den angenommen. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on 8— v.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1., Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 4¼ Mk.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der 4 Schreckensthurm am See oder die mitternüchtliche Tadtenglocke. „ 9 5 Vom Verfaſſer des Lorenzo. Dritte Auflage. — Stuttgart, verlag von Eduard Fiſchhaber. 8 1863. 1. „Woher des Weges?“— tönte der Zuruf ei⸗ ner männlichen Stimme, aus dem wildverwachſenen Gebüſche, durch die Stille der Nacht, dem einſa⸗ men Wanderer entgegen, der jetzt durch das Felſen⸗ thal ſchüchtern daher ſchritt. Forſchend blickte die⸗ ſer umher, als er in dem Schimmer des Mondes einen Alten erblickte, der, mit einem ſtarken Baum⸗ aſte bewaffnet, ihm in den Weg trat und fragend fortfuhr:„Wie komniſt du in dieſe ſchauerliche Wildniß?“ „Sch mochte dir dieſe Frage zurückgeben,“— erwiederte der Wanderer, indem er einen Schritt zurücktrat und mit ſchüchternem Blick den Waldbe⸗ wohner betrachtete, deſſen rauhes AÄußere ſo ganz zu dieſer Wildniß paßte. „Ich kann dir dieſe Frage ſehr leicht beantwor⸗ ten,“— nahm der Alte das Wort.—„Ich bin Bodo, der Bewohner der Grotte, die dort hinter dem wildverwachſenen Gebüſche jener überhangende Fels mir zur Wohnung ſchenkt. Dich ſchreckt mein Äußeres, doch ſey ohne Furcht, es trägt das Ge⸗ präge dieſer Wildniß, aber ſo rauh und unfreund⸗ lich dieſe und jenes iſt, ſo viele Ruhe und Milde wohnt in ihrer beider Innerm. Die Stürme ei⸗ nes feindlichen Geſchicks ſcheuchten mich in dieſe Ode, und ſegnend danke ich dem Himmel, daß er hierher mich leitete, um fern von dem Geräuſche der Welt, dieſe zu vergeſſen, den verlornen Seelen⸗ frieden wieder zu finden, und Ruhe und Troſt ſo manchem armen Herzen wieder zu geben, aus wel⸗ chem dieſe beiden menſchenfreundlichen Genien des Lebens entwichen.“ „Dann ſegne auch ich dankend den Himmel, der meinen irren Fuß hierher leitete,— fiel der Fremde ein,— denn auch mein Herz bedarf Troſt und Ruhe.“ Bodo. Wiederum ein Unglücklicher! das ſagte mir ſchon deine Erſcheinung; denn nur Unglück und Leiden ſuchen Orte wie dieſen auf, und ſelten be⸗ trat wohl noch der Fuß eines Glücklichen dieſe Wildniß.(ihm die Hand reichend.) Sey mir will⸗ kommen, Sohn des Unglücks, raſte hier von den Schlägen eines feindſeligen Geſchicks in meiner friedlichen Wohnung. Doch ſage mir, was dich eigentlich in dieſe unwirthbare, ungebahnte Gegend führte. Fremder. Du haſt es ſchon geſagt; mein Unglück. Mehr aber noch der Schall eines Glöck⸗ leins, der dumpf und ſchauerlich, wie der weiner⸗ liche Ton der Todtenglocke, durch das Gebüſche zu mir herüber tönte und mir die Hoffnung ſchenkte, hier in dieſer Gegend vielleicht ein unſiſtemtlihe Obdach für mich zu finden. 4 Bodo. Wünſche dir Glück dazu, Fremdling, daß du mich gefunden haſt, und daß du jener Tod⸗ tenglocke nicht weiter folgteſt. Ihr Ruf iſt keines⸗ wegs dazu geeignet, Hoffnungen wie die deinigen zu befriedigen. Fremder. Wie das? Bodo. Jener Todtenglocke Ton iſt Ruf des Unglücks; gefährlicher dem einſamen Wanderer, als der trügende Schimmer des Irrlichtes, das tückiſch ihn zu ſich lockt, um ihn in das Verderben zu führen. Fremder. Woher lommt dieſer verderbende Unglücksruf, und welche Bewandtniß hat es da⸗ mit? 1 Bodo. Biſt du ſo ganz Fremdling in dieſer Gegend, daß die Gerüchte von dem Schreckens⸗ thurme, der dort am tobenden Waſſerſturze des Felſens ſich erhebt, dein Ohr nicht erreichen konnten? Fremder. Einſt war ich nicht ganz Fremd⸗ 1 ling in deſe Gegend, doch mein Unglück hat mich der ganzen Erde zum Fremdling gemacht. Von jenem Schreckensthurme, wie du ihn nennſt, hörte ich nie etwas. Was iſt es mit dieſem Thurme? Bodo. Niemand weiß etwas mehr von ihm, als was die Volksſagen von ihm erzählen, die ihn als eine Behauſung menſchenſcheuer Spukgeiſter nen⸗ nen. Ich ſelbſt kann es jedoch beſtätigen, daß jene Sagen mehr als leere Gerüchte ſind. Tief hinter jenen alten bemoosten Mauern liegt ein Geheimniß vergraben, das nur durch abenteuerliche Schreckniſſe ſich ankündigt und die Verwegenheit des kühnen Forſchers von ſich zurückſcheucht. Wenn ich bei nächtlicher Weile mit meinen geſammelten Heilungs⸗ kräutern nach meiner ſtillen Klauſe zurückkehrte und mein Pfad mich an dem Ufer des Sees jenes Schreckenthurms vorüber führte, dann ward oft mein Ohr durch ein heftiges, dem Toben der em⸗ pörten Orkane ähnliches Getöſe erſchreckt, und mein Auge gewahrte in dem flimmernden Mondeslichte fremdartige duftige Geiſtergeſtalten, die um die grauen Mauern des Thurmes und über dem Spie⸗ gel des Sees ſchwebten. Fremder. Und jener Glockenton? Bodo. Iſt für einen Jeden die ſchreckenvolle Warnung, jene Gegend eiligſt zu fliehen, wenn er ſich zu der Zeit dorthin verirrt, wo die Spukgeiſter ihrer Umgang halten. Die Bewohner der Gegend kennen die Deutung dieſes Tons der ſogenannten mitternächtlichen Todtenglocke, und fliehen ſchnell vorüber, damit nicht der wüthende Orkan ſie er⸗ greife, ſie in die Strudel des Waſſerſturzes ſchleu⸗ dere, und ſie in die Untiefe des Sees vergrabe. Schon Manchem, welchen Neugierde oder Unbe⸗ kanntſchaft mit den Schreckniſſen jener Gegend dort⸗ hin führte, ſoll dieſes traurige Loos zu Theil ge⸗ worden ſeyn, und ſtreng hält der Befehl des Ge⸗ bieters der umliegenden Gegend, des mächtigen Gra⸗ fen Olivaro Morrino, Jeden, bis auf eine gewiſſe vorgezeichnete Weite, von dem See und ſeinen Schreckniſſen entfernt. Fremder.(in dem Tone der Ueberraſchung.) Morrino ſagſt du? Bodo.(aufmerkſamer ihn betrachtend.) So ſagte ich. Dir ſcheint dieſer Name nicht fremd zu ſeyn. Kennſt du dieſen Morrino? Fremder. Ich hörte mancherlei Gerüchte von ihm und der Bösartigkeit ſeines Charakters. Bodo. Wohl mag mancher Seufzer über ſeine Härte auf ihm laſten; gleichwohl möchte er mehr zu bemitleiden, als zu haſſen ſeyn; denn ſeine Härte iſt nur das Erzeugniß von gewiſſen unglücklichen Ereigniſſen, und ſein Charakter hat manche gute und weiche Seite, die er aber vorſätzlich und mit gewaltſamer Anſtrengung unterdrückt. Davon wirſt du dich ſehr bald überzeugen können, wenn dein Weg an einem ſeiner Schlöſſer dich vorüberführt und du in demſelben einſprechen ſollteſt. Fremder. Wer dürfte dieſes bei Morrino's feindſeligem Charakter wagen? Bodo. Dieſe Widrigkeit des Charakters hat — 10— auf ſeine Gaſtfreundſchaft keinen Einfluß. Er iſt der Beſitzer mehrerer anſehnlichen Schlöſſer in der umliegenden Gegend, und jedes derſelben ſteht dem Wanderer gaſtfreundlich offen, ja es iſt ſogar Be⸗ fehl des Grafen, jeden vorüberziehenden Fremdling anzuhalten und ihn in die Burg einzuladen, wo er ſtets Ruhe, Erholung und Erquickung jeder Art findet. Weniger iſt dieſes jedoch der Fall mit der Burg Oranto, der Stammveſte ſeines Hauſes, in welcher er gewöhnlich ſich aufhält. Jedoch würde ſich auch dieſe dir öffnen und dir gaſtfreundliche Aufnahme ſchenken, wenn du es nur ſo viel als möglich vermeideſt, ihm unaufgefordert zu nahe zu kommen, oder dich in die Geheimniſſe der Burg und des Grafen eindrängen zu wollen. Sorg⸗ fältig weicht er dem Anblicke der Menſchen aus, und wie ſehr iſt der Zuſtand deſſen zu bemitleiden, der bis zu dieſer an Menſchenhaß grenzenden Men⸗ ſchenſcheue herabſank. Fremder.(mit ſchmerzhaftem Ausdruck.) Ach — 11— ja! er iſt höchſt elend; denn was bleibt ihm dann noch als Reiz des Lebens, wenn das ſchöne Band zerriſſen iſt, das ihn voll Liebe und Zutrauen an die Menſchen bindet? Bodo. Du ſcheinſt dich in einem ähnlichen Falle zu befinden? Dein Name? Fremder. Mein Name ging mit meinem Glücke, mit den Freuden meines Lebens verloren. Ich habe keinen Namen mehr. Bodo. Armer Menſch! du ſcheinſt kaum an dem männlichen Alter zu ſtehen, und biſt ſchon durch ſo harte Prüfungen des Unglücks gegangen? Fremder. Es gehört nur eine kurze Reihe von Tagen dazu, um die Erfahrung zu machen, daß Leiden und Schmerzen von der Wiege bis zur Gruft die treueſten Gefährten des Lebens ſind. Der Menſch beginnt mit Thränen ſeinen Lauf und endet ihn mit Thränenſchmerzen, und ehe noch in ihm der unterſcheidende Sinn für Wohl und Wehe ſich entfaltet, bringt er ſchon das Gefühl der Schmerzen als Erbtheil der menſchlichen Natur mit ſich in das Leben.. Bodo. Deine Bemerkung paßt wohl nur für einzelne Fälle, und iſt dann leider ſehr wahr. Aber abgerechnet die Unannehmlichkeiten und Schmerzen, unter welchen der werdende Menſch und deſſen in⸗ nere und äußere Vorzüge ſich entwickeln, ſo ſind eine zahlloſe Menge von Schmerzen und Leiden, die Erzeugniſſe des Menſchen ſelbſt, ſeiner Phan⸗ taſie oder ſeiner Thorheit. Trägſt auch du viel⸗ leicht dergleichen ſelbſt verſchuldetes Elend? Frem der. Nein, Bodo, mir fluchte das Schick⸗ ſal ſchon bei meiner Geburt, und dieſer Fluch folgte mir in tauſendfachen Geſtalten des Elends durch alle Momente des Lebens bis hierher. Bodo. So hebe deinen Blick muthig und hoff⸗ nungsvoll empor; denn was Laune des Zufalls und der Außenwelt uns gibt oder vorenthält, das iſt wandelbar und vorübergehend wie Weibergrillen, und ſo gewiß der Tag der Nacht auf der Ferſe — 13— folgt und ihre Schatten zerſtreut, ſo gewiß zerſtreuet auch das milde Sonnenlicht einer beſſern Zukunft die nächtliche Finſterniß deiner trüben Gegenwart. Faſſe dieſe freudige Hoffnung, armer Unglücklicher, vielleicht iſt hier der Markſtein, an welchem dein Elend ſich endet. Fremder. Wehe dem Unglücklichen, der ſeine Hoffnung auf ein bloßes trügeriſches Vielleicht bauen muß. Bodo. Gleichwohl wird er nicht ganz elend ſeyn. Immer werden noch Freuden unter den Dor⸗ nen ſeines Pfades ihm ſproſſen, ſo lange der freund⸗ liche Stern der Hoffnung ihm durch die düſtern Nebel ſchimmert, die ihm die Ausſicht in heitere Fernen verhüllen. Nur in dem Toben der Ge⸗ wiſſensangſt eines durch Schuld verfinſterten Innern geht dieſer milde Stern unter, um in den Grauen der Verzweiflung ganz zu verlöſchen, ſo wie im Gegentheil bei einem vorwurfsfreien Herzen der Glaube an Gott und Vorſehung die heilige Fackel — 14— iſt, die ihn immer neu und ſchöner anzündet und ihn vor dem Verlöſchen ſichert. Fremder. Wo lernteſt du dieſe Weisheit? Bodo. Wo anders als in der Schule des Un⸗ glücks, die eben dadurch ihren wohlthätigen Einfluß auf den Menſchen am ſtärkſten zeigt, daß ſie die ſicherſte Führerin zu höherer Kenntniß und zur richtigern Einſicht in die Natur und das Weſent⸗ liche des Menſchen und der Weſenkette, und des ewigen unbeſtändigen Wechſels der Außenwelt iſt. Fremder. Deine Worte dringen wohlthätig zu meinem Herzen und zwingen mich zur Hochach⸗ tung und zum Zutrauen gegen dich. Wer biſt du? Bodo. Ich habe es dir ſchon geſagt. Jedoch laß uns abbrechen. Der Mond ſchwebt dort hin⸗ ter dem Walde hinab, Mitternacht iſt vorüber, du biſt ermüdet und bedarfſt der Ruhe. Willſt du mit dem dich begnügen, was meine einſame fried⸗ liche Wohnung in dieſer Wildniß dir darbieten kann, ſo iſt ſie bereit, dich gern aufzunehmen. — —ye — —. 15— Fremder. Dankbar nehme ich dein Anerbie⸗ ten an. Bodo. So folge mir. Der Alte ergriff des Jünglings Hand und lei⸗ tete ihn durch das Dickicht hindurch, durch welches ihnen aus einer kleinen Entfernung ein Licht ent⸗ gegen ſchimmerte und den Weg nach Bodo's Woh⸗ nung bezeichnete. Noch wenige Schritte waren ſie von dem Felſen entfernt, an deſſen Fuße Bodo's Hütte ſich unter dem überhangenden Geſträuche ver⸗ ſteckte, als der dumpfe weinerliche Schall jener Tod⸗ tenglocke wiederholt aus der Ferne herüber tönte. „Horch!“ flüſterte der Jüngling ſeinem Führer zu,„ſchon wieder ertönt jener räthſelhafte Glocken⸗ ton, der mich hierher lockte.“ „Laß das,“ fiel ihm Bodo ein,„hier hat dieſer Todtenglocke Ton nichts Furchtbares mehr für dich. Keiner jener feindſeligen Dämonen des Schreckens⸗ thurmes naht ſich dieſer meiner friedlichen Hütte. Begib dich hinein, bediene dich alles Deſſen, was — 16— du in meiner Wohnung findeſt, als deines Eigen⸗ thums, das Gaſtfreundſchaft dir darbietet. Pflege der Ruhe, und haſt du dich durch Schlaf erquickt, dann ſprechen wir mehr. Jetzt laß ich dich allein.“ Er riß ſich von des Jünglings Hand los und eilte durch das Gebüſch der Gegend zu, aus wel⸗ cher der Ton der mitternächtlichen Glocke herüber⸗ zukommen ſchien. Verwundert ſtand der Züngling da und blickte Bodo nach. Gern wäre er ihm nachgefolgt, um zu erfahren, wohin der Greis noch ſo tief in der Nacht eile, und ob vielleicht jener Glockenruf auf deſſen Entfernung von ihm Bezug habe; allein ehe er einen Entſchluß faſſen konnte, war Bodo in der Dunkelheit der Nacht verſchwunden. — ——— 2. Der Jüngling benutzte die ihm ertheilte Erlaub⸗ niß und trat in Bodo's Hütte. Er fand ein ge⸗ rüumiges Behältniß, in welchem er bei dem düſtern Schimmer einer Lampe die größte Nettigkeit und Drdnung bemerkte. Im Hintergrunde gewahrte er eine nur leicht angelehnte Thüre, die in ein anſto⸗ ßendes Gemach zu führen ſchien. Ein kleines Ge⸗ räuſch innerhalb jenes Gemachs reizte ſeine Neu⸗ gierde, leiſe ſchlich er hinzu und öffnete die Thüre. Die Lampe warf ihren Schimmer hinein und ließ zwei nette und reinliche Binſenlager bemerken, auf deren einem ein holder blondgelockter Knabe ſanft ſchlummerte. — 18— Ueberraſcht von dieſem Anblick, trat der Fremd⸗ ling näher zu dem Lager, indem er den holden Schläf er genauer betrachtete und mit innigem Wohl⸗ gefallen auf den Zügen deſſelben verweilte. JBe aufmerkſamer er den Knaben betrachtete, um ſo mehr glaubte er auch eine auffallende Ähnlichkeit in dem Geſichte dieſes liebenswürdigen Knaben mit gewiſſen, ihm ſelbſt ſehr theuern Zügen zu bemer⸗ ken. Obgleich der Fremdling ſich überredete, zu glauben, daß dieſe ſcheinbare Ähnlichkeit nur auf einer Täuſchung der Sinne beruhe, die von der Lebhaftigkeit erzeugt werde, womit gewiſſe Erinne⸗ rungen allenthalben ihm vorſchwebten, ſo war gleich⸗ wohl dieſe Täuſchung zu angenehm für ihn, als daß er ſich ſo leicht von derſelben trennen ſollte. Er nahm auf einem Seſſel neben dem Lager des ſchlummernden Knaben Platz und verſank in tiefes Nachdenken, in welchem ihn endlich ein fanfter Schlummer beſchlich und ſich ſeiner Sinne bemäch tigte, um ſeiner Phantaſie Gelegenheit zu geben -——— — 19— in halbwachen Träumen die vorigen Gebilde der⸗ ſelben weiter auszuführen. Unbemerkt von ihm war indeß der Morgen em⸗ porgedämmert, als ein kleines Geräuſch in dem größern Gemach der Hütte ſeinen Schlummer ver⸗ ſcheuchte. Er blickte auf, er ſahe ſich von dem Schimmer des jungen Tages, der durch die Fenſter 1 lung 9— J hereinbrach, umfloſſen und Bodo leiſe hereintreten, — der ſich ſehr verwunderte, als er ſeinen Gaſt wa⸗ chend und außerhalb des für ihn bereit ſtehenden Lagers fand. 4 „Haſt du der Ruhe und Erholung ſo wenig voonnöthen“,— redete ihn Bodo an,—„daß du dieſes Lager verſchmähteſt?“ Fremder. Verworrene Bilder der Vergangen⸗ heit haben mich um dieſe Ruhe gehracht und ein⸗ gewiegt von dem lieblichen Trugbilde neuaufgelebter Lebensfreuden, genoß ich hier an der Seite dieſes holden Schläfers die Süßigkeit eines Schlummers, wie ich ſie ſeit langer Zeit entbehren mußte. — 20— Bodo. Möge ein freundliches Geſchick dieſe lieblichen Gebilde der Phantaſie dir recht bald zur ſchönen Wirklichkeit umwandeln! Fremder. Nimm meinen herzlichen Dank für dieſen menſchenfreundlichen Wunſch! Guter Bodo, ich habe dich ſelbſt dieſe Nacht um deinen Schlum⸗ mer gebracht und dich aus deiner friedlichen Woh⸗ nung verdrängt. Bodo. Kümmere dich darüber nicht. In weſſen Innerm Ruhe wohnt, der ruht allenthalben wohl, ſei es auf weichem Flaum oder auf duftender Wie⸗ ſenmatte oder am nackten Felſenhang. Ich entbehrte die Süßigkeit des Schlummers nicht. Fremder. Jedes deiner Worte öffnet dir mein Herz mehr und mehr voll Zutrauen, das die freund⸗ liche Aufnahme, welche du mir ſchenkteſt und deine Gutmüthigkeit mir abzwingen. Bodo. Gleichwohl weiß ich noch nicht euunnl mit welchem Namen ich dich nennen ſoll. Fremder. Ich fühle das Verdiente dieſes Vor⸗ — 241— wurfs, aber, guter Alter, halte es nicht für Man⸗ gel an Vertrauen zu dir und deiner Rechtſchaffen⸗ heit, wenn mein Mund verheimlichte, was ich ſelbſt ſo gern auf immer vergeſſen möchte. Wenn du einen Namen für deinen unglücklichen Gaſt brauchſt, ſo nenne ihn Godwin—(mit bittendem Blick und Ton) aber erlaß—— Bodo.(ſchnell einfallend.) Genug, ich verſtehe dich und erlaſſe dir, dein Unglück ehrend, eine Er⸗ klärung und Schilderung deſſelben. Sei wer und was du willſt, du biſt unglücklich, dieß iſt mir ge⸗ nug, um dir meine Freunzſchaft zu ſchenken. 4 Fremder. Du biſt ein edler Mann, deſſen Freundſchaft zu verdienen ich ſuchen werde.— Doch ſage mir, wer iſt dieſer holde Knabe? Bodo. Auch ein Sohn des Unglücks, der es aber zu ſeinem Wohl noch nicht weiß, daß er es iſt. Fremder. Armer Knabe! das ſagte mir mein Herz wohl, indem es mich bei deinem erſten Er⸗ blicken ſo mächtig nach dir hinzog, daß dich das Unglück mit. mir verwandt gemacht habe. Wem gehört er an? Bodo. Mir. Er iſt mein Sohn. Fremder. Dein Sohn?— Wie wäre dieſes möglich bei ſeiner Jugend und deinem Alter? Bodo. Sein Unglück und ſein Herz haben ihm bei mir Kindesrecht ertheilt. Nicht durch die Bande des Bluts, aber durch die nicht minder ſchönen Bande, welche von der einen Seite Menſchenliebe und von der andern Seite meine Dankbarkeit knü⸗ pfen, iſt Goldo an Bodo und dieſer an jenen ge⸗ knüpft. ₰ Fremder. Ich verſtehe: du biſt ſein Pflege⸗ vater und Erzieher. Bodo. So iſt es; doch ihm ſelbſt bin ich mehr. Ihm bin ich Vater im eigentlichſten Sinne des Worts, denn er ahnet es nicht, daß noch irgend Jemand außer mir ſei, der nähere Rechte auf ihn und ſeine kindliche Liebe habe. Fremder. Glückliche Unwiſſenheit! Möchten wir doch ſtets in dieſem wohlthätigen Eigenthume der Kindheit bleiben! Denn nur in dieſer Unwiſſen⸗ heit des Knabenalters liegt der ganze Inbegriff wahren Glücks, das in eben dem Grade abnimmt, als jene ſich bei der Entwickelung der feineren Sinne verliert. Bodo. Deine Meimung iſt hierin nicht die meinige. Zu dem wahren Glück des Menſchen gehört vorzüglich auch, daß er Gefühl für dieſes Glück habe und das innige Wohlbehagen über das Angenehme ſeiner Lage auffaſſe, welches nur der unterſcheidende Sinn des reifern Alters ertheilt. Wer das Glück und die Freuden des Lebens wahr⸗ haft und in ihrer ganzen ſchönen Fülle genießen und in dem Beſitze derſelben wirklich glücklich ge⸗ prieſen werden ſoll, der muß auch mit den Schmer⸗ zen und Bitterkeiten des Lebens bekannt ſein. Fremder. Du kannſt zum Theil Recht haben, ſo gern auch mein Inneres, von dem Uebermaß meines Unglücks darnieder gedrückt, dir widerſprechen möchte.— Doch erlaube mir noch einige Fragen in Beziehung auf dieſen Knaben. Bodo. Du ſcheinſt ſehr läbhaften Antheil an ihm zu nehmen. Fremder. Ich läugne es nicht. Bodo. Aus welcher Urſache? Fremder. Noch kenne ich dieſe ſelbſt nicht. Vielleicht liegt ſie in der vielleicht nur eingebildeten Aehnlichkeit einiger Züge in dem Geſichte deines Pfleglings mit andern mir ewig unvergeßlichen, ewig theuern Zügen, welche die Erinnerung an ver⸗ gangene Zeiten ſo lebhaft in meiner Seele weckt. Wer ſind oder waren die Eltern dieſes Knaben? Bodo. Ein dichter Schleier liegt geheimnißvoll über die Geſchichte dieſes Knaben verbreitet. Ich darf ihn nicht hinweg ziehen. Fremder. Soll dieſer Schleier nie ſchwinden? 5 Bodo. O ja! das hoffe ich zu Gott. Goldo ſelbſt wird einſt dieſen Schleier hinwegreißen und das Geheimniß enthüllen, das bis dahin in der Erde düſterm Grunde in Mitternacht vergraben liegt. Doch eine höhere Macht, die der Sterblichen Schickſale lenkt, muß es beſtimmen, wenn der Augen⸗ blick der Enthüllung erſchienen iſt; ich darf ihr nicht vorgreifen. Fremder. Soll die Gottheit Wunder thun? Bodo. Deren bedarf es nicht. Wenn ich aber jetzt ſchon dieſem Knaben mehr ſagte, als ihm zu wiſſen gut iſt, ſo würde ich ihm einen ſehr ſchlechten Dienſt erweiſen und ſein Verderben beſchleunigen, daß ſein Erzeuger ſelbſt über ihn bringen würde. Fremder. Wenn ſoll dann der Schleier fallen? Bodo. Wenn jenes mitternächtliche Trauerge⸗ läute der Todtenglocke verhallt, nicht mehr die Geiſter der unterirdiſchen Gruft mit bangen Klagetönen um den Schreckensthurm und über den düſtern See, in Trauer gehüllt, ſchweben und den Wanderer ſchre⸗ cken, wenn Menſchenhaß und Lebensüberdruß ſich in Menſchenliebe und heitere Fröhlichkeit wandeln und über den Ruinen des Schreckensthurmes Selena — 26— mit freundlichem Silberſtrahle aus den Schatten der Nacht heraufſchwebt, dann iſt auch Goldo's neuer goldener Lebenstag erſchienen. Fremder.(mit allem Ausdruck der Ueberraſchung.) Selena? Bodo.(ihn aufmerkſam betrachtend.) So ſagte ich. Befremdet dich dieſer Name des freundlichen Geſtirns der Nacht? Fremder. Dunkel und doppelſinnig iſt deine Rede. Möchte die Ahnung von dem, was ſie be⸗ deuten könnte, mehr als bloße leere Ahnung ſein Bodo. Ich verſtehe dich nicht. Doch fange auch ich an zu ahnen—— Fremder.(einfallend.) Unterdrücke jede Ver⸗ muthung, wenn ſie auf mich und meine Schickſale Bezug hat, denn ſie kann zu nichts Wirklichem füh⸗ ren, wohl aber den kaum in meiner Bruſt wieder aufglimmenden Funken von Zutrauen zu den Men⸗ ſchen ſchnell wieder auslöſchen und mich wiederum hinausjagen in menſchenleere Einöden. 8 0 ₰ Bodo. Wie das? Fremder. Weine über mich, Bodo! Meine Zunge iſt auf ewig gefeſſelt; ich muß ſchweigen. Bodo. Weine über dich ſelbſt, Unglücklicher! denn voll Zutrauen den Kummer, der uns drückt, mittheilend in ein gutes theilnehmendes Herz nieder⸗ legen zu können, das iſt noch im größten Unglück Glück und vermindert die ſchwerſte Bürde. Wehe dem, der dieſe Erleichterung ſeiner Laſt ſich ſelbſt verſagt! Fremder. Du thuſt mir Unrecht, wenn du 1 glaubſt, daß dieſes bei mir der Fall ſei. Heiß und innig ſehne ich mich nach dieſer Mittheilung, am meiſten gegen dich und hier in dieſer Gegend, aber furchtbar, wie ein Dämon der Hölle, tritt ein Schreckgeſpenſt drohend vor mich hin und heißt mich ſchweigen. 3 Bodo. Mich dünkt, ich kenne dieſes Schreck⸗ geſpenſt. Fremder. Unmöglich. Bodo. Sein Name iſt Olivaro Morrino.— Das plötzliche Erbleichen deiner Wange beſtätigt es deutlich genug, daß dieſer Name dich ſchreckt. Doch ſei ohne Furcht; wer du auch ſein und welchen Grund du auch haben magſt, dieſen Morrino zu ſcheuen, in Bodo's friedlicher Hütte wohnt der Verrath nicht. 3. Goldo war erwacht und trat herein, indem er Bodo entgegenhüpfte und ſich mit einem freundlichen „Guten Morgen, Vater!“ an ihn anſchmiegte. Seine Gegenwart unterbrach das vorige Geſpräch, wie es ſchien, ſehr zur Zufriedenheit des Fremdlings, den die vorigen Aeußerungen des Alten in eine heftige Angſt und Unruhe verſetzt hatten. „Wer iſt dieſer fremde Mann, Vater?“ fragte der Knabe, indem er den Fremden mit ſeinen großen blauen Augen verwundernd anblickte. „Ein Freund von mir und unſer Gaſt“, erwie⸗ derte Bodo. „So ſei willkommen“,— wandte ſich der Knabe zu Godwin, indem er ihm traulich die Hand reichte. —„Biſt du gut?⸗ Godwin. Zweifelſt du daran, Kleiner? Knabe. Beinahe möchte ich es. Du ſiehſt ſo finſter, ſo unfreundlich und der Vater ſagt, die Stirn des guten Menſchen ſei ſtets rein und heiter, wie ſein Herz. Bodo.(hhn unterbrechend.) Doch können ſie auch bisweilen unangenehme Ereigniſſe des Lebens trüben und ſie mit Furchen des Kummers umziehen. Knabe. Iſt das bei dir der Fall, fremder Mann? Godwin. Ach ja wohl! Knabe.(indem er ſich an ihn traulich anſchmiegt und liebkoſend ſeine Wange ſtreichelt.) Armer Mann, du dauerſt mich. Doch bleib du nur bei uns und du wirſt bald wieder mit uns und durch uns froh werden. Der Vater hat ſchon manchen Kranken geheilt und manchen Trauernden froh gemacht; er Nicht wahr, guter Vater? wird auch dir helfen. — 31— Bodo. Gewiß.(mit Wärme Godwins Hand drückend, bedeutend.) Aber der Kranke muß Zutrauen zu ſeinem Arzte haben und dadurch die Kur beför⸗ dern helfen.— Bodo brach das Geſpräch ab und führte ſeinen Gaſt an der Hand des kleinen Goldo hinaus in das Freie. Es war ein ſchöner herzerhebender Morgen. Sanfte erquickende Kühlung hauchte ihnen in den lieblichſten Wohlgerüchen der Kräuter und Blumen aus den bethaueten Wieſenmatten entgegen; die Harmonien der Sänger des Waldes umtönten ſie und über dem Walde ſchwebte in ſchöner ſtiller Majeſtät die Königin des Tages empor und ver⸗ vielfältigte ihren Glanz in tauſendfarbigem Schmelze in den Thautropfen des Graſes. Hohe begeiſternde Schauer ergriffen den Fremd⸗ ling, als Bodo ernſt und feierlich mit entblößtem Haupte ihm zur Seite ſtand, die Hände über die Bruſt gefaltet, ſein Auge mit dem reinſten Aus⸗ 1 drucke hoher Andacht gegen die Morgenſonne wandte, und der Knabe vor ihm an dem ſanften Abhange eines kleinen Hügels auf die Knie ſank und, eben⸗ falls mit gegen die Morgenſonne gerichtetem Blick, Segen für Bodo und deſſen Gaſt und für ſich von dem Allgütigen erflehte, deſſen Größe, Güte und Macht ihn Bodo in ſeinen Werken zu erkennen und zu verehren gelehrt hatte. Mächtig von Gefühl durchdrungen, ſank der Fremdling neben dem be⸗ tenden Knaben auf das Knie; auf dem Fittig ſeelen⸗ voller Andacht ſchwang ſich ſein Geiſt dem Him⸗ mel zu. 3 Wohlthätig geſtärkt durch dieſes Gebet und von— einer ſo ſüßen Ruhe erfüllt, wie er ſie ſeit langer Zeit nicht gefühlt hatte, richtete ſich Godwin em⸗ por und Bodo kehrte mit ihm nach der Hütte zurück. „Ich muß dich jetzt auf einige Zeit verlaſſen“, — redete ihn Bodo an, nachdem ſie ein frugales Frühſtück genoſſen hatten, zber bald bin ich wie⸗ der bei dir.“ — 33— „Wohin gehſt du?“ fragte der Gaſt. „Mein ehrwürdiger Beruf ruft mich jetzt an das Krankenlager einer armen hilfsbedürftigen Mutter von fünf vaterloſen Waiſen, denen meine ärztliche Hilfe die Mutter wieder geben ſoll,— erwiederte Bodo.— Mein langer Aufenthalt in dieſer Ge⸗ gend gab mir Muſe, meine Lieblingswiſſenſchaft fortzuſetzen, den Heilkräften der Natur nachzuſpüren und die Wirkſamkeit der Pflanzen und Kräuter mit Vortheil anwenden zu lernen. So nütze ich auch noch in meiner glücklichen Abgeſchiedenheit von der Welt ihr und den Menſchen.“ „Ich muß dich immer mehr und mehr hochachten und bewundern, ſprach der Fremdling.— Darf ich dich wohl begleiten?“ „Das nicht“,— fiel ihm Bodo ein.— Du bedarfſt Zerſtreuung und biſt ſelbſt noch zu wenig geneſen, als daß der Anblick einer Leidenden nicht die Krankhett deiner Seele verſchlimmern ſollte. Ueberlaß dich bis zu meiner Rückkehr der Hand 1 3 meines Sohnes. Er wird dich mit unſerem glück⸗ lichen Aſyl bekannt machen und kein unangenehmer Geſellſchafter für dich ſein. Gehe wohin es dir beliebt, nur überſteige nicht die Grenzen dieſer uns umgebenden Waldungen. Vor allen Dingen ermahne ich dich, laß dich nicht die Neugierde zu der Unbe⸗ ſonnenheit verführen, in das geheimnißvolle Dunkel gewiſſer Dinge eindringen zu wollen, auf welche ich dich vorhin aufmerkſam machte. Für dich möchte dieſe Keckheit mehr, als für manchen Andern ge⸗ 4 fährlich werden. Wenn dir an deiner Sicherheit und Freiheit gelegen iſt, ſo meide die Gegend des Schreckensthurms am See. Die Gegend iſt ſehr unſicher, der Wald hat Augen, jeder Baum hat Ohren und kann dich verrathen.“ Er drückte des Fremdlings Hand und eilte davon. 4. An des Knaben Hand wandelte Godwin durch das Felſenthal dahin, indem er ein Geſpräch mit ſeinem kleinen Führer anknüpfte und ſich ſehr über den hellen Verſtand deſſelben freute, der bei dieſer Unterhaltung hervorleuchtete. Er wünſchte einige genaue Nachrichten über Bodo zu erhalten, allein Goldo konnte ihm hierüber weiter nichts ſagen, als daß ſein Vater in der größten Abgeſchiedenheit von dem Geräuſche der Welt lebe, aus welcher er nur bisweilen einigermaßen heraustrete, um Gutes um ſich her zu verbreiten und Kranken, Nothleidenden oder andern Hilfsbedürftigen zu helfen oder ſie zu tröſten und ihnen zu rathen; weßhalb er⸗ auch von ——/O.—4—= den Bewohnern der umliegenden Gegend mit einer ausgezeichneten Ehrfurcht und Liebe verehrt werde. Unter dieſem Geſpräche kamen ſie an einen lichten Ausſchnitt des Waldes, welcher eine ſehr angenehme freie Ausſicht in die von hohen Felſen begrenzte Ferne öffnete, innerhalb welcher ſich ein weites Thal ausbreitete und ſeitwärts unter abwechſelnden Fel⸗ dern und fruchtbaren Hügeln die Thürme einiger Schlöſſer in ſchöner Perſpektive über den daran anſchließenden Waldungen und Felſen ſich erhoben. n Von ſeinem kleinen Führer erfuhr Godwin auf ſeine deßhalb an ihn gerichteten Fragen, daß jene Schlöſſer dem Beſitzer der ringsumherliegenden Ge⸗ gend, einem Grafen Morrino, gehörten, der rings⸗ umher unter dem Namen des ſchwarzen Mannes geflohen werde, weil er ſtets, in ſchwarze Trauer⸗ kleider verhüllt, einſam und menſchenfeindlich unhes ſchleiche und jedes Menſchengeſicht fliehe. Mit einem tiefen Seufzer blickte Godwin nach einer dieſer Burgen hin, die weiter hinaus in dun. ſtiger Ferne zwiſchen den Felſen empor ſprang und welche vor den übrigen ſeine Aufmerkſamkeit beſon⸗ ders auf ſich zu ziehen ſchien. Doch ſchnell wandte er ſich hinweg.„Komm, Knabe“,— ſprach er, „dieſe Schlöſſer, hinter deren Mauern manche That verübt ward, die vielleicht ſo ſchwarz als das jetzige Aeußere ihres Beſitzers ſein mochte, ſind häßliche Flecken in dieſem ſchönen Naturgemälde und zwingen mich, meinen Blick mit Abſcheu hinwegzuwenden.“ „So laß uns weiter gehen!“— erwiederte Goldo, indem er mit ſeinem Gefährten einen Weg ſeitwärts durch das Gebüſch einſchlug. In diſſteres, gedankenvolles Schweigen verſunken, ſchritt Godwin an der Seite des muntern Knaben hin, als er plötzlich durch den Schimmer einer in weißen Stein ausgehauenen verſchleierten weiblichen Figur aus ſeinem Nachdenken aufgeſcheucht ward. Auf einem kleinen mit Cypreſſen umgebenen Raſen⸗ (hügel hob ſich die Figur empor, welche den tiefſten Schmerz ausdrückte und ſehnſuchtsvoll nach einer ——————-—— — — 38— 8 Stelle des waldigen Gebüſches hinzublicken ſchien, durch welches ein dumpfes Brauſen herüber drang. „Was bedeutet dieſes?“— fragte Godwin über⸗ raſcht.. Goldo. Wir ſtehen hier auf einer heiligen, dem Andenken einer frommen Dulderin geweihten Stelle. Dies iſt das Denkmal meiner guten Mutter. Godwin. Deiner Mutter?— Ihr Nanie? 1 Goldo. Ich kenne ihn eben ſo wenig als ihre 4 Schickſale. Godwin. Ruht ſie vielleicht unter dieſem Hügel? Goldo. Ich vermuthe es. Täglich führt mich der Vater hierher, um für das Heil ihrer Seele zu beten. In meiner frühern Kindheit verweilte öfters mein Vater in mondhellen Nächten mit mir an dieſer Stelle. Dunkel wie im Traume erinnere ich mich deſſen noch, wie alsdann dieſer Stein Leben hatte, mich die Geſtalt meiner Mutter um⸗ 22* 2 ſchwebte, mich auf ihren Armen liebkoſend wiegte und unter Thränen, wie ein Schatten, verſchwand. Der Vater verneinte zwar das Alles, ſchalt mich oft einen Träumer, wenn ich davon ſprach, aber gewiß es war mehr als Traum. Der Knabe ſtieg den Hügel hinauf, ſank an dem Fußgeſtelle der Figur auf die Knie und verſank in ein ſtilles Gebet, von deſſen andachtsvoller Innig⸗ keit ſein beredtes, zum Himmel gerichtetes Auge ſo laut ſprach, daß der Fremdling von einem heiligen begeiſternden Schauer unwillkürlich ſich ergriffen fühlte und im Gebet neben dem betenden Knaben auf das Knie ſank. Eine heimiſche feierliche Stille herrſchte rings umher, die nur durch das vorhin bemerkte dumpfe Brauſen aus der Ferne unterbrochen ward. „Was bedeutet jenes Geräuſch dort hinter dem Walde?“— fragte Godwin, als der Knabe e ſein Gebet vollendet hatte. „Es iſt das Getöſe des Waſſerfalles dort an ——Q—O.˖——C—QO.OCä ————————— dem Schreckensthurm“,— erwiederte Goldo.— .„Folge mir nur wenige Schritte durch das Dickicht und du kannſt ihn ſelbſt in der Ferne ſehen. Doch vergiß ja nicht dabei, was dir mein Vater zur Warnung ſagte, die unweit des Ufers am See er⸗ richteten ſchwarzen Steine bezeichnen die Grenze, bis zu welcher man ſich dieſem See nähern darf. Godwin folgte dem Knaben durch einen engen und düſtern, unter dem überhangenden Geſträuche verborgenen Weg, der ihn bald an eine freie Stelle brachte, wo der Wald durch einen großen See un⸗ terbrochen ward, der ſich weit hinaus erſtreckte und von dicken Waldungen ringsumher begrenzt war. Der Knabe machte den Fremdling auf mehrere ſchwarze Steine aufmerkſam, die in abwechſelnden Zwiſchenräumen um den See herum aufgerichtet waren und die Grenze bezeichneten, bis zu melchen man ſich dem See nahen dürfe. 4 Godwin ſtützte ſich auf einen dieſer Steine und ſtarrte, von ungewohnt ängſtlichbangen Gefühlen — —-— 41— beengt, über die Waſſerfläche des Sees hin, nach dem gegenſeitigen Ufer, zu welchem ein hinter dem⸗ ſelben weit ausgedehnter Felsrücken den Weg unzu⸗ gänglich zu machen ſchien, und wo ein hoher Felſen über die übrigen im Vordergrunde derſelben vor⸗ ſprang, der ſich ſchroff und ſteil über den See hinausbog und durch ſeinen Abhang ein kleines Eiland bildete, auf welchem ſich ein alter, zum Theil verfallener Thurm erhob. Hoch von dem ſteilen Gipfel des Felſens ergoß ſich ein Wogen⸗ ſturz, der mit gewaltigem, dem Donner ähnlichen Toben an den ungeheuern Steinmaſſen ſich brach und aus den einzelnen Klüften des Felſens wieder hervorſtrömte und ſich über den Schreckensthurm ſchäumend herab in den See ſtürzte. Der Fremdling war in dem furchtbar ſchönen Anblick verloren und ſtarrte mit unverwandten Bli⸗ cken nach dem Schreckensthurme hin, der ſich hinter dem über ihm herabtobenden Wogenſturze, wie hin⸗ ter einem kryſtallenen Schleier, verſteckte. ————Q———— ———— — 42— „Das iſt der berüchtigte Schreckensthurm, den die menſchenfeindlichen Dämonen des Sees bewoh⸗ nen— flüſterte der Knabe ängſtlich.—„Laß uns hier nicht lange beneiſn denn es iſt nicht gut ſein hier.“ „Kann ich dieſen Thurm nicht in der Nühe be⸗ trachten?“ fragte der Fremdling. „Um des Himmels Willen, wo denkſt du hin? — fiel ihm Goldo ängſtlich ein.— Haſt du die Warnung meines Vaters vergeſſen?“ Godwin. Ich bemerke dort einen kleinen Nachen, der abſichtlich an dem Abhange des Ufers unter dem Geſtrippe verſteckt zu ſein ſcheint. Mit deſſen Hilfe muß es leicht ſein, den Thurm zu erreichen. 1 Goldo. Gewahrſt du nicht die drei ſchwarzen Steine, an rwelche der Nachen befeſtigt iſt, um einen Frevel dieſer Art zu verhindern? Gieb dieſen Ge⸗ danken auf! Du würdeſt dieſes Wagſtück mit dem Leben bezahlen; denn kein Sterblicher nahte ſich 4 noch ungeſtraft jenem Schreckensorte. 1. Godwin. Ein unbekanntes, mir den Buſen gewaltſam engendes Gefühl zieht mich unwillkürlich nach jenem Thurme hin. „Ich beſchwöre dich“, fiel ihm der Knabe ein, indem er ſich ängſtlich bittend an ihn anklammerte, — unterdrücke jede Verſuchung zu einem Frevel, der dich ohne Rettung in Tod und Verderben ſtürzen und den Schatten der Unglücklichen beige⸗ ſellen würde, die dort in dem tobenden Waſſerſturze von den Dämonen des Sees erwürgt wurden. Ach, warum mußte ich dich auch hieher führen! Mein Vater würde es mir nie verzeihen, wenn du dich nicht zurückhalten ließeſt.“ Feſt hielt ihn Goldo umklammert, indem er ängſtlich ſeine Kräfte an⸗ ſtrengte, um den Fremdling wieder mit ſich fort⸗ zuziehen. Jetzt glaubte Godwin die fernen Töne einer kla⸗ genden Stimme zu vernehmen, welche, von dem wilden Getöſe des Waſſerſturzes übertäubt, von der Gegend des Schreckensthurmes herüberzukommen V V V V — 44— ſchienen. Er ſtand und lauſchte horchend, und er glaubte vernehmlicher als vorher die Klagetöne einer ſingenden Stimme von den ſie begleitenden ſchwermüthigen Akkorden einer Guitarre zu unter⸗ ſcheiden. „Ihr Mächte des Himmels beſchützt uns!“— rief der Knabe angſtvoll aus, indem er Godwin noch feſter umklammerte—„das iſt die Lockſtimme des gefürchteten Spuckgeiſtes, rette dich und mich durch ſchnelle Flucht!“ „Beruhige dich,— redete ihm Godwin zu,— das iſt nicht die verderbende Stimme eines ſchaden⸗ frohen Spuckgeiſtes. Das ſind Töne, wie ſie nur Leiden und tiefer ſchmerzvoller Kummer erzeugen. Ich bin zu vertraut mit dieſen Tönen, als daß ich ſie verkennen ſollte, und um ſo tiefer dringen ſie auch in mein Inneres ein. Irgend ein U glücklicher ſchmachtet vielleicht unter der Laſt eines dort verſteckten Bubenſtücks nach Erlöſung, und jeder dieſer herzzerreißenden Klagetöne iſt ein Aufruf z Hilfe.— Laß mich, guter Goldo, ich kann nicht widerſtehen.“ — Mitt verdoppelter Aengſtlichkeit ſchmiegte ſich bittend der Knabe an ihn an, um ihn von ſeinem kühnen Unternehmen zurückzuhalten, doch jetzt ſchlu⸗ gen mit verſtärktem Ton die verhallenden Klage⸗ töne herüber an Godwins Ohr. Ergriffen und mächtig erſchüttert von denſelben riß er ſich ge⸗ waltſam von Goldo's Hand los und ſtürzte das Felſenufer des Sees hinab in den ſchwankenden Nachen. Das Angſtgeſchrei des Knaben folgte ihm nach. Mit kühner Hand ſprengte Godwin die Kette, welche den Nachen an die ſchwarzen Steine am Ufer befeſtigte, und eben war er im Begriff, das leichte Fahrzeug von dem Ufer abzuſtoßen und dem Thurme zuzurudern, als plötzlicch eine Schaar Be⸗ waffneter durch das Gebüſch hervorbrachen, ſich mit wildem Grimm tobend in den Nachen ſtürzten, ſich nach einer fruchtloſen Gegenwehr des kühnen ——————ÿ——— Schiffers bemächtigten und ihn gebunden mit ſich fort durch den Wald ſchleppten. Händeringend und ſchreiend um Hilfe ſtürzte Goldo durch das Gebüſch der väterlichen Hütte zu.— 5 9. Zu ſpät bereute Godwin ſeinen Frevel, womit er die gutgemeinte Warnung des gutmüthigen Bodo und Goldo's verachtet hatte. Er mußte jetzt das Schlimmſte für ſich befürchten, und ängſtlich ſchlug ſein Herz gegen ſeine Bruſt, als er in der Mitte ſeiner Räuber den Ausgang des Waldes erreichte, und mit Schrecken den Felſen erblickte, auf welchem ſich die Burg Oranto erhob. Die Burg war in kurzer Zeit erreicht, und mit einem von der Höhe hinab in das Thal zurück⸗ ſchauenden Jammerblicke nahm der Unglückliche auf immer Abſchied von der Welt, als er den Felſen erſtiegen hatte und die eiſernen Pforten der Burg hinter ihm klirrend zuſammenſchlugen. — 48— Er ward nach einem düſtern Behältniß gebracht, wo er geraume Zeit ſich allein überlaſſen blieb und Muſe genug erhielt, ſeine Uebereilung zu beſeufzen. Schon brach die Dämmerung des Abends durch das kleine Gitterfenſter zu ihm herein, als die Thüre ſich öffnete und der Graf Morrino in ſeiner ſchwar⸗ zen Trauerkleidung, von einigen ihm vorleuchtenden Knechten begleitet, mit wildem zornfunkelnden Blick zu ihm hereintrat. Erbleichend vor Schreck taumelte der Fremdling bei Morrino's ihn erſchütterndem Anblicke zurück; doch ſein Schreck verminderte ſich, als jetzt Bodo hinter dem Grafen hervortrat. Zitternd, wie im Fieberfroſte, bebten die Glieder des Gefangenen, als der Graf vor ihn hintrat und ihn lange mit ſcharfen durchdringenden Blicken betrachtete. Ruhiger athmete er jedoch wieder empor, als er bemerkte, daß ſeine Züge dem Grafen nicht bekannt zu ſein 1 chienen. Morrino fragte den Fremdling mit rauhem Tone — 49— nach ſeinem Namen, ſeiner Herkunft und nach der Urſache ſeines frevelhaften Unternehmens in Bezie⸗ hung auf den Thurm am See. Godwin ſuchte ſich über das Letztere ſo gut als möglich zu entſchuldi⸗ gen, indem er offenherzig bekannte, daß ihn Men⸗ ſchenliebe und die Vermuthung, irgend einen Un⸗ glücklichen dort zu finden und ihm wo möglich zu helfen, in die Verſuchung geführt habe, dem Befehle des Grafen zuwider zu handeln. Der Grimm, der aus Morrino's Augen ihm entgegen flammte und ſeine vom Zorn beflügelte Stimme zeigten deutlich genug, wie wenig ihm dieſe Entſchuldigung genügte. Des Grafen Zorn gegen den Fremdling ver⸗ mehrte ſich noch um vieles, als dieſer auf die wegen ſeiner Herkunft und Schickſale an ihn gerichteten Fragen eine ſehr unbefriedigende Antwort gab und der Strenge des Grafen und ſeinen Drohungen einen kalten verachtenden Trotz en „Werft ihn in den Kerker!— rief Morrino knirſchend den Knechten zu,— dort ſchmachte er 4 ſo lange, bis Hunger und Durſt ihn zum Gerippe auszehren und ſeinen Trotz zur Nachgiebigkeit und „Herr Graf,— nahm Bodo, mit bittendem Ton, das Wort,— erinnert Euch meiner Worte und Eures Verſprechens. Vergönnt mir nur wenige Augenblicke geheimes Gehör und ſchont den Un⸗ glücklichen bis dahin.“ Ohne jedoch auf dieſe Bitte zu achten, winkte der Graf den Knechten, welche den Fremdling hin⸗ aus und in einen unterirdiſchen finſtern Kerker ſchleppten. 1 Von dumpfem Moderduft umgeben ſaß nun der Unglückliche, von aller menſchlichen Hilfe entfernt, allein und ſeinem Schmerz hingegeben in der öden Finſterniß. Düſter, wie dieſe, war es in der Seele des Unglücklichen und eine Art von Betäu⸗ bung, die an Stumpffinn grenzte, hatte ſich ſeiner bemächtigt. So warf er ſich auf das vom Moder befeuchtete ſpärliche Strohlager am ſteinernen Bod zu einem offenen Geſtändniſſe zwingen.“ — 51— und ſchauerlich brachen ſich ſeine Seufzer an den feuchten Felſenwänden des Kerkers. Allmählig kehrte ſeine Beſinnung zurück, aber mur um das Schreckliche ſeiner Lage in ſeiner gan⸗ zen furchtbaren Größe zu fühlen. Unter Qualen der Hölle durchwachte der Unglückliche eine fürchter⸗* liche Leidensnacht. Sie floh endlich vorüber, und über ihm lag bereits längſt ſchon die Erde von dem milden Glanze der Sonne umfloſſen, während in ſeinem öden Kerker noch immer undurchdringliche Finſterniß herrſchte, die kein freundlicher Lichtſtrahl von außen zerſtreuen konnte. Von Hunger und brennendem Durſt gefoltert, ſeufzte der Arme den Tod herbei, von welchem ihn jetzt bei der bekannten grauſamen Härte Mor⸗ rino's keine menſchliche Hilfe mehr ſchien befreien zu können; da hörte er Fußtritte auf der zu ſeinem Kerker führenden ſteinernen Treppe und bald dar⸗ auf die Schlöſſer and Riegel vor der Kerkerthüre raſſeln. Die Thüre öffnete ſich, und ein Knecht — 52— mit einer Fackel näherte ſich ihm ſtillſchweigend, aber freundlich und winkte ihm, ihm zu folgen. Sa Godwin befolgte dieſen Wink, indem er aus dem Kerker trat, ſeinem Führer die lange ſteile Treppe hinauf folgte und dieſer ihn in einen geräumigen Scal führte, wo er in einem der anſtoßenden Zim⸗ mer den Grafen ſprechen hörte. Die Thüre des Zimmers ward nach einer kleinen Pauſe geöffnet und Godwin ward von ſeinem bis⸗ herigen Führer hineingeſchoben und allein gelaſſen. Er bemerkte kaum, daß der Graf ſich mit Bodo in dieſem Zimmer befand, als bei ſeinem Eintritte ein weibliches Porträt an der gegenüber befindlichen Wand ſeine Aufmerkſamkeit in einem ſo hohen Grade auf ſich zog, daß er dadurch nothwendig einen ſehr gefährlichen Verdacht gegen ſich hätte bei dem Grafen erregen müſſen, wenn er nicht noch ſchnel genug durch den ſcharfen beobachtenden Blick des Grafen auf ſich ſebſt wäre wieder aufmerkſam ge⸗ macht und veranlaßt worden, ſeine heftige Erſchütte⸗ . — 53— rung unter dem Vorwande einer durch Hunger und Durſt verurſachten Unpäßlichkeit zu verbergen. Auf einen Wink des Grafen näherte ſich Bodo dem Jünglinge und erquickte ihn durch einen laben⸗ den Trank, indem er ihm zugleich verſtohlen einen beredten Wink gab, ſich zu faſſen. Nach einer Pauſe, während welcher der Graf abſichtlich des Fremdlings Blicke nach dem Bilde hinzuleiten und ihn ſcharf zu beobachten ſchien, wie⸗ derholte er ſeine geſtrigen Fragen an Godwin, äber in einem ſo ganz veränderten weichen Tone, der dem Fremdling Muth einflößte, zu erklären, daß ein Gemiſch unverſchuldeter Unglücksfälle einen dich⸗ ten Schleier über ſeine Lebensgeſchichte verbreitet habe, den nur ſein Tod hinwegziehen könne. „Ich bin in Eurer Gewalt“;— fuhr er fort, da er ſahe, daß Morrino über dieſe Erklärung nicht in Zorn gerieth, ſondern vielmehr in ein dü⸗ ſteres Nachdenken verſank.— Entrinnen kann ich Euch nicht, wenn ich auch wollte, und ich muß es ertragen, was Ihr über mich verfüget. Tödtet mich! ich ſcheue den Tod nicht, denn, ach, mein Elend iſt ſo hoch geſtiegen, daß ich nur von ihm Erlöſung hoffen kann und die Hand noch dankbar ſegnen werde, die ihn mir gibt. Ihr ſeid ſelbſt nicht glücklich, Ihr werdet daher auch das Unglück Anderer zu würdigen wiſſen, o ſo gewährt mir nur die Bitte: ehret mein Unglück, laßt mich nicht lang⸗ ſam und martervoll in Verzweiflung ſterben, laßt mich ſchnell und bald vollenden, und zwingt mich nicht weiter fruchtlos zu einem Geſtändniſſe, das für mich zweifaches Verbrechen ſein und mir die Schauder des Todes verdoppeln müßte. 4 „Es ſei dann!— wandte ſich hierauf der Graf zu ihm, nachdem er ihn einige Augenblicke lang mit düſtern Blick beobachtet hatte.— Verdanke es dieſem wackern Alten, daß ich meinen harten Sinn gegen dich geändert habe und bei dir,— gerade wo ich es vielleicht am wenigſten Urſache haben möchte,— einmal von meiner Strenge abweiche. — 2 Bodo hat für dich eine ſehr gefährliche Bürgſchaft übernommen und mein Herz hat ſie willig ange⸗ nommen; zeige nun, ob du deſſen würdig biſt. Ob⸗ gleich ich dein Unglück noch nicht kenne, ſo hat es dennoch dich mir verwandt gemacht. Ich ehre dein Unglück, das Schonung zu fordern ſcheint, und will meine Hand nicht nach deinem Leben ausſtrecken. Wenn meine Härte nicht deinen Starrſinn beugen und das Band deiner Zunge zu einem Bekenntniſſe löſen konnte, das mich vielleicht zu deinem erſten und redlichſten Freunde machen könnte, ſo will ich verſuchen, was Schonung, Güte und Milde über dich vermögen.“ Der Graf zog die Glocke. Pirro, der alte Ver⸗ walter des Schloſſes, trat herein.„Folge dieſem deinem Führer,— ſprach der Graf zu dem Fremd⸗ linge,— und ſei unbeſorgt.“— Godwin wollte ſprechen, doch der Graf winkte ihm mit der Hand, und Pirro führte ihn hinaus. 6. Pirro führte den Jüngling in ein heiteres nett ausmöblirtes Gemach in dem gegenſeitigen Flügel des Schloſſes, das eine ſehr angenehme Ausſicht in den Garten und drüber hinaus in das weitaus⸗ gebreitete blumenreiche Thal ſchenkte, in deſſen Hin⸗ tergrunde jener Schreckensthurm am See die Aus⸗ ſicht in die Ferne hemmte. Der Jüngling bezeigte ſeine Zufriedenheit über dieſes Zimmer.„Deſto beſſer, wenn es Euch ge⸗ fällt,— antwortete Pirro,— denn der Graf hat es, ſo lange Ihr hier bleiben werdet, zu Eurer Wohnung beſtimmt. Wenn Ihr die Einſamkeit liebt, ſo wird es Euch hier ſehr wohl gefallen; denn ihr werdet hier ganz ungeſtört leben, da Nie⸗ mand leicht in dieſen Flügel kommt, am allerwenig⸗ ſten der Graf, der dieſes Zimmer vorzüglich flieht.“ „Warum das?“— fragte Godwin. Der Alte zuckte mit den Achſeln und trug ihm eine ſehr ſchmackhafte Mahlzeit auf, indem er ihn ermunterte, heiter und froh zu ſein und es ſich ſchmecken zu laſſen. Pirro reichte ihm einen Becher Wein.„Was verbirgt jene Gardine?“— fragte Godwin, indem eine grauſeidene mit ſchwarzem Flor garnirte Gardine an der Seitenwand ſeinen Blick auf ſich zog. „Das Bild des ehemaligen Bewohners dieſes Zimmers und der angrenzenden Gemächer“;— antwortete der Alte—„und hierin liegt zugleich die Antwort auf Eure vorige Frage über die Urſache, warum der Graf dieſe Zimmer vermeidet.“ „Darf ich das Bild ſehen?“— fragte Godwin. „Ich habe wenigſtens keinen Befehl, es Euch zu verwehren“,— antwortete Pirro, indem er nach 58 dem Bilde ging und eine herabhängende ſeidene Schnur anzog, worauf die beiden Gardinen von einander rauſchten und das Porträt eines blühend ſchönen Jünglings zeigten. Heftig durchſchüttert bebte Godwin zurück; er vermocht' es kaum, ſich aufrecht zu halten; er warf ſich in einen Seſſel und ſtarrte bleich und zitternd das Bild an, während Pirro geſchwätzig fortfuhr: „Dies war Enrico, der einzige Sohn und Liebling meines Gebieters, ein trefflicher Jüngling, in wel⸗ chem der Graf ſein ganzes Glück und ſeinen größten Reichthum umfaßte. Die Hand eines Feindes er⸗ ſchlug ihn, und mit ihm ſenkte man den höchſten Stolz und das ſchönſte Glück meines Gebieters in die Gruft. Er ruhe ſanft!“ „Er ruhe ſanft!“— ſtammelte Godwin. „Kanntet Ihr ihn?“— fragte Pirro, indem er ſich nach dem Gaſte umblickte und über ſeine bleiche Geſtalt und ſeinen ſtarren, nach dem Bild gerich⸗ teten Blick erſchrack.—„Mein Gott! was iſt Euc 59— begegnet? rief er aus.— Eure Wange iſt bleich? Ihr zittert?“ „Laß es gut ſein, erwiederte Godwin, indem er ſich zu faſſen bemüht war,— es geht vorüber, das ſchnell Abwechſelnde meiner Lage, die Moderduft des Ker⸗ kers, Hunger und Durſt hatten mich entkräftet.“ „Erquickt Euch durch dieſen Wein,— unterbrach ihn der Alte, indem er mit ängſtlicher Geſchäftig⸗ keit einſchenkte und Godwin den Becher aufdrang. „Eine unglückliche Phyſiognomie,— fuhr God⸗ win fort,— die mich an einen unglücklichen Iu⸗ gendfreund erinnert. Dieſe traurige Erinnerung wird mir meinen Aufenthalt in dieſem Zimmer ſehr verbittern.“ „Das ſoll ſie nicht,— fiel Phm d der Alte gut⸗ müthig ein, indem er hinauseilte, eine Stufenleiter holte, und ohne ſich an die Einwendungen des Gaßtes zu kehren, das Porträt nebſt den Gardinen von der Wand herunter nahm und es in das Sei⸗ terinmnan trug.. . 1 . — 60— „Was wird der Graf dazu ſagen?“— redete ihn Godwin an, als er wieder zu ihm hereintrat. „Seyd deshalb ganz unbeſorgt,“— erwiederte Pirro.—„Der Graf kommt nicht hierher und kann nichts davon erfahren, daß ich dieſes Euch ſo widrige Bild Euern Blicken entzog.“ Godwin. Dieſes Bild an und für ſich ſelbſt iſt mir keinesweges zuwider, denn ich kannte den Unglücklichen nicht; nur die Ähnlichkeit ſeiner Züge mit denen eines unglücklichen Freundes iſt es, die eine traurige Erinnerung in mir erregt. Pirro. Gleichviel. Erführe es auch der Graf, wie es durchaus nicht geſchehen kann, ſo weiß ich, daß er das Geſchehene ſehr billigen würde, da es ſein ausdrücklicher Befehl iſt, Euch Euern Aufent⸗ halt in dieſem Schloſſe ſo angenehm als möglich zu machen, und Euch mit all' der Achtung und Sorgſamkeit zu begegnen, welche einem Freunde vom Hauſe gebührt. Godwin. Bin ich ein Freund von dieſem Hauſe? — 61— Pirro. Die Gaſtfreundſchaft meines Gebieters erhebt Euch dazu, obgleich er vielleicht auch wohl noch andre Urſachen dazu haben kann, Euch beſon⸗ ders auszuzeichnen. Godwin. Sollte vielleicht auch wohl hinter dieſer beſondern Auszeichnung einige Argliſt ver⸗ borgen liegen?— denn unmöglich kann dieſe zu⸗ vorkommende Güte und Freundſchaft dem Charakter eines Mannes eigen ſeyn, der ringsherum als ein Menſchenfeind und Wütherich geflohen wird. Pirro. Darüber mögt Ihr ſelbſt am beſten urtheilen können; denn Ihr müßt es am beſten wiſſen, ob dieſe Euere Beſorgniß vielleicht in Be⸗ ziehung auf gewiſſe, mir unbekannte Verhältniſſe gegründet ſey. Im Allgemeinen kann ich Euch je⸗ doch hierüber beruhigen, in ſo fern Ihr nicht der Erſte und Einzige ſeyd, der eine gaſtfreundliche Aufnahme hier findet. Er ſelbſt flieht zwar voll ditterm Groll die Menſchen und ihren Anblick; die Freude kennt ſein Herz nicht, ſtill und einſam, wie — 62— in einem Todtengewölbe, iſt es um uns her, ſchüch⸗ tern ſchleichen die Bewohner des Schloſſes, wie Geſpenſter des Grabes, umher, um die dem Gra⸗ fen angenehme Stille nicht zu ſtören, die nur ſeine bangen Seufzer unterbrechen, und ſein Jammerblick ſcheucht Jeden von ihm zurück, wenn er, in tiefe Trauer gehüllt, wie ein ſchreckendes Geſpenſt der Schattenwelt durch die öden Säle und Gänge des Schloſſes dahin ſchwebt. Gleichwohl ſteht dieſes Schloß eben ſo, wie ſeine übrigen Schlöſſer, je⸗ dem vorüberziehenden Wanderer gaſtfreundlich offen. Noch mehr: ſeine Gaſtfreundſchaft geht ſo weit, daß die ausgeſtellten Wächter ſeiner Schlöſſer aus⸗ drücklich angewieſen ſind, jeden Fremden in dieſen Gegenden anzuhalten und ihn ſogar wider ſeinen Willen in die nächſte ſeiner Burgen einzuführen, um ihn dort zu bewirthen und ſo lange zu verpfle⸗ gen, bis der Graf ſelbſt die Erlaubniß gibt, ihn weiter reiſen zu laſſen. Weigerung kann hierbe nichts helfen; denn welcher Reiſende der freundli⸗ — 63— chen Einladung nicht folgen ſollte, der würde der 3 Gewalt und dem Zwange nachgeben müſſen. Godwin. Sonderbar. Woher ſchreibt ſich die⸗ ſes räthſelhafte Benehmen des Grafen, das mit ſeinen menſchenfeindlichen Geſinnungen ſo ganz im Pidderſpruche ſteht? Pirro. Wer kann dieſes bei des Grafen Ver⸗ ſchloſſenheit beſtimmen? Doch ſoll dieſe übertrie⸗ bene Gaſtfreundſchaft auf gewiſſen frühern unglück⸗ lichen Ereigniſſen des Grafen beruhen, und zum Theil mit ſeinem Menſchengroll ſehr in Verbindung ſtehen. Godwin. Das faſſe ich nicht. Guter Alter, du ſcheinſt einigen Antheil an mir zu nehmen; iſt dies keine Täuſchung, ſo ſchenke mir'dein Vertrauen und mir eine Bitte. v Pirro. Allerdings nehme ich Antheil an Euch; das bin ich meinem alten redlichen Freunde Bodo ſchuldig, der Euch mir ſehr angelegentlich empfoh⸗ len hat. Ihm und ſeiner Sorgfalt verdante 1 1 — 64— es, daß ich noch bin und lebe, er hat ein bleiben⸗ des Recht auf meine Dankbarkeit, und was ich für Euch that und noch thun könnte, das iſt blos ein geringer Abtrag der Schuld, die ich dem wackern Bodo nie ganz abtragen kann. Habt Ihr daher ein Anliegen an mich, ſo werde ich es gern be⸗ friedigen, wenn es nicht gegen meine anderweitigen ältern Pflichten ſtreitet. Godwin. So geſtehe ich dir denn, daß mich die Angelegenheiten des Grafen und die geheimniß⸗ vollen Räthſel, die in dieſem Schloſſe und der um⸗ umliegenden Gegend verborgen liegen, ſehr intereſ⸗ ſiren. Du würdeſt dir ein bleibendes Verdienſt um mich und meine Ruhe erwerben, wenn du mich mit dem Weſentlichſten dieſer Räthſel bekannt machteſt. Pirro betrachtete ihn einige Augenblicke mit uni felhaften Mienen, doch ließ er ſich endlich zu der Gewährung dieſer Bitte bereit finden, indem er Godwin verſprach, mit einbrechender Nacht s zu im zu kommen und ihn, unter dem Verſprechen der ſtrengſten Verſchwiegenheit, ſo viel, als er ſelbſt davon wiſſe, mit den Angelegenheiten des Grafen vertraut zu machen. „Laßt Euch übrigens von allen dieſen Räthſeln nicht abhalten, Euch, dem Willen des Grafen ge⸗ mäß, Euern Aufenthalt in dieſem Schloſſe ſo an⸗ genehm als möglich zu machen,— fuhr Pirro fort, — denn wißt, Ihr habt Erlaubniß, Euch inner⸗ halb dieſes Schloſſes und des Gartens zu zerſtreuen, wie Ihr wollt. Nur bitte ich Euch, dieſe Erlaub⸗ niß nicht zu mißbrauchen und über die Euch vor⸗ geſchriebenen Schranken zu gehen, oder wohl gar einen Verſuch zur Flucht zu wagen, der durchaus verunglücken und Euch der ganzen Rache des Gra⸗ fen ausſetzen müßte.“ Er ging und ließ Godwin allein. r . 7. Godwin verſank in ſtummes Nachdenken, indem er die mancherlei Scenen ſeines Lebens an ſeiner Seele vorüberführte und bemüht war, die Ereig⸗ niſſe und ſeltſamen Begebenheiten der Vergangen⸗ heit mit denen der Gegenwart und den noch zu erwartenden der Zukunft in Verbindung zu bringen, 1 einen Zufammenhang darin zu finden, und aus den Reſultaten ſeiner Selbſtbetrachtung zweckmäßige Ent⸗ ſchließungen für die Zukunft zu faſſen. Seine Unruhe und Beſorgniſſe vermehrten ſich, je ſorgfältiger er das auffallend ſeltſame freund⸗ ſchaftliche Betragen des Grafen gegen ſich in Ver⸗ bindung mit einigen AÄußerungen deſſelben und an⸗ — — dern dabei obwaltenden Umſtänden erwog. Er ſahe wohl ein, daß er Bodo größtentheils die mit des Grafen verſchrieener Grauſamkeit und Härte im offenbaren Widerſpruche ſtehende Milde deſſel⸗ ben gegen ſich zu verdanken habe, und daß dieſer Alte weſentlichsn Antheil an der ſchnellen Wendung ſeines Schickſäls habe; allein ſo gewiß er auch bei ſich überzeug war, daß es Bodo wahrhaft red⸗ lich mit ihm 8 und daß hinter deſſen Hülfs⸗ leiſtungen keine geheimen Tücke und Argliſt verſteckt liegen könne, um ihn deſtd ſicherer zu machen und ihn deſto gewiſſer zu verdeben, ſo war gleichwohl ſelbſt dieſes liebevolle Entgegenkommen dieſes Grei⸗ ſes gegen ihn, als einen ihn. völlig Unbekannten, ſo räthſelhaft, daß er ſich ininäglich,aus dem ſelt⸗ ſamen Gewirre ſeiner Ideen und Penuihungen herauswinden konnte. 2. Alles um ihn her ſchien ſeine Beſorgniß, wegen einer geheimen Argliſt des Grafen, zu begründen; ſelbſt das Zimmer, das ihm zu ſeiner Wohnung — 68— in dem Schloſſe war angewieſen worden. Es war für ihn das Schlimmſte zu befürchten, wenn es mehr als Zufall geweſen war, daß der Graf ge⸗ rade dieſe Zimmer ſeines ermordeten Sohnes für ſeinen Gaſt gewählt hatte. Mit vieler Sehnſucht ſahe er daher der falgen⸗ den Nacht entgegen, wo Pirro ſein Verſprechen er⸗ föllen und ihm vielleicht über alles dieſes einige Auskunft geben würde. Er blieb den größten Theil des Tages ſich ſelbſt überlaſſen, ohne weder den Grafen noch irgend ſeine Leute zu Geſichte zu be⸗ kommen, außer den alten Pirro, der ihm das Eſſen brachte.. „Ihr macht Euch ſelhſ vorſätzlich zum Gefan⸗ 1 genen,— ſprach Pirro zu ihm, als er gegen Abend — wieder kam und ſich nach ſeinen etwaigen Wünſchen erkundigte— warum macht Ihr Euch nicht im Freien einige Zerſtreuung?“ „Ich fand bis jetzt unch Stoff genug zur Un⸗ terhaltung in mir ſelbſt,— antwortete Godwin; — 69— — doch werde ich nunmehr den ſchönen Abend in— dem Garten genießen, wenn es mir erlaubt iſt.“ „Ihr habt völlige Freiheit, innerhalb dieſes Schloſſes und des angränzenden Gartens zu gehen, wohin es Euch gefällt;— fuhr Pirro fort— kein Menſch wird Euch hindern. Doch als Freund ermahn' ich Euch nochmals, ſeyd vorſichtig und ver⸗ geßt nicht, daß Ihr insgeheim überall beobachtet werdet, wenn Ihr Eure Lage nicht vorſätzlich ver⸗ ſchlimmern wollt. Im Vertrauen muß ich Euch ſagen, daß es mir beinahe ſcheint, als wenn man eine Uebereilung von Euch erwarte; je unbefange⸗ ner Ihr Euch Euern Beobachtern zeigt, um ſo beſſer wird es für Euch ſeyn.“ Godwin drückte dem gutmüthigen Alten dankbar die Hand, indem dieſer wieder von ihm ging, und er ſelbſt ſchritt durch die Säle hindurch nach dem Garten. In den anſtoßenden Sälen und Zimmern ſtieß er auf einige Bedienten, welche ſich ehrerbie⸗ tig vor ihm verbeugten und weiter nicht auf ihn u achten ſchienen. Gleichwohl entging es ſeiner Achtſamkeit nicht, duß einer dieſer Leute ihm in einiger Entfernung verſtohlen folgte und ihn bis in die Gänge des Gartens nicht aus den Augen ließ. Ohne dieſe Bemerkung zu verrathen, ging Godwin V ſeinen Gang ruhig fort, und ſchritt langſam durch die Alleen und Blumengänge des Gartens dahin. Der herannahende Abend athmete ſüße Kühlung ihm entgegen; von den Beeten ſtiegen die ange⸗ nehmſten Wohlgerüche aus den Kelchen der Blumen zu ihm empor, und ſanfte Abendwinde ſpielten mit leichtem Säuſeln in den Blättern eines kleinen Ge⸗ hölzes, aus welchem ihm die ſchmelzenden Töne ei⸗ niger Nachtigallen entgegen tönten und ihn in das heimiſche Dunkel des Gehölzes einluden. Lauſchend auf die ſchwermüthigen Seufzer dieſer lieblichen Sängerin der Nacht, die ſo rein und ſchön in die gleichgeſtimmten Akkorde ſeines Innern eingriffen, machte er einige Gänge durch das kleine Luſtwäldchen, die ihn an dem Ende des Wäldchens — 71— an einen in altem Styl erbauten und ringsumher von Cypreſſen umſchatteten Pavillon führten. Er näherte ſich dem Eingange deſſelben, und als er die Thüre nur leicht eingeklinkt fand, öffnete er ſie und trat hinein. Sie führte zu einer kleinen Vor⸗ halle, und er bemerkte eine zweite Thüre, die in das Innere des Gebäudes führte. Er ſtand eine Weile und lauſchte, und als er alles ſtill um ſich her fand, gerieth er in Verſuchung, auch das In⸗ nere des Pavillons kennen zu lernen. Leiſe öffnete er die Thüre, und ſchüchtern trat er in ein geräumiges, aber durchaus ſchwarz aus⸗ geſchlagenes Gemach, das einem Todtengewölbe glich. Von der gewölbten Decke herab hing eine Ampel, welche das Gemach mit düſterm Schimmer matt erhellte. In dem Hintergrunde zog eine weib⸗ liche Büſte von weißem Marmor Godwins Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, die auf einem ſarkophag⸗ ähnlichen Fußgeſtelle errichtet war, zu welchem ei⸗ nige Stufen führten. An das Fußgeſtelle lehnte * 3 —— 72— ſich ein von weißem Stein gehauener weinender Genius an, deſſen Trauerblick auf die in goldnen Buchſtaben dem Fußgeſtelle eingeſetzten Worte ge⸗ richtet war: Verlorne Freuden. Godwin fühlte ſich von einem heiligen Schauer mächtig ergriffen; ein heftiges Zittern bemeiſterte ſich ſeiner, das ihm kaum Kraft genug ließ, ſich aufrecht zu erhalten, als er bekannte Züge in der weiblichen Büſte zu bemerken glaubte, und eben war er im Begriff, ſich dem Monumente zu nä⸗ hern, als der Graf langſam⸗feierlich in ſeiner Trau⸗ erkleidung hereintrat. Sein düſtrer Blick fiel auf den Fremdling, und nachdem er ihn eine kleine Weile ſtumm und mit dem Ausdrucke tiefer Weh⸗ muth betrachtet hatte, winkte er mit der Hand, ſich zu entfernen. Godwin gehorchte dieſem Winke und ſchwankte hinaus. In einiger Entfernung von dem Pavillon warf ſich Godwin in dem Gebüſche auf eine zwiſchen 4 Cypreſſen angebrachte Raſenbank und verſank in — 73— ein verworrenes Gemiſch von Ideen und Vermu⸗ thungen über das, was er in der ſchwarzen Tod⸗ tenhalle geſehen hatte, aus welchem er ſich nicht herauswinden konnte. Mit unverwandtem Blick ſahe er nach dem Pavillon hinüber und hoffte, daß der Graf denſelben bald wieder verlaſſen und ihm Gelegenheit geben ſollte, ſich mit dem Innern der Todtenhalle näher bekannt zu machen, als ein klei⸗ nes näherndes Geräuſch in dem Gebüſche ihn aus ſeinem Nachdenken emporſcheuchte. Er blickte auf und bemerkte den alten Bodo, der ſich leiſe dem Pavillon näherte und in denſelben hineinſchlüpfte. V Neue Zweifel und Beſorgniſſe ſtiegen jetzt in Godwins Seele auf, und mit geſpannter Erwar⸗ tung ſahe er dem Augenblicke entgegen, wo Bodo wieder herauskommen würde, um ſich alsdann ihm in den Weg zu ſtellen und ihn über ſeine Vermu⸗ thungen und Zweifel um Aufſchluß zu bitten. Langſam und unter einer ſteigenden Unruhe ſchlich Godwin die Zeit mit trägem Schneckengange — 12— vorüber. Die zunehmende Dunkelheit des Abends hüllte die Gegend ringsumher in ihren magiſchen Schleier, freundlich blickte der Mond durch die dü⸗ ſtern Cypreſſen zu ihm herab, und ſchon ſank der Abendſtern hinter die weſtlichen Gebirge nieder, als endlich die Thüre des Pavillons ſich öffnete, Bodo in Geſellſchaft des Grafen herauskam und der Letztere die Thüre hinter ſich ſorgſam verſchloß. Godwin preßte ſich, um unbemerkt zu bleiben, hinter eine Cypreſſe und vernahm folgendes Ge⸗ ſpräch: „Du biſt unter ſo Vielen der Erſte und Ein⸗ zige, gegen den ich mein Mißtrauen unterdrücke,— ſprach der Graf zu Bodo.— Ich will dir ganz vertrauen, weil es dringendes Bedürfniß meines armen, kummerbelaſteten Herzens iſt. Wenn deine Verſicherungen wirklich Wahrheit enthielten, wie gern wollte ich den Vorwurf meines Innern über eine ſo ſchreckliche Ungerechtigkeit ertragen und alles auf⸗ — 75— opfern, um ſie durch doppelt hohen Edelmuth wie⸗ der gut zu machen.“ „Ehe die Welt um wenige Tage älter iſt,“ fiel ihm Bodo in die Rede,„hoffe ich Euch eben ſo feſt von dieſer Wahrheit zu überzeugen, als ich ſelbſt davon überzeugt ward. Glaubt es mir, Herr Graf, Ihr ſchwebtet über die Hauptſache in einem fürchterlichen Irrthume. An dem Siechbette bei den Ausbrüchen einer kranken Phantaſie und ihrer Fieberträume läßt ſich ſo mancher tiefe Blick in das Innere des Menſchen thun, welcher Blick als⸗ dann um ſo weniger trügt, jemehr in ſolchen Mo⸗ menten die Schminke der Verſtellung erbleicht und der Menſch ſich zeigt, wie er. wirklich iſt.“. „Ich verſpreche dich fürſtlich zus belohnen, wenn du mir überzeugende Beweiſe von deiner vorigen Behauptung bringſt,“ entgegnete der Graf. „Die guten Folgen meiner Bemühungen werden mich am ſchönſten durch ſich ſelbſt belohnen,“ fiel ihm Bodo ein,„und bald hoffe ich Euch die ge⸗ — 76— forderten Beweiſe darlegen zu können. Doch, Herr Graf, erinnert Euch an Euer Verſprechen, ich muß ganz frei und nach eigenem Gutdünken handeln können.“ „Du haſt mein Wort,“ unterbrach ihn der Graf, „ich will einmal deinen Anſchlag ohne weitere Prü⸗ fung annehmen und dich in nichts hindern. Doch ſieh dich vor, daß du dich nicht verrechneſt, du haſt eine gefährliche Bürgſchaft übernommen.“ „Laßt das gut ſeyn,“ erwiederte Bodo,„ich müßte mich ſehr ſchlecht auf Menſchen und die Er⸗ forſchung ihrer Gemüther verſtehen, aber ich habe meinen Mann ſo gut gefaßt, daß er mir gewiß nicht entwiſchen ſoll. Ich hoffe, meine Rechnung ſo richtig auskalkulirt zu haben, daß mir um das Facit derſelben nicht bangen kann.“ Mehr konnte Godwin von dieſem Geſpräche nicht erlauſchen, da Beide jetzt um einen Bogengang ein⸗ lenkten und ſich entfernten; doch hatte er ſchon ge⸗ nug gehört, um reichhaltigen Stoff zu neuen Selbſt⸗ betrachtungen und Beſorgniſſen dadurch erhalten zu haben, da dieſes abgebrochene Geſpräch des Grafen mit Bodo zum Theil weſentlichen Bezug auf ihn ſelbſt zu haben ſchien. Er ſchlüpfte ſchüchtern aus dem Garten und erreichte unbemerkt ſein Zimmer. 8. In düſterm, gedankenvollem Schweigen ſtand Godwin an das Fenſter gelehnt und blickte hinaus in die vom Dämmerlichte des Mondes beleuchtete Ferne, wo im düſtern Grau der Schreckensthurm am See die Perſpektive ſchloß. Von dem Schloßthurme tönte der Seigerſchlag der Mitternachtsſtunde durch die feierliche Stille, mit, unverwandtem Blick hing ſein Auge an der duftigen, ſchattenähnlichen Geſtalt des Thurmes, und auf der Nachtlüfte Fittig ſchwebte ſeine Seele voll tiefen nachdenkenden Ernſtes um die alten. Mauern deſſelben. In Vermuthungen und bäng⸗ liche Zweifel und Beſorgniſſe verloren, gankelte — 79— ihm ſeine Phantaſie wunderſeltſame Träume vor, als ihn ein ſanfter Schlag auf die Schulter aus dieſen Schwärmereien weckte. Ueberraſcht blickte er um ſich, und Pirro, der alte Schloßverwalter, ſtand hinter ihm, der, ohne von ihm bemerkt zu werden, leiſe hereingetreten war. „Ich komme, mein gegebenes Wort zu löſen,“ redete Pirro ihn an,„doch thut es mir leid, daß ich Euch in Euern Selbſtbetrachtungen ſtöre.“ „Du ſtörſt mich nicht,“ unterbrach ihn Godwin, „ich freue mich, dich bei mir zu ſehen. Seit der Abenddämmerung ſahe ich deiner Ankunft erwar⸗ tungsvoll entgegen. Die Nacht überraſchte mich hier an dieſem Fenſter, wo jener Thurm hinter dem herabſtrömenden Waſſerſturze, in welchem der Mond ſich ſo ſchauerlich ſpiegelt, meinen Blick an ſich feſſelte und mich in tiefes Nachdenken ver⸗ ſetzte.“ Pirro. Es kann Euch zu nichts führen. An jenem Thurme ſcheitert jeder forſchende Blick, und 8 —— 20=— kein menſchliches Auge dringt durch den geheimniß⸗ vollen Schleier, der ſein Inneres verhüllt.“ Godwin. Du haſt mir Aufſchluß über dieſe und ähnliche, dahin gehörige Räthſel verſprochen. Pirro. In Beziehung auf jenen Thurm würde ich Euch mit Unwahrheit hintergehen müſſen, wemn ich Euch etwas Beſtimmtes davon mittheilen wollte. Es iſt dieſer Thurm mit dem See der Ort, dem ſich Niemand in der umliegenden Gegend ohne Noth zu nähern wagt. Ueberhaupt iſt jene Gegend ſo äußerſt unſicher und gefährlich, und die Gerüchte von den Schreckniſſen derſelben ſind ſo ſchauder⸗ haft, daß es kaum des darüber ertheilten Befehles des Grafen dazu bedurft hätte, einen Jeden bis auf eine durch ſchwarze Steine am Ufer des Sees bezeichnete Weite davon zurückzuhalten und alles weitere Unglück zu verhüten, welches die Schreck⸗ niſſe des Kriegs auf ſo mannigfaltige Art ſchon tobenden Brandung des Waſſerſturzes ſeinen fre⸗ über Manchen gebracht haben ſollen, der in der — 81— velnden Vorwitz mit dem Leben bezahlte. Kein Menſch aus dieſer Gegend wird es daher wagen, ſich über die Grenze des Waldes zu verſteigen; ſchüchtern fliehen die benachbarten Landbewohner mit beflügelter Eile denjenigen Theil des Waldes, hinter welchem jener gefürchtete See ſich ausdehnt, und ängſtlich ſchlägt der verſpätete Wanderer das Kreuz und wandelt mit weggewandtem Geſicht vor⸗ über, wenn in ſtiller Mitternacht der ſchauerliche Ton der Todtenglocke bisweilen herüberdröhnt und ihm gebietet, ſeine Eile zu verdoppeln. Godwin. Sonderbar. Sollte der Graf die Geheimniſſe jenes Thurmes und des Sees nicht kennen, oder vielleicht gar in dieſelben verflochten ſeyn?— Pirro. Wer kann das mit einiger Gewißheit beſtimmen, da er ſelbſt über Alles, was ihn und ſeine Angelegenheiten betrifft, das geheimnißvollſte Stillſchweigen beobachtet, und der leiſeſte Verdacht, daß irgend Jemand etwas mehr als ihm ſelbſt 6 — 82— lieb wäre, davon ahnen könne, ſeinen Zorn im höchſten Grade gegen ſich entflammen würde. Godwin. Gleichwohl hoffte ich ganz gewiß,* von dir etwas Näheres über ihn und ſeine Ange⸗ legenheiten zu erfahren. Pirro. So viel mir ſelbſt davon bekannt iſt, will ich Euch gern, im Vertrauen auf Eure un⸗ verletzliche Verſchwiegenheit, anvertrauen. Er ſetzte ſich traulich an Godwin's Seite, und nachdem Beide einige Becher Weins zuſammen ge⸗ leert hatten, begann Pirro ſeine Erzählung. „„Bei aller Macht und bei allem Reichthume, durch welche ſich der Graf Morrino auszeichnet,“ hub er an,„konnte er ſich gleichwohl nicht Glück, Ruhe und Seelenfrieden erkaufen, um deren ſchö⸗ nen Genuß er wohl manchen Armen ſeiner Unter⸗ thanen beneiden mag. Sogar ward das, wodurch er Glück und Freude zu erhalten hoffte, Ffiens d die Duulle neuer Leiden.“. 1 Godwin. Dann wäre er wirklich ſehr zu be⸗ mitleiden. Pirro. Gewiß, das iſt er; denn wenn er auch jetzt ſo manche gehäſſige Seite des Charakters hat, die Jeden ſcheu von ihm zurückſtößt, ſo war dieſes doch einzig nur die Folge ſeines Unglücks. Von Jugend an ſchien der Fluch eines feindſeligen Ge⸗ ſchicks auf ihm zu laſten, den ſich ſeine Familie durch ihre Bedrückungen und Verfolgungen gegen eine andere gräfliche Familie ſoll in vergangenen Zeiten zugezogen haben. Godwin. Wie das? Pirro. Von langen Zeiten her lebte die Fa⸗ milie Morrino mit dem alten gräflichen Stamme Beverini in ununterbrochenem Hader und in rach⸗ ſüchtiger Feindſchaft. Schwer lag der Haß Mor⸗ rino’s auf den Beverini's, daß es dem Ahnherrn der Letztern, Romano Beverini, gelungen war, dem ſtolzen, ehr⸗ und rangſüchtigen Cäſare Morrino den Nang abzugewinnen, denſelben um die Gunſt 3 3 —— 841— des Königs zu bringen und ſich über ihn hinweg zum Statthalter von Trapani emporzuſchwingen. Der dadurch entſtandene Haß und Verfolgungsgeiſt der Familie Morrino gegen die Beverini's pflanzte ſich von dem Vater auf den Sohn, und von dieſem’ auf den Enkel bis auf neuere Zeiten fort, und gab Veranlaſſung zu den gefährlichſten Zwiſtigkeiten zwiſchen beiden Theilen. Ich wage es nicht, die Gerüchte von den mancherlei gehäſſigen Kunſtgriffen und verächtlichen Intriguen nachzuſchwatzen, welche die Familie Morrino gegen das Haus Beverini ſoll angewandt haben; bis es der Erſtern gelang, das Vergeltungsrecht an der Letztern auszuüben, ſie von ihrer vorigen glänzenden Höhe herab und in Schmach und Schande und drückende Armuth zu ſtürzen. Godwin. Ich erinnere mich, von dieſen Ver⸗ folgungen und Feindſeligkeiten gehört zu haben. Der Haß der Familie Morrino gegen die Beverini war ſo heftig, daß ſie nicht eher raſtete, als bis — 85 der ihr verhaßte Stamm Beverini gänzlich ausge⸗ rottet war. Der Letzte dieſes edlen Stammes ſtarb verbannt, geächtet durch die Hände feiler Meuchler, welche Morrino gegen ihn ſoll gedungen haben. Pirro. Ganz recht, ſo ſagt das Gerücht. Nur zwei Sprößlinge dieſes Stammes, Selena und Guido, waren von demſelben übrig geblieben, und nur ihre unſchuldsvolle Kindheit ſicherte dieſe vor dem Verderben und vor der Rachſucht ihrer Feinde. Godwin. Wo blieben dieſe Kinder? Pirro. Der Vater ihrer verſtorbenen Mutter, der edle Antonio Orbizo, nahm ſich der armen vater⸗ und mutterloſen Waiſen an. Er erzog ſie fern von dem Geräuſche der Welt auf ſeinem ein⸗ ſamen Landgute mit der väterlichſten Sorgfalt, und weit umher wurden dieſe beiden Kinder der Ge⸗ genſtand allgemeiner Liebe und Bewunderung, vor⸗ züglich wegen ihrer menſchenfreundlichen Tugend und wegen ihrer außerordentlichen, ausgezeichneten, zärt⸗ 6— 86— lichen Anhänglichkeit an einander und wegen ihrer wechſelſeitigen innigen Geſchwiſterliebe.. Godwin. Hatten dieſe auszeichnenden liebens⸗ 4 würdigen Tugenden und Vorzüge der beiden Kin⸗ der vielleicht auch einen für ſie günſtigen Einfluß auf Morrino und ſeinen Familienhaß? Pirro. Keineswegs. Er hörte die Lobprei⸗ ſungen von dieſen beiden liebenswürdigen Kindern mit verbiſſenem Grimm, der um ſo heftiger war, je weniger er ſich in Anſehung ſeines Sohnes En⸗ rico ähnlicher vortheilhafter und rühmlicher Nach⸗ richten erfreuen konnte. Im Gegentheil entſtanden von allen Seiten die lauteſten Klagen über Enrico's Wildheit, Bosheit und geheime Tücke und über ſo vielfältige Ungezogenheiten deſſelben, welche Gerüchte und Klagen jedoch der verblendete Vater, aus zu großer blinder Liebe für ſeinen Liebling, um ſo mehr für Verläumdung hielt, jemehr der Knabe ſich gegen ihn zu verſtellen und den Heuchler zu nchen wußte. 3 — 87— Godwin. Und jene beiden Kinder mußten vielleicht dafür leiden, daß Enrico der Achtung und Liebe für unwerth geachtet ward, welche man ihnen ſchenkte? 3 Pirro. Es trug wenigſtens vieles dazu mit bei, das Feuer der Zwietracht, das unter der Aſche fortglimmte, zu nähren, und es am Ende zu hellen Flammen anzufachen, als Guido und Enrico auf der hohen Schule zuſammentrafen. Der arme und unbegüterte Beverini hatte dort um ſo mehr von dem Ueberunthe und der argliſtigen Feindſchaft des reichen und ſtolzen Morrino zu dulden, als dieſer allenthalben in der Achtung und Liebe der angeſe⸗ henſten Familien der Stadt hinter dem armen und hülfsbedürftigen Beverini zurückbleiben mußte. Die ſtille, von kriechender Schmeichelei entfernte Beſchei⸗ denheit des Letztern, ſein unermüdeter Fleiß, ſeine Kenntniſſe und mehrere Beiſpiele, wodurch er ſeine warme, geräuſch⸗ und anſpruchsloſe Menſchenliebe mit der größten Selbſtverleugnung und mit bedeu⸗ — 88— tenden Aufopferungen, ja ſogar mit Gefahr ſeines Lebens bewieſen hatte, hatten ihm das Wohlwollen der bedeutendſten Perſonen und namentlich des all gemein beliebten Prinzen Breſari und des ehrwür⸗ digen und verdienten Biſchofs von Catania in ei⸗ nem ſo hohen Grade erworben, daß ihm die glän⸗ zendſten Cirkel offen ſtanden, von deren Zutritt der ſtolze Morrino entfernt blieb. Godwin. Ich kann mir denken, daß hierdurchh manche unangenehme Mißhelligkeiten zwiſchen beiden Jünglingen veranlaßt wurden; doch laß uns davon abbrechen, wenn dieſe Verhältniſſe nicht weſentlichen Bezug auf die Angelegenheiten des Grafen haben, über welche ich Aufſchluß von dir zu erhalten wünſchte. Pirro. Ihr werdet ſogleich hören, daß jene Mißhelligkeiten einen ſehr bedeutenden Bezug auf das haben, was Ihr eigentlich zu wiſſen verlangt. Enrico ſuchte den ihm verhaßten Guido in n h cherlei argliſtige Händel und Gefahren zu verſtricken, —ᷣᷣ———:—— — 39— welchen dieſer gleichwohl immer mit eben ſo vieler Klugheit, als Gewandtheit auswich. Das Mißlin⸗ gen ſeiner argliſtigen Anſchläge vermehrte Enrico's Haß und Groll gegen Guido in einem hohen Grade, aber als er auch ſogar in dieſem ihm verhaßten Feinde ſeinen begünſtigten Nebenbuhler bei der Nichte des vorhin erwähnten Biſchofs, der jungen, eben ſo reizenden, als tugendhaften Marquiſin Iſa⸗ bella Guarini, erkannte, welche eine der erſten Schönheiten des ganzen Val di Demona war, und noch mehr wegen ihrer hohen Tugend, als wegen des Zaubers ihrer Schönheit allgemein verehrt ward, da loderte ſeine Wuth und ſeine Rachſucht zu den hellſten Flammen auf. Vergebens wandte Enrico alles an, um ſeinen Feind aus dem Herzen der reizenden Iſabella zu verdrängen und ſich in dem⸗ ſelben einzuſchleichen; die Marquiſin beſtrafte ſeine Verläumdungen und ſeine kriechenden Schmeicheleien 1 kalter Verachtung, und zeichnete, mit Beiſtim⸗ mung ihres ehrwürdigen Oheims, den glücklichen — 960— Beverini durch ihre ganze Zärtlichkeit nur noch mehr aus. Godwin. Genug davon, lieber Alter. Ich habe dieſen Guido Beverini damals genauer ge⸗ kannt, ich weiß, daß dieſer beneidete Glückliche plötzlich von der ſchwindelnden Höhe ſeines Glücks, durch den ſchnell erfolgten Tod ſeiner geliebten Guarini, herabgeſtürzt ward. Ich weiß, daß ſich dieſen plötzlichen Tod, der eine Folge von einer Ingeſtion ſeyn ſollte, welche ſich Iſabella bei der Feier ihres ſechszehnten Geburtsfeſtes ſollte zuge⸗ zogen haben, anfangs Niemand recht erklären konnte, bis man Spuren von einer Vergiftung an dem Leichname bemerkte. Pirro. Ganz recht; ſo wißt Ihr auch wohl, daß deshalb ein fürchterlicher Verdacht gegen den jungen Morrino in Beverini's Seele entſtand; da der Letztere, in tobender Verzweiflung über den luſt ſeiner lüilen Jſabella, Rache gegen den ver⸗ ——————— — 941— meinten Mörder ſchnaubte, und dieſe an ihm gel⸗ tend zu machen ſuchte? Godwin. ſſich beſinnend.) Davon iſt mir nichts erinnerlich, ich mußte gleich nach jenen Auf⸗ tritten Catania und meinen Freund Beverini ver⸗ laſſen, von welchem ich auch ſeitdem nichts weiter gehört habe. Pirro. So kann ich Euch ſagen, daß ſein Plan der Rache gegen Enrico an deſſen Argliſt ſcheiterte, indem er der Rache ſeines Feindes durch die Dolche zweier Banditen zuvorzukommen ſuchte, welche Guido eines Abends an dem Fuße des Monte Gibello anfielen, die dieſer aber durch ſeine Gewandtheit und Beherztheit, mit Beihülfe eines dazu gekommenen jungen Officiers, überwältigte und den Einen dieſer beiden Mörder niederſtieß, wäh⸗ rend der Andre ſich durch die Flucht rettete. Durch zu Boden geſtürzten Mörder hatte Guido, ehe jener ſeine ſchwarze Seele ausathmete, den Namen 2= 92— deſſen erfahren, der ihn zu dieſem Morde gedungen hatte; es war Enrico Morrino. Godwin. Abſcheulich. Pirro. Jetzt kannte die Wuth und Rachſucht des jungen Beverini gegen ſeinen Feind keine Gren⸗ zen mehr; er dürſtete nach ſeinem Blute, und ſo ſorgfältig ſich Jener auch vor ihm verbarg und ſchon Anſtalt getroffen hatte, Catania wieder ſchnell zu verlaſſen und hierher zu ſeinem Vater zurück zu eilen, ſo drang dennoch Guido zu ihm ein und zwang ihn zu einem Zweikampf, in welchem der Sohn meines Gebieters unterlag. Dieſer war über den Tod ſeines einzigen Sohnes untröſtlich und in Verzweiflung. Er hatte in demſelben, in blinder Zärtlichkeit für ihn, ſein ganzes Glück umfaßt, und in ihm nun auch alles verloren, was ſeinem Her⸗ zen theuer war, da er Niemand weiter hatte, der ſeine Liebe mit Enrico theilen konnte, da deſſen 8 Geburt ſeiner geliebten Gemahlin Roſaura das L 3 ben geraubt hatte. Sein verzweiflungsvoller Schr — 93— über Enrico's Verluſt war daher ſo groß und hef⸗ tig, als ſein Grimm und ſeine Rachſucht gegen den Mörder ſeines Lieblings, den er nunmehr zweifache Urſache hatte, unverſöhnlichſt zu haſſen. Allent⸗ halben ließ er dem jungen Beverini nachſpüren und auflauern, und die bedeutendſten Summen wurden von ihm dem verſprochen, der ihm den Verhaßten lebendig überliefern würde. Guido war jedoch ſchon vorher durch eine ſchnelle Flucht, wozu ihn viel⸗ leicht ſelbſt ſeine Freunde mochten veranlaßt haben, der ihm drohenden Gefahr entronnen, und als Mor⸗ rino ſich der Gelegenheit beraubt ſahe, ſeinen glü⸗ henden Durſt nach Rache an dem Mörder ſeines Leeblings zu löſchen, ſo brach er, von Wuth und Rache entbrannt, auf, um die Schweſter des Mör⸗ ders zum Opfer ſeiner Rache zu machen, und in ihr den letzten Sprößling des erlauchten Beverini’⸗ ſchen Stammes zu vernichten. 4 Godwin. Der Unmenſch! was konnte die Arme für das Vergehen ihres Bruders? — 94— Pirro. Darnach fragte die Rachſucht des Gra⸗ fen nicht. Die arme Selena führte den Namen Beverini, und ſchon dieſes war für ihn genug, um ihn zu einer That zu veranlaſſen, vor welcher er, bei kälterem Blut, ſelbſt würde haben erröthen müſſen. Godwin. Ich zittere für die Unglückliche. Was. war ihr Schickſal? Pirro. In der Stille der Nacht ward das Landhaus des gutmüthigen Orbizo überfallen, und mit Gewalt ward Selena aus den Armen ihres väterlichen Freundes geriſſen und auf das Schloß des Grafen Morrino gebracht. Mit hohem ſcha⸗ denfrohen Entzücken empfing dieſer den vorangeeilten Boten, der ihm die Nachricht von dem gelungenen Anſchlage überbrachte, und ſorgſam mochte er über Planen brüten, wie er ſeine Rache am empfind⸗ lichſten könne geltend machen, als dieſe ſelbſt in der Mitte ihrer Räuber mit all' dem edlen An⸗ ſtande, der ihrem hohen Sinne und gebildeten Geiſte * 4 — 95— eigen war, vor ihm erſchien und ihr Anblick ſeine Wuth und ſeinen Grimm gegen ſie entwaffnete. Gezwungen mußte er dem hohen Zauber ihrer all⸗ gemein bewunderten Schönheit huldigen; der Aus⸗ druck des tiefſten Schmerzes, der, mit edler Größe der Seele vereint, den Zauber ihrer Reize um vieles erhöhete, die ſanfte Hingebung der armen hilfloſen Dulderin wirkten ſo heftig auf das Herz dieſes harten Mannes, daß er gärzlich umgeändert und mit ſich ſelbſt über dieſe unwillkürliche Umwandlung zu zürnen ſchien. Aus Scham vor ſeiner Gefan⸗ genen und um ihr ſeine Schwäche zu verbergen, begab er ſich eilends hinweg, um ſich zu ſammeln und ſich zur Ausführung ſeines vorigen Plans der Rache zu ermannen, doch mit ſich ſelbſt uneins, erſtarb der Befehl, Selenen einzukerkern, immer wieder auf ſeinen Lippen, er begnügte ſich blos da⸗ mit, ſie vor der Hand in ein kleines düſteres, einem Gefängniß ähnlichen Gemach des Schloſſes ein⸗ ſperren zu laſſen, während er ſelbſt in einem be⸗ — 96— ſtändigen heftigen Kampfe mit ſeinem Innern, ſtill und in ſich gekehrt, umher ſchlich oder ſich in ſein Kabinet verſchloß. Godwin. Und Selena? Pirro. Dieſe vertrauerte ihr unglückliches Le⸗ ben in ſtillem Harme. Weniger für ſich ſelbſt als wegen ihres Oheims und ihres heißgeliebten un⸗ glücklichen Bruders beſorgt, nagte ein heftiger Gram an ihrem Herzen, der endlich die Blüthe ihrer Ge⸗ ſundheit angriff und für ihr Leben das Schlimmſte befürchten ließ. Godwin. Wie benahm ſich Morrino dabei? Pirro. Selenens tiefer Schmerz und ihre un⸗ verſchuldeten Leiden zwangen ihm Ehrfurcht und Schonung ab. Er ſahe die Blüthe ihrer Geſund⸗ heit dahin welken, ihre Wangen verbleichen und das ſanfte Feuer ihrer Augen verlöſchen, und gerührt wandte er nun alles an, der armen Leidenden ihr Schickſal zu erleichtern und ihren Wünſchen durch ſchnelle Befriedigung zuvorzukommen. Ja noch — 97— mehr, er zwang ſich ſogar dazu, ſeine Rachſucht und ſeinen Haß gegen ihren Bruder in ihrer Ge⸗ genwart zu unterdrücken, wenn er ſich mit ihr in Geſprächen aus ihrer frühern Jugend vertiefte und Selena dann immer das Geſpräch auf ihren un⸗ glücklichen Bruder lenkte, ihm das hohe Glück ihrer beiderſeitigen zärtlichen Geſchwiſterliebe und die man⸗ cherlei ſchönen Scenen ihrer beider harmloſen Kind⸗ heit mit den blendendſten Farben ſchilderte. Mit heißer Sehnſucht wünſchte Selena ihren geliebten Oheim und ihren Bruder um ſich zu ſehen, oder von dem Letztern nur einige beſtimmte Nachrichten zu erhalten, und der Graf, der ſich immer mehr an Selenens angenehmen Umgang gewöhnte, immer größeres Vergnügen in ihrer traulichen Unterhal⸗ tung fand und alles anwandte, um ſich ſelbſt ihrem Herzen werth zu machen, ſäumte nicht, ihr wo möglich zu der Befriedigung ihres Wunſches wegen ihres Oheims behilflich zu ſein. Er ſendete Boten „ an den ehrwürdigen Orbizo ab, um dieſem von 2 7 dem heißen, ſehnſuchtsvollen Verlangen ſeiner Nichte nach ſeiner Geſellſchaft Nachricht zu geben und ihn freundſchaftlich zu ihr einladen zu laſſen, um Se⸗ lenen durch deſſen unvermuthete Ankunft auf dem Schloſſe angenehm zu überraſchen; allein dieſe Be⸗ mühung war vergebens. Orbizo hatte gleich nach Selenens Entführung ſeinen bisherigen Aufenthalt verlaſſen, wahrſcheinlich in der Abſicht, den ver⸗ kappten Räubern nachzueilen und ihnen ihre Beute wieder zu entreißen, aber Niemand wußte, wo der würdige Alte hingekommen war, und alle ange⸗ wandte Mühe, ihn ausfindig zu machen, blieben fruchtlos. Je weniger daher Selena ihr Verlangen von dieſer Seite befriedigt ſehen konnte, um ſo mehr beſeelte ſie der ſehnſuchtsvolle Wunſch, das Herz des Grafen für ihren unglücklichen Bruder zu rühren und demſelben ſeine Verzeihung auszu⸗ wirken. Allein ſo gern auch der Graf die Wünſche ſeiner ſchönen Gefangenen zu befriedigen ſuchte, ſo hartnäckig verweigerte er ihr die Gewährung dieſer — 99— Bitten. Sein unverſöhnlicher Haß gegen den Mör⸗ der ſeines Sohnes und ſeine Verfolgungen gegen denſelben dauerten ununterbrochen fort, und die oft wiederholten Bemühungen Selenens, ihn zu beſänf⸗ tigen und günſtigere Gefinnungen für Guido ein⸗ zuflößen, erbitterten ihn nur noch mehr, ſo daß endlich Selena, um nicht ſich ſelbſt und ihren un⸗ glücklichen Bruder noch mehr dem Grimme des harten Mannes auszuſetzen, ihre Thränen um Guido in ſeiner Gegenwart und ihre fruchtloſen Bitten unterdrückte, um es in Geduld abzuwarten, bis die alles heilende Zeit und kälteres Nachdenken die dem Grafen durch den Verluſt ſeines Sohnes geſchla⸗ gene Wunde heilen und ihn auf beſſere Geſinnungen für ihren Bruder bringen würde. So ſtanden dieſe Angelegenheiten, als endlich der Graf durch die zuverläßige Nachricht auf das angenehmſte über⸗ raſcht ward, daß es den dem unglücklichen Guido nachgeſchickten Verfolgern gelungen ſei, ihm auf die Spur zu kommen und ihn durch ihre Helfershelfer — 100— in den Apenninen bei Rini der Rache des Grafen zu opfern. 8 4 Godwin. Guter Gott! wie mag dieſe To⸗ desnachricht auf das Herz der armen DSehnneſle gewirkt haben! Pirro. Der Graf war ſchlau genug um ſei⸗ nes Vortheils willen, dieſe Nachricht vor Selenen auf das ſorgfältigſte zu verbergen und ſie durch andere falſche Nachrichten zu täuſchen. Er brachte ſie auf ſein entfernteres Schloß Guaſtilla. Um jedes etwaige Gerücht von dem Tode ihres Bru⸗ ders deſto beſſer von ihr zurück zu halten, und um ihr Zweifel gegen die Wahrheit dieſer Gerüchte beizubringen, wenn ſie ſich dennoch einmal zu ihrem Ohre ſchleichen ſollten, auch ihr die verlorene Ruhe wieder zu geben und ſie deſto beſſer nach ſeinen Wünſchen ſtimmen zu können, mußte ich mich in einer paſſenden Verkleidung auf Guaſtilla einſchle chen und Selenen einen untergeſ chobenen Brief von ihrem Bruder mit den vortheilhafteſten Nachrich⸗ — — 101— ten von ihm und ſeiner glücklichen Lage einhän⸗ digen. Godwin. Das thateſt du? Pirro. Ich that es, und es geſchah zu Se⸗ lenens Ruhe. Ihre Freude über dieſe Nachricht kannte keine Grenzen, die Heiterkeit und Seelenruhe, welche ſeit ſo langer Zeit ihr armes, mit Kummer belaſtetes Herz geflohen hatten, kehrten auf's Neue in daſſelbe zurück, und verbreiteten einen deſto hö⸗ hern Zauber über ihr ganzes ſchönes Weſen. Der Graf benutzte dieſe ihre glückliche Stimmung zu ſeinem Vortheil, indem er ihre Freude, ohne deren Grund von ihr zudringlich zu erforſchen, mit ihr theilte und günſtigere Geſinnungen gegen Guido affektirte, auch endlich mit ſeiner Bewerbung um ihr Herz und ihre Hand gegen ſie hervortrat. Seine lielevolle Zärtlichkeit, ſeine Milde, Schmei⸗ cheleien un glänzenden Verſprechungen, beſiegten Selenens Ledenklichkeit, und brachten ſie dahin, ſeinen Bitten unter der unerläßlichen Bedingung — 102— nachzugeben, daß er ſeine bisherigen Verfolgungen ihres Bruders auf immer einſtellte. Da der Graf durch die zuverläßigen Nachrichten von dem Tode feines Feindes von dieſer Seite ziemlich beruhigt worden war, ſo bequemte er ſich endlich nach eini⸗ gem ſcheinbaren Sträuben dazu, Selenen das feier⸗ liche Gelübde darzubringen, ſeine Bemühungen, Godwins Aufenthalt auszukundſchaften, um Rache an ihm zu nehmen, und ſeine ſeitherigen Verfol⸗ gungen des unglücklichen Flüchtlings abzubrechen, ſo lange dieſer nicht ſelbſt keck genug ſein würde, ſeine Schonung zu mißbrauchen und ſich ihm oder Sellenen zu nähern, wo er alsdann verbunden ſein würde, den Mord ſeines Sohnes an ihm zu rächen. Godwin. Selena ging dieſe Bedinging ein? Pirro. Allerdings. Die Vermählung ward mit einem dem Reichthume und Anſehen des Gra⸗ fen angemeſſenen Glanze auf Guaſtiha vollzogen, und mit der neuen Gräfin Morrino kehrten auch w —— — 103— Freude, Glück und Zufriedenheit in die bisher ver⸗ ödeten und freudenleeren Schlöſſer des Grafen, wie in die Hütte ſeiner Vaſallen zurück. Der Graf liebte ſeine junge, liebenswürdige Gemahlin mit einer bis zur höchſten Schwärmerei getriebenen Zärtlichkeit; ſein eifrigſtes Beſtreben war darauf gerichtet, ihre Liebe in einem eben ſo hohen Grade zu verdienen, und Selena blieb nicht unempfindlich bei dieſen ſeinen Bemühungen und den tauſend⸗ fältigen Beweiſen ſeiner unbegrenzten Liebe für ſie. Die Achtung, welche ihr ſein liebevolles und mildes Betragen gegen ſie in ihrem Unglück, wo ſie ſo ganz ſeiner Gewalt preisgegeben war, abgezwungen hatte, ging bald in volle gegenſeitige Zuneigung über. Das hohe Glück ihrer Gegenwart ſchien immer mehr und mehr jede düſtere Erinnerung an die trawrige Vergangenheit in ihrem Innern zu ver⸗ wiſch en, da zumal der Graf fortfuhr, ſie von Zeit zu Zeit durch untergeſchobene günſtige Nachrichten von ihrem Bruder zu täuſchen. An der Seite = 104— ihres Gemahls, der ſein ganzes höchſtes Lebensglück in Selenen umfaßte, blühete ihre jugendliche Schön⸗ heit in verjüngtem Zauber empor, und die Ruhe und Heiterkeit, welche ſie jetzt belebten, erhöhten das Glück des Grafen. Nur alsdann, wenn Selena zuweilen das Geſpräch mit ihm auf ihren Bruder und auf den Wunſch, ihn einmal zu ſehen, leitete, kehrten düſtere Wolken des Unmuths auf die Stirne des Grafen zurück, und mit kränkendem Verdruß ſchien er es zu bemerken, daß er die Liebe ſeiner Gemahlin noch immer mit dem ihm noch im Tode ſo verhaßten Gnido theilen mußte, und daß ſie dieſem ſogar vor ihm den Vorzug in ihrem Herzen gab. Der Ruf von der hohen Tugend und Schön⸗ heit der jungen Gräfin Morrino verbreitete ſich immer mehr und mehr, und ihre Meuſchenkteund⸗ lichkeit und Milde gegen die Armen und Hilfs⸗ bedürftigen machten ſie bald zu 64 würdgen Ge⸗ genſtande allgemeiner Bewunderung und Verehrung. Um ſeiner Gemahlin deſto mehr Gelegenheit zu — 105— angenehmen Zerſtreuungen zu geben, hatte der Graf kurz nach ſeiner Vermählung das Schloß Sarento in der Nähe der Hauptſtadt zu ſeinem und Se⸗ lenens Wohnorte gewählt, und bald war dieſes der Sammelplatz der angeſehenſten Perſonen, welche die Liebenswürdigkeit und Tugend der ſchönen Gräfin dahin zog. Feſte wechſelten mit Feſten aller Art ab, und wider ihren Willen ward die Gräfin in einen Strudel von Ergötzlichkeiten geriſſen, die ſie kaum mehr zu ſich ſelbſt kommen ließen. Allein eben dieſer ununterbrochene Wirbel von Ergötzlich⸗ keiten, der Selenen gewaltſam dahin riß, und na⸗ mentlich das auffallende immer ſtärkere Hinzudrän⸗ gen ſeiner Freunde und Gäſte zu Selenen und die ſüßen Schmeicheleien und Freundſchaftsbewerbungen der glänzenden Menge gegen ſie, weckten und nähr⸗ ten die dem Chaccter des Grafen eigenthümliche Eiferſucht in einent ſo hohen Grade, daß ſeine bis⸗ herige Ruhe und Heiterkeit immer mehr und mehr abnahmen. Die Gräfin erkannte jedoch zeitig genng — 106— die Urſache des Trübſinns ihres Gemahls, ſo vie⸗ len Zwang er ſich auch gegen ſie auflegte, und ehe das Uebel der Eiferſucht zu feſte Wurzel in ihm ſchlagen konnte, ſuchte ſie demſelben durch einen ra⸗ ſchen Entſchluß und eine freiwillige Entſagung ihrer bisherigen Vergnügungen zuvorzukommen. Aus Schonung für ihren Gemahl verbarg ſie dieſem die wahre Urſache ihres Entſchluſſes, indem ſie, unter dem Vorwande eines Ueberdruſſes an ihrer bisherigen geräuſchvollen Lebensart, ſich von der Nähe der Stadt und aus ihren glänzenden Zirkeln entfernte, und, mit Beiſtimmung ihres Gemahls, die kleine aber äußerſt reizende Villa deſſelben, Ceriga, zu ihrem Aufenthalte wählte, welche, ungeachtet ihrer Entfernung von der Hauptſtadt, dennoch bequem genug für den Grafen lag, um ſeine Gemahlin, ohne Hintanſetzung ſeiner glänzenden Verhältniſſe am Hofe, in ihrer Einſamkeit beſuchen und von Zeit zu Zeit das Schloß Sarento verlaſſen und immer einige Tage in jeder Woche auf Ceriga 8 ——x 2 Ankunft bei ihr mit der freudigen Botſchaft ent⸗ — 107— ganz dem Glücke ſeines Herzens leben zu kön⸗ nen. Godwin. Du ſpannſt meine ganze Erwartung auf die folgenden Schickſale der Gräfin. Pirro. Menſchenglück gleicht der Sonnenhitze: dem höchſten Grade folgt ein Unwetter, und mit den Mächten des ewigen Schickſals iſt kein ewiger Friede zu ſchließen; denn ſchnell und unvermuthet ſchreitet durch ſie das Unglück daher. Auch Mor⸗ rino und ſeine Gemahlin waren zu glücklich, als daß dieſes Glück hätte von langer Dauer bleiben können. Die ſchönen beſeligenden Freuden des glücklichen Gatten, welche der Graf in ſeiner Ge⸗ mahlin in ihrer ganzen ſchönen Fülle genoß, er⸗ hielten jetzt einen neuen Zuwachs durch die zu hof⸗ fenden eben ſo ſchönen Freuden des glücklichen Vaters, indem ihm eines Tages Selena bei ſeiner gegenflog, daß ſie ihn bald als Vater umarmen und ihn durch einen ſprechenden Zeugen ihrer glück⸗ — 108— lichen Liebe erfreuen werde. Das Entzücken des Grafen bei dieſer Nachricht war über jeden Aus⸗ druck erhaben, ſeine Sorgfalt für die Bequemlich⸗ keit und Pflege ſeiner Gemahlin ſtieg mit ſeiner Zärtlichkeit für ſie auf den höchſten Grad, indem er jetzt ſeltener, als jemals von ihr wich, und ſie vor jedem rauhen Lüftchen, das ſie anwehen konnte, zu verwahren ſuchte. Endlich erſchien die heiß er⸗ ſehnte und zugleich mit ängſtlicher Unruhe und Be⸗ ſorgniß gefürchtete Stunde, welche in der glücklichen Geburt einer kleinen Tochter ſeine ſchönſten Hoff⸗ nungen krönte, und ihn gleichſam in ein Meer von ſeligen Freuden verſenkte, deſſen Wogen den glück⸗ berauſchten Vater an die hehren Geſtade der Se⸗ ligen zu wiegen ſchienen. Einen glücklichern Mann, als den Grafen, gab es jetzt weit und breit nicht, und ſein Inneres ſchien kaum Raum genug für das überſtrömende Vollmaß ſeines Glücks zu haben. Um ſo auffallender war es, daß die Gräfin dieſe Frreude ihres Gemahls nicht mit voller Seele, dacht gegen ſie zu verrathen, ließ er ſeine Gemah⸗ — 109— ſondern mit einigem Zwange zu theilen ſchien, unter welchem ſie in ſeiner Gegenwart einen tiefen Kum⸗ mer zu verbergen ſchien. Ungeachtet des ſich ſelbſt aufgelegten Zwanges entging ihre immer höher ſtei⸗ gende Unruhe und ängſtliche Verlegenheit dem Gra⸗ fen nicht. Vergebens drang er jedoch in ſie, ihm die Urſache ihres geheimen Mißmuthes zu entdecken. Die Gräfin wich ſeinen Fragen und Bitten unter mancherlei Vorwande und unter der Maske einer erkünſtelten Heiterkeit ſo geſchickt aus, daß der Graf ihr von dieſer Seite nicht beikommen konnte, ſon⸗ dern ſich mit dieſer erzwungenen Heiterkeit und Ruhe ſeiner Gemahlin mußte begnügen laſſen. Allein der Mangel an Zutrauen und Offenheit, den er hiebei bei ſeiner Gemahlin gegen ſich zu bemerken glaubte, weckten ſein Mißtrauen gegen ſie und die gefährlichſten Zweifel an ihrer Liebe und Treue in ſeiner Seele. Er zwang ſich zur Verſtellung gegen ſie, und ohne ſeine innere Unruhe und ſeinen Ver⸗ — 110— lin und jeden ihrer Schritte durch einen vertrauten treuen Diener, den eben ſo verſchmitzten, als eigen⸗ nützigen und hinterliſtigen Caſelli, insgeheim ſehr genau beobachten. Dieſer Caſelli verrieth endlich dem Grafen, daß die allgemein bewunderte Tugend und Unſchuld ſeiner jungen und ſchönen Gemahlin nichts als Gleisnerei ſei, um ihn deſto ſicherer zu betrügen, daß ſie in den Armen eines Jünglings, der ſeit geraumer Zeit in der Gegend der Villa Ceriga, unter dem Namen Bernardo, verborgen lebte, ſeiner Leichtgläubigkeit ſpotte und mit dieſem Unbekannten in einem verbotenen Umgange lebe und geheime Zuſammenkünfte mit ihm in dem angren⸗ zenden Parke veranſtalte, wo ſie Caſelli eines Abends in der traulichſten Stellung in den Armen ihres Buhlers überraſcht hatte. Godwin. Schrecklich! Pirro. Ich bin nicht im Stande, Euch zu ſchildern, wie überaus heftig dieſe Nachricht den 8 Grafen und ſeine glühende Eiferſucht und Rachſucht empörte. Er ſahe ſich auf das ſchändlichſte ver⸗ rathen, ſich von der, die er mit ſo unbegrenzter Zärtlichkeit liebte, treulos betrogen und für all' ſeine Liebe auf die empörendſte Art belohnt; ſelbſt der Umſtand, daß Selena gerade dieſe Villa Ceriga zu ihrem Aufenthalte gewählt hatte, vermehrte jetzt ſeinen Grimm, indem er nunmehr den wahren Be⸗ weggrund zu dieſer Wahl zu erkennen glaubte, der, ſeiner Meinung nach, kein anderer geweſen war, als ihrem Buhler näher zu kommen, da man ihm ſagte, daß ſie ſchon während ihres Aufenthaltes auf Sarento die Bekanntſchaft mit demſelben insgeheim unterhalten habe. Er glaubte von ſeiner Schande und Schmach vollkommen überzeugt zu ſein, und ſein Grimm kannte keine Grenzen, als Selena die vertraute Bekanntſchaft mit dem Unbekannten nicht läugnete, aber ihre Unſchuld und Tugend mit Thränen und den ſeier⸗ 8 lichſten Schwüren betheuerte, und ſie auf keine Weiſe 4 dazu zu bewegen war, den Namen dieſes Fremd⸗ lings zu nennen, da ihr, nach ihrer Verſicherung, ein feierliches Gelübde ein ewiges Stillſchweigen über ſeinen Namen auflege. Sie ſahe ſich der ganzen Wuth ihres Gemahls ausgeſetzt, deſſen vo⸗ rige Liebe und Zärtlichkeit in den ſchrecklichſten Haß übergegangen war, und nur ein fein ausgeſonnener Plan einer empfindlichen langſam marternden Rache konnte ihn dahin bringen, ſie ſelbſt und die kleine Aurora, die er, als Baſtard jenes Unbekannten, verfluchte, in der erſten Wuth nicht ſeinem Grimme aufzuopfern. Alle diejenigen, welche die Gräſin kannten und als ihre Wohlthäterin verehrten, zitter⸗ ten für ihr Leben, ſo wenig ſie dieſelbe über das Geſchehene zu entſchuldigen wagten. Godwin. Guter Gott! So wagte es Nie⸗ mand, ſich der armen Selena anzunehmen und ſie 4 rechtfertigen? War ihr Vergehen ſo ganz er⸗ , daß es keine Rechtfertigung zuließ? Aastero. Wäre ſie wirklich ſchuldlos geweſen, warum hätte ſie es unterlaſſen, ſich zu rech hiferti⸗ gen? Ihr Stillſchweigen über den Nannen ihres —ℳℳ — 113— Verführers und die ſchnelle Flucht deſſelben beſtä⸗ tigten ihr Verbrechen. Sie mußte ihrem bis zur ſchrecklichſten Wuth ergrimmten Gemahle hierher auf dieſes öde und entlegene Schloß Oranto folgen, wo ſie im ſtrengſten Gewahrſam einſam und von allen lebenden Weſen entfernt, die ſich ihrer hätten hilfreich annehmen können, ihr Leben vertrauerte und Muſe genug erhielt, ihr ſtrafbares Vergehen zu bereuen. Ihre Lage verſchlimmerte ſich noch mehr dadurch, daß ihr der Graf unter den ſchreck⸗ lichſten Schwüren gedroht hatte, ihre kleine Tochter Aurora, die man ihr aus Erbarmen mit in das Gefängniß gegeben hatte, und die in ihrem Elenden ihr einziges Glück ausmachte, aus ihren Armen zu reißen und ſie als Baſtard ſeinem an n wenn die Gräfin nicht ihr verbrecheriſt ſchweigen bräche und offenherzig ihr Verbrechen den Namen ihrers Verführers geſtünde. Godwin. Unglückſelige Selena! Pirro. Ja wohl unglückſelig! Unglückſeliger 8. — 114— noch, als der Graf grauſam genug war, bei ihrem fortdauernden Stillſchweigen ſeine Drohung wirklich in Erfüllung zu bringen, und, ungeachtet der Ver⸗ zweiflung der unglücklichen Mutter, das kleine Mäd⸗ chen mit Gewalt aus Selenens Armen reißen ließ, ohne daß ſie oder irgend Jemand das weitere Schickſal des Kindes beſtimmt erfuhr, das wahr⸗ ſcheinlich mit ſeinem Leben für das Perljschen ſeiner Mutter büßen mußte. Godwin. Deine Erzählung iſt gräßlich und erſchüttert mich mächtig. Pirro. Sie wird ſogleich beendigt ſein. In eeinem lebloſen Zuſtande fand man Selenen, und ihr verzweiflungsvoller Schmerz, ihr Jammer bei dem Erwachen aus ihrer Betäubung rührte die härteſten Gemüther. Doch zur Verwunderung ihrer Wächter efhuuune plötzlich ihr verzweiflungsvoller Jammer, ihre Thrüuen vertrockneten und ihr wilder Schmerz ging in ſtille Trauer und düſtere Schwermuth über, welches man als die heilſame Folge des Beſuchs 1 — 115.— eines alten, ehrwürdigen Ordensgeiſtlichen betrach⸗ tete, der ſich zu ihrem Troſte bei ihr eingedrängt hatte. Ihre Wächter fühlten tiefes Mitleid mit ihrem Zuſtande, welches ſie jedoch ſorgfältig vor dem Grafen verbergen mußten; denn dieſer blieb ungerührt und unerbittlich gegen ſie. Als er ent⸗ deckte, daß das ſtille Leiden der unglücklichen Dul⸗ derin und ihr ſchwermuthsvoller Blick ihre Wächter rührte, und er vielleicht befürchtete, daß dieſe ihr Gelegenheit zur Flucht geben möchten, war er ſo⸗ gar hart genug, auch dieſe von ihr zu entfernen, und nur erſt ſpäterhin, als die ſchwarze Flagge des Todes von dem Thurme des Schloſſes herab⸗ wehete, erfuhr es die benachbarte Gegend, daß, nach einer kurzen Krankheit, der Tod den Leiden der armen Dulderin ein Ziel geſteckt hatte. Von allen Seiten drängten ſich die Bewohner der Gegend her⸗ bei, um die Ausgelittene noch einmal zu ſehen und ihr an ihrem Sarge Thränen ſtiller Wehmuth zu weihen; aber der ſtrenge Befehl des Grafen und — 116— die ſtets orgfälig verſchloſſen gehaltenen Zugänge zu dem Schloſſe hielten Jeden, der ſich der Leiche nähern wollte, von derſelben entfernt. Bei nächt⸗ licher Weile, ohne Sang und Klang, ward der Leichnam in dem Grabgewölbe des Gartens bei⸗ geſetzt.— Godwin.(heftig bewegt.) Alſo todt? wirklich todt? 4 Pirro. So iſt es. Dort in jenem Pavillon, der, von Cypreſſen umdüſtert, an der weſtlichen Grenze des Gartens dieſes Schloſſes ſich erhebt, befindet ſich die Todtenhalle, in welcher die Gebeine deer Hingeſchiedenen die Verweſung deckt. Täglich weilt der Graf noch jetzt an ihrem Grabe und an dem Denkmale, das er über demſelben errichtete und das oft ſeine heißen Thränen benetzen. Se⸗ lenens Tod ſchien einen fürchterlichen Eindruck auf das Herz des Grafen gemacht zu haben. Sein voriger Grimm, ſeine Wuth waren verſchwunden, und hatten einem ſtillen Grame in ſeiner Seele — 117— Platz gemacht, der endlich in einen ſchwarzen Men⸗ ſchengroll überging. Er zog ſich aus dem Ge⸗ räuſche der Welt gänzlich zurück, und verbannte ſich in dieſe öde Einſamkeit des Schloſſes Oranto, das die Ueberreſte ſeiner dahingeſchiedenen, vielleicht gar von ihm ermordeten Gemahlin in ſich faßt, und deſſen Pforten jedem ſeiner ehemaligen Freunde und Bekannten verſchloſſen bleiben; denn jedes Men⸗ ſchengeſicht, in welchem er bekannte Züge entdeckt, ſcheint ihn mit Schaudern und Entſetzen durch die Erinnerung verlorener Freuden der Vergangenheit von ſich zurückzuſcheuchen. Godwin. Gleichwohl ſtehen die Pforten dieſes Schloſſes dem einſamen Wanderer zu jeder Tages⸗ zeit offen? Das faſſe ich nicht. Pirro. Doch iſt es ſo, obgleich ſich dieſes eben ſo wie manches andere in dem Betragen und in der Lebensweiſe des Grafen räthſelhaft iſt. Dieſe ſeine ſcheinbare Gaſtfreundſchaft beruht jedoch viel⸗ leicht auf ſehr begreiflichen anderweitigen Urſachen, — 118— Godwin. Darf ich ſie wiſſen? Pirro. Ich habe Euch ſchon zu viel geſagt, als daß ich nicht auch noch meine Vermuthung in dieſer Hinſicht dem bereits Geſagten beifügen ſollte. Habe ich mehr entdeckt, als die Klugheit heiſchte, ſo mag es Bodo rechtfertigen, der mich dazu auf⸗ forderte, Euch alles zu ſagen. 1 Godwin. Sorgt nicht, guter Alter. Ich bin kein Böſewicht, und würde mich ſelbſt verabſcheuen müſſen, wenn ich Euer und Eures Freundes Bodo Zutrauen zu mir durch ſchändlichen Verrath vergel⸗ ten wollte. Pirro. Nun wohl. Mit dem Tode der Gräfin Selena ging zwar die Erbitterung des Grafen ge⸗ gen ſie ſelbſt zu Grabe, aber nicht ſo auch ſein Haß und ſeine Rachſucht gegen ihrer Verführer, den bübiſchen Bernardo, von welchem man ſpäterhin ſo viel entdeckt haben ſoll, daß er ein junger Nobili aus Venedig und ein Anverwandter der unglücklichen Familie Sotoria geweſen ſei, der als Flüchtling — 119— umherſchweife. Die Kundſchafter des Grafen Mor⸗ rino ſind überall ausgeſtellt, um ihn ausfindig zu machen, und in der Vermuthung, daß dieſer Ber⸗ nardo vielleicht auf innern Antrieb ſeines Herzens in dieſe Gegend irgend einmal zurückkommen könne, um Nachrichten von der Geliebten ſeines Herzens einzuziehen, ſind die um die Schlöſſer des Grafen bei Tag und Nacht ausgeſtellten Wächter und Spi⸗ one deſſelben beordert, jeden vorüberziehenden Fremd⸗ ling anzuhalten, ihn auf das nächſte dieſer Schlöſſer einzuladen und ihn ſogar wider ſeinen Willen mit Gewalt dahin zu dringen, um ihn gaſtfreundlich zu bewirthen und zu verpflegen, oder vielmehr ihn unter der Maske von Edelmuth und Gaſtfreundſchaft zu erforſchen, ob er vielleicht der längſt erwartete ver⸗ haßte Bernardo ſei. Ihr befindet Euch hier in dem nämlichen Falle. Euer verdächtiges Umher⸗ ſchleichen in der Gegend, das man ſchon ſeit meh⸗ reren Tagen bemerkte, und ſo manches Andere, was ich freilich nicht kenne, mag den Verdacht des Gra⸗ .— 120— fen gerade gegen Euch ſehr verſtärkt und Euch ſei⸗ nen Zorn in einem ſo hohen Grade zugezogen haben, daß nur der alte, ehrwürdige Bodo, durch ſeine thätigſte Verwendung und Fürſprache, Euch dem bedroheten Verderben entziehen konnte. Godwin. Hat dieſer Bodo ſo gar viele Ge⸗ walt über den harten, menſchenfeindlichen Mann?d Und wer iſt denn eigentlich dieſer Bodo? Pirro. Niemand kennt ihn genau und weiß etwas mehr von ihm, als daß er ſich ſeit mehre⸗ ren Jahren in der Einſamkeit jener Wildniß, un⸗ fern des verrufenen See's, niedergelaſſen hat, wo er ſich durch ſeine Menſchenfreundlichkeit und aus⸗ gezeichnete Frömmigkeit die allgemeine Liebe und Ehrfurcht der ganzen umliegenden Gegend in einem ſo hohen Grade erworben hat, daß ſogar der Graf bei aller ſeiner Macht würde zittern müſſen, wenn er dem guten Greiſe nur ein Haar krümmen wollte; allein dies hat Bodo auch nicht im Geringſten zu befürchten. Er hat eine ganz eigene und beſondere — 121— Gabe, ſich die Herzen der Menſchen geneigt zu machen, und ſo iſt es ihm denn auch gelungen, ſich das Herz des Grafen, ungeachtet deſſen menſchen⸗ feindlichen Geſinnungen, in einem hohen Grade zu gewinnen. Er iſt der Einzige, dem der Graf ſein Zutrauen und ſeine Freundſchaft ſchenkt, und der zu jeder Zeit ungerufen und unangemeldet zu ihm kommen darf. Doch bedient ſich Bodo dieſer Er⸗ laubniß nur ſelten und bei beſonders bedeutenden Vorfällen, ſo daß der Graf öfters über die lange Abweſenheit ſeines Vertrauten von dem Schloſſe äußerſt beſorgt um ihn und unzufrieden deßhalb mit ihm war. Oefter als jemals ſpuckt aber dieſer Greis ſeit einigen Tagen und Nächten, wie ein lichtſcheues Geſpenſt, in dem Schloſſe und bei dem Grafen umher, ſo daß man wohl füglich auf bes deutende Vorfälle ſchließen dürfte, welche ſeine be⸗ ſtändige Anweſenheit auf dem Schloſſe veranlaßt haben mögen. Godwin. Sonderbar. Glaubſt du dieſen Bodo hinlänglich zu kennen, um entſcheiden zu lönnen, ob er und ſein verdächtiges Umherſchleichen, ſowie ſein Zuſammenſtecken mit dem Grafen nicht auf irgend eine Art zu fürchten ſei? Pirro. Seid außer Sorgen. Ich kenne ihn genau, und Ihr mögt ſein, wer Ihr wollt und zu fürchten haben, was es auch immer ſei, ihn habt Ihr nicht zu fürchten. Er hat Euch ſeine Freundſchaft, ſeinen Schutz und ſeinen Beiſtand ver⸗ ſichert, und ſo könnt Ihr ganz ſicher darauf rech⸗ nen, daß er lieber ſich ſelbſt aufopfern, als ſeine Zuſage brechen würde. Er ſelbſt hat Euch mir an⸗ gelegentlichſt auf die Seele gebunden und mich ver⸗ anlaßt, Euch Dinge zu erzählen, die ich kaum mei⸗ nem vertrauteſten Freunde, am allerwenigſten eindm Manne anvertrauen würde, der mir ganz fremd iſt, wenn nicht dieſer Bodo für Euch die Viagſchaſt bei mir übernommen hätte. Godwin. Dieſer Alte iſt mir ganz Räthſel, und ich begreife nicht, wodurch ich ſeine Aufmerk⸗ ————— ſamkeit und Freundſchaft in einem ſo hohen Grade auf mich gezogen habe. Pirro. Darüber kann er allein Euch nur auf⸗ klären. 3 Godwin. Vergönne mir nur noch eine Frage. Pirro. Welche? 3 Godwin. Welche Bewandtniß hat es mit dem Schreckensthurme und jenem nächtlichen Glocken⸗ rufe? Pirro. Ich habe mich darüber ſchon erklärt, und muß es wiederholen, daß ich Euch die Ant⸗ wort auf alle dieſe und ähnliche Fragen in Be⸗ ziehung auf dieſe Dinge ſchuldig bleiben muß, weil ich eben ſo wenig, als jeder Andere in dem Schloſſe, etwas mehr von dieſen Dingen weiß, als daß ſie da ſind, daß jener See der See Averno genannt ¹ wird, daß mancherlei abenteuerliche Gerüchte von den feindſeligen Geiſtern in dieſem See und dem dort befindlichen Schreckensthurme ſich hier herum verbreitet haben, und daß die dort herumſchleichen⸗ — 124— den Spuckgeiſter eben ſo ſehr, als der ſchauerliche Ton jener Glocke, welche unter dem Namen der mitternächtlichen Todtenglocke bekannt iſt, einen Jeden von jener Gegend zurückſcheuchen. Mehr zu er⸗ lauſchen würde ſich Niemand erdreuſten; denn eben ſo furchtbar, als die dort hauſenden Schreckgeſpen⸗ ſter ſchrecken die Drohungen und der Zorn des Grafen Jedermann von dieſer Erſpähung der dort verborgenen Geheimniſſe zurück. Der Zorn des Grafen würde keine Grenzen bei einem Frevel die⸗ ſer Art kennen, und man raunt ſich hin und wie⸗ der grauſende Scenen der Art ins Ohr. Godwin. Ich muß es bekennen, daß ich deſſen ungeachtet ſehr begierig bin, jenen See Averno mit ſeinen Schreckniſſen genauer kennen zu lernen. Pirro. Haltet ein! Eine ſolche Aeußerung darf ich, als treuer Diener des Grafen Morrino, ohne Verletzung meiner ihm gelobten Pflicht nicht hören. Wollt Ihr aber auf Freundesrath achten, ſo unter⸗ drückt jeden Gedanken dieſer Art, daß ihn der Graf — 125— ja nicht erlauſche, um Eure Freiheit würde es dann ſogleich geſchehen ſein, und ohne die Befriedigung Eures Wunſches erhalten zu können, würdet Ihr das Schlimmere noch zu befürchten haben. Der junge Tag dämmerte bereits im düſtern Grau in öſtlicher Ferne herauf, als Pirro, nach⸗ dem ihm Godwin nochmals das unverbrüchlichſte Stillſchweigen über das Erzählte feierlichſt gelobt hatte, ſich von dieſem entfernte und leiſe wieder zur Thüre hinausſchlüpfte. Godwin begab ſich auf ſein Lager, aber die Er⸗ zählung des alten Schloßverwalters hatte ſo heftig auf ihn gewirkt, daß er nur erſt ſpäterhin, als es ſchon begann in dem Schloſſe lebhaft zu werden, in einen leichten Schlummer ſank. 9. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch über dem Walde, als Godwin erwachte. Er verließ ſein Lager, und von mancherlei beunruhigenden Ideen und Beſorgniſſen beengt, trat er an das geöffnete Fenſter. Sein Blick durchflog das weite Thal, das ſich an dem Fuße des Schloßberges in dem lieblichſten Farbengemiſch vor ihm ausbreitete. Ueber die Aue daher trugen die linden Morgenlüfte die Harmonien der befiederten Sänger des Haines zu ſeinem Ohre; heiter ſchwang ſich in einer kleinen Entfernung vor ihm eine Lerche in die reinere Him⸗ melsluft, und ihr freudiges Schwirren weckte und nährte ſeine bangen ängſtlichen Gefühle noch mehr. — 127— Sehnſuchtsvoll folgte ſein trüber Blick der muntern Sängerin und ihren leichten Schwingungen in dem reinen Aether. „O daß ich mit dir leicht und fröhlich dahin flattern und des freien Lebens mit dir mich freuen könnte!“ ſeufzte er traurig.—„Für mich iſt dieſe Hoffnung wiederkehrender Freiheit verſchwun⸗ den. Finſtere Wolken umfloren die Ausſicht meiner Zukunft. Dieſer Schatten von Freiheit, den mir Morrino hier vergönnt, läßt mich den Verluſt mei⸗ ner wirklichen Freiheit nur deſto ſchmerzhafter füh⸗ len. Wie wird dieß alles endlich mit mir en⸗ den?“ „Gut,“ unterbrach ihn plötzlich eine männliche Stimme in dieſem Selbſtgeſpräche. Erſchrocken blickte er ſich um, und er erblickte Pirro, der in der halbgeöffneten Thüre ſtand und das Ende ſeines Selbſtgeſprächs belauſcht hatte. „Erheitert Euern trüben, ſchwermuthsvollen „Eures Schicfſals düſtre Wolken ſcheinen ſich zu zer⸗ ſtreuen. Ich bin der Bote, der Euch Eure Frei⸗ heit ankündigt. Ihr ſeid frei und könnt gehen, wohin es Euch gefällt.“ „Träum' ich oder iſt es Wahrheit?“ fragte Godwin erſtaunt.„Ich bin frei? der Graf läßt mich ungehindert ziehen?“ 1 „Ungehindert, wohin es Euch beliebt.“ Godwin. Das faſſe ich nicht. Wunderſelt⸗ ſam ſpielt Laune und Zufall mit mir; ſoll ich immer nur der Ball des blinden Ungefährs bleiben! Ich werde ergriffen, wie ein Verbrecher hierher ge⸗ ſchleppt, in den Kerker geworfen und mit den grau⸗ ſamſten Martern bedroht, ohne zu wiſſen warum. Schnell werde ich wieder der Nacht meines Kerkers entriſſen, gepflegt und bedient wie ein Freund von dieſem Hauſe, und jetzt kündigt man mir ſogar meine Freiheit an, ohne die Urſachen von dieſer ſeltſamen Wendung meines Schickſals zu kennen. Wer kann hierin Zuſammenhang finden? — 429— Pirro. Grübelt nicht über das Wie und War⸗ um, ſondern freut Euch, daß es ſo iſt. Niemand wird Euch dieſe Räthſel löſen können, und ich ge⸗ ſtehe es offen und frei, daß ich eine ſo ſchnelle und günſtige Wendung Eures Schickſals nicht vermu⸗ thete. Godwin. Ahreſt du auch nicht, was eigent⸗ lich wohl die ſchnelle Sinnesänderung des Grafen gegen mich bewirkt haben mag? Pirro. Wie vermöchte ich das, da unſer ſtren⸗ ger Gebieter nicht gewohnt iſt, uns, ſeinen Dienern, die Urſachen ſeiner oft ſehr ſeltſamen Befehle an⸗ zudeuten. Vielleicht vermuthete man in Euch eine andere Perſon, als man wirklich in Euch fand, und überzeugt von ſeinem vorigen Irrthume, ſucht der Graf vielleicht den Fehler ſeines Irrthums wie⸗ der gut zu machen, indem er billig genug iſt, Euch ohne Weiteres die Freiheit wieder zu geben. Godwin. Ich vermag es nicht, eine Spur aus dieſem mich umhüllenden Dunkel zu finden. — 4 9 — 130— Wird es mir vergönnt ſein, den Grafen vor mei⸗ ner Abreiſe noch einmal zu ſprechen? Pirro. Nein, dieſen Wunſch müßt Ihr unter⸗ drücken. Der Graf iſt für Niemand mehr zu ſprechen. Er hat ſich menſchenfeindlicher als je⸗ mals in jene ſchwarze Todtenhalle des Gartens ver⸗ ſchloſſen. Mit düſterm, finſterm Blick erhielt ich nur mit halben Worten von ihm den Befehl zu Eurer Freilaſſung, und den Auftrag, Euch unver⸗ züglich von dieſem Schloſſe zu entfernen. Godwin. Ich verſinke immer tiefer in Räthſel. Er gibt mir die Freiheit und gleichwohl entzieht er ſich meinem Anblicke? Iſt dieſer ihm ſo ſehr— zuwider? Pirro. Dem Meiſcheuftinde iſt der Anblick eines jeden Menſchengeſichts zuwider. Wollt Ihr meinen gutgemeinten Rath annehmen, ſo benutzt ſchnell die Euch ertheilte Erlaubniß, Euch hinweg⸗ begeben zu dürfen. Seltſam ſind die Launen des Grafen, ſeltſamer in Stimmungen, wie dieſe, in ſtehe ich, daß ich jetzt ungern dieſes Schloß ver⸗ welche er jetzt wieder verſunken iſt. Im Vertrauen bekenne ich Euch, daß ich der ſcheinbaren Güte des Grafen gegen Euch nicht ganz traue; darum be⸗ nutzt den gegenwärtigen Augenblick, ehe der Graf vielleicht in ſeiner wechſelnden Laune wieder zurück⸗ nimmt, was er Euch, wie es ſchien, ſehr ungern und wider Willen gab, denn wenn ich mich nicht ganz in ihm täuſchte, ſo glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Befehl zu Eurer Freilaſſung einige Anſtrengung koſtete. Godwin. Neue Räthſel! Pirro. Wenn ich mich nicht trüge, ſo dürftet Ihr leicht Eure jetzige Freiheit weniger der Güte des Grafen, als vielmehr der thätigſten Verwendung Bodo's für Euch zu verdanken haben. Godwin. Zu dieſem will ich eilen, vielleicht daß er meinen Bitten nachgibt und den Schleier von dieſen Räthſeln hinwegzieht. Gleichwohl ge⸗ — 132— laſſe und daß ich wenigſtens ſehr gern jene ſchwarze Todtenhalle noch einmal beſucht hätte. Pirro. Wo denkt Ihr hin? Keiner von den Bewohnern dieſes Schloſſes dürfte es wagen, ſich dem geheimnißvollen Gewölbe der Todtenhalle zu nähern. Godwin. So muß ich mich wundern, daß ich geſtern auf meinem Spaziergange in dem Garten nach jenem Pavillon mich angezogen fühlte und un⸗ geſtraft in jene geheinmißvolle Halle eintreten durfte, ungeachtet der Graf ſelbſt kurz nach meinem Ein⸗ tritt zu mir hereintrat und mich dort fand. Pirro. Wie benahm er ſich dabei, als er Euch dort fand? Godwin. Seine Miene drückte mehr tiefe Schwermuth als Zorn aus, und nur eine leichte Wolke des Unwillens ſchien über ſeine Stirn zu gleiten, als er mir mit der Hand winkte, mich zu entfernen. — Pirro. So⸗ gehört dieſes mit zu den Räth⸗ — 133— ſeln, welche mir des Grafen Betragen gegen Euch unerklärbar machen. Ein Anderer als Ihr würde dieſe Keckheit gewiß ſehr empfindlich haben büßen müſſen. Gleichwohl möchte ich Euch nicht rathen, dieſen Verſuch zu wiederholen, zum zweiten Male dürftet Ihr wohl ſchwerlich ſo leicht wieder davon kommen; auch würdet Ihr von nun an alle Zu⸗ gänge zu dem Garten und der Todtenhalle wieder feſt verſchloſſen finden. Godwin. So bleibt mir denn freilich nichts übrig, als dem Willen des Grafen nachzukommen. Pirro. Thut das. Gehabt Euch wohl und vergeßt den alten treuen Pirro nicht. Godwin. Wie könnte ich das? Ich gehe fett als dein großer Schuldner von dir. Du biſt mir mit Freundſchaft und Zutrauen entgegengekommen, du haſt mein Herz durch freundliche Zuſprache er⸗ heitert, nimm dafür jetzt meinen wärmſten Dank, bis vielleicht eine beſſere Zukunft mir vergönnt, dir mehr als Worte zu geben. — 134— Pirro. Laßt das gut ſein. Bodo hat ſchon im Voraus vergolten, was ich auf ſeine eigene Veranlaſſung ſo gern für Euch und zu Eurer Be⸗ ruhigung that. Gern hätte ich noch mehr für Euch gethan, aber ich habe noch andere Pflichten als die 3 der Freundſchaft auf mir. Ihr geht jetzt zu Bodo; grüßt dieſen wackern, redlichen Freund herzlich von mir. Godwin drückte den alten, treuen Freund mit Wärme an ſein Herz und ging. Pirro gab ihm bis an die äußere Pforte des Schloſſes das Ge⸗ leite und winkte ihm noch von der Höhe einen freundlichen Abſchied nach. — 135— 10. Godwin eilte den Felſen hinab und athmete zum erſten Male wieder aus freier Bruſt empor, als er den Fuß deſſelhen und das ſich daran anſchlie⸗ ßende Thal erreicht hatte. Noch eiſtmal blickte er zurück nach der Höhe, von welcher die alten grauen Mauern des Schloſſes, von dem Glanze der Mor⸗ genſonne umfloſſen, herabſchimmerten, und wie ein buntes abentheuerliches Gemiſch ſchwerer Träume ſchwebte die Erinnerung der auf Oranto ihn be⸗ teooffenen Scenen an ſeinem Geiſte vorüber. Mit einem Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt herauf preßte, riß er ſich von dieſen Erinnerungen los, um nun zu überlegen, nach welcher Gegend er ſich 5 ——— — 136— wenden müſſe, um Bodo's einſame Felſenwohnung zu finden, als er ſich rufen hörte. Ueberraſcht blickte er ſich um, und der kleine Goldo hüpfte ihm mit freudiger Geberde aus dem Gebüſche entgegen. „Wie kommſt du hierher?“ fragte ihn Godwin. „Ich habe dich hier erwartet,“ fiel ihm der Knabe ein. Godwin. Wußteſt du denn, daß ich hierher kommen würde? Goldo. Ei freilich, der Pater hatte es mir ja geſagt und mir die Freude gemacht, mich hier⸗ her zu ſchicken, um dich hier im ⸗Gebüſche zu er⸗ warten und dich zu ihm zu führen. O wie freue ich mich, daß du wieder da biſt! der arme Goldo hat viel, ſehr viel um dich geweint. Godwin.(mit Rührung) Guter Knabe! du nimmſt. ſo vielen warmen Antheil an mir! wie wohl thut es meinem armen verwaisten Herzen, mmich von einem ſo unſchuldigen guten Herzen ge⸗ liebt zu fühlen. 6 — 137— Goldo. Du bleibſt doch nunmehr bei uns? Godwin. So lange als es mein Schickſal mir vergönnt. Ach wie gern möchte ich auf im⸗ mer in jener friedlichen Einſamkeit weilen; denn ddoort in dem Geräuſche der Welt habe ich nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu gewinnen. Goldo. So bleib bei uns, es wird dir gewiß gefallen. Du wirſt ganz zufrieden und ruhig leben. Godwin.(ſcchmerzhaft.) Ruhig?— Schwer⸗ lich wird mein Herz wieder jemals Ruhe fühlen; denn auch der letzte ſpärliche Ueberreſt derſelben, von trügeriſcher Hoffnung genährt, iſt jetzt ver⸗ ſchwunden. Goldo. Er wird ſchon wiederkehren. Du ſollſt nichts weiter zu befürchten haben; der Vater hat es geſagt. Die böſen Menſchen, die dich letzthin von mir riſſen und dich fortſchleppten, ſollen dir nun kein Leid wieder zufügen, wenn du nicht ſelbſt — 138— muthwillig die Gefahr aufſucheſt. Doch komm, komm! der Vater wartet mit Ungeduld auf uns. Der Knabe nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit ängſtlicher Eile durch das Gebüſch nach Bodo's einſamer Hütte, vor welcher ihm Bodo ent⸗ gegen kam und ihm traulich die Hand zum Will⸗ kommen drückte. „Wie ſehr freue ich mich, dich wieder zu ſehen!“ redete Godwin den Greis an,„noch vor wenigen Stunden hätte ich es kaum zu hoffen gewagt. Doch ich brauche dir es wohl nicht erſt zu erzählen, was mir ſeit der Zeit, als wir uns das letztemal ſa⸗ hen, bagene iſt. „Ich weiß alles,“ fiel ihm Bodo ein,„es wäre deine eigene Schuld geweſen, wenn wir uns nie⸗ mals wieder geſehen hätten. Doch laß uns das . Vergangene vergeſſen und uns der Gegenwart freuen.“ Godwin hatte ſo viele und mancherlei Fragen an ihn zu thun, aber Bodo ward bei der leiſeſten Berührung ſolcher Gegenſtände ſo ernſt und feier⸗ — 139— lich zurückhaltend, daß er ſich durchaus nicht in ihn finden konnte. Sorgfältigſt wich Bodo allen Fra⸗ gen ſeines Gaſtes und jedem Geſprüche über Mor⸗ rino und das, was Godwin auf Oranto geſehen und gehört hatte, aus, und ſein ganzes Betragen gegen Godwin ſchien ſo verändert und verlegen zu ſeyn, daß dieſer nicht umhin konnte, mit Bitten in ihn zu dringen, ihm die Urſache ſeines veränderten Betragens gegen ihn zu nennen. „Junger Mann,“ erwiederte endlich Bodo ernſt, „rechte deßhalb mit dir ſelbſt, wenn jetzt eine Scheide⸗ wand zwiſchen uns Beide gezogen iſt, welche mir den Zugang zu dir verwehrt, und die ich nicht mehr vermag wieder niederzureißen.“ Godwin. Biſt du nicht mehr mein Freund? Bodo.(mit Feuer.) Beim Himmel! das bin ich, und jetzt mehr als jemals. Wüßteſt du den Zuſammenhang von dem, was geſchah, du würdeſt deshalb nicht mehr in Zweifel ſtehen können. Ja, Fremdling, ich bin dein Freund; aber ich würde —— —-— 140— nicht mein Freund ſeyn, wenn ich jetzt noch von Dingen ſprechen wollte, deren leiſeſte Erwähnung mich zum Verräther, zum Meineidigen machen wür⸗ den. Du ſelbſt haſt durch deine Uebereilung neue bedeutende Pflichten mir aufgebürdet, und nur das feierliche Gelübde, ſie ſtreng und gewiſſenhaft zu erfüllen, war das Löſegeld für deine Freiheit und dein Leben. Meine Zunge iſt gebunden, ſie muß ſchweigen. Godwin. Fürwahr, das iſt ſehr traurig! V Habe ich nur darum ſo lange mit den Wellen V meines ungeſtümen Schickſals gekämpft, damit ich hier, wo ich nun endlich glaubte in den Hafen ein⸗ gelaufen zu ſeyn und die Auflöſung des verworre⸗ neu Knäuels meiner Schickſale zu erhalten, von Freundeshand ſogar wieder aufs neue hinausgeſto⸗ ßen werden ſoll in die undurchdringliche Finſterniß und in die unſichre See des Lebens, wo kein freund⸗ licher Pharus mir leuchtet. — 141— Bodo.(mit Nachdruck.) Er wird dir leuchten. Doch du ſelbſt mußt dir ihn anzünden. Godwin. Wie vermag ich ohne deine Hand den Weg zu ihm zu finden? Bodo. Es iſt ein Etwas in dir, deſſen leiſe Stimme dich beſſer als meine Hand leiten wird. Godwin. Bodo, habe ich dich durch meine ſcheinbare Zurückhaltung erzürnt und gekränkt, und kann Vertrauen von meiner Seite das deinige mir wieder verſchaffen, ſo bin ich augenblicklich dazu bereit, jede anderweitige Beſorgniß zu unterdrücken, dich ganz offen und aufrichtig mit dem Gange mei⸗ nes Lebens vertraut zu machen, und den Schleier voor deinen Blicken hinwegzuziehen, der die Bege⸗ benheiten meines Lebens verhüllt. Bodo. Geſtig einfallend.) Um keinen Preis in der Welt möchte ich dich jetzt noch dazu auffordern, wenn ich als Freund dir rathen will. Dieſe Auf⸗ richtigkeit iſt jetzt zu ſpät, jetzt würde ſie mit an⸗ derweitigen Pflichten zuſammentreffen und dich viel⸗ leicht verderben. 3 Godwin. Verderben?— Unmöglich würde Bodo hierzu die Hand bieten können und mein Vertrauen ſo mißbrauchen. Bodo. Sey unbeſorgt und überlaß es der Zeit und dem mächtigen Arme des Alles leitenden Schickſals, dich aus dem Dunkel, das dich jetzt um⸗ ſchattet, heraus und in das Helle zu führen. Daß dieſes geſchehe, und recht bald geſchehen wird, das hoffe ich mit feſter Zuverſicht, wenn du nicht ſelbſt dem vorſätzlich entgegenhandelſt, was ich in der Ferne dem Schooße der Zukunft ſich für dich ent⸗ winden ſehe. Godwin. Waos ſoll mit mir geſchehen? Was kann oder was muß ich thun? Wohin ſoll ich mich wenden? Bodo. Du biſt dir vor der Hand ſelbſt über⸗ laſſen und völlig frei, und kannſt gehen, wohin dur ſelbſt willſt, kein Menſch wird dich weiter hindern. * — 143— Godwin. Ich bin völlig frei! Ich kann gehen, wohin ich auch nur immer will! Alſo wohl auch nach jenem Schreckensthurme? Bodo.(mit einigem Unwillen.) Frage mich nichts mehr, denn ich kann dir keine Frage weiter beant⸗ worten. Mich dünkt, daß du bereits genug erfah⸗ ren habeſt, um nunmehr ſelbſt zu wiſſen, was dir gut und heilſam oder nachtheilig ſein kann. Ich darf dir nicht mehr rathen, nicht mehr dich war⸗ nen und von Uebereilungen zurückhalten, oder die Freiheit deines Willens im Mindeſten beſchränken. Thue, handle, wie es dir ſelbſt gutdünkt; willſt du mich und dieſe Gegend noch in dieſer Stunde ver⸗ laſſen, ſo werde ich es nicht hindern; willſt du noch länger bei mir verweilen, ſo wird dieſes mit meinem Wunſche zuſammentreffen und mir Frende machen, aber rathen darf ich weder zu dem einen n noch zu dem andern. Godwin. Miein längeres Verweilen wird dir AKrende machen und mit deinem eigenen Wunſche — 144.— zuſammentreffen. O wie gern befriedige ich dann dieſen deinen Wunſch, der mit den Wünſchen mei⸗ nes Herzens ſo harmoniſch zuſammenfließt. Ich bleibe bei dir, guter Alter. Es gefällt mir ſo wohl in dieſem friedlichen Aſyle, daß ich wohl V Willens wäre, ſo lange bei dir zu bleiben, bis du ſelbſt mich würdeſt gehen heißen. Bodo. Junger Mann, verſprich nicht mehr, als du zu erfüllen auch im Stande ſein kannſt. Der Menſch und ſein Thun und Handeln wird durch Umſtände beſtimmt, die eine höhere Hand weiſe ſo ordnet, daß er dadurch freiwillig den Pla⸗ nen des ewigen Schickſals gemäß handle und die ihm unſichtbar vorgezeichneten Pfade zum glücklichen Ziele führen. Wenn auch dieſe Pfade noch ſo⸗ lange durch Nacht und Graus und düſtere Dorn⸗ gewinde gehen, doch führen ſie am Ende zum hellen Ziel. Bleib bei mir, ſo lange es dir gefällt, du wirſt mich ſtets willig und bereit finden, dir deinen Aufenthalt bei mir ſo angenehm zu machen, als — — A — 145— es die Umſtände mir vergönnen. Nur das Einzige bitte ich dich: wenn dir meine Freundſchaft werth iſt, ſo berühre nicht wieder gewiſſe Saiten, die in meinem Herzen ſo widrig klingende Diſſonanzen angeben, und laß uns über Dinge ſchweigen, die nur die Zeit dir enträthſeln kann. Die Unterhaltung nahm bald einen traulichern Ton an. Bodo unterhielt ſeinen Gaſt mit der Einrichtung ſeiner kleinen Hauswirthſchaft und über die Art und Weiſe ſeiner nützlichen Thätigkeit, in⸗ dem er ihm mehrere Scenen erzählte, wo es ihm gelungen war, bald durch ſeine Zuredungen und Vorſtellungen Zwiſte und weitläufige Streitigkeiten in Familien zu ſchlichten, erbitterte Gemüther gegen einander auszuſöhnen und die gehäſſigſten Feinde zu Freunden zu machen, bald durch Rath und Troſt Leidende im Unglück aufzurichten und ſie, mit Kraft und Muth neu beſeelt, ſie aus Kummer und Ar⸗ muth zu führen, bald durch ſeine Kenntniß der Heilkräfte der Natur und deren Anwendung Kranke 10 — 146— dem Siechbette und den Pforten des Grabes zu entreißen, und ſo auf vielfältige Art Nutzen und Segen um ſich her zu verbreiten. So verſtrich der Tag unter mancherlei Erzäh⸗ lungen und traulichen Geſprächen dem Fremdlinge ſehr angenehm. Der Abend dämmerte endlich her⸗ an, als Bodo, nachdem er mit ſeinem Gaſte und dem kleinen Pflegeſohne unter einer hohen Pappel vor der Hütte ein ländliches Mahl verzehrt hatte, von Godwin ſich beurlaubte und ſich entfernte. „Wohin mag der Vater gehen?“ fragte Godwin den Knaben, als Bodo in dem Gebüſche des Waldes ſich ſeinen nachſehenden Blicken entzogen hatte. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte der Knabe.— „Es geſchieht ſehr oft, daß er von mir geht und bis tief in die Nacht abweſend iſt. Bisweilen be⸗ merkte ich, wenn der Ton einer Glocke in der Nacht aus der Ferne herüberſchallte und mich aus dem leichten Schlummer aufweckte, daß der Vater —y— — 147— alsdann eilig ſein Lager verließ und hinwegeilte. Was aber dieſer Glockenton bedeuten und wohin der Vater gewöhnlich gehen mag, das habe ich nie von ihm erfahren. Wenn ich anfangs ihn deßhalb befragte, erhielt ich immer keine beſtimmte Antwort, ſondern mit einer Thräne im Auge ſprach er z mir: Kind, wenn du einſt zum Manne gereift hn. dann wird ſich dir dieß Alles von ſelbſt erklären. Jetzt frage nicht, ſondern freue dich, daß du— ein Kind biſt.“ Gadwin. Dunkel iſt dieſer Worte Sinn; aber mich dünkt, es liege viel Bedeutung dahinter verborgen. Goldo. Wir wollen nicht darüber grübeln, ſondern die Zeit ruhig abwarten, die Alles auf⸗ klären ſoll und die nicht mehr fern iſt, wie noch heute beim Erwachen der Vater mich verſicherte, indem er mich, da ich ängſtlich nach dir ihn fragte, mit Ungeſtüm an ſich drückte und ausrief:„Freue dich, Kind! der Schlüſſel zu den Geheimniſſen der — 148— ſchwarz verhüllten Tiefe ſcheint gefunden zu ſein, und auch dir lacht eine ſegenvolle Zukunft dann heiter entgegen.“ 8 Godwin. Sagte er das? ſagte er das wirk⸗ lich? Goldo. So ſagte er allerdings, aber ich ver⸗ ſtand es nicht, was er eigentlich ſagen wollte; doch laß das. Du haſt mir noch nicht erzählt, wie es dir ergangen iſt, ſeitdem ich dich nicht ſahe. Sage mir es doch. Godwin. Wohl und wehe iſt es abwſechſelnd mir ergangen, lieber Goldo. Goldo. Ach, ich habe viel um dich geweint. Wo wareſt du denn und wohin ſchleppten dich denn jene böſen Männer? Godwin. Auf das Schloß Oranto, zu dem Grafen Morrino. Goldo. Da iſt es dir wohl ſehr ſchlimm ge⸗ gangen? — 149— Godwin. Anfangs allerdings. Ich ſaß ſtreng gefangen in einem finſtern Kerker. 8 Goldo. O wenn ich das gewußt hätte! Godwin. Nun, was hätteſt du denn thun wollen? Goldo. Ich hätte dich frei gemacht. Godwin. Das hätteſt du wohl ſchwerlich be⸗ werkſtelligen können. Goldo. Ei und doch! Ich hätte den Vater gebeten, mich zu dem ſchwarzen Manne zu führen, und ich hätte ihn alsdann gebeten, daß er dich frei laſſen ſolle. Godwin. Würde er auch wohl auf deine Bitten geachtet haben? Goldo. Ganz gewiß. Er iſt mir ſehr geneigt. Oft, wenn er meinen Vater hier in unſerer Ein⸗ ſamkeit beſuchte, hat er mich liebkoſend auf den Armen gehalten und ſeine Freude gehabt, wenn ich ihm die Wange ſtreichelte und durchaus die tiefen Falten, welche tiefer Gram auf ſeine Stirne ge⸗ graben hat, wegglätten wollte. Er hat ſich oft und viel mit mir beſchäftigt, ſich ſtill und in ſich ge⸗ kehrt an meinen Spielen ergötzt. Bisweilen aber fuhr er plötzlich bei meinem Anblicke wild zuſam⸗ men, und wenn ich erſchrocken mich ſchmeichelnd an ihn anſchmiegte und ihn fragte:„Biſt du böſe, ſchwarzer Mann? Hat Goldo dir etwas zu Leid gethan?“ ſo ſprach er alsdann mild zu mir:„Nein, Knabe, du haſt mir nichts zu Leid gethan, aber dein Anblick macht böſe Träume in mir rege; drum gehe, gehe Goldo!“— Wenn mich dann der Vater ſchnell von ihm hinwegführte, dann hörte ich, daß er ihm bisweilen zurief:„Guter Bodo, wie glück⸗ lich muß der Vater ſolch eines Kindes ſein? Wie höchſt unglücklich iſt der, der es ſein konnte und es nicht ſein durfte!“ Das Alles verſtehe ich nun freilich nicht, aber doch weiß ich, daß er meine Bitte, dich frei zu laſſen, gewiß würde befriedigt haben, denn er iſt mir viel zu gut, und längſt ſchon hätte er mich an Kindesſtatt zu ſich auf das — — 151— Schloß genommen, wenn der Vater mich ihm hätte überlaſſen wollen. Unter dieſen und ähnlichen Geſprächen mit Goldo ging der Abend vorüber und die Nacht breitete ihren verſchwiegenen Schleier über die ſchlummernde Welt aus. Vom Schlafe überwältigt, begab ſich der Knabe auf ſein Lager, wo er bald in einen ſanften Schlummer ſank. Auch Godwin warf ſich auf das für ihn bereit ſtehende Lager, um die Süßigkeiten eines erquickenden Schlummers zu genießen, aber die Unterhaltungen mit Bodo und dem kleinen Goldo hatten die mancherlei verworrenen Ideen, Vermu⸗ thungen und bänglichen Zweifel über die Scenen der vergangenen Tage um vieles in ihm vermehrt. gang ge 1 Sie verſcheuchten den Schlummeg von ſeinem Lager und hielten ihn wach und nachdenkend. II. 3. Die Mitternacht war bereits angebrochen, lieblich blickte der Mond zwiſchen den Aeſten der Bäume, welche ſich über der Hütte wölbten, durch das nie⸗ drige Hüttenfenſter; ruhig und ſanft, wie ein ſchla⸗ fender Engel, ſchlummerte Goldo, mit ſeelenvollen Blicken und tiefem Gefühl ruhte Godwins Auge auf den Zügen des holden Schläfers. Innig be⸗ wegt und von bänglichſüßen Gefühlen einer leiſe, in ſeinem Innern anſprechenden Erinnerung, ver⸗ ließ endlich Godwin ſein Lager und eilte hinnus vor die Hütte. Die Nacht war ſo heiter und ſchön, die feier⸗ liche Ruhe, die ringsumher in der von dem magi⸗ — 153— ſchen Schimmer des Mondes beleuchteten Gegend herrſchte, war für Godwin ſo einladend zum Ge⸗ nuſſe, daß er unmöglich der Verſuchung zu einem kleinen Spaziergange in den buſchigen Gängen des Waldes widerſtehen konnte. Langſam und in ſich gekehrt wandelte er durch die öde Stille der Nacht dahin, und unwillkürlich führte ihn ſein ſcheuer Tritt in die Gegend des Waldes, wo aus der Bäume Dämmerung die weiße Geſtalt des ſteinernen Bildes von Goldo's Mutter wie ein Geiſt der Unterwelt ihm entgegenſchimmerte, das Flüſtern der vom Winde bewegten Blätter ſchien die Nähe leichter ätheriſcher Weſen zu ver⸗ künden, die ſich in den mancherlei grotesken Schat⸗ tengeſtalten, die ſich von dem Zauberſchimmer des Mondes in dem Gebüſche zuſammenſetzten, zu ver⸗ körpern ſchienen; das leiſe ziſchende Seufzen des Windes durch die Spalten einer alten, verwitterten Fichte vermehrte das Grauſende der Gegend. Von einem widrigen Schauder ergriffen, ſchritt Godwin an dem Hügel vorüber und nach der Gegend hin, von welcher aus der Ferne das Geräuſch des Waſ⸗ ſerfalls an dem geheimnißvollen Schreckensthurme dumpf herüberbrauste. Selbſt einem wandernden Schatten des Grabes ähnlich, wanderte er durch das Dickicht in der nächtlichen Stille dahin, nach einer lichten Stelle des Waldes, die ihm das her⸗ einquellende Mondenlicht verrieth, und wo der Wald einen kleinen Ausſchnitt bildete, der nach dem Ufer des Sees führte. Hier ſetzte ſich Godwin an einem der dort aufgerichteten ſchwarzen Warnungs⸗ ſteine auf den ſchwellenden Raſen. Ein hehres Schweigen, das nur durch das Bran⸗ ſen des Waſſerſturzes an dem Felſen des Schre⸗ ckensthurmes unterbrochen ward, herrſchte rings⸗ umher. Die ganze Natur feierte ſtill und ernſt; laue Weſtwinde ſpielten leiſe in den ſänſelnden Blättern der Bäume und in dem hohen Graſe am Ufer, und unter den Schatten der Bäume hüp unten die leichten Silberwellen des Sees dem! 1 — 155— zu. Vom reinen Aether blickte der Mond mild und freundlich durch das düſtere Grau der ver⸗ ſchlungenen Baumäſte zu Godwin herab und ver⸗ ſilberte vor ihm die kryſtallene Waſſerſäule des herabrauſchenden Waſſerſturzes, deſſen am Fuße des Felſens ſchäumend ſich brechende Wogen in leichte, kräuſelnde Wellen zerfloſſen, die plätſchernd zwiſchen dem niedrigen Geſtrippe am Ufer hin⸗ durchſchlüpften und um die Steine des Felſenufers ſpielten, während, gleich lieblichen Traumbildern, die Sterne auf den kräuſelnden Rücken der Silber⸗ wellen ſich wiegten. Tiefe Ruhe, wie die eines ſanft Schlummernden, lag über die Gegend ver⸗ breitet, nur Godwin's Inneres konnte dieſe Ruhe nicht theilen. Eine bängliche Beklommenheit engte ihm die Bruſt, und ſein auf die grauen Mauern des Schreckensthurms geheftetes Auge verrieth die verworrenen Gefühle, die ſein Herz in hunihe e er⸗ hielten. Mit hoher Erwartung lauſchte er, daß der u. müthige, ſanft klagende Geſang der vorletzten Nacht wiederholt aus dem Thurme zu ihm herübertönen werde, doch kein Laut war zu vernehmen, und ſelbſt die ſchmeichelnden Nachtwinde, die mit ſeinen Locken ſpielten, ſchienen ihren Athem an ſich zu halten, um das hehre Schweigen der ſchlummernden Natur nicht zu unterbrechen. Schwankend in ſeinen Entſchlüſſen, und ungewiß mit ſich ſelbſt, ob er das Wagſtück jener Schre⸗ ckensnacht noch einmal begdinen und einen Verſuch, ſich dem Thurme zu nähern, wiederholen, oder ob er es unterlaſſen ſolle, kämpfte in ſeinem Innern. Eine warnende Stimme in ſeinem Buſen ſchien ihm davon abzurathen, aber die Verſuchung war zu ſtark, und die ringsumher herrſchende Stille, die keinen verſteckten Lauſcher fürchten ließ, ſchien zu — günſtig für das Wagſtück, als daß er es hätte ſo leicht aufgeben können. Schon war er im Begriffe, daſſelbe zu beginnen, als er ſeitwärts in dem Ge⸗ büſche in einer kleinen Entfernung einige mäͤnnliche — 157— Stimmen vernahm, die ſich zu nähern ſchie⸗ nen. Ueberraſcht blickte er nach der Gegend hin, als zwei männliche Geſtalten ſich durch das Dickicht hindurch wanden und dem Ufer des Sees ſich nä⸗ herten. Forſchend blickte Godwin nach dieſen nächt⸗ lichen Wanderern hin, und kaum wagte er ſeinen Augen zu trauen, als er in Beiden, von dem Glanze des Mondes beſtrahlt, Bodo in der Ge⸗ ſellſchaft des Grafen Morrino erkannte, welchen Letztern ſeine ſchwarze Trauerkleidung kenntlich machte. Godwin drückte ſich tiefer hinter den ſchwarzen Stein, an welchem er ruhte, in das hohe Gras, und belauſchte unbemerkt die Scene. Beide gingen jetzt das Ufer des Sees hinab, der Stelle zu, wo der bekannte Nachen im Geſträuche verſteckt lag. Das Raſſeln der Kette, mit welcher der Nachen am Ufer befeſtigt war, verrieth Godwin, daß der⸗ ſelbe losgekettet werde, und wenige Augenblicke dar⸗ auf ſah er Bodo und Morrino auf der ſpiegelnden Waſſerfläche des Sees hinüber und dem Schreckens⸗ thurme zurudern. Verwunderungsvoll blickte er den nächtlichen Schif⸗ fern nach, bis ſie in der Ferne an dem Fuße des Felſens hinter dem herabſtürzenden Waſſer ver⸗ ſchwanden. Von bangen Ahnungen und Vermuthungen mäch⸗ tig ergriffen, flog ſeine Seele hinüber nach dem Thurme, und gern hätte er in dieſem Augenblicke Alles darum aufgeopfert, wenn er jetzt auf dem Fittig der lauen Nachtwinde hätte hinübergleiten und die Geheimniſſe dort belauſchen können, deren my⸗ ſtiſches Dunkel eben jetzt vielleicht gelichtet ward. Allein wenn ſich auch ein zweiter Nachen ſeinen Blicken gezeigt hätte, der ihn hätte aufnehmen und hinüber nach dem Thurme führen können, ſo würde dennoch die Gegenwart des Grafen und deſſen zu fürchtende wüthende Rache ſeinem kühnen Ent⸗ ſchluſſe, dieſe Fahrt zu wagen, wie ein furchtbarer 1 — — 159— Rieſe entgegengetreten ſein und ihn davon zurück⸗ geſchreckt haben. Sorgſam lauſchte Godwin umher, ob er viel⸗ leicht von der Nähe des Thurmes herüber etwas vernehmen könne; doch kein leiſer Laut drang zu ſeinem Ohre, Alles war wieder ſtill wie zuvor, die ringelnden Wellen, welche die Furchen des Kahns zurückließen, indem er den See durchſchnitt, waren wieder verſchwunden, und ruhig lag die Spiegel⸗ fläche des Sees wieder zwiſchen ſeinen Ufern. Vergebens hoffte Godwin die beiden nächtlichen Schiffer wieder zurückkehren zu ſehen; ohne weiter etwas von Bodo oder Morrino zu erblicken, ſchli⸗ chen die Stunden der Nacht dahin. In düſtern Traumgebilden der Phantaſie überraſchte ihn end⸗ lich der Schlaf, und verhinderte ihn, weiter zu be⸗ merken, was um ihn her vorging. 12. Der junge Tag war bereits erwacht und das brennende Morgenroth glühte durch die verſchlunge⸗ nen Aeſte der Bäume im Walde herüber und ver⸗ goldete die grauen Mauern des alten Thurmes und die darüber herabſtrömende Waſſerfluth, als ein leichtes Klopfen auf die Schulter Godwin aus ſei⸗ nem Schlummer aufweckte. Er ſchrack auf und erblickte den kleinen Goldo, der ſich über ihn hin⸗ beugte und ihn zu ermuntern ſuchte.„Zürne nicht, wenn ich deinen Schlummer ſtörte,“ redete ihn der Knabe an;„mir war bange um dich, als ich dich bei meinem Erwachen nicht in unſerer Woh⸗ nung und nicht im Walde traf, und der Vater ſchickte mich hierher, um dich aufzuſuchen.. V — 161— „Wo iſt dein Vater?“ fragte Godwin. „Er erwartet dich dort unter den Cypreſſen auf dem Grabeshügel meiner Mutter,“ antwortete Goldo, indem er ſich an Godwins Arm hing und ihn durch das Gebüſch mit ſich fortzog. An das ſteinerne Bild von Goldos Mutter ge⸗ lehnt und in Nachdenken verſunken, traf Godwin dort ſeinen alten Freund Bodo auf dem Hügel, der ihm die Hand entgegenreichte, als er ſich dem⸗ ſelben mit einem freundlichen Morgengruße nã⸗ herte.. „Du unterhältſt dich mit den Todten?“ fragte Godwin. „Sage lieber, mit den aus den Behauſungen der Todten neu aufkeimenden Hoffnungen und Freuden,“ erwiederte Bodo. Godwin. Giebt das Grab auch noch Freuden zurück? Bodo. Die höchſten und beglückendſten für die Zukunft; öder meineſt du, daß hier an den Ge⸗ 11 — 162— ſtaden des Todes, wo die Stürme des Lebens ver⸗ hallen und die Wogen menſchlichen Elendes ſich brechen, mit des Lebens dahin fliehender Kraft auch der Götterfunken in dem Menſchen, der den Staub belebt, verlöſchen und das hohe Glück deſſelben verſchwinden könne? Aus dem Grabe, aus den Ruinen der Verheerung entwickeln ſich neue Gene⸗ rationen höherer Vollkommenheit. Gegenwärtig ver⸗ ſteigen ſich jedoch meine Wünſche und Hoffnungen nicht bis in die Gefilde der Zukunft über dem Grabe, ſie verweilen nur an der Erde. Godwin. Wird dieſe noch deine Wünſche und Hoffnungen befriedigen und Freuden für dich aus dem Grabe derſelben neu aufſproſſen laſſen. Bodo. Jede Sonne bringt neue Freuden und neues Glück mit ſich auf die Erde, und nahe ihrem glanzvollen Aufgange iſt die Sonne, die mir und dir neue hohe Freuden mit ſich bringen wird. Schon verkündet der milde Schimmer Aurorens den ſanft aufdämmernden Tag unſers neu erwa⸗ —O—Q—Q—QO—:—B⸗ñC˖ ñ— — 163— chenden Glücks.(im Tone hoher Begeiſterung.) Ich ſehe die düſtern Wolken, die Aurorens goldnen Schimmer bisher verhüllten, verſchwinden! Ich ſehe ſie hervorbrechen, ihren Glanz mit Selenens ſanf⸗ tem Silberlichte vermiſchen, und, von dem heitern Aetherglanze einer glücklichen, zur Gegenwart ge⸗ reiften Zukunft erwärmt, Gräber ſich öffnen und aus denſelben neues Glück und neue höhere Freu⸗ den hervortreten. Godwin. Für mich glüht kein Morgenroth neuer Freuden mehr empor.(traurig zurückgeſunken.) Euch, entflohene ſchöne Tage weckt kein Morgen⸗ roth. Hin iſt hin und todt iſt todt! Bodo. Höre die ermunternde Stimme der Freundſchaft, kleinmüthiger Zweifler, hebe deinen Blick muthig und froh empor, hold wie jener blen⸗ dende Glanz Aurorens, der dort durch das Gebüſch glüht, wird eine ſchönere Aurora bald deine Wangen röthen und in deinen wonnetrunkenen Blicken ſich ſpiegeln. 3 4 — 164— Godwin. Ich verſtehe dich nicht. Wolken, ſchwarz und düſter, wie die eines furchtbaren Un⸗ wetters, verhüllen meine Ausſicht; mehr als jemals tappe ich im Finſtern umher, und ängſtlich klopft, von ungewiſſen Zweifeln beſtürmt, mein Buſen der Zukunft entgegen, aber gleichwohl dringt dieſe deine dunkelſinnige Verheißung wohlthätig zu meinem Her⸗ zen. Dein Blick, der Blick eines Verklärten, der hohe Ausdruck des Entzückens in deinen Mienen und Worten giebt deiner Rede Kraft, und leiſe ſpricht ſüße Ahnung ſchwach aufdämmernder Hoff⸗ nung in meinem Innern an. Bodo, du würdeſt ein hohes Verdienſt um mich dir erwerben, wen du dieſer dunkeln Ahnung Gewißheit geben wollteſt. Bodo.(ernſt und bedeutend.) Dn verlangſt mehr, als ich gewähren darf. Was mein Blick liest in den Sybilliſchen Büchern des Schickſals, das muß die Zukunft auf das Geheiß des ewigen Schickſals ſelbſt entziffern, das ungeſtraft ſich nicht in ſeine Rechte greifen läßt. Dir ſelbſt wird es aufbe⸗ — 165— halten ſein, dieſe Entzifferung der Räthſel zu be⸗ ſchleunigen. 1 Godwin Du verſenkſt mich in deſto größere Räthſel. Bodo.(einfallend.) Die alle ein Tag löſen wird. Doch laß uns dieſes Geſpräch abbrechen und des ſchönen Morgens uns freuen. Eigenſinnig ſind die verborgenen Mächte des Geſchicks, ihren geheimen tief verſchleierten Willen vor der Zeit verrathen, würde nur ihren Groll rege machen. Ich habe meine Abſicht erreicht, wenn ich durch den dunkeln Sinn meiner Worte deinen Muth für die Thätig⸗ keit, welche die nahende Zeit der Enthüllung deines Schickſals von dir heiſchen möchte, neu belebte und dir Kraft ertheilte, im etwaigen Sturme aufrecht zu ſtehen und nicht zu wanken. Er faßte Godwin bei der Hand und führte ihn mit ſich aus dem Dickicht heraus in das Freie. Ringsumher war Alles Leben. Im ſchönſten Schmucke des Morgens lag die blühende Landſchaft — 166— vor ihnen da, lachende Wieſen breiteten ſich wie ein grüner Teppich über die Gegend aus, und wech⸗ ſelten mit goldnen Feldern, die, vom ſanften Athem des Windes bewegt, den beobachtenden Blicken in leichten Wellen entgegenwogten. Auf fruchtbaren Hügeln hüpften muntere Heerden, und leichtfüßige Ziegen klimmten an den angrenzenden Felſen em⸗ por. Die Schallmeie der Hirten ertönte durch das Blüthenthal und weckte das Echo in dem Walde; alles ringsumher ſchien nur eine gemeinſchaftliche Stimme zum Aufrufe zur Freude und zum hohen Genuſſe der blühenden, ſegensvollen Natur zu haben. An Godwins Innerm ſchien dieſer Aufruf kalt vorüberzugehen, es ward von andern bänglichen Gefühlen bewegt, welche Bodo's vorige Rede in ihm erweckt hatte. Doch vergebens blieb ſeine Be⸗ mühung, das Geſpräch wieder auf die vorigen Ge⸗ genſtände zu leiten und Bodo eine deutlichere Er⸗ klärung ahzugewinnen; dieſer beharrte über dieſes — 167— Alles auf dem ſtrengſten Stillſchweigen, und wich ſorgfältig jeder leiſen Berührung dieſer Dinge aus. So oft Godwin einige Augenblicke für ſich ſelbſt erhaſchen konnte, zog ihn ein dunkles Gefühl nach dem Ufer des Sees hin, um dort ſeinem Nach⸗ denken ſich überlaſſen zu können und den Entſchluß in ſeinem Innern zu befeſtigen, die Geheimniſſe 3 des Schreckensthurmes zu erforſchen. In dieſem Nachdenken verſunken, hatte er ſich jetzt an derſelben Stelle wieder in das Gras gelagert, wo er in der verwichenen Nacht Bodo und den Grafen auf ihrer Waſſerfahrt nach dem Thurme belauſcht hatte. Eine Guitarre, die er bei Bodo fand und ihn auf ſeinen Spaziergängen begleitete, war auch jetzt ſeine Un⸗ terhaltung. Den Blick auf den Thurm geheftet, ſpielten ſeine Finger nachläſſig in den Saiten, und ihre wehmüthigen Akkorde weckten die Erinnerung ſeiner dahingeſchiedenen Jugendfrenden mit neuer Lebhaftigkeit in ſeiner Seele, und ſeine wehmuths⸗ vollen Gefühle lösten ſich bald in Worte auf. — 168— Von den Alkorden der Guitarre begleitet, ſang er ſchwer aufathmend: Koſend, wie des Frühlings ſanfte Lüfte, Roſig, wie Aurorens Purpurſaum, Labend, wie des Maien Blüthendüfte, Nann er hin, der Kindheit gold'ner Traum; Schwand auf ewig in die Dämmerungen, Wy von kalter, düſtrer Nacht verſchlungen, Hingewürgt vom Zahne grauer Zeit, MNodert meines Lebens Seligkeit. 8 In ſchwermüthigen Diſſonanzen verhallten die Molltöne der angeſchlagenen Saiten, als ſchnell eine andere männliche Stimme in dem Gebüſche einfiel: Doch es ſchwebt aus ſonnenlichter Ferne, Von dem ſchönſten Morgenroth umglüht, Durch die weite Flammenbahn der Sterne, Wie der Tag, wenn er der Nacht entblüht, Sanft ein Genius auf Zephyrsflügeln Auf des Dulders Pfad. Von Blumenhügeln Säuſelt mild ſein Lebenshauch herab, Und reicht ihm der Hoffnung Zauberſtab. — 169— Ueberraſcht blickte Godwin ſich um, und Bodo trat aus dem Gebüſche hinter ihm hervor und ihm freundlich lächelnd entgegen. Ohne jedoch ein weiteres Geſpräch hierüber an⸗ zuknüpfen, welches ſo leicht auf die Gegenſtände, deren Erwähnung Bodo ſo ſorgfältig auszuweichen ſchien, hätte führen können, ließ es Bodo blos bei einer flüchtigen Ermahnung zur Hoffnung der glück⸗ lichern Zukunft bewenden, und führte ihn mit ſich durch das Geſträuche fort, indem er ſagte:„Das iſt kein Ort, der dir jetzt einige Zerſtreuung geben und deinen trüben Blick aufheitern könnte.“— „Doch iſt es gerade der Ort, für welchen mein Inneres ſo vieles Intereſſe fühlt, nach welchem es mich mächtig und unwiderſtehlich hinzieht,“ fiel ihm Godwin ein, indem er ſich noch einmal nach dem Thurme umblickte und aus ſeinem Auge der Ent⸗ ſchluß ſtrahlte, ſich durch Nichts von der Erfor⸗ ſchung der Räthſel jenes Thurmes abſchrecken zu laſſen. — 170— Bodo ſtarrte ihn mit ſcharfem, durchdringenden Blick an und ſchien Godwins Entſchluß in ſeinen Blicken zu leſen, aber keine Sylbe verrieth einiges Mißvergnügen oder einigen Tadel über dieſen Ent⸗ ſchluß. Er ſchwieg, und nur ein Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt heraufpreßte, und ein ſeelenvoller Blick ſeines ſich zum Himmel erhebenden Auges ſchien ein gewiſſes ängſtlich⸗banges Gefühl bei ſeiner gemachten Bemerkung zu verrathen. Unter mancherlei traulichen Geſprächen mit Bodo und dem kleinen Goldo, welcher Letztere ſich gar nicht wieder von Godwin trennen wollte, ſondern ihn auf jedem Schritte wie ſein Schatten begleitete, um ihn von der Gegend zurückzuhalten, die für ihn gefährlich war, ſchlichen Godwin die Stunden des Tages dahin. Dankbar ſegnete er den letzten ſcheidenden Blick der Sonne, als dieſe endlich hinter den Wolken hinabſank und die Nebel der Dämme⸗ rung in dunkeln Maſſen ſich über das Thal und langſam zu den Gipfeln der Hügel und Felſen — 171— emporwälzten, die Ferne ſich in dunkle Schatten hüllte und der Mond langſam in Oſten herauf⸗ ſchwebte. Mit dem Eintritte der Nacht nahm Bodo einige heilende Kräuter zu ſich und entfernte ſich, um, wie er ſagte, ſeinem kranken Freunde, dem Eigen⸗ thümer eines kleinen Vorwerks in der Nähe, zu Hilfe zu eilen. Godwin konnte unmöglich der Verſuchung widerſtehen, ſich ſelbſt davon zu über⸗ zeugen, wohin Bodo gehe. Er ſchlich ihm daher in einiger Entfernung nach, und bemerkte mit Ver⸗ gnügen, daß er den vorher genannten Weg ein⸗ ſchlug. Godwin eilte daher in die Hütte wieder zurück. Der kleine Goldo lag noch wach auf ſei⸗ nem Lager, und wollte durchaus nicht eher vom Schlummer ſich überwältigen laſſen, als bis God⸗ win ſich zur Ruhe begeben hätte, weil er, ſeinem Geſtändniſſe gemäß, befürchtete, daß Godwin ſich wieder nach der Gegend am See ſchleichen und dort wieder von den böſen Männern ergriffen wer⸗ — 172— den möchte. So ſehr ſich auch Godwin über dieſe liebevolle Beſorgniß des Knaben für ſich freute, ſo ſehr wünſchte er auch wieder auf der andern Seite, jetzt von dieſem aufmerkſamen Beobachter befreiet zu ſein. Er ſtellte ſich daher ſchläfrig, und warf ſich auf das für ihn bereitſtehende Lager. Beruhigt über⸗ ließ ſich nun der Knabe dem Schlummer, den er nur mit Anſtrengung bis hierher von ſich zurück⸗ gedrängt hatte. Kaum bemerkte Godwin, daß der Kleine feſt ſchlafe, ſo erhob er ſich wieder ſtill von ſeinem Lager und ſchlüpfte leiſe und geräuſchlos zu der Thüre hinaus, und eilte durch die Stille der Nacht dahin, dem Ufer des Sees hinter dem Walde zu. 13. 1 Es war eine ſchöne angenehme Mondnacht. Leich⸗ tes wollichtes Gewölk gleitete an dem dunkelblauen Aether dahin, durch deſſen leichten ſilberfarbenen Schleier der Mond halb verſteckt hindurchſchlüpfte und einen abwechſelnden dämmernden Schimmer über die Gegend verbreitete. Schüchtern trat Godwin aus dem Gebüſche her⸗ aus und forſchend durchflog ſein Auge die Gegend, doch weit umher herrſchte ein tiefes Todesſchweigen, das nur durch das Geräuſch des Waſſerſturzes am Schreckensthurme und das Flüſtern des Windes in den Blättern der Bäume unterbrochen ward, und einſam klagte in dem Gebüſche eine Nachtigall ihre ſchwermüthigen Töne. — 174— Mitternacht war bereits vorüber, und an einen der am Ufer des Sees aufgerichteten ſchwarzen Stein gelehnt, lauſchte er, ob der Schall der mitternächt⸗ lichen Todtenglocke ſich würde hören laſſen, doch Alles blieb ſtill wie zuvor. Langſam ſchlich er an dem Ufer dahin, um zu erforſchen, ob vielleicht ein Beobachter in dem Gebüſche verborgen ſey, doch nirgends war die Spur eines Menſchen zu ent⸗ decken. Sein Auge ſuchte den bekannten Nachen und ent⸗ deckte ihn leicht, wie er frei und losgekettet zwiſchen dem ihn beſchirmenden Geſträuch am Ufer ſich auf den plätſchernden Wellen ſchaukelte. Lebhaft ſchwebte ihm die Scene jener Unglücksnacht vor, die ihn a dieſer Stelle in die Hände von Morrino's verbor⸗ genen Aufpaſſern führte, und von unwillkührlichem Schauder ergriffen, blickte er ſich nach den etwa hervorſpringenden Verräthern um, indem er ſich dem Abhange des Ufers näherte. Mit ungewiſſem Schritt ſchwankte er vorwärts, und in dem ſtärkern Schla⸗ — 175— gen ſeines Herzens ſchien eine treue innere Stimme ihn zurückhalten zu wollen. Unentſchloſſen ſtand er da und blickte über die Waſſerfläche des Sees nach dem Thurme hinüber, da ſchlich in einem ſanften Flüſtern der wehmüthige Geſang, den er ſchon längſt bemerkt hatte, von dem Thurme herüber zu ſeinem Ohre; und dieſe klagenden Töne weckten ſeinen Ent⸗ ſchluß aufs neue und befeſtigten ſeinen Muth. „Komme was da wolle,“ ſprach er entſchloſſen zu ſich ſelbſt,„es ſey gewagt!“— und kühn ſprang er hinab in den ſchwankenden Nachen. Alles blieb noch ſtill, wie zuvor, ſelbſt die lauen Nachtwinde ſchienen ihren Athem an ſich zu halten, kein Lüftchen bewegte den See, und die Brandung des Waſſerfalles am Felſen verlor ſich nur in leichte Wellen, die langſam dem Ufer zuwallten, und auf ihren kräuſelnden Rücken das Bild des Mondes wiegten. Mit raſchem Muthe ſtieß Godwin den Nachen 4 vom Ufer ab, den eine unſichtbare hülfreiche Hand — 176— zur Begünſtigung ſeines Unternehmens von der Kette, womit er an dem Ufer befeſtigt war, losgemacht zu haben ſchien, und langſam ruderte er über die kryſtallene Fläche des Sees dahin. Je näher er dem Thurme kam, um ſo deutlicher vernahm er anch die Akkorde einer Guitarre, in deren wehmü⸗ thigen Nachklang der vorige Klagegeſang verhallte, und die wirklich aus dem Thurme herüber drangen. Nach einer kleinen Pauſe ertönten die angeſchla⸗ genen Molltöne der Guitarre aufs neue, und jetzt fiel eine ſanft klagende weibliche Stimme in dieſelben ein. Von hohen bänglich ſüßen Erinnerungen ver⸗ gangener Zeiten durchſchauert, glaubte Godwin kaum ſeinen Ohren trauen zu dürfen, als er jetzt, dem Thurme näher, ganz deutlich folgenden, ihm ſehr bekannten, wehmüthigen Geſang vernahm: . Als mein Leben voll Blumen hing, Und ich im fliegenden Kleide Lächelnd der Zukunft entgegen ging, Da klopfte mein Buſen voll Hoffnung und Freude. N8 — 177— Doch hin iſt hin und todt iſt todt!* Euch, entflohne ſchöne Tage, Weckt kein Morgenroth! Hin iſt hin und todt iſt todt! Als mich, Freundſchaft, dein Arm umwand, Als ich in ſeligen Stunden Endlich wieder den Theuern fand, Da heilten ſie alle, die blutenden Wunden. Doch hin iſt hin und todt iſt todt! Um das Grab der trauernden Liebe Glänzt kein Morgenroth! Hin iſt hin und todt iſt todt! Troſtlos ſteh ich voll tiefen Schmerz Einſam in bangem Ermatten; Brich, o du armes verwaistes Herz, Und ſuche dir Frieden im Reiche der Schatten. Ach hin iſt hin und todt iſt todt! Schimmre bald auf meinem Hügel, Sanftes Morgenroth! Hin iſt hin und todt iſt todt! Mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſtand Godwin horchend in dem Nachen an dem Abhange des Fel⸗ ſens, mächtig und voll hoher Ahnung klopfte ſein 12 3 — 178— Herz, und jeder Ton des ſchwermüthigen Geſangs hallte ſtark und kräftig in ſeinem Innern wieder. Der Geſang verhallte ſchweigend in die nachhallen⸗ den ihn begleitenden Diſſonanzen der bebenden Sai⸗ ten der Guitarre, und mächtig von dem Gefühl ſeiner neu auflebenden frohen Hoffnung durchſchauert, fiel er in den vorigen Geſang ein, indem er den⸗ ſelben durch die folgende Strophe in der vorigen ihm ſo bekannten Melodie, aber durch einen ra⸗ ſchern, durch Durtöne fortgeführten Gang begleitete. Durch das Grauen der Mitternacht Führet nach langem Ermatten Uns der Liebe bezaubernde Macht, Die Freude zurück aus dem Reiche der Schatten. Neu verjüngt durch Grab und Tod, Um das Grab der trauernden Liebe Glänzt das Morgenroth Durch der Liebe Machtgebot. Kaum hatte Godwin dieſen Geſang angeſtimmt, ſo erſchien eine weiße weibliche Geſtalt oben an dem Gitterfenſter des 8 Thumes, welche den unbekannten — 1279— Sänger mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens zu betrachten ſchien. „Iſt es etwas Wirkliches, was mein Auge er⸗ blickt?“ rief Godwin der Geſtalt zu,„iſt Leben in dir und biſt du ein menſchliches Weſen, das hier unter Schrecken des Grabes in dieſer furchtbaren Wildniß das Leben vertrauert, ſo gib Rede! ſage mir, wer du biſt und wie dir zu helfen iſt.“ „Ich möchte dir dieſe Fragen zurückgeben,“ flü⸗ ſterte eine weibliche Stimme herab,„doch fey wer du willſt, kühner Fremdling, helfen kannſt du mir nicht, nimm meinen Dank für deinen guten Willen und entferne dich ſchnell. Verrätherei und Mord⸗ ſucht lauſchen ringsumher, und jedes Geſträuch hat Ohren. Fürchte die Argliſt meiner verſteckten Lauſcher.“ „Ich fürchte weder dieſe Lauſcher, noch ihre Mordſucht und Verrätherei,“ fiel Godwin ein. „Nicht vergebens will ich den mancherlei mich um⸗ ringenden Gefahren Trotz geboten und mein Leben — 180— gewagt haben. Faſſe Muth, Unglückliche, ich er⸗ ſcheine als Retter, als Helfer!“ „Umſonſt!“ ſeufzte die Geſtalt,„Du verſchwen⸗ deſt vergeblich deine Kraft und deinen Muth an den ſteinernen Rippen dieſes Thurmes. Schlöſſer und Riegel und die Stärke dieſer Mauern ſpotten deiner Kraft.“ „Laß ſehen!“ erwiederte Godwin.„Ich fühle in meinem Arme die Kraft eines Rieſen und Muth genug in meiner Bruſt, um dieſen Felſen gegen den Himmel zu ſprengen und es mit der Hölle ſelbſt aufzunehmen, um deine Rettung zu vollenden.“ „Was iſt das?“ fuhr er fragend fort, als er in der Nähe des Thurmes ein Geräuſch vernahm, „biſt du nicht allein?— ich höre ein Geräuſch.“ „Ich bin allein,“ antwortete die Geſtalt,„und das Geräuſch, welches ich vernehme, iſt der Wind, der durch die Riſſe dieſer Mauern ziſcht.“ „Eine grauſende Muſik,“ ſprach Godwin. 1 — 181— „Die ich leider nur zu ſehr gewohnt bin,“ un⸗ terbrach ihn die Geſtalt,„doch horch! mich dünkt, ich höre in der Nähe meines Kerkers ein düſteres Geräuſch, das wohl nicht das Heulen des Windes ſeyn möchte.— Fliehe! fliehe eilends zurück, ehe es zu ſpät wird.“ Godwin befeſtigte den Nachen an dem Felſen⸗ ufer und ſtieg hinauf.„Sey unbeſorgt um mich!“ rief er der Geſtalt zu,„laß mich handeln! unmög⸗ lich kann ich dieſen Ort ſo wieder verlaſſen, wie ich hergekommen bin. Ich bin ſehr begierig, die Urſache dieſes Geräuſches zu wiſſen.“ Leiſe ſchlich er nach der Gegend hin, von wel⸗ cher das bemerkte Geräuſch herzukommen ſchien, und erſtaunt ſah er, daß die kleine eiſerne Thüre, welche den Eingang des Thurmes verwahrte, von den leicht herabhängenden Schlöſſern und Riegeln befreiet, offen ſtand, und daß der Zugwind mit derſelben ſpielte, und dadurch jenes Geräuſch ver⸗ anlaßte. — 182— „Freue dich, Unglückliche!“ rief Godwin hinauf, „fühle von neuem Muthe, von froher Hoffnung dich belebt! Eine unſichtbare menſchenfreundliche Hand begünſtigt mein Beginnen. Die Schlöſſer und Riegel des Eingangs ſind hinweggezogen, ſie hängen frei herab, die Thüre deines Kerkers iſt offen.“ „O dann fliehe, kühner Fremdling,“ flüſterte die weibliche Stimme ängſtlich herab,„ſäume nicht, hinter dieſer ſcheinbaren Begünſtigung deines Unter⸗ nehmens lauſcht ſicher Verrath und geheime Tücke.“ „Ich fürchte weder den einen noch die andere,“ rief Godwin entſchloſſen aus,„ich hoffe zu Gott, der mich als Retter dir ſendet und bisher meinen Schritt durch die mich umringenden Gefahren lei⸗ tete, den Weg zu dir zu finden und mein Werk zu vollenden.“ Mit gefaßtem Muthe ſtieß er gegen die Thie⸗ mit widrigem Ton ſeufzte ſie in ihren Angeln, und klirrend flog ſie auf, Dumpfe Modergerüche hauch⸗ — 183— ten ihm bei ſeinem Eintritte entgegen, und mit vor⸗ gehaltenen Händen ſchritt er durch die dicke, un⸗ durchdringliche Finſterniß hin, die ihn umgab. Eine Mauer hemmte ſeine Schritte, und ein moderiger Lufthauch, der an ſeiner Wange hinſtrich, verrieth ihm, daß eine Oeffnung in der Mauer ſey. Er tappte im Finſtern an der Mauer hin, und fand eine zweite, ebenfalls nur leicht angelegte eiſerne Thüre, die ſich unter dem Drucke ſeiner Hand knar⸗ rend öffnete und ihn zu einer ſteilen ſteinernen Treppe führte, welche nach der Höhe hinaufging. Mit ſchüchternen Schritten ſchwankte er bedächtig über die morſchen, zum Theil zerfallenen Stufen hinauf, und ſtand nun, als er die Höhe erreicht hatte, unentſchloſſen da, nach welcher Seite er ſich wenden ſollte.„Ich bin glücklich bis hierher vor⸗ gedrungen,“ rief er aus,„jetzt gib mir ein Zeichen, Unglückliche, wenn du in der Nähe biſt, wo ich dich finde.“ „Hier bin ich!“ ſeufzte eine weibliche Stimme — 184— ſeitswärts durch eine Thüre, welche ein matter, durch das Schlüſſelloch derſelben hindurch dringen⸗ der Lichtſchimmer ihm verrieth.. Godwin fand, zur Vermehrung ſeiner Verwun⸗ derung, auch an dieſer Thüre die Riegel hinwege gezogen, die daran hängenden Schlöſſer geöffnet, und die Thüre ſelbſt nur leicht eingeklinkt. Er öffnete ſie, und trat in ein düſtres ſteinernes Be⸗ hältniß, das von dem ſchwachen Schimmer einer Lampe matt erhellt ward, und, in einen Winkel ge⸗ preßt, erblickte er eine weibliche Geſtalt im langen weißen Leichenkleide, welche dem Hereintretenden ſchüchtern und mit dem Ausdrucke ängſtlicher Be⸗ ſorgniß entgegenblickte. Ueberraſcht, prallte Godwin bei dem Anblicke dieſer bleichen, mehr einem Schatten der Unterwelt als einem lebenden Weſen ähnlichen Leichengeſtalt zurück. Mit ſtarrem Blick war ſein Auge auf ſie ggerichtet, doch wie von einem plötzlichen Donner durchſchüttert, rief er aus:„Ihr Mächte des Him⸗ — 185— mels!— Selena?— du?— du?— biſt du es wirklich?“— Von dieſem Zurufe durchbebt, ſchwankte ſie nä⸗ her, und mit einem unartikulirten Ausrufe der ent⸗ zückenvollſten Ueberraſchung ſtürzte ſie in Godwins nach ihr ausgebreiteten Arme. 14. Erd' und Himmel ſchienen ſich jetzt vor den trunkenen Blicken der ſich wiederfindenden beiden Liebenden in entzückenden Kreiſen zu drehen. Ihr Mund ſchwieg, aber ihre ganze Seele ſprach deſto lauter und vernehmlicher in ihren Blicken; in hör⸗ baren Schlägen, ſtürmten ihre Herzen in einer lan⸗ gen, feurigen Umarmung einander entgegen, bis dann endlich der erſte heftige Sturm der Empfin⸗ dungen ſich allmälig legte, die überraſchten Sinne ſich aus ihrer Betäubung ſammelten und Beider Gefühle in Worte ſich auflöſen konnten. „Selena!“— ſtammelte Godwin, indem er ſie in einer wiederholten Umarmung mit feurigem Un⸗ — 187— geſtüm an ſich ſchloß.„Du lebſt! Du wirſt mir wiedergegeben? Du ſchlummerſt nicht in der Tod⸗ tenhalle von Oranto?— Welches Wunder hat dich mir erhalten?“ „Nein, mein Geliebter,“ flüſterte Selena mit ſeelenvollem Ausdrucke tiefgefühlter Wonne, indem ſie ſich mit Innigkeit an ihn anſchmiegte,„ich ſchlummere nicht in Oranto's Todtenhalle; ich bin dir wiedergegeben. Ich lebe, aber ein ſchreckliches Leben, ſchauderhafter als zehnfacher Tod, hier in dieſer ſchrecklichen Oede.“ „Und was entriß dich dem Tode, mit welchem die ganze Gegend getäuſcht ward,“ fragte Godwin. „Die Rache des Grafen, der einen ſchnellen Tod im Verhältniß mit dem mich beſchuldigten Ver⸗ brechen als Wohlthat für mich betrachtete, und mich hier zu langſamen Qualen aufſparte,“ erwiederte Selena. „Der Wütherich!“ rief Godwin ſchaudernd. „Treu dem Gelübde, das ich dir, mein Ge⸗ — 188— liebter, in der Stunde ſchmerzhafter Trennung, um dich der Rache des Grafen zu entziehen, ablegte,“ fuhr Selena fort,„ertrug ich gern und willig den Haß und die Rachſucht des beleidigten Gemahls, ertrug ich gern Kerker und Schmach und Schande. Ein offenes, freies Geſtändniß würde mich dem allen entzogen haben, aber die Folge davon würde dein Verderben geweſen ſein, und ſo bebte ich dop⸗ pelt vor dieſem Meineide zurück, ich duldete und ſchwieg. Ich war lebendig todt und begraben in dieſen Mauern; doch alles, was ich hier Jahre lang erduldete und litt, wiegt dieſer Augenblick des unverhofften Wiederfindens auf.(indem ſie ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlingt und ihn freudig an ſich drückt.) Ich habe dich wieder! dich, der mir theurer als mein Leben iſt! und keine Macht der Erde ſoll uun fähig ſein, dich wieder aus meinen Armen zu reißen.“ „Bis ich ihn herausreiße!“ donnerte eine furcht⸗ bare Stimme den Wonnetrunkenen zu. — 189— Erſchrocken fuhr Godwin empor, und mit einem Ausrufe des heftigſten Entſetzens ſank Selena in Godwins Arme zurück und verbarg ihr Geſicht an ſeinem Buſen, als der Graf Morrino mit ſchreck⸗ lich drohender Geberde und wuthfunkelnden Augen hereintrat. „In dieſe Schlinge gingſt du alſo, Vöſenicht donnerte er mit zornbeflügelter Stimme Godwin entgegen.„Jetzt ſollſt du mir ſo leicht nicht wie⸗ der entwiſchen, wie damals, als du in den Armen jener Treuloſen mich um meine Ruhe und mein häusliches Glück beſtahleſt.“ Bodo drängte ſich jetzt hinter dem Grafen her⸗ vor und an ſeine Seite, indem er dieſen von God⸗ win und Selenen zurückhielt.„Gedenkt eures Verſprechens,“ redete er ihm zu,„mäßigt noch Eu⸗ ern Grimm! Ich habe Eure gräfliche Ehre zum Unterpfande, daß Ihr mir es überlaſſen wollt, den Knoten zu löſen.“ „Was bedarf es da noch einer weitern Auf⸗ — 190— löſung?“ erwiederte der Graf zornig.„Sagt nicht dieſer Anblick deutlich genug, daß meine Vermuthung Wahrheit war, und daß dieſer Fremdling der Nichts⸗ würdige wirklich iſt, den meine gerechte Rache ſo lange vergebens ſuchte?— Sieh hin! liegt die Buhlerin nicht noch jetzt in ſeiner verbrecheriſchen Umarmung?“ „Die heiligſten Bande, welche die Gottheit ſelbſt um unſer beider Herzen ſchlang, heiligen dieſe Um⸗ armung, die Ihr verbrecheriſch ſcheltet,“ erwiederte Godwin mit gefaßtem Tone.„Ich bin in Eurer Gewalt, entrinnen kann und werde ich Euch nicht wieder, aber wage es Niemand, ſich mir zu nähern, der nicht mehr als ein Leben zu verlieren hat. (er zieht einen Dolch aus dem Gürtel und ſchwingt ihn drohend gegen den Grafen.) Nur der Tod ſoll mich wieder aus den Armen meiner unglücklichen Schweſter reißen. Graf. dim Tone der heftigſten Ueberraſchung.) Der Schweſter?— 4 — 191— Godwin. Meiner armen, unſchuldig gemiß⸗ handelten, unglücklichen Schweſter, die alle Qualen Eurer Grauſamkeit ſchweigend duldete, um mich, ihren unglücklichen, von Euch verfolgten Bruder, Enrer Rache zu entziehen. Ich bin der unglückliche Guido Beverini. Graf. Beverini?— Bodo. Nun, Morrino?— Was ſagt Ihr nun? Graf. Gerechter Gott! wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Laßt mir Zeit, mich zu ſammeln. Guido. Gu Bodo.) Du wußteſt oder vermutheſt wenigſtens, wer ich ſei, und gebrauchteſt die Maske der Freundſchaft nur dazu, um mir dieſe Schlinge zu legen und mich in das Verderben zu locken? (ſchmerzhaft.) Das ahnete ich nicht! Menſchenge⸗ ſichter ſind Larven, Edelmuth und Frenndſchaft ſind zum Spielwerk von Böſ ſewichtern herabgeſunken! Wehe dem, der noch Zutrauen für Menſchen hegt! 8 — 192— Bodo. Gemach! halte deine Vorwürfe zurück! ſie ſind ungerecht und treffen mich nicht. Mit Ungeſtüm drängte ſich jetzt der Graf zwi⸗ ſchen Bruder und Schweſter, indem er Selenen aus Guido's Armen emporhob und ſie aus ihrer Ohnmacht zu ermuntern ſuchte.„Selena!“ rief er mit herzerſchütterndem Ton,„Weib, armes, un⸗ glückliches Weib! erwache— o, helft mir ſie er⸗ muntern!— ſie ſtirbt!“ Matt ſchlug Selena die Augen auf, mit ver⸗ ſtörtem Blick ſtarrte ſie um ſich her, und heftig ſchauderte ſie zuſammen, als ſie ſich in den Armen des Grafen erblickte. „Gott ſei geprieſen!“ rief der Graf aus.„Sie lebt! ſie wird mir wiedergeſchenkt!“ Mit verhülltem Geſicht war Selena in des Gra⸗ fen Arm zurückgeſunken, und ſtreckte ihren Arm nach ihrem Bruder aus. „ Du werndeſt dein Auge von mir hinweg,“ fuhr der Graf fort,„du ſtreckſt deine Hand nach dem 7 — 193— Bruder aus? Hat nur dieſer noch Antheil an dei⸗ nem Herzen, ſo nehme er dich hin!“ „Wo bin ich?“ ſtammelte Selena, wie aus ei⸗ nem tiefen Traume erwachend,„was iſt mit mir vorgegangen?“ Graf. In den Armen deines unglückſeligen, reuigen Gatten. Sieh mich nicht mit dieſem herz⸗ zerſchneidenden Jammerblicke an, der mich wegen meiner ſchrecklichen Täuſchung und Ungerechtigkeit anklagt. Mein ſchrecklicher Ankläger iſt in mir.“ Selena. Höre ich recht? Darf ich dieſer Um⸗ wandlung trauen? Graf. Du darfſt es!— Das Siegel deiner Verſchwiegenheit iſt gelöst, arme Dulderin! er ſelbſt hat es zerbrochen, den ich als Ehebrecher, als Räu⸗ ber meiner Ruhe und meines häuslichen Glücks verfolgte, und in welchem ich jetzt den unglücklichen Bruder umarme. Er riß Guido mit Ungeſtüm in ſeine Arme. „Morrino!“ rief Guido verwundert,„welche 13 2 — 194— ſchnelle Umwandlung?— Ihr haßt mich nicht mehr? Ihr umarmt den Mörder Eures Sohnes, den Ihr ſo lange auf das Grauſamſte verfolgtet?“ Graf. Laß das!— ich umarme den unglück⸗ lichen Bruder meines unglücklichen Weibes, der die⸗ ſes mir wiedergibt. In dieſem Kuſſe nimm meine Verzeihung über das Geſchehene und ein gänzliches Vergeſſen deſſelben. Zeit und Nachdenken und mein Unglück haben mich über jene Auftritte anders den⸗ ten gelehrt. Mein Sohn Enrico war—(ſccnell abbrechend, mit tiefer Wehmuth) Doch erlaß mir ein Geſtändniß, das dem Vater ſchmerzhaft ſeyn unß. Ruhe und Verzeihung der Aſche des Vol⸗ lendeten!— Hilf jetzt mir das Herz deiner Schwe⸗ ſter wieder gewinnen.“ Selena.(indem ſie mit aufbrauſendem Entzü⸗ cken ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlingt) Morrino! 3 Guido. Guter Gott! das faſſe ich nicht!— Wem verdanke ich dieſe ſchnelle Sinnesänderung meines Verfolgers — 195— Graf. Der Alles heilenden Zeit und dieſem hier. (auf Bodo zeigend.) 3 Guido. Dir, Bodo? So habe ich dir vorhin unrecht gethan? Graf. Ohne ihn und ſeine kräftige Verwen⸗ dung und Ermahnungen wäret Ihr Beide, du und Selena, ſchon längſt ein Opfer meiner Rache. Guido. Was bewog dich, edler Greis, dich unſerer ſo thätig anzunehmen? Bodo. Konnte ich weniger für die unglückli⸗ chen Kinder meiner Schweſter thun?(er wirft den den falſchen Bart und das falſche, ſein Geſicht beſchat⸗ tende Haupthaar von ſich) Erkennt in mir Euern Oheim! ich bin Antonio Orbizo! 15. Er war es ſelbſt, der redliche Orbizo, der in dieſe ihn unkenntlich machende Kleidung ſich gehüllt hatte, um ſeiner unglücklichen Nichte zu Hülfe zu eilen und ihr Troſt zu bringen. Troſtlos bejammerte er den Verluſt ſeiner ge⸗ liebten Pflegetochter, als dieſe ihm durch die Mieth⸗ linge des Grafen war gewaltſam entriſſen worden. Vergebens bot er Alles auf, um die Räuber oder eine Spur von ihnen zu entdecken, und zu entdecken, wohin ſie Selenen möchten gebracht haben. Trau⸗ rig kehrten die ausgeſandten Boten zurück, ohne die geringſte Spur von Selenen oder ihren Räubern entdeckt zu haben, und der Schmerz des guten Al⸗ ten grenzte an Verzweiflung und machte ihm ſeinen 8 bisherigen Aufenthalt, wo ihn Alles umher an ſeine geliebte Pflegetochter erinnerte, zur Hölle. Mit dem feſten Entſchluſſe, Selenen wieder zu finden, verkaufte er ſein friedliches Landgut, und ſo wanderte er am Wanderſtabe, auf gut Glück, im⸗ Vertrauen auf die Vorſehung in die Welt hinaus. Vergebens hoffte er jedoch von dem einen Tage zum aandern, einige Kundſchaft von Selenen zu erhalten; kein Menſch, wohin er ſich auch wandte, konnte ihm auf ſeine Fragen und Erkundigungen Antwort geben. Traurig und mit Seufzern begrüßte er jeden Mor⸗ gen und jeden Abend, wenn er mit wunden Füßen und erſchöpften Kräften hier und dort in einer ländlichen Hütte einkehrte und ſich ein Nachtlager erbat. Lange ſchon war er in fruchtloſen Nachforſchun⸗ gen umhergeirrt, als er endlich in dieſe Gegend kam, wo ihn krank und äußerſt erſchöpft ein alter ehrwürdiger Klausner, der menſ chenfreundliche Ariſto, in ſeine Klauſe aufnahm, ihn pflegte und wartete, — 198— und ihn nach einer langanhaltenden Krankheit, durch ſeine beſondern Kenntniſſe der Pflanzen und Kräu⸗ ter und deren Heilkräfte, dem Tode wieder entriß. Sein menſchenfreundlicher Wirth und Arzt ward bald ſein Freund, und Beide fühlten ſich täglich 2 mehr und mehr voll Zutrauen an einander gekettet, ſo daß ihnen gegenſeitig ihr Umgang unentbehrlich ward. Sie theilten ſich wechſelſeitig ihre Schickſale mit, und die innige Theilnahme des edelmüthigen Ariſto an dem Kummer ſeines Freundes, über Se⸗ lenens Schickſal, trug Vieles dazu bei, denſelben zu vermindern. Ariſto ließ es nicht allein dabei bewenden, ſeinen trauernden Freund zu tröſten und durch ſeine freundſchaftliche Zuſprache in ſeinem Kummer aufzurichten, ſondern er ließ es ſich auch eifrigſt angelegen ſeyn, ſich wegen Selenens und ihres Bruders auf Kundſchaft zu legen. Nach manchen vergeblichen Verſuchen, etwas von der einen oder dem andern zu erforſchen, gelang es ihm endlich, Selenens Schickſal auszukundſchaf⸗ — 199— ten nud zu erlauſchen, daß ſie ſeit kurzem in den Mauern des Schloſſes Oranto eingekerkert ſey. Aus Schonung gegen ſeinen Freund Orbizo ver⸗ ſchwieg er jedoch dieſem einige Zeit lange dieſe Nachricht, die deſſen noch ſo ſchwächlicher Geſund⸗ heit ſehr leicht hätte nachtheilig werden können. Er ſuchte ihn vielmehr durch mancherlei Beſchäftigun⸗ gen zu zerſtreuen und von den ihn beunruhigenden Gegenſtänden abzuziehen, indem er ihn an ſeiner gemeinnützigen Thätigkeit Antheil nehmen ließ, ihm ſeine Erfahrungen und Kenntniſſe in der Heilkunde mittheilte und ihn nur allmählig auf die Nachricht von Selenens traurigem Schickſale vorbereitete, bis er endlich ſein Ende nahe fühlte, und er wenige Tage vor ſeinem Scheiden ſeinem Freunde Alles entdeckte. Mit Thränen des tiefgefühlteſten Schmerzes und des Danks übergab Orbizo die Ueberreſte ſeines dahin geſchiedenen Freundes dem Schooße der Erde, und zog nunmehr ſelbſt auf genauere Kundſchaft — 290— nach Selenen aus. Hier ward er durch die Trauer⸗ poſt überraſcht, daß die unglückliche Selena der Härte ihres Schickſals unterlegen und durch den Tod von ihren Leiden befreiet worden ſey. Mit tobendem Schmerz im Buſen über dieſen doppelten Verluſt kehrte Orbizo einſam und ver⸗ laſſen in ſeine Einöde zurück. Kein freundlicher Strahl von ſchmeichelnder Hoffnung lichtete das furchtbare Dunkel ſeiner Seele, und ſein liebſter Aufenthalt war auf Ariſto's Grabe, wo er mit Gedanken an dieſen und an Selenen und an ihr beiderſeitiges glückliches Wiederſehen in den Gefilden der Unſterblichkeit ſich beſchäftigte. In tiefe Trauer und Wehmuth verſenkt, war er einſt eben im Begriffe, tief in der Nacht von Ari⸗ ſto's Grabe nach ſeiner Klauſe zurückzukehren, als er tief in dem Gebüſche auf einen Mann ſtieß, der ſchüchtern durch das Dickicht hindurchſchlüpfte und auf einem engen buſchigen Pfade durch das Ge⸗ büſche hindurch dem nahegelegenen See Averno zu⸗ eilte. Orbizo eilte ihm nach, und kam eben an den See, als der Unbekannte ſich in einen an dem Ufer befeſtigten Nachen warf und dem Schsefena⸗ thurme zurnderte. Orbizo folgte dem nächtlichen Schiffer mit den Augen, bis er an dem Fuße des Thurmes ſich ſei⸗ nen Blicken entzog. Leiſe ſprach die Vermuthung in ſeinem Innern an, daß dort vielleicht irgend ein verſtecktes Bubenſtück verborgen liege, und auf den ſchwellenden Raſen hingelagert, erwartete er die Rückkehr des Unbekannten. Dieſer erſchien endlich wieder, und ohne Orbizo zu bemerken, wollte er wieder durch das Gebüſch zurückeilen, als ihm Orbizo ſchnell in den Weg trat und ihn anhielt. Ueberraſcht ſchrack dieſer heftig zuſammen; doch ſeine Ueberraſchung und ſein Schreck verlor ſich bald wieder, als ihn Orbizo anredete und er in dieſem den ehrwürdigen Klaus⸗ ner dieſer Wildniß und ſeinen Bekannten erkannte. Nicht weniger ward Orbizo angenehm überraſcht, — 202— als er in dem Unbekannten Pirro, den alten treuen Diener des menſchenfeindlichen Morrino, erblickte, der bei nächtlicher Weile die als todt beweinte Grä⸗ fin in ihrem öden Kerker mit Speiſe und Trank verſorgte, und eben jetzt dieſes Geſchäft beſorgt hatte. Nur noch vor kurzer Zeit hatte Orbizo, als Klausner Bodo, dieſen Pirro dem Siechbette wie⸗ der entriſſen, und die Dankbarkeit für dieſen wich⸗ tigen Dienſt öffnete Pirro jetzt ſehr bald den Mund über das Geheimniß des Schreckensthurmes. Mit freudiger Verwunderung vernahm Orbizo, daß ſeine unglückliche Nichte noch lebe, und daß die Nachricht von ihrem Tode nur von dem Grafen erdichtet worden ſey, um den Plan ſeiner Rache gegen Selenen deſto ungeſtörter ausführen zu kön⸗ nen und alle etwanige Nachforſchungen nach ihr zu vereiteln. Orbizo wünſchte angelegentlichſt, Sele⸗ nen ſelbſt zu ſehen und zu ſprechen, und von ihr zu erforſchen, in wie fern ſie wegen des ſie be⸗ ſchuldigten Vergehens ſchuldig ſey, oder nicht, und — — 203— ob ihr gegenwärtiges trauriges Loos verdiente Strafe ſey; allein ſo gern ihm auch Pirro hierzu Gele⸗ genheit verſchafft hätte, ſo mußte er dennoch noth⸗ gedrungen davon abſtehen, da überall die geheimen Auflaurer des Grafen im Gebüſche verſteckt lagen und die Gegend auf das aufmerkſamſte beobachteten. Dennoch fand Orbizo mit Beihülfe des treuen Pirro bald darauf Gelegenheit, ſich in den Schre⸗ ckensthurm einzuſchleichen, indem er das Gewand eines Ordensgeiſtlichen wählte, und ſich in dieſer Verkleidung Selenen näher brachte, ohne von ihr erkannt zu werden, um ſie über den Verluſt ihres Kindes zu tröſten. Der Schein war zu ſehr gegen Selenen, und ihr ſtrenges Stillſchweigen über die wahre und ei⸗ gentliche Beſchaffenheit des ihr zum Verbrechen ge⸗ rechneten Umgangs mit jenem Fremdlinge ſprach zu dentlich für die Beſchuldigung des Grafen ge⸗ gen ſie, als daß ſie Orbizo hätte entſchuldigen oder rechtfertigen können. Mit ſchauderndem Unwillen — 204— ſahe er auf die vermeinte Verderbtheit des Herzens ſeiner vor dem ſo unbeſcholtenen und tugendhaften Nichte hin, und ſein empörtes Gefühl war ſo hef⸗ tig, daß der Ausbruch deſſelben ihn beinahe gegen Selenen verrathen hätte, wenn er nicht ſchnell ſich geſammelt und ſeinen aufbrauſenden Unwillen hin⸗ ter dem gerechten Eifer des beleidigten ſittlichen Gefühls des Dieners der Gottheit verſteckt hätte. Selena ertrug die Vorwürfe des ehrwürdigen Geiſt⸗ lichen mit Geduld, und konnte nur mit Thränen antworten, welche das Mitleid Orbizo's rege mach⸗ ten und ihn aufforderten, ſich der unglücklichen Ge⸗ fangenen anzunehmen und ſie durch ſanfte Tröſtung in ihrem verzweiflungsvollen Schmerz aufzurichten. „Um Selenen deſto weſentlichere Dienſte leiſten und ſie öfter ſehen und ſprechen zu können, ſuchte ſich Orbizo dem Grafen Morrino zu nähern und ſſiicc in ſein Zutrauen einzuſchleichen. Nach vielen und mannichfaltigen fruchtloſen Verſuchen und Be⸗ mühungen gelang es ihm endlich, ſeine Abſicht zu — 205— erreichen, indem er des Grafen Eigenheiten des Charakters ſo gut zu benutzen wußte, daß dieſer, nach der erſten Bekanntſchaft, bald in dem alten einſiedleriſchen Waldbewohner Bodo den Mann zu finden wähnte, der mit ihm ſelbſt ſeine menſchen⸗ feindlichen Geſinnungen theilte, indem derſelbe eben ſo viele traurige Erfahrungen, als er, von der Bos⸗ heit und Heimtücke der Menſchen geſammelt zu ha⸗ ben ſchien, um dieſe und die Welt auf immer zu fliehen. Genug, der ſchlaue Bodo fand ſehr bald den Weg zu Morrino's Herzen, und wußte ihm ſeinen Umgang ſo werth zu machen, daß er ihm bald unentbehrlich ward. Bodo gab dem Grafen ſelbſt Einſchläge, wie er vielleicht den unbekannten Verführer ſeiner Gemah⸗ lin erhaſchen könne, indem er in der Vorausſetzung, daß jener vermeinte Räuber des häuslichen Glücks Morrino's einmal wieder in die Gegend zurückkeh⸗ ren werde, um Nachrichten von Selenen einzuzie⸗ hen, den Rath gab, überall gehirflamnen aus⸗ — 206— zuſtellen und jeden Vorüberwandernden anzuhalten, in die zunächſt gelegene Burg des Grafen zu füh⸗ ren, ihn dort gaſtfreundlich zu bewirthen und ihn auszuforſchen, ob er vielleicht der Gehaßte ſey. Der Graf genehmigte nicht allein dieſen Vor⸗ ſchlag, ſondern trug Bodo auch felbſt dieſes Ge⸗ ſchäft auf, nicht allein die Gegend des Waldes, ſondern vorzüglich auch den See Averno mit ſeinem Schreckensthurme zu belauſchen, indem er ihm zu⸗ gleich freien Zutritt zu Selenen verſtattete und ihm übertrug, ſie ſtreng zu beobachten, ſie über die be⸗ wußte Angelegenheit auszuforſchen, und ihr bei ih⸗ rer abwechſelnden, immer mehr und mehr zuneh⸗ menden Kränklichkeit Hülfe zu leiſten. Um dieſes Letztere deſto beſſer zu bewerkſtelligen, ließ Bodo oben auf dem alten zerfallenen Thurme eine Glocke anbringen, deren Strang zu Selenen hinabging, ſo daß ſie dieſe Glocke anziehen und ihm dadurch ein Zeichen geben konnte, wenn die Arme ſeines ärztlichen oder freundſchaftlichen Rathes oder — 207— ſeines Schutzes bedürfe. Zugleich unterhielt er ſelbſt die abenteuerlichen Gerüchte von dem Schreckens⸗ thurme und die mancherlei Mährchen von der Tod⸗ tenglocke, um jeden Vorwitzigen deſto mehr davon entfernt zu halten. Ohne von Selenen erkannt zu werden, war Bodo ihr als theilnehmender Freund zur Seite. Ihre Seufzer und ihrer Thränen ſtumme Klagen ſagten ſeinen aufmerkſamen beobachtenden Blicken ſehr bald, welcher Kummer an ihrem armen Herzen nage, und nährten die Vermuthung immer mehr und mehr in ihm, daß des Grafen Beſchuldigung einer ver⸗ brecheriſchen Treuloſigkeit ſeiner Gemahlin auf einem Irrthume beruhe, den er aber auf keine Art zu heben im Stande war, da Selena auf ſeine des⸗ halb wiederholten Ermahnungen, Vorſtellungen und Bitten um ein offenes freimüthiges Bekenntniß mit Thränen in ihn drang, dieſer Gegenſtände ferner nicht zu gedenken und ihr unverbrüchliches Still⸗ ſchweigen zu ehren, das keinesweges Eigenſinn oder — 208.— Furcht vor größerer Strafe, ſondern Pflicht ſeny welche ein feierliches Gelübde eines ewigen Still⸗ ſchweigens ihr auflege. Bodo ſäumte nicht, den Grafen mit ſeiner Ver⸗ muthung von Selenens Unſchuld bekannt zu machen, und dieſer hing noch viel zu ſehr mit Zärtlichkeit an ihr, als daß er nicht dieſe Vermuthung hätte einigermaßen in ſich aufnehmen ſollen. Gleichwohl erlaubten ſeine beleidigte Ehre und ſein Stolz nicht, auf eine bloße Vermuthung, ohne überzeugende Be⸗ weiſe, Selenen Verzeihung und Freiheit zu ſchenken; aber um ſo mehr war er bemüht, ſich die Ueber⸗ zeugung von Selenens Unſchuld zu verſchaffen. So ſehr er es ſich auch vorher feſt vorgenommen hatte, die ſcheinbar Treuloſe nie wiederzuſehen, ſo verän⸗ derte dennoch Bodo's Vermuthung dieſe Geſinnun⸗ gen dahin, daß er dieſem abwechſelnd Geſellſchaft leiſtete, wenn er bei nächtlicher Weile nach dem 6 Schreckensthurme ruderte, aber unzufriedener und unwilliger als zuvor kehrte er immer wieder von Selenen zurück, da ſie durch Nichts dahin zu brin⸗ gen war, ihr Stillſchweigen zu brechen. Nur Bodo's angeſtrengter Thätigkeit und ſeinen eifrigen Verwendungen für ſie hatte es Selena zu verdan⸗ ken, daß der wilde Schmerz über ſeine Lage und ſein Unwille über Selenens hartnäckiges Stillſchwei⸗ gen nicht in ſolchen Augenblicken in größere Härte und Strenge gegen ſie übergingen. Ihr tief in ſich ſelbſt verſchloſſenes gramvolles Leiden griff bald Selenens ohnedies ſchwächliche Geſundheit an und warf ſie auf ein langwieriges Krankenlager, auf welchem die arme Dulderin mit freudiger Hoffnung den Tod glaubte herannahen zu ſehen. Ihre Krankheit machte es nothwendig, der armen Gefangenen eine Wärterin zu geben, und Bodo wählte hierzu, mit Beiſtimmung des Grafen, eine arme Wittwe aus dem benachbarten Dorfe, deren Verſchwiegenheit, Treue und regſame Thätig⸗ keit für die Kranke er ſich durch vielfältige wohl⸗ 14 — 210— thätige Unterſtützung der Armen ſchon vorher er⸗ worben hatte. Oefter als jemals rief ihn jetzt die nächtliche Glocke zur Hülfe der armen Selena hinüber in den Schreckensthurm. Die Ausbrüche ihrer zerrütteten Phantaſie in ihren Fieberträumen und die Nach⸗ richten der Wärterin, welche den Auftrag hatte, die Kranke ſorgfältig zu beobachten, beſtätigten Bo⸗ do's Vermuthungen von Selenens Schuldloſigkeit noch mehr. Jemehr er jetzt hierdurch auf die Wahrheit und die eigentliche Beſchaffenheit der Ge⸗ genſtände, welche die Beſchuldigung einer Treulo⸗ ſigkeit gegen Selenen bewirkt hatten, allmählig hin⸗ geleitet ward, um ſo eifriger ließ es ſich auch Bodo mit der nöthigen Vorſicht und Behutſamkeit ange⸗ legen ſeyn, den Grafen allmählig auf den Punkt hinzuführen, wohin er ihn nothwendig haben mußte, wenn die Folgezeit den Schleier von Selenens Ge⸗ heimniſſe gänzlich hinwegzöge, um alsdann den Gra⸗ fen durch die Auflöſung dieſer Räthſel wirklich ſo . 8 — 211— ſehr zu beglücken und zufrieden zu ſtellen, daß er um des wiedererlangten Genuſſes ſeines häuslichen Glücks willen alles Uebrige der vorigen Zeiten, was ſeinen Groll gegen das Geſchlecht der Beve⸗ rini unterhalten und verſtärkt hätte, vergeſſen könne. In einigen lichten Augenblicken führte Bodo den Grafen ſelbſt an das Krankenlager ſeiner Gemah⸗ lin, weil dieſe es ausdrücklich verlangte, um in der gewiſſen Hoffnung ihrer baldigen Auflöſung Abſchied von ihm zu nehmen. Gerührt und auf das Tiefſte erſchüttert ſtand Morrina an dem Krankenlager, als Selena, mit der feierlichen Verſicherung, daß ſie unſchuldig ſey, ihn dringend bat, ihr zu verzei⸗ hen, daß ſie durch ihr Stillſchweigen, welches ſelbſt der Tod nicht löſen könne, ihm ſo viele Leiden verurſacht habe. Doch dieſe Seene war ſo angreifend für Se⸗ lena, daß ſie entkräftet in ihre Fieberträume zurückſank. Mit zerriſſenem Herzen eilte der Graf in ſein Schloß zurück, wo er ſich in die Todtenhalle des Gartens verſchloß und mit dem wilden Schmerze — 212— in einem Buſen kämpfte. Sein Haß gegen den Unbekannten, der alle dieſe Leiden über ihn und Selenen gebracht, und durch ſeine ſchnelle Flucht den Verdacht gegen Selenen und deren ſträflichen Umgang mit ihm beſtärkt hatte, wuchs um ſo höher, je weniger ſich derſelbe zeigen wollte, um die Räth⸗ ſel zu löſen. Der Grimm des Grafen war daher auch um ſo ſtärker gegen Godwin, als dieſer ihm endlich in die Hände fiel, und alle Umſtände bei ſeinem Ergreifen, ſo wie ſein eignes Benehmen, den Verdacht gegen ihn beſtärkten, daß er wirklich der vermeinte Verführer Selenens ſey, dem der Graf ſo lange Zeit vergebens nachgeſpürt hatte. Bodo war jetzt nicht müßig, den Grimm des Grafen gegen Godwin zu mildern und ihn für ſeine Plane zu ſtimmen, welche auf die nunmehrige Auf⸗ löſung aller bisherigen geheimnißvollen Räthſel hin⸗ zielten, da er ohne viele Mühe in dieſem Fremdlinge ſeinen unglücklichen Neffen vermuthete. Um ſich noch mehr von ſeiner Vermuthung und — 213— den darauf gebauten Hoffnungen von Selenens Schuldloſigkeit zu überzeugen, erhielt Pirro von— Bodo den Auftrag, Godwin durch ſeine Erzählung ſo zu faſſen, daß er ſich unwillkührlich verrathen mußte. Seine auffallende Ueberraſchung bei dem Anblicke von Enrico's Bilde, ſeine Aeußerungen und vorzüglich ſeine warme Anhänglichkeit an Selenen und ſeine Theilnahme an ihrem ſchrecklichen Schick⸗ ſale ließen Bodo keinen Zweifel weiter übrig, daß er wirklich der ſey, wofür er ihn hielt. Um nun aber auch mit einem Male den Knoten des ganzen Räthſels auch vorzüglich in Anſehung Se⸗ lenens aufzulöſen, beredete Bodo den Grafen dazu, Godwin frei zu geben, ihm denſelben zu überlaſſen und ſeines Winkes gewärtig zu ſeyn, um ihm ſogleich in den Schreckensthurm zu folgen und dieſen Unbekann⸗ ten dort zu belauſchen, da dieſer, wenn nicht alles trügen ſollte, nicht zögern würde, ſeine Freiheit da⸗ zu zu benutzen, den Thurm zu beſuchen, für welchen er ſchon ſo viel Intereſſe verrathen hatte. —! 1 16. Jetzt war das Räthſel glücklich gelöst; in dem höchſten Grade der freudigſten Ueberraſchung ſtürm⸗ ten Guido und Selena dem ehrwürdigen Greiſe Orbizo entgegen, und eines gemeinſchaftlichen Ent⸗ zückens Hochgefühl durchglühte Aller Herzen. „Mein Oheim! mein guter, lieber, väterlicher Freund!“ rief Selena, indem ſie ſich an Orbizo's Hals anklammerte,„wer mir das geſagt hätte, daß ich in dem edelmüthigen Bodo, der ſich meiner im Elende, in Kummer und Krankheit ſo thätig annahm, meinen väterlichen Erzieher und Freund vor mir ſähe. Grauſamer Mann! daß Ihr mir dieſes nicht früher entdecktet! es würde mir mein Unglück um Vieles erleichtert haben!“ — 215— „Du irrſt, liebe Nichte!“ unterbrach ſie Orbizo, „nur meine Verborgenheit konnte dir den Vortheil für die Folge verſchaffen, den mein Plan heiſchte. Ich hatte mir in meiner Maske dein Vertrauen, deine Liebe zu verdienen gewußt, du ehrteſt und vertrauteſt Bodo, was bedurfte es mehr zu deiner Beruhigung? Nur als Bodo konnte ich den Weg zu dem Zutrauen deines Gemahls finden, den der Name Orbizo mir würde auf immer verſperrt ha⸗ ben, da ſein einmal aufgeregtes Mißtrauen alsdann in meinen Verwendungen für dich und in meinen Bemühungen, dich und deine Schuldloſigkeit zu ver⸗ theidigen und in Schutz zu nehmen, nur den Ei⸗ gennutz und die partheiiſche Vorliebe des Oheims für ſeine Nichte würde erblickt haben, wenn auch nicht ſchon an ſich ſelbſt Jeder, der zu der Fami⸗ lie Beverini gehörte, ihm ſo verhaßt geweſen wäre. Dieſen Haß im Allgemeinen mußte ich zuvörderſt beſiegen, ehe ich ſeinen Groll gegen dich bekämpfen und mich ihm in meiner wahren Geſtalt zeigen konnte. — 216— Selena. Es würde nur eines Winkes von Euch, mein theurer Oheim, bedurft haben, um hierüber meine Zunge zu binden. Orbizo. Deine Krankheit würde dich verhin⸗ dert haben, dieſem Vorſatze treu zu bleiben. Deine Fieberträume waren es, die mir den Schleier öff⸗ neten, der dein Geheimniß verhüllte, ſie würden auch mich, ohne daß du es wollteſt, ſehr leicht haben verrathen können. Würdeſt du auch wohl dem Oheim haben entdecken können, was dein Gelübde des unverletzlichen Stillſchweigens dir befahl, dem treuen Bodo und ſeinen wiederholten dringenden Bitten zu verhehlen? Wenn du dieſes auch wirk⸗ lich gewollt hätteſt, ſo würde meine eigene Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit ſich dagegen geſträubt haben, inſofern dieſe es unmöglich würde haben zugeben können, dich deinem Gelübde untreu und unwürdig zu ma⸗ chen und dich zu einem Geſtändniſſe zu verleiten, das weder jahrelange Leiden und die Schrecken des Todes, noch Schmach, Schande und die Bitten — 2417— deines unglücklichen Gemahls dir entlocken konnten. Selena. Mein theurer Oheim, mein Gemahl, Ihr werdet mich Beide entſchuldigen, wenn ich Euch daran erinnere, daß nur dieſes mein ſtrenges Still⸗ ſchweigen über jene unſeligen Mißverſtändniſſe mei⸗ nen unglücklichen, verfolgten Bruder der Rache des Grafen entziehen konnte. Er würde alsdann zwar von ſeinem Jrrthume zurückgekommen ſeyn und in jenem Fremdlinge nicht mehr meinen Verführer ge⸗ haßt haben, aber ſeine Rachſucht gegen den Bruder als Mörder ſeines Lieblings würde darum nicht vermindert worden ſeyn. Hier lag alſo die Liebe, das Zutrauen und die Ruhe meiſtes Gemahls und mein eigenes Wohl in der einen Wagſchaale, und dort die Freiheit und das Leben eines unglücklichen Bruders in der andern; wer kann mich deshalb verdammen, wenn mein Herz und meine Pflicht als Schweſter der Letztern den Ausſchlag gab? und wenn ich, um meinen armen unglücklichen Bruder zu retten, lieber ſelbſt elend war, als mir Leben — 218— und Freiheit auf ſeine Koſten erkaufen wollte, wenn ich um ſeinetwillen Ruhe, Glück, alle Lebensfreuden, und, was mir theurer als dieſes Alles war, mei⸗ nen unbeſcholtenen Ruf und meine Ehre aufopferte? Graf. Grauſame! du haſt dir ſelbſt und mir dadurch vorſätzlich eine Hölle hienieden bereitet. Wie leicht würde es dir gelungen ſeyn, durch ein offenes freimüthiges Geſtändniß meinen Haß gegen deinen Bruder zu beſiegen. Orbizo. Glaubt das nicht, Morrino! Ihr ſeyd im Begriffe, Euch ſelbſt zu täuſchen. Laßt mich euch darauf aufmerkſam machen, daß kein of⸗ fenes freimüthiges Bekenntniß Eurer Gemahlin, keine Bitten, Thrãt inen und Vorſtellungen derſelben in der Hauptſache etwas würden geändert haben. Ihr glaubtet Guido todt, und nur dem todten Feind konntet Ihr einigermaßen verzeihen, den lebenden würdet Ihr mit neuer Wuth verfolgt haben, und ſelbſt Eure unglückliche Gemahlin würde dadurch in Eurem Herzen verloren haben, daß ſie hinter Euerm — 219— Rücken einen vertrauten Umgang mit dem Euch ſo verhaßten Guido unterhalten hatte, und, aller Dro⸗ hungen ungeachtet, noch immer mit voller Zärtlich⸗ keit an ihm hing. Nur größeres Leiden, größeres Unglück, als der Schmerz über Enrico's Verluſt, konnte Euern Haß gegen Beverini tilgen. Erinnert Euch, wie viele Mühe und Anſtrengung es mich koſtete, Euch endlich auf den Punkt zu bringen, wo Ihr Euch fähig fühltet, durch gänzliches Vergeſſen und Verzeihen des Vergangenen Euch Eure Ruhe und Euer häusliches Glück wieder zu erkaufen. Graf. Ich wage es nicht, dir zu widerſpre⸗ chen; ich muß es vielmehr bekennen, daß ich An⸗ fangs nur in der zuverſichtlichen Ueberzeugung von der Untrüglichkeit der erhaltenen Nachrichten von Beverini's Tode mir das Verſprechen von dir ent⸗ locken ließ, ihm zu verzeihen. Doch jetzt begreife ich nicht, wie jene nug Fu trügen konnten, und wie du, Unglücklicher, deinen Verfolgern und meiner Rache entrinnen konnteſt? — 220— Guido. Wunderbar genug ward ich durch die Hand der Vorſehung erhalten. Graf. So waren die Papiere und jenes kleine Gemälde Selenens, das von deiner Hand gemalt war und welche man bei dir wollte gefunden haben und mir überſchickt wurden, untergeſchoben? du wurdeſt nicht in den Apenninen ermordet? Guido. Jene Papiere ſowohl, als auch Se⸗ lenens Bildniß kamen von mir, und ich fiel wirk⸗ lich in den Apenninen durch Mörderhand, aber gleichwohl erhielt mich der Himmel. Mit wenigen Worten will ich Euch darüber verſtändigen. Unſtät und flüchtig irrte ich umher, und dicht auf der Ferſe folgten mir die von Euch gemietheten Verfolger. Krank und erſchöpft kam ich nach Rini, und um ſo viel als möglich verborgen zu bleiben, ſuchte und fand ich eine willige Aufnahme in der ärmlichen Wohnung einer der niedrigſten und verworfenſten Merſchenklaſſe, eines gewiſſen Carlo Baſigli, der zu den Lazaroni, und zwar zu der Klaſſe der — 221— Mondezari gehörte, und deſſen freundſchaftliche Un⸗ terſtützung und Pflege während meiner Krankheit ich mir durch einen Ring von Werth erkaufte, wel⸗ chen ich nebſt einigen wenigen andern Koſtbarkeiten mir gerettet hatte. Ich entdeckte in meinem Wirthe, ungeachtet ſeiner übrigen Verworfenheit, ein dank⸗ bares Herz, und der bedeutende gelöste Werth des Ringes, welchen ich ihm bis auf einige Seudi über⸗ ließ, erwarb mir ſeine ganze Ergebenheit. Man — hatte jedoch auch hier meine Anweſenheit ausge⸗ kundſchaftet, und ſchon lauerte der gedungene Meuch⸗ ler auf mich, deſſen Dolch mich niederſtoßen ſollte. Ich erholte mich allmählig wieder von meiner Krank⸗ heit und fing an, an der Hand meines bisherigen Pflegers Carlo kleine Spaziergänge im Freien und in den nahgelegenen Gebirgen zu machen, wo ich am verborgenſten zu bleiben wähnte. Auf einem ähnlichen Spaziergange mit Baſigli war es, wo ich, als dieſer ſich etwas von mir entfernt hatte und ich an dem Fuß des Monte Velino gelagert, — 222— ſeine Rückkehr erwartete, plötzlich von einem Unbe⸗ kannten überfallen und niedergeſtoßen ward. Ich behielt jedoch ſo viel Zeit übrig, meinen Begleiter zu Hülfe herbeizurufen und dem Stoße des Meu⸗ chelmörders durch eine Wendung zu entgehen, ſo daß der Dolch den Weg zu meinem Herzen ver⸗ fehlte. Nur Baſigli's Ankunft, der auf mein Ge⸗ ſchrei ſchnell herbeiſprang, rettete mich aber von einem zweiten Dolchſtoße. Betäubt ſank ich auf den Raſen zurück, und als ich mich wieder ermun⸗ terte, fand ich mich in Baſigli's Hütte, und ſowohl dieſen, als auch jenen Meuchelmörder um mich be⸗ ſchäftigt, meine Wunde zu verbinden und mich aus meiner Betäubung zu erwecken. Ich erfuhr, daß 3 Baſigli ein Freund des gedungenen Meuchelmörders 4 ſey, und um dieſem den auf meine Ermordung ge⸗ ſetzten Preis zu verſchaffen, mich ſelbſt vor allen weitern Verfolgungen ſicher zu ſtellen, händigte ich ihm meine mit Blut befleckten Kleider, einen Theil der bei mir geführten Papiere und das Portrait — 223— meiner Schweſter, wovon ich mir ſchon in Catania eine Copie genommen hatte, ein, um ſich damit le⸗ gitimiren zu können, und ſo entging ich dem Tode. Graf. Wofür ich jetzt dem Himmel mit hoher Inbrunſt danke! Es wird mir ſchwer werden, mich jemals darüber zu entſchuldigen, daß ich von blin⸗ der Rachſucht mich ſo tief unter meine Würde konnte herabwürdigen laſſen. Kannſt du mir verzeihen, Beverini? Guido. Laßt uns Beide und uns Alle auf immer das Geſchehene und der Vergangenheit trübe Erinnerungen vergeſſen, um unſer gegenwärtiges ho⸗ hes Glück deſto mehr und reiner zu genießen. Graf. Ich habe mich ſelbſt um einen weſent⸗ lichen Theil dieſes Glückes gebracht, der nun auf immer für mich dahin iſt.(ſchmerzhaft an Selenens Bruſt hingeſchmiegt) Ach Selena! ich habe dir und mir mehr geraubt, als ich uns Beiden erſetzen und als ich mir ſelbſt jemals verzeihen kann. 34 — 224— Selena. hn liebevoll an ſich drückend) Habt Ihr nicht Eure Selena, rein und ſchuldlos und tugendhaft, wieder, ſeht Ihr nicht all' unſere Lie⸗ ben um Euch her, was braucht Ihr noch? Graf.(ſchmerzhaft lächelnd) Alle?— alle unſre Lieben?— Nein, nicht Alle!— In unſerm Kreiſe iſt noch eine Lücke, welche nur die Foltern meines Herzens ausfüllen. Die Wonne des glücklichen Gatten, die Freuden des Freundes lachen mir Un⸗ würdigen aus Euern Blicken, Ihr guten Menſchen, entgegen, aber die Seligkeit des glücklichen Vaters habe ich um Qualen der Hölle vertauſcht.(Indem er ſich wild aus Selenens Armen reißt) Nein, nein, ich darf nicht an dieſem Herzen ruhen, dem ich eine ſo ſchreckliche Wunde verſetzte; ich bin unwerth Eurer Liebe, Eurer Verzeihung. Ihr müßt den unnatürlichen Vater in mir verfluchen, der ſein ein⸗ ziges Kind aus blinder leidenſchaftlicher Wuth b ver⸗ nichten konnte. Selena.(ſanſt zuredend) Mein Gemahl, kommtt zurück in meine Arme, hier an meinem Herzen iſt Troſt für Euch, Unglücklicher! Graf. Unglücklich?— o wohl bin ich das. Mitten unter der Seligkeit dieſes Augenblicks ein unglückſeliger weinender Abadonna. Selena, Guido, Orbizo! fluchet mir nicht, bemitleidet mich! ich bin unglücklich und muß es bleiben. Mitten unter den Blumen der Gegenwart grinst mich das Schreck⸗ geſpenſt der Vergangenheit an, mit Schaudern und Entſetzen erblicke ich den drohenden Schatten mei⸗ ner kleinen unſchuldigen Aurora, und ſein ſchmerz⸗ haftes Lächeln weckt in meinem Innern die furcht⸗ bare Stimme, deren Zuruf„Mörder!“ bis in die verborgenſte Tiefe meines Herzens ſchrecklich wie⸗ derhallt. Selena ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und preßte ihn mit feurigem Ungeſtüm an ihr Herz. Seine Thränen rannen in ihren Buſen, und mit herzzerreißendem Ton ſtammelte er:„Düſter und in Nebel gehüllt, geht die Sonne meines neu er⸗ 15 — 226— wachenden Glücks auf, Aurorens ſanftes Lächeln erhöht es nicht!“ „Freundeshand wird auch dieſe düſtern, Auro⸗ rens ſanftes Lächeln verhüllende Nebel dir ver⸗ ſcheuchen!“ rief Orbizo ihm zu.„Oft war der Ton jener Todtenglocke, der den Wanderer in ſchau⸗ erlicher Mitternacht ſchreckte, der Ruf, welcher den treuen Bodo durch Nacht und Graus als Helfer und Tröſter herüber zu der lebendig Todten in dieſen Kerker rief. Jetzt rufe der hellere Ton die⸗ ſer Glocke die Todten zurück in das Leben.“ Er ging auf die Seite und riß mit freudiger Haſt an dem Strange der Glocke, der an der Mauer herabhing. Laut ſchallte der Ton der Glocke von der Höhe des Thurms durch die Stille der Nacht. Alle ſtanden und ſtaunten den Greis an, ohne zu wiſſen, was ſie zu dem Allen ſagen ſollten. „Aurorens goldner Schimmer bricht durch die, Schatten der Nacht!“ rief Orbizo im Tone der Begeiſterung aus, und ſeine Mienen waren die ei⸗ nes Verklärten,„und die Morgenſonne wird hier nur glückliche Menſchen beſtrahlen.“ Jetzt öffnete ſich die Thüre des Gefängniſſes, Fackelglanz drang herein, und von einigen Dienern des Grafen geführt, trat der kleine Goldo herein. „Was ſoll ich denn hier?“ fragte der Kleine traurig, indem ſein Auge forſchend die Verſamm⸗ lung durchlief, und mit Verwunderung ſtaunte er Orbizo an, als er dieſen ſo ganz verwandelt und von dem alten Bodo nur noch das Gewand er⸗ blickte. „Hier, nimm deine Aurora von mir zurück und ſey nun auch glücklicher Vater!“ rief Orbizo dem Grafen zu, und ſchleuderte ihm den Kleinen in die Arme. „Aurora?“ ſtammelte der Graf in dem Tone der heftigſten Ueberraſchung. „Sie iſt es,“ fuhr Orbizo fort,„ich war es, der dieſes unſchuldige Kind deiner Rache entriß, es in Knabenkleidung deinen Augen entzog, und ſo es in meiner Einfamkeit erzog und für dieſen ge⸗ genwärtigen Augenblick der Wonne aufſparte.“ „Gott! Gott!“ rief der Graf mit feurigem Entzücken,„zu viel der Seligkeit auf einmal. Weib, Vater, Bruder! tretet her und helft dieſe Wonne mir tragen!“ Selena und ihr Bruder ſanken von beiden Sei⸗ ten mit ausgebreiteten Armen dem Grafen an den Buſen, ihr laut aufſchwellendes Hochgefühl dieſes köſtlichen Augenblicks konnte ſich nur in unartiku⸗ lirten Tönen des überſtrömenden Entzückens auflö-⸗ ſen, und ihnen zur Seite ſtand der edle Orbizo und weidete ſeine entzückten Blicke an dieſer ſchönen Seene, deren Schöpfer er war. „‚Dir, gute Tochter,“ redete er endlich Selenen an,„dir iſt dieſe Verwandlung meines kleinen Goldo in deine Tochter Aurora nichts Neues, dieſe Ent⸗ deckung allein konnte damals in jener Schreckens⸗ ſtunde, wo man das Kind grauſam aus den Ar⸗ men der unglücklichen Mutter riß, dieſe vor Ver⸗ — 229— zweiflung retten. Jetzt, Selena, jetzt ſiehſt du de 3 Prophezeihung deines Freundes Bodo erfüllt, als er ſeine Aufſicht über dieſen Schreckensthurm dazu benutzte, dich in unbelauſchten Nächten aus demſel⸗ ben zu führen, um dir auf jenem Grabhügel im Walde deine gerettete Tochter zuzuführen, dich von ihrer Rettung mit eigenen Augen zu überzeugen und Troſt und Ruhe in dein armes zerriſſenes Mutter⸗ herz zu gießen. Biſt du mit mir zufrieden?“ „O mein Vater!“ beſter theuerſter Vater! mein Mund vermag es nicht, meinen Dank, meine Freude zu ſtammeln, die hier ſo mächtig meinen Buſen be⸗ ſtürmen!“ rief Selena, und preßte ihn mit unge⸗ ſtümem Entzücken in die Arme. Wie den Träumenden war es jetzt um dieſe glück⸗ lichen Menſchen, und in dem betäubenden Ueber⸗ maße der Wonne erwachten ſie nur allmählig aus ihrem ſüßen Traume, um ſich in dem Gebiete der beglückenden Wirklichkeit wiederzufinden. Morrino's, Selenen's und Gunido's Leben glich — 230— von nun an einem einzigen ſchönen Frühlingstage. Jeder junge Morgen brachte ihnen neues Glück und neuen Segen, und die innige warme Theilnahme des edlen Orbizo erhob ihr Glück noch mehr. Nur ſpäterhin trübte das Schickſal dieſen Vollgenuß ih⸗ res Glücks wieder, indem es ihren Herzen durch den Tod ihres väterlichen Freundes Orbizo eine Wunde ſchlug, die nur die Hand der Alles heilen⸗ den Zeit und die Hoffnung des frohen Wiederſehens über dem Grabe wieder heilen konnte. Auf dem Grabe des Vollendeten ehrten ſie ſtets ſein Andenken mit Thränen des Danks und der Liebe, und ſpät noch waren die Geſchichten des Schreckensthurmes am See und der nitternächtli⸗ chen Todtenglocke die Erzählungen, unter welchen der Abend dieſe glücklichen Menſchen in dem Kreiſe ihrer Kinder und Enkel überraſchte. Druck von Fr. Henne in Stuttgart. — ““ /— 4 8 9 4 8 3 3 Wanmn Mnnnnnnſmnnnſſſſiſſüſiſſſſiſſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16