rararararra ErSnSrSTSEAnF 1ET n ar.Ar ßen. Buch 1 Kr. 7 1 J. 2 7 Een 2 2 Bücher: annannaafnence araAaranar LAETE ——— Dianora. Oder 1 die Verſchworunag vom ſchwarzen Bunde. Eine. 1 abenteuerliche Geſchichte in vier Theilen. 4 Voͤllige Umarbeitung des Romans:— Lorenzo, der kluge Mann im Walde zc. „ — Dritter Thei l. Leipzig, 1821 8 Johann Friedrich Leis N a ch. Das Zimmer eines alten veroͤdeten Schloſſes. —— OdoardoPetruzzi.(allein und in duͤſtern Selbſtbetrachtungen auf einem Seſſel am Fenſter.) Cosmo.(ſein Vertrauter, tritt mit Licht herein, leuchtet umher und erblickt ihn:) End⸗ lich ſinde ich Dich! habe ich Dich doch allenthal⸗ ben geſucht; aber ſage mir Odoardo, was machſt Du denn hier im Finſtern? Odoardo.(duͤſter:) Fuͤr mich iſt dieſe Finſterniß Licht, das in einſamer Betrachtung mein Inneres und die grauenvolle Bahn, die ich wandle, beleuchtet. Cosmo. Du vertiefſt Dich wieder einmal in Deine Schwaͤrmereien, die zu nichts fuͤhren, als Dich mit Dir ſelbſt uneins zu machen. Odoardo. Kann das Laſter unter den Skorpionſtichen des ſchuldbewußten Gewiſſens jemals eins mit ſich ſelbſt werden? Cosm o. Laß jene Unholde vor den Skor⸗ ntnet des boͤſen Gewiſſens zittern, dir, mit III. — —— — — 2— laſterhafter Bosheit im Bunde, mehr Urſache dazu haben, als Du. Dein Herz iſt rein? Odoardo. Rein? eine ſchauderhafte Rein⸗ eit! ) Cosmo. Unter jenen Unreinen biſt Du rein. Dein Geſchaͤft iſt edle Rache an dem Laſter, das im Finſtern ſchleicht; mit Thraͤnen des Dankes verehrt die unterdruͤckte Unſchuld in Dir ihren Beſchuͤtzer, Vertheidiger und Retter. Odoardvo. Eitler Wahn, in welchen ich einſt thoͤricht mich wiegte, da ich mir anmaßte ber ewigen Gerechtigkeit vorzugreifen, ihr Rach⸗ ſchwert zu fuͤhren. Sie hat dieſen frevelnden Uebermuth furchtbar geahndet. Cosmo. Sie blickt beifaͤllig auf ihren Ver⸗ theidiger herab. Odoardo. Nein! o nein! Ihr Fluch hef⸗ tet ſich an die Ferſen des tollkuͤhnen Frevlers, der ſich erdreuſtete die Tugend durch das Laſter zu ſchuͤtzen und zu raͤchen.(Ein heftiger Windſtoß erſchuͤttert das Fenſter:) Hoͤrſt Du, wie es die empoͤrte Natur bekraͤftiget? Cosmo. Nicht doch! es iſt der Sturm, der durch dieſe veroͤdete Mauern wuͤthet. Es iſt eine grauenvolle Nacht; ſchaue nur wie duͤſter und bleich dort der Mond durch das voruͤber⸗ fliegende Sturmgewoͤlke daͤmmert. — jetzt. Nur wenigen beſonders beguͤnſtigten Schoos⸗ kindern des Gluͤcks moͤchte es vergoͤnnt ſeyn, in beſchraͤnkten Lebensverhaͤltniſſen gluͤcklicher Nie⸗ drigkeit ſich ihre Rollen auf dem großen Welt⸗ theater ſelbſt zu waͤhlen. Wir Beide gehoͤren nicht zu dieſen, das Schickſal hat auch uns, ſo wie einem Jeden die Rollen aufgedrungen; es kommt nur darauf an, wie wir ſie ſpielen. Odoardo. Guter Cosmo, ich ehre Deinen troͤſtenden Freundeszuſpruch, aber ſeine Philoſo⸗ phie iſt Banditenweisheit; ſie beruhigt und be⸗ 4 gluͤckt das Herz nicht, und kann den Geiſt wee der erheitern noch erheben. Cosmo. Laß uns daruͤber nicht rechten. Dein eigenes Selbſt bleibt Dir in jedem Ver⸗ haͤltniſſe treu; halte es feſt und ermanne Dich. Unſre Leute duͤrfen Dich in dieſer Stimmung nicht finden; Du haſt ſie hierher beſchieden ſie ſind verſammelt und erwarten ihren heldenkuͤhnen Gebieter nach langer Entfernung mit Ungeduld. Odoardo. Es ſey! Da ich doch ruͤckwaͤrts nicht wieder kann, ſo will ich denn das einmal uͤbernommene furchtbare Spiel muthvoll⸗ fort⸗ ſetzen; es komme wie es wolle. Iſt das große Wert vollendet, worin ich mich ſo gern beſpiegele, sdann dulde ich willig die ſchweren Schlaͤge meines unbeugſmen Mißgeſchicks. Bis d dahin will ich nicht wanken, und im Sturme feſt be⸗ harren in dem Bewußtſeyn: mein Werk ſey Segen. d Cosmo. So recht! Jetzt biſt Du wieder Odoardo, und ſo tritt in den Kreis Deiner Ge⸗ treuen und fuͤhre ſie an zu Thaten, die Deines Namens wuͤrdig ſind. —* Die vielfaͤltigen Angelegenheiten worin Odoar⸗ do verwickelt war und die ihn hier und da be⸗ ſchaͤftiget hatten, verhinderten ihn ſeit geraumer Zeit, in eigener Perſon bei ſeinem Corps zugegen zu ſeyn. Er hatre es in verſchiedene kleine Unter⸗ abtheilungen getheilt, und jeder einen ſeiner ge⸗ pruͤfteſten Freunde zum Anfuͤhrer gegeben. Die Hauptaufſicht uͤber das Ganze hatte er indeſſen ſeinem erſten Vertrauten, Cosmo, uͤbertragen. Dieſen Cosmo hatte er unter den mannichfaͤltig⸗ ſten Verhaͤltniſſen eines feindſeligen Geſchickes, als den bewaͤhrteſten Freund im Ungluͤck und als einen Mann von unwandelbarer Treue und Klug⸗ heit erkannt, und wußte, daß er ſich auf ihn unbedingt verlaſſen konnte. Waͤhrend ſich Odoardo mit ſeinen wentgen Getreuen in mancherlei Geſtalten umhertrieb wo ſeine Gegenwart noͤthig war, und aus der Ferne das Ganze ſeines Corps Anigiwir. hatte Cosmo, ——— —— 2 ſeinen Befehlen gemaͤß, die Getreueſten und Verſchlagenſten ſeiner Untergebenen in die ver: ſchiedenſten Gegenden geſchickt, um Odoardo’s Namen geltend zu machen und die zahlreichen Horden gemeinen Geſindels, das ſich uͤberalt unter den zuͤgelloſeſten Greuelthaten herumtrieb, aufzuſpuͤren und die tauglichſten Leute fuͤr Odoardo zu werben, die uͤbrigen aber aufreiben zu helfen. So heiſchte es Odoardo's vieiumfaſſender Plan. Sollte dieſer gedeihen, ſo mußte er das Land vor allen Dingen von jener boͤſen Brut rei⸗ nigen, deren Raub und Mordluſt keine Grenzen kannte, und deren Dolchen ein Menſchenleben fuͤr wenige Zechinen feil war. Oefters ſchon hatten dieſe Boͤſewichter ſeine beſten Abſichten zerſtoͤrt und ſeine Rache auf ſich gezogen, die er auͤf furchtbare Art an ihnen uͤbte; viele von ihnen hatte er bereits der Gerechtigkeit uͤberliefert. Da er dadurch jedoch ihre gaͤnzliche Ausrottung nicht erzielen konnte, ſo aͤnderte er ſeinen Plan dahin ab, daß er die furchtbare Geſchaͤftigkeit der Thaͤ⸗ tigſten ſeinen Befehlen unterordnete, und ſie an die Geſetze der ſtrengſten Subordination feſſelte, die unter ſeinen Leuten herrſchte. Dieſen Auftrag hotte Cosmo, waͤhrend Odvar⸗ do⸗'s Entfernung, mit gutem Gluͤcke ausgefuͤhrt; bei ſeiner Ruͤckkehr wor die Anzahl ſeiner Umts. gebenen zu einer betraͤchtlichen Menge angewach⸗ ſen. Da Odoardo's Name jenem Geſindel ſo furchtbar geworden war, daß ſie vor ihm zitter⸗ ten, ſo ſtroͤmten ſeinen Abgeordneten von allen Orten eine Menge Leute zu, um zu Odoardo's Fahne zu ſchwoͤren und ſich einen ſo furchtbaren 6 Gegner zum Freunde zu machen. Gegenwaͤrtig hatte Odoardo ſeine ſaͤmmtlichen 8 Untergebenen, bis auf einige Wenige, deren Abweſenheit durch andere Angelegenheiten noͤthig gemacht wurde, von den verſchiedenen Poſten hiierher beſchieden, um von ihnen Rechenſchaft 8 u fordern. In einem geraͤumigen hellerleuchte⸗ teen Saale dieſes alten veroͤdeten Schloſſes, deſſen beruͤchtigte Spukereien Odoardo benuͤtzt hatte, um dieſe zum Theil zerfallne Geiſterburg abwechſelnd zu einem ſichern Aufenthalte zu waͤhlen, waren 6 dieſe Leute jetzt verſammelt. Jeder ſeiner Ge⸗ treuen ſprach mit Entzuͤcken und ehrfurchtsvoller Bewunderung von ihm und wußte den Neuan⸗ geworbenen ſo vieles von ſeinen Großthaten zu erzaͤhlen, daß dieſe, von welchen Mehrere Odoardo noch nicht perſoͤnlich kannten, mit deſto groͤßerer achtungsvoller Erwartung dem Eintritte ihres Gebieters entgegenſahen. Jetzt oͤffneten ſich die hohen Fluͤgelthuͤren des Saales. Cosmo und Bernardino, die beiden . zu erziehen, in deren Schatten ſich noch ſpaͤt der Vertrauten Odoardo's, traten ehrerbietig herein und in ihrer Mitte erſchien er ſelbſt mit einem hohe Ehrfurcht gebietenden Anſtande und in einem glaͤnzenden, beinahe fuͤrſtlichen Schmucke. Die ganze Verſammlung ſprang von ihren Sitzen auf und rief ihm ein jauchzendes Willkommen ent⸗ gegen. Odoardo winkte zur Ruhe, und mit ploͤtz⸗ lichem Verſtummen zogen ſich Alle ehrerbietig und mit entbloͤßten Haͤuptern zuruͤck. Odoardo ſchritt mit wuͤrdevollem Anſtande durch die Verſammlung und nahm ſeinen Platz zwiſchen ſeinen beiden Vertrauten.„Ich danke Euch, meine Freunde, fuͤr Euer frohes Willkom⸗ kommen,“ redete er ſie an,„und wuͤnſche, daß ich einen Jeden von Euch eben ſo froh moͤge be⸗ willkommen koͤnnen.“ 4 Mit forſchendem Blicke muſterte ſein Auge die Verſammlung.„Der vaterlaͤndiſche Boden muß, wie ich ſehe, ſehr fruchtbar an Diſteln und Unkraut ſeyn,“ wandte er ſich an Casmo und Bernardino.„Ich danke Euch, lieben Freunde, daß Ihr es Euch angelegen ſeyn ließet, meine Wuͤnſche zu befriedigen, und dieſe rohen ausge⸗ arteten Sproͤßlinge der Natur in ein milderes Erdreich zu verpflanzen, um ſie zu Fruchtbaͤumen — 10— Wanderer erquicken und an ihrti Fruͤchten laben moͤge.“ Er ſetzte ſich auf einen etwas erhoͤhten Seſſel, von welchem er die ganze Verſammlung beſſer uͤberſchauen konnte. Die Uebrigen ſchloſſen ſich auf ihren Sitzen zu beiden Seiten in einem Halb⸗ zirkel an. Eine ehrfurchtsvolle Stille herrſchte uumher, und jedes Auge hing au Odoardo, als dieſer jetzt gegen die Verſammlung fortfuhr: „Ich habe Euch hier zuſammenberufen, um Nechenſchaft von Euch zu fordern, und mich zu belehren, wie unſre Geſetze und mein Wille waͤh⸗ rend meiner Abweſenheit befolgt wurden. Cosmo, Dir uͤbertrug ich meine Rechte; tritt hervor und lege mir Rechnung ab von Deinem Haushalten.“ Cosmo trat mit entbloͤßtem Haupte ehrerbie⸗ tig vor Odoardo und legte Deaen und Wolch zu ſeinen Fuͤßen nieder. „Mein Gebieter!“ redete er ihn a an,„em⸗ pfange vor allen Dingen meinen ehrfurchtsvollen Dank fuͤr Dein wohlwollendes Zutrauen. Dieſe hier, wie ſie um uns verſammelt ſind, moͤgen fuͤr mich zeugen, daß ich dieſes Zutrauen zu ehren und zu rechtſertigen wußte. Ich hoffe, Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn.“ Odoardo. Ueberzeuge mich. Was haſt Du bisher fuͤr meine großen Plane gethan? Cosmo. Ich habe das Commando, das Du in meine Hand niederlegteſt, ſo wie das mir 4 anvertraute Richter⸗ und Raͤcheramt treu und gewiſſenhaft verwaltet. Ruhe, Ordnung und Geſetzlichkeit herrſchen in unſerm Kreiſe; Ein⸗ tracht haͤlt ihn feſter zuſammen, und der Wunſch ſich Deines Beifalls werth zu zeigen, erfuͤllt uns Alle. Blicke um Dich her, oberzaͤhle ſelbſt die Anzahl derer, die Dir und Deinen Befehlen mit Ehrfurcht und treuer Ergebenheit huldigen; es ſind Alle wackere Burſche, die es werth ſind unter Odoardo's Befehlen zu ſtehen. Die Dolche der Bravo's von Yſamo's entlegendſten Grenzen, bis in die Gebirge und Waͤlder von Latago, Chikaro, Surini, Ciretto und Ilao ſtehen unter Deinen Befehlen; ich habe ſie fuͤr Dich geworben und ihre Thaͤtigkeit iſt Deinem Willen unterthan. Dieſer iſt unſer Aller erſtes Geſetz.(Auf einen Wink von ihm tritt ein großer Theil der Ver⸗ ſammelten naͤher.) Sieh her! dieſe ſind die neuen Ankoͤmmlinge ſeit Deiner Abweſenheit. Es waren groͤßtentheils ſehr wilde zuchtloſe Bur⸗ ſche, bei welchen es uns nicht leicht war, ſie an Ordnung und Gehorſam zu gewoͤhnen; jetzt haſt Du jedoch von ihrer Wildheit nichts mehr zu be⸗ ſorgen; ſie ſind Dir mit Treue und Gehorſam bis in den Tod ergeben.“ „Bis in den Tod!“ wiederholte einſtimmig der ganze Kreis. Cosmo. Die Rotten, welche ſo oft Deinen Namen mißbrauchten und durch gemeinen Raub, durch Mord und empoͤrende Grauſamkeiten ſchaͤn⸗ deten, ſind zerſtoͤrt. Marco Perigio, Dein gefaͤhr⸗ lichſter Widerſacher fiel im Zweikampfe mit mir, als er im Begriffe ſtand, mit ſeinen Genoſſen das Schloß einer edeln Wittwe an der Grenze von Chikaro zu uͤberfallen. Er ſiel mit dem groͤß⸗ ten Theile ſeiner Leute; nur Wenige entrannen, die uͤbrigen huldigen jetzt Dir. Die Horden des Batiſtello und Alberino ſind aufgerieben; gleiches Schickſal erfuhr die Rotte des ſchwarzen Baſtiano, des Wirthes jener Waldſchenke, an der Grenze zwiſchen Yſamo und Latago. Unter Pirro's thaͤtiger Mitwirkung, welcher Deinem Verlangen gemaͤß, die gegen ihn ausgeſchickten fuͤrſtlichen Truppen leitete, wurde er mit ſeiner Schaar um⸗ zuͤngelt. Er ſelbſt liegt mit Einigen ſeiner Leute unter dem Schutte ſeiner eingeaͤſcherten Herberge vegraben. Andere fielen im Angriffe; der groͤßere Theil wurde gefangen nach Yſamo gebracht, und die Wenigen, welche von dieſen aufgeriebenen Banden entrannen, irren zerſtreut umher und werden unſrer Wachſamkeit nicht entgehen. So ſtehen unſre Angelegenheiten. ihre Verbrechen, ſo wie die naͤhern Umſtaͤnde Bedeutung vorgefallen? oder hat irgend einer mir noch etwas anzuzeigen: Odoardo.(reicht ihm die Hand:) Ich bin mit Dir zufrieden. Cosmo. Wirſt Du auch wohl zufrieden mit mir ſeyn, wenn ich etwas zu vorlaut, aber noth⸗ gedrungen, mir einige Eingriffe in Deine Rechte erlaubte? Eine Mehrzahl von denen, welche ich von den zerſtoͤrten Haufen Perigio's, Batiſtello's und anderer unter uns aufnahm, waren zu tief in Zuͤgelloſigkeit verſunken, als daß ſie ihre 8 Nacken unter den Zwang unſrer Geſetze beugen wollten. Sie ſtiſteten Verrath und Meuteret unter uns an, raubten und mordeten auf eigene Fauſt. Bei dieſen mußte ich Dein Richter⸗ und Raͤcheramt uͤbernehmen, ohne Deine Ankunft ab⸗ warten zu koͤnnen.(Er uͤberreicht ihm eine Pa⸗ pierrolle.) Hier findeſt Du ihre Namen und meines Verfahrens. Odoardo.(nachdem er die Schrift fluͤchtig uͤberleſen hat:) Die Nothwendigkeit entſchuldi⸗ get dieſes Verfahren; Du haſt gehandeit, wie dieſe es verlangte. Cosmo.(nimmt ſeine Waffen wieder vom Boden und begiebt ſich auf ſeinen Platz.) Odoardo. Iſt außerdem noch etwas von — 14— 4 Caſſio.(einer aus der Verſammlung tritt hervor:) Vergoͤnne mir, daß ich Dich an die Abtragung einer Schuldforderung mahnen darf. Ich bin beauftragt einer Perſon nachzuſpuͤren, um ſie mit dieſem Dolche fuͤr Torſo bluten zu laſſen. Odoardo. Sind die Meuchler noch nichr muͤde zu morden? Wem gilt dieſer Dolch? Gaffto. Ich kenne die Perſon nur aus der mir gemachten Beſchreibung und aus dieſem Bilde das mich leiten ſoll. Pizaltogiſt ihr Name. Odoardo. Pizalto!— ha die Buben!— Caſſio. Fuͤr hundert Zechinen. Odoardo. Pfui der knickerichen Boͤſewich⸗ ter! gilt ihnen das Leben eines Pizalto nicht mehr, als elende hundert Zechinen? So bin ich denn Dein Schuldner mit zweihundert; Da ſollſt ſie haben.(Zu der Verſammlung:) Ich halte puͤnktlich Wort. Fuͤr jeden Mord, zu wel⸗ chem der Eine oder der Andere von Euch gedun⸗ gen wird, zahle ich ihm den Preis doppelt. Aber Wehe dem, der es wagt das Blutgeld aus Mord⸗ luſt wirklich zu verdienen. Sein Loos iſt gewor⸗ fen, Ihr kennt es, es heißt: Tod! Bernardin o.(fuͤhrt einige gefeſſelte Raͤu⸗ ber herbei und ſtellt ſie vor Odoardo.) ODdoardo. Was ſoll das? — — wout mich zum gemeinen Straßenraͤuber und Euch geſchehe, wie Ihr es verdient. chen dieſer Beiden. Bernardino. Hauptmann! dieſe hier haben Deinen Befehlen Hohn geſprochen und unſre Geſetze mit Fuͤßen getreten. Sie ließen ſich von einem jungen Wuͤſtlinge in Niccoſia dingen, ſeinen Oheim, der ihm zu lange lebte, zu morden. Jene Beiden erfrechten ſich, arme Wanderer auf offener Straße zu berauben. 8* Odoardo. Was habt Ihr zu Eurer Ent⸗ ſchuldigung zu erwiedern? Einer der Gefeſſelten. Wir ſind an 19 Freiheit und Thaͤtigkeit gewohnt, und waren des traͤgen Lebens muͤde; wir wollten unſre Kraft nicht in dieſem langweiligen Muͤſſiggange ſich verzehren laſſen. Odoardo. Elende! aͤußert ſich Eure Kraft nur im zuͤgelloſen Rauben und Moͤrden? Ihr Moͤrder machen? Ihr kanntet unſre Geſetze; Die Gefeſſelten.(flehend:) Gnade! Odoardo.(zu Bernardino:) Fiel der Oheim wirklich? Bernardino. Er blutete unter den Dol⸗ Odoardo. Wurde der Straßenraub wirk⸗ ich vollfuͤhrt? Bernarrdino. — 16— Odoardo. So wuͤrde Gnade mich zu Euerm Mitſchuldigen machen. Hinweg mit ihnen. Bernardino erfuͤlle Deine Pflicht! Dieſer fuͤhrte in Begleitung einiger Anderer die Verurtheilten hinweg, und trat nach einiger Zeit wieder herein und legte den blutigen Dolch zu Odoardo's Fuͤßen. Odoardo. So geſchehe einem Jeden, der es wagt unſern Geſetzen Hohn zu ſprechen. Jeder von Ench kennt ſie, ſo wie die Strafe, die ſie verordnen, von welcher nichts entbinden kann. Ein feindſeliges Geſchick hat mich auf den ſchau⸗ derhaften Platz hingedraͤngt, auf welchem ich ſtehe; gemeinſchaftliches Ungluͤck hat die Bande um uns geſchlungen, die uns vereinigen, aber nicht vorſaͤtzliche Bosheit und Mordluſt. Der Augenblick iſt nicht mehr ferne, wo ich mit mei⸗ nem widrigen Schickſale ausgeſoͤhnt ſeyn und von dieſem Schauplatze des Elendes abtreten werde. Ich hoffe, daß dieſes ehrenvoll geſchehen ſoll. Wer mich daran hindern und meinen großen Plan ſtoͤren will, der iſt mein Feind und ladet unſer Aller Rache auf ſich. Ich habe dafuͤr ge⸗ ſorgt, daß bei unſerm Zuruͤcktreten in die buͤrger⸗ liche Geſellſchaft, Jeder von Euch Urſache haben ſoll, mit mir und meiner Einrichtung zufrieden u ſeyn. Einem Jeden von Euch ſoll ſo viel zu —— Böͤſewicht, will ſich noch nicht fuͤgen; doch iſt er Theil werden, daß er ausgeſoͤhnt mit ſich ſelbſt und der Welt, bei einer nuͤtzlichen Thaͤtigkeit ein friedliches und zufriedenes Leben wird fuͤhren koͤn⸗ nen. Wer von Euch mit dieſem meinem Plane ſich nicht begnuͤgt, wer von Euch Vergnuͤgen ſindet an den Scenen blinden Greuels und der Verwuͤſtung, der trete hervor. Ich entlaſſe ihn ſeiner Eide und ſeiner Verbindlichkeiten gegen mich; er gehe hin! er wird dem Naͤcher nicht ent⸗ gehen. bleiben Dir treu ergeben! Odoardo. Mattheo, welche Nachrichten bringſt Du aus Latago? Was macht unſer wacke⸗ rer Severo mit ſeinen Geſellen? Mattheo. Sie entbieten Dir ihren Gruß und berichten Dir die puͤnktliche Befolgung Dei⸗ ner Befehle. Severo hat ſich wie ein Luchs mit ſeinem Haͤuflein an die Grenze gelagert; es iſt kein Schlupfwinkel zwiſchen Latago und Yſamo, wo ſich auch nur eine Maus unbemerkt durch⸗ ſchleichen koͤnnte. Ripiali, dieſer reuige Suͤnder, iſt durch die edle Thaͤtigkeit jener frommen Maͤn⸗ ner der guten Sache wiedergegeben, nnd arbeitet bereits fuͤr ſie, um ſich mit dem Himmel wieder auszuſoͤhnen. Nur Corvetti, dieſer verhaͤrtete TII.— B Die Verſammelten.(einſtimmig:) Wir — 13— ſo gut verwahrt, daß er nicht mehr ſchaden kann. Auch haben wir neuerdings durch unſern wackern Lucillo einen wichtigen Fang gemacht: Cazzi, der Geſchaͤftstraͤger des ſchwarzen Bundes, iſt in unſre Haͤnde gefallen. Hier ſind die Depeſchen, die er uͤbringen ſollte.(Er uͤberreicht ihm meh⸗ rere Schriften.) 5 DOdoardo. Das habt Ihr gut gemacht. Wie bekamt Ihr Cazzi und dieſe wichtigen Doku⸗ mente in Eure Haͤnde? Mattheo. Lucillo hat ihn uns zugefuͤhrt. Odoardo. Er iſt ein wackerer Burſche, der mir viele wichtige Dienſte bei Corvetii geleiſtet hat. Erzaͤhle weiter. Mattheo. Deinen Anordnungen zufolge, ging Lucillo mit den falſchen Briefen und Berich⸗ ten an Torſo nach Yſamo ab, wohin ich ihn mit Camillo von Chikaro aus begleitete. Wir Beide zogen als Tabulettkraͤmer in der Reſidenz umher und lauſchten auf den Erfolg von Lucillo's Thaͤ⸗ tigkeit. Er war von den Verbuͤndeten mit großer Freude bewillkommt, und, ſo wie Du es wuͤnſch⸗ men worden, um ſpaͤterhin dem Letzteren Cazzi's Abgang zu erſetzen. Auf dieſe Art iſt es ihm einem ſo hohen Grade zu erringen, daß er⸗ 3 teſt, in Torſo's und Cerrinv's Dienſte angenom⸗ denn wirklich gelungen, Beider Vertrauen in 1 durch ihn keine Unternehmung des ſchwarzen Bundes kann verborgen bleiben, und daß er ſo⸗ gar dazu beſtimmt wurde, dieſe Depeſchen an Corvetti nach Chikaro zu uͤberbringen. Kluͤglich lehnte jedoch Lucillo dieſen Antrag von ſich ab, um ſowohl Cazzi als einen ſehr gefaͤhrlichen Theil⸗ nehmer an Torſo's verderblichen Planen von die⸗ ſem zu entfernen, als auch ihn ſelbſt mit ſeinen Auftraͤgen in unſre Haͤnde zu liefern. Lueillo gab mir und Camillo ſogleich Nachricht von Cazzi's Abreiſe nach Chikaro. Ich eilte ihm voraus und geſellte mich auf dem Wege dahin zu ihm. Um aber bei dem ſchlauen Burſchen keinen Verdacht gegen mich zu erwecken, trennte ich mich an der Grenze von ihm zum Scheine, indem ich nun⸗ meh⸗ unſerm Camillo ſeine weitere Begleitung oͤberließ und Beiden in's Geheim nachfolgte. Beirhte Du das Weitere. 1 Lamillo. Cazzi gab mir ſelbſt die Mittel in e Haͤnde, ihn ohne Auſſehen zu erregen, hald und leicht in die Falle zu locken. Ich gab mmich fuͤr den Foͤrſter in dem Forſte von Prescio — aus. Als ich bemerkte, daß er ſich ſehr ange⸗ legentlich nach dem alten Klausner Amadeo er⸗ tndedge der dort in der Naͤhe ſich aufhalten ollte, bließ ich uͤber die Urſache ſeiner Nachfragen 19 langs in Zweifel und richtete meine. Ant⸗ 84 — — 20— worten uͤber dieſen Klausner ſo ein, daß Cazzi in die Falle ging. Ich geleitete ihn nach Ama⸗ deo's Klauſe, wohin Mattheo vorausgeeilt war, und als wir ihn erſt hier hatten, dann war das Uebrige ſehr leicht ausgefuͤhrt. Odoardo. Das war brav gemacht; Cazzi war fuͤr uns ſehr gefaͤhrlich, und an ihm hat der ſchwarze Bund ungemein viel verloren. Lucillo wird nunmehr fuͤr das Uebrige ſorgen und ich ſelbſt werde in Kurzem den Herren Verbuͤndeten einen Beſuch abſtatten. 4 Caſſio. Jetzt Hauptmann, vergoͤnne mir, Dich im Namen dieſer wackern Burſche zu bit⸗ ten, ihnen Beſchaͤftigung zu geben. Odoardo. Sie ſoll Euch werden, denn es giebt Manches fuͤr Euch zu thun; aber ohne meine Befehle keinen Schritt! Caſſio Dir will ich Gelegenheit geben, die zweihundert Zechinen, welche Du fuͤr Pizalto von mir zu fordern haſt, ſelbſt zu verdienen. 3 Caſſio. Laß hoͤren auf welche Art. Odoardo. Als ich juͤngſt uͤber die Grenze ritt, war ich Zeuge einer Scene, vor welcher Ihr ſelbſt wuͤrdet zuruͤckgeſchaudert haben. Am Boden lag ein Greis und kruͤmmte ſich winſelnd unter den Biſſen einiger Jagdhunde und unter den Stockſchlaͤgen, womit ein junger Herr in Jagdkleidern unbarmherzig ihn mißhandelte. Ein anderer Feldarbeiter in meiner Naͤhe ſtand voll tieſverhaltenem Ingrimm zur Seite als Beob⸗ achter der Scene. Ich wandte mich an ihn mit der Aufforderung, dem armen gemißhandelten Greiſe zu Huͤlfe zu eilen.„Daß es mir erginge wie dieſem hier,“ erwiederte er knirſchend, in⸗ dem er auf eine maͤnnliche Leiche am Boden zeigte.„Dieſer hier war der Sohn jenes Alten und ſo wie ich und er Leibeigner des geſtrengen Herrn dort. Er wagte es, demſelben Vorſtel⸗ lungen uͤber die Kraftloſigkeit ſeines alten Vaters zu machen, die ihn an der ſchweren Feldarbeit verhinderte, und als er dadurch den Zorn des Herrn nur noch mehr reizte und er ſich deſſen Mißhandlungen widerſetzte, hetzte der geſtrenge Herr ſeine Hunde auf ihn und ſchoß den Frevler nieder.“ Ich ſprang bei dieſer Erzaͤhlung hinzu und ſuchte den Mißhandlungen des Barbaren Einhalt zu thuie; aber nur mit vieler Muͤhe ge⸗ lang es mir, ihn zu bewegen, mir den ungluͤck⸗ lichen Greis fuͤr eine nicht unbedeutende Summe zu uͤberlaſſen. Von den wuͤthenden Biſſen der Jagdhunde zerſeiſcht, ind ich den Ungluͤcklichen auf mein Maulthier und brachte ihn ohnmaͤchtig in das benachbarte Kloſter der barmherzigen Bruͤ⸗ der, wo ich fuͤr ſeine Pflege und Heilung Sorge — 22— trug. Jedoch der Ungluͤckliche unterlag den Miß⸗ handlungen; er ſtarb noch an demfelben Abende in meinen Armen. Caſſio. Das iſt unerhört Hauptmann! laß mich hinuͤber zu dem Buben, daß ich ihn erdroßle und die Erde von dieſem Ungeheuer befreie. Odoardo. Es ſey! Die gemißhandelte Menſchheit ſchreit um Rache, und Dich weihe ich zu dieſem Geſchaͤfte. Der Unmenſch, der in Wolluͤſten und Ueppigkeiten aller Art ſchwelgt, das Mark ſeiner ungluͤcklichen Vaſallen ausſaugt und zahlloſe Greuel und unmenſchliche Grauſam⸗ keiten uͤbt, ſoll erfahren, was Elend iſt. Waͤhle Dir ſelbſt einige unſrer Leute, und mache Dich zu ihm auf. Ich uͤbergebe ihn Deiner Rache, aber ſchone ſo viel als moͤglich des Blutes. Ver⸗ heere ſeine Schloͤſſer und laß ihn Zeuge davon ſeyn; dann ſchleppe ihn nach der Bay von Ra⸗ bucka. Dort liegt das Kaperſchiff des bekannten Seeraͤubers Kul⸗Ojah vor Anker; uͤberliefere den Unmenſchen den Sklavenketten deſſelben. Iſt dieſe Rache vollzogen, alsdann tritt vor ihm hin und ſage ihm:„das that Odoardo der Raͤcher!“ Hat meine Rache die gewuͤnſchten Folgen, und hat er gelernt im Elende und unter der Laſt ſeiner Sklavenketten menſchlicher zu ſeyn, dann werde — 23— —3 ich mich ſeiner annehmen und ihm die Freiheit erkaufen. Caſſio. Juchhe, Kameraden! da giebt es Arbeit fuͤr uns! Friſch auf! wir wollen dort wirthſchaften, daß allen Tyrannen, die es hoͤren, die Haut ſchaudern ſoll. Odoardo. Gnnug davon. Jetzt laßt uns beim frohen Mahle das Elend der Erde vergeſſen; morgen ein Mehreres!—. Waͤhrend die Graͤfin ſich in der Kapelle der heiligen Thekla befand, verweilten Dianvra und Manutti auf jenem Raſenhuͤgel, in ſanfte Schwaͤr⸗ mereien verloren. Die heitere laͤchelnde Natur um ſie her hatte beſonders Dianorens Stimmung ſanft aufgeregt, und Beider Unterhaltung unbe⸗ merkt auf das Gluͤck einer reinen tugendhaften Liebe ſchuldloſer Herzen hingeleitet. Das edle Feuer, womit Manutti dies beſeligende Gluͤck ſchilderte und auf Lorenzo's eigene Veranlaſſung zum erſten Male ſeine lang verſchloſſenen Gefuͤhle fuͤr Dianoren laut werden ließ, zog dieſe liebevoll und immer mehr und mehr nach ihm hin. n Im Uebermaaße dieſer Gefuͤhle ſank ſie an den Buſen des gluͤcklichen Juͤnglings und von ſeinem Arm umſchloſſen, traͤumte ſie den ſchoͤnen Traum begluͤckter Liebe; im ſchoͤnen Gleichlaute ſchlugen “ Beider Herzen an einander, und der Bund der⸗ ſelben war jetzt auf ewig geſchloſſen.„Dianora!“ fluͤſterte Manutti mit ſeelenvollem Ausdrucke, „Giovanni!“ lispelte ſie zaͤrtlich, und das Mein,— Dein erſtarb in ihren Küſſen auf ihren Lippen. Bei dieſem ſchoͤnen innigen Umtauſche ihrer Seelen bemerkten ſie kaum der Graͤfin lange Abweſenheit. Das Ueberraſchende der vorigen Seene hatte dieſe ſo heftig erſchuͤttert, daß ſie in eine Art von Betaͤubung in Amadeo's Arme zu⸗ ruͤckſank. Als ſie ſich aus dieſer wieder erholte, erblickte ſie ſich im Freien auf einem Grabhuͤgel, und Amadeo ſtand unterſtuͤtzend ihr zur Seite. Er leitete ihre Blicke auf die beiden Liebenden hin, welche in ſeelenvoller Umarmung hinter hnen ſaßen und ihre Gegenwart nun nicht laͤnger entbehren durften. Indem er ihr ein baldiges Wiederſehen verſprach, gleitete er langſam den Huͤgel hinab und entzog ſich ihren nachſchauenden Blicken. 3 Siee erhob ſich von ihrem Sitze, fuͤhlte ſich aber ſo ſehr erſchoͤpft und durch Dianorens An⸗ lick ſo heftig erſchuͤttert, daß ſie ſich auf den Denkſtein eines neben ihr hefinoltchen Grabes⸗ huͤgels ſtuͤtzen mußte. „Dianora!“ rief die Graͤfin leſe und mit 2— — — — 25— zitternder Stimme. Dianora blickte ſich um, und als ſie ihre muͤtterliche Freundin bleich und ſchwach an dem Todtenſteine gewahrte, ſprang ſie heftig erſchrocken auf.„Mutter!“ rief ſie, und eilte mit Manntti zu ihrer Unterſtuͤtzung. „Deine Mutter!“ wiederholte die Graͤfin, und ihre Stimme erſtarb in Dianorens Umar⸗ mung, waͤhrend ihre Thraͤnen Dianorens Wan⸗ gen benetzten. „Liebe Mutter,“ fragte Dianora aͤngſtlich, „was iſt Dir widerfahren? Du biſt in einer ſeltſamen Bewegung.“ Manutti unterſtuͤtzte die Graͤfin. Er theilte Dianorens Beſorgniß und vereinigte mit dieſer die Bitten an die Grafin ſi ſich uͤber ihren Zuſtand zu erklaͤren. „Es iſt nichts, es wird voruͤbergehen;“ er⸗ wiederte dieſe, indem ſie ſich zu ſammeln ſuchte und ſich mit einer zufaͤlligen Anwandelung von Unpaͤßlichkeit entſchuldigte. Auf Manutti geſtuͤtzt, fuͤhrte ſie Dianora den Huͤgel hinab, wo der Wagen ſie erwartete. Bei ihrer Nachhaufekunft befand ſich die Graͤſin ſehr erſchoͤpft und mußte ſich zu Bette begeben. Dianora war mit liebevoller kindlicher Beſorgniß fuͤr ihren Beiſtand beſchaͤftiget, ohne zu ahnen, daß ihre Gegenwart und aͤngſtliche Zuſtand der Graͤfin nur noch vermehrten, ſo daß dieſe ſich Zwang anthun mußte, um es Dianoren, terner Berlegenheit gedachte ſie der Zuruͤckkunft ihres Gemahls, der ſich doch ſehr wahrſcheinlich genauer n dem Vorgefallenen erkundigen wuͤr⸗ de und dann leicht zu mancherlei Vermuthungen hingeleitet werden koͤnnte, wenn er ihren Beſuch auf Sankt Thekla erfuͤhre. Schwerlich wuͤrde er dere Beweggruͤnde halten. Sie war daher um die Mittel aͤußerſt verlegen, wodurch ſie ohne ihn mit Unwahrheit zu taͤuſchen, ſeinen Fragen aus⸗ weichen ſollte. Allein ſo ſehr ſie auch deshalb die Ruͤckkehr ihres Gemahls ſcheuete, eben ſo ſehr wurde ſie wieder durch deſſen ſich verſpaͤtende Ankunft beunruhiget. Der Graf hatte zuverſichtlich derſyrochen, noch an demſelben Tage bei guter Zeit wieder zuruͤck⸗ zukommen; aber es ging eine Stunde nach der andern voruͤber, der Abend verſtrich und die Nacht der Graͤfin, und ihre aͤngſtliche Beſorgniß wegen eines ihm vielleicht zugeſtoßenen Unfalls, machte Theilnahme, die Unruhe und den krankhaften ihrer geliebter Tochter, zu verbergen. Mit ſchuͤchhe dieſen fuͤr einen blos zufaͤlligen Einfall ohne an⸗ brach ein, ohne daß er erſcheinen wollte. Mit jeder Minute vergroͤßerte ſich daher die Unruhe ihre Lage nur noch peinlicher. Scipio und Ma⸗ nutti bemuͤhten ſich, ſie zu beruhigen, obgleich ſie beide ſelbſt im Stillen dieſe Beſorgniſſe mit ihr theilten, auch deshalb die Verfuͤgung trafen, mit Anbruche des Morgens nach der Abtei Sankt Lucian aufzubrechen, um nach dem Grafen Er⸗ kundigung einzuholen. Dieſe Unruhe und Beſorgniß ſowohl um den Grafen, als auch um die Graͤfin theilte ſich bald den ſaͤmmtlichen Hausgenoſſen mit; vorzuͤglich zeigte der alte Albero eine beſondere Theilnahme, indem er mit einer befremdenden Unruhe umher⸗ ging und ſowohl bei dem Arzte als auch bei dem . jungen Grafen und Dianoren ſich ſorgfaͤltig nach dem Zuſtande der Graͤfin erkundigte. Der Graͤfin naͤchtliche Ruhe nicht zu ſtoͤren, uͤberließ man ihrer Kammerfrau allein die Sorge fuͤr ſie, waͤhrend Dianora auf die wiederholten Aufforderungen der Graͤfin ſich entfernte und in dem anſtoßenden Kabinete zur Ruhe begeben hatte, um auf dem erſten Wink herbeieilen zu koͤnnen, wenn ihr Beiſtand etwa noͤthig ſeyn ſollte. Die Mitternacht war nahe, und rings um⸗ her herrſchte eine tiefe Stille, als ein leiſes Klopfen an der Thuͤre die Kammer— rief, um die Urſache deſſelben zu erforſ⸗ meldete der Graͤfin mit Beſermiden, daß ein 8— alter ehrwuͤrdiger Ordensmann, der ſich als einen Boten ihres Gemahls ankuͤndige und ſich Amadeo nenne, auf wenige Augenblicke mit ihr zu ſpre⸗ chen wuͤnſche. Die Graͤfin ließ ihn hereinfuͤhren und winkte der Kammerfrau bei Amadeo's Ein⸗ tritte ſich zu entfernen. Die Graͤfin ſtaunte dieſe unerwartete Erſchei⸗ nung an.„Amadeo!“ rief ſie dem Eintretenden zu,„biſt Du es wirklich?“ 4 „Ich bin es,“ erwiederte dieſer, indem er leiſe naͤher trat.„Laſſen Sie ſich meine Erſchei⸗ nund nicht befremden; ich komme, Sie uͤber die lange Abweſenheit Ihres Gemahls zu beruhigen und um den Fehler meiner Uebereilung zu ver⸗ beſſern, daß ich Sie auf die Ihnen zu Sankt Thekla mitzutheilende Nachricht nicht beſſer vor⸗ bereitet und Ihnen eine allzuheftig erſchuͤtternde Bewegung erſpart hatte.“ Graͤfin. Wo iſt mein Gemahl uünd was verhindert ſeine Ruͤckkehr? Amadeo. Seyn Sie ſeinetwegen außer Sorge; er befindet ſich bei ſeinem Freunde, dem frommen Abte von Sankt Lucian, deſſen Bitten, bei ihm zu uͤbernachten, der Herr Graf um ſo lieber nachgab, da die Gegenſtaͤnde ihrer Unter⸗ haltung von großer Wichtigkeit ſind und ſie ſich —; daher auf ſo wenige Angenblicke nicht Leſchtaͤnken konnten. Graͤfin. Kann ich auch der Waheheit die⸗ ſer Nachricht vollen Glauben ſchenken? Amadeo. Vollkommen! der naͤchſte Mor⸗ gen wird Sie durch die Ankunft Ihres Gemahls davon uͤberzeugen. Ich bitte Sie dringend, ſeine gegenwaͤrtige Abweſenheit zu Ihrer Beruhigung zu benuͤtzen denn Ihr Gemahl darf Sie nicht in dieſem Zuſtande finden. Graͤfin. Guter Amadeo, ich beſorge, daß Deine vorige Entdeckung meine Ruhe auf immer vernichtet habe! Am ad eo. Nicht doch. Sie haben ſich ja ſo viele Jahre lang nach zuverlaͤſſigen Nachrich⸗ ten und nach dem Wiederfinden Ihres Kindes geſehnt; wie moͤchte jetzt die Befriedigung dieſes Wunſches Ihre Ruhe vernichten koͤnnen? Graͤfin. Das Wiederfinden des geliebten Kindes hat auf's neue ſchmerzvolle Wunden in meinem Innern aufgeriſſen, welche wohl kaum jemals wieder heilen werden. Amadeo. Faſſen Sie Muth! die alles heilende Zeit wird Sie auch von dieſen Wunden ſchmerzlicher Erinnerung geneſen laſſen, und in dem Gluͤcke Ihrer guten Tochter werden Ihnen 1 — 3630— ſchoͤnere Zeiten glaͤnzen, als ſie jemals die Ver⸗ gangenheit Ihnen gewaͤhren konnte. Graͤfin. Das ſind ſchoͤne Traͤume. Amadeo. Sie werden zur Wirklichkeit rei⸗ fen, dieſen Troſt kann ich Ihnen mit feſter Zu⸗ verſicht geben; nur duͤrfen Sie dieſe ſchoͤne Wirk⸗ lichkeit nicht vorſaͤtzlich ſtoͤren oder aufhalten. Ihr Gemahl muß uͤber Dianoren fuͤr immer in Ungewißheit bleiben, und niemals darf er die wahre Urſache Ihrer Unruhe erfahren. Graͤfin. Auf welche Art werde ich es ver⸗ hindern koͤnnen? wird er nicht erfahren, wo ich war und was dort vorging? Amadeo. Das wird er freilich; indeſſen iſt dadurch nichts verſehen, wenn Sie zu einer kleinen Erdichtung Ihre Zuflucht nehmen wollen, welche die Nothwendigkeit um ſo mehr entſchul⸗ diget, da anderweitige Umſtaͤnde die Wahrheit darunter verſchleiern. Graͤfin. Es iſt doch traurig, daß eine einzige jugendliche Verirrung dergleichen Noth⸗ wendigkeiten herbei fuͤhrt. Koͤnnte man in die Zukunft blicken und erkennen, welche Reihe von Leiden und bittern Vorwuͤrfen ein einziger Fehl⸗ tritt aus Leidenſchaft und Leichtſinn nach ſich zieht, wie ſehr wuͤrde man davor zuruͤckbeben! Amadeo. Was einmal geſchehen iſt, laͤßt — 8 —y— 51 ſich freilich nicht wieder ungeſchehen machen, doch aber verbeſſern, und Reue verſoͤhnt den Himmel uͤber menſchliche Schwachheiten wieder. Ihr Ge⸗ mahl ſchwebt uͤber dieſe Dinge in einer gluͤcklichen Unwiſſenheit. Wenn Ihnen Ihr Gluͤck und das ſeinige theuer iſt, ſo reißen Sie ihn nicht aus derſelben. Zerſtoͤren Sie nicht abſichtlich den klugen Plan Ihres redlichen Freundes Lorenzo, der ſo vieles that, um die verworrenen Angele⸗ genheiten in Ihrer Familie zu Ihrer Aller Vor⸗ theil zu ordnen. Er hat gegenwaͤrtig Ihren Ge⸗ mahl auf gewiſſe Dinge hingefuͤhrt, die ihn ſelbſt betreffen und ihn beſtimmen muͤſſen, jeden Vor⸗ wurf gegen Sie zuruͤckzuhalten, wenn er auch das Geſchehene leiſe ahnen koͤnnte. Graͤfin. Welche Dinge? Amadeo. So wenig der Herr Graf jemals das Geheimniß Ihres Herzens erfahren darf, eben ſo wenig duͤrfen auch Sie ſich in das ſeinige eindraͤngen wollen. Ihr Gemahl wird jetzt Dia⸗ noren mit aller Zaͤrtlichkeit eines liebenden Vaters umfaſſen; ſo ſehr er fruͤher die Verbindung Ihres Sohnes mit Dianodren wuͤnſchte, ſo wenig wird er nunmehr anſtehen, ſeine Voreiligkeit wieder gut zu machen. Sie brauchen jetzt nur ſeine Plane zu unterſtuͤtzen und zu ſchweigen.. Graͤfin. Weißt Du auch wie ſchwer es iſt, — 52— ſeinen Kummer allein zu tragen und ſich nicht mittheilen zu duͤrfen? Amadeo. Ich biete Ihnen meinen Freun- destroſt und meinen Rath an. Sie beduͤrfen eines redlich treuen Freundes und Vertrauten; nehmen Sie mich dazu an, Sie ſollen es nie bereuen. Vertrauen Sie mir Ihren Kummer, legen Sie ihn in meine Freundesbruſt nieder, Sie werden Troſt und Beruhigung ſinden, und wie im Schooße der Erde wird Ihr Geheimniß in mir verwahrt ruhen. Graͤfin. Dankbar nehme ich dieſen Freun⸗ destroſt an, den Lorenzo mir ſendet, um mein armes Herz zu erleichtern; aber wo werde ich ohne Zeugen mir die heißerſehnte Mittheilung am Freundesbuſen gewaͤhren koͤnnen? Amadeo.(reicht ihr ein goldnes Kreuzchen:) Empfangen Sie dieſes kleine Kreuz und verwah⸗ ren Sie es ſorgfaͤltig. So oft ich es werde auf Ihrer Bruſt erblicken, ſoll es ein Zeichen fuͤr mich ſeyn, das mich zu Ihnen ruft. Graͤfin. Wirſt Du auch immer mir nahe genug ſeyn, um diefes Zeichen zu bemerken? Amadeo. Sorgen Sie nicht dafuͤr. Uner⸗ kannt werde ich allenthalben in Ihrer Naͤhe blei⸗ ben und ungeſehen mitten durch Ihre Dienerſchaft bis zu Ihnen dringen. In ſtiller Stunde dee — Mitternacht, wenn der Schlef das Auge und das Ohr des Lauſchers deckt, werde ich bei Ihnen erſcheinen, ſo oft dieſer Talisman mich zu Ihnen ruft... Graͤfin. Wie wird dieſes moͤglich ſeyn, ohne an Wunder zu glauben? Amadeo. Ich moͤchte Sie nicht gern durch Unwahrheit taͤuſchen, darum dringen Sie nicht in mich zu wiſſen, wie ich das Unwahrſcheinliche ohne Wunder moͤglich mache. Spaͤterhin ſoll ſich Ihnen alles Raͤthſelhafte aufklaͤren, ſobald es Lorenzo fuͤr gut ſindet. Graͤfin. Wo iſt er? Amedeo. Das weiß ich nicht; doch koͤnnen Sie verſichert ſeyn, daß er nie muͤde wird fuͤr Ihr Beſtes zu wirken.. Graͤfin. Du kommſt von ihm und mußt ſeinen Aufenthalt kennen. Wenn Du mir den uͤberzeugendſten Beweis Deiner freundſchaftlichen Theilnahme geben willſt, ſo rufe mir ihn her. Amadeo. Sie fordern Unmoͤglichkeit. Lo⸗ renzo kann gegenwaͤrtig meinem Rufe nicht fol⸗ gen, deshalb ſendet er mich. Meine Pflicht iſt es, Ihnen fuͤr Ihr Vertrauen und fuͤr Ihre Be⸗ ruhigung das zu ſeyn, was er jetzt Ihnen in der Ferne nicht ſeyn kaͤnn. b Graͤfin. Wenn Du mir das wirklich ſeyn III. C 1 kannſt und ſeyn willſt, ſo loͤſe mir an ſeiner Statt eine Frage, deren wahre Beantwortung mich am kraͤftigſten beruhigen kann. Amadeo. Welche iſt es? Graͤfin. Gieb mir Nachricht von dem Manne, auf welchen das Wiederſinden meines geliebten Kindes jetzt den Wunſch des Wieder⸗ ſehens mit verdoppelter Staͤrke hinleitet. Wo iſt Ludoviko? Aebt er noch, und wo? Amadeo. Dieſe Frage kann ich Ihnen bei dem beſten Willen nicht beantworten; vielleicht ſprechen wir zu einer andern Zeit mehr davon. Es iſt Mitternacht und Sie beduͤrfen der Ruhe; ich darf nicht laͤnger hier weilen. Mein gegen⸗ waͤrtiger Beſuch zu einer ſo ungewoͤhnlichen Zeit duͤrfte nicht unbemerkt bleiben, ihn entſchuldigen jedoch die Umſtaͤnde, und in Anſehung Ihres Gemahls iſt bereits dafuͤr geſorgt worden, daß Sie ihm kein Geheimniß daraus zu machen brau⸗ chen, daß ſein Freund Ignazio von Sankt Lucian zu Ihrer Beruhigung einen Boten hierher ſandte. Moͤge meine Botſchaft wirklich dieſe beabſichtigte gute Falgen haben, damit Sie Ihren Gemahl bei ſeiner Ankunft in der noͤthigen Faſſung em⸗ pfangen koͤnnen. Er entſchluͤpfte ſchnell durch eine Seitenthuͤre, indem die Graͤfin der Kammerfrau klingelte, um 2* 7 —— — 2— dem ehrwuͤrdigen Greiſe vorzuleuchten und ihn bis zum Ausgange zu geleiten. Dieſe eilte hin⸗ aus, kehrte aber in wenigen Augenblicken mit der Meldung zuruͤck, daß der Greis nirgends zu ſehen ſey und wahrſcheinlich ſchneller als ſie den Ausgang gewonnen habe. Als die Graͤſin am folgenden Morgen ziemlich fruͤh, aber durch einen ſanften Schlaf geſtaͤrkt, erwachte und nach ihrem Sohne ſchickte, um ihm von der erhaltenen Botſchaft Nachricht zu geben und ihn von ſeiner Reiſe nach Sankt Lucian ab⸗ zuhalten, erfuhr ſie, daß dieſer in Begleitung ſeines Freundes Manutti ſchon vor ihrem Er⸗ wachen dahin aufgebrochen war. Kurze Zeit darauf erhielt ſie die Nachricht, daß Beide mit ihrem Gemahle angekommen waren. Der Graf eilte ſogleich zu ihr:„Was muß ich hoͤren?“ redete er ſie mit dem Ausdrucke liebevoller Beſorgniß an,„Sie ſind krank, liebe Franziska?“ Graͤfin.(indem ſie ihm zum ſreundlichen Willkommen die Hand reicht:) Sie ſind ja wieder da, und es iſt Alles voruͤber. Graf. Hat Sie mein langes Außenbleiben beunruhigt? Graͤfin. Der Bote, welchen der fromme C 2 Ignazio deshalb an mich ſchickte, hat meine Beſorgniß gemildert. Graf. So bin ich meinem ehrwuͤrdigen Freunde fuͤr ſeine Aufmerkſamkeit ſehr zum Danke verpflichtet. Wirklich waren die Gegenſtaͤnde, uͤber welche ich mich mit ihm zu unterhalten hatte, von der Art, daß ſie mir keine fruͤhere Trennung von ihm erlaubten, obgleich meine Hoffnung fehlſchlug, Antonio dort zu finden. Graͤfin. So war Ihre Reiſe vergebens? Sie haben den Schluͤſſel zu den Raͤthſeln nicht erhalten, welchen der Name Conſtanza Ihnen geben ſollte?.. Graf. Beunruhigt Sie dieſer Name? Graͤfin. Nur in ſo fern, als er vielleicht Sie beunruhigen koͤnnte. Graf. Seyn Sie deshalb unbeſorgt, liebe Franziska.(ausbeugend:) Sie waren geſtern zu Sankt Thekla?— darf ich wiſſen, was dort vorgefallen iſt, daß Sie ſo heftig erſchuͤttern konnte? 3 Graͤfin. Ich hatte dort eine ganz eigene Erſcheinung, die ich gegenwaͤrtig verſucht bin, fuͤr eine Taͤuſchung meiner Phantaſie zu halten. Graf. Bei Ihrer mir bekannten frommen Schwaͤrmerei iſt eine Taͤuſchung dieſer Art unter ſolchen Umgebungen grauer Vorzeit ſehr begreif⸗ lich, und ich bin weit davon entfernt, mit Fra⸗ gen uͤber dieſe vermeinte Erſcheinung in Sie zu dringen. Graͤfin. Sie braucht Ihnen kein Geheim⸗ niß zu bleiben. Wahrſcheinlich wurde ſie durch die letzteren auf Dianoren und deren beabſichtigte Verbindung mit unſerm Scipio ſich beziehenden Ereigniſſe veranlaßt. Graf. Die Verbindung ſoll Ihnen ferner keine Unruhe mehr machen. Ich habe mit mei⸗ nem ehrwuͤrdigen Freunde, dem Abte von Sankt Lucian, die Umſtaͤnde reiflicher erwogen und bin entſchloſſen, meinen Plan aufzugeben. Es thut mir Leid, daß ich in Scipio's Herzen eine Leiden⸗ ſchaft fuͤr Dianoren genaͤhrt habe, der ſich Lorenzo ſo hartnaͤckig widerſetzt; wir wollen uns und unſern Sohn ihm keinesweges aufdringen. Graͤfin. Sie ſcheinen unwillig auf Lorenzo zu ſeyn, laſſen Sie ſeiner Tochter dieſes nicht entgelten. Graf. Keinesweges. Dianora iſt mir eben ſo theuer geworden als Ihnen, und hat keinen Theil an den Dingen, welche vielleicht einigen Unwillen gegen das verſteckte Weſen ihres Vaters erregen koͤnnten. Graͤfin. Was beſchließen Sie in Anſehung unſers Sohnes? — 38— Graf. Ihn nach unſerm fruͤhern Plan auf einige Zeit aus dem vaͤterlichen Hauſe zu entfer⸗ nen; ich hoffe, daß Sie ſelbſt die Nothwendigkeit davon zu deutlich einſehen werden, als daß Sie dieſen Entſchluß nicht billigen ſollten. Graͤfin. Ich ehre Ihren Willen, mein theuerer Gemahl, und werde Sie in nichts ſtoͤ⸗ 8 ren, wenn kein anderes Mittel fuͤr uns uͤbrig bleibt, unſern Sohn von ſeiner Leidenſchaft zu heilen. Cerrino's Ankunft verhinderte die Fortſetzung dieſes Geſpraͤchs. Die Scene mit dem Gucke⸗ kaſtenmanne und deſſen Bildern hatte Cerrino ſo ſchuͤchtern gemacht, daß er bis auf dieſe Stunde ſich mehr in der Ferne gehalten und beobachtet hatte, welchen Eindruck jene Bildergallerie auf die graͤe liche Familie mochte gemacht haben. Er bemerkte jedoch nichts auffallendes, und da man mit an⸗ dern Dingen beſchaͤſtigt zu ſeyn ſchien, welche— die Erinnerung an den Bilderkaſten verdraͤngte, ſo wagte er ſich allmaͤhlig wieder hervor. Indem er Gelegenheit nahm, ſich nach dem Befinden der 6 Graͤſin zu erkundigen, ſuchte er ſich wo moͤglich von den Auftritten mit dem geheimnißvollen 1 Moͤnche in der Karmeliterkirche zu unterrichten. Dieſes Ereigniß war nicht verſchwiegen geblieben und hatte vorzuͤglich Torſo's Aufmerkſamkeit um ſo mehr auf ſich gezogen, da die ſchnelle Reiſe des Grafen Montaldi damit vielleicht in Be⸗ ziehung ſtehen, und man nicht wiſſen konnte, ob nicht auch die Bildergallerie des verdaͤchtigen Kaſtenmannes darauf Bezug und eine Verraͤtherei gegen Torſo und ſeine Anhaͤnger zur Abſicht habe. Torſo hatte zwar ſeinen vertrauten Lueillo auf Kundſchaft ausgeſchickt; allein ſo ſorgfaͤltig dieſer auch, ſeiner Verſicherung nach, in dem Kar⸗ meliterkloſter nach dem raͤthſelhaften Moͤnche Er⸗ kundigungen angeſtellt hatte, ſo konnte er doch weiter nichts von ihm erfahren, als daß derſelbe auf einer Wallfahrt nach einem wunderthaͤtigen Marienbilde begriffen und in dem Kloſter nur auf einige Tage eingekehrt geweſen ſey. Sobald es der Wohlſtand erlaubte, mußte da⸗ her Cerrino am folgenden Morgen bei dem Gra⸗ fen einen Beſuch abſtatten, um dort das Naͤhere zu erforſchen. Aber auch hier mißlangen die des⸗ halb angeſtellten Verſuche. So fein ſich auch Cerrino mit ſeinen Fragen nach des Grafen Reiſe benahm, ſo wußte dieſer ihm dennoch ſehr geſchickt auszuweichen, ſo daß Cerrino fuͤr rathſam fand, ſeine weitern Forſchungen einzuſtellen. Der Graf gab ihm mit Unwillen und ziemlich deutlich zu erkennen, daß er es ſehr ungern ſaͤhe, wenn ſich — 40— ſeine Bekannte allzuſehr um ſeine Angelegenhei⸗ ten bekuͤmmerten.. Mit der ihm eigenen Gewandheit brach Cer⸗ rino dieſes Geſpraͤch ab, indem er ſich an Diano⸗ ren wandte und den ſchoͤnen Morgen benuͤtzte, um dieſe zu einer kleinen Promenade in dem Garten aufzufordern; Dianora konnte es nicht fuͤglich ablehnen. Was ihm bei dem Grafen fehl⸗ geſchlagen war, das hoffte er vielleicht durch Dianoren zu erreichen. Unter der Maske der aufrichtigſten Theilnahme leitete er das Geſpraͤch auf die Angelegenheiten des Grafen und auf die ploͤtzliche Krankheit der Graͤfin. Doch zu ſeinem großen Verdruſſe ſahe er auch hier, daß Dianora fuͤr ſeine darauf einleitende Declamationen von Freundſchaft und Theilnahme keinen Sinn hatte und ihre Aufmerkſamkeit mehr auf ihre Blumen richtete, um ihrer muͤtterlichen Freundin einen Kranz zu winden. Sie ſchluͤpfte von dem einen Blumenbeete zu dem andern, und ſchien mit Un⸗ geduld eine ſchickliche Gelegenheit herbei zu wuͤn⸗ ſchen, um ſich von ſeiner Geſellſchaft zu befreien. Ihr ganzes Weſen heiterte ſich ſichtbar auf, als jetzt Manutti erſchien, um ihr eine verſpro⸗ chene Compoſition zu einem Lieblingsliedchen zu 1 uͤberreichen. Das Feuer, womit Dianora ihm— entgegenhuͤpfte, der freudige Ausdruck, womit — 4— ſie die Muſik von ihm empfing und ſich an ſeinen Arm hing, um ſogleich die Compoſition auf ihrem Fluͤgel zu verſuchen, ſo wie die kalte Hoͤſlichkeit, womit ſie ſich bei Cerrino wegen ihrer Entfernung entſchuldigte, dies alles ließ letztern nicht lange im Zweifel, daß Manutti ihm den Vorzug in Dianorens Gunſt entriſſen habe. „Voll lang genaͤhrtem Groll gegen Manutti blickte er Beiden nach und uͤberlegte, wie er ſich am beſten den Sieg uͤber Dianorens Sproͤdigkeit verſchaffen koͤnnte, als der alte Albero ihm ans einem Seitengange des Gartens mit einem freund⸗ lichen Gruße entgegen trat. Cerrino geſellte ſich zu ihm, um auch bei dieſem einen Verſuch zu machen, ob er etwas erforſchen und dem Grafen Torſo einige befriedigende Nachrichten bringen koͤnnte. Nach einigen einleitenden gleichguͤltigen Fragen und Schmeicheleien, die er dem Alten machte, lenkte er auf die Hauptſache ein, und zu ſeiner großen Freude fand er ihn ſehr geſpraͤ⸗ chig und bemerkte, daß er immer zutraulicher und offener gegen ihn wurde. „Es gehen gar wunderſeltſame Dinge hier vor,“ aͤußerte er ſich auf Cerrino's Fragen. „Seitdem Dianora hier im Hauſe iſt, ſcheint Ruhe und Friede gewichen zu ſeyn. Es herrſcht uͤberall eine Unruhe und Verlegenheit, die ſogar auf die Geſundheit der Graͤfin einen nachtheili⸗ gen Einfluß zeigt.“— „Was mag denn die Veranlaſſung zu der hef⸗ tigen Erſchuͤtterung geweſen ſeyn, worin man ſie geſtern von ihrer Luſtpartie nach Sankt Thekla zuruͤckkommen ſahe?“ fraͤgte Cerrino, indem er 4 den Alten traulich am Arme faßte und mit ihm langſam durch die Gaͤnge wandelte. „Man ſpricht nicht gern davon,“ erwiederte Albero.„So viel habe ich aus einem Geſpraͤche der Graͤfin mit ihrem Gemahle erlauſcht, daß ir bei dem Beſuche auf Sankt Thekla die Heilige erſchienen ſey, und dieſe erſchutternde Erſcheinung mit der eines alten Moͤnchs in Verbindung ſtehen ſoll, der ſich drei Naͤchte hinter einander hier ſehen ließ. Dies mag nun den Herrn Gra⸗ fen ſowohl zu ſeiner geſtrigen Reiſe, als auch zu dem Entſchluſſe veranlaßt haben, den Plan einer Verbindung mit dem jungen Grafen und Diano⸗ ren aufzugeben, und jenen zu entfernen und dieſe dem Himmel zu weihen.“ 1 Dieſe Unterhaltung war fuͤr Cerrino viel zu intereſſant, als daß er ſie nicht haͤtte weiter fort⸗ ſetzen ſollen. Es lag ihm nur daran, ſich von der Wahrheit von Albero's Mittheilungen feſter zu uͤberzeugen, um ſicher zu ſeyn, daß ſie nicht etwa auf andere Angelegenheiten Bezug haͤtten, — 4 43 die ihm ſelbſt und ſeinen Freunden Nachtheil bringen moͤchten. Albero beruhigte ihn uͤber dieſe Beſorgniß ſehr bald dadurch, daß er die ſeltſamen Ereigniſſe blos auf Dianoren und auf ein fruͤhe⸗ res Geluͤbde ihres Vaters deutete, nach welchem dieſe fuͤr das Kloſter beſtimmt worden ſey. Albero wußte dieſes Alles ſo glaubwuͤrdig zu machen, daß Cerrino an der Wahrheit nicht zwei⸗ feln konnte. Sogleich entwarf er einen Plan zur Beguͤnſtigung ſeiner Abſichten auf Dianoren, wobei ihm Albero vieles nuͤtzen konnte, wenn es moͤglich waͤre, dieſen fuͤr ſich zu gewinnen, der die beſte Gelegenheit hatte, alles was im Hauſe des Grafen vorging, im Stillen zu beobachten. zu ſeiner großen Freude fand er hierbeiweit we⸗ niger Schwierigkeit, als er anfangs befuͤrchtet hatte. Albero gab ſeinen Schmeicheleien und Verſprechungen, die ihm ein ruhiges und beque⸗ mes Alter zuſicherten, ein williges Gehoͤr, und um ſo mehr, da Cerrino noch ein auſehnliches Geſchenk hinzufuͤgte, wodurch er ihn ohne viele Muͤhe geneigt machte, ihm ſeine Dienſte zu widmen. Voll Freude, daß es ihm endlich dennoch ge⸗ lungen war, ein Mittel zu finden, ſich in die Heimlichkeiten der gräſlichen Familie einzuſchlei⸗ chen, eilte er nach Hauſe, um Torſo von Allem Bericht abzuſtatten. * Durch die letztern Ereigniſſe ſchien die Zaͤrt⸗ lichkeit der Graͤfin und ihres Gemahls fuͤr Diano⸗ ren neuen Zuwachs erhalten zu haben, und be⸗ ſonders zeigte das Benehmen des Grafen gegen ſie, daß er mit voller Liebe und vaͤterlicher Waͤr⸗ me an ihr hing. Sein Auge verweilte mit inni⸗ gem Wohlgefallen auf ihr, und oft, wenn ſie mit aller Kindlichkeit ihres liebenden Herzens liebkoſend an ſeiner Seite ſaß und ihn ihren guten Vater nannte, verſank er in ſtummes Nach⸗ denken, das ihn an eine liebliche Vergangenheit zu erinnern ſchien. Mit zaͤrtlichem Ungeſtuͤm preßte er alsdann Dianoren in ſeine Arme und ſein Vaterherz klopfte mit ſichtbarer Ruͤhrung dem ihrigen entgegen. Seinem Entſchluſſe getreu, war der Graf ge⸗* genwaͤrtig darauf bedacht, ſeinen Sohn zu einer Entfernung von Dianoren zu bewegen, um das Feuer ſeiner Leidenſchaft fuͤr dieſe zu daͤmpfen. Er hoffte mit Zuverſicht, daß Scipio, der ihn ſo kindlich verehrte, ſeinen Wunſchen folgſam entgegen kommen wuͤrde, wenn er ihn uͤberzeugte, wie er nur ſein Beſtes bezwecke, indem er ihn 3 ſeines guten Vaters zu uͤberlaſſen. 4 3— — 4 — einer Leidenſchaft entſagen däſfe, welche nie Be⸗ friedigung zu erwarten habe. Scipio widerſtand lange. Sein Herz hatte ſich in dieſer Liebe zu Dianoren ſo gluͤcklich ge⸗ fuͤhlt; er hatte ſich ſo ſehr an ihrem Umgang gewoͤhnt, daß es ihm ungemein ſchwer wurde, ſich von ihr loszureißen, bis endlich die Bitten und Vorſtellungen ſeines Vaters und ſeiner be⸗ kuͤmmerten Mutter uͤber ihn ſiegten, und ihn zu dem feſten Vorſatze brachten, eine Leidenſchaft in ſeinem Innern zu bekaͤmpfen, die, nach der wiederholten Verſicherung ſeiner Eltern, tauſend⸗ faches unabwendbares Unheil nach ſich ziehen mußte. In einer traulichen Unterhaltung hatte ſein Vater ihn ziemlich deutlich merken laſſen, daß ein wichtiges Geheimniß ein ſolches Opfer unum⸗ gaͤnglich verlange. Dies und die heftige Bewe⸗ gung, worin er den Vater bemerkte, hatten in ihm Vermuthungen erzeugt, welche deſſen Bit⸗ ten und Vorſtellungen kraͤftig unterſtuͤtzten. Auch des Vaters bittere Vorwuͤrfe uͤber ſeine eigene Voreiligkeit, Scipio's Leidenſchaft bisher ſo beguͤnſtigt zu haben, trugen mehr als andere Ueberredungsgruͤnde dazu bei, ihn willig zu der Entſagung zu beſtimmen und ſich nun der Leitung , Mein theicker Bater!“ ſprach S pio,„fern ſey es von mir, mich laͤnger von einer Leiden⸗ 4 ſchaft beherrſchen zu laſſen, welche ſo ungluͤckliche Folgen fuͤr uns Alle haben koͤnnte. So ſehr ich auch in Dianoren den ſchoͤnſten Umfang meiner Wuͤnſche und meines Gluͤcks umfaſſe, ſo will ich es dennoch verſuchen, was ich uͤber mein Herz vermag. Gern will ich meine ganze Kraft auf⸗ bieten, um mich Ihrer vaͤterlichen Liebe, ſo wie Ihres Vertrauens wuͤrdig zu zeigen, und ſowohl Ihnen als meiner geliebten Mutter Ihre Ruhe zu ſichern. Ihr beiderſeitiger Rath wird mich im Kampfe unterſtuͤtzen und mir den Sieg er⸗ ringen helfen.“ Der Graf ſchloß ſeinen edeln Sohn mit inni⸗ ger Nuͤhrung in ſeine Arme und konnte nun aus freierer Bruſt wieder aufathmen, da jetzt eine ſo ſchwere Laſt von ſeinem Herzen hinweggenommen war. Froh und erheitert durfte er nunmehr in die Zukunft blicken und ſeine Sorgfalt darauf richten, ſeinem Sohne die Mittel zur Beſtegung ſeiner Leidenſchaft zu erleichtern. 6 Er ſaͤumte nicht ſeine Gemahlin ſogleich von dem Entſchluſſe ihres Sohnes zu benachrichtigen und ſie deshalb zu beruhigen. Die heißerfehnte Ruhe und eintrachtsvolle Zufriedenheit, welche— bisher aus den traulichen Verhaͤltniſſen der beiden E, t Gatten entwichen vukAt Lcht dans dankah yu, 3 b der zuruͤck. Da gegenwaͤrti Lorenzo durch die Befriedigung ſeines Ve rlang s wegen Dianoren zufrieden geſtellt wurde, ſo glaubten ſie nun auch mit deſto groͤßerer Zuverlaͤſſigkeit darauf rechnen zu duͤrfen, daß kein neuer unangenehmer Vorfall ſtoͤrend zwiſchen ſie treten wuͤrde. Mit zarter Schonung ſchienen beide Gatten wenigſtens fuͤr den Augenblick, die Beruͤhrung von fruͤhern Gegenſtänden und Verhaͤltniſſen gegenſeitig zu vermeiden, die etwa noch unange⸗ nehme Erinnerungen und erwanige Erklaͤrungen veranlaſſen konnten; ihre Beſprechungen waren daher jetzt mehr auf die Gegenwart und auf die Zukunft b beſchraͤnkt. Hierz u bot ſich ihnen nicht allein in den Be⸗ rathungen uͤber Scipio und deſſen zu veranſtal⸗ tender Zerſtreuungsreiſe, ſo wie uͤber Dianorens Zukunft die beſte Gelegenheit dar, ſondern auch das Seltſame und Befremdende der fortdauernd verzoͤgerten Zuruͤckkunft des Marcheſe Riviali, der ſeit geraumer Zeit nichts von ſich hoͤren ließ. In Hinſicht der Geſtalt unter welcher damals Lorenzo dem Grafen den Marcheſe mit gegen ihn gezucktem Dolche in dem magiſchen Spiegel ge⸗ zeigt hatte, konnte dieſer zwar keinesweges mit dem Marcheſe zuͤrnen, daß er ihn durch ſeine fort⸗ 8 4 b 8 Hauerude Aöweſenheit der Sorge vor deſſen Arg⸗ liſt uͤberhob; dennoch wuͤnſchte er uͤber die Urſache derſelben einige Auskunft zu erhalten. Die ſon⸗ derbare Art, wie Riviali waͤhrend ſeines Aufent⸗ haltes bei Lorenzo damals ſo ſchnell von der Graͤfin kurz vor der Abreiſe ſich entfernt hatte, erregte ſehr bald in dem Grafen und deſſen Gemahlin die Vermuthung, daß vielleicht Lorenzo's geheime Thaͤtigkeit dabei ſich wirkſam gezeigt haben koͤnnte, um den Grafen von einem ſo verſteckten Verraͤther zu befreien. Gleichwohl ſchien Torſo's Sorglo⸗ ſigkeit bei den an ihn wiederholt gerichteten Er⸗ kundigungen nach dem Marcheſe mit dieſer Ver⸗ muthung in einigem Widerſpruche zu ſtehen, da es bekannt war, daß Torſo als Riviali's vorzuͤg⸗ licher Goͤnner beſondern Antheil an ihm nahm. Der Graf Torſo begegnete ſtets den Anfragen der Graͤfin nach dem Marcheſe auf eine ſehr be⸗ friedigende Art durch die Erklaͤrung, daß ihm derſelbe erſt kuͤrzlich in einem Briefe die Anzeige gemacht haͤtte, wie ſein zufaͤlliges Zuſammen⸗ treffen mit einem alten treuen Freunde ſeiner Familie und deſſen wichtige Mittheilungen uͤber fruͤhere Verhaͤltniſſe ihn in Begleitung deſſelben zu einer Reiſe veranlaßt habe, um gewiſſe Ange⸗ legenheiten in Ordnung zu bringen. Er fuͤgte hinzu, daß ihm Riviali aufgetragen habe, ſein ——— — 49— ſein langes Außenbleiben bei ſeinen Freunden in Mamo zu entſchuldigen und namentlich der graͤf⸗ lichen Familie Montaldi in ſeinem Namen zu verſichern, daß er ſich bei ſeiner Ruͤckkehr daruͤber rechtfertigen werde. Gegen dieſe Erklaͤrung hegte der Graf Mon⸗ taldi um ſo weniger einiges Mißtrauen, da einige Tage darauf ein eigenhaͤndiger Brief des Mar⸗ cheſe an ihn einging, weicher Torſo's Nachricht zu beſtaͤtigen ſchien. Riviali verſicherte darin, daß er ſich bei vollkommener Geſundheit befaͤnde und nur durch beſondere Verhaͤltniſſe, deren Aus⸗ einanderſetzung er ſich vorbehalte, noch auf einige Zeit an ſeiner Ankunft in Yſamo gehindert waͤre. So ſorfaͤltig aber auch die beiden Gatten darauf bedacht waren, ihre trauliche Unterhal⸗ tung durch heitere Unbefangenheit zu erhoͤhen, ſo ließ es ſich dennoch nicht ganz verhindern, daß nicht Dianorens Anblick, ſo wie deren beſtaͤndige wehmuͤthige Klage uͤber den fortdauernd entbehr⸗ ten Umgang mit ihrem geliebten Vater, ſie auf die Vergangenheit zuruͤckfuͤhrte und dann und wann eine niedergedruͤckte Stimmung in ihnen erzeugte. Auf dieſe Art hatte auch eines Tages eine Unterredung mit Dianoren, unwillkuͤhrlich eine aͤhnliche ſchwermuͤthige Richtung genommen, und . D ſie unvermerkt auf Dianorens fruͤhere Jugend⸗ geſchichte hingeleitet, welche gerade jetzt den Gra⸗ fen ganz beſonders zu intereſſiren ſchien. Da nun dieſer Gegenſtand einmal beruͤhrt war, ſo konnte der Graf der Verſuchung nicht widerſtehen, zu erforſchen, ob nicht vielleicht Dianora ſelbſt uͤber ſo manches Raͤthſelhafte in ihren fruͤhern Verhaͤltniſſen Auskunft geben koͤnne, wenn er ſie zu einer Erzaͤhlung derſelben veranlaßte. Dianora wußte jedoch von den erſtern Jah⸗ ren ihrer Kindheit nur weniges mit Beſtimmtheit anzugeben, indem ſie ihr Vater ſowohl hieruͤber, als auch beſonders uͤber ſeine fruͤheren haͤuslichen und ehelichen Verhaͤltniſſen in großer Ungewißheit gehalten hatte. Alles beſchraͤnkte ſich auf die Vermuthung, daß jene haͤuslichen Verhaltniſſe ihres Vaters, ſo wie ihre Geburt, weſentlichen Antheil an ſeinem Ungluͤcke und an ſeinem tiefen Grame gehabt haͤtten. 1 „Ich erinnere mich eines Geſpraͤches meines Vaters mit einem alten ehrwuͤrdigen Eremiten,“ fuhr ſie erzaͤhlend fort,„welches meine Vermu⸗ thung beſtaͤrkt, daß ſehr ungluͤckliche Mißverhaͤlt⸗ niſſe meinen Vater von meiner Mutter entfern⸗ ten. Ich hoͤrte ihn auch wohl eines gewiſſen Kloſters Sankta Magdalena zu Ciretto erwaͤhnen, wo meine ungluͤckliche Mutter nachher vielleich 3 ihre Verirrungen mag gebuͤßt haben und durz darauf mag geſtorben ſeyn. Graf.(uͤberraſcht:) In einem Magda⸗ lenenkloſter zu Ciretto?(indem er ſich ſchnell isses und ſeine Verlegenheit vor der Graͤfin z rbergen ſucht:) Wundern Sie ſich nicht daruͤber, liebe Franziska, daß mich dieſer Um⸗ ſtand einigermaßen befremdet. Erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen in Anſehung meiner Vermuthungen wegen Lorenzo's fruͤherer Lebens⸗ verhäͤltniſſe mittheilte. Was mir im Allgemei⸗ nen von dem ungluͤcklichen Pizalto iſt erzaͤhlt worden, ſtimmt zwar ziemlich mit Dianorens Vermuthungen in Hinſicht auf ihre Mutter uͤber⸗ ein, aber der letztere Umſtand widerſpricht dem Geruͤchte, daß Pizalto's Gemahlin kurze Zeit nach der Geburt einer Tochter, welche Lorenzo auf immer aus ſeinen Augen verbannte, im Wahnſinne geſtorben ſey. Graͤfin. Aus Dianorens fruͤheren Erzaͤh⸗ lungen weiß ich, daß ſie wirklich auf eine lange Zeit in einer Art von Verbannung lebte, und von Lorenzo entfernt, von ganz fremden Perſo⸗ nen aufgezogen wurde. Graf. Kannſt Du Dich wohl noch der Gegend erinnern, wo Du die erſten Jahre der D 2 — 5 2— X Kindheit zubrachteſt, ſo wie der Perſonen, welche Dich dort umgaben? 4 * ich mich die erſte Zeit uͤber in einer ſehr einſamen und abgelegenen Gegend befand, u e umher von Waldungen und fer Gebirgen umſchloſſen war. Dort wohnte ich in dem Hauſe und unter der Aufſicht und Pflege einer ziemlich betagten aber ſehr gutmuͤthigen Frau, die ich unter dem Namen der Mutter Anna, fuͤr meine Mutter hielt, und von welcher ich auch mit wahrer Mutterliebe erzogen wurde. Außer mei⸗ ner vermeinten Mutter und einem alten Bauer, der das kleine Feld beſtellen half und ihr Waaren aus der Stadt mitbrachte, bekam ich hoͤchſt ſelten einen Menſchen zu ſehen. Um ſo deutlicher iſt mir daher auch die Erinnerung an einen fremden Herrn geblieben, der mich von Zeit zu Zeit be⸗ ſuchte, mich herzte und liebkoſte, auch meiner alten Mutter Geld gab und ihr meine Erziehung ange⸗ legentlichſt empfahl. Ich hatte dieſen Fremden ungemein liebgewonnen, denn er meinte es ſo herzlich gut mit mir, und brachte mir auch immer angenehme Spielereien mit. Darum weinte ich allemal bitterlich, wenn er wieder fortging„ und beſtuͤrmte unaufhoͤrlich meine Pflegemutter mit Dianora. Ich erinnere mich ſehr gut, daß — — 5 3— Fragen, ob der Vetter, wie ich dieſen fremden Officier nannte, bald wieder kommen wuͤrde. Graf. Ließ ſich denn Dein Vater ſo gan; um Dich unbekuͤmmert, daß er die Sorge fuͤr Dich einzig und allein fremden Perſonen anheim ſtellte? naxg. Ihn ſahe ich nicht eher, als bis ihn üunse dager der vermeinte Vetter bei einem wiederholten Beſuche mitbrachte, wo ſich dieſer mit meinem Vater lange in einer fremden Sprache uuterhielt. Darauf wurde ich denn einige Tage nachher von Beiden abgeholt und zu Lorenzo gebracht, wobei man mir ſagte, daß die⸗ ſer mein Vater waͤre. Ich konnte mich anfangs gar nicht daruͤber zufrieden geben, daß ich von meiner guten Pflegemutter getrennt wurde, bis mich die Schmeicheleien und freundlichen Zure⸗ dungen des Vetters Oktavio, wie ich den fremden Offleier zu nennen pflegte, ſo wie das liebevolle Betragen meines Vaters, allmaͤhlig beſaͤnftigten. Graf.(nachdenkend:) Oktavio, nannteſt Du den Fremden?(Zu der Graͤfin:) Dieſer Name iſt mir aus einem Briefe merkwuͤrdig, den mir Lorenzo zeigte und in welchem ein Oktavio dieſen zu meinem Schutze aufforderte. Ich fange an, das Einzelne beſſer zu begreifen und es mit dem Ganzen zu verbinden.(Zu Dianora:) 2— 34— 4 5 Stellte ſich dieſer Oktavio nachher oͤfters bei Dei⸗ nem Vater ein? 3 Dianora. Ich habe ihn waͤhrend des Aufenthaltes bei meinem Vater nie wieder ge⸗ ſehen, ſo ſehr ich es auch wuͤnſchte und dieſen oͤſters mit Bitten und Fragen beſtuͤrmte. Graf. Wurdeſt Du ihn wohl wieder erken⸗ nen, menn Du ihn ſehen ſollteſt Dianora. Zuverlaͤſſig. Ceh. Zuͤge haben ſich meinem Gedaͤchtniſſe tief eingepraͤgt. Graf. Hatte er nichts Auszeichnendes in ſeinem Aeußern, das ihn kennbarer machen koͤnnte? Er war ein langer ſchoͤner Mann mit feurigen Augen und von hohem Ernſte. Gewoͤhnlich trug er unter einem Ober⸗ kleide eine rothe Uniform und goldene Achſelbaͤn⸗ der, an welchen ich als Kind mich gein ergoͤtzte; an der Stirn hatte er die zuruͤckgebliebene Narbe von einer Wunde. Graf. Wenn mich nicht alles truͤgt, ſo iſt dieſer Fremdling kein Anderer, als der Oberſte Pertardo, der Centurier. Laß ſehen, ob ich mich irre. Er entfernte ſich und trat in wenigen Augen⸗ blicken darauf mit einem kleinen Miniaturgemaͤlde wieder herein, das er Dianoren zeigte. 3 „Sind Dir die Zuͤge dieſes Bildes vieleict bekannt?“ fragte er ſie,„und findeſt Du in ihnen Aehnlichkeit mit den Zuͤgen des Vetters r Oktavio?“ „Ja, ja, das iſt er!“ rief Dianorg mit dem Ausdrucke freudiger Ueberraſchung. 8 Die Graͤfin, welche waͤhrend Dianorens Er⸗ zaͤhlung in einer ganz eigenen Bewegung und Verwirrung war, naͤherte ſich jetzt, um uͤber Dianorens Schulter gebeugt, das Bild zu be⸗ trachten. Kaum hatte ſie einen fluͤchtigen Blick darauf geworfen, als ſie ploͤtzlich mit einem lau⸗ ten Schrei, und einer Ohnmacht nahe, auf einen Stuhl ſank. Der Graf Torſo wurde durch die Nachrichten, welche Cerrino vermittelſt des alten Albero ein⸗ gezogen hatte, ſehr beruhigt und aus einer gro⸗ ßen Verlegenheit geriſſen. Gern ſah er den Grafen Montaldi gegenwaͤrtig mit ſeinen ver⸗ worrenen haͤuslichen Angelegenheiten ſo beſchaͤf⸗ tigt, daß ſie ſeine ungetheiltere Aufmerkſamkeit erfordern und ihn von andern Dingen ableiten mußten. Er ſchenkte Cerrino Beiſall uͤber ſein Ver⸗ fahren, und ermahnte ihn, auf dieſem Wege fort⸗ zufahren und nichts zu ſparen, um Albero immer mehr fuͤr ſie zu gewinnen, da ſich dadurch bedeu⸗ tende Vortheile erwarten ließen. Cerrino hatte Torſo ſeine Abſichten auf Dia⸗ noren anvertraut, und ſeine dahinſinkende Hoff⸗ nung lebte auf's neue auf, als ihm ſein Goͤnner zur Belohnung fuͤr ſeinen Dienſteifer alles an⸗ zuwenden verſprach, um ſeine Wuͤnſche und Hoff⸗ nungen befoͤrdern zu helfen. Bald genug wurde dieſer aber belehrt, daß er feinem Vetter mehr verſprochen hatte, als er zu erfuͤllen im Stande war; denn als er ſich mit erheucheltem Vertrauen deshalb an den Grafen Montaldi wandte, um ihn zu bewegen, Cerrino's Bewerbungen um die Hand ſeiner Pflegetochter zu beguͤnſtigen, wurde er ziemlich kalt damit zuruͤckgewieſen. Mit un⸗ verkennbarem Unwillen uͤber eine ſolche Zumu⸗ thung, erklaͤrte ihm der Graf Montaldi, daß er Dianoren auf keine Weiſe zu einer Verbindung uͤberreden werde, die nicht die eigene freie Wahl ihres Herzens ſey, und daß er ihr aus uͤberwie⸗ genden Gruͤnden am allerwenigſten zu einer Ver⸗ bindung mit Cerrino rathen koͤnne. Um jedem aͤhnlichen etwa zu wiederholenden⸗Verſuche von Torſo auszuweichen, bedeutete er dieſen, daß Dianora bereits eine Wahl ſcheine getroffen zu haben, die ſeines Beifalls vollkommen wuͤrdig ſey und Cerrino keine Hoffnung uͤbrig laſſe. * 3 81 — 55— Dieſe kalte Zuruͤckweiſung hatte Torſo's Stolz zu tief beleidigt, als daß dadurch ſein geheimer Groll gegen den ihm verhaßten Montaldi nicht haͤtte neue Nahrung finden ſollen. Er hatte ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß der Graf mit Vergnuͤgen die ihm dargebotene Gelegenheit zu einer groͤßern Befeſtigung ihrer beiderſeitigen ſchwankenden freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe er⸗ greifen und ſich Gluͤck dazu wuͤnſchen wuͤrde, ein Maͤdchen auf eine ſo ehrenvolle Art zu verſorgen, deſſen hoͤchſt zweifelhafte Herkunft ihn ſelbſt ab⸗ gehalten zu haben ſchien, in eine Verbindung mit ſeinem Sohne zu willigen. So tief ſich jedoch Torſo in ſeinen zuruͤckgewieſenen Erwar⸗ tungen beleidigt fuͤhlte, ſo wußte er gleichwohl, als Meiſter in der Verſtellung, ſeine gehaͤſſigen Empfindungen unter der Verſicherung zu verber⸗ gen, daß der gemachte Antrag nichts weiter als eine fluͤchtige Idee von ihm geweſen ſey, die er fehr gern aufgaͤbe, wenn ſie nicht mit Montaldi's Wuͤnſchen uͤbereinſtimme. Er war nur daruͤber verlegen, wie er ſeinem Vetter die zuruͤckgewie⸗ ſene Bewerbumng auf eine gute Art mittheilen ſollte, ohne ihn zu tief zu verwunden; denn er glaubte nicht anders, als daß er Dianoren mit zu großen Feuer der Leidenſchaft liebe, um ſo leicht den Wunſch nach ihrem Beſitze aufzugeben. L Cerrino aͤußerte zwar ſein Mißfallen daruͤber, daß Montaldi einen ſo ehrenvollen Antrag ſo ſchnoͤde von ſich gewieſen hatte, indeſſen war er aufrichtig genug zu geſtehen, daß er gar ſehr wuͤrde in Verlegenheit gekommen ſeyn, wenn Montaldi dieſen Antrag angenommen haͤtte, da eine ſolche ernſthafte Verbindung fuͤr das ganze Leben, nicht in ſeinem Plane liege, und daß ihm ſein Goͤnner deshalb mißverſtanden habe. „Sagten Sie mir denn nicht ſelbſt,“ fragte ihn Torſo verwundert,„daß Sie Dianoren lieb⸗ ten und Ihren Nebenbuhlern den Rang abzuge⸗ winnen wuͤnſchten?“ „Das ſagte ich allerdings,“ erklaͤrte ſich Cer⸗ rino hieruͤber,„aber ich bitte Sie, wohl zu er⸗ meſſen, ob ich mich in meinen Jahren in die Feſſeln einer ſo ernſthaften Verbindung und noch dazu mit einem Maͤdchen von ſo dunkler Herkunft koͤnne ſchmieden laſſen? Dianora gilt fuͤr eine der erſten Schoͤnheiten der Reſidenz, und ich will es nicht verhehlen, daß ich ihren zahlreichen Ver⸗ ehrern den Rang ſtreitig machen moͤchte. Ihre Sproͤdigkeit giebt mich vielfaͤltigen ſpoͤttelnden Reckereien meiner Bekannten Preis, die mir nicht gleichguͤltig ſeyn koͤnnen.“ Die Sache wurde auf dieſe Art zwiſchen Bei⸗ den blos als eine verliebte Plaiſanterie belaͤchelt., — —— — 50— 59 Torſo uͤberließ es Cerrino, wie er wegen der ihm widerfahrenen Zuruͤckſetzung eine kleine Rache nehmen wolle, wodurch Montaldi vielleicht um ſo beſſer auf ſeine eigenen haͤuslichen Verhaͤltniſſe koͤnne zuruͤckgefuͤhrt und zugleich abgehalten wer⸗ den, gegen Torſo's Plane ſeine Thaͤtigkeit zu aͤußern. Als Cerrino ihm Manutti als ſeinen gefaͤhrlichſten Nebenbuhler nannte, beruhigte er dieſen durch die Verſicherung, daß er ſchon laͤngſt darauf hingearbeitet habe, einen ſo gefaͤhrlichen Auflaurer zu entfernen, und er in Kurzem ſowohl von dieſem als auch von Scipio Montaldi befreit werden ſollte. Der Graͤfin gewaltſame Erſchuͤtterung bei der letzten Scene hatte ihren Gemahl in große Be⸗ ſtuͤrzung verſetzt. Er haͤtte ſie ſehr gern ſelbſt wegen der, ihm ganz unerklaͤrbaren Veranlaſ⸗ ſung befragt; da ihn aber der herbeigerufene Hausarzt auf deren ziemlich bedenklichen Zuſtand aufmerkſam machte und alles mit groͤßter Scho⸗ nung ſorgfaͤltigſt von ihr entfernt zu halten bat, was den widrigen Eindruck auf ihr ohnedies ſchwaches und ſehr angegriffenes Nervenſyſtem verſtaͤrken koͤnnte, ſo mußte er fuͤr den Augen⸗ blick ſeinen Vorſatz aufgeben. Nachdenkend uͤber das Raͤthſelhafte ſenes Auf⸗ * tritts und voll Unruhe uͤber den Zuſtand ſeiner Gemahlin, ſaß der Graf an dem folgenden Mor⸗ gen auf ſeinem Zimmer. Er wartete mit Unge⸗ duld auf Nachricht von dem Befinden der Graͤfin, um zu erfahren, ob ihr Zuſtand gegenwaͤrtig ſei⸗ nen Beſuch bei ihr verſtatte, als ihm Fallo einen eben an ihn abgegebenen Brief uͤberbrachte. Er entfaltete ihn und wurde durch folgende Zeilen von dem Oberſten Petardo aͤußerſt uͤber⸗ kaſcht: Die obwaltenden Umſtaͤnde moͤgen mich bei Ihnen entſchuldigen, wenn ich mich fuͤr jetzt eigenmaͤchtig wiederum in den Beſitz meines Bildes ſetzte, das ſo große Stoͤrungen in Ihrer Familie bewirkte. Ich hatte mich fruͤher einzig und allein in dem Vertrauen auf Ihre Zuſage, es vor Jedermann ſorgfaͤltig zu verwahren, dazu entſchließen koͤnnen, es Ihnen zu uͤber⸗ laſſen. Um das Geſchehene einigermaßen wie⸗ der gut zu machen, fuͤge ich dieſen Zeilen ein anderes Portrait bei, das ich aus Fuͤrſorge auf jeden aͤhnlichen Fall in Bereitſchaft hielt, und das Sie geneigteſt an die Stelle des vori⸗ gen in den Medailion legen wollen. Um Ihrer eigenen und Ihrer Gemahlin Ruhe willen bitte ich Sie, dieſe Vorſicht zu unterſtuͤtzen, auch nicht mit Fragen wegen dieſes Bildes in Jhre — 61— Gemahlin zu dringen, da ſie daruͤber voͤllig im Dunkeln ſchwebt und ſich die Sache dadurch nur noch mehr verwirren muͤßte. Haben Sie die Guͤte, Ihre Gemahlin ſelbſt daruͤber zu beruhigen und ſeyn Sie verſichert, daß ſich das Dunkel der bisherigen Raͤthſel einſt lichten wird.. Ludoviko Petardo.“ In dem Briefe lag wirklich ein Portrait, welches eine auffallende Aehnlichkeit mit Petar⸗ do's Bilde, dennoch aber ein ganz fremdes Geſicht zeigte. Unbegreiſlich war dem Grafen, wodurch Petardo ſo ſchnell den Vorfall habe erfahren und ſich ſeines Portraits wieder bemaͤchtigen koͤnnen. Er erinnerte ſich blos, daß er in der Beſtuͤrzung den Medaillon ſchnell bei Seite gelegt hatte, um ſeiner Gemahlin zu Huͤlfe zu eilen, und als er ihn jetzt herbeiholte, uͤberzeugte er ſich, daß wirk⸗ lich das Portrait darin fehlte. So gern er Ver⸗ ſuche deshalb angeſtellt haͤtte, zu erforſchen, wer vielleicht in der erſten heftigen Beſtuͤrzung und Verwirrung ſich das Bild moͤchte zugeeignet und es Petardo uͤberliefert haben', ſo gebot ihm gleich⸗ wohl die Klugheit, davon abzuſtehen, um kein Aufſehen zu erregen..„„ Die Graͤfin erholte ſich zwar bald von ihrer großen Erſchuͤtterung, aber deſſen ungeachtet — 62— hatte der vorige Auftritt einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht, daß ſich dieſer nicht ſo leicht wieder verwiſchen ließ. Sie glaubte ſich bei Erblickung des Bildes ſo ſehr gegen ihren Gemahl verrathen zu haben, daß ſie kaum deſſen Erkun⸗ digungen einer weitern Erklaͤrung ausweichen zu koͤnnen meinte, ohne ihm neuen Grund zu Ver⸗ dacht zu geben und dadurch noch groͤßere Stoͤ⸗ rungen zu veranlaſſen. Erſchoͤpft und in einem verworrenen Gemiſch von Ideen befand ſie ſich mit Dianoren, die voll zaͤrtlicher Theilnahme ſie zu beruhigen ſuchte, auf ihrem Zimmer, als die Thuͤre leiſe geoͤffnet wurde und ihr kleines Wind⸗ ſpiel munter hereinſprang, das ein zuſammen⸗ geſchlagenes Blatt Papier in der Schnauze hielt, und es ihr auf den Schooß legte. Die Graͤfin war es an ihrem Lieblingshuͤnd⸗ chen ſchon gewohnt, daß es ihr jede gefundene Kleinigkeit brachte, um es apportiren zu laſſen, ſo daß ſie deſſen gegenwaͤrtige Erſcheinung mit dem Papiere nicht befremden konnte. Kaum wuͤrde ſie daher darauf beſonders geachtet haben, wenn ſie nicht eine an ſie gerichtete Aufſchriſt auf dem Papiere bemerkt haͤtte, die ihre Aufmerkſamkeit erregte. Sie entfaltete es und fand darin fol⸗ gende Zeilen: „Amadeo bittet Sie, ſich nicht durch ein ——— — . ¹ 3 Trugbild taͤuſchen und etwa verleiten zu laſſen, Ihren Gemahl auf die Vermuthung zu bringen, welchen Bezug jener Unbekannte, den Sie faͤlſchlich in dem Bilde des bewußten Medail⸗ lons zu erblicken glaubten, auf Sie habe. Der Name Conſtanza mag Ihnen dazu dienen, etwanigen Fragen Ihres Gemahls, die Sie in Verlegenheit ſetzen koͤnnten, zu begegnen, indem Sie ihn bedeuten moͤgen, daß Lorenzo Ihnen einſt jenen Centurier als den Bruder einer gewiſſen Conſtanza genannt habe, welche in dem Magdalenenſtifte zu Ciretto lebte. Sie werden jedoch in Beziehung auf den Herrn Grafen dieſelbe Schonung zeigen, welche Sie von ihm verlangen, und auf keine Weiſe ihn durch weitere Forſchungen nach Ludoviko's ungluͤcklicher Schweſter in Verlegenheit ſetzen, wenn nicht Mißtrauen und Zwietracht Ihren haͤuslichen Frieden vernichten ſoll. Der Herr Graf iſt heitig dazu verpflichtet, uͤber dieſe Dinge einer langen Vergangenheit das ſtrengſte Stillſchweigen zu beobachten. Zu Ihrer Be⸗ ruhigung verſichere ich Ihnen, daß jene Con⸗ ſtanza auf fruͤhere Vorfaͤlle Bezug hatte, welche laͤngſt ſchon Grab und Vergeſſenheit decken und Sie auf keine Weiſe beunruhigen koͤnnen. Amadeo.“ — 64— Dieſer Brief erzeugte in der ſehr uͤberraſchten Graͤfin den Wunſch, daß Amadeo ſich durch einen perſoͤnlichen Beſuch moͤchte deutlicher erklaͤrt ha⸗ ben. Im Vertrauen auf ſeine Zuſage, daß das ihr eingehaͤndigte bedeutungsvolle Kreuzchen ihn zu ihr rufen wuͤrde, beſchloß ſie ſogleich davon Gebrauch zu machen, als der Eintritt ihres Gemahls ſie daran verhinderte. Der kurz zuvor empfangene Brief von Petardo hatte den Grafen wenigſtens in Anſehung des Begegnens gegen ſeine Gemahlin einiger mit ſich ſelbſt gemacht und ſeine Beſorgniſſe mehr beſei⸗ tiget. So erſchien eer jetzt, ſich perſoͤnlich nach ihrem Befinden zu erkundigen und zu verſuchen, in wiefern es ihm vielleicht gelingen moͤchte, den erhaltenen Winken zu entſprechen und zu ihrer groͤßern Beruhigung mitzuwirken. Die Graͤfin empfing ihn mit einer bemerkbaren Verlegenheit, verſicherte ihn jedoch, daß ſie ſich gegenwaͤrtig wieder beſſer befaͤnde und es ungemein bedauere, ihm ſo große Unruhe gemacht zu haben. Der Graf ſuchte gefliſſentlich jede Erwaͤhnung des letz⸗ teren Vorfalls zu vermeiden, ſo wie auch die Graͤfin von ihrer Seite jeder Gelegenheit auszu⸗ weichen ſchien, auf denſelben zuruͤckzukommen. Beide Gatten fuͤhlten jedoch bald genug das Laͤſtige dieſes Zwanges. In ihre ſonſt ſo trauliche und — 65— unbefangene Unterhaltung ſchlich ſich eine widrige Unbehuͤlflichkeit; ſie nahm einen ſo geſuchten und oft ſtockenden Gang, daß Beide im Stillen den gemeinſchaftlichen Wunſch hegten, durch eine— offene Erklaͤrung ſich dieſes laͤſtigen Zwanges zu uͤberheben. „Ich hatte mir zwar vorgenommen uͤber jenen Auftritt zu ſchweigen,“ unterbrach endlich der Graf ſein ſtilles Nachdenken, nachdem ſich Dia⸗ nora auf einen Wink von ihm entfernt hatte, „allein meine zaͤrtliche Beſorgniß fuͤr Sie, gute Franziska, macht es mir zur Pflicht, Ihnen zu einiger gegenſeitigen zutrauenvollen Verſtaͤndi⸗ gung die Hand zu bieten, da der Zwang, den wir uns in dieſer Hinſicht auflegen, nur zu leicht Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen uns erzeugen duͤrfte, welche unſern eintrachtsvollen Verhaͤltniſſen Ab⸗ bruch thun koͤnnten.“ Die Graͤfin ſtimmte ſehr gern ihm bei, und ſo gewann Beider Unterhaltung bald einen trau⸗ licheren Ton. Die Graͤfin trug kein Bedenken offenherzig zu geſtehen, daß der Anblick des Bil⸗ des in dem Medaillon die Urſache ihrer vorigen Beſtuͤrzung geweſen ſey, obgleich ſie ſich uͤber den eigentlichen Grund dazu nicht deutlicher erklaͤrte; ſie drang mit Bitten in den Grafen, ihr das Gemaͤlde zu zeigen. Der Graf hatte dieſes vor⸗ III. E. — 66— ausgeſehen und deshalb den Medaillon mit dem untergeſchobenen Bilde zu ſich geſteckt. So un⸗ angenehm es ihm auch war, daß er ſie durch ein falſches Bild taͤuſchen ſollte, ſo fuͤgte er ſich den⸗ noch, Petardo's wohlgemeinter Weiſung zufolge in die Umſtaͤnde, und uͤberreichte ihr auf wieder⸗ holte Bitte den Medaillon. „Was iſt das?“ fragte die Graͤfin verwun⸗ dert,„war es dieſes Bild, welches Sie Diano⸗ ren zeigten?“ Graf. Zweifeln Sie daran? Graͤfin. Allerdings! Dieſe Zuͤge ſind mir voͤllig fremd. Ich glaubte in dieſem Medaillon ein ganz anderes Geſicht zu ſchauen.— Graf. Darf ich wiſſen, welches Sie meinen? Graͤfin. Sie erinnern ſich wohl noch jenes ſeltſamen Auftrittes, als wir nach dem raͤuberi⸗ nfalle in dem Walde, bei Lorenzo eine freundliche Aufnahme fanden und die eindringen⸗ den Raͤuber durch eine Erſcheinung in dem magi⸗ ſchen Spiegel mit allem Ausdrucke des Schreckens in die Flucht gejagt wurden? Graf. Ich erinnere mich deſſen ſehr gut. Was hat aber jene Erſcheinung fuͤr Bezug auf dieſes Bild. Graͤfin. Die Geſtalt, welche ich damals in dem Spiegel erblickte, war dieſelbe, welche ich ——— — 67— in dieſem Medaillon wieder zu erkennen glaubte; laſſen Sie mich wiſſen, wer der Mann iſt, deſſen Bild Sie bisher ſo ſorgfaͤltig vor mir verbargen. Sie ſcheinen dieſem Medaillon einen beſondern Werth beizulegen. Graf. Ich habe allerdings Urſache dazu, denn der Mann, den das Bildniß darſtellt, war der mehrmalige Retter meines Lebens. Aber wer er eigentlich ſey und was ihn dazu veranlaßte, ſich meiner ſo thaͤtig anzunehmen, daruͤber ſchwebe ich fortwaͤhrend in der groͤßten Dunkelheit. Graͤfin. Das waͤre in der That ſehr ſeltſam. Graf. Gleichwohl koͤnnen Sie uͤberzeugt ſeyn, daß ich Ihnen Wahrheit ſagte. Sie wiſſen, was ich Ihnen von den verſchiedenen Auftritten, ſowohl auf meiner Reiſe nach Latago und waͤh⸗ rend meines dortigen Aufenthaltes, als auch auf der Ruͤckreiſe hierher, mittheilte, wo ich durch einen Unbekannten aus drohenden Lebensgefahren gerettet wurde. Dieſen unbekannten Retter mei⸗ nes Lebens erblicken Sie hier. Auch weiß ich Ihnen in Wahrheit weiter nichts von ihm zu ſagen, als daß er ſich Petardo nennt und Oberſter des Freiſtaats von Centurien iſt. Aus Diano⸗ rens Erzaͤhlung vermuthe ich, daß er derſelbe fremde Officier ſey, der ſich ihrer fruͤhern Kind⸗ heit ſo thaͤtig annahm; wohl aber wuͤnſchte ich zu E2 — 63— erfahren, was ihn zu dieſer liebevollen Theil⸗ nahme und Sorgfalt fuͤr unſre Pflegetochter be⸗ wog, denn ich glaube, daß gerade darin der Grund ſeiner uns bewieſenen huͤlfreichen Thaͤtig⸗ keit zu ſuchen ſey. Graͤfin. Lorenzo wuͤrde uns hieruͤber frei⸗ lich die beſte Auskunft geben koͤnnen. Graf. Liebe Franziska, Sie waren auf längere Zeit bei Lorenzo, ſollten Sie denn gar nichts bemerkt und entdeckt haben, was uns zum Fingerzeige dienen koͤnnte? 8 Graͤfin. Lorenzo hat ſich uͤber dieſen Punkt, und namentlich uͤber dieſen Petardo, den ich hier in dieſem Bilde ſehe, nie gegen mich erklaͤrt. Graf. Vielleicht aber doch uͤber jene Geſtalt, die Sie einſt in dem magiſchen Spiegel erblickten und die ſchon damals ſo erſchuͤtternd auf ſie wirkte? Sie ſehen zwar auf dieſem Bilde ein anderes Ge⸗ ſicht als ſich nach Ihrem Dafuͤrhalten dort in Lorenzo's magiſchem Spiegel zeigte, aber dennoch koͤnnen Beide in ſehr naher Beruͤhrung mit ein⸗ ander ſtehen. Petardo erwaͤhnte in ſeinen Ge⸗ ſprachen mit mir eines Bruders, den er zaͤrtlich geliebt habe und der ihm durch den Tod ſey ent⸗ riſſen worden. Es koͤnnte wohl ſeyn, daß jene Geſtalt in dem Spiegel dieſer hingeſchiedens Bender geweſen waͤre. — 69.— Graͤfin. Dieſe Vermuthung iſt nicht ganz unwahrſcheinlich; allein wenn ſie wirklich nicht truͤgt, ſo muͤſſen auch Lorenzo und dieſe beiden Bruͤder Petardo, ſo wie eine vierte Perſon Ge⸗ ſchwiſter ſeyn. Graf. Wie ſo? Graͤfin. Lorenzo gedachte einſt in den Mittheilungen uͤber ſeine fruͤhere Lebensgeſchichte eines Bruders, der ſich zu einer Zeit, wo er ſelbſt aus Unmuth uͤber die Untreue eines gelieb⸗ ten Weibes ſich in die Einſamkeit zuruͤckzog, der Erziehung ſeiner kleinen Tochter an ſeiner Statt angenommen habe. Dianorens Erzaͤhlung ſcheint dieſes zu beſtaͤtigen und kaum noch einen Zweifel dagegen uͤbrig zu laſſen, daß jener fremde Officier, den ich bei Lorenzo in dem Spiegel ſahe, dieſer Bruder geweſen ſey; nur macht mich dieſes Por⸗ trait hier irre. „Graf. Mir geht es fuͤrwahr nicht beſſer; denn im Fall⸗Lorenzo und Pizalto eine und die⸗ ſelbe Perſon ſind, wie ich faſt uͤberzeugt bin, ſo widerſpricht dieſes auch wieder jener Vermu⸗ thung, inſofern Pizalto der einzige und letzte Zweig ſeiner Familie war. Graͤfin. Es wird mir immer einleuchten⸗ der, daß unſre gegenſeitige Crklaͤrung uns zu kei⸗ nem feſten Punkte leiten kann, ſondern daß wir uns immer in groͤßere Raͤthſel und Widerſpruͤche verwirren, die es rathſam machen, nicht weiter nachzuforſchen, ſondern die Aufloͤſung der Zukunft. zu uͤberlaſſen. Graf. Vergoͤnnen Sie mir nur noch eine Frage. Darf ich wiſſen, liebe Franziska, warum der Anblick jenes Unbekannten, den Sie in Loren⸗ zo's Spigel ſahen, und in dieſem Medaillon wie⸗ der zu erkennen glaubten, einen ſo erſchuͤtternden Eindruck auf Sie machte? Graͤfin.(verlegen, nach einigen Nach⸗ denken.) Zu der Verſtaͤndigung hieruͤber werden Sie ſelbſt, mein Gemahl, mir durch die Beant⸗ wortung einer Gegenfrage am beſten verhelfen koͤnnen. Graf.(verwundert:) Ich? das verſtehe ich nicht.. Graͤfin. Jener Unbekannte iſt mir haupt⸗ ſaͤchlich in Beziehung auf eine andere Perſon ſehr bedeutend geworden. Graf. Dieſe iſt? 65 Graͤfin. Seine Schweſter, die uns gewiß uͤber Alles am ſicherſten den gewuͤnſchten Aufſchluß geben koͤnnte. 5 Graf.(ahnend, mit ſchwankendem Tone:) Wie? Hat jener Unbekannte eine Schweſter? Graͤfin. Allerdings. Conſtanza war ihr Name; ſie lebte in dem Magdalenenkloſter zu Ciretto, und mag wohl bedeutende Beziehung 5 auf Lorenzo nnd die uns umgebenden Raͤthſel haben. Graf.(uͤberraſcht, indem er ſeine Verlegen⸗ heit zu verbergen ſucht:) Das faſſe ich nicht. Ich ſehe, daß Sie Recht haben, liebe Franziska, wir verwickeln uns immer mehr in Dunkelheiten und Zweifel. Der Name Conſtanza weckt zwar laͤngſt verklungene Erinnerungen in mir, die aber unſern Frieden auf keine Art ſtoͤren koͤnnen und im Schweigen eines gaͤnzlichen Vergeſſens moͤgen vergraben bleiben. Ich wiederhole Ihren vorigen Wunſch; laſſen Sie uns unſer Geſpraͤch uͤber dieſe Raͤthſel fuͤr immer als abgebrochen anſehen. Dianorens Eintritt, welche die Ankunft der Geheimenraͤthin Altieri zu einem Beſuche bei der Graͤfin meldete, ſchien beiden Gatten ſehr er⸗ wuͤnſcht zu kommen, um deſto leichter ſich aus ihrer gegenſeitigen Verlegenheit zu ziehen. Die Graͤfin hatte ſich mit Amadeo's Hals⸗ kreuzchen bekleidet, nachdem ſie ihr Beſuch wie⸗ der verlaſſen hatte. Sie erwartete mit Ungeduld die kommende Nacht, wo ſie Amadeo, ſeinem Verſprechen gemaͤß, zu ſprechen hoffte, um ſich ihm uͤber die vorigen Auftritte mitzutheilen und guten Rath von ihm zu erbitten. Die Nacht erſchien; rings umher herrſchte eine tiefe Stille; die Graͤfin hatte Dianoren und ihre Kammerfrau entfernt. Einſam ſaß ſie jetzt auf ihrem Zimmer und hoffte mit baͤnglicher Erwartung bei jedem leiſen Geraͤuſche auf Amadeo's Ankunft. Sein langes Verweilen erregte ſchon in ihr die Ver⸗ muthung, daß dieſer den Ruf des Talismans nicht wahrgenommen habe; jedoch ſo eben ertoͤnte die Stunde der Mitternacht, und mit dem letzten verhallenden Schlage trat Amadeo in Prieſter⸗ kleidung herein. Die Graͤfin ſtaunte ihn uͤberraſcht und mit ſchauerlichem Gefuͤhl an, als er mit einem hohen Ernſte, der das Ehrwuͤrdige ſeines Aeußern er⸗ hoͤhete, naͤher kam und ſie mit dem frommen Gruße ſeines Ordens begruͤßte. „Sie haben mich gerufen,“ redete er ſie an, „ich habe Ihren Ruf vernommen. Was begehren Ste „Eure Erſcheinung, ehrwuͤrdiger Vater, in dieſem Kleide und mit dieſem feierlichen Ernſte, uͤberraſcht mich,“ erwiederte ſie. „Laſſen Sie ſich dieſes nicht ſtoͤren,“ unter— brach er ſie,„und bedienen Sie ſich wie vorher des traulichen Du's gegen mich, das ich als einen Beweis Ihres Vertrauens fordere, wie eaunſis —— 4— 73— gegenwaͤrtige Unterhaltung verlangt. Was wuͤn⸗ ſchen Sie von mir?“ Graͤfin. Beruhigung fuͤr mein Inneres. Amadeo.(indem er ihr die Hand reicht:) Dann ſey mir dieſe Stunde geſegnet! Ich ver⸗ muthete es, und deshalb erſcheine ich jetzt in dem Berufe meines Amtes vor Ihnen, um Ihre Mit⸗ theilungen zu vernehmen, die Ihr Herz erleich⸗ tern und es mit Troſt und Ruhe erfuͤllen ſollen. Graͤſin. Ach guter Amadeo, ich beſorge, daß ich dieſe Ruhe meines Herzens auf immer verſcherzt habe. Amadeo. Blicken Sie mit hoffendem Ver⸗ trauen auf die Kraft der heiligen Kirche, die mir die Mittel verlieh, dem reuigen Herzen Ruhe und Seelenfrieden zu bringen.. Gräfin. Laͤßt ſich die Vergangenheit zur Gegenwart umſchaffen, um das Geſchehene un⸗ geſchehen zu machen? Amadeo. Faſſen Sie Muth und Zuttauen zu mir, dann laͤßt ſich das Vergangene und Ge⸗ ſchehene wenigſtens in Vergeſſenheit verſenken. Graͤfin. Nun dann, ehrwuͤrdiger Mann, vergoͤnne mir vor allen Dingen eine Frage, deren Beantwortung Du mich das letztere Mal, wo ich Dich ſahe, erwarten ließeſt. Lebt Ludoviko? wo — 74— 3 4 lebt er? und welchen Bezug hat er auf den Cen⸗ turiſchen Oberſten Petardo? Amadeo.(mit Unwillen:) Wenn blos dieſes die Urſache Ihres Rufes war, ſo habe ich mich in Ihnen gar ſehr geirrt; denn nicht der Befriedigung Ihrer ungluͤckſeligen Neugierde we⸗ gen bin ich gekommen. Ich hoffte um des Heils Ihrer Seele willen, daß es Ihnen um ein offe⸗ nes und freimuͤthiges Geſtaͤndniß Ihrer Verirrun⸗ gen zu thun ſey. Deshalb erſchien ich in meinem ehrwuͤrdigen Berufe als Diener der Kirche, um dieſes Geſtaͤndniß zu empfangen und Ihnen den Weg zu zeigen, der ſie dem Irieden Ihres Her⸗ zens wieder zufuͤhren ſoll. Graͤfin. Du ſollſt Dich nicht getaͤuſcht haben. Heiß und innig ſehnt ſich mein Herz nach Mittheilung an der Bruſt eines redlichen treu⸗ verſchwiegenen Freundes. Ich vermag es nicht mehr, mich mit dieſer furchtbaren Laſt, die mein armes Herz druͤckt, herumzutragen, die mich mir ſelbſt, meinen Umgebungen und den Erhei⸗ terungen des Lebens immer mehr entfremdet. Ich wage es kaum noch, vor meinem Gemahle die Augen aufzuſchlagen; ſein Anblick erfuͤllt mich mit Angſt und bangem Schrecken; meine Aengſt⸗ lichkeit und quaͤlende Unruhe muͤſſen ihn endlich bei den hinzukommenden Ereigniſſen in unſerm — 75— Hauſe auf die Ahnung der Wahrheit hinleiten, und was kann ich alsdann noch fuͤr den Frieden meines Innern und unſers haͤuslichen Lebens er⸗ warten? Ich will dankbar Deine Freundeshand annehmen, die mich aus dieſen Irrgewinden herausfuͤhren will. Ich will das Geheimniß, das mich zu Boden druͤckt, vertrauenvoll in Deine Bruſt niederlegen und Troſt von Dir erwarten; aber dieſer Troſt kann nur die aufrichtige Beant⸗ wortung meiner vorigen Fragen unterſtuͤtzen und wirkſam fuͤr mich machen. Wenn Du meine Ruhe wirklich wuͤnſcheſt, ſo bitte ich dringend, laß mich wiſſen, ob Ludoviko noch lebt. Amadeo.(duͤſter:) Er lebt in dem An⸗ denken ſeiner Freunde; mehr kann und darf ich Ihnen hieruͤber nicht ſagen. Es iſt fuͤr Sie un⸗ erlaßliche Pflicht, dieſes allzulebhafte Andenken an ihn zu mildern und einer Leidenſchaft zu ent⸗ ſagen, die fuͤr Sie Verbrechen iſt. Wie kann Ihre Reue ernſtlich ſeyn und den Himmel mit Ihnen ausſoͤhnen, wenn ſich Ihr Herz fort und fort mit leidenſchaftlicher Glut zu dem Manne hinneigt, der fuͤr Sie auf immer todt feyn muß? Graͤfin. Es iſt ſchrecklich fuͤr mein Herz, daß dieſes ſo ſeyn ſoll, obgleich es die Nothwen⸗ digkeit davon anerkennt. Jedoch das kann nur ein Herz mit mir fuͤhlen, das ſo fuͤhlt, wie das 5 — 76— meinige, und das durch Liebe ſo gluͤcklich war als dieſes; ein ſolches wird nicht unbedingt mich ver⸗ dammen. Du, guter Amadeo, Du haſt nicht geliebt, Dein Herz blieb verſchloſſen fuͤr die zar⸗ ten Regungen der Liebe; urtheile nicht allzuſtreng uͤber mich. 1 Amadeo. Wer ſagt Ihnen, daß ſich mein Herz in erſtarrender Kaͤlte dem ſchoͤnſten und be⸗ gluͤckendſten Gefuͤhle von jeher verſchloſſen habe? Auch ich habe geliebt, aber dem Drange der Noth⸗ wendigkeit mich willig gefuͤgt, und ich bereue es am Abende des Lebens nicht. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen in einer offenen Mittheilung, es foll eine willige Aufnahme ſinden. Graͤfin. Ich habe mich ja ſo lange ſchon vergebens darnach geſehnt. Ja ich will Dich zum Vertrauten meines Herzens machen, und es Dir keinesweges verhehlen, daß mir ungeachtet des Widerſtrebens meiner Ueberzeugung, jener Fremdling noch immer ungemein werth iſt. Wuͤ⸗ thender Schmerz und Reue nagen an meinem Herzen; ich wuͤrde Alles darum geben, wenn ich das Geſchehene ungeſchehen machen koͤnnte, und gleichwohl verweilt mein Inneres in einſamen unbewahrten Stunden mit hoher Innigkeit auf den Tagen einer Vergangenheit, in welcher ich mich uͤber alles gluͤcklich traͤumte. Jener Ludoviko —— —— — F.— iſt das Geſpenſt meiner Einbildungskraft, das mich unaufhoͤrlich verfolgt. Hilf mir mit mir ſelbſt wieder eins werden. Amadeo. Ich will es, wenn Sie mir nicht ſelbſt die Mittel dazu benehmen, indem Sie dieſen Traͤumen der Vergangenheit allzuſehr nachhaͤngen, und ſich der Gegenwart entfremden laſſen. Ermeſſen Sie Ihre gegenwaͤrtigen Ver⸗ haͤltniſſe als Gattin und als Mutter; erwaͤgen Sie die Bande und ihre heiligen Pflichten, die Sie binden; uͤberzeugen Sie ſich, daß Sie von Ludoviko nichts zu hoffen haben. Er iſt todt fuͤr Sie, er muß es ſeyn, und jeder ſuͤndhafte und leidenſchaftliche Wunſch, der ihn liebend umfaßt, verſchließt Ihnen den Himmel. Als Bevollmaͤch⸗ tigter der Kirche ſtehe ich jetzt da, um Ihnen durch meinen Beiſtand zu Huͤlfe zu kommen und Ihnen die Verzeihung des Himmels anzukuͤndi⸗ gen, wenn Sie ſich derſelben wuͤrdig machen; aber nur der reuigen Suͤnderin kann dieſe zu Theil werden. Mein Segen wuͤrde ſich außer⸗ dem in Fluch umwandeln, und meine Hand muͤßte ſich mit dem Verdammungsſtrahle be⸗ waffnen. Graͤfin. O halt ein! Deine Worte zer⸗ malmen mich. Amadeo. Meine Arme ſollen Sie wieder aufrichten und Sie dem Himmel wieder zufuͤhren. Legen Sie offen und wahr das Bekenntniß Ihrer Verirrungen in meine Bruſt nieder, laſſen Sie mich ernſtliche Reue und den ruͤhmlichen Ent⸗ ſchluß der Beſſerung ſehen, dann ſollen Sie auch nicht laͤnger vergebens auf Troſt und Beruhigung fuͤr Ihr kummervolles Herz hoffen duͤrfen. Graäͤfin. So laß die Verſicherung ernſt⸗ licher Reue mir den Weg dazu bahnen. Guter Amadeso, ein einziger Fehltritt in einer ſchwachen ſchwarzen Stunde hat mich unausſprechlich elend gemacht, und keine Sprache der Erde druͤckt das durch Worte aus, was ich Ungluͤckliche ſeit langen Jahren litt. Ich verdiene mehr Dein Mitleid, als Deine Verachtung. Amadeo. Ich verachte Sie nicht, ich nehme vielmehr den herzlichſten Antheil an Ihrem Schmerze, und deshalb bin ich jetzt hier, damit Sie, geſtuͤtzt auf meine Theilnahme, Ihr Herz durch Mittheilung erleichtern moͤgen. Graͤfin. So vernimm dann die Geſchichte meiner Verirrung und meiner Leiden. Ich war die einzige Tochter und der Liebling des Grafen Orbino und der Stolz dieſer angeſehenen Familie, die in den Stuͤrmen jener ungluͤcksſchweren und verhaͤngnißvollen Zeit zu Grunde ging, welche ganz Yſamo und Latago erſchuͤtterte, und uͤber manche t. andere erlauchte Familie Schande, Schmach und Verderben bewegte.— Amadeo. Ich bin mit jenen Schreckens⸗ ſcenen und mit den ungluͤcklichen Schickſalen Ihrer Familie vertraut. Graͤfin. Sie unterlag den Kabalen der ihr uͤberlegenen Gegenpartei, und ich kann nicht daruͤber entſcheiden, ob die gegen ſie gerichtete Verfolgung verdiente Schuld war oder nicht. Ich war in dem Glanze der großen Welt und ihren Ueppigkeiten aufgewachſen; man ſagte mir oft, daß meine Schoͤnheit dieſen Glanz verherr⸗ liche. Bethoͤrt von den ſuͤßen Schmeicheleien zahl⸗ reicher Verehrer, glaubte meine Eitelkeit dieſes nur allzugern, und ich kannte keinen andern Wunſch als Vergnuͤgungen und Zerſtreuungen. Ich war ein eitles, leichtſinniges nach Glanze und immer neuen Vergnuͤgungen lechzendes ſechzehnjaͤhriges Maͤdchen, als, unbekannt mit den zarteren Trie⸗ ben des Herzens, der reiche und angeſehene Graf Montaldi ſich um meine Hand bewarb. Sein maͤchtiger Arm konnte noch allein meine Familie von der gaͤnzlichen Vernichtung retten, ſein Reich⸗ thum konnte mir allein den gewohnten Glanz erhalten, und ohne lange zu pruͤfen, gab ich den Bitten und Zuredungen meiner hartbedraͤngten Eltern und den Zaͤrtlichkeiten meines Verehrers — 30— nach; ich reichte ihm leichtſinnig und ohne Liebe fuͤr ihn zu fuͤhlen die Hand. Die glanzvollen Feſtlichkeiten meiner Vermaͤhlung betaͤubten mich. Das zaͤrtliche Entgegenkommen meines Gemahls, wodurch er jeden meiner Wuͤnſche befriedigte und mir immer neue Ergoͤtzlichkeiten verſchaffte, er⸗ hielten mich in einem beſtaͤndigen Rauſche und in einer Sinnentrunkenheit, die mich nicht zu mir ſelbſt kommen ließen. Ich ſchaͤtzte mich gluͤck⸗ lich, die Gattin des edeln Montaldi zu ſeyn, und die Geburt meines Scipio war das Band, das mich feſter und inniger an ihn knuͤpfte. Mein Gluͤck war jedoch von kurzer Daner. Amadeo. Ich ahne, wodurch es geſtoͤrt wurde. Graͤfin. Das Feuer, das ſchon ſo lange unter der Aſche geglimmt und die Gemuͤther mit wilder Partheiwuth in Gaͤhrung gebracht hatte, ſchien dem Ausbruche ſich zu naͤhern. Die Ver⸗ wirrung wurde immer allgemeiner, die aͤngſtliche Unruhe in meiner Familie immer groͤßer, und nur mein Leichtſinn und der Taumel meiner Zer⸗ ſtreuungen hielten mich ab, darauf zu achten. Mein Gemahl ſahe den Sturm herannahen, der den Stamm meines Hauſes entwurzeln mußte; um mich zu ſchonen und noch zuvor in Sicher⸗ heit zu bringen, beredete er mich, meinen bis⸗ 55 f 4 — 31.— heeigen Aufenthalt in der Reſidenz mit ſeinem neueingerichteten Luſtſchloſſe an der Grenze von Coni zu vertauſchen und die ſchoͤne Jahreszeit in den Baͤdern von Coni zuzubringen. Ich reiſte dahin ab. Die zahlreiche Verſammlung der Ba⸗ degaͤſte, die glaͤnzenden Vergnuͤgungen, die mich dort umfingen, ließen mich die Abweſenheit mei⸗ nes Gemahls und den Glanz der Reſidenz nicht vermiſſen. Ich taumelte von Vergnuͤgen zu Ver⸗ gnuͤgen, ohne daß die Nachrichten von den aus⸗ gebrochenen Stuͤrmen in Yſamo, die man ſorgfaͤl⸗ tig vor mir verbarg, zu meinem Ohre gelangen konnten; uͤberdies achtete mein Leichtſinn wenig auf das, was ich etwa in einzelnen Geſpraͤchen davon vernahm, und ſehr bald draͤngte mich eine neue Angelegenheit meines Herzens gaͤnzlich da⸗ von zuruͤck. Ich ahnete es nicht, daß ich in dem ſuͤß bethoͤrenden Rauſche dem Verderben zueilte. O haͤtte mein Gemahl mich in Yſamo behalten, ich waͤre rein und ſchuldlos geblieben. Amadeo. Ruhig, Graͤfin! Durch Klagen wird nichts abgeaͤndert. 1 Graͤfin. Leider! Meine Reize hatten auch dort eine Menge Verehrer angezogen, die mich unaufhoͤrlich mit ſuͤßen Schmeicheleien und Gunſt⸗ bewerbungen umflatterten. Ich nahm leichtſinnig die Huldigung eines Jeden an, ohne nur einen III. F — 32— beſonders auszuzeichnen, oder fuͤr Jemand eine zaͤrtliche Zuneigung zu fuͤhlen. Jetzt erſchien aber ein Fremdling, der ſogleich bei ſeinem erſten Er⸗ blicken unwiderſtehlich nach ſich hinzog und mich aus meinem bisherigen Traume aufſchreckte. Er war ein aͤußerſt intereſſanter, maͤnnlich ſchoͤner Juͤngling. Seine Geſtalt, ſein edler Anſtand und ſeine Liebenswuͤrdigkeit leiteten die Blicke aller Damen auf ihn hin, und ich war nicht die Letzte unter ihnen; er weckte Gefuͤhle in mir, die mir bisher voͤllig fremd geblieben waren, uͤber deren Schwaͤrmereien ich oft gelacht hatte, und die ſich ſehr bald meiner bemaͤchtigten, da ich mir ganz allein uͤberlaſſen war und keinen warnenden Freund zur Seite hatte. Dieſer liebenswuͤrdige Fremdling ließ ſich nur ſelten in unſern glanz⸗ und geraͤuſchvollen Zirkeln ſehen, oͤfter zog er ſich mehr in ſich ſelbſt auf einſamen Spaziergaͤngen zu⸗ ruͤck, und in ſeinen Zuͤgen glaubte ich oft Spuren eines tief verhaltenen Kummers zu bemerken, der ihn mir noch intereſſanter machte. Ich ſuchte mich ihm zu naͤhern, allein er ſchien es nicht zu bemerken, und kam mir ſo wenig in meinen Be⸗ muͤhungen entgegen, daß dadurch das Feuer der Leidenſchaft fuͤr ihn neue Nahrung erhielt, ſo wie auf der andern Seite meine Eitelkeit ſich gekraͤnkt fuͤhlte, daß dieſer ſchöne Fremdling meiner Lie⸗ — 83— benswuͤrdigkeit nicht huldigen wollte. Ich beob⸗ achtete ihn im Stillen, erlauſchte ſeine einſamen Spaziergaͤnge und wußte es ſo einzurichten, daß er mich dort finden mußte und daß er, ohne die Geſetze des Wohlſtandes zu verletzen, meiner Bekanntſchaft nicht ausweichen konnte. Wir trafen uns oͤfter, und mit Vergnuͤgen bemerkte ich, daß mein umgang ihm immer intereſſanter und bald eben ſo unentbehrlich wurde, als mir ſchon fruͤher der ſeinige zum Beduͤrfniß geworden war. Jedoch erlaß mir die genauere Zergliede⸗ rung deſſen, wodurch unſre Beider Bekanntſchaft in kurzer Zeit zur leidenſchaftlichſten Zaͤrtlichkeit gedieh, die mich uͤber Ludoviko, mich ſelbſt und alles um mich her vergeſſen ließ. Alle meine Gedanken unnd Wuͤnſche waren nur auf ihn gerichtet. Ich hielt jeden Augenblick fuͤr verloren, den ich ohne ihn zubringen mußte; ich umfaßte ihn mit der ganzen unendlichen Macht und Fuͤlle der erſten Liebe, und jeder freundliche Blick, den andere Weiber ihm zuwarfen, jagte mein liebendes Herz in hoͤhere leidenſchaftliche Glut. Amadeo. Das Feuer, womit Sie nach jetzt von ihm ſprechen, beweiſt die Heſtigeie Ihrer Leidenſchaft zur Genuͤge. Graͤfin. Sie erreichte den hoͤchſten ver⸗ nichtenden Grad. Meine bisherigen Ergoͤtzlich⸗ a keiten verloren allen Reiz fuͤr mich. Ich nahm nur noch auf Ludoviko' s Bitten gezwungen daran Theil, um die Blicke meiner Geſellſchafter nicht allzutief in mein Inneres eindringen zu laſſen, und entſchaͤdigte mich durch Ludoviko's ſtillen Umgang fuͤr den Zwang, den ich mir deshalb anlegte. Er theilte das Feuer meiner Leidenſchaft; vooll heißer Zaͤrtlichkeit ſchlug ſein Herz in unſern Umarmungen dem meinigen entgegen, ohne daß wir uns uͤber unſre anderweitigen Verhaͤltniſſe veerrſtaͤndigten. Er hielt mich fuͤr die verwaiſte Nichte meines Oheims, und ich nahm mich ſorg⸗ faͤltig in Acht, ihn aus ſeinem Irrthume zu ziehen, vielmehr wandte ich alles an, daß er keinem meiner Bekannten ſo nahe treten durfte, um etwa die Wahrheit zu erfahren. Bald ver⸗ ſchaffte mir ein Umſtand Gelegenheit, mich noch mehr vor einer gefuͤrchteten Entdeckung zu ſichern. Die Badezeit neigte ſich bereits zu Ende, als ich durch einen Brief meines Gemahls aufgefordert wurde, noch fuͤr einige Zeit meinen Aufenthalt auf unſerm Luſtſchloſſe zu nehmen, weil, zufolge ſeiner Verſicherung, Umſtaͤnde eingetreten waren, welche ihn zu einer Reiſe nach Chikaro noͤthigten. Ich ergriff dieſe Gelegenheit mit Entzuͤcken, mich augenblicklich von Coni. zu entfernen und mich auf mein Luſtſchloß zuruͤckzuziehen, wohin mir ———— .— 35 Ludoviko in der Stille nachfolgte. Sein Um⸗ gang machte mir meine Einſamkeit zu einem Elyſium. Unſre Leidenſchaft fuͤr einander war auf den hoͤchſten Grad geſtiegen, und ich haͤtte alles aufopfern koͤnnen, um mir den Beſitz des Heißgeliebten auf immer zu erringen. So nahete die ſchwarze Stunde meines Verderbens; von der wilden Glut meiner Leidenſchaft aller Beſin⸗ uunng beraubt, ſtuͤrzte ich mich mit hohem Ent⸗ zuͤcken und wonnetrunken in den Abgrund, wohin ich den Geliebten mit hinabriß; und— der Ge⸗ nius meiner Unſchuld floh mit verhuͤllten Augen weinend von dannen. 6 Amadeo. Ungluͤckſelige Verblendung! 3* Graͤfin. Sie war ſo groß, daß ich nicht einmal meinen tiefen Fall beweinen konnte, ſon⸗ dern immer tiefer ſank und jeden Ruͤckweg mir abſchnitt. Meine Verirrung hatte jedoch Folgen, bei deren Entdeckung ich ſchaudernd zuruͤckbebte. Ich konnte meinen Zuſtand vor Ludoviko nicht lange verbergen; ich warf mich ihm mit wildem Schmerz in die Arme, und mit dem Geſtaͤndniß meines Zuſtandes entſchwebte auch zugleich die Entdeckung des Geheimniſſes meiner Verbin⸗ dung meinen bebenden Lippen. Bleich und zit⸗ ternd ſchauderte er bei dieſer Entdeckung zuſam⸗ men; kaum nannte ich ihm aber den Namen 35— meines Gemahls, ſo ſank er mit dem Ausbruche eines wilden Schmerzes zuruͤck. Ich eilte zu ſeinem Beiſtande hinzu. Er war in einer Bewe⸗ gung, die mich erſchreckte; ſeine Mienen waren bis zum Graͤßlichen entſtellt, und in ſeinen furcht⸗ bar gluͤhenden Blicken ſchien ſeine vorige Liebe zu mir ſich in vernichtenden Abſcheu umgewan⸗ delt zu haben. Das zermalmte mich; aus Liebe zu ihm war ich Verbrecherin geworden, und die Verachtung des Mannes, um deswillen ich aus unbegrenzter Leidenſchaft die heiligſten Pflichten zu Boden getreten, die Ruhe meines Herzens, den Frieden meiner Seele verſcherzt hatte, warf mich verzweiflungsvoll zu Boden. Mein Zuſtand war uͤber alle Beſchreibung furchtbar, ſo daß er ſelbſt Ludoviko mit Schrecken erfuͤllte und ihn auf⸗ forderte, ſich mitleidsvoll meiner anzunehmen. „Franziska!“ redete er mich, mit wehmuͤthigen Tone an,„Sie haben mich zum Verbrecher und zum Verraͤther heiliger Pflichten gegen einen edeln Mann gemacht, dem Sie Treue gelobten, und ſo haben Sie einem Ungluͤcklichen den wenigen Ueber⸗ reſt ſeiner Ruhe auf immer zerſtoͤrt; das moͤge Ihnen Gott verzeihen! Ich will Ihnen Vorwuͤrſe daruͤber erſparen, ſehen Sie zu, wie Sie deshalb mit Ihrem Gewiſſen fertig werden. Das Ge⸗ ſcchehene laͤßt ſich nicht ungeſchehen machen, aber —— * 0 loſſen Sie es uns nicht haͤufen; laſſen Sie unsd blos ungluͤcklich ſeyn, und ein ewiger Schleier decke das Geſchehene. Kein Menſch erfahre es jemals. Ich erkenne es fuͤr meine Pflicht, Sie nicht huͤlflos den Vorwuͤrfen Ihres Innern zu uͤberlaſſen, ſondern fuͤr Ihre Ruhe und Erhal⸗ tung zu ſorgen. Dieſen Aufenthalt muͤſſen Sie verlaſſen, wenn Ihr Zuſtand verborgen bleiben ſoll; deshalb laſſen Sie uns gemeinſchaftlich darauf bedacht ſeyn, wie Sie ſich am beſten und ohne Aufſehen zu erregen von hier wegbegeben koͤnnen.“— Ich ſelbſt ſahe die Nothwendigkeit meiner Entfernung ein, und es wurde mir unter den damaligen Unruhen in Yſamo nicht ſchwer, von meinem Gemahle die Einwilligung zu einer Reiſe zu meiner alten Tante zu Cacundi zu erhal⸗ ten, die ich auch wirklich auf eine kurze Zeit be⸗ ſuchte und ihre muͤtterliche Zaͤrtlichkeit fuͤr mich in Anſpruch nahm, damit meine nachherige Ab⸗ weſenheit von ihr unentdeckt blieb und ich die etwa an mich eingehenden Briefe meines Gemahls richtig erhielt. Ludoviko hatte indeſſen in der Naͤhe meiner Tante fuͤr mein Unterkommen ge⸗ ſorgt. Nur von einer alten vertrauten Kammer⸗ frau Dorilla begleitet, auf deren Treue und Ver⸗ ſchwiegenheit ich rechnen konnte, reiſte ich unver⸗ zuͤglich mit ihr ab, und tief zwiſchen den Livinier 6 * — 88— 2 4 Gebirgen und Waldungen verſteckt, nahm mich die Wohnung einer armen aber ſehr gutmuͤthigen Matrone auf. Ludoviko verbarg mir ſorgfaͤltig den tiefen Gram ſeines Herzens, um nur mich zu ſchonen. Er kam wenig von meiner Seite und wandte mit der groͤßten Sorgfalt eines lie⸗ benden Bruders alles an, um mich mit Ruhe und Troſt zu erheitern und mich zugleich auf ſeine Trennung vorzubereiten. Aus ſeinen dunkeln Reden, ſo wie aus ſeiner öoͤftern Unruhe ſchloß ich, daß er in gewiſſe Verhaͤltniſſe mochte ver⸗ wickelt ſeyn, die ſeine perſoͤnliche Sicherheit in Gefahr ſetzten, ſo wenig er ſich auch gegen mich daruͤber erklaͤrte. Endlich nahete die Stunde, die mich zur Mutter einer Tochter machte, deren Daſeyn mich nach langer Zeit wieder zum erſten Male mit hoher Freude erfuͤllte, obgleich ſie oft von bittern Erinnerungen getruͤbt wurde. Ich ge⸗ naß wieder, und Ludoviko's eifrigen Bemuͤhungen verdankte ich den ruhigern Zuſtand meines In⸗ nern, mit welchem ich es wagen konnte, meinem Gemahle mich zu naͤhern. Ludoviko ermahnte mich jetzt dringend zum Aufbruche, und ſo gern ich auch laͤnger in meiner gluͤcklichen Einſamkeit veerweilt und mich den Freuden als Mutter uͤber⸗ laſſen haͤtte, ſo mußte ich ſeinen Bitten und Vor⸗ ſtellungen nachgeben, Unſre bisherige gutmuͤthige 39— Wirthin hatte die Pflege und Erziehung meiner kleinen Tochter bis auf weitere Verfuͤgungen uͤber⸗ nommen; ich mußte mich von dem geliebten Kinde und von dem Manne meines Herzens losreißen und nach Yſamo aufbrechen. Aber ich bin unfaͤhig, Dir den Kummer meines Herzens zu ſchildem, mit welchem es geſchah. Ludoviko hatte mich bis auf mein Luſtſchloß an der Grenze begleitet; aber hier war es, wo er ſich gewaltſam von mir losriß und auf immer von mir Abſchied nahm. Vergebens beſchwor ich ihn mit Thraͤnen wilden Schmerzes, mir ſeinen Anblick nicht auf immer zu entziehen und mir wenigſtens von Zeit zu Zeit Nachricht von ſich zu geben; er ſchlug es mir ab. „So ſchmerzhaft mir auch die Trennung von Ihnen iſt,“ ſprach er,„ſo legen mir dennoch Ihre Verhaͤltniſſe die unerlaßliche Pflicht auf⸗ Sie nie wieder zu ſehen, ſo wie es Ihre Pflicht iſt, mich zu vergeſſen und durch doppelte Zaͤrte lichkeit fuͤr Ihren Gemahl Ihr Vergehen wenig⸗ ſtens zum Theil wieder gut zu machen. Erſpa⸗ ren Sie ſich alle Nachforſchungen nach mir, ſie wuͤrden Ihnen nichts fruchten, denn mein Ver⸗ haͤngniß fuͤhrt mich in entlegene Gegenden, wohin Ihre Bemuͤhungen nicht reichen.“ Eine Thraͤne perlte bei dieſen Worten in ſeinem ſchoͤnen Auge, und ſeit dieſer Stunde ſah ich ihn nie wieder. * * — 90— Amadeo. Fuͤrwahr! dieſer Ludoviko war ein edler Mann! Graͤfin. Gewiß, das war 79. Doch hoͤre weiter, mein Bekenntniß iſt noch nicht zu Ende. Ich ſuchte mich nach Kraͤften zu faſſen und kehrte nach Yſamo zuruͤck, wo mich neue Schreckens⸗ und Leidensſcenen erwarteten. Der Schlag, der meine Familie vernichtete, war geſchehen, und die Entdeckung dieſer Unfaͤlle warf mich bei mei⸗ ner ohnehin hartangegriffenen Geſundheit auf ein langwieriges Krankenlager, von welchem ich ſpaͤt erſt und zu neuen Leiden und Schmerzen erſtand. Kaum hatte ich mich einigermaßen er⸗ holt, ſo ſendete ich einen vertrauten alten Diener meines Hauſes in die Livinier Gebirge auf Kund⸗ ſchaft aus nach meiner kleinen Tochter; mein Zuſtand war uͤber allen Ausdruck ſchrecklich, als dieſer endlich mit der Nachricht wiederkehrte, daß Ludoviko mein Kind dort abgeholt und mit ſich genommen habe. Ich bot in der Folge alles auf, um Nachricht von meinem Kinde zu erhalten, jedoch alle Bemuͤhungen blieben vergebens. Er⸗ ſpare mir, guter Amadeo, die Schilderung deſ⸗ ſen, was ich ſeit dieſer Zeit litt und erduldete, und wie ſehr meine Ruhe und Geſundheit da⸗ durch untergraben wurden, bis ich endlich in jener Schreckensnacht bei Lorenzo dort bei dem — — hg G. yh ſ Eindringen det Anue ſo ploͤtzlich und unvor⸗ 8 bereitet Ludoviko's Geſtalt in dem magiſchen Spiegel erblickte, und dennoch durch keine Bitten Lorenzo zu einer deutlichern Erklaͤrung uͤber Ludo⸗ vies und das Schickſal meines Kindes bewegen konnte. Durch Dich weiß ich nunmehr, daß Dianora dieſes Kind, und mir wiedergegeben worden ſey; mein ganzes Herz haͤngt voll heißer Liebe und muͤtterlicher Zärtlichkeit an ihr, aber zugleich reißt auch ihr Anblick die Wunden in meinem Herzen immer auf's neue wieder auf, die nie verheilen werden. Der Himmel iſt oft Zeuge meiner Thraͤnen und meiner Reue, unaufhoͤrlich bringe ich ihm die feierlichſten Geluͤbde dar, durch welche ich mein Herz ihm zuzuwenden mich be⸗ ſtrebe; aber mein heißes andachtsvolles Flehen erreicht ihn nicht, er ſcheint ſich kalt von der reuigen Suͤnderin hinweg zu wenden, um mich noch gegenwaͤrtig nach ſo langen Jahren die Ver⸗ irrung meiner Jugend auf das empfindlichſte in dem Verluſte meiner Seelenruhe buͤßen zu laſſen. So iſt mein Zuſtand um ſo ſchrecklicher, da ich ungeachtet der Reue uͤber meinen ehemaligen Leichtſinn, dennoch den Mann meiner Liebe nicht 4 vergeſſen kann und mit ſtiller Wehmuth des fuͤßen Gluͤcks ſeiner Liebe gedenke. Ich fluͤchte mich jetzt zu Dir, den mir der Himmel endlich zum . 1 Troſte fendet; verweigere mir dieſen Troſt nicht und laß mich die Verſoͤhnung mit dem erzuͤrnten Himmel hoffen. Amadeo. Ihr Vergehen iſt groͤßer, als ich es vermuthete, denn ich hielt Sie blos fuͤr die Verfuͤhrte, allein Sie ſelbſt trugen die Schuld Ihres tiefen Falles. Sie haben hart dafuͤr ge⸗ buͤßt, aber es war verdiente Zuͤchtigung. Das offene Geſtaͤndniß Ihrer Schuld bahnt Ihnen jedoch den Weg zum Himmel. Ihre unbewahrte Jugend, die Fehler Ihrer Erziehung und die Ueppigkeiten der großen Welt hatten Sie irre geleitet und koͤnnen einigermaßen zu Ihrer Ent⸗ ſchuldigung dienen. Ich bin bereit, Ihnen die Verzeihung des Himmels zu verkuͤnden, wenn Sie in meine Rechte das feierliche Geluͤbde nie⸗ derlegen wollen, das leidenſchaftliche Feuer in Ihrem Innern fuͤr den ungluͤcklichen Ludoviko zu tilgen, und durch deſto gewiſſenhaftere Er⸗ fuͤllung Ihrer Pflichten den Himmel zu uͤberzeu⸗ gen, daß Sie ihm ein keines Herz darbringen wollen. Graͤfin. ehrwürdtger Mann! ich fuͤrchte, daß ich zu ſchwach bin, dieſen furchtbaren Kampf mit meinem Herzen zu beſtehen und das Anden⸗ ken an den Ungluͤcklichen zu tilgen, den ich leicht⸗ ſinnig und von Leidenſchaft bethoͤrt, mit mir in— —— Berufe Genuͤge geleiſtet und Troſt und neuen — 9 3— das Verderben hinabriß, da mich Alles, und be⸗ ſonders Dianorens Anblick an ihn erinnert. Amadeo. Ein ernſter ſeſter Wille vermag viel, und die Kraft der Religion wird Sie im Kampfe unterſtuͤtzen. 4 Graͤfin. So will ich im Vertrauenſauf dieſe Unterſtuͤtzung ihn wagen, und feierlich ge⸗ lobe ich Dir in Deine Hand, die mich leiten wird, mich der Verſoͤhnung mit dem Himmel wuͤrdig zu zeigen. Mit ſchoͤner wirkſamer Beredſamkeit ſprach Amadeo ermunternd und troͤſtend zu ihrem Her⸗ zen. Die Ehrfurcht und das hohe Vertrauen, das die Wuͤrde ſeines heiligen Berufe und ſein ganzes ehrwuͤrdiges Aeußeres immer mehr und mehr ihr einfloͤßten, gaben ſeinen Worten, Er⸗ mahnungen und Troͤſtungen eine deſto hoͤhere Kraft. Von den ſanften Strahlen ſuͤßer Hoff⸗ nung einer gluͤcklichen Zukunft erwaͤrmt, und vooll dankbarer Ruͤhrung ſank die reuige Suͤnderin vor dem ehrwuͤrdigen Friedensboten auf's Knie, als er jetzt, in der ſchoͤnen Wuͤrde ſeines Amtes, ſegnend die Haͤnde auf ihre Stirn legte, und ihr Staͤrkung von oben zum Kampfe mit ihrem Her⸗ zen und Vergeſſenheit ihrer Schuld erflehete. In dem fuͤßbegluͤckenden Bewußtſeyn, ſeinem heiligen Muth fuͤr das Gute in ein zerriſſenes Herz ge⸗ ſenkt zu haben, konnte er jetzt ſeine reuige Freun⸗ din verlaſſen. rheo⸗ der junge Graf Montaldi, befand ſich in einem bemitleidenswerthen Zuſtande. Er hatte ſeinem Vater verſprochen, die Leidenſchaft fuͤr Dianoren in ſeinem Innern auszurotten; Verſprechen nachzukommen, ſo belehrte er ſich Wille an der Groͤße und Heftigkeit dieſer Leiden⸗ ſchaft ſcheitern wuͤrde. Er nahm ſich feſt vor, Dianorens Anblick zu meiden, und gleichwohl zog ihn ſein Herz widerſtrebend und unwider⸗ ſtehlich nur deſto mehr nach ihr hin. Wenn er ſie alsdann ſo ganz mit dem zaͤrtlichen Hingeben ihres liebenden Herzens an dem Arme des gluͤck⸗ lichen Manutti erblickte, dann tobte die heftigſte wilden Schmerzen. In einer ſolchen heftigen Gemuͤthsbewegung traf ihn eines Tages Cerrino in dem vaͤterlichen Garten, wo er die beiden Liebenden im Stillen aus der Ferne beobachtet hatte. Cerrino war taͤglich in dem Hauſe des Grafen, und bediente ſich aller nur moͤglichen Kunſtgriſſe, um ſi * aber ſo feſt er auch dazu entſchloſſen war, dieſem jedoch mit jedem Tage mehr und mehr, daß ſein⸗ Eiferſucht in ſeinem Innern und erfuͤllte es mit N 8 S N Dianoren geneigt zu machen und Magt li aus ihrer Liebe zu verdraͤngen, dabei aber auch zu⸗ gleich auf alles, was um ihn her vorging, ein wachſames Auge zu richten. Scipio's Kampf mit ſeinem Herzen war ihm nicht lange verb orgen geblieben; ſogleich gab ihm ſeine Schlauheit einen Plan an, wodurch er deſſen Leidenſchaft fuͤr ſeine eigenen Abſichten auf Dianoren zu benuͤtzen hoffte. „Was iſt Dir begegnet?“ redete er ihn mit verſtellter Theilnahme an,„ſprich, lieber Freund, der Zuſtand, worin ich Dich erblicke, erregt meine ganze freundſchaftliche Beſorgniß fuͤr Dich. Was iſt Dir? was iſt geſchehen?“ „Dort! dort!“ ſtammelte Scipio, indem er nach der Gegend hinzeigte, wo Dianora an Ma⸗ nutti's Seite in Geſpraͤchen der Liebe verſunken ſaß. „Ha! ich verſtehe Dich!“ erwiederte er, „armer Freund! Deig Zuſtand geht mir tief zu Herzen; ich wuͤnſchte ſy innig, Dir rathen und helfen zu koͤnnen, allcn in dergleichen Faͤllen laͤuft Ubran nur allzuteicht Gefahr, fuͤr ſeine Rathſchlaͤge am Ende ſehr uͤbel belohnt zu werden.“ „Von mir haſt Du dieſes auf keinen Fall zu beſorgen,“ fiel ihm Scipio in das Wort;„wenn Du mir zu rathen weißt, ſo beſchwoͤre ich Dich bei unſrer Freuudſchaft, laß mich nicht vergebens — 96— darum bitten und in dem ſbhchtbaren Kampfe mit meinem Herzen untergehen. Mein Vater mißbilligt meine Liebe zu Dianoren; ich habe ſeinen Bitten nachgegeben und ihm gelobt, ſie zu unterdruͤcken. Aber ich fuͤhle, daß ich mehr ver⸗ ſprochen habe, als ich zu leiſten im Stande bin, und daß die Flamme, die in mir lodert, mich endlich verzehren muß. Cerrino. Entfernung von Dianoren wird Dir den Sieg uͤber Deine Leidenſchaft erringen hel⸗ fen und Dein Herz heilen. Ich ſehe, daß Anſtalten zu Deiner baldigen Abreiſe aus dem vaͤterlichen Hauſe getroffen werden, und ſo ſehr ich daruͤber grollen moͤchte, daß der Sohn durch eine aufge⸗ raffte Fremde von ſo zweifelhafter Herkunft, ſoll verdraͤngt werden, ſo glaube ich gleichwohl, daß dieſes das beſte Mittel fuͤr Dich fey, Dianoren vergeſſen zu lernen. 3 Scipio. Nichtige Hoffnung! wohin ich auch gehen werde, ſo wird ihr Bild und das quaͤ⸗ lende Gefuͤhl ſie in eines Andern Armen zu wiſſen, mir folgen. Cerrino. Das letztere haſt Du nicht zu beſorgen. Seipio. Wie meinſt Du das? Liebt Dia⸗ nora nicht Manutti? wird ſeine Zuneigung zu ihr nicht von ſeinen Verwandten, ſo wie von meinen 4 A— 5 97— Eltern gebilligt, und von beiden Theilen eine Ver⸗ bindung zwiſchen Beiden gewuͤnſcht? Cerrino. Dennoch wird weder Manutti noch ein Anderer ſich jemals des Beſitzes dieſes ſchoͤnen Maͤdchens erfreuen. Scipio. Ich begreife Dich nicht. Cerrino. Willſt Du mir uͤber das, was ich Dir mittheilen werde, feierlich ein unverletz⸗ liches Stillſchweigen zuſichern, ſo ſollſt Du mich bald verſtehen lernen. Scipio. Ich gelobe es Dir. Cerrino. So erfahre denn, daß Dianora fuͤr Dich, fuͤr Mauutti und fuͤr jeden Andern, und ſelbſt fuͤr die Welt und deren Freuden auf immer verloren iſte Seipio. Sprich deutlicher! Du laͤſſeſt mich das Furchtbarſte ahnen. Cerrino. Wenn es wirklich furchtbar iſt, daß ſo viele Jugendbluͤthe, ſo viele Schoͤnheit, die einen Mann begluͤcken wuͤrden, in oͤden Klo⸗ ſtermauern vergraben werden, ſo haſt Du Wahr⸗ heit geahnet. Scipio.(heftig erſchrocken:) Gerechter Gott! Dianora in's Kloſter? Cerrino. So iſt es, Du kannſt feſt dar⸗ auf fußen; ich weiß es mit zuverlaͤſſiger Be⸗ ſtimmtheit. Das iſt die wahre Urſache der ſchleu⸗ 11. G nigen Anſtalten zu Deiner Abreiſe, damit Deine Leidenſchaft fuͤr das ungluͤckliche Schlachtopfer frommer Schwaͤrmerei ſich nicht gegen dieſe Opferung empoͤren moͤge. Scipio. Nein! nein! ſo grauſam kann mein Vater unmoͤglich ſeyn. Cerrino. Und dennoch geſchieht es; glaube meinen Worten, ich bin von Allem genau unter⸗ richtet. Ich ſelbſt duͤrfte vielleicht mit gebraucht werden, Dianorens Widerwillen gegen das oͤde vereinſamende Kloſterleben beſtegen zu helfen, wenn Du nur erſt wirſt entfernt ſeyn. Seipio. Das werde ich nie zugeben. Cerrino. Du reiſeſt, und Dianora darf keinen freien Willen haben. Dich feſſelt Dein Verſprechen, folglich kannſt Du nichts hindern. Sceipio. Ich nehme mein Verſprechen zu⸗ ruͤck, wenn es nur dazu dienen ſoll, ein Maͤdchen, das ich anbete ungluͤcklich zu machen. Ich weiche nicht von der Stelle, bis ich Dignoren vor die⸗ ſer Grauſamkeit geſichert weiß. 3 Cerrino. Bedenke den Zorn Deines Va⸗ ters und die Rache der beleidigten Kirche! Seipio. Ich achte weder den einen noch die andere, wenn es gilt, dieſe Unſchuld zu retten.— Eher ich Dianoren huͤlflos in oͤden Kloſtermauern ihr Leben vertrauen laſſe, will ich 4 1 —— — 99·— ſie ſelbſt in Manutti's Arme fuͤhren und vor dem Altare ihre Haͤnde zum ewigen Vereine in ein⸗ ander fuͤgen. Cerrino. Dieſer Aufopferung wirſt Du uͤberhoben, auch wenn es Dir damit ein Ernſt ſeyn koͤnnte. Manutti ſchmeichelt ſich vergebens einer Beguͤnſtigung ſeiner und Dianorens Liebe; weder er noch ſie ahnet, daß die ſchwere Wetter⸗ wolke, die ihr gehofſtes Gluͤck vernichten ſoll, ſo nahe uͤber ihnen ſchwebt. Auch Manutti wird von Dianoren getrennt, und vielleicht iſt der fuͤrſtliche Befehl ſchon ausgefertiget, der ſeine ſchleunige Abreiſe als Geſchaͤftstraͤger nach Latago verlangt. Scipio. Was hat unſer Kabinet, was hat der Fuͤrſt mit dieſer Angelegenheit meines Vaters zu ſchaffen? Cerrino. Biſt Du ſo kurzſichtig es nicht einzuſehen, daß der Fuͤrſt ohne ſein Wiſſen in dieſe Angelegenheit mußte verwickelt werden, um Manutti auf eine gute Art aus dem Wege zu ſchaffen? Gedulde Dich nur noch wenige Tage, und Du wirſt Dich uͤberzeugen, daß Manutti wirklich nach Latago abgeht, waͤhrend Du eben⸗ falls abreiſeſt. Wenn ihr Beide dann endlich einmal wiederkehrt, traͤgt Dianora den Schleier. G 2 2 — 100— 1 Scipio. Nimmermehr.(Im Begriffe ſich von ihm loszumachen und hinweg zu eilen.) Cerrino.(haͥlt ihn zuruͤck:) Wohin willſt Du? 3 1 Secipio. Laß mich! ich eile hin zu Manutti, um ihn zum Beiſtande gegen dieſe Argliſt aufzu⸗ fordern. 8 Cerrino. Biſt Du von Sinnen?. Erfuͤllſt Du ſo Deine feierliche Zuſage der Verſchwiegen⸗ heit? Du wollteſt Deinem Nebenbuhler zu einem Gluͤcke verhelfen, das Du mit leichter Muͤhe ſelbſt erringen koͤnnteſt?— 3 Scipio. Weiß ich doch kaum ſelbſt, was ich will und was ich beginnen ſoll. Ich ſehe blos die Gefahr, welche Dianoren droht und von deren Wahrheit ich mich kaum uͤberzeugen koͤnnte, wenn Du ſie nicht ſo feierlich bekraͤftigteſt. Cerrino. Ich begreife nicht, warum Du ſie bezweifeln koͤnnteſt. Weißt Du, was juͤngſt Deine Mutter nach der Theklakapelle und Deinen Vater nach dem Minorittenkloſter von Sankt Lucian gezogen hat? Kennſt Du den Inhalt der Unterhandlungen welche dort ſind gepflogen wor⸗ den? und iſt es Dir nicht aufgefallen, daß Dein Vater, der doch vorher, ungeachtet aller Vor⸗ ſtellungen Deiner Mutter, ſich nach Lorenzo's Anordnungen zu fuͤgen, Deine Liebe zu Dianoren 4 1 * f 3 4 F ſo hartnaͤckig beguͤnſtigte, gerade von dem Augen⸗ blicke an, wo er von Sankt Lucian zuͤruͤckkehrte, ſich Deiner Liebe widerſetzte und auf Deine Ab⸗ reiſe drang? Scipio. O ich kurzſichtiger Thor! ja! ja! es iſt Wahrheit!(in heftiger Bewegung:) Freund! Bruder! beweiſe mir jetzt Deine mir ſo oft zugeſicherte Freundesliebe! rathe mir! hilf mir! ich bin unſaͤhig einen Entſchluß zu faſſen. Cerrino.(mit ruhiger Kaͤlte:) Waͤre Mon⸗ taldi mein Vater, waͤre ich Scipio, dann ſollte es mir nicht ſchwer fallen, mich ſeiner Tyrannei zu widerſetzen und mir den ungeſtoͤrten Beſitz der Geliebten zu verſchaffen.. Scipio.(haſtig:) Wie? auf welche Art? rede! 4 Cerrino. Die Macht, die ſich Dein Vater ſo widerrechtlich uͤber Dich und Dianoren an⸗ maßt, erſtreckt ſich nicht uͤber die Grenzen dieſes Landes, und die Erde hat der Gegenden viele, die einer ſchuldloſen verfolgten Liebe eine ſichere Freiſtatt und eine freundliche Aufnahme darbieten. Scipio.(indem er ihn wild umarmt:) Ich danke Dir Freund! ich habe Dich verſtanden, Du ſollſt mich handeln ſehen. Cerrino. Nur keine Uebereilung, Freund! Scipio. Hier gilt es blos, Dianoren zu retten; und wahrlich! ich rette ſte; ehe die Welt entfuͤhrt ſeyn. Cerrino. Das habe ich Dir nicht gerathen. Scipio. Sey unbeſorgt wegen eines Ver⸗ rathes. Ich weiß was ich zu thun habe. Cerrino. Ich machte Dich blos mit der Gefahr bekannt, worin Dianora ſchwebt, und ließ Dir leiſe merken, daß ſie zu retten ſeyn koͤnnte. Die Mittel dazu mußt Du ſelbſt ohne mein Zuthun zu finden wiſſen. Was Du aber auch beſchließen magſt, ſo rathe ich Dir, handle nicht zu vorſchnell und ohne Freundesrath. Kann ich Dir auch nicht in der Sache ſelbſt behuͤlflich ſeyn, ſo werde ich Dir dennoch durch meinen Rath nuͤtzen koͤnnen, wenn Du einmal zu einem feſten Entſchluſſe wirſt gelangt ſeyn. Vor allen Dingen aber zwinge Dich gegen Deine Eltern zur Verſtellung, damit ſie nichts ahnen und Deine Plane vereiteln. In Anſehung Manutti's hatte Cerrino den jungen Grafen nur in ſo fern mit Unwahrheit getaͤuſcht, als die beſchloſſene Entfernung deſſel⸗ ben auf einem ganz andern Grunde als dem ange⸗ gebenen beruhete, und Torſo ſelbſt zum Theil mit darauf hingewirkt hatte, um ſowohl ſeinen um drei oder vier Tage aͤlter iſt, muß Dianora — 1903— Cerrino von einem laͤſtigen Nebenbuhler, als auch ſich ſelbſt und ſeine Verbuͤndeten von einem ge⸗ faͤhrlichen Beobachter zu befreien. Die Angelegenheiten zwiſchen Yſamo und Latago hatten waͤhrend dieſer Zeit im Stillen einen ſo erwuͤnſchten Fortgang gehabt, daß end⸗ lich der Augenblick ſich naͤherte, wo der ſchoͤne Verein feſter geknuͤpft werden ſollte, welcher dem bedraͤngten Lande ſeine bisherige ſchwankende Ruhe und geſetzliche Verfaſſung und Latago's Freundſchaft befeſtigen ſollte. Die Lage der Sache machte es jedoch noͤthig, daß ein Mann von eben ſo bewaͤhrter Treue, Verſchwiegenheit und Red⸗ „lichkeit als Klugheit dohin abgeſendet wurde, um dieſes Geſchaͤft vollenden zu helſen. So gern ſich auch der Geae Montaldi demſelben zum zwei⸗ ten Male unterzagen haͤtte, ſo verhinderten dieſes doch anderweitige Verhaͤltniſſe, welche es dem Fuͤrſten wuͤnſchenswerth machten, ſeinen edeln Freund Montaldi in ſeiner Naͤhe zu behalten. Die Wahl ſiel nach wiederholter Berathung auf Manutti, den ſein Oheim, der Geheimerath Altieri ſelbſt dazu vorgeſchlagen hatte. Der biedre Giovanni nahm die ihm dargebotene laͤngſt ge⸗ wuͤnſchte Gelegenheit mit dankbarer Freude an, wodurch er dem bedraͤngten Vaterlande ſeinen reinedeln Eifer fuͤr deſſen Wohl bethaͤtigen und — 104— ſich des ihm geſchenkten Zutrauens wuͤrdig zeigen konnte. Seit geraumer Zeit wurde Manutti im Stillen von Montaldi und von ſeinem Oheime auf dieſes Geſchaͤft vorbereitet und mit den Mit⸗ teln vertraut gemacht, wodurch daſſelbe am beſten die gewuͤnſchte gluͤckliche Beendigung mit Zuver⸗ ſicht erwarten ließ. Von keinem Spaͤherauge belauſcht, ſaß Manutti oͤfters noch bis tief in die Nacht an der Seite ſeines Oheims und des Gra⸗ fen Montaldi, um von dieſen beiden einſichts⸗ vollen und bewaͤhrten Staatsmaͤnnern die noͤthige Anleitung zu empfangen. So geheim indeſſen auch dieſe Angelegenheit betrieben wurde, ſo war dennoch die Thaͤtigkeit des Kabinets vor Torſo und ſeinen Vertrauten nicht ganz verborgen geblieben. Obgleich er von dem Weſentlicheren der Sache nichts mit Gewiß⸗ heit erfahren hatte, ſondern bei ihm alles nur auf Vermuthungen und Folgerungen beruhete, und er mit naͤheren Erkundigungen ſich nicht zu vorlaut hervorwagen durfte, um den gegen ihn ſtattfindendeu Verdacht nicht zu vergroͤßern: ſo war es ihm dennoch ſehr leicht, die Wahrheit zu ahnen. Dieſe wuͤrde allerdings ihn und ſeine Verbuͤndeten nothwendig in neue Unruhe und Verlegenheit geſetzt haben, wenn nicht die von Zeit zu Zeit von Riviali, Corvetti und Cazzi — 105— eingehenden und ihnen nur noch kuͤrzlich durch Lucillo aoͤberbrachten Nachrichten, ſie der Bedenk⸗ lichkeiten und beengenden Beſorgniſſe uͤberhoben und ſie ſicher gemacht haͤtten. Nach dieſen ſehr beruhigenden Nachrichten glaubten ſie durchaus nichts weiter befuͤrchten zu duͤrfen. Corvetti und Riviali verſicherten und ſetzten es durch mehrere glaubwuͤrdige Belege auseinander, daß es ihrer unermuͤdeten Geſchaͤftigkeit und verſchwenderi⸗ ſchen Freigebigkeit in Beſtechungen gelungen ſey, die auf's neue in Anregung gebrachte Angelegen⸗ heit ſo ſehr zu verwirren, daß, bei allen ver⸗ meinten und ſcheinbaren Vortheilen der Gegen⸗ partei, an eine guͤtliche Ausgleichung und freund⸗ ſchaftliche Verſchwiſterung Latago's und Yſamo's jetzt weniger als jemals zu denken ſey, ſondern daß vielmehr jeder wiederholte Verſuch von Sei⸗ ten Yſamo's, die Sache nur noch mehr verſchlim⸗ mern wuͤrde. Bei alle dem war jedoch Torſo zu vieles daran gelegen, daß nicht wieder der Graf Montaldi oder ein aͤhnlicher tieferfahrener Staatsmann zu einer etwanigen Sendung nach Latago erwaͤhlt werden moͤchte. Daher bot er denn auch ſeine ganze Verſchlagenheit und ſeinen ganzen noch uͤbrigen Einfluß auf die Beſchließungen des Ka⸗ binets auf, um es zu verhindern und dafuͤr zu ſor⸗ 3 — 106— 1 gen, daß der Geheimerath Altieri auf die Wahl ſeines Neffen auf eine feine Art hingeleitet wurde. Das Geheime der Sache ſelbſt hatte, zur beſſern Vermeidung abermaliger Stoͤrung, die Vorſicht noͤthig gemacht, daß Niemand außer den wenigen dabei mitwirkenden Perſonen, etwas davon erfahren durfte. Auch Manutti ſahe ſich daher genoͤthiget, ſeiner geliebten Dianora ſeine beſchloſſene Sendung nach Latago zu verheim⸗ lichen. Dieſe ahnete in ihrer gluͤcklichen Uube⸗ fangenheit nicht das geringſte von der ihr bevor⸗ ſtehenden Trennung, und uͤberließ ſich ſorglos den ſchoͤnen begluͤckenden Gefuͤhlen einer ſchuld⸗ loſen Liebe, die ſie mit jedem Tage feſter und inniger an den geliebten Giovanni knuͤpften, je⸗ mehr ſie die hohen Vorzuͤge ſeines edeln, tief⸗ und zartfuͤhlenden Herzens und ſeines hellen Geiſtes kennen und verehren lernte. Seit dem letzteren Beſuche mit der Graͤfin zu Sankt Thekla war ſowohl Dianora als auch Manutti die Stelle, wo Beide den ſchoͤnen Bund ihrer Liebe geſchloſſen hatten, ſo uͤberaus theuer geworden, daß ſie ſo oft es die Umſtaͤnde verſtat⸗ keten, an heitern Tagen des Spaͤtjahres ſich dort⸗ chin begaben, um einige gluͤckliche Stunden in fuͤßen Schwaͤrmereien der Liebe dort zuzubringen. Um ſich mit den ſchoͤnen Umgebungen der Gegend — 107— bekannter zu machen, hatte Manutti auf Diano⸗. rens Verlangen Gelegenheit genommen, ſie in dem dort angrenzenden Kloſter der frommen 8 Bernhardinerinnen einzufuͤhren. Hier machte ſie in der Aebtiſſin Veronica, einer ehrwuͤrdigen Matrone, eine hoͤchſt angenehme Bekanntſchaft, welche bei ihren wiederholten Beſuchen bald eine groͤßere Traulichkeit und Herzlichkeit gewann. Dianora fuͤhlte ſich in kurzer Zeit durch die hei⸗ miſche Stille des Kloſters und den liebevollen Um⸗ gang mit der frommen Veronica ſehr angezogen, ſo daß ſie deſto oͤfterer ihre Beſuche wiederholte und ihre muͤtterliche Freundin, die Graͤfin, ver⸗ anlaßte, ſie bisweilen dorthin zu begleiten. Die Zeit nahete endlich immer mehr heran, wo Manutti nach Latago abgehen ſollte. Er mußte nunmehr Dianoren damit bekannt machen, und waͤhlte dazu die erſte guͤnſtige Gelegenheit, die ſich ihm bei einer Spazierfahrt nach der Bei⸗ den ſo lieb gewordenen Theklakirche darbot. Hier hingelagert auf jenem bedeutungsvollen Huͤgel, leitete er ſie in einem traulichen Geſpraͤche dar⸗ auf hin, daß einige ehrenvolle Auftraͤge des Fuͤr⸗ ſten ihn auf eine kurze Zeit von ihrer Seite rie⸗ ſen. Dianora wurde durch dieſe Nachricht, ſo behutſam er ſich auch benahm, doch ſehr unange⸗ nehm erſchuͤttert; ſie erſchoͤpfte ihre ganze liebe⸗ — 103— volle Beredſamkeit, ihn von dieſer Reiſe abzu⸗ bringen, und ſie einem Andern zu uͤberlaſſen. Nur mit vieler Muͤhe konnte er ſie uͤberzeugen, daß die Gewaͤhrung dieſer Bitte nicht Statt finden koͤnne, ohne ſich nicht nur des ihm ge⸗ ſchenkten ehrenvollen Zutrauens gaͤnzlich unwuͤr⸗ dig zu zeigen, ſondern ſich auch den gerechteſten Unwillen des Fuͤrſten und ſeiner Goͤnner zuzu⸗ ziehen. Dieſe Gruͤnde billigend, konnte ſie gleich⸗ wohl eine zunehmende bange Aengſtlichkeit nicht unterdruͤcken, welche ſie fuͤr eine boͤſe Ahnung bevorſtehender Unfaͤlle hielt, wodurch ſie vielleicht auf immer von dem Geliebten getrennt werden koͤnnte. Manutti's bedentungsvoller Traum und die damit ſo genau in Verbindung ſtehende Bil⸗ dergallerie des raͤthſelhaften Guckekaſtenmannes, ſo wie die Erinnerung an die Geſahren, deren der Graf Montaldi auf ſeiner Reiſe nach Latago ausgeſetzt geweſen war,— dies alles erhoͤhete die aͤngſtlich bangen Vorgefuͤhle, und um ſo mehr zagte ſie vor dieſer Trennung. 1 Selbſt Manutti theilte heimlich ihre Beſorg⸗ niſſe, aber mehr in Beziehung auf ſie ſelbſt, da er die Theure mit zu hoher Innigkeit liebend umfaßte, als daß er ſich von der Furcht, ſie durch irgend ein widriges Ereigniß zu verlieren, haͤtte Zanzlich losreißen können. Der Gedanke an — 109— Cerrino und deſſen verſteckte Abſicht auf Diano⸗ ren vermehrte ſeine beunruhigenden Sorgen. Dieſer hatte ſich zwar ſeit einiger Zeit und beſonders nach jener Guckekaſtenſcene von Diano⸗ ren etwas zuruͤckgezogen, ſeine vorigen verliebten Taͤndeleien und ſuͤßen Schmeicheleien immer mehr abgebrochen und ſich nur auf bloße Hoͤflichkeits⸗ bezeigungen einer ſcheinbaren uneigennuͤtzigen Freundſchaft beſchraͤnkt, waͤhrend er jetzt wieder, ohne Dianoren durch eine beſondere Auszeichnung zu beachten, um andere Damen herumflatterte; allein Manutti hatte in ihm den Schalk zu ge⸗ nau kennen gelernt, als daß er ſich dadurch haͤtte ſo leicht koͤnnen bethoͤren laſſen. Eben ſein gegen⸗ waͤrtiges Zuruͤckziehen und ſeine kalten Galante⸗ rien gegen Dianoren machten ihm denſelben deſto verdaͤchtiger. Es ſtand dieſes mit ſeinem uͤbrigen Benehmen und mit den auf Diano⸗ ren gerichteten brennenden Blicken voll wilder Begierde im offenbaren Widerſpruche; Manutti hatte ihn in ſolchen Momenten zu ſehr beobachtet, wo er ſich deſſen nicht verſah. Er ſann daher im Stillen auf Mittel, wodurch er am beſten ſeine geliebte Dianora waͤhrend ſeiner Entfernung vor etwanigen Anfechtungen und Nachſtellungen des ſchlauen Verfuͤhrers verwahren koͤnnte. Er durfte zwar hoffen, daß Dianora unter — 0— der ſorgſamen Wachſamkeit ihrer muͤtterlichen Freundin, der Graͤfin, ſo wie unter dem Schutz des Grafen ziemlich gut verwahrt ſey; indeſſen konnte er ſich die Beſorgniß nicht verhehlen, daß es dem ſchlauen Verfuͤhrer vielleicht dennoch ge⸗ lingen moͤchte, durch ſeine tiefverſteckte Gleisne⸗ rei und Argliſt, Beide zu hintergehen. Ueberdies wußte er zu genau, daß der gegenwaͤrtige Gang der Geſchaͤfte und die wichtigen Arbeiten im Ka⸗ binet den Grafen Montaldi viel zu ſehr in Thaͤ⸗ 4 tigkeit erhielten, als daß er ſeine ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit immer wuͤrde auf Dianoren richten koͤnnen. Auch bemerkte er ſeit einiger Zeit ſo Manches in dem Betragen des jungen Grafen, was ihn bedenklich machte und deſſen beide Eltern veranlaſſen mußte, mehr auf ihn als auf Dia⸗ noren Nuͤckſicht zu nehmen. Nicht allein, daß ſich Scipio auf eine befremdende Art von ihm entfernt hielt und ſeinen wiederholten Verſuchen zu einer traulicheren Annaͤherung auswich; ſo bemerkte er ſogar, daß deſſen Heiterkeit und Unbe⸗ fangenheit nur erkuͤnſtelt war, um unter derſelben einen grollenden Unmuth zu verſchleiern. Wie leicht konnten ganz eigene Ideen und Wuͤnſche darin verſteckt liegen, die es noch noͤthig machten, daß er ſeine Abreiſe aus dem elterlichen Hauſe durch immer neue, ab ſichtlich herbeigezogene Hin⸗ — — 111— derniſſe ſtets mehr und mehr zu verzoͤgern ſich bemuͤhete! Es war Dianoren eben ſo wenig als Manutti entgangen, daß Scipio oft duͤſter und in ſich ge⸗ kehrt umher ſchlich und im ſtillen Nachdenken oder in vertrauten Geſpraͤchen mit Cerrino mit Dingen beſchaͤftiget war, welche auf Dianoren Bezug zu haben ſchienen. Sein ſonderbares Benehmen gegen ſie, und ſeine aus der Ferne her⸗ uͤber oft auf ihr verweilenden Blicke, in welchen ſich eine ganz eigene innere Bewegung ſpiegelte, verriethen ihn. Alle dieſe und aͤhnliche Bemerkungen, welche ſich Beide einander mittheilten, machten ſie ſehr unruhig. Bei einem wiederholten Beſuche im Bernhardinerkloſter erzaͤhlten ſie ihrer ehrwuͤrdi⸗ gen Freundin Veronica, die ihre aͤngſtliche Be⸗ klommenheit bemerkte, ihre Beſorgniſſe. Die Aebtiſſin ſchenkte ihnen ein aufmerkſames Ohr, und zeigte durch ihre Aeußerungen uͤber Cerrino und deſſen Laſterhaftigkeit ſehr deutlich, daß ſie ihn namentlich in Beziehung auf ein durch ſeine Verfuͤhrung hoͤchſt bedauernswuͤrdiges edles Maͤdchen kannte, welches jener Kaſtenmann unter ſeinen Tableau's in der ungluͤcklichen Bianka Lukrezia und deren Vater, Collatinus Donari, wie er ſie nannte, dargeſtellt hatte, „Iſt dieſer Boͤſewicht noch nicht muͤde, die Unſchuld zu verfolgen und die Tugend zu vergif⸗ ten?“ ſprach die Aebtiſſin,„doch Geduld! die Rache ſchlaͤft nicht und wird den Suͤnder gewiß erreichen.“ „Die Umſtaͤnde in Beziehung auf jene Buͤ⸗ berei,“ fuhr ſie fort,„ſind von der Art, daß ſie noch nicht verſtatten den Schleier hinwegzuziehen, der daruͤber bis zur Stunde des Gerichts und der Rache verbreitet bleiben muß; ſonſt wuͤrde ich Euch, meine lieben Freunde, mehr von der armen Buͤßerin Bianka erzaͤhlen koͤnnen, die ihr ſpaͤter⸗ hin in ihrem Jammer ſelbſt ſehen und kennen lernen ſollt. Soviel iſt gewiß, daß Eure beider⸗ ſeitigen Beſorgniſſe wegen dieſes Cerrino, durch deſſen verſteckte Bosheit ſehr gerechtfertiget wer⸗ den. Ich theile dieſe Beſorgniſſe mit Euch, und bin mit Vergnuͤgen bereit, Euch deshalb zu be⸗ ruhigen und Euch ein Mittel anzubieten, an welchem alle Kuͤnſte des argliſtigen Verfuͤhrers ſcheitern muͤſſen.“ Sie kam Dianorens und Manutti's Wuͤnſchen 4 durch das Anerbieten ſehr angenehm entgegen, ſie bis zu Manutti's Wiederkehr in den heiligen Mauern ihres Kloſters aufzunehmen. Es war jedoch leicht zu erwarten, daß weder der Graf Montaldi noch auch die Graͤfin ſo leicht ihre —— —— —O—ͦ::—:—— — 113— Einwilligung hierzu geben wuͤrden, da ſie nicht daran zweifeln konnten, daß Dianora unter ihren Augen eben ſo ſicher ſeyn wuͤrde, als in dem Kloſter. Die Aebtiſſin beſchloß daher, der Graͤfin daruͤber Vorſtellungen zu machen und Dianoren deren Einwillung zu verſchaffen. Schon am folgenden Tage nahm Dianora Gelegenheit, die Graͤfin zu einem Beſuche bei der ehrwuͤrdigen Aebtiſſin zu veranlaſſen. Waͤh⸗ rend Dianora und Manutti voll banger Erwar⸗ tung uͤbex die Entſchließung der Graͤfin im Klo⸗ ſtergarten luſtwandelten, bemuͤhete ſich die Aeb⸗ tiſſin, der Graͤfin in einer vertrauten Unterhal⸗ tung die Beweggruͤnde zu Dianorens einſtweili⸗ ger Aufnahme in dem Kloſter auseinander zu ſetzen und deren anfaͤnglich dagegen geaͤußerte Abneigung zu beſiegen. Die tiefe Ruͤhrung, worin die beiden Liebenden bei ihrer Ruͤckkehr die Graͤfin an der Aebtiſſin Seite fanden, bewies deutlich genug den intereſſanten Inhalt der vorigen Unter⸗ haltung und ließ ſie uͤber den erwuͤnſchten Erfolg derſelben nicht lange zweifelhaft. Mit dankbarer Freude ſank Dianora in die Arme ihrer muͤtterlichen Freundin, als ihr dieſe ihre Einwilligung ankuͤndigte und ſich auch an⸗ heiſchig machte, ebenfalls ihren Gemahl zur Bei⸗ ſtimmung zu bewegen. III. H — 1214— Der Graf war anfangs uͤber Dianorens ſon⸗ derbaren Entſchluß ſehr uͤberraſcht und damit nicht einverſtanden. Da er jedoch uͤberzeugt wurde, daß derſelbe keine bloße Grille und vor⸗ uͤbergehende Maͤdchenlaune ſey, wie er anfangs waͤhnte, und ſeine Gemahlin ſelbſt ſich mit Ma⸗ nutti's und Dianorens Bitten vereinigte, auch Manutti ihm feierlich erklaͤrte, daß er nur als⸗ dann erſt mit der erforderlichen Ruhe ſeine Reiſe unternehmen und mit gluͤcklichem Erfolge belohnt ſehen koͤnnte, wenn er Dianoren unter dem Schutze der Kirche wuͤßte, ſo gab er endlich nach. Jetzt erſt konnte ſich Dianora mit gefaßtem Muthe der Trennung von dem Geliebten fuͤgen. So ſchmerzhaft dieſe ihr auch blieb, ſo wurde gleichwohl das Herbe dieſer Trennung durch den Gedanken gemildert, daß ſie in heiliger Stille, unberuͤhrt von den Gefahren der Außenwelt, mit frommer Andacht ihre Wuͤnſche und Bitten fuͤr eine baldige gluͤckliche Ruͤckkehr des Geliebten dem Himmel Jarbringen konnte. Die Anſtalten zu Manutti's Abreiſe wurden eben ſo ſchnell als geheim getroffen, da die Um⸗ ſtaͤnde keinen laͤngern Aufſchub verſtatteten, und ehe noch die verborgenen Lauſcher ſeine Abreiſe ſo nahe vermuthen konnten, hatte er Yſamo ver⸗ laſſen. 1 — 115— - Dianora waͤre nun ſehr gern unmittelbaer— nach Manutti's Abreiſe ihrer Freiſtatt in dem Kloſter zugeeilt. Da indeſſen in einigen Tagen der Geburtstag des Fuͤrſten Veranlaſſung zur Veranſtaltung eines glaͤnzenden Feſtes gab, bei welchem ſowohl der Fuͤrſt, als auch der Graf Nontaldi und die Graͤfin, Dianorens Gegen⸗ wart wuͤnſchten, ſo durfte ſie nicht fuͤglich einen eigenen Willen haben. Ungern und um nicht Unwillen gegen ſich zu erregen, mußte ſie ſich darein fuͤgen, ihren Abgang nach dem Kloſter noch um dieſe wenigen Tage aufzuſchieben und dem Feſte beizuwohnen. Manutti's unvermuthete ſchnelle Abreiſe hatte Torſo nicht wenig uͤberraſcht. Am Abende deſſel⸗ ben Tages verſammelte er die vorzuͤglichſten Glie⸗ der des ſchwarzen Bundes zu einer Berathung uͤber die neueren Bewegungen des Kabinets und uͤber das, was ihrer Seits zu thun ſey. Sie hatten zwar verſchiedene und nur erſt neuerdings erhaltene Briefe von Corvetti und Riviali in Haͤnden, worin dieſe ihnen die er⸗ wuͤnſchteſten Nachrichten mittheilten; auch zwei⸗ felten ſie nicht im geringſten an der Zuverlaͤſſig⸗ keit derſelben. Gleichwohl machte es ſie bedenk⸗ lich und verlegen, daß in der Hauptſache in ihrer 8— 1416— Naͤhe noch ſo wenig gethan war, und daß ihre Thaͤtigkeit durch Riviali's und Corvetti's Abwe⸗ ſenheit ſo ſehr gehemmt wurde. Alles beruhete jetzt darauf, ob ſich Corvetti's wiederholte Ver⸗ ſicherungen von Latago's neu aufgeregtem Grolle gegen Yſamo beſtaͤtigen wuͤrden. Die letzteren von dorther erhaltenen Briefe meldeten, daß die durch Cazzi uͤberſchickten Dokumente einen ſehr guten Erfolg gehabt hatten, und daß die Regie⸗ gung von Latago, ſowohl durch den Inhalt die⸗ ſer Dokumente, als auch beſonders durch den Beitritt und die Mitwirkung des Nachbarſtaats von Chikaro, in ihren feindſeligen Geſinnungen ſey beſtaͤrkt worden, um fruͤhere Anſpruͤche und Forderungen weiterhin mit deſto groͤßerem Nach⸗ drucke geltend zu machen. Die hinzugefuͤgte Be⸗ merkung, daß dieſe Angelegenheit von den dor⸗ tigen beiden Kabineten ſo geheim betrieben wuͤrde, daß der Hof von Yſamo ſchwerlich eher etwas von demgegen ihn aufgeregten Sturme gewahr werden koͤnne, als bis es zu ſpaͤt ſeyn werde, ſeinem Ausbruche entgegen zu arbeiten, mußte die Ver⸗ buͤndeten des ſchwarzen Bundes uͤber die Stille und Sicherheit des Yſamoer Kabinets ziemlich 34 beruhigen. Indeſſen entging es ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit nicht, daß ihre geheimen Anſtrengungen, das Mißvergnuͤgen des Volks zu vermehren, und — —— dieſes fuͤr ſich ſelbſt und ihre anarchiſchen Plane bei dem losbrechenden Sturme zu benuͤtzen, nichts weniger als einen erwuͤnſchten Fortgang zeigten. Sie ſahen im Gegentheil, daß ſich ſeit einiger Jeit die Zahl der Mißvergnuͤgten immer mehr verminderte, daß die Klagen uͤber Bedruͤckung, bei den unverkennbaren edeln Bemuͤhungen der Regierung, dieſe Klagen zu hoͤren und ſie abzu⸗ ſtellen, immer mehr und mehr verſtummten, und daß von Zeit zu Zeit gewiſſe Namen und Perſo⸗ nen aus der Verborgenheit wieder hervortraten, welche ſie zu ſcheuen hatten. Um ſo mehr er⸗ kannten ſie daher auch die Nothwendigkeit, bei Zeiten auf Mittel bedacht zu ſeyn, allen dieſen Dingen im Stillen entgegen zu arbeiten und ſich ſelbſt im ſchlimmſten Falle einen freien Ruͤckzug zu ſichern.. In Berathungen uͤber dieſe Dinge vertieft, ſaßen ſie noch beiſammen, als ſich die Thuͤre des Saales oͤffnete und ploͤtzlich Odoardo Petruzzi in der ganzen Furchtbarkeit ſeiner zuruͤckſchrecken⸗ den Geſtalt unter ſie trat. Seine verzerrten Zuͤge, ſeine gluͤhenden Augen unter den uͤber⸗ haͤngenden buſchichten Augenbraunen, ſeine un⸗ foͤrmliche Habichtsnaſe, die ſich auf einen dicken Knebelbart herabſenkte, und ſein langes ſtruppi⸗ ges Haar, das ſeine Zuͤge verſteckte, machten 7 — 118— ſein Geſicht mehr zu einer Maske, die wohl dazu geeignet war, der Verſammlung Schauder abzu⸗ zwingen. Mit grinſendem Laͤcheln, das ſeine verzogene Mienen nur noch widriger machte, ſtand dieſe Schreckensgeſtalt Odoardo's jetzt in ihrer Mitte und ſchien ſich an ihrem ſtarren Entſetzen zu be⸗ luſtigen. „Guten Abend, ihr Herren!“ redete er ſie ſpoͤttelnd an,„ſind wir uns denn ſo unbekannt geworden, daß Euch mein Anblick in Schrecken ſetzt?“ Torſo Du haſt Dich lange vermiſſen laſſen. Odoardo. Das war doch wohl nicht meine Schuld? Ihr glaubtet ja mich entbehren zu koͤn⸗ nen, deshalb ſind Euch auch Eure Anſchlaͤge gegen Montaldi ſo gut gelungen. Fuͤrwahr! Ihr hattet Euch an ſaubere Burſche gewandt.(hoͤhniſch lachend:) Hahaha! Ich dringe meine Dienſte Niemand auf. Torſo. Wo haſt Du Dich denn bisher um⸗ hergetrieben? 3 Odoardo. Hier und dort und allenthalben, wo es fuͤr mich etwas zu thun gab. Jetzt komme ich geraden Weges von Latago, um meine Schuld⸗ ſorderung von Euch einzukaſſiren. 8 Torſo. Welche Schuldforderung? — 119— Odoardo.(indem er ihm ein Blatt Papier hinwirft:) Ihr werdet Corvetti's Handſchrift in dieſer Anweiſung nicht verkennen und ſie reſpektiren. Torſo.(nachdem er das Papier geleſen hat:) Vierhundert Skudi? wofuͤr iſt dieſe Summe? Odoardo. Duͤnkt ſie Euch ſchwerer als die beiden Menſchenleben, die ſie aufwiegen ſollte? Torſo. Waren die Perſonen ſo wichtig? Odoardo. Das ſollte ich wohl meinen, oder ſind Euch die Namen Baſſino und Collino etwa nicht wichtig genug? Torſo.(erſtaunt:) Dieſe? Odoardo. Die naͤnlichen. Nur aus alter Bekanntſchaft konnte ich einen ſolchen Auftrag fuͤr elende vierhundert Skudi uͤbernehmen. Torſo. Du ſollſt ſie haben. Aber jetzt ſage: wie ſtehen unſre Angelegenheiten in Latago? Odoardo. Ich denke gut. Daruͤber wird Euch Corvetti Auskunft geben.(Er giebt ihm einen Brief.) Torſo. Haſt Du Cazzi nicht bemerkt? Odoardo. Wie ſollte ich nicht? ich verließ ihn bei Corvetti. Er iſt ein wackerer Burſche, nur mag er uns nicht wieder in's Metier pfuſchen wollen; denn dazu iſt er zu ſehr Stuͤm⸗ 7 per. Das habt Ihr an Montaldi geſehen. Giebt es etwa ſonſt etwas fuͤr mich zu thun? Torſo. Vielleicht. Odoardo. So faßt Euch kurz, ich habe Eile. Torſo. Haſt Du von einem gewiſſen Pizalto gehoͤrt? Odoardo. O ja, ich erinnere mich ſeiner ſehr wohl. 1 Torſo. Getraueſt Du Dich ihn auszuſpio⸗ niren?— Odoardo. Warum nicht? Ihr kennt mich ja auf dem Punkte. Torſo. Nun wohl. Sein Kopf wiegt funf⸗ zig Zechinen. Willſt Du ſie verdienen? Odoardo. Nein! Fuͤr ſolch ein Lumpen⸗ geld hat Odoardo keinen Dolch. Pfui uͤber Eure Knickerei! Ihr ſolltet Euch deren ſchaͤmen. Torſo. Funfzig Zechinen ſind doch fuͤrwahr ein annehmlicher Preis; mancher Andere wuͤrde ſie mit Freuden verdienen. Odoardo. Meint Ihr? Nun ſo wendet Euch an dieſe Andere; laßt ſehen ob ſie Muth genug haben ſie zu verdienen und mir in's Hand⸗ werk zu greifen.— Torſo. Was verlangſt Du denn? Odoardo. Verdoppelt die vorige Summe, — ——— ——y gebt mir anſtatt jener vierhundert, achthundert Skudi, ſo mag es drum ſeyn. Torſo. Bedenke doch, daß Pizalto ein Greis iſt, den der Tod alle Stunden das Lebens⸗ licht ausblaſen kann. Odoardo. Nun ſo laßt es ihm ausblaſen, und Ihr beduͤrft meiner Huͤlfe nicht. Torſo. Du wirſt doch billig ſeyn. Odoardo. Bin ich es etwa nicht? Ihr kennt mich und wißt, daß ich nicht mit mir han⸗ deln laſſe. 3. Torſo.(nachdem er mit Einigen aus der Verſammlung ſich leiſe beſprochen hat:) Nun dann, Du ſollſt auch dieſe Summe haben, aber foͤrdere nun auch das Werk. Odoardo. Sobald ich das Geld haben werde. Ihr wißt es, daß ich ohne Vorausbe⸗ zahlung keinen Auftrag uͤbernehme. Im Ver⸗ trauen zu Euch geſagt, habe ich ſchon lange die⸗ ſen Pizalto ausgewittert und nicht aus den Augen gelaſſen, weil ich wohl darauf rechnen konnte, daß er einmal eine Priſe fuͤr mich werden mußte. Wenn er daher noch ſeine Rechnung mit dem Himmel abzuſchließen hat, ſo mag er ſich dazu halten, ehe ich ihm mit Blute einen Strich hin⸗ durch mache. Torſo. Du ſollſt die Summe haben. Noch — 122— eins. Giovanni Manutti geht jetzt mit wichtigen Depeſchen nach Latago; du kennſt ihn doch? Odoardo. Sehr genau. Soll ich auch fur ihn einen Dolch wetzen? Ihr ſeyd fuͤrwahr ſehr ruͤſtige Gurgelabſchneider; deſto beſſer fuͤr mich!— fuͤr Deinen Dolch beſtimmt. Fuͤr jetzt geht Dein Auftrag blos dahin, ihm unverzuͤglich nachzueilen, ihn genau zu beobachten, unſern Freunden von allem ſogleich Nachricht zu geben, was Du be⸗ merken wirſt, und alsdann puͤnktlich auszufuͤhren was dieſe uͤber ihn beſchließen werden. Odoardo.(laͤchelnd:) Das iſt viel in we⸗ nigen Worten. Jedoch es ſey! macht die runde Summe voll, zahlt mir tauſend Skudi und gebt mir die Handſchrift, die ich ſchon wiederholt von Euch vergebens verlangte, und Ihr koͤnnt als⸗ dann zu jeder Zeit auf mich rechnen. 8 Torſo.(verlegen:) Welche Handſchrift meinſt Du? Odoardo. Stellt Euch doch nicht, als ob Euer Gedaͤchtniß ſo ſchwach waͤre. Ich habe mich in Euerm Dienſte ſchon ſo vielen Gefahren ausgeſetzt, mein Leben ſtand ſchon oft genug fuͤr Euch auf dem Spiele. Die Gefahr vermehrt ſich jetzt, da der Preis auf meinen Kopf iſt verdop⸗ 1 Torſo. Nur im hoͤchſten Nothfalle iſt er 8 6 ———————— „-— — 123— pelt worden; es iſt billig, daß auch Ihr einmal etwas fuͤr mich thut und mein Leben wenigſtens einigermaßen ſichert. Torſo. Wie koͤnnten wir das?— Deine eigene Klugheit wird der Geſahr gewiß am beſten ſelbſt auszuweichen wiſſen. Odoardo. Damit ich es noch beſſer koͤnnen moͤge, ſoll Eure Handſchrift meine Klugheit unterſtuͤtzen. Nicht immer iſt es hinlaͤnglich, mit Euerm Gelde den auf meinen Kopf geſetzten Preis aufzuwaͤgen; ich brauche bisweilen dieſe Hand⸗ ſchrift noͤthiger, als Geld. Ihr braucht mich ja nicht unter meinem wahren Namen, ſondern blos als den Oberſten Petardo, den Centurier, zu bezeichnen. Als ſolchen gebt mir in Eurer Hand⸗ ſchrift einen Sicherheitspaß, der im dringendſten Nothfalle den etwa gegen mich erregten Verdacht entkraͤften foll. Torſo. Bedenke, wie vieles wir dabei fuͤr uns wagen.— Odoardo.(ſpoͤttiſch:) Das haͤtte ich frei⸗ lich bedenken, aber auch zugleich wohl erwäͤgen ſollen, daß ich mich fuͤr Euch nicht in ſo große Gefahr begeben mußte. So will ich denn meine Thorheit wenigſtens nicht vergroͤßern. Behaltet Euer Blatt, aber laßt mich i in Zuknnft mir Euern Auftraͤgen in Ruhe; ich mag mit Euern Affairen nichts weiter zu thun haben. Torſo. Du kannſt verſichert ſeyn, daß wir alles fuͤr Deine Rettung thun wuͤrden, wenn Du irgend einmal, wider Vermuthen, in Gefahr gerathen ſollteſt. Odoardo. Wirklich? Darauf moͤchte ich es nicht ankommen laſſen. Was thatet Ihr denn damals fuͤr mich, als man nach Montaldi's Zu⸗ ruͤckkunft gegen mich und meine Leute ausruͤckte? Hätte ich mir da nicht ſelbſt geholfen, Ihr haͤttet mich ganz ruhig auf's Schaffot fuͤhren laſſen. Addreſſirt Euch fuͤr die Folge an wen Ihr wollt, mich werdet Ihr nie wieder fuͤr Euch erkaufen; nur nehmt Euch in Acht, daß ich nicht etwa zum Lohne fuͤr Eure Undankbarkeit als Gegner gegen Euch auftrete.(Er iſt im Penrim ſich zu ent⸗ fernen.) Torſo. Bleib! Laß uns wenigſtens Zeit zur Ueberlegung. Odoardo. So faßt Euch kurz, denn ich habe nicht viel Zeit uͤbrig. Err zog ſich gleichguͤltig in ein anſtoßendes Seitenzimmer zuruͤck, waͤhrend ſich die Verſam⸗ melten geraume Zeit leiſe mit einander beratheten. Endlich trat Cerrino zu Odoardo hinein, um ihn wieder herbeizurufen. —— ———— ——— „Vorher noch auf ein Wort,“ wandte ſich Cerrino an ihn,„ich beduͤrfte vielleicht Deiner Dienſte, koͤnnte ich wohl darauf rechnen? 2*½ Odoardo. Warum nicht? wenn Ihr mich nicht etwa auch nur mißbrauchen wollt, wie die da drinnen. Cerrino. Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn; ich muß mich aber kurz faſſen. Willſt Du dieſe Boͤrſe mit dreißig Dublonen verdienen? Odoardo. Wenm ſoll es gelten? Cerrino. Eben dieſem Manutti, dem Du jetzt nachreiſen ſollſt. Odoardo. Ich verſtehe. Ich ſoll Euch von einem beſchwerlichen Nebenbuhler befreien, und Euch einen freien Weg zu Dianoren ver⸗ ſchaffen? Ich kann es Euch nicht verdenken, das Maͤdchen iſt ein guter Biſſen.(Er ſteckt die Boͤrſe zu ſich.) Gebt her! wir wollen ſehen, was ſich thun laͤßt. Er huͤllte ſich tiefer in ſeinen weiten Mantel und trat mit Cerrino zu der Verſammlung. „Odoardo,“ redete ihn Torſo an,„wir, wollen Dich mit hinlaͤnglichen Paͤſſen verſehen, damit Du als Oberſter Petardo uͤberall unge⸗ hindert reiſen kannſt; nur erlaß uns Deine For⸗ derung.“ Odoardo. Habt Ihr mich deshalb ſo lange “ “ — 126— auf Antwort warten laſſen? Mit Paͤſſen bin ich ſchon zur Genuͤge verſehen, ich brauche die Euri⸗ gen nicht. Damit man aber dieſen Paͤſſen in vorkommenden Faͤllen ungetheilteren Glauben ſchenken moͤge, bedarf ich das Anſehen Eurer Namen. Ich begreife nicht, was Ihr zagt?(Er wirft ihnen ſein Patent hin:) Iſt etwa mein Patent als Centuriſcher Oberſter nicht richtig? Entſpricht etwa mein Aeußeres nicht demſelben? Er warf den Mantel von ſich und ſtand in einer glaͤnzenden Uniform vor ihnen. Sein gan⸗ zes voriges Aeußeres war ploͤtzlich umgeſtaltet, ſo⸗ gar ſeine Geſichtszuͤge waren milder und hatten groͤßentheils ihre zuruͤckſchreckende Furchtbarkeit verloren, ſo daß die Verſammelten ihn in dieſer Verwandlung kaum wieder erkannten und ihn verbluͤfft anſtaunten. „Ihr ſeht, daß Ihr Euch meiner nicht zu ſchaͤmen braucht,“ fuhr er fort,„und daß mir der Formen mancherlei zu Gebote ſtehen, melche den gefuͤrchteten Petruzzi hinlaͤnglich vor Ent⸗ deckung ſchuͤtzen. Jetzt ſagt, wollt Ihr dem Oberſten Petardo Eure Namensunterſchriften un⸗ ter dieſem Beglaubigungsſchreiben geben, oder nicht? Torſo. Nun dann, wenn Du durchaus darauf beharreſt, ſo ſoll Dir auch dieſe Forde⸗ — 127— rung bewilligt werden, wenn Du uns feierlich verſprichſt, keinen Mißbrauch damit zu machen, der uns auf irgend eine Art nachtheilig werden koͤnnte. Odoardo. Das verſteht ſich von felbſt, und macht Eure Bedingung eben ſo uͤberfluͤßig, als Eure Bedenklichkeiten. Ich glaube kaum, daß ich jemals in den Fall kommen werde, Gebrauch von Euern Beglaubigungsſchreiben machen zu muͤſſen. Eure Namen ſollen mich mehr in An⸗ ſehung Eurer ſelbſt beſſer verwahren. Hier iſt die Schrift, leſet ſie ſelbſt,(indem er ſie ihnen vorlegt:) ſie ſagt weiter nichts, als daß der Vor⸗ zeiger derſelben wirklich der Oberſte Petardo ſey und in Euern Angelegenheiten reiſe. Nachdem Cerrino die Schrift der Verſamm⸗ lung laut vorgeleſen hatte, bequemte man ſich zur Unterſchrift; Odoardo nahm ſie nebſt einer An⸗ weiſung auf die ihm zugeſicherte Summe in Empfang, huͤllte ſich wieder in ſeinen Mantel und ſchluͤpfte zur Thuͤre hinaus. Cerrino ermangelte nicht, den jungen Grafen Montaldi aufzuſuchen und ihn in einem vertrau⸗ ten Geſpraͤche auf ſeine fruͤheren Mittheilungen wegen Dianoren zuruͤckzufuͤhren. Durch Ma⸗ nutti's wirkliche ploͤtzliche Abreiſe, ſo wie durch X v Dianorens Entſchluß, in das Kloſter zu gehen, ſchienen Cerrinos Aeußerungen jetzt untruͤgliche Gewißheit zu erhalten. Erbittert uͤber die Art und Weiſe, wie man, ſeiner Meinung nach, Diano⸗ ren, das arme lleichtglaͤubige Maͤdchen zu taͤuſchen gewußt hatte, wuͤrde Scipio ſehr gern ihr die vermeinte Gefahr einer lebenslaͤnglichen Einſper⸗ rung entdeckt haben, wenn ihn nicht ihre eigene feſte Beharrlichkeit auf ihrem gefaßten Entſchluſſe davon abgehalten haͤtte. Daher blieb ihm denn nach ſeinem Dafuͤrhalten kein anderes Mittel zu ihrer Rettung uͤbrig, als Entfuͤhrung. Es kam jetzt nur darauf an, wie dieſe am beſten zu be⸗ werkſtelligen ſeyn moͤchte, ohne den Verdacht auf ſich zu leiten. Cerrino war hieruͤber nicht lange verlegen und kam Scipio mit ſeinen argliſtigen Rathſchlaͤgen zu Huͤlfe. Er hatte erfahren, daß Dianora vor ihrem Abgange in das Kloſter noch der veranſtalteten Feſtlichkeit beiwohnen wollte; dieſes ſollte ihm denn Gelegenheit verſchaffen, ſie ihm zuzufuͤhren. Unter dem Vorwande, den Verdacht einer Theilnahme an dieſer Gewaltthat von Scipio zu entfernen, uͤberredete er dieſen, unverzuͤglich und noch vor dem Feſte abzureiſen, ſich einſtweilen auf einer ihm zugehoͤrigen Villa verſteckt zu halten und dort Dianoren zu er⸗ warten. —— —ꝛꝛ-— — 129— Der Graf Montaldi war nicht wenig daruͤber verwundert, als ihn Scipio mit dem Entſchluſſe zu ſeiner unverzuͤglichen Abreiſe bekannt machte, die er bisher ſo abſichtlich verzoͤgert hatte. Er ſuchte ihn wenigſtens zu veranlaſſen, ſie bis nach der bevorſtehenden Feſtlichkeit aufzuſchieben, weil er ihn gerne daran Theil nehmen ſehen wollte, uͤberhaupt ſich auch ſeine Abweſenheit nicht fuͤglich entſchuldigen ließ; allein Scipio wußte ſeinen Entſchluß durch ſo viele Gruͤnde zu unterſtuͤtzen, daß endlich ſein Vater nachgab. Die noͤthigen Anſtalten zu Scipio's Abreiſe waren ſchon ſeit geraumer Zeit vorbereitet. Es ſtand alſo derſelben kein großes Hinderniß mehr im Wege, und die wenigen noch uͤbrigen Anord⸗ nungen konnten ſehr bald beſorgt werden. Scipio beurlaubte ſich am Hofe, und trat ein paar Tage darauf ſeine Reiſe wirklich an. Cerrino jubelte voll geheimer Schadenfreude hoch auf. Jetzt hatte er fuͤr ſeine Buͤberei ein voͤllig freies Feld gewonnen und ſich den Ruͤcken geſichert, indem er alles ſo gut eingeleitet hatte, daß bei Diano⸗ rens Entfuͤhrung nothwendig ſogleich alle Schuld auf Scipio fallen, jeder Verdacht aber gegen ihn ſelbſt verſtummen mußte. Um ſo eifriger und ungeſtoͤrter konnte er jetzt an der Ausfuͤhrung ſeiner Anſchlaͤge arbeiten. III. “ Da die Sachen gegenwaͤrtig wirklich eine ſolche Wendung genommen hatten, wie ſie ihm unlaͤngſt der alte Albero angegeben hatte, ſo wurde Cerrino dadurch ſehr in ſeiner guten Mei⸗ nung von ihm beſtaͤrkt. Er trug daher auch kein Bedenken, ſich ihm naͤher anzuvertrauen und ſich ſeinen fernern Dienſteifer durch anſehnliche Ge⸗ ſchenke und glaͤnzende Verſprechungen zuzuſichern. Dianora war ganz mit dem Andenken an den fernen Geliebten beſchaͤftigt. Sie ſehnte ſich nach dem Augenblicke, wo ſie ſich aus dem ſtoͤrenden Geraͤuſche der großen Welt in die friedliche Stille heiliger Mauern wuͤrde zuruͤckziehen koͤnnen, um dort mehr ſich ſelbſt und ihren Betrachtungen an⸗. zugehoͤren. In ſolchen Schwaͤrmereien ihres lie⸗ benden Herzens verloren, luſtwandelte ſie einſt im Garten; ſchuͤchtern eilte ihre Kammerfran mit einem Briefe auf ſie zu, den eben ein Unbe⸗ kannter ihr eingehaͤndigt hatte, mit dem Bedeu⸗ ten, ihn ſicher und unbemerkt an ſie abzugeben, und entfernte ſich dann wieder ſchnell. Mit freudiger Haſt entfaltete Dianora den Brief, als ſie das Siegel loͤſte und Manutti's Unterſchrift erblickte; ihr Erſtaunen bermehrie ſich, als ſie dieſe Zeilen las: „Ich kann unmoͤglich eher dieſe Gegend ver⸗ laſſen, als bis ich Dich in voͤlliger Sicherheit —,— weiß. Einige neuere Bemerkungen, welche ich nur Dir allein anvertrauen kann, haben meine Unruhe vermehrt, und ſowohl dieſer Umſtand, als auch meine zaͤrtliche Liebe zu Dir, werden mich entſchuldigen, wenn ich meine Reiſe nach Latago noch um ein paar Tage verſchiebe. Ver⸗ wundere Dich daher nicht, meine theuere Dia⸗ nora, wenn ich Dir hierdurch anzeige, daß ich mich noch in Deiner Naͤhe verborgen halte. Uebermorgen wird das bewußte Feſt Statt finden, und ich werde den guͤnſtigen Umſtand der Maskenfreiheit benuͤtzen, unerkannt an dem Balle Theil zu nehmen; verſaͤume daher nicht, dabei zu erſcheinen.“ „Du wirſt mich leicht in der Maske des hell⸗ blauen Ritters mit weißer Scherpe und der kleinen ſchwarzen Schleife auf der linken Bruſt erkennen. Ich hoffe, daß Du dieſen Dir be⸗ kannten Unbekannten fuͤr dieſen Abend gern zum Taͤnzer und zum Geſellſchafter annehmen, dabei aber gegen Jedermann das ſtrengſte Stillſchweigen beobachten werdeſt. Die Wich⸗ tigkeit der Gegenſtaͤnde, uͤber welche ich mich Dir mittheilen werde, muͤſſen dieſe Forderung rechtfertigen. Dein Giovanni Manutti.“ 8 ö So g Leichgultig Dianora bis jetzt dem Feſte entgegen geſehen und ſo wenig Vergnuͤgen ſie ſich davon verſprochen hatte, ſo ſehr veraͤnderte jetzt dieſer Brief die Sache. Ein kleines Geraͤuſch in ihrer Naͤhe ſchreckte ſie auf. Als ſie ſich umblickte, erkannte ſie den alten Albero hinter ſich, der ſich eben entfernte.„Was ſuchſt Du hier?“ fragte ihn Dianora derlegen, da ſie vermuthete, daß er, waͤhrend ſie den Brief las, hinter ihr geſtanden und ſich mit dem Inhalte deſſelben bekannt ge⸗ macht hatte. „Ich bemerkte eine Natter unter der Roſen⸗ hecke,“ erwiederte Albero mit beziehendem Tone, „und wuͤnſchte Sie vor ihrem Biſſe zn ſichern und zu warnen.“ Dianora ſprang erſchrocken zuruͤck. „Fuͤr den Augenblick haben Sie weiter nichts von dieſem Gezuͤcht zu befuͤrchten 5 fuhr Albero fort,„das unter dem freundlichen Aeußern der Farbe des Himmels und der Farbe der Unſchuld, das Schwarz der Hoͤlle im Innern verſchließt. Fuͤr jetzt habe ich es in ſeine Hoͤhle zuruͤckge⸗ ſcheucht; doch moͤgen Sie ſich wohl vor ihm huͤten, Signora, denn nicht immer moͤchte ein Albero zu Ihrem Schutze nahe ſeyn.“ naͤherte. —— Er entfernte ſich ſchnell, als die Graͤfin ſich und zeigte auf Albero. „Er machte mich auf eine Natter aufmerk⸗ ſam, die er in meiner Naͤhe bemerkt und ver⸗ ſcheucht hatte;“ erwiederte Dianora. Graͤfin. Eine Natter? wie kaͤme denn dieſe hierher? und in dieſer Jahreszeit? Selt⸗ ſam? dieſer Alter zeigt viel Sonderbares in ſei⸗ nem ganzen Weſen, das mieh anfaͤngt zu be⸗ fremden. Dianora. In wiefern denn, liebe Mutter? Graͤfin. Haſt Du es nicht bemerkt, daß er ſich von den uͤbrigen Hausgenoſſen immer ent⸗ fernt haͤlt, daß er in ſich ſelbſt zuruͤckgezogen, duͤſter umherſchleicht? Sein ganzes lichtſchenes Benehmen hat fuͤr mich viel Zuruͤckſcheuchendes, zumal da es mir vorkommt, als wenn er mir ge⸗ fliſſentlich uͤberall auswiche und jede Gelegenheit zu vermeiden ſuche, wo ich ihm naͤher treten koͤnnte. Dianora. Das Alter iſt muͤrriſch und graͤmlich, das mag wohl auch bei dieſem Albero der Fall ſeyn. Soviel ich weiß, kam er auf die Empfehlung des ehrwuͤrdigen Abtes von Sankt Lucian hierher, von dem zu erwarten feyn moͤchte, „Was wollte dieſer Alte bei Dir?“ fragte ſte daß er ſeinem vieljaͤhrigen Freußtde Richt einen — 134—— Mann empfehlen wuͤrde, gegen den ein Miß⸗ trauen Statt finden koͤnnte. Graͤfin. Das ſpricht allerdings fuͤr ihn, und ich will es gern glauben, daß ſein langer Aufenthalt im Kloſter ihn in ſich hat verduͤſter und dem geſelligen Leben entfremden laſſen, was ſeinem Aeußern einen ſo zuruͤckſcheuchenden An⸗ ſtrich giebt. 2 Dianora. Wer weiß, was den guten Albero fuͤr Ungluͤck mag betroffen haben, das noch ſein Alter ſo traurig macht. Er ſcheint ſich um gar Nichts weiter zu bekuͤmmern, als nur mit ſeinen Rechnungen und mit ſich ſelbſt beſchaſtiget 3u ſeyn. 1 Graͤfin. Es ſoll mir lieb ſeyn, wenn die⸗ ſes nicht blos ſo ſcheint, ſondern in Wahrheit ſo iſt. Doch laß jetzt dieſen graͤmlichen Alten. Ich kam hierher, um Dir anzuzeigen, daß ich ein ſehr freundſchaftliches Schreiben von meiner Freundin Veronica erhalten habe, worin ſie mir meldet, das Alles zu Deiner Aufnahme in ihrem Kloſter eingerichtet ſey, ſo daß Du jede Stunde dorthin aufbrechen kannſt und herzlich willkom⸗ men ſeyn wirſt. Zugleich habe ich meinen Ge⸗ mahl zu bewegen geſucht, daß er Deinem wieder⸗ holt geaͤußerten Verlangen, ſobald als moͤglich vorthin aufzubrechen, keinen weitern Zwang zuſ. ———— — — —õy—— legen und Dich davon entbinden will, an dem Geburtsfeſte des Fuͤrſten Antheil zu nehmen, wenn Du anders nicht Deine Meinung geaͤndeet haſt. Dianora.(ſchuͤchtern:) Ich will es ge⸗ ſtehen, liebe Mutter, daß dem wirklich ſo ſey; ich wuͤnſchte allerdings gern bei dieſem Feſte zu⸗ gegen zu ſeyn. Graͤfin. Deine ſchnelle Sinnesaͤnderung befremdet mich zwar, aber ſie iſt mir nicht unan⸗ genehm, denn ich wuͤrde Dich ungern dort ver⸗ miſſen. Nunmehr noch eins: Cerrino hat bei uns um die Verguͤnſtigung nachgeſucht, ſich Dir fuͤr dieſen feſtlichen Abend zum Geſellſchafter und Tänzer anbieten zu duͤrfen. Dianora.(verlegen:) Cerrino, liebe Mut⸗ ter? dieſes? Dianora. Haſt Du es ihm zugeſagt? Graͤfin. Ich habe ihn mit Beiſtimmung meines Gemahls an Dich gewieſen. Du ſcheinſt ungern in ſein Geſuch zu willigen. Dianora. Ich laͤugne es nicht, daß ich ſeiner Geſellſchaft wohl moͤchte uͤberhoben bleiben; ich befinde mich in ſeiner Naͤhe ſehr unheimiſch. Graͤfin. Du weißt, gute Tochte, wie ich Graͤfin. Ja, Lerrino; befremdet Dich ö“ .“ nebſt meinem Gemahle uͤber Cerrino denke, und daß wir Grund dazu haben, ihm nicht viel Gu⸗ tes zuzutrauen; indeſſen wollen es die Umſtaͤnde und beſonders ſeine Verbindungen nicht fuͤglich zulaſſen, ihn ganz von uns zu entfernen und ſeine zuvorkommenden Artigkeiten auf eine belei⸗ digende Art zuruͤckzuweiſen. Wenn Du nicht ſchon einen andern Geſellſchafter fuͤr das Feſt ge⸗ waͤhlt haſt, ſo waͤre mein Rath, ihn nicht durch Zuruͤckweiſung zu kraͤnken. Du bleibſt unter mei⸗ nen und meines Gemahls Augen, und ſollſt auf keine Weiſe von ihm zu ſehr belaͤſtiget werden. Cerrino ermangelte nicht, ſeine Beſuche auch . waͤhrend Scipio's und Manutti's Abweſenheit in dem Hauſe des Grafen Montaldi und bei Dianoren fortzuſetzen. Er bemerkte zwar, daß er bei dieſer nicht ſonderlich willfoinmen war, da 4 ſie ihn mit ziemlicher Gleichguͤltigkeit behandelte, jedoch war er keinesweges der Mann, der ſich dadurch haͤtte ſollen zuruͤckſchrecken laſſen. Seit einiger Zeit blieb er in Geſellſchaft immer in einiger Entfernung und in den Schranken bloßer Artigkeit von ihr, und glaubte ſo am beſten den in ihr erregten Verdacht zu entkraͤften. Vorzuͤg⸗ lich ſeitdem ſein Fuͤrſprecher, der Graf Torſo, mit ſeinen Bewerbungen fuͤr ihn war zuruͤckger — wieſen worden, ſchien er es ſich um ſo angelege⸗ ner ſeyn zu laſſen, ſowohl Dianoren als auch ihre Pflegeeltern zu uͤberzeugen, daß er ſich durch dieſe Zuruͤckweiſung keinesweges fuͤr beleidigt halte, indem er vermuthete, daß eben die Be⸗ ſorgniß, ihn dadurch empfindlich gekraͤnkt zu haben, ein weſentlicher Grund zu der Verlegen⸗ heit ſey, welche er an Dianoren bei ſeinen Be⸗ ſuchen bemerkte. Gegenwaͤrtig, wo er ſich auf immer von ſei⸗ nem beguͤnſtigten Nebenbuhler Manutti und deſ⸗ ſen Anſpruͤchen auf Dianorens Beſitz glaubte befreit zu haben, legte er es mit deſto groͤßerer Sorgfalt darauf an, ſich in Dianorens Herz ein⸗ zuſchleichen. Hierzu war aber noͤthig, daß er in ihr jedes etwanige Mißtrauen und ihren Wider⸗ willlen gegen ihn beſiegte. Bisher hatte er ſeine fortdauernden Abſichten auf ſie in ſeinem Betra⸗ gen kuͤnſtlich verſteckt, und auch jetzt vermied er es in ſeinen Geſpraͤchen mit ihr, ſeiner ſelbſt und ſeiner Liebe zu gedenken. Bielmehr kleidete er ſein gegenwaͤrtiges Benehmen gegen ſie in einen angenehmen, Zutrauen einfloͤßenden, maͤnnlichen Ernſt, und ſeine Unterhaltung mit ihr beſchraͤnkte ſich groͤßtentheils auf Manutti. Er konnte kaum Worte genug finden, deſſen Edelm th und Vor⸗ züͤge 5 ruͤhmen und feine Freundſchaft Fär ihn — 138— zu erkennen zu geben. Der ſchlaue Verfuͤhrer hatte es ſehr richtig berechnet, daß dieſes die ſchwaͤchſte Seite bei Dianoren ſey, auf welcherl er hoffen konnte, am beſten ihre Znneigung zu ge⸗ winnen. Auch waͤre ihm dies faſt gelungen, wenn nicht auf Dianoren ſo manche andere fruͤhere Auf⸗ tritte, namentlich die Bildergallerie des Gucke⸗ kaſtenmannes und beſonders die Aeußerungen der Aebtiſſin des Bernhardinerkloſters zu tiefen Ein⸗ druck gemacht und unbeſiegbaren Widerwillen gegen ihn in ihr erzeugt haͤtten. Da Cerrino ſeinen Plan ſo gut angelegt hatte, um des beſten Erfolgs verſichert ſeyn zu duͤrfen, ſo befremdete es ihn um ſo mehr, als er dennoch bemerkte, wie ſeine gonze argliſtige Verſchlagen⸗ heit bei Dianoren wenig oder nichts bewirken wollte. So kuͤnſtlich er ſich auch um ſie herum⸗ wand, ſo konnte er kaum einen freundlichen Blick und ein trauliches Wort von ihr erhalten; viel⸗ mehr wußte es Dianora immer ſo einzurichten, daß er ſie gewoͤhnlich nur in Beiſeyn der Graͤfin ſprechen konnte. Er blieb daher nicht lange in Ungewißheit, daß ihm der verwuͤnſchte Gucke⸗ kaſtenmann einen Streich geſpielt hatte, der kaum wieder gut zu machen war und ſehr ſchlimme 3 Folgen fuͤr ihn haben konnte. Als er ſie bei einem wiederholten Beſuche allein traf, beſchaͤftigt mit der Anordnung ihres Putzes zu dem bevorſtehen⸗ den Feſte, ruͤhmte er mit vieler Beredſamkeit das äaͤußerſt Geſchmackvolle ihrer Wahl. Indem er ſie zugleich um die ſinnvolle Deutung fragte, ſetzte ſie ihn durch die Erklaͤrung in keine geringe Ver⸗ legenheit, daß ihr dabei das Bild jener Bianka Lukretia aus dem optiſchen Kaſten vorgeſchwebt habe. „Jenes Bild ſcheint einen beſondern Eindruck auf Sie gemacht zu haben,“ erwiederte er leicht hingeworfen, und ſuchte ſeine Verlegenheit zu verbergen. „Ich kann es nicht laͤugnen,“ unterbrach ihn Dianora,„vielmehr geſtehe ich, daß ich mit der Geſchichte jenes Donari Collatinus und der Bianka Lukretia wohl wuͤnſchte genauer bekannt zu werden.“ Vergebens bemuͤhete er ſich dieſes Geſpraͤch abzubrechen. Dianora vermehrte ſeine Verlegen⸗ heit recht abſichtlich durch die Aeußerung, daß ſie eine eigene Bewegung an ihm bemerke, und da⸗ her vermuthe, er koͤnne vielleicht mit der eigent⸗ lichen B Bedeutung jenes Unnvollen Bildes bekannt ſeyn. „Sie moͤgen Recht haben,“ erwiederte er; „nur hat meine, Ihnen aufgefallene Bewegung Beruhigung, daß ich einem ſo edeln Manne nach⸗ — 140— niicht t zunaͤchſt auf jenes Bild, als vielmehr auf Sie ſelbſt Bezug.“ Dianora drang nun um ſo mehr auf eine deutlichere Erklaͤrung, je gefliſſentlicher er ſich blos auf dunkle Andeutungen zu beſchraͤnken ſuchte. Er mußte endlich ihren wiederholten Bitten, we⸗ nigſtens zum Schein, nachgeben. „Ich will es Ihnen gern geſtehen,“ ſprach er jetzt,„daß Ihre Liebenswuͤrdigkeit, mehr aber noch die Vortreflichkeit Ihres ſchoͤnen Herzens, Ihnen den Vorzug vor vielen Andern Ihres Ge⸗ ſchlechts in meinem Herzen gegeben haben, und daß ich Sie mit der reinſten Zaͤrtlichkeit verehre. Indeſſen bin ich weit davon entfernt, mich von einer blinden Leidenſchaft unbedingt beherrſchen und zu Wuͤnſchen verleiten zu laſſen, welche, wie ich mich uͤberzeugt habe, keine Gewaͤhrung erhal: ten koͤnnen. Gern uͤberlaſſe ich dem edeln Ma⸗ nutti den Vorzug; es gereicht mir zur großen ſtehen muß, der in jeder uſh der Auszeich⸗ nung wuͤrdig iſt, die Sie ihm in Ihrem Herzen einraͤumen. Aber nicht Jeder Ihrer ſtillen Ver⸗ 3 ehrer denkt hierin ſo wie ich; nicht Jeder goͤnnt, ſo wie ich, Manutti dieſes Gluͤck. Dianora. Sie erſchrecken mich; ich muß Sie angelegentlichſt bitten, deutlicher auszu⸗ 7 ſprechen, was Sie mit dieſen dunkeln Andeu⸗ tungen ſagen wollen.— Cerrino. Sie ſollen Sie aufmerkſam auf das machen, was der Grund zu der Unruhe und Beklommenheit iſt, die Sie an mir bemerkt haben. Noͤchten ſie dazu beitragen, Sie von Ihrem unverdienten Mißtrauen gegen mich zu⸗ ruͤckzubringen und meine Freundeshand nicht zu verſchmähen, wenn ſie ſich Ihnen zum Schutze gegen kommende Gefahren darbietet. Dianora. Ich wiederhole meine Bitte um deutlichere Erklaͤrung. Cerrino. Dieſe kann ich Ihnen nicht fuͤg⸗ lich geben, wenn ich nicht auf der andern Seite mich in große Verlegenheit bringen will. Dianora. Ich ſehe nicht ein, was Sie dabei fuͤr ſich wagen koͤnnten. Wenn Ihre Freund⸗ ſchaft fuͤr mich wirklich ſo rein und unverfaͤlſcht iſt, wie Sie mich verſichern, und wenn ich Ihnen mein Zutrauen ſchenken ſoll, ſo duͤrfen Sie ſich nicht auf ſo dunkle Andeutungen beſchraͤnken, die mich nur unruhig machen, mir aber nichts nuͤtzen koͤnnen. Cerrino. Es ſey! ich will Ihnen den uͤberzeugendſten Beweis von meiner aufrichtigen Freundſchaft geben, aber ich rechne auch dafuͤr auf Ihre ſchonende Verſchwiegenheit. So ent⸗ decke ich Ihnen denn, daß ſich auf einer Stelle, wo Sie es am enezüie ahnen, ein Unwetter gegen Sie aufthuͤrmt, was ſehr leicht das ganze ſchoͤne Gluͤck Ihrer Zukunft vernichten koͤnnte. Dianora. So ſchuͤtzen Sie mich davor durch eine offene freie Erklaͤrung. Cerrino. Ich will es. Waͤhrend Sie vielleicht mir feindſelige Abſichten auf Sie zu⸗ trauen, beſchleicht Sie von einer andern Seite die Gefahr; und kaum werden ſie es glauben, daß ich Wahrheit ſpreche, wenn ich Ihnen Sci⸗ pio Montaldi nenne, der Ihnen dieſe Gefahr berejtet. Dianora heſtis uͤberraſcht: 2 Seipio? unmoͤglich! Cerrino. Es iſt nicht allein moͤglich, ſon⸗ dern gewiß. Er liebte Sie mit allem Feuer der erſten erwachenden Leidenſchaft; ſeine Eltern ſelbſt beguͤnſtigten anfangs ſeine Wuͤnſche und Hoff⸗ nungen. So ſahe er ſich dem ſchoͤnen Ziele der⸗ ſelben ſchon nahe, als ploͤtzlich die ſtrenge Wider⸗ ſetzlichkeit ſeiner Eltern ihn gewaltſam davon zu⸗ ruͤckdraͤngte, und ſeine Liebe zu Ihnen nur um ſo heſtiger entbrannte. Dianora. Wohl mir, wenn es nichts ſchlimmeres iſt! Seipio iſt ein edler Juͤngling; er liebt ſeine Mutter ſo wie ſeinen Vater mit — 5 — 1 4 3— kindlicher Ergebenheit und ehrt ihren Willen; von ihm kann ich nicht leicht etwas zu befüͤrchten haben. Oder haben Sie etwa Beweiſe vom Ge⸗ gentheile? Cerrino. Allerdings. Sie kennen den Zauber Ihrer Schoͤnheit zu wenig, wenn Sie waͤhnen, daß Gefuͤhle wie dieſe, welche in Sci⸗ pio's Innern fuͤr Sie lodern und ein ſo gewalt⸗ ſamer Widerſtand nur zu hoͤherer Glut anfacht, ſich ſo leicht unterdruͤcken ließen. Dieſes Feuer einer unbeſiegbaren Leidenſchaft tobt deſto ſtaͤrker in ihm, jemehr er in ſeinem Vater einen Tyran⸗ nen und den Vernichter ſeines Gluͤcks zu ſehen glaubt. Er ſucht es zwar zu verbergen, aber um ſo gefaͤhrlicher iſt er in ſeinen verſteckten Anſchlaͤgen. Dianora. Sollte ich mich denn ſo ſehr in Scipio geirrt haben? Cerrino. Sie haͤtten ſchon laͤngſt aus ſei⸗ nem einſamen und duͤſtern Umherſchleichen bemer⸗ ken koͤnnen, daß er uͤber Planen bruͤtet, welche ihn zu Ihrem Beſitze gewaltſam verhelfen ſollen. Ich habe einen tiefen Blick in ſein Inneres ge⸗ than, und alles angewendet, um ihn von ſeiner Leidenſchaft zu heilen und von uͤbereilten Unter⸗ nehmungen zuruͤckzubringen, aber vergebens! „Ehe ich mir Dianoren rauben laſſe,“ rief er juͤngſt aus, als ich ihm Vorſtellungen deshalb „ 1 * — 44— machte,„wage ich das Aeußerſte; denn ich kann nicht ohne ſie leben, und wer mich um ihren Be⸗ ſitz bringen will, der iſt mein Feind und ſoſt meiner Rache nicht entgehen!? Dianora. Gerechter Gott! das ſagte Seipio? Cerrino. Er ſagte noch weit mehr. Die wilden Ausbruͤche ſeiner Drohungen vermehrten ſich, als ich ihn auf Ihr Verhaͤltniß zu Manutti auſmerkſam machte.„Fluch dem Heuchler,“ rief er aus,„der mir nur Freundſchaft log, um mich deſto ſicherer zu betruͤgen. Er iſt es, der mir Dianoren und mit ihr das ganze Gluͤck meines Lebens raubt, und mein Haß und meine Rache werden ihn verfolgen, wohin er auch geht.“ Dianora. Das waͤre ſchrecklich! Warum ſagten Sie mir das nicht eher? Cerrino. Seyn Sie unbeſorgt, es iſt noch nichts verſehen, wenn Sie meinem Schutze ver⸗ trauen. Um Sie vor Scipio⸗ s Nachſtellungen zu ſichern, habe ich mich Ihnen zum Geſellſchaf⸗ ter fuͤr das kommende Feſt angeboten. Es kann Ihnen nicht freind geblieben ſeyn, daß Scipio auf einmal ſo ſehr auf ſeine Abreiſe drang, und ſich kurz vor Manutti entfernte, um vor ihm den nöthigen Vorſprung zu gewinnen. Er will an dieſem ſeine Rache geitend machen, ohne daß — der Verdacht auf ihn fallen ſollte, gegen welchen ihn ſeine fruͤhere Abreiſe ſchuͤtzen muß. Aber ſeyn Sie deshalb außer Sorge. Ich will es Ihnen zu Ihrer Beruhigung nur entdecken, daß ich ins⸗ geheim Manutti einen Wink von Scipio's feind⸗ ſeligen Abſichten gegeben und ihn zugleich veran⸗ laßt habe, ſich noch einige Zzit in Ihrer Naͤhe verborgen zu halten, bis Sie uuter dem Schutze der Kirche geſichert ſind. Dianora. Wenn dies wirklich Ihr Werk war, Herr Graf, wie Sie kaum bezweifeln laſſen, ſo habe ich Ihnen allerdings Unrecht gethan, und um ſo lieber nehme ich jetzt auch Ihre Begleitung zu dem Feſte an. Darf ich wohl meiner muͤtter⸗ lichen Freundin, der Graͤfin, einige Winke von dem geben, was Sie mir ſo eben anvertrauten? Cerrino. Ich moͤchte Ihnen freilich ſelbſt dazu rathen. Nur muͤßte ich Sie dringend bit⸗ ten, daß es mit der noͤthigen Vorſicht und mit Schonung fuͤr mich geſchaͤhe, um alsdann deſto wirkſamer im Stillen fuͤr Sie handeln zu koͤnnen, damit das Bild jener neuen Lukrezia, in Be⸗ ziehung auf Sie, zum Luͤgner werde. Dianora. Ich werde Sie gewiß ſchonen; ſie ſoll nicht erfahren, durch wen ich mit Sci⸗ pio's Anſchlaͤgen bin bekannt gemacht worden. AIt. K — 146— Alles war jetzt mit den Anſtalten zu den Ge⸗ burtstagsfeierlichkeiten des Fuͤrſten beſchaͤftiget, um dieſe ſo glaͤnzend als moͤglich zu machen. Der edle Hugo fand freilich keinen großen Geſchmack an dergleichen prunkenden und geraͤuſchvollen Luſtbarkeiten, ſondern zog ſich lieber in den Kreis einer geringern Anzahl bewaͤhrt befundener Red⸗ lichen zuruͤck. Vorzuͤglich hatten die mannichfal⸗ tigen Sorgen und Arbeiten fuͤr das Beſſere des Landes ihn waͤhrend der letzteren Zeit von dem Geraͤuſche der Menge entfernt. Hier konnte er jedoch nicht ausweichen, ohne Unzufriedenheit zu erregen. Die bisherige Gleichguͤltigkeit des Fuͤrſten fuͤr glaͤnzende Luſtbarkeiten und ſeine Zuruckgezogen⸗ heit paßte wenig fuͤr Torſo's und ſeiner Anhaͤnger Anſchlaͤge. Vielmehr wuͤnſchten ſie, daß es ihnen gelingen moͤchte, ihn lebensluſtig immer ſeſter an ſeine fruͤheren Vergnuͤgungen zu feſſeln, damit er mit groͤßerer Sorgloſigkeit die Regierungsgeſchaͤfte mehr Anderen uͤberlaſſen ſollte. Nur dann konn⸗ ten ſie, wie fruͤher, die Zahl der Unzufriedenen und deren Klagen uͤber den Regenten bei den Bedruͤckungen des Landes vermehrt ſehen; ſie boten daher alles auf, um ihm wieder Geſchmack fuͤr zerſtreuende und betaͤubende Ergoͤtzlichkeiten Abzngewinnen⸗ d die auch zugleich ſeine Aufmeit⸗ 4 8 ————— — 1 47— ſamkeit am beſten von ihnen und ihren Umtrieben ableiten konnten. Jetzt glaubten ſie vorzuͤglich ſein Geburtsfeſt und die groͤßtentheils von ihnen dazu getroffenen prunkvollen Anſtalten benuͤtzen zu muͤſſen, wobei namentlich Cerrino ſeinen er⸗ finderiſchen Witz im glaͤnzendſten Lichte zeigte. Der Graf Montaldi durchſchaute zwar die zu Grunde liegenden Abſichten, allein deſſen un⸗ geachtet bot er ſehr gern ſelbſt ſeine Vermittelung und Unterſtuͤtzung zur glanzvollen Ausfuͤhrung dieſes Feſtes dar. Seine Verfuͤgungen waren von denen eines Torſo und ſeiner Anhaͤnger ganz verſchieden und mehr darauf hingerichtet, das Volk mit groͤßerer vertrauenvoller Liebe an den edeln Hugo zu knuͤpfen. Aus dieſem Grunde hatte er es ſo einzuleiten gewußt, daß man das Feſt als ein Volksfeſt beging, ſo daß ſchon der Fuͤrſt deshalb ſeine Beiſtimmung nicht verſagen konnte, wenn er das Volk durch die Verweige⸗ rung eines ſolchen allgemeinen Freudenfeſtes nicht unzufrieden machen wollte. b Das ahnete er freilich nicht, daß man auch hierin ſeine wohlwollende Abſicht dem Volke ver⸗ daͤchtig zu machen ſuchte und daß unter den Ver⸗ anſtaltungen zu dieſen öffentlichen Luſtbarkeiten die Kreaturen des ſchwarzen Bundes umher⸗ ſchlichen, um durch ſpoͤttiſche Aeußerungen Miß⸗ K 2 — 148— trauen und Unzufriedenheit zu verbreiten.„Man wirft uns abſichtlich bunte Spielereien hin,“ hieß es hin und wieder,„damit wir wie Kinder uns damit kurzweilen und das Wichtigere daruͤber uͤberſehen und vergeſſen ſollen. Man will unſern Sinnen ſchmeicheln, um uns deſto beſſer zu be⸗ thoͤren und dann um ſo mehr den Fuß auf den Nacken zu ſtellen.“— Montaldi und ſeine edeln Freunde beachteten dergleichen Aeußerungen vor der Hand wenig, 3 die durch die Sache ſelbſt am beſten mußten widerlegt werden. Schon waren ſo viele neue und nuͤtzliche Einrichtungen hervorgegangen, daß das Volk einſehen mußte, wie es der Regierung wirklich ein Ernſt ſey, ehemalige Mißbraͤuche abzuſchaffen und billige Wuͤnſche dem Lande a befriedigen. Endlich erſchien dieſer feſtliche Tag. Heiter unnd ſchoͤn ſchwebte die Morgenſonne empor und beguͤnſtigte in einer vorzuͤglich milden und freund⸗ lichen Witterung die getroffenen Feſtlichkeiten ſo trefflich, daß mancher edle Patriot darin eine erfreuliche Vorbedeutung fuͤr eine eben ſo heitere Zukunft fuͤr Yſamo zu erblicken glaubte. Von dem hohen Dome begruͤßte das feierliche Gelaͤute der Glocken den feſtlichen Morgen, und das der uͤbrigen Thuͤrme der Reſidenz und der Umgegend 8 4... 85 — 149— ſtimmte im ſchoͤnen vollſtimmigen Akkorde ein, 5 die Herzen zu erhabenen Empfindungen zu ſtim⸗ men. Feuriger hob ſich jede Bruſt der gutgeſinn⸗ ten Bewohner.„Heil und Segen unſerm Fuͤr⸗ ſten!“ flehete mit Inbruſt der andachtsvolle Blick zum Himmel und ſpiegelte ſich in dem milden Glanze der Morgenſonne, die ihnen freundliche Theilnahme und Erhoͤrung zuzulaͤcheln ſchien. Vom fruͤhen Morgen an rollten die Karoſſen nach dem fuͤrſtlichen Schloſſe; die Vorzimmer wimmelten vom bunten Gedraͤnge der Gluͤckwuͤn⸗ ſchenden. Jeder wote der Erſte ſeyn, dem Fuͤrſten die Huldigung darzubringen. Der edle Hugo, voll frommen religioͤſen Sinnes, beſuchte gern die oͤffentlichen gottesdienſtlichen Verſamm⸗ lungen, und heute vorzuͤglich ließ er es ſein erſtes Geſchaͤft ſeyn, ſich mit der frommen Gemeine in der Schloßkirche zu verſammeln, und dort dem Himmel die reinen Opfer der Andacht darzubringen. Zahlreicher als heute hatte er die Verſammlung kaum noch gefunden; eine Thraͤne trat in ſein Auge, als er die Menge überblickte, von welcher jedes auf ihn gezchtete Auge bei ſeinem Eintritte in die fuͤrſtliche apelle ihm einen ſtillen Segensgruß entgegen blickte. Er hoͤrte die andaͤchtigen Geſaͤnge und in ihnen den frommen Wunſch fuͤr ſein Leben und ſein 8 ö“ Gluͤck, und voll heißer dieſen Wunſch ein, indem er in Andacht hinge⸗ ſunken emporflehete:„Laß mich leben um mein gutes Volk zu begluͤcken, und ſegne mein aufrich⸗ tiges Wollen hierzu mit Gedeihen!“ In dieſen Augenblicken flog ihm jedes Herz der Betenden voll Liebe und Verehrung zu, und als er nach geendigtem Gottesdienſte an der Seite ſeiner Getreuen aus der Kirche und in die dicht gedraͤngten Reihen freundlich gruͤßend trat, 4 da gewannen dieſe Gefuͤhle liebevoller Verehrung 3 in den ſtuͤrmiſchen Sege srufen lauteren Aus⸗ bruch. Kinder und Greiſe, Maͤdchen und Juͤng⸗ linge draͤngten ſich hinzu und ſchwangen froh⸗ lockend die Huͤte und beſtreuten den Weg vor ihm her mit Immmergruͤn und Blumen, wie ſie die gegenwaͤrtige karge Jahreszeit darbot. Rings⸗ umher glaͤnzten Thraͤnen der Freude; jede Hand breitete ſich nach dem edeln Hugo aus, als er langſam daherſchritt und mit bewegter Stimme, die von ſeiner tiefen Nuͤhrung zeugte, ihnen zu⸗ rief:„Ihr ſeyd Alle meine guten Kinder, und Eure Liebe iſt der ſchoͤnſte Gewinn dieſes Tages fuͤr mein Herz!“ Der laute Jubel der Menge begleitete ſeinen Zuruf. Da die uͤberaus milde Witterung es verſtat⸗ tete, ſo war ein angenehmer ſreier Platz fuͤr die Ruͤhrung ſtimmte er in — —————— — oͤffentlichen Vergnuͤgungen des Volks eingerichtet worden. Der Fuͤrſt ſelbſt hatte mit reicher vaͤter⸗ licher Milde dafuͤr geſorgt, daß es dort an nichts mangelte, was ſeinen guten Kindern dieſen Tag zu einem wahrhaft frohen Feſte machen konnte. Kaum war der Nachmittag erſchienen, ſo ent⸗ fernte ſich der Fuͤrſt in aller Stille mit einigen ſeiner Getreuen aus dem glaͤnzenden Hofzirkel. Ein Wink von ihm erklaͤrte, daß ſeine Entfernung unbemerkt bleiben ſollte; ſein Herz zog ihn hinaus in das Freie. Ehe es die ſroͤhlichen Taͤnzer dort auf der, mit Ehrenbogen und Blumengewinden geſchmuͤckten Aue erwarteten, ſtand er wie ein liebevoller Vater mitten unter ihnen, um ſich an ihrer Freude zu ergoͤtzen und ſie durch ſeine Theil⸗ nahme zu erhoͤhen. Mit freundlicher Huld, die ihm nur noch mehr jedes Herz gewann, nahm er auf den fuͤr ihn und ſeine wenige Begleitung ein⸗ gerichteten Sitzen an der Seite der Volksaͤlteſten Platz. Der vorige ſtuͤrmiſche Jubel verhallte in einer ſtillen frohen Erwartung. Auf ein gegebe⸗ nes Zeichen zog die Menge einen weiten Kreis um ihn, um Zeuge einer neuen ſchoͤnen Feierlich⸗ keit zu ſeyn. 3 1 Der edle menſchenfreundliche Hugo hatte, ur groͤßern Verherrlichung des Feſtes die Bufugene getroffen, daß alljaͤhrlich in den verſchiedenen 1— 2 132— Kirchſpielen einige liebende Paare, die ſich durch Reinheit der Sitten, durch Tugend und Fleiß beſonders ausgezeichnet und ſich der allgemeinen Achtung vorzuͤglich wuͤrdig gemacht hatten, an dieſem Tage verlobt und aus der Staatskaſſe ausgeſtattet werden ſollten. Am heutigen feſtlich ſchoͤnen Tage ſollte dieſe Verordnung zum erſten Male ausgefuͤhrt werden. Darauf naͤherte ſich ein ehrwuͤrdiger Alter mit ſeiner Enkelin, einer liebenswuͤrdigen Jung⸗ frau voll hoher Anmuth und Unſchuld, dem Fuͤr⸗ ſten. Eine ehrwuͤrdige Matrone folgte dieſen Beiden mit ihrem Sohne, einem Muſter von kindlicher Liebe, der durch Anſtrengung und Fleiß der Pftleger und Ernaͤhrer ſeiner kraͤnklichen Mut⸗ ter und ſeiner vaterloſen Geſchwiſter war und ſich die allgemeine Achtung zugeeignet hatte. Dieſer war von den Gemeindevorſtehern mit dem hol⸗ den ſchuͤchternen Maͤdchen, dem Gegenſtande feiner tugendhaften Liebe, fuͤr dieſe ſchoͤne Feier⸗ lichkeit erkoren worden. Aller Augen und Her⸗ zen weilten mit hohem Entzuͤcken auf der herr⸗ lichen Scene) als jetzt der Fuͤrſt mit den Volks⸗ aͤlteſten einige Schritte den Ankommenden naͤher trat. Mit verdienter Erwaͤhnung ihrer Tugenden legte er beiden Liebenden den Kranz auf das Haupt, und begleitete dieſe Feierlichkeit mit einigen herz⸗ — lichen Worten vaͤterlicher Ermahnung und mit ſeinen Segnungen. So etwas hatten Torſo und ſeine Anhaͤnger freilich nicht erwartet. Zu ſpaͤt bereueten ſie es, ſelbſt die Idee zu dieſem Volksfeſte angegeben zu haben, wodurch nun gerade das Gegentheil von dem, was ihre boshaften Abſichten bezweckten, hervorgieng. Mit tiefem Groll im Innern muß⸗ ten ſie den Fuͤrſten ſich heute in der neubefeſtigten Liebe ſeines Volks gegen ihre geheime Tuͤcke eine unerſchuͤtterliche Schutzwehr errichten ſehen, welche alle ihre Anſtrengungen kraftlos machte. Sie fuͤhlten jetzt mit tiefer Beſchaͤmung die empfind⸗ lichſte Beſtrafung ihrer Bosheit, denn unter der ganzen großen Anzahl froher und gluͤcklicher Men⸗ ſchen waren ſie die Einzigen, deren Inneres ſich dem ſchoͤnen reinen Wohllaute beſeligender Freude verſchloß. Dianorens Buſen klopfte erwartungsvoll der Stunde entgegen, wo ſie den Geliebten ihres Herzens ſehen und ſprechen ſollte. Mit dem Ge⸗ danken an ihn hatte ſie am Morgen ihre mutter⸗ liche Freundin, die Graͤfin, in die Schloßkirche begleitet, in der Hoffnung den Geliebten vielleicht dort irgend wo unter der Verſammlung zu ſehen. So ſorgfältig ſie abor auch jedes Geſicht der An⸗ 1 ö“ — 154— weſenden muſterte, ſo blieb dieſe Hoffnung den⸗ noch unbefriedigt; Manutti war nicht zugegen. Eben wollte ſie nach geendigten Gottesdienſte mit der Graͤfin die Kirche verlaſſen, als ſie ſich am Ausgange im ae erhudt leiſe dieſe Worte zurau⸗ nen hoͤrte:„Mißtraue, Dianora, dem Scheine, ſey wachſam! die blaue Farbe droht Dir Gefahr, darum fliehe den blauen Ritter!“ Ueberraſcht ſich umſehend, bemerkte ſie einen Unbekannten, der ſich ſchnell unter die Menge verlor. Sie ſtaunte der ſonderbaren Erſcheinung in einer ſo ſichtbaren Bewegung nach, daß ſie der Graͤfin unmoͤglich haͤtte entgehen koͤnnen, wenn deren Aufmerkſamkeit nicht zu ſehr auf den ſtuͤr⸗ miſchen Ausbruch der Freude waͤre gerichtet gewe⸗ ſen, womit die Menge den Fuͤrſten am Ausgange der Kirche empfing. Still und ſchuͤchtern folgte Dianora der Graͤſin nach Hauſe. Ihre vorige frohe Erwartung des kommenden Abends wurde jetzt noch mehr geſtoͤrt, als ſie bei ihrem Eintritte in ihr Zimmer ein dort aufgehaͤngtes Gemäͤlde erblickte, das waͤhrend ihrer Abweſenheit dahin mußte gebracht worden ſeyn. Sie erkannte das naͤmliche Bild, das ihr unlaͤngſt der raͤthſelhafte Kaſtenmann gezeigt hatte, wie ſie von den toben⸗ den Wellen im leichten Nachen verſchlungen und 155— von dem ſich aus der Fluth erhebendem Unge⸗ heuer ergriffen ward. Sie glaubte anfangs kaum ihren Augen trauen zu duͤrfen. Es war ihr unbegreiflich, auf welche Art dies deutungsvolle Bild ſo ſchnell hier⸗ her gekommen war, da es in der genaueſten Be⸗ ziehung mit der ſo eben erſt erhaltenen Warnung zu ſtehen ſchien. Sie konnte die geheime Wirk⸗ ſamkeit ihres Vaters darin nicht verkennen; allein eine ſolche nachdruͤckliche Warnung vor Manutti widerkegte auch wieder ihre Vermuthung, da er dieſen ja ſelbſt, als einen edeln Mann ohne Falſch und Trug, ihrer Liebe in jeder Hinſicht fuͤr wuͤrdig erklaͤrt hatte. Sehr gern wuͤrde ſie uͤber die raͤth⸗ ſelhafte ploͤtzliche Erſcheinung des Bildes genauere Erkundigungen angeſtellt haben, aber ſie fand es doch gerathener, zu ſchweigen und das Bild zu verbergen. Die geheimnißvolle Art, womit ihr Vater ihr daſſelbe uͤberliefert hatte, ſchien anzu⸗ deuten, daß er ein gaͤnzliches Stillſ ſchweigen dar⸗ uͤber beobachtet wiſſen wolle. 4 Durch dieſen Auftritt wurde Kn eine ſehr duͤſtere Stimmung verſetzt, ſo daß ſie es kaum wagte, ſich vor der Graͤſin blicken zu laſſen. Je⸗ mehr ſie daruͤber nachdachte und die fruͤheren Ereigniſſe damit in Vergleichung brachte, um ſo mehr wurde ſie auf die Vermuthung hingeleitet, 8 - h ern-ueens eree r — 156— daß bei dieſer nachdruͤcklichen Warnung vor Ge⸗ fahr vielleicht ein ganz anderer Sinn zu Grunde liege, als ſie es anfangs glaubte. Denn was konnte ſie wohl von Manutti zu befuͤrchten haben? Weit naͤher fuͤhrten ſie die Mittheilungen Cerri⸗ no's uͤber Scipio zu der Vermuthung, daß viel⸗ leicht dieſer der Gegenſtand ſey, auf welchen die erhaltene Warnung ſich bezoͤge. Sehr leicht konnte nicht Scipio noch in der Naͤhe verſteckt ſeyn, und dieſer Manutti's verborgene Anweſenheit, ſo wie deſſen Vorſatz in der Maske des blauen Ritters auf dem Balle zu erſcheinen, erlauſcht und den Anſchlag gefaßt haben, ſich ebenfalls dort einzu⸗ finden und ſeine Rache geltend zu machen. 8 Ihre Unruhe vermehrte ſich dadurch noch mehr, daß es ihr unmoͤglich war, Manutti von den Nachſtellungen ſeines Nebenbuhlers in Kunde zu ſetzen und die Gefahr von ihm zu entfernen. Ihr Blick gleitete jetzt hinab auf den Talisman ihres Vaters an ihrem Finger. Ruhig und mit dem Ausdruck ſeiner vaͤterlichen Liebe laͤchelte ihr das Bild entgegen; ſie fuͤhlte ſich beruhiget in dem feſten Vertrauen, daß ihr liebevoller Vater ſie mit ſeinem Beiſtand umſchwebe und Mittel finden werde, ſie und den geliebten Manutti gegen etwanige Gefahr zu ſchuͤtzen. Sie wurde durch den Eintritt der Gräfin ge ſeoͤrt. Bald bemerkte dieſe ihre ſeltſame Ge⸗ muͤthsſtimmung und fragte theilnehmend um die Urſache. Dianora hatte ihr bereits den weſent⸗ lichſten Inhalt ihres Geſpraͤchs mit Cerrinoõ in Beziehung auf Seipio mitgetheilt; daher ver⸗ ſchwieg ſie jeit auch nicht, wie ſehr ſie von Sei⸗ ten Seipio's Nachſtellungen befuͤrchte, und beſor⸗ gen muͤſſe, daß er ihr vielleicht durch ſeine An⸗ weſenheit die Freude des heutigen Feſtes verbit⸗ tern moͤchte. Der Graͤfin war dieſe Entdeckung fuͤrchterlich, da ſie ſchon vor einer entfernten Moͤglichkeit zu⸗ ruͤckſchauderte, daß der Bruder nach dem Beſitze der Schweſter ſtreben koͤnnte. Sie hatte ſich zwar mit ihrem Gemahle in dem beruhigenden Glauben erhalten, daß ihr Sohn auf die Vor⸗ ſtellungen des Vaters ſeine Leidenſchaft fuͤr Dia⸗ noren unterdruͤcken wuͤrde; indeſſen hatte ſeine duͤſtre Gemuͤthsſtimmung waͤhrend der letzteren Zeit ſein lichtſcheues Herumſchleichen und ſeine ploͤtzliche Abreiſe, neue Beſorgniſſe in ihr er⸗ regt. So gern ſie daher auch Dianorens jetzigen bangen Vermuthungen widerſprochen haͤtte, ſo mußte ſie ihnen gleichwohl im Stillen beiſtim⸗ men.„Ich buͤße hart!“ ſeufzte ſie mit einer wehmuthsvollen Thraͤne;„iſt es nicht genug, daß A — 158— ich ſelbſt ungluͤcklich bin, muß ich auch noch die⸗ ſes Unheil uͤber meine Kinder bringen?“ Dianora verſtand freilich den Sinn dieſer Worte nicht, aber die heftige Bewegung, worin ſie ihre gute Mutter erblickte, ließ ihr eine wich⸗ tige Bedeutung unter dieſem Ausbruche eines tiefen Seelenſchmerzes vermuthen, und ſie be⸗ reuete es daher, daß ſie in ihr Beſorgniſſe geweckt und dadurch ihren Frohſinn zum Feſte geſtoͤrt hatte. Die Graͤfin bezwang ihre eigene Unruhe, um nur Dianorens Aengſtlichkeit nicht zu ver⸗ mehren; ſie beruhigte ſie durch die Verſicherung, daß ſie unter ihren Augen, ſo wie unter der auf⸗ merkſamen Wachſamkeit ihres Gemahls vor jeder Gefahr hinlaͤnglich geſichert ſey, und daß ihr Abgang in das Kloſter ſehr bald dieſe Sicherheit vermehren muͤſſe. Unter mancherlei Hoffnungen und Erwartun⸗ gen nahete endlich der Abend; mit ihm ſtellte ſich auch Cerrino im feſtlichen Schmucke ein, um Dianoren in Geſellſchaft der Graͤfin zu dem Balle abzuholen. Er ſchien ſeinen ganzen erfinderiſchen Witz erſchoͤpft zu haben, um die eben ſo auf⸗ fallende als glanzvolle Maske eines Armeniers zu waͤhlen, welche nothwendig unter einer Menge — 1 59— anderer Masken uͤberall im bunten Gedraͤnge mußte bemerkt werden. Dianora konnte der geſchmackvollen Anord⸗ 15 nung ſeines Putzes ihren Beifall nicht verſagen; aber vergebens bemuͤhete ſie ſich, ihre Unruhe vor ihm zu verbergen, welche er eben ſo leicht be⸗ merkte, als die Verlegenheit der Graͤfin. Ohne die Urſache davon zu erforſchen, konnte er ſich doch bald uͤber die Vermuthung zufrieden ſtellen, daß dieſe ſeltſame Stimmung nicht auf ihn Bezug habe, da die Graͤfin ſelbſt Dianoren ſeiner beſon⸗ dern Obhut angelegentlichſt empfahl. Die Geſellſchaft war ſchon ziemlich zahlreich, als Dianora mit der Graͤſin an Cerrino's Arme in den feſtlich dekorirten und hellerleuchteten Saal des fuͤrſtlichen Ballhauſes eintrat. Aller Augen flogen dem praͤchtigen Armenier entgegen, 3 der durch ſeine luxurioͤſe Pracht den Glanz der 8 uͤbrigen Masken zu verdunkeln ſchien. Der Saal fuͤllte ſich nach und nach mit dem mannichfachſten Gemiſch der Masken. Mit geſpannter Erwar⸗ tung weilte Dianorens Auge auf dem Eingange und tauſchte auf den Augenblick, wo der hell⸗ blaue Ritter mit der weißen Binde und der ſchwarzen Bruſtſchleife erſcheinen wuͤrde. Da ſie in jeder aͤhnlichen eintretenden Maske den heiß Erwarteten vermuthete, ſo war ſie ſchon einige — 1260— Male getaͤuſcht worden, als ſie bei genauerer Beſchauung die bedeutungsvolle Bruſtſchleife ver⸗ mißte. Es bildeten ſich hier und da einzelne Grup⸗ pen. Dianora hatte ſich mit Cerrino an den Grafen Montaldi und die Graͤfin angeſchloſſen; welche Beide ihre Plaͤtze in der Naͤhe des Ein⸗ gangs genommen, um die eintretenden Masken deſto beſſer uͤberſehen zu koͤnnen. Dianorens Ungeduld uͤber das lange Verweilen des hellblauen Ritters ſchien ſich unwillkuͤhrlich auch dem Gra⸗ fen mitzutheilen. Auch er hing mit unverwand⸗ tem Blicke an dem Eingange, und bei jeder ein⸗ tretenden Maske verrieth ſeine Bewegung, daß auch er Jemand erwartete. Eben wollte ſich die Graͤfin daruͤber Gewißheit verſchaffen, auch er⸗ forſchen, ob ſeine Aufmerkſamkeit vielleicht ſich auf eine etwanige Erſcheinung ihres Sohnes be⸗ ziehe, als Fallo, der Kammerdiener des Grafen, hereintrat und dieſem anzeigte, daß im Vorzimmer eine ſchwarze Maske ſich auf ihn beruſe und Ein⸗ tritt begehre. Er eilte ſogleich hinaus, und in wenigen Augenblicken trat er mit einer langen ſchwarzen Maske wieder herein, welcher die Maske eines alten Eremiten folgte. Miit langſamen feierlichen Schritten ſchwebte — dieſe lange ſchwarze Geſtalt wie ein Geſpenſt der Nacht einher. Ein langer. ſchwarzer Talar huͤllte ſie ſchauerlich vom Haupte bis zu den Fuͤßen ein, unnd machte es um ſo zweifelhafter, wer darunter verborgen ſey. Der Graf ſelbſt ſchien dieſe Maske nicht zu kennen, obgleich er es war, der ſie ein⸗ 4 fuͤhrte. Mit forſchendem Blick verweilte er oͤfters 3 auf ihr, und ſeltſam duͤnkte es ihm, als er ihr im Voruͤberſchreiten ſchaͤrfer in das halbverhuͤllte Antlitz ſchauete und durch die ſchwarze Larve nichts als ein paar weite und markloſe Augen⸗ hoͤlen zu bemerken glaubte, aus welchem kein lebender Blick dem ſeinigen begegnete. Jetzt erſchien auch der Fuͤrſt mit ſeiner Be⸗ 8 gleitung, wodurch die Aufmerkſamkeit von der 4 ſchwarzen Maske abgeleitet wurde, die ſich unter⸗ deſſen in dem Gedraͤnge verloren hatte. Die Masken ordneten ſich in bunte Reihen zum Tanze. Alles athmete Freude und Wonne. Nur Dianora konnte ihr Herz noch nicht ganz der Freude oͤffnen, ſolange ſie noch die erſehnte blaue Maske ver⸗ mißte. In einer unbeſiegbaren Unruhe ſchwebte ſie an Cerrino's Seite durch die Reihen der Tanzenden; aber ihr Auge, ſo wie ihre Seele waren weniger auf den Tanz als vielmehr auf den Eingang des Saals gerichtet. Vergebens bot Cerrino ſeinen ganzen Witz fuͤr ihre Erheite⸗ rung auf; vergebens ſuchte er ſie durch immer III. L — 162— neuen Antheil an dem Tanze zu zerſtreuen. Je laͤnger die erwartete Maske zoͤgerte, zu erſchei⸗ nen, deſto mehr ging auch ihre Ungeduld in die aͤngſtliche Beſorgniß uͤber, daß Manutti durch einen Unfall moͤchte an der Erfuͤllung ſeiner Zu⸗ ſage verhindert werden. Vom Tanze erſchoͤpft, hatte ſie ſich jetzt an die Seite der Graͤfin hingeſetzt, waͤhrend ſich der Armenier mit einer artigen Colombina neckte, und von einem Arlequino ſcherzend nach dem Ausgange gedraͤngt wurde, wo er ſchnell und unbemerkt hinausſchluͤpfte. Der Graͤfin entging Dianorens aͤngſtliche Befangenheit nicht; in der Meinung, daß die Beſorgniß von Scipio's etwa⸗ niger Anweſenheit der Grund davon ſey, bemuͤhete ſie ſich, ſie durch die Verſicherung zu beruhigen, daß ſie die anweſenden Masken ſorgfaͤltig beob⸗ achtet aber keine bemerkt habe, welche ihren Sohn darunter vermuthen laſſe. Dianora war jetzt weniger mit einer etwanigen Gegenwart des jungen Grafen, als vielmehr mit dem geliebten Manutti beſchaͤftigt, und uͤberhaͤufte ſich im Stil⸗ len mit Vorwuͤrfen, daß ſie ihrer zaͤrtlich um ſie beſorgten Mutter aus dem von ihm erhaltenen Briefe und ſeiner verſprochenen Theilnahme an dem Feſte, ein Geheimniß gemacht hatte. Eben war ſie im Begriffe, dieſen Fehler wieder gut zu — 163— machen und ſich der Graͤfin mitzutheilen, als die hellblaue Maske mit der weißen Binde und der ſchwarzen Bruſtſchleiſe durch eine Seitenthuͤre des Saales hereintrat und mit auf ſie gerichtetem Blick an ihr voruͤberſchritt.— Ihre freudige Ueberraſchung war ſo ſtark, daß ſie Muͤhe hatte, ſie vor der Graͤfin zu verbergen. Ihr Herz flog dem hellblauen Ritter entgegen; ſeine Erſcheinung hatte ihre vorige Aengſtlichkeit ſchnell hinweggeſcheucht, und mit unverwandten Blicken war ihr Auge auf ihn hingerichtet, als er in ihrer Naͤhe verweilte, um dem Tanze zuzu⸗ ſehen. Jetzt bemerkte ſie auch den Armenier wieder, der dem blauen Ritter auf dem Fuße folgte, ſich zu dieſem hindraͤngte und ihn mit forſchenden Blicken zu muſtern ſchien. Da ihr daran lag, daß Cerrino nicht etwa den geliebten Manutti unter ſeiner Maske entdecken moͤchte, ſo trat ſie naͤher hinzu, um ſeine Aufmerkſamkeit durch ein Geſpraͤch mit ihm von Manutti abzu⸗ leiten. Allein mit Befremden bemerkte ſie, daß der Armenier ihr nicht Stand hielt, ſondern ſich ſchnell von ihr hinweg und nach einem leichtfer⸗ tigen Blumenmaͤdchen wandte, und mit demſelben ſich unter die Tanzenden miſchte. Der blaue Ritter gleitete jetzt an ihr voruͤber und ein verſtohlener Druck der Hand ſagte ihr, 4 L 2 4 8 — 164— daß er der laͤngſt Erwartete ſey. Mit Freuden nahm ſie ſeinen Arm an, als er kurz darauf ſie zum Tanze einlud, und leicht auf dem Fittig der Liebe ſchwebte ſie mit ihm durch die Reihen dahin. 4 Der T Tanz war jetzt beendigt. Dianora wollte ich an dem Arme ihres Taͤnzers auf ihren vori⸗ n Platz neben der Graͤfin zuruͤckbegeben, da ſtand ploͤtzlich die ſchwarze Maske wie ein Schreckensgeſpenſt vor ihr, bei deren Anblick der blaue Ritter mit einer hoͤflichen Verbeugung gegen Dianoren zuruͤcktrat. Ddieſe wollte der ſchwarzen Maske ausweiche aber letztere ergriff ihre Hand und zeigte auf den Ring ihres V ters an ihrem Finger.„Was ſoll das?“ fragte D a nora uͤberraſcht; jedoch ohne ihr Antwort zu geben, erhob die Maske blos die Hand und machte eine pantomimiſche warnende Bewegung, indem ſie unter die uͤbrigen Masken zuruͤcktrat. Dianora ſtaunte dem Sehwarzen nach und konnte die Anwandlung eines innern Grauens nicht unterdruͤcken. Ehe ſie Zeit gewann daruͤber nachzudenken, was er mit ſeiner Warnung wolle, ſchwebte der blaue Ritter an ihr voruͤber und fluͤſterte ihr leiſe zu, ihm unbemerkt in ein an⸗ grenzendes Seitenzimmer zu folgen. Da jetzt der Armenier die Graͤfin zum Tanze aufzog, ſo erhielt Dianora dadurch um ſo beſſere G — 165— heit, ſich unbemerkt nach dem Seitenzimmer hin⸗ zuziehen, wo ſie die blaue Maske erwartete und an deſſen Eingang ſich der alte Eremite ſinnig hingelehnt hatte. Ohne dieſen weiter zu beruͤckſichtigen, ſchluͤpfte, ſie hinein und flog dem Geliebten entgegen. Sie theilte ihm ihre vorige aͤngſtliche Erwartung, ſo wie den Auftritt mit dem ſchwarzen Warner mit. „Laß das gut ſeyn,“ erwiederte die blaue Maske mit leiſer Stimme,„dieſer Warner mag es wohl gut mit uns meinen, aber meine Gegenwart macht ſeine Warnung uberfluͤßig.“ Sie entdeckte dem Geliebten die Mittheilun⸗ gen Cerrino's von Scipio's feindſeligen Anſchläͤ⸗ gen.„Ich weiß alles,“ fluͤſterte er ihr mit lei⸗ ſer, kaum kennbarer Stimme zu.„Cerrinos gutgemeinte Anzeige enthaͤlt Wahrheit; allein ich habe Mittel gefunden, Dich auf immer von Scipio's Nachſtellungen zu befreien, wenn Du Dich mir uͤberlaſſen willſt. Mein Wagen ſteht bereit, Dich ſogleich in Sicherheit zu bringen, was morgen zu ſpaͤt ſeyn moͤchte; ſey daher ganz unbeſorgt und laß keine eitle Furcht das Gluͤck dieſer Stunde truͤben.“ Sie ſank in ſeine Arme, als ein Geraͤuſch in ihrer Naͤhe ſie daraus aufſcheuchte. Erſchrocken 8 bebte ſie zuruͤck; es war die ſchwarze Maske, die ſich dicht neben ihr in ein Fenſter gelehnt hatte und die vorige Pantomime wiederholte. 3 „Wir werden beobachtet,“ fluͤſterte ihr der blaue Ritter in bemerkbarer Verlegenheit zu,„laß uns einen guͤnſtigern Augenblick erwarten, wo wir ungeſtoͤrt bleiben koͤnnen.“ Er bot ihr den Arm und geleitete ſie in den Saal zuruͤck; ſie miſchten ſich wieder unter die Tanzenden. Im Voruͤberfliegen raunte der Armenier Dianoren zu;„Viel Gluͤck zur neuen Bekanntſchaft!"“) Dianora fuͤhlte ſich an dem Arme des Gelieb⸗ ten ſo uͤberaus gluͤcklich, daß ſie alles Andere um ſich her vergaß und ſich unbeſorgt dem Genuſſe der Freude uͤberließ. Der blaue Ritter benutzte ihre frohe Stimmung und riß ſie immer mehr mit ſich in den betaͤubenden Wirbeln des Ver⸗ gnuͤgens dahin. Gleichwohl entging es ihr nicht, daß ſein Auge fortwaͤhrend ſchuͤchtern die ſchwarze Maske ſuchte. Jetzt erblickte er dieſe im Geſpraͤche mit dem alten Eremiten am obern Ende des Saals, und ſchnell nahm er dieſen Augenblick wahr, wo er ſich von dem Schwarzen unbeobachtet glaubte, mit Dianoren eilig zu entſchluͤpfen. 1 Dianora war in heftiger Wallung. Von Tanz und Wein erhitzt und von Leidenſchaft durchgluͤht, ſtuͤrmte ihr Blut mit wilder Glut durch ihre Adern, als ſie ſetzt ihr Begleiter nach eine gelegenen, nur vom Mondlich Zimmer geleitete, deſſen Thuͤre ſchloß. Er legte die L. rve a ſchlug hoͤrbar ihr Herz an ruſt, ihre Lip⸗ pen brannten in ſieberiſch at auf den ſeini⸗ gen; ſeine Arme hielten ſie feſt umſchlungen. Vor ihren Augen ward es dunkel, und kaum noch ihrer ſelbſt bewußt, wand ſie ſich nur noch ſchwach gegen ſeine ſtuͤrmiſchen Liebkoſungen. Da krachte ploͤtzlich die Thuͤre des Zimmers zuſammen, und von Lichterglanz umgeben, ſtuͤrmte die ſchwarze Maske in Begleitung des alten Eremiten herein. „unbeſonnene!“ rief der Schwarze Dianoren mit furchtbarer Stimme zu, indem er die blaue Maske aus ihren Armen riß und ſie von ihr hin⸗ wegſchleuderte. Wuͤthend ſprang der blaue Ritter dem Schwarzen entgegen; dieſer faßte ihn jedoch mit ſo ſtarkem Arme, daß er ihm die Larve, die Jener ſchnell wieder vorgenommen hatte, von dem Geſichte riß, ehe er es verhindern konnte. Mit einem lauten Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte Dianora in die Arme des alten Eremiten, als ſie dem blauen Ritter in das Geſicht ſchauete;— es war Cerrino. — Dieſer tobte in der heftigſten Wuth; es ge⸗ lang ihm, ſeinem Gegner die ſchwarze Larve her⸗ abzureißen. Aber von Schrecken und Entſetzen Liebegluͤhend — 168— durchbebt, ſtuͤrzte er zum Zimmer hinaus, als ihn unter dem ſchwarzen Talare hervor ein nack⸗ ter Todtenſchaͤdel anſtarrte.— Die Graͤfin hatte Dianoren vermißt und ſich vergebens nach ihr umgeſehen. Beſtuͤrzt uͤber ihr ploͤtzliches Verſchwinden, war ſie nebſt ihrem Ge⸗ mahl eben im Begriffe, ſie aufzuſuchen, da draͤngte ſich eilig die Maske des Eremiten zu ihnen hin und fuͤhrte ſie nach jenem Zimmer, wo ſie Dia⸗ noren bewußtlos in den Armen der ſchwarzen Maske erblickten. 4 Der Graf traf ſogleich Anſtalten, Dianoren Huͤlfe zu ſchaffen. Noch war man bemuͤht, ſie aus ihrer Betaͤubung zu ermuntern, als Cerrino mit allen Zeichen gewaltſamer Beſtuͤrzung in ſeiner armeniſchen Maske hereinſtuͤrzte. Der Schwarze hatte die Verwirrung benüuͤtzt, ſich zu entfernen. „Was iſt geſchehen?“ fragte man ſich gegen⸗ ſeitig, ohne daß Jemand Antwort geben konnte. Dianora oͤffnete endlich die Augen; heftig ſchau⸗ derte ſie aber zuruͤck und verbarg ihr Geſicht an dem Buſen der Graͤfin, als ſie Cerrino erblickte. Mit der zaͤrtlichſten Beſorgniß baten ſie der Graf und die Graͤfin um Erklaͤrung. Sie war kaum vermoͤgend ein Wort hervorzubringen;„de 5 *ℳ blaue Ritter!“ ſtammelte ſie mit bebenden Lippen und ſank in die Arme der Graͤfin zuruͤck. „Wo iſt er?“ fragte der Graf, indem er for⸗ ſchend umherblickte. 8 „Hier ſteht er!“ erwiederte Dianora mit hin⸗ weggewandtem Geſicht und zeigte auf Cerrino. „Ermuntern Sie ſich!“ ſprach dieſer naͤher hinzutretend, mit ſuͤßſchmeichelnder Stimme. „Sehen Sie mich an, uͤberzeugen Sie ſich von Ihrem Irrthume; ich bin es, es iſt nicht der blaue Ritter, der vor Ihnen ſteht.“ „Was iſt das?“ ſtammlte Dianora, indem ſie Cerrino anſtarrte,„habe ich blos ſo ſchreckbar getraͤumt, oder hat mich ein Gaukelſpiel getaͤuſcht? Doch nein! nein! ich irre mich nicht! o ein ungeheuerer, unerhoͤrter Betrug! Sie waren es ſelbſt!“ 3 8 8 Die Graͤfin bot alles auf, Dianoren zu be⸗ ruhigen und ſie zu einer deutlicheren Erklaͤrung zu veranlaſſen. Ein neues heftiges Erſtaunen bemaͤchtigte ſich der Anweſenden, als Dianora ſich endlich ſammelte und den vorigen Auftritt erzaͤhlte. In demſelben Augenblicke, wo dieſer Auftritt vorgefallen war, hatte die Graͤfin mit deem Armenier getanzt; er ſtand jetzt ohne Larve Cerrino wirklich vor ihr. Unmoͤglich konnte an zwei Orten zu gleicher Zeit ſeyn. Das —. 170— 6 ſ ſahe Dianora zwar ſelbſt ein, und dennoch glaubte ſie ſich nicht geirrt, ſondern nur zu gewiß in ihm den blauen Ritter erkannt zu haben. Wer ſollte nun dieſes Raͤthſel loͤſen? Cerrino bekraͤftigte mit den feierlichſten Be⸗ theuerungen, daß er von allen dieſen Dingen nichts begreife, und erbot ſich dazu, unverzuͤglich den blauen Ritter, ſo wie die ſchwarze Maske und den Eremiten aufzuſpuͤren; aber der Eine wie die Andern waren verſchwunden. Der Graf hatte zwar ſogleich befohlen, die Ausgaͤnge zu beobachten und die ſchwarze Maske und ihren Begleiter, den Eremiten, ſo wie den blauen Ritter anzuhalten; aber alle getroffene Maß⸗ 4 regeln blieben ohne Erfolg. Von keiner dieſer Masken war eine Spur zu finden; man erfuhr blos, daß nur zwei rothe Domino's ſich entfernt haͤtten, die unmittelbar der Begleitung des Fuͤr⸗ ſten bei deſſen Weggange gefolgt waͤren. Spaͤter⸗ hin berichtete Lucillo noch, daß er den blauen Ritter wollte in dem Augenblicke bemerkt haben, wo er eine Hintertreppe hinabeilte. — Dieſer ſeltſame Auftritt hatte in dem Hauſe des Grafen Montaldi neue Unruhe verbreitet. Beſonders auf Dianoren wirkte er jeht u his ei⸗ —— — 171— 4 anwandte, um noch ſchlimmeren Folgen fuͤr deren angegriffene Geſundheit vorzubeugen. Der Graf befand ſich vorzuͤglich wegen der ſchwarzen Maske in nicht geringer Verlegenheit; ſeine Gemahlin beſtuͤrmte ihn mit Bitten, ihr daruͤber einige Erklaͤrung zu geben, die ihm ſelbſt mangelte. Dieſe Maske hatte ſich auf ihn berufen; er ſelbſt hatte ihr den Eintritt perſchafft, und ſo hielt es ſchwer, die Graͤfin zu uͤberzeugen, daß er ſie nicht gekannt habe; gleichwohl war er wirk⸗ lich nur durch den Brief eines Freundes auf die Erſcheinung derſelben vorbereitet und zu deren Einfuͤhrung aufgefordert worden. Um ſeinen Verſicherungen bei der Graͤſin mehr Glauben zu verſchaffen, daß er bei voͤlliger Ungewißheit im allgemeinen, bloße Vermuthungen einer geheimen Mitwirkung von Seiten Lorenzo's hege, legte er ihr den erhaltenen Brief vor. In demſelben wurde er auf eine Gefahr aufmerkſam gemacht, welche die argliſtigſte Verfuͤhrung fuͤr eine ihm ſehr theuere Perſon bereite, und zugleich aufgefordert, einer ſchwarzen Maske, die ſich ihm durch Loren⸗ 3zo's Portrait kennbar machen und ſich auf ihn berufen wuͤrde, zur Abwendung der Gefahr den Zutritt bei dem Feſte zu verſchafen. Cerrino's Beſuch war ihm jetzt ſehr willkom⸗ men, inſofern er dadurch weiteren Erklaͤrungen * * am beſten ausweichen, das Geſpraͤch abbrechen und es auf andere Gegenſtaͤnde leiten konnte. Da man Cerrino nicht fuͤglich einen ſo uͤberaus hohen Grad von Keckheit zutrauen konnte, daß er es nach dem geſtrigen Vorfalle wagen ſollte, Diano⸗ ren und ihren Pflegeltern mit ſo vieler Freimuͤthig⸗ keit unter die Augen zu treten, wenn Dianora ihn wirklich in der blauen Maske nicht verkannt hatte: ſo mußte nothwendig ſeine gegenwaͤrtige Erſcheinung den gegen ihn gehegten Verdacht noch mehr niederſchlagen. Die Unbefangenheit, womit er ſich mit dem Ausdrucke der aufrichtigſten Theil⸗ nahme nach Dianorens Befinden erkundigte, ohne die mindeſte Spur von Zwang oder Verlegenheit blicken zu laſſen, ſo wie ſeine Aeußerungen der Erbitterung gegen die Nichtswuͤrdigkeit der blauen Maske, ſchienen es unleugbar darzulegen, daß ihm Dianora Unrecht gethan habe. „Haben Sie ſich von Ihrem Irrthume uͤber⸗ zeugt?“ fragte er dieſe mit fuͤßſchmeichelndem Tone. Die heſtigſte Erſchuͤtterung, welche ſie zwang, ihr Geſicht an dem Buſen der Graͤfin zu verbergen, und eine abwehrende Bewegung mit der Hand, gaben zu erkennen, daß ihr diefe Ueberzeugung noch fehle. „JIhre Zweifel ſchmerzen mich tief,“ fuhr Cerrino fort,„und um ſo mahr werde ich es mir — 173— auch angelegen ſeyn laſſen, die bereits bemerkte Spur des Verraͤthers zu verfolgen und nicht eher zu raſten, bis ich meine Vermuthungen zur Ge⸗ wißheit erhoben habe.“ „Der Schreck der gewaltſamen Ueberraſchung hat Dein Auge getaͤuſcht,“ ermahnte ſie die Graͤfin, „ich bin davon, ſo wie von der Unſchuld des Herrn Grafen vollkommen uͤberzeugt. Er war waͤhrend jenes Vorfalls mein Taͤnzer, und hatte ſich kaum erſt von mir entfernt, als der Eremit mich zu Dir abrief. Wie konnte er alſo wohl in Leinem und demſelben Augenblicke hier und auch dort ſeyn?“ Cerrino. Sie wollen gefaͤlligſt bemerken, daß ich ſelbſt der blauen Maske bei ihrem Ein⸗ tritte auf dem Fuße nachfolgte, weil ſie mir ver⸗ daͤchtig vorkam, und ich eine gewiſſe bekannte Perſon unter dieſer Maske vermuthete. Sie ſelbſt verhinderten mich durch Ihr Anſchließen an die⸗ ſelbe, meine Beobachtung fortzuſetzen, da ich doch nothwendig glauben mußte, daß Sie den blauen Ritter kannten; es waͤre alſo von mir ſehr unbe⸗ ſcheiden geweſen, wenn ich mich zwiſchen Sie und Ihren Taͤnzer gedraͤngt haͤtte. Meinen Argwohn wuͤrde ich uͤbrigens gewiß dann beſtaͤti⸗ get gefunden haben. 4 Graͤfin. Welchen Argwohn! He — 174— Cerrino. Ich wage es noch nicht, ihn in Ihrem Beiſeyn auszuſprechen, obgleich ich kaum noch die Richtigkeit deſſelben bezweifeln kann. Ich hoffe, daß Sie, liebe Dianora, mich ver⸗ ſtehen werden, wenn Sie ſich meiner fruͤhern Andeutungen erinnern wollen. Dianora. Erklaͤren Sie ſich beſtimmter; ich habe vor dieſen beiden wuͤrdigen Perſonen keine Geheimniſſe. Graͤfin. Dianora hat ſich mir uͤber das, was Sie ihr vertrauten, mitgetheilt. Ich er⸗ rathe daher, was Sie uns verſchweigen wollen und beſorge, daß Ihre Vermuthung gegruͤndet ſeyn koͤnne. Cerrino. Vieleeicht dient dieſer kleine Me⸗ daillon dazu, die gefundene Spur weiter zu ver⸗. folgen. Mein Kammerdiener Lucillo fand ihn in der Naͤhe der Hintertreppe, uͤber welche er den blauen Ritter eiligſt die Flucht ergreifen ſahe. Er uͤberreichte der Graͤfin den Medaillon; Dianora erkannte ihn zu ihrem Erſtaunen fuͤr denſelben, den ſie Scipio in den erſten Tagen ihrer Bekanntſchaft geſchenkt hatte. Von ihren eigenen Haaren war darin ihr Namenszug zu⸗ ſammengeſetzt, und da ſie dieſen ſelbſt geflochten hatte, ſo konnte ſie ſich nicht taͤuſchen, und es fehlte daher nichts weiter zu einem vollguͤltigen — 175— Beweiſe, daß Scipio ſich unter der blauen Maske verſteckt hatte. So ſchwer es auch dem Grafen ſiel, ſeinem 1— Sohne eine ſolche Buͤberei zuzutrauen, ſo konnte er doch dieſen Zeugen nicht verwerfen. Nur mußte ihm um ſo mehr daran liegen, ſich volle Gewißheit zu verſchaffen. Cerrino erbot ſich, die deshalb zu treffenden Maßregeln auf das thaͤtigſte zu unterſtuͤtzen, und verſicherte wiederholt, daß er zu dem Gelingen die beſte Hoffnung habe. Der Graf wuͤnſchte auch im Stillen, daß ſeine Bemuͤhungen, zugleich uͤber die ſchwarze Maske und deren verborgenen Aufenthalt be⸗ ſtimmtere Gewißheit zu erhalten, von gutem Erfolge ſeyn moͤchten, woran er jedoch bei ge⸗ nauerer Erwaͤgung zweifelte. Er wußte, daß der Oberſte Petardo es war, der ihn in dem geſtrigen Briefe von der Ankunft der ſchwarzen Maske und der Abſicht ihrer Erſcheinung Nach⸗ richt gegeben und ihn um ſeine Vermittelung erſucht hatte, damit ihrem Eintritte kein Hinder⸗ niß entgegen geſetzt wuͤrde. So ſehr auch dieſe Maske ihre Geſtalt unter dem ſchwarzen Talare verſteckte, ſo fand er dennoch in deren langem ſtarken Wuchſe und ganzem Benehmen eine ſo große Aehnlichkeit mit Petardo, daß er ziem⸗ lich gewiß zu ſeyn glaubte, daß die ſchwarze .“ 8 r. — 476,— Maske niemand anders als Petardo geweſen ſey. Da dieſer jedoch nach ſeinen fruͤhern Erklaͤrungen wichtige Gruͤnde hatte, noch eine Zeitlang in ſeiner Verborgenheit zu verweilen, ſo mußte der Graf die Hoffnung noch aufgeben, ihn bei den gegenwaͤrtigen Nachforſchungen aus ſeiner frei⸗ willigen Verbannung hervortreten zu ſehen. Dianora beſtand jetzt mehr als jemals auf ihrem ſchleunigen Abgange nach den Bernhar⸗ dinerkloſter. Nach der letzteren Schreckensſcene glaubte ſie nirgends Ruhe zu haben, bis ſie ſich unter dem Schutze jener heiligen Mauern befinden wuͤrde. Ihre vorige Aengſtlichkeit wegen des ge⸗ liebten Manutti war durch den gefundenen Me⸗ daillon ziemlich gehoben worden, da dieſer hin⸗ läͤnglich zu beweiſen ſchien, daß ſich Scipio noch innerhalb der Reſidenz aufhalte und wirklich auf dem Maskenballe zugegen geweſen ſey. Auch ſchien es ihr jetzt klar, daß Scipio den ver⸗ meinten Brief von Manntti untergeſchoben habe, und daß dieſer laͤngſt ſchon an dem Orte ſeiner Beſtimmung mußte angekommen und vor Sci⸗ pio’s Nachſtellungen ſicher ſeyn. Zu ihrer groͤßern Se uhiaun wurde dieſe V Merhehuns duch einen 3 — 177— Ankunft in Latago anzeigte, und zugleich Diano⸗ ren angelegentlichſt um Beſchleunigung ihres Ab⸗ Sanas in das Kloſter bat. Man zoͤgerte nicht, ihren deshalb wiederhol⸗ ten Sehe nachzugeben; der folgende Tag wurde zur B Befriedigung derſelben feſtgeſetzt. Dianora hatte ihre beiden Pflegeltern dringend erſucht, die groͤßte Vorſicht und Verſchwiegenheit zu beob⸗ achten, und um ihr hierin zu willfahren, ließ die Graͤfin Cerrino vermuthen, daß es hierbei blos auf eine kleine Spazierfahrt abgeſehen ſey. Auch machte ſie ihm auf ſeine Bitten, Hoffnung, daß es ihm vielleicht mit Dianorens Zuſtimmung bewilliget werden duͤrfte, ſie zu begleiten. Dianora fand aber nicht fuͤr rathſam, dieſe Begleitung anzunehmen. In aller Stille reiſte ſie am folgenden Morgen in Geſellſchaft der Graͤfin und in Fallo's Begleitung nach dem Klo⸗ ſter ab. Cerrino ſtellte ſich kurz nach ihrer Ent⸗ fernung bei dem Grafen ein, und ſchien ziemlich empfindlich zu ſeyn, daß Dianora die Gewaͤhrung ſeiner Bitte verweigert hatte. Eben war er im Begriffe, ſich nach einer kur⸗ zen Unterhaltung mit dem Grafen, wieder zu empfehlen, als Fallo bleich und athemlos herein⸗ ſtuͤrzte und dem Grafen meldete, daß der Wagen, welcher Dianoren und die Graͤfin fuͤhrte, unter⸗ III. M wegs von verkappten Maͤnnern ſey uͤberfallen und Dianora geraubt worden. Dieſe Schreckenspoſt wirkte wie ein Donner⸗ ſchlag auf den Grafen und, wie es ſchien, auch mit gleicher Staͤrke auf Cerrino.„Großer Gott!“ rief der Letztere ganz außer ſich vor Schreck, „Dianora geraubt? O, warum durfte ich ſie nicht begleiten? warlich! das Bubenſtuͤck haͤtte nicht gelingen ſollen!“ Sobald ſich der Graf einigermaßen von der erſten Beſtuͤrzung wieder geſammelt hatte, ließ er ſogleich aufzaͤumen, und jagte unverzuͤglich nach der Gegend des Ueberfalles hin. Cerrino folgte ihm in Begleitung einiger Bedienten. Der Graf traf ſeine Gemahlin in wilder Verzweiflung in einer Bauernhuͤtte unweit der kleinen Waldung, wo die That geſchehen war. Im Begriff, den Naͤubern nachzuſetzen, wurde ſo eben ein Verwun⸗ deter gebunden hereingefuͤhrt, den man bei die⸗ ſem Ueberfalle ergriffen hatte. „Caſſio!“ rief der Graf voll Verwunderung, als er in dem Gefangenen den Kammerdiener ſei⸗ nes Sohnes erkannte.„So iſt es denn Wahrheit? mein Sohn iſt der Maͤdchenraͤuber?“ Der Gefangene weigerte ſich nicht zu geſtehen, daß ſein Herr wirklich der Anſtifter dieſes Maͤd⸗ chenraubes ſey, indem er ſowohl ihm als ſeinem — — 179— zweiten Diener, Lubino, Befehl ertheilt habe, unnter Beihuͤlfe einiger dazu gedungenen Leute Dianoren zu entfuͤhren und ſie nach ſeiner Villa Portizzo unweit, der Sankt Thekla Kapelle, zu pbringen. Hier habe er ſich ſeit ſeiner Abreiſe verborgen gehalten und ſie erwartet. Kaum hatte der Graf den Aufenthalt ſeines Sohnes erfahren, ſo eilte davon. Scipio lauerte indeſſen voller Erwartung in ſeiner Villa auf Dianorens Ankunft, als ſein Vater in groͤßter Hitze zu ihm hereinſtuͤrzte und ſein Harren in Schreck verwandelte.„Nichts⸗ wuͤrdiger!“ rief ihm dieſer entgegen,„ſo lohneſt Du mir fuͤr meine vaͤterliche Liebe, daß Du den Rock der Ehre, den Du traͤgſt, durch Straßen⸗ raub ſchaͤndeſt? Zittere vor meinem Zorne! Wo 3 iſt die Geraubte?“ „Wen meinen Sie, mein Vater?“ fragte — er 4 — Scipio beſtuͤrzt,„doch nicht Dianoren?“ „Daß Du noch fragen kannſt,“ unterbrach ihn ſein Vater,„glaubſt Du mich durch Ver⸗ 3 4 ſtellung zu taͤuſchen? Deine Buͤberei iſt entdeckt. 3 Dein Laͤugnen vermehrt nur Deine Schuld. Bekenne! wo haſt Du Dianoren?“ 3 Scipio. Sie iſt nicht hier, ich ſahe ſie nicht. Graf. Kannſt Du es laͤugnen, daß Du, M 2 „ dem nichtswuͤrdigen Caſſio entgegenſtellen, um —., 180— mit Straßenraͤubern im Bunde, Dianoren auf der Straße uͤberfallen und hierher bringen ließeſt? Auch ohne Dich werde ich ſie zu finden wiſſen. Scipio. Beſaͤnftigen Sie ſich, mein Va⸗ ter und hoͤren Sie mein offenes aufrichtiges Be⸗ kenntniß. Ich ſchwoͤre Ihnen bei allen Heiligen, daß Dianora nicht in meiner Gewalt ſich befindet. Ich laͤugne aber nicht, daß ich den Entſchluß gefaßt hatte, Dianoren Ihrer grauſamen Haͤrte, und der Verbannung zum Kloſter zu entreißen. Ich verhehle es auch nicht, daß ich Veranſtaltung traf, Dianoren hierher zu entfuͤhren; aber bis auf dieſen Augenblick ſahe ich ungeduldig ihrer Ankunft entgegen. Graf. Deine Verſtellung iſt vergebens. Dianora iſt geraubt, ſie iſt es durch Dich und Deine Helfershelfer; ſie befindet ſich hier, ich weiß es, und zeigſt Du mir nicht ſogleich den— Ort an, wo Du ſie verborgen haͤltſt, ſo werde ich ihn ſchon ohnedies zu finden wiſſen. Scipio(mit allem Ausdrucke der Beſtuͤr⸗ zung:) Dianora iſt geraubt? und gleichwohl iſt ſie nicht hier? Was heißt das? Vater! ich bitte, ich beſchwoͤre Sie, erklaͤren Sie mir das! Wenn und wo wurde Dianora geraubt? Graf. Soll ich Dich Deinem Helfershelfer, — 18¹— Dir Deine Fragen beantworten zu laſſen? Wiſſe, daß Caſſio bei dem Ueberfalle ergriffen wurde und ſich gegenwaͤrtig verwundet in meiner Ge⸗ walt befindet. Er hat alles bekannt. Scipio(mit zunehmender Heſtigkeit„ Was hat er bekannt? O, laſſen Sie mich alles wiſſen⸗ Graf. Daß ich Dir noch laͤnger Rede ſtuͤnde! Genug, Dianora iſt buͤbiſch geraubt; ſie iſt auf offener Straße gewaltſam durch Deine Genoſſen von der Seite meiner Gemahlin hin⸗ weggeriſſen worden. Du biſt der Raͤnber. Scipio. Gerechter Gott! Wer loͤſt mir das Raͤthſel? „Graf. Wenn Du nicht ſelbſt mir gutwillig den Schluͤſſel zu dieſem vorgeblichen Raͤthſel giebſt, ſo will ich ihn ſchon auf eine andere Art erhalten.(Er zieht ſtuͤrmiſch die Glocke.) Albero.(der dem Grafen hierher nachge⸗ folgt war, tritt herein.) Graf. Geſchwind, Alter! rufe alle Leute dieſes Hauſes zuſammen, laß alle Thuͤren oͤffnen und hilf mir meine Tochter ſuchen. Albero. Herr Graf, außer Ihnen und Ihrem Herrn Sohne iſt jetzt kein Menſch weiter hier. Vor wenigen Minuten iſt jedoch ein Bote an Ihren Herrn Sohn eingetroffen, der ſeltſame Meldung bringt. Graf. Geſchwind, laß ihn herein. Albero.(oͤffnet die Thuͤre:) Hier iſt er ſchon. 1 Lubino.(Scipio's Bedienter tritt verſtoͤrt herein und ſtutzt, als er den Grafen erblickt.) Scipio.(ihm raſch entgegen:) Geſchwind, Lubino, ſage, wo iſt Dianora? Verſchweige nichts; jetzt darf mein Vater alles wiſſen. Wo iſt Dianora?„ Graf.(ergrimmt:) Glaubt Ihr mich durch dieſes elende Glaukelſpiel zu aͤffen? Scipio. Mein Vater, laſſen Sie ihn ſprechen; ſo ſehr auch der Schein gegen mich zeugt, ſo ſchwoͤre ich Ihnen dennoch heilig, daß ich nichts von Dianoren weiß. Eile, Lubino, ſprich! laß uns alles wiſſen! Lubino. Ihr Auftrag wurde von uns puͤnkt⸗ lich befolgt. Wir lagen im Hinterhalte verbor⸗ gen. Als der bezeichnete Wagen erſchien, bra⸗ chen wir gegen ihn hervor; das Fraͤulein wurde herausgeriſſen. Schon im Begriffe, ſie mit Caſ⸗ ſio's Huͤlfe nach dem bereitſtehenden Wagen zu bringen, ſtellten ſich uns einige baumſtarke Bur⸗ ſche entgegen, die uns zu Boden warfen und uns unſre Beute wieder entriſſen. Als ich mich vom Boden aufraffte, ſahe ich ſie mit der Geraubte uͤber die Haide davon jagen. 3 5 — n — — 183— Scipio.(ſpringt nach der Thuͤre.) Graf.(vertritt ihm ſchnell den Weg!) Halt! Wohin? Scipio.(außer ſich:) Daß Sie das noch fragen koͤnnen! Hinaus! den Raͤubern nach! Laſſen Sie mich! jeder Augenblick iſt koſtbar! Graf. Nicht von der Stelle! Dieſes Maͤhr⸗ chen taͤuſcht mich eben ſo wenig als Deine Ver⸗ ſtellung. Du bleibſt und wagſt es nicht, ohne meine ausdruͤckliche Erlaubniß dieſes Zimmer zu verlaſſen Du entkommſt mir nicht. EEr eilt mit Albero hinaus, indem er die Thuͤre hinter ſich verſchließ.) Scipio. Lubino! hilf! rathe! was ſoll ich beginnen? um Dianoren zu befreien? Haſt Du keine Vermuthung, wer die Raͤuber waren? Lubino. Vermuthung iſt noch keine Ge⸗ wißheit, und kann truͤgen. 8 Scipio. Der ſchwaͤchſte Schimmer von Wahrheit muß mir jetzt unendlich viel werth ſeyn, um die Spur zu finden. Lubino. Ih vermuthe, das die Geraubte in guten Haͤnden und unter dem Schubze der Kirche ſich befindet.— Wie? wenn Ihr Herr Vater Ihren Anſchlag erlauſcht haͤtte und Ihnen zuvorgekommen waͤre! Sei pio. Unmoͤglich! Wuͤrde er alsdann 3 — 184— mit dieſem wilden Zorne Dianoren von mir ſordern? Lubino. Dianora war ſchon in unſern Haͤnden, als jene Unbekannten auf uns ein⸗ drangen, und die Beſinnung ſo wie die Kraft unſerer Getreuen durch den Zuruf laͤhmten:„Im Namen Seiner Durchlaucht und des Grafen Montaldi, gebt Eure Beute zuruͤck!“ worauf ſo⸗ gleich die uns zugetheilten Helfer eiligſt die Flucht ergriffen und mich mit Caſſio allein ließen. Seipio. Im Namen des Fuͤrſten? Lubino. Im Namen des Fuͤrſten und Ihres Vaters, rief der Unbekannte, der mich zu Boden warf, und hierauf mit ſeinen Genoſſen Dianoren ſchnell in einen naheſtehenden Wagen brachte. Scipio. Ha! ein furchtbares Licht geht mir auf! Wenn es denn doch wahr waͤre, daß mein Vater durch ſeinen Zorn mich nur taͤuſchen wollte! Lubino. Ich habe Ihnen treu berichtet, was ich ſah und hoͤrte, ſetzen Sie ſich das Uebrige ſelbſt zuſammen. Der Graf hatte indeſſen das ganze Haus bis in die Keller hinab durchſucht, ohne die geringſte 1 Spur von Dianoren zu entdecken. Albero wuͤnſchte — 185— ihn endlich von dieſem vergeblichen Suchen ab⸗ zubringen, indem er ihm die nicht unwahrſchein⸗ liche Vermuthung eroͤffnete, daß ſein Sohn wirk⸗ lich keinen Theil an Dianorens Entfuͤhrung habe und ein ganz anderes Gewebe einer boshaften Verraͤtherei dabei zu Grunde liege.„Laſſen Sie uns nach der Reſidenz zuruͤckeilen,“ bat er den Grafen,„dort wird es eher als hier gelingen, den 1 Schleier hinwegzureißen, der dieſes Bubenſtuͤck verhuͤllt.* Es wurde dem Grafen jetzt ſelbſt einleuch⸗ tend, daß ſein laͤngeres Verweilen an dieſem Orte nichts nuͤtzen konnte, und daß Albero's Vermuthung nicht ohne Grund ſey. Gleichwohl war ſein Argwohn gegen Scipio noch nicht ſo ganz entkraͤftet, um dieſen hier zuruͤckzulaſſen, weil vielleicht jene Helfershelfer nach ſeiner Entfernung die Entfuͤhrte hierher bringen koͤnn⸗ ten. Er hielt es daher fuͤr beſſer, Scipio anzu⸗ kuͤndigen, daß er ihm nach der Reſidenz folgen muͤſſe. 1. Wie heſtig erſtaunte er, als ihn bei ſeinem Eintritte dieſer mit bitterm Spotte empfing. 5 „So alſo war es gemeint?“ rief Scipio ihm zu,„Sie ſelbſt ließen es dahin kommen, um nur mich deſto ſicherer durch dieſen erkuͤnſtelten Zorn . zu taͤuſchen? Fordern Sie noch Dianoren von mir? Aahaha e „Bube!“ rief der Graf entruͤſtet,„mir die⸗ ſen Hohn? Reize meinen gerechten Grimm nicht noch mehr!“ Scipio.„Im Namen Seiner Durchlaucht und des Grafen Montaldi!“ war es nicht ſo, Lubino? Lubino. Das war der Zuruf, womit der Unbekannte uns das Fraͤulein entriß und unſere Gehuͤlfen in die Flucht jagte. Graf.(aͤußerſt verwundert:) Was iſt das? Sceipio. Im Namen des Fuͤrſten und des Grafen Montaldi wurde Dianora geraubt, und dennoch fordern Sie ſie von mir? Schade, daß dieſe Mummerei ſobald verrathen wurde. Der Graf drang auf deutlichere Erklaͤrung. Sein Erſtaunen erreichte den hoͤchſten Grad, als Lubino den Vorfall im Zuſammenhange erzaͤhlte. Neue Hoffnung daͤmmerte in ihm auf, indem er vermuthete, daß vielleicht Lorenzo ſelbſt, oder ein anderer ſeiner verborgenen Freunde von Sci⸗ pio'’s Anſchlage Kenntniß gehabt, und ihn ver⸗ eitelt habe. Um ſo mehr eilte er nach der Reſidenz zuruͤck, um ſeine Gemahlin, die bereits dahin voraus war, zu beruhigen und dort genauere Erkundi⸗ * digungen nach Dianoren anzuſtellen. Scipio bat ihn dringend, ihn nicht der oͤffentlichen Beſchaͤ⸗ mung Preis zu geben, ſondern ihm zu verſtatten, hier zu bleiben; aber ſein Vater wies ſeine Bit⸗ ten ſtrenge zuruͤck. Der alte gutmuͤthige Albero benutzte das beſondere wohlwollende Vertrauen, womit ihn der Graf auszeichnete, um ſich eben⸗ falls bittend fuͤr ihn zu verwenden, worauf ſich endlich der Graf bewegen ließ, ihn in dem, ihm zugehoͤrigen Garten nahe vor der Stadt zuruͤck⸗ zulaſſen, und vor der Hand uͤber ſeine Anweſen⸗ heit, ſo wie uͤber ſeinen beabſichtigten Maͤdchen⸗ raub zu ſchweigen. Unter dem Verſprechen ſich ruhig zu verhal⸗ ten und ſich den Verfuͤgungen ſeines Vaters zu unterwerfen, wurde ihm, als ſie dort ankamen, ein Zimmer in einem Pavillon zum Aufenthalte angewieſen. Hier blieb er bis auf weitere Ver⸗ fuͤgungen eingeſchloſſen und bewacht, waͤhrend der Graf nach der Stadt eilte. Er fand ſeine Gemahlin in furchtbarer Gemuͤthserſchuͤtterung. Cerrino, der die Graͤfin ſogleich beſucht hatte, bot ſeine ganze Beredſamkeit auf, ſie uͤber den Verluſt der geliebten Tochter zu beſaͤnftigen, in⸗ dem er ſich feierlich anheiſchig machte, nicht eher zu raſten, als bis er ſie in ihre muͤtterliche Arme wuͤrde zuruͤckgefuͤhrt haben. Die quaͤlende Angſt der Graͤfin wurde jedoch noch um vieles verſtaͤrkt, als jetzt auch ihr Gemahl zuruͤckkehrte, ohne eine Spur von der Geraubten gefunden zu haben, und als ſich die Raͤthſel ihrer Entfuͤhrung durch die Nachricht von Scipio's Verſicherungen und feiner Beſtuͤrzung haͤuften. Der Graf erzaͤhlte in groͤßter Eile der Graͤfin die einzelnen Umſtaͤnde, welche bei dieſer Ent⸗ fuͤhrung obgewaltet hatten. Der darauf gebaue⸗ ten Vermuthung einer kaum noch verkennbaren Wirkſamkeit Lorenzo's ſchenkte die Graͤfin um ſo eher Glauben, da ſie durch die Bemerkung an Wahrſcheinlichkeit gewann, daß das Ereigniß auf dem Maskenballe und namentlich die Erſchei⸗ nung der ſchuͤtzenden ſchwarzen Maske, Lorenzo's fortdauernde Wachſamkeit auf ſeine Tochter be⸗ wies. Es ließ ſich hiernach kaum denten, daß der Anſchlag zu ihrer Entfuͤhrung feiner Auſmerk⸗ ſamkeit und Wachſamkeit hatte entgehen koͤnnen. Auch Cerrino ermangelte nicht, durch ſeine ge⸗ wandte Ueberredungskunſt die Gruͤnde fuͤr dieſe Vermuthung noch mehr auseinander zu ſetzen. Er bat den Grafen dringend um die Erlaubniß, Scipio in ſeiner Gefangenſchaft beſuchen zu duͤrfen; vielleicht gelaͤnge es ihm, bei deſſen ihm Luche geſchenkten Freundſchaft, ihn uͤber ſei en klaͤrung zu bewegen, wodurch man die Spur zur 8 Entdeckung der Wahrheit noch beſſer verfolgen koͤnnte. Der Graf trug bei Cerrino's bewieſener Theilnahme kein Bekenken, ſeinen Bitten zu willfahren, und ohne Verzug eilte dieſer davon. Kaum hatte ſich Cerrino entfernt, ſo erſchien Fallo und meldete, daß ein Fremder vorgelaſſen zu werden wuͤnſche, welcher ſeiner Verſicherung nach, erfreuliche Nachrichten von Dianoren bringe. „Von Dianoren?“ riefen der Graf und ſeine Gemahlin freudig wie aus einem Munde,„ge⸗ ſchwind laß ihn eintreten.“ Der Fremde kam. Der Graf ſah ein bekann⸗ tes Geſicht; es war Pirro. Er kuͤndigte ſich als einen Boten von Dianoren an, und zu groͤßerer Bekraͤftigung ſeiner Botſchaft zeigte er Dianorens Ring vor, den ſie ihm fuͤr dieſe Sendung anver⸗ traut hatte.„Dieſe Zeilen werden Ihnen das Naͤhere ſagen,“ ſprach er, indem er dem Grafen einen Brief uͤberreichte, aber ſogleich den Augen⸗ blick, wo dieſer und die Grafin ſich mit dem Briefe beſchaͤftigten, zur ſchnellen Entfernung benutzte. Haſtig riß der Graf den Brief auf, und hohe Freude belebte ihn und die Gräfin, als ſie folgende Zeilen von Dianorens⸗ eigener Hand laſen:“ — 190— „Ich eile, Ihnen, meine theuerſten Eltern, argliſtiger Bosheit gluͤcklich entronnen bin und mich in voͤlliger Sicherheit befinde. Die 3 Beruͤckſichtigung gewiſſer Umſtaͤnde machen es jedoch nothwendig, daß ich meinen Aufenthalt vor der Hand nicht namhaft mache, um dem Willen derer, die mich retteten, Folge zu lei⸗ ſten, und eben ſo ſehr muß ich Sie bitten, daß auch Sie gegen Jedermann den Inhalt dieſer Zeilen ſorgfaͤltig verſchweigen. Die Beweg⸗ gruͤnde hierzu werden ſich Ihnen ſehr bald ent⸗ falten; dieſe werden meine Bitte vollkommen rechtfertigen, und um ſo gewiſſer Ihnen wieder zufuͤhren Ihre Dianora.“ Scipio befand ſich in ſeiner Gefangenſchaft in einem beklagenswerthen Zuſtande, der durch die Ungewißheit, worin er uͤber Dianoren ſchwebte, um vieles vermehrt wurde. Er tobte gegen ſich felbſt, daß er nicht mit groͤßerer Vorſicht verfah⸗ ren war, und daß er jetzt ganz außer Stand ge⸗ Mit der groͤßten Innigkeit wuͤnſchte er ſeinen Vertrauten, Cerrino herbei, um von ihm Rgth 4 die Nachricht zu ſenden, daß ich den Fallſtricken ſetzt bleiben ſollte, etwas fuͤr Dianoren zu thun. 8 — 191— 8 und Troſt zu erhalten. Als dieſer bei ihm ein⸗ eintrat, flog er ihm uͤberraſcht entgegen und be⸗ ſtüͤumte ihn mit Fragen nach Dianoren. „ Sie iſt in Sicherheit;“ erwiederte Cerrino. Scecipio. In Sicherheit? wo? Cerrino. Du weißt es ja ſchon, daß ſie im Namen des Fuͤrſten und Deines Vaters Dir entriſſen wurde. Scipio. So iſt es denn alſo Wahrheit? Cerrino. Kannſt Du noch daran zweifeln? Ich bin an Dich abgeſendet worden, um das Naͤhere bei dieſem Vorfalle von Dir zu erforſchen und zu vernehmen, ob Du wirklich, wie man ver⸗ muthet, dieſen Ueberfall veranſtaltet haſt? Scipio. Das weißt Du ja ohne meine Erklaͤrung. Du ſelbſt nahmſt ja daran Theil. Du gabſt mir die Leute dazu, die meinen Anſchlag ausfuͤhren ſollten; aber Du hatteſt mich ſehr uͤbel verſehen. Cerrino. Halt! ſo war es nicht gemeint. Wußte ich wohl, was Du eigentlich beabſichtig⸗ teſt? Verſchwiegſt Du mir nicht Deinen Plan? Haͤtteſt Du mir ihn entdeckt, ſo haͤtte ich Dir davon abrathen muͤſſen, und Alles waͤre anders gekommen. Ich verſchaffte Dir zwar einige ſichere Leute, weil Du ſie wuͤnſchteſt, aber ohne zu wiſſen, wozu Du ſie brauchen wollteſt. Ich gab 1 8 2 Dir zwar juͤngſt, nur um Dich zu beſaͤnftigen, einige entfernte Rathſchlaͤge, wodurch Du Dir vielleicht Dianorens Beſitz ſichern konnteſt, wenn Deine Leidenſchaft fuͤr ſie ſich nicht unterdruͤcken ließe, aber ich warnte Di Nauch vor Uebereilung. Du haſt dieſe Warnung ni befolgt, ſo mußt Du Dir uͤber das Geſchehene einzig und allein die Schuld beimeſſen; ich habe keinen Theil daran. Seipio. Ich erſtaune, Dich jetzt ſo ſprechen zu hoͤren. Doch, es ſey; ich will glauben, daß Du Dir blos den Ruͤcken decken und den Verdacht einer Theilnahme von Dir abwenden willſt. Ich will nicht an Deiner theilnehmenden Freundſchaft zweifeln, und feierlich wiederhole ich Dir das Geluͤbde unverbruͤchlicher Verſchwiegenheit, wo⸗ durch ich Dich ſchonen werde. Aber jetzt rathe! hilf! Wie kann ich Dianoren befreien! Cerrino. Sie befindet ſich hoͤchſt wahr⸗ ſccheinlich in einem der benachbarten Kloͤſter, und Du biſt ein Gefangener und außer Stande, ſie zu befreien. Scipio. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich ge gefunden habe. Cerrino. Vergiß es nicht, daß Du gefangen biſt und Urſache haſt, auf Deine eigene Sicher⸗ heit bedacht zu ſeyn. Die Erbitterung Detnes Va⸗ ters gegen Dich laͤßt das Schlimmſte befuͤrchten. * A — 1295— Scipio. Ich verlache ſeine Wuth und werde ihr zu entgehen wiſſen, wenn Du mir beiſtehſt. Cerrino. Verlange nicht mehr von mir, als ich Dir zu gewäͤhren im Stande bin. Soll ich Deinen aufgebrachten Vater Auch gegen mich reizen? Scipio. Deine Freundſchaft fuͤr mich wird das nicht achten und Deine Klugheit Dir die Mittel zeigen, den Zorn meines Vaters von Dir abzuwenden. Ich bitte, ich beſchwoͤre Dich! gieb mir jetzt den uͤberzeugendſten Beweis von Deiner Freundſchaft; erleichtere mir die Flucht. Cerrino. Du verlangſt zu viel; wenn ich auch vielleicht aus Freundſchaft und redlicher Be⸗ ſorgniß, Dich an Deiner Flucht nicht gewaltſam hindern wollte, ſo kann ich Dir dennoch unmoͤg⸗ lich dazu behuͤlflich ſeyn. Sciipio. Freund, Bruder! verlaß mich nicht! Du kennſt meinem Vater, und weißt ſelbſt was ich von ihm jetzt zu fuͤrchten habe. Du wagſt weiter nichts, als hoͤchſtens einen leicht voruͤbergehenden Unwillen. Wenn Du wirklich mein Freund biſt, ſo ſchuͤtze mich vor der Heftig⸗ keit meines Vaters; laß mich Dianoren ſeiner Tyrannei entreißen und mich entfliehen. Cerrino. Nun dann! Dein Freund ſoll III. 4 N 3 — 194— Dich nicht daran verhindern. Was bedarfſt Du noch mehr? die Thuͤre iſt waͤhrend meines Hier⸗ ſeyns geoͤffnet und unbewacht. Wer duͤrfte mir etwas aufbuͤrden, wenn Dein raſcher Entſchluß mich außer Stand ſetzte, der Gewalt Weiderſtann zu leiſten. Scipio. Ha! ich verſtehe Dich, und danke Dir! Er faßte ſchnell ſeinen Hut, ſchleuderte Cer⸗ rino auf einen Seſſel und eilte raſch zur Thuͤre hinaus, indem er dieſe hinter ſich abſchloß und den Schluͤſſel mitnahm. Eben dieſes hatte der liſtige Boͤſewicht durch ſeinen Beſuch bei Scipio beabſichtigt. Dadurch hoffte er Gelegenheit zu finden, ſich ſelbſt vor einer Entdeckung ſeiner Buͤberei beſſer zu ver⸗ wahren. DSobald er den Fliehenden weit genug ent⸗ fernt glaubte, daß er nicht ſo leicht mehr konnte eingeholt werden, nahm er ſeine Maske wieder vor. Er oͤffnete ein Fenſter auf der entgegengeſeb⸗ ten Seite des Pavillons, und rief um Huͤlſe. Sein Geſchrei fuͤhrte ſchnell einige Gartenarbeiter herbei, welche die verſchloſſene Thuͤre gewaltſam aufſprengten und ihn befreieten. Der Zorn des — 195— Grafen erwachte jetzt auf's neue gegen ſeinen Sohn, als Cerrino verſtoͤrt zu ihm hereinſtuͤrzte und mit den abſchreckendſten Farben die Wuth des, bis zur Raſerei eutflammten Juͤnglings ſchil⸗ derte und hinzufuͤgte, wie er ihn zu Boden geworfen und die Ueberraſchung benutzt habe, um die Flucht zu ergreifen und ihn einzuſperren. „Laßt den Nichtswuͤrdigen fliehen!“ rief der Graf,„er mag gehen wohin ſein blinder Wahn⸗ ſinn ihn fuͤhrt; er ſoll der Rache nicht entlaufen!“ Cerrino ſpi elte ſeine Rolle ſo gut, daß auch der geringſte B Verdacht, als habe er vielleicht aus Freundſchaft fuͤr Seipio deſſen Flucht beguͤnſtigt, ſchweigen mußte, und der Graf die Verbindlich⸗ keit fuͤhlte, ihn fuͤr die erlittene Gewaltthaͤtig⸗ keit zu entſchaͤdigen. Cerrino uͤberließ ſich jetzt um ſo mehr der Freude uͤber ſeine gelungene Schlauheit, je mißlicher ſeine Lage und er ſelbſt nahe daran geweſen war, ſeine ganze Buͤberei entdeckt zu ſehen. Mit gutem Vorbedachte hatte er die Maske eines Armeniers gewaͤhlt, da das weite tuͤrkiſche Oberkleid ſehr bequem einen zwei⸗ ten Anzug fuͤr die Maske des blauen Ritters darunter zu tragen erlaubte, und die erſtere Maske binnen wenigen Augenblicken ſich wechſeln ließ. Sein vertrauter Lucillo mußte ihm als tuͤrkiſcher Sklave nachfolgen und bunucht⸗ blos Cerrinois N 2 — 196— reichgeſticktes Oberkleid uͤberzuwerfen und den praͤchtigen Turban aufzuſtuͤlpen, um dann auf das Taͤuſchendſte fuͤr Cerrino zu gelten, waͤhrend dieſer die Rolle des hellblauen Ritters ſpielte. Von Lucillo hatte er Manutti's Hand nachahmen und den Brief an Dianoren ſchreiben laſſen; ſo war Dionora getaͤuſcht und auf Manutti's vor⸗ gebliche Maske aufmerkſam gemacht worden. Der ganze Plan wurde ſo fein angelegt, daß Cer⸗ rino an deſſen Gelingen nicht zweifeln konnte; um ſo unerklaͤrbarer war es ihm, wie man den⸗ ſelben hatte entdecken können. Die Erſcheinung der ſchwarzen Maske hatte ihn in die groͤßte Ver⸗ legenheit gebracht. Nur durch ſeine raſche Ent⸗ ſchloſſenheit, indem er Lucillo ſchnell herbeiwinkte und in einem entfernten Zimmer deſſen armeni⸗ ſche Kleidung eiligſt anlegte, konnte er ſich ret⸗ ten, und alsdann mit frecher Stirne der gegen ihn gerichteten Beſchuldigung Trotz bieten. Da er ſich ſchon laͤngſt auf aͤhnliche Faͤlle vorbereitet hatte, ſo war es ihm nicht ſchwer gefallen, Sei⸗ pio's Zerſtreuung zu benuͤtzenz, um ſich den Me⸗ daillon mit Dianorens Namenszuge ſchon fruͤher unbemerkt zuzueignen, der jetzt die Taͤuſchung vollkommen machte. Aber ungeachtet aller dieſer Vorkehrungen, die den Verdacht nur auf Seipio leiten ſollten, hatte das Ganze eine ſolche unver⸗ — 197— muthete Wendung genommen, daß Alles fuͤr ihn wieder verloren ſeyn mußte, wenn Secipio Zeit gewinnen ſollte, ſich gegen ſeinen Vater deutlicher zu erklaͤren. Daher mußte er dieſer Gefahr durch deſſen Entweichung ſchnell zuvorkommen, und nur jetzt erſt, wo dieſe wirklich erfolgt war, konnte er wieder ruhig ſeyn. Waͤhrend Cerrino den Grafen und deſſen Fa⸗ milie mit den Geweben ſeiner Buͤberei umſtrickte, waren Torſo und die Verſchworenen des ſchwar⸗ zen Bundes auch nicht muͤßig geblieben, das Geſpinnſte ihrer Bosheit zu fördern. Von neuem Muthe belebt, hoben ſie ihre Haͤupter wieder empor. So ſchwankend auch bisher ihre Hoffnungen geweſen waren, ſo feſt ſtuͤtzten ſich dieſe jetzt auf die neu eingegangenen guͤnſtigen Nachrichten aus Latago und aus den entfernteren Provinzen von Yſamo. Obgleich in der Naͤhe des Fuͤrſten Ruhe und Zufriedenheit gegenwaͤrtig herrſchten, ſo beſtaͤtigten jene Nachrichten aus der Ferne fortwaͤhrend das Gegentheil; denn die Mitglieder des ſchwarzen Bundes ſorgten mittelſt ihres Einfluſſes dafuͤr, daß die Klagen uͤber willkuͤhrliche Bedruͤckungen der Beamteten immer lauter wurden und einen endlichen gewaltſamen Ausbruch droheten. Waren anders dieſe einge⸗ — 198— gangenen Nachrichten aus Latago nicht ſalſch, ſo hatte ſich das dortige Kabinet nunmehr an den, gegen Yſamo ſeindlich geſinnten Nachbarſtaat von Chikaro angeſchloſſen, und es mußte ſich naͤchſtens foͤrmlich gegen Yſamo erklaͤren. Die Wahrheit dieſer Anzeigen ſchien ſich durch die verdaͤchtige Bewegung eines verbuͤndeten Truppenkorps zu beſtaͤtigen, das ſich an der Grenze von Yſamo zuſammenzog und alle Ausgaͤnge zu beſetzen drohete. Es befremdete zwar Torſo und ſeine Anhaͤnger, daß das Kabinet bei dieſen Ereigniſſen ſo ruhig blieb und keine beſondern Vorkehrungen dagegen traf, aber auch hieruͤber wurden ſit durch Corvetti's ſchriftliche Erklaͤrung beruhigt, daß Latago vor der Hand noch freundſchaftliche Ge⸗ ſinnungen heuchle, um die Regierung von Yſamo dadurch deſto ſicherer zu machen. 28— Je groͤßer die Gefahr fuͤr das Land zu werden ſchien, um ſo mehr verſammelten ſich auch die woahrhaft gutgeſinnten Patrioten um den Fuͤrſten, und der Kreis der edeln Beſchuͤtzer und Verthei⸗ „diger des Vaterlandes erweiterte ſich mit jedem Tage. Der Fuͤrſt ließ dieſes ſehr gern geſchehen; indeſſen bewies ſeine fortdauernde Ruhe, daß er die ſcheinbar drohende Gefahr nicht zu ſcheuen brauchte. So traten jetzt von Zeit zu Zeit im⸗ mer mehr Maͤnner mit erneuerter Thinigkait aus — 199— dem bisherigen Dunkel der Verborgenheit hervor, deren Namen die Glieder des ſchwarzen Bundes wuͤrden ſehr beſorgt gemacht haben, wenn ſie nicht geglaubt haͤtten, ihrer Sache zu gewiß zu ſeyn, um noch etwas fuͤr die Vereitelung ihrer Plane befuͤrchten zu duͤrſen. Sie blieben daher ganz ruhig. Als endlich auch der lange verkannte und verbannte edle Graf Pizalto ehren⸗ voll durch die oͤffentlichen Blaͤtter zuruͤckgerufen wurde, da wurde ihnen zwar bange; ſie glaubten aber feſt darauf rechnen zu koͤnnen, daß Petruzzi nicht unterlaſſen wuͤrde, ihn an dieſer Zuruͤckkehr durch ſeine Dolche zu verhindern, wenn er ſich etwa ſollte irgendwo blicken laſſen. Ueberdies ſchien nunmehr alles ſoweit gediehen zu ſeyn, daß ſie im ſchlimmſten Falle eines Verrathes, ihrer Meinung nach, nur die Lunte anzuzuͤnden brauchten, um die laͤngſt angelegte Mine in die Luft zu ſprengen. ——— Vergebens erwarteten der Graf Montaldi und deſſen Gemahlin von Dianoren beſtimmtere Nachrichten von ihrem Aufenthalte und Befinden. Schon regte ſich in ihnen die Beſorgniß, daß ihr Stillſchweigen die Folge von Scipio's neuen Nachſtellungen ſey, als ſie ein Brief von Ma⸗ nutti, dem der Graf ſogleich von Allem Nachricht — 200— gegeben hatte, hieruͤber beruhigte. Dieſer er⸗ ſuchte ſie dringend, jede weitere Beſorgniß ſchwin⸗ den zu laſſen, und ſich mit ihm uͤber die vereitel⸗ ten Anſchlaͤge der ſchaͤndlichſten Bosheit zu freuen. „Ich durchſchaue mit Schaudern das fein⸗ geſponnene Gewebe, womit die Bosheit ſowohl Sie ſelbſt als auch beſonders meinen Freund Scipio umgarnte,“ ſchrieb Manutti.„Seyn Sie verſichert, daß er blos der Getaͤuſchte und Verfuͤhrte war, der Mitleiden verdient. Der Ihnen bekannte Centurier hat ihn hierher nach Latago geleitet, und ihm uͤber das Geſchehene die Augen geoͤffnet. Er befindet ſich gegen⸗ waͤrtig bei mir und bittet Sie durch mich reue⸗ voll um Verzeihung, daß er Ihnen durch ſeine Verblendung und Uebereilung ſo große Unruhe verurſacht hat. Er iſt in Anſehung der letzte⸗ ren Auftritte auf dem Maskenballe voͤllig un⸗ ſchuldig, und die gegen Dianuoren veruͤbte Gewaltthat war keinesweges ſein Werk, wie ſehr auch der Schein gegen ihn ſeyn mag. Moͤge dieſe Verſicherung Ihnen dazu dienen, in ihm nur das Opfer ſchlauer Bosheit und Verfuͤhrung zu erkennen, um ihm Ihre Ver⸗ zeihung nicht zu verſagen. Unmittelbar nach Empfang dieſer Zeilen wird ein bekannter Freund in Yfamo eintreffen un Ihnen uͤber alles das beſtimmtere Auskunft geben, was ich 3 dieſem Briefe nicht anvertrauen darf.“ Dieſer Brief wirkte ſehr wohlthaͤtig auf das bekuͤmmerte Vater⸗ und Mutterherz der beiden Eltern. Da ſie die Waͤrme, womit ſich Manutti ihres Sohnes annahm, uͤberzeugte, daß es Wahr⸗ heit ſey, was er ihnen wegen ſeiner Verfuͤhrung meldete, ſo glaubten ſie nun auch uͤber den Ver⸗ fuͤhrer ſelbſt nicht in Zweifel zu ſeyn, ungeachtet der vielen Wiederſpruͤche, die ſich noch gegen ihre Vermuthung zeigten. Um ſo erwartungs⸗ voller waren ſie auch auf die verheißene Ankunf des Freundes, der ihnen den gewuͤnſchten Auf⸗ ſchluß geben ſollte. Dieſer ließ auch nicht lange auf ſich hoffen. Noch am nehmlichen Tage mel⸗ dete Carlo dem Grafen einen Fremden, der wegen 1 8 gewiſſer Angelegenheiten, die er nur ihm allein anvertrauen koͤnne, mit ihm zu ſprechen wuͤnſche, und ihn in dem Pavillon ſeines Gartens vor der Stadt erwarte; der erhaltene Brief aus Latago, ſetze der eigends von ihm abgeſchickte Bote hin⸗ zu, wuͤrde hinreichend ſeyn, ihm die Gewaͤhrung ſeiner Bitte zu verſchaffen. Der Graf folgte dieſer Einladung. Seine Gemahlin wuͤnſchte ihn begleiten zu duͤrfen; da jedoch der Fremde ausdruͤcklich verlangt hatte, den Grafen ohne Zeugen zu ſprechen und es zu 8 4 — 202— erwarten war, daß er hierzu beſondere Gruͤnde haben mußte, ſo blieb ſie, wiewohl ungern, zu⸗ ruͤck. Der Graf verſicherte ihr jedoch, daß er ihr bei ſeiner Zuruͤckkunft alles mittheilen wolle, und fuhr ſogleich, von Carlo begleitet, nach dem bezeichneten Orte.— Der Fremde kam ihm bei ſeiner Ankunft am Eingange des Pavillons mit einer freundlichen Bewillkommung entgegen, und mit freudiger Ueberraſchung erwiederte ſie der Graf, als er den laͤngſt erwarteten Petardo erkannte. Dianorens Entfuͤhrung war dem Grafen Torſo nicht verborgen geblieben, adeha ihn nicht lange in. Ungewißheit gelaſſe wer der Anſtifter derſelben ſey. Cherino war auch auf⸗ richtig genug, ſich in einer vertrauten Unterhal⸗ tung mit ihm, dazu zu bekennen und zu geſtehen, daß ſich die Geraubte in ſeinem Gewahrſam auf einem ihm zugehoͤrigen alten Familienſchloſſe be⸗ finde. Torſo konnte dieſe Gewaltthat nicht billi⸗ gen. Er ſetzte ihm das Mißliche der Sache aus⸗ einander, wodurch er ſich der groͤßten Gefahr der! Entdeckung und einer nachdruͤcklichen Ahndung um ſo mehr Aldsſeehee da auch jetzt noch mndere. indeſfen mit ſeinem gewoͤhnlichen Leichtſinne dar⸗ uͤber hinweg, und ſchien um ſo unbeſorgter, da die Sache nun einmal ſo weit gediehen war, daß er nicht fuͤglich mehr zuruͤckgehen konnte. „Sehen Sie ſich vor, Vetter,“ ermahnte ihn Torſoſ;„die Geſchichte mit der Generalstochter macht neuerdings vieles Aufſehen. Die Ungluͤck⸗ liche hat zu vieles Intereſſe fuͤr ſich erregt, als daß man ſich nicht gegen ihren Verfuͤhrer bewaff⸗ nen ſollte, wenn man ihn entdeckte.“ Cerrino. Ich habe es dahin gebracht, daß ſie fuͤr wahnſinnig erklaͤrt wurde. Sie befindet ſich in feſter Verwahrung und kann mir nicht ſchaden. Ihr Vater iſt todt, und von dieſem habe ich alſo auch nichts mehr zu befuͤrchten. Torſo. Mag dieſes auch ſeyn, ſo kann er Ihnen noch im Tode verderblich werden. Der alte General hatte viele verborgene Freunde, die den an ihm veruͤbten Mord nicht ſo leicht ver⸗ ſchmerzen koͤnnen. Die Namen Donari und Bianka ſind jetzt in Vieler Munde, und der ver⸗ wuͤnſchte Guckekaſtenmann, der im Lande mit ſei⸗ nen Bildern umherſtreicht, traͤgt durch ſeine Bänkelſaͤngereien vieles dazu bei. Ich geſtehe Ihnen unverhohlen, daß ich recht ſehr wuͤnſchte, daßz Sie dieſe Sache nicht ſo weit moͤchten getrie⸗ ben haben und daß Sie dieſe ſproͤde Tugend zu⸗ frieden gelaſſen haͤtten. Mußten Sie Vater und Tochter mit ſo glaͤnzenden Verſprechungen und ſogar durch das Poſſenſpiel einer ehelichen Verbindung taͤuſchen, und dadurch die Rache der beleidigten Kirche gegen ſich reizen? In der That! ich bin hoͤchſt unzufrieden mit Ihnen. Cerrino. Ich haͤtte freilich einen andern Ausgang gewouͤnſcht; allein Biankens Wider⸗ ſtand hatte meine Leidenſchaft fuͤr ſie ſo heftig entflammt, daß ſie mich zu Schritten verleitete, die ſich freilich nur durch das Feuer meiner Lei⸗ denſchaft entſchuldigen laſſen. Indeſſen iſt die Sache einmal gefchehen und laͤßt ſich nicht mehr abaͤndern; ich befuͤrchte nicht, daß man unter jenem Pirotto den eaſen Cerrino eummhen werde. Torſo. Ich warne Sie vor zu forgloſer Sicherheit; der Verraͤther ſchlaͤft nicht. Sie haben ein ſehr gewagtes Spiel, und machen es jetzt durch die an Dianoren veruͤbte Gewaltthat doppelt gefaͤhrlich. Sie moͤgen zuſehen, wie Sie damit fertig werden; nur verhuͤten Sie, daß Sie nicht auch uns mit ſich zugleich verderben. Montaldi iſt ein ſehr ſtarker Geahirie Wio be⸗ nimmt ſich Dianora? Cerrino. Ich habe ſie noch nicht neſehen. Neine Entfernung von hier haͤtte leicht Verd, iht 3 erregen koͤnnen, daher nahm ich noch Anſtand, mich zu ihr zu begeben. Ich wollte gern den erſten Sturm voruͤber laſſen. Lucillo, dem ich die Aufſicht meiner Gefangenen uͤbertragen habe, meldet mir, daß er ſie ziemlich beſaͤnftiget hatte, und daß ſie ſeit einigen Tagen ruhiger und zah⸗ mer geworden ſey, ſo daß ich kein Bedenken trage, ſie bald zu beſuchen und zu ſehen, was ich uͤber ſie vermögen kann. Torſo. Noch einmal, Cerrino, warne ich Sie vor zu großer Sicherheit. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht ſich ſelbſt und uns Alle durch Ihre Unbeſonnenheit in's Verderben brin⸗ gen. Der edle Donari ſtand einſt als ein Mann von vielem Einfluſſe in hohem Anſehen. Allein die Stuͤrme, welche ſo manchen andern Edeln ſtuͤrzten, waren auch ihm gefaͤhrlich geworden, und nur ſchnelle Flucht hatte ihn pon dem gaͤnz⸗ lichen Untergange retten koͤnnen. Mit unver⸗ dienter Schmach belaſtet, lebte er mit ſeiner Tochter Bianka, die ſein einziger Troſt und ſein ganzer Reichthum war, in ſtiller Verborgenheit unweit Chikaro in laͤndlicher Einſamkeit. Cerrino machte einſt zufaͤllig dort ihre Bekanntſchaft, und von den Reizen des bluͤhend ſchoͤnen Maͤdchens bezaubert, geizte er nach ihrem Beſitze. Unter dem angenommenen Namen Pirotto ſchlich er ſich bei Donari ein. Seine erheuchelte warme Theil⸗ nahme an den ungluͤcklichen Schickſalen des Va⸗ ters erwarben ihm deſſen Zutrauen und bahnten ihm den Weg in das unbewahrte Herz der Toch⸗ ter. Er benutzte die ſchwachen Seiten von Bei⸗ den, indem er dem guten, leichtglaͤubigen Donari auf ſeine vorgeblichen einflußreichen Anverwand⸗ ten am Hofe von Latago und auf deren vielver⸗ moͤgende Verwendungen bei dem Hofe von Yſamo aufmerkſam machte und ihn hoffen ließ, die un⸗ verdiente Verbannung des verkannten Edeln auf⸗ zuheben und ihm zu ſeinem vorigen Anſehen wie⸗ der zu verhelfen. So gelang es ihm, die Liebe und das Vertrauen von Vater und Tochter immer mehr zu gewinnen. Seine Bemuͤhungen hatten einen deſto beſſern Erfolg, da er ſogar unterge⸗ ſchobene Briefe und Dokumente vorlegte, und dadurch Donari in der Hoffnung beſtaͤrkte, daß feine Angelegenheit im vollen Gange ſey und den beſten Ausgang erwarten laſſe. In Kurzem hatte er ſich durch ſeine Raͤnke und Verfuͤhrungskuͤnſte der argloſen Bianka Herz und Liebe erſchlichen. So heiß und innig aber auch Bianka mit voller Zaͤrtlichkeit an dem vorgeblichen Pirotto hing, ſo kraͤftig widerſtand ſie allen thäederholten 3 Angriffen des Verfuͤhrers auf ihre Tugend, die endlich Donari's Aufmerkſamkeit und Verdacht gegen ihn erregten. Die gereizte Empfindlichkeit des beleidigten Vaters ließ ihn das Schlimmſte befuͤrchten. Er war bereits ſchon zu weit gegan⸗ gen und hatte ſich in ſeine Intriguen zu fehr ver⸗ flochten, um noch zuruͤcktreten zu koͤnnen. Es blieb ihm daher kein andres Mittel uͤbrig, den Unwillen des Vaters und ſeinen Verdacht zu ent⸗ kraͤften, als eine eheliche Verbindung mit der ſchoͤnen Bianka. Mit hohem Entzuͤcken ſlog das liebegluͤhende Maͤdchen in ſeine Arme, als der Vater Pirotto's Bitten endlich nachgab und Bei⸗ der Haͤnde zum ewigen Bunde in einander fuͤgte. Der ſchlaue Verfuͤhrer wußte durch eine Menge Gruͤnde die Nothwendigkoit einleuchtend zu ma⸗ chen, ſeine Verbindung mit Bianken in der Stille zu feiern, ſo daß Donari ſeine Einwilligung hierzu ohne Bedenken gab. Das ahnele er frei⸗ lich eben ſo wenig als Bianka, daß der ehrwuͤr⸗ dige Pater, der die Traunng vollzog, die Rechte der Kirche mißbrauchte und der verkappte Schrei⸗ ber Cerrino's war. Bianka fuͤhlte ſich in dem Beſitze des heißge⸗ liebten Gatten uͤbergluͤcklich, und kam ſeinen leiſeſten Wuͤnſchen voll Zaͤrtlichkeit zuvor. Gol⸗ ddeen lachte ihr die Zukunft entgegen, und die ———— — 203— genaͤhrte Hoffnung ihres Vaters, ſeine tiefge⸗ kraͤnkte Ehre bald wieder gerechtfertigt zu ſehen, hob dieſen uͤber alle die bisher erduldeten Drang⸗ ſale empor. Vater und Tochter wetteiferten mit einander in Beweiſen von Liebe und Vertrauen. Der Verfuͤhrer fand Bianken mit jedem Tage reizender. Mit unerſaͤttlicher Begierde ſchwelgte er in ihrem Beſitze; jedoch allmaͤhlig verlor dieſer Genuß in ſchneller Ueberſaͤttigung ſeinen Reiz, und ſchon war er im Stillen darauf bedacht, ſich auf eine gute Art zuruͤckzuziehen, als ihm eines Ta⸗ ges Bianka entzuͤckt mit der Nachricht in die Arme flog, daß ſie hoffe, ihn bald als Vater begruͤßen zu koͤnnen. Der ſuͤße Rauſch ihres Entzuͤckens hielt ſie ab, ſeine Verlegenheit zu bemerken; doch ſehr bald wurde ſie gewalrfam daraus geriſſen, denn an dem ſolgenden Morgen war der Verfuͤh⸗ rer verſchwunden. Der Zuſtand der beiden Getäͤuſchten war uͤber alle Beſchreibung ſchrecklich. Ohne an ſeine eigene Gefahr zu denken, machte ſich Donari, von Wuth und Rache entzuͤndet, auf den Weg, um den Nichtswuͤrdigen aufzuſuchen und Rache an ihm zu uͤben. Allein der Boͤſewicht wußte ſich durch den Dolch eines gedungenen Menchelundrders von ihm zu befreien. Die gewaltfame Erſchuͤtterung, welche die Entdeckung der an ihr veruͤbten unerhoͤrten Bos⸗ heit und der Tod ihres geliebten Vaters auf die arme Betrogene machte, befoͤrderte eine zu fruͤhe Niederkunft. Die Folge war ein langwieriges Krankenlager, das ſie dem Tode nahe brachte. Sie wuͤnſchte zu ſterben, um ihren Leiden ein Ziel zu ſetzen; dennoch genaß ſie wieder, aber nur zu neuen Leiden. Mit der ganzen ſchweren Buͤrde derſelben belaſtet, irrte ſie umher, um den Verfuͤhrer auszuforſchen und den Arm der Gerechtigkeit gegen ihn zu bewaffnen. Ihre Jammergeſtalt, ihr verzweiflungsvoller Schmerz und ihre Erzaͤhlung von der ihr und ihrem er⸗ mordeten Vater zugefuͤgten Schmach, oͤffneten mitleidsvoll jedes Herz, und willig bot man ihr uͤberall Aufnahme und Beiſtand gegen den nichts⸗ wuͤrdigen Pirotto an. Nur mit vieler Muͤhe konnte ſie Cerrino's neuen Nachſtellungen entgehen. Durch ſeine Helfershelfer hatte dieſer die Veranſtaltung ge⸗ troffen, die Ungluͤckliche aufzugreifen und ſie als eine Wahnſinnige in ſichere Verwahrung bringen zu laſſen. Er ſchmeichelte ſich auch mit der Hoff⸗ nung, daß dieſes wirklich geſchehen ſey, da Bianka ploͤtzlich verſchwunden war, und er bei allen an⸗ geſtellten Nachforſchungen nichts mehr von ihr hoͤrte. Bianka hatte im Kloſter der Bernhardi⸗ III.— 9 nerinnen, in der Naͤhe der Sankt Thekla Kapelle, Schutz und Aufnahme, und in der ehrwuͤrdigen Aebtiſſin Veronica eine theilnehmende und troͤ⸗ ſtende Freundin gefunden. Hier harrte ſie ver⸗ borgen dem Tage der Rache entgegen. Die bisherigen raͤthſelhaften Ereigniſſe in der Montaldi'ſchen Familie und namentlich die Um⸗ ſtaͤnde, welche bei Dianorens Entfuͤhrung obge⸗ waltet hatten, ließen die Graͤfin argwohnen, daß unter den Hausgenoſſen Jemand ſeyn muͤſſe, der dabei mitwirkte. Ihr lange ſchon im Stillen genaͤhrter Verdacht ſiel auf Albero. Um ſich daruͤber mehr Gewißheit zu verſchaffen, gab ſie ihrer Kammerfrau Cerlina, die ihr beſonderes Vertrauen beſaß, den Auftrag, dieſen Alten ſorg⸗ faͤltig zu beobachten, und ſie von allem was ſie bemerken wuͤrde, zu benachrichtigen. Cerlina erbat ſich ein Kabinet, das an Albero's Gemach anſtieß, zu ihrem abwechſelnden Aufenthalte, um ſich dadurch in den Stand zu ſetzen, jenen durch eine angebrachte feine Oeffnung in der Thuͤre be⸗ lauſchen zu koͤnnen. So ſorgfaͤltig ſie ſich aber auch benahm, ſo konnte ſie dennoch geraume Zeit nichts weiter als eine abwechſelnde auffallende Unruhe und Aengſtlichkeit an ihm bemerken, die — 241— zwar den Verdacht gegen ihn vermehrten, aber doch immer nichts bewieſen. Ungeduldig erwartete die Graͤfin jetzt tief in der Nacht ihren Vertrauten, den ehrwuͤrdigen Amadeo, den ſie durch das bekannte Kreuzchen herbeigerufen hatte, als ploͤtzlich Cerlina ihr in einer Art von Beſtuͤrzung meldete, daß ſie eben Albero ertappt habe. Auf die Fragen der Graͤfin nach dem Wie und Wodurch, erzaͤhlte Cerlina: ſie habe den Alten den ganzen Tag uͤber beobachtet, weil ihr ſeine Bewegungen verdaͤchtig vorgekom⸗ men waͤren, ſpaͤterhin habe es ihr geſchienen, daß er eine Verkleidung vorbereite. Mit dem Ein⸗ bruche der Nacht, wo er alles im Hauſe in Schlaf verſenkt und ſich unbelauſcht glauben mochte, habe er ſeine Geſichtszuͤge auf eine ganz eigene Art veraͤndert, die falſche Haartour abgelegt und ſich in ein Moͤnchsgewand gekleidet; er ſey nicht mehr zu erkennen geweſen. In der Graͤfin ſtieg bei dieſem Berichte eine ploͤtzliche Vermuthung auf, die an Gewißheit grenzte, und eben war ſie im Begriffe, den Alten auf ſeinem Zimmer zu uͤber⸗ raſchen, als ſie leiſe Schritte ſich naͤhern hoͤrte und kurz darauf Amadeo durch eine Seitenthuͤre hereintrat.„Das iſt er!“ fluͤſterte Cerlina der Graͤfin zu, indem ſie ſich auf einen Wint von dieſer entfernte. Zö „.“ — 212— „Taſchenſpieler!“ redete die Graͤfin den Ein⸗ tretenden an, der durch Cerlinens Gegenwart betreten zu ſeyn ſchien,„ſo iſt es Wahrheit, was mir meine Kammerfrau eben erzaͤhlte? Amadeo und Albero ſind Eine Perſon?“ „So iſt es,“ erwiederte Amadeo mit ruhiger Faſſung,„auch ohne Ihre Kammerfrau wuͤrden Sie davon Gewißheit erhalten haben; denn ich war entſchloſſen, mich Ihnen jetzt daruͤber zu ent⸗ decken. Mein Geſchaͤft bei Ihnen iſt vollendet und meiner Verkleidung bedarf es ferner nicht mehr.“ Graͤfin. Ich haͤtte nimmermehr in dieſem ehrwuͤrdigen Gewande Taͤuſchung erwartet. Amadeo. Dieſes Gewand iſt keine Taͤu⸗ ſchung, es zeigt Ihnen Wahrheit. Graͤfin. Darf ich dies glauben? Du biſt in dem Beſitze meines wichtigſten Geheimniſſes; es waͤrve ſchrecklich, wenn Du es mißbrauchen ſollteſt. 4 Amadeo. Ihr Geheimniß ruht ſicher und wohlverwahrt in meiner Bruſt. Graͤfin. Biſt Du wirklich ein Oiener der Kirche? Amadeo. Ich bin es. Hoͤren Sie mich ruhig an, es ſoll Ihnen alles deutlich werden. Entfernt von dem Geraͤuſche der Welt und ihren Thorheiten, lebte ich in heiliger Stille in meiner friedlichen Klauſe, die mir die ehrwuͤrdigen Obern des Karmeliterkloſters unweit der Grenze von Yfamo, tief im Walde verborgen, uͤberlaſſen hatten. Hier in meinem Herzen war meine Welt; die Thorheiten und Bosheiten der Men⸗ ſchen kuͤmmerten mich wenig, und ich ahnete es nicht, daß ich meine gluͤckliche Einſamkeit ver⸗ laſſen und mich noch einmal in das Gewuͤhl der Menge hinauswagen ſollte. Graͤfin. Was bewog Dich dazu? Amadeo. Der Aufruf meiner Obern, die Bitten meines Freundes Lorenzo und mein Be⸗ ruf, die Werke der Finſterniß zerſtoͤren zu helfen. Argliſt und Partheigeiſt hatten ſich ſeit langer Zeit, wie eine Wetterwolke, um Yſamo hergela⸗ gert; freche Bosheit ſprach der Kirche und den hei⸗ ligſten Geſetzen der Menſchheit Hohn; geheime Tuͤcke unterwuͤhlte das Gebaͤude buͤrgerlicher Ruhe, Ordnung und Geſetzlichkeit. Tief verſteckte Plane nichtswuͤrdiger Verworfenheit arbeiteten darauf hin, die ehrwuͤrdigen Altaͤre der heiligen Kirche zu entweihen und das ſchoͤne Band zu zerreißen, welches Fuͤrſt und Unterthan und Staat zu Einem wohlthaͤtigen Ganzen vereint, um den furchtbar⸗ ſten Despotismus uͤber Kirche und Staat auf den Thron zu heben. Da traten im Stillen mehrere edle Patrioten unter dem Schutze der Kirche zu⸗ ſammen, und Lorenzo ſtand an ihrer Spitze, jene Werke der Hoͤlle zu zerſtoͤren. Graͤfin. Welche Beziehung konnten dieſe Dinge auf meine Familie haben? Amadeo. Das ſollen Sie ſogleich verneh⸗ men. Die geheimen Feinde geſetzlicher Verfaſ⸗ ſung und Ordnung hatten das gute argloſe Herz des Regenten ſo feſt umſtrickt, daß ſich kein Ver⸗ dacht gegen ſie in daſſelbe einſchleichen konnte. Voll Zutrauen ſchloß ſich der Fuͤrſt an die Perſo⸗ nen an, die ihren Arm gegen ihn bewaffneten. Aber die Thaͤtigkeit jener Edeln draͤngte ſich da⸗ zwiſchen und oͤffnete dem Getaͤuſchten die Augen uͤber das herannahende Verderben. Nun wurde eben ſo ſchnell als geheimnißvoll der kluggeordnete Plan zur Rettung entworfen und Ihr Gemahl durch die Sendung nach Latago zur Ausfuͤhrung dieſes gemeinnuͤtzigen Werks erkoren. Doch die Feinde des Staats hatten daſſelbe erlauſcht, und Sie ſelbſt wiſſen es, welche verworfene Bosheit ſich dem Herrn Grafen entgegen ſtellte. Ohne Rettung wuͤrde er verloren geweſen ſeyn, wenn nicht Lorenzo waͤre zu ſeinem Schutze aufgefordert worden. Schreckensſcenen zuruͤck. Graͤfin. Mit Schaudern denke ich an jene Amadeo. Um die Schlauheit der geheimen Beobachter in Anſehung des Zwecks der Reiſe Ihres Gemahls zu taͤuſchen, aber auch zugleich, um Ihnen Ihre Tochter Dianoren deſto leichter zuzufuͤhren, mußten Sie Ihren Gemahl beglei⸗ ten. Schon ſeit geraumer Zeit war darauf hin⸗ gearbeitet worden, Sie mit Lorenzo bekannt zu machen und Ihre Schritte in ſeine Wohnung hinzuleiten, um Dianoren zu finden. Die Sen⸗ dung Ihres Gemahls nach Latago wurde dazu benutzt. Graͤfin. Warum ließ mich denn Lorenzo uͤber Dianoren ſolange in Ungewißheit, wenn man die Abſicht hatte, mich in ihr mein Kind finden zu laſſen und es mir zu uͤbergeben? Amadeo. Sein Wille war hierin andern Umſtaͤnden und Perſonen untergeordnet. Er durfte Ihnen nur Winke und Andeutungen geben, die ſie nach und nach auf die Entdeckung der Wahrheit vorbereiten ſollten; denn um Ihrer ſelbſt willen mußte es vor Jedermann Geheimniß bleiben. Dianora ſollte anfangs nur das Band ſeyn, das Sie, ſo wie Ihrem Gemahl, voll Zutrauen an Lorenzo knuͤpfte; als ſeine Tochter mußte ſie in Ihre Familie eingefuͤhrt werden, bis die Folgezeit es verſtatten wuͤrde, den Schleier vor Ihren Augen hinweg zu ziehen, ohne Ihre. 16 — 210— haͤuslichen und ehelichen Verhaͤltniſſe dadurch zu ſtoͤren. Lorenzo wird ſich Ihnen bei ſeiner An⸗ kunft uͤber dieſes Alles deutlicher mittheilen. Graͤfin. Lorenzo? Alſo lebt er wirlich noch? Amadeo. Er lebt und wird Sie naͤchſtens uͤberzeugen, daß er nie aufhoͤrte, fuͤr Sie und das Gluͤck Ihrer Familie thaͤtig zu ſeyn. Sie koͤnnen ſich der freudigen Hoffnung uͤberlaſſen, daß die Zeit der Taͤuſchung ihrem Ende naht, und daß der Tag nicht mehr fern iſt, der neuen Segen und neues Gluͤck uͤber Sie und Yſamo verbreiten wird. Alsdann werden alle noch vor⸗ handene Raͤthſel ſchwinden, und das Gefuͤhl inniger ſeelenvoller Freude wird Sie fuͤr alle vergangene Widerwaͤrtigkeiten maͤchtig entſchaͤ⸗ digen. Graͤfin. Mit Inbrunſt habe ich oft dieſe gluͤckliche Zeit vom Himmel ſehnſuchtsvoll erfleht. Wann wird ſie erſcheinen? Amadeo. Was bald geſchehen wird, das liegt in dieſem Augenblicke noch in den Nebeln der Zukunft verſchleiert. Doch naͤhren Sie die Zuverſicht, daß ſchon jetzt dieſe Nebel ſich zer⸗ ſtreuen, daß das Morgenroth gluͤcklicher Zeiten hinter Latago's fernen Gebirgen uͤber Yſamo her⸗ vorbricht, und daß dieſe ſchoͤne Zukunft, mit raſchem Fluͤgelſchlage zur Gegenwart reiſt. Bis — 2419— dahin aber halten Sie Ihre Fragen uͤber Dinge zuruͤck, die ich verſchweigen muß, um der Zeit nicht unbeſonnen vorzugreifen, und dadurch ihren Segensſchritt aufzuhalten. Graͤfin. Warum muß ich nur immer glauben und hoffen? Amadeo. Hoffnung iſt die wohlthaͤtigſte Pflegerin unſrer Freuden, und die ewig friſche Jugendbluͤthe menſchlicher Gluͤckſeligkeit. Wenn dieſe verwelkt, alsdann erſtirbt auch der Reiz des Lebens. Naͤhren und bewahren Sie daher dieſe freundliche Hoffnung in dem feſten Ver⸗ trauen, daß ſie in kurzem zur begluͤckenden Ge⸗ wißheit die Hand bieten werde. Graͤfin. So will ich denn feſt vertrauen und hoffen. Aber darf ich nicht wiſſen, was Dich und Lorenzo zu dieſer Huͤlle von Abenteuer⸗ lichkeit veranlaßte, womit Ihr Beide Euch in ein ſo ſeltſames Dunkel verſchleiertet? Amadeo. Auch hieruͤber verweiſe ich Sie an Lorenzo, der Ihnen alle dieſe Raͤthſel loͤſen wird. In wiefern dieſe jedoch auf mich und auf meine Wirkſamkeit ſich bezogen, will ich Ihnen die verſprochene Erklaͤrung nicht laͤnger vorent⸗ halten. Sie waren ganz nahe von Feinden um⸗ geben. In Ihrem Buſen naͤhrten Sie die Schlange, die nach Ihrem Herzen zielte, Sund dieſe Schlange war Niemand Anders, als Ihr eigener Anverwandter, der Marcheſe Rinaldo Riviali.. Graͤfin. Alſo war es Wahrheit, was mir mein Gemahl von Lorenzo's Mittheilungen uͤber dieſen anvertraute?— Amadeo. So iſt es. Die Hyder, welche ſich gegen Yſamo's Wohlfahrt empoͤrte, hatte ſich um das Herz dieſes unerfahrenen Juͤnglings ge⸗ wunden, es mit Haß und Rachſucht gegen Ihren Gemahl erfuͤllt und ihn in Laſter und Verbrechen getaucht. Riviali betrachtete Ihren Gemahl als 4 den Moͤrder ſeines Vaters und als den Vernichter ſeiner Groͤße, und ließ ſich willig als Werkzeug der Bosheit gebrauchen. Tief und fein war das P Netz angelegt, womit man ihn umſtrickt hatte; er mußte ſich unter dem Scheine aufrichtiger Ver⸗ ehrung in Ihr beiderſeitiges wohlwollendes Ver⸗ trauen einſchleichen. Waͤhrend Ihr Gemahl ihn mit eigenen Aufopferungen aus dem Staube em⸗ por hob und ihm ſogar Manches uͤber die Plane zu Yſamo's Rettung anvertraute, verrieth er dieſe und ihn ſeinen Feinden. Die Gefahr, die von dieſer Seite hereinbrach, vermehrte ſich mit jedem Tage, da den Verſchworenen kein Mittel zu verworfen war, ſie zu befoͤrdern. Riviali ſollte jedoch wo moͤglich dem ſchwarzen Bunde — entriſſen und gerettet, oder, wenn dieſes nicht zu bewerkſtelligen war, doch unſchaͤdlich gemacht werden. Das Unternehmen, den bethoͤrten Juͤng⸗ ling fuͤr die gerechte Sache zu gewinnen, war weit ſchwieriger, als Lorenzo, der dieſes Geſchaͤft beſorgte, es erwartet hatte. Riviali war bereits ſo tief geſunken und ſo feſt an das Laſter gekettet, daß nur Gewaltthat die Feſſeln, die ihn banden, ſprengen konnte. Er hatte die Freundeshand, die ihm Lorenzo vertrauenvoll zur Rettung bot, zu⸗ ruͤckgewieſen; er bruͤtete ſogar uͤber Planen, das in ihn geſetzte Vertrauen zu Lorenzo's Unter⸗ gange zu mißbrauchen, und ſo blieb nichts weiter uͤbrig, als ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen. So wurde er mit Gewalt den Verſchworenen entriſſen, und dann das Uebrige fuͤr ſeine Beſſe⸗ ung der Zeit und den edeln Maͤnnern, die ſich dafuͤr verwendeten, uͤberlaſſen. Graͤfin. Das alſo iſt die wahre Urſache ſeines ploͤtzlichen Verſchwindens? Wie verhaͤlt es ſich aber mit dem Vorgeben, einen alten Freund ſeines Hauſes, Namens Amadeo, gefunden zu haben, wodurch, ſeiner ſchriftlichen Verſicherung zufolge, ſeine lange Abweſenheit von hier ſollte veranlaßt worden ſeyn? Amadeo. Jener Amadeo, zu welchem der Marcheſe hingelockt wurde, war niemand anders 8 3 als ich, und er ſelbſt zwang durch ſeine halsſtar⸗ rige Verblendung Lorenzo und deſſen Freunde, ihn in feſte Verwahrung zu bringen. Graͤfin. Wohin? Amadeo. In jenes Karmeliterkloſter in der Naͤhe meiner einſamen Klauſe. Grafin. So iſt alſo Riviali nicht in La⸗ tago, wie er noch neuerdings gemeldet hat? Amadeo. Keinesweges. Er befindet ſich ſeit jener Zeit in den heiligen Mauern des ge⸗ nannten Kloſters, wo der Himmel die angeſtreng⸗ ten Bemuͤhungen fuͤr ſeine Beſſerung geſegnet hat. In Kurzem wird er reuevoll uͤber ſeine ungluͤck⸗ ſelige Verirrung hierher zuruͤckkehren, und das Geſchehene durch kraͤftige Mitwirkung fuͤr Yſa⸗ mo's Heil wieder gut zu machen ſuchen. Graͤfin. Dieſe Verſicherung befeſtiget die Ueberzeugung von der ſchoͤnen wirkſamen Him⸗ melskraft der Religion und ihrer ehrwuͤrdigen Diener in mir, und erfuͤllt mich mit hoher Freude. Amadeo. Das ſchwierige Werk iſt von die⸗ ſer Seite gluͤcklich vollbracht worden. Aber die⸗ fer Riviali war nicht der Einzige, der fuͤr Ihre Familie und fuͤr Yſamo zu fuͤrchten war. Jene Hydra hat der Koͤpfe mehrere; ganz in Ihrer Naͤhe waren Sie am furchtbarſten bedroht. Graͤfin. Es beugt mich tief darnieder, daß ich dieſes in dem eigenen Sohne fuͤrchten mußte.— Amadeo. Laſſen Sie ſich durch die Ver⸗ ſicherung erheben, daß ungeachtet des boͤſen Scheines, der auf Ihrem Sohne haftet, dennoch dieſer Schein truͤgt. Ihr Sohn verdient wegen ſeiner Verirrung mehr Mitleiden als Strafe, 1 denn er iſt nur ein Opfer argliſtiger Verfuͤhrung. Cerrino iſt es, der den Leichtglaͤubigen durch ſeine buͤbiſche Verfuͤhrung auf den Irrpfad brachte. Gräfin.(erſtaunt:) Cerrino? Amadeo. Ja, dieſer gleisneriſche, in allen Laſtern und Verbrechen verſunkene Boͤſewicht iſt der Schuldige. Die Bewegungen des ſchwarzen Bundes, dem er angehoͤrt, waren im Stillen genau bemerkt worden. Um denſelben und die Werke ſchwarzer Bosheit deſto kraͤftiger vereiteln zu koͤnnen, erhielt ich den Auftrag, aus meiner friedlichen Einſamkeit in das bunte Gewuͤhl der Menge wirkſam herauszutreten. Schon vorher, ehe ich in Ihr Haus kam, war ich von allem, was Sie und Ihre Familie betraf, genau unter⸗ richtet worden, und blos der guten Sache wegen, ließ ich mich willig finden, mein prieſterliches Gewand mit der weltlichen Kleidung des alten Albero zu vertauſchen. Auf die Empfehlung des ehrwuͤrdigen Abtes Ignazio zu Sankt Lucian uͤbernahm ich die mir zugedachte Stelle eines Rechnungsfuͤhrers bei Ihrem Gemahle. Meine anze ufmerkſamkeit war auf die erſonen ge⸗ ganz ge⸗ richtet, die hier in Ihrer Naͤhe ihr heilloſes Unweſen trieben. Es entging mir nicht, daß Cerrino durch die feinſten Kunſtgriffe der Ver⸗ ſtellung Sie zu taͤuſchen bemuͤht war, um deſto ungeſtoͤrter die Plane des Verderbens zu foͤrdern, und ſo verdoppelte ſich auch im Stillen meine Wachſamkeit, dieſe Plane zu zerſtoͤren. Es war mir nach Wunſche gelungen, die mich beobachten⸗ den Blicke von mir entfernt zu halten. Man konnte nicht leicht vermuthen, daß der muͤrriſche Alte, der mit Niemand Umgang hatte, einen ſo weſentlichen Antheil nahm an den raͤthſelhaften Ereigniſſen in Ihrem Hauſe. So war denn auch beſonders die Verwandlung von Dianorens Ringe mein Werk, wovon das Wie, wenig Beruͤck⸗ ſichtigung verdient. Die Folgen, welche dieſe Ningverwandlung fuͤr Dianoren hatten, waren wider Erwartung ſo nachtheilig, daß nur Loren⸗ zo's eigene Erſcheinung ſie unſchaͤdlich machen konnte, und ich war es, der ihm von allem Nachricht gab und ihn in tiefer Nacht bei Dia⸗ noren einfuͤhrte. Graͤfin. Lorenzo's naͤchtliche Erſcheinung — 2 ————— 1 war alſo wirklich kein Traum, wie Dianora glaubte? Amadeo. Sie war Wirklichkeit, und die Nothwendigkeit und die gute Abſicht muͤſſen mich uͤber die Mittel entſchuldigen, durch welche ich die Moͤglichkeit herbei fuͤhrte. Auch der Traum, den Manutti am Morgen nach Lorenzo's Erſchei⸗ nung erzaͤhlte, war keine Taͤuſchung. Dianora bedurfte einer Entſchaͤdigung fuͤr die Wunde, welche die Entſagung Ihres Sohnes ihrem Her⸗ zen geſchlagen hatte, und eines Beſchuͤtzers gegen Cerrino's geheime Tuͤcke. Beides ſollte ihr der edelmuͤthige Manutti ſeyn, der in jeder Hinſicht durch die Liebe eines ſo guten unſchuldsvollen Herzens, wie Dianorens, gluͤcklich zu werden verdiente, und alle Eigenſchaften beſaß, auch jene durch ſeine Liebe zu begluͤcken. Manutti's Zartlichkeit fuͤr Dianoren ſtimmte daher mit Lo⸗ renzo'’s Wuͤnſchen fuͤr Beider Gluͤck vollkommen uͤberein. Lorenzo's Bemuͤhungen, Dianorens fruͤhere liebevolle Achtung fuͤr Manutti und die Anerkennung ſeiner Vorzuͤge wieder auf ihn hin⸗ zuleiten, waren von ſehr erwuͤnſchtem Erfolge. Manutti wurde durch Lorenzo ſelbſt, vermittelſt einiger bildlichen Darſtellungen des Ihnen be⸗ kannten Kaſtentraͤgers, auf die Gefahr, worin Dianora in Bezug auf Cerrino ſchwebte, o wie auf die Aufforderung zu ihrer Rettung aufmerk⸗ ſam gemacht und zugleich von den zweckmaͤßigſten Mitteln zur Zerſtoͤrung der mehrfachen Plane tiefer Verworfenheit in Kenntniß geſetzt. Graͤfin. Auf dieſe Art war alſo Manutti's Erzaͤhlung ſeines Traumes nur erdichtet, um dem veraͤnderten Bilde auf Dianorens Ringe vielleicht nur einen ſtaͤrkern Eindruck auf uns zu verſchaffen und uns deſto nachdruͤcklicher auf die Gefahr hin⸗ zuweiſen, welche Dianoren drohete! Amadeo. Nur zum Theil. Manutti war wirklich fruͤher von einem aͤhnlichen Traumgeſichte beunruhiget worden, das Dianorens Ring und ſeine zaͤrtlich beſorgte Theilnahme fuͤr ſie erzeugt hatte. Der Zweck ſeiner Erzaͤhleng aber, der weiterhin durch Ihre eigene Anſchauung der Bilder in jenem optiſchen Kaſten unterſtuͤtzt wurde, war wirklich der von Ihnen genannte. Ungeachtet der vielfaͤltigen Winke und Ermah⸗ nungen, welche Ihnen Lorenzo wegen Dianoren gegeben hatte, ermatteten Sie in den Bemuͤhun⸗ gen, Ihren Sohn von ſeiner ungluͤckſeligen Lei⸗ denſchaft fuͤr ſeine Schweſter zu heilen und Ihren Gemahl von ſeinen Abſichten auf eine Verbindung zwiſchen Beiden zuruͤckzubringen, und ſo blieb Lorenzo zu Verhuͤtung dieſes Unheils nichts wei⸗ ter uͤbrig, als den Schleier hinwegzuziehen, der 3 —. 2 Ihnen Dianorens Herkunft verhuͤllte. Die Art, auf welche dieſes geſchah, wiſſen Sie; ſie diente zugleich dazu, Ihren Gemahl zu entfernen, der zu einem Beſuche bei ſeinem vieljaͤhrigen Freunde, dem Abte von Sankt Lucian, veranlaßt wurde. Die ihm dort eroͤffneten Mittheilungen waren in mehrfacher Hinſicht und beſonders deshalb noͤthig, um ihn von ſeiner Beharrlichkeit wegen einer Verbindung ſeines Sohnes mit Dianoren abzu⸗ bringen. Ich benutzte die Abweſenheit Ihres Gemahls, um Ihnen das Geheimniß wegen Dianoren zu enthuͤllen; ſowohl die Wichtigkeit deſſelben, als auch die Heftigkeit des zu beſorgen⸗ den Eindrucks, den die Entdeckung auf Sie machen mußte, ließen mich die ſchauerliche Ein⸗ ſamkeit der Thekla Kapelle waͤhlen. Dorr waren wir vor Beobachtern und Verraͤthern voͤllig ge⸗ ſichert und Sie am beſten im Stande, ſich gehoͤ⸗ rig von Ihrer Erſchuͤtterung zu ſammein; unter andern Umſtänden wuͤrden Sie Ihren Umgebun⸗ gen ſich ſehr leicht verrathen haben. Graͤfin. Nie werde ich den ſchreckbaren Eindruck vergeſſen, den dieſe Emnderkung in mir hervorbrachte. Amadeo. Meine Beſorgniß wurde dadnech 8 fuͤr Sie in einem ſo hohen Grade erregt, daß mich gezwungen ſahe, den gemagten Schritt lIl. P ,.“ „“ e — 226— thun, in Ihr Zimmer einzudringen, um Sie vor der Ruͤckkehr Ihres Gemahls zu beruhigen. Ihr Zuſtand haͤtte ſehr leicht ihn zu Vermuthun⸗ gen der Wahrheit leiten koͤnnen, die Ihrem bei⸗ derſeitigen eintrachtsvollen Frieden Gefahr drohe⸗ ten. Jedoch laſſen Sie mich vollenden, um Ihr fruͤheres Mißtrauen gegen mich voͤllig zu beſeitigen. Graͤfin. Es verdient doch gewiß Entſchul⸗ digung, wenn ich argwoͤhniſch wurde wegen der Sorgfalt, womit Du mir als Albero ſo gefliſſent⸗ lich auswichſt, und wegen der verdaͤchtigen trau⸗ lichen Unterhaltung, worin ich Dich einige Male mit Cerrino uͤberraſchte. Amadeo. Gerade uͤber die letztere bin ich Ihnen noch eine Erklärung ſchuldig. So auf⸗ merkſam ich auch Cerrino beobachtete, ſo mußte gleichwohl meine Bemuͤhung an ſeiner Verſchmitzt⸗ heit ſcheitern, ſolange ich mich in einer zu großen Entfernung von ihm hielt. Unter dem Scheine des Eigennutzes kam ich ihm daher auf halbem Wege entgegen, indem ich mich von ihm zur Theilnahme ſeiner Anſchläͤge erkaufen ließ. Ich ſchauderte vor dem Gewebe hoͤlliſcher Bosheit zu⸗ ruͤck, womit ich Ihre Familie jetzt umgarnt ſahe. Waͤhrend er beſonders Ihren Sohn darin feſt verſtrickte, um alle Schuld des beabſichtigten Bubenſtuͤcks gegen Dianoren allein ihm aufzu⸗ buͤrden, war er darauf bedacht, es ſelbſt auszu⸗ fuͤhren. Ich erhielt von jenem untergeſchobenen Briefe Kenntniß, den er unter Manutti's Namen an Dianoren geſchrieben hatte, und womit er beabſichtigte, ſie in der Maske des blauen Ritters auf dem Balle in den Netzen ſeiner Verfuͤhrung zu fangen. Sie uͤberraſchten mich in dem Augen⸗ blicke, wo ich Dianoren unmittelbar nach dem Empfange dieſes Briefes, durch das vorgebliche Verſcheuchen einer Natter zu warnen ſuchte. 3 Graͤfin. Jene blaue Maske war alſo wirk⸗ lich Cerrino? Amadeo. Er war es. Mit uͤberlegter Schlauheit hatte er den Anzug eines Armeniers gewaͤhlt, welcher ſehr bequem ſeine zweite Maske verbarg, ſo daß er Nothfalle ſchnell wech⸗ ſeln konnte, unter deſſen einer ſeiner Vertrauten ſeine Rolle ſpielte. So mußten Sie alſo noth⸗ wendig getaͤuſcht werden, da waͤhrend ſeines Angriffs auf Dianoren, der Armenier abſichtlich nicht von Ihrer Seite kamm. Graͤfin. Ich erſtaune eben ſo ſehr uͤber ein ſolches Gewebe von Argliſt, als uͤber den hohen Grad von Frechheit, womit er nach ſeiner, 3 durch die ſchwarze Maske bewirkten Entlarvung es wagte, uns unter die Augen zu treten und Dianorens B Vehaudtung Lügen zu ſtrafen. P2 * — 2238— Amadeo. Nur dadurch konnte er ſein ver⸗ rathenes Spiel wieder in Ordnung bringen. Schwerlich ahnete er dabei meine Mitwirkung, und dennoch war ich es, der in der Maske jenes Eremiten ſeine Buͤberei vereiteln half. Graͤfin. Du warſt alſo dieſe Maske? wer war aber Dein Begleiter, jene ſchwarze Maske? Amadeo. Einer der thaͤtigſten Befoͤrderer der guten Sache, mit deſſen Namen Sie die Zukunſt bekannt machen wird. Laſſen Sie mich zum Schluſſe eilen; der Morgen beginnt zu daͤm⸗ mern, er darf mich nicht mehr hier finden. Cer⸗ rino's ſchwarzer Anſchlag auf Dianoren war zwar in jener Nacht geſtoͤrt worden, aber er gab ihn deshalb nicht auf,— Abgang nach dem Kloſter mußte die Au⸗ hrung dazu darbie⸗ ten. Die Leute, welche er Ihrem Sohne ver⸗ ſchafft hatte, um dieſem vorgeblich Dianoren zu⸗ zufuͤhren, waren von ihm gedungen worden, ſie fuͤr ihn ſelbſt zu rauben. Das Bubenſtuͤck gelang jedoch nur ſcheinbar. Sie ſelbſt werden Zeugin eines Auftritts ſeyn, welcher das Laſter in ſeiner ganzen veraͤchtlichen Bloͤße entlarven und den Boͤſewicht niederſchmettern ſoll. Der kommende Tag iſt dazu beſtimmt. Ihr Gemahl wird Sie zu einer Spazierfahrt einladen, deren eigentliche Abſicht ihm ſelbſt noch nicht vollſtaͤndig bekannt — 229m— iſt; nehmen Sie keinen Anſtand, ſeiner Ein⸗ ladung zu folgen, denn dieſe Spazierfahrt wird Ihnen den Schluͤſſel fuͤr manche noch vorhandene Raͤthſel geben. Jetzt iſt mein Geſchaͤft hier be⸗ endigt, und ich ſcheide von Ihnen bis auf Wie⸗ derſehen. Graͤfin. Halt! ehe Du von mir gehſt, gewaͤhre mir noch eine Bitte, die mir meine Herzensruhe ganz wiedergeben kann. Sage mir aufrichtig: lebt Ludoviko noch? Amadeo. Erfuͤllen Sie ſo das Verſprechen, unter welchem ich Ihnen dle Verzeihung des Himmels zuſicherte? Graͤfin. Darf die Mutter nicht nach dem Vater ihres Kindes fragen? Ich will ja nur wiſ⸗ ſen, ob er noch lebt; er ging in Verzweiflung von mir, ach! und Centnerſchwer laſtet das Be⸗ wußtſeyn auf mir, daß ich ihn in Ungluͤck und Berzweiflung ſtuͤrzte. Jahrelange Leiden und Deine Vorſtellungen und Ermunterungen haben meine Leidenſchaft fuͤr ihn abgekuͤhlt; ich denke jetzt nur noch an ihn, wie an einen hingeſchie⸗ denen theuern Freund. Amadeo. Das iſt fuͤr Sie heilige und unerlaßliche Pflicht; denn jede Neigung, die uͤber ein freundſchaftliches Andenken Brran i 1 ——— —— — 230— machte Sie zur Verbrecherin und verſchloͤſſe Ihnen den Himmel auf immer. Graͤfin. Entdecke mir nur, ob meine Schuld nicht allein die Urſache ſeines Ungluͤcks, ſondern vielleicht auch die ſeines Todes geweſen iſt, und in welcher Beziehung jener Centuriſche Oberſter zu Ludoviko ſteht. 84 Amadeo. Sie fordern mehr als ich Ihnen erfuͤllen kann und darf. Ich kenne dieſen Ludo⸗ viko nicht. Ich bin nur erſt durch Ihre Mitthei⸗ lungen mit ihm und den Verhaͤltniſſen, in wel⸗ chen er mit Ihnen ſtand, genauer bekannt gewor⸗ den, und weiß daher von ihm weiter nichts mit Gewißheit. Gedulden Sie ſich nur noch wenige Tage, dann wird Ihnen Lorenzo ſelbſt alle Zwei⸗ fel und Raͤthſel loͤſen. Dringen Sie nicht weiter in mich, Entlaſſen Sie mich nunmehr, und binden Sie die Zunge Ihrer Kammerfrau, damit ge Ihr ſie meine gegenwaͤrtige Unterhaltung mit Ihnen und die Umſtaͤnde, unter welchen ich ſie bewirkte, nicht verraͤth. Sie duͤrften ſonſt leicht Urſache erhalten, zu bereuen, daß Sie Cerlinen hinter den Schleier, den ich um mich zu huͤllen genoͤthigt war, tiefer blicken ließen, als es die Klugheit gut heißen kann. Graͤfin. Sey unbeſorgt. Cerlina ehrt und liebt in mir ihre Wohlthaͤterin und iſt mir treu 4 — ——-— ergeben. Du gehſt zwar jetzt von mir, aber ich darf doch wohl nicht befuͤrchten, auf immer? Amadeo. Wenn meine Gegenwart Ihnen noͤthig ſeyn ſollte, dann ſollen Sie mich nicht ver⸗ miſſen; noch heute werden Sie mich wiederſehen in dem Augenblicke, wo die unterdruͤckte und ver⸗ folgte Tugend ihren Triumph uͤber das Laſter feiert. Bis dahin ſcheide ich von Ihnen mit dem from⸗ men Wunſche, daß der Segen des Himmels ſtets mit Ihnen ſeyn moͤge. Er druͤckte der Graͤfin die Sand und ent⸗ fernte ſich. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch, als die Graͤfin erwachte. Ihr Gemahl erwartett ſie mit Ungeduld. Sie ließ ſich ſchnell ankleiden und kurz darauf trat ihr Gemahl bei ihr ein. Sie fand ihn ungewoͤhnlich heiter und erfuhr, daß die eingegangenen Nachrichten von Dianorens Ret⸗ tung und von der Gewißheit, daß Seipio reue⸗ voll in die Arme ſeiner Familie zuruͤckkehren werde, eine ſo frohe Stimmung in ihm erzeugt habe. „Ich konnte kaum Ihr Erwachen erwarten,“ fuhr er gegen ſie fort,„um meine Freude mit Ihnen zu theilen. Gefaͤllt es Ihnen, ſo begleite ich Sie in die Meſſe, um dort dem Himmel unſern Dank fuͤr die gluͤckliche Wendung darz — 232— *. bringen, welche unſre eben ſo verworrenen als beengenden Angelegenheiten gewonnen haben. Nach beendigter Meſſe erbitte ich mir Ihre Ge⸗ ſellſchaft auf einer kleinen Spazierfahrt.“ Graͤfin. Ich bin Ihnen fuͤr beides ſehr dankbar, und nehme auch mit Vergnuͤgen Ihre Einladung an. Darf ich fragen, vohin uns dieſe fuͤhren ſoll? Graf. Zu Dianoren. Graͤfin. Zu Dianoren? Sie uͤberraſchen mich auf eine hoͤchſt angenehme Art. Sie wiſſen, wo ſie iſt? Graf. Ich weiß es. 1 Graͤfin. So vermuthe ich, daß ſie ſich in dem Bernhardinerkloſter befindet. Brar Sie irren ſich. In einem geheimen Schlupfwinkel des Laſters haͤlt ſie die niedrige Bosheit eines verruchten Verfuͤhrers gefangen. Jedoch fuͤrchten Sie nichts; die Heiterkeit, welche Sie an mir erblicken, ſey Ihnen Buͤrge, daß Dianorens Beief uns Wahrheit ſagte, und daß ſie einen ſchuͤtzenden Engel gefunden hat.— Wir haben indeſſen keine Zeit zu verlieren, daher bitt⸗ ich Sie, mir zu folgen. Cerrins glaubte ſich ſo ſicher in ſeinem Hin⸗ isalte verſchanzt zu haben, daß er keine Ent. ——— — deckung befuͤrchtete; in ſorgenloſer Sicherheit bemuͤhete er ſich jetzt, das Ziel ſeiner Wuͤnſche zu erreichen. Dianora war gluͤcklich in ſeine Haͤnde gera⸗ then. In der Einſamkeit ihres gegenwaͤrtigen Aufenthaltes in einem tief hinter Bergen und Galdungen verſteckten alten Schloſſe, wohin er ſie hatte narch Lucillo bringen laſſen, war ſie, ſeiner Meinung nach, ſo verborgen, daß nicht leicht ein Spaͤherblick ſie auskundſchaften konnte. DSo begierig er auch nach einem voͤlligen Trium⸗ phe ſeiner Bosheit lechzte, ſo rieth ihm doch die Klugheit, einen Beſuch bei ſeiner Gefangenen noch auf einige Zeit aufzuſchieben, waͤhrend er ſeinem treuen Lucillo es uͤberließ, den erſten Sturm abzuwarten, und ſie alsdann durch deſſen Ueberredungskuͤnſte auf ſeinen Beſach vorzuve⸗ reiten. Endlich meldete ihm denn Lucillo, daß ſeine Gefangene ruhiger werde, daß ſie ſich allmaͤhlig in ihr Schickſal zu ergeben ſchiene, daß ſie ſeiner Ankunft nun gefaßter entgegen ſaͤhe, und daß er ihm jetzt das Weitere uͤberlaſſen koͤnne.„Ich erwarte,“ ſchrieb er,„Ihre ferneren Befehle und beſtimmte Nachricht wegen Ihres Eintreffens, damit ich zur rechten Zeit den hewußten Trank be⸗ reiten und anwenden kann, der di Gefangene i n ſuͤßverlangenden Sinnenrauſch verſetzen und ihre widerſtrebende Sproͤdigkeit bezaͤhmen ſoll. Wenn dieſer kuͤnſtlich gewuͤrzte Morgentrank ſeine Wir⸗ kung nicht verſagt, oder nicht etwa eine neue Spukerei der ſchwarzen Maske dazwiſchen tritt, ſo kann der von Ihnen gewuͤnſchte Erfolg nicht fehlen.“. Cerrino war mit dieſer Nachricht fehr zufrie⸗ den und meldete Lucillo ſogleich zuruͤck, daß er den folgenden Tag dazu gewaͤhlt habe, das Werk ſei⸗ ner Bosheit zu kroͤnen; dabei ermahnte er ihn nochmals zur noͤthigen Vorſicht und Klugheit, um das Erforderliche fuͤr ſeine Ankunſt vorzube⸗ reiten. Ohr alle Begleitung und ohne irgend Jemand etwas von ſeinem Unternehmen wiſſen zu laſſen, machte er ſech, bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, in aller Stille und voll hochfliegender Hoffnungen auf den Weg. Lucillo empfing ihn mit der Verſicherung, daß er der erhaltenen Weiſung gemaͤß, das Noͤthige eingeleitet und von dem betaͤubenden Pulver Ge⸗ brauch gemacht habe, das auch auf die Gefangene nach Wunſch zu wirken ſcheine. Cerrino brannte vor Begierde, ſich ſelbſt davon zu uͤberzeugen. Daher bequemte er ſich nur ſehr ungern, auf Lu⸗ eillo's Vorſtellungen, ſo lange zur Geduld, bis ſi ſch 4 — — 235— jener zuvor von der Wirkung des Trankes wuͤrde belehrt haben, indem er ſich auf einige Zeit ent⸗ fernte und ihn erſuchte, ſeine Zuruͤckkunft ruhig zu erwarten. Cerrino harrte der Ruͤckkehr ſeines Getreuen ungeduldig entgegen, und voll Verdruß uͤber deſſen langes Verweilen, war er eben im Begriffe, die Urſache ſeines Zoͤgerns zu erforſchen, als die⸗ ſer ihm endlich erfreut meldete, daß es Zeit ſey. Lucillo fuͤhrte ihn durch die langen duͤſtern Gaͤnge des Schloſſes nach dem entſernteſten Theile deſſelben zu der wohlverwahrten Thuͤre eines abgelegenen Zimmers, in welchem er Dianoren finden ſollte. Lucillo ſchob leiſe die Riegel hin⸗ weg und oͤffnete die Thuͤre, die zu einem hoch⸗ ewölbten, nert ausmeublirten Gemache fuͤhrte⸗ die hohen mit eiſernen Staͤben verwahrten Bo⸗ genfenſter waren durch rothſeidene Gardinen ver⸗ huͤllt, durch welche die Sonnenſtrahlen einen mil⸗ den roſenfarbigen Schimmer umher verbreiteten Lucillo ſchob Cerrino leiſe hinein, trat dann zuruͤck und verſchloß hinter ihm die Thuͤre Im leichten Morgengewande lag die Gefangene auf einem Sopha vom magiſchen Schimmer der Fenſtergardinen umfloſſen. Sie ſchien zu ſchlum⸗ mern, und ein duͤnner Schleier bedeckte ihr Ge⸗ ſicht. Voll wilder Glut naͤherte ſich Cerrino leiſe der Schlummernden, um den verhuͤllenden Schleier von ihr hinwegzuziehen, als ploͤtzlich eine Seiten⸗ thuͤre aufflog und die ſchwarze Maske von jenem Abende mit einem erſchreckenden:„Halt!“ ihm in den Weg trat. Wie von einem uͤberraſchendem Donner getroffen, taumelte Cerrino bebend zuruͤck und nach der Thuͤre, um ſich dem furchtbaren Gegner zu entziehen. Dieſe oͤffnete ſich, und der Graf Montaldi in Begleitung ſeiner Gemahlin und des alten Albero traten herein. „Ich bin verloren!“ rief Cerrino ſtammelnd aus, und prallte beſtuͤrzt zuruͤck. „Das biſt Du, Elender!“ donnerte ihm der Schwarze zu, und ſchleuderte den bebenden Boͤſe⸗ wicht mit nerviger Fauſt nach der Schlummern⸗ den hin waͤhrend Albero die Fenſtergardinen öffnete und dem Tageslichte freien Eingang ver⸗ — ſchaffte. Die Graͤfin eilte auf die Schlummernde au. Doch die ſchwarze Maske zog in dem Augen⸗ Aut waſch den Schleier hinweg, der ihre Zuͤge te, und uͤberraſcht kebte die Grafin zuruͤck, aus ne ein fremdes Geſicht erblickre. Mit einem unartikulirten Ausrufe des heſtig⸗ ſten Entſetzens ürzte Cerrino, bleich und zitterr ² und mit verſtoͤrten Zuͤgen bewußtlos bei ührem Anuiis zu Boden. gs war— Bianka. 6 7 Tſdinſiſnſſfffſnſinefff 8 9 10 11 12 13