttiſches Lächeln, denn er war es ja, welcher dieſe Komödie, geſtützt auf den Aberglauben und die Myſtik, welcher Guſtav Adolf huldigte, diesmal im Einverſtändniß mit dem Herzog von Södermanland, veranſtaltet hatte. Einen Augenblick darauf hatten ſie die Schwelle der Thür überſchritten und ſtanden nun mitten in der Kirche. Während eine herabhängende Ampel ein ſchwa⸗ ches Licht verbreitete, machte ſich ein matter gelber Schein bemerkbar, und hier und da blitzten einige Flämmchen an den Wänden auf, die der moderne Heilige, welchen wir als den fortgejagten Candidaten Winburg kennen gelernt haben, dadurch bewerkftelligte, daß er Lycopodiumkörper und Phosphor angezündet hatte. Der Prophet ſelbſt oder richtiger geſagt der Betrüger, welcher dieſe Stelle übernommen, ſtand vor dem verfallenen Altar, während ſeine Gehülfin, die ſchöne Julie, neben ihm auf einem Lehnſtuhl Platz ge⸗ nommen hatte. Er trug einen langen ſchwarzen Ta⸗ lar, der ihm bis an die Schuhſpitzen reichte, und auch 109 das junge Mädchen war in ein weites ſchwarzes, bis an den Hals reichendes Gewand gehüllt, während ihr ſchönes Haar in langen, dichten Locken herabfiel und theilweiſe ihr Geſicht bedeckte. Die Stille der Nacht, die ihren Effect nicht verfehlende Beleuchtung und die dazu paſſende Kleidung der zwei Perſonen, welche Gu⸗ ſtav jetzt erblickte, machten auf den ohnehin abergläubi⸗ ſchen König einen ſichtbaren Eindruck, und das Auge feſt auf Winburg und deſſen Gefährtin gerichtet, ſtand er eine Minute unbeweglich, in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken. „Soll der fromme Mann beginnen?“ fragte Toll, zu dem Monarchen gewendet. Dieſer nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. „Verſucht es“, ſagte der General nunmehr zu dem Gaukler gewendet,„ob Eure magnetiſche Kraft aus⸗ reicht, um Eure Begleiterin in jenen wunderbaren Zu⸗ ſtand zu verſetzen, welcher ſie befähigt, in die Zukunft zu blicken und Geheimniſſe zu erforſchen, die andern Sterblichen verborgen bleiben.“ „Ich will es verſuchen“, lautete die Antwort,„doch kann es mir nur dann gelingen, wenn Gott ſeine Gnade über mich ausgießt und mir die Fähigkeit ver⸗ leiht, die übernatürlichen Kräfte dieſer Jungfrau zu erwecken.“ ten?“ 110 Nachdem Winburg dies geſagt, bekreuzte er ſich und machte daſſelbe Zeichen auch gegen ſeine Geſell⸗ ſchafterin. Dann kniete er nieder und murmelte Worte, die wie ein heißes, inbrünſtiges Gebet klangen, während die weißgelben Flammen an den Wänden noch häufiger und ſchneller wie bisher emporzüngelten. Endlich erhob er ſich; ſein Geſicht war jetzt bleich wie der Kalk und in ſeinen Augen ſchien ein geheimniß⸗ volles Feuer zu glänzen. Indem er ſich gegen das junge Mädchen, welches ruhig auf dem Stuhle ſaß, mit erhobenen Händen wendete, ſagte er, indem er ſeine Finger gegen ſie ausſtreckte und einigemal mit denſelben an ihr auf und ab fuhr, mit feſter befehlen⸗ der Stimme: „Schlafe, ich gebiete es Dir!“ „Das iſt das magnetiſche Fluidum, welches er ihr mittheilt“, lispelte der General, zu dem König gewen⸗ det, indem er zugleich auf die Bewegungen, welche der Gaukler mit ſeinen Händen machte, deutete. „Schläfſt Du?“ fragte dieſer endlich, indem er mit ſeinen Manipulationen inne hielt. „Ich ſchlafe“, tönte es jetzt matt von den Lippen der Hellſeherin. „Biſt Du im Stande, meine Fragen zu beantwor⸗ —,—— — ——— 111 „Ich will es verſuchen.“ „Wo befindeſt Du Dich jetzt?“ „Ich befinde mich in der Nähe Stockholms, in einem wunderſchönen Luſtſchloß, welches von den Wel⸗ len eines großen Sees umſpült wird.“ „Das iſt Haga“, flüſterte der König. „Was ſiehſt Du weiter?“ „Ich ſehe ein reichgeſchmücktes Gemach und mitten in dieſem Gemach ſteht ein hoher Herr von gebieten⸗ dem Anſehen, der auf ſeinem Haupte eine Krone trägt und in ſeiner Hand ein Schwert hält.“ Guſtav Adolf zuckte zuſammen.„Das bin ich“, murmelte er. „Was geht weiter vor?“ fragte der angebliche Hei⸗ lige. „Viele kommen und gehen und verbeugen ſich vor dem hohen Herrn, aber es ſind Leute unter ihnen, die es nicht redlich meinen und in deren Herzen die Falſchheit wohnt. Neben dem Herrſcher ſteht ein Herr in glänzender Uniform, von langer Geſtalt, mit blon⸗ dem Haar, mit einer Habichtsnaſe, einer breiten Stirn und großen blauen Augen.“ Der General war durch dieſe Worte ſo getreu ſkiz⸗ zirt, daß man ihn gar nicht verkennen konnte, und Guſtav IV. flüſterte ihm daher auch zu: EEEEEEEEEEEEEEEEEEEnEnE;EEEEEEEEEEEEEE 112 „Dieſer Mann in der glänzenden Uniform ſind Sie, lieber General.“ „Was geſchieht weiter?“ fragte der Magnetiſeur. „Gottes Stimme ſpricht jetzt zu mir“, rief die Som⸗ nambule, indem ein leiſes Zittern ihren Körper durch⸗ bebte,„ich fühle, wie ſein Athem mich anweht.“ „Und was offenbart Dir Gott?“ „Er ſcheint den, welcher die Krone und das Scepter trägt, wegen ſeiner Frömmigkeit beſonders zu lieben. Er befiehlt ihm, dem Mann in der glänzenden Uniform, welcher neben ihm ſteht, unter allen Umſtänden zu ver⸗ trauen und ſeinen Rathſchlägen zu folgen, denn er iſt ſein beſter und treueſter Freund und die kräftigſte Stütze ſeines Throns.“ Toll, welcher dem König bisher zu de verderblich⸗ ſten Maßregeln gerathen und ihn fortwährend zu Schritten verleitet hatte, welche ihm ſchließlich faſt alle Gemüther entfremdeten, warf einen Seitenblick auf Gu⸗ ſtav Adolf und ein triumphirendes Lächeln flog über ſeine Lippen. „Ja, ja“, ſagte dieſer leiſe mit bewegter Stimme, indem er zugleich warm die Hand des Generals drückte, „Sie ſind der einzige, aufrichtige Freund, den ich habe, und nichts ſoll mich beſtimmen, Ihnen das Ver⸗ trauen, welches ich Ihnen ſchenke, zu entziehen.“ —e— 113 „Gott weiß es, daß ich es treu meine“, erwiderte heuchleriſch der General, die Hand des Monarchen küſ⸗ ſend, den er in dieſem Augenblick ſo arg myſtificirte. Inzwiſchen hatte ſich der Magnetiſeur von neuem an die Somnambule gewendet. „Wo befindeſt Du Dich jetzt?“ fragte er, indem er ſeinen Blick feſt auf dieſelbe richtete. Es dauerte eine Zeit lang, ehe er eine Antwort erhielt. „Nun?“ rief Winburg mit verſtärkter Stimme. „Laſſe mir Zeit, um mich zu orientiren. Ich ſehe eine große Inſel, ich ſtehe auf einem hohen Berge.“ „Was gewahrſt Du weiter?“ Statt einer Antwort ſtieß die Hellſeherin einen lauten Schrei aus und machte mit der Hand eine ab⸗ wehrende Bewegung. „Ich befehle Dir zu gehorchen!“ donnerte jetzt der Gaukler.„Du ſtehſt unter meinem Einfluß; im Namen des dreifaltigen Gottes gebiete ich Dir zu ſagen, was Du erblickſt!“ „Ich ſehe eine große Schaar über meinem Haupte in den Wolken“, lautete die Antwort,„und an der Spitze dieſer Schaar befindet ſich ein Reiter auf rothem Roſſe, mit einem Kopf wie ein Löwe und mit Füßen wie ein Bär, und ihm entgegen ſtellt ſich ein anderer v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 8 -——qͤq— Reiter auf einem weißen Pferde, mit der Lanze be⸗ waffnet, und ich erkenne in ihm den gebietenden Herrn wieder, welchen ich in dem Luſtſchloß am See mit der Krone auf dem Haupte und mit dem Schwerte in der Hand geſehen habe. Jetzt legt er ſeine Lanze gegen das Thier ein, jetzt durchbohrt er daſſelbe und blutend ſinkt es in das Meer, dem es entſtiegen.“ Der König war mit der höchſten Spannung den Worten der Hellſeherin gefolgt und ſein Geſicht zeigte ſchließlich eine fieberhafte Erregtheit, welche es außer allem Zweifel ließ, daß er von der Wahrheit deſſen, was er ſo eben geſehen und gehört hatte, überzeugt war. Indem er Toll faſt krampfhaft beim Arm faßte, flüſterte er ihm zu:. „Der Reiter auf dem rothen Roſſe iſt das Thier aus der Offenbarung Johannis, welches aus dem Ab⸗ grund emporſteigt; es iſt Bonaparte, und ſein Gefolge bilden der Tod und die Hölle!“ „Und der Reiter auf dem weißen Pferde mit der Lanze in der Hand war Niemand anders als Eure Majeſtät, die von Gott dazu auserſehen iſt, Napoleon Bonaparte zu bekämpfen und Ludwig XVIII., den le⸗ gitimen König Frankreichs, wieder auf ſeinen Thron zurückzuführen.“ „Möge mir dies gelingen“, antwortete Guſtav Adolf; — 115 „jedenfalls würde mich keine Macht dazu bewegen kön⸗ nen, den jetzigen Gewalthaber in Frankreich anzuer⸗ kennen, weil ich hiermit mein zeitliches und ewiges Un⸗ glück begründen würde.“ Er wendete ſich um und ſtand im Begriff, die Kirche zu verlaſſen, als er plötzlich wie eingewurzelt ſtehen blieb und ein Ausruf der Ueberraſchung ſeinen Lippen entfuhr. „Ha, was iſt das?“ rief er und zeigte dabei mit allen Zeichen des Erſtaunens und einer abergläubigen Furcht nach der ihm gegenüberliegenden Seite. Auch Toll ſtutzte einen Augenblick. Eine Geſtalt, die bei dem Dampf, welchen das angezündete Räucher⸗ werk verbreitete, nur in ſchwachen Umriſſen zu erken⸗ nen war, ſchien aus der Wand hervorzutreten. Sie hatte die rechte Hand erhoben und man mußte glau⸗ ben, ſie lächele den König an. „Mein verſtorbener Vater!“ murmelte dieſer, und ſich in ſeinen Mantel hüllend und noch einmal einen ſcheuen Blick auf die Erſcheinung werfend, ſchritt er mit geſenktem Kopf, in tiefe Gedanken verloren, zur Kirche hinaus. „Er lächelte mir zu und winkte mir, er billigt alſo mein Verfahren“, murmelte der abergläubige, ſo gröb⸗ lich getäuſchte Monarch, indem er durch das Dunkel der Nacht ſeinen Weg weiter fortſetzte. 8* 116 Toll, welcher dieſe ganze Gaukelei ins Werk geſetzt hatte, ſagte blos in heuchleriſchem Tone: „Wäre ich jemals ein Freigeiſt geweſen, ſo würde ich heute vollſtändig bekehrt worden ſein; Gott hat dieſe Nacht Eure Majeſtät in Geheimniſſe blicken laſſen, die gewöhnlichen Menſchen für immer verſchloſſen blei⸗ ben!“ Etwa eine Viertelſtunde nach der Entfernung Gu⸗ ſtav's IV. bot ſich übrigens in der Kirche ein anderes Bild dar. Die Somnambule war von ihrem Seſſel aufgeſprungen und lachte hell auf, während Winburg in dieſes Gelächter einſtimmte. Auch eine dritte Per⸗ ſon, die ſich bisher verborgen gehalten hatte, kam jetzt zum Vorſchein und dieſe war Niemand anders als der Baron von Cederſtröm. „Gut geſpielt, Herr Gaukler“, rief er,„aber zuge⸗ ben müßt Ihr doch, daß ich als Gehülfe ebenfalls meine Schuldigkeit gethan habe, denn wenn ich nicht die feinen Schnüre von Pferdehaaren, an denen das Bild befeſtigt war, mit techniſcher Fertigkeit gehandhabt hätte, ſo würde es Euch ſchwerlich gelungen ſein, durch das Erſcheinen Guſtav's III. noch im letzten Augenblick Eurer Betrügerei die Krone aufzuſetzen! Es freut mich, daß ich dem Herzog von Södermanland, welcher mich zu Eurer Ueberwachung hierher ſchickte, über Euer Ta⸗ 117 lent als unverſchämter Taſchenſpieler nur Vortheilhaf⸗ tes berichten kann. Ihr ſelbſt dürft Euch aber heute mit dem beglückenden Gefühl zu Bett legen, Eure wei⸗ ten Taſchen mit Goldſtücken gefüllt zu haben, denn der König ſowohl wie der Herzog werden Euch reichlich belohnen.“ Siebentes Kapitel. Etwa eine Stunde vor der Zeit, ehe der ſowohl durch ſeine eigenen Fehler wie durch ein Netz von In⸗ triguen ſo irre geführte Guſtav IV. die Kirche von Kernbo betrat, überreichte der Diener des Grafen Zu⸗ bow letzterem ein kleines, ſorgfältig verfiegeltes Billet. „Von wem?“ fragte dieſer kurz, indem er es in Empfang nahm. „Der Ueberbringer meinte, es ſei nicht nöthig, dem Herrn Grafen den Abſender zu nennen, Sie würden aus dem Inhalt des Schreibens ſchon das Nöthige erſehen.“ „Es iſt gut, Du kannſt gehen.“ Als Zubow allein war, betrachtete er neugierig den Brief, indem er ſowohl deſſen Aufſchrift wie das Siegel prüfte. 119 „Etwa wieder eine Einladung zu einem nächtlichen Rendezvous?“ ſagte er lächelnd.„Das nehme ich unter keinen Umſtänden an, denn umſonſt habe ich mein Lehrgeld nicht bezahlt!“ Er hielt jetzt das offene Schreiben in der Hand und warf einen flüchtigen Blick in daſſelbe, aber bald nahm ſein Geſicht einen ernſten Ausdruck an und man ſah es ihm an, daß er nach einem Entſchluß rang. Der Brief enthielt nur die wenigen Worte: „Wenn Sie dem König Ihre Dankbarkeit für den Schutz, welchen er Ihnen großmüthig gewährt hat, an den Tag legen wollen, ſo begeben Sie ſich unverweilt nach der Kirche von Kernbo und warnen Sie ihn, die⸗ ſelbe zu betreten. Ein Gaukler treibt dort ſein Spiel und der König läuft Gefahr, einer argen Myſtification ausgeſetzt zu werden.“ „Was ſoll ich thun?“ rief Zubow, indem er über⸗ legend in der Stube auf und ab ſchritt.„Den Weg kenne ich wohl, obgleich es bereits Nacht iſt, denn ich habe den Berg, auf welchem das Gotteshaus liegt, der ſchönen Ausſicht wegen häuſig beſucht! Könnte ich nur Olof mitnehmen, aber wo finde ich den jetzt? Und zu⸗ dem, heißt es nicht in dem Schreiben, ich ſolle mich unverweilt auf den Weg machen? Freilich, wenn ich an das letzte Abenteuer bei Mademoiſelle d'Ecars 120 denke, könnte es eine neue Schlinge ſein, die man mir legte.“ Er ſann wieder einige Augenblicke nach, dann ſchien aber das Gefühl der Dankbarkeit gegen den König und ſein Muth als Soldat ſeine Bedenken beſiegt zu haben. Er kleidete ſich raſch an, unterſuchte das Pulver auf der Pfanne ſeines Doppelterzerols, ſteckte die Waffe in ſeine Bruſttaſche und begab ſich nun raſch auf den Weg, nachdem er ſeinem Diener noch befohlen hatte, ihn unter allen Umſtänden zu er⸗ warten. Bald lag die Stadt hinter ihm, und indem er raſch weiter ſchritt, traten die Thürme des uralten Schloſſes Gripsholm undeutlich hervor und der Mälarſee wurde ſichtbar, ſobald ſich hier und da das Licht des Mondes blicken ließ. Da Kernbo Gripsholm gegenüber lag, ſo mußte Zubow einen ziemlichen Bogen machen, allein als ein guter Fußgänger kam er ſchnell vorwärts, und des Weges kundig, begann er jetzt den mit dunkeln Tannen und friſchem Laubholz dicht beſetzten Berg hinaufzuſteigen. Mitunter ſtolperte er wohl über eine ſtarke Baumwurzel, deren viele aus dem Boden her⸗ vorragten, oder er ſtieß mit dem Geſicht gegen die über⸗ hängenden Zweige, denn der Weg war uneben und es herrſchte völlige Finſterniß; allein er hatte Eile, denn es war ihm vor allem daran gelegen, noch vor dem 121 König auf dem Gipfel des Berges anzulangen, und ohne ſich daher durch die hier beſchriebenen Hinder⸗ niſſe aufhalten zu laſſen, beflügelte er ſeine Schritte. Plötzlich ſtutzte er jedoch; es war ihm, als hätte er ganz in der Nähe ein Kniſtern in den Büſchen und ein Flüſtern von Stimmen gehört. Von neuem er⸗ wachte der Argwohn in ſeiner Bruſt; der Gedanke, daß man ihn mittels des Briefes am Ende doch nur in einen Hinterhalt habe locken wollen, machte ſich um ſo ſtärker bei ihm geltend, als er bei längerem Nachden⸗ ken keinen Grund dafür fand, weshalb ſich Guſtav IV. zu ſo ſpäter Zeit in dieſe abgelegene Gegend begeben ſollte. Auf jeden Fall beſchloß er auf ſeiner Hut zu ſein und zog deshalb ſein Doppelterzerol aus der Bruſttaſche. Kaum hatte er dieſe Vorſichtsmaßregel ins Werk geſetzt, als er auch ſchon die Gefahr erkannte, in welcher er ſich befand. Vier bis fünf Kerle ſtürzten von beiden Seiten des Weges auf ihn zu und im Nu ſah er ſich von ihnen umringt. Dennoch verlor der Major die Beſinnung nicht; er war ein zu tapferer Soldat, um vor einer ſolchen Ueberzahl zurückzuſchrecken. „Gebt Raum!“ rief er und erhob ſeine Waffe. „Aus dem Wege, oder ich ſchieße den erſten, welcher ſich mir in den Weg ſtellt, nieder!“ „Gebt Feuer!“ commandirte eine Stimme, die Zu⸗ 122 bow ſehr bekannt vorkam.„Warum ſtutzt Ihr, feige Memmen? Vorwärts, macht ihm den Garaus, und dann lauft meinetwegen, wohin Ihr wollt!“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſtoßen, als auch ſchon mehrere Schüſſe knallten und der Graf einen heftigen Schmerz in der Bruſt empfand. Die Piſtole entfiel ihm, und indem er mehrere Schritte zurücktau⸗ melte, ſank er ſchließlich nieder. Eine Geſtalt beugte ſich über ihn und blickte ihm, ſo gut dies in der Finſterniß geſchehen konnte, ins Geſicht. „Der hat genug!“ ſagte der Unbekannte.„Seine Augen ſind gebrochen und das Blut dringt durch ſeine Kleidung. Schleppt ihn ins Gebüſch, dort kann er liegen bleiben, und wenn man ihn morgen findet, ſo mag ſich die hochweiſe Polizei darüber den Kopf zer⸗ brechen, wie der Mann plötzlich eine Leiche geworden iſt.“ Mehrere Arme erfaßten den Körper unſeres Be⸗ kannten, und halb trug, halb ſchleifte man ihn ins Dickicht. „Nun fort, Ihr Schufte!“ tönte abermals die Stimme, welche ſich vorhin hatte vernehmen laſſen. „Erſt unſern Lohn!“ brummte ein Kerl.„Eher gehen wir nicht von der Stelle!“ 123 „Ja ſo, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Hier! Theilt Euch in die Summe, ſie beträgt mehr, als ich Euch verſprochen habe!“ Ein abermaliges Brummen und Murmeln ließ ſich vernehmen, es war, als wenn Geld gezählt würde. „Nun, habt Ihr Euch überzeugt, daß es keine Koh⸗ len ſind?“ fragte derjenige wieder, welcher der Führer der Bande zu ſein ſchien. „Ganz wohl, Euer Gnaden. Es iſt Alles in Rich⸗ tigkeit. Wir danken und halten uns für ein anderes Mal empfohlen.“ „Schon gut. Schert Euch zum Teufel, Eure Gegen⸗ wart hier iſt nicht mehr nothwendig!“ Die Strolche entfernten ſich. Zubow lag ausge⸗ ſtreckt auf dem feuchten Mooſe, aber obgleich ihm die Sinne mehr und mehr ſchwanden, hatte er doch die Worte, welche in ſeiner Nähe geſprochen worden wa⸗ ren, noch gehört und verſtanden. Plötzlich theilten ſich die Zweige und der Mann, welcher ihm vorhin ins Geſicht geſehen hatte, ſtand wieder dicht vor ihm. Er ſchlug jetzt die Arme über einander und beobachtete ihn genau.„Ich hätte Luſt, ihm der Vorſicht halber noch eine Kugel durch die Schläfe zu jagen“, murmelte er,„aber er rührt ſich ja nicht mehr, und ich bin überzeugt, er iſt mauſetodt. 124 Auf Wiederſehen alſo, Graf Zubow, in der andern Welt, in dieſer Welt werden Sie zwiſchen mich und Anna Jönſon nicht mehr treten!“ Ein höhniſches Gelächter erfolgte, und dann ent⸗ fernte ſich der Fremde mit raſchen Schritten. „Ich weiß doch jetzt, wer mein Mörder iſt“, dachte der Major, aber indem er dieſen Gedanken feſtzuhalten ſuchte, ſchwanden ihm vollends die bereits halberlo⸗ ſchenen Sinne und mit einem tiefen Seufzer ſtreckte er die Glieder und verfiel in völlige Bewußtloſigkeit. Wie lange er in dieſem Zuſtand zugebracht hatte, davon konnte er ſich keine Rechenſchaft geben. Als er die Augen wieder aufſchlug, war es noch Nacht, aber hier und da raſchelte bereits ein Vogel im Laube, ein Zeichen, daß es bald Tag werden mußte. Er dehnte und reckte ſich, aber es wurde ihm ſchwer, denn die Kälte hatte ſeine Glieder ſteif gemacht und ſeine Bruſt ſchmerzte ihn ſehr. Dennoch machte er den Verſuch, ſich zu erheben, und es gelang ihm dies ſchließ⸗ lich auch. Mit Hülfe eines ſtarken Stabes, einer vom Sturm geknickten jungen Tanne, die zu ſeinen Füßen lag, richtete er ſich endlich empor und begann ſich nach der Stadt zurückzuſchleppen. „Es war Holm, darüber beſteht kein Zweifel“, mur⸗ melte er,„ich habe ſeine Stimme vernommen, ich habe 125 ſein Geſicht erkannt! Gott verzeihe ihm, was er gethan! Er war ſchlecht, aber eines ſolchen Verbrechens habe ich ihn doch nicht für fähig gehalten.“ Nur mühſam bewegte er ſich weiter, oft mußte er ſtehen bleiben, um Athem zu ſchöpfen und der keuchen⸗ den Bruſt Erholung zu gönnen.„Wenn es mir nur gelingt, meiner Wohnung zu erreichen“, murmelte er, indem er am Quai hinſchlich, welchen er paſſiren mußte. Plötzlich ſeufzte er tief auf, der Stab ent⸗ fiel ihm, Todtenbläſſe überzog ſein Geſicht, und von einer neuen Ohnmacht befangen, ſank er abermals neben einem Güterſchuppen, in deſſen Nähe ſich ein altes umgeſtürztes Boot befand, bewußtlos nieder. Der Morgen begann eben zu dämmern, aber der Ort war noch ganz von Menſchen leer, ſelbſt auf den im Waſſer ankernden Schiffen regte ſich noch keine Seele. So lag der Verwundete etwa eine halbe Stunde; der Zufall hatte ſein müdes Haupt auf einen Haufen alter Baſtmatten gebettet. Als er jetzt wieder die Augen aufſchlug, bemerkte er eine kräftige, jugendliche Geſtalt in der Tracht eines Matroſen, welche vor ihm auf den Knieen lag und ihm theilnehmend und neugierig ins Geſicht blickte. „Waſſer!“ ſtöhnte der Verwundete. „Sogleich!“ lautete die Antwort, und ſchon flog 126 der Matroſe fort, um kurz darauf mit einem friſchen Trunk zurückzukehren. „Habe Dank“, murmelte der Graf, indem er ſichtbar erquickt das Gefäß zurückreichte. „Gelobt ſeien alle Heiligen“, rief der junge Mann. „So werden Sie doch nicht ſterben! Ich fürchtete es ſchon.“ „Es geht ſchon beſſer“, antwortete der Major, wel⸗ cher den jungen Mann nicht aus den Augen gelaſſen hatte.„Aber ich meine, ich müßte Dich kennen“, ſetzte er in ruſſiſcher Sprache hinzu. Der Matroſe fuhr wie elektriſirt empor.„Ein Landsmann!“ rief er erſtaunt und ſein Geſicht ſtrahlte. „Heißt Du nicht Michael Popow?“ fragte der Graf. „Bei unſerer lieben Frau von Kaſan, das iſt wahr! Aber woher wiſſen Sie denn das?“ „Sieh mich an, Michael, erkennſt Du mich nicht wieder? Haſt Du den Grafen Feodor Zubow denn ſo ganz und gar vergeſſen?“ „O Herr, o Herr, Sie ſind es!“ ſchrie der Schiffer und küßte den Saum des Kleides unſeres Bekannten. „Ach, Sie waren ſtets ſo gut gegen meine arme Schwe⸗ ſter, gegen meine geliebte Iwanowna, welcher unſer Herrgott jetzt einen Platz im Himmel unter ſeinen Hei⸗ ligen angewieſen hat.“ 127 „Ich kenne ihr trauriges Ende und weiß, wie Du Dich rächteſt“, bemerkte der Major.„Du haſt alſo auch Petersburg verlaſſen?“ „Mußte ich denn nicht? Sollte ich mich etwa auch vom General Araktſchejew zu Tode prügeln laſſen?“ „Nun, und es geht Dir hier gut?“ „Wie man's nimmt. Ich ſcheue mich nicht vor der Arbeit, aber es fehlt gegenwärtig an derſelben. Dort iſt für den Augenblick meine Schlafſtelle“, fuhr er fort, indem er auf das umgeſtürzte Boot zeigte,„aber ich preiſe Gott dafür, denn ich habe doch nun einem ſo braven und guten Herrn einen Dienſt leiſten können.“ „Du biſt ein guter Burſche“, ſagte Zubow,„und wenn Du Luſt haſt, ſo kannſt Du in meine Dienſte treten.“ „O Euer Gnaden!“ Michael ſchaute den Grafen mit ſtrahlenden Blicken an. „Ich behalte Dich, darauf kannſt Du Dich verlaſ⸗ ſen. Jetzt aber eile und ſieh zu, daß Du einen Fiaker auftreibſt. Je eher ich nach Hauſe komme, deſto beſſer iſt es für mich.“ „Herr, Sie ſind verwundet! Ihre Kleider ſind voll Blut!“. „Frage nicht, ſondern beeile Dich, einen Wagen her⸗ beizuſchaffen.“ 128 „Sogleich, Euer Gnaden!“ Und der junge Ruſſe ſtürzte fort, um den ihm gewordenen Auftrag auszu⸗ führen. Nach Verlauf einer halben Stunde befand ſich Zubow in ſeiner Behauſung und im Bett. Ein ſchnell herbeigeholter Arzt hatte ſeine Wunde unterſucht und den erſten Band angelegt. „Es iſt keine Gefahr vorhanden“, ſagte er;„die Kugel iſt zur rechten Seite eingedrungen und hat den Bruſtknochen blos geſtreift. Der Blutverluſt hat Sie geſchwächt und der Weg bis zur Stadt zurück war für Ihre Kräfte zu viel. Ein tüchtiges Wundfieber werden Sie allerdings auszuhalten haben, aber ich wie⸗ derhole Ihnen nochmals: es ſind keine edlen Theile verletzt.“ Bald ſaß auch Olof an Zubow's Seite.„Armer Freund“, ſagte er theilnehmend,„Ihre Liebe iſt wahr⸗ lich auf keine Roſen gebettet.“ „Nun“, ſcherzte der Major,„es gibt auch keine Roſe ohne Dornen, und wer die Hand nach einer ſolchen ausſtreckt, muß ſich ſchon einen Stich gefallen laſſen.“ „Sie ſcherzen und vergeſſen dabei die ernſte Seite der Sache. Sind Sie darüber wirklich nicht im Zwei⸗ fel, daß der Mordanfall auf Sie unter Holm's Leitung geſchah?“ 129 „Leider nein.“ Der junge Fine erröthete tief.„Schande, Schande über einen ſolchen Menſchen, den ich noch dazu einen Verwandten nennen muß! Aber das ſoll mich nicht abhalten, ihn wegen des begangenen Verbrechens ſei⸗ nen Richtern zu überliefern. Ich werde von der That Anzeige machen, mit einem Straßenräuber darf man kein Mitleid haben!“ „Vorläufig bitte ich Sie, den Gegenſtand ruhen zu laſſen“, ſagte Zubow ernſt.„Mein glücklicher Stern hat über mir geleuchtet, und dieſer Menſch— Gott weiß, wie bald er ſeine Strafe findet.“ „Aber—“ wendete Olof ein. „Ich ſage Ihnen, theurer Freund, ich wünſche es ſo und nicht anders. Ich habe meine Gründe dazu.“ „Nun, dann muß ich mich freilich fügen“, be⸗ merkte der junge Fine.„Wie befinden Sie ſich jetzt?“ „Aufrichtig geſagt, ich glaube, es wird gut ſein, wenn ich mich der Ruhe hingebe.“ „Dann auf Wiederſehen! Zum Abend bin ich wie⸗ der hier.“ „Grüßen Sie Anna.“ „Sie wird mich begleiten.“ Der Major lächelte. Man ſah es ihm an den Augen an, wie glücklich ihn dieſe Mittheilung machte. v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 9 130 „Sagen Sie ihr, ſie möge ſich durchaus nicht äng⸗ ſtigen“, rief er Olof noch nach, als dieſer bereits die Thürklinke in der Hand hatte. „Die arme Anna! Hätte ich ihr nur erſt die Hiobs⸗ poſt glücklich beigebracht!“ Achtes Kapitel. Wir müſſen den Leſer jetzt erſuchen, uns in das Hauptquartier der finiſchen Armee zu folgen, wo der Oberſt Adlerſparre eben in einem Feldſtuhl ſaß und in einem Buche blätterte, als die Thür ſich plötzlich öffnete und der Gardelieutenant von Ankarſwärd her⸗ eintrat. „Wie?“ rief der erſtere, indem er verwundert auf⸗ ſprang.„Sehe ich recht? Sie hier?“ „Allerdings“, antwortete der andere,„und zwar abgeſchickt von den Mitgliedern unſeres Bundes. Ich habe unter einem ſchicklichen Vorwand Urlaub genom⸗ men und bin hierher geeilt, um Sie zum Aufbruch mit der wärmeländiſchen Armee gegen Stockholm zu mahnen.“ g⸗ 132 „Hat es damit denn ſolche Eile?“ fragte Adlerſparre gähnend. „Allerdings hat es Eile“, entgegnete Ankarſwärd. „Die Verhältniſſe werden alle Tage bedenklicher, der König iſt ſchon von verſchiedenen Seiten gewarnt wor⸗ den und ein entſcheidender Schritt muß nothwendig geſchehen.“ „Ich vermuthe, die Reiſe wird Ihnen Appetit ge⸗ macht haben“, ſagte der Oberſt, indem er mit dem größten Gleichmuth eine Flaſche Wein und einen Schin⸗ ken auf den Tiſch ſtellte;„langen Sie alſo zu und laſſen Sie es ſich gut ſchmecken.“ „Aber ich bitte Sie, während es ſich um unſer aller Sicherheit handelt, können Sie von meinem Appetit ſprechen?“ „Wie finden Sie dieſen Burgunder?“ fuhr Adler⸗ ſparre fort.„Ein vortrefflicher Wein, nicht wahr? Nun, ich rathe Ihnen, Ihr Glas zu leeren.“ „Da Ihnen das Frühſtück nun einmal wichtiger zu ſein ſcheint als das Gelingen unſerer Pläne, ſo kann ich allerdings nichts Anderes thun, als Ihrem Beiſpiel folgen und tüchtig zulangen.“ „Das hat geſchmeckt!“ ſagte der Oberſt nach einer Weile, indem er ſeinen Teller zurückſchob und ſich hin⸗ tenüber legte. 133 „Aber ich verſtehe Sie in Wahrheit nicht“, begann Ankarſwärd wieder. „Nun, lieber Freund, begreifen Sie denn nicht? Ich bin meiner Sache ſo gewiß, daß ich gar keine Veranlaſſung finde, mich bei meinem Frühſtück ſtören zu laſſen.“ „Ah!“ machte der Baron. „Glauben Sie denn, daß ich die Zeit hier habe unthätig vorübergehen laſſen?“ fragte der Oberſt. „So haben Sie alſo den Beſchluß gefaßt, von Wor⸗ ten zu Thaten überzugehen?“ „Ja, und zwar ohne Zeitverluſt; denn ſo eben habe ich aus Stockholm ein Schreiben erhalten, wel⸗ ches mich dorthin beruft, um über mein Thun und Treiben Rechenſchaft zu geben. Sie ſehen alſo, ich habe es eilig und an ein weiteres Zögern iſt nicht mehr zu denken.“ „Wann wollen Sie mit der Armee aufbre⸗ chen?“ „Schon morgen. Wenn Sie dieſe Nacht noch ab⸗ reiſen, ſo können Sie die Nachricht den Kameraden noch vor meiner Ankunft überbringen.“ „Natürlich werde ich keinen Augenblick länger hier verweilen“, rief der Baron von Ankarſwärd und er⸗ hob ſich. 134 „Leben Sie wohl“, ſagte der Oberſt, ſeinem Gaſt die Hand reichend;„morgen folge ich Ihnen, wie ge⸗ ſagt, nach; in Stockholm ſehen wir uns wieder.“ * ꝓ*† Während die Armee wirklich zur angegebenen Zeit aufbrach und Adlerſparre mit derſelben in ſo ſchnellen Märſchen gegen die Hauptſtadt vorrückte, daß er in neun Tagen zweiunddreißig Meilen zurücklegte, hatte Guſtav IV. noch immer nicht allein keine Ahnung von dem Gewitter, welches ſich über ſeinem Haupte zuſam⸗ menzog, ſondern er war auch taub gegen alle War⸗ nungen, die ihm von verſchiedenen Seiten zukamen. Der verhängnißvolle März des Jahres 1809 war er⸗ ſchienen, und ihrer Gewohnheit gemäß luſtwandelte die Königin Friederike, nur begleitet von unſerer Bekann⸗ ten, dem Hoffräulein Anna Jönſon, in dem Park zu Haga. Eine Wolke lag auf ihrer edlen, ſchöngeformten Stirn, auf welcher ſonſt in der Regel ein heiteres Lä⸗ cheln zu thronen pflegte, und in Gedanken vertieft, verlor ſie ſich immer mehr in die entferntern Garten⸗ partien. Plötzlich blieb ſie ſtehen und ſtieß einen halb⸗ lauten Schrei der Ueberraſchung aus. Eine alte Bäuerin ſtand vor ihr und blickte der hohen Frau theilnehmend ins Geſicht. 135 „Fürchte nichts, Frau Königin“, ſagte dieſe in ihrer einfachen, ungeſchminkten Weiſe.„Was mich hierher ge⸗ führt hat, iſt die Liebe und Theilnahme für Dich und für den, welchem Gott die Krone verliehen und den er als Herrſcher über Schweden geſetzt hat.“ „Die Theilnahme für meinen Gemahl führt Euch hierher?“ fragte aufhorchend Friederike. „Ja, Frau Königin. Er iſt von Verräthern um⸗ geben, die ihm Alles nehmen und ihn dann fortführen wollen.“ „Mein Gott“, rief beſtürzt die hohe Frau,„woher habt Ihr dieſe Nachricht?“ „Frage nicht, woher ich ſie habe“, antwortete die Bäuerin,„denn ich darf es nicht ſagen; aber wenn Dir Deine Freiheit und das Leben Deines Gemahls lieb iſt, ſo verachte meine Warnung nicht und gib ihm ſobald wie möglich davon Kunde.“*) Die Königin griff nach ihrer Börſe.„Hier nehmt, gute Frau, und habt Dank für Eure Mittheilun⸗ gen.“ Aber die Alte machte eine abwehrende Bewegung. „Nicht der Durſt nach Gold hat mich hierher geführt“, *) Das ganze Geſpräch iſt Thatſache. Der Verfaſſer. 136 ſagte ſie,„ſondern die Liebe zu Dir und zu dem Kö⸗ nig. Sei nochmals gewarnt und handle, ehe es zu ſpät iſt!“ Im nächſten Augenblick war die Bäuerin im Ge⸗ büſch verſchwunden, und mit angſterfüllten Blicken ſah Friederike ihr nach. „Vater im Himmel“, ſeufzte ſie endlich, wobei ſie die Hand aufs Herz legte,„was ſoll ich thun?“ „Eure Majeſtät dürfen keinen Augenblick zögern, dem König Mittheilung von dem Geſchehenen zu ma⸗ chen“, ſagte Anna. „Ich will es thun, mein Kind, aber ich kenne mei⸗ nen Gemahl; er wird zornig werden und mich ſeinen Unwillen empfinden laſſen.“ „Dennoch wäre es gegen Eurer Majeſtät Pflicht, wenn Sie ſchwiegen.“ „Ganz gewiß. So kommen Sie, wir wollen un⸗ verweilt umkehren.“ Mit haſtigen Schritten trat die Königin den Rück⸗ weg an. Als ſie ſich dem Schloſſe näherte, trat ihr Guſtav IV. entgegen. „Ich komme, um mich bei Ihnen zu verabſchieden, bevor ich mich nach Stockholm begebe“, ſagte er;„um Mittag ſehen wir uns wieder.“ „Ich bitte Sie um einen Augenblick Gehör“, rief — S 7 — S 7 137 die Königin und heftete ihre angſterfüllten Blicke auf ihren Gemahl. „Ich ſtehe zu Befehl, nur bitte ich kurz zu ſein, denn meine Zeit iſt mir zugemeſſen.“ „Majeſtät, ſo eben bin ich von einer alten Bäuerin gewarnt worden. Sie behauptete, Ihre Freiheit und Ihr Leben ſtänden auf dem Spiele.“ „Bah, ſie wird Ihnen ein Geldgeſchenk haben ab⸗ preſſen wollen.“ „Nein, im Gegentheil, ſie ſchlug daſſelbe aus und verſchwand, indem ſie ihre Warnung wiederholte.“ „Nun,“ rief Guſtav aufgebracht,„ich wundere mich ſehr, daß Sie auf ſolches dummes Geſchwätz irgend ein Gewicht legen. Noch geſtern erlaubte ſich der Chevalier de Nodaiſe, mich auf gleiche Weiſe zu behelligen.“ „Wie, auch er warnte Sie?“ „Ja, aber ich habe ihn dafür auch vierundzwanzig Stunden auf die Hauptwache geſchickt, damit er dort über ſeine Narrheit nachdenken möge.“*) „Nun“, rief Friederike,„auf die Gefahr hin, von Ihnen ebenfalls eine Närrin genannt zu werden, wie⸗ derhole ich nochmals die Bitte, auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Meine Theure“, antwortete Guſtav zornig,„ich *) Thatſache. 138 liebe es nicht, wenn Andere ſich in meine Angelegen⸗ heiten miſchen, und ſomit hoffe ich, daß dieſe alberne Geſchichte abgethan ſein wird.“ Er machte eine kurze Verbeugung und ſchritt ſicht⸗ bar mißgeſtimmt wieder dem Schloſſe zu. „Ich wußte es wohl“, ſeufzte die Königin;„ſein Eigenſinn wird zuletzt noch unſer aller Verderben her⸗ beiführen.“ Als Guſtav auf ſein Zimmer zurückkehrte, um ſeine letzten Vorbereitungen zur Abreiſe nach Stockholm zu treffen, wurde ihm ein Brief übergeben. „Von wem kommt derſelbe?“ fragte er den Kam⸗ merdiener. „Von dem Landeshauptmann in Nerika, der einen Kurier damit abſchickte. Nach der Behauptung deſſel⸗ ben hat es damit die größte Eile.“ Guſtav Adolf erbrach haſtig das Schreiben und erbleichte, als er deſſen Inhalt raſch überflogen hatte. „Alſo doch Verrath!“ murmelte er. Das Schrei⸗ ben meldete, daß ein Theil der Weſtarmee, im Anzuge gegen die Hauptſtadt, in Oerebro eingerückt ſei und ſich der dortigen Kaſſen bemächtigt habe. Was im Innern des unglücklichen Monarchen in dieſem Augenblick vorging, kann ſich der Leſer wohl denken; ſein nächſter Gedanke war, nach Stockholm zu — ꝑ — ꝑ 139 eilen und dort Maßregeln gegen die ihn bedrohende Gefahr zu treffen. Es geſchah dies auch. Bevor wir jedoch das, was ſich dort ereignete, ſchildern, müſſen wir Guſtav IV. voraneilen und den Leſer noch mit einem Zwiſchenfall bekannt machen. Alles war zum Ausbruch der Verſchwörung reif, die faſt unter den Augen des Königs vorbereitet wor⸗ den war. Jetzt hatten ſich die Theilnehmer derſelben nochmals theils zu Pferde, theils zu Fuß in ihr Ver⸗ ſammlungslokal vor der Stadt begeben, um die letzten Verabredungen zu treffen. Alles wurde nochmals genau beſprochen und man ſtand eben im Begriff ſich zu tren⸗ nen, um ſpäter wieder in der Wohnung des Generals Adlerkreutz zuſammenzutreffen, als der wilde und rohe Baron von Cederſtröm aufſprang und noch für einen Augenblick um Gehör bat. „Meine Herren“, rief er,„faſſen Sie nach Ihren Köpfen und fragen Sie ſich, ob dieſelben wirklich ſo feſt auf Ihren Schultern ſitzen, wie Sie meinen.“ „Was ſoll das heißen?“ fragten mehrere der An⸗ weſenden und manche Wange erbleichte. „Was das heißen ſoll?“ rief der Lieutenant und riß einen Fenſterflügel auf.„Wer ſteigt dort eben zu Pferde?“ „Herr von Holm“, lautete es von mehreren Seiten. „Nun, dieſer Herr von Holm iſt ein Verräther. Er hat ſich in unſer Vertrauen eingeſchlichen, er hat ſich mit unſern Plänen genau bekannt gemacht, und jetzt, wo dieſelben zur Ausführung kommen ſollen, ſteht er im Begriff, nach Haga zu ſprengen, um uns der Rache des Königs zu überliefern.“ Dieſe Worte machten dieſelbe Wirkung, als wenn eine Bombe unter die Anweſenden geſchleudert wor⸗ den wäre. Einen Augenblick trat vollſtändige Stille ein; zugleich hörte man Hufſchläge, denn Holm ſprengte eben fort. „Nun, wollen Sie den Judas entwiſchen laſſen?“ ſchrie Cederſtröm. „Unter keinen Umſtänden! Wer ſetzt ihm nach?“ „Ich!“ rief der wilde Baron. „Aber ſind auch Beweiſe gegen Holm vorhanden?“ fragte eine Stimme. „Hier, leſen Sie dieſe Papiere“, antwortete der Lieutenant und ſtürzte fort. „Bei dem General von Adlerkreutz finden Sie uns wieder“, rief man ihm nach. „Schon gut!“ Und im nächſten Augenblick ſaß er im Sattel und ſprengte mit verhängten Zügeln Herrn von Holm nach. Dieſer ſah ſich ſcheu um.„Verdammt“, rief er, 141 ich werde verfolgt; man kennt meine Abſicht! Wenn dieſer Cederſtröm mich einholt, ſo handelt es ſich um Leben oder Tod! Nun, zum Glück trage ich auch Piſtolen bei mir! Vorwärts, mein Thier, halte Dich brav! Huſſa! Vorwärts! Hopp! Hopp!“ Indem der Verfolgte auf dieſe Weiſe ſein Pferd zum möglichſt ſchnellen Lauf aufmunterte, ſchien es wirklich einen Augenblick, als würde er ſeinem Gegner den Vorſprung abgewinnen. Dieſer ſchien indeſſen in kluger Berechnung fürs Erſte die Kräfte beider Renner abgemeſſen zu haben, und als er bemerkte, daß ſein Thier das ſtärkſte und ſchnellſte ſei, ſetzte er ihm plötzlich mit aller Kraft die Sporen in die Seiten und dieſes flog nun wie ein Pfeil vorwärts. In zehn Minuten befand er ſich an Holm's Seite, und indem er jetzt mit ſtarker Hand in die Zügel von deſſen Pferd griff und das ſeinige zugleich parirte, rief er mit don⸗ nernder Stimme: „Halt, Verräther! Bis hierher und nicht weiter!“ „Laſſen Sie den Zügel los“, ſchrie Holm,„laſſen Sie los oder bei Gott—“ „Ha, Natter, ich werde Dir das Ziſchen vertreiben. Fahre zur Hölle, Eidbrüchiger!“ Zwei Schüſſe knall⸗ ten zu gleicher Zeit, denn non beiden Seiten war ge⸗ feuert worden. Cederſtröm pruſtete wie ein angeſchoſſener wilder Eber, denn Holm hatte ihm die Piſtole ſo nahe vor den Kopf gehalten, daß ſeine Augenbrauen durch das Pulver verbrannt worden waren; aber er achtete nicht darauf, ſondern hielt nur ſeinen Feind im Auge. Die⸗ ſem entfiel jetzt die Waffe, ſeine Augen verdrehten ſich, er wankte und ſtürzte ſchließlich aus dem Sattel, ſei⸗ nem Mörder noch einen letzten grimmigen Zlick zu⸗ werfend. „Lebſt Du noch?“ fragte dieſer mit höhniſcher Kälte, indem er ſich einen Augenblick mit gekreuzten Armen vor ſein Opfer ſtellte. Aber Holm war todt, die Kugel war ihm durch die Schläfe gedrungen. Der Baron faßte ihn ohne Umſtände beim Kragen und ſchleppte den Körper in ein dichtes, am Wege be⸗ findliches Gebüſch.„Hier magſt Du liegen, bis man Dich findet!“ murmelte er.„Iſt der König erſt beſeitigt, ſo wird man ſich den Kukuk darum kümmern, wer Dir den Garaus machte!“ Ohne ſich weiter um das frei umherlaufende Pferd des Getödteten zu kümmern, beſtieg er ſein eigenes und ſprengte nach der Stadt zurück, um ſeinen Mitverſchwo⸗ renen Kunde von dem Gelingen ſeiner blutigen That zu geben. 143 Eine halbe Stunde ſpäter langte auch Guſtav IV. Adolf in größter Eile im Schloſſe zu Stockholm an und ertheilte ſofort den Befehl, alle Stadt⸗ thore zu ſchließen und ſämmtliche Wachen zu verdop⸗ peln. Der Erſte, welcher auf ſeinen Befehl gerufen wurde, war der Herzog von Södermanland. Als er eintrat, verbeugte er ſich mit einem Geſicht, welches die größte Unbefangenheit an den Tag legte, vor dem König. „Ich habe ſo eben eine entſetzliche Nachricht erhalten“, ſagte dieſer. „Eine entſetzliche Nachricht?“ rief Karl, den Erſtaun⸗ ten ſpielend. „Ja. Die Weſtarmee iſt im Aufruhr und im An⸗ marſch gegen die Hauptſtadt.“ „Und was gedenken Eure Majeſtät zu thun?“ fragte der Oheim mit einem lauernden Blick. „Ich werde ſo viele Truppen, als ich in der Eile zuſammenbringen kann, ſammeln und damit den Auf⸗ rührern entgegenziehen. Meine Familie, mein Hof⸗ ſtaat und meine höhern Beamten werden unterwegs zu mir ſtoßen, das allgemeine Rendezvous iſt zu Söder⸗ Telje. Auch von Ihnen, Hoheit, erwarte ich, daß Sie mir folgen.“ „Wäre es nicht beſſer, mich hier in der Hauptſtadt 144 zu laſſen?“ antwortete Karl zögernd.„Eure Majeſtät müſſen hier unbedingt Jemand haben, auf den Sie ſich verlaſſen können.“ „In dieſer Beziehung glaube ich dem Bürgermeiſter und Brigadechef des Bürgermilitärs vollkommenes Vertrauen ſchenken zu können; ihn habe ich während meiner Abweſenheit zu meinem Vertreter hierſelbſt beſtimmt.“ Beſtürzung malte ſich auf dem Geſicht des Herzogs, und er benutzte die Ankunft mehrerer höherer Beamten, um ſich zurückzuziehen. Vergebens verſuchte der Kanzleipräſident von Ehrenheim Guſtav Adolf dazu zu bewegen, in der Hauptſtadt zu bleiben und die Stände des Reichs ein⸗ zuberufen; auch diesmal verwarf der verblendete Mo⸗ narch in ſeinem Eigenſinn dieſen guten Rath und be⸗ ſtand auf ſeiner Abreiſe. Inzwiſchen herrſchte im Schloſſe die größte Thä⸗ tigkeit. Als der herbeigerufene Feldzeugmeiſter von Helwig erklärte, daß es ihm in der geſtellten Friſt nicht möglich ſei, die zur Reiſe nöthige Zahl von Pfer⸗ den zuſammenzubringen, bedrohte ihn Guſtav IV. mit dem Standrecht, und gleichzeitig gab er den Befehl, ſämmtliche Baarvorräthe der Bank mit auf die Reiſe zu nehmen, angeblich, weil dieſelben in Stockholm 145 nicht mehr in Sicherheit wären, in Wahrheit aber, um die Gelder in Form einer Anleihe zu ſeinen Zwecken zu verwenden. Wie wir wiſſen, hatten ſich die Verſchworenen un⸗ terdeſſen bei dem General von Adlerkreutz verſammelt und dort erreichte den letztern der Befehl des Königs, ſich im Schloſſe einzufinden. Eine gleiche Ordre erging an den General von Klingſporr. Zu dem letztern eilten die Verſammelten nun, um ſich in ſeiner Geſellſchaft zu dem Monarchen zu begeben. „Ich hoffe noch immer das Beſte“, ſagte Klingſporr unterwegs,„insbeſondere rechne ich auf den Herzog; er hat verſprochen, ſein Möglichſtes zu thun, um—“ „Guſtav IV. abzuſetzen“, fügte einer aus der Ge⸗ ſellſchaft hinzu, und die Uebrigen verſtummten, denn Jeder kannte Karl von Södermanland und Niemand täuſchte ſich über deſſen Pläne. Als die Verſchworenen jetzt im Begriff ſtanden, die Treppe zum Schloß hinaufzuſteigen, ſchien ſich auf Adlerkreutz die Verantwortlichkeit des Schrittes, wel⸗ chen er zu thun im Begriff ſtand, wie eine Centner⸗ laſt zu wälzen. Er ſtand einen Augenblick ſtill und ſchöpfte tief Athem. Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht und halblaut hörte man ihn ſagen:„Alle Feldzüge, alle Schlachten, denen ich bisher beigewohnt habe, ſind v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 10 146 nichts gegen dieſen verhängnißvollen Augenblick!“ Er befahl übrigens, geſtützt auf die große Zahl ſeines Ge⸗ folges, die Thore des Schloſſes zu ſchließen, was auch auf keine Schwierigkeiten ſtieß, da die Verſchworenen den Anhängern des Königs um das Zehnfache über⸗ legen waren. Als ſie in den Vorſaal traten, der ſie von dem Zimmer des Königs trennte, fanden ſie den⸗ ſelben bereits mit andern hohen Würdenträgern ange⸗ füllt und es wurde ihnen heimlich zugeflüſtert, daß, um das Entkommen Guſtav's zu verhindern, vor den Aus⸗ gang des königlichen Schlafzimmers bereits ebenfalls eine Wache geſtellt worden ſei. Der Nächſte, welcher aus dem Gemach des Königs trat, war der Herzog von Södermanland. Er ſtand einen Augenblick ſtill und warf einen langen forſchen⸗ den Blick auf die Anweſenden, gleichſam um ſich von ihrer Zahl und ihrer Stärke zu überzeugen, worauf er, mit zufriedener Miene rechts und links nickend, ſei⸗ nen Weg fortſetzte. Mochte es Zufall, mochte es Abſicht ſein, kurz, der Herzog ſtieß dabei in ſo ungeſchickter Weiſe an einen Stuhl, daß dieſer umfiel. Infolge des hierdurch entſte⸗ henden Geräuſches öffnete der König die Thür und fragte: „Wer iſt hier?“ und als er ſich zunächſt den General Klingſporr erblickte, winkte er dieſen zu ſich hinein und 147 ſetzte hinzu:„Haben Sie mir etwas zu ſagen, Herr General?“ Als er nicht ſogleich eine Antwort erhielt, fuhr er in heftigem Tone fort: „Nun, was gibt es?“ „Ich beſchwöre Eure Majeſtät, die projectirte Reiſe aufzugeben und ſtatt deſſen unter den gegenwärtigen Umſtänden die Stände des Reichs einzuberufen.“ Der Rath war unzweifelhaft ein guter und von der Antwort des Königs hing vorausſichtlich ſein Schickſal ab. Aber der halsſtarrige, in unſeliger Ver⸗ blendung befangene Monarch ſchlug die Hand aus, welche das Schickſal ihm noch einmal vermittelnd bot. „Kein Wort weiter hiervon!“ rief er mit zürnender Stimme, indem er ſein finſteres Antlitz dem General zuwendete.„Sie haben ſich ſchon in Finland nicht gut benommen und es fehlt jetzt nur noch, daß Sie die Rolle eines Verräthers ſpielen!“ In dem anſtoßenden Gemach herrſchte eine lautloſe Stille, man hatte daher jedes Wort vernommen. Adler⸗ kreutz richtete ſich jetzt hoch empor, und ſich zu den Verſchworenen wendend, rief er:„Meine Herren, es iſt die höchſte Zeit, folgen Sie mir!“ Zugleich öffnete er die Thür, welche in das Ge⸗ mach Guſtav's führte, und im nächſten Augenblick ſah 10* ſich dieſer von einer großen Zahl von Leuten umringt, die ſich im Halbkreiſe vor ihm aufſtellten. „Was wollen Sie hier?“ fragte der König mit ge⸗ runzelter Stirn. „Majeſtät, bei der kritiſchen Lage des Reichs for⸗ dern alle gutgeſinnten Bürger, daß Sie die beabſich⸗ tigte Reiſe aufgeben.“ „Verrätherei!“ ſchrie Guſtav Adolf und zog ſeinen Degen, aber in demſelben Augenblick ſprang auch Ad⸗ lerkreutz auf ihn zu und hielt ihn unter den Armen feſt, während der Hofmarſchall von Silfverſparre ſich hinter den König ſchlich und ihm mit beiden Händen den Degen entwand. Jetzt rief Guſtav IV. mit lauter Stimme:„Man will mich ermorden! Hülfe! Hülfe! Rettet mich um Jeſu Chriſti willen!“ Auf dieſes Geſchrei eilten die Adjutanten, die Leib⸗ trabanten, Kammerherren und die Dienerſchaft herbei, und da ſie die Thür verriegelt fanden, ſchlugen ſie dieſelbe mit Säbeln und Ofengabeln ein. Bereits begann ſich zwiſchen beiden Parteien ein Handgemenge zu entſpinnen, als Adlerkreutz plötzlich dem Generaladjutanten und Oberceremonienmeiſter von Melin ſeinen ſilbernen Stab aus der Hand riß und denſelben hoch emporhaltend ausrief: 149 „Still, meine Herren! Ich gebiete Ihnen dies, denn heute führe ich hier das Commando! Ich erſuche Jeden, ſich ruhig zu verhalten, und betheuere, daß das Leben des Königs nicht bedroht iſt und daß es ſich vorläufig nur um die Nothwendigkeit handelt, uns ſei⸗ ner Perſon zu bemächtigen.“ „Aber die Trabanten oben im Saal werden un⸗ ruhig“, ſagte einer der Anweſenden. „Auch die wollen wir beruhigen“, entgegnete der General und eilte mit dem größten Theil ſeines Ge⸗ folges fort. Inzwiſchen hatte Guſtav Adolf fortwährend nach ſeinem Degen geſchrien, ohne ihn jedoch wiedererlan⸗ gen zu können. Er benutzte jetzt die Abweſenheit von Adlerkreutz, um in einem unbewachten Augenblick zu einer Seitenthür hinauszueilen, die er hinter ſich ſchloß und verriegelte. Nun entſtand eine förmliche Hetzjagd. Alles lief dem fliehenden König nach und das Herz von Manchem pochte ängſtlich, denn wenn er entkam, ſo handelte es ſich um Leben und Tod. Guſtav eilte die nächſte Treppe hinauf, durchflog die Zimmer der Königin und ſchlug den Weg nach dem Löwengewölbe ein, um von dort den Schloßhof und hierdurch die Haupt⸗ wache zu erreichen. Schon befand er ſich im Freien, als ihm in dieſem Augenblick der Hofjägermeiſter Greiff, 150 ein großer, ſtarker Mann, entgegenſtürzte und ihn in ſeiner Flucht aufzuhalten ſuchte. Guſtav Adolf hatte, als er aus dem obern Saal ſtürzte, dem General Strömfeld den Degen aus der Scheide geriſſen und war daher wieder bewaffnet; er führte einen Stoß ge⸗ gen Greiff, derſelbe prallte aber an einem Knopf von deſſen Ueberrock ab, und im nächſten Augenblick wurde er von dem Jägermeiſter entwaffnet und feſtgehalten. Von körperlichen und geiſtigen Leiden erſchöpft, wurde Guſtav IV. nun von den Verſchworenen über⸗ mannt, und da er erklärte, nicht weiter gehen zu kön⸗ nen, ſo wurde er von Greiff, dem Major de la Grange, dem Lieutenant Hjerta und dem Fähnrich Arnell bei den Armen und Beinen erfaßt und nach dem im obern Stock gelegenen weißen Saal getragen, wo man ihn auf einen Stuhl ſetzte. Ein ſonderbarer Zufall war es, daß hier, ihm gerade gegenüber, das lebensgroße Bild der unglücklichen Königin Marie Antoinette hing. Die Verſchworenen, jetzt Sieger, berathſchlagten, was nun weiter geſchehen ſolle. Es herrſchte ein lautes Durcheinander, denn man pfiff, ſang, lachte und ſchrie; alle Achtung, die man dem hohen Gefangenen ſchul⸗ dete, war verloren gegangen, ja einige der Anwe⸗ ſenden betrugen ſich geradezu roh und gemein. Als der König, von einem Sturz auf der Treppe noch 151 blutend, mit halbgeöffneten Augen und erloſchenem Blick zuſammengebrochen daſaß, ſtellte ſich der Lieute⸗ nant Cederſtröm, welchen der Leſer ja zur Genüge kennt, hohnlachend vor denſelben und blickte ihm un⸗ verſchämt ins Geſicht. „Löſen Sie mir ein wenig meine Halsbinde, ſie ſitzt zu feſt und drückt mich“, bat der kranke Monarch. „Das mag der Teufel thun! Meinetwegen ſpeie Du, ſoviel Du willſt!“ antwortete der rohe, freche Menſch und kehrte dem Gefangenen kalt den Rücken. Dagegen zeigte der Hofkanzler Zibet geégen ſeinen unglücklichen König, trotz der finſtern Blicke, die ihn umgaben, die innigſte Theilnahme und das ehrer⸗ bietigſte Zartgefühl; er ſprach ihm Troſt zu, reichte ihm Waſſer und verließ ihn nicht eher, bis er ſich wie⸗ der einigermaßen erholt hatte. Uebrigens erregte die Revolution in Stockholm kein beſonderes Aufſehen und noch weniger fühlte man ſich veranlaßt, für den gefangenen König offen in die Schranken zu treten. Der Herzog von Södermanland wurde als Regent des Reichs proclamirt und nichts ſtörte die Ruhe der Hauptſtadt; dieſelbe behielt ihre gewöhnliche Phyſiognomie bei. In den Theatern ward wie immer geſpielt und die Bürger und Arbeiter un⸗ terhielten ſich ganz ruhig über den eben ſtattgehabten Regierungswechſel. Während Guſtav IV. einen Brief an ſeine Gemahlin ſchrieb, in welchem er ihr das Ge⸗ ſchehene mittheilte, ſchmetterten die Trompeten und er⸗ tönten die Pauken auf dem Schloßhofe. „Was bedeutet dies?“ fragte er erſtaunt. „Daß Eure Majeſtät aufgehört haben zu regieren“, antwortete der anweſende Silfverſparre;„ſo eben wird Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Söderman⸗ land, als Reichsverweſer ausgerufen.“ „Und ich?“ „Eure Majeſtät werden die Gnade haben, mir zu folgen. Unten im Schloßhof hält der Wagen, welcher Sie nach Gripsholm bringen ſoll.“ „Alſo Gefangener“ ſeufzte Guſtav,„und mein näch⸗ ſter Verwandter nimmt meinen Platz ein!“ Er ſtieg nachdenkend die Treppe hinab. Unten im Schloßhof hielt eine Schwadron Küraſſiere. „Steigen Sie ein, Sire“, ſagte Silfverſparre, indem er den Schlag öffnete. „Vorwärts!“ rief er dem Kutſcher zu, und die Pferde zogen an. Der Wagen rollte fort und die denſelben begleitende Reiterescorte donnerte über das Steinpflaſter. Neuntes Kapitel. Während ſich die eben geſchilderten Scenen auf dem Schloſſe zu Stockholm zutrugen, verging der Königin zu Haga eine Stunde nach der andern in Angſt und Beſorgniß. Guſtav IV. hatte verſprochen, zum Mit⸗ tagstiſch wieder zurück zu ſein, und jetzt brach der Abend beinahe herein, ohne daß ihr irgend eine Nachricht von ihm zugekommen wäre. Von ihren vier Kindern um⸗ geben, von denen ſie das jüngſte, die Prinzeſſin Cä⸗ cilie, auf dem Schooß hielt, ſaß die edle und ſchöne Fürſtin jetzt in tiefe Trauer verſenkt in einem Seſſel, während unſere Bekannte, das Hoffräulein Anna Jön⸗ ſon, etwas mehr rückwärts in einer Fenſtervertiefung ſtand und die hohe Frau mit der innigſten Theilnahme betrachtete. * „Mein Gott“, begann endlich die Königin nach einer langen Paufe des Schweigens,„mein Gott, wenn nur kein Unglück paſſirt iſt! Die Mittheilung, welche die Bäuerin mir dieſen Morgen gemacht hat, will mir gar nicht aus dem Kopf! Mein Gemahl iſt hitzig, er duldet keinen Widerſpruch; ſollte es nicht mög⸗ lich ſein—“ Die Königin wurde durch den Eintritt ihrer ver⸗ trauten Kammerfrau del Saſſo unterbrochen. „Ein Adjutant des Herzogs von Södermanland ſteht draußen“, ſagte ſie;„er bittet um die Erlaubniß eintreten zu dürfen.“ „Ein Adjutant des Herzogs?“ wiederholte Fri de rike und eine tiefe Bläſſe überzog ihr Geſicht.„Mein Gott, was iſt denn vorgefallen? Weshalb ſendet dieſer und nicht mein Gemahl einen Boten an mich?“ „Soll ich ihn eintreten laſſen?“ fragte die Kammer⸗ frau, der man es anſah, daß ſie es vermeiden wollte, auf dieſe Frage einzugehen. „Beeile Dich“, antwortete die Königin, und erwar⸗ tungsvoll hefteten ſich ihre Blicke nach dem Eingang des Zimmers. Der eintretende Offizier, ein Herr von Ferſen, ver⸗ beugte ſich tief.„Mögen Eure Majeſtät im voraus verzeihen“, ſagte er,„wenn ich mit einer Botſchaft ——— 155 3 komme, welche Höchſtdieſelben vorausſichtlich ſehr beun⸗ ruhigen wird.“ „Sprechen Sie, was hat ſich ereignet?“ rief die Königin, einen Schritt vortretend und ihre ſchönen großen Augen mit Angſt und Beſorgniß auf den Offi⸗ zier heftend. „Der Herzog Reichsverweſer ſendet mich.“ „Reichsverweſer? Iſt denn der König erkrankt?“ „Nein, aber er iſt gefangen und man hat ihn ge⸗ genwärtig bereits nach Gripsholm abgeführt.“ ——— kens, dann ſchloß ſie die Augen und taumelte rückwärts. Anna hatte gerade noch ſo viel Zeit, um ihrer Gebie⸗ terin beizuſpringen, die jetzt, von ihr unterſtützt, in einen Seſſel glitt. Einige Minuten verharrte ſie in dieſer Stellung, und als ſie die Augen wieder aufſchlug, rollten ihr die hellen Thränen über die Wangen.*) Liebevoll nahte ſich ihr der damals zehnjährige 4 Kronprinz und ſuchte ſie zu tröſten; die beiden älteſten Prinzeſſinnen weinten ebenfalls und die jüngſte Tochter Cäcilie, ein Kind von erſt einigen Jahren, das an der Mutter hinaufgeklettert war, ſtreichelte ihr in ſeiner **) Auch der Auftritt, welchen wir hier ſchildern, iſt völlig wahrheitsgetreu wiedergegeben. Der Verfaſſer. Ein leiſer Schrei entſchlüpfte den Lippen Friederi⸗ 156 Unſchuld die Thränen von den Wangen, während Anna Jönſon zu ihren Füßen kniete und eine ihrer Hände an die Lippen drückte. Endlich gewann die Königin ſo weit ihre Faſſung wieder, um ihrem Schmerz durch Worte Ausdruck ge⸗ ben zu können. „Mein Herr und Gott,, rief ſie, ihre Arme flehend erhebend,„ich bitte Dich um Kraft und Stärke, um mit Ergebung in Deinen unerforſchlichen Willen dieſen harten Schlag ertragen zu können!“ Dann wendete ſie ſich zu dem Offizier, welcher noch immer, die tiefſte Theilnahme in ſeinen Blicken zur Schau tragend, vor ihr ſtand, und ſagte: „Sie können mir alſo die Verſicherung geben, daß mein Gemahl noch lebt?“ „Eure Majeſtät dürfen hierüber völlig beruhigt ſein; der König iſt körperlich geſund und wohl.“ „Aber ſeine Krone iſt verloren?“ fragte Friederike, den Abgeſandten des Herzogs feſt anblickend. Dieſer zuckte mit den Achſeln.„Eure Majeſtät werden wohl thun, ſich in dieſer Beziehung auf das Schlimmſte gefaßt zu machen.“ „O“, rief die edle Frau, indem ſie den Kronprinzen jetzt wieder feſt an ſich zog,„ſo iſt alſo das Schickſal dieſes armen Kindes ebenfalls beſiegelt! Aber ich kann — 157 dies gerade nicht als ein Unglück für meinen Sohn anſehen, denn vielleicht wird er ohne den Beſitz einer Krone glücklicher ſein.*) „Gott möge es geben“, ſetzte Herr von Ferſen be⸗ wegt hinzu. „Nun, auch ich leiſte auf den Glanz, welcher mich bisher umgab, ohne Schmerz Verzicht“, fuhr die Kö⸗ nigin mit Würde fort.„Ich habe jetzt nur noch eine Bitte an den Herzog zu richten und dieſe beſteht darin, mich die Gefangenſchaft mit meinem Gemahl theilen zu laſſen.“ „Was dieſen Punkt anbelangt“, erwiderte der Adju⸗ tant,„ſo hat Seine Königliche Hoheit mich beauftragt, es ganz dem Willen Eurer Majeſtät anheim zu ſtellen, welchen Entſchluß Sie zu faſſen geneigt ſind.“ „Ich bin hierüber keinen Augenblick unſchlüſſig“, antwortete Friederike Wilhelmine;„denn ich kenne meine Pflichten als Frau. Ohnehin werde ich hier wahrſcheinlich ebenfalls als Gefangene behandelt wer⸗ den?“ „Haga iſt in dieſem Augenblick allerdings bereits mit Wache beſetzt“, antwortete Herr von Ferſen mit einem bedauernden Achſelzucken. *) Aus den Briefen an ihre Schweſter Eliſabeth, Kaiſerin von Rußland. Der Verfaſſer. „Nun, mein Herr, ſo melden Sie alſo dem Herrn Reichsverweſer oder bitten Sie ihn vielmehr in mei⸗ nem Namen, daß er die nöthigen Befehle ertheilt, da⸗ mit ich übermorgen mit meinen Kindern von hier ab⸗ reiſen kann.“ „Ich werde dieſen Auftrag ausrichten“, bemerkte der Adjutant und entfernte ſich unter einer tiefen Ver⸗ beugung. Als der Offizier verſchwunden war, kniete Anna zu den Füßen der Königin nieder, und deren Hand an ihre Lippen führend, ſagte ſie, indem ſie ihre Augen mit dem Ausdruck der innigſten Verehrung zu ihr auf⸗ ſchlug: „Majeſtät, ich erbitte mir eine Gnade.“ „Gutes Kind“, erwiderte dieſe bewegt,„Sie ver⸗ geſſen, daß ich keine Gnade mehr auszutheilen habe.“ „Nur für die nicht, welche ſich von Ihnen losge⸗ ſagt haben“, antwortete unſere Bekannte.„Ihre fürſt⸗ iche Würde bleibt Ihnen und für mich ſind Sie noch limmer meine gütige, wohlwollende Gebieterin.“) „Ich kenne Ihr treues Herz“, antwortete Friederike mit einem ſanften Händedruck.„Erheben Sie ſich und ſagen Sie mir, worin Ihr Begehren beſteht.“ „Majeſtät, ich bitte um die Erlaubniß, Sie nach Gripsholm begleiten zu dürfen.“ 159 „Wie, Sie wollen meine Gefangenſchaft mit mir theilen? Haben Sie auch bedacht, mein Kind, daß Sie damit nur traurigen und trüben Tagen entgegen⸗ gehen?“ „Ich habe Alles überlegt und bitte nochmals, mir mein Geſuch zu gewähren.“ „Nun, es ſei!“ ſagte die Königin, indem ihre Au⸗ gen feucht wurden.„Im Unglück lernen Fürſten am erſten ihre Freunde kennen, und es iſt wahrlich ein Troſt für uns, wenn uns in einem ſolchen Fall noch deren bleiben.“ Raſch wurden nun alle Anſtalten zur Abreiſe getrof⸗ fen.*) Es war ein ſchöner, erfriſchender Morgen, als Friederike Wilhelmine mit ihren vier Kindern, mit Anna und mit der treuen del Saſſo nach Dronting⸗ holm abreiſte. Dort beſtiegen ſie eine Jacht und am andern Tage in aller Frühe langten ſie in Gripsholm an. Dieſes Schloß iſt durch uralte hiſtoriſche Erin⸗ nerungen in der ſchwediſchen Geſchichte hochberühmt. Die Ruhe der Landſchaft, der Ernſt des großartigen Gebäudes mit ſeinen hohen Thürmen und düſtern Schloßhöfen, mit ſeinen hohen Hallen imponiren unwill⸗ *) Hiſtoriſch richtig iſt daß die Königin noch acht Wochen ſtreng bewacht in Haga blieb, bevor ſie nach Gripsholm über⸗ ſiedelte. Der Verfaſſer. kürlich dem Beſchauer. Die uralten Thürme ſpiegeln ſich im Mälarſee, unter den Fenſtern der Burg breitet ſich ein mächtiger Park aus, gerade gegenüber liegt das kleine reizende Marienfeld, gleichſam um die Ge⸗ fühle milder zu ſtimmen. Ein großer Saal, der Reichs⸗ ſaal, befindet ſich im Innern und in dieſem hängen die Bilder Guſtav Waſa's, des Befreiers, Guſtav Adolf's, der Königin Chriſtine und des Reichskanzlers Axel Oxenſtierna. Unten im Schloßhofe ſtehen, dem großen Portal gegenüber, zwei ruſſiſche Kanonen, die Sau und der Eber, welche Pontus de la Gardie im Jahre 1581 bei Iwanogrod eroberte. Die Königin wurde bei ihrem Eintritt in dies dü⸗ ſtere Schloß von dem nicht minder düſtern Comman⸗ danten empfangen. „Der König ſchläft noch“, ſagte er in mürriſchem, trockenem Tone,„und ich weiß nicht, ob es ihm recht ſein wird, wenn ich ihn wecken laſſe.“ „Nun“, entgegnete Friederike Wilhelmine mit jener Würde, die ſelten ihren Eindruck verfehlt,„ich darf wohl vorausſetzen, daß meinem Gemahl das Wieder⸗ ſehen ſeiner Familie wohlthuender ſein wird als ein paar Stunden Schlaf. Schreiten Sie daher voran, Oberſt, und führen Sie mich.“ „Wie Eure Majeſtät befehlen. Indeſſen muß ich 161 im voraus darauf aufmerkſam machen, daß Ihr Auge hier Manches vermiſſen wird, was Sie in Haga zu ſehen gewohnt waren.“ „Ich bin darauf gefaßt“, lautete die Antwort. „Beſonders die Etikette iſt etwas gelockert“, fuhr der Commandant in ſpöttiſchem Tone fort. „Auch das werde ich ertragen lernen“, ſagte die Königin ſanft und ruhig. In der That war der Anblick, welcher ſich derſelben darbot, als man die obern Gemächer erreichte, ein ſol⸗ cher, welcher ſehr lebhaft an die Templeſcenen unter Ludwig XVI. erinnerte. Ganz davon abgeſehen, daß auf jedem Abſatz der Treppe eine Schildwache mit aufgepflanztem Bajonett und geladenem Gewehr ſtand, mußte die feine, in jeder Beziehung ſo wohlerzogene Frau es ſich jetzt auch gefallen laſſen, die vor dem Schlafzimmer Guſtav's IV. gelegene Wachtſtube zu paſ⸗ ſiren, welche in dieſem Augenblick mit Tabaksqualm angefüllt war, während eine Gruppe von vier bis fünf Offizieren ſchlaftrunken an einem Tiſch ſaß, auf wel⸗ chem noch halbgeleerte Flaſchen und Gläſer, die Ueber⸗ reſte eines nächtlichen Trinkgelages, ſtanden. Mit zitternden Schritten eilte die Königin an den Wächtern ihres Gemahls vorüber, welche es nicht einmal der Mühe werth hielten, ſich von ihren Sitzen zu erheben, v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 11 162 und im nächſten Augenblick lag ſie ſchluchzend in den Armen des Königs, während die Kinder zärtlich ihren Vater umklammerten. Guſtav Adolf war durchaus kein gleichgültiger Fa⸗ milienvater und gewiß auch von hoher Achtung und Liebe für die durch innere und äußere Anmuth in gleich hohem Grade ausgezeichnete Gefährtin ſeines Lebens durchdrungen, die jetzt ſeine Gefangenſchaft zu theilen kam, aber ſeine Herrſchſucht, ſeine verkehrten religiöſen Anſichten und vor allem ſein ſtarrer Eigen⸗ ſinn, der jeden guten Rath zurückwies, ließen auch nach dieſer Seite hin ſeine Tugenden in den Schatten treten und bereiteten der edlen Königin manche trübe Stunde in ihrem Eheſtande, ſodaß im Laufe der Zeit der ihr angeborene ſchelmiſche Zug, welcher ihr ſo wohl ſtand, faſt ganz aus ihrem Geſicht verſchwand und ihr Lä⸗ cheln häufig nur ein melancholiſches war. Jetzt freilich hielt der gefangene Monarch ſeine Gattin feſt umſchlungen, und indem er gleichzeitig ſeine Kinder liebkoſte, ſagte er mit bewegter Stimme: „Dank, innigen Dank für dieſen Beweis der Treue, meine Friederike; jetzt, da ich Sie und die Kinder bei mir weiß, werde ich mein Loos mit größerer Gelaſſen⸗ heit tragen.“ Die Königin antwortete nur durch einen Strom —-—— —-,— 163 von Thränen. Nachdem ſie ſich aber etwas beruhigt hatte und bemerkte, daß der Commandant noch immer keine Anſtalt machte, ſich zu entfernen, ſagte ſie, durch dieſe Unzartheit verletzt, ſich an dieſen wendend, mit ihrer ſanften Stimme: „Würden Sie es nicht für paſſend halten, Herr Oberſt, uns in dieſer feierlichen Stunde allein zu laſſen?“ „Ich bedauere“, antwortete dieſer, mit den Ach⸗ ſeln zuckend,„meine Inſtruction verbietet mir, Seine Majeſtät bei Unterredungen, die er hat, allein zu laſſen.“ „So wollen Sie wenigſtens jene Thür dort, welche ins Wachtzimmer führt und die blos angelehnt iſt, ſchließen.“ „Auch dies bedauere ich nicht erfüllen zu können. Den Offizieren ſteht es zu jeder Zeit frei, hier einzu⸗ treten, ſelbſt des Nachts, um ſich zu überzeugen, ob der Schlummer Seiner Majeſtät ein ruhiger iſt“ ſetzte der rohe Soldat hinzu. Die Königin erröthete in züchtiger Weiblichkeit, und Guſtav Adolf, um das Geſpräch von dieſem peinlichen Gegenſtand abzulenken, wendete ſich an den Comman⸗ danten und ſagte: „Was haben Sie für Nachrichten aus Stockholm erhalten, Herr Oberſt?“ 11* 164 Mit der ihm eigenen Rückſichtsloſigkeit und wohl auch, um den König zu kränken, antwortete dieſer: „Am zweiundzwanzigſten iſt der Oberſt Adlerſparre mit der wärmländiſchen Armee in die Hauptſtadt ein⸗ gezogen. Das Volk jauchzte ihm entgegen; er hat einen wahren Triumphzug gehalten.“ Ruhiger, als dies zu erwarten ſtand, antwortete hierauf der König, indem ſich ſeine Lippen zu einem feinen Spott verzogen: „Nun, dies iſt aber auch die einzige große und glänzende That, welche die Weſtarmee ausgeführt hat“, und gleichzeitig zu ſeiner religiöſen Schwärmerei über⸗ gehend und an die Offenbarung Johannis denkend, ſetzte er murmelnd hinzu: „Und der Mann, welcher mit ſo gewichtigen Em⸗ pfehlungen verſehen zu mir kam, verſprach mir doch daß ich auf dem weißen Pferde den Zug anführen würde.“ Zehntes Kapitel. Die Anhänger der entthronten Königsfamilie hat⸗ ten ſich inzwiſchen von ihrer erſten Beſtürzung erholt und ſannen jetzt auf Mittel, Guſtav aus ſeiner Haft zu befreien und ihn dann zur freiwilligen Abdankung zu Gunſten ſeines Sohnes zu bewegen. General von Armfelt, Generaladjutant von Vegeſack, Graf Piper, Major von Bährt und andere angeſehene Perſonen hatten ſich zu dieſem Zweck mit einander verbunden, und auch unſer Bekannter Olof gehörte zu denen, welche dieſes Ziel insgeheim verfolgten. „Hätten wir nur Jemand, der es unternähme, dem König eine Botſchaft zu überbringen“, ſagte Herr von Vegeſack, als er und ſeine Geſinnungsgenoſſen eines Abends wieder heimlich verſammelt waren. 166 „Ich bin bereit, dieſe Sendung zu übernehmen“, bemerkte der junge Fine mit Entſchloſſenheit.„Meine Schweſter befindet ſich im Gefolge der Königin und es wird mir daher, unter dem Vorwand, ſie zu beſuchen, noch am leichteſten werden, Einlaß in Gripsholm zu erhalten. Es handelt ſich nur noch um einen Paß, denn einen ſolchen muß ich nothwendig haben.“ „Den ſollen Sie erhalten“, rief Graf Piper.„Es gibt noch Perſonen, denen ſelbſt der jetzige Reichsver⸗ weſer nichts abzuſchlagen vermag.“ „Zum Beiſpiel die Königin⸗Wittwe, die Gemahlin des ermordeten Guſtav III., vor der er eine heimliche, aber wohl auch leicht zu erklärende Furcht zu haben ſcheint“, fügte Armfelt mit einem bedeutungsvollen Blick hinzu. „Gut“, fuhr Graf Piper, zu Olof gewendet, fort, „für einen Paß wird alſo geſorgt werden. Wann wollen Sie abreiſen?“ „Schon morgen. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſolange es warm iſt.“ „Wir werden Sie rechtzeitig mit den nöthigen In⸗ ſtructionen verſehen“, bemerkte Herr von Vegeſack. Die Verſchworenen trennten ſich. Olof eilte in ſeine Wohnung, um alle Vorbereitungen zur Ausführung ſeiner Miſſion zu treffen. 167 Als er in Gripsholm anlangte, prüfte der Com⸗ mandant mit mißtrauiſchen Augen ſeine Legitimation, dda aber der Name des Herzogs darunter ſtand, ſo konnte er dem jungen Mann den Zutritt zu der könig⸗ lichen Familie nicht verwehren, und eine Viertelſtunde nachher lag Olof in den Armen ſeiner Schweſter. „Kann ich den König ſprechen?“ fragte er.„Ich komme im geheimen Auftrage derer, die unſerer erha⸗ benen Königsfamilie treu geblieben ſind.“ Anna erſchrak anfangs, aber als ein muthiges Mädchen faßte ſie ſich bald. „Muß es gleich ſein?“ fragte ſie. „Je eher, deſto beſſer, die Sache iſt wichtig.“ „Warte einen Augenblick“, flüſterte die Schweſter und verließ das Zimmer, indem ſie auf den Zehen vorwärts ſchlich und an der Wachtſtube horchend ſtehen blieb, während ſie gleichzeitig durch das Schlüſſelloch blickte. Nach wenigen Minuten kam ſie zurück.„Dieſe Trunkenbolde haben ſo eben ihr Mittagsbrod verzehrt und halten jetzt ein Mittagsſchläfchen“, ſagte ſie.„Zwei von ihnen ſchnarchen in einer Weiſe, daß es einem Sackträger Ehre machen würde; der dritte, der Lieute⸗ nant von Cederſtröm, hat beide Arme auf den Tiſch gelegt und ſcheint ebenfalls ſeinen Rauſch auszuſchlafen.“ 168 „Befindet ſich dieſer Menſch auch hier?“ fragte Olof, unangenehm berührt. „Seit zwei Tagen“, antwortete die junge Dame. „Er iſt der Roheſte und Unverſchämteſte von allen.“ „So habe wohl Acht auf ihn, während ich mich zu dem König ſchleiche.“ Guſtav IV. ſtand eben am Fenſter und richtete ſeine Blicke auf den Mälarſee, deſſen Wellen die Mauern des alten Schloſſes beſpülten, als der junge Mann eintrat. Obgleich dies ſo leiſe und behutſam wie möglich geſchah, entging dem gefangenen Monarchen, deſſen Gehör durch das Mißtrauen, welches er hegte, noch verſchärft worden war, doch das Geräuſch nicht, welches dadurch entſtand. Indem er ſich raſch um⸗ kehrte, fragte er mit lauter Stimme und mit einem argwöhniſchen Blick: „Was wollen Sie?“ „Still, um Gotteswillen ſtill, Majeſtät!“ flüſterte Olof, indem er gleichzeitig den Finger auf den Mund legte.„Ich komme“, fuhr er näher tretend leiſe fort, „won Ihren getreuen Anhängern aus Stockholm und überbringe Vorſchläge, um Ihre Flucht zu ermög⸗ lichen.“ „So ſprechen Sie ſchnell, denn wir ſind keinen Augenblick ſicher.“ 169 „So hören Eure Majeſtät. Noch iſt Hoffnung zu einer Gegenrevolution vorhanden. Viele Rittmeiſter und Hauptleute der Armee ſind bereits gewonnen, zwei Offiziere, Ihrer Perſon ganz ergeben, werden ſich zum Wachtdienſt in Gripsholm melden; ſie ſind mit ſolchen Empfehlungen verſehen, daß ihre Abweiſung vom Com⸗ mandanten nicht zu befürchten ſteht. Sobald dieſe Of⸗ fiziere den Dienſt haben, wird Alles zu Ihrer Flucht in Bereitſchaft ſein.“ So weit war unſer Bekannter gekommen, als die Thür plötzlich aufgeriſſen wurde und Cederſtröm mit halb ſchlaf⸗ halb weintrunkenem Geſicht auf der Schwelle erſchien. „Eure Majeſtät müſſen künftig etwas leiſer ſpre⸗ chen, wenn Sie Ihre Getreuen empfangen wollen“, rief er mit einem triumphirenden Hohnlächeln.„Ich liebe es ſonſt nicht, wenn man mich aus dem Schlaf ſtört, aber diesmal freue ich mich doch, daß Ihr ſtar⸗ kes Sprachorgan mich geweckt hat. Alſo um einen Plan zur Flucht handelt es ſich! Und Sie? Ah, wenn ich nicht irre, Herr Olof Jönſon von den Leibgrena⸗ dieren!“ „Ihnen zu dienen“, antwortete dieſer unerſchrocken. „Hier ſteht mein König, dem ich den Eid der Treue geſchworen habe, und ſolange ich nicht davon ent⸗ 170 bunden bin, halte ich mich zu dieſer Treue ver⸗ pflichtet.“ „Und ich halte mich für verpflichtet, Sie der Wache zu übergeben“, ſagte höhniſch Cederſtröm.„He, herbei, Grenadiere! Bewacht den Gefangenen gut, während ich eile, dem Commandanten Meldung zu machen.“ Eine Stunde ſpäter ſaß unſer Bekannter in einem wohlverwahrten Wagen, welcher unter militäriſcher Bedeckung den Weg nach Stockholm einſchlug. Der Ausgang des Dramas, welches wir zu ſchil⸗ dern verſucht haben, iſt zur Genüge bekannt. Am 29. März des Jahres 1809 ſtellte Guſtav IV. Adolf ſeine Entſagungsurkunde aus, wogegen er die Zuſicherung erhielt, unbeläſtigt mit ſeiner Familie Schweden ver⸗ laſſen zu dürfen. Er wählte Deutſchland zu ſeinem künftigen Aufenthaltsorte, und in den erſten Tagen des Monats December war Alles ſo weit geordnet, daß der Abreiſe der königlichen Familie nichts mehr im Wege ſtand. Aber auch hierbei verfuhr man mit Hintanſetzung jeder Rückſicht, ja ſelbſt mit roher Grau⸗ ſamkeit. Es war eine kalte, rauhe Winternacht, als ein Gardeoberſt mit geladenen Piſtolen in das Zimmer der hohen Verbannten trat und einen Gouvernements⸗ befehl vorzeigte, der ihn zum alleinigen Reiſebegleiter des Kronprinzen ernannte, welcher, getrennt von ſeinen 2„ã„“— ,—— 171 Aeltern, auf einem andern Wege nach Karlskrona ge⸗ führt werden ſollte. Vergebens war der Schmerz und die Verzweiflung der Mutter; der Offizier ſchützte die verſchärften Be⸗ fehle des Herzogs von Södermanland vor. Als die Königin ſah, daß alle ihre Vorſtellungen vergeblich waren, zog ſie ihren Sohn an ihr Herz und ſegnete ihn unter Thränen, worauf ſie, zu deſſen Reiſebeglei⸗ ter gewendet, ſagte: „Herr Oberſt, ich vertraue Ihnen das Leben dieſes Kindes an, ſchützen Sie daſſelbe und vergeſſen Sie nicht, daß einſt eine Mutter und Gott Rechenſchaft von Ihnen fordern werden.“ „Vertrauen Eure Majeſtät auf mich“, antwortete Graf Poſſe ehrfurchtsvoll,„ich werde den Prinzen un⸗ verſehrt wieder Ihren Händen überliefern.“ Als die Familie ſpäter wieder in Karlskrona zu⸗ ſammentraf, um von dort nach Stralſund überzuſetzen, ſagte Friederike Wilhelmine, indem ſie dem Oberſten die Hand reichte:„Sie haben Wort gehalten, Herr Graf, ich danke Ihnen, Gott möge es Ihnen lohnen.“ Der König erſchien im ſchwarzen Frack mit dem Malteſerkreuz; er hatte den Titel und den Namen eines Oberſt Guſtafsſon angenommen, den er auch ſpä⸗ ter beibehielt. Auch er wurde von ſeiner Gemahlin 172 und von ſeinen Kindern getrennt und in einem dicht⸗ verhangenen Wagen gleichfalls von Offizieren mit ſcharfgeladenen Piſtolen begleitet. Weinend beugte ſich bei der Abreiſe der Königin Anna über die Hand der fürſtlichen Dulderin und ſagte ihr ſchluchzend Lebewohl. „Weinen Sie nicht, mein theures Kind“, erwiderte dieſe in ſanftem Tone, indem ſie einen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens drückte.„Die Prüfungen, welche Gott uns ſchickt, müſſen wir ertragen und ein frommes Dulden führt uns dem Himmel näher. Sie ſind noch jung und auch Ihr Herz wird noch manche Täuſchung erfahren; denken Sie dann an mich zurück und bewahren Sie mir in Treue Ihr Andenken.“ „Nie wird daſſelbe in meinem Herzen erſterben“, ſchluchzte Anna. „Es war mein aufrichtiger Wunſch, Ihnen vor mei⸗ ner Abreiſe noch einen Beweis meiner Theilnahme zu geben“, fuhr Friederike Wilhelmine fort, indem ſie gleichzeitig einen Brief hervorzog,„und ich denke, der Inhalt dieſes Schreibens wird Ihnen von Nutzen ſein. Nehmen Sie daſſelbe und verwenden Sie es in Ihrem Intereſſe. Es ſind einige Zeilen an meine Schweſter Eliſabeth, Gemahlin des Kaiſers Alexan⸗ der.“ 3 173 Unſere Bekannte ſah die Königin mit einem fra⸗ genden Blick an. „Nun, errathen Sie denn nicht, was der Brief ent⸗ hält?“ fuhr dieſe mit einem milden Lächeln fort.„Sie ſind ja wohl verlobt mit dem Grafen Zubow?“ Anna erröthete ſanft. „Und dem Grafen iſt die Rückkehr nach Rußland verwehrt?“ „Leider, Majeſtät.“ „Er iſt alſo ein Verbannter, wie wir dies ſind, und ſchon deshalb würde er meine Theilnahme verdienen. Aber ich wünſche auch beſonders Ihre Zukunft geſichert zu ſehen, und ehe der Graf nicht wieder in den Beſitz ſeiner Güter gelangt, wird ſich dies wohl nicht reali⸗ ſiren laſſen. Dieſes Schreiben enthält die Bitte an meine Schweſter, bei dem Kaiſer, ihrem Gemahl, Alles aufzubieten, um für den Grafen Verzeihung zu erwir⸗ ken. Ich bin überzeugt, ihre Liebe zu mir, die ſich nie verleugnet hat, wird ſich auch diesmal bewähren.“ „Und in Ihrem eigenen großen Schmerz waren Eure Majeſtät noch edel genug, ſich mit dem Glück Anderer 5 zu beſchäftigen!“ rief Anna, indem ſie dankerfüllt und zugleich mit dem Ausdruck hoher Bewunderung zu der edlen Fürſtin emporblickte. „Werden Sie glücklich, mein gutes Kind, und be⸗ * 174 wahren Sie mir Ihr Andenken“, antwortete die Köni⸗ gin und wendete ſich ab, um ihre eigene Rührung zu verbergen. Dies waren die letzten Worte der edlen Frau. Sie beſtieg den bereitſtehenden Wagen und bald hörte man nur noch in der Ferne deſſen Rollen. Lange ſtand noch Anna, das Taſchentuch vor den Augen, unbeweglich da und weinte laut; dann kehrte ſie langſam in die jetzt einſamen Gemächer von Gripsholm zurück, um ihre Vorbereitungen zu ihrer Ueberſiedlung nach Stockholm zu treffen. Die erſchütternden Ereigniſſe der letzten Tage hatten ihr übrigens nur wenig Zeit gelaſſen, ſich mit ihren eige⸗ nen Angelegenheiten zu beſchäftigen, obgleich das Schick⸗ ſal ihres Bruders ſie natürlich ſehr beunruhigte. Die Heilung Zubow's, welche doch längere Zeit er⸗ fordert hatte, als der Arzt anfangs geglaubt, war jetzt vollſtändig beendet, und von dieſem war ſie zu ihrer Beruhigung noch erſt vor zwei Tagen benachrich⸗ tigt worden, daß ihrem Bruder bis jetzt keine ernſte Gefahr drohe und daß mächtige Perſonen für ihn thä⸗ tig ſeien.— Jetzt aber, nach der Hauptſtadt zurückgekehrt und in der Einſamkeit ihres Zimmers wieder ganz ſich ſelbſt und ihren Gedanken zurückgegeben, wendeten ſich dieſe letztern natürlich auch wieder mit verdoppelter Theil⸗ 175 nahme denjenigen zu, die ihrem Herzen am nächſten ſtanden. Sie hatte ihren Hut und ihre Handſchuhe zu⸗ recht gelegt, um einen Beſuch bei ihrer Beſchützerin, der Gräfin Piper, zu machen, als die Thür plötzlich raſch geöffnet wurde und Olof, von Zubow begleitet, vor ihr ſtand. Anna ſtieß einen Freudenſchrei aus und flog an die Bruſt des Bruders. „Gelobt ſei Gott“, rief ſie,„auch dieſe ſchwere Sorge iſt mir vom Herzen genommen! Nicht wahr, Du biſt frei, denn wie könnteſt Du ſonſt zu meiner Freude hier vor mir ſtehen?“„ „Vollſtändig frei“, antwortete der junge Mann, „dank den Bemühungen unſerer Freunde und vor allem der Gnade der Königin⸗Wittwe.“ „Ach, wie bin ich glücklich! Du glaubſt nicht, wie ſchwer mir das Herz war! Was ich erlebt, hat mich mißtrauiſch gemacht; trotz der empfangenen troſtreichen Verſicherungen gab es Stunden, wo ich mich auf das Schlimmſte gefaßt machte.“ „Nun, wenn es nach den Männern vom dreizehnten März gegangen wäre“, antwortete Olof,„ſo möchte ich wohl nicht ſo leichten Kaufs davongekommen ſein. Aber Graf Armfelt unterrichtete die Königin⸗Wittwe von mei⸗ nem Schickſal, und dieſe begab ſich ſelbſt zu dem Her⸗ zog von Södermanland und hatte eine lange Unter⸗ redung mit ihm. Was zwiſchen beiden geſprochen wurde, wird wohl für Andere ein ewiges Geheimniß bleiben; vielleicht trat die blutbefleckte Geſtalt Guſtav's III. dabei vor die Augen des Reichsverweſers. Genug, ſein Gewiſſen regte ſich und er unterzeichnete den Befehl zu meiner Freilaſſung unter der Bedingung, daß ich Stockholm unverzüglich verlaſſe und für immer meide.“ „Nun, das ſtimmt ja mit unſern eigenen Wünſchen vollkommen überein“, bemerkte die Schweſter.„Wir ha⸗ ben unter dieſen falſchen, treuloſen Menſchen nichts mehr zu thun, und ich ſehne mich nach unſerm Sarlaa, wo Friede und Eintracht herrſchen, zurück.“ „Ja, reiſen Sie“, ſagte der Graf;„in den ſchönen Bergen am Kymene wird Ihr Frohſinn wieder zurück⸗ kehren, der Ihnen hier durch die traurigen Bilder, welche ſich vor Ihnen aufrollten, getrübt worden iſt. Reiſen Sie, meine theure Anna, und ſchreiben Sie mir recht oft, damit die Trennung von Ihnen mir nicht eine zu ſchmerzliche wird.“ „Wie, Sie wollen in Stockholm zurückbleiben?“ fragte Olof. „Ich halte dies vorläufig für das Beſte. Ich habe Hoffnung, daß ſich der hieſige ruſſiſche Geſandte ge⸗ neigt zeigt, ſich bei dem Reichskanzler Fürſten Romanzow — 177 für mich zu verwenden, und meine Freunde in Peters⸗ burg werden gewiß ebenfalls thun, was in ihren Kräf⸗ ten ſteht, um meine ſtraffreie Rückkehr nach Rußland und vor allem die Rückgabe meiner Güter an mich zu bewirken. O Sie glauben nicht“, fuhr er mit einem ſchwermüthigen Blick zu ſeiner Verlobten gewendet fort, „wie unglücklich mich meine gegenwärtige Lage macht. Nach allen Seiten ſind mir die Hände gebunden, ich kann nicht rückwärts, ich kann nicht vorwärts, ich muß ansharren und abwarten und ſehe die Erfüllung mei⸗ ner glühendſten Wünſche in unbeſtimmte Ferne ge⸗ rückt.“ Anna lächelte. Zubow ſah ſie erſtaunt und zwei⸗ felnd an; er konnte es gar nicht begreifen und es be⸗ rührte ihn offenbar unangenehm, daß das Fräulein, welches ſtets ſo viel Zartgefühl an den Tag gelegt hatte, jetzt, wo er von den Hinderniſſen, die ſich ihrem wie ſeinem Glück in den Weg ſtellten, faſt leichtſinnig lächeln konnte. Unſere Bekannte begriff ganz gut, was in Zubow's Innerem vorging, und bereute nun, ihn durch dieſes Lächeln gereizt zu haben. „Verzeihung“, ſagte ſie, indem ſie dem Grafen mit einem liebevollen Blick die Hand reichte;„wo es ſich um ſo ernſte Dinge handelt, hätte ich allerdings wohl v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 12 178 auch ernſt bleiben müſſen. Aber ich freue mich ſo ſehr, zu unſerm Glück auch etwas beitragen zu können, und dies mag mich entſchuldigen.“ „Meine theure Anna, erklären Sie ſich deutlicher, ich bitte darum.“ „Nun“, ſagte das Fräulein,„zunächſt werden Sie mich und meinen Bruder nach Sarlaa begleiten.“ „Aber—“ „Kein aber, wenn ich bitten darf. Sie müſſen ſich frühzeitig daran gewöhnen, mir zu gehorchen“, ſetzte ſie ſchelmiſch hinzu. „Nun, ich gehorche, und zwar von Herzen gern.“ „So iſt es recht. Jetzt hören Sie weiter. Dieſen Brief hat mir die Königin vor ihrem Scheiden einge⸗ händigt. Es iſt ein Schreiben an ihre Schweſter, die Kaiſerin von Rußland, und enthält die Bitte, ſich Ihrer anzunehmen und Ihnen bei dem Kaiſer Verzeihung zu erwirken.“ „Welche Großmuth!“ rief der Major.„Jetzt hoffe ich das Beſte!“ „Welches edle Herz muß die erhabene Fürſtin be⸗ ſitzen“, fügte Olof hinzu,„da ſie unter der drückenden Laſt des eigenen Schmerzes noch an das Glück Anderer denken konnte!“ —— 179 „Sie iſt eine Heilige“, ergänzte Anna.„Gott ſegne ſie und gebe ihr Muth, ihr unverdientes Loos in Ge⸗ duld zu tragen. Und nun die Frage: Wann reiſen wir ab?“ „Wenn es Dir gefällig iſt“, erwiderte der Bruder. „Ich denke, ſobald wie möglich.“ „Sind Sie damit einverſtanden, Graf?“ 4„Laſſen Sie uns eilen, damit wir wieder nach dem traulichen Sarlaa kommen.“ „Gut, ſo wollen wir unſere Abreiſe auf übermor⸗ gen feſtſetzen.“ —— Elftes Kapitel. Während ſich unſere drei Bekannten auf dieſe Weiſe unterhielten und ſich dabei eine Erinnerung an die an⸗ dere reihte und die Tage einer glücklichen Vergangen⸗ heit hell und glänzend wieder in den Vordergrund traten, ereignete ſich an einem andern Orte ein Auf⸗ tritt, den wir ebenfalls nicht übergehen dürfen, weil er gewiſſermaßen den Schlußact für zwei Perſonen bildet, die in unſerer Erzählung keine unweſentliche Rolle geſpielt haben. Die Dame, welche wir unter dem Namen der ſchönen Julie kennen gelernt haben, befand ſich zwar noch in ihrer frühern Wohnung und wir treffen auch noch Winburg, welcher in ſo geſchickter Weiſe den Gauk⸗ ler geſpielt hatte, in ihrer Geſellſchaft, aber ſowohl 181 das äußere wie das innere Weſren der ehemaligen Hell⸗ ſeherin iſt jetzt völlig verändert. Man erkennt es auf den erſten Blick, daß ſie nicht mehr unter dem des⸗ potiſchen Zwange des Wahrſagers ſteht, denn ihr Benehmen iſt frei und unbefangen, ja hochmüthig und abſtoßend. Sie trägt nicht mehr das ein⸗ fache ſchwarze Kleid von ehedem, ihre Coiffure iſt nicht mehr unſcheinbar und geſchmacklos ge⸗ ordnet, ihr Blick, jetzt von dem Zwange der Ver⸗ ſtellung befreit, hüllt ſich nicht mehr in Schüchtern⸗ heit und myſtiſche Träumerei. Nein, unſere Be⸗ kannte hat ſich plötzlich zu einer vollſtändigen Mode⸗ dame entpuppt; eine ſchwere ſeidene Robe rauſcht bei jeder ihrer Bewegungen, ein zierlicher Halbſtiefel blickt unter dem Kleide hervor, ihr volles, glänzend ſchwar⸗ zes Haar fällt in dichten Locken auf ihren weißen Nacken herab, ihr kleiner Mund athmet Stolz und Selbſtbewußtſein und in den ſchönen, großen, dunklen Augen ſpiegelt ſich das Feuer ihrer ſüdlichen Abſtam⸗ mung. Herr Winburg hat ebenfalls ſeinen langen fal⸗ ſchen Bart abgelegt und ſtatt des weiten Talars trägt er jetzt einen Frack nach modernem Zuſchnitt. „Unſere Verbindung iſt alſo jetzt aufgelöſt, Made⸗ moiſelle“, ſagte der ehemalige Candidat,„und die Stunde naht, wo wir uns werden trennen müſſen.“ 182 »„Eh bien! rief die Franzöſin,„glauben Sie etwa, daß mir das Schmerz verurſacht? Dieſe unwürdigen Feſſeln, welche mich zu Ihrer Sklavin machten, wur⸗ den mir ſchließlich faſt unerträglich. Nie kann ein Mann ſich rühmen, mich beherrſcht zu haben; meine Natur ſträubt ſich dagegen, und doch mußte ich es dulden!“ „Höherer Befehl— Staatsraiſon! Bedenken Sie—“ „Nun ja“, rief die Franzöſin,„von dieſer Seite habe ich es auch nur aufgefaßt. Es war eine geheime di⸗ plomatiſche Miſſion, mit welcher der Herr Reichskanzler mich beehrte, und ma foil ich denke, ich habe das Ver⸗ trauen, welches er in mich ſetzte, gerechtfertigt!“ „Vollkommen! Sie haben Ihre Rolle ausgezeichnet geſpielt, aber vergeſſen Sie nicht, daß ich dabei Ihr Lehrer war.“ „Schon gut, Monſieur! Sie ſind ein deutſcher Bär und ich fühle noch jetzt den Griff Ihrer Klauen.“ Herr Winburg ließ ſich durch dieſe eben nicht ſchmei⸗ chelhafte Bemerkung nicht im geringſten aus ſeiner Ruhe bringen. „Ich begebe mich von hier nach Paris“, ſagte er, nund ich zweifle nicht daran, daß ich dort mit meiner Kunſt neue glänzende Erfolge erringen werde. In Paris wirft man mit dem Golde um ſich und ich 183 mache Ihnen daher nochmals den Vorſchlag, mich zu begleiten.“ „Paris iſt das Paradies der Frauen, das iſt wahr“, rief die ſchöne Julie,„aber alte Verpflichtungen halten mich hier zurück.“ Die Franzöſin ſagte dies mit einer Miene, als wenn es ſich wirklich um ein feierlich gegebenes Ver⸗ prechen handelte. „Hier halten Sie Verpflichtungen zurück?“ fragte Winburg. „Nun, gerade nicht hier, ſondern in Petersburg.“ „Ah, ich verſtehe. Seine Kaiſerliche Hoheit der Groß⸗ fürſt Conſtantin hat Ihnen wieder ſein Herz zuge⸗ wendet?“ „Oui, monsieur! Er kann mich nicht vergeſſen, er fühlt, daß ich ihm unentbehrlich bin.“ „Und wann reiſen Sie ab?“ „In acht Tagen, vielleicht in einigen Wochen; zu⸗ nächſt will ich mich hier noch nach Kräften amüſiren.“ „So, ſo! Nun, an Anbetern fehlt es Ihnen ja nicht. Wann werden Sie dieſe Wohnung verlaſſen?“ „Schon morgen.“ „Und Sie ziehen in ein Hotel?“ „Allerdings. Ich habe mir einen kleinen Salon mit zwei Zimmern gemiethet.“ 184 „Sehr praktiſch!“ bemerkte der ehemalige Candidat. „Nun, ich verlaſſe Sie jetzt, denn ich will mich erkun⸗ digen, wann das nächſte Poſtſchiff nach Stralſund ab⸗ geht. Auf Wiederſehen alſo! Laſſen Sie ſich die Zeit nicht lang werden.“ Der ehemalige Magier entfernte ſich und Zulie, ein Liedchen trällernd, trat vor den Spiegel und mu⸗ ſterte ihre Toilette. „Es iſt bald ſechs Uhr“, murmelte ſie, auf eine ge⸗ ſchmackvoll gearbeitete, reich ciſelirte goldene Uhr ſe⸗ hend, die an einer feinen Kette von gleichem Metall befeſtigt war;„um ſieben Uhr beginnt die Oper, er kann alſo nicht mehr lange ausbleiben.“ In dieſem Augenblick wurde lebhaft an die Thür geklopft und gleich darauf ſtand der Baron von Ce⸗ derſtröm vor ihr. „Wie, rief er,„in voller Toilette? Und doch ſag⸗ ten Sie mir, daß Sie dieſen Abend nicht ausgehen würden?“ „Nun, ich habe mich anders beſonnen“, entgegnete die Franzöſin, ſtolz den Kopf zurückwerfend. „So, Sie haben ſich anders beſonnen? Und wes⸗ halb auf einmal dieſe herausfordernde Miene? Ich muß Ihnen bemerken, ſchöne Julie, daß ich in der letzten Zeit ſehr unzufrieden mit Ihnen bin.“ 185 „Vor allem, mein Herr, bitte ich von jetzt an jede vertrauliche Bemerkung beiſeite zu laſſen. Sie er⸗ blicken nunmehr wieder Mademoiſelle Leontine d'Ecars in mir. Merken Sie ſich das gefälligſt.“ Der Baron prallte erſtaunt zwei Schritte zurück. Dann brach er in ein helles Gelächter aus und rief: „Seit wann dieſe Verwandlung, wenn ich bitten darf?“ Die Franzöſin ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße. „Ich bemerke Ihnen, daß ich Sie nicht habe rufen laſſen“, ſagte ſie mit einem wegwerfenden Blick. Herr von Cederſtröm ſchoß das Blut ins Geſicht und ſeine Augen glühten. Die wilde Natur begann ſich in ihm zu regen. „Soll das etwa heißen, daß ich gehen ſoll, mein Püppchen?“ fragte er, einen Schritt näher tretend. „Mein Herr, Sie haben Ihre Freiheit und ich auch, alſo—“ „Verdammt will ich ſein, wenn ich mich vom Platze rühre!“ rief der Baron mit finſter zuſammengezogenen Brauen und warf ſich in einen Seſſel. „Gehen Sie“, rief Leontine herriſch,„ich befehle es Ihnen!“ „Nun, das wird ja immer beſſer! Vorläufig indeſ⸗ ſen ſitze ich hier ganz bequem und bleibe alſo!“ „Wenn Sie noch weiter fortfahren, mich zu belä⸗ 186 ſtigen, ſo werde ich den Schutz der ruſſiſchen Geſandt⸗ ſchaft gegen Sie anrufen.“ „Hahaha! Das iſt in der That köſtlich! Glauben Sie etwa, die Geſandtſchaft iſt dazu da, um Sie in der ungehinderten Ausübung Ihrer galanten Aben⸗ teuer zu ſchützen? Und halten Sie mich etwa für einen Dummkopf, ſchöne Julie? Glauben Sie etwa, ich wüßte nicht, welche Verabredung Sie mit dem Ma⸗ jor Skiöldebrand getroffen haben? Sie erwarten ihn hier, damit er Sie in die Oper führen ſoll, und nach der Oper werden Sie mit ihm unter vier Augen ſou⸗ piren.“ „Und was geht das Sie an?“ fragte in einem her⸗ ausfordernden Tone die Franzöſin. „Was es mich angeht? Tod und Teufel!“ rief Ce⸗ derſtröm, deſſen rohe, wilde Natur ſich jetzt in ihrer ganzen Stärke geltend machte.„Tod und Teufel, ich werde Ihnen zeigen, was es mich angeht! Zufällig habe ich ſo etwas für Sie empfunden, was man im gewöhnlichen Leben Liebe nennt, und Ihre Untreue hat meinem Herzen eine Wunde geſchlagen, welche mehr brennt, als ich vermuthete! Kurz und gut, ich gebe Sie nicht freiwillig los; ſtatt in die Oper zu fahren, wer⸗ den Sie hier bleiben und mir Geſellſchaft leiſten, und iſt Ihr neuer Ritter damit nicht zufrieden, ſo mag er — 187 mit mir kämpfen, obgleich Sie es eigentlich nicht ver⸗ dienen, daß Ihretwegen auch nur ein Tropfen Blut fließt!“ Mademoiſelle Leontine lachte höhniſch auf. „Wir werden ja ſehen“, rief ſie.„Der Major iſt ein Gentilhomme, hüten Sie ſich!“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und Herr von Skiöldebrand trat ein. Befremdet ſtutzte er, als er Cederſtröm erblickte, welcher ihm grimmige Zlicke zuſchickte, aber Leontine ließ den beiden Herren gar keine Zeit, Worte mit ein⸗ ander auszutauſchen. In der Verſtellung geübt, brach ſie in erkünſtelte Thränen aus, ſtürzte auf den Major zu und rief, die Verzweifelte ſpielend und die Hände ringend: „Mein Gott, ich zittere wie ein Blatt! Retten Sie mich vor dieſem Barbaren, vor dieſem Ungeheuer!“ „Darf ich mir eine Erklärung erbitten?“ ſagte Herr von Skiöldebrand, höflich zu Cederſtröm gewendet. „Ich glaube gar“, lachte dieſer wild auf,„Sie ver⸗ langen, daß ich Ihnen Rede ſtehen ſoll!“ „Allerdings werden Sie mir Rede ſtehen“, antwor⸗ tete der Major gereizt. „Herr“, rief der Baron,„Sie vergeſſen ganz und gar, wem Sie gegenüber ſtehen! Ich bin Cederſtröm, 188 der wilde Cederſtröom, wie man mich allgemein nennt!“ „Nun, was ſoll das?“ fragte ſein Gegner mit einem mitleidigen Achſelzucken. „Sie haben ſich in ein fremdes Jagdrevier verirrt, Herr Major. Hier bin ich Herr, und wer mir nicht gefällt, den weiſe ich hinaus.“ „Sie ſind ein Grobian, mein Herr.“ „Genug! Sie werden mit mir ein paar Kugeln wechſeln!“ „Wie es Ihnen beliebt. Zu welcher Stunde und an welchem Ort beſtimmen Sie das Rendezvous?“ „Morgen früh acht Uhr auf dem Dunkeberge!“ rief Cederſtröm und ſtürzte, wüthende Blicke ſchleudernd, fort. „Dies ſoll uns keineswegs verhindern, den Abend möglichſt vergnügt zuzubringen“, ſagte der Major. „Ihren Arm, Mademoiſelle, der Wagen wartet.“ Mademoiſelle Leontine hüpfte graziös an der Seite ihres neuen Verehrers die ſchmale Treppe hinunter, ein kokettes Lächeln lagerte ſich auf ihren Lippen, und behaglich lehnte ſie ſich in die Polſter der Kutſche, als dieſe fortrollte. Als dem Reichsverweſer am andern Tage gemeldet wurde, daß zwiſchen zwei Offizieren der Garniſon ein Piſtolenduell ſtattgefunden habe, fragte er: 189 Wie heißen dieſe Herren?“ „Der eine iſt der Major Skiöldebrand und der andere der Lieutenant von Cederſtröm.“ „Und welcher von beiden iſt getödtet worden?“ „Der Baron von Cederſtröm.“ „Eigentlich hat mir der Major damit einen Gefal⸗ len erzeigt“, ſagte der Herzog kalt.„Dieſer Cederſtröm war immer ein vorlauter Schreier, in der letzten Zeit fing er aber durch ſein Prahlen mit gewiſſen Thaten an mir unbequem zu werden. Ich werde Herrn von Skiöldebrand bei der nächſten Ordensverleihung be⸗ denken.“ Zwölftes Kapitel. Welche Freude herrſchte in Sarlaa, als Anna, ihr Bruder und Zubow dort anlangten! Der alte Herr ſchüttelte den Männern kräftig die Hände und beeilte ſich dann, ſein Herzenskind, die Freude ſeiner alten Tage, wie er Anna nannte, an ſeine Bruſt zu ziehen. Mit Blicken, aus denen Freude und Stolz ſprachen, betrachtete er ſie lange und ſtrich ihr wiederholt lieb⸗ koſend über das volle blonde Haar. „Du biſt größer und geſetzter geworden“, ſagte er mit Genugthuung;„aus einem lachenden Kinde iſt eine ernſte Jungfrau geworden. Ja, ja, unter den ſtarken Eindrücken des Lebens reifen die Menſchen ſchnell und auch an Deinen Augen iſt ja ein erſchütterndes Drama vorübergegangen.“ 191 „Deſſen Scenen mir unvergeßlich bleiben werden“, bemerkte Anna.„Es ruft einen erſchütternden Ein⸗ druck hervor, einen König, der noch heute von Macht und Herrlichkeit umgeben war, ſchon morgen gezwun⸗ gen von ſeinem Thron herabſteigen zu ſehen.“ „Und doch liegt es in der Natur der Hinfälligkeit der menſchlichen Dinge“, erwiderte nachdenkend der Ve⸗ teran.„Mitten unter den Stürmen des Kriegs, die mich hier umbrauſten, habe ich recht oft an den armen Guſtav gedacht. Nun, Gott gebe ſeinem un⸗ ruhigen Geiſt den Frieden, denn wollen wir wahr ſein, ſo müſſen wir bekennen, daß er durch ſeinen Eigenſinn und durch ſeine phantaſtiſche Handlungsweiſe ſelbſt ſeinen Sturz herbeigeführt hat.“ „Aber die edle, hochherzige Königin“, warf Anna ein. „Gott tröſte ſie in ihrem Unglück“, ſagte der Ve⸗ teran.„Indeſſen“, fuhr er ernſt fort,„wo ſo viel Seelengröße vorhanden iſt, da findet der Geiſt auch bald wieder die Kraft, in ruhiger Ergebung das Un⸗ vermeidliche mit Würde zu tragen. Friederike Wil⸗ helmine iſt ein Muſter weiblicher Tugend, ſie war es nicht blos auf dem Throne, ſie wird es unter allen Umſtänden bleiben.“ „Wie hochherzig hat ſie ſich noch im letzten Augen⸗ 192 blick gegen mich benommen“, bemerkte voll dankbarer Rührung das junge Mädchen. „Du meinſt den Brief an ihre Schweſter, die Kai⸗ ſerin von Rußland, über welchen Du mir Mittheilung machteſt, als Du mir Deine Abreiſe von Stockholm anzeigteſt? Ja, das läßt einen recht tiefen Blick in ihr reines, edles Herz thun! Nun, liebe Anna, Du weißt, daß ich einer Verbindung zwiſchen Dir und dem Grafen nicht entgegen bin; ich habe denſelben als einen Ehrenmann kennen gelernt, und ich glaube, Du wirſt in ihm bei Deiner Pilgerſchaft durchs Leben eine treue und liebende Stütze finden.“ „Gott mag mir beiſtehen, dieſe Aufgabe nacj Kräften zu löſen“, bemerkte der Graf mit Wärme; „mein Wille iſt dabei gewiß der reinſte und wärmſte.“ „Man muß ſich gegenſeitig unterſtützend entgegen⸗ kommen“, ſagte der Veteran;„bei aller Liebe iſt der Eheſtand doch auf die Proſa des Lebens berechnet. Aber mitten in dieſer Proſa fehlt es auch nicht an herrlichen Knospen und Blüten, wenn diejenigen, welche beſtimmt ſind, Hand in Hand durch das Leben zu gehen, dieſelben hervorzurufen verſtehen. Jetzt han⸗ delt es ſich freilich zunächſt um die Frage, welche Schritte gethan werden ſollen, um durch den Brief der Königin einen möglichſt günſtigen Erfolg zu erlangen.“ 193 „Ich werde ſelbſt nach Petersburg gehen, um meine Angelegenheiten zu betreiben“, ſagte Zubow. „Das werden Sie bleiben laſſen, ſolange ich noch einigen Einfluß auf Sie auszuüben vermag“, rief Anna mit einer Haſt, welche deutlich ihre innere Un⸗ ruhe verrieth.„Noch ehe Sie Gelegenheit hätten, zur Audienz bei der Kaiſerin zu gelangen, würden Ihre Feinde ſich Ihrer bemächtigt haben, und wie es vielen Andern vor Ihnen ergangen iſt, ſo würde es auch Ihnen ergehen, das heißt, man würde byzantiniſche Juſtiz an Ihnen üben und Ihnen ein ſchreckliches Loos bereiten, denn in einem Lande, wo das Recht nur eine Gnade des Kaiſers iſt, fehlt es hierzu an Mitteln und Wegen nicht.“ Der Graf ſenkte den Kopf.„Sie mögen Recht haben, aber dennoch—“ „Dennoch werden Sie hier bleiben“, fiel das junge Mädchen ein.„Ich habe bereits Jemand beſtimmt, welcher ſtatt Ihrer die Reiſe antreten ſoll.“ „Vielleicht Olof?“ „Nein, ich ſelbſt. Die Kaiſerin Eliſabeth iſt eine Frau wie ich, und wenn es ſich um Herzensangele⸗ genheiten handelt, ſo verſtändigen ſich dieſe unter ſich am ſchnellſten. Ueberdies hat mir die Königin den Brief perſönlich eingehändigt und ich erachte es v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. II. 13 194 daher als eine Pflicht, denſelben auch eigenhändig ab⸗ zugeben.“ Aber Sie müſſen doch jedenfalls einen Beſchützer bei ſich haben?“ „Damit bin ich einverſtanden, und zu dieſem Zweck ſoll mein Bruder mich begleiten.“ „Welchen Weg nehmen wir, Schweſter?“ „Den Seeweg. Wir ſchiffen uns in Abo ein. Mit guten Empfehlungen verſehen, wird es mir nicht ſchwer fallen, Zutritt zur Kaiſerin zu erlangen.“ „An Muth fehlt es Dir nicht“, ſagte der Veteran und ſtreichelte mit einem ſtolzen Lächeln die blühenden Wangen ſeiner Nichte. „O“, rief dieſe und ſandte dabei Zubow einen zärt⸗ lichen Blick zu,„die Willenskraft unſeres Geſchlechts iſt in manchen Dingen ſtärker, als Ihr egoiſtiſchen Män⸗ ner zugeben wollt.“ Als der Graf mit Olof allein war, ſagte er zu dieſem: „Ich habe Ihnen von einem verabſchiedeten Lieu⸗ tenant Peter Jakuſchkin erzählt, welcher mir bei meiner Flucht aus Petersburg treue Dienſte leiſtete. Ich möchte gern etwas für denſelben thun. Hier iſt ſeine Adreſſe. Erzeigen Sie mir doch den Gefallen und erkundigen Sie ſich, wie es ihm geht.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich Ihren Auftrag pünktlich ausführen werde.“ Wir können es füglich unterlaſſen, auf eine nähere Beſchreibung der Reiſe, welche Anna mit ihrem Bruder unternahm, einzugehen, weil dabei nichts Bemerkens⸗ werthes vorfiel. Als die Geſchwiſter in Petersburg angelangt waren, beeilte ſich unſere Bekannte von den Empfehlungsſchreiben, die ſie bei ſich führte, Gebrauch zu machen. Die Kaiſerin, welche bereits manche Thräne über das tragiſche Geſchick ihrer Schweſter geweint hatte, war hoch erfreut, als ſie hörte, daß ein Hof⸗ fräulein derſelben, welches bis zum letzten Augenblick bei ihr ausgeharrt, mit einem eigenhändigen Briefe von ihr eingetroffen ſei. Sie beſtimmte ſofort den Tag der Audienz zu Zarskoe⸗Zelo, dem fünf und eine halbe Meile von Petersburg entfernten Luſtſchloß, wo ſie ſich gerade mit Alexander befand, und Anna be⸗ eilte ſich, ſich zur feſtgeſetzten Stunde pünktlich einzu⸗ ſtellen. Als unſere Bekannte vor Eliſabeth geführt wurde, erſtaunte ſie über die große Aehnlichkeit der beiden Schweſtern. Dieſelbe Anmuth, dieſelbe Liebenswürdig⸗ keit, durch welche ſich die Königin von Schweden alle Herzen gewonnen hatte, waren auch der Kaiſerin von Rußland eigen. Aber auch Anna ſchien auf die hohe 13* Frau in ihrer jugendlichen Friſche und ihrer beſcheide⸗ nen Haltung einen ſehr günſtigen Eindruck zu machen. Die großen ſeelenvollen Augen Eliſabeth's ruhten mit Wohlgefallen auf dem jungen Mädchen, welches ſich jetzt tief und achtungsvoll verbeugte, und huldvoll winkte ihr die Kaiſerin, näher zu treten. „Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind“, ſagte ſie mit ihrer klangvollen Stimme,„doppelt will⸗ kommen, da Sie mir über meine theure Schweſter Frie⸗ derike Auskunft zu geben vermögen. Sie waren Hof⸗ fräulein bei derſelben?“ „Zu dienen, Majeſtät!“ „Und haben ihr bis zum letzten Augenblick die Treue bewahrt?“ „Ihre Majeſtät war eine Heilige. Wer hätte ſie wohl in Ihrem Schmerz verlaſſen können!“ „Und doch hat ſie ein ganzes Volk verlaſſen“, ſeufzte die Kaiſerin, indem ſie den Blick zu Boden ſenkte. Bald aber blickte ſie wieder unſerer Bekannten liebevoll ins Geſicht und fragte mit ihrer melodiſchen Stimme: „Sie haben mir einen Brief von der Königin zu überreichen?“ „Ja, Majeſtät. Es ſollte ein Beweis ihres Dankes gegen mich ſein. Werden Höchſtdieſelben die Gnade — 197 haben, dieſen Dank, wie es mir verſprochen wurde, einzulöſen?“ „Geben Sie“, rief Eliſabeth und griff haſtig nach dem Schreiben. Sie erbrach es und bald vertiefte ſie ſich in den Inhalt deſſelben. Häufig zuckte es ſchmerz⸗ lich über ihr Geſicht und mehr als einmal füllten ſich ihre Augen mit Thränen. „Meine arme Friederike“, rief ſie endlich, als ſie den Brief geleſen hatte.„O könnte ich bei Dir ſein und Dich in meinen Armen tröſten, meine unglückliche Schweſter! Ach glauben Sie mir, Fräulein Jön⸗ ſon, in ſolchen Augenblicken fühlen ſelbſt die Mächtig⸗ ſten der Erde, daß ihre Macht gegen die Gewalt des Schickſals nur ein Schein iſt! Doch Sie, gutes, liebes Kind, ſollen durch die Vermittlung dieſer erhabenen Dulderin nicht umſonſt meine Fürſprache angerufen haben. Kommen Sic, ich werde Sie zum Kaiſer füh⸗ ren und dort meine Bitten mit den Ihrigen ver⸗ einen.“ Eliſabeth winkte unſerer Bekannten und ſchritt der⸗ ſelben durch eine Reihe von Gemächern voran. Endlich blieb ſie vor einer Thür ſtehen und klopfte leiſe. Alexander, bei welchem ſich ſchon damals der Hang zur Einſamkeit bemerkbar machte, der ſich ſpäter noch verſtärkte, hörte dieſes Klopfen, und wohl wiſſend, daß 198 es nur von ſeiner Gemahlin herrühren konnte, erhob er ſich ſofort und eilte, ſelbſt zu öffnen. „Was befiehlt meine Eliſabeth?“ fragte er mit jener ſanften Ausdrucksweiſe, die ihm eigen war. „Zunächſt Verzeihung, wenn ich ſtöre.“ Der Kaiſer küßte ſeiner Gemahlin die Haud.„Eure Majeſtät wiſſen ja, daß dies die glücklichſten Stun⸗ den für mich ſind, wo ich mit Ihnen zuſammen ſein kann.“ „Immer gütig und liebevoll“, lautete die von einem leiſen Händedruck und einem ſeelenvollen Blick begleitete Antwort.„Nun, Eure Majeſtät, ich erlaube mir Ihnen hier eine junge Dame vorzuſtellen.“ „Wenn es durch Sie geſchieht, iſt mir dieſelbe ſchon im voraus willkommen.“ „Es iſt ein Fräulein Jönſon, eine Hofdame meiner armen Schweſter, bei welcher ſie bis zum letzten Augen⸗ blick in treuer Anhänglichkeit ausgehalten hat.“ Ueber das Antlitz des Kaiſers lagerte ſich ein Schatten. „Eure Majeſtät wiſſen, wie oft mein Schwager Gu⸗ ſtav von mir gewarnt worden iſt. Aber er hörte nicht; jetzt iſt das Unglück geſchehen und in dieſes Unglück hat er ſeine Familie hineingezogen.“ „Mein Gemahl“, ſagte Eliſabeth mit bewegter 199 Stimme,„indem ich hierher kam, lag es gewiß nicht in meiner Abſicht, den Schmerz über dies tragiſche Er⸗ eigniß von neuem bei Ihnen aufzufriſchen. Aber meine Schweſter hat mir ein heiliges Vermächtniß hinterlaſ⸗ ſen, und ich habe gelobt, mit Ihrer Hülfe und Ihrer unerſchöpflichen Güte daſſelbe zu erfüllen.“ „Das klingt ja ſehr feierlich“, bemerkte der Kaiſer. „Wollen Eure Majeſtät geruhen, ſich deutlicher auszu⸗ ſprechen?“ „Betrachten Sie dieſes Kind— es fühlt ſich ſehr unglücklich.“ Der wohlwollende Blick Alexander's heftete ſich auf Anna. „Dieſe junge Dame liebt einen Mann, welcher ſich einſt ſchwer gegen Eure Majeſtät vergangen hat.“ „Gegen mich?“ rief der Kaiſer.„Gott mag es ihm verzeihen!“ „Nicht eigentlich gegen Sie“, fuhr Eliſabeth fort, „ſondern gegen ein Mitglied Ihrer Familie, gegen den Großfürſten Conſtantin. Der Graf Zubow—“ „Ha, Zubow!“ ſagte Alexander lebhaft und ſein Antlitz verfinſterte ſich.„Eure Majeſtät wollen doch nicht eine Fürbitte für einen Mann einlegen, der im geheimen conſpirirte und meinen Bruder mit dem De⸗ gen bedrohte?“ 200 „Ich nicht“ antwortete die Kaiſerin ſanft, und ihre Augen floſſen dabei über,„ich nicht, aber meine ge⸗ liebte Schweſter, unſere unglückliche Friederike thut dies.“ „Aber es iſt ja nicht möglich“, ſtammelte der Kaiſer, indem er gerührt in die feuchten Augen ſeiner Gemah⸗ lin blickte. „Und was ſteht in dieſem heiligen Buche?“ fragte Eliſabeth, indem ſie auf das Schreibpult des Kaiſers zuſchritt, auf welchem die Bibel aufgeſchlagen lag, in welcher dieſer ſeiner Gewohnheit gemäß vor ihrem Eintritt geleſen hatte.„Steht darin nicht geſchrieben: „Vergebet, ſo wird euch wieder vergeben?«“ „Allerdings, aber Zubow hat ſich ſchwer vergangen, er iſt Mitglied eines geheimen Bundes geweſen.“ „Nun“, rief Eliſabeth heiter,„ſind denn Eure Ma⸗ jeſtät nicht ſelbſt der größte Revolutionär in Ihrem Reich? Stellen Sie denn nicht ſelbſt die Aufklärung und die Handhabung freiſinniger Ideen als ein ge⸗ rechtes Verlangen der Zeit auf, und wünſchen Sie denn ſelbſt nichts ſehnlicher, als Jedem, ſelbſt dem Geringſten, ſein Recht angedeihen zu laſſen?“ „Allerdings wünſche ich dies“, entgegnete der Kaiſer, nallein der hier in Rede ſtehende Fall paßt nicht dazu.“ „Und dennoch appellire ich an den Edelmuth mei⸗ 201 nes Gemahls. Betrachten Sie dieſes junge Mäd⸗ chen, es iſt mit dem Grafen Zubow verlobt— ohne Ihre Großmuth wird deſſen ganzes Lebensglück zer⸗ ſtört.“ Alexander warf einen zweiten wohlwollenden Blick auf Anna und in ſeinem Geſicht gab ſich ein Schwan⸗ ken kund. „Unſere Friederike, unſere vom Schickſal ſo hart betroffene Schweſter erbittet die Begnadigung als einen wohlverdienten Lohn für das treue Aushalten dieſer jungen Dame in den Tagen bittern Leides. Werden Sie dieſe Bitte unſerer vielgeliebten Friederike verſagen?“ „Wenn ich Zubow auch ſeine Betheiligung an einem verbotenen Bunde verzeihen wollte“, antwortete der Kaiſer,„ſo vermag ich dies doch nicht hinſichtlich deſſen, was er ſich meinem Bruder gegenüber hat zu Schulden kommen laſſen.“ „Wenn ich es nun aber übernehme, auch die Ver⸗ zeihung des Großfürſten zu erwirken?“ „Nun, in dieſem Fall will ich dem Grafen meine Gnade nicht entziehen.“ Ein lauter Ausruf der Freude entfloh den Lippen der Kaiſerin. „Ich wußte es wohl“, rief ſie,„Ihr Herz iſt zu 202 groß, zu edel, um ſich ungerührt von einem Unglück⸗ lichen abzuwenden.“ „Beſonders wenn ein ſo ſchöner Mund ſich für ihn verwendet“, erwiderte der Kaiſer mit einem Lächeln. „Gehen Sie, mein Kind“, fuhr er zu Anna gewendet fort, indem er noch einmal mit dem Ausdruck eines großen Wohlwollens in deren verklärtes Geſicht blickte, „gehen Sie, ich hoffe, Sie werden befriedigt in Ihre Heimat zurückkehren. Laſſen Sie, nicht mir gebührt Ihr Dank, ſondern hier dieſem Engel voll Güte und Liebenswürdigkeit, welchen Sie ſich zu Ihrem Fürſpre⸗ cher auserwählt haben. Faſſen Sie Muth, ich denke, Conſtantin wird an Galanterie mir nicht nachſtehen, und das Uebrige ſollen Sie durch meinen Staatskanz⸗ ler erfahren.“ Der Leſer kann ſich wohl denken, mit welchen Ge⸗ fühlen Anna nach ihrem Hotel zurückkehrte. „Jetzt iſt Alles gut, jetzt ſind wir glücklich!“ rief ſie, ihrem Bruder in die Arme fallend. „So iſt alſo Zubow begnadigt?“ „In dieſem Augenblick noch nicht, aber er wird es werden, dafür ſtehe ich Dir. Geſchwind, laß die Kof⸗ fer packen, ich möchte keine Minute länger hier ver⸗ weilen, als nöthig iſt; mein Herz ſehnt ſich nach Sarlaa zurück.“ 4 3 8 1 203 Zwei Tage darauf befand ſich Anna im Beſitz eines eigenhändigen Schreibens des Kaiſers, in welchem ihrem Verlobten vollſtändige Verzeihung und ſomit auch freie Rückkehr nach Rußland zugeſichert wurde. „Jetzt fort“, rief ſie,„denn ich glaube nicht eher an mein Glück, als bis ich die ruſſiſche Grenze hinter mir habe.“ „Ein unheimliches Reich, Schweſter“, ſagte Olof, „in unſerm Finland lebt es ſich doch beſſer!“ Als die Geſchwiſter in Sarlaa wieder anlangten, hielt Anna dem herbeieilenden Grafen ſchon von wei⸗ tem das verhängnißvolle Papier entgegen. „Ende gut, Alles gut!“ rief ſie mit ſtrahlendem Geſicht.„Hier iſt Ihr Pardon, Zubow, und den mei⸗ nigen gebe ich Ihnen mit in den Kauf für all den Kummer und den Schmerz, den Sie mir zugefügt haben!“ „Iſt dies wirklich Ihr Ernſt, liebe Anna?“ fragte Zubow lächelnd. „Nun, Ihr Männer ſeid es wirklich nicht werth, daß man ſich Euretwegen ſo abängſtigt!“ Und la⸗ chend entwand ſie ſich den Armen ihres Verlobten und flog in die des Veterans, welcher ſie mit einem Blick freudiger Genugthuung an ſeine Bruſt zog. „Ich habe Ihnen auch noch Bericht über den Auf⸗ 204 trag abzuſtatten, welchen Sie mir ertheilten“, ſagte Olof, zu dem Grafen gewendet. „Sie meinen in Betreff meines alten Freundes, des Lieutenants Peter Jakuſchkin? Nun, wie geht es demſelben? Noch immer Noth und Entbehrungen wie früher, nicht wahr?“ Allerdings. Allein mitten unter den Kämpfen für die tägliche Exiſtenz hat ſich der Mann ein fühlendes Herz bewahrt. O, Sie hätten nur ſeine Freude ſehen ſollen, als ich ihm Ihren Gruß brachte und er erfuhr, daß Sie ſich wohl und mnnter befänden.“ „Nun“, ſagte Zubow,„ſeine Leiden ſollen jetzt ein Ende nehmen. Ich brauche auf meinen Gütern einen treuen und zuverläſſigen Mann als Intendanten, der meine Pacht⸗ gelder einzieht und überhaupt nach dem Rechten ſieht.“ „Und Michael Popow?“ fragte Anna.„Was ſoll aus Michael Popow werden?“ „O, dem habe ich eine ganz beſondere Rangerhö⸗ hung zugedacht.“ „Eine Rangerhöhung?“ „Ja. Es liegt in meiner Abſicht, ihn zum Admi⸗ ral des Sees von Sarlaa zu ernennen. Er ſoll unſer Segelboot im Stande erhalten und auf dieſem in vor⸗ kommenden Fällen in höchſteigener Perſon das Com⸗ mando übernehmen.“ +—— 205 „Und wir“, fragte Anna,„was thun wir?“ „Nun, ich denke, die Sommer bringen wir in die⸗ ſem herrlichen Thale zu und im Winter leben wir in Petersburg. Ich kenne dann eine kleine niedliche Frau, welche in den dortigen Salons durch Anmuth und Lie⸗ benswürdigkeit—“ Der Graf konnte nicht vollenden. Das junge Mäd⸗ chen hatte ihm mit der ſchmalen weißen Hand den Mund verſchloſſen und rief jetzt ſchelmiſch: „Still! Das iſt gegen die Verabredung: bis hierher und nicht weiter!“ „Ja, ja“, ſagte der Veteran, ſeine Nichte mit Zärt⸗ lichkeit betrachtend,„ſo war es auch zu meiner Zeit, als ich noch am Hofe des ritterlichen Guſtav III. lebte. Wenn man eben im beſten Zuge war, den Damen Schmeicheleien zu ſagen, wurde einem plötzlich Schwei⸗ gen geboten; aber man fügte ſich gern, denn dieſes Gebot wurde von einem Lächeln begleitet und man hatte inzwiſchen Zeit, bewundernd in ſchöne Augen zu blicken.“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Humoriſtiſche Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Baron Karl von Keſſel: Aus dem Leben eines Junggeſellen. Komiſcher Roman. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Eduard Breier: Die Zauberflöte. Komiſcher Roman. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Ferdinand Stolle: Der König von Tauhaxawi. Launiger Roman. 3 Bände. 16. Geheftet. Preis 2 Thlr. Humoriſtiſche Romane aus dem Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. — A. von Winterfeld: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die Reiſen von Bambus& Comp. Komiſcher Roman. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Irnſt Willkomm: Ein Stiefkind des Glücks. Humoriſtiſcher Roman aus dem Leben. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Modelle. Humoriſtiſch⸗ſocialer Roman von A. v. Winterfeld. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Katharing von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman Bernd von Guſeck. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Gräfin und Marquiſe. Roman von Guſtav vom See. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. 24 Ngr. —- ſnſin 8 19 8—.—