d wir . 4. Abonnement. Duſſelte muß voraus l beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: lorene oder defee E 3 Mehge iſt auf 14 2 tzt u d 4 erkſam deriaht, daß das Weiterver 3 der Bücher nicht ſtattfi rf, Diejeni 3, welche die⸗ ſelben von mir gel he⸗ auc —— Magazin ſchrecklicher Ereigniſſe und fuͤrchterlicher Geſchichten. Dritter Theil. Berlin und Leipzig 1805. Der Unglaͤubige. De folgende Sage, ſchreibt ſich aus jenen Zei⸗ ten her, wo Richard Loͤwenherz in den beruͤhm⸗ ten Kreuzzug verwickelt war, und der Religions⸗ krieg von allen Europaͤlſchen Maͤchten kraͤftig unterſtuͤtzt ward. Viele Walliſer Edelleute ver⸗ wandten ſich ebenfalls fuͤr dieſe kriegeriſche An⸗ gelegenheit und ſchickten ihre Baſallen nach Pa⸗ 4 laͤſtina zur Aufſtellung des Kreuzes. Unter die ſen war auch Karadok, ein maͤchtiger Heerfuͤhren von Radnor und Beſitzer der Veſte Lanbedder keiner der letzten. Sein Haar war in dem Dienſte ſeines Vaterlandes grau geworden, und als iyn jetzt die Schwachheit des Alters verhinderte dem 4 Kreuzzuge beizuwohnen, ſo uͤbertrug er das Kommando uͤber ſeine Vaſallen, ſeinem einzigen“ Sohne Adelfred, den ihm eine Saͤchſiſche Fuͤrſttil geboren hatte. Adelfred war ganz eines ſo — — tapfern und heldenmuͤthigen Vaters wuͤrdig. Er war ein Juͤnguͤng von den edelſten Eigen⸗ ſchaften, und ward wegen ſeiner Vorzuͤge allge⸗ mein geſchaͤtzt. Jetzt zu der Sage ſelbſt. Langſam zogen ſich die letzten Strahlen der Sonne von den Seen und Auen zuruͤck: kuͤhle Luͤfte gaukelten um des Gebirges ſchimmernden Glanz und erquickten nach einem heißen Som⸗ mertage die dahin geſunkenen Blumen. Doppelt hohen Reiz hatte dieſer ſchoͤne erquickende Abend fuͤr den, der ſieben lange Jahre, Albions gruͤ⸗ nen Raſen nicht betreten hatte. Mit gedoppelt ſchoͤnem Zauber trat die Erinnerung der Tage der Kindheit vor ſeine Seele und hohes Entzülken beſeelte den ruͤckkehrenden Helden. Auf den ſanften Wellen des Fluſſes Wye, der von der Muͤndung der Saverne einen Arm macht, nahete ſich ein Nachen, in welchem ein Pilger aus dem heiligen Lande in Begleitung eines Fremden ſich befand, und das olivenfar⸗ bene Geſicht des Letztern, verrieth auf den er⸗ ſten Blick einen Verehrer des Alla. Freude und Entzuͤcken mit einer aͤngſtlichen Unnuhe gemiſcht, leuchteten aus den Augen des Pilgers, und raſch durchſchnitt er mit ſeinen KRuder die kraͤuſelnden Wellen. Die Fr landeten in einem kleinen Meerbuſen umd —— 5 — 8 war der Pilger aus dem Nachen geſprungen, ſo ſank er in ſtummer entzuͤckender Begeiſterung nieder und kuͤßte den vaterlaͤndiſchen Raſen. „Vergieb mir, du meines Vaterlandes Gott,— rief der Unglaͤubige knieend und mit allem Ausdrucke hoher Verehrung gegen die un⸗ tergehende Sonne gebeugt,— vergib mir du Anbetungswuͤrdiger, der du in den Herzen del⸗ ner Kinder lebſt, und dein Wohlwollen auch auf die irrgefuͤhrten Verehrer eines andern Got⸗ tes aus dehnſt; vergieb deinem Knechte der jezt die Laͤnder dieſer Jrrglaͤubigen betritt, der aber in ſeinem Herzen keinen andern Gott al 4 nut Dich erkennt!““ „Sey mir gegräßt gluͤckliches Albion! rief jetzt der Pil ger indem er ſich empor rich⸗ tete— ſey mir tauſendmal feurig gegruͤßt du theurer Ort meiner Geburt. Mit welchem Ent⸗ zuͤcken hieng mein Auge in der Ferne an deinen weißen Klippen, und Heil mir, daß ich jetzt wieder deine reinen Luͤfte athme, und einem geliebten Vater in die Arme fliegen kann! „O Ali Scheing,— wandte ſich hierauf der Pilger zu ſeinem Begleiter,— mit weichem Zauber kehren all die mancherlei Scenen gluͤcke licher Bergangenheit in meine Seele zuruͤch, ins dem ich mein Vaterland wieder ſehe! Welche Wonne, zaubert mir nach langer ſiebenjaͤhriger * Lieben, meine Einbildungskraft vor. O laß uns eilen! denn ſieh! dort hinter jenen drohenden Gebirgen, erheben ſich die Thuͤrme von Lanbed⸗ der, wo ich alles wieder finden ſoll, was mir uͤber alles theuer und hellig iſt!“ Rauh und uneben war der Pfad, den Beide jetzt betraten, und die Sonne tauchte ſich am entfernten Ozean in ihr Waſſerbette hinab. Der erſte duͤnne Schleier der Daͤmmerung zog ſich uͤber die Erde und die leichten Abendwinde ſpielten um die Wange der beiden Wanderer. Jetzt naͤherten ſie ſich einer hohen majeſtaͤtiſchen Ulme, deren Aeſte ſich uͤber das enge Thal ver⸗ breiteten in welches ſie eingetreten waren. An dem Stamme des Baumes erhob ſich eine kleine Raſenbank, unfern eines kleinen ſilberhellen Ba⸗ ches, der ſich ſanft rieſelnd um die Berge da⸗ hin wand Entzuͤckt von der Erinnerung vergangener Tage, warf ſich der Pilger auf die Raſenbank nieder.„Ach Ali!— ſeuzte er in ſuͤßer Begei⸗ ſterung,— dieſer Platz iſt mir uͤber alles theuer! er erinnert mich an jene gluͤckliche Vergangen⸗ heit, wo ich ſo oft die Schwuͤre ewiger Liebe und Treue mit meiner geliebten Helena wech⸗ ſelte. Hier war es, wo ich an ihrem lisbevol⸗ len Buſen, von ihren Armen umſchlungen, ſo oft unausſprechlich gluͤcklich, und Zeuge ihres edeln menſchenfreundlichen Herzens war, wen —— * — ſie die Armen und Nothleidenden aufſuchte um ihr Elend zu mildern. Hier war es, wo ſie einen armen Landmann, der wahrſcheinlich das Opfer der Krankheit, des druͤckendſten Mangels und der Verzweiflung geworden waͤre, von dem Verderben rettete. Der alte Ruthwold——“ „Wer nennt hier den Namen des ungluͤck⸗ lichen Ruthwold?“— unterbrach den Pilger eine Stimme hinter der Ulme. Ueberraſcht ſprang dieſer auf, und erblickte einen ehrwuͤrdigen Alten, auf der Erde ausgeſtreckt Bleich und eingefal⸗ len war ſeine Wange, ſeine Stirn vom Gram umduͤſtert, und indem er ſich matt von dem Boden empor hob, ſtroͤmten Thraͤnen aus ſeinen Augen herab. „Wer biſt du ehrwuͤrdiger Traurender?— fragte der Pilger, indem er den Alten unter⸗ ſtuͤtzte,— ſprich! warum iſt dein Auge mit Thraͤnen gefuͤllt? entdecke dich mir und nenne mir die Uſache deines Grams, der ſo laut aus jedem deiner Zuͤge ſpricht.“ „Guter Gott!— rief der Alte mit einer von Zweifeln und Erſtaunen gemiſchten Stimme, — taͤuſchen mich meine Augen?— nein, nein 9 iſt kein Traum! ich ſehe Wirklichkeit! Adel⸗ red! Der Pilger trat naͤher und mit freudigem Ausdrucke rief er aus:„Ruthwold!“— und druͤckte den Alten in ſeine Arme. Ali Scheine B4 weldete ſein Auge voll tiefer Ruͤhrung an dieſer Scene des Wiederſehens. Die Ergießungen der Freude machten endlich den Fragen und Erkun⸗ digungen Adelfreds nach ſeinen Lieben Platz. Das Auge des Alten gleitete mit einem Seuf⸗ zer ſeitwäͤrts, Adelfreds Auge folgte ſeinen Blicken, und gewahrte einen ſchlichtbehauenen Steln auf einem Raſenhuͤgel mit der Inſchrift: „Ein kleiner Zoll der Dankbarkeit; dem Anden⸗ ken der menſchenfreundlichen Helena errichtet!“ Ergriffen von Schrecken und Entſetzen ſtarr⸗ te Adelfred bald den Stein bald den Alten an, deſſen thraͤnenvoller gen Himmel gerichteter Blick ihm den ſchaudervollen Sinn dieſer Innſchrift vollkommen deutlich erklaͤrte. Mit einem unar⸗ tikulirten Ausrufe des heftigſten Schmerzes, ſtuͤrzte Adelfred ohnmaͤchtig auf den Raſen nieder. Ali Scheing eilte ſchnell herbei, faßte den un⸗ gluͤcklichen Juͤngling in ſeine Arme und trug ihn nach Ruthwolds Huͤtte am aͤuſſerſten Ende des Thales, wo er endlich unter den huͤlfreichen Häͤn⸗ den des Ali Scheing und Ruthwold's aus ſeiner Bewußtloſigkeit zu neuen Schmerzen erwachte. Sein Schmerz grenzte an Verzweiſlung, und keine Bitten und Zuredungen ſeiner beiden um ihn beſorgten Freunde konnten den Sturm in ſeinem Innern beſaͤnftigen. = —— 9 — Karadok der Tapfere, war einer der erſten und maͤchtigſten Edeln, der Herr von Lanbedder und der Liebling ſeines Fuͤrſten. Er vermaͤhlte ſich mit einer Saͤchſiſchen Fuͤrſtin von anſſeror dentlicher Schoͤnheit, allein derſelbe Augenbl lick der dem tapfern Karadok die Freuden des lie⸗ benden Gatten, durch die noch hoͤhern Freuden des Vaters in der Geburt eines Kindes erhoͤhen ſollte, raubte ihm ſeine geliebte Gattin. Ka⸗ radok war uͤber den Verluſt ſeiner geliebten Ethela untroͤſtlich und nur der Anblick des klei⸗ nen neugebornen Adelfred's konnte ihn nach und nach in ſeinem verzweiflungsvollen Schmerze wieder aufrichten. Auch war damals ſein Vaterland in einen hartnaͤckigen Krieg verwickelt und bedurfte des Beiſtandes des tapfern Feldherrn, um den ſchne⸗ len Vorſchritten des Feindes in das Innere des Reichs Einhalt zu thun. Karadok unterdruͤckte den Schmerz in ſeinem Buſen; er folgte willig dem Rufe der Ehre und ſeines Baterlandes, urd zog zum Kampfe geruͤſtet mit ſeine ein dem Feinde muthig entgegen⸗ 4— Viele Schlachten wurden geltefert, viele Siege erfochten und Sachſenblut ſtroͤmte auf Wallis Boden, bis denn endlich der entſcheidende 1 lzen Feind 3 —— —————,— —— 8 —44¼ Tag erſchien, der entweder den ſto demuͤthigen, oder Cambrien's Frei ſch⸗ ten ſollte. Die bluttgſte Schlacht begann —— — — “ 10 endigte ſich zum Nachtheil der Feinde. Der edle Karadok hatte verſchiedene Wunden erhalten, und von dem langen Kampfe und dem Blut⸗ verluſte ſeiner Wunden ermattet, ruhete er an dem Abhange eines kleinen Huͤgels, als aus einer geringen Entfernung hinter ihm, das aͤngſt⸗ liche Geſchrei eines Kindes zu ſeinem Ohre drang. Karadok eilte hinzu und ſtarrte uͤberraſcht bei dem Anblicke deſſen was ſich ſeinem Auge darſtellte, zuruͤck. Ueber dem todten Leichname eines in der Schlacht gefallenen Soldaten, lag ein lunges Weib, das die Gattin des gefalle⸗ den Kriegers zu ſeyn ſchien, ausgeſtreckt, und r ſchmerzvolle Ausdruck in ihrem noch im Tode iild verzogenen Mienen zeugte, daß der Verluſt des geliebten Gatten, dieſe Ungluͤckliche getoͤdtet habe. Huͤlſlos lag der zarte Saͤugling, deſſen Ceſchrei den edeln Karadok herbei gerufen hatte, an dem kalten Buſen ſeiner Mutter, und ihre Arme hielten ihn ſo feſt umſchlungen, daß Ka⸗ radok nur mit vieler Anſtrengung das Kind den miſt⸗rlichen Armen entwinden konnte. Der edle Karadok nahm die kleine huͤlfloſe Wufe mit ſich in das Lager, und traf unver⸗ zuͤglich die noͤthigen Anſtalten fuͤr ſeine kleine Pflegetochter, die man in einem nahgelegenen und Wartung uͤbergab. Doife einer Baͤuerin zur einſtweiligen Sorgfalt — Der bald darauf folgende Friede verſtattete dem tapfern Karadok auf ſeine Burg wieder zu, ruͤckzukehren, und die kleine Helena, wie er das Kind das er vom Tode rettete, hatte taufen laſſen, ruhte in ſeinen Armen, als er dort unter dem lauten Zujauchzen ſeiner Vaſallen einzog. Helena wuchs unter der ſorgſamen Pflege ihres Wohlthäͤters auf, der ſie mit aller Zaͤrt⸗ lichkeit eines guten Vaters liebte, und genoß mit deſſen kleinen Sohne Adelfred ſeinen gemein⸗ ſchaftlichen Unterricht. Belde Kinder liebten einander wie Geſchwiſterz ihre Seelen wurden von dem tugendhaften und edeln Karadok gebil, det, und mit jedem Tage erkannte der edle Mann mehr und mehr die wohltaͤtigen Fruͤchte ſeiner vaͤterlichen Bemuͤhungen. Adelfred hatte jetzt ſein zehntes Jahr er⸗ reicht, und Helena trat eben ihr neuntes Jahr an, als der Bruder des tapfern Karadok's ſtarb, und deſſen brüderlichen Sorgfalt ſeinen einzigen funfzehnjaͤhrigen Sohn Owain uͤbergab. Owaln's Vater war in den ſaͤchſiſchen Kriegen aller ſei⸗ ner Guͤter beraubt worden, und konnte ſeinem Sohne nichts als ſeinen Segen hinterlaſſen; aber der edle Karadok ſuchte ſeinem Neffen durch Milde und vaͤterliche Guͤte das Verlorne vergeſ. ſen zu machen. Adelfred und Helena berrachteten Owain al ihren Bruder und ſchloſſen ſich taͤglich mehr 12 und mehr voll ſorgloſer Unbefangenheit an ihn an. Heiter und froh flohen ihnen die Jahre der Kindheit dahin, und nichts als der immer mehr und mehr uͤberhandnehmende Murrſinn Owain's und ſein unfreundliches Betragen, ſtoͤrr⸗ ien zuweilen die unbefangene Helterkeit ihrer Her⸗ zen. Adelfred und Helena zogen ſich daher bald wieder von ihm zuruͤck, und gewoͤhnten ſich durch ihren traulichen Umgang ſo ſehr an einander, daß ſich Beide einander immer unentbehrlicher wurden, und die zaͤrtlichſte Zuneigung fuͤr ein⸗ ander ſchlich ſich allmaͤhlich in ihre jugendlichen Herzen ein. Owain naͤhrte die gehaͤſſigſten und feindſe⸗ ligſten Gefuͤhle gegen ſeine beiden Freunde in ſeinem verdorbenen Herzen, er betrachtete ſie als die einzigen Hinderniſſe, die ſeinen hochfiegen⸗ den ſchaͤndlichen Wuͤnſchen und ſeinen ehrſuͤchti⸗ gen Hoffnungen, unumſchraͤnkter und einziger gebietender Herr von Lanbedder zu werden, im Wege ſtanden. Sein Haß gegen Beide ſtieg mit jedem Tage hoͤher empor, und uͤbereitte ihn oft in ihrer Gegenwart ſo ſehr, daß nur ſo unbefan⸗ gene und argwohnloſe Herzen wie die der beiden jungen Leute dazu gehoͤrten, um in Owain's immer mehr uͤberhandnehmenden Murrſinn und unfreundlichem Betragen nicht den wahren Grund zu erkennen. Owain ſahe, wie uͤberaus gluͤcklich ſich Beide, —. durch ihre gegenſeitige zaͤrtliche Zuneigung und Anhaͤnglichkeit fuͤhlten, und wie ſehr dieſes Gluͤck durch die Reinheit und Unſchuld ihrer Herzen erhoben ward, und um ſo mehr erhoͤhte auch der Anblick der Gluͤcklichen ſeinen geheimen Groll gegen ſie, den er bisweilen auf eine ſehr empfind, liche und kraͤnkende Art gegen ſie aͤuſſerte. In traulichen Geſpraͤchen ſaß eines Tages Adelfred an der Seite ſeiner geliebten Helena, an ſeinem Lieblingsplaͤtzchen des vaͤterlichen Gar⸗ tens, als Owain erſchien und ſich in ihre Un⸗ terhaltung draͤngte; indem er das Geſpraͤch auf Helenen und ihre Herkunft lenkte:„Du irrſt dich ſehr,— ſagte er mit hoͤhniſchen Laͤcheln zu Helenen,— wenn du dich im Ernſte fuͤr Adel⸗ freds Schweſter, und meinen Oheim fuͤr deinen Vater haͤltſt. Du biſt nur eine arme Walſe die von der Wohlthaͤtigkeit des menſchenfeeund lichen Karadok’s lebt.“ „Ich weiß und fuͤhle das Alles ſehr gut,= erwiederte Helena mit unterdruͤckten Thraͤnen,— aber der edle Karadok hat mir erlaubt, ihn ſelbſt Vater und ſeinen Sohn Bruder zu nennen.“„ „Dann hat er dich zu ſehr ſtolzen Hoffnun⸗ gen verleitet, die du durchaus unterdruͤcken mußt,— unterbrach ſie Owain.— Deine nie⸗ drige Herkunft vereitelt jede Hoffnung dieſer Art: denn du biſt die Waiſe eines gemeinen Kriegers der auf dem Schlachtfelde fiel.“ 44. — „Dieſer Krieger war ein wackerer Mann,— ſiel ihm Adelfred mit Heftigkeit ins Wort,— und mein guter Vater hat mir oft geſagt, daß nur Tugend und Tapferkeit, und nicht die eiteln und zufaͤlligen Vorzuͤge der Geburt, den Werth des Mannes beſtimmen. Helenens Vater ſtarb auf dem Felde der Ehre, er fiel fechtend in dem Kampfe fuͤr ſein Vaterland.“ Er fiel fechtend,— erwiederte Jener hoͤh⸗ niſch,— aber die Ehre ward ſeinen Namen nie zu Theil; denn er war Einer von denen, die als gemeine Soͤldner bei ihrem Tode nicht ver⸗ mißt werden und deren Andenken mit ihrem Tode verloͤſcht.“ „Der tapfere Krieger, der im Dienſte ſel⸗ nes Vaterlandes ſiel, verdient immer, daß jeder Edle ſein Andenken ehret,— unterbrach ihn Adelfred aufgebracht,— und der iſt ein ver⸗ achtlicher Elender, der einem ſolchen tapfern Krieger, der in der Ausuͤbung ſeiner Pflicht und in ſeinem ehrenvollen Berufe fiel, keine Thraͤne welhen kann.“. „Du vertheidigeſt die Sache dieſer Waiſe ſehr warm,— verſetzte Owain mit bitterm Hohne, und Helena brach in Thraͤnen aus. „Die Sache einer bedraͤngten Waiſe kann nicht zu warm vertheidigt werden,— unter⸗ brach ihn Karadok, der unbemerkt in dem Ge⸗ uͤſche das Geſpraͤch angehoͤrt hatte und jett — —— 4 15 hervortrat. Die Menſchlichkeit muß uns antrei⸗ ben, ihre Leiden mit zu fuͤhlen, nicht ſie zu vermehren. Ich bin ſehr unzufrieden mit dir — Beſinne dich— fuhr Karadok zornig gegen Owain fort,— wer biſt du denn, daß du von Stolz und Uebermuth geblaͤhlt, dieſer Waiſe ſo kraͤnkende Vorwuͤrfe wegen ihrer Huͤlfsbe⸗ duͤrftigkeit machen willſt? Erinnere dich daß auch du ein Waiſe biſt, der ſo wie ſie von meiner Wohlthaͤtigkeit abhaͤngt. Huͤte dich fuͤr die Zu⸗ kunft, daß ich mich nicht genoͤthigt ſehe meine Hand von dir abzuziehen. Nimm ein Beiſpiel an dieſem liebenswürdigen Maͤdchen, das durch Vorzuͤge des Herzens und durch Tugend, ſich meiner warmen Vaterliebe mit jedem Tage werther macht, forme dein Herz nach Helenens edelm Herzen, alsdann wirſt auch du mir eben ſo theuer ſeyn. Doch wiſſe, daß derjenige, wel⸗ ccher dieſes gute Maͤdchen kraͤnkt und beleidigt, auch mich beleidigt und meinen ganzen Zorn zu fuͤrchten hat.“ DOwain erheuchelte Gehorſam und verſprach Beſſerung, aber in ſeinem Innern kochte der gluͤhendſte Haß und Rachſucht. Er verbarg ſei⸗ ne widrigen Gefuͤhle unter einem freundlichen Laͤcheln, und wußte ſich durch ſeine Heuchelei in kurzer Zeit das Zutrauen ſeiner getaͤuſchten Freunde im, vollen Maaße wieder zu erwerben. Adelfred hatte jezt ſein achtzehntes Jahr erreicht, ſeine zaͤrtliche zuneigung fuͤr Helenen hatte mit den zunehmenden Jahren einen immer hoͤhern Grad erreicht und der ſchoͤne Einklang dieſer zaͤrtlichen Gefuͤhle in Helenens Herzen, machte das Gluͤck des ſeinigen vollkommen. Der edle Karadok ſahe dieſe zaͤrtliche Leidenſchaft in den Herzen ſeiner guten Kinder keimen und empor wachſen, und wiegte ſich mit Entzuͤcken in die Traͤume einer ſegenvollen Zukunft die ihm das Gluͤck ſeiner Kinder in ihrer Berbindung ver⸗ hieß. Dieſes war der eitvunkt wo Richard Löͤ⸗ wenherz den Thron von England beſtieg und die Walliſer Edeln aufforderte, ſich mit ihm zu einem Kreuzzuge zu vereinigen. Befeuert von andaͤchtiger Schwaͤrmerei ſaͤumten die Va⸗ ſallen von Lambedder nicht, an dieſem Kreuz⸗ zuge Antheil zu nehmen, und ihre angebotenen Dienſte wurden vonu dem tapfern Richard mit Freuden angenommen. Die Zeit hatte Karadok's Locken gebleicht und ſeine Kraft geſchwaͤcht; er ſahe ſich genoͤ⸗ thigt das Kommando uͤber ſeinen tapfern Krie⸗ ger von ſich abzulehnen, und an ſeiner Statt ward Adelfred zum Heerfüͤhrer der Truppen ernannt. Der junge Held weigerte ſich nicht dieſem Rufe der Chre zu folgen, ſondern berei⸗ tete ſich voll Muth zu dieſem zuge nach Palaͤ⸗ ſtina vor, 4 verzweiflungsvollen Schmerz aus, der in Hele Palaͤſtina folgte:„Edler Herr,— hub er ge⸗ gen Adelfred an,— nie werde ich den Tag ver⸗ 17 Der Tag der Trennung von ſeinen Liebet erſchien, nnd keine Sprache der Erde druͤckt den nen's Buſen wuͤthete, als endlich die lange ge⸗ fuͤrchtete Stunde der Trennung ertoͤnte. Ver⸗ zweiflungsvoll hielt ſie den Geliebten feſt um, klammert, und immer auf s neue riß ſie ihn wie⸗ der an ihren Buſen zuruͤck, wenn Adelfred ſich aus ihren Armen losgewunden hatte. Eine in⸗ nere Stimme ſchien Helenen ahnungsvoll zuzu⸗ fluͤſtern, daß dieſer Augenblick ſie auf ewig von dem Geliebten ihres Herzens trenne; mit Ge⸗ walt mußte ſich Adelfred aus ihren Armen end⸗ lich losreißen.„Vergiß Helenen nicht!“ ſtam⸗ melte ſie, indem ſie ihm eine Schaͤrpe um den Hals warf, und ohnmaͤchtig ſank ſie in Owain's Arme, der ſeine doshafte Freude uͤber Adel⸗ fred's Entfernung unter erkuͤnſteltem heftigen Schmerz verbarg. Der ehrwuͤrdige Ruthwold fieng ſeine Er⸗ zaͤhlung von dieſem Zeitpunkt an wo Adelfred dem Rufe ſeines Schickſals und der Ehre nach geſſen, wo ihr Lanbedder verließet. Jedes fi h⸗ lende Herz theilte den Schmerz über Mahrdin III. B 4 Entfernung, mit Euerm Vater und der troſt, loſen Helena, und die Segenswuͤnſche der Witt⸗ wen und Waiſen und der Armen, die in Euch ihren Wohlthaͤter verehrten, folgen Euch nach. Endlich langte die frohe Nachricht an, daß die Flotte gluͤcklich an dem Ziele ihrer Beſtimmung angelangt ſey, daß ſie ſich auf der Reiſe mit dem franzoͤſiſchen Monarchen und ſeinem Heere vereinigt haͤtte, und alle Umſtaͤnde ſchienen die gluͤckliche Ausfuͤhrung des Unternehmens zu ver⸗ ſichern.“ 3 „Dieſe angenehme Nachricht ward mit Freu⸗ den von Euerm Vater aufgenommen und goß Ruhe und Troſt in Helenens Buſen. Owain wußte ſich indeſſen immer mehr in Beider Gunſt und Zutrauen feſtzuſetzen, und wandte alles an, um Helenen zu beruhigen. So verſtrich ein Jahr, ohne daß etwas von Bedeutung auf der Burg vorfiel; bis ſich endlich die Nachricht ver⸗ breitete, daß Owain Helenen ſeine Liebe erklaͤrt und ſie von Euerm Vater zur Gemahlin begehrt habe. Der edle Karadok hatte dieſes Begehren dadurch abgelehnt, daß Helena ſchon fuͤr ſeinen Sohn beſtimmt ſey, doch dieſe Erklaͤrung hielt Owain nicht ab, ſein Geſuch zu wiederholen, er drang mit Bitten und Drohungen in Hele⸗ nen, die dieſe aber mit gleicher Verachtung als Euer Vater zuruͤckſtieß.“ „Der liſtige Heuchler verbarg ſeinen tlef⸗ 19 eingewurzelten Groll unter der taͤuſchenden Mas, ke von Verſtellung, und kein Menſch konnte aus ſeinem Betragen etwas Arges ahnen. Eines Ta⸗ ges ſtuͤrzte er mit allem Ausdruck des heftigſten Schmerzes zu Karadok und Helenen herein und reichte dem Erſtern einen offenen Brief, indem er in erkuͤnſtelter Betaͤubung auf einen Seſſel ſant. Haſtig ergriff Euer Vater den Brief, doch kaum hatte er die erſten Zeilen geleſen, als er bleich und entſtellt zuruͤcktaumelte, und ſchmerzvoll außrief:„o mein ahnendes Herz!— mein Sohn, mein Adelfred iſt erſchlagen!“ Helena ſank bei dieſem Ausrufe bewußtlos zu Boden, und nur ſpaͤt erſt kehrten ihre entflohe⸗ nen Lebensgeiſter unter den ſorgfaͤltigſten Be. muͤhungen Eures Vaters und Owain's zuruͤck. Ruhe und Troſt war auf immer aus dem Her⸗ zen des Karadok's gewichen, und kurze Zeit darauf erfuͤllte die Nachricht von dem Tode des ehrwuͤrdigen Greiſes, die ganze Gegend mit tiefer Traurigkeit. Adelfred ſank bei dieſen Worten betaͤubt in Ali's Arme, doch ſchnell ſuchte er ſich wieder zu ermannen, indem er eine hervordraͤngende Thraͤ⸗ ne von der Wange wiſchte und Ruthwolden auf⸗ forderte ſeine Erzaͤhlung fortzuſetzen. „Nach dem Tode Euers edeln Vaters— fuhr Anshwel fort,— folgte ihm Swain als 3 gebie 4 B 2 8 74 20 tender Herr von Lanbedder, als einziger Erbe ſeines Reichthums. Die Vaſallen legten ihm mit trauernden Herzen den Eid der Treue ab, und unter den uͤppigen Feſtlichkeiten, die jetzt auf der Burg herrſchten, war Helena allein traurig. Owain, uͤbermuͤthig hart und ſtolz auf ſeine Macht, zog ſich ſehr bald den Haß und den Unwillen ſeiner Vaſallen zu, die er ohne Schonung tyranniſirte, Seufzer und Mur⸗ rern der Unterdruͤckten ertoͤnten rings umher, aber Owain wußte dieſe mit aller Haͤrte eines Tyrannen, ſehr bald zum Schweigen zu brin⸗ gen. Auch die ſchoͤne und liebenswuͤrdige He⸗ lena blieb von dieſer Haͤrte des Deſpoten nicht verſchont, und mit Gewalt ſuchte er ihren Be⸗ ſitz zu erzwingen, den er in Guͤte nicht erhal⸗ ten konnte. Der Tag zur Vollziehung der Hoch⸗ 1 zeit war feſtgeſetzt, gezwungen mußte Helena ihrem Tyrannen zum Altare folgen, jedoch in demſelben Augenblicke, als die Trauungszere⸗ monie ſollte vollzogen werden, ſtieß Heiena den verachtungswuͤrdigen Owain zuruͤck, indem ſie ausrief:„Ungeheuer! toͤdte mich! denn lieber will ich mich mit dem Tode vermaͤhlen, ehe ich mich in die Arme eines Moͤrders werfe!“ „Dieſe unerwartete Wendung— fuhr Ruth⸗ wold fort,— erregte allgemeine Beſtuͤrzung, die Trauung blieb unvollzogen und gluͤhend vor Grimm entfernte ſich Owain. An dem folgen⸗ 8 4 21 — den Tage verbreitete ſich die Nachricht, daß He⸗ lena gefaͤhrlich krank darnieder liege; niemand als der Arzt, den Owain ſelbſt fuͤr ſie erwaͤhlt hatte, ward zu ihr gelaſſen, und wenige Tage darauf, verkuͤndete die ſchwarze Trauerflagge von dem Thurme der Burg herab, daß der Geiſt der ungluͤcklichen Helena ſeine irrdiſche Huͤlle verlaſſen habe und dem Himmel zugeeilt ſey.“ Adelfred brach in Thraͤnen aus, und die Heftigkeit ſeiner ſchmerzvollen Bewegungen un⸗ terbrach Ruthwold’s Erzaͤhlung, bis ſich der heftige Sturm in Adelfred's Innerem wieder gelegt hatte und Ruthwold fortfuhr: „Der ploͤtzliche Tod der allgemein geliebten Helena erregte mancherlei Vermuthungen, die jedoch niemand wagte, laut werden zu laſſen, bis dann endlich das feierliche Leichenbegaͤngniß der Hingeſchiedenen dieſe Vermuthungen wie⸗ der entkraͤftete. Von dieſer Zeit an war Owain ungewoͤhnlich duͤſter und muͤrriſch, und wie ein menſchenſcheuer Daͤmon ſchloß er ſich in ſeine Burg ein, deren Thor nicht mehr wie ehemals dem muͤden Wanderer oder dem frommen Pilger gaſtfreundlich gsoͤffnet wurden. Die Zeit ſchlich langſam dahin, jede Freude ſchien aus Lanbed⸗ der auf immer entflohen zu ſeyn, Owain ver⸗ mied jede Geſellſchaft und ſchien in einem un⸗ aufhoͤrlichen Kampfe mit ſeinem Gewiſſen zu 3 22 leben. Hin und wieder fluͤſterte man ſich die Vermuthung zu, daß Helena noch lebe und daß der edle Karadok vergiftet worden ſey, obgleich niemand beſtimmen konnte in wiefern dieſe Ver⸗ muthungen moͤchten gegruͤndet ſeyn.“ „Und was hoͤrteſt du in Ruͤckſicht melner?“ unterbrach ihn Adelfred. „Daß die Nachricht von Euerm Tode falſch ſey,— fiel ihm Ruthwold mit freudigem Aus⸗ drucke ein.— Ich vernahm die frohe Nachricht von einem Pilger, daß der edle Adelfred noch lebe, daß er in einer Schlacht mit den Unglaͤu⸗ bigen waͤre gefangen worden, daß er aber nach ſechsjaͤhriger Gefangenſchaft entſlohen waͤre um in ſein Vaterland zuruͤckzueilen. Die Nachricht erfuͤllte mich mit hoher Freude, obgleich ich noch immer die Wahrheit derſelben bezweifelte, bis endlich meine Augen mich von dieſer Wahrheit uͤberzeugten, und geſegnet ſey mir der Augen⸗ blick, der dieſe Ueberzeugung in Eurer Ankunft mir ſchenkt!“ Adelfred's Arme oͤffneten ſich um den alten ehrlichen Ruthwold an ſein Herz zu druͤcken. „Morgen— rief der junge Krieger voll Feuer aus,— morgen will ich mein vaͤterliches Erb⸗ thell zuruͤckfordern.“— „Nicht zu raſch,— unterbrach ihn Ruth⸗ wold,— Euer ungeſtuͤmmer Eifer moͤchte ſehr leicht alle Euere Wuͤnſche und Hoffnungen ver⸗ 7 —— 23 eiteln. Wollt Ihr dem gutgemeinten Rathe eines Greiſes folgen, ſo geht behutſam und vor⸗ ſichtig zu Werke. Fordert Euer rechtmaͤſiges Erbe nicht eher, als bis Euere Vaſallen Euch fuͤr ihren wahren Herrn erkannt haben, und bereitwillig Euere Angelegenheit zu unterſtuͤtzen, ſich zu Cuerer Vertheidigung waffnen. Owain wird ohne Zweifel alles anwenden um Euere Bemuͤhungen zu vereiteln, und Euch als einen Betruͤger, der ſich blos fuͤr Adelfred faͤlſchlich ausgiebt, gefangen nehmen zu laſſen. Seht Euch vor und vereitelt ſeine argliſtigen Raͤnke; denn er iſt Euch durch ſeine argliſtige Bosheit ſchon ſehr zuvorgekommen. Als ſich das Geruͤcht verbreitete, daß Ihr noch lebtet, ſo erkaufte er zwei aus Palaͤſtina zuruͤckkehrende feile Betruͤ⸗ ger, nach deren Ausſage ſie Euch ſelbſt in dem Treffen hatten fallen ſehen und Zeugen Euerer Beerdigung geweſen waren.“ „Ha der ſchaͤndlichen Betruͤger!—— rief Adelfred zornig aus,— und des noch ſchaͤndli⸗ cheren Boͤſewichts, der ſie erkaufte, doch bald ſoll der Nichtswuͤrdige das ganze Gewicht mei⸗ ner Rache fuͤhlen.“ Nach einer kleinen frugalen Mahlzeit, warf ſich Adelfred mit zerriſſenem Herzen auf das aͤrmliche Lager, das der alte Ruthwold fuͤr ihn 1 84 *. bereitet hatte, doch ohne die Suͤßigkeiten eines erquickenden Schlummers zu genießen. Nach einer gramvoll durchwachten Nacht ſtand Adel⸗ fred mit dem Entſchluſſe von ſeinem Lager auf: in Begleitung des Unglaͤubigen, in der Verklel⸗ dung eines Pilgers aus dem heiligen Lande nach Lanbedder zu ziehen, um dort die wahren Geſin⸗ nungen ſeines Vetters zu erforſchen und ſich von der Wahrheit der Erzaͤhlung des alten Ruthwold's Gewißheit zu verſchaffen. Adelfred theilte ſeinen Plan Ruthwolden mit, der denſelben billigte und ſogleich zur Aus, fuͤhrung deſſelben behuͤlflich war; indem er die noͤthige Verkleidung herbeiſchaffte. Ein langer Bart umſchattete Adelfred's jugendliche Wange, und ſeine Geſichtszuͤge verbarg das falſche graue Haar, das den Juͤngling zum Greiſe umwan⸗ delte, und ſehr gut zu dem aͤrmlichen Pilgerge⸗ wandte paßte. Mit einer Harfe trat er jetzt in Begleitung des Ali Scheing ſeine Wanderung nach Lanbedder an. All die mancherlei Szenen ſeiner gluͤcklichen Kindheit vergegenwaͤrtigten ſich ihm wieder und erneuerten die Schmerzen, die mit dieſen Ruͤck⸗ erinnerungen verbunden waren, als Adelfred jetzt die verwilderte Gegend erreichte und die Burg ſeiner Väter ihm von dem Felſen herab entgegen daͤmmerte⸗ Endlich war die Burg er⸗ reicht. Adelfred ſchlug einige wilde Akkorde an 25 — und ſtimmte eine Romanze an, die er mit ſei⸗ ner Stimme begleitete, um ſich den Eingang in die feſt verſchloſſene Burg zu verſchaffen. Nach einiger Zeit erſchien Owain an einem Fenſte und die Blicke der beiden Verwandten begegne⸗ ten einander, ohne daß Owain in dem alten Saͤnger ſeinen Vetter erkannte. Wie ſchrecklich veraͤndert fand jetzt Adelfred die Geſichtszuͤge Owain'’s! Bleich war ſeine eingeſunkene Wange, jeder ſeiner Zuͤge war verwildert, und ſeine ganze abgezehrte Geſtalt wirkte ſo ſtark auf, Adelfred, daß ſein Geſang ſtockte, und voll Er⸗ ſtaunen und Mitleld ſein Auge auf der Schre⸗ ckensgeſtalt ſeines Vetters hieng. Owain konnte den forſchenden Blick des alten Pilgers nicht aushalten, und mit finſtern Mienen warf er das Fenſter zu, indem er ſich wieder davon entfernte. Adelfred ſtimmte ein anderes Lied an und ſang von den heiligen Kriegen, von gefochtenen Schlachten und von den uͤber die Unglaͤubigen erkaͤmpften Siegen. In kurzer Zeit öffnete ſich die Pforte, und ein Diener Owain's winkte dem Saͤnger naͤher zu kommen. Adelfred hieng die Harfe uͤber ſeine Schulter und gieng mit Ai— Scheing in die Burg hinein. Der Diener fuͤhrte ihn durch die ſteinernen Hallen in ein Gemach, wo die Dienſtleute Owain's verſammelt waren. Die beiden Fremdlinge wurden eingeladen ſich in den Kreis dieſer Dienſtleute zu ſetzen, A 26 fred ſtimmte auf ihre Bitten einige Romanzen an, bis endlich ſein Geſang und ſein Harfen⸗ ſpiel einem unterhaltenden Geplauder Platz machte„indem man ihn mit Fragen und Bitten beſtuͤrmte, ſeine Abentheuer in dem heiligen Lande zu erzaͤhlen. „Ich war nicht immer, was ich jetzt bin, ein armer Pilger,— hub Adelfred an,— nein, ich habe an der Seite des tapfern Richard ge⸗ fochten, habe oft die Ebenen von Libanon mit dem Blute der Unglaͤubigen befieckt geſehen, und das heilige Kreuz hoch uͤber den geſtuͤrzten hal⸗ ben Mond der Feinde uͤber die blutigen Ebe, nen wehen ſehen.“ Iſerit, der Liebling Owain's, deſſen Rath⸗ geber und der Mitgenoſſe ſeiner Bosheit, un⸗ terbrach den Pilger durch ſeine Erkundigungen nach Adelfred.„Hoͤrtet ihr nie von Adelfred von Lanbedder?“ fragte er. „Ich war ihm zur Seite als er fiel!“ er⸗ wiederte der verſtellte Pilger. „Er fiel?— fragte Iſerit mit freudigem Ausdrucke; indem er von ſeinem Sitze aufſtand und naͤher zu dem Pilger trat.— So log das Geruͤcht wirklich nicht? er iſt todt?— erzaͤhlt weiter.“ Adelfred fuhr fort:„Dieſer blutige Tag, an welchem Adelfred fiel, brachte ſo manchem edeln Britten den Tod auf den Ebenen vor 27 Salem, wo die Chriſten dem maͤchtigen Vor⸗ dringen des halben Mondes weichen mußten. Dort war es, wo auch Adelfred in dem Kampfe mit einem jungen Sarazenen, wegen eines chriſt⸗ lichen Panieres, das dieſer einem ſterbenden Soldaten abgenommen hatte, fiel. Furchtbar war der Kampf, der ſich gewiß zu Gunſten des Sohnes Karadok's wuͤrde entſchieden haben, wenn nicht in demſelben Augenblicke, wo ſein tapferer Arm ſiegen ſollte, ein feindlicher Pfeil ſeine Bruſt durchbohrt haͤtte.“ Iſerit flog ſogleich um ſeinem Gebieter dieſe erfreuliche Nachricht des Pilgers zu hinter⸗ bringen. „Dieſer Pilger iſt ein Betruͤger,— er⸗ wiederte Owain, nachdem Iſerit ihm ſeine Nach⸗ richt mitgetheilt hatte,— Adelfred iſt nicht todt, habe ich nicht ſichere Nachrichten, welche es bezeugen, daß der Verhaßte noch lebt und jetzt auf der Ruͤckkehr in ſein Vaterland begrif⸗ fen iſt?“ „Mag es Wahrheit oder Lüͤgen ſeyn, was uns dieſer Pilger erzaͤhlt,— verſetzte Iſerit,— was kuͤmmert das uns? wenn Ihr ſeine Erzaͤh⸗ lung nicht beſtaͤtigen wollt, ſo bietet ſich gleich⸗ wohl darin eine ſehr gute Gelegenheit fuͤr Euch dar, die Vermuthung, daß Adelfred noch lebe, welche unter Euern Vaſallen noch immer herrſcht⸗ zu unterdruͤcken. Mag dann der Verhaßte im 28 mer erſcheinen, was wird es ihm frommen? es wird ein leichtes ſeyn, ihn, der ſich Karadok's Sohn nennet, zu einem Betruͤger zu ſtempeln, der Euch durch Taͤuſchung und Betrug Euer rechtmaͤßiges Eigenthum zu rauben ſucht und die Herrſchaft uͤber Lanbedder erſchleichen will. Laßt dieſen graubaͤrtigen Barden kommen, und laßt ihn in Gegenwart Euerer ſaͤmmtlichen Die⸗ nerſchaft ſeine Erzahlung wiederholen und Adel⸗ fred's Tod beſtaͤtigen.“ Owain nahm den Vorſchlag an, die beiden Fremdlinge wurden zu ihm heraufgerufen, und kin buntes Gedraͤnge von Dienern fuͤllte mit ihnen zugleich das Zimmer. Nach einigen ihm vorgelegten Fragen, welche der verſtellte Pilger dreuſt beantwortete, hub dieſer an⸗ „Beide Heere trafen ſich auf den Ebenen von Salem: das chriſtliche Heer beſtand aus dem Kerne der tapferſten Krieger vieler Laͤnder, doch war das feindliche Heer ihm an Anzahl weit uͤberlegen. Der blutige Kampf begann; Koͤnig Richard flog mit einem ausgeſuchten Haufen tapferer Krieger in des Sultans Lager und bahn⸗ te ſich mitten durch alle ihn umringenden Ge⸗ fahren einen Weg bis zu ihm. Mit Loͤwenmuth focht Richard und nur die ihm uͤberlegene Menge der Feinde konnte ihn wieder zuruͤckdraͤngen. 44 „„Und Adelfred?“ fragte Owain. „In dem gefaͤhrlichſten Gefechte,— fuhr der Pilger fort, ſtand Koͤnig Richard feſt und unerſchuͤtterlich. Rings um ihn her, fielen ſeine Krieger und er ſtand und kaͤmpfte, ſein Arm that Wunder der Tapferkeit, doch mit jedem Augenblicke vergroͤßerte ſich auch die Gefahr fuͤr ihn. Adelfred ſahe die Gefahr, worin ſein Köͤ⸗ nig ſchwebte, er eilte mit einem Trupp muthi⸗ ger Krieger zu ſeiner Huͤlfe hinzu, und rettete das theuere Leben des Koͤnigs.“ „Heldenmuͤthiger Vetter!— rief Owain aus,— dieſe That ſoll dich unſterblich machen! ich will deinem Ruhme ein Denkmal ertichten, und die kuͤnftigen Zeitalter ſollen dieſe deine That noch ehren!“ „Der Koͤnig hatte kaum ſo viel Zeit, ſeinen Befreier an ſein Herz zu druͤcken, fuhr der Pil⸗ ger fort,— die Schlacht ward mit erneuertem Feuer fortgeſetzt. Adelfred war immer da, wo die Gefahr am groͤßten war. Zwei Wunden hatte er bereits auf der Bruſt erhalten, doch er fuͤhlte dieſe nicht, aber um ſo ſchmerzlicher ſchien er die Wunde zu fuͤhlen, die ihm die Niederlage derer, fuͤr die er focht, ſchlug. Ich ſahe ſeinen Helm entzwei ſpalten und ihn be⸗ taͤubt zu Boden ſtuͤrzen, doch raffte er ſich mit neuem Muthe wieder empor, und der Tod gieng vor ihm her, Blut und Leichen bezeichneten ſei⸗ nen Pfad, Nur der Tod des Sultans konnte 30 den Sieg dieſes blutigen Tages entſcheiden, mit⸗ ten durch die Saͤhel und Pfeile der Feinde dran⸗ gen die Chriſten vor, und der ſtolze Sultan von Perſien fiel.“ „Und Adelfred?— fragte Owain mit er⸗ kuͤnſtelter Theilnahme.— Er iſt der Einzige, fuͤr den mein Herz ſich intereſſirt, reiß mich aus der peinigenden Ungewißheit, worin ich wegen des Lebens meines edeln Vetters und dem Theilnehmer meiner jugendlichen Vergnuͤgungen ſchwebe. Vernichte meine bruͤderliche Beſorgniß um ihn, ſage mir, daß er noch lebe, daß ich bald die Freude genießen werde, ihn wieder zu um⸗ armen.“. Der Pilger ſchien erſtaunt und tief geruͤhrt bei dieſen Aeuſſerungen des Heuchlers; endlich fuhr er fort: Adelfred war es, der das Herz des ſtolzen Sultans von Perſien ſpaltete, und ſeine Tapferkeit entſchied den Sieg dieſes bluti⸗ gen Tages, aber er ſelbſt ward das Opfer fuͤr dieſen Sieg. Aus mehrern Wunden ſtroͤmte das Herzblut des kriegeriſchen Adelfreds. Er war er⸗ ſchoͤpft, und ein gut gezielter Pfeil erleichterte ihm die Schmerzen des Todes und entriß ihm ſchnell die wenige Augenblicke, die er noch elend haͤtte dahin ſchmachten muͤſſen.“ „Gott! das iſt zu viel!— rief Owain aus, und ſank auf dem Sopha zuruͤck. Tief erſchuͤt. tert flog der Pilger auf ihn zu und druͤckte ſeine 31. Hand an ſein Herz.„O Ruthwold!— rief der Pilger aus,— Du haſt mich getaͤuſcht!“ Indem er ſeine Verkleidung von ſich warf, ſetzte er hinzu: Erwache Owain! Dein Vetter, Dein Freund, Dein Bruder lebt! erkenne in mir den todtbeweinten Adelfred!“ Mit ungeſtuͤmmer Freude draͤngten ſich die Diener um ihn her, die ſogleich ihren geliebten Herrn wieder erkannten, lautes Jubelgeſchrei erfuͤllte das Zimmer und die Hallen der Burg und in kurzer Zeit hatte fich die herzerfreuende Nachricht von Adelfred s gluͤcklicher Wiederkehr durch die ganze Gegend verbreitet. Von allen Seiten ſtroͤmten die Vaſallen herbel um ſich von der Wahrheit dieſer Nachricht zu uͤberzeugen. In der allgemeinen Verwirrung blieb Owain's ploͤtzliche ſchreckenvolle Ueberraſchung und ſein ver⸗ biſſener Gewinn unbemerkt. Gezwungen mußte er die zaͤrtliche umarmung ſeines Vetters erwie⸗ dern; er konnte ihn nicht verlaͤugnen, denn ehe ſich Owain von ſeiner heftigen Ueberraſchung wieder erholen und Zeit zu neuen argliſtigen Raͤn⸗ ken gewinnen konnte, wor Adelfred von den ſaͤmmtlichen Vaſallen, als einziger rechtmaͤßiger Gebieter von Lanbedder, allgemein anerkannt. Owain war gezwungen ſeinen Grimm unter einer erkuͤnſtelten Freundlichkeit gegen ſeinen Vet⸗ ter zu verbergen und die Rechte deſſelben anzu⸗ erkennen; aber deſto tiefer wurzelte der Groll 32 gegen ihn in Owain's Herzen, deſtomehr brü⸗ tete der argliſtige Heuchler uͤber Planen den argwohnloſen Freund zu vernichten. Adelfred ward in den vollen Beſitz ſeines Eigenthums eingeſetzt, freudig legten ihm ſeine Vaſallen den Eid der Treue und des Gehorſams ab und rings umher herrſchte Freude und Ent⸗ zuͤcken. Ali Scheing ward von Jedermann als der Freund und Liebling des geliebten Adelfred's geehrt, doch konnte dieſes und der allgemeine Wohllaut der Freude, die duͤſtern Wolken der Schwermuth und eines tief verſchloſſenen Kum⸗ mers nicht von Ali's Stirn verſcheuchen. Die allgemeine Froͤhlichkeit hatte keine Gewalt ihn aufzuheitern: wenn er auch in Adelfred's Ge⸗ genwart einige Heiterkeit erzwang, ſo ſuchte er deſto oͤfter die oͤdeſten Plaͤtze auf, um ſich dort ungeſtoͤrt und unbemerkt ſeinem geheimen Gram uͤberlaſſen zu koͤnnen. Unter der taͤuſchenden Maske der Freund⸗ ſchaft, war indeſſen Owain raſtlos darauf be⸗ dacht, wie er ſeinen Vetter erreichen koͤnnte ohne jedoch einigen Schein der Schuld gegen ſich zu haben. Iſerit, der Theilnehmer ſeiner Bosheit und ſein Rathgeber, ſtand ihm auch hierbei zur Seite und von Beiden wurden tauſend Plane zu Adelfred's Untergange angelegt, aber auch eben ſo bald wieder verworfen, bis dann enda lich Iſerit’s Bosheit einen Anſchlag machte⸗, ——— 3³ der den Boͤſewicht in ſeiner ganzen Nichtswuͤr⸗ digkeit darſtellte Owain ſollte ſich unter dem Verwandte, den Reſt ſeines Lebens dem Gebet und der Froͤmmigkeit zu widmen, in ein benachbartes Kloſter begeben. Iſerit beſchloß auf der Burg zu bleiben, ſich an Ali Scheing anzuſchließen und in die heftigen Leidenſchaften dieſes Fremd⸗ lings zu ſpielen, um ihn zum Werkzeuge der Rache und zum Verraͤther an ſeinem Freunde zu machen. Dieſer ſataniſche Plan ward von Owaln mit Freuden angenommen, und er zögerte nicht lange, mit erkuͤnſtelter Froͤmmigkeit Adelfreden ſeine Abſicht, in das Kloſter zu gehen, bekannt zu machen. Adelfred bot vergebens alles auf, um Owain's Entſchluß wankend zu machen. „Bleib bei mir,— bat ihn Adelfred,— freue dich mit mir des Lebens und theile bruͤderlich mit mir, was mir der Himmel verliehen hat⸗ Alles, was mein iſt, das iſt auch dein, und nur deine Theilnahme kann mir den Werth dieſer Guͤter erhoͤhen.“ „Edelmuͤthiger Freund,— erwiederte der liſtige Heuchler,— dringe nicht weiter in mich. Ich bin nicht fuͤr die Welt gemacht, ihre Freu⸗ den ekeln mich an, mein Herz iſt dem Himmel zugewandt, ihm will ich mich weihen. Nur in Magazin Ill. C 8 den heiligen Mauern kann ich Ruhe finden und gluͤcklich ſeyn, und keine Macht der Erde wuͤrde faͤhig ſeyn meinen Sinn zu aͤndern. Darum laß mich, edler Adelfred! Lebe wohl und gedenke meiner im Segen, ſo wie du ſtets der Gegen⸗ ſtand meiner frommen Wuͤnſche in meinem Gebet ſeyn wirſt.“ Adelfred mußte ihm ſeinen Willen laſſen, und wenige Tage darauf verließ Owain die Burg und nahm ſelnen Aufenthalt in dem gewaͤhlten Kloſter. Adelfred hatte jetzt keinen Freund, in deſſen Herzen er ſeine Gefuͤhle niederlegen konnte, als den Ali Scheing, ader auch dieſer ſchien von Zeit zu Zeit ſich immer mehr von ihm zu entfernen und ſeiner Geſellſchaft auszuwei⸗ chen. Vergebens drang Adelfred mit Bitten und Voſtellungen in ihn, um ihm den geheimen Gram der ſo ſichtbar auf ſeinen Mienen ausge⸗ druͤckt war, zu entdecken. Alt wußte ſeinen Fra⸗ gen und Bitten immer unter der Maske einer erkuͤnſtelten Heiterkeit und unter mancherlei Vorwande auszuweſchen. Wollte daher Adelfred ſeinen Freund durch Zudringlichkeit nicht noch trauriger und unwillig machen, ſo mußte er ihn ungehindert gehen laſſen und ruhig den Augen⸗ blick erwarten, wo Ali Scheing vielleicht unauf⸗ gefordert ſich ihm entdecken wuͤrde. In tiefe Schwermuth und Traurigkeit ver⸗ ſenkt, ſchlich Ali Scheing umher, und Iſerit —— 35 bot alles auf, um ſich ihm bemerkt zu machen, doch immer blieben ſeine Bemuͤhungen frucht⸗ los; ſo oft er ſich ihm auch in den Weg warf, ſo war doch Ali jederzeit ſehr wenig zu einer Unterhaltung mit ihm geneigt, und ein kalter Gruß war alles, was er auf geraume Zeit von Ali gewinnen konnte. Iſerit ließ ſich jedoch dadurch keinesweges abſchrecken, vielmehr ver⸗ doppelte er ſeine Bemuͤhungen; er beobachtete jeden Schritt des Unglaͤubigen, indem er ihm allenthalben nachſchlich, und als Ali Scheing eines Tages nach einem entlegenen Raſenplatze des Burggattens ſchlich, den er ſich zu ſeinem Lieblingsaufenthalte erkohren hatte, folgte ihm Iſerlt unverzuͤglich dahin nach. „Ach Zulima! ewig theuere, geliebte Zuli⸗ ma!“— rief Ali Scheing mit ſchmerzhaftem Ausdrucke aus, und ein Strom von Thraͤnen unterbrach ſeine Worte, als ſich Iſerlt naͤherte, bei deſſen Anblicke ſich der Unglaͤubige entfernen wollte. Iſerit hielt ihn zuruͤck.“ Verzeihe mix, wenn ich in deiner Einſamkeit dich ſtoͤhre,— redete er ihn an,— ich will ſogleich meinen Fehler wieder gut machen und dich augenblick⸗ lich verlaſſen, wenn du es verlangſt. Nur ver⸗ goͤnne mir noch zu ſagen, daß ich ſchon lange den geheimen tiefen Gram deiner Seele bemerkt und gewuͤnſcht habe, ihn zu dem meinigen zu C 2 machen. Glaube mir, mein Herz ſchlaͤgt warm fuͤr die Leiden Anderer, moͤchteſt du doch nicht laͤnger meine innige bruͤderliche Theilnahme, die dein Herz erleichtern koͤnnte, verſchmaͤhen! Zweifle nicht daran, daß auch ein Chriſt die Leiden des Anbeters eines andern Gottes leb⸗ haft fuͤhlen und dieſem die Laſt derſelben tragen helfen kann. Faſſe Zutrauen zu mir, armer ungluͤcklicher Ali!“ „Ja wohl, ungluͤcklicher Ali!— ſeufzte der Unglaͤubige, dann ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu:— Chriſt lich wuͤrde freimuͤthig mei⸗ ne Leiden in deinen Buſen ausſchuͤtten, wenn meine Seele nicht bloßes Mitleid verſchmaͤhte!“ „Glaube nicht, daß Iſerit nur Thraͤnen des Mitleids fuͤr dich hat,— fiel ihm dieſer in's Wort.— Nein, wenn du gekraͤnkt und beleidigt wurdeſt, ſo wird er deine Gefuͤhle zur Rache entflammen und dir voll Muth und Kraft ſeinen Arm zur Befriedigung derſelben darbie⸗ ten. Ja, bei meinem Leben, waͤre mein eigner Bruder der Urheber deiner Leiden, ich wuͤrde ihn nicht ſchonen.“ „Nun wohlan, es ſey!— rief Ali Scheing aus,— es ſey!— Chriſt!— ich werfe mich voll Zutrauen in deine Arme, du haſt mir wohl⸗ thäͤtig das Herz erwaͤrmt. So hoͤre dan die Erzaͤylung meiner Leiden.“ „Ich bin der einige Sohn des bedenmitße 37 gen Zuntma,— hub Alt Scheing ſeine Erzaͤh⸗ lung an,— der, als die blutduͤrſtigen Chriſten un⸗ ſere Ufer verheerten und mit Feuer und Schwert ſich beſtrebten uns von dem Glauben unſerer Vaͤter abtruͤnnig zu machen, und uns einen neuen verabſcheueten aufzudringen, ſeine kriegeriſchen Vertheidiger unſers Glaubens auf den Gefilden von Bedamoora verſammelte. Ich folgte mei⸗ nem Vater in den Krieg und erhielt das Kom⸗ mando uͤber eine Schaar tapferer Krieger, deren Glaube und Vaterlandsliebe ſo eng mit meinem Herzen verſchwiſtert war, daß jeder Verſuch des Schwertes der Chriſten vergebens war uns zu trennen.“ „Der Sultan theilte die Gefahren des ver⸗ heerenden Kriegs mit ſeinen Kriegern, er ſelbſt ſtand an unſerer Spitze und wir ſtanden feſt und unerſchuͤtterlich, um unſern Glauben, unſer Va⸗ terland und unſern Herrſcher gegen die Waffen der Chriſten zu ſchuͤtzen. Eines Tages ſchweifte ich um mich zu zer⸗ ſtreuen umher, und in Gedanken verſunken, be⸗ merkte ich es nicht eher, daß ich mich weiter, 5 als es meine Abſicht geweſen war, von dem Lo⸗ 8 ger entfernt und in die Wuͤſte verirret hatte, als bis die feuchten Winde den Sand der Wuͤſte wirbend empor dreheten und mich aus meinen einſamen Betrachtungen aufſcheuchten. Die Luft war dick und brennend, die ſtechenden Inſekten . 8K ſchwirrten umher, und ſo weit mein Auge reichte, erblickte ich nichts als eine oͤde Sandwuͤſte. Vergebens ſuchte ich den Ruͤckweg wieder zu finden, und nach langem vergeblichen Umherir⸗ ren, uͤberließ ich mich dem Zufall, indem ich mich ungefaͤhr nach dem Stande der Sonne richtete und ſo auf gut Gluͤck fortwanderte. Endlich gelang es mir, einen Ausweg auß die⸗ ſer unwirthbaren Wildniß zu finden, die bluͤ⸗ hende Natur lachte mir wieder entgegen, und ich erreichte ein kleines Gebirge, von deſſen Hoͤhe herab ſich mir eine ſehr angenehme Landſchaft darſtellte. An dem Abhange eines Hügels be, merkte ich ein einſames aber ſehr ſtattliches Gebaͤude, und eben war ich im Begriffe meinen Weg dahin zu nehmen, um dort vielleicht durch die Gaſtfreundſchaft der Bewohner deſſelben eine Stunde in erquickende Ruhe und Erholung zu⸗ zubringen, als ſich meinen überraſchten Blicken ein Gegenſtand darſtellte, der mir Hunger, Darſt und Ermattung vergeſſen ließ.“ „In einer kleinen Entfernung, erblickte ich an dem bluͤhenden Ufer eines kleinen Baches eine junge ſchlafende Dame, indem zwei Skla⸗ vinnen beſchaͤftigt waren die ſtechenden Inſekten von der ſchoͤnen Schlaͤferin abzuwehen und ihr ſanfte Kuͤhlung zuzufaͤcheln. Unwillkuͤhrlich ward ich nach der Schlummernden hingezogen, eine Beitlang ſtand ich in ſtummes Entzuͤcken verlo „—— 39 ren neben ihr, und mein Auge weilte mit un⸗ nennbarer Wonne auf der Fuͤlle von Schoͤnheit, die uͤber dieſe Liebenswuͤrdige ausgegoſſen war. Ach Iſerit! daß du ſie geſehen haͤtteſt, denn nur dann erſt wuͤrdeſt du faſſen koͤnnen, was mein Herz bei ihrem Anblicke fuͤhlte und was ich dir nicht zu nennen vermag. Sie war ſchoͤn wie der lachende Morgen im Strahlenglanze der aufgehenden Sonne! Ihre Lippen wettei⸗ ferten mit den ſchoͤnſten Korallen, ihre Zaͤhne ſpotteten der Weiße des europaͤiſchen Schnee's, in uͤppiger Fuͤlle hob ſich ihr ſchoͤner Buſen durch das leichte Gewand, das ihn umſchatte⸗ te, und ihre ganze ſchoͤne Geſtalt war von ei⸗ nem unnennbar himmliſchen Glanze umſloſ⸗ ſen, deſſen maͤchtiger Zauber mein ganzes Weſen in eine einzige Empfindung aufzuloͤſen ſchien. Mit einem ſchmachtenden Seufzer ath⸗ mete ich meine Empfindung aus und ſie erwachte. Ach Iſerit! wie ſorechend war ihr Auge,“ ſchoͤner wie der reine Azur des Himmels, wie bezaubernd war der ſanfte Zauber ihres Blickes! Ach Iſerit? auf mich ward der ſanfte Glanz dieſes Auges ge⸗ richtet, auf mir ruhete ihr Blick. Sie erhob ſich von dem Raſen, indem ſie meinen ehrfurchts⸗ vollen Gruß freundlich erwiederte. O Allah! ewiger Allah! welch eine Geſtalt! welch eine hohe Wuͤrde und Anmuth in ihrem Umriß, welche himmliſche Schoͤnhelt. Das Entzuͤcken bei ihrem Anblicke raubte mir den Gebrauch der Sprache, ich ſtand in ſtumme Bewunderung verloren.“ „Nach einer ſtummen Verbeugung ſtuͤtzte ſie ſich jetzt auf den Arm ihrer Sklavinnen und ent⸗ fernte ſich. Mein Herz war ſo gewaltſam zuſam⸗ mengepreßt, daß ich kaum aufathmen konnte, meine Fuͤße waren gleichſam in den Boden ge⸗ wurzelt, ich konnte ihr nur mit den Augen fol⸗ gen. Ich ſah ſie in das vorher bemerkte Ge⸗ baͤude eintreten, an dem Eingange blickte ſie ſich noch einmal um, ihr Auge begegnete dem meini⸗ gen, ich verbeugte mich, und ſie war verſchwun⸗ den. Ich warf mich auf den Raſen nieder, den ihre ſchoͤnen Glieder niedergedruͤckt hatten, und geraume Zeit lag ich hier, indem ſich mein Herz nur mit der reizenden Unbekannten beſchaͤftigte. Noch immer ſtand ſie in der ganzen Fulle ihrer Schoͤnheit vor meiner Phantaſie; und jemehr ich mich den Gefuͤhlen uͤberließ, die ihr bezaubernder Anblick mir eingefloͤßt hatte, um ſo mehr fuͤhlte ich auch mein Herz mit aller Allgewalt der er⸗ wachenden Leidenſchaft nach ihr hingezogen. „Die daͤmmernden Schatten des annahen⸗ den Abends ſchwebten endlich herab, und brach⸗ ten jene erquickenden Luͤftchen mit ſich, die fuͤr Aſien's brennenden Himmelsſtrich ſo wohlthaͤtig ſind. Der verbrannte Zweig hob ſich wieder em⸗ por, in ſanften Wellen kraͤuſelte die erfriſchend Abendluft wiederum das Waſſer des Baches, un 41 — die befiederten Saͤnger des Haines begannen, von dem Zephir erquickt, ihre lieblichen Melodien, doch ich bemerkte alles dieſes kaum; denn ich hatte nur Sinn und Gefuͤhl fuͤr ſie, die mein ganzes Herz erfuͤllte.“ „Meine Augen waren unaufharlich auf das Gebaͤude geheftet, das meine angebetete Unbe⸗ kannte in ſich faßte. Endlich,— o Allah! wel⸗ che Freude fuͤr mein Herz!— endlich oͤffnete ſich die Thuͤre, und ſie erſchien, die reizende Tochter der Sonne, von denſelben Sklavinnen, die ſie zuvor umgeben hatten, begleitet. Sie naͤherte ſich mir und von meiner Aufwallung uͤberwaͤltigt, war ich eben im Begriffe ihr entge⸗ gen zu eilen und mich ihr zu Fuͤße zu werfen⸗ als ich neben mir ein Armband erblickte, das die reizende Unbekannte hier verloren hatte. Dieſes benutzte ich ungeſaͤumt als ein Mittel, mich mit ihr bekannt zu machen. Ich flog ihr entgegen und ſank ihr zu Fuͤßen, doch ich vermochte es nicht, nur einen einzigen Laut hervorzubringen, und nur mit ſtummen Lippen, aber mit deſto beredterm Ausdruck meiner Blicke konnte ich ihr das Armband darreichen. Sie nahm es von mir an, und hob mich mit einem bezaubernden Laͤcheln von dem Boden auf; großer Allah! wie durch⸗ bebte ihr Beruͤhren all meine Nerven! Ich druͤckte ihre Hand an meine brennenden Lippen.„Ver⸗ zeihe mir, reizende Tochter der Sonne,— ſtam⸗ 4² melte ich von meinen Gefuͤhlen maͤchtig hingeriſ⸗ ſen,— verzeihe meiner Kuͤhnheit, die es wagt zu dem himmliſchen Glanz deiner Schoͤnheit das Auge zu erheben. Wie kalt muͤßte das Herz ſeyn, das dich nicht anbetete, wie gefuͤhllos der Buſen, den nicht dein Anſchauen mit wohlthaͤti⸗ gem Feuer erwaͤrmte. Laß mich zu deinen Fuͤßen hinſinken, um dir ewige Liebe zu ſchwoͤren, die mein ganzes Weſen allmaͤchtig fuͤr dich durch⸗ dringt.“. „Ich hielt ihre Hand feſt in die meinige eingeſchloſſen und ein unnachahmliches ſanſtes Laͤ⸗ cheln ſchwebte auf ihrer Wange. Ihr ſchoͤnes Auge ſchien mit Wohlgefallen auf mir zu verwei⸗ len, ich druͤckte ihre Hand noch einmal an meine Lippen und ſie war eben im Begriff zu ſprechen, als ploͤtzlich eine Stimme aus dem Gebaͤude rief:„Zulima!“ ſie zog ihre Hand aus der meinigen zuruͤck.„Fremdling,— lispelte ſie ſanft,— lebe wohl! man ruft mich!“—„Zu⸗— lima!“ wiederholte die vorige Stimme, und die reizende Zulima ſchien mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, ob ſie fortgehen oder dableiben ſollte.„Erfreue dich meiner Gunſt!— fluͤſterte ſie mir mit ſanf⸗ tem Erroͤthen zu,— wir ſehen uns wieder.“ „Allah ergieße ſeinen reichſten Seegen uͤber dich, angebetene Tochter der Glaͤubigen!“ rief ich entzuͤckt aus, und uͤberwaͤltigt von der maͤch⸗ tigen Aufwallung meines Herzens wagte ich es, — — 4³ ſie in meine Arme zu ſchließen und meine Lip⸗ pen auf die ihrigen zu druͤcken.„Zulima! rief die vorige Stimme mit verſtaͤrktem Nach⸗ druck. Zulima riß ſich aus meinen Armen los und eilte mit einem ſanftem: Lebe wohl! ihrer Wohnung zu.“ „Noch daͤmmerte es, der Hunger quaͤlte mich, und ich wußte, daß man in dem Lager meine Ruͤckkehr aͤngſtlich erwarte, dennoch konnte ich mich unmoͤglich von dem Platze treanen, wo ich die reizende Zulima wieder zu ſehen hoffte. Mit ſehnſuchtsvollen Blickeu war mein Auge auf ihre Wohnung geheftet, ich erwartete ihre Zu⸗ ruͤckkehr mit der peinigendſten Ungeduld und je⸗ der Augenblick ſchien mir ein Menſchenalter zu ſeyn. Es ward endlich ſpaͤt und Zulima wollte immer noch nicht erſcheinen, ich mußte alle Hoff⸗ nung aufgeben ſie heute wieder zu ſehen, und mit ſchwerem Herzen trat ich endlich meinen Ruͤckweg an. Ich hatte mich jedoch kaum eini⸗ ge Schritte entfernt, als eine von Zulima's Sklavinnen mir nacheilte und mich einlud zu ihrer Gebieterin zu kommen.“ „Zulima erwartete mich und ich flog unge⸗ ſaͤumt zu ihr, o ewiger Allah! du warſt Zeuge von den hohen Entzuͤckungen, die unſer Wie⸗ derſehen kroͤnten, als die reizende Zulima mir zufluͤſterte, daß ſie mich liebe! damals, ja da; mals war ich unausſprechlich gluͤcklich!—c 44 „Chriſt!— unterbrach ſich Ali Scheing ſelbſt,— wundere dich nicht uͤber Zulima und tadle ſie nicht wegen ihres Betragens gegen mich, indem ſie mir, den ſie vorher nie ſahe, ſogleich in den erſten Stunden unſerer Bekannt⸗ ſchaft Liebe geſtand. Ehe du die Aſiatiſche Welt beurtheileſt, bedenke, daß ſie von der Europaͤi⸗ ſchen ganz verſchieden iſt, deren bleiche Soͤhne eben ſo kalt und traͤge ſind als die Luft, die ſie einathmen. Bei ihnen entſpringt Sproͤdigkeit aus dem kalten Kreislaufe ihres Blutes, Arg⸗ wohn, der verderbliche Abkoͤmmling der Schuld, unterdruͤckt bei ihnen jede kuͤhne Leidenſchaft in dem Emporkeimen und die kalte Vernunft, die Feindin der Liebe, beherrſcht despotiſch ihre Her⸗ zen. Ihr Kinder des Nordens koͤnnt Menſchen nicht beurtheilen, die unter der heißen Zone mei⸗ nes Vaterlandes geboren ſind, und deren Lei⸗ denſchaſten wie brennende Fieber in ihren Adern gluͤhen. Wir kennen keine Geſetze um unſere wilden Wuͤnſche und Gefuͤhle einzuſchraͤnken„ und wenn wir die erſten Aufwallungen der ſich ent⸗ zuͤndenden Liebe fuͤhlen, ſo machen wir es uns zum Verdienſte, ſie auch ſogleich zu bekennen; indem wir wiſſen, wie ſchaͤtzenswerth die be. gluͤckenden Stunden der Liebe ſind.“ „Das vortreſliche Maͤdchen,— fuhr Ali nach einer kleinen Pauſe erzaͤhlend fort,— lag liebetrunken in meinen Armen, ich war uͤber alles V gluͤcklich.„Angebete Zulima, rief ich aus,— ſprich, willſt du mein ſein?—„Ali Scheing muß mich verdienen,“ erwiederte ſie,„Was muß ich thun?— fiel ich ihr ins Wort,— nenne mir Gefahren! die Likbe wird⸗mir Kraft verleihen, ſie zu beſiegen.“ „Wenn du mich liebſt, Ali,— verſetzte ſie,— ſo reiß mich aus den Armen eines Maͤchtigen, der mich durch ſeine mir verhaßte Leidenſchaft verfolgt. Ach Ali Scheing, mein eigener Vater hat mich zum Opfer ſeiner hochfliegenden Plane beſtimmt. Hoͤre mich ruhig an und unterbrich mich nicht. Ich bin die Tachter des angeſehenen Muhameds Benſadi, und ich ſoll das Opfer ſei⸗ nes Ehrgeizes ſeyn, der ihn unbeſchraͤnkt be⸗ herrſcht, und ſeine vaͤterlichen Gefuͤhle unter⸗ druͤckt. Auf das Anrathen ſeiner Veziere hat unter Sultan beſchloſſen drei volf den auserle⸗ ſenſten Schoͤnheiten unſers Landes fuͤr ſich aus⸗ ſuchen zu laſſen. Mein Vater ſelbſt gab dieſen „Rath, den der Sultan mit Freuden annahm, und die erroͤthenden Toͤchter der Edeln wurden den jungen Monarchen vorgeſtellt, um dreie von ihnen ſelbſt zu erkieſen. Ach Ali! ich war eine von dieſen dreien, ich bin ſeinen umarmungen geweiht, vergeblich ſind meine Bitten und meine Thraͤnen, mein Vater bleibt davon ungeruͤhrt.⸗- „Das hatte ich nicht erwartet,— fuhr Au Scheing fort,— ich war beſtuͤrzt, und fuͤhlte mich unfaͤhig einen ſo gefaͤhrlichen Kampf mit dem maͤchtigen Beherrſcher der Glaͤubigen zu wagen. Zitternd ließ ich Zulima's Hand fahren und ſank betaͤubt zuruͤck. Zulima ſtand voll Ver⸗ wunderung vor mir, und ihr Auge verrieth mir deutlich, was ſie bei meirer Zaghaftigkeit fuͤhlte. „Wie ſehr habe ich mich in dir getaͤuſcht!— ſprach ſie,— All Scheing, der zu lieben wagte, erſchrickt vor dem Anblicke eines maͤchtigen Ne⸗ benbuhlers?— Zulima iſt auf ewig fuͤr ihn verloren!“ Mit dieſen Worten verließ ſie ſchnell das Gemach, ich eilte ihr nach, warf mich ihr zu Fuͤßen, und ſuchte ihren Zorn zu beſaͤnftigen, indem ich ſchwor lieber alles zu wagen, als ihr zu entſagen. In demſelben Augenblicke trat ihr Vater zu uns herein, auf einen Wink von ihm, erſchienen einige Sklaven, die mich umringten, und gebunden in das Lager zuruͤckſchleppten.“ „An dem folgenden Morgen trat mein Va⸗ ter zu mir herein, und vernichtete meine ganze ſchmeicheinde Heffnung Zulima zu beſitzen, durch die Nachricht, daß unſer Monarch Zulima feu⸗ rig liebe und ſie zu ſeiner Lieblingsſultanin be⸗ ſtimmt habe. Dieſe Nachricht warf mich ganz zu Boden, dennoch ernannte ich mich wieder und faßte den Entſchluß, den Sultan um ein gehei⸗ mes Gehoͤr erſuchen zu laſſen und ihm die An⸗ gelegenheit meines Herzens vorzulegen. Mein Wunſch ward endlich erfuͤllt, der Sultan ge- 85 85 3 und ſein Blick mich zu vernichten drohte. Ich Tod zu ſuchen, doch auch dieſer ſchien mich zu thete er um mich her, ich aber ſollte leben, um 42 waͤhrte mir das verlangte Gehoͤr. Ich wagte es ihm meine Liebe zu Zulima zu bekennen, doch kaum war der Name Zulima meinen Lippen entſchwebt, als ſich ſeine Stirn zornig umwoͤlkte, ſlehte um Gnade und Verzeihung zu ihm empor. „Hinweg!— rief er mir zornig zu.— hinweg, Verwegener, und rechne es nur deiner mir be⸗ kannten Tapferkeit und den Verdienſten deines Vaters zu, daß ich dich fuͤr deine Kuͤhnheit nicht beſtrafe. Wage es jedoch nicht ferner dein Auge 8 zu einem Gegenſtande zu erheben, den dein Sultan verehrt, oder zittre fuͤr dein Leben!“ „Voll Verzweiflung verließ ich ihn, und alle meine Bemuͤhungen Zulima wieder zu ſehen blieben fruchtlos; ſie war aus der Gegend ver⸗ 1 ſchwunden und einſam beweinte ich mit Qualen 4 des Todes ihren Verluſt. Das Leben war mir ohne Zulima verhaßt, mit wilder Raſerei ſtuͤrzte ich mich in das Gewuͤhle der Schlacht, um den ſliehen. In tauſend ſchreckbaren Geſtalten wuͤ⸗ mit jedem Tage mein Elend ter zu fuͤhlen. 18 „Jetzt ruͤckte das Heer der Chriſten nach Salem vor, hoch wehete das rothe Kreuz und eben ſo ſtolz uͤberſchauete der goldne halbe Mond die Ebene, waͤhrend die treuen Verehrer Allaty⸗s 1 ſtaͤrker und lebhafe. 4— ſich vorbereiteten, zu ſegen oder fär die Erhal⸗ tung ihres Glaubens zu ſterben. Der blutige Kampf begann, von allen Seiten des Schlacht⸗ feldes ertoͤnte das kriegeriſche Getoͤſe der ver⸗ heerenden Wafſen, und mit wilder Verzweif⸗ lung ſtuͤrzte ich in das dichteſte Gefecht; meine Wuth that Wunder der Tapferkeit, doch kein wohlthaͤtiger Saͤbelhieb wollte mich von der Bürde des Lebens befreien. Umringt von den Gefahren des Krieges erblickte ich jetzt den Sul⸗ tan in der Ferne im Gefechte mit dem Anfuͤh⸗ rer einer chriſtlichen Schaar, und ſchnell wie ein Pfeil flog ich zu ſeiner Hulfe hinzu Schon ſchwebte der Saͤbel ſeines Feindes uͤber ſeinem Haupte um ihm den letzten vernichtenden Streich zu geben, als ich den Platz erreichte, den Saͤ⸗ belhieb mit meinem Saͤbel aufſieng und den Gegner des Sultans zu Boden ſtreckte. Der Sultan druͤckte mich voll Dank an ſeine Bruſt und eilte wieder in das Gefecht zuruͤck. Die kriegeriſchen Trompeten ertoͤnten endlich zum Rückzuge, und beide Heere vegließen unbeſiect das Schlachtfel d.⸗ „Wenige Tage darauf ward ich in das zelt des Sultans gerufen, ich fand ihn umringt von ſeinen Vezieren und Naͤthen.„Ich habe Euch um mich verſammelt,— redete der Sultan ſeine Getreuen an,— uimn von Euch zu erfah⸗ ren, wie ich den am wuͤrdigſten belohnen kann, ———————— — 4⁰ der mit Gefahr ſeines eigenen Lebens das mei⸗ nige rettete“— Eine tiefe Stille herrſchte umher, endlich brach Benſadi das Stillſchwei⸗ gen, indem er ausrief:„Maͤchtiger Beherrſcher der Glaͤubigen, der Erhalter deines Lebens ver⸗ dient von dir nichts, aber alles von dem Volke, das du beherrſcheſt. Nenne uns den wuͤrdigen Mann, damit wir ihm zu Fuͤßen fallen und ihn ſegnen koͤnnen.“—„Wie?— fuhr der Sultan fort,— von mir ſelbſt haͤtte der Mann keine Belohnung verdient, der ſo edel ſeine Pflicht gegen ſein Vaterland erfuͤllte, indem er ſeinem Monarchen das Leben erhielt, der ſein Gluͤck zerſtoͤrte, da er doch ſo leicht durch deſſen Tod haͤtte triumphiren koͤnnen!“—„Deine Liebe, deine Freundſchaft, deine Dankbarkeit hat er verdient,— rief Benſadi.„Mein Herz ſtimmt dieſem Ausſpruche voͤllig bei,— erwiederte der Sultan,— der Retter meines Lebens verdient meine Liebe, meine Dankbarkett und ſoll ſie ge, nießen.— Ali Scheing! tritt näͤher, deine Tu⸗ gend, dein Edelmuth haben mich beſiegt, und jetzt ſollſt du die Fruͤchte davon genießen.“ die Pforten des Gemachs auf, und vier Skla⸗ vinnen fuͤhrten ein verſchleiertes Frauenz Magazin III, B mer 50 herein. Eine tiefe Stille herrſchte umher, Je⸗ der in der Verſammlung lauſchte mit geſpannter Erwartung auf den Ausgang dieſes Auftritts waͤhrend ich voll quaͤlender Ungewißheit der ver⸗ ſchleierten Dame entgegen ſtarrte. Der Sultan winkte den Sklavinnen, ſie zogen den Schleier von dem Geſichte ihrer Gebieterin hinweg, mein uͤberraſchtes Auge erkannte meine geliebte Zu⸗ lima.“ „Der Sultan fuͤhrte ſie in meine Arme, ich druͤckte ſie an meinen Buſen, und unſere Seelen verloren ſich in den Gefilden des Him⸗ mels. Nimm ſie, Ali Scheing, ſprach der Sul⸗ tan, du haſt ſie verdient. Ich uͤbergebe ſie rein und unbefleckt deinen Armen, empfange ſie aus meiner Hand und liebe ſie, ich kann dir kein koͤſtlicheres Geſchenk geben als dieſes, denn die Welt enthaͤlt keines, das an hohem Werthe dieſem glieche; doch ich bin uͤberzeugt, daß du das ebenfalls ſo lebhaft fuͤhleſt als ich. Nimm ſie hin, ſie iſt dein!“ „Hingeriſſen von ſo vieler Großmuth war⸗ fen wir uns ihm zu Fuͤßen, und riefen Allah um Segen fuͤr ihn an. Mit holdem Wohlwol⸗ len hob uns der Sultan von dem Boden auf, und redete mich an:„Edler Ali, meine Schuld iſt dadurch noch immer nicht ganz abgetragen. Indem ich dir Zulima's Hand ſchenke, bin ich ur gerecht, und ich wuͤrde welt mehr mit mir 2 zufrieden ſeyn, wenn ich nur aus Liebe zur Gerechtigkeit dir Zulima gegeben haͤtte, als du ſie von mir verlangteſt. An Großmuth haſt du dich uͤber mich erhoben. Es ſtand in deiner Macht mich meine Haͤrte gegen dich buͤßen zu laſſen, aber du gebrauchteſt dieſen Vortheil nicht, ſondern retteteſt auf die edelmuͤthigſte Art mein Leben, als ich huͤlflos am Boden lag.“ „Gnaͤdigſter Sultan!— erwiederte ich,— du erhebſt eine Handlung viel zu ſehr, die nichts weiter als die Erfuͤllung meiner Pflicht war. Wer wuͤrde nicht mit Freuden ſein Leben fuͤr die Erhaltung des beſten Monarchen wagen?— und ach wie ſchoͤn belohneſt du meinen Dienſt! Du giebſt mir—— „ dein war,— unterbrach mich der Sult Die Zuneigung, die ich fuͤr Zulima fuͤhlte, nur ein uͤppiges Unkraut, welches das Reifen zweier lieblichen Blummen hinderte. Es war Gerechtigkeit, dieſes Unkraut auszurot⸗ ten, und Allah wird mir Kraft verleihen, die Wunde die ich dadurch meinem Herzen verur⸗ ſache, indem ich der geliebten Zulima entſage, zu verſchmerzen.“ Ein Fluͤſtern des Beifalls und der Bewun⸗ derung durchlief die ganze Verſammlung. Ben⸗ ſadi legte die Hand ſeiner Tochtee in die meinige, eine fromme Thraͤne der Freude entfiel meines D 2— Se Paters Augen, und ich war uͤber allen Ausdruck gluͤcklich. Die Hochzeitgebraͤuche wurden bald darauf vollzogen, der Sultan war ſelbſt dabei zugegen, das ganze Land ſprach von ſeiner Großmuth und mein Hochzeittag war ein allge⸗ meiner Freudentag; denn der Sultan erſtreckte ſeine Freigebigkeit uͤber die Niedrigſten im Volke und Alles athmete mit mir zugleich Freude und Entzuͤcken.“ „Mit vereinter Macht drangen die Chriſten auf's neue gegen uns ein und bezeichneten ihren Weg mit Blut und Verheerungen. Ganz Aſien bewaffnete ſich gegen ſie, ich folgte dem Kriegs⸗ 4 zuge, und meine geliebte Zulima begleitete mich, Allah verlieh ihr Kraft und Ausdauer zu dieſer gefahrvollen Unternehmung. Wir langten zu Gudingooma an, wo die Chriſten ſich gelagert hatten, und griefen ſie mit Muth und Tapfer⸗ keit an. Ein neuer Muth belebte meine Bruſt nebſt dem Feuer, das mich fuͤr mein geliebtes Weib in dem Gefechte beſeelte, meine Loſung war: fuͤr Zulima, mein Baterland und meinen Monarchen!— ſo ſtuͤrzte ich mich mit meiner Schaar in die Feinde, und wo ich hintrat, breitete ſich Tod und Schrecken unter meinem Schwerdte aus. Doch meine Kuͤhnheit verleitete mich zu weit, ich ward von meinen Kriegern abgeſchnit⸗ ten, umringt und zu Boden geworfen. Von allen Seiten ſchwebten die feindlichen Schwerdter 53 uͤber mir, als ploͤtzlich meine Zulima ſich durch meine Feinde hindurch draͤngte, ſich verzweif⸗ lungsvoll uͤber mich warf, und meine erbitter⸗ ten Gegner um Schonung meines Lebens an⸗ flehte. Man verlachte jedoch ihr aͤngſtliches Ge⸗⸗ ſchrei, und ſchon waren die Schwerdter meiner Feinde uͤber uns gezuͤckt, um uns Beide nie, derzuſtoſſen, als ploͤtzlich ein junger Ritter von dem edelſten Anſehen an unſere Seite trat, und Schonung befahl.„Haltet ein!— rief er mit gebietender Stimme. Wer von euch koͤnnte unmenſchlich genug ſeyn, den bewaffneten Arm gegen Wehrloſe zu heben, und ſein Ohr vor ihrem Flehen um Schonung zu verſtopfen?— Wage es keiner ſie anzutaſten! Hinweg von hier! Entfernt Euch, und lernet, daß derjenige, welcher wahren Sieg ſucht, ihn am ſicherſten in der Begnadigung des gefallenen Feindes findet.“ 1 Meine furchtbaren Gegner zogen ſich beſchaͤmt und ehrfurchtsvoll zuruͤck, und dankbar ſanken wir zu den Fuͤßen unſers Erretters. Der edel⸗ muͤthige Chriſt hob uns von den Boden auf und entfernte ſich, indem er unſern Dank von ſich ab.. zulehnen ſuchte und uns empfahl, das Schlacht: feld ſchleunig zu verlaſſen, wo das chriſtliche Kreuz jetzt ſiegend wehte. Unſere Truppen wa⸗ ren geſchlagen, wir wurden bis nach Bedamoora zuruͤckgedraͤngt, und der Tod unſers gellebten 51 Monarchen, der in der Schlacht fiel, vermehrte den Schmerz uͤber den Verluſt des Sieges. Der Tod des Sultans entflammte unſere Truppen mit neuem Muthe und Rache, die Chriſten konnten ihren Wuth und Tapferkeit nicht wie⸗ derſtehen, mit einem unermeßlichen Verluſte flohen ſie nach allen Gegenden hin, und bald darauf verließen ſie unſere Ufer. Benſadi und Zantma, mein Bater, blieben in der Schlacht.“ „Jetzt laͤchelte endlich wieder der Friede mit ſeinen begluͤckenden Segnungen auf uns herab. Tage der Freude und des Gluͤcks ſchloſſen ſich an die vergangenen Tage des verheerenden Kriegs anz ruhig und ungeſtoͤrt konnte ich mich des himmelhohen Gluͤcks meiner Liebe in Zulima's Armen freuen, und meine Freude ward jetzt noch um vieles erhoͤht, als mein geliebtes Weib mir einen holden Knaben gebar.“ „Der Bruder des verſtorbenen Sultans be⸗ ſtleg jetzt den Thron, und dieſer verurtheilte 8 die chriſtlichen Gefangenen aus dem lezten Kriege zum Tode. Der beſtimmte Todestag dieſer Un⸗ gluͤcklichen erſchien. Der Weg nach dem Richt⸗ platze fuͤhrte dieſe Ungluͤcklichen an unſere Woh⸗ nung voruͤber, und von innigem Mitleid erfuͤllt, aber zu ſchwach ſie zu retten, ſahen wir die Armen unter unſerm Fenſter dahin fuͤhren, als Zulima unter dieſen ungluͤcklichen Schlachtopfern den edelmuͤthigen Chriſten erkannte, der uns —-—V—V—V——B——:ꝛ— Beide auf dem Schlachtfelde rettete. Ich konnte meinen und meiner geliebten Zulima edelmuͤthi⸗ gen Retter unmoͤglich dem martervollen Tode uͤberlaſſen, ſondern unverzuͤglich eilte ich ihn zu retten. Der Sultan erhoͤrte mein dringendes Flehen um Gnade, der Gefangene, der kein anderer als Adelfred der Beſitzer von Landed⸗ der war, ward in das Gefaͤngniß zuruͤckgefuͤhrt.“ „Ich erhielt nebſt Zulima die Erlaubniß den Gefangenen zu beſuchen, gegenſeitige Achtung und Dankbarkeit weckten in unſern Herzen die Gefuͤhle der Freundſchaft, deren wohlthaͤtige Pflanze in unſerm Innern mit jedem Tage mehr und mehr emporkeimte. Ich wagte es endlich den Sultan, um die Freilaſſung meines Freundes zu bitten, indem ich alles anwandte, was meine innige Freundſchaft fuͤr Adelfred mir eingab, aber ver⸗ gebens, der Sultan blieb taub gegen meine Bit⸗ ten. Zulima vereinigte ihre Bitten mit den meinigen, wir warfen uns dem Sultan zu Fuͤßen und beſchwuren ihn mit Thränen um die Frei⸗ laſſung unſers Freundes und Erretters, doch unſer Flehen blieb abermals fruchtlos, und woll⸗ ten wir nicht den Zorn des Monarchen gegen uns ſelbſt richten, ſo mußten wir von unſerm Be⸗ gehren abſtehen.“ „Faͤnf Jahre mußte der arme aseffa in Umgang gab unſerer gegenſeitigen Freundſdaft 4 1 56 ihre voͤlllge Reife; ungeachtet der Verſchieden⸗ heit unſers Glaubens liebten wir uns als Bruͤder. In dieſem Zeitraume hatte mir mein geliebtes Weib vier holde Kinder geboren, und das erſte, das lallen konnte, lehrte ich Adelfred's Namen ſegnen.“ „Nach mancherlei fruchtloſen Anſchlaͤgen meinen Freund in Freiheit zu ſetzen, entdeckte Adelfred eine kleine Oefnung in ſeinem Gefaͤng⸗ niſſe, die auf die Hoͤfe des Pallaſtes fuͤhrte und ihm durch meine Unterſtuͤtzung zur Flucht be⸗ huͤlflich ſeyn konnte. Ich war ſogleich bereitwil⸗ lig dazu ihm die Flucht zu erleichtern; dennoch war kein anderer Weg meinen Freund in Freiheit zu ſetzen, als durch die Pforten des Pallaſtes. Ich nahm daher keinen Anſtand, den Pfoͤrtner durch eine nahmhafte Summe fuͤr unſern An⸗ ſchlag zu erkaufen um uns die Pforten zu oͤffnen. Auf dieſe Art gelang es mir, Adelfreden in ei⸗ ner Verkleidung in Freiheit zu ſetzen. Mit aller Innigkeit meines ihn liebenden Kerzens freuete ich mich des gelungenen Anſchlags und in einer feurigen Umarmung ſeierten wir die ſchmerzvolle Scene der Trennung, als wir beide durch eine naͤchtliche Patrouille uͤberraſcht und angehalten wurden. Ich nannte jedoch dem Anfuͤhrer der Patrouille meinen Namen, und ehrerbietig zog 5 mit ſeiner Mannſchaft zuruͤck ohne unſern Zeg weiter zu ſtoͤren. Adelfred eilte nach einer —n—;— —— — ohne Weigern meinen Antheil an Adelfred s 5⁷ Felſenhoͤhle unweit Bedamoora, die ich ihm ent⸗ deckte, wo er verborgen die folgende Nacht er⸗ warten und alsdann um ſo ſicherer ſeine Faucht zu dem Meeresufer fortſetzen ſollte, und ich kehrte in tiefe Traurigkeit verſunken zu meiner Zulima zuruͤck, die ich in Thraͤnen uͤber die Tren⸗ nung von unſern beiderſeitigen ſo innig geliebten Freunde antraf.“ „Adelfred's Flucht ward ſogleich an dem folgenden Morgen entdeckt, und es blieb nicht lange zweifelhaft, daß ich dem Gefangenen zu ſeinem Entkommen behuͤlflich geweſen war. Ehe ich noch den harten Schlag ahnete, der mir be⸗ vorſtand, ward ich aus den Armen meines ge⸗ liebten Weibes und meiner jammernden Kinder geriſſen und vor den Sultan gebracht. Alle Beweiſe ſprachen gegen mich und ich bekannte Flucht, dennoch verachtete ich das Mittel den Zorn des Sultans durch Verrath der Freund⸗ ſchaft zu beſaͤnftigen und den verborgenen Auf⸗ enthalt Adelfred's zu entdecken. Mit der groͤß⸗ ten Erbitterung befahl mir endlich der Sultan, den Fluͤchtling aufzuſuchen und mit meinem Kopfe fuͤr ihn zu buͤrgen. Bis zu dem naͤchſt⸗ folgenden Tage ſollte ich Adelfred wieder zu⸗ 37 ruͤckbringen oder meinen Kopf verlieren.“ „Mit dem feſten Entſchluſſe, redlich an meinem Freunde zu handeln, eilte ich unverzuͤg⸗ . lich nach der Hoͤhle, die Adelfreden verbarg. Ich entdeckte ihm die nahe drohende Gefahr, die uͤber mir ſchwebte; da ich jedoch zu redlich gegen ihn dachte, als daß ich ihn der Rache des Sultans wieder uͤberliefern konnte„ſo drang Adelfred ſo lange mit Bitten, Thraͤnen und Vorſtellungen in mich, bis ich mich endlich in der Groͤße meines verzweiſlungsvollen Schmer⸗ zes entſchloß: mein Vaterland und Alles, was mir werth und theuer war, zu verlaſſen und mit ihm zu fliehen; indem Adelfred mir die ſchmeichelnde Hoffnung, meine geliebte Zulima in einem chriſtlichen Lande wieder zu finden, ſo ſehr zur Gewißheit zu erheben wußte, daß ich keinen Augenblick an der Erfullung dieſer Hoffnung zweifeln konnte. Wir eilten zu dem naͤchſten Ufer, wo uns ein Boot aufnahm und mit uns den fernen Gegenden zuſegelte.“ „Adelfred ward von einer begluͤckenden Hei⸗ terkeit beſeelt, allein jemehr ich jetzt reiflicher uͤber meine Flucht nachbachte, um ſo niederge⸗ ſchlagener und trauriger ward ich. Ich hatte zwar nicht unterlaſſen, meinem geliebten Weibe ddurch den zuruͤckkehrenden Schiffer Nachricht von mir zu geben und ſie zu bitten mir unverzuͤg⸗ lich nachzukommen, allein es war ſehr zweifel⸗ haft, ob Zulima dieſe Nachricht erhalten wuͤrde, und mit jedem Schritte, mit welchem ich mich von Bedamoora weiter entfernte, ſtieg meine 59⁹ bange Ahnung, daß ich mich auf immer von Weib und Kindern trenne. Tiefe Schwermuth be⸗ maͤchtigte ſich meiner Seele, und mein Schmerz grenzte an Verzweiflung, wenn ich an Zulima und meine armen verwaiſten Kinder dachte. In dieſem fuͤrchterlichen Zuſtande meines In⸗ nern kamen wir Beide endlich in einem europaͤi⸗ ſchen Hafen an, wo es ein Schiffer uͤber ſich nahm uns nach Britannien zu bringen. Wir kamen in Wallis an, aber um die Ruhe und um das Gluͤck meines Lebens war es auf immer geſchehen. Getrennt von Weib und Kindern, die uͤber meine Flucht untroͤſtlich ſeyn muͤſſen, muß ich jeden Tag mit neuem wuͤthenden Schmerze mein trauriges Daſeyn beſeufzen.“ Der Unglaͤubige endigte hier ſeine Erzaͤhlung und ein Strom von Thraͤnen zeugte von der Groͤße und Heftigkeit ſeines Schmerzes.„Bei Gott!— rief Iſerit mit erkuͤnſtelter Ruͤhrung und Tdeilnahme aus,— ich fuͤhle die ganze Groͤße deiner Leiden, in welche dich die Waͤrme deines Herzens und dein Edelmuth gefuͤhrt ha⸗ ben. Armer ungluͤcklicher Ali!“ „Ja wohl ungluͤcklich!— ſeufzte Ali,— ach koͤnnte ich nur noch einmal meine geliebte Zulima ſehen, nur noch einmal meine verwais⸗ ten Kinder an mein Herz druͤcken!“ „Denke nicht weiter hieran, armer Ali!— fiel ihm Iſerit inss Wort,— deine geliehte — 4 6 n f — 60 Zulima und deine armen jammernden Kinder ſind auf immer fuͤr dich verloren. Doch ich will dein Elend nicht noch mehr vergroͤßern, indem ich dir die Augen über Adelfreds Verraͤtherei oͤffne.“ „Verraͤtherei?“— fragte Ali Scheing ver⸗ wunderungsvoll „So ſagte ich,— erwiederte Iſerit,— warlich es war nicht edel„es war Hochverrath der heiligſten Pflichten, daß Adelfred kein Be⸗ denken trug ſeine Freiheit um einen ſo hohen Preis zu erkaufen und den Gatten den Armen ſeiner zaͤrlich geliebten Gattin, den Bater ſei⸗ nen armen huͤlfloſen Kindern zu entreißen und dieſe der Rache des ergrimmten Sultans Preis zu geben, um nur ſich ſelbſt in Freiheit zu ſe⸗ hen. Und hat er das große Opfer deines Edel⸗ muthes auch wirklich verdient? Sprich ſelbſt, beguͤnſtigt dich der gluͤckliche Adelfred noch im⸗ mer in eben dem Grade, als damals, wo er ungluͤcklich war? Theilt er wohl deinen ſtillen Gram, ſucht er ihn zu mildern? oder vermeidet er dich nicht vielmehr, zieht er ſich nicht immer mehr und mehr kalt von dir zuruck?“ Ein ſchreckliches Licht fuhr bei dieſen Wor⸗ ten durch Ali's Seele, er verſank in tiefes Nach⸗ denken.„Edler Ali!— fuhr Iſerit gegen ihn fort,— welch eine Seele haſt du! beim Him⸗ mel ich komme auſſer mir uͤber das dir zugefuͤgte —y— —— 61 Unrecht. Mein Blut kocht, Haß und Gefuͤhl der Billigkeit ſpannen meinen Arm zur Rache. Du biſt ganz Wahrheit. Adelfred iſt ganz Falſch⸗ heit. Was hat er fuͤr dich gethan, um deine Großmuth wuͤrda zu belohnen?— daß er mit— dir, als einem Sklaven, prunkt? ja, das Joch der Sklaverei und niedriger Knechtſchaft, iſt der Lohn fuͤr deine Tugend. Auf! erwache ge⸗ taͤuſchter, gemißhandelter verachteter Ali, und waffne deinen Arm zur Rache!“ „Du treibſt mich zum Wahnſinn!“— rief der Unglaͤubige. Leidenſchaft erſtickte ſeine Stim⸗ me, ſein Auge flammte fuͤrchterlich, ſein ganzes Inneres war in ſchrecklicher Bewegung.„Du Gott Aſiens,— ſtammelte er mit furchtbarem Ausdruck,— wenn es Wahrheit iſt, wenn Adel⸗ fred falſch und treulos iſt, ſo ſtaͤrke meinen Arm, daß ich die Erde von dieſem Ungeheuer befreie; nicht ſoll ihn alsdann vor meiner Rache ſchuͤtzen.“— Taͤglich und ſtuͤndlich wirkte der nichtswuͤr⸗ dige Iſerit, als beſtaͤndiger Begleiter des Un⸗ glaͤubigen, auf deſſen wilde Leidenſchaften. Der Keim des Argwohns, den der Vetraͤther in Ali's Herz gepflanzt hatte, faßte mit jedem Tage feſtere Wurzel, und, jetzt da Ali Scheing einmal ſo geneigt war, ſich von Adelfred betroo gen zu glauben, ſo erſchien ihm auch jede ſei⸗ be erklaͤrte ſein wildrollendes Auge und ſeine vam irmern Grimm verzogenen Mienen, ſeine innern Bewegungen in Gegenwart des niedergeſchlage⸗ nen Adelfre'ds, deſſen Niedergeſchlagenheit und Schwermuth Ali Scheing feg Kaltſinn gegen ſich hielt, indem Iſerit geſchaͤftig war, daß Ali den Schein von der Wahrheit nicht unterſchei⸗ den konnte. 3 Jetzt bereitete Iſerlt den letzten Schlag vor, der den argloſen Adelfred vernichten ſollte. Der Boͤſewicht hatte Ali bis auf den Grund ſeines Herzens ausgeforſcht und die Entdeckung gemacht, daß er nur durch ſchnelle Ueberraſchung zu eimer That koͤnne gebracht werden, gegen welche ſich ſein Inneres noch immer in ruhige⸗ ren Aug enblicken empoͤrte. Iſerit beſchloß daher, Adelfred'en auf irgend eine Art in die unteren Gewoͤlbe der Burg zu locken, wo er alsdann dem Ungllaͤubigen mit ſeiner argliſtigen Bosheit ſo ſehr umſtricken wollte, daß dieſer endlich ſei⸗ nen Plan ausfuͤhren und Adelfreden niederſtoſ⸗ ſen muͤſſe. Um jeder Entdeckung auszuweichen, ſollte Owa in, als Richter des Moͤrders, dieſen augenblickl ich zum Tode verurtheilen, und alles war von deen beiden Boͤſewichtern ſo liſtig ange⸗ legt, daß ſte ſich ſchon im Voraus des gelingen⸗ den Bubenſttuͤcks freuen konnten. Das Geruͤcht, daß Helena noch lebe und voon Owain eingekerkert gehalten werde, war —— —— auch zu Adelfred's Ohren gedrungen, allein ſo feurig er auch wuͤnſchte, daß die noch immer von ihm ſo innig geliebte Helena wirklich noch am Leben ſeyn moͤge, ſo ſehr mußte er dennoch die Wahrheit jenes Geruͤchtes bezweifeln, indem er dem Owain unmoͤglich einen ſo hohen Grad von Bosheit und Verſtellung zutrauen konnte. Hierauf gruͤndete jetzt Iſerit ſeinen Plan, und⸗ eines Tages erhielt Adelfred folgenden Brief⸗ von unbekannter Hand: „Adelfred, ſetzet nicht zu vieles Vertrauen nin den ſcheinheiligen Owain; ſeine Tugend niſt eitel Gleisnerei und Verſtellung, wo⸗ „durch er Euch taͤuſchte. Das Geruͤcht, „daß Helena noch lebe, luͤgt nicht, und es nkommt blos auf Euch an, Euch von der „Wahrheit deſſelben zu uͤberzeugen. Helena niſt nicht todt, ſie lebt in einem der un⸗ „terirrdiſchen Gewoͤlbe der Burg, wohin „ſie Owain verbannte, ein elendes bejam⸗ „mernswuͤrdiges Leben. Seyd verſchwie⸗ „gen, und wenn die Mitternachtſtunde „toͤnt, dann ſteigt hinab in die Gewöͤlbe, „wo Ihr einen Freund finden werdet, der „Euch in die Arme der Geliebten fuͤhren „wird.“ Adelfred wußte kaum, ob er ſeinen Au⸗ gen trauen duͤrfe; uͤberraſcht, erſtaunt und von verworrenen Gefuͤhlen ergriffen ſtand er da und 64 ſtarrte den Brief an, bis er denn endlich von ſeinem Erſtaunen ſich erholte und den Entſchluß faßte das Raͤthſel zu enthuͤllen, in die Gewoͤlbe hinabzuſteigen, und ſich auf jeden Fall von der Richtigkeit oder Falſchheit der erhaltenen Nach⸗ richt zu uͤberzeugen. Mit dieſem Vorſatze er⸗ wartete er, von verworrenen Gefuͤhlen erfuͤllt, die kommende Nacht. Die Stunden des Tages eilten voruͤber, die Nacht erſchien, und rings umher herrſchte ein tiefes Stillſchweigen in der Burg und im Thale, aber deſto lauter ſprachen die verworrenen Stim⸗ men in Ali's Buſen, welche Iſerit den Tag uber durch ſeine argliſtigen Zuredungen in ihm aufgeregt hatte. Voll aͤngſtlicher Unruhe und voll qualvollen Ideen, durchwachte Ali die Nacht, als Iſerit zu ihm trat und in Geſpraͤchen, welche Bezug auf die folgende Scene hatten und dieſe vorbereiten mußten, den Unglaͤubigen mit ſich fort durch die Hallen der Burg und nach den un⸗ terirrdiſchen Gewoͤlben zog. Durch einen langen und engen Gang ge⸗ — langten Beide zu einer ſteilen ſteinernen Treppe, welche in die Tiefe hinab zu den Gewoͤlben fuͤhrte. Die Thuͤre des unterirrdiſchen Gewoͤl⸗ bes ſtand geoͤffnet, und in einiger Entfergung erblickte man Adelfreden mit einer Fackel, der ſehr unruhig zu ſeyn ſchien und mit raſchen 65* Schritten im dem duͤſtern Raume umherſchritt, als wenn er von Erwartung gequaͤlt wuͤrde. Der argliſtige Iſerit hatte den Ali Scheing aus gutem Vorbedacht verſchwiegen, daß er ab⸗ ſichtlich dieſen Weg mit ihm genommen hatte; er wollte ihn durch Adelfred's Anblick uͤberra⸗ ſchen, waͤhrend er durch ſein Geſpraͤch mit Alt darauf bedacht war, daß dieſe ſeine Ueberraſchung zur Ausfuͤhrung ſeines lange genaͤhrten ſatani⸗ ſchen Planes fuͤhren mußte. „Wohin haſt du mich gefuͤhrt?— warum muß ich gerade jetzt hierher kommen?“— rief Ali Scheing erſchrocken aus, als er Adelfreden in der Ferne erblickte. „Eine hoͤhere Macht ſcheint hierbei mitge⸗ wirkt zu haben, um deinen ſchwankenden Ent⸗ ſchluße der Rache zu ſtaͤhlen,— erwiderte der Verraͤther.— Denke an die Schmach, die der Verhaßte dir zufuͤgte, rufe das Andenken an dein ungluͤckliches Weib, an deine verwaiſten haͤlfloſen Kinder in dich zuruͤck, und benütze den Augenblick, den der Himmel dir zur Beſtrafung des Verhaßten darbietet. Wir ſind entdeckt, ausweichen kannſt du nicht mehr, geh Ali, tritt dem Nichtswuͤrdigen keck entgegen, und zage nicht, ſondern handle.“ Iſerit eilte zuruͤck, und lauſchte in einiger Entfernung auf den husgang dieſer Seene. Magazin III. E 36 Adelfreden hatte das Geraͤuſch an dem Eingange der Gewölbe aus ſeinem duſtern Nachdenken aufgeſch eckt, er blieb ſtehen, und indem er die Fackel uͤber ſein Haupt hielt, blickte er forſchend nach der Urſache dieſes Geraͤuſches. Voll Ver⸗ wunderung den Ali Scheing zu einer ſolchen Zeit an dieſem Orte zu erblicken, kam Adelfred auf dieſen zu:„Iſt es moͤglich?— redete Adel⸗ fred den Unglaͤubigen an,— Ali Scheing, du biſt es?— ſprich, wie ſoll ich mir das Raͤthſel deiner unerwarteten Erſcheinung an dieſem ſchauervoſlen Orte und in dieſer Mitternachts⸗ ſtunde erklaͤren 2⸗. „Der Zufall, oder eine unſichtbare hoͤhere Macht, hat mich hierher gefuͤhrt,“— erwi⸗ derte Ali kalt, und mit dumpfer Stimme eines gewaltſam unterdruͤckten Zornes. „Zufall?— fragte Adeifred mit erhoͤhter Verwunderung,— und du haͤtteſt keinen andern Antrieb dazu gehabt, dieſen ungewoͤhnlichen We anzutreten?“ „Keinen,“ murmelt Ali Scheing duͤſter vor ſich hin. „Sey es wie es wolle,— erwiderte Adel⸗ fred,— ſo muß ich von dir verlangen, mich jetzt zu verlaſſen.“ In die em Augenblicke brumm⸗ te die Glocke die Stunde der Mitternacht, und Adeifreos Ungeduld und Unruhe ſchien ſich mit jedem Schlage der Glocke zu vermehren.„Ver⸗ —— —— 5 laß mich, Ali! und ſtoͤre mich hier nicht! rief er dem Unglaͤubigen zu.„Nein, du ſollſt mich hoͤren!— rief dieſer mit zornbefluͤgelter Stimme,— ich habe mit dir zu rechten!“— „Morgen, morgen,“— unterbrach ihn Adel⸗ fred, indem er ihn etwas unſanft von ſich ſchob und die Treppe hinunter in das Gewoͤlbe eilte. Jetzt trat Iſerit aus ſeinem Hinterhalte wieder hervor und an Ali's Seite.„Nun?— redete er dieſen an,— bedarf es noch eines Beweiſes zur Beſtaͤtigung meiner Worte?— behandelt man ſo den Freund, den Retter ſei⸗ nes Lebens? Wehe dir, Ali! wenn du dieſe ſklaviſche, dich entehrende Behandlung gelaſſen ertragen kannſt. Ali Scheing, wo iſt das hef⸗ tige Feuer Aſiens? wo iſt der Geiſt und der edle Muth der Anbeter des Allah, deren du dich ruͤhmteſt?“ Ali war in der heftigſten Bewegung, die ihn gaͤnzlich auſſer ſich ſetzte, und Iſerit fuhr fort.„Adelfred erſchlug den großen Sultan Perſiens, deinen Freund und Wohlthaͤter, der dir auf eine ſo edelmuͤthige Art, die geliebte Zulima ſchenkte. Er ſchonte zwar deines eigenen Lebens und rettete dich aus den Häͤnden ſeiner grauſamen Krieger, aber warlich nicht aus rei⸗ nem Edelmuthe. Zulima, die ſchoͤne und rei⸗ zende Zulima, war ja dabei gegenwaͤrtig, ſeiner E 2 8 genug, dein Leben zu ſchonen um ſich durch dieſe erkuͤnſtelte Großmuth bei Zulima deſto hoͤher in Gunſt zu ſetzen.“ Ali knirſchte vor Wuth, die ihn auſſer Stand ſetzte ein Wort hervorzubringen. Iſerit bemerkte dieſes ſehr gut und ermangelte nicht dieſe empoͤrenden Gefuͤhle in Ali's Buſen ſtaͤr⸗ ker empor zu fachen, indem er ſtuͤrmiſcher fort⸗ fuhr::„Aus Dankbarkeit retteteſt du ſein Leben, und zum Lohne fuͤr deinen Edelmuth, trug er kein Bedenken, dir alles das zu rauben, was dir weit theuerer als dein Leben war. Er ent⸗ riß dich den Armen deines geliebten Weibes und deiner huͤlfloſen Kinder. Du opferteſt den Frieden deines Herzens fuͤr ihn auf, und was iſt ſein Dank? daß er dich zu ſeinem Sklaven machte und aus ſchaͤndlichem Eigennutz dir Hoff⸗ nungen vorſpiegelte, die niemals konnten erfuͤllt werden, indem er dir damit ſchmeichelte deine Zulima wieder zu finden, die doch auf ewig fuͤr dich verloren war. Damals, als er deiner Huͤlfe noch bedurfte, wuͤrde er dich nicht ſo wie jetzt oon ſich geſtoſſen haben. Jetzt haßt er dich, und dein tiefer Schmerz uͤber den Jerluſt deſſen, was ſein Eigennutz dir raubte, macht ihm Ver, gnuͤgen, wuͤrde er auſſerdem nicht alles aufbie⸗ ten um dir Troſt zu ſchenken und durch dop⸗ pelte Liebe das Geſchehene vergeſſen zu machen? Auͤſternheit geluͤſtete vielleicht nach ihr. Grund 69 Ali Scheing kann ja nicht weiter erretten, ſeine Dienſte ſind voruͤber, Adelfred bedarf ſeiner nicht mehr, er iſt ſeiner uͤberdruͤßig und der Un⸗ dankbare ſtoͤßt ihn nun veraͤchtlich von ſich.“ „Nichts mehr!— knirſchte der Unglaͤubige, — du treibſt mich zur Verzweiflung.“ „Er ſterbe!— fuhr Iſerit fort,— um des Sultans willen, der die geliebte Zulima von ſeinem blutenden Herzen riß, um dein Gluͤck zu gruͤnden; um deines Weibes willen, das in troſtloſem Jammer verſchmachtete; um deiner armen verlaſſenen Kinder, um des Verluſtes deiner Freiheit willen!“ All Scheing war auſſer ſich, ſein Anblick war uͤber jeden Ausdruck ſchrecklich und fuͤrch⸗ terlich, und unwillkuͤhrlich griff ſeine Hand nach dem Dolche. In dieſem Augenblicke erſchien Adelfred's Geſtalt in einem Mantel gehuͤllt in dem hintern Theile des duͤſtern Gewoͤlbes, und ſeiner ſelbſt nicht mehr bewußt, ſtuͤrzte Ali ihm mit gezuͤcktem Dolche entgegen, und ſtieß ihn dem Verhaßten in die Bruſt. Mit einem durch⸗ dringenden Ausrufe des Schreckens ſtuͤrzte das Schlachtopfer ſeiner Wuth entſeelt zu Boden. Die ſchreckliche That war vollbracht, und voll ſataniſcher Schadenfreude eilte nunmehr Iſerit zuruͤck, um in der Burg Laͤrm zu unn. chen und Leute herbei zu holen. In grauſenvoller Stellung ſtand Ali Sdena 70 bleich und bebend und zum Geſpenſt entſtellt, uͤber dem blutenden Leichname. Die ſchrecklich⸗ ſten Gedanken durchkreuzten ſein Gehirn, man⸗ nichfaltige verworrene Leidenſchaften wüͤtheten in ſeinem Innern und kaͤmpften mit der Natur. Sein Buſen war gewaltſam zuſammengepreßt, ſein Herz war zerriſſen, unfaͤhig den ſchreckli⸗ chen Sturm in ſeinem Innern zu ertragen und von den Schaudern des Todes durchſchuͤttert, ſtuͤrzte er zur Erde und ohne einen Seufzer gab gab er das Leben auf. Ploͤtzlich ward die Hoͤhle von Fackelſchein erhellt, und eine Menge Vaſallen Adelfred's, von Iſerit angefuͤhrt, naͤherten ſich eilig dem Schauplatze dieſer Schreckensſcene. Stuͤrmiſch drangen ſie herein und dem blutenden Leichname des Ermordeten entgegen, doch kaum hatten ſie dieſen erblickt, als ſie auch uͤberraſcht zuruͤck⸗ taumelten und wie aus einem Munde riefen: „Owain!“— Von dieſem Ausrufe bis in das Innerſte der Seele gewaltſam durchbebt, eilte Iſerit naͤ⸗ her hinzu und von Entſetzen ergriffen taumelte er zuruͤck, als er in dem Ermordeten den Ge⸗ noſſen ſeiner Bosheit, den nichtswuͤrdigen Owain erkannte. Der Böſewicht zitterte und war dem Umſinken nahe, kalter Schweiß befeuchtete ſeine Stirn und mit graſſen Blick ſtarrte ſein Auge 71 den Leichnam an, ohne ſich das Raͤthſel dieſes Auftritts ertlaͤren zu koͤnnen. In dieſem Augenblicke der allgemeinen Ver⸗ wirrung erblickte man Adelfred, der jetzt aus einem innern Gewoͤlbe der Hoͤhle hervortrat. An ſeinem Arme ſchwebte ein Frauenzimmer matt und kraftlos daher. Ein allgemeines Freudengeſchrei durchdrang die Hoͤhle, als die Vaſallen ihren Gebieter erblickten; mit unge⸗ ſtümmen Entzuͤcken ſtuͤrmten ſie ihm entgegen und von allen Seiten toͤnte es wie aus einem Munde⸗„Es lebe der edle Adelfred!“ Bleich und zitternd ſtuͤrzte Iſerit zu Adel⸗ fteds Fuͤßen hin, und ſeine entſtellten Zuͤge, ſein Beben, waren die beredeſten Zeugen ſeines ſchuldbewußten Innern. Von dem Schrecken dieſes unerwarteten Ausgange ſeines Buben⸗ ſtuͤcks heftig erſchuͤttert, bekannte der Boͤſewicht ſeine Schuld, und voll Schaudern und Entſetzen traten die Anweſenden bei ſeinem Geſtaͤndniſſe zuruͤck. Als Adelfred ſich von Ali Scheing loßriß und nach dem hintern Theile der Hoͤhle eilte, um die Ankunft des unbekannten Freundes zu erwarten, auf welchen ihn der erhaltene Beieß aufmerkſam gemacht hatte, drangen die Seuf⸗ zer einer klagenden weiblichen Stimme aus ei⸗ nem der innern Gewoͤlbe zu ſeinem Ohr. Von Erſtaunen gefeſſelt, lauſchte er, woher dieſe Klagtoͤne kaͤmen, und von bangen Ahnungen erfuͤllt, ſtuͤrzte er nach dem Gewoͤlbe hin, als er in den Seufzern dieſer weiblichen Stimme ſeinen Namen hoͤrte. 1 Er drang in das Gewoͤlbe ein, und bei dem ſchwachen Scheine einer Lampe, die von der Decke herabhieng, erblickte er auf einem elenden Strohlager eine weibliche Geſtalt, die er ſogleich fuͤr Helenen erkannte., Mit einem durchdringenden Ausrufe der heftigſten Ueber⸗. raſchung ſtuͤrzte er der todtbeweinten Geliebten entgegen, doch kaum erkannte Helena den ge⸗ liebten Adelfred, als ſie, von der Heftigkeit ihrer freudigen Ueberraſchung betaͤubt, ohnmaͤch⸗ tig in Adelfred's Arme ſank. Seine feuervollen Kuͤſſe riefen jedoch bald wieder ihre entflohenen Lebensgeiſter zuruͤck, und voll Entſetzen ſchau⸗ derte Adelfred, als er aus Helenens eigenem Munde die Beſtaͤtigung von Ruthwold's Aus⸗ ſage vernahm.— Ifſerit hatte dem Genoſſen ſeiner Buͤberei ſeinen Plan, der dieſe Nacht ſollte ausgefuͤhrt werden, mitgetheilt, da jedoch Owain befuͤrch⸗ tete, daß dieſer Anſchlag auf Adelfred's Leben mißlingen koͤnnte, ſo war er ſelbſt in einen Mantel gehuͤllt, nach den Gewoͤlben der Burg gekommen, die mit dem Kloſter, worin er lebte, durch unterirrdiſche Gaͤnge in Verbindung ſtan⸗ den, Den Boͤſewicht quaͤlte die Beſorgniß, daß — 2³ das Schlachtopfer ſeiner Bosheit, die ungluͤck liche Helena, in ihrem Kerker moͤchte von Adel⸗ fred entdeckt werden, und indem er dieſes durch ſeine Gegenwart zu vermeiden ſuchte, fand er ſeinen wohlverdienten Tod. Den nichtswuͤrdigen Iſerit machten ſeine Verbrechen und zahlloſen Buͤbereien uͤberreif zum Tode, und er fand ihn unter dem Beile des Henkers. Owain's Koͤrper ward im Stillen begraben, waͤhrend Ali Scheing's Leichnam mit feierlichem Gepraͤnge der Erde uͤbergeben ward. Adelfred ließ ein koͤſtliches Grabmahl uͤber ſeiner Gruft errichten, auf welchem ſeine vielen Tu⸗ genden und ſeine Verdienſte um Adelfred einge⸗ graben waren, und kein Vorwurf miſchte ſich in das liebevolle Andenken, das Adelfred dem ungluͤcklichen Ali ſchenkte. Helena genas bald wieder unter der ſorg⸗ ſamen Pflege Adelfred's, und mit verjuͤngtem Glanze umſtrahlte ſie der Zauber ihrer Schoͤnheit wieder. Die Hochzeitgebraͤuche wurden vollzo⸗ gen, und Tauſende ſegneten die vereinigten Namen: Adelfred und Helena; denn ihr Hoch⸗ zeittag war, ſeit dem Tode des edeln Karadok, der erſte neuerwachende Tag des wahren Gluͤcks und Segens fuͤr die Vaſallen von Lanbedder. 24 Der Nitter. mit dem blutrothen Federbuſche. Eine Walliſiſche Sage. Eine kalte ſtuͤrmiſche Winternacht lag uͤber die ſchlummernde Welt ausgebreitet; einſam und mit furchtſamen Schritten eilte ein Pilger daher. „ Wohin des Weges?“— redete ihm der Ere⸗ mit des nahen Felſen an, der eben nach ſeintee Klauſe zuruͤckkehrte. „Kalt iſt der Nordwind, der um die Ge⸗ birge tobt,— ſeufzte der Pilger— eiſig iſt der 3 Schnee, der uͤber die Halde weht, gefroren iſt der Pfad, der ſich durch den Forſt windet, auf den blaͤtterloſen Baͤumen haͤngt des Winters grauer Froſt, und freudenleer iſt die Bruſt deſe ſen, der beſtimmt iſt, den einſamen Pfad in einer Nacht wie dieſe dahin zu wandern.“ Eremit. Wende dich Pilger, und richte deinen Schritt zu Rhudd an's verfallenen Mau⸗ ern, ſie werden dir Schutz und Ruhe darbieten, um mit dem folgenden Morgen geſtärkt weiter ziehen zu koͤnnen. — Pilger. Weißt du es nicht, daß von dem duͤſtern Abend an, bis zu der Ruͤckkehr des Morgens, gegquaͤlte Geiſter in jenen Burg to⸗ ben? Noch jetzt bethauet grauſenvolter Schweiß meine Stirne und bebend ſchlaͤgt mein Herz, wenn ich daran denke, was ich dort geſehen habe. Eremit. Wareſt du ſchon dort. Pilger. Ja. Erfreut vielleicht ein ſiche⸗ res Obdach dort zu finden, eilte ich in die ver⸗ ödeten Mauern dieſer Burg. Ich zuͤndete auf dem Heerde einige Reiſer an, um meinen ſchau⸗ ernden Koͤrper zu erwaͤrmen, und breitete die frugale Koſt meines Querſacks auf den Boden aus. Mit froͤh ichem Herzen ließ ich es mir wohl ſchmecken, doch ploͤtzlich ward ich durch die men⸗ 5 ſchenfelndlichen Unholde, die dort ihr furchtbares Spiel treiben, erſchreckt. Ein furchtbares Getoͤſe uum mich her dleichte meine Wange, eine Flamme zuckte aus dem Boden empor und vor mir ſtand die Geſtalt eines Kriegers in voͤliger Waffenruͤ⸗ ſtung; von dem Helm herab wehte ein blutrother Federbuſch, und furchtbar wie das Anſchauen des Baſilisken war der flammende Blick, womit mich die Schreckensgeſtalt anſtarrte. Ich wollte flie⸗ hen, aber mein Fuß ſchien wie in den Boden gewurzelt, und von Entſetzen durchbebt, drohte mein Herz mir die Bruſt zu zerſprengen Laut ertoͤnte jetzt eine weibliche Stimme durch die ls.„Crilda!“ rief die Geſtalt und Aianel. 76 — wie der Athem in der Luft, war ſie verſchwun. den. Schrecklicher als zuvor hallte das Getoͤſe und ein grauſendes Geheul durch die verfallenen Mauern. Das Blut erſtarrte in meinen Adern, ich ſuchte mich jedoch zu ermannen, und floh mit bebenden Schritten von dannen. Ich habe meine Bruſt den Schwertern der Sachſen dar⸗ geboten und nie gezittert; ich habe die Gefahren des Krieges fuͤr mein Vaterland beſtanden, und nie erblickte man Furcht oder Zaghaftigkeit auf meinem Geſichte, aber den zornigen Geiſtern des Clwyd wage ich nicht mich wieder zu naͤhern Eremit. Siehſt du jenen Felſen, der dro⸗ 3 hend uͤber dem Fluſſe haͤngt?— in dem Schoße dieſes Felſens habe ich meine Wohnung aufge⸗ ſchlagen. Klein und gering iſt meine einſame Klauſe, aber Gaſtfreundſchaft und friedliche Ruhe herrſchen darin, und ſchon oft fand der muͤde Pilger in ihrem Schooße Ruhe und Erquickung. Verweile dieſe Nacht bei mir, was ich habe, ſoll dir werden.* Pilger. Mit Freuden folge ich dir. Hun⸗ ger und die Schrecken jener Burg haben meine Kraͤfte erſchoͤpft, und meine ermatteten Glieder * verſagen mir den Dienſt. Der ehrwuͤrdige Alte fuͤhrte den Pilger in ſeine Klauſe, und bei einem maͤßigen Mahle er. aͤhlte der Eremit ſeinem Gaſte die Sage von dem Ritter mit dem blutrothen Federbuſche 22 Hoch auf den Mauern von Rhuddland wehte die ſchwarze Flagge des Todes,— hub der Ere⸗ mit ſeine Erzaͤhlung an.— Dumpf brummte die Glocke des benachbarten Kloſters das feier⸗ liche Todtengelaͤute, das rings umher das Echo in jedem ſchauernden Luͤftchen widerhallte. Die Moͤnche des Kloſters ſangen einen feierlichen Chorgeſang für die ewige Ruhe des Leichnams, tauſend Kerzen erhellten die Kapelle, und den umherſtehenden Armen ward reichlich Allmoſen geſpendet. Der Abendwind brauſte ſcharf und kalt durch das Thal, grauer Nebel⸗ umfloß des Gebirges rauhen Gipfel, eißige Schneeflocken trafen das Geſicht des Wanderers und ſchnei, dende Luͤfte wogten ſein Gewand umher. Ritter Rhyswick der Kuͤhne vernahm, indem er ſich naͤ⸗ herte, den Widerhall der Todtenglocke, und von Furcht und bangen Ahnungen erfuͤllt, ſporn⸗ te er ſein Roß zur Eile an. Fluͤchtig jagte er durch den Forſt dahin, uund im kreiſenden Zirkelſſuge ſchwirrte der weiſ⸗ ſagende Todtenvogel in der Finſterniß der Nacht um ihn her, und verkuͤndigte mit ſchauervollem Aechzen die Auffoͤſung der Dahingeſchiedenen. Ritter Rhyzwick ſeufzte tief aus der beklomme⸗ nen Bruſt empor, und eine furchtbare Ahnung der Wahrheit durchzuckte ſein Inneres, als er die Ufer des Clwyd erreichte, und den Glanz— der Kerzen in dem Kloſter von Rhuddlan er⸗— 78 blickte, und den Chorſang der Moͤnche aus der Ferne vernahm. Weinend traten ihm ſeine Diener auf der Burg entgegen, und ihre tiefe Traurigkeit er⸗ hob ſeine bange Ahnung noch mehr zur Gewiß⸗ heit. Von Schrecken des Todes angeweht eilte er nach dem Zimmer ſeiner geliebttn Egberta, er fand ſie kalt und entſeelt, und uͤberwaͤltigt von dieſem uͤberraſchenden Anblicke ſank er be⸗ betaͤubt ſeinen Dienern in die Arme, die ihn in ſeiner dumpfen Fahlloſigkeit in ſein Gemach trugen. An dem ſolgenden Tage ward der Leichnam der tugendhaften Egberta in der Burgkapelle beigeſetzt. Thraͤnen und Wehkla⸗ gen folgten der Dahingeſchiedenen zur Gruft, und die ſchoͤne Erilda ſchmuͤckte den verblichenen Leichnam der geliebten Mutter mit Blumen, die ihre Thraͤnen benetzten. Ein feierliches Re⸗ quiem der Moͤnche beſchloß die Trauerceremonie, und mit zeriſſenem Herzen kehrte Erilda zu ihrem treſtioſen Vater zuruͤck, der jetzt in ihr ſein ganzes noch uͤbriges Guͤck umfaßte. Rhyswick der Kuͤhne war der Freund ſeines Fuͤrſten und der Stolz ſeines Vaterlandes. Unter Waffen erzogen hatte er von dem erſten eaenſe licke an, wo er die Lanze ſchwingen konn⸗ „in allen Kriegen, die ſein Haterland bedro⸗ 8 8 Keeehe erachten, u der Sieg hatte ſeine Waf⸗ gleitet. Jetzt, wo das Alter ſein Haar 22. bleichte und die Kraft ſeines tapfern Armes laͤhmte, und der Friede, nach einem langen ver⸗ heerendem Kriege, dem Lande wieder gegeben war, hatte er gehofft in Ruhe und Frieden auf Rhuddlan, an dem Buſen ſeines geliebten Wei⸗ bes, ſeine noch uͤbrigen Tage zu verleben, doch ein feindſeliges Geſchick vernichtete ſeine ſchoͤnen Hoffnungen und ſtuͤrzte ihn in thräͤnenvollen Jammer. Oft hatte ihn der Krieg aus den Armen der geliebten Egberta und ſeiner Toch⸗ ter Erilda hinweggeriſſen, und als er jetzt nach wieder hergeſtelltem Frieden zuruͤckkehrte, mußte er ſein geliebtes Weib in den Armen des Todes finden. Schwer von der Haͤrte des feindſeligen Ge⸗ ſchicks darnieder gebeugt, hoffte jetzt Rhyswick, ſein ganzes kuͤnftiges Giuͤck in Erilden zu finden; denn nur ſie allein konnte ihm den ſchmerzhaf⸗ ten Verluſt ſeiner geliebten Gattin erſetzen, und ihn mit ſeinem Geſchick wieder ausſoͤhnen. Erilda war ſchoͤn wie der erwachende Mor⸗ gen des Fruͤhlings, roſige Geſundheit thronte auf 8 ihrer Wange, Milde und Wohlwollen in ihrem ſanften Auge, und dert ohe Zauber ihrer Schoͤn⸗ heit war der Spiegel e zens, in welchem die* ihrer Mutter herrſchten. 4 ihres Vaters und der Gegenſtat nen Bewunderung. 3 . Ihre Schoͤnheit zog eine Menge Verehrer nach ihr hin, die um ihre Gunſt buhlten und um ihre Hand ſich bewarben, allein, ſo empfaͤng⸗ lich auch Erildens Herz fuͤr die Reizungen der Liebe war, ſo wenig hatte ſie bis jetzt noch ihrer Macht gehuldigt, und keinem von allen ihren Verehrern war es gelungen, die Flamme einer zaͤrtlichen Zuneigung in ihrem Herzen fuͤr ſich aanzufachen. Munter und freundlich gegen Jeder⸗ mann, behielt ſie immerfort den angenehmen leichten Sinn, den ein liebendes Herz ſelten hat. Der Verluſt ihrer Mutter ſtoͤrte jetzt ihre Heiter⸗ keit, von tiefer Wehmuth erfuͤllt zog ſie ſich von dem Geraͤuſche der Welt zuruͤck, indem ſie ſich blos auf die Geſellſchaft ihres Vaters einſchraͤnke te, der ſich voll tiefem Gram in ſeiner Burg verſchloß. Hoch auf dem Gipfel des Felſens, der den dahin rauſchenden Clwyd uͤberblickte, ragte die Burg von Rhuddlan empor, und oft ertoͤn⸗ ten in den Aushoͤlungen des Felſens, die ſanften Klagetoͤne von Erildens melodiſcher Stimme, die ſie mit der Harfe begleitete. Eines Abends, als ſchon die verbleichenden Roſenſtreifen des Horizonts das Thal in Däm⸗ merung huͤllten, und Erilda, nach ihrer Gewohn, heit, an dem Abhange des Felſens die bebenden Saiten der Harfe mit ihrer Stimme begleitete, naäͤher te ſich ein Ritter in ſchwarzer Ruͤſtung und einem blutrothem Federbuſche auf dem Helme 4. dem Orte, wo Erilda ſaß. Seine Annaͤherung unterbrach ihren Geſang, und Erilda wollte nach der Burg zuruͤckkehren, allein der Anblick des Unbekannten hielt ſie zuruͤck, es war in ſeinem Aeuſſern ein Etwas, das ihr Ehrfurcht einfloͤßte und ihre Aufmerkſamkeit auf ihn feſſelte. Der Ritter ſtieg von ſeinem Roſſe herab, und bat Erilden nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. mit ſo vieler Beſcheldenheit und Anmuth, in 2 ihrem Geſange fortzufahren, daß ſie ihm un⸗ moͤglich dieſe Bitte verſagen konnte. Der Ritter nahm an ihrer Seite Platz, und Erilda wiederholte ihren Geſang und das Spiel der Harfe. Der unbekannte ſeufzte tief empor, unrd ein Gemiſch von verworrenen Gefuͤhlen ſchien ſeine Bruſt gewaltſam zuſammen zu engen, in⸗ dem ſein Auge mit innigem, ſchmachtendem Blick an ihr hieng. Erildens Blicke begegneten den ſeinigen, erroͤthend ſchlug ſie ihr Auge zur Erde, und gewiſſe ihr bis jetzt ganz unbekannte Ge⸗ fuͤhle⸗ mit Furcht und Bangigkeit gemiſcht, durch⸗ vebten ihr Inneres. Die Schatten des Abends zogen ſich dichter zuſammen, und die feuchten Nebel umflorten 6 den Glanz der Sterne. Erildens Herz klopfte mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit, Furcht und Grau⸗ ſen erfuͤllten ihr Inneres in der Gegenwart des unbekannten, ſie wollte ſliehen und gleichwohl Magazin III. 8 8²³ zog ein Unbekanntes baͤnglich ſuͤſſes Gefuͤhl ſie immer wieder zuruͤck.„Herr Ritter!— redete ſie endlich den Unbekannten an, der Abend naht, ich darf nicht laͤnger hier verweilen. Rhuddlan's gaſtfreie Mauern ſind bereit Euch zu empfan⸗ gen, und kein Ritter zieht an dieſer Burg vor⸗ uͤber, ohne an der Gaſtfreundſchaft Rhyswick's des Kuͤhnen Theil zu nehmen.“ „Holde Jungfrau,— erwiderte der Unbe⸗ kannte,= die Freundſchafr des tapfern und edeln Rhyswick's iſt mir bekannt, allein mein Geſchick ruft mich von hinnen, und ich darf nicht dieſe reigebigkeit und Milde, die Alle bewundern, Heniegen⸗ Gehabt Euch wohl, ſchoͤne Jungfrau! bald hoffe ich Euch wieder zu ſehen.“ Indem er dieſes ſprach, druͤckte er einen brennenden Kuß auf Erildens Hand, worauf er ſich auf ſein Roß ſchwang, und mit Windeseile uͤber die verdun⸗ kelte Ebene dahin flog. Erilda blickte ihm nach, und als er ſchon laͤngſt ihren Blicken entſchwunden war, da war ihr Auge noch immer nach der Gegend hingerich⸗ tet, nach welcher ihn ſein ſluͤchtiges Roß hintrug. Sein Anblick hatte ganz eigene und raͤthſelhafte Empfindungen in ihr rege gemacht. In dem ſchwarzen Auge des Unbekannten war eine Wild, heit, die Alles um ſich her zu vernichten drohte. und waͤhrend ſein Blick bezauberte, erregte er zugleich Fucht und Unruhe, Seine Geſtalt war I „ ———. „—— 83 edel, und ſein Geſicht trug den Stempel maͤnn⸗ licher Schoͤnheit, und gleichwohl war ein gewiſſes Etwas in ſeinen Zuͤgen, das zuruͤckzuſtoſſen ſchien, kurz, ſein ganzes Aeuſſeres erfuͤllte Erilden, in⸗ dem es ſie zur Bewunderung reizte und ſie un⸗ widerſtehlich nach ihm hinzog, dennoch mit ei⸗ nem raͤthſelhaften Beben, und in einem ſeltſa⸗ men Gemiſch von Gefuͤhlen kehrte ſie auf Rhudd⸗ lan zuruͤck. „Welche hohe Wuͤrde thronte in den Ge⸗ ſichtszuͤgen dieſes Unbekannten!— ſprach ſie zu ſich ſelbſt,— welcher Adel war in ſeinem ganzen Benehmen! und ach! welche Schwermuth ſchien ſeine Seeele zu belaſten, indem ſie den funkeln, den Glanz ſeines ſchwarzen Auges truͤbte und ſeine Zuͤge umwoͤlkte, die auſſerdem von Heiter⸗ keit ſtrahlen wuͤrden. Sicher iſt ihm dieſe Nie⸗ dergeſchlagenheit nicht eigen, irgend ein verbor⸗ genes Geheimniß belaſtet ſein Herz; vielleicht iſt es die Liebe, die an der Roſenbluͤthe ſeiner Geſundheit nagt, und ſeinem Herzen Heiterkeit und Ruhe raubt.“ In dieſen Selbſibetzachtungen ward ſis durch ihren Vater unterbröchen. Der gute Greis trug den Spiegel ſeines innern Grams auf ſeis ner eingefallenen Wange, dennoch ſuchte er hei- ter zu ſcheinen, und mit einer erkuͤnſtelten Ruhe fuͤhrte er Erilden nach dem Speiſeſaale. Ver⸗ 58 2 84 — —————— ———-444 ³—ü wngee.. 84 — gebens bemuͤhte ſich Erilda ihre bisherige Mun⸗ terkeit wieder anzunehmen; eine Menge verwor⸗ rener Ideen und Empfindungen durchkreuzten ich in ihrem Innern und der herzerhebende Ge⸗ ang des Hausbarden ergoͤtzte jetzt nicht mehr ihr Ohr, als dieſer bei dem freudegebenden Becher den Werth der Thaten der Vorzeit und ihrer Helden beſang. Erildens Herz war von einem ganz andern Gegenſtande erfuͤllt, es ward nicht von den lieblichen Toͤnen der Harfe des Barden geruͤhrt, und konnte keinen Antheil an der Wallung nehmen, welche der patriotiſche Geſang in dem Buſen der Zuhoͤrer aufregte. Waͤre Liebe das Thema dieſes Geſanges gewe⸗ ſen, dann nur wuͤrde ſich Erildens Seele voll inniger Theilnahme in der Melodie aufgeloͤſt und die Gewalt der Muſick anerkannt haben. Ihr Herz war heftig beklommen und unter dem Vorwande einer kleinen Unpaͤßlichkeit, nahm ſie mit einem zaͤrtlichen Kuſſe von ihrem Vater Abſchied, und eilte nach ihrem Zimmer, wo ſie L ſich auf ihr Lager warf, und bemuͤht war durch den Schlaf, die wilden und beunruhigenden Ge⸗ danken und Gefuͤhle, die ihr Inneres ſo heftig in Bewegung ſetzten, in Schlummer zu wiegen. Ihre Bemuͤhungen blieben jedoch fruchtlos: un⸗ aufhoͤrlich ſtand der ſchwarze Ritter mit dem blutrothen Federbuſche in einem halbwachen Schlummer vor ihrer Seele, und raubte ihr die heißerſehnte Ruhe. Mit dem erſten Morgenlichte verließ ſie ihr Lager, von welchem die Ruhe entſlohen war, und eilte nach dem Platze, wo ſie an dem vori⸗ en Abende den unbekannten Ritter geſehen hatte. Ihr Auge ſchwebte auf der Gegend, wo er ihren Blicken entſchwunden war und mit — —— — —— — ———.— * neuer Lebhaftigkeit gauckelte ihr ihre Phantaſie die geſtrige Scene vor. In ungewoͤhnlich Be⸗ wegung ihres Innern ſetzte ſie ſich auf den Fel⸗ ſen, und begleitete die Tone der bebenden Harfe mit ihrem Geſange, aber kaum hatte ſie einige Griffe durch die Saiten gethan, als ſie auch, unzufrieden mit ihrem Spiele, die Harfe wieder bei Seite legte. Eine Thraͤne ſchimmerte in ihrem Auge und aus tiefer Bruſt ſeufzte ſie empor:„warum nehme ich ſo vielen Antheil an einem Unbekannten, den vielleicht der Zufall zum erſten und letzten Mahle an dieſen Ort fuͤhrte? Was iſt es, das mich ſo maͤchtig nach ihm hin⸗ zieht, der jetzt vielleicht Meilenweit von meinen einſamen Seufzern entfernt iſt, und keinen Ge⸗ danken an mich in ſeiner Seele hegt? Schwinde dahin, Hoffnung, du taͤuſchendes Bild, ich werde ihn nicht wieder ſehen! davon. Vergebens verſuchte es jedoch ſich vor der Jagdbegierde der Jaͤger an mit unermuͤdeter Raſt das Dickicht des Wal manches Wild war er Ritter Rhyswick Ruhe tern den Befehl ertheilte, die **— 36 — 1 kleinen Ebene aufzuſchlagen, um ſich durch ein kraͤftiges Mittagsmahl zu der Erneuerung der Jagd zu ſtaͤrken. Der freudegebende Becher und die rauſchende Muſick der Jagdhoͤrner hoben die Herzen der Jaͤger zur Freude empor, und heite⸗ re Munterkeit herrſchte in dem traulichen Kreiſe, nur Erilda konnte an dieſer Freude keinen Antheil nehmen, unruhig klopfte ihr Herz, und unge⸗ duldig wuͤnſchte ſie den Augenblick herbei, wo die Jagd wieder erneuert werden ſollte. Schon neigte ſich die Sonne allmaͤhlig hin⸗ ter den Wald, als endlich Ritter Rhyswick Be⸗ fehl zum Aufbruch gab, und von neuer Jagdluſt erfuͤllt ſtuͤrmte das Gewahl der Jaͤger durch den Wald. Erilda ſtoͤrte ein ſchoͤn geflecktes Reh aus dem Dickicht auf; ſie legte den Pfeil auf den Silberbogen, er drang in die Bruſt des Vildes, dennoch floh es fluͤchtig durch den Wald dahin. Erilda ſaͤumte nicht ihm zu folgen, und das Blut des verwundeten Rehes bezeichnete ihr die Spur ſeines fluͤchtigen Laufes. Raſtlos jagte die ſchoͤne Jaͤgerin ihrer Beute nach, bis das Silberlicht des Mondes durch die verſchlungenen Aeſte der Baͤume brach. Endlich war das Reh erreicht, ermattet fiel es zu Boden und verſchied. Erilda ſtieg von dem Roſſe herab, und blickte ſich nach ihrem Jagdgefolge um, doch zu ſpaͤt erkannte ſie, daß ſie ihre Jagdluſt zu weit von ihrem Gefolge entfernt und der Abend ſie uͤber⸗ raſcht hatte. Bergebens lauſchte ihr Ohr auf den Schall der Jagdhoͤrner, alles um ſie her war oͤde und ſtill, und nichts als das hohle Sauſen des Win⸗ does in den Wipfeln der Baͤume unterbrach die rauſen erregende Stille die ſie umggb. 4 alte Winde ſpielten mit ihren Locheitt die grauen — 82 — Nebel der Nacht ſenkten ſich herab, und ergrif⸗ fen von Schrecken und Angſt, ſahe Erilda, daß ſie ſich in dem wilden Geſtrippe des Waldes verirrt hatte, und gaͤnzlich von dem gebahnten Pfade abgekommen war. Aengſtlich ſtieß ſie in das Jagdyorn, aber das Echo brachte nichts als den leeren Widerhall ihrer Toͤne zuruͤck. Zweifelhaft, welchen Weg ſie durch das Gebuͤſch nehmen muͤſſe um den rechten Pfad wieder zu finden, uͤberließ ſie ſich endlich der Willkühr ihres Roſſes, das fluͤchtig mit ihr da⸗ von flog, allein je wsiter ſie vordrang, um ſo dichter und verworrener ward auch der Wald und das wilde Geſtrippe, das den Lauf ihres Roſſes aufhielt. Schon verzweifeite Erilda, von den aͤngſtlichſten Schreckniſſen durchbebt, an je⸗ der Huͤlfe, als ſie ſeitwaͤrts den Hufſchlag eines Roſſes vernahm. Von neuer Hoffnung beſeelt bahnte ſie ſich einen Pfad durch das Gebuͤſche, und als ſie endlich hindurchgedrungen war, er⸗ blickte ſie in dem daͤmmernden Schimmer des Mondes einen Ritter, der auf einen nußbrau⸗ nen Roſſe langſam an dem Ufer des Elwy da⸗ her kam. Erildens Roß prellte heftig zuruͤck, nur mit Muͤhe konnte ſie es zuruͤckhalten, es ſchnaubte . heftig. baͤumte ſich wild empor, und unfaͤhig nger in dem Sattel zu erhalten, war Erilda eben in Gefahr herabzuſtuͤrzen, als der Ritter auf, ihr aͤngſtliches Geſchrei herbeieilte, dem Roſſe ſich l in den Zuͤgel griff und Erilden der nahen Ge⸗ fahr entriß. Wer beſchreibt jedoch das heftige Erſtaunen Erildens, als ſie ihr Auge empor hob, unnd ſie in ihrem Retter den unbekannten Ritter mit dem blutrothen Federbuſche erkannte, Sein Viſir war aufgeſchlagen: tiefe Schwermuth uͤber. 5 ¹ 8 zog ſein Geſicht, allein plotzlich ſchienen ſich ſeine Zuͤge aufzuheitern, als er Erilden erkannte. „Ich verdanke Euch, Herr Ritter, die Rettung meines Lebens,— redete ihn Erilda an,— und ich ſegne den Sufali der Euch gerade jetzt hierher fuͤhrt. Ich egebe mich unter Euern Schutz wit der Bitte, daß Ihr mich aus dieſen Irrgewinden des Waldes, in weiche ich mich derirrt habe, auf die rechte Straſſe und nach Rhuddlan geleiten moͤget; der Dank meines armen Vaters, der uͤber meine Abweſenheit in Verzweiſlung ſeyn muß, wird Euch dafuͤr be⸗ lohnen. 1 „ Ich wuͤrde mit Freuden bereit ſeyn, mein Leben Euerm Dienſte zu widmen,“ erwiderte der Ritter, indem er ehrerbitig Erildens Hand an ſeine Lippen druͤckte, und an ihrer Seite daherritt, und in kurzer Zeit war die Gegend erreicht in welcher Erilden die Thuͤrme ihrer vaͤterlichen Burg, von dem ſanften Glanze des Mondes umfloſſen, entgegen ſchimmerten. Ehe Erilda noch die Burg erreichte, ſtieß ſie auf eine Schaar von Dienern, die ihr ausgeſchickt hatte ſeine verlorene Tochter aufzuſuchen, und unter dem lauten Jubel der Diener fuͤhrte der unbekannte Riter des blutrothen Federbuſches Erilden den Armen ihres Vaters zu. Erilda ſank an den Buſen ihres Vaters, und Freuden⸗ thraͤnen des Greiſes benetzten ihre Wange. — nnnyxneiit 1 13 16 17 18 11 2 13 14