Lanpagannnannhanananan Laranhranhr ananananar 31 aLarchr rThnhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gieſen. ararr LaraThrh. rana anananh ararann 8 Täglicher Keſehrei für ein deutſches Buch Kr. f 1 5„„ franz. od. engl.„ 2„„ 27 4 1¹ Das Abonnement beträgt: E für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: E 1———,— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. ßß l, 1„ 12„=„ 45 S AA⸗„. 36„ 27„— 18 5 Friedrich Styndall oder das verhaͤngnißvolle Jahr von Keratrü. Aus dem Franzoͤſiſchen von L. Storch. Zweiter Band. 13. »Alles iſt aus!« rief Styndall, als er aus der Abendgeſellſchaft im Palaſt von Oedenbur nach Hauſe kam, wo er einen zweifachen Sieg erfochten hatte.„Alles iſt aus! Und was ich auch von Gluͤck hienieden noch gehofft hatte, iſt unwiederbringlich untergegangen; das Ur⸗ theil einer ewigen Trennung zwiſchen uns iſt ausgeſprochen! Ein aufgeblaſener Bube hat die Entſchluͤſſe in mir zuruͤckgerufen, die leider mehr als zu wankend geworden waren. Gott! ich danke dir, daß ich ſeine heilſame Erinnerung nicht mit der Zuͤchtigung vergalt, die er ver⸗ diente, denn der Schimpf kam aus ſeinem Her⸗ zen. Du haſt es geſehen, und ich danke dir wiederholt, daß du durch die bittenden Blicke einer Frau zu mir redend, mich der Gefahr ent⸗ hoben haſt, die großmuͤthigſte Gaſtfreundſchaft II. 1 * 2 zu beflecken. Das Dach, unter dem das We⸗ ſen ruht, welches dich in meinen Augen am wuͤrdigſten repraͤſentirt, mußte mir heilig ſein; ich mußte ſeine Mauken wie ein neutrales Land betrachten, in dem der Haß der Voͤlker ſich entladet. Wenigſtens muß ich mich wahren, ſeinen Raum zu verletzen, und darf meine Schritte nicht mehr dorthin tragen.“ Dies waren Styndalls Gedanken; dies war ſelbſt ſeine Meinung noch, als er ruhig gewor⸗ den war. Sein Zimmer hallte von unterbro⸗ chenen Ausrufungen wider, deſſen Flaͤche ſein ſchneller Fuß von einem Ende zum andern durchmaß. In ſeinem Geiſte und in ſeiner Art die Dinge anzuſehen, hatte er die ganze Groͤße des Schimpfes empfunden, den der Graf Torontal abſichtlich auf ihn geworfen hatte. An jedem andern Orte, wuͤrde er Satisfaction von ihm gefordert und ſie erhalten haben. In gewiſſen Faͤllen war ſeine Seele nicht weniger reizbar als edel und liebenswuͤrdig im gewoͤhn⸗ lichen Zuſtande. Geruͤhrt von den Leiden An⸗ derer, unempfindlich gegen ſeine eigenen, ſobald ſie nur ſeine Perſon betrafen, gegen das Ge⸗ ſchick anſtrebend, wenn es ihm uͤberlaͤſtig wur⸗ 3 de, hielt er die Geduld nicht mehr fuͤr eine Pflicht, ſobald die Ehre darunter litt. Deer ſchmeichelhafteſte Beifall war ihm in der Abendgeſellſchaft verſchwenderiſch ertheilt worden; er hatte ſich deſſelben bis zu dem Augenblick erfreut, wo der Graf Romuald thoͤricht den Einfluͤſterungen eines eiferſuͤchtigen und verliebten Unwillens nachgegeben hatte. Kaum aber waren die bittern Worte ausge⸗ ſprochen, ſo erſtarrte er zu Eis, fuͤr die ſtum⸗ men Lobpreiſungen, die ſo ſuͤß in dem auser⸗ waͤhlten Kreiſe um ihn zu leſen waren, und die das Herz mit noch groͤßerer Wonne einſchluͤrft, wenn man ſie in den Zuͤgen der Frauen ausge⸗ druͤckt ſieht, die unſer einnehmendes Betragen gefeſſelt hat. Man hat bemerkt, daß ein Nadelſtich uns hindere, den Duft von kau⸗ ſend Roſen mit Wolluſt einzuathmen. Dies war genau die Lage des Fremden und vielleicht verdankte er ihr einige der gluͤcklichen Wen⸗ dungen, durch welche er mehrere Male ſeine Zuhoͤrer in dem Streit mit dem Doktor van Swieten zum Erſtaunen hinriß. Er war erregt und heftig, weil er verwundet worden war; beredt, weil ſein Schmerz eines Ableiters be⸗ durfte. Wie oft erhielt nicht das Genie groͤſ⸗ 1* 4 ſere Schwungkraft, ſobald es an dieſer Quelle gekoſtet! Waͤhrend Styndall in der Hitze des Streits ſeine Wunde ſchmerzte, als waͤre ſie neu, ver⸗ ſchlimmerte ſie ſich durch das Gefuͤhl des Opfers, das er ſich auferlegt hatte, naͤmlich die Fuͤrſtin von Oedenburg nicht wieder zu ſehen. Wenn ihn etwas in der Welt haͤtte dazu bringen koͤnnen, dieſen Entſchluß fahren zu laſſen, ſo waͤre die vermeintliche Furcht, auf die der Graf Torontal jetzt pochte, es allein im Stande geweſen; aber ſeine innere Stimme duldete kei⸗ nen Widerſpruch. Ueberzeugt, daß er vergeblich die ihn flie⸗ hende Ruhe erlangen wuͤrde, ſo lange er unter der Herrſchaft derſelben Eindruͤcke ſei, ſaß Friedrich in der Stille der Nacht aber nicht ſeines Herzens vor ſeinem Schreibtiſch, und uirſucßt: in verſchiedenen Buͤchern zu leſen; aber er warf eins um das andere von ſich, er⸗ griff eine Feder und warf folgende Zeilen auf das Papier: „ Vielgeliebter vaͤterlicher Freund, theurer, verehrungswerther Beſchuͤtzer meiner Jugend, dem ich Alles verdanke, was ich bin, den benei⸗ deten Reichthum und das Bangen vor einem Ge⸗ ⸗ 9 ſchick, das die vaͤterliche Guͤte meinen Augen ver⸗ ſchleiern wollte, haͤtteſt Du doch Dein verhaͤng⸗ nißvolles Geheimniß bewahrt! Warum mußte der letzte Hauch Deines Mundes mein Herz zerreißen und die Hoffnung in ihm vernichten, die nur vom Saft des Lebens zu zehren be⸗ gehrte? Edler und grauſamer Mann zugleich, mit der einen Hand haſt Du mich mit Geſchen⸗ ken uͤberhaͤuft, waͤhrend Du mit der andern einen Abgrund zu meinen Fuͤßen eroͤffneteſt. Wenn Du durch Deinen Unterricht, der meine Schritte ermuthigte, mich faͤhig machteſt, alle Freuden der menſchlichen Geſellſchaft zu theilen, haſt Du ſie nicht durch Deine duͤſtere Entdek⸗ kung wieder alle von mir geſcheucht? Haſt Du mir nicht die Herrlichſte verboten? Deine Frei⸗ gebigkeit erlaubte mir gut und großmuͤthig zu ſein, gleich Dir, Du haſt mir die Tugend hei⸗ lig gemacht; wie konnteſt Du nun annehmen, daß ich jemals ihren Geſetzen untreu werden wuͤrde? Wie konnteſt Du Dir ſchmeicheln, daß ich mich ſelbſt vergeſſend, der Leichtglaͤubigkeit eine Schlinge legen koͤnnte? Fuͤr dein angenom⸗ menes Kind iſt kein Gluͤck mehr moͤglich. Der Baum gruͤnt noch zu meiner Seite; ſeine Aeſte ſind mit Fruͤchten beladen, die die elendeſten 6 der Sterblichen zuweilen wenigſtens mit den Lippen beruͤhren; mir winken ſie vergeblich, mei⸗ nen brennenden Durſt zu loͤſchen; ein unſicht⸗ barer eiſerner Arm haͤlt mich zuruͤck, und Du biſt es, der dieſen Arm gegen den ungluͤcklichen Friedrich bewaffnet! Mein Vater, meine Mut⸗ ter waren Dir theuer; haͤtteſt Du doch ihren Willen geehrt und gegen meine Bitten mir ein Geheimniß verſchwiegen, was fuͤr mich von ihrer und Deiner Seite eine Wohlthat mehr gewefen waͤre! Aber Du haſt geſprochen und des Greiſes letzter Seufzer hat des Juͤnglings ganzen Fruͤhling entblaͤttert! Theuxer Oheim, Du wuͤnſchteſt mein Gluͤck, und Du haſt das Gebaͤude zertruͤmmert, deſſen Anblick Dein Alter zu erfreuen begann! Was haſt Du gethan? Was habe ich ſelbſt mit meinem wahnſinnigen Flehen begangen? Ich glaube nur Dir auf Erden etwas ſchuldig zu ſein; Du haſt meine Verpflichtungen vervielfacht und ſie mir auf einmal voll Wonne und Bitterkeit uͤbergeben; Als Deine ſterbende Stimme mir ein feierliches Verſprechen auferlegte, that ſie mir zugleich das Daſein von Weſen kund, die ich vom Grabe umſchloſſen glaubte, von meinem Herzen ſo theuren Weſen, die ich von der ganzen Natur 7 gefordert haͤtte, wenn ich haͤtte ahnen koͤnnen, daß ſie Gott nicht zu ſich genommen habe. Vergebens haſt Du mir ihre Gegenwart unter⸗ ſagt, es ſtand nicht in meiner Macht, es ſtand nicht in der Deinigen, ſie meinen Blicken zu entziehen. Edler, großmuͤthiger Mann, ich wurde gezwungen, Dir ungehorſam zu ſein. Aber nur theilweiſe war ich Deinem heiligen Willen entgegen; ein noch heiligerer Wille als der Deinige hat mich geleitet und er haͤtte mich in meiner Noth bis an das Ende der Welt getrieben. Ja, ich habe ſie geſehen, ich habe ſie ge⸗ hoͤrt, die verehrten, die wuͤrdigen Eltern; ſie haben mich geſehen, ſie haben mit mir geſpro⸗ chen, ohne mich zu kennen, und werden mich nie kennen lernen, denn ihre Taͤuſchung muß ihnen bleiben. Als ein Fremder habe ich die „Beyweiſe der Achtung, die ſie genießen, bei ih⸗ nen geſammelt. In ſeiner aͤußerſten Haͤrte war ihnen der Himmel dieſen Erſatz ſchuldig. Mit menſchlicher gottesfuͤrchtiger Hand ſaͤen ſie ſtille Wohlthaten aus; man muß ſie lieb und werth halten; dem Schickſal zum Trotz ſind ſie groß, und ich kann ſtolz darauf ſein, hnen das Leben zu verdanken. Wie verlangte mich's, dieſen guten Greis das Haupt voll Silberhaare zu kuͤſſen, der unter der Laſt eines reſignirenden Schmerzes mir das ruͤhrende Sinnbild der Tugend darbot! Wie haͤtte ich dieſe betagte Frau, der kein Un⸗ gluͤcklicher vergeblich naht und ſie nie mit lee⸗ rer Hand verlaͤßt, in meine Arme ſchließen und meine Bruſt an die ihrige preſſen moͤgen; an die Bruſt, die mich getragen hat! Wie ſuͤß waͤrle es fuͤr mich geweſen, ihnen beiden ſagen zu koͤnnen: Mein Vater, meine Mutter, ſegnet wenigſtens euer Kind! Aber dieſer Wunſch iſt wie eine ſchwere Laſt in meinem Herzen geblieben. Tugendhaftes Paar, mit zaͤrtlicher Vorſicht ſuchtet ihr euren Sohn dem Geſchick zu entziehen; euer Werk iſt faſt vernichtet; der vaͤterliche Wunſch iſt durch mein unſinniges Beainnen vereitelt wor⸗ den, aber ihr wißt ja von alle dem nichts. Die Wohlthat, die ihr meiner Jugend erweiſen wolltet, beſtehe wenigſtens noch fuͤr euch, und dieſer unſchuldige Betrug troͤſte in der Mitte eurer Leiden eure alten Tage; ihr werdet euch ſtets ſagen, daß ihr zu meinem Gluͤcke euch von mir getrennt haͤttet. Ach! ich war damals noch zu jung; vergebens habe ich mein Ge⸗ — —-— 9 daͤchtniß gefragt, die Erinnerungen der erſten Kindheit waren darin verloͤſcht. Ich habe an dem Halſe meines juͤngeren Bruders geweint; er konnte nicht ahnen, wel⸗ ches Recht er auf meine Thraͤnen hat; es iſt ein Vortheil fuͤr ihn, um den ich ihn nicht be⸗ neide. Aber meine Schweſter hat mein Herz ſehr erweicht. Das liebenswuͤrdige reizge⸗ ſchmuͤckte Maͤdchen ſchien von zarter Sympa⸗ thie zu mir gezogen, ohne zu wiſſen, wie enge die Bande ſind, die uns vereinigen, ohne ihr Daſein nur zu ahnen. Sie wird von den wich⸗ tigſten Perſonen ihrer Vaterſtadt hoch verehrt und geliebt. Was bei mir klares Bewußtſein iſt, ſchwebt ihr als unverſtandenes Geheimniß vor, ohne daß ich mich verrieth, haben ſich un⸗ ſere Seelen verſtanden und ſind im Einklang. Moͤchte ſie doch fortfahren, ihren Kummer durch die Talente lindern, die ſie ausbildet, und durch die aufmerkſame Sorgfalt, die ſie auf die Urheber ihres Lebens verwendet! Es war ein gluͤcklicher Einfall von mir, ihr einen Briefwechſel vorzuſchlagen, den ſie trotz des uns trennenden Zwiſchenraumes an⸗ nahm. So bin ich doch denen kein Fremder mehr, die mir die Theuerſten auf der Welt 10 ſind; ich darf mich im Geiſte unter das vaͤter⸗ liche Dach verſetzen; die Scheidewand zwiſchen uns iſt uͤberſprungen Die Guten ſind uͤber⸗ zeugt, daß ihr Sohn, von dem ſie ſich zu tren⸗ nen den Muth hatten, gluͤcklich iſt; ſie haben es mir geſagt, ſie ſchreiben es mir als einem vertrauten Freunde, von dem man nichts zu fuͤrchten hat. Sie irren ſich; aber was macht es aus? Wenn dieſe edlen, wuͤrdigen Eltern. ſich uͤber die Lage freuen, in die ſie mich ver⸗ ſetzt zu haben ſich ſchmeicheln, ſo werde ich gewiß nicht ſo grauſam ſein, ihnen ihren Wahn zu nehmen.“ Als Styndall dieſe Worte niedergeſchrieben, zog er ſeine Brieftafel aus der Taſche, durch⸗ ſuchte einige Minuten lang ihre Faͤcher vergeb⸗ lich, warf ſie dann ploͤtzlich aͤrgerlich in einen Kaſten ſeines Schreibtiſches und fuhr fort zu ſchreiben: „Ich muß unter einem feindlichen Geſtirn geboren ſein, daß ich gezwungen bin, ſogar die Zeugniſſe des Antheils, den ich unter einem fremden Namen bei meiner Schweſter hervor⸗ rief, zu vernichten. Die Flamme hat die Pfaͤn⸗ der einer tugendhaften Freundſchaft verzehrt! Auch nicht eins dayon hat ſie mir aufgeſpart. 11 Wie gar nichts iſt doch die Seelenſtaͤrke, die mich ſonſt ſtolz machte! Wie ſchwach und arm bin ich mit dem Scheine von Staͤrke und Reich⸗ thum! Die Furcht, daß ein unberufenes Auge in meinem traurigen Schickfale leſen moͤchte, hat mich kleinmuͤthig gemacht und mich zur Vernichtung einiger Blaͤtter Papier veranlaßt, auf die niemand außer mir, den geringſten An⸗ theil legen konnte. Meine Hand hat dies Werk der Vernichtung vollbracht; ein wahnſinniger Stolz hat mich hingeriſſen. Und wer hat mir die ſuͤßen und ruͤhrenden Erzaͤhlungen mitge⸗ theilt, die mich in das Innere der Familie ver⸗ ſetzen? Wer hat mich mit den Ereigniſſen be⸗ kannt gemacht? Und was fuͤr Ereigniſſe, ihr großen Goͤtter!.... Wenigſtens konnten ſich meine Augen uͤberzeugen, daß ich auf Erden kein ganz vergeſſenes Weſen ſei. Ich hatte eben den zaͤrtlichſten, laͤngſten Brief von der herrlichen Eaͤcilie erhalten; drei Monate werden zum wenigſten nun vergehen, ehe ich eine neue Antwort erhalte! Habe ich ſie fruͤher ge⸗ wuͤnſcht? Bin ich nicht ſchaͤndlich unter das Joch einer kindiſchen Eigenliebe gerathen? Bin ich nicht im Begriff, in meinen eigenen Augen wieder klein zu werden? Der wuͤrde mich er⸗ 12 zittern, wuͤrde das Blut in den Adern mir ſie⸗ den machen und mich zur ſchrecklichſten und ſchnellſten Rache auffordern, der mir die einzi⸗ Ein einziger Menſch auf der Welt koͤnnte von mir reden; denn dieſer hat mich oft mit ſeiner unbeſcheidenen Neugierde verfolgt, aber er wird ſich huͤten, hierher zu kommen; er wird ſchwei⸗ gen; unſere alte Freundſchaft buͤrgt mir dafuͤr, und was leider noch ſicherer iſt, ſein Vor⸗ theil. e Einige Secunden lang bedeckte Friedrich ſeine Stirne mit beiden Haͤnden; dann fuhr er zu ſchreiben fort; die Feder deutete in ihrem Fluge die Buchſtaben mehr an, als ſie dieſel⸗ ben deutlich ausdruͤckte. „Und doch weiß der Himmel, daß weder ich noch die Meinigen uns eines Verbrechens ſchuldig gemacht haben. Er nur kann ſagen, wer die Schuld traͤgt, wir oder er? Barmher⸗ ziger Gott, vergieb dem Laͤſterer! Ja du mußt es, du weißt zum wenigſten, wie vielen harten Pruͤfungen mich zu unterwerfen dir gefallen hat. Verhaͤngnißvoller Tag des Juli, ſoll ich dich ſegnen, ſoll ich dir fluchen? Warum haſt du mich zu den Fuͤßen eines bezaubernden We⸗ ſens geſchleudert, das ich fliehen will und zu dem mich alle Kraͤfte meiner Seele hinreißen? Du haſt mich umgewandelt, du haſt mich mit den ſtrengen Beſchluͤſſen des Geſchicks in Kampf gebracht; aber ich moͤchte dich nicht in meinem Daſein vermiſſen; nein, ich moͤchte es nicht, ſollten auch die groͤßten Uebel auf mich einſtuͤrmen; denn wenn du mir auch alles was ich verloren habe, klar zeigſt, ſo haſt du mir auch alle Schaͤtze der Menſchennatur aufgethan, haſt mir die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit auf Erden vertraut! Mein ganzes Ungluͤck iſt, daß ich nicht bei Zeiten die Lippen von dem Becher zuruͤck zog, der ihnen geboten ward. Wie ein Unſinniger verweilte ich, ſtatt zu fliehen, bis der Nauſch mich eingenommen hatte; deshalb wanken meine Fuͤße auf dem Wege der Tugend. Und du holdſeliges einer hoͤhern Sphaͤre entſtiegenes Weſen, warum haſt du dich bis zu mir herab⸗ gelaſſen, da doch zwiſchen uns nichts gemein ſein ſollte? Dein Laͤcheln, deine Toͤne, deine Schoͤnheit, deine noch ſchoͤnere Seele hatten mich mit Netzen umſponnen; es war genug, mich ihnen zu entziehen, es war vielleicht mehr, als man von menſchlicher Schwaͤche fordern kann; und du nahſt, mit deinem allmaͤch⸗ 14 tigen Worte mich in den Kreis zu bannen, wo ich nur Wolluſt athme! Vier Tage laͤnger als meine Kraͤfte erlaubten— denn ich fuͤhlte ſie von mir weichen—, haſt du unter dem ver⸗ haͤngnißvollen Einfluß zuruͤckgehalten. Dieſe vier Tage haben mich in ihrem ſchnellen Laufe muͤrbe gemacht, ſie haben mich niedergeſchmet⸗ tert, ſie haben mich dir auf Gnade und Un⸗ gnade uͤberliefert! Ich konnte dir nicht anders entgehen, als daß ich mich ſelbſt verdammte, dich nicht wieder zu ſehen. Wie der Sklave, der den Blick ſeines Herrn nicht ertragen kann, mußte ich mich heimlich mit mir ſelbſt zu mei⸗ ner Flucht verſchwoͤren. Ach, wenn ich meinem erſten Einfall gefolgt haͤtte, gehoͤrte ſich viel⸗ leicht der ungluͤckliche Styndall noch an. Schau ihn, er traͤgt deine Feſſel; er lebt nur von den Erinnerungen, die du ihm gelaſſen haſt. Vater, Mutter) Schweſter, Alles iſt aus ſeinem Gedaͤcht⸗ niſſe verwiſcht. Aber fort mit dieſem Wahn⸗ ſinn! Charlotte don Oedenburg, welche Wechſel⸗ verhaͤliniſſe beſtehen zwiſchen dir und mir? Die der Gedanken, der Gefuͤhle, der Neigungen, der Anlagen, vielleicht einiger Tugenden; wer⸗ den ſolche zufaͤllige Kleinigkeiten hienieden etwas bedeuten? Nein, deine Geburt und die meinige 413 haben es entſchieden. Du ſteheſt einem Throne nah; alſo ein Abgrund gaͤhnt zwiſchen uns, den ich nicht uͤberſpringen werde, um dich hin⸗ ab zu reißen. Und wenn nun deine zarte Guͤte, wenn deine unnachahmliche Grazie deinen reiz⸗ vollen Abenbgeſellſchaften vorſteht, naht dann nicht auch der Stolz⸗ ſich in deinem Saale niederzulaſſen? In welcher Rolle ſoll ich dort auftreten? Soll ich nun, da ich mir die Nach⸗ ſicht einiger Perſonen von Verdienſt, die dort zuſprechen, erworben habe, die Neugierde der Andern naͤhren, ſie vergnuͤgen, ſie zum Denken bringen, im Protocoll⸗ und Kanzleiſtyl ſie um Verzeihung bitten, daß ich ſelbſt denke? Nein Charlotte! Friedrich Styndall verehrt dich, und dies beweißt, daß ſeine Seele noch nicht ver⸗ gluͤht iſt: Glaube mir, er wird in deinen rei⸗ chen Zimmern nicht von einer thoͤrichten Liebe ſeufzen! Nein, er wird nie Gegenſtand des Ge⸗ ſpoͤttes deiner Freunde werden! Dich nicht mehr ſehen, iſt grauſam, aber wenn ich zu leben be⸗ ſchlieſſe, ſo muß es wenigſtens mit deiner Ach⸗ kung geſchehen.“ Die Feder entſank Styndalls Hand; er brach die Blaͤtter, denen er ſeine geheimſten Gefuͤhle anvertraut hatte, zuſammen, ohne ſie 16 wieder durch zu leſen, und legte fie in ſeinen Sekretaͤr. Seine Seele fuͤhlte ſich erleichtert. Dieſes ſtuͤrmiſche Ausſtroͤmen glich den vulka⸗ niſchen Erguͤſſen, die aus der Erde innerſtem Bauch herauf brauſen und dem Geologen zei⸗ gen, aus welchen verſchiedenen Elementen un⸗ ſer Planet beſteht. Die gluͤhende Lava fuͤhrte Schlaken, aber man ſah auch die edlen Metalle durchleuchten. Vielleicht ergaͤbe ſich fuͤr einen geſchickten Mineralogen aus dieſer Unterſuchung die Gewißheit einer vorhandenen reichen Erz⸗ ader, die er durch eine gut eingerichtete Be⸗ nutzung, leicht zum Vortheil der Menſchen eroͤffnen koͤnnte. Waͤhrend alſo die Baronin und ihre junge Verwandte ihre freundſchaft⸗ liche Unterhaltung bis ſpaͤt in die Nacht ver⸗ laͤngerten und zuſammen ihre Hoffnungen, die noch nicht verloſchen waren, naͤhrten, wachte auch er, mit dem ihre ſuͤßen Vermuthungen beſchaͤftigt waren; aber er war bemuͤht, eine Neigung zu bekaͤmpfen, gegen die er ſeine ganze moraliſche Kraft aufrufen mußte; und im Schweigen entwand ſich ſeiner zerriſſenen Bruſt ein ſchmerzlicher Seufzer. —— 17 14. Es war moͤglich, daß Styndalls Gedanke, auf den Umgang der Fuͤrſtin Verzicht zu leiſten, ihm, durch die gewonnene Aufmerkſamkeit der gebildeten Leute, die denſelben genoſſen, das Opfer etwas weniger bitter machte, ohne ihn gerade dafuͤr zu entſchaͤdigen. Selbſt dann, wenn man ſich nicht mehr ſchmeicheln darf, das Herz ‚einer Frau zu ruͤhren, wenn man den unuͤberſteiglichen Hinderniſſen, die uns der Hoffnung auf ihren Beſitz berauben, gewichen, wuͤnſcht man ihr doch zu beweiſen, daß man ihrer Achtung nicht ganz unwerth war. Die Aufregung des Englaͤnders dauerte nicht lange; wenigſtens unterlag ſein zwecklo⸗ ſer Stolz. Verſtand und wahres Gefuͤhl raͤum⸗ ten ſeiner Eigenliebe nicht zu viel ein oder ſuchten fuͤr das von fern ihm ſchimmernde Gluͤck einen Erſatz. Von der Nothwendigkeit uͤberzengt, daß er die Staͤrke ſeiner Erinnerun⸗ gen ſchwaͤchen muͤſſe, begann er ſich wieder mit allen dem zu beſchaͤftigen, was er vor ſeiner Verbindung mit dem Oedenburgſchen Hauſe ge⸗ trieben hatte. Wie maͤchtig jedoch auch die Kraft ſeines Willens war, er konnte weder denſelben Geſchmack, noch dieſelbe Aufmerkſam⸗ II. 2 18 keit mehr dafuͤr gewinnen. Sein großer Gar⸗ ten war ihm zu eng fuͤr ſeine Spaziergaͤnge; der Huͤgel, den er taͤglich mehrmals beſuchte, erweckte ſeine kummervollen Gedanken zu ſehr, ſtatt bloß ſeine Melancholie, zu der er ſich vielleicht verurtheilt hatte, zu unterhalten. Aller ſeiner Umgebungen, ſelbſt ſeines Lebens muͤde, ahnete Styndall nicht, daß ſein Muth eine neue Probe beſtehen ſollte. Dies war eine Ein⸗ ladung zur Mittagstafel im Augarten. Schwer waren die Kaͤmpfe, die er auszuſtehen hatte, bevor er ſich zu der von Charlotten ſo uͤbel ausgelegten ablehnenden Antwort entſchloß. Sein Geiſt war davon ſo niedergebeugt, daß er drei Tage lang ſein Zimmer nicht verließ, und trat endlich nur heraus, um eine Uebung wieder vorzunehmen, an die er ſeit ſeiner Krank⸗ heit nicht gekommen war. Unter ſeinem Fen⸗ dſte erblickte er den Kutſcher, der eben die Pferde anſchirrte, um eine Spazierfahrt zu ma⸗ chen, die nothwendig war, weil die Pferde zu lange im Stalle geſtanden hatten. Er ſtieg in den Hof hinab, befahl mit kurzen Worten, ihm ſein Reitpferd zu ſatteln, ſtieg auf und ritt ſtillſchweigend, von ſeinem treuen Sylcock ge⸗ folgt, davon. 19 Als er durch Wieden war, lenkte er das Pferd ganz unwillkuͤhrlich durch das Thor der innern Stadt und ritt die Kaͤrnthnerſtraße ent⸗ lang, von wo er nach dem Salzgries gelangte. Ohne irgend einen Zweck, von dem er ſich haͤtte Rechenſchaft geben koͤnnen, ſprengte er in Trab bis zu dem Sackgaͤßchen, wo er einen Monat fruͤher durch den Gerichtszug, der Archangeli zum Tode fuͤhrte, in der Naͤhe der Fuͤrſtin von Oedenburg aufgehalten worden war. Ploͤtz⸗ lich hielt er hier an. Dieſe Ruͤckkehr, dies Verweilen an dem Orte, wo er den erſten Ein⸗ druck einer gluͤhenden Liebe erhalten hatte, wirk⸗ ten mit Sympathie auf ihn. Der Zug ſeines Herzens war ihm kein Geheimniß mehr; es wurde hell vor ſeinen Augen. Dem Krieger gleich, der das Schlachtfeld gern wiederſieht, wo er verwundet wurde, der ſogar die Stelle aufſucht, wo ein ehrenvoller Fall ihn fuͤr im⸗ mer zum Kampf untuͤchtig machte, forſchte Friedrich mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit das enge Feld ſeiner Niederlage aus. Unbe⸗ weglich durchlief er mit den Augen alle Win⸗ kel deſſelben und die damaligen Gegenſtaͤnde ſtellten ſich ſeinem Geiſte noch einmal in der⸗ ſelben Ordnung dar. Der Haufe des Volks 2* 20 nur ſehr langſam wie der Gerichtszug ſich fort⸗ bewegend; die Kaleſche gegen dieſe Menſchen⸗ maſſe im rechten Winkel gewendet, die Pferde gerade vorwaͤrts; er zur Seite auf ſeinem an die Mauer angedraͤngten Fuchs; dann ſein neuer Stand am Wagen nach dem Abgang des Baron von Sperges, alle Theile dieſes weit⸗ laͤufigen Gemaͤldes ſtellten ſich noch einmal ſei⸗ nen Augen dar. Er fuͤhlte wieder, wie er un⸗ ter das Rad ſtuͤrzte, er ſah, wie man ihn nach dem Thorweg unter dem Angſtruf der Fuͤrſtin und ihrer Verwandtin brachte. Wahrlich, das war nicht der Weg von dem Uebel, an dem er litt, zu geneſen, ſich dieſe Scenen ſo leben⸗ dig zuruͤckzurufen. 3 „Was liegt daran?“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Wenn ich meinem Schmerz eine reiche Nah⸗ rung gebe, wenn dieſer Schmerz mich entzuͤckt, ſollte er auch meine Sonne ihrem Untergang zu reißen, ſo betrifft es ja mich allein. Mein Entſchluß ſteht deshalb nicht weniger felſenfeſt. Niemand als ich leide von meinem Wahnſinn; das habe ich geſchworen, und Friedrich Styn⸗ dall hat ſein Wort niemals gebrochen. Als der Ausbruch dieſer innern Bewegung voruͤber war, gewahrte er ein Bettelweib, die 21 ſeinen Blicken fruͤher entgangen war; ſie ſaß in der Thorfahrt auf einem alten mit Wachs⸗ tuch uͤberſchlagenen Sorgſtuhl. Styndall griff ſogleich nach ſeiner Boͤrſe und ſchenkte ihr einen Dukaten. Das Erſtaunen, in welches die arme Frau dadurch gerieth, verſetzte ihn in die Noth⸗ wendigkeit, ihre ehrbaren Zweifel zu beſiegen. „Nehmt nur“, wiederholte er,„alte Mut⸗ ter! und ſetzt euch mehreremals auf dieſen Platz; ich werde euch nicht vergeſſen.“ Dann fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpraͤch fort: „Der edle, beruͤhmte Rocheſter ſchuͤttete al⸗ les Gold aus ſeiner Boͤrſe auf den Raſen des Luſtwaͤldchens, wo die Herzogin von Deorn⸗ ſhire ſeine Liebe erhoͤrt hatte; denn er wuͤnſchte, daß Andere an demſelben Ort, nur auf eine verſchiedene Weiſe, nach ihm gluͤcklich ſein moͤchten. Warum ſoll ich nicht etwas Aehnli⸗ ches zu Gunſten des Ortes thun, wo die Tu⸗ gend, von der Hand der Grazien geſchmuͤckt, mein Elend ihres Mitleids gewuͤrdigt hat, wo der Ausdruck eines zarten Mitgefuͤhls die himm⸗ liſchen Zuͤge noch mehr verklaͤrte? Charlotte, du wirſt ewig ein heiliger Gegenſtand fuͤr mich ſein; ja ſo lang ich athme, werde ich dich als eine Gottheit verehren und nichts wird mich 22 abhalten, dir an dem Ort, wo dein holdes Bild mir zuerſt erſchien, einen Opferaltar zu bauen!“ Nach dieſem Aufenthalt, deſſen Grund groͤß⸗ theils dem Scharfſinn Tom's entging, kehrte Styndall zuruͤck und ritt ſodann durch das Thor, das der Bruͤcke nach der Leopoldſtadt gegenuͤber liegt. Von dieſer Vorſtadt kam er durch einen kleinen Umweg in das Viertel des Augartens, aber dieſer Umweg fuͤhrte ihn vor dem Palaſte von Oedenburg voruͤber. In dem⸗ ſelben Augenblicke zog er den Zuͤgel ſeines Pferdes an und nur im langſamen Schritt des vor Ungeduld ſchaͤumenden Fuchſes durchritt er die Straße, wo die Frau wohnte, deren gaſt⸗ freundſchaftliche Guͤte er erfahren hatte. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit flehte er alle Segnungen des Himmels auf das Haus der Fuͤrſtin herab. Gewohnheiten geſtalten ſich bald, zumal wenn ſie im Bezug mit unſeren Gefuͤhlen ſte⸗ en. Dieſer Ritt hatte Friedrich eine ange⸗ nehme Zerſtreuung gewaͤhrt, die einzige viel⸗ leicht, deren ſein Geiſt faͤhig war. Im eigent⸗ lichen Sinne war es jedoch keine Zerſtreuung, denn er war ſa dadurch faſt in den Mittel⸗ punkt ſeiner Liebe gefuͤhrt worden. Er wieder⸗ holte den Ritt alſo am morgenden ja am uͤber⸗ 23 morgenden Tage. Der Bettlerin, die mit einem neugekleideten Kinde da ſaß, mußte noch eine Gabe werden; es gab noch einen Aufenthalt oder dem Aehnliches vor dem Palaſt von Oe⸗ denburg. Am dritten Tage unterſchied er eine junge Frau zwiſchen den Fenſtergittern, und bemerkte, daß ſie ſchnell den Vorhang vorzog und in demſelben Augenblick ſeinen Blicken ent⸗ ſchwunden war. Ueber die Zuͤge der Dame konnte er ſich nicht taͤuſchen, obgleich ſeine Au⸗ gen nur einen fluͤchtigen Umriß von ihr gewahrt hatten. Wenn er auch Charlotten erſt nicht deutlich geſehen hatte, ſo verrieth ſie ſich ihm doch durch ihre raſche Bewegung, und der Gent⸗ leman beſchloß mit Schmerz ſeinem Spazierritt eine andere Richtung zu geben, immer aber blieb der Augarten das Ziel deſſelben. Endlich verzichtete er auch auf dieſen, in der Furcht, daß die Fuͤrſtin, in vollem Ernſte ihn zu mei⸗ den entſchloſſen, ſich ſogar das Vergnuͤgen ver⸗ ſagen wuͤrde, ſich im Augarten zu ergehen, ihr liebſter Ort zum Spazierengehen, wie er aus ihrem eigenen Munde wußte. Frei von Vor⸗ wuͤrfen, ja ohne Zweifel der Bewunderung der Fuͤrſtin werth, wenn ſie in ſeiner Seele haͤtte leſen koͤnnen, glaubte der Ungluͤckliche, daß er 24 — durch ſein ſcheinbares Vergehen die Verachtung Charlottens auf ſich geladen habe; denn daß es nur Zorn oder Empfindlichkeit ſei, wagte er nicht ſich zu ſchmeicheln. Styndalls Ausfluͤge wurden nothwendiger Weiſe ſeltener; ſie hatten einen großen Theil ihres Intereſſes verloren. Von jetzt an be⸗ ſchraͤnkten ſie ſich bloß auf den Prater und zuweilen auf Baſteien. Die Tage verfloſſen ohne die Laſt ſeiner Leiden zu erleichtern. Der Auguſt nahte ſchon ſeinem Ende; die Luſtwaͤl⸗ der begannen ſchon von einander durch die ver⸗ ſchieden Farben abzuſtehen. Friedrich ging im hintern Theil des Praters in der Naͤhe des Orts, wo die Donau, in mehrere Arme ſich theilend, eine Menge kleiner Inſeln bildet, die ſo dicht mit Laub und Buſchwerk uͤberwachſen ſind, daß die Sonnenſtrahlen nicht durchzudrin⸗ gen vermoͤgen. Die Buͤrger, ſelbſt die Kuͤnſt⸗ ler Wiens laſſen ſich gewoͤhnlich des Sommers in ihren Mußeſtunden von Kaͤhnen nach die⸗ ſen ſchattigen Plaͤtzen uͤberfahren, und eſſen mit ihrer Familie bei den Speiſewirthen, die dort etablirt ſind. Styndall beſtieg mit dem Wun⸗ ſche, dieſer Freude des Volks beizuwohnen, ein kleines Fahrzeug, bezahlte den Fuͤhrer deſſelben 25 großmuͤthig und beluſtigte ſich, mit wohlerfah⸗ rener Hand die ſchwache Barke zwiſchen den Inſeln umher zu leiten. Seiner Meinung nach konnte man nur in den Vergnuͤgungen und Fe⸗ ſten eines Volkes ſeine Regierung am beſten kennen lernen. Gegenwaͤrtig oder nicht, weht der Geiſt der Oberherrſchaft in den einzelnen Haufen, erlaubt ihrer Froͤhlichkeit ſich ohne Zwang auszubreiten, hemmt den Aufflug der Gemuͤther oder druͤckt ſie ſo wenig, daß man leicht erkennen kann, wie vaͤterlich die Verwal⸗ tung verfaͤhrt und das Gluͤck in einem Lande wohnt. Der Gentleman uͤberzeugte ſich mit eigenen Augen, daß der oͤſtreichiſche Despotismus, der dort die hoͤhere Claſſe der Herrſchaft laͤſtigen Beobachtungsregeln unterwirft, und dem Ver⸗ dienſte vor aͤuſſeren Vorzuͤgen und Titeln, die jedem unwandelbar ſeinen Platz anweiſen, ſich zu neigen anordnet, hier der Froͤhlichkeit des geſammten Volks freien Lauf laͤßt und ſeine Vergnuͤgungen beſchuͤtzt, ohne nur den Schein zu haben, daß er ſich darum bekuͤmmere. Nicht ein Spion, der ſich in die Reihen gemiſcht, kein Polizeidiener in der Mitte dieſes Haufens; ſie waͤren durchaus unnuͤtze geweſen. Man 26 verbindet ſich nur gegen den Unterdruͤcker und beklagt ſich nur gegen den Ruheſtoͤrer. Es iſt wahr, daß alle Koͤpfe in ihrer aͤhnlichen Ge— ſtaltung einer einzigen Schoͤpfung anzugehoͤren ſcheinen; daß keiner uͤber den Haufen empor zu ragen verſuche, wo er ſeinen Platz gefun⸗ den; daß nichts eine eigenthuͤmliche Kraft und Entſchloſſenheit verkuͤndet; folglich iſt gar kein Stoff zu Unruhen vorhanden. Dieſes Volk iſt vielleicht bloß deshalb unverdorben geblie⸗ ben, weil man die Klugheit hatte, es ſo zu laſſen, wie es aus der Hand der Natur hervor⸗ ging; dies war wenigſtens in den Erbſtaaten der Fall, waͤhrend anderswo, z. B. in Brabant und Tyrol die allzuſtrenge Aufſicht das Volk zur Empoͤrung reizte. Dies war Styndalls Anſicht. Auf einer der Inſeln ſchien ihm das Trei⸗ ben weit bewegter als auf den uͤbrigen; des⸗ halb legte er dort an, befahl dem Schiffer ſeine Ruͤckkehr zu erwarten, und ſtieg ans Land. Durch die eifrige Eile der Dienerſchaft des Gaſtgebers, dem die Wirthſchaft gehoͤrte, und durch die Speiſen, die ſie nach einem gruͤnen Saale trugen, wurde es ihm bald klar, daß hier ein Banket gefeiert werden ſolle. Die 27 Beſchaffenheit der zubereiteten Gerichte belehrte ihn eben ſo, daß ſie nicht fuͤr die Beguͤterten der Hauptſtadt beſtimmt ſeien; die andern Gaͤſte ſchienen ſie dagegen ſehr geſchmackvoll zu fin⸗ den. Der Englaͤnder bemerkte mit Erſtaunen unter den Hin⸗ und Herſtroͤmenden, den alten Dietrich, ſeinen Gaͤrtner; da fiel ihm ploͤtzlich ein, daß zu Ende der vorigen Woche— heute war es Donnerſtag und das Feſt des heiligen Fiaker— der brave Alte an der Thuͤre ſeines Zimmers erſchienen war, um ihn zur Hochzeit des jungen Nepomuk einzuladen; Tom hatte ihm aber auf Befehl ſeines Herrn, der damals noch von den heftigſten Gemuͤthsbewegungen zerriſen war, das Geſuch abſchlagen muͤſſen, woruͤber der Greis nicht wenig betruͤbt gewe⸗ ſen war. „Schoͤn«, ſagte Styndall zu ſich,„ſo werde ich die guten Leute uͤberraſchen. Mein Beſuch wird, wie ich hoffe, wenn auch uner⸗ wartet, doch nicht ganz unangenehm ſein, und dann werde ich auch Sorge tragen, ſie nicht zu lange mit meiner Gegenwart zu belaͤſtigen.« Kaum hatte er einige Schritte vorwaͤrts gethan, als er von den beiden Familien erkannt, umringt, begruͤßt und geſegnet wurde. Ihr * 28 Bewillkommensgruß war treuherzig; das junge Ehepaar dankte ihm ſein Gluͤck; man konnte die Freude nicht ſattſam zu erkennen geben, daß er die durch ihn Begluͤckten ſeiner Gegen⸗ wart gewuͤrdigt habe. Vergebens wieß Fried⸗ rich auf alle Art, ſelbſt mit Geſchenken, die Muſikanten zuruͤck, die ſeine Schritte begleite⸗ ten und eine Symphonie von Haydn mit einer Genauigkeit und Uebereinſtimmung ſpielten, wie es außer Italien und Teutſchland ſelten iſt. Die Inſtrumente ſtroͤmten ihre geiſtvollen Ak⸗ korde aus, gleichſam wie einem einzigen Hauche untergeordnet, wie von einem Bogenſtrich her⸗ vorgerufen, gaben ſie nur einen einzigen Ton von ſich, der auf die wunderbarſte Art modu⸗ lirt war. Der Neuangekommene verwunderte ſich, wie man ihm auf der Hochzeit eines gr⸗ men Gaͤrtners ein Conzert gaͤbe, das vortreff⸗ licher ſei, als die in den vornehmſten Saͤlen von London und Paris. Er erſtaunte vorzuͤg⸗ lich, daß man im Buſen Teutſchlands, einem Lande, wo die gegenſeitige Mittheilung durch eine harte Sprache und ſtarkem Hervorheben der Kehllaute beſteht, Kuͤnſtler finde, die, ohne ſich dieſen Namen anzumaßen, auf ihrem In⸗ ſtrument Virtuoſen waͤren, und daß es unter 29 dieſem Volke, dem lange Zeit alle Kuͤnſte Eu⸗ ropas fremd blieben, ſo muſikaliſche Ohren gaͤbe, die vom Anhoͤren dieſer Toͤne entzuͤckt wuͤrden. So begleitet ſchritt er nach dem gruͤnen Saale hin, wo die Tafel bereitet war; dort be⸗ merkte er ſogleich in einer Hagenbuchenlaube, in deren Hintergrund man den von Sonnen⸗ ſtrahlen vergoldeten Fluß durchſchimmern ſah, in ſchwacher Beleuchtung eine Frau, die vor⸗ nehmer gekleidet war als die Andern, die an dieſem Familienfeſte Theil nahmen. Sie hielt ein Buch in der Hand, erhob aber durch den naͤher ſchallenden Klang der Inſtrumente vom Leſen abgezogen die Augen und richtete ſie nach der Gegend der Inſel, woher der Ton kam. Das Buch entfiel ihr faſt; eine augenſchein⸗ liche Beſtuͤrzung offenbarte ſich in der Art, mit der ſie es wieder ergriff, und ſchnell drehte ſie den Kopf auf die entgegengeſetzte Seite. Auch Styndall verlor im erſten Augenblick ſeine Faſſung; abwechſelnd erblaßte und erroͤthete er. Endlich dankte er die Muſikanten mit einer Stimme ab, die Gehorſam verlangt, und fragte den alten Dietrich, wie es denn komme, daß die Fuͤrſtin von Oedenburg ſich hier befinde? » Wie es kommt?“ antwortete der Gaͤrtner, „weil Rachel von ihrer Mutter her die Nichte des Bruders Ulrich Herberg im Kaur⸗ zimer Kreiſe iſt, der ſie der Guͤte der theuren Fuͤrſtin empfohlen hat; auch hat ihr dieſe edle Frau die Ausſtattung gegeben. Obgleich ſie weit entfernt iſt, eben ſo ſtolz wie die Baronin zu ſein, die bei ihr wohnt, konnten wir ſie aller unſrer Bitten ungeachtet nicht bewegen zur Hochzeit zu kommen. Es war gerade wie bei Ew. Hoheit; und ſie fuͤgte ſich dem Flehen unſrer Rachel nur, als ihr dieſe ihre letzte Frage beantwortet hatte.“ „Und welches iſt dieſe Frage?« Der gute Greis hielt ſeinen neuen Filzhut in der Hand, betrachtete ihn von allen Seiten, knoͤpfte die Schleife ab und befeſtigte ſie wie⸗ der am Knopf, und antwortete nicht. Seine große Verlegenheit war ſichtbar. „Welches war die Frage?“ wiederholte Styndall mit dem Anſehen des Befehls.„Ich will ſie wiſſen!“ „Moͤchten Ew. Excellenz mir doch guͤtigſt verzeihen. Ich wuͤnſchte wohl, daß Ew. Herrlichkeit uns entbaͤnde... Vielleicht hat auch Vater Reichenbach, der manchmal ſolche 31 Geſchichten erſinnt, ſich einen Spas auf unſere Koſten machen wollen und uns erzaͤhlt, ſie.... Wir kennen ihn ja nicht von geſtern her... „Sprich!“ fuhr Styndall mit gleicher Fe⸗ ſtigkeit fort.„Die Sache betrifft mich und ich habe das Recht nach dem zu forſchen, was mich angeht.“ „Wohlan denn!“ enegegnete ſtammelnd der verzweifelte Dietrich,„die Fuͤrſtin hat vorge⸗ ſtern meine Schwiegertocher gefragt, ob Sie auf der Hochzeit ſein wuͤrden, und da dieſe von Ne⸗ pomuk wußte, daß Ew. Herrlichkeit uns dieſes Vergnuͤgen nicht gnaͤdigſt gewaͤhren wuͤrden, ſo wie ich ihm Tags vorher ſelbſt geſagt hatte, ſo hat ſie das wieder erzaͤhlt... Der Vater Reichenbach hat mich verſichert, daß die Fuͤr⸗ ſtin ſich ſogleich beſtimmt habe, und daß er es von ſeiner Tochter wiſſe... Aber der Vater Reichenbach ſagt nicht immer die Wahrheit, gnaͤdigſter Herr... Er erzaͤhlt gern Maͤhrchen und bindet einem was auf.... Er war ſchon nicht recht mit der Heirath zufrieden; und da er weiß, daß Ew. Excellenz auf unſerer Seite ſind, ſo hat er uns nur aͤrgern wollen...“ „»Laßt mich allein, Dietrich!« Der gute Gaͤrtner ließ ſich das nicht zwei⸗ 32 mal heißen, und immer beſchaͤftigt, ſeinen Hut wieder aufzuſtutzen, lief er, um das Muſikchor wieder zuſammen zu bringen, das von ihm zum Ruͤckzug genoͤthigt geweſen war. Styndall fuͤhlte die ganze Schwierigkeit ſei⸗ ner Lage; ſie konnte fuͤr ihn nicht kritiſcher werden. Durch ſein Entfernen und Ruͤckkehr in den Prater haͤtte er ſich des graͤßlichſten Schim⸗ pfes gegen ſeine Wohlthaͤterin ſchuldig gemacht, gegen die Frau, auf deren Fußtapfen er gern ſeine Lippen gedruͤckt haͤtte; ihr nahen, ſie an⸗ reden ſchien ihm ſeinen Muth zu uͤberſteigen. Und was ſollte er ihr noch ſagen? Zwiſchen dieſe Alternativen geſetzt, hatte er doch bald ſeine Wahl beſtimmt; er blieb bei der zweiten Beſtimmung ſtehen; denn er haͤtte eher den Tod gewaͤhlt als die erſtere.“ Die Beklemmung der Fuͤrſtin war in dieſem Augenblick nicht weniger groß, als die des Englaͤnders. Mit dem groͤßten Erſtaunen ſah ſie ihn auf die Bank zukommen, auf der ſie ſitzen geblieben war; auch bemerkte ſie es nur durch einen verſtohlenen Seitenblick. Als Styn⸗ dall jedoch mit entbloͤßtem Haupte ſo nahe war, daß er ſich ohne Anſtrengung der Stimme be⸗ merkbar machen konnte, erhob ſie ſich und er 22 30 konnte in ihrem ſchoͤnen Geſicht mehr den Aus⸗ druck der Traurigkeit, als des Zornes, mehr der Zuruͤckhaltung als des Stolzes bemerken. „Gnaͤdige Frau“, redete ſie Styndall ſchuͤch⸗ tern an,„ich komme nicht, meine Vergehen bei Ihrer Hoheit zu beſchoͤnigen. Sie ſind uner⸗ meßlich; ich kenne ihre Groͤße; aber ich wage doch Ihnen davon zu reden und genug habe ich fuͤr den Erwerb dieſes Rechts gelitten. Sein Sie verſichert, daß ſie weniger meinem Willen als meiner ungluͤcklichen Lage zuzu⸗ ſchreiben ſind. „Ich begreife nicht, Herr Styndall, wes⸗ halb ich Entſchuldigungen von Ihrer Seite er⸗ warten duͤrfte; auch wuͤßte ich nicht, daß ich mich beklagt haͤtte. Setzen Sie mich zuvoͤr⸗ derſt in Kenntniß, ob Sie mir zufaͤllig einen Grund dazu gegeben haben.“ „Wohl verſteh' ich Ihrer Hoheit Worte; ſie ſind ſtrenge, ſie ſollen es ſein. Sie werden mich nicht abhalten, mir ſelbſt Gerechtigkeit anzuthun, und dieſe Gerechtigkeit wird ſo ſcharf ſein, als wenn Ihr Mund das Endurthai der⸗ ſelben ausſpraͤche.“ „Ich richte Niemand, Herr Styndall. All mein Streben geht dahin, die Vorwuͤrfe Ande⸗ II. 3 V V rer nicht zu verdienen und uͤber dieſen Punkt halte ich ſtets mit meinem Gewiſſen Ruͤck⸗ ſprache.“ „O daß es ſo grauſame Fuͤgungen des Schickſals geben muß! Daß ich mich ſelbſt ſo hart behandeln mußte, um aus einem Hauſe zu weichen, wo ich zuerſt den Werth meines Lebens achten muͤſſen..... 3 „Sie verachten! Herr Styndall!“ fiel Charlotte heftig ihm in die Rede. „Dieſe Worte geben mir wieder einigen Muth, gnaͤdige Frau“, fuhr Styndall fort. » Und doch, als es mich unwiderſtehlich nach dem Aſyle zog, wo Sie athmen und ich das Haus nur von ferne betrachten wollte, als ich vielleicht zu vermeſſen dort von Zeit zu Zeit die Zuͤge zu erblicken hoffte, deren Andenken nie in meiner Seele erloͤſchen wird, haben Sie mich dieſer Gunſt fuͤr unwuͤrdig erachtet, dieſes Erſatzes eines unerklaͤrlichen Geſchicks... Noch in dieſem Augenblick haben Sie ſich meinen Blicken entzogen; Sie haben ſich ſogar den Bitten der Nichte Ihres theuren Ulrich nur durch das foͤrmliche Verſprechen meiner Ent⸗ fernung gefuͤgt.“ „Ich laͤugne davon nichts... Geſetzt auch Alles waͤre wahr, ſo haͤtte ich doch nichts wei⸗ ter gethan, als ich waͤre auf der Bahn fortge⸗ ſchritten, die Sie vorher betreten haben. Ihr Billet mit der abſchlaͤglichen Antwort vor drei Wochen.... „Auch habe ich gedacht“, entgegnete Styn⸗ dall,„daß mir nur uͤbrig bliebe, mich Ihren Verfuͤgungen zu unterwerfen, wie ſtreng ſie auch immerhin ſein moͤchten. Von jener Zeit an mußten meine Schritte eine andere Rich⸗ tung ſuchen. Ich mußte den Augarten fliehen, den ich liebe, vielleicht weil ſie ihn lieben; denn ich fuͤrchtete ſite durch meine Gegenwart daraus zu verſcheuchen. Und wenn ich heute das Gluͤck habe, vor Ihnen zu ſtehen, gnaͤdige Frau, ſo verſichere ich Sie, daß es nicht mit Abſicht ge⸗ ſchah und daß ich durch einen bloßen Zufall daran ſchuld bin. Mir war keiner Ihrer Plaͤne bekannt. Gott iſt mein Zeuge, daß es mein heftigſter Kummer ſein wuͤrde, Ihrer Ruhe oder 3* 36 Ihren tugendhaften Freunden auch nur einen Augenblick im Wege zu ſein. Wien ſelbſt, das Sie bewohnen, das mir als Vaterſtadt gilt, wuͤrde ich ſogleich verlaſſen, wenn ich wuͤßte, daß Ihre Zufriedenheit dadurch etwas ge⸗ waͤnne.-⸗. „Ich begreife Sie nicht, Herr Styndall. Sie ſuchen uns auf, wie Sie verſichern, und fliehen uns doch recht abſichtlich, meine Cou⸗ ſine und mich; Sie preiſen ſich gluͤcklich, die Steine meines Palaſtes zu betrachten, und rei⸗ ten doch vor meiner Thuͤre voruͤber, die Ihnen offen ſtand; Sie lieben den Augarten, weil ich ihn liebe, und betreten ihn doch nicht; Sie wuͤnſchen mir Gluͤck, daß ich den braven Leu⸗ ten, die mich zu ihrer Verbindung eingeladen haben, einiges Gute gethan habe, und bitten mich doch um Verzeihung, Sie hier zu finden, obgleich ich recht gut weiß, daß Sie zu dem⸗ ſelben Zweck hierher gebeten ſind; endlich ſpre⸗ chen Sie gar davon, Wien zu verlaſſen, weil ich hier bin! Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß alles dieſes ganz auſſergewoͤhnlich iſt, und wenn Sie mir nicht Beweiſe ihres Urtheils gegeben haͤtten.... „Verzeihung, gnaͤdige Frau!“ unterbrach 37 ſie Styndall,„ich fuͤhle ſehr wohl, daß meine Handlungen und Reden verwirrt ſind, wenig⸗ ſtens dem Anſchein nach... Haben Sie Mit⸗ leiden mit einem Menſchen, der unmoͤglich Aus⸗ druͤcke in der Sprache finden kann, womit er die Ihrer Hoheit geweihten Gefuͤhle bezeichnete, wenn die Worte der Verehrung, der Ehrfurcht, der Anbetung ſelbſt nicht im Woͤrterbuche ſte⸗ hen. O, ſie ſind weit beſſer in mein Herz ge⸗ ſchrieben! Verzeihen Sie! Rufen Sie huldreichſt die Worte in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck, die ich an Sie zu richten die Kuͤhnheit hatte, als ich, aller Kraͤfte beraubt und uͤberzeugt war, daß das Scheiden aus Ihrem Palaſte mir vielleicht das Leben koſten wuͤrde, glaubte mich einer noch weit groͤßeren Gefahr entziehen zu muͤſſen. Dann werden Sie ſich vielleicht das Auffallende meines Betragens erklaͤren koͤnnen.“ Dieſe Worte ſprach er mit einer wahren Seelenglut. Die Fuͤrſtin wurde davon ge⸗ ruͤhrt. Sie ſetzte ſich wieder auf die Bank, ohne ſich von ihrem moraliſchen Zuſtande, der ihr die Knie wankend machte, Rechenſchaft zu geben, und lud Styndall mit der Hand ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen, und mit dem auserwaͤhlten Tone des Wohlwollens und der 38 guten Geſellſchaft, in dem ihr keine andre von Wiens Frauen gleich kam, fuhr ſie fort: „Ich habe mir Freunde erworben; ich wuͤn⸗ ſche ſie mir zu erhalten und ich hoffe, daß ſie ſo wie ich bei der freundlichen Milde bleiben, die ſie mich bemerken ließen; aber ich habe nie⸗ mals eingewilligt, ſie aus meinem Hauſe zu ver⸗ treiben, haͤtten ſie auch das Maas der Anhaͤng⸗ lichkeit, das ich ihnen einzufloͤſen wuͤnſche, uͤber⸗ ſtiegen. Dieſes iſt mehr ihre Sache, als die meinige, ſo lange ſie ſich in den Grenzen der Anſtaͤndigkeit zu bewegen wiſſen. Sie haben auch noch in meinem Palaſte Proben einer Un⸗ verſchaͤmtheit erhalten, die ich zu ertragen weiß⸗ die mich aber betruͤbt, wenn meine wahren Freunde ſich daruͤber zu beklagen haben. Ich bin Ihnen meine Erkenntlichkeit fuͤr die Maͤßig⸗ ung ſchuldig, die Sie dem bewußten Menſchen gegenuͤber beobachteten. Ich biete ſie Ihnen hiermit an, ja ich biete Ihnen ferner noch an, meine Freundſchaft mit dem ehrenwerthen Ul⸗ rich, der an mir Vaterſtelle verſehen, mit dem guten Jamerai Duval und dem wuͤrdigen Hol⸗ ger zu theilen. Ich nenne diejenigen, die mir die theuerſten von meinem Umgang ſind. Wahr⸗ 39 haftig, ich glaube, daß ich Luſt habe, Sie in Verſuchung zu fuͤhren.“* Dieſer Schluß der Rede war von einem Laͤcheln begleitet, in welchem der Fremde einen Engel zu ſehen glaubte, der ihm die Pforten der Vorhallen des Himmels eroͤffnete. Von Dankbarkeit fortgeriſſen, ohne weitere aͤngſtliche Bewachung ſeiner ſelbſt, unterjocht von der Verfuͤhrung, die Schoͤnheit und Seelenreinheit verbunden um ſie ausuͤbten, rief er aus: „Das Loos iſt geworfen! Nein, gnaͤdige Frau, ich werde meine liebenswuͤrdiger Wohl⸗ thaͤterinnen nicht mehr fliehen. Ich werde mich um die Ehre, zu Ihrer Geſellſchaft zu gehoͤ⸗ ren, deren Reiz Sie ſind, bewerben, als einen Lohn, den mir der Himmel, den Sie ſelbſt mir aufbewahrt haben. Gott mag meinem Leben jetzt den Grenzſtein ſetzen, er mag ihn mir ſo nahe ſtellen, wie es ihm beliebt; wenigſtens iſt es nicht farbelos geweſen und meine Tage ſind nicht ruhmlos abgelaufen; weil ich von Ihnen fuͤr wuͤrdig erachtet worden bin, Sie zu kennen! Sie ſehen“, fuhr er mit ruhigerer Stimme fort,„die Gefahren ſchrecken mich nicht ab, und wenn ich ihnen jetzt allzu thoͤrigt Trotz biete, der ich ſie erſt zu ſehr fuͤrchtete, ſo koͤnnen Ihre 40 Hoheit mich doch nicht mehr des Eigenduͤnkels beſchuldigen.«— „Sie werden Ihr ungeregeltes Weſen ab⸗ legen und von Stund an fein verſtaͤndig ſein,« erwiederte Charlotte, an deren Seite ſich der Englaͤnder niedergelaſſen hatte.»„Nehmen Sie ſich den herrlichen Duval zum Muſter und ich will Ihre Anaſtaſte Socoloff ſein. Kommen Sie in drei Tagen in den Augarten; meine Freunde und die Ihrigen werden Sie dort mit Freuden empfangen. Sie werden uͤber ihre lange Abweſenheit erſtaunt ſein; die Baronin, die Sie mit ihrem ganzen Credit beſchuͤtzt, wußte nicht mehr, wie ſie Sie ferner gegen Alle vertheidigen ſollte. Kommen Sie, ihre Sache in Perſon zu fuͤhren; Sie haben Ihnen ſchon bewieſen, daß Sie einſt vor ihrem Par⸗ lementair ſtehen werden, wie Eliſe behauptet.“ „Dies wird nicht der Richterſtuhl ſein, vor em ſeine Sache zu gewinnen, ſo himmliſch fuͤß ſein wird«, entgegnete Styndall und ergab ſich immer mehr der ihn beherrſchenden Leiden⸗ ſchaft. Ohne daß die Fuͤrſtin dieſe Unterbrechung bemerkt zu haben ſchien, fuhr ſie fort: „Wir werden Winkelmann bald hier haben; 41 der Baron von Sperges, auf deſſen dringende Bitten er Rom verlaͤßt, um uns einige Monate zu widmen, hat mir die Nachricht eben hinter⸗ bracht. Sie koͤnnen mir helfen, ihn in Wien vorzuſtellen. Sie ſprechen von Statuͤen und Gemaͤhlden zuſammen; Sie unterhalten ſich von Griechenland und Italien, von dem Wenigen, was uns von beiden großen Voͤlkern uͤbrig ge⸗ blieben iſt, und von dem verehrungswuͤrdigen Alterthum. Die oͤſtreichiſchen Edelleute und wahrlich auch die ungriſchen fuͤhlen den Werth dieſer Dinge nicht. Sie ſind uͤbervoll von Ehre; was aber die Kuͤnſte betrifft, ſo iſt ihre Er⸗ ziehung ſehr zuruͤckgeblieben. Ich kann es ihnen nicht verzeihen, daß ſie in ihrem eigenen Lande und unter ihren Augen die Sorge derſelben fremden Haͤnden uͤberlaſſen. Sie haben einen beſſern Geſchmack gezeigt, Herr Styndall, und Ihre Eltern haben mit Recht geglaubt, daß ein Bewohner dieſes Erdenrundes kein Fremd⸗ ling in allen den Dingen bleiben duͤrfe, die das Menſchengeſchlecht zieren, ſeit die Jahr⸗ hunderte uͤber unſerm Haupte hinrollen.“ Friedrichs Antwort war beſcheiden. Er er⸗ kannte die Guͤte ſeiner Eltern an, denen er viele Wohlthaten verdankte, erklaͤrte aber, daß der 42 groͤßere Theil ſeiner Kenntniſſe von ſeinen Rei⸗ ſen und eigenen Studien herruͤhre. Zuletzt pries er ſich gluͤcklich unter die ehrwuͤrdigen Maͤnner, Einheimiſche und Fremde, aufgenom⸗ men zu ſein, die Zutritt im Palaſt von Oeden⸗ burg hatten, und machte keinen Anſpruch dar⸗ auf, mit ihnen in gleiche Linie geſetzt zu werden. Die Fuͤrſtin erwiederte ihm mit der Ver⸗ ſicherung, daß er ſich allgemein ihre Achtung erworben und ihnen mehrmals ein fuͤr ihn hoͤchſt ſchmeichelhaftes Erſtaunen verurſacht habe. Unter andern Faͤllen hob ſie den Streit uͤber die Todesſtrafe namentlich hervor. „Was mich betrifft“, fuhr ſie fort,„ſo geſtehe ich ihnen, daß Sie mir in dem Augen⸗ blick wahrhaft erhaben erſchienen, wo Sie aus⸗ riefen: ich ſpreche zu glaͤubigen Herzen, meine Herrn; ich ſpreche zu Maͤnnern, die ohne Zwei⸗ fel den Werth einer Ewigkeit kennen. Nein, ic, habe noch nichts dem Gleiches mit dieſem Tone der Stimme und uͤber dieſen Gegenſtand ausſprechen hoͤren! Zweifeln Sie nicht an dem Eindruck, den Sie auf Ihre Zuhoͤrer ge⸗ macht haben. Van Swieten ſelbſt war bewegt, obgleich er es zu verbergen ſuchte und, der Ba⸗ ron Holger hat Ihnen mit ſeiner gutmuͤthigen 43 und natuͤrlichen Kaͤlte volle Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Ich verſichere Sie, daß, wenn ich ungeachtet meines Geſchlechtes bei der Bildung einer engliſchen Jury, einer aͤhnlichen Verhandlung beiſaͤße, die fuͤrchterlichſte Schuld der Erde betraͤfe, ſo ſollte ſie doch kein Todes⸗ urtheil treffen, ſollte auch der Praͤſident der Geſchworenen mich mit meinen Collegen drei Monate lang in ſeinem Gefolge herumſchleppen. Aber ich ſehe das ganze Chor der Bruͤder⸗ ſchaft des heiligen Fiaker auf uns zueilen; ge⸗ wiß iſt das Mahl bereit und ich merke ſchon, daß ſie uns Beide auf den Ehrenplatz ſetzen wollen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich dem gutmuͤthigen Reichenbach ſagen ſoll, der Ihnen oder dem alten Dietrich ſehr unvorſich⸗ tig von meiner Furcht, mit Ihnen auf der Hochzeit ſeiner Tochter zuſammenzutreffen, er⸗ zaͤhlt hat. Wenn er uns ſo eintraͤchtig zuſam⸗ men ſieht, ſo werden alle ſeine Gedanken in Ver⸗ wirrung kommen. Da ſie dem lieben Nepo⸗ muk zweihundert Gulden und ich ſeiner ſchoͤnen Nachel die Ausſtattung geſchenkt habe, ſo wird ſein alter Kopf vollends in Gaͤhrung gerathen.“ „Gnaͤdige Frau«, entgegnete Styndall, von dieſer Vertraulichkeit entzuͤckt,„nicht Sie koͤn⸗ 44 nen in Verlegenheit kommen; ſchon im Voraus ſind Sie in den Augen Aller, die Ihnen na⸗ hen, gerechtfertigt; aber welche Entſchuldigung werde ich bei Ihren edlen Freunden fuͤr mich haben? Wie werde ich ſie anzureden wagen, wenn Sie nicht guͤtigſt meine Fuͤrſprecherin ſein und fuͤr meine Vergehungen Verzeihung erbitten wollen, von denen ich niemals lebhaf⸗ ter uͤberzeugt geweſen bin, als ſeit dem Augen⸗ blick, wo ich das Gluͤck habe, von Ihnen ſo ruͤhrende Beweiſe zu erhalten, daß Sie ſelbſt mir verziehen haben?“ Die natuͤrliche Froͤhlichkeit, die ſich ihrer bemaͤchtigte, verhinderte Charlotten nicht, auf ihrer Hut zu ſein. Die Schuͤlerin des weiſen Ulrich fuͤrchtete in der mit ihrem ſonſtigen Gaſte gefuͤhrten Unterhaltung, von ihrem Vorſatze ab⸗ gewichen zu ſein. Auch ſchien es ihr wichtig, die der Freimuͤthigkeit des Gentlemans ent⸗ ſchluͤpften Vermuthungen, vor jeder Ausdeh⸗ nung ſicher zu ſtellen, und mit ihrer gewohnten Geiſtesgegenwart gewann ſie mit einem Worte den Platz wieder, den ſie behaupten wollte und bezeichnete zugleich den, welchen ſie von Styn⸗ dall eingenommen wuͤnſchte. „Ja, ich nehme recht gern alle Ihre Ver⸗ 45 gehen auf mich, die im Grunde nichts zu be⸗ deuten haben. Ich werde zu meinen Freunden ſagen: Hier bringe ich Ihnen einen Fluͤchtling zuruͤck, fuͤr den ich Ihre Nachſicht erflehe, ſo wie er die meinige mir zu verdienen ſchien. Sie werden, meine Herren, daruͤber kein Aer⸗ gerniß haben, daß ich ihm den Ruͤcktritt in un⸗ ſere Gunſt ſo leicht machte; denn Sie werden mir darin beiſtimmen, daß er uns und wir ihn nur zu kurze Zeit kennen, als daß unter uns ſchon eine Veranlaſſung zum Bruch entſtanden ſein koͤnnte.« Styndall fuͤhlte den geheimen Sinn dieſer Worte eben ſo gut, als wenn ihm Charlotte eine Gunſt entzogen haͤtte, auf die er ein Recht zu haben glaubte. Die Fuͤrſtin nahm jedoch ſich erhebend ſeinen Arm und gewaͤhrte ihm dadurch einen Erſatz fuͤr ſeinen Kummer. Die Muſiker ſchritten, ihr Haydn'ſches Stuͤck aus⸗ wendig ſpielend voran und geleiteten ſie ſo bis zum oberſten Ende der Tafel, wo ſie ſich nie⸗ derzulaſſen nicht verſchmaͤhten. Dies gab Styn⸗ dall Gelegenheit, ſeiner Nachbarin zuzufluͤſtern: „Ich nahm Ihre Prophezeihungen mit Dankbarkeit an, aber ich bin nicht weniger er⸗ 46 freut, daß ſie durch die Art, wie man uns die Plaͤtze angewieſen hat, eintreffen.« Waͤhrend Charlotte bemuͤht war, die ſtei⸗ gende Roſenglut, womit ihr reizendes Geſicht uͤbergoſſen war, zu verbergen, wandte ſich Styn⸗ dall zum jungen Dietrich, der ihm ſeine junge Frau vorſtellte:„Ich begruͤße dich herzlich, mein Lieber. Mit Arbeit und Redlichkeit wirſt du dir Alles erwerben, was ein kluger Mann auf Erden zu ſeinem Gluͤcke bedarf. Ich hoffe, dies wird dein Loos ſein. Doch habe ich noch ein Wort mit dir zu reden; ich hatte dir ein Geheimniß anvertraut, welches du ausgeplau⸗ dert haſt. Ich meinte doch, daß du ein wenig mehr deinem Schutzpatron anhingeſt; denn der heilige Nepomuk verdiente nach der Legende den Himmel, weil er auf Gefahr ſeines Lebens die Beichte einer ſchoͤnen Koͤnigin von Boͤhmen nicht verrieth.« „Ja, entgegnete Charlotte,„aber der heilige Nepomuk hatte auch keine junge huͤbſche Frau, der er nichts abſchlagen konnte; und da ich von Rachel weiß, was Sie fuͤr ihren Ver⸗ lobten gethan haben, ſo wuͤrde es unrecht von Ihnen ſein, ihn fuͤr diesmal hart anzulaſſen.“ Das Feſt beſtand wie gewoͤhnlich in einem Hochzeitmahl, wo die guten, ehrlichen Arbeiter auf einer Donauinſel an der Tafel ſitzen, die ſich mit Vergnuͤgen in ihren Kindern wieder aufbluͤhen ſehen und einen Tag uͤber die Beſchwerden der ganzen Woche vergeſſen. Die Speiſen waren heute jedoch ſchmackhafter als gewoͤhnlich; denn die Fuͤrſtin hatte dem Wirth bemerkt, daß Alles auf ihre Rechnung ginge und ſich Niemand beſchweren duͤrfe. Die Freude der Tiſchgaͤſte ſtieg aufs hoͤchſte, als Charlotte und Styndall ſich von der Tafel er⸗ hoben, um einen Spaziergang an den Ufern der Inſel zu machen, einer der betraͤchtlichſten, welche der Fluß in der Naͤhe der Stadt mit ſeinen Wellen umſpuͤlt. Die uͤbrigen Theilneh⸗ mer des Feſtes fuͤhlten ſich eben nicht verpflich⸗ tet dieſem Beiſpiel zu folgen; auch fanden ſie in der That keine Nachahmer; denn wenn die ehrlichen Teutſchen ſich in Ruhe vor ihre Schleifkannen voll giſchtigem Bier und ihre Flaſchen voll Rheinwein geſetzt haben, ſo faͤllt es ihnen ein wenig ſchwer, ſich der Bewegung hinzugeben; noch viel weniger fuͤhlen ſie ſich zu dem großmuͤthigen Opfer geneigt, ſich das Waſſer in der Donau zu beſehen, wenn Taſ⸗ 49 ſchein. Es war dies keine Zuflucht; denn Styndall und die Fuͤrſtin brauchten ſich nicht zu ſcheuen; es war keine Vorſicht; denn ſie hatten nicht noͤthig, zu dieſer verbrauchten Un⸗ terhaltung ihre Zuflucht zu nehmen, die bei Diplomaten wichtigern Geſpraͤchen vorangeht, wie die Plaͤnkner, durch die ein geſchickter Ge⸗ neral die Gegend erforſcht, bevor er mit der Hauptmacht ſelbſt vorruͤckt; es war auch weder Gedankenarmuth noch Langeweile; und ſelbſt wenn Charlotte von Oedenburg und Styndall ſchwiegen, war Mangel an Stoff zum Sprechen gewiß nicht der Fehler. Die Fuͤrſtin brach zuerſt dieſes Schweigen wirklich. „Die niedere, ehrbare Menſchenklaſſe, die wir eben verlaſſen«, ſagte ſie,„beſitzt die Ele⸗ mente des Gluͤcks um ſo gewiſſer, weil ſie ein⸗ fach ſind, weil das Streben darnach die Kraͤfte einer gut eingerichteten Natur nicht uͤberbietet und weil ſie ein oͤffentlicher Schatz ſind, aus dem Alle, ohne Eiferſucht, faſt auf gleiche Weiſe ſchoͤpfen koͤnnen.“ „Ihre Hoheit«, erwiederte Styndall,„wer⸗ den mit Ihrem uͤberwiegenden Geiſte keinen Ge⸗ meinplatz aufſtellen, da Sie ſehr wohl wiſſen, daß Gemeinplaͤtze nicht immer Wahrheiten ſind.⸗ II. 4 48 ſen und Glaͤſer mit einer andern Fluͤſſigkeit faͤrben. 15. Die Fuͤrſtin von Oedenburg hatte Fraͤulein Hubert mit der kleinen Ernſtine unter der Menge der Gaͤſte zuruͤckgelaſſen und Friedrichs Arm ergriffen. Noch von den Erinnerungen bewegt, die bei ihr erwacht waren, wenn auf ihren Vorſchlag von einem Ende der Tafel bis zum andern die Geſundheit des wuͤrdigen Her⸗ berg von Kaurzim, ihres Wohlthaͤters und na⸗ hen Verwandten des jungen Paars getrunken worden war, befand ſie ſich in der Geiſtesſtim⸗ mung, die die alten Romandichter mit Unrecht der Melancholie beſchuldigten, waͤhrend man in ihr allein die ſanfte Ruhe einer Seele ſehen ſollte, die vor ſich gerechtfertigt in Frieden in ſich ſelbſt einkehren kann. Die beiden Spazierengehenden waren ſchon ziemlich weit von dem mit Baͤumen umpflanzten Platz, wo das Feſt gefeiert wurde, und hatten noch kein Wort mit einander gewechſelt. End⸗ lich kamen einige abgeriſſene Reden uͤber die Waͤrme, die Klarheit des Himmels und die noch nicht vorgeruͤckte Tagslaͤnge zum Vor⸗ 50 „Haben Sie es nicht zufaͤllig zuerſt in Um⸗ lauf gebracht, als ſte ſich vor einer Stunde an die jungen Eheleute wandten?« „Ich bekenne es, gnaͤdige Frau; aber es geſchah in der Ueberzeugung, daß das Gluͤck fuͤr die Claſſe, welcher Nepomuk angehoͤrt, eben ſo ſchwer zu erlangen iſt, als fuͤr die hoͤchſten Stellungen in der geſellſchaftlichen Ordnung. Ich ſage vielleicht noch nicht genug; die ſtete Sorge fuͤr die Erhaltung einer zahl⸗ reichen Familie, die Unruhen, wenn dieſes Ziel nicht erreicht iſt, oder zu entweichen droht (denn unter dem Dache eines Familienvbaters ohne Gluͤck hat das Jahr dreihundert und fuͤnfundſechzig wohl gezaͤhlte Tage), die Furcht vor Schaden, die aus den Stuͤrmen der Jah⸗ reszeiten entſteht, die vor Krankheiten, die die Kraͤfte des Mannes laͤhmen, der ſtatt alles Reichthums auf ſeine Gliedmaßen beſchraͤnkt iſt, die Nebenbuhlerei der Nachbarn, die fort⸗ dauernde oft uͤbermaͤßige Arbeit und was weiß ich, ſind die gewoͤhnlichen Bedingungen dieſes Gluͤcks, und man muß bekennen, daß es ziem⸗ lich muͤhſam zu erlangen iſt. Muß man nicht daſſelbe in Zweifel ziehen, wenn man dieſe Thatſachen zugiebt? Sobald wir uͤbrigens uͤber 51 die Abhaͤngigkeit der Weſen, die es beſitzen, und uͤber ihr ungluͤckliches Entbehren irgend einer die Gefuͤhle veredelnden und die Freuden rei⸗ nigenden Anweiſung einig ſind, glaube ich, daß wir in Verſuchung kommen, es wie ein Prie⸗ ſter des Brama zu beurtheilen, wie uns der beruͤhmteſte und geiſtreichſte aller franzoͤſiſchen Schriftſteller berichtet. Der Indiſche Philoſoph ging an der Gluͤckſeligkeit, die er ſich durch die Beſtrebungen eines halben Jahrhunderts verſprochen hatte, verzweifelt, in tiefem Nach⸗ denken an den Ufern des Ganges ſpazieren. Da begegnete er einer duͤrftig gekleideten alten Frau, die ſich eben im heiligen Fluße reinigen wollte, und die ihr Elend verachtend, mit ih⸗ rem Schickſale wohl zufrieden war. Auf die Fragen des Weiſen antwortete ſie wirklich, daß ſie auf Erden nichts zu wuͤnſchen habe, dem Ganges fehle es nie an Waſſer zu ihrer Rei⸗ nigung und ſie hoffe mit einem Kuhſchwanz in der Hand wohl zu ſterben. Sie iſt unbe⸗ ſtreitbar gluͤcklich, ſagte ſich entfernend der Prieſter des Wiſchun, aber ich wuͤnſche mir nichts von dieſem Gluͤcke.« »„Ich ebenfalls nicht«, entgegnete laͤchelnd Charlotte.„Leider koͤnnen Sie recht haben, 4 ½ Herr Styndall. Ich weiß in Wahrheit nicht, ob ich deshalb den Wunſch thun ſoll, daß ſo viel Irrthum auf dieſer Erde aus der Entdek⸗ kung einer ſo traurigen Wahrheit entſtaͤnde; dies wuͤrde unſere Blicke um uns entzaubern und viele Taͤuſchungen verſcheuchen.“ „Warum nicht, gnaͤdige Frau? Die Sitten⸗ lehre gleicht Alles herrlich aus, ich weiß es wohl; ſie macht den Großen der Erde ihr Gluͤck gar bequem und ſpricht ſie ſelbſt von jeder Theilnahme an Leiden los, die ſie nicht erleichtern koͤnnen oder wollen. Dieſer Aus⸗ ſpruch gilt nicht fuͤr Ihre Hoheit; ich weiß recht gut, daß Sie ſich außer dieſer Linie ge⸗ ſtellt haben, wenn es darum zu thun iſt, dem Ungluͤck zu helfen, und daß Sie, wenn es moͤg⸗ lich waͤre, ſei es auch auf Ihre Koſten, das⸗ ſelbe ganz von der Welt vertrieben. Aber wie mir ſcheint, haben ſeit Adams Zeiten bis auf unſre Tage die Dichter und vorgeblichen Phi⸗ loſophen der Moral einen ſehr ſchlechten Dienſt dadurch erwieſen, daß ſie bis zum Ueberdruß wiederholt haben, das Gute und das Boͤſe woͤgen ſich gegenſeitig in den verſchiedenen Le⸗ bensbedingungen auf, ja um es recht zu ſagen, 53 der niedrigſte Stand ſei der, wo die Tage we⸗ niger Leiden und deſto mehr Freuden mit ſich fuͤhrten. Dieſe unverſchaͤmten Luͤgen brachten mich oft ſo auf, daß ich das Buch aus der Hand warf; denn die ſchoͤnſten Worte entneh⸗ men dem Elend kein Atom ſeiner Wirklichkeit, ſo wie ſie dem Ueberfluß kein Theilchen ſeiner Beſtimmtheit, deren Werth man vergeblich be⸗ ſtreiten wuͤrde. Wie ſoll das Gluͤck hienieden beſtehen, wenn ſich die Elemente deſſelben zu⸗ ſammen in ſo wenig Haͤnden befinden. Man koͤnnte die Zahl der Gluͤcklichen nicht anders vermehren, als daß man die der Guͤterbeſitzer vermehrte, die Gewerbe von ihren Feſſeln er⸗ loͤſte und die Sonne der Volksbildung herbei⸗ riefe, wo ſie noch nicht durchgedrungen iſt. Aber ſie fuͤhlen, daß dieſe Sonne ohne Gefahr Menſchenleiden nicht lindern kann; auch traͤgt man Sorge, ſparſam mit ihrem Lichte umzu⸗ gehen. Alle andern Mittel, zu denen man ſeine Zuflucht nimmt, wenn ſie nicht das Hirnge⸗ ſpianſt einer Empfindſamkeit ſind, die ſich leicht taͤuſcht und waͤre es auch nur durch die Liebe zur lieben Gemaͤchlichkeit, beſtaͤtigen allein, daß die, welche den ſchoͤnſten Gewinn aus der ge⸗ ſellſchaftlichen Ordnung ziehen, ſich wenig dar⸗ 54 um bekuͤmmern, denſelben, deſſen Werth ſie wohl verkennen, an Andere zu vertheilen.« „Was Sie mir hier ſagen, Herr Styndall, habe ich ſchon lange gefuͤhlt. Es iſt dies um ſo betruͤbender, daß die, welche das Gegenmit⸗ tel anwenden koͤnnten, bei weitem gar keinen Willen dazu haben. So zeigen uns die vom Ungluͤck Verfolgten ſtets ihre Wunden; und die vom Gluͤck Beguͤnſtigten beklagten ſich tag⸗ taͤglich mit Recht oder nicht uͤber ihr Schick⸗ ſal. Da aber doch die Vorſehung nur die beſten Abſichten fuͤr Alle gehabt haben kann, weil ſie ihre Geſchoͤpfe nur zum Wohlſein erhaͤlt, ſo muß ſie um ihre Zwecke betrogen worden ſein und man iſt zu der bittern Frage gezwungen; Wo weilt denn eigentlich das Gluͤck auf Erden?“ „Im Mittelſtand, der ſich durch Handel und Gewerbfleiß unermuͤdlich hebt; in dem Ih⸗ rigen, bei Ihnen, in Ihrem Hauſe, gnaͤdige Frau; dort ſteht ſein Tempel vor meinen Au⸗ gen. O wie gluͤcklich muß der Sterbliche ge⸗ weſen ſein, der im Beſitz Ihrer Liebe vom Himmel ſchon zu andern Wohlthaten des Le⸗ bens berufen war! Mit welchem Entzuͤcken muͤſſen Sie ſelbſt die Wolluſt genoſſen haben, 55 ſich von einem Gemahle geliebt, angebetet zu ſehen, der gewiß wohl erkannt hat, welch un⸗ ſchaͤtzbares Gut ihm die Vorſehung in einer ſolchen Gefaͤhrtin verehren wollte! Ihre Hoheit verzeihen mir, daß ich Ihnen ſo theure Erin⸗ nerungen wecke, die Ihnen eine Zeit lang ſchmerzlich ſein konnten, die aber heute zwei⸗ felsohne fuͤr Sie ihre Suͤßigkeit haben. Ja ich muß es noch einmal wiederholen: Dieſer Sterbliche hat das Gluͤck gekannt. Seit dem Beginnen ſeiner Laufbahn zu ſolchem glaͤnzen⸗ den Gluͤck erhoben, hat er es wahrlich noch nicht zu theuer bezahlt!“ Die Fuͤrſtin fuͤhlte in dieſem Augenblick, daß Styndalls Arm zitterte; ein langer ſym⸗ pathetiſcher Druck deſſelben machte es ihr un⸗ moͤglich, das Wort zu nehmen. Bald jedoch erhob ſie ſich von dieſer unfreiwilligen Unruhe und ſprach die folgenden Worte mit zitternder Stimme.“ „Der aͤußere Schein in Betreff der Gluͤck⸗ ſeligkeit gleicht oft der Friſche einer ſchoͤnen Frucht, die inwendig zerfreſſen iſt... Der Graf hielt ſich nicht fuͤr ſo gluͤcklich, wie Sie vorausſetzen, ſei es nun, daß Sie mich ſelbſt zu guͤnſtig beurtheilen, wovon ich uͤberzeugt 56 bin. ſei es, daß eine Frau nicht ſo in ihr innerſtes Weſen eindringen darf, wie ſie es noch gegen die taͤgliche Erfahrung in Teutſch⸗ land zu glauben ſcheinen....« Styndall erſtaunte uͤber dieſe Worte, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſpannten, und eine auffallende Wirkung in ſeinem ſchoͤnen Geſichte hervorbrachten. „Sie halten den ſeligen Nepomuk in großen Ehren«, fuhr Charlotte fort, die ihre Faſſung wieder hatte.„Es iſt mir ſehr lieb, dies zu wiſſen, und uͤberzeugt, die Vorſicht bei Ihnen zu finden, deren Geſetz Sie dem Gatten einer jungen Frau auferlegten, vertraue ich Ihrer Verſchwiegenheit zwar kein Geſtaͤndniß, ſondern ich beruͤhre einige Einzelnheiten meiner Ver⸗ bindung mit dem Grafen, die ich einem Freunde mittheilen kann, wie ich ihn in Ihnen gefun⸗ den zu haben glaube.... Sie moͤgen Ihnen belheiſen, daß die Theorie des Gluͤcks weder ſo unbeſchraͤnkt, noch ſo unabhaͤngig von der Verſchiedenheit der Charaktere iſt.— Aber wir wollen uns an das Ufer der Donau ſetzen; bevor ich Ihnen auf der Inſel begegnete, ging ich ein wenig ſpazieren, und entdeckte einen herrlichen Ort, wo man ohne Furcht vor 57 Laͤſtigen koſen kann. Ich will ſie dorthin fuͤhren.“ Ddie Fuͤrſtin leitete Friedrich, der ſich mit unbeſchreiblichem Vergnuͤgen dieſer ſanften Lei⸗ tung hingab. Bald kamen ſie bei einer kleinen Bucht, die von Erlen umgeben war; eine ſtarke Buche ragte mit ihren dicklaubigen Aeſten dar⸗ uͤber hinaus, deren Stamm aus einem mit Moos und jungem Graſe gezierten Huͤgel her⸗ vorſtrebte und einem natuͤrlichen Sitz zur Lehne diente, worauf drei Perſonen, ohne bemerkt zu werden, Platz nehmen konnten. Auf dem Ab⸗ hange ſitzend ſahen die beiden Spazierengehenden den Fluß langſam zwiſchen mehreren Inſeln von verſchiedener Form kreiſen, die in Zwiſchen⸗ raͤumen ihre Schatten darauf warfen und den Raum bis an den benachbarten Wald einnah⸗ men. Die Wellen murmelten leiſe zwiſchen den Wurzeln, die gleich ſtarken Tauen die Erlen an das Ufer banden. Dieſe waren vor einigen Jahren beſchnitten worden und erhoben von jeder Seite der Buche ihre jungen buſchigen Sproͤßlinge, gleich dunkelgruͤnen Sonnenſchir⸗ men; von vorn aber oͤffneten ſie ſich zum Ergoͤtzen des Auges nach Art eines Hufeiſens. Der Aufenthalt der Fuͤrſtin und Styndalls 58 hatte noch das Angenehme, daß, wenn ſie zur Linken mit den Augen den Lauf der Donau verfolgten, ſich ihnen in maͤßiger Entfernung die Ausſicht auf einen Theil der Monumente der Stadt eroͤffnete, die faſt alle auf kleinen Huͤgeln erbaut ſind. So gewaͤhrte dieſes ge⸗ heimnißvolle Aſyl auf einmal den Totaleindruck vom Waſſer, dem Licht, der Himmelsblaͤue, des Laubwerks und der Grabgebaͤude, die im Zu⸗ ſchauer den Wunſch erregten, ſich entweder ganz von der Natur zuruͤck zu ziehen, oder ſich im Geiſte in die Mitte der bewohnten Gebaͤude, deren Gipfel man ſah, zu verſetzen. In dem letzteren Falle bedurfte es nur eines Augen⸗ blickes, um dem entfernten ſtillen Geraͤuſch der volkreichen Stadt, wie ein Dichter ſich kuͤhn ausdruͤckt, beizuwohnen. Iſt ein ſolcher Ort nicht zur innigſten Un⸗ terhaltung geeignet, zumal wenn man ſchon ſolche Beruͤhrungspunkte hatte? Styndall ver⸗ doppelte ſeine Aufmerkſamkeit und erwartete den Augenblick, wo die Fuͤrſtin zu dem ſchon beſprochenen Gegenſtande zuruͤckkehren wuͤrde; aber ſie ſchwieg und eine ſchwankende Unruhe wurde in ihrem nachdenkenden Geſichte deutlich. Man haͤtte leicht glauben koͤnnen, die tiefe Ein⸗ 59 ſamkeit der Umgegend, die Ereigniſſe des Tags, die Unterhaltung, welche ſie ſchon mit ihrem Hausgenoſſen gehabt, und die, welche ſie ihm zugeſagt hatte, die fuͤr eine Frau hoͤchſt delica⸗ ten Geſtaͤndniſſe, die faſt von ihren Lippen ge⸗ ſchluͤpft waren, und die ſie nachher vielleicht gern wieder zuruͤckgenommen haͤtte, Alles dies verwirrte ihren Geiſt. Ein leichter Schauder uͤberlief einen Augenblick ihre Zuͤge und ihr Geſicht ſchien eine Wolke zu umſchleiern. Ein gewiſſer Schrecken mahlte ſich ſodann darin; doch dauerte er nur eine Sekunde; denn ihre Augen wandten ſich zu Styndall, und durch den Anblick des jungen Mannes, fuͤr den ihre Hochachtung immermehr ſtieg, wieder ermu⸗ thigt, brach ſie endlich in die Worte aus: „Ich war uͤber mich ſelbſt erſtaunt, mein Werther, daß ich Ihnen jene Mittheilungen ugemacht, daß ich Ihnen noch mehr verſprochen hatte, daß ich hier an Ihrer Seite war, ja daß ich ſelbſt Sie hierher gefuͤhrt hatte; aber ich habe Sie betrachtet und die Ruhe iſt in meine Seele zuruͤckgekehrt. Um Ihnen meine Sicherheit ganz zu beweiſen, bevor ich mein Wort loͤſe, frage ich Sie, wie man in Frank⸗ reich und England, wo Sie gereiſt ſind, 60 Ihrer Anſicht nach, die Verbindung anſteht, die im Leben einer Frau einen ſo bedeutenden Platz einnimmt? Nachher werde ich Ihnen zei⸗ gen, welcher Unterſchied in der Art, dieſen wichtigen Punkt in Oeſtreich zu betrachten, ob⸗ waltet, und daran werden ſich natuͤrlich die Mittheilungen ſchließen, die ich Ihnen verſpro⸗ chen habe. Unſere Freundſchaft iſt noch nicht beſonders lange her; urtheilen Sie daher, ob Sie mir Vertrauen eingefloͤßt haben koͤnnten.« „Gnaͤdige Frau«, entgegnete Styndall, um mich allen Ihren Wuͤnſchen fuͤgen zu koͤnnen, haͤtte vielleicht mein Herz auf meinen Reiſen mehr beſchaͤftigt ſein muͤſſen. Man kann die Frauen nicht gut beurtheilen, wenn man ſie nicht aus langem Umgang kennt. Ich habe immer gedacht, daß ein Mann, und wenn er noch ſo hoch durch Ehren und Wuͤrden ſteht, niemals in ſeinem Leben das wahren Gluͤck kennen lernt, wenn er keine Gefaͤhrtin erhaͤlt, die ſeiner Wahl wuͤrdig iſt; aber ich glaube eben ſo gut, das der bloße Beobach⸗ tungsgeiſt, wenn er ſich auf einen einzigen Ge⸗ genſtand beſchraͤnkt, uͤber die uns beſchaͤftigende Frage nur ſehr unvollkommenes Licht verbrei⸗ ten wird. Lieben und beobachten ſind zwei 61 Dinge, die ſelten Hand in Hand gehen. Das eine geht wenigſtens dem andern voran. Je⸗ nes iſt Sache des Herzens, oft auch der Sinne dieſes hat es mit dem Gedaͤchtniß zu thun; und wenn dies letztere ſich nur beſchaͤftigt, die Vergangenheit zu befragen, wie mag es da die fluͤchtigen Eindruͤcke auffinden, die in jedem Lande die Liebe der Frauen unterſcheidend be⸗ zeichnen? Wie ſoll es in dieſem reichen Schacht zaͤrtlicher Sorgen und ſuͤßer Geheimniſſe nach⸗ graben? Meine Nachrichten uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand ſind ſehr beſchraͤnkt, meine Bemerkungen werden kurz gefaßt ſein, und ich fuͤrchte, gnaͤ⸗ dige Frau, daß ſie weit hinter Ihren Erwar⸗ tungen zuruͤckbleiben. In England beſchaͤftigt die Verbindung der Geſchlechter dieſe mehr durch die Ausſicht auf die Verſorgung, welche ſich fuͤr Beide daraus ergiebt, als durch jeden andern Beweggrund; denn der Englaͤnder wendet auch in der Liebe Ueberlegung an, wie in allem, was er thut. Bei uns iſt der Zweck, von dem ich rede, vor⸗ herrſchend; man ſtrebt darnach, wie nach einem Zuſtande der Ruhe, der ſelbſt ſeinen Werth haben ſoll; die Mittel dazu zu erlangen, das holde Gefolge einer ſanften Neigung, wodurch dammt ſind, dem Vaterlande zukommen ſollte. 62 das Herz ſeine Jugend auf eine ſo liebenswuͤr⸗ dige Art beurkundet, beſchaͤftigen die Einbil⸗ bildungskraft dort nur ſehr kurze Zeit. Die Leidenſchaft der Liebe leuchtet ſo zu ſagen nur wie ein Blitz ins Leben, dann aber verſchoͤnt die Liebe das halbe, vorzuͤglich das der Frauen, die ſodann viel Freiheit genießen und vielleicht kann man dieſer Urſache die unſchuldige Froͤh⸗ lichkeit der jungen Englaͤnderinnen zuſchreiben, bevor ſie verheirathet ſind, und die etwas kalte Ruhe, die auf dem Geſichte derer herrſcht, wel⸗ chen Gott Hymen ihr Loos ſchon beſtimmt hat. Die Frauen haben in England keinen Einfluß auf Staatsangelegenheiten, aus dem einfachen Grunde, weil die Maͤnner einen deſto groͤßern darauf haben und das Geſetz ihnen denſelben verleiht. Nun iſt es ſehr natuͤrlich, daß ſich die Maͤnner mehr mit dergleichen Angelegenhei⸗ ten beſchaͤftigen, als mit ihren Frauen, die dieſem Kreiſe faſt gaͤnzlich entruͤckt ſind. In Frankreich findet gerade das Gegentheil davon ſtatt; auch die oͤffentliche Verwaltung iſt dort den Frauen untergeordnet, ſie beſtimmen Be⸗ lohnungen und Aemter, deren Vertheilung uͤber⸗ all, wo die Voͤlker nicht zur Unguͤltigkeit ver⸗ 63 Aus dieſer einzigen Thatſache entſtehen fuͤr beide Laͤnder im Schickſal der beiden Geſchlech⸗ ter, die faſt unglaublichen Abweichungen. Um in London etwas zu bedeuten, muß man zum Miniſterium gehoͤren oder daſſelbe mit irgend einer innern Gewalt unterſtuͤtzen, ſei es Geld, Geiſteskraͤfte, Credit, Schutz; denn faͤnde das Miniſterium nicht ſolche Stuͤtzen, und waͤre es auch aus allem, was nur Geburt Vorzuͤgli⸗ ches hat, zuſammengeſetzt, ſo wuͤrde die oͤffent⸗ liche Meinung, durch die es beſteht, Tags darauf ein anderes erwaͤhlen, das dieſelben beſaͤße. Da die Frauen nun nicht im Stande ſind, ihm etwas Gleiches zu bieten, ſo hat das Miniſterium auch nichts, wodurch es ihre Gewogenheit ſich erhielte oder ihnen Gunſtbezeugungen erwieſe, die es zum offen⸗ baren Nachtheil arm machen wuͤrden. An⸗ derer Seits ſorgen die Maͤnner, kraft dieſes Princips, ganz vorzuͤglich fuͤr ihre Schloͤſſer, ihre Parke, ihre großen Guͤter, ihre Wirthſchaf⸗ ten, ihre Actien in den europaͤiſchen Banken, ihre politiſche Bildung und vor Allem ihre Volksthuͤmlichkeit. Daher erfreuen ſich junge Frauenzimmer hoͤchſtens eine kleine Zeit der Bewerbung um ſie, und dieſe hat das Eigen⸗ 64 thuͤmliche, daß ſie ihre natuͤrlichen Reize ver⸗ ſchoͤnern. Die Wirkung verſchwindet mit ihrer Urſache, die junge Frau zieht ſich in den Kreis ihrer Haͤuslichkeit zuruͤck, die ſie ſtets in Eh⸗ ren haͤlt, bewohnt ein reiches Landhaus, wird Mutter einer huͤbſchen Anzahl Kinder, empfaͤngt Beſuche ihrer Nachbarinnen, pflegt Umgang mit dem anglikaniſchen Pfarrer, macht Spazier⸗ gaͤnge in eine oft koͤſtliche Umgegend, wird aus Beduͤrfniß wohlthaͤtig, wenn es ihr Mann aus Eitelkeit iſt, bemuͤht ſich die Leere, die ihr Herz fuͤhlt, mit einer idealen Gluͤckſeligkeit auszu⸗ fuͤllen, lieſt endlich oder ſchreibt Buͤcher in Be⸗ zug auf ihre Lage, die eine gewiſſe traͤumeriſche Melancholie in ihr unterhalten. Dieſer Lebensart zufolge giebt es wenig Frauen von einem ſo feſten und oft ſo erhabe⸗ nen Charakter, als unſere Ladies. Aber wenn auch dies Leben etwas Wuͤrdiges hat, ſo iſt es doch auch ein wenig herbe, und, man muß es bekennen, die Liebe findet wenig Raum darin, und die Grazien, die ſelten ohne jene gehen, verſchwinden allmaͤlig ganz daraus. Darum iſt es in England aͤußerſt ſelten, angenehme Frauen in den mittlern Lebensjahren zu finden; man koͤnnte ſagen, daß dieſes Alter erſt wahr⸗ 65 haft die Epoche der Liebenswuͤrdigkeit und der Siege der Franzoͤſinnen iſt.“« „Unſer Schickſal wuͤrde alſo erfreulicher, wenn wir von den Ufern der Themſe an die der Seine verſetzt wuͤrden«, fiel Charlotte ein. „Ihrer Behauptung nach bluͤhte unſere Pflanze in Frankreich nicht nur beſſer als in Albions Erde, ſondern ſie bewahrte auch ihre Friſche weit laͤnger; deshalb moͤchte man wohl lieber in Paris ein Weib ſein als in London.“ „Ohne Widerrede, wuͤrde ich den Meiſten antworten“, verſetzte Styndall,„denn ſie wuͤr⸗ den faſt Alle ihrer Rechnung nach gewinnen. Aber fuͤr Sie habe ich eine andere Meinung, die Sie ſchon ſeit geraumer Zeit, ohne die Ga⸗ ben einer gluͤcklichen Natur zu vernachlaͤſſigen, die Gewohnheit ergriffen haben, das Leben als eine wichtige und bedeutungsvolle Sache anzu⸗ ſehen.“ „Laſſen wir doch jetzt meinen eigenen Ge⸗ ſchmack bei Seite, um meinen Gegenſtand nicht aus den Augen zu verlieren. Es bleibt noch Sie zu fragen uͤbrig, was Sie von den Frauen unſerer uͤberrheiniſchen Nachbarn hinſichtlich ih⸗ rer Liebesverbindungen halten?“ II. 5 66 „Was Sie ſelbſt davon halten, Hoheit. Wie Sie eben ſich vortrefflich ausgedruͤckt haben; ihre Pflanze gruͤnt in dieſer Erde beſſer und erhaͤlt ihre Friſche laͤnger, weil ſie, kraft des conſtitutiven Geſetzes dieſes Landes— wenn dort ein Geſetz dieſes Namens wuͤrdig iſt— ihre Wurzeln weit tiefer in einen viel lockerern Boden ſchlaͤgt. Dort begnuͤgen ſie ſich nicht, den Bewegungen der politiſchen Ordnung unterworfen zu ſein: ſie bilden dieſelben; woraus ihnen die Ver⸗ pflichtung erwaͤchſt, ſo lange als moͤglich die Mittel zu bewahren, durch welche ſie zum Ziele gelangen, ihnen durch die Kunſt nachzuhelfen, und ihrem Geiſte die Biegſamkeit anzueignen, mit der ſie die unbedeutendſten Sachen, in de⸗ nen ihre Ueberlegenheit natuͤrlich iſt, mit Wich⸗ tigkeit behandeln, um ſie zu heben, und in die wichtigſten Sachen jene Unbedeutenheit legen, die ihren Werth ſchwaͤcht, damit ihnen keine Entſcheidung daruͤber entſchluͤpfe.“ „Dies Alles kann ſich ſo verhalten“, ent⸗ gegnete ihm Charlotte;„aber Sie antworten mir nicht beſtimmt genug auf meine Frage. Wie lieben die Frauen? Wie werden ſie geliebt? Sind ſie nicht wenigſtens vor dieſer Verlaſſen⸗ heit geſchuͤtzt, die im reifen Alter Ihrer Ladys 67 eine etwas einfache und, um es offen zu ſagen, ſehr farbloſe Epoche macht?“ „In der aller genauſten Wahrheit meine ich trotz des Anſcheins, daß die Liebe bei den Franzoſen nur ſehr wenig ernſthafte Leiden⸗ ſchaften hervorbringt und noch weit weniger Leidenſchaften von Dauer. Der Grund davon iſt einfach; die Liebe hat uͤberall Zutritt; ſie miſcht ſich in alle Angelegenheiten des Gluͤcks, der Politik, ich moͤchte faſt ſagen der Religion; aber nach einer natuͤrlichen Folge dieſer Ver⸗ ſchwendung ſpielt ſie faſt uͤberall eine unterge⸗ ordnete Rolle. Um mich endlich eines Ver⸗ gleichs zu bedienen, den Ihre Hoheit ſelbſt ge⸗ brauchten: ſie iſt nicht die grobe Leinwand des Lebens, ſondern die leichte vielfarbige Seide, mit der man Alles ſtickt, was man will. So paßt ſich nun nach ihren wechſelſeitigen Ver⸗ haͤltniſſen ein ſolcher Mann zu einer ſolchen Frau, eine ſolche Frau zu einem ſolchen Mann. Fuͤllt aber eine neue Zeichnung die Leinwand, kommt eine andere Geſtaltung der Verhaͤltniſſe, ſo muß man ploͤtzlich von beiden Seiten eine andere Liebe anknuͤpfen. Dieſe Freigebigkeit in der Liebe hat auf die Charaktere einen fort⸗ waͤhrenden Einfluß. Ein Geſchlecht ſchaͤtzt ſich 5* 68 ſelbſt nur durch die Siege, die es uͤber das an⸗ dere davon getragen. In dem Grade nun dieſe Siege abnehmen, faͤllt man in ſeinen eigenen Augen. Daher kommt es auch, daß in Frank⸗ reich meiſtens das Alter der Frauen ſehr der Wuͤrde ermangelt, das Gegentheil von den Wahr⸗ nehmungen auf unſerer Britaniſchen Inſel.“ „Aus derſelben Beweglichkeit erwaͤchſt ganz unmaͤßig bei den Franzoͤſinnen noch ein ſehr natuͤrlicher Wunſch, den jedoch ein edles Ge⸗ fuͤhl in den rechten Schranken haͤlt, naͤmlich der, Allen gleichmaͤßig in demſelben Grade und ohne einen beſtimmten Zweck zu gefallen. Ich kann Ihnen dieſe Gefallſucht nicht beſſer cha⸗ rakteriſiren, als mit einigen Worten einer jun⸗ gen, ſa ich kann hinzufuͤgen, reizenden Frau dieſes Landes, die dem Manne ihrer Wahl ihre ganze Zaͤrtlichkeit an den Tag legen wollte, und mit einer Aufrichtigkeit, die doch nicht ohne Grazie war, zu ihm ſagte: Urtheile, ob du mir theuer biſt! Ich liebe dich, wenn ich geputzt bin, ja ganz eben ſo ſehr als wenn ich es nicht waͤre. ¹ „Da haben wir ja gleich eine Heldin der franzoͤſiſchen Liebe gefunden!“ rief Charlotte lachend.„Dieſen Zug werde ich in mein Tage⸗ 69 buch eintragen; er iſt allerliebſt, und die Ge⸗ walt einer Toilette uͤber die Frauen ſelbſt iſt niemals richtiger bezeichnet worden, als durch dieſe paar Worte. Ich vermuthe, daß ſie an Sie gerichtet worden ſind.“ Styndall erwiederte nichts und die Fuͤrſtin fuhr fort: „Nun moͤchte ich noch wiſſen, ob die Maͤn⸗ ner auch ſo ſind. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſie weniger Werth auf den Putz legen, und wenn ich nicht durch Buͤcher oder ſelbſt durch die vertraulichen Mittheilungen teutſcher Frauen, die in dieſem Lande einige Bande ge⸗ knuͤpft hatten, irre geleitet worden bin, ſo muͤſ⸗ ſen ſie in ihrer Liebe etwas Hinreiſſendes haben.“ „Ich habe mich uͤber die Franzoͤſinnen nur in allgemeinen Bemerkungen ausgeſprochen; doch glaube ich, gnaͤdige Frau, daß ihr Land mehrere ehrenvolle Ausnahmen aufweiſen kann. Waͤren aber auch die Frauen in Frankreich uͤberall dieſelben, ſo muͤßte man hinſichtlich ih⸗ rer doch nur die Sitten und politiſchen Ge⸗ wohnheiten anklagen, welche ſie oft beſtimmen. Ich ſpreche von Gewohnheiten; denn in Frank⸗ reich nehmen ſie die Stelle der Conſtitution ein. Und da dieſe nun groͤßtentheils in der Gewalt der Frauen ſind, die ſie geſchickt genug maͤßi⸗ gen, wenn ſie dieſelben nicht umformen, ſo werden ſie ſich in der aͤußerſten Noth das Recht ihres Dazwiſchentretens entreißen laſſen. Was die Franzoſen betrifft, ſo weiß ich, daß Ihre Hoheit einige Vorliebe fuͤr ſie und fuͤr die Art haben, wie ſie die zarteſte und ruͤh⸗ rendſte Angelegenheit des Lebens betrachten; ich wuͤrde Ihrer Meinung beitreten, wenn die Liebe bei ihnen nicht in Kinderei ausartete, wenn ſie nicht durch eine Menge kleinlicher Aufmerkſamkeiten und Speichelleckereien den Gegenſtand ihrer Wahl entwuͤrdigten und alle Achtung vor ſich ſelbſt zu rauben ſtrebten, wenn ſie Ihnen die innere Zufriedenheit nicht entriſſen, die alle Ihre Schritte begleiten muß, wenn jede von Ihnen auf einen wuͤrdigen Le⸗ bensgefaͤhrten geſtuͤtzt auf den von der Vor⸗ ſehung bezeichneten Wegen wandelt. Der Franzoſe liebt die Frauen oft mit Zart⸗ heit, faſt immer mit Feuer, aber nicht ſtark ge⸗ nug fuͤr den kuͤnftigen Tag und zu ſehr fuͤr den gegenwaͤrtigen Augenblick. Er betrachtet ſie wie den Ruhm, den er fuͤr den Tag be⸗ gehrt, wo er lebt, den er als Lob in der Abend⸗ geſellſchaft einernten, als Erhebung in der 71 Zeitung des folgenden Tages oder wenigſtens im Merkur der Woche leſen will. Wenn der Teutſche zu ſehr in der Vergangenheit lebt, ſo beruͤckſichtigt der Franzoſe in Betreff der Frauen nur die Zukunft. So wie er wenig Sinn fuͤr den Ruf des Namens hat, fuͤr den große Geiſter ergluͤhen, und den ſie am Ende einer thatenvollen Laufbahn nur noch ſchwach zu ſehn vermoͤgen, ſo iſt es, wenn er Sie mit Artigkeiten uͤberhaͤuft, Ihre Schoͤnheit ohne Ende feiert, Sie faſt in ſeine Liebe einhuͤllt, doch nur die Macht des Augenblicks, den er mit Ihnen genießen will. Unter dem Anſtrich von Verlaͤugnung ergreift er ſein Gluͤck; ſoll er die Ruhe Ihrer Tage verſprechen, ſo denkt er in einem angenehmen Paroxismus auf Ihre Koſten; endlich berauſcht er Sie, um ſich ſelbſt deſto leichter berauſchen zu koͤnnen. Wenn mir in Paris ſolche Verbindungen aufſtießen, ſo glaubte ich jedesmal zwei Muſelmaͤnner zu ſehen, die ſich gegenſeitig ſtarke Gaben Opium aufnoͤthigen, der ihnen ein begeiſtertes Deli⸗ rium erzeugt, deſſen Ende man genau bemer⸗ ken koͤnnte.. Meine Bemerkungen ſollen fuͤr Ihre Hoheit keineswegs als die richtigſten gelten; ſie ſind es 72 allein fuͤr mich. Ein Franzoſe der mich hoͤrte, wuͤrde die Achſeln zucken und er haͤtte Recht; denn die Verſchiedenheit unſerer Urtheile ent⸗ ſpraͤnge aus der verſchiedenen Art die Liebe zu betrachten; er wuͤrde darin nur die ſcherzhaf⸗ teſte Sache von der Welt ſehen... und ich... „Und Sie?“ fragte Charlotte den ſtocken⸗ den Englaͤnder.„Sie werden mich fuͤr eine zu ſtarke Pariſerin halten, wenn ich Sie frage, ob Sie darin die traurigſte Sache von der Welt ſehen. Aber ich habe nie den Wunſch ge⸗ hegt, uͤber dieſen Gegenſtand zu ſcherzen.... Ich wuͤnſche ganz allein ihre aufrichtige Mei⸗ nung zu wiſſen.“ „Welche Ernte von Complimenten wuͤrden Ihre Hoheit erhalten haben, haͤtten Sie dieſe Frage an einen jungen liebenswuͤrdigen Be⸗ wohnen des eben in Rede ſtehenden Landes ge⸗ than! Ich beſchraͤnke mich Ihnen zu ſagen, daß die Liebe meiner Anſicht nach, eine ſuͤße Gemeinſchaft der Gefuͤhle und des Lebens iſt, verſtaͤrkt durch den mit der Annaͤherung der Geſchlechter verbundenen Reiz, verſchoͤnt durch die Verbindung der Staͤrke mit der Anmuth, gelaͤutert durch ein gegenſeitiges Verlaͤugnen, und geheiligt durch die innigſten Beziehungen, welche zwei Weſen ſich zu ſagen bevollmaͤchti⸗ gen: Du biſt mein und ich bin dein fuͤr im⸗ mer. Wir wollen Alles, was Gottes Guͤte uns an Gluͤck hienieden verleiht, genießen und uns auf ein beſſeres Geſchick vorbereiten, wel⸗ ches ohnſtreitig in ſeinen Planen begruͤndet iſt. Dies kann weder ſehr ſcherzhaft, noch be⸗ ſonders luſtig ſein; aber mein Geiſt ſagt mir in dieſem Augenblick, daß ich den Zorn Ihrer Hoheit nicht auf mich ziehen werde, wenn ich das Leben vor Ihnen wie einen Opernball be⸗ trachte.« Dieſe Unterredung hatte Charlottens hoͤchſte Theilnahme rege gemacht. Ergriffen von dem Gedanken, den ſie ſich zu geſtehen nicht mehr ſcheut, hatte ſie darin Alles entdeckt, was ihr ihr Herz rauben konnte. Styndall ſchien die zarteſten und ſanfttoͤnendſten Seiten getroffen zu haben, bis ſie in ſeiner Sprache die etwas myſtiſchen Worte wieder zu erkennen ſchien, die einſt der ehrenwerthe Herberg gebraucht hatte, als er ihr prophezeite, ſie werde einmal an der Hand eines wiedergebornen Gat⸗ ten die Wege des Himmels wandeln. Von Styndall gedraͤngt, daß ſie ihr Verſprechen 74 erfuͤllen ſolle, durch das, was ſie eben gehoͤrt, ganz beruhigt, und noch mit heiterm Frieden und Gluͤck in ihrem holden Geſichte begann ſie alſo: „Die Liebe iſt in Oeſtreich weder das was ſie in England, noch was ſie in Frankreich iſt. In unſerem Lande bilden die Frauen nicht mehr die Geſetze als die Maͤnner. Wir haben ſie, ſo wie ſie ſind, von fruͤheren alten Zeiten erhal⸗ ten. Wenn ſie nicht mehr auf Zeit und Um⸗ ſtaͤnde paſſen, ſo formen neue Gewohnheiten ſie um; alle Welt unterwirft ſich ihnen wie ein ein⸗ zelner Menſch und Alles geht wieder wie vorher ſeinen Gang. Aber dieſe Faͤlle ſind außerordent⸗ lich ſelten. Die regierende Kaiſerin kaͤmpft nach ihren Kraͤften gegen das Unſtatthafte der Neuer⸗ ungen, wenn ſie nicht ruͤckſichtlich oͤffentlicher Anſtalten nothwendig ſind; auch beweiſt ihr Beſtehen die Ehrfurcht vor den alten Formen, die man hier nicht abzulegen verſtehen wuͤrde. Die Liebe iſt demnach bei uns faſt dasjenige geblieben, was ſie ſchon bei unſeren Vorfahren war. Zwei Worte uͤber den Charakter beider Geſchlechter oder vielmehr uͤber das teutſche Volk, werden Ihnen das, was ich ſagen will, fuͤhlbar machen.“ „Sie wiſſen, daß die Voͤlker ſo gut eine Selbſtſtaͤndigkeit erringen, wie die Individuen; die unſrige iſt in ihrer Entwickelung in's Stok⸗ ken gerathen. Unſere Schriftſteller bekennen ſeit einiger Zeit eine Unabhaͤngigkeit von Ideen, die damit anfing, Erſtaunen zu erregen und damit aufhoͤrt, wenig Aufſehen mehr in einem Lande zu machen, wo man der Autoritaͤt ſo ſehr aus Inſtinkt als aus Pflicht huldigt. Ihr Unternehmen kann keinen Erfolg behaup⸗ ten, weil ſie anfangs nicht zur hoͤheren Claſſe— die ihren Studien fremd iſt, reden, und ſodann, weil die andern, mit der ſie vielleicht mehr Be⸗ ruͤhrungspunkte haben, keinen Einfluß auf ihr eigenes Schickſal hat. Es giebt in Oeſtreich keine oͤffentliche Meinung; ja, um ſich recht auszudruͤcken, Sie finden in dieſem Lande kein Volk, ſondern Corporationen und Individuen, die alle von ihrem Intereſſe eingenommen und der Gewalt aus Geſchmack unterworfen ſind. Jeder von ihnen koͤnnte paſſend mit ſeinem eigenen Hauſe verglichen werden, wo das erſte Stock mit Recht ſein iſt, das zweite aber der Kaiſerin gehoͤrt, welche durch dieſe Schenkung beſtimmt wurde, ihren Hof von Prag nach Wien zu ziehen. Dies gilt fuͤr die Maͤnner. 76 Die Frauen gleichen mehr oder weniger meiner lieben Couſine, die ſelbſt einem gar koͤſtlichen Stammbuch aͤhnlich iſt, das ich zum Geſchenk erhalten und in meinem Sekretaͤr verwahrt habe. Es iſt mit meinen Wappen, meinen Ti⸗ teln und meinem Namen in großen goldenen Buchſtaben verſehen. Ich habe noch nichts hinein geſchrieben, nichts hinein gezeichnet. Al⸗ les iſt dem Aeußeren nach gerade ſo bei der Baronin; außer daß ihr Herz mir ganz vor⸗ trefflich erſcheint; aber es nimmt auch Alles aus dem Formelbuche der Gebraͤuche gern in ſich auf. Verlieren Sie dieſe Thatſachen nicht aus den Augen; denn ſie haben hier zu Lande großen Einfluß auf die Liebe, wie auf alles Uebrige.“— Ein Beifallszeichen erfolgte von Seiten Styndalls auf dieſe Worte und bezeugte, daß er vog dem Gehoͤrten befriedigt war. Die Fuͤrſtin fuhr fort: „Ich werde Ihnen faſt nichts davon ſagen, was dieſe Leidenſchaft fuͤr die jungen Adlichen Wiens iſt, die ihrem Stand und ihrer Geburt nach der erſten Claſſe des Staats angehoͤren, auch nicht was ſie fuͤr die untere Claſſe iſt, deren Exiſtenz hauptſaͤchlich auf der Arbeit be⸗ 77 ruht; weder die Einen noch die Andern kennen ſie. Wohl fuͤrchte ich, daß wir in dieſer Hin⸗ ſicht noch weit unter den Englaͤndern und vor⸗ zuͤglich den Franzoſen ſtehen. Doch urtheilen Sie ſelbſt daruͤber. Maria Thereſia legte in die Sitten eine Strenge, die ſie durchaus nicht vertragen, weil ſie dadurch mit unſerer, hoͤchſtens nur der Leitung faͤhiger Natur in Widerſpruch gera⸗ then. Die Folge derſelben war, daß unſere jungen Edelleute ausſchweifend wurden. Sie haben dies leichter gefunden, als zu lieben, was man ja alle Tage ſieht, was Zeit erfor⸗ dert und was endlich den Befehlen ihrer Be⸗ herrſcherin geradezu entgegen waͤre. Aber um ausſchweifend zu ſein, muß man ſich erſt ver⸗ ſtellen lernen und dies erniedrigt die Seele, ohne beſonders ergoͤtzlich zu ſein. Die Frauen entziehen ſich ihrerſeits, ſo viel in ihrer Macht ſteht, durch dieſelben Mittel, dem verehrungswer⸗ then Keuſchheitstribunale; Ausſchwei⸗ fungen und Verſtellungskunſt finden Sie alſo uͤberall in Wien, und aus allem dieſen entſteht ein großer Ueberdruß. 1 Die Liebe des gemeinen Volks gleicht der der jungen Vornehmen, ohne daß ſie mit den⸗ 78 ſelben Schwierigkeiten verbunden zu ſein ſcheint. Im Grunde beſteht der ganze Unterſchied darin, daß ein Menſch dieſer Claſſe nicht von der Hoͤhe herabfaͤllt. Wenn die mit Wuͤrden und Titeln verſehenen Vornehmen die erſte Auswahl gehalten haben, machen die Soldaten und Ab⸗ bes oder Moͤnche allem den Hof, was nur im Buͤrgerſtande der Muͤhe des Bemerkens werth erſcheint. Dies ſind doch die beiden einzigen Staͤnde, denen die wahrhafte Liebe vielleicht unterſagt ſein moͤchte, weil der eine nothwendi⸗ ger Weiſe das Anſehen hat, als marſchire er zu einer Eroberung und der andere zu einer peinlichen Klage. Und doch noch Verſtellung! Die Liebe der uͤbrigen Leute dieſer Claſſe iſt faſt immer mit Bigoterie vermiſcht; oft durchkreuzt ſie der Aberglaube, oͤfters leiſtete er ihr Vor⸗ ſchub. Die jungen Herren begleiten ihre ge⸗ liebten Freundinnen auf die Wallfahrten, die dieſe auf Ermahnen ihres Beichtvaters begehen, und ihren Heerd, ja ſogar ihren Mann ver⸗ laſſen. Dieſe Erſcheinung werden Sie in In⸗ ſpruk, in Graͤz, ſelbſt in Presburg und in Prag, wie in Wien wahrnehmen. Dieſer Miß⸗ brauch iſt im uͤbrigen Teutſchland nicht ſo ſtark, wo man die alten Sitten ihren Gang hat ge⸗ hen laſſen und wo die jungen Leute, wie in England, bis zu ihrer Verheirathung in großer Freiheit leben; denn es giebt kein Land, wo das Schickſal der Verlobten ſuͤßer waͤre, als hier. Was die Grafen und Baronen betrifft, die auf ihren großen Guͤtern reſidiren, ſo geht ihr ganzes Streben dahin, die alten Gebraͤuche fortzupflanzen. Wenn ſie daran denken ſollten, anderswo, als bei ſich zu lieben, ſo muͤßten ſie unbeſchaͤftigt ſein, das heißt, ſie muͤßten nicht jagen, nicht zechen, nicht Hunde noch Pferde halten, mit denen ſie ſich ſelbſt Ehre machen koͤnnten. Was auch die franzoͤſiſchen Schriftſteller vorgeben, die teutſchen Edelleute lieben ihre Weiber und machen ſich nur wenig mit ihnen zu ſchaffen. Ja ſie lieben ſie noch etwas mehr als ihre Schloͤſſer, ihre Gaͤrten, ihre Equipagen und ihre Titel; aber man muß geſtehen, ſie lieben ſie mit derſelben Liebe. Dieſe Dinge vermengen ſich in ihrem Geiſte mit einander. Ihre freiherrlichen Rechte und alten Privilegien ſind ihre koſtbarſten Guͤter, und deshalb gerade finden ſie dieſelben ſogar gerne in ihren Gemahlinnen wieder; deshalb beleidigt eine Mißheirath den Nationalgeiſt, 80 woraus man den Schluß ziehen muß, daß, wenn ſich dieſer Geiſt nicht durch die Wiſſen⸗ ſchaften cultivirt, mit denen unſere Edelleute ſich wenig beſchaͤftigen, obgleich ihre Pflege in der unmittelbar daranſtoßenden Claſſe zu ge⸗ deihen beginnt, die Liebe in unſern Provinzen niemals gekannt ſein wird. Wenden wir uns nun zu den Oberhaͤuptern der beruͤhmten Haͤuſer! Ehe man ſie in die Hauptſtadt zog, vertheidigten ſie ihre Vorrechte mit Nachdruck auf den Reichstagen, draͤngten mit Abſcheu alle neuen Moden zuruͤck und feſ⸗ ſelten die alten Zeiten an ihre Kleidung. Und das thun ſie noch; denn ſelbſt in Wien behal⸗ ten unſere Magnaten die Eigenthuͤmlichkeit bei, gegen Alles, was ihnen mißfaͤllt, zu proteſtiren. Wenn ſie ihre Schnurrbaͤrte lang wachſen laſ⸗ ſen, ſo ſind ſie gewiß ſehr uͤbler Laune. So⸗ bald ſie auf der Burg in den Halbſtiefeln, dem kleinen ungriſchen Mantel und den Saͤbel ſchlep⸗ pend erſcheinen, ſo weiß der Hof was er zu thun hat und oft zeigt er, daß er dieſe Sprache wohl verſtanden hat. Sonſt ſchloſſen ſie ihre Heeirathen in der einzigen Abſicht, ihre Guͤter oder Herrſchaften zu vereinigen. Oefters that man nur Laͤnder zu Laͤndern, Vaſallen zu Va⸗ 81 fallen und fuͤgte ein Wappenſchild an die Seite des andern. Seit ſie in der Hauptſtadt ſind, werden ihre Wahlen durch den Wunſch gelei⸗ tet, einen Antheil an der Macht zu erhalten, nicht daß ſie darauf rechneten, ſich durch das perſoͤnliche Verdienſt ihrer Frauen zu helfen, was mit der Leitung der Gewalt im Hofcabi⸗ net und in der geheimen Kanzlei des Staats nichts gemein haben kann; ſondern ſie ſind hoͤchſt begierig, mit Maͤnnern, die in Ehren⸗ aͤmtern ſitzen, in verwandſchaftliche Verhaͤlt⸗ niſſe zu treten, oder mit Familien, deren Wuͤr⸗ den forterben. Dem zufolge kommen ſie in die Vorzimmer der Fuͤrſten, um Titel zu erhalten, andere wieder zu geben, eine wichtige Miene zu affectiren, die hier das Siegel der Tauglichkeit zu Aemtern iſt, ihre Kenntniß des Zeremonials nach Kraͤften an den Tag zu legen, mit ihrem Credit beſcheiden aufzuſchneiden, und noch weit beſcheidener einen Tauſch darin vorzuſchlagen.“ Charlotte hatte Vergnuͤgen daran gefunden, die Sitten ihres Landes, die ſie vortrefflich kannte, zu ſchildern. Obgleich ſie dieſelben nur zu ſkizziren ſchien, ſo hatte ſie mit Schaͤrfe und Beſtimmtheit, ja mit Beruͤckſichtigung der einzelnen Umſtaͤnde davon geſprochen. Faſt II. 6 82 konnte man vermuthen, ſie habe ſich durch die Umſtaͤndlichkeit, mit der ſie ſich uͤber dieſen Theil der oͤſtreichiſchen Statiſtik ausbreitete, dem Verſprechen eines noch innigeren Ver⸗ trauens entziehen wollen; vielleicht hoffte ſie ſelbſt ſo etwas; denn als ſie ihrem Gemaͤhlde eines Hofmanns den letzten Pinzelſtrich gegeben hatte, hielt ſie inne, und betrachtete Styndall ſcharf, um zu erforſchen, ob er ſich mit dieſer Darſtellung begnuͤge und den Hauptgegenſtand aus den Augen verliere. Aber ihr Zuhoͤrer, dem nur die einzigen Worte entſchluͤpften: „Ich horche ganz aufmerkſam auf Ihre Ho⸗ heit“, benachrichtigte ſie, daß ſie nicht ſo wohl⸗ feilen Kaufs davon kommen koͤnne. Nun nahm ſie das Wort wieder, gleich einem Kinde, das ſich endlich die Hand zu oͤffnen entſchließt, in der es lange Zeit etwas feſthielt, um es zu verbergen. „Ich ſehe wohl ein, man kommt nicht ſo leicht von ihnen los... Wohlan! ich ſagte ihnen, daß der Oeſtreicher große Ehrfurcht vor der Macht hat; man kann noch hinzufuͤgen, daß er ſehr mit der Macht ſympathiſirt, mit einem Worte, daß er ſie liebt. Wenn er gern zugiebt, befehligt zu werden, welches auch der 4 Rang ſei, zu dem er dadurch gelangt, ſo ver⸗ fehlt er gar nicht, ebenfalls zu befehlen, wenn die Reihe an ihm iſt. Nicht vergeblich iſt die⸗ ſes Land das Land der Ehren und Wuͤrden und der aͤußeren Zierden. Es giebt wenig Sachen, die Sie nicht leicht von einem Magna⸗ ten erhalten ſollten, der von ihnen das unbe⸗ deutendſte Diplom als Gunſtbezeugung erwar⸗ tet, was Sie nicht wundern darf, weil nur auf dieſem Wege jeder ſeinen Platz in der Geſellſchaft einnehmen kann. Obgleich der Graf ein Ungar von Geburt, war er doch mit dieſem Geiſte ſehr vertraut. Ich glaube, daß er alle Anhaͤnglichkeit an mich hatte, deren er fuͤr ein Weib faͤhig war; aber die Schnelligkeit, mit der er ſich zu meinen Gunſten entſchied, hat mir viel Unruhen verurſacht; ſpaͤter habe ich erfahren, daß er mich wohl vorgezogen, daß er mich aber nicht geliebt hat.« Styndall verſchlang gierig jedes ihrer Worte. In ſeiner geſpannten Aufmerkſamkeit hatte er ſich wohl gehuͤtet, ſie zu unterbrechen. Ein Kuͤnſtler, der die Aufmerkſamkeit in Perſon haͤtte darſtellen wollen, haͤtte in ihm ein ſehr paſſendes Modell gefunden, da er in einem Zu⸗ ſtand von hoͤchſter Spannung und doch aͤußerer 6* 84 Ruhe war. Niemals gab es wohl eine leben⸗ digere und ausdrucksvollere Unbeweglichkeit; die beiden beruͤhmten Horcher, von Raphael koͤnnten allein einen Begriff davon geben. Aber in dem Augenblick, als die Fuͤrſtin die letzten Worte ausſprach, entfuhr ihm ein Schrei des Erſtaunens und mit einer Freude, deren er nicht Meiſter war, wiederholte er ſie mit Be⸗ deutung; Freude und ein Reſt von Zweifel ſchienen ſich in ſeiner Seele zu miſchen. „Wie? Er hat Sie nicht geliebt?« „Nein, er hat mich nicht geliebt. Der Graf beſaß viel Ehrgeiz; er war gereiſt; er hatte viel Frauen geſehen, was oft dazu fuͤhrt, daß man nicht eine richtig beurtheilen kann. Mit dem Wunſche, an der Regierung Theil zu nehmen, war er in ſein Vaterland zuruͤckge⸗ kehrt. Die junge Graͤfin Amalia von Torontal war ſanft, ſchuͤchtern, hatte eine ziemlich ange⸗ nehme Geſtalt, aber einen wenig gebildeten Geiſt; ſie konnte einen Mann gluͤcklich machen, aber ſeinem Hauſe nicht den Glanz verleihen, mit dem der Graf das ſeinige ausſchmuͤcken wollte. Entſchloſſen, ſo lange in Wien zu ver⸗ weilen, bis er einen Geſandtſchaftspoſten erhal⸗ ten habe, wollte er, daß ſeine Gattin der Kai⸗ 85 ſerin gefiele, die eine entſchiedene Vorliebe fuͤr die Unterhaltung hat, der ſie ſich oft ohne alle Zuruͤckhaltung hingiebt. Die Graͤfin Amalia entſprach ſolchen Anforderungen nur hoͤchſt un⸗ vollkommen; er glaubte, daß ich geſchickter dazu ſei und ungeachtet meiner Armuth, wandte er ſich zu mir, ohne daß ich ſeine fruͤheren Ver⸗ bindungen und noch weniger die Beſchaffenheit derſelben gekannt haͤtte. Keine andere Gruͤnde bewogen ihn mich vorzuziehen. Er hegte ganz gewiß Achtung vor mir, und das war zweifels⸗ ohne Alles, was er leiſten konnte; aber in mei⸗ nen Augen war es ſehr wenig und lieber haͤtte ich in ſeinem Herzen einen andern Platz einge⸗ nommen; vergebens habe ich einen ſolchen zu gewinnen geſtrebt. Vernehmen Sie einen Be⸗ weis, wie unnuͤtz ich meine Kraͤfte anwendete; er war mir ſehr ſchmerzlich und ich habe ihn mit meinen Thraͤnen bezahlt.« „Wir waren auf dem Hofball, zu Ende des Jahrs 1764 zur Zeit der erſten Anſtalten zur Heirath zwiſchen dem Erzherzog Joſeph und Maria Joſephine von Baiern, die im fol⸗ genden Jahr vollzogen wurde. Ich hatte kurz vorher meine kleine Erneſtine entwoͤhnt; ſei es nun, daß eine Veraͤnderung der Lebensart mir 86 Beſchwerden machte, ſei es, daß die allzugroße Hitze nachtheilig auf mich wirkte, kurz ich fuͤhlte mich ſo unwohl, daß ich nach Hauſe zuruͤck⸗ kehren mich genoͤthigt ſah. Ich ließ es dem Grafen melden, der ſich eben mit dem Fuͤrſten von Kaunitz unterhielt; als ich lange verge⸗ bens gewartet hatte, ſchickte ich abermals zu ihm; er kam, aber ſeine uͤble Laune war ſicht⸗ bar. Leidend wie ich war, hatte er mich kaum meinen Frauen uͤberliefert, als er mir an der Thuͤre einen guten Abend wuͤnſchte und ohne weiter nach meinem Befinden zu fragen nach dem Balle zuruͤckkehrte. Der Grund dieſes Be⸗ tragens war folgender: Der Fuͤrſt machte ſich eben das Vergnuͤgen, ihm ſeine letzte Reiſe nach Paris zu erzaͤhlen; mein Gemahl hoͤrte als Hofmann zu, und war froh, auf ſeinen Platz zuruͤckzukehren, um mit Schmeichelei das Ende einer Erzaͤhlung noch applaudiren zu koͤnnen, in der ſich der Kanzler Premiermeiſter ganz beſonders gefallen hatte.« „Der Menſch iſt ein unerklaͤrliches Weſen, gnaͤdige Frau“, ſagte Styndall.„Das Gluͤck iſt ihm oft ſo nahe und er ſucht es in der Ferne; er haͤlt die Wirklichkeit im Arm und rennt einem Schatten, einem Traumbild nach! 87 Der Schatten der Groͤße iſt vielleicht der ei⸗ telſte von allen; wer ihm nachjagt, ſchaͤtzt ſich nur nach den Worten Anderer und laͤßt ſich von fremder Hand den Maßſtab ſeines eigenen Werthes reichen. Welches Loos war wohl be⸗ neidenswerther, als das des Grafen! Nein, ich kann es nicht glauben, daß er ſo viel herrliche Eigenſchaften, ſo viel unverfaͤlſchte Reize und einen ſo hohen Verſtand nicht nach ihrem Wer⸗ the verehrt habe, Schaͤtze, die in der Mitte eines Hofes und einer Hauptſtadt ihren natmuͤr⸗ lichen ungetruͤbten Glanz bewahrten.“ „Huͤten Sie ſich, mein lieber Friedrich“, fluͤſterte Charlotte ſich ganz vergeſſend,„daß Sie nicht in den Fehler verfallen, den Sie vorhin den Franzoſen vorwarfen!« Kaum aber waren ihr dieſe Worte ent⸗ ſchluͤpft, als ſie eben ſo ſehr uͤber die Vertrau⸗ lichkeit, mit der ſie den Namen ausgeſprochen, als uͤber die Meinung beſtuͤrzt, in der ihre Bemerkung vorausſetzte, daß der Englaͤnder das Wort an ſie gerichtet habe, ſich verbeſſerte: „Ich wollte ſagen, Herr Styndall, daß Ihr Urtheil zu Gunſten des leidenden Theils ſich doch jedenfalls verleitet, die Fehler des Grafen zu vergroͤßern. Vergeſſen Sie nicht, was ich 88 Ihnen eben von den Teutſchen erzaͤhlte. Es waͤre vielleicht unrecht, mehr von ihnen zu ver⸗ langen, als ſie leiſten koͤnnen, bevor nicht die geſellſchaftliche Umbildung und das Vorſchrei⸗ ten in der Cultur uns einen andern Platz in ihrem Geiſte anweiſt. Der Graf von Oeden⸗ burg war ſtolz auf mich, auf das, was man meine Schoͤnheit zu nennen beliebte, auf einige Leichtigkeit meiner Rede; er wußte mir das Alles Dank. Außer zwei oder drei Umſtaͤnden, dem aͤhnlich, von welchem ich Ihnen eben ſagte, bezeugte er mir viel Ruͤckſichten, haͤtte nicht gelitten, daß man in meiner Gegenwart es daran haͤtte mangeln laſſen, zog mich in feinen Angelegenheiten gern zu Rath, und hatte ſogar ſeine Freude daran, recht viel mit mir umzugehen. Zwanzig Frauen in Wien, die ſo viel werth find als ich, finden nicht ſo viel in ihrem Eheſtande; in Wahrheit, es waͤre unrecht von mir geweſen, mich zu beklagen. Er hatte alle nur moͤglichen Rechte auf meine Erkennt⸗ lichkeit; meine Betruͤbniß um ihn war aufrich⸗ tig; vielleicht war es ſogar ein Unrecht von meiner Seite, mehr von ihm gewuͤnſcht zu haben.“ „Aber fehen Sie doch, was ein Tag auf 89 dem Lande und eine Dorfhochzeit fuͤr Reize hat! c MNiit dieſen Worten erhob ſich die Fuͤrſtin, nahm Styndalls Arm; denn die Sonne war ſchon hinter den waldigen Berg geſunken. „Man iſt hier mehr zu Mittheilungen ge⸗ neigt als in der Stadt; wer ein Geheimniß zu verbergen haͤtte, verweilte wohl beſſer in einem Saale. Ja, ich habe Ihnen waͤhrend zwei⸗ ſtuͤndiger Unterhaltung unter dieſem Baume mehr mitgetheilt, als Sie in einem Monat im Palaſt von Oedenburg uͤber meine Angelegen⸗ heiten nicht wuͤrden erfahren haben. Ich hoffe, daß ich nicht Urſache haben werde, es zu be⸗ reuen.“ Charlotte taͤuſchte ſich nicht; der eben von ihr bemerkte Einfluß wirkte auf ſie; ihr Geiſt hatte mehr als jemals alle Furcht abgelegt; ihr Herz hatte ſich ohne Ruͤckhalt offenbart, es hatte eine Sprache geredet, die zu mißver⸗ ſtehen unmoͤglich war, und wenn Styndall ein aͤchter Frauenheld geweſen waͤre, ſo haͤtte er ſich aus den erhaltenen Anzeichen ruͤhmen koͤn⸗ nen, daß ſeine Plaͤne einen guten Fortgang haͤtten. Aber das war nicht ſeine Geſinnung; er ſelbſt war der Macht des Zaubers gewi⸗ 90 chen, der die Fuͤrſtin von Oedenburg umſpon⸗ nen hatte. Man haͤtte ſie beide mit Aeolshar⸗ fen vergleichen koͤnnen, die beide in demſelben Ton geſtimmt und ſo ganz gleich ſind, daß ein Hauch die eine nicht ertoͤnen laſſen kann, ohne daß die andere mit einem gleichen Seiten⸗ gefluͤſter den Tonſchwingungen antwortet, die ihr die Luft mittheilt. Die Umgegend war mahleriſch ſchoͤn, der Abend duftig, die Unter⸗ haltung innig und warm, es war unmoͤglich, daß Styndall nicht die Wirkungen einer herrli⸗ chen Gegend auf die Seele und einer ſchoͤnen Frau auf ihren Zuhoͤrer empfinden ſollte. Seine Seeligkeit erſtieg ihren Gipfel, als ihm die Fuͤrſtin vorſchlug, ſie in ihrem Wagen, der am Ende des Praters hielt, nach dem Au⸗ garten zu begleiten. Sie gingen uͤber die kleine Inſel und kamen bald auf den oder jenen Ge⸗ genſtand ihrer fruͤhern Unterhaltung zuruͤck, bald brachten ſie in einem gehaltſchweren Schweigen zu; denn ſobald dieſes zwiſchen zwei Weſen eintritt, die ſich lieben, und die daruͤber in's Klare, im Begriff ſind, es ſich zu geſte⸗ hen, ſo erſtaunt die Seele, auf dieſe Stufe der Gluͤckſeeligkeit gelangt zu ſein. Sie iſt entzuͤckt, dieſelbe zu beſtaͤtigen, ſie pruͤft ſie, um ſich 9¹ʃ ihrer noch mehr zu verſichern und wie ihr das Pfand der Gewißheit nahe iſt, ſo wird ihr je⸗ der Gedanke zur Wonne, jede Betrachtung lehrt ihr, daß ſie ſich nicht taͤuſcht. Dann ſchluͤrft ſie ihr Gluͤck in langen Zuͤgen und iſt ganz davon durchdrungen. Entzuͤckender Zuſtand, wo die Wuͤnſche rein und beſcheiden ſind, wo die Wolluſt keuſch iſt, und wo das geliebte Weſen ſelbſt, als Gegenſtand zaͤrtlicher Verehrung, nur durch eine Wolke von Weihrauch und Wohlgeruͤchen erblickt wird! Charlotte und Styndall ſaßen im Hinter⸗ grunde des Wagens, der wegen der ſchon merk⸗ lichen Friſche des Abends verſchloſſen war. Ernſtine und Fraͤulein Hubert hatten ſich auf den Vorderſitz geſetzt. Der Gedanke, ſo ver⸗ traulich an der Seite der Fuͤrſtin zu ſitzen, mit der er den koͤſtlichſten Tag zugebracht hatte, verſchlang des Englaͤnders ganze Auf⸗ merkſamkeit. Alle ſeine Geiſteskraͤfte waren einen Augenblick von ihm gewichen, und als der Wagen fortfuhr, erinnerte er ſich, daß er den Platz des Grafen Oedenburg einnehme, wo⸗ durch ſein Geiſt in einen Zuſtand ſchwer zu be⸗ endigender Verwirrung gerieth, und ſeinen zit⸗ ternden Lippen ſtatt einer Antwort auf Char⸗ lottens Fragen nur unverſtaͤndliche Lauke ent⸗ ſchluͤpften. 3 „Ihre Hoheit“, ſagte er endlich,„werden meine Zerſtreuung entſchuldigen, und ſie auf eine mir ſchmerzliche Erinnerung beziehen; denn ich kann jetzt weniger als jemals vergeſſen, daß mich dieſer Wagen ſchon einmal nach Ih⸗ rem Palaſt gefuͤhrt hat und in einem Zuſtande, wo ich unfaͤhig war, das Gluͤck, ſo nahe bei Ihnen zu ſitzen, zu empfinden!“ „Weil Sie ein ſo gutes Gedaͤchtniß haben, ſo hoffe ich, Sie werden ſich eben ſo erinnern, daß ich in drei Tagen Geſellſchaft bei mir ſehe.”“ „Es wird mir ſehr ſchwer werden, nicht daran zu denken, damit ſie mir nicht zu lang werden.“ „Wer hindert Sie, dieſelben dadurch zu verkuͤrzen, daß Sie den Reſt des heutigen Abends bei uns zubringen? Haben Sie nicht die Bekanntſchaft des Barons von Stein zu machen? Waffnen Sie ſich mit Geduld, wenn Sie nicht die Erzaͤhlung großer Jagdthaten lieben! Haben Sie ſich nicht mit ſeiner Frau wieder auszuſoͤhnen, die Sie ſeit funfzehn lan⸗ gen Tagen vergeblich erwartet hat? Wie Sie das doch ſo wenig beunruhigt! Denn Sie wird eiliger ſein, Ihnen ſowohl Ihr Ausbleiben, als auch Ihre raͤthſelhafte Antwort auf ihre Einladungskarte zu verzeihen, als Sie, die gute Frau um Gunade zu bitten. Wiſſen Sie wohl, Herr Styndall, daß man Frauen nie Raͤthſel aufgeben darf, wenn man nicht gewiß iſt, daß Sie das Wort finden, oder wenn man ſich nicht entſchließen kann, es ihnen zu ſagen! Es iſt ein wahres Verbrechen in ihren Augen, ihren Scharfſinn zu Schanden gemacht zu haben.“ Obgleich dieſe Worte mit einem ſehr freund⸗ ſchaftlichen Tone geſprochen waren, ſo erſchien doch die duͤſtre Wolke, die ſich zuweilen auf des Englaͤnders Stirne ſammelte, zwiſchen ſei⸗ nen Augenbrauen. Seine Geſichtsmuskeln zo⸗ gen ſich zuſammen und die Blaͤſſe ſeiner Lippen ſchien die Gegenwart, oder vielmehr das Er⸗ wachen des geheimen Kummers in ihm zu ver⸗ rathen, deſſen ſchmerzlicher Beruͤhrung er nie lange ausweichen konnte. Wenn die Anſpie⸗ lung auf ſein Billet und den beaͤngſtigten Zu⸗ ſtand, in dem er es ſchrieb, nicht ſtatt gefun⸗ den haͤtte, ſo waͤre er mit der Fuͤrſtin abge⸗ 94 ſtiegen, und haͤtte ſich gluͤcklich gefuͤhlt, ihr den ganzen Abend zu weihen, aber ſo ſchuͤtzte er mit glakten Worten, die nach der waͤhrend des ganzen Tages zwiſchen ihnen ſtattgefundenen Vertraulichkeit vielleicht fuͤr Charlotten ſelbſt kaͤlter waren, als ſie haͤtte erwarten duͤrfen, und er entſchuldigte ſich, daß er in dem Au⸗ genblick gezwungen ſei, einen fuͤr ihn ſo ſchmei⸗ chelhaften Vorſchlag abzuſchlagen. Die Fuͤrſtin, die uͤber Styndalls Wunder⸗ lichkeiten weniger zu erſtaunen anfing, befrem⸗ dete es nur, daß ſie waͤhrend der ſieben Stun⸗ den ihres Beiſammenſeins nicht Aehnliches an ihm bemerkt habe; laͤchelnd nahm ſie die ab⸗ ſchlaͤgliche Antwort an. Es war ihr, ihrer Antwort nach, lieb, daß die Abweſenheit des Gentlemans ihr erlaubte, die Neugierde ihrer Couſine bis zum dritten Tag zu erregen. „Ich will die Baronin recht verwirren“, bemerkte ſie,„indem ich ihr ſage, daß Sie in kurzem bei uns ſpeiſen werden. Sie wird mich fragen: woher? wie? ich weiß es, und ſie wird mich zuletzt noch verſichern, daß Sie ganz herrlich gemacht haben, ſich auf dieſe Art anzu⸗ melden; denn in ihrem Geiſte koͤnnen Sie ſchwer⸗ lich jemals Unrecht haben.« 95 Die Kaleſche rollte fluͤchtig uͤber die ſtau⸗ bigen Wege im Stadtviertel vom Augarten, und die Pferde hielten an. Der Fremde hob die kleine Ernſtine in ſeinen Armen aus dem Wagen, half der Fuͤrſtin und Fraͤulein Hubert beim Ausſteigen und beurlaubte ſich ſodann nach herkoͤmmlicher Sitte. Ehe noch das Thor des Palaſtes ſich ſchloß, hatte er die Freude, die Worte aus ihr zu vernehmen:„ auf den Montag!e 1 „Auf den Montag, gnaͤdige Frau!“ erwie⸗ derte er mit ſuͤßer innerer Bewegung; denn die Ruhe war in ſeine Seele zuruͤckgekehrt. Er ſuchte mit den Augen einen Miethwagen, und da er keinen fand, ging er einſam nach ſeiner Vorſtadt Wieden zu. 16. Der Englaͤnder verfolgte zu Fuße ſeinen Weg uͤber die Roſſauer Bruͤcke, durch welche ein Theil der Leopoldſtadt mit der innern Stadt in Verbindung ſteht, durchſchnitt das Glacis, um in dieſe zu kommen, ging die Herrngaſſe entlang, bog am Ende derſelben um das Buͤr⸗ gerhospital, trat durch das Kaͤrnthner Thor und kam in Wieden an, wo er ſich bald vor 96 ſeiner Wohnung befand, die ſich bei ſeinem Herannahen öͤffnete. Dann ſaß er im Hinter⸗ grunde ſeines Zimmers; aber er konnte ſich ſelbſt nicht ſo genaue Rechenſchaft von ſeinem Wege geben. Denn waͤhrend ſeines ſchnellen Marſches umgaukelten ihn holde Bilder, denen er, nach ſeinem eigenen Geſtaͤndniß, die gluͤck⸗ lichſte Stunde ſeines Lebens verdankte. Zuletzt kam er mit ſich darin uͤberein, daß die Fuͤrſtin fuͤr ihn der Gegenſtand einer maͤch⸗ tigen, gluͤhenden, ja vielleicht unbezwinglichen Leidenſchaft ſei, die aber rein und ohne Hoff⸗ nungen zu hegen, das Gluͤck dieſer Frau, die⸗ ſer Zierde ihres Geſchlechts und des oͤſtreichi⸗ ſchen Hofs niemals truͤben koͤnnte. Ueber ſei⸗ nen eigenen Willen beruhigt, uͤberzeugt, daß er niemals die ihm vorgeſchriebenen Grenzen uͤber⸗ ſchreiten werde, ſah er nicht ein, weshalb er ſich das Gluͤck verſagen ſollte, ein Weſen zu lieben, was ſeine unbegrenzte Liebe wahrhaft verdiente. Auch geſtand er ſich, daß ihn Char⸗ lotte den ganzen Tag uͤber mit beſonderer Auszeichnung behandelt habe. Nicht nur, daß ſie ſeine wenig wahrſcheinlichen Entſchuldigungs⸗ gruͤnde angenommen hatte, war ſie ihm ſogar mit dem freiwilligen Anerbieten entgegen ge⸗ 97 kommen, die er erſt durch lange Dienſtleiſtun⸗ gen zu verdienen geglaubt haͤtte. Mit einer ruͤhrenden Hingebung hatte ſie ihm ein Ver⸗ trauen gezeigt, wie er es in ſeinem Leben zu verlangen nicht gewagt haͤtte. Die Erinnerun⸗ gen, die er an einem einzigen Abende geſammelt hatte, wurden ihm zu einem Schatz, aus dem er jede Minute ſchoͤpfte, ſeit er wieder in ſei⸗ nem einſamen Aſile verweilte. Eigentlich war es fuͤr ihn keine Einſamkeit mehr; denn nie⸗ mals war ſie ja mehr bevoͤlkert geweſen, als in dieſer Stunde, einer der unbeſchreiblichſten des Lebens, in der das Herz nach ſolch lebhaf⸗ ten Eindruͤcken heftiger ſchlaͤgt und ſich jedes erlebte haſtig wiederholt. Mit welcher Wolluſt durchlaͤuft es dann die Liſten ſeines Gedaͤcht⸗ niſſes! Es laͤßt keine Kleinigkeit auſſer Acht, es benutzt Alles; denn jedes hat Wichtigkeit. Ein holder Blick iſt aufgezeichnet; eine Ge⸗ berde, ein Wort haben ihren Platz erhalten; ein Laͤcheln iſt eingetragen; bis zur Beugung der Stimme iſt Alles bemerkt, wenn ſie dazu beitrug, den Sinn der Worte zu bekraͤftigen. Wie reich war doch Styndall! Niemals war der Abſchluß der Rechnungen oder die Bilanz einem Banquier guͤnſtiger. Er ſah in II. 7 98 ſeiner Erinnerung von neuem Charlotten ihn mit der Hand einladen, ſich an ihre Seite nie⸗ derzuſetzen, er hoͤrte wieder aus ihrem Munde, daß er mitten in den Streitigkeiten im Augarten einen tiefen Eindruck auf ihren Geiſt gemacht habe; er genoß in Gedanken die Wohlthaten mit, mit denen ſie die Verwandten des Schuͤtzers ihrer Kindheit uͤberſchuͤttete, er fuͤhlte ſich von ihrem Arm wieder zu dem ſchat⸗ tigen geheimen Plaͤtzchen hingezogen, wo ſie ihm Geheimniſſe enthuͤllte, die wohl zuweilen die Freundſchaft einer Frau enthaͤlt, die aber ein Mann nur der zaͤrtlichſten Vertraulichkeit verdankt; er hoͤrte ſeinen Namen, den einfachen Namen Friedrich ſie ausſprechen, er hoͤrte ihre Worte, die ihn ſo ſchoͤn uͤberzeugten, daß ſie ſeine Liebe nicht unguͤnſtig wahrnehme, daß ſie dieſelbe wenigſtens erlaube, wenn auch nicht annehme. Styndall ſchauderte nicht mehr vor der Gefahr ſeiner Stellung zuruͤck; ſie konnte ihn in der Zukunft niemals zu Banden fuͤhren, mit denen er ſeufzend ſein Gluͤck von ſich ſtieß; auch war ihm die Entweihung ſo vieler Reize und Tugenden ein Gegenſtand des Schreckens, dem er lieber den Tod vorgezogen haͤtte. So 99 ſtaͤrkte er ſich ſowohl durch den Sieg uͤber ſich ſelbſt, als auch durch die Erklaͤrung der Fuͤr⸗ ſtin, die alle ihre Freunde ſich zu erhalten, und ſich auf eine friedliche Geſinnung zu beſchraͤnken wuͤnſchte, in der ſie ſelbſt verharren wollte; denn dies waren ja ihre eigenen Aeuſſerungen. „Und was liegt ihr am Ende an der Art, wie ich ſie liebe?“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Es iſt meine Sorge, daß ich nichts begehe, was ihr Zartgefuͤhl beleidigt, ſo wie ſie es bezeichnet hat. Sie wird mich wie Herberg, wie den vortrefflichen Duval, den ſcharfſinnigen Baron Holger und ihre beſſern Freunde lieben; und tieſes Loos iſt ſuͤß genug; ich werde mich da⸗ mit zu begnuͤgen wiſſen; ich ſchwoͤr's bei meiner Ehre! Ich werde mich in der Wonne, ſie zu ſehen und zu hoͤren, genug berauſchen koͤnnen, ſie wird mir ſo heilig ſein, wie der Engel, der ſich dem Throne des Ewigen nahen darf! Zu lange habe ich mit mir ſelbſt gekaͤmpft und kein Ergebniß dieſes Streits gewonnen, als Kummer, Lebensuͤberdruß und die traurige Be⸗ ſchuldigung des Undanks. Warum ſoll ich mich ſelbſt ſo erniedrigen, wo ich mit erhobe⸗ nem Haupte einhergehen kann? Mein Schick⸗ ſal waͤre ja ganz unertraͤglich, follte ich mir 7* 7 100 auch noch die Freundſchaft einer Frau verſa⸗ gen, die meinem Ungluͤck die Arme entgegen breitet, die in mir einige Funken des Feuers ſpuͤrt, das in ihrer ſchoͤnen Seele lodert, und die mich wuͤrdigt, meinen Muth auf der Schmerzensbahn anzufachen. Ich weiß wohl, was es mich koſten wird; aber wo der Mann ſeiner Herr iſt, da iſt auch die Tugend einer, ſeiner Verehrung wuͤrdigen Frau auſſer Gefahr und der Vorſehung allein iſt die Entſcheidung des Uebrigen aufbehalten....« So unterhielt ſich Styndall mit ſich ſelbſt. Es giebt wenig Menſchen, auf die die Schoͤn⸗ heit ſo lebhafte Eindruͤcke macht, aber ſeine Seele war dabei ſtark. Ein einziger Vorwurf konnte ihn hinſichtlich ſeines Betragens an die⸗ ſem Tage treffen; wenn er die Opfer, die ihm ein widriges Geſchick auflegte, damals, als er die Fuͤrſtin auf der Inſel anredete, uͤberzaͤhlte und ſich ihm dieſes Schickſal als unaufloͤslich darſtellte, ſo war er nicht zu weit gegangen, aber damit, daß er hinzugefuͤgt hatte, das Ge⸗ heimniß, zu dem er verdammt zu ſein behaup⸗ tete, laſte nur auf dem gegenwaͤrtigen Augen⸗ blick. Haͤtte er eine Hoffnung rege gemacht, die er ſelbſt nicht vermuthen konnte. Dies fiel a- a 101 ihm ſchwer aufs Herz. Obgleich dieſe beiden Worte ohne weitere Beziehung oder Ruͤckhalt ausgeſprochen waren, ſo ſchienen ſie ihm doch eine Verletzung der Wahrheit. Sein Geheim⸗ niß, ſein ſchreckliches Geheimniß gehoͤrte ihm; es war ihm Pflicht, es zu verſchweigen und ihm, deſſen Feſtigkeit und Unveraͤnderlichkeit ſeiner Natur nach, in einer Unterhaltung nicht das Anſehen des Unbeſtimmten oder Zufaͤlligen zu geben. Doch troͤſtete er ſich damit, daß,⸗ wenn auch dieſe kurze Bemerkung dem Ohr der Fuͤrſtin nicht entgangen ſei, ſie doch bald wie⸗ der aus ihrem Gedaͤchtniß verſchwinden werde. Und von neuem gab er ſich den Erinnerungen hin, mit denen er ſeine Wonnetrunkenheit ſtei⸗ gerte, und ſchuf ſich fuͤr die drei Tage, die ihn von der Stunde trennten, wo er Charlot⸗ ten wiederſehen ſollte, ein Leben, in dem die Vergangenheit einen bemerkenswerthen Platz einnahm, die Zukunft aber zum erſtenmal ſeit langer Zeit ihn mit ſuͤßer Erwartung einwiegte. Vielleicht war Charlottens Gefuͤhl bei ihrer Heimkehr noch ſchoͤner, weil es ruhiger war. Nichts truͤbte die koͤſtliche Unbefangenheit; ſie gewann in Styndall einen Freund, einen Mann, der in jeder Hinſicht es zu ſein wuͤrdig war. 102 Wenn er durch eine Bizarrerie, deren Grund ſie nicht fand, aber auch nicht ſuchte, ſich die⸗ ſem Umgange zu entziehen verſucht hatte, ſo war es ſchmeichelhaft, ihn ohne Kunſtgriff wie⸗ der dafuͤr gewonnen zu haben. Die Fuͤrſtin erfreute ſich dieſes Erfolgs; denn in ihre Zu⸗ friedenheit miſchten ſich einige Grane Eigen⸗ liebe, die die Natur ſelbſt der tugendhafteſten Frau nicht verſagt hat, und ſie war nicht un⸗ willig daruͤber, mit voller Macht in den Ort eingetreten zu ſein, deſſen Thore man ihr ver⸗ ſchloſſen geglaubt hatte. Von dieſer Ueberzeugung mit Peeuden er⸗ fuͤllt, trar ſie vor ihre Couſine; erregte die hoͤchſte Reugierde derſelben, und erhielt ſie eine Stunde lang in peinlicher Ungewißheit, bis ſie ihr das unerwartete Ereigniß auf der Inſel mit den kleinſten Umſtaͤnden und die Weiſe, wie ſie mit dem Gentleman den Tag hinge⸗ bracht, erzaͤhlte. Charlotte vergaß in ihrer ge⸗ treuen Erzaͤhlung keinesweges die von einem unerklaͤrlichen Schickſal fuͤr den gegen⸗ waͤrtigen Augenblick hergenommene Ent⸗ ſchuldigung, und die Baronin von Stein in ihrer fruͤheren Meinung uͤber den Englaͤnder bekraͤftigt, fiel ihr in's Wort:„Ich zweifle —— gar nicht mehr! Er iſt ein Prinz, der einer Ehrenſache halber, oder weil er mit ſeinem Vater oder regierendem Bruder in irgend einem Mißverhaͤltniß ſteht, ſich in der Nothwendig⸗ keit befand, incognito zu reiſen. Ueber dieſe Sache muß ich mich naͤchſtens bei dem Biblio⸗ graphen Denys oder noch beſſer bei dem Baron Friedrich von Moſer befragen, der ſeit ſeiner Ankunft in Wien im geheimen Rath angeſtellt worden iſt. Man verſichert, daß er den Zu⸗ ſtand der teutſchen Hoͤfe ganz genau kenne, und er wird auf Ihr Erſuchen, ſich gern ent⸗ ſchließen, an ſie zu ſchreiben.“ „Sie ſind nicht bei Sinnen!« entgegnete Charlotte.»Unterlaſſen Sie das ja! Bedenken Sie doch nur, was Styndall von uns, vor⸗ zuͤglich von mir denken ſollte, wenn er ſich jemals als den Gegenſtand ſolcher Nachforſchun⸗ gen ſaͤhe! Und der Baron von Moſer, der mir kaum vor ſechs Wochen erſt vorgeſtellt worden iſt, wuͤrde ſich ſonderbare Ideen uͤber meine Perſon machen.“ „Es iſt ja doch ganz einfach“, verſetzte die Baronin,„ſich uͤber den Stand der Leute, die man bei ſich ſieht, zu befragen.“ „Ja wohl“, erwiederte die Fuͤrſtin,„aber 104 wir fingen mit unſeren Nachforſchungen doch ein wenig ſpaͤt an, da wir Herrn Styndall alle Ehre erwieſen, ja dieſes ſogar wiederholt ha⸗ ben. Sie ſehen ein, Eliſe, daß die Aufnahme, die er kuͤnftig von uns zu erwarten das Recht hat, nicht mehr von Andeutungen abhaͤngt, die man hinſichtlich ſeiner erhaͤlt. Und uͤberdies wuͤrden ſie uns auf einem hoͤchſt weitſchweifi⸗ gen Wege zukommen.« „Vielleicht auch nicht!« beharrte die Ba⸗ ronin.„Sie wuͤrden uns immer in den Stand ſetzen, ihm das, was man ihm doch gewiß ſchuldig iſt, etwas beſſer darzureichen. Ich ver⸗ ſichere Sie, liebe Couſine, was mich betrifft, ſo wuͤrde ich es ſehr reizend finden, ihm in dem Augenblicke, wo er am wenigſten daran daͤchte, zu zeigen, daß ich ſeine Maske kenne. Ja, es waͤre mir ein wahres Feſt, ihm eines Abends, wenn er von uns ginge, ſagen zu koͤnnen, und waͤre oes auch nur in's Ohr:„Wird man Morgen die Ehre haben, Ihre Durchlaucht oder Ihre Excellenz wieder zu ſehen?«“ Statt den gemeinen Begruͤßungsformeln, mit denen man ihn jetzt beim Zuſammenkommen uͤber⸗ haͤuft. Sein großes Erſtaunen, entdeckt zu ſein und ſeine nicht geringere Verlegenheit, ſich — — — 105 zu vertheidigen, wuͤrden mich ſehr beluſtigen. Und Sie, liebe Couſine, ſind Sie nicht meiner Meinung?“ Die Fuͤrſtin machte dieſer Unterredung ein Ende, indem ſie ohne Umſchweif erklaͤrte, daß Styndall ohne allen Zweifel nicht der Claſſe gewoͤhnlicher Fremden angehoͤrte, daß es ſchon hinreiche, ihn zu hoͤren und die Augen auf ihn zu werfen, um ſich davon zu uͤberzeugen; daß man ſich aber uͤber dieſen Punkt an die Er⸗ klaͤrung der Fuͤrſtin Eſterhazy oder an Aufhel⸗ lung, die man auf geradem Wege erlange, hal⸗ ten muͤſſe, und daß jede andere Nachforſchung, an ſich ſchon im hoͤchſten Grade unhoͤflich, von ihr durchaus nicht gebilligt wuͤrde. In ihrem Zimmer allein zuruͤckgeblieben, bedurfte Charlotte der weiſen Vorſchriften des guten Ulrich nicht, um ſich noch einmal die Er⸗ eigniße des Tags zuruͤckzurufen. Sie bemerkte, daß ſie durch die Worte des Gentlemans ſehr ſchnell beruhigt worden war, der doch im Grunde keine eigentliche Entſchuldigung ſeiner Vergehen vorgebracht hatte, und ſie erkannte bei ſich ſelbſt, daß er dieſe Nachſicht der Er⸗ zaͤhlung der Fraͤulein Hubert verdanke, die ſie vor vierzehn Tagen fruͤh beim Aufſtehen damit 106 beſchenkt hatte. Dieſe war naͤmlich durch Tom Sylcock von Styndalls Entſchluß, nicht mehr unter den Fenſtern des Palaſtes von Oeden⸗ burg hinzureiten, ſeit er die Vorhaͤnge mit Eile zuziehen geſehen hatte, und von ſeiner gewohnten Traurigkeit unterrichtet worden, die diesmal in den Augen ſeiner Leute viel auffal⸗ lender war, und ſtie hatte der Fuͤrſtin bei ihrem Morgendienſte dieſe Nachricht hinterbracht. Da⸗ her jene Veraͤnderung der Laune, jene Schwer⸗ muth, die auf eine ſehr natuͤrliche Anregung erfolgte; Friedrich hatte, Charlotten trotzend, ihren Unwillen erregt; jetzt hatte der Ungluͤckliche alle Rechte zu ſeinem Vortheile wieder gewonnen. Allmaͤlig fuͤhlte ſie aber doch, daß ſte mit dem Anerbieten an Styndall, ſich mit dem Maͤhren Herberg und den vortrefflichen Ja⸗ meray in ihre Freundſchaft zu theilen, ſehr weit gegangen war. Schmerzlich konnte ſie ſich den Unterſchied verbergen, wenn eine junge Frau zwei ehrenwerthe Siebziger mit dem zaͤrt⸗ lichen Namen des Freundes belege, oder einen Mann von hoͤchſtens dreißig Jahren von uͤber⸗ wiegendem Verſtand, einem ausgezeichneten Aeuſſeren, großem Reichthum und mit dem ſie in einer vollkommenen Uebereinſtimmung des 107 Geſchmacks und der Gefuͤhle ſich befand. Die reizende Baronin von Ribas hatte ſich begnuͤgt, einen in Wahrheit ſehr weitlaͤuftigen Brief⸗ wechſel mit dem tugendhaften und geiſtreichen Duval zu unterhalten; aber ſo wie beide ſich ſchrieben, haͤtte man eine Wette anſtellen koͤnnen, daß, wenn der Aufſeher des kaiſerli⸗ chen Muͤnzeabinets einige vierzig Jahre ploͤtz⸗ lich abſchuͤtteln konnte, wuͤrde entweder dieſer Briefwechſel nicht ſtatt gefunden oder ſich auf andere Weiſe fuͤr die ſchoͤne Circaſſterin geen⸗ digt haben. Charlotte fuͤhlte, daß ſie ſich zu viel verbindlich mache, wenn ſie fuͤr Styndall eine Anaſtaſta Socoloff werden wollte, aber ſie erſchrack nicht davor. Was ihr aber in der Be⸗ rathung mit ihrem Gewiſſen noch gewagter vor⸗ kam, war ihre Offenheit gegen einen Fremden, mit der ſie ihm Geheimniſſe offenbarte, uͤber die ſie ſich ſelbſt waͤhrend Lebzeiten des Grafen von Oedenburg kaum, und ſehr ſelten nach ſeinem Tode befragt hatte. Obgleich ſie allein war, ſo erroͤthete ſie doch bei dem Selbſtgeſtaͤndniß, daß eine Frau, die ſich uͤber ihren Gatten, ſelbſt wenn er nicht mehr iſt, beklagt, jedesmal dem Manne, der ſte anhoͤrt, große Rechte uͤber ſich einraͤumt. Die Sache gewann eine andere 108 Geſtalt, als ſie ſich erinnerte, daß ſte Styndall ins Geſicht bei ſeinem Namen Friedrich genannt und ihm noch dazu geſagt habe, daß ſie ihn einer ſolchen Waͤrme der Empfindung fuͤr ſie fuͤr faͤhig halte, die er der franzoͤſiſchen Jugend zum Vorwurf gemacht hatte! Ihre Stirn und Wangen uͤberpurpurten ſich in dieſem Augen⸗ blick, als wenn ſie dem Widerſchein der carmoi⸗ ſinrothen ſeidenen Vorhaͤnge, die ihre Fenſterbo⸗ gen umflatterten, ausgeſetzt waͤren. So liebte ſie doch den Inſulaner! Sie wurde ſich deſſen bewußt, ohne daruͤber in Unruhe zu gerathen, ohne ſich ein Verbrechen daraus zu machen. Sie rief ſich alle die erhabenen Empfindungen und die verfuͤhreriſchen Eigenſchaften, durch die ihre Liebe leicht zu rechtfertigen war, in die Seele und entſchlief, ihr inneres Auge der Aus⸗ ſicht des Gluͤckes zugewendet, die ſich vor der erſten wahrhaften Liebe oͤffnet. Ein! leichte Unruhe, durch des Gentlemans tiefes Schweigen uͤber ſeine perſoͤnlichen Ver⸗ haͤltniſſe herbeigefuͤhrt, hatte einige Minuten lang dieſen Horizont wie eine Wolke verdun⸗ kelt. Die Fuͤrſtin konnte ſich ſogar zu ſagen nicht enthalten:„Selbſt wenn er ſich ganz hinzugeben ſcheint, hat dieſer Menſch noch — 414— 109 einen Ruͤckenthalt, und bevor man einen Ent⸗ ſchluß faßt, muß man dieſen Character ſtudi⸗ ren; ja ſtudiren will ich ihn!« Bald aber kehr⸗ ten ihre Gedanken wieder zu den edel gezeich⸗ neten Zuͤgen und zu dem Blicke zuruͤck, der Tiefe in der Unterſuchung hatte, ſtolz war, wenn er es mußte, mitleidig, wenn die Menſch⸗ heit unterdruͤckt war, faſt liebkoſend, wenn ein zaͤrtlicheres Gefuͤhl ihn zu Worten brachte; und im Augenblick verſchwanden ihre Beſorg⸗ niſſe. Die Wolke war zerſtreut, und der Him⸗ mel klaͤrte ſich wieder auf, wie wenn an einem Sommermorgen bei heiterm Sonnenſchein ein Weſtwind die feuchten Duͤnſte vertreibt. Der von beiden Theilen gleich ſehnſuͤchtig erwartete Montag erſchien. Styndall war zwar keiner der Erſten im Augarten, aber er⸗ ſchien doch auch nicht zuletzt. Bevor man der Fuͤrſtin aufgewartet hatte, war ein Wortwechſel zwiſchen dem Taͤnzer und dem Praͤſidenten der Univerſitaͤt entſtanden, wodurch die Gegenwart des Gentlemans weniger auffiel, und das war weder ihm noch der Fuͤrſtin von Oedenburg unangenehm. An dieſem Tage ſpeiſten unter andern die beiden Toͤchter des Baron Holger und die Fuͤrſtin Eſterhazy, der Charlotte eine 1¹0 beſondere Einladung zugeſchickt hatte, mit im Palaſt. Die Unterhaltung durfte nun noth⸗ wwendiger Weiſe nicht zu ernſthaft werden, trotz der Wuͤrde eines Theils der Gaͤſte. Kaum war die Tafel aufgehoben, ſo began⸗ nen der Ritter Noverre und der Baron van Swieten(denn er war erſt ganz kuͤrzlich mit dieſer Wuͤrde belegt worden, auf die er uͤbri⸗ gens ſehr wenig Werth legte) ihren Streit von neuem. Obgleich dieſer Krieg, worin nie⸗ mand Gefahr lief, ſehr heftig gefuͤhrt wurde, ſo hatte er den Vortheil, Jedermann zu belu⸗ ſtigen. Der Doktor, der— eine unerhoͤrte Sache! — in ſeiner faſt modiſchen Kleidung erſchienen war, ließ ſeine ſehr ſchoͤnen Manſchetten von Spitzen, die ihn ſehr incommodirten, von der Handwurzel gleiten. Ohne Unterlaß ſtopfte er das Spitzengewebe unter den Rock, und immer kam s zu ſeinem großen Verdruß wieder her⸗ vor. Dies Verfahren entging nicht lange den laurenden Blicken des Ritters, der den Angriff auf ſeinen gewoͤhnlichen Gegner alſo erneuerte: „ Unſer Praͤſident hatte zweifelsohne heute beſondere Plaͤne; denn er hat ſich in neuen Putz geworfen; aber wahrſcheinlich haͤlt er ſie, —-— 111 gnaͤdige Frauen, nicht fuͤr wuͤrdig, Zeugen deſſelben zu ſein.“ „Was will der beruͤhmte Taͤnzer damit ſa⸗ gen?« entgegnete Jameray Duval.„»Der Doktor und ich wetteifern wie es ſcheint, ſchon ſeit vielen Jahren im Putz, und ich glaube, daß ſein Luxus wie der meinige kaum den eines Schaͤfers von Oeſtreich uͤberſteigt.“ „Diesmal“, verſetzte Noverre,„wird der Schaͤfer von Oeſtreich zum Geſtaͤndniß ſeiner Niederlage gezwungen ſein.“ Der Doktor war unterdeſſen des vergebli⸗ chen Verſuchs muͤde, das Gewebe unter die bei⸗ den Aermel ſeines ſchwarzen Rockes zu ſtopfen, weil es ſtets wieder hervorkam, ſchuͤttelte ſie beide vor den Damen und ſagte mit Laune: „Nun wohlan, da ſind ſie, weil Sie ſie doch einmal ſehen wollen, und es waͤre mir zehnmal lieber, wenn ſie an Ihrem Arme hingen, als an dem meinigen, wo ſie nichts zu thun haben.“ „Manſchetten von Spitzen am Doktor!« rief man von allen Seiten, und die Damen er⸗ hoben ſich und ſchloſſen um den Doktor, der ſich in einem laͤcherlichen Zorn befand, einen „Kreis. Die Baronin von Stein, die ſich auf dieſe Art Putz zu verſtehen vorgab, beruͤhrte 112 mit ihren feinen Fingern die Manſchetten, die ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden waren, und ſagte mit einem Tone, der ganz geeignet war, die Ueberlegenheit ihres Geſchmacks zu beſtaͤtigen: „Bruͤſſeler Waare, meine Damen, Sie koͤn⸗ nen es nur glauben, und zwar von der fein⸗ ſten!“* Die Fuͤrſtin von Eſterhazy hielt die Spitzen ſodann nahe an die Augen und beſtaͤtigte den Ausſpruch, waͤhrend die beiden Fraͤulein Hol⸗ ger, die im Spitzenweben geſchickt waren, einer andern Meinung zu ſein ſchienen; aber eine ih⸗ rem Alter natuͤrliche Beſcheidenheit hielt ſie ab, damit aufzutreten. Waͤhrend dieſer einige Mi⸗ nuten anhaltenden Unterſuchung, lachten Eini⸗ ge, Andere ſtritten und der Dokter tobte. Ja⸗ meray Duval, der ihn vortrefflich kannte, wun⸗ derte ſich, daß er bei ſeiner jetzigen Laune die Spitzen, die nur mit weitlaͤuftigen Stichen an⸗ genaͤht waren, nicht ſchon zehnmal abgeriſſen, und ſie den Neugierigen ins Netz geworfen hatte. Man draͤngte die jungen ſchoͤnen Toͤch⸗ ter des Baron Holger, der Geſellſchaft ihre Meinung uͤber die Manſchetten mitzutheilen und ſie entſchloſſen ſich endlich mit einem be⸗ 113 ſcheidenen Erroͤthen zur Erklaͤrung, daß ſie die⸗ ſelben in Wien ſelbſt gekloͤppelt glaubten. Dies gab einen neuen Aufſtand im Zirkel, und Noverre deklamirte ſogleich folgende Worte mit einem Opernanſtand:— „Hier haben wir eine von den Eroberungen des Doktors! Er fliegt von Siegen zu Sie⸗ gen! Die Goͤtter ſelbſt haben ſich fuͤr ihn er⸗ klaͤrt, meine Gnaͤdigen, und durch ihre Huͤlfe triumphirt er!“ Van Swieten zweifelte nicht laͤnger, daß der Tanzkuͤnſtler die Quelle dieſes Geſchenks genau kenne und wuͤnſchte ſehnlichſt, endlich von dieſer Tortur erloͤst zu werden. „Ja doch, ja!“ rief er deshalb;„ſie iſt's, die ſie mir geſchenkt hat; ſie hat ſie mit eige⸗ ner Hand gekloͤppelt! Haben Sie etwas dage⸗ gen zu ſagen?“ „Wer iſt die ſie?“ rief Waerte „Ohne Zweifel die Dame, die der Doktor am meiſten liebt“, antwortete Styndall. „Ich liebe keine!“ verſetzte van Swieten heftig. „Was! Nicht einmal die Ihrige?“ fragte Noverre. „Es koͤnnte ſich...“ ſtotterte der Dok⸗ II. 8 114 tor.„Verzeihung, meine Damen, dieſer hirn⸗ loſe Menſch wird mich am Ende noch dazu bringen, Grobheiten zu ſagen.“ „Bah! Doktor“, entgegnete Noverre,„es giebt großmuͤthige Pferde, die des Sporns nicht beduͤrfen. Die Fuͤrſtin von Oedenburg hatte ſich vor der Austheilung dieſer Hiebe ſehr vertraut mit Styndall unterhalten und ihm mitgetheilt, ſie glaube zu wiſſen, weſſen Wohlwollen der Uni⸗ verſitaͤtspraͤſident fuͤr dieſes ſchoͤne Geſchenk verbunden ſei, uͤber das ſie die Aeuſſerung der Fraͤulein Holger aufgeklaͤrt hatte. Sie hielt fuͤr gut, dem Streit ein Ende zu machen und nahm daher das Wort: „Ich verſichere Sie, mein lieber Doktor, daß, wenn Sie fortfahren, Ihre armen Man⸗ ſchetten ſo zu mißhandeln, wie Sie es in die⸗ ſem Augenblick thun, ihr Grab ſehr nahe bei ihrer Wiege ſein wird. Es waͤre doch in der That Schade, daß diejenige, welche ſie Ihnen geſchenkt hat, das Vergnuͤgen nicht haben ſollte, ſie noch einmal an ihren Haͤnden wieder zu ſe⸗ hen! Und ich weiß doch, daß ſie das Recht hat, etwas noch weit Beſſeres von Ihrer Dank⸗ barkeit zu erwarten!“ 115 „Entweder hat er ſie von Ihnen oder der Kaiſerin?“ fiel der gute Duval ſogleich ein. „Von mir nicht!“ verſetzte Charlotte,„und der Beweis iſt, daß er ſie noch nicht zerriſſen hat. Wenn er mir aber verſpricht, in Zukunft mehr Ruͤckſicht auf die Geſchenke, die man ihm macht, zu haben, ſo wage ich vielleicht der Gabe einer erlauchten Hand noch das Jabot hinzuzufuͤgen.“ „Hol der Henker die Spitzen!“ rief der Doktor;„ich habe ſchon an dieſen genug, und verſichere Sie daruͤber nicht wenig verlegen zu ſein. Ich wollte ſie waͤren alle in der Hoͤlle!“ In der That hatte Maria Thereſia, den belgiſchen Arzt, der ſie im Laufe des Mai der ſchlimmen Krankheit kraft ſeiner Talente und Kuͤhnheit entriß, mit Gunſtbezeugungen uͤber⸗ haͤuft. Nicht zufrieden damit, daß ſie ihn in den Tyroler Adel erhob und ihn mit dem St. Stephans Kreuz zierte, ſchickte ſie ihm auch noch ihr mit Brillanten beſetztes Portrait und durch eine Zartheit der Gefuͤhle, die er von Grund der Seele hochſchaͤtzte, was ihm aber zu ſagen, die groͤßte Pein verur⸗ ſachte, hatte ſie ſich ein Vergnuͤgen daraus gemacht, ihm Manſchetten von Spitzen zu kloͤp⸗ 8*⁴ 116 peln, die, wie man geſtehen muß, von dem gewoͤhnlichen Anzug des teutſchen Hippokrates abſtachen. Waͤhrend man ſich draͤngte, die Manſchet⸗ ten zu betrachten, und Noverre ſich in die Lip⸗ pen biß, eine Heiterkeit erheuchelnd, die er nicht beſaß, unterhielt ſich Styndall mit gedaͤmpfter Stimme mit Charlotten von Oedenburg. „Ihre Hoheit“, ſagte er,„haben in die⸗ ſem Augenblick zwei ſehr merkwuͤrdige Maͤnner bei ſich; Beide haben ſich durch große Talente aus dem niedrigſten Stande hervor gearbeitet; beide haben einfache Sitten und viel Unge⸗ zwungenheit, aber welchen verſchiedenen Cha⸗ rakter haben dieſe Eigenſchaften bei allen beiden! Bei dem Einen iſt die Einfachheit wahr, natuͤrlich; ſie hat ſelbſt etwas Liebens⸗ wuͤrdiges; mit innerem Vergnuͤgen ſieht man die Gedanken in ſeiner ganzen Unſchuld entſte⸗ heuz die Ungezwungenheit geht allein von der Guͤte des Herzens aus, und wird, von der Geradheit des ehrlichen Mannes faſt bedingt, eine anſtaͤndige Derbheit, die Jeder gern ver⸗ zeiht, die ſelbſt, wenn ſie verwundet, niemals eine vergiftete Wunde zuruͤcklaͤßt; waͤhrend bei dem Andern ungeachtet eines großen Ver⸗ 117 dienſtes und einer gezierten Beſcheidenheit, die nur Eigenliebe in Frieden iſt, der Stolz be⸗ leidigt, und dieſer Stolz iſt ungluͤcklicher Weiſe ein wenig hart. Es iſt der durchloͤcherte Man⸗ tel des Antisthenes.“ „Und wir werden nicht dazu gelangen, ihn zu flicken“, entgegnete Charlotte; Jameray Du⸗ val iſt noch der Einſiedler in den Vogeſen; oft bilde ich mir ein, ihn mit ſeinen hoͤlzernen Schuhen und ſeinem leinenen Kittel an meiner Seite zu ſehen, ohne daß ihm dieſes in meinem Geiſte etwas ſchadete; denn wenn ſeine Wiſſen⸗ ſchaft mannichfach und tief iſt, ſo iſt ſie nicht weniger voll Anmuth und Artigkeit. Wie Sie ſehr wohl bemerkt haben, wenn er ſcherzt, ſo beluſtigt ſich ſeine Gutmuͤthigkeit oder ſeine Geradheit thut ſich kund. Ich wollte, ich koͤnnte Ihnen vom Doktor van Swieten eben ſo viel ſagen, aber wir werden ihn nicht beſ⸗ ſern; deshalb, mein lieber Friedrich, wollen wir ihn erhalten, wie er iſt; denn Alles wohl erwo⸗ gen, ſo hat er noch ſein Verdienſt, und dies Land wird ſie alle beide zu ſeinen großen Maͤn⸗ nern rechnen.“ Kaum waren dieſe Worte, die Styndall mit Entzuͤcken erfuͤllten, von ihren Lippen ge⸗ flohen, ſo naͤherte ſich die Fuͤrſtin dem Eng. laͤnder, und fluͤſterte ihm mit einem nachlaͤſſigen Tone ins Ohr: „Da bin ich wieder in meinen alten Fehler gefallen und habe Sie mit Ihrem Taufnamen genannt. Nun wohlan, ein fuͤr alle Mal er⸗ klaͤre ich Ihnen, daß ich mir keinen Zwang anthun werde, wenn mir das Wort wieder zwi⸗ ſchen die Lippen kommt. Ich glaube, Sie koͤn⸗ nen es recht gut hoͤren, ſo wie ich ausſpreche, ohne daß dies unter uns beſondere Folgen nach ſich zieht. Unſere Freundſchaft wird dadurch nur ein aͤlteres und wuͤrdigeres Anſehen erhal⸗ ten; nicht wahr, Herr Styndall?“ „Ob Ihre Hoheit Ihre Gaben an mich verſchwenden, ob Sie dieſelben zuruͤckhalten; immer werden Sie meiner Huldigungen wuͤrdig ſein. Durch Sie zwiſchen Dankbarkeit und Ehrerbietung geſtellt, kann mein Herz niemals murren; wenn es auch nicht in Wonne uͤberſtroͤnt, ſo iſt es doch viel, daß man es mit ſo viel Guͤte zu ſeiner Pflicht zu rufen geruht.“ „In allen dem, was Sie da ſagten, iſt viel Franzoͤſiſches. Friedrich, huͤten Sie ſich da⸗ vor!* 119 Und Friedrich, dem nun eben auch noch das Beiwort abgenommen war, fuͤhlte ſich da⸗ durch ganz wonnetrunken. Styndall hatte im Palaſte von Oedenburg noch eine Bekanntſchaft zu machen. Obgleich er nichts weniger als eine Neigung zur Schmei⸗ chelei hatte, ſo hielt er es doch fuͤr ſchicklich, ſich mit dem Gatten einer Frau, deren beſtaͤn⸗ diges Wohlwollen er erfuhr, auf den von der einfachſten Hoͤflichkeit vorgezeichneten Fuß zu ſetzen. Auch hatte er, von der Baronin von Stein angetrieben, den Vortheil dem Baron von ihr vorgeſtellt zu werden, eine Sorge, der ſie ſich in allen gebraͤuchlichen Formularitaͤten, bevor man ſich zur Tafel ſetzte, uͤberließ. Da er ſich einen Augenblick frei ſah, ging er in einer launigen Stimmung, wo die Opfer wenig koſten, zu Herrn von Stein, der ziemlich unbe⸗ ſchaͤftigt bei ſeiner theuren Couſine ſaß. Der Gentleman lenkte die Unterhaltung zwiſchen ihm und dem ungriſchen Freiherrn auf einen Gegenſtand, auf welchen ſie mit einem ſolchen Manne nothwendig kommen mußte. Man ſprach von Jagd, großem und kleinem Wild⸗ pret, Rothwild und der Koppel. Der Englaͤn⸗ der benahm ſich aus zwei Gruͤnden gar nicht 120 uͤbel dabei; der erſte war, daß er die Kunſt beſaß, geduldig zuzuhoͤren; der zweite, daß er ein ſchoͤnes Gut in der Grafſchaft Suffolk be⸗ ſaß, welches in der eben erhaltenen Erbſchaft mit inbegriffen war, daß er alſo in der edlen Beſchaͤftigung, in der der Baron glaͤnzte, kei⸗ nesweges unerfahren war. Auch brachte er von Zeit zu Zeit in der Unterhaltung geſchickt einige Jaͤgerausdruͤcke an, die ihn beim Baron in Gunſt ſetzten. Ohne ihn gerade fuͤr einen Jaͤger erſter Art zu halten, war der Baron mit Styndall ziemlich zufrieden. Als er den Englaͤnder gepruͤft und mehr gefunden, als er erwartet hatte, ſo wie er auch den folgenden Tag ſeiner Gemahlin mittheilte, hielt er ihn der Mittheilung des Tagebuchs fuͤr wuͤrdig, das er dem Grafen von Schoͤnbrunn verſpro⸗ chen und deſſen Leitung ſein Buͤchſenſpanner Frencks uͤbernommen hatte. Er hatte ſchon das Papier aus der Schreibtafel gethan, wor⸗ auf ein beſonders dazu in den Palaſt beorder⸗ ter Schreiber ſeit den Morgen die Jagdbemerk⸗ ungen ins Reine geſchrieben hatte. Mit einer Art Ehrfurcht entfaltete er das Blatt und begann es, in eine Fenſterwoͤlbung gelehnt, recht zuverſichtlich vorzuleſen, als Charlotte 121 die Herzensangſt bemerkte, in der ſich Styn⸗ dall befand, und mit einem hoͤchſt komiſchen Ernſte die wortreiche Erzaͤhlung mit an— hoͤrte. Sie wuͤnſchte ihn nicht allein aus der Klemme zu ziehen, ſondern ihn auch fuͤr eine Unterhaltung zu gewinnen, an der ſein Intereſſe ihr nicht zweifelhaft ſchien, und rief ihn herbei. „So ſind die Frauen!“ rief der Baron uͤber dieſe Stoͤrung aͤrgerlich.„Ihre Phantaſie ſchneidet immer den ernſthafteſten Gegenſtaͤn⸗ den den Weg ab; o, ich kenne ſie in dem Punkte gar gut!“ Und damit ergriff er Styndall bei einem Knopfe ſeines Fracks, da ſich dieſer eben an⸗ ſchickte zur Fuͤrſtin in einen andern Theil des Saals, wo ſie ſaß, zu gehen, und fuͤgte mit gemaͤßigterem Tone hinzu: „Aber ich will nicht, daß Sie dieſe Lektuͤre entbehren ſollen; hoͤren Sie? Ich leihe Ihnen Frencks Erzaͤhlung.... Nehmen Sie an, neh⸗ men Sie, ſag ich Ihnen! Sie geben ſie mir mit erſter Gelegenheit zuruͤck; nur tragen Sie etwas Sorgfalt dafuͤr, da die zweite Abſchrift ſchon auf dem Wege nach Schloß Schoͤnbrunn iſt... Nun Sie werden bemerken, daß der 122 Schalk die Begebenheit gar nicht uͤbel erzaͤhlt hat; doch hat er darin gefehlt, daß er meinen beiden Spitzen gleiches Verdienſt zuſchreibt. Gewiß ſind ſie beide von guter Race, aber Mika wird ſtits uͤber Phylax obſiegen; unter uns geſagt, ich traue im ein ſtaͤrkeres Knie zu. Diesmal kam alle Welt darin uͤberein, daß Mika zuerſt den Eber beim Ohr faßte.“ Styndall erhielt aus des Barons Haͤnden das in Quart ſorgfaͤltig gefalzte Manuſcript von den Spitzen, ohne ſich deſſen erwehren zu koͤnnen, und ſteckte es in ſeine Rocktaſche, dann eerhielt er zu ſeiner großen Freude einen zweiten Ruf und trat in den Kreis der Fuͤrſtin. Der Baron ſeiner Seits warf ſeiner Gemahlin einen veraͤchtlichen, mit Achſelzucken begleiteten Blick zu, und verließ den Saal. In Wien, meinte er, gaͤbe es zur Ehre des Landes noch einen guten Schlag Edelleute, mit denen man ſich uͤher Dinge unterhalten koͤnnte, die ſich doch der Muͤhe lohnen. Noverre und der Doktor lagen ſich wieder⸗ um in den Haaren; aber der Doktor verließ diesmal die Defenſive und erfaßte den Tanz⸗ kuͤnſtler auf ſeinem Gebiet. Fuͤrſtengunſt iſt ein ſtark ziehender Magnet, deſſen Einfluß man ſich ſchwerlich entziehen kann, ſelbſt in den un⸗ abhaͤngigſten Haͤuſern. Der Fuͤrſt und die Fuͤrſtin Eſterhazy ſchienen den Univerſitaͤtspraͤ⸗ ſidenten etwas in Schutz zu nehmen, ſeit ſie wußten, welche Haͤnde fuͤr ſeinen Putz Sorge trugen; und obgleich die Baronin ſich oft an dem zierlichen Vortrage Noverre's ergoͤtzte, ſo konnte ſie heute doch ihre Vorliebe fuͤr van Stbieten nicht verbergen. „Sehr wohl, Herr von Noverre“, ſagte der Praͤſident der kaiſerlichen Univerſitaͤt,„Sie glauben alſo, der Tanz muͤſſe uͤberall in Eu⸗ ropa ganz ausgebildet werden, alle andern Kuͤnſte muͤſſen ihm nachſtehen und um Gelehrte, Diplomaten, Rechtskundige und große Feld⸗ herrn zu haben, muͤſſen wir nur mit Taͤnzern gut verſehen ſein?“ „Das ſage ich nicht!“ entgegnete der Tanz⸗ kuͤnſtler,„obgleich Sie der Wahrheit naͤher ſind, als Sie ſich einbilden; denn ich fordere Sie auf, ob wir geſchickte Menſchen haben, von welchem Geſchlecht ſie auch ſeien, wenn ſie ihre Beſtrebungen nicht den reichhaltigen Re⸗ geln der Harmonie unterworfen haben, die nichts iſt, als die Ordnung in allen Dingen.“ „Laſſen Sie uns doch zuſehen“, erwiederte ——; 124 der Doktor,„ob Maria Thereſia mit dieſen Kreiſelmachern drei Maͤchte geſchlagen hat, die ſich ſchon in ihre Staaten theilten, und in die erhaltenen Provinzen zuruͤckgekehrt iſt! Glauben Sie mir, es nuͤtzte ihr ein wenig mehr, Leute unter den Haͤnden zu haben, wie Laudon, Brown, Lichtenſtein mit den braven Huſſaren, den kraͤftigen Uhlanen und der treuen ungri⸗ ſchen Reiterei. Das war die Muſik dieſer Tapfern, und nicht die Ihrige, die den Fein⸗ den in die Ohren ſchallen mußte! „»Und doch war es immer Muſik“, verſetzte Noverre.„Die Regeln der beiden Arten wei⸗ chen weniger von einander ab, als Sie wohl annehmen. Wenn Sie Ihr klaſſiſches Alter⸗ thum beſſer kennten, ſo wuͤrden Sie wiſſen, daß die Generaͤle deſſelben, welche eben ſo tuͤchtige Maͤnner waren, als die unſrigen, ſich einem beſondern Studium der Muſik widmeten, und daß dieſe ſelbſt einen eigenthuͤmlichen Einfluß auf die Erziehung der Staatsbuͤrger gewann. Mit Muſitk fuͤhrte Tyrtaͤus die Spartaner zum Sieg. Sie werden ohne Zweifel eben ſo wenig wiſſen, daß Epaminondas die Floͤte blies, daß Alcibiades mit in den Choͤren der Athener tanzte und daß man im Lager Alexanders des 125 Großen den pyrrhiſchen Tanz oder irgend einen aͤhnlichen auffuͤhrte?“ „Ja“, rief van Swieten,„Sie werden uns bald uͤberreden, daß der Prinz Eugen und der Feldmarſchall Lascy einen großen Fehler begingen, daß ſie ſich nicht durch dieſen ange⸗ nehmen Zeitvertreib zur Schlacht vorbereiteten! Gehen Sie nur, mein theurer Herr von No⸗ verre, es wird uns in der That ein wenig ſchwer, Ihren Worten Glauben beizumeſſen. Eben ſo gut muͤßten wir aus Reſpekt vor den alten Erzaͤhlungen aus der Leier des Amphion glauben, daß die Kaiſerin nur Dudelſaͤcke und Hautboen noͤthig haͤtte, um das Thereſianum zu bauen, die Denkmaͤler, die ihre⸗Regierung preiſen, zu errichten, die Buͤchermaſſen in ihren Bibliotheken zuſammen zu fuͤhren und die kai⸗ ſerliche Univerſitaͤt und die mediciniſche Facul⸗ taͤt zu begruͤnden!“ Bei dieſen Worten warf der Praͤſident, der eben erwaͤhnten Univerſitaͤt, der ſeinen nicht mittelmaͤßigen Antheil an dem letzteren Werke recht wohl kannte, ſeine Blicke wohlgefaͤllig umher. Er hoffte ſeinen Feind zu Boden ge⸗ worfen zu haben; denn Stolz kaͤmpfte hier ge⸗ gen Stolz; aber er betrog ſich in ſeiner Rech⸗ 126 nung. Noverre war ſchon zum Gegenhieb be⸗ reit und er fuͤhrte ihn mit Kraft, wie die erſten Worte, die ihm entſchluͤpften, beweiſen. „Der Doktor bezahlt dieſen Abend die Spitzen⸗Manſchetten und haͤlt ſich ſogar ſeine eigene Lobrede dabei. Dies hindert mich jedoch nicht, ihm zu ſagen, daß, wenn die angeneh⸗ men Kuͤnſte, unter denen Tanz, Muſik und dramatiſche Handlung den erſten Platz einneh⸗ men, nicht die Wildheit der Voͤlker ein wenig zaͤhmten, ſo wuͤrden ſie, trotz der groͤßten Waffenthaten, ſammt ihren beruͤhmten Feld⸗ herrn zu bedauern ſein, die oft weiter nichts ſind, als Menſchenſchlaͤchter, ihren gelehrten Aerzten, die ihnen etwas gleichen, ihren geſchick⸗ ten Diplomaten und Geſandten, die man nicht ganz mit Unrecht beglaubigte Spionen nennt, ihren Bibliothekaren und Antiquaren, die.... Hier wurde der Tanzkuͤnſtler vom guten Duwal unterbrochen, der gegen ihn in die Kampfbahn ſteigen zu muͤſſen glaubte, ohne Zweifel mit der Abſicht, das Feuer einer Bat⸗ terie zu hemmen, deren Blitze zur Rechten und Linken einſchlugen. „ Halt da!« rief er,„ jetzt werde ich ange⸗ griffen, und ich verlange, daß der Feind, waͤre —,—— 127 es nur durch eine Finte von dem ziemlich ſchwachen Poſten abſtehe, den ich auf der Burg einnehme, obgleich er von einer ziemlichen Hoͤhe iſt, weil ich, um dahin zu gelangen, taͤglich hundert und zwei und vierzig Stufen zu ſteigen habe. „Mein armer van Swieten, ich rathe Ih⸗ nen zum Ruͤckzug zu blaſen, denn ich leſe jetzt ein Buch, wo alle die Wunder, die Sie beſtreiten, erwieſen ſind, ein Buch, das ich meinem Freunde, dem Bruder Zoſimus ſchicken will, dem Vorſteher der Einſiedelei zu St. Anna, die ich, wie Sie wiſſen, wieder aufgebaut habe, weil ſie die Wiege meines kleinen Gluͤckes ge⸗ weſen iſt! Gewiß wird der Bruder Zoſimus durch meine Sorgfalt das Buch bald zu ſei⸗ ner groͤßten Belehrung erhalten, das in Wien im gegenwaͤrtigen Jahre Tauſend ſiebenhundert ſieben und ſechzig gedruckt worden iſt und den Titel fuͤhrt: Briefe uͤber den Tanz und die Ballete, groß und breit in Octav. Niemals hat eine Lektuͤre meinen Stolz mehr erniedrigt... Waͤhrend der alte Duval dieſe Worte ſprach, kaute der Tanzkuͤnſtler an den Naͤgeln, ruͤckte auf ſeinem Lehnſeſſel hin und her, ſchlug ein 128 Bein uͤber das andere und wieder zuruͤck, zog ſeine Tabaksdoſe, bediente ſich ihrer mit vielem Geraͤuſch, und mit einem eben ſo erſtaunten als beſtuͤrzten Geſicht ſchien er den neuen Red⸗ ner um Gnade zu bitten; endlich konnte ſeine gaͤnzliche Faſſungsloſigkeit den auf ihn gerich⸗ teten Blicken nicht entgehen. Nichts deſto we⸗ niger fuhr der gute Duval fort: „»Aus dieſem ſchoͤnen und ſehr gut ſtyliſir⸗ ten Buche habe ich geſehen, meine gnaͤdigen Frauen, daß ein vortrefflicher Balletmeiſter eben ſo einzig in ſeiner Art iſt, als der Phoͤnix und daß Alles, was die Welt an großen Maͤn⸗ nern jeder Art erzeugt hat, nur Pygmaͤen ſind im Vergleich mit einem vollkommnen Ballet⸗ dichter. Sollten Sie es mir nicht glauben wollen, meine Gunaͤdigen, ſo leſen Sie dieſes ſeelig geprieſene Buch, und wenn Sie dann meiner Meinung nicht beiſtimmen, ſo will ich mſch ſcheeren laſſen, wie ein Moͤnch!“ Ein verbiſſenes Lachen wurde in den ver⸗ ſchiedenen Winkeln des Saals bemerkt; waͤh⸗ rend aber die Frauen ſich mit ihren Schnupf⸗ tuͤchern oder Faͤchern den Mund bedeckten, hielt van Swieten gar kein Maas in ſeiner Freude. Der Tanzkuͤnſtler erholte ſich indeſſen doch von —— —— 129 dem Schlage, der ihm beigebracht worden war. Er ſprang von ſeinem Lehnſtuhl auf, ſtellte ſich in die Mitte des Zirkels und nahm das Wort mit der Sicherheit, die ihm niemals fehlte: „Meine gnaͤdigen Damen, wenn Sie nicht daran zweifeln, ſo will ich Ihnen ſagen, daß das Buch von mir ausgearbeitet worden iſt. Damit ſie es aber nicht gerade auf bloße Ver⸗ ſicherung beurtheilen, ſo werde ich die Ehre haben, es Ihnen nach acht Tagen ins Haus zu ſchicken; denn es wird nicht eher erſcheinen, und ich weiß bis jetzt noch nicht, wie es in andere Haͤnde als die meinigen hat kommen koͤnnen. Das iſt ein Stuͤck von unſerem Streit, der Sie angeht. Sie werden bemerken, daß ich nicht ohne gute Gruͤnde die Wiſſenſchaft von den Balleten mit einiger Wichtigkeit abgehan⸗ delt habe. Es giebt in der That wenig Dinge, die man durch dieſes Mittel einem Volke nicht beibringen koͤnnte. Die Moral ſoögar wuͤrde ihren Vortheil dabei finden. Ich kenne wenige unſerer ſchoͤnen Trauerſpiele, fuͤr die es nicht vortheilhaft waͤre, von Balleten begleitet, ja wohl gar vielleicht in Ballete verwandelt zu II. 9 „Aber das haͤtte ich nicht erwartet*, fuhr er empfindlich fort,„ daß ich den trefflichen Jameray Dubal, den mir theuerſten meiner Landsleute, mit meinen Feinden und den Fein⸗ den einer Kunſt vereinigt ſehen ſollte, die er einſt in zierlichen gluͤhenden Worten verherr⸗ lichte, wie ich es ſchwerlich im Stande ſein werde, als er in einer herrlichen Erzaͤhlung, die ich beſitze, ſeine Gefuͤhle uͤber den Geſang, die Muſik und die Taͤnze der Iſis ausdruͤckte. Ich glaube es war im Jahr 1718, waͤhrend ſeines erſten Aufenthaltes in der Hauptſtadt Frankreichs. Es iſt wahr, daß mein lieber Landsmann, wenn gleich er ſchon in Ueberein⸗ ſtimmung der Verordnung des gelehrten St. Hieronymus, zu jener Zeit noch ſehr jung war; denn ich behaupte, daß ihm das Blut in den Adern gefroren ſein muß, wenn er das Ver⸗ dienſt eines gut aufgefuͤhrten Ballets nicht fuͤhlt.« Waͤhrend van Swieten mit gedaͤmpfter Stimme etwas von Marktſchreierei murmelte, erwiederte Duval mit ſeiner gewohnten Bieder⸗ keit: „»„Bei meiner Treue, er hat recht; und es bleibt mir nichts uͤbrig, als den Kopf haͤngen . 131 zu laſſen. Ich glaube wohl, daß ich damals uͤber die Ballete, den Dichter derſelben, die reizenden Maͤdchen, die ſie auffuͤhrten und uͤber hundert Dinge mehr anders geurtheilt habe, als heute.... Deshalb laſſen Sie uns Friede machen, mein lieber Noverre!““ Und mit dieſen Worten ſtreckte er die Hand dem Tonkuͤnſtler entgegen, der ſtolz, aber doch voll Guͤte in ſeinem Triumphe, ſich zu dem guten Jameray herabneigte; dann erhob er ſich noch ſtolzer und fuͤgte hinzu: „Ich wuͤßte in dramatiſchen Dichtungen nichts, was nicht durch Hinzufuͤgung eines im Geiſt der Handlung gehaltenen Ballets ge⸗ waͤnne. Wenn Racine dies bedacht haͤtte, ſo haͤtte er wenigſtens in ſeinen heiligen Stuͤcken davon Gebrauch machen koͤnnen. Dann wuͤrde er nach einer ſo guten Aufnahme in St. Cyr nicht den Schmerz gehabt haben, ſeine Eſther in Paris durchfallen zu ſehen; denn das war unbeſtreitbar ein Stuͤck fuͤr Ballete.“ „Ich moͤchte dem Ritter Noverre beiſtim⸗ men“, bemerkte Styndall, der den Mund noch nicht geoͤffnet, aber ſich ſeit einer Stunde ſehr ergoͤtzt hatte;„Eſther war mehr ein Stoff fuͤr die Oper, als fuͤr das Trauerſpiel.“ 9* 132 » Sagen Sie, daß es ſich noch weit beſſer zu einer mimiſchen Darſtellung geſchickt haͤtte, wenn die das Subject ſo gluͤcklich erklaͤrenden Choͤre beibehalten worden waͤren. Unter mei⸗ nen Haͤnden waͤre dieſes ein koͤnigliches Stuͤck geworden. Dieſe junge Schoͤne, die die Taͤnze ihrer Geſpielinnen ſtoͤrt, um die Befehle des ſtrengen Mardachai zu vernehmen, der ſich in Trauerkleidern naht; dieſe reinen Lippen, deren Geſang in der Folge das Ungluͤck des ganzen dem Stolze eines Miniſters geopferten Iſraels bejammert; dieſer Schmuck, woran ſich die un⸗ ſchuldige Verfuͤhrung des aſiatiſchen Herrſchers oorbereiten muß; dieſe ruͤhrende Schoͤnheit, die ſich mit langſamen Schritten dem Throne naht; dieſer maͤchtige Koͤnig, kaum voll Zorn, bald bewegt und die liebeflammenden Blicke nach der richtend, die in dieſem Augenblick mit tauſend Reizen geſchmuͤckt, ihm unter die Augen tritt; Eſther endlich, die in die Arme der ſie beglei⸗ tenden Sunamiten ſinkt und ſich unter dem goldenen Scepter des Ahasveros erhebt, um mit dem Koͤnig den neuen Taͤnzen beizuwohnen, welche den Triumph des alten Jacob feiern, der noch einmal durch die Hand eines Weibes gerettet wurde! Ich habe nicht noͤthig mehr 133 zu ſagen. Alles dies, meine Gnaͤdigen, waͤre hinreiſſend, koͤſtlich; vorzuͤglich wenn das Co⸗ ſtuͤme treu beobachtet wuͤrde, wenn die Taͤnze und die alten Inſtrumente in der Scene ſo dar⸗ geboten wuͤrden, wie ſie die Traditionen noch unſerem Andenken aufbewahrt haben; denn der Tanz war ein Theil des Gottesdienſtes bei den Hebraͤern. Alles dieſes, ſage ich Ihnen, waͤre bewundernswuͤrdig und ganz Wien wuͤrde man herzulaufen ſehen.* „Weil wir eben von Eſther ſprechen“, ſagte Duval,„ſo muß ich Ihnen doch ſagen, meine Damen, daß ich als ein eifriger Bibelleſer in der vorigen Woche auf eine Stelle dieſes Buchs gekommen bin, die in keiner Ausgabe ſteht, obgleich ſie zum Grundtext gehoͤrte Sie be⸗ trifft noch die Nichte Mardachai's. Durch den Reiz der Kindlichkeit und des orientaliſchen Schmucks, die aus jedem Satze und faſt aus jedem Worte dieſes Fragments athmen, hinge⸗ riſſen, machte ich mir die Freude, es zu uͤber⸗ ſetzen. Da ich es eben in der Taſche habe, ſo leſe ich es Ihnen gerne vor, wenn Sie ſich irgend ein Intereſſe davon verſprechen. Aber ich muß Ihnen im Voraus ſagen, daß die Copie nur ein ſchwaches Bild der zahlloſen Schoͤnheiten des Originals darbietet.« Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall und er begann zu leſen: 4 1 Fragment des Buches Eſther. Sobald das Gebet des dritten Tages be⸗ endigt war, vertilgte Eſther ſo viel ſie ver⸗ mochte, die Spuren ihres Schmerzes und legte ihren reichſten Schmuck an. Und als ſie zum letzten Mal Gott, den Lenker und Erhalter angerufen hatte, begab ſie ſich mit dem An⸗ ſtand einer Koͤnigin nach dem Palaſt des Ahas⸗ veros, von zweien ihrer Frauen geleitet. Lang⸗ ſamen Schritts geht ſie vorwaͤrts und ſtutzt ſich auf eine Dienerin. Ihre aͤtheriſche Schoͤn⸗ heit und ihre zarte Jugend, wie mit einer wol⸗ luͤſtigen Mattigkeit uͤbergoſſen, ſchienen dieſe Stuͤtze zu verlangen, waͤhrend die zweite der Frauen die Schleppe des Kleides trug, das von der ſchlanken Geſtalt der Koͤnigin zur Erde herabfloß. Ihre Wangen waren mit Roſen⸗ farbe uͤberhaucht, faſt erroͤthend uͤber ihre Schoͤnheit und doch jeglichenfalls auf ſie rech⸗ nend, um die Liebe ihres Gatten zu erwecken, und doch noch zitternd fuͤr das, was ſie wagt, vertraut ſie dem Glanz ihrer Augen und einem 135 ſchwachen Laͤcheln die Sorge, die kurz zuvor vergoſſenen Thraͤnen zu verbergen. Da ſie nun alſo alle die Thuͤren der Reihe nach vor ihren Schritten ſich oͤffnen geſehen hatte, ſtand ſie vor dem Koͤnig, der, umgeben von den Abzeichen ſeiner furchtbaren Macht und bedeckt mit Gold, Purpur und Edelſteinen, auf dem Throne ſeiner Vaͤter ſaß. Ahasveros Majeſtaͤt war Ehrfurcht gebietend und ſchreck⸗ lich. Bei ihrem unvermutheten Anblick konnte er ſeinen Zorn nicht zuruͤckhalten und ſchleu⸗ dert einen vernichtenden Blick auf die Koͤnigin. Eſther ſinkt, wie von einem Blitze getroffen, in die Arme der juͤngſten Dienerin; die Roſen ihrer Wangen ſind verbleicht und der Sinne beraubt neigt ſie ihr mattes Haupt auf die Schulter der getreuen Sklavin. Und ſogleich ward durch einen goͤttlichen Willen des Koͤnigs Herz von Furcht und Guͤte bewegt, daß er eilig vom Throne ſtieg und ſeine Arme oͤffnete, um ſeine junge Gemahlin darin aufzunehmen. Und mit den zaͤrtlichſten Worten ſuchte er ihre Lebensgeiſter wieder zu erwecken. Was haſt du, Eſther, rief er; ich bin dein Bruder. Nein du wirſt nicht ſterben. Nicht fuͤr dich gab ich das Geſetz, das Allen 136 mich zu ſehen, ſtreng unterſagt! Fuͤrchte nichts von meiner großen Gewalt! Tritt herzu und beruͤhre das Scepter, das ſichere Pfand deines Heils! Aber Eſther, wieder erwacht, wagte die ge⸗ wuͤnſchte Bewegung nicht, da neigte Ahasveros ſeinen goldenen Stab und beruͤhrte ihren Bu⸗ ſen damit, kuͤßte ſie auf den Mund und fuhr fort zu ihr mit derſelben Milde zu reden: Eſther, warum ſprichſt du nicht zu mir? Da antwortete ihm endlich die Koͤnigin: Herr, als ich dich anſah, glaubte ich den Engel des Ewi⸗ gen zu ſchauen und deshalb ward mein Herz von Furcht vor dem Glanze deines Ruhms er⸗ fuͤllt; denn du biſt bewundernswerth, Herr, in deiner Macht und dein Antlitz ſtrahlt von An⸗ muth und Hoheit! Und als ſie die Worte ge⸗ ſprochen, neigte ſie ihr ſchoͤnes Haupt aber⸗ mals, ihre Augen ſchloſſen ſich und das Leben ſchien ſie zum zweitenmale verlaſſen zu wollen. Der Koͤnig iſt daruͤber beſtuͤrzt, und Jeder be⸗ muht ſich um Eſther und ſucht ihre Seele zu⸗ ſtaͤrken.« 5 Man dankte dem Leſer und lobpries den Ueberſetzer uͤber dieſe Arbeit allgemein; darauf fuͤgte der Aufſeher des kaiſerlichen Muͤnzkabi⸗ nets in beiden Eigenſchaften hinzu: „Sie ſagen, meine gnaͤdigen Frauen, daß dieſe Darſtellung hoͤchſt reizend iſt, und ich wage Ihnen zu verſichern, daß ſie in der latei⸗ niſchen Verſion in Ihren Augen noch weit groͤßere Reize haben wuͤrde, deren Schoͤnheiten ich nur ſehr ſchwach wiedergeben kann. Aber darf ich Sie entzaubern, ſo muͤſſen Sie wiſſen, daß dieſe Eſther, die ſo ſanft, ſo furchtſam, ſo zitternd vor dem perſiſchen Alleinherrſcher ſteht, als ſie nun das Gluͤck gehabt hat, ihre Landsleute dem Blutgeruͤſte zu entreiſſen, ſich nicht begnuͤgt, an einem Morgen den Miniſter Haman, ſeine zehn Soͤhne und fuͤnfhundert von Suſa erwuͤrgt zu ſehen, es kam ein ande⸗ rer Tag fuͤr ſie, Eſther ſank drei oder vier Mal in Ohnmacht und auf ihre Bitten und weinende Stimme wurden dreihundert andere Buͤrger der Stadt fuͤr das Verbrechen eines Einzigen am uͤbermorgenden Tage hingerichtet.« Eine Bewegung des allgemeinen Schreckens entſtand, in welchem Styndall das Wort nahm: „Dieſer Contraſt der Sitten, ſanft und grauſam zugleich, kann einem das Blut erſtar⸗ ren machen. Was Herr Jamerai Duval die 138 Guͤte hatte uns vorzuleſen, traͤgt ganz den Charakter der Wahrheit. Man muß durchaus eine Localfarbe darin erkennen, die allen Laͤn⸗ dern des Orients gemeinſchaftlich iſt. Noch heut zu Tage uͤbt eine Sultanin oder ſchoͤne Odaliske durch ihre Reize und durch jenes uͤp⸗ pige entflammende Schmachten dort dieſelbe Gewalt uͤber einen Satrapen aus und bringt ihn dann zu denſelben Graufamkeiten. Und es wird in allen Laͤndern ſo ſein, wo die Auf⸗ klaͤrung das menſchliche Geſchlecht ſeiner Rechte nooch nicht hinlaͤnglich verſichert hat; die Frauen werden ſich dort alle zuſammen ſchwach und grauſam zeigen.« » Herr Styndall“«, entgegnete die Fuͤrſtin von Oedenburg mit verſtellter Strenge,„wir haben Ihnen ſchon einmal verziehen, daß Sie uns bei Gelegenheit, als Sie die Grade der Liebe zwiſchen beiden Geſchlechtern beſtimmten, guf eine ſehr zweideutige Art abfertigten; ich kann mich in dieſem Augenblick nicht recht mehr entſinnen, welch einen vermeintlich ſittlichen Theil Sie uns in dieſer Erwiederung wechſel⸗ ſeitiger Zuneigung anzuweiſen beliebten; und jetzt finden Sie uns ſogar ſchwach und grau⸗ ſam zugleich. Das iſt ein Kampf auf Leib und 139 Leben, den Sie uns zugeſchworen haben! Ohne den Unterſchied des Alters wuͤrde ich zu glau⸗ ben verſucht ſein, daß Sie mit dem guten Ja⸗ merai den Sallat getheilt haͤtten; und doch haͤtte er auf Sie einen weit merklicheren Einfluß hervorgebracht als auf meinen trefflichen Freund, denn er iſt doch viel weniger erbittert und wir verſpuͤren nicht dieſelbe Strenge an ihm und ich kann mich uͤber dieſe Meinung auf das Zeugniß der Fraͤulein Guttemberg und Soco⸗ loff beziehen.“ „Ich bitte um die Erlaubniß“, antwortete der Englaͤnder,„daß ich hier ein Wort der Erklaͤrung einlegen darf. Ich beſchraͤnkte mich nur von den orientaliſchen Laͤndern zu ſprechen, obgleich ich auch auf andere das anwenden koͤnnte, was wir bei Gelegenheit der ſanften Eſther bemerkt haben. Ueberall wird es ge⸗ faͤhrlich ſein, daß die Frauen uͤber die Maͤnner die Macht eines Augenblicks ausuͤben. Ihre Schwaͤche ſelbſt vergroͤßert die Gefahr. Sie verwunden niemals, als nur mit der Waffe, die ſogleich wieder ihren Haͤnden entnommen wird. Sehen Sie wie in Frankreich faſt alle Regentinnen und Favoritinnen dieſelbe miß⸗ braucht haben! Wenn im Gegentheil die Frauen 140 zum Throne beſtimmt ſind, wohin ſie durch Geſetze gelangen und durchaus nicht in der Ausuͤbung einer ſchon feſtbegruͤndeten Autoritaͤt geſtoͤrt werden, ſo iſt ihre Herrſchaft faſt im⸗ mer friedlich und oft durch die Weisheit und den Glanz ihrer Regierung ausgezeichnet. Iſa⸗ belle von Portugal, Eliſabeth von England, nach dem Tode ihrer Nebenbuhlerin, Catharina von Rußland und Ihre unſterbliche Maria Thereſia beſtaͤtigen dieſen Ausſpruch. Alſo, meine Gaaͤdigen, iſt es allein die Macht einiger Augenblicke, die man ihnen verweigern muß; dahingegen iſt es der groͤßte Gewinn, wenn wir uns fuͤr das ganze Leben Ihrer Herrſchaft unterwerfen.« Die letzteren Worte begleitete ein ſehr aus⸗ drucksvoller, aber ſchneller Blick, der Charlot⸗ tens Blicken begegnend, die ihrigen zu Boden draͤngte. Der Baron von Holger ging vorerſt auf Styndalls Idee ein, fuͤhrte ſie ſtreng lo⸗ 35 durch, zeigte dann folgerichtig mit etwas Wichtigkeit, daß Grauſamkeit ihrem Weſen nach die natuͤrliche Folge der Schwaͤche ſein muͤſſe, daß alles Leben auf Erden den Wunſch der Erhaltung hege, daß die Kraft der zu die⸗ ſem Zweck fuͤhrenden Maßregeln immer im um⸗ 141 gekehrten Verhaͤltniß der Mittel berechnet wer⸗ den muͤſſe, vorzuͤglich wenn es ſich um verſtaͤn⸗ dige Weſen handle; und er fuͤgte fuͤr die Um— ſtaͤnde ſehr paſſend das beruͤchtigte Ariom von Hobbes an: Ein vor dem Alter ſtarkes Kind muß gezogen ſein; malus puer robustus.« „Nun ſehen Sie an, rief van Swieten, „wohin uns ein Streit uͤber Luftſpruͤnge und Kreisdrehen gefuͤhrt hat! Herr von Noverre muß ganz entzuͤckt daruͤber ſein. Beſſer kann man gewiß nie die Allgewalt der Ballete dar⸗ thun, weil ſie uns ſo weit gefuͤhrt haben. In den Beinen und Fuͤßek unſerer Frauen muß doch viel Geiſt ſein, da wir von einem Wort⸗ wechſel, der ſie betrifft, noch zuletzt auf etwas Vernuͤnftiges gefallen ſind. Ich beſchraͤnke mich, wie man ſieht, von Taͤnzerinnen zu reden; denn es ſind wohl keine zehn Maͤnner fuͤr ihr Geld in einem Schauſpielhaus, die ein Ballet mit anzuſehen verdammt ſein moͤchten, wo ſie nicht figurirten.“ „Aber die Frauen wuͤrden vielleicht darin ſein“, entgegnete Noverre. „Eben ſo wenig!“ verſetzte Styndall, ich wagte es zu verbuͤrgen, wenn ſie wenigſtens von einigen Maͤnnern begleitet wuͤrden; denn 142 was ſie auf dem Theater ſehen, hat nur das Recht, ihnen eben ſo zu gefallen, da das, was ſte an ihrer Seite finden, dieſes Vergnuͤgen legitimirt oder ihnen wenigſtens das zu leb⸗ hafte Mißvergnuͤgen daran erſpart.⸗ „Sei es!“ rief Noverre.„Unſer Univerſi⸗ taͤtspraͤſident hat nicht weniger geringſchaͤtzig von den Fuͤßen der Frauen geredet.“ „ Unſer Ritter des Chriſtus erwartete viel⸗ leicht“, verſetzte van Swieten,„daß ich daruͤber mit der Tiefe abgehandelt haͤttee, die er in den Briefen uͤber die Ballete und den Tanz angewandt zu haben ſich ſchmeichelt; leider geht nicht jedermann nach Corinth.“ „Ich verlange nicht, daß man den Gegen⸗ ſtand erſchoͤpfe“, ſagte Noverre.„Wer wuͤrde denn zehn Klaftern tief in die Erde graben, um Blumen und Fruͤchte zu ſuchen, wenn er ſie beim erſten Blick auf der Oberflaͤche ge⸗ wohrte? Er wuͤrde ja den fetten Boden ganz und gar verderben. Es ſei mir nur noch zu ſagen erlaubt, daß man wenig Recht hat, eine in dem Weſen der Frauen ſelbſt begruͤndete Eigenſchaft mit Geringſchaͤtzung zu behandeln, auf die ſie ſelbſt nicht viel Wichtigkeit legen laſſen. Ueberall, wo die Bildung durchgedrun⸗ 143 gen iſt, gehoͤren ihre Fuͤße unter diejenigen ihrer Reize, welche ihre Aufmerkſamkeit gleich der unſrigen feſſeln; uͤberall beſchaͤftigen ſie ſich auf eine beſondere Art damit. Gehorchen ſie nun dem Inſtinkt oder der Ueberlegung— ich uͤberlaſſe Ihnen die Wahl—, wenn ſie ſich dieſer Sorge hingeben? Zu meinem Zwecke iſt es einerlei. Ich nehme allein die Handlung der Sache in Anſpruch. Andererſeits verſichere ich, daß niemand fuͤr dieſe Gattung der Schoͤnheit unempfindlich ſein kann, er muͤßte denn eine Ausnahme von der Regel machen. Die Frauen wiſſen es noch recht gut, wiſſen auch, daß ſie auf dieſe Art eine Gewalt uͤber uns ausuͤben und es iſt ganz einfach, daß ſie einen Werth darauf legen. Der Doktor wird eine Diagnoſe oder Prognoſe, die Anzeige oder den Mangel irgend eines Vorzugs darin ſehen und hoͤren, von dem beide Geſchlechter das Vorgefuͤhl ha⸗ ben wuͤrden; aber er iſt uͤberzeugt, daß eine Frau in dem Augenblick, wo ſie bemerkt, man betrachte ihre Fuͤße, ſchoͤn oder nicht, ſie ſo⸗ gleich verbirgt.“ Die Damen leugneten dieſe Behauptung; aber der Fuͤrſt Eſterhazy ſagte zu ihnen: „In Noverre's Bemerkung muß etwas Wah⸗ 144 res liegen, meine Damen; ich habe Sie, waͤh⸗ rend er ſprach, genau beobachtet. Sie ſind alle roth geworden nnd von einem Dutzend allerliebſter Fuͤße, die erſt ſichtbar waren, ha⸗ ben ſich zehne ſogleich zuruͤck gezogen, wie Schnecken in ihr Haus, ſobald man ihre Fuͤhl⸗ hoͤrner beruͤhrt.⸗ Die der Baröonin von Stein zeigten ſich al⸗ lein noch, und in der That waren ſie ſo niedlich wie ihre Haͤnde und ſorgſam wachte ſie daruͤ⸗ ber, daß ſie nicht von den Schuhen entſtellt wurden. Jedoch zoͤgerte ſie nicht, dem Bei⸗ ſpiele der Andern zu folgen.. 17. Styndalls Beſuche im Palaſt von Oeden⸗ burg wurden immer haͤufiger.„Und unſtreitig war es von allen Haͤuſern in Wien„ wo man ſich einer angenehmen und lehrreichen Unter⸗ haltung erfreute, das, wo die Abendgeſellſchaf⸗ ten dieſes zwiefache Verdienſt am beſten verei⸗ nigten. Der Englaͤnder trug ſeinen Theil bei und vermehrte dadurch ihren Reiz. Auch war ſeine Gegenwart faſt allen Perſonen von An⸗ ſehen, die dort zuſprachen, angenehm. Es iſt ſelten, daß man irgendwo gern geſehen wird, ohne ſich ſelbſt dort zu gefallen; aber es war ein noch weit maͤchtigerer Beweggrund, der ihn in den Saal der Fuͤrſtin fuͤhrte. Auch außer den beſtimmten Geſellſchaftstagen, wagte er es ſchon, Charlotten zuweilen zu beſuchen, und die zuvorkommende Anmuth, mit der er empfangen wurde, war weit entfernt ihn zu entmuthigen. Von Zeit zu Zeit loͤste er den Baron von Sperges beim Vorleſen des Abends ab; zu⸗ weilen begleitete er die Damen auf ihren Spa⸗ ziergaͤggen. Durch Tom Sylcock von ihren Plaͤnen immer unterrichtet, fand er— wenn er nicht eingeladen war, in ihrem Wagen Platz zu nehmen— ein Mittel, ſich zu Pferde zu ihnen zu geſellen und meiſt ſprachen ſie ihn in der Haͤlfte oder gegen Ende ihrer Fahrt am Schlage. Der Graf von Torontal hatte ſich unvermerkt aus dem Palaſte entfernt; kaum hatte man wahrgenommen, daß er fehle, oder wenn man einige Aufmerkſamkeit darauf verwendet hatte, ſo war es allein, um ſich daruͤber zu freuen. Aus Ruͤckſicht fuͤr ihren Gemahl, der hoͤch⸗ ſtens drei oder vier Monate des Jahrs in Wien zubrachte, nahm die Baronin von Stein jezuweilen die Einladungen ihrer Verwandten und Privatfreunde, obgleich die Geſellſchaft die⸗ II. 10 ſer Leute aus der untern Claſſe nicht gerade ihr Geſchmack waren. Dieſe Tage waren Feſt⸗ tage fuͤr Styndall. Ueberzeugt, daß er die Fuͤrſtin allein bei ſich treffen wuͤrde, machte er freier von dem Vorzug, ſie zu unterhalten, Ge⸗ brauch und er uͤberzeugte ſich immer mehr, wie viel Hohes und Zartes in ihrem Geiſte ſei, der wie ein Wunder ſich der Tyrannei der Gebraͤuche entzogen und doch klug genug war, um ſie niemals zu verachten. Einige Mal hatte er das Gluͤck, daß er in dem Augenblicke anlangte, wo Charlotte mit ſich im Widerſtreit war, ob ſie wegen der Abweſenheit ihrer Cou⸗ ſine im Augarten, der kaum funfzig Schritte von ihrem Palaſte entfernt war, friſche Luft ſchoͤpfen ſollte oder nicht. Dann verweigerte ſie es keinesweges, ſeinen Arm ſtatt deſſen der Baronin zu nehmen und keins von beiden be⸗ klagte ſich uͤber den Tauſch. In Styndalls Augen waren dieſe Gunſtbezeugungen unendlich groß; denn ſein Umgang mit Frauen war bis jetzt ein heiliger geweſen, er legte auf jedes Entgegenkommen einen unendlichen Werth, und als die, welche ihm uͤber Alles theuer war und von der er einige Erwiederung erwartete, ihm den Arm reichte, konnte er ihn nicht annehmen —— 147 ohne darin faſt ein Beſitzthum zu ſehen. Seine Worte huͤteten ſich wohl dies zu verrathen, aber ſeine zaͤrtlichen und ehrfurchtsvollen Blicke zeugten von ſeinen Gefuͤhlen; es theilte ſich dem Ausdruck ſeiner Stimme in einem ſolchem Grade mit, daß es ſchwer geweſen waͤre, ſich nicht zu ſagen: Mein Gott, wie ſuͤß muͤßte es ſein, an der Seite dieſes Mannes zu leben! Auch in Charlotten lebte dieſe Ueberzeugung; ſie konnte ſich den Eindruck, den Styndall auf ſie gemacht, nicht mehr verbergen noch ſich darin irren, was ſie in ſich ſelbſt wahrnahm. Wenn das Wort Liebe unter ihnen noch nicht ausgeſprochen worden war, ſo lag es zweifels⸗ ohne daran, daß ſie dieſelbe wie jene Gotthei⸗ ten betrachteten, die niemals heiliger verehrt wurden, als wenn man ihren Namen verſchwieg. Aber aus der Art ſich zu begruͤßen, ſich anzu⸗ reden, Abſchied zu nehmen, wurde es ganz of⸗ fenbar, daß ſie ſich ihrer Herrſchaft unterwor⸗ fen erklaͤrten. Die Baronin von Stein, fuͤr die der Englaͤnder eine Aufmerkſamkeit zeigte, fuͤr die die Frauen um ſo mehr erkenntlich ſind, wenn ſie wiſſen, daß ein Mann ſchon an⸗ derswo gefeſſelt iſt, war ſchon uͤber eine Ver⸗ bindung entzuͤckt, die ſie bewerkſtelligt zu ha⸗ 10* 148 ben glaubte; und Fraͤulein Hubert, fuͤr deren Verdienſt Tom Sylcock nicht unempfindlich war, machte ſich Hoffnung, ihre Herrin wuͤrde ſich nicht unter Hymens Joch beugen, ohne einem zweiten Paare ſeine Spende auf denſel⸗ ben Altar legen zu laſſen. Da die Fuͤrſtin von Oedenburg der Eltern beraubt war, die ihr in ihren Jugendjahren irgend einen Antheil erzeigt haͤtten, ſo unter⸗ hielt ſie nur einen einzigen ziemlich ununter⸗ brochenen Briefwechſel, und zwar mit dem eh⸗ renwerthen Ulrich von Kaurzim in Boͤhmen. Sie entſchloß ſich ihm zu ſchreiben und ihm den Zuſtand ihres Herzens auseinander zu ſetzen, das in den letzten Jahren ihrer ehelichen Verbindung leer geblieben oder vielmehr nicht erfuͤllt geweſen war, und worin der Gentle⸗ man jetzt einen ſo wichtigen Platz einnehme. Sie wurde dazu durch ein Ereigniß von ſehr geringer Bedeutſamkeit in ihren Augen be⸗ ſtimmt; denn ſie hatte vom Schoͤpfer einen zu hellen Verſtand erhalten, um ſich durch Traͤu⸗ me zu beunruhigen; da ihr jetziger aber drei Aufzuͤge hatte und Styndall in allen dreien Hauptperſon, ja ſogar einziger Schauſpieler war, ſo zog ſie daraus eine wenigſtens ſehr wahr⸗ 149 ſcheinliche Vermuthung: daß der Englaͤnder ihren Geiſt auch ſogar im Schlafe ſo ſehr be⸗ herrſche, daß es fuͤr ſie Zeit ſei, zur Meinung irgend eines erfahrenen weiſen Mannes ihre Zuflucht zu nehmen. Wohl hatte ſie den redli⸗ chen Jamerai auf ihrer Seite, deſſen Freund⸗ ſchaft um Rath zu fragen, ihr erlaubt war; aber leider konnte man nicht zu ſeinem Auf⸗ enthalt auf der Burg kommen, ohne ein Heer von Stufen zu erſteigen und ohne Gefahr ſich in einer Art Labyrinth zu verirren, woraus einſt ein Reiſender, der auf eine Unterhaltung mit dem beruͤhmten Aufſeher des M uͤnzkabinets begierig war, nicht anders als durch die Gefaͤl⸗ ligkeit des ſeeligen Kaiſers Franz I. kommen konnte, der ſich herabließ, in eigener Perſon den Cicerone bis an die Thuͤre des Gelehr⸗ ten zu machen. Charlotte erachtete es fuͤr zweckmaͤßiger, eine Antwort aus Boͤhmen abzu⸗ warten, als ſich einer ſolchen Gefahr auszu⸗ ſetzen. Indem ſie an den wuͤrdigen Herberg ſchrieb, befriedigte ſie zugleich ein Beduͤrfniß ihres Herzens; auch war ihr Brief lang, um⸗ ſtaͤndlich, reich an wichtigen Faͤllen, dabei hoͤchſt aufrichtig und hin und wieder durch Zweifel bemerkenswerth, uͤber die ſie den Schuͤtzer 150 ihrer Kindheit befragte. In der folgenden Woche erhielt die Fuͤrſtin vom alten Herberg einen langen Brief, worin es unter Andern hieß: „ Wenn Herr Styndall der iſt, wie du mir ihn ſchilderſt, theure Tochter,— und ich halte mich an dein Urtheil, deſſen Geradheit ich ken⸗ ne— ſo zweifle ich nicht, daß er der wieder⸗ geborene Gatte iſt, welchen dir der Heiland beſtimmt. Es haͤtte mir allzugroßen Kummer gemacht, wenn meine theure Charlotte auf ihrer Lebensreiſe nicht den wuͤrdigen Gefaͤhrten gefun⸗ den haͤtte, auf deſſen Arm geſtuͤtzt ſie dem an⸗ dern Leben zuwandeln koͤnnte, Leben, von Gottes Wort verheißen, das niemals luͤgt. Gleich dir, mein Kind, erkenne ich in dieſem Manne einen ſchoͤnen Schwung des Geiſtes und eine edle Waͤrme der Gefuͤhle, gleich dir ſchmerzt es mich, ihn mit einer geheimnißvollen Wolke um⸗ haͤllt zu ſehen, die mein Auge nicht durchdrin⸗ gen kann, ſo viel Licht du mir auch gegeben haſt. Daß er dich hat fliehen wollen, iſt auſſer Zweifel, und ich fuͤrchte mit dir, daß eurer Ver⸗ bindung große Hinderniſſe im Wege ſtehen. Wenn ſie deine wahrhafte Ehre in Gefahr ſetzen, wenn ſie eine einzige deiner Tugenden 151 zum Opfer verlangen ſollten, ſo weiß ich, daß meine theure Tochter nicht weiter gehen wird. Aber ich habe noch andere Gruͤnde, um mich in dieſer Hinſicht zu beruhigen. Dieſer Mann hat eine große Redlichkeit; er iſt kein Sohn des Belial, obgleich ich ihm ſehr lebhafte Lei⸗ denſchaften zutraue; dieſe aber koͤnnen ihm ſelbſt nur ſchaden und er wuͤrde, wenn es noͤ⸗ thig waͤre, mein geliebtes Kind gegen ſeinen eigenen Willen beſchuͤtzen; denn du haſt mir Zuͤge von ihm erzaͤhlt, die einem maͤhriſchen Bruder zur Ehre gereichen wuͤrden. In Wie⸗ den, in der Mitte der Armen und Duͤrftigen hat er nach Chriſtus Beiſpiel ſeine Wohnung gewaͤhlt. Wir wollen deſſen gewiß ſein, das Gefaͤß, auf dem die Worte geſchrieben ſtehen: Laſſet die Kleinen und Schwachen zu mir kom⸗ men, wird niemals etwas Unreines enthalten. Deshalb glaube ich, daß der Himmel ſelbſt ihn dir zugefuͤhrt hat.«“ „Statt deiner Geſtaͤndniſſe, in denen die Reinheit deines Herzens ſo herrlich glaͤnzt, haͤtte mir der Traum ſchon ſattſam verkuͤndet, daß der Fremde dir theuer iſt; aber meiner Meinung nach ſchließt er nichts Beunruhigen⸗ des in ſich, obgleich die Zukunft ſich oft in 152 Traͤumen enthuͤllt, ſo wie es mit denen der Fall war, die in den Mauern des Kerkers von dem jungen Sohn Jacobs und vor einem Koͤ⸗ nig von Daniel gedeutet wurden, der ſeit ſeiner Kindheit weiſſagte. Der Himmel offenbarte ſich auch im Schlafe dem Manne, deſſen Obhut er die Mutter des Heilands anvertraute. In unſerm Innern iſt ſtets eine Stimme lebendig, die man oft deutlicher in der Ruhe des Schlafs vernimmt, als in der tiefſten Beſchauung. Du weißt, daß die Bruͤder unſerer Gemeinde ohne Uhr noch Sonnenuhr, bei Nacht und bei Tage, bei nebligem oder heiterm Wetter ſich zur be⸗ ſtimmten Stunde im Tempel verſammeln und daß ſie ſich nicht um eine Minute uͤber den Augen⸗ blick taͤuſchen, wo ſie den, der ſich dem Gebet uͤberlaſſen hat, zum Aufſtehen erinnern muͤſſen. Von oben herab erhaͤlt ihr Geiſt eine ſolche Weiſung, und deshalb, mein Kind, bin ich weit entfernt, die Traͤume zu leicht zu betrachten, aber ich glaube dem Deinigen keinen beſondern Werth beilegen zu duͤrfen.“ „In der That, da du mir ſchreibſt, du haͤt⸗ teſt in demſelben Traume Herrn Styndall drei⸗ mal in dein Haus bringen ſehen, das erſtemal in dem Zuſtand, in dem er ſich befand, als du fuͤr einen Verurtheilten Begnadigung erhielteſt (moͤchte ihn doch der allmaͤchtige Gott durch die Tugend Chriſti beſſern!), das zweitemal von einem Gewitterſturm getroffen, ohne daß er ein Zeichen des Lebens von ſich gebe, und das drittemal in einer Lage, die du nicht be⸗ ſchreiben kannſt, weil eine unſichtbare Hand dir einen Schleier uͤber die Augen warf. Es iſt augenſcheinlich, meine theure Tochter, daß dein Traum in allen ſeinen Umwandlungen nur eine Folge deſſelben Eindrucks iſt. Ich ver⸗ pflichte dich nicht weiter daruͤber nachzudenken und noch viel weniger dir irgend einen Kummer darum zu machen; vertraue du dem Spruche: Was Gott bewahrt, iſt wohl verwahrt.“ „Ich antworte dir ſchnell, weil der Geiſt mir befohlen hat, mir einen Nachfolger in der Oberaufſicht der Gemeinde zu ernennen, was mir einige Muſſe gewaͤhrt, die ich ſo gerne mit meinem Kinde theile. Mein Gebet wird, wie ich es befuͤrchtete, manchmal durch das Anden⸗ ken an deine theure hochgeſchaͤtzte Perſon ge⸗ ſtoͤrt; aber Chriſtus wird es mir verzeihen; denn wie ſollte ich jemals die Tochter vergeſ⸗ ſen, die ich erzogen habe, die der Himmel be⸗ ſchuͤtzt hat, als ich ſie aus meinen ſchwachen 154 Haͤnden entließ? Alſo haſt du ſelbſt meine Nichte Rachel Reichenbach beſchuͤtzt, worin der Fremde, ohne es zu wiſſon, mit dir zuſammen⸗ traf; der Vater Aller wird es euch Beiden ohne Zweifel vergelten. nicht mit eitlen Titeln der Erde ſchmuͤcke; du haſt andere Zierden in meinen Augen und ich hoffe, daß du, von des Himmels Gnade unter⸗ ſtuͤtzt, ſie dir fleckenlos erhalten wirſt. Den St. Jorgerwein, den du mir geſchickt, habe ich fuͤr unſere Kranken aufbewahrt. Ich werde, wenn das Leid mich heimſucht, meinen Theil davon erhalten, und wenn ich ihn mit den Lip⸗ pen beruͤhre, werde ich mich erinnern, daß dieſe Staͤrkung von meinem Kinde kommt. Gott ſei Dank! fuͤr den Augenblick iſt Nie⸗ mand unter uns bettlaͤgerig. Der Heiland ſegne dich, wie ich es thue! VVon unſerer Gemeinde zu Kaurzim, 4 den 18. September 1767. Der Bruder Ulrich Herberg. Durch dieſen Brief wurde die Fuͤrſtin von Oedenburg wieder vollkommen ruhig; ſie freute ſich, ſo unendlich viel Gutes von Styndall — Du ſiehſt, Waiſe von Klattau, daß ich dich —— —— 155 geſagt zu haben und noch weit angenehmer war es ihr, dies Alles durch ein Zeugniß be⸗ ſtaͤtigt zu ſehen, das keiner Beſtechung verdaͤch⸗ tig ſein konnte. Der Traum, mit dem ſie ſeit acht Tagen beſchaͤftigt geweſen war, ſchien ihr nicht mehr Aufmerkſamkeit werth, als ihm der gute Maͤhre ſchenkte; und uͤberdieß kam ihr eine neue Art, ihn zu deuten, in den Sinn, und dieſe gab ihr die Liebe ein. Wenn es vom Schickſal beſtimmt ſei, daß Friedrich(was je⸗ doch wenig wahrſcheinlich war) noch zweimal zu ihr gebracht werden ſollte, warum ſollte ſie nicht annehmen, daß der Schleier, den ſie ihren Schritten entgegen wallen geſehen hatte, den Traumſchleier bedeute, der uͤber das Braut⸗ paar gebreitet wird, deſſen Bund vor dem Al⸗ tar eben eingeſegnet werden ſoll. Dieſe Vor⸗ ſtellung ſchmeichelte ihrer Einbildungskraft und verdraͤngte die boͤſen Vorbedeutungen und auf einen traurigen Gegenſtand des Kummers ließ ſie gluͤckliche Vorahnungen folgen. Wie ſchon bemerkt, ſpazirten Styndall und Charlotte oft zuſammen allein in den Umgebun⸗ gen der Leopoldſtadt. Eines Abends waren ſie bis in den Prater gekommen. Die Gelegenheit 156 beſtimmte ihren Wunſch, den ſchon weit vor⸗ geruͤckten Herbſt nicht alle Blaͤtter, die ſonſt die Inſeln umſchattet hatten, der ſie entfuh⸗ renden Donau uͤbergeben zu laſſen, bevor ſie nicht die, auf der ihre Herzen ſich ſo ſehr ge⸗ naͤhrt hatten, noch einmal beſucht haͤtten; viel⸗ leicht trieb beide ins Geheim ein gewiſſes Dank⸗ gefuͤhl zu dem Verlangen, ſich wiederum an das Ufer der kleinen Bucht zu ſetzen, ohnlaͤngſt Zeuge ihrer zaͤrtlichen und vertrauten Unter⸗ haltung. Die Landſchaft, die Erinnerungen, die ſie haͤtte erwecken koͤnnen, wenn ſie nicht gegenwaͤrtig geweſen waͤren, die Spaͤte der Jahreszeit, die des ſich neigenden Tages ſelbſt, alles dies beſaß mehr als noͤthig die Macht, in gewoͤhnlichen Menſchen die innigſten Erguͤſſe der Liebe hervorzurufen, aber das Schauſpiel der Natur, noch mit dem Stempel einer ſanf⸗ ten Erhabenheit ausgepraͤgt, ſprach zu den Herzen dieſer Beiden eine andere Sprache. Durch ſchwermuͤthige, wichtige Betrachtungen deuteten ſie dem ſterbenden Jahre ihren Ab⸗ ſchiedsgruß an, und uͤberzeugten ſie dabei im⸗ mer mehr, daß ſie einander angehoͤrten. Fuͤr Freunde verſchiedenen Geſchlechts giebt es in dieſer Welt mehrere Mittel, ſich zu ſagen, daß —— ſie ſich theuer ſind, Mittel, die ſtets der Art ihres Geſchmacks und ihrer Neigungen unter⸗ geordnet ſind. Bei den Einen iſt man durch eine Unterhaltung von unbedeutenden Dingen, die ſo fluͤchtig ſind, wie die Annehmlichkeiten, die bei ihnen Alles beſtimmen, was ſie mit dem Namen Leidenſchaft zu belegen belieben, ge⸗ faͤllt; fuͤr die Andern haben die ſchoͤnen Wahr⸗ heiten der Moral und Ordnung Reize, die auf die Perſon, die ſie mit Gluͤck ausſpricht, zuruͤck⸗ ſtrahlen. In Betreff der Letztern iſt es auch eine Weiſe ſich Liebe zu erwerben, wenn man wuͤrdig ſpricht von einer vorſorgenden Grund⸗ urſache, von dem gewaltigen Schauſpiel, in deſſen Mitte ſie uns geſtellt hat, von der menſch⸗ lichen Geiſtesvollkommenheit, von ſeinen mittel⸗ baren Beziehungen mit dem Univerſum, von der Anwendung des Lebens und des Tages und von den troͤſtenden Gruͤnden der Gewiß⸗ heit eines kuͤnftigen Lebens. Die fromme Schuͤ⸗ lerin des Maͤhren Ulrich konnte in dieſer Sprache nicht unbewandert und ungeſchickt ſein. Nach der Gegend des Horizontes hinge⸗ wandt, wo die Gebaͤude der Stadt durch einen feuchten Nebel durſchimmerten, ſagte ſie: „Wer ſollte meinen, daß ſo viel Leben ver⸗ 24 158 weile, ſo viel Intereſſen in der Mitte des Ne⸗ bels ſich kreuzten, in dem unſere Stadt zu ſchwimmen ſcheint? Moͤchte man nicht an die Ruhe glauben, von der er uns einen Anſchein giebt. Dieſe bewohnte Ferne vergegenwaͤrtigt uns in der That noch weniger die Bewegung des Lebens, als ein kaltes Kamajoͤgemaͤlde einem ſchoͤnen Ruisdael oder einer durch Salvator Roſa's Pinſel belebten Landſchaft aͤhnlich iſt. Weil all dies Treiben ſein Ende, ſein nahes Ende haben muß, weil ſo viel Geſchoͤpfe, die einen nach den andern von der Nacht der Ver⸗ geſſenheit umhuͤllt werden und fuͤr den Forſcher, der uns folgen will, bald nicht mehr ſein wer⸗ den, was ſie uns jetzt in dieſem Raum und hinter dem luftigen Vorhang ſind, der uns das Schauſpiel ihrer unruhigen Bewegung entzieht, waͤre es da nicht beſſer, daß ſie in einem ver⸗ nuͤnftigeren Betreiben wohlverſtandenen Inte⸗ keſſen lebten? Waͤre es nicht zu wuͤnſchen, daß ſie ſich gleichfoͤrmiger auf dieſen reichen Fel⸗ dern ausbreiteten, ſtatt daß ſie einen einzigen Ort der Erdkugel uͤberhaͤufen, und daß ſie ſich ohne Neid und Anſtoß die Freuden verſchaff⸗ ten, welche der Himmel beabſichtigt? Ich weiß nicht, ob ich es meinem Aufenthalt zu Klat⸗ 159 tau zuſchreiben ſoll; aber ich liebe die großen Staͤdte nicht.“ „Gnaͤdige Frau“, entgegnete Styndall, „ich liebe ſie gleichfalls wenig; vor einigen Monaten liebte ich ſie noch weniger. Es giebt jedenfalls Dinge, die man nach ſeinem gegen⸗ waͤrtigen Geſchmack nicht zu ſehr bekritteln darf; und dies iſt von der Art. Es iſt ſchwer, beſſer, als Ihre Hoheit gethan zu haben, den Zuſtand einer ungeheuren Stadt zu mahlen, die man von fern durch den Nebel ſieht, worein ſie ſelbſt ſich huͤllt, und der alles Leben in ihr einzuſchlaͤfern ſcheint; aber ich halte die großen Staͤdte fuͤr das menſchliche Geſchlecht noth⸗ wendig; ich glaube, daß ohne ſie der Verkehr der geſellſchaftlichen Verbindungen ruͤckwaͤrts gehen ſtatt vorwaͤrts ſchreiten wuͤrde.« „Wohlan, mein Freund, geben Sie mir die Gruͤnde an, auf die Sie Ihre Meinung ſtuͤtzen! Sie wiſſen, daß ich nicht boͤſe daruͤber bin, wenn ich manchmal von Ihnen widerlegt werde. Ueberhaupt keine Titel, keine Complimente! Wir ſind alte Bekannte! Ich habe Ihnen dar⸗ uͤber ſchon zu viel geſagt, als daß wir dieſer Woͤrter noch beduͤrften.... Haben Sie mir nicht hier an dieſer Stelle Ihre Freundſchaft 160 verſprochen, worauf ich mich verpflichtete, Ih⸗ nen die meinige ganz und gar zu ſchenken? Friedrich, ſein Sie verſichert, daß ich unter dieſem Schatten mein Wort nicht wieder zuruͤck⸗ nehmen werde.“ „Reizende, liebenswuͤrdigſte aller Frauen, um jeden Preis muß ich mir das bewaͤhren, was Sie mir ſo großmuͤthig zugeſtanden ha⸗ ben. Nicht hier, nicht anderswo werde ich mich deſſen unwuͤrdig zeigen. Es iſt moͤglich, daß dieſer Wille auf die Probe geſtellt wird und dann moͤgen Sie mich beurtheilen.... 4 „Ich ſagte Ihnen, daß ich die großen Staͤdte fuͤr die Voͤlker nothwendig halte, die in Staa⸗ ten verbunden ſind; ich koͤnnte meine Behaup⸗ tung noch viel weiter ausdehnen und die großen Staͤdte als der ganzen Menſchheit weſentlich betrachten. Die gegenwaͤrtige Ordnung der Welt, ſo iee ſie von Jedem bewundert wird, der nur eine Ahnung von ihr hat, umfaßt zwei ſehr verſchiedene Theile; durch den einen pflanzt ſich die materielle Bewegung fort, die in dem Au⸗ genblicke, wo das Schoͤpfungswort ertoͤnte, dem Urſtoff eingeimpft wurde. Gegenſeitige Wiekung der fluͤſſigen und feſten Sphaͤren, 161 Enthuͤllung und Zeugungskraft der Keime, Bin⸗ dung und Aufloͤſung, Tod und Geburt, dies iſt der Kreis, in dem dieſe Welt wahrhaftig rollt und dies iſt ohne Zweifel die Einrichtung der meiſten andern; aber dies iſt vielleicht nur der geringere Theil dieſes großen Werkes. Der Ewige hat etwas Beſſeres gewollt; deſſen wollen wir uͤberzeugt ſein! Wenn wir nun von der phyſiſchen und or⸗ ganiſchen Bewegung zur geiſtigen und morali⸗ ſchen uͤbergehen, die doch der wahre Zweck iſt, ſo werden wir ganz erſtaunt erkennen, daß die Zahl der Combinationen des Stoffes, die un⸗ endlich iſt, und die der Combinationen des Ge⸗ dankens, die nicht geringer iſt in ihrem Prin⸗ cipe, aus derſelben permanent wirkenden Ur⸗ ſache hervorgehen, die uͤberall Mittelpunkte des Gefuͤhls wie Mittelpunkte der Anziehung feſt⸗ ſtellt und die einen wie die andern dem Einfluß des Zufalls entzieht, hier durch die Geſetze der Aufkeimung und der Lebenskraft, dort durch die Geſetze des freien Willens und des perſoͤn⸗ lichen Intereſſes, aufgefordert oder befriedigt, je nachdem das Verlangen der Bariunft unter⸗ geordnet ſſt. Gott hat ſich die beſondere Leitung der ro⸗ II. 11 162 hen organiſchen Bewegung vorbehalten, unbe⸗ ſchaͤdigt deſſen, was er in der Gewalt der be⸗ ſeelten Weſen laͤßt; er iſt es, der ſie fortſetzt, weil er die Geſetze aufrecht haͤlt, durch welche ſie beſteht. Aber es ſcheint mir, als habe er durch ein Privilegium die Fortſetzung der mo⸗ raliſchen und geiſtigen Bewegung dem Men⸗ ſchen aufgetragen. Dieſe Theilung iſt gar herr⸗ lich fuͤr uns ausgefallen, ja man muß geſte⸗ hen, wir koͤnnen ſtolz darauf ſein. Die Staͤdte ſind ganz gewiß der Mittel⸗ punkt dieſer Bewegung. Die Menge der In⸗ tereſſen ſelbſt, die ſich dort haͤufen, beguͤnſtigen ſie und ſie wird dort in dem Verhaͤltniß ihres Umfangs und der Zuſammendraͤngung des Ge⸗ ſchlechts ſichtbar. Man muß ſich huͤten, von dieſen Volksplaͤtzen zu viel Boͤſes zu ſagen; denn ſie ſind uͤberall die Lichtheerde der gebilde⸗ ten Welt. Man ſeufze uͤber die Laſter, welche ſſe aufſchieſſen ſehen, aber unter der Bedingung, ihr Gutes anzuerkennen; denn wenn es endlich unbeſtreitbar iſt, daß wir zum geſellſchaftlichen Verein beſtimmt ſind, ſo ſind ſie in der Natur eben ſo nuͤtzlich, als eine Bevoͤlkerung von Biber oder eine Vereinigung von Bienen. Zu dieſem wuͤrde ich noch hinzufuͤgen, daß 163 je groͤßer ſie ſind, je weniger leiden ſie an ge⸗ wiſſen Maͤngeln. In einem Staͤdtchen von dreihundert Seelen zanken ſich zwei Uhrmacher, zwei Notare; in einer Stadt von zehntauſend Seelen dulden ſich mehrere Menſchen deſſelben Handwerks, und in London, wo von jedem eine große Anzahl ſind, bilden ſie eine Bruͤderſchaft, begegnen ſich freundlich und gehen zuſammen in die Zechſtube; aller Brotneid iſt verſchwunden. Doch breitet ſich dieſe moraliſche Bewegung aus; ſie waͤchſt durch den Verkehr dieſer groſ⸗ ſen Feuerheerde mit den Provinzen, und dieſer mit den Doͤrfern, auf die ſie einwirken. Die Intereſſen, die man dort verhandelt, ſind zahl⸗ reicher, ſie ſind von groͤßerer Wichtigkeit. Mit zwei Worten, in dem Bewohner einer Haupt⸗ ſtadt, iſt mehr wirkliches Leben als in dem Bewohner eines Dorfes. Nun halte ich dafuͤr, daß die Bewegung des Geiſtes der Geſundheit eben ſo dienlich iſt, wie die des Koͤrpers und zum Beweis gebe ich eine Erfahrung, die ich in einem Marktflecken von ſiebentauſend Seelen, gemacht habe. Dort lebten einige Kriegskameraden meines Onkels aus ſeinen Seefeldzuͤgen und wir reiſten von Zeit zu Zeit hin, ſie zu beſuchen, da der Ort 11* 164 nicht weiter als zwoͤlf Meilen von London ent⸗ fernt iſt. Dieſer Flecken heißt St. Albans. Jegliches Jahr bemerkten wir eine fuͤhlbare Abnahme in den geiſtigen und koͤrperlichen Kraͤften der Freunde meines Oheims. Ob⸗ gleich ſie im ſtrengſten Sinne des Worts ſeine Zeitgenoſſen waren, ſo wurden ſie doch von Tag zu Tag in dieſer doppelten Beziehung im⸗ mer ſchwaͤcher. Dies iſt gewoͤhnlich in der bemittelten Klaſſe der kleinen Staͤdte der Fall. Ich habe uͤber den Grund nachgedacht und ich glaube ihn in dem Leben entdeckt zu haben, das faul zu Hauſe zugebracht und den Geſetzen dieſer moraliſchen Bewegung untreu wird, einem der erſten Erforderniſſe unſerer Einrichtung. Ein anderer Beweis iſt folgender. Alles ihres Verdienſtes ungeachtet wuͤrde es Char⸗ lotten von Oedenburg gewiß ſchwer werden, in jeder andern Stadt der Erbſtaaten einen Kreis von ſo unterrichteten, ſo geiſtreichen und man kann hinzuſetzen, ſo liebenswuͤrdigen Per⸗ ſonen, um ſich zu verſammeln, wie in Ihrem Saale in Wien. Es giebt viele Gruͤnde da⸗ fuͤr, die theils ſich auf den Sitz der Regierung, theils auf eine große Volksmaſſe herleiten, in deren Mitte die Talente zugleich ihren Stachel 8 105 und ihre Belohnung finden; auch bilden ſie ſich hier, wo ſie zuſammenſtroͤmen. Aber ich werde noch einen andern Grund zeichnen, deſſen Vor⸗ theil Sie in Wien genießen, und ich werde ihn durch eine einfache Vorausſetzung darthun. Moͤchte doch die liebenswuͤrdige Charlotte, un⸗ ſerer Weisheit muͤde, eines Tages aus ihrem Saale alle Sitze, Tiſche und Lehnſtuͤhle, auſſer dem ihrigen bringen und uns dann zuſammen unterhalten laſſen! Sie wuͤrde ein ſchoͤnes Ge⸗ wuͤhl ſehen, ich verſpreche es. Wohlan denn! der Einwohner einer kleinen Stadt, mit etwas Leichtigkeit begabt, ſitzt faſt immer, waͤhrend der einer Hauptſtadt faſt immer auf den Bei⸗ nen iſt. Die Beſchaͤftigungen des erſteren ſind faſt immer kleinlich, erbaͤrmlich, perſoͤnlich; einen großen Raum nehmen die Sorgen um die Geſundheit darin ein, was doch gar kein Beſſerbefinden bewirkt; der Letztern giebt ſich ſogar in ſeinem Egoismus mehr der Haupt⸗ bewegung der Geiſter hin und umfaßt weit groͤßere Intereſſen.« „Ich verſtehe Sie vollkommen“, entgeg⸗ nete die Fuͤrſtin.»Mehr als eine Wahrheit iſt in dem, was mir mein Freund ſo eben ſagt, Es iſt zu bedauern, daß Sie dies Alles nicht 166 fuͤr den Augarten aufgeſpart haben; denn der⸗ gleichen Anmerkungen wuͤrden dort ganz gewiß die allgemeine Aufmerkſamkeit erregt haben. Es iſt wahrſcheinlich, daß Sie van Swieten als Arzt auf Ihrer Seite haben wuͤrden. Ich befuͤrchte, daß er als ſtrenger Moraliſt Ihnen entwiſcht ſein wuͤrde... Aber ſagen Sie mir, koͤnnten die großen Staͤdte, die, wie ich geſtehe, zur Bewegung der Geiſter noͤthig ſind, nicht ohne die Laſter beſtehen, die ſich auf eine ſo traurige Art in ihnen vereinigen? Iſt der Menſch, von dem Schauſpiele der Natur zu weit entfernt, die auſſerhalb der Staͤdtemauern weit lebendiger wirkt, nicht weit mehr geneigt, das zu vergeſſen, was er ſeinen Bruͤdern und ſeinem Schoͤpfer ſchuldig iſt? Iſt er nicht, ſei⸗ ner Hand ſich mehr entzogen fuͤhlend, ſtaͤrker verſucht, ſie zu verkennen? Friedrich, in den großen Verbindungen, in den Hauptſtaͤdten ſind die wichtigſten Wahrheiten in Zweifel gezogen worden.« „Und die edelſten Tugenden ſind durch ſchoͤne Beiſpiele und lichtvolle Schriften ermu⸗ thigt worden! Was waͤren die Wiſſenſchaften und die Philoſophie ohne die Hauptſtaͤdte der Reiche? Wo wuͤrde auf Erden, der der Menſch⸗ 167 heit gebuͤhrende ſittliche Schutz ſein, wenn ſie nicht die oͤffentliche Meinung bildeten, die ein Bollwerk gegen die Angriffe der Macht iſt? Was die religioͤſen Gefuͤhle betrifft, ſo weiß ich, daß ſie in den Staͤdten ein Gegenſtand des Aergerniſſes ſind, weil das Privatintereſſe das urtheil verdirbt; und doch befuͤrchte ich, daß man viel zu leichtſinnig die Anklage der Gott⸗ loſigkeit uͤbertreibt. Die des Atheismus iſ vielleicht die ungegruͤndetſte von allen. Man ſieht tagtaͤglich Menſchen, die aus Gewohnheit des Laſters ihrer Natur untreu geworden ſind; ſie ſind ungluͤcklicher Weiſe dem kaſter der Trun⸗ kenheit ergeben; man muß geſtehen, ſo viel ihrer auch in dieſem Zuſtand ſind, fuͤr ſie giebt es weder einen Gott, noch eine Zukunft; ſie ſind auf den rohen ſinnlichen Trieb des orga⸗ niſchen Lebens beſchraͤnkt; aber den Atheis⸗ mus in die erleuchtete und dem geſellſchaftli⸗ chen Verkehre unterworfene Volksklaſſe zu ver⸗ ſetzen, iſt der Gipfel der Albernheit.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, mein lieber Freund“, verſetzte Charlotte.„Im Ganzen genommen druͤcken ſich die Moraliſten auf eine andere Art daruͤber aus. Nicht aus der Huͤtte des Armen erhebt ſich ein Murren gegen den 168 Himmel; nicht hier leugnet man ſeine Macht. Aus dem glaͤnzenden Hauſe, dem reichen Pa⸗ laſte geht zu oft ſolch boͤſes Wort hervor. Der Maͤhre Herberg, iſt in ſeinen Gebirgs⸗ paͤſſen Boͤhmens gottesfuͤrchtig; der Marquis von Argens am Hofe Friedrichs und Koͤnig Friedrich ſelbſt ſind im Verdacht es im Schloſſe Sansſoucy nicht zu ſein.« »„Ich kann mich irren, liebenswuͤrdige Char⸗ lotte«, erwiederte Styndall; aber trotz der Kraft des Einwurfs kann ich diesmal den Irr⸗ thum unmoͤglich auf meine Rechnung nehmen. Damit unſere Unterhaltung nicht zu ernſthaft werde, ernſthafter vielleicht, als ſie in dieſem Aſyle ſein ſollte, wo wir einen Tempel der Freundſchaft errichtet haben, ſo erlaube ich mir uͤber dieſen Gegenſtand nur noch eine Be⸗ merkung, die Sie in Ihren Mußeſtunden dann aͦherlegen koͤnnen; denn ſie ſcheint mir nicht der Staͤrke beraubt. Ich werde ſie nicht von jener hohen geſellſchaftlichen Stellung entleh⸗ nen, die traurige Beiſpiele darbietend nur einen die Ausnahme beſtaͤtigenden Beweis in ſich begreift. Ich werde vielmehr noch tiefer ſtei⸗ gen, als die beiden Menſchen, die Sie eben an⸗ 169 fuͤhrten; man bewahrt ſich ſo vor Rechnungs⸗ fehlern.“ Es giebt keinen Menſchen, der im Laufe ſeines guten oder boͤſen Lebens nicht irgend etwas Gutes auf Erden gethan habe; und ge⸗ wiß haben die ausgemachteſten Atheiſten Augen⸗ blicke gehabt, wo ſie gerecht waren, wo ſie fuͤhlten, was man ein Opfer nennt, wo ſich ihr Herz dem Mitleiden oͤffnete und wo ſich ihre Hand dem leidenden Weſen entgegen⸗ ſtreckte. Ich frage, ob ein einziger unter ihnen iſt, der um irgend einen Preis, dieſe Handlun⸗ gen fuͤr immer aus ſeinem Tagebuche vertilgte, wollte man ihm auch den doppelten oder vier⸗ fachen Geldwerth wieder erſtatten; denn bei den Leuten dieſer Meinung iſt jeder faͤhig ſo geehrt zu werden, wenigſtens luͤgen ſie ſich es ſelbſt vor. Nein, es giebt keinen Menſchen, der, wenn er nicht ganz abgeſtumpft iſt, vor einem ſolchen Kauf zuruͤckſchauderte! Er wuͤrde ſich in dem Augenblick, als von der Menſch⸗ heit abgeſchnitten, wie von allem enterbt be⸗ trachten, was mit dem wirklichen Leben in Be⸗ ziehung ſteht. Die edlen und großmuͤthigen Geſinnungen, die ihn augenblicklich in ſeiner eige⸗ nen Achtung gehoben haben, ſchienen auf ein⸗ 170 mal aus ſeinem Herzen zu fliehen. Es waͤre der Tod ſeines Weſens in ſeiner ganzen mora⸗ liſchen Faͤulniß, den man ihm vorzuſchlagen wagte. Beſſer waͤre es fuͤr ihn, lebend und ſo wie er iſt, ſich ins Grab zu legen; er wuͤrde doch wenigſtens etwas mit hinein bringen. Seyen Sie uͤberzeugt, daß mit einigem Unter⸗ ſchiede faſt Herrſcher und Unterthanen ſich an dieſe Sprache halten. Geben Sie mir doch Aufſchluß, woher dieſer Scrupel, dieſe falſche Zartheit, wenn es keine Zukunft giebt und dem 1 zu Folge keinen Gott, der uns dort erwartet? Erklaͤren Sie mir das Zittern, das dem Vor⸗ ſchlage, von dem ich ſprach, folgen wuͤrde, wenn die menſchliche Natur in Aufruhr ſich in einem Zuſtand ſcheußlicher Bloͤße den Augen ihres Schoͤpfers darzuſtellen, nicht verwei⸗ gerte?“ Bewegt verließ Charlotte die Moosbank, auf der ſie geſeſſen hatte, nahm Styndalls Arm und ſagte; „Friedrich, noch nie hat ein Menſch ſo wie Sie, mir in die Seele geſprochen. Gewiß hat Herberg in ſeiner religioͤſen Einfalt die natuͤr⸗ lichen Begriffe von Tugend, ſo wie ſie die Mehrzahl der Menſchen beſitzt, in mir befe⸗ 171 ſtigt; aber Sie haben ſie mir noch weit fuͤhl⸗ barer gemacht. Wenn wir zuſammen plaudern und Sie das, was Sie nur anzudeuten brauch⸗ ten, bis zur Hoͤhe der Demonſtration treiben, dann glaube ich in Wahrheit, Sie mit der Lei⸗ tung meiner Ideen beauftragt zu haben. Wiſ⸗ ſen Sie wohl, daß ich dem guten Ulrich uͤber Sie geſchrieben und ſchon Antwort habe?« „Und was hat er Ihnen geſagt?“ fragte Styndall lebhaft. Charlotte ſchlug die Augen in ihrer Verle⸗ genheit nieder. Dann wendete ſie dieſelben auf den Fremden und antwortete furchtſam, doch hoͤchſt anmuthig ſtammelnd:„Er hat mir ge⸗ ſagt, Friedrich, daß wir Freunde bleiben koͤn⸗ nen. Charlottens Hand erhielt einen Kuß, dem ſie ſie nicht zu entziehen ſtrebte. Dieſe einſamen Wanderungen waren ſelten, noch ſeltener erlaubte ſich Styndall ſolch zaͤrt⸗ liche Beweiſe ſeiner Neigung. Um ihn dazu zu beſtimmen, mußten ſie, trotz ihrer Suͤßigkeit, wie abgezwungen werden. Die Fuͤrſtin be⸗ merkte ſeit lange die allzugroße Zuruͤckgezogen⸗ heit in einem Lande, wo den ſtrengen Statuten Maria Thereſias zum Trotz ſie mit den Sitten 172 im Widerſpruch ſtand, und war weit entfernt, daruͤber unzufrieden zu ſein. Einige Charakter⸗ ungleichheiten, die ſie wahrzunehmen glaubte, beunruhigten ſie mehr; aber ſie war bald durch eine Menge hervorragender Eigenſchaften wieder beruhigt. Und uͤbrigens verzieh ſie dem Eng⸗ laͤnder, im Bewußtſein, daß hienieden kein We⸗ ſen vollkommen iſt, die Abweichungen, die ihr fuͤr ſie beide kein Gluͤck verſprechen zu koͤnnen ſchienen, und ſie freute ſich, fuͤr ein ſo leichtes Opfer mit dem Schickſal quitt zu ſein. Es war Charlotten unerklaͤrlich, daß auf die Augenblicke, wo er ihre Hochachtung am meiſten verdient hatte und wo ſie ihm das ruͤhrendſte Zeugniß davon ablegte, ein Unmuth folgte, deſſen Spur er vergeblich zu verbergen ſich anſtrengte. So an dem Tage, wo ſie die Inſel beſucht hatten, als ſie kaum die zaͤrt⸗ lichſte Unterhaltung beendigt und nach ihrem Wagen zueilten, begegneten ſie im Prater eini⸗ gen Geſandten, die mit ihren Ehrenzeichen be⸗ deckt an der Seite ſchoͤn geputzter Frauen und mehrerer oͤſtreichiſchen Adlichen, die mit ihren M Orden geziert waren, hier ſpaziren gingen. Charlotte ſah ſogleich die Stirn ihres Freun⸗ des ſich verduͤſtern und am convulſtviſchen 173 Zucken ſeines Armes, den ſie hielt, als er ih⸗ ren Gruß erwiederte, ſchloß ſie, daß etwas Auſſerordentliches in der Seele des Gentlemans vorgehen muͤſſe. Da ſie ſeinen Anſtrich von brittiſchem Stolz kannte, ſo argwohnte ſie, daß er die europaͤiſchen Regierungen wenig liebe. Und wirklich tadelte er ſie zuweilen, aber ſtets mit Maͤßigung, nie mit Bitterkeit, immer mit ſchuldiger Ruͤckſicht auf die Maͤnner, die das Schickſal eines großen Reiches in ihren Haͤnden haben. Im Uebrigen waren ſeine bitterboͤſen Eindruͤcke von kurzer Dauer und ein Wort der Fuͤrſtin brachte ihn in ſeinen gewoͤhnlichen Zuſtand zuruͤck, einen Zuſtand der Wuͤrde und Ueberlegung, wo die Freude ſelten vorherrſchend war. In der That ſchwebte nur ſehr ſelten ein Laͤcheln uͤber ſeine Lippen, ob⸗ gleich es ihnen viel Reize verlieh. Styndall war durch die Fuͤrſtin von Oeden⸗ burg ſeiner Einſamkeit entriſſen worden. Man war in Wien uͤberzeugt, daß der Fremde ſich bald zu erkennen geben und ihre Verbindung dann bald dem Publikum angezeigt werden wuͤrde. Auch konnte man nicht zweifeln, daß Charlotte, ſo wie ſie auf der Burg geliebt war, die Einwilligung der Kaiſerin⸗Koͤnigin erhal⸗ 174 ten wuͤrde. So herrlich auch Friedrichs Eigen⸗ ſchaften waren, ſo konnten dieſe Geruͤchte doch nicht umgehen, ohne ihm Neider zu erwecken, und daß er ein Fremder war, mußte die Zahl derſelben vermehren. Aber ſein feſter Charak⸗ ter ließ ihnen, um ihm zu ſchaden, nur die Wahl hinterliſtiger Angriffe und boͤſer Ein⸗ ſchwaͤrzungen. Der Cardinal von Rohan, Erzbiſchof von Straßburg, in Teutſchland mehr unter dem Namen„des Prinzen Ludwig bekannt, machte als franzoͤſiſcher Geſandter in der Hauptſtadt der oͤſtreichiſchen Erbſtaaten, ein ſehr glaͤnzendes Haus. Seit einiger Zeit ſprach man nur von ſeinem Aufwande und ſeinen Soupers, deren Gebrauch er einzufuͤhren ſuchte. Seine Abend⸗ zirkel waren ſehr glaͤnzend. Die Erzherzogin⸗ nen erſchienen wenig, der aͤltere Erzherzog noch weniger, denn er liebte das hohe Spiel nicht und vermied es durch ſeine Gegenwart daſſelbe zu bekraͤftigen oder dem Wunſch des Praͤlaten zu entſprechen, der ſich anmaßte, den Ton in Wien anzugeben. Der Adel beider Geſchlech⸗ ter erfuͤllte nicht weniger die Saͤcke des fran⸗ zoͤſiſchen Geſandten. Die Fuͤrſtin von Oeden⸗ burg hatte Einladungskarten erhalten und ob⸗ 175 gleich der Prinz Ludwig nicht die Gewohnheit hatte, auch welche an Maͤnner zu ſchicken, ſo traf es ſich doch, daß Styndall durch die Auf⸗ merkſamkeit eines zur Geſandtſchaft gehoͤrigen Offiziers, deſſen Bekanntſchaft er auf ſeinen Reiſen gemacht hatte, ein ſolches auf dem Rand ſeines Kamins liegen fand, als er des Abends aus der Leopoldſtadt heimkehrte. Dieſe Hoͤflichkeit hatte ihn nicht beſtimmt, ſich in eine ſo geraͤuſchvolle Verſammlung zu ſtuͤrzen; die Baronin von Stein hingegen wuͤnſchte dort zu erſcheinen, und fing damit an, ihren Mann zu gewinnen, was ihr nicht ſchwer wurde, da die⸗ ſer ſchon im Voraus zu Gunſten eines Fuͤrſten der Kirche eingenommen war, der Geſchmack an der Jagd, an Hunden und ſchoͤnen Equipa⸗ gen fand. Charlotte gab wider Willen nach und Friedrich wurde mit fortgeriſſen.„War⸗ um“, ſagte der Baron,„ſoll man nicht zu einem Manne gehen, der vier Buͤchſenſpanner zu Befehl hat und dem Maria Thereſia die Bezirke und Schloͤſſer der kaiſerlichen Domaine zu ſeiner Jagd anbietet!« Der edle Ungar hoffte, von dem Praͤlaten eingeladen, auf irgend einer dieſer Ausfluͤchte auf die großen Guͤter, die er ſehr jagdreich wußte, zu glaͤnzen. 176 Am beſtimmten Abend begab man ſich in den Palaſt des Geſandten, den man ſchon von fern durch eine glaͤnzende Erleuchtung erkannte Der Praͤſident der Akademie der Reichen fuͤhrte die Baronin von Stein und Styndall reichte ſeinen Arm der Fuͤrſtin von Oedenburg, die, nach dem Gebrauch der großen Zirkel dorten, mit Juwelen bedeckt war. Wenn er auch die Wonne genoß, an ſeiner Seite ein rei⸗ zendes Weſen zu haben, das in allem Glanze des Schmucks und der Schoͤnheit in der Mitte eines Beifallmurmelns einherſchritt, von dem ſie den groͤßten Theil ihrer perſoͤnlichen Vor⸗ zuͤge wegen genoß, ſo haͤtte er es doch weit lieber vorgezogen, Charlotten bei ſich in der zierlichen Einfachheit zu ſehen, die der unter⸗ ſcheidende Charakter ihrer Toilette war. Er konnte ſich nicht enthalten, ihr ſein Bedauern daruͤber zu erkennen zu geben, und Charlotte, die einen Augenblick zuvor dem Prinzen Lud⸗ wig vorgeſtellt worden war, fand auch Gelegen⸗ heit, ihm zuzufluͤſtern:„Friedrich, ſehen Sie verſichert, daß ich in vollem Putz in dieſem Augenblick nicht weniger Ihre Freundin bleibe. ⸗ Dieſe Worte verſcheuchten die Wolke, die Styndalls Stirne zu umdunkeln begann. 177 Man ſah bei dem franzoͤſiſchen Prinzen nur Hoheiten, Excellenzen, Hofraͤthe, Maͤnner mit Diplomen und Ehrenzeichen, den oberſten Beamten der beiden Gerichtshoͤfe und oͤffentli⸗ chen Verwaltung, lauter Leute in Dienſt, gegen die ſich der Haufe der aͤlteſten Soͤhne reicher Haͤuſer draͤngte, die damals noch aus Geſchmack der Waffenbahn fern blieben, auf die ſie ſpaͤter⸗ hin der Kaiſer Joſeph fuͤhrte. Ein wenig Unordnung war in dieſer bunten Miſchung nicht zu vermeiden. Durch die Sorgfalt des Erzbiſchof⸗Geſandten und ſeiner Edelleute, vom teutſchen Phlegma unterſtuͤtzt, wurde die Ordnung bald wieder hergeſtellt. Die Frauen allein erfuͤllten faſt den ganzen großen Saal, um den ſie herum ſaßen; in der Mitte dieſer Einfaſſung, die fuͤr den Blick etwas wahrhaft Bezauberndes hatte, konnte man kaum umge⸗ hen; noch mehr war man durch die Fluth der Cavaliere gedraͤngt, die ſich aus einer Thuͤre gegen die andere waͤlzte. Es wurde endlich doch noͤthig, bis zu dem Augenblick, wo das Souper aufgetragen wurde, ſich in die an⸗ dern Saͤle zu verbreiten, die alle mit der⸗ ſelben reichen Pracht ausmoͤblirt waren. Fuͤr das Mahl ſelbſt hatte der Praͤlat eine Menge II. 12 178 kleiner Tafeln zurecht geſetzt; denn er hoffte dieſe Mode in Wien einzufuͤhren, die der Froͤh⸗ lichkeit der Gaͤſte guͤnſtiger, denſelben erlaubte, ſich nach ihren beſondern Neigungen zuſammen zu ſetzen. Der Zufall fuͤhrte Styndall in den fuͤr die Spiele beſtimmten Saal, die damals in Europa am meiſten im Schwunge waren; es waren faſt alle franzoͤſiſchen und engliſchen Spiele, wie das Einunddreißig, das Funfzehn, Piquet, eine Ark Lotterie und Whiſt. Ein einziger Tiſch war fuͤr das oͤſtreichiſche Tharok beſtimmt, und Niiemand ſaß daran. Man ſah nur noch wenig Spieler mit Marken. Styndall bemerkte den Baron von Stein vor einem Fenſterſchaft ſte⸗ hend, der mit einer herrlichen Jagdtrophaͤe in Relief, matt vergoldet, geziert war, und ging auf den Edelmann zu. Haͤtte er ihn nicht zu⸗ gleich angeredet, ſo haͤtte er den Verwandten her Fuͤrſtin von Oedenburg ſchwerlich aus ſei⸗ nem tiefen Nachdenken geweckt, und er verließ daſſelbe nur mit den Worten:„Herr von Styndall, Sie ſehen dieſes Hirſchgeweih von zehn Enden und dieſen Eberkopf recht kuͤnſtlich mit dem Jaͤgergeraͤthe verbunden, darunter einen ſchlafenden Hund, fuͤr den ich nicht den 179 geringſten meiner Dachshunde gaͤbe; denn ich glaube, er iſt nicht von Race. Ei, obgleich dieſe Sculptur von Gold und Silber glaͤnzt, ſo glauben Sie mir, daß Alles das nicht ſo viel werth iſt, als der große Saal des chur⸗ fuͤrſtlichen Palaſtes zu Stuttgart, den ich zu Zeiten des verſtorbenen Fuͤrſten von Wuͤrtem⸗ berg das Gluͤck zu ſehen hatte; denn damals war er mit wirklichen Hirſchgeweihen ausge⸗ ſchmuͤckt; ſie waren rundum angebracht und unter jedem Kopfe mit dem Ueberreſte des edlen Thiers ſtand mit großen Buchſtaben der Name des Edelmannes, der das Thier erlegt hatte. Der Prinz Ludwig hat Geſchmack; er wird wohl nicht boͤſe daruͤber ſein, wenn er einen gewiſſen Ruhm erlangt. Deshalb werde ich ihm den Rath geben, das Verdienſt zu eh⸗ ren, denn dadurch erwirbt er ſich ſelbſt An⸗ ſpruͤche auf einigen Ruhm. Hierauf entwickelte der ungriſche Baron ſeine Anſichten uͤber die Stiftung eines Ordens, der allein aus Jaͤgern mit Titeln und Ehren, in jeder kaiſerlichen Stadt, namentlich in Wien beſtehen und zu ſeinem Vereinigungspunkt einen ſo verzierten Saale haben ſollte. Der Plan war in ſeinem Kopfe entſtanden, waͤhrend er 12* 180 die Trophaͤe genau betrachtet hatte, und in dem Augenblick, wo die Idee am klarſten vor ſeiner Einbildung ſtand, hatte ihn der Gentle⸗ man angerebet. Haͤtte er nicht einige Freund⸗ ſchaft fuͤr ihn beſeſſen, ſo wuͤrde er es ihm ſchwerlich verziehen haben, daß er ihn aus der entzuͤckten Viſion geriſſen, die ihn in die Mitte eines Saales verſetzte, der mit demi in Stuttgart wetteiferte. „Nur der einzige Vortheil einer wahrhaft koͤniglichen Beſchaͤftigung der Edelleute kann mich bewegen, meinen Plan dem Prinzen Lud⸗ wig oder irgend einem Andern mitzutheilen“, fuͤgte der Baron hinzu und ließ die Stimme dabei einen halben Ton fallen, um zu dem zu kommen, deſſen ſich das beſcheidene Genie be⸗ dient, wenn es genoͤthigt iſt, von ſeinen eige⸗ nen Entdeckungen zu reden.„Seyen Sie ver⸗ ſichert, mein Freund, daß es mir nicht in den Sinn gekommen iſt, mein Name koͤnne in der Mitte dieſes Werks auf eine ſchmeichelhafte Weiſe glaͤnzen. Sie wiſſen, daß ich keine Kin⸗ der habe; doch iſt es gut, daß man Allen Ge⸗ rechtigkeit erweißt, und ſo, wie Sie mich ſe⸗ hen, ſollen Sie mir kein Wort wieder glauben, wenn ich nicht binnen drei Jahren mehr als ————O—O—O—C—C—C—C—C—L—O—O——ꝗngᷓ—ᷓ ——QO—Lꝗ— 181 zehn herrliche Hirſchgeweihe meinen Freunden in Ober und Nieder⸗Oeſtreich geſchickt habe; dieſe haben ſie uͤber ihren Thuͤren befeſtigt, ohne daß ſie ihren Bekannten zu ſagen brauchen, daß ſie mir dieſelben ſchuldig ſind. Wenn ich nicht von Zeit zu Zeit ihren Bedienten das Gedaͤcht⸗ niß angefriſcht und ſie zur Mittheilung neuer Begebenheiten eingeladen haͤtte, niemand wuͤßte, daß auf der Welt ein Baron von Stein exi⸗ ſtirte, und daß er die beiden beſten Spitze in den Erbſtaaten beſaͤße. Es iſt wahr, daß mich das jaͤhrlich einige Dukaten Trinkgelder koſtet; aber dieſes Geld iſt wenigſtens beſſer angewen⸗ det, als das, was mich die Baronin ohne Auf⸗ hoͤren koſtet, um ihre Pariſer Moden zu be⸗ zahlen, auf die ſie ganz verſeſſen iſt. 3 Eben trat der Fuͤrſt Eſterhazy in den Spiel⸗ ſaal. Er erkannte Styndall ſogleich und ohne Zweifel, um ihm zu zeigen, wie hoch er ihn ſchaͤtze, bot er ihm eine Partie Piquet an, die der Englaͤnder annahm. Sie ſetzten ſich zu bei⸗ den Seiten eines Tiſches, und der Baron von Stein nahm zu Styndalls Rechten Platz, nicht um ſein Spiel zu verfolgen oder ſich dafuͤr zu intreſſiren, ſondern auf dieſem Poſten hatte er den Vortheil, ſich der Trophaͤe geradezu gegen⸗ 182 uͤber zu befinden, die ſeine Aufmerkſamkei ge⸗ feſſelt hatte. Er hoffte waͤhrend der Partie ſeinen Plan zu ſeiner Zufriedenheit reifen zu laſſen. So wie die Karten aus ihrer Kapſel gezogen waren, wurden die Wetten geoͤffnet; das Gold blitzte auf dem Teppich und ſelbſt Billete frem⸗ der Banken kamen zum Vorſchein. Friedrich machte fuͤr ſeine Rechnung im Verhaͤltniß der Summe, die er dem Vergnuͤgen des Abends zu opfern beſchloß mit dem Einſatz Paroli; das Gluͤck war ihm guͤnſtig. Der Fuͤrſt Eſter⸗ hazy machte geſchlagen dem Fuͤrſten Lichten⸗ ſtein Platz, der ebenfalls dieſe Gelegenheit er⸗ griff, um ſeine Hochachtung fuͤr Styndall zu zeigen, mit dem er ſich mehr als einmal bei der Fuͤrſtin von Oedenburg unterhalten hatte, namentlich in der letzten muſikaliſchen Abend⸗ geſellſchaft, die ſie gegeben hatte. Das Gluͤck ve folgte den Gentleman noch mehr. Er war im Begriff ſich mit einem Gewinnſt von faſt zwei⸗ tauſend Gulden, auf die er nicht von ferne ge⸗ rechnet hatte, zuruͤckzuziehen, als ein neuer Kaͤmpfer ſich in der Bahn zeigte. Wenn die⸗ ſer nur ein Unbekannter geweſen waͤre, ſo war Styndall nicht verpflichtet den Streit fortzu⸗ ſetzen, ja nach altem Herkommen war er auf⸗ zuhoͤren berechtigt. Aber ſich beim Hinzutreten des Grafen von Torontal zuruͤckziehen, den er mehrmals im Augarten geſehen, dem er auſſerdem begegnet war, ſchien ihm ein wenig zu auffal⸗ lend und vorzuͤglich deshalb, weil er ſich uͤber den edlen Ungar beklagen zu duͤrfen glaubte. Er blieb deshalb durch dieſe einfachen Ruͤckſich⸗ ten gefeſſelt, aber entſchloſſen, jedenfalls ſeinen Platz zu verlaſſen, ſo bald er zwei oder drei Spiele Piquet verloren oder gewonnen haben wuͤrde; denn er wollte ſich durchaus nicht zu einer ganzen Partie verbindlich machen. Waͤhrend deſſen hatten ſich, wie es meiſt zu geſchehen pflegt, wenn hohe Spiele geſpielt werden, mehrere Frauen aus dem Saale in das Spielzimmer begeben. Unter ihnen war auch die Baronin von Stein, die den Stuhl ihres Mannes einnahm, nachdem ſie ihn fort⸗ geſchickt hatte, damit er ſich die hochgeprieſene Trophaͤe naͤher betrachte, vor der ſein Genie entbrannte, wie das des Raphael von Urbino vor dem juͤngſten Gericht von Michel Angelo. Die Neugierigen draͤngten ſich um die beiden Spieler. Der Graf von Torontal zog ein Billet von zwei hundert funfzig Gulden hervor. 184 Da der Englaͤnder im Vortheil war, ſo fuͤrch⸗ tete er, wenn er die Summe ganz annaͤhme, ſo wie es ihm vorgeſchlagen wurde, man moͤchte glauben, er lege mehr Werth auf das Geld, als es wirklich der Fall war. Aus Ehrerbie⸗ tung nahm er das Anerbieten an. Indem er die Karten miſchte, gewahrte er zur Seite des Grafen einen Menſchen, deſſen Aehnlichkeit mit einem Individuum, das er mehr als hun⸗ dert Meilen entfernt glaubte, ihn hoͤchſt erſtau⸗ nen machte. Eine genauere Pruͤfung belehrte ihn, daß er ſich nicht taͤuſche; die beiden Frem⸗ den ſtarrten einander an, und es war augen⸗ ſcheinlich, daß ſie ſich erkannten. In Styn⸗ dalls Zuͤgen druͤckte ſich Schmerz und Beſtuͤr⸗ zung aus; er vergaß ſogar die Karten zwiſchen ſeinen Fingern gleiten zu laſſen, jedoch war dieſe Bewegung nicht von langer Dauer. Der Graf von Torontal glaubte ſich durch Friedrich bei der Fuͤrſtin von Oedenburg ver⸗ draͤngt, und ſetzte ſich mit dem Vorſatz ihn zu beleidigen, damit er mit Luſt ſein Geld gewinne. Er erlauerte eine Gelegenheit, ihn mit Vorſatz anzugreifen; ſeine Miene war hochmuͤthig und ſpoͤttiſch. Dann, als er eine ziemlich hohe Summe ſetzte, glaubte er, es liege eine Wuͤrde 185 darin, wenn er ſie mit Leichtſinn zu vertheidi⸗ gen ſcheine. Er verlor ſie, zog ein zweites Billet von demſelben Werthe hervor, verlor es auch und wurde nun auf ſein Spiel aufmerk⸗ ſamer. Gewiß war Styndall weit entfernt, auf Koſten dieſes jungen Edelmanns, eine große Geldſumme zu erhalten, die zur Vermehrung ſeiner Gluͤcksumſtaͤnde nichts beitragen konnte. Um ſich zuruͤckzuziehen, gewahrte er des Augen⸗ blicks, wo ſein Gegner, wenn er nicht ganz ohne Caſſe war, eine neue Partie vorſchlagen . mußte. Es kam aber ganz anders. Der Graf hatte alles, was er an Gold und Billets bei ſich gehabt, verloren und ſchlug Friedrich vor, auf Ehrenwort zu ſpielen; dieſer verweigerte es natuͤrlich. Er hatte nie gewonnen und des⸗ halb ſelten geſpielt. Gern haͤtte er das Dop⸗ pelte ſeines Gewinnſtes darum gegeben, um nur dieſe Partie nicht zu machen. Er ſah eine Unſchicklichkeit darin, das Spiel mit dieſem Anſchein von Heftigkeit fortzuſetzen, deshalb entſchuldigte er ſich mit hoͤflichen Worten: „Das Gluͤck iſt Ihnen in dieſem Augenblick zuwider; und ich fuͤrchte, den Vortheil zu mißbrauchen, den es mir uͤber Sie gewaͤhrt.« 186 „Sagen Sie lieber, entgegnete der Graf in einem ſpoͤttiſchen Tone,„ daß Sie klingende Muͤnze dem Worte eines Edelmanns vorziehen, und ich haͤtte das wahl erwarten koͤnnen!⸗ Styndalls flammender Blick traf den Spre⸗ cher dieſer Worte, die unter allen anweſenden Perſonen ein heftiges Mißvergnuͤgen verur⸗ ſachten; vorzuͤglich war dies bei dem Baron von Stein der Fall, der Styndall mit gedaͤmpf⸗ ter Stimme ſich zu maͤßigen bat; aber dieſe Aufforderung war uͤberfluͤſſig; denn zum großen Erſtaunen der Zuſchauer, nahm er, ſtatt jeder woͤrtlichen Antwort und ohne die geringſte Be⸗ wegung zu verrathen, die vor ihm auf der Tafel liegenden drei Caſſenbillets, die der Graf verloren hatte, verbrannte ſie an der Wachs⸗ kerze und legte eine Hand voll Gold unter den Leuchter. 2 „Sir Friedrich«, ſprach hierauf der Unbe⸗ kahnte, der fortwaͤhrend an der Seite des Grafen von Torontal geſtanden, dieſen waͤhrend des Spiels mit Rathſchlaͤgen unterſtuͤtzt, und ſelbſt auch einige Dukaten, ſein Gluͤck verfol⸗ gend, mit Laune verloren hatte,„dies verhin⸗ dert nicht, daß Sie dem Grafen von Torontal Genugthuung ſchuldig ſind.“ 187 Dieſer Erklaͤrung wurde von Seiten deſſel⸗ ben Menſchen ein wunderliches Zeichen hinzu⸗ gefuͤgt, welches darin beſtand, daß er die Spitze der einen offenen Hand ſenkrecht auf die flache andere aufſtellte..— Styndalls Lippen erbleichten und zitterten auf einmal; ſein Auge flammte drohend und das Zuſammenziehen ſeiner Augenbrauen hatte einen Augenblick etwas Schreckliches. Aber ploͤtzlich trat wieder die Ruhe in ſein Geſicht, die jedoch nur die Herrſchaft einer ſtarken Seele uͤber alle aͤuſſern Zeichen, die ſeinen Zuſtand verrathen konnten, war. „Wir ſpielen jetzt, meine Herren«, entgeg⸗ nete er kalt,„und bis morgen fruͤh, wenn es Ihnen ſo gut ſcheint.« Sogleich wurden neue Karten gebracht. Faſt alle Zeugen vereinigten ſich, der edlen Un⸗ eigennuͤtzigkeit des Gentleman Gerechtigkeit an⸗ zuthun, ihn ohne Zuruͤckhaltung zu loben und gegen den Grafen und ſeinen einzelnen Helfer, den Niemand kannte und der aus den Wolken gefallen ſchien, Wuͤnſche zu hegen. Ein fuͤr Styndall ſehr ſchmeichleriſches Murmeln durch⸗ lief erſt den Saal und verbreitete ſich dann in die uͤbrigen Zimmer. Der Baron von Stein 188 war, durch den Laͤrm angezogen, herbei gekom⸗ men, hatte Alles gehoͤrt und druͤckte Friedrichs Hand mit Freundſchaft, indem er ihm in's Ohr fluͤſterte:„Schoͤn, mein Theurer! Ich hoffe, daß Sie die Stelle in dem Plane, den ich im Werke habe, herrlich ausfuͤllen werden. Nur thun Sie mir die Gefaͤlligkeit, den jungen Mann zu ſchonen; er hat zwar keinen ſo guten Kopf, als Sic; aber ich intreſſire mich ein wenig fuͤr ihn; denn wir haben zuſammen ge⸗ jagt.⸗« Dieſer Empfehlungsgrund in dieſem Augenblick noͤthigte Styndall ein Laͤcheln ab. Das Spiel begann nicht eher, als bis der Englaͤnder eine Summe auf den Tiſch gelegt hatte, die der gleich war, um welche der Graf auf Ehrenwort zu ſpielen berlangte. Ueber⸗ zeugt, daß das Gluͤck wechſeln werde, ja mit dem Wunſche, daß es ihm zuwider ſein moͤchte, war er entſchloſſen, unmittelbar nach dem Ver⸗ luſt des dieſen Abend gewonnenen Geldes ſich wegzubegeben. Eben ſo feſt war bei ihm, was er nachher zu thun willens war.— Durch ein unerhoͤrt widriges Geſchick, uͤber das er im geheim fuͤr ſich ſeufzte— denn den Spielern entfuhr kein anderer Laut, als die ſich auf das Kartenſpiel bezogen— gewann 189 er mit einer kleinen Ausnahme eine Partie um die andere; endlich hatte der Graf die unge⸗ heure Summe von fuͤnf und dreißig tauſend Gulden verloren. „Morgen, den Tag meiner Muͤndigkeit, ſagte der junge Torontal mit einem Tone, der nicht mehr der des Stolzes war,„muß ich den Kaufbrief meines Palaſtes Ulrich fuͤr fuͤnf und ſiebzig tauſend Gulden unterzeichnen, mit welchen ich meine Guͤter in Ungarn von der Summe frei mache, die mein ſeeliger Vater darauf borgte. Wollen Sie noch eine Partie mit mir ſpielen? Wenn ich ſie verliere, iſt der Palaſt Ihnen und die Schulden mag bezahlen, wer da kann!« Ein tiefes Schweigen herrſchte im Spiel⸗ ſaale; alle andere Tiſche waren leer; der durch mehrere aus den benachbarten Saͤlen herbei⸗ geeilten Perſonen verſtaͤrkte Haufe umgab die Piquetpartie; das Gedraͤnge um die Spieler war ſo groß, daß die Freiheit ihrer Bewegun⸗ gen gehindert wurde; die Erwartung lag auf allen Geſichtern, und der Vorſchlag des Gra⸗ fen druͤckte ſich in Zuͤgen aus, die den Beob⸗ achter haͤtten belehren koͤnnen, wie begierig der Menſch in allen Claſſen der Geſellſchaft auf 190 auſſerordentliche Eindruͤcke iſt. Styndall war der Gegenſtand aller Blicke. Er haͤlt einen Augenblick an, hebt die Augen auf ſeinen Geg⸗ ner, uͤber den er ſich ſo ſehr zu beklagen hat, kann ſich eines Gefuͤhls von Mitleid nicht er⸗ wehren, beim Anblick der verwirrten Zuͤge des jungen Edelmanns und nimmt den Vorſchlag an. Er will ſpielen; funfzehn Minuten nach⸗ her wird der Palaſt dem Gluͤcklicheren gehoͤ⸗ ren! Nur Styndall, an den die Karten kamen, macht bemerklich, daß Herr von Torontal fuͤnf und ſiebzig tauſend Gulden fuͤr ſein Eigenthum habe, es folglich unrecht ſei, wenn er nicht die volle Haͤlfte entgegenſetze, und zum groͤßtem Erſtaunen aller Anweſenden, zog er aus ſeiner Brieftaſche, vier Billet der Londoner Bank, jedes von funfzig Pfund Sterling, die er auf die fuͤnf und dreißig tauſend Gulden legte, die ihm der Graf auf Ehrenwort ſchuldig war. Voll Vertrauen auf die Art ſeines Spiels vielleicht noch mehr durch ſein aufrichtiges Verfahren beſtimmt, das ihre ganze Theilnahme erregt hatte, ſchlugen ihm zwei zur Geſandt⸗ ſchaft gehoͤrige Franzoſen vor, fuͤr ihre Rech⸗ nung den Zuſchuß zu nehmen. Der Exnglaͤn⸗ 191 der lehnte es hoͤflich ab, miſchte die Karten, gab ſie, zog ſein Spiel nahe an ſich, ſo daß kein Zuſchauer daſſelbe ſehen konnte, dann legte er ſie auf den Tiſch und nahm Kaufkarken. Der Stich war geſpielt; der Graf von Toron⸗ tal blieb als erſter mit einem bedeutenden Reſte. Das Ausſpielen kam an Friedrich, der wieder eben ſo verfuhr, ſeine fuͤnf Karten nahm und ſie, ohne ſie zu betrachten, in ſein Spiel miſchte. In der Zwiſchenzeit dieſer verſchiedenen Beweg⸗ ungen hatte ſich eine ſehr lebhafte Unruhe auf dem Geſichte des Grafen gezeigt; ſie wurde durch den Schweiß beſtaͤtigt, den er ſich mit dem Schnupftuch trocknete. Kaum hatte er ſeine drei Karten aufgehoben, als er auch mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlug und mit einem ſehr erzwungenen Laͤcheln ausrief:„der Ulrich gehoͤrt Ihnen!“—„Ich glaube es nicht“, entgegnete Styndall und ordnete ſeine Karten;„ich habe die beiden Damen den Koͤ⸗ nigen vorgezogen, und ich bin beſtraft dafuͤr; denn wenn ich meine Vierzehn haͤtte, ſo waͤren Sie wenigſtens Pik.“ Der Stich faͤllt; Styn⸗ dall vergißt, daß er ein As fuͤr einen Koͤnig weggeworfen hat, den zu behalten, nachher un⸗ nuͤtz iſt; er iſt mit zwei Points marquirt, ob⸗ 192 gleich man ihn ſonſt keinen Mangel an Auf⸗ merkſamkelt vorwerfen kann. 1 „ Mein Herr Grafe, ſagt er ſich erhebend, vich denke, daß wir uns nun gleich ſtehen! Der junge Roumald erklaͤrt, daß er wenigſtens die Wiedererſtattung ber zweihundert Pfund Sterling dem Englaͤnder ſchuldig ſei; er erhaͤlt nichts, als die Worte zur Entgegnung:„Herr Graf, ich habe meinen Verluſten immer ein Ziel zu ſetzen gewußt.“ Der Graf bleibt er⸗ ſtaunt, ja etwas außer Faſſung ganz allein in der Zerſtreuung ſitzen; aber die Diener des Prinzen Ludwig nehmen ſchnell mit den tief herabgebrannten Kerzen das Suͤmmchen weg, welches ſie unter einem der Leuchter niederge⸗ legt wußten, und der Graf entfernt ſich nun ſogleich. Der Haufe zerſtreut ſich und verbreitet ſich in 5 andern Saͤlen, wo man uͤberall von der ſonderbaren Piketpartie ſpricht und wo die Maͤnner mit der teutſchen Wichtigkeit ſtreiten, was Styndall gethan hat, was er haͤtte thun ſollen und was er nicht gethan hat, waͤhrend die Frauen ihn in die Wolken erheben. Frau von Stein, die ihrer Coufine, vielleicht auch 7 193 Andern, viel zu ſagen hatte, war nicht unter den Letztern, die entwichen. Seiner Seits bat der Gentleman den Ba⸗ ron von Stein, ihm einige Minuten zu vergoͤn⸗ nen, verfolgte dann mit den Augen den Gra⸗ fen von Torontal, der ſich zum erſtenmal in ſeinem Leben nach ſeinem Siege ſehr beſcheiden zeigte. Als er ihn in einer einſamen Ecke des Saales ſah, von wo er einem Diener befahl, ſeine Leute zu benachrichtigen, daß ſie ſich be⸗ reit halten moͤchten, ſo ging er auf ihn zu und ſagte zu ihm:„Herr Graf, wie auch der Aus⸗ gang unſerer Spielpartie war, ſo war ich ent⸗ ſchloſſen, von Ihnen Genugthuung wegen des Schimpfes zu verlangen, den Sie mir anzuthun die Kuͤhnheit hatten und den ich aus Ruͤckſicht fuͤr mich nicht wiederholte. Ich bin von Ih⸗ nen uͤberzeugt, daß Sie erwartet haben, ich wuͤrde mir die Ehre nehmen, dieſe Gefaͤlligkeit von Ihnen zu verlangen.“ Der Graf ſtotterte einige Entſchuldigungen vor, aber Styndall machte ihnen mit dem Zu⸗ ſatz ein Ende:„Es freut mich zu wiſſen, Herr Graf, daß Sie nicht mehr bei Ihrem werthge⸗ ſchaͤtzten Oheim, dem Fuͤrſten Eſterhazy woh⸗ nen; alſo werde ich morgen fruͤh Punkt zehn II. 13 194 Uhr die Ehre haben, bei Ihnen in Ihrem Pa⸗ laſt Ulrich zu ſein; bis dahin werde ich zu Hauſe meine perſoͤnlichen Angelegenheiten ord⸗ nen. Mit dieſen Worten entfernte ſich Fried⸗ rich, ohne eine Antwort abzuwarten. Seeine erſte Sorge war, den Baron von Stein ſogleich wieder aufzuſuchen, um ihm mit⸗ zutheilen, was eben vorgefallen war und ihn einzuladen, ihm als Zeuge bei einer Ehrenſache zu dienen. Der Baron nahm es an, ja er verſprach, bei den Damen ein tiefes Still⸗ ſchweigen uͤber dieſe Mittheilung zu beobachten. Einige Minuten ausgenommen„ die er ver⸗ tieft in die Trophaͤe des kuͤnftigen Ruhms des Ordens zugebracht hatte, deſſen Gruͤnder er un⸗ ter dem Titel der Ritter des Hirſches zu werden hoffte, hatte er eine ziemlich genaue Kenntnig de Begebenheiten des Abends, um dem Grafen von Torontal alles Unrecht beizumeſſen. Andrer Seits hatten die edelmuͤthigen Geſinnungen des Englaͤnders die ziemlich harte Rinde ſeines Herzens ſo durchdrungen, daß er bei ſich be⸗ ſchloß, ihn mit in der erſten Werbung zu begreifen; aber dieſe Gunſt war in ſeinen Au⸗ gen ſo groß, daß er damit noch einige Tage verziehen mußte. 195 Styndall hatte ſich den Frauen genaͤhert; alle Blicke flogen nach ihm und dieſe Blicke waren nichts weniger, als ſtreng. Ohne ſeinen Willen war er in die Naͤhe der Fuͤrſtin von Oedenburg gelangt. Eben wurde angeſagt, daß das Abend⸗ eſſen in einem andern Zimmer bereit ſei; er reichte Charlotten die Hand, um ſie dahin zu fuͤhren, und er hatte das Gluͤck, einen leichten Druck der ihrigen zu fuͤhlen und folgende mit leiſer Stimme geſprochene Worte von ihr zu verſtehen:„„Meine Couſine hat mir Alles er⸗ zaͤhlt, Friedrich; wenn ich nicht Ihre Freundin waͤre, ich wuͤßte nicht, was ich thaͤte, um es zu werden.“ Das Entzuͤcken des Gentleman war ohne Maaß, und trotz eines ſchwachen Anſtrichs von Befangenheit, der ſeine edlen Zuͤge nicht ent⸗ ſtellte, glaͤnzte ſeine innere Freude auf ſeinem Geſicht, und ſie befeſtigte ſich noch mehr durch die zarte Sorgfalt, die er auf die beiden Frauen verwendete, zwiſchen denen er waͤhrend des Speiſens ſaß. Dies waren die Fuͤrſtinnen von Lichtenſtein und von Oedenburg. Der Gatte der Erſteren ſaß zwiſchen Charlotten und der Baronin von Stein, die ihm ihr Vertrauen 13* — 196 zuwandte. Der Baron von Sperges ſuchte ein Aſil bei ihnen; denn er war uͤber die Menge Gruͤße ganz verlegen, die er rechts und links machen zu muͤſſen glaubte. Er wurde bei der Anzahl aufgenommen, wo der Baronz von Stein als ſiebenter ſaß. Der eetztere bewunderte Styndalls Kaltbluͤtigkeit einige Stunden vor einem Zuſammentreffen, das uͤber ſein Leben entſchied. Durch dieſe Geiſtesſtaͤrke eingenom⸗ men, beſchloß er, ihn in den erſten Grad des Ordens des Hirſches aufzunehmen, wenigſtens wußte er eine Kuppel Hunde zu lenken und eine Jagdflinte zu behandeln. Im Fall der Gentleman nicht zu ſeiner Ehre aus dieſem Examen hervorgehen ſollte, ſo fragte ſich der ungriſche Edle, ob es nicht dann noch moͤglich ſei, ihn in den Stand der Ehrenritter zu ſetzen, ohne die Statuten des Ordens zu verletzen? Daruͤber im Streit mit ſich und mit gutem Appetit ſpeiſend, ſchien er drei Mal mehr beſchaͤftigt, als Styndall. Um Ein Uhr fruͤh oͤffnete ſich das Thor des Palaſtes von Oedenburg fuͤr die Damen, und Friedrich, deſſen Cabriolet ihn ſeinem Be⸗ fehl gemaͤß am Augarten erwartete, half ihnen aus dem Wagen, und eilte dann nach Hauſe, 197 wo er an nichts weniger dachte, als ſich dem Schlafe in die Arme zu werfen. 18. Als Styndall nach Hauſe kam, ſagte er zu ſeinem Kammerdiener:„Tom, lege dich bis zum Morgen nieder, bis dahin brauche ich dich nicht; aber um ſieben Uhr mußt du ausgehen, und dich in den vornehmſten Gaſthaͤuſern von Wien, vorzuͤglich in denen am Graben, nach dem Ritter von St. Yvon erkundigen. Bei der Kaͤrnthner Straße, die uns am naͤchſten iſt, faͤngſt du an. Er iſt hier, und ich muß mit ihm reden.“ „Dieſer Edelmann wohl“, antwortete Tom, „welcher vier und zwanzig Stunden vor Ihrer Abreiſe von London, Eure Herrlichkeit beſuchte, und den Sie bis an die Treppe zuruͤckbegleite⸗ ten, und ihm einſchaͤrften, ſeine Verpflichtung, die er ſo eben eingegangen waͤre, zu halten, wenn er wuͤnſchte, daß Sie die Geneigtheit ha⸗ ben moͤchten, auch die Ihrigen zu erfuͤllen? Dieſer Ritter von St. Yvon ſah ein wenig luſtig aus!“ „Eben derſelbe“, erwiederte Styndall;„es liegt mir viel daran, ſeine Wohnung zu wiſſen. 498 Du magſt ſie nun aber entdecken oder nicht, er darf von dieſer Nachforſchung nichts wiſſen. Merke nur, daß du ſchon um neun Uhr wieder zu Hauſe ſein mußt, und daß ich Punkt halb zehn Uhr meines Cabriolets und meines beſten Pferdes bedarf. Davon benachrichtige noch dieſen Abend den Kutſcher Athur. Ich erwarte Morgen den Baron von Stein, mit dem ich einen Beſuch im Ulrich abzuſtatten habe. Du follſt mich begleiten, und waͤhrend dieſer Fahrt meine uͤbrigen Abſichten erfahren. Nun lege dich nieder, mein lieber Freund!«« Tom ſtellte ſich, als wollte er zu Bette gehn. Er war hinter das Geheimniß ſeines Herrn gekommen, wenigſtens hatte er einen Theil deſſelben entdeckt, denn er glaubte„ daß derſelbe in eine Ehrenſache verwickelt waͤre. Dieſe Muthmaßung verſetzte ihn in die pein⸗ lichſte Unruhe. Die Tapferkeit ſeines Herrn wan ihm bekannt; mehr als einmal war er Zeuge ſeiner Geſchicklichkeit bei den Uebungen im Schießen und Fechten geweſen; aber deſſen ohngeachtet zitterte er vor dem Gedanken an ein unvermeidliches Duell. Gegen wen er aber das Leben aufs Spiel ſetzen wollte, das wußte er nicht. Der treue Diener ſchlich in ſein Ge⸗ 498 mach, das ſich uͤber Styndalls Schlafzimmer befand, und anſtatt ſich dem Schlafe zu uͤber⸗ laſſen, beſchaͤftigte er ſich mit dem Degen und den Piſtolen ſeines Herrn, die er heimlich mit⸗ genommen hatte, noch eine ganze Stunde. Mit thraͤnenvollen Auge ſuchte er dieſen Waf⸗ fen allen moͤglichen Glanz zu verſchaffen und ſie zum Kampfe moͤglichſt geſchickt zu machen, Auch vermied er auf das Sorgfaͤltigſte bei die⸗ ſer traurigen Arbeit jedes Geraͤuſch, welches eine ſolche Beſchaͤftigung haͤtte verrathen koͤnnen. Styndall hingegen ſchrieb einen Brief an ſei⸗ nen Banquier in London. Im Falle der Him⸗ mel uͤber ſein Leben verfuͤgen ſollte, verwieß er ihn auf ſein Teſtament; fuͤgte demſelben eine Art von Codieill bei und ſetzte die Aufſchrift darauf. Ein zweiter Brief koſtete ihm mehr Zeit, weil er ohne Zweifel fuͤr ihn von groͤße⸗ rer Wichtigkeit war, oder auch weil er ihm mehr Umfang gab. Indeß er die Zeilen hin⸗ warf, zeigte ſich auf ſeinem Geſichte der un⸗ gluͤckliche Ausdruck, deſſen Gepraͤge es bei den großen Seelenbewegungen, die ihn beherrſchten, annahm. Inzwiſchen heiterten ſich ſeine Zuͤge einigemal auf, und ſeine naſſen Augenwimper —; —— 2⁰0 bezeugten, daß die Worte, die aus ſeiner Feder als das treueſte Ebenbild der zaͤrtlichſten Ge⸗ fuͤhle floſſen, den Blicken eines Weſens ausge⸗ ſetzt werden ſollten, das im Beſitz ſeiner An⸗ haͤnglichkeit waͤre. Dieſer Brief war ſeiner Aufſchrift nach fuͤr das franzoͤſiſche Feſtland beſtimmt. Noch blieb ihm der dritte und letzte Brief zu ſchreiben uͤbrig; er ſollte ſich noch mit Char⸗ lotten unterhalten. Nach einem ſchnellen Vor⸗ uͤbergleiten von Gedanken und wehmuͤthigen Empfindungen fuͤhlte er ſich von einer ſeeligen Ruhe erfuͤllt. In mancher Hinſicht war ſie einer Art Wolluſt zu vergleichen. Ein liebli⸗ ches Feuer glaͤnzte in ſeinen Augen. Selten wurde er jetzt durch tiefes Nachdenken im Schreiben aufgehalten; die Schrift bildete ſich faſt von ſelbſt auf dem Papiere. Weit ent⸗ fernt, zu denken, daß das Blatt einen Abſchied enthielt, und vielleicht einen Abſchied auf im⸗ mer, wuͤrde vielmehr der Beobachter, dem es vergoͤnnet geweſen waͤre, Styndall in dieſem Augenblick zu ſehen, geglaubt haben, daß der Englaͤnder, der ſich jetzt einem ſo innigen Ver⸗ trauen uͤberließ, ſich zu einer Ausſoͤhnung mit dieſer liebenswuͤrdigen Frau vorbereitet, und 201 ſich Gluͤck wuͤnſche, die Hinderniſſe beſeitigt zu haben, die ihre Vereinigung haͤtten vereiteln koͤnnen. Dieſer Brief wurde, wie die vorher⸗ gehenden verſiegelt. Die Aufſchrift:„an Char⸗ lotten von Oedenburg!“ hatte einen magiſchen Zauber fuͤr Styndall. Waͤhrend er die Zeichen, aus denen ſie beſtand, bildete, hernach ſeinen Blick darauf heftete, wurde Friedrich, ohne weich zu ſein, geruͤhrt; ein ſchwaches Laͤcheln ſchwebte auf ſeinen Lippen, und er wiederholte ſich innerlich:„Wenn das Schickſal der Waf⸗ fen in dem Kampfe des heutigen Tages mir unguͤnſtig ſein ſollte, wer wird mich hindern, dich noch ſterbend zu lieben, und dir meine letz⸗ ten Seufzer zu weihen? Du himmliſches We⸗ ſen, geſchaffen, um mich mit dem Leben zu ver⸗ ſoͤhnen, weil es mich mit dir in Vereinigung brachte. Dort iſt meine, der Hoͤlle entbundene Seele an keiner Vereinigung mit dir gehindert, Nein, der Menſch geht im Tode nicht ganz verloren! Das hat mir die Welt verkuͤndigt. Sollte denn wirklich nach dieſer irdiſchen Lauf⸗ bahn eine Exiſtenz ohne Bewußtſein ſtatt fin⸗ den? Und wie koͤnnte man ſich erinnern, wenn man aufhoͤren ſollte, das zu lieben, was unſer Herz gefeſſelt hatte? ja Charlotte! du wirſt mit allen deinen Reizen mir gegenwaͤrtig ſein! wuͤrdig dir anzugehoͤren und dich in einer beſ⸗ ſern Welt zu beſitzen, werde ich dich zu mir rufen, ich werde vor dem Ewigen Anſpruͤche auf dich machen, und ich werde dich mit dem rechtlichen Anſpruch auf eine Gefaͤhrtin, die mir auf den Wegen der Vorſehung gehoͤrte, dreiſt zuruͤck fordern. Toͤnte dieſe Wahrheit nicht in unſere Ohren, ſowohl in der Einſam⸗ keit, wie in den zahlreichen Zirkeln im Augar⸗ ten, als auch an den Ufern der Donau? Du kannſt keinen andern Weſen mehr angehoͤren, ſo wie ich keine andere Liebe naͤhren kann. Wir gehoͤren uns beide einander an. Haſt du nicht mit immer beifaͤlligem Laͤcheln meine Worte gehoͤrt? haſt du dich nicht der Hochachtung mit erfreut, die man mir angedeihen ließ, haſt du dich nicht betruͤbt, wenn mir ein Schaden zugefuͤgt werden ſollte?! Uebermenſchliches Ge⸗ ſchoͤpf, du, innerer Nothwendigkeit nach ebles und guͤtiges Weſen, haſt du mir nicht deine Freundſchaft angeboten? O, das war dein gäanzes Herz, dein liebevolles und reines Herz, das du mir anboteſt! Deine Seele kam der meinigen entgegen, als damals, wie noch vor kurzem, der ſuͤße Druck deiner Hand deinen ge⸗ 203 nehmigenden Beifall mir offenbart! Nur die ungluͤckſeelige Nothwendigkeit der Erde iſt es, die allein uns trennen koͤnnte; ein unbeſchraͤnk⸗ ter Wille iſt uͤber den Tod erhaben, ich bin verſichert, daß er uns nicht taͤuſchen, aber wohl uns vereinigen wird... „Das Grab iſt fuͤr wahre Liebende die hochzeitliche Vereinigung, und an den Grenzen des Lebens wird ihr wahrhafter Altar errichtet!“ In dieſer Art von Selbſtgeſpraͤch lag bei Styndall mehr Gefuͤhl als Ueberſpannung, mehr innere Ueberzeugung als Muthloſigkeit und Schwermuth; man haͤtte es ein neues Le⸗ ben nennen koͤnnen, das ſich ordnend bildete und geſtaltete. Nach dieſem lautloſen Geſpraͤche warf er ſich auf ſein Bett und ſchlief ruhig ein. Die Vorſtellung von dem Duell, deſſen Gefahr er ſich ausſetzen wollte, hatte nichts Schreckliches mehr fuͤr ihn, ſo ungluͤcklich auch fuͤr ihn der Ausgang ſeyn moͤchte. Nach ſei⸗ ner Anſicht fing ſeine Lage an ſich ſchmerzlich zu verwickeln, und jedes Mittel, ſich aus der⸗ ſelben zu reißen, oder vielmehr den allzu ver⸗ wirrten Knoten zu loͤſen, ſchien ihm eine Gunſt des Himmels. In der Gewißheit, geliebt zu werden, ſchlief er bis um ſieben Uhr des Mor⸗ 2 204 gens, und erwachte in den Gedanken, daß ihn immer noch nicht das groͤßte Ungluͤck traͤfe, wenn auch die Kugel oder der Degen ſeinem Leben ein Ende machen ſollte. Kaum war er angekleidet, als Tom, von ſeinen Nachforſchungen zuruͤckgekehrt, ihm be⸗ richtete, daß der Ritter von St. Yoon ziemlich nahe in dem Theile der Joſephſtadt wohne, der an der Baſtei angrenze, und daß dieſe Zu⸗ rechtweiſung ihm von des Grafen von Toron⸗ tal Kammerdiener geworden ſei, der ihm am Kaͤrnthner Thore begegnet, um einen Brief von ſeinem Herrn dieſem Fremden zu uͤber⸗ bringen. Die Bekanntſchaft des Grafen mit dem Ritter von St. Poon, wie es dieſer Bericht beſtaͤtigte, weckte Styndalls Mißvergnuͤgen von neuem; ſein Blut rollte ſchneller durch die Adern.. „Gut“, ſagte er,„es iſt Zeit, daß alles dieſes ende! Sind meine Waffen in Bereit⸗ ſchaft?“ Auf eine bejahende Antwort hieß er Tom ſeinen Schweisfuchs an den Wagen ſpannen, ſobald der Baron von Stein kommen wuͤrde. Eben nahm er die drei Briefe, die noch auf dem Kamin lagen, um amſtaͤndlich 205 anzugeben, was damit werden ſollte, im Falle er toͤdtlich verwundet wuͤrde, als das Geraſſel eines vierraͤdrigen Wagens vor dem Hauſe ge⸗ hoͤrt wurde. Statt des Barons meldete man den Fuͤrſten Eſterhazy an, der von dem Grafen von Torontal, ſeinem Neffen, begleitet wurde⸗ Die gebraͤuchlichen Begruͤßungen wurden kalt aufgenommen, und eben ſo erwiedert, nur daß der Fuͤrſt Friedrichen mit derſelben Zuneigung behandelte, die er ihm ununterbrochen ſeit dem naͤchtlichen Abentheuer in Ranelagh bezeigt hatte. Der Kanzler von Ungarn ſetzte ſich an das Feuer. Jeder fuͤhlte ſich berechtigt, ſei⸗ nem Beiſpiele zu folgen und er ließ ſich in dieſen Worten aus: „Herr Styndall, Sie hatten ſich bei mei⸗ nem Neffen fuͤr zehn Uhr anmelden laſſen, und wir ſind bei Ihnen um acht Uhr und einige Minuten. Sie ſehen, daß wir Ihnen zuvor kommen, und daß wir eben ſo brav wie Sie ſind. Ich hoffe, daß Sie es bald ſelbſt einge⸗ ſtehen werden; denn der rechtſchaffene, wuͤrdige Herr Styndall muß ſich beſſer als viele andere auf Tapferkeit verſtehen. Um ihm zu bewei⸗ ſen, daß von unſerer Seite wir auch den Ruhm haben, ein wenig davon wiſſen, ſo komme 206 ich ihm zu ſagen, daß wir uns nicht mit ihm ſchlagen werden.“ Nach dieſen Worten erfolgte ein Stillſchwei⸗ gen im Zimmer. Man ſah ſich an, man beobachtete ſich. Auf dem Geſichte des Eng⸗ laͤnders las man Erſtaunen, auf dem des Gra⸗ fen, der auf eine erzwungene Weiſe ſeinen Blick im Zimmer herum warf, eine uͤbel verſtellte Beſchaͤmung. Endlich nahm der Fuͤrſt mit demſelben entſcheidenden Ton das Wort wieder: „Ich ſage Ihnen, mein lieber Befreier, daß wir uns nicht ſchlagen werden, und zwar aus zwei guten Gruͤnden; der erſte iſt, daß das Unrecht auf unſerer Seite liegt, und daß man wenigſtens ſich nicht der Gefahr ausſetzen muß, andern Leuten das Leben zu nehmen, gegen welche man ſich ſtrafbar fuͤhlt, oder von ihnen getoͤdet zu werden, ehe man ſeine Schuld ein⸗ geſehn hat; wenn ſie aber hernach auf einer anderen Art von Ehrenerklaͤrung beſtehen ſoll⸗ ten, ſo iſt man entſchloſſen, ſie beſtens zu ge⸗ waͤhren. Der zweite Grund uns nicht zu ſchla⸗ gen, iſt, weil es die Kaiſerin nicht wuͤnſcht, und weil ſie mir dieſen Morgen mein Ehren⸗ wort abgenommen hat, daß ich von heute an jede Feindſeligkeit zwiſchen Ihnen und meinem 207 Neffen verhindern ſollte. Und das iſt's, wozu ich verpflichtet bin. „Eure Durchlaucht“, erwiederte Styndall, „ haben mich immer mit einer ſehr hohen Huld beehrt. Ich kenne den Werth derſelben zu ſehr, als daß ich nicht ſtreben ſollte, mich ihnen wuͤrdig zu machen. Wenn Sie, theuerſter Fuͤrſt, wuͤßten, was ſich der Herr Graf gegen mich erlaubt hat, ſo wuͤrden Sie nicht die Art einer Genugthuung tadeln, auf die ich die rechtlich⸗ ſten Anſpruͤche zu machen habe. Wie ſehr bin ich nicht in einer zahlreichen Geſellſchaft beim Prinz Ludwig und im Angeſicht von ganz Wien beleidigt worden!“ „Und Sie haben ſich im Angeſichte vor ganz Wien beſſer geraͤcht“, entgegnete der Fuͤrſt,„als wenn Sie meinem Neffen zwei gute Stiche verſetzt haͤtten.“ „Sie vergeſſen, Herr Styndall“, nahm hier der junge Graf Torontal das Wort,„daß ich noch ein fruͤheres Verſchulden gegen Sie, auf mir habe; wenn ich es hier wiederhole, ſo iſt es blos deswegen, weil es zur Erklaͤrung mehrerer andern dienen, oder vielleicht ſie gar rechtfertigen kann. Sie ſind in Ihren Liebes⸗ haͤndeln gluͤcklicher als ich. Ich haͤtte wirklich 208 ſo klug ſein ſollen, mich daruͤber nicht zu be⸗ truͤben, oder wenigſtens haͤtte ich meinen Ver⸗ druß ein wenig beſſer verheimlichen ſollen. Die Verachtung und das Auszeichnen von einer Frau haben das Eigne, daß man ſie verdienen kann, ohne daruͤber den Kopf zu verlieren und ohne zu ſehr darauf zu pochen...“ „Es duͤnkt mich, mein Herr Graf“, ver⸗ ſetzte Styndall,„daß wir mit unrecht die Weiber in unſere Streitigkeiten miſchen. Bis jetzt haben ſie bei dem Prinz Ludwig ſo wenig damit zu thun gehabt, als anderswo, und es wird mir hoͤchſt unangenehm ſein, wenn man in dieſem Augenblicke Perſonen daran Antheil nehmen ließ, welchen wir beide Hochachtung ſchuldig ſind; ja es wuͤrde mich kraͤnken, wenn man dieſe Hochachtung in meiner Gegenwart verletzte.“ ., Und dennoch iſt dies der eigentliche Be⸗ weggrund von dem, was ſich unter uns zuge⸗ tragen hat“, erwiederte der Graf; denn ich habe Ihnen als Menſch nichts vorzuwerfen. Vielleicht wuͤrde ich mich uͤber dieſen Punkt weiter auslaſſen, wenn ich Ihnen nicht, und mehr vielleicht, als ich wuͤnſchte, verpflichtet waͤre. Sie haben mit einem unendlich edlen 209 Betragen Ihr Geld an mich verſpielt, Sie haben das Publikum auf ihre Seite gebracht; ich wuͤnſche, daß Ihnen dieſes genuͤge! Im entgegengeſetzten Falle.... „Gut, mein Neffe“, fiel ihm der Fuͤrſt haſtig in's Wort,„das iſt es gerade, was ich von Ihnen erwartete, und ich ſchmeichelte mir, daß Herr Styndall nichts weiter fordern wird. Es wuͤrde ihm gewiß leid thun, Ihnen die Gnade der Kaiſerin zu entziehen, die durch einen unbegreiflichen Zufall ſobald von der ungluͤckli⸗ chen Begebenheit benachrichtigt worden iſt. Maria Thereſta iſt bei dieſer Gelegenheit ſo gerecht, wie immer, geweſen, und Sie, Herr Styndall, ſind nicht von ihr getadelt worden.“ „Mein Fuͤrſtc, verſetzte Styndall,„ich bin fremd in dieſem Lande, und es wuͤrde mir zu viel koſten, wenn ich die Gaſtfreundſchaft, die mir hier zu Theil wurde, mit Verwirrung, die ich in ihr anrichtete, vergelten ſollte; ich wuͤrde troſtlos ſeyn, wenn ich den Herrn Gra⸗ fen von Torontal der Huld ſeiner Herrſcherin berauben ſollte; ich bitte Sie davon uͤberzeugt zu ſein!“ „Wohlan“, rief der Fuͤrſt,„„nun iſt alles geſagt und kein Wort mehr davon! Neffe, ge⸗ II. 14 210 ben Sie Herrn Styndall, dem ich noch beſon⸗ ders einige Worte zu ſagen habe, die Hand; er ſoll mich nachher nach Hauſe zuruͤckbringen. Sie ſteigen ohne Verzug in meinen Wagen; denn Sie haben nicht viel Zeit uͤbrig, um Ihre Sachen in Ordnung zu bringen, weil die Kai⸗ ſerin will, daß Sie nicht mehr in Wien ſchla⸗ fen und dieſen Abend ſchon auf dem Wege nach Ihrer in Lithauen in Kantonnirung ſte⸗ henden Escadron ſein ſollen. Mein lieber Ro⸗ muald, das kommt davon, wenn man unbe⸗ ſonnen handelt! aber wie ich es Ihnen ver⸗ ſprochen habe, ich werde mich bemuͤhen, waͤh⸗ rend ihrer Abweſenheit, Sie wieder auszu⸗ ſoͤhnen.“ Friedrich und der Graf gaben ſich die Haͤnde. Erſterer benahm ſich dabei mit mehr Anſtand als letzterer, der ſeine mißliche Lage ſehr wohl einſah, und der ſie als ein edler Un⸗ gar wirklich fuͤhlte. Styndall fand es fuͤr gut, den jungen Torontal zu fragen, woher er den Fremden kenne, der waͤhrend der Piquetpartie zu ſeiner Rechten geſeſſen habe? „Ich kenne ihn ſelbſt“, fuͤgte der Englaͤn⸗ der hinzu,„und da ich mir keinen Grund ſei⸗ nes Aufenthaltes in Wien denken konnte, ſo F 211 muß ich geſtehen, daß ich uͤber ſeine Gegenwart nicht wenig beſtuͤrzt war. Ich wuͤnſche ſehr, Herr Graf, daß Sie mir guͤtigſt mittheilten, wofern Sie nicht meine Frage zu unbeſcheiden finden, was der Zweck ſeiner Reiſe iſt, und ob ich mit etwas dabei im Spiele bin?“ Mit einem Anſchein von Leichtſinn erwie⸗ derte der Graf:„Das iſt ein recht verſtaͤndi⸗ ger Mann, ich habe ihn im Belvedere ange⸗ troffen, wo er ſpielte, ohne daß er ſich uͤber ſein Gluͤck beklagen durfte, und er ſchien An⸗ theil an mir zu nehmen. Ich meiner Seits habe ihm verſprochen, mich fuͤr ihn bei meinem Oheim zu verwenden, daß ihm ſein Wunſch, in Oeſtreichiſche Dienſte zu treten, erfuͤllt wer⸗ den moͤchte. Uebrigens hat er mir geſagt, daß Sie ihm nicht unbekannt waͤren, daß er Sie faſt eben ſo ſehr ſchaͤtzte, als Sie ſich ſelbſt ſchaͤtzten,— verzeihen Sie mir dieſe von mir nicht herruͤhrenden Ausdruͤcke, und daß es ihm ſehr leid thun wuͤrde, Ihnen zu ſchaden, ob⸗ gleich dies in ſeinen Kraͤften ſtaͤnde. Er be⸗ hauptete naͤmlich, ſich jetzt eben ſo ſehr uͤber Sie beklagen zu duͤrfen, als er ſonſt Urſache gehabt haͤtte, mit Ihnen ſehr zufrieden zu ſeyn.“ 3 14* 212 Waͤhrend dieſer Worte, durch welche etwas Boͤſes durſchimmerte, runzelte Friedrich die Stirn und der Fuͤrſt Eſterhazy bemuͤhte ſich mit ſeinem ernſten Blicke der Unbeſcheidenheit der Sprache, die er zum erſtenmal an ſeinem Neffen bemerkte, Einhalt zu thun. „Herr Graf«, erwiederte der Gentleman mit Wuͤrde,„mein Betragen iſt ſo, daß ich von Niemanden etwas zu befuͤrchten habe— —— Glauben Sie mir, daß ich aus Leicht⸗ ſinn meine Freundſchaft weder gebe noch ent⸗ ziehe. Es wuͤrde mir ſehr leid thun, mich auch uͤber den Ritter von St. Yvon beklagen zu muͤſſen. Alles was ich von ihm ſagen kann, iſt, daß ich mir es ſelbſt ſchuldig war, meinen Umgang mit dieſem Edelmann nicht weiter fort⸗ zuſetzen.“ Der junge Romuald entfernte ſich, als ihn ein zweiter Blick ſeines Oheims daran erinnert hatte. Darauf nahm der Fuͤrſt Eſterhazy des Englaͤnders Hand und ſagte:„Mein lieber Friedrich, ich danke Ihnen, daß Sie meinen Neffen gut aufgenommen haben. Ich erwartete nicht mehr und nicht weniger von Ihnen. Er hatte Sie eigentlich groͤblich beleidigt; ich 213 muß es wirklich ſelbſt geſtehen. Es iſt nicht weniger wahr, daß er ſich hier als ein ſehr einfaͤltiger Menſch gezeigt, und Ihnen uͤber⸗ laſſen hat, eine beſſere Rolle zu ſpielen, oder daß Sie vielmehr ſelbſt gewußt, dieſe zu ergreifen. Ich will nicht unterſuchen, ob Sie ihm ſeinen Palaſt Ulrich haben laſſen wollen, wie es einige vielleicht ohne Grund behaup⸗ ten wollen; denn, wenn Sie dieſe Abſicht gehabt haben ſollten, ſo iſt Ihr Betragen, uͤber das ich mich unterrichtet habe, ſo ſchick⸗ lich geweſen, daß Niemand das Recht hat, ſo zu ſprechen, ſonſt wuͤrde ich gewiß nicht zu⸗ gegeben haben, daß er dieſes Haus behielt, oder daß er es mit Nutzen in fremde Haͤnde kommen ließ. Ich will Sie alſo nicht uͤber eine Sache loben, die ich weder vermuthen noch fuͤr guͤltig annehmen kann. Wiſſen Sie, was der Prinz Ludwig uͤber die Anwendung Ihrer Banknoten geſagt hat:„er wuͤnſchte, daß fuͤr einen Finger ſeiner Hand dieſer Zug von ihm waͤre, und Sie wiſſen wohl, daß un⸗ ſer Cardinal⸗Geſandter ſeine Gunſt hat, denn er iſt vom Kopf bis zum Fuß Franzoſe. Romuald wollte nicht zu Ihnen gehen, ich habe ihn in ſeinem Hauſe abgeholt. Er war Ihnen 214 dieſen Schritt ſchuldig, und ich habe ihn nur mit vieler Muͤhe dazu vermoͤgen koͤnnen.« „Mein Fuͤrſt“, erwiederte Styndall,„ ich fuͤhle mich begluͤckt, Ihren Beifall erhalten zu haben, und Ihre Durchlaucht ſind ſehr edel⸗ muͤthig, mir ihn ſelbſt da zu verwilligen, wo Sie zwiſchen einem Gliede Ihrer eigenen Fa⸗ milie und einem Fremden entſchieden. Verzei⸗ hen Sie mir nur die Verlegenheit, die ich Ih⸗ nen verurſache. Ihre Durchlaucht koͤnnen ver⸗ ſichert ſein, daß, wenn meine Ehre nicht oͤffent⸗ lich angegriffen worden waͤre, ich gewiß ein tie⸗ fes Stillſchweigen beobachtet haben wuͤrde; aber der Graf von Torontal hat mich nicht allein geſtern heraus gefordert, ſondern auch anderswo noch..... 6 „Sie berichten mir damit nichts, mein jun⸗ ger Freund, und Sie ſind dieſem armen Ro⸗ mouald einige Nachſicht ſchuldig, weil er ſolche Schwachheiten hat, die ihre Entſchuldigung mit ſich fuͤhren. Er liebte Jahre lang, und ward nicht gluͤcklich. Jetzt verbreitete ſich, das Geruͤcht, daß diejenige, die er huldigt, Ihnen gewogen waͤre; und das wird unter Maͤnnern leicht verziehn. Uebrigens wuͤrde ich mich ſehr freuen, wenn Sie, mein Friedrich, der Begluͤckte 215 werden ſollten, denn nie werde ich Sie als einen Fremden betrachten. Sie moͤgen den Schleier, der Sie vor den Augen ihrer Freunde verhuͤllt, fallen laſſen oder nicht, ich bin uͤber⸗ zeugt, daß es nichts giebt, deſſen Sie nicht wuͤrdig ſein ſollten. Auch muͤſſen Sie einſehen, daß ich Ihnen einen bedeutenden Dienſt leiſte, indem ich Sie wenigſtens einigen Sorgen uͤber⸗ hebe, denen Sie ſich ausgeſetzt haben wuͤrden, wenn Sie ſo gluͤcklich oder ſo ungluͤcklich gewe⸗ ſen waͤren, meinem Neffen zwei Unzen Blei in's Gehirn zu bringen, oder ſechs Zoll Stahl in ſeine Bruſt. Sie haben ihn bei dem Geſand⸗ ten durch ihre Ueberlegenheit ziemlich erniedrigt, ohne daß Sie etwas noͤthigte, den Gefahren eines Mordes ſich auszuſetzen. Ich hoffe, daß er von dieſer Lehre Nutzen ziehen wird, und in dieſer Hinſicht ſind wir, ſeine Tante und ich, nicht boͤſe geweſen, weil er ſie aus Ihrer Hand empfangen hat.“ Waͤhrend eines Theils dieſer Rede hatte Friedrich eine heftige Unruhe empfunden. Er ſah wohl, daß der Fuͤrſt Eſterhazy auf die Fuͤrſtin von Oedenburg anſpielte, und da er doch dieſe ihn betreffende Muthmaßung weder annehmen, noch abweiſen wollte, ſo ſah er ſich 216 gezwungen, einige ausweichende Worte zu ſtam⸗ meln, die um ſo unverſtaͤndlicher waren, als er befuͤrchtete, daß, wenn er eine ehrenvolle Ver⸗ bindung ableugnete, er dadurch die Wahrheit verletzen, und Charlottens Ruf benachtheiligen wuͤrde, wenn er ſich merken ließ, daß er derje⸗ nige ſei, den ſie andern vorzoͤge. Ein Brief, den ihm Tom in dieſem Augenblick brachte und der eine ſchnelle Antwort erforderte, befreite ihn aus dieſem peinlichen Zuſtande von Zuruͤck⸗ haltung, die zwar gegen jeden Fremden erlaubt i*ſt, die ihm aber ferner gegen einen ſo verdienſt⸗ vollen Mann, deſſen Achtung ihm ſehr ſchaͤtz⸗ bar war, peinlich werden mußte.“ Der Fuͤrſt Eſterhazy nahm ein engliſches Buch, das auf dem Tiſche lag, und bat den Gentleman, ohne Unſteaͤnde ſeinen Brief zu leſen. Dieſes Schreiben war ſo ſonderbar und zugleich mit ſo originellem Geiſte geſchrieben, daß Styndall ſein Verwundern daruͤber nicht verbergen konnte. In einer andern Lage wuͤrde es ſeinen Frohſinn erregt haben, aber in ſeiner jetzigen mußte es ihn nur in Erſtaunen ſetzen. Er konnte es dem Fuͤrſten nicht verheimlichen und erzaͤhlte ihm, da er wenige Menſchen in 4 217 4 Wien kenne, und da am vergangenen Abende der Baron von Stein an ſeiner Seite geſeſſen, ſo habe er ihn, nach einem von ihm erhaltenen Verſprechen der Verſchwiegenheit zu ſich als Zeuge eingeladen, um ſich nach dem Gebrauch zu richten. Nun habe ſich der Baron eben erinnert, daß den Tag darauf juſt der Feſttag des heiligen Hubertus ſei, den die Jaͤger den 4. November, ſtatt des 30. Mai feiern woll⸗ ten. Da er ſein Wort gegeben, dieſem Feſte beim Grafen von Schoͤnborn beizuwohnen und von dieſem ſpaͤten Erinnern ganz betroffen, habe er kaum Zeit gehabt, ſich in ſeine Ber⸗ line zu werfen und unverzuͤglich auf den Weg zu machen, und ſo entſchuldigte er ſich bei Styndall, ſein Verſprechen nicht halten zu koͤn⸗ nen. Friedrich vermied in dieſer Erzaͤhlung alles, was den leichteſten Anſtrich von Spott uͤber den Gemahl der einen Frau, der er ſehr verpflichtet war, und den Verwandten der an⸗ dern haͤtte verbreiten koͤnnen. Aber was er nicht ſagte, errieth der Fuͤrſt Eſterhazy. Er kannte den edlen Ungar von langer Zeit her, der unter den entſchloſſenſten Jaͤgern der Erb⸗ ſtaaten einen Waidmannsruhm erlangt hatte. Die Schonung ſeines jungen Freundes, fuͤr 218 4 den Baron billigend, erzaͤhlte er ſelbſt ziemlich merkwuͤrdige Zuͤge von ihm, aber alle ſtanden noch unter dem heutigen Wiederruf und dem Briefe, von dem er begleitet war, den Styndall auf eine ſchickliche Weiſe unter einen Band von Shakſpeare gelegt hatte. Kaum hatte Tom den Brief des Barons an ſeinen Herrn abgegeben, als der Buͤchſen⸗ ſpanner deſſelben ploͤtzlich an der Thuͤre er⸗ ſchien, und den Gentleman in Perſon zu ſpre⸗ chen begehrte, ungeachtet der Anſtrengung des Kammerdieners, der ihm den Eingang zu ver⸗ wehren ſuchte. „Gnaͤdiger Herr«, rief Frenks und hielt in der einen Hand ſeine Mannheimer goldne Uhr, und ſeinen Hut mit aufgeſtuͤtzten Krempen in der andern,„ich muß ſchon in zwanzig Minuten im Palaſt zuruͤck ſein, denn das iſt die mir ſtreng aufgelegte Friſt des Herrn Ba⸗ rond, der mir ſonſt Schuld giebt, ihn zum erſten Mal in ſeinem Leben, um das Feſt des heiligen Huberts zu bringen. Ich kenne ihn, er iſt im Stande, ohne mich den Weg nach Maͤhren zu machen, wenn ich nicht zur bezeich⸗ neten Minute ankomme. Ich bitte, wollen mir Ew. Herrlichkeit nicht ſogleich das Papier ge⸗ 219 ben, das mein Herr von Ihnen wieder zuruͤck⸗ fordert! Ich bin verloren und ich kann nur einen andern Dienſt ſuchen, wenn ich es ihm bei meiner Ruͤckkehr nicht uͤberreiche!“ „Was fuͤr ein Papier, mein Freund?“ fragte Styndall. Schnell warf er einen Blick auf das Poſt⸗ ſcript des Briefes, auf das er fruͤher keine Acht gehabt hatte; da ſahe er, nicht ohne ein Laͤcheln, daß die beruͤhmte Erzaͤhlung gemeint ſei, die die beiden Spitze verherrlichte. Der Baron forderte ſie mit dringenden Worten zu⸗ ruͤck, indem er Willens waͤre, ſie einer ſeiner edeln Freunde als Bezahlung fuͤr die Gaſt⸗ freundſchaft zu uͤberlaſſen, die er in ſeinem Lehnshauſe zu finden hoffe. Gluͤcklicher Weiſe lag dieſes Werk noch unberuͤhrt in einem Fache ſeines Memorials, das am Pfeiler des Kamins hing. Friedrich nahm es ſchnell, zeichnete mit derſelben Geſchwindigkeit einige Worte hinein, womit er den verurſachten Aufenthalt des Buͤchſenſpanners auf ſich nahm, und uͤbergab dann erſt dem armen Burſchen das koſtbare, mit einem Dukaten beſchwerte Papier. Der Fuͤrſt Eſterhazy hielt es fuͤr ſchicklich, ehe er nach Hauſe zuruͤckkehrte, ſelbſt in die Burg 220 zu gehen und den Fuͤrſten Kaunitz von ven unterzeichneten Friedensvertraͤgen der beiden Krieg fuͤhrenden Parteien zu benachrichtigen. Friedrich ließ ihn in ſeiner Wysky hinfahren, die er dem verdienten oͤſtreichiſchen Fuͤrſten zu ſeiner Verfuͤgung uͤberließ. Er ſelbſt war ge⸗ noͤthigt, bis zu Toms Ruͤckkehr zu Hauſe zu bleiben. Styndalls Verhaͤltniſſe gewannen in den Augen des Fuͤrſten durch dieſe Unterhaltung eine ſchoͤnere Geſtalt, deſſen ohngeachtet blieben ſie in mehr als einer Beziehung nicht wenig verwirrt, weil von der einen Seite ſeine Zu⸗ kunft noch immer mit Finſterniß verhuͤllt, und von der andern ein feindliches Zuſammentreffen ſeiner und des Ritters St. Yvon unvermeidlich war. Friedrich war nicht geſchaffen, die Belei⸗ digungen dieſes Mannes, der ihm viel ſchuldig war, zu ertragen, noch wollte er Wohlthaten, auf die er keinen Werth gelegt hatte, geltend machen; aber die neuen auf ſeine Ruhe gerich⸗ teten Angriffe, berechtigten ihn, dem Unweſen zu ſteuern, damit er nicht das Opfer einer wachſenden Kuͤhnheit werde. Waͤhrend dieſe ſtuͤrmiſchen Gedanken durch ſeine Seele wogten, ſtellte ſich die Fuͤrſtin von Oedenburg mit tau⸗ = 221 ſend Reizen geſchmuͤckt vor dieſelbe. Sie er⸗ ſchien ihm ſo, wie er ſie vor acht Stunden geſehen hatte, als ſie liebreich den ruhigen und bedaͤchtigen Unwillen billigte, mit dem er die ihm angethanen Beleidigungen zuruͤckgewieſen hatte. Warum ſollte er fuͤr das goͤttliche Weib nicht ſtets mit einer reinen Flamme gluͤhen? Warum ſollte er ſich von ihr nicht lieben laſ⸗ ſen? Dieſer Zuſtand war ſo ſuͤß! Mußte er ſich nothwendig der Gefahr ausſetzen, ihn durch das Schickſal der Waffen, ſobald, und zu der Zeit beendigt zu ſehen, wo er die Zuſicherung des groͤßten Gluͤcks, das einem Sterblichem hie⸗ nieden zu Theil werden kann, erhalten haͤtte? Die Liebe zum Leben nahm nach und nach wie⸗ der Beſitz von ſeinem Herzen. So lange ihm nicht an Charlottens Seite zu leben, und die Luft einzuathmen, die ſie eingeathmet hatte, unterſagt war, ſchien ihm kein anderes Opfer ſeine Kraͤfte zu uͤberſteigen. Inzwiſchen war es Styndall unmoͤglich, die Nachforſchungen nach den Plaͤnen des Ritters St. Yvon einzu⸗ ſtellen, wenn er ſich in Wien mit Hintenan⸗ ſetzung ſeines Verſprechens und gegen die Treue der Vertraͤge, einfuͤhren ſollte. Und die⸗ ſer wichtigen Urſache beſchloß Friedrich, ſich 222 mit ſeiner eigenthuͤmlichen Biederkeit, aber auch zugleich mit einer Standhaftigkeit zu zeigen, zu welcher er ohne Zeitverluſt ſeine Zuflucht neh⸗ men zu muͤſſen glaubte. Das Auſſerordentliche in der Erzaͤhlung von dieſen beiden Reiſenden fordert eine Erklaͤrung, die, waͤhrend Styndall ſeinen Wagen zuruͤck erwartet, Platz finden mag. Der Beſchuͤtzer ſeiner Jugend, ſein geliebter Oheim, der ihn mit ſeinen Gaben erſt Jahre lang unterſtuͤtzte, hinterließ Friedrich eine der glaͤnzendſten Erbſchaften, die ihm in der Haupt⸗ ſtadt der drei vereinigten Koͤnigreiche zufiel. Zu jener Zeit hatte er ſich mit einem Franzo⸗ ſen, der vier bis fuͤnf Jahre aͤlter, als er war, innigſt verbunden, und der, um einer auferleg⸗ ten Strafe zu entgehen, aus ſeiner Provinz, nach London gefluͤchtet war. Dieſer Fremde war mit andern jungen Leuten aus der Bre⸗ tagne, denen man unertraͤgliche Gewaltthaͤtig⸗ keiten gegen Bauern und Weiber deſſelben Dor⸗ fes vorwarf, in einen Criminalprozeß verwickelt. Er erhielt von einigen Parlamentsraͤthen von Rennes den Rath: dem Streich zu entfliehen, der ihn ſchon mit ſeinen Mitſchuldigen zu tref⸗ fen drohte. Dieſe Beguͤnſtigung hatte er ſei⸗ nem Stande als Edelmann zu verdanken; einige 223 1 Kaufmanns⸗ und Notars⸗Soͤhne entbehrten ſie, und mußten dem Geſetze in ſeiner ganzen Strenge genug thun. Dieſe Probe war ernſthaft genug, um bei dem Ritter von St. Yvon reife Ueberlegung zu erwecken. Als er ſich ohne Dach und Fach und ohne Geld in London ſahe, fuͤhlte er wohl, daß er ſeinen Hang zur Verſchwendung, der ihn ungluͤcklich gemacht hatte, einen Zaum anlegen muͤſſe. Eine kleine Gefaͤlligkeit, die er dem jungen Styndall leiſtete, als das Pferd deſſel⸗ ben nach einem Seitenſprung am Eingang in den Wald von Windſor auf ihn geſtuͤrzt war, machte ſie zu Freunden. Dem Ritter lag viel daran, ſeine Fehler zu verbergen, er verheim⸗ lichte ſie, ja er erdichtete Tugenden, die er nicht beſaß, ohne jedoch gerade Heuchler zu ſein. Er verbarg vielmehr die Vergehungen ſeiner fruͤhern Jugend unter dem Anſtrich des Leicht⸗ ſinns, und ſcherzte daruͤber ſo ungezwungen, er geſtand ſein Unrecht ſo aufrichtig ein, daß man wenigſtens nicht umhin konnte, ihn unter die Zahl der liebenswuͤrdigen Unbeſonnenen zu ſetzen, die tagtaͤglich von nachſichtigen Leuten unter dem Ehrennamen vortrefflicher Her⸗ zen entſchuldigt werden, und die nur gar zu 224 oft die Urſache der Verzweiftung ihrer Fami⸗ lien ſind. Die unmaͤßige Vergnuͤgungsſucht des Ritters zeigte ſich bald. Mit Kummer be⸗ merkte es Styndall, aber der Bund war ge⸗ ſchloſſen, und die Boͤrſe war unter beiden Freun⸗ den gemeinſchaftlich; alle Anſtrengungen Fried⸗ richs, des Ritters Sitten eine andere Richtung zu geben, blieben nur heilſame Rathſchlaͤge, die mit Schmerz empfangen wurden, denen er ſtets zu folgen verſprach, und die er ſelten zu ſeinem Beſten befolgte. Mit aller ſeiner Unbeſonnenheit uͤbte der Fluͤchtling uͤber den Englaͤnder eine gewiſſe Herrſchaft aus. Friedrich war in Wahrheit feſt in den Grundſaͤtzen der Tugend, aber er hatte die franzoͤſiſchen Grazien ſo ſehr ruͤhmen hoͤren, daß er in der Perſon ſeines Schuͤtzlings eine Art von Verdienſt, von welcher er durch ſeine eigne Neigung ſich zu entfernt fuͤhlte, volle Gerechtigkeit erweiſen zu muͤſſen glaubte. Styndalls Oheim, ein ehrbarer Coloniſt von Jamaika, der ſich ſeit langer Zeit ſeinen Ge⸗ ſchaͤften entzogen hatte, bemerkte dieſe Vertrau⸗ lichkeit mit Verdruß; zwar befuͤrchtete er da⸗ von nichts fuͤr ſeinen geliebten Friedrich, den er gegen die gewoͤhnlichen Verfuͤhrungen des —— 225 Lebens fuͤr ſicher hielt, doch glaubte er voraus zu ſehen, daß ſie ihm Unannehmlichkeiten zu⸗ ziehen wuͤrde, denen ſpaͤterhin ſchwerlich zu entgehen ſein moͤchte. Die Jugend iſt das Alter liebreicher Mittheilung. Friedrich em⸗ pfand nicht immer das Bebuͤrfniß, Zutrauen zu beſitzen, er betrachtete es auch als Pflicht ge⸗ gen einen Freund. Ernſt und nachdenkend von ſeinen erſtern Jahren an, weil er nicht fruͤh genug in das geſellſchaftliche Leben eingedrun⸗ gen war, tadelte er an ſich ſelbſt dieſe weiſe Zuruͤckhaltung, die bisweilen den Aufflug ſeines Herzens zuruͤck hielt, das die Natur durch eine ihrer ſeltenſten Gaben bei ihm mit einem feurigen Temperamente vereint hatte. Mit dem Bekenntniß alles deſſen, was er von ſeiner perſoͤnlichen Lage wußte, glaubte er eine Schuld zu bezahlen, aber dieſe Vertraulichkeit konnte nicht weit gehen, denn er ſelbſt war ja in dies Geheimniß ſeines eignen Verhaͤngniſſes noch nicht eingeweiht, das nur ſehr locker an die ſchwankende Erinnerung der Kindheit ange⸗ knuͤpft war. Es ſpruͤhten jedoch einige Fun⸗ ken hervor, deren ſich der edle Bretagner be⸗ maͤchtigte. Dieſer letztere ſchoͤpfte Argwohn aus einer ſolchen Mittheilung, die er ſeinem II. 15 226 jungen Freunde zu machen nicht gewagt haͤtte. Der Ritter von St. Yvon hatte weſentliche Fehler, welche eine vollkommene Nichtigkeit religioͤſer Meinungen kaum verringerte; mithin beſaß er mit dem jungen Styndall wenig Be⸗ ruͤhrungspunkte; er war aber auch das, was man in der Welt einen Mann von Ehre nennt, und haͤtte er gemerkt, daß man ihn nicht fuͤr verſchwiegen hielte, ſo wuͤrde er gewiß ſeine Schlauheit gegen den eigenen Wohlthaͤter an⸗ gewandt haben, und hierauf bezog ſich faſt ſeine ganze Moral. Vergebens machte ihm Friedrich Vorſtellungen; er wurde nicht muͤde, ſeinen Beduͤrfniſſen Genuͤge zu leiſten, er ſuchte ſie nicht einmal einzuſchraͤnken, aber er wuͤnſchte nur, daß der Gebrauch der der Freundſchaft uͤberlieferten Summen, nicht ein Anklaͤger ſei⸗ ner eignen Wahl wuͤrde. St. Yvon ſetzte ſeine Lebensart ſo fort; ſie erregte einiges Aufſehen in London, und man weiß wohl, daß ein bloßes leichtes Vergehen gegen die Anſtaͤndigkeit in einer Hauptſtadt keinen Unwillen erregt. Fried⸗ rich gerieth mehrmals durch die Kuͤhnheit und Schuld des Fremden in große Verlegenheit. Bange vor den Folgen einer ſolchen Verbin⸗ dung, und von der Nothwendigkeit ihrer Tren⸗ 227 nung uͤberzeugt, lag er mit ſich ſelbſt im Kampf. Um zu wiſſen, wie ſchwer ein ſolcher Kampf iſt, muß man in dem Weſen getaͤuſcht worden ſein, das ſich unſeres Herzens bemaͤch⸗ tigt hat. Die Vernunft ſpricht vergebens, man kann ſich nicht ohne Schmerz von dem Unbedachtſamen losreiſſen, ſelbſt dann, wenn er uns noͤthigt, den Hoffnungen zu entſagen, mit welchen er uns geſchmeichelt und in welchen wir durch ihn die Grundlage des geſellſchaft⸗ lichen Verkehrs erblickten. Styndall konnte ſich dieſe Art truͤgeriſcher Geruͤchte fuͤr ſeine Umgebungen nicht verhehlen. Er legte ſie dem Ritter von St. Yvon bei, der immer bereit war, ſich in allen Faͤllen auf ihn zu berufen und unter dieſem Mann eine Achtung zu ver⸗ langen, die er nicht rechtfertigte. Friedrich hatte ihn oft mit einem Bruch bedroht, aber nicht mit dem Vorſatz, den Altar umzuſtuͤrzen, auf welchem er reichliche Opfer gebracht hatte, wenn er aufhoͤrte, den edeln Bretagner ehren⸗ voll zu unterhalten, der in England aller Mit⸗ tel, ſein Leben zu friſten, beraubt war. Aber er fuͤhlte, daß es Zeit waͤre, ein Verhaͤltniß zu brechen, das ſo gefahrvoll und beunruhigend fuͤr ſeine Ehre war. Seiner zarten Seele wa⸗ 15* 228 ren die Dinge ein Graͤuel, die er laut zu tadeln oder mit mehr oder weniger Geſchicklichkeit auswaͤrts zu entſchuldigen gezwungen war, vergeblich hatte er ihm zarte Vorwuͤrfe gemacht und ſich mit ihm heimlich unterredet. Der Ritter von St. Yvon hatte mit Miß⸗ brauch einiger Annehmlichkeiten ſeiner Geſtalt die Tochter eines anſehnlichen Kaufmanns in der Altſtadt verfuͤhrt. Als es dieſer Ungluͤck⸗ lichen unmoͤglich wurde, ihre Schande zu ver⸗ bergen, vertrieb ſie die uͤbertriebene Strenge ihrer Eltern aus dem Hauſe. Friedrich glaubte, Jes koͤnne ſich niemals eine wuͤrdigere Gelegen⸗ heit darbieten, einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen. Er erklaͤrte dem Ritter, daß wenn er nicht die Ehre dieſes Maͤdchens durch geſetz⸗ liche Bande wieder herſtellte, ſo wuͤrde er ihn nicht wieder ſehen, ihm jedoch eine Penſion fuͤr ſeinen Unterhalt ausſetzen. Im andern Fall aber wuͤrde er das noͤthige fuͤr eine kleine anſtaͤndige Haushaltung hergeben. Dem Edel⸗ mann wurden vierzehn Tage zur Ueberlegung gegeben. Waͤhrend Friedrich Antwort erwar⸗ tete, unterhielt er aus ſeiner Boͤrſe die un⸗ gluͤckliche Emmeline. In dieſer Zwiſchenzeit zollte Styndalls Onkel der Natur ihren letzten 229 Tribut. Als der Erbe eines unermeßlichen Vermoͤgens, aber niedergedruͤckt von der Laſt des ungluͤcklichen Geheimniſſes, das er ſeinem Wohlthaͤter entriſſen hatte, fuhr Friedrich in ſeinem Entſchluſſe fort, den Ritter auf den rechten Weg zuruͤck zu fuͤhren, oder mit ihm zu brechen. Eine zweite und letzte Auffor⸗ derung im Namen der Rechtſchaffenheit gemacht, erſchuͤtterte nicht einmal den Verfuͤhrer. Sei⸗ ner leichten Eroberung ſchon uͤberdruͤſſig, ver⸗ ſprach er ſich auch zu viel von ſeiner Gewalt uͤber Friedrichen und verweigerte, das Kind an⸗ zuerkennen, und der Mutter Unterhalt zu geben. Darauf druͤckte ſich der junge Styndall zum großen Erſtaunen ſeines Freundes, deſſen Scharfblick dennoch nicht ſo weit reichte, ihn einer ſolchen Kraft fuͤr faͤhig zu halten, alſo aus: 3 „Herr Ritter, es ſind fuͤnf Jahre, ſeit wir uns kennen. Ich ſehe mit Schmerz, daß wir uns beide taͤuſchten, als wir uns einander nahten. Dieſem Irrthum muß ein Ziel geſetzt werden, weil ich mein Gluͤck vernichten wuͤrde, wollte ich das Ihrige vergroͤßern. So lange bis Ihre Emmeline(denn ich werde ſie immer als Ihre Gattin betrachten) von ihren Aeltern 230 Verzeihung erhalten hat, fichere ich ihr einen Gehalt von hundert Pfund Sterling zu. Sie ſoll mir nicht mit bitterer Klage vorwerfen duͤrfen, Sie in den Stand geſetzt zu haben, ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich habe ſo eben die Verſchreibung dieſer Rente bei mei⸗ nem Banquier Arthur Schmit in Portman⸗ Square niedergelegt, und durch dieſelben Aete uͤbermache ich Ihnen eine andere Penſion von hundert Pfund Sterling, als ein Andenken an unſere Freundſchaft; aber ich erlaube mir eine einzige Bedingung hinzuzufuͤgen, naͤmlich, daß wir nicht daſſelbe Land bewohnen duͤrfen. Teutſchland und Italien, England und Frank⸗ reich koͤnnen unter uns getheilt werden und uns ſehr angenehme Aufenthaltsorte bieten. Treffen Sie nun Ihre Wahl!« Beim Anhoͤren dieſer Erklaͤrung, ließ ſich der Ritter in lauten Ausbruͤchen der Freude aus.„Mein lieber Redner«, rief er, als ſeine Stimme frei wurde,„Du haſt die Ge⸗ ſchichte mit Nutzen ſtudirt, man hoͤrt es wohl... Das iſt beſſer, weit beſſer, als die beruͤhmte Laͤndertheilung des Lepidus und An⸗ tonius. Gottlob! wie Du doch Deinen Freunden ſo reichlich lohnſt! Du uͤberlaͤſſeſt 231 mir nicht weniger denn zwei oder drei von den ſchoͤnſten Hauptſtaͤdten der Welt. Das heißt das Verdienſt kroͤnen! Gluͤcklich, der Dich in Deinen Tagen der Freigebigkeit findet!.. Auf Ehre! ich armer Gefluͤchteter, rechnete nicht darauf, als ich meine kleine Bretagne im zwei⸗ unddreißigſten Jahre meines Alters verließ, welches das erſte meiner Herrſchaft unter Dei⸗ nem allmaͤchtigen Schutz werden wird, daß ich auf meine Stirn dieſes glaͤnzende Diadem ſetzen ſollte... Ich habe nicht wie ein an⸗ derer Porus noͤthig gehabt, an Dich eine foͤrm⸗ liche Bitte zu wenden; Alexander machte im Vergleich mit Dir Alles nur halb; Du ſpaßeſt nicht, wie dieſer Schuft, der, um einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, die Meinung ſeines Gefangnen erſt erwartete. Als Koͤnig haſt Du mit dem erſten Streiche mich behandelt! und welche Koͤnigswuͤrde noch! Wien und Rom! London und Paris! Ich will haͤngen, wenn man jemals Kronen galanter ausgetheilt hat!... Nur uͤber die Wahl bin ich verlegen.“ „Nein ich ſcherze nicht«, erwiederte Styn⸗ dall ganz kalt, der waͤhrend dieſes Ausbruchs von Spottreden den Ellbogen auf den nahen Tiſch geſtuͤtzt, und die Stirn auf dem aͤußer⸗ 282 ſten Ende ſeiner linken Hand ruhen ließ;„ich ſcherze nicht! Ja, Wien und Rom, London und Paris! Ich will die Namen dieſer vier Staͤdte auf zwei Zettel ſchreiben, und weil Sie keinen Entſchluß faſſen wollen, Herr von St. Yvon, ſo ſoll das Loos den Aufenthalt eines Jeden von uns ausſprechen.“ „Herrlich!« erwiederte der Ritter in dem⸗ ſelben haͤmiſchen Tone.„Wir wollen Scepter auswuͤrfeln! Herrſcher von einer neuen Art, ohne Schlachten zu liefern, ohne einen Tropfen „Blut zu vergießen, werden wir bald erfahren, welche Unterthanen und was fuͤr Laͤnder wir erhalten werden; man wird noch in zukuͤnftigen Zeiten davon ſprechen. Sechzig Millionen mehr oder weniger auf dieſe Weiſe zu erobern, iſt mir ein Spaß. Ich habe ſo eben Briefe aus meiner kleinen Provinz erhalten, die mich be⸗ hachrichtigen, daß ich, der dem Landgericht Rennes Ungehorſame, vermittelſt einiger Maͤſ⸗ ſigung deſſelben, mich mit Verhuͤllung meiner Wuͤrde in ein halbes Incognito in die Haupt⸗ ſtadt meiner roͤmiſchen Staaten begeben oder auch zu Paris aufhalten kann, je nachdem die Krone der Caͤſaren oder die der Ludwige, mein Haupt umgeben wird.. Geſchwind die Hand an den Hut!“ Immer ernſthaft, aber ſeine erſte Stellung verlaſſend, hatte Styndall mit einer truͤben Feſtigkeit die Namen der vier Laͤnder auf zwei Zettel geſchrieben, that ſie zuſammen in eine Buͤchſe, die ihm eben zu Haͤnden war, und reichte ſie dem Edelmann mit dem beſtimmten Tone:„Greift!« Der Ritter von St. Yvon wollte den Scherz auf's aͤußerſte treiben, und in ſeinen Augen war dies das beſte Mittel, den Plan und die Stimmung des Englaͤnders zu vernichten. Er zog einen Zettel aus der Buͤchſe und reichte ihn mit affectirter Hoͤflichkeit ſeinem alten Freund mit einem durchdringenden Blick hin, aber weil er mit der Ausſage dieſes ausſpaͤhen⸗ den Abgeordneten nicht zufrieden ſein konnte, ſo trachtete er, durch ein neues Gelaͤchter noch etwas weniger aufrichtig, als das vorhergehen⸗ de, den gefaßten Entſchluß wankend zu ma⸗ chen, auf welches Friedrich, ſtatt einer Ant⸗ wort, nur mit lauter Stimme den Inhalt des Zettels ausrief: Paris und London!“ „ Wohlan! Herr Ritter“, fuhr er fort, „dieſe zwei Hauptſtaͤdte und was davon ab⸗ 234 haͤngt, gehoͤren Ihnen an; ich werde vollkom⸗ men mit den andern zufrieden ſein; ich bitte Sie nur inſtaͤndigſt, mir nicht dahin zu folgen, noch mir dahin zu ſchreiben, wofern Sie nicht dem traurigen Gegenſtande Ihrer Verfuͤhrung — die verlorne Ehre wieder geben. In die⸗ ſem Falle ſollen Sie hundert Pfund Sterling, von denen ich ſchon das erſte Quartal der Miß Riverß, Ihrem intereſſanten Schlacht⸗ opfer, habe auszahlen laſſen, fortwaͤhrend be⸗ kommen, und ich wuͤrde noch gern mit Ihnen einen Briefwechſel unterhalten. Nicht daß noch eine Moͤglichkeit vorhanden waͤre, unſere vor⸗ malige, innige Vertraulichkeit wieder herzuſtel⸗ len, denn unſer Geſchmack iſt zu verſchieden, um uns wieder dahin zu bringen. Aber ich wiederhole es Ihnen, es wuͤrde mir wenigſtens angenehm ſein, die Freundſchaft der vorher⸗ gehenden Jahre, ſo wie das bloße Intereſſe, welches ſie uͤberleben wird, ohne Erroͤthen be⸗ kennen zu koͤnnen.“ Der Ritter behandelte die Sache noch im⸗ mer mit ſeinem gewoͤhnlichen Leichtſinn, denn er beredete ſich, daß eine Ueberlegung von acht⸗ und vierzig Stunden, dem ein Ende machen wuͤrde, was er Trotz und Kinderrei nannte. 23⁵ Er ließ ſeiner Luſtigkeit freien Lauf, ſparte die witzigen Einfaͤlle nicht und zog ſich ſo, wie von einem ſcherzſpruͤhenden Feuer umgeben. zuruͤck. Dieſen Tag hatte er Geld, ſo daß er ſich der Freude ganz uͤberlaſſen konnte; denn immer gluͤcklich bei allen Spielen, hatte er eine betraͤchtliche Summe im Wiſth gewonnen und fing nun an, der Tugend einer jungen Wittwe, bei der er ſich ſo eben eingefuͤhrt hatte, einen Bruch zu geben, was er aus Bedachtſamkeit Friedrich nicht geſagt hatte. Anderſeits von der Unannehmlichkeit uͤberzeugt, als ein menſch⸗ liches Weſen auſſerhalb Paris und London zu. leben, obgleich er nicht an Styndalls Beharr⸗ lichkeit in ſeinem Vorſatze glaubte, freute er ſich doch uͤber das Loos, das ihm zugefallen war, und die Ziehung der Zettel, welche kaum ſtatt gefunden hatte, ſchien ihm eine Fortdauer eines guͤnſtigen Geſchicks. In der That, wenn der Menſch keine Vorſehung mehr in der Re⸗ gierung der Welt wuͤnſcht, iſt er faſt immer einem elenden Tauſch ſeines Glaubens mit dem elendeſten Aberglauben preis gegeben. Man ſchuͤttelt die Bande einer edlen Abhaͤngigkeit ab, um ſich einer blinden Macht zu unterwer⸗ fen, man leugnet Gott, aber man nimmt die Schrecken einer Verhaͤngnißlehre an, welche den Menſchen an die Stelle ſchmiedet, wo er von unvermeidlichen Streichen getroffen wird. Die Freude, mit der ſich St. Yvon ſelbſt zu taͤuſchen ſuchte, legte ſich in der Fruͤhe des andern Tages, als er nicht ohne Gewiſſens⸗ biſſe Styndalls Abreiſe nach Italien vernahm, die einzige Gegend von Europa, die der Edel⸗ mann noch nicht beſucht hatte. Allein nach die⸗ ſem Blitzſtrahl von Empfindlichkeit, bequemte zer ſich wieder zu ſeiner finſtern Selbſtſucht, oder er wurde vielmehr durch den Reiz der ſinnlichen Vergnuͤgungen auf den Sammelplatz der Verſchwendungen, welcher ſein Element ge⸗ worden war, zuruͤck gefuͤhrt. Er bedurfte ge⸗ raͤuſchvolle Ergoͤtzlichkeiten und ſtarke Anregun⸗ gen, um das Leben zu fuͤhlen; auch fand er an dem letztern nur noch den Reiz, der aus dem ſchnellen Wechſel der Gegenſtaͤnde ent⸗ ſpringt, vor welchem das Gewiſſen mehr durch heftige Erſchuͤtterungen gewarnt wird, als durch einen ſanften und friedlichen Beſitz, wo⸗ her es koͤmmt, daß wenn nun die Bewegung gehemmt wird, man ſich in den Todesſchlaf verſenkt glaubt. Des Ritters Stolz ertrug es zwar, daß ſein Freund der Beſchuͤtzer der Miß Niverß wurde, aber er nahm ſich vor, nicht ſelbſt zu Styndalls Wohlthat ſeine Zuflucht zu nehmen. Man konnte glauben, es koſte ihm Ueberwin⸗ dung, von der Gnade eines Mannes zu leben, der in dem Augenblick auf eine ſo laͤcherliche Art mit ihm gebrochen hatte, wo er aus ihm etwas zu machen ſich ſchmeichelte, und ihn von ſeinem dicken Lager des Anglicism loszureiſſen. In dieſen Worten druͤckte er ſich auf Fried⸗ richs Rechnung aus. Ungluͤcklicher Weiſe ließ das Gluͤck bald nach, ihm zu laͤcheln, und er ſahe ſich genoͤthigt, ſeinen Weg nach dem Vier⸗ tel von Portman⸗Square einzuſchlagen. Ein Beſuch bei Herrn Schmit beſtaͤtigte ihm, daß dieſer Banquier beauftragt ſei, ihm gegen Quittung von Frankreich oder England aus datirt, die Summe von funfzig Pfund Sterling halbjaͤhrig auszuzahlen, widrigen Falls aber bliebe ihm die Kaſſe dieſes wuͤr⸗ digen Rechnungsbeamten verſchloſſen. Der Termin war verfloſſen, und der gefluͤchtete Bretagner fuͤhlte ſich gluͤcklich, die Note von funfzig Pfund als einſtweilige Sicherung einer ſchon zur traurigen und zweifelhaften Lage ge⸗ ſunkenen Exiſtenz ganz leiſe in ſeine Brieftaſche 238 gleiten zu laſſen. Es entfuhren ihm dabei einige Seufzer, auf die jedoch Niemand Acht gab. St. Yvon wurde nach dem Gange des gewoͤhnlichen Verfalls menſchlicher Sitten in ſeinen Verbindungen von Tag zu Tag leicht⸗ fertiger. Eine Bekanntſchaft, die er machte, haͤtte ihm vollends von allen Scrupeln befreit, wenn er anders deren noch faͤhig geweſen waͤre. Ein Menſch, der noch weniger gewiſſen⸗ haft als er war, und ſich ſeinem Gluͤcksſtern aangeſchloſſen hatte, beredete ihn, zu reiſen⸗ Den jetzigen Aufenthaltsort ſeines alten Freun⸗ des wußte er nicht, da der Banquier aus Ach⸗ tung fuͤr Styndalls Befehle, ihn davon zu unterrichten, ſich nicht erlaubt hatte. Die bei⸗ den Abentheurer nahmen ihren Weg nach Oeſtreich; das gute Teutſchland ſchien den zwei Genoſſen ein Land von guter Benutzung. Aber man reiſt nicht leicht ohne klingende Muͤnze, wenn man auch noch ſo reich an Hoff⸗ nung iſt, die man auf ſeinen Kunſtfleiß ſtuͤtzt; unnd der General, der von der Frucht ſeiner Eroberung zu leben entſchloſſen iſt, bedarf einer Kriegskaſſe, bevor er ſein Heer in ein Land fuͤhrt, das ſeine Beduͤrfniſſe reichlich hergeben ſoll, um mitten durch neutrale Laͤnder oder durch die der Bundesgenoſſen, den Schauplatz— ſeiner kuͤnftigen Thaten zu erreichen. Der edle Bretagner wollte mit dem unbiegſamen Kaſſierer von Portman⸗ Square nicht ſtreiten und ließ ſich daher einfallen, zwei ſeiner halb⸗ jaͤhrigen Quittungen vorwaͤrts zu datiren, und, was ihm auch nicht ſchwer ward, ſie unter dem Vorbehalt zu verhandeln, daß ſie bei der Zahlung nur an ſolchen Tagen uͤberreicht wer⸗ den ſollten, die ihren Datum entſprechend waͤ⸗ ren. Nachdem ſie ſich dieſes Huͤlfsmittels zu⸗ geſichert hatten, mietheten die zwei Reiſenden einen Platz auf einem Packetboot, das nach Trieſt beſtimmt war.— Nun koͤnnen wir Styndall nach der Woh⸗ nung des Ritters von St. Yvon folgen. Zu Toms groͤßtem Erſtaunen befahl er, ſeine Waf⸗ fen in die Berline zu legen. Der rechtſchaffene Diener glaubte nach dem freundſchaftlichen Be⸗ ſuch des Fuͤrſten Eſterhazy von dem Grafen von Torontal begleitet, nichts mehr fuͤr das Leben ſeines Herrn fuͤrchten zu duͤrfen, und ſein Irrthum, den er jetzt einſah, koſtete ihm neue Thraͤnen, deren Spuren er nicht verheim⸗ lichen konnte. Er gehorchte ſchweigend, wie es alle guten Diener machen, deren Loos in 240 dieſer Welt nur gar zu oft iſt, zu lieben, zu dulden, und zu ſchweigen. 19. Von Tom geleitet, fand Styndall bald die Wohnung des Bretanniſchen Edelmanns. Das aͤuſſere Anſehen deſſelben war wenigſtens ehr⸗ bar und die Gemaͤcher widerſprachen der Idee nicht, die man ſich nach dem erſten Augen⸗ ſchein davon machen konnte. Friedrich ließ ſei⸗ nen Kammerdiener im unterſten Stockwerk bei einem Stahlwaarenhaͤndler und ſtieg zwei Rei⸗ hen ziemlich hoher Stufen hinan, begleitet von dem Hauptmiethmanne des zweiten Stockwerks, wovon derſelbe eine Stube und einen Ver⸗ ſchlag, von ihm Cabinet genannt, um die maͤßige Summe von drei Gulden monatlich abgetreten hatte. Dieſe Theilung war erſt vor wenig Tagen zu Gunſten zweier Fremden ge⸗ ſchehen. Sr. Excellenz dem Ritter St. Yvon und ſeiner Gnaden Signor Fratello, einem edlen Venetianer, ſeinem Freunde. Unter dieſen Eigenſchaften waren beide Gaͤſte bekannt. Es blieben noch einige Stufen zu ſteigen uͤbrig, als der Gnaͤdige Herr bei dem Anblick einer Equi⸗ page, welche ſeiner Thuͤre gegenuͤber hielt, ſich 241 beeiferte, ſeine wollene Muͤtze in der Hand, den Edelmann nach dem Gegenſtande ſeiner Nach⸗ ſuchung zu leiten, und Styndall zu benachrich⸗ tigen, daß er an der erſten Schnur, welche zur Rechten ſich befinde, ziehen moͤchte.— Darauf kehrte er an ſeine wichtige Beſchaͤf⸗ tigung zuruͤck, die darin beſtand, die duͤnſten uͤbrig gebliebenen Reiſer der Holzbuͤndel zuſam⸗ men zu leſen, die er fuͤr Rechnung ſeiner be⸗ ruͤhmten Miethleute auf das Lager gebracht hatte, und von welchen dieſe uͤbrig gebliebenen Stuͤck⸗ chen, den ehrbaren Buͤrger ein paar Abende hindurch mit ſeiner Frailey⸗Tochter erwaͤrmen ſollten. Beim erſten Zug der Klingel oͤffnete der Ritter von St. Yvon ſelbſt die Thuͤr. Er ſchien uͤber die Gegenwart des Englaͤnders ganz und gar nicht beſtuͤrzt, lief vielmehr mit ſeinen leichten Manieren herbei und ſetzte den Scherz, der ſich von zwei Jahren herſchrieb, mit den Worten fort:„Ew. Majeſtaͤt, hoffe ich, wird's nicht uͤbel nehmen, daß ich in Ihre Staaten von Niederoͤſtreich gekommen bin, und in die Haͤnde meines Oberlehnsherrn des hoͤch ſten und maͤchtigſten Kaiſers vom Occident von welchem die Throne von Italien abhaͤngen, meinen treuen und perſoͤnlichen Lehnseifer fuͤr II. 16 242 die zwei Kronen von Frankreich und England, zu leiſten, womit ihm unter dem Titel des Reichslehn auf ſeinem kaiſerlichen Throne die erſten Tage des Jahres der Gnade 1766 mich zu begnadigen, gefallen hat.« „Mein Herr Ritter von St. Yvon, die Zeit dieſer Scherzreden iſt unter uns voruͤber und Sie haben es ſelbſt gewollt. Ich habe ein paar ernſte Worte mit Ihnen zu ſprechen und ich ſchmeichle mir, daß Sie dieſes Mal einige Aufmerkſamkeit auf meine Rede richten werden.“ „Wie es Dir gefaͤllig iſt, mein armer Styndall. Ich finde Dich alſo noch immer als denſelben, und ich ſehe aus Deinem, ein wenig nachdruͤcklichen Geſpraͤche, daß Du Dich in dieſem edeln Teutſchlande nicht abgeſchliffen haſt, und ich verſichere Dich bei meiner Ehre, daß die Ufer der Seine Deiner rauhen Gemuͤths⸗ kart beſſer zugeſagt haͤtten, als die dicke und boͤotiſche Luft, die man an den Ufern der Do⸗ nau einathmet. Als Koͤnig bereit, ſeine Lehns⸗ pflicht anzuerkennen, werde ich Dir ſelbſt mit Vergnuͤgen alle Ehrenbezeugungen meiner Staa⸗ ten erwieſen haben, wenn es Dir gefallen haͤtte, wie ein anderer Sigismund, Licht der Welt, nur einen Winter zu Paris zu reſidiren. Aber das Herz meines erhabenen Souverains iſt, wie man ſagt, in ſeiner Hauptſtadt von einem Pfeil der Liebe verwundet worden und er fand gewiß eine Barbe Hermann Graͤfin von Cilei..e „Still mit dem Geſchwaͤtz Ritter! ich habe Ihnen geſagt, daß ich ernſthafter mit Ihnen zu ſprechen wuͤnſche.⸗ „Es ſei mein Freund! ich wette, es betrifft Deine Herausforderung, des Grafen von To⸗ rontal, wovon er mich dieſen Morgen in einem Briefchen unterrichtete. Wenn Du auf mich als Secundanten rechneſt, ſo geſtehe ich, daß Du mich ſehr in Verlegenheit ſetzeſt, denn das iſt ſchon gut genug, daß ich dem Grafen die⸗ ſelbe Bitte mit Recht abſchlage.“« „Sein Sie ruhig, Ritter, ich werde Ihnen niemals eine Verlegenheit von dieſer Art ver⸗ urſachen.“⸗ Waͤhrend dieſes Zwiegeſpraͤchs naͤherten ſich beide einem Herde, auf welchem ein halbes Holzbuͤndel uͤber zwei alten eiſernen Feuerboͤcken brannte. Die Feuchtigkeit des Herdes zeigte bis zur Gewißheit, daß man in dieſem Zim⸗ mer zum erſten Mal im Jahre Feuer ange⸗ undet habe, obgleich der Oſtwind ſeit den letz⸗ 16* 244 ten Tagen des Oktobers ſcharf ſtrich. Die Moͤbeln des Zimmers entſprachen dem Zuſtande des Herdes. Da ein ſehr kleiner Schrank nicht hinreichte, die Garderobe der beiden Edel⸗ leute zu faſſen, ſo hatten ſie von der Thuͤre an, bis an ein Fenſter einen Strick queer ge⸗ zogen, an welchem die vornehmſten Stuͤcke ih⸗ rer Troͤdelei hingen. Es waren zwei Tuch⸗ kleider nach engliſcher Mode geſchnitten, die dem Ritter gehoͤrten und deren Schnitt noch ziemlich neu war, ein zweifarbiges Kleid von ſeidenem Gewirke nach Art eines Brandenbur⸗ ger Rock's, womit ſich Signor Fratello an Gallatagen bekleidete, ferner ein grau gefuͤt⸗ terter Ueberwurf, der den edeln Venetianer gegen den Eindruck der Nordluft ſchuͤtzte, an die er ſich ſchwer gewoͤhnen konnte; und zwei weite Maͤntel einer von blauem und der an⸗ dere von gruͤnem Tuch mit ſilbernen Haken. Die ſo laͤngs der Stube aufgehaͤngten Kleider bildeten eine Art von Verſchlag, hinter welchem Styndall einen ſich bewegenden Fuß gewahrte. Die verſteckte dritte Perſon verrieth ſich ſelbſt, bevor ſie ſich in das Kabinet zuruͤckzog, da⸗ durch, daß ſie durch einen Spalt in der Kleider⸗ wand einen Augenblick ihr Geſicht zeigte. 245 Friedrich wurde beim Anblick dieſer Zuͤge be⸗ troffen, ohne ſich des Grundes dieſes Eindrucks bewußt zu ſein. Er wußte nicht, ob er ihn einer Erinnerung aus der Vergangenheit oder dem merkwuͤrdigen Charakter dieſes italieniſchen Geſichts zuſchreiben ſollte. Uebrigens war das Zimmer faſt von Moͤbeln entbloͤßt und des breiten Bettes ohngeachtet, worin die beiden Edelleute bruͤderlich ſchliefen, haͤtte das Zim⸗ mer gewiß noch entbloͤßter ausgeſehen, wenn nicht ihre in einem Winkel haͤngenden leeren Mantelſaͤcke, ihre nach der Weiſe des Militairs aufgeſtoͤlpten mit Federn, Kokarden und flat⸗ ternden Baͤndern gezierten Huͤte und ihre De⸗ gen die Nacktheit der Wand nicht etwas ver⸗ huͤllt haͤtten. Man hoͤrte in dem Kabinet kein Geraͤuſch. Mit dem Ruͤcken gegen den Rauch⸗ fang und mit dem Geſicht gegen den alten Freund gekehrt, der einen Stuhl genommen hatt, begann Styndall folgender Maßen: „Ich glaubte, daß Sie unſere Vertraͤge hei⸗ lig gehalten haͤtten, ſo wie ich, um ſo mehr wundere ich mich, Sie Herr von Yvon hier zu ſehen, da Sie ſeit zwei vollen Jahren weder Ihrem Kinde noch der ungluͤcklichen Emma Riwerß Nachricht von Ihrem Leben gege⸗ 246 ben haben. Auch wiſſen Sie, daß wir zufolge dieſer Vergeſſenheit nicht einmal einen Brief⸗ wechſel zuſammen fuͤhren konnten.« „Sie nehmen es in einem zu hohen Tone mit mir, mein lieber Styndall; aber Sie ken⸗ nen ja meine ſchwache Seite, und was ich bei keinem andern thun wuͤrde, bei Ihnen laſſe ich mich bis zum Verzeihungbitten herab. Wohl⸗ an! ich wußte nicht, daß Sie Wien zu Ihrem Aufenthalt gewaͤhlt hatten, haͤtte ich es ver⸗ muthet, ſo wuͤrde ich wahrſcheinlich meinen Weg wo anders hingenommen haben; doch iſt es auch moͤglich, daß ich meinem Reiſeentwurf treu geblieben waͤre, alsdann waͤren Sie auch der Erſte geweſen, den ich davon unterrichtet haͤtte.« „Wie werden Sie aber Ihre Ausſage mit Ihrer hieſigen Verbindung in Uebereinſtim⸗ mung bringen? Sie haben ſeit mehrern Tagen Umgang mit dem Grafen von Torontal, dem ich nicht unbekannt bin. Sie haben mehrere Male mit ihm von mir geſprochen, und zwar auf eine ziemlich leichtſinnige Art, und ich habe Sie endlich durch einen bloßen Zufall bei dem Prinzen Ludwig angetroffen.“ 247 „Wo ich mich ruͤhmen kann, Ihnen mein Wohlwollen erzeigt zu haben.“ „Ja wenn die Anreizungen und Schmaͤhun⸗ gen in Rechnung gebracht werden koͤnnen. Die Artigkeit iſt in der That etwas bitter.“ „Haben denn meine Aeußerungen in Ihren Augen eine ſolche Bedeutung gehabt, die ich Ihnen zu geben gar nicht Willens war? Ich habe daraus von der Abſicht urtheilen koͤnnen.“ „Sie ſind ein Undankbarer«, fuhr der Rit⸗ ter fort!„ich ſtand an der Seite dieſes aufrich⸗ tigen Teutſchen gegen Sie, ich verlor einen Dukaten, und ich war daruͤber nicht weniger zu⸗ frieden, Sie in Vortheil zu ſehen, denn die Par⸗ tie war gut, aber Sie haben ſie mit Ihrem gewoͤhnlichen Stolze verdorben. Sie ſchieben Gold unter den Leuchter, Sie verbrennen Bank⸗ ſcheine, als wenn es Lumpen waͤren. Sie treten aus bloßem Vergnuͤgen ein Haus ab, das Ihnen ſo gewiß zukommen mußte, als wenn Sie ſchon dazu den Schluͤſſel in der Ta⸗ ſche haͤtten. Glauben Sie, daß eine dieſer Handlungen mir entgangen ſei?“ „Ich that was ich mir ſelbſt ſchuldig war!“ „Sehr wohl! Du haſt mir dafuͤr nicht we⸗ niger gekoſtet, mein armer Freund; ein Dutzend 248 guter Dukaten, mit welchen ich den Grafen von Torontal in feinem Racheeifer erhielt, und woraus Du Nutzen ziehen konnteſt, wenn Du nicht wie ein Thor alle meine Anſtrengungen vereitelt haͤtteſt.« Hiier zogen ſich Friedrichs Geſichtsmuskeln heftig zuſammen. Die fuͤr einen edlen Geiſt empoͤrende Vertraulichkeit des Ritters, die Fortdauer der Verhaͤltniſſe, die eine ſolche Sprache vermuthen ließ, und der Ekel vor dieſem ſchmeichleriſchen Ton empoͤrte ihn ſo ſehr, daß er voll Unwillen ausbrach: „»Das iſt zu arg Herr! ich haͤtte nie ge⸗ glaubt, daß Sie ſich zu dieſem veraͤchtlichen Stande herabgelaſſen haͤtten! Mit was fuͤr Leuten ſind Sie denn ſeit zwei Jahren umge⸗ gangen? Was? das iſt alſo die ſchimpfliche Rolle, die Sie bei dem Manne zu ſpielen wa⸗ gen, deſſen Freund Sie ſich nennen, und bei dem Ihnen, ſich uͤber mich zu beſchweren, be⸗ liebte. Ich war alſo derjenige, auf den Sie rechneten, um ihn auszuziehen und ihn fuͤr ſeine Unbeſonnenheit zu ſtrafen, die Ihr Werk war! Ich ſollte die Fruͤchte davon einernten, und ohne Zweifel ſie mit Ihnen theilen!. Elender! Sie luͤgen! Sie haben von mir dieſen 249 ſchaͤndlichen Gedanken nicht haben koͤnnen; nein, Sie haben ihn nicht gehabt! Sie ſind ein nie⸗ dertraͤchtiger Luͤgner!“ „Sie behandeln mich ſchimpflich, Sir Styn⸗ dall, und ich verlange deshalb Genugthuung. Sie duͤrfen nicht vergeſſen, daß ich ein Edel⸗ mann bin.“ 4 „Aber Sie haben es vergeſſen und ich ſchaͤme mich Ihrer Bekanntſchaft!⸗ „Sie ſchaͤmen ſich derſelben! Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie dieſe Worte nicht noch bereuen muͤſſen! So groß auch Ihr Anſehen hier oder in London ſein mag, ſo liegt doch Ihr Schickſal in meinen Haͤnden.“ „Ich fuͤrchte Sie nicht, Herr von St. Yvon Sprechen Sie! wenn Sie, auf welche Weiſe es auch ſei, die Geheimniſſe meines achtbaren Wohlthaͤters erforſcht haben, der mir vorher ſagte, was mir heute begegnet. Reden Sie! Ich bin bereit, die Thatſachen feierlich auszu⸗ rufen, welche aus Ihrem Munde gehen wer⸗ den, wenn ſie puͤnktlich ſind. Sie wiſſen, daß ich immer der Wahrheit gehuldigt habe, ſeit ich lebe, auch wiſſen Sie, daß es Niemanden auf der Welt giebt, dem ich nicht offen in's 250 Auge ſehen koͤnnte. Was Sie anbelangt... ich verabſcheue die Vergleichung.« „Von einem Worte Sir Styndall... Aber ich habe nicht vergeſſen, daß ich ſchon Jahre lang mich zur Annahme Ihrer Wohl⸗ thaten verſtanden habe. Erzuͤrnen Sie mich nicht ganz! Wir koͤnnen das Schwert zucken, wie wir es in einem Augenblicke thun wollen, und ich werde Sie doch nicht zu Grunde richten!“— „Sie mich zu Grunde richten! das wird niemals in Ihren Kraͤften ſtehen! Ich entbinde Sie Ihrer Verbindlichkeit! ſprechen Sie dieſes ſchreckliche Wort aus, welches es auch ſein mag; denn ich erklaͤre es Ihnen, es findet zwi⸗ ſchen uns keine Verbindung mehr ſtatt, ich breche ſie im Angeſichte des Himmels... Aber das heißt die Zeit ohne Nutzen hinbringen! Wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, ſo wollen wir ge⸗ hen; ich habe Waffen in meinem Wagen. In dieſem Augenblicke murmelte St. Yvon einige unverſtaͤndliche Worte, die fuͤr Friedri⸗ chen ſelbſt ohne Sinn waren. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs, wo die Stimmen auf einander ſtieſ⸗ ſen, wo die Erwiederung uͤber die Fragen hin⸗ aus gingen, ließ ſich ein Geraͤuſch in dem Ka⸗ 251 binet hoͤren. Die Thuͤre deſſelben oͤffnete ſich und Styndall wurde gewahr, daß der neue Geſelle des Ritters von St. Yvon nicht allein horche, ſondern auch mit jedem Augenblick in das Zimmer treten konnte. Dieſe Lage floͤßte dem Englaͤnder keinen Schrecken ein. Nach kur⸗ zem Stillſchweigen, den Ruͤcken immer an das Kamin gelehnt, die Augen auf die Thuͤre des Kabinets geheftet, mit gleicher Standhaftig⸗ keit und mehr Ruhe erklaͤrte er ſeine Meinung auf eine faſt feierliche Weiſe. „Jede Gemeinſchaft des Aufenthaltes iſt unter uns unmoͤglich. Ich ſah das erſt gar zu gut voraus. Sie muͤſſen Wien binnen vier⸗ undzwanzig Stunden verlaſſen, und Ihrer Wahl nach, den Weg nach England, Frankreich oder Italien einſchlagen, ich werde Ihnen auch fer⸗ ner die Mittel, um in einer der drei Reſiden⸗ zen leben zu koͤnnen, zuſichern. Wenn Ihre jetzigen Mittel Ihnen nicht erlauben, die Ko⸗ ſten fuͤr dieſe neue Verſetzung zu beſtreiten, ſo will ich dazu noch beiſteuern; aber Sie muͤſſen Wien in vierundzwanzig Stunden verlaſſen ha⸗ ben. Hoͤren Sie, Herr Ritter, oder ſchicken Sie ſich an, mir zu folgen!“ „Ich bin uͤberdruͤſſig, Ihnen noch laͤnger zu Dienſten zu ſtehen“, verſetzte St. Yvon aͤrgerlich.„Sie werden mich bald aus der Welt verweiſen. Wir gehen, aber wer wird uns zum Zeugen dienen?“ „Wer? der ſonderbare Freund, den Sie ſich zugelegt haben, und der ſchon ſeit einer halben Stunde die Geduld hat, uns ruhig zu⸗ zuhoͤren.« Kaum waren dieſe Worte verhallt, als Signor Fratello den Behang der Kleider ploͤtz⸗ lich halb oͤffnete, und auf Styndall ſich gleich⸗ ſam los ſtuͤrzte, mehrmals mit dem Abſatz ſei⸗ nes Stiefels auf den Boden ſtampfte, und den Englaͤnder mit drohender Stimme, ihn be⸗ ſchimpft zu haben, beſchuldigte. „Ja, Signor“, fuͤgte er in einem Gemiſch von engliſchem und italieniſchem Accent hinzu, „Sie haben mich an meiner Ehre, als einen braven Edelmann, beſchimpft, eben ſo Ihro Ex⸗ cellenz meinen geliebteſten Freund, den Ritter von St. Yvon, deſſen großem Verdienſte ich mich angeſchloſſen habe! Der Geduld mich anzukla⸗ gen, als mir das Blut in den Adern wallte! das ertrug noch nie ein edler Venetianer, und bei dem heiligen Markus! es wird unter uns ein Turnier ſtatt finden muͤſſen!“ So lermte Signor Fratello, rannte nach dem Verſchlag, machte ſeinen Hut los, und ſetzte ihn ſtolz auf den Kopf. Darauf bewaff⸗ nete er ſich mit ſeinem Degen, der ſechs gute Zoll laͤnger als der des Ritters war. Er zog die Klinge bis zur Spitze heraus, um uͤber ſeinen guten Zuſtand zu urtheilen und die An⸗ dern urtheilen zu laſſen. Dann ſteckte er ſie wieder in die Scheide, und machte in einem gelindern Ton bemerklich, daß der Handel noch nicht ſo ſchlimm waͤre, als daß er nicht ver⸗ glichen werden koͤnne. „» Der gnaͤdige Herr Gentleman iſt reich“, ſagte er,„er braucht nur eine gute Summe zu bezahlen, und wir verſprechen ihm gaͤnzliche Verſchwiegenheit; denn, ich ſehe, es ſind Ge⸗ heimniſſe zu bewahren; nur da ich nicht feſter an den Aufenthalt zu Wien, als an jeden an⸗ dern gebunden bin, ſo nehme ich es, als ein edler Venetianer auf mich, den Ritter von St. Yvon in irgend eine der beruͤhmteſten Staͤdte von Italien zu fuͤhren, wenn er nicht lieber will, daß wir unſern Weg nach Frank⸗ reich zu nehmen, wo ſein guſts Aeußere ihm Gunſt bei den Damen verſchaffen wird. Das habe ich die Ehre, dem gnaͤdigen Herrn Gent⸗ —254 leman vorzuſchlagen, und was ich auch rathe anzunehmen, wofern nicht.... Und zum zweitenmal ließ er, jedoch nur bis zur Haͤlfte die Klinge des langen Degens, oder vielmehr des Schlachtſchwertes, glaͤnzen, hierauf ſtieß er ihn mit der flachen Hand hef⸗ tig in die Scheide, daß das Metallblatt und das Kupferbeſchlaͤge der Scheide laut zuſam⸗ men droͤhnten. Das war ein Zug von Bered⸗ ſamkeit, von dem er ſich um ſo groͤßere Wirkung verſprach, als er ihn verſtaͤrkte, mit einem Schritte vorwaͤrts, als wolle er den Koͤrper und das Schwert ſo halten, um dem Feinde einen Streich zu verſetzen, wobei er jedoch ge⸗ deckt waͤre. Styndall hatte dieſe Worte in einer voll⸗ kommenen Unbeweglichkeit angehoͤrt. Nicht mehr entruͤſtet von der Drohung des Signor Fratello, als von ſeinem widerlich ſuͤßen Vor⸗ ſchlag, wendete er ſich, ohne ihm ein Wort zu verſetzen, gegen den bretagniſchen Edelmann, und ſagte ihm kaltbluͤtig:„Laſſen Sie uns hinabgehn!“ Da trat deh Signor zwiſchen die beiden alten Freunde, und rief mit einem verſtellten Zorn mit der groͤßten Gewalt ſeiner kreiſchenden 255 Stimme: Ich bin ein edler Venetianer, und der Gentleman hat mich doppelt beſchimpft, weil er ſich nicht einmal begnuͤgt hat, Seine Excellenz, den ſehr wuͤrdigen Ritter von St. Poon, meinen Freund, anzugreifen, ſondern ſich gegen mich hoͤchſt beleidigend aufgefuͤhrt hat. Alſo bei mir wird der Kampf beginnen. Der engliſche Herr verlangt, wie es ſcheint, zu wiſſen, was ſechs und dreißig Zoll eines gut behefteten Eiſens werth ſind.“ Damit ging der Italiaͤner auf Friedrich los, der ihn mit der Hand zuruͤckſtieß, und noch mehr durch die von einem ſtrengen Blick begleiteten Worte zuruͤckhielt: „Ich kenne Sie, Signor Fratello, nicht nur von Heute. Zuruͤck mit Ihnen; ich fuͤrchte weder Ihren Degen noch ihren Dolch, den ich beobachte.— In der That ragte die ſcharfe Spitze der treuloſen Waffe ziemlich ſichtbar aus der Weſte des vorgeblichen Eiſenkraͤmers hervor. In demſelben Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre, mit einem Geraͤuſche, als wenn ſie eingeſtoßen worden waͤre, Tom ſtuͤrzte herein, ſetzte die Nuͤndung einer Piſtole auf Fratellos Bruſt, und befahl ihm, ſich zu entfernen. Im Falle der 256 Weigerung machte er ihm bemerklich, daß er Feuer geben werde. Der Signor gehorcht der Geberde des treuen Dieners, deſſen ploͤtzliche Erſcheinung er ſelbſt durch beſtaͤndiges gewaltiges Stampfen auf den Fußboden, herbei gerufen hatte. Die Erſchuͤtterung war bis zum unterſten Stockwerk gedrungen, und Tom uͤberzeugt, daß ſein Herr in Gefahr ſei, ſchoß aus dem Magazin des Stahlhaͤndlers wie ein Blitz zum Wagen, bemaͤchtigte ſich der Waffe, die zur Vertheidigung ſeines Herrn beſtimmt war, rannte die Stufen hinauf, und gelangte in dem Augenblick an die Thuͤre, wo der Gentleman die Worte ausſprach, die die Seele des treuen Dieners mit Schrecken erfuͤllten. „Tom ¹, erwiederte Friedrich,„es iſt ge⸗ nug; laß den Herrn gehn, er wird uns bis zu unſerer Ruͤckkehr erwarten, denn es iſt moͤg⸗ lich, daß ich noch mit ihm zu ſprechen habe, und Sie, Ritter von St. Yvon, wenn Sie noch die geringſte Ehre beſitzen, ſo folgen Sie mir.« Herr und Diener ſtiegen zur Treppe hinab, wo ſich auf einem Ruheplatz derſelben, aus Neugierde, durch den Laͤrm herbei gelockt, der 4— 275 Hanpt Miethmann mit ſeinem Fraͤulein Toch⸗ ter ſtand. Von der Gewalt, die die Tugend uͤber das Laſter hat, und von dem nachdruͤck⸗ lichen Ton des Englaͤnders beherrſcht, folgte der Ritter, ſein Schwert unter dem Arm, den Beiden. Alle drei nahmen im Wagen Platz, und eine tiefe Stille herrſchte unter ihnen, bis ſie ohnweit vor dem Lerchenfelder Thore, in⸗ nerhalb der aͤuſſern Baſtei, hinter dem Augu⸗ ſtinerkloſter ausſtiegen. Beim Weggehn hatte Styndall dem gnaͤdigen Herrn und dem Stahl⸗ haͤndler anbefohlen, auf den Italiener zwei Stunden lang ein wachſames Auge zu haben, nach deren Verlauf gedaͤchte er wieder zuruͤck zu ſeyn, wenn es nicht dem Himmel gefiel, ſeinem Leben Grenzen zu ſetzen. Der teutſche Charakter hat das Eigenthuͤmliche, daß er zu einem paſſiven, ja ſogar zu einem activen Ge⸗ horſam willig iſt, wenn ſich vermuthen oder erkennen laͤßt, daß der Befehlende dazu Befug⸗ niß hat. Signor Fratello ſuchte vergebens aus dem Hauſe zu kommen. Zweimal wurde er von dem kraͤftigen Arm des Stahlhaͤndlers und dem aufmerkſamen Auge des Hauptmiethmanns zuruͤckgewieſen. Da dieſe ehrbaren Buͤrger For⸗ II. 17 258 derungen zu machen hatten, der eine einen Schilling fuͤr Holzbuͤndel, ohne den Miethzins, der andere fuͤr einige kleine Lieferungen, ſo fuͤrchteten beide, daß die Abreiſe dieſes verdaͤch⸗ tigen Menſchen, ſie um ihre Forderung bringen moͤchte. Den feſten Vorſatz des Italieners zu entwiſchen, vernichtete endlich die Erklaͤrung ganz, daß wenn der Miethmann ihn durchlieſſe, er mit der Polizei Haͤndel haben wuͤrde. Der Signor wurde alſo in ſeiner Hoffnung getaͤuſcht. Eingehuͤllt in ſeinen Mantel, untet dem er noch ſeinen Ueberwurf an hatte, war er mit dem Beſten aus ſeiner Garderobe verſehen, ohne den Brandenburger Rock zu vergeſſen. Von der Ehrfurcht, die er vor ſeiner Excellenz, dem Ritter von St. Yvon aͤuſſerte, war er jedoch nicht ſo ſehr eingenommen, daß er beim Ein⸗ packen, nicht gewiſſe leicht zu transportirende Sachen, die ein gemeinſchaftliches Eigenthum waren, mit erwiſcht haͤtte. Ein Deficit an der Boͤrſe des edlen Bretagners haͤtte dies klar gemacht, wenn der Italiener auf dem Wege nicht angehalten worden waͤre; aber da er gezwungen war, in das Zimmer zuruͤck zu gehen, das ihm in der That zur Wohnung diente, hatte er, ſtatt ſeiner Wahl die Klug⸗ heit, die Dinge wieder in den vorigen Stand zu ſetzen. Ehe fuͤnf Viertel Stunden vergangen waren, fuhr derſelbe Wagen, der vorhin in der Joſeph⸗ ſtadt ein wenig gehalten hatte, nur ſehr langſam vor das Haus vor. Drei Maͤnner halfen einem vierten herausſteigen. Dieſer letztere war der Ritter von St. Yvon, der in der Bruſt von einer Kugel ſchwer verwundet war. Styndall und ſein Kammerdiener hielten ihn unter den Armen, waͤhrend ein alter Chirurgie verſtaͤndiger Moͤnch ihm mit der Hand eine auf die Wunde ge⸗ legte Bandage hielt. Dieſer ehrwuͤrdige Pater war von einem gleichzeitigen Knalle zweier Feuergewehre aus ſeiner Zelle gelockt worden. Der Englaͤnder war von Schmerz durch⸗ drungen. Kaum ſollte man glauben, daß das der⸗ ſelbe Mann waͤre, der vorher im Zimmer des Bretagners geweſen war. Unter ſeinen Augen wurde der erſte Verband angelegt, der in einer unregelmaͤßig aufgelegten Binde beſtand. Ein her⸗ bei gerufener, erfahrner Chirurg, blieb nicht lange aus. Sobald er ſeine Verrichtung begann, war Styndall beſchaͤftigt, die Worte und die ge⸗ ringſten Zeichen, die dem Verwundeten ent⸗ ſchluͤpften, zu ſammeln. Das war der Freund, 17* 260 der ſich mit zaͤrtlicher Aufmerkſamkeit mit dem Freunde beſchaͤftigte. Alle Bande der alten Liebe ſchienen ſich wieder feſt zu knuͤpfen, und mitten in dieſer Hingebung vergaß er ſogar das Mißtrauen, das er doch durchaus gegen den Italiener beibehalten mußte, der mit ſeinem laͤrmenden Geſchrei und Wehklagen einen ſei⸗ nem Vorhaben guͤnſtigen Aufſtand zu erregen ſuchte. Aber Tom bewachte dieſen Fremden, um den ſich der Verwundete ſehr wenig zu bekuͤmmern ſchien. Nach Entfernung des Moͤnchs und des Wundarztes, umfaßte der Ritter die Hand des Gentleman, druͤckte ſie mit den ihm uͤbrig gebliebenen Kraͤften, und ſagte: „Warum habe ich Sie nicht angehoͤrt, mein geehrter Freund, Sie, den ich mir zu meinem eignen Verdruß zu bewundern, ge⸗ zwungen war, Sie, den ich in der Mitte mei⸗ ner Thorheiten, in der Tiefe meines Herzens verehrte! Warum bin ich nicht an Ihrer Seite den Weg der Ehre gegangen, auf den Sie mich zu leiten, ſo faͤhig waren!... ich wuͤrde gluͤck⸗ lich ſein, und Sie nicht mit dem Anblick einer Beſtrafung betruͤben, die mir der gerechte Him⸗ mel durch Sie aufgelegt hat! Gott wolle 261 nicht, daß ich mich daruͤber beklage! ich war nicht wuͤrdig, Ihr Freund zu ſein— nein, ich war deſſen nicht wuͤrdig!... verſprechen Sie mir wenigſtens, weder Mutter noch Kind zu verlaſſen! arme Emma! was hatteſt du ge⸗ than, daß du geſtraft wurdeſt, einen ſo Elen⸗ den, wie mich, auf der Erde anzutreffen! „Beruhigen Sie ſich«, entgegnete ihm Styn⸗ dall;„beruhigen Sie ſich, mein Freund; Ihre Wunde iſt gefaͤhrlich; aber der Arzt hat mir im Weggehen geſagt, daß er viel davon hoffe, wenn Ihre Ruhe nicht geſtoͤrt wuͤrde. Er glaubt, wenn die Kugel ſich nicht von ſelbſt an der Oeffnung zeige,— denn er haͤlt ſie nicht fuͤr tief eingedrungen,— werde ſie der Geneſung nicht ſchaͤdlich ſein. Es iſt kein fremder Koͤrper mit ihr eingedrungen. Man wird Sie pflegen, ich werde ſelbſt dabei wachen, Sie koͤnnen davon verſichert ſein, und Ihrer Emmeline werde ich ſchreiben, und ihr von Ihrer Reue ſagen.— Sie liebt Sie noch immer, Ritter, Sie ſollen bald davon den Beweis be⸗ kommen. Welche Frau ſollte nicht, dem Va⸗ ter ihres Kindes verzeihen.« Bei dieſen letztern Worten bekamen die Lippen des Verwundeten einige Roͤthe, und ſein 202 belebtes Auge ließ keinen Zweifel, daß die Worte Styndalls, in ſein Herz gedrungen waren. Eben war eine Krankenwaͤrterin ange⸗ kommen, die der ehrwuͤrdige Pater Auguſtin geſchickt hatte; er ſelbſt erbot ſich, daß er einen Theil des Abends bei dem Bretagniſchen Edelmann zubringen wolle. Friedrich gab ſei⸗ ner Seits alle Befehle, welche die Lage des Ritters erfordern konnte, und bevor er ſich wegbegab, befahl er dem Signor Fratello, ihm in ein nahes Gemach zu folgen, um deſſen Ge⸗ brauch er den Hauptmiethmann fuͤr einige Au⸗ genblicke anſprach. Beide traten in dies Zim⸗ mer; aber Tom Sylcock, der ſich nicht unver⸗ ſehens uͤberfallen ließ„ ſtellte ſich in einer ehr⸗ baren Stellung als Schildwache an die Thuͤre denn ohne Zeitverluſt hatte er eine von den Piſtolen wieder geladen, deren er ſich bemaͤch⸗ tigt hatte, als die Waffe St. Pvons Hand entſchluͤpfte. Da ſich der Englaͤnder mit dem Italiener allein ſah, erklaͤrte er ſich auf fol⸗ gende Weiſe:„Vor einigen Stunden befahl ich Ihnen aus guten Gruͤnden, Wien in vier und zwanzig Stunden zu verlaſſen, und Sie werden den Ihrigen zu gehorchen haben, es bleibt da⸗ bei, die Stadt morgen und dieſes Haus noch dieſen Abend zu verlaſſen, denn Herr von St⸗ Yoon bedarf Ihres Beiſtandes nicht mehr. Ver⸗ ſtehen Sie mich! „ Gnaͤdiger Gentleman, erwiederte Fra⸗ tello, wer giebt Ihnen das Recht, mit mir alſo zu reden! ich bin ein edler Venetianer, und... —„Ein edler Venetianer, oder nicht,“ erwie⸗ derte Styndall mit dem Tone, mit dem er ſei⸗ nen Willen durch ſeine Worte deutlich genug zu erkennen zu geben wußte,„Sie ſind der Meu⸗ chelmoͤrder der Prinzeſſin Eſterhazy: Sie ſind der meinige, und ich verdanke die Erhaltung meines Lebens nur Ihrer Ungeſchicklichkeit an einem gewiſſen Abend in Ranelagh, deſſen Sie ſich wohl erinnern werden. Wenn ich Sie hier bezeichnete, wenn ich der Polizei nur ein Wort zukommen ließ, ſo wuͤrde ich Sie ungluͤcklich machen, denn das Zeugniß dieſer verehrten Dame zu dem meinigen gefuͤgt, iſt unverwerf⸗ lich.— Kennen Sie mich jetzt, kennen Sie den⸗ jenigen, der ihren wuͤrdigen Spießgeſellen, deſſen Ende Sie treulos in der Furcht beſchleunigt haben, zu Boden ſtreckte! Seine Geſtaͤndniſſe moͤchten Ihr Anklaͤger werden. Kaum hatte er dieſe niederſchmetternden Worte ausgeſprochen, als Signor Fratello auf 264 den Knieen vor Friedrich lag, und ſie mit ſei⸗ nen Thraͤnen benetzte. »Stehen Sie auf, fuhr Styndall fort, werden Sie ein rechtſchaffener Mann, wenn Sie es koͤnnen, alsdann will ich Ihnen verzei⸗ hen! ich will ſelbſt Ihr Geheimniß den Ritter von St. Yvon nicht wiſſen laſſen, der ohne Sie zu ſchaͤtzen, wenigſtens dieſen ſchimpflichen Theil Ihres Lebens nicht weiß. Gehen Sie fort! erinnern Sie ſich, daß im Falle eines abermaligen Anſtoßes, ich ein Auge auf Sie haben, und Sie nach Ihren Verdienſte behan⸗ deln werde. e⸗ „Guaͤdiger Gentleman«, winzelte der Ita⸗ liener, um Mitleid zu erregen,„wie ſoll ich mich entfernen: ich bin ganz ohne Mittel, und der Herr Ritter hatte mir in meiner Noth bei⸗ zuſtehen verſprochen, wenn ich ihm in feinem Vorhaben beiſtaͤnde.— „»Schweigen Sie, Elender!« verſetzte Styn⸗ dall heftig, und warf, das Zimmer verlaſſend, ſeine Boͤrſe auf die Erde. Fratello hob ſie demuͤthig auf, und ging, um Alles fuͤr ſeine Abreiſe zu ordnen; der Kranke war weniger aufmerkſam auf ihn. Bevor ſich der Englaͤn⸗ der entfernte, naͤherte er ſich noch einmal St. 265 Pvon, und erneuerte ihm alle ſeine Verſpre⸗ chungen. Als er ſo der Vorſchrift ſeines edlen Herzens Genuͤge geleiſtet hatte, ſtieg er mit dem treuen Tom die Treppe hinab; dem Kut⸗ ſcher wurde befohlen, ſie nach Wieden zu brin⸗ gen, wo den Gentleman mehrere Boten erwar⸗ teten. 20. Kaum war Styndall in ſeiner Behauſung angelangt, als ihn ſeine Dienerſchaft mit den Zeichen der groͤßten Liebe und Hochachtung um⸗ ringte. Entfernt, dieſe ſchminkloſe Huldigung zuruͤckzuweiſen, war er vielmehr im Innern ſei⸗ nes Herzens davon geruͤhrt.»Muß ich es mei⸗ nem Schickſal nicht Dank wiſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß es in meiner Lage Andern eine Buͤrgſchaft fuͤr ihr Gluͤck giebt? Und ſpraͤchen ſie auch alle dieſe Wuͤnſche nur ihres Vortheils wegen aus; ſo waͤre doch noch etwas daran, was dem Himmel meinen Dank verpflichtete; denn weſſen Leben fuͤr Mehrere der Centralpunkt der Freude und der Unruhe wird, der iſt vom Geſchick nicht ganz verſtoßen. Mit einer vielleicht lebhafteren Gemuͤthsbe⸗ wegung erfuhr Styndall, daß man aus der 266 Leopoldſtadt dreimal geſchickt habe, um Nach⸗ richten von ihm einzuholen. Der Beſuch des Baron von Sperges war zwiſchen zwei Sendun⸗ gen gefallen, die waͤhrend drei Stunden aus dem Palaſt von Oedenburg in derſelben Abſicht gekommen waren, und die toͤdtliche Unruhe ſei⸗ ner Bewohner verkuͤndet hatten. Die erſte dieſer Botſchaften bezog ſich blos auf eine einfache Nachricht uͤber die Ereigniſſe des Tags, wor⸗ auf Styndalls Diener in ihrer Unbekanntſchaft mit dem Vorhaben ihres Herrn gar nichts zu erwiedern wußten. Die Erſcheinung der zwei⸗ ten war durch ein Briefchen der Baronin von Stein bewieſen, die den Gentleman dringend er⸗ ſuchte, ſie Beide ſeinetwegen aus der Angſt zu reißen. Am Ende dieſer Zeilen war eine einzige, die von einer andern Hand geſchrieben war, deren Schriftzuͤge er noch nicht geſehen hatte, und die Hauf einmal dem Papier einen unſchaͤtzbaren Werth gaben, ob ſie gleich nur dieſe Worte enthielten: „Wird Herr Styndall wohl die Guͤte haben, ſobald es ihm die Zeit erlaubt, Nachricht von ſich in den Augarten zu ſchicken? Charlotte.“ Das war die ganze Unterſchrift. Es war ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe Nach⸗ 267 ſchrift in einem Augenblicke des Schmerzes und der Unruhe dem Brief angehaͤngt worden war. Styndall verſtand dieſe Sprache, und gewiß haͤtte er das Papier mehr als einmal an ſeine Lippen gepreßt, waͤre nicht ſein Kammerdiener zugegen geweſen, der ein Gedeck auf den Tiſch ſetzte, und ſeinen Herrn zur Mahlzeit ermunterte, deren Beduͤrfniß er fuͤhlen muͤßte. Statt dieſen guten Rath zu befolgen, den er bereits von ſeinem Magen beſſer empfangen hatte, da die Schatten des Abends den Horizont ſchon um⸗ dunkelten, ſchrieb Styndall in aller Eile die Antwort, die er einer ſo zaͤrtlich bezeigten Theil⸗ nahme ſchuldig war. Hierauf beauftragte er Tom, ſeinen Brief dem Gaͤrtnerburſchen, Ne⸗ pomuk Dietrich, zu geben und ihm dabei einzu⸗ ſchaͤrfen, daß er Eile gebrauchen moͤchte. Dabei verſicherte er dem rechtſchaffenen Sylcok, daß er blos aus Furcht ihm die Beſchwerden des vergangenen ſtuͤrmiſchen Tages noch zu ver⸗ groͤßern, nicht ſelbſt den Brief zur Beſorgung uͤbergebe; aber der brave Burſch berief ſich auf ſeinen Vorzug, der ihm ſchwerlich abgeſchlagen werden koͤnnte, wenn er ihn nur als eine Gunſt anſah; er ſattelte das Pferd, auf welchem er oft den Gentleman begleitete, und machte ſich 268 auf den Weg nach der Leopoldſtadt, wo ſeine Gegenwart eben ſo erwuͤnſcht war, als ſie er⸗ wartet wurde. Dort hatte ſich ſeit der Ruͤckkehr aus dem Palaſte des franzoͤſiſchen Geſandten mancherlei Wichtiges ereignet. Die Fuͤrſtin Charlotte hatte ſich, von ihrer Wanduhr erinnert, entkleiden laſſen, und niedergelegt, ohne die Annaͤherung des Schlafes zu fuͤhlen, ja ohne ihn ſelbſt zu wuͤnſchen. Der Beifall ihres Geiſtes hatte die Neigung befeſtigt, gegen die ſie ſeit einiger Zeit nicht mehr kaͤmpfte, und die ſie ernſtlich bekaͤmpft haͤtte, waͤre ſie nicht von ihrer Erwiederung uͤber⸗ zeugt geweſen, und ſo empfand ſie in dieſer in⸗ nerlichen Unterredung einen der fuͤſſeſten Genuͤße, deren das weibliche Herz theilhaftig werden kann. Nichts kommt dem Rauſche einer Liebenden gleich, die durch Tugend, ſeltene Eigenſchaften nur noch mehr durch ihre Geburt an der Spitze ihres Geſchlechts ſteht, und die den Gegenſtand ihrer Wahl derjenigen der allgemeinen Hochachtung werden ſieht. Jeder Zug von Kraft und Ehre bei ihrem Freunde iſt ihr ein Pfand von Sicher⸗ heit; jede ſchoͤne Handlung, von der ſie ein Zeuge iſt, bringt ſie ihm einen Schritt naͤher. Sie fuͤrchtet nicht, in dieſem Kampfe von edlen Em⸗ 269 pfindungen uͤbertroffen zu werden; je groͤßer der Mann iſt, an den ſie ſich anſchließt, deſto ruͤhm⸗ licher iſt fuͤr ſie die Erkenntniß, daß ſie ihn allen vorzieht, und ihrer Weiblichkeit treu, durch die ſie ihre Gaben mit einem ſchoͤnen Glanz um⸗ giebt, ſetzt ſie einer Liebe keine Grenzen, deren Eigenthuͤmlichkeit nur darin beſteht, ſie in ihren eignen Augen zu erhoͤhen: und ihr Hingeben bedarf der Entſchuldigung nicht mehr, ſobald ſie von der oͤffentlichen Stimme gebilligt wird. Charlotte ſchlief wenig; aber dieſe Schlaf⸗ loſigkeit ermattete ſie nicht, und wenn man glau⸗ ben darf, daß die innere Zufriedenheit den Reitz einer ausdrucksvollen jedoch regelmaͤßigen Schoͤn⸗ heit noch vergroͤßert, ſo konnte ſich die Fuͤrſtin von Oedenburg nicht beklagen, wenn ſie in die⸗ ſem Augenblick in den glaͤnzendſten Zirkeln der Hauptſtadt der beiden Oeſterreiche haͤtte erſchei⸗ nen muͤſſen. Um acht Uhr fruͤh klingelte ſie ihrer Kammer⸗ frau, ſtand dann auf und ſetzte ſich an das Feuer. Die Baronin von Stein hatte das Klingeln gehoͤrt, und blos in der Abſicht, die Gedanken, die in ihrem Kopfe zuſammenſtroͤmten, und deren Uebermaaß ſie ein wenig belaͤſtigte, auszuſchuͤt⸗ ten, benutzte ſie dieſes Signal, um in das Ge⸗ 270 mach ihrer Couſine zu gehen. Das geheimniß⸗ volle Anſehn, das ihr Mann, ſeitdem er aus dem Hotel des Prinzen Ludwig zuruͤckgekommen war, angenommen, hatte bei ihr Erſtaunen er⸗ regt, und dieſes wurde noch durch den Befehl vergroͤßert, das Kabriolet um neun Uhr bereit zu halten. Allein die Gewohnheit, einen Gegen⸗ ſtand ihres Geſchmacks von Grund aus zu be⸗ handeln, uͤberwog das Verlangen, die Schritte des Barons mit den Augen zu verfolgen, von dem ſie hoͤchſtens vermuthete, daß er eine Jagd⸗ parthie verabreden, oder einem Freunde ſeiner Art die Statuten der Buͤrgerſchaft des heiligen Hubertus anvertrauen wolle, in deren Geheim⸗ niß ſie aus beſonderer Gunſt eingeweiht worden war. Eliſa, die ihrer Couſtne gegenuͤber ſaß und mit ihrer Gegenwart ſie kaum einer ſuͤßen Traͤu⸗ merei entziehen konnte, redete zu ihr in dieſen Worten:„Werden Sie mir nun ein ander Mal glauben, Charlotte? Iſt wohl unſer Gentleman von niedriger Herkunft? ſchon an ſeiner Art, die Karten anzuruͤhren, haͤtte ich Urſache genug zu glauben, daß er von vornehmer Geburt ſein muͤſſe. Meine Mutter, ihre Tante, geborne von Temeſch hat mir oft geſagk, daß ſie an dieſem 271 einzigen Zeichen die Offticiere von guter Familie, von der Presburgiſchen Garniſon erkannte. Von zwanzig Capitaͤnen oder Lieutenantes, die in ih⸗ rer Geſellſchaft aufgenommen waren, taͤuſchte ſie ſich nicht uͤber den Stand eines Einzigen, wenn ſie an dem Spieltiſche Antheil nahmen. Aber der Flamme eines Wachslichtes Kaſſen⸗ ſcheine von zwei tauſend Gulden zu uͤbergeben, und mehr denn vierzig Dukaten fuͤr die Bedienten unter einen Leuchter zu ſchieben, das iſt was anderes! das geſchieht nicht alle Tage! Nur ein Fuͤrſt, ja ich behaupte, nur ein Fuͤrſt konnte ſich ſo edel fuͤr den Vorwurf raͤchen, einem gemeinen Stande anzugehoͤren! ich hoffe, daß Sie jetzt, meine Couſine, an Styndalls Stande nicht mehr zweifeln werden! Waͤhrend ſich die Baronin auf ihre Bemer⸗ kung viel zu gut that, druͤckte Charlotte die kleine Erneſtine an ihre Bruſt, und bedeckte ſie mit Kuͤſſen. Denn es liegt in der Natur eines ſich ſelbſt ehrenden Weibes, wenn es ein zweites Mal ſein Herz einem wuͤrdigen Weſen uͤberlaͤßt, das Kind, das es einer andern Liebe verdankt, noch mehr zu lieben. Bei den geringſten Hand⸗ lungen ſcheint ſie dieſem unſchuldigen Geſchoͤpf, dem doch allein das Recht zuſtehen wuͤrde, ihr 22 uͤber neue Verbindungen Fragen vorzulegen, zu ſagen:„Du ſiehſt es, ich opfere dich nicht auf le⸗ Die Baronin ſetzte ihre Rede fort, als wenn Charlotte ihr geantwortet haͤtte:„Der Fuͤrſt voon Lichtenſtein hatte geſtern, ehe er uns ver⸗ ließ, kaum Zeit, mir ins Ohr zu ſagen, was er in den Gemaͤchern des Geſandten uͤber dieſen Vorfall geſammelt hatte.“ „Wohlan, was ſagt man?«⸗ „»Daß, wenn Styndall nicht der Erbe einer Krone iſt, wie er eine ſolche Geſinnung zeigt, ſo muß er ſo reich wie der Sohn eines Nabob ſein. „Ich bin Ihrer Meinung, Eliſe... dieſer Zug kann nur einer großen Seele angehoͤren. Wenn inzwiſchen ſchon etwas Hohes in dem Verbrennen der Bankſcheine lag, ſo wahr noch mehr darin, daß er zwei tauſend fuͤnf hundert Gulden zu den fuͤnf und dreißig tauſend hinzufuͤgte, die den Preis des Ulrich, nach der bloßen Erklaͤrung des Grafen von Torontal, ausmachten. Dieß war eine ſeltene Charakterſchoͤnheit, uͤberhaupt wie Sie noch ſagten, daß er ſogar entſchloſſen war, die Parthie zu verlieren.“ „Entſchloſſen: ja gewiß, denn er mochte ſein Spiel noch ſo ſehr verbergen, ich habe es doch geſehen, und ich glaube die Einzige geweſen zu ſein, die bemerkt hat, daß er die vier Koͤnige hatte, und zwei Damen davon mit einem As weggelegt hatte.“ „Liebe Couſine, huͤten Sie ſich das zu ſagen! weil er eines ſo edelmuͤthigen Opfers faͤhig iſt, ſo wird er Ihnen ſehr feind werden, daß Sie den Werth davon dadurch herabſetzen, daß Sie Ihre Muthmaßung ſo oͤffentlich kund thun. Sie moͤge nun gegruͤndet ſein oder nicht; ſo koͤnnen Sie gewiß glauben, daß Sie ſeine Misbilligung erfahren wuͤrden. Uebrigens kennen Sie den Stolz der Torontal und die Folgen.« Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs erſchallte ein Laͤrm, ſtarker Stimmen Zorniger, in einem Sei⸗ tengange. Die beiden Couſinen ſtanden zuſam⸗ men auf, liefen hinzu, und befanden ſich in der Mitte ihrer Leute, die zum groͤßten Theil nur Zuſchauer waren, indeß der Baron ſeinen Buͤchſenſpanner Frenks mit harten und beleidi⸗ genden Worten ſchalt. Beim Anblick ſeiner Frau und der Fuͤrſtin ſchien der Baron ſeine Heftig⸗ keit zu verdoppeln.„Koͤnnen Sie ſich vorſtellen,“ rief er mit zornentflammten Augen aus,„dieſer Kerl wußte, daß wir in zwei Tagen das Feſt des heiligen Hubertus haben, und er blies mir II. 18 274 kein Woͤrtchen davon ein, ob ihm gleich die feier⸗ liche Verpflichtung nicht unbekannt iſt, die ich uͤber mich genommen habe, dieſes Feſt mit dem Grafen von Schoͤnborn und allen ſeinen adeli⸗ chen Nachbarn zu feiern!“ Da der Buͤchſenſpanner ſich entſchuldigen wollte, ſo nahm der Baron, mit ſtaͤrkern Aus⸗ druͤcken, das Wort wieder: „Schweig, Elender! hab' ich dich nicht uͤber⸗ raſcht, als du Fraͤulein Hubert trotz ihres Wi⸗ derſtandes zu umarmen ſuchteſt, die, deine Kuͤſſe zuruͤckweiſend, zu dir ſagte, daß ſie nicht das Gluͤck haͤtte, obgleich die Namen aͤhnlich waͤren, den heiligen Hubertus zum Patron zu haben, daß uͤbrigens das Feſt des heiligen Hubertus fuͤr diejenigen, die nicht jagten, den dreißigſten Mai ſei, und daß man endlich die Leute nicht mehr acht und vierzig Stunden vor ihren Feſten umarme. Wenn das Geſchrei dieſes zuͤchtigen Maͤdchens mich nicht aufmerkſam gemacht haͤtte, ſo wuͤrde ich das erſte Mal in meinem Leben, ſo lange ich Mannsalter und Verſtand habe, den heiligen Hubertustag uͤberſehen haben; aber Schurke, du haͤtteſt es nicht mit in die Erde genommen!“ Der troſtloſe Frenks ſah ſeinen verliebten Verſuch mit ſeiner Schande ruchbar, 275 waͤhrend Fraͤulein Hubert laut auflachte, und ihre Gebieterin ſich in die Lippen biß, um ihre Freude nicht auf eine zu anſchauliche Weiſe zu theilen, murmelt er einige Worte gegen den Baron in den Zaͤhnen. „Du willſt mir wohl auch noch Trotz bie⸗ ten?« verſetzte dieſer in hoͤchſtem Unwillen,„wohl⸗ an, ich jage dich fort! ich werde wohl ohne dich weggehen, Schurke! ich, verabſchiede dich; ich habe deiner untreuen Dienſte nicht mehr noͤthig. Ich werde mich allein mit dem Heinrich in das Schloß Schoͤnborn begeben, wo ich dir meine Schande zu verdanken habe.. Was! du liebſt die jungen Maͤdchen im Namen des heiligen Hubertus noch, treuloſer Diener, und du wuͤr⸗ digeſt mich nicht mir zu ſagen, daß wir in zwei Tagen ſein Feſt haben? Hoͤren Sie es, meine Damen: zwei Tage, und ich habe mehr als vierzig deutſche Meilen zu reiſen, um mein Wort zu halten!... Eliſa, bezahle dieſen Kerl, dem ich neun Monate Lohn ſchuldig bin, nach dem Contract von zwei hundert Gulden jaͤhrlich, da⸗ mit ich nichts weiter mehr von ihm hoͤre le⸗ Frenks war troſtlos; die beiden Couſinen hatten Mitleid mit ihm, und da ſie den Zorn des Barons nicht mehr für einen Scherz 18* 276 hielten, ſo baten ſie fuͤr den Buͤchſenſpanner um Gnade; aber zu ihrem großen Erſtaunen war jede Vermittelung vergebens. Der Baron wies ſie mit dem Bemerken zuruͤck, ſich nur um ihre Angelegenheiten zu bekuͤmmern. Sie beredeten ſich, die Zeit abzuwarten, wo der Baron ruhi⸗ ger und ſein Unwille ſich zu Frenks Vortheil legen wuͤrde, und waren im Begriff nach dem Zimmer der Fuͤrſtin zuruͤckzukehren, wo ſie ohne Zweifel die Faden ihres Geſpraͤchs wieder fort⸗ ſpinnen wollten, als der Buͤchſenſpanner, der beſſer als ſie den hartnaͤckigen Charakter ſeines Herrn kannte, den letzten Verſuch machen zu muͤſſen glaubte.„Geliebte und verehrte Damen!“ rief er ſchluchzend aus,„verlaſſen Sie mich nicht bis mir der Herr Baron verziehen hat!“ „Schuft! verſetzte ihm der Baron, geh und ſuche dein Gluͤck weiter; ich bedarf eines Men⸗ ſchen, der ein gutes Gedaͤchtniß fuͤr meine An⸗ gelegenheiten hat, wenn das meinige dazu feh⸗ len ſollte. Ein Feſt des heiligen Hubertus zu uͤber⸗ ſehen, und kein verſtauchtes Knie und zerbro⸗ chenes Bein zu haben!... In Wahrheit, ich wundere mich uͤber meine Maͤßigung und es fehlt nicht viel, daß du deine Untreue noch bitter bereuen ſollſt.⸗“ 277 Zu gleicher Zeit bewe gte er das Rohr, das er in den Haͤnden hielt. „Aber“, fuͤgte er hinzu,„den beſten Vor⸗ ſchlag, den ich dir machen kann, iſt, dich ſogleich zu entfernen; ſonſt..« Und er erneuerte dieſelben Gebaͤrde derge⸗ ſtalt, daß er ſeine Frau und ſeine Couſine in Unruhe ſetzte, die vergebens dem Frenks zu ſchweigen befahlen, wenigſtens durch ſeinen Ruͤckzug dem Sturm auszuweichen. Gluͤcklicher Weiſe kehrte ihm Stein den Ruͤcken zu, und nahm den Weg nach der Treppe. „Herr Baron«, fuhr demohngeachtet der Buͤchſenſpanner, der gegen alle Ermahnungen taub war, fort,„denken Sie an die Kuppel Hunde, die wir auf dem Wege nach Maͤhren gelaſſen haben! wer wird ſie beſſer fuͤhren als ich! und wenn Sie ein Stuͤck Wildpret ſchieſ⸗ fen, wer wird ſo kuͤhn behaupten koͤnnen, ſelbſt gegen Max dieſen unverſchaͤmten Jaͤger des Grafen von Schoͤnborn, daß der Schuß aus ihrer Hand gefallen iſt? ⁵ Der Baron war auf der erſten Stufe ſte⸗ hen geblieben, wie ein Menſch, dem ploͤtzlich ein Licht in die Augen faͤllt, und ging ſelbſt 278 mit ſich zu Rath; Frenks brach deswegen auf einem ſo guten Wege nicht ab. „Und Ihre lieben Spitzchen, gnaͤdiger Herr Baron, ach, ich werde ſie verlaſſen muͤſſen! dieſe armen Thierchen liebten mich von ganzem Her⸗ zen! Sie wiſſen, wie ich ſie beſchuͤtze, wenn ſie auf der Straße ſind.⸗ Bei dieſen Worten hatte ſich der Baron mit ſcheinbarer RNuͤhrung wieder umgekehrt, ob er gleich den Eindruck derſelben, in ſeinen Zuͤgen zu verbergen ſuchte.— „Ohne ein Wort und meine Schwuͤre, Sie wiſſen es, mein lieber Herr, niemals hat Mika Ihnen die Ehre gemacht, das wilde Schwein zuerſt gepickt zu haben, deſſen Kopf ich bei Bruͤnn abgeſchnitten, denn ich hatte mit meinen Augen geſehen, wie die Spitzchen das wilde Schwein anſielen. Die neidiſchen mach⸗ ten es ſtreitig; habe ich da nicht meine Schul⸗ digkeit erfuͤllt! ich zog meinen Saͤbel und ſchwor im Angeſicht des Himmels fuͤr die Mika! von dieſem Augenblick an iſt der Sieg auf unſerer Seite geweſen und ich habe in das Horn geſtoßen.* Bei dieſen Worten konnte der Baron nicht laͤnger an ſich halten; er kehrt wieder um, und 6 — 279 ſagte nicht ohne das Erſtaunen der beiden, die nicht ſo beredt wie der Buͤchſenſpanner waren, zu dieſem letztern, und zwar mit einem Tone, der ſeine Ruͤckkehr zu gelindern Gefuͤhlen be⸗ zeugte: „Wenn ich dich behalte, Schurke, wer wird den Schaden wieder gut machen, den du in Gefahr biſt, mir dadurch zu verurſachen, daß du mich nicht zur rechten Zeit von dem Tage benachrichtigt haſt, den jeder gute Jaͤger in Teutſchland und in andern Gegenden der Erde, mit ſeinen wahren Freunden feiern ſoll? denn ich darf mich ja nirgends wieder ſehen laſſen, nach der Schande, dieſe vierundzwanzig Stun⸗ den in einem Saale von Wien zugebracht zu haben. Sag' mir auch noch Ungluͤcklicher, wer mich von dem Duell entbinden ſoll, wozu ich durch deine ſtrafbare Vergeſſenheit als Zeuge mich verbindlich gemacht habe. Uebrigens muß ich noch dieſen Morgen, nach Maͤhren abreiſen und ich will an den lieben Styndall ſchreiben, daß ich nun nicht ſein Secundant ſein kann. Frenks, du traͤgſt ihm ſogleich meinen Brief hin; wenn du in einer Stunde, von dem Au⸗ genblick an gerechnet, wo ich ihn dir anver⸗ traut haben werde, nicht wieder zuruͤck biſt, ſo 3 4 3 280 brauchſt du an meinen Dienſt gar nicht mehr zu denken. Du kennſt mich, und das iſt alles, was ich fuͤr dich thun kann.“⸗ Bei dem Namen Styndall war die Baronin aufgefahren, indeſſen die Fuͤrſtin uͤber die ſo eben gehoͤrte Nachricht erſchrocken, in den er⸗ ſten Augenblicken ſtillſchweigend beobachtet hatte. Dieſe Abſpannung dauerte nur einige Secun⸗ den, nach deren Verlauf, Sie ſchnell zu ihrem Couſin lief und zu ihm ſagte: „Wie! Baron, Sie wollten die Grauſam⸗ keit haben, nach einer Jagd oder Jaͤgermahl⸗ zeit abzureiſen, wenn mit Ihrem Bewußtſein und Ihrer Einwilligung, zwei Menſchen ſich! zu toͤdten bereit ſind? Nein, Sie werden die Unwuͤrdigkeit nicht haben! ich fordere Sie im Namen der Ehre auf, in Wien zu bleiben, und ſich ſo ſchnell als moͤglich zu Herrn Styn⸗ dall zu begeben, um Worte des Friedens und der Verſoͤhnung bei ihm zu ſprechen.... Beſte Couſine, vereinigen Sie ſich mit mir, Ihren Gemahl zuruͤckzuhalten!“ 8 Eliſe ihrer Seits, wendete ſich mit eben ſo großen Bitten an ihn; aber alle Anſtrengungen der Baronin und der Fuͤrſtin waren bei dieſem 281 Manne uͤberfluͤſſig, der auf ſeinem Ehrenpunkt oder pielmehr ſeiner fixe Idee beſtand, wovon ihn nichts abbringen konnte. „Seyen Sie ruhig, meine Freundin“, be⸗ gnuͤgte er ſich zu antworten,„der Gentleman iſt tapfer, er wird ſich ſchon zu ſeinem Vor⸗ theil aus der Schlinge ziehen, durch welchen Secundanten er mich auch erſetzen wird; denn Sie fuͤhlen wohl, daß die Dinge zu weit getrie⸗ ben worden ſind, als daß es dabei bleiben koͤnnte. Ich wuͤrde es gewiß nicht wagen, einer andern Meinung zu ſein, ich weiß zu gut, was ſich zwei Edelleute ſchuldig ſind; ich weiß aber auch, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin, und da ich das Wort dem Grafen von Schoͤnborn um drei Monate eher gegeben habe, als es der Gentle⸗ man von mir erwiſcht hat, ſo wende ich mich wieder, nach allen goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen, zu meinem erſten Verſprechen. Wenn ich es uͤbrigens recht uͤberlege, ſo kann ich nicht wohl Friedrichs Secundant gegen den Grafen von Torontal ſein, da ich mich nur in Geſellſchaft des erſtern gezeigt, wohl aber mit dem letztern wenigſtens zweimal im Forſte zuſammen gekommen bin, das habe ich mir 282 vorgenommen, Styndall in einigen Minuten ganz freimuͤthig zu ſchreiben.... Die Baronin von Stein, die dieſe Gruͤnde nicht einleuchtend fand, wollte bei ihrem Manne darauf beſtehen; aber die Fuͤrſtin kannte ſeit langer Zeit den Charakter ihres Couſin, und ſah ein, daß die Gegenwart eines ſolchen Men⸗ — ſchen, ihnen zu gar keinem Nutzen gereichen köͤnnte. Sie drangen mit Fragen in ihn und erfuhren, daß der Graf von Torontal mit dem Englaͤnder zum Schlagen gekommen waͤre, das war das Weſentlichſte, was ſie zu wiſſen ver⸗ langte. Ehe Charlotte ſich mit ihm in einen nutz⸗ loſen Wortwechſel einlaſſen wollte, begab ſie ſich mit beklommenem Herzen in ihr Zimmer, und waͤhrend Frau von Stein mißvergnuͤgt das Noͤthige zur Abreiſe ihres Mannes beſorgte, ſchrieb ſie einigen Perſonen ihrer naͤhern Be⸗ kanntſchaft, namentlich dem Fuͤrſten Eſterhazy und dem Baron von Sperges. Zum erſtenmale hauchte ſie ihre liebende, empfindende Seele in den Styl des Briefs, der in der Feder einer Frau an jener Macht ge⸗ winnt, die das eine Geſchlecht uͤber das andere ausuͤbt. Eilig ſandte ſie einen ihrer Leute 283 zum Fuͤrſten, deſſen Palaſt, wie der ſeines Neffen in der Vorſtadt St. Ulrich lag. War er alſo nicht in der einen Behauſung, konnte man ihn doch in der andern finden. Den Ba⸗ ron von Sperges bat Charlotten, wegen einer unaufſchiebbaren Angelegenheit, die das Leben eines gemeinſchaftlichen Freundes anging, in den Augarten zu kommen. Der mit dieſem Brief beauftragte Diener erhielt den Befehl, ſich gerade in die Burg zu begeben, wo der Begruͤnder der Akademie der Reichen ſein Ge⸗ mach im Amalien⸗Hof hatte. Der Baron von Stein faßte ſeinen Brief an Styndall muͤhſamer ab; Studium und die Geiſtesanſtrengung lagen nicht in ſeiner Natur, und er uͤberließ, wenn es ihm nicht zum Nach⸗ theil gereichen konnte, ſeine Correſpondenz dem Buͤchſenſpanner. Da er aber dieſes Mal aus gewiſſen Gruͤnden, die gewiß zu ſchaͤtzen ſind, zu dieſem Mittel ſeine Zuflucht nicht nehmen konnte, ſo zog er, zu ſeinem eignen Erſtaunen ein Paar Seiten aus ſeinem Kopfe, uͤber die er ſo ſehr zufrieden war, daß er ſie eiligſt ſeiner Frau mittheilte, ohne jedoch den Mißmuth zu beruͤckſichtigen, mit dem ſie den Brief anhoͤrte. Der Inhalt deſſelben war ſo: 284 Wien den 1. November 1767. 9 Uhr des Morgens. Sir Styndall und ſehr geehrter Gentleman! Als Sie geſtern Abends ſein Verſprechen empfingen, daß ich Ihnen in einer Ehrenſache beiſtehen wollte, in der ich Sie von jedem Vor⸗ wurf freiſprechen muß, wußte ich nicht, daß das Feſt des heiligen Hubertus, das ich mit dem Grafen von Schoͤnborn ſeit drei Monaten und vier Tagen zu feiern beſchloſſen hatte, ſo nahe waͤre. Mein Buͤchſenſpanner, der Schurke, Dank ſei es der Vorſehung! benachrichtigt mich eben davon, weil dieſer Schuft keinen Theil daran hat; es haͤtte nicht viel gefehlt, ich haͤtte ihn zur Thuͤre hinausgeworfen. Dies iſt der erſte Grund, weshalb ich mein Wort zuruͤck⸗ nehme, benn ein Zeuge bei einem Duell laͤßt ſich immer finden, aber jaͤhrlich iſt nur ein St. Hubertsfeſt, was ſo wahr iſt, daß es dem Pabſt und der Kaiſerin nicht zukoͤmmt, daſſelbe zweimal in den Kalender ſetzen zu laſſen. Wenn es aber dort nur einmal verzeichnet ſteht, ſo iſt der Papſt Schuld, daß es auf den 30. Mai faͤllt, wo die Jagd voruͤber iſt. Die⸗ ſes haben wir aber weißlich abgeaͤndert. 2835 Daß ich aber, ſehr geehrter Gentleman, ein wenig zu leicht verſprochen habe, Zeuge gegen den Grafen von Torontal zu ſein, mit dem ich zweimal auf der Hirſchjagd in Ungarn geweſen bin, da inzwiſchen, ſo viel ich weiß, Ihre Hunde und die meinigen niemals zuſammen gejagt haben, das rechne ich mir fuͤr einen großen Fehler an. Auch glaube ich, daß ich mit ſeinem Vater in einem Forſte geweſen bin. Ob ich gleich eingeſtehen muß, daß dieſer junge Edelmann an allem Schuld iſt, ſo ſind Sie doch zu ge⸗ recht, mein lieber Styndall, daß Sie nicht die Bande, die uns binden, ſo geeignet finden ſoll⸗ ten, daß Sie weniger auf meinen Beiſtand rech⸗ nen koͤnnten, als er große Anſpruͤche auf den⸗ ſelben zn machen hat. Und dieſes moͤge mich auch als eine zweite Urſache bei Ihnen ent⸗ ſchuldigen. Nach den Statuten des Hirſchorbens, deſ⸗ ſen Grund gelegt zu haben, ich mir ſchmeicheln darf, bin ich mit dem Grafen in eine Art von Verwandtſchaft gekommen, die nur mit dem Tode des einen und des andern, oder vielleicht mit dem Tode beider aufhoͤren kann. Das will ich Ihnen bei meiner Ruͤckkehr erklaͤren 286 denn ich liebe Sie zu ſehr, daß ich nicht auch Ihretwegen etwas im Werke haben ſollte. Wenn Sie mich begleiten koͤnnten, wuͤrde ich Sie dem Grafen von Schoͤnborn vorſtellen, der ſich Ihrer Bekanntſchaft freuen, und Sie mit groͤßerm Vergnuͤgen als meine Spitzchen aufnehmen wuͤrde, die er deswegen beneidet, weil er unter ſeiner Kuppel keinen einzigen lau⸗ fenden oder liegenden Hund hat, der ihnen gleich kommt. Sie haͤtten mit dieſen herrlichen Thieren den Weg gemacht, meine Berline iſt geraͤumig und bequem und ich wuͤnſche, ſo Gott will, daß wir alle vier bei guter Geſund⸗ heit angekommen waͤren.⸗ Der Baron von Stein. p. S. Ich bitte, des jungen Grafen wegen der Verwandtſchaft zu ſchonen, denn, wer weiß, ob Sie nicht mit ihm eines Tages in naͤhere Verbindung kommen. Ich bitte, mir Frenks Bericht zuruͤck zu ſenden, es iſt die letzte Ab⸗ ſchrift, die mir davon uͤbrig bleibt, und ich werde ſie unterwegs brauchen.— Sie haben Zeit gehabt, ihn zu leſen und ſelbſt abzuſchrei⸗ ben, obgleich dieſes ein Mißbrauch des Zu⸗ trauens waͤre, den ich Ihnen aber auch verzei⸗ 287 hen wuͤrde. Ich habe fuͤr gewiß gehoͤrt, daß Sie in Wieden nur einen Hofhund haͤtten, doch glaube ich zu Ihrer Herrlichkeit Ehre man war falſch unterrichtet.“ Da der Baron mit Leſen fertig war, ſagte er zu ſeiner Frau, die wenig auf ihn merkte: „Eliſe, wenn ich auf dem Lande bin, ſo diktire ich dem Frenks meine Briefe, bin ich aber in Wien, ſo uͤberlaſſe ich Ihnen die Sor⸗ ge, und doch koͤnnten Sie glauben, wenn ich mir die Muͤhe ſelbſt gaͤbe, daß ich keines Se— kretairs beduͤrfte. Es iſt mir lieb, daß Sie es vernehmen, damit Sie in Zukunft auf ein Talent nicht ſo ſtolz ſein moͤchten, das Sie noch mit Andern theilen. Die Gedanken floſſen mir nur ſo zu, und ich bekam ſie in einem ſolchen Ueber⸗ fluſſe, daß ich uͤber die Wahl in Verlegenheit war. Haben Sie die kraͤftige Stelle gefuͤhlt, in welcher ich dem Gentleman zu verſtehen gebe, daß ich Abſichten auf ihn habe? er wird gewiß zufrieden ſein.« „Jac, antwortete die Baronin,„indeſſen laſſen Sie ihn doch ſich ſchlagen, als wenn er Ihnen unbekannt waͤre; Sie wiſſen nicht, wel⸗ ches Leben in Gefahr kommen kann. Glauben Sie nur, daß es nicht das Leben eines gewoͤhn⸗ 288 lichen Menſchen iſt. In einigen Stunden wird man mehr hoͤren. Erſt dann, wenn er uͤber⸗ wunden iſt, werden Sie ihm wohl Ihren gu⸗ ten Willen zu erkennen geben. Sie vergeſſen Ihre beſten Freunde, um dem heiligen Huber⸗ tus zu Ehren, einer Mahlzeit beizuwohnen!“ „Schweigen Sie, Madam“, erwiederte von Stein heftig, und gab Frenks ſeinen Brief mit dem Befehle, in einer Stunde, ſpaͤteſtens bei Ungnade, wieder zuruͤck zu ſein.„Die ſind eigentlich meine Freunde“, ſagte er, als der Buͤchſenſpanner fort war,„mit denen ich jage; ich habe Ihren Gentleman niemals ein Stuͤck Wild in meiner Gegenwart ſchießen ſehen; wenn wir uns beſſer kennen werden, dann wird er von mir noch mehr verlangen koͤnnen. Es kann Jemand ſehr brav ſein, ohne ein Stuͤck Roth⸗ wild auftreiben zu koͤnnen; ich habe große Herrn gekannt, meine Freundin, die vor einem gut aufgejagten Hirſch oder einem wilden Schwein, das in ſeinem Lager von Hunden gefangen wurde, gar geringe Herrn waren.“ 35 Und mancher, fuͤgte die Baronin im Zorn hinzu,„der funfzig Fuͤchſe und zweitau⸗ ſend Haſen geſchoſſen hat, wird Rhuneep ein Narr bleiben! Sie verdienten. 4 289 Der Streit wuͤrde unter den beiden Ehe⸗ leuten mit dieſer Bitterkeit noch fort gedauert haben, waͤre nicht Fraͤulein Hubert gekommen, um der Frau von Stein zu ſagen, daß ſie von Charlotten erwartet wuͤrde. Die Fuͤrſtin rief ihre Couſine zu ſich, um ſich uͤber die Vorfaͤlle des Tages mit ihr zu berathen. Die Beleidigung, die Friedrich vor zahlreichen Zeugen ſo unwil⸗ lig ertragen hatte, ſchien jetzt beiden groͤßer, als vorher, doch gruͤndeten ſie noch ihre Hoff⸗ nung auf die muthmaßliche Vermittelung des Fuͤrſten Eſterhazy. Dieſer ſollte als Onkel des Urhebers des Streites und als Buͤrge der klagenden Partei, alle Mittel anwenden, um die erzuͤrnten Gemuͤther zu beſaͤnftigen. Von dem Baron von Sperges wuͤnſchten ſie nur einen guten Rath, den ſie von ſeiner Klugheit auch erwarten konnten; von ſeiner Vermittelung ließ ſich uͤbrigens, wegen ſeinen gewoͤhnlichen ſtrengen Ruͤckſichten, und ſeines Geſchmackes an Hoͤflichkeitsgebraͤuchen, die das Betreiben des Geſchaͤfts gehemmt haͤtten, gar nichts erwarten. Doch hatte Charlotte ſeine Freundſchaft erlangt, und nur mit dem Wunſche einer groͤßeren Schnelligkeit ſeiner Entſchluͤſſe, konnte man nicht umhin, ſeinem natuͤrlichen II. 19 — 290 Wohlwollen, Ehrerbietung zu bezeigen. Die Fuͤrſtin hatte im Sinne, ihre Zuflucht zum Baron Holger zu nehmen; da ſie aber befuͤrch⸗ tete, von einer ſo ernſthaften Magiſtratsper⸗ ſon einen Schritt zu verlangen, der mit ſeinem Amte nicht uͤberein kaͤme, wenn ſte ihn in die Haͤndel zweier jungen beute verwickelte, die ohne geſetzliches Verfahren ihren Streit ſchlichten wollten, ſo ſtand ſie davon ab. Die Zeit ver⸗ ging, und die Unruhe nahm zu, auch Charlotte ſuchte die ihrige nicht zu verheimlichen. Thraͤ⸗ nen, die ſie nicht einmal abtrocknete, floſſen ih⸗ ren gluͤhenden Wangen herab. Sie floſſen reichlicher in dem Augenblick, wo Fraͤulein Hu⸗ bert eintrat, und meldete, daß der Bediente ihren Brief wieder zuruͤck gebracht, weil er den Fuͤrſten Eſterhazy weder in ſeinem Hauſe, noch bei dem Grafen von Torontal angetrof⸗ fen habe. Durch dieſen doppelten Gang nach St. Ulrich erfuhren ſie nun, daß Onkel und Neffe ſchon um acht Uhr des Morgens in einem Wagen ausgefahren waͤren. Die Baronin ſandte ſogleich einen ihrer Leute nach der Vor⸗ ſtadt Wieden, um ſich nach dem Englaͤnder zu erkundigen und ſeine eingezogene Nachricht in den Augarten zu bringen. 291 Unvermuthet kam der Baron von Sperges dazu, der Charlottens Einladung in der Burg erhalten hatte, als er ſchon mit ſeinem Putze ganz fertig war, ſo daß es ihm kein großes Opfer koſtete, den Wuͤnſchen der Fuͤrſtin von Oedenburg Genuͤge zu leiſten. Nachdem er ſeine junge Freundin mit der groͤßten Theil⸗ nahme angehoͤrt, ließ er ſich bereitwiljiger fin⸗ den,als man vermuthet hatte. Er beſchloß, da er Styndall geneigt war, im Kabriolet nach Wieden zu fahren, wurde aber durch Frenks Ruͤckkehr, von dem man nicht ohne Grund einige Aufſchluͤſſe zu erhalten hoffte, von ſei⸗ nem Vorhaben abgehalten. Der Buͤchſenſpanner mußte erſt ſeinen Be⸗ richt von der Sendung dem Baron von Stein abſtatten, der gleich nach ſeinem Fruͤhſtuͤck die Pferde an ſeine Berline, in die er ſchon ſeine zwei Spitzchen gethan hatte, ſpannen ließ, und Frenks mit Geduld und Fluchen erwartete. Auch las er weder die Worte, welche Friedrich auf die Ruͤckſeite geſchrieben hatte, noch hoͤrte er wei⸗ ter Jemanden an, ſondern befahl nur dem Anfuͤhrer der Hunde, ihn zu Pferde zu beglei⸗ ten, und ſtieg mit ſeinem Kammerdiener in den 19* 292 Wagen. Ohne weiter Abſchied zu nehmen, ver⸗ ließ der edle Ungar das Haus ſeiner Couſine. Er ſaß zwiſchen ſeinen beiden Hunden, ſeinem Diener Heinrich gegenuͤber, ein neues Gewehr und ein Jagdhorn hingen in Form eines Kreu⸗ zes am Kutſchenhimmel. Alſo leiſtete der Ba⸗ ron ſeinem Verſprechen und dem großen St. Hubert Treue, gab dem Poſtillon ein Zeichen, und alsbald hoͤrte man in dem ganzen Hotel den Peitſchenknall zur Abreiſe, der wie derje⸗ nige bei der Ankunft immer am ſtaͤrkſten wieder⸗ ſchallt.— Obgleich der Buͤchſenſpanner noch immer einen Groll auf Fraͤulein Hubert hatte, ſo konnte er doch ihrem freundlichen Anerbieten nicht widerſtehen, ehe er das Pferd beſtieg, ſich mit einer halben Bouteille Neckarwein zu er⸗ quicken. Da er die Berline bald einzuholen glaubte, ſo ſcherzte er noch einige Minuten mit der Kammerfrau, die zu ihrer groͤßten Zufrie⸗ denheit von ihm erfuhr, daß, als er aus Styn⸗ dalls Behauſung gegangen, der Fuͤrſt Eſter⸗ hazy noch dort geweſen waͤre. Dieſe Zuſam⸗ menkunft, die man durch einen Briefwechſel hatte veranſtalten wollen, wuͤnſchten die beiden Couſinen ſehr eifrig, und ſie hatten deshalb 293 noch um drei Uhr Nachmittags die beſten Hoff⸗ nungen, wo der Baron von Sperges wieder erſchien, der als Zeugniß ſeines Eifers, ſich mit dem Aufſuchen neuer Dokumente beſchaͤf⸗ tigt hatte. Vergebens hatte der Stifter der Akademie der Reichen ſeinen Ton und ſeine Miene nach den jetzigen Umſtaͤnden eingerichtet, vergebens wollte er bei guͤnſtiger Zeit vorzei⸗ gen, was er geſammelt haͤtte, er erfuͤllte Char⸗ lottens Seele mit Betruͤbniß. Als er in Wieden angekommen war, hatte er gehoͤrt, daß der Englaͤnder ſchon uͤber eine Stunde fort waͤre, ohne den Zweck ſeines Weggehns zu erfahren. Von Wieden iſt es nur ein Schritt bis zu St. Ulrich. Bei dem Grafen von Torontal erfuhr der Baron mit Schmerz die Abweſenheit dieſes jungen Offi⸗ ziers. Da Doktor Storch, Oberarzt beim The⸗ reſianum, in der Naͤhe wohnte, ſo dachte er, dieſem einen Beſuch abzuſtatten. Seit ſeinem Weggehn aus der Leopoldſtadt waren ſchon zwei Stunden verfloſſen. Als er eben wieder dahin zuruͤckkehren wollte, kam es ihm in den Sinn, bei dieſer Gelegenheit in den Palaſt Lamberg zu gehen, der ohneweit dem Lerchen⸗ felder Thore iſt, und wo er eine Sachel per⸗ 294 ſoͤnlich abzuthun hatte. Indem er laͤngs der aͤußern Baſtei hinfuhr, fuͤhrte ihn der Weg an einigen Buͤrgern der Joſephsſtadt voruͤber, die um einen gemeinen Mann eine Gruppe bil⸗ deten, der mit Geberden nach einer Gegend hin etwas anzuzeigen ſich beſtrebte. Mitleid und eine zaͤrtliche Theilnahme zeigten ſich in den Zuͤgen dieſer rechtſchaffenen Leute, deren Blicke immer von der Hand des Fremden ge⸗ leitet, nach einem Hohlweg hin ſich richteten, der unter der Ringmauer von einem Kloſter ſich endigte; aber keiner von den Anweſenden, die ſich an den Ort hinbegaben, dachte an eine genauere Unterſuchung, und eben ſo begaben ſie ſich ſtille von der Gruppe weg, um in ihre Wohnungen zuruͤck zu kehren. Nur das Wort, Duell, das ſie hoͤren ließen, ſchallte in die Ohren des Barons. Sogleich ſtieg der edle Tyroler aus ſeinem Kabriolet und miſchte ſich unter die Buͤrger, die mit dem Erzaͤhler am Wege ſtehen geblieben waren, und hoͤrte von dieſem, daß einer von den Kaͤmpfenden, ſeiner Sprache und Tracht nach ein Englaͤnder, von dem ungluͤcklichen Schuß getroffen worden waͤre, aber da er noch geathmet haͤtte, ſo waͤre er und ſein Gegner von dem Kampfplatze in 295 einem Wagen weggeſchafft worden. Die andern Nachweiſungen, die er auf ſeine vielen Fragen erhielt, ließen ihn nicht zweifeln, daß Styndall in dieſem traurigen Gefechte in eigner Perſon eine Rolle geſpielt haͤtte. Der Baron begab ſich hierauf nacheinander zu den beiden ver⸗ meintlichen Nebenbuhlern, die er beide nicht zu Hauſe antraf. Da er glaubte, daß das Leben des Verwundeten in Gefahr ſtaͤnde, und daß man, um ihm Beiſtand zu leiſten, in ein Haus der Nachbarſchaft gebracht haͤtte, ſo ſuchte er, wiewohl vergebens, ſich Auskunft hieruͤber zu verſchaffen. Obgleich der Stifter der Akademie der Rei⸗ chen die noͤthige Vorſicht, die ihm ſein gutes Herz vorſchrieb, gebraucht hatte, ſo koſtete den⸗ noch die Erzaͤhlung von einem Duell, das noth⸗ wendiger Weiſe immer dem einen verderblich ſein mußte, den beiden Couſinen neue Thraͤ⸗ nen. Die Baronin von Stein ſah recht wohl ein, daß, wenn ihr Mann nicht ſo unbeſchei⸗ den gegen ſie geweſen waͤre, man ſchon den Abend vorher kraͤftige Maaßregeln haͤtte neh⸗ men koͤnnen, um dieſem Ungluͤcke zuvor zu kommen. Der Name des Schlachtopfers war noch nicht ausgeſprochen, und der Baron von 296 Sperges hatte die Geſchicklichkeit angewendet, alles zu entfernen, was ſie fuͤr Styndalls Leben haͤtte beſorgt machen koͤnnen; aber Charlotte betrachtete dieſes Ungluͤck mit nicht weniger Ent⸗ ſetzen, von welchem ſie ſich als eine jedoch un⸗ ſchuldige Urſache anſah. Nur Styndall, fuͤr deſſen Leben ſie eigentlich beſorgt war, verur⸗ ſachte ihr dieſen Schrecken, nicht der Graf von Torontal; denn die traurigen Folgen des Schußes, den letztern getroffen haͤtte, wuͤrden wenig Eindruck auf ihr Herz gemacht haben. Sie ſah nur den Englaͤnder mit blutender Wunde auf ſeinem Sterbelager, wie er die langen und ſchwarzen Augenwimpern auf immer zu ſchließen im Begriff war.„Der Himmel,“ ſagte ſie mit einem Blick voll ruͤhrender Anklage,„hat zuge⸗ laſſen, daß in einem Augenblick ſein ſchoͤnſtes Werk verwuͤſtet werde.“ Der Baron ſchwieg, um nicht Hoffnungen zu naͤhren, die er ſelbſt nicht hatte. Ploͤtzlich verklaͤrte ſich Charlottens Geſicht und gewann einen zweifelsfreien ſichern Charakter. „Meine Couſine, mein lieber Baron von Sperges,“ rief ſie in einem prophetiſchen Tone aus,„glauben Sie meinen Worten! der vor⸗ treffliche, der edelmuͤthige Styndall iſt gerettet. 297 Waͤre er geblieben, ſein Gegner wuͤrde nicht bei ihm verweilt haben, um ihn zu wecken, um ſeine letzten Augenblicke zu verſuͤßen, und um ihn vielleicht um Verzeihung anzuflehen. Von Friedrich allein bin ich verſichert, daß ſolch edle Gefuͤhle in ſeiner Seele leben. Baron, Sie haben ihn nach dem Duell nicht zu Hauſe an⸗ getroffen, eben ſo wenig den Grafen von Toron⸗ tal, glauben Sie mir, der Letztere iſt verwundet worden!“ Als ſie dieſe Worte ausſprach, druͤckte ſie behende Eliſas und des edlen Tirolers Haͤnde, gleichſam ſie um Gluͤckwuͤnſche anzuſprechen. Immer noch floßen Thraͤnen aus ihren ſchoͤnen Augen; aber man haͤtte glauben ſollen, daß ſie nicht aus derſelben Quelle kaͤmen. Die Heftig⸗ keit des Schmerzes hatte die erſtern mit Unruhe und Verwirrung ausgepreßt; die letztern glichen dem Thau des Himmels, der das Gruͤn der Huͤgel mit Kuͤhle erquickt und ſanft befeuchtet. Inzwiſchen mußte die arme Charlotte neue Angſt erdulden. Vor dem Weggehn des Barons erhaͤlt ſie vom Fuͤrſten Eſterhazy einen Brief, in welchem er ihr die ſeiner Sorge gelungene Verſoͤhnung der beiden Nebenbuhler meldete; 298 er ſchrieb, daß er den Fuͤrſten, Canzler von Kaunitz, davon benachrichtigt, ſo haͤtte er ſich geradeswegs in ein drittes Haus bringen laſſen, wo man ihn mit ſeiner Gemahlin zum Eſſen erwartet habe, die ſodann mit dem Grafen Ro⸗ muald in einer Poſtchaiſe zu ſeinem Regiment, das in Lithauen kantonnirt, geſtiegen ſei. Die verſpaͤtete Ankunft in ſeinem eigenen Palaſt haͤtte blos die Antwort verzoͤgert, durch welche der Fuͤrſt der Unruhe der beiden Couſinen ein Ziel ſetzen wollte. Was ſollte man von dieſen widerſprechenden Erzaͤhlungen denken? welcher glauben? der Graf von Torontal hatte ſich alſo nicht mit Friedrich geſchlagen? welcher andere ſollte Friedrichs Geg⸗ ner ſein? und dennoch hatte ein Duell ſtatt gefunden! Die Abweſenheit des Grafen war zu erklaͤren, die des Gentleman war es nur durch die Wunde, die er empfangen haben koͤnnte, oder aus einem Gefuͤhle von Edelmuth. An der einen und der andern zweifelten die beiden Freun⸗ dinnen und der Baron, auf deſſen Rath man einen Boten zum Englaͤnder ſchickte. Frau von Stein ſollte ſchreiben; und als man den Brief verſiegeln wollte, verlangte Charlotte, ihn noch einmal zu leſen. Man weis nicht, ob ſie blos 299 mit eignen Augen ſehen wollte, ob der Brief dringend genug geſchrieben waͤre, oder ob ſie die wenigen Worte, die unter einem beſcheidenen Anſehen ein ſolches Intereſſe hatten, daß ſie ſich ſelbſt ſchmeichelte, man wuͤrde in Wieden davon ſich hinlaͤnglich uͤberzeugen, hinzuſetzen wollte. Die Zeile der Nachſchrift war ganz von ihr. Nach zwei toͤdtlichen Stunden ließ ſich der Diener des Hauſes Oedenburg die Thuͤre wieder oͤffnen; aber auch ſeine Ruͤck kehr verbreitete wei⸗ ter kein Licht uͤber dieſen ſchreckvollen Tag; denn er hatte Styndall nicht zu Geſichte bekommen, und ſeine wiederholten Nachforſchungen vermehr⸗ ten nur die Unruhe ſeiner Leute. Der geringe Erfolg wurde ihm von ſeiner Herrſchaft ſtreng verwieſen, die ihn beſchuldigte, nicht beſtimmt genug geantwortet zu haben, und ſo wurde er noch ausgezankt, daß er zu ſpaͤt im Augarten angekommen ſei. Endlich wurde Tom Sylcock angemeldet. Das lakoniſche, zaͤrtliche und ehrerbietige Briefchen, das er brachte, war fuͤr die, die es verſtand, beruhigend. Man verſchlang es bald mit den Augen. Es berichtete, daß eine Ehrenſache, die ſich ungeachtet ſeiner gerechten Beſchwerden ſchmerzhaft fuͤr ſein Schmerz geendigt, Styndall einen ganzen Tag ſeinen Freunden entzogen habe, und daß die ſorgfaͤltige Behandlung des Ver⸗ wundeten, der in Wien wenig bekannt waͤre, die traurigen Folgen ſehr vermindern wuͤrde. Da der beſchraͤnkte Raum des Briefes uͤbri⸗ gens nicht geſtatte ſich uͤber den Beweggrund und die Umſtaͤnde des Duells auszudruͤcken, ſo ſchmeichelt ſich der Unterzeichnete, daß man die Guͤte haben moͤchte zu warten, bis er ſie mit lauter Stimme dem Urtheile der beiden Perſo⸗ nen unterwerfen koͤnnte, die er in der Stadt am meiſten ſchaͤtze. Er glaube auch nicht, die Be⸗ weiſe dieſer Hochachtung durch die Gefahr, der er ſich ausgeſetzt habe, zu theuer erkauft zu haben, und ſchloß damit, daß eine einzige Zeile, die von der Hand der einen oder der andern geſchrieben, in ſeinen Augen zu koſtbar waͤre, als daß er ſie nicht fuͤr eine vollkommene Ent⸗ ſchaͤdigung anſehen koͤnnte. Das war noch nicht genug, man wollte auch von Sylcok hoͤren. Dieſer war aber ein wenig beſtuͤrzt, daß er vor einer Fuͤrſtin und vor einer Reichsbaronin reden ſollte. Da er ſich aber eine Ehre daraus machte frei von ſeinem Herrn zu ſprechen, ſo druͤckte er ſich dennoch kurz uͤber 301 die Verhandlungen des Duells aus, denn er hatte der Unterredung, von welcher der Boden von St. Yvons Gemach droͤhnte, nicht beige⸗ wohnt; aber er ſagte davon mehr, als unſere Blaͤtter uͤber den entſcheidenden Augenblick des Kampfes enthalten. „Ich wußte,“ fing er an, indem er in einer ſchicklichen Entfernung von den Damen ſtand, „daß uns ein Duell bevorſtuͤnde; denn ich kannte die Klugheit ſeiner Herrlichkeit zu gut, um nicht zu vermuthen, daß die Sachen ſchlimm ablau⸗ fen wuͤrden, weil er mir den Abend vorher befohlen hatte, Waffen in den Wagen zu legen. Uebrigens hatte mir mein vielgeliebter Herr auf dem Wege von Wieden in der Joſephsſtadt drei Briefe, deren Beſtimmung er mir dabei ſagte, anvertraut: der eine war fuͤr England, der zweite fuͤr Frankreich beſtimmt und der dritte, den er mir ſehr auf das Herz band, ſollte in Wien bleiben.“ Obgleich Tom aus Bloͤdigkeit oder aus Be⸗ ſcheidenheit, mehr hieruͤber ſagen zu wollen, die Fuͤrſtin nicht anſah, ſo uͤberzogen ſich doch Charlottens Stirn und Wangen mit einer ſcham⸗ haften Roͤthe, die faſt zu gleicher Zeit von einer 302 Blaͤße verdraͤngt wurde, denn ſie zweifelte nicht⸗ daß an ſie der letztere Abſchied gerichtet geweſen waͤre. „Der Befehl,“ fuhr Sylcok fort,„wurde dem Kutſcher gegeben, ein entlegenes Viertel, das wenig beſucht wuͤrde, bei den aͤußern Waͤllen zu ſuchen und daſelbſt zu halten. Sobald wir im Wagen ſaßen, zitterte ich am ganzen Leibe, an meiner Seite zwei Menſchen zu ſehen, die ſich in kurzer Zeit erſtechen oder erſchießen woll⸗ ten. Sie ſprachen kein Wort, woruͤber ich mich noch mehr entſetzte, bis zu dem Augenblick, wo die Berline bei dem Kloſter der Vaͤter der Drei⸗ einigkeit ſtill hielt. Nachdem ein jeder eine Piſtole genommen hatte, ſtiegen die beiden Edelleute aus. Mit dieſer Waffe waren ſie uͤbereingekom⸗ men ihren Streit zu ſchlichten. Allein die Ge⸗ genwart einiger Neugierigen, die ſich dem Kampf⸗ platze genaͤhert hatten, noͤthigte ſie, ſich zum Wagen wieder zuruͤckzuziehen. Indem wir wieder durch die Bollwerke nach dem Lerchenfelder Thore zuruͤckkehrten, fanden wir einen entlegenen Ort ohnweit der Mauer der Auguſtiner. Da ſtiegen wir aus, und wie Sie, meine beklagenswerthen Damen, es erfahren werden, der Himmel hatte beſchloſſen, daß man ſich bei einem Kloſter 303 ſchlagen, und daß er ſelbſt das ſchreckliche Sig⸗ nal geben ſollte.“ „Der Ritter von St. Yvon nahm dieſes Mal das Wort und ſprach mit Gefuͤhl, ob er gleich damit anfing, daß die Sache zu weit gekommen waͤre, als daß man ſich nicht ſchlagen ſollte. In ſeiner traurigen Ahnung bat er den Gentleman, ſich einer Dame und eines Kindes zu London anzunehmen, fuͤr die er ſich ſehr intereſſire. Das verſprach ihm mein Herr, und fuͤgte noch hinzu, daß er ſelbſt ſchon daran ge⸗ dacht habe, im Falle er ſelbſt bleiben wuͤrde. Indeß ſie ſo ſprachen, folgte ich ihnen nach; und die Berline war ſchon ziemlich weit hinter uns.»Wer von den Beiden, dachte ich, wirb ſie zuruͤckfuͤhren: denn in einigen Minuten wird einer von ihnen des Lebens beraubt ſein.“ Aber ich erſtickte mein Schluchzen, das mir beinahe entſchluͤpft war, da ich wußte, daß derjenige, dem es galt, nicht damit zufrieden geweſen waͤre. Plöͤtzlich gab man mir ein Zeichen, mich bei Seite zu ſtellen; Sir Styndall blieb ſtehen, und ich ſah den Ritter fuͤnfzehn Schritte weiter gehn, am Ende derſelben inne halten und ſich um⸗ wenden. Da ſie uͤbereingekommen waren zu⸗ ſammen zu ſchießen, bevor ſie ihr Ziel ins Auge 304 gefaßt haͤtten, ſo fragten ſie ſich, wer das Sig⸗ nal geben ſollte. Worauf St. Yvon ſagte: war⸗ um ſoll es Tom nicht geben? Bei dieſen Worten wurde das Blut in mei⸗ nen Adern zu Eis. Es war ſchon genug, daß ich am Morgen und noch dazu auf Befehl die Piſtolen geladen hatte; nun ſollte ich ſelbſt noch dazu gebraucht werden, meinem armen Herrn ſein Lebensziel anzuzeigen. Ich konnte nicht antworten, aber ich hatte mir vorgenommen, weder Arm noch Bein zu bewegen, und kein Wort hervorzubringen. „Wohlan, Tom,“ fuhr der franzoͤſiſche Edel⸗ mann fort,„du ſollſt dreimal in die Haͤnde ſchlagen, und mit dem dritten Mal ſoll die Sache beendigt ſein.“ „Sogleich erlangte ich die Sprache wieder, und rief aus: Nein, Herr Ritter, ich werde nicht in die Haͤnde ſchlagen! ihre Kugel ſoll mir eher durch den Leib fahren, ehe ich ſo etwas thue. Als mein guter Herr meine Erklaͤrung hoͤrte, warf er einen Blick auf mich, den ich nie vergeſſen werde, und ſagte ganz kaltbluͤtig: Es wuͤrde in dem Augenblick auf dem Auguſtiner⸗ thurm zwoͤlf ſchlagen, deſſen Zifferblatt zu Ih⸗ rer Rechten und mir zur Linken iſt. Es wird 305 uns das Signal richtiger anzeigen, beim dritten Schlag gehen unſere Piſtolen los. Machen Sie die Ihrige fertig, Ritter; der Hammer wird ſogleich an die Glocke ſchlagen.“„So ſei es,“ war die ganze Antwort. Und als die Glocke zum dritten Mal ſchlug, fielen die Schuͤße der beiden Piſtolen zugleich, aͤhnlich dem Schuß eines guten Gewehres. Von meinem Herrn, den ich immer im Geſichte behielt, wendete ich meinen Blick auf den franzoͤſiſchen Edelmann, und da Beide noch ſtanden, ſo dankte ich dem Himmel, daß die Sache ſich hoffentlich dabei bewenden wuͤrde.... Aber als der Ritter an⸗ fing zu wanken, bedeckte ſich ſeine Bruſt mit Blut. Mein lieber Herr und ich hatten kaum Zeit zu ihm zu gehn, ihn mit unſern Armen zu unterſtuͤtzen und ihn an den Wagen zu ziehn. Ein alter Moͤnch, der beim Knall der Piſtolen aus ſeiner Zelle gekommen war, und einige jungen Leute, die uns heimlich nachgefolgt wa⸗ ren und ſich verſteckt hatten, um Zeugen des Duells zu ſein, ſtanden uns bei, ohne ſo wie ich dabei Verpflichtungen zu haben. Ich werde niemals vergeſſen, als wir durch den Hohlweg nach der Baſtei gingen, wo uns der Wa⸗ gen erwartete, wie der Herr Ritter meinen Herrn II. 20 306 ſo inſtaͤndigſt um Verzeihung bat, ſein ihm ange⸗ thanes Unrecht zu vergeſſen, und betheuerte daß er ſein Schickſal verdient habe, ja er wollte ſogar meinem Herrn die Hand kuͤſſen, mit der er das Schnupftuch auf die Wunde ſeiner Bruſt hielt.“ Dieſe aufrichtige Erzaͤhlung verurſachte der Baronin von Stein und der Fuͤrſtin von Oeden⸗ burg die lebhafteſte Gemuͤthsbewegung. Das Ende dieſer Haͤndel befreiete die beiden Couſinen von einer großen Angſt, und der Baron von Sperges, der als Freund auch einen Theil daran hatte, fuͤhlte dasſelbe Vergnuͤgen, ohne es durch viele Worte weiter auszudruͤcken. Nach Tom Sylcocks Weggang, der in Charlottens Augen kein gewoͤhnliches Weſen mehr war, un⸗ terhielt man ſich noch uͤber dieſen Vorfall. 21. So genau auch Tom im Palaſt von Oeden⸗ burg ausgefragt worden war, ſo ſehr wurde er es bei ſeiner Ruͤckkehr in Wieden. Styn⸗ dall tadelte ihn, daß er von den Briefen ge⸗ ſprochen, die er einen Augenblick in ſeiner Ver⸗ wahrung gehabt hatte; aber er vergab ihm ſeine halbe Bedachtſamkeit, als er wußte, daß der Diener die Briefe, die er noch in der Taſche — 307 hatte, den beiden Couſinen nicht gezeigt hatte; dieſe Briefe wurden in's Feuer geworfen; der brave Sylccock verheimlichte ſeinem Herrn nicht, mit welcher Gemuͤthsbewegung die Graͤfin von Oedenburg ihn angehoͤrt, die Thraͤnen, die ſie uͤber die Weigerung des Kammerdieners, das Signal zum Kampfe zu geben, vergoſſen haͤtte, wie ihre Wangen erblaßt waͤren, als Friedrich in dem Augenblicke, wo es zwoͤlf ſchlagen wollte, auf die Uhr gezeigt, und wie eine liebliche Roͤthe dieſelben wieder gefaͤrbt haͤtte, als ſie von dem gluͤcklichen Ausgange, womit er vom Himmel beguͤnſtigt, unterrichtet worden waͤre; mit wel⸗ cher Bewunderung ſie Styndalls Großmuth auf⸗ genommen haͤtte, wie derſelbe den Verwundeten zum Wagen gefuͤhrt, ſeinem Verband beigewohnt und endlich dem Fratello ſeine Boͤrſe hingewor⸗ fen haͤtte. Alles dieſes erzaͤhlte er ſeinem Herrn, der aber dennoch bisweilen ſeinem Gedaͤchtniß zu Huͤlfe kommen mußte. Tom wußte bei aller ſeiner Einfachheit wohl was ſeinem Herrn ge⸗ fiel; denn er hatte die Liebe desſelben zur Fuͤrſtin wahrgenommen. Wenn dieſe Botſchaft dem Eng⸗ laͤnder ſchmeicheln mußte, ſo war dies gewiß eine ſehr unſchuldige Schmeichelei, weil der 20* 308 Ueberbringer derſelben nur das erzaͤhlte, wovon er ſelbſt Zeuge geweſen war. Die Empfindung, welcher ſich Styndall den ganzen Tag uͤberließ, unterdruͤckte ſeinen gehei⸗ men Kummer; niemals war er ruhiger einge⸗ ſchlafen, und niemals war er luͤcklicher erwacht. Schon fruͤh begab er ſich zum Ritter St. Yvon, uͤber deſſen Zuſtand der Arzt nach Abnahme des Verbandes ſehr guͤnſtig urtheilte. Aus dem Hauſe des bretagniſchen Edelmanns nahm er den laͤngſten Weg, um der Stunde, wo die Fuͤrſtin ſichtbar war, zuvorzukommen; er nahm ſeinen Weg nach der Leopoldſtadt, und wurde bei den Damen in dem Augenblicke angemeldet, wo die Baronin von Stein ausgehen wollte, um fuͤr Freundinnen von Presburg einen Ein⸗ kauf zu beſorgen. Man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, daß die Baronin mit dem Englaͤnder in das Gemach ihrer Couſtne zuruͤckging. Als Charlotte Friedrich, mit dem ſie ſich kaum vor ſechs und dreißig Stunden unterhalten hatte, in ihrem Gemach ſah, fuͤhlte ſie einen poͤtzlichen Schrecken, den ihre Zuͤge bezeugten. Das Wort ſtarb auf ihren Lippen. Eine lange Abweſenheit haͤtte weniger empfindbar auf ihre Einbildungskraft gewirkt. Sollte die Freude, die 309 uns durch die Erhaltung eines geliebten Weſens zu Theil wird, nicht unſere Hoffnung in Er⸗ ſtaunen ſetzen? und ſollte dann in dieſem Falle die Seele eines Weibes, die von Natur mehr Unruhe und Mistrauen als die unſrige hat, bei der Gewißheit eines Gluͤcks, woran ſie noch dann zweifeln wuͤrde, wenn ſie davon noch ſo ſehr berauſcht waͤre, ſo ſchnell ſich wieder her⸗ ſtellen koͤnnen? Eliſa hatte den Gentleman mit Complimenten und Fragen uͤberhaͤuft, als Char⸗ lotte noch nicht den Mund geoͤffnet hatte; end⸗ lich ſagte die Fuͤrſtin zu ihm:„Haben Sie nicht Ihre Freunde beunruhigt; und kommt es Ihnen zu, ein Leben ſo in Gefahr zu ſetzen, das fuͤr Viele ein ſo großes Intereſſe hat?“ Dieſe Worte waren von einem furchtſamen, aber ſchmeicheln⸗ den Blick begleitet; wie ihn die junge Gattin, die zum erſten Mal zaͤrtlich zu klagen ſich er⸗ laubt und von einem Rechte, wozu ſie ſich noch nicht befugt glaubt, Gebrauch zu machen wagt, dem geliebten Gegenſtande zuwirft. Als nach einer halben Stunde die Neugierde der Baronin uͤber das, was ihr am meiſten am Herzen lag, befriedigt und die Zeit nicht mehr fern war, wo die Herrſchaften die Gewoͤlbe des Grabens zu beſuchen aufhoͤrten, ſo ſtieg ſie mit 310 Fraͤulein Hubert die Treppe herab, und beklagte ſich uͤber ihre Freundinnen, die aus Mangel an Bekanntſchaft mit Leuten von Geſchmack in Wien, ihr dieſen Einkauf uͤbertragen hatten. „Da Charlotte,“ ſetzte ſie hinzu,„ſich von dieſer Sache losgemacht hat, ſo mußte ſie mir zu Theil werden.“ Als der Englaͤnder mit der Fuͤrſtin allein war, ſo nahm die Unterhaltung einen andern Ton und eine andere Wendung an. Wenn ſie auch nicht von ihrer gegenſeitigen Liebe uͤber⸗ zeugt geweſen waͤren, ſo wuͤrde die ploͤtzliche Veraͤnderung der Faͤrbung ſie ihnen enthuͤllt haben. In ihrer Unterredung herrſchte einige Augenblicke eine angenehme Nachlaͤßigkeit, die von der einen Seite von jener Anmuth, die die moraliſche Schoͤnheit einer Frau enthuͤllt, und von der andern von einem ungezwungenen Be⸗ tragen, das bei einem Verliebten niemals aus den Grenzen der Ehrbarkeit ſchreitet, begleitet war.. Spaͤter wurde die Unterhaltung, dem Cha⸗ rakter Beider gemaͤß, ſehr ernſtaft. „Iſt es wahr, Friedrich“, begann Char⸗ lotte unter Andern,„daß die Kloſteruhr, deren Glockentoͤne fromme Menſchen fruͤh und ſpaͤt 311 zum Gebet rufen, Ihnen Beiden das Signal zum Morden gegeben hatte?“ „So iſt es, Charlotte.“ „Und Sie ſind es, der, als der Hammer die Glocke beruͤhren wollte.... „Was wollen Sie, meine liebe, theure Freundin? wir waren allein, nimmer wuͤrde der gute Tom in des Ritters Geſuch gewilligt haben; und da es eben zwoͤlf ſchlagen wollte, ſo konnten wir ja davon auch noch einen an⸗ dern Gebrauch machen.“ „Das heißt wohl, dem Einen oder dem Andern, oder auch vielleicht Beiden zugleich die letzte Stunde anzeigen! Styndall, Sie ha⸗ ben viel Kaltbluͤtigkeit und zu gleicher Zeit viel Reizbarkeit.“ Hier traͤufte eine Thraͤne von den Wim⸗ pern der Fuͤrſtin, die mit folgenden Worten fortfuhr: „Mein Freund, wie haben Sie mit Ihren Grundſaͤtzen, mit Ihren edlen Gefuͤhlen, die Sie ſo ſehr auszeichnen, da Sie auf das Leben eines Andern und auf Ihr eignes ſelbſt einen unſchaͤtzbaren Werth legen und darin ſogar das unausſprechliche Geſchenk der Vorſehung erblicken, zwei Menſchen an demſelben Tage zum Zweikampf rufen koͤnnen?« „»Eine Rechtfertigung wuͤrde mir ſo leicht ſein, als ſie lang werden wuͤrde. Ich wurde ſehr beleidigt!« „»War das auch wahr? Haben Sie ihre Abſichten errathen? Hat nicht der eine Ihrer Gegner nachgegeben, waͤhrend die Ihrigen nicht zweideutig waren? Denn Sie haben befohlen, Waffen in den Wagen zu legen.. Ach Styndall, welchen Kummer laſſen Sie der be⸗ vorſtehen, die ſich an Ihr Schickſal anſchließen wird!⸗”«e Ein Seufzer der Fuͤrſtin verrieth, wie ſehr ſie dies zu befuͤrchten Urſache habe. Der Eng⸗ laͤnder verſtand ihn; er fand darin ein Be⸗ kenntniß, dem er ſein Herz oͤffnen wollte; da er aber durch eine Gegenfrage uͤber ſein Befinden davon abgehalten wurde, ſo antwortete er nur mit einen ſchwermuͤthigen Ton:„Wer bekuͤm⸗ mert ſich auf der Erde um mich, gnaͤdige Frau? Wem ſollte unter dem Monde etwas an mei⸗ ner Liebe liegen? wem etwas an meinem Leben? Und haͤtte Jemand bei dieſem Anſpruche das Recht mir zu gebieten? Nur dem Befehle eines Mundes in der Welt will ich mich 313 unterwerfen. Er mag ſprechen, und ich ge⸗ horche!« „Styndall, ich glaubte geſprochen zu haben, ich glaubte von Ihnen verſtanden zu ſein...« „Liebenswuͤrdiges, reizendes Geſchoͤpf, Sie billigen alſo meine Liebe! Ich beneide keinen Engel mehr! Wenn der Himmel mir ein ſol⸗ ches Geſchenk macht, mag er ſeine uͤbrigen Schaͤtze behalten! Kuͤnftig ſoll keine Gewalt mir verbieten, dieſe Liebe in meinem Buſen zu naͤhren! Welches Loos mir auch aufbewahrt ſei, keine Macht ſoll ſie ihm entreiſſen!“ Charlotte ſtraͤubte ſich nicht gegen den feu⸗ rigen Kuß, den er ihr auf die Hand druͤckte. „Wohlan! mein Freund“, ſagte ſie lieb⸗ reich,„ich habe alſo das Recht, mich bei Ih⸗ nen uͤber eine Hitze zu beklagen, die mich fuͤr Ihr Leben beſorgt machte. Friedrich, erinnern Sie ſich an den Tag, an welchem ich den Ar⸗ changeli vom Tode rettete! Sie ſtanden mir in dieſem guten Werke bei. Ich las in Ihren Augen den tiefſten Schmerz; er wurde der mei⸗ nige, ich errieth Sie, Styndall! Ich erkannte in Ihnen das gute und edle Weſen, wie es aus der Hand des Ewigen hervorging. Von da an liebte ich Sie, wie meinen Bruder; gern 8 31ʃ4 haͤtte ich gewuͤnſcht, ein Haus mit Ihnen be⸗ wohnen zu koͤnnen. Kaum ereignete ſich Ihr Ungluͤck, ſo war ich auch entſchloſſen, wenn Sie nicht den Gebrauch Ihrer Sinne wieder erhiel⸗ ten, Sie in meinem Hauſe warten zu laſſen. Ich weiß wahrhaftig jetzt nicht, ob ich mich uͤber die Ruͤckkehr Ihrer Geiſteskraͤfte nicht haͤtte betruͤben ſollen! glauben Sie mir, lieber Freund, mich band nur dieſe Liebe zur Menſch⸗ heit, die ich aus Ihnen hervorſchimmern ſah, an Sie. Die Strafe eines Uebelthaͤters brachte Sie auf die Folter, Sie wollten ihn noch nicht der Gerechtigkeit uͤberliefern, Sie haben es uns geſagt, in dieſem Hauſe mit einer edlen Bered⸗ ſamkeit wiederholt, die mich vielleicht vollends zu Ihnen hingeriſſen hat... Jetzt behaup⸗ ten Sie, daß, um ein Weſen Ihrer Art auf eine ſo unwiederrufliche Weiſe zu ſtrafen, die Urtheile der weltlichen Gerechtigkeit unter den Ihrigen ſtaͤnden, Sie entſcheiden Ihre eigne Sache ohne Appellation; Sie ſetzen Ihre Ge⸗ rechtigkeit uͤber die Gerechtigkeit der Erde; bald werden Sie ihr die des Himmels unter⸗ werfen! Sie wollten nicht des Henkers Hand Blut vergieſſen laſſen. Ohne Zweifel beſtimmten Sie 315 die Ihrige zu dieſem wuͤrdigen Amte.. erlauben Sie mir Styndall, daß ich es Ihnen ſage, in Ihrem Betragen liegt viel Inepnſe quenz.“ Die zaͤrtlichen Enepfindungen, die vor einem Augenblicke das Herz des Englaͤnders durch⸗ gluͤht, ja ſogar waͤhrend des erſten Theils dieſer kraͤftigen Vorwuͤrfe mit einer ſuͤßen Unruhe erfuͤllt hatten, erſtarrten ploͤtzlich. Er wurde finſter; und jenes duͤſtere Gepraͤge zeigte ſich auf ſei⸗ ner ſorgenbelaſteten Stirne. Tauſend unvereinbare Ideen durchkreuzten ſeinen Kopf, und er ſuchte ſich nicht einmal aus dem tiefen Stillſchweigen zu reiſſen, in das er verſunken war. Nach einer Pauſe, deren Dauer Charlotten beaͤngſtigend war, toͤnte ihre Silberſtimme an Friedrichs Ohren, und brachte ihn wieder zur Beſinnung. „Sollte mein Freund keine Worte mehr fuͤr die Frau haben, die aus Schwaͤche ihm ihr Herz entdeckt hat?“ „Ihre Durchlaucht“, antwortete der Eng⸗ laͤnder,„haben mir jetzt ein großes Leid zuge⸗ fuͤgt!.... Mein ungluͤckliches Verhaͤngniß wird mich alſo uͤberall verfolgen! Ihre Worte berauſchen und zerfleiſchen mich zu gleicher 316 Zeit! Nein, Charlotte, Sie wiſſen nicht, daß in dem Becher, den Sie eben meinen Lippen dar⸗ boten, Suͤßigkeit und Bitterkeit zugleich enthal⸗ ten iſt! Sie werden es niemals wiſſen!.... „Mein wuͤrdiger Freund hat alſo ſeinen Irrthum eingeſehn“, entgegnete Charlotte. „Wenn Sie kuͤnftig uͤberall den erhabenen Na⸗ men der Menſchheit ehren, ſo werden Sie mich nicht mehr in die Gefahr ſetzen, aus Furcht fuͤr Ihr Leben zu zittern.“ „Ich muß Ihrer Durchlaucht bekennen, daß ich Ihre Bewilligung zu erhalten befuͤrchte, ohne ſie zu verdienen, wenn ich Sie bei dem Gedanken ließe, ich haͤtte mich der Kraft Sihrer Gruͤnde unterworfen.“ „»Haben Sie den meinigen beſſere entgegen zu ſetzen? Ich denke es nicht. Gott verhuͤte ja, daß alle mit unſerer innern Einwilligung an die Gewalt gerichteten Apellationen, die Stimmen der Menſchheit und der ewigen Ge⸗ rechtigkeit in uns jemals uͤbertreffen moͤgen; dann wuͤrde dieſe Unterwelt vom groͤßten Un⸗ gluͤck heimgeſucht werden. Wenn der Unter⸗ druͤcker eines einzigen Weſens gerechtfertigt wird, ſo iſt der des ganzen Geſchlechts ent⸗ ſchuldigt. Iſt es denn gerecht, daß der Haß eines Augenblickes ein Geſchoͤpf in den Ab⸗ grund von Jahrhunderten ſtuͤrze? „Ich habe den Zweikampf immer verab⸗ ſcheut“, verſetzte Styndall,„und doch glaube ich, daß es Umſtaͤnde giebt, wo wir ihn nicht umgehen koͤnnen, wie mehrere traurige und ſtrenge Nothwendigkeiten, welchen unſere Na⸗ tur unterworfen iſt. Wollen Sie geduldig eine Theorie anhoͤren, die vielleicht beim erſten An⸗ blick vom Gefuͤhle zuruͤckgeſtoßen wird, die aber doch ihre Rechtfertigung hat?«⸗ „Reden Sie, Styndall! aber ich ſchmeichle mir, daß Sie immer ein gewiſſenhafter Mann bleiben werden, denn nur dieſen habe ich auf⸗ genommen.« „Wehe mir, wenn ich Ihre Achtung ver⸗ liere!.. Ich will mich in meinen Gegen⸗ ſtand enger einſchließen, und nur einige Grund⸗ ſaͤtze aufſtellen; und der hohe Geiſt Ihrer Durchlaucht wird mir ohne Muͤhe in meinen Eroͤrterungen folgen, und, was mir ſehr viel helfen wird, denſelben ſelbſt Ergaͤnzung geben koͤnnen.“ „Sie vergeſſen, Friedrich, daß es unter uns keine Durchlaucht mehr giebt.“ Hier kuͤßte der Englaͤnder die Hand der Fuͤrſtin abermals, und ſeine Stirn glaͤttete ſich allmaͤlig waͤhrend folgender Worte: „»„Wohlan! Charlotte, ich will meine Anſich⸗ ten vom Zweikampf Ihrem Urtheil unterwerfen. Sollten Sie einige derſelben widerlegen, ſo berge ich Ihnen nicht, daß ſie nur den Ihri⸗ gen fuͤr gewiſſe ſeltene Faͤlle und nach einer ſtrengen Berathung mit mir ſelbſt nach meiner eigenen Anordnung untergelegt ſind.“ „Was auch die Philoſophen der neuen Schule ſagen, der Menſch, wie er aus den Haͤnden des Schoͤpfers geht, iſt weſentlich der Menſch der Geſellſchaft; er nimmt dieſelbe in dem Staat an, wo er ſie findet, er eignet ſie ſich zu und vereinigt ſich von dem Augenblick an mit ihr, wo er einen Theil derſelben ausmacht. Dies iſt eine Anordnung der Vorſehung, der ſich niemand entziehen kann. Die Sitten bilden andererſeits mehr die Geſetze, als daß ſie deren Reſultat ſind, und durch ſie befeſtigt ſich of⸗ fenbar die geſellſchaftliche Drdnung, was auch gar nichts Uebels iſt. Stehen die Sitten auf der einen oder die Geſetze auf der andern Seite, ſo gehoͤrt die Vernunft hauptſaͤchlich den Sitten an, die ihr einzig moͤgliches Beſſerungsmittel 319 und den Beduͤrfniſſen faſt immer gleichlaufend ſind. In unſerm civiliſirten Europa iſt das Men⸗ ſchengeſchlecht in zwei Claſſen geordnet. Die Republiken, wie man ſie in unſern Zeiten ſieht, bieten noch mehr dieſen traurigen Anblick dar, als die despotiſchen Monarchien. Die Geſetz⸗ buͤcher ſelbſt ſcheinen nur ein Syſtem von Klaſ⸗ ſen, die der Natur, dem Verſtand und der abſtrakten Gerechtigkeit zuwider ſind, zu befeſti⸗ gen, das aber ſo lange dauern wird, bis der Schiedsrichter unſeres Schickſals, der ſtufen⸗ weiſe den Generationen die Augen oͤffnet, den in ſeiner Weisheit vorhergeſehenen Augenblick ankuͤndigt, wo das menſchliche Geſchlecht nur ein gemeinſchaftliches Geſetz des Schutzes und der Wehr haben wird. Von dieſen zwei Klaſ⸗ ſen iſt die eine weſentlich die herrſchende, und die andere iſt ihr faſt immer unterthan. Hier iſt zum Beiſpiel der Abſtand des einen Men⸗ ſchen von dem andern ungeheuer; er iſt ſo groß, daß ein Blick hinreicht, um ihn zu erwei⸗ ſen; doch moͤge Niemanden der Gedanke ein⸗ fallen, daß die Sachen anders ſein konnten, und dennoch geſchaͤhe es auf dieſer Erde voll Vorrechten nach und nach wuͤrden ſich Huͤgel erheben, hinter welchen das erſte Geſchoͤpf, nach dem Willen deſſen, der es auf die Erde ſetzte, einen Zufluchtsort finden koͤnnte. Die Erfahrung lehrt, daß die Geſellſchaften aufhoͤ⸗ ren, wenn es ihnen an Gegengewicht gegen eine geſetzliche Regierung, die zu druͤckend wird, fehlt. Man ſollte, dieſes zu ſagen, ſich ſcheuen; aber es iſt nur zu wahr, daß unmittelbar auf Beleidigung ein Verlangen, ſich zu raͤchen, folgt. Der Trieb der perſoͤnlichen Erhaltung, woraus das Gefuͤhl von Recht entſpringt, iſt ſo in der Natur eingepflanzt und ſtark, daß das elendeſte Weſen unter dem Streich, den man nach ihm fuͤhrt, Drohung blicken laͤßt; man kann alſo kein Inſekt toͤdten, ohne ſich vorzu⸗ ſehen. Wenn der Menſch nicht mehr weiß, wo er Recht finden ſoll, wie es doch in ſeinem Be⸗ wußtſein liegt, ſo verſchafft er es ſich ſelbſt. In Italien, Spanien, Korſika und Venedig, wo die Zweikaͤmpfe ſelten ſind, iſt hingegen Familienhaß unausloͤſchlich. Ueberall, wo das Geſetz, ohne Einſchraͤnkung, diejenigen wenig beſchuͤtzt, die es erhalten, iſt der Meuchelmord ſehr gemein. Durch den Dolch ſetzt ſich die Schwachheit mit der ſtaͤrkſten Kraft in das 321 Gleichgewicht, und dieſe iſt zum beſten ihrer Erhaltung oft genoͤthigt, vor ihrer eignen Ge⸗ walt zuruͤck zu weichen. Der Zweikampf erſetzt in Frankreich und England den Dolch, weil die Unterdruͤckung daſelbſt nicht ſo groß iſt, auch hat das Vorurtheil als Beſchuͤtzer des Zwei⸗ kampfs weniger Thaͤtigkeit bei uns als bei unſern Nachbarn, ſelbſt nach dem Verhaͤltniſſe unſerer demokratiſchen Regierung, die die Em⸗ pfaͤnglichkeit des Nationalcharakters ſchwaͤcht. In Oeſtreich ſind die Ausforderungen dieſer Art nicht haͤufig, welches zum Theile dem un⸗ uͤberſchreitbaren Abſtande des Ranges zuzu⸗ ſchreiben iſt. Der Baron wuͤrde ſich den Tadel ſeiner Stammverwandten zuziehen, wenn er einen Reichsgrafen, wegen eines Zweikampfes, auf den Kampfplatz beſchied und ſo auch der Graf, der einen Fuͤrſten dazu noͤthigen wollte. Daher entſteht die große Behutſamkeit in dieſen Hand⸗ lungen, daher auch die farbloſe Geſellſchaft. Hier regiert der Thron, oder was in ſeinem Namen ſpricht, ohne Widerrede, und wenn die Regierung nicht einen gerechten Geiſt, oder beſſer, einen Geiſt voll natuͤrlichen Schutz zum Nutzen aller Klaſſen haͤtte, ſo wuͤrden die Dinge ganz anders gehen. Die niedrigen, finſtern II. 21 Gegenwirkungen, muͤßten ſich nothwendig ver⸗ mehren; denn merken Sie wohl auf, Charlotte, daß die Freiheit uͤberall die Frucht einer Sitten⸗ bildung iſt, die ihre Gewaͤhr verloren hat. In dieſen traͤgt ſich das puͤnktlich zu, was unter den Wilden im Naturſtand ſtatt findet. Der Menſch ſteigt alsdann auf der Leiter, auf der er einige Stufen zuruͤckgelegt hat, wieder herab; die Liſt dient ſtatt der Muskelkraft; ſie entbehrt nicht mehr, ſie leitet die Erziehung. Der Bewohner von Kanada lernt nicht weniger ſeinem Feind auflauern, ihn des Nachts und des Tags zwiſchen den Bergen von vorne an⸗ zugreifen; und das Gelingen in beiden Faͤllen erntet daſſelbe Lob ein. Durch den Zweikampf wird einem ſolchen Verfahren geſteuert. Seyen Sie verſichert, daß dieſer Theil von den alten Sitten nicht uͤbrig geblieben waͤre, wenn in ihm nicht der nothwendige Grund zur Erhal⸗ tung der Ordnung gelegen haͤtte. Die Zeit wird auch kommen, wo man ihn nicht mehr braucht; wenn erſt die geſellſchaftliche Gleich⸗ heit, durch das Geſetz geheiligt iſt, ſo wird es in ſeiner Wiederherſtellung, ſie zu verletzen, nicht gezwungen ſein.« „ Weil Sie“, entgegnete die Fuͤrſtin, die 323 aufmerkſam und bisweilen ungeduldig zugehoͤrt hatte,„vom Abwehren der Unterdruͤckung und von der perſoͤnlichen Sicherheit reden, wozu ein jeder, zu Folge eines Triebs, den ich mit Ihnen anerkenne, beitragen muß, ſo ſollen Sie konſequent ſein! Indem ich zugebe, daß der Zweikamf dem Schweigen der Geſetze vorzuzie⸗ hen ſei, bitte ich Sie zu bemerken, daß der Abſtand der Klaſſen, der dieſen Gebrauch allge⸗ mein zu machen, verhindert, ihn von einer ſehr mittelmaͤßigen Wirkung machen wuͤrde; denn Sie wollen doch nicht glauben, daß ein Hand⸗ werksmann aus Wieden den Fuͤrſten Kaunitz, uͤber den er ſich zu beklagen haͤtte, noch daß ein Boxer von London einen Admiralitaͤts⸗Lord zum Zweikampf vorfordern wuͤrde? Iſt denn alſo ein blutiger grauſamer Zweikampf ohne Nutzen fuͤr die Gerechtigkeit, der nicht einmal das Verdienſt eines gemeinſchaftlichen Rechtes hat, und deſſen Gluͤck uͤberall der Kuͤhnheit guͤnſtiger iſt, als der von Natur zum Streit wenig geneigten Vernunft? Es bedarf alſo blos eines Worts einer Geberde, um einen gewaltthaͤtigen Kampf zu veranlaſſen! Ich kann aber uͤber die Natur der Herausforderung nicht vergeſſen, daß Sie nicht einmal die moraliſche 21* 324 Seite dieſer Handlung beruͤhrt haben! Es iſt aber doch etwas Wichtiges zu ſagen: Ich ver⸗ lange deinen Tob! der eine von uns iſt auf der Welt uͤbrig. So habe ich es entſchieden. Was hatten Sie zum Beiſpiel, Styndall, fuͤr einen Beweggrund, um nicht nur dieſen Frem⸗ den, den Sie beinahe ermordet haͤtten und der dennoch ihr Freund war, in die Schranken zu fordern, ſondern auch den Grafen von Toron⸗ tal, der aber kluͤger als Sie war, der den Edel⸗ muth hatte, Sie um Verzeihung zu bitten, und der eigentlich gegen Sie keine andere Schuld hatte, als daß er Ihnen ein Gefuͤhl von Eifer⸗ ſucht, oder Bitterkeit hatte fuͤhlen laſſen. Ich ſehe, Sie wollen mir antworten, erwarten Sie, bis ich meinen Einwurf ganz hervorgebracht habe. Sie bewieſen vor einem Augenblick die Unterdruͤckung einer Klaſſe von einer andern. Iſt es nicht deutlich, daß Sie ſich auch beſtre⸗ ben, ſich in diejenige zu ſtellen, die das Geſetz ausſpricht?* „Was! man wird nicht mehr von Sir Styn⸗ dall oder zu Sir Styndall ſprechen koͤnnen, ohne eine Formel der Ehrerbietung? Man wird die auf die Lippen kommenden Worte durch⸗ denken, oder abwiegen muͤſſen, oder geſchwind! den Degen in der Fauſt, er wird Jeden zwin⸗ gen, mit ihm auf den Kampfplatz hinab zu gehen!... cc „Warum nicht, gnaͤdige Frau, wenn dieſe Worte mich toͤdten?“ „Reine Reizbarkeit! Das Schwert des Wortes toͤdtet Niemanden; es verletzt nur den Menſchen, der ſchon ſichtbar durch ſein eignes Betragen verwundet iſt. Das ſind Streiche, wodurch ſich die Tugend bald empor hebt.“ „Charlotte, Sie haben zu viel Scharfſinn, eine zu erhabene Seele, um mich mit Gemein⸗ plaͤtzen, die alle Tage durch die Erfahrung als falſch erkannt werden, anzugreifen. Haͤtten Sie mich meine Theorie durchfuͤhren laſſen, ungluͤck⸗ licher Weiſe bis zu dem Augenblick begruͤndet, wo das Geſetz einen ſchoͤnen Charakter von Groͤße hat, da er alle Menſchen zur Ausuͤbung derſelben Rechte ruft, ſo wuͤrden Sie ſich einer rein redneriſchen Antwort uͤberhoben haben.“ „Ja Charlotte, es giebt Worte, die toͤdten⸗ die einen Menſchen morden, als wenn man ihn einen Dolch in die Bruſt ſtieße! Liebenswuͤr⸗ diges Weib; ich will Ihnen nicht ſagen, daß mir ohne Ihre Hochachtung das Leben eine Laſt ſein wuͤrde; ich will Sie nicht zu einem Ge⸗ 326 ſtaͤndniſſe zwingen, daß dieſe Hochachtung ſchwaͤ⸗ cher waͤre, wenn ich mit Gebuld die beleidigende Worte des Grafen von Torontal ertragen haͤtte. Iſt er ein oͤſtreichiſcher Edelmann, ich bin ein Englaͤnder; und wie wuͤrde ich nach dem Schim⸗ pfe, den er in meiner Perſon einer ganzen Na⸗ tion anthat, es gewagt haben, vor Ihrer Ho⸗ heit wieder zu erſcheinen? Welchen Schutz wuͤrden Sie als Frau, von mir erwarten? Mit welcher Sicherheit wuͤrden Sie in den Prater, in den Augarten, am Graben, zum Prinz Lud⸗ wig gehn, wenn dieſer Arm, den Sie halten wuͤrden, Ihnen keine Sicherheit gaͤbe, wenn dieſe Bruſt, wohl mit Liebe an der Ihrigen ſchlagend, nicht von einem edlen Unwillen auf⸗ wallte, wenn ein Menſch Sie zu beleidigen ſich erkuͤhnte?« „Styndall, Sie verſprechen mir, daß Sie dieſe Frage nicht durch das Gefuͤhl entſcheiden wollten, daß Sie mir die Ehre erweiſen woll⸗ ten, mit mir zu urtheilen. Wenn ich Ihnen Ihr ſterbendes Schlachtopfer vom Streich Ih⸗ rer Hand getroffen, zu Ihren Fuͤßen zeigte, ſo glauben Sie, daß ich auch beredt ſein koͤnnte. Es wuͤrde mir genug ſein, Sie in das kuͤnftige Leben dieſes Weſens zu fordern, und den Geg⸗ 327 ner des Doktors van Swieten vor ſeinen eig⸗ nen Richterſtuhl zu eitiren. Was wird, mein Freund, vor Gott daran liegen, daß Charlotte von Oedenburg den Prater mit mehr oder weniger Stolz durchgangen ſei, und Sir Styn⸗ dall, einem von Herzen und Geburt, vortreff⸗ lichen Englaͤnder, den Arm gegeben habe, wenn dieſer Letztere, um eine unvermeidliche Beleidi⸗ gung zu raͤchen auf eine ungluͤckliche und un⸗ widerrufliche Weiſe, einem Geſchoͤpfe ſeiner Art das Loos beſtimmt habe: Glauben Sie mir, Styndall, laſſen Sie uns vernuͤnftig urtheilen, das iſt mehr werth!“ „Das nahm ich mir auch vor. Ich ſagte Ihnen, Charlotte, daß wir in einer geſellſchaft⸗ lichen Ordnung leben, die ſich alle Tage mehr reinigt, die ſich aber noch auf kuͤnſtliche oder wenigſtens conventionelle Baſen gruͤndet. Die Ehre, das Anſehn, das Leben der geiſti⸗ gen Verbindung, das das erſte von allem iſt, das organiſche Leben, nur das Geruͤcht von jenem, Alles dies hat ſeine beſtimmte Exiſtenz. In den vergangenen Jahrhunderten, wo es an⸗ erkannte Heimathen gab, hatten die Buͤrger der⸗ ſelben Stadt ihren Haß und ihre Feindſeligkeiten, aber man hoͤrte nicht von Zweikaͤmpfen reden“ 328 „Ariſtides und Themiſtoeles haben ſich nicht in die Schranken gefordert, obgleich der eine dem andern durch das Scherbengericht die Strafe der Verbannung zuzog. Geben Sie den neuern Voͤlkern ein Vaterland, und die Herausforde⸗ rungen Mann von Mann werden bald außer Gebrauch ſein. Der Einfluß der Weiber, der unter ihnen den Geiſt der Nebenbuhlerei an⸗ facht, wird auch bald ſeine Richtung aͤndern, England zeigt uns den Beweis davon. Obgleich unſere Inſtitute ſich von einer Lehnbarkeit los⸗ reißen, die bei der Gruͤndung unſerer oͤffentli⸗ chen Freiheiten vorhanden war, ſo iſt es noto⸗ riſch, daß bei uns der Zweikampf weit weniger Gewinn iſt, als in Frankreich. Sobald bei un⸗ ſern Nachbarn das Vaterland, deſſen Namen es ſelbſt an Deutung gebricht, die Buͤrger nach der Wichtigkeit ihrer wirklichen Dienſte nicht in Klaſſen bringt, ſo iſt es natuͤrlich, daß ſich ein jeder ein perſoͤnliches Anſehn zu machen ſucht, und zwar durch die Art des Verdienſtes, wel⸗ ches alle die Andern beherrſcht, naͤmlich das der Waffen. Wird dieſes Anſehn angegriffen, ſo bleibt Allen nur derſelbe Weg offen, es zu vertheidigen. Es wird dann hauptfaͤchlich krie⸗ geriſch werden, wo der Fuͤrſt, der den ganzen 329 Staat vorſtellt, von ſeinen Unterthanen nur kriegeriſche Tugenden verlangt, die einzigen, die er noͤthig zu haben glaubt. So miſcht ſich eine Art martialiſcher Prahlerei in die Sitten, und alles, was der Freiheit gleicht, wird mit einem Urtheil von buͤrgerlicher Beraubung beſtraft.“ „In einem Kriegsrathe, der unter den grie⸗ chiſchen Verbuͤndeten gehalten wurde, antwor⸗ tete Themiſtocles dem Eurybiades, der ihm mit dem Stock drohete: Schlag zu, aber hoͤre! Dieſe weiſe Widerſetzlichkeit fand unter den Hel⸗ den, die bei Salamis ſiegten, Beifall. Ich ver⸗ ſichere Sie, Charlotte, daß, wenn man in einem franzoͤſiſchen Kriegsrath oder in Ihrem Hofka⸗ binet den Stock uͤber einen General erheben wollte, dasſelbe Wort wuͤrde kein Gluͤck machen, und derjenige, der ſtatt aller Antwort ſich dar⸗ auf beſchraͤnkte, wuͤrde nicht Zeit haben die ſinn⸗ reichſten Gedanken auszulegen, ehe man ihn hin⸗ ausbraͤchte.“ „Sobald Sie die Geſellſchaft ſo annehmen wie ſie iſt, ſo richtet ſich derjenige, der einen Zwei⸗ kampf nicht annimmt, oder ihn nicht anbietet, wenn ſeine Ehre beleidigt worden iſt, zu Grunde: Nun frage ich Sie, wer der iſt, der dieſes all⸗ gemeine Geſetz kennt, und das Recht haben 330 ſollte, von einem Andern ein gleiches Opfer zu verlangen? „Geben Sie Acht,“ bemerkte die Fuͤrſtin von Oedenburg,„daß zur Annahme Ihrer Grund⸗ ſaͤtze Sie denſelben, wie ich ſo eben bemerkt habe, mehr Ausdehnung geben muͤßten; denn es iſt erwieſen, daß blos Leute von Stande ſich herausfordern. Eine plebejiſche Stimme wuͤrde Sie vergeblich auffordern, eine Lanze zu brechen: Haͤtten Sie in Wien keinen perſoͤnlichen Rang oder in der Eigenſchaft als Fremder einen ge⸗ habt, ſo iſt es leicht moͤglich, daß der Graf von Torontal ſich weder mit Ihnen gemeſſen, noch durch Vermittelung ſeines Oheims Worte des Friedens zu Ihnen geſprochen haͤtte.. Was wuͤrden Sie alsdann gethan haben 7.... „»Was ich gethan haͤtte?... Ein bitteres Laͤcheln verzog Styndalls Lip⸗ pen; ſeine Stirn verrieth Unwillen, ohne an Staͤrke zu verlieren; aber nach dieſen ernſten Worten druͤckte er ſich mit einer auffallenden Ruhe aus:„In einem ſolchen Falle,“ fuhr er fort,„waͤren nur zwei Entſchluͤſſe zu faſſen. Wenn man durch weſentliche Gruͤnde vom ge⸗ ſellſchaftlichen Vertrag ausgeſchloſſen iſt, wenn man von philo ſophiſcher oder chriſtlicher Tugend, 331 wenn Sie dieſe lieber wollen, dazu gebracht worden iſt, einen ſolchen Entſagungsact zu un⸗ terzeichnen, ſo bleibt einem nur uͤbrig in die Einſamkeit zu fluͤchten. Vielleicht iſt auch nicht einmal dem, der ſein buͤrgerliches und haͤusli⸗ ches Leben nicht hat ſchuͤtzen koͤnnen, ein bloßer Zufluchtsort hinreichend; denn, ohne auf Hel⸗ denmuth zu rechnen, muß man ein Ehrgefuͤhl, und waͤre es auch nur fuͤr ſeinen Kammerdiener, zuſ erhalten ſuchen. Das Beſte wuͤrde dann ſein, an den Stufen des Altars die letzten Seuf⸗ zer eines Lebens auszuhauchen, das man nicht beſchuͤtzen kann, oder das ſich den Geſetzen einer ſchoͤnen und himmliſchen Moral aufopfert, ſo wie Sie ſie verſtehen, aber deren Triumph der Hoͤchſte, wie ich weis, nicht in die menſchlichen Geſellſchaften gebracht hat. Einem Franzoſen wuͤrde in einer ſolcher Lage das Kloſter voll⸗ kommen anſtehen. Auf dieſem Weg duͤnkt mich, wuͤrde man zum Katholieismus zuruͤckkehren, der ja die wahrhafte Verleugnung des gegenwaͤrti⸗ gen Lebens iſt.“ „Und was wuͤrde der zweite Entſchluß ſein?«⸗ „Der zweite,“ verſetzte Styndall, und legte auf dieſes Wort denſelben mißmuthigen Nach⸗ druck, bei dem ſich vorhin ſeine Stirn gerun⸗ zelt hatte, aber dies Mal ſo widrig, daß Char⸗ lotte vor dem duͤſtern Feuer ſeiner Blicke er⸗ ſchrack;„der zweite: Der Geſellſchaft Gewalt gegen Gewalt geboten! Wenigſtens muß man den Muth der Schlange haben, die die Ferſe deſſen der ſie zertreten will, noch zu ſtechen ſucht! Ich irre mich,“e fuͤgte er nach einer Paufe von einigen Sekunden hinzu,„es giebt noch einen dritten Entſchluß, zu dem noch gewiſſe edle Seelen ihre Zuflucht nehmen. Sie finden bie Laſt der Schande zu ſchwer, und werfen ſie auf dem Wege ab. Was wuͤrde der Verſuchung widerſtehn, mit ihnen zu ſagen:„Ewige Weis⸗ heit, du hatteſt mich verbammt unaufhoͤrlich gegen das Elend des Lebens anzukaͤmpfen. Du hatteſt auch die öͤffentliche Achtung wie mein erſtes Beduͤrfniß geſchaffen. Ich wurde von ihr angezogen; ſie erklaͤrte ſich unbeſtimmt, jedoch nicht ohne Zauber gegen dieſes Streben meines Seins, deſſen Verlangen mir bis in's Grab folgen wird; ich erblicke darin die Buͤrgſchaft meiner Unſterblichkeit; es war mir unmoͤglich zu fein, wo ſie nicht war, und nun reißt mich doch eine eiſerne Hand auf immer von ihr. Da ich nicht mehr mit emporgerichtetem Haupte gehen 333 kann und verbannt von dem gemeinſchaftlichen Rechte bin, warum ſollte es mir nicht mehr erlaubt ſein, mich aus dem Leben zu entfernen, wenn es nur die automatiſche Bewegung eines herabgewuͤrdigten Weſens iſt? Ich bekenne, daß ich noch unter beinen Augen ſtehe, aber du hatteſt mir eine Beſtimmung gegeben, die ich nicht erzielen kann. Du hatteſt mich zum Men⸗ ſchen gemacht, um mit Menſchen zu leben, aber ſie verſtoßen mich, weil ich nicht die heiligen Geſetze der Natur gegen ſie uͤberſchritten habe! Erlaube mir zu dir zu fluͤchten. Die Ordnung die du auch fuͤr mich bildeteſt iſt geſtoͤrt, und es iſt nicht recht, nicht gut, daß ich ohne Schutz in der Mitte einer Welt bleibe, die mit ſtolzer Verachtung deiner Kreatur Hohn ſpricht. O, ewige Weisheit, oͤffne mir deinen Schoos, und ſollte es auch nur aus Achtung fuͤr dein Werk ſeinlee.* „Friedrich, Sie haben mich geruͤhrt, ohne mich zu uͤberzeugen. Stuͤtzen Sie ſich nicht zu ſehr darauf!.. Sie werden alſo immer noch jemanden toͤdten muͤſſen! Da Ihnen der Weg zum Zweikampf verſchloſſen iſt, ſo wenden Sie ſich zum Selbſtmord: Sie ſehn es, haben Sie einmal die Geſetze der Moral bei Seite geſetzt, 334 ſo verlieren Sie jede Stuͤtze, und Sie wiſſen nicht, woran ſie ſich halten ſollen.“ „Charlotte,“ erwiederte der Englaͤnder mit Begeiſterung, und legte ſeine Hand auf den Arm der Fuͤrſtin:„Gott hat die Macht wohl gehabt, dem Menſchen zu befehlen, Elend, Ver⸗ bannung, Leid und Armuth zu ertragen, aber eine Verachtung! merken Sie wohl darauf, Char⸗ lotte, die Verachtung fuͤhrt einen haͤrtern Streich als der Tod; dieſer bemaͤchtigt ſich nur eines Leichnams, jene ſchneidet in das Leben, durch ſie wird die zitternde Seele durch den Koth und unter das Mordbeil geſchleppt. Es iſt ſchimpf⸗ liche Vernichtung eines Weſens im Angeſicht des Himmels. Es iſt das einzige Uebel, das auf der Erde nie verziehen wird. Gehen Sie von ihr auf die Tyrannei uͤber; ſie verwundet auf eine ſo aͤhnliche Art, daß ſie die einzige iſt, die man nach ihr ſelbſt unverſoͤhnlich findet! Wenn ich nicht die Geberde oder das Wort, womit man mich beſchimpft, beſtrafen koͤnnte, ſo wuͤrde ich mich ſelbſt beſtrafen, daß ich gezwungen ſei, den Schimpf zu ertragen. Gern ſtirbt man in jeder Stunde, nur in dem Andenken der Men⸗ ſchen fortzuleben; aber wer wuͤrde gerne leben wollen, um in ihrer Achtung zu ſterben?.... Charlotte, man muß dieſe Dinge nicht ſo leicht⸗ ſinnig beſtrafen;z denn wenn Sie auch noch ſo wenig darin forſchen, ſo werden Sie immer eine ganze Ewigkeit finden, bezeugt durch die einzige Kraft, die in gewiſſen Faͤllen das elende Leben des gegenwaͤrtigen Augenblicks als un⸗ wuͤrdig mit Fuͤßen tritt.“ „»Friedrich, der Gerechte duldet, ohne des⸗ halb erniedrigt zu werden, und der allmaͤchtige Geſetzgeber der Chriſten ſtarb am Kreutz!* „Ja, aber er ſtrebte mit dieſem Kreutze weit uͤber das menſchliche Geſchlecht hinaus, und kaͤchte ſich an ſeiner Schmach dadurch, daß er es mit ſich in den Himmel nahm!« „Styndall, Sie ſind ein außerordentliches Weſen; ich fuͤhle jedes Mal, daß ich Sie ſo liebe! Mein Freund, Sie widerſprechen verge⸗ bens. Ihr Kopf iſt eben ſo franzoͤſich als eng⸗ liſch, oder vielmehr ihr Herz bedarf eines Ge⸗ burtsſcheins. Mit einem Theil Phlegma aus Britannien, woher haben Sie denn dieſe leiden⸗ ſchaftlichen Gefuͤhle? Die Fuͤrſtin von Lichten⸗ ſtein findet viel Geiſt an Ihnen, aber der Geiſt dient in dieſer Welt zu Allem und reicht zu Nichts hin; die Seele iſt es, die das Große faßt, ſie ſpricht blos zu andern Seelen.... 336 »Sie haben ſehr recht, gnaͤdige Frau, das eben hat mich ſeit dem Augenblick, wo ich Ihre Kaleſche bei dem großen Zeughauſe erblickte, zu Ihnen hingeriſſen; denn Ihre Seele iſt noch ſchoͤner als dieſe liebenswuͤrdige Huͤlle, womit der Allmaͤchtige ſie umſchloſſen hat, um gleich⸗ ſam den Widerſtand einer zwiefachen Verfuͤhrung unmoͤglich zu machen! Ja, Charlotte, dies iſt der wahre einzige Reiz, der mich ſeit ſechs Monaten angezogen und wider meinen Willen in dieſer Stadt gefeſſelt hat.“ »Wider ihren Willen, Styndall! dieſe letz⸗ tern Worte ſprach ſie fern von aller Koketterie, mit einer zauberiſchen Anmuth, die kaum auf den Lippen und in dem Ausdruck der Gabriely zu finden war, deren Stimme damals die Wiener entzuͤckte. Dieſe fuͤr Friedrich ſo ſuͤßen Augen⸗ blicke der Unterredung, bei welchen die Ruhe⸗ punkte auch ihre Reitze hatten, floßen ſchnell bis zur Ruͤckkehr der Baronin hin, die ihn, ihren Einkauf noch zu beſchauen, freundlich aufforderte. Er beurtheilte ihn mit einer Wich⸗ tigkeit, die der Kaͤuferin gefallen mußte, und begab ſich dann nach Hauſe. Vorher bezeugte er noch ſein Bedauern an dem Abendzirkel der Fuͤrſtin von Oedenburg, der noch dieſen Tag ſtätt fand, keinen Antheil nehmen zu koͤnnen. Seine engliſche Correſpondenz, namentlich an die junge Emma Riverß diente ſeinem Zuruͤck⸗ ziehen zur Entſchuldigung, aber die eigentliche urſache war, weil er es nicht fuͤr ſchicklich hielt, in einer ſo zahlreichen Geſellſchaft zu erſcheinen, die von ſeinen beiden der allgemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit nicht entgangenen Haͤndeln auch unter⸗ richtet ſein konnte. Er glaubte ſich in ſeiner Wohnung eingezogener halten zu muͤſſen, oder wenigſtens nicht an beſuchte Orte gehen zu duͤrfen. Er hatte ſich nicht in der Vermuthung ge⸗ taͤuſcht, daß ſeine Freunde in der Leopoldſtadt ihn mit ihrer Neugierde in Anſpruch nehmen wuͤrden. Denn man unterhielt ſich den ganzen Abend von nichts anderm, und die Fuͤrſtin wurde in Ermangelung Styndalls mit Fragen beſtuͤrmt, die ſie an die Baronin von Stein wies; dieſe wurde aber uͤber dieſe Ungeſtuͤmen misgelaunt. Sobald die Unterredung den Stoff von den beiden Zweikaͤmpfen erſchoͤpft hatte, wurde ſie wieder auf die beruͤchtigte Piquetpartie hinge⸗ leitet, die beim franzoͤſtſchen Geſandten ſo viel Aufſehn erregt hatte. Die bis in's Unerhoͤrte gehende Uneigennuͤtzigkeit, durch die der Gentle⸗ man aus aller Gewoͤhnlichkeit getreten war, IHI. 22 338 wurde erklaͤrt und bekrittelt. Man unterſuchte ſte nach allen Umſtaͤnden und Verknuͤpfungen. Nach der Meinung des Doktors van Swieten konnte allein ein junger Narr aus thoͤrichter Ruhmſucht ſich einfallen laſſen, drei Banko⸗ ſcheine zu verbrennen, womit er mehrere arme Familien einige Wochen lang unterhalten konnte; es ſei mithin ſchicklicher geweſen, ſie an die Adminiſtration des Hospitals an der Alſtergaſſe zu ſchicken. Metaſtaſto bemerkte, daß man wenigſtens zwei Jahre einer jungen Saͤngerin in dem Conſervatorium zu Neapel eine Penſion, nach ſeiner oder ſeines Freundes Farinelli Wahl, haͤtte zahlen koͤnnen. Der Baron von Holger hielt ſich an die Meinung des Doktors, bewun⸗ derte jedoch die Schoͤnheit des Beweggrundes, der Styndall zur Vernichtung der Scheine an⸗ getrieben hatte, dann griff er das vom Grafen Torontal ſich angemaaßte Recht an, ſein Hotel gegen irgend eine Summe auf's Spiel zu ſetzen, unter dem Verſprechen der Beſtaͤtigung, ſobald er ſeine Volljaͤhrigkeit wuͤrde erlangt haben; fer⸗ ner meinte er, wenn der Englaͤnder den ſtarr⸗ ſinnigen Spieler bis auf den folgenden Tag mit dieſer ſo thoͤrichten Partie verwieſen, ſo haͤtte er nicht allein Zeit zur Ueberlegung gege⸗ 339 ben, ſondern waͤre auch veranlaßt worden, ſelbſt mit dem Beifall aller rechtſchaffenen Leute, den Tiſch zu verlaſſen. Der gelehrte Rechtskundige behauptete ſogar, daß im Falle des Verlierens die Abtretung des Hotels ſelbſt vier und zwan⸗ zig Stunden nach der erklaͤrten Muͤndigkeit in allen Punkten nichtig geweſen waͤre, weil die weſentliche Handlung, deren Folge dieſe Ab⸗ tretung geweſen waͤre, zuerſt nur aus dem Willen eines Minderjaͤhrigen entſprungen ſei, der ſich im Zuſtand geſetzlicher Unfaͤhigkeit be⸗ finde. Er fuͤgte hinzu, daß die alten Schulden des Torontalſchen Haufes ein Vorrecht vor den neuen haͤtten, die Geſpannſchaften Ungars haͤtten das Eigenthum des jungen Grafen nicht in fremde Haͤnde duͤrfen kommen laſſen, da ſie die Zahlung der Summen, welchen es zur Hypothek diente, auf das Regiſter der Landta⸗ fel geſetzt haͤtten. In der Mitte dieſer verſchiedenen Meinun⸗ gen, welche alle von der Baronin mit mehr Eifer als Logik beſtritten wurden, laͤchelte der gute Jameray Duval und ſagte kein Wort. Als er von der Fuͤrſtin aufgefordert wurde, ſich uͤber den Gegenſtand des Streites zu erklaͤren, ſtraͤubte er ſich dagegen and aͤußerte, er wuͤnſche 22* 340 lieber ſelbſt zu wiſſen, was ſie davon daͤchte, dann wuͤrde er auch ſein Wort reden, wenn 5 Meinungen verſchieden waͤren. Darauf ahm Charlotte das Wort: „Mein lieber Doktor, es iſt gewiß zu be⸗ dauern, daß dieſe Summe nicht in das große oder kleine Hospital der Armen an der Alſter⸗ gaſſe geſchickt worden iſt. Der Winter kuͤndigt ſich hart an, und ſie haͤtte die Armen unter⸗ ſtuͤtt. Nicht mehr als der Abbe wuͤrde ich die Unterhaltung von einer Saͤngerin im Conſerva⸗ torium zu Neapel getadelt haben: wir wuͤrden davon einen Zuwachs angenehmer Abende zu Wien erwarten koͤnnen; auch glaube ich, daß der Rechtspunkt vom Baron Holger vollkommen entſchieden worden iſt, und daß, wenn Styn⸗ dall vom Tiſche aufſtand und die Partie auf den andern Tag verwies, er ſich ſo betragen haͤtte, daß er keinen Vorwurf verdiente. Aber in Wahrheit, meine Herren, es iſt mir eben o lieb, daß er ſich bei dieſer Gelegenheit nur bei ſich ſelbſt Raths erholt hat.“ „Die Bank von St. Charles oder eine an⸗ dere gewinnt drei Scheine dabei, und wir duͤr⸗ fen wirklich nicht zu ſehr daruͤber ſeufzen, weil wir dabei eine ſchoͤne Lehre von Uneigennuͤtzig⸗ 341 keit gewinnen; ſie hat ſelbſt etwas Lebendiges, das mir gar nicht misfaͤllt. Was ſagen Sie dazu, mein guter Duval? „Ich ſage, daß Ihro Hoheit mich dadurch vom Darlegen meiner Meinung entbunden haben, da Sie ſich die Muͤhe gegeben, die Ihrige aus⸗ zuſprechen; denn wenn das Geld in Hospitaͤlern, oder bei den Armen, die man auf dem Weg findet, gut angewandt iſt, ſo meine ich, giebt es auch Faͤlle, wo man es mit noch groͤßerem Nutzen in die Donau wirft, und waͤre es nur, um den Unverſchaͤmten in Erſtaunen zu ſetzen, der uns fuͤr bereit haͤlt, uns vor dem Golde, das ſeiner Hand entwiſcht iſt, niederzuwerfen.“ Da es ſpaͤt war, nahm der wuͤrdige Ja⸗ meray ſeinen Stock und Kaſtorhut, womit er ſeine runde und weisgepuderte Peruͤcke bedeckte, empfahl ſich der Fuͤrſtin und ging nach der Thuͤre des Saals. Waͤhrend dieſer Schritte hoͤrte er dumpf vom franzoͤſiſchen Kopfe reden; da er aber wußte, woher dieſe Worte kamen, ſo bekuͤmmerte er ſich wenig darum, und legte ruhig ſeinen Weg nach der Burg zu⸗ ruͤck; dabei dachte er an Charlottens Reize, die aber hernach in ſeinem Geiſte denen ſeiner lie⸗ ben Anaſtaſia Socoloff Platz machten; denn als er nach Hauſe kam, fand er einen Brief von dieſer liebenswuͤrdigen Circaſſierin, der kuͤrzlich von St. Petersburg aus ihm eben durch den ruſſiſchen Geſandten zugekommen war. 22. Styndalls erſte Sorge, die er ſeiner alten Freundſchaft fuͤr den Ritter von St. Yvon und der aufrichtigen Reue dieſes Edelmanns ſchuldig zu ſeyn glaubte, war, der Miß Riverß zu ſchrei⸗ ben. Er verhehlte ihr die guͤnſtige Lage nicht, in der ſich ihr Verfuͤhrer befaͤnde, und bat ſie auf der Stelle mit ihrem Kinde nach Wien zu kommen. Zu dieſer Einladung fuͤgte er die Mittel hinzu, ohne welche die intereſſante Emma die Reiſe nicht machen konnte. Durch dieſelbe bezweckte er die traurige Vereinigung durch Bande des Himmels heiligen zu laſſen. Der Gedanke, drei Menſchen auf einmal einem mo⸗ raliſchen Leben wieder zu geben, war fuͤr Frie⸗ drich ſehr ſuͤß. Emma Riverß befolgte den Rath ihres Wohlthaͤters und begab ſich ſogleich nach Portsmouth, in der Hoffnung das erſte Paquetbot, das unter Segel ging, beſteigen zu koͤnnen. Nach Verlauf weniger Tage begann der Ritter von St. Yoon wieder zu geneſen, aber die Fortſchritte ſeiner Geſundheit waren ſehr langſam. Hatte nun entweder ſein lange ge⸗ triebenes uͤppiges Leben ſeine von Natur kraͤf⸗ tige Leibesbeſchaffenheit in ihren Grundfeſten er⸗ ſchuͤttert, oder ruͤhrten ſeine Bruſtſchmerzen von der Wunde her; kurz, er befand ſich von dem zu feuchten Klima Wiens ſo ſehr beſchwert, daß er ſeine Aerzte dazu vermochte, ihm die Luft von Nizza oder von dem ſuͤdlichen Frankreich anzurathen. Er waͤhlte die letztere Gegend und ſagte mit ſeiner gewoͤhnlichen Luſtigkeit: er muͤſſe ſich wieder uͤber ſeine Staaten in Gallien aus⸗ breiten, weil ſeine Waffen in Teutſchland un⸗ gluͤcklich geweſen waͤren. Styndall ſorgte fuͤr einen guten franzoͤſiſchen Bedienten, der ihm aus Wien folgte, und welcher nicht weniger als er nach ſeinem Vaterlande Verlangen trug. Aus dieſer Ortsveraͤnderung entſtand fuͤr den Englaͤn⸗ der die Verbindlichkeit, von neuem nach Trieſt, Amſterdam und ſelbſt nach Hamburg zu ſchrei⸗ ben, um der Miß Riverß davon Nachricht zu ertheilen, die in Ermangelung derſelben durch den neuen Entſchluß eine koſtbare Zeit unter⸗ wegs verloren haͤtte. Es wurden alſo an ſie 344 Briefe abgefertigt, die ſie in den vornehmſten Haͤfen der freien Reichsſtaͤdte erwarten ſollten. Styndalls ganze Seele war mit dieſen Sor⸗ gen ſchon mehrere Tage beſchaͤftigt; und, wenn die alte Freundſchaft fuͤr den Ritter von St. Poon nicht wieder alle ihre Rechte einnahm, ſo ſchieden ſie doch mit den gegenſeitigen Wuͤnſchen des Gluͤcks von einander, deſſen der eine immer wuͤrdig war, und der andere zu verdienen an⸗ fieng. Styndalls Name war in Wieden unbekannt, Man nannte ihn nur den guten Englaͤnder. „Geht zu dem Englaͤnder,“ ſagte man zu den Ungluͤcklichen, deren Nachbarn unvermoͤgend wa⸗ ren ihren Kummer ſtillen zu koͤnnen. Ein fuͤr die Hauptſtadt der oͤſterreichiſchen Monarchie ſehr ungluͤckliches Ereigniß vergroͤßerte noch den Ruf ſeiner Guͤte, und beſchleunigte den Zeit⸗ raum des Gluͤcks und der Unruhe, die der Eng⸗ laͤnder durchwandern ſollte. Sein Leben brachte er zu Hauſe und im Palaſte der Fuͤrſtin von Oedenburg zu. Seitdem ihm der Unfall beim Prinzen Ludwig widerfahren war, folgte er Charlotte ſelten in die glaͤnzenden Zirkel, in die die Politik des Hofes den Landadel rief; aber einen Tag um den andern war er Abends oder 345 Morgens im Augarten, um die Strahlen der Sonne zu begruͤßen. Ein Tag des Februars, den er groͤßten⸗ theils in Charlottens Geſellſchaft zugebracht hatte, war ſeiner Erinnerung ewig denkwuͤrdig. Liebeberauſcht und voll Seligkeit, deren er das Menſchenherz nicht fuͤr faͤhig gehalten, hatte er ſie verlaſſen; ſie hatte in ſeiner Gegenwart geſungen und ihre Silberſtimme mit Harfen⸗ ſpiel begleitet, was der Englaͤnder als ausge⸗ zeichnete Kunſt ſchaͤtzte. Wenn eine junge, ſchoͤne Frau, die Toͤne ihres weichen Organs, mit den Accorden dieſes Inſtrumentes vereinigt,“ das ohne gerade hinſichtlich der Harmonie das vortrefflichſte zu ſein, doch ihre Reize vielleicht am Beſten erhoͤht, ſo iſt es ſchwer, den Ein⸗ druck einer ſuͤßen erſchuͤtternden Luſt zu ver⸗ draͤngen. Die vom zwiefachen Genuß hinge⸗ riſſene Seele vermag gegen den Reiz dieſer Wonne nicht zu kaͤmpfen. Dies Weſen iſt keine Sterbliche mehr, ſie iſt ein Engel, der auf die Erde geſtiegen iſt, um nur von einem andern Leben zu ſagen; und wenn dann ihre Schoͤn⸗ heit zugleich von hoͤherer Natur iſt, ſo werden 5 Gedanken und Gefuͤhle, die ſie einfloͤßt, zu einem ſolchen Trieb, daß man ſich gluͤcklich 346 fuͤhlt, ihr eine bloße Huldigung anbieten zu duͤrfen. Die Fuͤrſtin von Oedenburg hatte ſchon in ihrer Unterhaltung einen Ton, der jeden irdiſchen Gedanken weit von ihr entfernte, wenn ſie aber von der Glut der Toͤne ergriffen war, erhob ſie ihre ſchoͤnen blauen Augen zum Himmel. Wenn ihre Lippen das Gebet ſchmei⸗ chelhafter, oder den Ton des Schmerzes zer⸗ reiſſender und klaͤglicher zu machen ſchienen; wenn endlich ähre Stimme, die allein ſchon eine vollſtaͤndige Melodie geweſen waͤre, von Liebe ſeufzte, ſo konnte man glauben, die Lufte um ſie wuͤrden reiner, ſchoͤner, duftender. Man gluͤht noch fuͤr ſie, aber mit einer Flamme, welche, frei von Unruhe einen beſſern Urſprung bezeugt, und wahrſcheinlich in dem begnadigten Menſchen ſeine ſterbliche Huͤlle uͤberleben wird. Kein Wunder mehr, wenn die alten nordiſchen Voͤlker glaubten, daß ihre Weiber von einer goͤttlichen Begeiſterung beſeelt waͤren. Der Zauber, unter dem ſie lebten, iſt erklaͤrt. Groß war Styndalls Begeiſterung bei dem Anblicke ſo vieler Reize und damit verbundener Talente.„O Charlotte“, rief er aus, als er ſie denſelben Abend verließ,„Sie ſind nicht in dem Geheimniſſe Ihrer Macht. Ich beſchwoͤre . 347 Sie, befehlen Sie nur immer der Tugend, denn ich befuͤrchte, daß Alles Ihnen gehorchte!“ Auf dem Wege von der Leopoldsſtadt nach Wieden wurde der Gentleman ſelbſt in ſeinen Entzuͤcken den Regen gewahr, der an die Glaͤ⸗ ſer ſeines Wagens fortdauernd ſchlug. Ob⸗ gleich die Donau und der kleine Fluß, welcher der Hauptſtadt Oeſtreichs ſeinen Namen giebt, ausgetreten waren, obgleich die Bewohner der Vorſtadt, die er eben verlaſſen, von dem Fort⸗ ſchreiten der Ueberſchwemmung ſchon viel ge⸗ litten hatten, ſo kannte er doch nicht allen Schaden, den das uͤbermaͤßige Anſchwellen des Waſſers verurſacht hatte, weil er ſeine Woh⸗ nung ſeit mehreren Tagen nicht verlaſſen. Geruͤhrt und beunruhigt von dem, was ihm die Dunkelheit zu ſehen erlaubt hatte, war es am andern Morgen ſein erſter Gedanke, die Hoͤhe zu erſteigen, die ſeinen kleinen Park be⸗ kraͤnzte, und er erſchrak uͤber den Anblick, der ſich ſeinen Augen darbot. Der große Fluß hatte alle Schranken durchbrochen. Sein Bett war nicht mehr unter den verſchieden gebildeten Stroͤmen in den Suͤmpfen, welchen den niedri⸗ gen Theil der Stadt begrenzen, zu unterſchei⸗ den. Alle Inſelchen, womit die Donau beſaͤt 348 iſt, waren uͤberfluthet und nur Baͤume und Ge⸗ ſtraͤuche zu erkennen, die von Zwiſchenraͤumen zu Zwiſchenraͤumen uͤber dem ungeheuren Waſſer⸗ ſpiegel hervorragten. Truͤmmern von Moͤbeln und Huͤtten, von Wagen und Heuſchobern, die hier und dort durch die Zweige oder durch die Staͤmme der Eichen und Buchen oberhalb des Praters und auf einen breiten Rain dieſes herr⸗ lichen Spazierganges aufgehalten worden wa⸗ ren, bezeugten den Umfang des vollendeten Un⸗ gluͤcks in einer einzigen Nacht, waͤhrend andere Mobilien und Thiere aller Art, vom Strome fort⸗ geſchwemmt, ihrem Untergange entgegen gingen. Vier Bruͤcken, durch welche die Stadt, und das daran liegende Land mit dem oͤſtlichen Ufer des Flußes zuſammen haͤngen und unter ihnen die der Leopoldsſtadt, waren fortgeriſſen; und ein Theil dieſer großen Vorſtadt ſtand unter Waſſer. Das untere Stock der beſten Haͤuſer war nicht verſchont geblieben; die einfachen Haͤufer des Volks waren mithin am meiſten beſchaͤdigt, da ſie ſich ſelten weit uͤber den Boden erheben; und wahrſcheinlich fehlte es ihren Bewohnern an Zufluchtsorten. Fuͤr den Palaſt von Oeden⸗ burg, war wegen ſeiner Lage, die den hohen Theil des Augartens beherrſchte, nichts zu b V 349 fuͤrchten; davon konnte ſich der Gentleman mit Huͤlfe ſeines Fernglaſes leicht uͤberzeugen. Hieruͤber beruhigt, aber dennoch betruͤbt, wollte er fruͤhſtuͤcken; aber uͤber dieſen fruchtloſen Schmerz, mit ſich ſelbſt unzufrieden, dachte er: „Das Wohl einer Frau, die du liebſt, iſt ſchon hinlaͤnglich, dich zu beruhigen, wenn mehrere deiner Bruͤder dem Waſſer oder dem Hunger unterliegen, oder vielleicht nicht einen Stein haben, auf welchen ſie ihren Kopf ruhen laſſen koͤnnen! Styndall, erfuͤllſt du alſo die Sendung deiner Wahl und ſchmeichelſt dir ſo das un⸗ gluͤckliche Verhaͤngniß zu baͤndigen, das dich verfolgt? Du hatteſt auf eine edle Weiſe die Wuͤrde als Beſchuͤtzer des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts wieder erlangt: fort alſo, ſiehſt du nicht, daß es duldet?« Kaum hatte ſich dieſer Gedanke gebildet, als er ihn auch ausfuͤhrte. Schnell fuͤllte er ſeine Boͤrſe mit Gold, zog einen Reiſerock an, und befahl einem Theil ſeiner Leute, ihm in gleichem Anzuge zu folgen. Zu Fuß verließ er ſein Haus, obgleich das Ungewitter noch nicht voruͤber war. Die Kaͤrnthnerſtraße, die ſich mitten in der Baſtei gegen Wieden oͤffnet, war der geradeſte Weg um in die Altſtadt zu kom⸗ 350 men; ihr gegenuͤber liegt Roſſau, und von die⸗ ſer Seite beſchleunigte der Gentleman ſeinen Weg, in der Hoffnung, ſich dort mit der Leopoldsſtadt in Verbindung ſetzen zu koͤnnen, denn die Nachricht von dem Bruch der großen hoͤlzernen Bruͤcke, welche dieſe Vorſtadt mit der Stadt verbindet, beſtaͤtigte ſich beim erſten Schritt aus ſeiner Wohnung. Waͤhrend er dem Antriebe ſeines edlen Herzens folgte, hatten andere Einwohner von Wien ihre Haͤuſer eben⸗ falls verlaſſen, und betrachteten beſtuͤrzt die im⸗ mer zunehmenden Fortſchritte einer der groͤßten Fluthen, die ſeit langer Zeit die Gegend heim⸗ geſucht hatte. Leicht konnte man hier die her⸗ vorſpringenden Zuͤge des Nationalcharakters auffaſſen. Das Mitleid war auf den Geſich⸗ tern zu leſen, aber Schmerz und Trauer waren nicht weniger in den Herzen. Vom Prater bis zur Hoͤhe des Hospital⸗ bergs, wo der Marſtall des Kaiſers der Burg gegenuͤber liegt, ſtanden laͤngs der Waͤlle, Buͤr⸗ ger, die die verzweiflungsvolle Scene betrachte⸗ ten, geruͤhrt und wortlos ſich auf die Maßre⸗ geln verlieſſen, die die Adminiſtration nehmen wuͤrde; dann aber, als ſie nicht erſchien und Befehle ertheilte, hielten ſie den Schaden fuͤr 351 unheilbar und kehrten nach ihren Wohnungen zuruͤck.— Inzwiſchen hatte Joſeph II. ſein Volk nicht vergeſſen. Begierig, ſich fuͤr die kuͤhnen Ent⸗ wuͤrfe, womit ſein Geiſt ſchwanger ging, im Voraus ein Anſehn zu verſchaffen, hatte er ſich ſchon in eigner Perſon nach den Weisger⸗ bern begeben, wo ihm berichtet wurde, daß ein ganzes Viertel unterhalb des Zuſammenfluſſes der Wien und der Donau, ſchon unter Waſſer ſtehe. Von dieſem Orte ſandte Maria There⸗ ſiens erhabener Sohn Huͤlfe, um arme Gaͤrtner⸗ familien der Gefahr zu entreiſſen, umgab ſich mit Leuten von gutem Willen, zeigte ihnen an, was Noth that, verſprach ihnen Belohnungen, und feuerte ſie unter Stroͤmen von Regen durch ſein Beiſpiel an. Dies war der einzige Theil des uͤberſchwemmten Gebiets, wo die Huͤlfe ſich wirkſam zeigte. Solch große Macht hat die Gegenwart ihres Herrn uͤber die Oeſtreicher, die von Natur gut, aber von Temperament von geringer Thaͤtigkeit ſind, jedoch niemals etwas ohne Kraft und Muth unternehmen. Der Kaiſer ſetzte ſich in einen Kahn, ſteuerte gegen die Waͤlle, die der Vorſtadt entgegen geſetzt ſind, durchfuhr die Wien faſt, bis zu 352 ihrer Muͤndung, und hielt an dem Ort, wo ſie die Mauern der Stadt beſpuͤlt. Von hier aus, richtete er ſeine Blicke nach der Leopoldsſtadt, von der er durch den ungeſtuͤmen Strom ge⸗ trennt war, der nothwendiger Weiſe beim Ab⸗ weichen, den Kahn, auf dem er ſich in Gefahr begab, fortgeriſſen haͤtte. Sein Schmerz wurde uͤbermaͤßig, als er von dem einlaufenden Winkel einer Befeſtigung, wo⸗ hin ihn das Waſſer getrieben hatte, am andern Ufer auf dem Kai der Vorſtadt, die ihm gegen Oſten lag, eine Huͤtte entdeckte, deren Thuͤre und Fenſter ſchon uͤberſchwemmt waren, deren Dachwerk aber einem Greis und einem Kinde, die durch das Dachfenſter einen Zufluchtsort geſucht hatten, zur Stuͤtze diente. Ungeachtet der Entfernung, drang doch das Geſchrei dieſer Ungluͤcklichen zu den Ohren des Monarchen und zerriß ſein Herz; denn die Ge⸗ fahr war um deſto augenſcheinlicher, da die vordere Mauer der Huͤtte eingeſtuͤrzt war, ſo daß der kleine Balken, der ſie noch trug, ſich blos auf zwei ſchwachen Giebeln ſtuͤtzte. Jo⸗ ſeph antwortete auf ihr Nothzeichen, und bat die Leute, die von der Hoͤhe des Walles die Augen auf ihn gerichtet hatten, faſt demuͤthig, doch nach der Gegend der Roſſauer Bruͤcke zu gehen und zuzuſehen, ob nicht einige flache Fahrzeuge zu finden waͤren, mit welchen mu⸗ thige Menſchen durch geſchickte Wendungen dem Greiſe und Kinde Huͤlfe bringen koͤnnten. Die Stroͤmung der Wellen geſtattete nicht, gerade zu ihnen hin zu fahren. Was er wuͤnſchte, wozu er Rath ertheilte, das fuͤhrte man in demſelben Augenblicke aus. Vier Maͤnner mit kurzen Matroſenjacken bekleidet, die man wirk⸗ lich fuͤr Matroſen halten konnte, da ſie das Ruder ſo geſchickt zu handhaben velſtanden, und die Hinderniſſe, die ſich ihrer Fahrt entge⸗ gen ſetzten, zu vermeiden wußten, wendeten ſich nach der untern Leopoldsſtadt. Ein fuͤnfter Mann hielt am Hintertheile dieſes Bootes mit kraͤftiger Hand ein Ruder, deſſen er ſich gleich eines Steuers bediente, um ihren Anſtren⸗ gungen Erfolg zu verſchaffen. Die zwei Un⸗ gluͤcklichen ſtiegen von ihrem letzten Zufluchts⸗ ort, mittelſt der Stangen, die man ihnen ent⸗ gegen hielt, herab. Sie wurden unter lauten Beifallsbezeugungen der Leute, die am Ufer ſtanden, in dem Boote aufgenommen. Hier bemerkte man noch mit neuem Vergnuͤgen, wie ſie von dem Herrn der kleinen Barke Unter⸗ II. 1 23 354 ſtuͤtzungen an Kleidungsſtuͤcken und Lebensmit⸗ teln erhielten, die in zwei großen bedeckten Koͤrben aufbewahrt waren. Durch fortdauern⸗ des Gluͤck oder Geſchicklichkeit, ließen ſich die Schiffer vom Strome fortreiſſen, und ſetzten Vater und Sohn bei der Jaͤgerzeile in einem Hauſe von gutem Anſehn ab, was dem Erzhyer⸗ zog um ſo mehr Vergnuͤgen verurſachte, als zwanzig Minuten nach ihrer Entfernung, einer von den Stuͤtzen der Huͤtte, auf welcher ſie ihre Befreieg erwartet hatten, durch die Flut umge⸗ riſſen wurde, ſo daß der Balken, der im Gleich⸗ gewicht geblieben war, die Truͤmmer vermehrte, die der Fluß in ſeinem reiſſenden Laufe forttrieb. Es dauerte nicht lange, ſo ſahe man den⸗ ſelben Nachen, der ſeine Laſt abgeſetzt hatte, wieder erſcheinen. Mit derſelben Mannſchaft fuhr er durch angeſtrengtes Rudern laͤngs des Platzes vor der Leopoldſtadt hin, ſtieg dann ohne viele Muͤhe die Donau hinauf und hielt von Entfernung zu Entfernung vor einigen ſchon mit Waſſer umgebenen Haͤuſern ſtilll. Die Matroſen theilten durch die obern Fenſter, den ungluͤcklichen Einwohnern Lebensmittel aus. Der Erzherzog war beim Anblick einer ſo thaͤ⸗ tigen Menſchenliebe durchdrungen und bis zu 355 Thraͤnen geruͤhrt. Aber mitten unter den Sor⸗ gen, die ihn beſchaͤftigten, da er die armen Landwirthe, die man ihm zufuͤhrte, uͤber die Waͤlle hin in die Stadt bringen ließ, wuͤnſchte er die Fuͤhrer der barmherzigen Barke zu ken⸗ nen. Er fragte Jeden nach den Namen dieſer Edlen am andern ufer, die die Pflichten der Menſchheit ſo treulich erfuͤllt haͤtten; niemand antwortete; es kannte ſie keiner. Beim ſteten Wiederholen derſelben Frage, forderte er auch eine arme Frau von der Jaͤgerzeile auf, es ihm zu ſagen. „Ihre Majeſtaͤt geruhen, es muß der Eng⸗ laͤnder ſein!«—„Wer, der Englaͤnder?« fragte der Kaiſer—»Ei ja“, antwortete die Alte,„der Englaͤnder aus Wieden, denn ich habe im Boot ſeinen großen Hund von Neu⸗ fundland erkannt, der ſich eben in den Fluß ſtuͤrzt, um einem Paket Sachen nachzueilen. Vor ſechs Monaten ſah ich ihn in ſeinem Hof, als ich von der Tochter des Nachbars Reichen⸗ bach aufgefordert wurde, den guten Gentleman um eine Gefaͤlligkeit zu bitten, die er mir auch nicht abſchlug.“—„Gut alte Mutter“, antwortete Joſeph II.,„ich kenne ihn auch; darnach, we⸗ nigſtens was ich von ihm gehoͤrt habe, und 23* 3⁵56 wie ihr ſagt, iſt er ein braver Mann. Es wuͤrde mir gewiß ſehre lieb ſein, einige Tau⸗ ſende ſeines Gleichen in meinen Staaten zu haben!“ Der Bericht, den der Kaiſer eben empfan⸗ gen hatte, war gegruͤndet. Dieſer Unbekannte war wirklich kein Anderer, als Styndall ſelbſt, der von Tom und dreien ſeiner Diener unter⸗ ſtuͤtzt, den Greis und ſein Kind in der Leopolds⸗ ſtadt dem gewiſſen Tode entriſſen hatte. Als die Nacht hereinbrach, begab er ſich nach Hauſe, denn es war Zeit, ſich und ſeine Leute zu ſchonen, denen der Muth, wegen der erlittenen Beſchwerden, zu ſtocken begann. Aber er beſchloß doch, ſich den andern Tag, mit demſelben Boote, deſſen Beſitzer er geworden war, und mit neuen Lebensmitteln und Klei⸗ dungsſtuͤcken an das uͤberſchwemmte Ufer zu begeben. Beim fruͤheſten Morgen wurde die Barke losgebunden, und man ſahe ſie von neuem gegen die Eisſchollen und die Truͤmmern kaͤm⸗ pfen, die den Fluß auf eine traurige Weiſe bedeckten. Der Tag war nicht weniger an Ar⸗ beit beſchwerlich und an ausgetheilten Wohl⸗ thaten reich als der vorige. Obgleich der Regen zu ſtroͤmen nicht nachließ, ſo kuͤndigten 357 doch die Gewaͤſſer ein baldiges Verlaufen an. Es war alſo zu vermuthen, daß alle Hinder⸗ niſſe, die ſich ihnen entgegen geſetzt, fortgeriſ⸗ ſen und zerſtoͤrt waͤren. Das war fuͤr Wien ein Freudenzeichen und vorzuͤglich fuͤr die Ar⸗ men, die bei allen großen Ungluͤcksfaͤllen am erſten geruͤhrt werden, aber ſich auch am erſten wieder troͤſten koͤnnen; eine wahre Wohlthat vom Himmel zu Gunſten eines Weſens, das ſein Verlangen nicht zu weit uͤber die Beduͤrf⸗ niſſe der Natur geſetzt hat! Mit dumpfen Schlaͤgen kuͤndigte die Uhr der Kloͤſter, laͤngs des Donauufers die ſiebente Stunde des Abends an; die Dunkelheit machte die Anſtrengung der Wohlthaͤtigkeit ohnmaͤchtig; Schiffer und andere Leute, die der Erherzog zur Austheilung der Unterſtuͤtzungen gebraucht hatte, waren laͤngſt heimgekehrt. Styndall hatte bei Annaͤherung der Nacht eine Frau mit ihren zwei Kindern in ſein Boot genommen, die ſeit den vorigen Abend ohne Nahrung geweſen waren, weil ihre Huͤtte ganz abgeſondert lag. Zufrieden mit ſeinen Leiſtungen waͤhrend dieſes Tags, ent⸗ ſchloß er ſich, nach Wieden zuruͤck zu kehren. In dieſer Abſicht fuhr er bis zur hoͤlzernen Bruͤcke der Leopoldsſtadt hinab, um ſeine Barke 358 an eine von ihren Truͤmmern zu binden, die am meiſten aus dem Waſſer ragte. Von hier aus, ſchien ihm die Fahrt zu ſolcher Stunde mit drei weiblichen durch ihre Leiden geſchwaͤch⸗ ten Geſchoͤpfen bis zu ſeiner Wohnung noch zu lang. Seit er nicht mehr in Thaͤtigkeit war, fuͤhlte er ſelbſt eine eiſige Kaͤlte in ſeinen Adern. In der Beſorgniß, daß er oder einer ſeiner Leute der Kraͤfte ermangeln koͤnnte, um ſeine Wohnung zu erreichen, und in Zweifel, daß eine Lohnkutſche wohl ſchwerlich in einer ſo dunkeln und regnerigen Nacht anzutreffen, ihm auch wegen Mangel aller Bewegung nachtheilig ſei, ſetzte er auf die Fuͤrſtin von Oedenburg das Vertrauen, daß ſie den ungluͤcklichen Schlacht⸗ opfern gerne Gaſtfreundſchaft angedeihen laſſen wuͤrde. Der Zeringſte Zweifel an Charlottens Geſinnungen haͤtte ihm eine Beleidigung an dem Charakter dieſer tugendhaften Frau geſchie⸗ nen. Auch liebte er ſie, deren Gaſt er zum zweiten Male werden wollte; und war von ihr geliebt; und ihrer noch wuͤrdiger, eilte er zu ihr. Nie beſtimmten ſo viele Beweggruͤnde einen Entſchluß. Zwei ſeiner Leute trugen die beiden Maͤdchen, Tom gab der Mutter den Arm, und Styndall, der zuletzt aus dem Boote 3599 ſtieg, wie es einem guten Schiffskapitain ge⸗ ziemt, leitete ſeine Schritte nach dem Augarten. Kein lebendiges Weſen zeigte ſich auf dem Weg; kein Wagen fuhr auf den Straßen; Sturm und Kaͤlte hatte alles verjagt. Der Englaͤnder hatte große Eile, ſein Ziel zu erreichen; er ſehnte ſich nach Ruhe und nur ſeine moraliſche Kraft trug noch die Abſpannung nach den Muͤhen der beiden Tage. 23. Die beiden kleinen Maͤdchen waren auf dem Arm der Diener eingeſchlafen; ihre Mutter zog unter Sylcocks Beiſtande ihnen ſchwankend nach, und die Karavane konnte ſchon mit Huͤlfe der im Thorwege haͤngenden Laterne den Palaſt von Oedenburg erkennen, auf den Tom als das Ziel ſeiner Wuͤnſche hindeutete. Dieſer flackernde Schein verurſachte Allen die groͤßte Freude, die der verirrte Wanderer naͤchtlich empfindet, wenn er mitten durch dichtes Geſtraͤuch den ſchwa⸗ chen Schein eines Lichtes glaͤnzen ſieht. Die Geſellſchaft ſchritt vorwaͤrts, und war nur noch wenige Schritte von der Einfahrt; aber als Tom dieſelbe uͤberzaͤhlte, wurde er mit Schrecken gewahr, daß weder Styndall noch der Hund 360 mehr dabei waren. Er machte ſich daher eilig mit zwei ſeiner Kameraden auf den Ruͤckweg, waͤhrend der dritte mit nicht weniger Unruhe bei der Frau und ihren Kindern blieb. Tom fuͤhlte bald den Kopf des Hundes an ſeinen Beinen. Das treue Thier hatte den Diener er⸗ kannt, lief nun voraus, und brachte ihn gerade an das Hauptthor von St. Leopold, unter dem Styndall ohne Bewegung lag. Seine Bedien⸗ ten hoben ihn auf, er oͤffnete die Augen, und bekam den Gebrauch ſeiner Sinne wieder; aber vergeblich war der Verſuch ſelbſt Gebrauch von ſeinen Kraͤften zu machen, ſie mangelten ihm gaͤnzlich und er war genoͤthigt, ſich fremder Sorgfalt zu uͤberlaſſen. Zum Gluͤck waren ſie nahe beim Augarten, wenn ſie ſchnell einen Winkel dieſes kaiſerlichen Gartens umgiengen, ſo ſtanden ſie vor dem Palaſt von Oedenburg. Der Entſchluß der treuen Diener war bald ge⸗ faßt. Jeder legte einen Arm unter ſeinen Herrn und der Kutſcher und der Gaͤrtner bildeten ſo mit ihren verſchlungenen Haͤnden einen beque⸗ men Sitz fuͤr ihn, waͤhrend Tom ihm Koyf und Schultern von hinten unterſtuͤtzte. Kanot, der Hund, fuͤhrte ſie an, und die uͤbrigen folg⸗ ten. Gleich darauf klopften ſie an das Thor 361 des Palaſtes und harrten mit Ungeduld, daß ihnen geoͤffnet werde. Dieſes geſchah. Fraͤulein Hubert, die der Laͤrm herbeigezogen hatte, ließ vor Schrecken das Licht fallen, und ohngeachtet der kaum hoͤrbaren Bitte, die Styndall mit ſchwacher Stimme an ſie richtete, ſtieß ſie vor Schreck ein Geſchrei aus, das bis in die Ge⸗ maͤcher ſcholl. Dies reichte hin, die beiden Cou⸗ ſinen aus ihrem Zimmer zu rufen. Sie waren eben beſchaͤftigt, die Worte des Erzherzogs in Betreff des Gentlemans zu erklaͤren, die ſchon den Abend desſelben Tages zu ihren Ohren ge⸗ kommen waren. Als ſie von weitem in der Hausflur ihren Freund von ſeinen Bedienten getragen erblickten, waͤhrend ſein wankender Kopf auf den Schultern des rechtſchaffenen Sylcocks lag, ſtieß die Baronin von Stein einen fuͤrchterlichen Schrei in der Meinung aus, daß der Fremde todt waͤre, und hielt ſich am Gelaͤnder der Treppe an; aber Charlotte hatte mit einem Blick geſehen, daß die faſt erloſche⸗ nen Augen Friedrichs ſie ſuchten. Die Treppe mit Blitzesſchnelle herabeilen und ſich mit einer unuͤberlegten Bewegung dem Amte uͤberlaſſen, welches Tom bei ſeinem Herrn verrichtete, war nur das Werk eines Augenblicks. Sie unter⸗ ſtuͤtzte Styndall, ohne daß er es anfangs ver⸗ muthete. Der geliebte mit Schlamm bedeckte Kopf ruhte an ihrer Bruſt. Der Schmerz der Fuͤrſtin war groß. Aber ſieh, Friedrich ath⸗ mete wieder und ſprach zu ihr; die Hoffnung ihn zu erhalten war alſo nicht verloren. O wie ihr Herz mit Freude uͤberſchuͤttet war, als ſie folgende Worte von den bleichen Lippen des Englaͤnders hoͤrte, die an ihr aufmerkſames Ohr wie ein fuͤßes Stammeln der Liebe ge⸗ langten:»Charlotte... ich taͤuſche mich; be⸗ ruhigen Sie ſich... es hat nichts zu bedeuten, 4 ich bin von Froſt angefallen worden; in einer Viertelſtunde, wenn dieſe Kleider von mir ſind, werde ich meine Kraͤfte wieder erhalten... Ich fuͤhle ſchon, daß ſie ſich wieder beleben. Ich bitte Ihre Hoheit tauſendmal um Verzeihung, daß ich Ihre Ruhe ſo geſtoͤrt habe.„Ich ſchaͤme mich,“ fuͤgte er hinzu, indem er ploͤtzlich er⸗ kannte, welche Haͤnde ihn hielten, welche Stuͤtze ſein Kopf hatte,„ich bin uͤber Ihre Guͤte be⸗ ſchaͤmt; ſie macht mich trunken; meine Erkennt⸗ lichkeit wird nur mit meinem letzten Hauch ver⸗ loͤſchen; ſie wird ihn noch uͤberleben... Tom wo biſt du denn? warum laͤſſeſt du die Fuͤrſtin ſo bei mir ermuͤden?“ 363 Tom naͤherte ſich und trat wieder in ſein Amt; aber Charlotte hielt Friedrichs Hand feſt um ihrem Freund bemerklich zu machen, daß ſie ihren Platz nur einem kraͤftigen Arm uͤber⸗ ließ, folgte dem Zuge nach dem Gemach, wo der Gentleman ſchon geweſen war, und wohin er ſich wieder mit einer Freude, die fuͤr ihn das beſte Heilmittel war, hingebracht ſah. Merk⸗ wuͤrdig genug war dieſer Zug; denn an der Seite des Kranken gieng eine von den ſchoͤnſten Weibern, von Maria Thereſiens Hof, die auf ihren leichten Kleidern die Spuren des ſchlam⸗ migten Donauwaſſers trug, und den Mann fuͤr den ſie ſo unruhig war mit liebevollen Blicken betrachtete, waͤhrend auf der andern Seite ein ungeheuer großer Hund in paralleler Linie gieng, und ſo ſeinen Herrn zwiſchen die beiden groͤßten Neigungen ſtellte, die auf des Menſchen Erden⸗ reiſe unter ſeinen Tritten entſprießen. Die beiden Couſinen nahmen aus der Garderobe des Baron von Stein die nothwendige Waͤſche und Fla⸗ nelle fuͤr Styndall und vertrauten ihn dann der Sorge ſeiner Leute. Der Englaͤnder wurde ſchnell bei einem warmen Feuer entkleidet, und em⸗ pfand die unſchaͤtzbare Wohlthat eines herrlichen Bettes, in welches man eine Waͤrmflaſche geſetzt 364 hatte, um damit jeden Reſt von Feucht gkei zu vertreiben. Kaum hatte er eine kraͤftige Bruͤhe genommen, als er ſich unter der Auf⸗ ſicht eines der Bedienten von Dedenburg dem Schlaf uͤberließ. Waͤhrend ſeine kritiſche Lage Huͤlfe verlangt hatte, war die Fremde mit ihren Kindern vernachlaͤßigt worden; aber ſobald man uͤber das Oberhaupt der Karavane beruhigt war, wurde die kleine Familie ein beſonderer Gegenſtand der Aufmerkſamkeit im Palaſt, und den ganzen Abend lang bewies man ihr eine bewundernswerthe Aufmerkſamkeit. Wer die Art und Weiſe, wie man hier die Gaſtfreundſchaft ausuͤbte, geſehen, haͤtte an die Wiederkehr der alten Zeiten geglaubt, wo die Reiſenden als vom Himmel Geſandte aufgenommen wurden. 34 Es war ſchon tief in der Nacht; die Ba⸗ ronin wuͤnſchte der Fuͤrſtin eine gute Nacht und entfernte ſich. Jederman im Augarten ſchlief, nur Charlotte nicht. Den Ellenbogen auf den weißen Marmor des Kaminſimſes geſtuͤtzt und den Kopf auf ihre Hand gebogen, ſaß ſie nach⸗ 1 denkend. Ihr Herz befragte ſie nicht, denn ſie wußte wohl, was die Antwort war; aber ſie fragte ſich, welches der Ausgang ihrer Liebe fuͤr Styndall ſein wuͤrde? * „Er iſt fremd,“ ſagte ſie zu ſich, Sögleich meine Couſine mir Beiſpiele von aͤhnlichen Ehen angefuͤhrt hat, unſere Vereinigung wird unter dieſer Beziehung gewiß Hinderniſſe finden. Der Glaube, den er bekennt, iſt nicht der meinige: eine Quelle von neuer Verlegenheit, die viel⸗ leicht noch weniger zu beſeitigen iſt, denn die Toleranz des weiſen Ulrich wuͤrde ſich ſchwer⸗ lich in allen Herzen finden! Er hat Vermoͤgen; hieruͤber kann man keinen Zweifel hegen; es muß unermeßlich groß ſein, wenn man nach ſeinen ausgeſpendeten Wohlthaten urtheilt! aber wer ſind ſeine Ahnen? Gehoͤren Sie dem erſten Range der geſellſchaftlichen Ordnung an, wie die meinigen? denn das will doch die oͤffentliche Meinung wiſſen, das wird die Kaiſerin ſelbſt verlangen, die ja eine erklaͤrte Feindin unglei⸗ cher Verbindungen iſt. Und nie wird ſie mir erlauben, daß ich mich in die Arme eines Pro⸗ teſtanten werfe, ſie, deren herrlichen Geiſt ich taͤglich unter dem Reiz der Meinungen, die mehr andaͤchtig als religioͤs ſind, unterliegen ſehe? Ach! ohne Zweifel iſt es das, was Styndall erſchreckt, was ihn hindert ſich bei mir be⸗ ſtimmter zu erklaͤren, und die Schwierigkeiten, von denen ſein Vertrauen zuruͤckweicht, zu be⸗ 366 ſeitigen, weil er ſie fuͤr unuͤberwindlich haͤlt... Er hat mir ſeine Liebe erklaͤrt; ich habe tauſend Beweiſe davon; ich bin gewiß die Frau die er liebt, oder vielmehr die er am meiſten geliebt hat. Bei allen dem kann ich mir nicht verheim⸗ lichen, daß unter uns Zuruͤckhaltungen walten... Es giebt Saiten, die wir beide nicht zu beruͤh⸗ ren wagen, und es geſchieht nicht aus Mangel des Zutrauens!“ Nach einigen Minuten tiefer Ueberlegung fuhr Charlotte in ihrem Selbſtgeſpraͤch fort: „Welches auch die Wahrheit uͤber dieſen Punkt ſein mag, ich frage, gab es jemals einen Mann mit ſo herrlichen Tugenden begabt? Wo ſoll man eine edlere und zugleich ſtandhaftere und mitleidigere Seele finden? Auf ſeiner Stirn thront ein gewiſſer Stolz; man kann in ſeinen Blicken Hochmuth ſehen, ich weis es; oft wal⸗ tet ploͤtzlich Unruhe und Sorge auf ihm, das will ich alles einraͤumen; aber dieſelben Zuͤge klaͤren ſich wieder vor dem Geſichte eines Freun⸗ des auf, dieſe maͤnnliche und wohltoͤnende Stimme hat ſo viel Biegſamkeit. Man kann ihm aus⸗ gebreitete Kenntniſſe, einen gelaͤuterten Geſchmack, eine Sprache reich an Ausdruͤcken und eine treff⸗ liche Logik nicht ſtreitig machen. Faſt alle meine * 367 Freunde haben ihm die Waffen uͤberlaſſen. Me⸗ taſtaſio ſucht ihn auf; der gute Jameray liebt ihn, der Baron von Sperges macht ſich aus Liebe fuͤr ihn von ſeinen Foͤrmlichkeiten los, und van Swieten, der jedermann angreift, fuͤrch⸗ tet ihn jetzt als einen uͤbermaͤchtigen Kaͤmpfer... Und ich, wenn ich ihn zu einer Unterredung uͤber ernſthafte Dinge einlade, bin ich nicht ge⸗ noͤthigt mich auf andere Meinungen zu berufen, um nicht gaͤnzlich geſchlagen zu werden? Wenn er ſeine Stimme mit der Macht ſeiner kraft⸗ vollen Seele hoͤren laͤßt, bin ich nicht gezwun⸗ gen wieder zu fragen, was er beurtheilt? das war ja nach ſeinem Duell der Fall. Dieſer Mann beſchraͤnkt ſich wahrhaftig nicht darauf, in Geſellſchaft zu reden; er befiehlt, ohne dar⸗ auf Acht zu haben, und ohne daß man ihn zu hoͤren vermuthet, iſt man ſchon bereit ihm zu gehorchen.... Nach einer Pauſe fuhr Charlotte fort: „Kaum ſind acht Monate ſeitdem ich ihn kenne, verfloſſen. Welche große, edelmuͤthige und zarte Handlungen fuͤllen nicht dieſen Zeitraum ſeines Lebens aus! nein, niemals hatte die Ge⸗ rechtigkeit auf der Erde einen ſo unbeſcholtenen Vertheidiger ihrer Rechte; wenn Andere Huͤlfe 368 4 beduͤrfen, iſt ſein Herz und ſeine Boͤrſe immer offen. Vor einem Nothleidenden, Bekuͤmmerten iſt er nicht mehr der reiche, der liebenswuͤrdige, der gelehrte, der wuͤrdige Styndall, da iſt er ganz Seele, ganz Feuer, ganz Menſch! Er hat zum Zweikampf herausgefordert, er hat ſich geſchlagen; aber wie herrlich hat er ſeine Feh⸗ ler gut gemacht! und muß er nicht ferner auch die Widerſpruͤche mit den Eigenſchaften beſitzen? Ift es nicht jene Glut des Gefuͤhls, die ihn zwei Tage auf der Donau unter den drohend⸗ ſten Gefahren gefeſſelt, um Schlachtopfer der Ueberſchwemmung zu retten? Wenig fehlte, und er waͤre ſelbſt ein Opfer geworden! In wel⸗ chem Zuſtande, lieber Friedrich, habe ich dich in mein Haus kommen geſehen? Die kalte Hand des Todes ſchien ſchwer auf dir zu liegen, mit beſchmutzten Kleidern, verwirrten Haaren, faſt erloſchnem Blick und deine edlen Zuͤge wie die Sonne des Winters, von einem feuchten durch⸗ ſichtigen Schleier verhuͤllt! Ein ſchlammiges Waſſer... Gott!“ unterbrach ſich die Fuͤrſtin ploͤtzlich und ſchlug ſich vor die Stirne,„ſo hat mir ihn ja ein Traum gezeigt: jene traurige Vor⸗ bedeutung iſt zum Theil verwirklicht! Wozu iſt 369 Styndall vorbehalten, und welchem Schickſale wuͤrde ich mich ſelbſt unterziehen, wenn dieſes ungluͤckliche Geſicht ſeine Erfuͤllung haben ſollte?“ Darauf ſtellten ſich ihrem Gedaͤchtniſſe alle Umſtaͤnde des Traumes wieder dar, den ſie dem frommen Herberg erzaͤhlt hatte. Hier lebten ſie noch mit ihren duͤſtern Farben. Die dritte Er⸗ ſcheinung Friedrichs im Palaſt von Oedenburg machte ihr Gefuͤhl erſtarren, als ob ſie ſchon mit ihrer geheimnißvollen Huͤlle ſich verwirklichen wollte, und von Schrecken zu Schrecken getrie⸗ ben fragte ſie ſich in dieſem Augenblick, wo ſie ſich mit dem geliebteſten der Menſchen beſchaͤf⸗ tigte, ob er wohl noch athmete? Wer kennt nicht die Macht der Einbildung und ihre am beſtorganiſirten Gehirn ausuͤbende Gewalt. Ihr Einfluß griff das liebende Herz einer Frau an und hatte hier noch merklichere Wirkungen. Charlotte, die am erſten Abend des fruͤhern Aufenthaltes des Fremden im Augarten, auf die dringendſten Bitten ihrer Couſine dem Ge⸗ mache ſich zu nahen, nicht gewagt hatte; Char⸗ lotte, die damals der Baronin von Stein furcht⸗ ſam gefolgt war, ergreift jetzt von ihrer Unruhe beſiegt einen Handleuchter, verlaͤßt, in einen Nachtmantel gehuͤllt, ihr Zimmer, und ſteigt ganz II. 24 370 allein, als die letzte Stunde des Tages auf der benachbarten Uhr geſchlagen, die Treppe herab, geht durch die Gaͤnge, oͤffnet die Thuͤr des Eng⸗ laͤnders zur Haͤlfte, und betrachtet mit einer Kuͤhnheit, die nicht ihre Gewohnheit iſt, den Gaſt, den ihr der Himmel zugefuͤhrt hat. Sie fuͤhlt nur Furcht fuͤr den, der ohne es zu wiſſen ſie zu dieſem Streifzug antreibt; ſie fragt ſich nicht einmal was ſie antworten ſoll, wenn eine einzige Stimme ſich hoͤren ließe, wenn ein Be⸗ dienter erſchrecken ſollte, oder wenn der Fremde ſie befrage. Gluͤcklicher Weiſe umhuͤllt ſie Still⸗ ſchweigen. Alles Leben im Palaſt von Oeden⸗ burg hat ſchon lange dem Schlaf ſich uͤberlaſſen. Styndall ſelbſt iſt eingeſchlummert. Der Aus⸗ druck ſeiner Zuͤge war in dieſem Augenblick an⸗ genehm; aber in ihrer leichtern Erſchuͤtterung zeugten ſie noch von der Schwaͤche, der er un⸗ terlegen hatte. Auch die Unruhe der Fuͤrſtin hatte ſich nicht gaͤnzlich gelegt. Mit einem zweiten Blick hatte ſie das ganze Zimmer durch⸗ ſpaͤht. Ganz hinten im Alkoven ruhte Tom auf einem kleinen Bette an der Seite ſeines guten Herrn, jadeß auf einer am Boden ausgebreite⸗ ten Tigerhaut der Hund Kanot nicht weit von Friedrichs Bett Platz genommen hatte. Das 371 gute Thier hatte ſich nach dem Inſtinkt ſeines Geſchlechts kreisfoͤrmig in ſich ſelbſt gerollt, und ſeine Schnautze war in die Hinterbeine verſteckt. Bei der Annaͤherung der Frau vom Hauſe er⸗ hob er ſeinen Kopf und ſah ſie an, ohne ſich weiter fort zu bewegen. Charlotte wollte ihm ſchmeicheln und ſtrich ihn mit der Hand, um ihn fuͤr ſich zu gewinnen; uͤber die Geſundheit des Gentleman etwas beruhigt, begann ſie die Folgen ihres Kommens fuͤr ihr perſoͤnliches Anſehen zu fuͤrchten. Kanot blieb ruhig und leckte Charlottens ſchoͤne Hand einige Mal, dann ſteckte er ſeine Naſe wieder ohne Umſtande un⸗ ter die Pfoten, und die ſchoͤne Witwe fand fuͤr gut, ſich wieder zu entfernen. Zehnmal furchtſamer als erſt da ſie in das Zimmer getreten war, beruͤhrte ſie beim Weg⸗ gehen mit ihren zarten Fuͤßen zitternd den Bo⸗ den; aber ihre Vorſicht war vergebens; die Thuͤre drehte ſich nicht ohne einiges Geraͤuſch der Angeln, und der Gentleman verkuͤndigte durch eine ſchwache Bewegung, daß er ſie ge⸗ hoͤrt hatte. Aber die Fuͤrſtin lief eilig davon, erreichte mit einem von zweifacher Furcht be⸗ ſtuͤrztem Herzen ihr Gemach und ſchickte ſich an, von ihrem Lager die Ruhe zu verlangen, deren 24* 372 ſich Alle unter dem gaſtwirthlichen Dache des Palaſts von Oedenburg erfreuten. Am fruͤhen Morgen war Charlotte ſchon mit dem Gedan⸗ ken beſchaͤftigt, daß Styndall ohne die Huͤlfe der Kunſt einer Krankheit nicht wuͤrde entgehen koͤnnen, verurſacht durch die uͤbermaͤßige An⸗ ſtrengung der vorhergehenden Tage. Sie er⸗ wartete alſo ihre Kammerjungfer nicht erſt zum Ankleiden. Zum erſten Mal in dieſer Woche erleuchtete die Sonne wolkenlos ihr Kabinet; bevor noch ihr Zimmer geheitzt war, ſetzte ſie ſich an den Sekretair. Nach Verlauf einer halben Stunde klingelte ſie; Fraͤulein Hubert erſchien. „Schicke den Herrmann hiermit ſchnell zum Graben,“ ſagte ſie und reichte ihr ein verſie⸗ geltes Briefchen, ver iſt, glaube ich, der hur⸗ tigſte im Hauſe. Er ſoll nicht eher zu mir kommen, ſchaͤrfe ihm das wohl ein, bis er den Doktor van Swieten mitbringt! Er kann das Kabriolet nehmen.“. „Fuͤr wen wollen denn Ihre Hoheit den Arzt rufen laſſen?“ erwiederte das Kammer⸗ maͤdchen kalt. „Fuͤr wen?« erwiederte Charlotte voll Er⸗ ſtaunen.„Ich wuͤrde auch ſo fragen, wenn es nicht fuͤr Styndall waͤre.“ 373 Ihre Hoheit wiſſen alſo nicht, daß der Gent⸗ leman vor zehn Minuten im Garten mit ſeinem Hund ſpazieren ging? Waͤren Sie am Fenſter geweſen, ſo haͤtten Sie beide ſehen koͤnnen, denn Herr Styndall hat ſich oft Ihrem Gemach gegenuͤber hingeſtellt.« Bei dieſen Worten belebte ſich die Farbe der Fuͤrſtin, und ihre Augen druͤckten ein leb⸗ haftes Erſtaunen aus, das mit einiger Verwir⸗ rung vermiſcht war.„Du wirſt ſehen, Sido⸗ nie«, ſagte ſie, und nahm das Billet aus den Haͤnden der Kammerjungfer wieder,„daß es dies Mal mit dem armen Friedrich, wie im vergangenen Monat Julius iſt. Du erinnerſt dich gewiß noch der ſchrecklichen Phantaſie, der er mehrere Tage ausgeſetzt war!.... Seine neue Unklugheit wird ihm theuer zu ſtehn kom⸗ men..... Ich ſehe aber doch ein, daß man nicht gleich Laͤrm ſchlagen darf. Ich will gleich hinab gehen um zu ſehen, was ich ſeinet⸗ wegen thun muß.“ Sie ging in der That hinab und Fraͤulein Hubert brachte laͤchelnd das Zimmer ihrer Ge⸗ bieterin in Ordnung, indeß ein Bedienter Feuer im Ofen anzuͤndete. Charlotte wurde von Styndall mit der aͤrtlichen und ehrfurchtsvol⸗ 374 len Hoͤflichkeit empfangen, die er niemals bei Frauen vergaß. Die Fuͤrſtin, in einen artigen Morgenanzug gekleidet, ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, den er ihr in Styndalls Zimmer an das Kamin ſtellte, wo ein großes Kohlenbecken nach Franklins Manier eingerichtet, brannte. Sie machte ihrem Gaſt Vorwuͤrfe, daß er aufgeſtanden und ſo fruͤh ausgegangen waͤre und noͤthigte ihn, den ganzen Tag das Zimmer nicht zu verlaſſen. Der Gentleman verſicherte ihr, daß er ſich wohl befinde, und bald nach Wieden zuruͤckzugehen gedaͤchte, wohin er Tom ſchon geſchickt habe, ſeinen Wagen und ſeine Kleider zu holen. „Nein, mein Herr, Sie ſollen nicht wegge⸗ hen!« erwiederte ſie munter und gravitaͤtiſch „Stehe ich nicht fuͤr Sie? Soll man ſagen, daß ich Sie aus meinem Hauſe verjagt habe, um ihnen einen Ruͤckfall zuzuziehen? Denken Sie gefaͤlligſt an den Zuſtand, worin Sie ge⸗ ſtern Abend waren! faſt entſeelt unter dem St. Leopoldsthor, wo Sie Ihre Leute mit großer Muͤhe aufgehoben haben, und ohne Be⸗ wußtſein zu mir gebracht, wo Sie faſt unfaͤhig waren, ein Wort hervorzubringen, und Sie wollen jetzt zwoͤlf Stunden nach einem ſolchen 375 unfall nach Wieden zuruͤckkehren?.... Nein, ich werde das nicht zugeben, mein Herr.“ Dieſer freundſchaftliche Zorn und die Worte, die er Charlotten einfloͤßte, hatten fuͤr den Englaͤnder tauſendmal mehr Reize, als die zaͤrt⸗ lichſte Sprache, oder vielmehr, ſie waren ſelbſt die zaͤrtlichſte Sprache, die in ſein Ohr toͤnen konnte. „Liebenswuͤrdiges, vortreffliches Weib, der mein ganzes Herz angehoͤrt“, entgegnete er, „ich will nicht leugnen, daß Sie mir zweimal das Leben erhalten und damit das Recht, mir zu gebieten, erlangt haben. Nie will ich Ihnen Ihr Gut ſtreitig machen; aber ſein Sie ver⸗ ſichert, daß meine geſtrige Unpaͤßlichkeit nur zufaͤllg war; ſie wurde blos durch die An⸗ ſtrengung von zwei Tagen und durch die Naͤſſe meiner Kleider verurſacht. Dieſe ſind nun, Dank ſei es dem Feuer Ihres Kamins, vollkommen trok⸗ ken; wenn ichs ſtreng nehmen wollte, ſo wuͤrde ich nach Hauſe zuzuͤckkehren koͤnnen; und was meine Perſon anbelangt, ſo betheure ich Ih⸗ nen, daß ich mich nicht geſuͤnder befinden kann, was ich Ihnen ebenfalls zu danken habe.“ Bei einen neuem Sturme der Fuͤrſtin, fuͤgte er hinzu: „Ueberlegen Sie, Charlotte! beim erſten Mal konnte mich das Publikum als Ihren Gaſt und Tiſchgenoſſen ſehen, ohne daß dies Folgen nach ſich zog. Die Gefahr, der Sie mich entzogen, war fuͤr Sie eine Entſchuldigung, ja ein Lob. Aber ohne Nothwendigkeit wieder⸗ um im Augarten mich nieder zu laſſen, wuͤrde ich von meiner Hand den Nachtheil eines Rufs befoͤrdern, der bis jetzt ohne Flecken war, und mir theurer als das Leben iſt. Mein Gluͤck iſt zu groß, als daß man es mir nicht beneiden ſollte. Charlotte, Sie ſind mir die geliebteſte der Frauen, Sie muͤſſen mir unter allen die Geehrteſte bleiben. Es wuͤrde mir zu viel koſten, durch ein leichtſinniges Betragen die Huldigungen zu entfernen, die ſich von allen Seiten um Sie beeifern, und Ihren Schritten vor und nachgehen. O! wie wuͤnſcht' ich im Gegentheile, daß es in der Macht meiner Liebe ſtaͤnde, dieſe Ehrenbegleitung zu vergroͤßern, in deren Mitte ſich Ulrichs Schuͤlerin, die Freun⸗ din aller Großen in Wien, befindet.“ Mit dieſem Worte faßte er der Fuͤrſtin Hand und druͤckte durch einen brennenden Kuß das lebhafte Gefuͤhl aus, das ſie in ihm erweckt hatte. Charlotte ließ den Gruͤnden, die ihn 377 nach Hauſe zuruͤck riefen, Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Immer jedoch noch von Schrecken be⸗ wegt, den ihr ein boͤſer Traum eingefloͤßt hatte, konnte ſie ſich nicht enthalten, ihn den Gentle⸗ man zu erzaͤhlen. „Friedrich“, ſagte ſie mit Thraͤnen,»Sie beſchaͤftigen ſich zu wenig mit der Sorge fuͤr Ihr Leben; es iſt nicht ſchoͤn von Ihnen, das, was Sie mir gegeben, zu verachten, was Ihnen nicht allein mehr angehoͤrt, zu verſchwenden. „Gewiß, mein Freund, iſt mir die Tugend theuer; warum koͤnnen wir beide ihr nicht einen Tempel in der Einſamkeit errichten! Aber, da Ihr Schickſal und das meinige uns verdam⸗ men, in einer Hauptſtadt und in der Mitte der Herrlichkeiten des Jahrhunderts zu leben, ſo erhalten Sie ſich wenigſtens fuͤr mich, um mich auf dieſem Wege zu ſtaͤrken, die mir einſt ein Weiſer zeigte; erhalten Sie ſich und waͤre es nur fuͤr diejenige, deren Stuͤtze Sie hienieden ſind! Styndall, der Himmel hat, treu ſeinem Geſetze der Guͤte, in dem vorhergeſehenen Miß⸗ tone unſeres Egoismus, einige Weſen beauf⸗ tragt, den Mißton in Harmonie umzuwan⸗ deln. Sie ſollen, in die leichteſte Schale der geſelligen Wage, ein Gewicht der Gerechtigkeit 378 und Sanftmuth werfen; denn die Beſtimmun⸗ gen der Menſchen hienieden ſind hoͤchſt ungleich. Wenn Reichthum und die große Ungleichheit der Staͤnde endlich mit Geduld angenommen werden, ſo verdankt man ſie ihnen auch. Wohl⸗ an, der Beſchuͤtzer, der ihre Schwaͤchen zugiebt, denke daran, ſo ſehr es in ſeinen Kraͤften ſteht, dieſe ſchoͤne Rolle zu verlaͤngern, indem er fuͤr ſeine eigne Sicherheit wacht. Ach! mein Freund, Sie werden mir nie den Gedanken ausreden, daß der Traum, den ich Ihnen erzaͤhlte, nicht. eine wohlwollende Warnung des Himmels war! Beſtaͤtigt in der erſten Scene, die er meinen Augen darſtellte, und ſchon in der zweiten er⸗ fuͤllt, zittre ich, daß er uns mit der dritten droht!. Friedrich, ſind Sie verſichert, daß dieſer elende Fratello nicht mehr in Wien iſt?*.. „Daruͤber bin ich auſſer Zweifel«, antwor⸗ tete der Englaͤnder;„ich habe uͤber ihn wa⸗ chen laſſen. Er hat ſchon lange die Stadt verlaſſen; und ich bedaure nur, daß er den Weg nach Frankreich genommen hat, wo ich befuͤrchte, daß er ſich wieder zu dem Ritter St. Yvon geſellt, deſſen Leichtſinn ich kenne. Uebrigens beruhigt mich die baldige Ankunft der Miß Riverß bei dem Ritter uͤber dieſen Punkt. „ Aber beunruhigen Sie ſich nicht uͤber einen Traum. Suchen Sie darin die ganz ein⸗ fache Folge des Eindrucks, den Sie von mei⸗ nem erſten Unfall empfingen. Ein Vorfall die⸗ ſer Art, dem Sie Ihren Antheil ſchenkten, mußte Sie ruͤhren; wenn die neuen Zuͤge, die er waͤhrend Ihres Schlafs, Ihrem Geiſte ein⸗ praͤgte, mit der Unpaͤßlichkeit, von der ich ge⸗ ſtern Abends uͤberfallen worden bin, in Beziehung ſtehen, ſo bitte ich Sie, nur darin ein zufaͤlli⸗ ges Zuſammentreffen zu ſehen, das durch die Menge von Wechſeln entſtand, denen das menſch⸗ liche Leben ausgeſetzt iſt, und die die unſtaͤte Einbildungskraft durcheinander gewuͤrfelt, wie⸗ derholt.“ „Um Sie, meine liebe Freundin, beſſer zu uͤberzeugen, muß ich Ihnen ſagen, daß auch ich dieſe Nacht einen Traum gehabt habe. Er war gluͤcklich, er hat mich mit Hoffnung, ja mit Wonne erfuͤllt; denn hoffen, heißt genießen. Warum ſollten wir nicht zu ihm eben ſo viel Zutrauen haben, als zu dem Ihrigen. Wenn Sie wuͤnſchen, will ich ihn erzaͤhlen. Kaum hatte ich mich im Augarten zu Bette gelegt, 380 ich muß geſtehen, mit dem Gedanken an Sie, ſo ſchlief ich ein. Dieſe Ruhe der Glieder nach zwei muͤhſeligen Tagen, dieſe Stille meiner Seele, der das Vergnuͤgen, Sie geſehen zu ha⸗ ben, jeden Stoff zur Unruhe entnommen hatte, war etwas hoͤchſt Entzuͤckendes fuͤr mich. Von meiner Wohlthaͤterin aufgenommen, in ihrem Hauſe zu ruhn, von ihr geliebt zu werden, faſt unter ihren Blicken wieder in das Leben zu treten, welche Lage! Auch empfand ich das Gluͤck derſelben; es war meinem Innern ſo ſehr eingeimpft, daß es einen Theil davon aus⸗ zumachen ſchien. Leben und mich von ihm trenuen, waͤre unmoͤglich geweſen. Dieſer Zu⸗ ſtand, der vielleicht keinem feſtem Schlaf ange⸗ hoͤrte, dauerte einige Stunden, ohne eine an⸗ dere Furcht in mir zu erwecken, als die, ihn verlaſſen zu muͤſſen, als ſich noch durch ein anderes entzuͤckenderes Traumgebild ploͤtzlich mein Zimmer mit einem hellen Schein erfuͤllte, deſſen zartes Licht meinen Augen wohl that. Wollen Sie meinen Worten glauben? Mitten in dieſem gemiſchten Lichte ſind Sie mir er⸗ ſchienen, ſo wie Sie jeden Augenblick ſind, aber Sie gaben Ihrer Schoͤnheit den Reiz eines melancholiſchen Blickes, der ſich auf mich rich⸗ tete. Ich betrachtete Sie, ohne mit Ihnen reden zu koͤnnen. Alsdann, Charlotte, ſagten Sie mir:„»Styndall, ich bin zufrieden mit dir; ich werde dem nie meine Liebe entziehen, der ſeinem Bruder beiſtand. Und zugleich laͤchel⸗ ten Sie mir Blicke zu, die Alles vergalten. Ich bemuͤhete mich, den Schlaf zu verſcheu⸗ chen, den ich beſchuldigte, daß er Sie meinen gierigen Blicken entzoͤge. Waͤhrend ich dies Verlangen hegte, oͤffnete mir ein boͤſes Ge⸗ raͤuſch, das ich in meinem Zimmer hoͤrte, die Augen. Waͤre ich nicht uͤberzeugt geweſen, daß mich noch immer ein Reſt dieſer Taͤuſchung beherrſchte, ſo haͤtte ich behauptet, das ſilberne Licht habe ſeinen letzten Glanz auf das Getaͤfel geworfen, und ich habe einen Theil Ihres weißen Kleides, das gleichſam vor mir floh und ſeinen Schatten, der ſich wunderlich auf dem Fußboden abbildete, geſehen. Soll ich es Ihnen ſagen, meine Einbildung war ſo ſehr verfuͤhrt, daß ich ſogar den Veilchengeruch, den Sie ſo ſehr lieben, einige Minuten nach dieſer Erſcheinung im Zimmer zu empfinden glaubte. Und noch bin ich der Meinung, die⸗ ſen Wohlgeruch begierig einſchluͤrfend, wieder eingeſchlafen zu ſein. 382 „Ich geſtehe, niemals hat der Irrthum meine Sinne mehr verfuͤhrt, und dennoch war er hier ſehr klar, denn Kanot, der bei mir lag, wuͤrde weder Sie, noch eine Sterbliche, die mich in ſolcher Stunde beſucht haͤtte, ungeſtraft ein und ausgehen gelaſſen haben; und Tom, der im Alkoven ſchlief, hat gar nichts davon ver⸗ nommen.“ Waͤhrend dieſer ganzen Erzaͤhlung hatte Charlotte ihre Augen auf den Boden angehef⸗ tet. Schamroͤthe faͤrbte ihre Wangen. Sie fuͤhlte zum erſtenmal die ganze Kuͤhnheit ihrer naͤchtlichen Wanderung, und ſtreichelte abermals mit geſenktem Haupte, um Faſſung zu gewin⸗ nen, den großen Hund, der auf ſeine Vorder⸗ pfoten geſtuͤtzt, zwiſchen ihr und dem Gentle⸗ man lag. „Er iſt Ihrer Schmeichelei werth“, be⸗ merkte Styndall,„denn er hat vorgeſtern ein Kind gerettet, das man mit zu wenig Sorge einem meiner Diener durch ein Fenſter zureichte. Auf meinen Ruf ſprang er aus dem Boot, und brachte das ſchon vom Strome weggerißene Kind in den Nachen zuruͤck.“. „Das war ohne Zweifel“c, erwiederte die Fuͤrſtin von Oedenburg, das Paket Vaͤſche, von dem die gute Frau aus der Jaͤgerzeile zum Kaiſer ſagte, Ihr Hund ſei ihm nachge⸗ ſchwommen? Sie ſehen, daß mir weder Ihr Thun, Ihre Geberden, noch die Geſpraͤche, deren Veranlaſſung Sie waren, unbekannt ſind.“ und ohne ihre Stellung zu aͤndern, fuhr ſie fort, das gute Thier zu ſtreicheln und be⸗ zeugte ihm dieſes Mal mit Vergnuͤgen die Be⸗ weiſe einer perſoͤnlichen Erkenntlichkeit. Aber um keinen Preis hatte ſie Styndall eingeſtan⸗ den, daß ſeine Erſcheinung auf etwas Wirkli⸗ chem beruhe. Die Baronin von Stein war mit Erneſtinen ſelbſt gekommen, um ihre Couſine von dem aufgetragenen Fruͤhſtuͤck zu benachrichtigen. Der Englaͤnder begruͤßte die Baronin, beantwortete ihre immer weitlaͤuftigen Fragen, und beluſtigte ſich dann mit dem Kinde zu plaudern. Dieſe fuͤhrte von ihrer Wiege an, als ernannte Cano⸗ niſſin des Capitels in Prag, ſchon den nablichen Titel Graͤfin. Ihre Liebe zum Gentleman, war ſchon ſo groß, daß, als ſie Charlotte fragte, warum ſie Friedrich dem Baron von Sperges vorzoͤge, der gegen ſie mehr Gefaͤlligkeit zeige, ſie ohne Bedenken antwortete: 384 „Gefaͤlligkeiten; o, daran fehlt es ihm ge⸗ wiß nicht; er hat deren fuͤr jedermann und ſogar fuͤr meine Puppen.“ Dieſer Einfall beduͤrfte einer Erklaͤrung, man verlangte ſie von der jungen Graͤfin, die ſie in dieſen Worten ausſprach: „Ja, Mutter, ich will alles erzaͤhlen. Vor drei Tagen ſpielte ich in dem Salon mit mei⸗ ner Puppe und that die andern in das Kabi⸗ net. Ich wollte ihn in Verlegenheit ſetzen, und wiſſen, ob er ſtehen bleiben wuͤrde, wenn du hinunter gingſt, oder ob er ſich unterſtehen wuͤrde, eine meiner Puppen von dem Stuhl zu nehmen. Der Baron ſah ſich im ganzen Ge⸗ mache um, und da er alle Plaͤtze beſetzt fand, blieb er, um Niemanden zu ſtoͤren, beim Feuet ſtehen und las in einem alten kleinen Buch, das er aus ſeiner Taſche zog, waͤhrend ich in einem Winkel heimlich lachte. Man lachte auch in Styndalls Zimmer, aber da dieſer erklaͤrte, die Geſchichte ſei noch nicht zu Ende, ſo ließ Charlotte ihre Tochter weiter erzaͤhlen. „War es nicht“, fuhr Erneſtine fort,„un⸗ ſer Freund Friedrich, der dazu kam, der eine, ja zweie von meinen Puppen nahm, ſie auf 385 einander warf, und zwei Stuͤhle, den einen gleichſam von rechtswegen fuͤr ſich, den andern fuͤr den Baron von Sperges herbeizog, mich rief, und mich auf ſeinen Knien ſchaukelte! Ich frage dich nun, Mutter, ob ich Friedrich nicht eher lieben ſoll, den ich zwar noch nicht ſo lange kenne, aber der, ohne meinen Puppen Kompli⸗ mente zu machen, doch wenigſtens mit mir lacht und ſcherzt?« Dieſes Geſchwaͤtz erheiterte die Damen und den Gentleman ſelbſt, der nicht einmal gemerkt hatte, daß die junge Graͤfin dem Baron einen Streich damit ſpielen wollte. Der Zug charak⸗ teriſirt vollkommen die drei dabei betheiligten Perſonen. So glaͤnzte dieſer Morgen, den Charlotte traurig und voll Unruhe erwartet hatte, weil ſie einen ernſthaften Arzt Antheil daran neh⸗ men laſſen wollte, von einem Frohſinn, der wenigſtens fuͤr einige Zeit jede traurige Vorbe⸗ deutung verſcheuchte. Alle verfuͤgten ſich in das Gemach der Fuͤrſtin, um dort zuſammen zu fruͤhſtuͤcken, und ließen die Wittwe und ihre beiden Kinder herbei rufen, die den vorherge⸗ henden Abend auf dem Kahn des Englaͤnders gerettet worden waren. Jedes uͤberhaͤufte die II. 25 386 Kinder mit Schmeicheleien; Charlotte wollte durch eine gute Handlung die edelmuͤthige Auf⸗ opferung ihres Freundes kroͤnen und heiligen und erklaͤrte der jungen Frau, daß ſie in ihrem Hauſe, eine von ihren Toͤchtern erziehen, und ein Unterkomnmen verſchaffen wollte. Bei dieſen Worten ſchlug die kleine Erneſtine in die Haͤnde und ſprang vor Freude, weil ſie ſich dadurch eine Geſpielin verſprach. Die Einwilligung blieb nicht lange aus. Die unſchuldigen Ge⸗ ſchoͤpfe hatten beide die Friſche und Anmuth ihres Alters. Gertrude nur zwei Jahre aͤlter, war ſchoͤner, als ihre Schweſter Beatrix. Die Fuͤrſtin ließ aber dennoch die Wahl auf die letztere fallen. Nach der Entfernung der Wittwe und ihrer Toͤchter, gab ſie die Dewedgoünde dieſer Entſcheidung an. „Getrude iſt groͤßer“, ſagte ſie,„und kaun deshalb ihrer Mutter mehr nuͤtzen; ihre ſchoͤ⸗ nere Geſtalt wird ihr leichter ein gutes Unter⸗ kommen verſchaffen, und uͤbrigens wird es dieſer armen Frau, die eines von ihren Kindernabtritt, ſehr zur Beruhigung dienen, dasjenige zu behal⸗ ten, was ihrer Eigenliebe am meiſten ſchmeichelt.« „Ich vermuthete wohl“, erwiederte Fried⸗ rich,„daß in dieſer Wahl etwas beſonderes * 387 laͤge, denn Ihre Hoheit thun nichts ohne Ueber⸗ legung. Und dennoch behaupte ich, daß wenn Ihr eigener Geſchmack allein befragt worden waͤre, ſo wuͤrden Sie ohne Zweifel die reizende Gertrude gewaͤhlt haben.“ „Jede andere an meiner Stelle wuͤrde eben ſo gehandelt haben“, verſetzte Charlotte. Wenn man ſemanden verbinden will, muß man ſich ein wenig ſelbſt vergeſſen, oder man thut uͤbel. Zum Beiſpiel wuͤrde man ſich ſehr irren, wenn man glaubte, daß ich fuͤr Erneſtinen eine Skla⸗ vin in meinem Hauſe aufnehmen wollte. Gott ſollte mich behuͤten, auf dieſe Weiſe das Un⸗ gluͤck zweier Geſchoͤpfe zu bereiten, in dem das eine dulden, das andere Herrſchſucht ausuͤben wuͤrde! Mein Freund Herberg wuͤrde mich ſehr getadelt haben. Meine Tochter und dieſes Kind muͤſſen in den Beziehungen, in welchen ſie zuſammen ſtehen werden, ſich mit gegenſei⸗ tigen Ruͤckſichten behandeln. Ich habe Klattau nicht vergeſſen und Beatrix ſoll fuͤr Erneſtinen nicht eine Puppe mehr ſein!“ „Sollte man eine ſolche Frau nicht anbe⸗ ten?“ ſagte Styndall zu ſich, als er eine Stunde nach dieſer Unterhaltung in ſeinem Wagen wieder nach Wieden zuruͤck fuhr. 25* 24. Vierzehn Tage nach der Ueberſchwemmung von Wien, deren man noch nach langen Jahren mit Schrecken gedenken wird und wie man ſich keiner ſeit geraumer Zeit erinnern konnte und vier Tage nach Styndalls letztem Beſuche im Palaſt von Oedenburg, erhielt der Gentleman folgenden, von einer ihm theuern Hand geſchrie⸗ benen Brief: Wien den 7. Maͤrz 1768. Weil Sie mich ſeit zweimal acht und vier⸗ zig Stunden, der Sorge,— die ich jedoch kei⸗ neswegs zu tadeln wage— Sie nicht im Augarten zu ſehen, uͤberlaſſen haben, ſo muß ich Ihnen erzaͤhlen, mein lieber Friedrich, was ſich unterdeſſen daſelbſt zugetragen hat. Er⸗ ſchrecken Sie nicht uͤber das ganze Buch, daß ich Ihnen ſchicke; es iſt ein vollſtaͤndiges Jour⸗ nal, worin Sie eben keine geringe Stelle ein⸗ nehmen, und dies giebt Ihnen in meinen eig⸗ nen Augen noch mehr Werth. Ich will Ihnen keineswegs von dem Lobe vorſagen, was Stadt und Hof Ihrer edlen Aufopferung, waͤhrend der Kriſis der Ueber⸗ ſchwemmung freigebig zukommen ließen. Es iſt zum Theil zu Ihren Ohren gelangt, ob⸗ 389 gleich Sie alles aufgeboten haben, um ihm auszuweichen. Es gab in dieſer Beziehung nur eine Stimme, in der man uͤberein kam, daß die beiden Maͤnner in Wien, die ſich bei dieſer Gelegenheit am meiſten auszeichneten, der Erz⸗ herzog und Sie geweſen ſind. Sie ſehen, daß man Sie gar nicht uͤbel zuſammenſtellt. Ich will Ihrer Eitelkeit nicht mit dem Geſtaͤndniß ſchmeicheln, daß ich Ihnen von der meinigen etwas verdanke; denn ich kann meine Freude wenig verſtellen, wenn in meiner Gegenwart von Ihnen geſprochen wird; und es iſt nicht ſchwer, zu bemerken, daß ich auf Ihre Bekannt⸗ ſchaft ſtolz bin 1— Meine Verbindlichkeit gegen Sie geht viel weiter als Sie vermuthen. Vernehmen Sie alſo, daß ich Ihnen eine Gunſt verdanke, auf die ich ſeit des Grafen Tod nicht mehr rech⸗ neke. Ich will Sie nicht in Ungewißheit laſ⸗ ſen, weil ich vielleicht nicht die Kunſt beſitze, Ihre Neugierde zu erregen, ohne ſie zu befrie⸗ digen; ich will Sie dieſen Abend nicht auf die Folter ſpannen, ſondern Ihnen nur ganz ein⸗ fach ſagen, daß mich der Kaiſer Joſeph II. am ſechsten dieſes Monats 3 Uhr 35 Minuten Abends in hoͤchſt eigner Perſon beehrt hat. 390 So etwas gehoͤrt hier zu den Staatsgeſchaͤf⸗ ten; der Erzherzog macht ſich mit ſeinen Unter⸗ thanen vertrauter, als irgend eine andere Ma⸗ jeſtaͤt Europas, und es iſt meine Pflicht, durch puͤnktliche Genauigkeit meiner Erzaͤhlung zu zeigen, wie ſehr ich Sie ehre. Ich bin nicht die Einzige in Wien, die dieſe Auszeichnung genießt. Der Thronerbe iſt ein großer Improviſator, er verurſacht gern Er⸗ ſtaunen, und will nicht, daß man das Anſehn habe, erſtaunt zu ſein; er koͤmmt wie aus den Wolken gefallen, und ſieht nicht gern, wenn man nur ſagt:„da iſt er!“« Aufſehn zu ma⸗ chen, iſt eine Art wie die andere, und die hat noch den Vortheil, an keine Regel gebunden zu ſein. Wenn er geglaubt haͤtte, ich erwarte ihn, ſo wuͤrde ich ihn jetzt noch vergebens er⸗ warten. Alſo koͤmmt er zur Fuͤrſtin Boucquoi, zur Fuͤrſtin Charlotte von Lichtenſtein, bei der er gewuͤnſcht hat, man moͤchte mehr Neigung an ihm vermuthen, als er gezeigt oder zur Fuͤr⸗ ſtin Eſterhazy. Wenn ich ihn nicht eher geſe⸗ hen habe, ſo lag die Schuld daran, daß man ihm nach meiner Trauer geſagt hatte, ich weiß nicht warum, er wuͤrde mich beſuchen. Ein Wagen von geringem Anſehn mit zwei 391 Pferden, mit einem einzigen Bedienten hinten auf, war ſein ganzer Glanz. Er trat in einer geringen Uniform nach ſeiner Gewohnheit, und ohne ſich anmelden zu laſſen, herein. Ich hatte meine Freunde, auſſer Ihnen und van Swieten, bei mir. Wir ſtanden einen Augenblick auf; wir haͤtten den Baron von Holger nicht mit geringern Umſtaͤnden empfangen koͤnnen und ge⸗ wiß wuͤrde uns der Baron von Sperges, mehr in Bewegung geſetzt haben; ſo will unſer Herr⸗ ſcher behandelt ſein. Nachdem ſich ein jeder wieder an ſeinem Platz geſetzt hatte, wurde die zwei Secunden lang unterbrochene Unterhal⸗ tung weiter fortgeſetzt, und er nahm Theil daran, ſobald er mir eine einfache Verbeugung gemacht hatte. Da ich ihn ſeit drei Jahren nicht bei mir geſehen hatte, ſo war dies etwas neues. Ich bemerkte ſeine Abweſenheit nicht, da er ſich derſelben nicht zu erinnern ſchien. Inzwiſchen bin ich verſichert, daß er es Ucht uͤbel genom⸗ men haͤtte, wenn ich ihn durch meine Worte zum Glauben berechtigt haͤtte, daß mir dieſe Zeit lang vorgekommen waͤre. Ich konnte nicht umhin, ihm mein Compliment uber die Menſch⸗ lichkeit zu machen, die er waͤhrend der Ueber⸗ ſchwemmung gezeigt hat. Gern haͤtte er ge⸗ 392 wuͤnſcht, daß ich von Ihnen geſprochen haͤtte; ich wurde es noch mehr dadurch inne, daß er, als ich ihm dieſes Vergnuͤgen nicht machte, mich ſelbſt auf dieſen Gegenſtand hinfuͤhrte. Wir bildeten in meinem Salon eine Art ein⸗ facher Epiſoden, wo dennoch einige unſerer Unter⸗ redungen ihr Ohr leihen; ſie geſchah in franzoͤſt⸗ ſcher Sprache, die der Erzherzog ſehr gern ſpricht. Um beſſer von Ew. Wohlgeboren verſtanden zu werden, will ich dieſes Geſpraͤch in ſeiner ganzen hiſtoriſchen Wahrheit Ihren Blicken vor⸗ fuͤhren. Zum Beweis der Treue will ich keine der Lobeserhebungen auslaſſen, die mir zu Theil geworden ſind. Lobeserhebungen der Weiber! Was ſind ſie, wenn Friebrich ſie nicht ertheilt. „Sie ſehen bisweilen einen Englaͤnder, Sir Styndall“ fragte der Erzherzog. „Ja, mein Fuͤrſt.“ vEr gilt fuͤr ſehr reich und fuͤr ſehr wohl— thaͤtig?⸗⸗ 2 „In dieſer Hinſicht hat man Ihrer Majeſtaͤt keine Unwahrheit geſagt.“ „Wenn ich nicht irre, ſo hat Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit ihm einen ſonderbaren Urſprung. Van Swieten ſagt, daß er ihn in Ihrem Hauſe einer ſchweren Krankheit entriſſen habe, daß dieſer 393 Mann einen großen Geiſt beſitze, ein wenig Ueberſpannung in den Ideen, was man excen⸗ triſch nennt, aber voll Ehre und Biederkeit ſei.“ „Der Praͤſident des Medicinal⸗Collegiums hat ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Er konnte nicht mehr Gutes von ihm ſagen, als ich von ihm denke. Was ſeine Ueberſpannung anbelangt, ſo beſchraͤnkt ſie ſich darauf, daß er vielleicht oft ein wenig mehr Recht haben will, als es der Doktor wuͤnſchte.“ „Sein Sie verſichert, gnaͤdige Frau, daß ich einer von den Menſchen in der Welt bin, bei denen Vorwuͤrfe der Art am wenigſten Zutritt haben. Es iſt das faſt eine Empfehlung in meinen Augen; denn ich weiß, daß dieß die Waffe iſt, mit welcher man jedes Verdienſt, das aus ſeinem Gleiſe tritt, angreift. Auch ich, wenn ich jemals in eine beſſere Laufbahn treten will, erwarte nicht beſſer behandelt zu werden! Aber man muß die Menſchen lieben, was ſie auch nur ſich ſelbſt zum Verdruß ſa⸗ gen. Daruͤber bin ich mit mir im Reinen. Man macht wenig Gluͤckliche und viel Undankbare; Sir Styndall hat Verdienſt; ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck, daß Sie ihn erkannt haben. Ich haͤtte gerne gewuͤnſcht, ihn bei Ihnen anzutreffen; 394 man ſagte mir, er ſei einer Ihrer Dotti, und Sie haͤtten ihn auf eine beſondere Weiſe aus⸗ gezeichnet.“ „Sire, ich widerſpreche nicht.“ „Werden Sie ihn dieſen Abend ſehen?“ „Ich bezweiſie es und glaube, daß er mit einer jungen Landsmaͤnnin ſehr beſchaͤftigt iſt, die unverſehens mit einem Kinde angekommen iſt, und naͤchſtens nach Frankreich reiſet. Sie iſt die Gattin eines ſeiner Freunde, und deßhalb iſt er ſo ſehr fuͤr ſie beſorgt. Aber wenn Ihre Majeſtaͤt es wuͤnſchen, ſo will ich ihn von dem Intereſſe benachrichtigen, das Sie ihm vielleicht zu bezeugen Willens waren.“ Noch hatte ich dieſe Worte nicht vollendet, als ich mir vorwarf zu weit gegangen zu ſein, indem ich das lobte, wovon der Mann, der der erſte und oft der einzige in Allem zu ſein begehrt, noch nicht ſelbſt geſprochen hatte. Seine Antwort rechtfertigte bald meine Furcht. „Ein ſolcher Auftrag koͤnnte nicht in beſſere Haͤnde kommen,“ entgegnete der kuͤnftige Kaiſer, „aber ob es mir gleich nicht leid thut, mich errathen zu ſehen, ſo liebe ich eben ſo ſehr, daß man mir nicht zuvorkommt: vielleicht liebt Sir Styndall dieß eben ſo, wenigſtens.... 395 „Eure Majeſtaͤt,“ entgegnete ich raſch, wollen mir verzeihen, ich glaubte, weil Hoͤchſtdieſelben einen ſo großen Antheil an der Erhaltung der Stadt und ihrer Vorſtaͤdte genommen haben, ſo kaͤme Ihnen mehr als einem Andern das Recht zu, die Anſtrengung derer zu ſchaͤtzen, die in Ihren Fußſtapfen gegangen ſind, und daß Ihr Beifall, waͤre er auch durch eine Fremde uͤberbracht, noch einen groͤßern Werth haͤtte.“ Das Verſehen war wieder gut gemacht, und um ſo beſſer, als ich dem Kaiſer Gelegenheit gab, mir ſelbſt eine ſinnreiche obgleich etwas hoͤhniſche Antwort zu geben. Er war daruͤber ſo zufrieden, daß er, wie Sie ſehen werden, einen Vorwand ſuchte, um ſie dem guten Ja⸗ meray, der nicht weit von uns ſaß, zu wieder⸗ hohlen. „Sie haben Recht,“ ſagte der Erzherzog.„Ein Lob das aus Ihrem Munde kommt, kann nur an Werth gewinnen. Wo die Macht Beifall ſchenkt, da belohnt die Schoͤnheit allein wuͤrdig. Ich beauftrage Sie, Sir Styndall zu ſagen, daß ich ſchon ſehr zufrieden mit dem waͤre, was ſich beim Prinz Ludwig zugetragen hat, obleich ich das Spiel und die, die fich ihm ergaben, wenig 396 liebe, es ihm ſehr Dank wuͤßte, daß er mir geholfen, meinem armen Volke waͤhrend der Ueberſchwemmung beizuſtehen. Wir ſind, glaube ich, von demſelben Alter; ſein reger Geiſt ge— faͤllt mir, und es wuͤrde mir lieb ſein, wenn er ſich in Oeſterreich niederließe. Wenn Sie ihn dazu beſtimmten, gnaͤdige Frau, ſo wuͤrden Sie mich ſehr verpflichten... Jameray, werden „Sie dieß Mal nicht meiner Meinung ſein?“ Der gute Duval ruͤckte ſeinen Stuhl dem meinigen naͤher und der Kaiſer fuͤgte hinzu: „ch ſage, daß Sir Styndall ein braver Englaͤnder iſt, daß er ſich um die Menſchheit ſehr verdient gemacht hat, und daß es ihm mehr ſchmeicheln wird, dieß aus dem Munde der Fuͤrſtin Charlotte von Oedenburg zu hoͤren, als aus dem meinigen. Was denken Sie davon, mein lieber Jameray?«⸗ „Sehr moͤglich,“ verſetzte Duval,„denn ſo lange ich in der Welt bin, gewahre ich taͤg⸗ lich, daß in der Art, mit der die Frauen das was ſie zu ſagen haben, anordnen und aus⸗ ſprechen, etwas Schoͤneres liegt als in der un⸗ ſrigen. Sie benehmen wenigſtens fuͤr den Au⸗ genblick dem Vorwurfe das Bittere. Nur mit Ueberlegung koͤnnte man ſich einfallen laſſen „ man waͤre beleidigt. Urtheilen ſie nun von dem Werth, das Sie dem Lobe mittheilen koͤnnen! In dieſem Canal ſcheinen die Worte wie ge⸗ wiſſe Waſſer ihren bittern und ſteinigen Gehalt abzuſetzen. Nur Gabriely hat meines Wiſſens eine ſo reine und toͤnende Stimme wie die Fuͤrſtin, wenn alſo Ihre Majeſtaͤt ſich ein ſol⸗ ches Organ borgen, um eine nicht weniger ſchmeichelhafte als verdiente Achtung zu bezeu⸗ gen, ſo wollen Sie Ihre Gunſt vollkommen machen.“ „Sie wiſſen, Duval,“ ſagte der Erzherzog laͤchelnd,„daß wir beide uͤber das Verdienſt der Gabriely im Urtheile ſo ſehr von einander ab⸗ weichen, daß, was mich anbelangt, der Ver⸗ gleich nicht paßt.“ „Da dauern mich Euer Majeſtaͤt Ohren le antwortete Duval,„fuͤr meine Rechnung bleibe ich bei der Parallele, da ſie der Fuͤrſtin nicht unwuͤrdig iſt.“ „Wenigſtens vereinigen wir uns alle in dem, was Sir Styndall betrifft,“ meinte der Kaiſer. „Er hat ſich in Wieden niedergelaſſen, und in dieſer Originalitaͤt iſt etwas, was ich gar nicht tadle. Ich haͤtte es an ſeiner Stelle eben ſo gemacht. Weniger Unruhe, weniger Kutſchen⸗ geraſſel. Fuͤrſtin Charlotte, wiſſen Sie, aus welcher Abſicht er nach Wien gekommen iſt? Wird er noch lange hier verweilen? Wenn er einwilligte in der Staatskanzlei beſchaͤftigt zu werden, ſo duͤrfteé ich dem Fuͤrſten Kaunitz nur zwei Worte ſagen. Aber nein, er liebt den Hof nicht; ſein Incognito gefaͤllt ihm. In Wahrheit ich bin auf ſein Schickſal eiferſuͤchtig; er genießt wenigſtens das Leben. Er kennt das Vergnuͤgen Allen gleich zu ſein, und ſich jedermann gleich zu ſtellen.“ Nach dieſen mit Nachdruck geſprochenen Worten verließ er ploͤtzlich den Saal, und er⸗ laubte uns nicht aufzuſtehen und ihn bis zur Thuͤre zu begleiten. Es ſchlug eben zehn, und das iſt die Stunde, wo er ſich faſt immer wegbe⸗ giebt. Auch bezeugt er ſeine Abneigung fuͤr die Abendgeſellſchaften des franzoͤſiſchen Geſandten ziemlich laut, die ſich tief in die Nacht ver⸗ laͤngern. „Sie werden vielleicht an dieſe Verachtung der Groͤße glauben; Sie wiſſen, was ich dar⸗ uͤber ſo wie uͤber ſein Haſchen nach Originalitaͤt denke, da er nur ein Nachahmer, bald des Koͤnigs von Preußen, bald Katharinens, ja ſelbſt Voltaires iſt, die er doch nicht zu lieben vor⸗ 399 giebt. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, welch großen Herrſchergeiſt dieſer Mann hat; nicht vergebens ſtammt er aus dem Hauſe Habsburg. Mit ſeiner Mutter ſtreitet er um die Macht, ſeine Mutter erhaͤlt ſich ohngeachtet ihrer na⸗ tuͤrlichen Guͤte darinnen ſo gut wie er; und in der Mitte dieſer Streitigkeiten iſt der Fuͤrſt von Kaunitz von allen dreien derjenige, der ſie wirklich ausuͤbt, indem er jedes von beiden be⸗ redet, das was er beſchloſſen, ſei ihr eigner Wille. Doch geht der Sohn ſehr oft als Sie⸗ ger aus dieſem Streit, wenn der Fuͤrſt Kanzler kein Intereſſe hat. Glauben Sie mir, dieſer Kopf enthaͤlt ge⸗ nug Ehrgeitz um ganz Europa damit in Bewe⸗ gung zu ſetzen; er iſt uͤbrigens voller Projekte, denen die gute Abſicht nicht mangelt; er iſt ungehalten, daß ſich dieſen ein Durſt nach Ruhm anſchließt, die er mit kleinen Mitteln und einer Eiferſucht auf alles hervorragende Verdienſt verfolgt. Wie er ſich zum Beiſpiel uͤber Sie ausdruͤckte, wollte ich wetten, er be⸗ neidet ſie um den Vorfall beim franzoͤſiſchen Geſandten und liebt mithin dieß Ereigniß am wenigſten an Ihrer Auffuͤhrung, ſo lange Sie in Wien ſind. Er hat nur freimuͤthig den Bei⸗ 400 ſtand gelobt, den Sie den Opfern der Ueber⸗ ſchwemmung leiſteten, weil er ſelbſt waͤhrend dieſer Tage der allgemeinen Trauer niemanden an Aufopferung nachſtand.“ „Und dieſe Blicke, mein lieber Friedrich, erheben Sie in der Meinung vieler Menſchen ſehr hoch, ich will nicht ſagen in der meinigen, denn Sie wiſſen, daß ich den Rath eines regie⸗ renden Fuͤrſten nicht beduͤrfte, um Ihren Werth zu ſchaͤtzen. Aber der Baron von Sperges, Noverre, Metaſtaſio, der Fuͤrſt Eſterhazy, der bei mir war, die Fuͤrſtin von Lichtenſtein, der der Erzherzog kaum zwei Worte ſagte, obgleich man ſagt, daß er in ſie verliebt ſei, haben ihren Anhang gegen Sie erhoͤht, und vielleicht, ohne ſich den Beweggrund davon einzugeſtehen. Was den guten Duval anbelangt, ſo iſt er derſelbe geblieben. Sie haben in ſeiner Hochach⸗ tung weder verloren noch gewonnen. Er ſchaͤtzte Sie, er liebte Sie ſchon; er war aufrichtig er⸗ freut, daß man Ihnen Gerechtigkeit erzeugte, und das wenige, was er von Ihnen geſagt hat, beweist es beſſer als lange Geſpraͤche. Hinſichtlich meiner Couſine will ich Ihnen nicht verbergen, daß Ihre Handlungen hundert Pro⸗ cent bei ihr gewonnen haben. Wenn Sie die —— 401 Gedanken wuͤßten, die ſie ſich Ihretwegen in den Kopf geſetzt hat! Ich habe daruͤber wie eine Thoͤrin gelacht. Die Erzaͤhlung will ich Ihnen erſparen, denn Sie wuͤrden glauben, ich ſchweife ſelbſt aus. Ein Brief, den ich geſtern aus Boͤhmen erhalten habe, maͤßigt indeß meine Freude ein wenig. Da der Abend des Tages, wo Sie mich mit Ihrer Wittwe und der artigen kleinen Gertrude verließen, ſehr traurig war, ſo machte ich mir den Zeitvertrieb an den guten Ulrich zu ſchreiben. Sie hatten mich uͤber mei⸗ nen Traum nicht bekehrt, er hatte mir einen tiefen Eindruck wie der Ihrige zuruͤckgelaſſen; ſo roſenfarbig Sie ihn auch gemahlt haben, ſo iſt er doch bei weitem nicht verſcheucht worden. Der rechtſchaffene Herberg ſcheint, ohne jedoch mir Unruhe verurſachen zu wollen, eine Be⸗ deutung auf die Aehnlichkeit zu legen, die zwiſchen der zweiten Haͤlfte dieſes Traums und dem Unfall der Sie an meiner Thuͤre be⸗ traf. Er tadelt mich nicht, daß ich Sie beſchwo⸗ ren habe, Sorge fuͤr Ihr Leben zu tragen, er fordert mich ſogar auf, daruͤber ſelbſt zu wachen, indem er Sie fuͤr ein koſtbares Weſen der Menſch⸗ heit anſieht.? Styndall, dieſer gute Einſiedler, liebꝗt Sie, ohne Sie zu kennen; er hat mich 26 4⁰² beauftragt Ihnen zu ſagen, daß er Sie ſegne. So, mein Freund, erklaͤrt er ſich uͤber die Erinnerung, die mich was ich auch thun mag, unaufhoͤrlich verfolgt. Ich ſchreibe dieſe Stelle ſeines Briefes woͤrtlich ab:„Geliebte Tochter, der Himmel offenbart ſich den Menſchen auf verſchiedene Weiſe, bald ſpricht er zu ihren Sinnen, bald zu ihren Herzen, und oft zu beiden zugleich. Ich habe mich geirrt, den Traum auf die erſtere Weiſe zu beurtheilen, er wird jetzt fuͤr mich ſehr merkwuͤrdig. Ich mag daruͤber nachdenken wie ich will, ſo ſehe ich nicht ein, wie Du durch die bloße Handlung eines Frem⸗ den, der unter Deinen Augen verwundet bei Dir Beiſtand fand, ſo ganz hingeriſſen worden biſt, daß Du ihn ein zweites Mal wie einen Schiffbruͤchigen in Dein Haus eintreten geſe⸗ hen haſt. Hierin liegt etwas, das meinen Ver⸗ ſtand uͤberſchreitet; es iſt moͤglich, daß das, was man ganz unzweckmaͤßig Zufall nennt, dieß ſonderbare Uebereinſtimmen eines Traumes und einer ſpaͤtern Wirklichkeit zuſammengefuͤgt hat. Aber ich wage nicht, es zu behaupten.“ „Ich weis wenig von Philoſophie und bin nur ein armer Herruhuter, aber dennoch mein — 403 Kind folgt hier eine Auslegung, die ich zu wagen verſuchte, und im Fall ſie Dir nicht widerſinnig erſcheint, ſo rathe ich Dir ſorgfaͤl⸗ tig zu beobachten was ſich um Dich zutraͤgt.“ „Je weiter man auf der Leiter der Geſchoͤpfe herabſteigt, nimmt der Inſtinkt zu und die Ver⸗ nunft verſchwindet; je weiter man im Gegentheil aufwaͤrts geht, wird die Vernunft heller, und der Inſtinkt, dieſer verborgene Sinn des inne⸗ ren Lebens, iſt weniger vernehmbar. Die Thiere haben mehr Inſtinkt als wir, der Wilde hat deſſen mehr als der civiliſirte Menſch, und ſelbſt dieſer iſt deſſen nicht ganz beraubt. Wenn uns etwas auf dieſer Erdenwelt uͤberzeugen koͤnnte, daß der menſchliche Geiſt in ſeiner groͤßten Aus⸗ bildung nicht die oberſte Stufe auf der unge⸗ heuern Leiter der denkenden Geſchoͤpfe einnehme, ſo waͤren es ſeine inſtinktartigen Triebe, die ihn noch viel zu ſehr beherrſchen, um den Glau⸗ ben zuzulaſſen, daß er mit ſolcher Auszeichnung behandelt ſei. In einem hoͤhern geiſtigen Leben mag ſich dieß nun auf eine bloße Anſchauung beſchraͤnken, oder mag es das vollſtaͤndige Er⸗ gebniß der Beziehungen ſein, in denen die Seele mit den aͤußern Gegenſtaͤnden durch die Organe ſteht, ſo wird meiner Meinung nach die Ver⸗ 26* nunft dann uͤberwiegend und der Inſtinkt viel⸗ leicht ganz verſchwunden ſein. Bei dem gegen⸗ waͤrtigen Zuſtand der Dinge muß der letztere wie eine Schildwache betrachtet werden, die den Auftrag hat waͤhrend des Schlafes oder der ſchweigenden Vernunft zu wachen. Oft er⸗ gaͤnzt er jene, manchmal iſt er ihr vorzuziehen; Zweifels ohne fehlt er dem Engel, der nie ſchlaͤft, der nie mitten durch Gefahren wandelt; aber wir ſind noch keine Engel. Du weißt, daß ein Weiſer der alten Zeit durch eine innere Stimme von allem Wichtigen, das ihm widerfahren ſollte, benachrichtigt ward; deshalb glaubte man, er habe einen Schutzgeiſt. Dieſer Geiſt war gewiß nur ſein Inſtinkt; dem Sokrates mit weiſer Vorſicht ſein Ohr lieh.“”“ „So, mein Freund, ſchreibt mir der ehrbare Herberg. Er liebt uns, und die Lehren des Al⸗ ters, das er mit beobachtendem Geiſte auf dem Lebensweg erlangt hat, ſind nicht zu verachten. Geſtatten Sie mir, daß ich Sie aufmuntere auf Alles in Ihren Verhaͤltniſſen ein Auge zu rich⸗ ten, was dem Schickſal eine Beute verſchaffen kann. Es muß der Menſchheit daran liegen, Sie zu erhalten. Handeln Sie ſo, daß ſie nicht deſſen beraubt werden, der ihr eine Stuͤtze und 405 Zierde iſt. Wenn ihr die ewige Guͤte einen Beſchuͤtzer giebt und ſich dieſer des ſchoͤnen Am⸗ tes bewußt iſt, ſo darf er ſich nicht mehr als ſich ſelbſt angehoͤrend betrachten, ſondern ſei⸗ nem edlen Auftrag. Warum ſollte er nicht ein⸗ ſehen, daß er eine Luͤcke hinterließe? Dieſe Eigenliebe, dieſer Stolz ſelbſt haͤtte noch ſeine religioͤſe Seite. Und bin ich nicht ſtolz auf ſie? Hat ſich meine Seele nicht entkraͤftigt in dem Entzuͤcken mit der erhabenſten Seele, der ich auf dieſer Pruͤfungswelt begegnete, und mit welcher ich wuͤnſche verbunden zu ſein? Styn⸗ dall, wir haben zuſammen auch einen Menſchen gerettet! Dieſe Verbruͤderung hat fuͤr mich Reize; wenn ich den Liebenswuͤrdigſten der Menſchen liebe, ſo liebe ich noch mehr den Beſten.“ Charlotte von Oedenburg, geborne von Temeſch. P. S. Ich darf Ihnen zu ſagen nicht vergeſſen, daß Winkelmann, der ſchon lange Herrn Pro⸗ feſſor Heyne in Goͤttingen Hoffnung zu ſeiner Gegenwart in Deutſchland machte, dem Baron von Sperges endlich ſeine auf den zehnten April feſtgeſetzte Abreiſe von Rom gemeldet hat. Unſer 406 Baron iſt beauftragt, ihm den Titel als Se⸗ kretair der Akademie der Kuͤnſte mit der damit verknuͤpften Beſoldung anzubieten, aber der beruͤhmte Archeolog wird dieſe Gunſt wahrſchein⸗ lich ausſchlagen, da er ſich, wie man hoͤrt, nur mit großem Schmerz von Rom entfernt. Er gehoͤrt Italien ganz an, dort iſt ſein Ernte⸗ feld, dort lebt er nur in dem theuern Alter⸗ thum; da er auf dem kuͤrzeſten Weg uͤber Tyrol zu uns kommt, ſo werden wir ihn in den erſten Tagen des Mais in Wien beſitzen. Ich habe ſeine Geſchichte der Kunſt geleſen, Sie kennen ſie, wenn ich nicht irre. Wir muͤſſen uns dar⸗ uͤber beſprechen, denn ich will nicht unbewan⸗ dert erſcheinen, wenn der Autor zu mir koͤmmt; und der Baron von Sperges hat mir verſpro⸗ chen, daß ich einer ſeiner erſten Beſuche ſein ſollte. Leben Sie wohl, Friedrich, mein Brief kann gar kein Ende ſinden. Ich erlaube Ihnen, in Bezug alles deſſen, was Ihnen darinnen meine Freundſchaft nicht beweist, ihn zu lang zu finden.“— 1 Dieſer Brief verſchaffte Styndall ſehr an⸗ genehme Augenblicke, und rief tiefe Ueberlegun⸗ gen in ſeinem Geiſte hervor. Seine Neigung fuͤr Charlotten war noch mehr auf moraliſche 407 Eigenſchaften als auf glaͤnzende phyſiſche Vor⸗ zuͤge begruͤndet, und deshalb keiner Vermehrung faͤhig. Der Fuͤrſtin Liebe zu ihm athmete auf jeder Seite, und er war entzuͤckt uͤber die reißenden Fortſchritte ſeiner Liebe, und doch erſchrack er eben ſo ſehr davor. Welches Hin⸗ geben, welche Reinheit in dieſer Liebe! Nicht ein ehrgeitziges Wort, und ſelten ſind die Frauen von einer gewiſſen Weitſchweifigkeit frei, wenn ſte von ihrer Neigung reden. Der Englaͤnder fuͤhlte, daß dieſe Lage nicht auf eine unbe⸗ ſtimmte Weiſe laͤnger dauern koͤnne. Obgleich er den Beſitz einer ſolchen Frau als ein hoͤchſtes Gut betrachtete, ſo war ſeine Seelenſtaͤrke doch bereit, ſich das groͤßte Opfer aufzulegen, er hielt ſich dazu faͤhig. Ihm blieb noch vom Gluͤck genug uͤbrig; aber er mußte dazu auch die Einwilligung eines unſchuldigen reitzenden Weſens erwarten, das ſich ſeiner Neigung uͤber⸗ ließ, das ſchreckliche Geheimniß, worin das Hin⸗ derniß ihrer Vereinigung beſtand, nicht erfahren durfte, und dem das Recht zukam zu verlangen, daß er ſich nicht von den Gebraͤuchen des ge⸗ woͤhnlichen Lebens losſagte. Inzwiſchen war in dieſem Briefe eine ſolche Ruhe, und eine ſolche Jungfraͤulichkeit der Seele; die Worte waren ſo gewaͤhlt, und zugleich ſo ruͤhrend, daß Styn⸗ dall nicht an den Ausbruch des Sturms glaubte. Er ſchmeichelte ſich ſelbſt, daß ihn der Himmel beſtimmt haͤtte, ein beſonderes Gluͤck zu koſten, wo die Vereinigung der See⸗ len, ſich durch Entbehrung aller lebhaftern Ver⸗ gnuͤgen befeſtigte, und wo der von einer maͤnn⸗ lichen Tugend unterſtuͤtzte Platonismus, ſich fuͤr ihn mit den ſtets gegenwaͤrtigen Reiz phy⸗ ſiſcher Vollkommenheiten, auf deren Beſitz er verzichtete, ſchoͤner geſtalten wuͤrde. Der Englaͤnder uͤberließ ſich dem Strome dieſer anziehenden Gedanken, und ergriff dann die Feder, um Charlotten zu antworten. Die Menge der auf das Papier hingeworfenen Zei⸗ len druͤckte in gleichem Verhaͤltniß ſeine gluͤck⸗ liche Stimmung aus. Anders waͤre es geweſen, haͤtte der Gentleman eine genauere Kenntniß von der brieflichen Antwort gehabt, die die Fuͤrſtin von Oedenburg vom Beſchuͤtzer ihrer Jugend erhalten hatte. Ein Gefuͤhl von Schaamhaftigkeit, das zu ſchaͤtzen iſt, hatte die ſchoͤne Wittwe abgehalten, die hier folgenden Fragmente in ihre Abſchrift aufzunehmen. „Meine geliebte Tochter“, ſchrieb der fromme Maͤhre noch,„ich huͤte mich, deine 409 Furcht zu vergroͤßern; aber nach Allem, was ſich zugetragen hat, werde ichs auch nicht auf mich nehmen, ſie zu verringern. Die Weisheit der Menſchen iſt hienieden zu gering, als daß man ſich mit allem Zutrauen darauf verlaſſen koͤnnte. Das beſte Mittel, die vielen Gefah⸗ ren dieſes Lebens zu vermeiden, iſt immer, ſeine Pflichten gewiſſenhaft zu erfuͤllen. Meine alte Erfahrung giebt Dir einen Rath, der, meiner Meinung nach, in die Deinige eingreift. Deine Verbindung mit dieſem liebenswuͤrdi⸗ gen Fremden dauert nun faſt acht Monate. Eure Herzen ſind uͤbereinſtimmend, Ihr ſeyd einander werth; Alles beſtimmt, noͤthigt mich auf gleiche Weiſe zu dem Glauben, daß Du in ihm den durch Chriſtum treuen Seelen ver⸗ ſprochenen wiedergebornen Gemahl gefunden haſt. Heirathet Euch, mein Kind! mein Gefuͤhl ſagt mir, daß Deine und ſeine Gefahren ſo⸗ gleich aufhoͤren werden. Befeſtigen wir im Lenze zwei Weinſtoͤckchen an einander, ſo wer⸗ den ſie ſich der Schwaͤche ihrer Reben unge⸗ achtet gegen Stuͤrme aufrecht erhalten. Ihr ſeyd auch zwei junge Baͤumchen, und der Him⸗ mel wird mit Vergnuͤgen ſehen, wie Ihr Euch wechſelſeitig Huͤlfe leiſtet. 410 Eure Haͤnde ſind von jedem Laſter rein, ſie ſind ſelbſt durch gute Werke geheiligt. Eilt, ſie zu vereinigen! Zu lang aufgeſchobene Ehen werden, wenn ſie zu Stande kommen, ungluͤck⸗ lich. Die Einbildungskraft iſt zur Ueberſpan⸗ nung geneigt, alsdann rechnet man wechſelſeitig auf Vollkommenheiten, und irrt ſich zu ſeinem Verdruß; oder ſie erkaltet zu ſehr, und man laͤßt ſich in Verbindungen ein, die man ſchwie⸗ rig findet, bevor man ſie nur geſchloſſen hat. Unſere Maͤhriſchen Bruͤder ſind vor dieſer Un⸗ annehmlichkeit geſchuͤtzt; Chriſtus waͤhlt fuͤr ſie, und ſie huͤten ſich, ſtuͤrmiſche Leidenſchaften in die Bande zu bringen, die das ganze Leben hindurch feſthalten. Aeuſſere Gebraͤuche koͤnnen Dich in der Welt, wo dich die Abſicht der Vorſehung haͤlt, nicht beſtimmen; aber erlaube mir, Dir zu ſagen, wenn die Herzen ſich genug gepruͤft haben, ſo ſchickt es ſich nicht, das keuſche und verdienſtvolle Perſonen, wie Ihr, zu lange in dieſer Lage bleiben, womit die Welt⸗ kinder ſich groß machen, um ihr wenig regel⸗ maͤßiges Leben zu entſchuldigen, oder, um ſich Einſchmeichelungen hinzugeben, die wenig guͤn⸗ ſtig ſind. Meine liebe Tochter, dies waͤre Ver⸗ 411 laͤumdung gegen Dich, ich bin deſſen ganz ge⸗ wiß; aber es iſt nicht gut, daß die Tugenden auf der Erde verlaͤumdet werden; das Laſter wuͤrde ſeine Vortheile zu reichlich finden, auch wuͤrden die rechtſchaffenen Menſchen daruͤber zu betruͤbt werden. Ich fordere Dich auf, bald ein Verſprechen der Liebe am Fuße des Altares abzulegen. Ulrich Herberg wird aus dem In⸗ nern von Boͤhmen Geluͤbde fuͤr die Vereinigung Eurer tugendhaften Seelen zum Himmel ſen⸗ den. Als ein Greis von ſiebenzig Jahren ſtrecke ich meine bittenden Haͤnde uͤber Euer Haupt aus. Ich hoffe, der Gott, der Euch zuſammen gefuͤhrt und von lange her Euer eheliches Bett bereitet hat, alle ſeine Gnade darauf ſchuͤtten wird. Aus unſerer Gemeinde Kaurzim in Boͤhmen, den 5. Maͤrz 1768. Der vielgeliebte Bruder Ulrich Herberg.« Dies Bruchſtuͤck des Briefes vom Einſied⸗ ler, ſchien Charlotten mehr die wohlwollenden Wuͤnſche eines wenig mit den Gebraͤuchen der Welt bekannten Freundes auszudruͤcken, als daß ſie darin die Andeutung eines ausfuͤhrba⸗ 412 ren Planes haͤtte ſehen ſollen. Da ſie jedoch in den Rathſchlaͤgen des Greiſes einen Schatz von Weisheit fand, ſo ſchmeichelte ſie ſich, daß die von der erſten Autoritaͤt der oͤſtreichi⸗ ſchen Staaten ausgeſprochene hohe Meinung uͤber Styndalls Perſon, einigen Einfluß auf einen Entſchluß haben wuͤrde, den aufzufordern, ihr nicht zukam. Sie beſchraͤnkte ſich blos dar⸗ auf, den Gentleman ihre Unterredung mit dem Erzherzog treulich zu uͤberliefern. Jemehr der Englaͤnder darin erhoben ward, deſto mehr ſchien er ihr naͤher zu treten, wenigſtens in den Vorurtheilen des teutſchen Adels. Die Baronin von Stein betrachtete dieſe Dinge aus einem andern Geſichtspunkt. Sie hatte die letzten Worte des Kaiſers, bevor er den Saal verließ, geſammelt, in denen die Rede, von nicht gewuͤrdigten Stellen bei Hof, von den Gebrauch des Incognito, von Neid uͤber das Loos des Englaͤnders, von dem Vergnuͤ⸗ gen, Allen gleich zu ſein, und jedermann ſich gleich zu ſtellen. Dieſe Redensarten hatten ihren erſten Vermuthungen uͤber Styndall einen Zuwachs von Gewißheit gegeben, und ſie war von Vermuthungen zu Vermuthungen dahin gekommen, in ihm nichts weniger als einen 413 thronenden Fuͤrſten, oder den Sohn eines Fuͤr⸗ ſten zu ſehen, den Staatsgruͤnde zu einer Ab⸗ weſenheit genoͤthigt haͤtten. In Gedanken ſetzte ſie auf das Haupt ihrer Couſine ein Dia⸗ dem; kaum willigte ſie ein, den Werth deſſel⸗ ben, bis auf die herzogliche Krone herabzu⸗ ſetzen:„Gewiß“, ſagte ſie,„wenn Joſeph II. zu dergleichen Ausdruͤcken, in Betreff eines Fremden, ſeine Zuflucht nimmt, ſo weiß er, woran er iſt. Da er uns ſeit langer Zeit ver⸗ geſſen hatte, ſo kann ſein jetziger Beſuch nur eine Hoͤflichkeitspflicht ſein, von der ein Sou⸗ verain gegen ſeines Gleichen, der vielleicht wie er auf einem Throne ſitzt, zu unterlaſſen nicht wagen wuͤrde. 1 Friedrichs Antwort langte den folgenden Tag, wo Charlotte ihren Brief nach Wieden geſchickt hatte, im Palaſt von Oedenburg an und beſtaͤrkte die Baronin von Stein in ihrem Syſtem von Wahrſcheinlichkeit noch mehr; denn es ſtand darinn, daß in Abweſenheit des Gent⸗ leman ein Unbekannter, uͤber den, nach der Beſchreibung, er ſich unmoͤglich irren koͤnnte, in einem anſtaͤndigen Wagen vor der Thuͤre gehalten, und ſeinen Weg weiter fortgeſetzt hatte, als er nach dem Englaͤnder bei ſeinen 414 Bedienten vergebens fragte. Statt der Nach⸗. richt hatte er eine Karte mit den Worten zu⸗ ruͤck gelaſſen:„Ein Freund, der ſehr bedauert Sir Styndall bei der Fuͤrſtin Charlotte von Oedenburg an dem Abend des 6. Maͤrzes nicht angetroffen zu haben.«. Das Vertrauen, womit die Baronin von Stein in ihrer Meinung beharrte, fiel ihrer Couſine, die ihr ſchnell einen Theil von Friedrichs ſchnel⸗ ler Antwort ſchuldig war, Augenblicke lang auf. Die Unterredung uͤber dieſen Gegenſtand dauerte unter ihnen einige Stunden. Nach Verlauf derſelben blieb Charlotte, ohne ſich daruͤber ſehr zu beklagen, allein, und las den Brief ihres Freundes noch einmal, und ſchluͤrfte den ihrer Liebe angebotenen berauſchenden Trank mit langen Zuͤgen. Nachdem der Gentleman ſeinen Dank fuͤr das zaͤrtliche Intereſſe der Fuͤr⸗ ſtin mit ſeinem Schickſal abgeſtattet hatte, fuhr er fort:»In der Mittheilung, die Sie mir aus Ihrem Briefwechſel, mit dem ehrwuͤrdigen Ulrich gemacht, hat mich Manches ſehr geruͤhrt. Was er Ihnen von den Verhaͤltniſſen des In⸗ ſtinkts und der Vernunft unter einander ſchreibt, gehoͤrt meiner Meinung nach einer hohen Phi⸗ loſophie an, die auf eine wahre Kenntniß un⸗ 415 ſerer geiſtigen Conſtruktion gegruͤndet iſt. Dieſe Ueberſicht iſt mir ſo merkwuͤrdig vorgekommen, daß ich erſtaunt bin, ſie aus der Feder eines einfachen Maͤhren flieſſen zu ſehen. Vor ihm liegt ſtatt gelehrter Schriften, das Buch der Natur offen und ſein gerader Sinn hat eines der weiſen Geſetze errathen, durch die hienieden, vielleicht ſelbſt anderwaͤrts, die ganze belebte Schoͤpfung regiert wird. Ich wiederhole es Ihnen, Charlotte, ich bin erſtaunt daruͤber. Auch verwundre ich mich um etwas weniger uͤber die hohe Vernunft, und den Vorurtheilen widerſtrebenden, gluͤcklichen Gefuͤhle, die Sie auszeichnen. Einer ſolchen Schule mußte Ihre ſchoͤne Seele die ganze Kraft erhalten. Den Rath, den Sie mir durch den Mund Ihres weiſen Lehrers geben, nehme ich an. Ich werde mich huͤten, ohne Beweggruͤnde Gefahren zu ſuchen, die Sie erſchrecken. Es kommt mir zu, das zu ſchaͤtzen, was das Gluͤck gehabt hat, von, meiner liebenswuͤrdigen Freundin ausge⸗ zeichnet zu werden. Habe ich Ihnen nicht ge⸗ ſagt, daß es ſehr ſchwer, ſelbſt unmoͤglich iſt, Ihnen zu widerſtehen, wenn es Ihnen belieben ſollte, etwas anzuordnen? ich werde nicht der ſein, der ſich dieſer Abhaͤngigkeit entzieht. Sie gefaͤllt mir, ſie macht mein Gluͤck. Danken Sie in meinem Namen dem wuͤrdigen Herberg fuͤr ſeinen Segen. Er giebt ihn ohne Zweifel denjenigen, von dem er vorausſetzt, er ſei Ihnen theuer. Dieſer Beweggrund vergroͤßert meine Dankbarkeit. O Charlotte, es iſt ſehr erſprießlich, in dem Gebete eines rechtſchaffenen Mannes einen Antheil zu haben; ich habe deſ⸗ ſen mehr noͤthig, als ein anderer, und die Wuͤnſche des Greiſes, der ſeinem Grabe in Frie⸗ den entgegen geht, ſind durch ihre Uneigennuͤtzig⸗ keit, immer eine guͤnſtige Vorbedeutung fuͤr die, welche aus groͤßerer Ferne dem Ziele ihres Le⸗ bens entgegen gehen. Sie erwaͤhnen die nahe Ankunft des Abbe Winkelmann in Wien. Ich habe ihn in Rom einigemal nur fluͤchtig geſehen; aber ich habe ihn einmal recht aufmerkſam beobachtet, als ich zu Caſtel Gandolpho, einer von den Villen des Kardinals Alexander Albani, ſpazieren ging. Der beruͤhmte Preuße uͤberbrachte eben dagals dem Fuͤrſten von Anhalt Deſſau und ſeinem Reiſegeſellſchafter, dem Baron von Erdmanns⸗ dorf die Ehrenbezeugungen des Kardinals. Da ich keine Empfehlungsſchreiben an ihn, oder an die roͤmiſche Eminenz, ſeinen Patron, hatte, ſo bemerkte ich nur, ohne ihm zu nahen, daß er von mittlerer Groͤße iſt, ſeine Stirn, unter welcher kleine ſchwarze aber lebhafte Augen tief liegen, zu ſchroff zuruͤckſpringt. Dazu noch eine ſpitze Naſe und eine hagere Statur koͤn⸗ nen zuſammen kein angenehmes Aeuſſere bilden. Ich glaubte ſelbſt in ſeinen Zuͤgen einen weni⸗ ger offenen, als duͤſtern gruͤbelnden Ausdruck zu entdecken, der Maͤnnern ſehr gemein iſt, die den Studien der Beobachtung obliegen, und ich ziehe daraus einen wenig guͤnſtigen Schluß fuͤr den gelehrten und arbeitſamen Schrift⸗ ſteller. Ich glaube nicht, daß ich ihn durch dieſe Ausſage bei Ihnen herunter ſetze; denn es ge⸗ reicht Leuten, die ſich in phyſiſcher Hinſicht uͤber die Natur nicht zu erfreuen haben, immer zum Vortheil, daß ſie ſich nur vor Solche ſtellen, die von dieſer Seite keine Vollkommen⸗ heit erwarten; ſo vermeiden ſie den uͤbeln Ein⸗ druck des erſten Anblicks, und es wird ihnen leichter ein Vorurtheil zu ihren Gunſten um⸗ zuwenden, das mit der Zeit erblaßt iſt und ſich wenigſtens durch ein eben nicht ſchmeichelhaftes Erſtaunen befeſtigt. Vielleicht aus demſelben Grunde gewinnt die Schoͤnheit immer etwas, II. 27 .* 418 da ſie uns unverſehens ruͤhrt. Der Eindruck bleibt; er nimmt um ſo mehr zu, je weniger man darauf rechnete, und man wuͤrde einer Frau einen ſchlechten Dienſt erweiſen, waͤre ſie auch ſo ſchoͤn wie die Venus von Florenz, wenn man ihre Reize in dem Zirkel, wo ſie erſcheint, erheben wollte. Nur eine Nebenbuhlerin wuͤrde zu dieſer Taktik, welche ſelten den Erfolg ver⸗ fehlt, ihre Zuflucht nehmen. Ohne moraliſchen Ausdruck, der Ihrem reizenden Geſicht eine himmliſche Begeiſterung verleiht, weiß ich in Wahrheit ſelbſt nicht, ob Sie dieſer Probe widerſtehen wuͤrden, ſo natuͤrlich iſt es, daß unſer Geſchmack ſich an dem, was den leichte⸗ ſten Anſchein von Zwang hat, zu raͤchen ſucht. Unbeſtreitbar hat Winkelmann den ſchoͤnen Kuͤnſten große Dienſte geleiſtet. Haͤtte er auch nur die Aufmerkſamkeit des Publikums auf Meiſterſtuͤcke des Alterthums geleitet, ſo waͤre man ihm doch dafuͤr Dank ſchuldig; aber er hat daruͤber oft als wahrer Kenner geſprochen, er hat die vor ihm nicht wahrgenommenen Schoͤnheiten bekannt gemacht, und obgleich in ſeinen Abhandlungen oͤfter eine Begeiſterung weht, die das Maas uͤberſchreitet, ſo haben ſie doch Kuͤnſtler und die gebildete Welt 419 zu einem faſt vergeſſenen Studium angetrieben. Sein Buch: die Geſchichte der Kunſt bei den Alten, und ſeine Erklaͤrung verſchiedener Monumente, haben in Europa eine der Bildhauerkunſt guͤnſtige Revo⸗ lution bewirkt. Die griechiſchen und roͤmiſchen Sitten und Wiſſenſchaften werden dadurch ſelbſt eine große Popularitaͤt erhalten. Im Laokoon von Leſſing haben wir meiner Meinung nach das beſtimmteſte in dieſer Art. Die Wirkung der Winkelmannſchen Schriften wird ſich erhal⸗ ten, obgleich ſie der Verbeſſerung beduͤrfen, denn er hat den guten Geiſt gehabt, in ſeinem Style zierlich zu ſein, um ihre Lektuͤre ange⸗ nehm zu machen, gluͤcklich, wenn er in ſeine eigene Urtheile nicht das Vertrauen ſetzte, das er ſeinen Freunden zu leicht bewilligt! Jede Entdeckung iſt ſeinem Syſteme bald angefuͤgt. Sobald es demſelben einverleibt iſt, wird ſein Glaube unerſchuͤtterlich; man muß ihm Ehre erweiſen, ja ſogar ſeinen Irrthuͤmern. Dieſe unerſchuͤtterliche Anmaßung hat ihm vielen Ver⸗ druß verurſacht. Den groͤßten verdankt er einem Manne, der dieſes Despotismus uͤberdruͤſſig war, und das Joch deſſelben abſchuͤtteln wollte. Canova, ſein Freund, hat ihm vor zwei Jah⸗ 27) 420 ren, waͤhrend meines Aufenthaltes zu Rom, dieſen Streich geſpielt, und damit ſeine Eigen⸗ liebe gewiß ſehr ſchmerzlich gekraͤnkt. Ich wuͤrde Ihnen die Sache erzaͤhlen, wenn ich nicht be⸗ fuͤrchtete, die italieniſchen und teutſchen Jour⸗ nale, die im Jahre 1765 davon ertoͤnten, ſetz⸗ ten mich einiger Wiederholungen bei Ihnen aus. Uebrigens werden wir Gelegenheit haben, da⸗ von zu ſprechen, doch wohl verſtanden, nicht in Gegenwart des Mannes, den es angeht; denn der Takt, den er ſich bei den alten Mo⸗ numenten anmaßt, iſt dabei zu ſehr angegriffen, als daß dieſe Wunde nicht von neuem bluten ſollte. Noch zwei Worte uͤber den Abbe Winkel⸗ mann: Sie wiſſen wahrſcheinlich, daß er den Lutheriſchen Glauben mit dem Papiſtiſchen ver⸗ tauſcht hat. Ich wage daruͤber kein Urtheil auszuſprechen. Doch wuͤnſchte ich einen andern Beweggrund ſeiner Bekehrung, als den, womit ſich das Publikum traͤgt. Der gelehrte Preuße hat weder dem Reiz der Titel noch des Gluͤcks gehuldigt; ſein ganzes Verlangen war, die ver⸗ grabenen Alterthumsſchaͤtze Roms zu oͤffnen, die unordentlich zuſammen gehaͤuft waren. Des⸗ wegen mußte er ſich ohne Stoͤrung den Auf⸗ —— 421 enthalt im paͤpſtlichen Rom ſichern und dies war ein zweiter Grund, der ihn veranlaßte, zum Katholicismus uͤberzugehen. Nach meiner Meinung hat man hoͤhere Ruͤckſichten zu neh⸗ men, ehe man ſeinen Glauben aͤndert. Da die vornehmſten Handlungen des buͤrgerlichen und haͤuslichen Lebens an das Alte ſich knuͤpften, ſo muß man nothwendig, wenn man dieſes ver⸗ laͤßt, mit ſich ſelbſt uneins werden. Da nun auf dieſe Weiſe das Daſein ſich in zwei Theile trennt, ſo fragt es ſich, gegen welchen die Verdammung ausgeſprochen iſt, denn hier muß nothwendiger Weiſe ein Theil dem andern auf⸗ geopfert werden. Steht nicht zu befuͤrchten, daß es eben derjenige ſei, dem man blos einen zaͤrtlichen Vortheil zuſichern will, wie es ohn⸗ gefaͤhr das Aufſuchen alter Truͤmmern iſt? Allerdings iſt es etwas Wichtiges, gelehrt zu werden, aber noch wichtiger iſt es, ſich ſelbſe getreu zu bleiben, und weder fuͤr einige Etrus⸗ kiſche Kruͤge oder elende Kannen, ſeinen und ſeiner Vaͤter Glauben, Luͤgen zu ſtrafen. Der Abfall, der ohne innere Ueberzeugung erfolgt, iſt in meinen Augen nur eine Verruͤckung des Vortheils; ſobald man mich noͤthigt, ihn ohne Verfolgung, die die Taufe deſſelben iſt, anzu⸗ 422 nehmen, ſo zittere ich fuͤr die Geſellſchaft. Wenn ganze Voͤlkermaſſen, um ihren Zuſtand zu verbeſſern, einen neuen Cultus annehmen, ſo walten die politiſchen Intereſſen vor; der Werth der neuen Religion wird hoͤchſtens den Kindern klar. Und doch werde ich noch Muͤhe haben, meine Anſicht durchzufuͤhren. Ich bin vielleicht hierin etwas zu ſtreng; aber ich bin ganz entſchloſſen, in Winkelmann, deſſen Beſuch Sie erwarten, nur den raſtloſen Schriftſteller zu ſehen, der durch das Studium der Antike das Fortſchreiten eines Jahrhun⸗ derts befoͤrdert, und bin uͤberzeugt, daß er durch ſeinen Uebertritt zur katholiſchen Kirche ſich eben kein ſonderliches Anſehn verſchafft hat. Wie ich gehoͤrt habe, iſt er den Gebraͤuchen ſeiner Jugend treu geblieben, denn er ſingt, waͤhrend er des Morgens, da er keinen Bedien⸗ ten hat, ſeine Chokolade ſelbſt bereitet, ſeine alten lutheriſchen Lieder. Uebrigens beſchuldigt man ihn nicht der Habſucht, das macht ihm Ehre, auch kenne ich an ihm weder Titel noch Ehrenzeichen, und ſo hat er keine andere, als die Eitelkeit der Wiſſenſchaft, und die iſt ſtets erlaubt. Das Schiff des Lebens braucht in der That immer ein Segel. Wie viel Augen⸗ 423 blkke gaͤnzlicher Windſtille giebt es nicht, waͤh⸗ rend welcher die Paſſagiere ihre Laune gegen einander und oft gegen ſich ſelbſt auslaſſen. Alles gegen einander abgewogen, ſind die Fol⸗ gen der Eigenliebe weniger zu fuͤrchten, als ihre gaͤnzliche Abweſenheit, weil ſie Verbind⸗ lichkeiten auflegt, die oft ihre Beſſerungsmittel ſind, wenn ſie in Stolz ausartet und die Men⸗ ſchen mit Fuͤßen tritt, ſo bezeugt ſie zugleich ein Beduͤrfniß von ſehr wunderbarer Ausdeh⸗ nung. Mit ihrer eignen Natur im Wider⸗ ſpruch, iſt ſie gezwungen, in dem Augenblick, wo ſie ſich abſondert, ſich in eine andere Exiſtenz zu verſetzen. Ihr Altar iſt in ihr ſelbſt, aber dies entbindet ſie nicht, auſſerhalb Anbeter zu ſuchen, die ſie mit Schmach uͤberhaͤufen wird. Der Hebel durch den die Geſellſchaften bewegt werden, um ſich aus ihrem materiellen Leben zu erheben, liegt in Laſtern und Tugenden, und ich glaube, daß er ein großes, Geheimniß in ſich haͤlt, das noch nicht erforſcht worden iſt. Der ſchaͤndliche Nero wollte Beifall ern⸗ ten, waͤre es auch nur als Taͤnzer und die Grauſamkeit ſeines raſenden Despotismus er⸗ bettelte einen duͤrftigen Beifall. Der Beifall hat alſo doch etwas auf ſich. 424 4 „Der Beſuch eines Unbekannten, der a. nicht wenig verlegen gemacht hat, beſchaͤftigt mich jetzt ſehr.“ Hier folgt der Bericht, wie ſich Joſeph II. an der Thuͤre des Gentleman gezeigt; hierauf faͤhrt Styndall fort: „Es iſt alſo wahr, Charlotte, daß ich Ih⸗ nen Alles zu verdanken habe, was das Leben eines Sterblichen verſuͤßen kann. Sie wiſſen, ich habe nie nach der Gunſt der Maͤchtigen geſtrebt; mein Blick war nie auf den Thron gerichtet. Wehe dem, deſſen Herz von den Qualen ſeiner Bruͤder nur durch die Verord⸗ nung einer Canzlei oder durch das Verſprechen eines Adelbriefs geruͤhrt worden iſt. Ich muß demnach bekennen, daß ich bei dem Beifall, der mir in Ihrer Gegenwart zu Theil wird, nicht unempfindlich bleibe. Ich wiederhole Ihnen den des Erzherzogs. Ich bitte deswegen den Himmel um Verzeihung. Liebe und Tugend vermengten ſich jetzt in meinen Gedanken. Sollte es wahr ſein, daß ich in der Erfuͤllung meiner Pflichten, als Menſch mir einige Rechte mehr auf Ihre Achtung verſchaffe? Wuͤrde dieſe ſchoͤne Ausſicht in meinen Augen nicht jedes Verdienſt meinen ſchwachen Aufopferungen ent⸗ 425 ziehn? Ich zittere, dafuͤr geſtraft zu werden! Das Gluͤck, Ihnen theuer zu ſein, iſt ſo groß, daß es mich fuͤr die Zukunft beruhigt! Indem ich es koſtete, wuͤrde ich mich nicht der Gefahr ausſetzen, hienieden meine Unſterblichkeit abge⸗ kuͤrzt zu haben.. Dank ſei es Ihrem Briefe, meine Meinung uͤber dieſes Land hier iſt beſtaͤtigt. Sie haben mich in das Kabinet des jungen Kaiſers ge⸗ fuͤhrt; ich habe ſeinen Rathſchlaͤgen und ſeinen 2 Anſchlaͤgen beigewohnt. Er iſt mir von der Seite her bekannt, wie er ſich in Ihrem Saale gezeigt hat. Er wird Ihnen Freiheit auf Be⸗ fehl des Hofkabinets geben, und er wird unter Beguͤnſtigung des Inventars Gleichhelt anneh⸗ men. Dem ohngeachtet wuͤrde ich rathen, ihm beim Wort zu halten. Indem ich Ihr ſchoͤnes Geſpraͤch las, habe ich geglaubt, eine Seite der Jahrbuͤcher des großen Reichs, die die Toch⸗ ter des Agrikola nach einer Unterhaltung mit ihrem Gemahle dem Tacitus ſchrieb, zu durch⸗ laufen. Das Gruͤn entſprießt unter dem milden Hauch des Fruͤhlings; auf meinem Streifzuge bin ich einige Schluͤſſelblumen gewahr worden. Sie haben mir geſagt, daß es fuͤr uns noch 426 Spaziergaͤnge im Augarten giebt, daß die In⸗ ſelchen der Donau von den ſie beſtuͤrmenden Wogen verlaſſen worden ſind und ſich bald mit dem Laube der Erlen und der Buchen bekraͤn⸗ zen werden. Dieſes Laub, beſte Freundin, das der Himmel mir auf Erden finden ließ, ſoll unſer Haupt beſchatten, es wird wiederum un⸗ ſere ſuͤßen Unterhaltungen beſchuͤtzen! Sonne des Praters und der Leopoldsſtadt, ich begruͤße dich! der Tag ſei geſegnet, wo ich meinen Auf⸗ enthalt zu Wien nahm! geſegnet ſei die Stunde, wo Charlotte von Oedenburg die Guͤte hat, ſich deſſen zu erinnern. F. Styndall. P. S. Miß Riverß, deren Intereſſe mich einige Zeit theils zu Hauſe gefeſſelt, theils in der Stadt herumgetrieben, hat keinen von den Briefen, die ich an ſie in verſchiedene Haͤfen adreſſirt hatte, erhalten und wird morgen fruͤh nach Montpellier in Frankreich, abreiſen. Es iſt ein intereſſantes Weib. Ihre Geſichtsbil⸗ dung iſt nicht uͤbel, obgleich die Sorgen ihre Schoͤnheit etwas vermindert haben. Tom Syl⸗ cock ſoll ſie begleiten; ſeine Abweſenheit ſetzt mich einige Wochen in Verlegenheit, aber es 3——ÿõ —— 427 war mir unmoͤglich, ſie mit einem Kinde allein abreiſen zu laſſen. Da ſie in einer Poſtchaiſe reiſt, ſo glaubte ich, daß ihr ein Mann nuͤtz⸗ licher waͤre, als eine Kammerfrau. Der Ritter von St. Yoon hat mir kuͤrzlich geſchrieben; ſeine Geſundheit nimmt wenig zu. Er hat den Fratello nicht wieder geſehen, der ohne Zweifel ſeine Reiſe bis Paris fortgeſetzt hat. Das wird ſein Ranelagh ſein. Die großen Geſell⸗ ſchaften brauchen alſo Reinigungsmittel; o arme menſchliche Natur!« —ͤ 6* 8 4 ſnnmmnfnnfffffn 10 11 12 13 14 15 16 17