Leihbi 4 3 deutſcher, engli ſche e au jek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 r Bücher jeden Tag von Morgens D 2. Lesepr. i Rückgabe eines geliehenen Buches Irden Tag 3 f bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu den angenommen. ö 8.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 eerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird 3 4 be t. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: . 5——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und „ Auswärtig, der Bücher 6. Scha- ſchrecklicher Ereigniſſe und fuͤrchterlicher Geſchichten. — Vierter Theil. ——:ͤͤMMmmae:: Berlin und Leipzig⸗ . 1805, Der Ritter. Mit dem blutrothen Federbuſche. Eine Walliſiſche Sage. (Fortſetzung.) F reudetrunken ſchwankte Rhyswick aus den Ar⸗ men ſeiner Tochter in die Arme ihres Erretters⸗ und mit Entzuͤcken druͤckte er ihn an ſeine Bruſt, um ihm ſeinen Dank auszudruͤcken. „Sagt mir, Herr Ritter,— ſprach Rhys⸗ wick in einer feurigen Umarmung,— wem ver⸗ danke ich die Rettung meiner theuern Erilda?k nennt mir Euern Namen, damit ich täglich in meinem Gebete Dank und Segen von dem Him⸗ mel fuͤr Euch erbitten kann.“ „Ich heiße Wertwrold,— erwiederte der Fremde,— doch forſcht nicht weiter. Fuͤr 4 den ungluͤcklichen Wertwrold hat die Welt keine Heimat, keinen Freund ihn zu bewillkommen, allein ſo wenig ſein Herz Freuden fuͤhlt, ſo ſehr iſt er doch ſtets bereit, Andern Frenden zu bereiten.“ Er wollte ſich nach dieſen Worten entfernen, aber feſt hielt ihn Rhyswick in ſeinen Armen, und vereinigte ſeine Bitten mit denen ſeiner Tochter ſo lange, bis der Ritter ſich bewegen ließ, zu bleiben. Erilda fuͤhrte den Ritter zu der feſtlichen Tafel, wo Rhyswick und deſſen Tochter alles aufboten, um, ihren Gaſt aufzu⸗ heitern, aber weder ihre traulichen Geſpraͤche und die erheiternden Geiſter des Weines noch die Harmonien und Geſaͤnge der Harfner konn⸗ ten die duͤſtern Wolken der Schwermuth von Wertwrold's Stirne verſcheuchen. Truͤbe und in ſich gekehrt ſaß er an der Seite ſeines Wirths und der ſchoͤnen Erilda, bis endlich die Mitternachtsſtunde nahete und Rhyswick ſeinen Gaſt zu dem fuͤr ihn bereiteten Lager fuͤhrte. Der Morgen tagte endlich ſchoͤn und glaͤn⸗ zend empor, der Thau funkelte im tauſendfarbi⸗ gen Glanze der aufgehenden Sonne auf den Grashalmen des Thales, mild war die Luft, die um die Gebirge wehete, und mit ſanftem Fluͤſtern wogte der Clwyd an dem Felſen der Burg dahin. Erilda, deren beunruhigende Gefuͤhle in der vorigen Nacht ihren Schlummer ver⸗ ſcheucht hatten, eilte zu dem Felſen, wo ſie den Ritter Wertwrold zuerſt ſahe, um dort ihren Gefuhlen ungeſtoͤrt ſich zu uͤberlaſſen. 3 Erilda hatte bis jetzt noch nicht gewußt, was Liebe ſey, doch jetzt ſagte ihr der maͤchtig — ☚ Sturm von Gefühlen, der in ihrem jungfraͤuli⸗ chen Buſen tobte, deutlich, daß der Augenblick erſchienen ſey, wo dieſe Leidenſchaft ihre Gewalt uͤber ihr Herz geltend mache. Der Riter des rothen Federbuſches hatte ſich ihres Herzens be⸗ maͤchtigt, und heftig war die Leidenſchaft, die fuͤr ihn in ihrem Innern loderte und deren Feuer ſie zu verzehren drohte, da Erilda nicht die ſuͤße Hoffnung naͤhren konnte, daß Wertwrold das heiße Sehnen ihres Herzens nach Gegenliebe jemals befriedigen wuͤrde. Wertwrold verließ das Schloß ſeines gaſt⸗ freundlichen Wirths, um die erquickende Mor⸗ genluft zu genießen, und unwillkuͤhrlich leiteten ihn ſeine Schritte an den Ort, wo Erilda in ſwermuͤthigen Betrachtungen den Traum ihrer Liebe traͤumte. Wie ſehr erſtaunte Erilda, als ſie ihn erblickte, wie feurig ſlog ihm ihr Herz entgegen; das ſanfte Erroͤthen ihrer Wange ward zum Verraͤther ihres Innern.— „Holde, liebenswuͤrdige Erilda,— redete ſie der Ritter an,— verzeiht, wenn ich Euch in euerm Nachdenken ſtoͤrte. Heiß und maͤchtig iſt der Drang, der mich nach Euch uzbt. ich — „Nicht doch,— fluͤſterte Erilda,— Ihr werdet nicht immer ungluͤcklich ſeyn, gewiß bluͤ⸗ hen Euch noch tauſend ſuͤße Freuden, die aus dem Schooße der Zukunft Euch entſproſſen Legt Euere Leiden in meinem Buſen nieder⸗ mein Herz iſt willig und bereit dazu, ſie mit Euch zu theilen; denn warlich ich fuͤhle das tiefſte Mitleid fuͤr Euch.“ „Erilda bemitleidet mich!— rief Wert⸗ wrold mit Feuer aus,— o ſeyd mir willkom⸗ men, ihr Leiden! denn von nun an fuͤhrt ihr ein ſuſſes Vergnuͤgen in dem Gedanken mit euch, daß die, welche mein Herz ſo innig liebt, nicht gefuͤhllos fuͤr meinen Kummer iſt.“ „Scheukt mir Euer Vertrauen, guter Wert⸗ wrold,— ſprach Erilda,— enthuͤllt mir das Geheimniß Eures Kummers.“ ⁴ Wertwrold. Duͤrfte ich die Feſſeln loͤ⸗ ſen, die meine Zunge binden, ſo wuͤrde dieſes Wonne in meinen Gram gießen; doch ich muß ſchweigen. Ihr erblickt in mir einen heimatlo⸗ ſen Wanderer, den ein ſchreckliches Schickſal voerfolgt, und der dazu verdammt iſt, unſtaͤt und fluͤchtig eine Zeitlang umher zu irren ohne Ruhe und Troſt zu finden. Mehr darf ich Euch uicht enthuͤllen. 4 Erilda. Eine Zeitlang, ſpracht Ihr, muͤßt Ihr herumirren? wenn wird der Augenblick er⸗ ſcheinen, der Euern Leiden ein Ziel ſetzt? gen der Macht, des Ranges und des Reichthums mir die Vorzuͤge des Maͤdchens, das den Ge⸗ 1 2 Wertwrold. Wenn eine Jungfrau von edler Geburt und von mackelloſer Tugend ſich findet, deren Schoͤnheit das Geſpraͤch der Höͤfe und deren Tugend der Stolz und die Bewun⸗ derung derer iſt, die mit Vaterliebe ſie erzo⸗ gen. Eine Jungfrau, nach deren Beſitze die angeſehnſten Ritter ſtreben, die aber allen Lockun⸗ widerſteht, um mich um mein ſelbſt willen zu lieben und allen Gefahren Trotz zu bieten, die ſich unſerer Liebe entgegen ſtellen. Erilda erroͤthete und ihr Inneres war in ge⸗ waltiger Bewegung; doch in demſelben Augenblicke toͤnte die Glocke von der Burg, die ſie zum Fruͤh⸗ ſtuͤck rief. Wertwrold reichte ihr die Hand, zit⸗ ternd hieng ſie ſich an ſeinen Arm, und in ſtum⸗ men Nachdenken verſunken, giengen Beide nach der Burg zuruͤck, wo Rhyswick ſie erwartete. „Armer ungluͤcklicher Wertwrold— ſeufzte Erilda, als ſie ſich allein befand,— wo ſoll das Maͤdchen ſich finden, das ſo edel, rein und max kellos iſt, wie es Dein Geſchick verlangt, um Dir Deine Ruye und dein Gluͤck wieder zu ge ben? Hinweg mit der ſtolzen Hoffnung, die mein Herz erfuͤllte; wie duͤrfte ich es wagen liebten von ſeinen Leiden befreien kann, zuzu trauen? Wertwrold wird noch gluͤcklich ſeyn aber Erilda wird auf immer elend ſeyn.. Verſunken in Schwermuth, womit ſie dieſe Gedanken erfuͤllten, wandelte Erilda des Nach⸗ mittags in dem vaͤterlichen Garten umher, als ſie zu einem ſchattigen Raſenhuͤgel kam, wo Wertwrold ſich gelagert hatte und in Schlum⸗ mer geſunken war. Sie naͤherte ſich ihm, beugte ſich mit thraͤnenvollem Auge uͤber ihn hin, und in das Anſchauen des Schlummernden verloren, lauſchte ſie auf jeden Athemzug, der ſich aus ſeinem gepreßten Buſen heraufdraͤngte, als ſie bemerkte, daß der Schlummernde von einem ſchweren Traume beunruhigt wuͤrde.„Erilda!— lallte Wertwrold im Schlafe,— Erilda, Du fliehſt?— bleib! verlaß den Ungluͤcklichen nicht, der ſeine ganze Hoffnung auf Dich gruͤndet.— Du allein kannſt mein beaͤngſtetes Herz entla⸗ ſten und den Fluch meines feindſeligen Schick⸗ ſals von mir nehmen.“ Ergriffen von dem Drange ihrer Gefuͤhle beugte ſich Erilda zu ihm herab und ſank an ſeiner Seite hin. Der Ritter erwachte und ſeine Arme umſchlangen das zitternde Maͤdchen, das ſich denſelben vergebens wieder zu entwindeu ſuchte.„Erilda!— ſeufzte Wertwrold mit bit⸗ tendem Ton— mein Schickſal liegt jetzt in Del⸗ nen Haͤnden, Du allein biſt das Maͤdchen, das mein grauſames Geſchick von mir abwenden kann. Willſt Du mich dem endloſen Elende Preis geben? 2— wiulf Du mich ungeruͤhrt verzweifeln laſſen?“ — ͦ— — 9 — Erilda war in heftiger Bewegung, ein Thraͤnenſtrom, der aus ihren Augen brach, er⸗ ſtickte ihre Stimme, gewaltſam riß ſie ſich aus ſeinen Armen los und eilte davon. Nur erſt bei der Abendtafel trafen ſich Beide wieder, doch Erilda entfernte ſich bald wieder unter dem Vorwande einer Unpaͤßlichkeit, um in ihrem Schlafgemach ihren Seufzern freien Lauf zu laſſen. Ritter Rhyswick hatte den Erben von Wal⸗ lis zu dem Gemahle ſeiner Tochter erkohren, und Erilda wußte zu genau, daß es vergebene Muͤhe ſeyn wuͤrde die Wahl ihres Vaters zu beſtreiten und ſich derſelben zu widerſetzen; denn Rhyswick liebte ſeine Tochter und ihr Gluͤck, aber eben ſo ſehr liebte er auch den Ruhm ſei⸗ nes Hauſes und Vergroͤßerung ſeines Anſehens, und mit Entzuͤcken verweilte ſein Auge auf der Zukunft wo er Erilden mit ihrem Gemahl auf den Thronen von Gwynedd und Powys zu er⸗ blicken hoffte. Alle Anſtalten zu. dieſer Verbin⸗ dung waren bereits getroffen, und mit eben ſo vieler Freude als Rhyswick dieſem Zeitpunkt entgegen ſahe, eben ſo ſehr ſhauderte Erilda davor zuruͤck.— Einſam ſaß Erilda tief in der Nacht, i Kampfe mit ihrem Herzen, auf ihrem Prand als leiſe die Thuͤre ſich oͤffnete und Wertwrold 1 zu ihr ſchuͤchtern herein trat.„Verzeiht mir — — theuere Erilda,— rief er ihr zu,— verzelht mir, daß ich noch ſo ſpaͤt Eure Einſamkeit ſtoͤre. Ich komme nur, um das letzte Lebewohl Euch zu ſagen. Schon wartet meiner mein wiehern⸗ des Roß am Burgthore, ich muß mich von dieſer Gegend losreißen, ſo ſehr mein Herz auch dabei blutet. Ein ſchreckliches Geſchick treibt mich von dannen; ſchenkt dem unglüͤcklichen Wertwrold bisweilen Euer Andenken. Lebt wohl, Erilda! 6 lebt wohl auf immer!“ „Auf immer?— fragte Erilda erſchrocken, — o Wertwrold, blelbt! bleibt bei uns!“ Wertwrold. Ich kann, ich darf nicht. Erilda. Auch dann nicht, wenn ich Euch ſage, daß ich Euch liebe? daß ich die Eurige ſeyn will? Wertwrold. Taͤuſchen mich meine Sin⸗ ne? Erilda liebt mich? Erilda will mein ſeyn und um meinetwillen der Welt entſagen? Erilda. Der Welt entſagen? Wertwrold. Nur dann erſt wird der Morgen meines Gluͤcks empor tagen. Erilda muß, um mir ganz anzugehoͤren, der Welt und Allem entſagen und nur mit mir das Gluͤck 8 der Liebe genießen. Erilda. Erklaͤrt Euch deutlicher. 6 Wertwrold. Erilda muß mit Helden⸗ muth jedes Hinderniß unſerer Verbindung beſie⸗ gen, muß blindes Zntrauen in meine Liebe ſezza —— ddie Beweggruͤnde zu ſeiner ploͤtzlichen Abreiſe zu * zen und Alles fuͤr mich aufopfern. Die feſte Seele muß ohne Furcht und Zagen auf dem un⸗ geheuern Felſen unerſchuͤtterlich ſtehen, und uͤber den Abgrund laͤcheln, der unter ihren Fuͤßen ſie zu verſchlingen droht. So muß das Weib ſeyn, das meinen Beſitz gewinnen will. Erilda. Wertwrold! ich faſſe den Sinn dieſer geheimnißvollen Worte nicht. Wertwrold. Erilda, nimm dieſen Ring, in welchem eine magiſche Kraft iſt, die mich, ſo oft du auf dieſen Stein hauchſt, augenblick⸗ lich zu Dir bringt und wenn ich tauſend Mei⸗ len von Dir entfernt waͤre. Gebrauche ihn, wenn Du meiner bedarfſt. Erilda. Wertwrold, bleib und laß mich nicht in dieſen aͤngſtlichen Zweifeln zuruͤck. Wertwrold. Erilda muß ihre eigne Ver⸗ nunft gebrauchen, ich darf ſie nicht leiten. Lebe wohl. Er druͤckte ſie mit feurigem Ungeſtuͤm an ſeine Bruſt und eilte davon. Erilda befand ſich in einem ſeltſamen Ge⸗ miſch von Gefuͤhlen: Liebe, Freude und eine unbeſiegbare baͤngliche Aengſtlichkeit wechſelten in ihrem Innern ab, und verſcheuchten den Schlaf von ihren Augenliedern. Gedankenvoll warf ſie ſich auf ihr Lager, indem ſie uͤber den Sinn der raͤthſelhaften Aeuſſerungen Wertwrolds und uͤber einer ſo ungewoͤhnlichen Stunde nachdachte, ohne daß ſie den Faden finden konnte, der ſie aus dieſen Labyrinthen haͤtte heraus leiten koͤnnen. An dem folgenden Morgen traf Erilda ihren Vater, der über die ploͤtzliche Abreiſe ſei⸗ nes Gaſtes eben ſo erſtaunt als unwillig war. Sie ſuchte den Ritter zu vertheidigen und ihn dadurch zu rechtfertigen, daß wahrſcheinlich Ge⸗ ſchaͤfte von Wichtigkeit ſeine Abreiſe erfordert häͤtten, doch konnte dieſes Rhyswicks Unmuth daruͤber nicht ganz vertilgen, daß der Mann, den er mit ſo vielem Wohlwollen bei ſich auf⸗ genommen hatte, ohne Abſchied von ihm gegan⸗ gen war, und ihm das Vergnuͤgen genommen hatte, ihn bei der Feier von der Verbindung ſeiner Tochter, welche in wenigen Tagen ſollte vollzogen werden, Zeuge ſeyn zu laſſen. Wie ſehr erſtaunte Erilda, als ihr jetzt ihr Vater berichtete, daß er eben von dem jungen Fuͤrſten, ihrem beſtimmten Braͤutigame, Bot⸗ ſchaft erhalten habe, daß ſeine feurlge Liebe fuͤr ſeine ſchoͤne Braut jeden laͤngern Aufſchub ſei⸗ nes Gluͤckes ihm unertraͤglich mache, daß er nichts ſehnlicher wünſche als den Tag ſeines Gluͤcks zu beſchleunigen, den er deshalb ſelbſt beſtimmt hatte. Bleich und erſchrocken ſank Erilda bei die⸗ ſer Nachricht ihrem Vater zu Fuͤßen, indem ſie mit Thraͤnen zu ihm emporſlehte, ſie nicht un 3 gluͤcklich zu machen, und, wenn er ihr Woht wirklich wuͤnſchte, ſeinen Plan aufzugeben. „Wie?— rief Rhyswick erſtaunt aus,— hoͤre ich auch recht? Du weigerſt Dich den Ge⸗ mahl, den ich fuͤr Dich waͤhlte, der unſerm Hauſe neuen Glanz geben und Dich gluͤcklich machen wird, von meiner Hand anzunehmen“ Erilda. O mein Vater! nie werde ich Gluͤck in den Armen eines Mannes finden koͤn⸗ nen, fuͤr den mein Herz nichts fuͤhlt. Wenn Euch die Ruhe und das Gluͤck Eurer Tochter werth iſt, o ſo beſchwoͤre ich Euch, gebt die Bewerbung um meine Hand zuruͤck, Erilda kann nie Morven’'s Gattin werden, ein Anderer hat ihr Herz gefeſſelt, nnd nur durch dieſen kann ſie gluͤcklich ſeyn. Rhyswick. Wie, Erilda? biſt Du von Sinnen? Du ſchlaͤgſt den Erben des Thrones von Wallis aus, um deſſen Beſitz Tauſende Dich beneiden? Erilda. Noͤgen dieſe ihn hinnehmen, mag Morven unter ihnen eine Gattin waͤhlen, die mehr als Erilda ihn durch Liebe zu begluͤk⸗ ken verſteht, ſein Beſitz wuͤrde mich hoͤchſt elend machen. Ich darf ihn nicht taͤuſchen, es waͤre Verbrechen meine Hand zu verſchenken, wenn ein Anderer mein Herz beſitzt. Rhyswick. Ich verlange den Verhaßten nicht zu kennen, der meiner Tochter Herz be thoͤrte; aber wenn Dir meine vaͤterliche Liebe werth iſt, wenn Du nicht meinen Zorn auf das empfindlichſte fuͤhlen willſt, ſo muß Morven Dein Gemahl werden, wo nicht, ſo iſt Dein Vater auf ewig fuͤr Dich verloren. Mit dieſen Worten entfernte er ſich und aͤberließ Erilden dem Sturme ihrer verworrenen Gefuͤhle. Vergebens verſuchte ſie es ſich ihrem erzuͤrnten Vater zu naͤhern, um ſeinen Zorn zu beſaͤnftigen und ſein Mitleid fuͤr ſie anzuflehen, Rhyswick ließ ſich weder dieſen noch die folgen⸗ den Tage vor ihr ſehen. Wie eine Gefangene mußte Erilda auf ihrem Zimmer bleiben, bis ſie denn endlich an dem Abend des vierten Ta⸗ ges, durch einen alten Diener ihres Vaters den Befehl deſſelben erhielt, ſich anzuſchicken, den folgenden Tag Morven, den man, im Geleite einer zahlreichen Dienerſchaft auf der Burg erwartete, als Bräͤutigam zu empfangen. Dieſer harte Befehl ihres Vaters warf Erilden mit neuer Heftigkeit zu Boden; ihr Buſen war von den fuͤrchterlichſten Gefuͤhlen gewaltſam zuſammen zuſammengepreßt, ſie ſahe ſich ohne Huͤlfe und Rettung dem Elende einer traurigen Zukunft Preis gegeben und nirgends einen Ausweg fuͤr ſich offen. Verzweiſlungsvoll hob ſie ihr Auge zu dem naͤchtlichen Himmel empor und ſeufzte vergebens nach Rettung. „Wertwrold!— rief ſie aͤngſtlich aus,— das —— 2 1 15 Du den ſchrecklichen Zuſtand kennteſt, worin Erilda ſich befindet, um ſie zu retten!“ Da fiel ihr Blick auf den bezauberten Ring, und maͤchtig, wie der erqnickende Sonnenſtrahl des Fruͤhlings nach bangen Winternaͤchten, drang die Erinnerung von Wertwrold's letzten Worten und der Kraft dieſes Ringes durch das Dunkel, das ihre Seele umhuͤllte. Ergriffen von froher Hoffnung der verheißenen Zauberkraft dieſes Talismanns druͤckte ſie den Ring an ihre Lip⸗ pen, ihr warmer Athem ſtreifte uͤber den fun⸗ kelnden Rubin dahin, und im Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre, und mit laͤchelndem Blick ſtand der Ritter des blutrothen Federbu⸗ ſches vor ihr. „Du haſt mich gerufen,— redete er ſie an,— ich habe Deinen Ruf vernommen, und komme jetzt, auf Deinen Ruf, aus dem Schooße der unermeßlichen Tiefe, um der Gebieterin meines Herzens zu dienen. Erſchrocken ſtarrte Erilda den Ritter an, ohne ſich das Wunderbare ſeiner ploͤtzlichen Er⸗ ſcheinung erklaͤren zu koͤnnen. Wertwrold ſahe ihre Bewegung und liebkoſend umſchlang ſie ſein Arm um ſie zu beruhigen; er ſetzte ſich traulich an ihre Seite, und Erilda ſchmiegte ſich voll Zutrauen und inniger Liebe an ihn an. „Ach Wertwrold!— rief ſie aus,— ein ſchreckliches Schickſal ſteht mir bevor, das mich ———;;;—P————-——— .. 8 — ſchuehe. vernichtet mich. auf ewig von Dir trennen ſoll. Cynwyn's Sohn, Morven, wirht um meine Hand, und iſt auf dem Wege, um morgen auf Rhuddlan einzu⸗ treffen und mich zum Traualtare zu fuͤhren.“ Wertwrold. Koͤnnte Erilda darein wil⸗ tigen? koͤnnte ſie ihr Gluͤck dem Geize und dem Stolze ihres Vaters aufopfern? Kann ſie wohl ſich ſelbſt ihre ganze Zukunft verbittern wollen, bloß um der Leidenſchaft eines Verhaßten zu fröoͤhnen? Erilda. Ach Wertwrold! was vermag das arme ſchwache Maͤdchen, gegen den ſtrengen, unbeugſamen Willen des Vaters? muß ic mich dieſem nicht unterwerfen? Wertwrold. Erllda! die heiße in mei⸗ ner Bruſt lodernde Flamme der Liebe, hat auf mich unausſprechliches Elend gehaͤuft. Ich ſchau⸗ dere vor dem Agrunde zuruͤck, der vor meinen Fuͤßen ſich oͤffnet, ich erblicke die endloſen Qua, len, die mich erwarten, und erwarte jetzt von Dir mein Urtheil. Erilda iſt es, die mich in den Abgrund des Verderbens hinabſchleudert; Erilda iſt's, die mich dem ſchrecklichſten Elende Preis geben will. Erilda. Was kann ich thun? rathe, hilf mir! Doch ſage mir zuvoͤrderſt, wer und was Du biſt: die Ungewißheit, worin ich deshaſh Wertwrold. Wer ich bin, das muß Dir ein Geheimniß bleiben, und was ich bin, das ha⸗ ben Dir meine bangen Seufzer und mein Kum⸗ mer ſchon verrathen: Dein Geliebter. Liebe belebt und zermalmt mein Inneres, und nur Dein Beſitz, Du Geliebte, kann den Fluch des Schickſals von mir nehmen und mich begluͤcken. Erilda. Wertwrold! wodurch ſoll ich Dich uͤberzeugen, daß mein Herz Dein iſt, und daß ich ohne Dich grenzenlos ungluͤcklich ſeyn werde? 1 Mit allem Ausdruck der innigſten Zaͤrtlich⸗ keit ſank ſie an ſeinen Buſen. Erildens Zimmer gieng in den Burggarten, Jelaͤnger jelieber und Geißblatt rankten ſich um ihr Fenſter und ein Roſenſtock ſchmiegte ſich mit ſeinen lieblichen Blumen an daſſelbe an. Haſtig brach Wertwrold einen Zweig ab, an welchem eine Roſe in voller Bluͤthe und eine werdende Knospe hieng, und reichte ihn Erilden. „Sieh dieſe Blumen,— ſprach er zu ihr⸗ — die Schoͤnheit der einen verwelkt, indeß die andere ſich dem Aufbluͤhen naͤhert. Hier erblik⸗ ken wir ein uͤppiges Bluͤhen auf der Wange der Jugend, welch ein Wohlgeruch iſt der Duft ihres Athems, wie lieblich iſt der Thautropfen, der in ihrem Kelche glaͤnzt! Wuͤrde es nicht grauſam ſeyn, dieſe Knospe zu brechen, ehe ſie noch die Mutterliebe der belabenden Sonne ge⸗ 3 Whäßhn IV. fuͤhlt Pst. und zwar in demſelben Augenblicke, wenn ſie im Begriff ſteht, die Annehmlichkeiten des jungen Lebens zu genießen?— Erilda, dieſe friſch gepfluͤckte Knospe wird in wenig Augenblicken dahinwelken, und, ehe ſie noch ſich entfaltete, ſtirbt ſie unbeklagt. Jene voll auf⸗ gebluͤhete Roſe hat alle Freuden des Lebens ge⸗ noſſen, und jetzt bereitet auch ſie ſich zum Tode, ſchon ziehen ſich ihre erbleichenden Blaͤtter wel⸗ kend zuſammen, ihr wohlriechender Duft iſt dahin, der erg uickende Thau belebt ſie nicht mehr, und waͤre ſie auch nicht gebrochen worden, ſo wuͤrde ſie doch eben ſo bald an ihrem Zweige verwelken.“) Erilda. Ich verſtehe Dich nicht. Wertwrold. Erilda, wenn eine von die⸗ ſen Blumen von dem Lebenszweige abgeriſſen werden muß, welche wuͤrdeſt Du aufopfern? Erilda. Allerdings die voͤllig aufgebluͤhte. Wertwrold. Nun dann, Erilda, ſo lebe! lebe, um Gluͤck und Wonne im hoͤchſten Maaße zu genießen. Erilda. Wertwrold, Deine Worte fuͤhren einen ſchrecklichen Sinn in ſichz mein Herz bebt bei dem Gedanken, wenn ich Dich recht verſtehe. Wertwrold. Nicht doch. Ich fordere blos, daß Du leben, und gluͤcklich leben ſollſt; iſt dieſer Gedanke ſo verworfen, daß Du vor —— ihm zurückbeben muͤßteſt? Du ſollſt die Wonns⸗ 4 19 genießen, die der, fuͤr den Du Dein Gluͤck und Dich ſelbſt aufopfern wollteſt, nicht genießen kann. Ritter Rhyswicks Jahre ſind gezaͤhlt, ihre Summe iſt faſt geſchloſſen, und die Vol⸗ lendung zeigt ſchon ihre verheerende Hand auf ſeiner Wange. Sein ſchwaͤchlicher Koͤrper, die Furchen des Alters auf ſeiner Wange und ſein Silberhaar verkuͤnden, wie bei dieſer vollaufge⸗ bluͤhten Roſe, ein nahes Lebensende. Erilda ſank betaͤubt an Wertwrolds Buſen, ſein Arm ſchlang ſich um ihren Nacken, ſeine gluͤhenden Kuͤſſe auf ihren Lippen riefen die ent⸗ fliehenden Lebensgeiſter wieder zuruͤck, und die Farbe des wiederkehrenden Lebens roͤthete bald wieder mit ſanftem Purpur ihre Wangen. Ihre Lippen waren feſt anf die ſeinigen gefeſſelt, ſei⸗ ine gluͤhenden Kuͤſſe theilten ihrem Herzen eine ungewoͤhnliche Glut und ein wolluͤſtiges Verlan⸗ gen mit, die jede warnende Stimme in ihrem Buſen erſtickte. „Erilda iſt mein?“— rief Wertwrold feurig aus. „Dein! Dein auf ewig!“— ſtammelte die Jungfrau im Taumel des Entzuͤckens. „Und willſt Du morgen mit mir Rhuddlan verlaſſen?“ fragte der Ritter weiter. „Ich will es;— ſeufzte Erilda,— ich gehoͤre ganz Dir.“ 8 B 2 So ſchieden Beide von einander; Jedes von ihnen uͤberließ ſich dem Entzuͤcken uͤber die feurige Liebe des andern Theils, und der fol⸗ gende Abend war zu Erildens Flucht aus der vaͤterlichen Burg feſtgeſetzt. Kaum umglaͤnzte am folgenden Morgen die aufgehende Sonne die Gegend umher, ſo erblickte man in der Ferne Morven mit ſeinem zahlreichen Gefolge uͤber die Gebirge daher kom⸗ men; die Morgenſonne ſpiegelte ſich in den glän⸗ zenden Waffen, und einige Abgeſchickte verkuͤn⸗ deten die Nachricht von der Annäherung des lie⸗ begluͤhenden Braͤutigams auf der Burg. Die, Burgthore wurden geoͤffnet, weiße Faͤhnlein weh⸗ ten von den Mauern herab dem Kommenden zum frohen Willkommen entgegen, feſtlich geſchmuͤckt ſtanden die Knappen bereit um ihn zu empfan⸗ gen, und Barden und Harfner erhoben ihre Melodien zum Lobe des tapfern Morven und der ſchoͤnen Erilda Unter dem Freudengeſchrei des Volks zog Morven in die Burg ein, wo ihn Ritter Rhys⸗ wick mit hoher Freude bewillkommte und ihn ſo⸗ gleich zu Erilden fuͤhrte, die er auf den Empfang ihres Braͤutigams hatte gehoͤrig vorbereiten laſſen. Schoͤn, wie die Goͤttin der Liebe, ſtand . Erilda, im weißen jungfraͤulichen Gewande, un⸗ er ihren Jungfrauen, und die Unruhe, welche 3 * 24 ihren Buſen ſchwellte, das ſanfte Roth ihrer Wangen und der ſcheue Blick ihres ſchönen aus⸗ drucksvollen Auges, erhoben ihre Reize nur noch mehr; ſo daß Morven von ihrem Anblicke be⸗ zaubert, in ſtummes Anſchauen verſunken vor ihr ſtand, ohne ſeinen Gefuͤhlen Worte geben zu koͤnnen. Rhyswick kam ihm zu Huͤlfe, indem er ihn ſeiner Tochter entgegen fuͤhrte und das Geſpraͤch einleitete.— Der Tag verſtrich unter mancherlei Ergoͤtz⸗ lichkeiten und Zubereitungen zu dem bevorſtehen⸗ den Vermaͤhlungsfeſte. In Erildens Buſen tobte ein furchtbares Gemiſch von Gefühlen eine un⸗ beſiegbare Angſt und Beklommenheit engte ihr die Bruſt gewaltſam zuſammen, ſie zitterte vor dem Verſprechen, das ſie Wertwrold gegeben hatte, und gleichwohl fuͤhlte ſie nicht Kraft genug in ſich, dieſes Verſprechen zu brechen und ſich von den Feſſeln loszureiſſen, die ihre Leidenſchaft ihr angelegt hatte. Der entſcheidungsvolle Abend nahete heran und mit jedem Momente ſtieg Erildens Unruhe und Aengſtlichkeit auf einen hoͤhern Grad empor. Endlich verloͤſchten die letzten Strahlen der un⸗ tergehenden Sonune in den Wellen des furchtba⸗ ren Clwyd, die Schatten der Daͤmmerung um⸗ florten die Gegend rings umher, und mit to⸗ bender Angſt im Buſen, ihrer ſelbſt kaum noch bewußt, eilte Erilda in den Garten hinab nach — der heimiſchen Laube, wo ſie Wertwrolden tref⸗ fen ſollte. Dieſer war bereits ſchon dort, als ſie er⸗ ſchien. Freudig flog er ihr entgegen, feurig ſchloß er ſie in ſeine Arme und mit zaͤrtlichem Augeſtuͤmm brannten ſeine Lippen auf den ihrigen „Ach Erilda!— ſeufzte Wertwrold,— ich halte Dich in meinen Armen, die Stunde mei⸗ nes Gluͤcks hat geſchlagen; o ſo komm! laß uns nicht laͤnger hier weilen, ein Nachen erwartet uns auf den Wellen des Clwyd, um uns auf⸗ zunehmen und an das gegenſeitige Ufer zu bringen.“ Erilda. Ach Wertwrold!— das aͤngſtliche Stoͤrmen in meinem Herzen ſagt mir, daß ich im Begriff ſtehe, ein Verbrechen zu begehen und die Rache des Himmels auf mich zu laden. Verlaß mich!— ich wage es nicht dieſen Schritt zu thun. Laß mich bleiben, und als Morvens Gattin, mein Schickſal mit Ergebung tragen. Wertwrold. Meineidige Erilda! treulo⸗ ſes, wankelmuͤthiges Maͤdchen! erfuͤllſt Du ſo Deine Schwuͤre? iſt das Deine Liebe? iſt das Deine Treue und Beharrlichkeit? Wehe mir! daß ich mein ganzes Vertrauen auf Dich ſetzte! Wehe mir, daß der ungluͤckliche Wertwrold ſeine 4 ganze Hoffnung und ſein Gluͤck in Deine Haͤnde 4 legte! So lebe denn wohl! lebe wohl auf ewig.”“ 7 —— —— Er wollte ſich von ihr losreißen, aber feſt hielt Erilda ihn umklammert.„Bleib!“— ſeufzte ſie,— verweile nur noch einen Augenblick. Ue⸗ berlaß mich nicht dieſer peinigenden ſchrecklichen Angſt, die in mir tobt, und mir alle Beſonnen⸗ heit raubt. Komm meiner zagenden Seele zu Huͤlfe; verlaß mich nicht. Wertwrold. Liebſt Du mich, Erilda? willſt Du mein ſeyn?— entſcheide! Erilda. Ich will es. Wertwrold. Ich darf Dich zu nichts zwingen. Freiwillig mußt Du Dich mir weihen, und alles fuͤr mich wagen und aufopfern. Willſt Du das? Erilda. Ja, ja ich will es. Feſter und inniger ſchmiegte ſie ſich an den Ritter an, indem aus der Ferne der Lichtglanz einiger Feckeln durch das Gebuͤſche hindurch zit⸗ terte.„Wir ſind verloren!“— rief Erilda mit bebendem Tone. Wertwrold. Der Entſchloſſene hat nichts zu fuͤrchten. Sage, Erilda, haſt Du Entſchloſ⸗ ſenheit genug, um meinetwillen die vaͤterliche Burg zu verlaſſen. 4 Erilda Ja, ja. Wertwrold. Willſt Du alles freiwillig um meinetwillen aufopfern, und nicht achten die Ermahnungen und Thraͤnen Deines Vaters 4 Erilda. Ich gehoͤre ganz Dein, und keine Macht der Erde ſoll mich Dir jemals ent⸗ reißen. Doch blicke dorthin, unſere Verfolger nahen, wir ſind verloren, wenn mein Vater uns hier findet; laß uns der nahen drohenden Ge⸗ fahr zuvorkommen. Wertwrold ſteckte einen Dolch in ihre Hand. Erilda ſtarrte ihn erſchrocken an.„Was ſoll dieſer Mordſtahl in meiner Hand?“— fragte ſie mit ſchwankendem Ton. „Gebrauche ihn zur Vertheidigung in dem gefaͤhrlichen entſcheidenden Momente.“ In dieſem Augenblicke ſahe man eine Schaar von Knappen ſich naͤhern, an deren Spitze Ritter Rhyswick daher tobte. „Großer Gott!— rief Erilda aus,— ſie nahen! was ſoll ich thun? Wertwrold. Dieſer Dolch wird Dich ſchuͤtzen. Erilda. Wie ſoll ich ihn gebrauchen? Wertwrold. Rhyswick naht ſich, ihn allein haben wir zu fuͤrchten; ſtoß dieſem Dolch in ſeine Bruſt und wir haben nichts weiter zu fuͤrchten. Erilda.(mit Grauſen) In die Bruſt mei⸗ nes Vaters? Wertwrold! habe ich auch recht gehoͤrt? womit er mit gebrochener Stimme:„Erilda!“ 25 In demſelben Augenblicke trat Rhyswick mit zornfunkelnden Augen in die Laube Wert⸗ wrold faßte Erilden in ſeine Arme und zog ſie eiligſt durch die entgegenſtehende Oeffnung der Laube mit ſich fort, durch einen ſchmalen Fuß⸗ ſteig, der nach dem Fluſſe fuͤhrte. Erilda zit⸗ terte, und ſchmiegte ſich in furchtbarer Bewe⸗ gung an Wertwrolden an, als ſie Fußtritte hin⸗ ter ſich hoͤrte. Noch hielt Erilda den Dolch in der Hand, und der Schimmer der Fackeln aus der Ferne zeigte ihr eine maͤnnliche Geſtalt, die hart hin⸗ ter ihr, die Fliehenden verfolgte. „Wir ſind verloren, wenn Du unſern Ver⸗ folger nicht niederſtoͤßeſt!— rief ihr Wertwrold zu,— nur ſein Tod kann uns retten!“ Erilda fuͤhlte ſich von hinten her ergriffen und feſtgehalten.„Halt ein, verruchte Buh⸗ lerin!“— rief ihr ihr Verfolger zu, indem er in die Ferne der Schaar der Knappen zurief, herbei zu eilen. „Stoß ihn nieder!“— fluͤſterte Wertwrold ihr zu,— noch einen Augenblick und wir ſind verloren.“ Ihrer ſelbſt nicht mehr bewußt, und von Schrecken und Angſt betaͤubt, ſtieß Erilda den Mordſtahl in die Bruſt ihres Verfolgers; er ſank getoͤdtet zu Boden, und der letzte Ausruf, 4 Aℳ. röͤchelte, verrieth ihr, daß der Ermordete ihr Vater ſey. „Gerechter Gott! was hab' ich gethan!“— rief Erilda ſtarr vor Entſetzen aus, und leblos ſank ſie auf den blutenden Leichnam ihres Va⸗ ters nieder. Wertwrold faßte ſie in ſeine Arme und trug ſie ſchnell in das Freie, wo er ſie auf den ſchwellenden Raſen niederlegte und ihre entflohenen Lebensgeiſter wieder zuruͤck zu rufen ſuchte. Endlich ſchlug Erilda die Augen auf, und ein ſchwerer gebrochener Seufzer, der ſich aus ihrer Bruſt gewaltſam herauspreßte, ver⸗ kuͤndigte die Ruͤckkehr ihres Lebens. Mit fuͤrch⸗ terlich wilden Blicken ſtarrte ſie in die naͤcht, liche Dunkelheit hin und mit ihrer Beſinnungs⸗ kraft kehrte auch die Erinnerung an das Geſche⸗ hene mit aller Schreckbarkeit der Hoͤlle in ihrem Gedaͤchtniſſe zuruͤck. Mit einem herzzermalmen⸗ den Tone rief ſie aus:„So iſt es denn Wahr⸗ heit? Erilda hat ihre Hand in das Herzblut ihres Vaters getaucht!— verbergt euch, ihr Sterne! verhuͤllt euch, ihr Zeugen meiner ſchreck⸗ lichen That! blickt nicht hernieder auf die ver⸗ ruchte Moͤrderin.“ „Erilda!— ſprach Wertwrold zu ihr,— Erilda, beruhige Dich, hier an meinem Herden iſt Troſt fuͤr Dich!“ „Hinweg! hinweg von mir!— rief Erilda im verzweiflungsvollen Ton,— Deine umar⸗ 3* mung iſt Tod fuͤr mich! Laß mich mit meinem gemordeten Vater ſterben, ich habe mein Leben vergiftet, der Tod allein iſt Wohlthat fuͤr mich.“ „Blicke dorthin,— wandte ſich Wertwrold zu ihr,— unſere Verfolger ſind nahe, hoͤrſt Du ihre drohende Stimme? Erilda! ermuntere Dich aus Deiner Betaͤubung! laß uns fliehen und uns vor dem Verderben ſichern. „Wohin kann ich mich wenden, um dem Ver⸗ derben zu entrinnen?— erwiederte Erilda,— die Hoͤlle heftet ſich an meine Ferſe, um und neben mir iſt Tod!— Doch ja! hinweg, hin⸗ weg von hier! ich will Dir folgen! ich will mich den Qualen unterwerfen, die auf mich warten, ich will leben, um meine Greuelthat zu buͤßen.“ Sie ſank erſchoͤpft an Wertwrold's Buſen. „Ermanne Dich!— redete dieſer ihr zu,— was geſchehen iſt, das laͤßt ſich nicht wieder un⸗ geſchehen machen, und ein zehnfacher Tod wuͤrde Deine That nicht wieder gut machen koͤnnen. Verſuche es den Himmel wieder mit Dir aus⸗ zuſoͤhnen, deſſen Rache uͤber Dir ſchwebt, und deſſen Zorn Deine Seele zu ewigen Qualen ver⸗ dammt. „Darf die ungluͤckliche Moͤrderin noch auf Erbarmen vom Himmel rechnen?— rief Erilda aus.— Verzweiflung durchwuͤhlt mein Gehirn! ich bin verloren, verloren auf ewig.“ 28 „Verloren biſt Du, das iſt wahr, und we⸗ der Reue noch Thraͤnen koͤnnen das Verlorene wieder geben.— erwiederte Wertwrold— Da⸗ hin iſt Dein mackelloſer Ruf, der jetzt den Laͤ⸗ ſterungen Preis gegeben iſt, dahin iſt Deine Ruhe, und vor dem Namen Erilda werden die zuruͤckſchaudern, die nicht nach dem Beweggrunde, ſondern nur nach der That richten. Kinder wird man mit der ſchreckenvollen Erzaͤhlung von Eril⸗ dens Verbrechen in Schlummer wiegen, und mit Abſcheu wird ihr Andenken fortleben. Beben wird der Pilger, wenn*ihre Geſchichte hoͤrt, kreuzen wird ſich der fromme Moͤnch und ſein Ape beten, wenn er vor Rhuddlan's blutbe⸗ ſleckten Mauern voruͤberzieht. Nur ſtrenge Buße kann vielleicht den verlorenen Seelenfrieden in Deine Bruſt wieder zuruͤckbringen. Laß uns die⸗ ſen ſchaudervollen Ort verlaſſen. Sieh! die Fak⸗ keln naͤhern ſich! Morven iſt an ihrer Spitze!“ „Morven! er?— rief Erilda;— nein, er ſoll nicht Zeuge meiner Schande ſeyn!“ „So eile zu dem Nachen, der uns an dem Ufer erwartet!“— erwiederte Wertwrold, in⸗ dem er Erilden an dem Arm faßte und nach dem Ufer fuͤhrte. Voll Schaudern und Entſetzen bebten Mor⸗ ven und die Knappen zuruͤck, als ſie die Gegend erreichten, und den lebloſen Koͤrper des Ermor⸗ deten im Blute ſchwimmend fanden. Kalt war “ 2 29 8 ſeine Hand, blelch war ſeine Wange, und ſein ehrwuͤrdiges Silberhaar war mit Blute befleckt, das aus einer fuͤrchterlich klaffenden Wunde in ſeiner linken Bruſt hervorquoll, und laut Eril⸗ den als die Moͤrderin ihres Vaters anklagte. Lautes Jammern und Weheklagen erfuͤllte die Gegend, als der blutende Leichnam nach der Burg zuruͤck getragen ward. Weinend und haͤn⸗ deringend verſammelten ſich die Vafallen um die Leiche des ehrwuͤrdigen Greiſes, und jeder Seuf⸗ zer der Weinenden war ein Fiuch uͤber Erilden. Morven hatte alles aufgebotten, um der fliehen⸗ den Verbrecherin nachzuſetzen und ſie zuruͤck zu bringen, allein dieſe Bemuͤhung blieb fruchtlos. Waͤhrend die ausgeſchickten Knappen mit Fakkeln in der Gegend nach Erilden umherſtreif⸗ ten, hatte dieſe mit Wertwrold das Fahrzeug betretten, das ſie mit Blitzesſchnelle uͤber die ſchaͤumenden Wellen des Clwyd dahin trug. Verzweiſlungsvoll bebte Erilda an dem Buſen ihres Begleiters, und in dem Rauſchen des Stromes, in dem Brauſen des Windes, ſchien eine unſichtbare Stimme ihr furchtbar zuzurau⸗ nen:„Vergebens fliehſt Du, verruchte Moͤr⸗ derin! Gebirge koͤnnen dein Verbrechen nicht decken noch weniger dich vor der Rache des Himmels verbergen. Bis an das aͤuſſerſte Ende der Erde, wird das Schwerdt des Raͤchers Dich verfolgen. ——————. ————— d ——————— 30 Grauſend ſchmiegte ſich Erilda an ihren Ver⸗ fuͤhrer an.„Horch!— ſtammelte ſie,— hoͤr⸗ teſt Du nicht dieſe ſchreckende Stimme?— O Wertwrold! verbirg mich vor mir ſelbſt.“ Sie verbarg ihr Geſicht an ſeinem Buſen, wäͤhrend Wertwrold ein tiefes Stillſchweigen beobachtete. Endlich nach einem kleinen Zeit⸗ raume richtete er ihr Haupt zu ſich empor, in⸗ dem er mit triumphirendem Laͤcheln ausrief: „Jetzt iſt Erilda mein! ich halte ſie in meinen Armen, ſie iſt mit ewigen Banden unaufloͤsbar an mich gekettet, und keine Macht der Erde kann ſie mir wieder entreißen! Mein Werk iſt vollendet!— ſie iſt mein! freiwillig hat ſie ſich mir geopfert. Sie hat ihre vaͤterliche Heimat, fuͤr mich, elnen Unbekannten, verlaſſen, ſie hat den edeln Morven, den Erben der Krone von Wallis, der mit einem Herzen voll Liebe zu ihr kam und den Reichthum ſeines Vaterlandes zu ihren Fuͤßen legte, ausgeſchlagen, um ſich mir, einem Unbekannten, zu weihen. Sie hat ihre Tugend und ihre Anſpruͤche auf den Himmel auf⸗ gegeben, Schande fuͤr ihren mackellofen Namen eingetauſcht, Fluch und Laͤſterung dem ſanften Tone des Lobes vorgezogen, und das alles fuͤr mich, einen Unbekannten. Ha! Triumph! der Sieg iſt vollendet. Ein fuͤrchterliches Laͤcheln ſpielte bei dieſen Worten um ſeine Wange, Erſchrocken ſprang 31 Erilda aus ſeiner umarmung.„Wertwrold!— rief ſie aus,— Du machſt mir Vorwuͤrfe? Mußt auch Du mich an mein Verbrechen mah· nen?“ „O dieſes Verbrechen erfuͤllt mich mit hoher Wonne!— erwiederte Wertwrold,— indem er das bebende Maͤdchen mit wildem Ungeſtuͤm an ſich riß.— Haͤtteſt Du die Welt mit einem Meere von Blut ertraͤnkt oder ein zweites Chaos uͤber die Erde gebracht, Wertwrold wuͤrde dazu laͤcheln und im Triumphe uͤber den Truͤmmern der Vernichtung ſich empor heben.“ „Großer Gott!— rief Erilda voll Ent⸗ ſetzen,— Wertwrold, wer biſt Du?“ „Der Ritter vom blutrothen Federbuſche!— erwiederte Wertwrold mit ſchreckbarem Nachdruck. — Erllda kann keine Barmherzigkeit mehr fin⸗ den, ſie iſt ausgeſtoſſen von dem Himmel, ſie iſt unwiederbringlich mein, und jetzt hinweg mit aller Taͤuſchung, jetzt will ich mich ihr in all meinen gluͤhenden Farben zeigen. So wiſſe dann, ich bin ein Abgeſandter des großen Hoͤllenfuͤrſten, mein Sitz iſt der Schooß des furchtbaren Clwyd, und meine Beſchaͤftigung iſt es: die Laſter der Erde zu haͤufen, und Krieg, Raub und Verhee⸗ rung anzuſtiften. Durch mich entkeimt der Saa⸗ me des Aufruhrs und des Verderbens, den ich in die Herzen der Fuͤrſten ausſtreue und ſie noͤ⸗ thige, das Schwerdt gegen einander aufzuheßen und ihre Voͤlker in verheerende Kriege zu ſtuͤr⸗ zen: Leidenſchaft iſt mein Name. Meine Macht war gehemmt, Morvens Vater, der edle menſchenfreundliche Cynwyn, hat in Wallis Ruhe und Wohlſtand zuruͤckgebracht, und ich war in dem Schooße des Stromes zu einer Unthaͤtigkeit verdammt, die mir ſchrecklicher iſt als alle Qua⸗ len der Hoͤlle. Ich ſtreifte in der Gegend um⸗ her, hoͤrte von Erildens Tugend und Schoͤnheit, die Lobeserhebungen von ihr entflammten mein Inneres, ich naͤherte mich ihr und fand ſie rei⸗ zender und ſchoͤner, als meine Einbildungskraft ſie mir gemahlt hatte, und feſt wurzelte der Entſchluß in mir, ſie zu der Meinigen zu ma⸗ chen. Der Ruf von ihrer mackelloſen Tugend und Unſchuld belehrte mich bald, welche Geſtalt ich zu waͤhlen hatte, um meine Abſicht zu er⸗ reichen, und mich in ihr unbewehrtes Herz ein⸗ zuſchleichen, und mit Entzuͤcken bemerkte ich, daß die Geſtalt des Ritters von dem blutrothen Federbuſche meinen Wuͤnſchen und Erwartungen vollkommen entſprach Leicht fiel Erilda in die Schlinge; ſie bemitleidete mich, weil ſie mich fuͤr ungluͤcklich hielt, Mitleid bahnte mir den Weg zu ihreme Herzen, Mitleid erzeugte Liebe, und Erilda war das Opfer dieſer verzehrenden Glut.“ „ungeheuer!— rief Erilda grauſend,— ſo warſt Du ganz Taͤuſchung?“. 8. 33 Du thuſt mir Unrecht,— erwiederte Je⸗ ner,— Du taͤuſchteſt Dich ſelbſt. Du hieltſt mich fuͤr das, was Dein Herz wuͤnſchte, daß ich ſeyn moͤchte, ich bedurfte keiner großen Kunſt, Dich zu gewinnen. Du ſelbſt ſtimmteſt gern in alle meine Abſichten, und nahmſt meine Vor⸗ ſchlaͤge eben ſo ſchnell an, als ich ſie ausſprach.“ Verzweiflungsvoll warf ſich Erilda auf die Kniee und flehte haͤnderingend um Erbarmen zum Himmel empor. „Nicht ſo,— fuhr der Unhold fort, indem er ſie emporriß,— Dein Gebet iſt vergebens, der Himmel iſt taub fuͤr Dein Flehen!— Du trugſt Bedenken einen Mord auf der Stelle zu begehen, und gleichwohl warſt Du willig und bereit, dem, der Dir das Leben gegeben hatte, einen langſamen Tod zu bereiten. Mit einem Dolche wollteſt Du Deinen Vater nicht ermor⸗ den, aber ohne Bedenken wollteſt Du tauſend Dolche in ſeine Bruſt ſenken.“ Erilda bebte voll unnennbaren Entſetzens vor dem Ungeheuer zuruͤck, das jetzt mitten unter dem Geheule der Daͤmonen, die ſich aus den ſchaͤumenden Wellen empor hoben, ſeine wahre ſchreckbare Ungeſtalt annahm. Schwefelflam, men zuckten aus den gluͤhenden Augen des Un⸗ holdes auf das bleiche Geſicht der bebenden Erilda, und in ſeiner Rechten ſchwang er einen Magazin IV. C 34— Dreizack, um ihn in die Bruſt ſeines Schlacht⸗ opfers zu ſtoſſen. Laute Donner erſchuͤtterten die Erde, Blitze zuckten rings umher, ſchaͤu⸗ mend thuͤrmten ſich die Wellen des Stromes in dem Sturme zum Himmel, und die ganze Natur ſchien im empoͤrten Aufruhr zu ſeyn. Der Sturm ſchleuderte den Nachen an den Strand, ergriffen von Schrecken und Entſetzen, ſuchte Erilda das Felſenufer zu erklimmen und durch die Flucht ſich zu retten, doch der Unhold ergriff ſie, ſtieß den Dreizack in ihre Bruſt und ſchleuderte ſie in die tobenden Wellen zuruͤck. In demſelben Augenblicke verhallte der Sturm, der Donner ſchwieg, die Wellen des Stroms ebneten ſich wieder, und eine Zeitlang hielt die Spiegelflaͤche des Stromes Erilden uͤber der Tiefe empor. Die Wellen wogten ſie an's Ufer, aͤngſtlich klammerte ſie ſich an ein hervorragendes Felſenſtuͤck an, doch der Felſen rollte herab, und mit triumphirendem Hohnge⸗ laͤchter fuhr der Unhold der Hoͤlle mit ihr in die Tiefe hinab. Hier beſchloß der Eremit ſeine Erzäͤhlung. „So lautet die Sage von der ungluͤcklichen Erilda und dem Ritter mit dem blutrothen Federbu⸗ ſche,— fuhr der Eremit gegen den Pilger fort.— Von jener Zeit an iſt die Burg Rhud⸗ dlan ein Sitz der Anarchie geweſen. Zwar un⸗ ternahmen es hin und wieder einige Beherrſcher 1 4 —53. ſte zu ihrer Reſidenz zu machen, aber die un, holde, die dort hauſen, verſcheuchten ſie wieder denn jede Nacht hoͤrt man Erildens Geſchrei, und der Ritter von dem blutrothen Federbuſche verfolgt ihren fliehenden Schatten durch die verfallenen Hoͤfe. Geh, Pilger, verfolge Dei⸗ nen Pfad, und weile nie wieder auf Rhuddlan; denn furchtbar und gefahrvoll iſt es, wenn um Mitternacht der zuͤrnende Clwyd ſeine ſchaͤu⸗ menden Wellen uͤber die Ufer erhebt, und der Sturm der Mitternacht Erildens Jammerge⸗ ſchrei an den Felſen bricht. Weile nicht in die⸗ ſer Gegend, Daͤmonen der Hoͤlle ſchweben auf den feuchten Nebeln der Nacht umher und heu⸗ len Fluͤche, ihr Athem iſt giftiger Thau, der die Fruͤchte der Felder und Auen verpeſtet, die ſchaffende Hand der Natur hat ſich von dieſer Gegend zuruͤckgezogen; nichts gedeiht in ihrer Naͤhe. Veroͤdet ſtehen die verfallenen Thuͤrme und Mauern von Rhuddlan, und die Geiſter des furchtbaren Clwyd fordern es als ihr Ei⸗ genthum,“ 3 Grauſamkeit und Bosheit gleich kam. (Eine deutſche Volksſage aus dem Mittelalter.) — 3 Hinter dem Walde in Thuͤringen, auf einen hohen ſteilen Felſen ragen die Truͤmmern einer zerfallenen Burg empor, von welcher die Volks⸗ ſage ſeltſame Dinge erzaͤhlt. Furchtſam und mit bebenden Schritten eilt der einſame Wanderer bei naͤchtlicher Weile an dieſem ſchauervollen Orte voruͤber, indem menſchenfeindliche Daͤmonen dort hauſen und Jeden, der ſich ihrem veroͤdeten Wohnplatze naͤhert, necken ſollen. Einſt gehoͤrte dieſe Burg,— erzaͤhlt die Sage,— Ruprecht von Hatten, miit dem Zu⸗ namen der Tiger, einem Manne, der unter den MRaubgrafen, welche damals das deutſche Reich uud namen tlich das Thuͤringer Land in Fnrcht uund Schrecken ſetzten, Reiſende anfielen, Ritter und Vaſallen befehdeten und durch Raub und Mord ſich ſchreckbar machten, den erſten Rang behauptete, indem Keiner ihm an Wildhei Ruprecht der Tiger. 8 . 32. Niemand wagte ſich ſo leicht in die Ge⸗ gend, wo Ruprecht haußte und mit ſeinen Knech⸗ ten in dem Gebuͤſche des dicken Waldes verbor⸗ gen auf Raub lauſchte. Wenn den Wanderer der Weg an dem Raubneſte des Wuͤtherichs voruͤber fuͤhrte, ſo eilte er mit verdoppelten Schritten, um ſchuͤchtern voruͤber zu ſchluͤpfen und recht bald die friedlichen Fluren des Gnad⸗ ſteins zu erreichen, die ihm Schutz und⸗Sicher⸗ heit verſprachen. Froh hob ſich der Buſen des Wanderers empor, wenn er aus dem Dickicht des duͤſtern Waldes heraustrat, wo ihm von dem Felſen des ſogenannten Gnadſteins die Burg des Grafen Bernhard von der Aue entgegen glaͤnzte. Dieſer war der gefaͤhrlichſte Widerſa⸗ cher des raubſuͤchtigen Ruprechts. Mit uner⸗ ſchrockenem Muthe lebte Bernhard in ewiger Fehde mit ſeinem Nachbar, um deſſen Ueber⸗ muthe und Raubſucht Schranken zu ſetzen. Unaufhoͤrlich ſtreiften die Getreuen des edelmü⸗ thigen Grafen in dem Thale und auf der Heer⸗ ſtraſſe umher, um den Wanderer gegen die Anfaͤlle der Troßbuben des Raͤubers zu ſchuͤtzen— und zu vertheidigen, und jedem Pilger und edeln Ritter waren die Thore der Burg gedff. net, die, als die beſte Schutzwehr gegen Ru⸗ prechts Bosheiten, den Namen: Gnaden⸗oder nadſtein erhielt. Scchon das auſſere Anſehen des i n Ru 38 — prechts war ſo ſchreckbar, daß jeder davor zu⸗ ruͤckbebte und man ihn zum Popanz brauchte, um Kinder damit zu ſchrecken, indem ſich unter mancherlei abentheuerlichen Erzaͤhlungen das Maͤhrchen von dem Ritter oder Knecht Ru⸗ precht, von dem Enkel auf den Enkel fortpflanzte. Er war von einer faſt ungewoͤhnlichen Groͤße und Staͤrke, ſeine Kleidung war eine ſchwarze eiſerne Ruͤſtung, um welche gewoͤhnlich eine Tiger⸗oder Leopardenhaut wallte, und ſowohl deshalb, als auch vorzuͤglich wegen ſeiner wilden Grauſamkeit, hatte man ihm den Beinamen: der Tiger gege⸗ ben. In ſein Geſicht ſchien die Natur ſelbſt alle den Ausdruck gelegt zu haben, der ihn auf den erſten Blick als den Wuͤtrich, der er wirklich war, ankuͤndigte. Seine von wilden Leidenſchaften verzerrten Zuͤge und der unſtete Flammenblick ſeines Auges unter den buſchichten uͤberhaͤngen⸗ den ſchwarzen Augenbraunen hervor, verriethen ſogleich die rohe Wildheit und Gefühlloſigkeit ſei⸗ nes Charakters und ſchreckten jeden mit Schau⸗ dern vor ihm zuruͤck. Ganz das Gegentheil von dieſem Wuͤtherich war ſeine Tochter, die ſchoͤne ſanfte Agnes; deren auſſerordentliche Schoͤnheit ſie eben ſo ſehr, 5 als der Ruf ihrer Tugend und der Reinheit ihres edeln jungfraͤulichen Herzens zu dem Ge⸗ genſtande der allgemeinen Bewunderung DHochachtung in der ganzen Gegend erhob. Ganz - anders dachte jedoch Ruprecht, der oft ihrer Sitt⸗ ſamkeit und ihres tiefen mitleidsvollen Gefuͤhls bei ſeinen Grauſamkeiten ſpottete, und ſie mit dem gehaͤſſigen Namen eines Baſtards veraͤcht⸗ lich von ſich ſtieß, wenn er im Triumphe nach ſeiner Burg zuruͤckkehrte, uͤber ſeine veruͤbten Grauſamkeiten frohlockte, und die Thraͤnen der ſanften Agnes ihm ſagten, daß ihr Inneres mit dem ſeinigen ſo ganz in dem auffallendſten Wi⸗ derſpruche ſtehe. Dieſes war Grund genug fuͤr den Wuͤtherich, die holde Agnes zu haſſen und ſie mit unnatuͤrlicher Haͤrte und Strenge zu behandeln, die ihr jeden reinen Genuß der Freude vergaͤllte, und ihr Herz mit Traurigkeit und Schwermuth erfuͤllte. Ihre ausgezeichnete Schoͤnheit und der Ruf voon ihrer mackelloſen Tugend und ihrem Edel⸗ muthe, zog eine Menge von Verehrern nach ihr hin, die im Stillen nach dem Beſitze der holden Agnes ſeufzten, aber ſelten wagte es Einer, aus Furcht vor Ruprechts bekannter Grauſamkeit, dieſe Wuͤnſche ſeines liebenden Herzens laut wer⸗ den zu laſſen. Geſtuͤtzt auf ſein Anſehen und ſein Vermoͤgen hatte hin und wieder mancher ſtatt⸗ liche Ritter es gewagt, ſich bei ihrem Bater um ihre Hand zu bewerben. Ruprecht nahm ihn un. ter der Maske der Freundſchaft freundlich be. ſiicch auf und ſchmeichelte ihm mit den begluͤckend: ſten Hoffnungen. Ihm geluͤſtete jedoch blos nach 40 dem Beſitze des Vermoͤgens ſeines zukuͤnftigen Eidams, und hatte er ſich den Beſitz deſſelben geſichert hatte der gluͤckberauſchte Freier die Be⸗ dingungen erfuͤllt, unter welchen Ruprecht ihm die Hand ſeiner Tochter durch Verſchreibung ſei⸗ ner Guͤter verſprach, dann trank der Getaͤuſchte gewoͤhnlich bei dem froͤhlichen Mahle den lang⸗ ſam toͤdtenden Gift in ſich, den Nuprecht ſelbſt aus giftigen Kraͤutern und Pflanzen zubereitete. Weigerte ſich hingegen Einer die gemachte Be⸗ dingung ſogleich zu erfuͤllen, oder war er nicht reich genug ſeinen Bewerbungen um Agneſens Hand Nachdruck zu geben, ſo blutete er entwe⸗ der fuͤr dieſe Verwegenheit unter den Dolchen von Ruprechts Knechten, oder Ruprecht ſtüͤrzte ihn von dem ſteilen Felſen ſeiner Burg zerſchmet⸗ tert herab in die tiefe Felſenſchlucht, wo ſo leicht niemand die Gebeine des Ermordeten entdecken konnte, und die Volksſage erzaͤhlte, daß die Gei⸗ ſter der Ermordeten in mancherlei Schreckgeſtal⸗ ten, bei naͤchtlicher Weile, den Felſen umflat⸗ terten und die veroͤdete Gegend unſicher machten. Wagte es vielleicht Agnes fuͤr dieſen oder jenen bei ihrem Vater zu bitten, oder wohl gar Einen und den Andern, den Ruprecht einmal zum Opfer ſeiner Grauſamkeit erkohren hatte, zu warnen, ſo mußte ſie durch die ſchmachvoll⸗ ſten Mißhandlungen auf geraume Zeit dafuͤr 53 buͤßen und Wochenlang im öden Kerker ſchmach⸗— r 2 . 41 — ten, und ein neuer wiederholter Verſuch dieſes Art wuͤrde vielleicht ihr Leben ſelbſt in Gefahr geſetzt haben. So ſchlichen der holden Agnes die Tage ihrer Jugend kummervoll und traurig an der Seite ihres grauſamen Vaters voruͤber, der jeden ihrer Schritte beobachtete, ſie wie eine Gefangene behandelte, und durch ſein lieb⸗ loſes, gehaͤſſiges und wildes Betragen gegen ſie, den ſchoͤnen Lenz ihrer Jugend truͤbte. Nur wenn der Wuͤthrich von der Burg ab⸗ weſend und in Fehden mit den benachbarten Gra⸗ fen und Rittern begriffen war, konnte Agnes ihre Freiheit genießen, und bisweilen an ſchoͤnen Sommertagen, in dem Thale, das den Feiſen der Burg umgab, oder in dem angrenzenden Walde luſtwandeln. Auf einem dieſer Spazier⸗ gaͤnge war es, wo ſie den edeln liebenswuͤrdigen jungen Grafen Herrmann von der Aue kennen lernte, der ſchon lange Zeit im Stillen die ſchoͤne Agnes zaͤrtlichſt liebte und ſehnlich eine Gelegen⸗ heit wuͤnſchte, ſich ihr naͤher zu bringen. Noch hatte Agnes nicht gefuͤhlt, was Liebe ſey, aber die erſte Zuſammenkunft mit Herrmann machte ſie mit den Gefuͤhlen dieſer Leidenſchaft bekannt, die um ſo ſchneller feſte Wurzel in ih⸗ rem Herzen faßte, je weniger das unbefangene Naͤdchen mit der Kunſt vertraut war, ihr Hes vor dem Eindringen dieſer Leidenſchaft 4² wahren. Die begluͤckenden Gefühle, welche dieſe Leidenſchaft fuͤr Agneſen mit ſich fuͤhrte, mach⸗ ten, daß ſie ſich um ſo williger hingab, und nach einigen wiederholten geheimen Zuſammenkuͤnften mit Herrmann, fuͤhlte ſich das liebende Maͤdchen ſo feſt voll heißer Zaͤrtlichkeit an den Juͤngling gekettet, daß keine Macht der Erde faͤhig zu ſeyn ſchien, Agneſen jemals wieder von Herrmann loszureißen. In dem Rauſche der Leidenſchaft vergaßen beide Liebende die Gefahr, welche ihnen drohete, wenn Ruprecht entdecken ſollte, daß ſeine Toch⸗ ter in einem zaͤrtlichen Einverſtaͤndniſſe mit dem Sohne ſeines erſten und gehaͤſſigſten Feindes leb⸗ te. Wenn ſich in der Folge dergleichen aͤngſtliche Beſorgniſſe bei Agneſen regten, ſo wußte Herr⸗ mann dieſe ſehr leicht wieder zu entkraͤften und das liebende Maͤdchen durch die Hoffnung einer ſchönen begluͤckenden Zukunft zu beruhigen. „Mein Bater liebt mich mit unbegrenzter Zaͤrtlichkeit,— ſagte Herrmann,— und gern wird er alles aufopfern, um mich, ſeinen einzi⸗ gen Sohn, gluͤcklich zu machen. Ich will mich ihm zu Fuͤßen werfen, ihm meine Leidenſchaft fuͤr Dich bekennen, und ich bin feſt uͤberzeugt, daß er meinen dringenden Bitten nicht wird widerſtehen koͤnnen, wenn er uͤberzeugt wird, daß das ganze Gluͤck meines Lebens darauf be⸗ ruht. Von meinen heißen Bitten erweicht, wird — —— —— ——— 4 er keinen Anſtand nehmen, den Haß und die Feindſchaft gegen Ruprecht aufzugeben, und ihm die Hand zur Ausſoͤhnung zu reichen. Mit Freuden wird Dein Vater das Anerbieten der Freundſchaft von dem maͤchtigen Bernhard von der Aue annehmen, und unſere Haͤnde zum Unterpfande dieſes Freundſchaftsbundes in ein⸗ ander legen.“ Dieſe Traͤume waren viel zu ſchoͤn und golden, als daß ſie Agnes nicht haͤtte fuͤr Wirk, lichkeit annehmen ſollen, und nur der Umſtand, daß gerade jetzt der Graf von der Aue mit Ru precht in eine langwierige Fehde verwickelt war⸗ an welcher Herrmann gezwungen mit Theil neh⸗ men mußte, verhinderte dieſen, ſeinen Plan ſo⸗ gleich auszufuͤhren; indem er einſahe, daß die Erbitterung der beiden Feinde gegenwaͤrtig viel zu heftig ſey, als daß ſich der Eine oder der Andere zu einer Ausſöhnung werde bereitwillig finden laſſen. Eben ſtanden die beiden Feinde mit ihren Mannen gegen einander im hartnaͤckigſten Kam⸗ pfe, als Herrmann in dem Drange ſeiner zaͤrt⸗ lichen Gefuͤhle ſich aus dem blutigen Gefecht hinwegſtahl, und dem einſamen Plaͤtzchen hinter dem Walde zuſprengte, wo ſeine Agnes ihn er⸗ wartete. Unfern von Ruprechts Burg war eine Hoͤhle, welche die Natur in einem Feiſen ge⸗ bildet hatte, von deſſen ſteller Hoͤhe eine Aell ſich herabſtuͤrzte, der ſich unter den Buͤſchen und Felſen hinwegſchlich, bis er ſich hinter den Felſen in einen großen See ergoß. Dieſes hei⸗ miſche Plaͤtzchen war der Ort, wo ſich faſt taͤg⸗ lich die beiden Liebenden trafen und ſchon Mon⸗ den in dem begluͤckenden Vollgenuſſe ihrer rei⸗ nen Liebe zaͤhlten. In traulichen Geſpraͤchen verloren ſaßen auch jetzt die Liebenden, Arm in Arm geſchlun⸗ gen, als der toͤnende Huſſchlag eines Roſſes ſie aufſcheuchte. Erſchrocken blickten ſie auf, und mit einem Ausrufe des heftigſten Schrecks bebte Agnes zuruͤck, als ſie ihren Vater erblickte, der blutend und athemlos durch das Dickicht hin⸗ durch ſprengte, und ſchon war dieſer ihnen nahe, als ſein Roß in den Wurzeln der Baͤume haͤn⸗ gen blieb und erſchoͤpft zu Boden ſtuͤrzte. Herr⸗ mann ellte ſchnell hinzu und half Ruprecht em⸗ por, als er in der Ferne eine Schaar von ſei⸗ nes Vaters Mannen erblickte, welche den Flie⸗ henden verfolgten, um ihn todt oder lebendig zuruͤck zu bringen.„Verbergt Euch ſchnell in dieſe Felſenhoͤhle!“— rief ihm Herrmann zu, indem er das Roß emporriß, und es hinter den Felſen verbarg, waͤhrend Ruprecht ſeinen Platz in der Hoͤhle nahm. Kaum war dieſer in die Hoͤhle getretten, ſo ſtuͤrmten ſeine Verfoſger herbei, und ſtellten bei Herrmann Erkundigung nach Ruprecht an. Herrmann zeigte nach ein- ——— T 45 entgegengeſetzten Seite des Waldes, wo er den Fliehenden, dem Vorgeben nach, hatte hineilen ſehen, die Knechte ſetzten kein Mißtrauen in ſeine Worte, und ſprengten nach der bezeichne⸗ ten Gegend hin. Kaum waren dieſe in dem Dickicht des Waldes verſchwunden, ſo trat Herrmann zu Ruprecht.„Tretet hervor,— redete er ihn an,— Ihr ſeyd frei, Euere Ver⸗ folger ſind verſchwunden.“ Ruprecht trat her⸗ vor, und indem er einen wuͤthenden, Zorn gluͤ⸗ henden Blick auf Herrmann warf, faßte er ſeine Tochter mit wildem Ungeſtuͤmme am Arme, um ſich zu entfernen. „Wie, Ruprecht?— rief ihm Herrmann zu,— verdiene ich nicht mehr als dieſen Rache gluͤhenden Blick fuͤr Euere Rettung aus den Haͤnden Euerer erbitterten Feinde?“ „Seyd Ihr nicht der Sohn meines Feindes? des verhaßten Bernhard's?“ fragte Ruprecht wild. „Der bin ich,— erwiederte Herrmann,— aber nur mein Vater iſt Euer Feind, nicht ich. Ich liebe Euch als den Vater der holden Agnes und freue mich, eine Gelegenheit erhalten zu haben, wodurch ich Euch uͤberzeugen konnte, wie ſehr ich Euer Freund bin.“ „Ich verachte Euere Freundſchaft!— fiel ihm Ruprecht ins Wort,— Seht hierher! dieſe blutenden Wunden ſchlug mir das Schwert Eures Vaters, und ich werde Euch ewig unaufhoͤrlich haſſen. Dankt es meiner Nachſicht mit Euerer Jugend und dem, was Ihr jetzt fuͤr mich tha⸗ tet, daß ich nicht die furchtbarſte Rache dafuͤr an Euch nehme, daß ich Euch als den Verfuͤh⸗ rer meiner Tochter in ihren Armen hier traf. Ziehet in Frieden! aber Wehe! dreifaches Wehe und der martervollſte Tod uͤber Euch wenn Ihr es je wieder wagt, Euch dieſer Pflichtvergeſſenen wieder zu naͤhern.“ Er wollte ſich mit Agneſen entfernen, doch Herrmann hielt ihn zuruͤck.„Ruprecht!— rief er bittend,— verweilt nur noch wenige Augenblicke, hoͤrt mich an.“ Ruprecht. Was koͤnnt Ihr mir noch zu ſagen haben? Herrmann. Daß Ihr nicht mich und Eure Tochter grenzenlos elend machen ſollt. Ruprecht. Das Elend meines Feindes wird Wonne fuͤr mich ſeyn.. Herrmann. Ihr irrt Euch, ich bin kei⸗ nesweges Euer Feind, habe ich Euch dieſes nicht eben jetzt bewieſen, da ich Euch den Haͤnden Euerer Feinde und Verfolger entriß? Ich mache Euch kein Geheimniß aus meiner Liebe zu Eue⸗ rer Tochter, heiß und innig lieben wir uns Beide, o laßt dieſe Liebe das Band ſeyn, das meinen Vater und Euch voll Freundſchaft an⸗ einander bindet,—. -42. Ruprecht. Iſt Euer Vater nicht mein Feind? 3 Herrmann. Wohl iſt er das, aber er wird es nicht immer bleiben. Mein Vater denkt edel und gut, er liebt mich, ſeinen einzigen Sohn, mit unbegrenzter Zaͤrtlichkeit, er ſetzt ſein ganzes Vertrauen, ſeine ganze Hoffnung auf mich, und kann mich unmoͤglich den Qua⸗ len einer hoffnungsloſen Liebe Preis geben wol⸗ len. Sein Herz wird ſich meinen Bitten oͤffnen, er wird ſeinen Groll gegen Euch aufgeben, Euch ſelbſt die Hand zur Ausſoͤhnung reichen und Euch um Euere Einwilligung zu meiner Ver⸗ bindung mit Agneſen bitten. Die Tage der Un⸗ ruhe werden verſchwinden, und eine ſchoͤne gluͤck⸗ liche Zukunft, in deren wohlthaͤtigen Glanze Ihr Euch noch ſpaͤt am Abend des Lebens ſonnen koͤnnt, wird ſich Euch und uns Allen oͤffnen. Ruprecht.(Nach einer Pauſe eines ſtummen Nachdenckens.) Ihr habt allerdings vieles fuͤr mich gethan, indem Ihr mich von Schmach, Schande und Tod befreietet, wo es in Euerer Macht ſtand, mich meinen Verſolgern zu uͤberliefern, ich fuͤhle, daß ich Euch dafuͤr danken könnte, wenn Ihr nicht der Sohn des ſtolzen und uͤber⸗ muͤthigen Bernhard's waͤret, den ich niemals Freund nenneu kann. Auf Euch ſelbſt ſoll es ankommen, meinen Dank zu verdinen und meine Feindſchaft gegen Euch zu vertilgen. „ „ 4 Herrmann. Sprecht, was ſoll ich thun um dieſes zu bewirken; kein Opfer wird fuͤr mich zu groß ſeyn, das ich Euch um dieſen Preis nicht willig und mit Freuden darbraͤchte. Ruprecht. Ihr liebt meine Tochter? Herrmann. Keine Sprache der Erde hat Worte fuͤr den Ausdruck der unbegrenzten Liebe und Zaͤrtlichkeit, die mich fuͤr die holde Agnes entflammt. Getrennt von ihr, wuͤrde mein Leben eine Reihe von Elend und Kummer ſeyn, und mich an den Rand der Verzweiſlung fuͤhren. Ruprecht.(zu Agnes) Und Du 2 Agnes Auch ich liebe Herrmann mit vol⸗ ler Zaͤrtlichkeit, ſeine Liebe allein kann meinem Leben Werth geben, nur mit ihm kann ich gluͤck⸗ lich ſeyn. Wollt Ihr mich deshalb haſſen, wollt Ihr mir das Gluͤck meiner Liebe rauben, o dann hat auch das Leben fuͤr mich keinen Reiz mehr, und mit Freuden werde ich den Tod einem Le⸗ ben voll Elend und Qual vorziehen. Ruprecht.(zu Herrmann) Traut ihr Euch wohl Kraft und Entſchloſſenheit genug zu, mir einen uͤberzeugenden Beweis von der Wahrheit CEurer Worte zu geben, und Euch, durch ein be⸗ deutendes Opfer, Agneſens Beſitz zu erringen? Herrmann. Fuͤr Agneſens Beſitz bin i bereit alles zu wagen, — 42. Ruprecht. Wohlan dann!— folgt mir. Er zog Agneſen mit ſich fort, ſchwang ſie auf ſein Roß, und gieng duͤſter und in ſich ge⸗ kehrt an Herrmanns Seite nach ſeiner Burg. Voll aͤngſtlicher banger Erwartung kam Herr⸗ mann dort an. Agneſens aͤngſtlicher Blick, das Beben ihres Buſens verriethen deutlich, wlie ſehr ſie die Beſorgniſſe ihres Geliebten theilte, und unter der ungewoͤhnlichen Freundlichkeit ihres Vaters eine Maske vermuthete, unter welcher er vielleicht auf deſto groͤßere Bosheit ſann. Der Felſen war jetzt erſtiegen Ruprecht fuͤhrte die Liebenden in ein entlegenes Gemach, und duͤſter und in ſich gekehrt, als wenn er uͤber einen ſchwankenden Entſchluß mit ſich zu Rathe gieng, ſchritt er ſtillſchweigend in dem Zimmer auf und nieder, indem je zuwelien ein Seiten⸗ blick auf den beiden Liebenden verweilte. End⸗ lich ſchien ſein Entſchluß die gehoͤrige Reife er⸗ halten zu haben, und raſch verließ er das Zim⸗ mer, indem er Herrmann und Agneſen in einer qualvollen Unruhe und Ungewißheit zuruͤckließ. Nach einem kurzen Zeitraum trat Ruprecht wieder zu ihnen herein.„Herrmann!— redete er dieſen an,— ich bin bereit, Euere feurigen Waͤnſche zu kroͤnen und Euch Agneſen zum Weibe zu geben, die Kapelle iſt erleuchtet und mein Burgpfaffe wartet auf uns, um noch in dieſem Magazin IV. 3 4 50 Augenblicke Euch und meine Tochter auf ewig mit einander zu verbinden, allein Ihr begreift wohl, daß ich fuͤr dieſes koͤſtliche Geſchenk auch ein Opfer von Euch verlangen kann, das der Groͤſſe des meinigen angemeſſen iſt. Nur unter einer feſten unumſtoͤßlichen Bedingung kann Agneſe die Eurige werden.“ Herrmann. Nennt mir dieſe Bedingung, damit ich ſogleich eilen kann ſie zu erfuͤllen. Ruprecht. Iſt Euere Liebe ſo ſtark und heftig als Ihr ſagt, ſo werdet Ihr auch bereit ſeyn, dieſe Bedingung einzugehen, ohne daß ich ſie Euch jetzt nenne. Nur dann erſt, wenn Euere Haͤnde in einander gelegt ſind und der Pfaffe den Segen uͤber Euch ausgeſprochen hat, ſollt Ihr ſie hoͤren. Entſchließt Euch. Herrmann.(nach kurzem Nachdenken) Auch das. Nuprecht wird nichts von mir fordern, das ich nicht gern und willig erfuͤllen koͤnnte. Ich beuge mich unter Euern Willen. Ruprecht. So folgt mir. Langſam ſchritt er durch die duͤſtern Hallen voran, und trunken von Entzuͤcken ihres nahen Gluͤcks, folgten ihm die Liebenden nach der Burg⸗ kapelle, an deren Eingange der Burgpfaffe ſie empfieng. Ruprecht wiederholte hier ſein Begeh⸗ ren des blinden unbedingten Gehorſams gegen Herrman, und willig legte dieſer den verlangten feierlichen Eid in die Haͤnde des Moͤnchs ab, - wodurch er ſich anheiſchig machte, Ruprechts Bedingung unwetigerlich zu erfuͤllen. „Der Himmel war Zeuge Eueres Schwurs, — rief Ruprecht mit ernſter drohender Stimme aus, und blutige Rache komme uͤber Euer Haupt, wenn Ihr je meineidig werden ſolltet. Ein qual⸗ voller Tod treffe Euch, und ohne Gnade jenſeits zu hoffen fahrt hinab zur Hoͤlle, wenn Ihr Euer Geluͤbd verletzt.(zu dem Burgpfaffen.) Jetzt vol⸗ lendet Euer Amt.“ Der Burgpfaffe legte unter der gew oͤhnlichen Ceremonien die Haͤnde der Liebenden in einan⸗ der und ſprach den Seegen uͤber ſie aus. Das Band war jetzt geſchloſſen, die Ceremonie war beendigt, dankbar und trunken vor Wonne ſan⸗ ken die Neuvermaͤhlten Ruprecht zu Fuͤßen, um ihm ihren Dank zu ſtammeln, und mit feurigem Entzuͤcken wollte Herrmann in die Arme ſeines Weibes eilen, doch Ruprecht draͤngte ſich zwi⸗ ſchen Beide und hielt Herrmann zuruͤk. „Halt!— rief er dieſem zu— ſo war es nicht gemeint. Agneſe iſt Euer Weib, aber wagt es nicht, Euch jemals ihr zu naͤhern und ſie als Weib zu umarmen, als bis Ihr die Be⸗ dingung punktlich erfüͤllt habt, zu welcher Ihr Euch eben durch Euern Eid anheiſchig gemacht habt. Glaubt Ihr, daß ich jemals vergeſſen koͤnnte, daß der verhaßte Bernhard von der 52 — Aue Euer Vater iſt? waͤhnt Ihr, daß ich je⸗ mals die Wunden verſchmerzen koͤnnte, die ſein Schwerdt mir ſchlug? Ich werde ihn ewig un- verſoͤhnlich haſſen, mein Haß wird ihn bis uͤber das Grab verfolgen, und nur ſein Tod kann meinen Haß von Euch abwenden. So hoͤrt dann, wozu Ihr Euch anheiſchig gemacht habt. Die Bedingung, unter welcher ich Euch meine Tochter zum Weibe gab, war: daß Ihr, als mein Eidam, meinen Feind und Verfolger auch als den Eurigen betrachtet, und ihn lebendig meiner Rache uͤberliefern wollt! Nur alsdann erſt, wenn Ihr dieſer Bedingung Genuͤge gelei⸗ ſtet habt, will ich Euch die Rechte des Man⸗ nes uͤber Agneſen einraͤumen.“ „Großer Gott!— rief Herrmann voll Schaudern und Entſetzen aus,— wie kann ich jemals dieſe grauſame Bedingung erfuͤllen?“ „Das Wie, wodurch es geſchieht, kuͤmmert mich nichts,— erwiederte Ruprecht kalt,— mir iſt es genug, daß es geſchieht. Ihr habt jetzt keine Wahl mehr, Ihr habt Euch durch Euern Eid an die Erfuͤllung dieſer Bedingung gefeſſelt, nur ſoviel noch, binnen Mondesfreiſt muß Euer Geluͤbde geloͤſt ſeyn, und ein laͤnge⸗ ier Rache. Jetzt hinweg!“ Er riß ſeine Tochter gewaltſam mit 6 fort, ohne ihrer Verzweiflung und ihrer Verzug macht Euch ſelbſt zum ehenſtande ——— 53 nen zu achten, waͤhrend auf ſeinen Ruf einige Knechte hereintraten, welche Herrmann zuruͤck⸗ halten und von der Burg begleiten mußten. Herrmanns Zuſtand war uͤber jeden Aus⸗ druck ſchrecklich und fuͤrchterlich. Er ſahe ſich ploͤtzlich wieder von der Hoͤhe ſeines Gluͤcks in einen bodenloſen Abgrund hinabgeſtuͤrzt, und von der Geliepten, in welcher ſeine Seele ſein ganzes Gluͤck umfaßte, in eben dem Augenblicke getrennt, wo ſie ihm ganz zum Eigenthume war gegeben worden. Schaudernd bebte er vor dem Verbrechen zuruͤck, durch welches er ſich ihren Beſitz erringen ſollte, und mit allen Schrecken der Hoͤlle hallte der Gedanke: Vatermoͤrder! in ſeinem Innern wieder, der ihn unſtaͤt und fluͤchtig umher trieb und an den Rand der Ver⸗ zweiflung fuͤhrte. 5 Nirgends ſahe er einen Ausweg zur Ret⸗ tung vor ſich, bis ſich der erſte heftige Sturm in ſeinem Innern legte, und dem ruhigern Nach⸗ denken Platz machte Seine ganze noch uͤbrige Hoffnung gruͤndete ſich jetzt auf ſeinen Vater. Ungeachtet Ruprechts Erbitterung gegen dieſen, zweifelte er nicht, daß Ruprecht ſeinen toͤdten⸗ den Haß gegen ſeinen Feind aufgeben und in Freundſchaft umwandeln wuͤrde, wenn der maͤch⸗ tige Bernhard von der Aue ihm ſelbſt freund⸗ ſchaftlich entgegen kommen und ihm die Hand zur Ausſoͤhnung reichen ſollte. Herrmann wußte, 4. wie ſehr ihn ſein Vater liebte und ſeine ganze Hoffnung auf ihn ſetzte, und unmoͤglich konnte er glauben, daß ſein Vater hart genug ſeyn ſollte, ſeinen Liebling und ſeinen einzigen Sohn ſeinem Grolle gegen Ruprecht aufzuopfern. Das Zutrauen, welches Herrmann in die Liebe und den Edelmnth ſeines Vaters ſetzte, und die Hoffnung, daß er, von ſeinen Bitten geruͤhrt, ihm die Gewaͤhrung derſelben ſchenken wuͤrde. lichtete das furchtbare Dunkel, das ſeine Seele umduͤſterte. 4. Nur die fortdauernden Feindſeliglelten Ru⸗ prechts und ſeines Vaters, und die Grauſam⸗ keit, womit der Erſtere jetzt die Gegend umher verheerte, verhinderte Herrmann, ſeinen Plan ſogleich auszufuͤhren. Unaufhoͤrlich war er mit der geliebten Agneſe beſchaͤftigt, doch vergebens waren alle Verſuche, ſich ihr wieder naͤher zu bringen, und ihren Aufenthalt auszukundſchaf⸗ ten, da er durch einen von Ruprechts gefange⸗ nen Knechten das Bekenntniß erpreßt hatte, daß Agnes nicht mehr auf der vaͤterlichen Burg ſey, ſondern von ihrem Vater an irgend einem ge⸗ heimen Orte verborgen gehalten werde. Einſam und verlaſſen ſchmachtete indeſſen die ungluͤckliche Agneſe in einem alten Thurme, der hinter dem Walde tief in dem angrenzenden See aus dem Waſſer ſich empor hob und zu Ruprechts Beſitzungen gehoͤrte. Dort konnte ſie 55 nur den todten Waͤnden ihres Kerkers ihre Lei⸗ den klagen, und dumpf verhallten ihre Seufzer in der oͤden Leere, wenn ſie in bangen Mitter⸗ naͤchten hinausblickte uͤber die Waſſerflaͤche, und ihre Klagen mit dem Rauſchen der Wellen ver⸗ miſchte, die, vom Sturme gepeitſcht, an dem Fuße des Thurmes ſchaͤumend ſich brachen. Tage und Naͤchte lag ſie auf den Knien und jammerte zu dem Himmel empor, ihr einen Engel der Rettung zu ſenden, oder ihr Leben zu enden; allein dieſer ſchien ihres heißen Fle⸗ hens nicht zu achten, und Tage und Wochen ſchlichen ihr langſam und qualvoll voruͤber, ohne daß ſich die erſehnte Huͤlfe zeigte. Taͤglich brachte ihr Veit, ein alter vertrauter Knappe ihres Vaters und der Theilnehmer ſeiner Grauſam⸗ keiten, tief in der Nacht ihre kaͤrgliche Speiſe⸗ Veit war Zeuge ihres nagenden Kummers und ihrer Thraͤnen, aber vergebens ſuchte ſie durch ihre Klagen und ihre Bitten ihn zum Mitleid fuͤr ſie zu bewegen und ihn dahin zu vermoͤgen, daß er ihr Nachricht von ihrem geliebten Herr⸗ mann bringen und dieſem Kunde von ihr brin⸗ gen moͤchte, um den geliebten Juͤngling zu ihrer Rettung aufzufordern. Ihre Bitten und Thraͤnen gleiteten frucht⸗ los an dem Felſenherzen dieſes alten Boͤſewichts ab, und mit empoͤrender Kaͤlte erwiederte er ihr:„Euer Schickſal liegt in Herrmanns Haͤn⸗ 4 ——————— ,35 den. Er iſt ein wackerer Ritter, darum kuͤm⸗ mert Euch nicht; denn liebt er Euch wirklich, ſo wird er auch nicht zoͤgern, Euch in Freiheit zu ſetzen und den Zorn Euers Vaters in Liebe umzuwandeln. Ich kann nichts fuͤr Euch thun. Der Wille Euers Vaters iſt mein Geſetz, drum verſchont mich mit Euern Klagen und Bitten, wenn Ihr mich nicht dazu zwingen wollt, Euern Vater davon zu benachrichtigen, und ſeinen Zorn aufs neue gegen Euch zu reizen, wenn er er⸗ faͤhrt, daß ſeine Tochter ſeine Getreuen zu Ver⸗ raͤthern an ihm machen will.„ Kalt wandte Veit ihr den Ruͤcken, und ohne einen Freund, an deſſen theilnehmenden Herzen ſie ihre Leiden ausweinen konnte, blieb die un⸗ gluͤckliche Agnes ihrem Grame allein uͤberlaſſen, der ſie mit jedem Tage mehr und mehr dem fruͤhen Grabe zuzufuͤhren ſchien.— Schon war der von Ruprecht angeſetzte Zeitraum zur Erfuͤllung ſeiner grauſamen Be⸗ dingung verſtrichen, ohne daß Herrmann etwas zur Ausſoͤhnung ſeines Vaters mit ſeinem Feinde hatte thun koͤnnen, und mit jedem Tage erreichte Herrmanns qualvolle Angſt und Unruhe einen hoͤhern Grad, je mehr er durch ſein Zoͤgern Ruprechts Rache nunmehr gegen ſich ſelbſt fuͤrch⸗ ten mußte.. 3 Bergebens ſich Herrmann ſich ſeinem Va⸗ ter zu nähern und ſich ihm zu entdecken; die 57 fortdauernde Fehde mit Ruprecht hielt dieſen immer von der Burg entfernt, und was Herr⸗ manns folternden Zuſtand noch mehr verſchlim⸗ merte, war, daß er, um ſeinen Vater nicht zu beleidigen, an dieſen Feindſeligkeitn gegen Ru⸗ precht mit Antheil nehmen mußte. So oft er ſich aus dem Gewirre auf dem Schlachtfelde hin⸗ wegſchleichen konnte, eilte er der Gegend zu, wo er in Agneſens Geſellſchaft ſo viele gluͤckliche Stunden genoſſen hatte. unſtaͤt und fluͤchtig ſtreifte er in dem Walde umher, wo er unbe⸗ merkt ſein Herz durch Klagen und Seufzer er⸗ leichtern konnte, doch kalt toͤnte der Wiederhall in den Felſen ſeine bangen Klagen zuruͤck, ohne daß ſich ihm eine Gegenheit zeigen wollte, Nach⸗ richt von Agneſens verborgenem Aufenthalte ein⸗ Der tiefe Gram, der an ſeinem Herzen nagte, griff endlich die Bluͤthe ſeiner Geſundheit zuziehen, und ſich ihr wieder naͤher zu bringen. 1 an, und ſtuͤrzte ihn auf das Krankenlager, von welchem er nicht wieder aufzuſtehen hoffte. Die Krankheit des geliebten Sohnes und die Gefahr, worin ſein Leben ſchwebte, war fuͤr den Grafen Bernhard die ſtaͤrkſte Aufforderung dazu, die Feindſeligkeiten gegen Ruprecht einſtweiten ein⸗ zuſtellen, um nicht zu lange von der Seite ſei⸗ nes Lieblings entfernt zu werden, ſondern die Pflege und Sorge fuͤr ſeine Geneſnng ſelbſt zu uͤbernehmen. 1 8 58 — Ein heftiges Fieber wuͤthete in Herrmanns Adern, ſein Gehirn ſchien zerruͤttet, und die Phantaſien ſeiner Fiebert raͤume verriethen ſeinem Vater, der faſt nie von ſeiner Seite kam, ſehr bald den wahren Zuſtand ſeiner Seele, und ließen dieſen nicht lange daruͤber in Zweifel, daß ungluͤckliche Liebe dieſe Zerſtoͤrung des In⸗ nern ſeines Lieblings veranlaßt habe. Nimmermehr wuͤrde es jedoch Bernhard geahndet haben, daß die Tochter des verhaßten Ruprechts der Gegenſtand dieſer Liebe ſey, und der Name Agnes, der unaufhoͤrlich dem Kran⸗ ken in ſeinen Fiebertraͤumen entſchwebte, fuͤhr⸗ ten den Grafen auf eine Vermuthung, die ihn zwar gaͤnzlich von der Wahrheit entfernte, die er aber durch genauere Erwaͤgung der Umſtaͤnde immer mehr und mehr zur Gewißheit ausbil⸗ dete, und hierauf gruͤndete er einen Plan, der ihm hoffentlich ſeinen Sohn wieder ſchenken ſollte. Graf Bernhard hatte in fruͤhern Jahren eine ſehr vertraute Freundſchaft mit dem Grafen Ubald von Wildenfels unterhalten, und dieſe innige Freundſchaft war auch auf die Kinder der beiden Freunde uͤbergegangen. Agneſe, die ein⸗ zige Tochter des Grafen Wildenfels, war die Geſpielin Herrmanns, beide Kinder wuchſen als Bruder und Schweſter mit einander auf, und mit jedem Dage ſchien eine gegenſeitige zaͤrtliche ——— 8 Neigung fuͤr einander in ihrem zarten Herzen ſich mehr und mehr einzuſchleichen. Die beiden Freunde ſahen mit Vergnuͤgen dieſe zaͤrtliche Leidenſchaft in den Herzen ihrer Kinder emporkeimen, und wiegten ſich im Vor⸗ aus in den goldenen Traͤumen der Zukunft, wo der Verein ihrer Kinder das Band ihrer Freund⸗ ſchaft durch die heiligen Bande des Bluts noch mehr befeſtigen ſollte. Allein die Folgezeit zer⸗ ſtoͤrte dieſe goldenen Hoffnungen wieder und trennte Herrmann und Agneſen. Nach dem Tode ſeiner Gattin buhlte Herr⸗ manns Vater um die Hand der reichen und ſchoͤnen Graͤfin Mathildis von Bellingen, deren Reichthum und Anſehen ſeinem Hauſe einen neuen und ſchoͤnern Glanz geben ſollte. Allein ſein Freund Ubald war ihm in ſeinen Bewer⸗ bungen zuvor gekommenz die ſchoͤne Mathlldis reichte dieſem ihre Hand, und Graf Bernhard fuͤhlte hierdurch ſeinen Stolz auf eine ſo empfind⸗ liche Art gekraͤnkt, daß er von dieſem Augenblicke allen fernern umgang mit ſeinem begluͤcktern Ne⸗ benbuhler abbrach, und, an die Stelle ſeiner bisherigen Freundſchaft, der bitterſte Groll ge⸗ gen Ubald ſich in ſein Herz einſchlich. Vergeblich wandte Wildenfels alles an, um die Freundſchaft ſelnes Nachbars wieder zu ge⸗ winnen und deſſen Groll zu beſiegen. Wenn auch Bernhard zu edel war, um ſich fuͤr die —sgsgnnnͤͤͤ 60 ihm zugefuͤgte Schmach an Ubald zu raͤchen, ſo konnte er es gleichwohl nicht uͤber ſich vermoͤ⸗ gen, ihn wieder zu lieben und die Hand zur Aus⸗ foͤhnung von ihm anzunehmen. Ubald mußte endlich alle Hoffnung aufge⸗ ben ſeinen Feind wieder fuͤr ſich zu gewinnen, und ſich darein fuͤgen, daß Bernhard das ſchoͤne Ein⸗ verſtaͤndniß der Herzen ihrer beiden Kinder auf⸗ hob, und beide gewaltſam von einander trennte. Der jetzige Zuſtand ſeines Sohnes und der Aus⸗ bruch ſeiner Phantaſien uͤberredete den Grafen Bernhard ſehr leicht, zu glauben, daß Herrmann noch immer eine geheime zaͤrtliche Zuneigung fuͤr die Tochter ſeines Feindes unterhalte, und viel⸗ leicht ohne ſein Wiſſen einen vertrauten Umgang mit ihr fortgeſetzt habe. Er konnte ſich den ge⸗ genwaͤrtigen beklagenswerthen Zuſtand des armen liebekranken Herzens Herrmanns um ſo leichter erklaͤren, da ſich ſeit einiger Zeit das Geruͤcht in der Gegend verbreitete, daß der Sohn des Burg⸗ grafen von Adelingen um die Hand der ſchoͤnen Agneſe ſich bewerbe, wodurch Herrmann noth⸗ wendig aller Hoffnung mußte beraubt werden, V jemals zu dem Beſitze der Geliebten zu gelangen. Die Umſtaͤnde ſprachen zu deutlich fuͤr Bern. hards Vermuthungen, als daß er an der Ge⸗ wißheit derſelben haͤtte zweifeln koͤnnen, und was keine Bemuͤhungen des Grafen Ubalds uͤber ihn vermocht hatten, das bewirkte jetzt die vaͤterliche 61 Liebe und die Sorge, den Liebling ſeines Her⸗ zens und den letzten Sproͤßling ſeines Stammes dem Tode zu entreißen. Bernhard unterdruͤckte ſeine widrigen Ge⸗ fuͤhle gegen Ubald, und wie angenehm ward die⸗ ſer uͤberraſcht, als ſein Feind eines Tages zu ihm hereintrat und ihm ſelbſt die Hand zur Aus⸗ foͤhnung und zur Erneuerung ihres Freundſchafts⸗ bundes darbot. Übald nahm dieſes Anerbieten mit Vergnugen an, und verſtand ſich ſehr gern dazu, daß die Hand ſeiner Tochter das Siegel auf das Geluͤbde ihrer erneuerten Freundſchaft druͤcken ſollte. Mit Freuden flog BVernhard zuruͤck an das Lager ſeines Sohnes, um dieſen nach nnd nach auf die bevorſtehende Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche vorzubereiten und ſein krankes Herz mit Troſt und Ruhe zu erfuͤllen. Herrmanns unverdorbene Jugend und ſeine ſtaͤrkere Natur ſiegten endlich uͤber die Hartnaͤckigkeit ſeiner Krankheit und ent⸗ riſſen ihn dem Grabe wieder. Mit feurigem Entzuͤcken ſtuͤrzte Herrmann ſeinem Vater in die Arme, als dieſer ihm ſagte, daß ihm ſeine Phantaſien den Zuſtand ſeines Her⸗ zens verrathen haͤtten, und als er ihm Vorwuͤrfe daruͤber machte, daß er ihn nicht fruͤher mit ſeiner Liebe vertraut gemacht habe. „Agneſe iſt Deiner Liebe vollkommen werth, — ſprach er zu Herrmann,— ihre und ihre Tugend erheben ſie zu dem Stolze un⸗ ſerer Gegend, und mit Freuden nehme ich ſie zur Tochter an. Es iſt zwar allerdings wahr, daß mein Groll gegen ihren Vater Dich zuruͤck⸗ ſchrecken mußte, Dich mir anzuvertrauen; allein kannteſt Du mich denn ſo wenig, daß Du nicht haͤtteſt uͤberzeugt ſeyn koͤnnen, daß ich aus Liebe zu Dir meinen Groll haͤtte aufgeben und Deine Wuͤnſche kroͤnen ſollen?“ Herrmann. Mein beſter, guͤtigſter Va⸗ ter! hoͤre ich auch recht? iſt es kein ſuͤſſer Traum, der mich bethoͤrt? Ihr kennt meine Liebe, und mißbilligt ſie nicht? Bernhard. Wie koͤnnte ich das?— nein, mein Sohn, ich ehre Deine Liebe, Agneſe ſey Dein, ich bin ausgeſoͤhnt mit ihrem Vater, und habe ihn mit Deiner Liebe vertraut gemacht. Er willigt mit Vergnuͤgen in Deine Verbindung und ich erwarte nur Deine voͤllige Geneſung, um Dich der Geliebten Deines Herzens entge⸗ gen zu fuͤhren und Euere Haͤnde auf ewig in einander zu legen.. Herrmann. O mein Vater! wie kann ich Euch jemals Euere Guͤte verdanken Ihr gebt mir das Leben zum zweitenmale; denn nur durch Agne⸗ ſens Beſitz kann das Leben wieder Reiz fuͤr mich erhalten, nur ihre Liebe kann mich begluͤcken. Dieſes Geſpraͤch ward durch einen Knappen unterbrochen, welcher eilig, mit verſtoͤrten Mie⸗ — —— — —— 63 nen und mit der Nachricht hereintrat, daß Ru⸗ precht mit ſeiner Schaar in das Thal eingedrun⸗ gen ſey, und die furchtbarſten Verwuͤſtungen anrichte. „Fluch und Verdammniß uͤber das Haupt dieſes Boͤſewichts!— rief der Graf aus, als er zu dem Fenſter trat, und die Flammen der angezuͤndeten Huͤtten und die dicken Dampf⸗ wolken erblickte.— Ruͤſtet Euch zum Streit! der Nichtswuͤrdige ſoll meine ganze Rache fuͤhlen“ „Gerechter Gott!— rief Herrmann er⸗ ſchrocken aus, indem er an der Seite ſeines Va⸗ ters hinabblickte in das Thal,— wie ſoll ich mir dieſes deuten?— das that Ruprecht?— nimmermehr! ſagtet Ihr mir nicht, mein Va⸗ ter, daß Ihr mit ihm ausgeſoͤhnt ſeyd, und den Bund der Freundſchaft mit ihm geknuͤpft habt?“ Bernhard.(mit ſteigender Verwunderung) Mit wem? Herrmann. Mit Ruyrecht, deſſen holde Tochter Agneſe mir ſo eben von Euch zur Gat⸗ tin zugeſagt ward.. 8 Bernhard. Biſt Du von Sinnen? Herrmann. Vater! ich verſtehe Euch nicht. Sagtet Ihr nicht ſelbſt, daß Ihr meine heiße Leidenſchafe fuͤr Agneſen erlauſcht habt, daß Ihr ſie billigt und bereit ſeyd, mich durch den Beſitz dieſes holden Mädchens dem Grabe *. *½ *ν 64. zu entreißen und mich auf ewig mit ihr zu ver⸗ binden? Bernhard. Mit Agneſen, der Tochter meines Freundes Ubald von Wildenfels. Herrmann. Vater! um Gotteswillen! ſo war es gemeint? o des ungluͤcklichen Irr⸗ thums! So wiſſet dann, daß die Tochter Euers Freundes nie mein Weib werden kann, ohne mich zum Verbrecher zu machen. Ich liebe Agneſen die Tochter Euers Feindes Ruprecht. Meine unbegrenzte Leidenſchaft fuͤr ſie, warf mich auf das Siechbette, und fuͤhrte mich dem Grabe entgegen. Ich wuͤrde rettungslos elend und dem Verderben Preis gegeben ſeyn, wenn Ihr mein heiſſes Flehen um Euere Einwilligung zu meiner Verbindung mit Agneſen verſchmaͤhen ſolltet. ich hoͤren! ſchrecklich, entſetzlich! mein Sohn gluͤht fuͤr die Tochter meines Feindes? „Herrmann. Ich liebe ſie, ich bete ſie an, ich lebe und webe nur in ihr, und heiß und innig werde ich von ihr wieder gellebt. Mein Beſitze. In den Augen des Himmels iſt Agneſe ſchon mein Weib, er ſelbſt hat den Bund hüſ⸗ rer Herzen geheiligt. Bernhard. Fluch und Verderben uͤber Bernhard. Gerechter Gott! was muß ganzes Gluͤck beruht einzig und allein auf ihrem eeine Leidenſchaft, die Dich und mich ungluͤcklich —x 4 machen wuͤrde. Blicke dorthin, ſiehe ſelbſt die Greuel der Verwuͤſtung, hoͤre das Jammern und Wehklagen meiner ungluͤcklichen Vaſallen, das iſt Ruprechts Werk, und ſo lange ich Athem ha⸗ be, wird meine Rache den Boͤſewicht verfolgen. Herrmanu. Vater! ſpricht keine Stimme mehr in Euerm Herzen fuͤr Euern Sohn? macht mich nicht ungluͤcklich, gebt mich nicht der Ver⸗ zweiflung Preis. Ihr habt mir das Leben ge⸗ geben, wollt Ihr, daß ich den Augenblick ver⸗ wuͤnſchen ſoll, wo ich dieſes Geſchenk von Euch erhielt? Bernhard. Thue es, wenn Du frech genug biſt, den Fluch des Himmels auf Dich ſelbſt zu laden. Herrmann. Vater! nein, nie kann der Himmel ein Band verfluchen, das er ſelbſt um mich und Agneſen gewebt hat, und das keine Macht der Erde je wieder aufzuloͤſen vermag. Bernhard. Mein Fluch treffe Dich und verfolge Dich bis an die Enden der Erde, wen Du dieſer unſeligen Leidenſchaft in Deinem Her⸗ zen ferner noch Raum giebſt. Eher wuͤrde ich Dich elend dahin ſchmachten ſehen und Dir ſelbſt den Dolch in das Herz ſtoſſen, als daß ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung gaͤbe. Herrmann.(in dem Tone der Verzweiftung.) Vater! ich beſchwoͤre Euch bei allem, was beuig Magazin IV. E 65 — 66 iſt, laßt ab von dieſer Haͤrte! Ihr wißt nicht, wozu ſie mich in meiner ſchrecklichen Verzweif⸗ lung fuͤhren koͤnnte, um einem furchtbaren Ge⸗ luͤbde Folge zu leiſten, das mich der Verdamm⸗ niß Preis geben muͤßte. Gebt mir Agneſen! reicht Euerm Feinde die Hand zur Verſoͤhnung und gebt mich dem Himmel wieder, uͤberlaßt mich nicht den Qualen der Hoͤlle. Bernhard.(mit wilder Wuth.) Schweig, Nichtswuͤrdiger, und reize meinen Zorn nicht noch mehr. Und ſollte ich Dich als ein Gerippe zu dem Altare ſchleifen, ſo muß Ubalds Tochter Dein Weib werden. Soll ich vergebens meinen Stolz aus Liebe fuͤr Dich aufgeopfert und Freund⸗ ſchaft mit einem Manne geknuͤpft haben, den ich haßte? Alles iſt auf deine Verbindung vorbe⸗ reitet, und dreifaches Wehe, Fluch und Verder⸗ ben uͤber Dich, wenn Du ez wagſt, mich zum Luͤgner zu machen und mich der Schande Preis zu geben.—. Mit zorngluͤhenden, Augen ſtieß er Herr⸗ mann zuruͤck und ſtuͤrmte hinaus in das Freie, woo ſeine Mannen ihn erwarteten, um Ruprechts Grauſamkeiten Einhalt zu thun.— Herrmanns Zuſtand war uͤber jeden Aus⸗ druck ſchrecklich und empoͤrend, er kaͤmpfte mit allen Schrecken der Verzweiſlung, die ihn unter den furchtbarſten Quaſen gaͤnzlich aufzureiben drohten. Jetzt war auch der letzte ſchmeichelnde 4 2 87. Schimmer von Hoffnung fuͤr ihn verloͤſcht, nir⸗ gends erblickte er noch einen Ausweg zur Ret⸗ tung fuͤr ſich, und ſchaudernd ſtarrte ſein Augs in den Abgrund hinab, der ſich zu ſeinen Fuͤßen oͤffnete um ihn zu verſchlingen. In hoͤrbaren Schlaͤgen tobte ſein Herz' ge⸗ gen ſeine Bruſt, die es zu zerſprengen drohte, jeder ſeiner Zuͤge war graͤßlich entſtellt und der deutlichſte Ausdruck ſeiner Verzweiflung. Die ganze Welt ſchien ihm veroͤdet und zur Wuͤſte entſtaltet zu ſeyn. Schaudernd ſtarrte er hin⸗ aus in die furchtbare Leere, die ihn umgab, und betaͤubt von dem heftigen Sturme in ſeinem Innern ſtuͤrzte er hinab in das Thal, um ſeinen Gefuͤhlen im Freien Luft zu machen. Unſtaͤt und fluͤchtig trieb ihn der Sturm in ſeinem In⸗ nern im Walde umher, bis die Daͤmmerung des Abends die Thaͤler und Berge umfſlorte. Unfern von Ruprechts Burg warf er ſich an dem heimiſchen Plaͤtzchen, das ihn ſo oft in Agne⸗ ſens Armen aufgenommen hatte, auf den ſchwel⸗ lenden Raſen, und die Erinnerung der entflohenen ſeligen Stunden ſeiner Liebe loͤſte allmaͤhlig ſeinen wilden verzweiflungsvollen Schmerz in lindernde Thraͤnen auf. Er jammerte laut, und mit bered⸗ 8 tem Ausdruck hob ſich ſein thraͤnenſchweres Auge zu dem Himmel um Huͤlfe und Troſt empor, als ihh ein nahes Geraͤuſch in dem Gebuͤſche aufſchrecktz. E 2 . Forſchend blickte Herrmann nach der Ge⸗ gend hin, von welcher das Geraͤuſch ſich zu naͤ⸗ hern ſchien, und tiefer zog er ſich in das Ge⸗ buͤſch zuruͤck, als er eine maͤnnliche Geſtalt er⸗ blickte, die er, bei dem ſpaͤrlichen Schimmer des aufgehenden Mondes, fuͤr Ruprechis alten Knappen Beit erkannte, der mit einem Korbe voll Speiſen ſchuͤchtern durch das Dickicht daher ſchlich und nach dem Ausgang des Waldes ſei⸗ nen Weg hinnahm. Piotzlich drang ein neuer Strahl von Hoff. nung, bei Veits Anblicke, durch das furchtbare Dunkel, welches die Seele des ungluͤcklichen Herr⸗ manns umduſterte. Leiſe ſchlich er dem alten Knappen in einiger Entfernung nach, und ſeine Vermuthung naͤherte ſich der Gewißheit, als er. bemerkte, daß Beit nach dem Ufer des See's hinſchritt und einen dort befeſtigten Nachen los⸗ band, in welchem er nach dem alten Thurme hinruderte, der ſich der Ferne aus dem Waſſer empor hob. „Guter Gott!— ſeufzte Herrmann aus gepreßter Bruſt zum Himmel auf,— laß meine frohe Hoffnung mich nicht taͤuſchen, und mein ganzes Leben ſoll dir voll Dank geweiht ſeyn!“ Fefſt und innig, wie der Ungluͤckliche, der in dem Sturme der empoͤrten Wellen das Felſen⸗ ſtuͤck umfaßt, das ihm Rettung von dem dro⸗: henden Untergange verſpricht, hielt Herrmang —— — Agneſe! blicke herab zu mir! Herrmann, Dein die Hoffnung umſchlungen, daß dort ſeine ge⸗ liebte Agneſe ſchmachte. Mit unendlicher Liebe flog ſein Herz uͤber die Waſſerſlaͤche hinuͤber, und mit Freuden wuͤrde er ſein Leben in einen ſchmeichelnden Hauch aufgel! oͤſt haben, um auf dem Athem der Abendluͤfte zu der Geliebten hinuͤber zu ſchweben. Voll heißer Sehnſucht blickte ſein Auge uͤber den See hin, kaum konnte er den Augenblick erwarten, wo Velt wieder zu⸗ ruͤckkehren wuͤrde, jeder zoͤgernde Augenblick trieb ſeine Ungeduld und ſeine Sehnſucht hoͤher empor, und freudig heb ſich ſein Buſen, als er endlich in dem Schimmer des Mondes den Nachen wie⸗ der erblickte, der langſam die leichten kraͤuſeln⸗ den Wellen des Sees durchſchnitt und lich dem Ufer naͤherte. Herrmann verbarg ſich in das niedrige Ge⸗ buͤſche, das den See umgrenzte, und kaum hatte Deit den Nachen an dem Ufer in dem achilfe mieder verborgen und ſich entfernt, ſos ſprang Herrmann hinab und ruderte uͤber die ſpielen⸗ den Wellen des Sees dahin dem Thurme zu.. Schon in der Ferne erblickte er die weiße ſchimmernde Geſtalt der Gellebten an dem Fen⸗ ſer.„Agneſe!— rief Herrmann ihr zu,— ——— —— Reiter, Dein Geliebter naht:“— und leiſe brahren ihm die Abendwinde auf Seufzern der Liebe ſeinen Namen zuruͤck. 29. Jetzt war der Thurm erreicht, Herrmann warf Agneſen das Seil zu, womit der Nachen an dem Ufer war befeſtigt geweſen, das ihm zur Leiter diente, und in wenigen Augenblicken be⸗ fand er ſich in Agneſens Armen. Wer vermoͤchte es, das Vollmaaß der ſelig⸗ ſten Wonne zu ſchildern, die jetzt die beiden Liebenden beſeelte. Ihre Seelen ſchienen nur in ein einziges Gefuͤhl des hoͤchſten Entzuͤckens aufgeloͤſt zu ſeyn, das ihr ganzes Weſen erfuͤllte. Feſt Buſen an Buſen, Lippe auf Lippe hielt Agneſe den Geliebten umſchlungen, und im ra⸗ ſchen Flugge eilten die Augenblicke im Vollge⸗ nuß ihrer Liebe uͤber die Glücklichen unbemerkt dahin, bis ſich endlich der erſte heftige Sturm der Empfindung in ihrem Innern legte, und ihr Gefuͤhl ſich in Worte ergoß. Wie vieles hatten die Liebenden einander mitzutheilen, was ſie waͤhrend der Zeit ihrer Trenuung gelitten und geduldet hatten, und was Herrmann alles angewandt hatte, um Agneſens verborgenen Aufenthalt auszukundſchaften und ſie zu befreien. „Gott ſey Dank!— rief Herrmann in den Armen ſeines zaͤrtlichen Weibes aus,— die Tage der Angſt und der Gefahr ſind nun voruͤber, im goldenen Glanze ſchweben die Tage des neuen Glucks unſerer Liebe empor, und nichts ſoll uns nun wieder von einander trennen.“ ————— ———— 71 Agneſe. Ich zittere vor der Grauſamkeit meines Vaters, wenn er unſere Zuſammenkunft erlauſchen ſollte, unſer beider Schickſal wuͤrde ohne Beiſpiel ſchrecklich ſeyn. Herrmann. Zittere nicht! der Augenblick iſt erſchienen, der uns Rettung ſchenken ſoll. Nur die Flucht kann uns dem Verderben ent⸗ reißen, zoͤgere nicht, dieſes letzte uns uͤbrige Mittel zu unſerer Rettung zu ergreifen. Agneſe. Wehin koͤnnten wir fliehen, um der Rache meines und Deines Vaters zu ent⸗ rinnen? Herrmann. Die Erde iſt groß und wird uns gewiß ein heimiſches Plaͤtzchen darbieten, das zwei Liebende vor der Wuth unnatuͤrlicher Vaͤter ſchuͤtzt. Ueberlaß Dich mir ohne Furcht. Der Nachen ſteht bereit, der uns nach dem jenſeitigen Ufer bringen ſoll; ehe der folgende Abend naht und Dein Vater unſere F ucht ent⸗ decken kann, ſind wir in Sicherheit. Ich fuͤhre Dich zu meinem Oheim nach Schwaben; er liebt mich und wird meinen Bitten gern Gehoͤr geben, um uns bei ſich aufzunehmen und uns mit unſern Vaͤtern auszuſoͤhnen Unſere Augen⸗ blicke ſind gezaͤhlt, der Morgen naht, auf denn! laß uns nicht zoͤgern die gaͤnſtigen Augendlicke zu benutzen.“ „Ach Herrmann!— ſeufzte Agneſe,— wenn 4 auch dieſe Hoffnung uns räuſchte: Paß 99 1 — . auch alles wohl erwogen, ehe wir ein Wagſtuͤck beginnen, das uns Beide ſehr leicht ungluͤcklicher machen koͤnnte, als wir es jetzt ſind? Herrmann. Koͤnnen wir wohl noch un⸗ gluͤcklicher werden, als wir es jetzt ſind? Wir haben nichts mehr zu verlieren und alles zu ge⸗ winnen. Nur die Trennung von Dir iſt Un⸗ gluͤck fuͤr mich, moͤgen die Stuͤrme eines widri⸗ gen Geſchicks um mich toben, mit Dir vereinigt werde ich ſie nicht achten, ſondern mit maͤnnli⸗ chem Muthe und mit Kraft ihnen Trotz bieten. Blicke um Dich, Agneſe, rings umher lauert Tod und Verderben auf uns, und nur die Flucht kann uns retten,. Agneſe. Blicke auf mich und auf Dich. Wir Beide ſind nicht anf einen ſo weiten Weg vorbereitet, Krankheit hat unſere Kraͤfte aufge⸗ zehrt, ſchwach und von den nothwendigſten Be⸗ duͤrfniſſen des Lebens entbloͤßt, wollen wir uns den Launen eines ungewiſſen Schickſals Preis geben. Herrmann.(einfallend) Um dem gewiſſen Untergange zu entrinnen. 3. Agneſe. Wir nehmen nichts mit als un⸗ ſeoere Liebe. Herrmann. Was beduͤrfen wir noch, woeenn dieſe uns leitet? ¹ Agneſe. Wird ſie uns auch vor Hunger und Bloͤße ſchuͤtzen. Ich darf es Dir nicht ver, nimmt. Hinweg mit dieſen Beſorgniſfen! u 7³3 heelen, Herrman, daß mein Herz von fuͤrchter⸗ lichen Ahndungen geaͤnſtigt wird, es waͤre ſchreck⸗ lich, wenn ſie in Erfuͤllung giengen. Laß uns unſere Flucht wenigſtens aufſchieben, kehre zu⸗ raͤck nach Deiner vaͤterlichen Burg, wenige Stun⸗ den werden hinreichend ſeyn, Dich mit dem Noͤ⸗ thigen zu einer ſo weiten Reiſe zu verſorgen. Dann komm zu mir zuruͤck und mit Freuden werde ich Dir folgen. Heurinafn. Wird es alsdann auch noch Zeit dazu ſeyn? Agneſe! ich bin ſo mißtrauiſch gegen die Tuͤcken des Schickſals geworden, daß ich nur dem Augenblicke traue, der da iſt. Weißt Du auch, daß rings umher die Mieth⸗ linge Deines Vaters mich umgeben, um mich zu fangen und der Rache unſers Verfolgers zu uͤberliefern? Auch mein Herz wird von bangen ahndungsvollen Gefuͤhlen gefoltert, und leiſe fluͤſtert mir mein Inneres zu: jetzt oder nie! Agneſe. Wenn unſere erſchoͤpfte Kraft auch wirklich zureichen ſollte, uns nach Schwa⸗ ben zu bringen, wird alsdann auch Dein Oheim unſern Bitten ſein Ohr und ſein Herz oͤffnen? wie, wenn er hart genug waͤre, die Flüchtlinge vor ſeiner Thuͤre zuruͤckzuſtoßen? Herrmann. Das wird er nicht; und waͤre es auch, ſo wird die Erde doch noch irgend⸗ wo ein Plaͤtzchen fuͤr uns haben, das uns —24. der gegenwaͤrtige Augenblick iſt unſer: iſt er entflohen, dann gehoͤrt er uns nicht mehr an. Jetzt oder nie! Agneſe ſank in ſeine Arme, Herrmann er⸗ ſchoͤpfte ſeine ganze Beredſamkeit, die ihm die Liebe einſloͤßte, und leicht ward es ihm Agne⸗ ſens Beſorgniſſe und Zweifel zu beſiegen; ihre heiße Umarmung ſagte ihm, daß ſie einwillige. Der Morgen war bereits angebrochen, aber ſchwere Gewitterwolken hatten ſich in der Ferne am Horizont emporgethuͤrmt und hielten die Strahlen der aufgehenden Sonne zuruͤck. Dumpf rollte der Donner von dem fernen Geſtade des Sees daher, furchtbar heulte der Sturm durch die Riſſe des Thurms„und von dem empoͤrten Orkan gepeiſcht, waͤlzten ſich ſchaͤumeud und die Wellen des Sees in koloſſaliſchen Maſſen daher, indem ſie ſich mit tobendem Geraͤuſche an dem Fuße des Thurmes brachen. Jetzt durfte es Herrmann nicht wagen, ſich mit Agneſen an dem befeſtigten Seile hinabzu⸗ laſſen und ſich in dem unſichern Nachen den empoͤrten Wellen Preis zu geben. Grauſend blickte er hinaus in die Schreckniſſe der Natur, indem ſich Agneſe aͤngſtlich an ihn anſchmiegte, und ſehnlich ſchlug ſein beaͤngſtigtes Herz dem Augenblicke entgegen, wo das Unwetter ſich wie⸗ der verziehen und ihm verſtatten wuͤrde, ſeinen 5 4 Eutſchluß auszufuͤhren. — 75 Endlich ward ſein heißer Seelenwunſch er⸗ fuͤllt. Die Wolken theilten ſich, der Donner verhallte, ruhiger wogten die Wellen des Sees, und nur in einzelnen abgebrochenen Stoͤßen tobte der Sturm. „Jetzt oder nie!“— fluͤſterte Kerrmann Agneſen zu, die aͤngſtlich an ſeinem Buſen bebte. Er faßte das zitternde Maͤdchen in ſeine Arme und ſchwang ſich raſch an dem befeſtigten Seile von dem Thurm harab. Jetzt ſtand er auf dem niedrigen Felſenufer von welchem der Thurm ſich erhob, aber von Schrecken durchbebt, ſtarrte er zuruͤck, als er mit Agneſen dem Nachen zueilen wollte, und er dieſen nicht fand, Der Sturm hatte ihn von dem Ufer losgeriſſen und hinaus in den See geſchleudert; als ein Spiel des Win⸗ des ſchwebte er auf den Wellen dahin, die ihn immer weiter von dem Thurme entfernten. Mit einem Ausrufe des heftigſten Schrecks, ſank Agneſe betaͤubt in Herrmanns Arme zuruͤck, der ſeine ganze Faſſung noͤthig hatte, um ſeine eigene furchtbare Gemuͤthsbewegung zu verber⸗ gen und der Geliebten Muth und Troſt zuzu⸗ ſprechen. Jetzt ſchien alles verloren zu ſeyn und alles ſich darauf zu vereinigen, um die beiden Liebenden von der ſchmeichelnden Hoͤhe ihres gehofften Gluͤcks, ohne Rettung, in einen deſto 8 tiefern Abgrund des Verderbens hinabzuſchleu⸗ dern. Ein hartes unbeugſames Fatum ſchien 1 8 6 t oͤber ihnen zu ſchweben und ihren Untergang be⸗ ſchloſſen zu haben.. Was ſollte Herrmann beginnen? wozu ſollte er ſich jetzt entſchließen, um dem Untergange zu entrinnen?— Nur ein gewagtes gefaͤhrliches Unternehmen, ſchien die Rettung möͤglich zu machen, und Herrmann zoͤgerte nicht, ſich zu dieſem Wagſtuͤcke zu entſchließen. Vergebens umklammerte ihn Agneſe mit Todesangſt, um ihn davon zuruͤckzuhalten. „Wollen wir hier, von aller menſchlichen Huͤlfe entfernt, elend verſchmachten?— rief er ihr zu,— oder wollen wir es ruhig abwarten, bis Dein Vater uns hier entdeckt und ſeine Henker abſchickt, uns zu morden? Sey unbeſorgt, noch iſt der Rachen nicht ſo weit entfernt, daß ich nicht die Hoffnung naͤhren ſollte, ihn durch Schwimmen zu erreichen und ihn zuruͤckzubrin⸗ gen. Wir haben jetzt weiter keine Wahl! laß mich! der Gott der Liebe wird mich ſchuͤtzen.“ Er druͤckte einen brennenden langverwei⸗ lenden Kuß auf Agneſens Lippen, riß ſich aus ihren Armen los und ſtuͤrzte ſich in den See hinab, indem er mit aller Anſtrengung ſeiner Kraͤfte die Wellen durchſchnitt um den Nachen zu erreichen. Doch Sturm und Wellen waren ihm entgegen, huͤlflos kaͤmpfte er gegen dieſel⸗ 4 ben, ſeine Kraft war bald erſchoͤpft, ſein Ange —õ—————õ 22 umflorte die Nacht des Todes; ein neuer heftiger Sturm thuͤrmte die Wellen uͤber ihm zuſammen und er ſank in die Tiefe hinab. Agneſe ſah ihren Geliebten in die Tiefe hinabſinken, und von allen Schrecken des Todes gewaltſam ergriffen, ihrer ſelbſt nicht mehr be⸗ wußt, ſtuͤrzte ſie ſich ihm nach in die ſchaͤumen⸗ den Wellen. Voll heißer unendlicher Liebe eilte ihr Geiſt dem Geliebten in die Gefilde einer beſſern Welt nach, und am folgenden Tage fand man die Leichname der beiden Liebenden an dem gegenſeitigen Ufer des Sees. Der Graf Vernhard uͤberlebte ſeinen Sohn nur wenige Stunden, ergriffen von den Schrek⸗ 1 ken der Trauerpoſt von dem Schickſale ſeines Lieblings ſtuͤrzte er leblos zu Boden, und ſeine Getreuen trugen wehklagend den entſeelten Leich⸗ nam von dem Schlachtfelde hinweg nach der Burg. Ruprecht knirſchte wild vor Wuth, daß eine hoͤhere Macht, die uͤber Herrmann entſchie⸗ den hatte, ihm zuvorgekommen war, ſeinen Durſt nach Rache an ihm zu kuͤhlen. Leicht verſchmerzte er jedoch den Verluſt ſeiner Toch⸗ 3 8 ter uͤber den Triumph, ſeinen Feind und deſſen ganzes Gluͤck vernichtet zu ſehen, und laut ju⸗ belte er auf, als er den Tod des ihm ſo ver⸗ haßten Bernhards erfuhr. Doch auch uͤber ihm waltete ein hoͤheres Fatum, das ihm nicht lange u. Zeit vergoͤnnte, ſich ſeines Triumphs zu freuen. Das Maaß ſeiner Bosheiten war uͤbervoll, die benachbarten Grafen und Ritter vereinigten ſich gegen ihn, und dem Grafen Ubald war es aufbehalten, ihn zu vernichten. Der Tod auf dem Schlachtſelde befreite ihn von der Strafe, die ſeine zahlloſen Grauſamkeiten nur zu ſehr verdient häͤtten. Seine Burg ward geſchleift, und furchtſam eilt der einſame Wanderer an dem Schutthau⸗ fen voruͤber, weil nach der Volksſage, der Geiſt des Wuͤthrichs in dem oͤden Gemaͤuer hauſet, und von Daͤmonen der Hoͤlle unaufhoͤrlich um⸗ hergepeitſcht wird. Deſſalines. Ein Ungeheuer ohne Gleichen. ———;— Die Empͤrung der Schwarzen auf der Inſel St. Domingo, gehört zu den ſchreckenvollſten Ereigniſſen der neuern Zeit, indem alle Bande des Gehorſams und der buͤrgerlichen Verfaſſung gewaltſam zerriſſen waren, und die Geſchichte jener Tage Scenen aufſtellt, vor welchen noch ſpaͤte Geſchlechter zuruͤckſchaudern werden. Bei dieſer Empoͤrung zeichnete ſich vorzuͤg⸗ 5 lich Deſſalines, das Oberhaupt der Schwar⸗ zen, durch ſo unerhoͤrte Grauſamkeiten und bei⸗ ſpielloſe Bosheit aus, daß noch kuͤnftige Men⸗ ſchenalter den Namen dieſes Afrikaners mit Abſcheu und Entſetzen nennen werden indem ſei⸗ ne wilde Grauſamkeit, die eines blutduͤrſtigen 80 Tigers weit uͤbertraf, und eine ununterbrochene Reihe von den ſchaͤndlichſten, die Menſchheit entehrendſten Verbrechen, das Leben dieſes Un⸗ geheuers bezeichneten. In fruͤhern Jahren war dieſer Afrikaner von der Kuͤſte von Guinea nach St. Domingo gebracht worden, wo er unter dem Namen Jean Jacques bei einem freien Schwar⸗ zen und Eigenthuͤmer, Namens Deſſalines, diente. Den Anfang ſeiner zahlloſen Grauſam⸗ keiten und Verbrechen machte er damit, daß er ſeinen Herrn ermordete, und ſich nicht allein deſſen Namen, ſondern auch deſſen ſaͤmmtlichen Nachlaß zueignete, bis endlich die Inſurrektlon ausbrach und er anfieng, ſeine furchtbare Rolle zu ſpielen. Bei dem Ausbruche der Inſurrektion, war Biaſſou zum Oberhaupte der Inſurgenten ausgerufen worden, zu deſſen Rotten ſich Deſ⸗ ſalines geſellte, wo er ſehr bald Gelegenhelt fand, ſeinen Blutdurſt und ſeine Begierde zu Mord und Grauſamkeit zu befriedigen und ſich dadurch ſo auszuzeichnen, daß ihm Biaſſou das Kommando einer Rotte uͤbertrug, mit wel⸗ cher Deſſalines, wie ein verheerender Strom, ſich in die fruchtbarſten und bewohnteſten Ge⸗ genden ſtuͤrzte, um alles um ſich her zu zeiſtö⸗ ren, und immer neue Opfer zur Befried 5 4 ſeiner Mordluſt zu finden. Brennende Huͤtten, Schutthaufen, verſtuͤmmelte Leichname und ver⸗ heerte Fluren bezeichneten den Weg den er ge⸗ nommen hatte; der Tod, in den ſchrecklichſten Geſtalten, gieng vor ihm her, und weder Rang, noch Alter, noch Geſchlecht ward von ihm ver⸗ ſchont. Weder das Haupt des ehrwuͤrdigen Greiſes, noch die Mutter einer zahlreichen Familie, we⸗ der die ſchuldloſe Tochter, noch der Saͤugling waren vor ſeiner beiſpielloſen Grauſamkeit ſicher. Sein groͤßtes Vergnuͤgen beſtand darin, auf im⸗ mer neue ſchrecklichere und martervolle Todesar⸗ ten zu ſinnen, gegen deren langſam mordende Qualen ein ſchneller Tod die groͤßte Wohlthat geweſen waͤre. 8 So ließ, unter andern, dieſes unmenſchliche Ungeheuer einen Polizeibeamten, Namens Blen, an die Thuͤre ſeiner eigenen Wohnung lebendig annageln, und dem Ungluͤcklichen, in dieſem ſchrecklichen Zuſtande, langſam ein Glied nach dem andern einzeln abhauen, waͤhrend der Un⸗ menſch dabei ſtand und ſich an den Qualen des Ungluͤckuchen weidete⸗ Ein armer Zimmermann hatte ſich bet dem Vordringen der Schaar dieſes Ungeheuers furcht⸗ ſam in einem verborgenen Schlupfwinkel verſtecks, Magazin IV. F ———— doch Deſſalines entdeckte ihn und gerieth auf die Idee, dem Ungluͤcklichen eine Todesart zu beſtimmen, die mit ſeiner Profeſſion einige Aehn⸗ lichkeit haͤtte. Er ließ ihn daher zwiſchen zwei Bretter ſpannen, und Fe ihn lebendig auseinander ſaͤgen. Biaſſou, das Oberhaupt der Barbaren belohnte ihn fuͤr dergleichen unmenſchliche Grau⸗ ſamkeiten mit dem groͤßten Beifalle und mun⸗ terte ſeine Rotten auf, dem Beiſpiele dieſes Un⸗ geheuers zu folgen. Biaſſou hatte ſein Haupt⸗ quartier in einer Zuckerplantage aufgeſchlagen⸗ wohin alles Gold⸗und Silberzeug, Porcellain, Uhren, Juwelen, Waͤſche, Waffen und alles, was die Barbaren erbeuteten, zuſammen ge⸗ bracht und an gewiſſen beſtimmten Tagen ver⸗ haͤltnißmaͤßig vertheilt wurde, ſo daß diejeni⸗ gen, welche die groͤßten Grauſamkeiten und Mordthaten veruͤbt, die meiſten Huͤtten ange⸗ zuͤndet und am meiſten gewuͤthet und geraubt hatten, das Anſehnlichſte von der Beute erhiel⸗ ten und von Biaſſou zu hoͤhern Yoſten be⸗ foͤrdert wurden. Deſſalines wußte es durch ſeine bei⸗ ſpielloſe Grauſamkeit und Mordluſt immer ſo einzurichten, daß er unter denen, welche die ſcheuslichſten Thaten ausgefuͤhrt hatten, oben an ſtand, und mit den Lobeserhebungen des — — .33 ſchaͤndlichen Biaſſou auch immer die anſehn⸗ lichſte Belohnung erhielt. Damit war er jedoch nicht zufrieden, ſeine unerſaͤttliche Habſucht und ſein Ehrgeiz ſpornten ihn an, ſich durch eine ausgezeichnet grauſame That die Gunſt des Oberhauptes der Barbaren und deſſen Beloh⸗ nung in einem vorzuͤglich hohen Grade zu er⸗ werben, und die Gelegenheit hierzu bot ſich ihm bald genug dar. Eine Expedition von Wichtigkeit noͤthigte eines Tages das Oberhaupt der Schwarzen, auf einige Tage von ihnen ſich zu entfernen, und Deſſalines benutzte die Abweſenheit deſſelben, ſeinen Plan auszufuͤhren. Er uͤber⸗ fiel ploͤtzlich eine Gegend der Inſel, die bisher von den Verheerungen der Barbaren verſchont geblieben war. Schrecklich wuͤthete ſeine Mord⸗ luſt mit Feuer und Schwerdt umher, und auſſer den zahlreichen Leichen, welche die Gegend deck⸗ ten, fuͤhrte er dreihundert Gefangene, welche groͤßtentheils aus huͤlſloſen Weibern, Maͤdchen, Kindern und ſchwachen Greiſen beſtanden, ſchwer mit Feſſein belaſtet in Biaſſou's Lager zu⸗ ruͤck. Den Tag vor der beſtimmten Ankunft des Oberhaupts der Inſurgenten, ließ Deſſa⸗ lines dieſe unglüuͤcklichen Schlachtepfer ſeiner Grauſamkeit, qualvoll hinrichten und ihre Koffe 5 2 3 —; ⁰ↄ⸗õf— — 84 auf die eiſernen Pfaͤhle ſtecken, welche den Vorhof von Biaſſou's Wohnung umgaben. Dieſer kehrte endlich zuruͤck und weidete ſein Auge mit einer ſataniſchen Freude an die⸗ ſem ſchaudervollen Anblicke, den ihm Deſſali⸗ nes verſchafft hatte, und indem er ihm oͤffent⸗ lich die groͤßten Lobſpruͤche daruͤber ertheilte, ſtellte er ihn bei ſeiner eigenen Leibwache an. Dieſes war die Veranlaſſung zu dem erſten Avancement dieſes Uugeheuers, zu einer Zeit, wo auch der bekannte Touſſaint Louver⸗ tuͤre in Biaſſou's Lager erſchien und von dieſem ſehr geſchaͤtzt und beguͤnſtigt ward, da er leſen und ſchreiben konnte und von dieſer Seite ſehr gut zu gebrauchen war. Biaſſou ernann⸗ te den Touſſaint Louvertuͤre zu ſeinem erſten vertrauten Secretalr, und bald darauf zum Kapitain ſeiner Leihwache, Deſſalines erkannte in dieſem Schwar⸗ zen einen ſehr gefaͤhrlichen Nebenbuhler fuͤr ſich in der Gunſt des Oberanfuͤhrers; mißgaͤnſtig und mit bitterm Groll im Buſen, ſahe er, wie Touſſaint Louvertüre ausgezeichnet ward, und ſorgſam lauerte er insgeheim auf eine Ge⸗ legenheit, wo er ſich von dieſem Verhaßten be⸗ freien koͤnnte. So ſehr jedoch Biaſſou auch — — 85 den Touſſain Louvertuͤre auszeichnete, ſo wenig verlor Deſſalines dabei, je eifriger dieſer es ſich angelegen ſeyn ließ, ſich in der Gunſt und dem Zutrauen Biaſſou's immer feſter zu ſetzen, der ihm vorzuͤglich das Geſchaͤft uͤbertrug, die Hinrichtung der Weißen, welche in den Schlachten waren gefangen genommen worden, zu beſorgen. Deſſalines empfieng dieſen Auftrag mit der groͤßten Freude, und die Menſchheit ſchau⸗ dert zuruͤck vor der Art, mit welcher der Un⸗ menſch dieſen ſchrecklichen Auftrag ausfäͤhrte. Die ganze Armee der Schwarzen war an dem zur Hinrichtung beſtimmten Tage auf ei⸗ nem freien Platze verſammelt, und bildete einen Kreis, in welchen die Ungluͤcklichen, welche hin⸗ gerichtet werden ſollten, nackend und mit auf den Ruͤcken gebundenen Haͤnden, herbeigeſchlepyt wurden. Der Anfang dieſer ſchrecklichen Hinrichtun⸗ gen ward mit den Greiſen gemacht, während die uͤbrigen Gefangenen Zeugen ihrer Qualen ſeyn mußten. Man hakte dieſe mit dem Kinne in ein hackenfoͤrmiges ſpitziges Eiſen ein, wo ſie anf dieſe qualvolle Art oft zwoͤlf Stunden und ſo lange haͤngen mußten, bis ſie der Tod von ihren 86 unnennbaren Schmerzen befreite, ja bisweilen machten ſich die Ungeheuer die ſataniſche Freude, dieſe Ungluͤcklichen aus den Eiſen heraus und wieder hinein zu hacken um ihre Qualen zu ver⸗ mehren. Die jungen Maͤnner wurden zwei und zwei feſt an einander gebunden, zwiſchen Bretter geklemmt und durchgeſaͤgt. Den juͤngern wurden die Augen mit Kofkziehern herausgedreht, worauf ſie in Stuͤcken gehauen wurden, Kinder wurden in ſiedendes Waſſer geworfen und auf gluͤhendes Eiſen gelegt. Maͤdchen und Weiber wurden auf eben ſo abſcheuliche und beiſpielloſe Art mit lang⸗ ſamen Martern getoͤdtet, vor welchen die Menſch⸗ heit mit Entſetzen und Abſcheu ſchaudernd ſich hinwegwendet. Dieſe Greuel und Abſcheulichkeiten machten die beiden Ungeheuer Biaſſou und Deſſa⸗ lines eben ſo furchtbar als verhaßt, und Touſſaint Louvertuͤre trat in Berbin⸗ dung mit einem andern Anfuͤhrer, Namens Jean⸗Francois, und einigen Andern, um Btiaſſou aus dem Wegenzu raͤumen; indem ſie ihn als Gefangenen nach Saint⸗Auguſtin ſchickten, wo er in Verzweiflung ſtarb. Bald darauf ward Touſſaint Louvertuͤre das Oberhaupt der Kolonie, aber voll geheimen Haß und Groll trat Deſſalines gegen ihn in Verbindung mit einem Andern, Namens 82 Chriſtophe, indem er mit dieſem ein Kom⸗ plott gegen Touſſaint Louverture an⸗ ſpann, deſſen geheime Plane verrieth und dazu mitwirkte, daß Touſſaint Louvertuͤre ge⸗ fangen genommen und nach Frankreich geſchickt ward. Deſſalines bemaͤchtigte ſich hlerauf der hoͤchſten Gewalt, und die Feder entſinkt der Hand des Geſchichtſchreibers und weigert ſich das Gemaͤhlde von Abſcheulichkeiten weiter aus⸗ zumahlen, wodurch dieſes Ungeheuer ſich zum Oberhaupte der Inſel empor ſchwang, und ſei⸗ ne an ſich geriſſene Gewalt zu behaupten wußte. 3 2 ö—öö—ö—öͤͤö—ö—öͤͤöͤöͤͤͤöͤöͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤ TRTnſſſiiſ mnnſunn ſnn 1 7 8 9 10 11 12 1 6