ꝑ A Leihbibliothek 3 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 on** Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 4 kedrm Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 7 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 2 . 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus lbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————x——— auf 1 Monat: 84 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 „ 3=[ 3,, 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und g defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auf dafür zu ſtehen haben. Hiſtoriſcher Roman 1 von Karl von Keſſel. 1 Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. ——— ——. —— Erſtes Kapitel. Wir befinden uns in der Mitte des Monats Sep⸗ tember im Jahre 1808 und erſuchen den Leſer, ſich mit uns nach St.⸗Petersburg zu verſetzen. Die Uhr der Iſaakskirche hatte eben in hellen Schlägen die zehnte Stunde der Nacht verkündet, als ein Herr, dem An⸗ ſchein nach etwa dreißig Jahre alt, in einen Militär⸗ mantel gehüllt, den geräumigen Admiralitätsplatz be⸗ trat, von wo aus man die Citadelle, das Senatsge⸗ bäude, den Winterpalaſt und die auf einem großen Granitblock ruhende Reiterſtatue Peter's des Großen überſehen kann. Indem er im Begriff ſtand, die letz⸗ tere zu paſſiren, blieb er plötzlich vor derſelben ſtehen und betrachtete das Standbild des Czaren, deſſen Um⸗ riſſe beim Dunkel der Nacht nur unvollkommen her⸗ vortraten, einen Augenblick mit verſchränkten Armen. v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 1 2 „Jau, ſprach er ſchließlich vor ſich hin,„groß ſind deine Verdienſte um Rußland allerdings geweſen, un⸗ ſterblicher Kaiſer, aber du haſt deinen Nachfolgern doch nur ein Volk von Sklaven hinterlaſſen, und wäh⸗ rend alle übrigen europäiſchen Nationen auf dem Wege der Civiliſation unaufhaltſam voranſchreiten und das Licht der Aufklärung ſeine befruchtenden Strahlen nach allen Seiten ausbreitet, herrſcht hier bei uns noch fin⸗ ſtere Nacht; Menſchenwürde iſt ein unbekanntes Wort, und es gibt keine Geſetze, welche das zur Sklaverei verurtheilte Volk gegen die Gewaltthaten der Großen, gegen Despotismus und Willkür zu ſchützen vermögen!“ Während der Unbekannte dieſen Monolog mit über⸗ einandergeſchlagenen Armen hielt und eben jetzt im Begriff ſtand, ſeinen Weg fortzuſetzen, huſchte plötzlich eine Geſtalt, die ſich bisher hinter dem Rieſenblock, der das Poſtament zu der Reiterſtatue bildet, verbor⸗ gen gehalten hatte, hervor und ſtand in der nächſten Sekunde an ſeiner Seite. „Sie haben ſo eben treffliche, Herzerwärmende Worte geſprochen, Herr Graf“ begann der Fremde, aber ich denke, bevor man ſich mit den Angelegenheiten Anderer beſchäftigt, ſieht man erſt zu, ob die eigenen in Ordnung ſind.“ Der auf dieſe Weiſe ſo unerwartet Angeredete trat überraſcht unwillkürlich einen Schritt zurück. 90 „Wer ſind Sie und was wollen Sie?“ fragte er, indem er ſeinen Geſellſchafter mißtrauiſch anſah. Dieſer, deſſen Kleidung eine unverkennbare Dürf⸗ tigkeit zur Schau trug, antwortete mit einem ſanften, melancholiſchen Lächeln: „Fürchten Sie nichts, Herr Major. Obgleich es allerdings hier in Petersburg von Spionen wimmelt, ſo bin ich doch ein ehrlicher Mann, der es redlich mit Ihnen meint. Ich wußte, daß Sie um dieſe Zeit hier vorbeikommen würden, und deshalb nahm ich mir die Freiheit, mich hier aufzuſtellen, um Sie zu warnen.“ „Mich zu warnen?“ „Ja, Herr Graf. Sie werden auf eine ſchmähliche Weiſe verrathen; man ſpielt mit Ihrer Ehre.“ „Man ſpielt mit meiner Ehre?“ Die Augen des Majors blitzten und unwillkürlich faßte ſeine Hand nach dem De⸗ gen. Doch ſchon im nächſten Augenblick war er wieder ruhig, und den Sprecher feſt ins Auge faſſend, ſagte er: „Angenommen, das was Sie ſoeben ſagten, wäre wahr, ſo werden Sie doch zugeben müſſen, daß ich einem Manne, der mir völlig unbekannt iſt, nicht ſo ohne weiteres Glauben ſchenken kann.“ „Ich habe Ihnen ja ſchon bemerkt, daß Dankbar⸗ keit und Verehrung gegen Sie mich veranlaßten, mich hier einzufinden.“ 4 „Ich wüßte in der That nicht, welche Verpflichtung Sie gegen mich hätten. Doch gleichviel! Wer iſt es, der mich verräth und meine Ehre angreift?“ „Eine Dame.“ Graf Zubow zuckte zuſammen. Man ſah es an ſeinen veränderten Geſichtszügen, daß dieſe Worte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten. Aber auch jetzt noch verſtand er ſich zu beherrſchen und erwiderte in ſcheinbar ruhigem Tone: „Eine Dame? Dieſer Ausdruck iſt ein ſo allge⸗ mein gehaltener, daß ich auf Ihre Worte kein beſon⸗ deres Gewicht zu legen vermag, wenn Sie ſich nicht deutlicher erklären.“ „Ich werde es thun, Herr Graf. Das, was ich Ihnen mitzutheilen habe, wird Sie vielleicht augen⸗ blicklich niederſchmettern, aber ſpäter, davon bin ich überzeugt, werden Sie mir danken.“ „Weiter, weiter!“ rief der Major in ungeduldiger Haſt. „Nun, Sie ſtehen in engen Beziehungen zu Fräu⸗ lein d'Ecars, deren Vater als franzöſiſcher Emigrant nach Rußland einwanderte und gegenwärtig mit dem Titel eines Collegienrathes als Profeſſor der franzöſiſchen Sprache am kaiſerlichen Pageninſtitut an⸗ geſtellt iſt.“ 5 „Nun, was ſoll das? Es iſt ja ziemlich allgemein bekannt, daß ich mit Fräulein d'Ecars ſo gut wie ver⸗ lobt bin.“ „Und es iſt auch allgemein bekannt“, fiel der An⸗ dere ein,„daß die Dame arm iſt, während Sie uner⸗ meßlich reich ſind.“ „Nun ja. Das gehört indeſſen nicht hierher.“ „Allerdings gehört es hierher. Wenn man, wie Sie, der in den erſten fürſtlichen Familien Rußlands ſeine Gattin ſuchen könnte, es dennoch vorzieht, lediglich der Neigung ſeines Herzens zu folgen und allen Vortheilen einer hohen Verbindung zu Gunſten eines zwar bezaubernd ſchönen, aber doch gänzlich mit⸗ telloſen Mädchens zu entſagen, ſo werden Sie mir darin wohl Recht geben, Herr Graf, daß dieſes letztere ſo viel Dankbarkeit beſitzen muß, um nicht mit der Ehre eines Mannes zu ſpielen, welcher den Willen hat, daſſelbe ſo hoch emporzuheben.“ „Herr“, rief der Major und biß die Zähne zuſam⸗ men,„Sie läſtern Jemand, den ich anbete und deſſen Ruf bisher fleckenlos war!“ „Ich habe Ihnen ja ſchon bemerkt, Herr Graf“, erwiderte der Andere mit einer faſt demüthigen Ver⸗ beugung,„daß mich lediglich die Dankbarkeit gegen Sie hierher geführt hat.“ 6 „Nun gut, ſo kommen Sie endlich zur Sache. Was haben Sie mir zu entdecken?“ „Daß Fräulein d'Ecars Sie in der ſchmählichſten Weiſe hintergeht, daß dieſelbe eine Intriguantin, eine Kokette iſt.“ Herr!“ rief der Major abermals und hob unwill⸗ kürlich drohend die Fauſt empor. „Ich will Ihnen noch mehr ſagen“, bemerkte der Andere ruhig.„In dem Augenblick, wo wir hier ſpre⸗ chen, ſchickt ſich Fräulein d'Ecars zu einer vertraulichen Zuſammenkunft mit einer hohen Perſon an.“ „Wo?“ fragte Zubow mit bebender Stimme. „Auf dem Landhauſe, welches die Geliebte des Ge⸗ nerals Araktſchejew bewohnt.“ „In dem Hauſe dieſes Matroſenweibes?“*) rief der Major mit wildfunkelnden Augen und verzerrten Ge⸗ ſichtszügen.„O, wenn es wahr wäre!“ „Es iſt wahr, und ich habe es für Pflicht gehalten, Ihnen die Augen zu öffnen.“ Der Graf faßte nach ſeinem Herzen, e ein ſchrecklicher Kampf ſchien in ſeinem Innern zum Ausbruch gekom⸗ men zu ſein.„Ich liebte ſie ſo unendlich“, murmelte er,„und ſie, hat ſie mir nicht hundertmal Treue und 1 d 7 Gegenliebe geſchworen? Wäre das Alles wirklich nur Heuchelei und Verſtellung, ein ſchändliches Spiel mit meiner Ehre geweſen?“ Er hatte dieſe Worte finſter vor ſich hin geſprochen, jetzt heftete ſich ſein Blick wieder auf den Mann, wel⸗ cher ihm dieſe niederſchmetternde Mittheilung gemacht hatte, und ſich gewaltſam zuſammenraffend, richtete er ſeine Worte abermals an dieſen. „Wer ſind Sie?“ fragte er den vor ihm Stehen⸗ den mit feſter Stimme, indem er ihn dabei ſcharf ins Auge faßte.„Ich will wiſſen, ob ich nicht in Ihnen das Werkzeug eines gegen mich geſchmiedeten ränke⸗ vollen Complots vor mir ſehe, und bevor Sie mir über Ihre Perſon nicht vollſtändige Auskunft gegeben haben, verlaſſen Sie nicht dieſen Ort.“ „Ich bin dazu bereit“, entgegnete der Andere, in⸗ dem er ſich Zubow näherte und gleichzeitig ein Büchel⸗ chen aus ſeiner Bruſttaſche zog.„Betrachten Sie, wenn es Ihnen gefällig iſt, dieſes kleine Buch einmal etwas näher, und wenn Sie dann immer noch Zweifel über meine Perſon und über die Redlichkeit meiner Abſichten hegen ſollten, ſo bin ich bereit, Ihnen auch noch ein anderes Pfand in Betreff meiner Zuverläſſig⸗ keit vorzuzeigen.“ Der Graf griff haſtig nach dem nur wenige Blätter 8 enthaltenden Bändchen. Kaum aber hatte er, einer der das Kaiſerdenkmal umgebenden Laternen näher tretend, einen Blick auf den Einband deſſelben gewor⸗ fen und ein paar Seiten umgeſchlagen, als er beſtürzt zurückfuhr und ſeinen Geſellſchafter überraſcht anſchaute. „Das grüne Buch!“ rief er und ein zweiter fra⸗ gender Blick folgte dieſen Worten. „Allerdings iſt es das grüne Buch“, antwortete der Andere ruhig,„das Geſetzbuch für den Bund des öffentlichen Wohls, dem wir beide angehören.“ „Aber ich ſah Sie, wie ich glaube, niemals bei unſern geheimen Zuſammenkünften“, bemerkte der Ma⸗ jor zögernd. „Das iſt allerdings richtig“, lautete die Antwort. „Indeſſen trotz dieſes Umſtandes darf ich doch behaup⸗ ten, dem Bunde nützlich zu ſein. Sie wiſſen, daß Pe⸗ tersburg von Polizeiſpionen wimmelt, und ſowohl am Hofe wie im Bureau des Generalgouverneurs macht ſich der Verdacht über den Beſtand verſchiedener ge⸗ heimer Geſellſchaften geltend. In allerhand Verklei⸗ dungen ſtreifen die Agenten der Regierung umher und der Bund des öffentlichen Wohls hat ſich daher genö⸗ thigt geſehen, eine geheime Gegenpolizei zu organiſiren.“*) *) Dieſe geheimen politiſchen Geſellſchaften hatten vorzütglich in Petersburg und Moskau ihren Sis und beſtanden meiſt aus 4 —/ 9 „Deren Chef Sie ſind?“ bemerkte Zubow mit halb⸗ unterdrückter Stimme, wobei er ſeinen Geſellſchafter jedoch noch immer mit zweifelhaften Augen anblickte. „Nun, wenn dies der Fall iſt, ſo werden Sie, auch ohne Namen zu nennen, im Stande ſein, mir noch durch ein anderes Erkennungszeichen den letzten Näſt von Mißtrauen zu benehmen.“ „Allerdings vermag ich dies“, entgegnete der An⸗ dere und zog gleichzeitig unter ſeiner Kleidung eine Kapſel in der Form eines Medaillons hervor, die, als er an einer Feder drückte, ſich öffnete und eine weib⸗ liche Figur zeigte. „Genug!“ rief Zubow.„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt und weiß, daß ich einem Bundesbruder ge⸗ genüberſtehe. Sie ſind der verabſchiedete Lieutenant Peter Jakuſchkin und ich begrüße in Ihnen eins der thäligſten Mitglieder unſerer Geſellſchaft.“ Offizieren, darunter mehrere Generale und eine Anzahl Regiments⸗ commandeure. Sie hatten ſich meiſt den deutſchen Tugendbund und die Myſterien der Freimaurerei zum Muſter genommen. Der Bund des öffentlichen Wohls befolgte eine ſehr gemäßigte Tendenz; er wollte die Regierung nur zu Reformen anregen und zur Beförderung alles Guten die Hand bieten. Er verwarf alle gewaltſamen Mittel. Das Geſetzbuch der Geſellſchaft war das grüne Buch, als Erkennungszeichen diente ein Bild, eine weib⸗ liche Figur darſtellend, das verborgen am Halſe getragen wurde. Der Verfaſſer. 10 „Schlagen Sie meine Dienſte nicht zu hoch an“, ſagte dieſer, ſich verneigend.„Indeſſen darf ich mich doch rühmen, die Agenten des Generals Araktſchejew ſowohl wie die des Generals Miloradowitſch bisher mit Erfolg in der Irre herumgeführt zu haben. Was aber Sie perſönlich betrifft, Herr Graf, ſo habe ich noch von früher her eine Schuld der Dankbarkeit ge⸗ gen Sie abzutragen, und ich glaubte dies nicht beſſer thun zu können, als indem ich Ihnen über eine Dame die Augen öffnete, die Ihrer ganz und gar unwürdig iſt.“ „Aber ich wüßte nicht, daß Sie mir in irgend einer Weiſe verpflichtet wären“, bemerkte der Major. „Sie lehnen es in Ihrem Edelmuth ab, ſich an die Hülfe zu erinnern, welche Sie mir in einer Zeit lei⸗ ſteten, wo ich von Mangel und Sorgen aller Art um⸗ geben war. Ich bin ein armer Mann und wurde aus dem Dienſt entlaſſen, weil ich den Muth hatte, gegen die brutale Willkür meines durch Protection beförderten Oberſten die Stimme zu erheben. Ich habe mich ſeit⸗ dem, ſo gut ich es vermochte, durch das Leben gekämpft, als aber eine Zeit kam, wo ich mich ſelbſt des bitter⸗ ſten Mangels nicht mehr zu erwehren vermochte, faßte ich den Muth, mich ſchriftlich an Sie zu wenden, und ohne daß Sie mich näher kannten, gewährten Sie mir eine mehr als reichliche Unterſtützung.“ 11 „Laſſen wir das“, entgegnete Zubow, indem er ab⸗ wehrend die Hand Jakuſchkin's drückte.„Es hat mir Freude gemacht, Ihnen dienen zu können, und das iſt genug. Sie haben mir zwar durch die Nachrichten, welche Sie mir ſo eben mittheilten, das Herz zerriſſen, dennoch danke ich Ihnen auch hierfür, denn ich bin kein Weichling und verſtehe es, dem Schmerz und der Verzweiflung Widerſtand zu leiſten. Habe ich eine Schlange an meinem Buſen genährt, ſo beſitze ich auch den Muth, dieſelbe von mir zu ſchleudern. Sie ſagten vorhin, daß in dem Augenblick, wo wir hier ſprechen, ſich Fräulein d'Ecars zu einer vertraulichen Zuſammen⸗ kunft mit einer hohen Perſon anſchicke?“ „Ganz richtig. Und ich bezeichnete Ihnen als den Ort dieſer Zuſammenkunft das Landhaus der Geliebten des Generals Araktſchejew. Wie Sie wiſſen, liegt dem⸗ ſelben die beſondere Pflicht ob, über die perſönliche Sicherheit des Kaiſers zu wachen und in dieſer Eigen⸗ ſchaft iſt er zugleich Chef der geheimen Hofpolizei.“ „Ich verſtehe. Doch ſeien Sie unbeſorgt, mein Eid bindet mich und nie iſt dem Fräulein d'Ecars gegen⸗ über auch nur die leiſeſte Andeutung in Betreff un⸗ ſerer geheimen Verbindung über meine Lippen ge⸗ kommen.“ „Nun, ich durfte dies wohl von einem Manne, wie 12 Sie ſind, vorausſetzen. Und was wollen Sie jetzt thun, Herr Graf, wenn ich fragen darf?“ „Das iſt ganz einfach“, entgegnete dieſer, indem ſich ſeine Stirn finſter zuſammenzog und ſich eine feſte Ent⸗ ſchloſſenheit bei ihm kund gab.„Ich bin ein Mann der That und mein Entſchluß ſteht feſt, unverweilt die Treuloſe zu überraſchen und zu entlarven.“ „Ich bitte Sie, hierbei behutſam zu Werke zu ge⸗ hen. Sie wiſſen nicht, mit wem Sie es zu thun ha⸗ ben. Sie ſetzen ſich hierbei den größten Gefahren aus.“ „Sie kennen mich nur ſchlecht“, rief der Major mit einem wilden Lachen,„wenn Sie glauben, daß die Furcht vor irgend einer Gefahr mich davon abhalten könnte, meiner Ehre diejenige Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen, welche ich derſelben ſchuldig zu ſein glaube. Und wenn ich dem Kaiſer ſelbſt entgegentreten müßte, ich würde es in dieſem Falle thun und um die Fol⸗ gen ganz unbekümmert ſein.“ Jakuſchkin ſenkte den Blick.„Kann Sie nichts zu⸗ rückhalten?“ fragte er mit bewegter Stimme. „Nichts! Mein Entſchluß ſteht feſt.“ „Auch dann noch, wenn ich Ihnen ſage, daß die Perſon, welche Sie in dem Landhauſe treffen werden, dem Throne ſehr nahe ſteht?“ „Auch dann nicht! Wer mich beſchimpft, ernie⸗ „— — 13 drigt, muß mir ohne Anſehen der Perſon dafür Rede ſtehen.“ „Aber Sie kennen Rußland. Sie ſetzen vielleicht Ihr Leben aufs Spiel. Eine Verbannung nach Sibi⸗ rien würde vielleicht noch die mildeſte Rache ſein, die man an Ihnen nähme.“ „Genug!“ antwortete der Major.„Leben Sie wohl, und ſollten wir uns nicht wiederſehen, ſo grüßen Sie die Bundesbrüder von mir und gedenken Sie meiner in Liebe.“ „Halt!“ rief Jakuſchkin.„Wenn Sie nun einmal von Ihrem Entſchluß nichts abbringen kann, ſo be⸗ gleite ich Sie. Der Gang, welchen Sie in dieſem Au⸗ genblick anzutreten im Begriff ſtehen, iſt jedenfalls ein gefahrvoller. Ich will dieſe Gefahr mit Ihnen thei⸗ len und überdies kann man ja nicht wiſſen, ob ich Ihnen nicht nach der einen oder nach der andern Seite hin nützlich ſein kann.“ „So kommen Sie“, entgegnete der Graf finſter. „Ich habe nur die Abſicht, der Treuloſen angeſichts ihres Buhlen meine Verachtung ins Geſicht zu ſchleu⸗ dern, und dann iſt mein Werk vollbracht. Jede Ge⸗ waltthat liegt mir fern, ich will nur das thun, was ich meiner Ehre ſchuldig zu ſein glaube.“ Beide Männer ſchritten jetzt ſchweigend vorwärts und bogen ſchließlich, nachdem ſie den geräumigen Ad⸗ miralitätsplatz verlaſſen, in die Alexander⸗Newski⸗Per⸗ ſpective ein. Dieſe große, faſt eine Meile lange Straße zieht ſich bis zur Newa hin, in deren Nähe auch das Kloſter gleichen Namens liegt. Der Graf ſchwieg noch immer, aber ungeachtet der Gewalt, welche er über ſich ſelbſt beſaß, konnte man doch aus ſeinen finſtern Blicken und aus dem Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln erkennen, daß ein Vulkan in ſeinem Innern tobte. Nur einmal wendete er ſich an ſeinen Begleiter und richtete in einem kurzen und ſcharfen Tone die Frage an ihn:„Sie ſind mit den Oertlichkeiten des Landhau⸗ ſes bekannt?“ „Ganz genau. Die Dienerſchaft iſt mir ergeben, ſie kennt mich als einen Freund des Volkes.“ „Es befinden ſich alſo Leute harmuter, auf die Sie ſich verlaſſen können?“ „Wie hätte ich Ihnen ſonſt dieſe Nachrichten mit⸗ zutheilen vermocht! Hat die Regierung ihre Polizei, ſo beſitzt der Bund auch die ſeinige. Der Name Jakuſch⸗ kin wird genügen, Ihnen die Thüren zu öffnen.“ „Gut, ich werde von der hintern Front eintreten und dieſes Weib, welches die Kupplerin ſpielt, über⸗ raſchen. Bei Gott, der Name des Generals Araktſchejew, hinter welchem ſie ſich in ihrer Aufgeblaſenheit ſonſt —— ——— —— 15 ſo gern verbirgt, ſoll dieſer Frau diesmal nichts nützen. Doch hier ſind wir an der Newa und es entſteht nun die Frage, wie wir in den Beſitz eines Kahns gelan⸗ gen ſollen.“ „Ich denke, das wird nicht ſo ſchwer halten“, ant⸗ wortete der Lieutenant Jakuſchkin und pfiff gleichzeitig zweimal ſcharf auf den Fingern. Sogleich tauchten ein paar Geſtalten aus einer dunkeln Ecke des Werf⸗ tes auf und näherten ſich mit der den niedern Ruſ⸗ ſen eigenen Demuth den beiden Männern. „Habt Ihr Euer Fahrzeug bei der Hand?“ fragte Jakuſchkin. „Wir können jeden Augenblick abſtoßen, Euer Gnaden.“ „Gut, ſo rührt die Arme, jeder von Euch kann fünf Rubel verdienen.“ Im nächſten Augenblick war die Jolle flott. Der Major und ſein Begleiter ſtiegen ein und nahmen ſchweigend im Hintertheil auf der Bank Platz. „Die Newa hinab“, befahl Jakuſchkin;„wo Ihr anlegen ſollt, wird Euch ſpäter geſagt werden.“ Träge wälzte der breite Strom ſeine Wellen zwi⸗ ſchen den flachen Ufern fort. Der Mond beleuchtete die große ausgedehnte Stadt, welche auf einem halb ausgetrockneten Sumpfe ruht und deren einzelne Quar⸗ 16 tiere von den verſchiedenen Armen der Newa umſpült werden. Indem das Fahrzeug raſch vorwärts ſchoß, traten zeitweiſe in dunklen Umriſſen die Iſaakskirche, die Citadelle, der Winterpalaſt und andere hervorra⸗ gende Gebäude hervor. Doch verſchwanden auch dieſe und Petersburg verlor ſich immer mehr in der Ferne. Man hatte die Stadt jetzt im Rücken und war über das Weichbild derſelben hinaus. Statt deſſen trat immer deutlicher ein kleiner Archipel von Inſeln hervor, auf welchen die Landhäuſer der Großen, Datſchen*) genannt, erbaut waren. „Wir ſind am Ziel“, bemerkte Jakuſchkin, indem er mit der Hand nach einer Villa wies, welche, unter Bäu⸗ men verſteckt, im Mondſchein auftauchte. „Quer durch den Strom“, ſagte Zubow, zu den Schiffern gewendet;„dort an jener Ecke legt an und haltet Euch bereit, ſobald ich zurückkehre, gleich wieder abzuſtoßen.“ Er ſprach dieſe Worte halblaut und in der nächſten Minute ſetzte er ſchon den Fuß ans Land. „Auf Wiederſehen, mein Freund!“ flüſterte er, dem Lieutenant die Hand drückend.„Ich hoffe, die Sache *) Datſche heißt eigentlich Gabe, weil derartige Landhäuſer urſprünglich von den Kaiſern und Kaiſerinnen ihren Günſtlingen geſchenkt wurden. Der Verfaſſer. 17 wird kurz abgemacht ſein, und um Mitternacht, denke ich, ſind wir wieder zu Hauſe.“ Er verſchwand in den labyrinthartig engelegten Laubgängen und bald hörte Jakuſchkin auf dem kni⸗ ſternden Sande ſeine Schritte nur noch in der Ferne. „Habe ich recht daran gethan“, fragte ſich der Lieu⸗ tenant, indem er ſeinen Kopf in beide Hände ſtützte, „daß ich ihn aus ſeinem ſüßen Liebestraum ſo grauſam erweckte und ſein Herz ſo ſchmerzlich verwundete? Aber es mußte ſo ſein, ein ſo edler Mann durfte nicht von einer ſolchen Sirene ſo ſchamlos betrogen werden; er hat eine ſtarke Seele und wird den Schmerz ſolcher unwürdigen Enttäuſchung von ſich abſchütteln und mir ſpäter dafür danken, daß ich ihm den Abgrund zeigte, vor dem er ſtand.“ Während ſich der Lieutenant dieſen Betrachtungen überließ, näherte ſich der Major behutſam dem Land⸗ hauſe. Seine Brauen waren finſter zuſammengezogen, ſeine Lippen feſt aufeinander gepreßt; eine düſtere Ent⸗ ſchloſſenheit ſprach aus ſeinem Weſen. „Ich liebte ſie ſo heiß und innig, wie nur jemals eine Frau von einem Manne geliebt worden iſt“, mur⸗ melte er.„Das Ziel meines ganzen Strebens war, ſie glücklich zu machen, und jetzt— Verrath, Untreue! Nein, ich will nicht eher daran glauben, als his is ich mich v. Keſſel Petersburg und Stockholm. I. ſelbſt davon überzeugt habe!“ Er hatte ſich jetzt dem Eingang der Villa genähert und horchte. Eine Todten⸗ ſtille herrſchte in derſelben und nur aus den innern Gemächern drang durch die verhüllten Fenſter ein matter Lichtſchimmer. Abermals zögerte ſein Fuß. „Wenn ſich Iakuſchkin geirrt hätte, wenn ſie ſchuldlos wäre, womit könnte ich mein Eindringen in dieſes Haus zu einer ſo ſpäten Stunde rechtfertigen?“ Dieſe Betrachtungen durchkreuzten Zubow's Kopf, als plötzlich ein heller, halb abwehrender, halb wieder auf⸗ munternder Aufſchrei an ſein Ohr ſchlug, welchem un⸗ mittelbar darauf das laute Gelächter einer männlichen Stimme folgte. Der Graf ſchien von dieſen Tönen wie elektriſirt zu werden. Sein Körper ſchnellte in die Höhe, ſeine Fauſt ballte ſich krampfhaft zuſammen und ſeine Stirnadern ſchwollen ihm an. „Nun denn, in Gottes Namen!“ rief er.„Es iſt ihre Stimme, und ich muß darüber Gewißheit erhalten, ob ich wirklich eine Schlange an meinem Buſen genährt habe!“ In drei Sätzen war er die Marmorſtufen hin⸗ auf, und indem er durch den breiten, von Säulen getrage⸗ nen Porticus ſchlüpfte, betrat er eine mit Freskoma⸗ lereien geſchmückte und mit Marmorſtatuen verſehene Vorhalle. „Hm“, murmelte er ſpöttiſch, indem er flüchtig um 19 ſich blickte,„ganz der Geliebten eines Generals Arakt⸗ ſchejew würdig! Ob ſich das Weib von dieſer Pracht und Herrlichkeit wohl etwas hat träumen laſſen, als ſie noch für die Matroſen Hemden wuſch und Suppe kochte?“ Indem er dieſe Worte mehr dachte wie ſprach, ſtieß er eine Seitenthür auf und trat in ein Vorzim⸗ mer. Auch hier begegnete er Niemand, aber indem er einen Augenblick ſtill ſtand, um zu lauſchen, ſchlug abermals ein helles Gelächter an ſein Ohr und eine weibliche Stimme rief im reinſten Franzöſiſch halb ab⸗ wehrend, halb herausfordernd: „Nicht doch, Kaiſerliche Hoheit; ich bin zwar Ihre Gefangene, aber ich bitte um gute Behandlung. Sie erſticken mich ja faſt mit Ihren Umarmungen!“ „Kaiſerliche Hoheit!“ Wie eine Todtenglocke ſummte es vor Zubow's Ohren und das Blut trat ihm aus dem Geſicht. Der ſtarke Mann zitterte am ganzen Körper. Die Lage, in welcher er ſich befand, wurde ihm voll⸗ ſtändig klar. Entweder mußte er ſich ſtill zurückſchleichen und die Schmach, welche ihm angethan worden war, ruhig hinnehmen, oder er hatte den Muth, einem der Großfürſten perſönlich entgegenzutreten und ihn wegen des angethanen Schimpfes zur Rede zu ſetzen, und dies, das wußte er, war in Rußland gleichbedeutend mit Tod oder im günſtigſten Falle mit Degrada⸗ 2*½ tion und Zwangsarbeit in den Bergwerken Sibi⸗ riens. Aber der Graf gehörte zu jenen entſchloſſenen, that⸗ kräftigen Naturen, welche kein Bedenken und keine Rückſichtnahme kennen, wenn ihr Stolz oder ihre Ehre angegriffen wird, und die dem Feinde, wer es auch ſei, mit glühendem Auge ins Geſicht blicken und Re⸗ chenſchaft für den begangenen Frevel fordern. Sein Herz war tödtlich verwundet und fieberhaft ſtieg ihm das Blut zum Kopfe. Einen Augenblick hatte er un⸗ ſchlüſſig angehalten und überlegt, aber auch nur einen Augenblick, und jetzt eilte er raſchen und feſten 8 Schrittes einem zweiten Gemach zu und ſtieß rückſichts⸗ 3 los deſſen Thür auf. Ein erſtickter halblauter Schrei, welcher offenbar durch Schreck und Ueberraſchung her⸗ vorgerufen worden war, ließ ſich hören, und zugleich erhob ſich ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren und trat ihm mit einem Geſicht, auf wel⸗ chem ſich Beſtürzung und Angſt abzeichneten, ent⸗ gegen. „Zurück!“ rief es.„Zurück, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt! Keinen Schritt weiter, Herr, oder Sie machen mich und ſich ſelbſt unglücklich!“ „Schweig“, antwortete Zubow in gedämpftem Tone, nund vertritt mir nicht den Weg! Was mich hierher oooo ————— —:ꝛ———— — 4 21 führt, geht Dich nichts an. Gib daher Raum und nöthige mich nicht Gewalt anzuwenden.“ „O Herr“, rief die Dienerin, denn eine ſolche war es, und ſank jetzt mit flehend emporgehobenen Armen vor dem Major auf die Kniee,„o Herr, was hier vor⸗ geht, mag nicht recht ſein, aber ſeien Sie großmüthig und haben Sie mit einer Unſchuldigen Erbarmen. Meine Gebieterin— o Sie wiſſen nicht, wie grauſam ſie iſt!— würde mich zu Tode prügeln laſſen, wenn ich irgend Jemand den Eingang in das Gemach, vor dem ich hier Wache halte, geſtattete.“ „Dennoch muß es geſchehen“, entgegnete der Major finſter.„Mache alſo Platz, denn keine Macht wäre im Stande, meine Schritte aufzuhalten.“ „O Herr, um der Barmherzigkeit Gottes willen—“ „Du rufſt Gott an und mir brennt eine Hölle im Herzen“, erwiderte Zubow dumpf, und zugleich ſchob ſeine kräftige Fauſt das Mädchen auf die Seite. Ein gellender Schrei ertönte, und dann ſtürzte die junge Dienerin beſinnungslos zuſammen, während der Major in aufrechter Haltung mit feſter Entſchloſſenheit in das anſtoßende Gemach trat. Sein Auge heftete ſich zornglühend und durchboh⸗ rend auf eine junge Dame, welche bei ſeinem Anblick wie niedergeſchmettert zuſammenſank und die ſich jetzt — ——— zitternd hinter einem Herrn in Generalsuniform zu verbergen ſuchte. „Schützen Sie mich, Kaiſerliche Hoheit!“ ſtöhnte ſie, während ſich ihre feurigen ſchwarzen Augen noch immer mit dem Ausdruck der Furcht und des Schreckens auf Zubow richteten und ihr ſchlanker, elaſtiſcher Körper con⸗ vulſiviſch erbebte. Derjenige, welcher mit dem Titel: Kaiſerliche Ho⸗ heit angeredet worden war, befand ſich in dem Alter von achtunzwanzig Jahren. Er hatte eine Kalmücken⸗ phyſiognomie, und ſeine Naſe, die faſt außer aller Ver⸗ bindung mit der Stirn ſtand, entſtellte ihn noch mehr. Seine unbedeutenden blaßblauen Augen, die jetzt rach⸗ ſüchtig aufblitzten, verbargen ſich hinter buſchigen Au⸗ genbrauen, deren lange Haare von der weißlichen Farbe des Hanfes waren, während ſein Angeſicht ſich in eine dunkle, faſt rothbraune Farbe hüllte.*) Als die junge Dame auf die vorhin erwähnte Weiſe den Schutz ihres Geſellſchafters angerufen hatte, trat dieſer, nachdem er ſich von ſeiner eigenen Ueber⸗ raſchung einigermaßen erholt hatte, einen Schritt *.) Wir ſchildern hier das Aeußere des Großfürſten Conſtantin ohne Uebertreibung. Alle Geſchichtſchreiber ſtimmen darin über⸗ ein, daß ſein Antlitz faſt die äußerſte Grenze der Häßlichkeit er⸗ reichte. Der Verfaſſer. — „ — „ 23 auf den Major zu und fragte denſelben, indem er ihn mit einem ſtolzen, hochmüthigen Blick maß: „Wiſſen Sie, wem Sie gegenüberſtehen, Graf?“ „O ja“, entgegnete dieſer furchtlos,„ich befinde mich in der Geſellſchaft Seiner Kaiſerlichen Hoheit, des Groß⸗ fürſten Conſtantin.“ „Und wie konnten Sie ſich unterſtehen—“ „Eurer Hoheit Schäferſtunde zu ſtören“, ergänzte unſer Bekannter furchtlos, indem er dabei ingrimmig auflachte. „Sklave“, donnerte Conſtantin, und ſeine abſchreckend häßlichen Züge verzerrten ſich dabei noch mehr,„Sklave, ich werde Dich behandeln, wie es Dir gebührt. Du ſollſt meine Hand und meinen Fuß fühlen, und dann magſt Du froh ſein, daß Du noch ſo gut fortgekom⸗ men biſt!“ Er machte eine Bewegung, um ſein Vorhaben aus⸗ zuführen, aber der Major faßte an ſeinen Degen und ſagte mit eiskalter Stimme: „Laſſen Sie die Hand ſinken, Kaiſerliche Hoheit, denn in dem Augenblick, wo dieſelbe meinen Körper berührt, würde dieſe Klinge Ihre Bruſt durchbohren!“ Conſtantin ſtampfte mit dem Fuße, und während ſeine Augen rachſüchtig aufleuchteten, ballte er die Fäuſte und rief:— 24 „Ha, Elender, Du wagſt es, Dich an einem kaiſer⸗ lichen Prinzen zu vergreifen?“ „Ich beabſichtige nur meine Ehre zu ſchützen, deren Befleckung ich von Niemand dulde.“ „Man wird Dich degradiren und dann zu Tode peitſchen laſſen.“ „Tyrann!“ rief Zubow und ſeine Augen hefteten ſich flammend auf den Großfürſten. Dieſer ſtampfte von neuem mit dem Fuße und ſeine Hand hob ſich abermals. Aber diesmal fiel ihm die junge Dame in den Arm, und ihre verführeriſchen Augen zu ihm erhebend, ſagte ſie mit flehender Stimme: „Ich beſchwöre Eure Hoheit, dieſer Scene ein Ende zu machen. Sie entſpricht durchaus nicht der Würde, die Sie ſich ſelbſt ſchuldig ſind“, fügte ſie flüſternd hinzu, indem ſie ſich zu dem Ohr des Großfürſten neigte.„Mit einem Wahnſinnigen muß man Nachſicht haben.“ 1„Mademoiſelle“, entgegnete Zubow, welcher dieſe 6 Worte gehört hatte,„wenn ich nicht zu ſehr von Ver⸗ 2 achtung gegen Sie erfüllt wäre, ſo hätte Ihr treuloſes, 2 unwürdiges Benehmen mir wirklich den Verſtand rau⸗ ben können. Aber Sie ſind es in Wahrheit nicht werth, daß einem ehrlichen Manne über Ihre Falſch⸗ heit das Herz bricht, und ich bin in der That zu der — 25 Ueberzeugung gelangt, daß Sie weit mehr Anlage dazu haben, die Geliebte eines Prinzen, und hätte er das Geſicht eines Pavians, als eine ehrliche Frau zu werden.“ „Wie, Elender“, rief Conſtantin vor Wuth ſchäu⸗ mend,„Du wagſt mich mit einem Pavian zu verglei⸗ chen? Iſt denn Niemand bei der Hand, um ſich die⸗ ſes Unverſchämten zu bemächtigen?“ Der Großfürſt ſprang auf eine Conſole zu, auf welcher eine ſilberne Glocke ſtand.„Ha, Unverſchämter, Du ſollſt nicht ent⸗ kommen und ebenſo wenig ſollſt Du meiner Rache ent⸗ fliehen!“ Während er die Glocke ergriff und dieſelbe heftig in Bewegung ſetzte, ließ ſich gleichzeitig eine von Zorn erſtickte kreiſchende Weiberſtimme vernehmen, die nur zeitweiſe von einem herzzerſchneidenden Jammergeſchrei übertönt wurde. Zubow überlegte einen Augenblick. Offenbar war das ganze Haus bereits im Aufruhr und die geringſte weitere Zögerung konnte ihn in die größte Gefahr bringen. Aber den Weg, auf welchem er hierher gelangt war, durfte er nicht wieder wählen; derſelbe konnte bereits beſetzt ſein, und dann war er verloren. Suchend flog ſein Blick umher und jetzt ent⸗ deckte er, daß der kleine Salon eine Glasthür enthielt, welche nach dem Garten hinausging. Sein Entſchluß war kurz gefaßt. Er wußte, welches Loos ihm bevor⸗ ſtand, ſobald er in die Hände Conſtantin's fiel, und die Pflicht der Selbſterhaltung gebot ihm alſo, auf ſeine Flucht bedacht zu ſein, ehe es hierzu zu ſpät. war. Mit drei Sprüngen befand er ſich an der Thür, im nächſten Augenblick war ſie aufgeriſſen. Aber der Großfürſt hatte ſeine Entfernung bemerkt und rief jetzt: „Halt! Er flieht! Ergreift ihn! Er iſt meiner Rache ver⸗ fallen, ich will ihn zu Tode prügeln laſſen für ſeine Unverſchämtheit!“ Dieſe Worte erreichten noch das Ohr unſeres Be⸗ kannten, als er ſich bereits im Freien befand und in wilder Haſt Hecken und Büſche durchbrach, um ſo ſchnell wie möglich zu dem verborgen gehaltenen Kahn zu gelangen. „Fort“, rief er, indem er athemlos in das Hinter⸗ theil deſſelben ſprang,„fort, ſo ſchnell wie möglich, denn die Meute iſt uns wahrſcheinlich bereits auf der Spur, und wenn man mich feſtnimmt, ſo kann ich noch Gott danken, wenn man mich blos mit geſchorenem 8 Kopfe und Ketten an den Füßen als Strafgefangener nach Sibirien transportirt.“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Jakuſchkin beſtürzt. „Was ſoll geſchehen ſein! Ich habe meine Schöne bei einem zärtlichen téte-à-téte mit dem Großfürſten ————— *—— 27 Conſtantin überraſcht und dabei iſt es zwiſchen mir und dieſem zu einigen unangenehmen Erörterungen gekommen.“ „Dann vorwärts! rief der Lieutenant.„Sie dürfen keine zwei Stunden mehr in Petersburg verweilen. Man wird Sie unverweilt ſuchen, und findet man Sie, ſo ſind Sie einer grauſamen Rache preisgegeben.“ Während das Fahrzeug über die Wellen dahinflog, er⸗ eignete ſich in dem Salon, in welchem der Großfürſt mit der Franzöſin zurückgeblieben war, eine nervenerſchütternde Scene. Eine kleine dicke Frau in der Mitte der Drei⸗ ßig, mit Seide, Spitzen und Goldgeſchmeide überla⸗ den, in deren ſinnlichen Geſichtszügen ſich theilweiſe noch die Spuren früherer Schönheit geltend machten, die aber jetzt, von Wuth und Zorn entſtellt, einer Megäre ähnlich ſah, ſchleppte ein junges Mädchen, deſſen langes braunes aufgelöſtes Haar ſie um eine ihrer Hände geſchlungen hatte, trotz des Jammerge⸗ ſchreis und der reichlich fließenden Thränen ihres Opfers unter Fluchen und Toben und indem ſie demſelben zeitweiſe Fußtritte verſetzte, ins Zimmer. „Hier, Kaiſerliche Hoheit“, rief ſie,„iſt die Uebel⸗ thäterin, von welcher das ganze Unheil angerichtet ward! Ich hatte ſie im Vorzimmer mit dem ſtrengen Befehl zurückgelaſſen, Niemand, wer es auch ſei, den Eintritt zu geſtatten, aber die Falſche, die Elende ſpielte die Verrätherin, und jetzt wird mich Unſchuldige gewiß Eurer Hoheit Ungnade treffen.“ „Beruhigen Sie ſich, Madame“, entgegnete Conſtan⸗ tin kalt.„Sie haben an dem General Araktſchejew einen zu großen Fürſprecher, als daß Sie meinen Zorn zu fürchten hätten.— Kommen Sie, Mademoiſelle“, fuhr er zu der Franzöſin gewendet fort,„mein Wagen wartet am jenſeitigen Ufer der Newa auf mich; wenn Sie es geſtatten, geleite ich Sie bis nach dem In⸗ nern der Stadt, und dort können Sie einen Droſch⸗ kenkutſcher anrufen, welcher Sie in Ihre Behauſung bringt.“ „Aber was ſoll mit dieſer Canaille hier geſchehen?“ fragte das ehemalige Matroſenweib, welches noch im⸗ mer das lange volle Haar des jungen Mädchens um ihre Hand geſchlungen hielt. „Du biſt ja die Herrin und ſie iſt die Sklavin. Mache mit ihr, was Du willſt“, erwiderte der Groß⸗ fürſt troſtig und verließ, indem er dem Fräulein d'Ecars den Arm bot, das Landhaus. „Warte, Du Vieh“, rief die Megäre, welche ſich jetzt mit ihrem Opfer allein befand,„warte, ich will Dir Deine Verrätherei anſtreichen!“ Ein paar neue heftige Fußtritte folgten und funkelnd wie die eines *—— 22 Raubthieres hefteten ſich ihre Blicke auf die Un⸗ glückliche. „O Gnade, Gnade, Herrin!“ rief dieſe.„Ich bin ja unſchuldig! Ich habe meine Pflicht gethan, aber der Graf überraſchte mich, und ehe ich noch einen Laut auszuſtoßen vermochte, war er bereits im Zimmer.“ „Beſtechen haſt Du Dich von ihm laſſen, und für jedes Goldſtück, welches der Unverſchämte Dir gab, ſollſt Du jetzt hundert Knutenhiebe erhalten.“ Die Unglückliche richtete ſich halb in die Höhe, und indem ſie flehend ihre Arme ausſtreckte, rief ſie mit herzerſchütternder Stimme: „O Gnade, Gnade, Herrin, ich bin noch ſo jung und habe Dir immer treu gedient!“ Statt einer Antwort ſetzte die Geliebte des Gene⸗ rals eine ſilberne Pfeife, welche an ihrem Halſe hing, an die Lippen und ſtieß einen ſchrillen Ton aus. Sogleich zeigte ſich das bärtige Geſicht eines Ruſſen und dieſer fragte mit demüthiger Geberde: „Was befiehlt meine Herrin?“ „Schicke augenblicklich zwei mit Knuten verſehene Diener hierher, ſie ſollen ein kleines Geſchäft ver⸗ richten.“ 3 Ein markerſchütternder Schrei flog über Iwanow⸗ na's Lippen. Dann rutſchte ſie auf ihren Knieen bis — — 30 zu den Füßen des Scheuſals, welches vor ihr ſtand, umfaßte dieſelben mit ihren Armen und rief mit er⸗ ſtickter Stimme:— „Barmherzigkeit! Bei dem Andenken an Deine Mut⸗ ter, welche Dich mit Schmerzen gebar, übe Barmher⸗ zigkeit, Herrin!“ „Fort!“ kreuſchte das ſcheußliche Weib, und ein neuer Fußtritt begleitete dieſe Worte. Noch immer ſtand der Ruſſe, welcher durch den Ton der Pfeife herbeigerufen worden war, in finſteres Schweigen verſunken, auf ſeinem Platze. „Nun, auf was warteſt Du noch?“ fragte die Ge⸗ liebte des Generals. „Herrin, übe Gnade, Iwanowna iſt ein gutes Mäd⸗ chen, ſie wird von uns allen geliebt.“ „Fort!“ lautete die Antwort, und das Scheuſal ſtampfte wüthend mit dem Fuße.„Haſt Du vielleicht ſelbſt Luſt, die Knute zu koſten?“ „Ihr Blut komme über Dich, Ungeheuer“, mur⸗ melte der Diener, indem er ſich langſam zurückzog, wobei ein wilder, finſterer Blick aus ſeinen Augen ſchoß. „Herrin!“ ſtammelte das junge Mädchen nochmals, aber bereits mit halbgebrochenen Augen. „Geduld, mein Püppchen“, lachte das Weib mit ſa⸗ 3 taniſcher Kälte auf,„Du wirſt nicht zum zweiten Mal zur Verrätherin werden!“ In dieſem Augenblick traten zwei finſter blickende Männer ein; ein jeder von ihnen trug ein kurze le⸗ derne Peitſche in den Händen, deren einzelne Schnüre unten in dicke feſte Knoten ausliefen. „Legt ſie über jenen Stuhl und zählt ihr vorläufig hundert Hiebe auf“, befahl das Ungeheuer mit Eiſes⸗ kälte. „Nein, Ihr werdet das nicht thun“, ſchrie Iwa⸗ nowna mit herzerſchütternder Stimme,„Ihr werdet meinen Körper nicht zerfleiſchen, ich bin zu ſchwach, ich vermag dieſe Marter nicht zu überleben.“ „Packt an“, rief das Scheuſal,„und wenn Ihr nicht ordentlich zuhaut, ſo laſſe ich Euch ſelbſt zwei⸗ hundert Hiebe aufzählen.“ Der ſklaviſche Sinn der beiden Ruſſen vermochte nicht dem grauſamen Befehl Widerſtand entgegenzu⸗ ſetzen. Ein markdurchdringender Schrei ertönte, eine letzte verzweifelte Anſtrengung der Unglücklichen machte ſich erkennbar, dann flogen die Hiebe hageldicht auf ihren Rücken. Bei jedem Streich, welcher niederfiel, zuckte der zarte Körper des armen Mädchens convulſi⸗ viſch zuſammen, Röcheln und Stöhnen belebte dieſe ſchauderhafte Scene, große Blutstropfen drangen durch 8 3 1 die Kleidung, und bald ſpritzten dieſelben bei jedem neuen Hiebe in die Höhe. Nach etwa fünfzig Hieben hörte indeſſen das Röcheln und Stöhnen auf, der Kör⸗ per der armen Märtyrerin ſtreckte ſich wie der eines Sterbenden, und ſchlaff hing ihr jugendliches Haupt herab, ohne daß ſich darin noch irgend ein Lebenszei⸗ chen kund gab. „Genug!“ rief jetzt die Megäre, welche dem bluti⸗ gen Schauſpiel bisher mit völliger Gefühlloſigkeit zu⸗ geſehen hatte.„Tragt ſie hinweg und waſcht ihren Rücken mit Eſſig; ich denke, es wird ihr eine Lehre für die Zukunft ſein.“ Sie wandte ſich ab und verließ das Zimmer, wäh⸗ rend die beiden Ruſſen die Unglückliche, welche mit⸗ unter nur noch leiſe röchelte, behutſam aufhoben und hinaustrugen. Aber in ihren Augen funkelte ein wilder Grimm und leiſe Flüche flogen über ihre Lippen, als ſie der ſich entfernenden Furie nachblickten. Inzwiſchen war Iwanowna auf ein Bett gelegt worden, und Verwünſchungen ausſtoßend und ſich die Thränen trocknend, verſammelte ſich die Dienerſchaft um ihr Lager. Behutſam ſtreifte man ihr die Klei⸗ der ab und ein Ausruf der Wuth und des Jammers ertönte, als der zerfleiſchte Rücken der Unglücklichen ſichtbar wurde. — „Sie ſtirbt unter unſern Händen“, tönte es von allen Seiten. „Sie iſt bereits todt“, ſagte eine ältere Dienerin, welche an das Kopfende getreten war,„ihre Augen ſind erloſchen, ihr Körper iſt ſteif. Gott ſei ihrer Seele gnädig, die ſo früh dieſe irdiſche Hülle verlaſſen mußte.“ Alle Anweſenden ſchlugen das Kreuz und traten erſchüttert näher; ein einziger Blick auf das junge Mädchen überzeugte ſie, daß die ſo eben gehörten Worte auf Wahrheit beruhten. „Todt geprügelt!“ ſagte endlich ein alter Ruſſe mit dumpfer Stimme, indem er die Zähne aufeinander biß. „Ein Vieh ſchlachtet man, um ſein Fleiſch zu genießen, ein wildes Thier tödtet man, um es unſchädlich zu machen, und uns, die wir Kinder Gottes und Chriſten ſind, prügelt man zu Tode!“ „Ein Sklave hat kein Recht“, murmelte ein zwei⸗ ter, die Fäuſte krampfhaft zuſammenpreſſend;„man zählt uns nur nach Köpfen, und je größer dieſe Zahl iſt, deſto ſtolzer erhebt der Herr, dem wir angehören, ſein Haupt.“ „O der Schmach, o der Schande!“ murmelte ein dritter.„Iſt es möglich, daß Gott ſolche Tyrannei zulaſſen kann?“ „Fluch über ein ſolches Scheuſal, Fluch Uüer dieſes v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 34 Matroſenweib, welches ſeine Hände in unſer Blut taucht!“ rief eine alte Frau. In dieſem Augenblick ließ ſich im Hintergrund ein Geräuſch vernehmen, und im nächſten Augenblick ſtand ein junger Ruſſe in der Tracht der Petersburger Fiſcher mitten unter der Dienerſchaft. „Guten Abend, Ihr alle“, rief er, ſich in den Vor⸗ dergrund drängend und ſein friſches Geſicht nach rechts und links wendend.„Iſt Euch Michael Popow ſo fremd, daß ſein Gruß nicht einmal eine Erwiderung findet?“ Alles blieb ſtill, kein Mund öffnete ſich, kein Blick begegnete dem ſeinen. „Nun, das iſt doch wunderbar“, fuhr der junge Mann, erſtaunt um ſich blickend, fort.„Ihr habt mich doch ſchon zu ſpäterer Stunde hier geſehen, wenn ich von der Unterſuchung meiner Netze und Reuſen in der Newa zurückkehrte. Wo iſt meine Schweſter Iwa⸗ nowna? Ah, die kleine Faulenzerin hat ſich vom Schlafe überraſchen laſſen und Ihr ſeid wahrſcheinlich jetzt hier verſammelt, um einen Spaß mit ihr zu machen?“ Abermals folgte dieſer Frage ein düſteres, unheim⸗ liches Schweigen. „Nun, ſo will ich ſie ſelbſt wecken“, ſagte Michael, — 1 —44j,—— „ 5252ã einen weitern Schritt vortretend.„Ihr ſollt ſehen, was 5 35 ſie für ein fröhliches Geſicht machen wird, denn ſie liebt mich, wie nur jemals eine Schweſter ihren Bruder geliebt hat.“ Er ſtand im Begriff, ſein Vorhaben auszuführen, als ein alter graubärtiger Diener ſeinen Arm ergriff und mit dumpfer, feierlicher Stimme ſagte: „Zurück, Michael Popow, die Augen dieſer Heiligen werden ſich für Dich nicht wieder öffnen.“ „Brüderchen“, rief der junge Ruſſe,„wollteſt Du Dir einen Scherz mit mir machen, ſo war es ein ſchlecht gewählter, denn Du haſt mich zum Tode erſchreckt.“ „Michael Popow, ich ſcherze nicht mit Dir. Iwa⸗ nowna wird nie wieder ihre Augen zu Dir erheben; ſie vermag es nicht, denn ſie iſt todt.“ „Todt!“ preßte der junge Ruſſe heraus und ſeine kräftige Geſtalt wankte hin und her, während er ſich mechaniſch mit der Hand an dem ihm zunächſt Stehen⸗ den feſthielt.„Todt? Mein geliebtes Schweſterchen, meine Iwanowna todt? Unmöglich!“ „Betrachte ihr Antlitz, blicke auf ihre geſchloſſenen Augen, erfaſſe ihre kalten Hände, und Du wirſt Dich ſelbſt überzeugen, daß ich die Wahrheit ſagte.“ „O ihr Heiligen im Himmel“, ſtöhnte Michael,„wie 36 konntet ihr dies zugeben! Noch geſtern ſo friſch, ſo blühend und heute— nein, nein, es iſt nicht wahr!“ Und der junge Mann ſank vor dem Bett, auf welchem die Todte lag, auf die Kniee, ergriff eine der Hände der⸗ ſelben und rief in den zärtlichſten Tönen: „JIwanowna, geliebte Schweſter, wache auf, öffne Deine Augen! Ich, Dein Bruder Michael, bin es, der Dich ruft; höre meine Stimme, gib mir Antwort, wenn Du mir nicht das Herz brechen willſt!“ Aber keine Antwort erfolgte, die Hand, welche der junge Ruſſe noch eben ſo zärtlich gedrückt und geküßt hatte, fiel ſchlaff herab, als er ſie jetzt losließ. „Unſere gebenedeite Frau von Kaſan ſtehe mir bei“, murmelte er, ſich erhebend und einen Schritt zurück⸗ taumelnd.„Du haſt Wahrheit geſprochen, Alexis, Gott hat ſie unter ſeine Engel aufgenommen, doch— o wie brennt und ſchwindelt mir mein Kopf!— doch ſprich, wie kam es, daß meine geliebte Iwanowna ſo uner⸗ wartet ihr junges Leben hingeben mußte?“ „Sie wurde zu Tode geprügelt“, antwortete der Be⸗ fragte dumpf. Eine ſchreckliche Veränderung zeigte ſich in dem Antlitz des jungen Fiſchers. Sein Haar ſträubte ſich empor, ſeine Stirnadern ſchwollen an und ſeine Ge⸗ ſichtszüge verzerrten ſich. —.,—— „. 37 „Zu Tode geprügelt?“ wiederholte er langſam mit kalter, grauenerregender Stimme.„Sie, die ſtets ſo fromm, ſo ſanft, ſo gut war? Und Ihr konntet es dulden, daß dieſe Blume vor Euren Augen auf ſo grauſame Weiſe geknickt wurde?“ Die Anweſenden ſchwiegen, alle ſenkten ihr Haupt, nur Seufzer und Thränen unterbrachen die feierliche Stille. „Zu Tode geprügelt!“ ſtöhnte Michael nochmals und ſeine Bruſt hob ſich, als wollte ſie unter dem ge⸗ waltigen Schmerz, welcher ſein Herz erfüllte, zerſprin⸗ gen. Dann ſchüttelte er ſich, als wollte er die Schwäche, welche ihn erfaßt hatte, mit einem Mal von ſich wer⸗ fen, richtete ſich kerzengrade in die Höhe und fragte, mit unheimlich flammenden Augen um ſich blickend: „Auf weſſen Geheiß iſt dieſe blutige That, die nach Rache zum Himmel ſchreit, verübt worden? Nennt mir den Namen des Ungeheuers.“— „Wenn Du es ſuchen willſt, ſo betritt jene Pracht⸗ gemächer“, antwortete Alexis dumpf. „Das Matroſenweib alſo, die feile Geliebte des Generals Araktſchejew, hat ſie tödten laſſen?“ „So iſt es“, murmelte der alte Ruſſe. Einen Augenblick leuchteten die Augen des jungen Fiſchers in wilder, dämoniſcher Glut auf.„Gut“, ſagte 38 er kalt,„ich weiß jetzt genug, und Du, meine arme Zwanowna, ſollſt gerächt werden!“ In der nächſten Minute war er im Hintergrund der Villa, hinter einer in das Innere derſelben füh⸗ renden Thür verſchwunden. Keine Hand rührte ſich, um ihn zurückzuhalten, kein Fuß ſetzte ſich in Bewe⸗ gung, um diejenige zu warnen, über welcher in dieſem Augenblick bereits die Sichel des Todes ſchwebte. Alle blieben ſtumm und ſenkten finſter die Blicke zu Boden. Inzwiſchen lag die Frau, welche eben einen Mord auf ihr Gewiſſen geladen, bequem in der Ecke eines weichen Divans und ihre Augen ruhten mit gierigem Wohlgefallen auf einem geöffneten Etui, aus welchem ein koſtbarer Brillantenſchmuck ihr entgegenblitzte. „Der Großfürſt hat ſich freigebig gezeigt“, murmelte ſie,„und wenn es Araktſchejew mir auch an nichts fehlen läßt, ſo wäre ich doch eine Thörin, wenn ich ſolche Geſchenke nicht mitnehmen wollte. Verdammt ſei dieſer eiferſüchtige Narr Zubow, welcher zur ungelege⸗ nen Stunde hier einzudringen wagte. Aber Arakt⸗ ſchejew iſt die rechte Hand des Kaiſers und in Ruß⸗ land macht man mit ſolchen Tollhäuslern, die ihre Hand gegen einen Großfürſten zu erheben wagen, kur⸗ zen Proceß. Man wird ihm den Kopf ſcheren, man wird eine Kette um ſeine Füße legen, man wird ſeinen ———— 39 Namen vertilgen und ihn ganz einfach als Nummer ſo und ſo zur Zwangsarbeit nach Sibirien ſchicken.— Präch⸗ tige Steine! Ich möchte wohl wiſſen, wie viel ſie werth ſind.“ Sie ſtützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und fuhr dann fort:„Ich hab's der Iwanowna tüchtig geben laſſen; ſolches Volk muß gezüchtigt wer⸗ den. Künftig wird ſie beſſer aufpaſſen.“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein Geräuſch hinter ihr vernehmen, und ein dumpfer, unheilverkündender Ton ſchlug an ihr Ohr. Erſchrocken fuhr ſie von ih⸗ rem Sitz auf und in der nächſten Sekunde begegnete ſie den glutflammenden Augen Michael's, welcher, ein breites Meſſer in ſeiner Rechten ſchwingend, jetzt dicht vor ihr ſtand. Sie erbleichte und ein Zittern flog über ihren Kör⸗ per, aber ſie war ein entſchloſſenes Weib, denn als die ehemalige Frau eines Matroſen hatte ſie ſich mit der Gefahr bekannt gemacht. „Was willſt Du hier?“ rief ſie, ihre Angſt bekäm⸗ pfend, mit finſter zuſammengezogener Stirn und ver⸗ ſuchte gleichzeitig ſich zu erheben. Aber bereits hatte ſie eine eiſerne Fauſt gepackt und drückte ſie in die Kiſſen zurück. „Was ich hier will?“ antwortete mit kaltem Grimm der junge Fiſcher.„Weib, kannſt Du noch eine ſolche 40 Frage thun? Ungeheuer, haſt Du nicht meine geliebte Schweſter Iwanowna zu Tode knuten laſſen? Nun, ihr Blut ſchreit nach Rache und ich bin gekommen, um dieſe zu vollziehen.“ „Zurück, Elender!“ rief die Dame.„Fort mit dem Meſſer, Elender, wenn Dir Dein Leben lieb iſt!“ Ein wildes Hohngelächter erfolgte als Antwort. „Du drohſt mir noch, während Du bereits eine Beute des Todes biſt? Ja, winde Dich nur unter meiner Fauſt, Schlange, Du entkommſt mir nicht! Eine Seele, ſo rein und gut wie eine, ſteht vor Gottes Richterſtuhl und klagt Dich an, Du Scheuſal; ein armes Kind, welches niemals Jemand etwas zu Leide that, liegt mit zerfleiſchtem Rücken als eine Leiche da, und Du biſt ihre Mörderin!“ „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ rief die Geängſtigte, indem ſie eine Anſtrengung machte, ſich den Händen Michael's zu entwinden. „Wer ſoll Dir zu Hülfe kommen?“ fragte dieſer mit kaltem Hohngelächter.„Es i*ſt Keiner, welcher auch nur eine Hand oder einen Fuß für Dich zu erheben den Willen hat.“ „Zurück, Mörder!“ rief die Frau verzweiflungsvoll. „Herbei, Leute! Hülfe! Hülfe! Man er—⸗ Ein gurgelnder Ton erfolgte und ein Blutſtrom — 41 beſpritzte die Kleider des jungen Ruſſen. Entſetzt ſprang er einen Schritt zurück und ſchleuderte dann das breite Meſſer, welches er der Geliebten des Generals Arakt⸗ ſchejew in die Kehle geſtoßen, mitten in das Zimmer.*) „Gott ſei ihrer und meiner Seele gnädig“, mur⸗ melte er und verließ dann mit wirren Blicken und mit wankenden Schritten das Gemach. „Iwanowna iſt gerächt“, ſagte er mit Eiſeskälte, als er wieder unter die Dienerſchaft trat.„Auge um Auge, Zahn um Zahn! Steht es nicht ſo in der heiligen Schrift? Und nun, hier befinde ich mich mitten unter Euch, wollt Ihr mich ergreifen, ſo werde ich mich Euch ohne Widerſtand überliefern.“ *) Der Leſer glaube ja nicht, daß lediglich unſere Phantaſie ihm dieſes Schaudergemälde vorgeführt hat. In Wahrheit ließ die Geliebte des Generals Araktſchejew ein junges Mädchen, ihre Kammerzofe, eines geringen Vergehens wegen zu Tode peitſchen. Der Bruder deſſelben, von Rache erfüllt, ermordete das grau⸗ ſame Weib in ihrem Landhauſe, ohne daß auch nur einer von der zahlreichen Dienerſchaft ihr zu Hülfe geeilt wäre. Der Ge⸗ neral Araktſchejew, ein roher Ruſſe, aber ein Günſtling Alexan⸗ lder's, wecher ſelbſt in Gegenwart des verſtorbenen Kaiſers Paul mehrere Soldaten hatte zu Tode knuten laſſen, ſpielte, als er das Ende ſeiner Geliebten erfuhr, den Verzweifelten. Er ließ den Bart wachſen, wälzte ſich jammernd auf dem Grabe der Ge⸗ mordeten umher und zog ſich eine Zeit lang in das Alexander⸗ Newski⸗Kloſter zurück. Dies verhinderte ihn jedoch nicht, eine grauſame Rache an der Dienerſchaft zu nehmen, die die blutige 42 ehe der Arm der Gerechtigkeit Dich erreicht.“ „Ja, ein Mörder bin ich, das iſt wahr“, murmelte der junge Ruſſe, indem er den Kopf auf die Bruſt herabſinken ließ.„Aber wenn es jenſeits eine Vergel⸗ tung gibt, ſo bin ich ſchon hier auf Erden das Werk⸗ zeug dieſer Vergeltung geweſen. Meine Kleider ſind mit Blut beſpritzt, doch was iſt dieſes Blut gegen den zerfleiſchten und aufgeriſſenen Rücken dieſer armen Todten!“ Er blieb einen Augenblick wie angewurzelt vor der Leiche ſtehen und blickte dieſelbe mit blödſinnigen Augen an. Dann zuckte es über ſein Geſicht, ſeine Bruſt hob ſich und ſchließlich entſtrömten ſeinen Augen heiße, brennende Thränen. „Komm, geliebtes Mädchen“ ſagte er mit weicher, zitternder Stimme, indem er den Körper ſeiner Schwe⸗ ſter in ein Laken hüllte und denſelben dann mit zärt⸗ licher Sorgfalt in ſeine Arme nahm.„Komm, ich habe im Leben voll Liebe über Dir gewacht und die Hand Deines Bruders Michael ſoll Dir jetzt auch Deine letzte Ruheſtätte bereiten.“ Leicht, als ſei es nur die Laſt eines Kindes, ſchritt er mit ſeiner Bürde an den An⸗ That ungehindert hatte geſchehen laſſen; auch von dieſer erlagen mehrere der Knute. Der Verfaſſer. —— „Fliehe, Unglücklicher!“ rief der alte Alexis.„Eile weſenden vorüber und eilte mit derſelben dem Strande zu. Dort legte er die Todte ſanft in ſeinen Kahn, löſte die Kette deſſelben, ergriff die Ruder und trieb langſam die Newa hinab. Ein leiſer Todtengeſang tönte durch die Stille der Nacht, mild warf der Mond ſeine Strahlen auf dieſes Bild rührender Trauer. Nach einiger Zeit veränderte der junge Ruſſe die Richtung und das kleine Fahrzeug ſchnitt quer durch den Strom. Plötzlich ſtieß es ans Ufer und Michael ſprang ans Land. Er befand ſich an der ſogenannten Petersbur⸗ ger Seite, in jenem Quartier der großen Stadt, wo die Muſchecks, die ärmſte und niedrigſte Klaſſe des Volkes, wohnen. Von neuem nahm er die Todte in ſeine Arme, und indem er raſch vorwärts eilte, verlor er ſich bald in einem Labyrinth von engen und ſchmu⸗ zigen Straßen und eilte mit der theuren Bürde der verfallenen Hütte zu, die er, ein Sohn der Armuth, unter ſeinesgleichen inne hatte. Während die Ereigniſſe, welche wir eben erzählt, vor ſich gingen, hatte Graf Feodor Zubow in Beglei⸗ tung des Lieutenants Jakuſchkin ſeine Wohnung eben⸗ falls erreicht. Erſchöpft, mit verſtörtem Geſicht warf er ſich in einen Seſſel und winkte ſeinem Begleiter, ein Gleiches zu thun. „Ich muß fort, augenblicklich fort“, rief er,„denn 44 was mir bevorſteht, wenn ich in die Hände Araktſchejew's falle, weiß ich. Wahrſcheinlich hat der General um dieſe geheimen Zuſammenkünfte Conſtantin's gewußt, und jetzt, da er ſich entdeckt weiß, wird ſein Rachege⸗ fühl ein um ſo größeres ſein. Zudem genügt ſchon der Umſtand, einem Großfürſten mit dem Degen gedroht zu haben, um mich der ſchrecklichſten Strafe preiszu⸗ geben.“ „Aber welchen Plan haben Sie gefaßt?“ fragte der Lieutenant. „Sehen Sie hier“, antwortete der Graf, indem er einen Kleiderſchrank öffnete,„in dieſem Behälter be⸗ findet ſich ein vollſtändiger Jagdanzug. Als Jäge verkleidet will ich fliehen und Schweden zu erreichen ſuchen. Bei den ziemlich geſpannten Verhältniſſen, in denen ſich der Hof von Stockholm gegenwärtig zu dem von Petersburg befindet, hoffe ich mit Beſtimmt⸗ heit, daß man mich nicht ausliefern wird. Zeit ge⸗ wonnen iſt viel gewonnen, durch Freunde und Geld läßt ſich in Rußland viel ausrichten und bei dem mil⸗ den Charakter des Kaiſers Alexander iſt es ſpäter doch noch möglich, daß ich Verzeihung erhalte.“ Während der Major ſo ſprach, hatte er ſich ſeiner Uniformſtücke entledigt und ſtand bald in der Kleidung eines Jägers vor Jakuſchkin. Jetzt ſchloß er ein Bu⸗ 45 reau auf und ſteckte eine ſehr anſehnliche Summe in Papiergeld und in Wechſeln zu ſich. „Dies wird mich auf lange hinaus vor Mangel ſchützen“, ſagte er. Und nun leben Sie wohl, mein al⸗ ter Freund, und bringen Sie den Bundesbrüdern mei⸗ nen Gruß.“ „Sie wollen alſo wirklich fort?“ „Rathen Sie mir etwas Anderes? Schon in ein paar Stunden kann die Meute, welche General Arakt⸗ ſchejew gegen mich loslaſſen wird, hier ſein.“ „Aber zu Fuß? Bedenken Sie—“ „Ich habe Alles erwogen und gefunden, daß das das beſte Mittel iſt, um unentdeckt fortzukommen. Ich ſchleiche mich zum Wyborger Thore hinaus, und bin ich erſt in den Wäldern und Sümpfen Finlands, dann möchte es den nachjagenden Koſaken wohl ſchwer werden, mich wieder einzufangen.“ „So kommen Sie, ich begleite Sie. Ich will we⸗ nigſtens die Gewißheit haben, daß Sie unangefochten über das Weichbild der Stadt hinausgekommen ſind.“ Zubow drückte dem Sprecher dankerfüllt die Hand. „Laſſen Sie uns behutſam die Treppe hinabſtei⸗ gen“, ſagte er, eine doppelläufige Büchſe ergreifend und ſich dieſelbe über die Schulter hängend. Mein Diener ſchläft ſchon, und das iſt gut, denn hier in Rußland 3 8 3 46 darf man Niemand, und meint man ſeine Treue auch noch ſo ſehr geprüft zu haben, trauen.“ „Das kommt daher, weil man bei uns nur Sklaven kennt, weil Tugend und Ehre ein leerer Schall ſind, und weil die Beſtechlichkeit alle Stände wie eine epi⸗ demiſche Krankheit angeſteckt hat.“ Der Graf ſeufzte.„Sie haben Recht; jedes beſſere Gefühl wird durch das herrſchende Regierungsſyſtem im Volke erſtickt.“ „Und ſo macht man uns mit Gewalt zu Verſchwö⸗ rern“, ſetzte der Lieutenant hinzu. „Geduld, mein Freund, unſer Streben iſt ein edles und ein reines, und den Gruudſätzen, welchen wir hul⸗ digen, huldigt ja auch der Kaiſer. Auch er will, daß das Licht der Aufklärung ſich über ſeine Ruſſen ver⸗ breite, und mehr als einmal hat er ja öffentlich ge⸗ äußert, daß dies nur eine gerechte, von der Zeit ge⸗ botene Forderung ſei.“ „O, der Kaiſer iſt gut“, antwortete Jakuſchkin,„aber was hilft die Güte bei einem ſo ſchwankenden Cha⸗ rakter, der ſich jeden Tag umſtimmen läßt?“ „Dennoch dürfen wir nicht verzagen, wir müſſen muthig auf unſer Ziel losſteuern. Aber hier, mein alter Freund, müſſen wir uns trennen. Dort vor uns liegt die Wyborger Linie. Auf ein ſpäteres Wieder⸗ — a——. — 47 ſehen alſo, denn ich hoffe, mein guter Stern wird mir treu bleiben, und ſo Gott will, kehre ich in nicht zu ferner Zeit wieder nach Petersburg zurück.“ „Die Brüder werden thätig ſein, und Sie wiſſen, daß ſich unter dieſen Männer befinden, welche ſich eines großen Einfluſſes erfreuen. Gott befohlen alſo, und möge Ihre Flucht eine glückliche ſein.“ Die beiden Männer ſchüttelten ſich nochmals herz⸗ lich die Hände, und während Zubow im Dunkel der Nacht verſchwand, verlor ſich Jakuſchkin bald im In⸗ nern der großen Stadt und kehrte, in ernſtes Nach⸗ denken verſunken, in ſeine kleine, in einer engen, abge⸗ legenen Straße befindliche Wohnung zurück. Zweites Kapitel. Am andern Morgen war der General Araktſchejew eben damit beſchäftigt, ſich anzukleiden, um ſich, wie er dies jeden Morgen zu thun pflegte, zum Kaiſer nach dem Winterpalaſt zu begeben, als ſein vertrauter Die⸗ ner eintrat und ihm meldete, daß ſo eben eine Bot⸗ ſchaft aus dem Landhauſe der gnädigen Frau ange⸗ langt ſei. „Eine Botſchaft?“ wiederholte Araktſchejew, und ſein ſonſt ſo rauhes und finſteres Geſicht erhellte für einen Augenblick ein befriedigendes Lächeln.„Eine Botſchaft? Nun, ich kann es mir ſchon denken, die gnädige Frau wird ſich nach meinem Befinden erkundigen laſſen. Sie liebt derartige kleine Aufmerkſamkeiten und weiß, daß dieſelben mir angenehm ſind.“ 49 Der Diener gab hierauf keine Antwort, ſondern ſenkte den Kopf. „Nun, worauf warteſt Du noch?“ fuhr der General fort.„Laſſe den Boten herein oder nimm ihm das Brief⸗ chen ab, wenn er ein ſolches für mich hat.“ „Excellenz—“ „Was gibt es? Du machſt ja ein Geſicht, als wenn Du Trauer zu verkünden hätteſt!“ „Ich fürchte auch wirklich, daß dies der Fall ſein wird.“ Der General hob den Kopf. In ſeinem Antlitz zeigte ſich eine Beſtürzung, welche ſich nur aus der Anhänglichkeit, die er für ſeine Geliebte hegte, erklä⸗ ren ließ. „Iſt die gnädige Frau krank?“ fragte er, indem ſein Auge an den Lippen des Dieners hing. „In der Datſche war geſtern Abend noch ſpät Beſuch.“ „Nun, was ſollſdas? Ich weiß es“, murmelte Arakt⸗ ſchejew, welchem die heimlichen Zuſammenkünfte des Großfürſten mit Fräulein d'Ecars auf der Villa ſeiner Maitreſſe nicht unbekannt waren. „Ein Offizier, ein Graf Zubow, wie ich glaube, iſt in Ladhadas nus eingedrungen.“ Der General ſtampfte mit dem Fuße.„Der Un⸗ verſchämte! Man wird Sorge tragen, daß ihm die Luſt hierzu nicht zum zweiten Mal ankommt.“ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 4 0 „Dann iſt auch Iwanowna, die Kammerjungfer der gnädigen Frau—“ „Was iſt mit ihr?“ „Sie war nicht wachſam, und die gnädige Frau ließ ſie dafür durchpeitſchen.“ „Nun, das war nicht mehr als billig.“ „Aber die Hiebe fielen etwas zu ſtark und das dumme Ding hatte den Einfall, unter den Streichen zu ſterben.“ „Bah!“ rief Araktſchejew verächtlich,„was iſt daran gelegen. So ein Frauenzimmer iſt bald wieder zu er⸗ ſetzen. Weiter!“ „Excellenz, ein ſchweres Unglück hat ſich ereignet—“ „Menſch, Du ſpannſt mich mit Deinen abgebroche⸗ nen Mittheilungen auf die Folter. Was iſt geſchehen? Sprich, iſt die gnädige Frau krank?“ „Sie iſt todt!“ ſtieß der Diener heraus und zog ſich gleichzeitig zwei Schritte zurück, denn er kannte die Raubthiernatur ſeines Herrn und wußte daher nicht, ob ſich dieſer vielleicht nicht in dem erſten Anfall der Wuth und der Verzweiflung auf ihn ſelbſt ſtürzen würde. „Todt!“ ſchrie der General und fuhr entſetzt zurück, indem er den Berichterſtatter gleichzeitig mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarr anblickte. 51 „Ja!, fuhr dieſer fort.„Der Bruder Iwanowna's — verflucht ſei ſeine Seele!— hat, von Rache über den Tod ſeiner Schweſter erfüllt, die gnädige Frau über⸗ fallen und ihr ſein Meſſer in den Hals geſtoßen.“ Der General, ſonſt als ein höchſt roher und grauſamer Menſch bekannt, bot in dieſem Augen⸗ blick eine jener merkwürdigen pſychologiſchen Erſchei⸗ nungen dar, welche, indem ſie plötzlich an die Ober⸗ fläche treten, den Seelenkundigen überraſchen. Er, der für kein anderes Weſen etwas empfand, liebte dieſe Frau, das ehemalige Weib eines Matroſen, mit aller Leidenſchaft, vielleicht gerade deshalb, weil ſie eben⸗ ſo roh, ebenſo gefühllos, ebenſo grauſam wie er ſelbſt war, und weil ſich daher eine geiſtige Ver⸗ wandtſchaft, freilich eine dämoniſche, zwiſchen beiden kund gab. Als daher dieſe für ihn ſo niederſchmetternde Nach⸗ richt ſein Ohr erreichte, taumelte er zunächſt mehrere Schritte zurück und ſank dann tief aufſtöhnend in einen Seſſel. Dann bedeckte er ſein Geſicht mit beiden Händen und ein lautes, vom höchſten Schmerz erzeug⸗ tes Stöhnen ließ ſich vernehmen. „Paulowna, meine geliebte Paulowna“, „Troſt meiner Seele, denn wahr, daß ich D rief er, Labſal meines Herzens, iſt es eine geliebte Stimme nicht mehr 4* “——. vernehmen, daß ich in Dein treues Auge nicht mehr blicken ſoll? Mögen alle Heiligen ſich meiner erbar⸗ men, ich bin für immer ein geſchlagener, ein gebroche⸗ ner Mann. Stern meines Lebens, biſt Du wirklich auf immer für mich dahin? O, o, ich Armer, ich Unglück⸗ licher!“ Und ein neues Schluchzen und Stöhnen er⸗ ſtickte die weitern Worte. Plötzlich aber gab ſich der Schmerz dieſer wilden, unbändigen Natur in anderer Weiſe kund. Der General ſchnellte auf einmal von ſeinem Sitze empor, ſein Geſicht war verzerrt, ſeine Augen funkelten wie die eines Panthers, ſeine Fäuſte waren krampfhaft zuſammengepreßt, und indem er wild mit dem Fuße ſtampfte, rief er: „Rache! Rache! So wahr ich Araktſchejew heiße, ſchwöre ich denen eine grauſame und unerſättliche Rache, welche dieſes ſchändliche Complot angeſtiftet haben! Zubow! Ha, Zubow! Weder Dein Rang noch Dein Reich⸗ thum ſoll Dich ſchützen, Du biſt mir verfallen, Dein Geſchick iſt beſiegelt, ins Elend will ich Dich ſtoßen und allen Martern preisgeben, welche der Menſch ſchon hier auf Erden gegen den Menſchen zu erſinnen ver⸗ mag! Und Du elender Sklave, deſſen Meſſer ſich mit Ihrem Blute färbte, fetzenweiſe will ich Dir das Fleiſch vom Leibe reißen laſſen, und Dein Todesröcheln ſoll Sirenengeſang für meine Ohren ſein!“ 53 Während der General, vom Paroxysmus der Wuth ergriffen, dieſe ſchrecklichen Worte ausſtieß und, ſich die Haare ausraufend, wie ein Wahnſinniger im Zimmer umherlief, ſteckte der Diener, welcher ſich in der Zwi⸗ ſchenzeit leiſe davongeſchlichen hatte, abermals den Kopf ſchüchtern zur Thür herein. „Was willſt Du, Unglücklicher?“ brüllte Araktſchejew und blickte ihn wuthſchnaubend an. „Excellenz, ſo eben ſteigt Seine Kaiſerliche Hoheit der Großfürſt Conſtantin aus dem Wagen; er wird gleich hier ſein.“ So ſehr ging, wenigſtens zur Zeit unſerer Erzäh⸗ lung, ſelbſt bei den höhern Ständen in Rußland die brutalſte Tyrannei mit demüthiger, ſklaviſcher Kriecherei Hand in Hand, daß ſich der General bei dieſer An⸗ kündigung ſofort in einen andern Mann verwandelte. Er zog raſch ſeine Uniform über, ſteckte den Degen an die Seite und ſein Geſicht begann ſich zu glätten. Kaum war dieſe Veränderung mit ihm vorgegangen, als auch ſchon der Großfürſt raſch und aufgeregt bei ihm eintrat. „General“, rief er,„was haben Sie für eine Po⸗ lizei, wenn ſelbſt ein kaiſerlicher Prinz vor einem Mord⸗ anfall nicht mehr ſicher iſt! Ich komme, Beſchwerde bei Ihnen zu führen, und verlange eine glänzende Ge⸗ nugthuung.“ 54 „Um Gotteswillen, was iſt vorgefallen, Kaiſerliche Hoheit?“ fragte Araktſchejew beſtürzt. „Was ſoll vorgefallen ſein! Ich befand mich ge⸗ ſtern Abend in dem Landhauſe Ihrer Geliebten— nun, Sie wiſſen ja, weshalb. Plötzlich dringt ein Unver⸗ ſchämter, ein Wahnſinniger, der Major Graf Feodor Zubow in das Gemach, in welchem ich mich befinde, und wagt den Degen gegen mich zu ziehen.“ „Zubow?“ rief der General, wobei eine wilde, rachgierige Freude in ſeinem Geſicht hervortrat.„Nun, dann iſt er rettungslos verloren, denn wenn er ſchon wegen des gegen Eure Hoheit begangenen Verbrechens der härteſten Strafe verfallen iſt, ſo habe auch ich ihn noch der Theilnahme eines Mordes anzu⸗ klagen.“ „Eines Mordes?“ „Ja, Kaiſerliche Hoheit! Sie ſehen in dieſem Augen⸗ blick einen gebrochenen und geknickten Mann vor ſich. Meine Paulowna— Gott erbarme ſich Ihrer Seele!— wurde geſtern Abend, kurz nachdem Sie die Villa verlaſſen, von einem gedungenen Mörder in grauſamer Weiſe ermordet.“ „Gott ſteh' mir bei!“ rief Conſtantin beſtürzt, und ſchlug ein Kreuz.„Und Sie ſagen: von einem gedun⸗ genen Mörder?“ 55 „Ich zweifle gar nicht daran, daß Graf Zubow den Miſſethäter bezahlt hat. Bei meinem eigenen gro⸗ ßen Schmerz bin ich nur glücklich, daß der Himmel Eurer Hoheit koſtbares Leben beſchützt hat.“ „Aber damit iſt es nicht abgemacht“, rief Conſtan⸗ tin,„ſolche Frevelthaten müſſen mit eiſerner Strenge beſtraft werden.“ „Das ſoll auch ganz gewiß geſchehen“, bemerkte Araktſchejew, indem ſeine Augen ingrimmig aufleuchte⸗ ten.„Meine Polizei iſt gut, und bevor eine Stunde vergeht, werden wir die Schuldigen hinter Schloß und Riegel haben, wenn die Vögel überhaupt nicht bereits ausgeflogen ſind.“ „Ich ſtehe im Begriff, mich zum Kaiſer zu begeben“, ſagte Conſtantin.„Ich will ihm den Vorfall melden, und ſeine Milde ſoll ihm diesmal nichts nützen. Bei allen Heiligen, wenn es ſo fort geht, ſo iſt ja ſeine eigene Perſon nicht mehr ſicher! Wiſſen Sie, General, daß unſer Rußland auch bereits von der ſogenannten Civiliſation angefreſſen wird? Es ſollen ſogar geheime Geſellſchaften beſtehen, die auf einen Umſturz unſerer jetzigen ſtaatlichen Verhältniſſe hinarbeiten.“ „Wir ſind ihnen ſchon auf der Spur“, antwortete Araktſchejew mit einem bedeutungsvollen Augenwinken, naber wir können noch nicht recht klar in der Sache * ſehen, und die Nachſicht des Kaiſers hat uns bisher verhindert, entſchieden einzuſchreiten. Auch als Ver⸗ ſchwörer iſt dieſer Graf Zubow verdächtig.“ „Nun, diesmal kann er nicht entſchlüpfen. Er wird ſeiner Strafe nicht entgehen, und daß dieſelbe eine recht grauſame ſein ſoll, dafür werden Sie hoffentlich Sorge tragen, General?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Hoheit. Doch da fällt mir eben ein, daß ich keinen Augenblick zögern darf, um mich der Schuldigen zu bemächtigen. Wollen Sie wohl gnädigſt geſtatten, daß ich ſchnell einige Befehle ertheile?“ „Laſſen Sie ſich nicht ſtören, General, ich wünſche ja ebenſo gut wie Sie, für den Schimpf, welchen die⸗ ſer Unverſchämte mir angethan hat, gerächt zu werden.“ Während Conſtantin in dem Zimmer auf und ab ging, zog Araktſchejew an einem Klingelzuge und befahl dem eintretenden Diener: „Der Chef meiner Kanzlei ſoll ſogleich erſcheinen.“ Einige Minuten darauf ſtand dieſer vor ihm. „Schicken Sie ſogleich eine Abtheilung Polizeiſolda⸗ ten nach dem Hauſe des Majors Graf Feodor Zubow; laſſen Sie daſſelbe umringen und bemächtigen Sie ſich des Grafen entweder todt oder lebendig.“ „Zu Befehl, Excellenz.“ 57 „ Auf der Petersburger Seite, im Quartier der Muſchiks, hält ſich ein Mörder Namens Michael Popow verborgen. In zwei Stunden muß er in meiner Ge⸗ walt ſein.“ „Es ſoll geſchehen, Excellenz!“ Der Kanzleichef verbeugte ſich und wollte ſich entfernen. „Halt“, rief Araktſchejew,„noch einen Augenblick! Es könnte ſein, daß die Verbrecher ſich bereits aus dem Staube gemacht hätten; für dieſen Fall beför⸗ dern Sie ſofort an die ruſſiſchen Grenzbehörden die Ordre, ſtreng auf dieſelben zu vigiliren, und fügen Sie ein genaues Signalement der Flüchtlinge bei.“ „Ganz, wie Eure Excellenz befehlen“, bemerkte der Beamte und zog ſich unter einer tiefen, demüthigen Verbeugung zurück. „Und nun ſtehe ich Eurer Hoheit zu Befehl“, ſagte der General, ſich an Conſtantin wendend. „Ich habe mir die Sache überlegt, General, und es iſt am Ende am beſten, wenn Sie mich zu meinem Bruder Alexander begleiten. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſolange es warm iſt, und am Ende iſt Ihr Einfluß bei dem Kaiſer größer als der meinige.“ „Hoheit denken zu beſcheiden, doch ſtehe ich zu Dien⸗ ſten“, entgegnete Araktſchejew geſchmeichelt mit einer tie⸗ fen Verbeugung. 5 „So kommen Sie, mein Wagen ſteht vor der Thür. Es iſt nur ein kurzer Weg.“ Der Prinz und der General ſtiegen die breite Treppe hinunter und im nächſten Augenblick flog das elegante Dreigeſpann die Straße entlang und ſchlug die Richtung nach dem Winterpalaſt ein. Der Kaiſer Alexander gehört unſtreitig zu denjeni⸗ gen ruſſiſchen Herrſchern, deren Andenken nicht allein bei der eigenen Nation, ſondern auch von der Geſchichte in Ehren gehalten wird. Erzogen von dem Schweizer Laharpe, welcher ſeine republikaniſchen Geünnungen niemals verleugnete, und mit den ſchönſten Anlagen des Herzens und des Geiſtes begabt, berechtigte der junge Czar, als er den Thron beſtieg, zu den größten Hoffnungen. Groß und ſchlank gebaut, breitete ſich über ſein Antlitz ein Zug der Schwermuth, herbeige⸗ führt durch den gewaltſamen Tod ſeines Vaters Paul. Er wollte das Gute und ſtellte die freiſinnigen Ideen als eine gerechte Forderung der Zeit auf. In der Zeit ſeiner erſten Regierungsjahre wurde es in Peters⸗ burg Modeſache, eine liberale Sprache zu führen, und es bildeten ſich eine Menge geheime Geſellſchaften, von denen wir eine im Eingang dieſer Erzählung erwähnt haben. Aber bei allen dieſen liebenswürdigen Eigen⸗ ſchaften mangelte es Alexander an Kraft, die Refor⸗ men, denen er theoretiſch huldigte, auch praktiſch durch⸗ zuführen. In ſeinem Weſen bekundete ſich ein Schwan⸗ ken und eine Unſchlüſſigkeit, welche ſeine guten Vorſätze ſchließlich immer wieder über den Haufen warf. Später ergab er ſich dem Myſticismus, welcher durch ſeinen engen Umgang mit der bekannten Frau von Krüdener neue Nahrung fand, und ſo verfiel er ſchließlich in ein einſames und trauriges Leben und wurde von einer innern Unruhe ergriffen, die ihn fortwährend auf Reiſen trieb. Bekanntlich ſtarb er auf einer derſelben, bei inm Ausflug nach der Krim. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr des Morgens ſein und der Kaiſer ſaß an ſeinem Arbeitstiſch. Vor ihm lag ein Bund friſchgeſchnittener Federn*), neben ihm ein feines Batiſttuch, denn er war ein großer Freund der Reinlichkeit und ſäuberte, bevor er ſich zur Arbeit ſetzte, ſtets eigenhändig den Platz, an dem er ſchrieb. Er liebte es, vorzugsweiſe ſich mit den auswärtigen Angelegenheiten zu beſchäftigen, und auch jetzt hatte er ſich in Depeſchen vertieft, welche von dem ruſſiſchen Geſandten in Stockholm eingelaufen waren. Auf ſei⸗ nem Geſicht lagerte wieder jener Zug von Schwer⸗ *) Es mußten ihm deren täglich fünfundzwanzig geliefert wer⸗ den. Der Hofbeamte, welcher dieſe Lieferung hatte, erhielt da⸗ für jährlich viertauſend Rubel. muth, von dem wir bereits geſprochen haben, und ein ſchmerzlicher Zug um ſeine Mundwinkel bekundete, daß er mit einem Gegenſtand beſchäftigt war, der ihn un⸗ angenehm berührte. „Immer dieſelben gleichlautenden Berichte über die Halsſtarrigkeit und die Verkehrtheiten meines Schwa⸗ gers*) Guſtav Adolf IV.“, murmelte er.„Im In⸗ nern verfeindet er ſich mit der Nation, nach außen hin mit ſeinen beſten Freunden. Ich möchte ihn gern ſcho⸗ nen, den Bedauernswerthen, aber das Intereſſe meines Staates legt mir Pflichten auf, vor denen meine per⸗ ſönlichen Gefühle zurücktreten müſſen. Rußland muß an der Oſtſee feſten Fuß faſſen und ſich zu dieſem Zweck dort fausdehnen. Es muß weiter vordringen und ſich ganz Finlands bemächtigen, ſtatt daß es jetzt nur einen Zipfel deſſelben in den Händen hält. Nun, mein Schwager iſt der Mann, um mir dieſe Aufgabe zu erleichtern; er iſt der Don Quixote der Könige, er beleidigt, er fordert heraus, wie es ihm ſeine Laune eingibt, und ſo wird es uns, wenn die. paſſende Zeit gekommen iſt, an ſchicklichen Vorwänden nicht fehlen, um in Finland einzufallen und ihm den Krieg wieder zu erklären.“ *) Die Kaiſerin von Rußland und die Königin von Schweden waren Schweſtern, beide badiſche Prinzeſſinnen. 61 So weit war Alexander in ſeinen Betrachtungen gekommen, als ſich die Thür leiſe öffnete und einer der dienſtthuenden Adjutanten eintrat. „Seine Kaiſerliche Hoheit der Großfürſt Conſtantin und Seine Excellenz der General Araktſchejew harren im Vorzimmer und bitten um die Erlaubniß, eintreten zu dürfen.“„ „Wie, mein Bruder? Was führt ihn denn ſchon ſo früh hierher?“ rief der Monarch.„Er iſt doch ſonſt um dieſe Zeit damit beſchäftigt, den Excercirübungen beizuwohnen und dabei den Stock auf dem Rücken der Soldaten herumtanzen zu laſſen.“ Ein ſchmerzlicher Zug umſpielte bei dieſen letzten Worten den Mund des Kaiſers, denn er wußte, wie roh und brutal Con⸗ ſtantin war und daß er oft ſelbſt die höchſten Mili⸗ tärs mit den gröbſten Inſulten überhäufte. „Laſſen Sie die Herren eintreten“, fuhr er zu dem Adjutanten gewendet fort und erhob ſich ſelbſt von ſeinem Platze, um ſeinen Bruder und deſſen Begleiter zu empfangen. Beide verneigten ſich tief, als ſie die Schwelle über⸗ ſchritten, und Conſtantin, ſonſt der rohe Barbar gegen alle, mit denen er in Berührung kam, verneigte ſich jetzt demüthig und ſchickte ſich an, die Hand des Cza⸗ ren zu küſſen. „Nicht doch“, ſagte dieſer nicht ohne Verlegenheit, indem er ſeine Rechte zurückzog;„an mein Herz gehörſt Du. Komm, Du weißt ja, wie gern ich Dich in mei⸗ nen Armen ſehe und wie ſehr ich Euch, meine Brüder, liebe.“ „Eure Majeſtät haben auch keinen treuern Diener als mich“, bemerkte der Großfürſt, ſich der Umarmung des Kaiſers entziehend. 3 „Ich weiß es, Conſtantin, ich kenne Deine Anhäng⸗ lichkeit an mich. Du haſt eine rauhe Außenſeite, aber Dein Herz iſt gut. Und jetzt ſprich, was führt Dich ſchon ſo früh zu mir?“ „Wenn ich überhaupt noch im Stande bin, vor Eurer Majeſtät zu erſcheinen, ſo verdanke ich dies le⸗ diglich dem Zufall“, entgegnete dieſer. „Du erſchreckſt mich. Was iſt vorgefallen?“. „Ein Offizier der Garde, der Major Graf Feodor Zubow, hat geſtern ein Attentat gegen mich begangen; er zog den Degen gegen mich.“ Alexander trat beſtürzt einen Schritt zurück.„Was ſagſt Du? Graf Zubow, einer meiner gebildetſten Offiziere, hätte ſich ſo weit vergeſſen?“ Dann ſenkte er den Kopf, und ſich an den brutalen und rohen Cha⸗ rakter ſeines Bruders erinnernd, fragte er mit zögern⸗ der Stimme: „Haſt Du ihn auch nicht etwa gereizt und zur Verzweiflung getrieben?“ „Ich habe ihm nicht das Mindeſte zu Leide ge⸗ than. Ich bin von ihm überfallen worden.“ „Wo?“ „In dem Landhauſe des Generals Araktſchejew, wo ich mich als Gaſt befand.“ Alexander ſah dieſen fragend an. „Allerdings“, antwortete derſelbe.„Und wenn ich es auch mit Recht als ein Glück preiſe, daß Seine Kai⸗ ſerliche Hoheit dem Angriff eines Wahnſinnigen ent⸗ rann, ſo verhindert dies doch nicht, daß ich die ganze Schwere des Unglücks empfinde, welches mich ſelbſt be⸗ troffen hat.“ „Wie, mein alter Freund“, ſagte Alexander theil⸗ nehmend,„auch Du haſt Dich zu beklagen?“ Die Bruſt des Generals hob und ſenkte ſich, nur mit Mühe kämpfte dieſer ſonſt ſo rauhe und gefühl⸗ loſe Mann die Thränen nieder. „Sprich, was iſt vorgefallen?“ rief Alexander, theil⸗ nehmend ſeine Hand ergreifend. „Eine verruchte Mörderhand hat den blanken Stahl in die Bruſt einer Frau geſenkt, die ich über Alles liebte und welche mir in Treue ergeben war. Pau⸗ lowna, meine vielgeliebte Freundin, iſt in ihrem eige⸗ nen Hauſe ermordet worden“, ſetzte Araktſchejew ſtöh⸗ nend, mit erſtickter Stimme hinzu. „Gott ſteh' uns bei!“ rief Alexander entſetzt und ſchlug ein Kreuz. „Die That wurde von einem Matroſen kurz nach meiner Entfernung aus dem Landhauſe verübt“, be⸗ merkte der Großfürſt.„Es iſt aller Grund zu der Ver⸗ muthung vorhanden, daß der Mörder durch den Gra⸗ fen Zubow zu der That angereizt worden iſt.“ „Unmöglich!“ Und der Kaiſer ſah ſeinen Bruder mißtrauiſch an. „Ich beſtätige dies!“ rief der General. „Was machteſt Du in dem Landhauſe?“ fragte der Czar den Großfürſten. „Nun, ich befand mich zum Beſuch dort.“ „Blos zum Beſuch?“ „Ei, was kann ich dafür, daß ſich Fräulein d'Ecars zufällig dort ebenfalls einfand!“ „Und Fräulein d'Ecars iſt die Braut des Gra⸗ fen, wenn ich nicht irre“, ſagte der Kaiſer vorwurfs⸗ voll. „Entſchuldigt ihn dies etwa, daß er den Degen gegen mich zog? Er hat ſich durch mich an Eurer Majeſtät geheiligter Perſon ſelbſt vergriffen; ein Angriff auf einen kaiſerlichen Prinzen kommt einem Angriff auf die Perſon des Kaiſers gleich und im Intereſſe des monarchiſchen Princips fordere ich die ſtrengſte Beſtrafung des Schuldigen.“ „Das kommt von den liberalen Anſichten, welche immer mehr um ſich greifen“, bemerkte Araktſchejew. „Auch Zubow iſt ein politiſcher Schwärmer und ich habe ihn im Verdacht, daß er einer der geheimen Geſell⸗ ſchaften angehört, welche wie Maulwürfe den Boden 3 unterminiren. Es muß wirklich etwas geſchehen, Ma⸗ jeſtät, um dieſe Böſewichter einzuſchüchtern.“ „Nun“, entgegnete Alexander mißmuthig,„es fällt mir gar nicht ein, das Verbrechen in Schutz zu neh⸗ men. Aber warum wendet Ihr Euch an mich? Wen⸗ det Euch an die Geſetze. Ich erkenne keine Gewalt für rechtmäßig, die nicht aus den Geſetzen hervorgeht.— 1 Was ſoll alſo in dieſem Falle geſchehen? Soll ich 1 einen Gewaltſpruch thun, bevor noch ein gerichtliches Urtheil gefällt iſt?“ „Durchaus nicht“, bemerkte Araktſchejew einlen⸗ kend;„ich erbitte mir nur von Eurer Majeſtät die Erlaubniß, in dieſer Sache uneingeſchränkt handeln zu dürfen.“ „Die ſollſt Du erhalten. Setze Deine Polizei in Bewegung, um die Schuldigen zu ergreifen. Oder be⸗ finden ſie ſich bereits in Deiner Gewalt?“ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. 1. 5 66 „Leider nicht, aber ich hoffe, es wird hierzu nicht vieler Zeit bedürfen, und dann—, „Und dann? Ich kenne dies. Du wirſt ſie ins Verhör nehmen und ihnen durch die Tortur Geſtänd⸗ niſſe erpreſſen. Doch genug! Geht, verlaßt mich! Man nennt mich den Selbſtherrſcher aller Reußen und ich beſitze nicht einmal die Macht, dieſes Volk von Sklaven von ſeinen Ketten zu befreien und ihm das Bewußt⸗ ſein der Menſchenwürde einzuflößen.“ Ein ungemein bitteres, ſchmerzliches Gefühl machte ſich in den Geſichtszügen Alexander's bemerkbar. Er winkte noch einmal mit der Hand und im nächſten Au⸗ genblick befand er ſich wieder allein. Mit heftigen Schritten durchmaß er das Gemach. „Sie ſetzen den Fuß auf den Nacken dieſer Un⸗ glücklichen“, murmelte er,„ſie zerfleiſchen ihren Rücken und prügeln ſie zu Tode, und wenn dann einer dieſer Armen an ſeinen Peinigern ſich vergreift, ſo erhe⸗ ben ſie wutherfüllt ihre Stimme und ſchreien nach Nache!“ Er ſank in einen Seſſel und ſtützte tiefbetrübt das Haupt in die Hand. Da öffnete ſich eine Seitenthür und eine wunderſchöne Frau, die Kaiſerin Eliſabeth, trat herein. Leiſe ſchwebte ſie wie ein Engel näher. Das ſchönſte hellbraune Haar fiel in leichten Locken 67 auf ihre Schultern herab, ihr Gang war anmuthig und beſcheiden und in ihren blauen Augen ſpiegelte ſich die Reinheit ihrer Seele ab. „Was haſt Du, mein Alexander?“ fragte ſie, in⸗ dem ſie ſanft ihre Hand auf ſeine Schulter legte.„Dein Auge blickt ſo trübe, haben ſie in Dein gefühlvolles Herz wieder einen Stachel gedrückt?“ „Beruhige Dich“, antwortete der Kaiſer mit einen. ſanſten Händedruck, indem ſich ſein Geſicht wieder er⸗ hellte,„beruhige Dich, meine Eliſabeth. Es iſt nichts, ich habe nur einen Augenblick als Menſch gefühlt und empfunden.“ „Ich kenne Deine weiche Seele“, entgegnete mit melodiſcher Stimme die hohe Frau,„und begreife ſehr wohl, daß Dir das Regieren mitunter recht ſchwer werden muß.“ „Und biſt Du denn nicht mein guter Stern, der mich leitet?“ antwortete der Kaiſer und drückte einen zärtlichen Kuß auf die Hand ſeiner Gattin. Während ſich das kaiſerliche Paar dieſen Herzens⸗ ergießungen hingab, tobte und wüthete der General Araktſchejew, als er in ſeine Wohnung zurückgekehrt war. Sein Bureauchef hatte ihm die Nachricht überbracht, daß weder von dem Grafen Zubow noch von dem ne Spur aufzufin⸗ E* Matroſen Michael Popow irgend ei —— den ſei. Beide hatte er bereits als Todtenopfer für ſeine ermordete Geliebte auserſehen. Jetzt kehrte die Erinnerung an deren ſchreckliches Ende mit erneuerter Kraft bei ihm zurück. Der rohe, gefühlloſe Mann, welcher dieſe Frau geliebt hatte, wie man etwa einen Schooßhund liebt, gab ſeiner Trauer nun in ebenſo wilder und grauſamer Weiſe Ausdruck. Er eilte nach dem Landhauſe, wohin er bereits ein Commando Po⸗ lizeiſoldaten vorausgeſchickt hatte. In wilder Verzweif⸗ lung warf er ſich vor der Leiche nieder, unter Schluch⸗ zen und Stöhnen rief er die Verſtorbene beim Namen und im halben Wahnſinn riß er ſich den Bart aus. Dann ließ er von der Dienerſchaft einen nach dem andern ergreifen und auf ihren bald zerfleiſchten Rücken unbarmherzig die Knute niederfallen. Wie ein Tiger, der nach Blut lechzt, ſtand er dabei und weidete ſich an dem Aechzen und an dem Todesgeröchel der Un⸗ glücklichen. Seine Geſichtszüge verzerrten ſich dämo⸗ niſch bei jedem neuen Schlage, die gräßlichſten Flüche begleiteten die Execution. Geſättigt wendete ſich das Ungeheuer ſchließlich von dieſer Execution ab, ſein Herz war befriedigt; wie ein Kannibale hatte er den Tod ſeiner Geliebten gerächt. Drittes Kapitel. Wir müſſen jetzt den Leſer nach einem andern Schauplatz, fern von Petersburg, führen. Bis zum Jahre 1809 bildete der Kymene, ein Fluß von mittler Größe, die Grenze zwiſchen dem ruſſiſchen und dem ſchwediſchen Theil von Finland. Sowie das letztere überhaupt an Naturſchönheiten reich iſt, ſo entfaltet ſich namentlich auch zunächſt des vorgenannten Fluſ⸗ ſes, und zwar da, wo man die zu jener Zeit die bei⸗ den Hälften verbindende Grenzbrücke überſchreitet, eine das Auge im höchſten Grade feſſelnde Landſchaft. Ein Waſſerfall, der von mäßiger Höhe brauſend in die Ebene hinabſtürzt, reizende Seen, liebliche Thäler, de⸗ ren ſanft emporſteigende Einfaſſungen mit Laub⸗ und Nadelholz beſetzt ſind, endlich weiter nach der Küſte zu die kleine Stadt Lowiſa, welche auf einer Inſel im Meere liegt, dies iſt das feſſelnde Bild, welches wir dem Leſer von einem Lande zu entwerfen im Stande ſind, deſſen Inneres nur Wenigen bekannt ſein wird, da es bisher nur von einer geringen Zahl von Tou⸗ riſten durchſtreift wurde. Es war etwa vierzehn Tage nach den Ereigniſſen zu Petersburg, welche wir dem Leſer mitgetheilt haben, als auf einer der vorerwähnten Höhen, welche einen umfangreichen See umſchloſſen, in deſſen klares Gewäſſer die ſcheidende Sonne in dieſem Augenblick ihre letzten Strahlen tauchte, ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren ſichtbar wurde, welchen augenſcheinlich die Jagdluſt in dieſe Gegend geführt und hier bis zu einer ſo ſpäten Stunde feſtgehalten hatte. Der Unbekannte beſaß eine ſchöne, ſtattliche Ge⸗ ſtalt von etwas mehr als mittler Größe, breite Schul⸗ tern und ein volles, etwas längliches Geſicht, das ſich durch eine offene, in ſanfter Wölbung abfallende Stirn und ein paar große blaue Augen auszeichnete, denen der Ausdruck der Treue und der Redlichkeit unverkenn⸗ bar eigen war. Zu der Zeit, wo wir den Leſer mit dem Fremden bekannt machen, war derſelbe eben aus einer Birkenanpflanzung getreten, und indem er ſich dem ſteilen Uferrand des Sees näherte, blieb er ſte⸗ hen und ließ, die linke Hand auf ſein Gewehr geſtützt, 71 den freien, offenen Blick über das vor ihm liegende Waſſer ſtreifen. „Gott ſegne mein ſchönes, von der Natur ſo reich ausgeſtattetes Vaterland“, murmelte er, indem ſeine Augen leuchteten und ſeine Blicke zufrieden über die 8 vor ihm ausgebreitete Landſchaft ſtreiften.„Wenn ich dieſes Paradies betrachte, in welchem ich jeden Tag nach Belieben meilenweit umherſtreifen kann, ſo wüßte ich nicht, weshalb ſich mein Herz nach etwas An⸗ derem ſehnen ſollte, und ginge es nach meinen Wün⸗ ſchen, ſo möchte ich nie dieſes Eden verlaſſen, welches Gott ſo reichlich ausgeſtattet hat und wo ſo treue und redliche Menſchen wohnen.“ Nach dieſen Worten, welche keinen der Leſer be⸗ fremden werden, wenn er ſich in die Zeit und in die Verhältniſſe ſeiner eigenen Jugend zurückverſetzt, warf der junge Mann die Flinte über den Rücken und ſtand eben im Begriff, ſeinen Weg weiter fortzuſetzen, als ſeine Aufmerkſamkeit durch einen Schuß, welcher am Rande des Sees abgefeuert wurde, dorthin gelenkt wurde. „Wer kann das ſein?“ rief er verwundert, indem er ſich etwas vorbeugte und ſein ſcharfes Auge ſpä⸗ hend umherſandte.„Außer mir kenne ich zwei Mei⸗ len in der Runde Niemand, dem es einfallen könnte, 4 72 an dieſem Ort ſein Gewehr auf eine Ente oder auf eine wilde Gans abzufeuern, denn dieſes Jagdrevier gehört zu dem Herrenhofe Sarlaa und kein Bewohner der Umgegend würde es wagen, ohne meine oder mei⸗ nes Oheims Erlaubniß hier zu jagen.“ Während der junge Mann ſich dieſen Betrachtun⸗ gen hingab und kaum zum Schluß derſelben gelangt war, entdeckte ſein Auge inzwiſchen einen Gegenſtand, welcher geeignet ſchien, ihm Aufklärung in Betreff die⸗ ſer für ihn bis jetzt noch offenen Frage zu ertheilen. Unten, am Rande des Sees, tauchte nämlich eine Ge⸗ ſtalt auf und zugleich ließ ſich ein kräftiges„Ahoi!“ vernehmen. „Nun, das ſcheint intereſſant zu werden“, murmelte unſer Bekannter.„Allem Anſchein nach hat ſich ein Fremder hierher verirrt, denn kein Fine würde den Ton ſo ausgeſtoßen haben, wie ich denſelben ſo eben vernommen.“ Der Sprecher ſetzte, indem er dieſen Betrachtungen Raum gab, die Hand an den Mund und beantwortete den Anruf in heller, kräftiger Weiſe, während er gleich⸗ zeitig mit feſten, aber elaſtiſchen Schritten den Abhang des Berges hinabzuſteigen begann, um mit dem Unbe⸗ kannten, welcher ſich nun ebenfalls beeilte, ihm entge⸗ genzukommen, zuſammenzutreffen. 73 „Verzeihung“, ſagte der letztere, nachdem er ſich bis auf einige Schritte genähert hatte, indem er dabei zu⸗ vorkommend ſeine Jagdmütze lüftete.„Verzeihung we⸗ gen des Schuſſes, den ich hier auf fremdem Gebiet ab⸗ gefeuert habe.“ Der junge Jäger verbeugte ſich.„Es hat durchaus nichts zu bedeuten, mein Herr. Wir Finländer halten es für Pflicht, dem Fremden, welcher unſer Land be⸗ ſucht, höflich entgegenzutreten, und daß Sie ein Fremder ſind, glaube ich aus Ihrer Anſprache errathen zu haben.“ „Hierin täuſchen Sie ſich allerdings nicht, denn einen Landsmann von Ihnen kann ich mich allerdings nicht nennen, obgleich ich mir erlaube, das Recht der Nachbarſchaft in Anſpruch zu nehmen.“ „So wohnen Sie alſo ſchon längere Zeit in dieſer Gegend, ohne daß mir bisher das Vergnügen zu Theil geworden iſt, Ihre Bekanntſchaft zu machen?“ „In dieſem Sinne meinte ich es nicht, als ich mich Ihnen als Nachbar vorſtellte“, entgegnete der Andere mit einem gewinnenden Lächeln.„Mein Weg führt mich ziemlich weit her; ich komme aus dem ruſſiſchen Theil von Finland, und ſomit muß ich es Ihnen überlaſſen, ob Sie mir das Prädikat, welches ich mir vorhin beilegte, geſtatten wollen.“ „Sie ſind alſo wohl Ihrer Nationalität nach ——J— 4 74 Ruſſe?“ fragte der junge Mann, indem ſein Geſicht einen etwas ernſtern und kältern Ausdruck annahm. „Noch bis vor kurzem ſtand ich bei einem der Pe⸗ tersburger Garderegimenter; verſchiedene Umſtände haben mich aber veranlaßt, den Dienſt aufzugeben, und die für mich hieraus entſtandene Freiheit iſt von mir dazu benutzt worden, dieſen Theil des Landes, wenn auch nur im Fluge, kennen zu lernen.“ „Sie reiſen vielleicht im Auftrag Ihrer Regierung?“ fragte der junge Jäger jetzt noch mißtrauiſcher.„Man ſagt, die Beziehungen zwiſchen Stockholm und Peters⸗ burg wären in der letzten Zeit wieder kälter geworden, und deshalb dürfte es wohl leicht möglich ſein—“ „Nun?“ fragte der Ruſſe, indem ſeine Lippen ein unmerkliches Lächeln umſpielte. „Nun, ich will Ihnen eine aufrichtige Antwort ge⸗ ben, wie man es hier zu Lande gewohnt iſt. Wir Finländer halten treu zu Schweden, und ſeitdem durch den letzten Krieg die ſchönſte Hälfte unſeres Landes in⸗ den Beſitz Ihres Kaiſers überging, hat ſich das Miß⸗ trauen gegen Ihre Landsleute bei uns erheblich ver⸗ mehrt.“. „Das finde ich ganz natürlich“, entgegnete der An⸗ dere mit der Miene vollkommener Offenheit.„Ein jedes Land beſitzt ſeine Traditionen und ſeine Geſchichte und es gehört ein längerer Zeitraum dazu, um die Vergangenheit in dem Gedächtniß eines Volkes gänz⸗ lich zu vertilgen. Indeſſen verſtehe ich nicht recht“, fügte er mit feiner Zuvorkommenheit hinzu,„in wel⸗ chem Zuſammenhang dies mit meiner Perſon und mit meiner Anweſenheit in hieſiger Gegend ſteht?“ „Nun, ich habe in keinem Fall das Recht, Sie über die Zwecke Ihrer Reiſe zu befragen, indeſſen wäre es doch möglich—“ „Sie meinen, ich bereiſe im Auftrag meiner Re⸗ gierung dieſes Land, um ſchließlich über die Erfahrun⸗ gen, welche ich geſammelt, einen politiſchen Rapport abzuſtatten?“ lachte der Ruſſe.„Nun, darüber kann ich Sie beruhigen, denn wie ich bereits bemerkte, denke ich an gar keinen längern Aufenthalt in dieſen Ber⸗ gen und Thälern, da das eigentliche Ziel meiner Reiſe Stockholm iſt.“ „Ich habe, wie geſagt, durchaus kein Recht, hiernach zu fragen“, entgegnete mit Beſcheidenheit der Andere. „Der Zufall wollte es, daß unſer Geſpräch eine Rich⸗ tung nahm, welche keineswegs in meiner Abſicht lag. Kann ich Ihnen aber in irgend einer Weiſe nützlich ſein, ſo werde ich mir ein beſonderes Vergnügen dar⸗ aus machen, Ihnen zu dienen.“ „Ich bin Ihnen für Ihre Artigkeit ſehr verbun⸗ 76 den“, entgegnete der Ruſſe mit einer Verbeugung. „Die Sache iſt die, daß ich mein weniges Gepäck be⸗ reits nach Lowiſa vorausgeſchickt habe, denn ich beab⸗ ſichtige den Waſſerweg über die Alandsinſeln und Abo bei meiner Weiterreiſe nach Stockholm zu wählen. Meiner Gewohnheit gemäß habe ich mich hinterher zu Fuß auf den Weg gemacht, um dieſe maleriſche Land⸗ ſchaft zu durchſtreifen. Der Abend hat mich dabei aber faſt überraſcht und ich geſtehe aufrichtig, daß mik bei dieſem Umherſtreifen zur Rechten und zur Linken ſchließ⸗ lich der richtige Weg verloren gegangen iſt. Meine Bitte geht jetzt dahin, daß Ihre Güte es mir nicht verſagen möge, mich über die Richtung zu belehren, welche ich einzuſchlagen habe, um Lowiſa zu erreichen.“ „Ich werde mir natürlich ein Vergnügen daraus machen, Ihr Führer zu ſein, wenn Sie auf der Fort⸗ ſetzung Ihres Weges beſtehen“, entgegnete der junge Mann,„aber ich ſage es Ihnen im voraus, derſelbe iſt ſelbſt für uns Einheimiſche bei Nacht ein ſchwieri⸗ ger, und wie Sie ſehen, iſt die Sonne bereits ver⸗ ſchwunden und es wird nicht lange dauern, ſo haben wir völlige Dunkelheit.“ „Indeſſen, wenn es irgend geht, ſo möchte ich es doch gern vermeiden, im Freien zu campiren“, entgeg⸗ nete der Andere lächelnd.„Mit den Elfen und Nym⸗ phen, die nach den Sagen des Volkes hier in den Bergen und Seen ihr Weſen treiben, finde ich vielleicht ein anderes Mal Gelegenheit Bekanntſchaft zu machen. Wenn Sie mich eine Strecke Weges begleiten wollten, ſo würde ich dies als eine große Freundlichkeit von Ihrer Seite anſehen.“ „Ich will Ihnen einen andern Vorſchlag machen“, entgegnete der junge Mann, welcher einige Augenblicke überlegt hatte,„und nehmen Sie denſelben an, ſo kön⸗ nen Sie ſich im voraus verſichert halten, daß Sie denen, zu welchen ich Sie zu führen beabſichtige, herz⸗ lich willkommen ſein werden. Eine Stunde von hier liegt der Herrenhof Sarlaa, eine Beſitzung meines Oheims, des Majors Jönſon, eines alten Veterans, welcher ſtets für ſeinen König ein treues Herz bewahrt hat und der jetzt, nach zurückgelegter ehrenvoller Dienſt⸗ zeit, den Reſt ſeiner Tage in ländlicher Stille verlebt. Ich und meine Schweſter Anna ſuchen dem Greiſe nach Kräften das Leben ſo angenehm wie möglich zu machen, denn er iſt uns zweiter Vater und wir hängen mit voller Liebe an ihm.“ „Ihr Anerbieten iſt ein zu entgegenkommendes“, erwiderte der Ruſſe nach kurzem Bedenken,„als daß ich nicht dankbar von demſelben Gebrauch machen ſollte. Ihre Verſicherung, daß ich nicht läſtig fallen werde, 78 genügt mir, und eine liebenswürdige Familie kennen zu lernen, iſt ein Reiz, dem ich nicht zu widerſtehen vermag. Doch geſtatten Sie vorher, daß ich mich Ihnen flüchtig vorſtelle. Ich bin Major und mein Name iſt Graf Zubow, und wie ich Ihnen ſchon bemerkte, mache ich dieſe Reiſe zu meinem Vergnügen.“ „Und ich heiße Olof Jönſon“, ergänzte der junge Mann.„Da wir alſo jetzt dem Ceremoniel genügt und unſere Namen ausgetauſcht haben, ſo laſſen Sie uns aufbrechen, damit Sie Zeit gewinnen, noch heute die Meinigen kennen zu lernen. Sie dürfen darauf rechnen, mit einem Herzen voll Vertrauen und Redlich⸗ keit empfangen zu werden.“ „Ich zweifle nicht daran“, erwiderte der Major, an der Seite ſeines Führers rüſtig fortſchreitend,„Offen⸗ heit und Gaſtfreundſchaft ſind der finiſchen Natur eigen. Wer übrigens, wie ich, den größten Theil ſei⸗ nes Lebens in den höhern Kreiſen der Hauptſtadt zu⸗ gebracht hat, für den iſt es in der That eine wahre Erquickung, ſich aus dieſen bevorzugten Regionen, wo doch ſchließlich Alles nur auf Schein und Etikette hin⸗ ausläuft, auf einige Zeit in das ländliche Stillle⸗ ben zu einfachen, unverdorbenen Menſchen flüchten zu können.“ „Nun, einfach ſind wir allerdings“, ſagte Olof mit einer ihm wohl ſtehenden Beſcheidenheit,„und es iſt gut, daß Sie ſich ſelbſt darauf vorbereiten. Aber wir ſind es nun einmal nicht anders gewohnt und wir fühlen nus dabei glücklich. So einfach wie unſere Denk⸗ und Redeweiſe iſt, ſo einfach iſt auch unſer Tiſch. Ein Bärenſchinken, eine Lachsforelle, ein Schneehuhn, das ſind die Herrlichkeiten, welche wir dem Gaſt zu bieten vermögen, aber dabei bleiben uns auch Wünſche fern, wie die verwöhnten Sybariten der Hauptſtädte ſolche hegen; wir erhalten unſern Körper kräftig und geſund, und Falſchheit und Trug kennen wir nicht, weil uns keine Gelegenheit geboten wird, mit den modernen Laſtern in Berührung zu kommen.“ „Ich beneide Sie um dieſe Vortheile, welche wir, die man die Elite der Geſellſchaft nennt, entbehren müſſen“, ſagte der Major.„Es iſt wahr, das Leben in den höchſten Kreiſen iſt eben nicht dazu geeignet, die Pulſe höher ſchlagen zu machen und dem Herzen ſeine Friſche zu bewahren, und auch ich habe ſchon recht oft Stunden gehabt, wo ich mich aus dem Grunde meiner Seele danach ſehnte, mich an ein We⸗ ſen voll unverdorbener Einfachheit, voll Hingebung und Treue ſo recht innig anſchließen zu können.“ „Nun“, lachte Olof,„derartige Weſen gehören hier, Gott ſei Dank, nicht zu den Seltenheiten. Sie finden 80 die gute Saat überall ausgeſtreut, in der Familie, bei den Männern, bei den Jünglingen und Jungfrauen des Landes. Sie ſollten ſich wirklich mit Ihrer Weiter⸗ reiſe nicht ſo beeilen, Sie würden dann die Wahrheit meiner Worte kennen lernen.“ „Ich möchte dies wohl“, murmelte der Graf nach⸗ denkend. „Nun, vielleicht gefällt es Ihnen bei uns“, entgeg⸗ nete Olof,„und dann hängt es ja von Ihnen ab, welchen Entſchluß Sie faſſen wollen. Aber ſehen Sie, es iſt doch ſonderbar, wie ſich die Contraſte berühren, denn während Sie ſich aus der großen Welt hinweg⸗ ſehnen, treibt mich ungeachtet der Lobrede, welche ich eben auf meine Heimat hielt, die Neugier, das Leben einer Hauptſtadt kennen zu lernen.“ „Alles Neue zieht an“, entgegnete Zubow.„Aber weshalb haben Sie denn nicht ſchon längſt zur Befrie⸗ digung Ihrer Wißbegierde eine Reiſe nach Petersburg oder Stockholm gemacht?“ „Nun, das Letztere könnte vielleicht binnen kurzem möglich werden.“ „Charmant“, rief der Graf,„ſo reiſen wir zu⸗ ſammen.“ „Nein, nein“, entgegnete der junge Mann mit einem gemüthlichen Kopfſchütteln,„ſo ſchnell läßt ſich ———— die Sache nicht ausführen. Ihnen bald nach.“ „Nun, dann bitte ich Sie im voraus, mein Gaſt zu ſein.“ „Auch dies würde ich zu meinem Bedauern ableh⸗ nen müſſen, denn gehe ich nach Stockholm, ſo geſchieht es in der Abſicht, in die Garde des Königs einzu⸗ treten, und Gott weiß, in welcher Kaſerne man mir dann meine Wohnung anweiſt', ſetzte er lachend hinzu. „Doch genug hiervon“, fuhr er fort,„unſer Weg iſt beendet, denn dort vor uns, wo Sie die Lichter ſchim⸗ mern ſehen, liegt das Herrenhaus von Sarlaa, und jetzt höre ich auch ſchon das Geheul des alten Caſtor, welcher es ſich nun einmal nicht nehmen läßt, ſtets in den ſchönſten Gutturaltönen meinem Oheim und meiner Schweſter meine Ankunft anzumelden.“ Während die beiden Herren vorwärts ſchritten, ver⸗ ſuchte der Major, ſoweit es die Finſterniß geſtattete, das ſogenannte Herrenhaus etwas näher in Augenſchein zu nehmen. Er konnte indeſſen zuerſt nichts weiter entdecken als ein paar große eingezäunte Gärten, hinter denen eine Anzahl Wirthſchaftsgebäude hervortrat. Schließlich fiel ſein Blick indeſſen auch noch auf ein einſtöckiges Gebäude von mittler Größe, das aus Holz errichtet zu ſein ſchien und deſſen Dach mit Schin⸗ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 6 Aber vielleicht folge ich 82 deln gedeckt war. Olof mochte vielleicht in dieſem Augenblick errathen, womit ſich ſein neuer Bekannter beſchäftigte, denn indem er mit dieſem nunmehr in den Hof trat, ſagte er im Tone jener natürlichen Einfach⸗ heit, die in ſeinem Weſen lag: „Sie müſſen ſich keinen zu hohen Begriff von un⸗ ſern Wohnungen machen; ſo einfach wie unſere Sit⸗ ten und Gewohnheiten ſind, ebenſo einfach ſind un⸗ ſere Häuſer. Aber es wohnt ſich gut darin, denn es herrſcht in denſelben Liebe und Eintracht und der Fremde iſt ſtets willkommen und kann auf herzliche Gaſtfreundſchaft rechnen.“ Der Graf antwortete nicht auf dieſe Bemerkungen, denn ein anderer Gegenſtand nahm in dieſem Augen⸗ blick ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Eine ſanfte, äußerſt liebliche Mädchenſtimme, der es auch nicht an einer gewiſſen Ausbildung fehlte, ſchlug nämlich, als er mit ſeinem Begleiter über den Hof ſchritt, an ſein Ohr und überraſchte ihn um ſo ange⸗ nehmer, je weniger er hierauf vorbereitet war. „Ah“, ſagte er, einen Augenblick ſtehen bleibend und aufmerkſam hinhorchend,„eine nordiſche Nachtigall!“ „Es iſt meine Schweſter“, entgegnete Olof.„Sie wird irgend ein altes Kriegslied vortragen, denn nichts erfreut das Herz meines Oheims mehr als ein ſolcher 83 Geſang, welcher ſeinen patriotiſchen Gefühlen Rechnung trägt. Hier handelt es ſich um die Beſchreibung eines Siegs über die Dänen, und die Strophen, welche ſo eben über Anna's Lippen gleiten, lauten im Text fol⸗ gendermaßen: Als die Dänen wir hieben bei Mädelby zu Hauf, So fuhren wir fort bei Hedemorby'nauf Und pflanzten unſere Fahnen hoch zum Himmel auf.“ „Ich bin entzückt über dieſe liebliche Stimme“, ſagte Zubow in einem Tone, der an der Wahrheit ſeiner Worte nicht zweifeln ließ,„und jedenfalls werde ich mich glücklich ſchätzen, die Bekanntſchaft der Beſitzerin derſelben zu machen.“ „Nun, hegen Sie nicht zu große Erwartungen“, entgegnete der junge Mann lächelnd.„Alles iſt hier Einfachheit und Natur und auch meine Schweſter macht davon keine Ausnahme.“ Der Major hatte nicht Zeit, hierauf etwas zu er⸗ widern, denn beide Herren waren jetzt in die Hausflur getreten und Olof öffnete ohne Umſtände eine Seiten⸗ thür, welche unmittelbar in das Familienzimmer führte. Ein Greis von etwa ſiebzig Jahren mit ſchnee⸗ weißem Haar und einem edlen, freundlichen Geſicht, in dem ſich noch eine geſunde Friſche erhalten hatte, ſaß in einem Lehnſtuhl, und der Ausdruck der Befriedigung, 6* 84 welcher ſich in ſeinen Zügen ausſprach, legte davon Zeugniß ab, daß das eben vorgetragene Lied ſeine Wirkung bei ihm nicht verfehlt hatte. Anna ſaß ihm gegenüber und ihre Zither, deren Saiten ſie eben berührt, ruhte noch in ihrem Schooß. Sowie ihr Bruder eintrat, erhob ſie ſich und ſtand im Begriff, ihm entgegen zu eilen; als ſie aber einen Fremden an ſeiner Seite erblickte, trat ſie verwirrt zurück und erwiderte mit einem lieblichen Erröthen die ehrerbietige Verbeugung des Grafen. Auch der Veteran hatte ſich erhoben, aber als der Patriarch des Hauſes nahm er für den Augenblick eine reſervirte Stellung ein, indem er von ſeinem Neffen zunächſt eine Erklärung über den unerwarteten Beſuch vorauszuſetzen ſchien. Dieſer zögerte damit auch nicht, indem er in wenigen Worten ſein Zuſammentreffen mit dem Major ſchilderte und denſelben als einen von ihm eingeladenen Gaſt des Hauſes vorſtellte. „Seien Sie willkommen unter meinem Dach“, ſagte nunmehr der alte Herr, indem er Zubow mit einer höflichen Verbeugung die Hand reichte.„Ganz fremd ſind Sie mir nicht“, bemerkte er lächelnd, und als der Ruſſe verwundert aufblickte, fügte er, den ſchönen, mit weißen Locken bedeckten Kopf emporrichtend, nicht ohne militäriſchen Stolz hinzu:„Ich meine damit nicht Ihre —— 85 Perſon, ſondern Ihre Nation, welcher ich unter Gu⸗ ſtav's III. Führung auf ſo manchem Schlachtfelde ent⸗ gegengetreten bin.“ „Wir haben ſtets die Tapferkeit unſerer Gegner in Ehren gehalten“, erwiderte der Major zuvorkom⸗ mend. „Das hat Sie aber nicht abgehalten, unſerem Lande tiefe Wunden zu ſchlagen“, fuhr der alte Soldat mit einem Geſicht fort, in welchem ſich trotz der Höflichkeit, in die er ſeine Worte kleidete, ein gewiſſe Gereiztheit ausſprach. Der Graf war indeſſen ein viel zu feiner Welt⸗ mann, als daß er um eine beruhigende und auswei⸗ chende Antwort hätte verlegen ſein ſollen. „Die Reſultate eines Kriegs laſſen ſich nie vor⸗ ausſehen“, antwortete er,„und es iſt oft ebenſo ruhm⸗ voll, zu unterliegen, wie zu ſiegen.“ Das Geſicht des Veterans heiterte ſich auf, wäh⸗ rend auch um Anna's Mund ein Lächeln der Befrie⸗ digung ſpielte, was dem ſcharfen Blick des Majors nicht entging. „Man muß es Euch Herren Ruſſen zugeſtehen“, ſagte der Alte,„daß Ihr als Diplomaten von Niemand übertroffen werdet.“ „Nun, Oheim“, ſprach Olof heiter dazwiſchen,„ich 86 deenke, wir befinden uns hier auf neutralem Boden, und das Einzige, was wir zu thun haben, beſteht darin, unſerm Gaſt ſeinen Aufenthalt bei uns ſo angenehm wie möglich zu machen.“ „Gewiß“, lautete die Antwort,„und Dir und Deiner Schweſter liegt die Pflicht ob, mich herbei nach Kräften zu unterſtützen.“ „Ich werde auf keinen Fall länger wie bis morgen Ihre Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen“, ſagte Zubow. „Sie wollen alſo ſcheiden, ohne unſere ſchönen Berge und Seen näher in Augenſchein genommen zu haben?“ fragte Anna, indem ſie jetzt zum erſten Mal dem Grafen ihr Antlitz zukehrte und ſich dabei in den Reiz eines ungekünſtelten, aber gerade deshalb um ſo anziehendern Lächelns hüllte. Ein zuckender Blitz ſchoß unter den Wimpern des Grafen hervor, als er in die tiefblauen, ſeelenvollen Augen der jungen Dame blickte, um ihre Frage zu beantworten, und Anna beugte ſich dieſem Blick, in⸗ dem ſie unwillkürlich erröthete und ihr Herz lauter zu ſchlagen begann. Der Major war ein ſchöner Mann, in der Mitte der Dreißig, mit lebhaften ſchwarzen Augen, über welchen ſich eine Stirn wölbte, die von Intelligenz —yööööÿÿõÿõä ——ͤͤ —4— 87 zeugte, und ausgeſtattet mit ſchönen Körperformen, welche durch ſeine militäriſche Haltung noch gehoben wurden. Das Fräulein Jönſon dagegen mochte ungefähr achtzehn Jahre zählen. Ihr blondes Haar fiel in zwei vollen Scheiteln zu beiden Seiten ihrer Schläfe herab, ihr Teint war ſo rein und weiß wie der Schnee auf ihren heimatlichen Bergen, aber ein zar⸗ tes Roth vermiſchte ſich mit dieſer Weiße und ver⸗ lieh ihrem Geſicht eine Friſche und Feinheit, welche einen zauberiſchen Reiz über ſie ausgoß. Daß unter dieſen Umſtänden der Eindruck, welchen die beiden hier geſchilderten Perſonen auf einander machten, gegenſeitig ein ſehr günſtiger ſein mußte, wird dem Leſer um ſo natürlicher erſcheinen, wenn er in Betracht zieht, daß die junge Dame bisher niemals Gelegenheit gehabt, einem Mann gegenüber zu ſtehen, welcher durch und durch Hofmann und mit den feinſten Nüancen des geſellſchaftlichen Umgangstons vertraut war, während der Graf wieder in den Salons, in denen er bisher verkehrt, wohl ſehr geiſtreiche Frauen, niemals aber einem Naturkinde von ſolcher Anmuth und Schönheit begegnet war. Im Laufe des Geſprächs, welches durch die Gewandtheit des Majors bald eine ſolche Wendung nahm, daß jeder Einzelne ſich mit 89 „Eine ſogenannte moderne Bildung hat freilich meine Nichte nicht genoſſen, denn ſie war niemals in einem Penſionat und die Natur iſt ſtets ihre alleinige Lehrmeiſterin geblieben. Deshalb habe ich aber doch Sorge getragen, daß ihr die Gelegenheit geboten wurde, das zu lernen, was ſie dereinſt befähigt, ſich in den höhern Kreiſen zu bewegen. Dem würdigen Pfarrer von Tammela, unſerm Nachbar, verdankt ſie ihren wiſſenſchaftlichen Unterricht, während der Organiſt des Kirchenſpiels ihr Lehrer in der Muſik war, und was die franzöſiſche Sprache anbelangt, ſo hat es ein ge⸗ bildeter Mann, den die politiſchen Verhältniſſe ſeines Vaterlandes bis tief in unſern Norden, nach dem benachbarten Städtchen Lowiſa verſchlugen, übernommen, ſie damit vertraut zu machen.“ „Bei ſo vielem Talent und bei ſo großer Anmuth“, bemerkte Zubow, ſich artig verbeugend,„iſt es in Wahrheit zu bedauern, daß dem gnädigen Fräulein nicht die Gelegenheit geboten wird, Beides in Krei⸗ ſen zu entfalten, wo man ſolchen Werth zu würdigen verſteht.“ „O, glauben Sie denn nicht, daß mein guter Oheim es anzuerkennen weiß, wenn ich ihm ein Herz voll Liebe und Dankbarkeit entgegentrage?“ rief Anna, indem ſie dem Greiſe einen Blick kindlicher Zärtlichkeit 88 Intereſſe und mit einer gewiſſen Wärme daran bethei⸗ ligte, fand derſelbe übrigens auch bald Gelegenheit die Wahrnehmung zu machen, daß es der jungen Dame keineswegs an natürlichem Verſtand mangelte und daß ſie auf einer Bildungsſtufe ſtand, die nur durch einen gründlichen und ſorgfältigen Schulunterricht hatte erreicht werden können. Ein ſchöner Flügel, welcher die eine Seite des Wohnzimmers einnahm, legte davon Zeugniß ab, daß dem Fräulein die Handhabung dieſes Inſtruments nicht fremd ſei, und als Zubow einige flüchtige Blicke auf die ausgebreiteten Noten warf, erkannte er ſofort, daß er es mit keiner Anfängerin zu thun habe. Seine Neugier wurde dadurch gereizt und er begann Anna in franzöſiſcher Sprache anzureden, aber ſichtbar über⸗ raſchte es ihn, als er eine ſehr correcte, in den reinſten Accent gekleidete Antwort erhielt. Der alte Herr hatte die Art und Weiſe, durch welche ſich der Major über den Bildungsgrad ſeiner Nichte zu unterrichten ſtrebte, bisher ſchweigend und mit einem heimlichen Lächeln der Genugthuung verfolgt, als aber ſein Gaſt es jetzt für Pflicht hielt, der jungen Dame über die Befähigung, welche ſie an den Tag gelegt, etwas Schmeichelhaftes zu ſagen, da ergriff er ſtatt ihrer das Wort und be⸗ merkte, zu dem Grafen gewendet: —— 90 zuwarf und ihre kleine ſchmale Hand in ſeine geöffnete Rechte legte. 34 „Ja, Du biſt meine gute liebe Tochter“, bemerkte der Veteran mit einem warmen Händedruck,„und Gott gebe, daß Deine klaren Augen, die zu meiner Freude leuchten, nie durch Schmerz und Kummer getrübt werden.“ Ein leiſes Zucken in dem Antlitz des Grafen ver⸗ rieth, daß dieſe mit bewegter Stimme ausgeſprochenen Worte nicht ohne tiefen Eindruck auf ihn geblieben waren. Vielleicht ſchwebten ihm in dieſem Augenblick die eigenen Enttäuſchungen, welche er in Petersburg erlebt hatte, vor Augen, vielleicht vermiſchte ſich damit auch ein anderes Gefühl, über welches er ſich jedoch keine klare Rechnung abzulegen vermochte, genug, er ſenkte eine Sekunde ſeine Augen zu Boden und hob ſie erſt wieder, als die Stimme des Veterans abermals an ſein Ohr ſchlug. „Es liegt übrigens durchaus nicht in meinem Plan“, begann er,„Anna hier in dieſer abgelegenen Gegend für immer zurückzuhalten. Ich bin alt und erkenne es als meine Pflicht, ihre Zukunft ſicher zu ſtellen. Es gehört alſo gar nicht zu den Unmöglichkeiten, daß meine Nichte ſehr bald dieſes ſtille Haus verläßt, um in Stockholm ein ſtandesgemäßes Unterkommen zu finden.“ 91 „Nein, ich will nicht fort“, rief das junge Mädchen, ihren ſchönen Kopf zärtlich an die Schulter des Greiſes ſchmiegend;„ich fühle mich hier glücklich und es iſt meine Aufgabe, Dir, mein guter lieber Oheim, Deine Tage, ſoweit dies in meinen Kräften ſteht, zu verſüßen.“ „Da ſehen Sie den kleinen Eigenſinn“, bemerkte lächelnd der Veteran, indem er ſchmeichelnd mit der Hand über das volle weiche Haar des jungen Mäd⸗ chens fuhr;„eines alten Mannes wegen will das thö⸗ richte Kind auf alle die Freuden und Herrlichkeiten verzichten, welche ihrer in der Hauptſtadt und am Hofe warten. Potz Blitz, ich erinnere mich noch lebhaft der heitern und luſtigen Tage, welche ich in der unmittel⸗ baren Nähe Guſtav's III. verlebt habe; da konnte man Galanterie und Sitte im Kreiſe ſchöner und liebens⸗ würdiger Frauen lernen und Seine Majeſtät ſelbſt waren in jeder Beziehung ein Bild hoher Ritterlichkeit und männlicher Anmuth!“ Die Augen des alten Herrn leuchteten auf, als er dieſe Worte ſprach; man ſah es ihm an, daß in dieſem Augenblick in ſeinem Geiſte die Erinnerung an einen der ſchönſten Theile ſeines Jugendlebens in erneuerten friſchen Farben auftauchte. Dann aber bedeckte ein Schatten ſein Geſicht, und indem er ſein Haupt auf die Bruſt ſinken ließ, murmelte er: 92 „Armer Guſtav, dennoch mußteſt Du von der Hand eines Mörders ſterben! Verrath unter Deinen nächſten Verwandten, Verrath unter Deiner vertraute⸗ ſten Umgebung! Fluch, Fluch über den Elenden, wel⸗ cher ſich nicht ſcheute, die Hand an Deine geheiligte Perſon zu legen! Gebe Gott, daß das Verhängniß nicht auch Deinen Nachfolger ereilt!“ Dieſer Ausbruch des Schmerzes, welchem ſich der Greis ſo plötzlich hingab, erzeugte bei den übrigen Mitgliedern der kleinen Geſellſchaft einige Verlegenheit. Das Geſpräch war ins Stocken gerathen und der Graf wußte trotz der Gewandtheit, die ihm eigen war, im nächſten Augenblick nicht, wie er auf ſchickliche Weiſe eingreifen ſollte. Da erhob ſich Anna, und indem ſie ſich zu ihrem Oheim niederbeugte, ſagte ſie mit ihrer ſanften, zum Herzen ſprechenden Stimme in einſchmei⸗ chelndem Tone: „Du haſt eine Saite berührt, die, wie ich weiß, jedesmal wieder alte Wunden bei Dir aufreißt. Aber ich werde auch diesmal Dein Arzt ſein, wie ich es in ſolchen Fällen ſchon oft geweſen bin; ich werde Dir ein patriotiſches Lied ſingen, und ich wette, Dein Herz wird hierdurch wieder beruhigt werden.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff die junge Dame die neben ihr liegende Zither, und nachdem ſie als Präludium ————— —y—— — ————-— einige Accorde auf derſelben angeſchlagen, begann ſie mit ihrer anſprechenden Stimme eines jener finiſchen Volkslieder vorzutragen, welches wir in der Ueber⸗ ſetzung dem Leſer wie folgt wiedergeben: 93 Es lebe der König, der redliche Fürſt, Auch über Finland, Auch dort Ordnung, Thätigkeit, Kenntniß Pflanze er! Auf der Waſa Sitz Mit der Waſa Rath Herrſche er! Selbſt in des Waldes Hütte Des Vaterloſen Habe, Des Kleinſten Eigenthum Schütze er! Hindre, o Gott, Der Bosheit Ränke Auf der Dunkelheit Wegen; Ihm, der unſere Freude iſt, Unſere Seligkeit, unſere Hoffnung, Ihm wollen wir ſein, Was er uns iſt. Tauſender Zuflucht, Herzens Beſchützer, Lebe er! Als Anna geendet hatte, ſprang ſie auf, eilte auf ihren Oheim zu, ergriff deſſen beide Hände, und in⸗ dem ſie ihm lächelnd ins Geſicht blickte, rief ſie mit ſchelmiſcher Naivetät: 94 „Biſt Du nun zufrieden mit Deiner Tochter? Habe ich es verſtanden, die trübe Wolke zu verſcheuchen, welche ſich bei der Erinnerung an Deinen geliebten König auf Deiner Stirn gelagert hatte? O geſtehe es nur“, ſetzte ſie in neckiſcher Herausforderung hinzu, ſ „ich bin Dir unentbehrlich, und der Herrenhof von Sarlaa würde Dir nur halb ſo lieb ſein, wenn Deine Anna Dir fehlte.“ „Du biſt in Wahrheit ein liebes, gutes Kind“, ant⸗ wortete der Veteran.„Möge Gott Deine Tage ſegnen und es nie geſtatten, daß eine Thräne des Schmerzes Deine friſchen, roſigen Wangen befeuchtet.“ „Mich ſollte der Schmerz heimſuchen?“ rief das junge Mädchen in lachender Unbefangenheit.„Nein, mein theurer Oheim, ſolange Deine väterliche Güte gegen mich nicht aufhört, ſolange ich von unſern ſchönen Bergen unſere herrlichen Seen überſchauen kann, ſolange mein Bruder Olof mir ſeine Liebe ſchenkt, ſolange werde ich nur Glück und Zufrieden⸗ M heit empfinden. Und doch“, fuhr ſie nach einer kleinen. Pauſe fort, wobei ſich ihr Blick nachdenkend zu Boden ſenkte,„und doch, wer kann es wiſſen, wie die Geſchicke eines Menſchen ſich geſtalten, und wer vermag den Schleier der unenthüllten Zukunft zu lüften?“ Anna's eben noch ſo heiteres Antlitz hüllte ſich bei —.-⸗é—— 95 dieſen Worten in eine ſchwärmeriſche Melancholie, über die ſie ſich in dieſem Augenblick wahrſcheinlich ſelbſt keine klare Rechnung abzulegen vermochte. Wie ſie aber jetzt ihre dunklen Augen wieder emporſchlug, begegnete ſie den Blicken Zubow's, und als ſei ſie auf einer Schuld ertappt worden, übergoß ein tiefes Roth ihre Wangen. Sehr willkommen war es ihr daher, als ihr Oheim ſich gerade in dieſem Augenblick erhob und hier⸗ mit das Zeichen zum Aufbruch gab. „Unſer Gaſt wird müde ſein“, ſagte Major Jönſon, „und über Gebühr haben wir ihn bereits aufge⸗ halten, woran Du hauptſächlich ſchuld biſt, Du kleine Plaudrerin. Ich nehme übrigens an“, fuhr er zu dem Grafen gewendet fort,„daß Sie mindeſtens auf einige Wochen unſer Gaſt bleiben werden, und ſo⸗ mit gute Nacht, mein Herr, und möge Ihr Schlaf ein recht erquickender ſein.“ Auch Anna fügte halb ſchelmiſch, halb ſchüchtern erröthend einige Worte hinzu. „Nehmen Sie ſich vor den Nymphen und Wald⸗ geiſtern in Acht“, ſagte ſie lächelnd und mit dem Finger drohend.„In unſern Bergen und Seen gibt es deren eine Menge, und wenn ſie gerade ihre Laune haben, ſo muß der Fremdling dafür büßen, denn ſie umſchwärmen ihn neckend und allerhand Schelmerei treibend im Traume.“ —— „Ich beſitze einen Talisman, welcher mich vor al⸗ lem Spuk ſchützt“, bemerkte lachend der Major.„Wenn es dieſe luftigen Mondſcheingeſtalten zu arg machen ſollten, ſo werde ich nur einen Namen nennen und ich bin überzeugt, daß dieſer Name auf Ihre finiſchen Gnome und Sylphen denſelben Zauber ausüben wird, wie dies bei mir der Fall iſt.“ Die junge Dame erröthete und im nächſten Augen⸗ blick war ſie mit einer artigen Verbeugung hinter der Thür verſchwunden, während Olof den Gaſt nach dem für dieſen beſtimmten Wohnzimmer führte. 5 Das weiche, bequeme Bett that dem Grafen wohl, denn er hatte in den letzten vierzehn Tagen die Nächte theils im Freien, theils nur unter großer Vorſicht in elenden Dorfſchenken zubringen müſſen. Mit dem phy⸗ ſiſchen Behagen machte ſich aber auch gleichzeitig eine größere geiſtige Beweglichkeit geltend. Das liebens⸗ würdige junge Mädchen, deſſen Bekanntſchaft er heute gemacht hatte, beſchäftigte ihn auf das lebhafteſte, und ſelbſtverſtändlich kehrten dabei auch ſeine Betrachtungen zu der Franzöſin zurück, von welcher er in ſo gröbli⸗ cher und treuloſer Weiſe hintergangen worden war. Noch vor wenigen Wochen hatte er geglaubt, für Fräu⸗ lein d'Ecars eine tiefe und wahre Liebe zu empfinden, jetzt erkannte er, daß dieſe Liebe nur ein ſinnlicher Rauſch geweſen war, welchen ihre feurigen Blicke, ihre anſprechende Geſtalt, ihr einſchmeichelndes Weſen bei ihm hervorgerufen hatten. Er legte die Hand auf ſein Herz und fühlte, daß daſſelbe, indem ſeine Erinnerung bei dieſer Treuloſen verweilte, nicht ſtärker wie ge⸗ wöhnlich ſchlug. Die vierzehn Tage des Umherſtrei⸗ fens hatten vollſtändig hingereicht, ihn von einer Lei⸗ denſchaft zu einer Unwürdigen zu heilen, und da ſich ſonſt dergleichen dem menſchlichen Herzen geſchlagene Wunden nur langſam zu ſchließen pflegen, ſo zog er aus dieſer ſchnellen Heilung jetzt mit kaltem Blute den ganz richtigen Schluß, daß die Leidenſchaft, welche er für die Franzöſin empfunden hatte, doch wohl eigent⸗ lich mehr eine Selbſttäuſchung als wirkliche Liebe ge⸗ weſen ſei. Dagegen trat die Geſtalt Anna's in ihrer ganzen Lieblichkeit bei ihm immer ſtärker in den Vordergrund. Ein Kind der Natur und doch voll Zartgefühl und feiner Bildung, offen und natürlich in ihrem ganzen Auftreten und doch wieder ſo zurückhaltend und jung⸗ fräulich keuſch: wie goldenes Sonnenlicht ſchien es ihre Geſtalt zu umfließen, als dieſe jetzt als eine neue, ſei⸗ nen Lebenspfad erhellende Erſcheinung vor ſein träu⸗ meriſches Inneres trat. Wohl hatte die junge Dame Recht gehabt, als ſie ihn beim Scheiden vor den necki⸗ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I.— 7 —JDJ————————xxõÿÿꝛrür e 98 ſchen Nachtgeiſtern warnte, aber gewiß war ihr dabei keine Ahnung geworden, daß ſie ſelbſt dem Grafen in ſeinen Träumen als eine zweite nordiſche Loreley er⸗ ſcheinen ſollte. Am andern Tage langte auf dem Herrenhofe Be⸗ ſuch an. Ein entfernter Verwandter, ein Lieutenant von Holm, welcher die kleine Beſatzung in Lowiſa befehligte und ſich infolge deſſen den ſtolzen Titel Commandant octroyirt hatte, erſchien, um, wie er ſagte, ein unabwendbares Bedürfniß zu befriedigen und ſich nach dem Befinden ſeiner ſchönen Couſine zu erkundi⸗ gen. Er war eine lang aufgeſchoſſene, in eine enge Uniform gepreßte Figur und ſein Aeußeres konnte we⸗ der ſchön noch häßlich genannt werden. In ſeinem Weſen ſprach ſich eine Ueberhebung aus, welche theils wohl aus ſeiner Eitelkeit, theils aus ganz verkehrten Begriffen über ſeinen militäriſchen Rang und ſeine Stellung als Commandant einer kleinen unbedeutenden Grenzſtadt entſprang. Aber in ſeinen Augen lauerte auch etwas, das auf heftige Leidenſchaften und Rach⸗ ſucht hindeutete. „Da biſt Du ja, Neffe“, ſagte der alte Major Jön⸗ ſon, als der Lieutenant eintrat.„Nun, das iſt recht, daß Du Dich wieder einmal ſehen läßt, und hoffent⸗ 99 lich wird es Deine Zeit erlauben, daß Du einige Tage in unſerer Mitte verweilſt?“ „In der Vorausſetzung, daß ich nicht läſtig falle“, entgegnete Herr von Holm,„habe ich mir wirklich einen unbeſtimmten Urlaub ertheilt und meinen Feld⸗ webel inzwiſchen zu meinem Stellvertreter ernannt. Ach, Couſinchen, wenn Du wüßteſt, wie lang mir die Zeit geworden iſt, ſeitdem ich Dich zum letzten Mal geſehen habe“, wendete er ſich zu Anna,„ſo würde Dein Herz gewiß Mitleid mit mir empfunden haben. Darf ich hoffen, daß auch Du Deines treuen Seladons mitunter gedacht haſt?“ „Wenn ich Dir die Wahrheit ſagen ſoll“, entgeg⸗ nete die junge Dame mit einem muthwilligen Lachen, „ſo iſt dies nicht der Fall geweſen. Ich denke aber, Dein Schlaf und Dein Appetit werden hierunter nicht leiden, und was den Seladon anbelangt, ſo iſt es Deine Sache, wie Du einen Titel, wozu ich Dir weder die Erlaubniß noch ein Recht gegeben habe, zu vertre⸗ ten denkſt.“ „Du ſcheinſt heute nicht beſonders gut gelaunt auf⸗ geſtanden zu ſein, mein Blümchen Wunderhold“, ent⸗ gegnete Herr von Holm, indem er ſeinen Aerger hinter einem Lächeln zu verbergen ſuchte. „Im Gegentheil, ſehr gut gelaunt“, entgegnete die 7* junge Dame, indem ihr Blick dabei den Ruſſen ſtreifte. „Sorge nur dafür, daß mir dieſe Laune nicht verdor⸗ ben wird.“ Die Lippen des Lieutenants zuckten, ſeine Stirn legte ſich in Falten und er wollte eben eine pikirte Ant⸗ wort geben, als das Dazwiſchentreten des Veterans dies verhinderte. „Wir haben bisher eine Höflichkeit verſäumt, welche wir nicht länger aufſchieben dürfen“, ſagte er.„Der Zufall hat uns einen werthen Gaſt zugeführt. Graf Zubow“, fügte er, auf dieſen weiſend, hinzu;„mein Neffe, Lieutenant von Holm“, ergänzte er. Beide Herren verbeugten ſich, der Major unbefan⸗ gen, Herr von Holm mit einem finſtern Blick. „Zubow? Zubow?“ wiederholte er.„Ich meine dieſen Namen erſt vor kurzem irgendwo gehört oder geleſen zu haben.“ „Die Familie iſt in Rußland ſehr verbreitet“, ent⸗ gegnete der Major. „Wohl möglich; indeſſen der Umſtand, daß Ihr Name mir ſo bekannt vorkommt, hat einen andern Grund. Ich kann mich nur augenblicklich nicht darauf beſinnen, in welchem Zuſammenhang derſelbe mit einer gewiſſen Thatſache ſteht.“ Anna warf einen zürnenden Blick auf den Lieutenant. 101 „Vetter“, ſagte ſie,„ich ſollte meinen, Du ſetzeſt den Herrn durch ſolche Fragen in Verlegenheit.“ „Keineswegs“, entgegnete der Major artig, aber doch nicht ohne Verlegenheit.„Im Gegentheil, ich bin Ih⸗ rem Verwandten für das Intereſſe, welches er für meinen Namen hegt, gebührend verbunden.“ „Nun, Herr Graf“, entgegnete Holm, und ein ſchar⸗ fer Blick begleitete dieſe Worte,„jedenfalls muß ſich hinter dieſem Namen etwas Anziehendes verbergen, da meine kleine Couſine ſo offen Partei für Sie nimmt.“ „Genug!“ rief Anna mit zornblitzenden Augen.„Du überſchreiteſt die Grenzen der Höflichkeit und wirſt rück⸗ ſichtslos.“ „Eine derbe Lehre, Couſinchen, die ich Deiner Laune zu gute halte. Ich thue aber noch mehr, ich bitte Dich um Verzeihung; biſt Du damit zufrieden?“ „Schließt Frieden, Kinder“, rief der Veteran.„Nehmt Euch ein Beiſpiel an mir. Trotz meiner ſiebzig Jahre ſeht Ihr mich ſtets bei guter Laune. Und nun fort in die Berge hinaus! Soll das Alter die Jugend daran mahnen, daß friſche Luft und Bewegung den Geiſt aufheitern und den Appetit ſtärken?“ Dieſer Aufforderung wurde mit Vergnügen Folge geleiſtet; es lag hierin das beſte Mittel, dieſer Situa⸗ tion, welche bereits begonnen hatte, peinlich zu werden, ein Ende zu machen. In fünf Minuten kehrte Anna mit einem leichten Hute bekleidet zurück und eilte den Uebrigen mit ſtrahlendem Auge im vollen Reize mäd⸗ chenhafter Lieblichkeit voran. „Halt, Schweſterchen“, rief Olof ſcherzend;„glaubſt Du denn, daß Du ein Schmetterling biſt, dem wir nachjagen ſollen?“ „Und dann vergiß nicht, daß der Schmetterling das Symbol der Unbeſtändigkeit iſt“, fügte Holm ſcheinbar ſcherzend, aber doch mit einem Anflug von Gereiztheit hinzu. „Was nennſt Du Unbeſtändigkeit, Vetter?“ fragte Anna ſich umwendend.„Ich will Dir die Ungezogen⸗ heit, welche in Deinen Worten gegen mich liegt, ver⸗ zeihen, blos um Dir zu zeigen, wie gleichgültig mir überhaupt Dein Urtheil über meine Perſon iſt, muß Dir aber doch dabei bemerken, daß ich in Zukunft der⸗ artige Bemerkungen entſchieden als ſolche zurückweiſen werde, zu denen Du weder befugt noch berechtigt biſt.“ „Oho!“ rief der lange Lieutenant lachend,„mein wunderſchönes Bäschen zürnt Ihrem treueſten und er⸗ gebenſten Ritter. Nun, ich werde nicht verfehlen, Dir bei der erſten paſſenden Gelegenheit knieend Abbitte zu thun.“ „Erſpare Dir dieſe Mühe“, antwortete die junge 103 Dame,„denn ſie möchte jedenfalls mit einer Niederlage für Dich endigen.“ „Aber wie ſo, mein holdes Couſinchen?“ „Weil ich Dich liegen laſſen und auf keinen Fall auffordern würde, dieſe von Dir ſelbſtgewählte beſchei⸗ dene Stellung wieder aufzugeben.“ Olof lachte hell auf und auch Zubow vermochte nicht ein ſtilles Lächeln zu unterdrücken. Dieſes letz⸗ tere ſchien Holm beſonders zu verdrießen und ein fin⸗ ſterer, rachſüchtiger Blick ſchoß aus ſeinen blaßblauen, geiſtloſen Augen. Aber er wußte ſich zu beherrſchen und antwortete lächelnd: „Ich ſcheine heute allerdings auf keine großen Er⸗ folge bei Dir rechnen zu können, mein Bäschen. Dies ſoll mich indeſſen nicht abhalten, Dir auch ferner mit aller Treue und Ergebenheit zu dienen.“ Anna gab hierauf keine Antwort. Den Herren immer um einige Schritte voraus, ſtand ſie jetzt auf dem Plateau eines Felſens und ihr Geſicht ſtrahlte von Luſt und Freude. „Wie gefällt Ihnen dieſes Bild, Herr Graf?“ rief ſie, ſich an Zubow wendend.„Betrachten Sie dieſen prächtigen See mit ſeinem klaren Waſſer, eingefaßt von dicht belaubten Buchen und Tannen; ſehen Sie nur, wie ſeine Ufer ſanft anſteigen, während ſich im Hin⸗ 104 tergrunde halbkreisförmig wieder Berge erheben und dort zur Seite ſich ein lachendes Thal aufthut, durch welches ſich ein kleiner Fluß ſchlängelt, welcher wieder in einen entfernter liegenden See mündet, deſſen Silberbecken aus weiter Ferne in der Sonne glänzt und glitzert. Spre⸗ chen Sie, iſt dies nicht die ſchönſte Lobrede, welche von der Natur ſelbſt meinem geliebten Finland gehalten wird?“ „Es iſt allerdings ein reizender Punkt, was aber die Lobrede anbelangt, ſo erhält dieſelbe erſt jetzt ih⸗ ren rechten Werth für mich, ſeitdem Sie ſich zur Dol⸗ metſcherin dieſer ſchönen Natur gemacht haben.“ Anna neigte zum Zeichen des Dankes mit einem freundlichen Bicke den Kopf, Holm aber, welcher dicht hinter beiden ſtand, brach in ein halblautes, unſchick⸗ liches Gelächter aus. „Wie ich wahrnehme, treibt man auch in Rußland Poeſie, Herr Graf?“ rief er ſpöttiſch. „O ja“, entgegnete dieſer ſich umwendend, trocken doch mit einem ernſten Blick und nicht ohne Nachdruck „beſonders in den Epigrammen iſt man ſehr ſtark.“ Der Lieutenant wurde feuerroth, er fühlte den fei⸗ nen Sinn dieſer Bemerkung ſehr wohl heraus, und das helle Gelächter, welches Anna und Olof aufſchlugen, vermehrte noch ſeine Verlegenheit. „Für diesmal haben Sie mich beſiegt, Herr Major“ 105 ſagte er, und ein neuer finſterer Blick traf denſelben, „indeſſen ich hoffe, die Umſtände werden mir günſtig ſein, um meine Revanche in nicht zu ferner Zeit neh⸗ men zu können.“ Mißtrauiſch betrachtete ihn Zubow einen Augen⸗ blick; er fühlte, daß in der Seele dieſes Menſchen et⸗ was vorging, was gegen ihn gerichtet war und ihn mahnte, auf ſeiner Hut zu ſein. Bei der Rückkehr nach dem Herrenhauſe wußte Holm die Gelegenheit zu benutzen, wo der Graf mit Olof einige Schritte vorausging, um ſich an die Seite Anna's zu drängen. „Ich muß wiſſen, woher Deine heutige üble Laune kommt, Couſine“, ſagte er, indem er einen einſchmei⸗ chelnden Ton einzuhalten bemüht war. „Meine üble Laune? Ich wüßte nicht, daß eine ſolche von mir an den Tag gelegt worden wäre.“ „Allerdings. Du haſt mich kalt und abſtoßend be⸗ handelt. Kannſt Du dies leugnen?“ „Seifenblaſen!“ entgegnete das Fräulein, leicht mit den Achſeln zuckend.„Seifenblaſen, welche Deine er⸗ hitzte Phantaſie in die Luft getrieben hat.“ „Keineswegs. Du haſt mich tief verletzt und den Ruſſen dagegen ſichtbar bevorzugt. Wer iſt dieſer Menſch? Ich will es wiſſen!“ 106 Anna heftete ihre Blicke mit einem ſtolzen Aus⸗ druck auf den Fragſteller.„Was berechtigt Dich zu einer ſolchen Frage?“ erwiderte ſie feſt.„Iſt mein Oheim oder biſt Du Herr auf Sarlaa? Faſt ſollte man das Letztere meinen, wenn man Dich ſo reden hört.“ „Du ſollſt mir nicht ausweichen! Du weißt wohl, auf welches Recht ich mich ſtütze, Couſine. Höre mich. Die Gefühle, welche ich für Dich hege, können Dir nicht fremd geblieben ſein, aber Du kennſt vielleicht nicht den Umfang und die Stärke derſelben.“ „Höre auf!“ rief das Fräulein, mit großer Ent⸗ ſchiedenheit mit dem Kopfe ſchüttelnd. „Nein“, entgegnete Holm.„Weshalb ſoll ich nicht von meiner Liebe reden, die Dir unmöglich fremd ge⸗ blieben ſein kann? Du haſt eine Flamme in mir ent⸗ zündet, welche ich nicht mehr zu unterdrücken vermöchte, ſelbſt wenn ich wollte. Binnen kurzer Zeit wird meine Beförderung zum Kapitän erfolgen, der Realiſirung meiner Hoffnungen ſteht dann nichts mehr im Wege. Kannſt Du es mir verdenken, daß es mir unangenehm iſt, wenn ſich plötzlich ein Fremder zwiſchen uns drängt, um deſſentwillen ich mir Demüthigungen von Dir ge⸗ fallen laſſen muß?“ „Du thuſt ja wirklich, als wenn ich ſchon Dein Eigenthum wäre, über welches Du nach Gutdünken 107 verfügen kannſt“, bemerkte mit einer ſtolzen, abweiſen⸗ den Geberde die junge Dame.„Ich habe Dir nie eine Aufmunterung zu Theil werden laſſen, die Dich zu ſo falſchen Annahmen berechtigen könnte, und kurz und gut, Vetter, ſchlage Dir ein⸗ für allemal eine ſolche Verbin⸗ dung zwiſchen uns, wie Du ſie eben angedeutet haſt, aus dem Sinn.“ Holm wurde glühendroth, ſeine Stirn zog ſich finſter zuſammen.„Ich kann das nicht glauben, Anna! Eine augenblickliche Laune gibt Dir dieſe Worte ein. Du würdeſt mich zur Verzweiflung treiben.“ „Dennoch muß ich Dich bitten, Dir auch nicht die geringſten Illuſionen zu machen.“ „Und dies Alles dieſes Ruſſen wegen!“ platzte der Lieutenant heraus. „Werde nicht beleidigend.“ „O verſtelle Dich nur nicht! Trotz der Maske, walche Du vornimmſt, erkenne ich die Wahrheit heraus. Aber ſieh Dich vor, Couſine. Dieſer Fremde darf nicht zwi⸗ ſchen uns treten; ich ſchwöre es Dir, er muß den Platz räumen, es koſte, was es wolle!“ „Du ſprichſt im Wahnſinn“, entgegnete das Fräu⸗ lein abſtoßend. „Allerdings treibſt Du mich durch Deine Kälte zum Wahnſinn. Dieſer Zubow— ſein Name fiel mir ſchon 108 heute Morgen auf— weshalb kommt er mir ſo be⸗ kannt vor? Er muß mit irgend einer That, mit irgend einem Ereigniß in Verbindung ſtehen, und ich werde mir darüber Klarheit verſchaffen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen!“ Anna erſchrak im Stillen. Dieſe Worte klangen wie eine Drohung, welche etwas Gefahrbringendes für den Grafen enthielt. Sie erbebte bei dem Gedanken, daß vielleicht ihr unvorſichtiges Benehmen die Urſache ſein könnte, dieſe Gefahr auf einen Mann herabzube⸗ ſchwören, welcher ihr vom erſten Augenblick an ſo viel Intereſſe eingeflößt hatte. Aus dieſem Grunde beſchloß ſie für den Augenblick einzulenken. „Wir wollen wieder Frieden ſchließen, Vetter”, hagte ſie, Holm ihre kleine Hand entgegenſtreckende„wir wol⸗ len in derſelben Weiſe wie bisher Freunde bleiben und⸗ damit iſt die Sache abgemacht.“ „Du gibſt mir alſo Hoffmung?“ „Ach geh doch! Treibſt Du ſchon wieder Deimen Scherz?“ „Anna“, entgegnete der Lieutenant,„täuſche Dich nicht. Meine Leidenſchaft zu Dir iſt größer, als Du glaubſt. Wie ich aber glühend zu lieben vermag, ſo ver⸗ mag ich auch glühend zu haſſen. Merke Dir das: wer ſich zwiſchen uns beide ſtellt, iſt mein Todfeind, und — — 109 halte Dich verſichert, ich vernichte ihn mit allen Mit⸗ teln, die mir zu Gebote ſtehen!“ „Genug! Ich weiß jetzt, was ich von Dir halten ſoll. Du haſt eine Scheidewand zwiſchen uns aufge⸗ richtet, welche uns für immer trennt!“ „Anna“, rief Holm, welcher doch fühlen mochte, daß er zu weit gegangen,„Anna, höre mich!“ Aber mit ſtolz erhobenem Kopfe entfernte ſich das junge Mädchen von ihm raſchen Schrittes und geſellte ſich zu ihrem Bruder Olof und dem Grafen, welche etwa fünfzig Schritte voraus waren. Einen Fluch vor ſich hinmurmelnd, folgte der Lieutenant langſam nach, ſeine Blicke richteten ſich abermals auf den Ruſſen und von neuem ſchoß ein finſterer Blitz aus ſeinen Augen. Als die kleine Geſellſchaft wieder nach dem Her⸗ renhofe zurückgekehrt war, überraſchte ſie der Veteran mit einer Nachricht, die, wie er meinte, beſonders den jungen Herren gewiß großes Vergnügen bereiten werde. „So eben meldete mir“, ſagte Major Jönſon,„unſer alter Jäger Björn, daß er die friſche Spur eines Bä⸗ ren entdeckt habe.“ „Eines Bären?“ rief der Graf und richtete ſich voll Waidmannsluſt freudig überraſcht empor. „Haben Sie denn eine ſolche Jagd ſchon einmal mitgemacht?“ fragte der alte Herr. 110 „Vor Jahren genoß ich in Sibirien das Vergnügen, wohin ich damals von der Regierung geſchickt wurde, um Vermeſſungen vorzunehmen. Die Eingeborenen und namentlich die Jakuten gehen dabei mitunter mit gro⸗ ßer Kühnheit zu Werke. Ich erinnere mich eines ſol⸗ chen Falles.“ „Bitte, erzählen Sie“, rief Olof;„das wird uns alle intereſſiren.“ „Nun“, ſagte Zubow,„es kommt dort wohl mit⸗ unter vor, daß einzelne kühne und gewandte Jäger dem Bären im Einzelkampfe zu Leibe gehen. Sie be⸗ dienen ſich dazu eines langen ſpitzen Meſſers und um⸗ wickeln den linken Arm dick mit Schaffellen, ſodaß ſelbſt das furchtbare, mit ſpitzen Zähnen verſehene Ge⸗ biß des auf dieſe Weiſe geſtellten Thieres denſelben nicht zu durchbeißen vermag. Bei dem Angriff ſelbſt hält der Jäger den geſchützten linken Arm weit vor und fährt damit dem Bären in den Rachen, während er ihm gleichzeitig in demſelben Augenblick das Meſſer in das Herz ſtößt. Bei einem Fehlſtoß iſt der Angrei⸗ fer natürlich in den meiſten Fällen verloren.“ „Nun“, ſagte Olof,„bei uns und in Norwegen kommt mitunter etwas Aehnliches vor, nur bedient man ſich hier noch eines kurzen harten Holzkeils, welchen man dem Thiere in den geöffneten Rachen ſtößt. Im⸗ 111 mer bleibt das Experiment aber ebenfalls ſehr gefähr⸗ lich und läuft nicht ſelten unglücklich ab.“ „Das glaube ich wohl“, entgegnete der Graf,„aber hoffentlich wird uns dies nicht verhindern, Freund Petz 3 aufzuſuchen. Mein Jägerblut iſt in Wallung gerathen.“ „Glauben Sie etwa, daß mich die Nachricht kalt läßt?“ ſagte Olof.„Eine ſolche Gelegenheit bietet ſich nicht alle Tage. Du wirſt doch mit von der Partie ſein, Vetter?“ fragte er, ſich an Holm wendend. „Natürlich“, antwortete dieſer;„wann brechen wir auf?“ „Morgen mit dem Früheſten.“ „Um wie viel Uhr?“ „Jedenfalls ſo früh, daß die Sonne den Thau noch nicht aufgezehrt hat, denn wir müſſen es den Hunden überlaſſen, das Lager des Wildes aufzufinden, und eine naſſe Spur iſt für dieſe jedenfalls leichter zu verfolgen als eine trockene.“ „So beſtimme die Stunde.“ „Ich denke, ſechs Uhr wird gerade die richtige Zeit ſein.“ „Und ich werde die Herren auf ihrem Jagdzuge begleiten“, rief Anna plötzlich,„denn es könnte ja Wunden zu verbinden geben“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu. „Du willſt uns wirklich begleiten, Schweſter?“ fragte Olof ernſt. 112 „Es iſt mein ganz beſtimmter Wille, und Du weißt, in manchen Dingen bin ich eigenſinnig.“ „Aber fürchten Sie denn nicht die Gefahr?“ fragte der Graf, halb beſorgt, halb verwundert über den Be⸗ ſchluß des Fräuleins. „Ein finiſches Mädchen kennt keine Gefahr“, ent⸗ gegnete dieſes in einem Tone, welcher erkennen ließ, daß an dieſer Verſicherung nicht zu zweifeln war.„Wir Frauen werden hier zu Lande ſchon früh daran ge⸗ wöhnt, mit den Männern an Muth und Unerſchrocken⸗ heit zu wetteifern, und ebenſo wenig wie wir uns ſcheuen, im leichten Kahn bei aufgeregter See das Ru⸗ der zu führen oder in einen ſchwindelnden Abgrund zu blicken, ebenſo wenig flößt uns der Wolf oder der Bär Furcht ein.“ „Ich bewundere ſolche Kühnheit“, ſagte Zubow, die Sprecherin mit einem Lächeln der Genugthuung an⸗ blickend.„Eine Frau, welche ſolche Eigenſchaften beſitzt, wird gewiß auch den Muth haben, dereinſt mit dem Manne ihrer Wahl Leid und Freud zu theilen.“ „Wenn er ſich meiner werth zeigte, dann gewiß!“ entgegnete Anna und ihr Auge leuchtete ſtolz auf.„Aber Betrug und Enttäuſchung— o, ich weiß es, ich er⸗ trüge weder das Eine noch das Andere, ich würde dann ebenſo ſtark in meinem Haſſe wie in meiner Liebe 113 „Du verfällſt wieder einmal in Deine ſonderbaren Schwärmereien“, entgegnete Olof lachend,„und übri⸗ gens haſt Du ja vorläufig weder einen Bräutigam noch einen Mann.“ „Am wenigſten ſollſt Du einen ſolchen von jenſeits der Grenze bekommen, Couſinchen, dafür werden wir ſchon ſorgen“, rief Holm mit ſpöttiſcher Miene, wäh⸗ rend ſich ſein Auge herausfordernd auf den Grafen richtete.„Die Herren Ruſſen haben uns ſchon genug Land abgenommen, ſie brauchen uns nicht auch noch unſere Frauen zu entführen.“ „Du biſt immer ungezogen und rückſichtslos, Vet⸗ ter“, bemerkte das Fräulein in gereiztem, verweiſendem Tone und erhob ſich gleichzeitig.„Bis morgen alſo, meine Herren; um ſechs Uhr wird mein Pony bereit ſtehen.“ Sie verbeugte ſich leicht und anmuthig und ver⸗ ſchwand, und auch ihr Oheim folgte kurz darauf ihrem Beiſpiel. Eine Stunde ſpäter herrſchte in dem Hauſe tiefe Ruhe. Jeder hatte ſein Lager geſucht, und die verſchiedenſten Gedanken mochten ſich wohl noch gel⸗ tend gemacht haben, bevor ſich die Augen aller der⸗ jenigen Perſonen ſchloſſen, die wir dem Leſer hier vor⸗ geführt haben. v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. Viertes Kapitel. Am andern Morgen herrſchte ſchon zu früher Stunde auf dem Herrenhofe zu Sarlaa ein reges Leben. Der alte Major ſteckte ſeinen Kopf zum Fenſter hinaus, um den Aufbruch der jungen Leute zur Jagd mitanzuſehen. Die Herren waren mit langen Kugelbüchſen bewaffnet, auf dem Hofe aber hielt ein Diener ein kleines iſa⸗ bellfarbiges finiſches Pferd am Zügel, welches in gro⸗ ßer Ungeduld mit ſeinen Vorderfüßen den Sand auf⸗ ſcharrte, während es von Zeit zu Zeit den Kopf mit den feurigen Augen dem Eingang des Hauſes zuwen⸗ dete, als erwarte es diejenige, welche es heute zu tra⸗ gen beſtimmt war. Endlich erſchien Anna, ſtrahlend wie eine Hebe, in einem einfachen, aber geſchmackvollen Reitanzuge. Eine 115 anmuthige, mit einem holden Lächeln begleitete Ver⸗ beugung, die hauptſächlich dem Grafen galt, ſetzte die⸗ ſen in Entzücken; im nächſten Augenblick ſtand er an ihrer Seite und bot ihr ſeine Rechte, während ſeine Linke den Steigbügel hielt. Mit einer graziöſen Wen⸗ dung war das junge Mädchen im Sattel, und während es mit einer leichten Neigung des Kopfes ſeinen Dank für die ihm geleiſtete Aufmerkſamkeit ausſprach, ſtrich es zugleich ſchmeichelnd die gelbe Mähne ihres Pony, welcher als Anerkennung hierfür in ein helles freudi⸗ ges Gewieher ausbrach. „Willy ſcheint heute bei vorzüglich guter Laune zu ſein“, ſagte die junge Dame zu den Herren gewendet; viſt es doch, als läge es in ſeiner Abſicht, ſich gegen unſern Gaſt beſonders höflich zu zeigen.“ Herr von Holm zog ein höhniſches Geſicht und pfiff unhöflich eine Melodie, die wie Spott klingen ſollte. Zubow achtete aber hierauf nicht, ſondern ant⸗ wortete mit einer artigen, ungezwungenen Verbeugung: „Ich glaube im Gegentheil, mein Fräulein, daß Ihr kleiner Willy nicht die mindeſte Notiz von meiner un⸗ bedeutenden Perſon nimmt und daß er dagegen einem unabweisbaren Gebot folgt und ſeiner liebenswürdigen Herrin ſeine Huldigung darbringt.“ „Sie wollen ſchmeicheln“, ſagte das Fräulein leicht⸗ 8* 116 hin, und dennoch ſah man es ihm an, daß ihm die eben gehörten Worte angenehm waren. „Gegen dieſen Vorwurf erlaube ich mir Proteſt ein⸗ zulegen“, bemerkte der Major mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick,„denn hier, wo Alles den Stempel unge⸗ künſtelter Wahrheit an ſich trägt, bin ich beſtrebt, eben⸗ falls nur der Wahrheit zu huldigen.“ „Derartige Dialoge ſind für einen Dritten ſehr langweilig“, murmelte der Lieutenant, welchen ſeine Eiferſucht zu einer immer größern Rückſichtsloſigkeit fortriß. Anna warf ihm einen ſtrafenden Blick zu und der Graf betrachtete ihn mit ſtolzer Ruhe von der Seite. Glücklicherweiſe miſchte ſich in dieſem Augenblick Olof, der etwas zurückgeblieben war, in das Geſpräch und verhinderte auf dieſe Weiſe wenigſtens für den Augen⸗ blick einen Conflict zwiſchen den beiden Herren. „Flips und Boxer fangen an ungeduldig zu wer⸗ den“, bemerkte er, auf zwei kurz, aber kräftig gebaute Hunde von mittlerer Größe mit ſtuppigem Haar und herabhängenden Ohren deutend, die er an der Leine führte und welche jetzt ſchmeichelnd und mit lautem Gebell an ihm emporſprangen. „So laß uns eilen“, rief die Schweſter;„auch mich ergreift das Waidiraanſiber. 2 11 „Aber ich mache Dir nochmals die größte Vorſicht zur Pflicht“, bemerkte der Bruder. „Sei unbeſorgt“, lautete die Antwort,„auf dem Rücken meines Willy bin ich vor jeder Gefahr ſicher.“ Unter abwechſelnden Geſprächen ſetzte jetzt die kleine Geſellſchaft ihren Weg fort, und je weiter ſie ſich von dem Herrenhofe entfernte, um ſo reizender und anzie⸗ hender wurde die Landſchaft. Während ſich in der Ebene ſpiegelblanke Seen ausbreiteten, umkränzten die⸗ ſelben oft ſteil abfallende Höhen, welche theils mit Nadel⸗, theils mit Laubholz beſetzt waren, deren grüner Schmuck in dieſem Augenblick von der höher ſteigenden Sonne vergoldet wurde. Hier und da zeigte ſich auch ein Flug wilder Gänſe oder Enten, oder ein Adler ſchwebte majeſtätiſch in den Lüften, bereit, auf die Beute, welche er erſpähte, im geeigneten Augenblick herabzuſtürzen. Je tiefer man in das Gebirge ein⸗ drang, um ſo mehr nahm die Gegend einen wildro⸗ mantiſchen Charakter an. Der Wald wurde dichter und länger, die Wege beſchwerlicher und hier und da zeigten ſich große Steinblöcke, die aus der Erde hervor⸗ ragten. Der Graf war mehrmals ſtehen geblieben und hatte ſeine Bewunderung über dieſe entzückende Landſchaft ausgeſprochen. Jetzt richtete ſich aber ſeine Aufmerkſamkeit auf Flips und Boxer, die unruhig zu 118 werden begannen und ſich mit allen Zeichen der Un⸗ geduld der Leine zu entledigen ſuchten. „Die Hunde ſcheinen auf irgend eine Spur gera⸗ then zu ſein“, bemerkte Zubow, indem er die kleinen ſtruppigen Köter aufmerkſam betrachtete, welche jetzt den dicken, von langen Ohren halb bedeckten Kopf bis zur Erde niederbeugten und eifrig den noch vom Thau feuchten Boden beſchnupperten. „Sie ſind Freund Petz auf der Spur, der wahr⸗ ſcheinlich keine Ahnung davon hat, daß wir ihm einen Morgenbeſuch abſtatten wollen“, antwortete Olof.„Wir müſſen jetzt mit Vorſicht vorgehen und dort jene vor uns liegende Lichtung zu erreichen ſuchen, welche der Bär zu überſchreiten genöthigt ſein wird, ſobald ihn die Hunde aus ſeinem Lager aufgetrieben haben.“ „Und dieſe kleinen, unanſehnlichen Thiere ſollten einen ſo großen und ſtarken Gegner zur Flucht nö⸗ thigen?“ bemerkte ungläubig der Nuſſe.„In Sibirien gebraucht man bei einer ſolchen Jagd große, ſtarke Wolfshunde.“ „Schlagen Sie den Muth von Flips und Boxer nicht zu gering an“, bemerkte der junge Fine.„Ihre Ueberlegenheit gegen den Feind beſteht darin, daß ſie demſelben beim Angriff keine Ruhe laſſen, indem ſie unermüdlich um denſelben herumſchwärmen und ihn 119 bald hier, bald dort ſo lange zwicken und beißen, bis es ihnen gelungen iſt, denſelben bis in die Nähe des Jägers zu treiben, deſſen tödtendes Blei dann in der Regel der intereſſanten Jagd ein Ende macht.“ Während Olof dieſe Erklärung abgab, war die kleine Geſellſchaft auf einem ziemlich geräumigen Platz angelangt, welchen halbmondförmig dichtes Erlenge⸗ büſch einfaßte, während die offene Seite nach einem breiten Waldwege auslief, der wieder in der Ebene ausmündete. „Dort auf jenem Hügel“, ſagte der junge Fine zu ſeiner Schweſter gewendet, indem er auf einen Erd⸗ aufwurf von mäßiger Höhe zeigte,„wirſt Du mit Dei⸗ nem Willy einen geeigneten Ort finden, um der Jagd zuzuſehen. Sollte Dir aber irgend eine Gefahr dro⸗ hen, Schweſter, ſo mache ich es Dir zur Pflicht, Dich unverweilt der Schnelligkeit Deines Pferdes anzuver⸗ trauen und uns an der Fiſcherhütte am See zu erwar⸗ ten, wo wir wieder mit Dir zuſammentreffen werden.“ „Auch ich bitte inſtändigſt um Vorſicht“, bemerkte der Major mit einer Stimme, die von aufrichtiger Be⸗ ſorgniß zeugte,„und an Sie, Olof Jönſon, richte ich das Geſuch, mir einen Platz anzuweiſen, der mir ge⸗ ſtattet, das Fräulein im Auge zu behalten.“ „Nun, ich denke, meine Couſine wird unter meinem ————— 120 und meines Vetters Schutz ſicher genug ſein“, bemerkte der Lieutenant mit einem finſtern Blick auf den Ruſſen. „Aber ich hoffe, Sie haben nichts dagegen“, erwi⸗ derte Zubow gereizt,„wenn ſich meine Aufmerkſamkeit ebenfalls dem Fräulein zuwendet?“ „Nach Belieben“, erwiderte der Lieutenant kurz; wir werden ja ſehen.“ Die Jäger ſtellten ſich jetzt ſo auf, daß ſie ein Dreieck bildeten und Holm und der Graf ſich dabei ge⸗ genüber ſtanden, während der Hügel, wo Anna hielt, als die Baſis dieſes Dreiecks angeſehen werden konnte. Olof befreite nun die Hunde von der Leine und dieſe ſtürzten, die Naſen immer kurz über der Erde haltend, vorwärts und verſchwanden unmittelbar darauf im Gebüſch. Eine Zeit lang herrſchte eine völlige Stille, dann hörte man aber die Hunde in der Ferne anſchlagen; hierauf wurde es wieder ſtill, bis ſchließlich beide in ein anhaltendes lautes Gebell ausbrachen, das ſich bald zu nähern, bald wieder zu entfernen ſchien. Die Jäger hielten ſchußgerecht ihre Büchſen in den Händen und richteten mit Spannung ihre Blicke auf das Dickicht, während Anna, die wirklich ein muthiges Mädchen war, unerſchrocken, aber nicht minder erwar⸗ tungsvoll auf ihrem Platz hielt. Wieder trat eine vollſtän⸗ 121 dige Ruhe ein, aber plötzlich ſchlugen die Hunde ganz in der Nähe an, und die Heftigkeit, mit welcher ſie dies thaten, ſowie ein verdrießliches Brummen, welches ſich verneh⸗ men ließ, machten es zur Gewißheit, daß der aus ſeinem Lager aufgejagte Bär ganz in der Nähe ſei. Im nächſten Augenblick trat derſelbe auch wirklich aus dem dichten Gehölz, und als er gewahr wurde, daß er umſtellt ſei, ſtutzte er einen Augenblick und richtete ſich dann, einen dumpfen, knurrenden Ton aus⸗ ſtoßend, auf ſeinen Hinterbeinen empor, indem er ſeine Vorderſeite Olof zukehrte. Dieſer brachte kaltblütig ſeine Büchſe an die Backe, zielte einen Augenblick und gab dann ſeinen Schuß ab. Kaum war derſelbe ge⸗ fallen, ſo machte das zottige Ungethüm einen gewalti⸗ gen Satz nach vorn und ſtieß zugleich ein wüthendes, racheſchaubendes Gebrüll aus. Der Bär war unzwei⸗ felhaft verwundet und der Schmerz, welchen er em⸗ pfand, hatte offenbar ſeine ganze Wildheit und Wuth entfeſſelt. Noch einmal richtete er ſich hoch empor und ſtand im Begriff, den jungen Finen anzugreifen, als er plötzlich dieſe Abſicht aufgab und, den langen, ſpitzen Kopf ſchüttelnd, mit weit aufgeriſſenem Rachen, mit flammenden Augen und mit einem markerſchütternden Wuthgeſchrei in langen Bogenſätzen gerade auf den Hügel zu ſtürzte, auf welchem Anna hielt. Die Ent⸗ 122 fernung war nur eine kurze und die Gefahr wuchs mit jeder Sekunde, denn wahrſcheinlich durch den Schuß und das Gebrüll des verwundeten Bären geängſtigt, gehorchte ihr Pferd ihrer Führung nicht mehr; es ſchüt⸗ telte mit dem Kopfe, ſchlug hinten aus und war nicht von der Stelle zu bringen. Olof ſtieß einen Ruf der Verzweiflung aus und ſtürzte vorwärts, als er die geliebte Schweſter in ſo augenſcheinlicher Todesgefahr ſah, um ſich zwiſchen dieſe und die wüthende Beſtie zu werfen. Da krachte ein zweiter Schuß aus dem Ge⸗ wehr des Lieutenants und dieſem folgte unmittelbar ein dritter, welcher die Beſtie etwa zehn Schritte von Anna entfernt todt niederſtreckte. „Sie haben meiner Schweſter das Leben gerettet“, rief der junge Fine,„und bei Allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich Ihnen, daß ich Ihnen von nun ab ein treuer, ergebener Freund bleiben will. Anna, meine geliebte Anna“, fuhr er fort, indem er das junge Mäd⸗ chen vom Pferde hob und an ſein Herz drückte,„wie hätte ich das Leben noch ferner ertragen ſollen, wenn Dich durch meine Schuld ein ſo gräßliches Unglück betroffen hätte!“ „Nicht durch Deine Schuld, Olof“, entgegnete dieſe in ſanftem Tone,„nur für meinen eigenen Uebermuth hätte ich büßen müſſen. Es war doch etwas zu keck 123 von mir, mich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen. Doch hier ſteht mein Retter und meine nächſte Pflicht iſt es, dieſem zu danken.“ Mit Augen, in denen Thränen glänzten, welche halb der Schreck, halb die Dankbarkeit hervorgerufen hatte, ſtreckte ſie Zubow ihre Hand entgegen, aber plötzlich fuhr ſie beſtürzt zurück und rief mit zitternder Stimme: „Aber, mein Gott, Sie bluten ja ſelbſt! Ihr Rock⸗ ärmel iſt zerriſſen, Sie ſind durch eine Kugel verwundet.“ „Wo denn?“ fragte der Major leichthin.„Ach ja da dringen einige Blutstropfen hervor. Nun, eine leichte Fleiſchwunde, und Gott ſei Dank, ſie verhinderte mich nicht am feſten Zielen.“ „Wer hat das gethan?“ fragte Anna mit gerun⸗ zelter Stirn und ihr Zlick heftete ſich unwillkürlich auf Holm. „Mein Gott, Couſinchen, Du ſiehſt mich ja an, als wollteſt Du ein unerbittliches Gericht über mich abhal⸗ ten“, bemerkte dieſer mit ſeiner gewöhnlichen Dreiſtig⸗ keit, während dabei aber doch ſeine Augen unſicher umherirrten.„Sollte ich wirklich ſo unglücklich ge⸗ weſen ſein, den Herrn Grafen zu verwunden? Nun, ich ſtand Ihnen allerdings gegenüber, mein Herr, und bei dem Eifer, meine Verwandte zu ſchützen— Nehmen 124 Sie meine Entſchuldigung entgegen, Herr Major; wir ſind beide Soldaten, und ich denke, Sie machen ſich aus ein paar Tropfen Blut ebenſo wenig als ich.“ Anna blickte den Sprecher mit einer unheimlichen Scheu, aber auch mit dem Ausdruck der tiefſten Ver⸗ achtung an, während Zubow mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln erwiderte: „Die Sache hat, wie geſagt, nicht das Mindeſte zu bedeuten. Sie ſehen, daß die Kugel, welche mich treffen ſoll, noch nicht gegoſſen iſt.“ Auch Olof blickte finſter vor ſich nieder, er tauſchte mit ſeiner Schweſter einen Blick aus und kehrte ſeinem Vetter ſchweigend den Rücken zu. „Aber Sie werden ſich doch zum mindeſten verbin⸗ den laſſen?“ bemerkte Anna, zu Zubow gewendet.„Ge⸗ ſtatten Sie, daß ich dies übernehme, denn für mich oder meinetwegen empfingen Sie ja doch die Wunde.“ Ihr Auge ruhte einen Augenblick mit dem vollen Ausdruck der Innigkeit auf dem Ruſſen, welcher jetzt mit einer Verbeugung erwiderte: „Ihre Theilnahme rührt mich tief, aber Sie legen der Sache wirklich mehr Wichtigkeit bei, als ſie ver⸗ dient; es iſt in der That nur eine leichte Fleiſchwunde.“ In einer ſehr gedrückten Stimmung trat die kleine Jagdgeſellſchaft den Rückweg an. Anna würdigte den 125 Lieutenant keines Blickes und auch Olof imachte ſich ausſchließlich mit ſeinem Gewehr und mit den Hunden zu ſchaffen. Als man auf dem Herrenhof anlangte, verabſchiedete ſich Holm und wurde von den Geſchwi⸗ ſtern kalt entlaſſen. In ſeinen Augen leuchtete es un⸗ heimlich; eine finſtere Drohung ſprach ſich darin aus. Als er der Form wegen von Olof gefragt wurde, wann er wieder zu erwarten ſei, antwortete er kurz:„Wahr⸗ ſcheinlich ſchon binnen kurzer Zeit, und dann“, fügte er zu Anna gewendet hinzu,„wollen auch wir beide uns einmal recht offen gegen einander ausſprechen; ich habe Dir Dinge zu ſagen, welche ich nicht länger mehr auf dem Herzen behalten kann.“ Er entfernte ſich und die Geſchwiſter tauſchten einen fragenden Blick mit einander aus, während Zubow ſinnend vor ſich hinblickte. Auf Anna hatte übrigens das Ereigniß, welches ſich an die Jagd knüpfte, einen ſichtbaren Eindruck ge⸗ macht. War ihr der Graf vorher ſchon nicht gleich⸗ gültig geweſen, ſo fühlte ſie ſich jetzt, nachdem er offenbar ihr Retter geworden, noch mehr zu ihm hingezogen. Zwiſchen beiden war ein innigeres und vertrauteres Verhältniß ſeit jenem Tage eingetreten, und das Fräu⸗ lein zeigte ſich jetzt häufig nachdenkend und ſtatt des frühern kindlichen Frohſinns machte ſich nicht ſelten * 126 ein tiefer Ernſt geltend. Auch der Ton ihrer Stimme war, wenn ſie ein Lied vortrug, jetzt ſchwärmeriſcher und ihre Augen ſtrahlten oft in einem ſo wunderbaren Glanze, daß dadurch für den aufmerkſamen Beobachter der Schleier, welcher das Geheimniß ihres Herzens barg, auf einen Augenblick gelüftet wurde. Daß der Graf bei ſeinem anſprechenden Aeußern und ber ſei⸗ nen feinen, gewinnenden Manieren das Herz des ein⸗ fachen Naturkindes erobert hatte, unterlag keinem Zweifel, und gewiß hätte es von ſeiner Seite nur einer Er⸗ klärung bedurft, um von der in Jugendfriſche und in wunderbarer Anmuth prangenden Herrin des Hauſes das Geſtändniß der Gegenliebe zu erhalten. Offenbar hatte der Zauber, welcher Anna umgab, und vor allem die vielen Tugenden, welche ſie ſchmückten, auch bei Zubow eine Wirkung hervorgerufen, die ſich ſchließlich zur feurigen Leidenſchaft geſtaltete; aber mit jener Willenskraft, die ihm eigen war, vermied er bisher eine Erklärung, mit welcher er, wie er als Mann von Ehre ſehr wohl begriff, in Bezug auf Anna Verpflich⸗ tungen übernahm, die mit dem Glück und der Ruhe ihrer Zukunft im engſten Zuſammenhang ſtanden. Oft, wenn ſein Auge dem ihrigen begegnete, wenn ſie er⸗ röthend und verwirrt in unendlicher Lieblichkeit vor ihm ſtand, oder wenn ſie, in den Reiz vertrauensvoller — 127⁷ 4 Unſchuld gehüllt, auf der Spitze eines Hügels neben ihm ſaß und ſeinen Worten lauſchte, oft ſchien es dann t ſolchen Momenten, als wenn ſeine Lippen ſich öffnen wollten, um der jungen Dame ſeine Liebe zu geſtehen, aber in demſelben Augenblick erinnerte er ſich wieder, daß er für jetzt ſelbſt ein Flüchtling ſei, welcher unter Gefahren und ohne Zukunft in der Fremde umherirre. Sein Mund blieb dann verſchloſſen, ſein Stirn umdü⸗ ſterte ſich und nicht ſelten erhob er ſich in ſolchen Fällen plötzlich, bot dem Fräulein ſeinen Arm und kehrte zerſtreut, in Gedanken vertieft, mit ihr in das Herrenhaus zurück. Sogar der alte Herr hatte es bemerkt, daß ſich die Stimmung in dem kleinen Kreiſe, welcher ihn umgab, weſentlich geändert hatte. „Kinder“, rief er eines Abends,„wenn unſere Unter⸗ haltung ſo fortgeht, ſo wird dieſelbe vorausſichtlich bald ganz verſtummen. Wie paßt übrigens dieſe trübe Stim⸗ mung zu dem klaren, herrlichen Wetter, welches drau⸗ ßen herrſcht? Wollt Ihr Euch von einem alten Manne beſchämen und Euch den Vorwurf der Kopfhängerei machen laſſen? Nun, mein verehrter Freund“, fügte er, ſich zu ſeinem Gaſt wendend, hinzu,„an Ihnen be⸗ ſonders vermiſſe ich Ihre ſonſtige Aufgewecktheit; ich hoffe doch nicht, daß Sie ſich ſchließlich anfangen 128 auf dem abgelegenen Herrenhofe von Sarlaa zu lang⸗ weilen?“ „Im Gegentheil“, erwiderte Zubow;„bisher iſt mir derſelbe ein Paradies geweſen, und wenn Sie mich heute traurig ſehen, ſo geſchieht es deshalb, weil die Nothwendigkeit mich zwingt, Sie nunmehr in den näch⸗ ſten Tagen zu verlaſſen.“ „Wie, Sie wollen von uns ſcheiden?“ rief der Ma⸗ jor, ſichtlich unangenehm überraſcht. „Ich will nicht von Ihnen ſcheiden, ſondern ich muß Ihnen Lebewohl ſagen“, antwortete der Graf, indem ſich ſein ſchmerzlich bewegter Blick gleichzeitig auf das Fräulein richtete, welches plötzlich erbleichte.„Mein Ziel iſt Stockholm und dort habe ich dringende Ange⸗ legenheiten zu ordnen, welche ich nicht länger auf⸗ ſchieben darf.“ „Ja, ja“, antwortete der alte Soldat, ſich dabei auf den militäriſchen Standpunkt ſtellend,„das iſt ſo gut wie Dienſt und im Dienſt muß man pünktlich ſein. Ich begreife dies es gibt Dinge, die ſich nicht auf⸗ ſchieben laſſen, und bräche dabei auch das Herz und müßte man ſich auch von dem Theuerſten losſagen.“ Dieſe Worte brachten eine Wirkung hervor, welche der alte Herr keineswegs hatte vorausſehen können und die er in ſeiner Argloſigkeit auch gar nicht begriff. 129 Was im Innern Anna's vorgegangen war, als ſie ſo plötzlich durch die Nachricht der Abreiſe des Grafen überraſcht wurde, mögen die Leſer errathen, genug, ihre ſo lange zurückgehaltenen Gefühle kamen jetzt plötz⸗ lich zu einem Ausbruch, den zu verhindern ſie ſich nicht ſtark genug fühlte. Zwei helle Thränen rollten über ihre Wangen, und indem ſie ſich raſch von ihrem Sitz erhob, verließ ſie ſchleunigſt das Zimmer. Während Zubow dem jungen Mädchen einen Blick nachſandte, in welchem ſich der eigene Sturm ſeines Herzens, verbunden mit dem Ausdruck der innigſten Zärtlichkeit, abſpiegelte, wendete ſich der Major zu Olof und fragte dieſen mit dem Ausdruck des höchſten Er⸗ ſtaunens: „Was in aller Welt hat denn unſere kleine Anna plötzlich? Das Benehmen des Kindes iſt mir in der That unbegreiflich. Kannſt Du mir vielleicht über ihr ſonderbares Benehmen Auskunft geben?“ Der junge Mann, welcher wohl den wahren Grund von dem Aunftritt, der eben ſtattgefunden hatte, ahnen mochte, fand es doch nicht für angemeſſen, ſeinem Oheim, namentlich in Gegenwart des Gaſtes, hierüber nähere Andeutung zu geben, und begnügte ſich daher damit, ſo unbefangen wie möglich zu antworten: „Gott weiß, was Anna gerade in den Sinn ge⸗ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 9 kommen iſt; vielleicht ſind ihre Nerven etwas überreizt, viel wird es aber auf keinen Fall zu bedeuten haben.“ „Ich wüßte doch nicht, daß ich ihr einen Wunſch abgeſchlagen hätte“, bemerkte der Greis mit einer Be⸗ ſorgniß, die von ſeiner hohen Liebe zu der Nichte zeugte; „jedenfalls will ich aber der Sache unverweilt auf den Grund kommen, und iſt es eine kleine eigenſinnige Laune von dem Kinde geweſen, ſo—u „So werden Sie dieſelbe auch diesmal in gewohnter Güte verzeihen und am Ende noch froh ſein, wenn Sie Anna um Entſchuldigung bitten dürfen“, lachte Olof ſcherzend ſeinem Oheim nach, welcher in dieſem Augenblick das Zimmer verließ. Er beſaß übrigens den richtigen Takt, mit dem Grafen ſogleich ein anderes Geſpräch anzuknüpfen und ſchien es ſogar gern zu ſehen, als dieſer, ohne die Rückkehr des Veterans abzuwarten, ſich nach einigen Minuten unter einem ſchicklichen Vorwand entfernte. Selbſtredend hatte der Major Jönſon von Anna keine Erklärung erlangen können. Mit liebenswürdiger Naivetät war ſie dem alten Manne um den Hals ge⸗ fallen und hatte ihn wegen ihres kindiſchen Benehmens, wie ſie es nannte, lachend um Verzeihung gebeten. Zubow aber half ihr, als beide ſpäter im Familien⸗ kreiſe wieder zuſammentrafen, durch ein unbefangenes 131 Entgegenkommen, welches das Vorgefallene gänzlich ignorirte, über etwaige weitere Verlegenheiten hinweg. Olof brachte das Geſpräch außerdem bald auf einen Gegenſtand von engerem Intereſſe, ſodaß das Fräu⸗ lein ſowohl wie der Graf Gelegenheit fanden, die Gefühle, welche in dieſem Augenblick ihre Herzen be⸗ ſtürmten, unter dem Schein äußerer Ruhe zu verbergen. „Sie haben mehr als einmal den Wunſch laut wer⸗ den laſſen“, ſagte der junge Fine zu dem Ruſſen,„die Lappen in ihrer Volksthümlichkeit und in ihrem Zu⸗ ſammenleben kennen zu lernen. Iſt Ihnen nun Ihr Vorſatz nicht leid geworden, ſo ſchlage ich vor, daß wir einen Ausflug nach dem Gebirge machen, wo die⸗ ſelben ihre Zelte aufgeſchlagen haben und wo in die⸗ ſem Augenblick ihre Rennthierheerden weiden.“ „Ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſein, wenn Sie mir dieſes Vergnügen bereiten wollen“, entgegnete der Graf,„und je eher wir dieſe intereſſante Reiſe antreten, um ſo lieber wird es mir ſein, da ich, wie geſagt, meine Abreiſe nun nicht länger verſchieben darf.“ „Nichts hindert uns daran, dieſen Ausflug ſchon morgen zu bewerkſtelligen“, entgegnete Olof.„Wir bre⸗ chen zu Wagen auf und unſere kleinen raſchen Pferde werden uns binnen wenigen Stunden bis an das Ge⸗ birge bringen. Von dort müſſen wir freilich zu Fuß 9* 132 einen beſchwerlichen Marſch machen, allein ich weiß, Sie verſtehen es, Felſen zu erklettern, und meine Schwe⸗ ſter wird mit ihren Gebirgsſehuhen nicht hinter uns zurückbleiben.“ N „Ich hatte mir eigentlich vorgeyommen, zu Hauſe zu bleiben“, ſagte Anna,„und ich„glaube auch wirklich, daß ich bei dieſem Ausflug den Herren: nur eine Laſt ſein würde.“ „Nun, das iſt in der That drollig“, rief der Bru⸗ der, indem er in ein heiteres Gelächter ausbrach.„Es ſcheint mir wirklich, als ob Du plötzlich auf die Idee gekommen wäreſt, uns Deine kleinen Launen fühlen zu laſſen, was Dir, beiläufig geſagt, gar nicht ſchön ſteht.“ „Ich muß Dir bemerken“, antwortete das Fräulein in gereiztem Tone,„daß ich Dir keineswegs das Recht zugeſtehe, mich deshalb zu tadeln.“ „Nun, nun“, lachte Olof,„Du wirfſt mir ja einen Zlick zu, der mir eine ordentliche Gänſehaut über den 3 NRücken jagt, Komm, meine kleine Schweſter, und reiche mir die Hand; ich habe Dieh viel zu lieb, als daß ich mich der Gefahr ausſetzen möchte, auch nur eine Se⸗ kunde länger ein ſo böſes Geſichtchen zu ſehen.“ Mit einem reizenden Lächeln ſchlug Anna in die dargebotene Hand.„Ihr habt mich alle verzogen“ 133 ſagte ſie ſchmollend,„und wenn ich unartig bin, ſo trägt Niemand anders als Ihr ſelbſt die Schuld davon.“ „Und ich habe Sie nie ſo reizend als in dieſem Augenblick geſehen“, fügte der Graf ſchmeichelnd hinzu. „Nicht wahr, Sie werden uns begleiten? Ich weiß es, denn ohne Sie, dies laſſen Sie mich nur bekennen, würde jede Luſt, jeder Frohſinn, jede Poeſie zu Hauſe bleiben.“ Das Fräulein verneigte ſich.„Da es Ihnen Ver⸗ gnügen zu machen ſcheint“, antwortete daſſelbe,„ſo vermag ich Ihren Wunſch nicht abzuſchlagen. Im Uebrigen habe ich Ihnen jetzt einen Vorſchlag zu machen.“ „Befehlen Sie nur, ich gehorche im voraus mit Freuden.“ „O, die Sache betrifft einen ganz harmloſen Ge⸗ genſtand. Wäre es Ihnen recht, wenn wir noch ein⸗ mal gemeinſchaftlich die Plätze beſuchten, auf denen wir bei unſern Spaziergängen ſo oft verweilten.? Bald werden dieſelben verwaiſt ſein“, fügte ſie mit leiſer Stimme und mit geſenktem Kopfe hinzu;„wenn Sie fort ſind, werde ich dieſelben wohl auch nicht mehr oft betreten.“ „Wieder ſo eine Laune“, bemerkte der Veteran.„Gott weiß, auf was Alles das Kind noch verfallen wird.“ 134 Spät am Nachmittag ſah man Zubow an der Seite Anna's dem See zuſchreiten. Olof hatte es unternommen, Alles zur morgenden Reiſe vorzubereiten, und konnte daher die Beiden nicht begleiten, der alte Herr aber rauchte um dieſe Zeit ſein Pfeifchen und ſtudirte die Zeitung, welche der Poſt⸗ bote ſo eben überbracht hatte. Anna bemühte ſich, einen ſcherzenden, heitern Ton anzuſtimmen, und der Major ſtrebte danach, ihr hier⸗ bei entgegenzukommen, aber weder der einen noch dem andern wollte dies recht gelingen, denn in den Herzen beider ruhte ein Geheimniß und in hoher Erregtheit wogten ihre Gefühle durcheinander, obgleich ſie ſich dies gegenſeitig zu verbergen ſuchten. „Sie werden alſo auch noch von Stockholm aus recht oft an uns zurückdenken?“ fragte das junge Mädchen mit unſicherer Stimme, indem es ſeitwärts blickte. „Die Erinnerung an die Ihrigen und vorzugsweiſe an Sie wird ſtets für mich eine beglückende, eine un⸗ vergeßliche bleiben“, entgegnete der Graf mit Wärme. „An mich? O nein“, rief Anna mit einer abweh⸗ renden Bewegung;„ein ſo einfaches, unbedeutendes Mädchen, wie ich bin, vergißt man in den glänzenden Salons, die Sie in der Hauptſtadt doch wahrſcheinlich beſuchen werden, ſehr bald.“ —— 135 „Sie unterſchätzen Ihren Werth; es fehlen Ihnen ja keineswegs die Eigenſchaften, mit Jeder Ihres Geſchlechts die Concurrenz zu beſtehen.“ Anna ſchüttelte entſchieden den Kopf. „Ich bin nur ein einfaches Kind der Natur“, ſagte ſie langſam und nachdenkend; nich fühle es, zu einer Weltdame werde ich mich nie ausbilden.“ „O bleiben Sie nur der köſtliche Edelſtein, der Sie jetzt ſind“, rief der Graf begeiſtert, indem er unwill⸗ kürlich Anna's Rechte ergriff,„und“, ſetzte er tief ge⸗ rührt hinzu,„möge der giftige Hauch der ſogenannten vornehmen Welt den Glanz dieſes Edelſteins nie trüben!“ Vertrauensvoll ließ das junge Mädchen ſeine Hand in der des Majors ruhen, und indem es ſeine großen, dunklen Augen, die jetzt im ſchwärmeriſchen Glanze ſtrahlten, zu ihm aufſchlug, ſagte es mit gepreßter Stimme: „Glauben Sie, ich ſehne mich gewiß nicht danach, in jenen Kreiſen eine Rolle zu ſpielen, wo, wie ich allerdings gehört habe, das Herz unter dem Druck äußerer Formen erkaltet und wo die Menſchen ſich ge⸗ genſeitig anlügen, was ſie dann guten Ton nennen ſollen. Mir genügt dieſe reizende Einſamkeit und ich glaube, ich könnte mein ganzes Leben hindurch hier recht glücklich ſein.“ 136 „Allein?“ fragte Zubow, und ſein Auge ruhte liebe⸗ glühend auf ſeiner Begleiterin. „Allein?“ antwortete dieſe, indem ſie tief erröthete und den Zlick ſchüchtern zu Boden ſchlug.„Allein? O Sie verwirren mich. Ich weiß überhaupt nicht, was ich geſagt habe.“ „Hören Sie, Anna“, rief der Graf jetzt zärtlich, „was gegenſeitig in unſern Herzen vorgeht, kann uns beiden kein Geheimniß mehr ſein. Ja, ich liebe Sie mit der ganzen Glut, deren ein Mann fähig iſt, und habe den Willen, dieſer Liebe unter allen Umſtänden treu zu bleiben. Wollen Sie die Meinige werden, Anna? Blicken Sie mir in die Augen, und wenn ſich Ihr Herz für mich entſcheidet, ſo ſprechen Sie ein freu⸗ diges, Ihnen aus dem Herzen kommendes Ja.“ „Erlaſſen Sie mir dieſes Geſtändniß“, hauchte Anna, und unter hervorbrechenden Thränen geſtattete das rei⸗ zende Mädchen, daß Zubow es an ſeine Bruſt zog. Dieſer jauchzte hoch auf.„Jetzt ſind Sie mein, geliebte Anna!“ rief er voll Entzücken.„Jetzt iſt mir ein Stein vom Herzen genommen und muthig will ich von nun ab für unſere Zukunft ringen und kämpfen.“ „Und mein guter Oheim und mein geliebter Bru⸗ der, wie ſehr werden beide an meinem Glück Theil nehmen“, flüſterte unſere Bekannte. 137 „Nein“, ſagte der Major kopfſchüttelnd und mit umdüſterter Stirn,„nein, meine theure Anna, unſere Liebe muß vorläufig noch unſer alleiniges Geheimniß bleiben.“ Das junge Mädchen erbleichte.„Warum?“ fragte es zagend und ſchüchtern und nicht ohne einen Blick des Mißtrauens.„Warum ſollen es denn meine nächſten Verwandten nicht wiſſen?“ „Auch hierüber muß ich vorläufig jede Auskunft verweigern, aber ich meine es redlich und treu und Ihr Ehre iſt mir gewiß ſo heilig wie irgend etwas.“ Der Graf ſagte dieſe Worte in einem ſo überzeu⸗ genden Tone, daß an der Wahrheit derſelben nicht zu zweifeln war. Auch Anna empfand dieſe Wirkung, und indem ſie ihr Auge vertrauensvoll zu dem Major erhob, antwortete ſie: „Wohlan, ich unterwerfe mich Ihrem Willen und bin bereit, ſo lange in Schweigſamkeit zu verharren, bis es Ihnen gefallen wird, den Schleier zu lüften, um mich dann durch eine offene Erklärung vor den Augen der Welt als Ihre Verlobte anzuerkennen. Vermöchten Sie aber mein Vertrauen zu mißbrauchen, wären Sie im Stande, jemals treulos an mir zu han⸗ deln, ſo würde ſich der traurige Triumph, ein argloſes Herz gebrochen zu haben, früher oder ſpäter in einen 138 ſchweren Fluch für Sie verwandeln, denn Sie hätten dann mein Leben für immer vergiftet.“ „Vor einer ſolchen Sünde möge mich Gott bewah⸗ ren“, entgegnete tief bewegt der Graf.„Nochmals bitte ich Sie, Anna, haben Sie Vertrauen und Aus⸗ dauer.“ „Beides werde ich an den Tag legen“, antwortete dieſe mit großer Beſtimmtheit. „Nöthig dürfte das Eine und das Andere gewiß werden“, bemerkte der Major.„Doch in den Kämpfen, welche mir noch bevorſtehen, werde ich muthig aushar⸗ ren, nur bitte ich Sie, wenn auch manchmal der Schein gegen mich ſprechen ſollte, nie an meiner Aufrichtigkeit und unverbrüchlichen Treue zu zweifeln. Wollen Sie mir dies zuſagen, Anna?“ „Ich will es“, entgegnete dieſe mit feſter Stimme, indem ſie in die ihr dargebotene Rechte einſchlug.„Ich kenne Ihre Geheimniſſe nicht“, fügte ſie hinzu,„aber ich vertraue Ihnen feſt, denn ich erwidere Ihre Liebe aus dem Grunde meiner Seele und dieſes ſchöne, hei⸗ lige Gefühl ſoll durch keinen Argwohn getrübt werden. Wie es auch kommen mag, ohne vorher von mir ge⸗ hört worden zu ſein, ſollen Sie gewiß nicht verurtheilt werden.“ „Dank, innigen Dank für dieſe edlen Worte!“ rief 139 Zubow.„Wer muthig und entſchloſſen nach einem Ziele ſtrebt, erreicht daſſelbe ſchließlich auch.“ Ein vertrauensvoller, in das Gewand der zärtlich⸗ ſten Liebe gekleideter Blick lohnte dem Sprecher. Anna an der Hand führend, kehrte der Major mit dieſer langſam nach dem Herrenhofe zurück. Stille Heiterkeit hatte ſich auf dem Antlitz beider gelagert, kein Sturm der Leidenſchaft, keine Erregtheit machte ſich bei ihnen bemerkbar, wohl aber zeigte ſich jene Befriedigung aus⸗ ſprechende Ruhe, welche als der Ausfluß der vollſtän⸗ digen Harmonie ihrer Seelen angeſehen werden konnte. Wenn das junge Mädchen dem ſchönen Mann mit der hohen, kräftigen Geſtalt in das kühn blitzende Auge blickte, ſo geſchah dies mit dem Ausdruck des unbeding⸗ teſten Vertrauens, und wenn der Major dieſen Blick zurückgab, ſo konnte man darin als Antwort die Worte leſen:„Nur Muth, meine Anna, Dein gläubiges Herz ſoll durch mich nicht getäuſcht werden!“ Fünftes Kapitel. Am andern Morgen brach der Graf mit Olof und deſſen Schweſter zum Beſuch bei den Lappen auf. Das Geſicht der letztern ſtrahlte von ſeliger Heiterkeit und unter Scherz und Frohſinn entfaltete ſie den ganzen Schatz der ihr eigenen Naivetät. Die Augen des Ma⸗ jors ruhten unaufhörlich mit ſchwärmeriſcher Begei⸗ ſterung auf ihr; das Weſen des jungen Mädchens war aber auch ein ſo liebliches, daß man unwill⸗ kürlich an die Elfen und Feen denken mußte, von deden die finiſchen Sagen und Märchen ſo viel zu erzäh⸗ len wiſſen. Dabei ließ Olof auch manches beleh⸗ rende Wort über die Lappen, denen ihr Beſuch galt, einfließen. „Auf keinen Fall“, bemerkte er, zu Zubow gewendet, „wird Ihnen dieſe kleine Reiſe leid ſein, denn das Thun und Treiben dieſes Nomadenvölkchens bietet viel Neues und Intereſſantes dar. Bis vor noch nicht langer Zeit wurden die Lappen, welche in Alpenlappen, in Waldlappen und in Fiſcherlappen zerfallen und über Schweden, Norwegen und Finland verbreitet ſind, von der Regierung ziemlich vernachläſſigt. Jetzt hat ſich aber dieſelbe dieſes Volksſtammes, der ſich in ſeiner Körperbildung, in ſeinen Sitten und Gewohn⸗ heiten von den übrigen nordiſchen Stämmen weſentlich unterſcheidet, thätig angenommen und das Licht der Civiliſation beginnt ſich auch bei ihnen Bahn zu bre⸗ chen. Paſtorate und Kapellen ſind errichtet worden und die Regierung hat ihnen Kronvögte geſetzt. Da mein Oheim das Amt eines ſolchen bekleidet, ſo werden wir vorausſichtlich auf einen guten Empfang unter ihnen rechnen können.“ „Uebrigens ſind die Lappen auch treffliche Wahr⸗ ſager und ich habe mir vorgenommen, heute ihre Kunſt auf die Probe zu ſtellen“, fiel hier Anna, einen be⸗ deutſamen Blick auf den Grafen werfend, ein. „Nun, wenn man die Sache als einen bloßen Scherz betrachtet“, verſetzte dieſer,„ſo habe ich nichts dagegen einzuwenden. Wir wollen daher verſuchen, ob eine ſolche Hellſeherin im Stande iſt, einen Blick in die Zukunft zu thun, ohne jedoch einen allzu großen Werth auf die Prophezeiungen einer ſolchen würdigen, in Rennthierfelle gehüllten, von Branntwein duftenden Matrone zu legen.“ „Wir müſſen hier ausſteigen“, bemerkte Olof,„denn wir befinden uns nunmehr am Fuße des Gebirges und der Augenblick iſt gekommen, wo wir zeigen kön⸗ nen, wie weit wir es in den Kletterkünſten gebracht haben.“ Unterſtützt von Zubow, war Anna mit einem leich⸗ ten Sprunge aus dem Wagen. „Endlich“, rief ſie und klatſchte dabei in die Hände, „endlich werde ich die Luſt des Bergſteigens wieder einmal vollſtändig befriedigen können! Nun, wer folgt mir nach?“ fragte ſie ſcherzend, und bereits war ſie zehn Schritte voraus und ihre ſchlanke, biegſame Ge⸗ ſtalt wiegte ſich mit Sicherheit auf einem Felsblock. Im nächſten Augenblick ſtand der Major an ihrer Seite. „Man ſieht wohl, daß es Ihnen an Entſchloſſenheit nicht fehlt“, flüſterte er, indem er ihr die Hand zum Weiterſchreiten bot;„gewiß, Ihre ganze Natur iſt nicht dazu geeignet, vor dem erſten Hinderniß, das ſich Ihnen entgegenſtellt, zurückzuſchrecken. Nun wohl, das Le⸗ ben hat auch ſeine Klippen, aber meine Anna, dies 143 weiß ich, wird muthig dieſelben überſpringen und das Vertrauen zu mir wird ſie dabei nicht verlaſſen.“ „Der Glaube muß die Menſchen leiten“, flüſterte dieſe zurück,„und ich habe Ihnen ja verſprochen, gläubig zu ſein. Doch ſehen Sie, ſogleich ſind wir am Ziel, denn bereits werden dort auf der Höhe die Zelte der Lappen ſichtbar.“ Mit der Gewandtheit einer Gemſe überſprang das junge Mädchen mehrere Felsſtücke, und ehe noch Zubow eine Antwort zu geben vermochte, ſtand ſie ſchon wie⸗ der zehn Schritte von ihm, an der Seite ihres Bruders. Alle drei eilten nun rüſtig weiter und nach Verlauf von etwa zehn Minuten befanden ſie ſich mitten im Lager des kleinen Nomadenvölkchens und hatten volle Muße, das intereſſante Schauſpiel, welches ſich ihnen darbot, in allen ſeinen Einzelnheiten zu be⸗ trachten. Die kleinen niedrigen Hütten, die in einem Halb⸗ kreiſe ſichtbar wurden, beſtanden aus aufgerichteten armdicken Stangen, koniſch aufgeſetzt, deren Spitzen, oben in ein Büſchel zuſammengeſtellt, mit Reiſig durch⸗ flochten und mit grobem Tuch belegt waren. Jede Hütte hatte etwa zwölf Fuß im Durchmeſſer und war gegen neun Fuß hoch. Eine niedrige, ebenfalls mit Tuch bekleidete Oeffnung bildete den Eingang und durch dieſen lugte jetzt bei dem Erſcheinen unſerer Be⸗ kannten mancher Kopf hervor und breite, neugierige Geſichter von ſchmuziggelber Farbe mit abgeſtumpften Naſen und langgeſchlitzten, nur wenig geöffneten Augen wurden ſichtbar. Der Graf konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten. „Das iſt ja ein Gnomengeſchlecht“, ſagte er, indem er die ſchwächlichen, kaum vier Fuß hohen Geſtalten betrachtete, die ſich nach und nach ſammelten und deren Aeußeres durch die originelle Kleidung, welche ſie tru⸗ gen, noch wunderlicher erſchien. Da man ſich bereits zu Ende des Monats September befand, ſo herrſchte in der Gebirgsregion ſchon eine rauhe Temperatur und die Kleidung der kleinen Menſchen war dieſer ange⸗ paßt. Die meiſten der Lappen, ſowohl Männer wie Frauen, trugen bereits den im Winter gebräuchlichen Rennthierpelz und unter dieſem einen Rock von grobem Tuch, der von der Bruſt bis auf die Füße reichte und die Stelle des Hemdes vertrat. Das Ganze wurde durch einen Gürtel zuſammengehalten, an dem, je nach der Wohlhabenheit des Beſitzers, allerhand Zierrathen, wie Beutelchen, Meſſerchen, Löffel und Spangen hin⸗ gen, und zwar bei den Frauen vorn, bei den Männern hinten. Denkt man ſich hierzu noch lange Beinkleider und eine ſpitze Mütze von feinem blauem, rothem oder . grünem Tuch, ſo erhält der Leſer ein getreues Bild von dem Anzug dieſer Naturmenſchen, welche ſich auf ihren Putz nicht weniger zu gute thun als unſere groß⸗ ſtädtiſchen Herren und Damen in ihren eleganten An⸗ zügen. Die Geſichter der Lappen drückten, wie geſagt, Staunen und Neugier aus, als unſere Bekannten in ihre Mitte traten. Jetzt näherte ſich dieſen, die Mütze in der Hand, ein alter Mann, welcher das Amt eines Vorſtehers zu verſehen ſchien, und ſagte, zu Olof ge⸗ wendet, mit einer demüthigen Verbeugung: „Sei gegrüßt, Sohn unſeres Kronenvogts! Wir freuen uns, Dich und Deine Begleiter bei uns zu ſehen. Tritt ein mit ihnen in unſere Hütten und ver⸗ ſchmähe nicht, was unſere Gaſtfreundſchaft Dir bietet, freundlich anzunehmen.“ „Ich danke Dir, Afraja, für Dein freundliches Ent⸗ gegenkommen“, antwortete Olof.„Unſer Aufenthalt wird nur kurz ſein und wir wollen Dir nicht beſchwer⸗ lich fallen.“ „Wir ſind ein armes und genügſames Volk“, ant⸗ wortete der Alte,„aber es würde uns doch Freude machen, wenn Ihr eine Schale Milch, ein Stück Käſe und ein gut zubereitetes Stück Fleiſch annehmen wolltet.“ „Ja, ja, ich weiß es, das Alles liefert Euch Euer v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. 1. 10 146 Rennthier“, erwiderte der junge Fine,„und gern wer⸗ den wir ſpäter Dein Anerbieten annehmen. Was macht Deine Heerde, Afraja? Hat ſich dieſelbe ſeit der Zeit, wo ich zum letzten Mal hier war, zu Deiner Freude vermehrt?“ „Gott iſt mir gnädig und ſein Segen begleitet mich“, antwortete der Lappe mit Demuth, durch welche indeſ⸗ ſen auch Liſt und Verſchlagenheit blickte.„Dort an jenem Abhang weidet ſie, aber das Gras wird ſchon ſpärlich und bald wird die Zeit kommen, wo die Thiere ſich ihr Futter unter dem Schnee werden lnchen müſſen.“ „Ei, das iſt ja eine ſtattliche Anzahl, nahe an fünf⸗ hundert“, rief Olof nach einem ſchnellen Ueberblick. „Haſt Du Dein Fuhrwerk bei der Hand? fragte er weiter. „Ja, Herr, dort in der Nähe meines Zeltes ſteht es.“ „Das Rennthier iſt dieſen Leuten Alles“, bemerkte Olof, zu dem Grafen gewendet;„es gibt ihnen Käſe, Milch, Fleiſch, Horn, Kleider, Betten, Schuhe und ſchließ⸗ lich Geld. Auch als Zugthier iſt es ſehr nützlich, denn es legt auf dem Schnee im Trabe oft ſechs bis ſieben Stunden zurück. Würde es Ihnen Vergnügen machen, ein ſolches Thier einmal im Wagen eingeſpannt zu ſehen?“ 147 „Gewiß würde dies für mich ein großes Intereſſe haben“, entgegnete der Major. „Nun, Afraja wird uns wohl dieſes Vergnügen be⸗ reiten?“ wendete er ſich zu dem Lappen. „Gern, gern!“ Und der Alte lenkte ſeine Schritte der Gegend zu, wo die vorhin erwähnte Heerde wei⸗ dete. Mit ſicherer Hand erfaßte er ein ſtarkes, mit ſchö⸗ nem Geweih verſehenes Rennthier, und bald war dieſem Geſchirr und Zaum angelegt, worauf es der Alte trotz einigen Widerſtrebens in den auf kurzen Rädern ruhenden leichten Wagen ſpannte. „Man ſieht wohl, Afraja, daß es Dir gut geht“, ſagte Olof,„ſonſt würdeſt Du das Thier nicht haben ſo prächtig herausputzen können.“ Der Lappe, welcher wie alle ſeine Stammesgenoſſen mißtrauiſch gegen Fremde war, ſchüttelte abwehrend mit dem Kopfe und nahm eine demüthige Miene an. „Ich bin nur ein armer Mann“, ſagte er,„und Gott hat mir gerade ſo viel gegeben, um mein und meiner Familie Leben zu friſten.“ Dabei ſchoß aber aus ſeinen kleinen, langgeſchlitzten, nur halb geöffneten Augen ein lauernder, liſtiger Blick, um ſich zu überzeugen, inwieweit ſeine Verſicherung Glauben finde. Olof, um den Alten für ſeine Unwahrheit etwas zu ſtrafen, antwortete lachend: 10* 148 „Geh, geh, Afraja, und verſuche nicht, mir etwas weis zu machen. Du biſt reich genug, um Dir noch eine Heerde wie dieſe hier zu kaufen, und es würde ſich wohl der Mühe lohnen, nach dem Gold und Silber zu forſchen, welches Du in den Höhlen und Bergſpalten verborgen haſt.“ Dieſe Worte wird der Leſer erklärlich finden, wenn wir ihm mittheilen, daß es eine eigenthümliche Sucht der Lappen iſt, ihre Schätze an ſolchen Orten wie den vorerwähnten zu verbergen, was ſich theilweiſe aus ihrer herumziehenden Lebensweiſe erklärt. Oft über⸗ raſcht ſie darüber der Tod und die Verwandten kom⸗ men auf dieſe Weiſe häufig um das Erbe, denn ent⸗ weder finden ſie die bezeichneten Stellen nicht, oder der Kranke, in der Hoffnung der Wiederherſtellung, ſchweigt hartnäckig, bis er ſeinen letzten Athemzug ausgehaucht hat. „Nun, beruhige Dich nur, Afraja“, ſagte der junge Mann mit einem begütigenden Lächeln, als er ſah, daß der Alte ein langes Geſicht machte und verlegen und ſcheu um ſich blickte;„Niemand von uns beneidet Dich um Deine Reichthümer und vor mir biſt Du ſicher, denn ich hege nicht die mindeſte Neigung, bei Dir den Schatzgräber zu machen.“ Der Major hatte inzwiſchen Zeit gehabt, ſich Wa⸗ 149 gen und Geſchirr näher zu betrachten. Der obere Theil des erſtern konnte bei ſpäterer Jahreszeit auch abge⸗ nommen und als Schlitten verwendet werden und war hiernach auch gebaut. Er hatte einen breiten Kiel in Form eines kleinen Kahns und zeigte ſich ſo dicht und warm, daß weder Wind noch Waſſer einzudringen vermochten. Was das Geſchirr anbelangt, ſo lief über den Rücken des eingeſpannten Thieres ein bunt ausgenähter, mit Zinkſchnörkeln ſchimmernd beſetzter breiter Streifen von Tuch, die Stirn faßte Leder ein und an dieſem war wieder der Zaum befeſtigt, der ſich um den Kopf, um den Hals und um das Geweih ſchlang. Das Halsband war von weichgepolſtertem Rennthierleder an⸗ gefertigt und unter dem Halſe hing eine große Metall⸗ glocke mit einer Anzahl kleiner Schellen. Während endlich der Ziehriemen am Halsjoch feſt ſaß und unter dem Bauch des Thieres fortlief, war der Zaum zu bei⸗ den Seiten des Rennthiers befeſtigt, denn auf dieſe Weiſe lenkt der Lappe ſein Fuhrwerk mit der größten Behen⸗ digkeit, indem er das Lenkſeil beim Fahren über den Rücken des Thieres und wohl auch zur Rechten wirft. „Nun, Afraja“, ſagte jetzt Olof, zu dieſem gewen⸗ det,„Dein Wagen, Dein Geſchirr und Dein Rennthier wetteifern an Schönheit und Zierlichkeit, willſt Du unſere Wißbegierde aber ganz befriedigen, ſo ſei ſo 150 gut und mache vor unſern Augen eine kleine Probe⸗ fahrt.. „Gern will ich Deinen Wunſch erfüllen, Herr“, entgegnete der Lappe,„aber ich kenne das Thier und fürchte, es hat heute gerade ſeinen böſen Tag und wird ſich deshalb halsſtarrig und eigenſinnig zeigen.“ „Verſuche es nur“, erwiderte der junge Mann. „Sollte ein Schaden für Dich daraus entſtehen, ſo trage ich denſelben und auf ein paar Speciesthaler kommt es dabei ebenfalls nicht an.“ Bei dieſer letzten Bemerkung leuchteten die Augen des Alten habgierig und in der nächſten Minute ſaß er im Wagen und trieb das Thier vermöge des Lenk⸗ ſeils und durch entſpechenden Zuruf an. Wirklich zogg daſſelbe auch an und etwa zwanzig Schritte ging die Fahrt ganz gut von ſtatten; plötzlich ſtutzte aber das Thier, ſtemmte die Vorderbeine feſt auf den Boden und begann hinten auszuſchlagen. Vergebens verſuchte der Lappe das tückiſche Thier zu beruhigen; als er es wieder antrieb, nahm ſeine Wildheit dadurch nur zu und ſchließlich begann es mit ſeinem Geweih nach Afraja zu ſtoßen. Da ſich dieſer nicht der Gefahr ausſetzen wollte, aufgeſpießt oder verwundet zu werden, ſo wartete er einen zweiten Angriff nicht ab, ſondern ſprang mit großer Behendigkeit aus dem Fuhrwerk 151 und ſuchte hinter demſelben ſo lange Schutz, bis einige ſeiner Stammesgenoſſen herbeieilten und ihn aus ſeiner unfreiwillig gewählten Lage befreiten. „So etwas paſſirt übrigens den Lappen auf ihren Reiſen häufig“, bemerkte der junge Fine,„und befin⸗ den ſie ſich im Schlitten, ſo flüchten ſie unter denſelben und warten es dann in ihrem Verſteck ruhig ab, bis das wild gewordene Thier ausgetobt hat.“ „Hier, Afraja“, ſagte er, dieſem einige Silberſtücke in die Hand drückend,„hier empfange den verſprochenen Lohn und es ſoll mich freuen, wenn ich Dich bei mei⸗ nem nächſten Beſuch in einem neuen Rock erblicken kann.“ Der Alte verbeugte ſich mit blitzenden Augen und einem zufriedenen Grinſen, während die umherſtehenden Lappen neidiſche Blicke auf ihn warfen. Anna hatte inzwiſchen mit dem Grafen heimlich einige Worte gewechſelt, und indem ſie ſich nunmehr zu Afraja wendete, fragte ſie: „Wo iſt Helja, Deine Frau?“ „Drin in der Hütte“, antwortete derſelbe;„krank, ſehr krank, armes Weib.“ „Sie iſt eine der berühmteſten Wahrſagerinnen ihres Stammes“, bemerkte Olof,„und ich wette, ſie befindet ſich in dieſem Augenblick ebenſo wohl wie 152 wir, aber hier der ſchlaue Fuchs hat es herausgewit⸗ tert, daß mein Schweſterchen der Luſt nicht widerſtehen kann, ſich von der alten Sibylle die Zukunft enthüllen zu laſſen, und Afraja iſt klug genug, ſich dieſe Paſſion ſo theuer wie möglich bezahlen zu laſſen.“ „Nun, wir wollen gleich hinter die Wahrheit kom⸗ men“, ſagte der Major, indem er ein Goldſtück her⸗ vorzog und dies dem Lappen zeigte. „Iſt das vielleicht im Stande, Deine Frau wieder geſund zu machen?“ fragte er. Der Lappe grinſte, während ſeine Blicke begierig an dem Goldſtück hingen.„Vielleicht befindet ſie ſich jetzt beſſer“, ſagte er.„Ach, arme Frau krank, ſehr krank!“ Ohne ſich auf ein weiteres Examen einzulaſ⸗ ſen, ſchlug er den Weg nach ſeiner Hütte ein, und nach Verlauf von ungefähr zehn Minuten kehrte er mit einem gänzlich veränderten Geſicht zurück. „Gott ſei Dank“, ſagte er mit ſchlauer Miene,„die arme Helja iſt jetzt etwas beſſer und wartet auf die Befehle, welche die junge Herrin ihr zu ertheilen ge⸗ neigt iſt.“ „So kommen Sie, Graf“, ſagte Anna heiter,„wir wollen hören, was der prophetiſche Mund dieſer Se⸗ herin uns mittheilt.“ „Viel Vergnügen“, rief Olof ſcherzend beiden nach, 153 „aber ich fürchte, Schweſter, Du wirſt den Major nicht zum Proſelyten machen.“ „Nun, wer weiß, wie weit meine Macht reicht“, antwortete dieſe, indem ſie mit Zubow einen Blick aus⸗ tauſchte, und zugleich verſchwand ſie mit dieſem hinter einem groben Stück Tuch, welches den niedern Ein⸗ gang der Hütte verdeckte. Helja ſaß in der Mitte derſelben auf einem niedri⸗ gen Schemel, welcher bei einiger Phantaſie als ein Dreifuß gelten konnte. Ihr zuſammengeſchrumpftes, aſchgraues Geſicht blickte unter der ſpitzen Mütze her⸗ vor, welche wir vorhin beſchrieben haben, während zu⸗ gleich ihr graues Haar in ſchmuziger Unordnung auf ihre Stirn herabfiel. Ein Kolt oder langer Rock, der von der Bruſt bis zu den Füßen reichte, und ein über denſelben gezogener Rennthierpelz, deſſen Haare nach außen gekehrt waren, bildeten den nicht eben elegan⸗ ten Anzug der Sibyllle. „Was wünſcht meine Tochter von mir?“ fragte Helja, die übrigens über den Zweck des Beſuchs von Afraja ſchon hinlänglich unterrichtet worden war, ſo feierlich wie möglich. „Mutter“, antwortete Anna,„wir ſind zu Dir hierher gekommen, um uns von Dir wahrſagen zu laſſen.“ 154 „Bringt Ihr auch den rechten Glauben mit?“ fragte die Alte. „Wir vertrauen Dir und der geheimnißvollen Macht, mit der Du ausgeſtattet biſt.“ „Aber nicht immer iſt es gut, ſeine Blicke in die Zukunft ſchweifen zu laſſen, und oft wäre es beſſer, der Luſt zu widerſtehen, den Schleier derſelben zu lüf⸗ ten“, fuhr die Wahrſagerin ſo feierlich wie möglich fort. „Ich beſitze den Muth, die Wahrheit zu hören, wie ſie auch lauten mag“, bemerkte die junge Dame. „So reiche mir Deine Hand, Tochter!“ Die Lappin ergriff die geöffnete Rechte des Fräu⸗ leins und unterſuchte aufmerkſam das Innere derſel⸗ ben, indem ſie prüfend die verſchiedenen Linien, welche dieſelbe durchkreuzten, betrachtete. „Du birgſt ein Geheimniß in Deinem Herzen“, ſagte Helja nach einer Weile.„Deine Zukunft gehört nicht mehr Dir allein, Dein Schickſal liegt in der Hand eines Mannes, welchen Du vor kurzem kennen ge⸗ lernt haſt.“ Das junge Mädchen wechſelte mit dem Grafen einen heimlichen Blick und dann fragte es weiter: „Und wie wird ſich dieſe Zukunft geſtalten, Mut⸗ ter?⸗ 155 „Bewegt und ſtürmiſch, meine Tochter. Du wirſt Zeugin großer Ereigniſſe ſein und das Schickſal wird Dir Gelegenheit bieten, Deinen Muth und Deine Aus⸗ dauer zu zeigen.“ „Kannſt Du mir dieſe Worte nicht näher erklären?“ fragte das Fräulein, bei welcher jetzt der ihrem Ge⸗ ſchlecht mehr oder weniger eigene Trieb der Neugier erwachte. Die Wahrſagerin beobachtete von neuem aufmerk⸗ ſam die Linien der Hand.„Wie ich Dir ſchon vorhin ſagte“, bemerkte ſie langſam,„treffen Deine Lebens⸗ wege mit denen eines Mannes zuſammen. Aber ein Geheimniß liegt zwiſchen Euch beiden und eine andere Frau wird zwiſchen Dich und Dein Glück treten und daſſelbe zu zerſtören ſuchen.“ Jetzt verfärbte ſich auch das Geſicht des Majors unmerklich, und wie ein Schatten flog es einen Augen⸗ blick über ſeine Züge. Auch Anna war unruhig geworden, die dunklen Worte der Alten hatten ſie angeſteckt; ſie ſtand im Be⸗ griff, dem Aberglauben zu huldigen. „Wollen wir nunmehr nicht den Scherz, welchen wir uns mit dieſer Frau gemacht haben, abbrechen?“ fragte Zubow, dem man es anſah, daß er dieſe Scene zu beendigen wünſchte. 156 „Scherz?“ entgegnete das Fräulein, welches ſich in einer Aufregung befand, die es nur mühſam nieder⸗ kämpfte.„Sie glauben alſo nicht, daß manchem Men⸗ ſchen die Gabe verliehen iſt, in die Zukunft zu blicken?“ „Nein“, lachte der Major hell auf,„dies glaube ich in der That nicht, und am allerwenigſten ſcheinen dieſer alten ſchmuzigen Lappin die Eigenſchaften einer Pro⸗ phetin eigen zu ſein.“„ Die junge Dame gerieth durch dieſe Bemerkung unwillkürlich in Verwirrung. Ihre geſunde Vernunft ſagte ihr, daß der Graf Recht habe, während in die⸗ ſem Augenblick doch auch wieder durch die Worte, welche ſie ſo eben gehört, ihr Herz und ihre Leiden⸗ ſchaften zu aufgeregt waren, um ſich ſofort dem Einfluß zu entziehen, welchen Helja über ſie ausübte. „Noch eine letzte Frage wollen Sie mir erlauben“, ſagte ſie,„und dann gehen wir.“ Zubow verbeugte ſich mit einem leichten Lächeln, durch welches jedoch eine gewiſſe Ungeduld hervorblickte. „Du ſprachſt vorhin von einer Frau“, ſagte Anna, zu der Lappin gewendet;„kannſt Du mir ſagen, wer dieſe Frau iſt?“ Helja gerieth bei dieſer Frage offenbar in Verle⸗ genheit. Man ſah es ihr an, daß ihre Prophetengabe 157 hier aufhörte. Aber die verſchmitzte Alte wußte ſich zu helfen; es blieben ihr ja eine Menge Auswege offen und ſie wählte den kürzeſten. „Die Linien laufen hier durcheinander“ ſagte ſie, auf die kleine Hand, welche ſie in der ihrigen hielt, blickend,„und mein Auge vermag nichts Weiteres mehr zu erkennen.“ „So iſt alſo dieſes Poſſenſpiel beendet“, rief der Graf und warf der Lappin. gleichzeitig ein Goldſtück in den Schooß.„Kommen Sie, Anna, die Luft in die⸗ ſem engen Raume wirkt unangenehm und der Anblick dieſes mit Schmuz bedeckten alten Weibes gehört eben auch nicht zu den angenehmſten.“ Indem der Major dieſe Worte ſprach, ſchob er den Vorhang vom Eingange der Hütte zurück und trat mit ſeiner Begleiterin wieder ins Freie. Beide ſchwiegen einige Minuten, indem ſie langſam vorwärts ſchritten, denn die junge Dame konnte ſich offenbar von dem Eindruck, welchen die Sibylle bei ihr hervorgerufen, noch nicht losreißen, und auch Zubow war von einer Mißſtimmung befallen, die ebenfalls einen tiefern Grund zu haben ſchien. „Sie glauben alſo nicht an die Prophetengabe ſol⸗ cher Frauen?“ fragte das Fräulein endlich. „Nein. Wie könnte ich das auch! Ich betrachte der⸗ 158 artige Gaukeleien lediglich als einen Zeitvertreib, der nicht die geringſte Bedeutung hat.“ „Aber Sie haben doch ſelbſt von Kämpfen, die Ihnen noch bevorſtehen, geſprochen, und ich bin von Ihnen aufgefordert worden, nie an Ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln, ſelbſt wenn der Schein gegen Sie ſprechen ſollte?“ Diesmal ſtieg dem Grafen das Blut ins Geſicht und ſeine ſonſt ſo offenen Züge nahmen einen ziemlich harten Ausdruck an. Dennoch beherrſchte er ſich und mit der ihm eigenen Ruhe antwortete er: „Dies that ich allerdings, allein ich habe dabei na⸗ türlich außer Berechnung gelaſſen, daß ein nach Thran riechendes altes Weib, welches aus ſeiner Kunſt eine ganz gewöhnliche Geldſpeculation macht, im Stande ſein würde, in Ihnen das Vertrauen zu mir zu er⸗ ſchüttern.“ Nun war die Reihe an Anna, tief zu erröthen. Sie begriff, welch ein großes Recht der Major hatte, ſich verletzt zu fühlen, und ſie beeilte ſich, ihr Unrecht wieder gut zu machen. „Ich habe gefehlt“, ſagte ſie mit weicher Stimme, „ich beging eine Thorheit und bitte, mit Nachſicht darüber hinwegzuſehen.“ Mit dieſen Worten ſtreckte ſie ihrem Geſellſchafter ihre Hand entgegen und blickte 159 ihn gleichzeitig in ſo ſeelenvoller Weiſe an, daß dieſer ihr voll tiefer Rührung mit einem dankbaren Lächeln in die ſchönen dunklen Augen ſchaute und mit beweg⸗ ter Stimme erwiderte: „Eine ſolche Kleinigkeit wie dieſe, meine geliebte Anna, ſoll wahrlich nicht die Veranlaſſung ſein, daß die Harmonie unſerer Herzen ſelbſt durch den leiſeſten Hauch getrübt würde. Vergeſſen Sie das Geſchwätz dieſer alten Frau und vor allem, darum bitte ich, ver⸗ lieren Sie nie das Vertrauen zu mir.“ „Ich werde daran feſthalten, verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf“, antwortete das junge Mädchen mit einem leiſen Händedruck. „Und ich werde dieſes edle Vertrauen nie mißbrau⸗ chen“, fügte der Graf mit Wärme hinzu. In dieſem Augenblick waren beide bei Olof an⸗ gelangt. „Nun“, ſagte dieſer lachend,„darf man von den Geheimniſſen, welche die alte Helja enthüllt hat, auch etwas erfahren?“ „Es läuft immer auf dieſelbe Geſchichte hinaus“, antwortete mit einem ſpöttiſchen Achſelzucken der Ma⸗ jor.„Ihre kleinen Lappen ſind nicht ſo einfältig, wie ſie ausſehen, und jedenfalls verſtehen es dieſelben, bei vorkommender Gelegenheit Geld zu verdienen.“ 160 „Nun“, erwiderte Olof lachend,„wer von denſelben ſolche Dienſte in Anſpruch nimmt, muß ſie natürlich auch bezahlen. Ich kann mir übrigens ganz gut den⸗ ken, welche Gewalt Sie ſich haben anthun müſſen, um nicht in ein helles Gelächter auszubrechen, als Sie der würdigen Helja, bekleidet mit der rothen ſpitzen Mütze und eingehüllt in ihren ſtruppigen Rennthierpelz, ge⸗ genüber ſtanden.“ Jetzt wurde auch Anna von der frohen Laune ihres Bruders angeſteckt, und indem die letzte Wolke von ihrer Stirn verſchwand, erglänzten ihre Augen wieder in der gewöhnlichen Heiterkeit. Auf Olof's Vorſchlag beeilte man ſich übrigens nunmehr wieder den Heimweg anzutreten. Bevor wir die kleine Geſellſchaft jedoch wieder nach dem Herrenhof Sarlaa zurückbegleiten, liegt uns die Pflicht ob, den Leſer mit Ereigniſſen bekannt zu machen, welche ſich inzwiſchen zugetragen. Sechstes Kapitel. Der alte Major hatte, nachdem die jungen Leute das Haus verlaſſen, einige Stunden ſpäter in unge⸗ ſtörter Ruhe ſein Mittagsbrod verzehrt. Bald nachher ſaß er, die Zeitung in der Hand, in ſeinem Lehnſtuhl und ließ die politiſchen Ereigniſſe, welche dieſe melde⸗ ten, die Revue paſſiren. Bald aber wurden ſeine Au⸗ gen ſchwer, das Blatt entglitt allmälig ſeiner Hand und eine Viertelſtunde darauf war der Greis in einen ſanften Schlummer verfallen. Ein klirrender Tritt und das Raſſeln eines Säbels ſtörten ihn aus demſelben. Als er ſeine Blicke erhob, ſtand der Commandant von Lowiſa, Lieutenant von Holm, vor ihm. „Verzeihung, Oheim“, ſagte er;„ich bin hier etwas unvorſichtig eingedrungen und zu meinem Bedauern ſehe ich, daß ich Deinen Schlaf geſtört habe v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 162 „Das hat nichts zu bedeuten“, erwiderte dieſer in ſeiner gewöhnlichen gütigen Weiſe;„Soldaten bleiben Soldaten, ſie mögen nun im Dienſt oder außer Dienſt ſein, und das haben wir wenigſtens vor Andern vor⸗ aus, daß wir an Abhärtungen gewöhnt ſind und un⸗ ſern Körper beherrſchen. Worüber ich mich aber wun⸗ dere, iſt, daß ich Dich jetzt hier ſehe, während mir doch Olof ſagte, Du habeſt die an Dich ergangene Einla⸗ dung, die Reiſe ins Gebirge mitzumachen, abgelehnt.“ „Der Ausflug war mir etwas zu weit, Oheim, während es von Lowiſa bis hierher nur ein Spazier⸗ gang iſt. Das ſchöne Wetter lockte mich fort. Doch, wie geſagt, ich will Dich nicht weiter ſtören, ſetze Dein Schläfchen fort; was mich anbelangt, ſo werde ich mir ſchon die Zeit ſo lange zu vertreiben wiſſen, bis der Vetter und die Couſine zurück ſind.“ „Ich denke, um fünf oder ſechs Uhr wird dies der Fall ſein. Nun, auf Wiederſehen alſo! Du biſt ja hier zu Hauſe, mache, was Dir beliebt, ſpäter plaudern wir etwas miteinander.“ Dem alten Herrn ſaß wirklich noch der Schlaf in den Augen, und kaum hatte der Lieutenant ſich ent⸗ fernt, ſo fielen ihm dieſelben wieder zu. Holm ſchlenderte im Hofe anſcheinend gedankenlos umher, machte ſich hier und da etwas zu ſchaffen, be⸗ —— —— hielt aber immer das Fenſter im Auge, in deſſen Nähe der Veteran ſeine Sieſta hielt. Trotz der Ruhe, welche er anzunehmen bemüht war, hätte doch ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter herausfinden können, daß ſich hinter dieſer Maske eine Unruhe und eine Haſt verbarg, welche er nur mühſam im Zaume hielt. Endlich, nach Verlauf von etwa einer Viertelſtunde, näherte er ſich abermals dem Fenſter und trat dicht an daſſelbe heran. Er beobachtete den Schlummernden, er tippte ſogar mit dem Finger gegen die Scheiben, und als er ſich überzeugt hatte, daß der Schlaf deſſelben feſt ſei, mur⸗ melte er mit einem boshaften Lächeln: „Soldaten bleiben Soldaten, ſie mögen nun im Dienſt oder außer dem Dienſt ſein; hierin hat der alte Herr Recht, denn ich weiß, daß er ſeine Pünkt⸗ lichkeit ſelbſt auf den Schlaf ausdehnt, und wie eine Schildwache, die erwarten darf, mit der Minute abgelöſt zu werden, wird auch er Punkt drei Uhr erwachen. Ich habe daher noch eine volle halbe Stunde Zeit, und dieſe wird hinreichen, um den Zweck, welcher mich hier⸗ her geführt hat, zu erreichen.“ Er ſchlüpfte in das Haus und ſtieg behutſam die Treppe hinauf in den obern Stock; dort verlor er ſich in einem Corridor und am Ende deſſelben blieb er vor einer Thür ſtehen und drückte auf das Schloß derſelben. 11* 164 Das Gemach war offen und im nächſten Augenblick ſtand Holm in der Mitte deſſelben. Er ſah ſich rings um, und wie ſein Auge ſo über die einzelnen Gegen⸗ ſtände hinſtreifte, ſpiegelte ſich in demſelben ein Gemiſch von Bosheit und finſterer Rachſucht ab. „Glaubt der Thor, ich werde mich von ihm ſo ohne weiteres verdrängen laſſen?“ murmelte er.„Bildet er ſich ein, daß er nur die Hand auszuſtrecken braucht, um mir dieſe Perle, für die mein Herz ſeit Jahren ſchwärmt und glüht, zu entreißen? Gemach, Herr Graf, das Schwert des Damokles ſchwebt bereits über Ihrem Haupte. Ihr Geheimniß habe ich entdeckt. Sie ſind mir verfallen und in meiner Macht liegt es, Sie zu jeder beliebigen Stunde für immer unſchädlich zu machen. Doch dieſes Mittel ſpare ich mir bis zuletzt auf. Vielleicht findet ſich hier etwas, was nicht ſo viel Lärm hervorruft und doch ſeine draſtiſche Wirkung auf meine kleine eigenſinnige Couſine Anna nicht ver⸗ fehlt.“ Er blickte ſpähend rings umher und zuckte dann in verächtlicher Weiſe mit den Achſeln. „Natürlich, kahl wie eine Kirchenmaus, wie ſich dies von einem ſolchen Flüchtling nicht anders erwarten läßt“, murmelte er.„Kaum mehr als einen Rock, we⸗ der einen Koffer, noch ein Felleiſen! Doch halt“, fuhr 165 er fort, indem ſein Auge auf einem kleinen Käſtchen von Roſenholz haften blieb,„iſt irgend etwas zu fin⸗ den, ſo muß es darin enthalten ſein. Alſo im Namen des Geſetzes! Als Commandant eines Grenzpoſtens bin ich vollkommen berechtigt, im Intereſſe der öffentlichen Sicherheit derartige Nachforſchungen vorzunehmen!“ Indem der Lieutenant durch ſolche Sophismen die unredliche Handlungsweiſe, welche er eben zu begehen im Begriff ſtand, zu rechtfertigen ſuchte, trat er an den Tiſch, auf welchem das Käſtchen ſtand, ergriff daſſelbe und bemühte ſich, obwohl vergeblich, den Deckel zu öffnen. „Konnte mir wohl denken, daß es verſchloſſen ſein würde“, ſagte er.„Man gibt nicht ſeine Geheim⸗ niſſe ſo offen Jedermanns Blicken preis. Verdammt! Ich möchte nicht gern Gewalt brauchen und doch muß ich unter allen Umſtänden über den Inhalt Gewißheit haben!“ Er ſtand einen Augenblick ſinnend da, dann fuhr er fort:„Verſuchen wir es auf eine andere Weiſe.“ Damit holte er einen kleinen Schlüſſel aus der Taſche und ſteckte denſelben ins Schloß.„Wahrhaf⸗ tig, er paßt, der Deckel gibt nach. Ha, werde ich fin⸗ den, was mir nützlich ſein kann?“ Holm ſtand einen Augenblick mit leuchtenden, ver⸗ langenden Blicken vor dem jetzt geöffneten kleinen Käſt⸗ 166 chen, das halb mit Papieren angefüllt war. Zuerſt griff ſeine Hand nach einem Blatt, welches, mehr⸗ mals zuſammengeſchlagen, in einer Ecke ſteckte. Er ent⸗ faltete daſſelbe und las mit lauter Stimme die an der Spitze deſſelben ſtehenden Worte: „„Statuten des Bundes des öffentlichen Wohls.“ Aha, ſo iſt alſo der letzte Zweifel gehoben. Dieſer Herr Graf Zubow iſt wirklich derſelbe, welchen die Rache des Großfürſten Conſtantin und des Generals Araktſche⸗ jew ſteckbrieflich verfolgt! Ich wußte es zwar ſchon ſeit geſtern, wo ich mit dem Commandanten des ruſſi⸗ ſchen Grenzpoſtens zuſammentraf, und gleich bei der er⸗ ſten Begegnung fiel mir ja ſchon ſein Name auf, aber jetzt iſt auch der leiſeſte Zweifel gehoben, und will die Couſine durchaus nicht Vernunft annehmen, nun, ſo mache ich kurzen Proceß; ich liefere ihn aus und bin auf dieſe Weiſe den läſtigen Nebenbuhler für immer los, erhalte auch noch überdies für den geleiſteten wichtigen Dienſt einen ruſſiſchen Orden.“ Indem er ſo ſprach, griff er nach einem zweiten Packet, welches durch eine ſeidene Schnur zuſammen⸗ gehalten wurde.„Briefe!“ murmelte er.„Das iſt es gerade, wonach ich ſuchte. Schwarz auf Weiß muß ich es haben, um Anna zu überzeugen, und wenn mir hier ein ſolches Document in die Hände fiele—“ Mit 167 flüchtigem Blick überflog er mehrere der beſchriebenen Blätter und ſtieß dann plötzlich einen Ruf der Freude aus.„Genug! Genug! Jetzt bin ich ihn los, er iſt entlarvt und Anna wird ſchließlich noch froh ſein, wenn ich über die fatale Geſchichte großmüthig ſchweige!“ In der nächſten Sekunde war das zierliche, auf feines weißes Papier geſchriebene Briefchen in ſeiner Bruſttaſche verſchwunden.„Bon plaisir, Herr Graf!“ rief er.„Laſſen Sie ſich dies künftig eine Lehre ſein, Ihre Augen nicht auf verbotene Früchte zu richten! Danken Sie Gott, wenn ich großmüthig genug bin, Ihnen den Laufpaß zu geben, ohne Sie dem General Araktſchejew auszuliefern, welcher wahrſcheinlich in Si⸗ birien bereits ein hübſches Plätzchen für Sie ausge⸗ ſucht hat!“— Er verſchloß das Käſtchen wieder und ſtieg behutſam, wie er gekommen war, die Treppe hin⸗ unter. „Wo warſt Du denn?“ fragte der Veteran, als er jetzt abermals an das Fenſter trat, an welchem der Veteran ſaß. „Ich bin Deinem Beiſpiel gefolgt, lieber Oheim, ich habe wie Du in irgend einem ſtillen Winkel ein Schläfchen gehalten.“ 168 über mir hörte?“ „Das iſt auch ganz richtig. Ich hatte mich in Olof’s Zimmer einquartiert und der Corridor liegt ge⸗ rade über Deinem Kopf.“ „So, ſo“, meinte der Major und ſchien mit dieſer Antwort zufrieden. „Die Kinder können jeden Augenblick zurückkommen“, meinte er.„Willſt Du inzwiſchen eine Partie Dame mit mir ſpielen?“ „Mit dem größten Vergnügen.“ Das Spiel begann und der alte Herr gewann zwei Partien hinter einander. Dies ſteigerte ſeine gute Laune, denn er bemerkte nicht, daß Holm im höchſten Grade zerſtreut war, und brachte ſein Glück auf Rechnung ſeiner Geſchicklichkeit. Endlich rollte ein Wagen heran. Der Lieutenant ſprang auf und rief:„Da ſind ſie!“ „Nun, haſt Du denn ſolche Eile?“ fragte der Ve⸗ teran lächelnd. „Ja, Oheim. Meine Couſine drei Tage nicht ge⸗ ſehen zu haben, dünkt mir ſchon eine Ewigkeit.“ Er war zur Thür hinaus, während der Major ihm kopfſchüttelnd nachblickte. „Ich glaube, er täuſcht ſich“, murmelte er.„Das „Aber es war mir doch, als wenn ich Fußtritte — — 169 Mädchen ſcheint keine Neigung für ihn zu haben, und wenn ich es mir recht überlege, ſo kommt es mir auch ſo vor, als wenn ihre Charaktere durchaus nicht zu⸗ ſammenpaßten.“ 3 Inzwiſchen hatte Holm die Zurückkehrenden be⸗ grüßt. Von dem Grafen nahm er faſt gar keine Notiz, gegen Anna verbeugte er ſich dagegen deſto freundlicher. „Wie“, ſagte Olof,„Du hier? Und doch lehnteſt Du geſtern ganz beſtimmt unſere Einladung ab?“ „Der Weg war mir zu weit, meine Dienſtgeſchäfte geſtatteten mir nicht, Euch auf Eurem Ausfluge zu be⸗ gleiten. Dagegen iſt es von Lowiſa bis Sarlaa nur ein Spaziergang, und aufrichtig geſagt, ich trug Ver⸗ langen danach, in das liebliche Antlitz meines Couſin⸗ chens zu ſchauen.“ Anna antwortete hierauf nicht, doch konnte ſie es nicht abſchlagen, als ihr der Offizier ſeinen Arm bot, um ſie bis zum Hauſe zu begleiten. „Haſt Du Dich gut amüſirt?“ fragte er im Wei⸗ terſchreiten. „Sehr gut!“ „Und haſt Du auch mitunter Deines armen ſchmach⸗ tenden Ritters gedacht?“ „Ich habe keinen ſchmachtenden Ritter“, antwortete 170 das junge Mädchen pikirt und verſuchte ihren Arm aus dem ſeinigen zu ziehen.„Laß mich ein⸗ für alle⸗ mal mit dieſen Albernheiten in Frieden.“ „Halt, Couſinchen“, und er hielt den Arm feſt,„ſei vernünftig, ich bitte Dich. Ich kam hierher, um einige Worte unter vier Augen mit Dir zu ſprechen. Willſt Du mir dieſe Gunſt gewähren?“ „Ich halte dies für durchaus überflüſſig. Was Du mir zu ſagen haſt, kannſt Du mir auch in Gegen⸗ wart Anderer ſagen.“ „Auch wenn es ſich um ein Geheimniß handelte?“ „Welche Geheimniſſe ſollten wir wohl mit einander haben?“ „Nun, es kann ſich ja auch um andere Perſonen handeln. Wenn ich Dir nun in Bezug auf den Gra⸗ fen etwas von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen hätte?“ . Anna zuckte zuſammen.„Unmöglich!“ ſagte ſie, aber in ihrem Geſicht drückte ſich doch Beſorgniß aus. .„Ich gebe Dir mein Wort, daß es ſich um ſehr wichtige Dinge handelt“, wiederholte Holm. „Nun, der Graf iſt unſer Gaft, er ſteht hierdurch unter unſerm Schutz. Aber warum wendeſt Du Dich denn nicht an ihn ſelbſt, wenn Du eine Mittheilung zu machen haſt, die ihn betrifft?“ 171 „Es gibt Dinge, die ſich durch einen Zweiten weit beſſer vermitteln laſſen. Zudem— Du weißt, daß wir uns nicht beſonders lieben.“ Das Fräulein ſann einen Augenblick nach. Ihre Neugier war erweckt und Beſorgniß für den Mann, welchem ſie ihre Liebe geſchenkt hatte, miſchte ſich hinein. „So folge mir in einer halben Stunde“, ſagte ſie, „Du wirſt mich auf dem Wege nach dem See finden.“ Sie ſchlüpfte in das Haus, während Holm, deſſen Augen befriedigt aufleuchteten, zurückblieb. „Die größte Schwierigkeit war“, murmelte er,„ſie zu dieſer Zuſammenkunft zu bewegen.„Jetzt, nachdem ſie dieſelbe zugeſagt hat, werden die Eröffnungen, welche ich ihr zu machen habe, zuverläſſig hinreichen, um ſie wieder zur Vernunft zu bringen. Die glatten Redens⸗ arten dieſes Menſchen haben ſie umſtrickt. Sie hat doch ſonſt meine Vorzüge nicht überſehen und parbleu! ich glaube mich doch in jeder Beziehung mit dieſem Nuſſen meſſen zu können!“. Holm war ein eitler Menſch; er gehörte zu jener Klaſſe von Leuten, die ſich, weil ihnen jeder tiefere geiſtige Gehalt abgeht, in Oberflächlichkeiten bewegen und der feſten Ueberzeugung ſind, daß eine in einen bunten Rock eingeſchnürte ſchlanke Figur und einige 172 alltägliche, in glatte Form eingekleidete Worte ſchon hinreichen, um das Herz einer jungen Dame zu feſ⸗ ſeln. Allerdings beweiſt auch die tägliche Erfahrung, daß die große Mehrzahl des ſogenannten ſchönen Ge⸗ ſchlechts oberflächlich genug denkt, um ſich damit zu begnügen. Allein Anna gehörte nicht zu dieſer Mehr⸗ heit; wenn ſie zu einem Mann emporblickte, ſo wollte ſie ihn zugleich achten und ſich naturgemäß durch die Kraft ſeines Willens und die Ueberlegenheit ſeines Geiſtes von ihm beherrſcht fühlen. Jetzt hatte ſie aber auch die Beſorgniß um den Geliebten veranlaßt, in dieſe Zuſammenkunft zu willigen, denn mit dem ihrem Geſchlecht eigenen feinen Auffaſſungsvermögen hatte ſie aus den triumphirenden, ſo ſiegesgewiſſen Blicken des Lieutenants herausgeleſen, daß Zubow wirklich eine Ge⸗ fahr drohe. Wie ein Fuchs um den Hühnerſtall ſchlich Holm um das Haus herum; bald machte er ſich hier, bald dort etwas zu thun, und er konnte dies um ſo unbe⸗ merkter, als Olof ſowohl wie der Graf faſt gar nicht auf ihn achteten. Der eitle Menſch hatte ſich bei Nie⸗ mand beliebt zu machen gewußt, und ohne gerade un⸗ artig zu ſein, ſchenkte man ihm eben nicht mehr Auf⸗ merkſamkeit, als er ſelbſt beanſpruchte. Endlich trat Anna ins Freie und ſchlug den Weg 173 nach dem See ein. Wie die leichte, bewegliche Geſtalt ſo anmuthig dahinſchwebte, hefteten ſich Holm's Au⸗ gen an ihre Ferſen und ein verzehrendes Feuer leuch⸗ tete aus ſeinen Augen. Er liebte unſere Bekannte nach ſeiner Art, wenn eine von unbändigen Leidenſchaften angefachte Flamme überhaupt Liebe genannt werden kann. In zehn Minuten war er an ihrer Seite; er bot ihr ſeinen Arm, aber ſie lehnte denſelben mit trocke⸗ ner Kälte ab und ſagte: „Laß uns zur Sache kommen, Vetter. Was haſt Du mir zu ſagen? Worin beſteht Dein Geheim⸗ niß?“ „Bevor ich Dir daſſelbe enthülle“, antwortete die⸗ ſer, indem er dabei ein gewiſſes Uebergewicht gegen das junge Mädchen durchblicken ließ,„magſt Du mir geſtatten, von mir ſelbſt zu reden. Anna, daß ich Dich liebe, kann Dir kein Geheimniß geblieben ſein. Ich ſtehe auf dem Punkte, zum Kapitän ernannt zu werden, ich vermag Dir eine Exiſtenz zu bieten, nimm meine Be⸗ werbung an, werde die Meinige, weiſe ein Herz nicht zurück, welches Dir ganz gehört.“ Das junge Mädchen erröthete.„Laß das Vetter, das ſind Albernheiten; komme zur Sache.“ „Ich bin bei der Sache. Mein Denken und Em⸗ pfinden gehört nur Dir; ich habe mir manche Zurück⸗ 174 weiſung gefallen laſſen, aber jetzt“, fuhr er trotzig und finſter fort,„muß ich Gewißheit haben!“ „Dann bedauere ich, Dir nicht die mindeſte Hoff⸗ nung geben zu können.“ „Anna, ich bitte Dich, nimm dieſes Wort zurück. Siehe“— und er warf ſich vor ihr auf die Kniee— „ich liebe Dich bis zum Wahnſinnigwerden, ich kann ohne Dich nicht leben, Du mußt mein werden und ſollte ich die Hölle zu Hülfe rufen!“ „Laß uns gehen“, ſagte das Fräulein mit Ruhe und erhob ſich,„ich kann Dir keine Hoffnung geben und überdies, eine ſolche Sprache verletzt mich.“ „Nein, bleibe!“ rief Holm und hielt die Widerſtre⸗ bende faſt gewaltſam zurück.„Bleibe und laß Dich durch meine Bitten und mein Flehen erweichen. Zwinge mich nicht zum Aeußerſten, die Verzweiflung kennt keine Rückſichten!“ „Du drohſt?“ ſagte Anna, und ihre Stimme er⸗ bebte dabei leiſe.„Du trägſt Rache in Deinem Her⸗ zen, während Du mich zu lieben vorgibſt?“ „Nicht an Dir will ich mich rächen“, antwortete der Lieutenant,„aber ich kenne meinen Feind und er ſoll und muß unter allen Umſtänden weichen. Glaubſt Du etwa, daß ich blind geweſen bin? Meinſt Du etwa, ich hätte nicht bemerkt, daß dieſer Ruſſe einen Einfluß über Dich gewonnen hat, welcher die Hoff⸗ nungen, die ich jahrelang mit mir herumtrug, nun plötzlich zu vernichten droht?“. Anna hatte, als ſie ſo plötzlich ihr Geheimniß ver⸗ rathen ſah, unwillkürlich den Blick zu Boden geſchla⸗ gen, jetzt erhob ſie denſelben wieder und ſagte mit Strenge: „Genug! Ich räume Dir nicht das Recht ein, mir gegenüber ſolche Bemerkungen zu machen!“ „O, Du wirſt noch ganz andere Dinge hören müſ⸗ ſen“, rief Holm mit Hohn,„wir ſind noch lange nicht zu Ende! Dieſer Fremde— o hätte ihn damals auf der Bärenjagd—“ „Deine Kugel getroffen, welche gegen ihn gerichtet war“, ergänzte das junge Mädchen, indem ſie einen Blick unendlicher Verachtung auf ihren Geſellſchafter ſchleuderte. „Was wäre daran gelegen geweſen, er iſt ja ohne⸗ hin dem Tode verfallen!“ Ein Schrei flog über Anna's Lippen, beſtürzt trat ſie einen Schritt zurück und ſtarrte den Spre⸗ cher an. „Nun, ſiehſt Du“, ſagte dieſer triumphirend,„ich wußte wohl, daß ich noch Mittel beſaß, Dich zur Ver⸗ nunft zu bringen. Ich werde Dich vollſtändig heilen, 176 davon bin ich überzeugt, und das Drama wird mit einer zärtlichen Verſöhnung zwiſchen uns enden.“ Anna ſchwieg noch immer. „Eigentlich haſt Du Dich ſtark compromittirt, theu⸗ res Couſinchen, indem Du dieſem Grafen geſtatteteſt, Dir den Hof zu machen. Erlaube, daß ich Dich aus dieſem ſiebenten Himmel, in welchen Deine Phantaſie ſich verirrte, wieder entführe und Dich auf die Erde zurückbringe, wo ich, Dein ergebener Diener, ſehnſüch⸗ tig Deiner warte. Alſo, Couſinchen, mit dem Ruſſen iſt es nichts, er hat Dich hintergangen und betrogen, denn ihn bindet bereits ein Verſprechen gegen eine andere Dame, mit der er verlobt iſt.“ Während Holm dieſe Worte mit geſteigertem Hohn ſprach und Anna dabei triumphirend ins Geſicht blickte, mußte dieſelbe ihre ganze Kraft zuſammennehmen, um den Sturm der Gefühle, welcher in dieſem Augenblick in ihrem Innern tobte, nicht zu verrathen. Aber ſie war ein muthiges Mädchen, und obgleich ſie leiſe am ganzen Körper erzitterte, verbot ihr doch ihr Stolz, ge⸗ rade in dieſem Augenblick eine Schwäche blicken zu laſſen oder ſich zu verrathen. „Du beurtheilſt jedenfalls mein Verhältniß zu dem Grafen ganz falſch“, ſagte ſie mit erzwungener Ruhe, „doch auf der andern Seite, welchen Werth ſoll ich 177 auf eine Behauptung legen, welche Leidenſchaft und Rachſucht Dir offenbar eingeben?“ „Glücklicherweiſe habe ich die Mittel zur Hand, um eine ſolche Beſchuldigung zurückweiſen zu können. Hier ſieh“— und er zog den dem Grafen entwendeten Brief aus der Taſche—„hier ſteht es Schwarz auf Weiß, und auch des ſaubern Herrn Unterſchrift fehlt nicht als Beſtätigung. Es ſind zwar nur ein paar Zeilen in franzöſiſcher Sprache, aber ſie genügen voll⸗ kommen, um dieſen falſchen Ruſſen zu überführen. Willſt Du, daß ich Dir die betreffende Stelle in dem Schreiben vorleſe?“ „Lies!“ ſagte das Fräulein mit feſter Stimme, aber mit marmorbleichem Antlitz. „Nun, ſo höre! Die Ueberſchrift lautet:„Meine ge⸗ liebte Leontine!“ Meine geliebte Leontine! Verſtehſt Du wohl?“ „Weiter!“ murmelte Anna. „Nun gut, alſo weiter.„Das ſüße Gefühl der Liebe, welches Sie mir eingeflößt haben, erfüllt mein Herz mit unendlicher Wonne und umſtrickt mich mit dem Zauber nie geahnten Glücks. Ich ſehne den Au⸗ genblick herbei, wo es mir geſtattet ſein wird, Ihnen mit meiner Hand zugleich meinen Namen zu geben. Zubow.“ v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 12 Nun“, fragte Holm, als er geendet hatte,„biſt Du jetzt befriedigt?“ Ein ſtolzer Blick traf ihn. Das Geheimniß ihres Herzens ſo profanirt zu wiſſen und es von dem Lieutenant in ſo rückſichtsloſer und roher Weiſe enthüllt zu ſehen, gab ihr die Kraft, auch ferner eine Stärke zu heucheln, die ſie in Wahrheit nicht beſaß. „Woher haſt Du dieſen Brief?“ fragte ſie ſtreng. „Meine dienſtlichen Pflichten, Couſinchen“, antwor⸗ tete er etwas verwirrt.„Der Dienſt hebt alle Rückſich⸗ ten auf.“ 7 „Geſtohlen haſt Du ihn“, rief das junge Mädchen und ſchleuderte ihrem Verwandten einen vernichtenden Blick zu.„Die Ehre unſeres Hauſes haſt Du verletzt! Geh, ich verachte Dich jetzt noch mehr, als ich Dich bis⸗ her verachtet habe!“ Holm wurde bis über die Ohren roth.„Nimm dies Wort zurück!“ rief er. „Nein, es kommt mir aus der Seele!“ „Anna, ſetze das, was ich that, auf Rechnung mei⸗ ner glühenden Liebe zu Dir! Haſt Du je eine Neigung zu dieſem Menſchen gefühlt, es ſei vergeſſen. Aber jetzt, wo Du ſelbſt einſehen wirſt, daß er Deiner un⸗ würdig iſt, verſchließe mir Dein Ohr nicht länger, er⸗ 179 höre mich, gib mir den verlorenen Frieden zurück, treibe mich nicht zur Verzweiflung!“ Er ſtreckte ſeine Hand aus, um die des Fräuleins zu ergreifen, aber mit einer Geberde des Abſcheus zog Anna die ihrige zurück. „Hinweg!“ rief ſie und ihre Augen ſprühten Blitze. „Berühre mich nicht, denn dieſe Berührung erregt mir Ekel!“ Holm fletſchte wie ein Teufel die Zähne.„Ich ſehe jetzt klar“, rief er mit faſt heiſerer Stimme,„aber bei Gott, es ſoll Dir nichts helfen! Dieſer Menſch, welcher ſich zwiſchen Dich und mich ſtellte, befindet ſich in meiner Gewalt. Er iſt ein Verſchwörer, er hat ſich an einem kaiſerlichen Prinzen thätlich vergriffen, er wird von Steckbriefen verfolgt. Morgen, morgen mit dem Frühſten werde ich mich ſeiner bemächtigen und ihn den ruſſiſchen Behörden ausliefern!“ Wie ein Raſender ſtürzte er fort, quer durch Feld und Flur, in der Richtung nach Lowiſa zu. „Vetter, um der Barmherzigkeit Gottes willen, bleibe, höre mich!“ preßte jetzt das Fräulein heraus, aber ihre Stimme verhallte ungehört, der Davoneilende ſetzte ſeinen Lauf fort. Dann entrang ſich ihrer Bruſt ein ſchwerer Seufzer, unwillkürlich faßte ſie mit der Hand nach dem Herzen und im nächſten Augenblick 12* 180 ſank ſie gebrochen auf eine in der Nähe befindliche Bank. Eine halbe Stunde mochte das junge Mädchen in dieſer Stellung verharrt haben, als ihre Thatkraft allmälig zurückkehrte. Ein Entſchluß war wohl bei ihr noch nicht gereift, aber ſie begriff doch, daß etwas gethan werden müſſe. Auf Umwegen betrat ſie das Haus, und nach einigen Minuten befand ſie ſich auf ihrem Zimmer. Hier ſank ſie auf das Sopha, und ein heftiger Thränenſtrom erleichterte ihre Bruſt, welche krampfhaft zuſammengeſchnürt war. „Mein Gott, mein Gott“, rief ſie,„womit habe ich das verdient! Soll ich auch dieſen Mann, welchem ich das reinſte Gefühl entgegentrug, verachten lernen? O gäbe es nur eine Entſchuldigung für ihn! Aber der Brief, der Brief!“ Eine Zeit lang ſaß ſie, den Kopf in die Hand geſtützt, in dumpfes Nachdenken verſunken da. Dann lächelte ſie plötzlich mit der Milde eines Engels unter den noch immer an ihren langen Wim⸗ pern hängenden Thränen hervor und ſchien einen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben. Sie ſprang auf und ging mit lebhaften Schritten in der Stube auf und ab.„Er hat mich hintergangen, das unterliegt keinem Zweifel“, murmelte ſie,„und meiner Liebe iſt er allerdings nicht mehr werth. Aber wenn er unedel gegen mich han⸗ delte, ſo will ich nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. 1 181 Mein beſſeres Gefühl ſoll mir auch jetzt noch treu bleiben, wo ich ſo grauſam enttäuſcht bin. Ich ver⸗ mag den Mann, welchem ich mein Herz ſchenkte, nicht dem Verderben preiszugeben; ich werde ihn retten, das ſoll meine Rache ſein!“ Mit dieſem erhabenen und ſchönen Entſchluß trat Anna an den Klingelzug und berührte denſelben. „Bitte meinen Bruder Olof, daß er zu mir herauf⸗ kommt“, ſprach ſie zu der eintretenden Dienerin;„ſage, daß ich dringend mit ihm zu ſprechen hätte, aber richte es ſo ein, daß Dein Auftrag von Niemand bemerkt wird.“ Als ſie allein war, verfiel ſie wieder in ihr Grü⸗ beln, aber diesmal hatte ihr Ideengang eine andere Richtung genommen. Wie der Ertrinkende haſchte ſie offenbar nach einem Gegenſtand, an den ſie ſich, bevor ſie jede Hoffnung aufgab, anklammern konnte. Ein reines liebendes Herz entſagt nicht ſo leicht, die Ge⸗ fühle ſind zu edel, um ſie nicht bis zum letzten Augen⸗ blick feſtzuhalten. Erſt dann, wenn der furchtbare Mahnruf:„Erkenne die Wahrheit, täuſche dich nicht länger! ertönt, bricht das Herz, und wohl dem, wel⸗ chem dann noch die mildernde Zeit den Muth und die Kraft verleiht, ſich nach und nach zu neuem Leben wie⸗ der emporzurichten. der Enttäuſchung, mit Liebe hing. Auch Anna dachte jetzt an die Worte, welche der Graf zu ihr geſprochen hatte, als er ihr am See ſeine Liebe erklärte. Er hatte geſagt:„In den Kämpfen, welche mir noch bevorſtehen, werde ich muthig aushar⸗ ren, nur bitte ich Sie, wenn auch manchmal der Schein gegen mich ſprechen ſollte, nie an meiner Aufrichtigkeit und unverbrüchlichen Treue zu zweifeln.“ Nun, da⸗ hinter konnte ſich Wahrheit verbergen, trotz des Brie⸗ fes, welcher Zubow ſo ſchwer belaſtete, und ſollte ſie ihn ungehört in einem Augenblick gehen laſſen, wo vwielleicht die plötzliche Trennung und die harten, gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen ſeille Zunge löſen würden? Jedenfalls beſchloß das junge Mädchen, nichts zu verſäumen, was dem Grafen Gelegenheit hierzu ge⸗ ben konnte. Dies betrachtete ſie als eine Pflicht, de⸗ ren Erfüllung ſie ſowohl ſich wie dem Major ſchuldig ſei. Selbſt über den verhängnißvollen Brief, ſo un⸗ möglich dies auch ſchien, konnte er ja vielleicht noch eine Erklärung geben, die, wenn ſie ihn auch nicht recht⸗ fertigte, doch die Sache in einem weit mildern Lichte erſcheinen ließ. Jedenfalls beſchloß ſie Zubow zu ret⸗ ten. Ihr edler Charakter verſchmähte jede Rache, es war ihr unmöglich, den Mann dem Verderben preiszugeben, an welchem ſie auch jetzt noch, in dieſer bittern Stunde 183 Dieſe Betrachtungen nahmen ihren Geiſt in An⸗ ſpruch, als ihr Bruder eintrat. Bei ſeinem Anblick erwachte ihr Schmerz in ſeiner ganzen Heftigkeit aufs neue, es war ihr, als müſſe ſie Beichte ablegen und eine Schuld bekennen, von der ſie ſich doch frei wußte. Schluchzend warf ſie ſich an ſeine Bruſt und umklam⸗ merte krampfhaft ſeinen Hals. „Was haſt Du, Anna?“ fragte dieſer erſchrocken. „Ich bitte Dich, beruhige Dich. Was iſt vorgefallen?“ „O Olof, ich habe mich eines Vergehens anzukla⸗ gen. Ich hätte Dir mehr Vertrauen ſchenken, ich hätte Dich mit einem Geheimniß bekannt machen ſollen, wel⸗ ches ich Dir leider bisher ſorgfältig verbarg.“ „Du meinſt Dein Verhältniß zu Zubow? Nun, Schweſter, ſo blind war ich nicht, um dieſe aufkeimende Liebe nicht zu merken. Doch der Graf zeigte ſich als ein Ehrenmann, warum hätte ich zwiſchen Dich und ihn treten ſollen, da dieſe gegenſeitige Neigung Dir nur Glück bringen konnte?“ „Und jetzt, weißt Du, was geſchehen iſt? Holm hat mich dieſen Nachmittag mit. Anträgen beſtürmt, und als ich ihm ein entſchiedenes Nein entgegenſetzte, zeigte er mir einen Brief vor, in welchem ſich der Major als der Verlobte einer Petersburger Dame bekennt.“ Olof fuhr zuſammen.„Unmöglich!“ rief er.„Ein 184 ſo freches Spiel würde Zubow mit Dir zu treiben nicht gewagt haben. Doch wie iſt der Vetter zu dem Briefe gekommen?“ Anna bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händer.„Unſer Haus iſt entehrt“, rief ſie,„er hat ihn aus dem Zim⸗ mer des Majors geſtohlen. Dies iſt ſein eigenes Ge⸗ ſtändniß!“ „Der Elende!“ rief der junge Fine entrüſtet.„Nie mehr darf er dieſe Schwelle betreten!“ „Höre weiter. Als auch dieſe Enthüllung mich ſei⸗ nen Anträgen nicht geneigt machte, ſchwor er Rache. Zubow iſt ein Flüchtling. Die Theilnahme an einer geheimen politiſchen Geſellſchaft und ein ſchlimmer Handel mit dem Großfürſten Conſtantin, gegen den er den Degen zog, haben ihn aus ſeinem Vaterland ver⸗ trieben, und jetzt verfolgen ihn Steckbriefe. Holm weiß dies Alles; morgen mit dem Frühſten wird er hier ſein, um ſich des Majors zu bemächtigen und ihn an den nächſten ruſſiſchen Grenzpoſten auszuliefern.“ „Das darf nicht ſein, unſere Ehre iſt engagirt. Er muß gerettet werden!“ „So dachte ich auch, Bruder.“ „Du biſt ein edles Mädchen. Hat Zubow Dich wirklich hintergangen, ſo rächſt Du Dich in einer Weiſe an ihm, die mich Deinen hochherzigen Sinn be⸗ 185 wundern läßt. Aber aufrichtig geſagt, ich glaube an ſeine Untreue noch nicht.“ „Was ſoll nun geſchehen?“ „Ich ſelbſt werde ihn über den See bringen und durch die Berge geleiten.“ „Nein, überlaß das mir, Olof. Du weißt, daß ich die Ruder zu handhaben verſtehe.“ Der junge Fine begriff, welche Abſicht die Schwe⸗ ſter damit verband. Sie wollte den Grafen noch ein⸗ mal unter vier Augen ſprechen, vielleicht kam es dann zu einer Erklärung, und bei dieſer ſollte kein Dritter Zeuge ſein. Er war zartſinnig genug, dieſes Verlan⸗ gen eines tief verwundeten Herzens zu ehren, und ant⸗ wortete daher: „Nun güut, ich bin mit Dir einverſtanden und werde für einen ſichern Boten ſorgen. Um neun Uhr treffe ich mit Zubow am See ein; ich eile jetzt, denſelben auf die Nothwendigkeit ſeiner unverweilten Abreiſe vorzu⸗ bereiten.“ „Und der Oheim?“ fragte Anna. „Er darf für den Augenblick von dem wahren Sachverhalt keine Kenntniß erhalten; die Nachricht, daß er unter ſeinen Verwandten einen ſolchen feigen Ver⸗ räther beſitzt, der ſich zu Henkersdienſten hergibt, wird ihn vorausſichtlich auf das heftigſte erſchüttern —õ 186 und ſie muß ihm mit Vorſicht beigebracht werden. Morgen ſoll er die Wahrheit erfahren und er muß ſie erfahren, damit er vorbereitet iſt, wenn Holm hier eintrifft.“. „Gut, Olof. Ich danke Dir für den Edelmuth, welchen Du in dieſer traurigen Angelegenheit an den Tag legſt.“ „Ich wollte nur, ich könnte Dir einigen Troſt ſpen⸗ den. Doch vielleicht, Schweſter, wird Deinem Herzen dieſe Freude noch im letzten Augenblick zu Theil.“ Die beiden Geſchwiſter drückten ſich mit einem Blick des innigſten Einverſtändniſſes die Hände. „Um neun Uhr“, ſagte Olof;„vergiß die Stunde nicht.“ „Um neun Uhr“, rief Anna dem Scheidenden nach; „ich werde pünktlich ſein.“ Als der junge Fine in das Haus zurückkehrte, fand er ſeinen Oheim allein. Der alte Herr hatte ein offenes Schreiben vor ſich liegen und blickte auf daſ⸗ ſelbe mit einer gewiſſen Feierlichkeit. „Es wurde mir heute den ganzen Tag keine Gele⸗ genheit, mit Dir allein zu ſein, Olof“, begann er mit einer Stimme, deren bewegter Ton dem Neffen nicht entging;„jetzt aber, wo ſich der Graf auf ſein Zim⸗ 4 mer zurückgezogen hat, benutze ich den Augenblick, 187 um Dir und Deiner Schweſter eine Mittheilung zu machen.“ Der junge Mann ſah den Veteran erwartungs⸗ voll an. „Setze Dich“, ſagte dieſer und langte gleichzeitig nach dem vor ihm liegenden Blatt Papier.„Ich habe wichtige Nachrichten erhalten“, fuhr er fort;„dieſen Morgen ſind die längſt erwarteten Schreiben aus Stockholm eingetroffen.“ In dieſem Augenblick trat auch Anna ein; ſie hatte die letzten Worte ihres Oheims noch vernommen. „Komm näher, mein geliebtes Kind“, ſagte dieſer mit beſonders bewegter Stimme,„denn was ich mitzu⸗ theilen habe, betrifft Dich ebenſo gut wie Deinen Bruder.“ Das Fräulein nahm an der Seite des Veterans Platz und dieſer ſtrich ihr liebevoll über das ſchöne Haar. „Laß das Köpfchen nicht ſo ſinken“, ſagte er, eine Heiterkeit annehmend, die wohl mehr eine gekünſtelte wie natürliche war,„meine Nachrichten ſind nicht ſchlim⸗ mer Natur, ſie betreffen Euer beiderſeitiges Wohl. So hört alſo: Wir werden uns bald trennen müſſen, Eurer Abreiſe nach der Hauptſtadt ſteht nun nichts mehr im Wege.“ 188 „Ich will Dich aber nicht verlaſſen!“ rief Anna, wobei ihr eine Thräne ins Auge trat und ſie ſich zärt⸗ lich dem Greiſe anſchmiegte. „Mache Dir um mich alten Mann keine Sorgen“, antwortete ihr Oheim mit einem liebevollen Blick; „wenn Gott mich geſund erhält, ſo werde ich auch wei⸗ ter meinen Gewohnheiten gemäß auf Sarlaa fortleben, bis es mir in einer ſpätern Zeit wieder vergönnt iſt, Euch, meine Kinder, ſegnend in die Arme zu ſchließen. Für jetzt iſt es aber mein Wille, daß Ihr dieſe Ein⸗ ſamkeit verlaßt und Euch unter andern Verhältniſ⸗ ſen Eurem Stande gemäß für das Leben auszubilden ſucht.“ Anna ſenkte traurig den Kopf, aber zugleich ſchien ſie doch auch wieder noch ein anderer Gedanke wie die nahe Trennung von dem Greiſe zu beſchäftigen, denn unwillkürlich erinnerte ſie ſich daran, daß ſie dann ja auch mit Zubow in Stockholm wieder zuſammentreffen müſſe. „Muß dieſe Trennung denn durchaus ſtattfinden?“ fragte ſie nochmals mit weicher Stimme. „Ich habe dabei nur Dein Glück im Auge, meine Tochter“, entgegnete der Major.„Siehe, dieſes Schrei⸗ ben kommt von einer der hochgeachtetſten Damen des Landes, von der Gräfin Piper. Infolge ihrer Ver⸗ 189 wendung hat Ihre Majeſtät die Königin die Gnade gehabt, Dich unter ihre Hoffräulein aufzunehmen.“ „Ich ein Hoffräulein?“ rief unſere Bekannte mit einer Naivetät, die ſelbſt dem alten Herrn ein Lächeln abnöthigte.„Ich, die bisher nur gelernt hat in den Bergen umherzuklettern und mit Olof auf den Lachs⸗ fang zu gehen, ich ſoll nun auf einmal bei Hofe er⸗ ſcheinen und mich dem ſteifen Zwange der Etikette unterwerfen? Nun, in der Thet, ich möchte wohl wiſſen, wie ich mich in dieſer Rolle ausnehmen werde.“ „Du wirſt Dich früher in die neuen Verhältniſſe hineinfinden, als Du glaubſt“, bemerkte der Major. „Für Dich, Olof“, fuhr derſelbe fort,„hat ein alter Waffengefährte von mir, der General von Armfelt, geſorgt. Er iſt jetzt ebenfalls alt geworden, aber einſt ſpielte er am Hofe Guſtav's III. eine hervorragende Rolle, denn er war der ſchönſte Mann ſeiner Zeit und galt allgemein als der Liebling der Frauen.“ „Und in welcher Weiſe darf ich denn auf die Pro⸗ tection des Generals rechnen?“ fragte der junge Fine, dem es keineswegs an Ehrgeiz und an dem der Ju⸗ gend eigenen Drange, den Strömungen eines bewegten Lebens zu folgen, mangelte. „Er hat von dem König das Verſprechen erlangt, 8 190 Dich unter ſeine Garde aufzunehmen und Dir ein Offizierspatent im Regiment der Leibgrenadiere zu ver⸗ leihen, eine Ehre, die nur wenigen jungen Leuten Dei⸗ nes Standes zu Theil wird und welche Du, wie ich hoffe, gebührend zu ſchätzen wiſſen wirſt.“ „Gewiß, mein Oheim“, entgegnete der junge Mann, „und halten Sie ſich überzeugt, daß ich ſtets danach ſtreben werde, mich Ihrer werth zu zeigen.“ „Thue zu jeder Zeit Deine Pflicht, laſſe nie einen Flecken auf Deiner Ehre haften und bleibe unter allen Umſtänden Deinem Könige treu“, bemerkte der Greis; „das iſt ſtets die Deviſe Deiner Vorfahren geweſen, und Gott ſei Dank, ſie ſind wohl dabei gefahren.“ Der Major reichte mit einem Blick des Vertrauens Olof ſeine Hand und klopfte gleichzeitig Anna auf die Wange. „Nun geht, meine Kinder“, ſagte er freundlich,„und laßt mich alten Mann ein Stündchen allein. Die Mit⸗ theilung, welche ich Euch machte, hat mich doch mehr ange⸗ griffen, als ich glaubte, und ich habe heute wieder erfahren, wie theuer Ihr meinem Herzen ſeid.“ Er winkte nochmals zum Zeichen der Entlaſſung freundlich mit der Hand und unmittelbar darauf ver⸗ ließ Olof mit ſeiner Schweſter das Zimmer. „Wie viel Uhr iſt es jetzt, Bruder?“ fragte dieſe. „Es geht auf neun.“ „So iſt es Zeit, daß wir ausführen, was wir vor⸗ haben.“ „Ich treffe Dich alſo am See?“ „Zur feſtgeſetzten Stunde.“ „Auf Wiederſehen alſo! Ich begebe mich jetzt zum Grafen.“ Während Anna forteilte, ſtieg Olof langſam die Treppe hinauf und öffnete leiſe das Zimmer Zubow's. Er wurde von zwei Empfindungen beherrſcht, denn der Verdacht, daß der Graf an ſeiner Schweſter zum Ver⸗ räther geworden ſei, war auch bei ihm nicht ohne Wirkung geblieben und erfüllte ſein Herz mit Bitter⸗ keit, während er auf der andern Seite für den Ruſſen eine Zuneigung empfand, die er auch jetzt noch nicht ganz zu beſeitigen vermochte. Der Major ſaß, als der junge Fine bei ihm ein⸗ trat, am Tiſch und ſtützte gedankenvoll den Kopf in die Hand. Olof bemühte ſich, eine kalte Miene anzunehmen, aber es gelang ihm nur halb, und mit mehr Freundlichkeit, als die Situation mit ſich brachte, ſagte er: „Entſchuldigen Sie die Störung, aber ſie erſcheint gerechtfertigt durch Ihr eigenes Intereſſe.“ Zubow ſprang auf.„Was iſt vorgefallen?“ fragte 192 er.„Sollte mir etwa eine neue Unannehmlichkeit bevor⸗ ſtehen?“ „Iſt Ihnen denn bereits eine ſolche paſſirt?“ „Urtheilen Sie ſelbſt, lieber Freund. Aus dieſem Käſtchen iſt ein Brief in unbegreiflicher Weiſe ver⸗ ſchwunden.“ „Und Sie hatten Urſache, den Inhalt dieſes Brie⸗ fes geheim zu halten?“ fragte der junge Mann mit Schärfe. „Wenigſtens könnte, wenn er in unrechte Hände ge⸗ riethe, damit viel Unheil angeſtiftet werden.“ „So?“ ſagte unſer Bekannter gedehnt und ſein Auge heftete ſich feſt auf den Grafen. „Olof“, hob dieſer an,„Ihre edle Natur verdient volles Vertrauen und ich glaube im Einverſtändniß mit Ihrer Schweſter zu handeln, wenn ich Ihnen jetzt ein Geheimniß anvertraue.“ „Ich weiß es ſchon“, antwortete dieſer trocken. „Sie haben Anna eine Liebeserklärung gemacht und dieſelbe dabei auf eine unehrenhafte Weiſe hinter⸗ gangen.“ Dieſe letzten Worte wurden von dem jungen Fi⸗ nen mit gerunzelter Stirn und in einem rauhen Tone geſprochen. „Olof“, rief der Graf, und ſeine Augen blitzten 193 auf,„können Sie mir wirklich eine ſolche Schändlichkeit zutrauen?“ „Wohl Ihnen, wenn Sie ſich zu rechtfertigen ver⸗ mögen“, antwortete dieſer zögernd. „Das kann ich! Aber nicht hier, ſondern in Ge⸗ genwart Ihrer Schweſter ſoll es geſchehen. Ein ab⸗ ſcheuliches Lügengewebe iſt ausgeſonnen worden und ich irre mich gewiß nicht, wenn ich es mit dem mir abhanden gekommenen Briefe in Verbindung bringe.“ „Darin mögen Sie Recht haben.“ „Sagen Sie mir nur das Eine: Wer ſpielte Ihnen den Brief in die Hände?“. „Nun, ich finde keinen Grund, dies zu verheimlichen. Mein Vetter Holm war es.“ „Ha“, rief Zubow,„dachte ich es mir doch! Wo iſt Ihre Schweſter?“ „Unten am See.“ Zubow ſtarrte ihn an.„Zu dieſer Stunde, bei Nachtzeit?“ „Allerdings, denn es handelt ſich um Ihre Rettung und ſie will Sie über den See hinüberrudern.“ „Um meine Rettung? Ich hoffte doch in Ihrem Hauſe ſicher zu ſein.“ „Leider hat ſich ein Verräther hier eingeſchlichen. Derſelbe, welcher Ihnen den Brief entwendete, wird v. Keſſel, Petersburg und Stockholm. I. 13 194 Sie verhaften und an die ruſſiſchen Behörden auslie⸗ fern, wenn Sie ſich nicht noch dieſe Nacht in Sicherheit bringen.“ „O, nun wird mir Alles klar“, rief Zubow.„Dieſer Menſch, von Eiferſucht und dann von Rache getrieben, hat den mir entwendeten Brief dazu benutzt, um mich in den Augen Ihrer Schweſter auf das unwürdigſte zu verdächtigen.“ „Konnte Anna nach einem ſolchen Documente Sie noch freiſprechen?“ „Nein, nein, aber ſie wird es thun, das ſchwöre ich Ihnen! Und trotz meiner ſcheinbaren Schuld zeigt ſie ſich noch ſo edel, mich retten zu wollen! Welche Erhaben⸗ heit der Geſinnung, welche Großmuth des Herzens! Kommen Sie, Olof. Fort, fort, es läßt mir hier keine Minute länger Ruhe!“ Der Major ſchlug einen Mantel um ſich und ſtecte das kleine Käſtchen in eine Taſche deſſelben.„Kommen Sie!“ „Aber Ihre übrigen Sachen?“ „Schicken Sie mir dieſelben nach Stockholm nach.“ „Hoffentlich bringe ich dieſelben ſelbſt, denn ich gehe mit meiner Schweſter binnen kurzem ebenfalls dahin. Leiſe, Graf, denn mein Oheim darf für den Augenblick wenigſtens nicht ahnen, was wir vorhaben.“ Dieſe 1 195 Worte ſprach unſer Bekannter, als der Major im Sturme innerer Aufregung ziemlich geräuſchvoll die Treppe hinunterſtieg. Beide durchſchritten ſchweigend die Nacht. Endlich lag der See vor ihnen, ſein klares Waſſer ſchimmerte ihnen beim Schein des Mondes entgegen.„Anna hält ſich ſchon bereit“, ſagte Olof, indem er auf einen Nachen deutete, in welchem eine weibliche Geſtalt ſichtbar wurde. „Welch edles Herz!“ murmelte der Graf.„Sie wähnt ſich von mir tödtlich beleidigt und hat doch den Willen, mich zu retten! Bin ich auch ihrer werth?“ Inzwiſchen waren die beiden Herren am Ufer an⸗ gelangt. Anna hielt die Ruder in der Hand, Zubow wollte auf ſie zuſtürzen. Olof hielt ihn zurück.„Ueberlaſſen Sie mir die Einlei⸗ tung“, ſagte er;„in dieſem Augenblick wird meine Schwe⸗ ſter mehr auf meine Stimme wie auf die Ihrige hören.“ „Komm heraus, kleine Nymphe“ ſagte er,„hier iſt Jemand, der Dich dringend zu ſprechen wünſcht.“ Keine Antwort erfolgte. „Annau, fuhr der junge Fine fort,„glaubſt Du, ich würde eine ſolche Aufforderung an Dich richten, wenn ich nicht meine gewichtigen Gründe dazu hätte? Komm, ich bitte Dich darum, es geſchieht im Intereſſe der Ruhe Deines Herzens.“ 196 „Wollen Sie mich ungehört verurtheilen?“ fragte der Graf mit weicher Stimme. Jetzt erhob ſich langſam das junge Mädchen; in der nächſten Sekunde befand es ſich auf dem Lande. „Anna“, ſagte der Major,„Sie ſind auf hinter⸗ liſtige Weiſe getäuſcht worden. Der Schein ſpricht gegen mich, das iſt wahr, aber dennoch bin ich un⸗ ſchuldig.“ Noch immer erfolgte keine Antwort. „Hören Sie mich. Ich ſtand allerdings zu Peters⸗ burg in einem ernſten Verhältniß zu einer jungen Dame, allein ſie betrog mich auf eine unwürdige Weiſe. Ich überraſchte ſie bei einem téte-Aà-téte mit dem Großfürſten Conſtantin, es kam zu einem harten Auftritt und deshalb mußte ich fliehen. Fragen Sie ſich nun ſelbſt, was verdiene ich mehr, Ihre Verachtung oder Ihr Mitleid?“ Ein leiſes Schluchzen ließ ſich vernehmen.„Und Sie konnten ſo ſchnell vergeſſen?“ tönte es mißtrauiſch. „Wie konnte ich eine Unwürdige noch lieben? Würden Sie in einem ſolchen Fall nicht auch vergeſſen haben?“ „Nein!“ lautete die feſte und beſtimmte Antwort. „Um ſo größer wäre das Verbrechen gegen Sie geweſen“, ſagte der Major bewegt,„aber glücklicher⸗ 197 weiſe liegt kein ſolches von meiner Seite vor. Mit einem noch wunden Herzen kam ich allerdings in dieſe Berge, aber zu neuer Glückſeligkeit erwachte ich, als ich Sie ſah. Mein ganzer Fehler beſteht darin, daß ich Sie mit den Ereigniſſen, welche mich in Peters⸗ burg betroffen, nicht bisher bekannt gemacht habe. Aber es wäre gewiß geſchehen, wenn nicht inzwiſchen ein Judas ſein verrätheriſches Werk ausgeführt hätte. Dies iſt der einzige Fehler, den ich begangen habe. Kommen Sie, Anna, vollenden Sie das Werk Ihrer Großmuth und kehren Sie vertrauensvoll an mein Herz zurück.“ Zubow hatte ſeine Arme ausgebreitet, und ſein Appell an den Edelmuth unſerer Bekannten war kein vergeblicher geweſen. Eine ſo edle, unverdorbene Natur wie die des jungen Mädchens folgte hierbei nur dem Drange ihres natürlichen Gefühls, welches ſie zu einer Wiedervereinigung mit dem Geliebten hinzog. Eine unſerer feingebildeten ſtädtiſchen Damen würde es viel⸗ leicht angeſichts einer ſolchen Situation für angemeſſen gehalten haben, dieſe Scene noch etwas in die Länge zu ziehen, Anna, das Naturkind, kannte ſolche Pru⸗ derie nicht, und deshalb fühlte der Graf auch bald, wie ſich ihr Kopf an ſeine Bruſt legte, wobei aller⸗ dings ein heftiges Schluchzen nicht ausblieb. „Sie haben mir recht viel Kummer gemacht.“ Dies 198 war der einzige Vorwurf, welchen ſie ihm mit unend⸗ lich weicher Stimme und mit einem Lächeln, in wel⸗ chem ſich halb Trotz, halb Vergebung abſpiegelte, machte, als ſie den Blick wieder zu ihm erhob. „Nun, glücklicherweiſe iſt das Gewitter vorüber und hoffentlich wird es jetzt beſtändiges Wetter bleiben“, bemerkte Olof ſcherzend. „Darf ich hoffen, daß Sie mir wieder Ihr früheres Vertrauen zuwenden werden?“ fragte der Graf. „Ja!“ antwortete unſere Bekannte ſo feſt und be⸗ ſtimmt und zugleich ſo mild und freundlich, daß es Zubow wie Glockengeläute klang und auch der letzte Zweifel in ihm verſchwand. „Jetzt aber fort!“ rief Olof.„Ich ſelbſt werde die Ruder führen, Ihr könnt inzwiſchen Abſchied von einander nehmen.“ Leicht flog der Nachen über die vom Monde ver⸗ ſilberte Waſſerfläche. Als er am andern Ufer ange⸗ langt war, ſetzte der junge Mann eine kleine Pfeife an die Lippen und entlockte derſelben einen ſcharfen, weithin hörbaren Ton. Sogleich regte es ſich in den Büſchen und ein Mann in der Tracht eines finiſchen Bauers wurde ſichtbar, welcher ſich ſchnell der kleinen Gruppe näherte. „Ich ſehe, Du biſt pünktlich, Sjögren“, ſagte Olof. SE 1 2 199 „Haſt Du Alles bei Dir, was man zu einer Reiſe braucht?“ „Alles, Herr; meine Bedürfniſſe ſind nur klein.“ „Nun gut, Sjögren, jetzt merke auf. Dieſen Herrn hier vertraue ich Deiner Treue und Gewiſſenhaftigkeit an.“ „Sie ſollen nicht getäuſcht werden, Herr.“ „Du mußt ihn ſicher und ungefährdet bis nach Abo führen. Nicht auf der Landſtraße, ſondern durch unſere Wälder und Moräſte.“ „Gut, gut, ich kenne ja jeden Weg und Steg.“ „Von Abo wählen Sie den Seeweg bis Stockholm“, fuhr unſer Bekannter zu Zubow gewendet fort,„und wenn ich nicht irre, theilten Sie mir ja mit, daß Sie dort Freunde und Beſchützer zu finden hofften?“ „Ich bin deſſen ſogar ſicher. Gerade diejenige Par⸗ tei, welche am entſchiedenſten gegen Rußland auftritt, erfreut ſich jetzt bei Hofe des größten Einfluſſes.“ „Reiſen Sie alſo mit Gott, in wenigen Wochen ſehen wir uns hoffentlich in Stockholm wieder.“ Der junge Fine ſchüttelte dem Grafen herzlich die Hand und zog ſich dann nach dem am Ufer befeſtigten Nachen zurück, um dem Major Zeit zu laſſen, mit Anna ungeſtört noch einige Worte wechſeln zu können. „Gott beſchütze Sie“, ſagte der Ruſſe bewegt;„mein Glück, meine Ruhe laſſe ich bei Ihnen zurück. Wanken 200 Sie nie, Anna, und halten Sie unter allen Umſtänden an dem Vertrauen zu meiner Treue und Redlichkeit feſt.“ Ein warmer Händedruck erfolgte.„Gehen Sie“, antwortete ſie mit weicher, zitternder Stimme,„es hätte dieſer Mahnung nicht bedurft. Auf Wiederſehen, mein Freund, und möge daſſelbe ein recht glückliches ſein!“ Zwei Lippen berührten ſich leiſe, noch ein letzter Blick, noch ein letztes Winken und dann verſchwand Zubow mit ſeinem Führer in dem dichten Gebüſch, welches die den See umgebenden Höhen bekränzte. Geräuſchlos legte Olof die Ruder ein und ebenſo geräuſchlos glitt das kleine Fahrzeug über das Waſſer. Als ſie ſich dem Herrenhauſe näherten, ſagte der junge Fine:„Der Oheim wird ſchon ſchlafen, gute Nacht alſo für heute; morgen beim Frühſtück ſoll er erfah⸗ ren, was wir ihm doch nun nicht länger verbergen können.“ „Bis morgen alſo“, erwiderte Anna, dem Bruder die Hand drückend, und ſchlüpfte ins Haus, um ſich in ihrem Stübchen noch eine Zeit lang ungeſtört ihren Gedanken zu überlaſſen. „Wo bleibt denn heute der Graf?“ fragte der alte Major Jönſon, als die kleine Familie andern Tags am Kaffeetiſch ſaß. 201 Olof ſah ſeine Schweſter an, dieſe ſchickte ihm einen zuſtimmenden Blick zu. „Der Graf“, ſagte er, auf die Frage des Vete⸗ rans antwortend,„iſt bereits geſtern Nacht abgereiſt.“ „Wie, abgereiſt? Man ſcheidet doch nicht aus einem Hauſe, wo man gaſtlich aufgenommen worden iſt, ohne Abſchied zu nehmen?“ „Lieber Oheim, es walten hier eigenthümliche Ver⸗ hältniſſe ob. Zubow konnte nicht länger bleiben, er mußte fort, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, verhaftet zu werden.“ Der alte Herr ſtarrte den Sprecher wie Jemand an, welcher über den Sinn einer Mittheilung vollſtän⸗ dig im Unklaren iſt. „Was ſagſt Du da, Neffe? Wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, verhaftet zu werden? Welches Geheimniß ſteckt dahinter? Hat unſer Gaſt etwas gethan, was ihn unſerer Freundſchaft unwerth macht?“ „Nein, Oheim, aber ein Anderer iſt es, der Dein Haus beſchimpfte.“. „Wer?“ „Unſer Vetter Holm.“ Der Major fuhr empor, die Röthe des Zorns färbte ſein Geſicht.„Sprich deutlich und kurz, ich muß 202 in dieſer Sache klar ſehen. Ein ſolcher Schimpf ſollte mir von einem Menſchen angethan werden, der ſich, wenn auch nur entfernt, zur Familie zählt? Das wäre ja entſetzlich! Rede, Olof, gib mir Aufklärung!“ „Nun, der Graf iſt ein politiſcher Flüchtling; er hat das Unglück gehabt, auf eine ſehr unangenehme Weiſe mit dem Großfürſten Conſtantin in Berührung zu kommen. Außerdem hat ihm der General Arakt⸗ ſchejew Rache geſchworen. Von Steckbriefen verfolgt, langte er hier an. Vetter Holm hat von dieſen Steck⸗ briefen Kenntniß erhalten und geſtern—“ Der junge Mann hielt inne und warf einen fra⸗ genden Blick auf ſeine Schweſter. „Nun geſtern, Oheim“, fiel dieſe ein,„machte mir Holm eine Erklärung, welche ich mit Entſchiedenheit zurückwies, weil ich von jeher Abneigung gegen ihn empfunden habe. Von Wuth und Eiferſucht entflammt, bezeichnete er den Grafen als die Urſache ſeiner Nie⸗ derlage und drohte, ihn heute in unſerm Hauſe zu verhaften. Sollten wir Dir dieſe Schmach anthun laſſen? War es nicht recht, daß wir ihn bei Zeiten in Sicherheit brachten?“ „Gewiß, meine Kinder, Ihr habt da nur etwas ge⸗ than, was ich ſelbſt für meine Pflicht gehalten hätte. Allein bedenkt auch, daß Holm der Korb, welchen 4 203 Du ihm gegeben, den Kopf heiß gemacht und ihn zu einer Drohung veranlaßt haben wird, die auszuführen er ſich bei ruhiger Ueberlegung gewiß ſchämen würde.“ „Ueberzeuge Dich ſelbſt, ob dem ſo iſt“, antwortete Olof.„Sieh, dort naht er bereits, um Judasdienſte zu verrichten.“ Der junge Fine ſtreckte bei dieſen Worten den Arm aus und zeigte auf den Lieutenant, welcher in Begleitung von ſechs Grenadieren in kurzer Entfernung ſichtbar wurde. „Der Elende!“ murmelte jetzt auch der Major und ſeine Stirn zog ſich finſter zuſammen. Inzwiſchen war Holm mit ſeiner Escorte angelangt Während die Soldaten vor dem Hauſe ſtehen blieben, trat er ſelbſt ins Zimmer. „Verzeihung, Oheim“, begann er,„wenn ich ſchon ſo früh ſtöre.“ „Vor allen Dingen“, bemerkte der Veteran mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel,„wollen wir unſere gegenſeitige Stellung nicht aus den Augen laſſen. Ich bin der Major Jönſon und Sie, mein Herr, ſind, wenn ich nicht irre, der Commandant von Lowiſa?“ Holm ſah den Alten einen Augenblick überraſcht an, dann warf er aber den Kopf hochmüthig in den Nacken und erwiderte: 204 „Nun meinetwegen, wie es beliebt. Major, ich be⸗ finde mich in dienſtlichen Angelegenheiten hier.“ „Schön, Herr Lieutenant von Holm. Welchen Zweck haben dieſelben?“. „Auf Requiſition der ruſſiſchen Regierung ſuche ich den Major Feodor Graf Zubow, welcher ſich bis geſtern hier aufhielt und der ſteckbrieflich verfolgt wird.“ Anna brach in ein verächtliches Gelächter aus, der Major ſtrich ſich mit wegwerfender Miene ſeinen wei⸗ ßen Schnurrbart. Durch das Gelächter des jungen Mädchens wurde Holm am meiſten gereizt. Die Furien der Eiferſucht erwachten wieder bei ihm und wühlten in ſeiner Bruſt. „Couſinchen“, ſagte er, nur mühſam an ſich haltend, „ich bitte, den gehörigen Ernſt zu beobachten. Es ſchmerzt mich zwar, indeſſen der Dienſt— meine Pflicht—“ „Keine Redensarten, mein Herr“, rief der Veteran. „Kommen Sie zur Sache! Was wünſchen Sie?“ „Es liegt mir die Pflicht ob, den Grafen zu ver⸗ haften.“ „Niemand verhindert Sie daran.“ „Aber“— und der Lieutenant ſpielte verlegen an ſeiner Degenquaſte—„ich ſehe ihn hier nicht. Darf 205 ich mir vielleicht darüber Auskunft erbitten, wo er zu finden iſt?“ „Das wird ſchwer halten“, fiel hier Olof mit kal⸗ tem Hohne ein.„Geſtern Abend verließ er unſer Haus und in dieſem Augenblick iſt er wahrſcheinlich ſchon meilenweit entfernt.“ Holm biß ſich auf die Lippen.„Nun“, ſagte er ſpöttiſch,„es fehlte ihm hier ja nicht an treuen und zärtlichen Freunden.“ „Das iſt allerdings wahr“, entgegnete der junge Fine;„wir halten auf Ehre und ſind keine feigen Verräther.“ „Herr!“ ſchrie der Lieutenant und faßte an den Griff ſeines Degens. „Still, Olof“, fiel der Major ein, und ſich zu Holm wendend, fuhr er fort:„Wünſchen Sie das Haus zu durchſuchen, Herr Lieutenant? Sie ſind ja mit den Näumen deſſelben zur Genüge bekannt und es wird Ihnen daher nicht ſchwer fallen, ſich zu orientiren.“ „Es iſt nicht nöthig“, entgegnete dieſer kurz.„Ich bin überzeugt, daß ich doch nichts finden würde. Ich ſpare mir ein weiteres Zuſammentreffen mit dieſem Herrn, der hier ſo warme Freunde fand, für eine ſpä⸗ tere Zeit auf, und dann werde ich doch noch Nünaih rechnung mit ihm halten.“ 1 206 „So ſind wir alſo fertig mit einander?“ fragte der Veteran in einer Weiſe, die nicht mißzuverſtehen war. „Für den Augenblick allerdings, mein Verwandter—“ „Dieſes Band iſt zwiſchen uns gelöſt“, rief der Major heftig.„Ich kenne jetzt nur noch einen Lieu⸗ tenant Holm, und auch dieſen werde ich möglichſt bald zu vergeſſen ſuchen.“ Ein höhniſches Gelächter folgte von ſeiten deſſen, dem dieſe Worte galten.„Wir werden ja ſehen, ob ſich dies ſo leicht thun läßt. Auch ich begebe mich nach Stockholm, wohin ich verſetzt worden bin. Dort hoffe ich Gelegenheit zu haben, Weiteres von mir hö⸗ ren zu laſſen. Auf Wiederſehen alſo! Male Dir nicht die Zukunft zu roſig aus, Couſinchen, hörſt Du? Es iſt noch nicht aller Tage Abend gekommen!“ Er ſtürmte zum Zimmer hinaus und trat in Be⸗ gleitung ſeiner Escorte den Rückweg nach Lowiſa an. „Es iſt gut, daß wir ihn los ſind“, bemerkte der Veteran,„und glücklicherweiſe iſt unſere Verwandt⸗ ſchaft mit dieſem Heuchler nur eine ſehr entfernte. Seine Drohungen haben nichts zu bedeuten; er iſt ein Prahler, und ſolche Leute halten es ſtets lieber mit Worten wie mit Thaten.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. 2 Papier von Julius Lange in Geßnitz bei Deſſau. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Aus dem Leben eines Junggeſellen. Komiſcher Roman von Karl von Keſſel. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Katharina von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſeck. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Karl X. Guſtav. 1 4 Komiſcher Roman von Bernd von Guſeck. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Neue Nomane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. ò Fritze, S., Schloß Bärenberg. Roman. 3 Bände. Preis 2 Thlr. Herbert, J., Bis zum Rubicon. Roman aus Julius Cäſar's Jugendleben. Vier Bände. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Rank, Z., Zohannes Volkh. Hausmittel der Liebe. Lin guter Menſch. Drei Erzählungen. Preis 20 Ngr. Spät, C. A., Aus der Mappe eines Tinſamen. Preis 1 Thaler. Temme,§. D. H., Der Domherr. Hiſtoriſcher Roman. 4 Bände. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Sin herzloſes Weib. Roman aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Drei Bände. Preis 2 Thlr. Willkomm,., Lin Sliefkind des Glücks. Humoriſtiſcher Roman aus dem Leben. Drei Bände Preis 2 Thaler. Höcker, G., Der beſeelte Schatten. Roman. 2 Bände. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. 8.—. d 7 8 9 10 11 12 13 14 ſ Vſſinnſſſſſſnſſſſſſſſiſſſſſ 15 16 17 18 19