Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von d. 3 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— Leih u Leſebedingungen. 11. Offensein der Bibiiothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruͤckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages in zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet N ird 9 4. Abonnement. 5 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3. 3 für wöchentlich 2 Bücher: eihen elche die⸗ . 2 460. N Dianora. Oder Verſchwoͤrung om ſchwarzen Bunde. b Eine benteuerliche Geſchichte n vier Theilen. Voͤllige Umarbeitung des Romans: Lorenzo, der kluge Mann im Walde ies — Zweiter Theil. Leipzig, 18212 Johann Krtedeic Leich. Der Graf Torſo mit Cazzi im Geſpraͤche. Torſo. Es hat Dich nicht etwa Jemand bemerkt? Cazzi. Seyn Sie unbeſorg., keine Seele! und in dieſer meiner Mummerei wuͤrde man mich auch um ſo weniger erkannt haben, da mich meine geheimen Auflauerer noch in dem Kerker vermuthen. Torſo. Nun dann ſprich, wie ſteht es mer Riviali und dem Alten im Walde, und welche Nachrichten haſt Du uͤber Montaldi? 8 Cazzi. Sie fragen mehr als ich mit einem Maie beantworten kann; welche von dieſe Fra⸗ gen ſoll ich Ihnen zuerſt beantworten?— Torſo. Was habe ich in Anſehung Loren⸗ zo's zu erwarten? n* Cazzi. Der macht Ihnen keine Sorge mehr. Torſo. Wie das?— JSs Spaͤter Abend. Das Kabinet des Grafen Torſo. Cazzi. Ich habe ihn gebraten und der Soöͤll zum Inbiß aufgetiſcch. 1I. . Toerſo. Was ſagſt Du? todt? Tazzi. So iſt es. Torſo. Wenn dieſes Wahrheit it, 65 bin ich meinen gefaͤhrlichſten Widerſacher los; dieſer Dienſt waͤre ſo uͤberaus wichtig, daß er eine ausgezeichnete Belohnung verdiente. Aber kaum wage ich es zu glauben. Cazzi. Ei warum nicht? hatte er ja doch auch nur ein Leben zu verlieren, wie jeder An⸗ dere, und wenn dieſes wirklich fo war, und nicht etwa ſein Leben eine Salamandernatur hatte, ſo ſtehe ich Ihnen dafuͤr, daß meine Glu⸗ ten ihn reine weg verſchlungen haben. LTorfo. Noch einmal, das waͤre ungemein viel fuͤr meine Sicherheit; doch ſchnell, erzaͤhle! Ca z5i. Sie hatten meine Unſchuld an den mir von Lorenzo angedichteten Verraͤthereien an⸗ erkannt, und mich wieder in Freiheit geſetzt; ich brannte um ſo mehr vor Begierde, mich an dem alten Verraͤther zu raͤchen, da ich meinen Herrn, den Marcheſe, der Argliſt und geheimen Tuͤcke deſ⸗ ſelben Preis gegeben wußte und das Schlimmſte fuͤr dieſen befuͤrchtete. Ich kam gluͤcklich und un⸗ bemerkt aus der Stadt, und durch Ihr Geld eine Schlauheit wußte ich meine Leute, 4 ſie zur Unterſtuͤtzung imeines Unterneh⸗ 1 22 — 3— eens brauchte, ſehr bald zu finden. Ich legee nich mit meinen Gehuͤlfen auf Kundſchaft und 4 erfuhr, daß Lorenzo, ſeit der Abreiſe der Graͤfin Montaldi, ſeine Wohnung verlaſſen hatt„Ohne zu wiſſen, wohin er ſich mochte zegebe haben, belehrte ich mich doch bald, daß ſeine Entfernung nur von kurzer Dauer ſeyn konnte, und daß er ſeine Wohnung nur einſtweilen dem Schutze der benachbarten Koͤhler unter Aufſicht eines alten Waldbruders Namens Amadeo, uͤberlaſfen hatte, der von Zeit zu Zeit bei ihm einſprach. Ich be⸗ nutzte Lorenzo's Abweſenheit im Stillen dazu, von meinem Herrn und deſſen raͤthſelhaftem Ver⸗ 8 ſchwinden Nachricht einzuziehen, und vermuthete anfangs, daß ihn Lorenzo irgendwo in feiner Wohnung eingekerkert haͤtte; allein ich. uͤber⸗ zeugte mich bald, daß zwar dieſe Vermuthung ungegruͤndet war, daß aber auch alle Nachfor⸗ ſchungen nach dem Herrn Marcheſe ohne den et⸗ wuͤnſchten Nutzen blieben. Torſo. Gleichwohl liegt mir unzeiteit viet daran, von Riviali und dem Erfolge ſeiner Be⸗ muͤhungen Nachricht zu erhalten. Cazzi. Die Graͤfin Montaldi wuͤrde Ihnen daruͤber wahrſcheinlich die beſte 2 iskunft geb⸗ koͤnnen, da es nicht leicht zu ver ſtie mit den Urfachen des ploͤtzliche Fall zu ſeyn. Die Graͤfin iſt uͤber das lange Außenbleiben des Marcheſe eben ſo verlegen, als ich es bin, und ſteht in der Meinung, daß er ihren. Gemahle entgegen gereiſt ſey, indeſſen anderweitige Erkundigungen dem zu widerſpre⸗ chen ſcheinen. Cazzi. Ich rechnete bei meinen Nachfor⸗ ſchungen beſonders auf den alten Klausner Ama⸗ deo. Waͤhrend ich meine Leute in der Naͤhe in dem Walde verbarg, wußte ich es unter dem Vorwande, mich in dem Walde verirrt zu haben, ſo einzurichten, daß ich ihm dort auf dem Wege begegnete, als er am Abend nach ſeiner Klauſe zuruͤckſchlich. Ich knuͤpfte ein trauliches Geſpraͤch mit ihm an, und indem ich ihn immer offener und zutraulicher gegen mich zu machen ſuchte, lenkte ich nach und nach auf die Hauptſache ein. Ich veranlaßte ihn zu mancherlei Erzaͤhlungen von den Dingen, die in ſeiner Naͤhe vorgegan⸗ gen waren und von welchen ich auf dem Wege hierher ſo viel Abentenerliches gehoͤrt zu haben vorgab; vorzuͤglich bemuͤhete ich mich, uͤber Lo⸗ renzo und deſſen bisherige Gaͤſte einiges von ihm zu erlauſchen. Mit ſo vieler Vorſicht ich aber dens des Herrn Marcheſe ganz unbekannt geblie⸗ hben ſeyn ſollte. Torſo. Dennoch ſcheint dieſes wirklichder zur Ruhe zu begeben. Die Dunkelheit und die auch hierbei verfuhr, ſo bemerkte ich dennoch, daß der Alte aufmerkſamer auf mich wurde und mich durch ſeine gemuͤthliche Geſpraͤchigkeit und man⸗ ſcherlei verfaͤngliche Fragen ſo ſehr verwickelte, daß ich alle Muͤhe und Verſchlagenheit anwenden mußte, um mich nicht zu verrathen. Mit einer verdaͤchtigen Freundlichkeit lud er mich ein, in ſeiner Klauſe einzukehren und bis zum folgenden Tage bei ihm zu verweilen; da ich ihm aber nicht traute und mich nicht ſicher glaubte, daß dieſe ſcheinbare gaſtfreundliche Einladung nur eine Schlinge fuͤr mich ſeyn koͤnnte, ſo lehnte ich ſie ab und machte, daß ich davon kam und ſobald als moͤglich meine Leute erreichte. Von dieſen erfuhr ich denn, daß Lorenzo waͤhrend meiner Abweſenheit in ſeiner Wohnung wieder einge⸗ troffen ſey, und ſogleich entwarf ich meinen Plan. 3 Torſo. Du ſpannſt meine ganze Erwartung. Cazzi. Es war zu vermuthen, daß der Alte von der Reiſe ermuͤdet ſeyn und ſich nach Ruhe ſehnen mußte, daher ich denn auf der Stelle daraus Vortheil fuͤr meinen Anſchlag zu ziehen ſuchte. In der Naͤhe, im Gebuͤſche ver⸗ ſteckt, wartete ich mit meinen Gehuͤlfen ruhig die Nacht ab, um dem Alten Zeit zu laſſen, ſich z oͤde Stille, welche rings umher herrſchte, kamen meinem Unternehmen ſehr gut zu Statten. Wir ſchlichen uns näͤher heran und ſteckten Lorenzo's Wohnung an mehreren Orten zugleich in Brand, waͤhrend wir alle Ausgaͤnge beſetzten, um ihm das Entrinnen abzuſchneiden. Die Nachtwinde beguͤnſtigten das Vorhaben, ſie fachten das Feuer ſtaͤrker an und in kurzer Zeit loderten die Flam⸗ men von allen Seiten empor. Torſo. Und Lorenzo? 3 Cazzi. Der war bei dem erſten Feuer⸗ brande, womit ich ſeine Huͤtte anzuͤndete, ohne Rettung verloren. Alles ging nach Wunſche; Lorenzo mußte in tiefem Schlafe gelegen haben, weil er nur erſt dann, als an keine Rettung mehr zu denken war, die nahe Gefahr bemerkte. Als es ihm von unſerm Einheizen zu heiß werden mochte, verſuchte er es zwar, ſich im Freien abzukuͤhlen, aber unſre Dolche trieben ihn wie— der in die Glut zuruͤck. Wir erblickten ihn hier⸗ auf, wie er von den Flammen umgeben verzweif⸗ lungsvoll um Huͤlfe ſchrie und im Begriff war, ſich von der Hoͤhe des brennenden Gebaͤudes her⸗ abzuſtuͤrzen. Aber er ſchien ſich eines beſſern zu beſinnen und verſchwand in den Flammen. Ploͤtz⸗ lich hoͤrten wir das ſtuͤrmiſche Laͤuten einer Glocke, die er irgendwo mußte angebracht haben, und in —— 4 4 * en war. Ich muß lihn ſehr gut gefaßt huban eilen, um uns unbemerkt zuruͤckzuziehen. Eben war ich im Begriffe, mir mit meinen Leuten einen Weg durch das Gebuͤſche zur Flucht zu bahnen, als ich in dem blendenden Glanze, wel⸗ chen die Flammen ringsumher verbreiteten, einen Mann uͤber die Haide daher und nach dem bren⸗ nenden Hauſe hinſtuͤrzen ſahe; und denken Sie ſich mein frohes Erſtaunen, als ich in ihm den Grafen Montaldi erkannrte. Torſo. Was ſagſt Du? Montaldi? Cazzi. So ſagte ich. 6 Torſo. Nicht moͤglich! ich habe ſichere Nachricht, daß Montaldi einen andern Weg zur Ruͤckreiſe hierher waͤhlen wird. Cazzi. Dennoch buͤrge ich Ihnen dafuͤr, daß er es war. Ich hatte ihn nicht ſobald er⸗ kannt, als ich ihm auch entgegen trat, und ihm, ehe ſeine in der Ferne folgenden Bedienten herbei⸗ eilen konnten, den Dolch mit einer ſolchen Hef⸗ tigkeit in die Bruſt ſtieß, daß er augenblicklich zu Boden ſtuͤrzte. Torſo. Waͤre es moͤglich? Montaldi todt? Cazzi. Todt! wenn ſeine Bruſt nicht von kurzer Zeit wurde es in dem angrenzenden Gebuͤ⸗ ſche lebhaft; von allen Seiten ſahen wir Leute zur Rettung hervor dringen und wir mußten bringen. Torſo. Das waͤre fuͤrwahr ein Meiſter⸗ ſtreich, der mich auf einmal von unſern beiden gefaͤhrlichſten Feinden befreiet haͤtte, wenn er ſich beſtaͤtigen ſollte; denn durch dieſer Beiden Tod waͤre alsdann die Kraft ihrer Anhaͤnger ge⸗ laͤhmt, und Niemand duͤrfte es alsdann noch wagen, ohne die Beweiſe, welche ſich wahrſchein⸗ lich in Lorenzo's Haͤnden befanden, gegen mich aufzutreten. Cazzi. Daß meine Nachricht Wahrheit iſt, dafuͤr buͤrge ich Ihnen mit meinem Kopfe, und eben ſo gewiß iſt es, daß die Papiere, welche Lorenzo bei ſich verwahrte, mit ſeiner ganzen Habe ein Raub der Flammen geworden ſind. Torſo. So wuͤrde es alsdann nur noch darauf ankommen, ob es vielleicht moͤglich zu machen ſey, die Schriften nnd Dokumente, welche Montaldi mit ſich fuͤhrte, in die Haͤnde zu bekommen und dadurch um ſo beſſer den Er⸗ folg ſeiner Sendung zu vereiteln. Auch dafuͤr habe ich beſtmoͤglichſt Sorge ge⸗ tragen; ein paar handfeſten u ud geuͤbten Bur⸗ ſchen von meinen Leuten ließ ich die allgemeine denn ohne einen Laut von ſich zu geben, ſtuͤrzte er zuſammen; ich eilte nun ohne Verzug hierher, um ſo ſchnell als moͤglich Ihnen Nachricht zu mentlich der edle Baſſino waren uͤber eine ſolche Verwirrung benutzen, unter dem Scheine der Huͤlfleiſtung ſich uͤber den Wagen des Grafen, den ich in derFerne halten ſahe, herzumachen, um ſich in der erſten Beſtuͤrzung des Grafen Gepaͤcke zu bemaͤchtigen und es hierher zu bringen. Ich zweifle nicht an dem Gelingen. Torſo. Du haſt Dir ein hohes Recht auf unſre ausgezeichnetſte Dankbarkeit erworben, und ſie ſoll Dir werden. Entferne Dich jetzt ſtill und unbemerkt, und laß mir Zeit, das Weitere zu uͤberlegen. 3 Corvetti's meuchelmoͤrderiſcher Anſchlag auf das Leben des Grafen Montaldi, hatte in Latago ungemeines Aufſehen gemacht und Alles um ſo mehr in Beſtuͤrzung und Bewegung geſetzt, je weniger man einem ſo allgemein beliebten Manne wie Corvetti, eine ſolche That zutrauen konnte. Er war jetzt durch den unbekannten Fremdling entlarvt worden und ſtand in ſeiner ganzen ſchaͤnd⸗ lichen Bloͤße da; denn ſein Erbleichen, fein Zu⸗ ruͤcktaumeln und die ſchreckenvolle Verwirrung, worin man ihn erblickte, ſchienen zu ſehr die Beſchuldigung des Fremden zu beſtaͤtigen, als daß man ſie haͤtte in Zweifel ziehen ſollen. Die Freunde des Grafen Montaldi und na⸗ — 10— Buͤberei quf das heſtigſte ergrimmt, und vereinig⸗ ten ſich miteinander, ſich des Boͤſewichtes zu bemaͤchtigen und mit aller Strenge der Geſetze gegen ihn zu verfahren. Corvetti hatte indeſſen nicht ſobald eine ruhi⸗ gere Faſſung genommen, als er auch ſeine ganze verſteckte Argliſt aufbot, um ſich uͤber den ihm angeſchuldigten Mordanſchlag zu rechtfertigen. Es wuͤrde ihm zwar leicht geworden ſeyn, die ploͤtzliche Beſtuͤrzung zu benuͤtzen, um ſich ſchnell durch die Flucht zu retten, allein dieſer Entſchluß konnte nur in den Augenblicken ſeiner gewalt⸗ ſamen Ueberraſchung in ihm entſtehen. Er hegte Hoffnung, daß es ihm auf eine ehrenvollere Art gelingen wuͤrde, dieſe Gefahr von ſich abzuwen⸗ den, weil ſchon ſein ruhiges Verweilen in Latago zu ſeinem Vortheil fuͤr ihn ſprechen mußte. Man bemaͤchtigte ſich zwar ſeiner Perſon und ſeiner Papiere, aber er hatte die erſte allgemeine Verwirrung ſchnell dazu benutzt, bei ſeiner Nach⸗ hauſekunft die Handſchriften und Dokumente, die gegen ihn zeugen konnten, zu vernichten und ſich auf alles vorzubereiten. Der Miniſter trat an der Spitze ſeiner Freunde laut als Anklaͤger gegen ihn auf: aber mit einer Frechheit, die Alles in Erſtaunen ſetzte, behauptete er ſeine Unſchuld und ſchien ber eine — 11— ſo entehrende Beſchuldigung, ſo wie uͤber das ge⸗ gen ihn gebrauchte gewaltſame Verfahren aͤußerſt empoͤrt zu ſeyn. Er ſchrie laut uͤber Gewalt und Ungerechtigkeit und uͤber Verletzung der Voͤlker⸗ rechte; trat mit der Miene ſeiner tiefverwunde⸗ teen Ehre ſelbſt als Ankläger gegen den edeln Baſſino auf, und forderte die ſtrengſte Unter⸗ ſuchung, ſo wie die ausgezeichnetſte Genugthaung. 1 und Ehrenrettung. 1 Der Miniſter ließ ſich jedoch eben ſo wenig als ſeine Freunde durch dieſe unerwartete Wenrne 4 dung, welche Corvetti dieſer Sache gab, irre machen, ſondern betrieb ſie mit alle dem Eifer, den ſein lang im Stillen gegen Corvetti genaͤhr⸗ ter Verdacht rechtfertigte. Man hatte Corvetti's Papiere und Geraͤthſchaften auf das ſtrengſte 3 unterſucht, aber ſo feſt auch der Miniſter und ſeine ihn unterſtuͤtzenden Freunde von der Wahr⸗ heit der Beſchuldigung gegen den Gefangenen uͤberzeugt waren, ſo konnten ſie doch ungeachtet aller angewandten Bemuͤhungen, nicht das Ge⸗ ringſte aufſpuͤren, was ihn der veſchuldigten Khnt uͤberfuͤhren konnte. 3 Bei ſeinem fortgeſetzten Läugnen un der frr⸗ chen Behauptung ſeiner Unſchuld, wurde die Sache immer verworrener und bedenklicher. Cor⸗ 3 vetti tithatss durch ſein gleisneriſches, aber ange⸗ — 12— nehmes Betragen ſich einen bedeutenden Anhang und ſogar einige wichtige Maͤnner zu Freunden gemacht, die in der Meinung, daß ihm Unrecht geſchaͤhe, ſich ſeiner auf das thaͤtigſte annahmen. Die Haͤrte, womit man gegen ihn verfuhr, brachte die Gemuͤther in immer groͤßere Gaͤhrung, ſo daß die bedenklichſten Folgen zu befuͤrchten wa⸗ ren, wenn die Sache nicht bald eine andere Wendung nehmen ſollte. Von allen Seiten wurde der edle Baſſino Mißdeutungen und dem bitterſten Tadel ausge⸗ ſetzt; man ſchrie laut uͤber Bedruͤckung und unge⸗ ſetzliche Haͤrte, da er ſich durch die bloße Beſchul⸗ digung eines unbekannten Abenteurers hatte ver⸗ leiten laſſen, ſo gewaltſam gegen einen allgemein beliebten Mann zu verfahren, der als Geſchaͤfts⸗ traͤger eines zwar kleinen und entfernten, aber immer achtungswerthen Staats eine groͤßere Schonung und die ausgezeichnetſte Genugthuung fordern konnte. Wer war jener Unbekannte? wo war er ſo ploͤtzlich hingekommen? wer kannte ihn? Cor⸗ vetti ſchien zwar ihn zu kennen, da man ihn oͤſters in ſeiner Geſellſchaft geſehen hatte, allein dieſer aͤußerte ſich hieruͤber auf eine fuͤr ſich ſehr vortheilhafte Art. Er erklaͤrte den Fremden fuͤr einen Abenteurer, der ſich unter dem Scheine — — 13— einer zuvorkommenden Artigkeit an ihn ange⸗ ſchloſſen habe, und wahrſcheinlich mit Perſonen in geheimer Verbindung ſtehe, deren verſteckte Anſchlaͤge es vielleicht erfordert hatten, ihn ſo zu branntmarken. Er wußte es ziemlich wahrſcheinlich zu machen, daß dieſer Unbekannte ſelbſt feindſelige Abſichten auf den Grafen Montaldi gehegt und es darauf angelegt haͤtte, ſeinen Anſchlag durch einen ſo kuͤhnen Streich auszufuͤhren, um in der erſten Verwirrung den Grafen hinweg zu draͤngen und ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen. Wenn es dieſer Fremde redlich mit dem Gra⸗ fen Montaldi meinte, warum hatte er es alsdann hbis zu dieſer vorgeblichen Vergiftung kommen ihm drohende Gefahr aufmerkſam gemacht und ihn veranlaßt, Latago fruͤher zu verlaſſen? Wenn ſeine Beſchuldigung gegen Corvetti gegruͤndet Klaͤger gegenuͤber zu ſtellen und ſeine Anklage zu beweiſen? Wo war der Graf Montaldi geblie⸗ 1 ben? Dieſer war mit dem Fremden zugleich aus Latago verſchwunden, und obgleich ſeine Freunde die Hoffnung hegten, daß er in Yſamo gluͤck⸗ lich angekommen ſey, ſo wurde dieſe Hoffnung eingezogene Nachrichten aus Yſamo wider⸗ du laſſen? warum hatte er ihn nicht vorher auf die war, warum blieb er nicht da, um ſich ihm als 4 — legt, durch welche man vernahm, daß dort der Graf noch immer mit großer Ungeduld erwartet werde. Man ſtellte die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen nach Petardo an, man forderte ihn ſogar durch öffentliche Blaͤtter auf, zu erſcheinen, und ver⸗ ſprach dem eine anſehnliche Belohnung, der be⸗ ſtimmte Nachricht uͤber ihn und ſeinen Aufent⸗ halt bringen koͤnnte, aber auf keine Weiſe war auch nur die mindeſte Spur von ihm ausfindig zu machen. Dieſe Umſtaͤnde wußte Corvetti ſo gut fuͤr ſich zu benutzen, daß die Vorwuͤrfe uͤber eine offenbare Ungerechtigkeit und unverzeihliche Voreiligkeit immer druͤckender auf dem edeln Baſfſtno laſteten, und daß endlich auch der Fuͤrſt, von dem Scheine von Corvetti's Unſchuld ge⸗ taͤuſcht, ſeinen Unwillen uͤber das Verfahren aͤußerte und ſeine Unſchuld anerkannte. Jeder weitere Verdacht gegen ihn mußte nun⸗ mehr ſchweichen; feierlich wurde er endlich freige⸗ ſprochen, und es ihm von Seiten des Gerichts ſelbſt uͤberlaſſen, eine der ihm zugefuͤgten tiefen Kraͤn⸗ kung ſeiner Ehre angemeſſene Genugthuung zu fordern. Der ſchlane Betruͤger verſteckte ſich jetzt weislich hinter die Maske der Großmuth, wo⸗ durch er noch mehr fuͤr ſich gewinnen mußte. Er k erklaͤrte, daß er ſich mit der Anerkennung ſeiner 4.* —— Grafen zwar betaͤubt, allein die wenig erhebliche — 15— unſchuld begnuͤge, da die gegen ihn bewieſene geſetzwidrige Ungerechtigkeit durch ſich ſelbſt ſey beſtraft worden, und er nun ſeinem Hofe es an⸗ heim ſtelle, ob dieſer fuͤr die, demſelben in der Perſon ſeines Geſchaͤftstraͤgers zugefuͤgte tiefe Schmach, auf eine andere Art dieſe ruͤgen und eine ausgezeichnetere Genugthunng fordern wolle. Die Botſchaft, welche Cazzi dem Grafen Torſo in Anſehung des an dem Grafen Montaldi vollzogenen Meuchelmordes hinterbrachte, war in der Hauptſache zwar gegruͤndet; aber ſo gut auch der Moͤrder den Grafen gefaßt hatte, um an dem Gelingen der That nicht zweifeln zu duͤr⸗ fen, ſo freute er ſich doch mit ſeinen Genoſſen zu fruͤh. Ohne die gebrauchte Vorſicht Lorenzo's und jener unbekannten Beſchuͤtzer des Grafen, ware diefer auch ſicher ohne Rettung verloren ge⸗ weſen; denn nur die Anwendung des ihm einge⸗ haͤndigten Verwahrungsmittels gegen Meuchel⸗ mord hatte ihm das Leben gerettet, indem durch den angelegten Bruſtharniſch das tiefere Ein⸗ dringen des Dolches war verhindert worden. Die Heftigkeit des empfangenen Dolchſtoßes und die ſchreckenvolle Ueberraſchung hatten den — — 16— Wunde ſelbſt, ſetzte bei der ſchnellen Huͤlfe, de ihm zu Theil wurde, ſein Leben außer Gefahr. Als der Graf ſich aus der Betaͤubung ermun⸗ terte und erſchoͤpft die Augen aufſchlug, erblickte er ſich auf einem Ruhebette, in der friedlichen Huͤtte eines alten Koͤhlers unweit Lorenzo's Wohnung, und dieſen in Gemeinſchaft mit dem fremden Offiziere, der ihm Corvetti's Buͤberet entriſſen hatte, geſchaͤftig, ihm Huͤlfe zu leiſten. „Wo bin ich?“ fragte der Graf, indem er for⸗ ſchend umherblickte und den Offizier anſtaunte. „Erholen Sie ſich,“ redete ihn dieſer beruhi⸗ gend an,„und uͤberzeugen Sie ſich, daß Sie in Sicherheit ſind und nichts weiter zu befuͤrchten haben.“ 3 „So verdanke ich Ihnen zum zweiten Mahle die Rettung meines Lebens?“ wandte ſich der Graf an ihn;„ſoll ich denn nicht wiſſen, wer mein Retter iſt?“ —z . „Laſſen Sie das jetzt,“ ermahnte ihn der Unbekannte,„Sie werden in der Folge von Allem unterrichtet werden. Vor der Hand ſeyn Sie 8 nur auf Ihre baldige Wiederherſtellung bedacht; ich bleibe bis dahin bei Ihnen und theile mit Vergnuͤgen mit dieſem wackern Manne die Sorge fuͤr Ihre Pflege.“ Freude ſtuͤrzte Carlo zu ihm herein und Fallo folgte ihm. „Dem Himmel ſey Dank!“ riefen dieſe bei⸗ 1 den Diener wie aus einem Munde aus,„Sie ieben? Sie ſind gerettet?“ „Ich bin es,“ erwiederte der Graf, indem er Beiden die Hand reichte,„ſeht her! dieſem edeln Manne hier verdanke ich meine Rettung.“ „Dieſem?“ fragte Carlo mit langgedehntem Tone der Verwunderung, indem er den Fremden mit wildem Blick anſtaunte. Graf. Ohne den Beiſtand dieſes edeln Ret⸗ ters waͤre ich nicht mehr. Carlo. Sie irren ſich. Dieſer Ihr ver⸗ 4 meinter Retter, iſt eben Ihr gefaͤhrlichſter Feind. 3 Graf. Wie kannſt Du ſo etwas glauben! Carlo. Ich glaube es nicht blos, ſondern ich bin durch die vollguͤltigſten Beweiſe davon uͤber⸗ zeugt, daß Sie alles von demſelben zu befuͤrchten haben, da eben dieſer in genauer Verbindung . mit Ihren Feinden ſteht.(Zu dem Fremden:) . Sind Sie nicht der Oberſte Petardo? Petardo.(ruhig laͤchelnd:) Der bin ich allerdings. Wir kennen uns ja! 8 Carlo. Wohl kenne ich Sie. Wie koͤnnen Sis es noch wagen, ſich nach dem, Wis wi II. — uns vorgefallen iſt, jetzt in meinem Beyſ en die Rettung meines guten Herrn anzumaßen, ihn durch mich wollten ermorden laſſen? daß die Art, wie ich mich für Sie than9 1 Sente jede Beſchuldigung gegen mich hinlaͤnglich ent⸗ kraͤften und Ihr Urtheil uͤber mich ſo lange maͤßi⸗ gen muͤſſe, bis ich mich deutlicher 137gen Sie werde erklaͤrt haben. Graf. 3ch verſt ehe von dem allen nichts. Petardo. Sh wegen meiner ganz außer Sorgen, guter Caale Wenn es mir mit der Er⸗ mordung Deines Herrn ein Ernſt geweſen waͤre, ſo ſaͤheſt Du ihn jetzt nicht hier in Sicherheit. Ich wuͤnſche dem Herrn Grafen von Herzen Gluͤck dazu, daß er Maͤnner von ſo entſchiedener Rechtſchaffenheit zu ſeiner Bedienung um ſich hat, deren Treue jeder Verſuchung ſo kraͤſtig wider⸗ ſteht. Bedenke den gegenwaͤrtigen Zuſtand Dei⸗ nes Herrn, der Ruhe und Schonung erheiſcht, und keine weitere Erklaͤrung fuͤr den Augenblick 3 zulaͤßt. Morgen ſollſt Du gewiß beſſer von mir 4 denken. Er entſernte ſich mit dem Koͤhler, indem er den Grafen Carlo's und Fallo's Wartung und flege empfahl. Carlo verriegelte ſorgfaltig die uͤre hinter ihm, und unterſuchte lr in Winkel der Stube, um ſich von der noͤth en Sicherheit derſelben zu uͤberzeugen. 8„Was haſt Du denn vor?“ fragte der Graf erſtaunt. „Carlo hat Recht,“ erwiederte Fallo,„wo dieſer Petardo iſt, da kann man nicht vorſichtig genug ſeyn. Aber ſeyn Sie unbeſorgt Herr Graf, es ſind Leute genug zu Ihrem Schutze in der Naͤhe, und ſolange wir Beiden hier ſind, ſoll Ihnen kein Menſch auch nur ein Haar kruͤmmen.“ „Ich begreife nicht, was ich hier noch koͤnnte ½* zu befuͤrchten haben;“ aͤußerte der Graf. Carlo. Ales iſt zu befuͤrchten in der Naͤhe dieſes M enſchen. Graf. Erklaͤre Dich doch deutlicher. Carlo. Jetzt nicht, Herr Graf; erlauben Sie mir, dad ich dieſe Erklaͤrung bis zu einer guͤnſtigeren Zeit verſpare. Sie beduͤrfen der 1 Ruhe, und ich mache mir zu ſpaͤt gerechte Vor⸗ 4 wuͤrfe daruͤber, daß mich der uͤberraſchende An⸗. 2 blick dieſes Fremden, zu einer Voreiligkeit verlei⸗ tete, welche nachtheilige Folgen fuͤr Ihre Geſund⸗ heit haben koͤnnte. Graf. Nicht doch. Bedenke, daß mich dieſe “ B2 — — in Yſamo einbrachte. Er war es, der mich auf⸗ forderte, ſchnell zu Ihnen zu eilen, nachdem er ſchon im Voraus alles eingeleitet hatte, daß mir von hoͤhe —— Voreiligkeit, wie Du ſie nenneſt, mehr Bei gendes ahnen laͤßt, als es durch eine Erklaͤrung der Fall ſeyn wuͤrde. Ich muß darau dringen, daß Du Dich deutlicher erklaͤretſft. Carlo. Nun dann, wenn Sie es durchau⸗ befehlen, ſo muß ich Ihnen entdecken, daß die⸗ ſer Petardo mit Corvetti im Bunde gegen Sie ſteht, daß er mich ſelbſt durch Geld und glaͤn⸗ ar 4 an, und Sie wer⸗ den ſich von der Wahrheit meiner Worte uͤber⸗ zeugen. Vernehmen Sie denn. Dieſer vorgebe liche Oberſte Petardo, den Niemand kennt, aus dem kein Menſch klug wird, und der jeden Augen⸗* blick unter einer andern Geſtalt erſcheint, war es, der mich zuerſt auf den gegen Sie beabſichtigten Mordanſchlag auf Ihrer Herreiſe aufmerkſam. machte, kurz vorher ehe man Battiſta gefangen rer Hand der Auftrag dazu werden 8 ußte, Ihr vorgehliches eigenes Verlangen, mich i ſich zu haben, zu bofriedigen. Von ihm wur⸗ den mir zugleich Maßregeln ertheilt, wie ich mein 5 Verhalten gegen Sie einrichten ſollte. Graf. Hierin erkenne ich nichts, was ihn verdaͤchtig machen koͤnnte. Carlo. Sie erinnern ſich noch einiger Briefe, die Sie in Latago von unbekannter Hand erhielten; dieſer Petardo hatte ſie geſchrieben. Sie konnten nicht begreifen, wie man unter an⸗ dern raͤthſelhaften Vorfaͤllen von dem Beſuche des Baronetto Corvetti, bei Ihrer Ankunft in Latago ſo ſchnell konnte Kunde erhalten haben; doch es wird Ihnen der Zuſammenhang klar werden. Petardo draͤngte ſich naͤmlich bei mir ein, und ſtellte mir vor, wie ſie dort vielfaͤltigen feind⸗ lichen Angriſſen ausgeſetzt waͤren, welche eine beſondere, Vorſicht noͤthig machten. Er trug mir daher auf, mein vorzuͤglichſtes Augenmerk auf Corvetti zu richten, und veranlaßte mich zu dem Verſprechen der Verſchwiegenheit gegen Sie, ſo wie zu der Zuſage, ihm unverzuͤglich von allem Nachricht zu geben, was ich in Anſehung Cor⸗ vetti's erlauſchen wuͤrde. Er ſelbſt wohnte in einem benachbarten Zimmer unfern des Ihrigen, und ſo konnte ich ihn ſehr leicht von Corpetti's Beſuch: bei Ihnen benge hhrichtigen, woraufe er * — 7 er ſelbſt, als berihaſtlcher Jaͤger ve erkleid durch Fallo abgab. Graf. Die in jenen Zeilen enthaltene nung hat ſich in der Folge vollkommen be iget ſo daß ſie als unverkennbarer Beweis ſeiner guten Abſicht fuͤr ihn ſpricht. 8 Carlo. Hoͤren Sie nur das Weitere. Es wird daraus hervorgehen, daß er nur beabſich⸗ tigte, durch dieſe ſcheinbaren Dienſtleiſtungen mich ſicher und zutraulich gegen ihn zu machen. Dieſes war ihm auch gur gelungen, um ſo mehr, da er mich auf die Dinge, welche durch Corvet⸗ ti's argliſtige Schlauheit herbeigefuhrt werden ſollten, aufmerkſam machte und mein Mißtrauen gegen dieſen naͤhrte. Deswegen mußte es mich ſehr befremden, als ich in der Folge durch die un⸗ widerlegbarſten Beweiſe die Entdeckung machte, daß dieſer Petardo im Geheimen einen ſehr ver⸗ trauten Umgang mit Corvetti pflog und in deſ⸗ 4 ſen verſteckte Plane mit arbeitete. Mein ſchau⸗ 4 dervolles Erſtaunen erreichte aber den hoͤchſten Grad, als endlich dieſer Petardo die Maske ge⸗„ gen mich fallen ließ und ſich mir in ſeiner voͤlllgen ſchreckbaren Bloöͤße zeigte. Graf. Ich bin begierig zu erfihren, auf welche Art dieſes geſchah. ——— Carlo. Waͤhrend Sie eines Tages ſich in Geſchaͤften am Hoſe befanden, benutzte Petardo Ihre Abweſenheit dazu, unter dem Vorwande, mir wichtige Entdeckungen zu eroͤffnen, mich zu ſcch zu locken. Hier war es, wo er ſeine ganze uͤberliſtende Beredſamkeit aufbot, um meine Treue fuͤr Sie wankend zu machen; wo er durch die ausgeſuchteſten Kuͤnſte der Verfuͤhrung theils unter den fuͤrchterlichſten Drohungen, theils unter der Zuſicherung der glaͤnzendſten Belohnungen, mir das Verſprechen abpreßte, Ihnen dieſes Giſtpulver beizubringen, wenn er mir einen Wink dazu geben wuͤrde. Graf. Unbegreiflich!— Das that dieſer Petardo, der mich noch vor kurzem aus ſo großer Gefahr rettete! Carlo. Sie wuͤrden noch weit mehr dar⸗ uͤber erſtaunen, wenn ich Ihnen erzaͤhlen wollte, Huͤlfsmittel er mich dahin brachte, daß mir durchaus keine freie Wahl uͤbrig blieb, und ich, um das Schlimmere zu vermeiden, mich noth⸗ 8 gedrungen ſahe, das mir abgepreßte feierliche Verſprechen, jedoch mit dem geheimen Vorbe⸗ dieſer Zeit an zog ſich Corvetti mit ſeinen gleis⸗ neriſchen Verſuchungen immer mehr und mehr 1 durch welche eben ſo ſchaͤndliche als gewaltſame halte, es nie zu erfuͤllen, ihm abzulegen. Von E machen koͤnnen, und ich es nach reiflicher Ueber⸗ von mir zuruͤck, indem er mich jetzt du Geluͤbde zu feſt an ſeine und Petardo noſſen handeln lioß, und ſich ſelbſt blo⸗ ſtille Wirkſamkeit beſchraͤnkte. Meine ge merkſamkeit war unter dieſen Umſtaͤnden a tardo hingerichtet, den ich mit der groͤßten Sot falt auf allen ſeinen Schritten beobachtete. nahm ich mir vor, Ihnen uͤber denſelben e Augen zu oͤffnen; da ich aber bei aller ange⸗ wandten Wachſamkeit durchaus nichts bemerkte, was mich wegen Ihrer Sicherheit haͤtte beſorgt legung als vortheilhafter fuͤr Ihre Ruhe und fuͤr den ungeſtoͤrten Fortgang Ihrer Geſchaͤfte er⸗ achtete, daß Sie in Unbekanntſchaft mit jener Buͤberei und in einer gluͤcklichen Unbefangenheit blieben, ſo ſchwieg ich und beſchloß, die Entdeckung gegen Sie bis auf den Augenblick zu ſparen, wo mir Petardo den beſtimmten Wink zu Ihrer Ver⸗ giftung geben wuͤrde. 3 Graf. Nun? und erfolgte dieſer Wink? Carlo. Nein. Wahrſcheinlich hatte die Lage der Dinge Corvetti veranlaßt, die verzoͤ⸗ gerte Ausfuͤhrung des mir ertheilten Auftrages— zu beſchteunigen, und um gewiſſer zu gehen ſich — 25— n ſelbſt zu unterziehen. Da mich die Auf⸗ mkeit auf Petardo zu ſehr beſchaͤftigte, gegen Sie nichts eher erfahren, als erſuch zur Ausfuͤhrung geſchehen war. Graf. Ein ſeltſames verworrene Gewebe von Raͤthſeln und Widerſpruͤchen! ich bin ſehr erwartungsvoll auf Petardo's verſprochene Er⸗ klaͤrung. Carlo. Koͤnnten Sie wohl im Ernſte eine offene und wahre Erklaͤrung von ihm erwarten? Graf. Allerdings. Er hat ſich dazu anhei⸗ ſchig gemacht und ich werde ihn bei ſeinem Worte halten. Der Graf fuͤhlte ſich ſehr erſchoͤpft und brach das Geſprach ab, um ſich Ruhe zu goͤnnen. So ſehr ihn auch Carlo's Erzaͤhlung uͤber das Be⸗ 8 nehmen jenes raͤthſelhaften Fremdlings in Ver⸗ wunderung ſetzte, und ſo verdaͤchtig ſich derſelbe gemacht hatte, ſo konnte er dennoch die ihm ge⸗ leiſtete Huͤlfe und Rettung ſo wenig mit ſeiner beabſichtigten Vergiftung in Uebereinſtimmung bringen, daß er einen ganz andern Zuſammen⸗ hang vermuthete, als der Außenſchein zeigte. Petardo's eigene Worte bei ſeinem vorigen Hin⸗ weggehen beſtaͤtigten dieſe Vermuthung und he⸗ Auhigten ihn daruͤber. Deſto mehr war er in — — 26 Seghun ner zu Dergeſſen. Der milde Strahl der Morgenſo n glaͤnzte bereits durch die Fenſter der Koͤhlerw nung den Grafen auf ſeinem Lager: als ih boͤſer Traum aus ſeinem Schlummer aufſchrech der ihm die Auftritte der vorigen Nacht n neuem Schauder vorfuͤhrte. Er hatte Lorenzo in den Flammen ſeiner brennenden Wohnung ge⸗ ſehen, der Wuth ſeiner Feinde Preis gegeben, ſich ſelbſt aber gaͤnzlich außer Stand, ihm Huͤlfe zu leiſten. Alle ſchreckenvolle Gefuͤhle von geſtern durchbebten ihn jetzt mit neuer Heftigkeit. Bei ſeinem Erwachen erblickte er ſeinen treuen Jeronimo und ſeinen gutmuͤthigen Wirth, den alten Koͤhler, nebſt Fallo und Carlo an ſeiner Seite, die ſeinen unruhigen Schlummer bewacht 5 hatten. 34 „Jeronimo, auch Du hier?“ fragts der Graf Stimme, die von ſeiner großen Po zeugte.„Wie kommſt Du hierher? Leute des fremden Officiers, der Ir 5 den Raubern entriß, haben mich hierher erwiederte Ateonims. 4 Jeronimo bejahete es und erzaͤhlte dem Gra⸗ daß er ihm mit dem Wagen geſtern nach dem brennenden Gebaude nachgefolgt ſey, aber ploͤtzlich von einigen verwegenen Raͤubern ſey an⸗ zefallen worden, welche ſich des Gepaͤckes ſchon maͤchtigt hatten, als der fremde Officier mit einigen Leuten ſchnell zur Huͤlfe herbeigeeilt waͤre 4 3 und die Raͤuber in die Flucht gejagt haͤtte. Wagen nnd Pferde nebſt den ſaͤmmtlichen Sachen des Grafen waͤren dann in Sicherheit gebracht worden. So ſehr ihn dieſe frohe Botſchaft beruhigte, ſo wenig konnte er auf ſeine Erkundigungen nach Lorenzo einige troͤſtliche Auskunft erhalten. Der Koͤhler wußte weiter nichts, als daß er in der vorigen Nacht Lorenzo's Wohnung in vollen „ Flammen verlaſſen habe, ohne von ihm ſelbſt etwas zu erfahren. Die ihm von dem fremden 4 Officiere uͤbertragene Sorgfalt fuͤr den Grafen hatte ihn abgehalten, ſich nach Lorenzo um⸗ zuſehen, daher er ihn der Sorge der uͤbrigen — 1 und ein zufriedenes Loos, und Jeder wuͤrde mit — 23 Koͤhler und der Leute des laſſen muͤſſen, die zum Loͤſchen und zu Lorenzo 5 Rettung hertzcn Shlondes zu retten, deſſen Tod fur uns à Anerſeglicher Verluſt ſeyn wuͤrde.“ tung?“ ftagte der Graf. „Allerdings!“ erwiederte der Koͤhler.„ Alle lieben und verehren ihn als unſern erſten Freund und Vater. Er war unſer Wohlthaͤter er hat Eintracht, Zufriedenheit und Gluͤck in unſre Huͤtten gefuͤhrt, er war uns mit Rath, Troſt und Huͤlfe ſtets nahe, mancher von Noth, Armuth oder Krankheit darniedergedruͤckte Un⸗ gluͤckliche unter uns verdankt ihm Geſundheit Freuden fuͤr ihn das eigene Leben aufopfern. Da⸗ her kann ich auch um ſo zuverſichtlicher darauf rechnen, daß alles fuͤr ſeine Rettung wird ge⸗ wagt worden ſeyn.“ 4 Dieſs Lrzählung dient⸗ kſehr zur Bernhigung afen, indem ſte ihm neue Hoffnung von lioss Nentung ſchentte⸗ uͤber wele Se der er Graf fuͤhlte heftige Schmerzen an ſeiner Wunde, welche man geſtern unter Petardo's thaͤ⸗ tigſtem Beiſtande in Ermangelung groͤßerer Huͤlfe, nur leichthin hatte verbinden koͤnnen; um ſo an⸗ genehmer wurde er uͤberraſcht, als jetzt Petardo mit einem Wundarzte hereintrat, den er ſelbſt aus der naͤchſten Stadt herbeigeholt hatte. Der Arzt unterſuchte die Wunde und fand, daß ſie nur durch laͤngern Aufſchub der aͤrztlichen Behandlung haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen, daß aber die Geneſung des Kranken, bei gehoͤriger Abwartung und Pflege, außer Zweifel ſey. Vor⸗ zuͤgkich empfahl er den Anweſenden, fuͤr die Ruhe des Kranken zu ſorgen und alles entfernt zu hal⸗ ten, was ihn in heftige Gemuͤthsbewegung ver⸗ ſetzen koͤnnte; er verſprach, ſeine Beſuche raͤglich zu wiederholen. 4 Petardo erbot ſich ſogleich dazu, die Sorge fuͤr die puͤnktliche Befolgung der aͤrztlichen Ver⸗ ordnungen und die Pflege des Grafen mit Carlo zu theilen, und ſo viel dieſer auch dagegen ein⸗ . zuwenden hatte, ſ mußte er es dennoch geſchehen bei genauerer Erwaͤgung daruͤber tadeln, daß er ecnen Verl angen felbſt n edch danke öhnen he 3 welche dieſer wackere Mann hier ge ſo verſpreche ich Ihnen, daß ich mich nur Ihre Umſtaͤnde erlauben, daruͦ ſolche Art rechtfertigen werde, da Carlo mit mir wieder ausſoͤhnen ſoll. Um den Kranken zu ſchonen und ihm jede heftige Gemuͤthsbewegung zu erſparen, vermied Petardo ſorgfaͤltigſt jede Erwaͤhnung von Gegen⸗ ſtaͤnden, welche ihm die vergangenen erſchuͤttern⸗ den Auftritte haͤtten vergegenwaͤrtigen koͤnnen. So ſehr auch der Graf auf Petardo's verſprochene Erklaͤrung geſpannt war, ſo wenig konnte er ihn 8 ſie ihm fuͤr den Augenblick verweigerte, indem der Eifer, womit er ſich ſeiner Pflege und Ab⸗ wartung annahm, und Art, wies fuͤr ſeine gliche Erheiterung ſorgte, ſtatt. aller Er⸗ 8ls ung hein Zutrauen zu Sdieſem raͤ thſelhaſten nach und nach weniger muͤrriſch gegen bhr machre. en Grafen beſſer zu zerſtreuen, halte dg aus der nächſten Stadt einige inter⸗ mit deren Inhalte er Er wuß zte das Vorareſene müt leich Petardo immer lieber gewann, demehe in ihm einen ſehr beleſenen, wiſſenſchaftlich deten und erfahrnen Mann kennen lernte. So⸗ entflohen dem Grafen einige Tage in Petardos Geſellſchaft ſehr angenehm, ohne daß ke wegen der verſprochenen Erklaͤrung weiter in ihhn drang, um jeden Verdacht eines noch vor⸗ haandenen Argwohns zu vermeiden; allein jetzt. kam Petardo dieſem ſtill genaͤhrten Wunſche ſelbſt zuvor. „Ich bin Ihnen noch eine Erklaͤrung uͤber 6 nmich und mein raͤthſelhaftes Betragen ſchuldig,“ redete er den Grafen an, als er traulich an ſei⸗ ner Seite ſaß,„und ich glaube, daß es Ihre gegenwaͤrtigen Geſundheitsumſtaͤnde nun mehr erlauben, mein Verſprechen zu erfuͤllen.. 5 — f 3 auf mich ſelbſt mitzutheilen habe. „Sie werden mich d erwiederte der Graf; d Verdacht gegen Ihre fre hungen fuͤr mich zu hegen, vieles daran, uͤber ſo manch le Raͤthſel Geſchehenen Aufſchluß zu erhalten.“ „ Ich kann nicht daran zweif tardo an,„daß Carlo das Verſ eche Verſchwiegenheit gegen Sie nicht dern Ihnen das Vorgefallene wird. Zu ſeiner eigenen Be bunden habe, weil es nur fuͤr Latago g Verdacht aber gegen mich wird ſchwinde ich Ihnen entdecke, daß Lorenzo mein i ger Freund iſt, und daß ich dieſen durchaus ke lichen und edein Mann ſelbſt zu Ihrem Sch aufgefordert habe.“ S Graf. Wo iſt Lorenzo? Haben Sie be⸗ ſtimmte Nachricht uͤber ihn? iſt er gerettet? Petardo. Ich hoffe es. Jedoch laſſen Sie dieſen jetzt und ſchenken Sie mir Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit fuͤr das, was ich Ihnen in Beziehung Graf. Sie ſpannen meine ganze Erwartung. Petardo. Jetzt Herr Graf, darf ich es Ihnen frei geſtehen, daß Sie ohne mich unnd 1 meinen Beiſtand zuverlaͤſſig verloren geweſen waͤren, indem Sie ohne denſelben Latago eben ſo wenig als die Abſicht Ihrer Sen⸗ dung wuͤrden erreicht haben. Mein Eiſer fuͤr die echte Sache machte mir es zur Pflicht, is wwieheſe den und Mszehein m an die Edeln Eie dh Stillen das Gerie durch Mittel zu 3 unterſtüͤtzen, welche einzig und allein nur mir zu Gebote ſtanden, und ohne welche etwas ſchwerlich gelungen waͤre. Ringsumher hatten ſich nichts⸗ wuͤrdige Menſchen um Sie ſelbſt und um jene An⸗ gelegenheiten mit ihren verderblichen Anſchlaͤgen gelagert, und ſich in einen Bund voll ſchwarzer Bosheit vereiniget, um Mißvergnuͤgen unter dem Volke zu erregen, die beſten und gemeinnuͤtzigſten Abſichten des Fuͤrſten verdaͤchtig zu machen, die bisherige, geſetzliche Verfaſſung gaunitſan umzu⸗ ſtoßen und ſich ſelbſt eine Macht anzumaßen, welche Yſamo fuͤr alle Zeiten wuͤrde ungluͤcklich gemacht und der gefaͤhrlichſten Anarchie Preis gegeben haben. Die Ausſoͤhnung und freund⸗ ſchaftliche Verſchwiſterung mit Latago war das einzige und ſicherſte Mittel, die Gefahr von II.% Yſamo abzuwenden Plane ſeiner geheit nichten. Damit die mals ſo wie ehedem an B liſtigen Menſchen ſcheitern mo mich zwiſchen beide Theile 4 Stillen Ihnen die Wege um Ziele ba Uinſtaͤnde, üͤber welche vielleicht die Fe Ihnen Auſſchtß heben dürfte, zwange zu, blos im Verbolgen zu h indeln und: telbar meine Wirkſamkeit zu aͤuß Seltſame und Abenteuerliche in Ereigniſſen, die Sie betrafen. Ich ſcheinbar zum Verbrecher und Theilnehn mer Bosheit, und nur dadurch geiang den Eingang in den Bund Ihrer Fein winnen, Jeden derſelben in der Naͤhe ken jernen, ihre geheime Thaͤtigkeit zu belauſchen, mich in die tief veiſtckten Plane ihrer Bosheit einzuſchleichen, und mich ihnen immer unent behrlicher zu machen. Waͤhrend man mich dort als den thaͤtigſten Befoͤrderer verſteckter Plane betrachtete und mir die Ausfuͤhrung der wichtig⸗ ſten Anſchlaͤge uͤbertruß, war ich ins Geheim der gefaͤhrlichſte Widerſacher jener Boͤfewichter.— Graf. Wodurch konnten Sie ein ſo großes 4 Zutrauen erhalten und den Verdacht eines Ver: — 35— “ fathes von ſich abwenden, wenn Sie jenen Ver⸗ uͤndeten keine Beweiſe von Ihrer treuen Anhang. chkeit gaben? 8 rdo. Allerdings gab ich ihnen Be⸗ weiſe davon, und zwar auf eine ſolche Art, wie den Verdacht gegen mich entkraͤften mußten. uͤber muß ich jedoch ſchweigen. vaf. Wenn Sie dieſe, die buͤrgerliche Ruhe und Ordnung gefährdenden Umtriebe ſo genau kannten und ſie vereiteln wollten, warum jeigten Sie ſich nicht offen, um auf geradem Wege die Werke der Bosheit in ihrem erſten Ent⸗ 3 ſtehen zu vernichten? Wozu bedurfte es dieſer Mummerei, die ſo ſeihe der guten Sache ſcha⸗ den konnte? Perardo. Dieſe Mummerei war in jeder Hinſcchte anumgaͤnglich nothwendig, aucht ſind dieſe Werke der Bosheit keinesweges noch erſt im Entſtehen, ſie ſind vielmehr, wie Sie ſelbſt wiſ⸗ ſen, die Frucht vieljaͤhriger Anſtrengungen; ſie ſind ſo weit gediehen, daß Gewalt nichts aus⸗ richten konnte, ſondern vielmehr dieſe nur die 6 Loſung zum Aufruhr geweſen ſeyn wuͤrde, um die Lunte anzuzuͤnden, welche die Mine in die ſt Luft ſprengen ſoll. Nur auf die Art, wie ich 5 mich in meiner abenteusrlichen Mummerei den „Häugtlingen jener Verbundenen anſchloß, konnte 2 ich ſie in ein ſolches Gewebe ihrer eigenen Bos⸗ heit verſtricken, wie es nöthig war, um dieſe Leute gegen einander ſelbſt mißtrauiſch zu machen. So iſt es mir wirklich gelungen, den Saamen der Zwietracht, des Argwohns und geheimen Grolls unter ſie zu ſtreuen, ſo daß Keiner mehr recht weiß, wie er mit dem Andern daran iſt, da Jeder in dem Andern einen verſteckten Feind fuͤrchtet. Alles iſt darauf angelegt, ſie durch ſich ſelbſt zu verderben, wo Gewalt und die Strenge der Gerechtigkeit nicht wuͤrden ausgereicht haben. Verdiente ich deshalb Tadel, daß ich mich durch dieſe Abenteuerlichkeit und ihre Taͤuſchungen in die Thaͤtigkeit edler Patrioten hindraͤngte, um donnerſchwere Wolken ſtill uͤber Yſamo hinweg⸗ fuͤhren zu helſen, ſo möge mich die gute Abſicht entſchuldigen. Graf. Die gute Abſicht und der edle Zweck Lhpnen nicht fuͤglich die Mittel heiligen. Petardo. Die eiſerne Nothwendigkeit und ein unbeugſames feindſeliges Schickſal zwangen mich zu einer andern Meinung und machten mir dieſe Abenteuerlichkeit unerlaͤßlich. Graf. Hierin iſt mir ſo mancher Vorfall vnehelärliar. Ich wurde vor meiner Ankunft zu Latago vor einem Unfalle gewarnt, der mich dort tveſfen wuͤrde, wenn ich in dem von mir gewaͤhl⸗ otel abſteigen ſollte, und wirklich uͤberzeugte kurz darauf von der Wahrheit dieſer Wie konnten Sie vorausſehen, daß eines Beſuches bei dem Miniſter, Wohnung durch ein Gewitter ein Ranb men werden ſollte? kardo. Das konnte ich freilich nicht der Zufall beguͤnſtigte dieſes. Meine garnung galt nur den Baronetto Cor⸗ atte die Abſicht, Sie ſogleich dem Collino und ſeinen edeln Freunden zur Beſchleunigung Ihrer Geſchaͤfte naͤher zu en, und Sie von Corvetti's geheimen Unter⸗ thmungen zu entfernen. Der Zufall kam mir, eſſen ſehr gut dabei zu Statten, da Sie meine Warnung auf jenes zufaͤllige Ereigniß deuteten, wodurch meine kuͤnftigen Warnungen an Wun⸗ derbarkeit aber auch an Zutrauen bei Ihnen ge⸗ . winnen mußten. Doch erlauben Sie mir meine Erzaͤhlung zu vollenden.„Um mit deſto beſſern 1 Erfolge fuͤr Sie und Ihren Schutz thaͤtig ſeyn zu koͤnnen,“ fuhr er fort, als Carlo eintrat,„hatte ich dieſen, Ihren treuverdienten Diener Carlo fuͤr mich gewonnen; allein ſehr bald entdeckte ich, daß Corvetti ſehr damit umging, ihn mit ſei⸗ nen Netzen zu umgarnen, und ſich durch Liſt ſei⸗ 1 ner zu verſichern. Carlo meinte es wahrhaft red⸗ — — 383— 5 lich und treu mit Ihnen, aber er hatte meinen Verſuchungen zu einem obgleich ſehr gutgemein⸗ ten Betruge unterlegen, und ich beſorgte, daß es einem ſo aͤußerſt verſchlagenen und gewandten vielſeitigen Verfuͤhrer, wie Corvetti war, am Ende vielleicht auch gelingen moͤchte, ihn zu uͤber⸗ liſten und ihn in die ihm gelegten Schlingen zu ziehen. Mehrere Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe noͤthigten mich öfters, Latago abwechſelnd zu ver⸗ laſſen, und meine Abweſenheit konnte Corvetti ſehr leicht fuͤr ſeine Abſicht benuͤzen. Um mich daher von dieſer Seite mehr zu verwahren, uͤber⸗ redete ich Corvetti um ſeiner eignen Sicherheit willen, das Geſchaͤft, Carlo fuͤr uns zu gewin⸗ nen, mir allein zu uͤberlaſſen, da ein Mißlingen eines ſolchen Unternehmens von ſeiner Seite, ihn ſogleich in ſeiner Bloͤße wuͤrde dargeſtellt haben. Mein Plan gelang; Corvetti konnte um ſo weni⸗ ger Argwohn gegen mich ſchoͤpfen, da ich dieſem auf alle Art zu begegnen wußte. Als ich Dich, guter Carlo, zur Untreue an dem Herrn Grafen zu verleiren ſuchte, war Corvetti, in dem Neben⸗ zimmer verſteckt, Zeuge unſerer Unterredung. Ich mußte daher meine Maske gegen Dich ſo taͤuſchend als moͤglich machen, und durfte Dich um Dein ſelbſt willen nicht aus der Dir zum Schein gelegten Schlinge laſſen, um Dich 39— 8 eten Weigerung, nicht der ußerſt g hhedse Menſchen, dem kein Wähiht eb mir das Pulver, das ich Dir e.(Carlo giebt es ihm.) Du at anwenden koͤnnen, denn es chts Humger als das, wofuͤr es Corvetti Er ſchuͤttet das Pulver in einen auf dem ndlichen Becher mit Wein, und leert Graf. Was beginnen Sie?— Petardo. Seyn Sie außer Sorgen. Waͤre dns Pulver, das Corvetti fuͤr Sie in den Ab⸗ ſchiedstrank miſchte, nichts anders geweſen, als dieſes hier, ſo wuͤrde ich der Nothwendigkeit uͤberhoben geweſen ſeyn, meine I Naske gegen ihn fallen zu laſſen und groͤßere Vorſichtsmaßregeln anzuwenden, damit ich nicht auch ſeinen Genoſ⸗ fen in Yſamo verrathen wurde. Graf. Unter dieſen Umſtaͤnden kann ich nicht laͤnger an Ihrer Redlichkeit zweifeln. Aber wer ſind Sie nun eigent lich, und was bewog 7 — 40— Sie als einen Fremden dazu, ſich meiner und Yſa⸗ mo's Wohlfahrt ſo thaͤtig anzunehmen? Iſt Ihr Aeußeres vielleicht auch nur Maske? Sind Sie nicht der Oberſte Petardo, der Centurier? Petardo. Ich bin Petardo der Centurier, aber dennoch huldigte ich nie einer fremden Macht; meine Dienſte blieben ſtets meinem Va⸗ terlande Yſamo gewidmet, das mich unverdient einem feindſeligen Schickſale Preis gab. Mein Geſchaͤft heißt Rache; aber es iſt eine edle Rache. Graf. Erklaͤren Sie ſich doch deutlicher. Petardo. Mein Vaterland ſtieß mich von ſich; ich wurde aus meinem Wirkungskreiſe ver⸗ draͤngt, verfolgt und dem Elende Preis gegeben, und ich ergriff die gegenwartigen verwickelten und mißlichen Angelegenheiten in Yſamo und die dort herrſchenden Spaltungen, als eine erwuͤnſchte Gelegenheit, mich mit der Menſchheit, mit mei⸗ nem Schickſale und mit meinem Vaterlande wie⸗ der auszuſoͤhnen, wenn ich ſelbſt auch dem ge⸗ waltſamern Drange aͤußerer Umſtaͤnde unterliegen muß, die mich mitten in dieſer freundlichen Welt hinausſtoßen in eine Wuͤſte. Jedoch wenn Sie mir fuͤr das was ich fuͤr Sie uͤbte, nur eini⸗ germaßen zum Danke verpflichtet zu ſeyn glau⸗ ben, ſo bitte ich Sie dringend, laſſen Sie uns 4 — 41— n ſchweigen, wo eine naͤhere Er⸗ aus unmoͤglich iſt. atum unne Was koͤnnten in enrrichten und Ihr 2 Vaterland mit in vi Sind die Verhaͤlt⸗ von ſatcher Art, daß ſie Verſchwiegenheit heiſchen, ſo mache ich mich feierlich zu derſelben eben ſo ſehr anheiſchig, als zu dem Verſprechen, daß ich meinen ganzen Einfluß anwenden werde, um einem Manne zu ſeinen verlorenen Rechten wieder zu verhelfen, der eine ſo edle Rache an ſeinem Vaterlande nahm. Petardo. Was ich verlor, das kann ich niemals wieder erhalten, und wer helfend und rettend mich umfaſſen wollte, wuͤrde unwieder⸗ bringlich mit mir in das Verderben hinabgezogen werden. Darum wiederhole ich meine Bitte und fuͤge noch die um Verſchwiegenheit hinzu. Viel⸗ leicht erſcheint in Zukunft einmal die Zeit, die mich gewaltſam aus dem Dunkel meiner gegen⸗ waͤrtigen Verborgenheit herausreißt; alsdann Herr Graf, alsdann werde ich Sie daran er⸗ innern, 3 n bzut dahin laſſen Sie nu ſwabe, hoſſen.— niſſe gegeben Sane. da k es mißlingen duͤrfte, auch ohne Petardo. Das wuͤrde gelingen, und waͤre es auch, ſo dringend bitten, es nicht zu t Beide koͤnnten dabei nur verlier gewinnen. Benehmen Sie mi lich dadurch die Mittel, Ihnen und eeeande anie ziu bleiseh. e Lande, und treibt mich Saneh in die we legendſten Fernen. Erwarten Sie ruhig Zukunft, die es mir vielleicht verſtattet, dr Schleier, den ich um mich huͤlle, abzulegen und mich in meiner wahren Geſtalt offen zu zeigen. Au- Vorſfellungtn des Grafen, Petardo zu einer vertrauenvollen Erklaͤrung zu bewegen, blie⸗ ben fruchtlos, und wollte er ihn nicht gaͤnzlich von ſich entfernen, ſo mußte er ſich endlich in — 43— Serlangen fuͤgen und Jeden ndichen Verſuch eine Demihungen, von an ihenh ſemen gehemen er und meifeigen und zahe Namen zu— tonure, war err 09. uuf keine ; ſeine n ihue 7 an eezen und er war k feinte eg en um ſo bekuͤm⸗ merter, da er auf keine Art uͤber ihn eine be⸗ ſtimmte Auskunft erhielt. So viel man auch in der Gegend umher Erkundigungen nach ihm an⸗ ſtellte, und ſo ſehr ſich die Koͤhler mit Carlo's und Fallo's Bemuͤhungen vereinigten, ſo war es dennoch nicht moͤglich, etwas von ihm zu erfah⸗ ren. Lorenzo war verſchwunden, ohne daß man Gewißheit von ſeinem Leben oder von Tode erhalten konnte. Als der Graf ſpaͤterhin wieder in der Gegend herumgehen konnte, machte er ſich ſelbſt nach Lorenzo's Wohnung auf; fand ſie in Ruinen und von den Flammen zer⸗ ſtoͤrt, und alle Umſtaͤnde ſchienen es mehr als wahrſcheinlich zu machen, daß er felbſt en Raub der Flammen geworden war. Ein Arbeiter aus den benachbarten Steinbrü⸗ chen wollte ihn zwar auf der entgegengeſetzten Seite des Waldes hinter dem Brunofelſen, in der Naͤhe von der Klauſe eines alten Waldbru⸗ ders bemerkt haben, aber die Erkundigungen, die man dort anſtellte, widerſprachen auch Dieſer Nachricht. Die Geneſung des Grafen verzögerte ſich in⸗ deſſen durch andere hinzugekommne krankhafte Umſtaͤnde laͤnger, als man es anfangs vermuthet hatte. Vorzuͤglich ſchien Petardo ſeit einiger Zeit dieſe ſehnlichſt zu wuͤnſchen, da ſich nach ſeinen Bewegungen zu urtheilen, Dinge ereignen mochten, welche vielleicht ſeinen laͤngern Aufent⸗ halt bei dem Grafen nicht mehr verſtatteten und ſeine Gegenwart an einem andern Orte noͤthig machten. Der Graf bemerkte bald, daß ſeit einiger Zeit oͤfters Boten an Petardo kamen und von ihm abgeſendet wurden, daß er oft mit Briefen beſchaͤftiget und in einer eigenen zunehmenden Unruhe war, die er vergebens zu verbergen ſuchte. Gleichwohl betrieb er dieſes alles ſo ge⸗ heimnißvoll, daß der Graf ſchlechterdings dar⸗ uͤber nichts beſtimmtes erfahren konnte. Bald 1 eſtaltet zu haben, daß ſie nicht fuͤglich DBoten nr Briefe zu betreiben ſeyn großer Freude ſahe er endlich den Gra⸗ veit wiederhergeſtellt, daß er auf ſeine b acht ſeyn konnte, und daher nunmehr au Anſtalt dazu machte. Der heißerſehnte Augenblick Ihrer Gene⸗ * iſt erſchienen„“ redete er jetzt den Grafen n, als er zum Abſchiede fertig, zu ihm herein trat,„alle Anſtalten zu ihrer baldigſten Abreiſe ſind getroffen und mein Geſchaͤft iſt vollendet. feſt an Ihren Tod glauben, Sie haben daher pon ihren Angriffen nichts zu befuͤrchten, und jfonnen um ſo ſicherer reiſen, da Sie von ſehr wachſamen und treuen Begleitern umgeben ſeyn werden, die ich fuͤr Sie gewaͤhlt habe. Mich meinem Scheiden wage ich noch eine Bitte an Sie, deren Gewaͤhrung Sie mir nicht verſagen moͤgen. Graf. Fordern Sie unbedingt; Sie koͤn⸗ 8 nen durchaus nichts von mir verlangen, was mich abhalten koͤnnte, Ihren Wunſch zu befrie⸗ et unerlaßlich. alderern. ch habe ſichere Nachrichten, daß Iher Feinde ſelbſt ruft mein Geſchick von Ihnen, aber vor b digen, und ſo ſichere ich Ihnen denn im Voraus die Erfuͤllung Ihrer Bitte auf mein Ehrenwort zu. Perardb. Empfangen Sie dafuͤr meinen herzlichſten Dank. Die Umſtaͤnde machen es un⸗ umgänglich noͤthig, daß kein Menſch, wer es auich nur immer ſeh, jemahls erfahre, daß Sie mich genauer kennen kernten, und edaß ich es wor) der ſich der Unterſtuͤßung Ihrer Angelegen⸗ heiten annahm. Geloben Sie mir deshalb noch⸗ mals das unverbruͤchlichſte Stillſchweigen, und verſprechen Sie mir, daß Sie niemals und unter keinen Umſtaͤnden irgend einem Ihrer Freunde und Bekannten, felbſt Ihre Gemahlin nicht aus⸗ genommen, entdecken wollen, daß Sie mich ken⸗ nen, wenn ettha irgend einmal meiner gedacht werden ſollte. Auch ſorgen Sie dafuͤr, daß Ihre Dienerſchaft uͤber das was ſie von mir geſehen und erfahren hat, ein ſtrenges Still⸗ ſchweigen beobachte! 1 112t s Graf.(reicht ihm die Hand:) Dieſe Bitte gewaͤhre ich Ihnen unbedingt. Fuͤr Carlo's und Fallo's Verſchwiegenheit kann ich buͤrgen, und von mir ſoll nie Ihr Name genannt werden. Petardo, So kann ich nun ruhig ſchei⸗ den. Mein Weg füͤhrt mich uͤber Latago, wo Ihre Freunde Ihretwegen in großer Unruhe ſchweben. Ich werde ſie daruͤber beruhigen; moͤgen, ſo haben Sie die Guͤte, in den Miniſter zu meiner Beſchei⸗ üig zu unterzeichnen.— ör gern.(Er las die ihm ge⸗ rift Ind gab ſe ihm unterſchrieben Ich hatt⸗ gehofft, daß Sie mit Ihie wärden. Sehr ünger ſeht ich Sie war mir ſo wohl in Ihrer Nahe. i habe age und Stunden hier in Ihrer Ge⸗ felſchaſt erlebt, deren Andeneen mir ndch ſvat fuͤß n werden. An Ihrer Seite, in dem Vefite 5 Ihres Wohlwollens und Ihres Vertrauens ver⸗ gaß ich mein Ungluͤck, und konnte mich nach langer Zeit einmal wieder froh und gluͤcklich traͤumen. Jetzt weicht dieſer begluͤckende Traum der rauhen Wirklichkeit, und ich gehe in mein Elend zuruͤck. Graf. Jetzt auch noch vor unſerm Schei⸗ den an Sie eine Bitte. †* Petardo. Befehlen Sie. Graf. Ich ſahe unlaͤngſt Ihr Portrait 4 in — 4— Ihrem Porteſeuille, laſſen Sie mir dieſes zur Erinnerung an Sie. So feſt ſich auch Ihr Bild zum bleibenden dankbaren Andenken meinem Her⸗ zen und meinem Gedachtniſſe eingepraͤgt hat, ſo wird dennoch dieſes Bild das Angedenken er⸗ hoͤhen und mir die Vergangenheit deſto werther machen. 1 Petardo.(nach einiger Ueberlegung:) Un⸗ gern trenne ich mich von dieſem Bilde, das des Unheils viel bewirken kann, wenn es Ihrem vorigen Verſprechen der Verſchwi enheit entge⸗ gen treten ſollte; jedoch es ſey.(Er uͤberreicht ihm ein kleines Miniaturgemaͤlde:) Empfangen Sie dieſes Bild mit der Bitte, meiner ſtets mit Liebe zu gedenken, aber es auf das ſorgfaͤltigſte vor den Augen eines Jeden Ihrer Freunde, ſelbſt vor den Augen Ihrer Gemahlin zu verbergen. Es iſt mir genug, blos in Ihrem Andenken zu leben, fuͤr jeden Andern muß ich todt ſeyn. Er reichte dem Grafen mit einer Thraͤne im Auge die Hand, und nach einem kurzen Lebe⸗ wohl eilte er hinweg. 4 In Latago war. man wegen der Ungewißheit, worin man uͤber den Grafen Montaldi ſchwebte, um denſelben aͤußerſt beſorgt, und dieſe Beſorg⸗ niß wuͤrde ſich in einem noch hoͤhern Grade bei Freunden gengzert haben, wenn ſie nicht 8 jetzt durch den Geng, welchen die Unter⸗ ren beſchaͤftiget geweſen, welche eine re Aufmerkſamkeit forderten. ſten Anfeindungen ausgeſetzt, daß er mit ſeinen Freunden alle Kraft den mußte, um den nachtheiligen Folgen s g egen ihn erregten Unwillens vorzubeugen. Corvetti uͤberließ ſich ungeſtoͤrt der Freude uͤber den Sieg, den er uͤber ſeine Gegner errun⸗ gen hatte, und ſo viele Urſache er auch dazu haben mochte, ſeinen Aufenthalt in Latago jetzt abzukuͤrzen, ſo betaͤubten ihn die Freude uͤber ſeinen Triumph und die vielen Luſtbarkeiten, dis man ihm zu Ehren anſtellte, ſo ſehr, daß r ſich gern dazu bewegen ließ, ſeine Abreiſe doc eine kurze Zeit aufzuſchieben. Ueberall kam man ihm mit Artigkeiten und Ehrenbezeugungen 4 entgegen, um ihn fuͤr die erlittene Schmach zu 46 entſchädigen; von allen Seiten erhielt er Ein⸗ ladungen zu Lnſtharkeiten und Feſten, und er 11. D er dieſe Auszeichnung haͤtte von ſich ablehnen ſollen. Er ſchwelgte in Freuden aller Art, die ihn kaum zu ſich ſelbſt kommen ließen; wenn auch ja eine aͤngſtliche Beſorgniß ſich in ihm regte und ihn vor einer allzugroßen Sicherheit warnte, ſo verſcheuchte er ſie ſchnell wieder durch die ſchwelgendſten Genuͤſſe. Um ſich dieſen Ergoͤtzlichkeiten deſto ungeſtör⸗ uter ſeiner ter uͤberlaſſen zu koͤnnen, hatte er u Dienerſchaft Verfagungen getroffen, nach welchen ſie die groͤßte Aufmerkſamkeit auf alles, was in ſeiner Naͤhe vorging, richten und ihn ſogleich davon in Kunde ſetzen mußten, wenn der Eine oder der Andere vielleicht etwas bemerken ſollte, was etwaͤ bedenklich zu ſeyn ſchiene.. Unter dieſer Dienerſchaft befand ſich vorzuͤg⸗ lich Einer, Namens Lucillo, auf den er ſich in dieſer Hinſicht beſonders verließ. Er hatte dieſen Lueillo zwar nur erſt waͤhrend ſeiner Anweſenheit in Latago in ſeine Di enſte genommen, allein ſehr bald bemerkte er in ihm ſo entſchiedene Talente, wie er ſie brauchte, daß er ſich Gluͤck dazu. wuͤnſchte, einen ſo ungemein brauchbaren Mann erhalten zu haben. Er hatte zwar ſo wenig Empfehlendes in ſeinem Aeußern, daß dieſes fuͤhlte ſich dadurch zu ſehr geſchmeichelt, als daß 8 — 51— auf den erſten Anblick von ihm zuruͤckſtieß, allein deſto mehr empfahl ihn ſeine ungemeine Verſchla⸗ geenheit und Brauchbarkeit in alle dem, wo es nicht auf Ehrlichkeit und Redlichkeit ankam. Seine ſchwarzen brennenden Augen, von dicken uͤberhaͤngenden Augenbraunen umſchattet, ver⸗ eiethen einen hohen Grad von Kuͤhnheit, und in ſeinen, von wilden Leidenſchaften zerriſſenen Mienen herrſchte eine ſo große kalt anſtarrende Gleichguͤltigkeit, daß dieſe von ihm abſchreckte, aber ganz fuͤn Corvetti's Plane paßte, und ihm in kurzer Zeulhſein beſonderes Vertrauen gewon⸗ nen hatte. Er hatte ihm bereits in vielen Faͤllen, in ſei⸗ ner mißlichen Lage gegen den Miniſter Baſſino und deſſen Freunde, durch ſeine große Gewandt⸗ heit und Verſchlagenheit, und namentlich durch ſeine auſſerordentliche Fertigkeit, Handſchriften und Siegel nachzumachen und Schriften zu ver⸗ faͤlſchen, die ausgezeichnetſten Dienſte geleiſtet. Dabei hatte er von ihm ſo entſchiedene Beweiſe von ſeinem Dienſteifer und von ſeiner Anhaͤng⸗ lichkeit an ihn erhalten, daß er nichts von eini⸗ ger Wichtigkeit unrernahm, ohne Lucillo um Rath zu fragen. Er war Kammerdiener, Seere⸗ tair, Spion, Gelegenheitsmacher bei ſeinen ver⸗ liebten Abenrenern, und hatte ſich ihm. ſs nnent⸗ — 32— behrlich gemacht, daß er den entſchiedenſten Ein⸗ fluß auf ihn erhielt. Durch eben dieſen Lucillo hatte er bereits ſei⸗ nen Genoſſen zu Yſamo von den bisherigen Vor⸗ gaͤngen, von Petardo's Verraͤtherei und dem weitern Erfolge derſelben ausfuͤhrliche Nachricht geben laſſen, um ſie zu den noͤthigen Maßregeln gegen einen ſo aͤußerſt gefaͤhrlichen Gegner aufzu⸗ fordern, und ſie von alle dem in genaue Kunde zu ſetzen, was er von der ſo geheim betriebenen Hauptſache erlauſcht hatte. Mi duld wartete Corvetti von einer ur andern auf Antwort, und je laͤnger dieſe ich verzoͤgerte, um ſo mehr erregte auch dieſes lange Stillſchwei⸗ gen der Verbuͤndeten neue Beſorgniſſe in ihm, bis ihn endlich Lucillo durch einen langerſehnten Brief aus Yſamo daruͤber wieder beruhigte. Seine bisherige Verlegenheit ging in laute Freude uͤber, als er in dieſem ihm uͤberbrachten Briefe die zuverlaͤſſige Nachricht von Cazzi's ge⸗ lungener Buͤberei und von Montaldi's und Lo⸗ renzo’s Ermordung erhielt. Jetzt hielt er alle weitere Beſorgniß fuͤr beſei⸗ tigt und jedes Hinderniß hinweg geraͤumt; nur der verraͤtheriſche Petardo machte ihm noch eini⸗ germaßen Unruhe. Dieſer hatte ſich ihm von einer ſo furchtbaren Seite gezeigt, daß er von —— — 7 ihm das Schlimmſte befuͤrchten mußte, wenn er es ſich etwa ſollte einfallen laſſen, auf's neue zu erſcheinen und gegen ihn aufzutreten. Lucillo veruhigte ihn jedoch auch hieruͤber, indem er ihm verſicherte, daß er ſeine Spione allenthalben aus⸗ ſein Auße ten auf die an ihn ergangenen öffentlichen Mffrderungen, ſich zu ſtellen, Lucil⸗ geſtellt habe, welche auf Petardo ein ſehr wach⸗ ſames Auge haͤtten und daß ſeine Anſtalten ſo gut gegen ihn getroffen waͤren, daß er in dem Augenblicke, wo er ſich etwa ſollte blicken laſſen, auch ſogleich verloren ſeyn muͤßte.. Obgleich Petardo’s ſchnelle Entfernung und lo's Vorſtellungen unterſtuͤtzten, ſo konnte Cor⸗ vetti dennoch nicht ganz ruhig ſeyn, ſo lange er uͤber dieſen Petardo in Ungewißheit ſchwebte. Er vermuthete zwar, daß die eigene mißliche Lage deſſelben ihn vielleicht nach dem letzten Vor⸗ falle zu weit von ihm entfernt habe, als daß er von den neuern Ereigniſſen zu Latago ſo leicht Kenntniß erhalten koͤnnte, oder daß ihn die Furcht vor ſeiner Rache und vor Entdeckung ge⸗ wiſſer Dinge, welche ihn um ſeine Sicherheit beſorgt machen mußten, gegenwaͤrtig abhielt, zu erſcheinen; allein deſſen ungeachtet hielt er es fuͤr rathſam, ſich auf den ſchlimmſten Fall vorzu⸗ bereiten. 814 Deshalb hatte er zu feiner Abreiſe alles in Bereitſchaft geſetzt, ſo daß er ſogleich bei der erſten Annaͤherung einer Gefahr unverzuͤglichſt von Latago aufbrechen konnte. Zudem waren ſeine Geſchaͤfte hier laͤngſt beendigt, ſein allzu⸗ gebenden Zerſtreuungen loszureißen. Um jedoch ſeinen Freunden die Freude nicht zu rauben, ſei⸗ nen Geburtstag feſtlich zu begehen 1 ſeine Abreiſe bis dahin. 3 Fhm alle die uͤppigen Ergötzlichkeiten, welche denſelben ihm und ſeinen Freunden unvergeßlich machen follten. Alles was nur dazu dienen konnte, den Glanz dieſes Feſtes zu erhoͤhen und die Sinne im uͤppi⸗ gen Taumel zu vergnuͤgen, war auf die mannich⸗ faltigſte Weiſe bis zum groͤßten Ueberfluſſe ange⸗ haͤuft. Jeder der zahlreichen Gaͤſte und jungen ergoͤtzen und ſich der ausgelaſſenſten Freude hin⸗ zugeben, und Corvetti ging ſeinen Gaͤſten hierin Unter dieſen baechanaliſchen Vergnuͤgungen flohen die Stunden des Abends ſchnell voruͤber, verſchob er— 1 und die Nacht lud die Schwelgenden zu neuem Sinnentaumel ein. In rauſchenden Choͤren er⸗ toͤnte die Muſik weit umher durch die naͤchtliche Stille, das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Pauken ſcheuchte die Nachbarſchaft aus ihrem ruhigen Schlummer und der Glanz der zahlloſen Kerzen und Lampen in dem erleuch⸗ teten Garten machte die Nacht zum Tage. Die Geſellſchaft zerſtreuete ſich in einzelnen Partieen, aan den Spieltiſchen und zu uͤppigen Taͤnzen oder zu kleinen menaden in den erleuchteten Gaͤn⸗ gen des uden Gartens, und Corvetti waͤhlte das Kere. Von Wein und Tanz erhitzt tummelte er ſich unter Scherz und Neckereien mit einer jungen Dame in dem Garten herum, um entfernt von⸗ den uͤbrigen Luſtwandelnden irgend ein heimi⸗ ſches Plaͤtzchen fuͤr ſtillere Freuden zu ſuchen. Seine leichtfertige Geſelſchafterin war ihm jetzt ſchakernd in dem Gebuͤſche entſchluͤpft, und eben war er im Begriffe ſte aufzuſpuͤren, als ein frem⸗ der Gaſt hinter einer Roſenhecke hervor trat und ihm mit einem vertraulichen:„Guten Abend, Corvetti!“ auf die Schulter klopfte. Er wandte ſich uͤberraſcht um, aber leichen⸗ blaß und wie von einem Donner plötzlich ge⸗ troffen, taumelte er bebend zuruͤck, als er den furchtbaren Petardo erblickte. Starr, einem Steinbilde gleich, ſtand Corvetti da, ſeine Knie wankten, ſein Athem ſtockte, er konnte ſich kaum aufrechts erhalten. Er hoͤrte ſeinen Lucillo in der Naͤhe, der ſich mit ſeiner ihm vorhin ent⸗ ſchluͤpften Begleiterin unterhielt, die ſich aber aus ſeiner Naͤhe zu entfernen ſchien. Dieſes gab ihm neuen Muth, er hoffte Jenen zu ſeinem Bei⸗ ſtande herbeixufen zu koͤnnen, doch Petardo trat ihm mit gezucktem Dolche entgegen und drohete, ihn bei dem erſten Laute nieder zutaß „Was willſt Du von mir?27 melnd. „Hier iſt nicht der Ort zur Erklaͤrung,“ erwie⸗ derte Petardo,„folge mir?“ Corvetti ſuchte ſich zu ſammeln, und aͤngſtlich ſahe er ſich nach der uͤbrigen Geſellſchaft um; jedoch ſein furchtbarer Gegner ſchien ihm jede Huͤlfe abgeſchnitten zu haben. Er erblickte in der Naͤhe verdaͤchtige Geſtalten, welche die Zugaͤnge zu ihm beſetzt hatten und ſogar ſein treuer Lucillo, den er ſeitwaͤrts im Gebuͤſche gewahrte, ſchien Anſtand zu nehmen zu ſeinem Beiſtande herbei zu eilen. „Folge mir,“ wiederholte Petardo mit furcht⸗ —: barem Tone und drohend geſchwungenem Dolche, 1 — 0— 7 ◻ „eine Sylbe von Dir macht Dich angenblicklich zur Leiche!“ Er ergriff ihn mit ſeiner kraͤftigen Fauſt am Arme und zog ihn mit ſich fort durch das Gebuͤ⸗ ſche nach einer Hinterthuͤre des Gartens, wo ein Wagen ſie erwartete. Corvetti wurde hineinge⸗ hoben und raſch rollte der Wagen mit Beiden durch die Stille der Nacht dahin. Dem n Torſo und deſſen Anhaͤngern war zu vie aran gelegen, von dem wahren Zuſtande lachen und beſonders auch von Riviali ſichere Kunde zu erhalten, als daß ſie nicht alles haͤtten anwenden ſollen, um ſich uͤber das Dunkle und Ungewiſſe dieſer Dinge Licht zu verſchaffen, das ſie endlich durch einen von Cor⸗ vetti aus Latago ausgefertigten und unterzeichne⸗ ten Brief erhielten.. „Der Gang unſrer Angelegenheiten,“ ſchrieb er in dieſem Briefe,„hat tendlich eine ſehr erwuͤnſchte Richtung genommen, ſo daß in kur⸗ zer Zeit Alles zu Ihrer Aller Zufriedenheit wird vollendet ſeyn. Gleichwohl iſt es noͤthig, daß bis zu meiner und Petardo's Zuruͤckkunft nichts von Bedeutung in dieſer Sache geſchehe und daß der Schein gaͤnzlicher Unthaͤtigkeit beobachtet werde, um unſre Gegner vollends ſicher zu machen,“ „Montaldi iſt zwar den ihm hier gelegten Schlingen entſchluͤpft, allein er hat dabei nichts gewonnen; Petardo, dieſer treue Theilnehmer unſrer Plane, iſt ihm auf der Ferfe nach, und ſollte es ihm auch gegen Vermuthen gelingen, Petardo's Wachſamkeit zu taͤuſchen und die Grenzen von Yſamo zu erreichen, ſo wuͤrde auch dieſes in der Hauptſachenzichts andern. Wir haben dieſe hier ſo aͤuße macht, daß ſich an eine ba des Knaͤuls nicht denken laͤßt d daß daher Montaldi ſo gut als unverrichteter Sachen zu⸗ ruͤckkehrt. Wenigſtens haben ſeine Bemuͤhun⸗ gen den Erfolg keinesweges gehabt, den er ſich davon verſprach, und es wird ihm Muͤhe koſten, ſich daruͤber bei Hofe zu rechtfertigen.“ „Alles iſt von uns hier ſo gut eingeleitet und ausgefuͤhrt worden, daß Yſamo ſeinen Plan in Anſehung Latago's nie ausfuͤhren und die Hinderniſſe beſtegen kann, welche wir der beachſichtigten Verbindung entgegengeſtellt ha⸗ ben, obgleich man hier den Grafen Montaldi daruͤber in Ungewißheit ließ und ihn zum Theil mit der Hoffnung hinhielt, daß Latago nicht ganz abgeneigt ſey, die gemachten Antraͤge und 8 — *4 — ⁴— Vorſchlaͤge unter gewiſſen Bedingungen anzu⸗ nehmen. Laſſen Sie ſich daher nicht dadurch irre machen, wenn ſich etwa Geruͤchte verbrei⸗ ten ſollten, welche von dieſer Seite wenig Vortheil fuͤr uns verſprechen koͤnnten; wir ſind unſrer Sachen zu gewiß, als daß ſich noch. an dem erwuͤnſchten Ausgange derſelben zwei⸗ feln ließe.“ „Riviali befindet ſich gegenwaͤrtig hier bei uns u at uns einen neuen bedeutenden G i zugefuͤhrt. Er hat Ihnen bereits Nachricht ertheilt, gleichwohl vermuth daß dieſe Nachrichten von Lo⸗ renzo und ſeinen Auflauerern moͤchten aufge⸗ fangen worden ſeyn, und ich eile um ſo mehr unſre Angelegenheiten hier zu Stande zu bringen, ehe Lorenzo Zeit gewinnt, ſich aufs neue einzudraͤngen. Deshalb reiſe ich denn auch in wenigen Tagen, in Begleitung des Marcheſe Riviali und meines treuen Lucillo, den ich dem Bunde nicht genug empfehlen kann von hier ab. Wenn daher nicht ſchon Briefe an mich unterwegs ſeyn ſollten, ſo halten Sie dieſe einſtweilen zuruͤck, bis von mir oder von Riviali weitere Nachrichten bei Ihnen ein⸗ gehen, die ich aus guten Gruͤnden gern bis zur groͤßern Ausfuͤhrung unſers Werks verſpa⸗ — 60— ſchweigen beobachten ſollte. Petardo wird Ihnen ein Mehreres mittheilen und mir von allen Ereigniſſen in der Reſidenz ſo wie von Ihren etwanigen Auftraͤgen ſichere Kunde bringen, bis ich ſelbſt zu Ihnen zuruͤckkehren kann.“— „Ich fuͤge dieſen Zeilen das bewußte Zeichen als Beweis ihrer Aechtheit beigund empfehle Ihnen vornaͤmlich, den verraͤ en Lorenzo nicht außer Acht zu laſſen, allen Din⸗ gen hinweggeſchafft werden muß wenn wir uns eines vollkommenen Sieges freuen wollen. Corvetti.“ Zu groͤßerer Beglaubigung dieſer Nachricht waren dem Briefe einige Zeilen von Riviali's Handſchrift angefuͤgt, ſo daß gegen die Aechtheit dieſes Briefes kein Zweiſel Statt finden konnte, und die Empfaͤnger ſich der groͤßten Freude uͤber den Inhalt deſſelben uͤberließen. Dieſe Freude wurde durch die eingegangenen Nachrichten we⸗ gen des Grafen Montaldi und Lorenzo's noch mehr erhoͤht, da ſie Cazzi's Botſchaft von Beider Tode vollkommen beſtaͤtigten. Man hatte nicht allein Lorenzo's Wohnung bis auf den Grund zerſtoͤrt gefunden, ſondern auch in dem vorbei⸗ ren moͤchte. Laſſen Sie es ſich alſo nicht be⸗ fremden, wenn ich bis dahin einiges Still⸗ — 61— fließenden Waldſtrome einen mit Wunden bedeck⸗ ren maͤnnlichen Koͤrper gefunden, den man fuͤr Montaldi's Leichnam hielt. Zugleich bekraͤftigte der Bote, welcher dieſe Nachrichten uͤberbrachte und ſich durch das vorgezeigte Bundeszeichen als einen treuen Untergebenen von Petardo legiti⸗ mirte, ſeierlichſt, daß Lorenzo's Koͤrperſunter dem Schutte ſeiner eingeaͤſcherten Wohnung gaͤnzlich von den Flammen zerſtoͤrt ſey aufgefunden worden. Unter Umſtaͤnden und glaubhaften Be⸗ rſo und ſeine Anhaͤnger an der ſer Nachricht nicht im minde⸗ ſten zweifeltſie ſahen vielmehr die groͤßten Hinderniſſe gegen ihre Entwuͤrfe uͤber alle Er⸗ wartung hinweggeraͤumt, und uͤberließen ſich in ſtolzer Sicherheit der Freude uͤber den erhaltenen Sieg. Zwar regten ſich weiterhin unter der Hand leiſe Geruͤchte und Hoffnungen, welche mit ihren Nachrichten im Widerſpruche zu ſtehen ſchienen und die baldige Zuruͤckkunſt des Grafen Montaldi verſprachen, allein dieſe Geruͤchte ſchie⸗ nen ſchon durch das uͤberaus lange Außenbleiben des Grafen widerlegt zu werden. Torſo nahm ſich mit ſkinen Anhaͤngern ſehr in Acht dieſen Geruͤchten zu widerſprechen, vielmehr waren ſie darauf bedacht, ſie auf alle Art zu unterſtuͤtzen und die Hoffnungen und Wuͤnſche in Anſehung — 62— des Grafen Montaldi zu naͤhren, um ihre ge⸗ heime Schadenfreude unter der Maske der auf⸗ richtigſten Theilnahme zu verbergen. Der Wagen, welcher Corvetti in Petardo's Begleitung fuͤhrte, hielt endlich in einem der entlegendſten Theile der Stadt, vor einem Gar⸗ tenhauſe ſtill, aus welchem ihnen bei ihrer An⸗ kunft ein Mann von wildem Anſehen zum Em⸗ pfange entgegentrat und ihnen ei legenen Zimmer vorleuchtete. „Wo bin ich?“ rief Corve „und was haſt Du mit mir ve „Daß Du das noch fragen kannſt!“ erwie⸗ derte Petardo,„ich komme, unſre Rechnung abzuſchließen. Haſt Du vergeſſen, daß Du noch bei mir in Schuld biſt?“ Corvetti ſahe ſich aͤngſtlich nach einem Aus⸗ wege zur Flucht um; Petardo bemerkte es und erklaͤrte ihm, daß hier an kein Entrinnen mehr zu denken ſey, und daß er bei dem geringſten Verſuche, ſich ihm zu entziehen, ohne Rettung 7 verloren ſeyn wuͤrde. Um ihn davon zu uͤber⸗ zeugen, oͤffnete er die Thuͤre und Corvetti ſchau⸗ derte zuruͤck, als er ſie von außen durch zwei Bewaffnete beſetzt ſahe. 1 „Du ſiehſt, daß hier kein Entkommen Statt —— 5 9 keer Abgelegenheit in der Luft verhallen wuͤrde,“ ſprach Petardo, indem er die Thuͤre wieder ſchloß,„Daher faſſe Dich in Geduld. Auf Dich allein wird es ankommen, ob ich Dir Leben und Freiheit ſchenken, oder ob ich Dich nach dem 4 Kerker ſchleppen und vor Gericht laut gegen Dich als Anklaͤger auftreten ſoll.“ Corvetti. Kann Geld Dich zufrieden ſtel⸗ len, ſo ſo as Du willſt, Du ſollſt es haben, nu mich frei und verrathe mich nicht. Petardd. So iſt es nicht gemeint. Dein Geld bedarf ich nicht. Corvetti. Was verlangſt Du denn von mir? Petardo. Eine Kleinigkeit gegen das, was Du an dem ehrwuͤrdigen Baſſino gefrevelt haſt. Deine Buͤberei gegen Montaldi bleibe vor der Hand von mir ungeahndet, aber Du haſt durch Deine raͤnkevolle Argliſt einen edeln, würdevol⸗ 1 len und hochverdienten Mann um das Zutrauen ſeines Monarchen, um die Achtung ſeiner Be⸗ kannten und um die Liebe des Volks gebracht, Du haſt der gemeinnzsigen Wirkſamkeit des edeln Baſſino Feſſeln angelegt und Schmach uͤber finden kann und Dein Geſchrei um Huͤlfe in die⸗ ſein ehrwuͤrdiges Haupt gebracht, das darf Di nicht ungeahndet hingehen. Corvetti. Meine Selbſterhaltung zwang mich zu dieſen verzweiflungsvollen Mitteln, die Folgen waren nicht mein Wille, und Dir ſelbſt haſt Du dieſe zuzuſchreiben; denn Dein Verrath an mir ließ mir kein anderes Mittel zur Ret⸗ tung uͤbrig. Petardo. Gleichwohl muͤſſen dieſe Folgen durch Dich zuruͤckgedraͤngt i es ſtehen Dir hierzu zwei Wege zur fre l offen. Corvetti. Welche ſind 1 Petardo. Entweder Du ſelbſt Deine Schuld und retteſt die gemißhandelte Ehre des edeln Baſſino, oder ich ſelbſt thue es an Dei⸗ ner Stelle. Rechne ja nicht darauf, daß mich die Furcht vor eigener Gefahr abhalten koͤnnte, mich vor Gericht Dir entgegen zu ſtellen; ich kenne Furcht nur dem Namen nach und ich bin um die Mittel zu meiner Sicherſtellung nicht verlegen. Corvetti. Wie koͤnnte ich mich ſelbſt ver⸗ rathen, ohne alles fuͤr mich zu fuͤrchten? Petardo. Ich ſelbſt werde Dich ſchuͤtzen; denn auch ohne mich wirſt Du Deinem Raͤcher nicht entgehen, einige Cage fruͤher oder ſpaͤter, das thut nichts zur Sache. Wirſt Du Dich nach 4 5 — 65— meinem Willen bequemen, ſo ſichere ich Dir Leben uund Freiheit zu, und ungehindert ſollſt Du noch in dieſer Nacht Latago verlaſſen. Die Anſtalten zu Deiner Abreiſe ſind groͤßtentheils ſchon von Dir ſelbſt getroffen worden, meine Leute ſollen das Fehlende zur groͤßern Beſchleunigung beſor⸗ gen, und ehe der Morgen graut ſollſt Du in Sicherheit ſeyn. Weigerſt Du Dich aber gegen meinen Vorſchlag, ſo ſchwoͤre ich Dir, daß Du dieſes Haus perlaſſen ſollſt, um in den Ker⸗ ker zu wa und ich ſelbſt ſtelle mich als Dein furch Anklaͤger, vor Gericht Dir entgegen. i begnuͤge ich mich nicht da⸗ mit, wegen des beabſichtigten Meuchelmordes an Montaldi gegen Dich zu zeugen, ſondern ich werde auch die Beweiſe vorlegen, welche die Schandthaten und Plane Deiner Bundesgenoſſen aufdecken, und ich werde Dinge erzaͤhlen, vor welchen denen, die ſie hoͤren, die Haut ſchaudern ſoll. Jetzt waͤhle. Corvetti. Was muß ich thun? Petardo.(indem er eine Schrift hervor⸗ zieht:) Du unterzeichneſt dieſe Schrift und be⸗ kennſt Dech fuͤr den Ausſteller derſelben. Sie ent⸗ haͤlt Dein freimuͤthiges Bekenntniß, daß Du mit Montaldi's Feinden im Bunde ſtandeſt, daß es Deine Abſicht war, ſeine Plane in Latago zu II. 4 — 66— vereiteln, daß Du endlich, da Deine Naͤnke mißlangen, den Anſchlag machteſt, den Grafen bei einem frohen Mahle zu vergiſten, und daß Du Dich an Banditen anſchloſſeſt und ſie zu Deiner Buͤberei erkaufteſt. Du erklaͤrſt in Ge⸗ genwart eines Notars und einiger Zeugen, daß dieſes reuevolle Bekenntniß frei und ungezwungen der Wahrheit gemaß von Dir ausgeſtellt wurde. Corvetti. Biſt Du von Sinnen? ich ſoll mich ſelbſt der oͤffentlichen S und die Gerechtigkeit gegen Petardo. Ich buͤrge nichts zu befuͤrchten haſt unds Flucht erleichtern will. Corvetti. Wie kann ich Deiner Zufage trauen, da Du mir ſo ſchlecht Dein Brtſpvochen erfuͤllt haſt? Petardo. Das iſt jetzt ganz etwas anderes; ich werde Dir ſicher Wort halten. Wenn es mir darum zu thun waͤre, Dich Deinen Richtern zu uͤberliefern, wozu beduͤrfte es dann noch dieſer Umſtaͤnde, da Du weißt, welche Dokumente ich gegen Dich und Deine Bundesgenoſſen in Haͤn⸗ den habe? Fallen werdet Ihr Alle, das iſt gewiß, aber jetzt iſt es noch nicht Zeit dazu; ihr muͤßt erſt ganz zur Reife kommen, und alsdann wird eure ſchwarze Stunde auch ohne mich ſchlagen. ich Dir die Corvetti. Ich bin jetzt in Deiner Gewalt, aber frohloche nicht zu fihge manich ich habe Mit⸗ teel genug in Handen, Dich zu vernichten. Petardo. Darauf moͤchte ich es wohl an⸗ kommen laſſen. Corvetti. Haſt Du vergeſſen wer Du biſt, und daß ein Preis auf Deinen Kopf geſetzt iſt, den ich beinahe luͤſtern ware, fuͤr meine Rettung zu verdienen? Sollte ich mich auch im ſchlimm⸗ ſten Falle ni ghazazztten können, ſo werde ich den⸗ noch in m rnichtung Kraft genug behal⸗ ten, Dich i zu verderben. Petard u irrſt Dich ſehr, wenn Du glaubſt mich dadurch zu ſchrecken; Du kennſt michauf dieſem Punkte, und kannſt ſicher darauf rechnen, daß es mir nicht an Mitteln fehlen wird, Dich zum Luͤgner zu machen und mich jeder Gewalt zu entreißen. Einem Jeden iſt ſein Ziel geſetzt uͤber welches er nicht hinaus kann, auch mir iſt das meinige geſtellt, aber Du wirſt mich ihm um kein Haar breit naͤher bringen. Corvetti. So laß ſehen wer uͤber den Andern triumphirt. Mache was Du willſſt, dieſe Erklaͤrung kann ich nicht unterſchreiben. Petardo. Wohl; wie Du willſſt.(Er offner die Thuͤre:) Mattheo! Camillo!(indem dieſe hereintreten:) Ihr wißt, was Ihr zu E 2 — 63— thun habt; Ihr haſtet mir mit Eurem Leben fuͤr dieſen Herrn.(Zu Corvetti:) Du ruſſt Deine ſchwarze Stunde herbei:; in wenigen Stunden ſollſt Du mehr von mir hoͤren.(Im Begriff ſich zu entfernen.) Corvetti.(haͤlt ihn zuruͤck:) Wohin zehſ Du? Petardo. Ich gehe die Gerechtigkeit aus ihrem Schlummer zu wecken und ihr das Rach⸗ ſchwert gegen Dich in die Haͤ geben. Ver⸗ ſuche es alsdann, Deine D gegen mich geltend zu machen; laß ſehen in Deiner Vernichtung noch Kraft gen, mich mit Dir hinabzuziehen. Corvetti. Bleib! Laß mir wenigſtens Zeit zur Ueberlegung. Petardo. Du haſt keine Zeit zu verlieren, und jeder Augenblick erſchwert Deine Rettung. Die Zeit eilt und ehe dieſe Nacht dem anbrechen⸗ den Tage weicht, mußt Du von Latago eniſernt ſeyn, ſonſt iſt es zu ſpaͤt. Corvetti. Du gelobſt mir alſo— 2 Petardo.(einfallend:) Püntrüich Wort zu halten, ſo, oder ſo. Corvetti. Du verſprichſt mir, mein Be⸗ kenntniß nicht gegen mich anzuwenden und mich in Sicherheit zu bringen? Petardo. Das gelobe ich Dir feierlichſt. 6 Corvetti. So bleib und gieb mir die Schriſt, ich will ſie unterzeichnen. Petardo reichte ihm die Schrift, waͤhrend ſich die beiden Maͤnner auf einen Wink von ihm entfernten. Corvetti las die Schrift mit dem Ausdrucke der heftigſten Verwunderung, als er ſeine eigene Handſchrift ſo taͤuſchend nachgeahmt erblickte, daß er ſelbſt in Verſuchung gerieth, ſie h fuͤr die ſeinigen halten; doch ließ ihm Petardo nicht Zeit d nachzudenken. Corvetti unter⸗ zeichnete di t, indem die Thuͤre geoͤffnet wurde und arius mit einigen Begleitern als Zeugen hereintraten. „Meine Herrn,“ redete ſie Petardo an,„ich danke Ihnen nochmals, daß Sie meine Bitte Statt finden ließen und ſich zu einer ſo unge⸗ woͤhnlichen Zeit zu einem Geſchaͤfte hier einſan⸗ den, woruͤber Ihnen dieſes Dokument das Naͤhere ſagen wird. Sie ſehen hier den Herrn Baro⸗ netto Corvetti vor ſich, und dieſe von ihm ſelbſt ausgefertigte Erklaͤrung wird Ihnen ſagen, warum 3 ich Sie rufen ließ.“ Der Notarius empfing die Schrift und las ſie den Zeugen laut vor, und mit jedem Worte ſtieg das ſchaudervolle Erſtaunen der Anweſenden. Alsdann wandte er ſich an Corvetti, der bleich und zitternd die an ihn gerichteten Fragen beant⸗ wortete, die Schrift und die Namensunterſchrift fuͤr die ſeinige anerkannte und ſich erklaͤrte, ſie voͤllig der Wahrheit gemaͤß, frei und ungezmuu⸗ gen reuevoll ausgeſtellt zu haben. „So waͤre denn dieſe Angelegenheit beſeiti⸗ get,“ ſprach Petardo zu dem Notarius und ſei⸗ nen Begleitern, als das noͤthige Inſtrument aus⸗ gefertiget und unterſchrieben war.„Jetzt muß ich Sie bitten, meine Herren, Sie es ſich bis zu dem anbrechenden Mor 1 mir gefallen laſſen. Sie werden in dem anzuweiſen⸗ den Zimmer all es fuͤr Ihre R Bequemlich⸗ keit bereit finden; morgen Hbensaf ich es Ihnen, den lids eaen Gebrauch von dieſer Schrift zu machen. Fuͤr Ihre Bemuͤhung genehmigen Sie dieſen geringen Beweis meiner Dankbarkeit.(Er uͤberreichte ihnen eine Boͤrſe, und winkte ſeinen beiden Leuten, welche ihnen nach dem für le beſtimmten Zimmer vorleuchteten.) „ unſer Geſchaͤft iſt jetzt beendigt,“ wandte ſich Petardo an Corvettt,„Du haſt Dein Ver⸗ ſprechen erfuͤllt, jetzt iſt es an mir, auch Dir das meinige zu erfällen; allein vorher noch eine Be⸗ dingung.“ 1 Corvetti. Sind wir noch nicht fertig? Petardo. Bis auf eine Kleinigkeit. Deine — 71— Erklaͤrung muß nothwendig Aufſehen erregen, und es iſt leicht moͤglich, daß man auch in Yſamo davon Kunde erhaͤlt; Deine Bundesgenoſſen werden den Zuſammenhang davon nicht begreifen koͤnnen und ſich bemuͤhen, ſich Licht daruͤber zu verſchaffen. Gelobe mir daher jetzt noch durch einen feierlichen Eid, daß Du das ſtrengſte Still⸗ ſchweigen beobachten und Niemand, wer es auch ſeyn mag, auf die entfernteſte Art willſt ahnen laſſen, daß ich der Urheber Deiner Erklaͤrung ſey und da Kameradſchaft ein Ende habe. edingung kann ich Dir meine Ich muß ja wohl jede Bedin⸗ gung eingehen, und ſo will ich mich denn auch hierzu anheiſchig machen; nur eile, ehe die Zeit uns uͤberraſcht. Er legte den ihm vorgelegten feierlichen Eid ab, und Petardo fuhr gegen ihn fort: „Ich weiß zwar, daß einem Manne wie Du biſt, auch der furchtbarſte Eid nicht heilig genug iſt, aber wiſſe, daß die leiſeſte Sylbe von Ver⸗ rath Dich zur Leiche machen wird. Allenthal⸗ ben, ſogar in dem Kreiſe Deiner Verbuͤndeten, werde ich Dich ungeſehen umſchweben, hundert Augen ſind auf Dich gerichtet, und unſre Dolche zielen nach Deinem Herzen; wage es daher nicht Deine Beobachter taͤuſchen zu wollen, und ent⸗ ferne Dich ſo weit als moͤglich von dieſer Gegend, damit Dich die Rache nicht uͤbereile.“ „Ihr wißt, was ich Euch befohlen habe,“ wandte er ſich an Mattheo und Camillo, als dieſe jetzt wieder hereintraten,„brecht unverzuͤg⸗ lich nach der Wohnung dieſes Herrn auf, und tragt alle Sorge, daß ſeine Flucht eben ſo ſchnell als unbemerkt geſchehen kann.“ Der Wagen, welcher Corvetti hierher gebracht hatte, ſtand zu ſeinem Empfe ſprang mit ſeinen beiden Beg aſch hinein und mit ſchnellem Fluge rollte M agen dahin. Corvetti's plötzliches Verſchwinden aus der Geſellſchaft und ſein langes Außenbleiben fing nach und nach an Aufſehen und die Beforgniß zu erregen, daß ihm vielleicht ein Unfall moͤchte zu⸗ geſtoßen ſeyn, als Lueillo einige junge Wuͤſtlinge von Corvetti's Gefellſchaft bei Seite rief und die Abweſenheit ſeines Herrn durch eine verliebte Plaiſanterie entſchuldigte, ſie aber auch zugleich erſuchte, die Aufmerkſamkeit der Gaͤſte davon abzuleiten. 5 Auf dieſe Art wurde ein groͤßeres Aufſehen vermieden, bis denn zuletzt Corvetti ploͤtzlich 7 ziemlich verſtoͤrt wieder in dem Kreiſe der Gaͤſte erſchien und mit Scherz und Neckereien empfan⸗ gen wurde. Er zwang ſich ſoviel als moͤglich zur Verſtellung, um ſeine aͤngſtliche Unruhe zu ver⸗ vergen und in dieſen Ton mit einzuſtimmen. hh eual hatte ſich auf einen Wink von ihm ſo⸗ gleich nach ſeiner Wohnung begeben, um das Aufpacken des Reiſewagens zu beſchleunigen, und mit anchee Unruhe ſahe er ſehnlichſt der Ruͤckkehr deſſelben und der Nachricht entgegen, daß alles zur Abreiſe bereit ſey. Der Boden ſchien unter ihm zu gluͤhen, er hatte nirgends Ruhe und Raſt; er ſtuͤrzte einen Becher Wein nach dem andern in ſich hinein und flog mit wilder Ausgelaſſenheit durch die Reihen der Tan⸗ zenden. Endlich kam Lucillo, und in wenigen Augenblicken darauf war er zum zweiten Male aus der Geſellſchaft verſchwunden, um nimmer wiederzukehren. Kein Menſch hatte noch die leiſeſte Ahnung von dem Vorgange der verwichenen Nacht, als am Morgen der Notarius vor Gericht erſchien, uͤber das Geſchehene Bericht erſtattete und die von Corvetti ausgeſtellte, von ihm und den Zeu⸗ gen unterſchriebene Erklaͤrung und Ehrenrettung des Grafen Baſſino dort niederlegte. — 7H— Die Sache erregte um ſo groͤßeres Erſtaunen, da bei dem ganzen Vorgange alles ſo aͤußerſt raͤthſelhaft und verworren war, daß man ſich vergebens bemuͤhete, den richtigen Zuſammen⸗ hang davon zu ergruͤnden. Der Beweis der Wahrheit dieſes raͤthſelhaften Vorfalls war je⸗ doch in Corvetti's Erklaͤrung und den Zeugniſſen des Notars und der unterſchriebenen Perſonen, ſo wie in Corvetti's ploͤtzlicher Flu s unwider⸗ legbar vorhanden, daß man ſie nicht bezweifeln durfte. 3 Es wurde dem Fuͤrſten und dem Miniſter Baſſino ſogleich Bericht erſtattet, und waͤhrend man die ſchleunigſten Anſtalten traf, dem ent⸗ flohenen Verbrecher nachzuſetzen, um ihn zuruͤck zu bringen, breitete ſich das Geruͤcht von dem Vorfalle ſehr ſchnell in der Stadt aus. So wenig man auch mit dem dabei beobach⸗ teten eigenmaͤchtigen Verfahren des furchtbaren Fremdlings zufrieden war, wodurch Corvetti entlarvt wurde, ſo ſehr freute man ſich uͤber den guren Erfolg deſſelben und uͤber die dadurch be⸗ wirkte Ehrenrettung des Miniſters. Corvetti's Freunde und Vertheidiger, welche ſich durch ſeine Gleisnerei ſo arg hatten taͤuſchen laſſen, zogen ſich nun beſchaͤmt zuruͤck und vereinigten ihre Bemuͤhungen mit den getroffenen Anſtalten, * 4. 6 — ſeiner habhaft zu werden, um ihn zur verdienten Strafe zu ziehen. 1 So ſehr man noch kurz vorher den ehlmardi⸗ en Baſſino angefeindet hatte, ſo ſehr draͤngte man ſich nunmehr mit Beweiſen von ehrfurchts⸗ voller Verehrung und Achtung um ihn her und wetteiferte, ihm das Geſchehene vergeſſen zu mmachen. Ganz Latago hatte jetzt nur eine allge⸗ 3 meine Stimme zu feinem Ruhme; diejenigen, welche vorher am heftigſten gegen ſeine voreilige Haͤrte und vermeinte Ungerechtigkeit geeifert hat⸗ ten, verwuͤnſchten jetzt am meiſten die Uebeſon⸗ gegen Corvetti ſo ſehr entkraͤftet hatten. Alles vereinigte ſich gegenwaͤrtig in dem Wunſche, daß es gelingen moͤchte, dieſen auf der Flucht zu er⸗ reichen und zuruͤckzubringen, um das Bekenntniß der eigentlichen Veranlaſſung zu ſeiner beabſich⸗ tigten Buͤberei und die Angabe ſeiner Mitſchul⸗ 3 digen von ihm zu erzwingen. Da jedoch Cor⸗ vetti einen bedeutenden Vorſprung vor ſeinen Verfolgern gewonnen haben mußte, ſo ließ ſich bei ſeiner bekannten Verſchmitztheit wenig davon erwarten. Die unſeligen Folgen fuͤr Latago und Yſamo waren nicht zu berechnen, wenn Corvetti's heil⸗ loſes Unternehmen nicht durch die Dazwiſchen⸗ nenheit, wodurch ſie die angewandten Mittel N baren Begebenheit Aufſchluß zu geben. Durch die Entlarvung eines ſo gefährlichen konnte, uͤber den Zuſammenhang dieſer wenhen Partheigaͤngers, wie Corvetti, ſo wie durch die „Ehrenrettung des edeln verdienſtvollen Baſſino's, hatte ſich dieſer Fremdling die Herzen aller gut⸗ geſinnten Buͤrger in einem hohen Grade geneigt gemacht, ſo daß er jetzt der allgemeine Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung war und man eifrigſt wuͤnſchte, er moͤchte aus ſeiner Verborgenheit heraustreten und ſich oͤffentlich zeigen. Alle des⸗ halb angeſtellten Bemuͤhungen konnten jedoch nichts bewirken; die Abſicht des Unbekannten ſchien ſich einzig und allein auf die Ehrenrettung des Miniſters und auf die Beſaͤnftigung der ge⸗ gen ihn empoͤrten Gemuͤther, ſo wie auf die Zerſtoͤrung der Werke verſteckter Bosheit be⸗ ſchraͤnkt zu haben, um ſich nach der vollbrach⸗ ten That ſtill wieder zuruͤckzuziehen und jeder naͤhern Erklaͤrung auszuweichen. So ſehr der edle Baſſino es bedauerte, daß * der kuͤhne Vertheidiger ſeiner Ehre ſo ſorgfaͤltig jedem Verſuche einer Annaͤherung, ſo wie ſeinem Danke gauswich, eben ſo beunruhigte ihn und ſeine Freunde die Ungewißheit, worin man we⸗ gen des Grafen Montaldi ſchwebte. Man hatte die genaueſten Nachforſchungen nach ihm ange⸗ ſtellt, aber alle eingezogene Nachrichten bezeug⸗ ten, daß er in der Naͤhe jener beruͤchtigten Wal⸗ dungen an der Grenze verſchwunden ſey, ohne jedoch etwas Naͤheres davon auskundſchaften zu ſeine Ankunft in Yfamo mit immer groͤßerer Be⸗ ſorgniß erwartet wurde, da ſich im Stillen das Geruͤcht verbreitete, es ſey der Leichnam des Grafen mit Wunden bedeckt, als Folge einer ge⸗ funden worden. Auf dieſe Art ließ ſich das Schlimmſte be⸗ fuͤrchten; man mußte darauf bedacht ſeyn, im Fall ſich die Ermordung des Graſen beſtaͤtigen ihn beſorgte Geſchaͤft fuͤr Yſamo's Wohlfahrt was denn jetzt den weſentlichſten Gegenſtand der Berathung in den'traulichen Geſpraͤchen des Miniſters mit dem Marcheſe Collino ausmachte. So oft es die Umſtaͤnde verſtatteten, begab ſich der Miniſter auf ſeinen angenehmen Landſitz, wo er die Stunden der Muße dem Andenken ſeines Freundes Montaldi und der Berathung koͤnnen. Auch wußte man, daß fortwaͤhrend waltſamen Ermordung, in dem Waldſtrome ge⸗ ſollte, Mittel ausfindig zu machen, das durch auf eine andere Weiſe zu Stande zu bringen, genheit widmete. ———y———— Eben war er eines Tages von reren 8 ſich bei ſeiner annneehn auf ſein Zunher ein Fremder anmelden und ihn um eine geheime Unterredung bitten ließ. Er befahl, den Frem⸗ den herein zu fuͤhren; nach einer ehrerbietigen Begruͤßung wiederholte dieſer ſein Geſuch um eine ungeſtoͤrte Unterredung, und der Miniſter trug kein Bedenken, ſie ihm zu bewilligen. „Wir ſind allein,“ redete er den Feomden an, nachdem ſich der Bediente auf einen Wink von ihm entfernt hatte,„nehmen Sie Platz und laſſen Sie mich wiſſen, wen ich in ditſem Be ſuche begruͤße.“ Der Fremde naͤherte ſich ihm, indem er die Verkleidung, die ihn unkenntlich machte, ab⸗ legte und— als Petardo vor ihm ſtand. „Petardo?“ rief der Miniſter uͤberraſcht aus, Sie ſind es, und in dieſer Verkleidung?“ „Ich bin der Oberſte Petardo, im Dienſte des Centuriſchen Freiſtaats,„" erwiederte dieſer, „und uͤber meine Verkleidung wollen Sie mich geneigtegſt entſchuldigen, weil mein Beſuch ein Geheimniß bleiben muß.“ Seun 4 Miniſter. Sie öberraſchen mich eu eine dhoͤchſt angenehme Art und kommen meinem längſt 3 genaͤhrten Wunſche, Sie zu ſehen, entgegen. Ich heiße Sie freudig bei mir willlommen. — Petardo. Sie haben mich zu ſprachen verlangt; es hat mir ſehr Leid gethan, daß ich bis auf dieſen Augenblick, wo ich mich Ihnen ohne Zeugen naͤhern konnte, die Erfuͤllung Ihres Verlangens zuruͤckhalten mußte. Miniſter. Sie haben ſich fuͤr mich und meinen Freund Montaldi zu großem Danke ver⸗ pflichtet, und um ſo mehr gereicht es mir zur Freude, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen denſelben darbringen zu koͤnnen. Petardo. Mein unbeſcheidenes Eindrin⸗ gen bei Ihnen moͤge die Urſache deſſelben ent⸗ ſchuldigen. Ich bin der Ueberbringer angenehmer Nenchrichren von dem Herrn Grafen Montaldi. Miniſter.(uͤberraſcht:) Von Montaldi? o ſagen Sie mir ſchnell: was habe ich wegen ſeiner zu hoffen?* Petardo.(indem er ſhmn⸗ einen Brief uͤber⸗ reicht:) Dieſer Brief wird Ihnen ein Mehreres ſagen. Mizniſter.(nachdem er geleſen hat) Mein Freund nennt Sie in dieſem Briefe den aber⸗ maligen Retter ſeines Lebens, und ſo ſind Sie Ihnen erwarten, und ich bitte angelegentlichſt auf's neue ſein Leben in Gefahr geſetzt hatte, ſo mir zwiefach herzlich willkommen. Ich darf n h der Verſicherung meines Freundes Montaldi e ausfuͤhrlichere Nachricht des Vorgefallenen von darum. Petardo Legmuen ſeine Erzaͤh! lung mit einer Auseinanderſetzung der letztern Ereigniſſe zu La⸗ tago und der Urſachen, welche durch des Grafen Montaldi verweigerter Befolgung der an ihn er⸗ gangenen Aufforderung zur Beſchleunigung ſeiner ◻ Abreiſe, ihn zu einem ſo gewaltſamen Verfahren gegen Corvetti genoͤthiget hatten. Er erzaͤhlte ihm, wie er den Grafen ſchnell aus Latago ent⸗ fernt, ihn zu ſeiner Sicherheit unbemerkt beglei⸗ tet, dieſer aber ihm die Beſchuͤtzung dadurch erſchwert habe, daß er, der ihm ertheilten War⸗ nung vor jenen gefaͤhrlichen Waldungen ungeache tet, die Ruͤckreiſe dorthin gewaͤhlt und dadurch daß er nur durch fruͤher getroffene Vorſichtmah⸗ regeln gerettet werden konnte. Der Miniſter erkannte mit Schaudern die abermalige Gefahr, welche neuerdings ſeinen edeln Freund bedroht hatte, und wuͤrde ſeine Rettung kaum fuͤr moͤglich gehalten haben, wenn ihn nicht der erhaltene Brief und des Grafen eigene Unterſchrift davon uͤberzeugt und Pe Kardo ꝛs 8 feierliche Verſicherung, daß er der Geneſung nahe und in voͤlliger Sicherheit ſey, uͤber ſeine Umſtaͤnde war, um ſo mehr verlangte der Mini⸗ Montaldi wurde mit der Ausfuͤhrung dieſes Ge⸗ — 8¹— Zweifel beruhiget haͤtte. Je dunkler und verworrener indeſſen der eigentliche Zuſammenhang der dabei obgewalteten ſter von Petardo uͤber dieſen Zuſammenhang, ſo wie uͤber die Triebfedern aufgeklaärt zu werden, durch welche man ſich auf eine eben ſo raͤthſel⸗ hafte als abenteuerliche Art fuͤr die Angelegen⸗ heiten des Grafen ſo thaͤtig bewieſen hatte. „So viel ich es vermag,“ erwiederte Petardo auf die deshalb wiederholte Bitte,„will ich Ihnen dieſe Erklaͤrung ſehr gern geben. Sie ſelbſt wiſſen, ohne meine weitere Eroͤterung, durch welche Criſis ſeit geraumer Zeit Yfamo's Ruhe und Wohlfahrt gefaͤhrdet wurde, wie ſehr die lichtſcheuen Werke der Bosheit zu fuͤrchten waren, und wie viele edle Patrioten, welche dieſer ge⸗ heimen Bosheit öffentlich entgegen zu treten wagten, derſelben unterliegen mußten. Daher vereinigten ſich mehrere edelmuͤthige Maͤnner im Stillen zu ihrer Bekaͤmpfung, ſo wie zur kraͤfti⸗ gen Unterſtuͤtzung des Ihnen bekannten Planes fuͤr eine enge und freundſchaftliche Verbindung zwiſchen Latago und Yſamo. Der Herr Graf II. F ſchaͤftes beauſtragt. Feinde des Staats mit ihrer ganzen Macht gegen das Gelingen ſeines Geſchaͤftes auflehnen wuͤrden. Der Erfolg bewies, daß dieſe Vermuthung nicht ungegruͤndet, und Leuten, wie dieſen kein Mittel zu entehrend war, um dieſes Geſchaͤft zu ver⸗ eiteln. Es waren ſogar Banditen von ihnen gedungen worden, die ſich des Herrn Grafen und ſeiner Papiere auf deſſen Reiſe nach Latago be⸗ maͤchtigen ſollten, waͤhrend ſich Corvettt als einer ihrer Genoſſen hier einſchleichen und ſich einen bedeutenden Einſtuß verſchaffen mußte, um von hieraus ihre Anſchlaͤge zu unterſtuͤtzen. Wie letz⸗ tere indeſſen vereitelt wurden und, aller geheimen Anfechtungen ungeachtet, das gute Werk doch vollendet ward, iſt Ihnen bereits bekannt.“ Miniſter. Wer ſind aber die verborgenen Freunde, welche dieſe Angelegenheit ſo kraͤftig unterſtuͤtzen halfen? warum zeigen ſie ſich nicht ſelbſt oͤffentlich, und warum bedienen ſie ſich nur immer einer ſo raͤthſelhaften Abenteuerlichkeit, welche das Zutrauen zu ihnen hindern muß? Petardo. Dieſe Fragen kann ich Ihnen nicht genuͤgend beantworten. Da ich nur eine untergeordnete Mittelsperſon bei dieſer Ange⸗ legenheit war, und meine Thaͤtigkeit mehrin nur Es ließ ſich mit ziemlicher 3 Gewißheit vorausſehen, daß ſich die geheimen aauf einzelne in die Hauptſache eingreifende Nebenplane ſich beſchraͤnkte, ſo ſchwebe ich uͤber die Hauptſache ſelbſt im Dunkeln. Miniſter. Das wird der Fuͤrſt Ihnen ſchwerlich glauben. Ich muß es Ihnen anzeigen, daß der Monarch den unbekannten Unterſtuͤtzer dieſer Angelegenheit perſoͤnlich kennen zu lernen wuͤnſcht, und ich mich anheiſchig gemacht habe, im Fall ich von Ihnen Kunde erhalten ſollte, ihm ſogleich Nachricht davon zu geben. Petardo. Ich wuͤrde mich um keinen Preis 3 dazu verſtehen, dem Verlangen Ihres fuͤrſtlichen 4 Freundes nachzukommen. * Miniſter. Sie ſetzen mich durch dieſe Wei⸗ gerung in eben ſo großes Erſtaunen als in Ver⸗ legenheit, und ich begreife nicht, welche Gruͤnde Sie dazu beſtimmen koͤnnten. 1 Petardo. Dieſe ſind von vollguͤltiger Wich⸗ tigkeit. Wuͤrde ich außerdem ſo lange Anſtand genommen haben, den mir nicht unbekannt gebliebenen Wuͤnſchen des Fuͤrſten Genuͤge zu leiſten? 3 Miniſter. So bitte ich Sie wenigſtens um eine naͤhere Erklaͤrung, damit ich dem Fuͤr⸗ ſten deshalb Rede und Antwort geben kann; denn unmoͤglich koͤnnen Sie von mir verlangen, ihm Ihren Beſuch bei mir zu verheimlichen oder ihn durch eine Unwahrheit zu hintergehen, wenn er ſich bei mir wieder nach Ihnen erkundigen ſollte. Petardo. Es kann Seiner Durchlaucht doch nur darum zu thun ſeyn, zu wiſſen, wo⸗ durch ich von Corvetti's meuchleriſchem Anſchlag gegen den Herrn Grafen Montaldi ſo genaue Kenntniß erhalten und ihn ſelbſt entlarven und zum eigenen ſchriftlichen Bekenntniſſe ſeiner Schuld bewegen konnte, und hieruͤber will ich mich Ihnen ſehr gern mittheilen, damit Sie von meiner Erklaͤrung den erforderlichen Gehkauch machen koͤnnen. Miniſter. Ich bin ſehr Awartungsvoſ auf die Mittel, deren Sie ſich gegen einen ſo verſchmitzten Menſchen, wie Corvetti⸗ mit ſo gutem Erfolge bedienten. 3 Petardo. Dieſe Mittel lagen mir ſehr nahe, denn Corvetti hatte mir ſelbſt, die Waffen gegen ſich in die Haͤnde gegeben. Durch ver⸗ ſchiedene vorhergegangene Ereigniſſe, die ihn in einung beſtaͤrkten, daß ich ein Theilnehmer und Befoͤrderer ſeiner eigenen und ſeiner An⸗ haͤnger verſteckter Plane ſey, hatte ich mich in 8 den Beſitz ſeines Vertrauens und in Kenntniß ſeiner Anſchlaͤge geſetzt. Dadurch war ich ihm gewiſſermaßen unentbehrlich und zugleich furcht⸗ bar geworden, ſo daß ihn die Furcht vor einer. 1 Entdeckung ſeiner Buͤbereien feſt an mich gekettet halten mußte. Auf dieſe Art konnte es mir nicht ſchwer fallen, alle die ſchaͤndlichen Plane genan zu durchſchauen und ſeinen Mordanſchlag gegen den Herrn Grafen Montaldi zu vereiteln. Jedoch waͤre es mir erwuͤnſchter geweſen, wenn der Herr Graf durch ſeine Nichtbeachtung der an ihn er⸗ gangenen warnenden Aufforderung zur ſchnellen 3 Abreiſe, mich nicht gezwungen haͤtte, ſo gewalt⸗ ſam gegen Corvetti zu verfahren und mich ſelbſt gegen ihn zu verrathen. Meine Anweſenheit bei dem Herrn Grafen und die fuͤr ihn uͤbernommene Pflege waͤhrend ſeiner Krankheit, hielten mich von Latago entfernt; was in der Zwiſchenzeit hier vorſiel in Beziehung auf die Ihnen von Corvetti zugefuͤgten Kraͤnkungen Ihrer Ehre, konnte ich nicht mit dem noͤthigen Nachdruck per⸗ hindern. Sobald es aber die Geneſung des Herrn Grafen verſtattete, eilte ich hierher zuruͤck, um das Verſaͤumte nachzuholen. Ich uͤberraſchte Corvetti, der ganz ſicher zu ſeyn waͤhnte, mitten im Genuſſe ſeiner Schwelgereien, und benutzte „ ſeine Beſtuͤrzung, um ihn aus dem Kreiſe ſeiner Gaͤſte gewaltſam zu entfuͤhren. Ich gebrauchte die Mittel die ich gegen ihn in Haͤnden hatte, ihn zu dem Ihnen bekannten offenen Geſtaͤndniſſe zu zwingen, indem ich ihm keine andere Wahl — 86 zur Rettung uͤbrig ließ. Ich haͤtte zwar eigent⸗ lich gegen ihn vor Gericht auftreten und ſeine Nichtswuͤrdigkeit aufdecken ſollen, aber leider legten mir meine eigenen traurigen Verhaͤltniſſe den Zwang auf, den gewaͤhlten Weg einzuſchla⸗ gen. Nur im aͤußerſten Nothfalle haͤtte ich jenes fuͤr mich ſelbſt aͤußerſt gefahrliche Mittel anwen⸗ den muͤſſen; Corvetti ſtellte jedoch jene Erklaͤrung aus, und der weitere Erfolg iſt Ihnen bekannt. Miniſter. Ich erkenne es immer lebhafter, wie ſehr Sie mich fuͤr ſich zum lebenslaͤnglichen Schuldner gemacht haben; aber um ſo mehr muß ich auch wuͤnſchen zu erfahren, wem ich die Ret⸗ tung meiner Ehre und die Wiederherſtellung der offentlichen Ruhe zu verdanken habe. Das leuch⸗ tet mir ein, daß Sie der nicht ſind, wofuͤr Sie wollen gehalten ſeyn. 3 Petardo. Mein Name thut nichts zur Sache, meine Handlungen werden fuͤr mich und maeine redlichen Abſichten buͤrgen. Miniſter. Das kann mir fuͤrwahr nicht genuͤgen, weil ich dem Fuͤrſten feſt verſprochen habe, ihm die gewuͤnſchte Auskunft uͤber Sie zu verſchaffen. Ich muß meinem fuͤrſtlichen Freunde dieſe feierliche Zuſage erfuͤllen und Sie bitten, mich zu dem Fuͤrſten zu begleiten, um ſich ihm felbſt zu entdecken. Ohne den Schein einer Un⸗ dankbarkeit gegen Sie auf mich zu laden, darf ich, auch ſelbſt gegen Ihren Wilien, Sie ſchlech⸗ terdings nicht von mir laſſen, ehe des Fätiten Verlangen befriedigt iſt. 3 Petardo. Sie werden es, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie mich dadurch in's Verderben ſtuͤr⸗ zen. wuͤrden. Miniſter. Eitle Beſorgniß! ich ſtehe Ihnen dafuͤr, daß Sie mit Achtung und wohlwollender Guͤte von dem Fuͤrſten ſollen empfangen werden und durchaus nichts zu befuͤrchten haben, Ihre Verhaͤltniſſe moͤgen beſchaffen ſeyn wie ſie immer wollen. 4. Petardo. Sie koͤnnen und duͤrfen in die⸗ ſer Hinſicht ſich gegen mich zu nichts anheiſchig machen. 8* Miniſter. 3ch weis was ich Ihnen ſchul⸗ dig bin, und mache mich ſehr gern zu jedem Schutze fuͤr Sie anheiſchig. Darum bitte ich Sie nochmals dringendſt, geben Sie meinem Begehren nach, laſſen Sie uns als Freunde von einander ſcheiden und zwingen Sie mich nicht zu unangenehmen Mitteln. Seyn Sie offenher⸗ zig gegen mich. Sie nennen ſich Petardo, im Dienſte des Centuriſchen Freiſtaats, das muß ich bezweifeln. Was koͤnnte Sie alsdann zu. eeiner ſo außerordentlichen Theilnahme an unſern — 38— Angelegenheiten und Staatsverhaͤltniſſen veran⸗ laſſen, da wir in keiner Verbindung mit jenem 38 Freiſtaate ſtehen und dieſer zu weit von uns ent⸗ fernt iſt, als daß er ein ſolches Intereſſe an La⸗ tago nehmen köͤnnte. Petardo.(uberreicht ihm einige Papiere:) Ueberzeugen Sie ſich, daß ich wirklich der Oberſte Petardo der Centurier bin. Miniſter.(nachdem er die Papiere geleſen hat und ſie zuruͤckgiebt:) Dieſe Dokumente be⸗ zeugen allerdings die Wahrheit Ihrer Verſiche⸗ rung, gleichwohl geſtehe ich Ihnen offenherzig, daß ſie mich nicht uͤberzeugen. 4 Petardo. Ich moͤchte Sie nicht gern mit Unwahrheit hintergehen, aber Sie wuͤrdeu mich dazu zwingen, wenn Sie laͤnger in mich dringen wollten; denn die Wahrheit darf ich Ihnen nicht ſagen. 3 Mimuſter.. Ich ſehe keinen Grund dazu ein. Iſt dieſe Wahrheit ſo beſchaffen, daß ſie Ihnen, wie Sie mich ahnen laſſen, bei der Ent⸗ deckung auf irgend eine Art gefaͤhrlich werden koͤnnte, ſo verpflichtet mich die Dankbarkeit fuͤr Sie zu dem Geluͤbde unverbruͤchlicher Verſchwie⸗ genheit, aber uͤberzeugen Sie mich, daß dem wirklich ſo iſt. Alsdann werde ich vielleicht von meinem Begehren ablaſſen, wenn Ihre Erklaͤrung —y mir zeigt, daß das Wichtigere Ihrer Sicherheit das Uebergewicht uͤber das minder Wichtige mei⸗ nes Verſprechens haben muß. Daher bitte ich nochmals um offene und freimuͤthige Erklaͤrung, und im Voraus verbuͤrge ich mich mit meinem Ehrenworte zur unverbruͤchlichen Verſchwiegen⸗ heit, wenn ſie die Sache wirklich fordert. „Petardo. Ich moͤchte ſo gern Ihre Ach⸗ tung und Ihr Wohlwollen mit mir nehmen, aber beide muß ich aufopfern, wenn ich den Schleier hinwegziehe, den ich um mich huͤlle. Mein un⸗ gluͤckliches Schickſal hat mich aus dem freund⸗ lichen Kreiſe der Menſchen hinausgeſtoßen in eine Wuͤſte, wo nur Elend und Verderben meine Aus⸗ ſichten ſind. Mein Herz ſehnt ſich heiß und innig nach Mittheilung, aber dieſer Troſt iſt mir ver⸗ fagt. Fuͤr mich ſind die Arme der Freundſchaft und Liebe verſchloſſen, fuͤr mich iſt dieſe ſchoͤne Welt eine Einoͤde; ich ſtehe ewig allein und ver⸗ laſſen da mit meinem Grame, und jedes Bluͤm⸗ chen Freude verwelkt bei meinem Anruͤhren. Miniſter. Ich reiche Ihnen dieſes Bluͤm⸗ chen Freude unverwelkt dar, hier an meiner Bruſt ſollen Sie Troſt und Beruhigung finden und von den harten Schlaͤgen eines widrigen Geſchicks ausruhen. Sie ſind ungluͤcklich, aber Ihre bisherige Handlungsweiſe zeigt von ſo vie⸗ — —y ler Hochherzigkeit und von ſo hohem Edelmuthe, daß ich Ihr Ungluͤck fuͤr unverdient und unver⸗ ſchuldet halten muß. Mittheilung erleichtert das Herz und die warme Theilnahme eines mitfuͤh⸗ lenden Herzens laͤßt das Ungluͤck minder fuͤhlen. Darum widerſtehen Sie nicht laͤnger, bringen Sie ſich nicht ſelbſt muthwillig um dieſe theil⸗ nehmende Beruhigung, legen Sie Ihren Kum⸗ mer in meine Bruſt nieder und gern wiederhole ich Ihnen das Verſprechen, daß Ihre Mitthei⸗ lung als das groͤßte Geheimniß in meiner Bruſt verſenkt bleiben ſoll. Petardo. Dieſe Mittheilung kann meine Leiden nicht vermindern, ſie muß ſie im Gegen⸗ theile noch mehr anhaͤufen, und eben das erhoͤht die Laſt meines Elendes, daß ich ſie ganz allein tragen muß. Der Kuß der Freundſchaft wird fuͤr mich Skorpionſtich, dem Arme, der ſich zu einer Umfaſſung um meinen Nacken ſchlingt, dringt mein feindſeliges Schickſal den Dolch gegen mich in die Hand, und die Thraͤne, die meinem Ungluͤcke fließt, iſt Suͤnde. Miniſter. Sie laſſen mich fuͤrwahr das Schlimmſte fuͤrchten. Ihr Gemaͤlde iſt ſchauder⸗ haft und ich vermuthe, daß Sie es nur deshalb mit ſo grellen Farben malten, um mich dadurch von meigar Bitte abzuſchrecken. Unmoͤglich kann . 3 —— — 91— dieſes Gemaͤlde Wahrheit ſeyn. Daher wieder⸗ hole ich meine Bitte an Sie und fordre ihre Ge⸗ wmahrung als den uͤberzeugendſten Beweis Ihres Zutrauens zu mir. Petardo.(in heftiger Bewegung:) Mein Gemaͤlde iſt Wahrheit! Sie zwingen mich jetzt, ſie Ihnen zu enthuͤllen und Sie werden davor zuruͤckſchaudern. Die Achtung und Liebe edler Nenſchen wuͤrde ſtaͤrkender Balſam fuͤr mein lei⸗ dendes Herz ſeyn, und ich haͤtte mich ſo gern mit der koͤſtlichen Beute Ihrer Achtung und Ihres Wohlwollens davon gemacht, aber auch dieſes verſagt mir mein feindſeliges Geſchick. So ſey es denn! mein Bekenntniß wird mich auf's neue darniederſchlagen, aber ich biete meinem Schick⸗ ſale Trotz, bis es an meiner Kraft erlahmet. Miniſter. Dieſe Heftigkeit Ihrer Bewe⸗ gung laͤßt mich in der That ſeltſame und furcht⸗ bare Dinge erwarten, aber das ſoll mich nicht abſchrecken, Ihnen die Hand zur Unterſtuͤtzung im Kampfe mit Ihrem Schickſale zu reichen. Petardo. Das wolle der Himmel verhuͤ⸗ ten, daß Sie dieſen Kampf mit mir theilten, wo Schande und Vernichtung der Preis iſt. Waffnen Sie ſich jetzt mit Ihrer ganzen Kraft fuͤr das, was ich Ihnen, durch Sie gezwungen, enthuͤl⸗ len muß. Dankbar nehme ich Ihr Geluͤbde ewiger unverletzlicher Verſchwiegenheit an; denn nur dieſes kann mich bewegen, mein Schweigen gegen Sie zu brechen. Tief in Ihrem Innern muͤſſe das, was Sie hoͤren werden, vor einem Jeden, wer es auch ſey, verſchloſſen bleiben. Selbſt Ihre vertrauteſten Freunde, namentlich der Herr Graf Montaldi, duͤrfen nie und unter keinen Umſtaͤnden nur auf die entſernteſte Art es ahnen, daß Sie mich in meiner wahren Ge⸗ ſtalt kennen lernten. Darauf reichen Sie mir Ihre maͤnnliche Rechte. Miniſter.(reicht ihm die Hand:) Mit dieſem Handſchlage gelobe ich Ihnen feierlichſt ewiges Schweigen. Petardo. Mit dieſem Haͤndedrucke gebe ich Ihnen nunmehr Ihre wohlwollende Theil⸗ nahme und Ihre Achtung zuruͤck. Sie ſollen meinen Namen hoͤren, aber dann laſſen Sie mich auch unverzuͤglich ungehindert ſcheiden und gehen, wohin mein Schickſal mich fuͤhrt.(Nach einer kurzen Pauſe:) Haben Sie nie von einem Odoardo Petruzzi gehoͤrt? Miniſter.(heftig erſchrocken:) Gercchter Gott! Odoardo Petruzzi? Petardo. Habe ich es Ihnen doch vorßer geſagt, daß Sie vor meinem Namen zuruͤckſchau⸗ dern würden. Dieſer Odoardo, dieſer Raͤuber⸗ . fuͤrſt und Banditenhauptmann, den man als einen Auswurf der Menſchheit der allgemeinen Schande und Verfolgung Preis giebt, der bin ich. Miniſter.(zuruͤckſtarrend;) Das erwartete ich nicht. Petardo. Das glaube ich Ihnen ſehr gern; jedoch darf ich Ihnen zu Ihrer Beruhi⸗ gung verſichern, daß ich das Ungeheuer keines⸗ weges bin, wofuͤr ich hin und wieder gelten mag. Zwar bin ich durch mein unſeliges Geſchick mit ehernen Banden an das Laſter gefeſſelt; aber deſſen ungeachtet hat gewiß der große Richter und Raͤcher fuͤr den Tag der Vergeltung, der dereinſt aller Menſchen Thaten waͤgt, manche That von mir aufgezeichnet in dem großen Schuldbuche des Himmels, welche hoffentlich die Schale meiner Schuld alsdann leichter machen ſoll, wenn manche Dankesthraͤne fuͤr niich zum Gericht treten wird. Thaten ſind des Menſchen wahre Richter und dieſe werden hoffentlich bald fuͤr mich zeugen und Sie daruͤber verſoͤhnen, daß. der geaͤchtete Banditenhauprmann ſich erfrechen konnte, in die Triebraͤder der großen Staats⸗ maſchine einzugreifen. Jetzt eile ich in mein Elend zuruͤck; wenn Sie einſt wieder von dem ungluͤcklichen Odoardo hoͤren, ſo ſchenken Sie ihm wenigſtens eine Thraͤne des Mitleids, wenn Sie ihm auch Ahte Achtung vetweigern muͤſſen. Er warf ſchnell den Mantel wieder uͤber und nach einer ehrerbietigen Verbeugung ſchluͤpfte er eiligſt zur Thuͤr hinauß. Die Geöfin Montaldi war bereits ſeit gerau⸗ mer Zeit mit ihrem Sohne und Dianoren in der Reſidenz angekommen und von ihren Freun⸗ den und Bekannten mit freudiger Bewillkomm⸗ nung empfangen worden. Von allen Seiten draͤngte man ſich um ſie her, um ihr eine freund⸗ ſchaftliche Theilnahme au den verſchiedenen un⸗ angenehmen Ereigniſſen, die ſie und ihren Ge⸗ mahl betroffen hatten, zu bezeugen, oder viel⸗ mehr, um uber dieſe Dinge, wovon das Geruͤcht ſo viel Sonderbares erzählt hatte, beſtimmtere Auskunft zu erhalten. Allein die Ungewißheit, worin ſie ſelbſt uͤber ſo vieles und deſſen Zuſam⸗ menhang ſich befand, vorzuͤglich aber die Bedenk⸗ lichkeiten, welche Lorenzo in ihr erregt hatte durch ſeine Warnung vor einer allzugroßen Auf⸗ richtigkeit, die vielen Fragen bloßer Neugierde zu befriedigen, ließen ſie jene Neugierigen nur ſehr oberſlaͤchlich zufrieden ſtellen. Jedoch reizte eben das unbeſeiimmu⸗ dieſer Erzählungen die 1 5 Neugierde nur noch mehr, ſo daß die Graͤfin überall von einer Menge Herren und Damen ſich umringt ſahe, welche nun mehr in Ermangelung beſtimmterer Mittheilungen, das Fehlende durch eigene Zuſaͤtze von Vermuthungen ergaͤnzten. Da⸗ durch mußten ſich denn in kurzer Zeit die wun⸗ derbarſten und laͤcherlichſten Geruͤchte von der Unbegreiflichkeit des klugen Mannes im Walde verbreiten. Auch der Fuͤrſt, der bei dieſen Dingen beſon⸗ ders intereſſirt war, theilte mit den ihm zur Seite ſtehenden Redlichen das Verlangen, uͤber den Grafen und den wahren Gang und Erfolg ſeiner Sendung beſtimmte Nachricht zu erhalten; allein ſo aufrichtig ſich auch die Graͤfin hieruͤber mittheilte, ſo konnte ſie dadurch jenes Verlangen nur wenig befriedigen, da der richtige Zuſam⸗ menhang der verſchiedenen Ereigniſſe fehlte und nothwendig das Ganze in ein raͤthſelhaftes Dun⸗ kel gehuͤllt blieb, woruͤber man durch den Grafen felbſt hoffte aufgeklaͤrt zu werden. Deſto mehr hegte auch der Fuͤrſt mit jedem gutgeſinnten Pa⸗ trioten und redlichem Freunde des Grafen die ſehnſuchtsvollſten Wuͤnſche nach der balddigſten gluͤcklichen Ankunft deſſelben. Durch die mancher⸗ lei ſich nach und nach verbreitenden Geruͤchte von tenen Unfaͤllen, die dem Grafen ſollten ngeſto⸗ 21 bangen Beſorgniſſen um das Leben des Grafen. Dianora, das holde liebenswuͤrdige Muͤdchen zog ſehr bald die Aufmerkſamkeit auf ſich„ſo daß dieſe dadurch mehr getheilt und hin und wieder von dem Grafen abgeleitet wurde. Dianorens bezaubernde Natuͤrlichkeit und Unbefangenheit, ſo wie die volle Jugendbluͤthe ihrer Schhoͤnheit erwarben ihr die Huldigung einer Menge von Bewunderern und Verehrern. Ihr erſter Anblick ergoͤtzte durch Anmuth und Natur und ihre naͤhere Bekanntſchaft entzuͤckte durch Unſchuld und unver⸗ dorbene Reinheit ihres Herzens. Man wuͤnſchte der Graͤfin Gluͤck zu einer ſo liebenswuͤrdigen Pflegetochter, die durch die liebevolle Kindlich⸗ keit, womit ſie an ihr hing, ihr den Mangel einer eigenen Tochter ſo genuͤgend erſetzte. Die Grafin hatte kein Bedenken getragen, ſich offenherzig uͤber die Art, wie ſie Dianorens Bekanntſchaft gemacht und uͤber ihre Lebensver⸗ haͤltniſſe, ſo viel ſie von Lorenzo daruͤber erfah⸗ ren hatte, mitzutheilen, wodurch denn der ganze Schwarm Neugieriger nur noch mehr nach Dia⸗ noren hingezogen wurde. Die natuͤrliche Unbe⸗ fangenheit dieſes liebenswuͤrdigen Maͤdchens ließ hoffen, daß man auf dieſem Wege den gewuͤnſch⸗ ten Aufſchluß uͤber Lorenzo und deſſen Abenteuer 4 8 ßen ſeyn, vermiſchten ſich dieſe Wuͤnſche bald mit *½ ſichkeit erhalten wuͤrde; aber auch hier ſahe man ſich in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht. So wenig zuruͤckhaltend auch dieſes verſtellungsloſe Maͤd⸗ chen war, ſo konnte man dennoch weiter nichts erfahren, als was man bereits im Weſentlichen aus den Mittheilungen der Grafin wußte. Dia⸗ noora verſicherte indeſſen mit feſter Zuverſicht, daß ihr Vater naͤchſtens bei ihr eintreffen wuͤrde, und ſo war man mit der groͤßten Erwartung auf die Ankunft dieſes raͤthſethaften Mannes geſpannt. Nur der Graf Torſo und deſſen Getrenen, welche von den Schickſalen Lorenzo's genauer unterrich⸗ tet zu ſeyn glaubten, belaͤchelten im Stillen die Nichtigkeit dieſer Hoffnung. An die ſehnſuchtsvolle Erwartung, womit vorzuͤglich der Hof der Ankunft des Grafen Mon⸗ taldi entgegen ſahe, ſchloſſen ſich immer mehr und mehr aͤngſtliche Beſorgniſſe an, welche die bisher genaͤhrten Hoffnungen deſto tiefer herab⸗ ſtimmten, da nicht allein die Ankunſt des Grafen ſich ſo lange verzoͤgerte, ſondern auch ſo wenig beſtimmte Nachrichten von ihm einliefen. Der Graf konnte doch ſehr leicht vermuthen, daß man bei der Ungewißheit, worin er ſeine Gemahlin und ſeine Freunde ließ, in großer Unruhe ſeinetwegen ſeyn mußte, und um ſo weeniger ließ ſich auch ſein fortdauerndes Still⸗ II.. G — 98— ſchweigen anders als durch neue Unfälle erklaͤren. Es wurden daher die ſorgfäͤltigſten Erkundigungen nach ihm verdoppelt, und der Fuͤrſt ſendete uͤber⸗ dies ſichere Leute als Boten aus; aber alle dieſe Maßregeln fruchteten ſehr wenig. Die einge⸗ zogenen Nachrichten beſchraͤnkten ſich groͤßten⸗ theils nur darauf, daß der Graf vor kurzem auf ſeiner Ruͤckreiſe von Latago in der Naͤhe des uͤbel⸗ beruͤchtigten Waldes au der Grenze verſchwunden ſey aber der Umſtand von dem Leichname, wel⸗ chen man unlaͤngſt in der Naͤhe einer dort befind⸗ lichen Waldſchenke, die als eine Raͤuberherberge verſchrien war, in dem Strome gefunden hatte, vermehrte die Beſorgniſſe. Die aus Latago eingezogenen Nachrichten berichteten die erfolgte Abreiſe des Grafen und fuͤgten einige Erwaͤhnung von den letzteren Auf⸗ kritten hinzu, wodurch die bangen Beſorgniſſe um denſelben neue Beſtaͤtigung erhielten. Der Fuͤrſt traf daher Anſtalten, daß vor der Graͤfin ſo viel als moͤglich dieſe Nachrichten bis zu einer groͤßern Beſtaͤtigung geheim gehalten wurden. In kürzer Zeit ereignete ſich indeſſen ein Um⸗ ſtand, welcher die immer mehr dahinſinkenden Hoffanngen des Iüeſten auf's neue bejebte. —— 6 ——— Den Fuͤrſten hatte das Zweifelhafte der gegen⸗ waͤrtigen Lage der Dinge ſo ſehr zum Unmuthe geſtimmt, daß er nur wenigen Antheil an den Zerſtreuungen nahm, die man fuͤr ihn veranſtal⸗ tete. Er fand nur Erholung in vertraulichen Berathungen mit dem edelmuͤthigen Geheime⸗ rathe Altieri und einigen andern bewaͤhrten Freunden, oder er beſchraͤnkte ſich auf ſeine ein⸗ ſamen Selbſtbetrachtungen auf ſeinem angeneh⸗ men Luſtſchloſſe, welches in einer kleinen Entfer⸗ nung von der Reſidenz lag. Hier feierte er in dieſer friedlichen Einſamkeit die angenehmſten Stunden ſtiller Betrachtung, die ihm ſeine Re⸗ gentenpflichten zur Muße und Erholung uͤbrig ließen, indem ſein Befehl jedes unbeſugte ſtoͤrende Eindringen von Perſonen von ihm entfernt hielt. An dem entlegenen Ende des angrenzenden Parks hatte er ſich ein heimiſches Plaͤtzchen zum Lieblingsaufenthalte einrichten laſſen, wo ſich von der einen Seite die Reſidenz in ſchoͤner Perſpek⸗ tive, von der andern aber eine freie Ausſicht dar⸗ bot uͤber bluͤhende Gefilde, die in dem mannich⸗ fachſten Schmelze das Auge ergoͤtzten, bis es ſich im Hintergrunde in die altergrauen Felſen einer Bergkette laͤngs der Grenze verlor. Hier hatte der gute edle Hugo ſo oft an der Seite ſeines Montaldi in traulichen Geſpraͤchen uͤber Mamo's G 2 — 100— Wohl geweilt, und entbunden von dem Zwange ſtrengerer Etikette den Rechten des Herzens im Genuſſe treuer Freundſchaft gehuldiget. Mancher ſchoͤne Entwurf fuͤr das Heil des Staats, war hier entſtanden, zur ſegensvollen Reife gediehen, und ſo war dieſes Lieblingsplaͤtzchen dem Fuͤrſten in vielfacher Beziehung beſonders theuer geworden. Auch jetzt ſaß er dort, allein ſich uͤberlaſſen und von uͤberhangenden Zweigen bluͤhender Aeca⸗ cien umduftet; in einer geringen Entfernung weidete ein Schaͤfer ſeine Heerde an dem ſanften Abhange gruͤnender Huͤgel, und blies auf ſeiner Schalmeie ein heitres Liedchen, das Hugo's Herz in eine beſonders gemuͤthliche Stimmung wiegte und ihn zu ſanften Empfindungen ſtimmte. Ver⸗ gangenheit und Zukunft ſchwebten an ſeinem In⸗ nern voruͤber und lebhafter als vorher fuͤhlte er das Beduͤrfniß eines ſo redlichen vertrauten Freundes wie Montaldi fuͤr ſein edles ſanftfuͤh⸗ lendes Herz war. Hugo war edel und gut und voll tiefen Ge⸗ fuͤhls fuͤr die hohe Wuͤrde ſeines Berufs und deſſen Pfiichten. Er liebte ſein Volk mit all der Waͤrme ſeines edeln menſchenfreundlichen Her⸗ zens, die ſeinen Eifer belebte, daſſelbe wahrhaft gluͤcklich zu machen. Man tadelte an ihm biswei⸗ Aen nur eine allzugroße Herzensguͤte, die auf ſo — 101— mannichfache Weiſe von boͤsartigen und herrſchbe⸗ gierigen Menſchen fuͤr verderbliche Anſchlaͤge ge⸗ mißbraucht wurde, ſo daß viele herrliche Ent⸗ wuͤrfe fuͤr das hoͤhere Wohl des Landes und zur Abwendung der ihm drohenden Gefahr einer ver⸗ derblichen Anarchie vereitelt wurden. Dies Be⸗ wußtſeyn ſeines reinbewahrten Edelmuthes konnte allein ihm nicht genuͤgen um den widrigen Nach⸗ hall ſeiner gegenwaͤrtigen Selbſtbetrachtungen in ihm zu unterdruͤcken; die zweifelhafte Ungewißheit, worin er wegen des beabſichtigten Vertrags mit Latago ſchwebte, laſtete beſonders ſchwer auf ſei⸗ nem guten Herzen. Eine Thraͤne, der ſprechendſte Zeuge ſeines edeln Herzens, trat bei dieſen Be⸗ trachtungen in ſein Auge, und ſein Thraͤnenblick zum Himmel flehete zu dieſem empor:„gieb mir meinen Freund Montaldi wieder!“ „Er wird in Kurzem in die Arme ſeines füͤrſtlichen Freundes wiederkehren!“ flͤſterte ihm leiſe eine Stimme hinter ihm freundlich zu. Ueberraſcht blickte er ſich um, und ein bejahr⸗ ter Landmann von edelm ehrwuͤrdigen Anſehen ſtand vor ihm und bot ihm einen freundlichen Gruß. „Von wem iſt hier die Rede?“ fragte der Fuͤrſt erſtaunt. Von dem edeln Grafen Mondaldi,“ war — 102— die Antwort,„er lebt, und wird in kurzer Zeit nach gluͤcklich beendigten Geſchaͤften zuruͤckkehren.“ „Wer ſeyd Ihr?“ fuhr der Fuͤrſt fragend fort,„und wie konntet Ihr errathen, daß meine einſame Selbſtbetrachtung gerade auf ihn gerich⸗ tet war?“ 3— Alter. Wo die Seele ſo laut ſpricht, wie ſie ſo eben in dieſem bethraͤnten Auge ſprach, da liegen Gedanke und Wunſch zu offen da, als daß ſte nicht zu errathen waͤren. Meine Augenblicke ſind jedoch gezahlt, erlauben Sie mir, ſie fuͤr meine Botſchaft zu benuͤtzen. Ich bringe Ihnen fehr beruhigende Nachrichten, die aber von ſol⸗ ſcher Beſchaffenheit ſind, daß ſie vor der Hand vor jedem Andern geheim zu halten ſind und ſich hoͤchſtens nur auf leiſe Winke fuͤr die Gemahlin des Grafen zu deren Beruhigung beſchranken muͤſſen. Fuͤrſt. Warum Bedäͤrfen ſo beruhigende Nachrichten einer funchen ſtrengen Geheimhal⸗ tung? Alter. Weil ſe Manchen zu fruͤh aus ſei⸗ ner ſorgloſen Sicherheit aufſchrecken und das Unheil, das im Finſtern bruͤtet auf's neue in Thaͤtigkeit ſetzen wuͤrden. Schnell und unerwar⸗ tet muß die Ankunft des Herrn Grafen geſchehen, und nur erſt mit dieſer darf der Schleier fallen, der uͤber ihm und ſeine Begebenheiten ſehr weis⸗ lich verbreitet wurde. Er ſelbſt wird Ihre Durch⸗ laucht bei ſeiner Ruͤckkehr von der Nothwendig⸗ keit dieſer Vorſicht uͤberzeugen, daher vergoͤnnen Sie mir geneigteſt die Gewaͤhrung dieſer Bitte um Geheimhaltung meiner Nachricht. 41 — Fuͤrſt. Es ſey darum. Iſt dieſe Nachricht wirklich von ſo großer Wichtigkeit, ſo ſoll ſie in meiner Bruſt verſchloſſen bleiben. Ihr ſprecht mit ſo vieler Zuverſicht von der baldigen Ruͤckkehr des Grafen; darf ich auch dieſe mit Gewißheit erwarten, da ſein uͤberaus langes Verweilen und die Geruͤchte von ſeinem Tode dieſe ſo ſehr in Zweifel ſetzen? Alter. Das Geruͤcht von ſeiner Ermordung gruͤndet ſich allerdings auf Thatſachen, welche das Leben des edeln Montaldi in große Gefahr brachten, aber es ließ ſich durch den Schein taͤuſchen. Der Graf lebt und entbietet Ihnen durch mich ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß. Daß dies Wahrheit ſey, dafuͤr moͤge Ihnen dieſer Ring buͤrgen.(Er ſtreift einen Ring vom Finger und uͤberreicht ihn dem Fuͤrſten.)— 344 Fuͤrſt. Wie? Montaldi's Familienring? Wie kommt dieſer in fremde Haͤnde? Alter. Er ſelbſt legte ihn in meine Freun⸗ deshand niedev, um ihn als Beweis von der — 104— 4 Wahrheit meiner Sendung zu gebrauchen und ihn bei ſeiner Ruͤckkehr von Ihrer Hand wieder zu empfangen. Das Weitere wird Ihnen dieſer Brief ſagen.(Er zieht einen Brief aus dem Buſen und uͤberreicht ihn dem Fuͤrſten.) Fuͤrſt.(den Brief betrachtend:) Ja, ja es iſt ſeine Hand, ich kann nicht zweifeln. LEn entfaltet den Brief und lieſt:) „Der Mann, welcher Ihro Durchlaucht dieſe Zeilen uͤberbringt, iſt es, dem ich die Retrung meines Lebens und die thaͤtigſte Be⸗ foͤrderung meiner Angelegenheiten zu Latago verdanke, ihm koͤnnen Sie unbedingt trauen. Mein Tod, welcher die Anſchlaͤge argliſtiger Raͤnkſucht beguͤnſtigen ſollte, war beſchloſſen, und nur die Thaͤtigkeit dieſes wackern Freun⸗ des konnte meine wunderbare Rettung aus den Haͤnden gedungener Boͤſewichter bewirken. Ich lebe und wurde Ihnen und der guten Sache erhalten, und in kurzer Zeit werde ich in die Arme meines Monarchen und meiner Familie zuruͤckkehren. Ich bringe Nachrichten mit mir, welche die Hoffnungen und Wuͤnſche jedes edeln Patrioten kroͤnen werden, welche ich aber die⸗ ſen Zeilen nicht anvertrauen darf. Noch ſchleicht die geheime Bosheit, die ſich gegen Yſamo's Wohlfahrt bewaffnete, im Finſtern 3 4 —y* — — 10 5— umher und bruͤtet auf Verderben; das Gerücht 8 von meinem Tode wiegte ſie in ſorgloſen Schlummer, und dieſer muͤſſe bis zu meiner Ankunft nicht geſtoͤrt werden. Daher bitte ich Ihre Durchlaucht, den Inhalt dieſer Zeilen ſo wie meine Botſchaft vor Jedermann bis zu meiner Nuͤckkehr geheim zu halten, wo ich mich uͤber die Nothwendigkeit dieſer Bitte rechtſer⸗ tig en werde.“— „Es duͤrfte vielleicht ſcheinen,“ nahm jetzt der a te wieder das Wort, nachdem der Fuͤrſt geleſen hatte und den Brief zu ſich ſteckte,„als ob die baldige Ruͤckkehr meines Freundes meine Sendung uͤberfluͤſſig machte, allein dem iſt nicht ſo. Sie war in ſo fern rathſam, als die immer mehr ſich verbreitenden Geruͤchte von ſeiner Er⸗ mordung, Ihre Unruhe und Beſorgniß vermeh⸗ ren und die Ungewißheit, worin Sie wegen des Erfolgs ſeiner Sendung ſchweben, zu nachtheili⸗ gen Maßregeln verleiten konnte, um ſo mehr, wenn ſich etwa gewiſſe Perſonen zu ſchei nbarer Wirkſamkeit fuͤr die Sache mit ihren Rathſchlaͤ⸗ gen herbeiſchleichen ſollten.“ Fuͤrſt. Ich erkenne die Nothwendigkeit die⸗ ſer angewandten Vorſicht und danke Euch fuͤr dieſe Botſchaft. Aber jetzt ſagt mir, wo iſt Mon⸗ taldi? und was verzoͤgert ſeine Nuͤckkehr? — 106— Alter. Er iſt in voͤlliger Sicherheit und unter ſorgſamer Pflege an einem Orte, wo Nie⸗ mand ihn aufſpuͤren kann; jedoch verſpaͤtigen Umſtaͤnde, woruͤber er ſelbſt ſich erklaͤren wird, ſeine Ruͤckkehr, welche dem herrlich gediehenen Werke ſeiner Thaͤtigkeit die Krone aufſetzen wird. Fuͤrſt. Nach dieſem Briefe habt Ihr an dieſem Gedeihen des Werks weſenrlichen Antheft wer ſeyd Ihr? Alter. Ein Mann, der von reinem auf⸗ richtigen Eifer fuͤr Yſamo's Heil beſeelt iſt und die dargebotene Gelegenheit ſegnete, wodurch er dieſen Eifer bethaͤtigen konnte. Fuͤrſt. Daruͤber belehrt mich ſchon dieſer Brief, jedoch moͤchte ich uͤber Euch ſelbſt nicht in Ungewißheit bleiben; ich muß mehr von Euch wiſſen. Unmoͤglich kann ich glauben, daß ich nur einen ſchlichten Landmann in Euch erblicke, wie dieſes Euer Aeußeres ihn darſtellt. Alter. Mein Aeußeres luͤgt nicht. Ich bin wirklich gegenwaͤrtig ein Landmann, obgleich ich fruͤher nicht blos auf meinen Feldbau beſchraͤnkt war. Schon laͤngſt ſehnte ich mich nach einer Stunde, wie die gegenwaͤrtige iſt, wo ich Ihnen wieder, wie ehemals naͤher treten koͤnnte, und ich will mir jetzt die ſchoͤne Befriedigung dieſes ſehnſuchtsvollen Wunſches nicht vorenthalten; — — — 107— aber ſie macht eine abermalige Bitte an Sie noͤthig. JFuͤrſt. Nennt ſie mir, ich fange an, in Euch eine ſehr intereſſante Bekanntſchaft zu ver⸗ muthen. Alter. Es iſt die Bitte, daß Sie ſich nicht moͤgen in mir irre machen laſſen, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, daß Sie vielmehr im Vertrauen auf das Zeugniß meines Freundes Montaldi, mit Verſchweigung meines Namens ſo wie meiner gegenwaͤrtigen Erſcheinung bei Ihnen, mich alsdann ungehindert ziehen laſſen und den Zeitpunkt ruhig erwarten moͤgen, der mir verſtatten wird, aus meiner Verborgenheit hervorzutreten und gereiniget von Verdacht und Schuld meine boͤsartigen Unterdruͤcker und Ver⸗ derber zu beſchaͤmen. Fuͤrſt. Dieſe Einleitung laͤßt mich ſeltſame Dinge erwarten, jedoch Montaldi's Zeugniß ge⸗ nuͤgt mir fuͤr das Vertrauen zu Eurer Redlich⸗ keit und ſo mag es denn ſeyn. Ich gewaͤhre Euch Eure Bitte und will Eurer Entlaſſung kein Hinderniß entgegen ſtellen. Alter. Dank Ihnen fuͤr dieſes ehrenvolle Zutrauen, deſſen ich gewiß nicht unwuͤrdig bin. (Mit Ruͤhrung:) Wir haben uns einſt in den Tagen der Vergangenheit unter ſehr gluͤcklichen Verhaͤltniſſen oft und viel geſehen. Als Kind wiegte ich Sie oͤfters auf meinen Armen, als Juͤngling geleitete ich Sie oft an meiner Hand durch dieſe Fluren und freuete mich der ſchoͤnen Keime des Guten und des geweckten Gefuͤhls fuͤr Schoͤnheit und Natur, ſo wie des belebten Sin⸗ nes fuͤr Wahrheit und Recht, die ich in der ſuͤßen Hoffnung ſorgſam pflegte und naͤhrte, dieſe herrlichen Keime einſt zur ſegensreichen Reife er⸗ ziehen zu helfen. Dieſe frohe Hoffnung wurde mir jedoch grauſam geraubt. Ich konnte den Juͤngling nicht zum Manne gedeihen und Fruͤchte meines regſamen Eifers nicht r ſehen; ich wurde aus meinem ſchoͤnen Wirkungs⸗ kreiſe verdraͤngt; aber obgleich verkannt, gehaßt und verfolgt, blieb dennoch mein Eifer fuͤr Yſa⸗ mo's Wohl, ſo wie meine Liebe zu Ihnen ſich durch alle Zeiten gleich. Fuͤrſt. Mein Gott! waͤrs möglich? das kann kein Anderer ſeyn als Pizalto. Alter. So iſt es. Ja, ich bin der un⸗ glückliche Pizalto, den Sie ſchwerlich in dieſer Geſtalt wieder erkennen duͤrften, da ſeine Zuͤge durch jahrelangen Gram und unverſchuldete ſchmachvolle Leideu unkenntlich gemacht wurden. Ich preiſe den Himmel fuͤr dieſen laͤngſterſehnten Augenblick, und geſtuͤtzt auf Ihre Zuſage ſcheide ich jetzt mit dieſem Haͤndedruck tiefer Ruͤhrung von Ihnen, bis auf ein gluͤcklicheres Wieder⸗ ſehen.——— Er wandte ſich nach dieſen Worten ſchnell von ihm, und ehe der Fuͤrſt ſich von ſeiner hef⸗ tigen Ueberraſchung ſammeln und einen Entſchluß faſſen konnte, ſchluͤpfte er durch das Gebuͤſche nach der Hinterthuͤre des Parks, wo ein bereit⸗ ſtehender Wagen ihn aufnahm und ſchnell mit ihm davon fuhr. Die lange Abweſenheit des Grafen Montaldi, welche durch den Mangel an beſtimmten Nach⸗ richten von ihm und von den Urſachen ſeines Verweilens immer verdaͤchtiger wurde, mußte nothwendig die Unruhe und Bekuͤmmerniß ſeiner Familie um ihn von Tage zu Tage ſich vermehren, da man zumahl bei aller beobachteten Vorſicht es nicht ganz verhindern konnte, daß wenigſtens das eine oder das andere von den vorhandenen Geruͤchten zuſden Ohren der Graͤfin kam. Ihre Freunde erſchoͤpften vergebens ihre Beredſamkeit um ſie durch Vorſtellungen und Bitten zu be⸗ ruhigen; die vorgeſchuͤtzten Gruͤnde fuͤr des Gra⸗ fen verzoͤgerte Ruͤckkehr trugen zu ſehr das Ge⸗ praͤge einer blos gutmuͤthigen Taͤuſchung, als daß ſie ihnen haͤtte Glauben ſchenken follen. — 410— Ihre zunehmende Unruhe und Aenaſtlichkeit er⸗ reichte endlich einen ſo hohen Grad, daß ſie ihre Freunde um ſie bedenklich machen mußten. Um ſo angenehmer wurden ſie daher uͤberraſcht, als ſie nach einer geheimen Unterredung mit dem Fuͤrſten, ihre aͤngſtlichen Erkundigungen nach ihrem Gemahle einſtellte und eine ruhige Ergebung an die Stelle ihrer vorigen Unruhe zu treten ſchien, deren Grund man nicht fuͤglich errathen konnte, da ſie daruͤber ſtreng verſchloſſen blieb.. Unter den Freunden, welche ſich am meiſten nach ihr hindrängten und ſie in ihrem Kummer zu troͤſten bemuͤht waren, ſtrebre vorzuͤglich der Graf Torſo nebſt einem weitlaͤuftigen Anverwand⸗ ten deſſelben, dem jungen maͤnnlich ſchoͤnen Gra⸗ fen Cerrino darnach, es allen Andern zuvor zu thun. Bei einer aufmerkſamen Beobachtung ſchienen jedoch mit dieſer uͤberaus freundſchaft⸗ lichen Theilnahme, namentlich bei Cerrino ganz andere Beweggruͤnde vorzuherrſchen, welche dieſe Theilnahme um ſo verdaͤchtiger machen konnten. Es war nicht zu verkennen, daß ſich Cerrino mit einer ausgezeichnet galanten Artigkeit zu dem bluͤhend ſchoͤnen Landmaͤdchen, wie man Diano⸗ ren nannte, hinneigte und jede Gelegenheit auf⸗ ſuchte, ſich ihr gefaͤllig zu zeigen. —— — 111— Bei der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge mußte Torſo ſehr daran gelegen ſeyn, ſich durch die Graͤfin von den Ereigniſſen, uͤber welche er im Dunkeln ſchwebte, beſonders in Anſehung Loren⸗ zo's, Auskunft zu verſchaffen; daher war er denn auch mit der ihm beſonders eigenen Gewandheit darauf bedacht, ſie durch ſeine erheuchelte herz⸗ liche Theilnahme ſicher und offenherzig zu machen. Die Graͤfin war indeſſen durch Larenzo's An⸗ deutungen in Hinſicht ihrer Scheinfreunde zu vorſichtig geworden, als daß ſie ſich nicht gegen einen jeden ihrer Bekannten, und ſo auch gegen Torſo haͤtte auf blos allgemeine Mittheilungen beſchraͤnken und ihres, Lorenzo abgelegten Geluͤb⸗ des ſtrenger Verſchwiegenheit, eingedenk bleiben ſollen. Dennoch hatte er ſo viel aus dieſen Mit⸗ theilungen uͤber Riviali's raͤthſelhafte lange Ab⸗ weſenheit erlauſcht, daß dieſer am Abende vor der Abreiſe von Lorenzo mit dem Vorſatze einen wiedergefundenen ehemaligen treuen Diener ſei⸗ nes Vaters, Namens Amadeo noch einmal zu beſuchen, von der Graͤfin ſich entfernt und ihr am folgenden Morgen gemeldet hatte, daß die Wichtigkeit der erneuerten Bekanntſchaft mir Amadeo, ihm nicht verſtatte, ihr auf der Reiſe nach Yſamo Geſellſchaft zu leiſten. Der Name Amadeo erregte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit in einem hohen Grade, da Cazzi bei ſei⸗ ner fruͤhern Berichterſtattung einen Waldbruder gleiches Namens erwahnt hatte. Er verdoppelte daher ſeine Bemuͤhungen, etwas Naͤheres uͤber dieſen Amadeo von der Graͤfin zu erfahren, da ſie jedoch ſelbſt uͤber denſelben in großem Dunkel ſchwebte, ſo konnte ſie auch von dieſer Seite Torſo's Neugierde nicht befriedigen. Die Graͤfin trug kein Bedenken ihm Riviali's Brief ſelbſt vorzulegen, wodurch zwar die Wahrheit von ihrer Erzahlung vollkommen beſtaͤtigt, aber auch zugleich die Sache ſelbſt nur noch raͤthſelhafter wurde. Der von Corvetti unlaͤngſt an Torſo eingegangene Brief meidete, daß Riviali ſich bei dieſem in Latago befände, und gab uͤber deſſen verzoͤgerte Zuruͤckkehr nach Yſamo Auskunft. Nur war es Torſo unangenehm, daß er nach der in dieſem Briefe erhaltenen Aufforderung, bis zu Riviali's, Corvetti's und Petardo's Ankunft in Unthaͤtigkeit und in ſo beunruhigender Unge⸗ wißheit uͤber die Sache ſelbſt verbleiben ſollte. Er beſprach ſich nun uͤber jenen Amadeo mit Cazzi, deſſen Mittheilungen es beinahe außer Zweifel zu ſetzen ſchienen, daß der von ihm im Walde gefundene Amadeo und der von Riviali erwahnte alte Diener des Rivialiſchen Hauſes eine und dieſelbe Perſon ſeyn mußte. Cazzi 2 — 113— konnte vielleicht in ſeinem Mißtrauen gegen jenen Waldbewohner zu weit gegangen ſeyn wenn er in demſelben einen Feind vermuthete, und was er Verdaͤchtiges an ihm wollte wahrge⸗ nommen haben, das konnte nur eine ſehr noͤthige Vorſicht geweſen ſeyn, um ſich nicht ſogleich einem Unbekannten hinzugeben, der dieſes a Ver⸗ trauen leicht mißbrauchen konnte. azzi ſelbſt bedauerte es jetzt, daß er ſich dere ſein Miß⸗ trauen von einer naͤhern Bekanntſchaft mit die⸗ ſem alten Klausner hatte abhalten laſſen. Um jedoch dieſen Fehler ſeiner Voreiligkeit zu verbeſ⸗ ſern, ſollte er in kurzem wiederum nach jener Gegend aufbrechen, um Amadeo aufzuſuchen und nicht eher zu raſten, bis er ſich von der wahren Beſchaffenheit der Sache auf das Genaueſte wuͤrde unterrichtet haben. Die zweifelvolle Ungewißheit in der gegen⸗ waͤrtigen Lage der Sachen hatte von allen Seiten⸗ einen ganz eigenen Stilleſtand in der fruͤhern Thaͤtigkeit bewirkt, worin Mehrere eine verhaͤng⸗ nißvolle Gewitterſtille zu bemerken glaubten. Am verlegenſten waren hierbei i Torſo und deſſen Bun⸗ desgenoſſen; Keiner trauete mehr dem Andern, da ſich die mancherlei, ihre Hoffnungen vereiteinden Ereigniſſe auf eine genaue Bekanntſchaft mit II. H 1 — 114— ihren geheimſten Auſchlaͤgen zu gruͤnden ſchienen, und den Verdacht erzeugren, daß ſie in dem eig⸗ nen Kreiſe Verraͤther zu befuͤrchten hatten. Wirk⸗ lich waren auch ihre Angelegenheiten durch die Wirkſamkeit ihrer Gegner ſo verwickelt gemacht X Mißlingen derſelben ihnen das Blutgeruͤſt zur worden, daß ſte kaum noch F eund und Feind genau von einander unterſcheiden konnten. Denn ſo vieles ſie auch fuͤr ihre Entwuͤrfe glaubten ge⸗ wonnen und ſowohl den Grafen Montaldi, als auch den Alten des Waldes aus dem Wege ge⸗ ſchafft zu haben, ſo blieb ihnen gleichwohl noch immer eben ſo vieles zu hoffen und zu wuͤnſchen, als zu fuͤrchten uͤbrig, daß ſie ſich der bisher er⸗ rungenen Vortheile nur mit ſehr gemiſchten Ge⸗ fuͤhlen erfreuen konnten. Ueberdieß waren ihre Unternehmungen ſo aͤußerſt gefahrvoll, daß ein Perſpektive zeigte, und einige unlaͤngſt hinge⸗ worfene Aeußerungen des Fuͤrſten, welche das Schlimmſtr befuͤrchten ließen, waren hinreichend, ihre Bedenklichkeiten zu vermehren und ihre bisherige ſorgloſere Thaͤtigkeit in Stocken zu bringen.. Dazu kam noch Corvetti's und Riviali' 8 langes Außenbleiben und ihr Stillſchweigen, da ſich ohne dieſe Beiden und deren Berichte nich fuͤglich weiter etwas thun ließ, und Corvetti 2 —— — 115— ſelbſt in ſeinem letztern Briefe dringend dazu aufge⸗ fordert hatte, ihre Beider und Petardo's Ankunft abzuwarten, Sie mußten ſich daher in die Um⸗ ſtande fuͤgen und ſich in Geduld faſſen. Waͤhrend ſie ſich bemuͤheten, Ruhe und Unbefangenheit zu erkuͤnſteln, ſſchlichen ſie mit ſorgſamer Acht am Hoſe umher und muſterten die etwanigen Bewe⸗ gungen, die ſich dort zeigen moͤchten. Am mei⸗ ſten befremdete ſie die Ruhe und Gleichguͤltigkeit, welche ſie ſeit Kurzem an dem Fuͤrſten uͤber den Grafen Montaldi und deſſen Schickſal bemerkten, indem er ſogar die bisherigen Nachforſchungen nach demſelben einſtellte. Obgleich ſie bei aller angewandten Muͤhe die Urſachen dieſer Ruhe nicht ergruͤnden konnten, ſo kam ſie ihnen gleich⸗ wohl in ſofern gut zu ſtatten, als ſie den Fuͤrſten wiederum fuͤr ſeine abgebrochenen Vergnuͤgungen geneigt machte, die ſeine Aufmerkſamkeit am beſten zerſtreuen und von ihnen ableiten konnten. Der Fuͤrſt liebte vorzüͤglich das Wergnügen der Jogd, das er jedoch ſeit geraumer Zeit ſich verſagt hatte, ſo lange ihn andere wichtigere Dinge in Thatigkeit und beſtaͤndiger Aufmerkſam⸗ keit erhielten. Jetzt ſchienen dieſe Angelegenhei⸗ ten in ſo weit beſeitiget zu ſeyn, daß er den ge⸗ troffenen Anſtalten zu einer Jagd ſeinen Beifall H 2 4 — 116— ſchenkte und die noͤthigen Befehle dazu fuͤr den folgenden Tag ertheilte. Vom fruͤhen Morgen an tummelte man ſich im bunten Gewuͤhle in den Vorzimmern umher, um dieſes Vergnügen durch eine zahlreiche Theil⸗ nahme zu erhoͤhen, und Torſo nebſt ſeinen Ge⸗ treuen waren nicht die letzten, welche ſich dazu einfanden. Alles war jetzt zum Aufbruche in Be⸗ reitſchaft; in demſelben Augenblicke eilte der Mi⸗ niſter Altieri durch die verſammelte Menge hin⸗ durch nach dem Kabinette des Fuͤrſten, und kurz darauf erſchien der Befehl des Fuͤrſten, welcher die veranſtaltete Jagdparthie fuͤr heute abbeſtellte. Verbluͤfft ſtaunte Einer den Andern au, als ein ungeſtuͤmes Jauchzen von der Straße herauf er⸗ ſchallte; ehe man noch Zeit gewann, ſich nach der Urſache deſſelben zu erkundigen, oͤffneten ſich die hohen Fluͤgelthuͤren der Gallerie und— der Graf Montaldi trat mitten unter die verſammelte Menge. Da ſtanden jetzt Torſo und ſeine Anhaͤnger wie vom Donner gelaͤhmt und Steinbildern aͤhn⸗ lich und ſtarrten erbleichend den Angekommenen an. Dieſe Erſcheinung hatte Keiner in der wei⸗ teſten Entfernung auch nur leiſe geahnet, und um ſo gröͤßer war auch ihre gewaltſame Erſchuͤt⸗ terung, die jetzt an ihnen zum Verraͤther wurde. — 11— Der Graf Montaldi war in der verwichenen Nacht unbemerkt und in aller Stille in der Re⸗ ſidenz angelangt und zog davon jetzt den ge⸗ wuͤnſchten Vortheil, daß die bleichen Geſpenſter⸗ geſtalten und ihr ſchreckenvolles Hinſtarren auf der einen Seite, ſo wie der laute Ausbruch hoher freudenvoller Ueberraſchung und herzlicher Bewill⸗ kommnung auf der andern Seite, ihm Freund und Feind ſehr genau unterſcheiden ließen. Der Fuͤrſt kam dem neu Angekommenen mit allem Ausdrucke der Freude bewillkommend ent⸗ gegen und entzog durch ſeine Dazwiſchenkunft die bleichen Schreckensgruppen einer genauern Beobachtung. Dieſe ſuchten ſich ſo gut wie moͤg⸗ lich zu faſſen und eine frohe Theilnahme an dem allgemeinen Jubel zu erkuͤnſteln; dann ſchlichen ſie ſtill davon, um ſich uͤber das zu berathen, was nunmehr zu thun ſey. Mit des Grafen ploͤtzlicher Ankunft ſchien das Ungewitter wirklich herauf kommen zu wollen, wie es die vorhergegangene duͤſtere Stille ver⸗ eundigt hatte. Man ſahe mit Furcht und Zagen Creigniſſen entgegegen, welche dem einen oder deem andern ſtattlichen Mann den Wunſch ab⸗ noͤthigten, ſich vor dem Sturme noch zuruͤck⸗ ziehen zu koͤnnen, wozu es jedoch nunmehr zu — 113— 4 ſpaͤt war, wenn man ſich nicht allzuſehr ver⸗ rathen und groͤßerer Gefahr blos ſtellen wollte. Es blieb daher Torſo und ſeinen Anhangern fuͤr den Augenblick nichts anderes uͤbrig, als ſich beſt⸗ moͤglichſt zu ermannen und mit erzwungener Un⸗ befangenheit das Kommende ſorgſam zu beob⸗ achten. Nachdem der erſte Schreck voruͤber war und die Ruhe ungeſtoͤrt blieb, fanden ſie bei genaue⸗ rer Erwaͤgung, daß mit der Ankunft des todt⸗ geglaubten Montaldi noch immer wenig fuͤr ſie verloren ſey, indem ſie der Hoffnung lebten, daß ihm vollguͤltige Beweiſe ihrer gegen ihn ge⸗ richteten Bosheit mangeln wuͤrden, vor denen ſie haͤtten erzittern muͤſſen. Dazu kamen Corvetti's Vertroͤſtungen in ſeinem letztern Briefe, wodurch er ihnen Muth und Hoffnung zuſprach, im Falle Montraldi auch wider Vermuthen zuruͤckkehren ſollte. Wenn daher die in dieſem Briefe enthal⸗ tenen Nachrichten wirklich gegruͤndet waren, wie ſie nicht zweifelten, ſo glaubten ſie noch das beſte hoffen zu duͤrfen, in ſofern ſie darauf rechneten, daß die Plane des Kabinets noch weit genug von der wirklichen Ausfuͤhrung entfernt waren, um ihnen noch immer mit Vortheil entgegen arbeiten zu koͤnnen. Im aͤußerſten Nothfalle glaubten ſich Torſo mit den ihm zunaͤchſt ſtehenden Hauptern — 8 * 4 des ſchwarzen Bundes den Ruͤckzug dadurch ſichern zu koͤnnen, indem ſie von ſolchen in Haͤn⸗ den habenden Beweiſen Gebrauch zu machen ge⸗ dachten, welche den Marcheſe Riviali und einige ſeiner Mitverſchworenen, aus Rache gegen Yſamo uͤber den Sturz ſeines Vaters, als Urheber und Vollbringer des Unheils darſtellen mußten. Sei⸗ ne Entfernung von Pſfamo konnte ihnen dann ſehr zu ſtatten kommen, um ſie zur Flucht zu ſtempeln; es kam nur darauf an, ihn an ſeiner Ruͤckkehr zu verhindern und ihn auf immer ge⸗ fahrlos fuͤr ſie zu machen. Der Graf Montaldi trug jedoch ſelbſt durch ſein Betragen vieles dazu bei, dieſe Leute zu be⸗ ruhigen und ſie mit neuen Hoffnungen zu er⸗ fuͤlen. Er ließ nicht die mindeſte Spur von 9 Argwohn gegen ſie bemerken; vielmehr kam er ihnen wie vorher mit der gewohnten Hoͤflichkeit entgegen, als ſie ſich zu ihm hinbegaben, um ihm in dem Kreiſe ſeiner Familie zu ſeiner Ankunft Gluͤck zu wuͤnſchen. Ihre Sicherheit wurde bald noch mehr erhoͤhet, indem der Graf in ſei⸗ nen Erzaͤhlungen von den beſtandenen Abenteuern ſehr uͤberzeugend zu erkennen gab, daß er wegen des Mordanſchlages gegen ſein Leben keine Ver⸗ muthung uͤber die wahren Urheber deſſelben hegte, ſondern dieſen auf Rechnung der Raͤuber⸗ horden ſetzte, die an der Grenze die Straßen ſo unſicher machten, weshalb man auch unverzuͤg⸗ lich die gemeſſenſten Anſtalten traf, um dieſes Geſindel auszurotten. Dieſe getroffenen Maßregeln wurden auf eine ſo gute Art ausgefuͤhrt und mit ſo großem Eifer betrieben, daß ſich davon der gewuͤnſchte gute Erfolg um ſo ſichrer erwarten ließ, da der Graf auf ſeiner Reiſen bei den gegen ihn gerichte⸗ ten Angriffen Gelegenheit erhalten hatte, die geheimen Schlupfwinkel jenes Geſindels und die Art, wie demſelben am beſten beizukommen ſeyn konnte, kennen zu lernen. Sein Hauptangen⸗ merk war auf den Gaſthof an der Grenze gerich⸗ tet, den er durch Lorenzo als eine Herberge jener Gauner hatte kennen gelernt, und die ausgeſand⸗ ten Truppen erhieiten Befehl, zunaͤchſt Anſtalten zur Zerſtoͤrung dieſer Rauberherberge zu treffen. Kurz vor dem Aufbruche dieſer militairiſchen Streifzuͤge wurde der Graf Montaldi durch die Erſcheinung eines Mannes uͤberraſcht, welche der vorhabenden Unternehinung fehr gut zu Statten kam. Der Graf war eines Tages in ſeinem Kabi⸗ nette beſchaͤftiget, als ein Fremder bei ihm ange⸗ meldet wurde, der ſich als der Lieutenant eines Jaͤgerfreicorps, unter dem Namen Pirotto, an⸗ — 191— kuͤndigen ließ. Der Graf ließ den Fremden ein⸗ treten und erkannte mit Erſtaunen jenen Pirro, der ihm bei dem raͤuberiſchen Anfalle in dem Walde ſo weſentliche Dienſte geleiſtet hatte. Pirro entſchuldigte ſich hoͤflichſt uͤber ſeine Er⸗ ſcheinung und vermehrte das Erſtaunen des Gra⸗ fen durch die Erklaͤrung, daß er in der Abſicht gekommen ſey, um ſich die Verguͤnſtigung zu erbitten, ſich mit einigen verſuchten Leuten ſei⸗ nes Freicorps, an die gegen die Raͤuber gerichtete Expedition anſchließen und dieſe leiten zu duͤrfen. Er war aufrichtig genug zu geſtehen, daß er fruͤher ſelbſt ein Genoſſe dieſer Raͤuber geweſen ſey, und als ſolcher ihre Schliche und Schlupf⸗ winkel ſo genau kenne, daß ſich bei dem gegen⸗ waͤrtigen Vorhaben von ſeiner Leitung ein deſto beſſerer Erfolg erwarten laſſe. Auf des Grafen genauerer Erkundigung nach ſeinen gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen legitimirte ſich Pirro wirklich als Lieutenant eines Freicorps, welches gegenwaͤrtig die Verfolgung der Raͤuberhorden an den Grenzen zum Zweck hatte. Der Graf trug kein Bedenken fein Anerbieten unter der ihm zugeſicherten Ver⸗ ſchweigung der Umſtaͤnde, unter welchen er ihn kennen gelernt hatte, anzunehmen, und Pirro verſchaffte dem Unternehmen durch ſeine Leitung die entſchiedenſten Vortheile. 98 1 3 Die Vorſicht und Schnelligkeit, womit er dabei zu Werke ging, verhinderte die Raͤuber von dem ihnen drohenden Untergange Kundſchaft zu erhalten; er hatte dafuͤr geſorgt, daß die Kundſchafter der Raͤuber durch einen falſchen Marſch der gegen ſie ausgeruͤckten Truppen ge⸗ taͤuſcht wurden. In ſorgloſer Sicherheit hielten ſich die Raͤuber in ihrer Herberge an der Grenze zuruͤckgezogen, um die vermeinten Huͤlfstruppen fuͤr einen benachbarten Staat voruͤber zu laſſen, als ſie jetzt in ihrem Schlupfwinkel ploͤtzlich uͤber⸗ fallen und nach einer verzweiflungsvollen Gegen⸗ woehr uͤberwaͤltiget wurden, ſo daß die ganze Rotte theils im Gefechte blieb, theils gefangen genom⸗ men oder unter den Truͤmmern ihrer eingeaͤſcher⸗ ten Diebesherberge verſchuͤttet wurde. Aller Erwartung war jetzt auf dieſe eingefan⸗ genen Boͤſewichter geſpannt, als ſich die Nach⸗ richt von ihrer Gefangennehmung in Yſamo ver⸗ breitete. Man zweifelte nicht daran, daß es vorzuͤglich gelungen ſeyn wuͤrde, den beruͤchtigten Odoardo, als vermeinten Anfuͤhrer dieſes Geſin⸗ dels mit zu erhaſchen. Alles drängte ſich bei der Ankunft der Gefangenen hinzu, um dieſen eben ſo ſehr bewunderten als gefuͤrchteten Banditen⸗ hauptmann zu ſehen; allein zur großen Freude gewiſſer Perſonen, welche Urſache hatten vor den —-— Entdeckungen daß Odoardo — 125 zu zittern, die dieſer Odoardo machen konnte, wurde die allgemeine Erwartung in dieſer Hinſiche getaͤuſcht. Die angeſtellte Unterſuchung zeigte ſehr bald, ſich nicht mit unter den einge⸗ brachten Raͤubern befand, ſondern dieſe von ihm unabhaͤngig und zum Theil Leute waren, die aus Unzufriedenheit uͤber ſeine ſtrenge Manns⸗ zucht ſich ſeinem Befehle entzogen hatten, um ſich einer andern Raͤuberbande anzuſchließen, welche zuͤgelloſer hauſete, und von Odoardo und deſſen Untergebenen auf das heftigſte verfolgt wurde. So vortheilhaft auch die Nachrichten fuͤr die⸗ ſen Banditenhauptmann ſtimmten, welche man aus den Ausſagen der eingefangenen Raͤuber er⸗ hielt, ſo wurden dennoch die zweckmaͤßigſten An⸗ ſtalten erneuert, um ſich ſeiner zu bemaͤchtigen. Aber die Folge bewies, daß auch dieſe Unter⸗ nehmung gegen ihn eben ſo fruchtlos blieb, als die fruͤheren. Alle Umſtaͤnde ſchienen zu bewei⸗ ſen, daß er ſich ſeit kurzem gaͤnzlich mit ſeinen Leuten entfernt und nach audern Gegenden ge⸗ wendet hatte. Das Intereſſe an dieſem Banditenhauptmanne erhoͤhete ſich, als man aus den gerichtlichen Aus⸗ ſagen der gefangenen Raͤuber die Ueberzeugung 7 gewann, daß man viele Grauſamkeiten und Greuelthaten ihm zugeſchrieben hatte, die ei weges von Odoardo und deſſen Leuten, ſondern von den von ihm ſelbſt verfolgten Raͤuberhorden waren veruͤbt worden. Dieſe bekraͤftigten„daß ſie mit Odoardo und ſeiner zahlreichen Mann⸗ ſchaft in beſtaͤndigen fehr blutigen Kriegen lebten, indem dieſer durch die unerbittliche Strenge ſich ihnen ſo ſchreckbar gemacht hatte, daß ſchon ſein bloßer Name ſie in die Flucht jagte. Bei den fortgeſetzten gerichtlichen Unter⸗ ſuchungen kamen jetzt in Anſehung dieſes Odoar⸗ do's Dinge an den Tag, die ein beſtimmtes ur⸗ kheil uͤber ihn und ſeine Handlungsweiſe ziemlich ſchwierig machten, da ſogar ſeine Feinde in ihren Bekenntniſſen Handlungen von ihm nahmhaft machten, welche von einem hohen Sinne fuͤr Recht zeigten, der ſich nur allzugewaltſamer Mit⸗ tel bediente. Alle Umſtaͤnde ſchienen es zu beſtaͤ⸗ tigen, daß dieſer gefuͤrchtete Banditenhauptmann mehr von der eiſernen Nothwendigkeit ungluͤck⸗ licher Schickſale, als aus Antrieb eines in Laſtern verſunkenen Innern an die Spitze verworfener Menſchen geſtellt worden war, uͤber welche er mit großer Mannszucht den Zuͤgel fuͤhrte. Meh⸗ reere ſeiner Gewaltthaten, die den Schein eines raub⸗ und mordſuͤchtigen Ungeheuers auf ihn geworfen hatten, erſchienen jetzt bei genauerer keines⸗ Unterſuchung in einem ganz andern Lichte, und zeigten unverkennbare Spuren von einem fuͤhlen⸗ den Herzen und einer ſtrengen Gerechtigkeits⸗ liebe. So wenig man auch im Ganzen ſeine Lebens⸗ und Handlungsweiſe entſchuldigen konnte, ſo ſchien er dennoch mehr bemitleidenswerth als ſtrafbar zu ſeyn. Ueber die Nachrichten, welche der Graf Mon⸗ taldi aus Latago mitgebracht haben mochte und uͤber den Erfolg ſeiner Auftraͤge, ſo wie uͤber die fernern Maßregeln und Entſchließungen zu Gun⸗ ſten des Plans, herrſchte ein ſolches Dunkel, daß die Gegenpartei ungeachtet aller angewandten Muͤhe etwas Beſtimmtes zu erlauſchen, gaͤnzlich⸗ ungewiß daruͤber blieb. Jedoch ſchienen ſich wei⸗ terhin, nach allen Umſtaͤnden zu urtheilen, die von Corvetti zuletzt eingegangenen Berichte im⸗ maer mehr zu beſtaͤtigen, daß der beabſichtigte Plan auch diesmal geſcheitert ſey. Haͤtten ſich aber Torſo und ſeine Verbuͤnde⸗ ten bis in die geheimen Berathungen des Fuͤrſten mit Montaldi und ſeinen edelmuͤthigen vertrau⸗ ten Freunden und Rathgebern einſchleichen koͤn⸗ nen, ſo wuͤrden ſie ſich bald in ihren Erwartungen getaͤuſcht und geſehen haben, wie ſehr das gaͤnz⸗ liche Stillſchweigen uͤber dieſe Angelegenheit aus 3 guten Gruͤnden den forgeſetzten Eifer der redlich⸗ ſten Patrioten verſchleierte, womit das bis da⸗ hin herrlich gediehene Werk zur voͤlligen Reife gefoͤrdert werden mußte. Gern opferte der edle Hugo mit ſeinen Getreuen dieſem edeln Werke Ruhe und manche angenehme Zerſtreuung auf. Oft wenn ſchon der Schlummer das Auge wie das Ohr des Verraͤthers deckte, ſaß er noch an der Seite ſeiner Vertrauten und arbeitete fuͤr das Wohl ſeines durch geheime Rankeſucht oft irregeleiteten Volkes, und Yſamo ſing nach und nach an, die wohlthaͤtigen Folgen dieſer Arbeiten deutlicher zu ſpuͤren. Dieſe Wirkungen, deren Urfachen ſie nicht kannten, blieben Torſo und ſeinen Anhaͤngern nicht lange verborgen und erregten um ſo mehr neue Bedenklichkeiten in ihnen, je weniger ſie im Stande waren, dieſe Folgen zuruͤckzudraͤngen. Zu ihrem großen Verdruſſe ſahen ſie, wie ſehr ſich die gehoffte Ausfuͤhrung ihrer Anſchlaͤge durch das unerwartete Zuſammentreffen der Umſtaͤnde in eine ſehr zweifelhafte Laͤnge zog, da noch uͤber⸗ dies Corvetti's nnd Riviali's Stillſchweigen und verzoͤgerte Ruͦckkehr ihre Thaͤtigkeit hemmte, hingegen von der andern Seite Dinge mit raſchem Gange hervortraten, welche ihre vorige ruhige Sicherheit ſtoͤrten.. — lig, wo er ſonſt mit Beifallsbezengungen ziemlich Maͤnner, welche noch vor kurzer Zeit ſchuͤch⸗ tern vor ihnen zuruͤckgetreten waren und blos unthaͤtige Zuſchauer bei dem Ganzen zu ſeyn ge⸗ ſchienen hatten, wurden jetzt lebendig und thaͤtig. Andere, welche durch die gegen ſie gerichteten Kabalen entſernt und zum Schweigen gebracht worden waren, traten wieder aus ihrer Serſchol⸗ lenheit hervor und gingen frei und offen unter ihren Augen herum. Hierbei war der ſonſt ſo nachgiebige und friedlich geſinnte ſanftmuͤthige Hugo ſeit einiger Zeit ſo ſonderbar geſtimmt und ſo feſt beharrlich auf ſeinem Willen und ſeinen Entſchließungen, daß er voͤllig umgewandelt zu ſeyn ſchien, und aus ſeinem ganzen Thun die Kraft hervorleuchtete, ſich dem Gaͤngelbande zu entreißen, an welchem ihn vorher jene ſelbſt⸗ ſuͤchtige und herrſchbegierige Schmeichler und ſeine heuchleriſchen Scheinfreunde geleitet hat⸗ ten. Wenn er ſonſt in ruhiger Sorgloſigkeit ſich manches dargebotene Vergnuͤgen zu ſeiner groͤßern Zerſtreuung erlaubt hatte, da zog er jetzt einſame ernſte Beſchaͤftigungen jenen Zerſtreuungen vor; wo er ſonſt mit leichter Unbefangenheit geſcherzt und gelaͤchelt hatte, da war er jetzt ſo ernſt und duͤſter, daß man ihm kaum ein Laͤcheln abgewin⸗ nen konnte. Er war jetzt oͤſters kalt und unwil⸗ — 123— freigebig geweſen war. Wenn er fruͤher zu der Ausfuͤhrung des einen oder des andern Vorſchlags unbedenklich die Haͤnde bot, da handelte er gegen⸗ waͤrtig ſo uͤberlegend; ſein ganzes Weſen ſchien ſich jetzt immer mehr nach einem gewiſſen Miß⸗ trauen hinzuneigen, daß man vorher nicht an ihm gekannt hatte. Das alles waren Bemerkun⸗ gen, welche jene Leute allerdings ſehr unruhig machen mußten. Aber ſo eifrig ſie ſich auch mit ihren Heuchlerkuͤnſten um den Fuͤrſten wandten, ſo vermochten ſie dennoch nichts abzuaͤndern; denn wo er ehedem ſehr geneigt dazu war, Wi⸗ derſpruch anzunehmen, da ſetzte er jetzt ihnen ein feſtes ernſtes:„ich will es!“ als entſchei⸗ dendes Machtwort entgegen. Yſamo gewann dadurch ſehr weſentliche Vor⸗ theile. Hier und da hob ſchon mancher verkannte und in das Dunkel hingedraͤngte Redliche ſein Haupt wieder empor; manche verfolgte Unſchuld trat gerechtfertigt einher, und hier und da ver⸗ hallten bereits die Seufzer ſchwerer Bedruͤckung 8 in dem Wohllaute dankbarer Freude. Ereigniſſe dieſer Art eroͤffneten die herrlichſten Ausſichten in eine gluͤckliche Zukunft, welche ſo viele edle Patrioten ſeit einer langen Reihe von Jahren vergebens herbeigeſeufzt hatten. Je uͤberzeugen⸗ der es der gute edle Fuͤrſt darlegte, daß es ihm ——— — ein Ernſt ſey, die ehemaligen Fehler einer zu großen Gutmuͤthigkeit und eines unbeſorgten Vertrauens wieder gut zu machen und ſich an hochherzige Maͤnner von erprobter ſtrenger Red⸗ lichkeit und einſichtsvoller Kenntniß anzuſchlie⸗ ßen, um ſo mehr wuͤnſchten auch Yſamo's redlich geſinnte Buͤrger ihm und dem Lande Gluͤck dazu. Nur blieb hierbei der Wunſch uͤbrig, daß der Fuͤrſt und deſſen Getreue nicht allzu raſch zu Werke gehen moͤchten. Durch die vorhergegangene ſtille und unbe⸗ merkbare Thaͤtigkeit waren jedoch dieſe Angelegen⸗ heiten in einen ſo guten und ſichern Gang ge⸗ bracht worden, daß ſie ihre feindſeligen Gegner und deren gehaͤſſige Anſchlaͤge jetzt weniger zu fuͤrchten hatten. Vielmehr trat gegenwaͤrtig die feſte Entſchloſſenheit des Fuͤrſten und ſein kraͤfti⸗ ger Schritt zur rechten Zeit hervor, indem djeſe dazu dienten, jene boͤſe Geſinnten ſchuͤchtern und verlegen zu machen und ſie in ihrer Unthaͤtigkeit zu erhalten, da zugleich die bisherige Schutzmauer ihrer Bosheit, die Unzufriedenheit des Volkes, mehr und mehr zuſammenſtuͤrzte. Das war freilich mehr, als jene Verworfenen gefuͤrchtet hatten; aber um ſo groͤßer war auch ihr ſchreckenvolles Erſtaunen, als ſie aus ihrer ſtolzen uͤbermuͤthigen Sicherheit immer mehr und II. J — 130— mehr aufgeſchreckt wurden. So lange zwar von der Hauptſache nichts weiter erwaͤhnt oder gegen ſie ſelbſt etwas unternommen wurde, und der Graf Montaldi durch ſeine Unbefangenheit den Wahn in ihnen beſtaͤrkte, daß man gegen ſie kei⸗ nen Verdacht hege, ſo lange ließen ſie auch Muth und Hoffnung nicht ſinken. Obgleich unguͤnſtige Umſtaͤnde ihre Plane geſtoͤrt hatten, ſo konnten auch wieder ſehr leicht beſſere eintreten, welche alles wieder in das rechte Gleis bringen mußten, wenn nur Corvetti in ſeinen Berichten die Wahr⸗ heit gemeldet hatte. 42* Ein erſt kuͤrzlich von dieſem eingegangener Brief belebte ihre Hoffnungen auf's neue. Er hatte ihnen verſichert, daß er nach der Abreiſe des Grafen Montaldi von Latago einen freien Spielraum fuͤr ſeine und ſeiner Gehuͤlfen Thaͤ⸗. tigkeit gewonnen und bedeutende Vortheile be⸗ reits errungen habe, welche dem Ganzen eine ſehr entſcheidende Wendung geben wuͤrden. In⸗ dem er ſie auf die Nothwendigkeit der ſtrengſten Geheimhaltung hinwies, wiederholte er zugleich ſeine Aufforderung, ſich bis zu ſeiner und Ri⸗ viali's Zuruͤckkunft ganz ruhig zu verhalten und bis dahin ihm das Uebrige zu uͤberlaſſen. 3 So beruhigend aber auch dieſe Mittheilungen lauteten, ſo konnten ſie doch fuͤr die Dauer ſie keinesweges ganz zufrieden ſtellen, da die Gefah fuͤr ſie und ihre Anſchlaͤge von Tage zu Tage ſich zu vermehren und die ſchleunigſten Gegenanſtal⸗ ten immer dringender zu fordern ſchien; und gleichwohl hinderte ſie Corvetti's Vorſchrift, ihre Thaͤtigkeit bis zu ſeiner Zuruͤckkunft gehoͤrig zu aͤußern. Auf dieſe Art wurden denn dieſe Menſchen ſo ſehr in ihre eigenen Schlingen verwickelt, daß ſie jetzt ſelbſt nicht wußten, wo ſie ihre unter⸗ brochene Thaͤtigkeit wieder anknuͤpfen ſollten, die, bei der Unbekanntſchaft mit Corvetti's und Ri⸗ viali's Wirkſamkeit in Latago, ſehr leicht mehr verderben als befoͤrdern konnten. Corvetti's Nachricht: daß in wenigen Tagen ſein treuer Lucillo, als der erſte Vertraute der vorhandenen Geheimniſſe, bei ihnen eintreffen und alles deutlicher eroͤrtern wuͤrde, was er kei⸗ nem Briefe anvertrauen duͤrfte, hatte thre ganze Erwartung mit der groͤßten Ungeduld aufgeregt. Aber ein Tag nach dem andern verſtrich in leeren Hoffnungen, ohne daß Lueillo ſich einſtellte. Da⸗ gegen wurde ihre Unruhe neuerdings dadurch vermehrt, daß jetzt die Namen gewiſſer Perſo⸗ nen, die ſie ſchon laͤngſt in die Nacht eines ewi⸗ geen Vergeſſens vergraben waͤhnten, auf's neue laut und mit ſolchen Aeußerungen genannt wur⸗ 3 2 7 „* 8 aeu 8 — 13 — den, deren Folgen ſehr uͤble Dinge anzukuͤndigen ſchienen. Hierunter gehoͤrte vornaͤmlich der Name Pi⸗ zalto, welcher fuͤr Torſo und deſſen Anhaͤnger in Anſehung ihrer Plane aͤußerſt bedeutend und ruheſtoͤrend war. Daher bemuͤheten ſie ſich, be⸗ ſtimmtere Nachrichten uͤber denſelben einzuziehen 4 und beſonders daruͤber Auskunft zu erhalten, ob man den Namen dieſes hart verfolgten und ver⸗ kannten Edeln, nur in deſſen Andenken und in der ſpaͤtern Anerkennung ſeiner Tugenden ehrte, oder ob er ſelbſt noch lebte und ſich auf's neue wirkſam zeigte; hieruͤber blieben ſie aber hoͤchſt zweifelhaft. Da ſich jedoch bei ihren forgfaͤltigen geheimen Nachforſchungen keine Spur von ihm ſelbſt zeigte, ſo beruhigten ſie ſich wieder und ſtimmten ſogar ſelbſt in die geaͤußerten Zweifel gegen die ihm fruͤher beſchuldigten ſtaatsverraͤthee⸗ riſchen Unternehmungen mit ein. Auf aͤhnliche Art ſchlichen ſich auch uͤber ihren Bundesgenoſſen Petardo nachtheilige Geruͤchte zu ihren Ohren; durch Corvetti ſelbſt waren dieſe indeſſen in ſo fern beſeitigt, als er ihnen in ſeinem letzten Briefe gemeldet hatte, daß die Unſtaͤnde dieſen ihren treuen Bundesgenoſſen genoͤthigt haͤtten, ſeiner Thaͤtigkeit fuͤr ihre Zwecke den Schein einer mit ihrem Vortheil im Wider⸗ —— — 1— 33 23 ſpruche ſtehenden Richtung zu geben, um der. Klugheit gemaͤß auf entgegengeſetzten Wegen, die ihre und ſeine Beobachter taͤuſchen mußten, deſto ſicherer das Ziel zu gewinnen. Zudem glaubten ſie, daß dieſer vorgebliche Petardo ſo feſt an ſie gekettet ſey, als daß er ihnen abtruͤnnig werden oͤnnte, da er die Entdeckung ſeines wahren Na⸗ mens und ſeiner Verbrechen fuͤrchten mußte. Fuͤr den ſchlimmſten Fall hielten ſie ſich im Voraus ſchon hinlanglich vorbereitet, einem Verrathe von ſeiner Seite durch ſeinen beſchleunigten Fall zuvor zu kommen. Pizalto hatte ſich zwar dem Fuͤrſten darge⸗ ſtellt, aber ſeine Erſcheinung war ſo ſchnell und voruͤbergehend geweſen, daß weder der Fuͤrſt ſelbſt, noch auch Montaldi, welchem er das Ge⸗ ſchehene anvertraute, wußten, wie man eigent⸗ lich mit ihm daran war. Da ſich Pizalto durch die Ueberbringung des Briefes als einen Abge⸗ ſandten Montaldi's beurkundete, ſo hoffte der Fuͤrſt, von dieſem etwas Naͤheres uͤber denſelben zu erfahren; zu ſeinem großen Befremden fand er jedoch, daß der Graf mit Pizalto's Sendung ganz unbekannt war. Aus den Erzaͤhlungen des Marcheſe Collino hatte er zwar vernommen, daß dieſer verkannte Redliche, den man nach der all⸗ ggeemeinen Meinung ſchon laͤngſt eine Beute des 1 — 134— — Todes glaubte, wirklich noch lebe und eine fort⸗ 8 dauernde Wirkſamkeit fuͤr ſein undankbares Va⸗ terland aͤußere; allein wo ſein verborgener Auf⸗ enthalt war und wie er ohne dieſen zu verrathen, eine ſo genaue Bekanntſchaft mit den neuern Er⸗ eigniſſen und einen ſo bedeutenden Einfluß auf dieſe erhalten konnte, das blieb ihm eben ſo raͤthſelhaft als ſeine Sendung. Der Graf erinnerte ſich zwar ſehr genau, daß wahrend ſeiner Krankheit auf ſeinen wieder⸗ Holt geaußerten Wunſch, ſowohl dem Fuͤrſten als auch ſeinen Freunden von ſich und von den Ur:⸗ fachen ſeiner verzoͤgerten Ruͤckkehr einige Nach richt geben zu koͤnnen, der Oberſte Petardo ſich erboten hatte, einen Brief von ihm nebſt dem zu mehrerer Glaubwuͤrdigkeit ſeiner Sendung beigefuͤgten Ringe ſicher in die Haͤnde des Fuͤr⸗ ſten zu bringen: aber Petardo hatte ſich weiter nicht daruͤber erklart, durch wen dieſes Geſchaft war beſorgt worden.“ Aus dem Hergange der Sache leuchtete in⸗ deſſen zur Genuͤge hervor, daß Pizalto in ge⸗ nauer Bekanntſchaft mit Petardo ſtehen mußte und ſich in ſeiner Verborgenheit der Wirkſamkeit 5 dieſes Centuriers bediente, um ſich in eine ſo genaue Bekanntſchaft mit den neuern Ereigniſſen zu ſetzen. Bei genauerer Erwaͤgung der Umſtande 5 1 —— und nach der Beſchreibung, welche der Fuͤrſt von Pizalto machte, konnte der Graf die Vermuthung nicht unterdruͤcken, daß dieſer Pizalto Niemand anders als Lorenzo ſeyn koͤnne. Dieſe Vermu⸗ thung ſchien ſich jedoch auch zu widerſprechen, da⸗ es kaum als moͤglich anzunehmen war, daß Lo⸗ renzo noch dem Flammentode bei ſeiner eingeaͤſcher⸗ ten Wohnung hatte entrinnen koͤnnen. Hieruͤber hoffte ſich der Graf durch den Ring aufzuklaͤren, welchen Dianora mit dem Bilde ihres Vaters am Finger trug. Als aber der Graf an dem fol⸗ genden Morgen dem Fuͤrſten dieſen Ring zeigte, konnte dieſer kaum eine entfernte Aehnlichkeit des Bildss mit Pizalto's Zuͤgen entdecken. Wenn daher Pizalto, um unentdeckt zu bleiben, bei ſeiner Erſcheinung nicht etwa ſich abſichtlich durch ſeine Verkleidung unkenntlich gemacht hatte, ſo ließ das Portrait eher glauben, daß Lorenzo und Pizalto zwei verſchiedene Perſonen waren. Sollte jedoch Lorenzo noch wirklich Mittel gefunden haben, dem Tode in den Flammen zu entrinnen, ſo ließ ſich dann doch vermuthen, daß ihn die zaͤrtliche Liebe fuͤr ſeine Tochter ver⸗ anlaſſen wuͤrde, ſich ihr irgend einmal zu naͤhern, wie er ihr ſelbſt bei dem Abſchiede verſprochen hatte. Man mußte daher dieſen Augenblick ſeiner „ * Falle wo er ſich zeigen ſollte, nicht leicht wieder ſo ſchnell ſich entfernen koͤnne. Der Graf Montaldi war bei ſeiner Ankunft durch den Zuwachs, den ſeine Familie durch ſeine Pflegetochter erhalten hatte, ſehr angenehm uͤber⸗ raſcht worden, und das Intereſſe, welches Dia⸗ nora ſchon fruͤher durch ihren Umgang, ſo wie durch die Erzählungen der Graͤfin bei dem Gra⸗ fen erregt hatte, wurde jetzt noch mehr erhoͤhet, da er Gelegenheit erhielt, die Vorzuͤge ihres ſchoͤnen und unverdorbenen Herzens genauer ken⸗ nen zu lernen. Jemehr ſich Dianora mit ſanfter Kindlichkeit und mit all der Unbefangenheit ihrer liebenswuͤrdigen Unſchuld an ihn anſchmiegte, um ſo theurer wurde ſie ſeinem Herzen, das ihr immer mehr und mehr die Rechte eines geliebten Kindes einraͤumte. 4 Schon laͤngſt hatten beide Gatten den innigen Wunſch nach einer geliebten Tochter genaͤhrt, an welchen ſich Erinnerungen anknuͤpften, die ſehr truͤbe Empfindungen in ihnen erzeugten, ſo wenig auch Eines gegen das Andere ſich daruͤber er⸗ klaͤrte. Jetzt fanden Beide in ihrer geliebten Pflegetochter dieſes ſehnliche Verlangen hoͤ Erſcheinung abwarten; unterdeſſen traf der Graf die noͤthigen Maßregeln, daß Lorenzo in dem — t ngenehm befriedigt. Der Graf fuͤhlte ſich unge⸗* in erheitert, wenn ſeine liebe Dina, wie er ſie in traulichen Stunden vielleicht in geheimer Beziehung auf fruͤhere Verhaͤltniſſe nannte, ihm ſchmeichelnd liebkoſete und dann ihr ſanftes Auge wie ein reiner Kryſtall die ſchoͤnen Gefuͤhle ihres unſchuldsvollen Herzens wiederſtrahlte, das ihn mit holder Zaͤrtlichkeit als Vater verehrte. Er empfand die ſuͤßeſte Freude des gluͤcklichen Va⸗ ters und wuͤnſchte nur, daß ſeine gute liebe Dina auch ſeinem geliebten Scipio als Schweſter theuer ſeyn und dieſer uͤber die Liebe die er jetzt mit ihr bei ſeinen Eltern theilte, nicht unzufrieden leyn moͤchte. Sehr bald wurde der Graf eben ſo ſehr als ſeine Gemahlin davon uͤberzeugt; er ſah mit innigem Wohlgefallen, wie ſehr Scipio mit voller bruͤderlicher Liebe an ſeiner ſchweſter lichen Freundin hing. Dianorens vertrauter unſchulds⸗ voller Umgang war ihm ein zu hohes Beduͤrfniß geworden, als daß irgend ein Vergnuͤgen ohne ihre Theilnahme fuͤr ihn haͤtte noch beſondern Werth haben koͤnnen. Allenthalben mußte ſeine liebe Schweſter Dina in ſeiner Geſellſchaft ſeyn, um den mancherlei geſelligen Vergnuͤgungen Ge⸗ ſchmack abzugewinnen, und ſo wurde ihm ihr Umgang von Tage zu Tage unentbehrlicher. Aber ohne es ſelbſt kaum gewahr zu werden, wurden dadurch auch zugleich Gefuͤhle in ſeinem Herzen geweckt, die ihm bis dahin fremd geblieben wa⸗ ren und jetzt um ſo heftiger emporloderten. Der ſchoͤne Einklang zarter Gefuͤhle, den er in Dianorens Herzen fand, gab ſeiner Zuneigung fuͤr ſie, einen deſto hoͤhern Schwung, je lebhafter er ſich uͤberzeugte, daß auch er Dianoren uͤber alles theuer geworden war und daß ſie in reiner Unſchuld ihres unverdorbenen Herzens mit gan⸗ zer Zaͤrtlichkeit einer liebenden Schweſter an ihm hing. Die Graͤfin ließ jedoch dem Verſprechen ger maͤß, weiches ſie Lorenzo gegeben hatte, Beide keinen Augenblick aus den Augen; ſie beobachtete im Stillen jede ihrer Bewegungen, und ſo mußte ſie denn auch ſehr bald bemerken, was in den Herzen ihrer beiden Lieblinge vorging. Dieſe Bemerkung legte ihr zugleich die Pflicht auf, ihre Sorgfalt zu verdoppeln, womit ſie die Gefuͤhle ihrer engverſchwiſterten Herzen bewachte, damit 8 ſie nicht etwa zu einer Leidenſchaft emporwachſen moͤchten, gegen welche ſich Lorenzo ſo heftig ge⸗ aͤußert hatte. Die gluͤckliche Ruͤckkehr des Grafen war der allgemeine Aufruf zur Freude fuͤr ſeine Freunde geweſen, unter welchen ſich Torſo eben ſo wenig — 139—— als deſſen Anhaͤnger vermiſſen ließ. Bei den Feſten, welche dem Grafen zu Ehren veranſtaltet wurden, ließ es ſich Torſo beſonders angelegen ſeyn, des Grafen Freunden nicht nachzuſtehen, unnd durch eine Menge Ergoͤtzlichkeiten deſſen Auf⸗ merkſamkeit in Anſehung anderer Dinge von ſich hinwegzuleiten. Dianora wurde bei dieſen Feſten gewoͤhnlich als eine Hauptperſon betrachtet und mit vorzuͤg⸗ licher Aufmerkſamkeit ausgezeichnet, um ſich da⸗ durch um ſo mehr bei dem Grafen und der Graͤfin beliebt zu machen. Was indeſſen anfangs nur 3 aus bloßer Artigkeit und aus Achtung fuͤr die graͤfliche Familie geſchah, das that man in kur⸗ zer Zeit wegen Dianoren ſelbſt; denn die an⸗ ſpruchloſe Liebenswuͤrdigkeit ihrer Geſtalt und ihr unſchuldvolles aber anſtaͤndiges Betragen zog 1 ſehr bald die allgemeine achtungsvolle Bewunde⸗ rung des reizenden Landmadchens, wie man ſie nannte, auf ſich. So ſehr auch anfangs die weibliche ſchoͤne Welt mit Dianorens Erſcheinung unzufrieden war nnd uͤber das Draͤngen der jun⸗ gen Herren um ſie her grollten und ſpoͤttelten, ſo fuͤhlten ſich gleichwohl auch die Damen bewo⸗ gen, Dianorens lidbenswuͤrdiger Unbefangenheit ihre Achtung und Bewunderung zu zollen.. Sie war zwar mit den Sitten und Gebraͤu⸗ * „ — 140— ſchen der großen Welt ſehr unbekaunt geblieben, aber ihre ungekuͤnſtelte heitre Natuͤrlichkeit, ver⸗ bunden mit hoher Reinheit der Sitten und der Bildung ihres Verſtandes, welche ſie Lorenzo's natuͤrlicher Erziehung verdankte, erſetzten das ſehr ſchon, was ihr in Anſehung jener feineren Gewandheit abging. Ungeſucht gefiel Dianora durch das Anziehende des minder Gewoͤhnlichen, und dieſes um ſo mehr, da ihre zwangloſe Unbe⸗ fangenheit keinen Verſtoß gegen die Geſetze der feinern Lebensart bemerken ließ. In kurzer Zeit war der Name des bluͤhend ſchoͤnen Landmaͤdchens das Loſungswort der ge⸗ ſelligen Zirkel, wo eine Menge alter und junger Gecken ſie umſchwaͤrmte und ſich durch Schmei⸗ cheleien und Dienſtgefaͤlligkeiten bei ihr beliebt zu machen bemuͤht war. Dianora benahm ſich war gegen Jeden mit Artigkeit, aber auch zu⸗ gleich auf eine ſolche Art, daß ſich dieſe Herren immer in einer gewiſſen achtungsvollen Entfer⸗ nung von ihr halten mußten und aus ihrem gan⸗ zen Betragen hervorging, daß ſie fuͤr dergleichen verliebte Poſſen ſo wie fuͤr Eroberungen keinen Sinn hatte, wodurch ſie um ſo weniger den etwanigen Wuͤnſchen anderer junger Damen Ein trag that, und dadurch dieſe deſto eher ſin ſich gewann. 8 — 1414—„ Unter den jungen Herren, welche ſich bemuͤhe⸗ ten, Dianoren fuͤr ſich geneigt zu machen, zeich⸗ nete ſich beſonders der junge Graf Cerrino aus, der fuͤr einen der erſten Lieblinge der Damen aber auch fuͤr einen eben ſo ſchoͤnen als gefaͤhrlichen Verfuͤhrer galt. In den Sitten und Ueppigkei⸗ ten der feinern Welt aufgewachſen, hatte er ſich eine ſolche Gewandheit und Feinheit des Betra⸗ gens zu eigen gemacht, daß er, bei einem aͤußerſt vortheilhaften Aeußern ſehr fuͤr ſich einnahm, und zarten weiblichen Hewren um ſo gefaͤhrlicher war, je weniger er bei ſeinen Galanterien ſtrenge Grundſätze genug fuͤr Redlichkeit und weibliche Tugend hegte, ſo daß manches zarte Geſchoͤpf durch ſeine Verſchmitztheit ihren tiefen Fall beweinte. Seine Geburt, ſein Aufwand und das Anſehen ſeines Vetters, des Grafen Torſo, ſo wie ſein aͤußerſt einſchmeichelndes Betragen, hatten ihm die erſten Zirkel der Reſidenz geoͤffnet. Ueberall war er als ein Mann von Welt, Geſchmack und feinſter Bildung willkommen, und ganz geeignet in den meiſten Zirkeln den Ton anzugeben. Was dieſem Cerrino an höherem Sinne fuͤr Sittlichkeit und Tugend abging, das wußte er durch die feinſten Kuͤnſte der Verſtellung ſo ge⸗ ſchickt zu verbergen, daß man, einige kleine Lie⸗ besabenteuer und galante Intriguen abgerechnet, ſeiner Lebensweiſe nichts Erhebliches Schuld ge⸗ ben konnte. Er wußte ſich ſo gut in die Umſtaͤnde zu fuͤgen, daß niemand ihn ſo leicht durchſchauen konnte. Wenn er noch vor wenigen Augenblicken leichtſinnig die Damen mit ſeinen Galanterien umgaukelt hatte, ſo ſaß er jetzt ſo ernſt und wuͤr⸗ devoll neben einem alten verdienten Staatsmanne im wichtigen Geſpraͤche uͤber ſtatiſtiſche und poli⸗ tiſche Gegenſtaͤnde, als wenn er nichts Intereſe ſanteres fuͤr ſeine Unterhaltung kannte, waͤhrend er vielleicht im Stillen mit einer Liebesintrigne beſchaͤftiget war. Er wußte mit einer folchen Waͤrme und Beredſamkeit uͤber Tugend und hohen Edelmuth zu ſprechen und deren Vorzuͤge aus⸗ einander zu ſetzen, daß man es unmoͤglich ahnen konnte, daß er vielleicht vor wenig Augen⸗ blicken gleich dem ausſchweifendſten Wuͤſtlinge, Tugend und Unſchuld Hohn geſprochen hatte und ungeachtet dieſer erheuchelten hohen Geſinnungen ein ſehr bedeutendes Triebrad in dem großen poli⸗ tiſchen Raͤderwerke ſeines Vetters T Torſo war. Daher geſchahe es denn auch, daß die Mei⸗ nungen uͤber ihn ziemlich getheilt waren, da er die Damen und ſomit die Mehrzahl der Stimmen fuͤr ſich hatte, und er bei ſeinen Intriguen mit einer ſo großen Schlauheit zu Werke ging, daß man . ihm nicht leicht auf die Spur kommen konnte. —— Verſtellung in dem Vertrauen des jungen Grafen Im Allgemeinen ſtimmte man darin uͤberein, daß er ungeachtet ſeiner jugendtichen Flatterhaf⸗ tigkeit und einiger verzeihlicher Schwachheiten, ein guter Menſch von gefuͤhlvollem Herzen ſey. Auch in der Familie des Grafen Montaldi hatte dieſer junge Wuͤſtling Eingang gefunden und ſeit der Zuruͤckkunft der Graͤfin, durch ein naͤheres Anſchließen an den jungen Grafen Sei⸗ pio, ſich beinahe einheimiſch hier zu machen ge⸗ wußt. Scipio ahnete freilich nicht, daß der zaͤrtlichen Freundſchaft, welche Cerrino fuͤr ihn heuchelte, ſehr verdachtige Abſichten auf Diano⸗ ren zu Grunde lagen, und ſah in ihm nur einen treuen und aufrichtigen Freund. Dianora war in der Fuͤlle ihrer jugendl ichen Schoͤnheit viel zu rei izend fuͤr ihn, als daß er nicht ſeine luͤſternen Wuͤnſche auf ſie haͤtte richten ſollen, und dieſes um ſo mehr, da ihm viel daran lag, auch bei dieſer weiblichen Schoͤnheit den uͤbrigen jungen Leuten, welche um ihre Gunſt warben, den Vorrang abzugewinnen. Sein ver⸗ trauter Umgang mit Scipio entdeckte ihm jedoch ſehr bald, welche Gefuͤhle dieſer fuͤr Dianoren naͤhrte; daher nahm er ſich weislich in Acht, bei dieſem den Verdacht wegen eigener Abſichten auf Dianoren zu erregen, und waͤhrend er ſich durch — 44— immer ſeſter zu ſetzen wußte, richtete er ins Geheim alle Maſchinen der ihm zu Gebote ſtehen⸗ den liſtigen Verfuͤhrungskuͤnſte gegen Dianoren. Seine Bemuͤhungen ſchienen bei dem guten argwohnloſen Maͤdchen nicht ohne erwuͤnſchten Erfolg zu bleiben. Als der beſtaͤndige Geſellſchaf⸗ ter des jungen Grafen fiel es ihm nicht ſchwer, ſich Dianoren mehr und mehr zu naͤhern, bei welcher ſchon die Achtung und Freundſchaft, welche ihm ihr bruͤderlicher Freund Scipio ſchenkte, eine ſehr guͤnſtige Meinung fuͤr ihn erregte, die durch ſeine ſcheinbare Anhaͤnglichkeit und manche Beweiſe von Edelmuth noch erhoͤhet wurde. 3 8 8 Bei des Grafen Montaldi Zuruͤckkunft nach Yſamo hatte Cerrino ſchon ſo feſten Fuß in deſſen Hauſe gefaßt, daß er als Glied der Familie betrachtet wurde und ſich hierin nicht fuͤglich mehr ohne großen Verſtoß gegen anderweitige Ruͤckſichten etwas abaͤndern ließ, auch wenn es der Graf gewollt haͤtte. So wenig auch dieſer ihm ganz trauete, ſo ſahe er es gleichwohl nicht ungern, daß er ſich als junger Mann von Ge⸗ ſchmack und feiner Lebensart ſo traulich an ſeinen Sohn und an ſeine Pſtegetochter anſchloß, da ſein Umgang namentlich der letztern fuͤr ihre hoͤhere 3 Bildung Vortheile verſchaffen mußte, und Cerrino —————— — 5— fein genug war, ſich gegen den Grafen hinter die taͤuſchende Maske einer ſehr uneigennuͤtzigen Freundſchaft zu fluͤchten und ſich in den Schran⸗ ken zarter Schonung und Achtung gegen Diano⸗ ren zu halten. So ſcheel auch Scipio bei jedem Andern zu einem ſo traulichen Umgange wuͤrde geſehen haben, ſo wenig hatte er bei ſeinem Freunde Cerrino dagegen einzuwenden, da er dieſem nichts Arges zutrauen konnte. Naͤchſt Cerrino zeichnete ſich unter Dianorens Verehrern vorzuͤglich auch der Marcheſe Manutti aus, der wegen der beſondern Vorzuͤge ſeines Geiſtes und Herzens und als der Neffe des ver⸗ trauten Freundes des Grafen Montaldi, des Mi⸗ niſters Altieri, die Zuneigung des Grafen in einem hohen Grade beſaß. Giovanni Manutti hatte zwar nicht die vortheilhafte Gewandheit und Lrichtigkeit des Betragens, wodurch Cer⸗ rino ſich ſo beliebt zu machen wußte, ſondern war mehr ernſt und auf den erſten Anblick zu⸗ ruͤckhaltend, ja faſt zuruͤckſtoßend; aber nichts deſto weniger genoß er eine ausgezeichnete allge⸗ meine Achtung, da ſelbſt die gallſuͤchtigſte Schmaͤh⸗ ſucht ihm nichts beizumeſſen vermochte, was ſei⸗ nen reinen Edelmuth nur im geringſten verdaͤch⸗ tig machen konnte. Er kam nicht ſogleich bei der erſten fluͤchtigen Bekanntſchaft, ſo⸗ wie Cerrino, 1I; K — 146— Jedem mit Freundſchaftsverſicherungen und Ge⸗ faͤlligkeiten entgegen; er draͤngte ſich nie, ſo wie dieſer, zu Jedem zutraulich hin, vielmehr ließ er ſich ſelbſt ſuchen und ging bei der Wahl ſeiner Bekannten und Freunde pruͤfend zu Werke, ſo daß ihn Cerrino deshalb nicht ſelten mit Spoͤt⸗ tereien uͤber ſeinen philoſophiſchen Ernſt und ſeine wuͤrdevolle Gravitaͤt ſcherzend neckte. Ob⸗ gleich Manutti's maͤnnlich geſetztes Weſen bei der erſten Bekanntſchaft kalt zuruͤckzuſtoßen ſchien, ſo fuͤhlte man ſich gleichwohl ſehr bald mit inniger Zuneigung nach dieſem ernſten ſtillen Juͤnglinge hingezogen, wenn man ſich mit ihm und mit ſeinem zart⸗ und tieffuͤhlenden edeln Herzen be⸗ kannter machte. Wenn man Cerrino in Anſehung feiner feinen Gewandheit, ſo wie wegen ſeines ſtets heitern Humors und ſeines muntern Witzes als einen aͤußerſt angenehmen Geſellſchafter ſchaͤtzte, ſo mußte man den Marcheſe Manutti als einen kenntnißreichen und edeln Juͤngling und als red⸗ lichen Freund lieben und hochachten, und ſich immer inniger an ihn anſchließen. Dianora hatte anfangs uͤber dieſen ſtillen philoſophiſchen Traͤumer, wie ihn Cerrino im Scherz nannte, fluͤchtig hinweg geblickt, aber je mehr er ſich nach und nach mit der ihm eigenen wuͤrdevollen Beſcheidenheit, als Scipio's Freund — 147— ihr naͤherte, um ſo unverkennbarer entfalteten ſich auch die ſchoͤnen Eigenthuͤmlichkeiten ſeines Her⸗ zens und Geiſtes, die ſie voll der reinſten Hoch⸗ achtung und Bewunderung immer inniger und feſter an ihn und ſeinen gemuͤthlichen Umgang knuͤpften. Ihre freundſchaftliche Zuneigung war ganz unter Scipio, Manutti und Cerrino getheilt, und obgleich Scipio den erſten Platz in ihrem Herzen behauptete, ſo ſchloß ſich dennoch Manutti ſehr bald zunächſt an dieſen darin an, und keine Schmeicheleien und Gefaͤlligkeiten des gewandte⸗ ren Cerrino konnten ihm dieſen Vorzug ſtreitig machen. Der Graf bemerkte die freundſchaftliche Aus⸗ zeichnung, welche Manutti ſeiner Pflegetochter bewies, mit beſonderem Vergnuͤgen, denn der allgemein anerkannte Biederſinn ſeines tugend⸗ haften jungen Freundes, war ihm die ſicherſte Buͤrgſchaft, daß nicht leicht ein Verfuͤhrer zu Dianorens Unerfahrenheit ſich hinſchleichen und ſeine freundſchaftliche Wachſamkeit taͤuſchen konn⸗ te, ſo wie ſeine guten Grundſaͤtze und ſein gebil⸗ deres Zartgefuͤhl auf Dianoren ſelbſt ſehr vortheil⸗ haften Einfluß haben mußten. So wohl und gluͤcklich ſich auch Dianora unter dieſen Umſtaͤnden in ihren neuen Verhaͤltniſſen befand, wo man von allen Seiten wetteiferte, K 2 — 148— ihr den Aufenthalt in der Reſidenz moͤglichſt an⸗ genehm zu machen, ſo konnten gleichwohl alle Herrlichkeiten des Hofes und der Stadt und der Reiz der Neuheit eben ſo wenig, als die Ergoͤtz⸗ lichkeiten und rauſchenden Zerſtreuungen, in wel⸗ che ſie hineingezogen wurde, die Erinnerungen an die Tage ihrer Kindheit und beſonders an ihren guten Vater Lorenzo in ihr verwiſchen. Immer hing noch ihr Herz mit voller kindlicher Liebe an dieſem, und ihre gegenwaͤrtige Entfer⸗ nung von ihm, ſo wie die Ungewißheit worin ſie uͤber ſein Schickſal ſchwebte, machte ihr man⸗ chen ſtillen Kummer. Oft war daher auch Lo⸗ „renzo der Gegenſtand ihrer Geſpraͤche mit Scipio und Manutti, wenn ſie an der Seite dieſer bei⸗ den edeln Freunde ſich durch ihre Erzaͤhlungen von den Tagen ihrer Kindheit in ſanfte Schwaͤr⸗ mereien verſenkte. Dieſe ſtill genaͤhrte Empfind⸗ ſamkeit aͤußerte ſich ſehr wohlthaͤtig, indem ihre Gefuͤhle durch die rauſchenden Ergoͤtzlichkeiten, die ſie umgaben nicht betaͤubt, und ſie ſelbſt von den Netzen der Verfuͤhrung bei der groͤßern Nuͤchternheit ihrer Beſinnung um ſo weniger umſtrickt werden konnte. 3 Mit jedem Tage ſtieg ihre Sehnſucht nach ihrem guten Vater, und mit zunehmender Unge⸗ duld ſahe ſie von Tage zu Tage ſeiner Ankunft entgegen, wie er ihr verſprochen hatte; aber immer vergebens. Dieſes vergebliche Warten ſo wie ſo Manches, was ſie aus des Grafen Aeuße⸗ rungen gegen ſeine Gemahlin uͤber Lorenzo er⸗ lauſcht hatte, vermehrte ihre Unruhe und Beſorg⸗ niß um ihn. Auch die Graͤfin theilte im Stillen bange Zweifel um Lorenzo mit Dianoren. So gluͤcklich ſich auch ihr Herz durch die Ruͤckkehr ihres Ge⸗ mahls fuͤhlte, ſo lag gleichwohl in demſelben eine andere Angelegenheit in ſtiller Verborgenheit be⸗ graben, welche fuͤr ſie von ungemeiner Bedeutung war und woruͤber ſie ſich einzig und allein gegen Lorenzo mittheilen und von dieſem den heißerſehn⸗ ten Aufſchluß erwarten durfte. Um ſo ſehnſuchts⸗ voller wuͤnſchte ſie daher auch, daß das Geruͤcht von ſeinem Tode luͤgen und durch ſeine baldige Ankunft widerlegt werden moͤchte; allein je laͤnger Lorenzo zöͤgerte ſein Verſprechen in ſeiner Erſchei⸗ nung zu erfuͤllen, um ſo mehr gab ſie auch die Hoffnung ſeines Wiederſehens auf. Die dadurch in ihr veranlaßte Unruhe erzeugte endlich wieder eine ſchwermuͤthige Stimmung, die ihr die ge⸗ woͤhnlichen ergoͤtzenden Zerſtreuungen immer un⸗. ſchmackhafter machte und bald von ihrem Ge⸗ mahle bemerkt wurde. Die Graͤfin trug kein Bedenken, ihm die Urſache ihrer Bekuͤmmerniß — 1350— in Bezug auf Lorenzo und deſſen Tochter mitzu⸗ theilen, wodurch ſich der Graf genoͤthiget ſahe, zu ihrer Beruhigung Pizalto's Erſcheinung bei dem Fuͤrſten und der Vermuthung zu erwahnen, daß dieſer Pizalto und Lorenzo vielleicht eine und dieſelbe Perſon waͤren. So wenig auch der Graf ſelbſt nach der Vergleichung von Lorenzo's Bilde mit Pizalto, dieſer Vermuthung noch Raum gab, ſo wahrſcheinlich ſuchte er ſie dennoch ſeiner Gemahlin zu machen, bei welcher dadurch ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung auf’s neue belebt wurde. Ihre groͤßere Hoffnung, wenn auch die auf Lorenzo's Ankunft taͤuſchen ſollte, war auf Amadeo gerichtet, an den ſie Lorenzo in An⸗ ſehung der gewuͤnſchten Enthuͤllung der ſie beun⸗ ruhigenden Raͤthſel hingewieſen hatte, wenn ihn ſelbſt der Tod an dieſer Entraͤthſelung verhindern ſollte. Aber auch dieſe Hoffnung begann zu ſinken, da eine Zeit nach der andern in leeren Erwartungen verſtrich, ohne daß die geringſte Spur von Amadev ſich zeigen wollte. So unbehaglich auch Torſo und deſſen An⸗ haͤnger durch ſo manche neuere Wahrnehmung ſich fuͤhlten, ſo erfreulich wurden ihre Bedenk⸗ lichkeiten jetzt beſeitigt, als endlich Lucillo, Cor⸗ wetti's Secretair, wirklich bei ihnen eintraf, wie beiden Bundesgenoſſen geweſen war. Ihr Muth gewandter, liſtiger und brauchbarer Schalk zeigte und alſo Corvetti's Schilderung entſprach, wußte ſie auf eine ſehr genuͤgende Art zu uͤberreden, daß ihre Angelegenheiten weit beſſer ſtuͤnden als ſie zu hoffen gewagt hatten, und die Beweiſe und Doku⸗ mente, welche er ihnen deshalb vorlegte, beſtaͤ⸗ tigten die Glaubwuͤrdigkeit ſeiner Verſicherungen vollkommen, ſo daß er mit hoher Freude von ihnen empfangen wurde. Der Inhalt dieſer von Corvetti und Riviali ausgefertigten Papiere war von ſo vieler Wichtigkeit, daß er Torſo jetzt ganz vorzuͤglich beſchaͤftigte und dieſer bis tief in die Nacht, wo er keine Beobachter und Lauſcher be⸗ fuͤrchten durfte, mit Lucillo beiſammen ſaß, um ſich von ihm uͤber das aͤußerſt Verworrene dieſer Nachrichten unterrichten zu laſſen. So ſehr auch Corvetti's und Riviali's langes Außenbleiben und ihr Stillſchweigen Torſo's und ſeiner Ver⸗ buͤndeten Verlegenheit genaͤhrt hatten, ſo ein⸗ leuchtend ſetzte ihnen jetzt Lucillo die dabei obge⸗ walteten Umſtaͤnde auseinander, welche es zur Genuͤge bewieſen, wie nothwendig und der Klug⸗ heit gemaͤß dieſes raͤthſelhafte Benehmen ihrer es Corvetti ihnen verſprochen hatte. Dieſer Lucillo, der ſich ungeachtet ſeines zuruͤckſchrecken⸗ den Aeußern als ein in allen Raͤnken aͤußerſt — 152— ſo wie ihre frohe Hoffnungen wurden dadurch neu belebt und ſie mußten Lucillo ein immer groͤ⸗ ßeres und volleres Vertrauen ſchenken, wie er es in Anſehung ſeiner aͤußerſt wichtigen geleiſteten Dienſte im vollſten Maße zu verdienen ſchien. Corvetti hatte ihnen in ſeinen ſchriftlichen Auseinanderſetzungen bewieſen, daß er die Staats⸗ angelegenheiten, welche den Grafen Montaldi nach Latago gerufen hatten, durch ſeine und ſei⸗ ner Gehuͤlfen ſchlaue Naͤnkeſucht, beſonders nach des Grafen Abreiſe von Latago, ſo arg verwirrt hatte, daß ungeachtet des ſcheinbar guten Er⸗ folgs, die gehoffte gluͤckliche Ausfuͤhrung des Ge⸗ ſchaͤftes jetzt zweifelhafter als jemals geworden fey. Er verſchwieg es ihnen jedoch nicht, daß ungeachtet des errungenen Vortheils noch man⸗ ches fuͤr ſie zu thun und fuͤr beide Partheien ppieles zu befuͤrchten uͤbrig blieb, indem der Hof von Latago jetzt ſehr unentſchloſſen ſey uͤber das, was er thun wolle, und gegenwaͤrtig ſehr vieles darauf beruhe, ihren Gegnern zuvorzukommen, und dadurch jener ſchwankenden Unentſchloſſen⸗ heit einen fuͤr ſie und ihre Abſichten guͤnſtigen Ausſchlag zu geben. Dem zufolge mußten, nach Corvetti's Verſicherung, einige andere geheime Wege eingeſchlagen und beſondere Triebwerke in Bewegung geſetzt werden, um Latago's Entſchluß ————— —j y—— 153— nach Wunſche zu leiten, was denn auch Corvetti als voͤllig rechtfertigenden Grund zu ſeiner und Riſviali's verzoͤgerter Ankunft in Yſamo angab. Err hatte ſich deshalb, wie die uͤberſchickten Be⸗ richte meldeten, mit Riviali an den Hof von Chikaro gewandt und es war bekannt, welchen vielbedeutenden Einfluß dieſer Nachbarſtaat auf Latago und deſſen Staatsverhaͤltniſſe hatte. Es war hiernach kaum noch zu bezweifeln, daß La⸗ tago alles daran liegen mußte, dieſen ſeinen viel⸗ vermoͤgenden Nachbar und Bundesgenoſſen zum Freunde zu behalten und in keiner Hinſicht ſich in anderweitige Verbindungen eigenmaͤchtig und ohne Chikaro dabei mit zu Rathe zu ziehen, ein⸗ zulaſſen, wodurch ſich ſehr leict eine nachtheilige Wirkung auf die politiſchen Verhaͤltniſſe des einen oder des andern Theiles und auf beider freund⸗ ſchaftliche Verbindung ergeben koͤnnte. Wenn man daher bei den gegenwaͤrtigen Angelegenhei⸗ ten die Abſichten des Kabinets auf eine ſolche Art deuteln konnte, daß dadurch der Schein er⸗ zeugt wuͤrde, als ob gewiſſen Gerechtfamen und Freiheiten Chikaro's Eintrag geſchaͤhe, um die⸗ ſes zu beſtimmen, ſich gegen die in Anregung gebrachte Verbindung zwiſchen Yſamo und Latago zu erklaͤren, ſo war alles fuͤr die gaͤnzliche Ver⸗ eitelung des Planes des Yſamo'er Kabinets ge⸗ wonnen. So geneigt auch Latago in ſeiner Un⸗ entſchloſſenheit vielleicht zu ſeyn ſchien, die ihm von Yſamo dargebotene Hand zur Ausgleichung der bisherigen ſtoͤrenden Mißhelligkeiten und Spannungen anzunehmen, ſo gewiß wuͤrde es alsdann auch dieſe wieder zuruͤckziehen und mit erneuerter Erbitterung ſeine alten Feindſeligkeiten gegen Yſamo ſortſetzen, wodurch dann die all⸗ gemeine Verwirrung ſehr leicht fuͤr die geheimen Anſchlaͤge der Gegenparthei konnte benutzt werden. Dieſen Plan fanden Torſo und ſeine Anhaͤn⸗ ger an ſich zwar recht gut, aber auch weit aus⸗ ſehend und im etwanigen Falle des Mißlingens ſehr gefaͤhrlich, ſo daß ſie es fuͤr rathſam erachte⸗ ten, im Hintergrunde ſtehen zu bleiben und ſich bei Zeiten einen ſichern Ruͤckzug zu decken. Aus Corvetti's Berichten ſahen ſie jedoch, daß er ſich ſchon einen bedeutenden Anhang und Einfluß zu Chikaro verſchafft und ſo gute Vortheile fuͤr ſei⸗ nen Plan gewonnen hatte, daß man das Beſte von ſeiner verſchlagenen Wirkſamkeit erwarten durfte, wenn man ihn ferner ſchalten und walten tieß, wie er ſelbſt es fuͤr rathſam faͤnde. Corpetti bedurfte jedoch thaͤtige Beihuͤlfe und vor allen Dingen beſtimmte und genaue Aus⸗ kunft uͤber die gegenwaͤrtige Lage der Sachen in Pſamo. Alles beruhete jetzt darauf, daß ihm, — 155— ſeiner Forderung gemaͤß, die noͤthigen Doku⸗ mente uͤberſchickt wurden, welche den eigentlichen Plan des ſchwarzen Bundes, nebſt dem, was bisher dafuͤr geſchehen war, in ſich hielten. Dieſe Papiere waren jedoch von ſo großer Wichtigkeit, daß man ſie nur einem Manne zur Ueberbrin⸗ gung anvertrauen durfte, von deſſen unbeſtech⸗ barer Treue und Verſchlagenheit man die uͤber⸗ zeugendſten Beweiſe hatte, und Lucillo wurde dazu einmuͤthig beſtimmt. Dieſer wußte aber durch hinlaͤngliche Gruͤnde dieſes Geſchaͤft von ſich abzulehnen und an ſeiner Stelle Cazzi vor⸗ zuſchlagen, der nach der bisher bewieſenen großen Theilnahme an den Anſchlaͤgen des ſchwarzen Bundes in jeder Hinſicht der Mann war, wie ihn Corvetti jetzt brauchte, weshalb ihn denn auch, nach Lucillo's Verſicherung, Riviali aus⸗ druͤcklich zu ſich nach Chikaro verlangt hatte. Cazzi ließ ſich unbedenklich zur Uebernahme des Geſchaͤfts bereit finden, er wurde von Torſo und deſſen Freunden mit den noͤthigen Verhal⸗ tungs⸗ und Vorſichtsmaßregeln bekannt gemacht, und reiſete mit den ihm anvertrauten Papieren nach Chikaro ab, waͤhrend Lucillo an ſeiner Stelle den durch ſeine Entfernung erledigten Poſten in dem ſchwarzen Bunde einnahm und * — 156— es ſich angelegen ſeyn ließ, Cazzi's entbehrte Mit⸗ wirkung in ſich nicht vermiſſen zu laſſen. Dianora lebte in ſorgloſer Unbefangenheit ihres guten, unſchuldsvollen Herzens gluͤcklich und zufrieden. Die zaͤrtliche Sorgfalt des Gra⸗ B fen und der Graͤfin fuͤr ſie, ſo wie die Herzlich⸗ keit des edeln Manutti, die bruͤderliche Anhaͤng⸗ lichkeit des jungen Grafen Scipio und die zu⸗ vorkommende Dienſtgefaͤlligkeit des gewandten und aͤußerſt angenehmen Cerrino ließen ihr kei⸗ nen Wunſch weiter uͤbrig, als den nach ihrem guten Vater. Um ſie uͤber ihre Zweifel und Be⸗ ſorgniſſe zu beruhigen, hatte ihr zwar die Graͤfin anvertrauet, daß man nach den Mittheilungen ihres Gemahles ſichere Nachrichten von Loren⸗ zo's Leben und Wohlbeſinden habe, ſo daß wahr⸗ ſcheinlich nur gewiſſe, ihm allein bekannte Ruͤck⸗ ſichten ihn abhielten, ihren gemeinſchaftlichen Wunſch nach ſeinem Wiederſehen zu befriedigen; 8. aber ſo feſt ſie auch dieſen Verſicherungen ver⸗ traute, ſo konnten ſie ihre Unruhe doch nicht ganzlich beſiegen, ſo lange Lorenzo nicht ſelbſt erſchien. 8. Scipio und ſein vertrauter liebevoller um⸗ gang war fuͤr Dianoren das ſchoͤnſte Beduͤrfniß ihres ſanſtfuͤhlenden Herzens geworden; ſeine — 1587— 97 innige Theilnahme an ihrem ſtillen Kummer uͤber das lange Außenbleiben des geliebten Vaters und ſeine Bitten und Vorſtellungen trugen ſehr vieles zu ihrer Beruhigung bei. Bald genug erwuchs indeſſen durch dieſe gegenſeitige Zaͤrtlichkeit und den ſuͤßen Einklang der Gefuͤhle ihrer verſchwiſter⸗ ten Herzen nach und nach jene Leidenſchaft, wel⸗ che Lorenzo's Forderungen an die Graͤfin ſchlech⸗ terdings bekaͤmpft wiſſen wollte. Bei der Auf⸗ merkſamkeit der Graͤfin uͤber Dianoren konnte ihr dieſes nicht lange verborgen bleiben; mit Schrecken ſahe ſie daher eine ſolche gegenſeitige Leidenſchaft in dem Herzen ihrer guten Kinder immer feſtere Wurzel faſſen, die ſie ſich feierlich gegen Lorenzo anheiſchig gemacht hatte, in dem erſten Emporkeimen zu unterdruͤcken. Sie uͤber⸗ zeugte ſich zugleich von den vielen Schwierigkei⸗ ten in Anſehung der Erfuͤllung ihrer Lorenzo ge⸗ gebenen Zuſage und hoffte nur dann das Gelingen ihrer Bemuͤhungen, wenn Lorenzo ſelbſt durch ſeine baldige Erſcheinung ſie unterſtuͤtzen wuͤrde. Siee erkannte nur zu ſehr, daß ein Wider⸗ ſtreben dieſe Leidenſchaft ihrer beiden Lieblinge fuͤr einander nicht allein immer mehr und mehr anfachen und beide in einer gewaltſamen Tren⸗ nung ungluͤcklich machen muͤßte, ſondern ſie fand auch zur Vermehrung ihrer Beſorgniſſe, daß ihr — 158— Gemahl jene zaͤrtliche Neigung g gegen ihre Vor⸗ ſtellungen in Schutz nahm und ſie billigte. Wenn auch Lorenzo nicht mit Pizalto eine und dieſelbe Perſon ſeyn ſollte, ſo war doch der Graf durch Lorenzo's naͤhere Bekanntſchaft und deſſen eigene und des Marcheſe Collino Mittheilungen uͤber⸗ zeugt worden, daß dieſer ehemals in ſolchen Verhaͤltniſſen geſtanden hatte, die keinen allzu⸗ großen Abſtand des Standes und der Geburt vermuthen ließen, um vielleicht hierin ein Hin⸗ derniß fuͤr Seipio's und Dianorens Wuͤnſche zu finden. Vielmehr hielt er es fuͤr Pflicht, ſich einer ſo zaͤrtlichen Zuneigung nicht zu widerſetzen, welche einzig aus Uebereinſtimmung edler Ge⸗ fuͤhle entſprang, ſich auf Tugend und Unſchuld der Herzen ſtuͤtzte und Beider ſchoͤnes Lebensgluͤck fuͤr die Zukunft feſt begruͤnden konnte. Obgleich Dianorens Ring mit dem Bilde ihres Vaters des Grafen Hoffnung in Anſehung der Aehnlichkeit mit Pizalto wenig befriedigt hatte, ſo trugen gleichwohl die neuerdings ein⸗ geleiteten Unterſuchungen der Umſtaͤnde, welche einſt Pizalto gewaltſam aus ſeinem Wirkungs⸗ kreiſe verbannt hatten, dazu bei, deſſen Ver⸗ muthungen von dieſer Seite neue Nahrung zu geben. Pizalto's Rang kam dem ſeinigen ziem⸗ lich gleich, und wenn auch auf dieſem ungaie. — 159— lichen Pizalto ſeit geraumer Zeit die Anklage ſchwerer Schuld gelaſtet und dieſe ihn zum Ge⸗ genſtande harter Verfolgung gemacht hatte, ſo fanden ſich jetzt durch wiederholte ſorgfaltige Un⸗ terſuchungen in dieſer Sache Beweiſe, welche Collino's Aeußerung uͤber ihn beſtaͤtigten und es immer deutlicher darlegten, daß Pizalto der edelſte Patriot und der eifrigſte Beſchuͤtzer des Vaterlandes geweſen und blos als das ſchmach⸗ volle Opfer geheimer Kabalen gefallen war, ſo daß er gerechte Anſpruͤche hatte auf die ausge⸗ zeichnetſte Entſchädigung fuͤr jahrelange Leiden und unverſchuldetes ſchmachvolles Ungluͤck. Unter ſolchen Umſtänden konnte der Graf um ſo weniger den reinen Abſichten ſeines Soh⸗ nes auf Dianoren ſeinen Beifall verſagen, da er ſich immer ſtaͤrker uͤberzeugte, daß Seipio keine wuͤrdigere und edlere Gattin fuͤr das kuͤnf⸗ tige Gluͤck ſeines haͤuslichen Lebens waͤhlen konnte, als dieſes liebenswuͤrdige und in jeder Hinſicht vortrefliche Maͤdchen. Schon vor ſeiner Abreiſe nach Latago hatte der Graf Anſtalten dazu getroffen, daß ſein Sohn nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr einige auswaͤrtige Hoͤfe und fremde Laͤnder beſuchen ſollte; hierin erblickte die Graͤfin das beſte Mittel, die Leidenſchaft in Scipio's und Dianorens Herzen durch eine baldige Trennung — 4160— zu entkraͤften, und um ſo mehr ſuchte ſie daher ihren Gemahl durch dringende Vorſtellungen zu vermoͤgen, dieſen fruͤhern Plan auszufuͤhren. Scipio ſtraͤubte ſich jedoch gegen eine ſolche Trennung von der geliebten Dianora ſo ſehr, daß der Graf ſeinen Bitten nachgab, die Aus⸗ fuͤhrung ſeines Entſchluſſes nsch einige Zeit auf⸗ zuſchieben. Die Graͤfin gerieth dadurch in die groͤßte Ber⸗ legenheit. Zur Unterſtuͤtzung ihrer Bemuͤhung3en hatte ſie ihren Gemahl in genaue Kenntniß von— Lorenzo's Forderungen in Anſehung ſeiner Toch⸗ ter geſetzt und ihn mit dem feierlichen Verſpre⸗ 8 hhen bekannt gemacht, das ſie zur Erfuͤllung ſei⸗ nes vaͤterlichen Willens ihm abgelegt hatte; aber der Graf war ſehr wenig geneigt, ſich dadurh auf andere Meinung bringen zu laſſen. Er fand Lorenzo's ſtrenge Forderung hoͤchſt ſonderbar und konnte ihn ſich durch keinen andern Grund erklaͤ⸗ ren, als in Ruͤckſicht auf den Schein von ſchwerer Schuld, der auf dem ungluͤcklich Verfolgten laſtete. Da aber jetzt zufolge des Ganges der erneuerten Unterſuchunge n der Umſtaͤnde, durch die einſt der Ungluͤckliche gefallen war, die Zeit nicht ferne zu ſeyn ſchien, wo Pizalto's Unſchuld anerkannt und er durch oͤffentliche Blaͤtter zu Ruͤckkehr nach Dſam aufgefordert werden 1 ſo erkannte der Graf in Lorenzo's Forderung Sollten aber deſſen Ruͤckſichten gegen Vermuthen auf andern und wichtigern Beweggruͤnden be⸗ ruhen, ſo meinte der Graf, koͤnne er ſelbſt auf⸗ treten und dieſe darlegen, und es koͤnne vielleicht gerade das Widerſtreben gegen Lorenzo's vaͤter⸗ lichen Willen eine Veranlaſſung fuͤr jenen wer⸗ den, ſeine und ſeiner Gemahlin Wuͤnſche und Hoffnungen zu befriedigen und aus dem Dunkel ſeiner Verborgenheit hervorzutreten. Schon dieſe Hoffnung waͤre fuͤr den Grafen hinreichend geweſen, ſich Lorenzo's Forderung in Anſehung ſeiner Tochter zu widerſetzen, da ihm ungemein viel daran lag, ihn wieder zu ſehen. Seine Vorſtellungen beruhigten endlich die Graͤfin uͤber ihre Bedenklichkeiten, da ſie ſelbſt der Meinung war, daß unter den gegen⸗ waͤrtigen Umſtaͤnden, wo ſich Alles fuͤr die bal⸗ dige Anerkennung der Unſchuld Pizalto's oder Lorenzo's vereinigte, dieſer kein Bedenken tragen wuͤrde, von ſeinem fruͤhern Verlangen abzulaſſen. Zudem glaubte ſie durch ihre bisherige Wider⸗ ſetzlichkeit alles gethan zu haben, was Lorenzo wegen Erfuͤllung ihres Geluͤbdes von ihr ver⸗ langen konnte, indem ſie gegen den feſten und unbiegſamen Willen ihres Gemahls nicht weiter II. L keinen guͤltigen Grund, ſich darnach zu fuͤgen. * „ —————, 4— —— denn endlich ihrem Gemahle, nach eigener Ueber⸗ zeugung zu handeln und ſich in der Folge bei Lorenzo daruͤber zu rechtfertigen, wenn dieſer ſpaͤterhin ſich zeigen ſollte. Scipio und Dianora durften ſich jetzt unge⸗ ſtoͤrt den ſanften Gefuͤhlen ihrer liebenden Her⸗ zen und den Freuden ihres traulichen Umganges hingeben. Beide konnten ſich auf die Unſchuld und Reinheit ihrer Geſinnungen verlaſſen, und vorzuͤglich glaubte Dianora vor jeder tadelnswer⸗ then Verirrung des Herzens durch den Talisman an ihrem Finger vollkommen geſichert zu ſeyn. Dieſer Ring ſollte nach ihres Vaters Erklaͤrung ihre Tugend ſchuͤtzen und ſein Andenken immer neu und lebendig in ihr erhalten; ihre beſtaͤndige Beſchaͤftigung mit demſelben vergegenwaͤrtigte ihr die Ermahnungen ihres guten Vaters eben ſo ſehr, als ſie ihren Entſchluß befeſtigte, dieſen Lehren und Vorſchriften ſtets treu zu leben und zu handeln und ſich niemals von dem ſchoͤnen Pfade der Tugend und Unſchuld zu entfernen, auf wel⸗ chem ſie jetzt ſo gluͤcklich wandelte.. Ihre Aufmerkſamkeit war durch die fruͤher geaͤußerten Bedenklichkeiten der Graͤfin jetzt in einem vorzuͤglich hohen Grade auf ihren Ring gerichtet. Lorenzo hatte ihr geſagt, daß dieſer ankaͤmpfen konnte. Auf dieſe Art uͤberließ ſie es —— —-——— 163 Ring weſentlichen Bezug auf ſie und auf ihr Inneres habe, und daß er ſie bei vorkommenden Faͤllen auf etwanige Verirrungen ihres Herzens aufmerkſam machen wuͤrde. So ſorgſam ſie ihn jetzt beobachtete, ſo konnte ſie gleichwohl nicht die geringſte Veraͤnderung daran entdecken, welche ihr einige Unzufriedenheit ihres Vaters mit ihr und mit ihrer Zuneigung fuͤr Scipio verrathen haͤtte. Der Glanz der Steine, der nach Lorenzo's Verſicherung in eben dem Grade verbleichen ſollte, als ſich der reine Spiegel ihres Herzens truͤben wuͤrde, war noch immer ſo rein und klar, als bei dem Empfange des Ringes. Freundlich und mit dem Ausdrucke der Zufriedenheit laͤchelte ihr das Bild des geliebten Vaters zu und kein Zug von Unwillen war in ſeinen Mienen zu entdecken. Unmoͤglich konnte ſie glauben, daß ihr Vater ihr mehr von der Kraft dieſes Ringes geſagt habe, als wirklich darin enthalten ſey; ſie vertrauete daher feſt auf die geheime Kraft dieſes Talismans und fand ſich um ſo weniger veranlaßt, ihrem liebenden Herzen einigen Zwang außzulegen. Bald genug wurde ſie jedoch auf eine ganz eigene Weiſe daran gemahnt. Um den Ring deſto beſſer vor etwanigem Schaden zu ſichern, verwahrte ſie ihn auf An⸗ rathen ihrer muͤtterlichen Freundin an jedem mal, ehe ſie ſich zur Ruhe begab, ſich nochmals mit ihm beſchaͤftigte und ſich der Liebe ihres guten Vaters empfahl. Als ſie einſt ſpaͤt am Abenhe aus einer traulichen Unterhaltung mit Scipio und Manutti heiter und gemuͤthlich auf ihr Zimmer kam, zog ſie auch diesmal ihren Ring hervor, um ſich in ſuͤßen Schwaͤrmereien ihres kindlichen Herzens wie gewoͤhnlich mit ihm zu unterhalten; aber ihr ſchreckenvolles Erſtaunen war uͤber allen Ausdruck, als ſie eine gaͤnzliche Veraͤnderung an ihm gewahrte. Das Bild ihres Vaters war verſchwunden, und an deſſen Stelle ſahe ſie jetzt ein leichtes Schiff auf ungeſtuͤmer See den tobenden Wellen Preis gegeben; naͤcht⸗ liche Finſterniß umhuͤllte den Horizont und flam⸗ mende Bllttze zuckten daruͤber hin und ſchienen dem leichten Fahrzeuge den Untergang zu bereiten. 85 Bleich und vor Schrecken ſtarr, einer Bild⸗ faͤule aͤhnlich, ſtand Dianora da und ſtaunte ver⸗ wirrt die furchtbare Verwandlung an, als ſich ploͤtzlich die hohlen Toͤne einer unſichtbaren Stimme leiſe zu ihrem Ohr hinſtahlen und ſie aus ihrer Betaͤubung aufſchreckten:„Der Sturm der Mitternacht huͤllt die Natur in Trauer, und unter dem wilden Tumulte der Leidenſchaft ver⸗ 3 Abende in ihrem Schreibtiſche in einem beſon⸗ ders verſchloſſenen Kaͤſtchen, wo ſie dann jedes⸗ welkt die zarte Pflanze innern Gluͤcks!“ So ſtuͤſterten die Worte leiſe ihr zu; ſie glaubte die Stimme ihres Vaters zu bemerken, und von Furcht und Grauſen erfuͤllt, ſtuͤrzte ſie bleich und verſtoͤrt in das Zimmer der Graͤfin, die ſich eben mit ihrem Gemahl uͤber Dianoren und Scipio beſprach. Die Graͤfin bebte bei Dianorens Anblicke zu⸗ ruͤck;„Guter Gott! was iſt Dir widerfahren?“ rief ſie ihr erſchrocken entgegen; allein außer ſich vor Schrecken vermochte Dianora kaum zu lallen. „Mein Ring!“ rief ſie ſtammelnd, indem ſie der Graͤſin den Ring entgegen hielt und in hef⸗ tiger Bewegung an ihren Buſen ſank. Weder die Graͤfin noch ihr Gemahl konnten ſich dieſen Auf⸗ tritt eher erklaͤren, als bis es ihren gemeinſchaft⸗ lichen Bemuͤhungen gelungen war, Dianorens heftige Gemuͤthsbewegung in ſo fern zu mildern, daß ſie ſich zuſammenhaͤngender daruͤber mitthei⸗ len konnte. Beide waren bei Dianorens Erzaͤhlung unge⸗ mein uͤberraſcht und außer Stande, ſi ſich den na⸗ tuͤrlichen Juſammenhang dieſer wunderbaren Um⸗ geſtaltung des Ringes zu erklaͤren. Es war kaum noch einem Zweifel unterworfen, das dieſe Ver⸗ „ änderung des Gemaͤldes Lorenzo's Werk ſey, und eben ſo leicht konnte man ſich vorſtellen, was — 266— tige ſinnvolle Bild des Ringes ließ aͤußerſt be⸗ denkliche Dinge befuͤrchten und mahnte die Graͤ⸗ Verſprechen. Sie machte ſich jetzt ſelbſt bittere Vorwuͤrfe daruͤber, daß ſie nicht ſtrenger auf der Erfuͤllung deſſeiben beharrt hatte, und nahm ſich um ſo mehr vor, den begangenen Fehler beſt⸗ moͤglichſt wieder gut zu machen und Lorenzo des⸗ halb wieder mit ihr auszuſoͤhnen... Der Zuſtand worin ſich Dianora gegenwaͤr⸗ tig befand, erforderte jedoch die groͤßte Schonung und Theilnahme.„Der Friede meines Herzens iſt dahin!“ klagte ſie in heftiger Bewegung in gute Mutter! der zuͤrnende Geiſt meines Vaters von mir gewichen, ich bin ein nngluͤckliches Maͤdchen!“ Vergebens vereinigte ſich der Graf mit den Vorſtellungen und Ermahnungen ſeiner Gemah⸗ lich zu machen, daß bei dieſem raͤthſelhaften muͤßte, den ſie bemuͤht ſeyn wuͤrden zu entdecken. dieſer dadurch andeuten wollte. Das gegenwaͤr⸗ ſin mit verſtaͤrktem Nachdrucke an ihr gegebenes den Armen ihrer muͤtterlichen Freundin,„ach umſchwebt mich! ſeine Liebe iſt mit ſeinem Bilde lin, um Dianoren zu beſaͤnftigen und ihr begreiff Creigniſſe ein feiner Betrug zu Grunde liegen Dianora war zu feſt von dem Gegentheile uͤber⸗ zeugt, als daß dieſe Vorſtellungen den gewuͤnſch⸗ ten Eindruck haͤtten auf ſie machen ſollen. Sie hatte noch vor wenigen Stunden, ehe ſie den Ring verſchloß, ihn in ſeiner vorigen Geſtalt geſehen, der Schluͤſſel zu ihrem Schreibetiſche war nicht vermißt worden, wie haͤtte da wohl ein Betrug oder eine frevelhafte Veruntreuung Statt finden moͤgen? In Erwaͤgung mancher aͤhnlicher wunderbarer Vorfaͤlle waͤhrend ihres Aufenthaltes bei Lorenzo, konnte die Graͤfin Dianorens Glauben an die Wunderkraft ihres Vaters nicht widerſprechen, jedoch war der Graf hieruͤber ganz anderer Mei⸗ nung, und konnte ſeinen Unwillen uͤber dieſe Spiegelfechterei nicht bergen. Obgleich er den wahren Zuſammenhang dabei fuͤr den Augenblick nicht zu erkennen vermochte, ſo war er dennoch vollkommen uͤberzeugt, daß hierbei wirklich nur eine feine Taſchenſpielerei zu Grunde liege, die Lorenzo's Leben und deſſen Naͤhe eben ſo ſehr außer Zweifel ſetzte, alsdaß irgend Jemand von ſeiner Bedienung dabei mußte mitgewirkt haben. Er ließ daher ſeine ſaͤmmtliche Dienerſchaft ein⸗ zeln vor ſich kommen und ſtellte die ſtrengſte Unterſuchung an, um den Schuldigen zu ent⸗ decken. Sein Verdacht ſiel anfangs vorzuͤglich auf Carlo, da dieſer ſeinem eigenen Geſtaͤndniſſe zufolge, ſich ſchon fruͤher als Gehuͤlfe bei aͤhn⸗ gebrauchen laſſen. Dieſer betheuerte jedoch feier⸗ lich, daß er keinen Antheil an den jetzigen Ereig⸗ niſſe habe und daß er ſeine ehemalige gutmuͤthige Bereitwilligkeit fuͤr dergleichen Huͤlfleiſtungen viel zu ſehr bereue, als daß er ſich jemals wieder dazu verſtehen wuͤrde; auch bewies er dem Gra⸗ fen, daß er in den Stunden, wo die Verfaͤlſchung des Ringes vorgefallen ſeyn mußte, mit Fallo mit einigen haͤuslichen Arbeiten beſchaͤftigt gewe⸗ ſen war, ſo daß ihn der Graf von dem Verdachte völlig freiſprechen mußte. Eben ſo wenig als dieſen fand der Graf bei der fortgeſetzten Unter⸗ ſuchung einen andern von ſeinen uͤbrigen Leuten der Theilnahme und Mitwirkuͤng verdaͤchtig, da alle Umſtaͤnde hinlaͤnglich ihre Unſchuld beſtaͤtig⸗ ten. Der Einzige, auf welchem vielleicht noch einiger Verdacht haften konnte, war Albero, der alte ehrwuͤrdige Rechnungsfuͤhrer des Grafen, der nur erſt ſeit ſeiner Zuruͤckkunft in die Reſi⸗ denz in ſeine Dienſte getreten, ihm aber als ein durchaus rechtlicher und kenntnißreicher Mann 4 3 empfohlen worden war, ſo daß der Graf dieſen ernſten und ſtillen arbeitſamen Mann kaum einer Theilnahme an dem Vorfalle faͤhig hielt, da er eine ungetheilte Aufmerkſamkeit ſeinen Arbeiten widmete. Ueberdieß wußte man, daß Albero lichen raͤthſelhaften Vorfaͤllen von Petardo hatte 3 3 3 3 169— ſchon ſeit einigen Tagen kraͤnklich vevefn war, un waͤhrend dieſer Zeit, wo der Vorfall ſich reignete, das Zimmer nicht verlaſſen hatte. A konnte auch gegen dieſen kein Argwohn ſtatt finden. Auf Dianoren hatte dieſe Schreckensſcene einen ſo nachtheiligen Eindruck gemacht, daß ſie mehrere Tage das Bette nicht verlaſſen konnte und der herbeigerufene Arzt alle Muͤhe anwenden mußte, dem Ausbruche eines heftigen Fiebers vorzubeugen. Ihre erhitzte Phantaſie war un⸗ aufhoͤrlich mit ihrem erzuͤrnten Vater und mit ihrem Ringe beſchaͤftigt, und in jedem leiſen Geraͤuſche fuͤrchtete ſie die unſichtbare Annaͤherung ihres Vaters und einen aͤhnlichen erſchütkernden Zuruf von ihm zu vernehmen. Der Graf und die Graͤfin, ſo wie vorzuͤglich auch Scipio und Manutti waren aͤußerſt bekuͤm⸗ mert um ſie, und wandten vergebens alle Muͤhe zu ihrer Beruhigung an. Beſonders wirkte Scipio's Anblick auf eine eigene Art auf ſie; ſo ſehr ſie auch mit Liebe an dem guten edeln Juͤng⸗ linge hing, ſo bebte ſie dennoch ſtets erſchuͤttert zuſammen, wenn er zu ihr hereintrat, da ſie ihren beiderſeitigen liebevollen Umgang als die einzige Urſache des Zornes ihres Vaters betrach⸗ ten mußte. Sie war durch das Geſchehene ſo — 170— 4⁴ aͤngſtlich und ſchuͤchtern gemacht worden, daß ſie es kaum wagte ihn anzublicken, und daß ſie jede freundliche Annaͤherung von ihm fuͤr ſtrafbar hielt, ſo wenig ihr Inneres ihr auch etwas Schuld gab, woruͤber ſie haͤtte Reue empfinden koͤnnen. Ihre muͤtterliche Freundin, die Graͤſin, die nur ſelten von ihr kam und jede ihrer Phan⸗ taſteen ſorgſam beobachtete, erkannte die Noth wendigkeit, die heftigen Erſchuͤtterungen, welche der Anblick ihres Sohnes in ihr wiederholt er⸗ regte, von der Kranken entfernt zu halten. So ſehr ſich auch Scipio mit allem Feuer der Leidenſchaft ſtraͤubte, Dianoren nicht ſehen zu duͤrfen, ſo mußte er ſich endlich dennoch fuͤgen, da dieſe ſelbſt, obgleich mit einer gewaltſamen Anſtrengung, welche ſehr deutlich von dem ſchwe⸗ ren Kampfe mit ihrem Herzen zeigte, ihre Bit⸗ ten deshalb mit den Bitten und Vorſtellungen ſeiner Mutter vereinigte. Inniger und traulicher als jemals ſchloß ſich jetzt der arme liebende Juͤng⸗ ling in der Groͤße ſeiner ſchwermuͤthigen Gefuͤhle, an ſeine beiden Freunde Manutti und Cerrino an, von deren herzlicher Theilnahme er einigen Erſatz fuͤr die ſchmerzvolle Entfernung von der geliebten Dianora erwarten konnte. 3 Cerrino hatte ſchon laͤngſt voll Neid und ver⸗ ſchloſſenem Groll den Vorzug bemerkt, welchen Dianora dem jungen Grafen Montaldi in ihrem Herzen ſchenkte; er erkannte in ihm ſeinen ge⸗ 8 faͤhrlichſten Nebenbuhler, und fo wenig er ſich auch in Anſehung ſeiner Gefuͤhle fuͤr Dianoren Scipio gleichſtellen konnte, da er gewohnt war, mehr das Geſchlecht als die Perſon bei ſeinen Liebſchaften zu beruͤckſichtigen, ſo kraͤnkte es gleichwohl ſeinen Stolz, daß er, als entſchiedener Liebling der Damen, hier einen Andern ſich vor⸗ gezogen ſehen und Spoͤttereien ausgeſetzt ſeyn ſollte, womit man ihn in Geſellſchaften uͤber Dianorens Kaltſinn neckte. Deshalb hatte er ſchon laͤngſt im Stillen auf Mittel gedacht, ſeinen beguͤnſtigteren Nebenbuhler zu verdraͤngen, und ſeine ſtillgenaͤhrten Abſichten auf Dianoren zu erreichen. Um ſo erwuͤnſchter kam ihm daher auch die ſonderbare Geſtaltung der Dinge fuͤr ſei⸗ ne eigenen Plane auf Dianoren, ſo daß er Muͤhe anwenden mußte, ſeine Freude daruͤber nicht zu verrathen. Mit der ihm eigenen Gewandheit ſuchte er jetzt unter der Maske der freundſchaftlichſten Theilnahme von Scipio's Vertrauen Vortheil zu ziehen, was ihm bei ſeiner geuͤbten Schlau⸗ heit und Verſtellung nicht ſchwerfallen konnte. Indem er ſich mit allen Nebenum ſtaͤnden durch Scipio bekannt machen ließ, benutzte er vor ; allen Dingen deſſen Widerwillen gegen Lorenzo, um dieſen als einen ſehr gefaͤhrlichen Gaukler verdaͤchtig zu machen, der vielleicht unter dem Scheine wohlwollender Theilnahme den Grafen in tiefverſteckte Plane zu ſeinem und ſeiner Fa⸗ milie Verderben verſtrickte. Er wußte durch ſeine ſchlaue Beredſamkeit den einzelnen vorge⸗ fallenen Ereigniſſen eine folche D eutung zu geben wodurch wirklich der Verdacht erhoͤhet wurde, daß Lorenzo durch ſeine Abenteuerlichkeit den Grafen nur habe an ſich ziehen und ihn durch ſeinen ſcheinbaren Schutz gegen feindſelige An⸗ griffe ſicher machen wollen. Dianora konnie ſeiner Meinung nach wohl ſelbſt, ohne es zu wiſſen, durch ihre gegenwaͤrtige Anweſenheit in dem graͤflichen Hauſe und durch die ihr einge⸗ raͤumten Kindesrechte fuͤr die verſteckten gefaͤhr⸗ lichen Plane ihres Vaters wirken. Wenn ſie auch keinen Antheil an den Dingen hatte, welche ihren Vater, wahrſcheinlich von ſchwerer Schuld belaſtet, noͤthigten, ſich hinter ſeine Abenteuerlich⸗ keit und Verborgenheit zu verſchanzen, ſo mußte es dennoch in vieler Hinſicht bedenklich ſeyn, ſich mit der Tochter eines ſolchen Mannes in ſo enge Verbindung einzulaſſen; denn wie leicht koͤnnte in der Folge Schmach und Schande uͤber die edle Familie Montaldi kommen, wenn viel⸗ leicht der Schleier von Lorenzo's Mummerei hin⸗ weggezogen und er in ſeiner ſtrafbaren Blöͤße dargeſtellt wuͤrde. Cerrino vermochte zwar nicht, durch dergleichen Eroͤrterungen den jungen Gra⸗ fen von der Wahrheit ſeiner Vermuthungen zu aͤberzeugen, aber es gelang ihm dennoch, ihn dahin zu bringen, daß er ſich, Dianorens eige⸗ nem Willen gemaͤß, auf einige Zeit von ihr ent⸗ fernt halten und ihn fuͤr ſich handeln laſſen wollte. Err gelobte ihm, ſich ſelbſt naͤher und vertrauen⸗ voller an Dianoren anzuſchließen, um ſie offen⸗ herziger gegen ſich zu machen und ſie uͤber ihre und ihres Vaters Verhaͤltniſſe auszuforſchen, und hiernach das Nothige zu beſchtishen. Scipio kaͤmpfte jetzt einen Varten Kampf mit ſeinem Herzen, das mit voller Zaͤrtlichkeit fuͤr die geliebte Dianora ſchlug; ſein biederer Freund Manutti war ſeine kraͤftigſte Stuͤtze. Dieſer redliche Freund konnte den ihm mitgetheilten Aeußerungen Cerrino's uͤber Lorenzo und ſeine Tochte unmoͤglich beiſtimmen, und dachte zu edel, als daß er zur Beguͤnſtigung ſeiner eigenen zaͤrt⸗ lichen Zuneigung fuͤr Dianoren, gegen ſeinen Nebenbuhler ſo wie Cerrino verfahren ſollte. Vielmehr ließ er es ſich angelegen ſeyn, Seipio zu deſſen Beruhigung auf jede Art zu Huͤlfe zu tigen Ereigniſſe zu erfuͤllen. Cerrino hatte durch ſeine vorigen Aeußerungen bei Manutti zu gro⸗ ßen Verdacht gegen ſich ſelbſt erregt, als daß er ihn bei ſeiner Klugheit und Scharfſicht nicht haͤtte durchſchauen ſollen; deſſen Abſichten auf Dianoren waren ihm nicht fremd geblieben, und daher beſchloß er um ſo ernſtlicher, ihn ſcharf zu beobachten aun läned erhöhrungavinien ent⸗ gegen zu handeln. Dianora befand ſich mit Scipio in einem ſchweren Kampfe. Sie 5 den biedern Juͤng⸗ ling mit vieler Innigkeit, d gleichwohl hatten es ihr die Verwandlung i ihres Ringes und die Schreckenswarnung ihres erzuͤrnten Vaters zur Pflicht gemacht, ihrem Herzen Zwang auf⸗ zulegen, um einer ihr angedeutenden drohen⸗ den Gefahr zu entgehen. Jetzt wo ſie den Um⸗ gang des Geliebten miſſen mußte, fuͤhlte ſie es erſt ganz, wie theuer und unentbehrlich er ihr geworden war und wie ſehr ſie zu beſorgen hatte, im Kampfe mit ihrem Herzen zu unterliegen. Sichtbar welkte die holde Jugendbluͤthe ihrer Schoͤnheit immer mehr dahin, und der tiefe Gram, der an ihrem armen Herzen nagte, ſprach ſo deutlich aus ihren Zuͤgen, daß ihre elterlichen kommen und ihn mit Vertrauen auf die Zukunft und auf einen gluͤcklichen Ausgang der gegenwaͤr⸗ 8 K K Freunde ſtets bedenklicher und unruhiger daruͤber wurden. Manutti und Cerrino waren gegenwaͤrtig ihre einzigen Geſellſchafter, wovon Jeder auf eigene Art ſie zu zerſtreuen und zu beruhigen ſuchte. Beſonders war die ungekuͤnſtelte warme, biederherzige Theilnahme des edlen Manutti, ſo wie ſeine liebevolle Sorgfalt fuͤr die Beſtegung ihrer aͤngſtlichen Bekuͤmmerniſſe ihr ſchoͤnſter Troſt. Um ſo mehr ſcheiterten daher auch Cer⸗ rino's Bemuͤhungen, mit der ganzen Liebenswuͤr⸗ digkeit ſeines Betragens ſeinen geheimen Plan zu verfolgen. Dianora war zu verſtellungslos, um es verbergen zu koͤnnen, wie wenig ſie Wil⸗ lens war, ſeine Bewerbungen um ihre Gunſt durch eine groͤßere Annaͤherung zu unterſtuͤtzen, und wie ſehr ihr Herz dem edeln und zartfuͤhlen⸗ den Manutti den Vorzug gab; dieſem naͤherte ſie ſich immer inniger und vertrauenvoller, waͤh⸗ rend ſie den ſchmeichleriſchen Cerrino nur mit kalter Hoͤflichkeit behandelte. Cerrino knirſchte vor geheimem Ingrimm, als er ſeine Bemuͤhungen, ſich in Dianorens Herz einzuſchleichen, ſcheitern und dieſen Manutti ſo beguͤnſtiget ſahe; ſeine Rache war jetzt im Stillen auf ihn gerichtet. Er war jedoch nicht der Mann, der bei ſeinen Planen auf halbem Wen. ſtehen 4 blieb; je groͤßere Schwierigkeiten er dagegen fand, deſto hartnaͤckiger beharrte er auf ihrer Aus⸗ fuͤhrung. Er hatte es ſich nun einmal feſt vor⸗ genommen, Dianorens Kaltſinn zu beſiegen, da es fuͤr ſeinen Stolz unertraͤglich war, daß dieſes ſchoͤne Landmaͤdchen mit ihrer kunſtloſen Unbe⸗ fangenheit ſeine Eroberungskuͤnſte zu Schanden machen ſollte. Die Hinderniſſe, welche Diano⸗ rens Sproͤdigkeit ſeinen Abſichten entgegen ſtellte, entflammten ihn nur zu deſto groͤßerer Leiden: ſchaftlichkeit, und ſorgfaͤltig ſuchte er zu erfor⸗ ſchen, von welcher Seite Dianora am beſten zu gewinnen ſeyn moͤchte. Mit aller Argliſt ſeines doͤſen Herzens war er zunaͤchſt darauf bedacht, Scipio mißtrauiſch gegen Manutti und gegen 5 Dianoren zu machen, um deſſen Freundſchaft fuͤr Manutti zu trennen und ihn in der Folge zu Uebereilungen zu verleiten, aus welchen er allein den erwuͤnſchten Vortheil zu ziehen hoffte. Dem zufolge bot er ſeine ganze argliſtige Kunſt auf, um Alle ſo ſehr in die feinen Gewebe derſelben zu verſtricken, daß am Ende Keiner mehr wiſſen konnte, wie ſie zuſammen ſtanden. Voll Unruhe lag Dianora in einer Nacht in leichten Schlummer auf ihrem Lager, nachdem ihre Kammerfrau nur erſt ſo eben ihren dringen⸗ 5* gen Aufforderungen zufolge, ſich in dem Neben⸗ — 1277— ein Geraͤuſch in ihrer Naͤhe aus ihrem leiſen Schlafe aufgeweckt wurde. Schuͤchtern ſchob ſie die Gardinen zuruͤck und blickte forſchend umher, und wie heftig war ihre Ueberraſchung, als ſie † die ehrwuͤrdige Geſtalt ihres Vaters an ihrer Seite ſtehen ſahe. an, indem er ihr laͤchelnd die Hand reichte,„ich komme Dein Herz mit Ruhe und Troſt zu er⸗ fuͤllen.“ „Huſt Du mir verziehen?“ fragte Dianora 3 mit ſchwankendem Tone. Lorenzo. Ich habe Dir nur ſehr wenig zu verzeihen, denn Du fehlteſt nicht mit Vorſatz. Du kannteſt die Groͤße und das Gefaͤhrliche der Verirrung Deines Herzens nicht, und nur mit Deinen Erziehern koͤnnte ich zuͤrnen, daß ſie daſſelbe nicht beſſer vor dieſer Verirrung ver⸗ wahrten, und daß ſie mich dadurch zu ſo gewalt⸗ ſamen Mitteln zwangen, Dich auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, die Dir drohete. So ungemein Leid es mir auch that, daß ich Dir die gewaltſame Erſchuͤtterung zum großen Nachtheil fuͤr Deine Geſundheit nicht erſparen konnte, ſo große Freude gab mir die Bemerkung, daß Du Dich willig finden ließeſt, die Warnung Deines II.. M —e, zimmer zur Ruhe begeben hatte, als ſie durch „Willkommen liebe Tochter!“ redete er ſie — 178— Vaters zu befolgen und Dich ſeiner Liebe und Sorge fuͤr Dein Gluͤck wuͤrdig zu zeigen. Dianora. Ach guter Vater, wie viele Leiden mußte ich ſeit dieſer Warnung durch die raͤthſelhafte Veraͤnderung meines Ringes dulden! Lorenzo. Ich bin von allem ganz genau unterrichtet. Ungeſehen von Dir, bin ich Dir dennoch ſtets nahe geweſen; aber die Nothwen⸗ digkeit beugte meinen Willen; denn Du mußteſt eine Leidenſchaft in Deinem Innern beſiegen ler⸗ nen, die Dich fuͤr Dein ganzes Leben unvermeid⸗ lich hoͤchſt elend machen und Dir endloſtn Jam⸗ mer bereiten wuͤrde. Dianora. Du erſchreckſt mich. Iſt meine Liebe nicht rein und ſchuldlos? darf ich denn den guten Scipio, den Du ſelbſt mir zum Freunde gabſt, nicht lieben, mich nicht in ſeiner Liebe begluͤckt fuͤhlen? Lorenzo. Seipio iſt edel und gut und Deiner Freundſchaft und Achtung ſehr wuͤrdig; ich gab ihn Dir ſelbſt zum Bruder, und als ſolchen magſt Du ihn ſtets mit ſchweſterlicher Herzlichkeit lieben. Aber jedes Gefuͤhl, das uͤber die Grenze ſchweſterlicher Zuneigung hinaus⸗ geht, macht Dich zur Verbrecherin und giebt Dich ohne alle Rettung den groͤßten Schreck⸗ niſſen eines hoͤchſt bemitleidenswerthen Elendes * Preis.— Gute Tochter, ich weiß wie ſehr Dein Herz an dieſem edeln Juͤnglinge haͤngt, ich weiß wie ſehr ſich ein gutes tugendhaftes Maͤd⸗ chen als Gattin deſſelben gluͤcklich preiſen muß; kannſt Du daher wohl glauben, daß ich mich jemals dazu wuͤrde veranlaßt fuͤhlen, Dir dieſes ſchoͤne Gluͤck zu rauben und den Bund eurer bei⸗ der Herzen zu trennen, wenn mich nicht die allerdringendſten Gruͤnde dazu zwaͤngen? Mein Herz blutet, indem ich Dich von Deinem Juͤng⸗ linge losreißen muß, aber uͤber uns waltet ein unbeugſames Fatum, und gezwungen muß ich ſeiner Fuͤgung folgen.. Dianora. Du ſprichſt mir Raͤthſel guter Vater. Was koͤnnte Dir denn einen ſo furcht⸗ baren Zwang auflegen? Lorenzo. Ein feierliches Geluͤbde bindet meine Zunge; ich muß gegen Dich ſchweigen und es der Zeit uͤberlaſſen, mich von dieſem Still⸗ ſchweigen zu entbinden. Jedoch ſey verſichert, liebe Tochter, daß Dinge von der aͤußerſten Wich⸗ tigkeit meine Handlungsweiſe gegen Dich und Deine unſelige Leidenſchaft beſtimmen. Dianora. Unſelig nennſt Du dieſe Leiden⸗ ſchaft, da Du doch ſelbſt erklaͤrteſt, daß die Lieb zu dem edeln Scipio ein gutes tugendhaftes Maͤdchen an ſeiner Seite begluͤcken wuͤrde? M 2 — 18⁰0— Lorenzo. So ſagte ich. Aber deſſen un⸗ geachtet darf Scipio unter keinen Umſtaͤnden Dein Gatte werden; Du mußt jeden Gedanken an ſeinen Beſitz aus Deinem Herzen reißen und wenn es daruͤber verbluten ſollte. Wenn Vater und Mutter ſich mit Scipio zu Gunſten ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich vereinigten und gegen meinen Willen Dich zum Altare fuͤhrten, ſo muͤßte ich Dich noch an den Stufen deſſelben von ihm hinwegreißen und einen Bund trennen, der dem Himmel ein fluchwuͤrdiger Greuel ſeyn wuͤrde. Selbſt wider Deinen Willen wuͤrde ich den Segen des Prieſters zuruͤckhalten muͤſſen, der ſich nur in Fluch umwandeln koͤnnte; doch ſo weit wirſt Du es nicht kommen laſſen. Wenn Du aber dennoch fortfahren ſollteſt, einer Leiden⸗ ſchaft in Deinem Herzen Raum zu geben, die ich Dir als unſelig und verderblich genannt habe, ſo wuͤrde ich die gewaltſamſten Mittel anwenden muͤſſen, um Dich aus den Armen dieſer Familie zu reißen und Dir Gelegenheit zu geben, in der Einſamkeit heiliger Mauern die Thorheiten Dei⸗ nes Herzens zu bereuen. Ja ſo heiß und innig ich Dich auch mit aller Zaͤrtlichkeit des Vaters liebe, ſo ſehr ich den Augenblick ſegnete, der Dich in dieſes Haus fuͤhrte, ſo ſehr wuͤrde ich ihn verfluchen muͤſſen und Dir lieber den Dolch in 1 die Bruſt ſtoßen, als Dich ein Band knuͤpfen laſſen, das weit ſchrecklicher ſeyn wuͤrde als die Ermordung eines geliebten Kindes, um es vor Schande und endloſem Jammer zu retten. 1 Dianora. Guter Gott! Ich bebe vor dem Gedanken, daß Du das thun koͤnnteſt. Lorenzo. Du wirſt mich nicht auf das Aeußerſte und bis zu dem Graͤßlichſten hindraͤn⸗ gen, wo mir kein Wille und keine Wahl mehr uͤbrig bliebe. Du wirſt vielmehr auf die Vor⸗ ſtellungen Deines bekuͤmmerten Vaters achten, und ihn darin unterſtuͤtzen, Dich vom Ueber⸗ gange zu retten. 7 Dianora. Zeige mir die Mittel dazu, guter Vater, und hilf mir das Schwere voll⸗ bringen. Lorenzo. Das will ich. Scipio iſt fuͤr Dich auf immer verloren, und es iſt nicht allein nothwendig, daß Du Deine eigene Leidenſchaft beſiegeſt, ſondern auch, daß Du darauf bedacht biſt, die Leidenſchaft welche fuͤr Dich in Scipio's Herzen lodert, zu bekaͤmpfen und ihm jede Hoff⸗ nung einer Beguͤnſtigung derſelben zu benehmen. Ich fuͤhle es, gutes Kind, daß ich etwas ſehr Schweres von Dir fordere, aber ich kenne Dich und weiß, daß Du in dem Vertrauen auf die Wahrheit meiner Worte und aus Liebe zu mir — 432— 4 dieſes Schwere wirſt willig uͤbernehmen, da es das einzige Mittel iſt, Dich und Scipio vom Verderben zu retten und eine edle Familie, der Du zum Danke verpflichtet biſt, vor Schmach und unheilbarem Leiden zu bewahren. Scipio muß durchaus durch Trennung und Entfernung von Dir von ſeiner ungluͤckſeligen Leidenſchaft geheilt werden; ich gebe Dir die feierliche Ver⸗ ſicherung, daß Dir hierzu ſeine Mutter felbſt zu Huͤlfe kommen ſoll. An Dir iſt es dann, dieſer huͤlfreich die Hand zu bieten, und ſie in ihren Bemuͤhungen kraͤftig zu unterſtuͤtzen. Je eher Scipio von Dir kann getrennt werden, deſto eher wirſt Du auch die geſtoͤrte Ruhe Deines Herzens wieder erhalten. Daher gelobe mir jetzt feierlich in dieſe meine Rechte, Dich dieſer Trennung nicht allein auf keine Weiſe zu wider⸗ ſetzen, ſondern ſie auch auf jede Art zu unter⸗ ſtuͤtzen und beſchleunigen zu helfen. Dianora. Ich gelobe es Dir, guter Va⸗ ter. Doch bangt mir vor der Erfuͤllung meines Geluͤbdes; wird auch mein Herz ſtark genug ſeyn, dieſe Trennung von ihm, in deſſen liebevollem Umgange ich mich ſo gluͤcklich fuͤhlte, zu er⸗ tragen?. Lorenzo. Ich will Dich dazu ausruͤſten; denn Du ſollſt bei dieſer Trennung nichts ver⸗ lieren, Du ſollſt im Gegentheil dadurch gewin⸗ nen. 1 Dianora.(ſchmerzhaft:) Gewinnen? Wie könnte ich noch auf Gewinn hoffen, wenn Du mir das entzieheſt, worin ich den ſchoͤnſten Ge⸗ winn des Lebens umfaßte? Lorenzo. Ich entziehe Dir nichts, wofuͤr ich Dir nicht Erſatz geben koͤnnte, wenn Du ihn nur annehmen und ihn nicht aus eigenſinniger Leidenſchaft verſchmaͤhen willſt. Du ſollſt die fuͤßen Freuden einer wahrhaft begluͤckenden Liebe in ihrem ganzen hohen Umfange genießen; Du wirſt durch Liebe begluͤcken und ſelbſt durch ſie gluͤcklich ſeyn, wie Du es verdienſt. Dianora. Ach mein theurer Vater, ich fuͤrchte, daß ich auf dieſes Gluͤck fuͤr immer werde Verzicht leiſten muͤſſen. Ich habe ſagen gehoͤrt: der Menſch liebt nur einmal im Leben, um ſich in dieſer erſten und einzigen Liebe wahrhaft be⸗ ſeliget zu fuͤhlen und nie wieder in dieſer ſchoͤnen Fuͤlle. Ich fuͤhle, daß dieſes Wahrheit ſey.(In⸗ dem ſie ihr Haupt an ſeinen Buſen lehnt.) Gu⸗ ter Vater! Deine Tochter hat geliebt und gelebt. Lorenzo. Sey ruhig mein Kind, auch wenn jener Ausſpruch Wahrheit enthieite, ſo ſollſt Du dennoch nichts dabei verlieren. Nicht ſelten beruhet dasjenige, was die innern Gefuͤhle ankuͤn⸗ 1 * — 1 8 4— ddigen, auf einer Art von Taͤuſchung, in dieſer biſt auch Du befangen. So wenig Deine Ge⸗ fuͤhte fuͤr Deinen bruͤderlichen Freund Scipio luͤgen, wenn ſie Dich aufrufen ihn zu lieben, ſo haſt Du ſie gleichwohl unrecht verſtanden. Wenn einſt der Schleier hinwegfallen wird, der Dir jetzt noch der Sinn dieſer Worte verhuͤllt, dann wirſt Du ſie als wahr beſtaͤtiget finden. Ich will Deine Gefuͤhle leiten, ſo daß ſie Dir alsdann das Gluͤck der erſten und einzigen wahrhaft be⸗ ſeligenden Liebe ſichern ſollen. Dein Herz hat im Grunde ſchon gefunden, was ich fuͤr Dich ſuchte, es hat ſchon gewaͤhlt, und nur das Feuer Deiner Leidenſchaft fuͤr⸗Scipio hat Dich verhindert, auf das Malei⸗ Peines Herzens zu achten. Dianonn, Ich verſtehe Dich nicht, guter Vater. Lorenzo. Sagt Dir Dein Herz nicht wen ich meine?⸗ Drano wage dicht ebhenſcheiden zu laſſen, ſehr leicht koͤngte ich mich zum zweiten Mahle itren, Du haſt mich ſo niißtrauiſch gegen mein Herz gemacht, daß ich mich ſcheue, ſeine geheimen ſche zu belauſch, Daher bitte ich Dich, lieber Ve ker, erklaͤre⸗Dich beſtimmter, nenne mir den Mann den Du fuͤr mich waͤhlteſt, dann will ich verſuchen, was ich uͤber mein Herz 3 —— det, Lnd iſchu edel als daß er ſich nicht ſcheuen — 1835— und ſein Verſchmerzen des Verlorenen gewinnen kann. 3 Lorenzo. Ich ſtehe dafuͤr, daß dieſer Ver⸗ ſuch Dir nicht ſchwer fallen werde. Ueberzeuge Dich, daß ich richtiger in Deinem Herzen las, als Du ſelbſt es verſtandeſt.(Er zieht den klei⸗ nen magiſchen Spiegel unter dem Oberkleide hervor und haͤlt ihr denſelben vor:) Entſcheide ſelbſt! Dianora.(heftig uͤberraſcht:) Manutti? Lorenzo.(indem er den Spiegel wieder verbirgt:) Ja, meine Tochter, Manutti, die⸗ ſer edle liebenswuͤrdige Juͤngling iſt es, den ich mit Beiſtimmung Deines eigenen Herzens fuͤr Dich waͤhlte. Er beſitzt alle die vortreflichen Eigenſchaften eines edeln von zarten Gefuͤhlen erw mten Herzens und eines gebildeten Verſtan⸗ des, um Dich durch ſeine Liebe wahrhaft gluͤck⸗ lich zu machen. Seine Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich iſt eben ſo heiß und aufrichtig, als ſie edel iſt, ob⸗ gleich er ſie weniger als mancher Andere oͤffentlich zur Schau traͤgt, ſondern ſie beſcheiden in ſich verſchließt, und nur ſeinen ehrwuͤrdigen Oheim zu dem Vertrauten ſeiner vermeinten hoffnungs⸗ loſen Liebe machte. Er weiß und ſieht es, daß Scipio in dem Beſitze Deines Herzens ſich befin⸗ 34 — 193— ſollte, durch ſeine Bewerbungen um Deine Gunſt, ten. Deshalb verſchwieg er ſo ſorgfaͤltig, mit welcher Zaͤrtlichkeit er Dir im Stillen zugethan iſt; er wird Dich vergeſſen und verſchmerzen laſſen, was die Nothwendigkeit Dir in Secipio raubt, und durch ſeine Liebe wieder Dir in eben dem Maaße als Du ſelbſt ihm das Leben begluͤckſt, die Zukunft eben ſo ſchoͤn erheitern, als die Ge⸗ genwart truͤbe und unhold fuͤr Dich iſt. So werde ich alsann mit dem Bewußtſeyn von hin⸗ nen ſcheiden koͤnnen, Dein Gluͤck feſt und un⸗ mändelbor Heurindn zu haben. Dianora. Mein Herz giebt Deiner Wahl Dafal. denn es Dar und ehrt den edeln lie⸗ benswuͤrdigen und beſcheidenen Manutti ſehr; aber lieber Vater, darf meine freundſcha iche Zuneigu ng fuͤr ihn, ſich mit dem meſſen, was mich fuͤr Seipio durchgluͤht? Manutti's Liebe dieſen erſetzen? Lorenzo. Ich ſpreche hierzu mit feſter Ueberzeugung: ja. Du wirſt Dein Herz, das hinzieht, beſſer verſtehen lernen, als Du es bis⸗ her unter dem Drange der Leidenſchaft fuͤr Sei⸗ pio vermochteſt. ſeinem Freunde Scipio feindlich entgegen zu tre⸗ wird mir auch wohl Dich mit zarter Gewalt nach dem edeln Manutti Wage es nur, Dich mit Deinem Herzen vertraut zu machen, und Du wirſt Ddich 41 uͤberzeugen, daß ich Wahrheit ſpreche, wenn ich Dich verſichere, daß Du Dich zwar mit zarten ſchoͤnen Banden ſchweſterlicher Zuneigung an den liebenden bruͤderlichen Freund Seipio wirſt ge⸗ knuͤpft fuͤhlen, daß aber dieſe gegenſeitige innige Freundſchaft Deinem Gluͤcke der treueſten Liebe an des edeln Manutti Seite keinen Eintrag thun wird. Dieſem Gluͤcke ſteht nichts entgegen, als Dein eigenes Wollen. Der edelmuͤthige Altieri⸗ der vertraute Freund des Grafen, den auch ich Freund nennen darf, kennt die zaͤrtliche Zunei⸗ gung ſeines Neffen fuͤr Dich und giebt ihr ſeinen Beifall, da ich es ihm in leiſen Andeutungen ahnen ließ, daß ich eine Verbindung zwiſchen Dir und Scipio niemals und unter keinen Um⸗ 84 uaen zugeben werde, und mit Freuden wird b ehrwuͤrdige Mann den Bund Deines und 2 Rutti's Herzens ſegnen. Dianora. Guter Vater, Deine Worte dringen wunderbar zu meinem Herzen, und ſchenken ihm ſuͤße Beruhigung und neu auf⸗ bluͤhende Hoffnungen. Ich vertraue Dir ganz und will mich Deiner liebevollen Leitung willig uberlaſſen. Lorenzo. So habe ich mich wirklich nicht in Dir geirrt; Heil mir! ich habe mein gutes Kind wieder; ich halte Dich mit der ſchoͤnen * Ueberzeugung in meinen Armen, daß Dein Gluͤck fuͤr die Zukunſt feſt gegruͤndet iſt, und ſo empfange jetzt den Beweis meiner erneuerten vaͤterlichen Liebe aus meinen Haͤnden zuruͤck.(Er teicht ie den Ring mit ſeinem Bilde.) Dianora.(mit feurigem Entzuͤcken:) Dank! Dank Dir mein theurer Vater, fuͤr dieſes koͤſtliche Geſchenk! Jetzt kann ich mich in dem Beſitze Deiner Liebe wieder gluͤcklich fuͤhlen.(Sie druͤckt den Ring entzuͤckt an ihre Lippen.) Aber, mein Vater, wie kommt dieſes theure Kleinod ſo ſchnel wieder in Deine Haͤnde? 4 Lorenzo. Das Wie kann Dich wenig kuͤm⸗ mern, liebes Kind; begnuͤge Dich damit, zu wiſ⸗ ſen, daß Du das Verlorene wieder erhalten haſt, und laß Dich durch das Geſchehene vorſichtiger 8 fuͤr die Zukunft machen. Nie moͤge ein Umſtand ſich ereignen, der Dir dieſes Kleinod meiner vaͤterlichen Liebe wieder entreißen koͤnnte. Dianora. Ich will es als einen hohen Schatz meines Lebens und meiner Zufriedenheit verwahren, und mich dadurch immerz feſter voll Liebe und Vertrauen an Dich ketten. Du felbſt wirſt kuͤnftig Zeuge davon ſeyn, wie gern ich dieſe Verſicherung erfuͤlle; denn nunmehr bleibſt Du doch bei mir? 3 Lorenzo. Nein, gute Tochter. Der Zei punkt) iſt noch nicht erſchienen, wo ich Deinen Wunſch und das Verlangen meiner Freunde be⸗ friedigen und aus meiner Verborgenheit heraus treten kann, um mir ſelbſt und Dir und meinen Freunden ungetheilter anzugehoͤren. Wir muͤſſen uns jetzt trennen, dringe nicht mit Bitten in mich, die ich Dir doch nicht gewaͤhren kann und darf. Meine Wirkfamkeit ſchraͤnkt ſich nicht blos auf Dich ein; ich habe heilige aber ſehr ſchwere Pflichten auf mich genommen, deren große Wich⸗ tigkeit uͤber jede meiner Stunden jetzt noch gebie⸗ tet. Nur die Sorge fuͤr Dich und Deine Ruhe konnte es uͤber mich vermoͤgen, dem Rufe dieſes Talismans an Deinem Finger zu folgen. Jetzt iſt mein Geſchaͤft vollendet, und ich ſcheide nun von Dir mit der Hoffnung eines baldigen Wie⸗ derſehens. Dianora. Mein theurer Vater! ich habe mich ſo heiß und innig nach Dir geſehnt, und kaum ſehe ich dieſes Sehnen befriedigt, ſo ſoll ich mich ſchon wieder von Dir trennen? Lorenzo. Es muß ſo ſeyn; doch beruhige Dich, wir ſehen uns bald wieder. Auch haͤlt miich dieſer Ring mit unaufloͤsbaren ſchoͤnen Ban⸗ den feſt an Dich gebundenz; getrennt von Dir, bleibe ich Dir dennoch ſtets nahe, und nichts — 190— von dem was um Dich her vorgeß kaun meinem Blicke entgehen. Dianora. So muß ich mich nach Deinem Willen fuͤgen, ſo ſchwer es mir auch faͤllt. Aber werden meine guten Pflegeeltern nicht zuͤrnen, daß ich Dich ſo ſchnell wieder habe entfernen laſſen? A Lorenzo. So ungern ich es auch thue, ſo zwingen mich gleichwohl mehrere Ruͤckſichten zu der Forderung, daß Du uͤber meine gegenwaͤrtige Erſcheinung bei Dir verſchwiegen biſt, und Dich blos auf den wiedererlangten Beſitz Deines Rin⸗ ges beſchraͤnken magſt. Ich kenne das Vertangen des Grafen und der Graͤfin, meinen verborgenen Aufenthalt zu erforſchen und mich herbeizulocken; allein ich kann dieſem Verlangen gegenwaͤrtig noch nicht Genuͤge leiſten, ſo gern ich es auch moͤchte. So ungern Du Dich auch entſchließen wirſt, Deinen beiden elterlichen Freunden meine gegenwärtige Anweſenheit bei Dir zu verheim⸗⸗ lichen, ſo kann ich Dir es dennoch nicht erlaſſen. Eine Entdeckung dieſer Art wuͤrde mein, an ſich ſchon ſo ſehr ſchwieriges Geſchaͤft ungemein er⸗ ſchweren, es vielleicht gar vereiteln und mich noch auf laͤngere Zeit und wohl gar auf immer von Dir trennen. Meine gegenwaͤrtige Erſchei⸗ bei Dir ſey ein Traum, und bleibe es bei Dei⸗ — — 491— nen Mittheilungen fuͤr den Grafen und die Graͤfin.(Er reicht ihr einen kleinen ſilbernen Pokal zum Trinken.) Auf ein baldiges frohes Wiederſehen! Dianora.(nachdem ſie getrunken hat und ihm den Becher zuruͤck giebt:) Moͤge dieſes Wie⸗ derſehen recht bald meine Wuͤnſche befriedigen. Lorenzo. Du wirſt es nicht lange entbeh⸗ ren. Jedoch jetzt noch eine vaͤterliche Warnung. Du ſtehſt in glaͤnzenden Verhaͤltniſſen, wo Dir Vergnuͤgungen und Zerſtreuungen von allen Sei⸗ ten winken, und wo man uͤberall darin wetteifert, Dir den Pfad mit Roſen zu beſtreuen; aber uͤber⸗ laß Dich nicht mit allzuſorgloſer Sicherheit die⸗ ſen dargebotenen Freuden, damit ſie Dich nicht in einen gefaͤhrlichen Taumel bringen koͤnnen. Traue nicht jedem laͤchelnden Geſichte, das Dir Freundſchaft und Liebe heuchelt; haſche nicht zu gierig nach den Blumen des Frohgenuſſes, die man Dir darreicht. Unter dieſen Blumen liegen Nattern verborgen, die Dir Gefahr drohen. Dianora. Wie kann ich dieſer Gefahr ausweichen? Lorenzo. Durch Vorſicht und feſtes Be⸗ harren in den Grundſaͤtzen, die ich fuͤr Tugend, unſchuld und Reinheit des Herzens in daſſelbe Mißtraue dem Schmeichler, der Dir pflanzte. E. ——— — 19— Freundſchaft und uneigennutziges Wohlwollen heuchelt, um Dich zu detdeiben; amißttaue vor allen Andern Cerrino. Dianora.(uͤberraſcht:) Cetrino?. Lorenzo. Ja dieſem. Er iſt ein gleisneri⸗ ſcher Verfuͤhrer, der auf Dein Verderben denkt. Laͤhrend ſein Auge Dir Wohlwollen laͤchelt und ſein Mund Dir Freundſchaft heuchelt, bruͤtet er uͤber Anſchlaͤge, die Reinheit Deines Herzens zu vergiften und Dich in die Schlingen der Verfuͤh⸗ rung zu verſtricken. Weiche dieſen Schlingen mit Vorſicht und bedächtiger Kingheit aus, und ſchließe Dich vertrauenvoll an Manutti an, deſ⸗ ſchuͤtzen werden. Sollte in einem unbedachtſamen Augenblicke die Gefahr ſich Dir nahen, ſo wird der Talisman an Deinem Finger mich zu Deiner Rettung herbeirufen, aber erſchwere mir dieſe nicht durch Unbedachtſamkeit und Leichtſinn. Dianora. Ich werde mich Deiner Liebe und Deines vaͤterlichen Schutzes werth zu erhal⸗ ten wiſſen.— Aber guter Vater, mir wird ploͤtzlich ſo wunderſeltſam zu Muthe, eine unge⸗ woͤhnliche Erſchlaffung bemaͤchtiget ſich meiner, vor meinen Augen wird es duͤſter.— Lorenzo. Der Augenblick der Trennung iſt erſchienen; ſey unbeſorgt.(Er legt ſie ſanſt ſen Edelmuth und liebevolle Wachſamkeit Dich ihre Lippen:) Entſchlummere ſanft, traͤume den ſuͤßen Traum meiner vaͤterlichen Liebe und er⸗ wache mit dem B Bewußtſeyn, daß dieſer Traum Wirklichkeit w war. Dianora war von Kindheit an gewohnt mit dem Anbruche des neuen Tages zu er⸗ wachen und um die Morgenſonne an der Seite ihres Vaters im Freien zu begruͤßen, ihr Herz an dem„Anblicke der Natur zu ergoͤtzen und es durch die Gefuͤhle frommer Andacht zu erwaͤrmen. Auch waͤhrend ihres Aufenthaltes in Yſamo pflegte ſie es ſo zu halten; mit dem kommenden Morgen ertoͤnte der ſanfte Geſang ihrer melodi⸗ ſchen Stimme, von den Akkorden ihrer Guitarre begleitet, aus dem Garten hinauf zur Graͤfin und weckte ſie zu aͤhnlichen ſchoͤnen Gefuͤhlen der An⸗ dacht. Gewoͤhnlich eilte alsdann ihre muͤtterliche Freundin zu ihr hinab, um an ihrer Seite ſich dieſen Gefuͤhlen zu uͤberlaſſen. Ihre Krankheit hatte zwar dieſe fruͤhen Sya⸗ ziergaͤnge auf einige Zeit verhindert, dennoch war ſie immer mit fruͤhem Morgen wach, und kaum fuͤhlte ſie ſich wieder in ſo weit hergeſtellt, daß ſie das Krankenlager verlaſſen konnte, ſo verſaͤumte ſie es nie, mit ihrem frommen Liede⸗ II. N auf ihr Lager zuruͤck und druͤckt einen Kuß auf — 194— die Morgenſonne am Fenſter zu begruͤßen. Um ſo mehr befremdete es die Graͤfin, als ſie am Morgen nach Lorenzo 8* naͤchtlicher Erſcheinung die gewohnten Toͤne der Saͤngerin vermißte, und ihr Camilla, Dianorens Kammerfrau, mel⸗ dete, daß dieſe in einem ungewoͤhnlich feſten Schlafe laͤge, der ihr ein ſehr bedenklicher trank⸗ haftat Zuſtand zu ſeyn ſchiene. Die Graͤfin eilte mit ihrem Geemahle re Dianorens Zimmer, um ſich genauer von ihrem 8 Zuſtande zu unterrichten. Zu ihrem bangen Er⸗— ſtaunen fanden ſie Dtanoren, vom Glanze der Morgenſonne umſloſſen, guf ihtem Lager in einem tiefen todtenaͤhnlichen Schlummer. Der aͤngſtliche Zuruf der Graͤfin und ihr het⸗* tiges Ruͤtteln brachte endlich die Schlaͤferin nach und nach zu ſich.„Mein Vater!“ lallte ſte mit dem Tone einer Traͤumenden, indem ſie bittend die Haͤnde ausſtreckte, als wollte ſie den fliehen⸗ den Schatten eines lieblichen Traumbildes zu⸗ ruͤckhalten. Der Graf faßte ihre Hand und ver⸗ doppelte ſeine Bemuͤhungen ſie zu ermuntern. „Wo bin ich?“ fragte Dianora mit dem Ausdrulke des Erſtaunens, als ſie die Augen auffchlug und ſich aus ihrer Schlaſtrunkenheit zu ermuntern ſuchte. „Wie iſt Dir, ſtebe Tochter 2⁴ fragte ſie die — 1 Graͤfin beſorgt;„Dein ungewoͤhnlich langer und todtenaͤhnlicher Schlummer hat uns große Un⸗ ruhe gemacht. Befindeſt Du Dich wohl?“ „Ach ja,“ erwiederte ſie,„mir iſt ſehr wohl, ich fühle mich ſo leicht gehoben, aber auch wieder ſo wunderſeltſam beklommen, daß ich ſelbſt nicht weiß, wie mir iſt. Ich traͤumte ſo ſuͤß, ſo gluͤcklich;(indem ſie forſchend unherblit J Wo in er 2„r 5 Graͤfin. Wer, meine Tochtenka. Dianora. Mein Vater. 1e Graf.(raſch:) Lorenzo. Dianora. Er ſelbſt.(indem ſie Beide ver⸗ wunderungsvoll anſtaunt.) Wie? Sie wuͤßten nicht, was hier vorgegangen iſt? daß mein Va⸗ ter hier war? verbergen Sie mir ihn nicht, wenn er noch da iſt, fuͤhren Sie mich zu ihm. Graf. Du irrſt, liebe Tochter. Wir ſahen Deinen Vater nicht; er iſt nicht hier, ein Traum hat Dich getaͤuſcht. Dianora. Traum? Traum waͤre es gewe⸗ ſen, daß er hier an meiner Seite weilte, daß ſein Vaterherz an dem meinigen ſchlug, und ſein Mund mir Verzeihung ankuͤndigtet(indem ſie den Ring an ihrem Finger eerblickt und ihn dem Grafen und der Graͤfin entgegen haͤlt:) Nein! nein! ich habe Wirklichkeit getraͤumt! ich N 2 — 195— bin ein gluͤckliches Maͤdchen!(Indem ſern nach⸗ denkend ſich deutlicher zu erinnern ſcheint:) Doch nein, was will ich denn? Ich beſinne mich deut⸗ licher.— Es war dennoch nur ein Traum. Graf.(indem er verwunderungsvoll den Ring an Dianorens Finger betrachtet:) Was iſt das? Wie kommt dieſer Ring mit Lorenzo's Bil⸗ de ſo ploͤtzlich wieder an Deine Hand? 4 Dianora.(ſchuͤchtern:) Mich duͤnkt, er ſelbſt gab ihn mir als Zeicheu ſeiner erneuerten Liebe zuruͤck. Graf. Im Sraume 5 Dianora. Noch weiß ich ſelbſt nicht, was mit mir vorgegangen iſt. Man rief die Kammerfrau und fragte deeſe, allein ohne eine genuͤgende Auskunft von ihr er⸗ halten zu koͤnnen. Camilla berichtete, daß ſie ſich auf Dianorens dringendes Verlangen gegen Mitternacht in dem Nebenzimmer zur Ruhe be⸗ geben, aber durchaus nichts bemerkt habe; daß bei ihrem Erwachen die Zugaͤnge zu Dianorens Zimmer noch feſt verwahrt geweſen waͤren, wie ſie dieſelben am Abende ſelbſt verſchloſſen hatte. Die Bedienten, ſo wie der Thorwaͤrter wurden ſcharf befragt, ob ſie vielleicht irgend Jemand am Morgen die Thuͤre geoͤffnet haͤtten, aber Kei⸗ ner von Allen hatte etwas der Art bemerkt. — 197— Weder der Graf noch ſeine Gemahlin wußten ſich dieſen ſeltſamen Auftritt zu erklaͤren, und Beide wuͤrden um ſo eher mit Dianoren deren gehabte Erſcheinung ihres Vaters fuͤr ein Spiel ihrer Phantaſie erklaͤrt haben, wenn nicht der Ring an ihrem Finger das Gegentheil bezeugte. Da jedoch alle weitere Nachforſchungen kein hel⸗ leres Licht uͤber dieſen raͤthſelhaften Vorfall geben konnten, ſo mußte man den Aufſchluß daruͤber von der Folge erwarten. Auch ſchien es, als ob die deshalb angeſtellten Unterſuchungen Dianoren unruhig machten und dieſe verlangte wegen ihrer noch ſchwaͤchlichen Geſundheit zu viele Schonung, als daß man nicht darauf haͤtte Ruͤckſicht nehmen ſollen. Dianora ſchien uͤbrigens vollkommen zufrie⸗ den geſtellt zu ſeyn, daß ihr das theure Bild ihres Vaters von ihrem Ringe wiederum liebe⸗ voll entgegen laͤchelte, ohne wegen der raͤthſelhaf⸗ ten Art, wie der Ring in ſeiner gegenwaͤrtigen Ge⸗ ſtalt an ihren Finger gekommen war, Forſchungen und Bedenklichkeiten zu aͤußern, und ſo vermie⸗ den denn auch der Graf und die Graͤfin gefliſſent⸗ lich jede weitere Eroͤrterung daruͤber. Das Silbergloͤckchen des nahen Karmeliter⸗ kloſters rief jetzt die Graͤfin zur Meſſe dorthin, — 198— die ſie nur aͤußerſt ſelten verſaͤumte, da dieſes Kloſter der Ort war, wo ſie ungeſtört von dem Gerauſch der Außenwelt ſich in ſtiller Andacht zu dem Himmel zu erheben pflegte, um ihrem von geheimen Kummer belaſteten Herzen die hohen Troͤſtungen der Religion und deren fuͤße Erhai ketienete zu gewaͤhren. Seit ein paar Tagen wurden jedoch dieſe An⸗ dachtsdbungen auf eine eigene Art einigermaßen geſtorr. Sie bemerkte naͤmlich einen alten Moͤnch, deſſen ehrwuͤrdiges Aeußeres zwar Ehrfurcht fuͤr ihn einfloͤßte, aber gleichwohl wieder baͤnglich grauend von ihm zuruͤckſtieß. Gewoͤhnlich ſtand er bei ihrem Eintritte in die Kloſterkirche an dem Ausgange eines duͤſtern Kreuzganges, der aus dem Innern des Kloſters dorthin fuͤhrte, auf einen Stab geſtuͤtzt und in einer Stellung, als ob er Jemand erwartete. Sein Auge war zur Erde geſenkt, nnd ohne die Eintretenden beſon⸗ ders zu beachten, gingen dieſe mit ehrfurchts⸗ vollem Gruße an ihm voruͤber. Kaum naͤherte ſich aber die Graͤfin, ſo hob ſich ſein Blick zu ihr empor, und ſein duͤſtres melancholiſches Auge ſchwebte unverwandt auf ihr, ſo daß ſie eine Anwandlung von geheimen Grauen nicht unter⸗ druͤcken konnte. Auch hente ſtand der Greis bei dem n Eintia 1 x dringend u —— 199— der Graͤfin auf ſeiner gewoͤhnlichen Stelle und ſtarrte ſtiuſchweigend und duͤſter ſie an, als ſie mit einem freundlichen Morgengruße mit andern Eintretenden an ihm voruͤber ſchwebte. Sie ſuchte im andaͤchtigen Gebet das Irdiſche und des Moͤnches ſtoͤrende Gegenwart zu vergeſſen; jedoch wie ein ein elektriſcher Funke durchzuckte es ſie, als ſich jetzt ihr Auge zu dem Bilde des Gekreuzigten emporhob und ſie den Alten er⸗ blickte. Dicht vor ihr ſtand er, auf ſeinen Stab geſtuͤtzt, hinter einem Pfeiler, und ſtarrte durch⸗ ud ausdrucksvoll nach ihr hin.. Grauenvoll ergriffen ſuchte ſie ſeinem Blicke auszuweichen, aber vergebens. Das ganze Be⸗ nehmen des Greiſes zeigte von einer auf ſie ge⸗ ſpannten beſonderen Aufmerkſamkeit, d eren Grund ſie ſich nicht erklaͤren konnte, da ihr das Geſicht und die ganze Geſtalt deſſelben voͤllig unbekannt zu ſeyn ſchienen. Sein unverwandtes Anſtarren erregte mancherlei beunruhigende Beſorgniſſe in ihr, welche um ſo mehr zunahmen, da alle ihre Bemuͤhungen, ſeinen Blick von ihr hinwegzu⸗ leiten vergeblich bliben, und der Greis fuͤr nichts weiter Sinn und Aufmerkſamkeit zeigte, als fuͤr ſie. Unbeweglich, einer Bildſaͤule gleich, blieb er auf ſeiner Stelle und ließ die Graͤfin nicht aus dem Auge. Schon vorher hatte die Grann bei den neben ihr Betenden Erkundigungen nach' dem raͤthſel⸗ haften Alten angeſtellt, ohne daß ihr irgend Jemand einige Auskunft uͤber ihn geben konnte. Auch jetzt wiederholte ſi ſie ihre Fragen an ihre Nachbarin, aber dieſe kannte ihn eben ſo wenig, nur eine ehrwuͤrdige Matrone, welche ihr zur andern Seite kniete, hielt dafuͤr, daß der ſtumme Greis wahrſcheinlich zu dem ſtrengen Orden der ſchweigenden Bruͤder gehoͤre.. Der Greis ſchien die nach ihm angeſtellen Fragen der Gräͤfin mit Unwillen zu bemerken, denn mit ſichtbarem Ver ruſſe trat er hinter den Pfeiler zuruͤck, um ſich er nach ihm hingeleite⸗ ten Aufmerkſamkeit zu entziehen. Die Graͤfin glaubte jetzt ziemlich gewiß zu ſeyn, daß dieſes Alten ſonderbares Benehmen Bezug auf ſie habe, und er vielleicht Gelegenheit ſuche uͤber Dinge von Wichtigkeit im Geheim mit ihr zu ſprechen. Es that ihr daher Leid, daß ſie ihn durch ihre Voreiligkeit unwillig gemacht und zuruͤckge⸗ ſcheucht hatte, da ſie ihn kurz darauf langſam, auf ſeinen Stab ſich ſtuͤtzend, in einem Seiten⸗ gange ſich entfernen fahe. Schon vorher war es ihr Wille geweſen, die⸗ ſen Alten anzureden, um ihm Rede abzugewin⸗ nen und ihn zu einer Erklaͤrung gegen ſie zu ver⸗ 4. anlaſſen, aber die peinliche Beklommenheit welche ſein Anblick und ſein ſeltſames Benehmen in ihr erregten, hatte ſie bis jetzt davon abgehalten. Sie beſchloß jedoch bei der erſten dazu guͤnſtigen Gelegenheit ihren Vorſatz auszufuͤhren und ſich Gewißheit zu verſchaffen. Nach beendigter An⸗ dacht entfernte ſie ſich in der Hoffnung, daß der Greis ihr gewuͤnſchte Gelegenheit dazu darbieten wuͤrde; allein ſie vermißte ihn jetzt an der ge⸗ wohnten Stelle am Ausgange. Als ſie eben dem Ausgange der Kirche zuſchritt und nochmals for⸗ ſchend nach ihm umherblickte, glaubte ſie ihn in dem angrenzenden duͤſtern Kreuzgange, der in das Innere des Kloſters fuͤhrte, zu gewahren. Vielleicht ſchien er ſie dort zu erwarten; allein das Schauervolle des dunklen Ganges hielt ſte zuruͤck, ſich allein ihm zu naͤhern, und voll in⸗ nerem Grauen verließ ſie die Kirche. Sie ging mit ſich zu Rathe, ob ſie ihrem Gemahle etwas von der raͤthſelhgften Erſcheinung des Moͤnches mittheilen ſollte. Obgleich der Greis durch ſein ſonderbares B Betragen deutlich zu er⸗ kennen gab, daß er uͤber das, was er wahrſchein⸗ lich ihr mittheilen wollte, das Mitwiſſen anderer Perſonen ſcheuete, ſo fand ſie es gleichwohl bei genauerer Ueberlegung aus mehreren Ruͤckſichten angemeſſener, uͤber dieſen ſonderbaren Vorfall ſich mit ihrem Gemahle zu berathen, da⸗ iſee nicht wußte ob vielleicht die Erſcheinung Greiſes auch wohl auf ihn mit Bezug habe. Die Ereigniſſe der vorigen Nacht und Dia⸗ norens vermeinter Traum, waren fuͤr den Gra⸗ fen viel zu merkwuͤrdig, als daß er ſich dieſelben haͤtte ſo leicht aus dem Sinne ſchlagen koͤnnen; vielmehr war er darauf bedacht, ſich wo moͤglich helleres Licht daruͤber zu verſchaffen. Dianorens vorige ungewoͤhnliche Schlaftrunkenheit ſchien ihm zwar von der einem Seite einige Aufklaͤrung zu zeigen, aber von der andern Seite ſtieß er auch wieder bei genauer Erwaͤgung der Umſtaͤnde auf ſo viele Zweifel und Widerſpruͤche, daß die Sache nur noch verworrener wurde. Es wurde ihm bei ſortgeſetztem Nachdenken uͤber dieſen— Vorfall immer wahrſcheinlicher, daß Dianorens ungewoͤhnlich langer und feſter Schlaf durch kuͤnſtliche Mittel ſey bewirkt worden, um ihr unbemerkt ihren Ring wieder zuſtellen zu koͤnnen; gleichwohl war nicht zu begreifen, wie es dabei zugegangen ſeyn mochte, um durch die feſt ver⸗ ſchloſſenen und bewachten Zugaͤnge bis zu Diano⸗ ren vorzudringen, wenn man auch ihren Traum fuͤr Wirklichkeit halten wollte.* Die Graͤfin fand bei ihrer Rachhauſckunß fangen zu ſehen glauben, ſo iſt dieſe Bemerkung — 293— aus der Kloſterkirche Dianoren im traulichen Geſpraͤche mit ihrem Gemahle uͤber Lorenzo, und ſo heiter und gemuͤthlich geſtimmt, daß man be⸗ ſchloß, zum erſten Male wieder mit ihr auf den Nachmittag nach dem angenehmen Landhauſe des Grafen zu fahren, um dort die ſchoͤne Jahres⸗ zeit im Freien zu genießen. Die Graͤfin aber war ſo zerſtreut und verlegen, daß es ihrem Gemahl nicht unbemerkt blieb, und dieſer ſich veranlaßt ſahe, ihr bei ihrer Entfernung auf ihr Zimmer nachzufolgen. d Sein Eintritt uͤberraſchte die Graͤfin.„Liebe Franziska,“ redete er ſie an, als er es bemerkte, „ich finde Sie in einer ganz eigenen Bewegung, die mich befremdet und mich veranlaßt, Sie des⸗ halb um Erklaͤrung zu bitten. Es gehen ſo raͤth⸗ ſelhafte Dinge in unſerm Hauſe vor, die mich vermuthen laſſen, daß auch die unruhige Ver⸗ legenheit, worin ich Sie ſehe, vielleicht in Ver⸗ bindung damit ſtehe. Ich geſtehe Ihnen, daß ich bei dieſen Ereigniſſen nicht gleichguͤltig blei⸗ ben kann, ſondern alles anwenden werde, um mir daruͤber Licht zu verſchaffen.“. „Sie kommen meinen eigenen Wuͤnſchen ſehr willkommen entgegen,“ erwiederte die Graͤfin. „Wenn Sie mich einigermaßen zerſtreut und be⸗ — L0— ſehr richtig, und Sie moͤgen ſelbſt daruͤber urthei⸗ len, ob ich nicht Urſache dazu habe... Die Graͤfin erzaͤhlte ihm hierauf die Erſchei⸗ nung des alten Moͤnches und ſein raͤthſelhaftes Betragen, und erregte dadurch des Grafen Ver⸗ wunderung in einem hohen Grade. „Nach alle dem zu urtheilen, was Sie mir hieruͤber mittheilen,“ aͤußerte ſich der Graf, nachdem die Graͤfin ihre Erzaͤhlung beendigt hatte,„iſt es kaum noch zu bezweifeln, daß die⸗ ſer raͤthſelhaſte ſtumme Greis etwas auf dem Herzen hat, was er Ihnen oder mir anvertrauen moͤchte. Ich vermuthe, daß ſeine Erſcheinung mit Lorenzo und deſſen traumaͤhnlicher Erſchei⸗ nung bei Dianoren in Verbindung ſtehen moͤchte; ich werde daher ſogleich Anſtalten treffen, dieſen Greis auszukundſchaften und es dann verſuchen, ob er vielleicht gegen mich eher ſein Schweigen bricht als gegen Sie.“ Graͤfin. Thun Sie das mein Gemahl, denn ich ſtimme Ihrer Vermuthung bei, daß die Erſcheinung dieſes Greiſes nicht blos zufallig, ſondern ein Werk von Lorenzo ſey. Graf. Um ſo mehr liegt mir daran, Ge⸗ wißheit deruͤber zu erhalten und zu erfahren, weshalb Lorenzo fortwaͤhrend ſich ſcheut, ſich uns offen zu zeigen und warum er zu ſo ſonderbaren — —— kuͤnſtlich erzeugten ſeltſamen Zuſtande zwiſchen . gewoͤhnlichen Morgenbeſuch nach dem Befinden Unterhaltung des Grafen mit ſeiner Gemahlin. — 205— Spiegelfechtereien ſeine Zuflucht nimmt, um auf Dianoren und auf uns zu wirken. Ich habe mir von Dianoren wiederholt alle Umſtaͤnde ihres vermeinten Traumes erzählen laſſen, aber ich bin dadurch uͤber die wahre Beſchaffenheit veſſelben und uͤber den eigentlichen Zuſammenhang nur noch zweifelhafter geworden. Dianora behaup⸗ tet, daß Lorenzo in der vorigen Nacht als Traum⸗ b. ihrem Lager geſtanden, mit ihr geſprochen, ihr ſelbſt den Ring mit der Verſicherung ſeiner vaͤterlichen Liebe an den Finger geſteckt und ſich bei ihrem Erwachen in eine leichte Nebelwolke aufgeloͤſt habe. Ich zweifle nicht an der Wahr⸗ heit ihrer Verſicherung, kann aber auch die Ver⸗ muthung nicht unterdruͤcken, daß hierbei Wirk⸗ lichkeit und Traum auf eine ganz eigene Art mit einander verſchmolzen ſeyn moͤgen, ſo daß Dia⸗ nora ſelbſt eben ſo wenig als wir, Traum und Wahrheit und das was ſie in dieſem vielleicht Schlaf und Wachen erblickte, gehoͤrig unterſchei⸗ den kann.“ Cerrino erſchien jetzt, um ſich durch ſeinen* der graͤflichen Familie und vornaͤmlich Dianorens zu erkundigen und unterbrach dadurch die vorige Die Graͤfin begab ſich in ſeiner Geſellſchaft zu Dianoren zuruͤck, die bei Cerrino's Eintritt auf eine ganz eigene Art und ſehr bemerkbar erſchuͤt⸗ tert zu werden ſchien. Sein Anblick vergegen⸗ waͤrtigte ihr die Warnung ihres Vaters von vori⸗ ger Nacht mit neuer Lebendigkeit, und ungeachtet ſeiner Schmeichelein und Artigkeiten konnte er den widrigen Eindruck, den ſeine Gegenwart auf ſie machte, nicht vertilgen. Sie erblickte jetzt in ihm uur den heuchleriſchen Verfuͤhrer, und in ſeinen fuͤß bethoͤrenden Schmeicheleien die Schlin⸗ ge, mit welcher er ſie nach der Warnung ihres Vaters, zu ihrem Verderben zu umſtricken be⸗ muͤht war, und mit einer heftigen Anwandlung eines innern Grauens wandte ſie ſich von ihm. Das Auffallende ihres Betragens blieb Cerrino nicht lange unbemerkbar; er aͤußerte deshalb ſein Befremden gegen ſie und verdoppelte ſeine Schmei⸗ 4 cheleien und ſeine Bitten, um ſie zu bewegen ſich gegen ihn zu erklaͤren. Dianora wich jedoch ſei⸗ uen Fragen durch die Erklaͤrung aus, daß ſte von ihrer Krankheit noch ſehr angegriffen ſey und daß dieſe eine ungewoͤhnliche baͤngliche Beklommen⸗ heit in ihr zuruͤckgelaſſen habe, welche ihre heitere Ganthuaht it und Uneſangehehe ver⸗ dränge. eigug Jetzt trat der Graf Montalh in Degleitung — 207— haltung am beſten von Cerrino's laͤſtigem Ge⸗ ſchwaͤtze losmachen konnte. Manutti kam ihr 3 gegenwaͤrtig doppelt liebenswuͤrdig vor, und freu⸗ dig flog ihm ihr Herz bei ſeinem Eintritte ent⸗ gegen. Eingedenk der freundlichen Hinweiſung ihres Vaters, weilte ihr Auge mit ſanftem Aus⸗ druck des Wohlgefallens auf ihm. Wenn ſie auch ihr Herz noch immer liebevoll nach Scipio hin⸗ zog, ſo hatte ſie gleichwohl die Erſcheinung ihres Vaters und ſeine Erklaͤrung ſo furchtſam gegen dieſe liebevolle Zuneigung gemacht, daß ſie ihrem Verſprechen gemaͤß, ihre ganze Kraft anwandte, ſie in ihrem Herzen zu unterdruͤcken und auf den edeln Manutti hinzuleiten. . Manutti ſchien heute mehr als jemals Diano⸗ ren eine vorzuͤgliche Aufmerkſamkeit zu ſchenken, welche einen ganz eigenen Anſtrich von Herzlich⸗ keit und unruhiger Befangenheit zeigte S Blick und ſein ganzes Betragen war der ſprechende Ausdruck der zaͤrtlichen Gefuͤhle, die ſein Inne⸗ res im Stillen fuͤr ſie hegte, und gleichwohl ver⸗ rieth ſein ganzes Weſen eine ungewoͤhnliche Ver⸗ legenheit, die ſogar dem Grafen auffiel, der ſich “ des Marcheſe Manutti herein, welcher fuͤr Dia⸗ noren zu keiner guͤnſtigeren Stunde erſcheinen konnte, da ſie ſich durch eine allgemeinere Unter⸗ 6 — 203— deshalb an ihn wandte, um ihn mit deren Urſache bekannt zu machen. „Ich moͤchte beinahe mit mir ſeibſ zuͤrnen, daß ich mich durch ein leeres Nichts ſo umſtim⸗ men ließ,“ erwiederte Manutti,„und billig ſollte ich wohl Bedenken tragen, Ihnen die Ver⸗ anlaſſung zu meiner unwillkuͤhrlichen Befangen⸗. 6 heit zu nennen; denn Sie werden es ſicher ſehr ſonderbar finden, wenn ich Ihnen ſage, daß ein Traum von voriger Nacht daran Schuld iſt.“ „Ein Traum?“ fragten der Graf und die Graͤfin uͤberraſcht, wie aus einem Munde, und ſahen befremdet auf Dianoren, welche ihre Ueber⸗ raſchung zu theilen ſchien. „Sie haben allerdings Urſache ſich daruͤber zu verwundern,“ fuhr Manutti mit einem erkuͤnſtel⸗ ten Laͤcheln fort,„daß ein bloßer Traum einen ſo tiefen und bleibenden Eindruck auf mich machen konnte. Man traͤumt indeß bisweilen ſo außerſt lebhaft, daß man nicht immer mit klarem Bewußtſeyn, Wirklichkeit und Traum von einan⸗ der zu unterſcheiden weiß, und daß man hin 5 und wieder wohl einigermaßen verſucht werden 4 moͤchte, Wahrheit in dieſen Traͤumen zu ahnen, wenn ſie zumal auf Perſonen und Gegenſtaͤnde ſich beziehen, die uns beſonders intereſſiren.“ Vergebens lanuhere ſich Manutti, den wei⸗ * tern Fragen hieruͤber auszuweichen und ein allge⸗ meineres Geſpraͤch einzuleiten; man drang von allen Seiten in ihn, ſeinen Traum der Geſell⸗ ſchaft zum Beſten zu geben, ſo daß er ch endlich dazu entſchließen mußte. „Ich traͤumte von Ihnen, liebe Dianora,⸗ wandte er ſich jetzt an dieſe. 41 „Von mir?“ fragte Dianora uͤberraſcht. „Das iſt ja recht ſeltſam,“ fuhr ſie laͤchelnd. fort, „denn auch ich traͤumte in der perwichenen Naucht von Ihnen.“ „So habe ich allerdings rfache, mir zu die⸗ ſem Traume ⸗Gluͤck zu wuͤnſchen, der bei c Ihnen mein Erinnern bewirkten“ fuhr Manutti fort. „Ich kann mir indeſſen die Veranlaſſung zu mei⸗ nem Traume ſehr leicht und ſehr natuͤrlich erklaͤ⸗ ren. Die wunderbare Verwandlung Ihres Rin⸗ ges und Ihre dadurch veranlaßte Krankheit beunruhigten mich, ſo wie Ihre uͤbrigen Freunde, viel zu ſehr, als daß ich mich nicht unaufhoͤrlich his damit beſchaͤftigen ſollen. So war es auch kein Wunder, daß meine Phantaſie Ihre Ge⸗ ſchaͤftigkeit aͤußerte, in Traumbildern den Faden meiner Selbſtbetrachtungen uͤber dieſes Ereigniß im Wachen, auch im Schlafe weiter fortzuſpin⸗ nen und mir das Weſentlichſte des Gemaͤldes Ihres Ninges unter eigenen Geſtaltungen vorzu⸗ 15b. O — 210— gaukeln. Ich ſahe Sie auf einem leichten Nachen ohne Fuͤhrer und ohne Steuer auf offenem Meere den ungeſtuͤmen Wellen uͤberlaſſen. Ich ſtand am Ufer und ſchauete, unthaͤtig wie am Boden gefeſſelt und aller Mittel beraubt, etwas zu Ihrer Rettung unternehmen zu koͤnnen, ver⸗ zweiflungsvoll nach Ihnen hinuͤber, als der Sturm den ſchwankenden Nachen dem Ufer zu⸗ trieb. Allein in demſelben Augenblicke, wo ich Sie ſchon der Gefahr entronnen waͤhnte, hob ſich ein Ungeheuer aus den Fluthen empor, um Sie in die Tiefe des Meeres hinabzuziehen. Die Angſt erhoͤhte meine Kraft, gewaltſam entriß ich mich dem Zauber, der mich feſt auf meine Stelle zu feſſeln ſchien, und ſtuͤrzte mich zu Ihrem Bei⸗ ſtande mit einem Ausrufe des Entſetzens in die ſchaͤumenden Wellen. Mit wildem Getoͤſe fuhr darnuf das Ungeheuer in die Fluthen wieder hin⸗ ab, und mit aller Anſtrengung meiner Kraft ge⸗ lang es mir, mit Ihnen das Ufer zu erreichen. In meinen Armen trug ich Sie empor und legte Sie dort erſchoͤpft auf den zarten blumenreichen Raſen, als ich mich ſanft bei der Hand ergriffen fuͤhlte, und in einem ſeltſamen Zuſtande von Wachen und Schlaf einen ehrwuͤrdigen Alten an meiner Seite erblickte, der mir ſeinen Beifall uͤber Ihre Rettung freudig bezeugte. „ Das iſt ſeltſam!“ unterbrach ihn der Graf Montaldi.„Wuͤrden Sie wohl dieſen Alten wieder erkennen, wenn Sie ihn noch einmal ſahen, und entdecken Sie vielleicht einige Aehn⸗ lichkeit ſeiner Zuͤge in dieſem Bilde?“ fuhr er fort, indem er Dianorens Hand faßte und Ma⸗ nutti ihren Ring mit dem Bilde ihres Vaters zeigte. „Es iſt der naͤmliche!“ erwiederte Manutti uͤberraſcht. Der Graf ſchuͤttelte bedenklich den Kopf und blickte verwunderungsvoll auf Dianoren und auf ſeine Gemahlin.„Traͤumt denn Alles?“ ſprach er mit ſichtbarem Verdruſſe,„und immer nur von dieſem raͤthſethaften Alten? Sonderbar! da. dieſer ſich nicht mehr oͤffentlich mit ſeiner aben⸗ teuerlichen Geſchaͤftigkeit zeigt, ſo waͤhlt er jetzt dieſe Art, ſeine Wirkſamkeit zu aͤußern. Genug davon,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„ſind wir nicht thoͤricht, daß wir auf Traͤume achten. Wir wol⸗ len uns lieber an die Wirklichkeit halten, als ſie uns durch nichtige Schatten truͤben laſſen.“ Aber dennoch hatte die Sache ſein Nachden⸗ ken daruͤber in einem hohen Grade rege gemacht. Er verſuchte ein anderes Geſpraͤch anzuknuͤpfen, und die Aufmerkſamkeit von dem ſonderbaren Zuſammentreffen der Umſtaͤnde in Manutti's O 2 — 112— Traume mit den vorigen Ereigniſſen und mit Dianorens Traume abzuleiten; indeſſen war ſo⸗ wohl die Graͤfin und Dianora ſo wie Manutti zu ſehr mit dieſen Dingen beſchaͤftiget, als daß dieß den leichten Gang der Unterhaltung nicht haͤtte hindern ſollen. Dianora fand Manutti's Traum min einer ſo genauen Verbindung mit dem ihrigen, daß ſie die Wirkſamkeit ihres Vaters darin nicht ver⸗ kennen konnte, und daher den Traum ihrer gan⸗ zen Aufmerkfamkeit werth hielt. Vergebens täͤn⸗ deite Cerrino um ſte herum, vergebens erſchoͤpfte er ſeinen Witz um ſie zu zerſtreuen und eine leb⸗ haftere Unterhaltung herbeizufuͤhren; ſein An⸗ blick erfuͤllte ſie immer mehr und mehr mit Grauen, das ſie von ihm zuruͤckſtieß. Mit unter⸗ druͤcktem Unwillen uͤber dieſe durch Manutti's Erzaͤhlung bewirkte widrige Stimmung neckte er dieſen ſpoͤttelnd uͤber ſeine Traͤumereien, und. ſuchte ſie laͤcherlich zu machen; ohne jedoch auf ſeine Spoͤttereien weiter zu achten, fuͤſterte er ihm bedeutend zu:„Ich traͤumte Wirklichkeit, Herr Graf, und Sie wuͤrden ſicher Ihren Spott zuruͤcknehmen, wenn ich Ihnen dieſe Wirklich⸗ keit, der Wahrheit ganz getreu mittheilen wollte.“ Er entfernte ſich von ihm und trat zu Dianoren an das Venſter, indem jetzt Scipio hereintrat. 5 Den Grafen Montaldi befremdete Dianorens ſchuͤchternes und zuruͤckſtoßendes Betragen gegen Scipio und erfuͤllte ihn um ſo mehr mit aͤngſt⸗ licher Beſorgniß, je deutlicher er ſich uͤberzeugte, wie ſehr das Herz ſeines guten Sohnes mit den Schmerzen verſchmaͤhter Liebe kaͤmpfte. Die Mißverſtaͤndniſſe zu heben, welche Dianoren ſo ſichtbar gegen ihren Unwillen von dieſem ent ern⸗ ten, hielt er ſich dringend aufgefordert. 3 Scipio liebte Dianoren mit allem Feuer der zaͤrtlichſten Leidenſchaft, und eben der Zwang, den er ſich deshalb auflegen mußte, fachte es um ſo heftiger an. Die wunderbare Verwandlung von Dianorens Ringe, Lorenzo's dadurch ge⸗ aͤußerter Widerwille gegen ihn und ſeine Liebe zu Dianoren, die Bitten und Vorſtellungen ſeiner Mutter, wodurch ſie ſeine zaͤrtlichen Gefuͤhle fuͤr Dianoren zu unterdruͤcken bemuͤht war, hatten den Juͤngling in die groͤße Unruhen erſetzt, die durch Cerrino's Aeußerungen uͤber Lorenzo nur noch mehr verſtaͤrkt wurde. Er theilte ſich uͤber dieſe letzteren ſeinem Vater mit, und dieſer durch⸗ ſchauete ſogleich Cerrino's verſteckte Abſicht, durch den gegen Lorenzo und Dianorens Herkunft er⸗ regten Verdacht, ſich in Scipio von einem faͤhrlichen Nebenbuhler zu befreien. Der Graf ſuchte ſeinen Sohn zu beruhigen und mit neuen Hoffnungen zu erfuͤllen; reifliche Erwaͤgung der Umſtande hatte ihn in der Meinung beſtaͤrkt, daß der Grund von Lorenzo's Abneigung gegen das liebevolle Einverſtaͤndniß der Herzen ſeiner Tochter und Scipio's nur in den ungluͤcklichen Verhaͤltniſſen beſtehe, welche ihn mit Schmach und Schande belaſtet in die Verborgenheit hin⸗ gedraͤngt hatten. Auch war er mit Lorenzo und deſſen Rechtlichkeit zu genau bekannt geworden, als daß er Cerrino's Aeußerungen uͤber ihn als voͤllig grundlos haͤtte nicht verwerfen ſollen. Durch dieſe Vorſtellungen zu neuen ſchoͤnen Hoffnungen ermuthigt, ſuchte Secipio ſich Dia⸗ noren allmaͤhlig wieder zu naͤhern; aber mit einer unbeſiegbaren Aengſtlichkeit und ſichtbaren Befangenheit wich ſie auch jetzt ſchuͤchtern ihm aus. Dem Grafen machte dieſer gegenſeitige zer⸗ ruͤttende Kampf ſeiner Lieblinge nicht geringen Kummer. der Seite ſeines Sohnes trat er daher zu Vhen hin, eine freundliche Vermit⸗ telung zu verſuchen. „Nicht dieſen aͤngſtlich ſchuͤchternen Blick, liebe redete er ſie fanft an,„verſcheuche Tochter!“ dieſe Unruhe und uͤberlaß Dich, in dem Ver⸗ trauen, daß es mir leicht werden ſoll, die Bei⸗ 1 ſtimmung Deines Vaters zu erhalten, unbeſorgt dem Drange Deines Herzens, das Dich nach — Scipio hinzieht. beſtimmt, denn ich weiß, daß er Deiner wuͤrdig iſt, und daß Eure Verbindung Euer Beider Lebensgluͤck feſt begruͤnden wird. Wie ſollte da⸗ her Dein Vater nicht mit Freuden dem ſchoͤnen Liebesbunde Eurer Herzen ſeinen Beifall ſchenken, und ſegnend Eure Haͤnde ſo in einander fuͤgen, wie ich es jetzt thue, wenn ich ihn von dem Gluͤcke uͤberzeuge, das er Euch dadurch bereitet.“ Er legte Dianorens Hand ſauft in die ſeines Sohnes. Dianora gerieth in heftige Bewegung, die ihre vermehrte Aengſtlichkeit verrieth; ſchuͤch⸗ tern blickte ſie nach dem Bilde ihres Vaters; ſie zitterte heftig; ihr ganzes Weſen war in gewalt⸗ famer Auſpannung. Sie mußte ſich auf die Graͤfin ſtuͤtzen und verbarg ihr Geſicht an ihrem Buſen. Seipio fuͤhrte ſomeichelnd ihre zitternde Hand an ſeine L Lippen; aber ſie entriß ſiegihm von unwiderſtehbarem Schaudern uͤberw t, und winkte ihm, ſich zu entfernen. 3„Dianora,“ redete ihr der Graf zu,„was iſt mit Dir vorgegangen? ich erblicke Dich in einer furchtharen Bewegung, nenne mir den Grund davon, liebe Tochter, und betuhige Dich. 7 2 Laſſen Sie mir Zeit mich zu ſammeln,“ , L Ich ſelbſt habe ihn fuͤr Dich 8 ſtammelte ſie in abgebrochenen aͤngſtlichen Toͤnen, „der Traum,— mein Vater,— zwingen Sie mich nicht gegen ſeinen Willen zu handeln und mich ungluͤcklich zu machen?“. „Zwingen 7² erwiederte der Graf,„nein, gute Tochter, das ſey ferne von mir. Es muß uͤber allen Ausdruck ſchrecklich ſeyn, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, gegen welche das eigene Herz ankaͤmpft. Ich glaubte den Wie⸗ derhall meiner vaͤterlichen Wuͤnſche und der Ge⸗ fuͤhle meines Sohnes in Deinem eigenen Herzen zu bemerken.“ „Ich duͤrfte ihm ja doch nimmer folgen, wenn dem auch ſo waͤre!“ erwiederte ſie leiſe mit be⸗ bender Stimme und preßte ſich inniger an ihre muͤtterliche Freundin an, als wollte ſie bei ihr Schutz und Beiſtand ſuchen. Die Graͤfin hielt das zitternde Maͤdchen liebkoſend in ihren Armen und wi ihrem Gemahle bittend, es zu ſcho⸗ nen, und dieſes Geſpraͤch nicht weiter fortzu⸗ ſetzen. Der Graf erkannte ſelbſt dieſe Nothwen⸗ digkeit. Dianoren zu beruhigen, gab er ihr die wiederholte Verſicherung, daß er die Freiheit ihrer Wahl auf keine Weiſe beſchraͤnken wolle. „Unſre Unterhaltung hat zufaͤllig eine ſo. widrige Richtung genommen;“ wandte er ſich an Manutti und Cerrino.„Es thnt mir Leid, 8 daß ich dazu gegen meinen Willen Veranlaſſung gab, und ich erſuche Sie, die Guͤte zu haben, mich zu unterſtuͤtzen, meine gute Tochter wieder zu erheitern. Wir hatten auf dieſen Nachmittag eine Spazierfahrt nach meinem Landgute zu Dia⸗ norens Zerſtreuung beſchloſſen, wozu ich Ihren Oheim, Herr Marcheſe, und einige andere Freunde eingeladen habe; gefaͤllt es Ihnen, ſo brechen wir aber lieber ſogleich dahin auf, und Sie neh⸗ men mit einer frugalen Mahlzeit, wie ſie das Landleben darbietet, vorlieb. Ich hoffe, daß dieſe Zerſtreunng uns insgeſammt ſehr zutraͤglich ſeyn ſoll. 1 Dieſes Anerbieten wurde ſehr bereitwillig an⸗ genommen. Die Graͤfin traf ſogleich mit Dia⸗ norens Beihuͤlfe Anſtalten zu einer anſtaͤndigen ewirthung ihrer Gaͤſte, und in kurzer Zeit. brach die Geſellſchaft auf. Das Landgut des Grafen lag in einer gerin⸗ gen Entfernung von der Stadt, in einer aͤußerſt angenehmen Gegend und ſchien ganz geeignet, losgeriſſen von dem Beengenden des conventio⸗ nellen Lebens, ſich ungeſtoͤrt dem ſchoͤnen Genuſſe der laͤndlichen Natur zu uͤberlaſſen. Es war vor⸗ zuͤglich dieſer Ort Dianoren ſehr werth geworden, weil das Aehnliche ſeiner Umgebungen mit ihrem fruͤhern Aufenthaltsorte, ihr die Tage ihrer Kind⸗ heit lebhafter vergegenwaͤrtigte, und eine edle Einfachheit, welche dort herrſchte, ſie ſo fehr an⸗ ſprach. An ſchoͤnen heitern Tagen ſuchte ſie daher ihre Pflegeeltern oͤfters zu veranlaſſen, ſich mit ihr dorthin zu begeben; um ſo gewiſſer kaanten dieſe darauf rechnen, daß ein Beſuch in ihren Lieblingsaufenthalt Dianoren am beſten erheitern wuͤrde. Dieſe erhielt, von ihrem lieben Sorgen⸗ frei umſchloſſen, auch in der That ſehr bald ihre liebenswuͤrdige Gemuͤthlichkeit wieder, da ſie ſich ſeſt vorgenommen hatte, den Ermahnungen ihrer muͤtterlichen Freundin zu folgen, die gutgemeinte 4 3 gutg Abſicht des Grafen zu unterſtuͤtzen und alles zu vergeſſen, was den heitern frohen Genuß dieſer Stunden truͤben koͤnnte. Waͤhrend der Graf auf einem Spaziergange mit ſeinem Sohne dieſen durch trauliche Zure⸗ dungen fuͤr eine groͤßere Ruhe und Heiterkeit zu ſtimmen bemuͤhet war, luſtwandelte Dianora mit der Graͤfin und Manutti nebſt Cerrino im Gar⸗ ten umher. Das unterdeſſen bereitete Mittags⸗ mahl vereinigte die Geſellſchaft, wo Heiterkeit und muntere Laune das laͤndliche Mahl wuͤrzten. Cerrino beſonders bot ſeine ganze Gewandheit auf, um durch Scherz und leichten Witz und launige Erzaͤhlungen die Geſellſchaft immer mehr aufzuheitern und jene uͤble Laune zu verſcheuchen, — 219— womit Dianora ihn vorhin ſo kalt und zuruͤck⸗ ſtoßend behandelt hatte. Der vorigen Ereigniſſe wurde jetzt um ſo weniger gedacht, je ſorgfaͤltiger der Graf jeden Umſtand vermied, was irgend in dem Gange der Unterhaltung haͤtte daran erin⸗ nern koͤnnen. Die Ankunft der eingeladenen Freunde des Grafen, namentlich Manutti's Oheims, des Geheimenraths Altieri, erhoͤhete die Annehmlichkeiten der Unterhaltung. Der Graf Montaldi war ſehr zufrieden daruͤber, daß ſeine gute Abſicht bei dieſem veranſtalteten tand⸗ lichen Vergnuͤgen ſo erwuͤnſcht gelang, und unter⸗ ſtuͤtzte durch ſeine eigene Heiterkeit die frohe Ge⸗ muͤthlichkeit ſeiner Gaͤſte auf das Beſte. Jeder ſchien mit dem Andern darin zu wetteifern, den kleinen traulichen Familien⸗ und Freundeskreis zur Freude zu ſtimmen, und ſo eilten die Stun⸗ den des Tages frohgenoſſen mit raſchem Fluge voruͤber. Der Abend naͤherte ſich allmaͤhlig; die Ge⸗ ſellſchaft vereinigte ſich zu einem Spaziergange in dem angenehmen Luſtwaͤldchen, welches die Villa umgrenzte, um die angenehme Kuͤhlung zu genießen. In einzelnen Gruppen durchwandelte man die ſchattigen Gaͤnge des Waͤldchens. Cerrino hatte ſich mit Manutti an die Graͤfin und Dia⸗ noren angeſchloſſen und wandte ſeinen ganzen angenehmen Witz und ſeine gefaͤllige Munterkeit auf, um Dianorens heitere'emuͤthsſtiunmung zu unterhalten. Seine Bemuͤhungen waren auch vom guͤnſtigſten Erfolge; ſelbſt der ernſte Ma⸗ nutti mußte in ſeinen leichten und muntern Ton mit einſtimmen und dieſe Erheiterungen unter⸗ ſtuͤtzen. Nur die Graͤfin ſchien dieſe leichte und heitere Stimmung nicht ganz ungeſtoͤrt zu thei⸗ len, ſondern bisweilen eine Unruhe und Be⸗ 1 fangenheit zu verrathen, die ſie ſorgfaͤl ig zu verbergen und zu unterdruͤcken ſtrbbte. Sie hatten jetzt einen Ausſchnitt des Luſt⸗ waͤldchens erreicht, wo ſich die treflichſte Ausſicht uͤber bluͤhende Auen nach einem nahen Doͤrſchen oͤffnete, das ſich an dem ſanften Abhange blumen⸗ reeicher Huͤgel durch das anmuthige Thal aus⸗ dehnte. Der herzerhebende Anblick der Sonne, die ſich in dem gluͤhenden Golde des Abendrothes hinter den fernen Huͤgeln zum Untergange neigte und mit ihrem Glanze die ſchoͤne Gegend ver⸗ herrlichte, ließ die Geſellſchaft einige Augenblicke hier verweilen und ſich an dieſem majeſtaͤtiſchen Schauſpiele ergoͤtzen. Verloren in dieſe Betrach⸗ tung ſtand Dianora auf Manutti's Arm geſtuͤtzt an der Seite ihrer muͤtterlichen Freundin, als ein Mann mit einem Kaſten auf dem Ruͤcken um 1 die Waldecke bog und mit einem freundlichen Gruße ein Geſtelle zurecht ruͤckte, worauf er den Kaſten befeſtigte. „Was iſt das?“ fragte Cerrino, indem er naͤher trat. „Es iſt ein Guckekaſten,“ erwiederte Jener. „Wollen Sie ſo geneigt ſeyn hineinzuſchauen? es wird Sie nicht gereuen.“ „Dort iſt ein ſchoͤneres Schauſpiel,“ wandte ſich Manutti an ihn,„ſtoͤre uns nicht in ſeiner Bewunderung. Deine Darſtellungen, Freund, koͤnnen dieſes Schauſpiel der Natur nicht er⸗ ſetzen.“ „Es kommt darauf an, den Verſuch zu ma⸗ chen,“ erwiederte der Fremde,„und ich bitte darum. Ich will ihnen auch eine untergehende Sonne zeigen, die Sie gewiß intereſſiren wird, wenn ſie auch nicht ſo ſchoͤn wie jene dort unter⸗ geht.“ „Laſſen Sie uns denn ſchauen, was ſein Kaſten enthält,“ wandte ſich Cerrino an die Uebrigen.. „Geben Sie Acht,“ nahm der Fremde das Wort, indem er die Glaͤfer oͤffnete,„ich h Ihnen meine Bildergallerie vor.“ „Ich beginne mit einer Familiengrupde aus der aͤlteren Geſchichte,“ fing er an, indem die —— 6 Geſellſchaft ſich den Glaͤſern naͤherte.— Da ſitzt der kleine Familienkreis in Liebe und Ein⸗ tracht beiſammen. Es iſt ein ſchoͤner Anblick, dieſe gluͤcklichen Menſchen im ſchoͤnen Frieden ſtiller Haͤuslichkeit zu ſehen. Bemerken Sie wohl, welchen ſprechenden Ausdruck von Freude und Zufriedenheit der Maler in dieſe Geſichter legte, der es ſo deutlich verkuͤndet, wie gluͤcklich Eines durch das Andere iſt. Schauen Sie, mit welchem ſeelenvollen Blicke der gluͤckliche Vater auf das bluͤhend ſchoͤne Maͤdchen hinſiehet, das ſich mit der ganzen lieblichen Fuͤlle ſanfter Weib⸗ lichkeit und kindlicher Liebe an ihm anſchmiegt. Gluͤcklicher Vater! gluͤckliche Tochter! moͤchte Euer Gluͤck von feſter Dauer ſeyn!“ „Das Gemaͤlde iſt wirklich ausdrucksvoll und ſchoͤn,“ aͤußerte Dianora.„Es iſt ſo ſchoͤn, durch Eintracht und Zufriedenheit im ſtillen Frie⸗ den der Herzen ſo gluͤcklich zu ſeyn!“ „So zu lieben und geliebt zu werden,“ er⸗ wiederte Manutti mit einem ſanften Haͤndedruck. „Sind das bloße Tableau's eigner Erfindung, oder ſind es Portraits wirklicher Perſonen?“ fragte Cerrino mit einigem Befremden. 8 „Es ſind, wie ich ſchon bemerkte, Tableau's aus der aͤltern Geſchichte,“ antwortete Jener,, wozu vielleicht der Kuͤnſtler in einer eigenen Laune bekannte Originale waͤhlte.“ „Schauen Sie weiter,“ fuhr er fort,„ſo wie Sie jetzt die Sonne ſtillen Friedens und ſuͤßen Seelengluͤcks im vollen Glanze erblickten, ſo werden Sie nunmehr, wie ich Ihnen ver⸗ 5 ſprach, dieſe Sonne im ſchwarz umflorten Unter⸗ gange ſehen. Hier ſind zwar dieſelben Perſonen wieder, aber nicht mehr in demſelben Gluͤcke. Sehen Sie die arme ungluͤckliche Tochter, da liegt ſie bleich und entſtellt und der Verzweiflung Preis gegeben, haͤnderingend, die Beute Tarqui⸗ niſcher Bosheit. Liebe, Verzweiflung und Rache ſprechen die verwilderten Zuͤge des ungluͤcklichen Vaters. In ſtarren Gruppen ſtehen ſeine Freunde um ihn her; er vermag die Groͤße ſeiner Schmach und des tiefen Falls des geliebten Kindes nicht zu tragen. In der uͤbermannenden Staͤrke ſeines Ungluͤcks ergreift er das Schlachtmeſſer und zuckt es gegen die Bruſt der verzweifelnden Bianka Lukrezia!“ Bleich und zitternd bebte Cerrino mit allem Ausdrucke der ſchreckenvollſten Ueberraſchung von dem Glaſe zuruͤck, und verwundert blickte Eines das Andere an. —„Nicht wahr, Signor,“ wandte ſich der Mann an Cerrino,„dieſer Anblick iſt ſchrecklich, 2 Sie haben Recht, davor zuruͤckzuſchaudern. Kennten Sie erſt das weitere ſchreckenvolle Schickſal dieſes neuen Collatinus Donari und dieſer neuen Lukretia, Sie wuͤrden vor gerechtem Ingrimm zuruͤckbeben und Wehe rufen uͤber den Nichtswuͤrdigen, der dieſes namenloſe Elend uͤber Beide haufte und gegen welchen jener Sex⸗ tus Tarquinius ein Stäunper in der Bosheit war.“ 1 Cerrino tonnte⸗ kaum aufathmen, und bot vergebens ſeine Kraft auf, ſich zu ſammeln und ſein Erbleichen hinter den heftigen Eindruck zu verbergen, welchen dieſes Gemaͤlde anf thn ſchien gemacht zu haben. 1 „Ich ſehe, daß dieſes Gemäl de Sie zu heftig erſchuͤttert,“ fuhr der Guckekaſtenmann fort,„ich nehme es daher hinweg und laſſe ein anderes folgen. Es iſt eine allegoriſche Darſtellung, welche vielleicht die weitere Fortſetzung der Buͤ⸗ berei jenes Sextus andeuten ſoll, der im frechen Uebermuthe ſeiner laſterhaften Begierden nicht muͤde iſt, Unſchuld und Tugend zu morden. Schauen Sie dorthin! da ſchaukelt das holde Maͤdchen im ſorgloſen Schlummer und in reiner Unſchuld des Herzens im maſtberaubten Schiffe auf ſtuͤrmiſchen Wogen, ohne die Gefahr zu ken⸗ nen, die ihm von allen Seiten droht. Aus den das die ſchlummernde Unſchuld hinabzuziehen im im Begriff iſt. Aber ſehen Sie, dort rechts am Ufer wacht ein ſchuͤtzender Engel uͤber ihrem Schlummer und ſie iſt fuͤr diesmal gerettet.“ Ueberraſcht und voll innern Grauens fuhren Dianora und die Graͤfin zuruͤck; denn ſie erblick⸗ ten in dem Bilde eine treue Copie des vorigen Gemaͤldes auf Dianorens Ringe, ſo wie eine genaue Darſtellung von Manutti's Traume, und zur Vermehrung ihrer Ueberraſchung erkannten ſie in dem M eeresungehener, das ſich aus dem wilden Fluthengedraͤnge. empor hob, Cerrino's Zuͤge. Dieſer ſtand bleich und bebend zur Seite und wagte kaum einen verſtohlenen Blick in den Kaſten; Manutti ſtand vor ihm und beobachtete ihn ſtillſchweigend ſcharf und durchdringend. Die Graͤfin und Dianora fuͤhlten ſich maͤchtig ergriffen 1 gerg„ ohne zu wiſſen, wie ſie ſich dieſe Scene erklaͤren ſollten. Der Unbekannte benutzte die allgemeine Ueberraſchung, der Graͤfin naͤher zu treten und ihr ein verſtegeltes Papier unbemerkt mit den leiſe ihr zufluͤſternden Worten in die Hand zu druͤcken:„Dieſes ſchickt Ihnen der Greis aus dem Karmeliterkloſter.“ Mit leichter Unbefangenheit ſchob er ein an⸗ II. P Fluthen hebt ſich das Ungeheuer der Tiefe empor, deres Blld in ſeinen Kaſten, als jetzt der Graf Montaldi und Manutti's Oheim naͤher kamen, welchen Scipio mit der uͤbrigen Geſellſchaft nach⸗ folgte. „Was giebt es denn hier zu ſchauen?“ fragte der Graf befremdet uͤber das ſtarre Erſtaunen, das er an ſeiner Gemahlin, Dianoren und Cer⸗ rino erblickte.. „Es ſind einige Darſtellungen aus den Zeiten des alten Roms,“ nahm der Unbekannte das Wort mit einer ehrerbietigen Verbeugung,„auf welche der Kuͤnſtler einen beſondern Fleiß ver⸗ wendete, ſo daß dadurch die Bilder an Intereſſe gewinnen. Daher ſind auch meine Bilder ſehr beliebt, obgleich Mancher vieles darum geben wuͤrde, wenn er ſie mit meinem Kaſten ver⸗ nichten koͤnnte. Beliebt es Ihnen, ſo zeige ich Ihnen auch das letzte dieſer Bilder. Es iſt die Darſtellung der Verſchwoͤrung des Cati⸗ lina. Sie erblicken ihn hier in der Mitte des Bildes, umgeben von den vorzuͤglichen Glie⸗ dern ſeiner Verſchwoͤrung in dem Augenblicke, wo ſie ſich uͤber ihren Anſchlag beſprechen, die Conſuln zu ermorden und Rom zu verrathen; jedoch das Gemaͤlde ſpricht zu deutlich ſelbſt und bedarf fuͤr den Kenner keiner weitern Erklaͤrung.“ Der Graf Montaldi blickte hinein und zog den Geheimenrath Altieri raſch neben ſich, als er in dieſem Catilina, Torſo und dann die Glieder des ſchwarzen Bundes auf das unverkennbarſte und nach dem Leben abgebildet erblickte. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit muſterte der Graf an der Seite ſeines ehrwuͤrdigen Freundes die Ge⸗ ſichter der Verſchworenen auf dieſem Gemaͤlde, das fuͤr Beide ſo wichtig und bedeutungsvoll war. „ Das iſt ſeltſam!“ wandte ſich der Graf an den Unbekannten,„das iſt mehr als leeres Bil⸗ derwerk eines gewoͤhnlichen Guckekaſtens; woher haſt Du dieſe Bilder, und wer biſt Du?“ „Dieſer Kaſten iſt das Werk eines alten Ma⸗ giers,“ erwiederte Jener,„der mir ihn abließ, um damit mir und meinem alten Vater, der auf dem Weere des Lebens Schiffbruch litt, etwas zu verdienen; ich bitte um eine milde Gabr fuͤr z ihn.“ 4 Manuntti druͤckte ihm eine Boͤrſe in die Hand. „Sind Deine Bilder alle von gleichem Ge⸗ halt?“ fragte der Graf weiter. „O nein,“ antwortete Jener, waͤhrend er den Kaſten wieder auf den Ruͤcken nahm,„ich habe der Bilder viele und mancherlei, ſo wie es der gemiſchte Kreis meiner Zuſchauer verlangt. Den meiſten Beſchauern zeige ich nur die bibli⸗ ſcchen Geſchichten vom Suͤndenfalle, von dem 1 P 2 —— Sturz der boͤſen Engel, dem Weltgerichte und aͤhnliche Bilder, oder große Staͤdte und Anſich⸗ ten. Die uͤbrigen Wenigen anderer Art ſind nicht fuͤr Jedermann, denn nicht Jeder hat zu dieſen den Schluͤſſel.“ „Ich bin begierig dieſen Schluͤſſel zu erhalten und Dich naͤher kennen zu lernen,“ fuhr der Graf fort, und ſuchte ihn aufzuhalten. „ Fuͤr Sie bedarf es ſchwerlich noch eines Schluͤſſels,“ ſiel Jener ihm in das Wort,„und meine naͤhere Bekanntſchaft koͤnnte Ihnen zu nichts dienen.“ Er ſtrich ſich die herabhaͤngenden Haare aus 8 dem Geſichte und blickte dem Grafen feſt entge⸗ 8 gen, indem er ihm leiſe zuraunte:„Sie ſahen mich ſchon fruͤher.“ Der Graf glaubte Pierro's bekannte Zuͤge zu entdecken; ehe er ſich jedoch von ſeiner Ueber⸗ raſchung ſammeln konnte, hatte dieſer ſich los⸗ 85 gemacht und in das angrenzende Gebuͤſch ver⸗ mit naͤher bekannt zu machen, woran ſie jedoch loren. Die Graͤfin fuͤhlte ſich durch das ihr in die Hand gedruͤckte Papier, ſo wie durch die damit verbundene Weiſung des Kaſtentraͤgers aͤußerſt uͤberraſcht. Sie brannte vor Ungeduld, ſich da⸗ die Gegenwart der Geſellſchaft verhinderte. Kaum war man aber nach der Stadt wieder aufgebrochen und ſie zu Hauſe und auf ihrem Zimmer ange⸗ langt, als ſie ſogleich ihre Kammerfrau entfernte, und das Papier hervorzog. Sie löͤſte haſtig das Siegel, und ihre Ueberraſchung erreichte einen neuen hohen Grad, als ihr bei dem Entfalten des Blattes die Haͤlfte eines zerbrochenen Ringes in die Haͤnde ſiel. Sie eilte nach ihrem Schmuck⸗ kaͤſtchen, um den von Lorenzo erhaltenen halben Ring mit dieſer ſo eben bekommenen Haͤlfte zu vergleichen, und uͤberzeugte ſich zu ihrer Freude, daß ſie genau zuſammen paßten. Sie unterſuchte das Papier genauer und ſand folgende Zeilen darauf geſchrieben: „Morgen Nachmittag um fuͤnf Uhr erwartet Sie in der Kapelle Sankt Thekla der Freund Lorenzo's, den Ihnen die Inlage dieſes Blat⸗ tes bezeichnet, zu einer geheimen Unterredung, welche die ſtrengſte Geheimhaltung und Ver⸗ ſchwiegenheit gegen Jeden zur nnerlaßlichen Bedingung macht.“ Jetzt wurde es ploͤtzlich Licht vor ihren Augen. Leicht wußte ſie ſich nun mehr das ſeltſame Betra⸗ gen des alten Moͤnches in dem Karmeliterkloſter zu erklaͤren; denn nach dem Beweiſe, den ſie gegen⸗ waͤrtig in dem zerbrochenen Ringe in der Hand Herzen liegenden Raͤthſel hingewieſen hatte. Die Graͤfin hatte zwar ſo lange ſchon der verſprochenen Ankunft dieſes Amadeo mit unge⸗ duldiger Erwartung entgegen geſehen, aber gegen⸗ waͤrtig, wo dieſer ſehnlich gewuͤnſchte Moment wirklich erſchien, konnte ſte unmoͤglich ein aͤngſt⸗ liches Bangen vor dem, was ſie zu erfahren hoffte in ſich unterdruͤcken. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß Dinge von beſonderer Wichtigkeit dieſen Abgeſandten Lorenzo's herbeiriefen, und die bisherigen Ereigniſſe wohl hauptſaͤchlich zu Amadeo's Erſcheinung Veranlaſſung gegeben ha⸗ ben moͤchten. Sie fing an zu beſorgen, daß Lorenzo's Aeußerungen nur zu ſehr ſich beſtaͤtigen duͤrften, denen zufolge die Ungewißheit, in welcher ſie bisher uͤber jene Dunkelheiten ge⸗ hielt, konnte dieſer raͤthſelhafte Alte Niemand anders als Amadeo ſeyn, auf deſſen einſtige Er⸗ ſcheinung Lorenzo ſie zu Aufloͤſung der ihr am ſchwebt hatte, in vieler Ruͤckſicht zutraͤglicher fuͤr ihre innere Ruhe moͤchte geweſen ſeyn, als die ſie erwartende Gewißheit, und ſo ſahe ſie mit einer zunehmenden Baͤnglichkeit der beſtimmmten Stunde entgegen, welche iß das vorhandene Dunkel lichten ſollte.“ Der Morgen weckte die Graͤfin nach einem unruhigen Schlummer aus aͤngſtlichen Traͤumen, als bald darauf der Graf bei ihr eintrat, um ſie zur Meſſe in der Karmeliterkirche einzuladen. Mit Ungeduld hatte dieſer die Stunde erwartet, um den raͤthſelhaften Alten aufzufinden und ſich Auf⸗ ſchluß uͤber das zu verſchaffen, was ihm ſeine Gemahlin von ihm erzaͤhlt hatte. Jetzt nach dem Empfange des Briefes und des Ringes bereuete es die Graͤſin, daß ſie ſich ihrem Gemahle uͤber die Erſcheinung jenes Alten mitgetheilt und ihn dadurch veranlaßt hatte, die naͤhere Bekanntſchaft deſſelben zu ſuchen. Die ihr empfohlene Geheim⸗ haltung wurde dadurch nun verletzt; ſie ſcheute ſich daher, dieſen raͤthſelhaften Alten im Beiſeyn ihres Gemahls wieder zu ſehen, weil ſie ſich kaum Faſſung genug zutraute, die innere Bewegung unterdruͤcken zu koͤnnen, welche ſein Anblick ſo wie die Beſorgniß in ihr erregen mußte, daß der Graf wegen einer Erklaͤrung in ihn dringen wuͤrde. Sie haͤtte daher ihren Gemahl von dem Gange nach dem Kloſter gern abgehalten, oder wenigſtens ihre Begleitung dahin abgelehnt, wenn nur nicht zu befuͤrchten geweſen waͤre, dadurch ihrem Ge⸗ mahle Veranlaſſung zu geben, nach der Urſache ihrer Weigerung ſich zu erkundigen. Um alſo keinen nachtheiligen Verdacht gegen ſich zu erre⸗ — 232— gen, bequemte ſie ſich nach dem Willen ihres Gemahls in der Hoffnung, daß Amadeo ſich dies⸗ mal nicht wuͤrde dort ſinden laſſen, da ſeine Abſicht erreicht zu ſeyn ſchien. In Dianorens Begleitung ſchloß ſie ſich an ihren Gemahl an, als der Schall des Silber⸗ gloͤckchens nach dem Kloſter rief. Was ſie ge⸗ wuͤnſcht und gehofft hatte, ſahe ſie jetzt erfuͤllt; denn ſie erblickte den Alten weder auf der gewohn⸗ ten Stelle am Eingange der Kirche, noch ſonſt irgendwo. Forſchend muſterte der Graf die Ver⸗ fammlung, aber nirgends war der Erwartete zu bemerken. Abſichtlich verweilte er nach Beendi⸗ gung der Meſſe bis die Verſammlung der Beten⸗ den ſich groͤßtentheils entfernt hatte; vielleicht konnte der Alte nur die Menge der Anweſenden geſcheut haben. Aber zu ſeinem großen Verdruſſe ſahe er ſich auch in dieſer Hoffnung getaͤuſcht. Im Nachdenken uͤber das raͤthſelhafte Außen⸗ bleiben des Greiſes, gewahrte er einen ehrwuͤr⸗ digen alten Ordensbruder, der in einem nahen Seitengange herumſchlich, und ihn aufmerkſam zu beobachten ſchien. Da der Graf glaubte, daß jener raͤthſelhafte Greis in dem Kloſter bekannt ſeyn muͤſſe, ſo erkundigte er ſich bei dieſem nach demſelben. ie „Sie meinen wahrſcheinlich den Bruder Anto⸗ nio,“ erwiederte dieſer,„der ſich feit einigen 32 Tagen in unſerm Kloſter aufhielt. Der hat heute Morgen dieſe Mauern wieder verlaſſen.“ Graf. Das thut mir ſehr leid, denn ich wuͤnſchte ſehr angelegentlich mit ihm zu ſprechen und ſeine naͤhere Bekanntſchaft zu machen. Kann ich wohl einige beſtimmtere Nachricht uͤber ihn erhalten. Alter. Antonio iſt mein Freund und ein Mitglied unſers Ordens; ſeit mehrern Jahren hat er ſich jedoch in die Einſamkeit eines from⸗ men Eremitenlebens zuruͤckgezogen. Er hat mir geſagt, daß ihn gegenwaͤrtig ein Geluͤbde nach der Santa Caſa zu Itola rufe; auf dieſer ſeiner muͤhevollen Wallfahrt kehrte er hier kim um einige Tage bei mir zu raſten. Graf. Wo haͤlt ſich denn dieſer froimne Mann gewoͤhnlich auf? Alter. An der ſuͤdlichen Grenze dieſes Lan⸗ des, in den Waldungen, welche nach Latago fuͤhren. Er ſcheint beſonderes Intereſſe fuͤr Sie zu haben, und es iſt keinesweges unbeſcheidene Neugierde, wenn ich Sie erſuche, mich mit der Urſache bekannt zu machen. Graf. Ich finde keinen Grund ſie zu ver⸗ heimlichen. Dieſer Antonio hat allerdings meine Aufmerkſamkeit in einem hohen Grade erregt, und es liegt mir daran, uͤber gewiſſe Dinge von ihm Auskunft zu erhalten. Wenn er jedoch wirk⸗ lich keinen andern Zweck ſeines Hierſeyns hatte als eine Wallfahrt nach Itola, ſo habe ich mich geirrt; denn ich vermuthete, daß er vielleicht mit mir moͤchte zu ſprechen haben. 3 Alter. Wenn Sie, wie ich vermuthe, die Perſon ſind, welche ich Antonio's Auftraͤge zu⸗ folge, heute hier erwartete, ſo haben Sie ſich in Ihrer Vermuthung keinesweges geirrt. Darf ich mir daher Ihren Namen ausbitten? Graf. Meine Name iſt Montaldi.. Alter. Ganz recht. So freue ich mich, dem Auftrage meines Freundes Genuͤge leiſten zu koͤnnen. Antonio vermuthete, daß Sie hierher kommen wuͤrden ihn aufzuſuchen, und ſo trug er mir auf, dieſe Zeilen Ihnen einzuhaͤndigen.(Er uͤberreicht ihm einen Brief.) Graf.(erbricht den Brief und lieſt:) „Wenn Ihnen Ihre Ruhe und das Gluͤck Ihrer Familie theuer ſind, ſo genehmigen Sie die Warnung eines redlichen treugeſinnten Freundes Ihres Hauſes, ſich nicht in An⸗ ſehung einer Verbindung Ihres Sohnes zu uͤbereilen, gegen welche ſich bereits Ihr Freund Lorenzo erklaͤrt hat. Seyn Sie verſichert, daß Lorenzo die vollguͤltigſten Gruͤnde dazu hat; —— beguͤnſtigen Sie daher nicht laͤnger eine Leiden⸗ ſchaft, die nur zu untilgbarem Ungluͤck fuͤhren muͤßte. Die Umſtande ſind aͤußerſt dringend, obgleich von ſolcher Beſchaffenheit, daß Sie keine offene Erklaͤrung verſtatten, die Ihnen jedoch keinesweges ſoll vorenthalten werden.““ Der Graf war außerordentlich uͤberraſcht und blickte verwundert bald den Brief, bald den Al⸗ ten an.„Hat Antonio außerdem nichts hinter⸗ laſſen, um mir anzudeuten, wenn und wo ich die hier verſprochene Erklaͤrung erhalten ſoll?“ Alter.(leiſe, indem er einen Schritt mit ihm zuruͤcktritt.) Ja, er fuͤgte hinzu, daß der Name Conſtanza Ihnen den Schluͤſſel zu dieſen Raͤthſeln geben wuͤrde. Graf.(mit allem Ausdrucke der heftigſten Ueberraſchung:) Conſtanza? Sagt mir ſchnell, ehrwuͤrdiger Vater, laͤßt ſich Antonio nicht zu⸗ ruͤckrufen? Alter. Wohl ſchwerlich. Graf. Er kann unmoͤglich ſo weit ſchon entfernt ſeyn, daß man ihn nicht noch einholen koͤnnte. Alter. Wenn Ihnen ſo viel daran liegt, ſo werden Sie ihn vielleicht bei den Minoriten der Abtei Sankt Lucian, wenige Stunden von hier, finden, wo er heute zu uͤbernachten gedachte. — 236— 3 Graf. Ich danke Euch fuͤr dieſe Nachricht, und werde ſie zu benutzen wiſſen. Er wandte ſich von ihm und begab ſich mit ſeinen beiden Begleiterinnen nach Hauſe. Der Graf war durch den Auftritt in der Kloſterkirche in eine Verwirrung geſaut worden, die er vergebens zu unterdruͤcken und vor ſeiner Gemahlin zu verbergen bemuͤht war. Dieſe hatte das vorgefallene Geſpraͤch des Grafen mit dem Moͤnche und beſonders der Name Conſtanza ſo aufmerkſam gemacht, daß der Graf fuͤr gut fand, bei ſeiner Nachhauſekunft ihr ſelbſt den empfan⸗ genen Brief leſen zu laſſen und ſich ſo gut es geſchehen konnte daruͤber gegen ſie zu verſtaͤndigen. Die Graͤfin erkannte auf den erſten Blick in den Schriftzuͤgen die genaueſte Aehnlichkeit in Amadeo's Handſchrift, durch welche dieſer ihr die Einladung in die Kapelle Sankt Thekla gegeben hatte. Der Schreiber dieſes Briefes, der raͤth⸗ ſelhafte Moͤnch, und Amadeo mußten alſo eine und dieſelbe Perſon ſeyn und mit Lorenzo in Verbindung ſtehen. Sie vermuthete ſogar, daß vielleicht die erhaltene Einladung nach Sankt Thekla und das was ſie dort erſahren ſollte, mit Antonio's zuruͤckgelaſſenem Briefe zuſammen⸗ haͤngen koͤnne; nur war es ihr unbegreiflich, heim gehalten wiſſen wollte, und in welcher Ver⸗ bindung der Name Conſtanza damit ſtehen moͤchte, den ihr Gemahl mit allen Kennzeichen heſtiger Ueberraſchung ausgeſprochen hatte. Auf ihre deshalb an ihn gerichtete Frage ver⸗ ſicherte ihr dieſer, daß er uͤber die Hauptſache und uͤber den in Antonio's Brief erwaͤhnten Schluͤſſel zu den vorhandenen Raͤthſeln in Dunkeln ſchwebe, wobei er ſich in ein Gemiſch von Vermuthungen und Zweifeln verwickele, welche die Sache nur noch verworrener mache. Die Graͤfin verlor ſich in ſtummes Nach⸗ denken. „Sie ſcheinen an der Wahrheit meiner Worte zu zweifeln,“ fuhr er gegen ſie fort,„aber ich verſichere Ihnen wiederholt, daß dem wirklich ſo iſt, wie ich ſagte. Es iſt mir hoͤchſt unangenehm, daß die neuern Ereigniſſe in unſerm Hauſe ſo viele Unruhe veranlaßt haben; deſto angelegent⸗ licher werde ich Sorge tragen, mir beſtimmte Gewißheit uͤber alles zu verſchaffen, und alsdann ſoll Ihnen nichts verheimlicht werden. Ungemein Leid muͤßte es mir thun, wenn dieſe Ereigniſſe, ſeitdem Lorenzo's Tochter ſich hier befindet, Miß⸗ verſtaͤndniſſe zwiſchen uns Beiden veranlaſſen und dieſe unſere ſchoͤnen eintrachtsvollen Verhaͤlt⸗ warum alsdanu Amadeo ſeine Einladung ſo ge⸗— 4 — 258— niſſen gefaͤhrden oder uns einander entfremden koͤnnten. Es iſt traurig genug, daß die Leiden⸗ ſchaft unſers Sohnes fuͤr Dianoren und Lorenzo's unerklaͤrbare Widerſetzlichkeit gegen unſre beab⸗ ſichtigte Verbindung ſo unangenehme Folgen her⸗ beigefuͤhrt hat; ſollten dadurch auch unſre trau⸗ lichen Verhaͤltniſſe geſtoͤrt werden, ſo moͤchte ich es wohl bereuen, Dianoren in unſern Familien⸗ kreis aufgenommen zu haben.“ 8 „Nicht doch, mein Gemahl,“ unterbrach ihn die Graͤfin, indem ſie ſich zutraulicher an ihn anſchmiegte,„laſſen Sie ſich nicht zu Ungerech⸗ tigkeiten gegen unfre Pflegetochter verleiten. Was kann die arme Dianora dafuͤr, daß das raͤthſel⸗ hafte Benehmen ihres Vaters einige Stoͤrungen in unſrer Familie veranlaßt? Sie ſehen, daß ſie dabei nicht weniger leidet als Scipio und wir. Jedoch hoffe ich, daß dieſe Stoͤrungen nicht von langer Dauer ſeyn werden, wenigſtens ſollen ſie uns Beide einander nicht entfremden. Wenn mir beſonders der Name Conſtanza aufſiel und ich zu wiſſen wuͤnſchte, wer dieſe Conſtanza ſey, ſo ge⸗ ſchahe es keinesweges aus Mißtrauen zu Ihnen und zu Ihrer Aufrichtigkeit, ſondern deshalb, weil ich glaubte, daß dieſe Conſtanza uns den Schluͤſſel zu den mancherlei Raͤthſeln geben koͤnnte, welche auf uns Bezug haben. Gern beſcheide ich mich jedoch, daß vielleicht nur erſ die olgezeit 1 dieſen Schleier hinwegziehen koͤnne.“ 3 Graf. Ich mache Ihnen kein Geheimniß daraus, liebe Franziska, daß dieſer Name fuͤr mich bedeutend genug iſt, um meine Aufmerkſam⸗ keit zu erregen. Er hat Bezug auf meine fruͤhere Jugendgeſchichte und auf ungluͤckliche Verhaͤltniſſe und Ereigniſſe in meiner Familie; jedoch ver⸗ ſichere ich Ihnen, daß dieſe keinen Einfluß auf unſre gluͤcklichen haͤuslichen und ehelichen Ver⸗ haͤltniſſe haben. Auch weiß ich mit untruͤglicher Gewißheit, daß die Perſon, welche der Name Conſtanza bezeichnet, und welche einſt jene widri⸗ gen Stoͤrungen in meiner Familie veranlaßte, ſchon laͤngſt nicht mehr iſt; aber um ſo mehr liegt mir daran zu erforſchen, in welcher Beziehung ſie mit unſern Angelegenheiten ſtehen koͤnne.— Graͤfin. Wenn ich dieſen Wunſch mit Ihnen theilte, mein theurer Gemahl, ſo wurde er nicht weniger durch die heftige Erſchuͤtterung in mir erzeugt, in welche Sie dieſer Name ver⸗ ſetzte, und die mich wohl unruhig und beſorgt fuͤr Sie machen mußte. Graf. Sie ſollen ſich nie uͤber Mangel an Liebe und Zutrauen bei mir zu beklagen haben, worauf das Gluͤck unſrer zufriedenen Ehe beruhet, wenn auch hin und wieder ſich Kleinigkeiten finden follten, welche Schonung verlangen duͤrften. Sie ſelbſt, liebe Franziska, haben mich bisweilen auf Dinge ſtoßen laſſen, welche von meiner Seite dieſe zarte Schonung gegen Sie zu fordern ſchie⸗ nen, und in der Ueberzeugung, daß auch bei gegenſeitiger zutraulicher Offenheit, unbeſchadet derſelben, immer kleine Geheimniſſe Statt finden koͤnnen, deren deutlichere Erklaͤrung mehr nach⸗ theilich werden als nuͤtzen moͤchte, laſſe ich Sie gern in dem ungeſtoͤrten Beſitze derſelben. Thun Sie in Behiehung auf mich ein Gleiches. Ich begreife, in der That! noch nicht, welchen Bezug der Name Conſtanza auf die ſeltſamen Auftritte in unſerm Hauſe haben koͤnne, was gleichwohl dieſer an mich zuruͤckgelaſſene Brief des Pater Antonio andeutet, und worauf die Unruhe und Verlegenheit ſich gruͤndet, welche Sie ſehr richtig an mir bemerkt haben. Sobald ich Aufſchluß daruͤber habe, hoffe ich mich auch gegen Sie deut⸗ licher erklaͤren zu koͤnnen. Graͤfin. Auf welche Art denken Sie eine naͤhere Auseinanderſetzung zu erhalen? Graf. Vielleicht wird dieß mir nicht ſchwer fallen. Ich weiß jetzt an wen ich mich deshalb zu halten habe, und wo ich den Schluͤſſel zu jenen ARaͤthſeln ſuchen ſoll. Ich habe deshalb Verfuͤgung getroffen, unverzuͤglich nach der Abtei Sankt ſinden ſoll, und wo der fromme Abt Ignazio— mein Freund iſt. Ich werde alles aufbieten, um beſtimmte Erklaͤrung von ihm zu erhalten. Die Graͤfin war uͤberzeugt, daß dieſe Be⸗ muͤhung ihres Gemahls fruchtlos bleiben und ſeine Reiſe nach Sankt Lucian vergebens ſeyn wuͤrde, da ſie dieſer Antonio auf heute nach der Kapelle Sankt Thekla beſchieden hatte, und alſo kein Zweifel war, daß er ſich noch in Yſamo befaͤnde. Sie wandte daher ihre ganze Ueber⸗ redung an, um ihren Gemahl zu bewegen, die ganze Angelegenheit auf ſich beruhen zu laſſen und den Aufſchluß ruhig von der Zukunft zu erwarten; allein dieſer beharrte dennoch auf ſeinem Vorha⸗ ben. Vergebens ſuchte ſie es ihm wahrſcheinlich zu machen, daß er Antonio nicht treffen wuͤrde, daß deſſen Wanderung nach Sankt Lucian viel⸗ leicht nur ein Vorgeben ſey, um die Bemuͤhung, einige Spur von ihm zu erhalten, deſto beſſer zu vereiteln. Wenn es ihm ein Ernſt geweſen waͤre, ſich zu erklaͤren, ſo haͤtte er dieſes waͤhrend ſeines Aufenthaltes im Karmeliterkloſter weit leichter thun koͤnnen, und nicht noͤthig gehabt den Grafen nach der Abtei zu locken. Da ſich die Graͤfin aber uͤber ihre Vermuthungen nicht deutlicher aus⸗ II. Lucian aufzubrechen, wo ich den Pater Antonio 4 3 druͤcken konnte, ohne ſich ſelbſt zu verrathen, ſo mußte ſie ſich endlich nach ſeinem Willen fuͤgen. „Laſſen Sie mich immer dieſen Verſuch ma⸗ chen, der fuͤr unſer Beider Beruhigung noͤthig iſt,“ wandte er ſich an ſie.„Ich zweifle nicht daran, daß er gelingen werde, da Antonio ſeinen Freund im Karmeliterkloſter in Verlegenheit bringen muͤßte, wenn er dieſen veranlaßt haͤtte, mich durch eine Unwahrheit zu taͤuſchen, wo ich mich alsdann an dieſen halten wuͤrde. Ich bin es endlich muͤde, mich fort und fort in Abenteuer⸗ lichkeiten und Raͤthſel verwickeln zu laſſen, wovon es ungewiß iſt, was eigentlich darunter verſteckt liegt. Ich muß wiſſen woran ich bin. Das Minoritenkloſter iſt nicht weit, die Gegend iſt aͤußerſt angenehm, die Witterung ſehr guͤnſtig, und zudem iſt, wie ich Ihnen ſagte, der Abt von Sankt Lucian mein vieljaͤhriger Freund, dem ich ſchon laͤngſt auf ſein mehrmals wiederholtes Ver⸗ langen einen verſprochenen Beſuch ſchuldig bin. Sollte daher auch gegen Vermuthen die eigent⸗ liche Abſicht meiner Reiſe nicht erreicht werden, ſo betrachte ich ſie als eine kleine Luſtreiſe. Wol⸗ len Sie mich begleiten, ſo wird es mir ſehr an⸗ genehm ſeyn. Ich kann Ihnen wenigſtens eine ſehr willkommene und herzliche Aufnahme bei meinem Freunde verſprechen.“ 3 3 6 3 geaͤußert hatte, ſie einmal wieder zu beſuchen. Dieſen Antrag mußte die Graͤfin nothwendig ablehnen, wenn ſie nicht die Gelegenheit verſaͤn⸗ men wollte, in der Kapelle der heiligen Thekla die gehoffte Erklaͤrung von Amadeo zu erhalten. Da der Graf ungewiß war, in wiefern vielleicht das, was er zu Sankt Lucian zu erfahren hoffte, ſich zur Mittheilung fuͤr ſeine Gemahlin eignen moͤchte, auch das verſteckte Weſen des Pater An⸗ tonio vermuthen ließ, daß dieſer die Gegenwart der Graͤſin ſcheue, ſo gab er um ſo williger ihren Bitten nach, ihn allein reiſen zu laſſen. Er ent⸗ fernte ſich unter dem Verſprechen, noch an dem⸗ ſelben Tage zuruͤckzukommen. Mit der geſpannteſten Erwartung ſahe die Graͤfin der beſtimmten Stunde entgegen, wo ſie Amadeo ſprechen ſollte, aber mit ihrer Ungeduld vermehrte ſich auch ihre Unruhe. Da ihre Ent⸗ fernung ohne alle Begleitung ſehr auffallen konnte, ſo benutzte ſie den Vorwand einer kleinen Luſt⸗ partie, Dianoren und Manutti zu ihrer Beglei⸗ tung aufzufordern. Beiden war dieſe Einladung ſehr angenehm, da die Witterung hoͤchſt einladend war und die ſchoͤne romantiſche Gegend und jene Kapelle zu einer der angenehmſten Partieen ge⸗ hoͤrte, ſo daß Dianora ſchon laͤngſt den Wunſch Q 4 2 ꝙ 2 — 244— 1 Die Kapelle der heiligen Thekla lag, kaum eine Stunde von der Reſidenz entſernt, auf einem ziemlich hohen Huͤgel, von welchem ſich die herrlichſte Ausſicht in einem weiten Umkreiſe er⸗ oͤffnete. Bluͤhende Auen und Triften bildeten einen ſchoͤnen Kontraſt mit den ehrwuͤrdigen alter⸗ grauen Mauern der Kapelle und ihren naͤhern der Verweſung gewidmeten Gegenſtaͤnden. Meh⸗ rere Doͤrfer mit ſchoͤnen uͤppigen Feldern lagen in der Naͤhe und wurden in ſanften Kruͤmmungen von einem ruhig dahin ſtroͤmenden Fluſſe durch⸗ ſchnitten, der mit leiſem Wellengefluͤſter ſich durch das Thal wand. Am genſeitigen Ufer breitete ſich ein kleines Gehoͤlze uͤber die Ebene aus, das von lieblichen Harmonien der Saͤnger des Haines ertoͤnte, und ſeitwaͤrts erhoben ſich die Mauern und Thuͤrme eines nahen Bernhardinerkloſters. Vor langer Zeit war die heilige Thekla, nach welcher die Kapelle den Namen fuͤhrte, Aebtiſſin in jenem Kloſter geweſen, und der Ruf ihrer beſondern Froͤmmigkeit, Wohlthaͤtigkeit und ihres heiligen Lebens, hatte ſich bis auf die ſpaͤte Nach⸗ kommenſchaft erhalten. In den letzten Jahren ihres frommen Wirkens hatte ſie dieſe Kapelle erbaut. Hier ruhete ihr Leichnam, und die Wun⸗ der, welche die Heilige nach ihrem Tode an den hierher im andaͤchtigen Glauben gewallfahrenden — 243— Armen, Kranken und Huͤlfloſen ſollte geuͤbt ha⸗ ben, erhoͤhete den Ruf ihrer Heiligkeit. Gegen⸗ waͤrtig war der freie Platz um die Kapelle dem Kloſter und der umliegenden Gegend der Begraͤb⸗ nißplatz, wodurch erſterem ein betraͤchtlicher Vor⸗ theil erwuchs, da Jeder darnach ſtrebte, im Tode neben jener Heiligen zu ruhen. Der Huͤgel war daher von Graͤbern, Kreuzen und andern Denk⸗ maͤhlern uͤberdeckt, deren fromme Denkſpruͤche des Wanderers Herz erwaͤrmten und auf die hohe Kunſt zu ſtreben hinwieſen. Die Kapelle wurde vorzuͤglich bei Begraͤbniſſen und bei dem Sterbe⸗ tage der heiligen Thekla ſo wie zum Gottesdienſte an feierlichen Tagen geoͤffnet. Hierher war die Graͤfin von dem räͤthſelhaf⸗ ten Moͤnche im Karmeliterkloſter beſchieden wor⸗ den. Die ſanfte Schwaͤrmerei der Graͤfin ließ es Dianoren oder Manutti nicht befremden, als ſie bei ihrer Ankunft, in Nachdenken verſunken, ſich von ihnen entfernte, um unter den Denkmaͤhlern der Verſtorbenen zu verweilen und die frommen Spruͤche zu leſen. Inzwiſchen hielt der Wagen unten am Fuße des Huͤgels vor dem laͤndlichen Gaſthofe, der mit Baͤumen umpflanzt, in neuerer Zeit an der voruͤberfuͤhrenden Straßen war rtbanet worden. 1 ADianora ſetzte ſich neben Manutti am Axu⸗ — 246— hange des Huͤgels, auf den ſchwellenden Raſen einer Erhoͤhung, welche einſt vor langen Jahren in ſchwerbedraͤngter Zeit eines vieljaͤhrigen Krie⸗ ges, von deſſen Wuͤthen noch die ehrwuͤrdigen Mauern der Kapelle die Kugelnarben zeigten, zu Verſchanzungen gedient hatte. Hier genoß man eine entzuͤckende Ausſicht in die nahe und ferne Umgegend, in deren Hintergrunde die Thuͤrme der Reſidenz den Horizont begrenzten. Vergan⸗ genheit und Gegenwart, ſo wie der Wechſel der Zeit und des Lebens, ſprachen hier ſtark und kraͤf⸗ tig zu ihrem Innern und weckten es zu ſuͤßen Schwarmereien. In Betrachtungen und Geſpraͤ⸗ chen dieſer Art verloren, bemerkten es Beide kaum, daß ſie ſich jetzt allein befanden und daß die Graͤfin ſie verlaſſen hatte. 3 Mit bangklopfendem Herzen blickte dieſe for⸗ ſchend nach dem Alten umher, ohne ihn zu be⸗ merken; die Kapelle war, wie gewoͤhnlich ver⸗ ſchloſſen. Kaum naͤherte ſie ſich aber der Pforte, als dieſe ſich oͤffnete und der alte Moͤnch aus dem Karmeliterkloſter am Eingange erſchien. Er winkte ihr; ſie wankte hinein, und im Augenblicke ſchloß ſich auch wieder die Thuͤrrer. Die Heiligkeit des Orts, die unheimiſche Todtenſtille und das ſchauerliche Halbdunkel ver⸗ mehrten das Grauen der Graͤfin, die ſich jetzt — 247— mit dieſem raͤthſelhaften Alten allein befand; ſchuͤchtern blickte ſie ſich um. Der Greis ſprach ihr Muth zu und ermunterte ſie ruhig und ohne Furcht zu ſeyn. „Ihr habt mich hierher beſchieden,“ redete ihn die Graͤfin an, nachdem ſie ſich mehr geſam⸗ melt hatte,„ich bin Eurer Einladung gefolgt; aber ich wuͤnſche nunmehr auch zu wiſſen, was Ihr an dieſem ſchauerlich einſamen Orte mit mir zu ſprechen habt.“ 8 Alter. Laſſen Sie ſich dieſes nicht befrem⸗ den. Meine Mittheilungen gehoͤren ausſchließend nur fuͤr Sie und ſind von ſolcher Beſchaffenheit, daß ich keinen ſchicklichern und ſtoͤrungsfreiern Ort dazu kannte. Graͤfin. Ihr erregt meine ganze Erwar⸗ tung. Wer ſeyd Ihr? Alter. Der zerbrochene Ring, den ich Ihnen einhaͤndigte, wird Ihnen angedeutet haben, daß ich Amadeo, der Freund Ihres Freundes Lorenzo bin. Graͤfin, So habe ich mich wirklich nicht in meiner Vermuthung geirrt? aber wo iſt Lo⸗ renzo? warum kommt er nicht ſelbſt? Alter. Es moͤge Ihnen fuͤr den Augenblick genuͤgen, ſeinen Vertrauten und Abgeſandten in mir zu ſehen. — 248— Graͤfin. Lorenzo hat mich fruͤher ſchon darauf vorbereitet, und ſchon ſeit langer Zeit habe ich Eurer Ankunft und der verheißenen Erklaͤ⸗ rung mit vieler Sehnſucht entgegen geſehen. Alter. Es waͤre vielleicht beſſer geweſen, wenn Sie nicht Lorenzo genoͤthiget haͤtten, Ihnen ſein Wort zu erfuͤllen. Graͤfin. Warum das? Ich verſpreche mir in Eurer jetzigen Erſcheinung Aufſchluß und Ge⸗ wißheit uͤber Raͤthſel, die mir von großer Wich⸗ tigkeit ſind, und deren Aufloͤſung allein mir mei⸗ nen geſtoͤrten Seelenfrieden wiedergeben ſoll. Alter. Moͤge dieſe Erklaͤrung es doch wirk⸗ lich bewirken! Graͤfin. Faßt Euch deutlicher; Eure Mit⸗ theilung, wie ſie auch immer beſchaffen ſeyn mag, wird mich nicht unruhiger machen koͤnnen, als die aͤngſtliche Ungewißheit, worin ich ſo lange ſchon ſchwebe.. Alter. Graͤfin, Sie haben Ihren Freund Lorenzo in eine furchtbare Verlegenheit und Be⸗ ſorgniß verſetzt, wodurch das ganze ſchoͤne Ge⸗ baͤude ſeiner vieljaͤhrigen Anſtrengungen, Wuͤn⸗ ſche und Hoffnungen in der Grundfeſte gewalt⸗ ſam erſchuͤttert wurde. Sie haben Ihr Geluͤbde verletzt und den Bitten ihres Freundes zuwider das verzehrende Feuer einer unſeligen Leidenſchaft in dem Herzen Ihres Sohnes und Dianorens beguͤnſtiget, welche gewiſſe Verhaͤltniſſe zum Ver⸗ brechen ſtempeln. Warum mußten Sie das thun? Graͤfin. Ihr thut mir Unrecht. Ich ver⸗ ſuchte Alles, um dieſe Leidenſchaft in meines — 949— Sohnes und Dianorens Herzen zu unterdruͤcken, und habe mir keine Schuld beizumeſſen, wenn meine Bemuͤhungen an dem feſten Willen meines Gemahles ſcheiterten. Alter. Gleichwohl tragen Sie einen Theil dieſer Schuld; denn Sie ließen ſich durch die ſtillen Leiden und Bitten des geliebten Sohnes bewegen, dem Willen Ihres Gemahls mit gehei⸗ mer Zuſtimmung ſich zu fuͤgen und Ihre fortge⸗ ſetzten Bemuͤhungen einzuſtellen. Graͤfin. Warum erklaͤrte ſich denn Lorenzo nicht deutlicher gegen mich, da es ihm ſo leicht moͤglich geweſen waͤre durch eine beſtimmte An⸗ gabe ſeiner Gruͤnde meine Bemuͤhungen zu unter⸗ ſtuͤtzen?. Alter. Um Sie zu ſchonen, verſchwieg er dieſe Gruͤnde, uͤber deren beſondere Wichtigkeit Sie unicht zweifelhaft ſeyn konnten. Nur ſpaͤter⸗ hin ſollten Sie nach und nach zu einer Entdeckung hingeleitet werden, die ploͤtzlich und noch zu we⸗ nig vorbereitet, Sie zu gewaltſam wuͤrde erſchuͤt⸗ tert haben. Graäͤfin. Gleichwohl muß ich auf Aufklaͤ⸗ rung dringen. Die Folgen, ſollten es auch die ſchlimmſten ſeyn, fuͤrchte ich weniger, als dieſe peinigende Ungewißheit. 5— Alter. Sie ſoll Ihnen werden, denn Sie ſelbſt haben Lorenzo an einem laͤngern ſchonenden Stillſchweigen verhindert. Er ſpricht daher ge⸗ genwaͤrtig noch einmal durch meinen Mund zu Ihnen. Dianora kann und darf nie die Gattin Ihres Sohnes werden, ſo wie dieſer durchaus — 25⁰— den Wunſch nach ihrem Beſitze aufgeben muß, und wenn ihn das Feuer ſeiner Leidenſchaft ver⸗ zehren ſollte. Manutti, dieſer edle junge Mann iſt es, den Lorenzo fuͤr Dianoren zum Gemahl gewaͤhlt hat, um ihr Herz von einer ungluͤckſeli⸗ gen Leidenſchaft fuͤr Ihren Sohn zu heilen, welche in ihrer Befriedigung, Schmach, Schande und untilgbares Elend uͤber Dianoren, uͤber Sie ſelbſt, uͤber Ihren Sohn und uͤber Ihre ganze Familie bringen wuͤrde. Wenn Ihnen daher Ihre Ruhe und das Gluͤck Ihrer Familie am Herzen liegen, ſo widerſetzen Sie ſich nicht Lorenzo's kluger Wahl, die mit Dianorens und Manutti's eigenen ſtillgenaͤhrten Wuͤnſchen ſo wie mit den Wuͤnſchen des ehrwuͤrdigen Oheims des Letzteren uͤberein⸗ ſtimmt, der bereits auf dieſe Verbindung vorbe⸗ reitet worden iſt. Ihr Gemahl ſelbſt wird in dieſem Augenblicke auf den Punkt hingefuͤhrt, wo er das Uebereilte und Unſtatthafte ſeines Wi⸗ derſtrebens gegen Lorenzo's Forderung einſehen und ſich aufgefordert fuͤhlen muß, der bisher be⸗ guͤnſtigten Leidenſchaft ſeines Sohnes zu Diano⸗ ren kraͤftigſt entgegen zu arbeiten. Deshalb wurde er von mir nach dem Minoritenkloſter hingelockt. Sie haben daher von ſeiner Seite fuͤr die Erfuͤl⸗ lung Ihres Lorenzo gegebenen feierlichen Ver⸗ ſprechens keine Hinderniſſe weiter zu beſorgen, vielmehr wird er Ihnen darin entgegen kommen. Noch iſt es Zeit der nahen Gefahr vorzubeugen und Ihren Sohn vom Verderben zu retten; er muß von Dianoren entfernt und getrennt werden. Seine Entſagung wird ihm große Leiden ver⸗ — 251— urſachen, dieſe koͤnnen und duͤrfen ihm aber Uicht erſpart werden, denn ſie machen ihn nicht den tauſendſten Theil ſo ungluͤcklich, als ſeine befrie⸗ digte Leidenſchaft es thun wuͤrde. Ihre groͤßte Sorgfalt wird daher gegenwaͤrtig darauf gerichtet ſeyn muͤſſen, daß das Feuer dieſer Leidenſchaft ihn nicht etwa zu der Uebereilung verleite, ſich durch Liſt oder Gewalt in Dianorens Beſitz zu ſetzen, welches in ſeinen unſeligen Folgen nicht zu berechnen ſeyn wuͤrde. Er muß ſobald als moͤg⸗ lich Ihr Haus und dieſe Gegend verlaſſen, der Plan hierzu wurde ſchon vor laͤngerer Zeit von Ihrem Gemahle ſelbſt vorbereitet, und dieſer wird unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden nicht laͤnger ſaͤumeh, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen. Graͤfin. Es wird dem Mutterherzen ſehr ſchwer fallen, den geliebten Sohn in ſeinem bemitleidenswerthen Zuſtande von ſich zu laſſen und ihn den Qualen einer ungluͤcklichen Liebe Preis zu geben. Allein ich will mich auch hierzu verſtehen, ſobald mich Lorenzo von der unver⸗ meidlichen Nothwendigkeit dieſer Forderung uͤber⸗ zeugen wird. Die zaͤrtliche Zuneigung meines Sohnes zu Dianoren iſt rein und untadelhaſt, ſie gruͤndet ſich auf Tugend und Harmonie ihrer ver⸗ ſchwiſterten Seelen; was kann alſo Lorenzo veran⸗ laſſen, ſich derſelben ſo hartnaͤckig zu widerſetzen? Alter. Sollte Ihnen Ihr Herz nicht ſchon laͤngſt die Urſache haben ahnen laſſen? Graͤfin. Nichts, was mich dieſe gegen⸗ ſeitige, eben ſo zaͤrtliche als tugendhafte Zunei⸗ gung als ſtrafbar koͤnnte erkennen laſſen. 3 Alter. Schweigt die Stimme der Natur und der heiligen Sympathie ſo ganz in Ihrem Innern? Nun dann, ſo ziehe ich den Schleier hinweg um dieſe zu wecken. Erinnern Sie ſich jener naͤchtlichen Erſcheinung des ungluͤcklichen Ludoviko, bei Lorenzo. G Graͤfin. Himmel! wohin ſoll dieſe Erin⸗ nerung mich fuͤhren? Alter. Rufen Sie die Worte jener Erſchei⸗ nung in Ihr Gedaͤchtniß zuruͤck, und Sie werden darin den Schluͤſſel zu dieſen Raͤthſeln finden. Graͤfin.(mit zitternder Stimme und ahnungsvollem Tone:) Erklaͤrt Euch deutlicher. Alter. Die Unbekanntſchaft mit dem Schick⸗ ſale einer Ihnen ewig theuern Perſoh bewog Sie damals, den Schatten Ihres dahingeſchiedenen Freundes durch Lorenzo's geheime Kunſt aus dem geheimnißvollen Dunkel des Grabes heraufzu⸗ rufen. Seine Erklaͤrung, daß dieſe geliebte Per⸗ ſon Ihnen nach langer Trennung wiedergeſchenkt ſey und unbekannt an Ihrer Bruſt ruhen werde, haͤtte laͤngſt ſchon im Mutterherzen die Stimme der Natur wecken und Ihnen die Wahrheit ſagen ſollen. Graͤfin.(erblaſſend zuruͤckſtarrend, mit ſtammelnder Zunge:) Gerechter Gott! Dia⸗ nora? 1* Alter. Iſt Ihre Tochter! — ſnnſn 6 17 18 19 nenaſnannm mmea mhl 9 12 1 15 1 10 11 3 14