V———— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7. Ednuard Oltmann in Gießen, 3 Leih- und LCeſebedingungen. = Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: p 6 ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„„„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muf der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt„ der Leſer Pan Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 ——e 86 g “ E Heerds, ,-cee, Boman ans ürn Gillersrilen. 3 * 8 Dritter Band. Vierte Auflage. ————— 9 Meerane. Verlag von Bruno Hinze. ————— — Die Klugheit ſtimmte in dieſe Warnung mit ein, indem ſie Herrmann ermahnte: daß die Erhaltung des Lebens und der Freiheit die 8 erſte heilige Pflicht ſei. Zwar ſchien Adel⸗ heids Trauergeſtalt neben ihm zu ſchweben und wehmitchsvoll ihm zuzurufen, ſie nicht durch Treuloſigkeit elend zu machen, doch Herr⸗ mann hörte dieſen Zuruf kaum, denn lieb⸗ licher und ſchmeichelnder tönte ihm Mathildens ſüße Stimme:„Mein Schickſal liegt in dei⸗ ner Hand, entſcheide!“ in das Ohr, und ſchon hatte ſich das Bild der Letztern ſo ſehr ſeines Herzens bemeiſtert, daß er nicht Kraft genug hatte, zu prüfen und als Mann zu wählen 1 und zu entſcheiden. Ohne Feſtigkeit und wie ein Schilf im Sturme, ſchwankte ſein unbe⸗ 6 ſtimmter Vorſatz, und von dem Wechſeldrange zwiefacher Leidenſchaft beſtürmt, kämpfte er kraftlos, gleich einem Schwimmenden in den empörten Wellen, mit den Wogen, die in ihm tobten und ihn immer tiefer in die Flut hinab zu tauchen ſchienen. In dieſem Kampfe mit ſich ſelbſt ſchliche ☛4 dem Jünglinge langſam und voll banger Angſt die Stunden des Tages vorüber, und ſchon nahete die Nacht, ohne daß er einen Entſchluß faſſen konnte. Die Sehnſucht nach Mathil⸗ 3 den, die Hoffnung, ſie wieder zu ſehen, füllte mit heißem Ungeſtüm ſeine ganze Seele, und ängſtlich harrend ſah er dem Augenblicke ihrer Erſcheinung entgegen. Endlich ſchlug der dumpfe Schall der Glocken aus der Ferne von oben herab an ſein lauſchendes Ohr, und hob ſein Herz voll feurigem Entzücken empor, da er in dieſem dumpfen Klange das Zeichen 3 erkannte, daß die verſchwiegene Nacht die Welt V über ihm zum Schlummer einlade und der Augenblick nahe ſei, wo er die heiß Erwartete ſehen ſollte. Mit jedem Pulsſchlage hob ſich —— ſein Herz höher und ungeſtümer empor, denn mit jedem Pulsſchlage rückte jetzt der Mo⸗ ment des Wiederſehens näher herbei. Welche bänglichſüße und verwirrende Regungen zit⸗ terten durch ſeine Nerven, als endlich ſein lauſchendes Ohr der Tritte leiſen Wiederhall von den Stufen der Treppe herab vernahm, als jetzt die Schlöſſer und Riegel der Kerker⸗ thüre klirrten, die Pforte ſich öffnete und bei dem Schimmer einer Lampe Mathildens Licht⸗ geſtalt die Stufen herniederwallte! Die reizende Verführerin ſchien alle Kunſt aufgeboten zu haben, um der Fülle ihrer Schönheit neuen hinreißenden Zauber zu er⸗ theilen. Gleich dünnem Nebel umfloß ein leichtes, blendend weißes Nachtgewand den ſchönen Körper, das jede leichte Bewegung deſſelben ſchwatzhaft verrieth, und in ſchwel⸗ geriſchen Locken wiegte ſich ihr braunes Haar auf dem ſchönen Buſen, der in üppiger Fülle unter den leichten Ringellocken mächtig empor⸗ wogte. Ihr Geſicht, ihr Ganzes war von einer ätheriſchen Glorie umfloſſen, die mit unwiderſtehlicher Zaubermacht Herz und Sinne verwirrte, das Lächeln ihres Auges ſchien das belebende Lächeln einer Gottheit zu ſein. Herrmann wagte es kaum, ſeinen Augen zu trauen; denn ſo mächtig auch geſtern der Zauber ihrer Reize auf ihn gewirkt hatte, ſo ſchien doch das, was er geſtern erblickte, kaum der Schatten von dem zu ſein, was jetzt ſeine überraſchten Blicke feſſelte. Er wähnte eine überirdiſche Geſtalt in der Reizenden zu er⸗ blicken, ſein ganzes Weſen ſchien ſich wollüſtig in eine einzige Empfindung aufzulöſen, die mit verrätheriſchem Feuer aus iſeinem Auge flammte. 4 Mathildens ſcharfſichtigem Auge entging der tiefe Eindruck nicht, den ſie auf Herrmann machte, und von Entzücken mächtig beſeelt ſtand ſie da, um ſich an der Gewißheit ihres Sieges zu weiden. Trunken vor Wonne und verloren in ſtummes Anſchauen ſo vieler Schön⸗ heit ſtand Herrmann, und verrieth durch ſeine glühenden Blicke und durch das ſüße Stöh⸗ nen, das ſeiner Bruſt entſtieg, das er beſiegt —— 1 ——— „ 9. ſei. Nur eines leiſen Winkes ihres Auges hätte es jetzt bedurft, um ihm Adelheiden und Pflicht und Alles um ſich her vergeſſen zu machen, und ſich auf ewig an die reizende Verführerin zu ketten. Mit geſenktem Blick und ſanftem Erröthen brach endlich Mathildis dieſes beredte, Still⸗ ſchweigen, indem ſie mit verlegenem Tone Herrmann anredete:„Herr Ritter! verzeiht, daß ich im leichten Schlafgewande vor Euch erſcheine, die Noth zwang mich dazu, um Euretwillen der Sittſamkeit ehrwürdige Schran⸗ ken zu überſchreiten; denn nur wenige Anu⸗ genblicke konnte ich erhaſchen, um Euch zu ſehen und zu melden, daß Eure Flucht für dieſe Nacht ſchlechterdings unmöglich iſt. Greger iſt hier im Kloſter, und vergebens hoffte ich, daß er es dieſe Nacht wiederum verlaſſen würde; voll Mißtrauen läßt er mich allent⸗ halben von ſeinen Kreatuxen beobachten, und der geringſte Schritt, den ich heute zu Euerer Rettung unternehmen wollte, würde Euern Untergang beſchleunigen und jeden Ausweg 10 „ halb, theuerer Herrmann, bitte ich Euch, daß dieſem Kerker drückt, mit Gelaſſenheit ertraget; denn ich verſpreche es Euch mit voller Zu⸗ verſicht, daß dieſes die letzte Nacht ſein ſoll, die Ihr in dieſen öden Mauern vertrauert; wenn die Welt um zweimal zwölf Stunden älter iſt, dann, Herr Ritter, dann ſeid Ihr frei. Ach wie gern möchte ich Euer Schickſal beruhet zu ſehr darauf, daß ich ſchleunigſt zu⸗ rück eile, ehe die Wachſamkeit meiner Beobach⸗ ter meine heimliche Entfernung erlauſcht.“ Sie wollte ſchnell wieder davon ſchlüpfen, jedoch mit heißer Inbrunſt ergriff Herrmann ihre Hand, die er an ſeine glühenden Lippen drückte, indem er von Schmerz und Wonne hingeriſſen ausrief:„Ein Druck von dieſer 3 Hand, ein Blick aus dieſem Auge, theuerſtes munde lindern jahrelanges Elend, und wür⸗ zur Hülfe auf immer uns abſchneiden. Des⸗ Ihr Euch in Geduld faſſet, und nur noch einen Tag das harte Loos, das Euch in hier mit Euch theilen, jedoch Euere Rettung— Mädchen, und ein Lächeln von dieſem Roſen⸗ den den Schrecken der Verzweiflung noch hohe Wonne ertheilen. O dreimal glücklich, be⸗ neidenswerth iſt der Mann, dem dieſes ſüße 3 Lächeln mehr als Mitleid verkünden dürfte, und wehe dem, der nur dieſes erwarten darf, imñ hoffnungsloſen Schmachten wird er der verzehrenden Flamme ſeines Innern zur Beute⸗ 1 Wie gern will ich noch länger dieſe Feſſeln tragen, wenn ich nur hoffen darf, Dich, Du Theuere, wieder zu ſehen; allein Du ſelbſt geſtehſt, daß von allen Seiten Verräther Dich umlagern, uns droht Gefahr, und voll banger Ahnung flüſtert mir mein Herz zu: Mathildis wird nicht wiederkehren, nie wirſt Du Dich wieder in ihrem ſchönen Auge ſpiegeln.“ Eben dieſe Zweifel und dieſe Beſorgniſſe, die ihr für Herrmanns Zuneigung bürgten, hatte die liſtige Verführerin gewünſcht, ſie füllten ihre Bruſt mit hoher Freude und voll Feuer erwiderte ſie ſchnell:„Seid ruhig, theu⸗ rer Herrmann, um Euerer Rettung willen trotze ich muthig jeder Gefahr, voll Muth und feſter Entſchloſſenheit biete ich jedem 12 — widrigen Geſchick die Stirne. Jedoch wir haben nichts zu fürchten, ſondern alles zu hoffen; denn morgen ſchlägt die Stunde ge⸗ wiß, die mir vergönnt, Euch dieſen Kerker zu öffnen. Ich habe heute erlauſcht, daß der Abt morgen nach der Wetterburg gehen und auf mehrere Tage dort verweilen wird, weil dort der Graf Konrad ſeine Tochter morgen mit Urach dem Wilden vermählen will, und mit Gregors Entfernung aus dem Kloſter verſchwindet auch jede Gefahr, darum ſeid ruhig und laßt die Liebe für Euch ſorgen.“ Mit einem zärtlichen beredten Blicke riß ſie ſich von Herrmann los und eilte ſchnell hinweg, um den Jüngling in einer fürchter⸗ lichen Unruhe zurückzulaſſen, die ſie durch ihre Nachricht von Adelheids Vermählung in ſeinem Buſen erregt hatte. Mit innigem Ver⸗ gnügen bemerkte ſie ſein Erbleichen und das Gemiſch von widrigen Gefühlen, das ihn bei dieſer Nachricht gewaltſam durchbebte; denn es ſchien ihr dieſes um ſo gewiſſer für ihren Sieg zu bürgen. ————— — ——— 13 4—— Mächtig und mit allen Schrecken des Todes durchbebte den Jüngling der Gedanke, ſich von Adelheid vergeſſen zu wiſſen, und mehr durch gekränkten Stolz als durch Liebe ſchlug ihn Mathildens Nachricht zu Boden. „So iſt es denn Wahrheit, was ich kaum zu fürchten wagte,“ rief er beklommen voll Zorn und Schmerz aus,„ich bin betrogen und verrathen, von ihr, auf deren Treue und unwandelbare Zärtlichkeit ich Felſen bauete? In ihren Blicken wähnte ich ewige Liebe und Beharrlichkeit zu leſen, für ſie zu leiden und zu ſterben wäre ich mit Freuden bereit ge⸗ weſen? ach Gott! und alles dieſes war nichts als ein eitler Traum! Er iſt entflohen, mit Schrecken wache ich zu der Gewißheit auf, daß ihre Treue dahin iſt, und daß ſie mit Flatterſinn in den Armen des ſtolzen Urachs die Schwüre vergaß, die mir ihre Treue ver⸗ ſicherten.“ Fürchterlich tobte der Sturm ſeiner empör⸗ ten Gefühle in ſeiner Bruſt, bis ſich endlich 14 ———— ſein Schmerz in lindernde Thränen auflöſte und er mit Wehmuth fortfuhr:„Ach, Adel⸗ heid! das habe ich nicht um Dich verſchuldet! So lohnſt Du mir für meine heiße Liebe, mir, der ich ſo viel für Dich gewagt und gelitten habe, der ich bereit war, alles, was mir werth und theuer war, ja ſogar mein Leben für Dich aufzuopfern? der ich in dem ſchwerſten Kampfe der Pflicht und Liebe, von dieſem engelſchönen Mädchen verſucht, der ſüßen Lockung männlich widerſtand, um meine Treue rein und unbeſcholten Dir zu erhalten? So lohnſt Du mir? Wehe mir! mein ſchönes Himmelsglück war nichts als Täuſchung, Adel⸗ heid hat niemals Liebe für mich gefühlt. Ich bin verrathen und von ihr, an der meine ganze Seele voll unbegrenzter Zärtlichkeit hing, in meinen ſchönſten Gefühlen und Erwartungen betrogen, und nichts bleibt mir noch übrig, als meine thörichte Verblendung, meine Leicht⸗ gläubigkeit zu verfluchen.“ Sein Schmerz verſtummte in dem erneuer⸗ ten Sturme empörter Gefühle, die ſeine Bruſt F 15 gewaltſam zuſammenpreßten. Doch allmählig legte ſich dieſer Sturm wieder und zerſchmolz in ſtille Wehmuth. Lindernd ſtrömten ſeine Thränen, die letzten, die er der treuen Liebe zollte, herab, und endeten den Kampf mit ſeinem Herzen, worin Mathildis ſiegte. Die fürchterliche Kriſis in ſeinem Innern war vorüber, der Sturm war verhallt und mit dieſem ſeine ſchmerzvollen Klagen um Adel⸗ heids Verluſt, mit Rieſenſchritten reifte ſein emporkeimender Entſchluß, Adelheids Bild gänzlich aus ſeiner Seele zu verbannen, und ſich voll Liebe und Zärtlichkeit einzig nur an Mathildis anzuſchmiegen, indem er ſich vor ſich ſelbſt dadurch zu rechtfertigen ſuchte, daß nur Adelheid die Schuldige ſei, daß er ihr ſtets geblieben und der Betrogene ſei. So betäubte er die richtende Stimme in ſeinem Innern durch Selbſttäuſchung, ohne es zu bemerken, daß er nur der Selave blinder Leidenſchaft war, der vorſätzlich ſich ſeine beſſere Ueberzeugung hinwegklügelte, und nicht Muth und Kraft genug beſaß, ein edler Mann 16 L zu ſein, und die Sehmeicheliwortend der Werfi. rerin zu bezweifeln. Seine ganze Seele war nur immer mit der holden Verführerin erfüllt, in halbwachen⸗ den Träumen ſeiner glühenden Phantaſie hielt er ihr geliebtes Bild umfaßt und mit doppelt ſchwerem Gewicht fühlte er jetzt das Peini⸗ gende der Einſamkeit ſeines Kerkers, die ihn von der Geliebten entfernt hielt, ohne welche ihm jede langſam dahinſchleichende Stunde eine Ewigkeit zu ſein dünkte. Mit liebevoller Sehnſucht ſeufzte er den Augenblick herbei, der ihm Mathilden wieder zuführen ſollte, ohne auch nur in der weiteſten Entfernung die Schreckniſſe und die Gefahr zu ahnen, welche dieſer Augenblick für den Unglücklichen mit ſich bringen konnte. Leider nur zubald erſchien die Schreckens⸗ ſtunde voll Verderben, die der verblendete Jüngling im ſüßen Wahne für die ſchönſte ſeines Lebens hielt. Der dumpfe Ton der Glocke verkündete aus der Ferne die Stunde der Mitternacht, und voll hohem, begeiſtern⸗ 4 3 1 ¹27 den Entzücken hob ſich bei dieſem Tone ſein Herz mächtig empor. Seine Wange glühte und mit wildem Feuer jagten ſeine Pulſe, als jetzt in dem grabeſtillen Treppengange der Wiederhall den Fußtritt der Nahenden leiſe verrieth, die Pforte ſich öffnete und wie ein verklärter Engel des Lichts Mathildis zu ihm herabſchwebte. Ein blendend weißes Gewand voll keuſcher Falten umhüllte ihre Reize; allein zu tief hatte Herrmann ſich geſtern in dem Anſchauen dieſer enthüllten Reize beranſcht, als daß ſeine er⸗ hitzte Phantaſie ihm nicht mit deſto verführe⸗ riſchem Zauber das Vollmaaß dieſer Schön⸗ heiten hätte vormalen ſollen. Sein Auge ſchwamm in wollüſtiger Gluth, die ſein gan⸗ zes Weſen krampfhaft durchzuckte, und nur Mathildens fein erkünſtelte Sittſamkeit, ihr trauerumflorter Blick und das reine keuſche Weſen, das ſie zu umfließen ſchien, hielt den liebetrunkenen Jüngling in dem Ranſche ſei⸗ ner Sinne noch aufrecht. Mit ſchmerzvollem Ausdruck zahte ſie ſich Erſte Serie. IX, Band. ihrem Auge brach, der den Ton ihrer Stimme ihm, und indem ein Strom von Thränen aus dämpfte, ſprach ſie ſanft zu ihm:„Ich komme, theuerer Herrmann, mein Verſprechen zu lö⸗ 3 ſen und Euch von Euern Feſſeln zu befreien. Seid frei! fliehet und gedenkt der armen ver⸗ laſſenen Mathildis im Segen!“ Ueberwältigt von ſeinen ſtürmiſchen Ge⸗ fühlen ſchlang Herrmann den Arm mit Feſſeln belaſtet um ſie herum, indem er entzückt zu ihren Füßen niederſtürzte und mit ſchwärme⸗ riſchem Feuer ausrief:„Du Theuere willſt aus dieſen Feſſeln mich befreien und ſchlägſt dafür mein Herz in neue Bande, die keine Macht des Himmels und der Erde zerreißen kann. Nur meine Hand wird durch Dich frei, mein liebendes Herz bleibt ewig an Dich ge⸗ feſſelt. Höre mich, Du Holde, in dieſer ern⸗ ſten feierlichen Stunde, die über mein Loos entſcheidet. Ich liebe Dich voll heißer unbe⸗ grenzter Zärtlichkeit, mein Herz kennt kein Glück der Erde, als nur Dich und Deinen Beſitz. Vergebens winkt mir durch Dich jetzt ——— 19 die Freiheit, wenn Du ſie nicht mit mir thei⸗ leſt; denn ſo wahr meine Seele lebt, ich ver⸗ laſſe dieſes Felſengrab nur mit Dir. Das Schickſal meines Lebens liegt in Deiner Hand, ein Blick von Dir entſcheidet über mich, und willſt Du die Wunde, die Du meinem armen Herzen ſchlugſt, nicht wieder heilen, ſoll ich Dir mit meiner Freiheit nicht auch mein höch⸗ ſtes Glück verdanken dürfen, ſo bleibe ich hier und erwarte entſchloſſen den Tod. Entſcheide ſanft über mich und beſtimme meinen Ent⸗ ſchluß.“ Es war geſchehen, was die ſchlaue Ver⸗ führerin voll Innigkeit gewünſcht hatte, und die Gewißheit dieſes erfüllten Wunſches be⸗ ſeelte ſie mit hohem Entzücken; ſie wollte nicht allein über Herrmann ſiegen, ſie wünſchte feurig auch geliebt zu ſein, und im vollſten Maaße ward ihr jetzt dieſes heißerſehnte Glück zu Theil, das ſie in dem ſchrecklichen Gefühl ihrer Un⸗ würdigkeit bisher nur mit Zittern und banger Furcht zu wünſchen und zu hoffen ſich er⸗ kühnte. Ueberraſcht, beſchämt, verwirrt und 2*. 20 voll hoher Wonne durchzitterte ſie jetzt zum erſtenmale das beſeligende Gefühl reinerer Zärt⸗ lichkeit, die ihr ganzes ſchönes Weſen zu ver⸗ klären ſchien, und veredelt durch das Glück dieſes ſchönen Gefühls rief ſie begeiſtert aus: „Ach Herrmann! dieſer Kuß der reinſten Liebe und Zärtlichkeit ſei Dir Bürge für das, was ich empfinde und nicht auszuſprechen vermag, und Heil mir, wenn dieſe Entſcheidung mei⸗ nes Herzens dem Deinigen genügt!“ Trunken vor Entzücken ſank ſie in ſeine Arme und Herrmann ſchwamm in einem Meere voll Wonne, deſſen Wogen über ihn zuſammen zu ſchlagen ſchienen. Feſt hielt ihn Mathildis umfaßt, ihr Herz ſtürmte dem ſeinigen in feu⸗ rigen Wonneſchlägen zu, fieberhaft glühten ihre bebenden Lippen auf den ſeinigen und in feuriger Umarmung feierten Beide berauſcht den Wechſeltauſch ihrer Seelen; ihr ganzes Weſen ſchien ſich in heiße unendliche Liebe aufzulöſen. „Mein Herrmann!“ ſtammelte endlich Ma⸗ thildis unter ſeinen glühenden Küſſen hervor, 21 „nun biſt Du mein!—„Dein, Dein auf ewig,“ flüſterte Herrmann trunken vor Ent⸗ zücken,„ſo wie Du, Theuere, durch dieſen Kuß auf ewig Dich mir geweihet haſt. Un⸗ auflöslich iſt das Band, das Liebe um un⸗ ſere Herzen wand, und bis der letzte Faden von unſerm Leben zerreißt, ſei ſo wie heute der Kuß der Liebe und Zärtlichkeit uns immer neu und beſeligend.“ „Kauuſt Du mir anch für die Dauer und Beharrlichkeit Deiner Gefühle bürgen? Wird mein Herrmann nie durch Treuloſigkeit mein liebendes Herz kränken, und den Angenblick bereuen, der ihn an meine Seele kettete?“ fragte die holde Zauberin. „Läſtere nicht die Heiligkeit meiner Liebe!“ unterbrach ſie der liebetrunkene Jüngling mit einem ſeelenvollen Kuſſe.„Meine Liebe iſt ewig, wie mein unſterblicher Geiſt, und bei allem, was meinem Herzen heilig iſt, ſchwöre ich Dir ewige Treue, und wenn ich jemals Dich verlaſſen könnte, ſo verlaſſe mich der Allerbarmer in dem letzten Augenblinks meines — 22 Lebens, und verweigere ſein Ohr meinem let⸗ ten Gebete.“ „Amen! Amen!“ ſtöhnte Wnthilds unier ihren glühenden Küſſen hervor, indem ſie ihn mit wilder Gluth feſter an ſich drückte, und ihr bethränter Blick in dem ſeinigen erloſch. „Willig und froh kette ich mein Schickſal an das Deinige,“ fuhr ſie nach einer langen feu⸗ rigen Umarmung fort,„im Leben und im Tode bin ich Dein auf ewig, und durch Un⸗ glück und Gefahr bin ich Deine treue Ge⸗ fährtin auf dem Pfade des Lebens. Die Stunde ertönt, die uns zur Freiheit ruft, wir dürfen hier nun nicht länger verweilen; ich eile, das Nöthige zu meiner und Deiner Sicher⸗ heit zu beſorgen, in wenigen Augenblicken bin ich wieder hier.“ Schnell ſchlüpfte ſie davon, und in weni⸗ gen Minuten ſtand ſie als blühend ſchöner Jüngling im braunen Pilgerkleide wieder vor ihm und winkte den erſtaunten Herrmann in ihre offnen Arme. Berauſcht von hoher Wonne und Entzücken ſank er an ihren hochempor⸗ 2 —-—— ——— ——— ——— —— 23 ſchlagenden Buſen, und Arm in Arm zog ſie ihn ſanft mit ſich fort. Mathildis war ſo liſtig geweſen, betäu⸗ bende Kräuter in den Wein des Abts zu mi⸗ ſchen, und die ſämmtliche Schaar der Möͤnche lag mit Gregor zugleich in einem ſo feſten todtenähnlichen Schlaf vergraben, daß der Un⸗ tergang des ganzen Kloſters ſie kaum würde daraus erweckt haben. Vor jeder Verrätherei durch dieſe Liſt geſichert, zog Mathildis den Jüngling durch die düſtern Hallen und Gänge der Abtei, und ungehindert erreichten Beide die hohe Kloſtermauer, wo eine in dem Ge⸗ büſch verſteckte Leiter ihnen mit leichter Mühe hinüber half. Noch ehe die Zeit der Mette nahete, hat⸗ ten die beiden Liebenden glücklich das Kloſter verlaſſen, und voll heißem Dank hob ſich Herrmanns Blick zu dem ſternenhellen Himmel empor, als er zum erſtenmale ſich wieder von reiner Himmelsluft umweht fühlte und ſich in Freiheit ſah. „So iſt es Wahrheit!“ rief er mit herz⸗ 8 24 ꝛ— lichem Tone aus, nich lebe, ich bin frei! ich bin frei durch die Hand der Liebe, die mir jetzt den Pfad des Lebens mit Roſen beſtreut! O Mädchen meiner Seele! fühle in dieſem Klopfen meines Herzens, wie tief und unaus⸗ ſprechlich lebhaft ich die Wonne dieſes Augen⸗ blicks empfinde, wie ſehr das ſeligſte Entzücken meinen Buſen bei dem Gedanken ſchwellt: Dir, die mein Herz ſo heiß und zartlich liebt, das Glück meiner Freiheit zu verdanken, in der Geliebten auch meine Retterin zu um⸗ armen! o laß mich mein laſtendes Entzücken an Deinem Buſen ausathmen!“ So rief er wonneberauſcht aus, indem er Mathilden mit feurigem Ungeſtüm in ſeine Arme riß, und ihre ihm entgegen bebenden Lippen mit glühenden Küſſen bedeckte. „Die Nacht entflieht!“ flüſterte ihm end⸗ lich nach einer langen feurigen Umarmung Mathildis zu, nder Morgen naht und wir ſind hier noch nicht vor Gregor's Rache ge⸗ ſichert. Wenn er mit den Genoſſen ſeiner argliſtigen Bosheit erwacht, und mich und — — —— 22 Dich vermißt, dann wird er gewiß Alles auf⸗ bieten, um uns auf unſerer Flucht zu erreichen, und uns wieder in ſeine Gewalt zu bringen, um uns ſeine ganze Rache empfinden zu laſſen. Laß uns, mein Geliebter, jetzt auf Mittel den⸗ ken, unſern Verfolgern zu entgehen und ein heimiſches Plätzchen zu finden, das die Lieben⸗ den gaſtfreundlich aufnimmt und ſie vor den Giften und Dolchen ihrer Feinde verbirgt. Wohin gedenkſt Du Dich zu wenden?“ „Auf! auf! zu dem edeln Ubald von Kol⸗ lenberg,“ rief Herrmann nach kurzem Nach⸗ denken entſchloſſen aus, nbei dieſem weilt jetzt mein Vater; Schutz und Vaterſegen erwartet uns dort, wo das heilige Band der Ehe an Gottes Altare den ſchönen Bund unſerer Her⸗ zen auf ewig befeſtigen ſoll. Komm, theuere Mathildis, folge mir mit getroſtem Muthe, ich führe Dich ſicher in den Hafen der Ruhe und des Glücks.“ „Wohin Du mich auch immer führeſt, mein Geliebter,“ erwiderte die holde Zauberin mit ſanftem ſchmelzenden Tone, indem ſie ſich 26 zärtlich an ihn ſchmiegte, vſo werden ſelbſt die grauenvollſten Wüſten mir an Deiner Hand zum Paradieſe werden.“ Mit beflügelten Schritten eilten die beiden Liebenden durch das Kloſterthal dahin, und dem nahen Walde zu, der ſich weit über die Ebene hinausbreitete. Noch herrſchte rings⸗ umher eine tiefe todtenähnliche Stille, die nur von dem Flüſtern der Winde in den Blät⸗ tern und Zweigen der Bäume unterbrochen ward, und ungehindert konnten Beide ihre Flucht fortſetzen. Endlich dämmerte der Mor⸗ gen herauf, der Glanz der leuchtenden Sterne erbleichte in dem lichtern Blau des reinen Aethers und in den Purpurſtreifen der Mor⸗ genröthe, da dröhnte plötzlich aus der Ferne der Hufſchlag mehrerer Roſſe herüber und ſchreckte die beiden Flüchtlinge in ihrem ſiche ren Laufe zurück. Furchtſam klammerte ſich Mathildis an den Geliebten an, und mächtig von Schreck durch⸗ bebt rief ſie ihm zu:„Wir ſind verloren!— unſere Verfolger nahen, ſie werden uns hier 27 entdecken, uns zu Gregor zurückſchleppen und dann iſt unſer Verderben gewiß.“ Herrmann ſprach ihr jedoch Muth zu, und verbarg ſie ſchnell in einem Gebüſche, wohin ſo leicht kein Späherblick dringen konnte, indem er ſelbſt dicht an der vorüberführenden Heerſtraße ſich hinter einem dichten Haſelſtrauche lauſchend niederlegte, um ſich Gewißheit zu verſchaffen. Sein forſchendes Auge gewahrte einen Trupp von Reitern, die jetzt aus der Ferne herüber durch die grauen Nebel der ſchwindenden Däm⸗ merung hindurch drangen und ſich in raſchem Trabe der Gegend näherten, wo Herrmann verſteckt lauſchte. Er glaubte ſchon die Schaar ſeiner Verfolger zu erblicken, doch freudig hob ſich ſeine Bruſt empor, als jetzt die Reiter ſich näherten und ihn von ſeinem Irrthume über⸗ zeugten, indem ſie friedlich an ihm vorüber⸗ zogen. Es war der Graf Konrad von der Wetter⸗ burg, der von ſeinem Zuge jetzt nach ſeiner Burg zurückkehrte. Die Hoffnung, den edeln Urach auf ſeiner Flucht einzuholen und ihn 28 als geliebten Eidam zurückzuführen, hatte ihn getäuſcht. Vergebens war er, auf viele Mei⸗ len Weges in die Runde, Berge, Thäler, Wälder und Haine nach ihm durchſtrichen, vergebens hatte er in Burgen und Hütten die ſorgfältigſten Erkundigungen nach ihm ange⸗ ſtellt; Urach war nirgends auszukundſchaften. Die Fruchtloſigkeit dieſer eifrigen Be⸗ mühungen überzeugte endlich den Grafen, daß ſein Freund noch in der vaterländiſchen Ge⸗ gend weilen müſſe, da ihn niemand noch irgendwo geſehen hatte, und hierauf gründete Konrad einen Plan, der ihm den geliebten Freund ſicher zuführen ſollte. „Wir haben ihn verfehlt,“ rief er ſeinen Dienern zu, als dieſe ſich nach ihren vergeb⸗ lichen Nachforſchungen bei Paſſau wieder um ihn her verſammelten,„und wenn er noch in unſerer Gegend weilt, ſo ſoll mein Ruf ihn gewiß ereilen und ſeinen Heldengeiſt befeuern, meinem Rufe zu folgen. Sollte mich auch dieſe meine letzte ſchmeichelnde Hoffnung täu⸗ ſchen, ſo bleibt mir doch die belohnende Ueber⸗ 29 zeugung, daß ich meiner Pflicht Genüge leiſtete und nichts unterließ, um den edeln Freund in meine Vaterarme zurückzubringen; in dieſer Ueberzeugung will ich alsdann den Verluſt des Edeln betrauern.“ Breitet Euch nach allen Gegenden aus,“ fuhr er hierauf gegen ſeine Getreuen fort, verfehlet keine Stadt und keine Ritterburg, und verkündigt es einem Jeden von dem Größten bis zu dem Geringſten, den die Würde eines Ritters ziert, daß Graf Konrad von der Wetterburg am zweiten Tage nach Pfingſten ein Turnier hält, wo der Kampf drei Tage dauern, der vierte aber zu einem Feſte für den Sieger beſtimmt ſein ſoll. Wer dann in dieſem Ritterſpiel mit Kolbe, Lanze und Schwert den Preis erringt, der führt mein einziges Kind alsdann als Gattin zum Altare und wird als Sohn der Erbe meiner ganzen Habe, wenn er von altem Adel, von ritterlichem Stande und ein Anbeſcholtentr Mann iſt. Indeſſen der größte Theil banen etr 30 dieſem Auftrage zufolge ſich nach verſchiedenen Gegenden zerſtreute, kehrte jetzt Graf Konrad mit den wenigen übrigen Dienern zu ſeiner Burg in dem feſten Vertrauen zurück, daß dieſer Plan gelingen würde. Fern iſt jedoch dieſes ſchöne gehoffte Ziel ſeiner Wünſche; denn gefeſſelt ſchmachtete der unglückliche Ulrach in dem Kerker, in welchen ihn die Rachſucht einer tiefbeleidigten Mutter hingebannt hatte, um ihn auf das Schrecklichſte für die Ermor⸗ dung ihres Lieblings, des wilden Balduins, büßen zu laſſen und ihrer Rache glühenden Durſt an ihm zu ſtillen. Der ſanfte Conradin konnte zwar den Schmerz der Mutter über den Verluſt des geliebten Sohnes keineswegs tadeln, und auch ſein edles Herz fühlte tief die Wunde, die Urachs Schwert ihm ſelbſt in dem Tode ſeines Bruders geſchlagen hatte, allein die blinde Wuth, womit ſie gleich einer Raſenden nach blutiger Rache ſchnaubte und jedes ſanftere Gefühl für Recht und Billigkeit verläugnete, ſchien ihm verdammungswürdig. Conradin 8 31 war zu edel und gut, als daß er die Tugend nicht auch noch in ſeinem Feinde hätte erkennen und deſſen Verdienſten die gerechte Achtung ſchenken ſollen. 5 Durch ſeine weiſe Mäßigung, womit Urach ſo lange den hämiſchen Verſuchen Balduins, ihn zum Zorn zu reizen, auswich, die Ge⸗ laſſenheit, womit er ſeinen Spott ertrug, und die Schonung, womit er ſelbſt im blutigen Kampfe das Schwert gegen ſeinen Beleidiger zog, bis dieſer endlich durch ſeine ſchnaubende Wildheit und Wuth dieſe edle Schonung von ſich ſcheuchte und ſich ſelbſt dem Tode weihte, dieſes alles und die edle Reue, die Urach über den Fall des erſchlagenen Feindes äußerte, hatten ihm das Herz des edeln Conradins voll Achtung und Freundſchaft geöffnet, und es um ſo mehr mit Widerwillen gegen die blinde Rachſucht ſeiner Mutter erfüllt. „Nein,“ ſprach, Conradin zu ſich ſelbſt, adieſer edle Mann darf kein Spiel in den Händen eines erzürnten Weibes ſein. Die Nache iſt allerdings ſüß, aber weit ſüßer iſt ——J 8 es, unſerm Beleidiger und Feinde zu verzeihen und Großmuth an ihm auszuüben, und Ge⸗ rechtigkeit iſt die Verzeihung, wenn der Be⸗ leidiger dieſem Fremdlinge gleicht. Fiel mein Bruder nicht im ritterlichen Kampfe, wozu er ſelbſt dieſen Fremdling reizte? Gerechtigkeit 4 iſt es, ihm ſeinen Sieg über den unglücklichen Balduin zu verzeihen, und Pflicht iſt es für mich, der Stimme, die mich mächtig in mei⸗ 3 nem Innern zur Achtung und Bewunderung für ihn aufruft, zu folgen und mir einen Freund, dem Vaterlande einen edeln Helden in ihm zu erhalten.“ So ſprach der edle Conradin zu ſich ſelbſt und in dieſer Selbſtbetrachtung reifte ſein Ent⸗ ſchluß der Rettung ſchnell empor, der mit 3 aller männlichen Feſtigkeit der Ausführung vor des Jünglings Seele ſtand, ſo ſchwierig und gefahrvoll auch dieſe Ausführung ſein mußte.. Urach war der Aufſicht des boshaften Bodo’s, des Kaſtellans der Burg, anvertraut, eines in Laſtern, Bosheiten und geheimen Tücken grau 4 4 ½ —.——. — 33 gewordenen Böſewichts, ſo ſehr er auch in die Maske der Frömmigkeit ſich hüllte, das Auge ſtets gen Himmel wendete, nur ſelten den Mund zum Reden öffnete, nie ſich ein Lächeln er⸗ laubte und wie das böſe Gewiſſen nur immer leiſe und ſchüchtern umherſchlich, und auf Ge⸗ legenheit lauſchte, Böſes zu ſtiften. Dieſer ſcheinheilige Böſewicht war der Vertraute, der Liebling und der Rathgeber von Con⸗ radins Mutter, der ihre Schwächen und bös⸗ artigen Eigenſchaften des Herzens zu manchem Böſen benutzte und durch ſie auch den Burg⸗ herrn in die Gewebe ſeiner argliſtigen Bos⸗ heit verſtrickte. Conradin war viel zu edel und gut und von jedem Laſter entfernt, als 5 er den grauen Sünder nicht hätte unver⸗ ſöhnlich haſſen ſollen. Doch hatte Bodo den Haß des edeln Jünglings ſehr deutlich be⸗ merkt, und um ſich vor den nachtheiligen Folgen dieſes Haſſes ſicher zu ſtellen, hatte er durch geheime Tücke dem edeln Sohne das Herz ſeiner Eltern geraubt und Argwohn und gehäſſige Gefühle gegen ihn. danzin ge⸗ Erſte Serie. IX. Band. 34 pflanzt. Wer konnte es daher wohl unter dieſen Uinſtänden Conradin verargen, wenn er ſeinen Haß gegen dieſen Böſelvicht nährte und ihm der nur Unheil und Verderben ſtif⸗ Tete zul thuürden vad is enderben ſuchte. Auf den Untergang des nichtswürdigen Bodo bante, jetzt auch Couradin den Plan von Urachs Rettung. Er zwang ſich zur Ver⸗ ſtellung, indem er ſeinen Haß gegen den Ver⸗ räther unter einer erkuͤnſtelten Freundlichkeit verbarg, und, voll tödtlichem Haß gegen den Gefgngenen zu glühen ſchien.„Laß mich den Mörder meines Bruders ſſehen,“ ſprach er zu ihm,„daß ich mich an ſeinen Qualen weide, denn dieſer Anblick kann allein meinen Schwerz über den exlittenen Verluſt lindern. 9 Bodo machte anfangs freſlich Schwierig⸗ keiten, Foch Conradin wußte dieſe bald durch Hu hinweg zu räumen und’ ſich dadurch die Einwilligung des alten Sünders und daflas Verſchwiegenheit zu erkaufen. Die Hab⸗ ſucht und der Eigennutz des Nichtswürdigen 35 halfen dem guten Conradin über Bodo's Bedenklichkeiten ſiegen, er willigte ein und nichts ſtand jetzt weiter des Jünglings An⸗ ſchlage entgegen. Mit Ungeduld ſah Conradin der kom⸗ menden Nacht entgegen, ſie erſchien endlich, und von einem treuen Knechte begleitet, der ſeinen Haß gegen den grauen Sünder mit Conradin theilte, ſchlich dieſer nach dem Thurme, in deſſen Tiefe der arme Urach ſchmachtete, wo Bodo ihn ſchon erwartete, und aus Geiz neue Weigerungen machte, indem er ſeinen Eid zum Vorwand brauchte, der ihn verhin⸗ dere, irgend Jemand den Zutritt zu dem Gefangenen zu erlauben. Die goldene Be⸗ redſamkeit, womit Conradin des Buben Hab⸗ ſucht befriedigte, war jedoch kräftig genug, auch dieſe Bedenklichkeit zu beſiegen und dem Jünglinge die feſt verwahrte Thüre des Thur⸗ mes zu öffnen, die Bodo ſogleich wieder hinter ihm verſchloß, und ohne weiter etwas Arges zu ahnen, ging er ſelbſt voran, um Conradin zu dem Gefangenen zu führen. 3* 36 Conradin ſchauderte zurück, als ihm ein tiefer Abgrund angähnte, aus welchem ein ſeuchter Modergeruch zu ihm herauf ſtieg und zu deſſen Tiefe eine ſteile Treppe führte; doch vergebens blickte er, als er die Tiefe erreicht hatte, nach dem Gefangenen umher, der in des Thurmes unterſter Tiefe, zu welcher eine Fallthüre an dem Boden führte, ſchmachtete. Als jetzt Bodo ſich bückte, die Fallthüre auf⸗ zuheben, da ſchlang Conradins treuer Knecht dem Böſewichte ſchnell einen Strick um den Hals und ſchleuderte ihn eutſeelt zurück am Boden, wo er nie wieder erwachte. Mit ängſtlicher Haſtigkeit riß Conradin die Fallthüre auf, unter welcher ſich ihm ein viele Klaftern tiefer Abgrund öffnete. Er leuchtete mit einer Fackel hinab, und mit er⸗ ſterbendem Schein brach ſich das Licht an den Wänden dieſes modervollen Grabes, ohne den Boden deſſelben zu erreichen. Schaudernd blickte der Jüngling hinab und ſein Fuß wankte vor der fürchterlichen Tiefe zurück, doch ſein Herz flüſterte ihm zu:„es gilt die 37 Rettung eines edeln Mannes, der ohne dich an dieſem Schreckensorte grauſam verſchmach⸗ ten mußla und von neuem Muthe beſeelt, klimmte er mit ſeinem treuen Knechte auf morſchen Leitern in die Tiefe hinab. Dort ſchmachtete der arme Urach ſeit zwei langen ſchreckenvollen Nächten, ohne Nahrung, feſt gebunden auf einem eiſernen Roſte, nur wenige Spannen weit über einem faulem Ge⸗ wäſſer, deſſen giftige Dünſte er bei jedem Athemzuge eingeſogen hatte. Von allen Schrecken des Todes gewaltſam ergriffen bebte Conradin und deſſen Begleiter bei dieſem Anblick zurück. „Bei allen Heiligen!“ rief Conradin mit Schau⸗ dern und Entſetzen aus,„das iſt mehr als tauſendfacher Tod! Wehe über den, der dieſe unmenſchliche Grauſamkeit verübte! Das kann unmöglich der Befehl meiner Eltern geweſen ſein;z ich erkenne nur in dieſer Schandthat das Werk des bübiſchen Bodo, er that es, meine Eltern ſind frei von dieſer Uebelthat. Doch er iſt jetzt bei dem ewigen Vergelter; wehe ihm und ſeiner Seele!“ Auf ſeinen Wink löſte ſein treuer Diener die Bande des unglücklichen Urachs, und mit ſanftem Ton ſprach Conradin zu ihm, indem 3 er ihm traulich die Hand reichte:„Herr Ritter! ich habe keinen Theil an dieſer Uebelthat, die ein ewiges Brandmark für das Geſchlecht iſt, das meinen Namen führt, wenn meine Eltern ſie auch nur billigen konnten. Bei meinem Leben! und wüßte ich dafür alle Kronen der Erde zu erwerben, ſo möchte ich nicht den kleinſten Antheil an dieſer Schandthat haben, und Habe und Gut wollte ich mit Freuden aufopfern, wenn ich das Geſchehene unge⸗ ſchehen machen und dieſe Schuld zur Ehre unſers Stammes von unſerm Haupte hinweg⸗ wälzen könnte.“ 2 „Man hat Euch, edler Mann,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„auf eine Art gemißhandelt, daß ſelbſt die Hölle über dieſe beiſpielloſen Qualen, die man Euch bereitete, erſtaunen muß. Verlangt Entſchädigung, ich bin mit Frenden dazu bereit, Ench jeden Er⸗ ſatz zu bewilligen. Euer Muth, Enere Tapfer⸗ — 4 1 —, ———— keit, von welcher ich im Kampfe mit meinem Bruder Zeuge war, und der Adel Euerer Seele, den Ihr nach Euerm Siege zeigtet, haben mein Herz voll hoher Achtung zu Euch erfüllt. Die Freundſchaft führt mich jetzt hierher, um Euere Bande zu löſen, und Euch aus dieſem Schreckensorte zu befreien. Kommt, edler Mann! ſeid frei! benützt den gegen⸗ wärtigen, günſtigen Augenblick, und rettet Euch durch ſchnelle Flucht Leben und Frei⸗ heit, und darf ich auf einigen Dank für dieſen Dienſt von Euch rechnen, ſo öffnet mir Euer edles Herz voll Freundesliebe, und vergönnt, daß ich Euch, den edelſten der Ritter, meinen Freund nennen darf. Ich kenne den ganzen hohen Werth dieſes Gutes, das ich von Euch verlange, aber bei Gott! ich will es zu ver⸗ dienen ſuchen, und ſeid verſichert, daß ich nicht mehr von Ench fordexe, als was ich auch zu erwidern und zu vergelten fähig bin. Gern wage ich den Zorn und den, Fluch meiner Eltern, indem ich ⸗Euch dieſen Kerker bffne; mit Freuden würde ich ſogar mein 8 40 Leben für Euch opfern, darum 15 tnich nicht vergebens bitten.“* Liebevoll richtete er den armen Urach auf, der durch die ſo lange entbehrte Nahrung und durch ungepflegte Wunden ſo kraftlos war, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte. Von heißem Dank durchglüht, ſank er an die Bruſt ſeines großmüthigen Erretters.„O Gott!“s rief er entzückt aus,„wie verdiene ich dieſen beiſpielloſen Edelmuth?— Verzeih mir, edler Freund, wenn mein Mund zu ſchwach iſt, Dir mein Gefühl bei dieſer edeln That zu ſchildern. Nimm in dieſer brüderlichen Um⸗ armung meinen glühend heißen Dank und dieſen Druck der Hand zum Unterpfande mei⸗ ner ewigen unwandelbaren Bruderliebe. Mein Arm, mein Schwert ſollen in Zukunft ſtets zu Deinem Dienſte bereit ſein, und iſt der Himmel mir nicht ganz abgeneigt, ſo wird er mein heißes Flehen mir gewiß gewähren und mir Gelegenheit ſchenken, daß ich Euch wie⸗ der vergelten kann.“ irn m „Mein Freund! mein Bruder!“ rief Con⸗ 41 radin entzückt in einer laugen feurigen Umar⸗ mung aus,„doch ſagt mir, edler Mann, wie ſoll ich den Mann, den mir dieſer Wonne⸗ augenblick zum Freunde ſchenkt, nennen?“ „Nennt ihn Euern dankbaren Schuldner,“ erwiderte klrach,„bis es mir gelungen iſt, Euch meine Schuld abzutragen; dann, edler Freund, rufe Euch der Name Urach das An⸗ denken an mich und an dieſe feierliche Stunde zurück, die mein Herz voll Dank und Bruder⸗ liebe auf ewig an das Eurige feſſelte.“ „Wie?“ rief Conradin in dem Tone der freudigſten Ueberraſchung aus,„Ihr ſeid Graf Urach? O dreimal Heil und Segen dieſer Stunde, die mich dem Manne entgegenführt, dem ſchon ſo lange mein Herz voll hoher Ach⸗ tung und Liebe entgegenſchlug. Ja dreimal Heil und Segen dem Geſchick, das mir in dieſem Helden den längſt gewünſchten Freund zuführxt 2 In einer heißen brüderlichen Umarmung beſiegelten Beide den ſchönen Bund ihrer Her⸗ 3 42 zen, und von dem Arme ſeines Freundes un⸗ terſtützt, ſchwankte Urach dem Ausgange zu. Kaum vermochte er es, die moörſchen Leitern zu erklimmen; die verpeſteten Moderdüfte der Gruft hatten ſeine Geſundheit zu ſehr ver⸗ giftet, kalte Fieberſchauer bebten durch ſeine Nerven, ſein Auge: war von Nacht umflort und ſeine Kniee ſttterten, daß nur die größte Anſtrengung ihn noch aufrecht zu erhalten vermochte, doch Conradins freundſchaftlicher Arm unterſtützte ihn und hob ihn ſanft die ſchroffe Leitertreppe hinauf. Krank und erſchöpft ſank llräch zurück, als er den Ausgang erreichte und die reinere Luft ihn umathmete„doch Couradins Arme fingen ihn auf, um den ermatteten Freund an ſeinen Buſen zu ſchließen, und deſſen entfliehende Lebensgeiſter durch ſeine Küſſe zurükkzurufen. Gleich einem Geneſenden, der aus einem ſchweren Fiebertraume erwacht, richtete ſich Urach endlich von neuer Kraft durchſtrömt in den Armen ſeines Freundes empor, um von Dank und heißer Freundeslieben durchglüht —— ——— 43 aufs neue an dem Buſen ſeines⸗ edeln annä des hinzuſinken. une Gi „Armer Freund,“ flüſterte iöm Conradin voll Mitleid zu,„mir bangt ſehr für Euch, und Euere Schwäche erſchreckt mich; denn Euere Krankheit ſcheint mir eben ſo groß zu ſein, als die Gefahr, die Euch hier umgiebt. Zur Flucht habt Ihr nicht Kraft genug und gleichwohl würde ein längeres Verweilen un⸗ ter dieſem Dache Euch unvermeidliches Ver⸗ derben bringen. Doch weiß ich noch einen ſichern Ausweg für Euch, wenn Ihr meinen gutgemeinten Rath genehmigen wollt. Nicht fern von dieſer Burg, in dem benachbarten Haine, weilt ein frommer Eremit, der heilige Benedikt; zu dieſem laßt uns eilen, mit Freu⸗ den wird der fromme Mann Euch unter ſein friedliches Dach aufnehmen und Euch Arzt und Freund ſein. Dort ſucht Euch die Rache Euerer Verfolger nicht, und nur die Freund⸗ ſchaft, die Euch in der Tiefe Eueres Kerkers zu finden wußte, wird Euch dort ſuchen, und Euch Troſt und Freude bringen. Wenn Ihrf 44½ völlig wieder geneſen ſeid, dann bringe ich Euch Rüſtung und Waffen, und wenn ich mich nicht täuſche, ſo ziehen wir alsdann einen gemeinſchaftlichen Weg, den die Liebe uns zeigt.“ Mit der Blödigkeit der erſten Liebe ſchwieg der liebende Jüngling, und nur ein ſchwerer Seufzer, der ſich tief aus Urachs beklomme⸗ nem Buſen empor drängte, unterbrach das Stillſchweigen der beiden Freunde. Wohl Urach, daß er nicht um deutlichere Erklärung dieſer Worte in Conradin drang; denn wie ſehr würde ihn der wahre Sinn jener Aeuße⸗ rung wiederum zu Boden geſchlagen haben, wenn er vernommen hätte, daß auch ſein edler Freund im Stillen für die ſchöne Adelheid ſeufze und beſchloſſen habe, mit ihm nach der Wetterburg zu ziehen und um die Hand der Geliebten zu werben. Auf Conradin geſtützt und von dieſem mehr getragen als geführt ſchwankte Urach hinauf in den Burghof. Alles lag noch in den tief⸗ ſten Schlaf verſenkt, und von dem Schleier ——— —y—— 45 der Nacht gedeckt kamen Beide unbemerkt hinaus in das Freie. Neue belebende Kraft ſchien jetzt durch Urachs Nerven zu ſchauern, als er ſich gerettet ſah und von der reinen Himmelsluft wohlthätig angehaucht fühlte; aus leichterem Herzen athmete er zum Himmel empor, und ſank mit freudigem Danke an den Buſen ſei⸗ nes edelmüthigen Freundes. Dieſer richtete ihn jedoch in ſeinen Armen empor, indem er ihn darauf aufmerkſam machte, daß noch nicht alle Gefahr vorüber ſei, ſo lange ſie noch in der Nähe der Burg weilten, wo ſehr leicht ein Verräther erwachen, Urachs Flucht ent⸗ decken und ſie vereiteln konnte. Mit zärtlicher Aengſtlichkeit ermahnte daher Conradin ſeinen Freund zur Eile, und mit aller Anſtrengung ſeiner noch übrigen Kraft erreichte endlich Urach an dem Arme ſeines Freundes und Befreiers in dem düſtern Grauen des anbrechenden Ta⸗ ges den Hain, wo tief im Gebüſch verſteckt die Klauſe des frommen Eremiten lag. Auf Conradins Klopfen ward die Thüre der kleinen friedlichen Hütte geöffnet, und — —. gaſtfreundlich hieß ſie der Bewohner derſelben willkommen, da er von Conradin die Urſache der frühen Luſcheinung ſeiner: kunbokannten Wäſte erfuhr. 4 gun 3114ℳ2 Wir finden in dieſem fwommen Klausner den biedern Benedikt, den ehemaligen vertrau⸗ ten Freund von Herrmanns Vater wieder, von dem Herrmann unlängſt ſeines Vaters Unſchuld und Gregors ſataniſche Bosheit er⸗ fuhr. Er war es, der hier in frommer Ab⸗ geſchiedenheit von der Welt den Ueberreſt ſei⸗ nes Lebens in heiligen Beſchäftigungen verlebte. Mit fleißiger Hand hatte Benedikt die Wild⸗ niß, die ſein einſames Hüttchen umſchloß, zu einem kleinen Paradieſe umgeſchaffen, das ihn mit den nothwendigſten Bedürfniſſen des Le⸗ bens verſorgte, und unter arbeitsvoller Thä⸗ tigkeit und gottgeweihter heiliger Stille, fand er hier in dieſer Einſamkeit die Ruhe und den füßen Frieden des Herzens, den er in dem Gewühle der Welt nicht hatte finden können, indem er einſehen gelernt hatte, daß die Tu⸗ gend und reine Unſchuld des Herzens, als die 47 Buelle meuſchlicher Glückſeligkeit, ſehr ſchwer in dem bunten Luſtgewühle der Welt gedeihe. „Seid mir gegrüßt, Fremdling!“ redete der den kranken Urach an eindem er ihm freund⸗ lich die Hand reichte zum ihn in ſeine Hütte zu führen,„den Kranken pflegen, den Leiden⸗ den mit Troſt ſund Ruhe erquicken, das iſt die ſchönſte heiligſte Pflicht, und dankbar begrüße ich den jungen Mougen, der mir Gelegenheit giebt; dieſe Pflicht auszuüben. Tretet herein in dieſe ſtille Wohnung des Friedens, und Heil mir, wenn ſie auch für Euch ein Ort der Rühe und der Zufriedenheit würde.“ 8 Der anbrechende Morgen erinnerte den edeln Conradin dringend zur Rückkehr und an die Gefahr, die ſein längeres Verweilen an dieſem Orte für ihn bringen konnte. Er wußte ſeinen Freund gerettet und in Sicher⸗ heit, und mit frohem Herzen eilte er nach einer herzlichen, brüderlichen Umarmung mit beflü⸗ gelten Schritten zurück nach der väterlichen Burg. Leiſe ſchlich er ſich durch die Hinterpforte hinein, und ungeſehen erreichte er ſein Gemach, — 48 wo er ruhig verweilte, bis das lärmende Ge⸗ räuſch in den Hallen der Burg ihm verrieth, daß Urachs Flucht entdeckt ſei. Von Mund zu Mund lief das Geſchrei in der Burg umher, daß der fremde Ritter, der in dem Burgverließ des Thurmes gefan⸗ gen ſaß, durch Verrätherei uiſhe und der Wärter erdroſſelt ſei. Mit wildem Grimme tobten Sonradins Eltern in der Burg umher, um den Thäter auszuforſchen und mit der Wuth einer Furie fluchte ſeine Mutter Rache, Tod und Verder⸗ ben über den Schuldigen, der ihr die Wolluſt geraubt hatte, ihre Rachſucht an dem Mörder ihres Lieblings zu befriedigen, indem ſie ihren Gemahl ermunterte, Alles aufzubieten, um dem Entflohenen nachzuſetzen und ihn zurück zu ſchleppen. Nach allen Seiten wurden eiligſt Knechte ausgeſendet, um dieſen Befehl zu voll⸗ ziehen, und die glänzendſten Verſprechungen entflammten die Knechte mit deſto größerem Eifer, dem erhaltenen Befehle Genüge zu lei⸗ ſten. Von dem tobenden Geſchrei und Lärm — herbeigeführt, hatte ſich Conradin unter die Uebrigen gemiſcht, um unter der Maske der Verſtellung die allgemeine Beſtürzung und den Zorn ſeiner Eltern zu theilen, und Keiner ahnete, daß er ſelbſt es ſei, der den unglück⸗ lichen Urach der grauſamen Rache ſeiner Mut⸗ ter entzogen und in dem nichtswürdigen Bodo die Welt von einem Ungeheuer befreit hatte, das nur Unglück und Verderben um ſich her verbreitete. Conradin hörte und ſah die Anſtalten, die jetzt getroffen wurden, um den entflohenen Urach auf der Flucht einzuholen und ihn der Rachſucht ſeiner Verfolger zu überliefern. Er ſelbſt erbot ſich zum Scheine dazu, ſich an die nacheilenden Knechte anzuſchließen, und alles anzuwenden, den Flüchtling zu erreichen, doch ruhig lächelte er insgeheim zu allen dieſen An⸗ ſtalten, da er ſeinen Freund vor jeder Gefahr in Sicherheit wußte, und gewiß verſichert war, daß keiner ſeiner Verfolger ihn in der friedlichen Hütte des frommen Benedikts finden würde. Erſte Serie. INX. Band. 4 — Vor jeder Gefahr geſichert, war indeſſen Urach in der Hütte ſeines gaſtfreundlichen Wirthes verborgen, der mit ſorgſamem Eifer darauf bedacht war, den armen Kranken zu pflegen und ſein leidendes Herz mit Troſt und Ruhe zu erquicken. Jedoch tief nagte der ge⸗ heime Kummer an Urachs Herzen und die ſchreckhafteſten Bilder der Phantaſie verſcheuch⸗ ten grauſam die Ruhe und den erquickenden Schlummer von ihm, die er ſo ſehr bedurfte. Unaufhörlich beſchäftigte ſich ſein Geiſt mit der geliebten Adelheid, von welcher er ſich auf ewig losgeriſſen wähnte; Liebe, Eiferſucht und bange Beſorgniſſe wegen der Ungewißheit, worin er über ihr Schickſal ſchwebte, durch⸗ bebten ſein Inneres mit Qualen der Hölle, und mit Freuden würde er alle dieſe Schmer⸗ zen erduldet haben, wenn ihm vergönnt ge⸗ weſen wäre, die Geliebte nur auf wenige Augenblicke zu ſehen und ſich von ihrem Zu⸗ ſtande Gewißheit zu verſchaffen. Das ahnete er freilich nicht, daß dieſe Ungewißheit über —— ——— 51 Adelheids Schickſal glücklicher für ihn ſei, als die gewünſchte Gewißheit. Unter Todesangſt war der armen Adelheid die Schreckensnacht hingeſchwunden, unter deren ſchauerlicher Hülle jener bübiſche Verräther das Werk ſeiner Bosheit krönte. Dennoch war dem Nichtswürdigen dieſes Werk ſeiner ſata⸗ niſchen Bosheit nur zur Hälfte gelungen; der Schutzgeiſt ihrer Tugend hatte Adelheid dem Falle glücklich entzogen, und unentdeckt von dem verkappten Gregor hatte dieſer, von der Finſterniß der Nacht getäuſcht, ſein Buben⸗ ſtück an der unglücklichen Bertha vollzogen, indem er in Adelheids Reizen zu ſchwelgen glaubte. Kaum verkündete der erſte Schimmer des heraufdämmernden Morgens den erwachenden Tag, ſo erhob ſich der freche Böſewicht in dem triumphirenden Gefühle ſeines gelungenen Bu⸗ benſtücks von dem entweihten jungfräulichen Lager, indem er der entehrten Bertha im Ent⸗ fliehen zuflüſterte: „Gehabt Euch wohl, ſchöne Gräfin, und 4* 4 52 nehmt meinen Dank für die Wonne dieſer Nacht. Nie ſoll die Welt durch mich Euern Fall erfahren, und Ihr ſelbſt ſeid hoffentlich zu klug, als daß Ihr Euch ſelbſt anklagen und Euere Schande entdecken ſolltet. Auch ſeid Ihr viel zu gut und liebevoll, als daß Ihr mir die Freuden dieſer ſchönen Feſtnacht beglückter Liebe nicht recht bald wieder ge⸗ währen ſolltet. Wenn Ihr jedoch thöricht genug ſein könntet, dieſes verhindern zu wol⸗ len, ſo fürchtet Alles von meiner Macht und meiner Rache; denn meine Macht iſt groß, und nichts ſoll mich alsdann abhalten, Euere Schuld vor der Welt zu entdecken, und Schande, Tod und Verderben über Euch zu bringen. Ihr habt freie Wahl, ſchöne Gräfin, dort droht Euch Schmach, Fluch und Schande, hier winkt Euch in meinen Armen der ſüßeſte Minneſoldz Euerer Klugheit überlaſſe ich es, für Euch das Beſte zu wählen.“ Mit dieſen Worten ſchlich ſich der ver⸗ kappte Böſewicht von dannen, und unbemerkt kam er in dem erſten Strahle des jungen “ — 53 Morgens zur Abtei zurück, um nunmehr ſein ſataniſches Werk ganz zu vollenden. Kaum war er in ſeinem Gemach angelangt, ſo warf er eilig die Rittermaske von ſich, und als frommer Prieſter ſtand er jetzt wieder da, in⸗ dem er ſich anſchickte, nach der Wetterburg zu gehen, um die Gräfin zu beſuchen, ſie zur Beichte zu locken, und dann, der Sünderin im heiligen Eifer zu fluchen, um ihr alsdann wieder Befreiung von dem Bann und der Strafe unter der Bedingung anzukündigen, daß ſie von der Welt ſich trenne und dem Kloſter ſich weihe. Fein angelegt war der hölliſche Plan von Bosheit, in welchem der Nichtswürdige Adel⸗ heid umſtricken wollte. Schrecken, Schwärme⸗ rei und Schande und der folternde Gedanke, daß ihr Herrmann durch ſie geſtorben ſei, ſoll⸗ ten ihm bei Adelheid für den gewünſchten Er⸗ folg bürgen. Ein fürchterlicher Eid ſollte ſie alsdann von der Kindespflicht entbinden, um ſie ſeiner argliſtigen Bosheit zu weihen und den Armen ihres Vaters auf immer zu entreißen. — 54 „Die Furcht vor dem Banne und den Qualen der Verdammniß ſollen die Entehrte in meine Arme führen,“ rief ſich Gregor trium⸗ phirend zu,„und als ein furchtbarer Warner will ich mich zwiſchen ſie und ihre kindliche Liebe hinſtellen, ſie an ihren Eid ermahnen und ſie ſo lange ängſtigen, bis ſie ſich endlich im frommen Wahne von der Welt und allen Pflichten losreißt. Dann treibe Verzweiflung den alten Vater in das Grab, und weihe mich noch in den letzten Augenblicken ſeines freu⸗ denleeren Lebens zum einzigen Erben ſeiner Habe.“ So hatte der ſchändliche Gregor beſchloſſen und ahnte es nicht, daß Adelheid ſeinem Wunſche ſelbſt zuvorkommen würde. Keine Sprache drückt die Qualen und Schrecken aus, womit für Adelheid und Bertha die letzte Nacht entflohen, oder den verzweif⸗ lungsvollen Schmerz, der den Buſen der ar⸗ men Bertha zerwühlte. Von Furcht und Schrecken gefeſſelt hielt ſich Adelheid noch immer in dem Kabinet verborgen, wohin ſie 55 bei dem Annähern des Böſewichts geflohen war; ſie wagte es nicht, ihren ſichern Schlupf⸗ winkel zu verlaſſen, als endlich der verräthe⸗ riſche Bube davon ſchlich und ſein leiſer Tritt in den anſtoßenden Hallen und Gängen ver⸗ hallte. Von Angſt und Entſetzen gefoltert, betete ſie mit ſtiller Andacht zu dem mitter⸗ nächtlichen Himmel um Schutz und Rettung für ihre Freundin empor, deren Mißgeſchick ſie mit allen Schaudern des Todes durchbebte, je mehr ſie ſich außer Stand geſetzt ſah, das Geringſte zu ihrer Hülfe zu unternehmen, ohne für ſich ſelbſt und ihre eigene Sicherheit das Allerfurchtbarſte zu erwarten. Der Böſewicht war jetzt entflohen, eine grabestiefe Todtenſtille herrſchte wieder rings umher, aber noch immer fühlte ſich die zit— ternde Adelheid zu ſchwach, ſich ihrer armen Freundin zu nähern und ihr Troſt zu brin⸗ gen. In Andacht hingeſunken, ſeufzte ſie voll namenloſem Jammer um Troſt für die arme Bertha zu dem Himmel empor, und ſo fand ſie der ſanfte Schimmer des Morgens, als — 56 das ängſtliche, verzweiſlungsvolle Stöhnen der unglücklichen Bertha ſie aufſchreckte. Kalte Fieberſchauer zitterten durch ihre Ge⸗ beine, ſie raffte ſich empor, aber kaum ver⸗ mochte ſie es, ſich aufrecht zu erhalten. Den⸗ noch konnte ſie dem innern Drange, ihre Freundin zu ſehen, nicht länger widerſtehen; ſie ſuchte ſich zu ermannen und wankte hin⸗ über. Kaum erblickte ſie die unglückliche Bertha, als dieſe auch mit einem heftigen unartikulir⸗ ten Ausrufe der Verzweiflung auf ihr Lager zurückſank, und von Scham und Schmerz durchdrungen ihr Geſicht in die Kiſſen ver⸗ hüllte. 1 Hingeriſſen von dem herzzermalmenden An⸗ blicke der armen Leidenden, ſank Adelheid an ihr Lager nieder:„Warum verbirgſt Du Dich vor meinem Anblick?“ flüſterte ſie ihr mild zu,„was habe ich verſchuldet, daß Du Dich ſo voll Abſcheu von mir wendeſt? Kann meine Bertha deshalb mit mir zürnen, daß ich, ohne es zu wollen, ſchuld an ihren Leiden bin? Richte Dich empor! meine Arme ſind für Dich —— 57 geöffnet, um Dich an meinem Herzen mit Troſt und fanftem Mitgefühl zu ſtärken. Ich verdiene Deinen Haß nicht, ſei meine Bertha, einzige vertraute Freundin meines Herzens wieder und liebe mich wie zuvor.“ Mit einem Blicke des tieſſten Jammers blickte ſie Bertha an, und in einem Tone, der den ganzen ſchrecklichen Zuſtand ihres In⸗ nern verrieth, rief ſie ihr zu:„Wißt Ihr auch, was Ihr fordert?— O wehe! wehe mir! ich, die Entehrte, die Geſchändete ſoll Euch, die edle tugendhafte Jungfrau lieben? Mein Athem iſt durch das Laſter verpeſtet, Ihr dürft mich nicht mehr lieben, und Schmach und Schande ſind mein Loos. Wehe mir, daß meine un⸗ glückſelige Betäubung, die das Bubenſtück der Hölle begünſtigte, nicht im Todesſchlummer endete! Zu endloſem Jammer bin ich Un⸗ glückliche erwacht, mein guter Engel iſt auf ewig von mir gewichen, gefallen und entehrt, bin ich in eine ſchreckenvolle Untiefe des Ver⸗ derbens verſunken, aus welcher nichts mich wieder retten kann, als der Tod. O gute 58 .— Adelheid, betet, betet für die unglückliche Bertha, der von nun an jeder Augenblick ihres ſchmachvollen Lebens zur ungeheuern Laſt geworden iſt, daß ſich der Engel Tod recht bald ihrer erbarme und ſie im Grabe von der ſchrecklichen Bürde ihrer Leiden be⸗ freie.“ „Arme, unglückliche Freundin,“ erwiderte Adelheid, indem ſie Bertha in ihre Arme ſchloß,„wie ſehr zerreißen Deine Worte mein Herz, da ich mir ſelbſt die Schuld von dieſem Deinen Unfall beimeſſen muß! Sterben woll⸗ teſt Du? und wie könnte ich alsdann ohne Dich noch leben?— Du verdammeſt Dich ohne Grund, und nur dann erſt biſt Du wahrhaft eiend, wenn Du Dich ſelbſt ver⸗ achteſt. Du biſt frei von aller Schnld. Dein Schmerz und dieſer verzweiflungsvolle Blick zeugen laut für Deine Tugend und für Dein reingebliebenes Herz. Mein ganzes Herz ſchlägt Dir noch immer wie vorher voll heißer Liebe und voll Mitleid zu, ich verkenne Dich nicht, und Du ſelbſt darfſt es auch nicht. Noch 59 einmal, gute Bertha, Du biſt frei von aller Schuld, und ſo ſehr ich Dein Mißgeſchick beklage, ſo fließen gleichwohl dieſe Thränen mehr über mich als über Dich; den ach! Du biſt fromm und gut, wie ein Engel des Lichts, nicht aus eigenen Vorſatz biſt Du gefallen, Du ſankeſt für mich, mein war die Pflicht, Dich zu retten, und ach! ich unterließ dieſe Pflicht zu üben, ich hatte weder Muth noch Kraft, etwas zu Deiner Rettung zu wagen, und die kleinliche Furcht für meine eigene Sicherheit hielt mich in Unthätigkeit gefeſſelt.“ So ſtammelte Adelheid ſchluchzend, indem ſie mit wildem Schmerze ihre Freundin an⸗ ſich preßte, und ihre Thränen in Bertha's Buſen ſtrömten. „Zu welcher Ungerechtigkeit gegen Euch ſelbſt verleitet Euch die Freundſchaft!“ erwi⸗ derte Bertha.„Was konntet Ihr für mich thun? Wolltet Ihr Euch mit mir zugleich verderben?— Nein, rechnet Euch, theuere Adelheid, nicht zum Verbrechen an, worin ich einzig und allein noch Troſt in meinem 60 Elende finden kann, in dem Bewußtſein, daß ich für Euch litt. Dieſes allein mindert die Bualen meines Herzens. Mag immerhin die Welt mich als eine Verworfene verachten und verſtoßen, wie gern will ich es mit Geduld ertragen, wenn die Ueberzeugung, daß ich nicht ſelbſt dem Laſter mich weihte, in Euerm Her⸗ zen meinen Fall vermindert, wenn Euere Liebe mir bleibt, und Gott mir meine Schuld ver⸗ zeihet. In frommer Abgeſchiedenheit von der Welt will ich in klöſterlicher Stille meine Schuld büßen, und dahin trachten, den Him⸗ mel mit mir wieder zu verſöhnen. Doch wehe, wehe mir! wenn der Himmel ſein Ohr vor meinem Flehen verſchließt, und mir die ſüße Ruhe, nach der ich ſchmachte, verſagt. Ach Gott! wie grenzenlos elend macht mich der ſchreckliche Gedanke! Mit allen Qualen der Hölle flüſtert mir mein ahnendes Herz zu: daß der ſüße Friede meines Lebens auf ewig mit meinem guten Engel von mir ge⸗ ſchieden ſei. O der namenloſen Leiden, die mir die Zukunft in dieſem Schreckensgedanken * 3 † 9 61 ſpiegelt! Fluch über ihn, den Schändlichen, der meines Herzens goldenen Frieden mir grauſam raubte! o daß er dieſe Thränen der Verzweiflung ſähe, den Schmerz, der mein Inneres durchwühlt! Er würde ſelbſt ſich verfluchen müſſen! Der mag den Böſewicht richten, der in jener ſchwarzen Stunde, wo die Bosheit dieſes Frevlers triumphirte, den Blitzſtrahl ſeiner Rache nicht gegen den frechen Buben ſchleuderte, um ihn zu zermalmen. Ach theuere Adelheid! ſeht, das mehrt und vergrößert die Qualen meines Herzens, daß der Allmächtige mich Arme fallen ließ und ſeine Donner ſchwiegen. Warum mußte mich Schuldloſe dieſe Schmach treffen? Was hatte ich verbrochen, das dieſe ſchreckliche Sirmfe verdiente?“ „O halt ein, Unglückliche!“ unterbrach ſie Adelheid, nes iſt entſetzlich, an Gott und ſeiner Güte und Gerechtigkeit zu zweifeln, und mit ihm zu rechten. Alles, was geſchah, befleckt vor ſeinen allſehenden Augen Dein rein ge⸗ bliebenes Herz nicht ſo ſehr, als dieſe Läſte⸗ 62 rung. Vor ihm, dem Allſehenden, haſt Du nichts verbrochen, und Deine Tugend iſt un⸗ verletzt geblieben; darum zweifle nicht an ihm und ſeiner ewigen Gerechtigkeit. Wunderbar ſind die Wege ſeiner weiſen Führung, und die Donner ſeiner Rache werden nicht immer ſchweigen; nein, ſie werden gewiß den Schul⸗ digen treffen. Halte feſt an dieſem Glauben, denn dieſer allein kann Dir in Deinem Leiden Troſt gewähren und das Heil Deiner Seele Dir ſichern.“ Mit aller Innigkeit ihres guten, tief und zartfühlenden Herzens ſchloß ſie die arme jammernde Freundin in ihre Arme, und ihre Thränen, ihr tiefes Mitgefühl bei ihren ge⸗ rechten Klagen milderten endlich den ſchreck⸗ lichen Schmerz, der in Bertha's Buſen wüthete. Vergebens waren jedoch beide Freundinnen bemütht, das Dunkel zu durchblicken, das dieſen unglücklichen Vorfall umhüllte. Uner⸗ klärbar war es ihnen, wie der verrätheriſche Böſewicht ſich in die Burg und bis in das Schlafgemach der beiden Freundinnen hatte 63³ ſchleichen können, und durch welche Liſt es ihm gelungen ſei, durch die feſtverwahrten Thore und die Felſenwände der Burg zu dringen und die Wachſamkeit der Diener zu täuſchen. Ergriffen von Furcht und Beſorgniß für die Zukunft rief Adelheid aus:„Laß uns auf einen ſichern Zufluchtsort für die Folgezeit bedacht ſein; denn nur in heiligen Mauern können wir Troſt, Ruhe und Schutz vor ähn⸗ lichen Nachſtellungen des Laſters erwarten. Der fromme Abt Gregor hat mir es wohl geſagt, o daß ich ſeinen gut gemeinten Rath nicht achtete, von deſſen Wahrheit mich jetzt das Unglück ſchrecklich überzeugt hat.— Was ſoll ich auch noch länger in einer Welt ver⸗ weilen,“ fuhr ſie mit Thränen ſtiller Wehmuth fort,„an die jetzt mich nichts mehr feſſelt, ſeit Herrmann nicht mehr iſt. Die Blumen meines Glücks und meiner Freuden ſehe ich nur jen⸗ ſeits über dem Grabe emporkeimen. Darum hinweg aus einer Welt, wo keine Freude mehr mir blüth, wo rings umher nur Unglück 64 und Verderben mir drohen. In der heiligen Stille eines Kloſters will ich dieſe Gefahren vergeſſen und mich ganz dem Himmel weihen, und wenn Du mich liebſt, Geſpielin meiner Jugend, ſo wirſt Du dahin mich begleiten, um auch Dich dem Himmel zu weihen. So lange wir noch hier verweilen, ſind wir von Gefahren umringt, die uns das Schrecklichſte fürchten laſſen. Keinen Augenblick ſind wir vor neuen Anſchlägen verſteckter Bosheit ge⸗ ſichert. Wer ſchützt uns die nächſte Nacht vor einem neuen Verſuche des argliſtigen Laſters? Darum laß uns, theure Bertha, nicht zögern, der heiligen Freiſtatt Gottes zuzueilen, der nie das Laſter ſich nähern darf; denn dieſes iſt der einzige ſichere Weg, auf welchem die Unſchuld fliehen und ſich retten kann.“ „Wie dürfte die Verbrecherin, die Gefallene und Entehrte es wagen, dieſes Heiligthum zu betreten?2“ jammerte Bertha troſtlos,„für mich bleibt dieſe Freiſtatt Gottes auf immer ver⸗ ſchloſſen, ich muß hülflos und im tiefen Jammer verſchmachten.“ — 6⁵ 1— ſ 5 „Sei nicht ſo ungerecht gegen Dich,“ er⸗ widerte Adelheid,„und klage Dich nicht eines Verbrechens an, an welchem Du ſchuldlos biſt. Auch hat ſchon der frechſte Sünder, wenn er voll Reue und mit zerknirſchtem Sinn ſich dem Heiligthume des Himmels nahte, das ſchöne Heil von Gott genoſſen und in heiligen Mauern die verlorene Ruhe wieder gefunden. Um wie vielmehr haſt Du, arme gemißhan⸗ delte Freundin, dieſe Gnade dort zu hoffen; darum ſäume nicht, mich zu begleiten. Die fromme Priorin von St. Klara kennt uns Beide, ſie liebt mich mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit und wird der verfolgten Tugend mit Freuden eine Aufnahme bei ſich verſtatten. Ja, die heilige Klara ſoll unſere Beſchützerin ſein, dort in ihrem Heiligthume blühen uns, liebe Bertha, neue himmliſche Freuden, und Arm in Arm wandeln wir ſchon hienieden dem Himmel zu, wo Gottes ſchönſter Friede die Leidenden für Alles, was ſie hier litten, belohnt. Du biſt zu ſchwach dazu, um mir ſogleich zu folgen, ich eile indeſſem hinüber E rſte Serie. IX. Band. 66 zu der frommen Priorin, und unverzüglich wird ſie auf meine Bitten ein paar Kloſter⸗ frauen abſenden, um Dich in die Freiſtatt Gottes abzuholen, und froh und gliücklich werden wir uns an dem Altare wiederſehen.“ „O nein, nein Du darfſt mich nicht ver⸗ laſſen!“ rief Bertha ängſtlich aus, indem ſie ihre Freundin heiß und innig in ihre Arme ſchloß, „denn eine innere geheime Stimme ſcheint mir anzukündigen, daß wir nie uns wiederſehen würden. Die furchtbarſten Ahnungen beſtür⸗ men meine Seele, eine unbeſchreibliche Augſt hat mich ergriffen. Ohne Dich würde ich verzweifeln.“ Adelheid erſchöpfte ſich in Bitten und Zu⸗ redungen, ihrer Freundin dieſe Beſorgniſſe zu benehmen, bis es ihr gelang, ſie einigermaßen zu beruhigen; dann eilte ſie nach einer wieder⸗ holten herzlichen Umarmung und dem Ver⸗ ſprechen, ſie recht bald wieder zu ſehen, hinweg, um ihren Vorſatz auszuführen. Mit Freuden ward Adelheid von den frommen Nonnen begrüßt und zur Priorin 67 geführt, die ſie mit ſichtbarem Vergnügen aufnahm. Adelheid ſank in kindlicher Hin⸗ gebung der Priorin zu Füßen, indem ſie dieſe um Gehör bat, und mit Beſchämung ſtam⸗ melte ſie die Erzählung von der verwichenen Schreckensnacht. Mit Entſetzen bebte die Priorin bei dieſer Erzählung zurück, indem ſie im heiligen Eifer Wehe über den frechen Böſewicht ausrief, der ſolch ein unerhörtes Bubenſtück vollenden konnte. „Komm herauf in meine mütterlichen Arme,“ ſprach ſie alsdann zu Adelheid, indem ſie dieſe vom Boden aufhob,„ſie ſind bereit, die arme verfolgte Unſchuld zu umfaſſen. Sei mir ge⸗ ſegnet in dieſer Freiſtatt Gottes, weihe Dich zur Braut des Himmels, und genieße in un⸗ geſtörter Ruhe das ſchöne Heil, das hier den Auserwählten Gottes beſchieden iſt. Mit hinreißender Beredſamkeit ſchilderte die Priorin das Glück des Kloſterlebens; Adelheid glühte vor Wonne und Entzücken, indem ſie ihre mütterliche Freundin in ihre 5* 68 Arme ſchloß und von einer Ehrfurcht, wie man ſie nur für eine Heilige fühlen kann, ſich für ſie durchdrungen fühlte. „So gehe denn, liebes Kind,“ fuhr die Priorin fort,„bereite Dich zur Prüfung und ſei darauf bedacht, die Schweſterliebe der übrigen Kloſterjungfrauen zu gewinnen.“ „Und meine Freundin? meine Bertha?“ fiel ihr Adelheid mit rührendem, ſanft bitten⸗ den Tone ins Wort.„Was wird mit dieſer werden?“. „Ich werde die Unglückliche nicht vergeſſen,” erwiderte die Priorin,„noch heute ſollſt Du Deine Freundin wiederſehen, um Dich in dieſer Gottgeweihten heiligen Stelle nie wieder von ihr zu trennen; denn auch ihr ſei es vergönnt, hier einen ſichern Bu uchtee gegen das Laſter zu finden.“ S So ſprach die Priorin, indem ſie Adel⸗ heid mit frommen Segen entließ, und ihr befahl, zu dem Chor der Schweſtern ſich zu verfügen. Seinem Vorſatze getreu, war der Abt Gregor indeſſen auf der Wetterburg ange⸗ langt, und von frommen Schauer für ſeine Heiligkeit erfüllt, ſank alles dem Heuchler zu Füßen, um ſeinen Segen zu erflehen. Mit ſichtbarem Erſtaunen fand er Bertha allein und in einer Gemüthsſtimmung, die er ſich vergebens zu erklären ſuchte. Er forſchte nach der Urſache dieſer ſeltſamen Bewegung; ſtam⸗ melnd bekannte Bertha, und ſo unangenehm es ihm auch war, daß ſein Bubenſtück nicht ganz ſo vollendet worden war, als er es wünſchte, ſo ſehr jauchzte er auch heimlich wie⸗ der darüber, indem er die zuverſichtliche Hoff⸗ nung nährte, daß ihm auch Adelheit nicht ent⸗ gehen würde. „Dieſes Veilchen habe ich gebrochen,“ rief er ſich ſelbſt voll boshafter Freude zu, „wohlan denn! auch jene ſanfte Roſe, deren Genuß ſchon ſo lange mein heißeſter Wunſch war, blüht noch für mich und meine Sehn⸗ ſucht. Ja, die ſchöne Adelheid St. Klaren zu entwenden, und ſie aus dem heiligen Gar⸗ 70 ten zu verpflanzen, das kann meinem Voigt gewiß nicht mißlingen. Ich kenne ſeine Geldbe⸗ gierde, die ich zu befriedigen wiſſen werde; ſeine Tapferkeit und meine Liſt können Wunder⸗ dinge ſchaffen, und ſein kühner Arm wird ausführen, was dieſer ſchlaue Kopf begann. Er handle für mein Gold, ich will die Mit⸗ tel wählen, daß alles nach Wunſch gelinge. Triumph dann, Gregor! freue dich deines gelungenen Meiſterſtücks, ſchon winkt dir das herrliche Ziel entgegen, nur noch einen einzigen Schritt und das Spiel iſt vollen⸗ det!“ So frohlockte der Nichtswürdige aus der Tiefe ſeines ſchändlichen Herzens, und mußte ſeine ganze Verſtellungskunſt aufbieten, um dieſe ſeine boshafte Schadenfreude unter der Miene der Heiligkeit zu verbergen. Aus jedem ſeiner Züge ſchien Frömmigkeit und heiliger Zorn zu ſtrahlen, und ſchon ſchwebte ein Fluch auf ſeiner Zunge, welcher das Herz der armen leidenden Bertha ganz zermalmen ſollte, und nur der eben ſo plötzliche als un⸗ 71 erwartete Eintritt einiger Boten aus Sankt Klara, die zu der Kranken in das Gemach traten, hielt ſeinen Fluch zurück. Die Boten ſanken voll Ehrfurcht vor dem Heuchler auf die Kniee und küßten ihm die Sünderhand. Nengierig und befremdet über dieſe Sendung fragte er die Boten um die Urſache ihrer Ankunft und mit verdoppeltem ſichtbaren Erſtaunen erfuhr er, daß die ſchöne Gräfin Adelheid von der Wetterburg, die ſich gegenwärtig in dem Kloſter der heiligen Klara befände, für die arme leidende Bertha, ihre Freundin, vorgebeten habe, um ihr den Schutz der Kirche zu ſchenken, und daß ſie abgeſchickt wären, der Kranken die Gewäh⸗ rung dieſer Bitte anzukündigen, indem das Kloſter, innig gerührt von ihrem traurigen Schickſale, bereit ſei, ſie in ſeinen Schooß aufzunehmen. „Ihr Thörichten!“ unterbrach ſie der Abt mit ſo viel Heftigkeit, daß die Boten er⸗ ſchrocken zurück traten,„wollt ihr der Kran⸗ ken völlig den Tod geben? Seht her! in 72 4 jedem ihrer verworrenen Züge iſt das Schreck⸗ bild des ewigen Würgers abgedrückt, und eine Leiche würdet ihr in Sankt Klara ein⸗ führen, wolltet ihr dieſe Kranke der Luft aus⸗ ſetzen. Nein, laßt ſie hier, und erſt geneſen, dann möge das Kloſter von Sankt Klara thun, was gut iſt. Auch iſt dieſes Mädchen eine große Sünderin, die tief gefallen iſt, und die heilige Freiſtatt Gottes und den heili⸗ gen Schleier ſehr entweihen würde. Erſt muß ſie daher beten und büßen und den Himmel wieder mit ſich auszuſöhnen ſuchen, und hat ihr Gott verziehen, iſt ſie gereinigt von ihrer Miſſethat, dann will ich ſebſt ſie zu dem Dienſte des Himmels einweihen; dann erſt, aber eher darf durchaus nichts geſchehen. Jetzt geht und meldet dieſen meinen Willen Eurer Priodin.“ Die Boten zöogen ſich ehrerbietig zurück und verließen das Zimmer, um der Domina den erhaltenen heiligen Befehl des Abts zu hinterbringen, der in dieſer Strenge blos die Abſicht hatte, die beiden Freundinnen von einander entfernt zu halten, damit nicht etwa ihr beſtändiges Beieinanderſein Verau⸗ laſſung geben möchte, durch Nachſinnen über den räthſelhaften Zuſammenhang jenes Bu⸗ benſtücks dem frechen Sünder auf die Spur zu kommen. Vergebens beſchwor Bertha mit Thränen des heftigſten Schmerzes und mit Verzweif⸗ lung den Abt, ſeine Härte zu mildern und ihr die Gewährung ihres heißen Flehens zu ſchenken. Gregor blieb unerbittlich und mit düſterm Blick verließ er ſie; indem er ſogar ſo grauſam war, der armen Leidenden auf ihre wiederholte Bitte den erflehten Segen zu verſagen. Da ſank die arme unglückliche Bertha mit verſtörten Sinnen banger Verzweiflung im thränenloſen Schmerz auf ihr Lager zu⸗ rück, zerraufte ſich das Haar, zerſchlug die Bruſt und verwünſchte ein Leben, das ihr nur zur Qual gegeben zu ſein ſchien. Die Unglückliche litt grenzenloſe Qualen, indem ſie ſich von Gott und Menſchen gehaßt, 74 von dem Himmel als eine ſchwere Sünderin verworfen und verſtoßen, und von dem heili⸗ gen Abt Gregor verflucht glaubte, bis denn endlich die Wuth eines Fiebers ausbrach und der Armen mit jedem noch übrigen Reſte von Kraft auch die Beſinnung raubte. Indeſſen eilte der bübiſche Gregor mit geheimer ſataniſcher Schadenfreude zur Abtei zurück, um ſich mit dem Genoſſen all ſeiner Bosheiten und dem Ausführer ſeiner ſchänd⸗ lichen Pläne, ſeinem Voigte Benno, zu be⸗ ſprechen, auf welche Art der von ihm be⸗ ſchloſſene Raub der argloſen Adelheid am beſten anszuführen und ins Werk zu richten ſein möchte. Der habſüchtige Benno hörte dem Abte kalt und ſtillſchweigend zu, und ließ nicht eher einige Theilnahme an deſſen Plane blicken, als bis Gregor ihm eine goldne Summe hin⸗ warf, worauf der ſtumme Verräther ſogleich bereitwillig war, auch diesmal das Bubenſtück ſeines Gebieters zu theilen, indem er ihm ſei⸗ nen Arm und ſein Schwert zu der Ausführung deſſelben anbot. Adelheid ahnete von dem allen, was die Bosheit des Abts gegen ſie ins geheim beab⸗ ſichtigte, nicht das geringſte, und war einzig und allein nur mit ihrer armen Bertha be⸗ ſchäftigt, die ſie in einen höchſt beklagenswer⸗ then Zuſtande zurückgelaſſen hatte. In ban⸗ ger ängſtlicher Erwartung, ihre leidende Freundin recht bald bei ſich zu ſehen, ſeufzte ſie die Stunden hin, die mit trägem Schnecken⸗ gange vorüberſchlichen und ſich zu Jahren für die ungeduldig Harrende auszudehnen ſchienen. Die Einſamkeit der klöſterlichen Stille 4 ward ihr mit jedem Momente unerträglicher und ſogar der Umgang verſchiedener Kloſter⸗ jungfranen, die ihr mit Freuden voll Freund⸗ ſchaft und Vertrauen entgegen kamen, konnte ihren Kummer nicht zerſtreuen. Von traurigen ſchwermuthsvollen Gedanken und dunkeln ah⸗ nungsvollen Gefühlen genährt, ſtieg ihre Angſt und ihr Kummer mit jedem Augenblicke höher 76 und höher empor, und raubte ihr jeden ruhi⸗ gen Augenblick. 4 Getrennt von ihrer Bertha, die ſie in ei⸗ nem ſo bemitleidenswerthen Zuſtande wußte, wie hätte ſie da Ruhe haben können? Unſtät und flüchtig durcheilte ſie die düſtern Kloſter⸗ hallen und fragte Jedes, das ihr begegnete, ob Bertha noch nicht komme, und was wohl die Urſache dieſer Zögerung ſei? Doch Nie⸗ mand, ja ſogar die Priorin, konnte oder wollte von dem allen nichts wiſſen, und das immer wiederholte Zureden der Letztern, Ge⸗ duld zu haben, war alles, was Adelheid von ihr erhalten konnte. In jedem leiſen Geräuſche hoffte Adelheid die Ankunft ihrer Freundin zu erfahren, doch langſam ſchlichen die Stunden des Tages dahin, und die Dunkelheit der einbrechenden Nacht überzeugte ſie, daß ſie vergebens hoffe, ihre Freundin bei ſich zu ſehen, und daß man ihr in dieſer Hinſicht vielleicht nur mit leeren Hoffnungen geſchmei⸗ chelt habe. ai Adelheids tiefe Traurigkeit löſte ſich jetzt 77 in Thränen auf, und von ſchweren Seufzern zuſammengepreßt hob ſich ihr Buſen empor; indem der furchtbare Gedanke ſich in ihre Seele ſtahl, daß der Tod vielleicht ihre Bertha von ihren Leiden befreit habe. In einer Art von Verzweiflung wollte ſie jetzt nochmals zu der Priorin eilen, ſich dieſer zu Füßen wer⸗ fen und um Aufſchluß dieſer Räthſel bitten, als dieſe ſich ſelbſt nahte, um— wie ſie lächelnd ſagte— der Novize eine frohe Nachricht zu hinterbringen. G „Freue Dich, meine Theuere!“ rief die Domina Adelheid entgegen,„freue Dich und komm an mein mütterliches Herz. Du biſt nunmehr mir geſchenkt, Dein Vater ſelbſt er⸗ laubt Dir, den Schleier anzulegen und Dein Leben dem Himmel zu weihen; ſein väterlicher Segen folgt Dir in dieſe heilige Wohnung des Friedens, und Heil mir! daß ich Dir dieſes verkünden kann. Graf Rudolph, Dein Vater, iſt eben von ſeiner Fahrt auf ſeine Burg heimgekehrt, hat Deine Flucht in den heiligen Schooß der Kirche vernommen und 78 freut ſich, daß ſein Kind den frommen Ent⸗ ſchluß gefaßt hat, ſich den Gefahren und Miuſhſeligkeiten der Welt zu entziehen; ſein einziger Wunſch iſt es, daß dieſer Entſchluß feſt ſei und daß Adelheid darin nie wanken möge. Vernimm jetzt ſelbſt, was Dein guter Vater mir ſchreibt.“ Sie zog ein Blatt Papier hervor, entfal⸗ tete es und las folgende Worte: „Ich vernehme, daß mein Kind in hei⸗ ligen Mauern die Welt vergeſſen und dem Himmel ſich weihen will. Mit der vollen, innigen und frohen Ueberzeugung, daß Gott es ſelbſt war, der dieſen Entſchluß in ihr Herz pflanzte, gebe ich zu dieſem Schritte meinen beſten väterlichen Segen, und bitte ſelbſt meine Tochter, in dieſer ihrer frommen Neigung nicht zu wanken, ſondern feſt auf ihrem frommen Vorſatze zu beharren und den Schleier anzulegen. Nur einmal wünſche ich, mein holdes Kind zu ſehen und es noch einmal an mein treues Vaterherz zu drücken, alsdann mag Adelheid froh und zufrieden 79 von mir zu dem Himmel übergehen, und ſchon hienieden in ungeſtörter Ruhe das ſelige Glück des Himmels genießen. Doch die letzte Gunſt, ehrwürdige Domina, verſagt dem Vater nicht. Ich überſende dieſe Zei⸗ len durch eine treue Schaar; in ihrem Schutze, bitte ich, laßt meine Adelheid ziehen, um in meine Arme zu eilen.“ „Darf ich das?“ unterbrach Adelheid die Priorin mit wonnetrunkenem Entzücken, in⸗ dem ſie die Hand der Domina feſt an ihr Herz drückte. „Ja, wir vergönnen Dir dieſe Freude,“ erwiderte die Priorin.„Geh, geliebte Toch⸗ ter, nur wanke nicht in Deinem frommen Sinn, laß nichts davon Dich zurück bringen, und die Welt Dich wieder aus unſern Armen reißen. Bedenke wohl, was Du gelobt haſt, daß Du freiwillig Dich zur Braut des Him⸗ mels erklärt haſt, daß wir feierlich Dich dazu ernennen, und daß ich in Zukunft Deine Mutter bin.“ Ein mütterlicher Kuß verſiegelte dieſe freund⸗ — 2 80 lichen Aeußerungen der Domina, und der ganze 5 Kloſterſtand gab Adelheid hierauf das Geleite bis an die Kloſterpforte, wo die Reiſigen ihres Vaters in einiger Entfernung mit ſtiller Er⸗ wartung der Kommenden harrten. Die Non⸗ nen traten beſcheiden zurück, und ſahen ſeuf⸗ zend ihrer Freundin nach, bis Roſſe und Wagen vor ihren Blicken entſchwanden. Von Freude ſüß berauſcht, flog Adelheid dem Wagen entgegen, ſobald ſie die Priorin 4 entlaſſen hatte, und war ſo ſehr mit dem Ver⸗ gnügen des baldigen Wiederſehens ihres guten Vaters und ihrer Bertha beſchäftiget, daß ſie ſich gar nicht einmal Zeit nahm, die Reiſigen zu betrachten und ſie um ihre Namen und um ihren Gebieter zu fragen. Ihrer Mei⸗ nung nach bedurfte es hier weiter keiner Frage, da ſie ſelbſt die Aufforderung ihres Vaters, zu ihm zu kommen, in jenem Briefe gehört hatte. Mit hoher beflügelter Freude ſtieg ſie in den bereit ſtehenden Wagen, und höher hob ſich ihre Bruſt voll Frende und Ent⸗ zücken empor, als der Wagen mit Vogel⸗ 8¹1 ſchnelligkeit das Thal hinunter flog, bis man ihr endlich verkündete, daß man zur Stelle ſei, und dir Wagen im ſchnellſten Laufe ſtille hielt. Die Reiſigen ſtiegen ſchnell von ihren Roſſen, der Wagen ward geöffnet, und mit Befremdung ſah jetzt Adelheid einen Jüng⸗ ling, deſſen Züge ihr ganz unbekannt waren, an dem Wagen erſcheinen. Ehe ſie jedoch Zeit hatte, ſich zu ſammeln, ſtotterte der Fremdling verlegen:„Der Wille Eueres Vaters iſt, daß ihr verſchleiert vor ihm erſcheint. Nehmt da⸗ her dieſen Schleier, verhüllt Euer Angeſicht damit und befolgt dadurch den Willen des edeln Grafen, Eueres Vaters.“ Adelheid erſtaunte, erbleichte und fragte mit Beſtürzung:„Befahl mein Vater wirk⸗ lich Euch, mir dieſes zu ſagen?— O Gott! Euer Geſicht und Euere Stimme ſind mir völlig unbekannt; wer ſagt mir, ob ihr es redlich meint?“— „Beruhigt Euch, ſchöne Gräfin,“" erwiderte der Jüngling ſanft, vich bin kein Beirüger, Erſte Serie. IX. Band. 82 * und wenn es Euch befremdet, mich, einen Unbekannten, mit dieſem Befehle Eueres Va⸗ ters zu erblicken, ſo wißt, daß ich erſt ſeit geſtern als Knappe auf der Wetterburg diene. Jetzt vergönnt mir, daß ich dem Befehle mei⸗ nes Gebieters getreu ſein und auf Euere Nachſicht rechnen darf.“ 25 Mit dieſen Worten warf er Adelheid kühn den Schleier um das Haupt, der, dreifach um⸗ geſchlagen, ſie in undurchdringliche Finſterniß verhüllte. Schnell ward ſie hierauf aus dem Wagen gehoben, und, leider nicht, wie ſie ſorglos wähnte, nach der väterlichen Burg, ſondern durch fremde Hallen von andern Die⸗ nern getragen. Wie heftig verwunderte ſich Adelheid, und wie ſehr ſtieg ihre Verwunderung zu Schrecken und peinigender Angſt, als ſie bemerkte, daß weder ein Felſen zu erklimmen war, wie der von der Wetterburg, noch auch eine Brücke klirrte, ſondern daß der Pfad, den man ſie trug, ganz eben und gerade fortführte. „Um Gotteswillen!“ rief ſie ängſtlich be⸗ 83 bend aus,„ſprecht! iſt das meine väterliche Burg? oder wo befinde ich mich?“— Doch vergebens erwartete das zitternde Mädchen eine Antwort; kein Laut, keine Sylbe erfolgte auf ihre Frage. Mit düſterm Schweigen trug man ſie durch die öden Hallen hindurch, deren feuchter Modergeruch ſie umhüllte und kalt mit allen Schrecken des Grabes anwehte. Ihre wiederholten ängſtlichen Fragen und Bitten dienten nur dazu, die Schritte derer, die ſie trugen, zu verdoppeln, und jeden ihrer an⸗ geſtellten Verſuche, ſich des Schleiers zu ent⸗ ledigen, mit unerbittlicher Härte und Strenge zu vereiteln. Endlich hörte Adelheid Schlöſſer klirren und Pforten dröhnen, aber noch immer lauſchte ihr Ohr vergebens auf den Laut einer Men⸗ ſchenſtimme, und immer banger und ängſtlicher bebte ihr Herz gegen ihre Bruſt. Die furcht⸗ barſten Ahnungen wachten in ihr auf und er⸗ füllten ihr Inneres mit allen Schaudern des Todes. Sie bebte, ſie zitterte, kalter Schweiß deckte ihre Stirne und Wange, und von der . 4 62 84 quälendſten Angſt erpreßt ſtrömten Thränen aus ihren Augen; doch weder ihre Thränen, noch ihre Angſt, noch ihre flehenden Bitten konnten ihre ſtummen Führer zum Mitlleid bewegen. Feſt hielten ſie die Arme in den Schleier gehüllt, und ſtumm und ſtill wie vorher trug man ſie fort. 1 Schnell verlor ſich jetzt der feuchte Moder⸗ geruch und der dumpfe, hohle Wiederhall der Schritte in den öden Hallen, durch welche man ſie getragen hatte. Adelheid hörte eine Thüre öffnen, und ſüße Roſendüfte wallten ihr bei dem Eintritte entgegen; der Wiederhall der Schritte ihrer Träger war verſchwunden, und ihre Füße ſchienen leicht hin über weiche Tep⸗ piche zu gleiten. Durch die Nacht des Schleiers, der ihr Geſicht umhüllte, ſchimmerte der helle Glanz von Kerzenlicht, und neues Erſtaunen mit Angſt und banger Ahnung gepaart be⸗ mächtigte ſich ihres Innern. Ehe ſie jedoch ſich ſammeln und dem Räthſel nachdenken konnte, legte man ſie ſanft auf weiche Kiſſen nieder, und mit ſchnellen Schritten hörte ſie 85 die Männer, die ſie hierher getragen hatten, entfliehen. Schnell riß Adelheid jetzt den Schleier herab, und traute kaum ihren Augen vor Ueberraſchung, als ſie ſich allein in einem prächtigen Zimmer erblickte, worin alles Ueber⸗ fluß und Reichthum und fürſtliche Pracht zeigte, das ihr aber ganz fremd und unbekannt war. Ihr dünkte alles Zauberei, die von unſicht⸗ baren Weſen hervorgebracht ſei, um ſie zu tänſchen und zu blenden, und kein Gedanke ſchlich ſich noch in ihr empor, daß ſie ſich in dem Innern der Abtei befände. Wirklich war es ſo. Gregor hatte ſeinen liſtigen Plan mit all der ihm eigenen Schlau⸗ heit glücklich ausgeführt, und hier, wo Adel⸗ heit ſich jetzt befand, hier war es, wo der üppige Schwelger täglich praßte, wo der ver⸗ ächtliche Wollüſtling, der jede Tugend haßte und ihr mit frechem Uebermuthe Hohn ſprach, ſo manche Uunſchuld mordete, und wo wir ihn noch kürzlich in Mathildens Armen ſchwelgen ſahen. Alles, was nur die Wolluſt ſchaffen 86 und die Sinne reizen konnte, war hier in den verführeriſcheſten Bildern zu einem Ganzen vereinigt, und mit blendender Pracht war nichts geſpart, um die feſteſte Tugend zu er⸗ ſchüttern und das unſchuldigſte Herz mit wol⸗ lüſtigen Gefühlen zu erfüllen. Wohin das Auge blickte, luden unter den mancherlei ver⸗ führeriſchen Gruppen und Gemälden weiche perſiſche Schlummerpfühle zu wollüſtigen Tän⸗ deleien und zu träger Ruhe ein; wie ſanfte Blumenmatten ſchmeichelte der feinſte Fuß⸗ teppich den Tritten, und von Liebesgöttern umgaukelt, erhob ſich ſeitwärts das Bett, wo ſeidene Decken ſich der Luſt entgegenblähten, und das Heer lieblicher Spiele der Phautaſie und loſer Träume in dem röthlich düſtern Schimmer der ſeidenen Gardinen zu gaukeln ſchienen. Dieß war der Ort, den das Räuberpaar, der bübiſche Gregor und ſein Schirmvoigt Benno, für die Ausführung ihres Planes auserkohren hatten, und Benno ſelbſt war es, der Adelheid hierher brachte. 87 Frohlockend ſah Gregor ſeinen argliſtigen Plan ausgeführt und den Raub vollbracht. Die ſchöne Beute, nach welcher ſein ſchänd⸗ liches Herz mit Wolluſtſinn ſchon ſo lange Zeit vergeblich getrachtet hatte, war in ſeiner Gewalt, und ſein kühnſter Wunſch war be⸗ friedigt. „Hier,“ ſprach er frohlockend zu ſich ſelbſt, „hier bleibe ſie, die Holde, ſo lange einſam und allein, bis die Qual der peinigendſten Langenweile und der verführeriſche Reiz der aufgehäuften Liebesgruppen auf ihre Sinne wirkt und mit den Geheimniſſen verbotener Schwelgerei ſie vertraut macht und ihre ſpröde Tugend berückt.“ „Ha wahrlich!“ fuhr er nach kurzem Be⸗ ſinnen mit frechem ſataniſchen Lachen fort, „ich müßte mich auf Weiber ſchlecht verſtehen, wenn nicht ſogar die Sprödeſte vor Sehn⸗ ſucht nach Genuß hier endlich erkrankte, und die Tugend ſelbſt in dieſem Wohnſitze der fein⸗ ſten Sinnlichkeit erſchüttert und zum Falle gebracht werden ſollte, und Adelheid wird 88 hierin keine Ausnahme machen. Nur Muße ſei ihr vergönnt, ihr unbeſchäftigtes Auge an den Bildern der Wolluſt zu weiden, die ihre Phantaſie beleben wird, und wenn alsdann nicht Einſamkeit und Langeweile das Werk an ihr vollenden, ſo will ich mich ſelbſt zum Klausner verdammen, und die Pracht dieſer Zimmer mit einer elenden Felſenhöhle ver⸗ tauſchen.“ So ſprach der Nichtswürdige zu ſich ſelbſt und freute ſich ſchon im Stillen ſeines gelun: genen Plans. Der freche Wollüſtling glaubte den Menſchen und das menſchliche Herz voll⸗ kommen zu kennen; doch er kannte den Men⸗ ſchen nur an dem Scheidepunkte der thieriſchen Sinnlichkeit. Fremd war ihm die menſchliche Natur in ihrer Göttlichkeit, in ihrem ſeligen Berufe, neben reinen Geiſtern des Himmels zu glänzen und ſich voll Muth und Kraft über die Schranken der Sinnenwelt empor zu ſchwingen. Ein Gregor berechnet den Men⸗ ſchen nur nach ſich ſelbſt, und in Laſtern und Bosheiten verſunken, muß ein Böſewicht wie 89 er freilich an Menſchentugend und Menſchen⸗ größe verzweifeln, allein ein wahrhaft tugend⸗ haftes Herz kann ſelbſt noch dann durch eigene Kraft ſich erheben, wenn tauſend Schlingen der Bosheit es umgeben; und wer die ſelige Wonne, in reiner Unſchuld des Herzens hin⸗ zuleben, empfunden hat, der wird nie dem Laſter unterliegen. Adelheid war gut und wahrhaft tugend⸗ haft, ihr Herz glühte heiß für reine Zärtlich⸗ keit, doch kalt blieb es für niedere entehrende Triebe der Sinnlichkeit, und ſtrafte den frechen Spötter Lügen. Hätte ſie der Nichtswürdige in dieſem Augenblicke geſehen, er ſelbſt hätte ſeine freche Läſterung voll tiefer niederſchmet⸗ ternder Beſchämung zurücknehmen müſſen. Leichenbläſſe bedeckte Adelheids Geſicht, Fieberfroſt rann durch ihre Adern, und kaum vermochte ſie es, ſich aufzurichten, als ſie ſich ſo ſchändlich betrogen ſah. Ihre Augen forſch⸗ ten vergebens umher, um zu erfahren, wo ſie ſich befand, doch bald genug ließen es ihr die Gegenſtände rings umher nur zu gewiß ahnen, 90 daß ſie ſich in einer Behauſung des Laſters befände. Die wollüſtigen Gruppen, Statuen, Gemälde und Schildereien, die ſich ihren Blicken bei dem blendenden Glanze der Wachs⸗ kerzen in ſo verſchiedenem Farbengemiſch und in Stein gebildet aufdrangen, ſagten ihr alles nur zu deutlich. Stumm vor Abſcheu und Entſetzen ſtand ſie da, und mit ängſtlich rin⸗ genden Händen rief ſie ſchaudernd aus:„O ihr heiligen Mächte des Himmels ſchützt mich! mein Elend iſt vollkommen und grenzenlos! ich bin getäuſcht, betrogen, entführt und ach vielleicht verloren!“ Ihre Angſt ſtieg beinahe zur Verzweif⸗ lung, mit ſtarren Blicken und kläglichem Ge⸗ ſchrei flog ſie der Thüre des Zimmers zu, doch ach! ſie fand ſie feſt verriegelt und alle Hoffnung zum Entfliehen verloren. Langſam und mit verdoppelter Angſt kehrte ſie zurück, indem ſie ermattet durch das Zimmer wankte, und mit ſchamhaftem Erröthen ihr Auge von den üppigen Geſtalten und Gemälden hinweg⸗ wandte. Verzweiſelnd ſank ſie nieder, und ihre 91 Thränen rannen in Strömen herab.„Großer Gott! wo mag ich ſein, und welche Gewalt iſt es, die mich hier gefangen hält?“ rief ſie ſchluchzend aus, und plötzlich ſprang ſie ſchau⸗ dernd von dem Boden auf, als die fürchter⸗ liche Ahnung der Wahrheit ihre Seele be⸗ ſchlich.„O Himmel und Erde!“ rief ſie voll Entſetzen aus,„wenn ich mich vielleicht in der Macht des Böſewichts befände, der in der verwichenen Nacht das Bubenſtück an Bertha vollführte! wer ſteht mir Armen alsdann bei? wer rettet mich aus den Händen dieſes Böſe⸗ wichts?“ Verzweiflungsvoll und Hände ringend irrte ſie in dem Zimmer umher, und eilte zu dem Fenſter, von dem ſie die Gardine mit Unge⸗ ſtüm hinwegriß, in der Hoffnung, ſich viel⸗ leicht nach der Gegend ihr Elend zu erklären. Voll Schrecken und Entſetzen bebte ſie jedoch gewaltſam zurück, als ſie die Fenſter von außen durch Laden feſt verriegelt fand. Stumm, erbleichend, einer Bildſäule ähnlich, ſtand ſie ſtarr und in thränenloſer Angſt und wand 4 92 die Hände, indem ihr verſtörtes Auge zu dem Himmel ſich empor hob und mit Innigkeit emporflehte, daß der Allmächtige ihr in dieſer Größe ihres Elendes Troſt und Reitung ſenden möge. „Allgütiger!“ ächzte ſie ſtammelnd und mit gebrochener Stimme empor,„verlaß die Un⸗ ſchuld nicht, laß mich der Bosheit und dem Laſter nicht zum Raube werden. Ohne Dich bin ich verloren, denn alles, was ich hier ge⸗ wahre, warnt mich vor dem nahen unver⸗ meidlichen Falle, und dieſes ſchändliche Gemach verräth mir nur zu deutlich den bübiſchen Böſewicht. Wer kann es anders ſein, als meines Herrmanns geweſener Freund?— Doch was ſchänd' ich dieſen ehrwüdigen Namen? Sein Freund iſt er nie geweſen; die Seele meines Herrmanns iſt ſo engelrein und gut. Wie wäre es möglich, daß ſie ſich voll Freundſchaftsgefühl mit dieſem Teufel paaren könnte 2u Ein plötzliches Geräuſch unterbrach ihre Selbſtbetrachtung. Erſchrocken blickte ſie ſich — 93 um, als die Thüre des Gemachs ſich öffnete, und wie durch magiſche Künſte eine Tafel mit den üppigſten Speiſen und Getränken, bis zum größten Ueberfluſſe beſetzt, herein ge⸗ ſchoben ward, hinter welcher ſich jedoch die Thüre plötzlich wieder ſchloß. Adelheid würdigte dieſer üppigen Mahl⸗ zeit kaum eines Blickes, und Thränen allein waren es, welche die arme Leidende labten. Troſtlos ſank ſie auf die Betten nieder, und beklagte in bangen Thränen ihr ſchreck⸗ liches Geſchick. Der Tod allein war jetzt ihr einziger tröſtender Gedanke, den ſie feſt hielt; denn wenn auch jede Hoffnung auf Hülfe und Rettung fehlſchlagen ſollte, ſo traute ſie ſich Muth genug zu, zu ſterben, und lieber dem Tode als dem Laſter ſich in die Arme zu werfen.— Schon waren zwei lange Stunden ihr qualvoll unter Thränen dahin geſchlichen, in welchen ſie ſich mit den ſchrecklichſten und furchtbarſten Gedanken gequält hatte. Bald ſah ſie ihre treue Bertha todt und unter 94 ihrem Elende erlegen, bald erblickte ſie ihren frechen Feind und Verfolger mit einem Dolche bewaffnet an ihrem Lager, und ihren theuern Vater bleich, eutſtellt und in tiefer ſchmerz⸗ voller Trauer um ſeine geliebte Tochter. Die Kiſſen waren von Thränen befeuchtet, ihr Herz war zerriſſen und von tiefem namenloſen Schmerz und Jammer erfüllt. In ihrem halbwachen ſchmerzvollen Spielen der Phantaſie ward ſie jetzt durch ein nahes Geräuſch unterbrochen. Erſchrocken ſprang ſie auf, da öffnete ſich zum zweiten Male die Thüre, und eine häßliche, zurückſchreckende männliche Geſtalt ſchwebte wie ein Geſpenſt des Grabes zu ihr herein. Es war der Liebling des Abts, den er ſelbſt als ſein größtes Meiſterſtück zum frechen Böſewichte in Laſtern aller Art erzogen und gebildet hatte. Mit unverkennbaren Zügen hatte ſich das Laſter in ſeine Mienen einge⸗ graben. Sein Geſicht bleich wie Kreide und von Wolluſt und heftigen Leidenſchaften ver⸗ zerrt, ſein hohles mattes Auge und ſeine ganze — 95 lange hagere Geſtalt ſchien auf den erſten Blick einem Jeden warnend zuzurufen:„ſo entſtellt das Laſter!“ und dieſes war der Mann, der jetzt zu Adelheid herein trat, die vor ſeinem Anblicke, wie vor dem Anblicke eines Geſpenſtes, ängſtlich und erſchrocken zurückſchauderte. Stillſchweigend und mit bebenden Knieen ſtand ſie da, an das Bette gelehnt, und fühlte ihr Blut vor Angſt kalt wie Eis durch ihre Adern und nach dem Herzen zu rinnen. Lang⸗ ſam ſchritt der Unbekannte an ihr vorüber, indem er ſie nicht einmal zu bemerken ſchien, und löſchte alle Kerzen, die in dem Zimmer brannten, aus, bis auf eine kleine ſilberne Lampe, die, mit Roſenöhl gefüllt, auf dem Nachttiſche brannte. Hierauf ſchenkte er noch einen Becher zum Nachtgetränke ein, und eben ſo ſtumm und düſter, als er kam, war er im Begriffe langſam wieder hinweg zu ſchreiten. Da ermannte ſich Adelheid, und mit bebenden Knieen wankte ſie auf ihn zu und trat ihm in den Weg. 96 „Wenn Du ein Menſch biſt und menſch⸗ liches Gefühl haſt,“ redete ſie ihn mit zitternder Stimme an,„ſo beſchwöre ich Dich, ſtehe mir Rede und ſage mir, wohin Du fliehſt. O laß mich mit Dir gehen! laß mich von Deinen Armen unterſtützt zu meinem Vater eilen und der Gefahr, die mir zu drohen ſcheint, entfliehen. Ich traue auf dieſes Silberhaar, ich leſe es in Deinen Zügen, daß es der Gram mehr als das Alter bleichte, unnd daß auch Du viel gelitten haſt; ja ich vertraue Dir, Du wirſt Dich ſicher meiner erbarmen und mich dem Elende nicht zur Beute geben.“ „Ihr ſcherzet, ſchönes Kind,“ erwiderte der Unbekannte mit hohlem Tone,„wie ſollte ich mich erkühnen, die Frau. meines Ritters zu entführen? Bedenkt, was Ihr verlangt. Wer würde ſich meiner annehmen und mich vor der Wuth und dem gerechten Zorne meines Gebieters ſchützen, wenn ich, der ich für Euch haften ſoll, Euch ſelbſt zur Flucht behülflich wäre? Mein Tod würde unvermeidlich ſein, “—. — —— 97 und den verlangt Ihr gewiß nicht; denn dazu ſeid Ihr zu gut und liebevoll.“ „So ſage mir wenigſtens nur, wer Dein Ritter iſt,“ fuhr Adelheid fragend und mit Beben fort, ndenn ich kenne ihn nicht.“ „Das befremdet mich ſehr,“ antwortete „Jener,„die Gebieterin des Schloſſes weiß und ahnet nicht, wer ihr Verehrer iſt?— Ich ſollte meinen, daß Ihr Zeit und Muſe genug gehabt hättet, nach ſeinem Stand und Namen zu fragen, als Ihr in einer der vergangenen Nächte Euch ihm übergabt.“ „Großer Gott!“ ſchrie Adelheid mit ge⸗ brochenem Ton, und beſinnungslos fiel ſie bleich und entſtellt in einen Seſſel nieder. Ihr todtenähnlicher Zuſtand gab dem feilen Knechte indeſſen Gelegenheit, ſich hinweg zu ſchleichen, und als Adelheid endlich zu neuer Qual wieder erwachte, ſah ſie ſich einſam und allein in dem matt erleuchteten Gemache. Kein wohlthätiger Schlummer erquickte ſie; vergebens ſeufzte die Arme nach Ruhe und Erholung. Unter Thränen und Verwünſchun⸗ Erſte Serie. 1X. Band. 7 98 gen ſchlichen ihr mit unerträglich langſamen Schneckengange die Stunden der Nacht vor⸗ über, und als endlich der junge Morgen die Vögel im Haine wieder weckte, deren Früh⸗ geſang wie aus weiter Ferne in ihr lau⸗ ſchendes Ohr tönte, da öffnete ſich abermals die Thüre und die lange hagere Geſpenſter⸗ geſtalt von geſtern trat wiederum zu ihr herein. Stillſchweigend und mit düſterer Geberde zündete er die ausgelöſchten Wachskerzen wieder an, deren Glanz die Nacht des Zimmers wie Sonnenlicht erhellte. Hierauf reichte er Adel⸗ heid ein Papier, indem er mit hämiſchen Lächeln zu ihr ſprach:„Ihr werdet glücklich ſein!“ Adelheid entfaltete das empfangene Papier und laß folgende Zeilen: „Verzeih mir, Du Holde, was ich ge⸗ wagt habe. Was Liebe verbrach, das wird Liebe gern verzeihen. Dieſes Schloß, mein ganzes reiches Land und alles, was ich mein nenne, gehört mit meinem Herzen, das Dich heiß und zärtlichſt liebt, Dein. 99 Nur eines Winks bedarf es, ſo mache ich Dich zur reichſten und glücklichſten Gebie⸗ terin dieſer Gegend; doch ohne Dich kann ich nicht leben und nicht glücklich werden, und glücklich muß ich ſein. Bedenke dieſes, theure Adelheid, bequeme Dich dazu, durch Liebe mich zu beglücken, und zwinge mich nicht dazu, durch Gewalt zu erhalten, was ich nur der Liebe verdanken möchte.“ Kaum hatte Adelheid das letzte Wort dieſes Schreibens geendigt, da ſchien ihr Auge Funken zu ſprühen, ihre bleiche Wange über⸗ zog ein glühendes Roth, und voll edeln Zorn zerriß ſie den Brief, warf die Stücken dem Boten vor die Füße, und kehrte dieſem voll Stolz und Verachtung den Rücken. „Mit dieſer Antwort willſt Dich mich zu meinem Gebieter zurückſenden?“ hub der Bote an, abedenke wohl, was Du thuſt; nicht mich, nur Dich gallein trifft die Folge dieſes Uebermuths. Bedenke dies und beſinne Dich eines Beſſern, ſo will ich ſchweigen und nichts 7* 100 geſehen haben. Willſt Du Dein Glück, ſo erwidere die Schonung, womit man Dich hier behandelt, nicht durch dieſen übel angebrachten Stolz und durch dieſe eitle Ziererei, die zu weiter nichts frommen würde, als Deine Lage zu verſchlimmern. Du biſt hier in einer Wohnung, wo ich ſchon manche unbändige Spröde zum ſanftem Lamme umgewandelt ſah, und in der Gewalt meines Gebieters ſchmolz ſchon manches Herz, das die Liebe verſchmähte, an dem Feuer der Liebe. Ich würde Dich beklagen müſſen, wenn auch Du das Loos ſo mancher ſchönen Dirne theilen ſollteſt, die zu ſpät einſehen lernte, was Liebe und Männerkraft wagen. Darum bitte ich Dich noch einmal, beſinne Dich eines Beſſern, reize nicht durch dieſe Ziererei den Grimm meines Gebieters gegen Dich, und ſprich, was ſoll ich meinem Ritter ſagen?“ „Daß ich ihn haſſe, unverſöhnlich haſſe,“ rief Adelheid voll Muth und edeln Zorn, „daß ich ſein eitles Drohen verlache und daß des Himmels ewige Rache nicht ſchläft, ſon⸗ ———— 101 dern ſicher einſt das Haupt des dichtanvuire digen Verräthers treffen wird.“ „Ich ſehe wohl,“ erwiderte der Bote mit verzerrtem Lächeln,„Ihr habt einen ſtarken 5 Glauben. Doch bitte ich Euch, vertrauet nicht zu viel auf den Himmel, Euer Glaube möchte bald genug dahin ſinken. Thut indeſſen, wie Euch beliebt; ich gehe zu meinem Ritter zu⸗ rück, um ihm pünktlich Euere Antwort zu hinterbringen. Gehabt Euch wohl! in der folgenden Nacht ſehen wir uns wieder.“ Der Bube ging und ſchloß mit höhniſchem Gelächter die Thüre hinter ſich zu. Adelheid ſank auf ihr Angeſicht und betete mit heißer Inbrunſt zu dem Himmel um Rettung und Hülfe empor. Geſtärkt durch dieſes Gebet erhob ſie ſich wieder, und fühlte ihr Herz wohlthätig mit Ruhe, Troſt und Hoffnung erfüllt; denn laut ſchien ihr eine innere Stimme zuzurufen:„Du biſt erhört, verzage nicht; der im Himmel nimmt die unterdrückte Unſchuld in ſeinen mächtigen Schutz; auch 102 Du ſollſt der Bosheit und dem Laſter nicht zum Raube werden.“ Adelheid fühlte ſich jetzt durch ihr frommes Gebet ſo ſehr geſtärkt, daß alle Furcht von ihr entflohen war; denn feſt vertraute ſie auf die Hülfe und den Beiſtand des Allmächtigen in dem entſcheidenden Augenblicke, und mit jenem Muthe, den nur die Tugend verleiht, erwartete ſie die fürchterliche Nacht, wo die Drohung jenes feilen Knechts erfüllt werden ſollte. fein und ſchlau zur Ausführung angelegt. Gregor, glühend vor Begierde nach Genuß und ſchnellem Sieg, beſchloß ſeine liebens⸗ würdige Gefangene nun ſelbſt zu ſehen, jedoch nicht als Abt, ſondern zu ſeiner Sicherheit in der Maske eines Ritters, und nur durch Mathildens Schlauheit ward Adelheid dieſe Nacht gerettet. Gregor dachte ſich dem ſchonen Ziele ſeiner Das Bubenſtück war auch wirklich ſehr —— 103 verbrecheriſchen Wünſche ganz nahe, nur Adel⸗ heid und ſein naher Sieg ſchwebte ihm vor der Seele, und kein Gedanke an die Buhlerin, die ſeine Gunſt verloren hatte und deren Stelle er ſo überaus ſchön durch Adelheid erſetzt glaubte, ſchlich ſich in ſeine Secle. Auch ſeinen Feind, den Ritter, den er in dem Ver⸗ ließ gefeſſelt hielt, und dem er den Untergang und den ſchmählichſten Tod geſchworen hatte, vergaß er in dem Sturme ſeiner wilden Be⸗ gierden und eben hierdurch erleichterte er Mathilden die Ausführung ihres Plans; denn eben dieſe Nacht, die von dem nichtswürdigen Gregor beſtimmt war, Adelheid zum Opfer ſeiner Lüſte zu weihen, benutzte Mathilde ſchlau genug zur Flucht mit dem geliebten Ritter im Verließe. Als Meiſterin in den Künſten der Ver⸗ ſtellung, beſtürmte Mathilde den Abt, mit affektirter Zärtlichkeit, und unbeſorgt überließ er ſich der Befriedigung ſeiner aufgeſcheuchten Begierden in den Armen der ſchlauen Buh⸗ lerin und den üppigen Schwelgereien mit ſeinen Trinkgenoſſen, bis die beſtimmte Stunde des gehofften Siegs ertönen würde. Mathilde kredenzte ihm und ſeinen Genoſſen mit erkün⸗ ſtelter Munterkeit den Wein, in welchen ſie vorher ſchlau genug betäubende und einſchlä⸗ fernde Säfte gemiſcht hatte. Schnell wirkte der Geiſt dieſer Säfte, und bemächtigte ſich mit unwiderſtehbarer Ge⸗ walt der Schwelger, indem er die Trunkenen den Todten gleich bei den vollen Bechern beſinnungslos niederwarf. Schwer lag ein feſter Schlaf die ganze lange Nacht auf ihnen, — und ſchon war die Sonne an dem folgenden Tage hoch herauf geſchwebt, als endlich dieſer bleierne Schlaf von den Ermatteten entwich. So ward Gregor der Betrogene, und Adelheid entging dem ſchwerſten Kampfe, in⸗ 4 dem ſie vor ihrem Feinde geborgen blieb. Mathildis erhielt indeſſen Zeit genug, mit dem Geliebten ihre Flucht mit ſo glücklichem Erfolge fortzuſetzen, daß ſie ſchon längſt der Gewalt des Abts entgangen war, auch wenn er ſie noch hätte verfolgen wollen, ehe der Sinnenrauſch der Trunkenen entwich. „Was iſt mit uns vorgegangen?“ fragte endlich der Abt ſeine Trinkgenoſſen, als er ſich allmählig aus ſeinem betäubten Rauſche ermunterte und die übrigen empor rüttelte. Mit hohem Erſtaunen blickte Jeder den An⸗ dern an, als ſie aus ihrem ſo lang angehal⸗ tenen Todesſchlafe auftaumelten und den halben Tag beinahe ſchon dahin geſchwunden ſahen. „Hat uns ein Zauber getroffen und uns dar⸗ nieder geworfen?“ fragte Einer den Andern, indem ſie ſich völlig zu ermuntern ſuchten. „Mich dünkt, ich faſſe das Räthſel dieſes Zaubers,“ rief der Voigt Benno mit zorniger Geberde aus,„ich ahne Weibertücke. Mathildens geſtrige übergroße zuvorkommende Freundlich⸗ keit erregt mein Mißtrauen gegen ſie. Ver⸗ gönnet mir, Herr Abt, daß ich ſogleich nach ihr ſchicke und ſie hierher rufe.“ 4 Ehe noch der Voigt nach Mathilden ſenden konnte, trat ein Diener des Abts mit der Nachricht herein, daß der Pilger, der in dem 106z5 Geiſelkerker gefeſſelt lag, in dieſer Racht plötz⸗ lich wie durch geheime Geiſtermacht verſchwun⸗ den ſei. Der Abt bebte leichenblaß bei dieſer Nachricht zurück, und zitternd ſank er in einen nahen Seſſel, ohne ein Wort hervorbringen zu können. „Es wird Licht vor meinen Augen,“ rief der Voigt aus, indem er ſich mit der Frage an den Diener wandte,„und wo iſt Mathildis?“ „Auch ſie iſt in dieſer Nach verſchwunden,“ war die Antwort. „Verdammte Buhlerin!e rief Benno wild und zornig aus,„das iſt ein böſer Streich, womit ſie uns betrogen hat, daß ſie in hölli⸗ ſchen Flammen dafür büßen müßte! Begreift Ihr wohl, Herr Abt, was für Folgen dieſer Streich haben kann?2 „Ich fürchte nichts,“ erwiderte der Abt, der ſich jetzt wieder ermannt hatte, und einen Becher Wein hinunterſchlürfte.„Wäre Herr⸗ mann allein entflohen, ja, alsdann dürfte allerdings Gefahr und ein nahes Unwetter 107 für uns zu fürchten ſein. Jedoch Ihr ſeht, daß ich jetzt wieder ganz ruhig bin, Herr⸗ mann iſt ein Mädchenräuber, und muß nun ſelbſt als ſolcher furchtſam vor unſerer Rache fliehen; ſeine Rache iſt gelähmt, und an ihm iſt jetzt die Reihe zu fürchten und zu zittern, ſo wie wir für ihn hätten zittern müſſen, und Matyildis, dieſe ſchlaue Buhlerin, hält ihn gefeſſelt. Von den Netzen ihrer Buhler⸗ künſte umſtrickt, muß jetzt der Verhaßte mich, ſeinen Feind, Adelheid und die ganze Welt vergeſſenz denn dieſe ſchlaue Buhlerin hält ihre Beute feſt, und ſo muß Herrmann, der nunmehr in ihren Feſſeln ſchmachtet, jeden Gedanken, ferner um Adelheid zu werben, aufgeben. Wenn er auch, was kaum zu fürchten iſt, meinen Plan erlauſcht hätte, wie dürfte er jetzt es noch wagen, ſich dem Grafen von der Wetterburg zu nahen und mein an⸗ gefangenes Werk zu zerſtören? Auch wißt Ihr Alle, wie ſeine Schuld ſich nennt, und daß er jetzt nicht mehr zu fürchten iſt.“ „Ihr habt ganz Recht,“ erwiderte der 7 108 Voigt nachdenkend,„jedoch frei muß ich Euch bekennen, daß ich bei weitem nicht ſo feſt als Ihr auf dieſen ſeichten Grund baue. Der verhaßte Flüchtling iſt ein Jüngling, deſſen bekannter Ritterſinn und Unerſchrockenheit wohl ſehr zu fürchten ſein dürfte; darum möchte ich Euch wohl rathen, nicht allzu ſicher, ſondern mit ſorgſamer Acht auf Euerer Hut zu ſein.“ Er ſchwieg nnd verſank in ein kurzes Nachdenken, das er jetzt ſelbſt unterbrach, in⸗ dem er fortfuhrt„Die Flüchtlinge flohen ganz gewiß nach Franken. Laßt ſehen, was ich vermag, und ob das verhaßte Paar den Vorſprung ſchon ſo weit gewonnen hat, daß ſie nicht ſollten noch einzuholen ſein. Ich eile ihnen unverzüglich nach, und wenn mich meine Hoffnung nicht täuſcht, ſo ſollt Ihr, Herr Abt, dieſen Ritt mir noch verdanken.“" „Das werde ich ſicher und gewiß,“ erwi⸗ — derte der Abt, deſſen Beſorgniß durch Benno's Aeußerung aufs neue war geweckt worden. „Ja, mein Dank bleibt Euch gewiß, und Ihr mögt an allem zweifeln, nur nicht an meinem Eifer, Euere Verdienſte reichlich zu belohnen. Nehmt dieſes hier einſtweilen zum Beweiſe, daß dies nicht leere Worte und eitle Verſprechungen ſind und laßt, bis Ihr wiederkehrt, dieſe kleine Belohnung Euern Muth und Euern Eifer für mich neu beleben.“ 2 1 Der Abt reichte ihm ein reichliches Ge⸗ ſchenk, das der eigennützige Benno mit gie⸗ rigen Blicken annahm, und ſchnell verließ er die Abtei im Geleite von ſieben Kloſterknechten, um ſein Verſprechen zu erfüllen und den bei⸗ den Flüchtlingen eilig nachzuſetzen. 4 Es war jedoch nicht blos Eigennutz, noch weniger Eifer, ſeinem Herrn zu dienen, was den Voigt zu dieſem Schritte beſtimmte und ihn mit einem ſo regen Eifer entflammte, Alles aufzubieten, um die Fliehenden zu er⸗ eilen, ſondern vielmehr eine Leidenſchaft, die tief verborgen in ſeinem Buſen loderte. Er liebte Mathilden, und ſchon längſt hatte er, von ihren Reizen bezaubert, den Wunſch nach ihrem Genuſſe in ſeinem Innern genährt, 110 doch legte er ſich Gewalt und Zwang auf, um dem Abte ſeine Leidenſchaft nicht zu ver⸗ rathen. Jetzt flammten ſeine wilden Wünſche, von neuen Hoffnungen belebt, wieder empor; denn jetzt wähnte er, daß Mathildens Flucht ihm gewonnenes Spiel geben würde. Er hatte nichts zu wagen und alles zu hoffen, und ſein Plan war bald entworfen. „Ich raube Mathilden,“ ſo dachte Benno bei ſich ſelbſt,„und führe ſie ins geheim nach meiner Burg. Dort halte ich ſie für mich verborgen; nie ſoll und kann der Abt die Wahrheit erlauſchen, und meine ſtillen Freu⸗ den des ſchwelgenden Genuſſes in den Armen der Reizenden ſtören.“ So dachte Benno, indem er durch die Hoffnung der Erfüllung ſeiner Wünſche zu deſto größerer Eile befeuert ward. Doch bald genug wird der dunkle Schluß des Schickſals dieſes Gebäude vernichten, und dreimal Wehe dem unglückſeligen Paare, das von Liebe und Zärtlichkeit berauſcht und ſich ſo ſelig dünkte, die donnerſchwere Wolke nicht gewahren konnte, 4 111 die über Beider Häuptern ſchwebte, um ſie, noch ehe der Abend ſinkt, vernichtend in den Staub zu ſchmettern. Wir verließen den Ritter Herrmann mit Mathilden an dem Morgen dieſes Tages, in einem Gebüſche an der Heerſtraße verſteckt, noch nicht weit von dem Kerker entfernt, aus welchem er nur erſt entflohen war. Graf Konrad von der Wetterburg, der von ſeinen Getreuen umringt von ſeinem Streifzuge heimkehrte und dieſelbe Straße zog, hatte die Flüchtlinge erſchreckt. Still ließen ſie den Zug vorüber ziehen, ohne von demſelben be⸗ merkt zu werden, dann rafften ſich Beide ſchnell empor und verfolgten mit eilenden Schritten den krummen Pfad durch das Ge⸗ büſche.. Um die nächſte Stadt noch vor Abend zu erreichen, ſtrengten die Fliehenden alle Kraft an, ihre Schritte zu verdoppeln; allein der Himmel ſelbſt war ihren Wünſchen entgegen. 112 Das dornige Geſtrüppe, durch welches ſie ſich oft mühſam hindurch winden mußten, um von⸗ der Heerſtraße entfernt zu bleiben, die ſteilen Höhen und Berge, die zu erklimmen waren, erſchöpften bald genng Mathildens Kräfte und legten ihrer und Herrmanns Eile Feſſeln an. Kaum zog ſich die Sonne hinter die weſt⸗ lichen Gebirge zurück, da thürmten ſich gigan⸗ tiſchen Gebirgen ähnlich ſchwere Wetterwolken auf, Finſterniß deckte die Gegend rings umher und drückend ſchwer ward die Luft und erſchwerte um ſo mehr den Pilgerlauf der ermatteten Flüchtlinge. Aengſtlich flatterten die Schwalben am Boden umher, und verſcheucht war das lieb⸗ liche Chor der Sänger des Hains. Nichts als das Rauſchen der Blätter im Walde und das ferne von Blitzen begleitete Murmeln des Donners unterbrach die feierliche Stille, und immer näher und näher rollte der Donner über den Fliehenden daher. Die Blitze zuck⸗ ten um ſie her und jeder Blitz vermehrte die Angſt und Furcht der bebenden Mathilde. 113 Vergebens ſprach ihr Herrmann Muth ein, in jedem flammenden Blitze fürchtete die Zit⸗ ternde den ſchrecklichen vernichtenden Strahl, der ſie zu Boden ſchmettern ſollte. Mit aller Anſtrengung ihrer letzten Kraft ſuchte ſie ein ſicheres Obdach zu erreichen, jedoch erſchöpft ſank ſie in Herrmanns Arme zurück. „Theuere!“ redete ihr Herrmann zu,„laß dieſe nichtige Furcht; was könnte uns ſchrecken, wenn wir uns vor Menſchen ſicher wiſſen?“— Lächelnd legte er die Hand auf ihren Buſen, der in ängſtlich bangen Schlägen ihm entgegen ſtürmte, und feſter, inniger und von heißer Zärtlichkeit erfüllt, ſchloß er ſie in ſeine Arme. Seine Lippen glühten auf den ihrigen, und wonnetrunken bemerkte er den Aufruhr in der Natur nicht. Mathildis ſah deutlich genug den Drang in dem Buſen des Gelixbten, und eine innere Stimme ſchien ihr liſtig zuzurau⸗ nen, den Augenblick zu nützen und ihren Wunſch durch erkünſtelte Schrecken zu bemän⸗ teln.„Die Furcht,“ ſprach dieſe innere Stimme, „wird die Luſt, die dich erhitzt, entſchuldi⸗ 8 Erſte Serie. IX. Band. 114. gen, nur laß nichts unverſucht, Begierden in des Geliebten Buſen anzufachen, und er iſt alsdann, wenn er dich ganz beſitzt, anf ewig dein und mit unauflösbar ſüßen Banden an dich gefeſſelt.“ Wehe der Unglückſeligen, die dieſer ver⸗ führeriſchen Stimme ein williges Ohr ſchenkte, denn ſchnell begann ſie ihr liſtiges buhleriſches Spiel. Der nahe Donner ſcheuchte ſie aus Herrmanns Armen auf, er ſchien der Welt den Untergang zu drohen, und feſter ſchlang ſich ihr Arm um Herrmanns Nacken.„Ver⸗ birg mich, mein Geliebter,“ rief ſie ängſtlich aus, ihr Auge ſchien in Thränen zu ſchwimmen, ihre Wangen glühte, und reizender als in dieſem Augenblicke glaubte Herrmann ſie noch nie geſehen zu haben. Er fühlte ſo ſtark und heiß durch das leichte Gewand ihren ſchönen Buſen an ſeinem Herzen wogen und inniges, noch nie gefühltes ſchauerndes Entzücken durch ſeine Nerven zittern. Für ihn hatte in dieſem gefährlichen Augenbilcke der Tag voll Auf⸗ ruhr keine Schrecken, und die feiernde Natur 115 ſchien ihm im Blitz und Sturm und Donner nur die Zeugin des ſchönen Bundes ſeiner 3 Liebe zu ſein. Allmählich legte ſich die Wuth des Unwet⸗ eers, langſam zogen die finſtern Donnerwol⸗ ken hinter dem Walde zurück, die Blitze ver⸗ löſchten, der Sturm und Donner verhallte, und ſegensvoll träufte ein erquickender Regen— 8 herab.. „Wohl uns, es iſt vorüber!“ ſeufzte Ma⸗ 4 hildis froh empor, indem ihr Auge mit liebe⸗ vollem Schmachten an Herrmanns Blicken hing und ihr Arm feſt ihn umſchloſſen hielt. In einer kleinen Entfernung bemerkte ſie in dem Gebüſch verſteckt ein Hüttendach, und freudig jauchzte ſie auf:„Komm, mein Geliebter, zu jenem Hüttchen, es wird uns gaſtfreundlich aufnehmen, und ſüß werden wir nach über⸗ ſtandenener Angſt in ſeinem Dunkel ruhen. Der Mond wird uns mit ſeinem Silberlicht u unſerer ſichern ſüßen Ruhe leuchten, und— 8 kein banger Gedanke wird weiter ſie ſtören.“ Lächelnd zeigte ſie ihm an dem Felſen⸗ 3* 116 hange unter dem Gebüſche das längſt ge⸗ wünſchte ſichere Obdach, wo ſie die Abſicht hatte, durch Wolluſt zu erkaufen, was ihr ſchon die Liebe geſchenkt hatte. Sie faßte lächelnd Herrmanns Hand, und von neuer Kraft belebt eilte ſie mit beflügelten Schritten der friedlichen Hütte zu. Die Hüttenthüre war nur leicht angelehnt, und Arm in Arm mit Mathilden trat Herrmann hinein. Bei dem ſchwachen Scheine, der durch das Fenſter in das Gemach fiel, erblickten ſie den Jäger, der hier im tiefſten Walde wohnte. Der Jäger war ein Mann von wildem Anſehen, deſſen Aeußeres ſehr wenig für ihn einnahm, und die beiden Liebenden durch ſei⸗ nen Anblick mehr zurückſchreckte als ergötzte. Doch hieß der Jäger die Fremdlinge mit einem heiligen Gruße willkommen, und mit freundlichem Lächeln redete er ſie an, als ſie ihm ihr Geſuch um Aufnahme vorgetragen hatten:„Den Fremdling willig aufzunehmen, iſt heilige Menſchenpflicht. Seid mir gegrüßt, und theilet mit mir, was ich habe und was ich zu geben vermag. Hier iſt friſches Obſt, das nur erſt von dem Baume abgepflückt iſt, und hier iſt friſche Milch und ſchwarzes, aber kräftiges Brod, genießt davon ſo froh, als ich es gern und mit Freuden gebe.“. Die Fremdlinge dankten Beide dem freund⸗ lichen Wirthe für das angebotene Mahl, doch Mathildis, die ſchon lange nach einer ſüßern Labung ſchmachtete, ſah den Geliebten mit einem Blicke voll heißer Sehnſucht an, der ihm Alles ſagte. Der Jäger hatte indeſſen ſein Hüfthorn umgeworfen, und mit Schwert und Spieß ſich bewaffnet, und freundlich ſprach er noch im Gehen:„Bewirthet Euch jetzt ſelbſt, wie es Euch behaget, und zürnt nicht auf mich, daß ich Euch verlaſſen muß, mich ruft des Weid⸗ manns Pflicht. Das Ungeſtüm des Unwet⸗ ters begünſtigt die frechen Wilddiebe Iſie ver⸗ trauen alsdann der Einſamkeit des Waldes, und in ſorgloſer Sicherheit häufen ſie Frevel und Räubereien. Noch heute fiel von der Hand eines ſolchen Buben der beſte Hirſch 118 des Halnes, und meine Pflicht gebäut, den Wald vor Räubern zu ſchützen.“ „Gehabt Euch wohl!“ erwiederte Herr⸗ mann mit einem biedern Händedrucke,„und nehmt unſere Freundſchaft mit Euch, wir ſehen uns hoffentlich bald wieder!“ Der Jäger verließ das Zimmer und mit ihm ſchien ſein guter Engel von Herrmann zu weichen, und an dem furchtbarſten Ab⸗ grunde ihn zu entfliehen. Noch nie hatte Herrmanns Herz vor dieſem Tage niedere Be⸗ gierden und den Aufruhr wilder Leidenſchaften gefühlt und ihnen Raum gegeben. Frei von dieſen Feinden menſchlicher Ruhe und Glück⸗ ſeligkeit, und rein, wie ſein Blick, nährte ſein ſchuldloſes Herz nur edle Triebe der reinſten Zärtlichkeit. Doch wehe ihm! jetzt brachte ihn ein einziger unſeliger Augenblick um Tugend, Herzenfnſchuld, Ruzun und Ruhe ſeines Lebens. Jetzt war er mit der liſtigen Verführerin ganz allein; das liebliche Dunkel, das den leichtfertigen Spielen der Sinnlichkeit ſo gün⸗ ſtig iſt, hüllte den Berauſchten ein, deſſen Herz in Mathildens Armen, und von ihren glühen⸗ den Küſſen bedeckt, in tauſend unbekannten wollüſtigen Regungen bebte. Neue verführe⸗ riſche heftige Umarmungen und Feuerküſſe lockten ihn zum Genuß. Die feine Buhlerin hatte beſchloſſen, ihn gänzlich zu beſiegen, und bot deshalb jede Kunſt der Verführung und Buhlerei auf, und Herrmann vergaß im glü⸗ hend heißen Durſte nach Vergnügen ſich ſelbſt und Alles um ſich her. Er fiel, und mit ver⸗ hülltem Angeſicht floh der Genius ſeiner Jünglingsunſchuld von dannen.——. Nur kurze Zeit dauerte der unglückſelige Wonnerauſch, doch ſchrecklich war für Herr⸗ mann das Erwachen aus demſelben; denn ſchon lauerte im Hinterhalte ſeines Innern die Reue, um ihn als ihre Beute zu bewachen und ihn verzweiflungsvoll in den ſchrecklich⸗ ſten Abgrund des Verderbens hinab zu ſtürzen. Noch ſchwamm das entzückte Paar in einem Meere von Wonnegefühlen, deſſen Wo⸗ gen über ihnen zuſammen zu ſchlagen und 120 ſie in ihren Fluthen zu begraben ſchienen, als unter loſen wollüſtigen Spielen Herrmanns Hand von ungefähr ein Bild auf Mathildens wogendem Buſen fühlte, das ſie an einem rothen Bande, von den erſten Tagen ihrer Kindheit an, als das Bild ihrer Mutter ſtets an ihrem Herzen trug.. „Was iſt das?“ fragte Herrmann voll Neugier und ſchnell erwachender Eiferſucht. „Wer iſt meiner Mathildis ſo werth und theuer, daß ſein Bildniß auf dieſem Altare meiner Liebe ruhen darf?— Dieſer tiefe Seufzer, der ſo ſchwer beklommen ſich aus Deiner Bruſt herauf drängt, läßt mich vieles fürchten; löſe mir das Räthſel. Was ſoll ich glauben oder fürchten, und weſſen iſt das Bild a So fragte er mit zweifelhaftem Ton der Stimme, ſein Auge ſtarrte das Gemälde an, und er zürnte, daß ihn die trüben Fenſter der Abenddämmerung Strahlen entzogen, um das Gemälde zu erkennen. Das Bild zitterte in ſeinen bebenden Hän⸗ 1 121 den und mit Heftigkeit fragte er noch einmal: „Wen ehrt Mathilde in dieſem Bilde?“ Er ſah ſie forſchend an, mit Blicken, die von Eiferſucht glühten, denn ein böſer Dämon ſchien ihm zuzuraunen:„Du wardſt ge⸗ täuſcht, und ſie, die dein Herz über alles liebt, räumte dir nur den zweiten Platz in ihrem Herzen ein, ein Anderer beſitzt die erſte, ſchönere Stelle.“. Mit traurigen Geberden preßte Mathildis das Bild an ihre Lippen, bedeckte es mit ihren Küſſen, und ſtammelte gerührt:„Mein Geliebter, in dieſen todten Zügen lebt für mich die theuerſte Perſon.“ Gleich einem Scor⸗ pionſtich traf dieſes Wort Herrmanns Herz, und mit Ungeſtüm riß er das Band entzwei und nahm das Bild hinweg, und eilte, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, zu dem Fenſter hin, um den theuern ſo heiß geliebten Gegen⸗ ſtand, den er verwünſchte, näher zu betrachten. Mit wildem Ungeſtüm riß er das Fenſter auf, indem er den Abendſtrahl auf das Ge⸗ mälde ſchimmern ließ; doch leichenblaß und beſtürzt, als ſähe er einen Geiſt der Hölle, ſtarrte er zurück, als er das engelgleiche Bild bei dem erſten Blick für das Bildniß ſeiner Mutter erkannte. Es war daſſelbe Bild, Zug für Zug, das ihm ſein Vater zeigte und ihn mit Thränen küſſen ließ. Von Beſtürzung gefeſſelt, ſtarrte er mit naſſen Blicken das geliebte Bild an, und in⸗ dem er es an ſeine Lippen drückte, fragte er Mathilden:„Wie kommt dieſes mir wohl bekannte Gemälde in Deine Hand? denn noch vor wenigen Tagen ſah ich es auf der Bruſt meines Vaters.“ „Du ſcherzeſt, mein Geliebter,“ erwi⸗ derte Mathilde,„denn unmöglich kannſt Du das im Ernſte ſagen, weil ich dieſes Bild ſeit vielen Jahren ſchon auf meinem Buſen trage.“ „Seit vielen Jahren ſchon, ſagſt Du?“ fragte Herrmann mit ſtammelnder Zunge. Er erblaßte und bebend ſtand er da, denn ein furchtbar ſchrecklicher Gedanke erwachte ſchnell in ſeinem Innern, der ihn mit banger Todes⸗ 1u. angſt und allen Schrecken der Hölle ahnungs⸗ voll erfüllte. „Großer Gott!“ dachte er bei ſich ſelbſt, in tiefes düſteres Nachdenken verſunken, nhatte ich nicht einſt eine Schweſter?— Raubte ſie der bübiſche Gregor nicht als Kind? In ſeinem Kloſter fand ich dieſes Mädchen. Un⸗ glückſeliger! wenn dieſes Mädchen durch un⸗ erhörte Liſt mich hinterging, wenn ſie mir mehr als Gattin, wenn ich ihr Bruder wäre?“— Schaudernd dachte er dieſes, ſein wild rollendes Auge ſtarrte bald auf das Bild, bald auf Mathilden nieder, und wie von kaltem Fieberfroſt gerüttelt zitterten ſeine Glieder. 3 Zu ſchauderhaft war für ihn der Abgrund des Verderbens, über deſſen furchtbarer Un⸗ tiefe er ſich ſchweben ſah, und gewaltſam ſuchte er ſich davon hinweg zu wenden, indem er ſich an dem Gedanken feſt zu halten ſuchte, das Mathildis vielleicht durch Liſt ſich dieſes Gemälde zueignete, und wild und ſtürmiſch wiederholte er die Frage:„Bekenne, wie und 124 auf welche Art bemächtigteſt Du Dich dieſes fremden Eigenthums? denn wahrlich! es ge⸗ hört Dir nicht zu.“ „Und dennoch iſt es mein,“ rief Mathildis aus, nſeit meiner Kindheit erſten Tagen, ſo weit mein Gedächtniß mich zurück trägt, ſo lange ich denken kann, hat es als mein rechtmäßiges Eigenthum an meinem Herzen geruht.“ Von Todesangſt mächtig erſchüttert, ſtürzte Herrmann bei dieſen Worten auf Mathilden zu, indem er ſie mit gräßlich entſtellten Mie⸗ nen faßte und ausrief:„Jetzt muß ich alles wiſſen!— Unglückliche! bekenne! was warſt Du einſt dem Abt Gregor?« Aengſtlich erwiderte Mathildis mit nieder⸗ geſchlagenen Blicken:„Du weißt es, mein Geliebter, ich war ſeine Feindin.“ „Bekenne,“ fuhr er wilder und ſtürmiſcher fort,„warſt Du nicht vorher ins geheim ſeine Freundin?“ „O Gott! welche Wuth entflammt Dich, mein Geliebter?“ verſetzte die Zagende, indem 5 * 8 ſie ſich ſeinen Händen zu entwinden ſuchte, „mir bangt vor Dir, und Deine Wuth er⸗ ſchreckt mich; was forderſt Du von mir? und was habe ich verbrochen?u „Bekennen ſollſt Du mir, was Du dem Abte warſt,“ fuhr Herrmann wüthend fort, „Dein Leben iſt ein dünnes Fädchen in meiner Hand, bekenne oder ich reiße es entzwei. Du warſt die Buhlerin des Verhaßten, den ich nicht mehr nennen mag. Bekenne, oder Du biſt des Todes.“ ¹ Er rief es und Tigergrimm ſchien ſeine Bruſt empor zu ſchwellen. Da warf ſich die zitternde Mathilde zu ſeinen Füßen hin, und ſtammelte, unfähig ſich länger noch zu ver⸗ ſtellen, zu ihm empor. „Sollte denn mein edler Herrmann mir Armen nicht verzeihen können, da Reue und Schaam und tiefe Schmach mich ſo ſchrecklich niederſchmettern? Sollte er es mir nicht ver⸗ zeihen können, das ich ihn zum Engel wählte, der mich aus den Labyrinthen des Laſters 126 herausreißen und der Tugend wieder zuführen ſollte?2 „So iſt es Wahrheit, daß Du durch ſchändlichen Betrug mich gefangen haſt? erwi⸗ derte Herrmann in ſchrecklicher Bewegung. „Sprich, Unglückſelige, habe ich Dich recht ver⸗ ſtanden, iſt es Wahrheit, was ich hörte? Ward ich wirklich hintergangen? Warſt Du die Buhlerin des ſchändlichen Gregors?“. Verzweiflungsvoll zog Mathilde einen Dolch hervor, den ſie in dem Gewande ver⸗ borgen hatte, und rief voll Schmerz aus: „Hier nimm dieſen Dolch und ſtoß ihn mir ins Herz, nur das Bekenntniß meiner Schande fordere nicht von mir. Ich liebte und liebe Dich ſo heiß und innig, als je ein Mädchen einen Jünling liebte; willſt Du nun den Betrug, wozu dieſe heiße Liebe mich verleitet, blutig rächen, ſo nimm ihn hin die⸗ ſen Dolch und tödte mich; ſüß iſt der Tod von der Hand des Geliebten.“ Sie ſprach es und entblößte ihre Bruſt, um den Todesſtoß zu empfangen, und ver⸗ 127 ſtört und bleich und bebend, als ſtünde er vor dem Weltgericht, ſtand Hermann vor ihr da. Wild rollte ſein Auge umher und ſchien Funken zu ſprühen, Zorn und Entſetzen ſchreckte aus jedem ſeiner verſtörten Züge, und Verzweiflung hatte den Quell lindernder Thränen erſtickt, und ihm den Buſen ſo ſchrecklich zuſammengepreßt, daß er kaum auf⸗ athmen oder ſprechen konnte. Sein ganzes Erdenglück und ſein ewiges Heil ſchwebte jetzt gleichſam an einem dünnen Haare; denn es bedurfte nur eines Wortes noch von Mathilden, daß das Gemälde, wel⸗ ches ihm ſeine Mutter zeigte, auch ihre Mut⸗ ter ſei, und er war als Blutſchänder in den Abgrund des endloſen Verderbens hinabge⸗ ſchleudert. Unaufhaltbar riß ihn ſein zürnendes Ver⸗ hängniß fort. Bleich und entſtellt wie ein Ge⸗ ſpenſt, das dem Grabe entfloh, ergriff er Ma⸗ thilden wieder, die noch immer voll Todesangſt vor ihm auf den Knieen lag, und bang und ängſtlich dem Ausgange entgegen ſah. 128 4 „Vollende Schlange!“ rief er ihr wild und ſtammelnd zu, indem er ihr das Ge⸗ mälde vorhielt,„fprich!— dieſes Bildniß— weſſen Züge zeigt es mir?2— „Ach!“ erwiederte Mathilde, nes ſind die Züge meiner Mutter; ja, dieſes Bild iſt das Bild meiner Mutter.“ Ein Blitzſtrahl, der plötzlich aus heiterer Luft zu den Füßen des einſamen Wanderers niederfährt, kann dieſen kaum ſo ſehr er⸗ ſchrecken, als dieſe Worte den Jüngling voll Entſetzen durchbebten. Unwiederbringlich ſah er ſich nun auf ewig verloren, rings um ſich her erblickte ſein ſtarrendes Auge Tod und Vernichtung, und nirgends mehr eine Ausſicht zur Rettung. Ein einziger unſeliger Augenblick hatte ſein ganzes Glück und den Frieden ſeines Herzens, die Ruhe ſeines ganzen Lebens auf ewig ver⸗ nichtet. Von allen Seiten ſchienen Schlangen ihn anzuziſchen, von allen Seiten ſchienen tauſend Schreckensſtimmen ihm zuzuraumen: 3 1 — 129 „Blutſchänder!“ und die ganze Hölle ſchien in Hohngelächter auszubrechen. Mit verwirrten Sinnen, und dem Wahn⸗ ſinne nah, raunte er zurück, wild wüthete er gegen ſich ſelbſt und jede ſeiner gräßlich ver⸗ ſtellten Mienen war ſchreckbar wie der Tod. „Weh mir, daß ich geboren ward!“ rief er mit gräßlichem wahnſinnigen Tone, nich muß der Stunde fluchen, die mir und Dir Unglückſeligen das Leben gab. Verflucht ſei der Augenblick, wo ich Dich Schlange ſah, die mich mit ihrem vergiftenden Athem um Glück und Ruhe und Seligkeit betrog. Was that ich Dir, Verworfene, daß Du mich durch Lügen und Betrug der Hölle weihteſt? Doch dreifach Wehe über Dich! wenn ich ver⸗ dammt bin, ſo biſt Du es auch mit mir, und Du ſelbſt, verworfene Sünderin, haſt Dich der Verdammniß geweiht, und ſchon froh⸗ locken Deine Teufel Dir entgegen, Dich zu empfangen.“ Noch erkannte die unglückſelige Mathilde den Bruder nicht, noch wußte ſie nicht, zu Erſte Sexie. IX. Band. 9 130 4 welchem Verbrechen ſie herabgeſunken war; und unerklärbar war es ihr, daß Herrmann einen kleinen Fehltritt, den ihre Liebe ent⸗ ſchuldigte, freche Sünde nennen konnte. Von Schrecken über Herrmanns wilde Wuth durch⸗ ſchüttert, eilte ſie auf ihn zu, indem ſie ſeine Kniee umſchlang und zu ihm empor flehte, ihr den Betrug der zärtlichſten Liebe zu ver⸗ zeihen; doch wild ſtieß er ſie zurück und in ſinnloſer Wuth faßte er den Dolch, ihn der Verbrecherin ins Herz zu ſtoßen. Erſchrocken 4 ſprang ſie auf, doch wild faßte ſie der Wüthende und ſchleuderte ſie zurück, indem er in gebrochenen Tönen zurief: „Sprich, Verworfene, und bekenne mir Wahrheit, ward Adelheid wirklich mit Urach dem Wilden vermählt, oder war auch dieſes Trug?“. „Ich bebe vor Deinem Grimme!“ ſtam⸗ melte ſie, indem ſie ihn zu beſänftigen und den blinkenden Dolch von ſich abzuwenden ſuchte.— Doch mit neuer Wuth wiederholte er ſeine Frage:„Ward Adelheid vermählt?n— 131 „Ach Herrmann, mein Geliebter la— ſtam⸗ melte ſie bebend,— erbarme Dich, und ver⸗ ſchone nur mein Leben: was ich verbrochen habe, das that ich nur aus heißer Liebe, ver⸗ gieb der Fehlenden, ich will Dir Wahrheit bekennen.“ „Bei dem ewigen Weltgericht,“ wüthete Herrmann fort, indem er den Dolch nach ihrem Herzen zuckte, nich weihe Dich in die⸗ ſem Augenblick dem Tode, wenn Du nicht ſchnell mir Wahrheit ſagſt. Bekenne Schlange, ward Adelheid vermählt?“ „Ich weiß es nicht;“— ſtammelte ſie ängſt⸗ lich, indem ſie ihr Geſicht an Herrmanns Buſen verbarg. „Du weißt es nicht?“ ſchrie er wüthend auf, indem er ſie zurück ſtieß,„ſo haſt Du mich auch hierin belogen und toppelt tief mich in den Abgrund der Vernichtung hinabgeſtürzt, verworfene Buhlerin 2, 1— 1 „Verzeihe!“ flehte ſie weinend,„die Liebe hat mein ſchwaches Herz verführt. u „So empfange jetzt den Lohn für dieſe 2* 9*4 13² Liebe, Blutſchänderin!“ ſchrie der Raſende und mit wildem Grimme ſtieß er ihr den Mordſtahl in die Bruſt. Sie ſank und in Strömen floß das Blut aus der breiten Wunde, die ſie mit ſchwacher Hand bedeckte, um das fliehende Leben auf⸗ zuhalten. Ihr ſchönes Ange, das noch vor wenigen Augenblicken ſo verführeriſch Liebe lächelte und von dem Feuer heißer Zärtlich⸗ keit flammte, verloſch in Todesnacht. Noch einmal öffnete ſie den Mund, und matt hob ſie den gebrochenen Blick zu Herr⸗ mann empor. „Was that ich Unglückſelige Dir?“ ſtam⸗ melte ſie.„Iſt mein Vergehen, wozu nur Liebe mich bewog, ſo groß, daß ich aus den Armen des geliebten Gatten, der mich ſelbſt dem Tode grauſam weihte, hinab muß in das öde Grab?— Ich fluche Dir jedoch nicht, die Liebe kann verzeihen und gern verzeihe ich meinem Mörder!“ Sie lallte es und mit einem kurzen ſchmerz⸗ haften Ach war das Leben aus ihrer Bruſt 133 entſchwunden. Die ſchreckliche That war ge⸗ ſchehen, und furchtbar war der Hochverrath der Liebe durch Blut gebüßt. Mit belaſtetem Gewiſſen, als doppelter Sünder, als Blut⸗ ſchänder und als Mörder ſtand der unglück⸗ liche Herrmann da, von Todesangſt gefoltert, und ſtarrte die Gemordete an. Ihr dahin ſtrömendes Blut hatte ſchnell die Flamme ſeiner grenzenloſen Wuth gelöſcht, und brachte ihn von ſeiner Raferei zur Be⸗ ſonnenheit zurück; zugleich vermehrten ſich aber auch mit ſeiner zurückkehrenden Beſinnung die Foltern ſeines Innern, die ſchrecklichſte Verzweiflung wüthete in ſeiner kranken Seele. Das Haupt auf die Bruſt herabgeſenkt, mit wild emporgeſträubtem Haar und bleichem verſtörten Angeſicht ſtand er einige Zeit ſtumm und düſter und unbeweglich einer Marmor⸗ ſäule ähnlich, und ſein ſtarres Auge war auf das blutige Opfer ſeiner raſchen That bewe⸗ gungslos wie angefeſſelt gerichtet. Der Unglückliche ſchien an allen Sinnen zerrüttet und an Körper und Seele gelähmt 134 zu ſein; doch ſeinen innern Kampf und was ſein blutend Herz litt, drückt keine menſchliche Sprache aus. Die ganze Hölle ſchien ſich an ſeine Ferſen zu hängen und mit all ihren furchtbaren Schrecken in ſeinem Innern zu toben, bis zuletzt das unerträglich hohe Ueber⸗ maaß der Schmerzen ſogar auch das Gefühl ihm raubte. Wie ein Träumender taumelte er nieder, ohne zu wiſſen, was geſchehen war, oder wo er ſich befand, und wohin er gehen, ob er ſich verbergen, fliehen oder bleiben ſollte. Gewaltſam raffte er ſich wieder empor, und ſeiner ſelbſt unbewußt, taumelte er mit ſchwankenden Knieen aus der Jägerhütte heraus. Gleich einem Schatten ſchlich er mit ungewiſſen Schritten in dem letzten ſchwachen Scheine der Abenddämmerung durch den Hain. Ein Ungefähr leitete ſeine Schritte zu der offenen Heerſtraße, ohne daß der Unglückliche es wußte oder bemerkte, wo er war. Doch plötzlich weckte ihn eine Schaar von funfzig Männern, die ihm entgegen ritt, aus ſeinem Taumel auf. 135 Ueberraſcht blickte er auf und heftig er⸗ ſchrocken bebte er aus ſeiner Sinnentrunken⸗ heit auf, als er in dem ſchwarzen Führer dieſer Schaar ſeinen Vater Rudolph erkannte, der eben jetzt von ſeinem Freunde, dem edeln Grafen Ubald von Kallenberg, zurück kehrte, zu welchem Rudolph jüngſt zog, und ihn be⸗ wogen hatte, an ſeinem Mißgeſchicke Antheil zu nehmen und ihm die Hand zur Rache zu reichen. Der edle Ubald weicherte ſich keinen Augenblick, als er ſeines Freundes ſchreckliches Schickſal hörte, ihm unverzüglich funfzig Rei⸗ ſige zur Fehde mit dem nichtswürdigen Abte zu leihen, und dieſes war die Schaar, die Herrmann jetzt, von ſeinem Bater in ſchwar⸗ zer Stahlrüſtung angeführt und von dieſem unbemerkt an ſich vorüber ziehen ſah. Der Anblick ſeines Vaters zermalmte Herr⸗ manns Herz, und voll bitterm verzweiflungs⸗ vollen Schmerz rief er heftig aus:„O Gott! mein Vater! wehe mir, daß ich geboren ward, da ich Deinen Anblick ſchenen muß! Mich ödtet das Bewußtſein meiner Schuld, und wehe mir und Dir, Dich wird der Schmerz des Vaters durch mich tödten!“ Troſtlos warf er ſich zu Boden und ſeine Thränen rannen in das Gras. Ohne ihn bemerkt zu haben, war der Zug vorüber ge⸗ zogen, als noch ein Knappe von dieſer Schaar einſam dem Zuge nachkam, Herrmanns Stöh⸗ nen vernahm, und durch ſeine Jammergeſtalt zu Mitleid bewogen, ſein Roß zu ihm hin⸗ lenkte, und tiefgerührt nach dem Grunde von Herrmanns Jammer forſchte, indem er ihn vom Boden außzurichten ſuchte. Starr und mit wilden Blicken ſah Herr⸗ mann den jungen Helden an, und mit dum⸗ pfen Tone fragte er:„wohin führt Euch Euer Pfad?“ „Zur Fehde mit den Mönchen von et. Baſil;“ erwiderte der Knappe. „Von St. Baſil?“ forſchte Herrmann ver⸗ wunderungsvoll;„ſo ſchläft die Rache des Himmels dennoch nicht? Gott ſegne Euer Beginnen; doch ſage mir, wenn ſoll den bos⸗ haften Gregor die Rache treffen?a 137 „Wir hoffen, unſer Werk in zwei Tagen vollendet zu haben,a fuhr Jener fort. „So eile dann,“ unterbrach ihn Herrmann, „und fache Wuth und Rache in dem Herzen des ſchwarzen Ritters, der Euch anführt, zur hellſten Flamme an Gieb Deinem Roſſe Flügel. Blicke dorthin! in jener Hütte, die Du dort hinter jenem Hügel finden wirſt, ſtarb die Tochter Eueres Führers; ſieh ſie ſelbſt ermordet in ihrem Blute liegen.“ „Wer iſt der verruchte Mörder?“ fragte der Jüngling erſchrocken. „Der Abt von St. Baſil trägt die Schuld,“ erwiderte Herrmann,„und wenn ein menſch⸗ liches gefühlvolles Herz in Deinem Buſen ſchlägt, ſo eile und ſuche die Unglückſelige zu retten, wenn noch Rettung möglich iſt. Iſt dieſe vergebens, o ſo räche ſie durch Blut an dem nichtswürdigen Verräther.“ Von tiefem Schmerz überwältigt, ſank Herrmann betäubt auf den Raſen zurück, und eilig ſtürmte der Knappe durch das Thal, dem Zuge der übrigen Reiſigen nach. Kaum 138 hatte er den Zug erreicht, ſo drängten er ſich an Rudolph hin, und rief ihm keuchend, nach der Jägerhütte zeigend, zu:„Dort, edler Herr, in jener Hütte ſtirbt Euer Kind, eilt ſchnell dahin, um es zu retten.“ Von Erſtaunen gefeſſelt ſtand der Zug, und mit Windeseile ſtürmte Rudolph nach der bezeichneten Gegend, und im wilden Fluge folgte ihm ſeine Schaar auf der Ferſe nach. Der Schirmvoigt des nichtswürdigen Gre⸗ gors, der bübiſche Benno, hatte indeſſen mit beflügelter Eile ſeinen Pfad nach Franken fortgeſetzt, und ſprengte eben durch den Wald, worin die Jägerwohnung lag, in welcher Mathildis blutete. Der Zufall ließ ihn auf den Jäger treffen, der nur vor kurzem erſt ſeine beiden Gäſte, Herrmann und Mathilden, verlaſſen hatte. 8 Sogleich ſtellte Ritter Benno ſeine Fragen nach den beiden Flüchtlingen bei dem Jäger an, und mit hohem Vergnügen vernahm er, „ 139 daß der Jäger ihm hierüber ſo gute Auskunft geben konnte; denn nach dem, was ihm dieſer von ſeinen beiden Gäſten ſagte, war es nicht ſchwer, in ihnen Herrmann und Mathilden zu erkennen.. Auf ſein Begehren wies der Jäger den Ritter nach der Hütte.„Dort,“ ſprach er„in jenem Walde werdet Ihr die Pilger finden. Durchſchneidet dieſes Thal, rechts um den Berg, den Ihr da vor Euch ſeht, und wendet Euch dann links nach dem Walde, auf dem Pfade, der ſich Euch zeigen wird, durch das Gebüſch, und dieſer ſchmale Pfad durch das Gebüſch wird Euch in kurzem nach meiner Hütte führen.“ Mit Blitzesſchnelle flog Benno mit ſeinem Roſſe das Thal hinunter und dem Walde zu, wo er Mathilden finden ſollte, und mit Ent⸗ zücken ſich ſchon an dem längſt gewünſchten Ziele zu ſehen wähnte, ohne es auch nur leiſe zu ahnen, daß ſein Stern auf ewig unter⸗ gehen ſollte. 1 1 Bald war die Hütte erreicht, der Ritter ſchwang ſich von dem Roſſe herab, und eilte voll froher Zuverſicht hinein, doch wie von einem plötzlichen Donner gelähmt, prallte er zurückz denn was er hier erblickte, war ſchrecklich genug, ſein gefühlloſes Herz, das ſo ſelten menſchlich ſchlug, gewaltſam aufzurüt⸗ teln und ihn mit Schrecken und Entſetzen zu erfüllen. 4 Noch nie hatte er die ſüßen Reizungen der Liebe gefühlt, bis Mathildens Schönheit ihn feſſelte und ihn mit den Gefühlen der Zärt⸗ lichkeit bekannt machte. Von dieſem Augen⸗ blicke an ſchien ſein voriges Leben ihm nur ein Traum zu ſein, und jetzt erſt erhielt ſein Daſein wahren Werth für ihn, obgleich er ſeine Gefühle furchtſam noch in ſeiner Bruſt verwahren mußte. Mit raſtloſer Thätigkeit war er aber im Stillen darauf bedacht, ſich das Herz und den Beſitz der Geliebten zuzueignen, und jetzt mußte er ſie, für die er künftig ein⸗ zig nur zu leben wünſchte, ermordet in ihrem Blute, bleich und Fiſtellt am Bodeu hinge⸗ ſtreckt erblicken. Zum erſten Male ſtand er 141 erſchüttert und gerührt, und weinte die erſte Thräne bei dieſem herzzermalmenden Anblicke. Seine Knechte umringten ihn mit hohem Erſtaunen, und ſtarrten verwunderungsvoll bald die Leiche, bald den Ritter an, der in tiefem, klagenloſen und ſtummen Schmerze an der geliebten Leiche auf das Knie nieder⸗ ſank, ihre kalte Hand an ſeine Lippen preßte und fühlte, was noch nie ſein Herz empfand; daß er ein Verbrecher ſei. Bald ergriff ihn jedoch die ſtärkere Natur, ſein wilder roher Sinn wathte ſchrecklich wieder anf, er konnte den Gedanken, daß er ein ſo großer Sünder ſei, nicht ertragen, gewaltſam ſchlug er ihn in ſeinem Innern nieder, nud ſtürmiſch ſprang er auf, indem ſeine Widbei ihn zur Mordluſt hinriß. Sein fürchterlich rollendes Ange ſuchte BVerderben. Mit wildem Schmerze tauchte er ſein Schwert in das Blut der geliebten Er⸗ mordeten, ſtreckte es gen Himmel und mit einem Tone, der ſeine Knechte zurück ſchreckte, rief er in raſcher Wuſh aus:„Bei dieſem 14² herzdurchbohrenden Anblick ſchwöre ich Rache! blutige Rache! nicht raſten will ich, bis dieſes Schwert den verruchten Mörder niedergeſtoßen hat; ſo wahr meine Seele lebt, er ſoll an dieſer Leiche ſterben!— Auf!“ rief er als⸗ dann ſeinen Knechten zu, nlaßt uns eilen, den Mörder aufzuſuchen, wir werden ihn in dem Pilger finden, der mit dieſer Geopferten zu- gleich hier einkehrte. Er war der Thäter dieſer ſchwarzen That, das ganze Räthſel iſt mir deutlich, noch kann er nicht weit entfernt ſein; laßt uns mit vereinter Thätigkeit darauf be⸗ dacht ſein, ihn zu ereilen und ihn hierher zu ſchleppen, um den verruchten Böſewicht auf dieſer unglücklich Geopferten der Hölle zu weihen!“ Wild raffte er ſich mit hoch geſchwunge⸗ nem Schwerte auf, im Begriff, davon zu zürmen, doch überraſcht prallte er wieder zurück, als ihm an der Hüttenthüre der ſchwarze Ritter mit offenem Viſir, flammenden Blick und gezückten Schwerte entgegen ſtürzte. Benno erkannte ihn ſogleich, bei dem flim⸗ 143 mernden Lichte des Mondes, der rein und hell durch die Fenſter leuchtete, und die Fin⸗ ſterniß zerſtreute, und taumelte bleich und ſchreckenvoll zurück. Rudolphs überraſchender Anblick hate ſchnell ſein böſes Gewiſſen ge⸗ weckt, und furchtbar ſtürmte es nun mit Rieſengrimm in ſeiner Bruſt. Ueberraſcht ſtand Rudolph einige Momente und ſtarrte ſeinen gehäſſigen Feind und Ver⸗ folger an, und kalte Fieberſchauer zitterten durch ſeine Gebeine und ſträubten wild ſein Haar empor. Ein Blick auf Mathildens Leich⸗ nam brach ſein Vaterherz, er erkannte ſie ſogleich; denn zu laut ſprach die Natur in ſeinem Innern, und jeder Zug der Tochter erinnerte ihn mit neuem Schmerze an die geliebte Gattin, deren Andenken ſeine ganze Seele füllte. Im ſchnellen Fluge eilten die Schreckens⸗ ſeenen der Vergangenheit ſeiner Seele vorüber und weckten ſeinen Grimm aufs neue, da er in Benno den Böſewicht erkannte, der einſt die geliebte Gattin ihm raubte, jahrelanges 44 Elend über ihn häufte und in welchem er auch jetzt den Mörder ſeiner Tochter zu erblicken wähnte, da Benno's vom Blute triefendes Schwert dieſen laut als Mathildens Mörder anzuklagen ſchien. Von Ueberraſchung und Entſetzen wie angefeſſelt, ſtand Rudolph ſchweigend und wie gelähmt da, aber durch ſein wild und ſchrecklich rollendes Auge errieth Benno zu deutlich die Gefahr, die über ihm ſchwebte. Schnell ermannte er ſich, er ſchloß ſein Viſir, ſuchte ſich zum Kampfe gefaßt zu machen, und rief Rudolph zu, den Ausgang, den deſſen Rei⸗ ſige beſetzten, frei zu laſſen. Dieſer Zuruf weckte den ſchwarzen Ritter plötzlich aus ſeinem dumpfen Hinſtarren, und mit ſeiner wiederkehrenden Beſinnung ſtieg ſeine Wuth und ſein Grimm bis auf den höchſten Grad empor. Mit wildem Grimme ſtürzte er auf den zitternden Böſewicht zu, die Wuth ſtählte den Arm des Greiſes mit Rie⸗ ſenkraft, und mit einem Schwertſtreiche ſchleu⸗ — derte er dem feigen Böſteiihte das blutige Eiſen aus der Hand. Entwaffnet ſtürzte Benno auf ſeine Knie nieder, und flehte mit zitternder Stimme zu dem Rache glühenden Rudolph empor: „Haltet ein! ſchonet meines Lebens, und vergönnet mir, den Schleier hinweg zu ziehen, der dieſes Räthſel hüllt. Gern will ich Euch Alles und offen meine Schuld bekennen, nur ſchenkt mir das Leben!“ „So beichte, Böſewicht!“ rief Rudolph mit ſchrecklich wildem Blick, indem er den Frevler bei der Kehle faßte, und furchtbar drohend das Schwert auf ſeine Bruſt ſetzte. „Der Abt Gregor,“ hub Benno zitternd an,„hielt Euren Rohe in dem Verließe des Kloſters von St. Baſil gefangen; Mathildis bot ſich ihm zur Retterin an, ſie floh mit Eurem Sohne, den ſie liebte, um ſich von dem Feßß ſeln des Laſters, in welchen ſie der Abt von früher Jugend an gefangen hielt, zu befreien. Ich ward von Gregor den Flücht⸗ lingen nachgeſandt, als ich erfuhr, daß Beide Erſte Serie. IX. Band. 10 hier in dieſer Hütte weilten. Ich eilte her, und fand die unglückliche Mathildis, wie Ihr ſie hier erblickt, ermordet und in ihrem Blute ſchwimmend, der Ritter, Euer Sohu, war verſchwunden.“ „Verruchter Böſewicht! mit dieſer Lüge ſuchſt Du mich zu täuſchen? Du warſt der Mörder! und ſo fahre zur Hölle!“ ſo rief Rudolph ihm entgegen, und wüthend ſtieß er ihm den Mordſtahl in das Herz. Röchelnd ſank Benno zurück und in ſchwar⸗ zen Strömen rann das Blut aus ſeiner Wunde.„Du biſt gerächt!“ rief Rudolph mit bebender Stimme, und im troſtloſen Schmerz ſtürzte er anf den blutigen Leichnam der ermordeten Tochter nieder, deren ſtarre Glieder ſeine Thränen benetzten. Stumm und von Entſetzen gefeſſelt wank⸗ ten die Knappen von beiden Seiten zurück, und keinem von Benno's Knechten kam es in den Sinn, den Tod ihres Gebieters zu rächen; denn Alle erkannten ihn ſchon lange, durch — 147 Bosheiten und Verbrechen ohne Zahl, für dieſen Lohn überreif.— Schrecklich röchelte des Sterbenden Buſen empor, ſein brechendes Auge ſtarrte vor der Zukunft über dem Grabe mit Entſetzen zu rück; denn furchtbar mahnend rief eine innere Stimme ihm zu: daß er vor dieſer Zukunft zittern müſſe. Jetzt war die fürchterliche Stunde da, die den Verbrecher einem ſtrengen Richter entgegen führen ſollte; er verſuchte es, den Himmel um Erbarmen und Gnade anzu⸗ flehen, allein vergebens. Er konnte nicht beten, grauſam ſchien der Dämon der Rache ihm dieſe letzte Wohlthat zu verſagen, und ſein Gebet verwandelte ſich in Flüche und Ver⸗ wünſchungen über ſich und ſeinen Verführer, den bübiſchen Gregor. Das fürchterliche Stöhnen des Sterbenden weckte Rudolph aus ſeiner ſchmerzvollen Be⸗ täubung. Er ſprang von Mathildens Leich⸗ name empor, hielt in dem dahin ſtrömenden Blute Benno's deſſen entfliehenden Geiſt zu⸗ rück, und rief ihm zu:„Wo iſt mein Sohn?“ 10* 148 „Das iſt nur Gott bekannt,“ röchelte der Sterbende mit gebrochener Stimme, ner iſt dem Abte entflohen und jetzt gewiß vor jeder Gefahr in Sicherheit. Doch ewiger Fluch und die Rache des Himmels komme über Euer Haupt, wenn Ihr nicht ſchleunig Adel⸗ heid, die Tochter des Grafen von der Wetter⸗ burg, zu retten ſucht; denn noch vielleicht in dieſer Nacht wird ſie das Opfer von der Wolluſt des ſchändlichen Gregors, der ſie ge⸗ fangen hält. Eilt! rettet ſie! ich beſchwöre Euch! und gönnet mir den Troſt, durch dieſes Bekenntniß und durch die Rettung der Un⸗ ſchuld vielleicht im Tode Gnade vor dem ewigen Richter zu erflehen.“ Er ſprach es mit lallender, kaum vernehm⸗ barer Stimme, krümmte ſich noch einmal ſchrecklich empor, und endigte ſo qualvoll das Sündenleben. Mit Freuden vernahm Rudolph, daß der Sünder reuig ſtarb, mit einer Thräne im Auge legte er ihm die Hand auf die Stirn, und ſein dahin ſtrömendes Blut löſchte ſeiner 149 1 Rache und ſeines Grimmes wilde Gluth. Mit Schrecken erkannte er die Gefahr, in welcher Adelheid ſchwebte, und durch ſchleunigen Be⸗ fehl an ſeine Schaar zu Adelheids Rettung, ehrte er den Auftrag des Dahingeſchiedenen. Benno's Knechten ward befohlen, den Leichnam ihres Gebieters nach St. Baſil zu bringen, indem acht Jünglinge aus Rudolphs Schaar ſich ſogleich auf ihre Roſſe ſchwingen mußten, um die geliebten Ueberreſte Mathildens nach der Burg des edeln Ubalds von Kallen⸗ berg zu bringen. „Sagt meinem edeln Freunde, rief er den Knappen weinend zu, nder arme unglück⸗ liche Rudolph, der für ſein eigenes Haupt kein Ruheplätzchen und keine Ahnengruft für ſich und ſeine Lieben habe, bäte ihn um eine Ruheſtätte für den Leichnam der gemor⸗ deten Tochter. Er wird mir dieſe Bitte nicht verſagen.“ Noch einen heißen Kuß drückte der un⸗ glückliche Vater auf die bleichen Lippen des geliebten Kindes, und die Knappen zogen 150 traurig von dannen. Die Thränen trocknend wandte ſich hierauf Rudolph zu einem andern Haufen ſeiner Begleiter mit dem Befehl, den Aufenthalt des jungen Pilgers, den jener Knappe im Haine fand, auszuſpähen, und ihn herbei zu führen. „Vielleicht täuſcht mich die Stimme nicht,“ rief Rudolph aus, ndie laut in meinem Her⸗ zen ſpricht, daß ich in dieſem Pilger meinen Sohn erblicken werde. O eilet, ſucht ihn auf, und ſaget ihm, was hier geſchah, und daß ich, ohne Fehde zu bieten, mit einem Satan, wie Gregor, mit Blitzeseile nur mit Dolchen rechten und Rache üben werde. Das wird auch ſeine Rache wecken und von ihr belebt, wird er nicht ſäumen, in meine Vaterarme zu eilen.“ Die Reiſigen eilten ſchnell mit dieſem Be⸗ fehle fort, und Rudolph ſchwang ſich auf ſeinen raſchen Tartar, und ſtürmte mit dreißig muthigen Kriegern, wie auf Fittigen des Windes, der Gegend zu, nach welcher die Rache ihn rief. —õ — 15¹ Oede und verlaſſen ſtand jetzt die Hütte im Walde, wo Mathilde blutete, und ſpät um Mitternacht ſchlich, wie ein Schatten des Grabes, der arme Herrmann durch den Wald und wieder in die Hütte zurück. Voll tiefem Gram ſank er auf die Stelle nieder, wo Mathildis blutete; was noch kein Herz em⸗ pfand, das durchbebte des armen Jünglings Inneres, bis der namenloſe Schmerz ihm die Beſinnung raubte. In dieſem ſchreckenvollen Zuſtande fand ihn der Jäger wieder, der ſpät an dem fol⸗ genden Tage erſt zurückkehrte, und wie vom Blitz getroffen und gelähmt, an dem Ein⸗ gange der Hütte ſtehen blieb, als er den Boden ſeiner friedlichen Wohnung von Blute dampfend, den jungen Pilger bleich und leb⸗ los auf demſelben hingeſtreckt, Mathilden verſchwunden und an ihrer Stelle nichts, als das Käſtchen voll Diamanten erblickte, das dieſe auf die Lagermatte hingeworfen hatte, als ſie ſich liebetrunken in Herrmanns Armen wand. — 122— Alles, was der Jäger hier erblickte, war ihm ein unauflösbares Räthſel, und vergebens ſtrengte er ſich an, ſich Aufſchluß darüber zu perſchaffen. Auch quälte er ſich nicht lange mit fruchtloſem Nachſinnen, der erſchütternde Anblick des jungen Pilgers mahnte ihn an die Erfüllung einer höhern Pflicht:„Hier iſt Hülfe nöthig, gieb dem Armen Leben und Geſundheit wieder und übergieb dies Käſtchen ihm als ſein Eigenthum zurück; dann wird er vielleicht ſelbſt das Räthſel dir löſen.“ So ſprach der menſchenfreundliche Mann zu ſich ſelbſt, indem er haſtig Speer und Schwert von ſich warf, und zur Unterſtützung und Hülfe des Unglücklichen eilte, deſſen An⸗ blick ihn nicht in Zweifel ließ, daß er ein Leidender und Hülfsbedürftiger ſei. Mehr bedurſte es bei dieſem edeln Manne nicht, um ihn zur Hülfe aufzufordern, ohne lange erſt über den Werth oder den Unwerth des Un⸗ glücklichen zu grübeln. Schnell bereitete der Jäger dem Pilger ein weiches Lager und einen Saft von Kräu⸗ .— 153 tern, deren heilſame Wirkſamkeit ihn eine lange Erfahrung gelehrt hatte. Schon oft war der edle Mann ſo glücklich geweſen, durch ſeine Kenntniß ſolcher Kräuter dem Tode ſeine Beute zu entreißen, voll ſicherer Zuverſicht flöſte er daher den Trank auch jetzt dem Kranken ein, und der glücklichſte Erfolg krönte das eifrige Bemühen des men⸗ ſchenfreundlichen Arztes. Herrmann genoß den Trank, und mit jedem Tropfen rann neue Lebenskraft durch ſeine Adern und ſtärkte ſeine Nerven. Bald genas er unter den hülſeleiſtenden Händen ſeines edeln Wirthes wieder, allein die Fol⸗ tern ſeines Gewiſſens konnte er leider nicht dämpfen, bis dahin reichte die Kunſt des guten Jägers nicht, und mit der wiederkeh⸗ renden Lebenskraft wuchs auch die Hyder, die mit gieriger Wuth Herrmanns Inneres zerfleiſchte. In tiefe Traurigkeit verſenkt, kehrte der Graf von der Wetterburg nach ſeiner Veſte 154 zurück, als wir ihn am frühen Morgen mit ſeinen Getreuen an dem Gebüſche vorüber ziehen ſahen, wo Herrmann ſich mit Ma⸗ thilden verborgen hatte. Das Herz des guten Greiſes war nur für Gram und Sorge offen, und jede Empfänglichkeit für die Reize der Natur und Annehmlichkeiten des ſchönen Morgens war in ſeiner Bruſt erſtorben. Fruchtlos war ſein Bemühen geweſen, den Jüngling zu finden, den er zum Eidam er⸗ wählt hatte, und an den Freundſchaft und das heilige Gefühl der Dankbarkeit ihn knüpfte. Urach war verſchwunden, und voll Schmerz quälte den Grafen jetzt der ſchwarze Gedanke, daß im Ritterſpiele ſein geliebtes Kind eines Fremdlings Dank als Sieger werden müſſe. „Ich war zu ſchnell,“ rief er reuevoll ſich ſelbſt zu, nich fehlte, und mein gewagter Schritt war zu raſch und unbeſonnen. Ich unglückſeliger Vater! wenn die Kunde von dieſem Ritterſpiele nicht zu Urachs Ohren dringt, wenn er, der Roland unſerer Zeit, 15⁵ nicht im Turniere erſcheint, durch Liebe ge⸗ ſtärkt, mit tapferm Arm den Sieg zu errin⸗ gen, und wenn ein Fremdling der Sieger wird, und mir den unendlich theuern Preis entreißt. Nein! das darf nie geſchehen, eher mache ich meinen übereilten Schritt durch einen neuen tadelnswerthen wieder gut. Wenn zum Turnier die Schranken ſchon geöffnet ſind, und mein Auge vergebens nach dem edeln Freunde umherſpäht, dann trete ich hervor und rufe den Rittern zu: Zürnet nicht, ihr Ritter, wenn ich mich meines Verſprechens nur zur Hälfte entbinden kann. Ein mir geraubtes Kind, das ich ſeit Jahren ſchon als todt be⸗ weinte, iſt jetzt mir wiedergeſchenkt worden, und hat durch Geburt ein heiliges, unverletz⸗ bares Recht auf ſeines Vaters Land und Habe. So hat der Himmel ſelbſt mich meines Wortes entbunden, und der Sieger in dieſem Ritterſpiele erwarte als Preis nichts weiter, als die Hand meiner Tochter und anſtatt der verſprochenen Mitgift, nur meinen väterlichen Segen. Weil ich jedoch euch Edele getäuſcht 156 habe, ſo biete ich einem Jeden von euch, der dafür Vergütung heiſcht, als Erſatz des Auf⸗ wandes, wozu mein allzuraſches Wort ihn verleitete, funfzig Gülden an, mit der Bedin⸗ gung, daß ihm die Bahn zum Kampf ver⸗ ſchloſſen bleibe. Der Himmel heilige dieſe Liſt, und laſſe ſie gelingen! Denn ſollte auch die⸗ ſer Verſuch, meinen Fehler zu verbeſſern, fehlſchlagen, dann bin ich Armer verloren, und ſchmerzvoll werde ich nur allzubald in das Grab ſinken.“ 4 So ſprach der Greis zu ſich ſelbſt, und ſetzte, in dieſe düſteren Selbſtunterhaltungen verloren, die Reiſe nach ſeiner Burg langſam fort. Schon ſchwebte die Sonne am Abende hinter dem Felſen der Wetterburg nieder, als Graf Konrad ſie mit ſeinen Getreuen erreichte. Geſchäftig eilte ihm mit lautem Gruß ſeine Dienerſchaar an dem Felſenthore ſeiner Burg entgegen, und geleitete ihn auf den Hof; doch jeder Blick und jede Miene in dem ſtummen Kreiſe, der den Grafeu umſchloß, deutete ihm ein Geheimniß an. Auch war der — 157 Graf ſonſt ſtets gewohnt, ſein Kind am erſten zu erblicken, wenn er von einem Zuge nach ſeiner Burg zurückkehrte, und mit ſteigender Verwunderung vermißte ſie heute ſein umher ſpähender Blick. Von bangen Ahnnngen erfüllt, ſtellte er ſogleich Erkundigungen nach ihr an, und ein alter treuer Diener gab ihm die Antwort: „Schon ſeit drei Tagen, mein Gebieter, iſt Euere Tochter in dem Nonnenkloſter von St. Klara, und wie man heimlich ſich zuflüſtert, ſoll ſie dort den Schleier empfangen haben. Wir hörten von dieſer Zeit an nichts von ihr, und ſeit eben dieſem Tage, als unſer Fräulein verſchwand, iſt auch Bertha tödtlich krank, und ihre Wärterin ſpricht, daß ſich die Kranke oft in Fieberträumen der ſchwerſten Sünden anklage. Auch Euer Knappe Veit ward von der Zeit an plötzlich unſichtbar, und niemand hat erfahren, wohin er ſo plötzlich mag ge⸗ kommen ſein.“ „Mein Kind im Kloſter, und im Schleier?“ fragte der Graf bleich und mit furchter⸗ 158 fülltem Tone,„und Bertha von dieſem Tage an tödtlich erkrankt? und Veit von eben die⸗ ſem Tage an auf ſo räthſelhafte Art uſozen Laßt mich Alles wiſſen!“ „Das Weitere liegt für jedes Ange noch im undurchdringlichen Dunkel; wenn jedoch nicht alles trügt, ſo weiß Bertha das Nähere um Alles. Obgleich ſie gegen uns und unſere Fragen ſtumm bleibt, ſo möchte ſie doch ge⸗ wiß ihr Stillſchweigen gegen Euch, mein edler Gebieter, brechen, wenn Ihr Euch zu ihr ver⸗ fügen wollt.“ 193 Kaum hatte der Graf dieſes vernommen, als er ſich ſchnell durch den Kreis ſeiner Ge⸗ treuen hindurch drängte, und hinauf nach ſei⸗ ner Burg und nach dem Zimmer der Kranken eilte. Furcht und Berlangen, Aufſchluß der Räthſel zu erhalten, pochten in ſeiner Bruſt und beflügelten ſeine Schritte. Jetzt trat er in das Zimmer hinein, doch auf den Zehen wankten ihm die Wärterinnen entgegen und flüſterten leiſe ihm zu:„Still, Herr Graf! ſtört die arme Krank nicht in ihrer 159 Ruhe; denn ſehet ſelbſt, nach drei langen Lei⸗ denstagen erquickt ſie jetzt zum erſten Male der Schlaf. Sie leidet viel, doch iſt es nicht ſowohl eine Krankheit, die ihr an dem Leben naget, als vielmehr geheimer Seelenſchmerz und Gewiſſensbiſſe.“. Leiſe trat der Graf an das Lager der Kranken, und tief gerührt erblickte er hier in der Armen ein lebendiges Bild des tiefſten Seelenkummers. Verwiſcht war jede Spur von den Reizen, die noch vor kurzem Bertha ſchmückten. Bleich und entſtellt war ihr Ge⸗ ſicht, die blühende volle Wange war abgezehrt, und hingeſchwunden waren die Roſen, die darauf glühten. Tief eingeſunken war ihr ſchönes Auge, und ſchien jetzt wie von dem Tode ewig zugeſchloſſen zu ſein; zum Aus⸗ druck des tiefſten Kummers war jede Miene verzerrt, und ihr banges Stöhnen ſogar in ihrem unruhigen Schlummer war ein beredter Zeuge von der ſchrecklichen Größe ihres innern Schmerzes und ihrer Seelenleiden. „Unglückliche!“ ſeufzte der edle Graf voll 160 tiefer Rührung, indem eine Thräne des innig⸗ ſten Mitleids über ſeine Wange rollte,„was es auch immer ſein mag, das Dich betraf, wie ſchrecklich muß es ſein, da es in wenigen Tagen die ganzelFülle deiner Reize zerſtörte.— Man ſagte mir,“ flüſterte er den Wärterinnen zu,„das die Kranke viel in ihren Fieber⸗ träumen ſpreche, Ihr müßt es oft gehört haben, entdeckt mir alles, was Ihr hörtet und was Ihr wißt, vielleicht dient es dazu, das Räthſel zu enthüllen.“ R99 Schnell nahm eine alte Wärterin voll innerer Bosheit und Heimtücke das Wort, und erwiderte:„Herr Graf, die ſchöne Bertha raſet in dieſen wachen Träumen, ſie war ja jederzeit eben ſo gut und tugendhaft, als ſie ſchön und liebenswürdig war, und unmöglich kann es daher Wahrheit ſein, wenn ſie von Verbrechen, von Schmach und Entehrung ſpricht.“ Mit Beſtürzung vernahm der Graf dieſe Worte, und fragte begierig:„Wißt ihr mehr? 161 ſo laßt mich alles wiſſen und verſchweigt mir nichts.“ Tücke fuhr die Alte fort:„Ich weiß ſonſt nichts/ als daß ihr Buhle aus der Burg ſchnell entflohen iſt. So ſehr die Alte, die Bertha ſchon lange haßte, ihre Schadenfreude auch zu verbergen ſuchte, ſo hatte der ſcharfe Blick des Grafen ſie doch erkannt, und voll Verachtung wandte er ſich von ihr hinweg, indem er den Wär⸗ terinnen befahl, ſich zu entfernen und in dem Garten friſche Luft zu ſchöpfen, weil er bis zu dem Erwachen der Kranken bei ihr blei⸗ ben wolle. Die Weiber entfernten ſich, und Konrad warf ſich nachdenkend auf einem Seſſel an dem Lager der Kranken, indem er ſich bemühte, aus dem erhaltenen Bericht der Alten das Wahre von dem Falſchen zu unterſcheiden, und ſich dadurch Licht über das Räthſel zu verſchaffen. „Wahr iſt es,“ ſprach er zu ſi ſelbſt, Erſte Serie. IX. Band. Mit heimlicher Schadenfreude und geheimer 162² „Bertha ward von Veit geliebt, und dieſer iſt entflohen? ſo iſt es doch wohl möglich, daß jene Alte Wahrheit ſprach; denn wie bald und leicht reißt der Taumel blinder Lei⸗ denſchaft zu vermeſſenen Uebereilungen hin. Meine gute Tochter ſah die Qual der Unglück⸗ ſeligen und die Foltern ihres Gewiſſens, ihr edles Herz konnte den Anblick dieſes Elends nicht ertragen, darum floh ſie in das Kloſter und betet jetzt für die Unglückliche an dem heiligen Orte, wo das fromme Mädchen ſo oft und gern voll heißer Andacht weilte.“ So dachte der Graf bei ſich ſelbſt, und alles ſchien ihm nunmehr vollkommen klar und deutlich zu ſein, ohne es zu ahnen, daß er ſo weit von der Wahrheit entfernt war. Indeſſen thürmte ſich das Ungewitter, das Mathilden und Herrmann um eben dieſe Zeit nach der Jägerhütte trieb, mit ſeiner ganzen Schreckbarkeit über der Wetterburg empor. Die Blitze zuckten blendend durch die Fenſter und wild rollte der Donner daher. Noch ſchlummerte die Kranke, doch jetzt 163 ſchreckte ſie ein heftiger Donner, der die ganze Burg zu zerſchmettern drohte, plötzlich aus dem Schlafe auf. Erſchrocken fuhr die Kranke empor, und indem ſie furchtſam um ſich her blickte, ge⸗ wahrte ſie den Grafen, bei deſſen Anblick ſie mit einem Schrei und mit verhülltem Ange⸗ ſicht zurück auf das Lager ſank. Voll tiefer Rührung und Mitleid faßte der Graf ihre Hand, und ſanft und gütig ſprach er ihr Troſt zu. „Schütte Deinen Schmerz vertrauensvoll in meinen Buſen,“ fuhr er gegen ſie liebevoll fort,„vertraue Dich dem Greiſe, der Dich wie ein Vater liebt, und wenn auch ein Fehl⸗ tritt, den Du bereuen mußt, Dich Arme ſo. weit brachte, ſo höre ich dennoch deshalb nicht auf, Dich väterlich zu lieben, und mit Freu⸗ den werde ich bereit ſein, Dir Troſt und Hülfe zu ſchenken.“ Wohlthätig floſſen dieſe ſanften Zuredun⸗ gen des edeln Grafen in Bertha's zerriſſenes Herz. Mit Innigkeit drückte ſie ſeine Hand 11* —— 164 an ihre blaſſen Lippen, und glaubte in ihm einen Engel des Lichts zu erblicken, den der Himmel mitleidig ihr zum Troſte ſandte, um ihren Schmerz zu lindern, und voll Vertrauen war ſie bereit, dem edeln Greiſe alles, und ſogar das Unglück ihres Falles zu entdecken, und ihr belaſtetes Herz durch dieſe Mittheilung zu erleichtern. Die arme Bertha ſah ſich ſchaudernd ſo tief herabgeſtürzt, daß ſie gezwungen war, bei Menſchen Troſt zu ſuchen, den ſie bei Gott nicht fand, als ſie voll heißer Inbrunſt zu deſſen Diener, dem Abte, um Gnade und Segen flehte, und dieſer ſo grauſam war, ihr Beides zu verſagen und der Armen zu fluchen. Sie zauderte jetzt nicht länger, dem edeln Greiſe alles zu bekennen, wie jüngſt Herr⸗ mann ſich in die Wetterburg einſchlich, bis in Adelheids Kerker drang, und, als der Graf erſchien, aus Liebe zu Adelheid und dem Zorne des Vaters auszuweichen, in das Grab⸗ gewölbe hinab ſprang, wo Veit ihn leblos 165 fand, ihn aus der Burg trug, und ihn einem Fremden, den er im Felde traf, voll blinder Zuverſicht anvertraute, der ſchändlich ſein Zu⸗ trauen durch Liſt und Betrug belohnte. „Der Nichtswürdige,“ fuhr Bertha voll tiefer Scham fort,„hat uns ſchändlich hin⸗ tergangen. Dem Himmel allein iſt es bekannt, wie dem Buben ſein Bubenſtück gelingen konnte, daß ihn die Dienerſchaar und ſogar der Wächter nicht gewahren konnte. Die Hölle muß mit ihm im Bunde geweſen ſein, und der Satan ſelbſt muß ihn den Weg ge⸗ bahnt haben. Er kam die zweite Nacht— 6 Mehr vermochte ſie nicht zu ſprechen, die Scham erſtickte ihre Worte, und lautes Schluchzen ſetzte ihre Rede fort. Ein Strahl von Licht flammte ſchnell bei dieſen Worten in Konrads Seele empor, und was er ahnte, war ſchaudervolle Wahrheit; doch wünſchte ————— —— 7 er Gewißheit zu haben, und ſanft fragte er 3 die Kranke: M „Er kam die zweite Nacht?— ſcheue Dich nicht, mir Alles zu entdecken; Du ſprichſt zu 166 einem liebevollen Vater, ich ahne die fürchter⸗ liche Wahrheit; o zögere nicht, mir Gewiß⸗ heit zu geben.“ er „Ach Gott! der Bube kam, und— für Euer“ theuere Tochter, meine heißgeliebte Freundin, ward ich das unglückſelige Opfer ſeiner Tücke und ſeiner ſchändlichen Begierden.“ So ſchrie Bertha ſtammelnd unter Thränen, und ſank mit bedecktem Geſicht auf ihr Lager. Ueberraſcht, gerührt und voll Grimm ſtand Konrad ihr zur Seite, und ſuchte vergebens die arme Leidende zu beruhigen. Er konnte ihr weiter keinen Troſt geben, als mit ihr zu weinen. Ein Geräuſch an der Thüre des Ge⸗ machs unterbrach dieſe ſtumme Scene; der Graf blickte ſich um, und ſchien kaum ſeinen Augen zu trauen, als er den entflohenen Veit erblickte. Athemlos und bleich, an Haupt, Bruſt und Arm verbunden und allenthalben von dem Blute friſcher Wunden befleckt, trat der Jüngling ermattet herein und ſank an Bertha's Seite nieder, indem er die Geliebte umfing, 167 ſie feſt an ſeinen Buſen drückte und ausrief: „Gott ſei gelobt, daß ich Dich lebend wieder⸗ finde.“ Mit angeſtrengter Kraft riß Bertha ſich aus des Jünglings Armen los und ſchreckte ihn mit einem Blick voll Wehmuth und Un⸗ willen zurück.„Fliehe!“ ſeufzte ſie nund laß mich ruhig ſterben, ſo will ich Dir ver⸗ zeihen! Daß Du dem Böſewicht entdecken mußteſt—— doch will ich ſchweigen und ver⸗ zeihen; denn unmöglich konnte es Deine Ab⸗ ſicht ſein, mich durch Schmach und Schande ſo grenzenlos elend zu machen. Noch einmal aber bitte ich Dich, mich ſchleunig zu verlaſſen, dieſes iſt das Letzte, was Du mir und Dir ſelbſt ſchuldig biſt. In ſprachloſem Erſtaunen wankte Veit zurück.„Was höre ich?“ rief er endlich aus, „meine Bertha ſpricht in Phantaſieen, ſo hart iſt ſie erkrankt!“ „Treibe nicht mit der Wahrheit Spott,“ nahm der Graf das Wort,„Du kamſt in einer ernſten Stunde.— Doch ich erſtaune, 48 ſprich, was iſt geſchehen, daß ich Dich voll Wunden und mit Blut befleckt erblicke?“ „Mein edler Herr!“ erwiderte Veit, nich bitte Euch dringend, forſchet nicht nach der Veranlaſſung zu dieſen Wunden, denn dieſes iſt das Einzige, was ich verſchweigen muß. Mehr als der Schmerz von dieſen Wunden quält mich ein fürchterlicher, zweifelvoller Ge⸗ danke. O leitet mich, daß ich in dem ver⸗ trauensvollen Glauben an das Göttlichſte nicht wanke; denn was mir widerfuhr, ſieht einer Schandthat ähnlich, wie ein Haar dem andern, und denkt! ein Heiliger, ein hochverehrter Mann war es, der mir dieſen Streich verſetzte.“ Veit erzählte hierauf dem Grafen das Wunder jener Nacht in dem Kloſter von St. Baſil, wo ihm ein Geiſt gebot, als Mör⸗ der dem Ritter Herrmann von Adlerhorſt den Dolch ins Herz zu ſtoßen, den die Hand des Heiligenbildes ihm entgegen ſchleuderte. „Wie hätte ich daran zweifeln ſollen,“ fuhr Veit in ſeiner Erzählung fort,„daß dieſes Alles Gebot des Himmels ſei? Doch 169 die Stunde erſchien nur zu bald, die von den ſchaudervollen Scenen jener Schreckens⸗ nacht das Wundervolle nahm, und ſchrecklich mir die Augen öffnete. Es war Täuſchung und ſchändlicher Betrug, und ich zittere, den zu nennen, der Gott ſo läſterte. Und gleich⸗ wohl müßt Ihr, edler Herr, den Betrüger kennen lernen. Drei Tage ſind es heute, daß mir der Abt Gregor den Auftrag gab, dem Prior von St. Vincenz in Franken ein Schreiben zu überbringen; ich glaubte, der Heiligkeit des Abtes Gehorſam ſchuldig zu ſein, und befolgte ſeinen Auftrag unverwei⸗ gerlich mit Windeseile, ohne einigen Dank dafür zu fordern; doch er gab mir ihn, und ſchaudern werdet Ihr, wenn ich Euch ſage, auf welche Art. O guter Gott! bewahre mein Herz vor Unglauben! denn was kann uns noch vor Zweifeln und Unglauben ſchützen, wenn Deine Prieſter ſelbſt zu Teu⸗ feln werden und den Laſtern fröhnen?“ „Ich hatte mein Geſchäft, dem erhaltenen Befehle gemäß, pünklich vollbracht,“ fuhr Veit 170 nach einer kleinen Pauſe fort, nund als ich nun in ſorgloſer Ruhe durch dunkle Gebüſche zurück ritt, da ſprengten plötzlich vier Mörder aus dem Dickicht mir entgegen, um mich dem Tode zu weihen., Ich zog mein Schwert und kämpfte,— ich darf mir ungeſchout das Zeug⸗ niß geben,— wie es einem Ritter ziemen würde, der ſich in des edeln Grafen Konrads Dienſten zum Helden bildete. Ich kämpfte gegen viere, und obgleich die Dolche dieſer Buben mir dieſe Wunden gaben, ſo blieb ich dennoch Sieger, drei von den Böſewichtern entflohen in das Gebüſch zurück und ihre Spuren zeigten, daß ſie mit Blut bezahlten, den Vierten ſtürzte mein Schwert ohnmächtig zu Boden. Als ich den Gefallenen genauer betrachtete, endeckte ich ein Geſicht, das mich mit Schaudern erfüllte, obgleich ich nicht er⸗ gründen konnte, was ich eigentlich ſo ſchreck⸗ liches in ſeinen Zügen fand. Indem ich, ihn betrachtend, vor ihm ſtand, bemerkte ich, daß ſeine entflohenen Lebensgeiſter wieder zurück⸗ kehrten. Bittend, um ſich Gnade und Scho⸗ 171 nung ſeines Lebens von mir zu erflehen, hob er den matten Blick zu mir empor, da ſetzte ich drohend ihm das Schwert auf die Bruſt, und rief ihm zu:„Bekenne, Böſewicht! Du biſt mir nicht gänzlich unbekannt, wo hab ich Dich geſehen?“—„In dem Kloſter von St. Baſil,“ erwiderte er zitternd.„Als Euch der Abt Gregor den Mordſtahl gegen Herrmann von Adlerhorſt durch Gaukeleien aufdrang, da war ich es, der Euch, von dem Abte dazu gedungen, als Geiſt erſchien.“ „Ich bebte mit emporgeſträubtem Haar zurück,“ fuhr Veit weiter fort.„Wer? fragte ich ferner, hatte Euch jetzt gedungen, mich zu morden?“—„Auch dieſes war das Werk des Abts Gregor von St. Baſil, erwiderte der feile Böſewicht, er hat auch zu dieſem Morde uns gedungen; denn er hat Euch vieles anvertraut, was er auf ewig gern möchte verſchwiegen gehalten wiſſen, er ſcheuet Euere Redlichkeit, und glaubte nur durch Euern Tod ſich ſicher zu ſtellen. Mehr wußte der Sünder nicht zu entdecken, ich 172 überließ ihm Gott und ſeinem Gewiſſen und ließ ihn frei. Ich aber eilte dann, durch den vielen Blutverluſt geſchwächt, der nächſten Hütte zu, wo man meine Wunden hülfreich verband, und meiner ſelbſt kaum bewußt, kam ich hierher auf Euere Burg zurückz denn noch niemals habe ich es empfunden, wie fürchterlich die Zweifel an Vorſehung und Gott und Redlichkeit im Herzen brennen. Wie kann ich noch glauben, hoffen, wenn Heilige ſelbſt zu Teufeln werden?“ Mit ſtaunendem Entſetzen hörte der Graf dieſe Erzählung an, die er ſich ſelbſt nicht zu glauben wagte, dennoch faßte er ſich und wandte ſich mit der Frage an Veit:„Warum vollzogſt Du nicht die Mordbefehle, die Dir der Abt, für Gottes Wort ertheilte? Warum verſchonteſt Du des Ritter Herrmanns Leben? Erkennſt Du nicht hierin die Leitung Gottes?“ „Welch ein nichtiger Troſt!“ fiel Veit dem Grafen traurig ein.„Ihr ſollt es wiſſen, daß ich im frommen Wahne, als wäre es heilige Pflicht und Gebot des Höchſten, den Mord 173 hätte begehen müſſen, wenn ihn der Abt nicht ſelbſt vollführet hätte.“ Bei dieſen Worten fuhr Bertha mit dem Ausdrucke des heftigſten Erſchreckens von ihrem Lager empor; der Graf wankte vor Entſetzen zurück und ſtarrte voll Furcht und Erwartung, noch weitere Greuel zu erfahren, den Unglücksboten au. Beſtürzt fragte der Graf:„Alles, was ich höre, wage ich kaum als wirklich mir zu denken; was iſt Wahrheit in Deiner Erzäh⸗ lung? Sprich, haſt Du den Todten nicht dem Ritter vertraut, der ihm die letzte Pflicht erwieſen hat, allein ein frecher Böſewicht, durch das Geheimniß, das Du ihm anver⸗ crauteſt, kühn gemacht, ſchlich ſich auf unſere Burg und— Dich allein und Deinem kindi⸗ ſchen blödſinnigen Zutrauen trifft die Schuld,— ſtörte Bertha's Frieden.“ Wie von Blitz gelähmt ſtand Veit bei dieſen Worten da, bis er ſich langſam wieder aus ſeinem Hinſtarren ermannte, und ſtam⸗ melnd ansrief:„Großer Gott! was hör' ich? 2. wäre es möglich? welch fürchterliches Licht geht in meiner Seele auf?“ Weinend ſtürzte er vor Bertha's Lager nieder, und rief mit Hef⸗ tigkeit:„Weh über mich und ihn, den gleis⸗ neriſchen Buben, wenn ich Schuld an Dei⸗ nen Leiden bin; denn wiſſe, nur auf den Befehl des Abtes habe ich das Fräulein durch eine Unwahrheit getäuſcht. Mir grauſte vor dem aufgetragenen Morde, ich wollte mich gern frei von dieſer Blutſchuld machen und trug den Ritter Herrmann zur Abtei. Da dünkte es mich, als läſe ich ein heimliches Vergnügen in Gregors ſchadenfrohen Mie⸗ nen, und ihn allein drückt jetzt das Gewicht dieſer Blutſchuld. Er zwang mich, das Mährchen, das Du bereits weißt, ihm nach⸗ zulügen.“ „Du lügſt auch jetzt,“ rief Konrad zornig aus,„und wenn Du Wahrheit ſprachſt, ſo ſage und entdecke mir, wer der Bube war, der frevelhaft meine Burg entweihte und den Ritterſtand durch ſeine Schandthat entehrte? der ſich durch Verrätherei bei ſtiller Mitter⸗ 175 nacht in meine Burg ſchlich, meine Tochter zu ſchändene ſ ſuchte, und durch den, von der Finſterniß der Nacht getäuſcht, die arme Ber⸗ tha an Adelheids Stelle das Opfer verbreche⸗ riſcher Lüſte ward?“ Beit ſprang bei dieſen Worten voll Ent⸗ ſetzen auf, und gleich einem Raſenden ſchrie er:„Meine Bertha fiel als Opfer der Lüſte eines Böſewichts?— Großer Gott! das Räthſel iſt enthüllt! Verfluchter Böſewicht! Dreifaches Wehe über Dich! und der Fluch des Himmels treffe mich, wenn ich dieſe ge⸗ mordete Unſchuld nicht an dieſem gleisneri⸗ ſchen Buben ſchrecklich räche.— Hört es, Herr Graf, und ſchaudert! der Abt Gregor war jener Böſewicht, der die Unſchuld meiner Bertha mordete.“ Mit einem heftigen unartikulirten Aus⸗ rufe des Entſetzens ſank Bertha bleich zurück, und Konrad ſprach mit ſchrecklich drohenden Blicken: alnſinniger, was ſagſt Du? Gottes Blitze ſchweben über Dir; Du erdreiſteſt Dich, den 176 Ewigen in ſeinem Diener zu läſtern? Ent⸗ weder iſt es Täuſchung oder Lügen, as Du als Wahrheit hier entdeckſt.“ „Nein!“ ſchrie der Jüngling in dumpfer Wuth, nnein, ich ſpreche Wahrheit. Jetzt bindet mich kein Eidſchwur mehr; Gregors Bosheit hat mich aller Pflichten entbunden. So wiſſet es dann, daß ich auf Gregors Be⸗ fehl verrätheriſch an Euch gehandelt habe. Ich war es, der auf Befehl des Nichtswür⸗ digen die Thüren in dem unterirdiſchen Gange aufriegelte, und ihm das Bubenſtück dadurch erleichterte, das er an meiner Bertha verübte. Dreifaches Wehe über ihn! doch ſprecht, Herr Graf, wo iſt Euere Tochter? Ich ſah ſie nirgends; mich faßt eine entſetzliche Ahnung, denn jetzt zweifle ich an nichts mehr. Sucht ſie auf, laßt ſie durch Reiſige bewachen, und fürchtet alles von der Bosheit und geheimen Tücke des verdammten Böſewichts, der das heilige Gewand nur trägt, um deſto ſicherer Verbrechen auf Verbrechen zu häufen.)— Kaum hatte Veit dieſe Worte geendigt, ſo flog die Thüre auf, und faſt athemlos, mit Schweiß und Staub bedeckt, und von allen Knappen des Grafen Konrad neugierig um⸗ ringt, ſtürzte ein fremder Knappe mit Unge⸗ ſtüm herein. „Der ſchwarze Ritter entbietet Euch durch mich ſeinen Gruß!“ keuchte er.„Er iſt auf dem Fluge zu Euch, und ein Sturz mit dem Roſſe legte ſeiner Eile Feſſeln an. Er ſendet mich voraus, um ſchleunig Euch, Herr Graf, Botſchaft zu überbringen. Zu Roſſe, edler Herr! auf! laßt alle Diener zur ſchnellen Rettung Euerer Tochter eilen. Sie iſt ver⸗ loren, wenn Ihr länger zögert. In dem Kloſter von St. Baſil ſchmachtet ſie nach Er⸗ löſung; auf! rüſtet Euch ohne längern Ver⸗ zug und rettet Euer Kind von dem nahen Verderben!“ Mehr vermochte der Knappe nicht hervor zu bringen, er ſank ermattet auf einen Seſſel nieder. Vor Erſtaunen, Schrecken und Ent⸗ ſetzen wie eingewurzelt, ſtand der Graf und ſtarrte mit fürchterlichem Blick den Unglücks⸗ Erſte Serie. IX. Band. 12 boten an. Bebend lauſchten des Grafen Knap⸗ pen, zum Kampfe bereit, auf den Befehl ihres Gebieters, und in dumpfer, bewußtloſer Be⸗ täubung lag Bertha dort auf ihrem Lager und nur ihr ängſtliches Stöhnen zeigte, daß noch Leben in ihr ſei. Der neue wiederholte Zuruf des fremden Knappen:„Was zögert Ihr, Herr Graf? Eilt und verliert keinen Augenblick! bedenkt, daß über dem Haupte Euerer edeln Tochter das Verderben herabdroht.“ Schnell weckte dieſer Zuruf den Grafen aus ſeinem Hinſtarren. Er taumelte auf; Wuth und Rache flammten aus ſeinen wil⸗ den Blicken, und grimmig rief er ſeinen Ge⸗ treuen zu:„Fort! fort! zur Rettung und zur Rache!“ Mit wüthender Geberde eilte er voraus, und wie vom Sturm getrieben, ſtürmte die ganze Knappenſchaar ihm nach, daß der Bo⸗ den von ihren eilenden Schritten furchtbar wiederhallte, und ihr wildes Rachegeſchrei durch alle Hallen der Burg tönte. 179 Schon verſchmolz das Licht des Tages in die Schatten der Abenddämmerung, und mit deſto größerer Eile war Alles geſchäftig, ſich zu rüſten. Von Begierde beſeelt, die Tochter ihres edeln Gebieters zu retten und ſie den Armen des Vaters wieder zuzuführen, ſtanden ſchon die Reiſigen zum Aufbruche bereit, muthig ſtampften die Roſſe die Erde, und ungeduldig klopfte jeder Buſen der Ankunft des Grafen entgegen. Jetzt erſchien Konrad von Fackeln begleitet in dem Hofe, in dem Kreiſe ſeiner Getreuen; ein wildes, kriegeriſches Hurrah! empfing ihn; er ſchwang ſich auf, und wie auf Flügeln des Windes ſtürmte die Schaar nach St. Baſil. Der Abt hatte indeſſen Ueberlegung ge⸗ habt, und durch reiferes Nachdenken ſeinen Plan wieder abgeändert, indem er nach langem ſchweren Kampfe mit ſich ſelbſt für rathſamer und klüger hielt, ſich und ſeinen wilden Begierden Mäßigung aufzulegen. 12* 180 „Wage nicht zuviel auf die Gunſt des Glücks,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſonſt ſcheitert dein Plan mit Adelheid, und ſie treibt mit dir nur ihr Spiel. Beſſer iſt es, einen andern Weg einzuſchlagen, dieſe ſpröde Schöne zu bezähmen; ich ſchaffe ſie fort von hier nach Italien, und indeſſen hier die alternde Zeit über alles das, was geſchah, den Schleier der Dunkelheit und Vergeſſenheit wirft, kann ich dort in ſicherer Ruhe dieſe felſenfeſte Tugend deſto beſſer befehden und des Sieges gewiß ſein.“ Sogleich ward ſein getreueſter Knecht mit dieſem ſeinen Entſchluſſe vertraut gemacht, der auf des Abts Befehl unverzüglich im Stillen die nöthigen Anſtalten zur Flucht traf, und ſchon zur Abendzeit war alles zum Aufbruche bereit. Gregor verſchob jedoch den Aufbruch bis zur Zeit der Mitternacht, um deſto ſicherer zu gehen und ſich vor jeder Verrätherei zu verwahren.— Schon freute ſich der Nichtswürdige im Stillen voll ſicherer Zuverſicht des Gelingens ſeines ſchlauen Planes, als plötzlich ein Ge⸗ rücht zu ſeinen Ohren drang, das ihn er⸗ ſchreckte, ihm nahe Gefahr verkündete, und ihn zwang, auf ſeine Sicherheit bedacht zu ſein. Ein Knecht des Grafen von der Wetter⸗ burg, ein Bube, den der Abt durch Gold für ſich erkauft hatte, um Veits Stelle wieder durch ihn zu erſetzen, floh heimlich aus der Burg, als Graf Konrad ſich gegen Gregor rüſtete, und eilte mit dieſer Nachricht zu dem Abte. „Die Rache naht,“ ſorach der Verräther, „Euch droht Gefahr; der Graf von der Wet⸗ terburg iſt ſchon im Anzuge gegen Euch; es iſt kein Augenblick zu verlieren, darum bitte ich Euch, ſeid auf Euere Rettung be⸗ dacht, und entzieht Euch durch ſchleunige Flucht der nahen drohenden Gefahr, ehe die feindliche Schaar Euch mit Sturm und Fehde hier überfallen kann.“ Der Abt erbebte und erbleichte bei dieſer Schreckensnachricht; doch ſchnell ermannte er 182 ſich wieder, und theilte unter ſeine Knechte die nöthigen Befehle für ſeine Sicherheit und Ret⸗ tung aus. Er ſelbſt eilte nach dem Dome, und nahm von dem Hochaltare mit frecher Hand das Allerheiligſte zu ſich, um dadurch in der äußerſten Gefahr das Verderben von ſich abzuwenden. Auf dieſe Art auf alles vorbereitet, eilte nun der Schändliche zu Adelheid, die jeden Augenblick dem Kampfe der Tugend mit dem Laſter muthig entgegen ſah und in dem höch⸗ ſten Grade der Ueberraſchung zurückbebte, als ſie den Abt herein treten ſah. Ihn, den ſie als einen Heiligen verehrte, hier an dieſem Wohnorte des Laſters zu erblicken, das war für ſie ein unauflösliches Räthſel. Sie wähnte in ihm einen Engel des Lichts zu erblicken, den der Himmel wunderbar zur Rettung ihrer Unſchuld ſende, und von neuer wiederkehrender Hoffnung belebt, ſank ſie, bei dem Anblicke der Monſtranz, voll hoher Ehrfurcht und An⸗ dacht hin auf ihr Angeſicht zur Erde. Der Abt faßte ſie liebreich bei der Hand, ——— 183 richtete ſie von dem Boden auf und ſprach zu ihr: Du ſiehſt mein Erſtaunen, Dich hier an dieſem Wohnplatze des Laſters zu finden. Sprich, Unglückſelige, wie kamſt Du hierher und was iſt mit Dir geſchehen? Weißt Du auch, wie groß und nahe die Gefahr war, die Dir drohte? oder muß ich fürchten, daß Du ſelbſt die Hand zu dem Bubenſtücke boteſt, das Dich der Tugend auf ewig entreißen und an die Sünde feſſeln ſollte? Wiſſe, Unglück⸗ ſelige, hier ſollteſt Du als ein Opfer des frechſten Laſters fallen, darum danke mit mir Gott, der über Deine Tugend wachte, mich durch ein Wunder von der Gefahr, in welcher Du ſchwebteſt, belehrte, und mich zu Deiner Rettung herbeiſandte, um Dich zu befreien. Du ſiehſt mich hier, um Dich den Armen Deines Vaters wieder zuzuführen, der ängſt⸗ lich Deiner Rückkehr entgegen ſieht und Dich für verloren hält. In tiefſten Jammer ver⸗ ſenkt, beweint der Arme den Verluſt der ge⸗ liebten Tochter, darum laß uns keine Zeit verlieren und den Augenblick zur Rettung unverzüglich benützen. Hinweg aus dieſem ſchändlichen Gemache, wo jeder Gegenſtand mein Inneres empört! Komm, laß uns eiligſt fliehen, und Deinem Feinde und Verfolger edelmüthig verzeihen. Vor ſchwachen Men⸗ ſchen Verbrechen, die ſo ſchwarz und hölliſch ſind wie dieſes, das Deinen Fall bereitete, zu verhehlen, das, liebe Tochter, iſt weiſe, heilige Pflicht, um nicht die Schwachen durch böſes Beiſpiel zu verderben. Darum ſchwöre mir jetzt, bei dem ewigen Heile Deiner Seele, daß von dem Allen, was Du hier ſaheſt und was Dir widerfuhr, kein Laut über Deine Lip⸗ pen kommen ſolle. Gelobe mir mit unwan⸗ delbarer Feſtigkeit bis in das Grab gegen Jedermann, und wäre es ſelbſt Dein Vater, zu ſchweigen.“ 3 Adelheid ſank voll Ehrfurcht vor dem ſcheinheiligen, gleisneriſchen Böſewicht auf das Knie, und legte willig den geforderten Eid ab. Plötzlich drang ein fürchterlicher Lärm von außen her zu ihrem Ohre. Sie bebte und raffte ſich ängſtlich von dem Boden em⸗ 185 por. Gregor zitterte und erbleichte. Schon drang das Toben der nahenden Schaar durch die Hallen, da ſtürzte athemlos der treue . Knecht des Abts herein, verriegelte ſchnell 6 hinter ſich die Thüre und ſtammelte keuchend: „Herr! wir ſind alle verloren! hört Ihr das Wüthen und das Waffengeklirre Euerer Feinde? Verrätherei war mit ihnen und öff⸗ nete ihnen das Thor; die freche Schaar erfüllt das ganze Haus.“ „Wer führt die Schaar an?“ fragte der Abt mit erkünſtelter Faſſung. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte der Knecht, ich hatte kaum Zeit genug, der Wuth der Eindringenden zu entgehen und hierher zu fliehen.“ „So ſchweige!“ ſprach der Abt bleich und zitternd. Er wandte ſich zu Adelheid, die 5 ängſtlich die Hände rang und weinend ſich zu verbergen ſuchte.„Was weinſt Du?“ redete er ſie an,„zweifle nicht, daß ich Dich aus dieſen Räuberhänden befreie; verbirg ————— 186 Dich indeſſen hinter die Gardinen von jenem Bette.“ Schon ward im Vorgemach die Thüre zerſprengt und mit ſchrecklichem Getöſe erbebte die Thüre des Gemachs von den wilden Sch en der Wüthenden. Adelheid erfüllte voll indem Zutrauen den Befehl des Abts, und hüllte ſich ängſtlich in die Decken des Bettes. Das Unbegreifliche der neuen dro⸗ henden Gefahr, die Reden des Knechts und das Erſchrecken des Abtes waren für ſie un- auflösbare Räthſel. Gregor erſann ſich indeſſen ſchnell ein Mittel, ſich von dem Untergange zu retten; denn einem Böſewicht, wie er, war für den Preis ſeiner Rettung jedes Mittel gleich. „Kniee dort an dem Eingange nieder,“ befahl er dem treuen Knechte,„folge meinem Beiſpiele und bete.“ Gehorſam knieete der Knecht an der Schwelle nieder, doch ſtatt zu beten, zog der Abt einen Dolch unter dem Gewande hervor. Mit leiſem Tritte ſchlich er dem Betenden näher, und plötzlich fuhr dem 187 Schuldloſen der Mordſtahl des Abtes in das Herz. Röchelnd ſank er nieder. Mit wildem Ungeſtüm tobte in dem Vor⸗ gemache die Schaar, die von Veit ange⸗ führt ward, welchen Eiferſucht, beleidigte und gekränkte Liebe mit wilder Raſerei erfüllten. „Heraus, Verworfener!“ ſchrie Veit mit wildem Grimme,„heraus aus Deinem Hin⸗ terhalte! gieb uns die geraubte Beute zurück;“ und das Klirren der Waffen nebſt dem don⸗ nernden Toben der Uebrigen vermiſchte ſich fürchterlich mit Veits wildem Geſchrei. Die Thüre des Zimmers krachte von ihren kraft⸗ vollen Schlägen und drohte einzuſtürzen. Bleich und erſchrocken verſammelten ſich indeß, von dieſem fürchterlichen Getöſe aufge⸗ ſchreckt, die Mönche um die Stürmenden her, und aus ihrer Mitte trat jetzt ein Mönch, der lange ſchon im Stillen geheimen Haß gegen Gregor in ſeinem Innern nährte, her⸗ vor, und rief den Knechten zu:„Sucht Ihr unſern Abt Gregor?“ „Ja, ihn ſuchen wir, ihn und die Toch⸗ 4 188 ter des edeln Grafen von der Wetterburg, die Euer Abt ihm bübiſch raubte!“ ſo tönte es wie Donnerton und Meeresbrauſen ihm entgegen. „Ihr ſuchet Adelheid von der Wetter⸗ burg?“ fuhr der Mönch mit einem ſcheelen und ſchadenfrohen Blicke fort,„ſo rettet ſie geſchwind. Sprengt dieſe Thüre, ſonſt iſt ſie verloren; während ihr Feigen in blinder Wuth hier raſet, verzweifelt ſie vielleicht in den Armen des Laſters.“ Dieſer Zuruf empörte die Tobenden zu neuer Wuth, ihre Schwerter zerſplitterten die Thüre, und unter ihren Schlägen dröhnte die Thüre ſchon in ihren Angeln. Sie krachte und ſtürzte zerſprengt zuſammen. Mit wildem Jauchzen drangen die Knechte, den Grafen in ihrer Mitte, herein in das Zimmer, an deſſen Schwelle ſie das Stöhnen des ſterben⸗ 8 den Knechts, den Gregors Mordſtahl nie⸗ derſtieß, zurückſchreckte. Mit Ruhe und Muth, als erfüllte Un⸗ ſchuld ſein ſchuldbelaſtetes Herz, ſtand der ——— 189 Abt da, und hielt bei dem Fackelglanz der Hereinſtürmenden die beilige Monſtrxanz mit drohendem Arme der wilden Schaar entgegen. Erfurcht und Entſetzen erfüllte bei dieſem Anblicke den Grafen und ſeine Getreuen, und ihre empor geſchwungenen Schwerter ſanken zur Erde, indem ſie bleich zurücktaumelten. Jetzt rüſtete ſich der Abt, indem er ſich durch den Schreck der Empörer von neuem Muthe beſeelt fühlte, mit heiligen Prieſtergrimme ge⸗ gen ſie. Sein Blick ſchien Flammen auf die Erſchrockenen zu gießen und mit donnernder Stimme rief er ihnen entgegen: „Zu Boden, Ihr Verwegenen! in den Staub mit Euch!“ und Alle ſanken bebend nieder zur Erde, indeſſen der Abt voll ſtolzer Freude ſich ſeines Triumphes freute, und ergrinmt fortfuhr: „Wer ſeid Ihr, die der Fluch des Herrn zu meinen Füßen niederſchmetterte? Seid Ihr Ritter, die verpflichtet ſind, das Heiligthum des Herrn zu ſchützen? Seid Ihr Chriſten, die demuthsvoll in den Tempel Gottes fliehen, um mit den guten Kindern des Herrn das 190 ewige Heil der Gnade in frommer Andacht zu theilen? Nein, freche Böſewichter, verwor⸗ fene Sünder, Gottesläſterer erkenne ich nur in Euch. Ihr kommt, das Heiligthum des Herrn zu zerſtören, ſeine Prieſter zu ermor⸗ den, dreifaches Wehe über Euch!“ In dumpfem Stillſchweigen und von Todesſchrecken tief erſchüttert, lag die Schaar der Knechte gebeugt am Boden, und mit triumphirendem Blick verweilte der Abt auf ihnen, dann fuhr er fort: „Wohlan! ich der Geſalbte des Herrn, der den Blitzſtrahl des ewigen Rächers in Händen führt, und ſchnell auf Euch Verwor⸗ fene herabſchleudern könnte, ich will mich herab⸗ laſſen, mit Euch zu rechten. Ich wende mich zu Dir, Konrad, Du grauer Thor, der als Gottesläſterer eben ſo frech als kühn, die Pilgerbahn ſeines Lebens ſchließt, als Tem⸗ pelſtürmer ſein rühmliches Alter ſchändet und durch dieſen verbrecheriſchen Schritt ſein ewiges Heil verſcherzet. Ihr, Konrad, führtet dieſe Knechte zu ſolchen Verbrechen und Gräueln 191 an? Auf Euch fällt auch alle Laſt des Ver⸗ brechens zurück. Hört und erzittert, wenn ich jetzt, als Diener des Höchſten mit Euch Sünder rechte. Was trieb Euch an, mit dieſer Schaar in dieſes Heiligthum des Herrn gleich Mördern und Räubern einzufallen? Sprecht!— ich gebiete es!“ 5 2 8. 5 2 8 5 c4 F 5 3 2 2 5 8 ſnſinſnſiſſfnſſfnffſnſinnſſſnſſſſ ſüiſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 19 4 1 8 4*. 4 6. 2 8— —,—