74 4 2 6/₰◻ 477 ) Leihbibliothek ¹ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 vo 2. 8* Gdaard Oktmaun in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — eih- und Jeſehedingungen. 1 1. ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht ur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 3 Uhr offen. 3 ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 1 8 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem 2 Verthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei d Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 1 3 4. Ahonnement. Daſſelbe zmuß voraus bezahlt werden und betraͤgt: für mhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. P 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ S lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe in auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, dauchzdafür zu ſtehen haben. ——— 5 S K 8 Dianora. 5 Oder die Verſchwoͤrung vom ſchwarzen Bunde. Eine 1. abenteuerliche Geſchichte in vier Theilen. Voͤllige Umarbeitung des Romans: Lorenzo, der kluge Mann im Walde zg. Vierter Theil. Leipzig, 1821 Johann Friedrich gei ch. „* 87 4 —. 8 — ☚ ——. 2— ———y— 5 2 — X¼ S A N — 8 Im tiefen Schweigen der heftigſten Ueberraſchung ſtanden der Graf Montaldi und ſeine Gemahlin da, und ſtaunten bald den furchtbaren Unbekann⸗ ten, bald das ſchlummernde Maͤdchen, bald wie⸗ der Cerrino an. Entlarvt und in dem Gefuͤhl der Vernichtung ſeiner Nichtswuͤrdigkeit, lag die⸗ ſer zu den Fuͤßen des ungluͤcklichen Schlachtopfers ſeiner Bosheit und wußte kaum, wie ihm geſchehen war, oder was noch geſchehen ſollte; hieruͤber ließ ihn aber der zorngluͤhende Blick des Unbe⸗ kannten durch die ſchwarze Maske hindurch nicht lange in Ungewißheit. Jetzt unterbrach der Un⸗ bekannte die ſtarre Pauſe, indem er ſich Bianken naͤherte, und ſie mit dem Zurufe aus ihrem Schlummer weckte:„Ermuntere Dich, Bianka! der Tag der Vergeltung iſt erſchienen; Dein Raͤcher iſt da!“. Bianka ſchien aus einem boͤfen Traume zu erwachen. Mit ungewiſſem ſchuͤchternem Blicke ſchauete ſie um ſich. Kaum gewahrte ſie Cerrino, ſo ſprang ſie ſchaudernd von ihrem Lager auf und IV. A fluͤchtete ſich in die Arme der ſchwarzen Maske. „Mein Beſchuͤtzer! mein Retter!“ rief ſie in der heſtigſten Erſchuͤtterung,“ verbirg mich vor dem Anblicke dieſes Ungeheuers!“ „Sey ruhig, Bianka!“ erwiederte der Un⸗ bekannte,“ ſein Anblick wird Dich kuͤnftig nicht wieder erſchuͤttern; ich halte, was ich Dir ver⸗ ſprach.“(Man hoͤrt das Rollen eines vorfah⸗ renden Wagens.)„Horch! horch auf! Dein Räͤcher naht, um mein Verſprechen zu loͤſen, und unſichtbar wird mein Arm uͤber Dir ſchweben!“ Er fuͤhrte Bianken der Graͤfin zu:„Ihnen uͤbergebe ich dieſe Ungluͤckliche,“ wandte er ſich an ſie,„in Ihnen wird ſie wieder finden, was jener unnatuͤrliche Boͤſewicht ihr raubte; an Ihrem Herzen wird ſie Ruhe und Troſt erwarten duͤrfen.“ Unwillkuͤhrlich oͤffneten ſich die Arme der Graͤfin fuͤr Bianken; ſie ſank geruͤhrt an ihren Buſen. Der Unbekannte wandte ſich nach der Thuͤre, wo man von außen nahende Schritte vernahm. „Halt!“ rief der Graf, indem er ihn am Arme faßte,„ich laſſe Sie nicht! Hier ſollte ich Dia⸗ noren finden. Sie haben mich getaͤuſcht; wo iſt Kte l— „Hier erwiederte er, indem ſich die Thuͤre 5 8*½ 4* — 9 oͤffnete und der Fuͤrſt, in Manutti's und Diano⸗ rens Begleitung und im Gefolge einiger Officiere hereintrat. Mit dem freudigſten Ausrufe des Entzuͤckens flog Dianora dem Grafen und der Graͤfin ent⸗ gegen, waͤhrend der Unbekannte dieſen Augen⸗ blick benutzte, unbemerkt mit Albero hinaus zu ſchluͤpfen.. Bleich und zitternd, und kaum vermoͤgend ſich aufrecht zu erhalten, befand ſich Cerrino in einem Zuſtande gaͤnzlicher Zerknirſchung. Bianka ſank mit wildem Schmerze zu des Fuͤrſten Fuͤßen nieder, und erflehete ſeine Gerechtigkeit gegen den Moͤrder ihres Vaters und ihrer Ehre und den verbrecheriſchen Schaͤnder der Kirche. Ihre Lei⸗ densgeſtalt ſo wie der Ausdruck ihres verzweif⸗ lungsvollen Seelenſchmerzes, drangen tief zu dem edeln tieffuͤhlenden Herzen des Monarchen, der bereirs von Cerrino's Buͤberei war unterrich⸗ tet, und durch Vermittelung der unbekannten Maske hierher gefuͤhrt worden, den entlarvten Boͤſewicht in ſeiner ganzen Bloͤße zu uͤberraſchen. „Ich erſtaune immer mehr uͤber die Bosheit, womit ſich ein Komplot von Nichtswuͤrdigen um mich hergelagert hat, die ehrwuͤrdigſten und hei⸗ ligſten Rechte der Kirche und der Menſchheit mit Fuͤßen zu treten,“ ſprach der Fuͤrſt tief erſchuͤt⸗ A. 3 3 8 8 tert;„ich werde furchtbar⸗ſtrenge Rechenſchaft fordern.“ 3 „Gnade!“ flehete Cerrino mit ſtammelnder Zunge, indem er dem Fuͤrſten zu Fuͤßen ſank. „Ich bekenne mich ſchuldig. Meine Jugend, mein Leichiſinn haben mich irre geleitet, und boͤs⸗ artige Menſchen haben mich verfuͤhrt. Ich will wieder gut machen, was ich verſchuldete, und gern gebe ich dieſem ungluͤcklichen Maͤdchen jede Genugthung, die es verlangen wird.“ „Was koͤnnteſt Du mir anbieten,“ unterbrach ihn Bianka, in tiefſter Verachtung.„Kannſt Du meinem gemordeten Vater das Leben, und mir meine Tugend, meine Seelenruhe, meine Gluͤckſeligkeit wieder geben?“ Der zitternde Verbrecher verſtummte. Der Fuͤrſt winkte ſeinen Begleitern, um Cerrino zu entfernen. Dieſer ſammelte noch einmal ſeine ganze Kraft um ſein Flehen um Gaade zu wie⸗ derholen; doch voll Abſcheu wandte ſich der Fuͤrſt von ihm abwärts. 1 „Bianka!“ flehete Cerrino mit herzzerſchnei⸗ dendem Ton,„Du liebteſt mich einſt, und fan⸗ deſt in dieſer Liebe Dein Gluͤck. Rufe das An⸗ denken an die ſchoͤnen Tage unſers Vereins in Dein Gedaͤchtniß zuruͤck, laß Dein Herz fuͤr mich —— ſprechen, nimm den reuige Dein Eigenthum. n Suͤnder wieder auf oͤffentlichen Schande!“ plutige Schatten meines er Todes⸗ und entreiß mich der Bianka. Der ungluͤcklichen Vaters draͤngt ſich mit ſein wunde zwiſchen mich und Dich, und trennt Dich auf ewig von mir. Jeder Gedanke an Verzethung wuͤrde Wehe uͤber mich ſelbſt bringen, und mich zur Mitſchuldigen an Deinen Freveln gegen die Kirche und ihre Diener machen. Cerrino.(mit ſteigender Angſt:) Ich will Feierlich erklaͤre ich Dich fuͤr meine verguͤten. zes Vermoͤgen ſey rechtmaͤßige Gattin, mein gan Ich verachte ein Anerbieten, das r an meine tiefe Schmach und an mein Elend erinnert. Du haſt mir alles, alles grauſam geraubt, was das Leben beſeligen kann. Siehe zu, ob Du deshalb vom Himmel Ver⸗ zeihung erflehen kannſt; mir kannſt Du keinen Erſatz geben, und wenn die Schaͤtze beider In⸗ dien Dir zu Gebote ſtuͤnden. Nur die ſtrafende Gerechtigkeit kann das Andenken an Deine Ver⸗ brechen mildern und Dir Verſoͤhnung hoffen laſſen. Fuͤrſt. Ja, arme Ungluͤ Bianka. mich nur noch meh ckliche, dieſe Ge⸗ en Strenge rechtigkeit ſoll Ihnen nach der ganz denen, welche in der Geſetze werden, und Allen * die Buͤbereien dieſes Verbrechens verflochten ſind, ſoll fuͤrchterlich die Haut ſchaudern! Cerrino. Bianka! Bianka! ſpricht denn kein Laut mehr fuͤr mich in Deinem Herzen? fuͤr mich, den Vater Deines Kindes? Bianka.(von innerm Schauder heftig durchbebt:) Daß Du mich daran erinnern mußt! Du haſt Dich dieſes ehrwuͤrdigen Namens ſelbſt verluſtig gemacht. Schon im erſten Werden wurde der ungluͤckliche Zeuge der Schande ſeiner Mutter durch Dich zum Baſtard und zur vaterloſen Waiſe, und ſeine Mutter zur Buhldirne herabgewuͤrdiget; fo muß ich nun Wehe rufen uͤber den boshaften Verfuͤhrer und den zweifachen Moͤrder meines Vaters und meines Kindes! 1 Cerrino wollte antworten, allein des Fuͤrſten Befehl gebot ihm zu ſchweigen. Die Wache er⸗ griff ihn und fuͤhrte ihn hinweg. „Arme Ungluͤckliche!“ wandte ſich der Fuͤrſt an Bianken, indem er ihr die Hand reichte, „beruhigen Sie ſich, ich nehme den lebhafteſten Antheil an Ihren jahrelangen Leiden, und ver⸗ ſpreche Ihnen Genugthuung.“ „Schenken Sie dieſe huldvolle Theilnahme auch meinem hingeopferten Vater,“ flehete dieſe mit Thraͤnen,„ach! er war niemals ein Ver⸗ 1 brecher, nur ungluͤcklich. Cerrino muß es bezeu⸗ 8—— — 11— und doch ſanftem Mitgefuͤhl, ſeine kraftvolle Ge⸗ ſtalt und eine Schmarre an der Stirn, zeichnen ihn aus, ſo daß er nicht zu verkennnen iſt. Dianora. So iſt es ſicher derſelbe, dem auch ich von fruͤher Kindheit an mein Gluͤck ver⸗ danke. Graf.(zum Fuͤrſten:) Ich kann nicht laͤnger daran zweifeln, daß es der Centurier, eben jener Petardo iſt, von dem ich Ihro Durchlaucht ſo vieles erzaͤhlt habe. Fuͤrſt. Sonderbar! Was mag ihn veran⸗ laſſen, ſich auf eine ſo ausgezeichnete Art fuͤr uns thaͤtig zu aͤußern, und nur immer aus der Ferne unter ſo viet raͤthſelhafter Abentheuerlichkeit? Ich werde Sie bitten, mir behuͤlflich zu ſeyn, ihn naͤher kennen zu lernen.— Folgen Sie mir jetzt in die Reſidenz, lieber Montaldi, die Arbei⸗ ten des Kabinets haͤufen ſich, wie Sie wiſſen, ungemein, und ich bedarf jetzt mehr als jemals die Unterſtuͤtzung eines ſo bewaͤhrten Freundes, der mir die Laſt meiner Sorgen tragen hilft. Torſo und ſeine Verbuͤndeten hatten noch nicht die leiſeſte Ahnung von dem Schlage, der ihren Genoſſen Cerrino betroffen hatte, denn alles war dabei ſo ſtill und verſchwiegen hergegangen, daß ſich keine Nachricht davon bis zu ihnen hinſchleichen ſchienen. Die Nachrichten, die er aus der Ferne⸗ — 12— konnte. Torſo war jetzt mehr als vorher mit ſei⸗ nen ſchwarzen Planen und deren Ausfuͤhrung be⸗ ſchaͤftiget. Ohne eine ſo große Gefahr zu fuͤrch⸗ † ten, war er darauf bedacht, die letzte Hand an das Werk zu legen, da alle Maſchinen ſo gut in ſeine Anſchlaͤge zu ſpielen und ſie zu unterſtuͤtzen eingezogen hatte, naͤhrten ſeine Hoffnungen eines 3 endlichen Sieges. Die verdaͤchtigen Bewegun⸗ gen der Latagoer Truppen an der Grenze, und Odoardo's fortwaͤhrende Thaͤtigkeit beſtaͤrkten ihn in der Vermuthung, daß ſich die verworrenen Angelegenheiten in kurzer Zeit nach ſeinen Wuͤn⸗ ſchen entwickeln wuͤrden. Was ihn dabei noch einigermaßen bedenklich machte, war Corvetti's und Riviali's fortdauerndes Außenbleiben, deren Gegenwart jetzt unumgaͤnglich noͤthig war, wenn der entſcheidende Augenblick nahen ſollte. Dieſe Bedenklichkeiten wurden dadurch vermehrt, daß Corvetti ſeit einiger Zeit, eben ſo wenig als 1 Cazzi, etwas von ſich hoͤren ließ, und er daruͤber in Ungewißheit ſchwebte, ob der Letztere ſich wirk⸗ lich bei Corvetti und Riviali befaͤnde und ſeine Auftraͤge beſorgt habe. In dieſer kritiſchen Lage wurde er jedoch neuerdings durch einen Brief von 4 Riviali beruhigt, worin ihn dieſer verſicherte, daß er in wenigen Tagen mit den erfreulichſten b 4 5— 5 Nachrichten uͤber das erreichte Ziel ihrer Wuͤnſche eintreffen wuͤrde.— Eben uͤberließ ſich Torſo der Freude, die der Empfang dieſes Briefes in ihm erzeugte, als Lucillo eiligſt und verſtoͤrt zu ihm hereintrat. Torſo. Was haſt Du? Die Bewegung, die ich an Dir erblicke, und Deine Verſtoͤrung laſſen mich ſchlimme Botſchaft erwarten. Lucillo. Ich erſtaune, Sie ſo ruhig zu finden; haben Sie noch nichts von dem Vorfalle mit Ihrem Vetter Cerrino vernommen? Torſo. Keine Sylbe. Was iſt mit ihm? wo iſt er? Lucillo. Im Kerker. Torſo.(heftig erſchrocken:) Was ſagſt Du? im Kerker? Lucillo. So iſt es. Torſo. Weshalb, und auf weſſen Beſehl? Lucillo. Auf ausdruͤcklichen Befehl des Fuͤrſten. Torſo. Des Fuͤrſten? mein Gott! erklaͤre Dich doch deutlicher! ſprich! was iſt vorgefallen? 3 Lucillo. Ich komme von dem Waldſchloſſe 1 Ihres Vetters, wo ich mit vieler Muͤhe entflohen und dem Schlage entronnen bin, der meinen Herrn zu Boden warf. ——— — 41— Torſo. Ich fange an das Worgeſallene zu ahnen. Bianka Donari—— Lucillo. Ganz recht. Dieſes Maͤdchen iſt es, das alles Unheil uͤber meinen Gebieter und ihn in das Gefaͤngniß gebracht hat. Torſo. Ich habe es befuͤrchtet. Ich warnte ihn, aber er achtete nicht darauf. Sprich! wie 3 iſt zu helfen? was kann ich fuͤr Cerrino, fuͤr mich ſelbſt thun, um den Folgen vorzubeugen? laß mich alles wiſſen. . Lucillo. Es iſt Ihnen bekannt, wie ſehr 4 mein Herr, von Liebe fuͤr die Pflegetochter des 1 Herrn Grafen entzuͤndet, nach dem Beſitze dieſes ſchoͤnen Maͤdchens ſtrebte; auch ſind Sie von den wunderbaren Auftritten unterrichtet, welche bis⸗ her in dem Hauſe des Herrn Grafen vorſielen. Billig haͤtten dieſe meinen Herrn behurſamer und vorſichtiger machen, und ihn von ſeiner Liebes⸗ intrigue abbringen ſollen.. 1 Torſo. Ich weiß Alles, aber welchen Be⸗ zug haben dieſe Dinge auf Bianken, und auf meines Vetters Verhaftung? Lucillo. Er hoffte durch Liſt und Gewalt 6 zu erhalten, was ihm Dianorens Kaltſinn ver⸗ weigerte; eine Entfuͤhrung ſollte ihn dazu verhel⸗ ſen. Der Plan wurde auch wirklich ſo gut ange⸗ legt, daß ich mein Leben haͤtte fuͤr das Gelingen —— deſſelben verwetten moͤgen; denn mein Herr 8 hatte alles ſo geſchickt dazu eingeleitet und vor⸗ bereitet, daß aller Verdacht gegen ihn ſchweigen und dieſer einzig auf den jungen Grafen Mon⸗ taldi fallen mußte. Dianora ging nach dem Kloſter ab, wo ſie die Zuruͤckkunft ihres Braͤu⸗ tigams erwarten wollte, und hierauf baute mein Herr die Ausfuͤhrung ſeines Planes. Ich hatte mich, dem erhaltenen Befehle gemaͤß, auf dem Wege dorthin mit einigen handfeſten Maͤnnern im Hinterhalte verſteckt und erwartete den Wagen mit Dianoren und ihrer Pflegemutter. Er er⸗ ſchien und wurde von ein paar verkappten Be⸗ dienten des jungen Grafen Montaldi und den, ihnen von uns verſchafften und mit mir einver⸗ ſtandenen Gehuͤlfen angehalten, um Dianoren dem jungen Grafen zuzufuͤhren, der es freilich nicht ahnete, daß mein Gebieter die Abſicht hatte, die ſchoͤne Beute fuͤr ſich felbſt zu erhaſchen. Ich ranß gjedoch mit meinen Leuten ploͤtzlich vor, in⸗ me ich den Gegnern zurief, im Namen des Sehnen und des Grafen Montaldi, ihre Beute fahren zu laſſen, worauf die mit mir einverſtan⸗ denen Gehuͤlfen eilig die Flucht nahmen, und ich Dianoren gluͤcklich auf das alte Waldſchloß mei⸗ nes Kerrn entfuͤhrte. dſ. Welche Tollkuͤhnheit! ſogar den — 16— Namen des Fuͤrſten dabei zu mißbrauchen. Je⸗ doch erzaͤhle weiter. Lucillo. Ich hielt Dianoren unter meiner Aufſicht ſo verborgen, daß durchaus nichts von ihrem Aufenthalte zu erlauſchen ſeyn konnte. Sie ſelhſt blieb daruͤber in Unwiſſenheit. Ich kam ihr nicht von der Seite, und gab meinem Herrn ſogleich Nachricht, als ich ſie beſaͤnftigt und alles zu ſeiner Ankunft beſtmoͤglichſt vorbe⸗ reitet zu haben glaubte. Er ſtellte ſich dann ein. Ich ſelbſt hatte Dianoren nur erſt ein paar Stun⸗ den vor ſeiner Ankunſt in ihrem wohlverwahrten Zimmer verlaſſen, und war meinem Herrn zum Empfange entgegen geeilt. Dieſe meine kurze Abweſenheit mußte man auf eine, mir vöͤllig unerklaͤrbare Weiſe benutzt haben, um ſo ſchnell eine Vertauſchung unſrer Gefangenen zu bewerk⸗ ſtelligen. Torſo. Eine Vertauſchung? 5 Lucillo. Dem Befehle meines Gebieters gemäß, hatte ich meiner Gefangenen ein Schlaf befoͤrderndes betaͤubendes Pulver in die Chokolade gemiſcht, und glaubte deſto ſicherer zu ſeyn, als ich meinem Herrn das Zimmer oͤffnete und wir die Gefangene wirklich ſchlafend fanden. Eben war ich im Begriffe mich zuruͤckzuziehen, als die Khuͤre aufſprang und eine lange maͤnnliche Ge⸗ 3 S 1* —— 19— 4 ſtalt, vom Kopfe bis zum Fuße in einem ſchwar⸗ 6 zen Mantel gehuͤllt und ſchwarz verlarvt, herein⸗ trat, meinen Herrn zuruͤckſtieß und den Schleier von dem Geſichte der Schlummernden hinwegriß. 3 Denken Sie ſich nun ſelbſt unſre Ueberraſchung, 3 als wir in derſelben Bianka Donari erblickten. Torſo. Willſt Du mich durch ein Maͤhrchen aͤffen? Wie haͤtte dieſe ſo ſchnell mit Dianoren * koͤnnen verwechſelt werden? Lucillo. Das Wie i*ſt mir ſelbſt unbegreif⸗ lich; gleichwohl war es wirklich ſo, wie ich ſagte. Die vielfaͤltigen fruͤheren wunderbaren Ereigniſſe ſollten uns uͤbrigens billig ſo ſehr an Dinge die⸗ ſer Art gewoͤhnt haben, daß auch das Wunder⸗ aͤhnliche dieſer Scene weniger befremden darf. Torſo. Von Wundern kann bei dieſen Spiegelfechtereien durchaus nicht die Rede ſeyn, wohl aber von Verraͤtherei. Ich ſehe es immer deutlicher ein, daß ich von geheimen Auflauerern umgeben bin, die ich aber zuverlaͤſſig werde zu entdecken wiſſen. Lucillo, Du haſt mir viele 3 Beweiſe von Treue und Anhaͤnglichkeit gegeben, und ungern moͤchte ich Dich einer geheimen Theil⸗ nahme an dieſem Betruge verdaͤchtig glauben; aber auf wen kann ein Verdacht wohl fallen, da Dianora ſich blos unter Deiner Wacht befand? Lucillo. Wenn ich dieſen nur durch eine IV. B — 13— Erklaͤrung von mir abwenden kann, ſo bin ich es nicht im Stande, denn ich weiß das Geſchehene nicht zu erklaͤren. Jedoch leuchtet es mir ein, daß unter ſolchen Umſtaͤnden mein bisheriger Dienſteifer ſeine Endſchaft erreichen muß. „ Torſo. Ich habe Deinen Verdruß erregt, das thut mir leid. Doch laß das gut ſeyn, und hilf mir Mittel finden, den Betrug zu entdecken. Wo blieb Dianora? Vieleeicht iſt ſie noch inner⸗ halb jenes Waldſchloſſes verborgen; denn ver⸗ ſchwunden kann ſie doch nicht ſeyn. Lucillo. Wahrſcheinlich hatte man es moͤg⸗ lich zu machen gewußt, Bianken in der Stille und unbemerkt in das Schloß zu bringen und ſie dort zu verbergen, was um ſo eher zu be verk⸗ ſtelligen war, da ich meine Aufmerkſamkeit nge⸗ theilt auf Dianoren richten mußte und wenig von ihr kommen durfte. Ich kann es faſt nicht be⸗ zweifeln, daß Bianka ſich zugleich mit Dianoren dort befand; außerdem waͤre es kaum denkhar, wie ſo ſchnell, waͤhrend meiner kurzen Abweſen⸗ heit, eine Verwechſelung der Perſon und das Einſchleichen des ſchwarzen Unbekannten geſchehen konnte. Von Dianoren weiß ich jedoch nichts. Die Schreckniſſe jenes Auftritts folgten ſo raſch auf einander, daß ich kaum zu mir ſelbſt kommen konnte. Nur mit Muͤhe behielt ich ſo viel Gei⸗ 19— ſtesgegenwart mich ſchnell davon zu machen, als die ploͤtzliche Erſcheinung des Fuͤrſten in Beglei⸗ tung einiger Ofſiciere, unter welchen ich den jungen Grafen Montaldi gewahrte, die Ueber⸗ raſchung erhoͤhte. Ich hielt mich in der Raͤhe im Gebuͤſche verborgen, um das Folgende zu belauſchen; bald nachher ſahe ich meinen Herrn, von ein paar Officieren begleitet, herauskommen, die ihn der fuͤrſtlichen Wache uͤbergaben, und ihn, von derſelben begleitet, in einem bereitſtehenden Wagen hierher in’s Gefaͤngniß bringen ließen. Torſo. Das iſt, fuͤrwahr! ein ſchlimmer Streich. Moͤchte er fuͤr ſeine Tollkuͤhnheit immer bäͤßen, wenn er nur nicht dadurch mich ſeibſt 8 4 2 2 zuͤgleich mit in's Gedraͤnge braͤchte. Es waͤre richt zu verzeihen, wenn er durch ſeine Unbe⸗ ſonnenheit mein Werk zerſtoͤrte. Soll ich darum ſo vieles gewagt und aufgeopfert haben, daß eine Liebesintrigue dieſes Unbeſonnenen, ſo nahe am Ziele, meine Anſtrengungen vernichten muͤßte? Lucillo. Es waͤre ſchlimm, wenn es dahin kaͤme. 3 Torſo. Das ſoll und darf es nicht, und ſollte ich das Aeußerſte wagen. Wenn nur Cer⸗ rino klug genug iſt, mich nicht etwa zu verrathen und mir dadurch die Mittel fuͤr ſeine Rettung 5 zu benehmen. Du mußt ihn zu ſprechen fuchen, — — 20— da ich nicht fuͤglich ſelbſt zu ihm gehen darf, ohne Verdacht gegen mich zu erregen. Lucillo. Der ausdruͤckliche Befehl des Fuͤrſten, Niemand, wer es auch ſey, zu dem Gefangenen zu laſſen, wuͤrde ſowohl Ihnen, als auch mir den Zutritt verweigen, und ein ſolcher Verſuch muͤßte mich der groͤßten Gefahr ausſetzen, da ich ohnedies Urſache habe, fuͤr meine Sicher⸗ heit beſorgt zu ſeyn. Torſo. Sey außer Furcht. Bleibſt Du mir nur immer treu ergeben, ſo wird mein Arm Kraft genug behalten, treue Diener zu ſchuͤtzen. Es wird ſich doch auf irgend eine Art ein Mittel entdecken laſſen, wodurch man Cerrino Nachricht geben kann. Lucillo. Nach meinem Dafuͤrhalten ſollte man vor allen Dingen die furchtbare Maske aus⸗ kundſchaften, um ſie aus ihrer Mummerei her⸗ vorzuziehen und fuͤr die Folge unſchaͤdlich zu machen. Torſo. Lorenzo's fruͤhere Spiegelfechtereien und die bisherigen Abenteuerlichkeiten dieſes Unbekannten, ſehen einander ſo aͤhnlich, um da⸗ durch zu der Vermuthung veranlaßt zu werden, daß die Geruͤchte von Lorenzo's Tode luͤgen, er wirklich noch lebe und ſich hinter dieſ⸗ ſchwarze 3 Maske verſteckt habe. —— * 4 1. 1 3 rung deſſelben erregte vieles Auſſehen und Tadel, — 21— Lucillo. Das letztere läßt ſich nicht fuͤg⸗ lich glauben. So viel ich weiß, iſt Lorenzo ſehrn 1 betagt, Alter und Schwachheit haben ſeinen Ruͤcken gebeugt. Jener Unbekannte aber ſteht wie ein Koloß in voller Kraft des Mannes da, ſeine Geſtalt erhebt ſich uͤber das Gewoͤhnliche und ſein Anfaſſen entnervt, wie die Hand des Todes. Torſo. Mag es auch ſeyn, daß ich mich hierin irre, ſo taͤuſche ich mich doch gewiß nicht, wenn ich glaube, daß Lorenzo durch dieſen Unbe⸗ kannten handle. Vor allen Dingen ſchaffe mir Odoardo her. Du kennſt ihn doch? Lucillo. Wie ſollte ich nicht? ich ſahe ihn oft in Latago, und erwarb mir ſein Zutrauen. Torſo. Deſto beſſer. Er befindet ſich, ſo⸗ viel ich weiß, ſeit kurzem wieder hier; es wird Dir nicht ſchwer fallen ihn auszukundſchaften, und ihn mir herzuſchaffen. Nur ermahne ich Dich zur Vorſicht, denn dieſe iſt gegenwaͤrtig aͤußerſt noͤthig; und nunmehr geh, Lucillo, handle mit Klugheit und bleib mir treu, dann ſollſt Du Deinen dankbarſten Schuldner in mir finden. Cerrino's Verhaftung und die enge Verwah: — 22— vornehmlich bei den Damen, die es nicht ſo leicht verſchmerzen konnten, daß man einen ſo aͤußerſt angenehmen und beliebten jungen Mann von Stande, der in den erſten und glaͤnzendſten Zir⸗ keln der Stadt willkommen war, und den ſie ſo vieler Aufmerkſamkeit werth gefunden, der oͤffent⸗ lichen Schande Preis gegeben hatte und ihn wie einen gemeinen Verbrecher behandelte. Man ſprach ziemlich laut davon, daß es unbillig ſey, einen jugendlichen Leichtſinn und eine vielleicht zu weit getriebene Liebesintrigne mit ſo großer Strenge zu ahnden, und konnte es gar nicht be⸗ greifen, was den ſonſt ſo nachſichtsvollen Fuͤrſten bei dieſem Vorfalle zu einer ſo außerordentlichen Härte konnte vermocht haben. Torſo benutzte in's Geheim dieſe Stimmung auf's beſte zu Gunſten ſeines Vetters, und ſorgte dafuͤr, daß die oͤffentliche Meinung uͤber die, gegen denſel⸗ ben gebrauchte Strenge zu den Ohren des Fuͤrſten gelangen mußte. Da Cerrino auf dieſe Art die Stimmen des groͤßern Theils der ſchoͤnen Haͤlfte der Reſidenz fuͤr ſich hatte, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſehr bald auch theils aus Gefaͤlligkeit fuͤr die Damen, theils aber auch aus eigenem Intereſſe die Maͤn⸗ ner auf ſeine Seite traten. Man wetteiferte da⸗ her mit einander, ſich ſo ſchoͤnen Fuͤrſprecherinnen 1 2 gefaͤllig zu zeigen, und durch Vorbitten, Cerri⸗ no's Befreiung zu bewirken. Von mehrern Seiten wurde der edle Hugo deshalb mit Bitten beſtuͤrmt. Ueberall traten Perſonen von Anſehen und Einfluß auf, um Cerrino's Vertheidigung zu uͤbernehmen. Aber bald genug wurde man uͤber die wahre Beſchaf⸗ fenheit der Umſtaͤnde, welche die vermeinte allzu⸗ große Strenge gegen den Gefangenen rechtfer⸗ tigte, genauer belehrt; ſeine Fuͤrſprecher zogen ſich ſchnell genug wieder verſtummend zuruͤck, da ſie 2 ſahen, daß der Fuͤrſt dieſe vermeinte Galanterie des Gefangenen ſehr ernſthaft nahm, und Jeden als Theilnehmer ſeiner Verbrechen betrachtete, der es wagen wollte, dieſe zu beſchoͤnigen oder zu entſchuldigen. Das hatte man freilich nicht erwartet, und da man vernahm, daß die gegen Cerrino Statt findende Strenge ſich ſogar auf den Befehl aus⸗ dehnte, daß einem Jeden, ohne Unterſchied, der 46 Zutritt zu ihm verweigert wuͤrde, fuͤhrte denn dies nothwendig zu der Vermuthung, es muͤſſe hier wirklich von weit mehr als einer bloßen Lie⸗ besintrigue die Rede ſeyn. Dennoch bemuͤheten ſich Torſo und deſſen Anhaͤnger, die fruͤhere guͤnſtige Stimmung fuͤr Cerrino im Stillen zu naͤhren; ihre Soͤldlinge ſchlichen unter dem Volke umher, die ſich bemuͤhe⸗ ten, das gegen den Verhafteten gebrauchte Verfah⸗ ren als zu weit getriebene Haͤrte und Ungerech⸗ tigkeit von gehaͤſſigen Seiten darzuſtellen und da⸗ durch Zwietracht und Unzufriedenheit zu bewirken. Aber alles war vergebens; ihre Bemuͤhungen ſcheiterten immer mehr und mehr an des Volkes beſſerer Ueberzeugung. Der Fuͤrſt hatte ſich be⸗ ſonders in der letzteren Zeit von ſo liebenswuͤrdi⸗ gen Seiten als wohlwollender Vater ſeines Volks, und als Verehrer und Beſchuͤtzer der Menſchen⸗ und Buͤrgerechte gezeigt, daß man ihn keiner Un⸗ gerechtigkeit gegen Cerrino zu beſchuldigen wagte. Vielmehr mußte man des edelmuͤthigen Hugo's ſtrenge Gerechtigkeitspflege loben, da nach und nach Streiche von dieſem Cerrino bekannt wur⸗ den, welche ihn als den argliſtigſten und verab⸗ ſcheuungswuͤrdigſten Boͤſewicht darſtellten, der mit frechem Hohne gegen die heiligſten Pflichten ſich zu den empoͤrendſten Unthaten herabgewuͤrdiget hatte. Anfangs war man mit den gehaͤßigſten Aeuße⸗ rungen, beſonders uͤber Bianken vorlaut geweſen. Man hatte ihre ſtrenge Tugend verunglimpft und ſie voll bittern Grolls geſchmaͤhet, daß ſie eine leichtfertige Galanterie ſo aͤußerſt ernſthaft ge⸗ nommen und ihre Rache gegen den liebenswuͤr⸗ — 25— digen Verfuͤhrer ſo weit ausgedehnt habe. Da man aber gegenwaͤrtig von allen naͤhern Umſtaͤn⸗ den genauer unterrichtet wurde, erhielt das Ganze freilich eine andere Anſicht. Ein widriges Gefuͤhl von Beſchaͤmung, daß ſich nun einem Jeden uͤber ſein fruͤheres unkluges Urtheil auf⸗ drang, ging in Haß und Verachtung gegen einen ſo niedrigen Verbrecher uͤber, und unwillkuͤhrlich oͤffnete es die Herzen dem innigſten Mitleid fuͤr die arme ungluͤckliche, um jede ſchoͤne Lebensfreude ſo buͤbiſch beſtohlene Bianka. Dieſe genoß gegenwaͤrtig in der Montal⸗ di'ſchen Familie alle die Liebe und herzliche Theil⸗ nahme, welche ihr Anblick und ihr Ungluͤck einem Jeden unwiderſtehlich abnoͤthigten. Jedermann kam ihr mit Wohlwollen und Guͤte entgegen. Sie fand in der Graͤſin eine liebende Mutter, ſo wie in Dianoren eine zaͤrtliche Schweſter, waͤh⸗ rend es ſich der Graf angelegen ſeyn ließ, ihr durch ſein vaͤterliches Wohlwollen den ſchmerz⸗ haften Verluſt des geliebten Vaters weniger fuͤh⸗ len zu laſſen; auch Seipio's weiches, ſanftfuͤh⸗ lendes Herz fuͤhlte ſich mit der innigſten und mit⸗ leidsvollſten Theilnahme nach der armen Leiden⸗ den hingezogen. In einem vorzuͤglich hohen Grade hing Dianora mit ſchweſterlicher Liebe an Bianden. Ihr gutes Herz voll ſanften Mie — 26— fuͤhls, empfand die ganze Laſt des unverdienten Ungluͤcks, daß dieſes arme Schlachtopſer der ver⸗ worfenſten Buͤberei zu Boden druͤckte. Sie kam nur ſelten von Biankens Seite. Ihre Liebe war zwiſchen ihr und Manutti getheilt, und ſo machte ſie es ſich zur beſondern Pflicht, vereinigt mit ihren geliebten Pflegeeltern und Manutti, nebſt Scipio, Biankens leidendes Herz mit Troſ und Ruhe zu erfuͤllen. Bianka fuͤhlte den wohlthaͤtigen Einfluß die⸗ ſer liebevollſten Theilnahme nach ſeiner ganzen begluͤckenden Staͤrke. Allein die Arme hatte zu viel gelitten und war zu grauſam um alles das betrogen worden, was ihr Leben verſchoͤnern konnte, als daß die tiefen Wunden ihres Innern ſo leicht durch dieſen lindernden Balſam haͤtten verheilen koͤnnen. In den ſchweſterlichen Armen der geliebten Dianora, an dem Buſen ihrer muͤt⸗ terlichen Freundin, der Graͤfin, ſo wie in dem traulichen Umgange des edeln Manutti und Sci⸗ pio's athmete ſie zwar nach ſo langer Zeit wie derum zum erſten Male aus freierer Bruſt auf, aber es glich dem letzten Aufflammen eines ver⸗ loͤſchenden Lichtes. Die Ruhe, der fuͤße Friede ihres Herzens, war unwiederbringlich dahin; die ſchoͤne Jugendbluͤthe ihrer Geſundheit war grauſam zerſtoͤrt, und der Schimmer freundlicher — 27— Hoffnung beſſerer Tage war fuͤr ſie auf immer verblichen. Ihre ganze noch uͤbrige Hoffnung hatte ſie in das Grab gepflanzt, und mit ſeelen⸗ vollem Blicke heißer Sehnſucht hing ihr thraͤnen⸗ volles Auge an dem gluͤcklichen Jenſeits, das ihr die Segensbluͤthen dieſer Hoffnung reichen ſollte. Der nagende Wurm an ihrem Herzen, zehrte auch raſtlos an ihrer Lebenskraft, und langſam ſchien ſie dem gewiſſen fruͤhen Grabe zuzuwanken. Oft, wenn ſie ihr muͤdes Haupt an Dianorens Buſen ſanft anſchmiegte, und ihre muͤtterliche Freundin ihrem Herzen Troſt einzufloͤßen und es empfaͤnglicher fuͤr den Reiz und die Freuden des Lebens zu machen bemuͤht war, ſprach ſie mit wehmuͤthigem Laͤcheln:„Mein einziges ſchoͤnes Gluͤck fand ich in dieſem liebevollen Kreiſe; fuͤr mich bluͤht und reift jedoch keine Freude mehr hienieden; dieſe ſchoͤne Pflanze iſt mir im erſten Emporkeimen vertrocknet; mein Leben iſt nur noch einem leicht dahin ſchwebenden Schattoen zu vergleichen. Indeſſen ſeyn Sie deshalb unbe⸗ ſorgt, ſo wie ich es ſelbſt bei dem Hinblicke auf mein Grab bin; denn mit ſeelenvollem heitern Gefuͤhle ſehe ich mich nahe an dem Ziele.“ Vergebens waren der Graͤfin Bemuͤhungen, ihre Gedanken von dieſen ſchwaͤrmeriſchen Er⸗ guͤſſen abzuleiten.„Ach nein!“ erwiederte ſie — 28— ſanft,„laſſen Sie mir den ſuͤßen Troſt, daß mein Inneres mir Wahrheit verſpricht. UI1 Rande des Grabes verwehen der Erde Ungluͤcks⸗ ſtuͤrme in ſanſte Zephyrs. In dem dunkeln Gruͤn 4 der Cypreſſe wohnt Ruhe und ſeliger ungeſtoͤrter 4 Frieden, und der freundliche Todesengel löſet alle Mißtoͤne des Schmerzes und der Klage in ſelige Harmonien auf. Mein Lebenspfad war duͤſter und unhold, uͤber Dornen wandelte mein Fuß zum Ziele, ich freue mich, daß es bald erreicht ¹ ſeyn wird; oft hat der Stern der Hoffnung mich 1 getauſcht, am errungenen Ziele taͤuſcht er nicht 4 mehr.“ „Fuͤhlſt Du es nicht, liebe Bianka,“ erwie⸗ derte die Graͤfin,„wie traurig es iſt, in ſchoͤner Jugendfuͤlle, und mit deren Anſpruͤchen auf das Leben und ſeine begluͤckende Freuden, den Keim ſeiner Hoffuunng in ſein Grab zu pflanzen?“ „Mag es immerhin feyn,“ unterbrach ſie 4 die ſanfte Schwaͤrmerin mit feurigen Ausdruck, die Trauer flieht bei der untruͤglichem Ueberzeu⸗ gung, daß dieſer Hoffnuug ſchoͤne Segensbluͤthen nicht taͤuſchen.“ Bianka gewoͤhnte ſich immer mehr an dieſe ihr ſo liebgewordene Schwaͤrmerei, daß ſie uͤberall neue Nahrung derſelben ſuchte und fand, um ſich immer vertrauter mit dem Gedanken an ihre Auſ⸗ — — — — 31— ſie das ſchoͤne Segensgluͤck der Liebe, und mit holdem Zauber gaukelte ihre Phantaſie ihr die Bilder ſchnell entflohener Zeit vor, wo ſie in ihrer gluͤcklichen Unbefangenheit und Unbekanntſchaft mit den Bosheiten der Menſchen, in Cerrino's Armen den Traum gluͤcklicher Liebe gehegt hatte. Um ſo graͤßlicher draͤngte ſich aber auch ſchnell der Gedanke an ihre ungluͤckſelige Taͤuſchung und an ihr ſchmachvolles Elend dazwiſchen, um ihren Blick auf die grauenvolle ſpaͤtere Zeit ihres ſchau⸗ derhaften Erwachens aus jenen fuͤßen Traͤumen zu feſſeln, und es ihr doppelt empfinden zu laſſen, daß ſie durch reine tugendhafte Liebe jetzt eben ſo gluͤcklich ſeyn koͤnnte, wie ihre ſchweſterliche Freun⸗ din Dianora, wenn jener buͤbiſche Verraͤther ſie nicht ſo grauſam um dieſe Seligkeit betrogen haͤtte. Sie machte ſich oft ſelbſt Vorwurſe uͤber ihre widrige Stimmung in Gegenwart der beiden Liebenden, und um ſo ſorgfaͤltiger war ſie darauf bedacht, ihre ſchmerzvollen Gefuͤhle zu bekaͤmpfen und ihr Herz mehr mit dem fruͤheren ungetruͤb⸗ ten Mitgefuͤhl fuͤr das Gluͤck derer zu erfuͤllen, welchen ſie ſo vieles verdankte, und welche mit der zaͤrtlichſten Freundſchaft ſich bemuͤheten, den Horizont ihres Lebens zu erheitern; indeſſen war ihr Wille ſchwaͤcher als das Wuderſtreßen ihres 3 tiefen Seelenſchmerzes. — 32— Sie hatte ſich ſorgſam gepruͤft und die Ueber⸗ zeugung in ſich aufgenommen, daß keinesweges Neid, Mißgunſt oder aͤhnliche gehaͤſſige Gefuͤhle Antheil an dieſen zuruͤckſcheuchenden Ideen hat⸗ ten. Sobald ſie ſich hieruͤber mit ihrem Innern verſtäͤndigt hatte, ſchloß ſie auch mit deſto groͤße⸗ rer Herzlichkeit ſich an die geliebte Dianora an, um dieſe immer feſter davon zu uͤberzeugen, daß ihre ſchweſterliche Liebe und der Wunſch, Zeugin ihres fuͤßen Liebesgluͤcks zu ſeyn, das einzige Band ſey, das ſie noch mit innigem Wohlgefallen an das Leben knuͤpfte. Dianora war weit davon entfernt, irgend ein Mißtrauen gegen ihre ungluͤckliche Freundin zu hegen; ſie verſtand ihre unwillkuͤhrlichen Bewe⸗ gungen, die ihr nicht verborgen blieben, als den Ausdruck ihres tiefen Seelenſchmerzes, nur zu gut. Oft war dieſes der Gegenſtand ihres Ge⸗ ſpraͤchs mit Manutti. Es war Beiden ſehr ein⸗ leuchtend, daß der Anblick zweier, durch Liebe und reine tugendhafte Zaͤrtlichkeit beſeligter Men⸗ ſchen, Biankens Schwermuthe nur neue groͤßere Nahrung geben mußte. Sie liebten ſie zu innig, und fuͤhlten es zu lebhaft, wie vielen Anſpruch Bianka auf zarte Schonung von dieſer Seite zu machen hatte, als daß ſie, um ihrer ungluͤcklichen Freundin ſo ſchmerzhafte Erinnerungen ihres Ungluͤcks zu erſparen, nicht gerne dem Drange ihrer liebenden Herzen in Biankens Beiſeyn haͤt⸗ ten moͤglichſt widerſtehen, und in ihren Unter⸗ haltungen mehr auf Bianken ſelbſt und auf er⸗ heiternde Gegenſtaͤnde Ruͤckſicht nehmen ſollen. Dieſe ſorgſame Bemuͤhungen beider Liebenden bemerkte jedoch Bianka ſehr bald. Dieſe zarte Schonung ruͤhrte ſie ungemein; aber zugleich trug ſie auch dazu bei, ſie mit neuem Kummer zu erfuͤllen. Sie betrachtete ſich als eine Ungluͤck⸗ liche, die nicht allein ſelbſt auf jede Lebensfreude verzichten muͤſſe, ſondern die auch zugleich das Gluͤck und die Freuden ihrer Lieben ſtoͤre. Nichts konnte ſie von dieſen, allen ihren erduldeten Schmerz nun aufwuͤhlenden Vorſtellungen ab⸗ bringen, und weder Dianorens noch Manutti's Bitten und Zuredungen vermochten ſie zu be⸗ ruhigen.— Auf dieſe Art lebte denn die arme Bianka im fortwaͤhrenden Kampfe mit ſich ſelbſt ein ſehr trauriges Leben, und ihre Sehnſucht nach Vollen⸗ dung erhoͤhete ſich mit jedem Tage. Ihre bleiche abgezehrte Geſtalt, in welcher ſich die Spuren ihrer tiefen Seelenleiden ſo ſprechend ausdruͤck⸗ ten, floͤßte Allen inniges Bedauern und zaͤrtliche Theilnahme ein. Jeder ſuchte ſeine Bemuͤhungen fuͤr ihre Beruhigung und Erheiterung mit der IV. C — 34 ᷣα liebevollſten Sorgſalt der graͤflichen Familie Mon⸗ taldi zu vereinigen. Unter dieſe theilnehmende Freunde gehoͤrte nicht allein vorzuͤglich Manutti's Oheim, der Geheimerath Altieri, ſondern auch vorzuͤglich der Graf Torſo. Obgleich vieljaͤhrige Intriguen und ſeine ehrſuͤchtigen und herrſchbegierigen wilden Leidenſchaften, welche ihn ſchon zu mancher ſchwarzen Unthat gefuͤhrt hatten, jedes ſanftere edele Gefuͤhl in ihm unterdruͤckten, ſo wirkte gleichwohl Biankens Anblick ſo ungewoͤhnlich ſtark auf ihn, daß er einer Regung von Theilnahme und Mitleid nicht widerſtehen konnte. Er war zedoch zu tief in Verbrechen und Laſter verſunken, als daß er nicht haͤtte darauf bedacht ſeyn ſollen, ſein Gewiſſen in einer beſtaͤndigen Betaͤubung zu erhalten, und dergleichen heftige Gemuͤthserſchuͤt⸗ terungen zu vermeiden, die ſeine muͤhvoll erkuͤn⸗ ſtelte wenige Herzensruhe ſo arg gefaͤhrdeten. Daher kaͤmpfte er auch hier die Regungen beſſerer Gefuͤhle gewaltſam in ſich nieder, um nicht in dem vernichtenden Erkennen ſeiner Nichtswuͤrdig⸗ keit zu verzweifeln. Allein, ſo wie ſelbſt das Laſter zuͤgelloſer Bosheit ſich immer noch gedrungen fuͤhlt, die Hoheit menſchlicher Tugend und Un⸗ ſchuld, obgleich mit grollendem Ingrimm, zu ehren, ſo fuͤhlte ſich auch Torſo zu dieſer gemiß⸗ ——jj handelten Tugend und freventlich gemordeten Unſchuld, der ungluͤcklichen Bianka, wider ſeinen Willen hingezogen. Dieſes gab denn auch jetzt ſeinen theilnehmenden Aeußerungen den Anſtrich einer ſolchen Wahrheit und Herzlichkeit, daß Bianka jeden Verdacht einer Beſchoͤnigung der gegen ſie und ihren Vater veruͤbten Buͤberei ſei⸗ nes Vetters ſchwinden laſſen mußte. Sein eigner Vortheil verlangte, daß er öfter als vorher in dem Hauſe des Grafen erſchien. Cerrino's Verhaftung konnte fuͤr ihn ſelbſt aͤußerſt gefaͤhrlich werden, wenn dieſer Theilnehmer ſei⸗ ner verbrecheriſchen Machinationen an ihm und dem ſchwarzen Bunde ſollte zum Verraͤther wer⸗ den. Er bot deswegen ſeine ganze Schlauheit auf, um des Grafen und ſeiner Freunde Geſin⸗ nungen zu erforſchen, und zugleich Mittel fuͤr die Rettung ſeines Vetters zu finden. Der Graf Montaldi und deſſen Freunde, die ihn durchſchau⸗ ten, benahmen ſich jedoch anf eine ſolche Art gegen ihn, daß er mit aller angewandten Muͤhe uͤber ihre wahre Meinungen immer nur zweifelhaft blieb. Dagegen machte er bald die Bemerkung, daß die ungluͤckliche Bianka einen ſehr weſent⸗ lichen Platz in dem Herzen des Grafen und ſei⸗ ner Gemahlin einnahm, indem er dies zu ſeinem Vortheile benuͤtzte, hoffte er durch ſein Beneh⸗ C 2— men gegen Bianken ſich deſto eher das vertrauen⸗ volle Wohlwollen der graͤflichen Familie zu ver⸗ ſchaffen, und jeden etwa ſtattfindenden Argwohn zu entkraͤften. Mit allen Zeichen der herzlichſten Theilnahme ſchloß er ſich immer traulicher an Bianken an, um die Bedauernswuͤrdige durch ſeine freundliche und troͤſtende Zuſprache aufzurichten. Er ver⸗ wuͤnſchte den uͤberhohen Leichtſinn ſeines unbe⸗ ſonnenen Vetters. Aber zugleich wandte er auch ſeine Beredſamkeit an, ihn in einer minder ge⸗ haͤſſigen Geſtalt darzuſtellen, damit Biankens Abſcheu wo moͤglich bekaͤmpft und ſte fuͤr ſeine Abſicht zu Gunſten deſſelben geneigter gemacht wuͤrde. Durch Biankens eigne Fuͤrſprache allein konnte er hoffen, den Zorn des Fuͤrſten gegen Cerrino zu mildern, und ihn dem Verderben zu entziehen; vielleicht konnte auch durch eine Ver⸗ bindung mit Bianken ſein Vergehen wenigſtens zum Theil wieder gut gemacht werden. Daher ließ er es denn an ſeinen eifrigſten Bemuͤhungen nicht fehlen, um ſich den Weg zur Erreichung ſeiner Wuͤnſche zu bahnen. „Moͤchte es meinem redlichen Eifer gelingen, Sie mhit Ihxem ſeindlichen Geſchick auszuſoͤhnen, ——— gern ſollten Sie mich dazu bereit finden, Ihnen Erſatz fuͤr das Erlittene und Verlorene zu ver⸗ ſchaffen, wenn Sie ihn nur annehmen wollen. Ich habe weder Weib noch Kind; ich ſtehe allein da, verlaſſen und verarmt an Freuden, mit einem Herzen voll hoher Sehnſucht nach der AUm⸗ armung eines guten Kindes, deſſen Liebe mein gramumwoͤlktes Alter erheitern wuͤrde. Wie gluͤcklich koͤnnten Sie mich machen, liebe Bianka, wenn Sie mich zum Vater annehmen, wenn Sie meine Tochter ſeyn wollten. Der gluͤckliche Vater wuͤrde keine heiligere Pflicht kennen, als fuͤr ſeine geliebte Tochter und ihr Gluͤck zu leben.“ So oft er ohne Zeugen mit Bianken ſprechen konnte, gab er ſeiner traulichen Unterhaltung dieſe Richtung, indem er alles aufbot, ihre gegen⸗ waͤrtige Stimmung und den Zwang, den ſie ſich in Anſehung der vermeinten Stoͤrung des zaͤrtli⸗ chen Verhaͤltniſſes der beiden Liebenden auflegte, zu benuͤtzen, um ſie fuͤr ſein Anerbieten Seneidt zu machen.— „Sie taugen nicht in das Gedraͤnge der Welt,“ ſagte er zu ihr;„aber eben ſo wenig paßt auch das duͤſtere Kloſterleben fuͤr Sie. Ein⸗ ſamkeit iſt fuͤr Ihr Herz allerdings hohes Beduͤrf⸗ niß geworden, aber ſie darf nicht das Unheimiſche der kloͤſterlichen Abgeſchiedenheit haben, das Sie 4 4 — nur noch mehr in ſich verduͤſtert, und Ihrem Grame ſtets neue Nahrung giebt; ſie muß einen freundlichern, mild erheiternden Gehalt haben. Solch eine erheiternde Einſamkeit im Schooße der Natur und ihrer Milde biete ich Ihnen dar. Ich beſitze ein kleines, aber aͤußerſt angenehmes Landgut in einer ſehr freundlichen Gegend, das ſo ganz dazu geeignet iſt, dem Leidenden eine friedliche Freiſtatt, Ruhe und Erheiterung darzu⸗ bieten. Meine Hand ſoll Sie in dieſes ſchoͤne Aſyl geleiten. Ich bin das wilde unruhige Draͤn⸗ gen und feindliche Walten der großen Welt längſt uͤberdruͤßig; ich ſehne mich heiß und innig nach der lang entbehrten Ruhe. Daher wuͤrde ich Ihnen dahin folgen, um in Ihrer kindlichen Liebe die Widerwartigkeiten des Lebens zu ver⸗ geſſen, und als gluͤcklicher Vater den Reſt meine Lebenstage dem Gluͤcke meiner geliebten Sochtss zu widmen.“ Wenn auch Bianka geneigt geweſen waͤre, auf dieſe Zuredungen ſein Anerbieten anzunehmen, ſo wuͤrde ſie ſich dennoch zu nichts entſchloſſen haben, ohne den Grafen Montaldi und deſſen Gemah⸗ lin vorher zu Rathe zuziehen. Das ſahe Torſo ſehr gut ein. Er erkannte jedoch auch, daß bei der Eroͤffnung ſeines Antrags gegen Montaldi, ſehr vieles darauf ankam, wie dieſer Antrag ein: — 3 9— geleitet wurde, wenn er eine Genehmigung deſſel⸗ ben hoffen wollte. Daher uͤbernahm er es ſelbſt, den Grafen mit ſeinem Verlangen auf eine ſolche Art bekannt zu machen, daß dieſer, ſeiner Mei⸗ nung nach, es nicht fuͤglich von ſich weiſen konnte, wobei ihm die in Bianken erregte weiche Stim⸗ mung, zur Unterſtuͤtzung ſeiner Bitten, zu Huͤlfe kommen ſollte. Kit ſo vieler Vorſicht und Klugheit er jedoch auch dabei zu Werke ging, ſo trug dennoch der Graf, aus mehreren Ruͤckſichten und uͤberwiegen⸗ den Gruͤnden, gerechtes Bedenken, ſeinem Ge⸗ ſuche ein geneigtes Ohr zu leihen. Wenn auch nicht ſchon die gegenwaͤrtige Beſchaffenheit der Umſtaͤnde und Torſo's Verhaͤltniſſe, ſo wie die bemerkte Abſicht, Bianken von ihm zu entfernen und durch ſie eine Ausſoͤhnung mit Cerrino zu bewirken, den Grafen gegen dieſen Antrag abge⸗ neigt gemacht haͤtte, ſo mußte er es um des Fuͤr⸗ ſten willen thun, der ihm ſelbſt Bianben zur Aufnahme in ſeiner Familie uͤbergeben hatte. Indem er Torſo auf dieſe getroffene Verfuͤgung, ſo wie auf die Nothwendigkeit hinwies, ihr Genuͤge zu leiſten, ſtel es ihm nicht ſchwer, Tor⸗ ſo's Antrag ſo abzulehnen, daß dieſer ſeine Idee aufgeben mußte, ohne in des Grafen Widerſetz⸗ lichkeit eine Beleidigung finden zu koͤnnen. — 4⁰— Sehr ungern ſahe ſich Torſo durch dieſe Zu⸗ ruͤckweiſung in ſeinem Plane zu Gunſten des ein⸗ gekerkerten Cerrino geſtoͤrt, da er Urſache dazu hatte, das Schlimmſte, ſowohl fuͤr Cerrino, als auch fuͤr ſich ſelbſt, zu fuͤrchten. Er wußte daß die eingeleiteten Unterſuchungen gegen Cerrino mit großer Strenge fortgeſetzt wurden. Alle bis⸗ herigen Bemuͤhungen blieben fruchtlos etwas fuͤr ihn zu thun, oder ihn ſelbſt im Gefaͤngniſſe be⸗ ſuchen zu duͤrſen, um ihm die noͤthigen Maßregeln fuͤr ſein Verhatten ertheilen zu koͤnnen. Er mußte daher um ſo mehr darauf bedacht ſeyn, andete Wege einzuſchlagen, um auf Cerrino zu wirken, und ihn auf irgend eine Art in Freiheit zu ſetzen, da von ſeiner Rettung ſo vieles fuͤr ihn ſelbſt abhing. Ueberall hatte er ſeine Spione und Auflauerer * hingeſtellt, welche Alles, was auf dieſe Angelegen⸗ heit naͤheren oder entfernteren Bezug haben konnte, beobachten und ihm daruͤber Bericht er⸗ ſtatten mußten. Dem erhaltenen Auftrage ge⸗ maͤß, hatte Lucillo ſchon zu wiederholten Malen es gewagt, ſich bald in dieſer, bald in jener Ver⸗ kleidung, zu Cerrino hinzuſchleichen, und die ächter zu beſtechen; aber auch dieſe und aͤhn⸗ Verſuche verungluͤckten. Torſo gerieth da⸗ in die groͤßte Verlegenheit. Ungeachtet aller angewandten Vorſicht, eine Befreiung des Gefangenen zu erzielen, konnte er ſich doch viel⸗ leicht endlich den Verdacht einer Mitwirkung zuziehen; er fand es alſo der Klugheit gemaͤß, lieber jetzt ganz zuruͤck zu treten.. Unter folchen Umſtaͤnden kamen ihm denn die beruhigenden Nachrichten ſehr erwuͤnſcht, die ihm Lucillo uͤberbrachte, daß der zu erwartende baldige Ausbruch der bisher im Stillen genaͤhrten Unruhen, die beſte Gelegenheit zu Cerrino's Be⸗ freiung und zur Abwendung jeglicher Gefahr dar⸗ bieten wuͤrde. —— Die letzteren Vorfaͤlle und beſonders die ſon⸗ derbaren Umſtaͤnde, unter welchen Dianorens Rettung und ihre raͤthſelhafte Verwechſelung mit Bianken, ſo wie Cerrino’s Entlarvung war be⸗ wirkt worden, befeuerten ſowohl in dem Grafen, als auch in ſeiner Gemahlin den Wunſch, daruͤber deutlichere Auskunft zu erhalten. Es ſchien bei⸗ nahe gewiß zu ſeyn, daß alle dieſe Ereigniſſe das Werk des Centuriers waren, dem ſich der Graf dadurch neuerdings ſo vielfach verpflichtet fuͤhlte, daß er um ſo mehr nach dem Wiederſehen deſſel⸗ ben geizte, ſo wenig er auch in dieſer Hinſicht die Befriedigung ſeiner Wuͤnſche gewinnen konnte, da plöͤtzlich wieder alle Spur von Petardo ver⸗ ſchwunden war. Ihm verdankte es der Graf vorzuͤglich auch, daß ſein Sohn reuevoll und von ſeiner Leiden⸗ ſchaft fuͤr Dianoren geheilt, mit Manutti zuruͤck⸗ gekehrt war und ſich ſeiner Verzeihung werth be⸗ zeigt hatte. Seine vorige, durch den argliſtigen Cerrino und deſſen Verfuͤhrungskuͤnſte neuge⸗ weckte und irregeleitete wilde Leidenſchaft fuͤr Dianoren, hatte der tiefſten Reue und der rein⸗ ſten Bruderliebe fuͤr Dianoren Platz gemacht. Ohne widrige Aufwallung konnte er gegenwaͤrtig die geliebte Schweſter in den Armen des durch ihre Liebe hochbegluͤckten Manutti's erblicken. Mit Schaudern dachte er an die Folgen, welche ſein ſtrafbares Benehmen wuͤrde gehabt haben, wenn ſich nicht noch zu rechter Zeit Petardo ſei⸗ ner angenommen und ihn von dem Abgrunde des Verderbens zuruͤckgezogen haͤtte. Um ſo mehr theilte er denn auch mit ſeinen Eltern den Wunſch, denſelben wiederzuſehen und ihm ſeinen tiefgefuͤhlten Dank darbringen zu koͤnnen. So ſehr auch die graͤfliche Familie zu erfah⸗ ren wuͤnſchte, wodurch Petardo alle die raͤthſel⸗ haften Auftritte veranlaßt, und ſie ausgefuͤhrt haben konnte, ſo hatte man dennoch aus zarter Schonung fuͤr Bianken, jener Ereigniſſe zu er⸗ „—— „—— waͤhnen, bisher ſorgfaͤltig vermieden. Der erſte gewaltſame Sturm in Biankens Innern war nun nach und nach in ſtille Schwermuth uͤber⸗ gegangen; ſie konnte jetzt ruhiger auf ihre Umge⸗ bungen achten. So bemerkte ſie denn auch bald das lang zuruͤckgehaltene Verlangen ihrer Freunde nach Aufſchluß der, auf ihre Erſcheinung ſich be⸗ ziehenden Raͤthſel. Sie fuͤhlte ſich fuͤr die freund⸗ liche Aufnahme in dieſer ihr ſo theuer gewordenen Familie, ſo wie fuͤr die ihr bewieſene aͤußerſt zarte Schonung viel zu ſehr zum Danke verpflich⸗ tet, als daß ſie jetzt, wo ſie ruhiger an die Schreckensſcenen der Vergangenheit zuruͤckdenken konnte, nicht gern dem leiſen Verlangen des Grafen und ſeiner Gemahlin haͤtte entgegen kom⸗ men ſollen. Eines Abends, im traulichen Fami⸗ lienkreiſe verſammelt, leitete ſie jetzt ſelbſt das Geſpraͤch auf jene Ereigniſſe, indem ſie Dianoren erſuchte, die naͤhern Umſtaͤnde ihrer Entfuͤhrung und raͤthſelhaften Rettung zu erzaͤhlen. Dianora ließ ſich ſehr gern dazu bereit ſinden. „Mir ſelbſt iſt bei dieſen Schreckensſcenen noch vieles raͤthſelhaft,“ begann Dianora,„in⸗ deſſen glaube ich mit ziemlicher Gewißheit, daß meine Vermuthungen der Wahrheit ſehr nahe kommen. Meine Entfuͤhrung, war, wie Sie bereits wiſſen, Cerrino's Werk. Um dem Ver⸗ — 44— dachte deshalb auszuweichen, hatte er den Schein ſeiner Buͤberei auf meinen bruͤderlichen Freund Scipio geworfen, indem er ihn, durch falſche Nachrichten getaͤuſcht, zu dem Entſchluſte ver⸗ leitete, mich der vermeinten Grauſamkeit ſeines Vaters auf gewaltſame Art durch eine Entfuͤhrung zu entziehen. Er ſelbſt gab ihm Leute zur Aus⸗ fuͤhrung dieſes Unternehmens, die mit ihm ein⸗ verſtanden waren; daher die ploͤtzliche Flucht der⸗ ſelben, als Cerrino's zweiter Haufen mich dem Lubino, unter dem gemißbrauchten Namen Sei⸗ ner Durchlaucht, wieder entriß. Ich wurde ge⸗ waltſam von der Seite der geliebten Mutter hin⸗ weggeriſſen. Eine Ohnmacht verhinderte mich jedoch zu bemerken, was weiter mit mir vorging. . Als ich mich wieder etwas erholt hatte, befand ich mich auf Cerrino's Waldſchloſſe, und an meiner Seite erblickte ich einen Mann von zuruͤckſchrecken⸗ dem Anſehen, den ich Lucillo nennen hoͤrte, und der mit einigen andern unbekannten Maͤnnern geſchaͤftig war, mich aus meiner Betaͤubung voͤllig. zu ermuntern. Sein Anblick erſchuͤtterte mich ſo deftig, daß ich mit abgewandtem Blick ſchaudernd zuruͤckſank. Auf ſeinen Wink entfernten ſich dann ſeine Gehuͤlfen, und indem er hinter dieſen die Thuͤre ſorgfaͤltig verſchloß, oͤffnete er eine Seiten⸗ thuͤre, und— denken Sie ſich mein frohes 4 4 — 45— Erſtaunen, als ich meinen guten Vater Lorenzo hereintreten ſahe.“ „Eine ſolche unerwartete Erſcheinung, an einem Orte, wo ich ohne Rettung verloren zu ſeyn glaubte, erfuͤllte mich mit hohem Entzuͤcken. Mir ausgebreiteten Armen ſtuͤrzte ich dem geliebten Vater entgegen, bei welchem ich vor jeder weitern Gefahr geborgen zu ſeyn hoffte. Mein Vater uͤberzeugte mich auch bald, daß ich mich in dieſer Erwartung nicht taͤuſchte. Er entfaltete mir die ganze ſchaͤndliche Buͤberei, die Cerrino gegen mich im Sinne hatte, beruhigte mich aber durch ſeine freundliche Zuſprache unter der feſten Verſicherung, daß ich nichts zu befuͤrchten hätte. Damit Cer⸗ rino's Leute nicht von ſeiner Gegenwart etwas erlauſchen und ſie dieſem verrathen koͤnnten, em⸗ pfahl er mir die groͤßte Vorſicht.„Ich muß Dich ſogleich wieder verlaſſen,“ ſprach mein Vater, „allein Du bleibſt in ſehr guten Haͤnden hier zu⸗ ruͤck. Ueberlaß Dich unbedenklich dieſem wackern Manne Luecillo, und mache Dich gefaßt, ihm auf den erſten Wink zu folgen.“ Mein inneres Ge⸗ fuͤhl ſtraͤubte ſich bei Lueillo's Anblicke gegen den Willen meines Vaters, und bittend ſchlang ich meine Arme um ſeinen Nacken, mich nicht der Willkuͤhr fremder Leute Preis zu geben; jedoch er hob mich ſanft in ſeinen Armen empor, und — 46 ſprach mir Muth und Vertrauen ein.„Ich bleibe Dir nahe,“ fuhr er gegen mich fort,„um die noͤthigen Verfuͤgungen fuͤr das Weitere zu treffen; wenn dieſe beſorgt ſeyn werden, ſollſt Du durch Lucillo den erforderlichen Wink daruͤber erhalten, und alsdann zoͤgere nicht, Dich ſeiner Fuͤhrung anzuvertrauen, die Dich ſicher in meine Arme leiten ſoll.“ Er ermahnte mich hierauf, Ihnen, meine theuern Eltern, unverzüͤglich von meiner gluͤck⸗ lichen Rettung durch einige Zeilen, die er mir ſelbſt in die Feder diktirte, Nachricht zu geben, indem er zugleich zu deren groͤßerer Beglaubigung meinen Ring beifuͤgte, den ich, ſeiner Ver ſiche⸗ rung gemaͤß, in kurzer Zeit aus Ihren Haͤnden wieder erhalten ſollte. Er ſelbſt uͤbernahm es, dieſen Brief durch einen ſichern Boten an Sie zu befoͤrdern, und entfernte ſich mit Lucillo durch die Seitenthuͤre. Es dauerte nicht lange, ſo wurde die verſchloſſene Thuͤre meines Gemachs geoͤffnet und Lucillo trat in Begleitung der Maͤn⸗ ner, die ich bei meiner Ankunft geſehen hatte, zu mir herein. Sein Anblick und ſein ganzes Benehmen gegen mich war zuruͤckſchreckender als vorher. Mit einem mich heftig erſchuͤttern⸗ den Tone forderte er mich auf, mich in die Um⸗ ſtaͤnde willig zu fuͤgen und ihn nicht durch Wider⸗ — 47— ſetzlichkeit zu gewaltſamen Mitteln zu zwingen, meinen Trotz zu beugen.„ZJetzt geht,“ rief er ſeinen Begleitern zu,„bringt unſerm Gebieter meinen Gruß und meinen Brief, und berichtet ihm, was ihr hier geſehen habt;“ worauf er mich mit dieſen wieder verließ und oraſam die Thuͤren hinter ſich verfchloß.“ „Ich ſchwebte in großer Angſt und ſuchte mir zu erklaͤren, wie mich mein Vater einem Mann anvertrauen konnte, der mich mit ſo großer Haͤrte behandelte. Ich vermuthete hierin ein neues Gewebe von Betrug und Argliſt, wodurch dieſer Lucillo meinen Vater getaͤuſcht habe; doch be⸗ ruhigte ich mich, weil ich meinen Vater in der Naͤhe wußte, und von ihm zuverſichtlich erwar⸗ ten durfte, daß er alles aufbieten wuͤrde, mich Cerrino's und Lucillo's raͤuberiſchen Haͤnden zu entreißen. Mit banger Furcht ſahe ich jeden Augenblick Cerrino's Ankunft entgegen, als der Abend erſchien, und bei jedem kleinen Geraͤuſche, das ich von außen hoͤrte, ſchreckte mich die Be⸗ ſorgniß auf, daß er eintreten wuͤrde. Der Abend verſtrich und die Nacht brach ein, ohne daß ich weiter Jemand zu Geſichte bekam, als Lucillo, der mich mit Speiſe und Trank verſahe, und mich bat, ruhig und unbeſorgt zu ſeyn und der Verſicherung meines Vaters zu vertrauen. Ich 7 — 48— war endlich vor Mattigkeit in einen leichten Schlummer geſunken. Das Geraͤuſch der Schluͤſ⸗ ſel an meiner Thuͤre erweckte mich; Lucillo trat leiſe und ſchuͤchtern zu mir herein und forderte mich auf, ihm unverzuͤglichſt zu folgen. Ich war unſchluͤſſig, was ich thun ſollte; er ließ mir jedoch nicht lange Zeit zur Ueberlegung, indem er mir einen Mantel uͤberwarf und mich mit ſich fortzog. Ich folgte ihm unter aͤngſtlichem Herz⸗ klopfen nach der Hinterſeite des angrenzenden Gartens und nach einer geoͤffneten Thuͤre, wo ich einen bereitſtehenden Wagen und einen Mann bemerkte, der mir an der Thuͤre entgegen kam. Voll freudiger Ueberraſchung ſank ich dieſem in 3 die Arme; es war mein Vater. Ehe ich mich von meinem Erſtaunen ganz erholen konnte, wurde ich von Lucillo in den Wagen gehoben; mein Vater ſetzte ſich zu mir, und mit raſcher Eile rollten wir durch die Stille der Nacht da⸗ hin.“ Das freundliche Fraähroth des erwachenden Tages erhellte die Gegend mit ſanft aufdaͤmmern⸗ dem Schimmer, als ich in der Naͤhe das Mor⸗ genlaͤuten eines Kloſtergloͤckehens vernahm. In wenigen Augenblicken hielt der Wagen ſtille. Mein Vater ſprang heraus und zog mich nach ſich. Ich blickte forſchend um mich her, und b 1 — 49— war freudig uͤberraſcht, denn ich befand mich in einer mir bekannten Gegend; in einer kleinen Entfernung zur Rechten lag die Kapelle Sankt Thekla auf ihrem Huͤgel, vom Roſenſchimmer des Morgens umſloſſen, und vor mir waren die Mauern des Kloſters der frommen Bernhardi⸗ nerinnen. Ein Unbekannter, in einem Mantel gehuͤllt, erwartete uns an der Pforte, faßte mei⸗ nen Vater traulich am Arme und meldete ihm, daß alles zu meiner Aufnahme in Bereitſchaft ſey, worauf er uns in das Innere des Kloſters geleitete und der Aebtiſſin unſre Ankunft melden ließ. Ich wurde von der ehrwuͤrdigen Veronica mit der entgegenkommenden Liebe einer Mutter herzlich bewillkommt, und ihr Empfang bewies es deutlich, daß ſie meinen Vater, ſo wie unſern unbekannten Begleiter ſchon ſeit laͤngerer Zeit kennen mußte. Ich hatte jetzt Gelegenheit, die⸗ ſen Unbekannten genauer zu betrachten, und blieb nicht lange in Ungewißheit, daß er der unbe⸗ kannte Freund meines Vaters war, der ſich in den erſten Tagen meiner Kindheit meiner ſo lie⸗ bevoll angenommen hatte. „Wir ſind uns nicht fremd, liebe Tochter,“ redete er mich an, als er in meinen Mienen die Bewegungen meines Innern errieth,„wir haben uns oft und viel geſehen, und die ſchwarze IV.— D Maske hat ein vielfach heiliges Recht auf Ihre kindliche Achtung.“ Er ſchlang ſeinen Arm ſanft um mich und ſchien bei meinem Anblicke tief be⸗ wegt zu ſeyn. Seine Umarmung war die eines liebenden Vaters. „Ich wurde von ihm und meinem Vater auf Deinen Empfang, liebe Bianka, vorbereitet und mit Deiner Leidensgeſchichte, wovon ich ſchon fruͤher bei einem Beſuche hier im Kloſter von der frommen Veronica einiges erfahren hatte, genauer bekannt gemacht. Dadurch wurde der tiefe Ein⸗ druck noch mehr verſtaͤrkt, den die Mittheilungen der ehrwuͤrdigen Aebtiſſin bereits in mir hervor⸗ gebracht hatten; mein Herz ſlog Dir daher bei Deinem erſten Erblicken voll innigem Mitleid und Liebe zu, als Du jetzt, auf den Arm der Aebtiſſin geſtuͤtzt, bei uns eintrateſt. Du bemerkteſt die Thraͤne des Mitgefuͤhls, die der Anblick Deiner bleichen gramerfuͤllten Jammergeſtalt mir in das Auge draͤngte; Dein Kuß uͤberzeugte mich, daß unſre Herzen ſich verſtanden, und der Bund der⸗ ſelben fuͤr treue Schweſterliebe war ſehr ſchnell geſchloſſen. Ich hatte mir mit der Hoffnung eines laͤngeren Beiſammenbleibens mit Dir ge⸗ ſchmeichelt, allein die Umſtaͤnde verlangten es anders. Schon am naͤchſten Abende ſchlug die Stunde unſrer Trennung; nur die wiederholten ¹ feierlichen Verſicherungen meines Vaters und ſei⸗ nes unbekannten Freundes, daß wir recht bald unter guͤnſtigeren Verhaͤltniſſen wieder mit ein⸗ ander ſollten vereiniget werden, um uns alsdann nie wieder zu trennen, erleichterten uns das Schmerzhafte des Scheidens. In Begleitung des Unbekannten fuhreſt Du in demſelben Wagen. ab, der mich mit meinem Vater in das Kloſter gebracht hatte, und meine und der frommen Ve⸗ ronica herzlichſte Segenswuͤnſche folgten Dir nach.“ „An dem folgenden Tage trennte ſich auch mein Vater von mir, um ſeine Reiſe nach Latago fortzuſetzen, wo nach ſeiner Verſicherung, ſeine Gegenwart ſehr noͤthig war. Die Geſellſchaft und die liebevolle Zuſprache meiner ehrwuͤrdigen Freundin, der Aebtiſſin, trugen ſehr dazu bei, mir meine Einſamkeit zu verſuͤßen, mich zu beruhigen und zu erheitern, bis ich endlich durch die unver⸗ muthete Ankunſt meines Manutti uͤberraſcht wurde. Von ihm wurde ich nun nach Cerrino's Waldſchloſſe zuruͤckgeleitet, mo ich Sie Alle wie⸗ derfand, und Zeuge war, wie durch unſern unbekannten Freund in der ſchwarzen Maske die Werke der Bosheit vernichtet wurden.“ „Ja, meine theure Dianora,“ nahm Ma⸗ nutti das Wort,„der entſcheidende Streich iſt D 2 8 52— gefallen. Ich ſelbſt kann vielleicht uͤber Manches, was noch dunkel iſt, einige Auskunft geben, denn nunmehr bin ich meines gegebenen Wortes ent⸗ bunden. Ich darf es Ihnen jetzt eroͤffnen, daß ich ſchon fruͤher durch einzelne Winke und Mit⸗ theilungen auf das, was geſchehen ſollte, war vorbereitet worden, und daß ſich hierauf die Ruhe gruͤndete, womit ich nach Latago abreiſte.“ Graf.(verwundert:) Wie? Sie wußten darum, und nahmen dennoch Anſtand, uns da⸗ mit bekannt zu machen? f Manutti. Mein Wille wurde hierin von Andern um ſo eher beſtimmt, je deutlicher man mich uͤberzeugte, wie nothwendig es war, daß Ihre Gegner in ihrem feindlichen Walten durch Ihre Unbefangenheit irre gefuͤhrt werden mußten. Nur die ungeſtoͤrte Wirkſamkeit unſrer verborge⸗ nen Freunde konnte die uns bedrohende Gefahr wirklich fuͤr immer abwenden. Auch beſchraͤnkten ſich die mir eroͤffneten Mittheilungen anfangs nur auf Einzelnheiten, denn erſt in der Stunde meiner Abreiſe nach Latago erhielt ich, zu meiner groͤßern Beruhigung, einige genauere Andentung deſſen, was geſchehen wuͤrden Graf. Und wer machte Sie damit zekanne⸗ Manutti. Ein Mann, uͤber den Sie ins⸗ geſammt fluͤchtig hinwegblickten, und der gleich⸗ “ wohl einer Ihrer einflußreichſten Freunde war,— der ehrwuͤrdige Albero. 1B. Graf. Dieſer?— So war es alſo Plan und Abſicht, daß Albero auf Empfehlung meines Freundes zu Sankt Lucian, bei mir Aufnahme erhielt? Jetzt fange ich an zu begreifen, warum er mir ſo unerwartet ſeine Buͤcher uͤbergab und auf ſeine Entlaſſung drang, die ich ihm ungern ertheilte, weil ich in ihm einen ſehr rechtlichen und treuen Diener erkannt hatte. Wo iſt er hin⸗ gekommen? Manutti. Das weiß ich Ihnen nicht zu ſagen. Nur ſo viel iſt mir bekannt, daß das ihm von Lorenzo uͤbertragene Geſchaͤft in Ihrem Hauſe mit Cerrino's Entlarvung und Dianorens Rettung beendigt war, und er in ſeine Einſam⸗ keit wieder zuruͤckgetreten iſt, aus welcher ihn Lorenzo s Aufforderung hervorrief. Ich verdanke dieſem ehrwuͤrdigen Alten ſehr viel. Er war es, der mir mit biederer Theilnahme und zutraulicher Herzlichkeit als Freund und Rathgeber entgegen kam, dem ich mich deſto lieber voll Vertrauen anſchloß, da er mich mit ſeinen engbefreundeten Verhaͤltniſſen zu Dianorens Vater bekannt machte. Er ſtand mir troͤſtend und beruhigend zur Seite, als ich eines vertrauten redlichen Freundes im Kampfe mit meinem Herzen ſo ſehr bedurſte, das 34— meiner theuern Dianora hinzog, obgleich der Gedanke an ihren Beſitz mir als Hochverrath an der Freundſchaft fuͤr meinen Freund Seipio er⸗ ſchien. Albero hatte mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit entdeckt, daß er ein Diener der Kirche ſey, was meine Ehrfucht und mein Zutrauen fuͤr ihn erhoͤhete. Er belohnte dieſes Vertrauen durch die Entdeckung von Lorenzo's unbeugſamer Widerſetzlichkeit gegen eine Ver⸗ bindung ſeiner Tochter mit Scipio, indem er mir verſicherte, daß dieſes Widerſtreben auf den vollwichtigſten Gruͤnden beruhete. Meine dahin⸗ geſunkene Hoffnung wurde neubelebt, als er mir kurze Zeit darauf entdeckte, daß er ſeinem Freunde Lorenzo von meiner Liebe zu ſeiner Tochter Mel⸗ dung gethan habe, und daß dieſer mir ſeine vaͤterliche Beiſtimmung zu meiner Verbindung mit ihr nicht verweigern wuͤrde, wenn Diano⸗ rens Herz in meine Gefuͤhle und Wuͤnſche ein⸗ ſtimmte, und mein Oheim ſeine Genehmigung dazu gaͤbe. Sie ſelbſt wiſſen das Weitere, wo⸗ durch ich das ſchoͤne Gluͤck meiner ſtillen Wuͤnſche erreichte und durch fruͤhere Mittheilungen zu Cerrino's Entlarvung durch Lorenzo, ſo wie durch Albero und jenen Unbekannten, beitrug. Graf. Wenn doch endlich einmal Lorenzo, mich, mit allem Feuer der zaͤrtlichſten Liebe, nach ſo wie dieſer Unbekannte, aus ihrer Mummerei heraustreten wollten! Aus mehr als einer Ruͤck⸗ ſicht wuͤnſchte ich beſonders dieſen Letzteren genauer kennen zu lernen. Bianka. Auch ich ſtimme Ihnen darin ganz bei. Mich hat er zu ſeiner lebenslaͤnglichen dankbarſten Schuldnerin gemacht. Ich habe kei⸗ nen innigeren Wunſch als den, ihn wiederzu⸗ ſehen, der mein Wohlthaͤter und Retter war, wie ich an aller menſchlichen Huͤlfe verzweifelte. Urtheilen Sie ſelbſt, wie unendlich viel ich ihm verdanke. Der Nichtswuͤrdige, deſſen Namen ich nicht mehr nennen mag, hatte grauſam alle Bande zerriſſen, die mich an die Welt und das Leben ketteten. Ich war durch ihn ſo grenzenlos elend geworden, daß der Tod, um welchen ich den Himmel raſtlos aber vergebens anflehete, fuͤr mich wuͤrde die groͤßte Wohlthat geweſen ſeyn. Krank und mit der ganzen ſchweren Buͤrde mei⸗ nes Elends belaſtet, irrte ich verzweiflungsvoll umher, den Moͤrder meines Vaters und meines Gluͤcks zu finden und die Gerechtigkeit gegen ihn aufzufordern. Mein bemitleidenswerther Zuſtand und die Erzaͤhlung meines ſchmachvollen Ungluͤcks oöͤffneten mir uͤberall gefuͤhlvolle Herzen, die mir freundliche Theilnahme und Unterſtuͤtzung ſchenk⸗ ten; aber mein Zuſtand war ſo ſchrecklich, daß — 356 eder Troſt an der Groͤße meiner Leiden verhallte, und ich nahe daran war, das wirklich zu werden, wozu mein Verfuͤhrer mich durch ſeine Mieth⸗ linge gern machen wollte, um mich als wahn⸗ ſinnig einſperren zu laſfen. 15 Graf. Armes ungluͤckliches Maͤdchen! ich fuͤhle ganz das Schreckliche Ihres Zuſtandes. Bianka. Er war uͤber alle Beſchreibung ſchauderhaft, und um ſo mehr, da mich gedun⸗ gene Gehuͤlfen des Verraͤthers umgaben, deren Nachſtellungen nichts anders bezweckten, als mich auf ewig ſtumm zu machen. Ich war durch die Groͤße meiner Verzweiflung zuletzt dahin ge⸗ bracht worden, daß ich endlich den feſten Ent⸗ ſchluß faßte, mein ungluͤckliches Leben zu enden. Da trat einſt ploͤtzlich jener Unbekannte, wie ein ſchuͤtzender Engel zwiſchen mich und mein ver⸗ zweifelndes Herz, indem er mich mit kraͤf⸗ tigem Arme den Fluthen entriß, in welche ich eben im Begriff war, meine Leiden zu verſenken. Dianora. Deine Erzaͤhlung iſt ſchauder⸗ erregend! Ge 1 84 Bianka. Ohne dieſen unbekannten Freund waͤre ich rettungslos verloren gewefen. Er hielt mich vom Selſtmorde zuruͤck, erweichte mein Herz durch ſeine kraͤftige Vorſtellungen, ſo daß ich nach langer Zeit zum erſten Male wieder das —— * — 57— Wohlthaͤtige lindernder Thraͤnen empfand, die ich an ſeinem theilnehmenden Herzen weinte. Voll Dank und innigem Vertrauen fuͤhlte ich mich mit jedem Augenblicke enger an ihn gekettet; an ſeinem Herzen athmete ich wieder freier, und deſto eher ließ ich mich auch auf ſeine Bitten geneigt finden, mich ſeiner Leitung zu uͤberlaſſen. Er verſchaffte mir eine Freiſtatt in dem Kloſter der frommen Bernhardinerinnen, wo ich ſpaͤter⸗ hin Dich, liebe Dianora kennen lernte. Die wuͤrdige Domina Veronica war ſchon vor meiner Ankunft mit meinem Ungluͤck vertraut gemacht worden; dieſes verſchaffte mir die theilnehmendſte Aufnahme. Sie ließ es ſich ſo eifrig angelegen ſeyn, mein armes Herz immer mehr durch ihre herzliche Zuſprache und durch die Troͤſtungen der Religion aufzurichten, daß ich bald in ihr eine liebevolle Mutter verehrte. Mein unbekannter Retter blieb anfangs einige Zeit in meiner Naͤhe und beſuchte mich taͤglich, um die Bemuͤhungen meiner ehrwuͤrdigen Freundin zu unterſtuͤtzen. Die liebevolle Sorgfalt, welche man mir ſchenkte, machte einen deſto wohlthaͤtigern Eindruck auf mich, da mir mein unbekannter Freund ent⸗ deckte, daß mein Zuſammentreffen mit ihm, und meine, durch ihn bewerkſtelligte Rettung, keines⸗ weges ein bloßer Zufall geweſen war, wie ich an⸗ — 38— fangs glaubte. Vielmehr hatte er ſchon fruͤher von meinem und meiner Familie ungluͤcklichen Schickſalen ſehr genaue Kunde gehabt, und nur durch gewiſſe Verhaͤltniſſe und das Zuſammen⸗ treffen mehrerer Umſtaͤnde, die ihn zu einer wei⸗ ten Reiſe genoͤthigt hatten, war er abgehalten worden, ſich unſerer gegen jenen argliſtigen Boͤſe⸗ wicht fruͤher anzunehmen, und ſeine Schandthat zu verhindern. Als er dann redlich von ſeiner Reiſe zuruͤckkehren konnte, war es zu ſpaͤt, das Geſchehene abzuwenden; ich hatte den Schauplatz meiner tiefen Schmach bereits verlaſſen, und irrte einſam umher. Er aber war mir nachge⸗ eilt, um mich aufzuſuchen und ſich meiner huͤlf⸗ reich anzunchmen, bis es ihm endlich gluͤckte, mich zu ſinden und zu retten.“ „Durch ihn erfuhr ich jetzt auch den wahren Namen des Nichtswuͤrdigen, der mich ſo grau⸗ ſam betrogen hatte. Aber ich kann Ihnen nicht beſchreiben, mit welcher zarten Schonung und liebenden Sorgfalt er ſich wegen des Geſchehenen gegen mich benahm, um mich nicht neuen und heftigen Erſchuͤtterungen auszuſetzen; er leitete meinen Blick vertrauenvoll auf die Zukunft, von welcher ich Vergeltung der an mir veruͤbten Buͤ⸗ berei hoffen ſollte. Mein bisheriger wilder, ver⸗ zweiflungsvoller Schmerz wurde vorzuͤglich da⸗ — — 59— durch ungemein gemildert, und ging in ein ruhi⸗ geres Vertrauen uͤber, daß er auch die Hoffnung in mir belebte und naͤhrte, durch ſeine thaͤtige Mitwirkung in kurzer Zeit die Ehre meines armen verkannten und gemißhandelten Vaters gerettet und ſeine Verfolger gedemuͤthigt zu ſehen. Auf dieſe und aͤhnliche Weiſe bereitete er mich auf die folgenden Scenen vor, und machte mich nach und nach genauer mit ſeinem Plane der Rache und der Beſtrafung des Moͤrders meines Vaters und meines Gluͤcks bekannt, ſo daß ich, unter⸗ ſtuͤtzt von der ehrwuͤrdigen Veronica freundlichen und troͤſtungsreichen Zuſprache, mit ruhigem und feſtem Vertrauen mich ſeiner Leitung uͤberlaſſen konnte. Du, liebe Dianora, wareſt jetzt oft der Gegenſtand unſerer Unterhaltung. Die herz⸗ liche Theilnahme, wozu ich mich noch ehe ich Dich kannte, gedrungen fuͤhlte, erhielt durch die in mir erregte Beſorgniß wegen der gefaͤhrlichen Nachſtellungen jenes Verfuͤhrers neuen Zuwachs, indem mein unbekannter Freund mich mit den Geweben der Bosheit bekannt machte, womit der Nichtswuͤrdige Dich zu umſtricken ſuchte. Mit zunehmender Unruhe und Beſorgniß erkun⸗ digte ich mich bei jedem neuen Beſuche meines Freundes ſehr angelegentlich nach Dir, bis er mir endlich eines Tages die frohe Nachricht — 60— brachte, daß Du den Fallſtricken gluͤcklich ſeyſt entriſſen worden, und daß ich nunmehr Deine Ankunft im Kloſter jeden Augenblick erwarten duͤrfe.“ „Dieſe Verheißung wurde bald erfuͤllt. Du erſchieneſt in Geſellſchaft Deines Vaters. Mein Herz ſagte mir ſchon in den erſten Augenblicken unſers Sehens, daß es ſich in meinen ſuͤßen Hoff⸗ nungen nicht geirrt hatte, und um ſo mehr freuete ich mich auch auf Deinen laͤngeren Umgang; aber dieſes Vergnuͤgen ſollte ich fuͤr den Augenbluͤck noch entbehren. Ich mußte mich ſchon nach den erſten Stunden wieder von Dir trennen, um die Werke der Finſterniß vernichten zu helfen. Ich wurde von meinem unbekannten Freunde nach— dem bewußten Waldſchloſſe gebracht, das Du nur erſt verlaſſen hatteſt; dort uͤbergab er mich einem Manne, den er, als einen laͤngeren Bekannten, Lucillo nannte, und der mich nach einem abge⸗ legenen Zimmer geleitete, wo ich von ihm mit allem ſorgſam verſehen wurde, was zu meiner Bequemlichkeit und Erheiterung beitragen konnte. Meiſt unbekannter Freund hatte mich wieder ver⸗ laſſen, kehrte aber nach einigen Tagen mit der Nachricht zuruͤck, daß der entſcheidende Augen⸗ blick der Vergeltung nahe ſey. Er empfahl mir Ruhe und Vorſicht, womit ich mich bei den kom⸗ — 61— menden Dingen in der noͤthigen Faſſung erhalten muͤſſe, um ſeinen Plan nicht etwa zu vereiteln. Als aber folgenden Tages Lueillo ſchuͤchtern zu mir hereintrat und mir anzeigte, daß der nichts⸗ wuͤrdige Cerrino jetzt angekommeu ſey, um den Lohn ſeiner Verbrechen zu ernten, da konnte ich die gewaltſame Aufwallung meiner empoͤrten Ge⸗ fuͤhle nicht maͤßigen; mein ganzes Weſen gerieth in die furchtbarſte Erſchuͤtterung, die endlich in einem unwillkuͤhrlichen feſten Schlummer endete. Unwiderſtehlich war dieſer Schlaf; was weiter um mich her vorging, war ich außer Stand zu be⸗ merken, bis ich endlich aus dieſer Schlaftrunken⸗ heit aufgeruͤttelt wurde, und mich von Ihnen Hund der ſchwarzen Maske umgeben ſahe und den zitternden Verraͤther erblickte. Sie ſelbſt wiſſen insgeſammt den weiteren Erfolg, da Sie Zeugen dieſer Auftritte waren.“ Die Geſellſchaft hatte dieſer Erzaͤhlung mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zugehoͤrt. In den Mienen eines Jeden ſpiegelte ſich die lebhafteſte Theilnahme; aber vorzuͤglich war die Graͤſin durch die Schilderungen von dem Centurier in eine ganz eigene Bewegung verſetzt worden, in⸗ dem dadurch dunkle Ahnungen und Erinnerungen an Ludovico in ihr rege wurden. Sie zweifelte jetzt nicht mehr, daß dieſer Centuriſche Oberſte und — 62— 4 jener Ludoviko eine und dieſelbe Perſon waͤren; aber ſo gern ſie auch mehr Gewißheit daruͤber ſich gewuͤnſcht haͤtte, ſo gebot doch die Klugheit, ihre weiteren Erkundigungen vor der Hand ein⸗ zuſtellen. Die innige Theilnahme, womit ſich Jeder von den Anweſenden fuͤr die ungluͤckliche Bianka erfuͤllt fuͤhlte, aͤußerte ſich in einem vorzuͤglich hohen Grade bei dem jungen Grafen Montaldi. Ihr unverſchuldetes Ungluͤck ſprach auch ſein weiches und ſanftfuͤhlendes Herz um ſo mehr an, da es ſelbſt von eigenen ſchmerzhaften Gefuͤhlen ergriffen war.. Der Juͤngling verdankte es zwar Petardo, daß er das Unſtatthafte ſeiner Leidenſchaft fuͤr Dianoren lebhafter einſehen gelernt hatte; aber ſeine Reſignation war blos das Werk der Noth⸗ wendigkeit, gegen welche ſein Inneres im Stillen ankaͤmpfte. Als Scipio auf ſeiner, durch Cerrino veranlaßten Flucht, voll Haß gegen ſeinen, Vater ſich ſelbſt uͤberlaſſen umherirrte, die ihm ent⸗ riſſene Geliebte aufzuſuchen: da hatte ſich dieſer Fremdling zu ihm hingedraͤngt, und ihn beruhi⸗ gend und ermahnend in die Schranken der Pflicht und des kindlichen Gehorſams zuruͤckgefuͤhrt. Er hatte ihm Cerrino's Buͤberei entſchleiert, und es ſich zugleich angelegen ſeyn laſſen, ihm durch mehrere gewichtige Andeutungen die Ueberzeu⸗ gung von dem unabwendbaren Ungluͤcke zu geben, das eine Verbindung zwiſchen ihm und Dianoren nach ſich ziehen muͤſſe. Wirklichiwar auch Scipio zu dem feſten Entſchluſſe gekommen, auf Dia⸗ norens Beſitz zu verzichten; aber er vermochte es nicht, den Kampf mit ſeinem liebenden Herzen zu beſtehen. Er verſank immer mehr in duͤſtere Schwermuth, welche ſeine zaͤrtlich beſorgte Eltern in große Unruhe verſetzte, und Beide uͤber das Mittel, ihm zu Huͤlfe zu tommen, aͤußerſt ver⸗ legen machte. Scipio's gegenwaͤrtige Stimmͤng kettete ihn deſto feſter an Bianken, da deren Gemüͤthszuſtand und ſanfte Schwaͤrmerei ſo gleichtoͤnend in die Saiten ſeines Innern eingriffen; ſeinen Umgang hatte er beinahe ausſchließend auf ſie beſchraͤnkt. Bianka uͤberzeugte ſich bald von dem Wiederhalle ihrer ſchwermuthsvollen Gefuͤhle in Scipio's Innern und fuͤhlte ſich immer mehr nach dem trauernden Juͤngling hingezogen. Der Graf ſahe es zwar nicht ungern, daß Bianka in der Geſellſchaft ſeines Sohnes Beruhigung und Er⸗ heiterung fand, allein er befuͤrchtete dagegen auch nicht ohne Grund, daß Scipio durch allzugroße Abſonderung von jeder andern Geſellſchaft und durch ſeinen beſtaͤndigen Umgang mit dieſem — 64— Maͤdchen ſtiller Trauer, mit jedem Tage mehr und mehr in ſich verduͤſterte und fuͤr die Freuden des geſelligen Lebens abſtumpfte. Umſonſt war des Grafen Bemüuhung, ihn von Bianken loszukeißen, und, um ihn zu zer⸗ ſtreuen, ihn ſeine unterbrochene fruͤhere Reiſe fortſetzen zu laſſen. Scipio konnte ſich weder zu dem einen noch zu dem andern entſchließen. „Man hat mich mit mir ſelbſt und der Welt entzweit, und mir alles das verweigert, was mein Herz begluͤcken konnte,“ ſprach er,„ſo goͤnnen Sie mir, mein Vater, nur noch den ein⸗ zigen Troſt, an dem gleichfuͤhlenden Herzen der armen, dem Grabe zuwankenden Bianka ſuͤße Beruhigung fuͤr das zu Entbehrende zu finden.“ Um dergleichen Unterredungen beſſer auszu⸗ weichen, vermied Seipio ſorgfaͤltig jede Gelegen⸗ heit, wo ſein Vater oder ſeine Mutter ihn allein ſprechen konnten. Er nahm in ihrer Naͤhe zu einer erkuͤnſtelten Heiterkeit ſeine Zuflucht; aber dieſe erzwungene Unbefangenheit wirkte hoͤchſt nachtheilig auf ihn. Die Beſorgniß der beiden Eltern nahm mit jedem Tage zu, ſo daß ſich der Graf endlich von der Nothwendigkeit uͤberzeugte, dem aͤußerſt bedenklichen Gemuͤthszuſtande des geliebten Sohnes zu Huͤlſe zu kommen, ohne jede andere Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt zu achten. Daher — mußte er ſich zu dem einzigen ihm noch uͤbrigen Mittel, zwar mit ſchwerem Herzen und nur durch den gewaltſamen Drang der Nothwendigkeit ver⸗ anlaßt, entſchließen. Er ſuchte jetzt ſeinen Sohn zu einer trau⸗ lichen Unterhaltung zu veranlaſſen. Eines Mor⸗ gens, wo es Scipio am wenigſten vermuthete, trat er in ſein Zimmer und fand ihn in duͤſterem Nachdenken. Kaum, daß er ihn eher bemerkte, als bis er vor ihm ſtand. Bei dem Anblicke ſeines Vaters fuhr er heftig zuſammen. „Du traͤumſt ſchon wieder?“ wandte ſich der Graf an ihn.. Scipio. Entſchuldigen Sie mich, mein Vater; Sie haben mich uͤberraſcht. Graf. Leider muß ich das, wenn ich mei⸗ nes Sohnes einmal froh werden will. Seipio, es iſt weit mit Dir gekommen; der Sohn ver⸗ meidet den Anblick ſeines Vaters. Scipio. Mein beſter, guͤtiger Vater! Graf. Bin ich Dir das wirklich noch? Mit tiefer Wehmuth erinnere ich mich an jene ſchoͤne gluͤckliche Zeit, wo mein Sohn in dem Vater ſeinen erſten Freund und Vertrauten ehrte, wo ihn unbefangenes Zutrauen und Aufrichtigkeit an das Vaterherz band, das es ſich ſtets angelegen ſeyn ließ, Liebe durch Liebe zu erwiedern. Jene IV. E ſchoͤnen Tage des Gluͤcks und eintrachtsvollen Friedens ſind laͤngſt voruͤber; der Vater iſt dem Herzen des Kindes fremd geworden. Scipio.(erſchuͤttert:) Nein! o nein, mein Vater, Sie ſind meinem Herzen nicht fremd ge⸗ worden, es umfaßt Sie mit aller Fuͤlle kindlicher Liebe. Aber haben Sie Nachſicht, haben Sie Geduld mit mir, ich ſelbſt bin mir nur fremd geworden. Graf. Weißt Du auch, 1 mein Sohn, wie hoͤchſt verderblich eine ſolche Entfremdung unſrer ſelbſt iſt? Gern habe ich Geduld mit Dir gehabt, und Dir meine Nachſicht nicht vermiſſen laſſen, aber die Umſtaͤnde haben ſich ſo arg verſchlimmert, daß ein laͤngeres Schweigen von meiner Seite nicht mehr Statt finden kann. Ich habe Dich lange im Stillen beobachtet. Mit aͤngſtlichem Bangen ſehe ich Dich in aͤußerſt gefahrvolle Labyrinthe verſtrickt; die Pflicht, Dich an meiner Hand wieder herauszuleiten, fuͤhrt mich jetzt hier⸗ her. Faſſe Zutrauen zu mir, ich will Dir darin entgegen kommen. Es iſt dieſes eine ſehr gehalt⸗ 8 volle, wichtige Stunde, mein Sohn, mäge ſie ſegensreich in ihren Folgen ſeyn. Seipio. Mein theuerer Vater, ich ver⸗ diene dieſe zuvorkommende Liebe nicht; ich fuͤhle es mit tiefer Beſchaͤmung, wie ſehr ich mich der⸗ . — 67— ſelben unwerth gemacht habe. Ach! das eben verſchlimmert meinen Zuſtand, daß ich in dem Bewußtſeyn meiner Unwuͤrdigkeit dennoch an der noͤthigen Kraft verzweifeln muß, um mich wieder eins mit mir, zu erheben, und mein Verſehen gut zu machen. Graf. Verzweifle nicht an dieſer Kraft, mein Sohn. Der Menſch vermag weit mehr uͤber ſich und ſein Herz, als er es in ſchwachen Stunden glaubt. Ein feſter ernſter Wille und Entſchluß fuͤhrt immer zum gluͤcklichen Vollbrin⸗ gen. Leider gelangte ich ſelbſt zu ſpaͤt zu der Er⸗ kenntniß dieſer Wahrheit, und ſo habe ich mir durch das Verſaͤumte die Ruhe und den Frieden meines Lebens vergiftet. Laß mein Beiſpiel Dir warnend zeigen, wie ſtoͤrend und vernichtend fruͤhe Verirrungen des Herzens in den Wohllaut der Freuden des Lebens eingreifen, und erhebe Dich ſiegend uͤber Dein Herz, weil es noch Zeit iſt. Scipio. Wie koͤnnte Ihr Beiſpiel zur War⸗ nung mir dienen? Moͤchte mir es gellngen, die⸗ ſem Beiſpiele ſtets zu folgen, alsdann darf ich ſewiß nicht befuͤrchten, daß die Ruhe und das Gluͤck meines Innern gefaͤhrdet werden koͤnnten. Graf. Du magſt ſelbſt daruͤber urtheilen, in wiefern mein Beiſpiel Dir nuͤtzen koͤnne. Dein Vater will Dich zum Vertrauten machen, um E 2 Dich vor aͤhnlichen Verirrungen zu ſichern, wie ſie ihm den Kelch der Freude verbitterten. Seit Jahren ſeufzt mein Herz unter der Laſt, die es druͤckt, nach Mittheilung. In Dein Herz will ich mein Geheimniß niederlegen, und das Gefuͤhl tiefer Beſchaͤmung durch das Bewußtſeyn unter⸗ druͤcken, meinen Sohn wiedererhalten und vor kuͤnftigem Ungluͤck durch Leidenſchaft geborgen zu— haben. Seipio. Mein theurer Vater, werde ich auch im Stande ſeyn, dieſes liebevolle Vertrauen zu rechtfertigen? Die Bewegung, worin ich Sie erblicke, laͤßt mich ſchuͤchtern auf das hinſehen⸗ was Sie mir mittheilen wollen. Graf. Allerdings ſind dieſes Gegenſtaͤnde, uͤber welche der Vater großes Bedenken tragen muß, ſich dem Sohne mitzutheilen; allein das darf mich nicht abhalten, meine fruͤhere Schwaͤche und Verirrung aufrichtig zu bekennen, um Dich vor den Stuͤrmen heftiger Leidenſchaft zu ſchuͤtzen, die einſt mich darnieder warfen. Nimm mein Geheimniß in Deine Bruſt auf und ſchenke mi den Troſt, daß ich Dir durch dies Geſtandniß wahrhaft nuͤtzte. Scipio. Ja, mein Vater, ich erkenne in. dieſem Augenblicke mit tiefer Ruͤhrung von dieſer Seite die heiligen Pflichten, die ich gegen Sie 4 69— auf mir habe, und die mich dringend an Erfuͤl lung mahnen; aber auch eben ſo innig fuͤhle ich mich durch die Hoffnung erhoben, daß ich in der Erfuͤllung dieſer Pflichten dem Vaterherzen Ruhe und Troͤſtung ſchenken werde. Legen Sie Ihren Kummer in meine Bruſt nieder, und uͤberzeugen Sie ſich, daß ich mit der groͤßten Bereitwilligkeit meinen ſtillen Gram zu vergeſſen ſuchen werde, um nur dem Ihrigen mich ganz zu widmen. Graf. Dann habe ich mir von dieſer Stunde nicht zu viel verſprochen. Vernimm denn, wie ſehr mich einſt jugendliche Unbeſonnenheit irrelei⸗ tete, da ich noch ſo wie Du, dem Tumulte ſtuͤr⸗ miſcher Leidenſchaften Preis gegeben war. Eine traurige Erfahrung an mir ſelbſt, veranlaßte mich, Dich fern von dem Geraͤuſche der Stadt und dem Glanze des Hofſes in laͤndlicher Stille, unter der Wachſamkeit eines wuͤrdigen Freundes erziehen zu laſſen, der Einſicht und Erfahrung mit Klugheit und vaͤterlicher Guͤte verband, um, ſchuͤtzend vor jugendlichen Gefahren, Dein Herz zu veredeln und Deinen Geiſt auszubilden. Ich fand meine Erwartungen und Wuͤnſche in Dir ſehr ſchoͤn befriediget. In reiner Unſchuld des Herzens reifteſt Du zum Juͤnglinge, und deſto ruhiger ſahe ich denn auch nunmehr den Augen⸗ blick erſcheinen, wo Du Deine bisherige Einſam⸗ — 70— keit verlaſſen mußteſt um Dich dem Ziele Deiner ſtaatsbuͤrgerlichen Verhaͤltniſſe naͤher zu bringen. Ich nahm Dich zu mir in die Reſidenz, fuͤhrte Dich in die Zirkel der großen Welt ein und machte Dich mit den Sitten derſelben bekannt, indem ich dabet meine ganze vaͤterliche Sorgfalt darauf hinrichtete, daß der ſuͤß anſprechende Reiz des Neuen ſo wie das Anlockende mancher ver⸗ fuͤhreriſchen Thorheit, Dich nicht auf Irrwege bringen moͤchte. Der in Dich gepflanzte hohe Sinn fuͤr das Sittlichgute, Edle, Wahre und Schoͤne, und Deine unverdorbene innere Wuͤrde, kamen meinen Bemuͤhungen hierin ſehr gut zu ſtatten, und buͤrgten mir dafuͤr, daß es der Ver⸗ fuͤhrung nicht leicht gelingen wuͤrde, Dich in ihre Retze zu verſtricken. Umgeben von den weib⸗ lichen Schoͤnheiten des Hofes und angelockt von 2 manchem verfuͤhreriſchen Reize der Sinnlichkeit, blieb dennoch Dein Herz rein und ſchuldlos und frei von einer Leidenſchaft, die Dir haͤtte Gefahr drohen koͤnnen, und die einſt Deinen Vater in's Verderben gefuͤhrt hatte. Um ſo unbeſorgter konnte ich mich daher auch von Dir trennen, als meine ſtaatsbuͤrgerlichen Pflichten mich nach Latago riefen, waͤhrend welcher Zeit unvoraus⸗ zuſehende Umſtaͤnde Dich in Lorenzo's Wohnung Dianoren entgegen fuͤhrten. Ich uͤberzengte mich — 71— bei meiner Zuruͤckkunft ſehr bald, daß dieſes holde liebenswuͤrdige Maͤdchen Deinem Herzen unge⸗ mein theuer geworden war und daß es mit voller Zaͤrtlichkeit der reinſten Liebe an Dianoren hing. Ich freute mich zu ſehen, daß Deine Zuneigung eine ſolche Richtung genommen hatte; denn Dia⸗ nora geſiel mir in einem ſo hohen Grade, daß ſie meine ganze vaͤterliche Liebe mit Dir theilte und daß ich mich gluͤcklich prieß, Dir eine ſo wuͤrdige Gattin in ihr erziehen zu koͤnnen. Ich war daher weit davon entfernt, die zaͤrtliche Zunei⸗ gung, die in eueren Herzen Wurzel gefaßt hatte, zu hindern, ſondern ſuchte ſie vielmehr zu beguͤn⸗ ſtigen, weil ſie ſo genau mit meinen Wuͤnſchen fuͤr euer Beider Gluͤck uͤbereinſtimmte, und ich in derſelben die ſicherſte Schutzwehr gegen Ver⸗ fuͤhrung und Verirrungen fuͤr euch Beide erkannte. Ich wußte zwar, daß Lorenzo hierin mit mir nicht gleichgeſinnt war, ſondern im Gegentheil ſich hartnaͤckig meinen Abſichten zu euerer Ver⸗ bindung widerſetzte. Da ich aber keinen hin⸗ reichenden Grund fuͤr ſein Widerſtreben ſinden konnte, ſo beharrte ich feſt auf meinem Plane, ohne mich dadurch irre machen zu laſſen. Dia⸗ nora wurde mir mit jedem Tage theuerer. Mein Herz fuͤhlte ſich gleich bei ihrem erſten Finden von ungewoͤhnlich ſanften Regungen vaͤterlicher Liebe nes kurzen Aufenthaltes bei Lorenzo ungemein verſtaͤrkt, je deutlicher ſich die trefflichen Eigen⸗ ſchaften derfelben in ihrem Umgange entwickelten. Ich ahnete es damals nicht, daß nicht blos die Bewunderung und Anerkennung dieſer innern Vorzuͤge, ſondern vielmehr die Stimme der Na⸗ tur und ſuͤßer Sympathie es war, welche mich ſo unwiderſtehlich nach dieſem liebenswuͤrdigen Ge⸗ 8 ſchoͤpf hinzog und mich feſt an ſie band; denn nur ſpaͤterhin wurde ich daruͤber verſtaͤndigt. Dein ſtaunender Blick ſagt mir, daß Du es ahneſt, was ich Dir entdecken will; Du ahneſt Wahrheit: Dianora iſt Dina, meine Tochter und Deine Schweſter. Scipio. So iſt es denn wirklich wahr, was mich ſeit einiger Zeit in leiſen ſchuͤchter⸗ nen Vermuthungen ſchreckte? Dianora meine Schweſter Graf. Ja, mein Sohn, es iſt ſo wie ich fagte. Dianora iſt die Frucht einer ungluͤcklichen Leidenſchaft, die mich zum Verbrecher machte, und eben dieſes iſt das Geheimniß, deſſen laſtende Buͤrde ich hier an Deinem Herzen niederlegen will. Ich muß jedoch bei meiner fruͤhern Jugend anfangen, um Dir deſto beſſer das Ganze im Zuſammenhange und in ſeinen Folgen darzu⸗ fuͤr ſie ergriffen, und dieſe wurden waͤhrend mei⸗ ſtellen. Ich war der einzige uͤbrig gebliebene maͤnnliche Sproͤßling des alten erlauchten Helden⸗ ſtammes der Montaldi, zwei aͤltere Bruͤder hatte der Tod hinweggerafft, und eine aͤltere Schweſter theilte mit mir die Liebe von Vater und Mutter. Ich war ein wilder, feuriger Knabe, und wurde von fruͤher Jugend an fuͤr den Kriegsdienſt be⸗ ſtimmt, aber der Tod meiner beiden Bruͤder bewog meinem Vater, ſeinen Plan abzuaͤndern und mich zum Staatsmanne zu bilden. Ich er⸗ hielt eine Erziehung, die meiner Beſtimmung vollkommen angemeſſen war. NReine Bildung wurde Maͤnnern anvertrauet, welche das Zu⸗ trauen meines Vaters voͤllig rechtfertigten; aber man beruͤckſichtigte dabei weit mehr die Ausbildung meines Geiſtes, als die meines Herzens, und die Vorſchriften meines Vaters verhinderten meine Erzieher mit groͤßerem Vortheil fuͤr die Veredlung meines Herzens und fuͤr die Derheſernn fruͤherer Vernachlaͤſſigungen zu wirken. Meine Wildheit nannte man jugendliche Lebendigkeit, deren man⸗ nichfaltige Folgen als leichtverzeihlicher Muth⸗ wille belaͤchelt wurden, ſo wie man meine zuneh⸗ mende Leidenſchaftlichkeit, einen ſtoͤrriſchen Eigen⸗ willen und Ehrgeiz als Aeußerungen innerer Kraft und eines lobenswerthen Ehrgefuͤhles betrachtete. Geſchmeichelt, gelobt und bewundert wegen der —— Leiſtungen meines ausgezeichneten Fleißes wuchs ich von Glanz und Ueberfluß umgeben, als Lieb⸗ ling meines Vaters, unter den Augen des Hofes auf. Aber mit dem Zuwachſe meiner wiſſenſchaft⸗ lichen Bildung nahm auch meine Leidenſchaftlich⸗ keit an immer groͤßerer Reife zu. Meine Schwe⸗ ſter hatte indeſſen geheirathet, und Rinaldo's Vater, dem Marcheſe Guido Riviali, ihre Hand gegeben, der von meiner fruͤhen Jugend an, einen unverſoͤhnlichen Haß auf mich geworfen hatte, weil ich, als der Liebling meines Vaters, ſeinen ehrgeizigen und habſuͤchtigen Hoffnungen und Abſichten im Wege ſtand. Seine Verbindung mit meiner Schweſter ſchloß keinesweges eine gegenſeitige edle Liebe und Zaͤrtlichkeit, ſondern ſie war das Werk der Politik und der Hin ſicht auf den Glanz, ſo wie auf das Vermoͤgen und das ausgezeichnete Anſehen meiner Familie, welche Riviali zur Beguͤnſtigung ſeiner eigenen hoch⸗ fliegenden Plane eines unerſaͤttlichen Ehrgeizes und einer nimmerſatten Hahſucht zu benuͤtzen hoffte; und hierin war ich ihm uͤberall ein Hin⸗ derniß. Waͤhrend er mir oͤffentlich ſchmeichelte und freundſchaftliches Wohlwollen fuͤr mich und meinen Vater heuchelte, naͤhrte er im Stillen den bitterſten Groll gegen uns im Herzen, den er auf jede Art durch verſteckte Raͤnke geltend zu machen ſuchte. Da er jedoch erkannte, daß er durch dieſe Raͤukeſucht nicht zum Ziele ſeiner ehr⸗ ſuͤchtigen Wuͤnſche gelangen konnte, ſondern mein Vater mit ſeiner ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit und Rechtlichkeit ſeinen donegen ſtreitenden Planen ſich widerſetzte, auch der Monarch durch mehrere verdaͤchtige Aeußerungen ſeiner Herrſchſucht und Ehrbegierde, zum Argwohn gegen ihn veranlaßt wurde, ſo verleitete ihn die Heſtigkeit ſeiner wil⸗ den Leidenſchaften, ſo wie ſein Haß gegen alles, was ſich der Befriedigung derſelben entgegen ſtellte, zu Machinationen, die ihn zum Staatsverraͤther machten und ſpaͤterhin der öffentlichen Schande Preis gaben. Er war aus Groll und Rachſucht mit den geheimen Feinden des Staats und der geſetz⸗ lichen Verfaſſung in Verbindung getreten; da jedoch die revolutionaͤren Abſichten zeitig genug entdeckt und unterdruͤckt wurden, ſo zogen ſich fuͤr den Augenblick die Verbuͤndeten wieder zu⸗ ruͤck, um den gegen ſie erregten Verdacht nicht gegen ſich zu bewaffnen. Riviali aber begab ſich mit ſeiner Familie unter einem ſchicklichen Vor⸗ wande nach Maſſerino, wo er aus der Ferne deſto beſſer und unentdeckter ſeine Wirkſamkeit fuͤr die Plane ſeiner Mitgenoſſen iauhte⸗ aͤußern zu koͤnnen.“* Nein Herz war bis dahin von der Leiden⸗ — 76— tbaß der Liebe frei geblieben, oder vielmehr, dieſe war durch die Heftigkeit anderer, des Ehr⸗ geizes und edlen Stolzes, noch unterdruͤckt wor⸗ den. Ich hatte jedoch die Jahre erreicht, wo das Herz ſtuͤrmiſch an die Befriedigung ſeiner Rechte mahnt; je laͤnger dieſe unbeachtet bleiben, deſto ungeſtuͤmer wußte es ſie geltend zu machen. Mein Geſchick fuͤhrte mich einem Maͤdchen entgegen, das alle Reize und Vorzuͤge ſeines Geſchlechts in ſich vereinigte, und bei deſſen erſtem Anblicke der lang verhaltene Funken zaͤrtlicher Leidenſchaft in mir emporloderte. Es war Conſtanza, die Toch⸗ ter des Statthalters Palozzi von Canzoja, mit welchem Riviali in freundſchaftlicher Verbindung ſtand, da hingegen zwiſchen ihm und meinem Vater eine vieljaͤhrige tief eingewurzelte Feind⸗ ſchaft Statt fand, die dem Statthalter deſto groͤßere Verfolgungen zuzog, da der Verdacht eines Antheils an den verbrecheriſchen geheimen Machinationen auf ihm laſtete.“ „Ich traf die liebenswuͤrdige Conſtanza bei meiner Schweſter, der Marcheſin. Sie ſehen und ſie lieben, war das Werk eines Augenblicks. Haͤtte ich ſie auch nur dieſes eine Mal geſehen, ſo wuͤrde es mir, bei der großen Leidenſchaftlich⸗ keit meines verwoͤhnten Herzens, ſchon ſehr ſchwer geworden ſeyn, ſie jemals wieder zu ver⸗ geſſen. Ich ſahe ſie oͤfter. Meine Leidenſchaft fuͤr ſie erreichte in kurzer Zeit einen ungemein hohen Grad, wozu Riviali weſentlich mit bei⸗ trug. Sein ſcharf beobachtender Blick hatte nicht ſobald entdeckt, was in meinem Herzen vorging, als er auch voll boͤſer Schadenfreude darauf be⸗ dacht war, die gemachte Entdeckung zu Guuſten ſeiner gehaͤſſigen Anſchlaͤge gegen mich und meinen Vater anzuwenden. Er kannte die ſeindſeligen Geſinnungen meines Vaters gegen den Statthal⸗ ter, und konnte mit vieler Gewißheit darauf rechnen, daß mein Vater auf keine Weiſe meine Verbindung mit der Tochter eines Mannes billi⸗ gen wuͤrde, den er fuͤr die oͤffentliche Ruhe fuͤr ſo gefaͤhrlich hielt. Auf dieſe Art glaubte daher der Marcheſe in meiner Liebe fuͤr Conſtanzen ein ſehr gewuͤnſchtes Mittel zu finden, das gute Einver⸗ ſtaändniß zwiſchen mir und meinem Vater aufzu⸗ heben, mich in ihm nur den Vernichter meines Gluͤcks erblicken zu laſſen und mich vermittelſt meiner großen Leidenſchaftlichkeit in Intriguen und Kabalen zu verwickeln, welche meinen Vater um ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen von mir betruͤgen, und mich ſelbſt zum ſtrarfbaren Verraͤther machen ſollten.“ „Seitdem ich Conſtanzen bei dem Marcheſe kennen gelernt hatte, war mir ſein Haus der liebſte Aufenthalt. So oft ich nur immer die Erlaubniß zu einem Beſuche bei meiner Schweſter erhalten konnte, eilte ich auf Fluͤgeln der Liebe nach Maſſerino, wo ich gewoͤhnlich Conſtanzen traf. Der Marcheſe verſchaffte mir, unter dem Scheine der freundſchaftlichſten Theilnahme, da⸗ zu die erwuͤnſchte Gelegenheit. Es gelang mir endlich nach vielen Bitten, von meinem Vater, der nichts Boͤſes ahnete, die Erlaubniß zu ge⸗ winnen, einen ganzen Sommer uͤber bei meiner kraͤnkelnden Schweſter zubringen zu duͤrfen, und ich ließ dieſe Zeit nicht unbenuͤtzt, um mein zaͤrt⸗ liches Verhaͤltniß zu Conſtanzen zu befeſtigen. Ich ſahe ſie jetzt taͤglich, da ſie ſich waͤhrend der ſchoͤnen Jahreszeit auf der nahe gelegenen Villa ihres Vaters aufhielt. Ich verlebte wahrhaft ſelige Stunden in ihrem Umgange. Meine feu⸗ rige Liebe wurde von ihr erwiedert, und ſtets wird mir der Tag unvergeßlich bleiben, wo ich zum erſten Male das Bekenntniß ihrer Gegen⸗ liebe von ihren Lippen kuͤßte.“ „Unſre Zaͤrtlichkeit fuͤr einander erhielt mit jedem Tage neuen Zuwachs. Wir hielten jede Stunde fuͤr verloren, die wir ohne einander zu⸗ bringen mußten, und uͤberließen uns unbeſorgt wegen der Inkunft dem ſchoͤnen Gluͤcke unſrer Liebe. Der Marcheſe hatte mich bei dem Statt⸗ — halter eingefuͤhrt und ihn fuͤr mich geneigt ge⸗ macht. Mein offenes zutrauliches Betragen gegen ihn, ſo wie die warme Anhaͤnglichkit, wodurch ich mich an ihn, als den Vater meiner Geliebten, angekettet fuͤhlte, ließen es ihm vergeſſen, daß ich der Sohn ſeines gehaͤſſigſten Feindes und Verfolgers war, und in kurzer Zeit liebte er mich ſo zaͤrtlich, als wenn ich ſein eigner Sohn gewe⸗ ſen waͤre. Dennoch ſcheuete ich mich, ihm mein trauliches Verhaͤltniß zu ſeiner Tochter zu ent⸗ decken, vielmehr ſuchte ich ihm daſſelbe immermehr zu verheimlichen und mich blos auf geheime Zu⸗ ſammenkuͤnfte mit Conſtanzen zu beſchraͤnken. Bei der genaueren Bekanntſchaft mit ihm und ſeinen Grundſaͤtzen konnte ich mir nicht ſchmei⸗ cheln, ſeine Zuſtimmung zu einer Verbindung mit ſeiner Tochter, ohne die Einwilligung meines Vaters, zu erhalten.“ „Palozzi hatte mir kein Geheimniß aus den Verfolgungen gemacht, deren er von meinem Vater ausgeſetzt war, und ich mußte um ſo mehr die Verblendung meines Vaters und ſeinen Irr⸗ thum beklagen, da ich den guten Palozzi jetzt ſelbſt handeln ſahe und von ſeiner Rechtlichkeit uͤberzeugt wurde. Es ſchmerzte mich tief, daß ſich mein Vater durch eine vieljaͤhrige Feindſchaft gegen dieſe Familie konnte verleiten laſſen, dieſen — 8⁰— Redlichen als einen unruhigen Kopf verdaͤchtig zu machen und als einen gefaͤhrlichen Wider⸗ ſacher zu verſolgen; daher nahm ich mir feſt vor, die ganze Liebe welche mein Varer zu mir hegte, anzuwenden, um ihn auf beſſere Geſinnungen fuͤr Palozzi zu bringen, ihn von weitern Unge⸗ rechtigkeiten gegen ihn abzuhalten und eine Aus: ſoͤhnung mit ihm zu Stande zu bringen, welche meine Wuͤnſche wegen einer Verbindung mit der geliebten Conſtanza kroͤnen mußte. Je oͤfter ich Gelegenheit hatte, Augenzeuge von Palozzi's Handlungsweiſe zu ſeyn, deſto mehr lernte ich auch in ihm den blos verkannten und mit Unrecht verfolgten edeln Mann ehren und lieben. Ich fuͤhlte mich immer inniger an ihn gekettet, und ſuͤß und golden flohen mir die Tage in ſeinem und ſeiner Tochter Umgange dahin. Damals war ich wahrhaft gluͤcklich, wie ich es nie wieder geworden bin, und ich ahnete es eben ſo wenig als meine geliebte Conſtanza, daß unſer ſtilles Gluͤck ſo traurig enden ſollte.“ „Das Herz des guten Palozzi war ganz zwi⸗ ſchen mir, ſeiner holden Tochter und einem Sohne V getheilt, welcher gerade zu dieſer Zeit auf der hohen Schule zu Floritta ſich befand, um dort das ſchoͤne Gebaͤude ſeiner kuͤnftigen Beſtimmung weiter auszufuͤhren, wozu ſein Vater fruͤher einen 8 ——— — 31— ſten Grund gelegt hatte. Mit hinreißendem Feuer ſprach der liebende Vater von dieſem Sohne unnd deſſen Vorzuͤgen, ſo daß ich den edeln Odo⸗ ardo, ohne ihn noch geſehen zu haben, aus den Schilderungen ſeines Vaters und ſeiner Schwe⸗ ſter, mit inniger Bruderliebe umfaßte, die um ſo mehr zunahm, da ich in Kurzem von Odoardo's gleichen liebevollen Geſinnungen zu mir uͤberzeugt wurde. Palozzi hatte ſeinem Sohne in ſeinen Briefen eine ſo vortheilhafte Schilderung von mir gemacht, daß dadurch ſehr bald ein trauliches Verhaͤltniß und ein freundſchaftlicher Briefwechſel zwiſchen uns Beiden angeknuͤpft wurde, der unſre Herzen ſchon in der Entfernung von einander immer naͤher und enger verband. Voll heißer Ungeduld klopfte mein Buſen dem Tage entgegen, der mir meinen theuern Odoardo ſelbſt zufuͤhren ſollte.“ „Conſtanzens Vater entdeckte endlich meine und ſeiner Tochter gegenſeitige zärtliche Nei⸗ gung und unſre geheimen Zuſammenkuͤnfte, wo⸗ durch er ſo heftig zum Unwillen gegen uns ge⸗ reizt wurde, daß die Zuredungen und dringenden Bitten ſeines Freundes Riviali kaum im Stande waren, ihn zu beſaͤnftigen. Indem ich mich nebſt Conſtanzens Bitten mit Riviali's Be⸗ muͤhungen vereinigte, gelang es uns endlich IV. F von der Reinheit unſrer Liebe, und wurde zzu ſeine Verzeihung zu erhalten; er uͤberzeugte ſich gleich von Riviali mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß mein zaͤrtliches Verhaͤltniß mit ſeiner Tochter am beſten eine Ausſoͤhnung zwiſchen ihm und meinem Vater zu Stande bringen koͤnne. So wenig ich auch anfangs daran glaubte, da ich die Hartnaͤckigkeit meines Vaters von dieſer Seite kannte, und ſo ſehr mir auch vor dem Augen⸗ blicke bangte, wo dieſer von meiner Zuneigung fuͤr die Tochter ſeines Feindes Nachricht erhalten und ſich vielleicht dann veranlaßt finden wuͤrde, mich von Conſtanzen zu trennen: ſo wußte mich dennoch der Marcheſe hieruͤber zu beruhigen. Er ſtellte mir vor, daß die Zaͤrtlichkeit, womit mich mein Vater als ſeinen Stolz und ſein ſchoͤnſtes Gluͤck betrachtete, ſeinen Groll gegen Palozzi däm⸗ pfen und mir ſeine Einwilligung zu einer Ver⸗ bindung mit Conſtanzen verſchaffen wuͤrde, wenn 8 er ſich von den Tugenden und Vorzuͤgen dieſes edeln Maͤdchens, ſo wie von der Gewißheit uͤber: zeugte, daß er mich durch ſeine Haͤrte ungluͤcklich mache. Ich gab dieſen Schmeichelworten Gehoͤr, ohne es im geringſten zu vermuthen, daß mich Riviali nur mit nichtigen Hoffnungen taͤuſchte und damit umging, mein Gluͤck ſelbſt zu ver⸗ nichten.“ „ Es war keinesweges ſein Wille, eine Aus⸗ Wheewee Vater und Palozzi zu be⸗ wirken. mehr war es ihm darum zu thun, den tief eingewurzelten Groll gegen ſeinen Feind immer mehr zu verſtaͤrken, und den Statthalter durch die verdoppelten Verfolgungen meines Va⸗ ters zu Gewaltſchritten zu veranlaſſen, welche ihm in demſelben einen ſehr thaͤtigen Mitarbeiter ſeiner ſtaatsverraͤtheriſchen Plane zufuͤhren ſoll⸗ ten. Palozzi mußte auf dieſe Art ſo umſtrickt und in ſeine Intriguen verwickelt werden, daß ihm kein Ausweg zur Rettung uͤbrig blieb, wenn ſeine Redlichkeit ſollte ſchwankend gemacht wer⸗ den. Hierzu kam ihm mein vertrautes Verhaͤlt⸗ niß zu Palozzi und zu deſſen Tochter ſehr gut zu Statten. Waͤhrend Riviali alles anwandte, das Feuer meiner Leidenſchaft fuͤr Conſtanzen immer 8 mehr anzufachen und uns Beiden mit den ſuͤßeſten Hoffnungen zu ſchmeicheln, war er heimtuͤckiſch genug, meinem Vater auf eine Art, die dieſen auf das heftigſte erbittern mußte, von meinem Einverſtaͤndniſſe mit ſeinem Feinde und deſſen Tochter Kunde zu verſchaffen. Bei dem heftigen Charakter meines Vaters gelang des Marcheſe Abſicht vortrefflich. Mein Vater gerieth bei jener Nachricht in die wildeſte Auſwallung, die ſeinen Haß gegen Palozzi bis zum hoͤchſten Grade F 2 dhdZZöZöoöͤöͤöſöſWſſ— entſlammte und ihn zu dem Entſchluſſe brachte, die furchtbarſte Rache an einem Manne zu uͤben, der, ſeiner Meinung nach, durch eine in mir entzuͤndete Leidenſchaft fuͤr ſeine Tochter, mich an ſich und ſeine ſtaatsverraͤtheriſchen Anſchlaͤge zu ketten beabſichtigte.“ „Mit boshafter Schadenfreude vernahm der Marcheſe davon die Nachricht. Ein Brief mei⸗ nes Vaters an ſeine Tochter, worin er dieſer daruͤber heftige Vorwuͤrfe machte, daß ſie ſich meiner Leidenſchaft fuͤr die Tochter ſeines Feindes nicht widerſetzt habe, hatte ſie ihm verſchafft. Zugleich drang mein Vater auf meine ſchleunigſte Ruͤckkehr zu ihm. Riviali wußte den widrigen Eindruck, den der ſtrenge Wille meines Vaters auf mich machte, auf jede Art zu verſtaͤrken und mich endlich durch die furchtbarſte Schilderung der Zukunft, die mich von Conſtanzen getrennt, unfehlbar erwartete, dahin zu bringen, daß ich mit bitterm Groll gegen meinen Vater den Ent⸗ ſchluß faßte, ſeinen Zorn nicht zu achten, mich der Ruͤckkehr zu ihm zu widerſetzen und mir durch eine geheime Verbindung mit Conſtanzen ihren Beſitz zu verſchaffen.“ „So guͤtig und nachſichtig Conſtanzens Vater bis dahin gegen mich und meine Liebe zu ſeiner Tochter geweſen war, ſo lange er von Riviali 21. getaͤuſcht, die Hoffnung einer Verſoͤhnung mit meinem Vater und deſſen Einwilligung zu meiner Verbindung mit Conſtanzen genaͤhrt hatte: ſo ſtreng und unerbittlich verfuhr er nunmehr, da er von der wahren Lage der Sachen belehrt wurde. Er trennte ſogleich Conſtanzen von mir, indem er mir zugleich jeden weitern Zutritt in ſein Haus verweigerte, ſeine bisherige Nachſicht und Leicht⸗ glaͤubigkeit verwuͤnſchte, und den Marcheſe er⸗ ſuchte, mich dem Willen meines Vaters gemaͤß, ſchleunigſt zu entfernen. Meine heiße Liebe zu Conſtanzen hatte jedoch durch den ihr entgegen⸗ geſetzen Widerſtand einen ſo uͤberaus hohen Grad erreicht, daß ich ihr alles aufzuopfern bereit war, um uͤber die Haͤrte meines Vaters zu triumphi⸗ ren. „Unter der Maske der herzlichſten Theilnahme gab Riviali meinen Bitten nach, indem er mir dazu hehuͤlflich war, meinen ſtillgenaͤhrten Wunſch, bis zu Conſtanzen vorzudringen, zu befriedigen. Tief in der Nacht kletterte ich zu ihrem einſamen Zimmer hinauf. Ich fand ſie in Thraͤnen, und ihr verzweiflungsvoller Schmerz, ihre bleiche Geſtalt und das Feuer ihrer Umarmung bei meinem Wie⸗ derſehen, befeſtigten noch mehr meinen Entſchluß, mich durch eine Entfuͤhrung und eine heimliche Ehe in ihren Beſitz zu bringen. Meine Bitten — 36— und Vorſtellungen beſiegten Conſtanzens anfaͤng⸗ liche Bedenklichkeiten. Die folgende Nacht wurde zur Ausfuͤhrung unſers Plans feſtgeſetzt. Wir uͤberließen uns voll froher Ausſichten fuͤr die Zu⸗ kunſt dem gluͤcklichen Traume unſrer Liebe. Feier⸗ lich erklaͤrte ich im Angeſichte des naͤchtlichen Him⸗ mels Conſtanzen fuͤr meine Gattin, und gelobte ihr unter den feierlichſten Schwuͤren Liebe, Zaͤrt⸗ lichkeit und Treue bis in den Tod. Von meinem Feuer beſtuͤrmt, von meinen Kuͤſſen bedeckt und von Liebe berauſcht, uͤberließen wir uns dem Traume einer gluͤcklichen Zukunft, die leider nie zur Gegenwart reifte.“ „Die Heftigkeit meiner Leidenſchaft verhin⸗ derte mich, meine Taͤuſchung in ihrer wahren Geſtalt zu erkennen. Ich glaubte alles da⸗ durch zu entſchuldigen, daß ich mir durch dieſen Augenblick um ſo mehr die heilige Pflicht auf⸗ gelegt hatte, meine feierlichen Geluͤbde zu erfuͤl⸗ len; denn von dieſem Augenblicke an hatte ich Conſtanzen mit unaufloͤsbar heiligen Banden auf immer an mich gekettet. Ruhig und voll froher Hoffnung ſahe ich der Zukunft gluͤcklicher Liebe entgegen, und mit heißer Sehnſucht harrte ich der kommenden Nacht, die mir Conſtanzen auf immer ſchenken ſollte. So weit durfte es jedoch der Marcheſe nicht kommen laſſen, ohne den . Verdacht ſeiner Beihuͤlfe und die Rache meines Vaters auf ſich zu ziehen. Seine Abſicht war erreicht. Bei meiner ihm bekannten großen Lei⸗ denſchaftlichkeit, und bei der Heftigkeit und Strenge meines Vaters, glaubte er mit Gewiß⸗ heit, daß ich alles aufbieten wuͤrde, die Feſſeln des Zwanges abzuwerfen um auch ohne ſeine fer⸗ nere Mitwirkung, mir Conſtanzens Beſitz gewalt⸗ ſam zu erringen, und mich dadurch auf immer von meinem Vater zu entfernen. Auf Rivia⸗ li's eigene Aufforderung hatte mein Vater im Stillen den Wagen, der mich abholen ſollte, mit einigen vertrauten Leuten geſchickt, welche die gemeſſenſten Befehle hatten, mich ohne Schonung mit Guͤte oder Gewalt nach der Reſidenz zu brin⸗ gen. Nichts von dem allen ahnend, war ich mit den Anſtalten zu der verabredeten Flucht mit Conſtanzen fuͤr die folgende Nacht beſchaͤftigt, als die Boten meines Vaters gegen mich eindrangen, mich bei meinem Widerſtande ergriffen und mit Gewalt in den bereitſtehenden Wagen ſchleppten. So wurde ich nach der Reſidenz gebracht.“ „Mein Zuſtand war uͤber jeden Ausdruck ſchrecklich und wurde durch die Haͤrte meines Vaters bei meinem Empfange verſchlimmert. Ich hatte ſeinen Stolz und ſein Ehrgefuͤhl auf der empfindlichſten Seite verwundet, und durch meine Anhaͤnglichkeit an die ihm aͤußerſt verhaßte Familie Palozzi ſeinen Zorn ſo ſehr gegen mich entflammt, daß ich die heftigſten Ausbruͤche aushalten mußte, und dadurch zu gleicher Heftig⸗ keit empoͤrt wurde, da ich eine ſo ſchonungsloſe Behandlung nicht verdient zu haben glaubte. Vergebens bot ich alles auf, meine Liebe fuͤr Conſtanzen zu rechtfertigen und ihres Vaters Rechtlichkeit in Schutz zu nehmen. Meine Wi⸗ derſpruͤche entruͤſteten ihn nur noch mehr. End⸗ lich, auf's aͤußerſte getrieben, erklaͤrte ich in der Groͤße meines wilden Schmerzes unter den feier⸗ lichſten Schwuͤren, Conſtanzen fuͤr meine Gattin, und betheuerte, daß keine Macht der Erde im Stande ſeyn ſolle, mich von ihr zu trennen. Ich wurde in einem einſamen Zimmer des Hau⸗ ſes gefangen gehalten. Meinem Schmerze unter⸗ lag meine Kraft; ein hitziges Fieber, das mich dem Grabe ſehr nahe brachte, war die Folge da⸗ von. Mehrere Monate lang blieb ich auf das Siechbett gefeſſelt; Jeder mußte an meiner Wie⸗ dergeneſung verzweifeln. Die Furcht, ſeinen einzigen Sohn zu verlieren, erfuͤllte meinen Va⸗ ter mit Trauer, aber auch zugleich mit dem gluͤ⸗ hendſten Durſte nach Rache gegen den ihm ver⸗ haßten Palozzi, den er als den Urheber von dem allen betrachtete. Dieſer war unfaͤhig, dem go⸗ —— —— waltſamen Sturme, der jetzt gegen ihn lostobte, Widerſtand zu leiſten, und im Gefuͤhl ſeiner ge⸗ mißhandelten Ehre und der Ungerechtigkeit, wo⸗ mit man ihn behandelte, beging er Uebereilungen, die ihn wirklich zum Verbrecher machten. Als Majeſtaͤtsverbrecher ſtarb er auf dem Blutgeruͤſte und ſeine ungluͤcklichen Kinder, mit Schande und Schmach uͤberhaͤuft, wurden mit dem Verluſte ihres Vermoͤgens auf ewige Zeiten aus Yſamo verbannt.“ „Ich erfuhr von dieſen ſchauderhaften Auf⸗ tritten nicht das Geringſte. Als ich in der Folge das ganze Gewebe der Schaͤndlichkeiten vernahm, wodurch der ungluͤckliche Palozzi, vorzuͤglich durch Riviali's Mitwirkung, war zum Staatsverraͤther geworden, war es zu ſpaͤt, noch etwas fuͤr ihn zu thun. Um ſich ſelbſt durch Palozzi's Untergang zu retten, wußte Riviali alle Schuld der Ver⸗ brechen, zu welchen hauptſaͤchlich er Palozzi durch ſeine Intriguen vermocht hatte, auf die⸗ ſen allein hinzuwaͤlzen und durch erkaufte Zeugen und falſche Dokumente ſeinen Fall zu beſchleuni⸗ gen, bis endlich ſpaͤterhin auch er ſeinen Lohn erhielt.“ „Ich genaß allmaͤhlig wieder. Die erſte Nachricht, die ich auf meine dringenden Bitten uͤber Conſtanzen erhielt, war die ihres Todes; kaum konnte die beſondere Vorſicht und ſchonende Behutſamkeit, womit man mir dieſe Schreckens⸗ poſt mittheilte, einen Ruͤckfall in meine Krank⸗ heit verhindern. Mein Schmerz ging nach und nach in dumpfe Gefuͤhlloſigkeit fuͤr alles uͤber, was mich umgab. Ich wurde jedoch mit Gewalt in die zerſtreuenden Wirbel der großen Welt hin⸗ gedraͤngt, die meine Schmerzgefuͤhle und meinen tiefen Gram betaͤuben mußten, bis ich denn ſo⸗ wohl hierdurch, als auch beſonders durch die Bitten und Vorſtellungen meines Vaters, der mir jetzt mit doppelter Liebe entgegen kam, den Freuden und Zerſtreuungen des Lebens wieder Geſchmack abgewann. Unter den ruͤhrendſten Beweiſen von vaͤterlicher Liebe und Guͤte, welchen mein Herz nicht widerſtehen konnte, bot mein Vater ſeine ganze Beredſamkeit auf, mir die Nothwendigkeit einer Verbindung mit der jungen, ſchoͤnen und reichen Graͤfin Orbino vorzuſtellen, ſo daß ich endlich ſeinen dringenden Bitten nach⸗ gab. Mein Herz hing zwar noch immer mit voller Zaͤrtlichkeit an dem Andenken meiner ge⸗ liebten Conſtanza. Da ich aber durch ihren ver⸗ meinten Tod die Hoffnung auf ihren Beſitz auf⸗ geben mußte, ſo war es mir ganz gleichguͤltig, wem ich meine Hand gab, und dem Willen mei⸗ nes Vaters gemaͤß, bewarb ich mich nun um die Hand Deiner Mutter und erhielt ſie. Franziska dadurch vermehrt werden, da es damals noch Sohne hinwegzunehmen. Mehrere Edle verei⸗ — 91— wurde meine Gemahlin, ohne ſie zu lieben, denn unſere Verbindung war das Werk der Politik unſerer Vaͤter. Der Glanz unſrer Haͤuſer ſollte Niemand vermuthete, daß auch ihr Vater in die ſtaatsverraͤtheriſchen Umtriebe mit verwickelt war, welche Palozzi und Riviali ſtuͤrzten. Vergebens hatte ſich der Vater meiner jungen Gemahlin mit der Erwartung geſchn eichelt, daß ihn dieſe Ver⸗ bindung und das Anſehen unſerer Familie gegen etwanige Stuͤrme ſchuͤtzen ſollten. Auch er ging ſpaͤter in jener ungluͤcklichen Zeit der allgemeinen Erſchuͤtterung unter; der Sturz des Marcheſe Riviali und ſeiner Anhaͤnger zog auch den ſeini⸗ gen nach ſich.“ 5 „Mein Vater ſtarb, und jetzt erſt erfuhr ich das traurge Schickſal des ungluͤcklichen Palozzi der Wahrheit gemaͤß; da ich ihn unmoͤglich der ihm angeſchuldigten Verbrechen fuͤr faͤhig halten konnte, ſo beſchloß ich, wenigſtens im Tode ſeine Ehre zu retten, oder doch die Beſchimpfung von ſeinem verbannten und als Verbrecher verſolgten nigten ſich in dieſer Abſicht mit mir. Aber mit all unſeren Bemuͤhungen konnten wir weiter nichts bewirken, als daß die Kabalen, welche Odoardo's Vater auf das Blutgeruͤſte gebracht hatten, aufgedeckt und die Urheber derſelben eben⸗ falls geſtuͤrzt wurden. Die Schmerz⸗ und Rach⸗ gefuͤhle des ungluͤcklichen Odoardo hatten inzwi⸗ ſchen dieſen zu Gewaltthaten verleitet, welche jede Hoffnung fuͤr ſeine Rettung vereitelten. Durch meine eingeleiteten Unterſuchungen in der Sache Palozzi's bewaffnete ich, freilich ohne es zu ahnen, zugleich die Gerechtigkeit gegen meine naͤchſten Anverwandten, den Gemahl meiner Schweſter und den Vater meiner Gemahlin; und dennoch war es ſo. Beide wurden als Hoch⸗ verraͤther der Strenge der Geſetze Preis gegeben. Meine Schweſter erlebte die Schande ihres un⸗ wuͤrdigen Gemahls nicht; die zu fruͤhzeitige Ge⸗ burt eines todten Kindes ſtuͤrzte ſie in's Grab. Ich machte mir es in der Folge zur Pflicht, we⸗ nigſtens ihren fruͤhergebornen Sohn Rinaldo aus dem Staube der Vernichtung empor zu heben.“ „Waͤhrend dieſer Zeit erhielt ich Kunde, daß man mich durch Conſtanzens Tod nur getaͤuſcht hatte. Bei den ſorgfaͤltig angeſtellten Nachfor⸗ ſchungen erfuhr ich endlich, daß ſie in ſtiller Ver⸗ borgenheit einer aͤrmlichen Huͤtte den tiefen Fall ihrer Familie und ihr unverſchuldetes Ungluͤck betrauerte. Ich ſaͤumte nicht, dem maͤchtigen Drange meines Herzens zu folgen und ſie aufzu⸗ —,——— — ſuchen. Ich fand die arme Conſtanza in einer Lage, welche ſelbſt ihre Feinde und Verfolger haͤtte auf das heftigſte erſchuͤttern und zum innig⸗ ſten Mitleid bewegen muͤſſen. Huͤlflos, von Allen, ſogar von dem geliebten Bruder verlaſſen, war ſie dem nagendſten Grame Preis gegeben; ihr Anblick mußte mich um ſo gewaltſamer er⸗ ſchuͤttern, da ich mich als den Urheber ihres Elendes betrachtete. Auch ſie war durch die Nachricht meines Todes hintergangen worden. Meine uͤberraſchende Ankunft bei ihr, war daher fuͤr ſie die Erſcheinung eines Engels, und mit hohem Entzuͤcken flogen wir Todtbeweinten ein⸗ ander in die Arme. Jedoch laß mich ſchnell uͤber dieſe Scenen hinweggehen. Unſere Leidenſchaft fuͤr einander hatte durch die lange, ſchmerzvolle Trennung neue Staͤrke erhalten. Wir uͤberließen uns ihr in dem vollen Genuſſe des Gluͤcks unſers Wiederfindens.“ 3 „Durch Conſtanzen wurde ich jetzt uͤber das Schickſal ihrer Familie im Zuſammenhange und vollſtaͤndig belehrt. Noch jetzt empoͤrt mich die Ruͤckerinnerung an die Verworfenheit nichtswuͤr⸗ diger Scheinfreunde, wodurch der ungluͤckliche Palozzi und ſeine Familie als Opfer derſelben fielen. Odoardo war bei der Nachricht von dem gegen ſeinen theuren Vater losbrechenden Sturme augenblicklich herbei geeilt, und hatte alles auf⸗ geboten um ihn zu retten. Da man aber auf ſeine verzweiflungsvollen Bitten und Verwen⸗ dungen nicht achtete, ſondern ihn uͤberall kalt zuruͤckſtieß, ſich auch gegen ihn ruͤſtete und mit der Verzweiflung ſeiner armen Schweſter nur ein grauſames Spiel trieb: da flammte in der Seele des feurigen Juͤnglings der Entſchluß auf, wenig⸗ ſtens feinen ungluͤcklichen, gemordeten Vater zu raͤchen, den er nicht retten konnte. Er erfüllte das Geluͤbde der Rache, das er ſich durch die feierlichſten Eide aufgelegt hatte, auf eine ſolche Art, daß er als Moͤrder und Majeſtaͤtsverbrecher, wie ſein Vater unter Henkershand wuͤrde geendet haben, wenn er ſich nicht durch die ſchleunigſte Flucht gerettet haͤtte. In Ermangelung ſeiner Perſon, ließ man es dabei bewenden, ſeinen Namen am Hochgericht anzuſchlagen, ihn fuͤr vogelfrei zu erklaͤren und einen Preis auf ſeinen Kopf zu ſetzen. Seine Flucht vermehrte Conſtan⸗ zen's Elend um vieles; denn jetzt hatte ſie in ihm auch die letzte noch uͤbrige Stuͤtze im Ungluͤck verloren. Sie ſelbſt war neuen Verfolgungen ausgeſetzt. Schmaͤhlich mußte ſie lange Zeit um⸗ herirren, bis ſich mitleidige Menſchen endlich ihrer annahmen und ihr eine Freiſtart in laͤndz licher Einſamkeit gewaͤhrten. 3 4 1 4 V 3 ———— ν — 95— Ihre Nachforſchungen nach ihrem Bruder blieben lange fruchtlos, bis ſie einſt ploͤtzlich durch ſeinen Beſuch uͤberraſcht wurde, ohne je⸗ doch von ihm erfahren zu koͤnnen, wo er ſich aufhielte und unter welchen Verhaͤltniſſen er lebte. Sie mußte dieſe aber fuͤr ſehr guͤnſtig halten, da ſie ihn in den Stand ſetzten, ihr in ihrer kuͤmmerlichen Lage bedeutende Summen von Zeit zu Zeit uͤberſchicken zu koͤnnen.“ „Der Verluſt alles deſſen, was der ungluͤck⸗ lichen Conſtanza das Leben werth machen konnte, ließ ihr nur noch den Wunſch uͤbrig, der Welt auf immer zu entſagen und ſie in der geheiligten Stille eines Kloſters zu vergeſſen. Eben war ſie dieſen Entſchluß auszufuͤhren im Begriffe, als ich ſie durch meine Erſcheinung daran verhin⸗ derte. Sorgfaͤltig verbarg ich ihr zwar, daß ich bereits vermaͤhlt ſey, aber meinem fruͤheren Ge⸗ luͤbde treu, betrachtete ich ſie als mein Weib. Die Bande, mit welchen man mich ohne Bei⸗ ſtimmung meines Herzens an ein anderes Weib widerrechtlich gefeſſelt hatte, im Widerſpruche mit meinen fruͤher uͤbernommenen Pflichten, er⸗ ſchienen mir jetzt ein Verrath an meinem heili⸗ gen Worte. In einer ungluͤckſeligen Stunde zer⸗ — riß ich, von Leidenſchaft betaͤubt, das Band der 1 — — 96— Treue, das mich an Deine Mutter feſſelte, und— Conſtanza fiel durch mich. „Meine ſtaatsbuͤrgerlichen Verhaͤltniſſe, d die unter den damaligen Stuͤrmen der Zeit meine Gegenwart in der Reſidenz hoͤchſt noͤthig mach⸗ ten, riſſen mich endlich aus Conſtanzens Armen. Von ihren Segnungen begleitet, reiſte ich hier⸗ her zuruͤck mit dem feſten Vorſatze, ſie recht bald und auf laͤngere Zeit wieder zu ſehen. Dieſe Hoffnung wurde jedoch vereitelt. Conſtanza dachte edler als ich; meine Verbindung mit Dei⸗ ner Mutter war ihr nicht lange verborgen ge⸗ blieben, und ſie hatte Kraft genug, ihre Liebe der Pflicht aufzuopfern. Ich erhielt den Scheide⸗ brief ihrer Liebe zugleich mit der Nachricht, daß ſie ihren fruͤhern Entſchluß ausgefuͤhrt und bereits in einem entfernten Kloſter Aufnahme gefunden habe. Sie bat mich, ſie zu vergeſſen, meine Schuld durch Reue und treue Erfuͤllung meiner Pflichten abzubuͤßen, und jede Bemuͤhung aufzu⸗ geben, ihren Aufenthalt auszuforſchen, da alle meine Verſuche nur fruchtlos bleiben wuͤrden. „Conſtanzens Entſagung erfuͤllte mich mit dem wuͤthendſten Schmerze. Ich bediente mich der verzweiflungsvollſten Mittel, um mir ihren Beſitz auf jede nur moͤgliche Art wieder zu ver⸗ Allein Conſtanza hielt ihre Zuſage. ſchaffen. ——— Ich konnte auch nicht die geringſte Spur von ihrem Aufenthalte finden; nur erſt nach laͤngerer Zeit, wo die Gute bereits im ſtillen Grabe ſchlummerte, erfuhr ich, daß ſie das Magdale⸗ menkloſter zu Ciretto zu ihrem Ruheplatz ge⸗ waͤhlt hatte, wo ſie auch begraben liegt. Nur ſpaͤt erſt gelangte ich zu einer ruhigeren Ueber⸗ legung, um die Nothwendigkeit meiner Tren⸗ nung von der Geliebten anzuerkennen und mich darein zu fuͤgen. Deine Mutter hatte eine ge⸗ raume Zeit von mir entfernt zugebracht, und ihre Abweſenheit konnte mir daher bei meinem zerriſſenen Gemuͤthszuſtande dazu dienen, mit mir wieder eins zu werden, um ſie bei ihrer Zuruͤckkunft ruhiger und gefaßter empfangen zu koͤnnen. Sie kam endlich. Ohne einigen Zwang gewoͤhnte ich mich deſto leichter an ihren Umgang und an ein noͤthiges Vergeſſen, da ich eine ganz eigene Veraͤnderung in dem ganzen Weſen und Betragen meiner Gemahlin wahrnahm, wozu wahrſcheinlich das Ungluͤck ihrer Familie Veran⸗ laſſung gegeben hatte. Fruͤher gewohnt, in einem beſtaͤndigen Wirbel von Vergnuͤgungen ſich herum⸗ zudrehen, war jetzt dieſer Leichtſinn einer ſanſte⸗ ren, ſchwaͤrmeriſchen Stimmung gewichen, und es war nicht zu verkennen, daß ſie es ſich ſeit ihrer Zuruͤckkunft zur beſondern Pflicht machte, IV.. G „ mich durch deſto groͤßere Herzlichkeit fuͤr ihre vorige flatterhafte Gleichguͤltigkeit zu entſchaͤdi⸗ gen. Wir wetteiferten in dem gemeinſchaftlichen Beſtreben, uns einander immer mehr zu naͤhern, wozu auch ich mich in Hinſicht meiner vorigen Verirrung, in einem beſonders hohen Grade gedrungen fuͤhlte. Unſre Bemuͤhungen hatten den beſten Erfolg; Liebe und Zaͤrtlichkeit knuͤpften das Band feſter, das vorher nur Convenienz um uns geſchlungen hatte, und legten auch mir die fuͤße Pflicht auf, ihren Schmerz uͤber den ſchmach⸗ vollen Untergang ihrer Familie zu ſtillen und uͤberhaupt ihre ſchwermuͤthige Stimmung zu er⸗ heitern.“ 4 „Deiner Mutter liebevolles Anſchmiegen an mich, ſo wie das dadurch bewirkte groͤßere Gluͤck unſers haͤuslichen Lebens, milderten jetzt das ſchmerzvolle Andenken an Conſtanzen in mir, und ließen es mich blos als das an eine hingeſchiedene theueren Freundin ehren. Aber um ſo lebhafter ſchwebte mir die Erinnerung an meinen begange⸗ den Frevel vor der Seele, den ich mit dem Ver⸗ luſte meiner ehemaligen Ruhe und Unbefangen⸗ heit ſchwer buͤßen mußte; keine zu ſpaͤte Reue kann mich mit mir ſelbſt wieder ganz ausſoͤhnen und meine Schuld tilgen. Du allein, mein Sohn, kannſt mir zu meinem verlorenen Frieden 7 wieder verhelfen, wenn Du mir die Ueberzeugung ſchenkſt, daß dies aufrichtige Bekenntniß meiner Verirrung Dich uͤber die Gefahren belehrt hat, in welche blinde Leidenſchaft ſtuͤrzt. Auch Du biſt, eben ſo wie ich es fruͤher war, ihr Spiel. Laß Dich daher durch das traurige Beiſpiel Dei⸗ nes Vaters warnen und zur Vorſicht auffordern, damit Du nicht, gleich mir, noch ſpaͤt die Ver⸗ irrungen der Jugend buͤßen mußt. Erhebe Dich nun durch innere Kraft zur maͤnnlichen Beherr⸗ ſchung Deines Herzens, dann wirſt Du mich am Abende meines Lebens mein eigenes leichtſinnig verſcherztes Gluͤck in dem Deinigen wiederfinden laſſen.“ 1 Scipio hatte ſeinem Vater mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zugehoͤrt; ſein Gefuͤhl lag in ſei⸗ nen Mienen, und drauͤckte die innigſte Nuͤhrung und Theilnahme aus.„Armer Vater,“ ſprach er jetzt, da dieſer die Erzaͤhlung geendigt hatte, „wie vieles moͤgen Sie gelitten haben! ich fuͤhle ganz das Druͤckende Ihrer Lage. Mein eifrigſtes Beſtreben ſoll darauf gerichtet ſeyn, Ihr Zutrauen zu rechtfertigen und Ihre Hoffnungen zu befrie⸗ digen.“ Graf. In dieſem Deinen Entſchluſſe ſey mir dieſe Stunde gedoppelt heilig, welche die Laſt meiner Vaterſorgen von meinem Herzen — G 2 — 100— nimmt. Bleib Deinem Vorſatze zur noͤthigen Selbſtbeherrſchung getreu, der Himmel wird Dir alsdann Kraft verleihen, ihn auszufuͤhren und vorzuͤglich jede ſtrafwuͤrdige Neigung fuͤr Diano⸗ ren in Dir auszurotten.. Scipio. Sie iſt alſo meine Schweſter? Graf. Obgleich mir hieruͤber noch vieles dunkel iſt, ſo ſcheint es doch gewiß, daß noch ein Band uͤbrig ſey, das mich an Conſtanzen auch noch im Tode knuͤpfen ſollte. Du kennſt Loren⸗ zo's geheimnißvolle Einwirkung in meine haͤus⸗ lichen und ſtaatsbuͤrgerlichen Verhaͤltniſſe, und weißt, wie hartnaͤckig er ſich Deiner Leidenſchaft fuͤr Dianoren und meiner Abſicht, Dich mit ihr zu verbinden, widerſetzte. Ich unterſtuͤtzte Deine Neigung zu Dianoren, bis mich Lorenzo aus meiner Sorgloſigkeit aufſchrecken und mir durch den Namen Conſtanza das Geheimniß errathen ließ. Ich muß alſo glauben, daß Conſtanza aus beſondeyer Schonung fuͤr mich und meine ehe⸗ lichen Verhaͤltniſſe mir das Leben ihrer Tochter verheimlichte; und ſo iſt nun Dianora die Frucht unſrer Liebe, Dina, welche nach den deshalb ein⸗ gezogenen Nachrichten, wenige Wochen nach ihrer Geburt geſtorben ſeyn ſollte. Wahrſcheinlich hatte Conſtanza vor ihrem Eintritte in das Klo⸗ ſter, unſre Tochter Dina, Lorenzo und der Sorg⸗ falt ihres Bruders uͤberlaſſen. Lorenzo wußte durch ſeine rathſelhafte Abentheuerlichkeit zu ver⸗ anſtalten, mir meine todtgeglaubte Tochter wieder zuzufuͤhren. Zugleich iſt es mir nun ziemlich ge⸗ wiß, daß jener Centuriſche Oberſte Petardo Nie⸗ mand anderes als der ungluͤckliche Bruder meiner Conſtanza ſeyn koͤnne; denn nur hieraus kann ich mir ſeine ausgezeichnete Wirkſamkeit fuͤr mich erklaͤren. Noch immer beruhet zwar das Meiſte auf Vermuthungen, aber es liegt mir uͤberaus vieles daran, Gewißheit zu erhalten, und zu dieſer ſollſt Du mir mitverhelfen, mein Sohn. Scipio. Auf welche Art, mein Vater? Graf. Deine gegenwaͤrtige Gemuͤthsſtim⸗ mung, die durch den beſtaͤndigen Umgang mit der trauernden Bianka um vieles verſchlimmert wird, macht eine Reiſe zu Deiner Zerſtreuung und Erheiterung unumgaͤnglich noͤthig. Du wirſt Dich gewiß deſto eher dazu entſchließen, wenn ich Dir ſage, daß Du dadurch auf mehrfache Art auf meine Ruhe wirken und Deine Thaͤtig⸗ keit in einer ſehr wichtigen Angelegenheit fuͤr des Vorkertaändes Wehr ietrberer uwufr. Aus din Nachrichten meiner Latagoer Freunde weiß ich, daß ſich der Graf Pizalto, deſſen Ankunft Yſamo ſo ſehnlich erwartet, gegenwaͤrtig dort befindet, um das große Werk fuͤr Yſamo's Gluͤck vollends beendigen zu helfen. Dieſer lang verkannte und mit Unrecht verfolgte Edle kann kein Anderer ſeyn, als Lorenzo. Du ſollſt unverzuͤglich mit Auftraͤgen des Fuͤrſten nach Latago aufbrechen. Es wird Dir nicht ſchwer fallen, mit Huͤlfe mei⸗ ner edeln Freunde Collino und Baſſino, Pizal⸗ to'’s genauere Bekanntſchaft zu machen und von ihm den gewuͤnſchten Aufſchluß uͤber die noch⸗ 4 Statt findenden Raͤthſel zu erhalten. Bei der jetzigen Lage der Sachen, glaube ich kaum noch, daß dieſer Pizalto⸗Lorenzo noch Gruͤnde haben koͤnne, uns die gewuͤnſchte und fuͤr unſer Aller Beruhigung nothwendige Aufklaͤrung noch laͤnger vorzuenthalten.— 5 So ungern ſich auch Scipio von Biankens traulichem Umgange trennen wollte, da er ſie bei ihrem ſichtbaren Hinwelken nach ſeiner Zuruͤck⸗ kunft nicht wiederzufinden beſorgte, ihr auch ſo gern die letzten Tage ihres Lebens durch Freundes⸗ zuſpruch erheitert haͤtte: ſo gab er gleichwohl den Wuͤnſchen ſeines Vaters nach. Im Vertrauen auf ſeine Bereftwilliaket hattẽ keſer ſchon Voraus die noͤthigen Verfuͤgungen zu der fruͤher unterbrochenen Reiſe erneuert, ſo daß ſie in we⸗ nigen Tagen darauf geſchehen konnte. 8 Bianka war durch den Grafen uͤber die Noth *½ V — 103— * wendigkeit von der Entſernung ſeines Sohnes verſtaͤndigt worden. Mit einem beredten Haͤnde⸗ drucke des nimmer Wiederſehens und einer ge⸗ waltſam zuruͤckgedraͤngten Thraͤne wehmuthsvol⸗ len Schmerzes riß ſie ſich in der Stunde der Trennung von Scipio los, den ſie durch eine erkuͤnſtelte Heiterkeit uͤber ihren beſorglichen Zuſtand taͤuſchte, damit ihre Bewegung nicht zum Verraͤther an ihr werden moͤchte; von ihren frommen Segenswuͤnſchen begleitet, reiſte Sci⸗ pio nach Latago ab. Die Unterſuchungen gegen Cerrino wurden mit der groͤßten Geheimhaltung und dem beſten Erfolge fortgeſetzt. Da man ihm alle Gelegen⸗ heit zu neuen Intriguen benahm, und ſomit auch die Thaͤtigkeit ſeiner Anhaͤnger hemmte, ſo blieb ihm kein Ausweg weiter uͤbrig, als die Gnade des Fuͤrſten anzuflehen. Vergebens wandte Torſo mit ſeinen Verbuͤndeten alles an, ſich uͤber den wahren Gang des Prozeſſes Gewißheit zu verſchaffen, um zu erfahren, in wiefern Cerri⸗ no's Geſtaͤndniſſe ihm ſelbſt Gefahr droheten. Er mußte ſich blos mit einzelnen Vermuthungen begnuͤgen. Mit großer Aengſtlichkeit ſahe er den kommenden Dingen entgegen, und traf ſchon im Stillen alle Anſtalten, ſich wo moͤglich vor dem * . 4 1 — 104— Bei der großen Verwickelung des Gegenſtandes hoffte er auf einen ziemlich langſamen Gang der Unterſuchung, und dadurch Zeit fuͤr ſich zu ge— winnen, ſich im ſchlimmſten Fall gehoͤrig vorbe⸗ reiten zu koͤnnen. Nicht wenig wurde er daher auch durch die Nachricht uͤberraſcht, daß Cerrino auf die Feſtung gebracht ſey, um dort fuͤr ſeine uͤberwieſenen Verbrechen zu buͤßen. Aber in noch groͤßere Unruhe verſetzte ihn der Umſtand, daß der R tsgang gegen Cerrino auch zugleich wie⸗ derholte Unterſuchungen in Beziehung auf Bian⸗ kens Varer veranlaßt hatte. Man war bereits zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Ungluͤck⸗ liche weniger ein vorſaͤtzlicher Verbrecher, als vielmehr das Opfer geheimer Bosheit geweſen ſey, und Mitleiden und Verzeihung verdiene. Als Folge dieſer Unterſuchungen wurde Torſo durch einen Kabinetsbefehl angedeutet, bis zu ſeiner erfolgten Rechtfertigung uͤber die gegen ihn Statt geſchaͤfte zu enthalten, ſich auch erforderlichen Falles zu jeder Zeit treffen zu laſſen. Da letzte⸗ er nicht lange in Zweifel bleiben, daß der gegen ihn losbrechende Sturm naͤher war, als er es vermuthet hatte. voͤlligen Ausbruche eines Sturmes zuruͤckzuziehen. findenden Beſchuldigungen, ſich aller Staats⸗ res faſt einem Hausarreſte aͤhnlich ſahe, ſo konnte — 103— Biankens heißeſter Seelenwunſch war erfuͤllt und ihr andachtvolles Flehen zum Himmel er⸗ hoͤrt: die gemißhandelte Ehre ihres ungluͤcklichen Vaters war gerettet. Jetzt blieb ihr kein Wunſch weiter uͤbrig als der, recht bald dem verklaͤrten Geiſte ihres Vaters in den Thaͤlern des Friedens und der ewigen Freiheit entgegen eilen zu koͤnnen. Mit dankbaren Thranen des Entzuͤckens ſegnete ſie den Augenblick, der die ſchmachvolle Schande von ihrem Vater hinwegnahm. Aber die Heftig⸗ keit dieſer Gemuͤthsbewegung aͤußerte ſich bei der großen Zerruͤttung ihrer Lebenskraft ſo nachthei⸗ lig auf ſie, daß der Arzt, ſo wie ihre Freunde die ſchlimmſten Folgen befuͤrchteten. Bianka laͤchelte heiter zu den geaͤußerten Beſorgniſſen ihrer Lieben. Voll Hoffnung einer baldigen Auf⸗ loͤſung, ſchien ihr Geiſt nur bis auf dieſen gluͤck⸗ lichen Moment der Ehrenrettung ihres Vaters gezoͤgert zu haben, um ſich zu den Gefilden einer beſſern Welt emporzuſchwingen. Aus zarter Schonung bemuͤhete ſie ſich, ihren Freunden ihren Zuſtand zu verſchleiern. Wirklich ließ ihre ungewoͤhnliche heitere Ruhe und Gemuͤthlichkeit die Ahnung ihrer nahen Aufloͤſung noch nicht aufkommen; nur ihre bleiche, bis zum Schatten abgezehrte Geſtalt ſtand noch mit der Haſnung iheer Geneſung im Widerſpruche. Heiter hatte ſich eines Abends, wie immer, der trauliche Kreis ihrer Freunde um ſie ver⸗ ſammelt, als eine zunehmende Schwaͤche, die ſie kaum zu verbergen vermochte, ſie veranlaßte, ſich fruͤher als gewoͤhnlich zu beurlauben, und ſich mit dem Ausdrucke einer uͤberwaͤltigenden Ruͤh⸗ rung und einer ſeelenvollen Umarmung der Graͤfin und Dianorens nach ihrem Zimmer und zur Ruhe zu begeben. Da man dergleichen wechſelnde An⸗ wandlungen bei ihr ſchon gewohnt war, ſo be⸗ ſorgte man davon nichts weiter, und hoffte ſie am kommenden Morgen deſto heiterer wieder zu ſehen. Um ſo heftiger wurde die graͤfliche Familie aus dieſem Wahne aufgeſchreckt, als am folgenden Morgen, wo man mit dem Fruͤhſtuͤck auf Bianken wartete, ihre Kammerfrau mit thraͤnenden Augen ſie auf Geheiß des Arztes ſchnell zu ihr rief, um ſie noch einmal zu ſehen. Erſchrocken eilten der Graf mit ſeiner Gemahlin nebſt Dianoren und Manutti zu ihr, und fanden ſie, bereits von dem ſanften Fluͤgelſchlage des Engels der Vollen: dung umſaͤuſelt. Mit der letzten Anſtrengung ihrer verloͤſchenden Kraft reichte ſie den Eintre⸗ tenden laͤchelnd ihre kalte Todtenhand. Die Graͤfin richtete ſie ſanft empor, und umfaßte ſie liebevoll. Ihr gebrochenes Auge weilte noch ein⸗ mal auf ihr und Dianoren, und mit dem Laͤcheln — einer ſchon Verklaͤrten ſtrich ſie ſanft die Thraͤne von ihr entfernen. Es war der erſte Verluſt die⸗ — 197— von der Letzteren Wange hinweg.„Dort ſehen wir uns wieder!“ fluͤſterte ſie in kaum vernehm⸗ barer Stimme, indem ſie Dianoren ſanft zu ſich herabzog und den Kuß des Scheidens auf ihre Lippen druͤckte. Dann ſenkte ſie ihr Haupt an den Buſen der Graͤfin, und ſchlummerte ſanft in ihren Armen hinuͤber in die ſeligen Wohnungen der Ruhe und der Belohnung. Schmerzlos und ohne die gewoͤhnlicheren Schauer bei ſeiner Er⸗ ſcheinung ſchien der Todesengel die Blume ihres Lebens gepfluͤckt zu haben. Schoͤner als in den letzten Tagen ihres Lebens lag ſie jetzt, gleichſam von einem milden Glanze hoͤherer Verklaͤrung umfloſſen, wie in ſuͤßem Schlummer auf ihrem Lager, und die ſchmerzvollſte Ruͤhrung ihrer Lie⸗ ben feierte das Andenken der ausgelittenen Dul⸗ derin. 1 Jetzt war das Haus des Grafen, wo noch geſtern die Freude wohnte, ploͤtzlich in ein Haus der Klage und der tiefſten Trauer umgewandelt. Biankens ploͤtzlichen Verluſt empfand beſonders Dianora in hohem Grade. Sie wollte ſich in dem uͤbermannenden Schmerze ihres zartfuͤhlen⸗ den Herzens gar nicht von der geliebten Leiche 8 trennen, und man mußte ſie wider ihren Willen — 108— ſer Art, den Dianora durch den Tod ihrer gelieb⸗ ten Freundin erlitt; erſt lange Zeit nachher, als Bianka bereits im Grabe ſchlummerte, ging ihre Trauer in ſanftere Gefuͤhle uͤber, womit ſie oft an der Seite des geliebten Manutti, auf dem Grabe der Verklärten, ihr bleibendes Andenken feierte. Den Grafen Torſo erfuͤllte die Annaͤherung des gegen ihn losbrechenden Sturmes mit Schrecken. Er bot jetzt mit verdoppelter Kraft alle ihm noch zu Gebote ſtehende Mittel auf, die furchtbare Gewitterwolke abzuleiten und wo moͤg⸗ lich zu zertheilen. Indem er mit vieler Schlau⸗ heit den gegen ihn immer lauter werdenden Ver⸗ dacht auf den Marcheſe Riviali, auf Corvetti, den Centurier und deren Gehuͤlfen zu waͤlzen bemuͤht war, gelang es ihm, die Unterſuchungen ſo arg zu verwirren, daß man nicht mit der ge⸗ wuͤnſchten Schnelligkeit, auch wegen ſeines An⸗ ſehens und ſeiner Verbindungen, nur mit großer Behutſamkeit gegen ihn verfahren konnte. Hier⸗ durch erreichte er wenigſtens die Abſicht, Zeit zu gewinnen, die er denn auch nicht unbenuͤtzt ließ. Mit verzweiflungsvoller Entſchloſſenheit wollte er den letzten gewaltſamen Schritt wagen, weil ihm nunmehr nichts weiter uͤbrig blieb. So ungewiß ihn auch die letzten eingegangenen Nachrichten uͤber den eigentlichen Stand der Sachen ließen, ſo hielt er ſie dennoch durch die geheime Thaͤtig⸗ keit ſeiner Mitverſchworenen fuͤr ſo weit gediehen, daß er im dringendſten Augenblicke der Gefahr kein Bedenken tragen duͤrfe, die Lunte anzuzuͤn⸗ den, welche die Mine in die Luft ſprengen ſollte. Die Bewegungen der fremden Truppen, welche die Grenze immer enger und feſter einſchloſſen, ſo wie die vermeinten zunehmenden Unruhen unter dem Volke, ſchienen dieſes zu beſtaͤtigen. Nichts wuͤnſchte er jetzt ſehnlicher, als Petardo's Erſcheinung. In ſeine Projekte verſunken, ſaß er eines Abends unter Papieren vergraben in ſeinem Ka⸗ binete, als die Thuͤre deſſelben ſich oͤffnete und Odoardo in Geſellſchaft des Manheie Riviali zu ihm hereintrat. „Riviali? Odoardo?“ rief er freudig uͤber⸗ raſcht,„traͤume ich oder ſehe ich Wirklichkeit?“ Odoardo. Wir ſind es wirklich. Torſo. So heiße ich den Einen, wie den Andern willkommen! Woher des Weges? Odoardo. Wir kommen ſchnurſtracks aus Latago. Torſo. Wie ſtehen unſre Angelegenheiten? — 119— Warum erhielt ich ſo lange keine Nachricht von dorther? Wo bleibt Corvetti? was macht Cazzi? Odoardo. Gemach! Das ſind in einem Athem mehr Fragen, als wir Beide beantworten koͤnnen. ſtehen unſre Angelegenheiten?. Odoardo. Schlecht und gut, wie man es nimmt. Torſo. Wie ſoll ich das deuten? Odoardo. Sie ſtehen ſchlecht, weil beſon⸗ ders ſeit Cerrino's Geſtaͤndniſſen und durch Cor⸗ vetti's Treuloſigkeit, Vieles iſt verrathen und verdorben worden. Gut ſtehen ſie jedoch in ſo fern, als eben die nun herbeigefuͤhrte Gefahr endlich die große, allzubedaͤchtige Langſamkeit des ſchwarzen Bundes zu einem raſchen Entſchluſſe draͤngen muß, wodurch einzig und allein noch Alles zu gewinnen iſt. Torſo. Du erſchreckſt mich. Corvetti, ſagſt Du, habe treulos an uns gehandelt? Kaum kann ich das glauben. Odoardo. Dennoch iſt es ſo; Corvetti iſt zum Verraͤther an dem ſchwarzen Bunde gewor⸗ den. Wundern darf man ſich hieruͤber weniger, wenn man bedenkt, daß ſeine Verbuͤndeten ſelbſt an ihm zu Verraͤthern wurden; ihre gegen ihn 6 8 Torſo. Nun dann vor allen Dingen, wie ——— ——— ——— — 111— erhobenen Beſchuldigungen ließen ihn kaum noch einen andern Ausweg zur Rettung fuͤr ſich uͤbrig. Torſo. Wie ſoll ich mir das erklaͤren? Riviali, ſprechen Sie doch; Sie ſind ſo ſchuͤch⸗ tern, ſo verlegen und unruhig, daß ich ſehr ſchlimmer Botſchaft entgegen ſehe. Riviali. Wie ſollte ich das nicht ſeyn, da ich bei meiner Ankunft in Yſamo mit Schrecken vernehmen muß, daß Sie und Ihre Verbuͤndeten die Abſicht haben, ſich durch meinen und Corvet⸗ ti's Fall zu halten, ſo daß dadurch meine Sicher⸗ heit aͤußerſt gefaͤhrdet und den ſchlimmſten Nach⸗ ſtellungen ausgeſetzt iſt? Torſo.(verlegen:) Laſſen Sie das gut ſeyn; ſo weit iſt es noch nicht. Zwar iſt aller⸗ dings wahr, daß der Drang der Unſtaͤnde uns zwang, um die uͤber uns ſich aufthuͤrmende Ge⸗ witterwolke aufzuhalten, durch einige Anzeigen die Unterſuchungen auf Abwege zu leiten; Sie ſollen jedoch nichts dabei verlieren, verlaſſen Sie ſich auf mich. Nur bitte ich Sie, mit der gehoͤri⸗ gen Vorſicht zu verfahren und ſich einſtweilen verborgen zu halten, bis das, was geſchehen ſoll und ſich nicht laͤnger verſchieben laͤßt, mehr zur Reife wird gediehen ſeyn. 4 Odoardo. Nehmt mir es nicht uͤbel, ihr Herren, wenn ich offen und gerade herausſage, 8 daß Ihr an Euern Verbuͤndeten gehandelt habt, wie nicht recht und loͤblich iſt, und daß Ihr es Euch ſelbſt zuzuſchreiben habt, wenn dieſe Ver⸗ rath mit Verrath erwiedern, und jetzt, von Euch um ihrer Selbſterhaltung willen genoͤthiget, die Geſchuͤtze gegen Euch ſelbſt richten. Torſo. Das wolle der Himmel verhuͤten, daß ich in meiner gegenwaͤrtigen aͤußerſt miß⸗ lichen Lage, auch das noch befuͤrchten muͤßte! Odoardo. Und doch iſt es ſehr zu befuͤrch⸗ ten; aber hoffentlich iſt noch nicht alles dadurch verloren. Torſo. So rede! ſprich! wie ſtehen die Sachen und was muß noch geſchehen, um noch etwas fuͤr uns zu hoffen. Odoardo. Was geſchehen iſt, beweiſt die Gefangenſchaft meines Begleiters, den ich nur durch meine Thaͤtigkeit wieder in Freiheit ſetzen konnte.— Torſo. Wie, Marcheſe? Sie waren ge⸗ fangen? 1— Riviali. Volle Wahrheit. Ich befand mich in ſtrenger Verwahrung, in welche mich Verrath und der Antheil an den Planen des ſchwarzen Bundes fuͤhrten. Dieſem Manne hier, verdanke ich meine gluͤckliche Rettung; ihm ver⸗ traue ich auch ferner gegen Verrath und Falſchheit. — 113— Odoardo. Das Geſchehene wißt Ihr nun, Herr Graf; was aber noch geſchehen ſoll, um jenes zu verbeſſern, das hoffe ich von Euch zu vernehmen. Torſo. Ich weiß in dieſem Augenblicke ſelbſt nicht, was zu thun ſey, um uns gegen den uns bevorſtehenden Schlag ſicher zu ſtellen. Odoardo. Es iſt bei der gegenwaͤrtigen Lage der Sachen nur ein einziges Mittel uͤbrig. Torſo. Welches? Odoardo. Ein raſcher Entſchluß und eine eben ſo ſchnelle Ausfuͤhrung; dieſe koͤnnen allein noch das Verſaͤumte wieder gut machen. Torſo. So ſehr ich vorher dazu entſchloſſen war, eben ſo ſehr bangt mir jetzt vor dieſem Gewaltſchritte. Odoardo. Warum das? Die Gemuͤther des Volks ſind in Gaͤhrung; der Funke glimmt unter der Aſche immer ſtaͤrker, ſo daß der Aus⸗ bruch zur Flamme, auf die eine oder die andere Art kaum noch zuruͤckzuhalten ſeyn moͤchte. Zu⸗ dem iſt Latago's geheimer Groll durch die Thaͤ⸗ tigkeit des ſchwarzen Bundes gegen Yſamo neuer⸗ dings genaͤhrt worden; die feindlichen Truppen an der Grenze, ziehen ſich unter dem verdaͤchti⸗ gen Scheine eines freundſchaftlichen Entgegen⸗ kommens, immer tiefer in das Innere des Lan⸗ IV. H — 1414— des; alles ſcheint nur auf den Augenblick zu warten, wo die Empoͤrung zum Ausbruche kom⸗ men ſoll. Die Wuͤrfel liegen; was zoͤgert man noch lange, ſie fallen zu laſſen. Torſo. Es iſt ein ſehr gewagter Wurf. Odoardo. Wo alles zu verlieren ſteht, da muß auch alles gewagt werden. Wer alsdann noch kleinmuͤthig zagt und lange anentſchloſſen uͤberlegt, der hat ſchon halb verloren.. Torſo. Die Sache bedarf reiflicher Ueber⸗ legung, wenn das Geazte dichi Tollkuͤhnheit werden ſoll. Odoardo. Ei, ein ſtehen die Angenheiten des ſchwarzen Bundes hier in Yſamo ſo uͤbel, daß deſſen ſeit ſo vielen Jahren vorbereitetes Un⸗ ternehmen nunmehr, wo es Entſcheidung gilt, als Tollkuͤhnheit erſcheint? Das macht fuͤrwahr Euch geuͤbten und erfahrenen Meiſtern wenig Ehre. Torſo. Wer konnte uͤberall den Gang und die fatale Wendung vorausſehen, den dieſe An⸗ gelegenheit durch zufaͤllige Umſtaͤnde und durch Unbeſonnenheiten der Einzelnen genommen hat? Warum mußten wir ſo lange durch ſchwankende Nachrichten aus Latago mit Hoffnungen hinge⸗ halten werden, die unſre Thaͤtigkeit hemmten? Warum wareſt Du ſelbſt ſo ſaumſelig in der — 115— Ausfuͤhrung der uͤbernommenen Auftraͤge? Wo iſt Pizalto? Odoardo. Wenn ich darin hin und wieder aufgehalten wurde, ſo rechtet deshalb mit Euch ſelbſt und Euern Verbuͤndeten. Der auch mich bedrohende Verrath mußte freilich meiner Thaͤtig⸗ keit Feſſeln anlegen, da ich gezwungen wurde, dem groͤßeren Uebel vorzubeugen und auf meine eigene, hartbedrohete Sicherheit bedacht zu ſeyn. Aber immer iſt noch nichts verloren, kein Grund zum Zagen vorhanden und nur eine muthvolle raſche Entſchloſſenheit noͤthig, die die guͤnſtigen Augenblicke, welche jetzt noch Euer ſind, gehoͤrig zu benuͤtzen weiß. Oder wollt Ihr durch laͤngeres, zaghaftes Zoͤgern die guͤnſtige Zeit zur Ausfuͤh⸗ rung Eurer Anſchlaͤge voruͤbergehen laſſen, und dadurch Euern Gegnern Gelegenheit geben, den wahren Zuſtand der Dinge zu erfahren und ſich deſto wirkſamer gegen Euch zu ruͤſten? Gegen⸗ waͤrtig beſinden ſie ſich noch in ſchwankender Ungewißheit wegen der verdaͤchtigen Truppen⸗ bewegungen an den Grenzen und wegen der hin und wieder bemerkten Unruhen. Lange kann jedoch dieſer Zuſtand nicht dauern; die Sturm⸗ glocken werden ſie bald genug daruͤber belehren. Moͤgen dieſe alsdann nicht zugleich manchen ſchwarzen Buͤndners Grabgelaͤute werden! H 2 m — 416— Torſo. Dahin ſoll es nicht kommen. Was haben wir von Dir zu erwarten? Odoardo. Erkennt Ihr es, Herr Graf, daß ich eigentlich nach den von Euch gemachten Erfahrungen Bedenken tragen ſollte, mich ferner mit Euern Affairen zu befaſſen? Ich habe mir jedoch von Euch niemals etwas anderes verſehen. So bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet, und biete jeder Gefahr Trotz. Torſo. Ich kenne Dich auf dieſem Punkte; von meiner Seite iſt nichts gegen Dich geſchehen, was ſich nicht entſchuldigen ließe, oder was die Gefahr gegen Dich vergroͤßern koͤnnte. Odoardo. Dem ſey wie ihm wolle, laßt uns jetzt daruͤber nicht rechten. Ich war ja blos das blinde Werkzeug Eures Willens; Ihr koͤnnt es freilich fuͤr boͤſe Zwecke nicht anders vernich⸗ ten, als auch zugleich mit der Hand, die es fuͤhrte. Das moͤgt Ihr wohl bedenken; denn glaubt mir auf mein Wort: ich fuͤrchte nichts fuͤr mich ſelbſt, aber deſto mehr fuͤr Euch. Torſo. Kann ich auf Dich rechnen? Odoardo. So wie bisher. Jetzt ſagt mir was geſchehen ſoll? Torſo. Die Sachen ſtehen in der That ſchlimmer, als ich es befuͤrchtete, und erſchweren mir den zu faſſenden Entſchluß. Die Treuloſig⸗ —— — 117— keit meiner Freunde lehnt ſich gegen mich auf. Nach den erhaltenen Weiſungen muß ich mich gegenwaͤrtig in einer Art von Gefangenſchaft be⸗ trachten, wo man jede meiner Bewegungen mit geſpannter Aufmerkſamkeit beobachtet. Jede Uebereilung kann die groͤßte Gefahr nach ſich ziehen. Ich bedarf Rath und Zeit zur Ueber⸗ legung. Odoardo. Ich frage Euch blos, ob Ihr Herren, nach alle den Gewaltſchritten, die Ihr ſeit Jahren vorwaͤrts zum Ziele Eurer Entwuͤrfe gemacht habt, gegenwaͤrtig noch zuruͤckſchreiten koͤnnt und wollt? Iſt dieſes der Fall, nun dann iſt die Sache bald abgemacht. Ihr bekennt Euch ſchuldig, legt Eure Anſchlaͤge nebſt dem, was Ihr fuͤr ſie thatet, ſo wie die Namen derer, die Ihr theils ſelbſt wuͤrgtet, theils auf meine Tod⸗ tenliſte ſchreiben ließet, offen dar, und erwartet dann mit Unterwerfung, was vielleicht die be⸗ ſondere Gnade des Fuͤrſten uͤber Euch verfuͤget. Ich fuͤr meinen Theil habe kein Geluͤſte darnach, dieſe Gnade mit Euch zu theilen. Torſo. Biſt Du toll? An das Zuruͤckſchrei⸗ ten iſt nicht mehr zu denken; auch war es nie mein Wille. Odoardo. Was zoͤgert Ihr alsdann, vor⸗ waͤrts zu gehen? ein Stilleſtand iſt gegenwaͤrtig auch der Wendepunkt fuͤr groͤßere Gefahr. Torſo. So ſey es denn! Ich will meine Freunde ſchnell um mich verſammeln, und mich mit ihnen berathen, wie die letzte Hand an das Werk zu legen ſey. 6 4 Odoardo. Thut das; ich will mich in⸗ deſſen auf Kundſchaft legen, um das Terrain genauer kennen zu lernen. Wenn werden ſich die Glieder des Bundes verſammeln? Torſo. Ich wuͤnſche, daß es zu morgen Nacht geſchehen ſoll. Jedoch d 3 vorher noch von Ihnen, Marcheſe, von den isherigen 1 a deshe Vorgaͤngen genauer unterrichtet werden. Odoardo. Das Noͤthige ſindet Ihr in dieſen Papieren, die ich Euch deshalb zuruͤcklaſſe. (Er uͤbergiebt ihm verſchiedene Schriften.) Der Herr Marcheſe geht mit mir. Torſo. Warum das? Odoardo. Weil ich ihm meinen Schutz verſprochen habe, und er bei mir jetzt beſſer ver⸗ wahrt iſt, als hier. Torſo. Ich ſelbſt werde den Marcheſe zu ſchuͤtzen wiſſen, wenn ihm Gefahr drohen ſollte. Odoardo. Daß er des Schutzes wirklich bedarf, daran iſt eben ſo wenig zu zweifeln als an der Gewißheit, daß Ihr, Herr Graf, in —ü— 2 — —— —— — 119— Eurer damaligen Lage ihm denſelben um ſo we⸗ niger gewaͤhren koͤnnt, da Ihr auf Eure eigene Sicherheit bedacht ſeyn muͤßt. Der Aufenthalt deſſelben kann bei Euch nicht ſo verborgen blei⸗ ben, daß er nicht ſollte entdeckt werden; wie vieles wuͤrde alsdann fuͤr ihn, ſo wie fuͤr Euch zu befuͤrchten ſeyn! Torſo. Habe ich Sie doch kaum erſt ge⸗ ſehen Marcheſe; unmoͤglich kann ich mich mit dieſen wenigen Minuten begnuͤgen laſſen. Wir haben ſo vieles mit einander zu ſprechen, und ich brauche Ihre Gegenwart in der Verſammlung unſrer Freunde. Odoardo. Der Herr Marcheſe wird ſich, eben ſo wenig als ich, vermiſſen laſſen. Fuͤr den Augenblick kann ſein laͤngeres Verweilen nicht Statt finden. Alles beruhet darauf, den Verſuch zu machen, durch ein offenes und unbefangenes Hintreten bei Mondaldi, den gegen ihn erregten Verdacht zu entkraͤften. So gewagt dieſer Schritt auch iſt, ſo will ich fuͤr das Gelingen deſſelben doch ſchon ſorgen. Gehabt Euch jetzt wohl, wir ſehen uns bald wieder.. Ohne noch eine Erwiederung des Grafen ab⸗ zuwarten, oder ſich von ihm zuruͤckhalten zu laſſen, entfernte er ſich ſchnell mit dem Marcheſe. — —— ——— 4 8 3 — 120— Torſo befand ſich gegenwaͤrtig in einer Lage, die ihm den Rath und den Beiſtand ſeiner Freunde hoͤchſt noͤthig und wuͤnſchenswerth machte. So ſehr er fruͤher die Ankunft des Mar⸗ cheſe Riviali und des Centuriers gewuͤnſcht hatte, eben ſo ſehr wurde er jetzt durch ihre uͤberraſchende Erſcheinung in Yſamo in Verlegenheit geſetzt. Die Abwendung der eigenen Gefahr hatte ihn bewogen, Beſchuldigungen geſetzwidriger Unter⸗ nehungen auf dieſe Beiden, ſo wie auf Corvetti und Cerrino zu werfen. Es war ihm hoͤchſt un⸗ angenehm, daß Riviali gerade in den mißlichſten Augenblicken ſich einſtellte, und daß er ihm nicht vorher von ſeiner beabſichtigten Ruͤckkehr Nach⸗ richt gegeben hatte; dann wuͤrde er nicht unterlaſ⸗ ſen haben, ihn davon abzuhalten oder doch ſeine Ankunft bis auf den bald zu erwartenden Augen⸗ blick zu verzoͤgern, wo er die Mine zu ſprengen gedachte. Riviali's Vorſatz, ſich dem Grafen Montaldi vorzuſtellen, mußte ihn mit Grund befuͤrchten laſſen, daß es dann zu gegenſeitigen Erklaͤrungen kommen wuͤrde, welche das Mißliche ſeiner Lage ſehr verſchlimmern konnten. Dieſen nachtheiligen Folgen vorzubeugen, mußte er da⸗ her mit aller Sorgfalt und Behutſamkeit Anſtal⸗ ten treffen. 9* Odoardo hatte ihn gegenwaͤrtig in ſehr be⸗ denkliche Irrgewinde gefuͤhrt, aus welchen er ſich allein und ohne fremde Huͤlfe kaum noch heraus⸗ winden konnte, wenn er nicht raſch zu Werke ſchritt. Die Wuͤrfel lagen nun einmal zu dem entſcheidenden Wurfe vor ihm; aber jetzt, wo nicht mehr freier Wille und eigener Entſchluß, ſondern Gewalt und die Pflicht der Selbſterhal⸗ tung in ihm vorherrſchte, fuͤhlte er es erſt, wie vieles fuͤr ihn dabei auf dem Spiele ſtand, wenn er ſich nicht mit voller Zuverſicht auf ſeine Ge⸗ treuen verlaſſen konnte. Die Dokumente, welche ihm Odoardo zuruͤckgelaſſen hatte, beruhigten ihn einigermaßen uͤber ſeine aͤngſtlichen Beſorgniſſe, denn ſie beſtaͤrkten ihn in der Hoffnung, daß es nur eines Winkes beduͤrfe, um die Truppen an den Grenzen zu veranlaſſen, in das Herz des Landes einzudringen. Vielleicht konnte er in der allgemeinen Verwirrung dann die Würfet zu ſei⸗ nem Vortheile lenken. Mit feſtem Vertrauen auf die gute Sache, die ſie fuͤhrten, ſahen indeſſen die Edeln des Staats, Montaldi, Altieri und deren Freunde dem ſchoͤnen Morgen einer gluͤcklichen Zukunft entgegen, der im ſchoͤnen Segensglanze von La⸗ tago heruͤber fuͤr Yſamo heraufdaͤmmerte. Der verſteckten Bosheit und Argliſt der Feinde geſetz⸗ “ 124 8‿ — licher Ruhe und Ordnung war ihre Kraft, ferner zu ſchaden, benommen. Torſo und deſſen An⸗ haͤnger ſtanden entlarvt da; die Stunde, welche ſie zu Boden ſtuͤrzen ſollte, war nahe. Wenn man gegenwaͤrtig noch nicht mit groͤßerem Nach⸗ drucke gegen ſie verfuhr, ſo geſchahe es nur des⸗ halb, weil man dem Bunde der Verſchworenen alle Mittel benehmen wollte, ſich hinter neue Raͤnke zu fluͤchten; vorzuͤglich aber beabſichtigte man, mit Petardo's thaͤtigem Beiſtande, die faͤmmtlichen Theilnehmer an Torſo's ſchwarzen Planen mit ihm zugleich, mit einem Streiche zu vernichten. Petardo hatte Torſo und deſſen An⸗ haͤnger ſo ſehr in ihre eigene Schlingen ver⸗ wickelt, daß ſie ohne langes Saͤumen zu einem Gewaltſchritte hingedraͤngt wurden, bei welchem alsdaun die That ſelbſt gegen ſie zeugen mußte, ohne daß ihnen noch eine Ausflucht offen blieb. Der Graf Montaldi war bereits durch ſeine Freunde in Latago von der wahren Beſchaffenheit der Umſtaͤnde und den darauf ſich beziehenden Vorfaͤllen, vornaͤmlich in Anſehung deſſen, was man hierbei dem Centurier verdankte, voll⸗ ſtaͤndig in Kunde geſetzt; auch beſonders uͤber Riviali's Verſchwinden und die demſelben faͤlſch⸗ lich aufgebuͤrdete Schuld war er aufgeklaͤrt und auf deſſen Ankunft in Yſamo vorbereitet worden. 2. —————— 2 ——— 8 4 4 4* * — 123— Um ſo weniger fuͤhlte er ſich denn nun auch durch des Marcheſe Beſuch uͤberraſcht, der mit allem Ausdrucke der Reue und Beſchaͤmung bei ihm eintrat, und durch die zuvorkommende Guͤte des Empfangs noch mehr geruͤhrt wurde. „Sie haben ſich lange vermiſſen laſſen,“ wandte ſich der Graf an ihn, nachdem er die ihm mitgebrachten Briefe aus Latago uͤberleſen hatte, „jedoch iſt dieſes nicht Ihre Schuld, und ſo ſind Sie mir jetzt, bei Ihrer gluͤcklichen Ruͤckkehr, ) mit doppelter Herzlichkeit willkommen!“ „Ich ehre in dem Gefuͤhle meiner Unwuͤrdig⸗ keit Ihre wohlwollende Guͤte in einem ſo hohen Grade,“ erwiederte Riviali,„daß ich nicht im Stande bin, Ihnen meinen Dank dafuͤr auszu⸗ druͤcken. Einen ſolchen Empfang durfte ich nicht erwarten.“ 3 „Warum nicht,“ unterbrach ihn der Graf, „es iſt Pflicht, dem Strauchelnden zu Huͤlfe zu eilen und dem Gefallenen die Hand zu reichen, damit er ſich von ſeinem Falle wieder erheben koͤnne.“ iau. Riviali. O ich war ein tief Gefallener! Graf. Ich weiß es; aber ich weiß auch, wie ſehr Sie das Geſchehene bexeuen und ſich zu dem Entſchluſſe erheben lernten, es zu verbeſſern. Meine wackern Freunde Baſſino, Collino und — 124— Pizalto verbuͤrgen ſich in dieſen Briefen fuͤr die Aechtheit Ihrer Geſinnungen, und ſo heiße ich kommen. Riviali. Unmoͤglich koͤnnen Sie die Groͤße meiner Schuld in ihrem ganzen Umfange kennen, die mich des ſchwaͤrzeſten Undanks gegen Sie und mein Vaterland anklagt. Graf. Ich uͤberzeugte mich in der Folge leider von der Wahrheit deſſen, was mich einſt Lorenzo auf meiner Reiſe nach Latago in ſeinem magiſchen Spiegel ſehen ließ; damals ahnete ich freilich nicht, daß ich in Ihnen eine Schlange in meinem Buſen erzog, die nach meinem Herz⸗ blute duͤrſtete. Aber alles iſt verziehen und ver⸗ geſſen. Riviali. Moͤchte ich doch mir ſelbſt ſo großmuͤthig verzeihen koͤnnen, daß ich ſo lange 4 die Stimme beſſerer Ueberzeugung in mir ver⸗ ſchließen konnte, bis ſie durch gewalſame Mittel geweckt wurde! Vielleicht kann es einigermaßen zu meiner Entſchuldigung dienen, wenn ich unterlag, und daß nicht eigener boͤſer Wille, ſon⸗ dern nur ein furchtbar ſchwerer Eid, den ich dem ſterbenden Vater ablegte, mich zum Erben ſeines Haſſes und zu ſeinem Raͤcher weihete. Jetzt, Sie nochmals mit freudiger Herzlichkeit will⸗ Ihnen bekenne, daß ich nur der Verfuͤhrung —yyy—— — — 4225— nachdem ich meine Verblendung eingeſehen habe und die heilige Kirche mich meines verbrecheri⸗ ſchen Eides entbunden hat, laſſen Sie mich einen Schleier daruͤber werfen; er war mein Vater, das Ungluͤck hatte ihn ſich ſelbſt untreu gemacht. Graf. Er hat in ſeiner unſeligen Verblen⸗ dung Schweres an mir, ſo wie an Ihnen ver⸗ ſchuldet, aber er ruhe im Frieden. Am Grabe brechen ſich die Wellen des Ungluͤcks, und mit ihnen loͤſen ſich Feindſchaft und Rache in Verſoͤh⸗ nung und Vergeſſen auf. Er lebt jetzt im Lichte der Wahrheit, wo ihn keine Taͤuſchung mehr blendet; ſegnend umſchwebt ſein Geiſt die gegen⸗ waͤrtige Stunde, in welcher ſein verirrter Sohn reuevoll und gebeſſert in die Arme der Tugend zuruͤckkehrt, die ſchwere Schuld des Vaters zu tilgen. 1 Riviali. Ihre Großmuth beugt mich tie⸗ fer, als Ihr Zorn es wuͤrde vermocht haben. Ich erwartete gerechte Vorwuͤrfe und harte Buͤßung meiner Schuld; auf dieſe Guͤte war ich nicht gefaßt. 1 Graf. Beruhigen Sie ſich und vergeſſen Sie, ſo wie ich. Setzen Sie ſich zu mir. Ich erwarte uͤber ſo Manches, was mir in Beziehung auf die fruͤheren Begebenheiten und ſelbſt auf — 126— Sie noch dunkel iſt, noch Auſſchluß, der Sie mir am beſten geben koͤnnen. 5F 1 Riviali. Ich wuͤrde Sie ſelbſt darum gebeten haben. Ich muß mein Herz durch ein offenes Bekenntniß meiner Verirrung erleich⸗ tern; hoͤren Sie mich guͤtigſt an: Voll bittern Grolls und Rache kam ich nach dem Tode meines Vaters hierher. Sie nahmen ſich meiner huͤlf⸗ loſen Jugend vaͤterlich an, aber mein Inneres blieb fuͤr all dieſe Liebe und Guͤte verſchloſſen; denn Ihr gefaͤhrlichſter Widerſacher hielt mich in ſeinen Netzen gefangen, und fachte meinen Haß gegen Sie immer mehr an. Der Schein, wodurch man Sie als den Urheber unſerer Leiden mir darſtellte, war ſo taͤuſchend, daß ich meinen Irrthum nicht einſehen konnte, und mich um ſo williger zur Erfuͤllung meines Geluͤbdes und zu dem Werkzeuge geheimer Bosheit beſtimmen ließ. Torſo weihete mich in den Kuͤnſten der Verſtel. lung ein. So erſchlich ich unter der Maske kind⸗ licher Ergebenheit, Dankbarkeit und Liebe Ihr Zutrauen, um jede Ihrer Handlungen zu beob⸗ achten und ſie den Verſchworenen des ſchwarzen Bundes zu hinterbringen. Ich war es, der das Geheimniß Ihrer Sendung nach Latago Ihren Feinden verrieth und alle die Gefahren uͤber Sie brachte, wovon Sie damals umgaben waren. Graf. Das konnte ich freilich nicht arg⸗ wohnen. Riviali. Sie waren von allen Seiten von Verrath und geheimer Bosheit umlagert; alles zielte auf Ihren Untergang und auf das Verder⸗ ben des Vaterlandes. Ihre Bedienten ſtanden zum Theil im Solde Ihrer verborgenen Gegner, und Ihre geheimſten Angelegenheiten waren nicht geſichert; denn der buͤbiſche Battiſta wußte durch nachgemachte Schluͤſſel und Siegel Ihre Zimmer und Ihre Briefe zu oͤffnen, und ich ermangelte nicht, ihm huͤlfreiche Hand zu leiſten. Jede ge⸗ machte Entdeckung wurde dann ſogleich den gegen Sie Verbundenen verrathen. Auf dieſe Art war alles auf die Vereitelung Ihrer Sendung nach Latago und ſelbſt auf Ihren Tod ſo eingeleitet worden, daß Sie ohne Rettung waͤren verloren geweſen, wenn ſich nicht Lorenzo's wunderbare und raͤthſelhafte Abenteuerlichkeit zu Ihrem Schutze dazwiſchengedraͤngt haͤtte. Es iſt mir noch bis dieſen Augenblick unbegreiflich, wie die⸗ ſer in ſeiner Abgeſchiedenheit, von allen Vorfaͤllen ſo genau unterrichtet ſeyn, und den Arm jener erkauften Meuchelmoͤrder laͤhmen konnte. Graf. Die Zeit iſt hoffentlich nahe, wo 4 Lorenzo ſelbſt uns hieruͤber aufklaͤren wird. Machen Sie mich jetzt genauer mit der wahren — 128— Beſchaffenheit Ihres damaligen raͤthſelhaften Verſchwindens bekannt, und ſagen Sie mir, ob Sie wirklich ſich zu Latago befanden, wie Ihre Briefe verſicherten. Riviali. Als ich dieſe Brieſe ſchrieb, hatte ich Latago noch mit keinem Blicke geſehen; nur erſt lange nachher kam ich dorthin. Graf. Warum verheimlichten Sie mir denn aber den Ort Ihres Aufenthaltes? Riviali. Weil fremder Wille den meini⸗ gen feſſelte und mir jeden Schritt ſtreng vorzeich⸗ nete; es wird Ihnen hieruͤber Alles deutlich wer⸗ den. Der Anſchlag gegen Sie war auf eine wundervolle Art vereitelt worden. Die Nachricht davon erregte die groͤßte Beſtuͤrzung unter Ihren Gegnern und die kurz darauf erfolgte Einbrin⸗ gung Battiſta's in Feſſeln vermehrten ſie durch die Furcht vor ſeinen Geſtaͤndniſſen um vieles. Alles lag ihnen daran, den gefangenen Verbrecher den Haͤnden der Gerechtigkeit zu entreißen. Dda aber jede Verſuche mißlangen, wurde Cazzi, mein Kammerdiener, dazu erkauft, ihn auf immer gefahrlos zu machen, was denn auch wirklich durch ſeine Ermordung bewirkt wurde. Obgleich nun Ihre Feinde ſich von dieſer Seite vor Ver⸗ rath hinlaͤnglich geſichert hatten, ſo war dadurch gleichwohl fuͤr das weitere Gelingen ihrer Plane nichts gewonnen, und deshalb richteten ſie jetzt ihre vorzuͤgliche Aufmerkſamkeit auf den raͤthſel⸗ haften klugen Mann des Waldes. Ich uͤbernahm den Auftrag mich mit ihm und ſeiner Abenteuer⸗ lichkeit vertraut zu machen, wozu mir der Aufent⸗ halt Ihrer Gemahlin bei Lorenzo und ein Beſuch bei ihr, die beſte Gelegenheit darbot. Nicht lange blieb ich in Ungewißheit daruͤber, was von ihm zu erwarten war, denn mit Schrecken uͤber⸗ zeugten mich waͤhrend meiner dortigen Anweſen⸗ heit verſchiedene raͤthſelhafte Ereigniſſe, daß Lo⸗ renzo mich ſelbſt ſo wie die Anſchlaͤge des ſchwar⸗ zen Bundes ſehr genau durchſchauete. Ich faͤumte nicht, Torſo von meiner Entdeckung Nachricht zu geben und ihn zu den ſchnellſten Maßregeln gegen Lorenzo aufzufordern; aber dieſer wußte mich ſo geſchickt in meine eigene Fallſtricke zu ver⸗ wickeln, daß ich nichts gegen ihn ausrichten konnte. Nun ſuchte ich ihn durch Verſtellung zu hintergehen, und Lorenzo ſchien ſich wirklich dadurch taͤuſchen und zum Mitleid fuͤr mich und meine Verirrung bewegen zu laſſen. Er bot mir freundlich die Hand, um mich von meiner Ver⸗ blendung zuruͤckzubringen, indem er es ſich an⸗ gelegen ſeyn ließ, mich mit der wahren Beſchaf⸗ fenheit der ehemaligen Ereigniſſe bekannt zu machen, unter welchen mein Vater und der Glanz IV. G J ſeines Hauſes untergegangen waren. Allein er bewirkte dadurch bei mir nichts weiter, als daß ſich mein Argwohn gegen ihn verſtaͤrkte, und daß ich auf Mittel und Wege zu ſeinem Verderben ſann. Er kam mir jedoch hierin zuvor. Geſchickt wußte er mich zu einem alten Waldbruder, Na⸗ mens Amadeo hinzulocken, in welchem ich einen alten treuen Diener meines Vaters zu finden hoffte, der aber mit Lorenzo einverſtanden war; ich wurde bei meiner Ankunft mit Beihuͤlfe eines gewiſſen Petardo feſtgenommen und in Verwah⸗ rung gebracht. Graf. Petardo nahm Sie gefangen? kann⸗ ten Sie ihn? Riviali. Ich habe vieles Wunderbare von ihm gehoͤrt; ſpaͤterhin lernte ich ihn ſelbſt kennen und ehren, ſo ſehr ich auch anfangs Urſache zu haben glaubte, ihn als meinen aͤrgſten Feind und Verfolger zu haſſen. Erlauben Sie mir, in mei⸗ ner Erzaͤhlung fortzufahren. Graf. Ich bin ſehr erwartungsvoll auf das Weitere. Von meiner Gemahlin weiß ich, daß Sie kurz vor der Abreiſe hierher ploͤtzlich ver⸗ ſchwanden, ſie aber durch die Nachricht beruhigt — r hatten, daß wichtige Entdeckungen und eine Reiſe nach Latago Ihre Ruͤckkehr verzoͤgere.. Riviali. Ich wurde gezwungen, dieſe Zeilen zu ſchreiben. Damals befand ich mich in ſtrenger Verwahrung in einem an Amadeo's Klauſe angrenzenden Karmeliterkloſter, wo ich Muße genug erhielt, uͤber meine Lage nachzu⸗ denken. Mein Zuſtand war in der erſten Zeit hoͤchſt beklagenswerth. Der Prior des Kloſters, ein Mann von ehrwuͤrdigem Anſehen, naͤherte ſich mir mit der Miene des Friedens und ver⸗ ſuchte es, die ganze Kraft ſeines ehrwuͤrdigen Berufes auf mich und meine Verſtocktheit wirk⸗ ſam werden zu laſſen. Nach vielen fruchtloſen Bemuͤhungen gelang es ihm endlich. In meiner damaligen Entfernung von der Welt, war es dieſem ehrwuͤrdigen Greiſe und ſeinen frommen Ordensbruͤdern vorbehalten, mich Verirrten dem Himmel wieder zuzufuͤhren; jetzt bin ich von meiner ehemaligen Verblendung vollkommen ge⸗ heilt, und kann Lorenzo nebſt deſſen Freunde nicht genug dafuͤr ſegnen, daß ſie ſich meiner huͤlfreich annahmen und mich vom ſichern Ver⸗ derben erretteten. Man hatte mir die vollgultig⸗ ſten Beweiſe von der argliſtigen Bosheit meiner ſcheinbaren Freunde und Goͤnner vorgelegt. Ich⸗ wuͤnſchte ſehnlich, meine Vergehungen wieder gut zu machen; allein ſo ernſtlich auch meine Reue und Beſſerung war, ſo mußte ich ſie dennoch erſt durch laͤngere Pruͤfungen bethaͤtigen. Innerhalb J 2 jenes Kloſters keimte zuerſt die ſchoͤne Segens⸗ pflanze von Yſamo's Wohlfahrt empor, und ich preiſe mein Geſchick, das mich dahin fuͤhrte, um meine Kraft zu dieſem edeln Zwecke uͤben zu lernen. Graf. Sie uͤberraſchen mich durch dieſe Nachricht auf eine eigene Art; denn ich ver⸗ muthete nicht, daß die Hand der Kirche Yſamo's Angelegenheiten leitete, ſonſt wuͤrde ich um vie⸗ les ruhiger geweſen ſeyn. Lorenzo handelte alſo nicht eigenmaͤchtig, wie ich anfangs waͤhnte, ſondern war vielleicht nur ein Mittel, deſſen ſich jene hoͤhere Macht zur Ausfuͤhrung ihres edeln Zwecks bediente? Riviali. So iſt es. Ich wurde hieruͤber noch deutlicher belehrt, da kurz nach mir, auch Corvetti ünd Cazzi, die beiden gefaͤhrlichſten Getriebe in den Maſchinerien des ſchwarzen Bun⸗ des, den Kerkern jenes Kloſters uͤberliefert wur⸗ den und dort ihre Verbrechen buͤßten. Beide waren jedoch viel zu verhaͤrtete Boͤſewichter, als daß nicht bisher jeder Verſuch zu ihrer Beſſerung haͤtte ſcheitern ſollen; ich weiß nicht, wie ihr Schickſal ſich enden werde. Sobald man ſich von der Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen feſt uͤberzeugt hatte, erſchien Lorenzo zu meiner Be⸗ freiung. An ſeiner Freundeshand verließ ich das A* 7 Kloſter und begab mich mit ihm nach Latago. Hier erhielt ich durch Ihre edeln Freunde Gele⸗ genheit, fuͤr die Befoͤrderung des großen Werkes zu des Vaterlandes Wohl, das nunmehr der Vollendung nahe iſt, meine Thaͤtigkeit aͤußern zu koͤnnen. Graf. Ich darf die gluͤckliche Erreichung des edlen Zwecks mit Zuverſicht hoffen; jedoch wuͤnſchte ich wohl, daß ein Ausbruch ſo gewalt⸗ ſamer Stuͤrme, welchen ich nach den erhaltenen Nachrichten entgegen ſehen muß, verhindert wer⸗ den moͤchte. Riviali. Ich bin uͤber deren Nothwendig⸗ keit verſtaͤndigt worden; die damit eintretende Kriſis wird die gute Sache deſto beſſer und ſchnel⸗ ler zum Ziele fuͤhren. Durch die klugen Ver⸗ anſtaltungen des Centuriers waren die Mitglieder des ſchwarzen Bundes mit falſchen Nachrichten hingehalten worden, die ihre raͤnkevolle Thaͤtig⸗ keit bis zu meiner Zuruͤckkunft und Petardo's eigenem Aufrufe hemmen mußten. Dieſer Auf⸗ ruf iſt gegenwaͤrtig erfolgt. Die Verſchworenen werden nun raſch ans Werk gehen; alles ſcheint ihnen fuͤr einen allgemeinen Aufſtand reif, und nur darin noch ein Ausweg fuͤr ſie offen zu ſeyn, wo moͤglich in der allgemeinen Verwirrung ſich dann zu retten. 74 — 134— Graf. Das ſagen Sie ſo ruhig? Wenn Sie davon mit Gewißheit unterrichtet ſind, ſo iſt es Ihre Pflicht, Ihre Thaͤtigkeit mit der meinigen zu vereinigen, um dieſen Sturm zu verhindern. Riviali. Wir wuͤrden dadurch die Plane zu dem Untergange der Verſchworenen ſehr ſtoͤ⸗ ren, wenn nicht voͤllig vereiteln. Laſſen Sie Petardo und diejenigen, durch welche er handelt, ihren wohl berechneten Gang unaufgehalten gehen, ſchenken Sie ihnen vielmehr das Vertrauen, daß ſie mit dem glaͤnzendſten Erfolge ihr Unternehmen kroͤnen werden. Einer ſolchen Verworfenheit, wie die eines Torſo und ſeines großen Anhangs in der Naͤhe und in der Ferne, muß durch einen Gewaltſtreich mit einem Male jedes Mittel be⸗ nommen werden, damit ſie nicht durch neue ver⸗ zweiflunsvolle Raͤnke weit gefaͤhrlichere Stuͤrme herbeifuͤhrt, welche die Entſcheidung wenigſtens ungemein verzoͤgern koͤnnten. Die That ſelbſt muß als unwiderlegbarſter Zeuge und Anklaͤger gegen die Boͤſewichter vernichtend auftreten; die Fackel der Empoͤrung, welche ſie jetzt hinauszu⸗ ſchleudern gedenken, muß am ſicherſten das Ge⸗ baͤude ihrer Buͤberei in lodernden Brand ſtecken, um ſie ſelbſt in all ihren Verzweigungen unter den Truͤmmern deſſelben zu begraben. Dieſes Geſpraͤch wurde jetzt durch den Ein⸗ tritt der Graͤfin, Dianorens und Manutti'’s unterbrochen. Sie hatten von der Ankunft des Marcheſe Nachricht erhalten, welche beſonders fuͤr die Graͤfin und Dianoren in Hinſicht ſeiner ſelbſt und Lorenzo's ſo bedeutend war, daß ſie nicht ſaͤumten, ſich von der Wahrheit derſelben zu uͤberzeugen. Er wurde mit Freuden von ihnen bewillkommt, mit Fragen wegen ſeiner langen Entfernung und um Nachricht von Lorenzo be⸗ ſtuͤrmmt. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit zog ſich der trauliche Familienkreis um ihn her, um ſeine Erzaͤhlung zu vernehmen. ö Seit einiger Zeit hatten verſchiedene von dem Fuͤrſten veranſtaltete Bauten und neue Einrich⸗ tungen der oͤffentlichen Straßen, Aufmerkſamkeit erregt und zu mancherlei Vermuthungen Veran⸗ laſſung gegeben. Man wußte zwar, daß von jeher das Bauweſen eine ſeiner Lieblingsneigun⸗ gen war; aber ſeit ihn die Spannungen zwiſchen Yſamo und Latago mit den daraus entſtandenen Unruhen faſt ausſchließend beſchaͤftigten, hatte er ſowohl dieſe als auch andere aͤhnliche Ge⸗ genſtaͤnde voͤllig ungeachtet gelaſſen. Deshalb mußte es freilich hin und wieder befremden, daß ſich gerade in einem ſcheinbar ſo kritiſchen Zeit⸗ punkte dieſe Lieblingsneigungen wieder aͤußerten. Allein der edle Fuͤrſt richtete bei dieſen oͤffent⸗ lichen Bauten ſein Hauptaugenmerk auf verſchie⸗ dene lautgewordene Klagen des Volks uͤber Nahr⸗ loſigkeit, welche er dadurch abzuhelfen bemuͤht war, daß er den aͤrmern Volksklaſſen nun Be⸗ 3 ſchaͤftigung und Erwerb zu verſchaffen ſuchte. So erwuͤnſcht es auch den Verſchworenen des ſchwarzen Bundes von der einen Seite war, daß der Fuͤrſt und deſſen Getreuen ſich mit dergleichen Gegenſtaͤnden beſchaͤftigten, die deren Aufmerk⸗ ſamkeit von andern weit wichtigeren Dingen ab⸗ ziehen mußten: ſo waren ſie gleichwohl auf der andern Seite ſehr unzufrieden damit, daß die gegenwaͤrtige Bauluſt, des Fuͤrſten nach einer — Gegend hingerichtet war, welche ſehr leicht zu wichtigen Entdeckungen fuͤhren konnte. Man wußte es ſich nicht zu erklaͤrgn, warum die Arbei⸗ ten gerade auf den Straßen nach Latago hinuͤber begannen und mit beſonderer Thaͤtigkeit fortge⸗ ſetzt wurden, gleichſam als ob man den von dort 3 heruͤber dringenden Truppen die Wege in das Innere des Landes bahnen wollte. Im Allge⸗ meinen war die Wegeverbeſſerung und beſonders die der Straße nach jener Gegend hin, die ſich in einem aͤußerſt ſchlechten Zuſtande befand und vorzuͤglich durch loſes Geſindel hoͤchſt unſicher 1 4 4 1 — war, wohl ſehr zweckmaͤßig; aber das ſchien ihnen nicht Urſache genug zu ſeyn, warum man gerade auf die Verſchoͤnerung dieſer Gegend einen ausgezeichneten Fleiß verwandte. Die Verbeſſerungen wurden mit großer Thaͤ⸗ tigkeit fortgeſetzt; von allen Seiten ſtroͤmten Arbeiter herbei, welche Beſchaͤftigung und reich⸗ lichen Lohn erhielten. Die verwilderten Wal⸗ dungen an der Grenze wurden ausgehauen, eine neue ſchoͤn gebahnte Straße in gerader Linie nach Latago gefuͤhrt, und dieſe auf beiden Seiten mit Alleen von Fruchtbaͤumen bepflanzt. So mußte ſich mit Huͤlfe der großen Anzahl von Ar⸗ beitern die vorige Wildniß in kurzer Zeit immer mehr und mehr in die angenehmſten Partien umwandeln. Der Fuͤrſt ſelbſt begab ſich von Zeit zu Zeit dorthin, um die Arbeiter durch ſeine freundliche Zuſprache und durch Beweiſe ſeiner Zufriedenheit zu heiterer und gemuͤthlicher Thaͤ⸗ tigkeit zu ermuntern. Er konnte bei dieſen klei⸗ nen Ausfluͤgen jetzt ſo Manches, was in der Ferne voorging, mit eigenen Augen ſehen und gerechten Beſchwerden der Armen und Unterdruͤckten ab⸗ helfen, wovon die wohlthaͤtigen Folgen ſich immer deutlicher zeigten. Die Milde, Menſchenfreundlichkeit und ſtren⸗ ge Gerechtigkeitsliebe des edelmuͤthigen Hugo's — 138— wirkte ſehr vortheilhaft auf die Stimmung ſeiner Unterthanen. Jeder fuͤhlte ſich ihm um ſo mehr mit liebevoller Verehrung zugethan, je lebhafter man die Verblendung erkannte, welche geheime Raͤnke gewiſſer Perſonen gefliſſentlich herbeige⸗ fuͤhrt hatten, um eine beabſichtigte Empoͤrung vorzubereiten. Alles gewann eine freundlichere Geſtalt voll neubelebter Hoffnung und frohem Zutrauen. Indeſſen wußte Petardo die wahre Beſchaffenheit dieſer Dinge vor Torſo und deſſen Anhaͤngern verborgen zu halten und ſie vielmehr in dem Wahne zu beſtaͤrken, daß es nur eines kuͤhnen Entſchluſſes von ihrer Seite beduͤrfe, um die eingeleitete Verſchwoͤrung zum Ausbruche zu bringen. Seine Getreuen hatten ſich, wie eine undurchdringliche Mauer, an der Grenze hinge⸗ lagert; nicht leicht konnte eine Nachricht von dorther ſich hindurchſchleichen. Nicht allein, daß durch ihre thaͤtige Mitwirkung verſchiedene Krea⸗ turen des ſchwarzen Bundes und gefuͤhlloſe Be⸗ druͤcker des Volkes entlarvt und der ſtrafenden Gerechtigkeit uͤberliefert wurden, ſie wußten ſich auch der, von dorther abgeſchickten Boten und Briefe zu bemaͤchtigen, waͤhrend der treue Lucillo mit ſeiner Wachſamkeit dafuͤr ſorgte, daß einem Jeden der Weg abgeſchnitten werden mußte, bis zu Torſo vorzudringen, wenn es ja irgend Einem — — — 139— gelingen ſollte, ſich uͤber die Grenze heruͤber zu ſchleichen. Dabei hielt Petardo die Mitglieder des ſchwarzen Bundes feſt in ihren eigenen Schlingen gefangen. Von allen Seiten immer mehr und mehr gedraͤngt, hingen ſie groͤßten⸗ theils von ihm und ſeinen Verfuͤgungen ab, und mußten ſich noch Gluͤck wuͤnſchen, daß dieſer Furchtbare die gegen ihn erhobenen Beſchuldi⸗ gungen nicht ahndete, und ihnen ſeinen Bei⸗ ſtand in ihrer bedraͤngten Lage nicht entzog. Eine unheimiſche Stille, wie die Vorbotin eines nahen Gewitters, hatte ſich jetzt uͤber die Hauptſtadt verbreitet; nur von fernher ließen verdaͤchtige Bewegungen eine bevorſtehende Um⸗ geſtaltung der Dinge vermuthen. Im Kabinete des Fuͤrſten war es dagegen ziemlich lebhaft. Bis in die Nacht hinein ſaß dieſer hier oft mit ſeinen vertrauten Raͤthen beiſammen, um ſich uͤber die letzten zu nehmenden Maßregeln fuͤr den entſcheidenden Augenblick zu berathen, der die verderblichen Werke vieljaͤhriger Umtriebe mit einem Male vernichten und dem Lande Gluͤck, Heil und ſegensvolle Ruhe fuͤr kuͤnftige Zeiten ſchenken ſollte. Tief zwiſchen den, mit Waldungen unter⸗ brochenen unwirthbaren Granitgekluͤften, unfern — 140— der fuͤdlichen Grenze von Avi, fuͤhrte an dem Abhange tiefer Schluͤnde einer Gebirgskettel, ein enger verwilderter Fußſteig durch kurzes Geſtrippe zuletzt in ein geraͤumiges Thal, welches, von unerſteiglichen Felſenmaſſen der hohen Calviſchen Grenzgebirge eingeſchloſſen, einen weiten Keſſel bildete. Kein freundlicher Sonnenſtrahl konnte in dieſe grauenvolle Schluchten hinabdringen, waͤhrend die rauhen Gipfel der Zackenfelſen von der Sonne vergoldet erglaͤnzten. Zwiſchen dieſen Felſen lagerte eine ewig ſchweigende Dunkelheit, welche ihnen das Anſehen von Gekluͤften der Schattenwelt gab, wo in ſteter Abgeſchiedenheit von dem heitern Leben der Erde ein unheimiſches Schweigen des Todes herrſcht. Von einem der hoͤchſten, bis in die Wolken ragenden Gipfel, ſtuͤrzte mit wildem Getoͤſe ein Waſſerfall herab, der ſich in der Tiefe in einen reißenden Strom 4 ausbreitete und ſchaͤumend durch die Kluͤfte ſeine Bahn brach. Nur hoͤchſt ſelten verirrte ſich ein menſchliches Weſen hierher. Sowohl das oͤftere Anſchwellen des Stromes, als auch die großen Steinmaſſen, welche ſich von Zeit zu Zeit von den uͤberhaͤngenden Felſen losriſſen und herab⸗ rollten, erſchwerten den Zugang zu dieſer grauen⸗ 8 vollen Wildniß. Dieſes war der Ort, wohin jetzt Odoardo Petruzzi ſeine Leute beſchieden hatte. ‿- — 1 4 1— Ruhig lag die Welt in dem Frieden der Nacht in Schlummer verſenkt, und mit ſtiller Feier trat der Mond hinter der Felſenwand hervor. Die Verſammlung hatte ſich ringsumher gela⸗ gert, und erwartete ihren Anfuͤhrer. Einige wiederholte und beantwortete Piſtolenſchuͤſſe in der engen Felsſchlucht, verkuͤndeten endlich ſeine Ankunft. Mit einem wilden Hurrah! ſprangen die Gelagerten empor und ſtuͤrmten dem Ein⸗ gange des Thales zu, wo jetzt Odoardo an Cos⸗ mo's und Bernardino's Seite erſchien. Ein ju⸗ belndes Willkommen begruͤßte ihn; Odoardo er⸗ wiederte es, waͤhrend er mit ernſt feierlicher Wuͤrde durch die dicht gedraͤngte Schaar hinſchritt, die ſich auf einen Wink von ihm, ehrfurchtsvoll zu⸗ ruͤckzog. Cosmo, Bernardino, Matheo, Camillo und Caſſio, die Anfuͤhrer der einzelnen Abthei⸗ lungen, ordneten die ihnen untergebenen Leute, und bildeten von ihnen einen Halbzirkel um Odoardo, der jetzt mit forſchendem Blick den Kreis uͤberſchauete. „Ich vermiſſe Severo;“ wandte er ſich gegen Cosmo,„wo iſt er?“ „Ich habe ihm geſtern Deinen Befehl kund gemacht,“ erwiederte dieſer,„ſeine Abweſenheit befremdet mich nicht weniger als Dich. Er ver⸗ ſprach ſich gewiß einzufinden, und iſt zuverlaͤſſig 4 — 1 42— nicht der Mann, der ſich eine vorſaͤtzliche Nach⸗ laͤſſigkeit zu Schulden kommen laͤßt. Es koͤnnen ihn nur Dinge von beſonderer Wichtigkeit ab⸗ halten.“ „Ich entbehre ſeine Anweſenheit ſehr ungern in dieſer ernſten Stunde,“ fuhr Odoardo fort, „ und ſehe mit zuverſichtlicher Erwartung noch ſeiner Ankunft entgegen.“ „Habt ihr bereits unſern Leuten die Abſicht unſrer heutigen Zuſammenkunft und meinen Plan eroͤffnet?“ fragte er die einzelnen Anfuͤhrer, „ſind ſie uͤbereinſtimmend damit zufrieden, und was iſt ihr Wille?“ „Dein Wille,“ erwiederte Cosmo,„iſt unſer Aller unverletzliches Geſetz; Dein Plan iſt ſo vor⸗ treflich, daß ſich Keiner von uns ihm entgegen⸗ ſetzt, ſondern vielmehr Jeder mit Vergnuͤgen ſich Deinem großmuͤthigen Vorhaben anſchließt.“ Ein ſtuͤrmiſches Jauchzen ringzumher beſtaͤ⸗ tigte dieſe Verſicherung. „Meine Getreuen!“ nahm jetzt Odoardo das Wort,„Ihr erblickt mich gegenwaͤrtig in einer ſo ſeelenvollen Heiterkeit in Euerm Kreiſe, wie ſie mein Inneres ſeit einer langen Reihe von Ungluͤcksjahren nicht kannte. Das große kuͤhne Werk, das ich voll Vertrauen auf die gute Sache, auf meine Schultern nahm, iſt vollendet und ——— — 143— der Augenblick nahe, der es in der Vernichtung des ſchwarzen Bundes und Yſamo's errungenem Wohl kroͤnen ſoll. Euch verdanke ich einen gro⸗ ßen Theil der heitern Seelenruhe, die mich am gluͤcklich errungenen Ziele erfuͤllt und womit ich jetzt auf mein Tagewerk zuruͤckblicke. Jeder von Euch unterſtuͤtzte mich nach beſten Kraͤften, durch treue Anhaͤnglichkeit und Ergebenheit; mein Dank ſoll Euch dafuͤr werden. Ich ſtehe nun in Eurer Mitte, um Euch Rechnung von mei⸗ nem Thun abzulegen; denn ich trete von dem Schauplatze meines bisherigen Wirkens und Le⸗ bens ab. Nehmt eure Plätze ein, und hoͤrt mich aufmerkſam an.“ Sie lagerten ſich im Kreiſe und mit geſpann⸗ rer Aufmerkſamkeit hing Jeder an ſeinem Munde, indem er alſo fortfuhr: „Gemeinſchaftliches Ungluͤck weihete uns zu Bruͤdern, aber unter Euch allen war ich der Ungluͤcklichſte; denn ſchwerer als auf irgend Einem von Euch, lag der Fluch eines aͤußerſt feindſeligen Geſchicks auf mir. Schon von fruͤher Jugend an, brannte ich vor Verlangen, durch edle preiswuͤrdige Thaten meinem Vaterlande nuͤtzlich zu werden, und mit feurigem Enthuſias⸗ mus ſchlug mein Herz fuͤr Menſchenwohl und Staatengluͤck. In liebender Sorgfalt naͤhrte 1 7 — 144— und pflegte mein Vater die ſich immer deutlicher entwickelnden Keime des Guten, damit ſie zu einem fruchtreichen Baume empor wuͤchſen, unter deſſen weitumſchattenden Zweigen noch ſpaͤte Ge⸗ ſchlechter ruhen und ſich an ſeinen Fruͤchten laben moͤchten. Thoͤrichte Hoffnung! Dieſen Segens⸗ baum ließ man in ſeinem ſchoͤnſten Wachsthum umhauen und machte einen Schandpfahl daraus, an welchem mein ehrlicher Name, ausgeſtrichen aus der Liſte achtungswuͤrdiger Maͤnner und der oͤffentlichen Schmach Preis gegeben, angeheftet wurde. Mein Vaterland lag ſchwer gebeugt und dem Verderben entgegen wankend, unter dem Drucke kleinlicher Despoten. Partheiwuth und niedrige Herrſchſucht unterwuͤhlten das Gebaͤude allgemeiner Wohlfahrt, und ſuchten das ſchoͤne Band der Eintracht, Liebe und des Zutrauens zwiſchen Fuͤrſt und Unterthan zu zerreißen. Mit frecher Hand ſtrebte Torſo an der Spitze ſeiner Verbuͤndeten nach dem Diadem des rechtmaͤßigen Beherrſchers. Auf den Truͤmmern buͤrgerlicher Ruhe und geſetzlicher Ordnung wollte er ſich zu einer uſurpirten Macht und Ordhe emporſchmm gen, wodurch Yſamo weit ungluͤcklicher wuͤrde 4 geworden ſeyn, als es der alte von ihm genähtte Groll der Nachbarſtaaten Latago und Chikara je vermochte. Durch Verrath und zahlloſe Fren ——— —— fuͤhrte er die Verderbenſchwere Gewitterwolke unbemerkt hoͤher herauf; den ſchwarzen Bund ſeiner Anhaͤnger verbreitete er bis in die entlegend⸗ ſten Provinzen des Landes; die wichtigſten Aem⸗ ter wußte er ſeinen Guͤnſtlingen zu verſchaffen, und ſo hielt er mit Polypenarmen das Land feſt um⸗ ſchlungen. Vor ſeinem Anſehen erbebte Jeder, denn wer nicht mit ihm ſeyn wollte, der wurde von ſeiner Rache vernichtet. Waͤhrend er und ſeine Genoſſen eine ſtarke Mauer um den Regen⸗ ten bildeten, die keine Klage bis zu ihm hindurch⸗ dringen ließ, wußte er dieſen ſelbſt in ſorgloſer Taͤuſchung zu erhalten. Schnell vermehrte ſich die Gefahr mit der Vergroͤßerung und Ausdeh⸗ nung von Torſo's furchtbarer Macht, gegen welche oͤffentlich nichts mehr auszurichten war. Da tra⸗ ten einige treubewaͤhrte, edle Maͤnner voll Kraft und Muth in einen Bund zur Rettung des Lan⸗ des zuſammen. Aber die ihnen uͤberlegene Menge der Gegner wußte durch zahlloſe Buͤbereien, den Schein der Meuterei auf ſie zu waͤlzen und ſie nach kurzer Zeit zu vernichten. Unter einer be⸗ deutenden Anzahl edler Patrioten fiel auch mein ungluͤcklicher Vater als ſchmaͤhliches Opfer der Par⸗ teiwuth und Torſo's Bosheit, und endete als vermeinter Staatsverraͤther und Majeſtaͤtsver⸗ brecher auf dem Blutgeruͤſte.“ IV. K — 446— „Rache! blutige Rache komme uͤber ſeine Moͤrder!“ toͤnte es durch den Kreis.. „Ich habe dieſe Rache genommen!“ fuhr Odoardo fort.„Der entehrende Tod meines Vaters und der Verluſt unſrer Guͤter brachten mich und meine arme huͤlfloſe Schweſter zur Ver⸗ zweiflung und entflammten meine Wuth. Gewalt⸗ ſame Mittel, deren ich mich fuͤr die Befriedigung meiner gluͤhenden Rache bediente, hatten zur Folge, daß auch uͤber mich der Stab der Ver⸗ nichtung gebrochen wurde, ſo daß ich nur durch die ſchleunigſte Flucht dem Schaffot entgehen konnte. Mein Vaterland hatte mich als einen Unwuͤrdigen ausgeſtoßen, meinen Namen ge⸗ brandmarkt, und einen Preis auf meinen Kopf geſetzt, den jeder Bube verdienen konnte. So waven ich und meine geliebte Schweſter zu Bett⸗ lern geworden, und dem ſchrecklichſten Elende Preis gegeben. Vogelfrei und ohne eine Freiſtatt fuͤr mich finden zu koͤnnen, irrte ich mit den Qualen der Verzweiflung und voll gluͤhendem Durſte nach Rache umher, bis endlich Centuriens Thaͤler mir die lang geſuchte Freiſtatt boten. Dort traſ ich Dich, Cosmo, und Euch Ungluͤcksgenoſſen, Mattheo und Bernardino. Gemeinſchaftliches Ungluͤck und Aehnlichkeit der Schickſale ſchloſſen ein feſtes Band um uns, das uns zu Bruͤdern war die Menge derer, die ſich unter Torſo's Macht — 147— vereinigte. Euch verdankte ich es, daß endlich unter den ſanften Troͤſtungen gegenſeitiger Mit⸗ theilungen mein verzweiflungsvoller Schmerz dem ruhigern Nachdenken Platz machte, womit ich die Idee des großen Werks auffaßte, das den Schatten meines ungluͤcklichen Vaters zufrieden ſtellen und mich mit meinem feindſeligen Geſchicke und meinem Vaterlande wieder ausſoͤhnen ſollte. Die Bruͤcke war nun hinter mir abgebrochen; mit Schaudern blickte ich auf den Pfad hin, der ſich mir und Euch oͤffnete. Da keimte und reifte der Entſchluß in mir zu einer edeln Rache, welche mein Vaterland von meinem Eifer fuͤr ſein Ge⸗ meinwohl uͤberzeugen und ſeine Verzeihung und Achtung mir erzwingen ſollte. Die Mittel, die ich dazu waͤhlte, waren zwar aͤußerſt gewaltſam und mit dem Namen des Laſters geſtempelt; aber die Nothwendigkeit und ein edler Zweir, den ich da⸗ bei im Auge hatte, entſchuldigten ſie vor meinem innern Richter. Die Wildniſſe von Yſamo und den angrenzenden Laͤndern wimmelten von zahl⸗ reichen Horden zuͤgelloſen Geſindels, das durch Raub und Mord und empoͤrende Grauſamkeiten, Greuel auf Greuel haͤufte; aber furchtbarer noch in das Mark des Landes einfaugten, und es z Verzweiflung trieben. Unter ihrer despotiſch K 2 Willkuͤhr lag das Land darnieder; ſeine ſchoͤnen Fluren waren veroͤdet, Wohlſtand, Gluͤck und Friede aus der Huͤtte des armen Landmannes wie aus den Wohnungen der Buͤrger verſcheucht; jede aufgehende Sonne ſpiegelte ſich in den Thraͤnen huͤlfloſer Ungluͤcklichen, und der edle liebenswuͤr⸗ dige und verkannte Hugo, mit ſeinem warmen Eifer fuͤr das Wohl ſeiner Staaten, war in ſeiner ungluͤcklichen Verblendung ein Gegenſtand des allgemeinen Haſſes geworden. Vergebens ſtrebten die wenigen Edeln, die ihm zur Seite ſtanden, unter dem Drucke empor, womit ſie Torſo und ſein Anhang gefangen hielt; ſie konnten gegen ihn nichts ausrichten. Da faßte ich den Ent⸗ ſchluß, gewaltſam hindurch zu dyingen und auf dem ſcheinbaren Wege des Laſters iein Vaterland dem drohenden Untergange zu entreißen. Der Bandit Odoardo trat jetzt als der furchtbarſte Gegner der Raͤuber und Moͤrder der Naͤhe und Ferne auf, und wußte ſeinen Namen mit Eurer Huͤlfe bald furchtbar zu machen. Ich ergriff das Rachſchwert des Himmels. Mit muthvoller Ent⸗ ſchloſſenheit und nerviger Fauſt warf ich die Horden jener Boͤſewichter zu Boden; Perigio, Baſtiano, Batiſtello und die uͤbrigen Anfuͤhrer ger meuteriſchen Brut wurden zertreten. So angte es mein großer Plan; ich mußte der —— ——=— —— — 149— Einzige ſeyn, wenn er gelingen ſollte. Dann verſammelte ich in Euch Uebrigen die zerſtreuten Haufen unter mein Panier. Ihr folgtet willig meiner Leitung, und waͤhrend ich mich der Rotte des ſchwarzen Bundes zum ſcheinbaren Befoͤr⸗ derer ihrer Anſchlaͤge und zum Vollſtrecker ihres verbrecheriſchen Willens aufdrang, halft ihr mir durch Treue und Ergebenheit mein Werk voll⸗ enden. So ſehe ich mich jetzt am errungenen Ziele. Ich habe redlich dazu beigetragen, die Thraͤnen des Ungluͤcks zu trocken, Freude und Gluͤck in die Huͤ ten der Armen zuruͤckzufuͤhren, den Raͤubern, die von dem Marke des Landes ſchwelgten, gewaltſam ihr Beute zu entreißen, und das Band der Liebe und Eintracht zwiſchen Fuͤrſt und Volk wieder auf's neue, und feſter als jemals, knuͤpfen zu helfen. Ausgeſoͤhnt mit mei⸗ nem feindſeligen Geſchicke, kann ich in den ſchoͤ⸗ nen friedlichen Kreis des ruhigen Buͤrgers mit Euch Allen zuruͤcktreten. Ungluͤcksgefaͤhrten! Freunde! ſprecht es jetzt freimuͤthig aus: Werdet Ihr mir dahin eben ſo g gern und willig folgen, als bisher? „Gern und mit Freuden bis in den Tod! 34 ertoͤnte es im einſtimmigen Chor. Odoardo. Dieſer Entſchluß iſt der ſchoͤn⸗ ſte Kranz fuͤr mein vollendetes kuͤhnes Werk. 450— Laͤngſt ſchon habe ich Euch auf meinen Plan, der Ench Allen und mir eine heitere und gluͤckliche Zukunft verſprach, aufmwerkſam gemacht. Ich. bin meinem Geluͤbde treu geblieben. Waͤhrend ich fuͤr Yfamo's Wohlfthaͤtig war, arbeitete ich auch zugleich im Stillen an Eurem und meinem Gluͤcke. Seht hier die Beſtaͤtigung. Er winkte Cosmo herbei und uͤberreichte ihm einige Briefe und Papierrollen. Einige aus der Verſammlung traten mit Windlichtern ihm zur eite. Dann las dieſer den Inhalt der Papiere laut vor und gab ſie an Odoardo, unter lautem Jauchzen der Menge, zuruucc. ODdoardo. Ihr ſeht, Freunde, daß meine Unterhandlungen mit dem Centu riſchen Freiſtaate, dem ich ſchon ſeit laͤngerer Zeit angehoͤre, gluͤcklich abgeſchloſſen ſind. Die hart Bedraͤngten ſehen erwartungsvoll dem Tage entgegen, an welchem win an ihren Kuͤſten landen ſollen, um ihnen ihre Rechte gegen fremde Macht und Willkuͤhr vertheidigen und erringen zu helfen, und uns, unſern Kindern und Kindeskindern fuͤr ewige Zeit eine friedliche Freiſtatt zu verdienen. Hoͤrt es jetzt meine Freunde, und freut Euch der kuͤnf⸗ tigen gluͤcklichen Zeit! Iſt dort das ſchoͤne Werk unſrer neuen Beſtimmung vollendet, ſo nimmt uns alsdann, von den Segnungen unſrer Freunde —y——— begleitet, die, jenem Freiſtaate zugehoͤrige Inſel Ambucco auf. Dort gruͤnden wir eine Colonie, deren Fleiß den ſchoͤnen jetzt verwilderten frucht⸗ baren Boden bebauen, und Gluͤck und Wohlſtand bereiten wird. Einem Jeden von Euch ſoll ſo⸗ viel werden, daß er alsdann bei Fleiß und uuͤtz⸗ licher Thaͤtigkeit, als gluͤcklicher Gatte, Vater und Hausvater wird zufrieden leben koͤnnen. So iſt von nun an unſer kuͤnftiges Gluͤck an Centu⸗ riens Wohl und Rettung gebunden. Laßt uns deſſelben uns wuͤrdig machen, und wer von uns dieſe Tage der Belohnung nicht erblicken ſollte, wenn er in dem großen Kampfe fuͤr Recht und Freiheit faͤllt, der kann mit der heitern Ueber⸗ zeugung, einen gnaͤdigen Richter zu finden, hin⸗ uͤber gehen in die Gefilde der ewigen Freiheit, und des ehernvollen Andenkens ſeiner Freunde gewiß ſeyn. Zugleich wird uns dort auch die Freude zu Theil werden, einen reuigen gebeſſerten Suͤnder, den ich zur Buͤßung ſeiner ſchweren Schuld den Sklavenfeſſeln des Kul Ojah uͤbergab, vom Elende zu erloͤſen und ihn der Tugend mit uns wieder zuzufuͤhren. Ich will jedoch nur freie Leute mit reinem aufrichtigen Eifer fuͤr gemein⸗ nuͤtziges Gutes nach jenen Kuͤſten fuͤhren, denn nur ſolche konnen die Freiheit den Bedraͤngten erringen helfen. Ich zerreiße daher das Band, — 132— das Euch bisher an mich kettete, um es von neuem ſchoͤner zu knuͤpfen.(Indem er ſeinen Dolch zer⸗ bricht:) So entlaſſe ich Euch hiermit feierlichſt Eurer Eide eines blinden Gehorſams, und er⸗ klaͤre Euch alle fuͤr frei und losgebunden von mei⸗ nen Geſetzen! Euer eigener freier Wille mag jetzt den Ausſpruch thun, ob Ihr mir dahin folgen wollt, wo ein gutes freies Volk mit liebevollem Vertrauen uns erwartet. Erklaͤrt Euch daher — offen und frei. Wer von Euch wird mich jetzt auf der Bahn der Ehre, die ich ſogern mit Euch Allen wandeln moͤchte, verlaſſen? 3 Der ganze Kreis.(ſtuͤrmiſch durch einan⸗ der:) Keiner! Wir Alle folgen Dir froh und dankbar, wohin Du uns fuͤhren wirſt. Bis in den Tod, Alle Deine Getreuen! 6 Odoardo. So habe ich mich wirklich nicht in meinen Erwartungen betrogen? Nehmt mei⸗ nen freudigen Dank fuͤr dieſe einſtimmige Ent⸗ ſcheidung und zugleich mein feierliches Geluͤbde unwandelbarer Liebe und Treue. 3 Cosmo. Ich bin der Erſte, der meinem edeln Freunde fuͤr die neue ſchoͤne Beſtimmung huldigt. Empfange auch Du meinen feierlichen Eid unverbruͤchlicher Liebe und Treue. Unzer⸗ trennlich im Gluͤck, wie im Ungluͤck, im Leben wie im Tode, wird Cosmo mit treuer Ergebenheit — — mit Dir vereiniget bleiben und jedes Schickſal mit Dir theilen. Die Uebrigen.(wiederholen Cosmo's Schwur.) Liebe und Treue im Gluͤck und Un⸗ gluͤck bis in den Tod! Odoardo.(Cosmo umarmend, zu der Ver⸗ ſammlung:) In dieſem Euerm und meinem Freunde umarme ich Euch Alle als Bruͤder, und befeſtige dadurch das neue ſchoͤne Band unſrer Vereinigung fuͤr immer. Im großen Kampfe fuͤr die unterdruͤckten Menſchen⸗ und Voͤlkerrechte, fuͤr Buͤrgergluͤck und Staatenwohl hebe ſich der Name Palozzi achtungswuͤrdig empor und der gefuͤrchtete Odoardo Petruzzi verſchwinde. Ein⸗ tracht und gemeinſchaftlicher Eifer fuͤr die gerechte Sache fuͤhre uns, treu⸗ und engvereint, nach Centuriens fernen Kuͤſten, unſerm neuen Vater⸗ lande, und Alles was unſer Inneres belaſtet, ſenken wir in dieſen unwirthbaren Gruͤnden des vaterlaͤndiſchen Bodens in begluͤckendes Vergeſſen hinab. 1 b Die Verſammlung.(mit freudigem Ungeſtuͤm:) Auf! auf! nach Centurien! Odoardo. Maͤßiget Eure Ungeduld nur noch auf kurze Zeit. Noch iſt das vielkoͤpfige Ungeheuner, das Yſamo's Wohl bedroht, nicht voͤllig vernichtet, noch beſtehet die Verſchwoͤrung 43. — 154— des ſchwarzen Bundes. Aber die Stunde ihres Unterganges iſt nahe, und Alles bereits darauf vorbereitet, die ſaͤmmtliche Rotte mit einem Streiche zu Boden zu ſchmettern. Ihr werdet den Ruf zum Aufruhr vernehmen; miſcht Euch dann unter die meuteriſche Brut, und draͤngt Euch an Torſo und ſeine Kreaturen; laßt ſie nicht aus den Augen, und uͤbergebt ſie der laͤngſt verdienten Rache. Cosmo wird Euch das Wei⸗ tere mittheilen. Er wurde durch den Wiederhall eintger Schuͤſſe zwiſchen den Felſen unterbrochen. Die Verſamm⸗ lung wurde unruhig; doch Odoardo ermahnte zur Ruhe.„Was habt Ihr vor?“ rief er,„ver⸗ nehmt Ihr nicht das Singnal unſers Bereins? Es kommen Freunde.“ Er erwiederte die Schuͤſſe der Ferne, und kurze⸗ Zeit darauf eilte Severo in Begleitung einiger keute mit froher Begruͤßung in den Kreis.— „Woher ſo ſpät za r redete ihn Odoardo an. „Du wirſt mein langes Verweilen entſchuldi⸗ gen, wenn Du die Urſache deſſelben kennſt,“ erwiederte Severo, indem ſeine Begleiter naͤher traten und Cazzi gebunden vorfuͤhrten. „Sehe ich recht?“ rief Odoardo verwundert aus;"iſt das nicht Cazzi, Torſo’s Genoſſe?“ Severo. Er iſt es. Mit Corvetti der ſchleichen; aber ich war Beiden auf der Spur, und vor wenigen Stunden erwiſchte ich dieſen. Haft entflohen, wollte er ſich uͤber die Grenze Odoardo. Und Corpetti? Sievero. Der iſt meiner Wachſamkeit ent⸗ gangen; aber Pirro ſetzt ihm nach, und dieſem wird er ſchwerlich entrinnen. 3 Odoardo.(zu Cazzi:) Bekenne! Wie ſeyd ihr entkommen! Rede!— Mehrere aus dem Kreiſe. Nieder mit ihm! unſre Dolche ſollen ſeite 3 Zunge loͤfen.(Sie deingen wild gegen ihn vor.) Cazzi. Habt Erbarmen! ich will bekennen. Odoardo.(zu den Vordringenden:) urias d Cazzi:) Rede! Cazzi. Wir hatten durch erheuchelte Neue unſec Waͤchter getaͤuſcht, und waren ihnen gluͤck⸗ lich entronnen. Verkleidet ſchlichen wir an der Grenze umher, einen Schlupfwinkel zu finden, uns zu unſern Verbuͤndeten heruͤber nach Yſamo zu fluͤchten. Aber Eure Leute hielten alle Paͤſſe beſetzt, und unſre Verſuche, ihnen zu entgehen, ſcheiterten an ihrer Wachſamkeit. Corvetti hatte ſich ein Pilgerkleid zu verſchaffen gewußt, und unter dem Vorgeben einer Wallfahrt nach der Santa Caſa della Pieta, iſt es ihm am vorigen Abende gelungen, ſich durchzuſchleichen. In die⸗ —— —— — ——— — 156— ſer meiner Verkleidung eines Bauern, der Kuͤchen⸗ gewaͤchſe nach Aletto ſchaffte, wollte ich ihm auf einem Maulthiere folgen; aber mein Unſtern fuͤhrte mich in die Haͤnde dieſes Mannes und in Eure Gewalt. Gebt mir ein paar von Euern Leuten zur Begleitung, und ich mache mich an⸗ heiſchig, ihn auszuſpuͤren; ich ſtehe Euch mit meinem Leben dafuͤr, ihn Euch zu ulerlteſern. Odoardo. Es ſey! Cosmo. Laß 65 dieſes Geſchaͤft ausführen. Odoardo. Cosmo, Du biſt zu einem wichtigern Geſchafte beſtimmt, denn Du follſt den Sturm der verſuchten Empoͤrung leiten, um die Anſtifter deſſelben in dem erſten Begin⸗ nen der Rache zu uͤberliefern, waͤhrend meine Gegenwart in der Hauptſtadt noͤthig ſeyn wird. Darum will ich ſelbſt Corvetti nacheilen. Camillol Mattheo, waͤhlt Euch einige von unſern Leuten, und folgt mir mit dieſem(auf Cazzi zeigend) unverzuͤglich nach. Ihr Uebrigen handelt nach den Vorſchriften, die Euch Cosmo mittheilen wird, und erwartet meine Ankunft am ſuͤdlichen Meeresufer in der Villa Rufa del Pinto. Sollte ich bis zum Tage des Vollmondes nicht dort er⸗ ſcheinen, dann wird Euch Cosmo meinen Willen kundthun, und Euch ſtatt meiner leiten. Doch icj erſcheine gewiß. —- 157— Cosmo. Odoardo, laß mich mit Dir ziehen und Dich beſchuͤtzen. Du gehſt großen Geſahren entgegen. s— Odoardo. So will es mein Geſchick. Jedoch ſey unbeſorgt; ich fuͤrchte nichts. Mein Vertrauen zu der guten Sache, die ich fuͤhre, waͤchſt mit der Gefahr, und mit unerſhrackenem*4 Muthe will ich ſie vollenden. Mehrere.(dringend und bittend vor:) Gieb unſern Wuͤnſchen nach, Odoardo! Ver⸗ goͤnne uns, Dich zu begleiten. Erhalte Dich uns und den Bedraͤngten des fernen Auslandes, die ihr Vertrauen und ihre Koſfuung auf Dich ſetzen. Odoardo. Keinen Widerſpruch weiter, meine Freunde. Laßt mir meinen Willen. Ich ſtehe unter der Hand eines unbeugſamen Fatums, will dieſe mich ſullen laſſen, ſo koͤnnt Ihr Alle mich nicht halten. Mein Plan iſt bis zum Ziele reif⸗ lich erwogen, und ich darf mich nicht darin ſtoͤren laſſen. Mein Weg iſt gefahrvoll, aber er fuͤhrt zum Segen fuͤr mein Vaterland, und ſo wird auch mein bis jetzt gediehenes Werk gelin⸗ gen. Indeſſen gebietet die Klugheit, ſich auf alle Fäͤlle vorzubereiten, damit im ſchlimmſten Falle mit Einem nicht Alle verderben. Vollendet die Auftraͤge, die Euch Cosmo kund thun wird. 4 — 1 58— Jagt Schrecken unter die meuteriſche Rotte, die ſich im ſturmvollen Drange um Torſo verſammeln wird; ruft laut ſeinen Namen, als Loſung zum Aufruhre durch die Gaſſen, und fuͤhrt ſo ſeine ſchwarze Stunde herauf. Ich vollende indeſſen das Begonnene, und ſollte es, gegen alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit, dennoch mißlingen, nun dann tritt Cosmo in meine Rechte. Auf ſeine Schultern lege ich alsdann Euer Aller Wohl; er kennt meine Plane und wird ſie klug und unfehlbar ausfuͤhren. Wir ſehen uns bald oder nie wieder, und ſo ge⸗ habt Euch wohl. Mein Geſchick ruft, ich folge ihm heiter und muthvoll. Meine Augenblicke ſind gezaͤhlt, und das nahe Ziel winkt mir freund⸗ lich zu. Gedenkt meiner im Senen und ehrt meinen Willen! Er entfernte ſich mit Camillo und Einigen aus der Verſammlung mit Cazzi, und mit tiefer Ruͤhrung ſchallte ihm ein wehmuͤthiges:„Der Himhet Hetrire Dichhe nach. 18 W 1209 In der Reſidonz und am Hofe war gegenwaͤr⸗ tig der Name Pizalto die allgemeine Loſung des Tages. Es war keinem Zweifel mehr unterwor⸗ fen, daß dieſer edelmuͤthige ſo lange Zeit ver⸗ kannte Graf Pizalto und jener kluge Mann des Waldes, Lorenzo, in einer und derſelben Per⸗ — ſon, unter jedem dieſer beiden Namen ſich fuͤr Yfamo's Wohlfahrt ſo uͤberaus thaͤtig bewieſen hatte. Jeder gutgeſinnte Buͤrger theilte mit dem 3 Fuͤrſten und der graͤflichen Familie Montaldi den Wunſch, ihn recht bald hier bewillkommnen zu koͤnnen. Endlich war man zu der Ueberzeugung gekommen, daß man dieſen hochherzigen Patrioten widerrechtlich verfolgt und ſich durch unverdiente Schmach ſchwer an ihm verfuͤndigt hatte. Von jeher lag ihm das Beſte ſeines Vaterslandes am Herzen; mit raſtloſem Eifer war er darauf be⸗ dacht geweſen, dem ſchwankenden Fuͤrſtenthrone ſeines rechtmaͤßigen Beherrſchers groͤßere Feſtig⸗ keit zu geben und dem Lande die argbodrohete geſetzliche Ordnung und Ruhe zu ſichern. Er mußte jedoch der Ueberlegenheit ſeiner Gegner und den Raͤnken eines Torſo und deſſen Genoſſen weichen, die ihm ſeine unbeſtechbare Tugend zum Verbrechen machten und nicht eher raſteten, bis ſie ihn außer Stand geſetzt hatten, ihren verderb⸗ lichen Anſchlaͤgen ferner zu ſchaden. Da dieſen Nichtswuͤrdigen kein Mittel zu verworfen und entehrend war, um es zur Beguͤnſtigung ihrer Plane zu benuͤtzen, und ſie ſogar falſche Zeugen und untergeſchobene Dokumente gegen ihn auf⸗ ſtellten, die ihn einer ſtaat verraͤtheriſchen Corre⸗⸗ donden mit Yſamo' 8 E in und einer Befoͤr⸗ — 160— derung ihrer feindſeligen Entwuͤrfe beſchuldigten, ſo konnte er nichts ausrichten. Als Hochver⸗ raͤther ſeiner Wuͤrden, ſo wie ſeiner Ehre und ſeiner Guͤter verluſtig, ging er in den ausgebro⸗ chenen Stuͤrmen allgemeiner Verwirrung unter, und mußte es als ein Gluͤck anſehen, daß, wahr⸗ ſcheinlich auf geheime hoͤhere Veranlaſſung und zum Danke fuͤr ſeine fruͤheren Verdienſte um die Bildung des Fuͤrſten als ehemaliger Erzieher deſ⸗ ſelben, ihm die Flucht aus dem Kerker erleichtert wurde, und er nicht das Blutgeruͤſt beſteigen durfte. Jetzt war zwar ſeine Unſchuld und mit Mnrecht verfolgte Tugend oͤffentlich anerkannt wor⸗ den, aber alle angewandte Verſuche, ihn wieder zuruͤckzurufen und in den vorigen Beſitz ſeiner Wuͤrden und Guͤter zu ſetzen, waren bisher ver⸗ gebens geblieben. In jedem Briefe, welchen der Graf Montaldi an ſeinen Sohn und an ſeine Freunde zu Latago ſchrieb, machte er es dieſen zur angelegentlichſten Pflicht, die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen nach Pizalto anzuſtellen und dazu mitzuwirken, daß er den Wuͤnſchen und Bitten ſeiner Freunde wegen ſeiner Ruͤckkehr Ge⸗ nuͤge leiſten moͤchte. Allein alle von dorther ein⸗ gehende Nachrichten behaupteten hieruͤber fort⸗ waͤhrend ein raͤthſelhaftes Schweigen, bis zuletzt Scipio, auf Veranlaſſung ſeiner dortigen Freunde, — 161— ſeinen Vater mit der Nachricht uͤberraſchte, daß Pizalto mit fortgeſetzter Thaͤtigkeit fuͤr Yſamo's Wohl in ſeiner Naͤhe weile, und maͤchſtens nach Yſamo zuruͤckkehren werde. Mit dieſer erfreulichen Nachricht erwachte zugleich auch in der Graͤfin die Hoffnung der Nuͤckkehr Ludoviko's auf's neue. Es war ihr zwar nach langem und ſchwerem Kampfe gelun⸗ gen, ihre leidenſchaftlichen Gefuͤhle fuͤr ihn in ihrem Innern zu unterdruͤcken, und ſich mit ſich ſelbſt und dem Himmel auszuſoͤhnen; aber von ihrer quaͤlenden Unruhe konnte ſie nur durch die Gewißheit ſeines Lebens und durch ſein Wieder⸗ ſehen geheilr werden. Unaufhoͤrlich machte ihr innerer Richter ihr Vorwuͤrfe, daß ſie ihn durch Leichtſinn und blinde Leidenſchaft in Tod und Ver⸗ zweiflung geſtuͤrzt habe. Jeder Blick auf Diano⸗ ren war ein neuer Skorpionſtich bitterer Reue fuͤr ihr Herz. Sie wollte ihn nur noch einmal ſehen, ſich von ſeinem Leben und von ſeiner Ver⸗ zeihung uͤberzeugen, und alsdann beruhiget, von ihm auf immer ſich losreißen. Amadeo hatte ſie auf den Augenblick vertroͤ⸗ ſtet, wo Ruhe und Zufriedenheit in ihr Inneres zuruͤckkehren, und ſie fuͤr die Leiden der Vergan⸗ genheit entſchaͤdigen ſollten, wenn ſie ihre Leiden⸗ Ghaſ fuͤr Ludoviko und jeden daxauf ſich ſtuͤtzenden IV. L verbrecheriſchen Wunſch nach ſeinem Beſitze wuͤrde unterdruͤcken koͤnnen. Jetzt konnte ſie ſich das Zeugniß geben, dieſe Bedingung erfuͤllt zu haben. Auch ſahe ſie der Gewaͤhrung jener Zuſage in Ludoviko's Ankunft und Wiederſehen um ſo zu⸗ verſichtlicher entgegen, da ſich durch Dianorens mehrmalige Schilderung des Freundes ihrer Kind⸗ heit, ihre fruͤher gehegte Vermuthung immer mehr zur Gewißheit entfaltete, daß jener Fremd⸗ ling mit dem geliebten Ludoviko Minelli und dem Oberſten Petardo eine und dieſelbe Perſon aus⸗ mache, deren Erſcheinung ihr Gemahl mit jedem Tage erwartete. Auch Dianorens frohe Hoffnungen wegen der ſehnfuchtsvoll gewunſchten Ankunft ihres theuern Vaters Lorenzo, wurden durch die letztern Nach⸗ richten des jungen Grafen feſter begruͤndet. Oefter als jemals war er nun der Gegenſtand ihrer Ge⸗ ſpraͤche mit dem geliebten Manutti, oder mit ihren Pflegeelrern, und in jedem ihrer heitern Morgenlieder ſtieg der feelenvolle Wunſch um ſeine baldige gluͤckliche Ruͤckkehr zum Himmel empor. Ihre angenehmſte Beſchaͤftigung beſtand feit geraumer Zeit darin, das Portrait des ge⸗ liebten Vaters nach dem Bilde ihres Ringes zu entwerfen. Es naͤherte ſich bereits der Volſendung, und zeichnete ſich nach dem einſtimmigen Urtheile 7 ihrer Freunde als ſehr gelungen aus. In ſuͤße Schwaͤrmereien einer lebhaften Erinnerung ver⸗ ſunken, welche ihren Pinſel leiteten, ſaß ſie eines Morgens vor dieſer Arbeit, als die Thuͤre ihres Zimmers geoͤffnet wurde, und der heißerwartete Lorenzo zu ihr hereintrat. Mit einem Ausrufe entzuͤckenvoller Ueberraſchung flog ſie den nach ihr ausgebreiteten Armen des geliebten Vaters ent⸗ gegen, und feierte in ſeiner zaͤrtlichen Umarmung die ſchoͤne Seene begluͤckender Wiedervereinigung. Der Graf Montaldi nebſt ſeiner Gemahlin und Manutti folgten ihm auf dem Fuße nach, und theilten mit Dianoren die Wonne des ſolange erſehnten Wiederſehens. Freude ſprach jeder Blick, womit ſich der Eine wie der Andere zum frohen Willkommen zu ihm draͤngte. „Guter Lorenzo!“ wandte ſich die Graͤfin mit einem herzlichen Haͤndedrucke an ihn,„wie lange haben wir vergebens dieſen Augenblick er⸗ wartet! Mit froher Innigkeit preiſen wir die Stunde, die uns jetzt, nach langer Trennung, unſern Freund Lorenzo zufuͤhrt.“ „Mein Zoͤgern war mir ſelbſt hoͤchſt ſchmerz⸗ haft,“ erwiederte er,„denn es konnte nicht eher enden, als bis jener raͤthſelhafte Waldbewohuer Lorenzo. vom Schauplatze abtreten und ſeinen ahren Namen Pizalto wieder annehmen durfte. L 2 — 164½— Als ſolcher begruͤße ich Sie Alle; mit inniger Herzlichkeit.“ 1— Dianora. Nicht mehr Lorengon 1 Pizalto. Nein, meine gute Tochter! Lorenzo ſelbſt tritt zuruͤck, aber ſeine vaͤterliche Liebe bleibt Dir in Pizalto unwandelbar gewiß fuͤr alle Zeiten. Freue Dich mit mir, daß der ver⸗ folgte Ungluͤckliche aus ſeiner ſchmachvollen Ver⸗ bannung heraustreten, ſeinen geſchaͤndeten Na⸗ men wieder annehmen und dem ehrenvollen Rufe des Vaterlandes folgen konnte, um den ſchoͤnen Sieg der gerechten Sache feiern zu helfen, der Yſamo's Wohl fuͤr die Folgezeit feſtbegruͤndet. Dianora.(an ſeinen Buſen geſchmiegt:) Mein guter, theurer Vater! Nunmehr bribſt Du doch bei uns? Pizalto. Ja, liebe Dianorn, ich bleibe bei Dir, bis einſt der Tod mich von Dir und von meinen edeln Freunden trennt. Deine kind⸗ liche Liebe ſoll meine letzten Lebenstage erheitern, und mich alle Drangſale vergangenee Zeiten ver⸗ geſſen machen. „Manutti. Darf auch ich dieſe Pflicht mit der geliebten Tochter theilen? darf ich auf Ihre vaͤterliche Liebe Anſpruch machen? 7 rnPizalto. Mit Freuden! Dianora war Ihrem Herzen theuer, da ſie noch als Kind des 1 raͤthſelhaften Lorenzo, mancherlei Mißdeutungen der Menge ausgeſetzt war. Um ſo mehr freue ich mich der Wendung meines Schickſals wodurch ich Gelegenheit erhalte, die Welt zu uͤberzeugen, daß die hochachtbare Familie Altieri und Manutti ſich nicht zu ſcheuen braucht, Dianoren in ihren Kreis aufzunehmen. Im Angeſichte des Hofes und der Edeln von Yſamo tritt Pizalto wieder in ſeine Rechte; im ſchoͤnen Triumphe ſeiner geretteten Ehre kann er nun Dianoren fuͤr ſeiner recht⸗ maͤßige Tochter erklaͤren und ſie zum ſchoͤnen Ver⸗ eine der Herzen als Gattin in Ihre Arme fuͤhren. Mit dankbarer Freude ſanken die beiden Lie⸗ benden in ſeine Arme, ihre Augen glaͤnzten von den ſanſten Thraͤnen entzuͤckensvoller Ruͤhrung. „Mein vaͤterlicher Segen ſoll ſich zur Weihe dieſes Buudes dem Ihrigen anſchließen, mein edler Freund,“ nahm der Graf Montaldi das Wort, indem er zwiſchen die Liebenden und Pizalto trat,„denn auch ich habe ein heiliges Recht auf Dianorens kindliche Liebe. Was in dem Gange unſrer Schickſale bisher ſo wunderbar dunkel verkettet war, das wird ſich nunmehr in Licht und Klarheit entfalten, um uns der gluͤck⸗ lichen Gegenwart und Zukunft deſto unbefange⸗ ner erfreuen zu koͤnnen. Ich rechne deshalb aus Lorenzo's fruͤheres Verſprechen. — 166— 1 Pizalto. Was einſt Lorenzo Ihnen zu⸗ ſagte, das wird Pizalto um ſo lieber erfuͤllen, da nunmehr alle die Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe be⸗ ſeitiget ſind, die mich zu jener raͤthſelhaften Abenteuerlichkeit noͤthigten und ein Schweigen auferlegten. Ich bin Ihnen Allen Wahrheit ſchuldig, und ſie ſoll Ihnen werden. Ich nenne Dianoren, die Sie Herr Graf mit Ihrer Gemah⸗ lin ſo willig als Kind Ihrem Familienkreiſe ein⸗ gliederten, meine Tochter. Dem gegenwaͤrtigen Rufe meines Vaterlandes folge ich mit deſto groͤ⸗ ßerer Freude, da ich durch denſelben in den Stand geſetzt werde, laut und oͤffentlich meine mir erworbenen Vaterrechte geltend zu machen.(Dia⸗ noren in ſeine Arme ſchließend:) Nicht Bande des Blutes, aber die nicht minder heiligen Bande inniger Liebe gaben Dich mir zur Tochter, und nichts kann dieſe ſchwaͤchen.(Zu Manutti:) Werden Sie ſich damit begnuͤgen, wenn Dianora geſetzmaͤßig fuͤr meine Tochter erklärt wird, und ſie meinen Namen fuͤhrt, auch wenn ich in der Folge genöthiget ſeyn ſollte, uͤber die naͤhern Um⸗ ſtaͤnde, die ſich auf Dianorens fruͤheſte Kindheit beziehen, ein Stillſchweigen zu beobachten, das ich als unverletzliches Geheimniß eines Teruindes ehren muß?:? Manutti. Ich fuͤge mich gang in m Ihren — 167— Willen; nie werde ich mich unbeſcheiden in Ihr Geheimniß eindringen wollen. Dankbar em⸗ pfange ich aus Ihren Vaterhaͤnden meine geliebte Dianora, um in ihrem Beſitze daß ſuͤßeſte Gluͤck meines Lebens zu umfaſſen und durch gegenſei⸗ tige treue Liebe das ihrige an meiner Seite zu befoͤrdern.— dn Graf. Steht es, wie ich kaum bezweifle, in meiner Macht, den Schleier dieſes Geheim⸗ niſſes hinwegzuziehen, ſo bin ich es mir, Ihnen, meine theure Franziska, ſo wie uns allen ſchuldig. Keine nichtige Bedenklichkeiten ſollen mich davon abhalten, dadurch unſer Aller Ruhe und unſer haͤusliches Gluͤck feſter zu gruͤnden, Graͤfin. Auch ich werde nicht laͤnger An⸗ ſtand nehmen, Ihnen, mein theuerer Gemahl, vertrauenvoll auf Ihre Liebe und Großmuth, auf dieſem Wege entgegen zu kommen. Der Zweck iſt des groͤßten Opfers wuͤrdig, und keine Mißver⸗ ſtaͤndniſſe ſollen ſich kuͤnftig mehr zwiſchen uns und unſern haͤuslichen Frieden draͤngen. 33 5 Pizalto. Ich ſpreche mit Freuden hierzu: Amen! 9 1126 1 in m Die Kunde von Pizalto's Ankunft verbreitete ſich ſehr ſchnell in der Reſidenz und am Hofe, und die Freunde des Grafem eilten von allen — 163— Seiten herbei, um ſich von der Wahrheit des Vernommenen zu uͤberzeugen. Die Freude hier⸗ uͤber wurde bald allgemein. Jeder edle gutge⸗ ſinnte Buͤrger theilte ſie mit der Montaldi'ſchen Familie und dem Hofe, und belebte ſie durch die aufrichtigſten Beweiſe. Nur auf Torſo und die Verſchworenen des ſchwarzen Bundes wirkte die Nachricht von Pizalto's uͤberraſchender Ankunft, wie ein Donnerſchlag. Aber bald ſuchte er ſich zu faſſen und ſprach ſeinen zagenden Juͤngern Muth zu. So wie die Sachen, uach ſeiner Meinung, gegenwaͤrtig ſtanden, glaubte er wenig mehr be⸗ fuͤrchten zu duͤrfen.„Hinweg mit jeder eiteln zaghaften Beſorgniß!“ rief er ſeinen Genoſſen zu, als dieſe ſich aͤngſtlich um ihn verſammelten. „Sie entnervt unſre Kraft zu einer Zeit, wo ruhige Beſonnenheit und Muth doppelt noͤthig ſind. Pizalto uͤberliefert ſich durch ſeine Ankunft uns ſelbſt und Odvardo's Dolchen nur deſto ge⸗ wiſſer. Seine ſchwarze Stunde ſchlaͤgt; der Sturm, der unaufhaltſam Yſamo's ſchwankende Verfaſſung umſtuͤrzen muß, wird auch unfehlbar dieſen Verhaßten mit allen denen, welche mit ihm ſind, zu Boden werfen; uͤber ihren Nacken hinweg, werden wir uns zur Groͤße und Macht emporſchwingen, die jeden unſrer Gegner unter unſern alleinigen Willen beugen ſoll.“ 7 — 169— Der Fuͤrſt vernahm nicht ſobald die Ankunft des langerwarteten Pizalto, als er ihn auch ſo⸗ gleich zu ſich beſcheiden ließ. Mit freudigem Aus⸗ druck wohlwollender Guͤte empfing er ihn, wozu er ſich fuͤr den ungerecht verfolgten edeln Fuͤhrer ſeiner Jugend im beſonders hohen Grade ver⸗ pflichtet erachtete. Je groͤßer das Unrecht gewe⸗ ſen war, das er unter den gehaͤſſigſten Anfein⸗ dungen und Verfolgungen hatte erdulden muͤſſen, deſto mehr ließ es ſich der edelmuͤthige Hugo an⸗ gelegen ſeyn, ihn dafuͤr auf die ausgezeichnetſte und ehrenvollſte Art durch Zuruͤckgabe ſeiner Wuͤr⸗ den und Guͤter, und durch Wiedereinſetzung in alle ſeine Rechte, zu entſchaͤdigen. Jeder Red⸗ lichgeſinnte nahm daran mit aufrichtiger Herz⸗ lichkeit Antheil. Mit tiefer Ruͤhrung und all der beſcheidenen Anſpruchloſigkeit ſeiner ſtillen Tugend empſing er dieſe Beweiſe von liebender Hochach⸗ tung, und fern von prunkendem Stolze uͤber den errungenen Sieg ſeiner verkannten Tugend, ent⸗ zog er ſich dem lauten Gepraͤnge, um in dem Kreiſe ſtiller Haͤuslichkeit mit ſeinen Freunden ſich der Freude uͤber die gluͤckliche Wendung ſeines Schickſals zu uͤberlaſſen. Sein erſtes Geſchaͤft war es jetzt, Dianorens ſchoͤnes Lebensgluͤck an Manutti's Seite fuͤr im⸗ mer zu befeſtigen. Feierlich erklaͤrte er ſie fuͤr ſeine Tochter und Erbin, wobei der Fuͤrſt mit Vergnuͤgen die deshalb ausgefertigte Akte beſtä⸗ tigte. Umgeben von den beiden ehrwuͤrdigen Familien Altieri und Montaldi, fuͤhrte er ſelbſt Dianoren als Graͤfin Pizalto, dem geliebten Manutti zu, das Feſt ihrer Berlebung zu ver⸗ herrlichen. Dieſe Scenen des Gluͤcks erfuͤllten die beiden Haͤuſer Montaldi und Altieri mit hoher Freude, und Pizalto traf unter Petardo's thaͤtiger Mit⸗ wirkung alle Anſtalten, daß ſie nicht durch die bangen Erwartungen der kommenden ſturmbeweg⸗ ten Ereigniſſe koͤnnte geſtoͤrt werden, welche Tor⸗ ſo's und ſeiner Anhaͤnger Richtswürdigkei zu Boden ſtuͤrzen ſollte. Der Graf Montaldi hatte ſich, eben ſo wie ſeine Gemahlin, heiß und innig nach Lorenzo's Ankunft geſehnt, um durch ihn uͤber die geheimen Angelegenheiten ihrer Herzen in Beziehung auf Dianoren aufgeklaͤrt zu werden; jetzt war beider Wunſch erfuͤllt: aber dieſer Lorenzo war nicht mehr der unbekannte Alte des Waldes. Ein Ge⸗ fuͤhl von Schaam feſſelte ihre Zunge. Pizalto bemerkte den Zwang, den ſie ſich des⸗ halb auflegten; gerne nahm er Gelegenheit, Beiden eentgegen zu kommen. Im traulichen Geſpraͤche faß er wenige Tage nach ſeiner Ankunft an der dulden Sie ſich, bis der Mann erſcheint, eeinzig und allein mich fruͤheren Geluͤbden der Seite des Grafen Montaldi, und leitete abſicht⸗ lich die Unterhaltung auf dieſe Gegenſtaͤnde. „Wenn ich mich Ihnen ohne innere Beſchaͤ⸗ mung uͤber Dinge mittheilen ſoll, welche ſo nahen Bezug auf ehemalige Verirrungen meines Her⸗ zens haben,“ wandte ſich der Letztere im Fort⸗ gange des Geſpraͤchs an ihn,„ſo vergoͤnnen Sie mir, in Ihnen nicht den Grafen Pizalto, ſon⸗ dern nur Lorenzo, den Retter meines Lebens und den Freund und Beſchüͤtzer meiner Famiuie zu umfaſſen.“ Pizalto. Gern und mit Ireuden bleibe ich Ihnen Lorenzo; ich wuͤrde fuͤrwahr das Gluͤck meiner Gegenwart ſehr getruͤbt finden, koͤnnte ſie Ihr Zutrauen zu mir nur im mindeſten ſtoͤren⸗ Sprechen Sie ohne Ruͤckhalt, ich werde es mit Offenheit erwiedern. Montaldi. Nun dann ſagen Sie mir ganz unumwunden: iſt Dianora wirklich mein Kind und die ungluͤckliche Conſtanza ihre Mutter? DPizalto. Mißdeuten Sie mich nicht, wenn ich, durch Eid und Pflicht gebunden, ſelbſt bei dem beſten Willen noch nicht im Stande bin, den Schleier ganz hinweg zu ziehen, der uͤber jenen Raͤthſeln liegt. Ich kann ihn nur luͤften. Ge⸗ uder Verſchwiegenheit entbinden, und das Dunkle lichten kann. 1s 15 Montaldi. Wer anders konnts es ſeyn⸗ als der Centuriſche Oberſte Petardo? Laſſen Sie mich wenigſtens nur wiſſen, ob dieſer, wie ich kaum noch zweifeln kann, in Dianorens und Conſtanzens Schickſale verflochten iſt. Pizalto. Dieſe Vermuthung iſt Wahrheit. Perardo iſt der Sohn des ungläͤckilchen Palozzi⸗ und Conſtanzens Bruder. Montaldi. So kann ich auch nicht laͤnger daruͤber ungewiß ſeyn, daß Dianora wirklich Dina, das Kind meiner Verbindung mit ſeiner ungluͤcklichen Schweſter iſt. Jetzt liegt die Wahr⸗ heit offen und klar vor mir da. Die mir bekannte. bruͤderliche Zaͤrtlichkeit zu ſeiner Schweſter war das Band, daß dieſen Petardo an mich kettete; die Sorgfalt fuͤr das Kind dieſer theuern Schwe⸗ ſter war es, die ſeinen Arm zu meinem und Dianorens Schutze bewaffnete. Ihr eigenes Verfahren nin Beziehung auf mich und meine Angelegenheiten, haͤtte mir ſchon laͤngſt die Augen oͤffnen ſollen, daß Dianora mein Kind ſey.. Pizalto. Ich moͤchte Sie nicht gern mit Unwahrheit taͤuſchen, und doch muͤßte ich es, wenn ich unbedingt Ihrer Meinung Heiſtimmen woollte. — 173— Montaldi. Aber wozu bedarf es noch einer weiteren Beſtaͤtigung? Meine ehemalige wun⸗ derbare Rettung in Yſamo's Waldungen; mein ſonderbares Zuſammentreffen mit Ihnen; alle jene raͤthſelhaften Auftritte, welche ſich daran an⸗ ſchloſſen, kurz alles erkenne ich gegenwaͤrtig als woohlberechneten Plan, den der Bruder meiner ungluͤcklichen Conſtanza leitete. Er war es, der mich, als ich die Wohnung des klugen Mannes im Walde betreten mußte, zugleich Dianoren zufuͤhrte, um ihre rechtmaͤßigen Forderungen an meine Vaterpflichten geltend zu machen. Wie haͤtte ſich außerdem mein wackerer Freund Lorenzo bei der vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit zu ſeiner angeb⸗ lichen Tochter, ſo leicht dazu entſchloſſen, ſich von ihr zu trennen und ſeine Vaterrechte an mich abzutreten? Sol wird mir auch Ihre Widerſetz⸗ lichkeit gegen meine beſchloſſene Verbindung mit Dianoren und Scipio einleuchtend, und ich ſchau⸗ dere vor dem Gedanken zuruͤck, daß die Schweſter die Gattin des Bruders werden ſollte. Deshalb mußte denn auch jener raͤthſelhafte Moͤnch im Karmeliterkloſter mich zu dem ehrwuͤrdigen Abte von Sankt Lucian hinlocken, daß ich durch leiſe Andeutungen in Beziehung auf mein ehemaliges Verhaͤltniß zu Konſtanzen, die Wahrheit ahnen ſollte. — 4 74— Pizalto. Allerdings hat dies Alles viele Wahrſcheinlichkeit fuͤr ſich. Der Name Conſtanza, der Ihnen damals als Schluͤſſel zu dem Geheim⸗ niſſe uͤber Dianorens Herkunft, und als Urſache meines Widerſtrebens gegen ihre beabſichtigte Verbindung mit Ihrem Sohne genannt wurde, wird ſich in der Folge auch wirklich als richtig beſtaͤtigen, und zugleich alle noch vorhandene Raͤthſel loͤſen. Allein noch kann ich das Siegel, das meine Zunge bindet, nicht brechen; aber bergen will ich Ihnen nicht, daß Conſtanza, vor⸗ zuͤglich in Anſehung ihres Bruders, ſehr weſent⸗ lich in unſre damaligen Verhaͤltniſſe verflochten war. So konnte ich in Beziehung auf Sie, ſo wie auf Conſtanzen und deren Bruder, in Dia⸗ norens Verbindung mit Ihrem Sohne durchaus nicht willigen, auch wenn Sie uͤber die Gruͤnde meiner Weigerung im Jrthume befungen ſeyn ſollten. Montaldi. Rein, o nein! ich irre mich nicht. Mir ſagt es mein Herz: Dianora iſt mein Kind! Laſſen Sie mir dieſen Glauben, an den ich mich ſogern anſchließe, indem ich mir ein⸗ bilde, in Dianoren das Ebenbild meiner ewig theuern Conſtanza zu umarmen. Wenn Sie aber, ſo wie ich gewiß glaube, mit Conſtanzens weitern Schickſalen vertraut ſind, ſo bitte ich Sie drin⸗ — 275— 1½ gend: verheimlichen Sie mir nichts; ſagen Sie mir wahr nnd aufrichtig, ob ſie noch lebt, und wo ſie lebt. P Pizalto. Hieruͤber kann ich Ihnen volle Gewißheit geben. Conſtanza lebt nicht mehr; ſie ſchlummert ſchon ſeit Jahren den friedlichen To⸗ desſchlaf in den Grüften des Masdalsnantlyſters zu Ciretto. Montaldi. So 17 es denn wirklich wahr? Ich darf alſo nicht mehr hoffen, ſie noch dieſſeits wiederzuſehen? Sie war meinem Herzen unend⸗ lich theuer, und nimmer wird das Grab ihr liebe⸗ volles Andenken in mir bedecken. Sie ließ mich als ihren großen, ſchwerbelaſteten Schuldner zuruͤck. Pizalto. Der Tod und Conſtanzens liebe⸗ volle Verzeihung haben Ihre Schuld getilgt. Conſtanzens ſtrenge Buͤßungen, ſo wie ihr, der frommen Andacht ergebenes Leben verſoͤhnten ſie mit dem Himmel. Heiter und im ſtillen innern Frieden entſchwang ſich ihr feſſelfreier Geiſt in das Land der Verklaͤrung. Ihr letztes Wort war: Segen fuͤr Montaldi. Montaldi. O Himmel! Segen fuͤr Mon⸗ taldi? dem Stoͤrer ihres ſuͤßen Seelenfrledens und ihres Gluͤcks? Gute Conſtanza! moͤge mir einſt uͤber das, was ich an Dir frevelte, eben willig Verzeihung zu Theil werden! In meinem Herzen haſt Du Dir ein ewiges Denkmahl des liebevollſten Erinnerns errichtet. Die Graͤfin trat jetzt herein, und war ziem⸗ lich befremdet, als ſie die wehmuthsvolle Stim⸗ mung ihres Gemahls gewahrte. Er machte ihr kein Geheimniß daraus, daß die Unterhaltung mit ſeinem Freunde Pizalto und deſſen Erklaͤrungen uͤber Ereigniſſe der Vergangenheit, die Veran⸗ laſſung geweſen ſey. Die Graͤfin bat um Fort⸗ ſetzung dieſes Geſpraͤchs, und Pizalto ließ ſich ſehr gern dazu bereit finden. „ Schon lange las ich den Wunſch in Ihren Augen,“ wandte er ſich an ſie,„daß Lorenzo ſein Verſprechen eifüͤllen und ſich uͤber ſo manche vor⸗ Abergegangene raͤthſelhafte Dinge auch gegen Sie erklaͤren moͤchte. Die gegenwaͤrtige Stunde eig⸗ net ſich ſo ganz dazu, und wer weiß ob ſich ſobald wieder eine aͤhnliche Gelegenheit fuͤr dieſe Mit⸗ theilungen darbieten duͤrfte.“ Sicchtbar heiterten ſich die Mienen der Graͤfin und die ihres Gemahles bei dieſen Worten auf. Voll der geſpannteſten Erwartung nahmen Beide an ſeiner Seite Platz. „Meine fruͤhern Schickſale,“ begann Pizalto, „ſo wie die Urſachen und Umſtaͤnde, welche mich nach langem und hartem Kampfe mit meinen und — 177— Yſamo's Feinden, meiner Ehre und meines Ver⸗ moͤgens verluſtig, dem unverſchuldeten ſchmach⸗ vollſten Elende Preis gaben, ſind Ihnen groͤßten⸗ theils bekannt. Daß ich damals von der mir dargebotenen Flucht, die mich dem Tode eines Hochverraͤthers entzog, Gebrauch machte, geſchah blos in der Hoffnung, daß es mir vielleicht in Zukunft gelingen wuͤrde, meine gemißhandelte Ehre zu rechtfertigen. Mein Leben hatte nur in ſo fern fuͤr mich noch Werth, als ich durch deſſen Erhaltung dem Verbrechertode entging; in jeder andern Beziehung war es mir eine Laſt. Zur Vermehrung meines Schmerzes mußte ſich die Untreue meiner Gattin an mein Ungluͤck anſchlie⸗ ßen. Sie, an die ich mit der innigſten Zaͤrtlich⸗ keit hing, in deren Liebe ich mein hoͤchſtes Gluͤck umfaßte, der ich mit Liebe und Vertrauen ent⸗ gegen kam, an deren theilnehmendem Herzen ich Beruhigung und ſanften Troſt im Ungluͤck zu finden hoffte, wurde an mir zur Verraͤtherin. Als Opfer der Argliſt meiner Feinde wurde ſie der Verfuͤhrung eines Nichtswuͤrdigen zur Beute, der ſich, im Bunde mit meinen Gegnern, in das Herz meiner Gattin eingeſchmeichelt hatte. Lange hatte ſie mich betrogen, ohne daß ich es ahnete. Aber bald wurden mir durch die boshafte Wirk⸗ ſamkeit meiner Feinde die Augen geoͤffnet, und. 1. 1 M — 173.— zwar gerade zu einer Zeit, wo ich zur Vermeh⸗ rung meines haͤuslichen und ehelichen Gluͤcks, in kurzem von ihr zum gluͤcklichen Vater gemacht zu werden hoffte. In ihrer blinden Leidenſchaft fuͤr ihren Verfuͤhrer hatte die Pflichtvergeſſene ſich ſogar verleiten laſſen, mein Vertrauen zu ihr zu mißbrauchen und durch Verrath an demſelben, vielleicht ohne ihr abſichtliches Wollen, die An⸗ ſchlaͤge meiner Feinde befoͤrdern zu helfen. Mein ſchaudervolles Erwachen aus bisheriger Taͤuſchung war uͤber jeden Ausdruck ſchrecklich; mein Schmerz war grenzenlos und ging in Verzweiflung uͤber. Ich wuͤrde die pflichtvergeſſene Verraͤtherin mei⸗ ner blutigen Rache geopfert haben, wenn man mich nicht gewaltſam davon zuruͤckgehalten haͤtte. Vergebens erflehete ſie von mir aufrichtig und reuevoll Verzeihung; mein Herz und mein Ohr blieben vor ihren Bitten und vor den Zuredun⸗ gen meiner Freunde verſchloſſen. Ich ſchonte zwar ihres Lebens, aber mit meinem Fluche be⸗ laſtet, verbannte ich ſie fuͤr immer aus meinen Augen und uͤberließ ſie ihrem Schickſale. Dieſes war ſehr traurig. Mit den Qualen der Reue und dem Bewußtſeyn ihrer ſchweren Verſuͤndi⸗ gung an mir, irrte ſie im verzweiflungsvollen Gefuͤhle ihres ſelbſtverſchuldeten Elends, fluͤchtig 4 und unſtaͤt umher, bis ſie endlich in der fried⸗ — 179— lichen Huͤtte ihrer Amme, unweit Coni eine Auf⸗ nahme fand. Hier, wo ſpaͤterhin auch Dianora erzogen wurde, gebar die Ungluͤckliche eine Toch⸗ ter, die aber ihr jammervolles Daſeyn nur we⸗ nige Tage uͤberlebte. Die ungluͤckliche Mutter verfiel in Wahnſinn, in welchem ſie kurze Zeit darauf ihr trauriges Leben endete. Ihr wahr⸗ haft bejammernswuͤrdiges Loos ruͤhrte mich; ihr Tod beſaͤnftigte meinen Schmerz und verwandelte meinen Fluch in den Segenswunſch fuͤr ihre fried⸗ liche Grabesruhe, den ich ſpaͤterhin uͤber ihrem Leichenhuͤgel zu Coni der Hingeſchiedenen mit meiner Verzeihung nachrief. Unter der unge⸗ heuern Laſt meines unverdienten Elends, gehaßt, verfolgt und verlaſſen, fand ich nirgends Ruhe und Troſt. Endlich, nahe an Verzweiflung, fuͤhrte mir der Himmel unverhofft einen Freund zu, der, wie ein troͤſtender Engel des Lichts, zwiſchen mich und mein feindliches Geſchick hin⸗ trat, und mit ſicherer Hand meinem unvermeid⸗ lichen Untergange mich entriß. In den Wild⸗ niſſen von Avi, an den jaͤhen Abgruͤnden der Calpiſchen Felskette, wohin ſeit undenklicher Zeit kein menſchlicher Fuß ſich gewagt hatte, fand mich dieſer rettende Unbekannte, als ſchon die furchtbare Untiefe zu meinen Fuͤßen ſich voͤffnete, die mich Verzweifelnden auf ewig begra⸗ M 2 — 490— ben ſollte. Von ſeinem Freundesarm umſchloſſen, von ſeinen Zuredungen erſchuͤttert und von ſei⸗ nen Troͤſtungen erhoben, kehrte meine Beſonnen⸗ heit zuruͤck. Die ſturmbewegten Wogen in mei⸗ nem Innern legten ſich. Ich ſchauderte vor meinem ſelbſtmoͤrderiſchen Entſchluſſe zuruͤck; mein verzweiflungsvoller Schmerz loͤſte ſich in lindernde Thraͤnen auf, die ich an dem Buſen meines Retters weinte, der, gleich mir, auch im hohen Grade ungluͤcklich war. Ein hartes Schickſal hatte auch ihn hinausgeſchleudert in die Schreckniſſe eines namenloſen Elends. Nichts kettet die Herzen ſchneller und feſter an einander, als gegenſeitiges Ungluͤck. Dieß fand ich auch an mir beſtaͤtigt. Der Bund unſrer Freundſchaft war geſchloſſen; ich ſchuͤttete meinen Schmerz in ſeinen Buſen, und ſeine bruͤderliche Theilnahme, ſein ſanfter Freundeszuſpruch und ſeine Troͤſtungen waren die kraͤftigſte Stuͤtze in meinem Ungluͤcke. Er vernahm die Erzaͤhlung meines Schickſals in einer aͤußerſt heftigen Bewegung, die mir ihn ſelbſt furchtbar machte. Sein großes ſchwarzes Feuerauge ſchien Funken zu ſpruͤhen, ſeine Augen⸗ braunen zogen ſich wild zuſammen; ſeine Mienen ſchienen ſich zu verwildern, und mit einem Tone, der mich mit Schrecken durchbebte, rief er aus: .„Ich folge Deinem Winke dort oben Dank Dir, — 18¹— daß Du das Schwert Deiner Rache in meine Hand legteſt; ich will es gebrauchen Er gelei⸗ tete mich nach einer mildern Stelle, und eilte mit Windesſchnelle davon, indem er mich auf einem Felſenſtuͤcke niederſetzen und ſeiner warten hieß. Ich ſahe ihn die Felſen hinabgleiten und in der Tiefe verſchwinden, aus welcher das Getoͤſe verworrener Menſchenſtimmen dumpf zu mir her⸗ auftoͤnte. In kurzem kehrte er zuruͤck. Die vorige Wildheit ſeiner Mienen war in furchtbare Ruhe uͤbergegangen.„Nun, gieb Dich zufrie⸗ den, Ungluͤcksgefaͤhrte,“ ſprach er zu mir,„Du ſollſt Rache haben, eine furchtbar ſchreckliche Rache, wie ſie die an Dir veruͤbte Schuld heiſcht!“ Ich folgte ihm in die Naͤhe jener Waldungen an der Grenze von Latago, wo Sie mich fanden. Dort geleitete er mich nach der einſamen Klauſe eines ehrwuͤrdigen Waldbewohners, in der Naͤhe eines Kloſters, wo ich, vor dem Spaͤherblicke mei⸗ ner Verfolger geſichert, freundliche Aufnahme fand. Das liebevolle Entgegenkommen meines gutmuͤthigen Wirthes, und vorzuͤglich die durch ihn mir verſchaffte Bekanntſchaft mit dem ehr⸗ wuͤrdigen Prior des benachbarten Kloſters, der die Troͤſtungen der Religion auf mich wirkſam machte, verhalfen mir kraͤftig zum Erringen mei⸗ nes innern Friedens. Ich befand mich bereits — 182— mehrere Tage in der Klauſe, als ich einſt tief in der Nacht durch meinen unbekannten Freund Oktavio vom Schlummer erweckt und aufgefor⸗ 8 dert wurde, ihm unverzuͤglich zu folgen. Ohne meine Fragen nach der Urſache dieſer naͤchtlichen Wanderung zu beantworten, fuͤhrte er mich tiefer in die Gebirge, wo ich einen geraͤumigen Platz von Windlichtern erleuchtet, und einen Kreis von mehreren unbekannten Maͤnnern von wil⸗ dem, furchtbarem Anſehen fand. In ihrer Mitte erblickte ich den buͤbiſchen Verfuͤhrer meines Wei⸗ bes und Genoſſen meiner Feinde. Erilaſſen Sie mir die Erzaͤhlung der Scene, von welcher ich jetzt Zeuge ſeyn mußte, ſo wie von der Art und Weiſe, wie man von dem Nichtswuͤrdigen das Bekenntniß ſeiner Verbrechen und der ſchwarzen Plane ſeiner Bundesgenoſſen erpreßte. Die furchtbaren Raͤcher vollzogen eine ſchaudervolle Strafe an ihm; tief in den Schluͤnden jener Felsgekluͤfte modert des Elenden Leichnam.“ Montaldi. Wer war Ihr unbekannter Freund, und wie hatte er den Naͤuber Ihres Gluͤcks in ſeine Gewalt bekommen? Pizalto. Das letztere erfuhr ich niemals, ſo oft ich ihn auch deshalb befragte; aber mit ſeinem Namen wurde ich in der Folge bekannt. Es war der Centurier. Er ſelbſt erzaͤhlte mir ſpaͤ⸗ — 183— ter auch ſeine Verhaͤltniſſe zu dem Centuriſchen Freiſtaate. Durch die graͤßlichen Bekenntniſſe jenes Boͤſewichtes war ich genauer mit dem Zu⸗ ſammenhange und den Getrieben der Bosheit be⸗ kannt geworden, die unter Planen der Hoͤlle das Wohl meines Vaterlandes untergrub, wodurch der Entwurf zur Rettung deſſelben in mir reifte. Die Ausfuͤhrnng deſſelben lag jedoch damals noch in den Nebeln der Zukunft verborgen und konnte nur erſt lange nachher gedeihen. Durch die thaͤ⸗ tige Unterſtuͤtzung jenes Kloſters und die Mit⸗ wirkung meines Freundes Oktavio gelangte ich endlich zu dem Beſitze jener friedlichen Meierei, wo Sie mich kennen lernten, und zu dem Genuſſe ſtiller Zuruͤckgezogenheit, im ſuͤßen Frieden der Natur und ihrem vertrauten Umgange. Die ſchoͤne Ueberzeugung, daß der Menſch um ſo zu⸗ friedener und gluͤcklicher lebe, je naͤher er der Natur ſteht, wenn er mit reinem laſterfreien Herzen ſich in ihre Arme wirſt, ſoͤhnte mich nach und nach mit meinem herben Schickſale wieder aus. Bei Fleiß und laͤndlicher Betriebſamkeit“ fand ich mein Auskommen; meine Vorliebe fuͤr die Naturwiſſenſchaft, und beſonders die mir ge⸗ ſammelten Kenntniſſe und Erfahrungen in der Pflanzen⸗ und Heilkunde, verſchafften mir Ge⸗ legenheit, auf mannichfaltige Weiſe Rath, Troſt — 14— und Huͤlfe in die Huͤtten meiner Umgebungen zu bringen, wodurch ich den Namen des klugen Mannes im Walde erhielt. Oeftere Beſuche bei meinem Freunde Amadeo und dem frommen Prior des benachbarten Kloſters, wo ich auch den ehrwuͤrdigen Abt Ignazio von Sankt Lu⸗ 6 cian kennen und verehren lernte, unterſtuͤtzten meine Bemuͤhungen fuͤr ein begluͤckendes Ver⸗ geſſen des Vergangenen. Auf dieſe Art lebte ich in ſchoͤner Zufriedenheit. Mein Gluͤck wurde bald noch mehr erhoͤht, als einſt mein unbekann⸗ ter Freund, der ſich je zuweilen bei mir einſtellte, mir Dianoren, als das verwaiſte Kind einer ihm ſehr theuern Perſon zufuͤhrte, um an Vaterſtelle die Sorge fuͤr ihre Erziehung und Bildung zu uͤbernehmen. Der Anblick dieſes Fende, na zwar anfangs in mir ſchon halb verklungene Schmerzgefuͤhle wieder, weil ich in ihren Mie⸗ nen, Aehnlichkeit mit den einſt mir ſo theuern 4 Zuͤgen meiner Gattin zu bemerken glaubte; aber ich bereuete doch nicht, mich dem Auftrage mei⸗ nes Freundes unterzogen zu haben, denn die zarte Kindlichkeit und Unbefangenheit meiner Pflegbefohlenen, ihr ſanftes liebevolles Anſchmie⸗ gen an mich, den ſie fuͤr ihren Vater hielt, mach⸗ ten ſie meinem Herzen unendlich theuer. Ich lernte in ihr immermehr das Entbehren eines 4 eigenen Kindes verſchmerzen, und im Genuſſe ſuͤßer Vaterfreuden, die mir Dianora ſchenkte, nahm ich ſie um ſo lieber an Kindesſtatt an. Ich legte in die Haͤnde des Priors jenes Kloſters, in Gegenwart meiner Freunde Ignazio und Oktavio, die feierliche Akte nieder, wodurch ich ſie in geſetz⸗ licher Form fuͤr meine Tochter und einſtige Erbin erklaͤrte. Ich ſagte Ihnen daher die Wahrheit, als ich waͤhrend Ihres Aufenthaltes bei mir, Dia⸗ noren meine rechtmaͤßige Tochter nannte. Von die⸗ ſer Zeit an bekam ich meinen Freund Oktavio ſel⸗ tener als vorher zu ſehen; nur in beſonders drin⸗ genden Angelegenheiten, die ſeine Gegenwart bei mir noͤthig machten, konnte ich ihm, vermittelſt einer rothen Flagge, die Sie auf der Kapelle des Brunofelſens bemerkt haben, dazu das Signal geben. Alsdann fand in jener Kapelle unſre Zu⸗ ſammenkunft Statt. Aber auch entfernt von mir, gab er mir die kraͤftigſten Beweiſe ſeiner Theil⸗ nahme. Die Waldungen um mich her waren in der Naͤhe und Ferne ein Tummelplatz loſen Ge⸗ ſindels, das durch Raub und Mord, Furcht und Schrecken in der Gegend verbreitete. Auch meine friedliche Wohnung blieb von dieſen Boͤſewich⸗ tern nicht ganz verſchont; aber mein Freund wußte immer auf eine mir unerklaͤrbare Art alle dergleichen Anfechtungen und Stoͤrungen zu ver: — 186— eiteln. Die Zudringlichen wurden durch eine mir eingehaͤndigte Urkunde, ſo wie durch ein Bild, das ihn ſelbſt in ganzer Figur darſtellte, in Schrecken geſetzt und ſtets in die Flucht gejagt. Ich mußte das Gemaͤlde naͤmlich, ſeiner eigenen Verfuͤgung gemaͤß, in eine Vertiefung der Mauer, die an ein Nebengemach ſtieß, hinter einen ſich zuruͤckſchiebenden Spiegel anbringen; nun konnte ich das Gemaͤlde erſcheinen, oder auch ihn ſelbſt und jede andere Perſon hervortreten laſſen, je nachdem es die Umſtaͤnde erforderten. Das Ge⸗ maͤlde war uͤbrigens mit Federn verſehen, an welchen es ſich leicht zuruͤckdruͤcken ließ, wenn ſich der Raum in der Wand oͤffnen ſollte. Graf. So habe ich mich alſo eben ſo wenig als meine Gemahlin geirrt, als wir damals wirk⸗ liche Perſonen in dem magiſchen Spiegel zu er⸗ blicken glaubten? Gleichwohl iſt es mir kaum denkbar, wie ich den Marcheſe Riviali ſelbſt ſollte geſehen haben, als er nach mir den Dolch zuckte. Pizalto. Die Geſtalt trug blos die von ihm entlehnten Zuͤge. Ich haͤtte Ihnen noch eine ziemliche Gallerie von Portraits der Verſchwore⸗ nen des ſchwarzen Bundes zeigen koͤnnen, wie Sie dieſe in der Folge in den optiſchen Vorſtel⸗ lungen des Kaſtentraͤgers erblickten. Dieſe bleau's verſchaffte mir mein Freund Oktavio, und dieſe, in Verbindung mit den mir von Zeit zu Zeit mitgetheilten Nachrichten uͤber Yſamo's Zuſtand gaben mir Gelegenheit, ſo wirkſam fuͤr Sie und die Ihnen uͤbertragenen Angelegenheiten mich zu beweiſen. Damals war ich veranlaßt. worden, Ihnen den Marcheſe Riviali als Ihren gefaͤhrlichſten Feind zu zeigen, und Ihnen von der Sie durch ihn bedrohenden Gefahr, Kunde zu geben; aber ich haͤtte Ihnen durch eine aͤhnliche optiſche Taͤuſchung auch die Geſtalten von Cor⸗ vetti, Cerrino und den uͤbrigen Genoſſen des ſchwarzen Bundes koͤnnen erſcheinen laſſen, wenn es damals Oktavio's Plan geweſen waͤre. Dieſer war mit den Intriguen jener Verſchworenen eben ſo genau vertraut, als mit den Entwuͤrfen des Kabinets zur Ausgleichung der ſtets bedenklicher werdenden Mißhelligkeiten zwiſchen Yſamo und Latago, ehe ſie noch ganz zur Reife gekommen waren. Durch ihn erhielt mein lange im Stil⸗ len genaͤhrter Wunſch, mich meinem bedraͤngten Vaterlande huͤlfreich zeigen und es durch Edel⸗ muth beſchaͤmen zu koͤnnen, Befriedigung, und ich ließ die mir dargebotene Gelegenheit hierzu nicht unbenuͤtzt. Sie wiſſen, auf welche Art es geſchah. Alles war dahin eingeleitet worden, daß Sie mit Auftraͤgen der Regierung nach La⸗ ngo reiſen und in meine Wohnung einkehren — 483— . mußten, um Dianoren Ihnen naͤher zu bringen. Wenn auch jener naͤchtliche Ueberfall nicht dazu Verlaſſung gegeben haͤtte, ſo wuͤrde ich dennoch Mittel in Haͤnden gehabt haben, Ihren Aufent⸗ halt in meiner Wohnung zu veranlaſſen. Ich erſchien Ihnen zuerſt als unbekannter Warner, durch Oktavio dazu aufgefordert, und mit deſſen thaͤtiger Mitwirkung konnte ich Sie aus den Ge⸗ fahren befreien, wodurch ich mir Ihr Zutrauen erwarb. Es that mir zwar ſehr leid, daß ich den Schein von Abenteuerlichkeit dabei anwenden mußte, aber die Umſtaͤnde machten dieſes damals unumgaͤnglich noͤthig. Ehe Sie noch Yſamo wirklich verließen, waren ſchon Ihre und meine wuͤrdigen Freunde in Latago auf Ihre Ankunft und auf die zu nehmenden Maßregeln zu Gun⸗ ſten unſers Hofes vorbereitet, und dadurch der zerwuͤnſchte Erfolg Ihrer Sendung deſto mehr geſichert worden. Montaldi. Wie haͤtte ich damals ahnen ſonnen, daß ich die uͤberraſchende Zuvorkommen⸗ heit und auffallend freundſchaftliche Aufnahme in Latago, dem ehrwuͤrdigen Lorenzo zu verdanken hatte. 1 Pizalto. Der immer nur im Ganzen eine, ddemſelben untergeordnete Mittelsperſon war. Sie und Ihre Angelegenheiten ſtanden unter einer 189 hoͤhern Macht, die auch meine Thaͤtigkeit leitete. Der Arm der Kirche ſchuͤtzte und fuͤhrte Sie; ſie machte es ſich zur Pflicht, dem im Finſtern ſchlei⸗ chenden Laſter und deſſen Verbrechen zu ſteuern, die geſetzliche Verfaſſung des Staates aufrecht zu erhalten und ihre eigenen heiligen Rechte zu ſichern, welche von den verderbenſchweren Pla⸗ nen des ſchwarzen Bundes mit der allgemeinen Ruhe zugleich im hohen Grade bedrohet wurden. Ueberhandnehmende Verachtung des Heiligſten, der Kirche und ihrer Prieſter, Freigeiſterei, Un⸗ glaube und frecher Spott uͤber Religion, ſollten die Werke der Finſterniß unterſtuͤtzen, und auf dieſe Art war denn das Intereſſe der heiligen Kirche ſehr enge mit dem des Staats verwebt. Daß aber dieſes beiderſeitige Intereſſe geſteigert, und mit einem uͤber alle Erwartung ſiegreichen Erfolge uͤber die Bosheit der Hoͤlle gekroͤnt wurde, dieſes verdanken beide Theile dem Centuriſchen Oberſten. Montaldi. Moͤchte doch auch er endlich aus ſeiner Verborgenheit heraustreten, um ihm fuͤr ſeine Anſtrengungen danken zu koͤnnen. Pizalto. Dieſer Augenblick iſt nahe. Der Fuͤrſt iſt bereits auf ſeine Ankunft vorbereitet und von dem, was ſeine Mitwirkung fuͤr Yſamo's Rettung, ſo wie ſein ungluͤckliches und ſchmach⸗ belaſtetes Schickſal betrifft, in Kunde geſetzt wor⸗ den; er will fruͤhere Vergehen verzeihen und ihn begnadigen. Unſer beider Pflicht wird es als⸗ dann ſeyn, ihm perſoͤnlich unſern Dank abzu⸗ tragen, und ihn fuͤr Centurien zu erhalten. Montaldi. Ich bin dazu in vielfaͤltiger Hinſicht heilig verpflichtet. Pizalto. Ich bin es fuͤrwahr nicht weni⸗ ger; denn ohne ihn waͤre ich nach allen uͤber⸗ ſtandenen Gefahren endlich dennoch in jener Nacht, wo meine Wohnung und meine Habe durch Bosheit ein Raub der Flammen wurde, verloren geweſen. Mit Gefahr des eigenen Le⸗ bens drang er durch die lodernde Glut bis zu mir hin und brachte mich in Sicherheit; einige Augenblicke ſpaͤter, und es waͤre um mich geſchehen geweſen. Graͤfin. Dieſer Fremdling hat in der That uns Alle zu ſeinen großen Schuldnern gemacht, und mein Wunſch, ihn ebenfalls naͤher kennen zu lernen, iſt dadurch ſehr geſteigert worden. Sie ſcheinen mit ihm und ſeinen Verhaͤltniſſen ſehr genau bekannt zu ſeyn; darf ich ſeinen Namen nicht erfahren?. Pizalto. Er braucht Ihnen nicht laͤnger ein Geheimniß zu bleiben. Dieſer Petardo, oder wie er ſich auch ſonſt nennen mag, ſeitdem ihn 3 8 3 ſein feindſeliges Schickſal ſeinen Namen abzu⸗ legen zwang, iſt Niemand anders, als der Sohn des ungluͤcklichen Palozzi, des ehemaligen Statt⸗ halters von Canzoja, der, in den Kabalen gehei⸗ mer Boͤſewichter verflochten, zu Grunde ging und auf der Blutbuͤhne endete. Der Centuri⸗ ſche Freiſtaat nahm den ſchmachbelaſteten und verfolgten Fluͤchtling auf; aber von Vaterlands⸗ liebe und von dem Eifer beſeelt, den Untergang ſeiner Familie zu raͤchen, kehrte er nach Yſamo zuruͤck, um ihm im Stillen ſeine Huͤlfe zur Ret⸗ tung zu weihen. Montaldi. Wie kam es aber, daß ich nach jener verhaͤngnißvollen Nacht, wo ich Sie von den Flammen ihrer Wohnung umgeben, er⸗ blickte, bei allen angeſtellten Nachforſchungen, keine Spur von Ihrem Leben und Aufenhalte bekommen konnte? Pizalto. Die Unſtaͤnde noͤthtgten mich damals, jede Nachforſchung nach mir fruchtlos zu machen. Eines Theils wich ich dadurch Erklaͤrun⸗ gen aus, die ich Ihnen damals noch nicht geben durfte, andern Theils aber auch taͤuſchte ich meine Widerſacher durch meinen vermeinten Tod, und konnte im Verborgenen deſto wirkſamer fuͤr Yſa⸗ mo's Rettung ſeyn.— Ich lebte anfangs in ſtiller Verborgenheit in dem Karmeliterkloſter an— 5* — 192— der entgegengeſetzten Seite des Waldes in der Naͤhe der Klauſe meines Freundes Amadeo. Bald waͤhlte ich meinen Aufenthalt in dieſer Klauſe ſelbſt, und nahm Amadeo's Namen und Geſtalt an, als dieſer in Auſtrag ſeiner Obern jene fried⸗ liche Einſamkeit verließ und in das Geraͤuſch der Welt zuruͤckkehrte. Es mußte nothwendig ein Mann, auf deſſen Redlichkeit man ſich eben ſo feſt verlaſſen konnte, als auf ſeine Klugheit, hier in Yſamo auf den Platz geſtellt werden, der zur Beobachtung der Glieder des ſchwarzen Bundes und zur Vereitlung ihrer Abſichten erfordert wurde. Deshalb kam denn dieſer Amadeo auf Empfehlung Ihres ehrwuͤrdigen Freundes Igna⸗ zio, als Albero in Ihr Haus, und unterſtuͤtzte mich in der Ausfuͤhrung der noͤthigen Verfuͤgun⸗ gen. Nicht allein, daß er Sie, als der ſtumme Moͤnch Antonio in der Kloſterkirche nach der Ab⸗ tei von Sankt Lucian zu Ihrem Freunde, dem Abte, hinleitete; ſo war er es auch, durch deſſen Beiſtand ich die Verwandlung von Dianorens Ringe, meine naͤchtliche Erſcheinung bei ihr, und mein ploͤtzliches Verſchwinden, ſo wie alle jene raͤthſelhaften Ereigniſſe bewirkte, welche zu der endlichen Kataſtrophe hinfuͤhrten. 1³ Nondaldi. Wo iſt aber dieſer 2 Amadeo ſo ploͤtzlich hingekommen? Pizalto. Er kehrte nach Vollendung ſei⸗ ner Auftraͤge in ſeine ſtille Klauſe zuruͤck. Graͤfin. Und Petardo? Pizalto. Dieſer wird in Kurzem ebenfalls von dem Schauplatze hier abtreten; unſre Sorg⸗ falt wird aber darauf hingerichtet ſeyn muͤſſen, daß es ohne Gefahr und auf ehrenvolle Art ge⸗ ſchehen koͤnne. Graͤfin. Sollte wohl ein Mann, der ſo vieles fuͤr Yſamo that, noch Gefahr befuͤrchten duͤrfen? Pizalto. Vielleicht! Bei der gegenwaͤrti⸗ gen Lage der Sachen iſt jedoch zu erwarten, daß ſich die Umſtaͤnde beſeitigen laſſen werden, die ihnm noch gefaͤhrlich ſeyn duͤrften. Hoffentlich entgeht er auch dieſer Gefahr, wie ſo mancher fruͤhern, der er ſich um unſertwillen Preis gab. Der Ungluͤckliche war nirgends ſicher; nur die groͤßte Klugheit und die Kunſt, womit er ſeine Geſtalt ſo wie ſeine Geſichtszuͤge auf mannich⸗ fache Weiſe zu veraͤndern wußte, konnten ihn ſchuͤtzen. In der uͤbelſten Lage befand er ſich damals, als Sie Herr Graf, allen Warnungen ten Ermahnungen zuwider, ihre Abreiſe von atago bis zu jener Nacht verzoͤgerten, wo Sie mit dem Abſchiedsbecher ſollten vergiftet werden. Waͤre Corvetti durch das Ploͤtzliche und Unerwar⸗ IV. N 8 — 193—. 8 tete des Auftritts nicht zu gewaltſam uͤberraſcht geweſen; haͤtte dieſer ſchnell genug zur Beſinnung kommen, und Petardo's raſche Entfernung in der allgemeinen Verwirrung verhindern koͤnnen, ſo waͤre es um ihn geſchehen geweſen. Indem er Sie durch einen Gewaltſtreich rettete und Cor⸗ vetti als einen gemeinen Giftmiſcher entlarvte, ſetzte er nichts geringeres als ſich ſelbſt, ſeine Freiheit und ſelbſt ſein Leben in Geſahr. Montaldi. Ich habe mir oft Vorwuͤrfe uͤber jene Unvorſichtigkeit gemacht. Der Himmel ſey gelobt, daß die Folgen ohne Nachtheil fuͤr meinen edlen Retter waren, dem ich auf ſo viel⸗ faͤltige Art zum innigſten Danke verbunden bin. Graͤfin. Darf ich wohl erfahren, in wie⸗ fern vielleicht Conſtanza, die Schweſter dieſes Mannes, Antheil an der Achtung und Dankbar⸗ keit hat, zu welcher Sie ſich fuͤr jenen ſo ge⸗ drungen fuͤhlen. Montaldi. Ja, liebe Franziska, Sie follen es erfahren. Ihre ehemalige Erſchuͤtterung bei Erblickung ſeines Portraits in Verbindung mit andern Auftritten, haben in mir laͤngſt ſchon die Vermuthung zur Gewißheit geſteigert, daß auch Sie dieſen Mann weder damals noch vorher in Lorenzo's Spiegel zum erſten Male ſahen. Sie muͤſſen ihn ſchon ſeit laͤngerer Zeit kennen. H — 195— Ich habe mich von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, daß auch wir uns, ohne laͤngere Zuruͤckhaltung, offen und frei uͤber fruͤhere Verirrungen gegen einander erklaͤren. Ich will Ihnen hierin mit ſtrenger Wahrheitsliebe entgegen kommen.(In⸗ dem er liebevoll ihre Hand ergreift:) Ihr Herz wird mich uͤber das Geſchehene gewiß eben ſogern entſchuldigen, wie das meinige in Beziehung auf Sie dazu geneigt iſt. Ich zweifle nicht, daß unſre haͤuslichen und ehelichen Verhaͤltniſſe dabei nicht allein nichts verlieren, ſondern vielmehr ungemein gewinnen muͤſſen. Auch wird unſre beiderſeitige Rechnung in dieſem Punkte ſich das Gleichgewicht halten. Verſtehen Sie ſich zu die⸗ ſer gegenſeitigen aufrichtigen Erklaͤrung? Graͤfin. Ach! ich habe mich ſchon laͤngſt darnach geſehnt; denn nur durch dieſe Erklaͤrung kann ich den Frieden und die Ruhe meines In⸗ nern wieder gewinnen und mich von der ſchweren Buͤrde befreien, die in dem Bewußtſeyn meiner Schuld auf meinem Herzen laſtet. Montaldi. Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, liebe Franziska, daß dadurch das ſchoͤne Band, welches uns mit einander fuͤr das ganze Leben verbindet, enger und feſter in Liebe geknuͤpft werden ſoll. Ich will es Ihnen jetzt offen und freimuͤthig be⸗ kennen, daß Conſtanza, die Schweſter des un⸗ N 2 — 196— gluͤcklichen Palozzi, mich feſt an ihn band. Sie wiſſen, wie wenig unſre eheliche Verbindung das Werk unſrer eignen Herzen, ſondern Sache der Politik und des Willens unſrer Vaͤter war. Ich konnte Ihnen damals nur meine Hand reichen. Mein Herz gehoͤrte mir nicht mehr an; ich wuͤrde mich auch nie zu der Verbindung mit Ihnen ver⸗ ſtanden haben, wenn man mich nicht durch den vorgeblichen Tod meiner Geliebten hintergangen, und bewogen haͤtte, den dringenden Bitten mei⸗ nes Vaters nachzugeben. Ich bereuete es aber nicht, als ich die liebenswuͤrdigen Vorzuͤge Ihres Herzens und Geiſtes kennen und ſchaͤtzen lernte, die mich um ſo eher Conſtanzen vergeſſen ließen, da mich Vaterfreuden, in der Geburt unſers Scipio feſter und inniger an Sie banden. Haͤt⸗ ten Sie jenes liebenswuͤrdige Geſchoͤpf gekannt, Sie wuͤrden meine Zaͤrtlichkeit fuͤr daſſelbe gerecht⸗ fertiget und es nicht getadelt haben, daß ich ihm auch noch im vermeinten Grabe ein liebevolles Andenken ſchenkte. Dieſes ging jedoch ſchnell wieder in das vorige Feuer meiner Leidenſchaft uͤber, als ich nach dem Tode meines Vaters erfuhr, daß man mich nur durch Conſtanzens Tod ge⸗ taͤuſcht hatte. Durch die ſorgfaͤltigſten Nachfor⸗ ſchungen erhielt ich bald ſichere Kunde von ihrem Leben und Aufenthalte. Ich folgte dem Drange — 197— meines Herzens, das mich maͤchtig nach ihr hin⸗ zog; ich ſuchte ſie auf, und fand ſie huͤlflos und verlaſſen in einem ſehr bedauernswuͤrdigen Zu⸗ ſtande, der zu meiner Liebe das innigſte Mitleid geſellte. Meine Leidenſchaft fuͤr ſie kehrte mit aller Heftigkeit der erſten Liebe zuruͤck, und verleitete mich, zu vergeſſen, daß ſie unter mei⸗ nen nunmehrigen Verhaͤltniſſen Verbrechen war. Sorgfaͤltig verſchwieg ich es Conſtanzen, daß mich heilige Pflichten an Sie banden; ſie kam mir mit uͤberſtroͤmender Liebe und Zaͤrtlichkeit entgegen. So vertraͤumte ich wahrhaft ſelige Tage in ihrem vertrauten Umgange, und das Gluͤck deſſelben ließ mich den tiefen Fall ver⸗ ſchmerzen, zu welchem ich Conſtanzen mit mir hinabzog. Die damaligen Unruhen in Yſamo noͤthigten mich jedoch endlich hierher zuruͤckzukeh⸗ ren und ſetzten meinem Aufenthalte bei Conſtan⸗ zen Grenzen. Ich verließ ſie mit dem feſten Entſchluſſe des baldigen Wiederſehens. Aber die⸗ ſes ſollte mir nicht zu Theil werden. Kaum hatte Conſtanza auf ihre Erkundigungen erfahren, welche Bande mich an Sie, liebe Franziska, knuͤpften, ſo brach ſie auch ſogleich ihre Verbin⸗ dung mit mir ab. Sie entging meinen Nach⸗ forſchungen durch die Flucht, und hatte ſich, wie ich erſt lange nachher erfuhr, in das Magdalenen⸗ — kloſter zu Ciretto begeben, wo ſie unter from⸗ men Buͤßungen ihr Leben beſchloſſen hat. Sie lebt jetzt in dem Lande der Vollendung, und Ihnen allein, meine gute Franziska, gehoͤrt nun⸗ mehr mein Herz und meine ungetheilte Liebe. Graͤfin.(mit einer Umarmung:) Wie Ihnen das meinige jetzt zugehoͤrt. Montaldi. So bleibt uns fuͤr eine gluͤck⸗ liche Zukunft nichts weiter zu wuͤnſchen uͤbrig. Sie verzeihen mir? Graͤfin. Ach mein theurer Gemahl, wie ſollte ich nicht? Sie haben mir mehr zu verzeihen, als ich Ihnen. Ihr offenherziges Entgegenkom⸗ men macht mir es um ſo mehr zur Pflicht, Ihr Zutrauen auch von meiner Seite, durch eine aͤhn⸗ liche Erklaͤrung zu verdienen. Montaldi. Ich ahne worin dieſe Erklaͤ⸗ rung beſtehen wird; gerne gebe ich Ihnen die heilige Verſicherung, daß Sie dadurch nicht das geringſte verlieren ſollen. Mit Vergnuͤgen werde ich auch Ihnen eine jugendliche Verirrung Ihres Herzens uͤberſehen, fuͤr welche ich ſelbſt Ihre Ver⸗ zeihung im hohem Grade bedarf. Graͤfin. So ſey es denn! Ich mache Ihnen kein Geheimniß daraus, daß auch ich mich bei unſrer Vermaͤhlung in einem, Ihnen aͤhnlichen Falle befand, in ſo fern mein Herz keinen An⸗ — 199— theil an der fuͤr mich beſchloſſenen Wahl hatte⸗ Ich ehrte Sie und Ihre Verdienſte, aber Liebe fuͤhlte ich nicht, denn dieſe kannte ich damals 5 noch nicht. Ich war ein junges, eitles und leicht⸗ ſinniges von allen Seiten wegen ſeiner Liebens⸗ wuͤrdigkeit geſchmeicheltes, hoffaͤrtiges Maͤdchen, das keine andere Beduͤrfniſſe als die der Eitelkeit, des Stolzes und der Sucht nach glaͤnzenden Ver⸗ gnuͤgungen kannte. Der Vortheil meines Vaters machte ihm eine Verbindung mit Ihrem Hauſe ſehr wuͤnſchenswerth; deshalb hatte er denn Sie fuͤr mich zum Gemahl beſtimmt, und mit Ihrem Vater die Sache abgemacht, ohne daß wir Beide dabei zu Rathe gezogen wurden. Wir waren an den Willen unſrer Eltern gebunden. Es koſtete jedoch meinem Vater keine große Muͤhe, mich zur Annahme ſeiner Wahl zu beſtimmen. Von ſeinen Vorſpiegelungen des uns dadurch an⸗ wachſenden Glanzes und Ueberfluſſes uͤberredet, bedachte ich mich nicht lange, Ihnen meine Hand zu reichen. Ihre zuvorkommende Bereitwilligkeit fuͤr die Befriedigung meiner Wuͤnſche und Sucht nach immer neuen Zerſtreuungen, erhoͤheten mir die Annehmlichkeiten Ihres Umgangs. Ihre zarte liebevolle Behandlung floͤßte mir wirklich eine beſondere Zuneigung fuͤr Sie ein, die ich fuͤr Liebe hielt, und die Gewohnheit, noch mehr aber die Geburt unſers Scipio band mich feſter an Sie. Mein Leichtſinn, ſo wie der Reiz zu immer neuen Abwechſelungen und Vergnuͤgungen betäͤubten mich, und ſiegte uͤber die Gefuͤhlen muͤt⸗ 4 terlicher Liebe. Daher nahm ich denn auch ſehr gern Ihren Antrag an, mich zur groͤßern Be⸗ feſtigung meiner Geſundheit und zur Erhoͤhung meiner Zerſtreuungen auf kurze Zeit von meinem Kinde zu trennen und die ſchoͤne Jahreszeit in den vergnuͤgungsreichen Baͤdern von Avi zuzu⸗ bringen. Dort war es nun, wo ich zuerſt fuͤhlen lernte, daß mein Herz Beduͤrfn iſſe hatte, die mir bis dahin fremd geblieben waren. Ach, ich ahnete nicht, daß ihre Befriedigung das Grab meiner Ruhe werden ſollte! Leichtſinnig uͤberließ ich mich den mannichfaltigen Zerſtreuungen, die dort mir zum Genuſſe winkten. Ich lernte einen jungen Officier kennen, der ſich Ludoviko Minelli nannte, und ich kann nicht laͤnger zweifeln, daß dieſer liebenswuͤrdige Fremdling der geaͤchtete Sohn des ungluͤcklichen Palozzi und Conſtanzens Bruder war, den Sie in der Folge als den Cen⸗ turiſchen Oberſten Petardo kennen lernten. Schon bei ſeiner erſten Bekanntſchaft fuͤhlte ich mich ſo maͤchtig nach ihm hingezogen, daß die Zuneigung fuͤr dieſen maͤnnlich ſchoͤnen Juͤngling in meinem unbewahrten Herzen ſehr ſchnell zur gluͤhendſten — 201 Leidenſchaft wurde. Von Jugend an get vohnt, mich von den angenehmſten jungen Maͤnnern umringt zu ſehen und ihre Huldigungen zu em⸗ pfangen, fuͤhlte ſich auch meine Eitelkeit deſto heftiger gekraͤnkt, als dieſer, dem jeder meiner uͤbrigen Verehrer den Vorzug einraͤumen mußte, dem Zauber meiner Reize widerſtand. Ich wandte meine ganze Liebenswuͤrdigkeit an, und ſcheuete keine Bemuͤhung, ſeine Aufmerkſamkeit rege zu machen. Aber immer vergebens. Selten ließ er ſich in unſern geraͤuſchvollen Zirkeln blicken. Eine unverkennbare Schwermuth ſchien ſich ſeiner be⸗ meiſtert und ihn die rauſchenden Ergoͤtzlichkeiten der lebensluſtigen Badegaͤſte unſchmackhaft ge⸗ macht zu haben. Oefter uͤberließ er ſich dagegen einſamen Schwaͤrmereien in den abgelegenſten Partien des angrenzenden Parkes. Um ihn noch mehr an mich zu feſſeln, verbarg ich meine ſtets froͤhliche Laune unter dem Anſtriche aͤhnlicher ſanfter Schwaͤrmereien, und wußte es ſo einzu⸗ richten, daß er mich auf ſeinen Spaziergaͤngen im Parke treffen und meinen Bemuͤhungen fuͤr eine naͤhere Bekanntſchaft entgegenkommen mußte. Dieſes gelang. Wir trafen uns bald taͤglich, und in kurzer Zeit nahm unſer Umgang immer mehr den Charakter inniger und liebevoller Vertraulich⸗ keit an. Ich fuͤhlte mich dadurch ſo gluͤcklich, daß ——⸗—⸗:——;ᷓ—OQ(COC—— 1— ich dafuͤr allen andern bisherigen Vergnuͤgungen entſagte. So ſorgfaͤltig er aber die Urſache ſei⸗ ner Schwermuth vor mir verbarg, die mit unſe⸗ rer vertraulichen Bekanntſchaft immer mehr ver⸗ ſchwand, und dagegen einer heitern Stimmung Platz machte, eben ſo ſehr war auch ich darauf bedacht, daß er von meinen Verhaͤltniſſen zu Ihnen, mein Gemahl, nichts erfahren konnte. Er hielt mich fuͤr die verwaiſte Tochter eines An⸗ verwandten meines Vaters, welche dieſer an Kindesſtelle angenommen hatte, und ich ließ ihn gern in dieſer Meinung, weil ich von ſeiner ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit befuͤrchten mußte, die Freuden ſeines vertrauten Umgangs zu verlieren, wenn er erfuͤhre, daß mich ſchon die heiligen Bande der Ehe an einen Andern knupften. Unſre gegenſeitige Zuneigung fuͤr einander wuchs zur feurigſten Leidenſchaft; ſie ließ mich im ſuͤßen Taumel alles— ſelbſt die Ihnen ſchuldige Treue vergeſſen. Zu ſpaͤt aus meinem Sinnenrauſche erwachend, riß ich auch den heißgeliebten Ludo⸗ viko immer tiefer mit mir hinab. Furchtbar aͤngſtigten mich nur zu bald die Folgen dieſes Fehltritts. Auch nicht minder ſchrecklich war Ludoviko's Gemuͤthsbewegung, als ich ihm meine wahren Verhaͤltniſſe und meine eheliche Verbin⸗ dung mit Ihnen entdeckte. Der Name Montaldi, — 203— den er den edelſten Freund ſeiner Familie nannte, erſchuͤtterte ihn uͤber alle Beſchreibung; alle ſeine vorige Zaͤrtlichkeit zu mir ſchien ſich in Verachtung umzuwandeln. Nur mit vieler Muͤhe und auf meine dringendſten Bitten konnte ich ihn bewe⸗ gen, mich nicht huͤlflos den Qualen der Ver⸗ zweiflung Preis zu geben. Er ſchenkte mir noch auf einige Zeit ſeinen Beiſtand, aber ſeine Hei⸗ terkeit war dahin und in einen duͤſtern Ernſt uͤbergegangen, den er nur aus Schonung fuͤr mich noch zu mildern ſuchte. Kaum hatten ſich indeſſen meine Geſundheitsumſtaͤnde gebeſſert, und ihm erlaubt, ſich der Pflicht meiner Erhal⸗ tung zu entziehen, ſo löͤſte er mit ſtrenger Uner⸗ bittlichkeit das Band unſrer ſtraſbaren Verbin⸗ dung. Er trennte ſich auf immer von mir, und alle meine ſpaͤtern Bemuͤhungen von ſeinem Leben und Aufenthalte, oder von den Schickſalen mei⸗ nes Kindes, das er meinen Nachſorſchungen ent⸗ zogen hatte, Kunde zu erhalten, blieben fruchtlos. Da wurde mir endlich nach langer Zeit durch Amadeo in der Kapelle der heiligen Thekla eroͤff⸗ net, daß Dianora dieſes Kind ſey. Montaldi. Ich danke Ihnen, liebe Fran⸗ ziska, fuͤr dieſe aufrichtige Mittheilung des Ver⸗ gangenen. Nunmehr bin ich uͤber Dianoren und die ihretwegen fruͤher erhaltenen Hindeutungen — 204— vollſtaͤndig aufgeklaͤrt. Dianora iſt mir deshalt nicht minder werth, als bisher, da ich ſie fuͤr mein und Conſtanzens Kind hielt. Wir ſind jetzt beide zufrieden geſtellt. Möge ſich nun an unſre gegenſeitigen Herzenserleichterung die auf⸗ richtigſte Verzeihung unſrer jugendlichen Ver⸗ irrungen und ein gaͤnzliches Vergeſſen derſelben anſchließen. Dieſe Stunde ſchenkt uns unſeren verlorenen Seelenfrieden wieder, und vermaͤhlt uns auf's neue. Wir wollen in Zukunft unge⸗ theilt fuͤr einander leben, und durch Eintracht und Liebe ganz gluͤcklich ſeyn. Graͤfin.(indem ſie in ſeine Umarmung ſinkt:) Ihre treue liebende Franziska auf ewig! „O nehmen Sie auch mich in dieſen ſchoͤnen Verein auf,“ ſprach Pizalto, indem er geruͤhrt naͤher trat; laſſen Sie mich Theil nehmen an der Feier dieſer großen Stunde.“ „Wem verdanken wir das hohe Gluͤck des Wiederſindens unſrer Herzen, als Ihnen,“ er⸗ wiederte der Graf, und zog ihn ſanft an ſeine Seite,„ſo wie jetzt unſre Arme ſich um Ihren Nacken ſchlingen, ſo ſey fuͤr alle Zeiten das Band tveuer Freundesliebe um uns gewunden!“ Der folgende Tag war dazu beſtimmt, das Gluͤck der beiden Liebenden, Manutti's und Dia⸗ t — 205— norens, durch Prieſterhand zu befeſtigen. Er erſchien; und mit ihm ſtellten ſich auch, naͤchſt der Altieriſchen Familie, die zahlreich eingelade⸗ nen Freunde, als Theilnehmer der Feierlichkeit ein. Der Fuͤrſt ſelbſt begleitete das Brautpaar zum Altare, und vereinigte ſeine aufrichtigen Segenswuͤnſche fuͤr deſſen Wohl mit den heißen Gebeten Pizalto's, Montaldi's und Altieri's. Alles athmete Freude. Pfeilgeſchwind flogen die⸗ Stunden dieſes feſtlich ſchoͤnen Tages unbemerkt uͤber die Gluͤcklichen dahin. Zum Vergnuͤgen und zu groͤßerer Abwechſelung der Gaͤſte war von dem Grafen Montaldi, auf Veranlaſſung ſeines Freundes Pizalto, fuͤr den Abend ein Ball in Maske veranſtaltet worden. Ein Chor junger Maͤdchen und Knaben, als Genien gekleidet, eroͤffnete denſelben; leicht be⸗ ſchwingt naͤherte ſich die tanzende Schaar den Neuvermaͤhlten, und umfſlocht ſie unter frohem Geſang mit Blumengewinden, bis ſich die uͤbri⸗ gen Masken unter ihren Kreis miſchten. In dem bunten Gedraͤnge der letzteren zeichnete ſich unter mehreren ein aͤgyptiſcher Wahrſager aus, der, ohne von irgend Einem der Anweſenden gekannt zu ſeyn, doch Jeden genau zu kennen ſchien. Alles draͤngte ſich zu dieſer Maske hin und ließ ſich wahrſagen. Unter den ſcherzhaf⸗ * teſten und witzigſten Abwechſelungen machte der Unbekannte treffende Anſpielungen auf die Ver⸗ haͤltniſſe und Angelegenheiten der Einzelnen, daß Jeder um ſo neugieriger war, zu erſahren, wer unter dieſer Maske verborgen ſey; aber es gelang Keinem. Sowohl den Einen wie den Andern wußte der Wahrſager durch nichtige Ver⸗ muthungen zu aͤffen, und Niemand konnte aus ihm klug werden. Am meiſten beſchaͤftigte er ſich mit den beiden Neuvermaͤhlten. Die Graͤfin Mon⸗ taldi naͤherte ſich ihnen, als er eben Dianoren neues ungeſtoͤrtes Gluͤck fuͤr die Zukunft prophe⸗ zeihte.„Werde auch ich auf dieſen ungeſtoͤrten Frieden Anſpruch machen koͤnnen?“ fragte ihn die Graͤfin.„Der verworrene Knaͤul Ihres Schickſals hat ſich gluͤcklich entwirrt,“ erwiederte die Maske in feierlichem Tone;„wie Sie ſelbſt in Zukunft ſeinen Faden aufwinden werden, ſo wird es blos auf Sie ankommen, unvergaͤnglich ſchoͤne Blumen eines ungetruͤbten Gluͤcks und innern Friedens daran zu reihen./ „Ein an Ihrem Gluͤcke theilnehmender Freund erwartet Sie in dem hinteren Pavillon Ihres Gartens,“ fuhr der Unbekannte leiſe gegen ſie fort, und gleitete neckend an einigen anderen Masken voruͤber nach einem Seitenzimmer, wo der Fuͤrſt mit ſeinen Freunden, Montaldi, Pi⸗ 2607— zalto und Altieri, im traulichen Geſpraͤch be⸗ griffen war. „Biſt Du die Reihen durch,“ fragte der Fuͤrſt ſcherzend, als die Maske hereintrat;„willſt Du vielleicht auch mir wahrſagen?“ „Ich darf Sie doch nicht uͤberſehen,“ ſagte der Wahrſager,„auch habe ich das Beſte meiner Kunſt fuͤr Sie aufgeſpart.“ „Das Beſte?“ erwiederte der Fuͤrſt,„nun, wenn Du nur Gutes prophezeiheſt, ſo ſey mir willkommen; das Boͤſe erfahre ich ohnehin zeitig genug.“ „Nicht immer!“ meinte jener,„je fruͤher man das verhaͤngte Boͤſe erfaͤhrt, deſto gefaßter und vorbereiteter kann man ihm entgegen tre⸗ ten.“ „Nun ſo laß Deinen Soruch hörenl ſprach der Fuͤrſt. „Ich blicke in die Ferne,“ begann der Wahr⸗ ſager,„und vernehme die Stimme des Aufruhrs und in dem Rauſchen wildbewegter Zeit der Sturmglocken ſchauerliches Geheul, das ſich aber in die Akkorde neuer Wohllaute der Vreuden und des Gluͤcks aufloͤſt.“ „Des Aufruhrs?“ unterbrach ihn der Furſt erſchrocken, Uinlückspaophkiener erklaͤre Dich deue licher!" —. 7 * 8 — „Bald wird ſich meine Verkuͤndigung beſtaͤti⸗ gen,“ fuhr die Maske fort;„die kreiſende Zeit gebiert in dieſer Nacht fuͤr Yſamo neuen Segen, und der ſchon kommende Morgen bringt Yſamo's edelm Beherrſcher die frohe Kunde, das der Sturm an dieſes Landes Grenzen in dieſer Nacht die Werke der Finſterniß auf immer vernichtete. Ich ſehe die Aurora der gluͤcklichen Zukunft em⸗ porſchweben und ihren ſanſten Roſenſchimmer uͤber den vaterlaͤndiſchen Boden verbreiten, dem in dieſen naͤchtlichen Stunden Yſamo's Heil ent⸗ keimt.“ Kaum hatte die Maske dieſe Worte geſprochen, ſo ſchluͤpfte ſie nach einer fluͤchtigen Verbeugung zum Zimmer hinaus, und alle Verſuche, ſie wie⸗ der ausfindig zu machen, blieben fruchtlos; ſie war nirgends mehr zu ſehen. 8 Der Fuͤrſt war durch dieſe Nachricht, ſo un⸗ wahrſcheinlich ſie ihm auch daͤugte, doch in einige Unruhe verſetzt worden. Er gab Befehl, ſogleich Eilboten nach der Grenze abzuſenden, um Gewiß⸗ heit zu bekommen. Der Graf Pizalto ſchien jedoch mit den Ereigniſſen dieſer Nacht hinlaͤng⸗ lich bekannt zu ſeyn; denn er ermangelte nicht, in einer vertrauten Unterredung dem Fuͤrſten und ſeinen beiden Freunden, Montaldi und Altieri, den Zuſammenhang dieſer Dinge und — 209— ihre wohlberechneten Folgen auseinander zu ſetzen. Die Graͤfin ſaͤumte nicht, der erhaltenen Weiſung des Wahrſagers zu folgen; ſobald es 2 unbemerkt geſchehen konnte, entfernte ſie ſich aus der Geſellſchaft, um den ſie erwartenden Freund aufzuſuchen. Der Pavillon war verſchloſſen, oöͤffnete ſich aber ſogleich, als ſie ſich ihm nahete und einige Male an die Thuͤre geklopft hatte. Der Marcheſe Riviali trat ihr mit einem Lichte entgegen. „Wie?“ fragte die Graͤfin verwundert,„Sie hier? das vermuthete ich nicht.“ „Darf ich mich erkundigen, wem Ihre uner⸗ wartete Erſcheinung hier gilt?“ ſtotterte Riviali verlegen. Graͤfin. Man hat mich hierher beſchieden, — aber was iſt Ihnen? Sie ſind ſo verlegen, ſo ſchuͤchtern; Sie ſind wahrſcheinlich nicht allein hier? Riviali. Nein, ich bin nicht allein. Sie kommen vielleicht auf Veranlaſſung des aͤgypti⸗ ſchen Wahrſagers, der auch mich hierher gefuͤhrt . hat? Graͤfin. So iſt es. Kennen Sie dieſe Maske? IV. — 210— Riviali. Sie will ſich Ihnen wahrſchein⸗ lich nur ſelbſt entdecken. Haben Sie die Guͤte, mir in dieſes Zimmer zu folgen, und ſeyn Sie außer Furcht, wenn Sie vielleicht in dem an⸗ grenzenden Saale einige Bewegungen und Waſ⸗ fengeraͤuſch bemerken ſollten.. Graͤfin.(erſchrocken:) Waffengeraͤuſch? Mein Gott! was geht hier vor? Riviali. Nichts was Ihnen Gefahr drohen koͤnnte. Hier iſt er ſelbſt, der Ihnen das Noͤ⸗ thige mittheilen wird. Der Unbekannte trat jetzt herein.„Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ wandte er ſich an den Marcheſe;„es iſt doch alles in Bereitſchaft?“ „Wir koͤnnen auf den erſten Wink aufbre⸗ chen;“ erwiederte dieſer. „Nun wohlan!“ fuhr jener fort,„ich habe nur noch mit dieſer Dame zu ſprechen, und folge Ihnen ſogleich. Mit dem Glockenſchlage der beſtimmten Stunde brechen wir auf.“* Der Marcheſe entfernte ſich. Der Unbe⸗ kannte wandte ſich mit freundlichem Gruße zur Graͤfin und nahm die Larve ab. Es war Petardo. „Ludoviko!“ rief die Graͤfin heftig uͤberraſcht. „Ich bin es;“ nahm er das Wort,„im Ver⸗ trauen auf die Verſicherungen Ihres Freundes Lorenzo, daß meine Erſcheinung keinen nachthei⸗ 4 ligen Einfluß mehr auf Sie haben werde, bin ich ſeinen Zuredungen gefolgt und aͤnderte mei⸗ nen Entſchluß des nimmer Wiederſehens.“ „Lorenzo hat Ihnen Wahrheit geſagt,“ ant⸗ wortete die Graͤfin,„ich habe mich an meine Pflicht wieder angeſchloſſen und ihr meine ehe⸗ malige Leidenſchaft untergeordnet. Ich ehre in Ihnen gegenwaͤrtig nur den durch meinen Leicht⸗ ſinn ungluͤcklich gewordenen Freund und den Va⸗ ter meiner Tochter Dianora.“ Petardo. Sie haben darauf gedrungen mich zu ſehen und zu ſprechen, und ſo unſchicklich auch in mehrer Hinſicht dieſe Stunde dazu ſeyn moͤchte, ſo habe ich ſie gleichwohl zu dieſer Unter⸗ redung waͤhlen muͤſſen. Die Augenblicke ſind jedoch wichtig, und unſer Geſpraͤch kann nur kurz ſeyn. Graͤfin. Die Eile, die ich an Ihnen be⸗ merke, laͤßt mich beſorgen, daß Sie im Begriffe ſtehen, ſich von uns zu trennen. Vergebens naͤhrte ich mit meinem Gemahle alſo wohl die Hoffnung, Sie in Zukunft recht oft hier zu ſehen. Petardo. Das kann nicht ſeyn. Ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß in Yſamo * mein Bleiben nicht ſeyn darf. Wenn die Stunde der Trennung erſcheint, dann ſcheide ich auf im⸗ mer von dieſer Gegend und von Ihnen.. O2 — 212— Graͤfin. Soll ich Sie blos wiedergeſehen haben, um auf immer von Ihnen zu ſcheiden? ſollten die Bitten der Freundin, Ihrer Tochter und Ihrer Freunde nichts vermoͤgen? Petardo. Die Erfuͤllung heiliger Pflichten bindet meinen Willen. Ich habe das ſchoͤne Ziel meiner feurigſten Wuͤnſche erreicht; ich weiß Dianoren in den Armen eines edeln Mannes, und Sie ſelbſt im ſchoͤnen eintrachtsvollen Ver⸗ ſtäͤndniß mit Ihrem Gemahle gluͤcklich, und ſo folge ich denn nunmehr deſto heiterer dem Rufe meiner Beſtimmung. Ich nehme die Ueberzeu⸗ gung mit mir, daß Sie mit ſich ſelbſt wieder aus⸗ geſoͤhnt ſind, und in treuer Liebe zu Ihrem Ge⸗ mahle Ihren begluͤckenden Beruf finden werden. Graͤfin. Dieſe Ueberzeugung truͤgt Sie nicht. Wir haben uns Beide gegen einander ver⸗ ſtaͤndigt, indem wir uͤber unſre fruͤheren Ver⸗ irrungen uns gegenſeitig offenherzig mittheilten. Er hat mir das Geſchehene in Beziehung auf Sie eben ſo gern und willig verziehen, als ich ihm, wegen ſeiner fruͤhern Leidenſchaft fuͤr Ihre Schweſter Conſtanza verziehen habe. Petardo. So ſind Sie auch hiervon un⸗ terrichtet? Graͤfin. Vollkommen. Jedes fruͤhere Ge⸗ heimniß zwiſchen mir und meinem Gemahle iſt jetzt beſeitigt, und mit zutrauenvollem Vertrauen haben wir enger als jemals uns in Liebe ver⸗ eeinigt. Jahrelange Reue hat den Himmel uͤber fruͤhere Verirrungen mit mir verſoͤhnt; ich habe mein Herz durch das reuige Bekenntniß meiner Schuld entlaſtet, und gegenwaͤrtig mangelt mir nichts weiter zu meiner voͤlligen Beruhigung, als Ihre Verzeihung. Das iſt die Urſache, warum ich mich ſo heiß und innig nach Ihrem Wieder⸗ ſehen ſehnte. Petardo. Wir haben Beide gefehlt. Kann es aber zu Ihrer Beruhigung beitragen, ſo ver⸗ ſichere ich Ihnen, daß ich Ihnen ſchon laͤngſt eine Verirrung des Herzens verziehen habe, die ich mit Ihnen theilte, und die mir einen ſo ſchoͤ⸗ nen Traum gewaͤhrte, zu einer Zeit, wo die rauhe Wirklichkeit hoͤchſt freudenleer fuͤr mich war. Wir ſcheiden ohne Groll und voͤllig aus⸗ geſoͤhnt mit uns und dem Himmel. Graͤfin. Muͤſſen wir ſcheiden? kann nichts Sie zuruͤckhalten? Beſorgen Sie vielleicht, daß Ihre Naͤhe meine Vorſaͤtze wankend machen und meine Herzensruhe ſtoͤren koͤnnte? feierlich ſchwoͤre ich Ihnen, daß von dieſer Seite nichts mehr zu befuͤrchten ſeyn ſoll. Ich mache blos Anſpruͤche auf Ihre Freundſchaft, ſe wie ich ſie Ihnen weihe. Petardo. Meiner Pflicht muß ſich jede Wideerſetzlichkeit fuͤgen. Graͤfin. Iſt das Gewicht dieſer Pflicht ſtaͤrker als der Ruf der Freundſchaft und die Bit⸗ ten des Kindes? Petardo. So iſt es. Ich habe wichtige Verpflichtungen auf mich genommen, deren Er⸗ fuͤllung mich einzig mit meinem widrigen Ge⸗ ſchicke ganz ausſoͤhnen kann. Ich ſtand bisher auf einer ſchauderhaften Stelle, und ich ſtand nicht allein auf ihr. Mein Ungluͤck verbruͤderte mich mit einer ſehr zahlreichen Familie, die ihr ganzes Schickſal in meine Hand legte und treu meinem Willen folgte. Ich habe es dem Himmel gelobt, wie ein guter Familienvater fuͤr das Wohl der Meinigen zu ſorgen, nnd bin es mir, der buͤrgerlichen Geſellſchaft und dem Himmel lchun dig, ſtrenge Wort zu halten. Graͤfin. Wohin gehen Sie, wenn wir ſcheiden? Petardo. In weite Ferne, doch ſollen Sie von mir hoͤren, und mit freundſchaftlicher Theil⸗ nahme ſich meines errungenen Gluͤcks freuen. Graͤfin. Werden wir uns nie wiederſehen? Petardo. Kann ich es vom Himmel er⸗ bitten, ſo komme ich einſt zuruͤck, um mich in den Folgen meiner gelungenen Anſtrengungen zu d- — 215— ſpiegeln. Alsdann werden wir uns gluͤcklicher wiederſehen und ruhiger uns trennen. Gräfin. Sie wollen uns ſchon in dieſer Nacht verlaſſen? Ich vernehme in der Naͤhe ein dumpfes Getoͤſe, wie Waffengeraͤuſch; der Mar⸗ cheſe Riviali machte mich bei meinem Empfange ſchon darauf aufmerkſam; er ſelbſt war ſo un⸗ ruhig, ſo verlegen. Was geht hier vor? Petardo. Seyn Sie ganz außer Sorgen. Der kommende Tag wird Ihnen beruhigenden Aufſchluß geben. Graͤfin. Wollen Sie nicht wenigſtens noch einmal zu meinem Gemahl kommen, der ſo ſehn⸗ lich nach Ihrem Wiederſehen geizt? Petardo. Ehe ich mich gaͤnzlich von hier trenne, ſehe ich Ihren Gemahl zuverlaͤſſig, um von ihm Abſchied zu nehmen. Jedoch erlauben Sie, daß ich unſer Geſpraͤch jetzt abbreche. Meine Zeit gehoͤrt nicht mehr mir allein; mich ruft eine gewichtige Stunde. Graͤfin. Wollen Sie mich in dieſer be⸗ aͤngſtigenden Ungewißheit zuruͤcklaſſen? Die krie⸗ geriſchen Zuruͤſtungen, die ich zu bemerken glaube, laſſen mich das Schlimmſte fuͤrchten. Es droht Ihnen Gefahr. 4 Petardo. Sie iſt nicht von der Art, daß Sie daruͤber fuͤr mich zagen muͤßten. Dieſe naͤcht⸗ — 216— lichen Stunden rufen mich zur Vollendung mei⸗ nes vieljaͤhrigen gefahrvollen Werks. Es iſt Se⸗ gen fuͤr dieſes Land. Der edle Pizalto ſelbſt nimmt Theil daran, das mag Sie zufrieden ſtellen.(Es ertoͤnt die Stunde der Mitternacht.) Die Stunde meiner Beſtimmung ſchlaͤgt.(Man hoͤrt ein zunehmendes Geraͤuſch und ſich naͤhernde Schritte.) Meine Begleiter kommen; ſie duͤr⸗ fen Sie nicht hier ſinden.(Er reicht ihr mit einem herzlichen Drucke die Hand zum Abſchiede.) Leben Sie wohl, Franziska, und gedenken Sie meiner im Segen! Er fuͤhrte die Graͤfin hinaus ins Freie, und eilte in den Pavillon zuruͤck. Die Verſchworenen des ſchwarzen Bundes hatten indeſſen Hand an ihr Werk gelegt, wozu, ihrer Meinung nach, alles ſo gut vorbereitet war, daß ſie auf den untruͤglichen Erfolg mit voller Zuverſicht rechneten. Sowohl die Zubereitungen zu Dianorens Verbindung, als auch die Feſtlich⸗ keiten des Vermaͤhlungstages ſelbſt, ſchienen den Hof und namentlich den Grafen Montaldi und deſſen Freunde ſo ausſchließend zu beſchaͤftigen, daß Torſo deſto unbeobachteter glaubte handeln zu koͤnnen. Er hatte bereits ſeinen entfernten Mitgenoſſen die erforderlichen Weiſungen uͤber⸗ — 5 fendet, und die jenigen von ſeinen Kreaturen, welche an der Grenze den Sturm beginnen und leiten ſollten, dorthin geſchickt. Mit geſpannter (Erwartung ſah er den Dingen, die da kommen mußten, entgegen. Noch in Betrachtungen ver⸗ ſunken, brachte ihm ploͤtzlich ein Eilbote von Petardo die Nachricht, daß ſeinen Anordnungen zuͤfolge, mit dem Einbruche der Nacht ſein Name die Loſung zum Aufruhre gegeben habe, und daß durch die zu erwartende Theilnahme der Latagoer Truppen der erwuͤnſchte Fortgang ſich hoffen laſſe. Er ſolle nunmehr nicht zoͤgern, mit ſeinen Ver⸗ buͤndeten in der Hauptſtadt ſelbſt einzugreifen und zur Foͤrderung⸗der Unternehmung beizutragen. Da alles hierzu in Bereitſchaft war, ſo durfte er im Kreiſe ſeiner vertrauten Mitgenoſſen nur die Stunde der Mitternacht erwarten, um zur Ausfuͤhrung zu ſchreiten. Kaum war der zwoͤlfte Glockenſchlag verhallt, ſo begann es lebhaft zu werden.„Verrath! Empoͤrung!“ ſtuͤrmten ver⸗ worrene Stimmen, und unter zunehmendem Tumult erſcholl Torſo's Name durch die Straßen. Dieſer und ſeine Genoſſen waren jetzt eben im Begriffe aufzubrechen, um durch ihre Gegenwart der Loſung zum Sturme ein groͤßeres Gewicht zu geben, als ploͤtzlich Corvetti bleich und erſtön zu ihnen hereinſtuͤrzte. — 218— „Nichtswuͤrdiger!“ donnerte ihm Torſo ent⸗ gegen,„Du wagſt es noch, Dich hier blicken zu laſſen?“ „Ihr ſeyd betrogen!“ unterbrach ihn dieſer, „wir alle wurden ſchaͤndlich verrathen. Petardo, Lucillo und Riviali ſtehen gegen uns im Bunde. Mit vieler Muͤhe bin ich endlich dem verraͤtheri⸗ ſchen Petardo und ſeinen Helfershelfern entron⸗ nen. Der Sturm, der jetzt unſern Gegnern gelten ſoll, iſt gegen uns ſelbſt gerichtet; rettet, was noch zu retten iſt! flieht! ſonſt ſind wir Alle verloren!“— Bleich und bebend ſtarrte die Verſammlung Corvetti an, deſſen Schreckensgeſtalt die Wahr⸗ heit ſeiner Worte ſo ſehr bekraͤftigte. Ehe ſie noch zur Beſinnung gelangen konnten, wurde die Thuͤre aufgeriſſen, und der furchtbare Petardo ſtuͤrmte an Pizalto's Seite und von fuͤrſtlichen Soldaten begleitet, in ſeiner ganzen Schreckbar⸗ keit herein. Wie von einem heftigen Donner gelaͤhmt, bebte die Verſammlung in ſtarren Gruppen zu⸗ ruͤck; ihre Denkkraft ſchien mit ihrer Dosheit zugleich vernichtet zu ſeyn. 3 3 „Sie finden hier die gemachte Anteige beſta⸗ tigt, wandte ſich Petardo an den Anlihrer der — 219— Soldaten,„und ſo uͤbergebe ich Ihnen dieſe Herrn.“ „Im Namen Seiner Durchlaucht ergreift die Rebellen!“ rief der Officier ſeinen Begleitern zu. „Ihr haftet dafuͤr, daß Keiner entrinne!“ Die Wache drang gegen die Verſchworenen vor. Dieſes weckte Torſo aus ſeinem Hinſtarren; ſchnell zog er einen Dolch hervor, um ſich damit zu durchbohren. Doch Petardo ſiel ihm in den Arm und entwaffnete ihn. „Elender!“ knirrſchte Torſo ſchaͤumend vor Wuth,„ich bin verloren, aber Du biſt es auch!“ „Ergreift ihn!“ wandte er ſich an die Wache, „er iſt der Schuldige! ich klage ihn zahlloſer Verbrechen und Mordthaten an, alle dieſe hier 4 werden gegen ihn zeugen.“ 8 „Befolgen Sie Ihre Ordre,“ wandte ſich Pizalto ruhig an den Officier,„achten Sie nicht darauf, was dieſer Wahnſinnige wuͤthet; fuͤr das Uebrige werde ich bei Seiner Durchlaucht ſelbſt ſorgen.“ Ein wildes verworrenes Geraͤuſch von außen ſtuͤrmte naͤher. Mattheo nebſt Camillo draͤngten ſich mit ihren Leuten durch die Wache herein⸗ und umringten Petardo. „Was wollt ihr?“ rief ihnen dieſer zornig zu, — 220— „wer gab euch die Vollmacht, hier euch einzu⸗ draͤngen?“ „Die Sorge fuͤr Dich und Deine Sicherheit,“ erwiederte Mattheo,„wir weichen keinen Schritt von Deiner Seite!“ „Unnoͤthige Vorſicht!“ ſprach Petardo, zu⸗ ruͤck! ich bedarf keines Schutzes!“ Sie wichen mißvergnuͤgt, und machten der 3 Wache Platz, die jetzt die Verſchworenen hin: wegfuͤhrte. Die Kunde, daß der reiche und maͤchtige Torſo nebſt mehreren andern angeſehenen und einflußreichen Maͤnnern in der verwichenen Nacht in einem Komplotte gegen den Staat waren uͤberfallen und gefangen genommen worden, ver⸗ breitete ſich am Morgen ſehr ſchnell. Petardo bediente ſich ſeiner beiden Freunde, Camillo und Mattheo und deren Leute zur ſchnellen Bekannt⸗ werdung der naͤhern Umſtaͤnde, um die ſchrecken⸗ vollen Beſorgniſſe der Buͤrger, uͤber die bemerk⸗ ten tumultuariſchen Auftritte der vorigen Nacht zu beruhigen. Zugleich ſorgte er fuͤr die ſchnell wieder hergeſtellte oͤffentliche Ruhe, ſo daß keine nachtheiligen Folgen weiter erwachſeu konnten. Beſtuͤrzung, Freude und Beſorgniß malten ſich abwechſelnd auf den Geſichtern der Einwohner. 221— Einige Perſonen von Gewicht ſuchten die erſte Ueberraſchung fuͤr ſich zu benuͤtzen, um ſich noch vor dem voͤlligen Ausbruche des gegen das Komplott gerichteten Sturmes davon zu ſchlei⸗ chen. Aber dieſe Verſuche ſcheiterten. In allen Thoren waren bereits gemeſſene Befehle vorhan⸗ den, Niemand ohne ausdruͤckliche Erlaubnißkarte des Polizeigerichts aus der Stadt zu laſſen, und Petardo ließ durch ſeine Getreuen die ſaͤmmt⸗ lichen Ausgaͤnge ſorgfaͤltig beobachten, damit es unmoͤglich wurde, ſich durchzuſchleichen. Das ſtuͤrmiſche Toben der letzteren Nacht war in eine erwartungsvolle Stille verhallt. Den kommenden Ereigniſſen ſahe man zwar mit ſchuͤchternem Bangen entgegen; doch die Ruhe, welche man am Hofe bemerkte, und die heitere Unbefangenheit der Grafen Montaldi, Pizalto und Altieri, trugen vieles dazu bei, die angſt⸗ 1 vollen Erwartungen in frohe Hoffnungen umzu⸗ wandeln. Bald trafen uͤberdies Eilboten ein, deren Depeſchen auf die Beruhigung der Zagen⸗ dden noch mehr wirkten. Man wurde naͤmlich benachrichtiget, daß bei dem verſuchten Ausbruche des laͤngſt vorbereiteten Aufruhrs an den Gren⸗ zen, die Werke des ſchwarzen Bundes voͤllig waͤren vernichtet und die Theilnehmer des Monn⸗ plotts gefangen genommen worden. Als am folgenden Tage die bisher als Feinde gefuͤrchteten Truppen aus Latago mit Sieges⸗ muſik und fliegenden Fahnen von Yſamo's Krie⸗ gern durch die Thore der Reſidenz hereingefuͤhrt wurden, die ruhigen Buͤrger als Freunde begruͤß⸗ ten und mit lautem Jubel von der verſammelten Menge bewillkommt wurden, da ſchwand denn auch der letzte Gedanke an jede aͤngſtliche Be⸗ ſorgniß. Der Anblick der Gefangenen, welche dieſen Truppen von der Grenze heruͤber folgten, ließ niemand weiter in Ungewißheit, was dieſes alles zu bedeuten habe, und die bruͤderliche Ein⸗ tracht womit ſich Yſamo's und Latago's Krieger umarmten, ſo wie die allgemeine Loſung derſel⸗ ben:„Hugo und Freundſchaft! ¹“ belebte die Ueber⸗ zeugung, daß der vieljaͤhrige Groll zwiſchen den beiden Nachbarſtaaten nunmehr fuͤr immer getilgt, und der Stern des Friedens und des Gluͤcks uͤber Yſamo aufgegangen ſey. Freude und Entzuͤcken theilte ſich bei ſo ſchoͤ⸗ nen Ausſichten, jeder Bruſt mit. Die wenigen noch uͤbrigen Uebelgeſinnten ſchlichen im Stillen umher, ohne daß ſie noch Muth und Entſchloſ⸗ ſenheit aͤußern konnten, gegen den, ſie erwarten⸗ den Akt der Gerechtigkeit etwas zu unternehmen. Umſtoſſen von dem milden Glanze der ein⸗ brechenden Abendroͤthe weilte der Fuͤrſt an einem — 223— der naͤchſtfolgenden Tage noch in dem angenehmen Parke ſeines Luſtſchloſſes in der Naͤhe der Reſi⸗ denz, ſeinen wackern Freund Pizalto erwartend, der ihn hier um eine vertraute Unterhaltung ge⸗ beten hatte. Gewiegt in die goldenen Traͤume einer ſegensreichen Zukunft, die nunmehr in die ſchoͤne Wirklichkeit zu treten begannen, hatte ſich ſein Herz wohlthaͤtig den reinſten Gefuͤhlen ge⸗ oͤffnet. Voll feurigem Dank folgte ſein Blick der ſcheidenden Sonne, die jetzt in der Ferne hinter den Thuͤrmen der Reſidenz ſich zum Untergange hinabſenkte. Sein ganzes Inneres hatte eine uͤberaus ſchwaͤrmeriſche Stimmung genommen. Er fuͤhlte ſich ſo leicht gehoben und ſo innig wohl und gluͤcklich, daß er in dem Vollmaaße dieſes Hochgenuſſes die ganze Welt mit Liebe und Wohl⸗ wollen umfaßte; da trat Pizalto zu ihm. „Recht gut, daß Sie kommen,“ redete ihn der Fuͤrſt an, indem er ihm mit ausdrucksvoller Herzlichkeit die Hand reichte,„mein Herz iſt von tauſend Gefuͤhlen voll und bedarf der Mit⸗ theilung und Theilnahme eines ſolchen, wie des Ihrigen, um daß Begluͤckende derſelben reiner zu genießen.“ „Es iſt mir hoͤchſt erfreulich, Sie in dieſer ſchoͤnen Stimmung zu ſinden,“ erwiederte Pi⸗ zalto.„Das Geſuch, welches mich hierherfuͤhrt, bedarf ſolch einer guͤnſtigen Gemuͤthsſtimmung in hohem Grade. Ich darf alſo hoffen, daß Sie meine Wuͤnſche erhoͤren werden. Fuͤrſt. Wovon ſprechen Sie? Ihrer Thaͤ⸗ tigkeit verdanke ich ja vorzuͤglich das Begluͤckende des Hochgefühls, das mich gegenwaͤrtig belebt. Der Mann, der ſo vieles fuͤr mich that, der Gluͤck und Segen uͤber Yſamo herauffuͤhrte, darf unbedingt fordern, und der zuverlaͤſſigen Gewaͤh⸗ rung ſeiner I„ ſche gewiß ſeyn. Pizalto. Mit freudigem Danke empfange ich dieſe udwoſ Verſicherung. Dieſe wichtige Stunde entſcheidet uͤber das Schickſal eines un⸗ gluͤcklichen Geaͤchteten, der, dem Elende zur Beute, die angewandte Thaͤtigkeit fuͤr des Vater⸗ landes Wohl ſo kraͤftig unterſtuͤtzte, daß auf ihm ein weſentlicher Theil des gluͤcklichen Erfolges die⸗ ſer Auſtrengungen ruht. Fuͤrſt. Ich errathe, wen Sie meinen. Schon bin ich genau von allem unterrichtet, was dieſer geaͤchtete Ungluͤckliche fuͤr Yſamo wirkte. Pizalto. Das Vaterland iſt gluͤcklich, Yſamo jauchzt der Morgenroͤthe ſeiner gluͤcklichen Zukunſt entgegen⸗ der Erſte wie der Letzte im Ungluͤcks. Er vernimmt vereinſamt die allgemei⸗ nen Jubel; aber er darf ſich nicht mit ſeruam. Der Wohllaut der Freude verhallt in den Miß⸗ toͤnen ſtiller Wehmuth und Trauer. Schwer laſtet der Fluch des Geſetzes auf ihm und bannt ihn aus dem Kreiſe der Frohen und Gluͤcklichen. Fuͤrſt. Er hat durch ſeine folgereiche Thaͤ⸗ tigkeit fuͤr Yſamo's Gluͤck dieſen Fluch von ſich genommen. Lange genug hat der ungluͤckliche Palozzi fuͤr die fruͤhern und ſpaͤtern Vergehungen gebuͤßt, zu welchen ihn das Ungluͤck ſeiner Fami⸗ lie hindraͤngte. Auch ſteht er gegenwaͤrtig, nach den mir vorgelegten Beglaubigungsſchreiben, als Buͤrger und Krieger von Centurien unter deſſen Schutze, ſo wie unter dem von Chikaro und La⸗ tago, die ſich fuͤr ihn verwenden. Pizalto. Darf er den Ruf erwarten, der ihn herbeifuͤhren und das uͤber ihn ausgeſprochene Verdammungsurtheil durch das Segenswort: „Gnade, aufheben, und ſein ſchmach⸗ und ſchau⸗ dervolles Elend in Gluͤck umwandeln ſolh? Darf er kommen? Fuͤrſt. Er komme! ſchon längſt erwartete ich ihn, um dieſes Wort ausſprechen zu koͤnnen, das einen Schleier werfen ſoll uͤber das, was ſein hartes Schickſal ihn verwirken hieß. 22 Dizalto winkte in die Ferne, und mit ſiehen⸗ IV. P — 226— 22 dem Blick um Gnade, ſank der Centuriſche Oberſte Petardo zu des Monarchen Fuͤßen. Das Gericht uͤber die eingezogenen Verbrecher hatte begonnen und wurde mit dem groͤßten Eifer laͤngſt mit heißer Sehnſucht erfleheten Zeitpunk⸗ tes zu beendigen, der das unwandelbarbarſte Gluͤck uͤber Yſamo und deſſen Beherrſcher fuͤr alle fol⸗ gende Zeiten befeſtigen ſollte. Petardo's Getreue, Severo, Mattheo, Camillo und Cosmo hatten mit ihren Untergebenen, die Theilnehmer von Torſo's Buͤbereien aus den entfernteren Provin⸗ zen herbeigefuͤhrt und die Anzahl der Gefangenen dadurch ungemein vermehrt. Mit ihnen verviel⸗ faͤltigten ſich zugleich taͤglich die Klagen und Be⸗ ſchwerden des nunmehr erlößten Landes, das unter den zahlloſen Bedruͤckungen Torſo's und ſeiner Mitverſchworenen geſeufzt hatte. Die verſteckteſten Plane des ſchwarzen Bun⸗ des lagen durch Petardo's thaͤtige Beihuͤlfe, in den von ihm uͤbergebenen Papieren und den ge⸗ fundenen Schriften der Verſchworenen, in ihrer Janzen Verworfenheit enthuͤllt da. Mit Entſetzen hauderte man vor dem Gewebe argliſtiger Bos⸗ heit zuruͤck, womit dieſe Boͤſewichter das Land und ſelbſt den Fuͤrſten umgarnt gehalten hatten. fortgefuͤhrt, um alles vor dem Erſcheinen eines — 227— Die Klagen des Volks konnten nicht bis zu ihm hindringen, alles zielte darauf ab, um ihn dem Volke verhaßt zu machen, und das Land bis zur Verzweiflung zu treiben. Das edle Herz des Fuͤrſten blutete bei diefen Scenen des Elendes, die ſich ihm jetzt darſtellten. So gern auch Montaldi und Pizalto ihm deren Anblick ſchonend entzogen haͤtten, ſo wenig ließ dieſes der Fuͤrſt ſelbſt zu, der darauf beharrte, alles mit eigenen Augen zu ſehen. Er machte ſich jetzt die bitterſten Vorwuͤrfe uͤber ſeine zu große Gutmuͤthigkeit und Nachſicht, wodurch er ſich ſo tief in den Schlingen jener Nichtswuͤrdigen hatte verwickeln laſſen; mit deſto groͤßerem Eifer arbei⸗ tete er nunmehr auch mit ſeinen treuen Umge⸗ bungen daran, die Fehler ſeiner Unachtſamkeit wieder zu verbeſſern. Am meiſten ſchmerzte es ihn, daß ſo viele wackere Maͤnner und edle Pa⸗ trioten durch Torſo's Buͤbereien aus ihrem Wir⸗ kungskreiſe waren verbannt und ſeiner Rache auf⸗ geopfert worden. Wie erfreulich war daher auch ſeine Ueberraſchung, als er ſich aus den ihm von Petardo uͤberreichten Papieren uͤberzeugte, daß der groͤßte Theil dieſer Edeln noch am Leben war. Schuͤtzend hatte der Centurier uͤber ihnen gewacht und ſie in gluͤcklicher Verborgenheit fuͤr die kom⸗ mende Zeit aufbewahrt, wo ſie im Stillen das P 2 große Werk von Yſamo's Wohlſahrz foͤrdern halfen. Mit uneingeſchraͤnkter Vollmacht ſaßen die edelſten und gediegenſten Maͤnner gegen die Ver⸗ hafteten zu Gericht; aber aller Anſtrengungen ungeachtet, wußten einige, derſelben und nament⸗ lich Torſo und Corvetti, durch freches Laͤugnen und verſchmitzte Wendungen den Gang der Ge⸗ rechtigkeit aufzuhalten. Zwar hatten Lucillo und Cazzi bereits gegen ſie laut gezeugt, und Mehrere von den eingeker⸗ kerten Verſchworenen durch ihre Ausſagen die An⸗ klagen beſtaͤtigt; aber alles dieſes konnte weder Torſo noch Corvetti zum Geſtaͤndniſſe bringen. Cerrino wurde von der Feſtung herbeigebracht und Torſo als Anklaͤger entgegen geſtellt; ihm zur Seite ſtand Riviali, um dieſen Anklagen deſto groͤßere Kraft zu geben, aber alles deſſen ungeachtet beharrten Beide in ihrer Verſtocktheit. Mit aller ihnen zu Gebote ſtehenden Schlauheit wandten ſie ſich um die, gegen ſie lautgewordenen Beſchuldigungen und Beweiſe herum, indem ſie dieſe auf ihre Anklaͤger ſelbſt zuruͤckzuwaͤlzen ſuch⸗ ten. Auf dieſe Art wußte namentlich Torſo ſei⸗ nen Anklaͤgern Trotz zu bieten und Mittel aus⸗ findig zu machen, um ſeinen Untergang wenig⸗ ſtens zu verzoͤgern, wenn er ihn auch nicht ganz abwenden konnte. Mit frecher Stirne trat er Jedem furchtlos entgegen und ſchrie uͤber Unge⸗ rechtigkeit und Gewalt. Nur einen Einzigen hatte er zu fuͤrchten. Wenn dieſer es wagen ſollte, gegen ihn vor Gericht aufzutreten, dann blieb ihm nichts mehr zu hoffen uͤbrig. Aber vor dieſem glaubte er ganz ſicher zu ſeyn. 3 Dieſer Gefuͤrchtete war niemand anders als der bekannte Banditenanfuͤhrer Odoardo Petruzzi. Da er ſich im Beſitze ſehr wichtiger Handſchriften, ſelbſt von Hauptdokumenten befand, ſo ſtand es in ſeiner Macht, bei etwanigem nachtheiligen Gebrauche, Torſo's und ſeiner Anhaͤnger ganze Verworfenheit zu entſchleiern und ihnen alle Aus⸗ flucht abzuſchneiden. Dieſer Odoardo war zwar ſchon an Torſo zum Verraͤther gewordem, denn er hatte ihn ſelbſt ſeinen Genoſſen in jener Schreckensnacht der Gerechtigkeit uͤberliefert. Gleichwohl ließ es ſich kaum denken, daß er ſo tollkuͤhn ſeyn ſollte, mit dieſen Dokumenten vor Gericht als Anklaͤger zu erſcheinen, und den In⸗ halt jener Papiere durch ſeine perſoͤnliche Gegen⸗ wart und durch ſeine muͤndlichen Ausſagen zu bekraͤftigen. Er ſelbſt mußte bei einem ſolchen Wagſtuͤcke das Schlimmſte fuͤr ſich befuͤrchten, ja ſelbſt Leben und Freiheit Preis geben, da er darin als Torſo's Werkzeug und als Vollſtrecker ſeiner Greuel bezeichnet war. Mit kecker Sicher⸗ heit erſchien daher Torſo vor dem gegen ihn er⸗ richteten Tribunale, in welchem er die beiden gehaͤſſigen Feinde, Montaldi und Pizalto, mit Zaͤhnknirſchen erblickte. Er erkannte zwar deut⸗ lich aus den vorgebrachten Anklagen, daß ſeine verraͤtheriſchen Unternehmungen und Verbrechen ſehr vollſtaͤndig waren aufgedeckt worden; allein er gab deshalb noch nicht alles verloren, hoffte vielmehr durch ſeine unbiegſame Hartnaͤckigkeit und raͤnkevolle Argliſt Zeit und Mittel zur Ret⸗ tung zu gewinnen. So ſtanden gegenwaͤrtig die Sachen. Torſo bot der gegen ihn eingeleiteten Unterſuchung mit frechem Hohne und ſtetem Laͤugnen Trutz; alle angewandte Bemuͤhungen, ſeinen Uebermuth zu beugen und ihn zum Bekenntniſſe zu bringen, ſcheiterten. Raſch zog jetzt der Graf Montaldi die Glocke, und ehe noch Torſo Zeit hatte, uͤber die Urſache davon nachzudenken, oͤffnete ſich eine Seitenthuͤre, und der gefuͤrchtete Odoardo Pe⸗ truzzi trat in der ganzen Schreckbarkeit ſeiner ſcheuslichen Maske als Banditenhauptmann, um⸗ geben von ſeinen Getreuen: Mattheo, Camillo, Caſſio, Lucillo und Pirro, in den Saal. Von dieſer Ueberraſchung gewaltſam ergriffen und ohnmaͤchtig, ſich aufrecht zu erhalten, wankte I — 231 Torſo erbleichend zuruͤck. Mit grinzendem Lachen ſtand der Schreckbare, deſſen Anblick Torſo's ganze Kraft niederſchmetterte, dieſem jetzt gegen⸗ uͤber. Unfaͤhig, eine Sylbe hervorzubringen, zeugte ſchon ſeine bleiche Schreckensgeſtalt von ſeiner vertrauten Bekanntſchaft mit dieſem furcht⸗ baren Anklaͤger und Zeugen ſeiner Unthaten. Was er ſich kaum als moͤglich gedacht hatte, ſahe er nun wirklich eingetroffen. Sein gefaͤhr⸗ lichſter Widerſacher ſtand als Anklaͤger mit ſeinen Untergebenen als Zeugen gegen ihn. Kaum der Beſinnung maͤchtig, vernahm er die furchtbaren Anklagen deſſelben. Mit kuͤhnem Muthe legte Petruzzi ſodann die Handſchriften dem Gerichte vor, wodurch Torſo nebſt Corvetti, in Verbin⸗ dung mit ihren Mitverſchworenen, durch Unter⸗ ſchrift und Siegel, ihn und ſeine Untergebene zu zahlloſen Unthaten gedungen hatten; zugleich fuͤgte er die, von jenen fuͤr ihn ausgefertigten Paͤſſe und Freibriefe, nebſt den Liſten der Opfer, welche unter ſeinen Dolchen hatten bluten ſollen, den Papieren bei. Er ſchien die eigene Gefahr zu vergeſſen, und nur dem Gedanken Raum zu geben, die Verbrecher zu vernichten, indem er Schandthaten von ihnen aufdeckte, vor welchen die Richter zuruͤckſchauderten. 8 Petruzzi's Begleiter gaben dieſen Anklagen — — — — ——— ————— . 2 1 durch ihre Zeugniſſe noch groͤßeres Gewicht. Torſo ſtand jetzt in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit da, und brauchte geraume Zeit, um ſich nur einigermaßen wieder zu ermannen. Aber er be⸗ fand ſich am Ziele. Sein ferneres Laͤugnen war wirkungslos; er ſahe ſich voͤllig uͤberfuͤhrt und um ſo mehr rettungslos verloren, da auch Cor⸗ vetti ſich ſchuldig bekannte und auf die Seite ſei⸗ ner Gegner trat, indem er zugleich durch ſein offenes Geſtaͤndniß die Gnade ſeiner Richter zur Milderung der Strafe anflehete. Nur der gluͤhendſte Durſt nach Rache hielt noch den uͤberfuͤhrten Verbrecher aufrecht. Er ſelbſt war zwar geſtuͤrzt, aber in dem ſchrecklichen Gefuͤhle eigener Vernichtung wollte er denn auch zugleich ſeinen furchtbaren Gegner und Anklaͤger mit ſich in den Abgrund hinabſchleudern. Schaͤu⸗ mend vor Wuth bekannte er ſich fuͤr ſchuldig und als Haupt der Verſchwoͤrung gegen Fuͤrſt und Vaterland; ſtieß die ſchaudervollſten Laͤſterungen uͤber Staat und Fuͤrſt, uͤber Vorſehung und Na⸗ tur aus, und verfluchte ſein Geſchick, das nun ſeine jahrelange Entwuͤrfe und Anſtrengungen ſo grauſam zu Schanden machte. Sein Zuſtand grenzte an Raſerei. Mit boshaftem Zaͤhnknir⸗ ſchen klagte er den furchtbaren Petruzzi als Ban⸗ ——*+ — 235— ditenchef, Bevollmaͤchtigten und Vollzieher ſeiner Greuelthaten, als Raͤuber und Moͤrder an. Voll aͤngſtlicher Beſorgniß ſchloſſen ſich Odoar⸗ do's Getreue an ihren Gebieter an, und ihre Bewegungen zeugten deutlich von dem kuͤhnen Muthe, womit ſie entſchloſſen waren, noͤthigen⸗ falls ihn mit Gefahr ihres eigenen Lebens zu ſchuͤtzen und zu retten. „Was ſoll das?“ fragte Odoardo mit ernſtem zuruͤckweiſenden Nachdruck,„vergeſſet nicht, wo ihr ſeyd, und daß ich euch als Zeugen gegen die⸗ ſen hier, keinesweges aber als meine Beſchuͤtzer und Vertheidiger hierher fuͤhrte. Zuruͤck!“ Gehorſam, mit augenblicklicher Unterwerfung traten ſie zuruͤck; eine tiefe Stille herrſchte. Jetzt zog Odoardo ein Paͤckchen unter ſeinem Mantel hervor, und entfaltete einige Papiere, die ihn von den beſchuldigten Mordthaten freiſprachen; die eigenen Handſchriften Baſſino's, Collino's und Aller derer, welche als blutige Opfer ſeinen Dolchen waren uͤbergeben worden, beſtaͤtigten deren durch ihn bewirkte Erhaltung und ſeine beſchuͤtzende Sorgfalt fuͤr ſie. „Ich trug die Maske des Boͤſewichts und Moͤrders nur deshalb,“ wandte er ſich an die Richter,„um dieſen Nichtswuͤrdigen und Raͤu⸗ ber des Gluͤcks und der Ehre meiner Familie zu 5 3 —y— vernichten und durch die Rettung des Vaterlan⸗ des eine edle Rache zu uͤben. Wer ich bin und wodurch ich auf den ſchaudervollen Platz hinge⸗ draͤngt zeorde, auf achem ich bisher als Ge⸗ aͤchteter ſtand, das werden dieſe Dokumente ſo wie die edelſten Maͤnner des Staats entraͤthſeln. Dieſe moͤgen fuͤr mich zeugen. Ueber meine fruͤhere Unthaten, ſo wie uͤber ſpaͤtere ſtrafbare, eigenmaͤchtige Frevel hat der Monarch ſelbſt einen Schleier geworfen, indem er meine Thaͤ⸗ tigkeit fuͤr des Vaterlandes Wohl auf die andere Wagſchale legte. Er ſelbſt hat das Verdammungs⸗ urtheil von dem ungluͤcklichen Verirrten hinweg⸗ genommen und es in großmuͤthige Verzeihung unmgewandelt. Hier iſt der Beweis. Mein Ge⸗ ſchaͤft iſt vollendet. Ich laſſe nunmehr die Maske des Banditen fallen, und trete mit den wieder⸗ errungenen Rechten als Odoardo Palozzi in meine wahren Verhaͤltniſſe, um meiner ehrenvollen Be⸗ ſtimmung Genuͤge zu leiſten.“ Er ſtreifte die falſche Haartour und die Larve ab, die ſeine Geſichtszuͤge verſteckte, ſchluͤpfte aus ſeinem weiten Mantel heraus, und ſtand jetzt als Centuriſcher Oberſter vor ihnen. Zu⸗ gleich zog er den Generalpardon des Fuͤrſten fuͤr ſich und ſeine Leute aus dem Buſen hervor und legte dieſen dem Gericht vor. 5 4 dieſer, ſeine letzte Hoffnung vernichtenden Scene, ſtuͤrzte er beſinnungslos iu Boden. — Gern wuͤrde Torſo, als er aus ſeiner ſtarren Betaͤubung wieder erwachte, ſeine vorige Aus⸗ ſage zuruͤckgenommen haben. Allein es war nun zu ſpaͤt; ſeine eigenen Mitſchuldigen traten ihm in den Weg. Er tobte wuͤthend gegen ſich ſelbſt, ſo, daß man ihn durch Zwangsmittel von Ge⸗ waltthaͤtigkeiten gegen ſich zuruͤckhalten mußte. Noch einmal bot er die letzte Anſtrengung aller ſeiner Argliſt auf, um den ſtrafenden Arm der Gerechtigkeit zu entkraͤften, indem er ſich hinter einen erkuͤnſtelten Wahnſinn zu verſtecken ſuchte. Allein die Verſtellung wurde bald als ſolche er⸗ kannt, und beſchaͤmt mußte er auch dieſer Zuflucht entſagen. Sein verzweiflungsvoller Zuſtand aber kam wirklich dem Wahnſinn nahe. Von denen ver⸗ laſſen und verrathen, auf deren Treue und Ver⸗ ſchwiegenheit er feſt gerechnet hatte, haͤtte er ſich in dem Uebermaße ſeiner Wuth, in ein reißendes Ungeheuer umwandeln moͤgen, um dieſe treuloſen Verraͤther zu vernichten. Er kannte ſich jetzt ſelbſt nicht mehr. Ohne Hoffnung Gnade zu er⸗ Knirſchend und mit wildrollenden Augen ſtarrte Torſo darauf hin, und, uͤberwaͤltigt von — — A e — 236— halten, beſchaͤftigte ihn nur noch der Gedanke, furchtbare Rache an ſeinen verraͤtheriſchen Mit⸗ ſchuldigen zu nehmen, und dadurch einige Linde⸗ rung ſeiner zermalmenden Gefuͤhle zu genießen. Er ſelbſt wurde nunmehr der Ankläger ſeiner Genoſſen. Gluͤhend vor Wuth und Rache, wett⸗ eiferten beide Theile mit einander, immer groͤßere, ſchaudervolle Greuelthaten zu entdecken, die fuͤr einen Jeden von ihnen die Rettung unmoͤglich machen mußten. Es kamen hierdurch Verbrechen an den Tag, welche empoͤrend waren, und dazu beitrugen, das Urtheil uͤber ſie zu beſchleunigen. Wie die Thaten dieſer Nichtswuͤrdigen ge⸗ weſen waren, ſo war nunmehr auch ihr Lohn. Fuͤr die zahlloſen Verbrechen des Torſo und einiger der vorzuͤglichſten Mitverſchworenen des ſchwarzen Bundes, ſprach die Gerechtigkeit das Todesurtheil aus, waͤhrend die Uebrigen fuͤr ihre groͤßere oder geringere Theilnahme, mit lebens⸗ laͤnglichem Feſtungsbau, oder minder harter Ge⸗ fängnißſtrafe buͤßten. Jetzt war denn endlich das Land von dieſer verderblichen Rotte voͤllig gereinigt, und kaum hatten Torſo und ſeine vornehmſten Mitſchuldi⸗ gen unter Henkershand geendiget, ſo ſchwebte auch das ſchoͤne Morgenroth des lang erfleheten neu beſeligenden Tages uͤber Yſamo empor. Aurora, die liebenswuͤrdige Fuͤrſtentochter von Latago, war der holde Genius, der eine neubeginnende gluͤckliche Zukunft uͤber Yſamo herauffuͤhren ſollte. Sanft und ſchoͤn, wie die holde Verkuͤnderin des erwachenden Morgens, deren Namen ſie trug, vereinigte Aurora alle den hohen Zauber in ſich, der ſie zu einem Gegen⸗ ſtande allgemeiner Bewunderung und liebevoller Verehrung erhob. Sanſte Weiblichkeit und An⸗ muth umfloſſen ihr ganzes Weſen; ihr ſchoͤnes Auge, mild wie der reine Azur des Himmels, war der Abglanz unverdorbener Unſchuld und Tugend, und jeder ihre aͤußeren Reize gewann dadurch hoͤheren Zauber, daß er der unverfaͤlſchte Spiegel innerer Vorzuͤge einer ſchoͤnen Seele war. Ihr menſchenfreundliches Herz fand nur Vergnuͤ⸗ gen im Wohlthun und Begluͤcken. Thraͤnen zu trocknen, Schmerzen zu lindern, die Seufzer und Klagen der Noth und des Kummers in die Wohllaute der Freude umzuwandeln und Ungluͤck⸗ liche jeder Art durch Troſt und Huͤlfe zu erfreuen, war ihr der ſuͤßeſte Beruf. Fern von Stolz und Eitelkeit, beſuchte ſie oͤfters die Huͤtten der Armen und Bedraͤngten, um Segen zu ſpenden, der durch die Art, wie ihre Menſchenfreundlichkeit. ihn verbreitete, doppelt begluͤckte. Manche ver⸗ kannte Tugend, und manche unterdruͤckte Un⸗ ſchuld fand in dieſer edeln Fuͤrſtentochter ihre großmuͤthige Beſchuͤtzerin. Auf dieſe Art war der Name Aurora fuͤr Latago gleichſam der Name einer Heiligen geworden, den Kinder und Greiſe mit hoher Verehrung, und ſelbſt fremde Provin⸗ zen mit Achtung, Bewunderung und Liebe aus⸗ ſprachen. Aurora beſaß das ungetheilte innige Zutrauen ihres Bruders, des gegenwaͤrtigen Regenten von Latago, was ſie denn auch in hohem Grade ver⸗ diente, und mit der Zaͤrtlichkeit einer liebenden Schweſter erwiederte. Weit entfernt den Ein⸗ fluß, den ſie auf den geliebten Bruder hatte, im geringſten zu mißbrauchen, bediente ſie ſich deſſen nur als ein Mittel, ihm unter den mannichfal⸗ tigſten Segnungen die Verehrung ſeines Volks zu ſichern und ihn auf das aufmerkſam zu erhal⸗ ten, was derſelben Eintrag thun konnte. Ihrem Scharfblick und ihrer ſtillen unbefangenen Beur⸗ theilung konnte es nicht entgehen, wenn etwa geheime Machinationen, beſonders in Anſehung des vieljaͤhrigen Grolls gegen Yſamo ſich regſam zeigten. Nicht nur, daß ſie alsdann ihren Bru⸗ der darauf aufmerkſam machte, es waren auch verſchiedene gemeinnuͤtzige Anſtalten, neue Ein⸗ richtungen und ſegensvolle Unternehmungen groͤß⸗ tentheils das Werk ihrer mit ihm gepflogenen traulichen Unterredungen und Berathungen. In allem wahrhaft Schoͤnen, Wuͤrdevollen und Gu⸗ ten ſchwebte dem edelmuͤthigen Alboin die geliebre Schweſter als ſegenſpendender Engel voran. Ihre ſchweſterliche Zaͤrtlichkeit und ihre herzliche Theil⸗ nahme gewaͤhrten ihm die ſuͤßeſten Erheiterungen und Ermuthigungen in den Sorgen, welche die oft ſchwierige Erfuͤllung ſeiner Regentenpflichten mit ſich fuͤhrten, und feſter und enger ſchuͤrzten Tugend und hoher Edelſinn die ſchoͤnen Bande des Bluts, welche dieſe beiden edeln Seelen ver⸗ ſchwiſterten.. Aurora hatte durch ihre Mitwirkung einen großen Antheil an den gluͤcklichen Beſeitigungen der vieljaͤhrigen Mißverhaͤltniſſe zwiſchen Latago und Yſamo und an der endlich bewirkten Ausſoͤh⸗ nung dieſer beiden Nachbarſtaaten. Sie genoß das Zutrauen des wackern Baſſino und Collino ſo wie der uͤbrigen Edeln, welche dieſes oft ge⸗ ſtoͤrte und unterbrochene Geſchaͤft betrieben. Hier⸗ durch erhielt ſie Gelegenheit, durch ihre Klugheit und durch ihre edelmuͤthige Verwendungen, ſich ſchirmend zwiſchen beide Theile hinzuſtellen und dem voͤlligen Ausbruche jener Feindſeligkeiten vor⸗ zubeugen. Schoͤneres Gedeihen gewannen dieſe Bemuͤhungen, als ihr edler hochherziger Bruder Alboin, nach dem Tode ſeines Vaters, den Fuͤr⸗ — 8 Me * ee — 240— ſtenſtuhl von Latago beſtieg. Unter der vorigen Regierung hatte das oft verſuchte Werk einer Aus⸗ gleichung der obwaltenden Mißverhaͤltniſſe nur einen aͤußerſt langſamen und oft geſtoͤrten Gang gehabt. Die geheimen Feinde der geſetzlichen Verfaſſung und Ruhe in Yſamo, hatten ſtets ihren Einfluß benuͤtzt, um den tiefeingewurzelten Groll des vorigen Regenten gegen Yſamo auf alle Art zu naͤhren, und den wiederholten Bemuͤhun⸗ gen ihrer Gegner entgegen zu arbeiten. Freier und gedeihenvoller konnten dagegen Baſſino und Collino mit ihren edeln Freunden und in Verbin⸗ dung mit Lorenzo's Thaͤtigkeit, ihre Wirkſamkeit fuͤr eine abermals verſuchte Ausgleichung zwiſchen den Nachbarſtaaten aͤußern, als damals der Graf Montaldi in Latogo erſchien und in Yſamo's Namen die Hand zur Verſoͤhnung reichte. Bei Auroren hatte außer ihrem hohen Edel⸗ ſinn fuͤr Staatswohl und Buͤrgergluͤck, auch ihr Herz einen nicht gerigen Antheil an den eifrigen Verwendungen fuͤr Yſamo's Wohl. Sie liebte den vortreflichen und vielverkannten Hugo mit allem Feuer der erſten Liebe, und, von ihm eben ſo heiß und innig wieder geliebt, lag fuͤr ſie in dieſer gegenſeitigen Zaͤrtlichkeit der maͤchtige He⸗ bel, jedes Hinderniß, das ſich ihren edeln Abſichten 4 4 3 — 241— und den Wuͤnſchen ihres liebenden derhesze ent⸗ gegenſtellte, zu beſtegen. Aurora hatte ſchon als Kind ihre Mutter u und Erzieherin durch den Tod verloren. Sterbend uͤbertrug die beſorgte, liebende Mutter, mit Bei⸗ ſtimmung ihres Gemahls, ihrer aͤlteren Schwe⸗ ſter, der verwittweten Herzogin von Natoli, Aurorens Erziehung und Ausbildung. Hohe Vor⸗ zuͤge des Herzens und Geiſtes dieſer vortreflichen Dame, waren ihnen dafuͤr Buͤrge, daß die edle Caſſandra, Auroren im ſchoͤnſten Sinne des Worts, Mutter ſeyn wuͤrde. An der Seite ihrer ehrwuͤrdigen Tante ſchien dem Fuͤrſten ſeine Toch⸗ ter weit beſſer anfgehoben zu ſeyn, als in dem bunten Gedraͤnge des geraͤuſchvollen Hoflebens. Deshalb hatte er den Wuͤnſchen ſeiner ſcheidenden Gemahlin um ſo lieber ſich gefuͤgt, da uͤberdies ſeine Herrſcherſorgen der Erziehung der geliebten Tochter die no hige ungetheiltere Aufmerkſamkeit und Sorgfalt auben mußten. So verlebte, ent⸗ zogen dem Gewuͤhle und den Gefahren des Hofes, Aurora die Jahre ihrer Kindheit auf Vallino, dem angenehmen Wittwenſitze ihrer geliebten Tante, die ſie mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit um⸗ faßte. Hier konnte die wuͤrdige Fuͤrſtin ſich ganz 8 ungetheilt der Erziehung ihrer Nichte widmen, IV. da ſie die Regierungsſorgen, nach dem Tode Hes ““ Gemahls, ihrem Sohne, als Erben des kleinen Natoliſchen Staats, abgetreten hatte. Sie zog dem laͤſtigen glanzvollen Gedraͤnge der großen Welt das lang erſehnte Vergnuͤgen vor, im ver⸗ trauten Umgange mit ihrer Freundin Natur, ihre Tage auf ihrem paradieſiſchſchonen Vallino zuzu⸗ 4 bringen. So verdankte denn Aurora die herr⸗ liche Entwickelung und Ausbildung ihres Geiſtes und Herzens, womit ſie in der Folge zu einem wuͤrdigen Gegenſtande allgemeiner Achtung wur⸗ de, allein der liebevollen Sorgfalt ihrer muͤtter⸗ lichen Erzieherin. Lange ſchon hatte Prinz Hugo von Yſamo, Aurorens Schoͤnheit und innere Vorzuͤge ruͤhmen gehoͤrt, und die innigſte Bewunderung und Ver⸗ ehrung zog ſein Herz zu ihr hin, als er auf ſei⸗ nen Reiſen Gelegenheit erhielt, die liebenswuͤr⸗ dige Fuͤrſtentochter perſoͤnlich kennen zu lernen. Ungeachtet der damaligen feindſeligen Spannung beider Hoͤfe lebte die edle Herzogin auf ihrem Schloſſe in ungetruͤbter Ruhe. Auf ſeine Ankunft vorbereitet, nahm ſie den wackern Hugo wohl⸗ wollend und gaſtfreundlich auf, deſſen vortref⸗ liche Eigenſchaften ihm in kurzer Zeit ihr Wohl⸗ wollen erwarben. Umfloſſen von dem ſanften Zauber ihrer un⸗ ſchuld, ſchwebte ihm Aurora entgegen, und nunße, — und in ihrem Umgange davon ergriffen. Mit jedem Tage gewann ſie neue Staͤrke. Bald ge⸗ wahrte er in dem verſtellungsloſen Betragen der liebenswuͤrdigen Aurora mit ſeelenvollem Ent⸗ zuͤcken den ſchoͤnen Wiederhall gleicher Gefuͤhle. Der Herzogin entging dieſes nicht. Aber weit entfernt, das Gluͤck ihrer beiden Lieblinge zu ſtoͤren, ſahe ſie vielmehr das erſte Erwachen und ſchnelle Wachsthum ihrer gegenſeitigen Zaͤrtlich⸗ keit mit Wohlgefallen. Sie uͤberzeugte ſich taͤglich feſter, daß Hugo mit ſo ſchoͤnen Vorzuͤgen eines edeln zartfuͤhlenden Herzens und eines ausgebil⸗ deten Geiſtes ausgeſtattet war, die einſt ihrer geliebten Nichte an der Seite eines ſolchen Ge⸗ mahls eine ſehr gluͤckliche Zukunft verſprachen. Im Stillen naͤhrte ſie zugleich die Hoffnung, daß es einer kuͤnftigen Vereinigung der beiden Lieben⸗ den vorbehalten ſeyn moͤchte, den ungerechten viel⸗ jaͤhrigen Groll Latago's und Yſamo's in die laͤngſt gewuͤnſchte ſchoͤne Verbruͤderung umzuſchaffen. Hugo's zaͤrtliche Leidenſchaft fuͤr Auroren wur⸗ de⸗ auch wirklich der maͤchtigſte Antrieb zu dieſer Staatenausſoͤhnung, weil er ſelbſt eifrig darauf hinarbeitete. So lange jedoch ſein Vater unter dem vielvermoͤgenden Einfluſſe dagegen wirkender Q 2 kannt mit den Regungen einer zaͤrtlichen Leiden⸗ ſchaft, fuͤhlte er ſich ploͤtzlich bei ihrem Anblicke 5 — 244— und uͤbelgeſinnter Maͤnner lebte, mußte er ſich blos darauf beſchraͤuken, daß die thaͤtige Unter⸗ ſtuͤtzung ſeiner edeln Freunde Montaldi und Altieri nur offenbare Feindſeligkeiten zuruͤckhielt. Deſto angelegentlicher ſuchte er im Stillen das Noͤthige fuͤr die Folge einzuleiten, und ſobald er nach dem Tode ſeines Vaters die Regierung antrat, war es auch ſein Hauptgeſchaͤft, den lang genaͤhrten Plan durchiufaͤhtenene Dagegen machinirte nun unter Torſo s Vor⸗ ſtbe die Verſchwoͤrung vom ſchwarzen Bunde. Ihr Zweck war, die heilſamen Unternehmungen des Fuͤr⸗ ſten zu vereiteln, die ihren Privatabſichten nicht zu⸗ ſagten. Daß ein zaͤrtliches Einverſtaͤndniß von Hu⸗ go's und Aurorens liebenden Herzen eine Haupt⸗ triebfeder fuͤr des Fuͤrſten Abſicht war, und daß die⸗ ſes zu beiden Seiten das begonnene Werk kraͤftig foͤrdern mußte, war fuͤr Torſo und deſſen Anhaͤn⸗ ger ein Geheimniß. Hugo hatte ſich hieruͤber ausſchließend nur ſeinen biedern Freunden, Mon⸗ taldi und Altieri, mitgetheilt. Man wußte uͤber⸗ dies, daß einige bedeutende Hoͤfenach der Hand der ſchoͤnen Fuͤrſtentochter von Latago geizten. Um ſo weniger ließ ſich alſo erwarten, daß Alboin die Hand ſeiner Schweſter ſeinem Feinde uͤber⸗ laſſen und ſie nicht vielmehr zur groͤßeren Be⸗ feſtigung ſeines Anſehens anwenden wuͤrde. 1 ———— — — 245— Zugleich hatte man unaufhoͤrlich in Hugo drungen, ſich eine Gemahlin zu waͤhlen. Allein ſo ſehr man auch eine ſolche Verbindung zur An⸗ gelegenheit des Staats machen wollte, ſo ließ ſich der Fuͤrſt dennoch zu nichts beſtimmen. Sein Herz hatte ſchon gewaͤhlt, und der ganze ſchoͤne Inbegriff ſeiner Wuͤnſche und ſeiner Hoffnungen fuͤr Yſamo's dauerhaftes Gluͤck, vereinigte ſich in dieſer Wahl. Nach vielfaͤltigen Hinderniſſen und Schwierigkeiten erfuͤllte endlich der Himmel ſeinen heißen Seelenwunſch. Aurora wurde das ſchoͤne Unterpfand des geknuͤpften Buͤndniſſes zwi⸗ ſchen Latago und Yſamo. Sie ſelbſt theilte mit ihrem fuͤrſtlichen Braͤutigam die zaͤrtliche Sehn⸗ ſucht nach dem Tage, wo er ſie als ſeine Gemah⸗ lin in Yſamo einfuͤhren wuͤrde. Die bisherigen Stoͤrungen und Unruhen verzoͤgerten ihre An⸗ kunft, welche fuͤr Yſamo als ein begluͤckendes Volksfeſt ſollte gefeiert werden. Schon ſeit geraumer Zeit waren hierzu, na⸗ mentlich in den mancherlei Bauanſtalten auf der Straße, die nach Latago fuͤhrte, die noͤthigen Vorbereitungen getroffen worden, und Alles froh⸗ lockte, als man nunmehr die wahre Veranlaſſung zu dieſen Anordnungen erfuhr. Ganz Yſamo wurde dadurch in frohe Thaͤtigkeit geſetzt. Jeder 9 „ — 246— war geſchaͤftig, das ſeinige beizutragen, um die Freuden des verſprochenen Feſtes zu erhoͤhen. Die oft bedrohete Ruhe war nunmehr be⸗ feſtigt. Alles erfreute ſich jetzt der Segnungen, die aus den Bemuͤhungen der edlen Vaterlandsretter hervorgegangen waren. Die Straße, welche nach Latago fuͤhrte, war geebnet und verſchoͤnert; un⸗ wirthbares Moorland urbar gemacht; die vori⸗ gen Wildniſſe an der Grenze waren gelichtet, und alles hatte ein milderes und angenehmeres Anſehen gewonnen. Yſamo bedurfte keiner Schutzwehr mehr gegen das etwanige Eindringen feindlicher Nachbarn. Liebe, Vertrauen und Einigkeit hat⸗ ten eine feſte Mauer zwiſchen Yſamo, Latago und dem, mit ihnen befreundeten Chikaro gebildet. So blieb dem dankbaren Volke nur noch der Wunſch uͤbrig, daß dem menſchenfreundlichen Hugo recht bald die Wonne haͤuslichen Gluͤcks zu Theil werden moͤchte. Voll hoher Freude vernahm es daher auch die Kunde, daß der Augenblick des erfleheten Gluͤcks nahe ſey. In des Lenzes balſamiſchem Dufte erwachte der junge Tag. Mild und freundlich ſchwebte die Morgenſonne empor, und verdraͤngte die Nebel der weichenden Daͤmmerung, gleich Schatten⸗ geſtalten lieblicher Traͤume. Da war ſchon reg⸗ ſames Leben unter den Arbeitern. Viele waren — 247— 244⸗ geſchaͤftig, die errichteten Ehrenpforten auf der Straße nach Latago mit jungem Gruͤn und Blu⸗ men zu bekleiden, andere wieder, ſie durch Guir⸗ landen mit den bluͤhenden Fruͤchtbaͤumen zu bei⸗ den Seiten der Straße zu verbinden. Von Blu⸗ men umduftet, erhoben ſich abwechſelnd Sinn⸗ bilder der Liebe, des Friedens, der Eintracht und aͤhnliche Gemaͤlde, wie ſie dem Zwecke dieſes feſt⸗ lichen Tages angemeſſen waren. Die ganze Straße ſchien die Bahn in die Gefilde des Para⸗ dieſes zu oͤffnen. Der reinſte wolkenleere Azur des Himmels verkuͤndigte der Welt einen feſtlich ſchoͤnen Tag des Gluͤcks und der Freude. Lieblicher dufteten die Blumen und Kraͤuter; majeſtaͤtiſcher ſpiegelte ſich der Sonne Feuer in tauſendfarbigen Perlen auf bethauetem Graſe und in den leichten Wellen des Baches; des Haines muntere Fruͤhlingsſaͤnger ſtimmten Harmonien an zum Morgengruße der emporſchwebenden Tageskoͤnigin, und ſo hallte der reine Wohllaut der Natur ringsumher in jeder Bruſt wieder, und ſtimmte ſie zu den ſchoͤ⸗ nen Akkorden der Freude. Feſtlich geſchmuͤckt und von Wonne belebt, ſtreoͤmten Yſamo's gluͤckliche Buͤrger hinaus auf die Straße. Durch die dichtgedraͤngten Reihen der froͤhlichen Menge zogen mit Siegesmuſik und 2 — 248— wehenden Fahnen Yſamo's und Latago's Krieger im ſchoͤnen bruͤderlichen Vereine. Von ſeinen Getreuen umgeben, mit dem Ausdrucke beſeligen⸗ der Gefuͤhle, die ſeinen Buſen fuͤllten, folgte ihnen der gluͤckliche Hugo, mit lautem Jubel begruͤßt von ſeinen dankbaren Kindern, um der geliebten Braut zum Empfange entgegen zu eilen. Schoͤn wie der aufgehende Stern des roſen⸗ bekraͤnzten Morgens, naͤherte ſich Latago's edle Fuͤrſtentochter im zahlreichen Gefolge den Armen des geliebten Braͤutigams. Ihr ſanftes Auge glaͤnzte doppelt ſchoͤn in der Thraͤne des Ent⸗ zuͤckens, die in ihren Blicken ſchwamm; voll Unſchuld und Milde glich ihr Laͤcheln dem himm⸗ liſchen Zauber eines Engels der Liebe, und ein einfaches prunkloſes Gewand erhoͤhete ihre Reize mehr als der koͤſtlichſte Schmuck. In ihrer Be⸗ gleitung befanden ſich die edeln Maͤnner Baſſino und Collino, nebſt Scipio, dem jungen Grafen Montaldi und einige vertraute Freunde ihres Vaters; ihr zur Seite ſaß ihre muͤtterliche Ere: zieherin und die Pflegerin ihrer ſchuldloſen Liebe, die betagte ehrwuͤrdige Herzogin von Natoli, aus deren Mutterhaͤnden der wonnetrunkene Hugo die zaͤrtlich geliebte Aurora, von ihren Segens⸗ wuͤnſchen begleitet, empfangen ſollte. Jedes Herz ſtrebte der Kommenden mit den lauteſten — Ausbruͤchen des Entzuͤckens und der liebevollſten Verehrung entgegen. Kinder in ſchlichten, aber geſchmackvoll gewaͤhlten Gewaͤndern ſtreuten als 8 Genien der Unſchuld und Liebe der jungen Fuͤr⸗ ſtenbraut Blumen und ſanftes Blaͤttergruͤn; Jung⸗ frauen, Juͤnglinge, Maͤnner und Greiſe jauchzten ihr ein herzliches Willkommen zu. Mit dem lau⸗ ten Jubeln der Menge miſchte ſich das feierliche Laͤuten der Glocken, und der Donner des Ge⸗ ſchuͤtzes von den Waͤllen, als die kuͤnftige Fuͤrſtin von Yfamo neben dem gluͤckberauſchten Braͤutigam unter der kriegeriſchen Muſik der bruͤderlich ver⸗ einten Truppen durch die errichteten Ehrenpfor⸗ ten und Triumphbogen in die Reſidenz einzog. Schoͤner und beſeligender war kaum noch fuͤr Yſamo ein feſtlicher Tag erſchienen, als dieſer. Der Freude Wohllaut verdraͤngte jeden Mißton der Klage. Im Uebermaße verſchwiſterter Hoch⸗ gefuͤhle umarmten ſich Yſamo's und Latago's gluͤckliche Buͤrger als Bruͤder, und die allgemeine Freude weihete die Huͤtten der Aermern, ſo wie die Pallaͤſte der Reichern zu Tempeln des Gluͤcks. Von Jubelhymnen und frommen, andachts⸗ vollen Segenswuͤnſchen des Volks begleitet, und umgeben von der ehrwuͤrdigen Caſſandra, ſo wie von Hugo's edlen Freunden, fuͤhrte dieſer die geliebte Aurora zum Altare. Jedes Herz der zahlreich Verſammelten fuͤhlte ſich von hoher An⸗ dacht durchdrungen, als der ehrwuͤrdige Diener der Gottheit Beider Haͤnde zum ewigfeſten ſchoͤ⸗ nen Bunde ihrer gluͤcklichen Liebe in einander fuͤgte, und voll tiefer Ruͤhrung hallte der Segen, den er in der hohen Wuͤrde ſeines ehrwuͤrdigen Berufes uͤber die Neuvermaͤhlten ausſprach, in Aller Bruſt wieder. Mit Sorgfalt hatte der Fuͤrſt, im Vereine mit ſeinen Getreuen, alles dazu angeordnet, um dieſen feſtlich ſchoͤnen Tag, der ſein eigenes ſuͤßes Gluͤck, ſo wie Yſamo's Wohlfahrt fuͤr alle Zeiten feſt begruͤndete, zu einem allgemeinen Volksfeſte zu erheben. Der Niedrigſte im Volke ſollte die Freunden dieſes Tages mit ſeinem gluͤcklichen Be⸗ herrſcher theilen und dadurch den eigenen Genuß ſeines Gluͤcks erheben. Verſchiedene oͤffentliche Plaͤtze waren auf mannichfache Weiſe verziert und fuͤr feſtliche Taͤnze und anſtaͤndige Beluſtigungen des Volks eingerichtet worden. Mehrere Fami⸗ lienzirkel hatten ſich hier und dort gebildet, und uͤberall, am Hofe, in den Haͤuſern der Buͤrger und in den oͤffentlichen Verſammlungen, umſchloß der Genius der Freude Yſamo's Bewohner, arm wie reich als Bruͤder und Schweſtern. In der Ferne ſtand der Centuriſche Oberſte Palozzi in dem Kreiſe der Seinigen unter der — — 25— 251 jauchzenden Menge, und weidete ſein Herz und ſein Auge voll Ruͤhrung und ſuͤßer Begeiſterung an dem Wohllaute des allgemeinen Entzuͤckens. Maͤchtig ergriffen von dieſen Toͤnen begluͤckender Wonne, verlor ſich ſein Inneres in dem uͤber⸗ ſtroͤmend ſuͤßen Gefuͤhle, daß er es war, der dieſes Gluͤck fuͤr Yſamo hatte mit herauffuͤhren helfen. Dieſen uͤberaus ſchoͤnen Genuß hatte ſich ſein Herz unmoͤglich verſagen koͤnnen. Ehe er von dem geliebten Vaterlande Abſchied nehmen konnte, um ſeiner neuen ehrenvollen Beſtimmung zuzu⸗ eilen, mußte er zuvor Yſamo's Buͤrger und deren edeln Beherrſcher in dem Beſitze eines muͤhvoll errungenen unerſchuͤtterlichen Friedens gluͤcklich ſehen. Jetzt ſtand er am Ziele. Sein Tagewerk war hier vollendet; im vollen Glanze wallten ſei⸗ ner Thaͤtigkeit goldene Fruͤchte ihm entgegen; mit wonnetrunkenen Blicken ſchauete ſein bethraͤntes Auge in die Ferne einer ſegensreichen Zukunft, wo bis in die ſpaͤteſten Zeiten noch kommende Ge⸗ ſchlechter in ihren Kindern und Enkeln dieſen, durch ſeine Mitwirkung herbeigefuͤhrten Jubeltag in ſeiner Wiederkehr preiſen wuͤrden. Nunmehr blieb ihm hier nichts weiter zu wuͤnſchen uͤbrig, als Dianoren und ſeinen edeln Freunden das letzte Lebewohl zu ſagen. Noch einmal miſchte er ſich daher in die Reihen der froh Begluͤckten, um den Geliebten die Hand zum Scheiden zu reichen. Schnell riß er ſich alsdann voll uͤbermannender Ruͤhrung von ihnen los, und eilte ohne laͤngeres Saͤumen in Begleitung ſeiner treuen Gefaͤhrten, Cosmo, Lueillo, Mattheo, Camillo und Caſſio, an die fernen Grenzen des vaterlaͤndiſchen Bodens dem fuͤdlichen Meeresufer zu, wo unter Severo's Aufſicht, ſeine Mann⸗ ſchaft in der Villa Rufa del Pinto und ihren Umgebungen ihn mit Ungeduld und Sehnſucht erwartete. Die Schiffe, welche ihn mit ſeinen Getreuen nach Centuriens Geſtaden fuͤhren ſollten, lagen zur Abfahrt bereit. Sehnſuchtsvoll ſahe dort ein ſchwerbedraͤngtes freies Volk der Ankunft der Ver⸗ theidiger ſeiner Freiheit entgegen, um ſie mit Frohlocken zu empfangen. Die Anker wurden ge⸗ lichtet. Lieblich ſpielte der Wind in den Segeln und Wimpeln der Schiffe, und mit einer Thraͤne tiefer Wehmuth nahm Palozzi auf ewig Abſchied von den Kuͤſten des heimathlichen Bodens. Der feierlich ſchoͤne Tag, der Hugo's Gluͤck in dem Beſitze ſeiner zaͤrtlich geliebten edeln Ge⸗ mahlin gruͤndete, war der Schlußſtein zu dem neu errichteten Gebaͤude von Yſamo's unwandelbarer Wohlfahrt. Hold und beſeligend ſchloß ſich ihm fuͤr Fuͤrſt und Land eine lange Reihe ſegensreicher Jahre an. Beide, Fuͤrſt und Volk, fuͤhlten ſich unausſprechlich gluͤcklich; erſterer in der Zaͤrtlich⸗ keit ſeiner Gemahlin und in der Liebe ſeines Volks, letzteres in der neubefeſtigten weiſen Re⸗ gierung ſeiner Obern. Alle jene duͤſtern Bilder der Vergangenheit verblichen in dem Glanze einer ſchoͤneren Gegenwart, welchen in der edelmuͤthi⸗ gen Fuͤrſtin Aurora, eine Sonne des reinſten Gluͤcks hervorgezaubert hatte. 1 1 Der Name Aurora wurde mit jedem Tage mehr die allgemeine Loſung des dankbaren Volks und der Gegenſtand der feurigſten Wuͤnſche fuͤr der Fuͤrſtin ungeſtoͤrtes ſchoͤnes Lebensgluͤck. Aber die Liebenswuͤrdige verdiente auch dieſe Huldigun⸗ gen. Sie ſelbſt ſuchte die Armen und Nothlei⸗ denden auf, um ſie mit Troſt und Huͤlfe zu er⸗ freuen; als ſantender Genius fuͤhrte ſie die Sache der leidenden Men ſchheit und der verkann⸗ ten Tugend. Beſonders neigte ſich ihr zartfuͤh⸗ lendes Herz nach der Jugend, fuͤr deren zweck⸗ maͤßige Erziehung unter den vorigen, drangvol⸗ len Unruhen nur wenig war gethan worden. Mit muͤtterlicher Sorgfalt ließ ſie unter der thaͤtigſten Mitwirkung der edelſten und einſichtsvollſten Maͤn⸗ ner allenthalben Erziehungs; und Bildungsan⸗ ſtalten errichten. Die talentvollſten Lehrey wurden angeſtellt, mit unverdroſſenem Eifer das edle ge⸗ meinnuͤtzige Unternehmen auszufuͤhren, um dem Vaterlande gute betriebſame Buͤrger und feſte Stuͤtzen zu erziehen, gemeinnuͤtzige Kuͤnſte und Wiſſenſchaften zu verbreiten, und in den kom⸗ menden Geſchlechtern Gſams zu dem hoͤchſten Flor 8 zu erheben. Um beſonders unter den geringeren Volks⸗ klaſſen hoͤhern Sinn ſuͤr Tugend und Betriebſam⸗ keit zu wecken, hatte ſie den Tag, der ſie in Yfamo einfuͤhrte, jaͤhrlich zu einem allgemeinen Volksfeſte geweiht. Unter heitern Ergoͤtzlichkeiten ließ ſie Velohnungen unter diejenigen austheilen, welche ſich durch Fleiß und Tugend vorzuͤglich ausgezeich⸗ net hatten. Um die Ehrfurcht fuͤr das Alter zu / befoͤrdern, war dann den Aelteſten der Gemeinden der Vorſitz und die Vertheilung der Preiſe uͤber⸗ laſſen. Eine gleichmaͤßige Verfuͤgung fand bei dem von ihrem Gemahle angeordneten Volksfeſte an deſſen Geburtstage Statt. Von dem Edel⸗ muthe der beiden fuͤrſtlichen Gatten aufgemun⸗ tert, vereinigten ſich die angeſehenſten Familien des Landes, die wohlthaͤtige Abſicht dieſer Feier⸗ lichkeiten zu unterſtuͤtzen. 22G,2 Auf dieſe und aͤhnliche Weiſe verbreitete die edle Fuͤrſtin in einem ihr angemeſſenen Wirkungs⸗ kreiſe unablaͤſſig das gemeinnuͤtzigſte Gute, ohne ſich Eingriffe in die wichtigeren Angelegenheiten des Staats zu erlauben. Sie wandte ihren Ein⸗ fluß auf ihren Gemahl einzig dazu an, zweck⸗ maͤßige Vorſchlaͤge und lobenswerthe Abſichten ſei⸗ ner edeln Freunde und Raͤthe zu unterſtuͤtzen, jede allzugroße Gutmuͤthigkeit, wodurch ſich der leutſelige Hugo vormals ſo oft geſchadet hatte, in einen kraͤftigen, doch nicht rauhen Ernſt umzu⸗ ſchaffen, und eben ſo ſeinen Wunſch, alles mit einem Male zu erringen, zu maͤßigen. So ge⸗ lang es ihren emſigen Bemuͤhungen, ihn in den Entſchließungen fuͤr das Wohl des Landes immer mehr zu befeſtigen. Mit innigem ſeelenvollen Entzuͤcken erkannte der Fuͤrſt die ſegensreichen Unternehmungen ſei⸗ ner edein Gemahlin. Mit jedem Tage ſahe er ſich in dieſer ihrer anſpruchsloſen ſchoͤnen Wirk⸗ ſamkeit mehr verherrlicht, und ſie ſelbſt von dem Lande wie eine wohlthaͤtige Gottheit verehrt. Hohe Bewunderung ihrer liebenswuͤrdigen Tu⸗ — 255— gend und ſanften Weiblichkeit, gab ſeiner zaͤrt⸗ lichen Liebe zu ihr neuen und hoͤhern Schwung, ſie ſelbſt kam ihm in dieſer liebevollen Zaͤrtlichkeit entgegen, und ſo war auch ihr haͤusliches und eheliches Leben, ſo wie ihr gemeinſchaftliches edles Wirken, das nachahmungswuͤrdigſte Muſter zur Nacheiferung. Durch dieſe belebt und ermuthigt, erhob ſich Yſamo nach und nach zu einer Pflanz⸗ ſchule fuͤr Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, aus welcher Maͤnner hervorgingen, deren Namen und Ver⸗ dienſte in der Folge das Inland wie das Ausland mit Bewunderung nannte. Reicher Segen deckte die Fluren und Auen unter dem Erwerbfleiße des Landmanns. Wohl⸗ ſtand, Eintracht und geſetzliche Ordnung herrſch⸗ ten in jedem Stande und vereinigten Yſamo's gluͤckliche Bewohner mit dem ſchoͤnſten Bande der Liebe. Friede und Ruhe begluͤckte das Land in der eintrachtsvollen Freundſchaft der verbuͤn⸗ deten Nachbarſtaaten Latago und Chikaro, und unterſtuͤtzten ſeine friedliche Sicherheit. Laſter und geheime Bosheit lagen gedemuͤthigt am Boden. Eine bedeutende Menge wucheriſcher Paͤchter und kleinlicher Despoten, welche als Torſo's Kreaturen, das Land ausgeſogen und durch zahlloſe Bedruͤckungen tauſendfaches Unheil verbreitet hatten, waren ausgerottet, und vielen beſoldeten Muͤßiggaͤngern wurde eine zweckbefoͤr⸗ derliche Thaͤtigkeit angewieſen. Wer hierzu nicht redlichen Eifer und Willen hatte, dem verſchloß Yſamo die muͤtterlichen Arme. Ueberall wurden Menſchenwuͤrde und Buͤrgerrechte hervorgehoben und geltend gemacht. Gern trug jeder Gutge⸗ ſinnte im neubelebten Gefuͤhle dieſer Wuͤrde als Menſch und als Buͤrger nach beſten Kraͤften das Seinige fuͤr das beabſichtigte gemeinnuͤtzige Gute bei, und mit jedem Tage ſtiegen die Opfer des Dankes und frohe Segenswuͤnſche aus den Huͤtten der Aermern wie aus den Wohnungen der Be⸗ guͤterten zur Feier des errungenen Gluͤcks zum Himmel empor. Das Land vereinigte ſich jetzt uur in einem gemeinſchaftlichen Wunſche fuͤr das unwandelbarſte Lebensgluͤck des menſchenfreund⸗ lichen Hugo, der liebenswuͤrdigen Aurora und derer, die als Stuͤtzen des Staates ihnen zur Seite ſtanden. Nichts fehlte Yſamo mehr zu ſeinem Gluͤcke. Es ſtieg in ſeinem Glanze immer hoͤher und wurde ein wuͤrdiger Gegenſtand allgemeinet Be⸗ wunderung und Achtung. Die Tugenden des edeln Fuͤrſtenpaares erbten in ihrer ganzen ſchoͤ⸗ nen Fuͤlle auf ihre Kinder und Enkel fort, und ſo ſahe ſich Yſamo noch in den ſpaͤteſten Zeiten in Hugo's und Aurorens Nachkommen immer mehr verherrlicht und verewigt.— — oit NITſnnifſiſiſſnſ 1 12 13 14 15 1 RTnſiſ 1 6 17 18 19 20 2