— Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens (7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wt.— Pf. u 11 7 u7—„ 1— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6., Schadenersatz. 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Fröhlich ſchwirrten die Schwalben um die Mauern der alten Burg, die in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wie vergoldet glänzten, auf den leichten Wellen des Stromes wiegte ſich das Bild der ſchei⸗ denden Sonne, das Summen der Inſekten, die Harmonien der lieblichen Sänger des Hains, kurz Alles umher rief zum frohen Genuſſe der Natur auf. Für Konrad, den Grafen von der Wetter⸗ burg, den Bewohner dieſer alten Veſte, war dieſer Aufruf zur Freude vergebens. Sein Herz nährte tiefen Gram und jahrelangen Schmerz; Monden und Jahre flohen vorüber, Sommer und Winter wechſelten ihren ewigen Kreislauf, und die alternde Zeit ſenkte ſo manche Sorge und Klage in Vergeſſenheit, doch Konrad's Schmerz blieb immer neu, und unaufhörlich blutete die Wunde, welche Bos⸗ heit und Argliſt ſeinem Herzen einſt ſchlugen. Traurig ſaß er jetzt an der Seite ſeiner geliebten Adelheid, des einzigen ihm übrig gebliebenen köſtlichen Schatzes von drei Pfän⸗ dern der Liebe. Vergebens ſuchte die holde Tochter durch Saitenſpiel und Geſang den Gram des geliebten Vaters zu verſcheuchen und die Falten des tiefen Kummers auf ſei⸗ ner Stirne zu ebenen. Düſter ſtarrte ſein thränenſchweres Auge hinaus in die Gegend, und ſeine bangen Seufzer ſchmolzen in die Accorde der lieblichen Sängerin. Tief traf ihn einſt des feindlichen Miß⸗ geſchickes ſchwere Hand. Sein ganzes Glück und ſein Stolz waren zwei Söhne, die er mit — aler Zärtlichkeit des glücklichen Vaters um aßte; ſein größter Reichthum war ein gutes ßte; größ ein g treues Weib, doch all ſein Glück und ſeine Freude ſank vernichtet dahin, und endlos war ſein Schmerz. Als er einſt an einem heitern Wintermorgen, zur Eberjagd gerüſtet, mit den geliebten Söhnen ausziehen wollte, war⸗ 4 tete er vergebens ihrer Ankunft; vergebens rief er ihre Namen, vergebens ließ er ſie in der Gegend ſuchen. Als er endlich in dem Geleite ſeiner Getreuen den Forſt nach ihnen durchſtreifte, fand er die Geliebten im Dickicht ermordet, und doppelt ſchlug dieſer harte Schlag den Armen zu Boden, als er in dem blutenden Buſen der Ermordeten zwei Dolche fand, die er an den eingeätzten Namen für das Eigenthum eines Freundes erkannte. Fruchtlos blieb ſein Bemühen, dieſen Fre⸗ vel zu ſtrafen, der treuloſe Freund war ſeiner Rache entronnen, und um den tiefen Schmerz in ſeinem Innern zu tödten, riß Konrad ſich gewaltſam los aus den Armen der weinenden Gattin, der flehenden Tochter, und verließ 9 die Burg ſeiner Väter und die deutſchen Flu⸗ ren, um unter Kaiſer Konrad's ſiegreichen Fahnen im Morgenlande zu fechten. Das Gwühl der Schlacht und die Un⸗ ruhen des Krieges betäubten allmählig ſeinen Schmerz, an dem heiligen Grabe fand er den entflohenen Frieden ſeines Herzens wieder, und mit ihm erwachte auch in ſeiner Bruſt der heiße Wunſch, in ſeine friedliche Heimat zurückzukehren, und Weib und Tochter nach langer Trennung wieder zu umarmen. Sein Wunſch reifte zum Entſchluß und dieſer zur That. Mit den Lorbeeren des Ruhms und des Siegs kam der Held in das deutſche Vaterland zurück, voll freudiger Rüh⸗ rung begrüßte er die bekannten väterlichen Fluren, und die zärliche Sehnſucht nach Weib und Kind gab ſeiner Eile Flügel. Er ſah ſeine Burg, doch vergebens ſpähete ſein forſchender Blick nach den Geſtalten ſei⸗ ner Lieben umher, vergebens lauſchte er an dem hintern Pförtchen der Burg, als des Thurmwächters Trompetenſtoß ſeine Ankunft 3** — — —= * 9 verkündete, daß ſein geliebtes Weib an dem Arme der Tochter ihm zum frohen Willkom⸗ men entgegeneilen würde. Die Burg ſtand öde und wie verwaiſt, und als er jetzt mit zärtlicher Ungeduld den Felſenpfad hinauf⸗ eilte, um Weib und Kind angenehm zu über⸗ raſchen, da trat die geliebte Adelheid im Trauerkleide ihm entgegen, und ihre bleiche Wange, ihr thränendes Auge ſchlug ſeine Freude mächtig darnieder. Der Frevel ſataniſcher Bosheit hatte ſein Werk vollendet, und ſchon ſeit mehxeren Mon⸗ den ſchlummerte die treue Hausfrau an der Seite ihrer geliebten Söhne in der Felſen⸗ gruft. Verwaiſt und mutterlos fand Konrad die holde Tochter wieder, und mit neuer Größe kehrte ſein wüthender Schmerz in ſein Herz zurück, um ihm eine Zukunft voll Grauen und unverſiegbaren Kummer zu öffnen. Die Tröſtungen der Religion und die Liebe ſeiner guten Tochter milderten zwar endlich ſeinen tiefen Schmerz, aber gänzlich zerſtreuen konnten ſie ihn nicht; er war in ſtille Weh⸗ 10 muth übergegangen; dieſe miſchte ſich in jede ſeiner Beſchäftigungen, und trübte ihm jeden Tropfen aus dem Becher der Freude. Sein Schmerz war dem guten Konrad werth geworden, er fand ſogar ſein Vergnü⸗ gen darin, ſeinen Gram zu nähren, und nur die kindliche Liebe und Anhänglichkeit ſeiner theu⸗ ren Tochter, ihr eifriges Beſtreben ihm Freude zu machen, war jetzt ſein einziger Troſt. Traurig ſaß er jetzt, von der Abendröthe mildem Glanze umfloſſen, an Adelheids Seite, und lauſchte auf die ſanft hinſchmelzenden Töne ihrer Melodieen. Liebevoll ſchloß er ſie in ſeine Vaterarme, als die holde Sängerin ihr ſüßes Lied vollendet hatte.„Nicht lange mehr,“ redete er ſie an,„wird, theueres Kind, Dein ſüßes Spiel ſanfte Tröſtung meinem trauernden Herzen zuflüſtern. Ich ahne die nahe Vollendung, und mein Geiſt ſeufzt voll heißer Sehnſucht, daß dieſe Ahnung bald zur Wirklichkeit reifen möchte. Wie gern werde ich mein Haupt zu dem ewigen Schlum⸗ mer neigen, der meinen Leiden Vergeſſenheit bringen ſoll, könnte ich Dich, meine geliebte Adelheid, die ich verwaiſt zurüücklaſſe. nur glücklich und verſorgt wiſſen.“ Mit Thränen der Wehmuth und tiefer Traurigkeit ſchmiegte ſich Adelheid feſter an den Buſen des geliebten Vaters.„Sieh die⸗ ſes ſchöne ſegenreiche Land,“ fuhr Konrad fort,„ſieh dieſe blühenden Auen, ſo weit Dein Auge reicht, iſt dieſe Landſchaft Dein Eigen⸗ thum, wenn ich von Dir ſcheide. Aber der Beſitz derſelben wird kein Glück für Dich ſein, und all dieſer ſegenreiche Ueberfluß läßt Dich arm und freudenleer, wenn Du ihn nicht in dem Arme glücklicher Liebe genießeſt. Tiefer als Worte es auszudrücken vermöchten, muß Dein Herz es fühlen, daß nur die Liebe und Freundſchaft das wahre Glück der Erde beſtimmen und den Werth des Lebens erhöhen. Kröne daher bald den langgenährten heißen Wunſch meines bekümmerten Vaterherzens, laß mich bald an der Seite eines geliebten Gatten Dich glücklich ſehen! Das allein würde mich noch einmal am Grabe verjüngen. Ich würde mein Leben auf's neue, glücklicher in dem Kreiſe Deiner Kinder, aufdämmern ſehen, wußtſein Dich glücklich zu wiſſen, entſchlum⸗ mern. Sieh mich an, liebe Tochter, ſage mir: hat Dein Herz noch nicht gewählt? ſchlägt es noch für keinen Mann dieſer Gegend voll Liebe?“ 1 Adpelheid ſchwieg überraſcht und verlegen ſtill, und ſuchte ihre glühende Wange an dem Buſen des Vaters zu verbergen. In ihren geſenkten Blicken, in ihrem Erröthen las der beobachtende Blick des Vaters das Geſtändniß deſſen, was Adelheid's Mund nicht zu beken⸗ nen wagte, und mit freundlichem Händedruck fuhr er fort:„Ich dringe nicht weiter in Dich: Dir allein bleibt die Wahl Deines künftigen Gatten überlaſſen. Die Reinheit Deines Her⸗ zens und ſein Edelmuth bürgen mir für die Vortrefflichkeit Deiner Wahl. Wähle daher ganz nach Deinem Herzen, ich werde Deine Wahl gern billigen, nur wähle nicht meines unnd freudiger dann am Ziele, in dem Be⸗ Hauſes Feind. Wenn aber, gutes Kind, — 13 Dein Herz bis jetzt noch frei und wirklich unangefochten von den Reizungen der Liebe blieb, wenn es noch ſchwankt in der Wahl, wenn Du alsdann einen gut gemeinten vä⸗ terlichen Rath achten und mich ganz glücklich machen wollteſt, ſo richte Deine Aufmerkſam⸗ keit auf den erſten Freund Deines Vaters, auf den edlen Grafen Urach den Wilden, der alle Vorzüge und Tugenden des Mannes und Ritters in ſich vereinigt, der wie eine Ceder auf Libanon über das niedrige Gebüſche im Thale, durch Tugend, Edelſinn und Tapfer⸗ keit über unſere ganze Ritterjugend empor⸗ ragt, dem hohe Achtung, Ruhm und Bewun⸗ derung von Alt und Jung im vollſten Maaße gebühren. Jedoch nicht die ihm ſchuldige Ach⸗ tung und Liebe allein, ſondern noch weit mehr zwingt mir den Wunſch ab, ihn durch Dich glücklich zu ſehen. Du weißt es ſelbſt, wie ſchwer ich mich. durch den ſchrecklichſten Ver⸗ dacht, womit ich ihn verfolgte, an den Edeln verſündigt habe; und dennoch konnte dieſes ſeine Freundſchaft für mich nicht mindern. Er blieb mein erſter Freund, und mehr noch als dies, ehre ich in ihm auch den Schützer, den Retter meines Lebens; denn wie oft hat er in blutiger Schlacht durch ſeinen ſtarken Arm mein Leben mir erhalten, wenn das Schwert des Feindes ſchon über mir gezückt war. Mein trautes Kind, wie glücklich wäre ich, wenn Dein Herz in den Wunſch meines In⸗ nern einſtimmte, dieſe Schuld des Vaters dem edlen Urach abzutragen. Nur durch Dich, meinen größten köſtlichſten Schatz, kann ich den Freund, der für mich dem Tode entgegen ging, um Dir den Vater zu erhalten, nach Würden lohnen; denn ich verhehle es Dir nicht länger, daß er Dich zärtlich liebt, und ſein ganzes Glück auf die ſüße Hoffnung Dei⸗ ner Gegenliebe baut.“ Voll tiefem Schmerz vernahm Adelheid die liebevolle Rede ihres Vaters, und beſtürmt von dem fürchterlichſten Drange verworrener Gefühle hob ſich ihr Buſen empor. Mit un⸗ geſtümer Wildheit ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Nacken, und ihre Lippen brannten in 1 2 15 einem glühenden Kuſſe auf den ſeinigen.„Euer Glück! theuerer Vater!“ ſtammelte ſie, aiſt mein größter Wunſch, gern würde ich dieſem Alles, was mir theuer iſt, aufopfern, und mein Glück in dem Euren finden.“— Ein Thränenſtrom unterbrach ihre Worte, und lautſchluchzend weinte ſie an dem Halſe des beſten Vaters. „Nein, holde Tochter!“ erwiderte Konrad, „aufopfern ſollſt Du meinem Wunſche nichts, wenn dieſes Opfer Dich ſelbſt nicht glücklich macht. Doch ſprich, mein Kind, was iſt Dir, wie ſoll ich mir die Heftigkeit Deiner Bewegungen und dieſe Thränen deuten?“ „Laßt mir Zeit, mein Vater, mit meinem Herzen eins zu werden,“ erwiderte Adelheid, und verbarg ihr Geſicht an ſeinem Buſen. Mit ängſtlicher Verlegenheit ſahe ſie den fer⸗ nern Fragen ihres Vaters entgegen, die ſie um keinen Preis der Wahrheit gemäß mit Aufrichtigkeit beantworten durfte; doch ein glücklicher Zufall befreite ſie von dieſer Ver⸗ — legenheit. Der Wächter ſtieß in's Horn, und meldete die Ankunft eines fremden Ritterr. Dieſe Botſchaft trennte den Faden der Unterhaltung zwiſchen Vater und Tochter, in⸗ dem der Graf ſich anſchickte, den Gaſt zu empfangen. Die Thüre öffnete ſich, und herein trat der Fremde in ſchwarzer Rüſtung; ein Buſch ſchwarzer Federn wogte von ſeinem Helm herab, und auf dem ſchwarzen Schild erblickte man eine Hand, die aus einer Wolke herab den Dolch nach einem Herzen zückte. Mit großer goldner Schrift umgaben dieſes dunkle deutungsvolle Bild die Worte:„Die Rache ſchleicht, doch erreicht ſie den Verbrecher gewiß.“ Von Verwunderung gefeſſelt ſtand der Graf, und ſtaunte den Fremdling an, der in ſeiner ſchwarzen Waffenkleidung, dem Genius der Rache gleich, vor ihm ſtand.„Die Rache ſchleicht!“ wiederholte Konrad mit halblauter Stimme in heftiger Bewegung, das Auge auf die Schrift des Schildes geheftet,„die Rache ſchleicht! doch erreicht ſie den Verbrecher * — — — 8 17 gewiß!“—„und ſtraft den Meuchelmord!“ fiel der Fremde haſtig ein, mit einer Heftig⸗ keit, daß Schild und Panzer klirrten.„Sie ſchläft!“ fuhr Konrad bitter fort,„ſie ſchläft und ſtrafet nicht, mein Schickſal ſtraft dieſe Worte Lügen.“ Jedoch beſann ſich Graf Konrad, indem er ſich ſammelte und dem ſchwarzen Ritter die Hand zum Willkommen reichte.„Verzeiht dem tiefgebeugten Vater,“ redete er den Fremdling an, wenn die Erinnerung an vergangene Lei⸗ den, die Euer Anblick und dieſer deutungs⸗ volle Schild in ihm erneuerte, ihm in Euch einige Augenblicke den Gaſt vergeſſen ließ. Dieſer Händedruck ſage Euch, daß Ihr mir willkommen ſeid.“ Er winkte einigen Knappen, den Gaſt zu bedienen und ihn von der ſchweren Rüſtung zu entkleiden. Jedoch neues Erſtaunen ergriff den Grafen, als der ſchwarze Ritter jetzt der Waffenkleidung entledigt vor ihm ſtand, und er in ihm einen Greis erkannte, deſſen ehr⸗ würdiges Silberhaar, doch mehr noch die tie⸗ Errſte Serie. VII. Band. 2 — — fen Furchen des Kummers auf ſeiner Wange, 1 unwillkürlich Ehrfurcht und Achtung für ihn einflößten. Konrads Herz ſchmolz in die ſanf⸗ ten Gefühle des Mitleids und der Freund⸗ ſchaft.„Deute ich recht, was dort in jenem Stahl und hier auf Eurer bleichen Wange eingegraben ſteht,“ redete er den Gaſt an, in⸗ dem er ihm traulich die Hand ſchüttelte,„ſo laßt mich in Euch einen Unglücksgefährten umarmen; denn auch mich traf des Unglücks ſchwere Hand, die Euch vielleicht zu Boden drückte, auch dieſe Locken hat der Gram früh⸗ zeitig und mehr als das Alter gebleicht.“ „Wohl habt Ihr richtig auf dieſer Stirne geleſen,“ erwiderte der Gaſt,„erkennt in mir einen Unglücklichen, den ein ſchreckliches Miß⸗ Feſchick, den ſataniſche Bosheit höchſt elend . Jedoch ſo langſam auch die Rache ht, ſo fehlt ſie nie und ereilt den Frevler gewiß.“ Nichts bindet die Herzen ſchneller und feſter zuſammen, als gemeinſchaftliches Un⸗ glück; das fühlte jetzt auch Graf Konrad, in⸗ 8 dem er ſich unwillkürlich voll Freundſchaft nach dem Fremdling hingezogen fühlte. Trau⸗ lich ſaß er an der Seite des Gaſtes, und er⸗ leichterte ſein tiefgebeugtes Herz durch die Erzählung ſeiner Leiden. Theilnehmend hielt ihn der Fremdling umfaßt, und ſein ſanftes Auge ſchwamm in Thränen des innigſten Mitgefühls bei Konrads Erzählung. Doch ſchnell riß er ſich aus des Grafen Armen em⸗ por, als dieſer Wehe über den Mörder ſeines Weibes und ſeiner Kinder, Tod und Ver⸗ derben über Rudolph von Adlerhorſt ausrief, und mit beflügelter Stimme rief er aus: „Graf, flucht Rudolph nicht! Ihr ſeid vom Irrthum bethört! Rudolph war kein Böſe⸗ wicht, er trug nſhuldia den Schein von jener Frevelthat! Wißt es, der Mörder Eurer Kin⸗ der iſt auch der Fkinfr meiner Ehre, meines Glücks, und ihm, ihm allein gilt jenes den⸗ tungsvolle Bild auf meinem Schild⸗ für ihn iſt jener Dolch der Rache gezückt.“ „Erklärt Euch deutlicher,“ erwiederte Kon⸗ rad, indem er den Gaſt verwunderungsvoll 2*† anſtaunte,„ſoll ich Euren Worten trauen, ſo überzeugt mich von meinem Irrthum.“ „Das darf ich nicht,“ fiel ihm der Fremd⸗ ling ein,„mit meiner Ritterehre verbürge ich Euch die Wahrheit meiner Worte, und wieder⸗ hole es Euch: Ihr ſchwebt in einem fürchter⸗ lichen Irrthume, Rudolph von Adlerhorſt trägt unſchuldig den Schein von fremder Schuld. In frecher Ruhe und Sicherheit lebt der Mör⸗ der Eurer Kinder und meiner Ehre verborgen, und freut ſich ſeines gelungenen Frevels. Ewig wird ſein Name in meinem Herzen glühen, bis der Durſt nach Rache gelöſcht iſt, aber nennen darf ich ihn Euch nicht, denn ein fürchterlicher Eid hält meine Zunge gefeſſelt. Laßt Euch jedoch das nicht kümmern, die Rache ſchleicht, doch trifft ſie ſicher, und hat ſie einſt den ſichern Böſewicht erreicht, dann ſollt Ihr ſeinen Namen wiſſen und Euren Irr⸗ thum bereuen. Nur flucht dem unglücklichen Rudolph nicht!“ 1 Gefliſſentlich brach der Gaſt dieſes Ge⸗ ſpräch ab, und um Konrads etwaigen Fragen auszuweichen, die er doch nicht der Wahrheit 5 getreu beantworten konnte, lenkte er ſogleich auf einen andern Gegenſtand der Unterhal⸗ tung ein, der die Aufmerkſamkeit ſeines Wir⸗ thes in einem beſondern Grade erregen mußte. „Ich komme jetzt von Regensburg,“ be⸗ gann der unbekannte Fremdling.„Es kann Euch, wackrer Freund, nicht unbekannt ſein, daß der Kaiſer dort ein glänzendes Turnier hielt; mich führte blos der Zufall auf meinem Zuge dahin, und ich kam erſt an dem letzten Tage daſelbſt an, wo der dritte Preis dem Sieger ausgetheilt werden ſollte. Als fremder Ritter, der zum Kampf und Spiel nicht ein⸗ geladen war, miſchte ich mich nur unter das Gedränge des Volks, und rief, indem ich mich an dem Anblicke der Pracht und ritterlichen Freude ergötzte, das ſüße Angedenken an die Tage meiner Ingend und an manchen er⸗ kämpften Ritterpreis in meine Seele zurück; doch plötzlich ſtörte ein Geräuſch in dem Ge⸗ wühle des Volks meine Selbſtbctrachtung. Ich blickte auf und in ſchwarzer Rüſtung trat ———— — — — — 18 8,3 4— ——— ein unbekannter Ritter von ungewöhnlich hohem Wuchs und kraftvollem Anſehen mit geſchloſſenem Viſire kniebeugend vor den Kaiſer. Aller Augen waren auf den Fremdling ge⸗ richtet, und eine tiefe Stille herrſchte rings umher, als er zu reden begann. „Lange lebe Konrad, der Gerechte, der Beſchützer der Unſchuld!“ wandte ſich der Ritter mit ehrfurchtsvoller Geberde zu dem Kaiſer.„Er verzeihe dem Fremdling, den der Glaube an des Kaiſers Gerechtigkeitsliebe ſo kühn macht, dieſes Feſt zu unterbrechen und dieſen um Hülfe und Schutz anzuflehen.“ Der Kaiſer winkte mit gnädigem Blick ihm zu und befahl ihm zu reden. Der Fremdling fuhr fort: „Graf Alboin, ein welſcher Rittersmann und mein Freund, kam einſt auf einem Zuge durch Euer Reich in eine Ritterburg. Der Hausherr nahm ihn freundlich auf, doch freund⸗ licher noch die ſchöne Tochter deſſelben. Von ihren Reizen ward bald das Herz meines Freundes gefeſſelt; der Liebe ſüße Macht riß 23 ihn unwillkürlich nach der holden Jungfrau hin, er bat um Gegenliebe und erhielt ſie. Mein Freund verbarg dem Vater keineswegs, was ſein Herz für ſeine ſchöne Tochter fühlte; er ſelbſt machte ihn zum Vertrauten ſeiner Liebe. Graf Alboin war reich an Gold wie an Verdienſt und jeder Rittertugend, kein Fürſt durfte ſich ſchämen, ihn Sohn zu nen⸗ nen; er bat den deutſchen Mann um die Hand ſeiner ſchönen Tochter, der ſagte ſie ihm zu, ſegnete den Bund der beiden Liebenden, und geſtärkt durch die ſüße Hoffnung ſeines nahen Glücks, zog mein Freund von da mnen. Im Fluge kehrte er in kurzer Zeit zurück, um ſeine Braut als Gattin heimzuführen und ſein Glück zu krönen; doch hört es, erlauchter Herr! vernehmt es, deutſche Ritter: der deutſche Mann brach Wort und Schwur, verſchloß dem Edeln ſeine Burg, und verweigerte ihm mit frechem Hohngelächter die verſprochene Braut. Zu edel, als an dem Manne Rache zu üben, den die geliebte Jungfrau Vater nannte, zog Alboin dahin, doch der tiefe Gram, “ — — 24 der an ſeinem Herzen nagte, zerſtörte die Blüthe ſeiner Geſundheit und ſeiner Kraft, und ſtürzte ihn ins Grab. Ich war der Zeuge, der Ver⸗ traute ſeiner Leiden, und feierlich weihte der Edle, ehe er ſtarb, mich zu ſeinem Rächer. In ſeine Rechte legte ich das Gelübde der Rache; voll Zuverſicht auf dies Verſprechen ſtarb mein Freund und jetzt erſchein ich hier vor dieſes Thrones Stufen, um mein Gelübde zu löſen, und Klage gegen den treuloſen, ver⸗ rätheriſchen deutſchen Mann zu führen. Ver⸗ gönnet mir, gerechter Kaiſer, daß ich dieſe Anklage mit meinem Schwert beweiſen, daß ich mit dem Beleidiger für meinen hinge⸗ ſchiedenen Freund kämpfen und dieſen rächen darf.“ „Der Kläger ſchwieg, dichter zogen ſich die Ritter um ihn her, in ihren Blicken glühte Rache und Verderben über den Angeklagten, und ihre Bitten unterſtützten das Geſuch des klagenden ſchwarzen Ritters. Von dem Ge⸗ ſchrei der Menge überſtimmt, bewilligte der Kaiſer dem Kläger das verlangte Kampfgericht, — —— 25 mit dem Befehl, den Namen des Beſchuldig⸗ ten zu nennen; und, hört es Graf, der Kläger nannte Euren Namen.„Graf Konrad von der Wetterburg, rief er mit ſtarker Stimme, iſt es, über den ich Wehe und Verderben ſchreie; er iſt es, der durch Verrath und Wortbrüchigkeit den deutſchen Ruhm beſudelt und meinen Freund gemordet hat.“ Wie vor einem plötzlichen Blitz am heitern Himmel der Wanderer zurückbebt, ſo bebte jetzt der edle Greis Konrad zurück. Von Entſetzen gelähmt, ſtarrte er den fremden Gaſt an, doch ſchnell kehrte ſeine Beſonnenheit in ihm zu⸗ rück, glühend vor Grimm ſprang er auf, daß der Boden dröhnte, in faſt hörbaren Schlägen ſtürmte ſein Herz gegen die Bruſt, und die Wuth über dieſen unverſchuldeten Schimpf, den ein Nichtswürdiger vor der ganzen ver⸗ ſammelten Ritterſchaft ſeinem edlen Namen und ſeiner unbeſcholtenen Tugend zufügte ſchien mit neuer jugendlicher Kraft den Greis zu erfüllen.„Verdammter Lügner!“ ſtam⸗ melte er ſchäumend vor Wuth, indem er ſeinen .. 26 Knappen rief, ihm Schwert und Panzer zu bringen, und ſein Streitroß zu ſatteln, um ſogleich gen Regensburg zu eilen und Rache an dem Verruchten zu üben. „Laßt das, Herr Graf,“ rief ihm ſein Gaſt mit beruhigendem Tone zu,„und könntet Ihr ſchneller als ein Gedanke der Rache ſelbſt hin nach Regensburg fliegen, Ihr kämet dennoch zu ſpät.“ „Zu ſpät?“ knirrſchte Konrad, doch mit ruhiger Geberde unterbrach ihn der Gaſt: „Seid ruhig Graf, Gott hat bereits entſchie⸗ den. Im blut'gen Kampfe ward der freche Böſewicht entlarvt, und rein wie des Aethers ſchönes Blau glänzt Eure unbeſcholtene Tu⸗ gend und Eure Unſchuld wieder!“ „ Erklärt mir dieſes Räthſel,“ fiel ihm Konrad ein, indem ſich die tiefen Furchen des Zornes allmählig auf ſeiner Stirne ebneten, „im Kampfe ward der Böſewicht entlarvt und meine Unſchuld gereinigt? war es ſo?“ „So ſagte ich,“ fuhr der Fremdling fort, erlaubt, daß ich meine Erzählung Euch vollende. — 27 Kaum war der Name Konrad von der Wetter⸗ burg den Lippen des anklagenden Fremdlings ertönt, da trat ein junger Ritter mit zorni⸗ ger Geherde, furchtbar wie ein Engel des Gerichts, durch die dichtgedrängten Reihen der Edeln hervor, und donnerte dem Kläger mit beflügelter Stimme zu:„Verkappter Böſewicht, Du lügſt! Vor Gott und meinem Kaiſer und Euch, Ihr Edeln des Reichs, ſag ich hier laut: Graf Konrad brach noch nie ſein Wort, Verläumdung, freche Lüge iſt es, was dieſer Böſewicht den Edeln beſchuldigt, und was ich hier behaupte, bin ich bereit, mit dieſem mei⸗ nem Schwerte zu beweiſen. Hier liegt mein Handſchuh, nimm ihn auf, Nichtswürdiger, wenn das Wappen auf Deinem Schilde nicht eben ſo wie Deine frevelnde Zunge lügt!“ „Mit frechem Hohn nahm der Kläger den hingeworfenen Handſchuh Eures Freundes von dem Boden auf, und ſeine wiederholten Schmähungen gegen Euch und den edelmüthi⸗ gen Vertheidiger Eurer Unſchuld empörten alle Ritter. Ein düſteres Murmeln lief durch —* 8 3. 8 ————— — 7 — 28 den dicht gedrängten Kreis der Edeln, und löſte ſich in das ſtürmiſche Begehren gegen den Kaiſer auf: das Kampfgericht ſogleich zu ordnen. Der Kaiſer ſchien ſich anfangs da⸗ gegen zu ſträuben, doch endlich gab er den überſtimmenden Bitten der Menge nach. Der Kampf begann. Rieſe gegen Rieſe ſtanden die Kämpfenden gegen einander, ſauſend theil⸗ ten die Schwerter die Luft und krachten Schlag auf Schlag auf Helm und Schild. Lange dauerte ſchon der Kampf, ſchon färbte das hervorſtrömende Blut die Waffenrüſtung der Kämpfer, und immer noch unentſchieden ſchwankte der Sieg, immer hitziger wurde der Kampf. Schon zagte ich und alle Ritter für Euren edelmüthigen Vertheidiger, der ſchwächer und immer ſchwächer gegen den Schwarzen und ſeine kraftvollen Schwerrſtreiche ſich zu ver⸗ theidigen ſchien; doch endlich neigte ſich plötz⸗ lich der Sieg auf die Seite Eures Freundes, ſein Gegner fiel. In einem Schweriſtreich ſchien Euer Freund ſeine ganze dahinſinkende Kraft noch einmal zu ſammeln, krachend fiel 29 er auf des Gegners Haupt, er ſank zu Bo⸗ den, und das gezückte Schwert des Siegers ſchwebte über ihm, um ihm den Todesſtoß zu geben.„Seid menſchlich!“ flehte der Ueber⸗ wundene im Staube,„ſchenkt mir das Leben, und gern widerrufe ich vor allem Volk, was meine Zunge gedungen log; laßt mir das Leben, edler Feind! undegern bekenne ich Alles, was zu der Läſterung gegen den ſchuldlos Angeklagten mich vermochte.“ „Wohlan!“ rief der Sieger ihm zu, in⸗ dem er ihn vom Boden aufrichtete,„bekenne hier vor Gott und unſerm Kaiſer, vor dieſen edeln Rittern und vor allem Volk, daß Deine Anklage Läſterung und Lügen war, bekenne, was zu dieſem Frevel Dich verleitete, und ich ſchenke Dir das Leben!“ „Eine tiefe Grabesſtille lag über der Menge verbreitet, jedes Ohr lauſchte auf das Bekennt⸗ niß des Fremdlings und kein lauter Athem⸗ zug unterbrach das tiefe Schweigen der lau⸗ ſchenden Menge. „Vernehmt es Alle!“ begann der Ueber⸗ 36 wundene,„Graf Konrad von der Wetterburg iſt rein von aller Schuld, die ich ihm boshaft andichtete. Ich war gedungen, ihn öffentlich des Meineids zu beſchuldigen, ſeine holde Tochter, die ſchöne Adelheid, und die Hälfte ſeiner Habe war mir als Preis für dieſes Bubenſtück verheißen. Im ſtolzen Uebermuthe vertraute ich der Stärke meines Armes, aber der Himmel iſt gerecht, er hat entſchieden, und reuevoll lieg ich hier vor Euch, mein gnädiger Kaiſer, und flehe zu Euch empor: laßt mich zu dem Altare führen, um dort durch das heilige Sakrament mein Herz von dem furcht⸗ baren Eide zu entbinden, der mich verpflichtet, den Namen des Böſewichts zu verſchweigen, der mich zu dieſem Bubenſtück gedungen hat!“ „Noch lag ein tieſes Schweigen der Ueber⸗ raſchung und des Erſtaunens über der Ver⸗ ſammlung verbreitet, als plötzlich aus dem Gewühle ein Ritter mit hochgeſchwungenem Schwerte hervorſtürzte.„Wie kann ein ſolcher Böſewicht noch Nachſicht und Vergebung hof⸗ fen?“ rief er aus.„Er, der es wagt, den edeln Konrad von der Wetterburg zu ſchänden; zur Hölle mit dem Nichtswürdigen!“ und in dem⸗ ſelben Augenblick lag Jener blutend zur Erde hingeſtreckt. Schnell ſprangen zwar die Wärtel des Kampfgerichts und die ſämmtlichen Ritter herbei, dem Fremden zu Hülfe zu eilen und den Todesſtoß von ihm abzuhalten, aber es war zu ſpät.“ „Verruchter Mönch!“ rief dieſer ſterbend mit ſtammelnder Zunge,„Du haſt mich über⸗ liſtet, dieſer Todesſtreich iſt Dein Werk! Fluch und Wehe über Dich!“ und hierauf ſchloß der Tod ſeinen Mund auf ewig. „Alles drängte ſich voll Erbitterung nach dem Mörder hin, und ohne Weigern ließ er , ſich vor den Kaiſer führen.„Ich war zu 3 raſch!“ vief er demüthig aus,„allein verzeiht, mein gnädiger Kaiſer, meine raſche That, mein Zorn war gerecht, die freche Läſterung gegen den edelſten deutſchen Mann beflügelte meinen Arm zur Rache, und raubte mir die kalte Ueberlegung. Nur der, welcher nicht für Recht und Edelmuth als edler deutſcher Ritter · A 32 glüht, kann meiner Rache raſche That ver⸗ dammen!“. „Dies half dem Mörder durch; denn laut wiederholte er mit einem feierlichen Schwure, daß nur gerechter edler Zorn zu dieſem Morde ihn verleitet habe, und der Kaiſer ſprach ihn von der wohlverdienten Strafe frei und hieß ihn in Frieden ziehen. Doch glaubt mir, Graf, der Kaiſer ward durch Gleisnerei be⸗ thört, der Mörder war gewiß ein Mitgenoſſe deſſen, der den Ermordeten zu jenem Buben⸗ ſtück gegen Euch gedungen hatte, und darum eilte er ſo ſehr, ihn dem Tode zu weihen, ehe ſein Mund, von dem Eide entbunden, den Namen des verſteckten Böſewichts verrathen konnte. Gern hätte ich dem Kaiſer und der Ritterſchaft die Augen geöffnet, aber auch mei⸗ nen Mund verſchließt ein furchtbar ſchrecklicher Eid, von dem mich nur der Tod entbinden kann, alsdann, edler Graf, ſollt Ihr mit Schaudern und Entſetzen leſen, was meine Lippen jetzt Euch verſchweigen müſſen. Doch werdet Ihr begierig ſein, den Namen des 33 edeln Freundes zu wiſſen, der Euch von aller Schuld ſo kühn und tapfer gereinigt hat.“ „Mein Herz hat ihn mir ſchon genannt,“ fiel Konrad dem Gaſte ein,„denn nur mein Freund, der oft ſo willig ſchon mit ſeiner Bruſt im Kampfe mich deckte, konnte ſo frei⸗ müthig als kühn die Vertheidigung und Ret⸗ tung meiner gekränkten Ehre übernehmen. Dieſen Becher dem edeln Urach dem Wilden, dem unnachahmlich großen, edelmüthigen Manne, dem Stolze unſerer Ritterſchaft! Hoch lebe Urach der Wilde! der Retter meiner Ehre!“ „Ja, Graf!“ rief der Fremdling aus und ſtieß den ſchäumenden Becher an.„Ihr habt den Retter Eurer Ehre, Eurer Unſchuld er⸗ rathen. Hoch lebe der edle Urach, zum Ruhm und zum Segen des Vaterlandes!“ „Und zum Segen für mich!“ unterbrach ihn Konrad,„denn Heil mir! ich werde ihn Sohn nennen, und in den Armen des gelieb⸗ ten Sohnes und der holden Tochter auf's neue Erſte Serie. VII. Band. 3 —— 4 34 mich verjüngen! Trinkt, edler Gaſt, mit mir auf das Wohl des neuen Paares!“ Die Freude und der Wein ſchlug jede trübe Rückerinnerung in Konrads Seele nie⸗ der, hinweggeſchwunden ſind alle Schreckbilder der Vergangenheit. Mit trunknen Blicken ſieht der edle Greis in die Zukunft, die ſo ſchön, ſo ſegenvoll ſich für ihn zu öffnen ſcheint, und gern theilt ſein Gaſt das Entzücken, das ſich ſo beredt in dem Auge des edeln Greiſes ſpiegelt. Raſch werden die Pokale geleert und gefüllt und wieder geleert, bis endlich im Oſten der Morgen empordämmert, und die fröh⸗ lichen Zecher berauſcht von Wonne und von der Rebe beglückendem Tranke dem Lager zu⸗ wankten. Noch wiegte ſich Konrad auf ſeinem Lager in den goldenen Träumen einer glücklichen Zukunft, die ihm der Schlummergott vor⸗ gaukelte, als Adelheid nach einer bang durch⸗ ſeufzten Nacht mit thränenvollem Auge den 35 freundlichen Morgen begrüßte, der ſich ſanft und mild in die Thäler herabließ, und an der Seite ihrer Vertrauten, ihrer Zofe Ber⸗ tha, verließ die holde Jungfrau jetzt die vä⸗ terliche Burg, um in dem nahen Nonnenklo⸗ ſter durch Andacht und Gebet ihr ſchwer be⸗ laſtetes Herz zu erleichtern. Die Thräne, die in Adelheids Ange glänzte, verrieth der treuen Bertha den Kum⸗ mer, der ihr armes Herz belaſtete.„Ihr weint, traute Adelheid?“ unterbrach Bertha das Still⸗ ſchweigen,„ſchon ſeit geraumer Zeit habe ich mit tiefem Schmerz es gewahrt, daß Euch ein ſtiller Gram an dem Herzen nagt. Darf Euere treue Bertha nicht wiſſen, was es ſei, das den ſüßen Frieden Euer er Seele trübt? O zögert nicht, Euch mir anzuvertrauen, Ihr kennt mein Herz, es iſt ohne Falſch, und liebt Euch mit unverſtellter Redlichkeit. Die Mittheilung un⸗ ſerer Leiden, an dem Herzen des Freundes, iſt ſüßer Balſam für die Wunden unſers Innern. Drum ſprecht, gute Adelheid, und nennt mir die Urſache Eures Grames.“ 3* 36 Laut ſchluchzend warf ſich die gute Adel⸗ heid in die Arme ihrer theilnehmenden Freun⸗ din.„Ja,“ rief ſie weinend aus, nhier an dieſem Herzen will ich Troſt und Erleichterung meines Kummers ſuchen. O weine mit mir, traute Bertha! ich bin ſehr unglücklich, und eine Zukunft voll Schrecken grauſt mir ent⸗ gegen.“ 3 „Erklärt Euch deutlicher,“ erwiederte Ber⸗ tha, indem ſie die geliebte Adelheid mit Innig⸗ keit an ihr Herz drückte;„ich faſſe den Sinn Euerer Worte nicht. Ihr nennt Euch un⸗ glücklich?“ „Ich bin es! Mein Vater dringt auf's Neue mit Bitten in mich, mir einen Gatten zu wählen; bedarf es wohl noch mehr, um mich unglücklich zu fühlen?“ „Wie kann ein ſolch Verlangen Such äng⸗ ſtigen, das nur Euer Glück gründen ſoll?“ „Haſt Du vergeſſen, Bertha, daß mein Herz ſchon gewählet hat, und daß dieſer Wahl mein Vater fluchen müßte? Hat er nicht meinem Herrmann ewigen, unverſöhnlichen Haß und Feindſchaft geſchworen? Noch geſtern bat mich der edle Vater, wenn mein Herz noch frei ſei, es mit meiner Hand ſeinem edel⸗ müthigen Freunde, dem Retter ſeines Lebens und ſeiner Ehre, dem tapfern lirach dem Wil⸗ den zu ſchenken, und durch dieſe Wahl ſein Greiſenalter zu beglücken. O wüßte mein BVater, wie tief dieſe Bitte mein armes Herz darnieder beugte, wie höchſt elend ich mich fühle, daß mein Herz dieſer Wahl, ſo gut und tadellos ſie auch immer iſt, nicht beiſtim⸗ men kann! O gute Bertha! ſprich, wo ſoll ich Ruhe, wo ſoll ich Troſt finden?“ „In der Liebe, in dem Edelmuthe Eures guten Vaters, der nichts eifriger wünſcht, als Euch ganz glücklich zu machen, und der ſehr gern einen Wunſch wieder aufgeben wird, wenn deſſen Befriedigung Euch nicht glücklich macht. Vergeßt nicht, traute Adelheid, daß Euer Vater viel zu edel denkt, als daß er Euch zu einer Wahl bereden oder zwingen könnte. Er bat ja nur, und willig wird er Eurem Herzen die Wahl des künftigen Gatten ſelbſt überlaſſen. Macht ihn zum Vertrauten Eures Herzens.“ „Wie darf ich das wagen, ohne vor ſei⸗ nem Zorne zu zittern?“ „Nicht doch! Iſt Euere Wahl in Herr⸗ mann von Adlerhorſt nicht untadelhaft? Für⸗ wahr! er iſt der erſte Ritter an Schönheit, Edelſinn, Tapferkeit und an jeder Ritter⸗ tugend. Sei es, daß Urach der Wilde ſein Herz an Euch verlor, und daß Euer Vater die Wünſche ſeines Herzens begünſtigt, das macht Euere Wahl noch nicht tadelnswerth. Zwar haßt Euer Mater den edeln Herrmann, aber er iſt zu edel, als daß er unverſöhnlich haſſen könnte; ich zweifle nicht, daß ſich noch endlich dieſer Haß in Liebe umwandeln würde, wenn er ſich überzeugt, daß die geliebte Adels heid nur durch Herrmann glücklich werden kann. Traute Adelheid! den Vater und ſei⸗ nen Haß gegen Euern Ritter braucht Ihr weniger zu ſcheuen, als einen andern Feind.“ „Ich einen Feind?— wer iſt es?“ „Nicht von Euch ſelbſt einen Feind, ſon⸗ ——— — —;— 39 dern von Euerm Ritter. Warum ſollt ich es Euch länger verbergen, was ich erlauſcht habe; es iſt Pflicht der redlichen Freundin, der Freundin die Schlange zu zeigen, die unter dem Dickicht verborgen lauſcht. Ihr kennt den Abt Gregor, den Euer Vater ſo blind und leichtgläubig als einen Heiligen verehrt, der iſt die Schlange, die ich meine, und die Euer Glück der Minne zu vergiften droht.“ „Der Abt Gregor? was könnte dieſem frommen Manne meine Liebe kümmern? was hat mein Herrmann ihm gethan, daß er ihn könnte zu verderben drohen?“ „Das weiß ich nicht, gute Adelheid; aber wahr iſt es, was ich Euch jetzt vertraue, dar⸗ auf könnt Ihr fußen. Gregor haßt und ver⸗ folgt Herrmann von Adlerhorſt, er hat ihm uUntergang und Verderben geſchworen, und ſchon oft ſein Kloſtervolk bewaffnet gegen ihn ausgeſandt, um den edeln Herrmann ſeiner Rachſucht, ſeinem Zorne zu überliefern. Euer Knappe Veit ſah noch in der vorletzten Nacht die bewaffnete Schaar in dieſen Thälern.“ 8 —— 40 „Barmherziger Gott! Bertha! das ſagſt Du mir jetzt erſt? Du kannteſt die Gefahr, die Herrmann droht, und verſchwiegſt ſie mir? Ich zittere für Herrmann, wenn es dem arg⸗ liſtigen Gregor gelungen wäre, den Unbeſorg⸗ ten zu überfallen.“ „Seid ohne Furcht, noch iſt ihm dieſes nicht gelungen. Jedoch, um Euern Ritter auch ferner ſicher zu ſtellen, gebt ihm Nach⸗ richt von dem, was Gregor gegen ihn be⸗ ſchloſſen hat, und was der treue Veit mir an⸗ vertraute. Auf dieſen könnt Ihr Euch keck verlaſſen, der treue Knecht iſt Euch ganz er⸗ geben, und durch ihn werden wir immer von den Anſchlägen Eures Feindes Kunde erhal⸗ ten. Veit iſt gut und fromm und brav, nur Schade, daß er den Mönchen mehr, als uns lieb ſein kann, ergeben iſt. Oft weilt er ganze Tage lang in heiligen Mauern, und 1 übt ſich dort in den harten Büßungen, welche Kloſterzwang und Ordensgelübde den Mön⸗ chen auflegen. Noch iſt es zwar den Mön⸗ chen nicht gelungen, ihn ſo ganz durch Heili⸗ genſchein und Gleisnerei zu bethören, aber vorſichtig müſſen wir doch immer gegen ihn ſein; denn nur durch Liſt gelang es mir, das Geheimniß von Gregors ſchwarzen Anſchlägen ihm abzulocken, das er ſelbſt nur erſt ahndet.“ „O ſo laß uns eiligſt zurückkehren, um meinem Vater alles zu entdecken und Gregors Gleisnerei und Argliſt ihm zu enthüllen.“ „Das würde Euch mehr ſchaden als nützen. Graf Konrad iſt dem ſcheinheiligen Abte viel zu jehr ergeben, als daß er dieſer Euerer Anklage ohne vollgültige Beweiſe glauben ſollte. Er würde ſelbſt dem Abte Alles verrathen, und uns dadurch alle Gele⸗ genheit rauben, Jenen ferner zu belanſchen und ſeine Anſchläge zu entdecken. Laßt Euch daher für jetzt mit meiner Warnung genügen und überlegt mit. Herrmann ſelbſt, was hier, am rathſamſten zu thun ſei.“ Der Huſſchlag einiger Roſſe tönte jetzt durch den Hain und ſtörte dieſes Geſpräch. Erſchrocken bebte Adelheid zuſammen, indem ſie furchtſam allenthalben Feinde und Ver⸗ folger ahndete, und zitternd floh ſie ſchnell durch das Gebüſch dahin, doch der Hufſchlag folgte ihr auf dem Fuße nach, und plötzlich hörte ſie ſich mit ſanfter Stimme rufen. Sie wandte ſich, und im Augenblick ſtand Graf Urach der Wilde vor ihr. 3 „Wie?“ hub er an, indem er ſich vom Roſſe ſchwang und ſich ihr näherte,„die ſchöne Adelheid flieht vor mir, dem erſten Freunde ihres Hauſes? Ich ſegne mein Ge⸗ ſchick, das mich Euch hier zuführt! ich bin eben auf dem Wege nach der Wetterburg; denn ſchon ſind acht Tage langſam mir ent⸗ flohen, ſeit ich Euch nicht ſah, und meine heiße Sehnſucht nach Euerm holden Anblick machte mir dieſe Tage zu eben ſo viel langen ſchwermuthsvollen Jahren. Vergönnt mir, daß ich Euch nach Euerer Burg geleiten dar.“ So ſanft und mild auch der Graf dieſe Worte ſprach, ſo zärtlich auch ſein ſchönes Auge auf Adelheid verweilte, ſo ſah dieſe doch nur den Störer ihrer Ruhe und des Glücks ihrer ſtillen Liebe in ihm, und ſchau⸗ 43 dernd wandte ſie ſich von ihm hinweg, indem ſie ſein Geleite nach der väterlichen Burg durch ihr Vorhaben, in dem Kloſter St. Klara zu beten, zurückwies. „So gedenkt, ſchöne Beterin, auch meiner in Eurem Gebete,“ fuhr Urach fort, nund wißt, daß ich ängſtlich jeden Angenblick be⸗ rechnen werde, bis Ihr auf die Wetterburg zurückkehrt. O laßt mich, theuere Adelheid, nicht allzulange dieſem ſchönen Augenblicke Eueres Wiederſehens entgegenſehen.“ Das Erröthen der holden zitternden Adel⸗ heid und die Verwirrung, in welche ſie Urachs Worte verſetzte, erhoben ihre Reize nur noch mehr und riſſen den Liebenden mit neuer un⸗ widerſtehlicher Gewalt nach ihr hin. Wild 5 tobte der Sturm empörter Leidenſchaft in ſei⸗ nem Innern, und hingeriſſen von dem Zau⸗ ber ihrer Schönheit, vergaß er ſich ſelbſt, Zucht und Sitte und Alles um ſich her. Mit wildem Ungeſtüm ſchlang er ſeinen ſtar⸗ ken Arm um das ſittſame Mädchen, um ſie an ſein Herz zu drücken; jedoch Schaam und .— 44 Zorn über dieſen Frevel verliehen der Jung⸗ frau Rieſenſtärke. Wild ſtieß ſie den kühnen Frevler von ſich, daß er zurücktaumelte, und der zornige Blick der beleidigten Jungfrau brachte den Unbeſonnenen bald genug wieder zu ſich ſelbſt zurück. Er fühlte ſeine Schuld und renevoll ſank er vor Adelheid auf's Knie, um ihre Verzeihung zu erflehen, allein mit einem Blicke voll Verachtung wandte dieſe ſich ſcchnell von ihm hinweg und eilte mit ihrer treuen Bertha durch das Gebüſche dahin. 5 Urach wagte es nicht, der fliehenden Adel⸗ heid zu folgen, tiefe Schaam und Reue über ſeine ſtrafbare Verirrung hielten ihn zurück; er zürnte mit ſich ſelbſt, daß blinde Leiden⸗ ſchaft ihn ſo ſehr verblendet hatte, die heiligen Rechte jungfräulicher Sittſamkeit und Tugend im Angeſichte ſeiner Knappen zu verletzen, er getraute ſich kaum ſeinen Blick gegen die Letztern aufzuheben, die ſtaunend um ihn her ſtanden. Schnell ſchwang er ſich auf ſein Roß, und wild und ungeſtüm, wie der Sturm in ſeinem Innern, jagte er durch den Forſt 45 und über die Haide dahin nach der Wetter⸗ burg, wo Konrads Freundſchaft und das ſanfte edle Herz der angebeteten Adelheid ſein Schickſal entſcheiden ſollten. Eben ſaß Konrad in vertraulichem Ge⸗ ſpräche an der Seite ſeines Gaſtes, als des Thurmwächters Horn einen neuen Gaſt verg kündete, und in wenigen Augenblicken darauf Urach der Wilde hereintrat. Mit allem Aus⸗ druck der freudigſten Ueberraſchung ſprang ihm Konrad entgegen und ſchloß ihn heiß und ſeelenvoll in ſeine Arme. „Seid tauſendmal mir herzlich gegrüßt!“ rief der Greis dem Gaſte entgegen.„Freund! Retter meiner Ehre und meines ehrlichen Namens! wie ſoll, wie kann ich jemals Euch Euren Edelmuth belohnen? Laßt dieſe Dankes⸗ thräne, laßt dieſe heiße Umarmung Euch ſagen, wie tief mein Herz es fühlt, was Ihr in dieſen Tagen in Regensburg für mich ge⸗ than, wie ſehr Ihr mich auf's Neue zu Euerm Schuldner gemacht hat. Dieſer Freund hat mir bereits von Allem, was dort geſchah, Kunde gebracht; o ſagt, edler Urach, ſagt, womit kann ich Euch lohnen? Nur Eines habe ich, was ich als meinen größten Schatz erkenne, und was Euerer edeln Thaten viel⸗ leicht die Wage hält, wie wenn ich dies für Euch zum Lohne erkieſte?“ „Was ich für Euch gethan habe,“ fiel ihm Urach in’s Wort,„das war heil'ge Pflicht des Ritters und des Freundes und dafür habe, ich keinen Lohn verdient. Doch darf ich mir den Sinn Euerer ſüßen Worte nach mei⸗ nem Herzen deuten, dann, Graf, dann öffnet ſich mir in Euern Vaterblicken der Himmel, und mehr als Krone und Scepter würde Euere Milde mich beglücken.“ „Wohl mirz, wenn ich das vermag,“ rief Konrad aus, ndann kann ich Ench doch einen Theil meiner Schuld abtragen, die ich Euch nie ganz bezahlen kann, und Ener Glück wird das Glück meines Alters gründen. Darum ſprecht ungeſcheut, nennt mir den Umfang Eurer Wünſche.“ „Er liegt in Euerer holden Tochter ver⸗ 47) eint,“ erwiderte Urach mit ungewiſſem Tone, „Sie allein, die theuere Adelheid, wird mein Lebensglück begründen, ich liebe ſie und woll⸗ tet Ihr mir ſie zur Hausfrau ſchenken, dann, edler Freund, dann bliebe mir nichts weiter zu wünſchen übrig, als ein Mittel, Euch mei⸗ nen heißen Dank, mein himmelhohes Glück zu ſchildern.“ Mit ſeurigem Entzücken ſchloß Konrad den Jüngling in die Arme.„Wohl mir,“ rief er entzückt aus,„wohl mir, daß ich die⸗ ſen Tag erlebte! er iſt der Tag meines Glücks! Mit Freuden nenne ich Euch Sohn! Adelheid ſei Euer und mit ihr mein beſter väterlicher Segen!“ G Urach weinte Thränen des freudigſten Ent⸗ zückens an dem Halſe des Greiſes, und konnte ſich kaum überzeugen, daß dieſe Verheißung ſeines Glücks kein bloßer ſchmeichelnder Traum ſei.„Mein thenrer Vater!“ rief er mit Wonne ſtrahlenden Blicken aus:„wie über Alles glücklich macht Ihr mich durch dieſes köſtliche Geſchenk! Adelheid mein! o wer darf ſich dann noch mit mir Glücklichen meſſen? Der ganze Himmel liegt vor mir aufgethan, wenn auch Adelheid der Einwilligung des geliebten Baters beiſtimmt, und meiner Liebe heiße un⸗ auslöſchbare Glut durch Gegenliebe krönt.“ „Wie? zweifelt Ihr daran?“ unterbrach ihn Konrad.„Wer ſollte Euch, den Edelſten, den Tapferſten von unſrer Ritterjugend nicht lieben? Adelheid war ſtets eine gute, folg⸗ ſame und gehorſame Tochter, und wird auch jetzt als ſolche ſich zeigen.“ „Nur aus Gehorſam ſoll die heiß Ge⸗ liebte mir ihre Hand reichen 2u fiel ihm Urach ein.„Verzeiht, Herr Graf, wenn ich mehr als dieſes fordere. Ich liebe Adelheid heiß und innig, wie nur ein Jüngling ein holdes tugendhaftes Mädchen lieben kann, ſie iſt mein einziger Wunſch, mein ſteter Taggedanke und mein Traum, in ihr liegt der ganze Um⸗ fang meines Glücks vereinigt, und ohne den Beſitz der Holden würde mir die Zukunft öde und grauenvoll ſein, ich würde gramvoll da⸗ hin ſchmachten, aber ſo ſchrecklich mir auch 49 dieſes ſein würde, ſo würde ich dennoch Edel⸗ muth genug beſitzen, mein Glück der Holden aufzuopfern, wenn ſie mir nicht mit Gegen⸗ liebe lohnen kann. Iſt Adelheids Herz vielleicht nicht mehr frei, kann ich es nicht für mich be⸗ ſiegen, ſo ſchwöre ich hier vor Euch und die⸗ ſem Ritter: Ihr ſeid Eueres Wortes dann entbunden, und Adelheid ſei frei und wähle ganz nach ihrem Herzen.“ „Fürchtet nichts, mein theurer Sohn!“ rief Konrad von dieſen edlen Geſinnungen ſeines Freundes durchdrungen aus,„Adelheid weiß Verdienſt zu ſchätzen, und kann unmöglich die Hand des Würdigſten und Edelſten ver⸗ ſchmähen. Noch blieb ihr Herz von Liebe frei, noch iſt es für den erſten Eindruck der⸗ ſelben offen, und daß Ihr dieſen hoffen dürft, dafür muß Euch Euer eigener Werth Bürge ſein.“ Süß drangen dieſe Worte in des Jüng⸗ lings Ohr und belebten ſein Herz mit neuer beſeligender Hoffnung, doch plötzlich ſchlug die Erinnerung an die vorige Seene im Hain Erſte Serie. VII. Band. 4 50 dieſe Hoffnung wieder darnieder. Was er dort in Adelheids Augen las, das war nicht Zärtlichkeit. Ihr Zürnen war keinesweges das Zürnen der Liebe, nein das Ungeſtüm, womit ſie ſich wild aus ſeinen Armen riß und bebend floh, ſchien deutlich genug ihm zu ver⸗ rathen, daß er nicht geliebt werde. Bei dem fröhlichen Becher ſuchte indeſſen Graf Konrad die Wolken des Unmuths auf der Stirne ſeines Freundes zu verſcheuchen, und unter traulichen Geſprächen und Erzählungen des edeln Greiſes aus ſeinen Jugendjahren flohen die Stunden raſch dahin, doch nur mit trägem Schneckengange ſchienen ſie dem lie⸗ benden Urach dahin zu ſchleichen, ſo lange die geliebte Adelheid dem kleinen traulichen Zirkel fehlte. Nur ihre Gegenwart konnte der Stun⸗ den Fittig einen raſchern Flug verleihen, und mit wachſender Ungeduld ſah er ſehnſuchtsvoll dem Augenblicke ihrer Ankunft entgegen. Wie ein geſcheuchtes Reh floh indeſſen Adelheid mit ihrer Bertha durch den Hain dem Kloſter St. Klara zu, bis endlich Bertha 5¹ erſchöpft und keuchend ſie bat, zu verweilen. „Haltet Adelheid!“ rief Bertha ihr zu, nich vermag es nicht länger, Euch ſo raſch zu fol⸗ gen. Was ſollten wir auch fliehen? Was könnt Ihr fürchten? Graf Urach iſt wild und ungeſtüm, aber edel und brav, ſein Edelſinn bürgt uns für Euere Sicherheit! Der ſchöne Jüngling! als er ſo männlich ſchön und blü⸗ hend vor Euch ſtand, und Euch ſo liebevoll, ſo zärtlich voll heißem Verlangen ſein Arm um⸗ ſchloß, und er vor Euerm Zorn wie vernichtet dahin ſank, o glaubt es, Adelheid, da fand ich ihn ſo ſchön, ſo liebenswerth, daß ich nur über Euch und Euere Härte, die ihn zur tet Ihr den edeln ſchönen Grafen doch lieben können, Ihr werdet beneidenswerth glücklich ſein.“ 3 „Schweig,“ fiel Adelheid zürnend ein,„ver⸗ giß nicht, daß mein Herz nicht mehr frei iſt, und daß es nur für den nicht minder ſchönen und edeln Herrmann ſchlägt. Und wäre Urach tauſendmal ſchöner noch als er es iſt, ſo 4* Verzweiflung brachte, zürnen mußte. O möch⸗ 2 52 würde ich ihn doch nie lieben können; denn er iſt der Störer meines Glücks und meiner ſtillen Liebe. O daß er mich haſſen könnte! ſein Haß würde mich mehr beglücken als ſeine Liebe. Er iſt der erſte Freund meines Ba⸗ ters, der Retter ſeiner Ehre und ſeines Le⸗ bens, und wehe mir, wenn er des Vaters Gunſt benutzt, um ihm die Hand der Tochter zum Lohne für ſeine Thaten abzuſchwatzen, ich würde dann grenzenlos elend ſein!“ Noch koſten Beide über dieſen Gegenſtand, als plötzlich ein Troß verkappter Männer aus dem Dickicht hervorſprang, Adelheiden und ihre Bertha ergriff, und ehe dieſe von ihrer ſchreckenvollen Ueberraſchung ſich erholen konn⸗ ten, ſchleunigſt mit ihnen durch das Gebüſch hindurch eilten. Lange ſchon hatte der edle und ſchöne Herrmann von Adlerhorſt die Flamme der heftigſten Leidenſchaft für die holde Adelheid genährt. Seit dem erſten Augenblicke ihres 53 Sehens hatte ſich dieſe heilige Flamme in dem Herzen des Jünglings entzündet, die mit je⸗ dem Tage immer mehr und mehr emporloderte und unauslöſchlich ſchien. Aber Herrmann liebte hoffnungslos und der tiefe Gram ver⸗ ſchmähter Liebe nagte an ſeinem edeln Herzen und an der Blüthe ſeiner Geſundheit. Schlum⸗ merlos entfloh dem Armen die Nacht, kummer⸗ voll der Tag; jeder Tag vermehrte nur ſeinen ſtillen Gram, der ſeine Lebenskraft gänzlich zu verzehren drohte, und jeder Wohllaut der Frende war für ihn erſtorben und weckte in ſeinem Buſen ſeinen Schmerz nur noch mehr und mehr. Die ſchöne Adelheid kannte längſt ſchon die Leidenſchaft des holden Herrmanns für ſie, allein unerhört ließ ſie ihn ſeufzen und ſchmachten: kein holder Blick, kein ſanftes Lächeln ſchenkte dem liebenden Jünglinge, der oft beim Ritterſpiel und Luſtgelag um einen freundlichen Blick ihres Auges geizte, einigen Schimmer von Hoffnung. Abſichtlich ſchien ſie ſeiner Leiden nur zu ſpotten und ſeine 54 heiße Zärtlichkeit durch Kälte zu erwidern, bis endlich Herrmann, unvermögend der innern Leiden ſchrecklich ſchwere Bürde länger zu tra⸗ gen, auf das Siegbette dahin ſank. Als ſchon des Todes kalte Hand ihn faßte, da ſchmolz ihr Herz in ſanfte Liebe und in tiefes Mit⸗ leid, und unaufhörlich machte ſie ſich ſelbſt die bitterſten Vorwürfe darüber, daß ſie durch er⸗ künſtelten Kaltſinn den Armen ſo lange ge⸗ quält und durch verſtellte Sprödigkeit bis an die Pforten des Todes grauſam geführt hatte. Unaufhörlich mußte die treue Bertha auf Nach⸗ richten von Herrmann ausgehen, und jede eingezogene Botſchaft von der traurigen Lage deſſeloen war ein neuer Dolchſtoß für Adel⸗ heids Herz. Sie konnte es ſich nicht länger verhehlen, daß ſie den ſchönen Ritter lange ſchon im Stillen geliebt, und nur zum Schein durch Kaltſinn und Verachtung gequält habe. Der bemitleidenswerthe Zuſtand, worin Herr⸗ mann ſich jetzt befand, und die Beſorgniß, daß er unter der Laſt ſeiner Leiden erliegen würde, fachten, das Feuer der Liebe in Adel⸗ —— heids Herzen immer mehr und mehr an, und mit jedem Tage fühlte ſie es deutlicher und lebhafter, daß ihr Leben unaufloͤslich an das Leben des geliebten Jünglings gefeſſelt ſei, und ohne ihn keine Freude des Lebens für ſie reifen könne. Die ſchöne Adelheid ſah ſchaudernd einer Zukunft voller Grauen entgegen, in ihren halbwachen Träumen gaukelte ihre lebhafte Einbildungskraft ihr immer neue Schreckbilder vor, und jetzt überwand ihre Leidenſchaft ihre weibliche Beſorgniß; denn jeder Augenblick überzeugte ſie mehr und mehr, daß es uner⸗ läßliche Pflicht für ſie ſei, ihr Unrecht wieder gut zu machen und den armen Leidenden ins Leben zurückzuführen.. Die treue Bertha ward an den Kranken abgeſchickt, um ihm in die Wermuthsſchale ſeiner Leiden ſüßen Troſt zu träufeln und ihn durch die entzückende Nachricht wieder aufzu⸗ richten, daß Adelheid ihn liebe und daß ihr Kaltſinn nur Verſtellung geweſen ſei. Stärker als die kräftigſten Heilmittel wirkte dieſe Bot⸗ ſchaft auf den armen Leidenden; ſie goß neues Leben in ſeine Adern, und bald erſchien der heiß erſehnte Tag, wo Herrmann zum erſten Male ſein Lager verlaſſen und im Freien die reine Himmelsluft vor ſeiner Wohnung ein⸗ athmen durfte. Beſiegt von Liebe und Mitleid vergaß die ſchöne Adelheid, daß ihr Vater in Herrmann den Sohn des Mörders ſeiner Söhne haßte, und froh eilte ſie ihm jetzt ent⸗ gegen, um ihm ſelbſt das ſüße Glück ihrer Liebe zu beſtätigen. Zum erſten Male ſchwebte das lang zurück⸗ gehaltene Bekenntniß ihrer heißen Gegenliebe von Adelheids Lippen, ſie ruhte in den Armen des Geliebten, ihre glühende Wange verbarg ſich an ſeinem Buſen, und ein heißer Kuß be⸗ ſiegelte den geſchloſſenen Bund gegenſeitiger Zärtlichkeit. Jetzt erſt ward Herrmanns Lebens⸗ traum zur ſchönſten beglückendſten Wirklichkeit, er ſchwebte in Gefilden des Himmels, und ſein Herz hatte kaum Raum genug, das Vollmaaß ſeines Glückes zu faſſen. Jedoch hinweg mit der ſchwachen Schilderung eines Glücks, das „ 57 an die Seligkeit des Himmels grenzt und über jeden Ausdruck der Sprache erhaben iſt! Verſchmähte Liebe hatte Herrmann an die Pforten des Todes geführt, nnd der beglücken⸗ den Liebe ſanfte Hand führte ihn jetzt wieder in das Leben zurück. Die Roſen der Ge⸗ ſundheit blühten aufs neue und ſchöner als vorher auf ſeiner Wange empor, neue Jugend⸗ kraft ſtählte wieder ſeinen Arm und in ſeinem Auge glühete neues kühnes Feuer. Faſt täg⸗ lich ſahen ſich von dieſer Zeit an die beiden Liebenden, und jeder Tag knüpfte ihrer Her⸗ zen ſchönen Verein feſter und inniger; doch bald genug trübte neuer Kummer ihre Seelen und ſtörte das ſüße Glück ihrer Liebe. Graf Konrads väterlicher Haß lag hart und ſchwer auf Herrmann, ſchrecklich mußte dieſer die vermeinte Frevelthat des Vaters büßen, und ſo rein und ſchuldlos ſeine heiße Liebe für Adelheid war, ſo mußte ſie dennoch in Konrads Augen unverzeihliches Verbrechen ſein, und ſeine ganze Rache aufs neue gegen Herrmann entflammen, wenn er Kunde von dem Einverſtändniſſe ſeiner Tochter mit ſeines Hauſes gehäſſigſtem Feinde erhielt. Traurig und ſchwermüthig ſchlich daher oft Herrmann in dem Forſte umher und beſeufzte ſein Schickſal, das ihn aufs neue von der Geliebten zu trennen ſchien; da weckte ihn eines Tages der fromme Gruß eines Pilgers aus, ſeinen ſchwermuthsvollen Träumen auf. Herrmann blickte überraſcht empor, und wie groß war ſein freudenvolles Erſtaunen, als er den wackern Benedikt, den ehemaligen Leh⸗ rer und Freund ſeiner Jugend, im härenen Gewande erkannte. Mie einem Ausrufe des Entzückens ſtürzte Herrmann dem alten Freunde in die Arme, deſſen unverhoffte Gegenwart ihm die Er⸗ ſcheinung eines wohlthätigen Engels zu ſeimn ſchien, der ihm zum Troſte geſandt werde. In einer feurigen Umarmung feierte Herrmann die Scene des frohen Wiederſehens.„Mein geliebter Lehrer! mein Freund!“ rief er end⸗ lich aus,„Euch ſehe ich wieder? Kaum traue ich dieſem ſüßen Traume! o ſprecht! welch 59 glückliches Ungefähr führt Euch Todtbewein⸗ ten ſo unverhofft zu meinem Troſte mir wie⸗ der zu?“ „Mein theurer Sohn!“ erwiderte Bene⸗ ditt,„ich brachte die ganze lange Zeit, die wir einander nicht ſahen, in heiligen Manern zu, und Ihr ſeht in mir den Guardian des Kloſters von St. Baſil. Wenn Ihr wirklich, wie Ihr ſagt, Troſt bedürft, und ich Euch dieſen bringen kann, o dann ſegne ich zwie⸗ fach das Geſchick, das mich Euch nach ſo langer Trennung wieder zuführte.“ „Ja, ja! geſegnet ſei das Geſchick, das Euch mir zuführt,“ rief Herrmann aus,„denn nie bedurfte ich noch Eures Troſtes und Eures väterlichen Rathes ſo ſehr als jetzt.“ „Euch nagt ein Gram an der Seele! erwiderte Benedikt,„das ſagte mir Euer erſter Anblick, Eure bleiche Wange, Euer trüber Blick und die Furchen auf Eurer Stirne. Sprecht, theurer Sohn, und nennt mir Euren Kummer; mein Herz iſt willig und bereit, ihn zu dem ſeinigen zu machen.“ 1744 60o Herrmann zögerte nicht, den frommen Mönch zu dem Vertrauten ſeines Kummers zu machen, indem er ihm geſtand, daß hoff⸗ nungsloſe Liebe der Wurm ſei, der an ſeinem Herzen nage. Des Mönchs Aufmerkſamkeit ſtieg um ſo höher, als Herrmann ihm den Gegenſtand ſeiner heißen Liebe nannte, und als dieſer ihm erzählte, wie er die ſchöne Grä⸗ fin von der Wetterburg in Regensburg beim Ritterſpiel zuerſt geſehen, wie da ihr erſter Blick die unſterbliche Flamme der heißeſten Liebe in ihm entzündet, und wie viel er in dem Kampfe mit ſeiner Leidenſchaft gelitten habe, bis endlich Adelheids ſüße Verſicherung ihrer Gegenliebe ihn den Armen des Todes wiederum entriß.„Ich liebe,“ fuhr Herrmann in ſeiner Erzählung fort,„und werde wieder geliebt, der ganze Umfang des ſchönſten Glücks meines Lebens liegt in dieſen wenigen Worten vereint, aber ach! dennoch bin ich nicht glück⸗ lich, und in dem beſeligenden Bewußtſein der zärtlichſten Gegenliebe muß ich hoffnungslos lieben und höchſt elend ſein. Ach! ſchwer liegt 61 die Schuld meines Vaters auf mir! der edle Konrad von der Wetterburg haßt mich als den erſten Feind ſeines Hauſes, verflucht in mir den Sohn des Mörders ſeiner Kinder, und ſein Haß trennt mich auf ewig von der Geliebten meines Herzens.“ Er warf ſich an die Bruſt des frommen Benedikts und ſeine Thränen netzten die Wange deſſelben.„Eure Klagen ſind gerecht, ich ehre Euren Kummer,“ begann der Mönch, indem er den Jüngling in ſeinen Armen emporrich⸗ tete,„allein verzagt deshalb noch nicht. Blickt vertrauensvoll hinauf zu dem Himmel, es kann noch alles gut ſich enden, und beſſer als Ihr je glauben konntet; denn wunderbar, mein lieber Sohn, ſind die Fügungen des Schick⸗ ſals. Tief im Staube verehre auch ich des Schickſals weiſe Hand, die mich zu geheim⸗ nißvollen Endzwecken in dieſen Orden einführte, deſſen Glied ich jetzt bin. Darum bitte ich Euch, lieber Sohn, faſſet Muth, und verliert nicht das Vertrauen auf die väterliche Hand jener höhern Macht, die uns ſo wunderbar 62 durch dieſes Lebens düſtres Dunkel leitet, glaubt mir, ſie kann Euch retten, und wenn Ihr ſchon über dem Abgrunde des Verder⸗ bens ſchwebtet.“ „Könnt Ihr Konrads ſchrecklichen Haß gegen mich in Liebe wandeln?“ fragte Herr⸗ mann mit Wehmuth, ndann würde dieſer Euer Troſt in meinem Herzen Wurzel ſaſſen; jedoch eben ſo leicht könnte jener Strom ſei⸗ nen Lauf rückwärts kehren, als Konrad den Sohn des Mörders ſeiner Kinder lieben und als Eidam umarmen.“ „Noch einmal widerhole ich Such,“ unter⸗ brach ihn Benedikt,„vertrauet auf Gott, und hoffet und betet ihn, der mich Euch jetzt zu⸗ ſendet, mit ſtiller Ehrfurcht an; denn hört, was ich Euch zum Troſte ſagen kann. Müde der Welt und ihrer Beſchwerden, entſchloß ich mich, mein Herz dem Himmel allein zu weihen. Ich wählte dieſes Gewand und jenes Kloſter St. Baſil, weil alle Stimmen unſern Abt als einen Heiligen lobprieſen. Doch, theurer Sohn, wie fand ich dieſen Heiligen, dieſen N 63 frommen Abt Gregor! Um keinen Preis möchte ich ihn Euch ſchildern, wie er wirklich iſt, dieſes ſchwarze Bild könnte Euch ſehr leicht zum Zweifler an Gott und Vorſehung und Tugend machen. Nur ſo viel muß ich Euch von ihm ſagen: Gregor iſt Euer ärgſter Feind, und brütet über einem Anſchlage gegen Euch, der ein Meiſterſtück der ſchwärzeſten Bosheit iſt. Wie oft habe ich es ſchon bereut, daß des Alters Bürde die Kraft meines Ar⸗ mes zur Züchtigung dieſes gleisneriſchen Böſewichts entnervte; doch Gott ſei gelobt, der mich Euch finden ließ, denn Ihr, Ihr allein könnt das Werk der Rettung ausführen, wozu mir die Kraft gehricht. Lernt dieſen ſcheinheiligen Gregor kennen, und reißt ihm mit kühner Hand die Larve ab, daß Jeder⸗ mann in ihm den Eingeweihten der Hölle er⸗ kenne. Von ſtolzer Herrſchbegierde, von Geiz und Golddurſt und von wilden Lüſten und Begierden beherrſcht war er ſchon in frühern Jahren ein frecher Böſewicht, dem kein Laſter zu groß, kein Bubenſtück abſchreckend war. * 2 64 So ſchlau jedoch dieſer Sünder war, ſo miß⸗ lang ihm dennoch einſt ein Bubenſtück, vor deſſen bloßer Erinnerung mein Herz ſchau⸗ dernd zurückbebt. Ein geiſtliches Gericht ver⸗ dammte ihn zum Tode, zum ſchreckenvollen Tode des lebendigen Einmauerns; jedoch der ſchlaue Böſewicht erſchlich geheimen höhern Schutz und erhielt Gnade, indem er verſprach, der Kirche ein reiches Land zu erwerben. Konrads reiche Beſitzungen waren das Löſe⸗ geld ſeines Lebens, und feierlich übernahm Gregor die Pflicht, den Grafen Konrad von der Wetterburg für den Schatz des Kloſters zu beerben.“ Von Erſtaunen gefeſſelt ſtarrte Herrmann den Mönch an, indem er gleichſam ſeinen Ohren nicht zu trauen ſchien, über das, was er eben hörte.„Der Abt Gregor?“ fragte er endlich mit langſamen, ſchwankenden Ton, „der fromme Gregor, den alle Welt den Hei⸗ ligen nennt?“ „Derſelbe iſt es,“ unterbrach ihn Benedikt, „den einſt die Hölle als ihres Reiches Zierde .— 65 mit Jubelgeſchrei empfangen wird. Doch hört mich ferner ruhig an; denn ſo ſehr Ihr Euch auch über das, was ich Euch jetzt von dem ſcheinheiligen Gregor erzählte, entſetzen mögt, ſo iſt gleichwohl das, was noch nachfolgt, noch weit empörender und entſetzlicher. Hört, welchen Weg der Schändliche zur Ausführung ſeines Anſchlags wählte. Durch Gleisnerei und Heiligenſchein ſchlich ſich Gregor als Freund in des Grafen Konrads Herz ein, und während der Getäuſchte in dem Heuchler den redlichſten Freund und Vertrauten ſeines Herzens zu umarmen wähnte, ſuchte ihn Gre⸗ gor in jedem Zweige ſeines edlen Heldenſtam⸗ mes zu verderben und den Dolch der Ver⸗ nichtung in ſein Herz zu ſenken. Laut ſchreit Graf Konrad von der Wetterburg Wehe über Rudolph von Adlerhorſt als Mörder ſeiner Söhne, weil Rudolphs Dolche in dem Buſen der Ermordeten, und ſein plötzliches Ver⸗ ſchwinden ſeine Frevelthat mehr als zur Ge⸗ nüge zu beſtätigen ſchienen. Doch wiſſet, Herrmann, hört und ſchaudert. Euer Vater Erſte Serie. VII. Band. 5 66 iſt unſchuldig, und Gregor,— Gregor, den Ihr den Heiligen nennt,, beging jene Frevel⸗ that, die dem edlen Konrad zu Euerem unver⸗ ſöhnlichen Feinde machte.“ „Großer Gott,“ rief Herrmann voll Schau⸗ dern und Entſetzen aus,„das hätte Gregor gethan? und mein Vater—“ „War ſchuldlos,“ fiel ihm Benedikt haſtig ein,„doch mäßigt Euer ſchaudervolles Erſtau⸗ nen, lieber Sohn, und laßt mich enden; Ihr ſollt den ſchändlichen Gregor in ſeiner ganzen ſchaudervollen Blöße kennnen lernen. Als ſchlauer Böſewicht wußte er ſeine Frevelthat ſehr verſchmitzt Euerem Vater aufzubürden, und ihn, damit ihm jedes Mittel, ſich von dem Verdacht des Mordes zu reinigen, un⸗ möglich würde, ſo lange feſt gefangen zu halten, bis des Kirchenbannes und der kaiſer⸗ lichen Acht ſchwerer Fluch über ihn ergangen war. Nun erſt, als dem armen Rudolph jeder Weg zur Rettung abgeſchnitten war, ließ der nichtswürdige Gregor ihn auf einen fürchterlichen Eid gegen Paläſtina ziehen. Durch ein ſtrenges Gelübde mußte ſich Rudolph verbinden, nicht eher in das deutſche Vaterland zurückzukehren, Euch, ſeinen theu⸗ ren Sohn, und ſein väterliches Lehn, das nunmehr das Beſitzthum des Aechters war, wiederzuſehen, als bis er von dem heiligen Vater Ablaß ſeiner Schuld erhalten habe. Das ahndete der arme Rudolph nicht, daß ihn der bübiſche Gregor ſo ſchwarz bei dem Papſte geſchildert und ihn dieſem ſo verhaßt gemacht hatte, daß an Gnade und Ablaß von dem Papſte nicht im geringſten zu denken war. Zwanzig ſchreckliche Jahre ſind dem Unglücklichen nunmehr dahin geflohen, ſeit⸗ dem er geächtet und verbannt aus dem Vater⸗ lande verſchwunden iſt, und der bübiſche Gregor ſich ſeines gelungenen Bubenſtücks im Stillen freute, und durch einen zweiten Mord einen Schritt näher zu dem Ziele ſeiner Bos⸗ heit machte. Ihm bangte vor neuen Erben des Grafen Konrads von der Wetterburg, die ſeinen ſchwarzen Plan leicht wieder ver⸗ nichten konnten, und darum benutzte er Kon⸗ 5* 4— 68 rads Abweſenheit von ſeiner Burg. Konrads edle Hausfrau, die einſt glücklich den wollü⸗ ſtigen Begierden des nichtswürdigen Gregors entrann, und deshalb ſeinen Haß noch mehr auf ſich gezogen hatte, trank— hört es Herr⸗ mann und ſchaudert,— trank Gift aus dem heiligen Kelche. Als Konrad ſehnſuchtsvoll nach ſeiner Burg zurückkehrte, ſchlummerte ſein edles, tugendhaftes Weib in der Todten⸗ gruft, und grenzenlos war ſein Schmerz. Jetzt ſteht der arme Greis einſam und ver⸗ waiſt allein, denn ſo heiſchte es Gregors höl⸗ liſcher Plan. Nur die ſchöne Adelheid ſteht dieſem Plane noch im Wege, und Gregors Abſicht iſt, den bethörten Konrad zu bewegen, ſeine geliebte Tochter dem Himmel zu weihen und ihn ſelbſt, den Schändlichen, zum Erben ſeiner Güter zu erwählen. Vergebens ſchmei⸗ chelte ſich Graf Konrad ſein edles Geſchlecht durch ſeine Tochter und ihre künftigen Kinder fortgepflanzt und ſeines Namens Ruhm durch einen würdigen Eidam verherrlicht zu ſehen. Der ſchlaue Böſewicht Gregor nährt. ſelbſt F dieſe Hoffnung, aber nur in der Abſicht, um deſto ſicherer in ſeinem Plane zu gehen. Ein Mann, dem weder Dolch noch Gift, oder ſonſt ein Frevel zu abſchreckend iſt, um ſeine Anſchläge durchzuſetzen, dem wird es auch ein Leichtes ſein, den Greis zu überliſten und ihn durch Ablaß aller Sünden und durch Ver⸗ heißungen jener ſeligen Freuden des Himmels ſo ſehr in die Gewebe ſeiner Büberei zu ver⸗ ſtricken, daß Konrad ihm mit Freuden die einzige Tochter zuführen wird, um ſie dem Himmel zu weihen. Doch wehe der armen Adelheid alsdann, denn den bübiſchen Gregor gelüſtet nach dem Genuſſe ihrer Reize, und voll Verzweiflung wird ſie das grauſame Schlachtopfer ſeiner Lüſte und Begierden wer⸗ den. Adelheid, die ſchönſte Zierde, der Slolz und die Freude dieſer Gegend, wird entehrt in ihrer ſchönſten Jugendfülle! vernichtet dahin ſinken und in Verzweiflung enden. Noch iſt es Zeit, dies Unglück zu verhüten, dem ver⸗ blendeten Grafen Konrad die Augen zu öffnen und ihn vor dem gleisneriſchen Böſewicht zu 3 —————— warnen, und dieſes, Herrmann, muß jetzt Euere erſte und heilige Pflicht ſein. Ihr liebt Adelheid, ſäumt nicht, ſie zu retten.“ „Das will ich,“ ſtammelte Herrmann ſchau⸗ dernd vor Entſetzen. In ſeinem ſtarren auf den frommen Mönch gehefteten Blick lag der Zweifel ſeines edlen unbeſcholtenen Herzens, daß ein menſchliches Herz ſolcher ſataniſchen Bosheit fähig ſein konnte.„So wahr meine Seele lebt, das will ich!“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe mit aller Heftigkeit ſeiner em⸗ pörten Gefühle fort, und in ſeinem wild rol⸗ lenden Auge, in ſeiner glühenden Wange lag die ganze Feſtigkeit dieſes Vorhabens.„Ich will Adelheid retten, dem wackern Konrad die Binde von den Augen ziehen und den hölli⸗ ſchen Böſewicht Gregor entlarven! Ha! der unerhörten Büberei! wäret Ihr es nicht, mein Freund, mein Lehrer, der mir ſie enthüllte, ich würde Alles, was Ihr mir erzähltet, für Er⸗ dichtung halten müſſen, denn wahrlich, ich wähnte nicht, daß die Menſchheit ſo tief unter ihre Würde ſinken könne.“ 71 „Was ich ſagte, iſt ſtrenge Wahrheit,“ fiel der fromme Benedikt ein,„der Himmel möge dereinſt ſein Ohr meinem letzten Flehen um Gnade und Erbarmen verſchließen und mit ſeinem ſchrecklichſten Fluche mich belaſten, wenn ich Euch, mein theurer Sohn, auch nur mit einem Worte täuſchte. Ich vernahm die⸗ ſes Gewebe ſataniſcher Bosheit von dem Mit⸗ verbrecher des bübiſchen Gregors. In dem furchtbaren Augenblicke, als er in ſchwerer Krankheit vor dem Tode zagte und an der Gnade des Allerbarmers zweifelte, da preßte ihm die Todesangſt das Bekenntniß ſeines Verbrechens aus. In meinen Buſen legte er das ſchreckliche Geſtändniß nieder, jedoch mit einem ſchwerem Eide mußte ich ihm geloben, „ſein Beichtbekenntniß bis nach ſeinem Tode als unverletzliches Geheimniß zu verwahren. Der Sünder genaß und reuevoll lebte er drei Jahre lang als Eremit, um in heiliger Ein⸗ ſamkeit, durch ſtrenge Buße und Gebet, den 3 Himmel wieder mit ſich auszuſöhnen. Ich blieb meinem Eide ireu, doch vor wenigen 72 Tagen iſt er entſchlummert, geſtern ward mir— die Kunde ſeines Todes und ſogleich eilte ich ſeinem letzten Willen nachzukommen, Euch, mein theurer Sohn, aufzuſuchen, um Euch das furchtbare Geheimniß zu enthüllen und Euch zur Rache gegen den bühiſchen Gregor aufzurufen.“ „Gott ſei geprieſen,“ rief Herrmann aus, indem er den Greis feurig in ſeine Arme ſchloß,„Gott ſei geprieſen, der Euch mir zu⸗ führte, und mir ſo nahe an dem furchtbaren Abgrunde des Verderbens einen Weg zeigt, der mich im Paradieſe leiten ſoll. O mein armer, unglücklicher Vater, wie oft habe ich in kummervollen Nächten, von der Schwere ſei⸗ nes ihm angedichteten Verbrechens darnieder gebeugt, mein Geſchick beſeufzt, das mir ihn zum Vater gab, und— o der unerhörten Bosheit!— er war ſchuldlos. Mit Bann und Fluch belaſtet, mußte er fliehen, und dennoch war er unſchuldig. O guter Bene⸗ dikt, enthüllet mir, wenn Ihr es vermögt, das Räthſel, warum des Himmels Rache ſo 73 lange ſchlief? Warum er, der den ſchwarzen Frevel kannte, nicht ſeine Donner auf des Schuldigen Haupt herabſchleuderte und die Unſchuld nicht in ſeinem Schutz nahm? Der Verbrecher lebt und ſchwelgt in Ueppigkeiten und Laſtern ohne Zahl, mein armer Vater trug ſchuldlos jenes Frevlers ſchwarze That, und ſank vielleicht ſchon längſt vom Fluch be⸗ laſtet und mit Verzweiflung in das Grab, und Gott iſt gerecht?“. „O frevle nicht, mein Sohn,“ unterbrach ihn der fromme Mönch, nläſtere die ewige Weisheit nicht, wohl iſt Gott gerecht, aber dunkel und verworren ſind die Wege des ewigen Schickſals. Verehre dieſe mit ſtiller Ergebung und harre geduldig des Ausganges.“ „So ſei Rache und ewiger Haß dem gleis⸗ neriſchen Teufel geſchworen,“ fuhr Herrmann heftig fort,„nicht raſten will ich, bis ich ihm die Larve herabgeriſſen und die Werke ſeiner Bosheit vernichtet habe. Adelheid zu retten, ihren verblendeten Vater von dem Abgrunde über welchem er ſchwankt, hinweg zu reißen, 74 und die gebrandmarkte Ehre, die Unſchuld meines armen unglücklichen Vaters zu retten, das ſoll von nun an meine erſte und heiligſte Pflicht ſein, und iſt die gerühmte Gerechtig⸗ keit des Himmels kein leerer Traum, ſo wird, ſo muß er mein Unternehmen ſegnen und es gelingen laſſen.“ „Vertrauet auf Gott und handelt mit Klugheit,“ erwiderte Benedikt,„ſo werdet Ihr Euch gewiß zuletzt der ſchönſten Erfül⸗ lung Euerer Hoffnungen und Wünſche er⸗ freuen. In heiliger Gottgeweihter Stille will ich für Euch beten, und wenn Ihr etwa Rath und Schutz bedürfen ſolltet, dann werdet Ihr mich wieder bei Euch ſehen. Bis dahin, theurer Sohn, gehabt Euch wohl und geht in Frieden.“ Er wandte ſich ſchnell um und ſchlüpfte durch das Gebüſch hindurch, das ihn alsbald den nachfolgenden Blicken des jungen Ritters entzog. 5 75 In düſteres Nachdenken verſunken irrte Herrmann in dem Haine umher, um einen Entſchluß für die Zukunft zu faſſen und den Plan der Rache gehörig zu ordnen, bis ihn des Abends dunkle Schatten in die friedliche Heimath zurück riefen. Doch dem unglück⸗ lichen Herrmann fehlte auch dieſe; die Burg ſeiner Väter, und all ſeine Habe, war längſt eine Beute des Aechters, der ſeinen edeln Bater durch das angedichtete Verbrechen des Meuchelmords, durch Acht und Kirchenbann ſeiner Güter verluſtig machte und ſich ſelbſt zueignete. Arm und verlaſſen mußte damals der reifende Jüngling die Freiſtatt ſeiner frohen Jugend fliehen, wenn er nicht ſelbſt ein Opfer der Argliſt und Bosheit von ſeines Stammes Feinden werden wollte, und voll bittern Menſchengroll irrte er lange unſtät und flüchtig umher, bis er, tief hinter dem Gebüſch des Waldes verſteckt, die einſame Hütte eines armen Landmanns fand, die ihn gaſtfreundlich in ihren ſtillen Schooß auf⸗ nahm.- * .——— —————— ——ᷓ— V 76 Mit Freuden nahmen der alte biedere Hüttenbewohner und ſein Weib den armen Verlaſſenen unter ihr friedliches Dach auf, und ſuchten ihn durch Liebe und elterliche Pflege für die Wunden, welche ein feindliches Geſchick ihm ſchlug, zu entſchädigen, und dank⸗ bar ſegneten die beiden edelmüthigen Bewohner der Hütte die Stunde, die ihnen den Sohn ihres ehemaligen geliebten Herrn zuführte, deſſen Menſchenfreundlichkeit und Milde ſie ein ruhiges und ſorgenfreies Alter verdankten. Miit ſorgſamen Fleiß waren Beide jetzt darauf bedacht, dem Sohne dankbar zu vergelten, was der Vater einſt ihnen gewährte, und hier war es, wo Herrmann in den Armen der Freundſchaft von ſeinem Grame wieder genaß und heiterer in die Zukunft blickte. Düſter und in ſich gekehrt trat er jetzt in die friedliche Hütte und gedankenvoll warf er ſich auf ſein Lager, auf welchem ihn dieſe Nacht wieder, wie es öfters ſchon geſchehen war, der Schlummer floh, bis durch das niedrige Hüttenfenſter des Morgens erſter 77 Schimmer drang. Froh begrüßte er der Mor⸗ genröthe ſanften Glanz, indem er aus der Hütte hinaus eilte, und ſich auf ſein Roß ſchwang, das ſein gutmüthiger Wirth für ihn ſchon bereit hielt, und ihm ein herzliches: „Gott geleite Euch!“ nachrief. Nach reiflichem Nachdenken hatte Herrmann den Entſchluß gefaßt, unverzüglich nach der Wetterburg zu eilen, und dem Grafen Kon⸗ rad die Gefahr zu zeigen, die über ihm und ſeinen Hauſe ſchwebe. Die lieblichen Bilder einer ſegenvollen Zukunft umgaukelten jetzt ſeine Seele; er ſah die Werke der Bosheit zerſtört, die Ehre ſeines Vaters von aller Schuld gereinigt, Konrads Haß getilgt und ſich ſelbſt als glücklichen Gatten der geliebten Adelheid und mit ſehnſuchtsvoller Andacht ſeufzte er zu dem Himmel empor:„laß, guter Gott! dieſes keinen leeren ſchmeichelnden Traum ſein! laß dieſe ſchöne Zukunft bald zur glück⸗ lichen Gegenwart reifen!“ Der glückliche Träumer konnte kaum den Augenblick erwarten, wo er das Ziel ſeiner 78 Reiſe würde erreicht haben; ſeine Sehnſucht gab ſeiner Eile Flügel, und keuchend flog ſein muthiges Roß durch Moor und Ge⸗ ſträuche, und über Felder und Gebirge da⸗ hin, daß die Sohle des Reiters den Thau von den Spitzen des Wieſengraſes hinweg⸗ ſtreifte. Umgeben von den lieblichen Traumgeſtal⸗ ten ſeiner Schwärmerei, trabte Herrmann da⸗ hin, und ſchon ſahe er in dunkler Ferne die Felſen der Wetterburg in dem dämmernden Morgenlichte ſich entgegendämmern, und mit verdoppelter Eile flog er dahin, bis er den Forſt erreicht hatte, der ſich weit über die Gegend ausbreitete und nach Konrads Burg führte. Jetzt hatte er endlich die Mitte des Waldes erreicht, als plötzlich das durchdrin⸗ gende Angſtgeſchrei einer weiblichen Stimme durch das Gebüſche aus der Ferne hindurch⸗ drang und ihn aus ſeinen Schwärmereien auf⸗ ſchreckte. Mit allen Schrecken des Todes flüſterte ihm ſein Inneres, das jetzt nur mit der Ge⸗ 79 liebten ſeines Herzens und mit Gregors bos⸗ haften Anſchlägen beſchäftigt war, die Ahnung Wuth und Rache entflammt, lenkte er augen⸗ blicklich ſein Roß nach der Gegend hin, die ihm das wiederholte Angſtgeſchrei bezeichnete, und das ihn in den Grund des einſamen Kloſterthales unfern der Abtei von St. Baſil leitete.. Kaum hatte er den Eingang in das weite Kloſterthal erreicht, als er einen Troß von Räubern gewahrte, der eben im Begriff war, zwei weibliche Geſtalten davon zu führen, und was ihm geſtern ſein ehrwürdiger Freund Be⸗ nedikt vertraut hatte, das ließ den jungen Ritter keinen Augenblick daran zweifeln, daß er in der Geraubten die geliebte Adelheid fin⸗ den werde. Sein Herz hatte ihm wirklich Wahrheit geſagt. Jene Räuber waren Miethlinge, die der bübiſche Gregor gedungen hatte, um den 8 Grafen von der Wetterburg durch eine Spie⸗ gelfechterei zu täuſchen, und Adelheid ſeinen zu:„das iſt Adelheids Stimme!“ und von 80 eigenen Wünſchen näher zu bringen, indem er durch dieſe Schreckensſcene den Gedanken in ihr zu beleben hoffte, daß die Welt ihr gefährlich ſei, und daß ſie nur in den heiligen Mauern klöſterlicher Einſamkeit Ruhe und Sicherheit finden könne. 133 Deshalb mußte der gedungene Räuber⸗ troß, mit frühem Morgen in dem Gebüſche verſteckt, Adelheids Ankunft erwarten, um ſie zum Schein davon zu führen, wenn ſie nach ihrer Gewohnheit mit ihrer treuen Bertha nach dem Kloſter zur Morgenandacht wandern würde. Der Plan war mit der ganzen dem Abte eigenen Schlauheit ſo fein angelegt, daß er nothwendig gelingen mußte, ohne daß er ſelbſt eine Entdeckung ſeiner Bosheit befürchten durfte. Um allen Schein des Antheils zu ver⸗ meiden, ward ein feiler Böſewicht, der längſt ſchon als Mitgenoſſe ſeiner Bosheit in des Abtes Solde ſtand, von ihm erkauft, der die Räuber dingen und anführen mußte. Zu gleicher Zeit verſammelte er ſeine Kloſterknechte um ſich her, und rief ſie auf, der Unſchuld 81 — beizuſtehen, und die ſchöne Gräfin von der Wetterburg, die von Räubern bedroht werde, aus den Händen dieſer Böſewichter zu be⸗ freien. Ein anderer Genoſſe ſeiner argliſtigen Bosheit ward dazu erkoren, die Knechte an⸗ zuführen, und in dem Hinterhalte mit ihnen zu lauern, bis der Raub vollbracht ſein würde. Das Bubenſtück ward ganz nach Wunſch und den Vorſchriften des Abtes gemäß aus⸗ geführt. Kaum hatte die ſchöne Adelheid mit ihrer treuen Zofe jene Gegend erreicht, als die Räuberſchaar ſie ergriff, auf die Roſſe zog und mit ihr davon eilte. Aengſtlich um Hülfe rufend, wand ſich die Geraubte unter den Händen der Böſewichter, als plötzlich die zweite Schaar der Kloſterknechte aus dem Hinter⸗ halte hervorbrach und auf die Räuber ein⸗ ſtürzte, welche bald nach kurzer Gegenwehr, der erhaltenen Vorſchrift ihres Anführers ge⸗ mäß, der überlegenen Menge ihrer Gegner nachgaben, und fliehend ihre ſchöne Beute den Siegern überließen. Eben war dieſes Gaukelſpiel eendiat und Erſte Serie. VII. Band. 6 82 ſchon begannen die Räuber dem Haufen der Kloſterknechte zu weichen, als Herrmann mit geſchloſſenem Viſir und hochgeſchwungenem Schwert in die Haufen eindrang und mit wil⸗ dem Grimme auf ſie losſtürzte, daß die be⸗ ſtürzten Böſewichter vor der Kraft ſeines ſtarken Armes dahin ſtoben. Forſchend ſpähete ſein glühender Blick nach dem Anführer der Kloſter⸗ ſchaar, und kaum hatte er dieſen erblickt, den er für Gregor hielt, als er mit wildem Grimme ſich durch den dichtgedrängten Haufen mit dem Schwert einen Weg nach ihm hin bahnte. „Halt an, verkappter Böſewicht!“ rief er ihm im Verfolgen mit ſchäumender Wuth zu; „halt an, Gregor! du Mörder meiner Ehre und meiner Freunde, daß ich mit dieſem Schwerte Dein ſataniſches Mönchsgeſicht ent⸗ larve und Dich der Hölle überliefere!“ Schon ſchwebte Herrmanns hochgeſchwun⸗ genes Schwert über dem erreichten fliehenden Verräther, um ihn in den Staub zu ſtürzen, als ein Pfeil tief in die Seite von Herrmanns Roß eindrang und dieſes den verkappten Ver⸗ räther rettete. Hoch empor ſich bäumend ſprang das verwundete Roß zurück, und trotz Zaum und Sporn flog es wild brauſend mit Herr⸗ mann im Flug über die Ebene dahin und dem Walde zu. Vergebens ſtrengte Herrmann ſeine ganze Kraft und Geſchicklichkeit an, dem wilden Lauf ſeines Roſſes Einhalt zu thun; immer ſchneller und wilder jagte es dahin, bis es endlich tief in dem Innerſten des Waldes von dem Geſtrippe verſtrickt, erſchöpft und athemlos, und triefend von Blut, unter ihm zu Boden ſtürzte. Die Unmöglichkeit, der unglücklichen Adel⸗ heid beizuſtehen und der ſchreckliche Gedanke, daß ſie vielleicht in dieſem Augenblicke den Lüſten des ſataniſchen Gregors geopfert werde und in Verzweiflung über ihre Schande dem Tode entgegenwanke, empörten Herrmanns Sinne und Gefühle bis zur heftigſten Wuth und Raſerei. Sein wilder verzweiflungsvoller Schmerz grenzte an die Qualen der Hölle, und raubte ihm jede Kraft der Beſonnenheit. In einer Art von Betäubung warf er ſich 6* „ 84 nieder an den Boden, krampfhaft wühlte ſeine Fauſt in dem wilden Geſtrippe, und ſein na⸗ menloſer Schmerz, der die Bruſt ihm zu zer⸗ ſprengen drohte, löſte ſich in ſchrecklich banges Stöhnen auf, das furchtbar in dem Dickicht verhallte. Nur nach und nach gelang es ihm, ſeinem wüthenden Schmerze Worte zu geben; indem er aufſprang und wild zum Himmel empor ſtöhnte:„Ich kann ſie nicht retten! ohnmächtig erliege ich der Härte meines feind⸗ lichen Geſchicks. Du dort oben über den Sternen, deſſen Auge den Frevel ſah, deſſen Ohr das Jammern der Unſchuld hörte, Du annſt ſie retten, und kannſt noch zögern? Du kannſt dieſen Frevel dulden? Haſt Du keine Blitze, um ſie auf das Haupt des Böſewichts herabzuſchleudern? O neige Dein Ohr zu meinem verzweiflungsvollen Flehen! laß mich Erhörung finden, rüſte Dich mit Deinem Donner und dulde nicht, daß dieſer frevelnde B ewicht länger Deine Gerechtigkeit höhne und Dein ſchönſtes zmieiſerfs ranſam zer⸗ ſtöre!“ Ein milder belebender Strahl von Hoff⸗ nung ſchien jetzt von oben herab zu glänzen, und wohlthätig das furchtbare Dunkel ſeiner Seele zu erhellen. Die Wellen des wüthen⸗ den Schmerzes, die in ſeinem Innern wogten, legten ſich allmählig wieder und mit dem da⸗ hin ſchwindenden erſten heftigen Sturme der empörten Gefühle kehrte auch ſeine Beſonnen⸗ heit zurück. Was ſoll er beginnen? wohin ſoll er ſich wenden, um die Mittel zur Rettung der Ge⸗ liebten zu finden und ſie den Klauen jenes ſataniſchen Böſewichts zu entreißen? Soll er zurückeilen nach dem entweihten Heiligthume, und ehe der Frevler in frecher Sicherheit ſein Bubenſtück vollendet, die Räuberhöhle zerſtören und den bübiſchen Gregor unter ihren Ruinen begraben? Wie vermag er das? Die Heilig⸗ keit des Orts, die Stärke und Feſtigkeit der Mauern und der Heiligenſchein des heuch riſchen Abtes muß jeden gewaltſamen An dieſer Ark in dem erſten Verſuche vereiteln, und Herrmann ſelbſt zum größten Verbrecher 86 machen. Soll er zur Wetterburg fliehen, dem Grafen Kunde von dem Bubenſtücke des ſchein⸗ heiligen Abtes bringen und ihn auffordern, ſeine Mannen eiligſt zu verſammeln und ſie mit bewaffneter Hand gegen einen Böſewicht anzuführen, der Macht genug in Händen hat, den vernichtenden Bannſtrahl, Acht und Tod auf die tollkühnen Frevler herabzuſchleudern und jeder Gewalt Trotz zu bieten? Von allen Seiten ſah er ſich von Gefah⸗ ren und Hinderniſſen umgeben, die ſich Rieſen gleich um ihn her lagerten, um jeden Weg zur ſchnellen Rettung zu verſperren. Lange ſchwankte er unentſchloſſen in der Wahl, bis endlich der Entſchluß in ihm die Oberhand behielt, nach der Wetterburg zu eilen, und den Grafen Kon⸗ rad zur Rache und zur Hilfe aufzufordern. „Erfahren muß der arme Vater doch einmal die Schreckensnachricht,“ rief er ſich ſelbſt zu, „ſo will ich es ſein, der ſie ihm bringt, ehe Anderer mir zuvorkommt, und mir das Mittel raubt, mir dadurch wieder den Weg zu ſeiner Verſöhnung zu ebnen und mich zum 87 nenen Freundſchaftsbunde mit ihm zur Rettung ſeiner geliebten Tochter zu verbinden. Entſchloſſen ſprang er auf, indem er ſein Schwert ergriff, und ſich damit einen Weg durch das verwilderte Gebüſch bahnte. Allein noch ſchien ſein widriges Geſchick nicht müde, ihn grauſam zu necken; denn je weiter er vor⸗ drang, um ſo dichter und verwilderter ward der Wald und um ſo fremder ward ihm die Gegend, bis er ſich ſo tief in das wilde Ge⸗ ſtrippe verworren ſah, daß er ſich blindlings dem Ungefähr überlaſſen und aufs Gerade⸗ wohl einen Weg durch das Dickicht einſchlagen mußte. Nur ſpät erſt gelang es ihm, nach ſtundenlangem Umherirren in dieſer Wildniß einen Ausgang des Forſies zu finden und die hohe Straße zu gewinnen, allein mit Schrecken ſah er ſich ſo weit von dem rechten Wege ent⸗ fernt, daß er mit aller Anſtrengung ſeiner Kräfte die Wetterburg kaum vor dem Ein⸗ bruche des Abends zu erreichen hoffen durfte. 88 Mit ungeduldiger Erwartung ſah der Abt Gregor dem Boten entgegen, der ihm Nach⸗ richt von dem Ausgange ſeines gegen Adel⸗ heid begonnenen Bubenſtücks bringen ſollte, als er durch die Ankunft des Ritters Benno, ſeines Schirmvogts, überraſcht ward, der ſo eben von Regensburg zurückkehrte, um ihm von dorther Bericht abzuſtatten. „Seid tauſendmal mir willkommen!“ rief Gregor ihm entgegen,„Gott gebe Euch ſeinen beſten Segen, wenn Ihr mir frohe Kunde bringt! Sprecht, wackerer Freund, wie hat das Glück für mich entſchieden? Wird Konrad kämpfen, um ſich von dem ihm beſchuldigten Vergehen zu reinigen, und zu fallen?“ „Nein, Herr Abt, das wird er nicht, noch dürft Ihr Euch nicht des Gewinnes ſeiner Güter und ſeines Falles erfreuen. Rechtet deshalb mit dem Himmel, der Euch noch ein⸗ mal ſo nahe am Ziele Euerer Hoffnungen den Weg dazu verſchloß.“ „Was ſagt Ihr, Herr Ritter? So wäre 89 mein Plan geſcheitert? und Konrad von der Wetterburg—“ „Wird nicht kämpfen; denn ohne einen Schwertſtreich von ihm iſt ſeine Ehre wiederum von allem Verdachte gereinigt.“ „Erklärt Euch deutlicher. Wo ließt Ihr Euren Bundesgenoſſen?“ „Meinen Bundesgenoſſen? Ihr drückt Euch falſch aus, Herr Abt; Euern Bundes⸗ genoſſen werdet Ihr meinen.“ „O laßt uns jetzt nicht um Worte rechten; wo ließt Ihr ihn, und was geſchah mit ihm?“ „Er kämpfte, beichtete und ſtarb.“ „Er beichtete?— Er beichtete und ſtarb? — Um aller Heiligen willen! ich bitte Euch, Ritter, widerruft, und ſprecht, daß Ihr nur mit mir ſcherzen wolltet.“ „Bei meinem Schwert! ich ſcherze nicht, ſondern was ich ſprach, iſt Wahrheit. Doch faßt Euch, Herr Abt, und ſchöpft neuen Muth und neue Hoffnung; denn noch iſt nichts für Euch verloren.“ „So ſpannt mich nicht länger auf die .—— 90 Folter durch Eure doppelſinnigen Reden; be⸗ freiet mich von meiner Berlegnhat und laßt mich alles wiſſen.“ „ So hört. Eurer Vorſchrift gemäß trat der Rieſe mit kühnem Muthe hervor in den Kreis der verſammelten Ritter und der Edeln des Reichs, und brachte ſeine lügenhafte An⸗ klage gegen den Grafen Konrad von der Wet⸗ terburg mit ſoviel kecker Zuverſicht dem Kaiſer vor, daß ich, wäre ich nicht bekannt mit der Schelmerei geweſen, ſelbſt darauf geſchworen haben würde: der Lügner ſpreche Wahrheit. Schon glaubte ich feſt, daß Eure Liſt gelingen müſſe, als aus dem Kreis der Ritter Graf Urach der Wilde heraustrat, und keck und muthig der Ehre ſeines Freundes Konrad ſich annahm, den Kläger einen Buben, einen frechen Lügner ſchalt, und den Fehdehandſchuh Jenem hinwarf, indem er den Kaiſer dringend um die Erlaubniß bat, im Kampfgericht mit Schwert und Lanze zu beweiſen, daß Kon⸗ rads Ankläger ein gedungener Böſewicht und ein bübiſcher Lügner ſei. Mit ihm vereinigten ſich von Zorn entbrannt alle verſammelten Ritter, um das Kampfgericht von dem Kaiſer zu erbitten, bis dieſer endlich den ſtürmiſchen Foorderungen und Bitten nachgab. Der Zorn der Ritter und die Gefahr, welcher er ſich durch einen Widerruf der Klage ausſetzte, zwaugen den Riefen, den Kampf anzunehmen. Im kecken, übermüthigen Vertrauen auf ſeine bekannte Stärke, hob der Rieſe den Fehde⸗ handſchuh auf, doch war es deutlich genug zu bemerken, wie ſehr das Bewußtſein ſeiner Schuld und des unritterlichen Kampfes für eine Lüge ſeinen Muth und die Kraft ſeines Armes ſchwächte. Er focht mehr als ein Verzweifelnder, als muthig und vertrauensvoll auf die gerechte Sache, die ſeines Gegners Tapferkeit belebte. Genug, nach hartem Kampfe fiel der Rieſe gedemüthigt in den Sand, und als des Siegers Schwert über ihm ſchwebte, um ihm den Todesſtoß zu geben, da flehte er ängſtlich um ſein Leben, indem er ſeine An⸗ klage gegen Konrad ſelbſt für Unwahrheit er⸗ klärte, und ſich anheiſchig machte, vor allem 1 92 Volke frei zu bekennen, wer ihn zu dieſer Büberei gedungen habe, nachdem er vor dem Altar von dem Eide ſei entbunden worden, der ſeine Zunge feſſele. Jetzt ſank mein Muth, und ſchon ſah ich mich nach einem ſichern Rückzug um, dem Zorne des Kaiſers und der erbitterten Ritter bei Zeiten zu entrinnen, als plötzlich aus den dichtgedrängten Reihen der welſche Held, den ihr auf den ſchlimmſten Fall mir ſehr weislich mitgegeben hattet, und der in ſeinem ritterlichen Schmucke dem reichſten Ritter glich, hervorſprang, und den Verräther mit einem gutgeführten Schwertſtreich leblos zu Boden ſtürzte. Zwar drangen, über dieſe raſche That äußerſt entrüſtet, die Ritter auf den Mörder ein, doch willig ließ dieſer ſich vor den Kaiſer führen, indem er laut ſeine raſche That als Folge ſeines empörten Edel⸗ muths gegen einen ſo frechen Böſewicht er⸗ klärte. Die Gewandtheit ſeiner Zunge wußte dieſe Lügen ſo künſtlich in das Gewand der Wahrheit einzuhüllen, daß die Erbitterung des Kaiſers und der Edeln bald in Bewunderung ſeines Edelmuths überging, und daß ihn der Kaiſer von der wohlverdienten Strafe dieſes Mordes frei ſprach. Hierauf benützte ich ſchlau den günſtigen Augenblick der erſten Ueber⸗ raſchung, den welſchen Mann aus dem Kreiſe der Ritter zu entfernen, ihm den verſprochenen Lohn auszuzahlen, und durch ſchleunige Flucht ihn und Euch und mich der Gerechtigkeit zu entziehen.“ Jetzt athmete der Abt wieder aus freier Bruſt auf.„Nehmt meinen wärmſten Dank für Eure Botſchaft,“ rief er dem bübiſchen Benno zu,„und laßt Euch durch meinen Säckelmeiſter Euern Helm bis oben an mit Silberſtücken zum Zeichen meiner Erkenntlich⸗ keit anfüllen. Bleibt nur ſtets mir und Euerm Verſprechen der Verſchwiegenheit und Eures Dienſteifers wie bisher getren, und Ihr ſollt jederzeit einen ſehr dankbaren Schuldner an mir finden.“ Die Ankunft eines von den Kloſterknechten, welche die ſchöne Gräfin von der Wetterburg 94 raubten, kürzte das Geſpräch des Abtes und ſeines Schirmvogts ab. Ritter Benno eilte hinweg, und voll geſpannter Erwartung rief Gregor mit ſcheinheiliger Geberde dem herein⸗ tretenden Knechte zu:„Iſt die holde Jung⸗ frau gerettet? lebt ſie? und wo haſt Du ſie verlaſſen?“ „Sie lebt, hochwürdiger Herr, ſie lebt, und dankt Eurer weiſen Wachſamkeit ihre Rettung. Wir haben wacker gekämpft, der Anführer jener Räuberſchaar focht mit der Wuth eines Raſenden, und wie Blitze fielen ſeine Streiche auf uns nieder. Doch plötzlich floh er haſtig dem Walde zu, und ſiezreich führen wir Euch die holde Jungfrau und ihre Zofe zu. Wir haben ſie jedoch theuer erkaufen müſſen; denn furchtbar wüthete des Räuberanführers Schwert in unſerm Häuf⸗ lein, und Eure beſten Leute ſind gefallen. Doch racheglühend ſchoß ich einen Pfeil auf den Wüthenden ab, der ſeinem Wüthen plötz⸗ lich Einhalt that. O möchte er ihn getödtet und für den frechen Uebermuth beſtraft haben, 95 womit er Euch, Hochwürdiger Herr und Euere Heiligkeit läſterte.“ „Mich? mich läſterte er? Der Herr mag ihm dieſe Läſterung verzeihen, wie ich ihm verzeihe; doch laß mich Alles wiſſen: was ſprach er von mir?“. „Verzeiht, Hochwürdiger, wenn meine Zunge ſich ſcheut, dieſe frechen Läſterungen zu wiederholen; ich würde fürchten müſſen, Euern gerechten Zorn auf mich zu ziehen.“ „Das wird es nicht. Ich mache es Dir zur Pflicht, zu ſprechen und mir Alles unge⸗ ſcheut zu eröffnen.“ „Nun dann, Hochwürdiger, Ihr befehlt, und meine Pflicht iſt es zu gehorchen. In⸗ dem der Bube wild in unſern Haufen ein⸗ ſtürzte und mit hochgeſchwungenem Schwert ſich mitten durch unſere Reihen einen Weg zu unſerm Anführer bahnte, rief er mit fürchter⸗ licher Stimme:„Halt an, Gregor, verkappter Böſewicht, daß ich mit meinem Schwert Dein ſataniſches Mönchsgeſicht entlarve und Dich der Hölle überliefere!“ Da traf ihn mein ab⸗ 96 geſchoſſener Pfeil, und ſtürmiſch lenkte er fliehend ſein ſchäumendes Roß dem Walde zu.“ „Wer war der freche Böſewicht, der Gott ſo läſterte? Sprich! Haſt Du ihn erkannt, ſo ſäume nicht, mir ihn zu nennen, damit der Bann, der Fluch des Herrn den Lüſterer treffe und ihn vernichtet in den Staub ſchmettere.“ „Das geſchloſſene Viſir verbarg ſein Ge⸗ ſicht, und Keiner aus unſern Häuflein kann ihn Euch, Hochwürdiger, nennen; wenn ihn Euch nicht vielleicht ſeine Rüſtung kenntlich macht. Sein Waffenrock war blau und auf dem blanken Schilde ſchwang ſich ein goldner Adler zum Bilde der Sonne empor.“ „Halt ein! ich weiß genug. Wehe über den Frevler Herrmann! der Zorn des Herrn wird ihn gewiß nicht verfehlen. Doch willſt Du, treuer Knecht, meiner Gunſt Dich wür⸗ dig zeigen, ſo laß nie Deinen Mund verrathen, was Dein Ohr gehört; ein Wort von jener Läſterung, womit der Adlerritter es gewagt, 97 den geſalbten Diener des Herrn zu ſchmähen, macht Dich zu ſeinem Mitverbrecher. Jetzt eile unverzüglich nach der Wetterburg, ent⸗ biete dem Burgherrn meinen Gruß und bringe ihm treue Kunde von dem, was Du geſehen und gehört haſt. Nur eines verſchweig, die Läſterung des Adlerritters gegen mich. Knie nieder, ſchwöre mir Treue und unverbrüchliche Verſchwiegenheit, und gelobe feierlich, pünkt⸗ lich zu thun, wie ich Dir befehlen werde.“ 3 Zitternd legte der Knecht den verlangten Eid, und mit ernſter Stimme fuhr der Abt fort:„Sobald die Knechte kommen, ſo ver⸗ ſammle ſie um jenen Heiligen, und laß ſie bei dieſem Wunderbilde denſelben Schwur, den Du jetzt ablegteſt, ebenfalls ſchwören. Verkünde ihnen meine Gunſt und meinen Segen, wenn ſie dem Gelübde treu verharren, und meinen Fluch, wenn ſie es mit einem Laut zu verletzen ſich erkühnen. Iſt dieſes Geſchäft gethan, dann eile ungeſäumt zu mei⸗ nem edlen Freunde, dem Grafen Konrad von der Wetterburg. Der Anführer jener Räuber⸗ Erſte Serie. VII. Band. 7 98. ſchaar war Niemand anders, als der Ritter Herrmann von Adlerhorſt; ſein blauer Waffen⸗ rock und das Sinnbild ſeines Schildes machen ihn mir nur allzukenntlich, und laſſen keinen Zweifel weiter übrig, daß er es wirk⸗ lich war. Nenne ihn dem Grafen Konrad als den Räuber ſeines Kindes, und verkünde ihm nebſt einem frommen Gruße, daß ich es war, der Herrmanns Bubenſtück vereitelte, ſeine holde Tochter aus den Händen des Räubers rettete, und ſie ihm durch ſicheres Geleite in ſeine Vaterarme zurückſende. Zu⸗ gleich ſuche den Knappen Veit auf der Wetter⸗ burg auf, und befiel ihm in's Geheim in meinem Namen, daß er in der künftigen Nacht in dem Kloſter erſcheine, um die Befehle der Kirche aus meinem Munde zu vernehmen.“ Mit ehrfurchtsvoller Geberde entfernte ſich der Knecht, als der Pförtner die Ankunft der Reiſigen mit den beiden Jungfrauen ver⸗ kündete, indem er hinauseilte, und dem Be⸗ fehle des Abts zufolge, die übrigen Knechte bei dem Heiligenbilde um ſich her verſammelte, 99 und Jedem das Gelübde der Verſchwiegenheit und unverbrüchlichen Treue ablegen ließ. Indeſſen ward Adelheid vor den Abt ge⸗ führt, der ſie mit aller ihm eigenen gleisneri⸗ ſchen Heiligkeit empfing.„Sei mir gegrüßt, gerettete Verlorene, in der Behauſung des Friedens!“ rief er der weinenden Adelheid zu, die voll tiefer Ehrfurcht ſeine Hand an ihre Lippen drückte, ntrockne Deine Thränen ab, wenn ſie nicht vielleicht die Zeugen Deiner eigenen Schuld und Deines ſündhaften Mit⸗ wiſſens jenes Frevels ſind. Tief im Staube verehre die Hand des Himmels, die Dir durch meine Hülfe das Leben und die Seele gerettet hat. Du wankteſt ſchon über dem furchtbaren Abgrunde, der Dich zu verſchlin⸗ gen drohte, doch auf wunderbare Art zog Dich die Hand des Herrn zurück, und gnädig wird er Dir verzeihen, daß Du den Mann, den Gott verachtet, lieben konnteſt, wenn Du Deine Verblendung und Deine Leidenſchaft, die Dich in den Augen des Himmels zur Verbrecherin macht, mit Ernſt bereueſt. Die 7* 100 reuige Sünderin wird hier durch Buße und Gebet Gnade finden, doch ihm, der jenes Bubenſtück verübte, den nichtswürdigen Herr⸗ mann von Adlerhorſt, trifft des Himmels ewiger Zorn und Fluch!“ Mit einem Ausrufe des Schreckens ſank Adelheid in Bertha's Arme.„Wehe mir,“ jammerte ſie weinend,„ſo war Herrmann ſelbſt der Räuber, den ich erblickte? O Herr⸗ mann, zu welcher That hat Dein böſer Geiſt im Grimme Dich gereizt, Du wollteſt meinen Beſitz Dir dadurch erringen, und haſt mich nun auf immer verloren. Ich darf Dich nicht mehr lieben, nur bemitleiden kann ich Dich und mich, ich werde ſehr unglücklich ſein.“ So jammerte die arme Adelheid verzweif⸗ lungsvoll, und lüſtern ſtand der Abt vor ihr und weidete ſich mit wollüſtigen Blicken an dem Vollmaaße ihrer Schönheit, die ihr Schmerz nur noch mit neuem Reiz erhob. „Du biſt von Furcht und Schmerz erſchöpft und krank, liebe Tochter,“ ſprach er zu ihr, „ich will dafür ſorgen, daß Du hier ruhen 101 und Dich erholen kannſt, und daß Dir augen⸗ blicklich Hülfe geleiſtet werde.“ „Nicht das,“ erwiderte Adelheid,„ich danke. 1 innig für Euere Sorgfalt und Güte, doch 5 wollt Ihr mich noch mehr zum Danke für Euch verpflichten, ſo vergönnt, daß ich ſogleich wieder zu meiner väterlichen Burg zurück⸗ kehren darf, und laſſet mich bis durch jenen Forſt ſicher geleiten.“ 1 „Dieſe Bitte,“ ſprach der Abt,„ſoll Dir ſogleich gewähret werden: doch, liebe Tochter, nimm vorher des väterlichen und um Dein Heil beſorgten Freundes gutgemeinten Rath und ſeine Warnung an. Du haſt es jetzt mit Schrecken erfahren, mit welchen Gefahren dieſe Welt die Unſchuld bedrohet, und welche Netze das Laſter und die Bosheit ihr ſtellen, um ſie zu umſtricken und zu verderben. Gott ſelbſt hat Dich durch die heutigen Schreckniſſe von dieſen Gefahren überzeugen und dadurch Dich warnen wellen, der heuchleriſchen Menſchenbrut nicht zu trauen, ſondern Dich der ſündhaften Welt und dem drohenden Ver⸗ derben zu entziehen. Nur in heiligen Mauern wohnt ewiger Friede, hier in Gott geweihter Stille ſchweigt der Tumult der Leidenſchaft und der Sinne, die ſo oft den ſichern Men⸗ ſchen in dem Geräuſche der Welt umſtricken und dem Verderben zuführen. O möchteſt Du den Ruf der Gottheit hören, die jetzt durch mich, ihren Diener, Dir freundlich zu⸗ winkt, Dich ihr allein zu weihen und als Braut des Himmels zum Segen und zum ewigen Heil erkohren, nur für ſie und nicht für die Menſchen zu leben. Rette, rette Dich in den heiligen Schooß der Kirche; komm, liebe Tochter, ihre Mutterarme ſind geöffnet, um Dich zu empfangen. Fliehe die Verſuchung, ehe Du in dem Kampfe mit ihr unterliegeſt; ein einziger Augenblick, worin von Sinnlich⸗ keit beſtrickt, das Laſter und die Bosheit über Deine Tugend ſiegen, iſt hinreichend, Dich auf ewig von dem Himmel loszureißen und Dich zu vernichten. Was kannſt Du noch von der Welt erwarten, das Dich für die ewigen Freuden des Himmels entſchädigen könnte, zu welchen dieſe Freiſtatt Gottes Dich einladet?“ „Nichts,“ ſeufzte Adelheid mit Thränen. „Mein Herz hofft nun Nichts mehr in dieſer Welt zu finden. Mein Herrmann war mir Alles, ſein kühner, laſtervoller Schritt hat all mein Lebensglück zertrümmert, von ihm ge⸗ trennt blüht mir ferner keine Lebensfreude. Mit heißer Sehnſucht ſchwingt ſich mein Geiſt himmelwärts, um von der Welt und ihren Leiden auf ewig mich zu trennen; doch ach! mein Vater! mit ſüßer Kindespflicht ihn zu pflegen und ſeines Alters Freude zu ſein, iſt mein heiligſter Beruf, und ſo gern ich von der Welt mich losreißen möchte, ſo wenig kann ich mich von dem beſten, heißgeliebten Vater trennen.“ „Heil Dir, traute Tochter,“ rief der Abt mit freudigem Blick aus, nder Himmel wird dieſe Deine edeln Geſinnungen ſegnen, und Dir die Mittel verleihen, die Dir den Weg in das Heiligthum des Herrn öffnen werden. Dein edler Vater wird, erleuchtet durch einen Strahl von oben, ſelbſt Deinen frommen Wünſchen entgegenkommen, um Dich aus dem gefahrvollen Geräuſche der Welt in die gottgeweihte Einſamkeit und ſegensvolle heilige Stille zu führen.“ Mit gierigen Blicken verſchlang ſein Auge die Reize der holden Jungfrau; das ängſt⸗ liche Stürmen des vollen Buſens, deſſen Schönheit das neidiſche Gewand nur zum Theil verhüllen konnte, ihr matter thränen⸗ voller Blick und der hohe Zauber von Liebens⸗ würdigkeit, der über ihr ganzes ſchönes Weſen ausgegoſſen war, fachten das Feuer zügelloſer Begierden zu immer größerer Gluth in dem Innern des Wollüſtlings an. Sein Auge funkelte wild, ſeine Lippen bebten vor gieri⸗ gem Verlangem, und mit verſtelltem feierlichen Ernſt fuhr er fort:„Komm an mein Herz, Du gottgeweihte Braut des Himmels, daß ich Dir den Kuß der Weihe reiche, und in einer geiſtigen Umarmung ſich der Himmel Dir offenbare.“ Getäuſcht von dieſer ſchwarzen Heuchelei, — ᷣ— 105 ſank Adelheid in die Arme des frechen Sün⸗ ders hin; mit Satyrwuth ſchloß er ſich lüſtern dem ſchönen Buſen an, deſſen Fülle ihm mit ſüßem Widerſtand entgegen wogte, und in einem langverweilenden gierigen Kuſſe glühte das Feuer ſeiner wilden Begierden auf Adel⸗ heids Lippen. Doch ſchnell genug ermunterte ſich der ſchlaue Böſewicht aus ſeiner Sinnen⸗ trunkenheit, um nicht ſein freches Spiel und die Maske ſeiner Gleisnerei zu früh zu ver⸗ rathen. Schnell hüllte er ſich wieder in das heuchleriſche Gewand der Heiligkeit, indem er Adelheid frei ließ und ſie mit zum Himmel aufgehobenen Händen als die erkohrene Him⸗ melsbraut ſelig pries. „Jetzt ſtärkt Euch, holde Jungfrauen, durch einen Labetrunk,“ fuhr er gegen Adel⸗ heid und Bertha fort, indem er ihnen einen Becher mit Wein reichte, nich eile indeß, Dein Verlangen, holde Adelheid, zur ſichern Beglei⸗ tung nach der väterlichen Burg zu befriedigen. Im Augenblick ſoll Alles dazu bereit ſein.“ Im wilden Aufruhr ſeiner Begierden eilte er ſchnell hinaus, um, während er ſeine Knechte um ſich her verſammelte und ihnen das ſichere Geleite Adelheid's und ihrer Zofe nach der Wetterburg auftrug, Zeit zu gewinnen, das Feuer, das in ihm loderte und ihn zu ver⸗ rathen drohte, zu dämpfen. Unter der heuch⸗ leriſchen Larve der Heiligkeit trat er endlich wieder zu Adelheid mit der Nachricht herein, daß Alles zu ihrem Aufbruche bereit und nur ihres Winkes gewärtig ſei. Adelheid zögerte nicht, dieſe angenehme Nachricht zum augenblicklichen Aufbruche zu benutzen, und der Abt führte ſie ſelbſt dem rüſtigen Jünglinge zu, der ſie auf ſein Roß nehmen und umgeben von den übrigen Knechten nach der väterlichen Burg führen ſollte. Freude ſtrahlte aus den Blicken des Jünglings und ſeine braunen Wangen überzog ein glühendes Roth, als der Arm der ſchönen Jungfrau ſich um ihn ſchlang und ſeine Bruſt in einen ſüßen Aufruhr brachte. Dem Abte entgingen die. innern Bewe⸗ gungen dieſes Jünglings nicht, ſein Auge ſchien Funken zu ſprühen, und mit ſcheelen, 107 glühenden Blicken des Neides und des Haſſes war es auf den Gliücklichen gerichtet, der im ſüßen Wonnetraume mit der Schönſten ihres Geſchlechts dahin trabte. Schnell mußte Gre⸗ gor ſich hinwegwenden und nach ſeinem Zim⸗ mer zurückeilen, um nicht den neuen wilden Aufruhr in ſeinem Innern zu verrathen, der ſich ſo unverkennbar in ſeinen Blicken und Geberden zeigte. „Ich Thor,“ rief er ſich zu, als er auf ſeinem einſamen Zimmer angekommen war, „ich Thor! daß ich den günſtigen Angenblick ſo unbenutzt entfliehen ließ. Noch brennen meine Lippen von der Seligkeit ihres Kuſſes, und meine Vorſicht bringt mich vielleicht auf immer um die hohe Wonne, die mein ver⸗ ſchmachtendes Herz an ihrem hochſchwellenden Buſen ſo ſelig ahndete. Noch fühle ich das ſanfte Widerſtreben dieſes ſchönen Buſens an „ dem meinigen, noch ſehe ich den ſanftbethränten Blick ihres ſchönen Auges. O der unaus⸗ ſprechlich hohen Wonne, die holde Dirne erſt dann zu ſehen, wenn Arm in Arm verflochten, dieſes ſchönen Auges ſanfte Gluth in dem Nebel des höchſten Genuſſes verlöſcht, und ihr Mund vor trunkner Wolluſt ſtöhnt!— Mein muß ſie werden dieſe Seligkeit, und ſollte ich die Hölle zum Siege aufbieten.“ So nährte er ſelbſt die frevelhafte Gluth, die in ſeinem Innern loderte, durch ſchänd⸗ liche Gedanken der Wolluſt und Boszheit, und brütete über den Plänen, die ihn am ſicherſten zu der Erreichung ſeiner ſtrafbaren Wünſche führen könnten. Doch plötzlich ſchreckte ihn der Gedanke aus ſeinem Nach⸗ denken auf, daß Herrmann von Adlerhorſt Kundſchaft von ſeiner geheimen Tücke erhalten habe, und ihn als ſeinen gehäſſigſten Feind mit unverſöhnlichem Haſſe und Rache verfol⸗ gen müſſe. Die Ausrufungen und Schmäh⸗ ungen Herrmanns gegen ihn ließen ihm keinen Zweifel übrig, daß dieſer ſein Geheimniß kenne; doch vergebens ſtrengte ſich Gregor an zu ergründen, wie Herrmann ein Gewebe von Bosheit habe erlauſchen können, das der Abt ſo tief verſteckt glaubte, als wenn es in dem Mittelpunkte der Erde vergraben läge. Mit allen Schaudern der Nacht packte ihn die Furcht, daß Herrmann ſeine geheime Tücke aufdecken, und durch vollgütige Beweiſe ſeine ganze hochgeprieſene Heiligkeit zu Schanden machen könne. Den gefürchteten Verräther auf ewig ſtumm zu machen, das ſchien dem Abte das einzige und untrügliche Mittel zu ſein, der nahen Gefahr auszuweichen. Haſtig ſtürmte er in die Schelle, die ſeinen treueſten Diener Ullo herbeirief, einen Buben, den Gre⸗ gor ſelbſt in Laſtern jeder Art und in Bos⸗ heiten übte, und zum erſten Ausführer ſeiner geheimſten Tücken weihte. Bleich wie die Sünde und mit ſchüchternem Blick wie das böſe Gewiſſen ſchlüpfte Ullo herein, um die Befehle ſeines Meiſters zu er⸗ fahren. „Ullo,“ redete ihn der Abt an,„unſer ge⸗ heimes Spiel iſt entdeckt, irgend ein bübiſcher Verräther, den zu erforſchen ich Dir auftrage, hat dem Ritter Herrmann von Adlerhorſt un⸗ ſere Plane verrathen, und die Gefahr iſt 4„ 110 nahe und drohend; denn geſpornt von Haß und Rache wird der Adlerritter nach der Wetterburg jagen, um dem alten Grafen das 4 Geheimniß zu enthüllen, das ihn mit Jenem ausſöhnen und uns vernichten ſoll. Nur raſche Entſchloſſenheit kann uns retten; der Streich, der uns bedroht, falle auf Herrmanns Haupt zurück, und vielleicht gelingt es mir, den Ver⸗ räther früher ſtumm zu machen, als noch ein Laut von dem erlauſchten Geheimniß über ſeine Lippen kommen kann; doch muß zu deſto größerer Sicherheit auch auf der Wetterburg ein Dolch für ihn bereit ſein. Rüſte Dich, Ullo, in der kommenden Nacht erwarte ich in den Hallen des Kloſters einen Mann, der dort für uns zur Rache muß eingeweiht wer⸗ den. Dir ſei es übertragen, durch magiſche Gaukelſpiele ſeine Sinne zu feſſeln, und ihn uns dienſtbar zu machen. Doch wiſſe, daß dieſes Jünglings Herz von keiner Bosheit und von keinem Laſter weiß, und daß ſein Edelſinn nur durch ſeinen genährten Aber⸗ glauben und durch Betrug zu bethören iſt. — 111 Darum handle mit Klugheit und Vorſicht und verſäume Nichts, um Deiner Zauberei alle die Schreckniſſe zu geben, die den Ge⸗ täuſchten zu unſern treueſten Sklaven machen können. Thue, wie ich Dir befohlen habe und rufe mir Mathilden.“ Mathilde war des Abtes Buhlerin, die dieſer einſt raubte, und zum Dienſte der Wolluſt für ſich erzog, die wir bald genauer werden kennen lernen. In voller Schönheit, die ſie zum Modell für ein überirdiſches Weſen hätte erheben können, wenn nicht die wollüſtige Gluth ihres ſchwarzen Auges und die freche Lüſternheit in ihren Mienen und in ihrem ganzen Weſen die Buhlerin verrathen hätte, ſchwebte ſie am Abend zu ihm herein. Jedoch ein holderes Bild als das ihrige, das Bild der reizenden Adelheid, ſchwebte jetzt vor der Seele des wollüſtigen Abtes, und ſo hatten die halb entblößten zum Genuſſe einladenden Reize Mathildens bei weitem nicht die Zauber⸗ kraft für ihn, die ſie ihnen zutraute. Gewalt⸗ ſam kämpfte jedoch Gregor die widrigen Em⸗ 112 pfindungen in ſeinem Innern nieder, um ſie nicht etwa der ſchlauen Buhlerin zu verrathen, und ſuchte durch Bilder ſeiner erhitzten Phan⸗ taſie dem Genuß erkaufter Luſt größern Reiz zu geben, indem er ſich in dem wilden Tau⸗ mel der Begierden in Adelheids Armen träumte. Ohne das ſchändliche Gewebe von Argliſt uund Bosheit zu ahnen, in welches ſie der böböübiſche Gregor verſtrickt hatte, nahete indeſſen A delheid mit ihren Begleitern, ängſtlich zagend und in tiefe Traurigkeit verſenkt„ der väter⸗ lichen Burg. Aengſtlich bebte ihn Buſen dem Augenblicke entgegen, wo ſie vor ihrem Vater erſcheinen und ihm erzählen ſollte, was vor-⸗ gefallen war, da dieſe Erzählung nothwendig das ſchöne Glück ihrer Liebe und mit dieſem den Frieden ihrer Seele gänzlich vernichten 4 mußte. Unaufhaltſam rannen ihre Thränen in ihren Buſen herab, indem ſie ihren Be⸗ gleitern den möglichſten Verzug gebot, um den gefürchteten Augenblick ihrer Ankunft auf der — Wetterburg ſo viel als möglich hinauszuſchie⸗ ben, und unbemerkt von den Blicken des Va⸗ ters ihr Unglück zu beweinen, und mit ruhiger Faſſung vor ihm erſcheinen zu können. „Ach Herrmann!“ ſeufzte oft ihr beäng⸗ ſtetes Herz,„Fluch der unglückſeligen Stunde, wo die Leidenſchaft Dich zu einer Frevelthat verleitete, die auf ewig den ſchönen Bund un⸗ ſerer Herzen zerreißt, und Dich zum Räuber erniedrigte, den nunmehr mein Vater unver⸗ ſöhnlich haſſen und verfolgen wird. Bis jetzt haßte er nur in Dir den Sohn des Mörders ſeiner Kinder. Doch ſeine Feindſchaft und ſeinen Haß konnte vielleicht Dein Edelmuth und offene Redlichkeit beſiegen; allein jetzt iſt auch dieſe letzte ſchmeichelnde Hoffnung durch Deine That auf immer verſchwunden. Wie wirſt Du dem Zorn und der Rache des be⸗ leidigten Vaters entgehen? wie die Schuld des ſtrafbaren Vergehens von Dir wälzen? — Ungzlückſeliger! ich werde Dich haſſen müſ⸗ ſen, aber ich kann Dich nur bemitleiden; denn ach! was Du verbrachſt, war ja huür die Folge Erſte Serie. VII. Band. 1I14. Deiner übergroßen Liebe zu mir. Ach, daß ich Dir dafür lohnen dürfte, wie mein Herz es heiſcht! Wie gern würde ich allen Reich⸗ thum meines Vaters gegen ein einſames Hütt⸗ chen vertauſchen, wo ich nur Dir und dem Glücke unſerer Liebe leben, und allen Slan der Erde vergeſſen könnte!“ So klagte Adelheid ſchwermüthig und in ſich ſelbſt verſunken, während der Zug ihrer Begleitung langſam wie ein Leichenzug dahin ſchwebte. Im traulichen Geſpräch ſaß Graf Kon⸗ rad mit ſeinen beiden Freunden, Urach dem Wilden und dem unbekannten ſchwarzen Rit⸗ ter, bei dem fröhlichen Humpen, als der abge⸗ ſchickte Knecht des Abtes mit ſeiner Botſchaft von Herrmanns vermeinter Frevelthat gegen Adelheid hereintrat, und die Freude der fröh⸗ lichen Zecher ſtörte. Von Schreck und Zorn. empört, ſprang Konrad bei dieſer Nachrichte auf, um ſich zur Rache zu rüſten; doch kaum hatte der Bote den Ritter Herrmann von Adlerhorſt als den Anführer des Räuberhau⸗ * 5 115 fens genannt, als der ſchwarze Ritter mit wuthflammenden Augen von ſeinem Seſſel emporſtürmte und mit grimmiger Geberde dem Boten entgegendonnerte:„Fluch über Dich! gedungener Lügner: das that Herrmann nicht! Deine Nachricht iſt Verleumdung und Betrug; denn eher kann der Tag in Nacht ſich umwandeln und die Donau ihren Strom rückwärts kehren, als daß der edle Herrmann, der Stolz der deutſchen Ritterjugend, ein Räuber werden könnte. Wenn Dein frecher Mund den Abt als den Thäter nennte, dann wollte ich Dir glauben, nur dieſer wäre ſolch einer Frevelthat fähig, aber wahrlich, Herr⸗ mann iſt es nicht. Darum fliehe, elender Verleumder, ehe mein gerechter Grimm Dich erreiche.“ 8 Erſchrocken ſchlüpfte der Knecht ſchnell hinaus, während Konrad und ſein Freund Urach voll Erſtaunen und Verwunderung den ſchwarzen Ritter anſtarrten und ſich ſeine Heftigkeit nicht erklären konnten. Dieſer ver⸗ langte ſogleich gewaffnet zu ſein, vergebens 8 116 bat ihn Graf Konrad länger zu verweilen, dringend beſtand er auf der Befriedigung ſei⸗ nes Verlangens. Wild rollte ſein Auge um⸗ her und ſchien Funken zu ſprühen, und jede Muskel ſchien von Wuth und Grimm ge⸗ ſpannt krampfhaft zu zucken, während Kon⸗ rads Knappen ihm ſeine Waffen anlegten. „Gehabt Euch wohl! wir ſehen uns wieder!“ rief er Konrad mit einem Händedruck zu, und mit der Wildheit eines empörten Orkans ſah ihn der Thurmwächter über die Ebene dahin⸗ ſtürmen. Mit ängſtlicher Erwartung ſah indeß der Graf der Ankuuſt ſeiner Tochter entgegen und mit ſorgſamen Blicken ſpähete er durch das Fenſter hinaus in das Thal, ob ſich nicht bald der Zug zeige, der nach dem Zeugniſſe des Knechts Adelheid nach der Heimath geleite. „Fluch dem verruchten Räuber!“ rief er zor⸗ nig aus,„Wehe über das ausgeartete Ge⸗ ſchlecht der Adlerhorſt! Zwei Söhne hat des Vaters Dolch mir geraubt, und nunmehr verfolgt der Sohn jenes Böſewichts auch das 117 letzte meiner Kinder, meine geliebte Adelheid! Wehe! dreifaches Wehe über ihn!“ „Und blutige Rache!“ fiel ihm Graf Urach ein... „Ja, blutige Rache, dem frechen Böſe⸗ wicht!“ fuhr Konrad fort,„und Euch, theurer Sohn, Euch übertrage ich dieſes Geſchäft und die Sorgfalt für meine Tochter, die ich Euch noch heute als Eure Verlobte zuführen will. Ja noch heute ſei ſie Dein, mein Sohn; und mein ſei die Wonne, mich in dem Glücke meiner Kinder ſpiegeln zu können!“ Dankbar ſank Urach an die Bruſt des Greiſes, da öffneten ſich die Thüren des Zim⸗ mers und Adelheid ſchwebte herein; doch bleich und beſtürzt bebte ſie wieder zurück in Ber⸗ tha's Arme, als ſie den Grafen Urach in des Vaters Armen als geliebten Sohn begrüßen, und Fluch über den Geliebten ihres Herzens ausrufen hörte. Adelheid vermochte es kaum, ſich aufrecht zu erhalten, und ihre Thränen floſſen unaufhaltſam in Bertha's Buſen, doch entzückt flog ihr der Vater entgegen und drückte 118 ſie an ſein Herz, aus welchem jetzt bei dem frohen Wiederſehen der Tochter aller Kummer entwich, um der innigſten Freude Raum zu gönnen. Stillſchweigend und ſeitwärts auf einen Stuhl gelehnt, weidete ſich Graf Urach an dieſer Scene und freute ſich, daß er als Freund dieſes Glück des entzückten Vaters theilen konnte. Gleich der Lilie, die des Nordwinds rauher Athem zur Erde beugte, ſtand Adel⸗ heid bleich und kummervoll und mit Thränen in den Augen da. Der tiefe Schmerz, der in ihrem Innern tobte, ſprach ſich in jeder ihrer Mienen und Bewegungen in unver⸗ kennbaren Zügen aus, und gleichwohl ſah ſie Urach noch nie ſo engelſchön als jetzt. Mit ſeelenvollen Blicken verweilte ſein Auge auf dem Bollmaaße ihrer Reize, die durch ihre Schwermuth und Traurigkeit noch höhere An⸗ muth und ſüßern Zauber erhielten. „Beglückt!“ rief er ſich ſelbſt zu,„beglückt iſt der, welcher ſolch eine Tochter an ſein Herz drücken kann, und dreimal ſelig iſt der Mann, 1¹9 dem dieſer ſchöne Buſen voll Liebe entgegen⸗ wallt, den ſie, die Holde, durch ihre Hand und ihr Herz beglückt!“ In entzückenvolles Betrachten verſunken ſtand der liebende Jüngling da; ſein Herz zerfloß in das ſehnſuchtsvolle Schmachten von ihr geliebt zu ſein. Sein ganzes Weſen ſchien in dieſes Schmachten heißer Liebe aufgelöſt zu ſein, zu den Füßen der Heißgeliebten hinzu⸗ ſin ken, ſeinen Mund auf den ihrigen zu drücken und ſelig vor Entzücken an ihrem Buſen zu ſterben, das dünkte ihm in dieſem Augenblicke der höchſte Gewinn zu ſein. Schon wankte ſein Fuß, ſich vor die Geliebte hinzuſtürzen, ſchon zitterte auf ſeinen Lippen das Geſtänd⸗ niß ſeiner heißen Liebe, da fiel ein Blick aus Adelheids thränenvollem Auge auf ihn, der ſeinen ganzen Muth erſchütterte. Beſtürzt und ſtumm bebte er wieder zurück, denn plötzlich ſchreckte ihn der Gedanke aus ſeinem ſüßen Taumel auf: daß die Geliebte ſeine Liebe ver⸗ ſchmähen und ihm die erflehte Gegengunſt ver⸗ weigern könne. Empört durch dieſen Gedanken kämpfte er mit ſich ſelbſt und ſeinen Gefühlen, die ihm die Bruſt zu ſprengen drohten, und ſtärkte ſein zagendes Herz durch die wilden Bilder einer Schlacht. Adelheids Blicken entging dieſer innere Kampf des wilden Urach eben⸗ ſowenig, als der freudenvolle Feuerblick des Vaters, der ihr deutlich genug das Einver⸗ ſtändniß zwiſchen Beiden verrieth, und wie ein Dolch ihre Bruſt traf. Voll Erſtaunen über ihren Schmerz und ihre Thränen, deren Urſache er ſich nicht er⸗ klären konnte, blickte der Greis Konrad ſtill⸗ ſchweigend ſeine Tochter an, die verlegen und ängſtlich ihr thränenſchweres Auge an ſeiner Bruſt verbarg, doch lächelnd richtete er ſie in ſeinen Armen auf.„Du weinſt, Adelheid,“ begann er,„das ſind nicht Thränen, wie ſie die Freude weint, und doch ſollten jetzt, da Du gerettet biſt, nur dieſe fließen. Blicke muthig auf, traute Tochter, hier in meinem Arm biſt Du vor jeder Gefahr völlig geſichert, darum verſcheuche die Schreckbilder der vorigen Auftritte, die Deinen Schmerz nähren. Du weißt es, daß ich Dich nie traurig ſehen kann, ohne ſelbſt von dem tiefſten Schmerz ergriffen zu werden; oder gab Dir vielleicht dieſer Tag ein banges Vorgefühl von der nahen Scheide⸗ ſtunde, die mich vielleicht bald auf ewig von Dir rufen wird? Der Zeitraum, der mich noch von dem Grabe trennt, iſt freilich kurz, und nahe iſt vielleicht der Augenblick, der mei⸗ nen Lebensfaden abkürzt; dann, liebes Kind, dann wandelſt Du verlaſſen, wer wird Dir dann den Vater erſetzen und an ſeiner Stelle Dich ſicher durch das Leben geleiten? Nur dieſe Sorge iſt es, die den Gedanken an die Scheideſtunde mir ſchrecklich macht, und mei⸗ nen Pfad mit Dornen beſtreut. Willſt Du noch länger zögern, mir ſüßern Schlummer zu bereiten, und meinen heißen. Wunſch für Dein Glück zu befriedigen? Ich fordere nichts von Dir, was Dir Kummer bereiten könnte; ich will ja Dich nur glücklich ſehen, ich wünſche nur, daß ich mich dereinſt, wenn der Tod mich ruft, nicht von Dir als einer verlaſſenen 122 Waiſe trennen darf, daß ich Dich an der Seite eines edeln Mannes glücklich und vor jeder Gefahr geſichert ſehe, und daß ich wenig⸗ ſtens die Hoffnung mit mir in das Grab neh⸗ men kann, daß Du als edles deutſches Weib für das Vaterland Bürger erziehen werdeſt, die meines Geſchlechtes Ruhm fortpflanzen, wenn mir auch nicht das Glück zu Theil wer⸗ den ſollte, Dich als Mutter zu ſehen und die Sprößlinge Deiner Liebe zu ſegnen. Dies, liebe Tochter, war von jeher meine erſte Sorge und mein heißeſtes Gebet zum Himmel; voll Zuverſicht hoffe ich, daß mein Gebet Erhörung fand, und daß Dein Herz mir dankbar ent⸗ gegenſchlagen wird, wenn ich Dir ſage, daß ich unter Deutſchlands Edeln den Edelſten für Dich zum Gatten wählte, und ihm mit Hand und Mund Dich als Gattin zugeſagt habe.“ JIJetzt ſchwieg der edle Greis; allein ſein Blick voll Liebe, ſein Händedruck ſchien die Tochter zu bitten: nbetrübe mich nicht durch Widerſpenſtigkeit, und mache mich nicht zum wortbrüchigen Lügner!“ 123 Im heftigſten Kampfe zwiſchen kindlicher Pflicht und Liebe ſtand Adelheid zitternd da, und erſchöpft ſank ſie zu des Vaters Füßen hin, indem ſie mit Thränen zu ihm empor⸗ ſtammelte:„Dieſe Hand und mein Leben, beſter Vater, ſind nur Euer Eigenthum, und gern bin ich bereit, beide Euch und Euerm Willen zu opfern.“ „Das ſollſt Du nicht,“ unterbrach ſie Konrad, nfür mich verlange ich nichts; denn mein Glück kann nur in Deinem Wohl ſich vereinigen. Dir ſelbſt überlaſſe ich die Ent⸗ ſcheidung, ob Dein Herz meiner Wahl Bei⸗ fall ſchenkt, und ob ich dieſen Tag zu den ſchönſten meines Kummerlebens zählen ſoll. Sieh dieſen edeln Mann, und ſprich, ob Du wohl einen Würdigern als ihn Dir zum Gatten wählen könnteſt. Du ſelbſt weißt es, was der Edle für mich und für Dich gethan hat. Er, der Retter meines Lebens in blu⸗ tigen Schlachten, er war es, der ſein Glück, ſein Leben noch vor wenig Tagen für mich in Regensburg auf das kühne Spiel ſetzte, und 124 mit ſeinem Blute, das noch jetzt ſeine Kleidung färbt, meine Ehre rettete, und den Vater Dir erhielt, Dich ſelbſt der Schande entzog. Wiſſe, daß dieſer Bubenſtreich auf Dich mit ausge⸗ dehnt war, und daß Du, wenn jenes Buben⸗ ſtück gelungen wäre, dem Schändlichen, den man gedungen hatte, mich zu ermorden, zum Preiſe beſtimmt warſt.“ Mit hinſtrömender Beredſamkeit erſchöpfte ſich der wackere Greis in der Schilderung deſſen, was ſein edler Freund Urach für ihn gethan und wie ſehr er ihn durch ſeinen Edel⸗ muth zu ſeinem größten Schuldner verpflichtet habe. Von Dankbarkeit und freudiger Rück⸗ erinnerung durchglüht, erzählte der gute Greis mit ſo viel Feuer und Entzücken, daß Adel⸗ heid von ſeiner Beredſamkeit dahingeriſſen, jene Schreckensſeenen, die ihrem edeln Vater Tod und Schande drohten, ſelbſt vergegen⸗ wärtigt vor ſich zu ſehen glaubte, und ſich und ihre Leiden immer mehr und mehr ver⸗ gaß. Nur für den geliebten Vater ſchlug jetzt ihr Herz, ſie begleitete ihn in Kampf und 125 Gefahren, ſie bebte bei der Erzählung der Schrecken, die ihn umgaben, und theilte mit das Entzücken ſeiner glücklichen Rettung, und die Dankbarkeit, womit er ſich für den edeln Urach verpflichtet fühlte. Unmöglich konnte ſie die Verdienſte verkennen, die ſich der edle Ritter um ihren Stamm und wodurch er ſich ein heiliges Recht auf ihre Freundſchaft er⸗ worben hatte. Oft lenkte die Erzählung des wackern Konrad ihren Blick voll Bewunde⸗ rung und hoher Achtung nach ihm hin, und begegnete Urachs ſeelenvollen Blicken, die voll heißer zärtlicher Sehnſucht auf ſie gerichtet waren, und freudetrunken in dem ſanften Beifallslächeln der Geliebten laſen, daß ſeine immer rege Thätigkeit, die er für ihren Vater und für ſie ſelbſt bewieſen hatte, zu ſeinem Vortheil in ihrem Herzen ſpräche. Oft ſenkte ſich ihr ſchönes blaues Auge überraſcht auf ihren Buſen nieder, wenn es dem Blicke des liebenden Jünglings begegnete, doch unwill⸗ kürlich ward es immer wieder nach ihm Vin⸗ gezogen. Sei es auch, daß ſie ihr Herz nur 126 dem geliebten Herrmann weihe, ſo kann ſie doch dem männlich ſchönen Ritter, der ihren Dank auf ſo vielfältige und ausgezeichnete Art ſich erworben hat, die ſchuldige Achtung und Bewunderung nicht verſagen. Mit ſanftem Tone ſprach ſie zu ihm, nach⸗ dem ihr Vater geendet hatte:„Herr Graf, Ihr habt mir in meinem theuern Vater einen Schatz erhalten, auf dem mein ganzes Glück beruhte, die Rettung ſeiner Ehre und ſeines theuern Lebens, das ich mit meinem eigenen Leben nicht zu theuer würde erkauft haben, verdanke ich Euch, und kann Konrads Toch⸗ ter jemals es vergeſſen, daß ſie dieſes alles Euch und Euerm Edelmuthe zu verdanken habe? Aller Glanz der Erde kann ſolch ein Geſchenk, als Ihr mir in dem Leben meines Vaters gabt, nicht aufwiegen, und mein wärm⸗ ſter Dank bleibt immer zu gering. Doch wollt Ihr, daß ich mich Euch noch mehr verpflichtet halten ſoll, ſo ſchenkt mir dieſe Binde, die Euer edles Blut befleckt, ſie ſoll mir zur ſteten Erinnerung an Eure Edelthaten dienen, und immer ſollen dieſe Spuren Eures theuern Bluts mir wiederholen: wie groß und edel und tapfer Ihr ſeid, und wie arm ich bin, Euch ſo zu danken, wie es Euer Edelmuth verdient.“ Sie ſprach's, und ſchnell riß Urach die Binde von der Bruſt, indem er mit wonne⸗ trunkenen Blicken vor ſie hin auf das Knie ſank, und ihr die Binde darreichte:„Warum verlangt Ihr, theure Adelheid, nur dieſe Binde?“ rief er aus,„o möchtet Ihr doch mein Leben fordern, um aller Welten Reich⸗ thum wäre mir das ſchöne Glück nicht feil, es für Euch zu opfern. Beneidenswerth müßte es ſein, für Euch zu ſterben; doch noch weit höher und himmliſcher wäre das Glück, für Euch und Euern Dienſt zu leben. Holde Adel⸗ heid! laßt jetzt Euern Mund mein Urrtheil ſprechen, es entſcheide über mich und mein Leben, und hier will ich liegen, bis Ihr ent⸗ ſchieden habt. Ihr kennt den Umfang meiner heißen Liebe und meiner Schmerzen; o ſprecht mein Urtheil aus!“ Mit feurigem Ungeſtüm ergriff er ihre Hand und drückte ſie mit aller Inbrunſt ſeines liebenden Herzens an ſeine Lippen; Adelheid zog ihre zitternde Hand nicht zurück, aber Todtenbläſſe überzog ihre Wange, Thränen umdüſterten ihr ſchönes Auge, und ängſtlich zitternd ſank ſie ihrem Vater in den Arm. „Du ſchweigſt, Adelheid, und zitterſt?“ rief ihr Konrad erzürnt zu;„Du kannſt den Mann, dem Du Dein Leben und das meinige verdankſt, unerhört im Staube vor Dir liegen ſehen? Liebſt Du ſo meine Ruhe? Lohnſt Du ſo meine unendliche Vaterliebe und meine Sorgen für Dein Glück? Graf Urach hat mein Verſprechen und meinen Ritterhandſchlag, kein Eid kann heiliger ſein als dieſes. Willſt Du mich zum wortbrüchigen Lügner ernie⸗ drigen? oder willſt Du durch dieſe Ziererei mich überreden zu glauben, daß Dein Herz gefühllos für der Liebe ſüßes Glück ſei? Oft ſah ich es, wie Dein Blick beim ſanften Seitenſpiel in Thränen ſchmolz, wie tief Dein Herz bei Anderer Freuden oder Schmerzen empfand, und für den ſeligſten der Triebe ſollte es nun verſchloſſen geblieben ſein? Nein, Adelheid, das wirſt Du mich nie überreden. Ein ſchrecklicher Gedanke durchbebt mein In⸗ neres. Wie? Wenn heute der Himmel wider Deinen Willen Dich in Schutz genommen und gerettet hätte? Wenn Konrads Tochter ſelbſt im Stillen mit dem verruchten Räuber einverſtanden wäre? O Himmel! wenn der verhaßte Herr, der unedle Bube, welcher Pflicht und Ehre ſchändete, der Beſitzer Dei⸗ nes Herzens wäre!— Du bebſt?— Du ſchweigſt?— ſprich Unglückſelige, weſſen klagt Dich dieſes Zittern und dieſes Erbleichen an?? So hart hatte der ſanfte Greis noch nie mit ihr geſprochen; ſo wild und zornglühend hatte ſie ſein Auge gegen ſie noch nie geſehen. „Rede!“ fuhr er mit erſchütterndem Tone und grimmigem Blick fort,„iſt meine Ahnung Wahrheit?“ und ihrer ſelbſt unbewußt, bleich und bebend ſtürzte Adelheid in Urachs Arme, und ſchien durch ſeelenvollen Blick ihn anzu⸗ flehen, ſich ihrer anzunehmen und ſie dem Erſte Serie. VII. Band. 9 Grimme ihres Vaters zu entziehen. Jedoch der überraſchte Urach ahnete es nicht, daß blos Verzweiflung die Geliebte in ſeine Arme werfe; zauberiſch wiegte ihn das heiße Sehnen nach ihrer Gegenliebe in die ſüße Täuſchung ein, daß er von ihr geliebt werde, und Erde und Himmel verſchwanden vor ſeinen trunke⸗ nen Blicken. Feſt hielt ſein Arm die Heißge⸗ liebte umſchlungen, ſeine glühenden Lippen bebten auf den ihrigen und in dem Voll⸗ genuſſe ſeines himmelshohen Glücks würde der glückliche Träumer mit Freuden Welten für dieſen Augenblick dahin gegeben haben. Keine leiſe Ahnung ſtahl ſich noch in Urachs Buſen, daß ſein Glück nur ein leicht dahin ſchwin⸗ dender Traum ſei, und daß nur der tiefſte, verzweiflungsvolle Schmerz Adelheid ihrer ſelbſt vergeſſend gemacht habe, als eilig ein Knappe hereintrat, und die kurze Freude dieſer Täuſchung durch ſeine Nachricht endete. „Herr!“ ſprach er zu dem Grafen Konrad, „laß die Wächter wiſſen, ob ſie dem Ritter, der ſtürmiſch Euch zu ſprechen verlangt, den 434 Eingang öffnen dürfen. Er droht, wüthet † und ſchwört, das Thor gewaltſam aufzuſpren⸗ gen, wenn man es ihm nicht augenblicklich öffne.„Die Gräfin Adelheid iſt durch feile 8 Böſewichter geraubt,“ rief er uns wüthend zu. „Fort, Buben, meldet dem Grafen, daß Herr⸗ mann von Adlerhorſt hergeeilt ſei, um ſich mit ihm zur Rettung ſeines Kindes zu ver⸗ einigen.“ Wie ein heftiger Donner rüttelte der Name Herrmann Adelheid aus ihrer Betäubung auf, gewaltſam durchbebt riß ſie ſich aus lirachs Armen, und mit allem Ausdruck des heftigſten Schreckes rief ſie aus:„O Gott! mein Herr⸗ 8 mann, Du biſt verloren!“ Dieſer Ausruf öffnete dem getäuſchten Urach plötzlich die 1 Augen und verzweiflungsvoll durchbebte ihn 8 der Gedanke, daß er nicht geliebt ſei, ſondern daß Herrmann der Glückliche ſei, der ihr Herz beſitze. Jetzt erwachte ſeine Wildheit in ihrer 3 ganzen furchtbaren Größe, und von heißem Durſt nach Rache und von Grimm durch⸗ glüht, ſtürmte er wüthend hinaus, um den 9 4 13²2 frechen Frevler, der es noch wagen konnte, nach ſolch einem Bubenſtück, als man ihn beſchuldigte, ſich dem beleidigten Konrad zu nahen, nach Würden zu empfangen. Vergebens ſuchte Adelheid den Wüthenden zurückzuhalten, und beſinnungslos ſank ſie in Konrads Arme. Mit wildem Ungeſtüm ſtürmte Urach hinaus in das Freie, wo Herr⸗ mann mit Ungeduld harrte.„Zieh, Böſe⸗ wicht!“ rief er dieſem wüthend und mit hoch⸗ geſchwungenem Schwerte zu,„mein Schwert ſoll Dir für Deinen Frevel lohnen, wie Dn Nichtswürdiger es verdienſt. 4 Vergebens bot Herrmann Alles auf, dem Wüthen ſeines Gegners Einhalt zu thun und die Urſache deſſelben zu erfahren.„Ihr ſchwebt in einem fürchterlichen Irrthume,“ rief er dem Wüthenden zu,„und macht Euch des Ver⸗ brechens theilhaftig, wenn Ihr mir den Ein⸗ gang in dieſe Burg verhindert; wißt, Herr Ritter, die Gräfin ward geraubt, und ich er⸗ ſcheine hier, um ihrem Vater Kunde zu brin⸗ gen und ihn zur Rettung ſeines Kindes anſ. zufordern.“ „Elender!“ lachte Urach mit ſürchterlichem Grimme,„vergebens verſteckt ſich Deine Feig⸗ heit hinter freche Lügen. Dein Bubenſtück iſt bereits enthüllt, Adelheid iſt gerettet, ruht vor Deiner Bosheit völlig geſichert in den Armen ihres Vaters, und Schande und Tod ſollen Deine Nichtswürdigkeit lohnen.“ „Was höre ich!“ rief Herrmann freudig aus,„Adelheid iſt gerettet, Du biſt mir wie⸗ dergeſchenkt? Du biſt wieder meine“ „Der Tod iſt Dein,“ rief Urach mit ver⸗ doppeltem Grimme,„Du ſtahlſt die holde Jungfrau, und jetzt, da Dir der Raub wie⸗ der entriſſen ward, ſchleichſt Du, frecher Lügner diebiſch herbei, um ſie hier zu überfallen, und Dein Bubenſtück zu krönen, womit Du Dei⸗ nen Namen für ewige Zeiten beſudelt haſt? Zieh, Elender! ehe mein Schwert auch ohne Kampf Dich frechen Böſewicht im Grimme zu Boden ſtreckt.“ Alle Bemühungen Herrmanns, den Wü⸗ chenden von ſeinem Irrthume zu überzeugen, ſcheiterten fruchtlos an dem Grimme, womit Urach auf ihn eindrang. Schon ſchwebte deſ⸗ ſen Schwert über ihm, um ihm den Todes⸗ ſtreich zu geben, und Herrmann ſahe ſich ge⸗ nöthigt, das ſeinige zur Vertheidigung und Rettung ſeines Lebens zu ziehen. Der Kampf begann mit einer Wuth, wie noch kaum ein Kampf auf Tod und Leben war geführt worden, Rieſe gegen Rieſe ſtan⸗ den die Kämpfenden gegen einander, und Schlag auf Schlag dröhnten ihre Schwerter auf Helm und Schild, daß das furchtbare Getöß ſich an dem Felſen brach und grauſend durch das Thal wiederhallte. Plötzlich ſtürzte Bertha athemlos und bleich den ſteilen Felſenpfad herab, und zwiſchen die Kämpfenden.„Haltet ein,“ rief ſie keuchend dem Grafen Urach mit verzweiflungsvoller Geberde zu.„Blickt dort hinauf, die Gräfin fleht Euch an, den Ritter u ſchonen, wenn Ihr nicht zwiefacher Mör⸗ der werden wollt. Blickt dort hinauf, dort weilt ſie in verzweiflungsvoller Angſt, ſchon 135 blinkt der Dolch in ihrer Hand, der ihre Bruſt durchſtoßen ſoll, wenn Ihr ſiegt und Ritter Herrmann durch Euch fällt. Wollt Ihr dem Grafen, Euerm Freunde, die Tochter tödten? Wollt Ihr, daß ſie ſterbend Euch fluche? O haltet ein, erhaltet uns das ihenere eben der verzweifelnden Adelheid.“— Gelähmt ſank Urachs Arm bei dieſen Wor⸗ ten, und Beſinnung kehrte in ſeine umdüſterte Seele zurück, und ſeine Wildheit ſchmolz in die ſanfteren Gefühle des Mitleids und der Liebe. Mit einem Blicke voll Verachtung wandte er Herrmann den Rücken, ſchnell ſchwang er ſich auf ſein Roß und mit ver⸗ hiängtem Zügel jagte er über die Ebene dahin. Im edeln Unmuth ſtarrte Herrmann ihm nach, dann nahte er ſich der Burg und be⸗ gehrte als Freund und Gaſt eingelaſſen zu werden; jedoch der Wächter wies ihn ſchnöde zurück. Im ohnmächtigen Grimme gegen den bübiſchen Gregor, deſſen argliſtige Bos⸗ heit ihm dieſe unverdiente Schmach zugefügt hatte, mußte endlich Herrmann weichen, und 136 in dem heftigſten Sturme ſeiner empörten Ge⸗ fühle tobte er dahin. — 1 1r Der abgeſchickte Reiſige des Abtes hatte indeſſen ſeinen Auftrag an den Edelknaben Veit pünktlich ausgerichtet, und ihn in das Kloſter beſchieden. Veit war ein guter, bie⸗ derer Jüngling, allein ganz nach dem Charak⸗ ter der damaligen Zeit war ſein Geiſt von der Finſterniß des Aberglaubens und der Beſchränktheit des Verſtandes erfüllt, welche der Abt Gregor immer mehr und mehr zu verſtärken bemüht war. Mit der größten Ehrfurcht und mit blindem Gehorſam ver⸗ ehrte er die Mönche und ihre gleisneriſche Heiligkeit, und ſo fromm und gut er war, ſo würde er dennoch bereit geweſen ſein, ſeinen eigenen Bruder zu ermorden, wenn ein Mönch ihn in dem Namen der Religion und durch magiſches Gaukelſpiel dazu aufgefordert hätte. Der ſchlaue Gregor erkannte ſehr bald, daß dieſer Jüngling gerade der Mann ſei, 137 wie er ihn als Werkzeug für ſeine argliſtigen Anſchläge gegen den Grafen von der Wetter⸗ burg brauche. Es fiel ihm nicht ſchwer, den abergläubiſchen Veit näher und immer näher nach ſich hinzuziehen, und ihn durch gleisne⸗ riſche Heiligkeit und durch Gaukeleien ſo feſt 3 an ſich anzuketten, daß der Jüngling jedes Wort des Abtes als Ausſpruch der Gottheit verehrte, und anbedingt jeden Befehl deſſelben mit blindem Gehorſam zu erfüllen bereit war, da Gregor nicht unterließ, ihm dieſe Befehle in dem Namen der Kirche und um des Glau⸗ bens willen zu ertheilen und ihn auf die ewi⸗ gen Belohnungen des Himmels für ſeinen kindlichen Gehorſam hinzuweiſen. „Mit Ungeduld ſahe Veit auch jetzt der Nacht entgegen, wo ihn der Abt Gregor in das Kloſter beſchieden hatte, und kaum war ſie angebrochen, als er ſich unverzüglich auf⸗ machte und mit beflügelten Schritten hinüber eilte. Ein fürchterlicher Gewitterſturm ver⸗ 5 mehrte das Grauſende der Nacht; ein dicker Wolkenſchleier hielt den milden Schimmer der 4 138 Sterne verborgen. Der Sturm heulte um den einſamen Veit her, kalte Regenſchauer ſtrömten auf ihn nieder und keuchend eilte er durch die undurchdringliche Finſterniß dahin. Ein getreuer Diener des Abtes empfing ihn und führte ihn nach der Kirche des Kloſters, mit dem Beſcheide, hier die Befehle des Abts zu erwarten. Die Thüre öffnete ſich, Veit wankte hinein und klirrend fiel die Thüre hinter ihm zu, und ſein Führer war ver⸗ ſchwunden. Mit ſchüchternen Blicken und hochempor⸗ ſchlagendem Herzen wankte er einſam durch die öden düſtern Bogengewölbe der Kirche und durch die ſchauerliche Stille dahin, die nur ſein eigener Fußtritt und der Sturm an den Fenſtern der Kirche unterbrach. Düſter brannte die heilige Lampe, deren matter Schimmer die öden Hallen ſchwach erhellte und durch die zurückgeworfenen Schatten der Pfeiler Geſtalten bildete, welche das Grau⸗ ſende dieſes Orts um Vieles vermehrten. Von unwillkührlichen Schaudern ergriffen, ſchmiegte 139 ſich Veit furchtſam hinter einen Pfeiler, indem er mit ängſtlicher Ungeduld dem Eintritte des Abts entgegen ſah. Mit trägem Schnecken⸗ gange ſchlich jedoch die Zeit dahin, ohne daß Gregor erſcheinen wollte, und mit jedem Augenblicke vermehrte ſich die Aengſtlichkeit und die Furcht des Jünglings. Jeder Wind⸗ ſtoß von außen, jedes Geräuſch, welches der anſchlagende Regen an den Fenſtern machte und jedes zufällige Kniſtern in dem alten Ge⸗ mäuer um ihn her, durchbebte ihn mit neuen Schrecken.— Jetzt ertönte endlich der Seigerſchlag der Geiſterſtunde, hohl und dumpf von dem Thurme, und höher bebte das Herz des aber⸗ gläubigen Jünglings, von Furcht gehoben, empor. Seine Furcht vergrößerte das Grau⸗ ſende dieſes öden Ortes, der Sturm der Ele⸗ mente ſchien ſich mit dem Erſcheinen der Ge⸗ ſpenſterſtunde mit neuer und größerer Wuth zu vermehren, raſſelnd ſchlugen die Fenſter zuſammen, in den widrigſten Tönen pfiff der Wind durch die Spalten der Thüren, und 13 140 in jedem Winkel⸗ glaclbte der bebende Jüng⸗ ling ein Geſpenſt zu erblicken. Seine Phan⸗ taſie glühte von den furchtbarſten Schreckbil⸗ dern, womit ſie erfüllt war, und kaum ver⸗ mochte Veit aus gepreßter Bruſt aufzuathmen. Kaum war der letzte Schlag der Mitter⸗ nachtsſtunde in dem Sturme verhallt, als ein heftiges Brauſen wie das Murmeln eines fernen, Donners die öden Gewölbe der Kirche erfüllte. Aengſtlich ſchweifte Veits Auge auf allen Seiten umher, indem kalte Fieberſchauer ihn durchbebten und ſeine Haare emporſträub⸗ ten. Plötzlich öffnete ſich geräuſchvoll eine yvoon den unterirdiſchen Todtengrüften der Kirche, und langſam ſchwebte eine weiße Mönchsge⸗ ſtalt in Leichentüchern aus der geöffneten Gruft empor. 3 Mächtig durchbebt ſtürzte Veit mit einem Ausrufe des heftigſten Schreckes zu Boden, doch eine kalte Todtenhand rüttelte ihn aus ſeiner Betäubung wieder auf, und grauſend tönte ein dreifaches Wehe der Geſtalt in ſein Ohr. 138ℳ — 141 „Merke auf, und höre, was ich Dir ver⸗ künden werde,“ fuhr die Geſtalt mit hohlem Geiſtertone gegen ihn fort;„ein Mörder zuckt den Dolch über Konrad von der Wetterburg, das Verderben naht, und ſchon ertönt in der Ferne die Klage, die bald die Wetterburg er⸗ füllen wird, wenn nicht bald der Retter er⸗ ſcheint. Sei Du dazu geweiht, rette undd räche den edeln Greis Konrad. Wehe! Wehe! Wehe dem Adlerritter.“ Langſam ſchwebte die Geſtalt dahin und in die Gruft hinab, die ſich ſogleich wieder über ihr ſchloß. Schaudernd und vor Ent⸗ ſetzen ergriffen, ſtarrte Veit der Geſtalt nach; doch plötzlich zuckte das blendende Feuer eines heftigen Blitzes durch die Gewölbe, und lenkte Veits Auge nach dem Altare, welcher die Bild⸗ ſäule des Schutzheiligen der Abtei und des Kloſters umgab. Von neuem heftigen Schreck und Entſetzen gewaltſam ergriffen, ſtarrte Veit bebend zurück, als das Bild des Hei⸗ ligen ſich zu bewegen ſchien, indem aus der hochemporgehobenen Hand deſſelben ein Dolch 142 zu den Füßen des Jünglings niederfiel, und unter dem anhaltenden Brauſen eines Don⸗ ners, wie Sturm aus tiefer Ferne erſchütternd eine dumpfe Stimme ihm zurief:„Ergreife dieſes Werkzeug der Rache des Himmels, lerne es führen und ſei zum Rächer, zum Retter geweiht. Gehorche, aber ſchweig, und keine Marter müſſe Dich bewegen, das Gelübde der heiligen Verſchwiegenheit zu brechen, wenn Du jenſeits Gnade und Belohnung hoffen willſt.“ Ein zweiter blendender Glanz, wie von einem heftigen Blitze, erhellte auf einen kurzen Moment die Kirche, und mit ſeinem Verlö⸗ ſchen kehrte die vorige Dunkelheit wieder zu⸗ rück, die nur von dem düſtern Schimmer der heiligen Lampe ſchwach unterbrochen ward. Beit wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchehen war, ſchaudernd ſtarrte er den blinkenden Mordſtahl zu ſeinen Füßen an, durch welchen ihn der Himmel zum Morden aufgerufen hatte, und unvermögend einen Entſchluß zu faſſen, zögerte er, den Dolch vom Boden auf⸗ 143 zuheben, da ertönte. plötzlich eine unſichtbare Stimme in furchtbar drohendem Tone:„Nimm den heiligen Stahl der Rache, oder Wehe! Wehe! Wehe über Dich ſelbſt!“ Betäubt von Schreck faßte er den Dolch vom Boden auf, und mit ſanftem Ton flüſterte ihm die vorige Stimme zu:„Gehe hin in Frieden.“ Mit wankenden Knieen ſchwankte Veit dem Ausgange zu, und klirrend ſchlugen, wie durch eine unſichtbare Macht geöffnet, die verſchloſſenen Thüren ſich auf. Bebend ſchwankte Veit hinaus, und äußerſt erſchöpft und kraft⸗ los und im Schweiße gebader, kam er mit frühem Morgen auf der Wetterburg an. In bangen Fieberträumen ſchwirrten die Schreckniſſe dieſer Nacht, was er in dem Kloſter ſah und erfuhr, um ſeine glühende Phantaſie, und raubten ſdem guten Veit die Süßigkeit eines ruhigen Schlummers. Aengſt⸗ lich warf er ſich auf ſeinem Lager umher, in⸗ dem ihm ſeine Phantaſie in ſeinem halbwachen Schlummer alle jene Schreckensſeenen noch ſchrecklicher und furchtbarer ausbildetez immer 1— ſchreckte ihn das furchtbare Wehe der Geiſter⸗ ſtimme aus ſeinem Schlummer auf, und wie ein Geiſt der Hölle ſchlüpfte die weiße Mönchs⸗ geſtalt, die ihn zum Morde aufrief, unter ſeine geſchloſſenen Augenlieder, wenn ſich ja kurze Augenblicke der Schlaf auf ſie herabſenkte, um ihm jede kurze Ruhe zu rauben. Gern würde er Alles, was er ſah und hoͤrte, nur für Schreckbilder eines betrügeriſchen Traumes gehalten haben, allein der furchtbare Dolch, der ihm in dem Schimmer des anbrechenden Morgens entgegenblinkte, überzeugte ihn nur zu ſehr, daß er Wahrheit geträumt hatte. Kaum dämmerte der Morgen über die öſtli⸗ chen Gebirge empor, als er von dieſen Schreck⸗ niſſen gewaltſam aufgejagt hinauseilte in das Thal, das die Burg umgab, um vielleicht im Freien ſeinem ſchniklich zuſammengepreßten Herzen Luft zu machen. Jedoch wie von Furien gepeitſcht irrte er umher, indem er in jedem Geräuſch der Blätter den Ritter zu er⸗ blicken fürchtete, gegen den er den Mordſtahl zücken ſollte. Sein gutes in Laſtern und 7 Bosheiten ungeübtes Herz konnte den ſchreck⸗ lichen Mordgedanken nicht faſſen, mit Schau⸗ dern bebte er davor zurück, und dennoch glaubte er ſich daran gewöhnen zu müſſen, weil ihm der Himmel ſelbſt auf ſo wunder⸗ bare Art dieſen Mord geboten hatte, und un⸗ aufhörlich ſchallte ihm die Drohung von dem Zorne des Himmels in die Ohren, wenn er den Mord unterlaͤſſen ſollte. Auf ſeinem Her⸗ zen lagen Zentnerlaſten, ängſtlich ſeufzte es nach Mittheilung und freundſchaftlicher Hülfe, und gleichwohl hatte ihm die Stimme des Geiſtes das unverbrüchlichſte Stillſchweigen aufgelegt, und eben dies vermehrte das Schreck⸗ liche ſeiner Lage um Vieles. Sein ſcheuer Fuß trug ihn unwillkührlich wieder nach der Abtei von St. Baſil. Der Jüngling glaubte, daß ſein guter Engel ihn hierher geführt habe, um von dem frommen und heiligen Gregor Rath und Beruhigung zu holen. Voll froher Hoffnung trat er hin⸗ ein, indem er den Abt um einige Augenblicke Gehör erſuchen ließ, in welchem er ſeinen Erſte Serie. VII. Band. 10 guten Engel zu finden wähnte, und ſein gutes argloſes Herz ahnte es nicht, daß er ſich einem Satan in die Arme werfen wollte. Seine bleiche Schreckensgeſtalt, vor welcher der Abt ſelbſt im erſten Augenblick zurück⸗ bebte, verrieth dieſem ſogleich bei dem Ein⸗ tritte des beängſtigten Jünglings die Urſache ſeines frühen Beſuchs; doch nie vernahm ein menſchliches Ohr, auf welche Art der gleis⸗ neriſche Böſewicht den argloſen Jüngling un⸗ ter der Maske der Heiligkeit in ſeine argliſtige Bosheit verſtrickte, und deſſen wankenden Ent⸗ ſchluß, den befohlenen Mord auszuüben, be⸗ feſtigte. In dem Kampfe mit ſeinen empörten Ge⸗ fühlen ſtürmte Herrmann von Adlerhorſt un⸗ ſtät und flüchtig von der Wetterburg hinweg, wo man ihn ſo ſchimpflich hinweggewieſen hatte, bis jeder lichte Schimmer des Tages in dem Rabendunkel der Nacht verlöſchte, und er der Hütte ſeines gaſtfreundlichen Wir⸗ 147 thes zueilte, ſchon in der Ferne gewahrte er den Schimmer der Lampe, der durch das Rebenlaub, welches die freundſchaftliche Hütte umſchattete, zu ihm hindurch zitterte. Voll Verwunderung ſtaunte er dieſen ſpäten Lam⸗ penſchimmer an, und ſchneller eilte er, die Hütte zu erreichen, und die Urſache zu er⸗ fahren, welche die Hüttenbewohner noch in tiefer Nacht wach erhalten hatte, da hörte er ſich in der Ferne rufen. Mit beflügelten Schritten eilte er hinzu, und ſchon von weitem lief ihm der gaſtfreundliche Alte entgegen. „Heil Euch! Herr Ritter, daß Ihr kommt!“ rief er ihm zu,„wie ſehnſuchtsvoll habe ich Eurer Ankunft entgegengeſehen! O wüßtet Ihr, was Euch unter meinem friedlichen Dache erwartet, Ihr hättet, traun! nicht ſo lange gezögert, zu erſcheinen.“ Mit freudigem Ungeſtüm zog der Alte ihn nach der Hütte hin. Herrmann trat hinein, und voll Erſtaunen blickte er den fremden Gaſt an, den unbekannten ſchwarzen Ritter, den wir vorher als Gaſt auf der Wetterburg 10* 148 ſahen, der ſich während Herrmanns Abweſen⸗ heit hier eingefunden hatte. Das Weib des biedern Hauswirths lag vor dem ſchwarzen Gaſte auf den Knieen und küßte mit freudigem Ausdruck ſeine Hand. Von ſüßen Ahnungen durchzittert, blickte Herrmann den Fremden an, und ein geheimes unbekanntes Etwas beglückender Gefühle zog ihn mächtig nach dem Fremdling hin. Sein Herz klopfte ungeſtüm voll ſüßer Wonne, und ſeine Wange glühte, als jetzt der ſchwarze Ritter ſeine Arme nach ihm ausbreitete und ihm entgegeneilte, um ihn an ſeine Bruſt zu drücken. Herrmann ſank in ſeine Arme, und ſüß, wie die Harfenlieder der ſeligen Sänger des Himmels, tönte ihm der Ausruf des Fremden ins Ohr, der ganz in dem Gefühl des glück⸗ lichen Vaters ihn als Sohn begrüßte. „Guter Gott!— mein Vater!“ rief Herr⸗ mann ſtammelnd vor Entzücken aus, und umſchloß des Greiſes Knie, und in Thränen der Freude floß des Vaters Segen auf den geliebten Sohn herab. Die Wonne des glück⸗ lichen Wiederſehens nach ſo langer Trennung hob Beider Herzen mächtig empor, und öff⸗ nete ihren trunkenen Blicken die Gefilde der Seligen. Um ſie her ſtanden die beiden alten biedern Hüttenbewohner, und weideten ſich mit vor Frende thränenden Blicken an dieſer ſchö⸗ nen Scene des frohen Wiederfindens. Noch ſchwiegen Vater und Sohn in dem hohen Uebermaaße des ſprachloſen Entzückens, der ihre Herzen zuſammenengte, noch hielten ſich Beide, von hoher beſeligender Wonne erfüllt, feſt und innig umſchlungen, aber deutlicher als alle Sprachen der Erde ſprachen ihre Blicke und ihre Thränen, was kein ſterblicher Mund und keine Sprache zu nennen vermag, und was nur der Edle fühlen kann, der den himmelhohen Werth des glücklichen Wieder⸗ ſehens nach jahrelanger Trennung kennt, wenn ein günſtiges Geſchick den todtbeweinten Freund unverhofft in ſeine Arme führt, und der erſte Kuß die Glücklichen wieder vereint. Scchweigend lagen ſich Vater und Sohn im Arm, bis nach und nach der erſte heftige 8 Sturm der Gefühle ſich legte, und gleich dem Wogenſturz der von dem hohen Klippenfelſen hinabranſcht, und ſich im Blüthenthale in die mildern Wellen des ſanftmurmelnden Wieſen⸗ bachs auflöſt, ein ſanfter wogendes Entzücken wohlthätig ihre Buſen durchwallte, und ihre wonnetrunkenen Sinne zurückrief, um die hohe Freude ganz zu fühlen, die durch Bewußtſein erſt ihren ganzen ſchönen Werth erhielt. Jeetzt erſt erhielt das Entzücken der beiden Glücklichen Worte, und ihre Freude erſchöpfte ſich in gegenſeitigen Fragen, die eine Trennung von zwanzig trauervollen Jahren ſo ſehr an⸗ gehäuft hatte, daß pfeilſchnell und unbemerkt die Stunden der Nacht über Vater und Sohn dahinrauſchten. „Mein Vater,“ unterbrach Herrmann jetzt die Erzählung ſeines Vaters,„Ihr ſagt, daß Ihr ſchon ſeit fünf Tagen das Baierland und dieſe Gegend durchirret, und noch iſt Eure gekränkte Ehre das Spielwerk nichtswürdiger Buben? Habt Ihr nichts gethan, die Euch zugefügte Schmach und Schande von Euch zu 151 werfen, und Konrads ungerechte Feindſchaft 4 durch die Entdeckung jener Büberei des ver⸗ kappten Böſewichts zu verſöhnen? Ein ein⸗ ziges kühnes Wort konnte Eure und meine Schmach enden, und Ihr konntet zögern, es zu ſprechen?“ „Mein Blut gäbe ich mit Freuden dahin,“ erwiderte der Greis,„dürfte ich um dieſen Preis meine Ehre retten und ſie ſo rein und makellos zeigen, wie ſie wirklich iſt. Allein, mein Sohn, ſchwer liegt die Härte eines feind⸗ ſeligen Geſchicks auf mir, denn ein furchtbarer Eid hält meine Zunge gefeſſelt; mein ſchreck⸗ liches Loos iſt: dulden und ſchweigen. Dir, mein Sohn, will ich mein unglückliches Schick⸗ ſal enthüllen, frei und offen will ich Dir den redlichſten Bericht von meinem Leben erthei⸗ len; denn in Deinen Augen kann ich länger nicht als ein Verbrecher erſcheinen.“ Ein Blick des Greiſes auf die beiden gut⸗ müthigen Bewohner der Hütte verrieth dieſen den Wunſch ſeines Herzens, ohne Zeugen ſein Herz dem Sohne ausſchütten zu können; 152 ſchweigend drückte der gutmüthige Alte ſeinem Weibe die Hand, beſcheiden entfernten ſich beide, und ein beredter Blick voll Dank folgte ihnen von Rudolph nach. Der Greis ſetzte ſich an die Seite ſeines Sohnes, und mit geſpannter Erwartung lauſchte dieſer auf die Erzählung des unglück⸗ lichen Vaters. „Schon ſind es zwanzig Jahre,“ begann Rudolph, vals ich mit Dir zum erſten Mal nach Wien zu dem ſchönen Lanzenſpiel zog, wozu der Herzog viele edle Ritter des Baier⸗ landes eingeladen hatte. Dort ſollteſt Du die Edeln des deutſchen Vaterlandes ſehen, dort wollte ich den Funken Deines Edelmuths in Dir zur Flamme wecken, und den Durſt nach Kampf und Heldenruhm und edlen Thaten in Dir nähren, um alsdann an der Freundeshand des wackern Benedikt die väter⸗ liche Heimath zu verlaſſen, und von ihm ge⸗ leitet, Gelegenheit aufzuſuchen, Deine Kraft und Deinen Muth zu üben. Mein trautes Weib und Deine Schweſter ließ ich allein auf 153 meiner Burg zurück, und glaubte ſie unter dem Schutze eines Mannes, der mir ſein gan⸗ zes Glück verdankte, und auitenan Treue ich Felſen baute, vor jedem Unfalle völlig geſichert. Beuno war ſein Name; ihm vertraute ich arglos meine Burg, meine Habe, und was mir theurer als dieſes noch war, mein zartes Kind und mein Weib; und eben dieſer war es, mein Sohn, der unſer ganzes ſchönes Glück grauſam vernichtete. O mein Sohn, liebe die Menſchen, übe Gutes an ihnen, ſo viel Du es vermagſt, aber baue nicht auf ihre Dankbarkeit; denn dieſe Tugend gedeiht im Menſchenherzen nur wie eine ſchöne Blume des Lenzes, die das Auge ergötzt, aber für den, der ſie pflegte, nur Dornen hat, um nihn zu verwunden.“ „Der Bube, den ich einſt aus der Sela⸗ verei unter den Ungläubigen befreite,„fuhr der Greis nach einer kurzen Pauſe ſchmerz⸗ licher Erinnerung fort, ner, den ich mit Wohl⸗ thaten überhäufte, dem ich mein ganzes Herz voll Liebe und Zutrauen als Freund und 154 Bruder gab, er ſtahl mir Weib und Kind, und häufte end ſſen Jammer, Schmach und 3 Schande über mein Haupt. Nur ſpäterhin erſt erfuhr ich, daß dieſer Böſewicht nicht auf eigenen Antrieb ſeines böſen Herzens dieſe Frevelthat an mir, ſeinem Freunde und Wohl⸗ thäter, verübt hatte, ſondern nur als Helfers⸗ helfer von dem ſchändlichen Gregor, der mein treues Weib liebte, beſtochen war, um dieſen Raub zu vollziehen, und dem Nichtswürdigen die unglücklichen Schlachtopfer ſeiner Wolluſt zuzuführen. Noch tönt wie Donner die Schreckenspoſt in mein Ohr, die mich bei meiner Rückkehr betäubt und ſinnlos darnieder ſchmetterte. Der Löwin gleich, der man ihre Jungen raubte, raffte ich mich empor, und von Wuth entflammt ſtürmte ich hinaus, um den Räuber aufzuſuchen. Wild jagte ich durch den Forſt dahin, als plötzlich aus dem Dickicht ein Mörderſpieß herausfuhr und mich be⸗ ſinnungslos vom Roſſe ſtürzte. Die Nacht des Todes umdüſterte meinen Blick und meine Sinne, und wohl mir, wenn dieſe Nacht nie 4. geendet hätte! Doch ich ſollte leben und zu größern Leiden aufbehalten ſein.“ „Ich erwachte endlich nach geraumer Zeit wieder aus meiner Betäubung, und als ich matt die Augen aufſchlug, ſah ich mich in der Dunkelheit eines öden Burgverließes enge verwahrt. Ich wüthete und tobte einem Ra⸗ ſenden gleich, und kämpfte, mit den ſchreck⸗ lichſten Qualen der Verzweiflung; doch dem Tiger gleich, der an dem ſtarken Eiſengitter ſeines Käfigs ſeinen Zahn in blinder Wuth zerknirſcht, tobte ich fruchtlos gegen die Mauern und Riegel, die mich einkerkerten, und öde verhallten meine Klagen an den kalten gefühl⸗ loſen Wänden, die mich umgaben. Doch hinweg mit der ſchwachen Schilderung meines ſchrecklichen Schickſals, kein Gedanke des Men⸗ ſchen, kein Herz faßt dieſe Schreckniſſe, kein Mund ſpricht es aus, was ich an jenem Schreckensorte acht lange fürchterliche Jahre hindurch leiden mußte. Acht Jahre, o mein Sohn, Du haſt keinen Sinn für das Wort! Schnell rauſcht ein Jahr und noch ein Jahr 156 für den Glücklichen dahin, er merkt es kaum, ach aber für den Unglücklichen, der einſam ſein Leben in öden Felſenmauern verſeufzt, iſt ſchon ein Tag eine ſchreckenvolle Ewigkeit, worin ihn die furchtbarſten Bilder ſeiner Phantaſie mit Höllenmartern umlagern. Der Tod, den ich ſo oft in thränenvollen Nächten mit heißer Andacht mir vom Himmel erflehte, wäre die größte Wohlthat für mich geweſen; aber unerhört kam mein Flehen vom Himmel zurück. Jedoch dieſe acht langen Schreckens⸗ jahre kühlten allgemach mein ungeſtümes Herz und meinen wilden verzweiflungsvollen Schmerz zu ſtillerem Dulden ab, und hoffnungsvoll ſah ich dem Augenblicke entgegen, wo der tiefe Gram, der an meinem Herzen nagte, mein Trauerleben enden ſollte. Ein Mönch, der mir gewöhnlich jede Mitternacht meine kärg⸗ liche Nahrung brachte, und ſich mit teufliſcher Schadenfreude an meinem bangen Stöhnen weidete, erklärte mir einſt voll bittern Hohn, daß der Schreckensort, worin ich mich befand⸗ der Geißelkerker zu St. Baſil ſei, worin ich / 157 langſam verſchmachten ſollte. Empört durch ſeinen Hohn, ſprang ich wüthend auf den Buben zu, und in der Größe meiner Wuth hätte ich ihn ſicher erdroſſelt, aber auf ſeinen Niuf ſprangen zehn Knechte herbei, riſſen mich zu Boden und feſſelten mich.“ „Schwer mit Ketten belaſtet lag ich nun hier in ſchweigender Geduld, von der grauen⸗ vollen Nacht meines Kerkers umhüllet, in der kein wohlthätiger Strahl der Sonne bis zu mir hindurch dringen konnte; denn eine ewige Finſterniß herrſchte in dieſer dumpfigen Mar⸗ terhöhle, und ich maß den Wechſel der Zeiten nur nach dem Kommen und Gehen des düſtern Laienbruders, der mir täglich meine kärgliche Mahlzeit brachte, und nur wie aus meilen⸗ weiter Ferne vernahm ich zuweilen das dumpfe Läuten der Glocken von dem Kloſterthurme.“ „Oft ſuchte ich den Laienbruder, der mir meine Nahrung brachte, zum Mitleid gegen mich zu bewegen, und gewiſſe Kunde von meinem trauten Weibe und meiner zarten Tochter durch ihn zu erhalten; allein an ſeinem Felſenherzen gleiteten meine Klagen und meine Bitten ab. Gefühllos ſpottete der Nichts⸗ würdige der Foltern meines Herzens, und höhniſch lachend ließ er mich in der quälend⸗ ſten Ungewißheit iber das Schickſal meiner Lieben zurück.“ „Kummervoll warf ich mich auf meinem elenden Lager umher, auf welchem mich die fürchterlichſten Schreckbilder meiner Phantaſie von dem Schickſale meiner Gattin und meiner Tochter aus halbwachen Träumen aufgeſchreckt hatten, und in ſchrecklicher Bangigkeit meines kummerbelaſteten Herzens flehte ich zu dem empor, deſſen Ohr auch die Rieſenmauern meines Kerkers durchdrang, mir Gewißheit von dem Schickſale meiner Lieben zu ſchenken. Meine heißen Thränen floſſen glühend auf den kalten Felſenboden nieder, und mit Frel⸗ den würde ich mein Haupt dem vernichtenden Todesſtreiche dargereicht haben, wenn ich da⸗ durch Wahrheit hätte erkaufen können. Da ſchien der Himmel Erbarmen mit meiner Angſt 159 „ zu fühlen; das Klirren der Riegel und Schlöſſer an der Thüre meines Kerkers ſchreckte mich aus meinem andachtvollen Gebete auf, und freundlicher, als ich noch je den Wütherich geſehen hatte, trat der Mönch zu mir herein, und in ſeinen verzerrten Zügen glaubte ich hoffnungsvoll einen Schimmer von Gefühl und Mitleid zu bemerken, als er ſich beob⸗ achtend vor mich hinſtellte und mir meine Nah⸗ rung reichte.“— Vertrauensvoll auf dieſen täuſchenden Schein wagte ich es, meine Fragen nach Weib und Kind an ihn zu wiederholen, und meine Thränen gaben meinen Worten neue Kraft. Gednldig hörte er meine Klagen an, darauf ſprach er in dem Tone des Mitleids zu mir: „Beweine nicht länger das Schickſal derer, die glücklicher ſind als Du. Horch auf:; ver⸗ nimmſt Du den dumpfen Ton der Kloſter⸗ glocken? es iſt das Grabgeläute, das Dein Weib und Deine Tochter auf dem letzten Gange zur Gruft begleitet. Sie ſind dahin, und eben jetzt beginnt der Leichenzug, der die. Dahingeſchiedeuen in die Todtengewölbe des Kloſters geleitet!“ „Betäubt durch dieſe Schreckensnachricht ſtürzte ich leblos auf den kalten Boden nieder, und als ich endlich zu neuen Qualen der Verzweiflung aus meinem Todtenſchlummer erwachte, befand ich mich wieder allein. Erlaß mir, mein theurer Sohn, die Schilderung meines neuen unermeßlichen Schmerzes; denn wo nähme ich wohl Worte her, Dir Whn zu nennen?“ Der Greis ſchwieg und zog ein Bild aus ſeinem Buſen, und ein Thränenſtrom ſtrömte auf das geliebte Bild der Gattin nieder, als er es an ſeine Lippen drückte, und ein Ge⸗ miſch von bitterſüßen Gefühlen ſchien durch den Stahl der ſchwarzen Rüſtung ſein Herz empor zu heben. „Sieh her, mein Sohn, u rief er dann Herrmann zu, ndies iſt das Bild Deiner Mutter; von Allem, was ich einſt mein nannte, iſt dieſes das einzige Kleinod, das mir übrig blieb, und was die Schändlichen, die mir Alles raubten, nur mit meinem Leben hätten rauben können. Dir übergebe ich es, mein theurer Sohn; es iſt das Einzige, was ich Dir zum Erbe hinterlaſſen kann, wenn ich als Bettler und ungerächt ſterben muß.“ Haſtig ergriff Herrmann das geliebte Bild, mit ſüßer Wehmuth hing ſein thränenvoller Blick an deſſen Zügen, und indem er es mit Inbrunſt an ſeine Lippen drückte, rief er aus: „O du, die mich gebar! bei Gott und dieſem Kuſſe gelobe ich dir Rache, blutige Rache an dem Elenden, deſſen Bosheit ſo früh dich würgte und unſer Aller Glück grauſam ver⸗ nichtete! Blicke ſegnend herab auf mich, ver⸗ klärter Geiſt, und ſtähle meinen Arm mit Kraft, daß er das Geſchäft der Rache glück⸗ lich vollende! Tief will ich dieſe Züge meiner Seele einprägen, damit ſie die Erinnerung an all die Schreckniſſe, welche jener Böſewicht über uns häufte, immer lebendig in meinem Innern erhalten, und den Gedanken der Rache zu immer neuer und höherer Gluth entflam⸗ men! Nicht raſten will ich, bis des Mörders Erſte Serie. VII. Band. 11 3 168 Blut den glühend heißen Durſt nach Rache in meinem Innern gelöſcht hatlu. In den flammenden Blicken des Jüng⸗ Üings und auf ſeiner glühenden Wange lag die ganze Feſtigkeit dieſes Entſchluſſes. Wild ſtürmte ſein Buſen empor, und jede Muskel ſchien von Zorn und Rache gewaltſam ge⸗ ſpannt, bis ſich ſeine Heftigkeit in das An⸗ ſchauen des geliebten Bildes verlor, und in die ſanfteren Gefühle banger Wehmuth und Traurigkeit verſchmolz. Mit thränenſchwerem Auge hing ſein Blick an dem Gemälde, und weidete ſich, in ſtilles Anſchauen verſunken, an den holden Zügen der geliebten Mutter. Sein Vater theilte dieſe wehmüthigen Ge⸗ fühle mit ihm, und ſelne Thränen vereinten ſich mit Herrmanns Thränen auf dem gelieb⸗ ten Bilde.„Sie war mein größtes Glück auf dieſer Erde,— doch ihr iſt wohl! Segen ihrer Aſche!“ rief der Greis aus, indem er ſich die Thränen abtrocknete und in ſeiner Erzählung weiter fortfuhr.„Der Tod öffnete ihr die Behauſungen des ewigen Friedens, um der 163 armen Dulderin die Krone zu reichen, die ihre Tugend und ihre ſchweren Leiden verdienten; doch unerbittlich verſchmähte er mein heißes Fle⸗ hen, mich der Verklärten zuzuführen. Ich ward zu längeren Leiden noch aufbehalten, und noch fünf lange Schreckensjahre mußte ich nach dieſem Unglücksfalle in meinem öden Kerker verweinen, und als mir endlich der goldene Strahl von Freiheit blinkte, da ſchloſſen ſich an jene wiederum ſieben andere ſchrecklich lange Jahre an, die ich in Paläſtina in einem unter⸗ irdiſchen Kerker gefangen verſchmachtete.“ „O haltet ein!“ rief Herrmann aus, indem er dem Greiſe in die Arme ſank, und ſeine Thränen die Thränen des unglücklichen Va⸗ ters netzten,„das iſt zu ſchrecklich, zu empörend für mein Herz.“ „Spare Deine Thränen, mein Sohn!“ erwiderte der Greis, indem er den Jüngling in ſeinen Armen empor richtete, ndenn das war noch nicht der härteſte Schlag, der mich traf. Du weißt es, wie mich der bübiſche Gregor, während er mich als todt in dem 11* 164 Geißelkerker der Abtei gefangen hielt, zum Meuchelmörder an Konrads Weib und Söh⸗ nen log, und daß es ihm durch ſeine argliſtige Bosheit gelang, das deutſche Reich und den heiligen Vater zu täuſchen, ſo daß man mich mit Acht und Bann und Fluch belaſtete. Er⸗ mattet lag ich einſt in meinem Kerker, und nach langer Zeit hatte ſich ein wohlthätiger Schlummer zum erſten Male wieder auf meine Augen herabgeſenkt, als mich plötzlich ein Geräuſch aus meinem Schlummer aufſchreckte. Laut dröhnten die Riegel und Schlöſſer vor meinem Kerker, dumpf knarrend öffneten ſich die verquollenen Thüren, und ein blutrother Fackelſchein, der mein an Dunkelheit gewöhn⸗ tes Auge blendete, goß ſich durch die Nacht meines Kerkers, indem der Abt von einigen ſeiner Helfershelfer umgeben herein trat. Noch mehr als vor dem blendenden Fackelglanze wandte ich mein Auge mit Abſcheu und Ent⸗ ſetzen ſeitwärts, als ich an der Spitze des Haufens den Voigt des bübiſchen Gregor, den nichtswürdigen Verräther Benno erblickte.“ 165 „Mit ſcheinheiliger Miene und Geberde trat Gregor näher, indem er mich als den boshaften Mörder von Konrads Kindern be⸗ grüßte, die ich aus geheimen Haß gegen das Geſchlecht der Wetterburge und aus Raub⸗ ſucht ſollte umgebracht haben. Als einen ſchweren Sünder, der des ewigen Heils und des Schutzes der Kirche völlig unwürdig ſei, ſchloß er mich von dem Bunde der Ehriſten aus, verfluchte mich und mein Geſchlecht bis ins dritte Glied, und ſprach des Reiches Acht und Bann über mich aus.“ „Wie ein vernichtender Donner trafen mich dieſe Schreckensworte; wie gelähmt ſtand ich da und ſtarrte den furchtbaren Gregor an, da wandte er ſich mit erkünſteltem Mit⸗ leidslächeln zu mir, und fuhr mit ſanfterem Ton gegen mich fort:„Mitleidig erbarmt ſich der Himmel des gefallenen Sünders, wenn er mit zerknirſchtem Sinne ſeine Unthaten bereut, und durch ſtrenge Buße ſeinen Zorn zu ver⸗ ſöhnen ſtrebt. Willſt Du auf Gottes heiliges Wort das feierliche Gelübde ſchwören, ſofort 8 166 das deutſche Reich zu verlaſſen, unbekannt und insgeheim zu fliehen, und als Pilger gegen Paläſtina zu ziehen und dort für das Grab des Herrn zu kämpfen, ſo wird der Fluch von Deinem Haupte wiederum hinweggenommen werden, und wenn der heilige Vater zu Rom Dich durch Vergebung Deiner Schuld be⸗ gnadigt, ſo magſt Du dann nach Jahren in das deutſche Vaterland, das Dich jetzt als ein unwürdiges Glied ſeiner Kinder von ſich ſtößt, zurückkehren.“ „Ha! des ſchändlichen, gottesläſternden Böſewichts,“ rief Herrmann aus,„wie kann der Allgerechte dieſen frechen Frevler noch dulden?“ „Mäßige Deine Heftigkeit, mein Sohn,“ fiel der Greis ihm in das Wort, nläſtere die ewige Gerechtigkeit nicht, und verehre mit mir ihre verborgenen Wege. Mir blieb weiter keine Wahl übrig,“ fuhr Rudolph nach einer kleinen Pauſe fort,„freudenvoll ergriff ich den Schimmer der Freiheit, der mir glänzte, und nach ſo vieler Jahre Raum ward ich zum 167 erſten Male wieder in der Mitternachtsſtunde aus dem Kerker nach der Kirche geführt, wo ich am Hochaltare den ſchrecklichen Eid, zu dulden und zu ſchweigen, und unbekannt zu fliehen, ablegte.“ „Ich hüllte mich in ein Pilgerkleid, er⸗ griff den Pilgerſtab, und wanderte voll froher Hoffnung nach Romz allein der bübiſche Gre⸗ gor hatte durch ſeine Hinterliſt und Bosheit den heiligen Vater ſo umſtrickt und gegen mich erbittert, daß er mich, ungerührt von meinem heißen Flehen, verdammte, und mir den Segen verſagte. Dennoch ging ich, ein vom Fluch und Acht Beladener voll Muth und Hoffnung meinem Schickſal entgegen; denn mein Herz war rein von jeder Miſſethat, und wer reines Herzens auf Gott vertrauen kann, der wandelt ſicher und unbeſchadet durch die Labyrinthe dieſes Lebens, wenn auch Menſchen ihn verfluchen.“ „Ich beſtieg vollen Muths und vertrauens⸗ voll auf den, der die Unſchuld meines Herzens kannte, das Schiff, das mich von dem gelieb⸗ 168 ten Vaterlande trennen und nach dem gelob⸗ ten Lande bringen ſollte. Mit mir zugleich beſtieg das Schiff ein junger Pilger, deſſen Schönheit und liebenswürdige Sittſamkeit ſo⸗ gleich meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und unwillkürlich fühlte ich mich, ſobald ich ihn erblickte, nach ihm hingezogen; denn die Bläſſe ſeiner Wangen und die Spuren geheimen Kummers in ſeinen ſchönen Zügen ließen mich ſogleich einen Unglücksgefährten in ihm er⸗ kennen. Nichts bindet ſchneller und feſter die Herzen als gegenſeitiges Unglück, wir wurden mit jedem Tage vertrauter gegen einander, theilten uns unſere Leiden mit, und als Brü⸗ der tauſchten wir unſere Herzen voll Liebe gegen einander aus.“ „Die ſanfte Weiblichkeit des jungen Pil⸗ gers, ſeine ſchöne Sittſamkeit und ſein Er⸗ ſchrecken, wenn ich bisweilen noch ſpät am Abend ihn in ſeinem Gemache überraſchte, erweckte und verſtärkte täglich mehr und mehr in mir die Vermuthung, daß dieſes Pilger⸗ kleid vielleicht ein Mädchen verſteckte, und es 169 bedurfte keiner vielen Mühe, mir hierüber Gewißheit zu verſchaffen.“ „Meine Vermuthung war gegründrt. Das ſanfte Erröthen des jungen Pilgers, als ich einſt im Vertrauen ein kühnes Wort fallen ließ, das nur der Mann dem Manne ſagt, die ſüße Schwärmerei, worin ich ihn einſt mit dem Bilde eines jungen Ritters beſchäftigte, überraſchte, und der geheime Widerſtand des ſchlau verhüllten Buſens an meiner Bruſt, als ich den ſchönen Jüngling als Freund umarmte; dieſes Alles überzeugte mich auf das Lebhafteſte, das ich ein Mädchen vor mir ſah. Doch ehrte ich um ſo mehr des ſchönen Mädchens Schweigen, ſchien ferner nur einen Jüngling in der Pilgerin zu erkennen, und gelobte ihr heimlich meinen Schutz, als ich mit Schrecken die Bemerkung machte, daß der Patron des Schiffes das Geheimniß ihres wahren Geſchlechtes ebenfalls errathen hatte, und von ſchnöder Luſt durchglüht im Stillen einen Plan gegen ſie entworfen zu haben ſchien, um ſie ſeinen wollüſtigen Begierden zu 170 opfern, weshalb ich insgeheim meine Hand mit einem Dolche zu ihrem Schutze bewaffnete.“ „Wind und Wellen waren indeſſen unſerer Fahrt öfters ſo ungünſtig, daß wir nach acht⸗ zig Tagen voll Ungemach und banger Furcht von dem Sturm zum dritten Male verſchlagen und nach Limiſſo's Port geſchleudert wurden. Das Ungewitter verzog ſich, und in dem ſchönſten Glanze des Abendroths ſank die Sonne in die weſtlichen Fluthen hinab. Ge⸗ lockt von Cyperwein ſtieg das Schiffsvolk an das Land, jedoch der junge Pilger blieb zu⸗ rück, und ich konnte mich um ſo weniger dazu entſchließen, das Schiff zu verlaſſen, weil außer dem Schiffspatron die wenigen Leute, welche zurückgeblieben waren, der Ruhe ſich überließen.“ Hand in Hand verſchlungen ſaß ich mit der Pilgerin auf dem Verdecke in traulichen Geſprächen, bis der Mond über Cyperns Ge⸗ birge heraufſchwebte, und die Nacht mit ihrem düſtern Schleier über die Küſte ſich ausbrei⸗ tete, wo ſie ſich entfernte. Da mein Schlaf⸗ 171 gemach gleich neben dem ihrigen und nur durch eine dünne Breterwand von dieſem ge⸗ ſchieden war, ſo konnte ich ſehr leicht verneh⸗ men, daß meine holde Freundin bald in Schlummer ſank. Eine geheime bängliche Ahnung hieß mich für ſie wachen, und weil ich ſehr ermüdet war, ſo ſuchte ich durch Cyper⸗ wein den Schlummer zu verſcheuchen, jedoch mit unbezwinglicher Macht ſenkte er ſich auf meine Augenlider herab, und wider Willen verſank ich, wie von einer unſichtbaren Macht bezaubert, in tiefen Schlaf.“ „Nach einiger Zeit erwachte ich wieder und verwünſchte meine Trunkenheit, die meine Wachſamkeit überliſtet hatte. Von dumpfer Aengſtlichkeit gepreßt, lauſchte ich an der Breterwand auf die leiſen Athemzüge meiner ſchlummernden Freundin, doch Alles ſchien ſo ſtill wie im Grabe; ich klopfte leiſe, dann vernehmlicher und immer ſtärker an die Wand, und als kein leiſer Laut und kein Geräuſch mein Klopfen beantwortete, da ſprang ich er⸗ ſchrocken und ahnungsvoll auf von meinem 172 Lager und hin nach dem Zimmer meiner jungen Freundin.“ „Schauer des Todes dunhbebten meine Gebeine, als ich die Thüre öffnete, und das Zimmer leer, die Matten des Lagers kalt und zerſtreut umher am Boden fand. Großer Gott! rief ich aus, ſie iſt verloren, und mit gezücktem Dolche eilte ich zurück, um die Ge⸗ raubte aufzuſuchen und den Feind ihrer Un⸗ ſchuld zu vernichten. Mein ahnendes Herz ließ mich bald den rechten Weg entdecken; denn ich vernahm ein dumpfes Gewimmer aus dem Zimmer des Schiffspatrons, das mich nicht lange in Zweifel ließ, was ich davon zu denken hatte. Gewaltſam öffnete ich mir den Eingang der verſchloſſenen Thüre, krachend brachen die Breter zuſammen, und, o Gott! was mußte ich erblicken! Entkleidet, den Mund verſtopft, lag die Unglückliche dort, und eben war der Wütherich im Begriff, ſie ſeinen Lüſten zu opfern, als ich erſchien, und mit der Wuth eines ergrimmten Tigers auf ihn einſtürmte. Durch eine ſchnelle Wendung 173 entwand er ſich mir jedoch, und ein heftiger Schlag über den Schädel ſtreckte mich wie todt zu Boden.“ „Als ich mich aus meinem todtenähnlichen Schlummer wieder ermunterte, lag ich mit Ketten belaſtet in dem untern Raume des „Schiffes, und ein Knabe, der mir Brod und Waſſer brachte, verkündete mir auf meine Fragen nach dem Schickſal der jungen Pil⸗ gerin, daß ſie geſtorben ſei. O wohl ihr! rief ich freudig aus, der Gott, der ihre Unſchuld rettete, verklärte ſie zum Engel, und gern und willig trage ich für ſie dieſe Feſſeln. Ich ſchwieg und trug meine Leiden mit Geduld, bis wir nach Sydon kamen. Man gab mir Schuld, daß ich mich gegen den Schiffspatron empört habe, und erkaufte Zeugen traten ge⸗ gen mich auf, die dieſe Anklage gegen mich beſtätigten. Ungehört ward ich von dem Rathe zu Sydon zum Tode verurtheilt; doch jetzt bat der Nichtswürdige, der mir den Tod bereitet hatte, ſelbſt für mich, und mir ward das Leben geſchenkt.“ „Man ſperrte mich in einen öden Thurm hoch auf Felſen, welche ſich von Strande hin⸗ über in die See thürmten, und an deren Fuße ich oft die grauſe Nachtmuſik der Wogen hörte, die ſich an den ſchroffen Steinen mit wildem Geheul brachen. Oft bemerkte ich alsdann, wenn der Morgen heraufdämmerte, und der Sturm der Elemente ſich wiederum gelegt hatte, die Leichname derer, welche durch Schiffbruch ihr Leben in den Fluthen endeten, und weit entfernt ſie zu beklagen, mußte ich in meinem Elende ſich um ihr Loos beneiden. Jene Glücklichen hatte der Tod von allen Leiden und Schmerzen wohlthätig befreit, in⸗ deß auf mir die ſchwere Hand eines unerbitt⸗ lichen Mißgeſchicks ohne Hoffnung der Be⸗ freiung lag. Die Sonne kam und ſank wie⸗ der in die Fluthen hinab, um ſich in meinen bangen Thränen zu ſpiegeln; das Jahr alterte und verjüngte ſich von Neuem, und ohne Hoffnung der Befreiung blieb der öde Thurm mein Grab.“ „Sieben Mal begrüßte ich mit Seufzern 175 und Thränen den Wechſel des Jahres; doch einſt, als ich voll tiefen Jammers den ſchei⸗ denden Tag in die Fluth ſich hinabtauchen ſah, und mein Herz heiß und innig den Tod 5 herbeiwünſchte, da raſſelten plötzlich die Riegel meines Kerkers, die Thüre öffnete ſich, und ein holdes Weib an der Seite eines Ritters trat zu mir herein.“ „Er iſt es,“ rief das Weib ihrem Begleiter zu, und freundlich nahte ſich mir der edle Ritter, indem er mir die Hand reichte. Gott ſei gedankt!“ rief er mir zu,„ſeit Jahren ſuchen wir Euch vergebens; Gott ſei gelobt, der uns, Euch endlich finden ließ. Wir kom⸗ men Euch zu retten, ſeid wieder frei, edler Freund.“ „Sie lößten meine Feſſeln, und denke Dir, mein Sohn, wenn Du es vermagſt, die un⸗ ausſprechlich hohe Wonne, die mich jetzt be⸗ ſeelte, und die kein ſterblicher Mund zu nennen vermag. Die Wonne dieſes Augenblicks warf mich zu Boden; ich weinte laut vor Entzük⸗ ken, und hielt Alles für einen ſchmeichelnden heiße Umarmung meiner Befreier überzeugte mich, daß ich Wirklichkeit träumte.“ „Wer ſeid Ihr?“ ſtammelte ich ihnen zu, da ſich meine überraſchten Sinne in ihren Armen wieder ſammelten, und ſtreckte voll hoher beſeligender Wonne meine Arme nach ihnen aus.„Kennt mein wackerer Freund den jungen Pilgersmann nicht mehr?“ begann das himmliſch ſchöne Weib, indem es mich mit ſeidenen Armen ſo heiß und innig an den Buſen ſchloß, das neue Lebenswonne in meine Seele ſtrömte.„Erkennet in mir den Jüng⸗ ling, den einſt vor ſieben Jahren ein harter Streich des feindlichen Geſchicks von Euerer Seite riß, der Euch edeln Mann ſo ſchreck⸗ liche Leiden und ſo vielen Jammer verurſachte, und mir ein Quell der ſchönſten und beglük⸗ kendſten Freuden des Lebens ward.“ „Mit forſchenden Blicken verweilte ich auf den Engelzügen meiner Retterin, und gleich der ſpäten Rückerinnerung an längſt entflohene Kinderzeiten, trat dunkel das Bild des jungen Traum, der meine Sinne beſtricke, doch die Pilgers wieder vor meine Seele. Mit doppelt hoher Wonne ſchloß ich die todtbeweinte Freundin an mein klopfendes Herz, meine Thränen des Entzückens rannen in ihren Buſen, und ich feierte von ihren und des jungen Ritters Armen umſchloſſen die ſchöne Scene des glücklichen Wiederſehens.“ „Noch vermochte ich es nicht, die ſonder⸗ baren Ereigniſſe der Vergangenheit und Ge⸗ genwart, unſerer Trennung und unſeres Wieder⸗ findens enen zu ketten, doch bald ward mir Alles klar, als die Holde mit Dank und Freude ihr Schickſal erzählte.“ „Ihr wißt, mein edler Freund,“ begann ſie,„wo wir uns fanden und was mit mir geſchah. Noch bebt mein Herz, wenn ich an jene Schreckensnacht zurückdenke, wo mich der Schändliche mit Gewalt zum Opfer ſeiner Lüſte weihen wollte. Ohnmächtig und kraft⸗ los konnte ich dem Böſewichte nach langem Kampfe nur noch ſchwach widerſtehen, als Euch der Himmel mir zum Retter ſendete. Euere plötzliche Erſcheinung gab mir meine Erſte Serie. VII. Band. 12 völlige Beſonnenheit wieder, und raſch, ehe der bübiſche Verräther von ſeiner Ueberraſchung ſich wieder ſammeln konnte, ergriff ich ſeinen Dolch und ſtieß dieſen ihm in die Seite. Zwar gelang es mir nicht, durch dieſen Stoß die Welt von dieſem Ungeheuer zu befreien, er entging dem Todesſtoße, allein ich gewann doch dadurch Zeit genug, auf das feſte Land zu fliehen.“— „Dort hielt ich mich voll Wenc a Angſt drei Tage hindurch verborgen, und als ich mich an dem vierten Tage aus meiner Verborgen⸗ heit wieder heraus und zu dem Port hinab⸗ wagte, um mich nach Hülfe und Schutz vor den Nachſtellungen jenes Böſewichts umzu⸗ ſehen: da flog ein Schiff herbei, das ſich in Limiſſo's Hafen vor der Wuth der Korſaren, die es verfolgten, rettete. Denkt Euch, edler Freund, mein hohes Entzücken, als jetzt die Pilger an das Land ſtiegen, und ich unter denſelben den Auserwählten meines Herzens fand, der vor Jahren ſchon in das Morgen⸗ land gewallfahrtet war, und den ich voll ' 179 Sehnſucht und voll Gram über ſeine lange Abweſenheit liebend nacheilte, als Ihr mich traft. Erlaßt mir die Schilderung deſſen, 3 was mein Herz bei dieſem unverhofften be⸗ glückenden Wiederfinden empfand; denn keine 4 Sprache nennt den hohen Umfang dieſer mei⸗ 3 ner beſeligenden Gefühle.“ 1 „Beglückt und Hand in Hand geſchlungen wallten wir gemeinſchaftlich nach dem gelobten Lande, gllein auch ſelbſt in den ſchönſten Wonneſtunden unſerer glücklichen Liebe trübte die Erinnerung an Euch, unglücklicher Freund, unſere Wonne und füllte unſere Augen mit Thränen. Ich ſah Euch, als Ihr mir zur Rettung erſchient, zu Boden ſtürzen, und hielt Euch anfangs für todt; doch leiſe ſchlich ſich die Ahnung in meine Seele, daß jener Streich des ſchändlichen Verräthers Euch nur betäubt zu Boden geſtürzt habe, und daß Ihr noch leben könntet. So machten wir es uns zur heiligſten Pflicht, die ſorgfältigſten Erkundi⸗ gungen nach Euch anzuſtellen, jedoch alle un⸗ ſere Bemühungen ſcheiterten, bis wir endlich 12* wollten, und von dem Geſchick geleitet in den Hafen von Joppe einliefen, wo wir unver⸗ hofft den ſchändlichen Hauptmann jenes Schiffes fanden, der aus Furcht vor der wohlverdien⸗ ten Strafe und vor den Drohungen meines Ritters auf ſeinen Knieen um Gnade flehte und Euer Schickſal uns bekannte. Ohne Säumen flogen wir nun hierher nach Sydon, und Heil uns, daß es uns gelang, Euch die längſt entbehrte Freiheit wieder zu geben!“ „So ſprach das edle Weib,“ fuhr der Greis fort,„und ich war nun zum zweiten Male in dem ſchönen Beſitze meiner Freiheit. Meinem Eide eingedenk, ſchloß ich mich an die Streiter der Kirche an, und dieſe Narben von verharſchten Wunden, die mir die Wuth der Sarazenen ſchlug, mögen Dir, mein Sohn, zeigen, wie oft ich in dem Kampfe den Tod ſuchte, der mich von der Bürde meines Elen⸗ des wohlthätig befreien ſollte. Doch, lieber Sohn, einem Jeden iſt ſein Ziel geſetzt, das keine menſchliche Macht zu verrücken vermag; nach ſieben Jahren das heilige Land verlaſſen 181 ich fand den heißgewünſchten Tod nicht, und wenn auch hundert feindliche Schwerter mich umblitzten, erhielt mir die Macht, die uns durch das Dunkel dieſes Lebens ſo wunder⸗ var leitet, das Leben, um mich Dir, mein geliebter Sohn, wieder zuzuführen.“ „Vier Jahre lang trug ich das heilige Kreuz, und ich darf mir das Zeugniß geben, daß es mich nicht unwürdig geziert hat, und daß ich nicht ohne Ruhm für Gott und ſeine Kirche ritterlich gekämpft habe. Dreimal wall⸗ fahrtete ich mit entblößten Haupt und Füßen zu dem heiligen Grabe, um dort das Oſter⸗ feſt recht würdig zu feiern, und im fünften Maimond kehrte ich in das Abendland wieder zurück, wallfahrtete hoffnungsvoll nach Rom, und warf mich dort noch einmal mit heißen Thränen demüthig vor dem neuen Papſte nieder. Er nahm mich huldreich auf, und als ich offen und getreu ihm mein unver⸗ ſchuldetes Schickſal erzählte, da bahnte mir das Mitleid den Weg zu ſeinem Herzen. Er nahm mein Flehen gütig auf, legte ſeine Hände 7 8 12 ſegnend auf mein Haupt, und lößte ſo den Fluch des Kirchenbannes, der ſa viele Jahre auf mir gelaſtet hatte.“ „Mit väterlicher Huld fuhr hierauf der heilige Vater gegen mich fort:„So wie Dir Gott jetzt durch mich vergiebt, ſo vergieb auch nun, mein Sohn, Deinen Feinden ihre Schuld und die Bosheit, womit ſie Dich verfolgt haben. Nie müſſe Dein Herz den Gedanken der Rache hegen, nie müſſe Dein Mund den Schwachen, die nun einmal am Aeußern und am Beiſpiel hängen, offenbaren, was Gregor an Dir verbrochen hat. Vergiß das Ge⸗ ſchehene und überlaß dem ewigen Richter die Rache!“ „Auf meinen Knieen mußte ich durch einen feierlichen Eid geloben, dieſen Befehl zu er⸗ füllen; ich that es gern, und eilte, um recht bald mein geliebtes Vaterland, und Dich, mein theurer Sohn, wieder zu ſehen, und dann an Deiner Hand nach Aſien zurück zu kehren. Dieſen Vorſatz hat jedoch ein Eremit, den ich unverhofft in dem nächſten Walde von Franken fand, wankend gemacht; denn was dieſer, als ehemaliger Helfershelfer und Mit⸗ verbrecher des ſchändlichen Gregor, ſterbend mir entdeckte, hat aufs neue Zorn, Haß und Wuth gegen den Böſewicht in meiner Seele aufgeſchreckt.“ „Ein heftiges Unwetter ſcheuchte mich in ſeine ſtille Klauſe; ich fand ihn mit dem Tode ringend, und kämpfend mit den Qualen der Hölle, die ſein ſchuldbelaſtetes Herz ihm zeigte. Als ich mitleidsvoll ihm Troſt und Linderung ſeiner ſchrecklichen Qualen anbot, da erkannte mich ſein halbverloſchener Blick, und ſchnell fachte das Lebensflämmichen im Verlöſchen noch einmal in ihm auf, und gab ihm Kraft, ſich mir als den Mitverbrecher des nichts⸗ würdigen Abts zu offenbaren, und mir ſein Verbrechen zu beichten.“ „Ich habe ſchon von ihm gehört,“ unter⸗ brach Herrmann ſeinen Vater.„Er war es, der von dem nahen Grimme des ewigen Rächers aus ſeinem Sündenſchlafe aufgeſchreckt, dem ehrwürdigen Benedikt die Gewebe der 184 Bosheit unſers Feindes Gregor reuevoll ent⸗ deckte. Benedikt hat mir Gregors ganze Bos⸗ heit entdeckt.“ „Doch gewiß das noch nicht,“ fiel der Greis in der ſchrecklichſten Bewegung dem Jünglinge in die Rede,„daß dieſer verworfene Bube mein tugendhaftes Weib, Deine Mutter, ſchändete, daß er durch Gift in dem Gott ge⸗ weihten Weine des heiligen Kelches ſie dem Tode weihte, und, was der Hölle ſelbſt zum Muſter dienen könnte, daß er Deine Schweſter als zartes Kind zur Buhldirne erzog, daß er durch Laſter aller Art ihr reines Herz ver⸗ peſtete, und als ſie endlich reifer ward, der Wolluſt mit ihr pflegte? Das hat Dir der redliche Mann doch wohl noch nicht entdeckt? O mein Sohn! das iſt es, was ſchrecklicher als alles erlittene Ungemach mich empört; das iſt es, was meinen Eid vernichtet, und lauter als alle Stimmen des Erdkreiſes mich zur Rache auffordert. Wir ziehen gegen die Ungläubigen zu Felde, und ſollten ungerächt verworfene Sünder im Vaterlande wüthen laſſen? Für Recht und Tugend führen wir das Ritterſchwert, und unerläßliche Pflicht iſt es, die Erde von einem Ungeheuer zu befreien, das mehr als die Peſt und alle Plagen des erzürnten Himmels Verderben verbreitet. Den⸗ noch will ich ſo viel als möglich auch meinem, dem heiligen Vater abgelegten Schwure Ge⸗ nüge leiſten; denn weiſe und gut war des Papſtes Meinung. Wahr iſt es, daß der große Haufen des Volks ſo ſehr am Aeußern hängt, darum will ich von des verworfenen Gregors Miſſethaten ſchweigen, und vor den Augen der Menge die Truggeſtalt des heuch⸗ leriſchen Satans nicht enthüllen. Gleichwohl erkenne ich es für meine unerläßliche Pflicht als Ritter und als Chriſt, von der kein Sa⸗ krament mich entbinden kann, den Frevler zu erwürgen, der in das gleisneriſche Gewand der Heiligkeit ſeine teufliſche Geſtalt verhüllt, der alle Laſter in ſich vereinigt, der nicht allein Räuber und Giſtmiſcher, ſondern auch Seelen⸗ mörder iſt. Auf, mein theurer Sohn! ſiehe ſchon dämmert der Glanz des herannahenden 186 Morgens dort empor, rüſte mich, und gieb mir Lanze und Schild. Ich will zu dem edeln Ubald von Kallenberg ziehen. Er iſt ein ed⸗ ler Mann, und wird als Ritter und Freund meinen Bitten eine Zahl von Kriegern nicht verweigern, daß ich nach Sitte und Recht, wie es edeln Rittern ziemt, unſerm Feinde im offenen Felde Fehde bieten kann; denn ich will nicht als Mörder den Buben erſchlagen, ſondern in offener Fehde meine Sache gegen ihn führen, und Gott, der die Unſchuld ſchützt, der des Frevlers Bosheit kennt, richte über mich und ihn und entſcheide.“ So ſprach der Greis, und Herrmanns Buſen ſtürmte in wilden Schlägen von Wurh und gerechtem Grimme empört empor; ſeine Wange glühte und ſein Auge ſchien Funken zu ſprühen, und kaum vermochte er es in dem Drange der ſchrecklichen Gefühle, welche ihm die Bruſt gewaltſam zuſammenpreßten, auf⸗ zuathmen. Noch einmal ſchloß ihn ſein Vater in die Arme, und ſchnell riß ſich dieſer dann von dem geliebten Sohne los, indem er hinaus⸗ * — eilte, ſich auf ſein Roß Achung⸗ und über die Ebene dahin jagte. Noch ſtand Herrmann und blickte dem ge⸗ liebten Vater nach, bis ihn der Nebelduft des Morgens ſeinen Augen entzog. Noch kämpfte er mit den ſchrecklichen Gefühlen, die des Va⸗ ters Erzählung in ſeinem Innern aufgerüttelt hatte, bis der Strahl der Morgenſonne die Nebel der Dämmerung verſcheuchte und ſei⸗ nen Blick ſchmachtend nach der Gegend hin lenkte, wo in blauer Ferne die Felſen der Wetterburg ſich empor thürmten. Da ſchmolzen ſeine wilden Gefühle in die ſanftern Gefühle der Wehmuth, und in tiefen Schmerz verſenkt, führte ihn ſeine Phantaſie an die Seite der geliebten Adelheid, von der ihm ein feindliches Geſchick auf immer loszureißen ſchien. Von Thränen umdüſtert hob ſich ſein Auge empor, da erblickte er in der Ferne eine weib⸗ liche Geſtalt, die mit beflügelten Schritten durch das Thal herüber eilte, und höher ſchlug ſein Herz von bangen Ahnungen erfüllt, 188 gegen ſeine Bruſt, als er die treue Bertha erkannte. 4 8 Traurig und in dem ſchrecklichen Kampfe mit den Qualen hoffnungsloſer verſchmähter Liebe eilte Urach der Wilde nach ſeiner Burg zurück, nachdem die Dunkelheit des Abends und Adelheids Bitten um Schonung des Ge⸗ liebten dem furchtbaren Streite, den er vor Konrads Felſenburg mit dem verhaßten Herr⸗ mann kämpfte, Einhalt that, aber ſeinen Zorn gegen Herrmann nur mehr entflammt hatte. Erſchrocken bebten der Burgvogt und Urachs Knechte zurück, als dieſer erſchien, und bleich und entſtellt, wie ein Geſpenſt des Grabes, vom Roſſe herabwankte. Sein hohles Auge rollte fürchterlich umher, und ſeine Getreuen zitterten zum erſten Male vor ihrem Gebieter und ſeinen wilden Mienen. Schüchtern folg⸗ ten ihm die Knappen nach ſeinem Gemach, um ſeine Befehle zu hören, aber in düſteres Stillſchweigen verſunken, ſchwebte kein Laut 189 über ſeine Lippen, und nur ein halberſtickter Seufzer drängte ſich zuweilen aus der ge⸗ preßten Bruſt empor, und zeugte mehr als alle Sprachen der Erde von dem ſchrecklichen Zuſtande ſeines Herzens. Furchtſam ſchnallten ihm ſeine Getreuen ſeine Waffenrüſtung ab, ein Wink von ihm entfernte ſie, bebend eilten ſie hinweg, und kraftlos ſtürzte ſich der Arme hin auf ſein Lager, das ſeine Wunden röthete, bis ſein Herz in Klagen ausbrach: „Sie liebt mich nicht,“ jammerte er ver⸗ zweiflungsvoll,„ich Unglückſeliger! ſchrecklicher als ſiebenfacher Tod durchbebt mich der Schreckensgedanke meiner verſchmähten heißen Zärtlichkeit!— Sie liebt mich nicht, die Ein⸗ zige, für die ich zu leben wünſche!— o brich mein Herz, und laß mich ſterben. Der Hoff⸗ nung milder Stern iſt für mich verlöſcht, mir reift keine Freude des Lebens mehr hienieden, nie werde ich die Holde an dies Herz drücken, das einzig nur für ſie ſchlägt, nie wird wieder die Seligkeit ihres Kuſſes mich zum Kimmel . 190 emporheben. Ach, ich genoß dieſen Vorgeſchmack ſeliger Wonne, nur um den Verluſt der Ge⸗ liebten deſto ſchmerzhafter in ſeiner ganzen ſchrecklichen Größe zu fühlen. Ein Anderer ſoll die Seligkeit genießen, an ihrem Buſen durch Liebe beglückt ſich zu wiegen, indeſſen ich Unglückſeliger verſchmäht und verachtet dem Elende zur Beute unbetrauert ver⸗ ſchmachte!“ Schnell fachte dieſer Gedanke ſe einen Grinnn wieder auf.„Nein, Urach!“ rief er wild auf, „dulde dieſe Schmach nicht! Auf, rüſte Dich, daß nicht der verhaßte Herrmann dies hohe Himmelsglück genieße, das dir entriſſen wurde! Mir gehört die Theure zu, mein iſt ihre Hand und ihr Herz, mir iſt ſie zugeſagt von ihrem Vater; ich habe ſein Verſprechen, Kon⸗ rad iſt zu edel, um ſein Wort zu brechen, unnd ich will es geltend machen. Mein iſt ſie und mein muß ſie bleiben, das Blut des Ver⸗ haßten ſoll dieſes Recht auf ſie geltend machen, und mir wenigſtens ihren Haß erwerben, wenn ich an ihrer Gegenliebe verzweifeln muß, ihr 191 Haß wird mir weniger ſchrecklich ſein, als ihre Verachtung und ihre Gleichgültigkeit.“— „O nein, nein,“ fuhr er nach einem kleinen Zwiſchenraume fort, ntäuſche mich nicht, mein Herz, nein, ihren Haß ertrage ich noch weni⸗ ger, er würde mich ganz zur Verzweiflung treiben.“ 122. Sein Schmerz verſtummte, er jammerte laut ſtöhnend, indem er das Haupt in die Kiſſen des Bettes drückte, die ſeine Thränen benetzten. Glühend wie verzehrendes Feuer und gleich den empörten Wellen des ſtürmi⸗ ſchen Meeres wogte ſein Blut in ſeinen Adern und drängte ſich gewaltſam nach dem Herzen empor, das von dem ſchrecklichſten Gemiſch verworrener Gedanken und Gefühle beſtürmt ward. Zweifelnd wie ein ſchwaches Rohr im Sturme, wogte er zwiſchen Ideen umher, ohne einen feſten Entſchluß faſſen zu können; denn jeden Augenblick verwarf er wieder, was er in dem vorhergehenden beſchloß, um es in dem folgenden wieder zu beſchließen und wie⸗ der zu verwerfen. Unaufhörlich dröhnte ihm der ängſtliche Aufruf der zitternden Adelheid:„Gott! mein Herrmann, du biſt verlbren!“ der ihn aus dem ſeligſten Traume emporſcheuchte und die Geliebte aus ſeinen Armen riß, ins Ohr, und preßte gewaltſam jedes mildere Gefühl wie⸗ derum in ihm nieder, um ſeinen Grimm und ſeinen verzweiflungsvollen Schmerz immer wieder aufs neue höher und wilder zu ent⸗ flammen. 1 Druc von L. Schnauß in Leipzig. ſniſ ſniſ mnnſſiſiſſſen 10 1 15 16 17 18 19