—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Gffensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der B 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rück jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. Die Bi ücher je hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe bliothek ſteht zur Em⸗ den Tag von Morgens gabe eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü . 3 n müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— echer auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. . 3 u— 5 .„ 5. Auswärtige Abonn e1 „ u 5„—„— aten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei ſolch ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und i hen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſ ſelben von mir gel atz des Ganzen verp 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf beſonders darauf laufmerkſam gemacht, der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem flichtet. af 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen 9. Diejenigen, welche die⸗ iehen, auch dafür zu ſte hen haben. Die Burg Helvin, oder die letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir, von Kerakrſy. Ein hiſtoriſch⸗ romantiſcher Roman für gebildete Leſer. 8 Aus dem Franzoͤſiſchen frei uͤberſetzt von C. G. Hennig. Vierter Theil. Zweite Auflage. Ronneburg 1830. Im Verlag bei Friedrich Weber⸗ Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Die Liebe wacht, und ſelbſt wenn ſie zu ſchlummern ſcheint, ſchlaͤft ſie doch nicht.*) Kaum in dies Zimmer eingetreten, lag Herr Bonnet auch ſchon auf den Knien, und die eine Hand an ſeine Stirn haltend, und mit der andern die von Madame Alloten ergreifend, welcher in dieſem Au⸗ genblicke zwei Briefe entſchluͤpften, rief er aus:„Liebenswuͤrdige Frau, ſo iſt denn Deine Laufbahn geendet, ach! durch Gram geendet! Dein Muth hat Deine geiſtigen und koͤrperlichen Leiden zu beherrſchen ver⸗ *)) Ich ſchlafe, aber mein Herz wachet. Hohe Lied Sal. V. v. 1. IV. Theil. 1 8 —— ℳ mocht, ſelbſt indem Du den einen unter⸗ lagſt ſiegteſt, Du uͤber die andern, die Kraft die dem phyſiſchen Leben entſtroͤm⸗ te, diente Dir zu Bekaͤmpfung der Uebel die es druͤckten, und Deine Seelenſtaͤrke unterſtuͤtzte die Schwaͤche der Organe: aber ach! Du wurdeſt ein Opfer Deiner Siege! Du, die ich ſeit ſo vielen Jahren wie eine Schweſter liebte, vielleicht noch inniger, da ich es nicht wagte es Dir zugeſtehen, liebenswuͤrdige Frau, eben ſo gut, als geiſtreich, ſo biſt Du denn nun fuͤr immer mit derjenigen vereinigt, deren Verluſt Du unaufhoͤrlich beklagteſt. Hen⸗ riette, Karoline Ihr ſeid nun wieder bei einander, eure Pruͤfungen ſind vollendet, aber ach! welch' einem traurigen Geſchicke uͤberlaßt Ihr uns alle! Was ſoll aus der armen Klementine werden, die Ihr ſo unausſprechlich liebtet? Von mir, ihr —.,— himmliſchen verklaͤrten Wefen iſt gar nicht die Rede, fuͤgte er ſchluchzend hinzu, ich weiß das gibt mir den Todesſtoß.“ Mit dieſen Worten ſtand der Doktor auf. Noch moͤchte er an dem Verluſte zweifeln, der ſich ſeinem praktiſchen Blicke aufdringt, er ſtellt die genauſten Unterſuch⸗ ungen an, ergreift auch die andere Hand Henriettens, fuͤhlt nach den Pulſen,— ſie ſchlagen nicht mehr— er verſolgt die Spur des Lebens bis zu ihrem letzten Standpunkte; von den Schlaͤfen fühlt er nach dem Herzen, alles ſteht ſtill, alles ſchweigt, alles iſt kalt und unbeweglich. Das Opfer des irdiſchem Daſeins iſt voll⸗ bracht; den Freunden bleibt nur noch uͤb⸗ rig, das ihrige, vielleicht das ſchmerzlichſte zu bringen. Nadame Allote lag voͤllig angekleidet, ſo wie ſie den Abend zuvor in Klementi⸗ 1* 6 nens Zimmer geweſen war, auf ihrem Bet⸗ te. Nichts war an ihrer Toilette veraͤn⸗ dert, nur eine leichte weiße baumwollne Decke verhuͤllte ihre Fuͤße, und ging bis an den Guͤrtel herauf. Ihr Geſicht, deſ⸗ ſen Zuͤge nur ganz unbedeutend veraͤndert waren, ruhte auf dem Kopfkiſſen; die Spitzenhaube war noch unter dem Kiene zuſammen gebunden, der Strohhut mit dem Veilchenbouquet, den ſie den Tag uͤber getragen hatte, hing an ſeinem Band uͤber dem naͤchſten Stuhle, woraus ſich ſchlie⸗ ßen ließ, daß ſie ihn erſt abgethan hatte, als ſie ſich zum ewigen Schlaf niederlegte. Gegen die Mode der damaligen Zeit, gin⸗ gen die Aermeln ihres Kleides, einer Art Pohlniſchen Rocks, bis an das Hand⸗ gelenk, denn ſie war eine der erſten ge⸗ weſen, welche die Mode, den Arm unbe⸗ 7 deckt zu tragen*) abgelegt hatte, vielleicht um die Magerkeit deſſelben vor Madame Delpont zu verbergen; auf dem Nachtti⸗ ſche lag noch ein Theil des Buchs: von der Nachfolge Jeſu Chriſti, bei dem fuͤnften Kapitel des dritten Buches aufgeſchlagen, welches von der goͤttlichen Liebe handelt. Die offenen Blaͤtter enthielten unter andern merkwuͤrdigen Stellen, auch folgen⸗ de:„Die Liebe wacht, und ſelbſt wenn ſie zu ſchlummern ſcheint, ſchlaͤft ſie nicht. Unter den groͤßten Anſtrengungen, ermuͤ⸗ det ſie nie; bedraͤngt, fuͤhlt iſie ſich nie beengt, aͤußere Stoͤrungen rauben ihr den innern Frieden nicht, ſondern gleich einer lebhaften und hellen Flamme, ſteigt ſte empor und ſtrebt muthig aufwaͤrts. 43) Damals gingen die Aermeln der Frauen⸗ kleider nur bis an den Oberarm. *½) Von der Nachfolge Jeſu Buch III Kap. V. Ferner 316en ds „Wie liebe ich Dich doch mehr als nich felbſt, nur um Deinetwillen lieb' ich mich, in Dir liebe ich alle, die Dich recht vom Herzen lieben, ſo wie es jenes Geſetz der Liebe gebietet, welches ſein Licht von Dir erhaͤlt! ¼*) Man koͤnnte in Zweifel ſeyn, auf wel⸗ cher von dieſen beiden Stellen Henriet⸗ tens letzter Blick gehaftet habe, wenn man nicht, um dieſes zu beſtimmen, ſich fol⸗ gende Bemerkung vielleicht zum Fingerzeig wollte dienen laſſen: jene Haͤlfte von der Haarlocke der Frau von Beaumanoir, welche Henriette mit Klementinen getheilt hatte, blickte zwiſchen dem Mouſſelin hindurch, der dem Kopfkiſſen zur Beſetzung diente, die Stelle, wo ſich dieſe Reliquien einer Fruͤhervollendenden befand, ließ wohl ver⸗ —₰ DVon der Nachfolge Jeſu Buch III Kap. V. 9 4 muthen, wem die letzten zaͤrtlichen Worte galten, die den Lippen Henrietteus ſich ent⸗ wanden. Dieſe halb verborgene Locke, und das in ſeiner Art einzige Buch, welches man eine ſanfte und ruͤhrende muſikaliſche Beglei⸗ tung der Worte des Evangeliums nennen koͤnnte, ſtanden mit einander in einem wahr⸗ haft harmoniſchen Einklange, ſie deuteten zugleich auf ein liebendes Herz? und auf eine mit ihrem Schoͤpfer in Frieden ſte⸗ hende Seele. Der am Pulten ſteckende Schluͤſſel diente zum Beweis von der frei⸗ willigen Verzichtung auf jedes irdiſche Be⸗ ſitzthum. Das Lichthuͤtchen bedeckte die Wachskerzez welche Kraft der Seele und welcher Ausdruck eines erhabenen und Gott ergebenen Gefuͤhls lag in dieſer Hand⸗ lung! Finſterniß und naher Tod! keines von beiden fuͤrchtete ſie und ohnſtreitig verloͤſchte aus Mangel an Nahrung ihr 10 Lebensfunke nur wenig Augenblicke nach der zugedeckten Kerze. Wahrlich es ge⸗ hoͤrte kein gemeiner Muth dazu, ſich ſelbſt auf dieſe Weiſe das ernſte Tndezeichen zu geben! Aite Alles dies hatte der Doktor mit ei⸗ nem einzigen Blicke uͤberſchaut, alles war ihm klar, er hatte alles verſtanden. Mit bitterm Schmerze und ehrfurchtsvoller Be⸗ wunderung erfuͤllt, hob er die beiden Briefe, die Madame Allote's Hand ent⸗ fallen waren, vom Boden auf. Der eine war an Madame Delpont. Bei dem An⸗ blicke dieſer Aufſchrift ſiel ihm mit einem Male der Gedanke aufs Herz, an den Jam⸗ mer, welchem dieſe ungluͤckliche Frau zur Beute werden wuͤrde, er fuͤhlte, wie ſchwach der Troſt waͤre, den er einem ſo ungeheu⸗ erm Schmerze entgegen zuſtellen vermoͤge, 11 und nahm zu der gewoͤhnlichen Quelle ſeine Zuflucht, der, wenn jede andere verſiegt, es nie an lindernden Balſam fehlt, er rief Marianen, und trug ihr auf nach dem Pfarrer von St. Nolf zu ſchicken. Aber dieſe antwortete ihm, in Thraͤnen zerflie⸗ ßend, daß, als ſie dieſen Morgen, fruͤher als ihre Inſtrukzion laute, in Henriettens Zimmer gegangen ſei, ſie ſich von der trau⸗ rigen Wahrheit uͤberzeugt habe, wovon ihr die geheimnißvolle Entfernung ihres Mannes bereits ein Vorgefuͤhl erregt haͤtte. Deswegen habe ſie ihn gleich nach ſeiner Zuruͤckkunft eiligſt nach dem Pfarr⸗ hauſe geſchickt. Uebrigens, fuͤgte ſie hinzu, war Yvon von dem Ungluͤcksfalle eben ſo unterrichtet als ich, denn, als er Sie be⸗ gleitete, hat funfzig Schritte vor der Burg die Schleiereule an ſeinen Hut geſtreift 12 und er hat den Todtenwagen(Carrick an nankou) geſehen.*) Mit zitternder Hand erbrach Herr Bonnet den zweiten Brief, der an ihn uͤberſchrieben war. Mehr als ein Mal verſuchte er, die dunkeln Wolken, die ſei⸗ ne Augen verfinſterten, und ihn am Leſen hinderten, zu vertreiben.— Hier ſein Inhalt. An Herrn Doktor Bonnet. Mein lieber Doktor, meine Trennung von Ihnen kann Ihnen nicht ganz uner⸗ *) Es iſt eine allgemein als wahr angenommene Sage unter den Landleuten von Nieder⸗Bretagne, daß, wenn jemand ſeinem Ende nahe iſt, der Tod⸗ tenwagen in der Nachbarſchaft vorbei rollt, und die Schleiereule den Tod des Kranken anzeige. Dies nenneu ſie Carrick an nankou. Es waͤre moͤglich, daß dieſe uͤbrigens ſehr poetiſche Vor⸗ ſtellung bei dem Armorikaniſchen Bauer ſich mit der Idee von der Fuhre verbunden hat, auf der ſie ihre Todten nach dem Begraͤbnißplatze bringen. 13 T wartet kommen. Ihr Scharfblick hat Sie gewiß uͤberzeugt, daß ich nicht lange mehr unter Ihnen bleiben konnte; und wenn ich Sie in Ihrer Rechnung getaͤuſcht habe, ſo iſt dies bloß um einige Tage geſche⸗ hen. Armer Doktor, beinahe koͤnnte die weibliche Eigenliebe michin Verſuchung füh⸗ ren, ſtolz zu werden, auf dieſen von der einfachen Ausgeberin von Helvin uͤber Ih⸗ re Kunſt davon getragnen Sieg. Ausge⸗ berin von Helvin, wie viel Reitz hat dieſe Benennung nicht fuͤr mich, wie gern ſehe ich ſie aus meiner Feder auf das Papier fließen. Ja, ich war gluͤcklich als Ausgebe⸗ rin von Helvin. Ich hatte nur Urſache dem Himmel zu danken, der mich auf dieſe Weiſe zwiſchen Karolinen und Klementinen geſtellt hatte. Und in der That erhielt die⸗ ſer kleine, wenn auch etwas duͤſtere Win⸗ kel der Erde nicht alles, was zu ſtinlem 14 Familiengluͤck erforderlich iſt? Wir drei (denn ich bin eitel genug um zu glauben, daß ich meinen Freundinnen unentbehrlich war, ſo wie ich keine von beiden haͤtte miſſen koͤnnen) Sie, trefflicher Mann, von welchem ich bald noch etwas zu ſagen ha⸗ ben werde, der gute, ehrwuͤrdige Leny, der wuͤrdige Arnoult, die Ferecs; denn ohne die Schlaͤge die uns zu Boden geſtuͤrzt haben, haͤtten wir dieſe in unſerer Nach⸗ barſchaft behalten, und, mit einiger Auf⸗ opferung, haͤtten wir Herrn Manſel mit unſerm Klima ausgeſoͤhnt; aber er lang⸗ weilte ſich: wir hatten ihm nichts als un⸗ ſern Schmerz darzubieten, und es waͤre grauſam geweſen, ihn von ſeinem Vorha⸗ ben dieſe Gegend zu verlaſſen, abwendig zu machen. Indeſſen habe ich die Abreiſe dieſer lieblichen Fanny ſehr beklagt. Sie fing ſchon an mit uns zu ſympathiſiren 15 und ich rechnete auf ſie, daß ſie mich der⸗ einſt bei Klementinen erſetzen ſollte, denn ſie hat von mir die zehnte Ader, ſei ſie nun gut oder ſchlecht; ſo daß, wenn ich von der Tugend meiner Mutter nicht ſo feſt uͤberzeugt waͤre, ich mich verſucht ge⸗ fuͤhlt haͤtte, Madame Ferec zu fragen, ob Herr Manſel vor ſeiner Reiſe nach den Kolonien, die erſten Jahre ſeines Le⸗ bens nicht in Liſieux aufgehalten haͤtte. Doch! wohin verirre ich mich, iſt das der ernſte Ton, der meiner Lage geziemt? Ich wollte Ihnen nur bemerklich machen, lieber Doktor, daß wir in Helvin gluͤck⸗ lich ſeyn konnten, weil wir, die großen Wiederwaͤrtigkeiten des Lebens abgerechnet, unſer Gluͤck ſo ziemlich in uns ſelbſt fan⸗ den. Ein ſchreckliches Ereigniß hat alles zerſtoͤrt. Es hat uns wie ein Blitz ge⸗ troffen;z wir alle drei haben bald entdeckt 46 von woher der Schlag kam. Aus gegen⸗ ſeitiger Schonung haben wir uns den Schein gegeben, als wenn wir keine Ahn⸗ dung davon haͤtten, wir haben uns gehuͤ⸗ tet, einen ſo ungluͤcklichen Gegenſtand in unſerer Unterhaltung zu beruͤhren, wir haben es ſogar zu vermeiden geſucht, daß ſelbſt bloße Vermuthungen, uns der Ge⸗ fahr ausſetzen, vor einander zu erroͤthen. Gott iſt gerecht, er har unſer Inneres ergruͤndet, und dieſe Schamhaftigkeit dreier Frauen, die ihnen nicht erlaubt hat, eines der ſchrecklichſten Ereigniſſe, das je durch Zulaſſung eines unerforſchlichen Verhaͤng⸗ niſſes Statt gefunden hat, unter ein⸗ ander zur Sprache zu bringen, und die in dieſem Gefuͤhle, eine nach der andern, die Welt verlaſſen haben, ohne ſich die furchtbare Wahrheit, deren Buͤrde jede von ihnen zu Boden druͤckte, mitzutheilen, dieſe 17 Schamhaftigkeit, ſage ich, wird vielleicht vor Ihm Gnade gefunden haben! Aber bei dieſer, eine ganze Familie ver⸗ nichtenden Kataſtrophe bin ich, mein theu⸗ rer Freund, nicht ganz vorwurfsfrei; ich war allerdings erſchrocken, als er das Chorhemd ablegte, ich haͤtte es noch mehr ſeyn ſollen, als er den Schleier zuruͤck⸗ ſchlug, und doch verſichere ich Sie, dieſer Mann war nicht zum Verbrecher geſchaffen! Wo iſt er hingekommen? was iſt aus ihm geworden? Ich weiß es nicht, und ich freue mich, daß ich vom Leben ſcheide, ohne es zu wiſſen. Noch draͤngt mich mein Gewiſſen zu bekennen, daß ich ein Verſehen begangen habe, das fuͤr unſer Ungluͤck vielleicht ent⸗ ſcheidend geweſen iſt. Statt unſeres ge⸗ woͤhnlichen Tiſchweins habe ich ihm zu⸗ verlaͤſſig eine Flaſche ſehr ſtarken Port⸗ IV Cheil. 2 — 18 wein, den ich noch vorraͤthig hatte, hingeſetzt; wenigſtens habe ich ihn ſeit je⸗ ner unſelgen Nacht vergebens geſucht... Muͤßte ich auf dieſen traurigen Gegenſtand nochmals zuruͤckkommen, ſollte er der Stoff zu meinen letzten Betrachtungen ſeyn, wahr⸗ lich ich koͤnnte nicht ruhig ſterben. Wiſſen Sie wohl, daß Sie, nach Karo⸗ linen und Klementinen nebſt unſerm wuͤr⸗ digen Paſtor meinem Herzen am naͤchſten waren; ja, warum ſollt ich es verheelen, offenherzig geſprochen, glaube ich, daß ich Sie noch ein wenig mehr liebte, als Herrn Leny. Dies Bekenntniß kommt ein we⸗ nig zu ſpaͤt, Sie haͤtten ohnſtreitig ge⸗ wuͤnſcht, daß es zu einer paſſendern Zeit gekommen waͤre, aber auch jetzt werden Sie es, wie ich uͤberzeugt bin, nicht verſchmaͤ⸗ hen, denn dieſer ernſte Augenblick giebt weder der Unwahrheit noch der Schmei⸗ 19 chelei Raum... Und da ich nun einmal im Zuge bin, großmuͤthig zu ſeyn, ſo be⸗ vollmaͤchtige ich Sie, etwas von meinem Haar, Sie wiſſen wohl fuͤr wen, abzu⸗ ſchneiden, und erlaube Ihnen ſich ſelbſt nicht zu vergeſſen. Nehmen Sie auch die Locke welche Sie unter meinem Kopf⸗ kiſſen ſinden werden, ich ſchenke Sie Ih⸗ nen, da ich Sie nicht ſelbſt behalten kann. Sie koͤnnen ſie, wenn es Ihnen Vergnuͤ⸗ gen macht, unter meine Haare miſchen, ſie werden einander nicht zuruͤck ſtoßen... Guter trefflicher Mann, wie beklage ich Sie! Zum zweiten Male kommen Sie in den Fall, ſich einer ſo traurigen Pflicht unterziehen zu muͤſſen; wir machen Sie auf dieſe Art zu unſern Oberkammer⸗ herrn... Ich wollte laͤcheln, und die Thraͤnen treten mir in die Augen!“ 20 Erſt nach verſchiedenen Ruhepunkten, die der Doktor ſeinem tief bewegten Ge⸗ fuͤhl verſtatten mußte, war er bis zu dieſer Stelle gekommen, ſie laut zu leſen waͤre ihm unmoͤglich geweſen, die Stimme haͤtte ihm verſagt. „Ich empfehle Ihnen Klementinen, ich vermache Sie Ihnen; die Tochter, die Schweſter, die Freundin meiner Freundin vermache ich Ihnen. Uebergeben Sie ihr den Brief, den ich nach meinem Abſchied von Ihnen vollenden werde, und der Ih⸗ nen, ſtatt meiner, meine Hand zugleich mit dem fuͤr Sie beſtimmten, darbieten wird. Es iſt dann zwar nicht mehr mein eigentliches Ich, aber doch iſt es auch kein anderes Weſen, und einige Stunden lang wird dieſe Hand in dem Augen meiner theuern Freunde, in den Ihrigen lieber Doktor, noch einen Theil meines Ich vor⸗ A ſtellen. Ach, der arme Roſenſtock von Helvin iſt ſehr entblaͤttert worden! Mein letzter Wille iſt bei Herrn Ar⸗ noult niedergelegt; ich habe keinen Grund zu befuͤrchten, daß man ihn nicht befolgen werde. Sie werden, das was ich Ihnen darinnen beſtimmt habe freundlich anneh⸗ men, denn ich weiß daß Sie nicht unge⸗ faͤllig gegen mich ſeyn wollen, wie man es ſo oft gegen die Verſtorbenen iſt. Einen ſolchen Beweis von Nichtachtung werden Sie mir nicht geben wollen, dafuͤr buͤrgt mir noch ein anderes Gefuͤhl. Ich habe unſerm Pathen, das Kind, welches man Eduard Delpont nennt, reichlich bedacht. Wer ſteht dafuͤr, daß man ihm, nach un⸗ ſern, in jeder Provinz ſo verſchiedenen Geſetzen, nicht dereinſt das Beſitzthum ſei⸗ ner Mutter ſtreitig mache. Ich habe ge⸗ glaubt dieſen moͤglichen Fall beruͤckſichtigen —ÿ= 22 zu muͤſſen. Klementinens Sohn ohne Brod! Ich zittre bei dieſem Gedanken. „Ich wuͤnſche ſo, wie Sie mich finden, beerdigt zu werden, und will nicht entklei⸗ det ſeyn. Meine Magerkeit wuͤrde einen widrigen Eindruck machen, und ich will weder Furcht noch Mitleid erregen, ich ſchaͤme mich nicht bis zu letzt Weib zu ſeyn; mein Schoͤpfer, der mich zu dieſem Geſchlechte beſtimmt hat, wird mir verzei⸗ hen, daß ich es bis jetzt nur zu oft ver⸗ laͤugnet habe. Leben Sie wohl, Doktor, leben Sie wohl mein wuͤrdiger Freund; ich moͤchte Sie fragen, wenn ich Ihre Antwort noch vernehmen koͤnnte, welch' ein Zufall einen Mann von Ihren Ver⸗ dienſten in den Flecken Helvin, und in die⸗ ſen abſcheulichen viereckigten Thurm ver⸗ ſchlagen hat, in welchem ich ſo lange gluͤcklich geweſen bin? Leben Sie wohl 23 Doktor, das Athmen faͤngt an mir ein wenig beſchwerlich zu werden. Doch dies Alles wird nicht ſo ſchmerzlich ſeyn, als ich fuͤrchtete.“ Henriette. Nachſchrift.„Ich trage Ihnen auf fuͤr meine Grabſchrift zu ſorgen, denn der Rektor hat mir verſprochen mir einen recht ſchoͤnen Platz anzuweiſen, und Sie wiſſen ſchon was ich darunter verſtehe. Hier iſt die Grabſchrift, und die Akademie der In⸗ ſchriften wird mir verzeihen; ſie nicht beſſer entworfen zu haben. So wie ſie iſt, iſt ſie mir gerade recht, und dies iſt genug. H. In dem Briefe befanden ſich auf einem Papierſtreifen, folgende wenige beſcheidene Worte:„Hier liegt Heuriette Re⸗ lou, verwittwete Allote, Freun⸗ din der Vicomteſſe von Beauma⸗ noir und Ihrer Tochter“ 24 Die Freuden und die Leiden, die Hoff⸗ nungen und die Beſorgniſſe, die Seele und das ganze Leben dieſer liebenswuͤrdi⸗ gen Frau, waren in dieſen Zeilen enthal⸗ ten. Der Titel den ſie ſich darinnen gab, war in ihren Augen Alles geweſen. Sie legte ihn nur auf kurze Zeit ab, um ſich ſeiner jenſeits wieder zu erfreuen, und wie Sie in dem an Klementinen gerichte⸗ ten Briefe, den wir gleich auch mitthei⸗ len werden, ſagte:„Sie hatte zwei Freundinnen gehabt, und verließ die Eine um zu der Andeyn zu gehen.“ Von einem eben ſo zaͤrtlichen, als ſchmerzlichen Gefuͤhle durchdrungen, naͤherte ſich Herr Bonnet dem Bette; er ſchnitt von den Haaren, welche ehedem dieſe kalte Stirn ſo vortheilhaft kleideten, eine Locke ab, legte die Haͤlfte davon in den eben mitgetheilten Brief, ergriff ehrfurchtsvoll 25 diejenige, die zwiſchen der Beſetzung des Kopfkiſſens ſtack, fuͤgte ſie hinzu und barg den Brief auf ſeiner Bruſt; und nach dieſer Handlung die fuͤr ihn, ohnerachter er ſich ganz allein im Zimmer befand, et⸗ was hoͤchſt Feierliches hatte, warf er ſich am Fuße des Lagers nieder, auf welchem die elenden, beinahe nur aus dem Gerippe beſtehenden Ueberreſte ruhten, die einem der geiſt⸗ und gemuͤthvollſten Weſen in ihrer beſcheidenen Anmuth einſt zur lieb⸗ lichen Huͤlle dienten. Hier konnte man ſagen, daß ſelbſt der Altar der Freund⸗ ſchaft ſeine Opfer verzehrt, da aber dieſes Opfer diesmal ein freiwilliges war, da die uneigennüuͤtzigſte, die reinſte Hingebung es dargebracht hatte, ſo blieb ihm auch das Verdienſt deſſelben ganz ungetheilt. Herr Bonnet war nur zu oft in dem Fall geweſen, die menſchliche Natur ſchwach, klein, eigenſuͤchtig und verachtungs⸗ oder mitleidswuͤrdig zu erblicken, aber ſo erha⸗ ben, ſo entzuͤckend, als in dieſem Augen⸗ blicke, war ſie ihm noch nie erſchienen, hier triumphirte der Geiſt in der That uͤber die Materie; und er ſchien ſich mit Verachtung von ihr losgewunden zu haben. Noch immer zu den Fuͤßen des Bet⸗ tes, den Blick auf das Geſicht ſeiner Freundin geheftet, ſeine Lippen auf ihrer vertrockneten Hand, rief er, nach einer, dem heiligſten Gefuͤhl gewidmeten Pauſe, wehmuͤthig aus: „Die Ruheſtunde iſt nun fuͤr Dich, liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf erſchienen! Dein Leben war kurz aber gehaltvoll; zum erſten Male haſt Du uns Thraͤnen erpreßt, Du die Du ſo viele geweint haſt!, Moͤge ein gerechter Gott Dir lohnen! Du warſt ei⸗ nes ſeiner ſchoͤnſten Werke hienieden, der 27 Dich in dies Leben rief, kann Dich bei Deinem Austritte aus demſelben nicht an⸗ ders als gnaͤdig empfangen. Ach warum lag es nicht in ſeinem unerforſchlichen Plane⸗ die Laſt deſſelben Dir und denen, die das Ungluͤck haben Dich zu uͤberleben, zu er⸗ leichtern.? „Ja wohl, das Ungluͤck Dich zu uͤber⸗ leben!“ wiederholte laut die Stimme einer hinter Herrn Bonnet knienden Per⸗ ſon, die bis jetzt ſchweigend dieſe Stellung angenommen hatte. Es war Madame Delpont, es war Klementine ſelbſt, welche der Doktor erſt bemerkte, als ſie ſich er⸗ hob, um in ſeine Arme zuruͤckzuſincken. Grauſame, ſchrie die junge Ungluͤckli⸗ che, die der Doktor muͤhſam in einen Arm⸗ ſtuhl gebracht hatte, Du verlaͤßt mich, ohne mir nur ein Lebewohl zu ſagen, mir, Die ich Dich mehr als mein Leben liebte, 28 mehr als meine Mutter, meine doch ſo guͤtige, ſo zaͤrtliche Mutter; mich die ich mich noch gluͤcklich gefuͤhlt haben wuͤrde, wenn Du es haͤtteſt uͤber Dich gewinnen koͤnnen, bei mir allein zu bleiben! Ach wie ſehr hat mich der Himmel dafuͤr beſtraft! Ja ich war hierinnen ſtrafwuͤrdig, ich weiß es, aber konnte ich von Deiner Hand dieſe Zuͤchtigung erwarten? O Gott! kein einziges Zeichen des Andenkens, der Theil⸗ nahme im Augenblicke einer ewigen Trennung!“ Ach, Sie vergaß uͤber ihren Schmerz die Worte der innigſten Liebe, die noch den Abend zuvor, in ihrem eignen Zimmer, den Lippen ihrer Henriette entſtroͤmt wa⸗ ren, ſie vergaß die heißen Kuͤſſe, die ſie ſich im Uebermaße ihrer Zaͤrtlichkeit einan⸗ der gegenſeitig gegeben und genommen hatten! 29 Nadame, antwortete der Doktor, der, die ſeinem Herzen ſo ſuͤße, ſo heilige Pflicht fuͤhlte, Henriettens Vertheidigung zu uͤbernehmen. Madame, ich bin feſt uͤberzeugt, daß ſie ſich kein Unrecht gegen irgend Jemanden in der Welt vorzuwer⸗ fen hat, ſie iſt weit entfernt geweſen Sie vergeſſen zu haben. In ihrer Hand be⸗ fanden ſich zwei Briefe, als ich hier ein⸗ trat: ſie waren fuͤr uns beide beſtimmt; hier iſt der Ihrige.“ Mit dieſen Worten uͤbergab Herr Bonnet Klementinen einen von einer brau⸗ nen Locke umſchlungenen Brief. Haſtig er⸗ griff ihn Madame Delpont, ſie druͤckte ihn mit einer beinahe konvulſiviſchen Beweg⸗ ung inbruͤnſtig an ihren Mund, ohne je⸗ doch eine Thraͤne zu vergießen, oder einen Seufzer hoͤren zu laſſen; man haͤtte in dieſem Augenblicke glauben koͤnnen, die 30 Bicomteſſe von Beaumanoir vor ſich zu ſehen.— Nach einigen Minuten Still⸗ ſchweigen brach ſie in folgende herzzerrei⸗ ßende Worte aus: „Warum hat doch die fuͤr mich be⸗ ſtimmte Gruft wieder zugefuͤllt werden muͤſſen? Warum bin ich nicht lebend hin⸗ abgeſenkt worden? Die beiden Weſen die ich hienieden am meiſten liebte, wuͤr⸗ den dann in Zufriedenheit ihrer gegenſei⸗ tigen Freundſchaft leben koͤnnen? Sie hat⸗ ten mich bereits beweint. Von Zeit zu Zeit wuͤrden ſie meiner noch gedacht ha⸗ ben? denn ich weiß gewiß, daß ſie mich nicht ganz aus ihrem Andenken verbannt haͤtten, und dies war mir genug. Dann wuͤrden nicht zwei Weſen auf dieſer Er⸗ de traurig vegetiren; ihr Daſein wuͤrde nicht zugleich ihnen zur Laſt, und andern zum Aergerniß gereichen, und der Him⸗ 31 mel haͤtte ſich einige Ungerechtigkeiten weniger vorzuwerfen!, Auf ſolche Abwege konnte dieſer re⸗ ligioͤhe und gefuͤhlvolle Charakter durch das Uebermaß des Schmerzes gerathen! Ich habe keine Thraͤnen mehr, fuhr ſie fort, fuͤr Niemanden habe ich Thraͤnen mehr, vergebens wuͤnſchte ich welche um mich vergießen zu koͤnnen, Thraͤnen erleichtern, fuͤr mich giebts keine Erleichterung mei⸗ nes Schmerzes. Rings um mich ſind alle meine Freunde von den Schlaͤgen des Un⸗ gluͤckIs getroffen worden. Das Verbrechen mich zu Lieben, zog Tod oder Verbannung nach ſich, was mir noch uͤbrig bleibt, iſt zu Leiden verdammt: auch Sie werden es erfahren Doktor, es wird noch beſſer kommen, glauben Sie meinen Worten, wer mit mir in Verhaͤltniſſen ſteht, iſt dem Tode verfallen. Der Himmel wird endlich 32 muͤde werden mich zu verfolgen, dieſen Troſt hoͤre ich alle Tage, aber wenn?— Wenn alles was um mich her athmet von meiner Seite verſchwunden ſeyn wird!“ Mit einem ſchwermuͤthigen Kopfſchuͤt⸗ teln antwortete der Doktor:„Mein Op⸗ fer iſt gebracht!“— Zum erſten Male verließ dieſen Mann der Muth. Was Klementinen betraf, ſo entſchluͤpfte ihr kein Wort, das nicht das Gepraͤge einer dum⸗ pfen Verzweiflung trug. Gleich einer zwei⸗ ten Niobe hatte ſie keine Thraͤnen mehr, es war ein düſtrer Schmerz, es war eine Wetterwolke an einem brennend heißen Sommertage, an welchem kein Troͤpfchen Regen die gluͤhende Luft abkuͤhlt. „Wollen Sie nicht ihren Brief leſen?“ fragte ſie endlich Herr Bonnet. Sie wuͤnſchten ja ein Andenken von Ihrer Freundin, von unſerer guten Henriette zu 33 beſitzen, hat es jetzt ſeinen Werth bei Ih⸗ nen verlohren? Dieſe offene Sprache konnte ſich der Arzt und der Freund erlauben, und ſie verfehlte ihren Zweck nicht:„Ach ja, rief ſie gleichſam zu ſich ſelbſt kommend, laſſen Sie uns Henriettens Brief leſen! Sie ſollen hoͤren was unſere geliebte Al⸗ lote mir ſagen wird. Nachdem ſie den Umſchlag in lebhafter Haſt herabgeriſſen hatte, laß ſie mit lauter Stimme. Aber ihr Ton, welcher Anfangs ziemlich feſt war, wurde bald weicher und ein milde⸗ res wehmuͤthiges Gefuͤhl ſchien den Weg zu ihrem Herzen gefunden zu haben, um es den letzten Worten ihrer Freundin zu oͤffnen. Hier der Inhalt des Briefs, den das intereſſante Geſchoͤpf, deſſen trauriges Bild, faſt koͤnnte man ſagen, deſſen Ruine IV. Theil. 3 34 6 ooorr ihnen lag, erſt vor wenig Stunden geſchrieben hatte: In Deiner Naͤhe am 4 April 1780. Klementine! Verzeihe mir, daß ich ſterbe, verzeihe mir beſonders daß es nicht vor Deinen Augen geſchieht! Vor allen Dingen, meine holde Freundin muß 4. ich Dir ſagen, daß ich mein Leben ſo lauge als moͤglich gefriſtet habe, um mich 1 Deiner Gegenwart zu freuen, und um Dir der meinigen genießen zu laſſen, die fuͤr Dich, wie ich weiß, einigen Werth hat. V Ich war dies mir ſchuldig, weil es mich begluͤckte, ich war es Dir ſchuldig wegen des Deiner Mutter gegebenen Verſpre⸗ chens. Ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich es treulich erfuͤllt habe. Gott i*ſt mein Zeuge, daß die Natur, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, mich ſchneller ans Ziel gefuͤhrt haben wuͤrde. Meine Anſtrengungen ha⸗ ben ſie auf kurze Zeit, vielleicht fuͤr einige Monate aufrecht erhalten. Hier hielt Madame Delpont mit Le⸗ ſen inne:„Anſtrengungen“ ſagte ſie„es koſtete Dir Anſtrengungen Henriette, und fuͤr ſo kurze Zeit?!— bald wirſt Du mir die Stunden zuzaͤhlen!“ Sie laß weiter... „Dann meine theure Freundin, habe ich geglaubt, Du wuͤrdeſt mich entſchuldigen, wenn ich nicht wuͤnſchte, daß Du Zeuge waͤreſt von den immer ein wenig trauri⸗ gen Vorbereitungen fuͤr jenem langen Schlaf. Halte mich nicht fuͤr beſſer als ich bin, geliebte Klementine, ich habe nicht etwa bloß Dein Gefuͤhl ſchonen wol⸗ len. Laß mir immer ein wenig Selbſt⸗ ſucht hingehen, mir ſelbſt, mir nur habe ich dieſe letzten Augenblicke zu erleichtern geſucht. Glaubſt Du nicht, daß wenn ich 3 X neben Dir mich befunden, meine Hand in der Deinigen gefuͤhlt, mein Auge aus Deinen Blicken Nahrung fuͤr meine Zaͤrt⸗ lichkeit geſchoͤpft haͤtte, waͤhrend die Le⸗ benskraft aus Mangel an Zufluß haͤtte verloͤſchen muͤſſen, glaubſt Du nicht, ſage ich, daß die Schmerzen der Trennung die meinen Buſen zerreißen, fuͤr mich noch herber geweſen ſeyn wuͤrden? Rein Kle⸗ mentine, nie wuͤrde ich den Muth gehabt haben, mich freiwillig zu einem Opfer zu entſchließen, das zu verſchieben unmoͤglich geweſen waͤre! Haͤtteſt Du wuͤnſchen koͤn⸗ nen, mich in einen ſo angſtvollen Zuſtande die Welt verlaſſen zu ſehen? Meine theure Freundin, Du wirſt mir hierinnen, waͤr's auch nur in Beziehung auf mich ſelbſt, Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, und Deine Henriette wird von Dir deshalb Verzeihung erhalten.“ 37 Hier unterbrach ſich Madame Delpont ſelbſt, und ſagte, aber in einem ſanftern und ruhigern Tone:„Da ſpricht ſie ſich ganz aus dieſe edle Seele, die ſich im⸗ mer vergißt, und ſelbſtſuͤchtig ſcheinen will, wenn ſie ſich aufopfert. Sie werden ſe⸗ hen Doktor, bald wird ſie mir zumuthen, Ihren Verluſt gar nicht zu beklagen! Sie laß weiter. „Du wirſt Dich erinnern, daß, als wir uͤber eine Stelle von Sterne nochmals nachdachten, die man uns uͤberſetzte, und deren Inhalt wir Anfangs im hoͤchſten Grade gemisbilligt hatten, wir am Ende doch, wenigſtens zum Theil, der Anſicht des armen Yoriks beipflichteten, der einen großen Vortheil darinnen findet, in einem Gaſthofe, fern von allen ſeinen Verwand⸗ ten und Freunden zu ſterben. Wir konn⸗ ten uns nicht enthalten, zuzugeben, daß — 38 der Schmerz, das Leben zu verlaſſen, mit⸗ ten unter den Beweiſen von Zaͤrtlichkeit und dem Jammern der Familie, zu furcht⸗ bar iſt, wir gingen ſo gar ſo weit zu bezwei⸗ feln, daß ein ſo heftig bewegtes Gemuͤth ſich mit ſich ſelbſt und mit ſeinem Schoͤpfer gehoͤrig beſchaͤftigen koͤnne. Nun denn Klementine wirſt Du mir zuͤrnen, daß ich es nicht habe wollen darauf ankommen laſ⸗ ſen? wirſt Du mir zuͤrnen Dich in den Stand geſetzt zu haben, in Zukunft mit, mehrerer Nuhe Dich eines Weſens zu er⸗ innern, das ſich Deiner nicht unwuͤrdig ge⸗ macht hat?“ Hier hielt Madame Delpont wieder inne und rief aus:„Hatte ich es nicht geſagt? Man ſoll ihren Verluſt nicht ein⸗ mal beklagen. Außerordentliche Frau, zu gleicher Zeit liebenswuͤrdig und grauſam!“ Weinend laß ſie fort: 79 „und endlich muß ich Dir im Vertrau⸗ en ſagen, daß ich die Meinung eines Man⸗ nes von Gewicht fuͤr mich habe. Ich ha⸗ be Herrn Leny gefragt, ob man als gute Chriſtin, in meiner Lage auf dieſe Weiſe ſein Leben beſchließen koͤnne. Anfangs war er, ich darf dies nicht bergen, uͤber dieſe Frage erſtaunt, er dachte daruͤber nach und ſagte, indem er aufſtand und fortging, ohne daß ich Zeit hatte, uͤber ei⸗ nen andern Umſiand, der mir am Herzen lag, bei ihm anzufragen, indem er, ſeiner Gewohnheit nach, einige bibliſche Stellen anfuͤhrte:“ Es kann geſchehen, Sie ſind vorbereitet.„Du ſiehſt, meine theure Freundin, daß ich bei einiger natuͤrlicher Lebhaftigkeit, deshalb nicht zu leichtſinnig geweſen bin; dieſes Fehlers hat man mich nie geziehen, und Du wirſt gewiß auch nicht dieſen Augenblick waͤhlen, um mich ——— — 40. zu verdammen, Du die mir nie einen an⸗ gern Grund zur Klage, als uͤber Deine allzu große Nachſicht gegen mich gegeben hat! „Alſo nur vor mir hat ſie ihren Zu⸗ ſtand verheimlicht!“ unterbrach ſich hier Madame Delpont. „Nein“ erwiederte traurig Herr Bon⸗ net, ich bin auch um acht Tage von ihr getaͤuſcht worden:“ ſie fuhr fort: „Und nun noch ein aufrichtiges Bekennt⸗ niß Du weißt wie ſehr ich Deine Mutter liebte; ich habe als Karolinens Jugend⸗ geſpielin ihre verſchiedenen Schickſale mit ihr getheilt. Sie hat kein freudiges oder trauriges Geheimniß gehabt, in das Sie mich nicht eingeweiht haͤtte; es hat ſich, wenn ich einen einzigen furchtbaren Zeit⸗ punkt ausnehme, kein Gedanke in mir ge⸗ regt, den ſie nicht in meinen Mienen ge⸗ 41 leſen oder den ich ihr nicht muͤndlich mit⸗ getheilt haͤtte, Du, die mir beinahe eben ſo theuer iſt, haſt wohl vorausſetzen koͤn⸗ nen, daß ich das Hinwelken ſo vieler Rei⸗ ze, den Untergang ſo vieles Trefflichen in der Perſon meiner Jugendfreundin nicht mit Gleichguͤltigkeit wuͤrde haben anſehen koͤnnen: dieſer Schlag hat mich ſchrecklich erſchuͤttert; wohin wir auch mit unſerm Schmerze haͤtten fliehen koͤnnen, eine ſol⸗ che Wunde wuͤrde immer geblutet haben, ich wuͤrde ſie uͤberall mit mir herumgetra⸗ gen, ſie wuͤrde endlich meinen Tod herbei⸗ gefuͤhrt haben. Der Umgang mit Dir hat dieſen Tod weiter hinausgeruͤckt, dies kann ich vor Gott bezeugen. Ja ich muß Dich uͤber jeden Deiner Skrupel beruhigen, ma⸗ che Dir ja keine Vorwuͤrfe daruͤber, daß wir auf der Burg geblieben ſind, oder glau⸗ be, daß ein anderer Aufenthalt mein Leben 42 haͤtte verlaͤngern koͤnnen. Wenn ich einen augenblicklichen Gedanken gehabt habe, mich von hier zu entfernen, ſo iſt er mir nur deinetwegen aufgeſtiegen, mein Geiſt wuͤrde immer bei unſerm kleinem Kirch⸗ thurme von Nolf gegenwaͤrtig geweſen ſeyn, ich wuͤrde zuviel gelitten haben, wenn ich nicht wenigſtens dann und wann ſeine Spitze geſehen haͤtte— ich haͤtte es frei⸗ lich vor dir verheimlicht... „Noch eine Vorausſetzung: haͤtte ich Deine Mutter allein uͤberlebt, ſo wuͤrde ich mich vor dem neuen Beſitzer dieſer Burg auf die Knie geworfen, ich wuͤrde ihn gebeten haben, mich mein Leben hier beſchließen zu laſſen, und er wuͤrde ſehr bald von mir befreit worden ſeyn. Du allein, meine holde Klementine, haſt mich, ſeit dem traurigen Tage, an welchem Ka⸗ roline uns verlaſſen hat, hienieden noch 43 zuruͤckgehalten! Von fuͤnf Jahren danke ich Dir wenigſtens zwei, und dieſe zwei ſind mir nicht ohne manchen ſuͤßen Genuß verfloſſen!“ IWeig Hier hielt Klementine inne; ein pei⸗ nigender Gedanke draͤngte ſich in ihr em⸗ por!„Wie koͤnnte ich ihr grollen,“ ſagte ſie,„Sie liebte meine Mutter vielleicht aͤbermaͤßig, aber habe ich als ihre Tochter ſte auch genug geliebt? Gute Henriette, Du warſt vielleicht wuͤrdiger als ich, ihren ganzen Werth zu begreifen!— Jetzt kam ſie an die letzten von Henriettens Hand geſchriebenen Zeilen, deren Zuͤge weit we⸗ niger feſt waren als die vorhergehenden: „Ich habe gezoͤgert das„Lebe wohl“ niederzuſchreiben; und doch!— meine „Hanud, mein Kopf, mein Herz, alles mahnt mich an dieſes ernſte Wort!— So lebe denn wohl, liebenswuͤrdige Frau! Lebe wohl, Du jugendliche Gefaͤhrtin meiner Einſamkeit! Ich hatte zwei innig geliebte Freundinnen; ich verlaſſe die eine nur um zu der andern zu kommen. Ohne dieſe feſte Ueberzeugung wuͤrde ich ein Raub der Verzweiflung werden; ich wuͤrde mich gegen den Tod, wie ein ungezogenes Kind ſtraͤuben, denn ich liebe Dich unausſprech⸗ lich Klementine, und um dieſe Liebe auf⸗ zugeben, bedarf es einer großen Entſchaͤ⸗ digung: mein Herz bedarf fuͤr jetzt noch Karolinens oder Klementinens, und der⸗ einſt beider! Ich rechne auf ſie; Ließ das fuͤnfte Kapitel des dritten Buchs aus der„Nachfolge Jeſu“ und ich bin oͤberzeugt, daß Du an mich denken wirſt. Ich weiß, daß Du es nicht billigſt, wenn Freunde einander das„Lebe wohl“ verkuͤmmern; dieß ſagteſt Du mir, vor nunmehr beinahe ſechs Jahren in einem ſehr feierlichen Augenblicke. Nun denn Klementine, ich habe Dich nicht darum gebracht; habe ich Dir geſtern Abends nicht noch zwei zaͤrtliche Kuͤſſe gegeben? Die Deinigen weilen noch auf meinen Lip⸗ pen, die ſich im Erkalten noch durch ſie erquickt fuͤhlen. Henriette.“ Klementinen verließ in ihrem heftigen herzzerreißenden Gefuͤhl, die Kraft dieſe letzten Worte auszuſprechen. Von Schluch⸗ zen unterbrochen, vermochte ſie kaum, ſie herauszuſtammeln. Die letzte, vermuthlich in verſchiedenen Abſaͤtzen geſchriebene Seite dieſes Briefs, war von ihren Thraͤnen durchnaͤßt, welche wahrſcheinlich manche fruͤher darauf geweinten uͤberdeckten. Eben wollte ſie aufſtehen, um ihre Freundin zum letzten Male zu umarmen, und ſich dann zu entfernen, was der Doktor end⸗ lich uͤber ſie vermocht hatte, der ſelbſt im tiefſten Schmerz verſunken war; als ſie ganz unten an der Seite noch drei blaſſe, faſt unleſerlich gekritzelte Zeilen bemerkte. Ungluͤcklicher Weiſe gelang es ihr ſie zu entziffern: Hier ihr Inhalt. N. S. Waͤren wir nicht zuweilen ge⸗ gen den kleinen Eduard zu ungerecht ge⸗ weſen? Liebkoſe ihn jeden Abend wenig⸗ ſtens ein Mal in meinen Nahmen. Kle⸗ mentine ich empfehle Dir Dein Kind. Bedenke daß Du auch einſt aus deiner Mutter Schooße in meine Arme uͤberge⸗ gangen biſt!“ Kaum hatte Madame Delpont dieſe Zeilen durchlaufen, durch welche eine zu große Anzahl peinlicher Erinnerungen in ihrem Innern aufgeregt wurden, als ploͤtz⸗ lich eine furchtbare Verwandlung mit ihr 5 47 vorging. Ihre Miene verzog ſich ſchreck⸗ lich, man haͤtte ſie kaum ohne Entſetzen anſehen koͤnnen, denn mit einem Male ſtell⸗ ten ſich ihrer Einbildungskraft alle Schreck⸗ niſſe ihrer Lage dar, ſie fuͤhlte, daß die Geburt ihres Kindes ihrer Mutter und ihrer Freundin das Leben gekoſtet hatte; mit einer Heftigkeit, deren ſie Niemand faͤhig gehalten haͤtte, ſchrie ſie uͤberlaut:„Ver⸗ flucht ſei die Nacht oder der Tag, der dieſem Weſen das Daſein gegeben, ver⸗ flucht der Schoos der es getragen hat!“ Der Schall dieſes Fluchs pflanzte ſich von den Waͤnden des Zimmers nach der Gallerie fort, eben als Herr Leny in Be⸗ gleitung des Herrn Arnoult eintraten. Nachdem der Rektor den Leichnam mit dem Zeichen des Kreuzes begruͤßt hatte, wandte er ſich gegen Klementinen und ſagte zu ihr mit einer Strenge im Tone — und Worten, wie er ſie ſeinem Amte ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte: „Madame, die Urſachen Ihres Sährner⸗ zes ſind nur zu gerecht, und ich will die Idee von Ihrem Ungluͤcke in Ihrem Ge⸗ muͤthe nicht ſchwaͤchen, denn es iſt ſo groß, als es nur immer ſeyn kann, da Sie ſich aber eben ſo gut wie dieſer vor Ihnen liegende Leichnam in Gottes Hand befin⸗ den, koͤnnen Sie vergeſſen daß Sie nur von Ihm und ſeiner Barmherzigkeit, Heil zu erwarten haben? Gibt es denn fuͤr Sie keine Ewigkeit? Iſt denn der Menſch nur allein fuͤr dieſes gegenwaͤrtige Leben beſtimmt? Iſt dies der Fall, dann moͤgen die Altaͤre immerhin zertruͤmmert werden, ich bin nichts als ein Prediger des Be⸗ trugs! dann bleibt uns nichts weiter uͤbrig, als in Vereinigung mit dem Tode, das moͤglichſt vortheilhafte Buͤndniß mit der — 2— 49 Hoͤlle oder vielmehr mit der Vernichtung abzuſchließen; wie der Prophet Jeſaias von dem abtruͤnnigen Israel ſagt:“ Denn ihr ſprechet: Wir haben mit dem Tode einen Bund, und mit der Hoͤlle einen Verſtand gemacht.*) Aber, wenn es noch einen andern Gott als den Tod, die Hoͤlle oder des Nichts gibt, wenn Tod, Hoͤlle und Vernichtung unter ſeiner Bothmaͤßigkeit ſtehen, wer hat Ihnen das Recht gegeben, das Werk ſei⸗ ner allmaͤchtigen Hand zu verwuͤnſchen? Wie? der Fluch uͤber den Tag und die Nacht, iſt uͤber Ihre Lippen gegangen! Wiſſen Sie nicht, daß, waͤhrend des einen Tauſende von Geſchoͤpfen den Urheber ih⸗ res zur Thaͤtigkeit beſtimmten Lebens ſeg⸗ nen, und eben ſo viele waͤhrend der andern —y— 0) Jeſaias Kap. XXVIII v. 15. IV. Theil. 4 Ihm fuͤr die Ruhe danken, die beſtimmt iſt ihre Kraͤfte zu erſetzen, und Sie flu⸗ chen ihnen? Sie verfluchen ſogar Ihren Schoos, und ſeit wenn ſteht denn der Leib der Mutter und was daraus hervorgeht, nicht mehr unter Gottes Obhut? Sagt denn nicht die Schrift, wenn ſie von den Frauen der Erzvaͤter ſpricht, mit ausdruͤck⸗ lichen Worten, daß Gott„Sie frucht⸗ bar machte.“*) Ihrem Mutterſtande fluchen, heißt alſo Gott ſelbſt fluchen, der der Urheber des Naturgeſetzes iſt, zu Folge welchem das Weib Kinder gebiehrt! Meine geliebte Tochter, fuhr der wuͤr⸗ vige Rektor in ruhigern Tone fort, koͤnnen Sie ohne Wahnſinn den Geſetzen der Natur wiederſtreben wollen? Nach einem dieſer Geſetze ſind Sie Mutter ihres Kindes ge⸗ *) 1 B. Moſ. Kap. XXIX v. 31. 51 worden: es iſt Ihre Pflicht es zu lieben; ein anderes dieſer Geſetze hat Sie zweier zaͤrtlichen Freundinnen beraubt, die Ihnen allerdings durch einen fruͤhzeitigen Tod entriſſen worden ſind. Nehmen wir in⸗ deſſen an, daß dies funfzehn oder zwan⸗ zig Jahre ſpaͤter geſchehen waͤre: was iſt dieſer Zeitraum gegen die Ewigkeit? Sie wuͤrden verfließen, und Sie ſich nach de⸗ ren Verlauf in demſelben Falle wie jetzt beſinden; Sie wuͤrden denſelben Schmerz fuͤhlen, am Ende muͤßten Sie ſich doch un⸗ ter Thraͤnen trennen, denn koͤnnten Sie ſich wohl ſchmeicheln alle drei unſterblich zu ſeyn! ein wenig fruͤher, ein wenig ſpaͤter, dieſem ernſten Naturgeſetze koͤnnen Sie ſich nicht entziehen. Statt zu mur⸗ ren nehmen Sie ſich vielmehr ein Beiſpiel an dieſer edeln Frau, die wir alle ſo in⸗ nig geliebt haben, wie wir Sie lieben; 4.* £ 52 und die ſich von mir die Erlaubniß erbat, fern von ihren Blicken zu ſterben, nachdem ſie ſich zuvor geſtern fruͤh durch den Ge⸗ nuß des geſegneten Brodes, und durch die Worte des Friedens, die ich aus der un⸗ verſiegbaren Quelle des Evangeliums ſchoͤpfte, geſtaͤrkt hatte. Ich fuͤgte mich Ihrem Wunſche, indem ich die tiefe Ruͤh⸗ rung, in welche mich ihr hoher Muth ver⸗ ſetzte, ſo viel als moͤglich vor ihr zu ver⸗ bergen ſuchte.„Dieſe Nacht“ ſagte ſie, „wird meine letzte ſeyn, davon bin ich auͤberzeugt, und es wird mir zu einem ſuͤ⸗ ßen Troſte gereichen, meine Freunde moͤg⸗ lichſt geſchont zu haben.— „Wohl“ antwortete ich ihr!„Ihr“ Wunſch ſoll erfuͤllt werden! und dabei er⸗ innerte ich mich an die Worte des koͤnig⸗ lichen Dichters:„Mein Herz iſt be⸗ 53 reit, Gott mein Herz iſt be⸗ reit... fruͤhe will ich aufwachen) Klementine murmelte ſchluchzend:„Sie verlangte von Ihnen bloß zu ſterben, und Sie gebieten mir zu leben!“ Indeſſen hatte der vaͤterliche Verweis eine heil⸗ ſame Wirkung hervorgebracht: Klementine, geruͤhrt durch die gleichſam von oben herab kommenden Worte, durch den tiefen Schmerz des Herrn Bonnet, durch die ehrfurchts⸗ vollen Liebkoſungen Marianens, die ihre Knie umfaßte,(denn dies war die ein⸗ zige Frau auf dem Schloſſe, die Klemen⸗ tinens Jammer verſtehen und in ihr Ge⸗ fuͤhl einſtimmen konnte,) kam endlich wie⸗ der zu ſich ſelbſt. Sie naͤherte ſich Herrn Leny, benetzte die Hände des Greiſes mit ihren Thraͤnen, und ſagte zu ihm in kla⸗ — *) Pfalm LXII V. 10 und 11. 54 genden Tone, der aber nicht mehr der Ton der Verzweiflung war: „Es giebt in unſerer Sprache ein Wort, um diejenigen Ungluͤcklichen zu be⸗ zeichnen, die Vater und Mutter verloren haben, und dieſes kommt mir mit Recht zu: Waiſe! Das bin ich, meinem Vater habe ich wenig gekannt; aber ich habe eine Mutter beweint; es gibt eine Be⸗ nennung fuͤr das Weib, das ſeinen Gar⸗ ten verlohren hat; und ich, die, zu ihrer Schande den ihrigen nicht gekannt hat, bin Wittwe genannt worden; aber dieje⸗ nige, die ihre letzte Freundin, als Witt⸗ we und Waiſe verlohren hat, was iſt denn diefe 7... 7 3 Alles ſchwieg:„Sie iſt die Tochter und die Freundin des Vaters im Himmel, antwortete der Pfarrer von St. Nolf mit Chrfurcht gebietender Stimme; denn 55 es ſteht geſchrieben:„Mein Vater und meine Mutter verlaſſen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“*) „Mein Kind“ fuͤgte er hinzu, und große Thraͤnentropfen fielen aus ſeinen Augen auf Klementinens blondes Haar, deren Stirn ſeine ehrwuͤrdigen Haͤnde noch immer zur Stuͤtze dienten, ich wiederhole es, ſeit ich auf Erden lebe, und ich vol⸗ lende nun bald mein ein und ſiebenzigſtes Jahr, iſt mir noch kein groͤßerer Schmerz 3 vorgekommen als der Ihrige; ich geſtehe gern, daß die menſchliche Vernunft zu ſchwach iſt um ſie zu troͤſten.„Ich bin ein elender Mann, der die Ruthe ſeines Grimmes ſehen muß;*) ich will ſogar zugeben, daß das Herz der Ihnen annoch uͤbriggebliebenen Freunde, *) Pſalm XXVII V. 10. **) Klagelieder Jeremia Kap. III V. 1. ſtatt ſich dieſem Verſuche verwegen zu un⸗ terziehen, unter der Laſt ihres Jammers ſeufzt; denn Ihre Leiden ſind ja unſere Lei⸗ den; dies beweißt der Zuſtand, in welchem Sie uns ſehen. Demungeachtet wuͤrde ich mich vor dem Herrn der Unwahrheit ſchuldig machen, wenn ich behaupten wollte, daß es keinen Troſt mehr für Sie gaͤbe, aber ich kann Ihnen ſolchen nicht geben; alles was in meinen Kraͤften ſteht, iſt, Ihnen die Quelle deſſelben anzudeuten.“ Mit dieſen Worten rief der Rektor, nicht ohne einiges Erſtaunen zu erregen, ſeinen Dienſtboten Mathurin: dieſer trat mit einem ſehr nett gearbeiteten Pappen⸗ futteral herein: Herr Leny zog aus dem⸗ ſelben eine praͤchtig eingebundene franzoͤ⸗ ſiſche Bibel heraus, und begleitete dieſe Handlung mit folgenden Worten: „Dies iſt ein Geſchenk, das mir ſei⸗ ner hochwuͤrdigen Gnaden, der Biſchoff von Vannes bei meinem letztern Aufent⸗ halt daſelbſt, gemacht hat. Indem der⸗ ſelbe dieſes, aus der vorzuͤglichſten Preſſe von Paris kuͤrzlich hervorgegangene, und ihm uͤberſchickte Buch in meine Haͤnde legte, hatte er die Guͤte mir zu ſagen, daß er das Buch aller Buͤcher einem Man⸗ ne uͤbergaͤbe, der deſſen ganzen Werth zu ſchaͤtzen wiſſe, und er es deshalb nicht beſſer anbringen koͤnne. Ich habe in die⸗ ſen Worten keine Nahrung fuͤr meine Ei⸗ genliebe, ſondern nur ein Zeichen ſeines Wohlwollens gefunden, und in der That, wir duͤrfen uns hienieden nur in dem Herrn ruͤhmen. Dieſes Buch nun uͤber⸗ gebe ich jetzt Ihnen, meine liebe Tochter, denn meine kleine lateiniſche Bibel iſt fuͤr mich hinreichend. Leſen Sie fleißig darinnen, 58 ich empfehle es Ihnen wie der heilige Hie⸗ ronymus es der Paula, einer Roͤmiſchen Dame empfahl, die mit Ihnen, in Bezieh⸗ ung auf die beruͤhmte Abkunft, Aehnlichkeit hatte, denn ſie ſtammte muͤtterlicher Seits von den Gracchen und Scipionen ab. Ar⸗ me Betruͤbte, glauben Sie mir, die Worte der Schrift ſind maͤchtig, ſie zermalmen, wo ſie Widerſtand ſinden, aber in Ihrem Herzen werden ſie Eingang ſinden, ſie werden es ſanft durchdringen, Sie werden an dieſem Buche einen treuen Freund zur Seite haben, der Sie lehren wird das ge⸗ genwaͤrtige Leben nach ſeinem wahren Werthe zu ſchaͤtzen, und dieſer Werth iſt in der That gering: Ein Dampf iſt es der eine kleine Zeit waͤhret.) Es iſt eine Wallfahrt, lieben Kinder, wei⸗ ·⸗ *) Jacobi IV v. 14. 59 ter nichts, aber doch iſt es von großer Wichtigkeit, denn jeder von uns hat nach deſſen Beendigung von einem ihm anver⸗ trauten koſtbaren Gute Rechenſchaft abzu⸗ legen: Siehe ich trage meine See⸗ le in meinen Haͤnden.*) Weder der Doktor, noch der Pfarrer von St. Nolf verließen Madame Delpont in dem unendlichen Schmerze, worein ſie der Verluſt ihrer Freundin geſtuͤrzt hatte. Madame Allote wurde, wie ſie es gewuͤnſcht hatte, in den Kleidern beerdigt, die ſie an ihrem Todestage angehabt hatte. Man brachte ſie in den untern Saal, wo ſie bis zum andern Morgen, der zu ihrem Be⸗ graͤbniß beſtimmt war, liegen blieb. Die Dienſtboten, die ſie dahin trugen, waren *) Hiyb XIII. 14. Nach der Vulgata uͤber⸗ etwas ab. Aum. d. Uebſ. 60 uͤber das geringe Gewicht des Koͤrpers erſtaunt, der voͤllig ausgetrocknet war. So wie ſich das Geruͤcht von ihrem Tode in den benachbarten Dorfſchaften verbreitete, wollten alle Landleute, welche ſeit den drei und zwanzig Jahren, die ſie in Helvin verlebte, von ihr mit Guͤte uͤberhaͤuft wor⸗ den waren, den religioͤſen Trauerfeierlichkei⸗ ten(Vigilien) beiwohnen. Der Saal, ſo groß er war, konnte ſie kaum faſſen. Nach herkoͤmmlicher Sitte, bot man ihnen eini⸗ ge Erfriſchungen an, aber wenige ruͤhrten etwas davon an; Zwei bis dreimal miſchte Klementine ihre Klagetoͤne unter die Ge⸗ bete, die nach Anleitung des mit dem Chorhemde, bekleideten Rektors verrichtet wurden. Auch Herr Bonnet war gegen⸗ waͤrtig. Die beiden Freunde blieben bei⸗ nahe bis zu Ende des Todtenamts, und nur die Beſorgniß dem Schmerze ganz zu 61 erliegen, konnte ſie bewegen in dem fuͤr ſie beſtimmten Zimmer einiger Ruhe zu genie⸗ ßen. Allein ihr Jammer taͤuſchte ſie in ihrer Erwartung, und der Schlaf floh ihre Augen. Die dazu beſtimmte Zeit verſtrich ihnen unter Bewunderung des ſeltenen Muths der Verſtorbenen, ſie verbreiteten ſich uͤber die unzaͤhligen Handlungen der Wohlthaͤtigkeit dieſer Edlen, erinnerten ſich ihres feinen Tons und ihres unſchul⸗ digen Frohſinnes; dann kamen ſie auf die traurige Lage Klementinens, die fruͤher an alle Suͤßigkeiten eines innigen Herzen⸗ vereins gewoͤhnt, ſich nun allen Schreckniſ⸗ ſen eines veroͤdeten Daſeins Preis gege⸗ ben ſah. Ihre Verzweiflung, meinte der Doktor, wuͤrde durch ihr ſchreckliches Ver⸗ haͤltniß nur zu ſehr gerechtfertigt. „Rektor“ ſagte er zu Herrn Leny, ich ſehe ein, daß Sie, von ihrer Bibel 62 unterſtuͤtzt, mich an Kraft und Geiſtes⸗ ſtaͤrke weit uͤbertreſſen, denn an dem To⸗ denbette dieſer trefflichen Frau⸗ wußte ich ihrer unglüuͤcklichen Freundin auch nicht ein einziges Wort des Troſtes zu ſagen, wahr iſt's, daß mich dieſer Verluſt fuͤr meine eigne Perſon ganz ungemein angegriffen hat. Sie dagegen haben mit Wuͤrde ge⸗ ſprochen. Unmoͤglich⸗ mein wuͤrdiger Freund, konnte man die von Klementinen ausge⸗ ſtoßenen Verwuͤnſchungen beſſer benutzen, als Sie gethan haben, obgleich ihre Troſt⸗ gruͤnde, und beſonders der Letztere nicht von gleicher Staͤrke waren, aber ich huͤtete mich wohl, unter dieſen Umſtaͤnden mir nur die kleinſte Bemerkung zu erlauben, aus Furcht den maͤchtigen Eindruck Ihrer Worte zu ſchwaͤchen.“ Der Rektor wuͤnſchte die ſchwachen Seiten ſeiner, aus der Nothwendigkeit 63 einer fruͤhern oder ſpaͤtern, und folglich un⸗ vermeidlichen Trennung geliebter und lie⸗ bender Weſen, hergeleiteten Beruhigungs⸗ gruͤnde kennen zu lernen: worauf der Arzt ſeine Anſichten folgender Maßen ausein⸗ anderſetzte. „Sie haben Klementinens Schmerz durch den Gedanken abzuſtumpfen geſucht, daß Sie, da doch weder Klementine noch ihre Freundinnen unſterblich waͤren, ſpaͤt oder fruͤh ſie beweinen oder durch ihren eignen Tod wuͤrde betruͤben muͤſſen.„Was ſind funfzehn oder zwanzig Jahre gegen die Ewigkeit?“ riefen Sie aus.—„Sehr viel“ wuͤrde ich Ihnen geantwortet ha⸗ ben; in der Weſentlichkeit der Ereigniſſe und alles in dem Augenblicke wo Sie ſprachen.“ Ich will mich erklaͤren: Erſtlich wuͤrde eine ſolche verlaͤngerte Fortdauer der innigen Verhaͤltniſſe, dieſer 64 drei allerdings ſeltenen Frauen, allen dreien einen hohen Genuß gewaͤhrt haben, der doch gewiß in Anſchlag zu bringen iſt. Dann haben Sie zwei ſehr verſchiedene Lebensalter mit einander verwechſelt, das⸗ jenige naͤmlich, wo das Herz von zarten und erhabenen Gefuͤhlen uͤberſtroͤmt, wo man ſich, man koͤnnte ſagen, aus Liebe liebt, wo man ſich ſelbſt uͤber den gelieb⸗ ten Gegenſtand vergißt, wo eine Gemein⸗ ſchaft des Lebens und der Gewohnheiten uns ſchon gluͤcklich macht, mit demjenigen, wo das Gefuͤhl durch die ſtufenweiſe Ab⸗ nahme unſerer Kraͤfte, die wir uns ſelbſt nicht verheimlichen koͤnnen, in ſich ſelbſt zuruͤckgedraͤngt wird, wo wir uns fuͤr ge⸗ wiſſe elende phyſiſche Beduͤrfniſſe, ſoll ich es ſagen, ſelbſt fuͤr unſern Magen mehr intereſſiren, als fuͤr das Schickſal anderer. Bemerken Sie wohl, daß eine dieſer Frauen —„ im ſieben und dreiſſigſten, die andere im zwei und vierzigſten Jahre geſtorben iſt, und das diejenige, die ſie uͤberlebt hat, noch in ihrem vier und zwanzigſten ſteht, hier geht jeder Dolchſtoß des Schickſals bis ans Leben. Hier iſt alles Muskel und Nerve, die ſeine Spitze durchſchneidet, uͤberall giebt es Wunden und Schmerzen, dahingegen in einem hoͤhern Alter jene Dolchſpitze oͤffters nur auf abgeſtorbene oder gelaͤhmte Nerven trifft. Erlauben Sie mir ein Gleichniß, ich will's ganz kurz machen: denken Sie ſich einen jungen und kraͤftigen Baum, deſſen Schaft in der Hoͤhe eines Mannes ſich in drei ſtarke geſunde Aeſte abtheilt; hauen Sie zwei davon ab, und ich geſtehe Ihnen, daß ich fuͤr den dritten ſehr beſorgt ſeyn wuͤr⸗ de, waͤhrend die Axt die alten Staͤmme ohne Nachtheil treffen kann, verwundet IV. Theil. 5 ſie die eine Seite, ſo fluͤchtet ſich das Le⸗ ben in die andere, bleibt nur ein ſchmaler Streif der Rinde unverletzt, ſo vegetirt der hohle Stamm noch immer fort, man mag von allen Seiten in ihn eindringen, man wird groͤßtentheils nur auf ſaftloſes, öfters gar auf verfaultes Holz ſtoßen. Herr Leny erwiederte:„Ich geſtehe, daß in gewiſſer Ruͤckſicht, und hauptſaͤchlich in dieſem Falle, als Ausnahme, Ihre Be⸗ merkung richtig ſeyn kann, beſonders iſt ſie auf die irrdiſch Gluͤcklichen, auf alle diejenigen anwendbar, die zur Friſtung ih⸗ res Lebens ihrer Haͤnde Arbeit nicht be⸗ duͤrfen, und die durch ſelbſtgeſchaffene mo⸗ raliſche, vielleicht ſogar von dem Gange der Natur abweichende Beduͤrfniſſe es bis zu einer gewiſſen Ueberſpannung des Ge⸗ fuͤhls gebracht haben; aber bei dem gro⸗ ßen Haufen, lieber Doktor, geht es ganz 67 anders, und wenn Sie mir Ihren Einwurf gemacht haͤtten, ſo wuͤrde er, wie ich glaube, mich nicht ſehr in Verlegenheit geſetzt haben. Ich wuͤrde meinen Gegen⸗ ſtand aus einem andern Geſichtspunkte aufgefaßt, und Ihnen geantwortet haben, daß ich uͤber den Reiz ſolcher innigen Ver⸗ bindungen unter gebildeten Menſchen, uͤber ihren maͤchtigen Einfluß auf das wirkliche Leben, und folglich uͤber die traurigen Wir⸗ kungen, der ſie treffenden Unfaͤlle, wenn das ihnen ausgeſetzte Weſen noch in der Bluͤthenzeit ſeiner Gefuͤhle ſich befindet, mit Ihnen einverſtanden ſei. Aber ich wuͤrde Sie nun meiner Seits gefragt ha⸗ ben, ob denn die Gaͤnſtlinge des Gluͤcks von der Verpflichtung, ihrer ewigen Gluͤck⸗ ſeligkeit ſich wuͤrdig zu machen, befreit waͤ⸗ ren; meiner Meinung nach ſcheint es mir der ewigen Gerechtigkeit gemaͤß zu ſeyn, 5 83 daß ihre Seelenleiden um ſo groͤßer ſeien, da dies bei ihnen die einzige verwundbare Seite iſt, denn außerdem wuͤrden ſie zwei Mal die Freuden des Paradieſes ſchmek⸗ ken, und beide Mal, ohne ſie im eigentli⸗ chen Sinne durch Aufopferung verdient zu haben, da doch die Seligkeit durch ernſt⸗ liche Anſtrengungen erworben ſeyn will, wie das Evangelium ſagt:„daß wir durch viel Truͤbſale maͤſſen in das Reich Gottes eingehen.) Der Doktor ſchwieg; hierauf kamen die beiden Freunde wieder auf Madame Allote zuruͤck, und waren beider Seits dar⸗ innen mit einander einverſtanden, daß bei ihr dieſe, den zartfuͤhlenden Gemuͤthern ge⸗ woͤhnlich eigene, Reizbarkeit durch manche andere liebenswuͤrdige Eigenthuͤmlichkeiten *) Apoſtel Geſchichte XIV 22. 69 ihres geiſtigen Weſens gemildert worden ſei. Herr Bonnet verſicherte dem Pfarrer von St. Nolf, im tiefen Gefuͤhle ſeines Schmerzes, daß, wenn man die Huͤlle die⸗ ſes holden Geſchoͤpfs der Section unter⸗ werfen wollte, man das Herz von den Herzbeutel zuſammengeſchnuͤrt finden wuͤr⸗ de, und daß er ſich anheiſchig mache, die Verwachſung dieſer Membrane mit dem Hauptorgane des Eirculationsſyſtems dar⸗ zuthun. Dies iſt die Urſache des Todes aller aus ihrem Vaterlande Verbannten, oder von ihren Freunden getrennten Edeln, gegen ſolche Leiden hat die Kunſt keine Huͤlfsmittel.“ Endlich ſchenkte der Himmel dieſen beiden Biedermaͤnnern eine kurze Ruhe, bis zu dem Anbruche des Tages; aber ehe der Doktor ſeine Augen ſchloß, konnte er ſich nicht entbrechen zu ſich ſelbſt zu ſagen:„So ſoll ich denn dieſe gute 70 Henriette nicht wieder ſehen!“ und als er erwachte, wiederholte er dieſelben Worte. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Neuer Kampf. Man kommt dem Rechnungsabſchluſſe naͤher. Da es bekannt worden war, daß Mada⸗ me Allote ihr Ende vorausgeſagt, und daß ſich ihr der Tod ohne eigentliche Krankheit genaͤhrt habe, ſo erklaͤrte ſich der Aberglaube dieſe Erſcheinung dadurch, daß ſie taͤglich das Gebet der heiligen Brigitte*) wiederholt haͤtte. Andere, von *) Nach einer in Nieder⸗Bretagne allge⸗ meinen Volksſage, erlangen diejenigen Perſonen, die dieſes Gebet taͤglich ſprechen, durch eine be⸗ ⸗ ſondere Offenbarung, das Vorgefuͤhl von dem Ta⸗ ge und der Stunde ihres Todes. 71 den boshaften Prophezeihungen der Katha⸗ rine Synvenn eingenommen, von welcher man wieder in der Gegend zu reden be⸗ gann, wollten in dieſem Todesfalle etwas Geheimnißvolles finden; nur die wenigen Edleren ahneten die erhabene Selbſtver⸗ läugnung dieſer großen Seele. Alle aber ließen den trefflichen Eigenſchaften der vieljaͤhrigen Tiſchgenoſſin der Beſitzerinnen von Helvin Gerechtigkeit wiederfahren; denn wenn die religioͤſen Gefuͤhle auf Abwege gerathen, ſo kann ſich wohl ein Volk unter das Joch des Aberglaubens beugen, aber ſchwerlich wird es ſich des⸗ halb undankbar oder ungerecht zeigen; da⸗ zu gehoͤrt noch eine ſchrecklichere Geiſtes⸗ verirrung„— der Fanatismus. Die Beerdigunsfeierlichkeiten der ge⸗ liebten Todten wurden mit religioͤſen und ſchmerzlichen Gefuͤhlen begangen. Mada⸗ 72 me Delpont wollte ihnen beiwohnen. Die Art wie ſie dieſen Wunſch zu erkennen gab ließ keine Einwendungen zu, und Herr Bonnet war der Meinung, keinen Widerſpruch zu wagen, der entweder ver⸗ geblich geweſen ſeyn wuͤrde, oder den man nur durch traurige, Aufſehen erregende Gewaltſchritte haͤtte durchſetzen koͤnnen. Uebrigens war es auch das beſte, was man thun konnte, ſie gewaͤhren zu laſſen, denn ſo groß war das Ungluͤck der einzigen Er⸗ bin des Namens der Beaumanoir, daß bei ihrem ungeheuern Seelenſchmerze keine Freundin mehr an ihrer Seite ſtand, der ſie die Gefuͤhle ihres Jammers haͤtte mit⸗ theilen koͤnnen. Waͤhrend des Trauerzugs und des Gottesdienſtes in der Kirche be⸗ trug ſich Klementine ruhig und ergeben, um ſo ruͤhrender war der Ausdruck ihres tiefen Grams. Herr Leny dankte Gott 73 für dieſe ihre Stimmung, und ſchrieb ſte dem Troſte zu, den ſie aus ſeiner ihr ge⸗ ſchenkten Bibel geſchoͤpft habe. Das Wahre an der Sache war, daß Klemen⸗ tine allerdings, aber nicht in der Bibel, ſondern in dem Buche, daß ihre Freundin ihr hinterlaſſen, und zwar die Stelle ge⸗ leſen hatte, auf welcher das Auge ihrer Henriette zuletzt ruhete, ehe es ſich fuͤr ewig ſchloß. Das Kapitel) auf welches ſte ihre Freundin auf eine ſd feierliche Art hingewieſen hatte, war eine, der goͤtt⸗ lichen Liebe geweihte, Hymne; Klementi⸗ ne hatte einige Strophen derſelben auf die Freundſ chaft angewandt, oder ſie hatte vielmehr dieſe beiden Gefühle unter ſich verwechſelt, und befeſtigte eines durch das *) Von dem bewundernswuͤrdigen Einfluſſe der Liebe. Im dritten Buche, Ueberſchrieben: Von dem innern Troſte.(Nachfolge Jeſu.) 74 andere, ſo daß es ſchien, als liebe ſie Gott, um nur Henrietten deſto heißer lie⸗ ben zu koͤnnen, und umgekehrt, Henrietten, um deſto inniger Gott zu lieben. Die Bibel wuͤrde Anfangs ein zu kraͤftiges Nahrungsmittel fuͤr ihr Gemuͤth geweſen ſeyn; das Buch von der Nach⸗ folge Jeſu Chriſti bot ihm eine leichtere, aber der Verfaſſung ihres Innern ange⸗ meſſenere Koſt dar. Die Stelle aus dem⸗ ſelben Kapitel:*)„Der Liebende kann nie ohne Schmerzen lebenz ſchien ihr ganz auf ihre Lage zu paſſen; ſie nahm ſie als Grundſatz an, und dachte aͤber ihn, waͤhrend des ganzen Trauergot⸗ tesdienſtes nach, erſt als die ſandige Thonerde den, in die, neben dem Grabe der Frau von Beaumanoir befindliche, Gruft — 0 Kap. V. B. 3. 75 hinabgelaſſenen Sarg bedeckt hatte, knie⸗ te ſie an derſelben nieder und ſagte:„O Tod, troz deiner Macht, ſind wir in dieſem Augenblick und durch dich hoffentlich recht bald fuͤr immer vereint!“ Herr Bonnet begleitete Madame Delpont in der al⸗ ten Kutſche, die er aus Vorſicht an die Gottesackerthuͤre hatte vorfahren laſſen, auf die Burg zuruͤck. Herr Arnoult hatte ihm verſprochen, Klementinen mit einer ſeiner Nichten, die er dieſen Abend noch von Vannes erwartete, waͤhrend einiger Tage Geſellſchaft zu leiſten, und er ent⸗ fernte ſich eben in dem nur zu gegruͤnde⸗ ten Gefuͤhl ſeiner geſchwaͤchten Geſundheit, als er in einem Winkel den kleinen Edu⸗ ard, traurig, duͤſter und ganz unbeweglich erblickte. Der Doktor naͤherte ſich ihm, er befragt das Kind uͤber dieſe ſeine Stellung und erhaͤlt von ihm zur Ant⸗ wort:„Bonnet, bitte Mama, ſie ſoll mich todt machen laſſen, denn ich habe gehoͤrt, daß Pvon zu Marianen geſagt hat, ich waͤre an allem Ungluͤcke Schuld, was ſich hier ſeit fuͤnf Jahren ereignet hat!“ In dem Munde eines zwoͤlfjaͤhrigen Knabens wuͤrden dieſe Worte fuͤr den Ausdruck eines wohl zu entſchuldigenden Gefuͤhls von Mißmuth haben gelten koͤn⸗ nen, aber in dem eines kaum fuͤnfjaͤhrigen Kindes waren ſie fuͤr die Bewohner der Burg Helvin eine erſchuͤtternde Aufforde⸗ rung, zur Erfuͤllung einer heiligen Pflicht. Tief ergriffen und geruͤhrt nimmt Herr Bonnet den kleinen Ungluͤcklichen, deſſen Klagen eine ungewoͤhnliche innere Kraft zu erkennen gaben, auf ſeine Arme, und traͤgt ihn zu Madame Delpont, indem er ihr dieſe Worte einer zufruͤhzeitigen Ver⸗ zweiflung wiederholt:„theure Klementine 77 fuͤgt er hinzu, dieſer Ruf, den der Himmel ſelbſt, durch den Mund dieſes Kindes an Sie ergehen laͤßt, nimmt Ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit, ich moͤchte ſagen, Ihr ganzes recht⸗ liches Gefuͤhl in Anſpruch, dieſem Gefuͤhle, ihrem Herzen empfehle ich Ihren Sohn.“ Nun wuͤnſchte er ihr eine gute Nacht, empfahl ſich bis auf morgen und, ſchwang ſich auf ſein Pferd. Klementine konnte nicht widerſtehen, ſie druͤckte das Kind an ihren Buſen, be⸗ deckte es mit Thraͤnen und Kuͤſſen, und nahm ſich feſt vor, es in Zukunft ſo zu behandeln, wie es dies, an ſeiner trauri⸗ gen Erſcheinung auf dieſer Erde ſo un⸗ ſchuldige, Geſchoͤpf verdiente. Dieſer Ent⸗ ſchluß ſollte in ihren Augen die Stelle eines, den Manen ihrer theuern Henriette dargebrachten Opfers, vertreten, eine ihrem Andenken geweihte Huldigung ſeyn. 78 Seit dieſem Tage bemerkte man an Madame Delpont eine kleine Abnahme ihrer Zuneigung gegen Yvon Calvez, faſt ſchien es, als wenn ſie als Mutter allein das Recht zu haben glaube, gegen die Frucht ihres Leibes gleichguͤltig zu ſeyn, ja ſogar auf Augenblicke ſie zu haſſen, aber nicht zugeben koͤnne, daß irgend Je⸗ mand anders ſich dieſes ſchreckliche Recht anmaße. Wirklich that es ihr in ihren Innern wohl, zu ſehen, daß dieſes, unter ſo traurigen Verhaͤltniſſen in die Welt getretene Weſen, durch fremde Haͤnde fuͤr den Verluſt der muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit, mit welcher es zu umfaſſen ſie nicht genug Kraft in ſich fuͤhlte, entſchaͤdigt wuͤrde; eine Beobachtung, welche Madame Allote's ungemeiner Scharfſinn ſchon laͤngſt ge⸗ macht hatte. 3 79 Ein neuer Schlag traf Klementinen: er war hart, aber ſei es nun, daß ſie die Kraft dazu aus der Bibel ſchoͤpfte, die ſie mit großem Intereſſe las, oder daß die wiederholten Schlaͤge des Ungluͤcks ihr Gefuͤhl abſtumpften, ſie trug ihn mit etwas mehr Ergebung als die vorherge⸗ henden. Den Tag nach der Beerdigung erwartete man Herrn Bonnet, trotz ſeines Verſprechens, vergeblich auf dem Schloſſe; es hatte ihm, bei ſeiner Nachhauſekunft gegen fuͤnf Uhr Abends ein Anfall von Schlag getroffen. Gluͤcklicher Weiſe kehrte der Gebrauch ſeiner Vernunft bald zuruͤck, und er behandelte ſich ſelbſt mit vieler Geſchicklichkeit. Ein in vielem Waſſer aufgeloͤßtes Brechmittel und die, in Erman⸗ gelung einer Aderlaß, welche ſpaͤterhin ein Freund verrichtete, an die Fuͤße geſetzten Blutigel, leiteten den Andrang des Blutes 80 von dem Kopf ab; demohngeachtet blieb die ganze linke Seite ſehr geſchwaͤcht; ja er konnte waͤhrend einiger Wochen das Zim⸗ mer nicht verlaſſen. Waͤhrend ſeiner Un⸗ paͤßlichkeit beſuchte ihn Herr Leny fleißig, der gleich bei der erſten Nachricht von dem ihm zugeſtoßenen Unfalle herbeigeeilt war. Indem der gute Greis an die Kuͤmmer⸗ niſſe, die ſeine Freunde zu Boden druͤckten, an die Verluſte, die er hinter einander erlitten hatte, und von denen er noch be⸗ droht war, dachte, flehete er zu Gott mit dem Pſalmiſten:„Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlaß mich nicht wenn ich ſchwach werde 4) Seine Angſt, als er die Treppe bei dem Doktor hinaufſtieg, war ſo groß, daß er ausrief: Iſt doch meine Kraft nicht — *)) Pſalm LXXI 9. 81 ſteinern, ſo iſt mein Herz nicht ehern.*) Sein Herz mußte in der That gebrochen ſeyn, um von dem arabiſchen Scheik dieſe Stelle auf ſich anzuwenden, in welcher er mehr als ein Mal zu viele Bitterkeit zu finden verſucht worden war; auch machte er ſich ſogleich dieſe Anwen⸗ dung zum Vorwurf. HOffenbar hatte Madame Allote's Tod Herrn Bonnet ſo angegriffen, daß dieſer Zufall dadurch herbeigefuͤhrt wurde, von welchem er ſich nie wieder voͤllig erholte, und der nach Verlauf von vier Monaten, und nach einem Ruͤckfalle, die Laͤhmung der ganzen linken Seite nach ſich zog. Er konnte eine Bewegung ſeines Gemuͤths, welche er in Gegenwart der Madame Del⸗ pont zu verheimlichen geſucht hatte, gegen *) Hiob VI 12 IV Theil. 6 82 Herrn Leny nicht verbergen:„Ich em⸗ pfinde den Verluſt dieſer Fran“ ſagte er, mit einem Blicke auf das unter ſeinem Spiegel befindliche, von dem Zeichenſtifte der Ausgeberin zu Helvin entworfene Pro⸗ fil derſelben, ich empfinde ihn tiefer, als ich geglaubt haͤtte; durch ſie war ich haupt⸗ ſaͤchlich an das Leben gefeſſelt; dieſes Band iſt nun getrennt, und doch bin ich ſtolz darauf ſie gekannt zu haben, und ihr Freund geweſen zu ſeyn. Sie iſt meine „Eliſa Draper“ fuͤgte er hinzu, mit Beziehung auf die Zuneigung Sterne's und des Abbe's Raynal gegen die lie⸗ benswuͤrdige, in Anjinga unfern Bombay gebohrne, Indianerin.— Da der Doktor an ſeiner gaͤnzlichen Wiederherſtellung ver⸗ zweifelte, ſo hatte er, in den erſten leid⸗ lichen Augenblicken, ſeinen Sohn ſchrift⸗ — * 83 lich erſucht, bald nsglichſt in ſein Ge⸗ burtsland zuruͤckzukehren. 4 Der Paſtor von St. Nolf mußte nun ſeine ihm uͤbrigbleibende Zeit zwiſchen der Wohnung des Doktors und der Burg Hel⸗ vin theilen; dies hieß ſich aus einem Trau⸗ erhauſe in das andere ſchleppen. Der Leſer kann ſich die Leere auf dieſem Schloſſe denken, welches zwei liebens wuͤr⸗ dige Frauen verlohren hatte, die den Fremdling, den der Zufall in ſeine Mauern fuͤhrte, den duͤſtern Anblick deſſelben ver⸗ geſſen ließen. Die in dieſer Einoͤde le⸗ bende, auf ſich allein beſchraͤnkte Klemen⸗ tine, nutzte ihren Lebensfaden ab, wie das Kind, das die Klinge ſeines Meſſers unaufhoͤrlich auf den Schleifſtein reibt, und ſich uͤber die Verduͤnnerung derſelben freut. Nachdem ſie aus der Betaͤubung, in welche ſie der unerwartete Verluſt ihrer — 6* 84 Freundin verſetzt hatte, wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, ſchrieb ſie ein paar Brie⸗ fe, einen nach Liſieux, den andern nach Karſeille. Die Antwort auf den erſten erheiſchte eine Gegenantwort, in welcher Nadame Delpont ihre Weigerung erklaͤrte, den Bitten ihrer Couſinen nachzugeben, die ſte dringend zu ſich nach Liſteux ein⸗ luden. Ein ſolches Anerbieten konnte jetzt weniger als je ihren Gefuͤhlen entſprechen. „Ich ſchlug es Ihnen damals ab, ſchrieb ſie ihnen,“ als Henriette eingewilligt ha⸗ ben wuͤrde, mich zu begleiten. Ihretwe⸗ gen allein haͤtte ich vielleicht am Ende noch in die Veraͤnderung meines Wohnorts ein⸗ gewilligt, wenn ſie mich darum gebeten haͤtte, allein, da ich uͤberzeugt war, daß ſie es bloß um meinetwillen wuͤrde gethan haben, ſo ergriff ich das ſicherſte Mittel ſte zu einer, ihrem eignem Gefuͤhle entſprech⸗ 85 enden, Erklaͤrung zu vermoͤgen, in dem ich ihr darthat, daß die Entfernung aus dem Schloſſe Helvin fuͤr mich eine wahre Ver⸗ bannung ſeyn wuͤrde. Ich bin Ihnen al⸗ lerdings ſehr dankbar, fuͤr alle die Beweiſe von Guͤte, womit Sie mich, waͤhrend der vier Winter, die ich bei Ihnen zugebracht, uͤberhaͤuft haben; aber hier nur kann ich meinen Lebensweg, in der beſeligenden Er⸗ innerung meines fruͤhern Gluͤcks, fortſetzen, hier nur umſchweben mich, in ihrer ganzen Lebendigkeit, die lieblichen Bilder der mir in jeder Beziehung ſo theuern Weſen. Hier haben Sie gelebt, hier ihre Tage beſchloſſen; mein Umgebung war ihnen werth, wie koͤnnte mir die Erinnerung an ſie, die nur hier in ſo vollem Maße ſich mir anſchmiegt, minder theuer ſeyn. Gleich dem Kanadiſchen Wilden, will ich zu den Gebeinen meiner Mutter und meiner Freun⸗ 86 din ſagen: Stehet auf und geht vor mir her! Nein, meine geliebten Couſinen, nichts kann mich fortan der Burg Helvin entreiſ⸗ ſen, ein magiſcher Reitz feſſelt mich an ſie; hier will ich meine Wallfahrt endigen. Wahr iſt's, die Karte meiner traurigen Pilgerſchaft hienieden wird von geringem Umfange ſeyn; auf den Raum einer Qua⸗ dratmeile beſchraͤnken ſich die froͤhlichen Ausfluͤge meiner gluͤcklichen Kindheit, funf⸗ zig Fuß im Umkreis reichen jetzt fuͤr mei⸗ nen Schmerz hin. Warum ſollte ich mich jetzt noch von meinem Ziele entfernen? Bedenken Sie doch, daß ich Ihnen nur die Muͤhe verurſachen wuͤrde, mich wieder zu demſelben zuruͤck zu bringen.“ Fanny's Antwort war zaͤrtlich und mit einer liebenswuͤrdigen Leichtigkeit abge⸗ faßt; dieſe Frau verſtand es, Balſam in ein krankes Herz zu gießen; ſie ſchrieb 87 Klementinen, daß wenn ihr Vater nicht ganz wider ſein Erwarten, in einen Zu⸗ ſtand von Kraftloſigkeit gefallen ſei, der ihn faſt beſtaͤndig im Bette zuruͤckhielt, ſie ſich ſogleich auf den Weg machen, und ihre geliebte Klementine, waͤre es auch nur, um mit ihr zu weinen, wenigſtens auf ei⸗ nige Monate beſuchen wuͤrde,„Nein mei⸗ ne Freundin(dies waren ihre Worte) ich habe meine Verpflichtungen nicht vergeſ⸗ ſen! Seyn Sie verſichert, ich werde Sie ſehen, ich werde Sie in meine Arme ſchlie⸗ ßen, ich werde mit Ihnen in St. Nolf die Meſſe hoͤren.— Sie verſtehen mich ſchon Klementine!— Ich reiſe ab, ſo⸗ bald mein Vater ſo weit wieder hergeſtellt ſeyn wird, um meiner Pflege entbehren zu koͤnnen, oder wenn... Sdle, eines beſſern Schickſals würdige Frau, wie ſehr muß ich Sie lieben, daß eine ſo traurige 1 88 Vorausſetzung meiner Feder entſchluͤpfen kann! Indeſſen, mag es recht oder Un⸗ recht ſeyn, ich ſtreiche dies„wenn“ nicht wieder aus, moͤge es der Freundſchaft zum Labſal gereichen, moͤge ſie Stoff zum Troſte darinnen finden!“ Unter allen Beweiſen von freundſchaft⸗ licher Anhaͤnglichkeit, welche Madame Del⸗ pont erhielt, that dieſer ihrem Herzen am meiſten wohl; alle ihre Umgebungen fuͤhl⸗ ten dieſen wohlthaͤtigen Einfluß: ſie ſprach mit mehrern ihrer Dienſtboten, zwar hatte ſte dieſe ſtets mit Sanftmuth und Milde behandelt, aber das Schweigen gegen ſie war ihr zur Gewohnheit geworden. Von einer einzigen Idee eingenommen, fuͤhlte ſie ihren Kopf durchaus unfaͤhig, an den alltaͤglichen Gegenſtaͤnden, die zu der Un⸗ terhaltung zwiſchen Herrſchaften und Dienſt⸗ boten Veranlaſſung geben, Theil zu neh⸗ 8 men. Ihr Geiſt glich einer weiten, von zwei oder drei Erinnerungen in verſchie⸗ denen Richtungen durchkreuzten, und durch ſte auf ihrer ganzen Oberflaͤche verwuͤſte⸗ ten, Einoͤde.. Mit ihrem Sohne aus Pflicht ver⸗ ſoͤhnt, gab ſie ihm von Zeit zu Zeit Un⸗ terricht, und kehrte dann zu Leſung des Buchs der Nachfolge Jeſu und der Bibel zuruͤck; dies waren die einzigen Buͤcher, in welchen ſie fortan leſen wollte. Sie zogen ſie vollends von einer Welt ab, in der die Freuden kurz und ſelten, der Kummer dagegen ſo haͤufig und anhaltend iſt, daß er in dem Gewebe unſeres Le⸗ bens eigentlich den Aufzug oder die Kette zu bilden ſcheint, auf deren Grund der Wirker aus Mitleiden hier und da ein Bluͤmchen einwebt, welches die duͤſtre Ein⸗ foͤrmigkeit des Ganzen zuweilen unterbricht. 90 Niemand konnte wohl in einer groͤ⸗ ßern Abgeſchiedenheit leben, als Klemen⸗ tine; denn Herr Leny, mit ſeinen uͤbrigen Beichtkindern beſchaͤftigt, die er doch auch nicht gaͤnzlich hinanſetzen konnte, und Herr Bonnet, welcher bis zu ſeinem Ruͤck⸗ falle beſtaͤndig kraͤnkelte, empfanden es ſchmerzlich, ſie nicht ſo oft als ſie es wuͤnſchten beſuchen zu koͤnnen. Von ſaͤmtlichen im Dienſte der Vicomteſſe von Beaumanoir geſtandenen Perſonen war keine einzige entlaſſen worden: Mademoiſelle Grivier, ihre Kammerjungfer, war in die⸗ ſer Eigenſchaſt auf Madame Delpont uͤber⸗ gegangen, ohne ihr eigentlich Dienſte zu leiſten, ſie hatte das Weiszeug unter ſich, das ſeit Henriettens Tode wenig gebraucht wurde, und brachte den groͤßten Theil ih⸗ rer Zeit mit Leſen und Spatzierengehen zu; der alte Philipp beſtellte einen Gar⸗ 91 ten, in welchen Niemand den Fuß ſetzte; auch lehnte ſich der ehrliche Landmann, in ſeiner Einſamkeit, mehr als ein Mal waͤhrend der Arbeit auf ſein Grabſcheit, und beſeufzte das Ungluͤck der Familie, deren Brod er aß; Fanchon kraͤnkte ſich, daß ihre Frau von den Gerichten, die ſte taͤglich zubereitete, keinen Mittag ei⸗ nen Biſſen anruͤhrte, Georg der Kam⸗ merdiener fuͤhrte mit dem Forſtknechte ge⸗ gen das Federwildpret Krieg; Yvon uͤbte ſich im Leſen und Schreiben, worinnen er Unterricht im Flecken nahm; nur von ſei⸗ ner Frau konnte man ſagen, daß Klemen⸗ tine ihrer Dienſte wirklich bedurfte, weil ſie allein ſich ihr naͤherte: mit einem Worte, es war ein foͤrmlich eingerichtetes Haus⸗ weſen, welchem nichts als die Herrſchaft fehlte. Die kleinen benachbarten Doͤrfer litten mirtelbar unter dem Zuſtande des 92 moraliſchen Todes, in welchem der Haupt⸗ ort ſchmachtete. Die gegenſeitige Ver⸗ bindung zwiſchen diefen und ihnen hatte aufgehoͤrt; zwar war man weit entfernt, den Ungluͤcklichen, wenn ihr Elend bekannt war, Huͤlfe und Unterſtuͤtzung zu verwei⸗ gern; aber man ſuchte ſie nicht mehr auf, man ſprach nicht mit ihnen, ſie hatten nicht mehr den Troſt die Geſchichte ihrer Leiden erzaͤhlen zu koͤnnen, und den noch groͤßeren, den Eindruck zu bemerken, den ihre kunſtloſe Erzaͤhlung auf dem Geſichte einer, ſowohl durch ihre natuͤrliche Anmuth, als durch den Ausdruck des Wohlwollens reizenden Frau hervorbrachte. Bildlich ge⸗ ſprochen: die Oaſis*) von Helvin wurde *) So nannten die Alten kleine fruchtbare Landſtriche, die, gleich Inſeln, in dem großen afri⸗ kaniſchen Sandmeere befindlich ſind, und dem ſchmachtenden Wanderer Schatten und Labung gewaͤhren. Anm. des Ueberſ. 93 wieder zur Wuͤſte, deren Sandmeere ſie ſeit zwanzig Jahren entriſſen worden war. Eines Abends bemerkte Klementine aus ihren Fenſter einen Reiſewagen im neueſten Geſchmack, der auf dem Seiten⸗ wege, welcher von der Landſtraße durch das Gehoͤlze nach der Burg fuͤhrt, in der Gefahr war, ſtecken zu bleiben. Dieſer Wagen, welcher eine breitere Spur als die im Lande gewoͤhnlichen hatte, deren tiefes Gleis die Raͤder einklemmte, war nicht weiter fortzubringen, und mußte hundert Schritte vom Schloſſe ſtillhalten. Ein eleganter Bedienter oͤffnete den Schlag und ein langer ſchwarzgekleideter Mann mit etwas gekruͤmmten Ruͤcken, wie dies bei ſolchen Staturen oͤffters der Fall iſt, ſtieg aus, er ſchien dem aͤußern Anſehen nach von mittlerem Alter, und hatte ganz das Anſehen eines Mannes von Stande. Auf 94 ein Zeichen ſeiner Hand lenkte der Kut⸗ ſcher mit dem Wagen auf die Seite, um hier die Ruͤckkunft des Herrn zu erwarten, der wahrſcheinlich, ſo wie andere Reiſende, von der impoſanten Steinmaſſe der Burg Helvin angezogen, gewuͤnſcht hatte, dieſes Bretagniſche Alterthum in der Naͤhe zu betrachten. So erklaͤrte ſich Klementine dieſe Erſcheinung, und gab nicht weiter dar⸗ auf Acht. Der Fremde nahm in gemeſſenen Schritten, und ohne Begleitung ſeines Bedieuten, welchem er durch eine Beweg⸗ ung mit der Hand andeutete, bei dem Po⸗ ſtilloon zu bleiben, ſeine Richtung nach dem großen Schloßthore, das verſchloſſen war, aber an deſſen Seitengewaͤnde Mariane, mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt ſaß, und auf dem kleinen vor ihren Augen ſpielen⸗ den Eduard Acht hatte. Weder ſie, noch 95 das Kind, trotz ſeines angenehmen Aeu⸗ ßern, zog die Aufmerkſamkeit des Reiſen⸗ den auf ſich, ſondern, nachdem er mit den Augen die Hoͤhe der ausgezackten Mauern gemeſſen hatte, ſchien er ſich ſelbſt mit tiefſinnigem Blicke wegen des muthmasli⸗ gen Alters derſelben zu befragen. In⸗ deſſen miſchte ſich in dieſe ſcheinbare Un⸗ terſuchung eine Art von Befangenheit, welche anzudeuten ſchien, daß in der See⸗ le des Beobachters noch eine andere Idee vorherrſchend war. Die Nebenthuͤr ſtand halb offen: mit einer ſchnellen Bewegung wandte ſich der Unbekannte nach dieſer Seite hin, ſo daß man haͤtte glauben ſol⸗ len, er wolle durch dieſelbe hineingehen; aber ploͤtzlich ſtand er ſtill, und kehrte, nach einer, wie es ſchien, nochmaligen Ueberle⸗ gung, wieder zuruͤck. Jetzt bemerkte er Eduarden, der ſeine Spiele unterbrach, und ihn mit Erſtaunen anblickte; dieſes Erſtaunen ging aber bald auf dem Frem⸗ den uͤber, denn das Kind ritt gerade auf dem Stocke von Ebenholz, welchen der Se⸗ minariſt, dem man vor ſechs Jahren, als Fraͤulein von Beaumanoir eine ſichere Beute des Grabes zu ſeyn ſchien, die gaſtfreundliche Thuͤr oͤffnete, zuruͤckgelaſſen hatte; der Fremde war, mit einem Wor⸗ te, Herr Jonathan Dermot, welchen ein hartes Geſchick vor Kurzem in ſein Vater⸗ land zurückgefuͤhrt hatte, oder der vielmehr ſeinem endlichen Schickſale entgegen gehen ſollte. Mit einer Hand hatte ihm das Schickſal mit irdiſchen Guͤtern uͤberhaͤuft, mit der andern aber den bittern Wehr⸗ muthskelch gereicht. Reich, aber der un⸗ gluͤcklichſte der Menſchen, hatte er kaum Frankreichs Kuͤſten beruͤhrt, als er in Lo⸗ rient einen ihm angebotenen Reiſewagen 97 kaufte, und den Weg nach Helvin einſchlug. Sei es nun, daß er ſich ſeines der Ausge⸗ berin auf dieſer Burg gegebenen Verſpre⸗ chens entledigen wollte, oder daß ein hoͤ⸗ heres Intereſſe ihn nach dieſen alten Mau⸗ ern zuruͤckfuͤhrte, eine unſichtbare aber un⸗ widerſtehliche Macht ſchien ihn in dieſe Gegend von Neuem gezogen zu haben. Seine erſte Bewegung war das Ge⸗ fuͤhl des Entſetzens, bei dem Anblicke des Stocks von Ebenholz. Eiskalt rieſelte es ihm durch die Adern, erſtarrt ſtand er ſtill, und ſein lebhaftes Gedaͤchtniß ſtellte ihm alle Gegenſtaͤnde jener ſchrecklichen Nacht, alle ohne Ausnahme, lebendig vor ſeine Angen. Dieſer furchtbare Aufruhr in ſeinem Innern mußte ſich nothwendig in ſeinen Zuͤgen ausdruͤcken; Eduard, dem die Verzerrung ſeiner Geſichtsmuskeln un⸗ ſtreitig auffallen mußte, heftete ſeine IV. Theil. 7 98 Blicke unverwandt auf den Reiſenden, und ſchien angſtlich zu werden. Herr Dermot bemerkte es, trotz ſeiner Verwirrung, und da ihm daran lag, das Kind nicht in Furcht zu ſetzen, ſo ſuchte er, ſo weit es ihm moͤglich war, ſeine Mienen in mildere Formen zu legen. Hierauf naͤherte er ſich dem Sohne Klementinens, und ſagte zu ihm:„Mein lieber kleiner Freund, kannſt du mir nicht ſagen, ob die Geſundheit der Frau Vicomteſſe von Beaumanoir end⸗ lich wieder hergeſtellt iſt?“ Dieſe Frage bewies, daß das Gemuͤth des Herrn Dermot noch immer unter dem Einfluße jener fruͤhern ſchrecklichen Ereig⸗ niſſe ſtand, ihnen immer angehoͤrt hatte, und ſich, in Bezug auf den Zeitpunkt, in welchem er jene ungluͤckliche Rolle ſpielte, noch im⸗ mer fuͤr verantwortlich hielt; die Antwort 95 die er erhielt, war nicht geeignet ihn aus dieſem Zuſtande zu reißen. — Mama Beaumanoir? Die iſt ſchon laͤngſt unter die Baͤume von St. Nolf getragen worden. Wenn die Blaͤtter fal⸗ len, ſo kann man den Kirchthurm dort un⸗ ten ſehen, weit dort unten.“ Und das Kind zeigte mit ſeinen klei⸗ nen Armen nach der Kirche von Helvin hin. Dieſe traurige Nachricht that dem Herzen des Herrn Dermot unendlich weh, er vermuthete daß die troſtloſe Mutter den Verluſt ihrer einzigen Tochter nicht zu uͤberleben vermocht habe. Aber in der Art, wie der Knabe es ihm ſagte, in der Benennung welche er der Vicomteſſe bei⸗ legte, fand er etwas Ungewoͤhnliches, das er ſich nicht anders erklaͤren konnte, als durch die Vorausſetzung, daß irgend eine junge Dame dies Schloß bewohne, die ſo 7 X 100 nahe mit der Frau von Beaumanoir ver⸗ wandt, oder eine ſo innige Freundin von ihr geweſen ſei, um eine ſo zaͤrtliche Be⸗ nennung zu geſtatten. —„und Madame Allote,“ fragte er weiter, iſt ſie auf der Burg geblieben, kann ich ihr wohl meine Ergebenheit be⸗ zeugen?“ „Ach, erwiederte das Kind, wie koͤn⸗ nen ſie von der Pathe Allote reden? Seit dem Geburtstage der Mama iſt ſie zu Ma⸗ ma Beaumanoir gegangen, ohne Jeman⸗ den ein Wort davon zu ſagen. Sie iſt auch unter den Baͤumen. Mama hat ſeit dem recht geweint, und ſie weint noch alle Tage, ausgenommen wenn Herr Leny da iſt, der ſie ausſchmaͤlt, wenn er ſie weinen ſieht, und ihr beſiehlt in einem dicken Buche zu leſen, das er ihr gege⸗ ben hat, aber ſie ließt lieber in ihrem 101 kleinen Buche.. Sie laͤßt mich auch manchmal in dem dicken leſen, was mir eben nicht viel Vergnuͤgen macht, außer wenn ich die Geſchichte von Iſaak, oder von Joſeph..“ „Und wie heiſt deine Mutter,“ unter⸗ brach ihn der Reiſende lebhaft. —„Nun, Mama Delpont, Mama Klementine! „— Delpont, Klementine!“ wiederholte Herr Dermot, mit einem Schauder, der an Entſetzen grenzte; ſeine Knie wankten, der Schweis trat auf ſeine Stirn, und doch zitterte er am ganzen Leibe. Er be⸗ reute, daß er in ſeiner Gemuͤthsbewegung, als er ſich dieſem verhaͤngnißvollem Orte naͤherte, vergeſſen hatte, ſich mit einem Stocke zu verſehen. Haͤtte er ſich nicht an eine in der Naͤhe ſtehende Eſche ge⸗ lehnt, er wuͤrde ſich nicht haben aufrecht 102 erhalten koͤnnen. Dieſe beiden ſcheinbar zufaͤlligen Worte waren fuͤr ihn ſein, von der raͤchenden Gottheit in den Mund eines Kind gelegtes, Anklagedekret. Die Erſchei⸗ nung einer Furie aus der Hoͤlle haͤtte fuͤr ihn nicht furchtbarer ſeyn koͤnnen. Eduard, ſeit ſeiner Geburt an den Ausdruck des Schmerzes gewoͤhnt, und uͤberzeugt, daß es in der Welt keine an⸗ dere Veranlaſſung dazu geben koͤnne, als den Tod ſeiner Großmutter und ſeiner Pa⸗ the, naͤherte ſich dem Reiſenden mit ſeinem Stock von Ebenholz zwiſchen den Beinen, und ſagte zu ihm: „Guter Mann, du haſt alſo meine Pathe Allote gekannt? Jedermann liebte ſte; unſer Caͤſar hat zweimal ſeine Kette zerſprengt um ihr zu liebkoſen; auch mich hat ſie umarmt den Abend zuvor ehe ſie zu der Mama Beaumanoir gegangen iſt, 103 und meine arme Mama Klementine kennſt du doch auch? Aber ich habe dich ja nie⸗ mals auf der Burg geſehen. 4„ Herr Dermot beantwortete dieſe Art von Verhoͤr, welches ein Kind mit ihm anſtellte, mit einer Bewegung des Kopfes, die weder bejahend noch verneinend war, aber den Ausdruck der tiefſten Schwermuth enthielt. Welche Feder vermoͤchte ſeine Lage zu ſchildern! in der Beſorgniß ihr zu unterliegen, eilte er einen neben der Pforte befindlichen ſteinernen Sitz zu er⸗ reichen. Der kleine Knabe ſente inzwi⸗ ſchen ſeine Steckenreiterei fort. Tief erſchuͤttert durch das was das Kind ihm unvollſtaͤndig erzaͤhlt hatte, und, trotz aller Anſtrengung ſeines Geiſtes, un⸗ faͤhig, ſich das Ganze im Zuſammenhang zu erklaͤren, entſchloß ſich der Fremde, die junge Frau, die er unter dem Portale hatte ſiz⸗ 104 zen ſehen, zu befragen. Er wuͤnſchte ſich naͤhere Auskunft, uͤber dasjenige, was ihm ſein junger Cicerone mitgetheilt hatte, zu verſchaffen, ſich erklaͤren zu laſſen, wie die Mutter dieſes Kindes den Namen Del⸗ pont, und Klementine zugleich fuͤhren koͤnnte, und ſich endlich die Erlaubniß zu erbitten, das Schloß beſehen zu duͤrfen. Wenn dieſe Verguͤnſtigung, woran ihm viel gelegen zu ſeyn ſchien, ihm verſtattet wuͤr⸗ de, ſo war ſein Vorſatz, angenommen, daß man ihn in einem der Zimmer dieſes weit⸗ laͤuftigen Gebaͤudes allein laſſen wuͤrde, ſich auf die Knie zu werfen, und hier, zum Zeichen einer Reue, die nur mit ſei⸗ nem Leben endigen konnte, das thraͤnen⸗ volle Opfer ſeines dehmuͤthigen Gebets zum Allerbarmer empor ſteigen zu laſſen. Entſchloſſen vier und zwanzig Stunden in dem Flecken Helvin zuzubringen, nahm er 105 ſich vor, von da aus nach der Kirche und dem Kirchhofe von St. Nolf zu wallfahr⸗ ten, und in die Haͤnde des Pfarres Leny das Original einer Schenkung niederzule⸗ gen, von dem ſich eine Abſchrift in denen des koͤniglichen Notars Herrn Poulizac in Rennes befand. Vermoͤge dieſer zugleich reli⸗ gioͤſen und mildthaͤtigen Stiftung, hatte der zeitige Pfarrer die Verpflichtung, alljaͤhrlich am 14 Juni ein Todtenamt in der klei⸗ nen Dorfkirche zu feiern, und der Kirchen⸗ vorſteher hatte die Obliegenheit, an eben dieſem Tage, dreihundert Franken unter zehn der beduͤrftigſten Tagloͤhnerfamilien auszutheilen, unter der Ermahnung in ih⸗ rem Gebete des Fraͤuleins Klementine von Beaumanoir und Jonathan Dermot's eines, am Begraͤbnißtage dieſes jungen Frauen⸗ zimmers in der Gegend anweſend geweſe⸗ nen, Reiſenden zu gedenken. 106 Als vorlaͤufige Maaßregel zur Aus⸗ fuͤhrung ſeines Vorhabens naͤherte ſich der Fremde dem Portale. Nachdem er die junge Frau, die er nach damaliger Sitte, ohnerachtet ſie ihm ſchwanger ſchien, De⸗ moiſelle nannte, begruͤßt hatte, ſagte er zu ihr: Schon geht es ins ſiebente Jahr⸗ daß ich durch dieſem Gerichtsbezirk reiſte, man ſprach damals viel von den die Fa⸗ milie von Beaumanoir betroffenen Wider⸗ derwaͤrtigkeiten. Es ſcheint, daß die Frau Vicomteſſe und ihre achtungswuͤrdige Freun⸗ din Madame Allote dem Schmerze, wel⸗ chen ihnen der Verluſt Klementinens von Beaumanoir verurſacht, haben unterliegen muͤſſen; koͤnnten Sie mir wohl ſagen Ma⸗ demoiſelle, in welchem Grade Madame Klementine Delpont, die Mutter dieſes artigen Kindes, von welchem ich dieſe trau⸗ von Beaumanoir, die jetzige Madame Del⸗ 107 rigen Nachrichten gehoͤrt habe, mit der Frau Vicomteſſe verwandt iſt?“ Mariane ſchauderte bei den erſten Toͤ⸗ nen des Herrn Dermot zuſammen; nach⸗ dem ſie ihn aber aufmerkſam betrachtet hatte, faßte ſie ſich wieder, und antwor⸗ tete ihm: 25 Mariane.— Je mein Herr, ſie iſt ja die Tochter der Frau von Beaumanoir. Herr Dermot.— Die Vicomteſſe hatte alſo zwei Toͤchter, oder eine Stief⸗ tochter gleichen Namens! Mariane. Nein, mein Herr, ſie hat nie eine andere Tochter als Klementine pont, gehabt. Herr Dermot.— Wie ſagen ſie, Madame Delpont? Ich begreife Sie nicht. Wurde denn Herr Delpont nicht im Zwei⸗ kampf getoͤdtet? Iſt denn Fraͤulein von 108 Beaumanoir nicht ein Opfer dieſes trau⸗ rigen Ereigniſſes geworden? Man hat ſie feierlich beerdigt. Zeugen haben den Zug mit den Augen verfolgt; einer meiner Freunde.... Mariane.— Ihr Freund kann, wie manche andere, getaͤuſcht worden ſeyn. Waͤhrend zwei Mal vier und zwanzig Stunden befand ſich Fraͤulein Klementine (ich wollte ſagen Madame Delpont, denn ſie war verheirathet) ſcheintodt. Man glaubte ſie ſei es wirklich, aber eben als ſie beerdigt werden ſollte, gab ſie Lebens⸗ zeichen von ſich; ich unterſtuͤtzte den guten Doktor Bonnet in ſeinen Bemuͤhungen, ſie ins Leben zuruͤckzurufen, und einige Mo⸗ nate ſpaͤter kam ſie mit dem jungen Del⸗ pont nieder, der Ihnen alſo nichts als die Wahrheit geſagt hat, denn wenn auch die⸗ 109 ſes Kind, ſo wie jedes andere, ſeine klei⸗ nen Fehler hat, ſo luͤgt es doch nie.“ Hier hielt Mariane inne; ſo viel war fuͤr die Neugierde eines Unbekannten voll⸗ kommen hinlaͤnglich, wenn er naͤmlich in ihren Augen nichts weiter war. Die Stimme des Fremden hatte allerdings einige dunkele Erinnerungen in ihr erweckt; aber die veraͤnderten Zuͤge ſeines ehedem ſehr blaſſen, jetzt von der Sonne ver⸗ brannten Geſichts, verwiſchten aus dem Gedaͤchtniſſe der Kammerfrau die Spur, der es zu folgen ſchon im Begriff war. Was Herrn Dermot betraf, ſo hatte ihm ein ſchreckliches Licht, gleich einem Blitz⸗ ſtrahl durchzuckt, und kaum vermochte er die auf den kleinen Eduard Bezug haben⸗ den Worte anzuhoͤren. Maſchinenmaͤßig ſetzte er ſich auf die Bank von Granit, welche derjenigen gegenuͤber ſtand, die 110 Marianen im Portalgewaͤnde zum Sitz dien⸗ te, und da er ſeine Lebensgeiſter allmaͤhlig ſchwinden fuͤhlte, ſo zog er aus ſeiner Weſtentaſche ein Flaͤſchchen mit fluͤchtigen Salze, das er ſeit zwei Jahren, gegen die heftigen Nervenzufaͤlle, denen er unter⸗ worfen war, immer bei ſich tragen muß⸗ te. Waͤhrend dieſes durch die Nothwen⸗ digkeit gebotenen raſchen Nachſuchens, ließ er aus ſeinem Buſen einen reich mit Brillanten beſetzten Medaillon fallen, zwi⸗ ſchen deſſen beiden Glaͤſern einige Haare befindlich waren. Die junge Frau, welche ſich eben anſchickte in die Burg zuruͤckzu⸗ kehren, verließ ihren Platz, hob den Me⸗ daillon auf, uͤberreichte ihn dem Fremden, und erſuchte ihn hoͤflich mit hineinzukom⸗ men und ſich auf der Burg zu erholen; aber ſelbſt das Riechflaͤſchchen entſiel der zitternden Hand des Herrn Dermot. Er⸗ 111 ſchrocken hob es Mariane auf, um die Schlaͤfe des Reiſenden mit dem Inhalte deſſelben zu reiben, und nachdem ſie einem Theil davon, eine Art concentrirten Wein⸗ eſſigs, auf ſein noch in der andern Hand haltendes Schnupftuch gegoſſen hatte, hielt ſie es ihm unter die Naſe. Herr Dermot kam bald wieder zu ſich, er wollte nicht, daß die Kammerfrau, wie ſie vorſchlug, Mademoiſelle Grivier holen ſollte, ſchob dieſen Zufall auf die große Ermuͤdung einer langen Reiſe, und begleitete ſeine Weigerung in das Schloß zu gehen, mit einem Louisd'or, den er Calvez Gattin in die Hand druͤckte. Alles dies trug ſich unter dem Ge⸗ woͤlbe des Portals zu. Der Reiſende war aufgeſtanden, um ſich den Wagen zu naͤhern. Mariane folgte ſeinen ſchwan⸗ kenden Schritten einige Zeit lang mit den 112 Angen, nun rief ſie Eduard und ſagte zu ihm: „Komm herein, Eduard, und vor allen Dingen thue den haͤßlichen ſchwarzen Stock weg, den die Mutter, wie Du weißt, nicht leiden kann! Deine Pathe hatte ihn ſchon einmal verſteckt, Du haſt ihn aber wieder zu finden gewußt, boͤſes Kind, und nun bringſt Du ihn zum dritten Male geſchleppt. Jetzt ſei ſo gut und gieb mir ihn her. —„Nein Mariane“ antwortete Eduard in feſten Tone,„du bekommſt ihn nicht; und damit Du mich nicht mehr daruͤber ausſchmaͤhlen kannſt, ſo will ich ihn dem guten Manne geben, der ſich kaum auf den Beinen erhalten kann, und der uͤber den Tod der Mama Beaumanoir und mei⸗ ner Pathe Henriette ſo betruͤbt iſt.“ 113 Mit dieſen Worten, lief das Kind Herrn Dermot nach, den Stock immer zwiſchen den Beinen. Mariane rief es nicht zuruͤck, vielleicht war ſie froh daß dieſer Gegenſtand einer ſchmerzlichen Er⸗ innerung fuͤr immer entfernt wuͤrde, viel⸗ leicht war es ihr auch nicht unangenehm, ihn in den Haͤnden eines Mannes zu wiſ⸗ ſen, deſſen Dankbarkeit einen geringen Dienſt ſo reichlich belohnte. Als Eduard den Reiſenden erreicht hatte, hielt er ihn an den Rockſchooße; Herr Dermot ſah ſich um:„Guter Mann, ſagte jetzt Eduard, nimm dieſen Stock, uͤber welchen ich jedes Mal, wenn ich mit ihm auf den Hofe ſpielen will, ausge⸗ ſchmaͤlt werde.“ Herr Dermot zoͤgerte. „Nimm ihn, ſag⸗ ich Dir, fuhr Eduard fort, Du biſt ſchwach, Du kannſt Dich dar⸗ auf ſtuͤtzen, die Wege werden ſchlecht, ich IV Cheil. 8 114 gebe Dir ihn recht gern. Sieh ihn an, er iſt ſo ſchwarz wie Dein Kleid. Trau⸗ erſt Du etwa auch um meine Pathe Al⸗ lote?“ Herr Dermot, doppelt ergriffen, ein ſolches Geſchenk, aus ſolcher Hand, auf ſo eine außerordentliche Art zu erhalten, nahm den Stock ſtillſchweigend an, und ſuchte in ſeinen Taſchen, um etwas zu ſin⸗ den, das er dem Kinde als Gegengeſchenk anbieten koͤnne, und da er nichts dem kin⸗ diſchen Alter angemeſſenes fand, zog er von einer, faſt koͤnnte man ſagen, ihn aͤberraſchenden Gemuͤthsbewegung hinge⸗ riſſen, den Sardonix vom Finger, welchen er von der Ausgeberin von Helvin an die⸗ ſem naͤmlichen Portal erhalten hatte, und ſtellte ihn dem Kinde zu, aber ohne es zu umarmen, denn ſchon durchkreuzten ſich in ungeſtuͤmer Heftigkeit ſeltſame Gedanken 115 in ſeinem Kopfe. Eduard huͤpfte freudig zu ſeiner Aufſeherin zuruͤck, die ihre Blicke unverwandt auf dieſe Scene richtete, welcher ein ſchmaler Fußſteig zum Schauplatz diente. Beide kehrten in die Burg zuruͤck, und da die Nacht einbrach, ſo wurde das Pfoͤrt⸗ chen verſchloffen und verriegelt. 1 Acht und zwanzigſtes Kapitel. Man ſpricht in allen Wirths⸗ haͤuſern davon. Herr Dermot konnte ſich kaum erſchlep⸗ pen, ob er ſich gleich auf ſeinen alten Stock ſtuͤtzte, mit den er ſchon einmal denſelben Weg gemacht hatte. Der Raum zwiſchen ihm und ſeinem Wagen, war ganz un⸗ bedeutend, und doch zwang ihn ſeine Beklem⸗ mung ſtill zu ſtehen, um Athem zu ſchoͤpfen. 8* 116 „Welches Ereigniß, ſagte er zu ſich ſelbſt! welche unerforſchliche Wege der Vorſehung! Dieſe Frau, oder dieſe junge Perſon,(ich weiß nicht, wie ich ſie nen⸗ nen ſoll) hat den Zuſtand, in welchem ſie ſich zu meinem Ungluͤcke meinen Blicken zeigte, uͤberlebt! Was ſag' ich, ſie hat die ſchrecklichſten Ereigniſſe uͤberlebt!— und dieſer Stock, der Stock eines einſt tugendhaf⸗ ten Reiſenden iſt in meine ſtrafbare Hand zu⸗ ruͤckgekehrt! Der Ring, das Unterpfand des ſchrecklichen Buͤndniſſes, wird unſtreitig wieder an den Finger uͤbergehen, der auf ſeinen Beſitz Anſpruch zu machen hat! Zum zweiten Male wird er ausgetauſcht werden.. Es war alſo nicht die Liebe zu einer Verſtorbenen, die ich in meinem ſchaͤndlichen Buſen naͤhrte... eine Gat⸗ tin waͤre alſo das Opfer derſelben gewe⸗ —- 117 ſen!.. Und ſollte auch eine noch ſchwerere Buͤrde auf meinem Haupte laſten, ich muß es wuͤnſchen, es moͤge dem alſo ſeyn, Ja, o mein Gott! dem moͤge alſo ſeyn, oder fuͤr den Ungluͤcklichen, den vor Deinem Auge feine Reue ſeit ſechs Jahren von einem Himmelsſtrich zum andern begleitet, und der kaum erſt von den Selavenfeſſeln be⸗ freit iſt, in denen er nach Deinem weiſen Rathe ſchmachtete, wuͤrde ein ganzes Men⸗ ſchenleben nicht hinreichend ſeyn, um ein Verbrechen abzubuͤßen, das ſolche Folgen haͤtte. O, um Deiner Barmherzigkoit Willen moͤge dem alſo ſeyn!“ Blaß, kraftlos, erreichte endlich Herr Dermot ſeinem Reiſewagen,„sffne den Schlag“ ſtammelte er. Von ſeinem Be⸗ dienten Alexis unterſtuͤtzt, ſtieg er muͤhſam hinein. Ehrerbietig ſagte dieſer zu ihm, als er auf dem Ruͤckſitz Platz genommen hatte: 118 „Mein guter Herr, ich wette, Sie ha⸗ ben wieder bei dieſem abſcheulichen Schloſſe Ihre Zufaͤlle bekommen. Ich fuͤrchtete es gleich, als ich Sie dieſen Abend aus dem Wagen ſteigen ſah, denn noch nie kamen Sie mir ſo unwohl vor. Ach wie ich mich doch uͤber mich ſelbſt aͤrgere, daß ich Ihren ſchoͤnen Stock mit dem goldnen Knopfe in der Wohnung meines Vaters habe liegen laſſen, wo Sie die Guͤte hat⸗ ten, ſich einige Augenblicke niederzuſetzen. Ich glaubte ganz gewiß, daß mein Bruder ihn zugleich mit dem Nachtſacke in den Wagen getragen haͤtte. Dieſer Stock war Ihnen ſo nothwendig!... Doch dem Uebel wird bald abgeholfen ſeyn, ich habe den Poſtillon, der einer meiner Schul⸗ kammeraden war, den Stock dringend empfohlen, und da wir hier einen Tag verlohren haben, ohne noch den naͤchſten —— — 119 Morgen zu rechuen, ſo bin ich uͤberzeugt, daß mein Vater ſicher einen Reiſenden, auf den man ſich verlaſſen kann, aufge⸗ funden hat, um ihm den Stock mitzugeben, ſo daß er vor uns in Rennes angekom⸗ men ſeyn wird, wo wir ihn finden werden. Sie haben den Bolord's ſammt und ſon⸗ ders ſo viel Gutes erzeugt, daß ſie den Stock gewiß beſorgt haben werden. Waͤ⸗ ren die Thalerſaͤcke, die ich geſtern in das Kutſchenkaͤſtchen tragen mußte, nicht ge⸗ weſen, ich haͤtte Sie gewiß nicht allein nach dieſer alten Burg gehen laſſen, nur dieſe Rückſicht hat mich abgehalten.... Herr Dermot ſagte kein Wort und Alexis fuhr mit doppelten Eifer fort. „Ich merke aus Allem mein guͤtiger Herr, daß der Zufall recht heftig geweſen ſeyn muß, wenigſtens hat man Sie nicht ganz huͤlflos gelaſſen, denn Sie haben ja 120 da einen ſchoͤnen Stock von Ebenholz. Gott vergelte es der barmherzigen Seele, von der Sie ihn geborgt erhalten haben! Muß er heute noch auf die Burg zuruͤck⸗ gebracht werden, dazu waͤr' es wohl zu ſpaͤt. Wenn Sie es erlauben, ſo wird dies morgen fruͤh geſchehen koͤnnen, ehe wir nach St. Nolf fahren.“ Ungern ſchienen ſich endlich folgende Worte dem Munde des Reiſenden zu ent⸗ winden:„Dieſer Stock gehoͤrte mir, man hat mir ihn nur zuruͤckgegeben. Wir ge⸗ hen nicht nach St. Nolf... Ich weiß nicht wo wir hingehen werden. Ich weiß nicht was der Himmel uͤber mich beſtim⸗ men wird!“ Noch nie hatte Herr Jonathan ſo viel in Gegenwart ſeines Bedienten, waͤh⸗ rend der ſechs Jahre, die dieſer in ſeinen Dienſten, mit Einſchluß der in Afrika auf 121 den Kuͤſten der Barbarei gemeinſchaftlich verlebten ſechs Monate, zugebracht hatte, uͤber ſeine perſoͤnlichen Angelegenheiten geſprochen. Alexis wußte bloß, daß ſein Herr, trotz ſeines großen Reichthums, un⸗ gluͤcklich war, aber nie hatte er der Ur⸗ ſache davon, auf die Spur kommen koͤn⸗ nen. Die Beſcheidenheit, die Zuruͤckhal⸗ tung, die er bis jetzt in Bezug auf dieſen Gegenſtand beobachtet hatte, gruͤndeten ſich nicht weniger auf das Gefuͤhl ſeiner Pflicht, als auf die Ueberzeugung von den Unannehmlichkeiten, die ihm jede Nach⸗ forſchung dieſer Art zuziehen wuͤrde.. Er hoͤrte auf zu ſchwatzen, wie dies ge⸗ woͤhnlich der Fall war, wenn eine oder hoͤchſtens zwei ſeiner Anreden eine, oder auch keine Antwort erhalten hatten. Dieſe Grenze wagte er nie zu uͤberſchreiten. 122 Stillſchweigend legten Herr und Die⸗ ner den kurzen Weg bis zum Flecken Hel⸗ vin zuruͤck; der Wagen hielt vor dem Gaſt⸗ hofe zum rothen Hut, wo ſie bereirs vor ihrem Abſtecher nach der Burg Mittag ge⸗ macht hatten. Herr Dermot ſtieg aus, und vielleicht gab der Stock von Ebenholz, auf den er ſich ſtuͤtzte, ſeinem ohnehin Ehrfurcht gebietenden Aeußeren, noch et⸗ was Feierlicheres. So wie er in die Kuͤ⸗ che des Wirthshauſes, ſonſt auch wohl Empfangsſaal genannt, eintrat, noͤthigte ihn Madame Duchesne ſehr hoͤflich am Feuer Platz zu nehmen, und entſchuldigte ſich, ihn nicht in das daranſtoßende Zimmer fuͤhren zu koͤnnen, da in demſelben eben jetzt noͤthige Reparaturen vorgenommen wuͤrden. Eigentlich war in dem, zwiſchen Plo⸗ ermel und Vannes gelegenen, Flecken Hel⸗ 123 vin nichts als ein Poſtwechſel, wo nur ſchweres Fuhrwerk einkehrte, Extrapoſten hingegen bloß umſpannten, und ihren Weg nach einer der beiden genannten Staͤdte fortſetzten. Selten hielt ein mit Poſt⸗Rei⸗ ſender hier an, um zu Fruͤhſtuͤcken; es war etwas Außerordentliches wenn er uͤber Mittag da blieb, und daß einer hier uͤber⸗ nachtet haͤtte, hatte ſich wohl in einem Jahrhundert kaum ein Mal ereignet. Die Wirthin im rothen Hut, ſtolz einen Edelmann zu beherbergen, deſſen Aeußeres großem Wohlſtand ankuͤndigte, hielt fuͤr Schuldigkeit Herrn Dermot das ſchoͤnſte Ihrer Zimmer anzuweiſen; aber dieſes Prunkgemach, in welchem zwei praͤchtige Himmelbetten mit ihren blau geflammten baumwollnen Beſetzungen ſtanden, war mit einer Tapete von Bergamo, mit drei friſch mit Stroh eingeflochtenen Stuͤhlen, einem⸗ 124 ſchoͤnen, mit geſottenem Leder uͤberzogenen, Armſtuhle, einem großen buntgemahlten Chriſtusbild von Gips, das auf dem Ka⸗ min ſtatt des Wandſpiegels angebracht war, und einem dreibeinigen zwar etwas wackelichen Tiſche verſehen, der aber ziem⸗ lich feſt ſtand, wenn man Sorge trug, ihn nicht von der Wand abzuruͤcken; aber un⸗ gluͤcklicher Weiſe fehlte die Klinke und das Schloß an der Thuͤre, die man nicht an⸗ ders als mit Huͤlfe zweier von Innen und' von Außen angebrachten Schlingen von Bindfaden zumachen konnte. Dieſe kleine Unbequemlichkeit gab den Reiſenden freilich den Haußbewohnern Preis, theils weil er genoͤthigt war, ſo oft Jemand zur Thuͤr herein wollte, die inwendige Schlin⸗ ge los zu machen, theils weil er befuͤrch⸗ ten mußte eingeſperrt zu werden, da der Erſte der Beſte, der uͤber den Korridor 125 ging die Schlinge in den an der Thuͤr⸗ pfoſte befindlichen Nagel einhaͤckeln konnte. Hierzu kam noch der Mangel einiger Fen⸗ ſterſcheiben, auch waren die mit Hahnen⸗ und Huͤhnerfedern geſtopften Betten, von den derben Gliedern der Fuhrleute ſo feſt zuſammen gedruͤckt, wie die Steine auf der Landſtraße von den Felgen ihrer Laſt⸗ wagen. 5 Da der Frau Simon Duchesne der geaͤußerte Entſchluß des Herrn Dermot in Helvin zu uͤbernachten bekannt war, ſo wuͤrde ſie es der Ehre ihres Wirthshau⸗ ſes fuͤr nachtheilig gehalten haben, wenn ſie nicht inwendig an der Thuͤre, ſtatt des Schloſſes, einen kleinen Vorreiber haͤtte anbringen, drei Fenſterſcheiben einziehen laſſen, und Mittel und Wege ausfindig ma⸗ chen koͤnnen, den Bettſack, den man mit dem Namen einer Matrazze beehrte, friſch 126 aufzuſtopfen. Zu Ergaͤnzung dieſer Maͤn⸗ gel wurden waͤhrend der Abweſenheit des Reiſenden drei verſchiedene Künſtler auf⸗ geboten; ſie ſelbſt war beſchaͤftigt, mit Huͤlfe ihrer Magd in eines der Betten die ſeit dem Winter geſammelten Federn einiger jungen wilden, und einiger zahmen Enten zu fuͤllen,. Eine der Matrazzen erhielt uͤberdem den reinlichen Zuwuchs von fuͤnf bis ſechs Pfunden Wolle mit ſammt dem Schweiße, vem Ertrage der Schur von zwei Schafen und einem Widder, die unter den Fuͤßen der Pferde ihre Lagerſtaͤtte hatten, und ſich von dem Abfalle ihres Futters naͤhrten; und der Schulmeiſter, der im rothen Hute das Geſchaͤft des Buchhalters beſorgte, war, aus beſondern Ruͤckſichten gegen Ma⸗ dame Simon, ſo gefaͤllig, auch das eines Glaſers zu uͤbernehmen; da ihm aber zu Betreibung ſeiner neuen Profeſſton ¹ 127 weiter nichts als die Glasſcheiben fehlten, and in dem ganzen Flecken keine paſſenden aufzutreiben waren, ſo entſchloß man ſich, zwei, welche der Zahn der Zeit in dem Stallfenſter verſchont hatte, heraus zu neh⸗ men, und brachte ſie gluͤcklich in die lee⸗ ren Nahmen des fuͤr Herrn Dermot be⸗ ſtimmten Prachtzimmers an.— Aber noch zeigte ſich eine Luͤcke in einem dieſer un⸗ gluͤckſelgen Rahmen. Das erfinderiſche Genie des Schulmeiſters ergaͤnzte ſie, we⸗ nigſteus fuͤr dieſen Abend, mit einer der Hornplatten aus der Stalllaterne, unter dem, dem Stallknechte gegebenen, Verſprechen, ihm dieſe Platte am andern Morgen wie⸗ der zuzuſtellen. Der von Regen begleitete Wind, der ſich mit dem Einbruche der Nacht erhob, hatte zu Ergreifung dieſes letzten Mittels gezwungen, nachdem man zuvor zwei Mal verſucht hatte, einen ſchoͤ⸗ nen Bogen weißes Papier in den Rahmen zu befeſtigen, den aber jedes Mal ein hef⸗ tiger Windſtoß zerriß. Laͤnger hielt die Reparatur an der Thuͤre auf; denn Matthes Lalande, der ſich auch noͤthigen Falls ein wenig mit Schloͤſſerarbeit abgab, konnte nicht eher Hand ans Werk legen, als bis er die auf beiden Seiten ſeiner Schmiede angehaͤng⸗ ten Pferde beſchlagen hatte; und da es Markttag war, und er doch nach jedem beſchlagenen Pferde mit dem Eigenthuͤmer deſſelben einen Schluck trinken mußte, ſo ſahe ſich der ehrliche Matthes noch immer mit der Reparatur des Thuͤrſchloſſes be⸗ ſchaͤftigt, als der Schulmeiſter, Buchhalter, Zimmerdekorateur und Glaſer, mit einer triumphirenden Miene, die ſeinen Sieg uͤber Sturm und Regen ankuͤndigte, die Treppe herab kam. In demſelben Au⸗ 129 7 genblicke trat Katharine Synvenn in das Wirthshaus, ſie war jetzt die einzige Kammerdame der kleinen Heiligen, denn Perrine Moyſan hatte ſeit einem Monate, in einem Winkel des Kirchhofs, den Platz der ausgetrockneten Mumie ein⸗ genommen, mit Vorbehalt, vermoͤge der Eigenſchaft des Bodens, zu ſeiner Zeit, das heiſt, etwa nach beilaͤufig funfzig Jah⸗ ren ebenfalls ein Gegenſtand der oͤffent⸗ lichen Verehrung zu werden. Die Wir⸗ thin wurde uͤber die Erſcheinung der Si⸗ bylle, der ſie gar nicht gewogen war, ver⸗ drieslich, indeſſen huͤtete ſie ſich wohl es ihr merken zu laſſen, aus Furcht die gif⸗ tige Zunge dieſer Frau koͤnne ihrem Ge⸗ werbe Nachtheil bringen. „Jetzt, Madame Simon Duchesne“ ſagte der Schulmeiſter, indem er ſich die Haͤnde rieb,„jetzt koͤnnen Sie ſich ruͤhmen IV. Theil. 9 130 Ihren Edelmann in eines der ſchoͤnſten Zimmer im Lande zu fuͤhren, denn wenn Sie Ihre ſchoͤnen geflammten Vorhaͤnge vor die Fenſter gezogen haben, ſo ſtehe ich Ihnen mit meinen Kopfe dafuͤr, ob wir gleich dem Herbſte nahe ſind, und der Wind nicht uͤbel pfeift, daß das Licht auf dem Tiſche, ſollte es auch ein wenig flak⸗ kern, doch ſo gewiß fortbrennen wird, als eine Oſterkerze in der Kirche.*) „Und iſt denn Matthes noch nicht bald fertig?“ fragte die Wirthin. „Die Klinke war ſchon in Ordnung“ erwiederte Chalony, als ich herunter ging, und der Gevatter war eben druͤber den Vorreiber zu befeſtigen. *) In einigen Gegenden von Bretagen, iſt man allgemein der Meinung, daß eine Oſterkerze nie verloͤſcht.— Man wuͤrde das Verloͤſchen derſelben fuͤr ein großes Ungluͤck anſehen⸗ 131 Katharine Synvenn, deren Anſehen, nach dem Tode ihrer Gefaͤhrtin ſich in Helvin vermehrt hatte, und die trotz des Verbots des Herrn Leny, den Diocoͤs von St. Nolf wieder ungeſcheut zu betreten anfing, hatte ſich an eine Ecke des brei⸗ ten Heerdes geſetzt; vor ihr drehte ſich ein Nierenbraten am Spieſe, auf welchen drei Fuhrleute bereits Beſchlag gelegt hatten, und den im Kurzen in ſeiner kreisfoͤrmi⸗ gen Bewegung, als ausgezeichnete Traban⸗ ten, ein Huhn und ein Rephuhn begleiten ſollten, beſtimmt, dem mit Extrapoſt reiſen⸗ den Herrn vorgeſetzt zu werden. Herr Simon Duchesen, ſtand vor dem Back⸗ ofen, und ſchwenkte von Zeit zu Zeit mit vielem Geſchicke den Inhalt zweier Caſſe⸗ rolen, welcher dieſelbe Beſtimmung hatte. In einiger Entfernung vom Feuer ſaß ſchweigend Herr Dermot; es war ihm 9.* 132 hoͤchſt unangenehm nicht auf ſein Zimmer gehen zu koͤnnen, wo er wenigſtens unge⸗ ſtoͤrt uͤber die traurigen Aufſchluͤſſe haͤtte nachdenken koͤnnen, die er ſo eben erhal⸗ ten hatte. Mitten unter dem Sturme ſeiner Gefuͤhle, glaubte er indeſſen doch einige Worte ſprechen zu muͤſſen, waͤre es auch nur, um ſein Schweigen weniger auf⸗ fallend zu machen, und als die Wirthin die erwaͤhnten Trabanten dem Spieſe bei⸗ fuͤgte, ſagte er zu ihr: „Ich wundere mich Madame, daß Sie mir nichts von der wunderbaren Erhaltung des Fraͤuleins von Beaumanoir geſagt haben. „Das iſt“ antwortete die Wirthin,“ ſchon etwas Altes, wovon Niemand mehr ſpricht. Haͤtte ich indeſſen von Ihrem Vorſatze die Burg zu beſuchen etwas ge⸗ wußt; ſo wuͤrde ich nicht unterlaſſen ha⸗ 133 ben, auch dieſes Vorfalls zu erwaͤhnen. Dieſe arme Frau befindet ſich jetzt in der That in einer hoͤchſt betruͤbten Lage, da ſie eine Mutter und eine Freundin verlohren hat, wie ihrer es wenige gibt. Ich fuͤr meinen Theil weiß von allen dreien nichts als Gutes zu ſagen. Das Kind iſt ein allerliebſter Knabe, der— wenigſtens nicht verzogen wird.. 1 „Und dieſes Kind, entgegnete Herr Dermot, iſt alſo einige Monate, nachdem die Mutter wieder ins Leben zuruͤckgekehrt war, gebohren worden?“ „Ja einige Monate“ warf die Wir⸗ thin zum rothen Hut ganz nachlaͤſſig hin. Bei dieſen Worten hob Katharine Synvenn ihr Schlangenhaupt unter ihrem ſchwarzen, mit gruͤner Serge gefuͤtterten, Maͤntelchen empor, ihre Augen gläͤnzten aus ihrem duͤſtern Geſichte hervor, wie 134 zwei Laternen an einer Poſtchaiſe, in einer finſtern Nacht, aus einem Hohlwege, und ihre ſchmalen Lippen oͤffnend, fragte das boshafte Weib mit einer haͤmiſchen Be⸗ tonung: —„Warum ſagen Sie denn nicht lie⸗ ber gerade neun Monate, Madame Simon? — Weil ich es nicht weiß, ſo wenig als ihr, antwortete die Wirthin trocken. — Da irren Sie ſich/ fuhr die Hexe fort, denn gerade um dieſe Zeit brachte der Doktor Bonnet zwei Naͤchte außer dem Hauſe zu, was ich ganz beſtimmt weiß. Auch ſtimmt dies mit dem, was ich von der Frau Marquiſe von Boisbriant gehoͤrt habe, vollkommen uͤberein; und dieſe Da⸗ me konnte es von Kaͤtchen, der Viehmagd auf dem Schloſſe Helvin, ſehr genau wiſſen. — Die, wegen ihres Spionirens noch von Madame Allote fortgeſchickt wurde?“ — — 135 erwiederte Madame Simon, freilich ein ſehr vollguͤltiger Zeuge fuͤr die Wahrheit eurer Behauptung! was geht es uns uͤbri⸗ gens an, ob dieſe gute und ehrenwerthe Dame, einige Monate fruͤher oder ſpaͤter niedergekommen iſt? Sie iſt ſo genug zu beklagen, und man ſollte ſich nicht auch noch giftiger Anmerkungen uͤber ſie erlau⸗ ben. Unſer junger Doktor Bonnet be⸗ hauptet, daß ſie es nicht lange mehr trei⸗ ben wird, uͤber dem hat unſer wuͤrdiger Herr Leny aus ſicherer Quelle in Erfah⸗ rung gebracht, daß ſie in Liſieux getraut worden iſt, und es iſt uns allen noch in friſchen Gedaͤchtniß, daß er dies ſogar ein Mal auf der Kanzel geaͤußert hat. — und Sie koͤnnen an ein ſolches Maͤhrchen glauben, antwortete die Sibylle, in jenem, den uͤberklugen Leuten, die alles. beſſer wiſſen wollen, eignen veraͤchtlichen 136 Tone.— Dann fuͤgte ſie mit geheimniß⸗ voller Miene hinzu, glauben Sie mir Ma⸗ dame Simon, eine Heirath hat allerdings Statt gefunden, aber jene vorgebliche nicht. Alle meine Prophezeihungen werden ein⸗ treffen. Die Vicomteſſe, und die Ausge⸗ berin, ſind ſie nicht beide geſtorben wie ich vorausgeſagt hatte? Das gute Fraͤu⸗ lein, ich habe wahrhaftig nichts wider ſie! Aber der Ring, den ich entwendet haben ſoll, muß ihr wieder in die Haͤnde kom⸗ men, und das wird gewiß geſchehen! Dann gibt's Hochzeit, denn das Jawort iſt bereits gegeben: aber die Folgen, die Folgen! nun will ich nichts weiter ſagen, man ſoll mir nicht mehr vorwerfen, daß ich eine boͤfe Zunge habe.“ —„Wie ihr ſie wirklich habt,“ ſagte die Wirthin. 137 Herr Simon Duchesne, der eben ſeinen Backofen verlaſſen hatte, um mit Matthes Lalande, welcher waͤhrend dleſes Geſpraͤchs herunter gekommen war, anzu⸗ ſtoßen, gab nun ſein Wort auch darein: Du haſt Unrecht liebe Frau, ſagte er, denn die gute Schweſter iſt nicht die Ein⸗ zige die es weiß, daß Madame Delpont ſpaͤter als neun Monate, nach dem Tode des jungen Mannes niedergekommen iſt. „Der Schulmeiſter Chalony, welchem Herr Simon ein Glas Wein hinreichte, verſicherte, indem er es in Empfang nahm, etwas Aehnliches von dem Kirchner von St. Nolf gehoͤrt zu haben, welcher die noͤ⸗ thigen Geraͤthſchaften zur heimlichen Taufe des Eduards auf die Burg gebracht habe. Waͤhrend dieſes Geredes, ſaß der Reiſen⸗ de unbeweglich auf ſeinem Stuhle, und hielt ſich ſein Riechflaͤſchchen unter die 138 Naſe. Katharine, in ihrer Kuͤhnheit be⸗ ſtaͤrkt, fuͤgte hinzu, daß der ſchwarze Mann, den der alte Tymen von Treogat auf der Hoͤhe des Gehoͤlzes am Begraͤbnißmorgen geſehen habe, ſich, wenn ſeine Zeit und Stunde gekommen waͤre, wieder einſtellen wuͤrde, daß er ſich nochmals um das Fraͤu⸗ lein perſoͤnlich bewerben werde, und daß ſie dann beider Seits mit einander ver⸗ ſchwinden wuͤrden, wenn nicht ein braver Prieſter, oder ſie mit der Schürze der klei⸗ nen Heiligen in der Naͤhe waͤren, um den Boͤſen zu beſchwoͤren. In dieſem Augenblicke ſtrengte ſich Herr Dermot aus allen Kraͤften an, um vom Stuhle aufzuſtehen. Mit einer Hand ſich auf ſeinem Stock von Ebenholz ſtuͤtzend, zeigte er mit der andern auf Katharine Synvenn, und ſich an die Wirthin wen⸗ dend, richtete er folgende Worte mit ei⸗ V 139 ner Staͤrke der Stimme an ſie, die dem unerwarteten Getoͤſe eines Gewitters glich: „Sie habe hier ein nichtswuͤrdiges Geſchoͤpf in ihrem Hauſe, das ſchon viel Boͤſes geſtiftet haben muß, und noch Vie⸗ les ſtiften wird, wenn die Gottheit es noch lange auf Erden laͤßt!“ Und bei dieſen Worten ſank der Frem⸗ de ohne Beſinnung in die Arme ſeines Be⸗ dienten Alexis Bolore zuruͤck, welcher in einem aͤngſtlichen Gefuͤhl, worein die Hef⸗ tigkeit ſeines Herrn, in der er ihm noch nie geſehen, den treuen Diener verſetzte, ſich ihm genaͤhrt hatte. Dies gab zu einer großen Bewegung in dem Wirthshauſe zum rothen Hute Veranlaſſung. Die Wirthin, ihrer Gut⸗ muͤthigkeit folgend, war um Herrn Der⸗ mot beſchaͤftigt; der Schulmeiſter unter⸗ ſuchte den Puls des Kranken, ohne ein⸗ 140 mal zu wiſſen, in welcher Gegend des Arms er zu finden ſei, und ſchuͤttelte den Kopf mit einer wichtigen und bedenklichen Miene; die Magd fragte, ob ſie den jungen Herrn Doktor Bonnet, oder den Rektor von Helvin, der nur wenige Schritte von dem Hauſe wohnte, holen ſollte. Mat⸗ thes Lalande drang mit der Fauſt auf Ka⸗ tharine Synvenn ein, und warf ihr vor, durch ihre den Boisbriants hinterbrachten Klaͤtſchereien, an dem Tode der Frau von Beaumanoir Schuld zu ſeyn; die Sibylle, die ſich uͤber ſich ſelbſt zu taͤuſchen begann, fing wirklich an zu glauben, daß ihr die Gabe der Weiſagung in einem hohen Grade zu Theil worden ſei, und ſuchte ihn durch ihre Drohungen zu erſchrecken; drei dazu gekommene Fuhrleute wurden mit ihrem Verlangen, das ſie alle drei auf ein Mal vortrugen, gar nicht gehoͤrt; die 141 Voruͤbergehenden blieben ſtehen, und guck⸗ ten durch die ſchlecht paſſenden Fenſterla⸗ den der Kuͤche; Madame Simon, immer noch den Reiſenden mit unterſtuͤtzend, der nach und nach wieder zur Beſinnung kam, ſchrie aus vollem Halſe dem Schmidte zu: „So recht, werft die Spitzbuͤbin zur Thuͤre hinaus, die, wenn ſie oͤfters kommt, durch ihre Gegenwart mein Haus noch zu Grun⸗ de richten wird, und Herr Simon Duch⸗ esne mit einer eben ſo unerſchuͤtterlicher Gleichmuth begabt, als rachſichtig vom Charakter, ſchien ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit darauf zu verwenden, daß der Braten nicht verbrenne. Als Herr Dermot ſich wieder ermannt hatte, begab er ſich, von dem Arm ſeines Bedienten unterſtuͤtzt, auf ſein Zimmer, wo man ſo aufmerkſam geweſen war, Feuer im Kamin zu machen. Dies war die 142 zweite Erſchuͤtterung, welcher der Ungluͤck⸗ liche an demſelben Abend ausgeſetzt wor⸗ den war, und ſeine Konſtitution, die durch ſeine Gefangenſchaft in Algier ohnehin aͤußerſt gelittten hatte, war dadurch unge⸗ mein angegriffen worden. Demohngeach⸗ tet wollte er ſich nicht niederlegen, ſo ſehr ihn auch Alexis darum bat. Im Armſtuhl ſitzend, den Kopf voll truͤber Gedanken, ließ er den Tiſch decken, die Speiſen auf⸗ und wieder abtragen, ohne ein Gericht anzuruͤhren. Seinem Willen gemaͤß, ging ſein Bedienter hinunter, um an der Wirthstafel ſein Abendbrod ein⸗ zunehmen; und nun ſich ſelbſt uͤberlaſſen, aͤberſchanete er im Geiſt den furchtbaren Abgrund ſeines Elends.„Welche Ver⸗ kettung von Ungluͤck muß ich erblicken! ſagte er zu ſich ſelbſt, der Schleier iſt von meinen Augen gefallen. Ich bin nicht 143 nur der nichtswuͤrdigſte, ich bin der ſtraf⸗ barſte aller Menſchen. Wer weiß, ob ich nicht in einen einzigen Weſen viele andere noch geopfert habe? Wer buͤrgt mir dafuͤr, daß nicht die Gottheit eine Ausnahme in dem Gange der ewigen Na⸗ turgeſetze geſtattet hat, um das ungewoͤhn⸗ lichſte Phaͤnomen der verabſcheuungswuͤr⸗ digſten aller Schandthaten folgen zu laſ⸗ ſen? Wie furchtbar waͤre dann das Ver⸗ brechen! Was beginne ich! Wo ſuche ich Zuflucht, wohin verberg' ich mich. O! wer mir den Ausweg zeigt, den will ich mit Gold die dunkle Hoͤhle bezahlen, in die er mich verweiſen wird. Ach nur das Grab kann ſolche Geheimniſſe decken, ich hatte ihm dieſe Geheimniſſe beſtimmt, es hat ſie aufzunehmen verweigert. Ich koͤnnte mich mit ihnen in ſeinen Schoos werfen wollen und ich fuͤrchte, es wuͤrde 144 mich zuruͤckſtoßen!... Wuͤrde Gott und mein Gewiſſen mir nicht auch dahin fol⸗ gen? Wohin ich mich bisher auch wandte haben ihre Schreckniſſe mich nicht aͤberal ereilt? habe ich mir Selbſt je entfliehen 5 koͤnnen? Ach nur einen einzigen Ruhepunkt hab' ich gefunden, als der Himmel aufhoͤrte, die Unternehmungen zu beguͤnſtigen, denen ich mich widmete, um die Kraͤfte meines Geiſtes zu nutzen, und meine Ohren, vor der lauten erſchuͤtternden Stimme des innern furchtbaren Anklaͤgers zu verſtopfen, und ich den Seeraͤubern in die Haͤnde fiel— Mein Vermoͤgen, ſelbſt durch ſeine ungeheure Groͤße ein Zeiche eh weiner Ver⸗ werfung, ward ihrer Habſucht entriſſen, aber meinen Koͤrper zerfleiſchten ſie. Da⸗ mals, ja nur damals fuͤhlte ich einige Er⸗ leichterung, ich hoffte ſogar daß es mir gelungen waͤre, den Zorn des Himmels 145 zu entwaffuen; laͤchelnd reichte ich dem Schmerze die Hand, und fand mich durch dieß Buͤndniß geehrt. „und was wird nun aus mir wer⸗ den?— Werde ich den Muth haben dieſe Frau, die mir nie aus den Gedanken kommt, wieder zu ſehen? Werde ich kuͤhn genug ſeyn, vor ihr Angeſicht zu treten, mich mit meiner Rede an ſie zu wenden? Werde ich ihr ſagen koͤnnen,„ich kenne Sie“— Werde ich ihr ſagen koͤnnen— „ich bin es!...“ und wenn Sie mich fragen wird, wo ich Sie geſehen habe, zu welcher Zeit, an welchem Orte, zu wel⸗ cher Stunde, Werde ich ihr es ſagen koͤn⸗ nen— Ach! ich muß, ich muß fliehen, und doch, wie groß wird mein Jammer ſeyn, ſie nicht mit einem einzigen Blicke geſehen, meine abgezehrten Glieder, meine verloſchenen Augen ihr nicht gezeigt zu IV Theil. 10 146 haben! Ja, hätte ich ihr dann geſagt, das Verbrechen hat den Weg zu mei⸗ nem Herzen gefunden, aber Sie ſind als Koͤnigin darinnen eingezogen, und dar⸗ um iſt es jetzt ſo zerriſſen, denn Tugend und Laſter koͤnnen nicht neben einander wohnen. Abſcheuliches Verbrechen, tugend⸗ hafte Schoͤnheit, fahrt denn fort dieſes Herz, deſſen ihr euch bemäͤchtigt habt, zu zerfleiſchen, da es euch beiden in gleichem Maße angehoͤrt. Vielleicht haͤlt ſie jetzt den Ring, dieſen furchtbaren Mahlſchatz, in ihren Haͤnden, dieſen Ring der Verbannung und der Reue, denn Du mein Gott weißt es, wie viele Thraͤnen ich auf dies Zeichen einer Dankbarkeit geweint habe, bei der mich, wenn ich nur an ſie denke, Zittern und Zagen uͤberfaͤllt. Mir Dankbarkeit! Ach nur die Hoͤlle iſt mir Dankbarkeit —— —-— —— 147 ſchuldig und ſie weiß ſich ihrer zu entle⸗ digen.... Vielleicht fragt die Mutter in dieſem Augenblicke ihren Sohn aus: aber warum ſollte ſie ihn ausfragen, muß ſie deshalb an einen Unbekannten denken? Es iſt ja nichts weiter als ein Ring, den ein Durchreiſender ihr gegeben hat..... Unſinniger, willſt du dich noch immer taͤuſchen? wenn du deinen Leidenſchaften zum Spielzeug gedient haſt, wie kannſt du glauben, daß es an⸗ dern eben ſo gehen werde? Kannſt du dir den⸗ ken, daß drei ſo innig verbundene Weiber ſich ihre Vermuthung uͤber den Zuſtand einer von ihnen nicht werden mitgetheilt haben? Biſt du nicht in deiner Gegenwart ein bejammernswuͤrdiger Gegenſtand der Unterhaltung in einer Dorfſchenke gewe⸗ ſen? Biſt du nicht ſchon ein Mal wie ein verworfener Verbrecher entwichen? Haſt du nicht bei deinem Davonſchlelchen ver⸗ 10* 148 ſprochen, daß du in einigen Tagen zuruͤck⸗ kehren, und deinen Namen ſagen wuͤrdeſt? Der Tod hat die Ohren verſiegelt, welche dieſen von Gott und Menſchen verab⸗ ſcheuten Namen hoͤren ſollten; zaͤhle deine Schlachtopfer Ungluͤcklicher, und bedenke daß du ſie unter den Edelſten der Erde ausgewaͤhlt haſt!“ So durchkreuzten ſich Herrn Dermots Gedanken im wilden Aufruhr. Sie gin⸗ gen abwechſelnd von der Erinnerung zum Schmerz, und von dieſem zur Verzweiflung uͤber. Da er jedoch mit ein wenig mehr kaltem Blute ſeine Lage uͤberlegte, ſo ent⸗ ſchloß er ſich vor Sonnenaufgang nach Rennes abzureiſen, und von dort aus ſeine Reiſe nach Paris fortzuſetzen. Dort erſt wollte er ſeiner Unſchluͤſſigkeit ein zZiel ſetzen, und ſeinen kuͤnftigen Lebens⸗ plan entwerfen, bei welchem der Eintritt 149 in ein Kloſter, natuͤrlich mit in Anſchlag kam. Er klopfte mit der Feuerzange auf den Boden, um ſeinen treuen Alexis von ſeinem Entſchluſſe, in ſo weit er auf ſeine Abreiſe von Helvin Bezug hatte, zu un⸗ terrichten, ſchon hatte er den Befehl, die Poſtpferde fuͤr den folgenden Morgen fruͤh fuͤnf Uhr zu beſtellen, auf der Zunge, als der junge Bolore mit einem ſchwarzgeſie⸗ gelten Brief, aber ohne alle Aufſchrift, hereintrat: dieſer Brief war indeſſen fuͤr Herrn Dermot beſtimmt. Bevor wir in⸗ zwiſchen dem Leſer deſſen Inhalt mitthei⸗ len, muͤſſen wir ihm vorher erzaͤhlen, was ſich ſeit drei Stunden, oder ſeitdem das Pfoͤrtchen hinter Marianen und dem Kinde zugeſchloſſen war, auf der Burg ereignet hatte. 150 Neun und zwanzigſtes Kapitel. Zuſammenkunft.— Geſtaͤndniß. Befehle werden gegeben und empfangen. — Madame Delpont, durch die Kuͤhle des Abends und durch einen ſchneidenden, von Regen begleiteten Wind erinnert, hatte eben, in Folge einer Betrachtung, in welcher ihre Erinnerung das ganze, viel umfaſſende Gemaͤlde ihrer Ungluͤcksfaͤlle vor ihr ent⸗ wickelt hatte, ihr Fenſter zugemacht. Sie hatte weder die Farben ſchwaͤrzer aufge⸗ tragen, noch die Zuͤge deſſelben gemildert; indeſſen war dies Mal ihr Schmerz, ob⸗ gleich immer unendlich, doch ohne Bitter⸗ keit. Unvermerkt dahin gebracht, ſich ſelbſt 151 zu beklagen, nachdem ſie vorher die ihr bekannten ungluͤcklichſten Schickſale, mit dem ihrigen verglichen hatte, blieb Klemen⸗ tine in ihren eignen Augen nichts deſto weniger ein beiſpielloſer Gegenſtand des Mitleids, und ſie hielt ſich uͤberzeugt, daß jedes menſchliche Weſen, das in dem Falle waͤre, in das Geheimniß einer ſol⸗ chen Lage einzudringen, ſich nicht wuͤrde enthalten koͤnnen, einen traurigen und leb⸗ haften Antheil daran zu nehmen. Ihre Thraͤnen floſſen, und vielleicht war dies eine der am wenigſten peinlichen Virtel⸗ ſtunden, die ſie ſeit langer Zeit verlebte; denn es miſchte ſich unter ihre Wehmuth eine ſuͤße Erinnerung an ihre beiden Freun⸗ dinnen, von deren verklaͤrten Blicken ſich beobachtet zu denken, ihr ein beſeligendes Gefuͤhl war; der Menſchenkenner wuͤrde 152 verſucht worden ſeyn, eine Art von Wolluſt des Ungluͤcks darin zu finden. Zwei Wachskerzen erleuchteten den Tiſch, auf welchem die beiden einzigen Buͤ⸗ cher lagen, welche Madame Delpont zur Lektuͤre dienten. Nachdem ſie einige Sei⸗ ten in der„Nachfolge Chriſti“ ge⸗ leſen hatte, klingelte ſie ihrer Kammerfrau nach dem kleinen Eduard, welchem ſie alle Abend vor dem Nachteſſen eine Stunde Unterricht ertheilte. Mariane bringt das Kind, es ſetzt ſich nieder, faͤngt an zu leſen, iſt zerſtreut, und betrachtet unaufhoͤrlich verſtohlen einen glaͤnzenden Gegenſtand, den es in der hohlen Hand verſteckt; Klementine wendet ihre Blicke ebenfalls dahin, und entdeckt mit hoͤchſten Erſtaunen den Ring, welcher ihr in den gluͤcklichſten Tagen ihres Lebens zum Ge⸗ ſchenk gemacht wurde, und den ſie als ein 153 Unterpfand einer gegenſeitigen Zaͤrtlichkeit empfing. Ihr erſter Gedanke war, daß ihr Sohn beim Spielen in der Gegend des Schloßportals dieſe, den fruͤhern Nach⸗ ſuchungen entgangene, Antike endlich ge⸗ funden habe. In dieſer Vorausſetzung richtete ſie nun ihre Fragen auch an Edu⸗ ard, aber ihr Erſtaunen war graͤnzenlos, als ſie erfuhr, daß dieſer Ring ein Ge⸗ ſchenk des Fremden fei, der nahe am Thore aus dem Wagen geſtiegen war. Sie klingelte Marianen aufs Neue, und die Kammerfrau mußte ihr nun dieſen Vorfall mit allen Umſtaͤnden erzaͤhlen. Nichts wurde vergeſſen, ſelbſt nicht der mit Brillanten beſetzte Medaillon, und die zwiſchen ſeinen beiden Glaͤſern befindlichen, dem Reiſenden hoͤchſt wahrſcheinlich ſehr theuern Haare.— 154 „Wer iſt dieſer Fremde? wo kommt er her? von wem hat er dieſen Ring empfangen? woher weiß er, daß er ein Eigenthum des Fraͤuleins von Beaumanoir war, und ihr noch zugehoͤrt? Dieſer Menſch⸗ deſſen Aeußeres großen Wohlſtand veraͤth, kennt ohne Zweifel den Werth eines ſol⸗ chen Geſchenks; er iſt großmuͤthig, der Louisdor den er Marianen aufgedrungen hat, beweiſt dies; aber gewiß hat er den Stock von Ebenholz der hoͤchſtens eine Piſtole werth ſeyn mag, und von dem er wahrſcheinlich keinen Gebrauch machen wird, mit einer Antike, von einer merkwuͤrdigen Schoͤnheit, wofuͤr Herr Delpont in dem⸗ jenigen Lande, wo man dieſe Kunſtprodukte am beſten zu wuͤrdern verſteht, zweitauſend Franken ausgeſchlagen hat, nicht bezahlen wollen. Es hat ihm alſo dabei eine be⸗ ſondere Abſicht geleitet.... Unter der V 155 Erſcheinung dieſes Mannes iſt alſo zuver⸗ laͤſſig irgend etwas Geheimnißvolles ver⸗ borgen, ob er gleich ſeine Anweſenheit nicht verheimlichen zu wollen ſcheint, da er am hellen Tage die Burg Helvin be⸗ ſucht hat; wahr iſt's, daß er ſich gewei⸗ gert hat, hineinzugehen, aber er war krank, und um nicht uͤberlaͤſtig zu werden, fand er es ſchicklicher zu verſuchen, ſeinen Wagen wieder zu erreichen... Alles laͤßt ſich auf dieſe Art erklaͤren. Nan muß ihn zu ſprechen, man muß ſeine Abreiſe zu verhindern ſuchen; aber auf welche Weiſe? Nach dem, dem Sohne gemachten Geſchenke, iſt es ſehr natuͤrlich, daß die Mutter ihre Dankbarkeit an den Tag zu legen ſucht; man wird alſo an ihn ſchrei⸗ ben, und die Veranlaſſung dazu iſt ſchon eine Einleitung zur weitern Unterhal⸗ tung Dann kann im Flecken fuͤr das 156 Abendeſſen vielleicht Rath geſchaft werden, aber unmoͤglich iſt es, ein Nachtlager fuͤr einen Mann ſeines Standes herzurichten: man wird ihm alſo einladen muͤſſen, auf der Burg zu uͤbernachten.... Aber es iſt bereits ſieben Uhr, was geſchehen ſoll, muß alſo ſchnell geſchehen!“ Klementine oͤffnete ihren Schreibtiſch; mit heftigen Herzklopfen mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Unruhe fing ſie ihr Billet an. Zum erſten Male ſeit Madame Allotes Tode erregte etwas Anderes, als die gewoͤhn⸗ lichen Gegenſtaͤnde ihres Grams, eine erhoͤhte Theilnahme in ihrem Innern. Auch zit⸗ terte Anfangs ihre Hand auf dem Papie⸗ re, aber bald entwarf ſie mit feſtern Zuͤ⸗ gen eine Einladung, aus welcher der Frem⸗ de ihren lebhaften Wunſch, mit ihm zu ſprechen, deutlich abnehmen konnte, es fehl⸗ te nicht viel, daß man es fuͤr einen Be⸗ —4— —— —d —— 157 fehl haͤtte anſehen koͤnnen. Das Billet wurde mit der wieder lin Klementinens Haͤnde ſich befindenden Antike beſigelt; und da ſie es mit keiner Aufſchrift verſe⸗ hen konnte, indem ihr der Name des Fremden nicht bekannt war, ſo ging ſie ſelbſt hinunter in die Kuͤche des alten Schloſſes, was ſehr ſelten geſchah, um den jungen Calvez mit Beſorgung dieſes Briefchens zu beauftragen, an deſſen rich⸗ tige Abgabe ihr ſo viel gelegen war. Sie empfahl ihm, den Reiſenden ſelbſt aufzu⸗ ſuchen, wo er ſich auch immer im Flecken aufhielt, das Billet Niemanden andern, als ihm perſoͤnlich zu berezen⸗ und auf Antwort zu warten. Voller Eifer die Wuͤnſche, ſeiner Ge⸗ bieterin zu vollziehen, und noch uͤberdies durch ſeine eigne Neugierde, die Maria⸗ nens Erzaͤhlung in ihm aufgeregt hatte, 158 angeſpornt, nahm ſich Yvon nicht die Zeit eines der beiden, ſchon ſeit einer Stunde vom Felde in den Stall zuruͤckgekehrten Pferde zu ſatteln; ſondern eilte mit einer Schnelligkeit, die ihn an ſeine fruͤhern Jugendjahre erinnerte, gerades Wegs in die Schmiede ſeines ehemaligen Meiſters; aͤberzeugt, daß ſich in Helvin keine Kut⸗ ſche ſehen laſſen koͤnne, ohne daß Matthes Lalande darum wiſſe. Die Unterhaltung war kurz, obgleich der Hufſchmidt ſeinem fruͤhern Zoͤgling erſt erzaͤhlen wollte, auf welche Aller Katharine Synvenn, die ſich von Neuem auf den fruͤhern Luͤgen habe ertappen laſſen, zum Wirthshaus hin⸗ aus gebracht haͤtte. Mit einigen Spruͤngen ſtand Yvon vor Herrn Simon Duchesne, der den wohlbekannten Kalbsbraten, fuͤr deſſen Garwerden er ſo gewiſſenhaft ge⸗ ſorgt hatte, unter die Fuhrleute, den 5 159 Schul⸗ und Glaſermeiſter und den Leuten im Wirthshauße mit ernſter Miene ver⸗ theilte. Er wurde ſchnell von Yvon's Auftrag in Kenntniß geſetzt; allein ein Hinderniß, welches er nicht erwartet hat⸗ te, und das er vergebens zu beſeitigen ſuchte, haͤtte ihn beinahe im Hafen ſchei⸗ tern laſſen. Yvon drang nach allen ſei⸗ nen Kraͤften darauf, dem Reiſenden vorge⸗ ſtellt zu werden, um ihn Madame Delpont's Brief perſoͤnlich zu uͤbergeben. Dage⸗ gen ſtemmte ſich nun Boloré mit noch mehr Starrſinn, und erklaͤrte, daß Niemand an⸗ deres als er das Zimmer des Herrn Jo⸗ nathan Dermot betreten duͤrfe, weil dies ſein Herr ausdruͤcklich ſo verordnet habe. Vergebens berief ſich Calvez auf ſeinen, von Madame Delpont erhaltenen Auftrag, es wurde ihm erwiedert, daß, wenn man auf der Burg Helvin einen Auftrag die⸗ 160 ſer Art zu vollziehen habe, man ſich den gegebenen Befehlen zufuͤgen wiſſen wuͤrde, aber hier ſei man ſein eigner Herr, und laſſe ſich von Niemanden Vorſchriften ma⸗ chen. Ein alter Fuhrmann, welcher in dem Regiment Rovergue gedient hatte, und deſſen drittes Wort der Major Van⸗ drecourt*) war, unterſtuͤtzte Bolorés Wei⸗ gerung durch die Hindeutung auf den, dem Poſtenbefehl ſchuldigen Reſpekt. Auch Simon Duchesne, welcher ſeit der, dem Pariſer Jokai gegebenen handgreiflichen Lekzion, dem Yvon eben nicht ſehr gewo⸗ gen war, trat der Meinung des Fuhrmanns bei. Der Streit dauerte eine gute Vier⸗ telſtunde, bis zuletzt der treue Diener des *) Ein zu jener Zeit lebender Offizier von großen Verdienſten, der ſireng uͤber die Subor⸗ dination hielt. Verfaſſer einer guten Ueberſetzung der Commentare Julius Caͤſars. 161 alten Ritterſitzes, ſtatt, gleich ſo vielen andern, das ihm anvertraute Intereſſe ſeiner diplomatiſchen Eitelkeit aufzuopfern, einwilligte, ſein Billet ohne Auſſchrift ohne Weiteres an Bolorè auszuliefern. Als Herr Dermot es aus den Haͤn⸗ den ſeines Bedienten erhielt, erfuhr er zu⸗ gleich von ihm, daß es aus der Feder des Fraͤuleins von Beaumanoir komme; mehr brauchte es nicht, un ihn zu veran⸗ laſſen von ſeinem Armſtuhl aufzuſtehen, und in dem Zimmer auf und ab zugehen. Schon der Gedanke erregte in ihm eine ſo heftige Gemuͤthsbewegung, die einem Fiberzuſtande glich. Nachdem er Alexis wieder hinunter geſchickt hatte, mit dem Beſcheide, in zehn Minuten die Antwort abzuholen, fuͤhlte er ſich ſo ſchwach, daß er ſich wieder niederzuſetzen genoͤthigt war. Der Brief lag auf einer Ecke des Tiſches, 1v. Theil. 11 N 162 er betrachtete ihn ſeufzend, getraute ſich aber nicht ihn anzuruͤhren. Endlich erbra⸗ chen ſeine zitternden Haͤnde das Siegel, aber erſt nach zweimaligen Durchleſen und verdoppelter Aufmerkſamkeit gelang es ihm, ſich von dem eigentlichen Sinne die⸗ ſer Zeilen zu unterrichten, obgleich die Schrift ſehr leſerlich war. Hier der Inhalt: 1 „Mein Herr! Sie haben meinem Sohne ein Geſchenk mit einem Ringe ge⸗ macht, der einſt fuͤr mich von Werth, und mir in dem kritiſchten Augenblicke meines Lebens abhanden gekommen war. Aber, durch welchen Zufall kam er in Ihre Haͤn⸗ de? Was hat Sie zu dem Wunſche ver⸗ anlaßt, mir ihn zuruͤckzubringen, und wa⸗ rum trieben Sie Ihre Gefaͤlligkeit nicht ſo weit, mir ihn perſoͤnlich zu uͤbergeben? Sollte mein Geſchick Ihnen ſo wenig V 163 Theilnahme einfloͤßen, um die Nichtbeach⸗ tung dieſes, mit ſo wenig Schwierigkeiten verknuͤpften, Schrittes einer ſolchen Urſa⸗ che zuſchreiben zu muͤſſen? Sie werden meine Unruhe hieruͤber verzeihlich finden, und das Gefuͤhl mit mir theilen, daß dies der Maſſe von Ungluͤck, die auf mir laſtet, eine neue Kraͤnkung beifuͤgen hieße. „Es iſt Ihnen vor dem Thore mei⸗ ner Wohnung unwohl geworden, und ich habe es nicht erfahren. Sollte auf der traurigen Burg Helvin das Gaſtrecht jetzt minder heilig ſeyn, als zu den Zeiten meiner Mutter und meiner Freundin? Und warum ſollten gerade Sie nicht darauf Anſpruch machen koͤnnen, der Sie dieſe Burg doch gewiß in keinen andern als guten Abſichten zu betreten gekommen waren.?“ Bei dieſer Stelle ſchlug ſich Herr Dermot mit dem in der Hand haltenden 11* 164 offenen Briefe vor die Stirn, und rief aus:„Ich Ungluͤckſelger, trat ich nicht mit den beſten Abſichten vor nun bald ſieben Jahren in dieſe unſelge Burg. Ach, mit Entſetzen wird die Welt durch mich erfah⸗ ren, daß die Hoͤlle mit Koͤpfen voll guter Abſichten gepflaſtert iſt!“ Er fuhr fort zu leſen: „Ich weiß daß der Flecken, wo Sie ſich in dieſem Augenblicke befinden, Ih⸗ nen kein anſtaͤndiges Nachtlager anzubieten hat. Mein Haus hat ſeine vorzuͤglichſten Bewohner verlohren; ſollte dies aber wohl ein Grund fuͤr Sie ſeyn, ein Ihnen aus guten Herzen angebotenes Nachtquartier von der Beklagenswuͤrdigen zu verſchmaͤ⸗ hen, die das Ungluͤck gehabt hat, dieſe theuern Perſonen zu uͤberleben, die ſich Ihnen verpflichtet fuͤhlte, und dies Ihnen muͤndlich zu ſagen wuͤnſchte? 165 Noch ein Mal ſchlug ſich Herr Der⸗ mot bei dieſer Stelle vor die Stirn, und nach einer Pauſe, kam er endlich zum Schluß, der alſo lautete:„Sollte ich nicht das Gluͤck haben, mit Ihnen ſprechen zu koͤnnen, was fuͤr mich ein Beduͤrfniß iſt, ſo wuͤrde ich dies nur meinem Mißge⸗ ſchick zuſchreiben muͤſſen, und es waͤre dann wenigſtens nicht das erſte Mal, daß es mich einem ſolchen peinlichen Gefuͤhl Preis gegeben haͤtte!“ Von der Burg Helvin Abends 7 Uhr. Delpont gebohrne von Beaumanoir. Nachſchrift. Da Ihr Name miv unbekannt iſt, ſo weiß ich mir nicht an⸗ ders, als durch Weglaſſung der Aufſchrift zu helfen. Es waͤre wohl unnoͤthig, Ih⸗ nen die Verſicherung zu geben, daß ich ihn aus keinem andern Munde lieber, als aus dem Ihrigen erfahren moͤchte. 166 Es wuͤrde nicht bloß unhoͤflich geweſen ſeyn, eine ſolche Einladung zuruͤckzuweiſen, es haͤtte ſo viel ſagen wollen, als noch ein Mal die Flucht ergreifen. Die Aus⸗ druͤcke, in welchen Klementinens Brief abgefaßt war, waren ſo dringend, als ſie die Sprache nur immer darbot, und es gab nur zwei Faͤlle in der Welt, in wel⸗ chen man ihre Bitte haͤtte unberuͤckſichtigt laſſen koͤnnen, der, des Bewußtſeyns einer Schuld, zu deren Bekenntniß man fuͤrchtet genoͤthigt zu werden, und der einer zwar ſchuldloſen aber kalten Gleichguͤltigkeit ge⸗ gen die Leiden anderer; uͤberdem iſt dieſe Letztere ſelten; denn da man, ſelbſt wi⸗ der ſeinen Willen, an den Leiden, deren Urheber man iſt, Theil zu nehmen ſich noth⸗ gedrungen fuͤhlt, ſo oͤffnet ſich das Herz noch weit leichter denjenigen, wegen deren wir uns keine Vorwuͤrfe zu machen haben. 167 Es war klar, daß Herr Dermot, unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden, keine ge⸗ bieteriſche und dringende Verhaͤltniſſe, zu Unterſtuͤtzung einer abſchlaͤgigen Antwort, anfuͤhren konnte, da er, ohne ſcheinbaren Grund, einen ganzen Tag im Flecken Hel⸗ vin verlohren hatte. Seine uͤbereilte Ab⸗ reiſe haͤtte zu den ſonderbarſten Vermu⸗ thungen Veranlaſſung geben muͤſſen; ſein Name war im Gaſthofe zum rothen Hute mehr als ein Mal genennt worden, und die geringſten Nachforſchungen wuͤrden bald auf ſeine Spur geholfen haben. Dieſe Be⸗ trachtungrn entgingen dem Scharfſinne des Reiſenden nicht, allein, ob er gleich ihre Triftigkeit vollkommen fuͤhlte, ſo wuͤr⸗ de er ſich dennoch zuverlaͤfſig in ſeinen Reiſewagen geworfen haben, um eine Zu⸗ ſammenkunft zu vermeiden, fuͤr deren Aus⸗ gang er zitterte, wenn ihn nicht eine 168 Ruͤckſicht von ganz anderer Art zuruͤckge⸗ halten haͤtte, und dieſe hatte ihren Grund in ſeinem wahrhaft religioͤſen Charakter. Herr Dermot war von dem Walten einer ewig weiſen Vorſehung feſt uͤberzeugt, dies war bei ihm ein Glaubensartikel. Ohne ſich nur im Geringſten vor ſeinen innern Richter entſchuldigen zu wollen, da ihm die Freiheit des Willens durchaus nicht zweifelhaft war, glaubte er doch, daß das Verbrechen wie die Tugend zu den konſtituirenden Elementen der Haus⸗ haltung Gottes auf Erden gehoͤre. Durch ſein Vergehen zu einem traurigen Gegen⸗ ſtand von Pruͤfungen, Schmerz und Reue beſtimmt, ſchien es ihm pflichtgemaͤß, fort⸗ an dem Willen des Ewigen, ſo bald er ſich augenſcheinlich zu erkennen gaͤbe, in keinem Stuͤck zu wiederſtreben. Er be⸗ ſchoͤnigte vor ſich ſelber keine ſeiner Ver⸗ 169 gehungen, am wenigſten ſuchte er bei der groͤßten derſelben jene Entſchuldigungen hervor, mit welchen die ſelbſtſuͤchtige Dia⸗ lektik der Strafbaren ſie zu bemaͤnteln im⸗ mer bereit iſt, und an welcher es ihm vielleicht ſo wenig als manchen andern Schuldigen gefehlt haben wuͤrde, war aber uͤberzeugt, daß auch ſeine, in einer foͤrmli⸗ chen Geiſtesverwirrung begangene, Unthat von der ewigen Weisheit vorausgeſehen worden ſei, und, da ſie ſolche zu verhin⸗ dern nicht fuͤr gut gefunden habe, es ihr heiliger Wille ſei, daß er die Schuld der⸗ ſelben trage. Da endlich Fall und Buͤßung, nach den Geſetzen der ewigen Weltordnung, und nach der Reihenfolge der Ereigniſſe des Menſchenlebens, von einander unzer⸗ trennlich ſind, ſo war es fuͤr ihn von der groͤßten Wichtigkeit, den Plan der Vor⸗ ſehung, ſei er auch welcher er wolle, durch einen unpaſſenden Kampf gegen jene Ereigniſſe, nicht zu ſtoͤren, ſich mit einem Gott ergebenen Muth und einer Art von Dankbarkeit, wegen ihrer zeitlichen ſchmerz⸗ lichen Folgen, ihnen zu unterwerfen, hielt er in ſeiner Lage fuͤr Pflicht. Dieſe An⸗ ſicht der Begebenheiten hienieden, die ei⸗ nen Anſtrich von Fatalismus hat, kommt vielleicht dem großen Geheimniſſe der Welt⸗ regierung am naͤchſten. Herr Dermot war durch ſein eignes Mißgeſchick darauf hin⸗ geleitet worden, welches ohne dieſe An⸗ ſicht in ſeinen Augen ganz unerklaͤrbar ge⸗ blieben waͤre; er hing ſo feſt daran, daß, als er an den afrikaniſchen Kuͤſten in Gefangenſchaft gerieth, er uͤberzeugt war, Gott habe ihn bloß deswegen in die Haͤnde der Seeraͤuber fallen laſſen, um ihn durch eine mehr oder weniger harte Skla⸗ verei zu reinigen. Der Herr, unter deſſen 171 Bothmaͤßigkeit er gekommen war, hatte ſeinen Reichthum einer eignen Art von kluger Induſtrie zu danken; er erwoß naͤmlich nach einem eignen Maaßſtabe die Mittel, welche jedem von ihm eroberten oder erkauften Sclaven zu ſeiner Loskau⸗ fung zu Gebote ſtanden, beſtimmte den Preis ihrer Freiheit, und ſein Scharfblick leitete ihn hoͤchſt ſelten irre; wodurch denn auch ſein Vermoͤgen ſich ſoſehr ver⸗ mehrt hatte. Bloß bei Herrn Dermot hatte er ſich geirrt, der, gewohnt den Stand ſeiner Angelegenheiten Niemanden mitzutheilen, von den Antillen abgereiſt war, nachdem er zuvor ſeine ungeheuern Kapitalien bei dem ſicherſten Wechslern des Europaͤiſchen Feſtlandes untergebracht hatte. Da er, wegen ſeiner, dem An⸗ ſcheine nach ſchwaͤchlichen Geſundheit, auf dem Sklavenmarkte zu Algier um einen 172 geringen Preis gekauft worden war, waͤh⸗ rend ſein Bedienter Alexis Bolorè zu ei⸗ nem ziemlich hohen angeſchlagen wurde, ſo hatte Ibrahim Melek die Ranzion fuͤr ihn auf die maͤßige Summe von zwei hundert Piaſter beſtimmt. Allein dieſer außerordentliche Menſch fand ſelbſt in ſei⸗ nem Sklavenſtand Veranlaſſung, ſeinen Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten weſentliche Dienſte zu lei⸗ ſten, und betrachtete ſich in ſeiner Skla⸗ verei, als ein von der Vorſehung dazu ausdruͤcklich beſtimmtes Werkzeug. Unter dieſer Vorausſetzung, wuͤrde er jeden Ver⸗ ſuch zu ſeiner Befreiung, als einen Ein⸗ griff in ſein von einer hoͤhern Macht ihm beſtimmtes Schickſal angeſehen haben, und ohne ein Ereigniß, von dem wir den Leſer ſpaͤter in Kenntniß ſetzen werden, bis an ſein Ende Sklav geblieben ſeyn. 173 In dem Billete, welches ihm Madame Delpont uͤberſchickt hatte, glaubte dem zu Folge der Fremde den Ausdruck eines hoͤchſten Willens zu erkennen, der alles, ſelbſt dem Anſcheine nach zufaͤllige und un⸗ wichtige Dinge, regiert. Entſchloſſen, in Hinſicht auf dasjenige, was Klementine unbekannt ſeyn wuͤrde, in den Graͤnzen einer beſcheidenen Zuruͤckhaltung zu bleiben, da er ihre Zukunft nicht beunruhigen wollte, wenn ſie von dem Verbrechen des Mannes, den ſie zu ſich einzuladen wagte, nicht un⸗ terrichtet ſei, aber ihr auch ſeine Schuld nicht zu verheimlichen, wenn ſte in den ſchaͤndlichen Abgrund dieſes Geheimniſſes eingedrungen waͤre, erklaͤrte er, daß er um neun Uhr des ſolgenden Morgens vor dem Burgthore ſeyn wuͤrde, und die Be⸗ fehle des Fraͤuleins von Beaumanoir(ſo druͤckte er ſich aus, um den Namen zu 174 umgehen, uͤber deſſen Rechtmaͤßigkeit er einiger Maßen zweifelhaft zu ſeyn, ſich fuͤr berechtigt hielt,) zu vernehmen. Er bat um Entſchuldigung, daß er es bei dieſer muͤndlichen Antwort bewenden laſſe, da ſein Geſundheitszuſtand ihm fuͤr den Augenblick keine andere zu geben erlaube. Dies ließ er durch ſeinen Bedienten, dem hvon Calvez wiſſen. Dieſer Letztere hatte, waͤhrend Herr Dermot mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ſich den Vorfall, von dem noch die ganze Wirthsſtube voll war, bis auf die kleinſten Umſtaͤnde erzaͤhlen laſſen. Er war der Gegenſtand der allgemeinen Unterhaltung an der Tafel des Herrn Simon Duchesne; und da man darinnen einſtimmig war, dem Reiſenden die ſchoͤnſte Rolle zuzutheilen, und es ihm als reine Großmuth anrech⸗ nete, die Sache der Familie Beaumanoir 175 zu vertheidigen, zu der er doch, wie man vorausſetzte, in keinen Verhaͤltniſſen ſtand, ſo nahm ſich der junge Calvez wor, dieſes Verdienſt recht hoch in Anſchlag zu brin⸗ gen. Zwar erlaubte er ſich eine unmittel⸗ bare Unterhaltung mit ſeiner Gebieterin nie, aber, wenn er ſeine Neuigkeiten ſei⸗ ner Frau mittheilte, ſo wußte er ſchon, daß ſie durch dieſen Kanal ſehr bald zu dem Ohre derjenigen gelangen wuͤrden, fuͤr welche ſie den meiſten Werth haben muß⸗ ten. Ueberdies war dies auch der beſte Weg, ſich wegen der unvollkommenen Aus⸗ fuͤhrung ſeines Auftrags zu rechtfertigen: denn natuͤrlich hat ein Mann, der eben aus einer Ohnmacht wieder zu ſich gekom⸗ men iſt, die Ruhe zu noͤthig, um zu ſchrei⸗ ben, oder Abends um neun Uhr, ſeine Schlafſtelle drei viertel Stunde weit eeſ noch zu ſuchen. 176 Man kann ſich denken, daß der Zuſtand der Erwartung, in welchem ſich Madame Delpont ſelbſt geſetzt, auf ihre Nachtruhe Einfluß hatte, und daß der Schlaf des Herrn Dermot noch viel unruhiger war. Er hatte ſich bald niedergelegt, aber, wenn auch ſeine Ruhe durch ſeine Gemuͤths⸗ bewegungen nicht ſchon geſtoͤrt worden waͤre, ſo wuͤrde ſie ſchon, durch die etwas laͤrmende Unterhaltung der Gaͤſte im ro⸗ then Hute unter ihm, unterbrochen worden den ſeyn. Kaum hatte uͤberdies Alexis die muͤden Augen ſeines Gebieters, durch Wegnahme des Lichts zum Schlaf einzu⸗ laden geſucht, als ſich das Zimmer nichts deſto weniger wie durch einen Zauber er⸗ leuchtet befand; die ſchlecht zuſammenge⸗ fuͤgten Breter der Diele, die ſich gerade uͤber der Kuͤche befand, und andere vorher nicht bemerkte Oeffnungen ließen von dem 177 unterm Stocke die Lichtſtrahlen hier und da durchſchimmern, und dieſe gaben auf dem Boden und an den Tapeten von Bergamo einen ſo ſonderbaren Wiederſchein, daß daraus eine Illumination von ganz eigner Art entſtand. Aus Ruͤckſicht auf die Bitte, welche Bolorsé, kluͤglicher Weiſe an Madame Duchesne zu richten die Vor⸗ ſicht gebraucht hatte, und die durch den freundlichen Vortrag der Wirthin ein be⸗ ſonderes Gewicht erhielt, verſchonte man den Reiſenden mit dem Tabacksdampfe. Man entſchaͤdigte ſich fuͤr dieſe Entbeh⸗ rung durch fleißiges Anſtoßen der Glaͤſer, und durch eine lebhafte Unterhaltung uͤber Katharine Synvenn, die, wie alle Merk⸗ wuͤrdigkeiten dieſer Welt, ihre Wiederſa⸗ cher und ihre Anhaͤnger in Helvin hatte. Nachdem ſich die Fuhrleute nach ihrer Kam⸗ mer begeben, wo ſie ſich vorgenommen hatten, IV. Theil. 12 178 ihre Pfeifen anzuzuͤnden, ſo ſchien die Ruheſtunde fuͤr alle Tiſchgenoſſen des Wirths zum rothen Hute, eingetreten zu ſeyn; aber da trat ploͤtzlich der Barbier Teurtrois unter dem Vorwandte ein, ſich zu erkundigen, ob der kuͤrzlich angekom⸗ mene Edelmann nicht in dem Falle ſei, morgen ſeiner Dienſte zu beduͤrfen. Ale⸗ xis ſagte ihm, daß Herr Dermot ſich von ſeinem Bedienten friſiren ließ, was ihm veranlaßte ſich daruͤber zu beklagen, daß,⸗ außer der Peruͤcke des Doktors Bonnet, welcher, trotz ſeines Anfalls von Laͤhmung, ſie dennoch taͤglich aufſetzte, er auch in der ganzen Gegend keinen Kammſtrich zu thun habe. Gleich ſeinen Vorgaͤngern kam er nun auch auf die Hexe zu reden, und auf den letzten Auftritt, wo ſie eine ſo ausgezeichnete Rolle geſpielt habe, was er bereits alles ſchon erfahren hatte. 179 „Dieſe Spitzbuͤbin“ ſagte er„gewinnt mehr mit den Anputz der kleinen Hei⸗ ligen, als wenn ich Sonnabends fuͤr einen Sol, oft noch fuͤr weniger, alle Baͤrte, welche die ganze Woche gewachſen ſind, ab⸗ nehme. Sie hat gewußt, ſich der Per⸗ rine Moyſan zu entledigen, die ſie zu ih⸗ rer Gehuͤlſin annahm, und ihr auf dieſe Art Brod verſchaffte. Nicht genug daß ſie ſie ſchlecht behandelte, fuͤgte er halb⸗ laut hinzu,„hat man ſie in Verdacht, der guten Schweſter ein bischen aus der Welt geholfen zu haben. So viel iſt gewiß, daß die arme Frau, noch den Tag vor ihrem Tode meiner Mutter verſichert hat, ſie habe ſich ſeit dem Tage, an wel⸗ chem ihr Katharine Gluͤhwein gemacht, krank gefuͤhlt. In der That iſt ſie ſeit jener Zeit ordentlich vergangen, als 12 ¾ 180 wenn ein boͤſer Wind ſie angeblaſen haͤtte.*) „Dies iſt nun das zweite Mal“ nahm die Wirthin das Wort,„daß dieſe Spitz⸗ buͤbin, in die mein Mann ganz vernarrt iſt, Verdruß in meinem Hauſe erregt; aber Herr Simon mag nun dazu ſagen was er will, ich beſtehe darauf, daß ſie nicht wieder hierher kommt, um mit ihrer Heypengeſtalt die Leute zu erſchrecken. Alle Unglücksfaͤle im Hauſe Beaumanoir ſchreiben ſich von dem Augenblicke her, wo ſie den Fuß hineingeſetzt hat. Alexis ließ ſich alles genau erzaͤhlen. Der Barbier uͤberhob Madame Simon *) Acl fal. Der boͤſe Wind blaͤßt aus dem Munde einer neidiſchen Perſon, eine andere, die dann zu kraͤnkeln anfaͤngt, oder ein Thier an, welches nun abnimmt, ſtatt zuzunehmen, Dies iſt ein gewoͤhnlicher Aberglaube in Nieder⸗Bre⸗ tagne. 181 der Muͤhe, und ſich unmittelbar an den Bedienten des Herrn Dermot wendend, ſagte er ihm: 3i „Sie, ſo wohl als ihr Edelmann, wer⸗ den wohl thun, auf ihrer Hut zu ſeyn, ſo lange ſie ſich hier im Flecken aufhalten, denn ich weiß aus ſichrer Hand, daß die Hexe dieſen Abend, nach ihrer Entfernung vom rothen Hute, in die alte Schenke gegangen iſt, wo ſie ſowohl uͤber ihren Herrn als uͤber ſie ſchrecklich losgezogen hat. Sie hat zu verſtehen gegeben; daß wenn ihr Herr nicht der leibhaftige Sa⸗ tan ſei, er wenigſtens ein Engliſcher Spion waͤre, der ganz kuͤrzlich in Lorient gelan⸗ det habe, und daß ſie naͤchſtens alle beide ſich in der Burg verſtecken und dort ihre Gefaͤhrten erwarten wuͤrden.“ Dieſe Aeußerung hatte Bezug auf die fruͤhere Geſchichte dieſer Provinz. In 182 den Kriegen zwiſchen Bretagne und Eng⸗ land hatte das Schloß Helvin abwechſelnd den beiden Parteien, die um den Beſitz des Landes kaͤmpften, zum Zufluchtsort ge⸗ — dient. Doch war es den Haͤnden des Bretagniſchen Adels ſeltener eutriſſen worden. Aus dieſem Waffenplatze be⸗, herrſchten ſie die ganze Nachbarſchaft und trotzten ſogar zuweilen ihren Fuͤrſten. Da⸗ her war es auch eine der erſten Sorgen der Herzogin Anna, die Mauern derſelben zum Theil nieder zu reißen. Spaͤterhin wurde unter Suͤllys Staatsverwaltung die Schleifung derſelben befohlen, mit Aus⸗ nahme des viereckigen Thurms, welcher, ehe der Vicomte von Beaumanoir ihn an ſich brachte, nur Spionen und Verbre⸗ chern zum Schlupfwinkel diente. Bolord lachte uͤber die tolle Prophe⸗ zeihung, die, ſo wie manche andere, ſich 183 dieſe unverſchaͤmte Frau erlaubt hatte, dankte dem Barbier, und beurlaubte ſich von der Geſellſchaft, die uͤbrigens nur noch aus drei Perſonen beſtand, welche ſich ebenfalls entfernten. Madame Simon verfuͤgte ſich zu Herrn Simon Duchesne in ſein ſchoͤnes nusbaumenes Schrankbette; und Alexis, welcher trotz der Behutſam⸗ keit, mit welcher er das Zimmer oͤffnete, Herrn Jonathan noch wach fand, hielt fuͤr Schuldigkeit, ſeinem Herrn von dem was er ſo eben gehoͤrt hatte, zu benachrichti⸗ gen, hierauf ſtreckte auch er ſich ermuͤdet auf das zweite, mit blau geflammten baum⸗ wollenen Zeuge beſetzte, Himmelbette, und obgleich dieſe Lagerſtaͤtte nicht ſo wie die andere der Gegenſtand einer beſondern Sorgfalt von Seiten der Hausfrau ge⸗ weſen war, ſo ließ ſich auf derſelben dem⸗ 184 ohngeachtet der brave Diener den Schlaf trefflich ſchmecken. Nachdem Herr Dermot eine augenblick⸗ liche Ruhe genoſſen, auf die er nicht ge⸗ rechnet hatte, und die mehr eine der lei⸗ denden Natur vergoͤnnte Pauſe, als das erquickende Reſultat einer geregelten Le⸗ bensordnung genennt werden konnte, ſtand er auf; entſchloſſen das Verſprechen, wel⸗ ches Yvon am Abend zuvor ſeiner Gebie⸗ terin in ſeinem Namen ausgerichtet hatte, zu erfuͤllen. Trotz ſeines gaͤnzlichen Man⸗ gels an Apetit nahm er dennoch aus Vor⸗ ſorge einige Biſſen zu ſich; ließ anſpan⸗ nen, und nahm ſeinen Stock von Eben⸗ holz, deſſen Unterſtuͤtzung ihm unentbehr⸗ lich war, zumal da das Gewitter in der vergangenen Nacht die Wege noch mehr mußte verdorben haben. Der Schritt, welchen er jetzt zu thun im Begriff ſtand, 185 war, dies fuͤhlte er, fuͤr ſein ganzes uͤbri⸗ ges Leben von entſcheidendem Einfluſſe; es war ihm leicht die Fragen voraus zu ſehen, die an ihn ergehen wuͤrden; wenig⸗ ſtens konnte er ſie vermuthen, aber wegen ihrer Beantwortung wenig verlegen, und entſchloſſen, auch hierinnen den Eingebungen des Himmels Folge zu leiſten, ſetzte er ſich in den Wagen: Indeſſen je mehr er ſich dem Ziele der Fahrt naͤherte, je mehr fuͤhlte er das Schwierige ſeiner Lage. Ob⸗ gleich entſchieden, der Vorſehung die Lei⸗ tung dieſer Angelegenheit zu uͤberlaſſen, ſei auch die Beendigung derſelben fuͤr ihn noch ſo ſchrecklich, empfand er dennoch in ſeinem Innern eine Unruhe, die ſich auch in ſeinen Zuͤgen ausſprach. Der Wagen mußte an derſelben Stelle ſtillhalten, wo er den vorigen Tag geblieben war, und Herr Dermot gab ſeinem Bedienten wie⸗ 186 derholt ſtrengen Befehl, dem Poſtillon Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Vergeblich ſtellte ihm Alexis vor, daß er, in der Vorausſetzung, die Unterhaltung koͤnne ſich in die Laͤnge ziehen, die Geldſaͤcke vorigen Abend der Wirthin, in deren Rechtlichkeit nicht der mindeſte Zweifel zu ſetzen ſei, uͤbergeben habe; Herr Dermot gebot ihm zu ſchwei⸗ gen, und der arme Burſche ging betruͤbt und ſtill zur Chaiſe hin. Mit einer Art von Haſt, wie ein Menſch der ſeinen eignen Kraͤften, oder der Ausdauer eines Vorſatzes, den er je⸗ doch nicht aufgeben moͤchte, nicht voͤllig traut, eilte der Reiſende nach der Burg. Als er ſich dem Pfoͤrtchen naͤherte, fing er an langſamer zu gehen, endlich ſchritt er uͤber die Schwelle, wozu er wirklich eine beſondre Kraftanſtrengung bedurfte. Bei ſeinem Eintritte in den Hof bemerkte er, *& 187 daß er von einem jungen Bedienten beob⸗ achtet wurde, welcher ſich ſchnell entfern⸗ te; ohne weitere Anweiſung gelangte er zu der, in einer Ecke dieſes weitlaͤuftigen Gebaͤudes angebrachten, Treppe, auf das Gelaͤnder ſich ſtuͤtzend, ſtieg er hinauf. Die Aufſeherin des kleinen Eduard, die ihm am vorigen Tage unterſtuͤtzt hatte, er⸗ kundigte ſich mit einer Art von Theilnah⸗ me nach ſeinem Befinden, und fuͤhrte ihn, unter dem Namen des Herrn Jonathan Dermot, nach dem Zimmer der Madame Delpont, wo ſchon ein ausgeſuchtes Fruͤh⸗ ſtuͤck bereit ſtand. Klementine, welche ſich in ihrem Kabinette befand, durch deſſen Fenſter ſie den Reiſenden ſchon uͤber den Hof hatte gehen ſehen, trar in vemſelben Augenblicke heraus. Die Gefuͤhle zu beſchreiben, die Herrn Dermot durchſchauderten, als er ſeinen 188 Namen zwiſchen dieſen Mauern nennen hoͤrte, als er dieſe Vertaͤfelung, dieſe Ta⸗ peten, dieſe Gemaͤlde, dieſen Spiegel, die⸗ ſen Fußboden, dieſes Bette, welches alles, trotz einiger vorgenommener Veraͤnderun⸗ gen, tief in ſein Gedaͤchtniß eingegraben war, wieder erkannte; auszudruͤcken, was in ſeinem Herzen vorging, und ſich auf ſeinen Zuͤgen mahlte, als dieſe junge Frau, die durch den langen Schmerz eine er⸗ ſchuͤtternde Aehnlichkeit mit jener fruͤhern Erſcheinung erhalten hatte, die ſeitdem nie von ihm gewichen war, ſich ſeinem Blicken wieder darſtellte, ihm entgegen ging, und unn ihrer Seits ihn mit einem Auge fixirte, das, ohne Spaͤherblick, nicht minder ins Innerſte eindrang; alles dies zu ſchil⸗ dern, waͤre ein fuͤr jede menſchliche Sprache unausfuͤhrbares Unternehmen, keine Feder koͤnnte es wagen, nur der Pinſel eines 1 189 Meiſters vermoͤchte es vielleicht mit eini⸗ gem Erfolge. 1 Madame Delpont trug noch die Trauer um ihre geliebte Henriette. Waͤren ihre Lippen nicht durch's Leben geroͤthet gewe⸗ ſen, haͤtte ihr großes blaues Auge nicht von dem Ausdrucke jenes innigen Gefuͤhls geglaͤnzt, in welchem ſich der Wiederſchein einer ſtarken Seele abſpiegelte, ſo wuͤrde ſie weniger einer Lebenden geglichen haben, als zu jener Zeit, wo ein trauriger Irr⸗ thum ſie den Verſtorbenen beigeſellen wollte. Mit einer ſeltenen Regelmaͤßig⸗ keit der Geſichtszuͤge, mit einem charak⸗ teriſtiſch gezeichneten Kopfe, der die Fuͤlle ihres ganzen Baues noch mehr heraushob, ſchien ſie dazu beſtimmt, eines jener Mei⸗ ſterwerke darzuſtellen, die, in ihrem zu fruͤ⸗ hen Verfalle noch immer von der reichen Guͤte des Schoͤpfers zeugen, aber das 190 Herz mit Traurigkeit erfuͤllen, und die ſelbſt nur durch eine neue moraliſche Ver⸗ wandelung ein Gegenſtand der Zaͤrtlichkeit werden koͤnnten; ihre Schoͤnheit iſt ihnen geblieben, aber das Anziehende iſt es, was ſie verlaſſen hat. Die Unterhaltung begann mit verbind⸗ lichen Vorwuͤrfen, die ſie gegen den Rei⸗ ſenden aͤußerte, daß er ſein Fruͤhſtuͤck be⸗ reits im rothen Hut genommen, und eine ſo geringe Meinung von den Anſtalten auf dem Schloſſe Helvin gehabt habe, um nicht auf ein ertraͤgliches Morgenbrod zu rechnen. Der gedeckte Tiſch wurde jetzt zuruᷣckgeſchoben. Der milde Glockenton von Klementinens Stimme ſetzte Dermot's Inneres in Aufruhr, jedes Wort dieſer Frau drang ihm durchs Herz, und einige derſelben, die die gleichgeſtimmten Saiten des ſeinigen beruͤhrten, erſchuͤtterten die 191 Tiefen ſeiner Seele. Ein ſchwaͤcheres oder ſtaͤrkeres Organ wuͤrde auf ihn den⸗ ſelben Eindruck nicht gemacht haben, nur gerade auf dieſe Fiebern, nur in dieſer Stimmung konnten dieſe Toͤne eine ſolche Wirkung hervorbringen. Mariane erhielt einen Wink ſich zu entfernen; Klementine ſetzte ſich gegen das Licht in einen Armſtuhl, und wieß dem Fremden mit der Hand dem andern an, ſo ſaßen beide an den beiden Ecken des Kamins einander gegen uͤber, und es entſpann ſich folgende Unterhaltung: Klementine.— Mein Billet hat Sie von dem ganzen Umfange meiner Dankbarkeit nicht unterrichten koͤnnen; denn als ich es ſchrieb, wußte ich noch nicht, wie viel ich Ihnen zu danken haben ſollte. Eine einzige Bemerkung wird Ih⸗ nen von der Groͤße meines Ungluͤcks ei⸗ 192 nen Begriff machen koͤnnen; es iſt ſo groß⸗ daß ich einem Fremden Verbindlichkeiten ſchuldig bin, wenn er ſich ſo weit herab⸗ laͤßt, ſich in ein Wirthshausgeſpraͤch zu miſchen, um meine Ehre zu vertheidigen; dieſe Muͤhe haben Sie uͤber ſich genom⸗ men, und ich fuͤhle mich Ihnen um ſo mehr verpflichtet, da es nachtheiligen Ein⸗ fluß auf ihre Geſundheit gehabt hat. Herr Dermot.— Was ich von Ih⸗ nen und von Ihren verehrungswuͤrdigen Freundinnen in Erfahrung gebracht hatte, ließ mir keine andere Wahl uͤbrig. Klementine.— Es ſchien mir in⸗ deſſen, als wenn Sie erſt jetzt in dieſe Gegend gekommen waͤren. Dieſe Bemerkung ſetzte Herrn Der⸗ mot in Verlegenheit; er uͤberging ſie mit Stillſchweigen, und Madame Delpont fuhr fort, indem ſie den Ring ihres Cou⸗ 193 ſins, den ſie an dem Finger herumdrehte, betrachtete. 8 3 aſſen Sie uns auf einen, wenigſtens in dieſem Augenblicke wichtigern Gegen⸗ ſtand kommen, da ich das Ungluͤck habe die einzige Uebergebliebene von drei Freundinnen zu ſeyn, die ſich noch fuͤr etwas Irdiſches intereſſiren kann: Dieſer Ring, den Sie mir durch meinen Sohn zuruͤckgeſchickt haben,(denn eine andere Ab⸗ ſicht iſt mir nicht denkbar) war, vor nun bald ſieben Jahren, mein Eigenthum; oh⸗ ne Zweifel hat man Sie davon unter⸗ richtet, ohne Zweifel hat man Sie beauftragt mir ihn wieder zuzuſtellen. Er iſt mir entwendet worden!“ imt „Dieſe letzten Worte ſprach ſie mit einem beſondern Nachdrucke aus. Der Fremde, deſſen Verwirrung zunahm, ant⸗ wortete haſtig:“— IV Theil. 13 194 „Entwender, Madame! Ich erlaube mir Ihnen zu verſichern, daß dies nicht der Fall geweſen iſt.— Die Perſon, der Freund, der ihn meinen Haͤnden anver⸗ traut hat, war einer ſolchen Niedertraͤch⸗ tigkeit nicht faͤhig. Er iſt ſehr reich, hat ſtets in Wohlſtand gelebt; er kann viel⸗ leicht manches Vergehen zu bereuen ha⸗ ben,—— aber Ihren Ring Madame, das kann ich Ahnen beſchwoͤren, hat er nicht entwendet! Slemeutine(Mit gehalkenom To⸗ ne).— Mein Herr, da Ihnen die Recht⸗ fertigung Ihres Freundes am Herzen liegt, ſo wird es Ihnen nicht ſchwer wer⸗ den, mir zu ſagen, durch welchen Zufall dieſe Antike in ſeine Haͤnde grkommen iſt; und wenn ſie ſo gefaͤllig gegen mich ſeyn wollten, mir zu erklaͤren, aus welchem Grunde man mir ſie zuruͤckſchickt, nach⸗ 195 dem man ſie ſo lange an ſich behalten hat, ſo wuͤrde ich es mit vielem Danke erkennen.“) 4 Herr Dermot hatte eines Freundes er⸗ waͤhnt; da er nun, zu ſeinem wahren Be⸗ dauern, dieſen Weg einmal eingeſchlagen hatte, ſo erzaͤhlte er weiter, daß, als er ſich zu St. Yago in den Spaniſchen Ko⸗ lonien befunden haͤtte, er die Bekanut⸗ ſchaft eines jungen Franzoſen gemacht, der ſich fruͤher fuͤr den geiſtlichen Stand be⸗ ſtimmt habe; den aber ſtuͤrmiſchen Leiden⸗ ſchaften und die Ruͤckkehr zu ſeinem beſ⸗ ſern„Selbſt“ dieſem Berufe entzogen haͤtten. Nachdem er viel von der tiefen Schwermuth dieſes jungen Menſchen ge⸗ ſprochen hatte, der, als ein Opfer großer Ungluͤcksfaͤlle, oder eines unendlichen Grams, in einer gaͤnzlichen Abgeſchieden⸗ heit lebe; fuͤgte er hinzu: 13* 196 „Da er meine baldige Abreiſe nach dem Feſtlande erfahren hatte, ſo kam er zu mir, und erzaͤhlte mir, daß er dem Abend vor dem zu ſeiner Weihe als Prie⸗ ſter beſtimmten Tage, auf einem Schloſſe in Bretagne bei der Leiche eines jungen Frauenzimmers die Vigilien gehalten, und ihm, in Auftrag der Mutter, eine Freun⸗ din derſelben am folgenden Morgen einen der Ringe, die dieſe junge Perſon am Finger getragen, zum Andeuken uͤbergeben habe, welchen er nicht behalten koͤnne noch duͤrfe. Seine Gruͤnde ſchienen mir auf einem ſehr natuͤrlichen Zartgefuͤhle zu be⸗ ruhen. Der Ring war in der That ein Geſchenk, welches das junge Frauenzimmer von einem ihr heimlich angetrauten Gat⸗ ten, der vor ihren Augen ermordet wor⸗ den war, erhalten hatte, und mein Freund hatte eben durch einen ſeiner Correſpon⸗ 197 denten erfahren, daß in dem Augenblicke, als ſie in den Sarg gelegt werden ſollte, ſie wunderbarer Weiſe ins Leben zuruͤck⸗ gekehrt ſei. 1 12 „Sie begreifen, Madame, daß eine ſolche Nachricht meinen Freund nicht er⸗ laubte, den Ring laͤnger zu behalten, an welchem die Hand einer Gattin ein naͤhe⸗ res Recht hatte. Als er mir ihn uͤber⸗ gab, nannte er mir zugleich die Burg Hel⸗ vin in Bretagne, die Vicomteſſe von Beau⸗ manoir, Fraͤulein Klementine und eine Dame Allote, ihre Freundin. Meinem gegebenen Verſprechen zu Folge, hatte ich nichts Dringenderes, als mich dieſer An⸗ tike zu entledigen, die in der That wun⸗ derſchoͤn gearbeitet iſt, und, ohne die mich geſtern Abends vor Ihrem Thore uͤber⸗ fallene Unpaͤßlichkeit, wuͤrde ich mir die Eh⸗ 198 re gegeben haben, ſie Ihnen perſoͤnlich zu uͤberreichen.“ Nur ſtockernd hatte er den erſten Theil dieſer Erklaͤrung, welcher die Erzaͤh⸗ lung enthielt, vorbringen koͤnnen, offenbar koſtete ſie der Wahrheitsliebe des Erzaͤh⸗ lers einen großen Kampf. Madame Del⸗ pont lieh ihm das Ohr mit einer ruhigen Aufmerkſamkeit; mit demſelben kalten Blute machte Sie ihm folgende Bemerkung; Klementine.— Ihre Nachſicht wird mir erlauben ihnen meine Verwun⸗ derung zu erkennen zu geben, daß Sie, der Sie doch durch Ihren Freund von mei⸗ ner Ruͤckkehr ins Leben(O Gott in welch ein trauriges Leben) unterrichtet waren, gegen meine Kammerfrau dennoch ein ſo großes Erſtaunen bezeugt haben, als dieſe Sie von dem Ihnen ſchon bekannten Er⸗ 199 eigniſſe unterhielt, und daß Sie ſich die Erzaͤhlung noch ein Mal wiederholen ließen. Herr Dermor.—(Etwas ſtockend) Vielleicht hatte Ihre Kammerfrau das Erſtaunen, worein mich die Nachricht von dem Tode Ihrer Mutter und ihrer Freun⸗ din ſchon fruͤher verſetzt hat, auf dieſen Vorfall bezogen.— Uebrigens glaubte ich nicht zu einem Verhoͤre hierher beru⸗ fen worden zu ſeyn. Klementine.— Verzeihen Sie mein Herr! Aber iſt es nicht auch ein moͤglicher Fall, daß Ihre Freundſchaft Sie fuͤr Jemanden eingenommen hat, der ihrer nicht wuͤrdig iſt, der Sie vielle!cht ſcham⸗ los mit einem halben Vertrauen getäͤuſcht hat; denn, ich frage Sie, wie hat man wiſſen koͤnnen, daß ich verheirathet war, ohne zugleich von dem Tode meiner Mut⸗ ter unterrichtet zu ſeyn, denn mein Frau⸗ 200 enſtand(was nicht zu laͤugnen iſt) iſt erſt bei der Geburt meines Sohnes bekannt worden, und dieſes Ereigniß hat nur we⸗ nige Wochen vor dem Tode der Vicom⸗ teſſe von Beaumanoir Statt gefunden. Von dieſer Geburt, ſeit welcher doch meh⸗ rere Jahre verfloſſen ſind, hatte man aber in St. Yago gar keine Ahndung, da Ih⸗ nen die Nachricht davon erſt geſtern Abends durch meine Kammerfrau mitgetheilt wurde. In der That, Ihr Freund war von den Ereigniſſen in meiner Familie ſchlecht un⸗ terrichtet. Herr Dermot.— Dies laͤßt ſich bei einer ſo großen Entfernung leicht er⸗ klaͤren, gnaͤdige Frau. Klementine.— Im Gegentheil, mein Herr, je groͤßer die Entfernung iſt, je mehr halten die Korreſpondenten Ge⸗ nauigkeit in ihren Berichten fuͤr unerlaͤß⸗ 201 liche Pflicht. Sie kommen nach Frank⸗ reich zuruͤck; ſchon ſind es beinahe fuͤnf Jahre, daß ich meine Mutter verlohren habe, und Ihr Freund wußte es noch nicht, und Ihnen ſelbſt war es nicht be⸗ kannt, und Sie hatten von ihm keinen Auftrag auch nur irgend Jemanden vom Hauſe etwas, waͤr's vielleicht nur ein Gruß, von ihm auszurichten. Es thut mir leid, mein Herr, mich uͤberzeugen zu muͤſſen, daß Sie ſich von einem ſolchen Manne haben taͤuſchen laſſen, den ich ge⸗ wiß nicht mit Unrecht einer Niedertraͤch⸗ tigkeit beſchuldigt habe, derjenigen naͤmlich mich,(und o Himmel, wo und unter wel⸗ chen Umſtaͤnden) beraubt zu haben Bei dieſen Worten, die die eigentliche Anklage naͤher beſtimmten, erheiterte ſich die Stirn des Reiſenden; das Schwert des Damokles ſchien nicht mehr uͤber ſei⸗ 202 nem Haupte zu ſchweben; er ſchoͤpfte freier Athem, gleich als ob ſeine Bruſt von einer druͤckenden Laſt befreit waͤre, ſelbſt an ſeiner Sprache ließ ſich die ver⸗ minderte Beklemmung ſeines Herzens bemerken. A Herr Dermor.— Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, gnaͤdige Frau, um ſeine Rechtfertigung zu uͤbernehmen, ſo groß auch meiné Theilnahme fuͤr ihn ſeyn mag. Iſt er ſtrafbar, ſo hat vielleicht der Himmel und ſein eigenes Gewiſſen ihn ſchon gerichtet.. h Klementine.— Ich hoffe es!— Wie! dieſer Mann erhaͤlt in dieſem Hauſe die von ihm erbetene gaſtfreundliche Aufnahme, und, bemerken Sie wohl, es war die Gaſtfreund⸗ ſchaft des Ungluͤcks die ihm zu Theil wurde! Man erzaͤhlt ihm unſere Unfaͤlle, er ſcheint davon geruͤhrt, er zeigt ſich menſchenfreund⸗ 2⁰3 lich, wohlthaͤtig und— unter dem Deck⸗ mantel eines heiligen Geſchaͤfts, wagt er es, ſich an derjenigen zu vergreifen, fuͤr deren ewige Ruhe zu beten er beauftragt war. Dann macht er ſich, unter Beguͤn⸗ ſtigung der Dunkelheit, davon, er will ſogar nicht einmal ſeinen Namen nennen. Man verbirgt ſeinem Namen nur, wenn man ſein Leben verbergen will, und ein Diener des Altars huͤllt ſich nicht ſo in Finſterniß.— Herr Dermot.— Ich habe Ih⸗ nen ſchon geſagt, gnaͤdige Frau, daß er ſich uͤber ſeinen Beruf ſelbſt geirrt, und, da er die Weihen noch nicht erhalten hatte, er ſich entſchloß einem Stande zu entſa⸗ gen, der ihm nicht mehr anſprach. Klementine.— Sagen Sie, deſ⸗ ſen er unwuͤrdig war. Hatte er ſich nicht durch eine Unwahrheit den Zutritt in das 204 Schloß gebahnt? hat er nicht in demſel⸗ ben die ſchaͤndlichſte Handlung begangen, hat er ſich nicht wie der verworfenſte Ver⸗ brecher gefluͤchtet, und zugleich mit ſeinem Raube das Sinnbild ſeines Verbrechens, das ihn anklagende Sinnbild eines zer⸗ truͤmmernden Grabes mit ſich fortgenommen? Alle Schreckniſſe die Herr Dermot bereits empfunden hatte, erwachten in ihm aufs Neue. Nie hatte er ſich in ſeinen Innern ſo heftig bewegt gefuͤhlt, und dies Gefuͤhl erreichte den hoͤchſten Grad, als Klementine hinzu fuͤgte: „Dieſen Stock, den Sie jetzt in Haͤn⸗ den haben, dieſen Stock, welchen mein Sohn, Ihnen zugeſtellt hat, dieſen Stock, mein Herr, hat er in der Verwirrung zu⸗ ruͤckgelaſſen! Eine konvulſiviſche Erſchütterung zuckte durch ſeine Glieder, und der an ſeiner 205 Achſel gelehnte Stock von Ebenholz folgte den Bewegungen ſeiner zitternden Hand. In dieſer Herzensangſt ſtammelte Herr Dermot: „Es iſt wahr... dieſer Stock... es iſt mir, als wenn ich ihn ſchon bei ihm geſehen haͤtte.“ Mit einer fuͤrchterlichen Stimme, gleich dem Donner, der durch die Wolken rollt, ſchrie jetzt Madame Delpont: „Wie? Sie haben dieſen Stock bei ihm geſehen, und ſo eben ſagten Sie, Sie haͤtten dieſen angeblichen Freund erſt in St. Yago kennen gelernt! Elender, Sie ſind der Vater meines Kindes, und vor mir ſteht der Moͤrder meiner Mutter und meiner Henriette!“ Herr Dermot war mit dem Ge⸗ ſicht auf den Fußboden geſtuͤrzt. Madame Delpont betrachtete ihn einige Zeit in die⸗ 206 ſem Zuſtande mit einem bittern veraͤchtli⸗ chen Laͤcheln; endlich rief ſie ihm zu: „Stehen Sie auf! ſtehen Sie auf, ſage ich Ihnen“ und mit dieſen Worten ſtieß Sie ihn mit dem Fuße. — da der Reiſende nicht ſo viel Kraft hatte, von dem Boden aufzuſtehen, ſo klingelte Klementine; ihre Kammerfrau trat ein, und ſchnell, aber nicht ohne die peinlichſte Anſtrengung ihrer Geſichtszuͤge, milderte Fraͤulein von Beaumanoir den Ton ihrer Stimme und ſagte dieſe weni⸗ gen Worte:„Herrn Dermot iſt es wieder unwohl geworden, unterſtuͤtze ihn moͤglichſt Mariane, indeſſen ich aus meinem Kabi⸗ nette Salzgeiſt und Koͤlniſches Waſſer hole.“ 3 Dies that ſie mit ſo veraͤnderten Ge⸗ ſichtszuͤgen, daß nur das Auge eines ſehr aufmerkſamen Beobachters die Spuren der 207 furchtbaren Gemuͤthsbewegung in der ſie ſich ſo eben befunden hatte, wuͤrde haben endecken koͤnnen. Nach zwei Minuten kam ſie zuruͤck, ſie beſchaͤftigte ſich ſogar zugleich mit Marianen um den Reiſenden, der den verhaͤngnisvollen Stock noch immer in der Hand haltend, davon ſprach, nach ſeinem Wagen zuruͤckzukehren. Auf ein Zeichen ihrer Gebieterin, verließ Yvons Gattin das Zimmer, und Klementine ſagte zu Herrn Dermot mit uͤberlegter Ruhe, oder vielmehr mit unterdruͤckter Bewegung: „Noch haben Sie nicht alle meine Freunde gemordet; es ſind mir zwei uͤbrig geblieben, die ich uͤber eine Lage, welche Ihr Werk iſt, zu Rathe ziehen will. Ja Sie haben mir noch zwei Freunde gelaſ⸗ ſen, deren einer freilich auch ſchon hart darnieder liegt!— Sie duͤrfen dieſes Haus nicht verlaſſen bis ich mich mit diel 208 ſen meinen Freunden berathen habe; bis dahin verbiete ich ihnen ſich zu entfernen. Nicht ihrer Perſon, aͤber die ich mir kein Recht anmaßen will, nur ihrem Wil⸗ len gebiete ich jetzt! Gehen Sie in das benachbarte Zimmer, man wird fuͤr ihre Beduͤrfniſſe Sorge tragen.“ „Gott“ fuͤgte ſie mit unterdruͤckter Stimme hinzu, von wem wird dieſes Zim⸗ mer meiner Henriette eingenommen!“ „Laſſen Sie mich dahinfuͤhren, gnaͤdge Frau“ antwortete der Reiſende, und er erinnerte ſich an dasjenige, was Madame Allote ihm einſt hier auf dieſer Burg, bei Gelegenheit der, dem Ritter Delisle gegebenen, und von ihm ausgefuͤhrten, Befehle geſagt hatte.*)„Eine ſchlechte Handlung begehen, oder an ihr Theil — *) Theil I, Seite 162. 209 nehmen, heißt, ſich in Feſſeln ſchlagen laſſen, ſo bald uns das Gewiſſen in wich⸗ tigen Faͤllen ſtraft, gehoͤren wir uns nicht mehr an, der Erſte, Beſte floͤßt uns Furcht ein, ein Kind wuͤrde uns befehlen koͤnnen.“ Mariane wurde zum zweiten Male gerufen;„Es koͤnnte,“ ſagte Klementine zu ihr,„fuͤr Herrn Dermot von uͤbeln Folgen ſeyn, wenn er jetzt ſogleich nach ſeinem Wagen zuruͤckkehrte, uͤber dieß wuͤrde er im Flecken ſchlecht bedient ſeyn; er iſt daher ſo gefaͤllig geweſen, ein Bette hier im Schloſſe anzunehmen, fuͤhre ihn in Madame Allot's Zimmer.“ Man em⸗ pfahl ſich gegenſeitig mit ſcheinbarer Kaͤlte. Der Befehl der ungluͤcklichen Frau wurde puͤnktlich vollzogen. Es war die hoͤchſte Zeit, daß dieſer Auftritt endigte, denn Klementinens Muth und KRraͤfte waren erſchoͤpft. IV Cheil. 14 210 Sich allein uͤberlaſſen, zerfloß ſie in Thraͤnen, ſie fuͤhlte jetzt das Beduͤrfniß zu weinen, da ſie vorher die ganze Ener⸗ gie ihrer Seele entwickelt hatte, ſie warf ſich vor den Gemaͤlden ihrer Mutter und ihrer Freundin nieder, und rief in tiefem Gefuͤhle: Theure Karoline, liebenswuͤrdige Henriette, ihr ſeht mich jetzt in dem kri⸗ tiſchten Augenblicke eines Lebens, das ſei⸗ nem Ziele nahe iſt, ihr hieltet mich zwar im⸗ mer fuͤr wuͤrdig Euch anzugehoͤren; aber doch gereicht es mir zum Troſt, daß ich, gewiſ⸗ ſer Maßen unter Euren Augen, dem Straf⸗ baren das Geſtaͤndniß ſeiner Schuld, und meiner Unſchuld entriſſen habe. Moͤge jetzt die Eine mich mit jenem Adel, jener hohen Wuͤrde des Gefuͤhls begeiſtern, de⸗ ren Beſtitz ich fuͤr den koſtbarſten Theil ihrer Erbſchaft halten wuͤrde, und die an⸗ dere mir Ihre bewundernswuͤrdige Ge⸗ 211 genwart des Geiſtes mittheilen, welche die Gefahren des Lebens ſtolz verachtend, ihnen mit Klugheit auszuweichen weiß! Karoline, Henriette! nein ich kann nicht glauben, daß ihr mich verlaſſen habt! Ich fuͤhle es, theure Gefaͤhrtinnen meiner Ein⸗ ſamkeit, heut, in dieſem Augenblicke, ſind wir alle drei bei einander. Gott laͤßt es zu, er laͤßt es zu, zum Troſt der Un⸗ gluͤcklichen, welcher, nach ſeinem heiligen Willen, der Wehmuthskelch lange genug die ſchmachtenden Lippen benetzt hat!“ Noch immer weinend, aber dennoch geſtaͤrkt, erhob ſich jetzt Klementine. Man kann mit Wahrheit behaupten, daß in ih⸗ rem Benehmen ſich eine ſeltene Vereini⸗ gung trefflicher, obgleich ſcheinbar einander entgegengeſetzter Eigenſchaften, zeigte, wie ſie nur ſelten das Eigenthum des Weibes ſind. Der ganze Charakter der Frau von 14* — 212 Beaumanoir war auf ſie uͤbergegangen, aber bei einem, oͤffters erhabenen Auf⸗ ſchwung, hatte jedoch die Vicomteſſe auf ihrer kurzen Laufbahn nie ein Beiſpiel einer ſolchen Ausdauer gegeben; ſie wuͤr⸗ de, wie ihre Tochter, den Kampf mit Herrn Dermot begonnen haben, aber, es iſt zu bezweifeln, ob ſie ihn auf gleiche Weiſe geendigt haͤtte. Nachdem ſie beinahe zwei Stunden an ihrem Schreibtiſche zugebracht hatte, rief ſie Marianen:„Der junge Doktor,“ ſagte ſie zu ihr, hat ſchon ſeit einigen Wochen davon geſprochen, meinen Sohn zu impfen, wir ſind im Herbſt, und der Zeitpunkt iſt guͤnſtig, ich will ihn benutzen, zumal da ich erfahren habe, daß die Pocken im Kirchſpiele graſſiren. Ich werde alſo Edu⸗ arden zu dem Doktor Bonnet ſchicken, wo er drei Wochen bleiben ſoll. Packe ſeine 213 Sachen zuſammen, bring mir ihn dann herauf, daß ich ihm den Abſchiedskuß gebe, und dann ſoll dein Mann ihn auf dasjenige von unſerm Pferden, welches den ſanfteſten Schritt hat, vor ſich neh⸗ men, und ihn ohne Zeitverluſt nebſt die⸗ ſem Billet zu unſern alten Freund bringen. Dieſer zweite Brief iſt an Herrn Leny. Von dem Doktor ſoll Yvon gera⸗ des Wegs nach dem Pfarrhauſe gehen. Trage uͤbrigens Sorge fuͤr den Fremden, er ſcheint von ſchwaͤchlicher Geſundheit, und bedarf ſorgfaͤltiger Pflege. Es thut mir leid, daß ſein Bedienter nicht hier iſt. Yvon mag ſeinen Weg durch den Flecken nehmen, und dort ſagen, daß Herr Der⸗ mot auf der Burg uͤbernachten wird, denn ich vermuthe, daß ſein Wagen dahin zu⸗ ͤckgekehrt iſt. Dieſe Anzeige wird hinlaͤng⸗ lich ſeyn. Du weißt Mariane uͤbrigens, daß 214 ich keine Freundin von vielem Schwatzen bin: und dein Mann hat, wie dir nicht unbekannt iſt, bei ſeinen vielen guten Seiten, denen ich gern Gerechtigkeit wie⸗ derfahren laſſe, dieſen Fehler. Klementine machte dieſe Bemerkung aus doppelten Gruͤnden, einmal, um allen Deutungen im Schloſſe ſelbſt zuvorzukom⸗ men, welche ſich die Dienerſchaft uͤber eine Angelegenheit haͤtten erlauben koͤn⸗ nen, deren Zuſammenhang, nach Klemen⸗ tinens Anſichten, ein Geheimniß bleiben mußte; dann ſollte ſie auch mit einem Male allen Nachforſchungen von außen, in einem Lande vorbeugen, wo, bei der Geſchaͤftloſig⸗ keit der Einwohner, die unbedeutendſten Neuigkeiten, fuͤr die hoͤhern Klaſſen ein Gegenſtand boshafter Neugierde, und fuͤr die uͤbrigen ein Stoff zu einer, oͤffters zu lebhaften Theilnahme werden, denn nur —Q——— 2—— 215 zu oft dringt der geſunde Menſchenver⸗ ſtand der Dorfbewohner tiefer, als der Scharfſinn der Weltleute, in die wahren Verhaͤltniſe ein. Was die Abſendung Eduards zu dem Doktor betraf, ſo war ſie die Folge einer weiſen und zarten Ruͤckſicht, Fraͤulein von Beaumanoir wollte ihr Kind nicht in Gegenwart des Herrn Dermot ſehen, und benutzte, um es zu ent⸗ fernen, mit Klugheit eine fruͤhere Veran⸗ laſſung. Eduard verließ mit Pvon die Burg, nachdem ihm zuvor ſeine Mutter mit abgewandten Augen den Abſchiedskuß auf die Stirn gedruͤckt hatte. Der neue Gaſt auf der Burg Helvin, nach deſſen Ergehen die Dienerſchaft ſich fortwaͤhrend erkundigte, befand ſich in ei⸗ nem Zuſtande von anſcheinender Ruhe. Es lag ſogar etwas Wahres in dieſer Faſſung. Der Schluß des Drama's in 216. deſſen erſtere Scene er ſechs Jahr fruͤher die erſte Rolle hatte, war furchtbar, aber er befreite ihn von einer Angſt, welche ſeit jenem Zeitpunkte ununterbrochen fort⸗ gedauert hatte, und gegen welche jedes moraliſche Mittel, jede phyſiſche Kraft unwirkſam war. Nach der erſten Beſtuͤr⸗ zung durchſtroͤmte ihn, indem er ſeine Blicke auf den Gemaͤlden der Frau von Beaumanoir') und ihrer Tochter, die in die⸗ ſem Zimmer hingen, ruhen ließ, vermoͤge einer ſonderbaren Aehnlichkeit ſeiner Lage mit der Lage des Fraͤuleins, ein augen⸗ blickliches Gefuͤhl von inniger Ruͤhrung. Aber ploͤtzlich erinnerte er ſich der Schrek⸗ kensworte Klementinens, und nun ſah er in der Mutter nur eines von dem durch ihn hingemordeten Schlachtopfer. ) Es war die von Madame Allote nach dem Original verfertigte Kopie.(S. d. 3 Theil.) 217 „Und warum ſollte ich dies nicht von allen beiden ſagen koͤnnen?“ ſetzte er in Gedanken hinzu, denn war nicht die Ueber⸗ lebende das erſte Opfer, ſie war juͤnger und ihr Todeskampf iſt von laͤngerer Dau⸗ er, dies iſt der einzige Unterſchied, und doch— iſt wohl je aus der Hand des Scehhoͤpfers ein groͤßeres Meiſterſtuͤck her⸗ vorgegangen? Wie ſchoͤn war ſie, ſelbſt als ſie mich mit Fuͤßen von ſich ſtieß!— ſie hat mich gedemuͤthigt, zertreten, aber ich fuͤhle mich dadurch nicht gekraͤnkt; ach ſie hat wenigſtens auf einen Augenblick ihres Triumhs genoſſen! Armſelige Ent⸗ ſchaͤdigung fuͤr ihr ganzes, durch mich ver⸗ nichtetes Lebensgluͤck! Und als ſie mir zu bleiben befahl, wie habe ich, der, trotz ſeines moraliſchen Elendes, noch immer gegen andere ſeinen Willen durchzuſetzen wußte, die ſtolze Stirn vor ihr gebeugt, 1 218 mich noch gluͤcklich gefuͤhlt, ihr zu gehor⸗ chen. O, Verbrechen! wie erniedrigſt du! du haſt mich zum Gefangenen einer Frau gemacht... Was Du, o ewige Weisheit uͤber mich verhaͤngt haſt, dem unterwerf' ich mich! Viel hab' ich ſchon gelitten, aber verdopple Deine Schlaͤge, ich will es nicht verſuchen Deinen Arm zuruͤckzuhalten, Du haſt mich vor Dir ſtrafwuͤrdig erfunden, aber als Rebell gegen Deinen heiligen Willen werde ich nie erfunden werden!“ So fuͤhlte ſich Herr Dermot wirklich von einer druͤckenden Buͤrde minder be⸗ laſtet. So lange, bis dieſe Angelegen⸗ heit eine beſtimmte Wendung erhalten hatte,(denn er hatte ſich jedes eigenen Willens gaͤnzlich begeben) hielt er ſich der Sorge fuͤr ſein zukuͤnftiges Schickſal fuͤr uͤberhoben. In dieſem Zuſtande fand ihn 219 ſein Bedienter, welcher, nachdem er drei Stunden in der Lichtung des Waldes auf ihn gewartet hatte, endlich durch die Leute der Vicomteſſe zu ſeinem Herrn ge⸗ bracht worden war, und ihn jetzt erſuchte, zu ſeinem Wagen zuruͤckzukehren. „Ich gehoͤre mir nicht mehr an,“ ant⸗ wortete Herr Dermot; ich werde ſo lange hier bleiben, bis die Perſon, der ich das Recht gegeben habe, mir zu gebieten, mir ſagen wird:„Gehe deiner Wege.“ Gott hat mich hierher gefuͤhrt: Gott wird mich zuruͤckfuͤhren, wenn es ſein Wille iſt.“ „Und was ſoll ich mit dem Wagen machen?“ fragte der gute, treue Die⸗ ner.—„Was Du willſt“ antwortete ihm Herr Dermot. Alexis war uͤber dieſe, ſeinen Ohren ganz fremde Sprache, ſo erſtaunt, als be⸗ truͤbt. Er verließ das Zimmer ſeines 220 Herrn mit dem Tuche vor ſeinen Augen, und machte es ſich zum Vorwurfe, ihm das Billet uͤbergeben zu haben, dem er alle unangenehme Vorfaͤlle des heutigen Tages zuſchrieb. In dieſer Stimmung fand ihn Mariane, die ihn, in Auftrag der Madame Delpont, einlud, auf dem Schloſſe zu bleiben. In Hinſicht auf den Reiſewagen ſagte man ihm, daß er in der Remiſe des Schloſſes untergebracht wer⸗ den koͤnne, und zeigte ihm einen Weg, auf welchem Wagen von jeder Spur nach der Burg kommen konnten, ſo bald ein Schlagbaum geoͤffnet wurde, wozu man ihm den Schluͤſſel gab.— Dies war ein außerordentlicher Fall, der des andern Morgens auf den benachbarten Meierhoͤ⸗ fen einiges Aufſehen erregte! In dieſem Stuͤcke war alſo die Prophezeiung der Katharine Synvenn in Erfuͤllung gegangen. 221 Dreiſſigſtes Kapitel. Freundesrath, oft mehr werth als Familienrath. — Alexis Bolore, durch die ihm ertheilte Auskunft einiger Maßen beruhigt, ging jetzt zu dem Poſtillon zuruͤck. Dieſer hatte bereits ſeine fuͤnfte Pfeife bei ſeinen Pfer⸗ den geraucht, und erwartete mit vieler Ungeduld, das heiſt, fluchend und laͤrmend, die Ruͤckkunft ſeiner Paſſagiers. Obgleich dem Armorikaniſchen Pferdebaͤndiger die Verſicherung ertheilt worden war, daß man ihm die Station bis Ploermel*) bezahlen wuͤrde, und daß er doppeltes eriulgald erhalten ſollte, ſo ließ er ſich *) Der naͤchſte, drei Poſten von Pehrin entfernte Pferdewechſel, *⁴ 222 doch nicht eher beruhigen, bis man ihm auf dem Schloſſe ſelbſt zu trinken gege⸗ ben hatte.„Man haͤlt wohl“ ſagte er mit einer Art von fortdauernder Aerger⸗ niß„mit einem Reiſewagen vor einem Wirthshauſe einige Zeit an, aber ihn vier ganzer Seigerſtunden mitten in einem Walde halten zu laſſen, das iſt unerhoͤrt! Menſchen und Vieh muß auf ſolche Art vor Durſt krepieren, darauf, mein lieber Herr Alexis, haͤtte ihr Herr ein wenig mehr Ruͤckſicht nehmen ſollen!!’? Der Reiſewagen wurde in die Remiſe geſchaft. Die verſchiedenen Eindruͤcke, die dieſe Verkehrung auf Madame Delpont und Herrn Dermot machte, welche beide aus ihren Fenſtern, ohne das eines das andere bemerkte, alle, deshalb auf den Hof getroffenen Einrichtungen mit anſehen, ſind keiner Darſtellung faͤhig. Klementine, die * 223 4 dies alles veranſtaltet hatke, um dem vor⸗ laͤuüfigen Aufenthalt des Fremden auf dem Schloſſe jeden Anſchein von Zwang moͤg⸗ lichſt zu benehmen, fuͤrchtete hierinnen ihre eignen Abſichten uͤberſchritten zu haben, aber ihr Beſorgniß deshalb ward bald gehoben. Nachdem Alexis ſeinen Hunger ſchnell geſtillt hatte, kehrte er zu Herrn Dermot zuruͤck, um ihn noch ein Mal nach ſeinen Befehlen zu fragen; denn ſeine Meinung war, auf einem der Poſtpferde nach dem Wirthshauſe zum rothen Hute zu reiten, und den Nachtſack ſeines Herrn zu holen. Er erhielt dieſelbe Antwort wie zuvor, das heiſt, wie ſie Jemand, der auf allen eignen Willen Verzicht gethan hat, geben kann; denn da, wie wir bereits bemerkt haben, dies bloß leidende Verhaͤltniß die groͤßte Erleichterung war, welche die Vor⸗ 1 — 224 ſehung den Qualen des Herrn Dermot gewaͤhren konnte, ſo beſchraͤnkte er ſich auch darauf mit einer wahrhaft religioͤſen Hingebung. Er ſaß am Feuer, welches von den Bedienten des Schloſſes unter⸗ halten wurde, ſeinen Stock, mit dem da⸗ rauf geſtuͤlpten Hut, hatte er in eine Ecke des Zimmers geſtellt, in der Hand hielt er einen Theil von Paskal, den er in Ma⸗ dame Allot's Buͤcherſammlung gefunden hatte. Von Zeit zu Zeit, wenn ſeine Gedanken nicht ausſchlieslich mit ſich ſel⸗ ber beſchaͤftigt waren, warf er einen Blick in das Buch. Gegen drei Uhr Nach⸗ mittags trug man ihm eine kleine, aber trefflich zugerichtete Anzahl Gehuͤſſeln auf: er nahm keinen Anſtand elwas davon zu genießen, und griff, nach einer maͤßigen Mahlzeit, wieder nach ſeinem Buche. 225 Wenden wir uns jetzt zu Herrn Le⸗ ny, der den Brief, in welchem Klementine ihrem Beichtvater die auf dem Schloſſe vorgefallenen Ereigniſſe kuͤrzlich darſtellte, durchlaufen hatte, und von welchem beſon⸗ ders folgende Stelle ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte: „Wuͤrdiger Freund meiner Mutter und Henriettens, Sie koͤnnen ſich denken wie viel Ihrem Beichtkinde dieſes ſchreck⸗ liche Geſpraͤch gekoſtet hat, deſſen Schluß uͤber eine fuͤrchterliche Wahrheit, die Sie gewiß ſo wie die Vicomteſſe und mei⸗ ne Henriette laͤngſt geahndet haben, ein ſo entſetzliches Licht verbreitet. In der That, verſchiedene Umſtaͤnde, die ſich jetzt meinem Gedaͤchtniſſe wieder darſtellen, uͤber⸗ zeugen mich, daß unter uns fuͤnfen, mit Einſchluſſe des Doktors, ich die einzige, in das Geheimniß meines Ungluͤcks Unein⸗ IV. Theil. 15 226 geweihte war; indeſſen konnte man ſich wohl fuͤr uͤberzeugt halten, daß ich mei⸗ nen Vetter, der ſich gegen mich ſiets mit dem groͤßten Zartgefuͤhl benommen hatte, nicht lange in einen ſo beleidigenden Ver⸗ dacht. wuͤrde halten koͤnnen. Mein Nach⸗ denken hieruͤber, welches durch die Geburt Eduards noch mehr Aufſchluß erhielt, hat mich ſehr bald uͤberzeugt, daß mein Un⸗ gluͤck mit meiner Starrſucht in der genau⸗ ſten Verbindung ſtehe. Nach dieſer Ue⸗ berzeugung, und in der Hoffnung, mir ei⸗ nen kleinen Ueberreſt von Ruhe zu erhal⸗ ten, vermied ich jede genauere Nachfor⸗ ſchung, ich bebte vor ihr zuruͤck; der Ab⸗ grund war zu fuͤrchterlich! „Ich geſtehe Ihnen, daß ich bis fruͤh neun Uhr nicht geglaubt hatte, es mit dem Verbrecher perſoͤnlich zu thun zu haben. Ich erwartete bloß, mich mit einem ſeiner 227 Freunde zu unterhalten, der entweder von allem, was mich betraf⸗ gar nicht un⸗ cerrichtet, oder entſchieden ſeyn wuͤrde, ge⸗ gen mich zuruͤckhaltend zu bleiben: als ich aber durch die Fenſterſcheiben meines Ka⸗ binets dieſen Menſchen in den Hof treten ſah, mit dem langen Stock von Ebenholz, den ihm durch ein merkwuͤrdiges Zuſam⸗ mentreffen mein Sohn wiedergegeben hatte: (jal mein Sohn! denn nie werde ich ihn den ſeinigen nennen!) als ich dieſen Fremdling unter meinem Fenſter hingehen ſah, als ich ſeine Geſichtszuͤge erblickte, von denen einige mich ſo lebhaft an die meines Sohnes erinnerten, als ich ihn ſo gerades Wegs nach der, in einem Winkel des Gebaͤudes befindlichen Treppe, welche ein ganz Fremder nie auf den erſten Blick bemerkt, hinſchreiten ſah, da erſt ſtiegen einige Bedenklichkeiten in mir auf. 45* Die Blicke, die bald darauf der Fremde in meinem Zimmer herumſtreifen ließ, die⸗ jenigen, die er ſchuͤchtern auf mich ſelbſt warf; der unſichre Ton ſeiner Stimme, die Verwirrung die in einigen ſeiner Aeu⸗ ßerungen herrſchte, fuͤr die ihm, wie es ſchien, Wort und Ausdruck fehlte, und, darf ich es ſagen, die Spuren eines un⸗ gewoͤhnlichen Grams auf ſeinem Geſichte, erhoben meine Bedenklichkeiten ſehr bald zur fuͤrchterlichen Wahrſcheinlichkeit. Sein Mangel an Faſſung, meine Feſtigkeit, und, vor allen Dingen derjenige, deſſen Gerechtigkeit den Verbrecher ereilt, und deſſen Kraft in dem Schwachen maͤchtig iſt, thaten das Uebrige. Mein verehrter Freund, ich kann Ih⸗ nen ſagen, er iſt niedergeſchmettert, er iſt vernichtet! ich befuͤrchte ſogar, daß ich meinen traurigen Triumph gemißbraucht 229 habe; der Himmel mag es mir verzeihen, der allein weiß, was ich ſeit füͤnf Jahren gelitten habe! 6 ka Der Schuldige iſt hier, nur zwei Schritte von mir entfernt, eine ein⸗ fache Wand trennt ihn von mir, ach! wa⸗ rum hat ſie ſich nicht immer zwiſchen uns befunden! Ob es gleich dieſem Ungeheuer nicht an einer gewiſſen Energie zu fehlen ſcheint, ſo hat er mir doch wie ein Kind gehorcht. Offenbar hat er gar den Wil⸗ len nicht, ſich zu entfernen. Er iſt uner⸗ meßlich reich: was geht mich das an. O, mein ehrwuͤrdiger Vater Sie beſitzen keine Reichthuͤmer, aber Sie ſind der wuͤrdige Diener eines allguͤtigen und gerechten Gottes, uͤberall begruͤßt man Ihr graues Haar mit Ehrfurcht und er, dagegen!— Es koſtet mich ein Wort, und das Blutge⸗ ruͤſte erwartet ihn! 230 8„Sch werde dieſes Wort nie ausſpre⸗ chen; ich bin Mutter! Mein verehrter Freund, waͤre hier denn gar nichts fuͤr die Ehre des ſo lange ſchon beſchimpften Hauſes der Beaumanoir zu thun? Koͤnnte nicht irgend ein gerichtlicher Akt Statt finden, irgend eine Erklaͤrung Herrn Der⸗ mot zur Unterſchrift vorgelegt werden, die dann, nach meinem Tode, oder nach dem ſeinigen, oder nach dem meines Kin⸗ des, wenn Gott daruͤber gebieten ſollte, offentlich bekannt gemacht wuͤrde. Soll denn der Name eines der edelſten Haͤuſer von Bretagne durch mich mit Schimpf und Schande verloͤſchen? Sorgen Sie, lieber Paſtor, ich beſchwoͤre Sie, ſorgen Sie fuͤr eine den traurenden Manen mei⸗ ner Mutter und meiner Freundin zu ver⸗ ſchaffenden Genugthuung! Sie erwarten ſte von Ihnen! Berathen Sie ſich reiflich 231 mit dem guten, trefflichen Doktor; er liebt mich, ich weiß es, er liebt mich noch, und waͤr's auch nur um Henriettens Willen, deren Andenken ihm ſo theuer iſt. Laſſen Sie indeſſen ſeinen Sohn nicht an Ihrer Unterhaltung hieruͤber Theil nehmen; ich ſchaͤge ihn, aber fuͤr ſolche vertrauliche Mittheilungen iſt er noch zu jung; hinge⸗ gen gebe ich Ihnen die Vollmacht, Herr Arnoult, meinem Kurator, dazuzuziehen, dies iſt ein Mann von geſetztem Charak⸗ ter, und gewohnt, Familiengeheimniſſe ver⸗ ſchwiegen zu halten. Herzlich bitte ich Sie, beſchleunigen Sie die zuergreifenden Maßregeln— Sie ſehen meine Lage: ſie iſt ſo, daß Ihre Klugheit Ihnen beſſer ſagen wird, als ich es thun koͤnnte, wie unmoͤglich eine laͤngere Dauer derſelben ſeyn wuͤrde. Soll ich Ihnen noch mehr 232 ſagen, ſie iſt mir ſelbſt im huhſten e Grade unertraͤglich.“ Als Herr Leny dieſen Brief laß, ſchwebten ihm alle heldenmuͤthige Frauen vor, deren die heiligen Schrift erwaͤhnt. Bei der Stelle, wo Klementine erzaͤhlt, wie Herr Dermot mit dem Geſichte nieder auf dem Boden geſtuͤrzt ſei, rief er mit Debora, die den Sieg der Jael beſang: „Zu ihren Fuͤßen kruͤmmete er ſich, fiel nieder und legte ſich— fo lag er verderbt.*) Als er an den Schluß kam, konnte er ſich nicht ent⸗ halten, mit lauter Stimme, in Yvons Ge⸗ genwart, der ſich dies alles nicht erklaͤren konnte, die von dem Hohenprieſter Joka⸗ kim**) an die Tochter Merari**) ge⸗ *) Buch der Richter Kap⸗ V *) Nicht Eliakim wie der Veriaſe ſagt. Anm. d. Uebſ. ***) Judith⸗ Anm. d. Uebſ. — 4 233 richteten Worte zu wiederholen:„Du biſt die Krone Jernfalem, Du biſt die Wonne Israel, Du biſt eine Ehre des ganzen Volkes!“ Tu gloria Jerusalem, tu laetitia Israel, wiederholte der Greis, als er die Treppe hinabſtieg, um Mathurin den Auftrag zu geben, ſeine Stute zu ſatteln. Dem Wunſche des wuͤrdigen Pfarrers zu Folge, uͤbernahm es Calvez zu Herrn Arnoult zu gehen, und ihn im Namen der Madame Delpont zu benachrichtigen, daß er bei dem Doktor Bonnet erwartet 4 wuͤrde, wohin ſich jetzt Herr Leny ſeiner Seits, auf den Weg machte. Der ehrwuͤrdige Pfarrer von St. Nolf kam eher als Herr Arnoult bei dem Dok⸗ tor an, und warf auf das Kanapee, auf welchem ſein alter Freund ſaß, Klementi⸗ nens Brief.„Leſen Sie, ſagte er, indem er 234 ſich der Worte des Oſias in Beziehung auf die Wittwe von Bethulia, bediente, welche auf die Erzaͤhlung des Fraͤuleins von Beanmanoir ſo paſſend waren: Es iſt alles wahr, wie du geſagt haſt, und iſt an Deinen Worten nichts zu ſtrafen.)„Leſen Sie“ wiederholte er in einem, beinahe feierlichen Tone, und aus der Art und Weiſe, wie ſich dieſes edle Weſen ausdruͤckt, ſo wie aus dem Ereigniß ſelbſt, werden Sie den Einfluß des heiligen Buchs, das ich ihr gegeben habe, nicht verkennen koͤnnen!“ Der Doktor durchlief die vier Sei⸗ ten des Briefs mit der groͤßten Aufmerkſam⸗ keit. Verſchiedene Eindruͤcke von Erſtau⸗ nen, Furcht und Bewunderung ſprachen ſich, ſo wie er von einem Abſatze auf den *) Judith Kap. VIII. V. 23. 235 andern kam, in ſeinen Zuͤgen aus. Nach ei⸗ ner Pauſe von füͤnf Minuten, waͤhrend welcher er uͤber das Geleſene nachdachte, und Herr Leny auf ſeine Bibelſtellen zu⸗ rüͤckkam, deren Anwendung ihm voͤllig paſſend zu ſeyn ſchien, ſagte der noch immer mit ſeiner Kraneheit kun feide Doktor: „Hier iſt, lieber Freund, weder von Siſſara noch von Holophernes die Rede, obgleich dieſer Letztere nicht ohne Luͤſtern⸗ heit die ſchoͤne Judith betrachtete, und deshalb mit einer Haͤrte geſtraft wurde, uͤber die—— ich mich jedes Urtheils enthalte, fuͤgte der Doktor ſchnell hinzu, weil er fuͤrchtete, ſtatt ſich mit einer An⸗ gelegenheit zu beſchaͤftigen, die ihm von der hoͤchſten Dringlichkeit zu ſeyn ſchien, mit Herrn Leny in einen theologiſchen Streit verwickelt zu werden: denn vor 236 kaum vierzehen Tagen hatte dieſe bibliſche Geſchichte wirklich zu einer Streitigkeit zwiſchen ihm und dem Geiſtlichen Gele⸗ genheit gegeben; und letzterm laſtete noch der Verdacht des Doktors auf der Seele, den jener ſcherzweiß uͤber den Tod des reichen Manaſſes, des Gatten der Judith hingeworfen hatte, der an den Folgen ei⸗ nes Sonnenſtichs waͤhrend der Gerſtenernte ploͤtzlich geſtorben war.*) „Ich wiederhole es nochmals“ fuhr der Doktor fort, wir ſind hier weder in dem Falle das Schwert zu ziehen, um ei⸗ nen Kopf abzuſchneiden, noch in einen an⸗ dern Jaels Nagel einzuſchlagen; ſondern wir muͤſſen ohne Verzug uͤberlegen, wel⸗ chen Weg wir einzuſchlagen haben, um die Ruhe einer Frau zu ſichern, die nicht *) Buch Judith Kap. VIII V. 3. weniger durch ſich ſelbſt, als wegen ihres großen Ungluͤcks, unſerer ganzen Theilnah⸗ me wuͤrdig, und gleichſam die noch einzige übriggebliebene Repraͤſentantin zweier an⸗ derer Weſen iſt, die uns auf eine ſo be⸗ jammernswerthe Art geraubt worden ſind.“ Hier blickte der Doktor ſeufzend nach dem, unter ſeinem Wandſpiegel haͤngenden Profile, und fuhr fort ſeine anlchnen vol⸗ lends mitzutheilen: „Es ſcheint mir lieber Rektor, ſagte er, daß man in dieſer Angelegenheit nicht vorſichtig genug zu Werke gehen kann, und ſich beſonders fuͤr das Bekanntwer⸗ den derſelben zu huͤten hat, welches Mit⸗ tel man auch zu ergreifen, fuͤr zweckmaͤßig halte. Allerdings hat die wuͤrdige Toch⸗ ter der Vicomteſſe vollkommen recht: nach dem was vorgefallen iſt, muß auf eine oder die andere Weiſe irgend etwas ge⸗ 238 * ſchehen. Immer iſt es indeſſen ſchwierig. einen ſo wichtigen Entſchluß ſo ſchnell zu faſſen, und doch erlaubt ungluͤcklicher Wei⸗ ſe die Lage unſerer geliebten Klementine weder Zoͤgerung noch Aufſchub. Waͤre es meiner Tochter, ich ſchwoͤre, daß ich, trotz meiner Schwaͤche, wuͤthend ſeyn wuͤr⸗ de, wie ein gereitzter Loͤwe, ich weiß ſo⸗ gar nicht einmal, welchen Gewaltthaͤtigkei⸗ ten ich mich gegen den Strafbaren uͤber⸗ laſſen wuͤrde; aber ich weiß auch, was ich hinterher thaͤte.). Bei dieſen Worten wurde die Unter⸗ haltung zwiſchen dem Doktor des Bezirks von Helvin und dem Paſtor von St. Nolf lebhafter. Letzterer wollte Herrn Dermot nach aller Strenge behandelt wiſſen; je⸗ ner fand, ohne die vortheilhaften Zeug⸗ niſſe, die ſeit ſeinem Vergehen uͤber ihn eingelaufen waren, in Anſchlag zu bringen, 239 in ſeinem Betragen auf der Burg, und in der Art und Weiſe, wie er ſich den Befehlen des Fraͤuleins von Beaumanoir unterworfen hatte, Beweiſe von einer ſo tie⸗ fen Reue, daß ſie ihm einiges Recht, wenn auch nicht auf Nachſicht, an die man, nach der Anſicht des Herrn Leny, gar nicht ein⸗ mal denken durfte, doch wenigſtens auf Mitleiden zu geben ſchienen. Herrn Bon⸗ net gelang es endlich, den Pfarrer ſeiner Meinung etwas geneigter zu machen, be⸗ ſonders ſeitdem er ſeinen, wehr als ſtrengen Grundſätzen, die Hoffnung des guten Koͤ⸗ nigs David:„Sin geaͤngſtigtes und zerſchlagenes Herz wirſt Du, Gott, nicht verachten; mit Erfolg entgegen geſetzt hatte, als Herr Arnoult eintrat. Nun erhielt das Geſpraͤch eine ganz an⸗ dere Wendung, und man gab die bloß auf die Moral Bezug habende Unterſuch⸗ 240 ung vorlaͤufig auf, um ſich mit der recht⸗ lichen Frage zu beſchaͤftigen, oder vielmehr um durch die, auf die Lage der dabei be⸗ theiligten Hauptperſon angewandten Rechts⸗ grundſaͤtze, den einzuſchlagenden zweckmaͤ⸗ ßigſten Weg zu beſtimmen. Der geſchickte Notar druͤckte ſich hieruͤber alſo aus: „Meine Herrn, wir bilden keinen kom⸗ petenten Gerichtshof, und uͤber Herrn Der⸗ mot ein Urtheil zu faͤllen, obgleich einer unter uns ſich als Bevollmaͤchtigter einer hoͤhern Macht betrachten kann, und ſogar ſeine Reue als Nichter zu wuͤrdern berech⸗ tigt ſeyn mag. Helfe Gott, daß dies das einzigſte hoͤchſte Tribunal ſei, dem wir die Unterſuchung eines ſo unerhoͤrten Falles zu uͤbergeben, uns genoͤthigt ſehen! So lange Madame Delpont, oder ihr Sohn, oder Jemand von ihrer Nachkom⸗ menſchaft lebt, waͤre es Unſinn ſein Recht 241 weiter ſuchen zu wollen, Fraulein von Beau⸗ manoir hat in ihrem ihrer, wuͤrdigen Briefe, meiner Meinung nach, ein merk⸗ wuͤrdiges, Inhaltſchweres Wort einfließen laſſen, das den Kreis, in welchem ſich un⸗ ſere Berathung bewegen kann, genau be⸗ ſtimmt. Ich bin Mutterl ſagte ſie. Das Daſeyn des Kindes iſt außer allen Zweifel, es iſt von dem Fraͤulein von Beau⸗ manoir als das ſeinige anerkannt, die Geburt dieſes Kindes beruht auf einer unwiderlegbaren Authenticitaͤt ſowohl durch die Oeffentlichkeit derſelben, als durch unſere Unterſchriften, die der Vi⸗ comteſſe und der Madame Allote mit in⸗ begriffen; und doch iſt es nicht minder wahr, daß dies Kind, rechtlich nur den Namen der Mutter, folglich gar keinen Namen hat! Ich will mich naͤher er⸗ klaͤren. IV. Theil. 16 242 „Der mit Herrn Delpont in Paris abgeſchloſſene Vergleich war zu jener Zeit ſehr zweckmaͤßig, er warf einen erwuͤnſch⸗ ten Schleier uͤber den Mutterſtand des Fraͤuleins, hinter welchem das Publikum eine geheime Verbindung, wie die Reli⸗ gion deren taͤglich einſegnet, vermuthen konnte; kurz jener Vergleich erreichte ſo⸗ viel als moͤglich ſeinen, durch den damali⸗ gen Drang der Umſtaͤnde gebotenen, Haupt⸗ zweck, naͤmlich ſich gegen die giftigen Pfeile der Verlaͤumdung zu ſichern; aber, ſtreng genommen, koͤnnte er dem jungen Eduard ſehr nachtheilig werden, wenn ir⸗ gend Jemand ſich beigehen ließe, ihm ſein muͤtterliches Erbtheil ſtreitig machen zu wollen; denn er wuͤrde beweiſen, daß keine Ehe Statt gefunden hat, und daß alſo ſeine Geburt ungeſetzmaͤßig ſei. Nun hat, 243 nach der Ausſprache Duparc⸗Poullin*) ein uneheliches Kind kein Recht auf die Erbfolge, und kann bloß auf eine Unter⸗ haltspenſion Anſpruch machen. Ich hatte mir daher auch vorgenommen, Madame Delpont den Tag nach ihrer Vollbuͤrtigkeit dahin zu beſtimmen, einen großen Theil ihres mutterlichen Erbtheils zu veraͤußern, und alsdann das Produkt auf ihren Sohn, ſei es nun durch Ankauf von Grundſtuͤcken oder Renten, zu uͤbertragen.“— Hier nahm der Doktor das Wort: „Dies iſt“ ſagte er„von großer Wich⸗ tigkeit: wie viel fehlt Klementinen noch bis zum Ablauf ihres fünf und zwanzigſten Jahres? Ob ich gleich die Vicomteſſe ent⸗ — *) Ein beruͤhmter Ausleger des Bretagniſchen herkoͤmmlichen Rechts, deſſen Ausſpruͤche in die⸗ ſer Provinz vor der Reyoluzion Rechtskraft beſaßen. 16* 244 bunden habe, ſo iſt wir doch der Zeitpunkt nicht genau gegenwaͤrtig, doch wuͤrde ich es noͤthigen Falls in meinem Tagebuch finden.“ „Den Aten April wird ſie vollbuͤrtig“ antwortete Herr Arnoult. P haben heut erſt den vember!, verſetzte Herr Donne fuͤrchte ſehr, daß ſie dieſen Zeitpunkt nicht erleben wird. Ich habe ſie zwar ſeit echa nuch nicht geſehen; aber mein Sohn hat mir noch dieſen Morgen verſi⸗ chert, daß, wenn nicht eine voͤllige guͤnſtige Veraͤnderung in ihrem Geſundheitszuſtande vorgehe, zu welcher Hoffnung leider nichts berechtigt, ſie ſchwerlich das Ende des Maͤr⸗ zes erreichen werde. Wir ſprachen davon, eine Viertelſtunde vor Ankunft des kleinen Eduards, welchem uns ſe ine Mutter, aus ei⸗ nem ſehr edeln Beweggrund, anvertraut hat, . 245 wie ich ſo eben aus ihrem Brief an den Rektor erſehe.“ „Unter dieſen Umſtaͤnden“ erwiederte Herr Arnoult ſi ſichtlich bewegt,(was bei dem greiſen Diener der Religion derſelbe Fall war,) giebt uns die Lage der Dinge und der Perſonen, die einzige Maßregel, die wir zu ergeeifen haben, ſelbſt an die Hand! Erlauben Sie mir nur noch ein paar Worte, die den Gegenſtand unſerer Berathung beleuchten, und auf ein Reſul⸗ tat hinleiten werden. „Ich weiß meine Herren, daß, Kraft des Teſtaments der Madame Allote,(auf deſſen Abfaſſung ich allen nur moͤglichen Fleiß gewandt habe, und das ich fuͤr un⸗ antaſtbar halte, ob gleich bei unſerer Ge⸗ ſetzgebung vielleicht nicht ein einziges Te⸗ ſtament zu finden ſeyn moͤchte, das nicht angegriffen werden koͤnnte,) der Sohn Kle⸗ 246 mentinens von Beaumanoir immer zu le⸗ ben haben wird; aber noch ſicherer bin ich davon uͤberzeugt, daß Fraͤulein Kle⸗ mentine kaum die Augen wird geſchloſſen haben, als auch ihre Verwandten vaͤterli⸗ cher Seite von der Linie Beaumanoir, ob mir gleich keine andern bekannt ſind, als die Lavardines*) welche ſchon laͤngſt nicht mehr zu den ſucceſſtonsfaͤhigen Graden der Verwandſchaft gehoͤren, ihre Auſpruͤche an die Erbſchaft geltend zu machen ſuchen werden, und daß dies noch weit ſicherer von Seiten der Familie Delpont, trotz al⸗ *) Nach Moreri hatte ſich eine juͤngere Li⸗ nie des Hauſes Beaumanoir(die Herren Baſſo und de Lavardin) in Maine niedergelaſſen. Die erſte Spur von ihr, in der gedachten Provinz, fin⸗ det man ſeit dem Anfange des funfzehnten Jahr⸗ hunderts, wo ſie ſich wahrſcheinlich von dem Stamm in Bretagne trennte, und hierauf be⸗ zieht ſich wohl die Bemerkung des Herrn Arnoult. 247 ler ſchriftlichen Verſprechungen und Vor⸗ traͤge der Fall ſeyn wird. Dieſe alte Burg mit ſeiner Holzung iſt an und fuͤr ſich unbedeutend, aber man laͤßt nicht gern dreiſſigtauſend Livres Renten in herrlichen, groͤßtentheils in der Normadie gelegenen Grundſtuͤcken, auf ein Kind uͤbergehen, deſſen Daſeyn uns bis jetzt beinahe unbe⸗ kannt geblieben iſt, wenn das Geſetz uns das Recht giebt, ſie ihm ſtreitig zu machen. Aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, wuͤrde Fraͤulein Klementine vielleicht beſſer ge⸗ than haben, bei ihren Verwandten zu le⸗ ben, deren Blick ſich dann wenigſtens ge⸗ woͤhnt haben wuͤrde, das Kind in ihrer Umgebung zu ſehen; doch wuͤrde auch dies wohl nur einen ſchwachen Schutz gegen gerichtliche Angriffe gewaͤhrt haben, denn die Stimme des Eigenuutzes ſpricht lau⸗ ter, als die der verwandſchaftlichen Zunei⸗ 248 gung, ſollte es auch ein Mal gelingen, ihn durch das beſſere Gefuͤhl zu verdraͤn⸗ gen, ſo wird er ſich bald wieder zeigen, und, in einem Augenblick von Mißmuth oder Geldverlegenheit, ſich dennoch in dem Herzen, aus dem er fruͤher verdraͤngt worden, Eingang zu verſchaffen wiſſen. Glauben Sie mir, meine Herren, ich bin unter dem Treiben der menſchlichen Lei⸗ denſchaften ergraut, aber, trotz meiner Erfahrungen, muß ich noch taͤglich uͤber die Schliche der Habſucht erſtaunen, ich wuͤßte in der That nicht, was ihr noch heilig waͤre. Die drei wohlwollenden Nathgeber Klementinens waren hieruͤber mit einander einverſtanden; der Doktor verſicherte, mehr als einen Kranken gehabt zu haben, der noch in der Todesſtunde, mit den Mitteln, ſein Vermoͤgen zu vergroͤßern, beſchaͤftigt geweſen ſei. Herr Leuy rief mit dem 249 Apoſtel aus:„Der Geiz iſt die Wur⸗ zel alles Uebels 4) und fuͤgte aus derſelben Quelle hinzu:„welches hat etliche geluͤſtet, und ſind von Glauben irre gegangen, und ma⸗ chen ihnen ſelbſt viel Schmerzen. Laſſen Sie in einer Seitenlinie der Familie Freville eine Vormundſchaft ein⸗ treten, fuhr Herr Arnoult fort, und es wird, Kraft des beſonders in Bretagne angenommenen Rechtsgrundſatzes, daß der Unmuͤndige dem Muͤndigen vor⸗ geht, ſehr bald ein proceſſualiſches Ver⸗ fahren von den Verwandten eingeleitet werden, die anfaͤnglich bloß als Vormün⸗ der, im Namen eines dritten auftreten, aber am Ende ſich ſelbſt am beſten be⸗ denken werden. Keine drei Monaten — *) 1 Timoth. VI. v. 10. 250 werden nach dem Tode des Fraͤuleins vergehen, daß nicht bei ihren Paͤchtern Inhibi⸗ zionen auf die Pachtgelder gelegt werden.“ „Und das Mittel gegen dieſe Nach⸗ theile, die Sie uns ſo uͤberzeugend vor Augen ſtellen, mein lieber Arnoult?“ fragte der Doktor. „Iſt die Anerkennung des Kindes von Seiten der Mutter und des Vaters“ war die Antwort, iſt die Ehe, meine Herren: bei dem Geſundheitszuſtande, in welchem ſich, wie Sie mir ſagen, das verehrte Fraͤulein befindet/ kenne ich kein anderes.“ Dies von dem braven Notar ausge⸗ ſprochene Reſultat mißfiel dem Herrn Leny.— Herr Bonnet, der es vorausge⸗ ſehen hatte, ſprach laut zu Gunſten dieſer Maaßregel, er kaͤmpfte gegen den Rektor mit Gruͤnden des Rechts, er wendete ſich an ſein Gewiſſen, er ſtellte ihm die, oͤf⸗ —— 251 fentliches Aufſehen erregenden, und zu⸗ gleich hoͤchſt traurigen Folgen eines wahr⸗ ſcheinlichen Ereigniſſes vor, die noch weit ſchrecklicher ſeyn wuͤrden, als der ihm jetzt mißfaͤllige Schritt, und es gelang ihm endlich, dem Pfarrer fuͤr ſeine Anſicht zu gewinnen. Sein Sieg war ſogar ſo voll⸗ ſtaͤndig, daß er ihm vermochte, ſogleich nach der Burg ſich zu verfuͤgen, um Kle⸗ mentinen das einſtimmige Reſultat der gemeinſchaftlichen Berathung ihrer Freunde mitzutheilen. Es war uͤbrigens ſehr na⸗ tuͤrlich, daß dieſe Bothſchaft ihm uͤbertra⸗ gen wurde. Herr Arnoult war erſt jetzt in dieſe Angelegenheit eingeweiht worden. Die Schwaͤche des Doktors erlaubte ihm nicht, ſeine Wohnung zu verlaſſen, ſeine ganze Bewegung beſtand darinnen, ſich in ſeinem Garten auf dem Rollſtuhle an ſei⸗ nen Spalieren herumfahren zu laſſen; 252 uͤberdies war Klementinens Brief an kei⸗ nem von beiden gerichtet. Ehe ſich der Paſtor von St. Nolf entfernte, ließ ſich Herr Bonnet an ſeinen Schreibtiſch ſchieben, und zog aus einem Schubfache die Abſchriften der beiden Briefe des Kapitains Ferec an ſeine Frau:„Hier haben Sie dieſe Briefe, ſagte er zu ſeinem Freund, es ſind Huͤlfs⸗ truppen, zu denen Sie, wie ich ſehr fuͤrch⸗ te, Ihre Zuflucht werden nehmen muͤſſen; die Unterhandlung, zu welcher wir ſo eben die Grundlage ausgemittelt haben, und deren naͤhere Beſtimmung feſtzuſetzen, jetzt Ihr Geſchaͤft ſeyn wird, iſt ſchwieriger, als Sie glauben, mein lieber Leny, und doch iſt ſie von der groͤßten Wichtigkeit, waͤr's auch nur um einſt dem Gerichtshof eines großen Skandal's zu uͤberheben. Ich ſage es Ihnen im Voraus, ehe eine 253 Stunde ins Land koͤmmt, werden Sie ei⸗ nen ſchweren Stand haben, das treffliche Herz der Vicomteſſe, ihre ſchoͤne Seele iſt auf die Tochter uͤbergegangen, aber der Charakter dieſer Letztern hat mehr Feſtigkeit; denken Sie nur immer an das armeé Kind, bald wird von der ganzen Fa⸗ milie uns dieſes allein uͤbrig geblieben ſeyn. So treunte ſich dieſe kleine Raths⸗ verſammlung, die von dem reinſten und edelſten Zwecke beſeelt, das Schickſal der letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir zu erleichtern ſich bemuͤhete. 254 Ein und dreiſſigſtes Kapitel. Ein harter Kampf.— Der treue Diener.— Zwiefacher Beſuch.— Entſchluß. —— Unter allen, von Herrn Bonnet und Herrn Arnoult angefuͤhrten Gruͤnden, hatte die Vorſtellung von dem Aergerniß, zu welchem, nach Klementinens Tode, die Streitigkeiten uͤber ihrem Nachlaß Gele⸗ genheit geben, und die ſkandaloͤſen Eroͤr⸗ terungen uͤber ihren Mutterſtand, zu de⸗ nen die Rechtsanwaͤlde beider Theile ihre Zuflucht nehmen wuͤrden, den ſtaͤrkſten Ein⸗ druck auf das Gemuͤth des Rektors ge⸗ macht. Die Reue des Herrn Dermot, 254 die keinem Zweifel unterlag, war auch ein kraͤftiger Beweggrund, welchen der Pfarrer, zu Gunſten einer, mehr von ſei⸗ nem Verſtande, als von ſeinem Gefuͤhle bebilligten Ehe geltend zu machen, ſich vor⸗ nahm. Mit dieſen Gruͤnden, und zwei bibliſchen Stellen ausgeruͤſtet, betrat er gegen vier Uhr Klementinens Zimmer. „Meine liebe Tochter“ ſagte er zum Schluſſe ſeiner bereits unterwegs entwor⸗ fenen Anrede, der Himmel hat Ihnen harte Opfer auferlegt, auch ich fordere noch eines im Namen des oͤffentlichen Anſtands von Ihnen. Es iſt nicht gut mein Kind, daß die Einfaͤltigen geaͤrgert werden, und die Unglaͤubigen durch Ihr Ungluͤck, meine theure Klementine, eine neue Veranlaſſung finden, das Heilige zu laͤſtern. Der Ausweg, welchen wir Ihnen vorſchlagen, entfernt, abgerechnet die Si⸗ 256 cherheit, welche er fuͤr die Zukunft gewaͤhrt, eine Menge Unannehmlichkeiten, und hat das einzige Unangenehme, daß er Ihnen wahrſcheinlich viele Ueberwindung koſten wird: aber der Strafbare iſt tief ergriffen, jetzt, da er ſich, einem Wurme gleich, zu Ihren Fuͤßen kruͤmmt, jetzt iſt es an Ih⸗ nen, die Worte der Schrift zu beherzigen; ſie gebietet Ihnen, den Suͤnder der von ſeinem ſuͤndigen Weſen ſich bekehret, nicht zuruͤckzuſtoßen, ihn nicht mit Vorwuͤrfen zu uͤberhaͤufen, ſondern zu bedenken, daß der Sauerteig der Suͤnde in uns allen gaͤhrt:„Ruͤcke dem nicht auf ſeine Suͤnde, der ſich beſſert; und ge⸗ denke, daß wir noch alle Schuld auf uns haben:“ ſagt der weiſe Sirach.* *) Jeſus Sirach Kap. VIII V. 6. Ohne die Ehrfurcht, welche Klemen⸗ tine vor dem wuͤrdigen Paſtor hegte, wuͤrde ſie ſchon laͤngſt ihn nicht mehr angehoͤrt haben. Mit einer verſtellten Ruhe, die ſie aber nicht lange zu behaupten vermoch⸗ te, erwiederte ſie ſeine Anrede.— Ihre Antwort gab zu folgendem Geſpraͤch Ver⸗ anlaſſung: 3 Klementine.— Wenn die Berath⸗ ſchlagung meiner Freunde kein anderes Reſultat herbeifuͤhrte, als einen ſolchen Vorſchlag fuͤr die Tochter eines Beauma⸗ noir, und wenn ich ſo etwas haͤtte ver⸗ muthen koͤnnen, ſo wuͤrde ich Ihnen die Muͤhe einer ſolchen Berathung erſpart haben. Ich habe bis jetzt den Muth ge⸗ habt mein Mißgeſchick zu ertragen, ich werde ihn nun nah am Ziele, nicht ver⸗ liehren, ja, ich werde ihn ſelbſt gegen meine Freunde zu behaupten wiſſen, wenn IV. CTheil. 17 258 ſie mir etwas zumuthen koͤnnten, das meiner unwuͤrdig waͤre. Herr Leny.— Ihre Freunde, Kle⸗ mentine, haben kein beſſeres Mittel aus⸗ findig machen koͤnnen, um die Ruhe Ih⸗ rer ſpaͤtern Jahre zu ſichern. Klemenrine.—„Meiner ſpaͤtern Jahre!“ Sie wiederholte dieſe Worte mit je⸗ nem ſpoͤttiſchen Laͤcheln, womit man Aeu⸗ ßerungen erwiedert, denen man keinen Glauben beimißt. „Uebrigens waͤre dies eine eigene Art die Ruhe derſelben zu ſichern,“ fuͤgte ſie hinzu: Herr Leny.—(Ihre Hand er⸗ greifend) Mein Kind, ich geſtehe, es iſt viel verlangt. Glauben Sie mir, nur die wichtigſten Gruͤnde haben mich beſtim⸗ men koͤnnen, ihnen dieſe Maßregel vor⸗ 259 zuſchlagen. Ich will weder der ſehr ach⸗ tungswerthen Familie noch der Reichthuͤ⸗ mer dieſes Mannes gedenken, denn ich weiß zu gut, daß eitle Ruͤckſichten auf Ihren Entſchluß keinen Einfluß haben. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß Gott nach ſeinem Wohlgefallen die Guͤter dieſer Erde austheilt, Armuth und Reichthum kommen von Gott, ſagt Jeſus Si⸗ rach;*) aber unſerer Tage ſind nur we⸗ nige hienieden, und es kommt uns nicht zu, ewiglich Zorn zu halten. Klementine.—(Sehr aufgeregt) Und wenn ich aufhoͤrte zu haſſen, ehrwuͤr⸗ diger Vater, wuͤrde deswegen meine Ver⸗ achtung ſich vermindern koͤnnen? Ich frage Sie, wuͤrde ich je die Kraft haben, den Moͤrder alles desjenigen, was mit theuer —õ—. *) Jeſus Sirach Kap. XI V. 14. 17* 260 war zu lieben? Werde ich vielleicht zu dieſen Manne ſagen koͤnnen:„Komm, gib mir deine Hand, bloß deshalb bin ich wie⸗ der zum Leben erwacht!“ Herr Len y.— Meine liebe Tochter, ich habe Ihre Klugheit bewundert, mit der Sie ſeinem von Vorwuͤrfen gemarter⸗ ten Gewiſſen das ſchimpfliche Geſtaͤndniß ſeiner Schuld zu entreißen gewußt haben; ich habe Ihren tugendhaften Muth durch ehrenvolle Vergleichungen aus der heili⸗ gen Geſchichte erhoben; jetzt giebt es fuͤr Sie andere Pflichten zu erfuͤllen: Sie haben einen Sohn.... Klementine.—(Ihm ins Wort fallend.) Soll ich mich auch dieſem Sohne aufopfern, und warum— um ihm— Gott— welch' einen Vater zu geben! Koſtet mich dieſes Kind nicht ſchon zuviel, ja wohl zu viel! O mein Gott, in Dei⸗ 261 nem fuͤrchterlichſten Zorn haſt Du mir es gegeben! Herr Leny.— Ich habe mich ſchon ein Mal genoͤthigt geſehen, Ihnen ſolche Vorwuͤrfe zu verweiſen. Das iſt nicht recht Klementine, ich erwartete von Ih⸗ nen mehr Unterwerfung unter den Willen der Gottheit, ſelbſt Ihr Brief von die⸗ ſem Morgen berechtigte mich zu dieſer Hoffnung, und jetzt wollen Sie es wieder dieſem unſchuldigen Geſchoͤpf entgelten laſſen, daß es durch Sie das geben er⸗ halten hat.„Kann auch ein Weib ih⸗ res Kindleins vergeſſen, daß ſie ſich nicht erbarme uͤber den Sohn ihres Leibes*) haͤtten Sie den Jeſa⸗ ias geleſen weine Tochter, ſo wuͤrde Ih⸗ —— *) Jeſaigs Kap. XLIX V. 15. 262 nen dieſe ſchoͤne Stelle gewiß erinnerlich geweſen ſeyn. Klementine.—(Mit erhoͤhter Kraft) Wenn Sie wollen, daß ich der Natur gehorchen ſoll, ſo verlangen Sie aber auch nichts Widernatuͤrliches von mir! Nie werde ich dieſem Manne ange⸗ hoͤren koͤnnen, ſeine Naͤhe erfuͤllt mich mit Entſetzen. Jetzt wuͤrde alſo au mir die Reihe ſeyn, mich durch Sie einem fau⸗ lenden Leichnam Preis geben zu ſehen. Ja, ich ſehe wohl, man will, unter dem leeren Vorwandte mir und dem Kinde Ehre und Vermoͤgen zu retten, mich hinopfern! aber dies wird nicht geſchehen, ich ſchwoͤre es, nie wird es geſchehen! O meine Mutter, o meine Henriette, warum ſeyd ihr nicht mehr hier, um mich in Schutz zu nehmen. Alle meine Freunde, alle die mir am naͤch⸗ ſten ſind, haben mich verlaſſen!“ 263 Die Unglaͤckliche zerfloß in Thraͤnen. Der alte Pfarrer von St. Nolf war ent⸗ waffnet, er glaubte ſogar in dieſer letztern Antwort des Fraͤuleins von Beaumanoir eine doppelte Anwendung der Klagen Hi⸗ obs zu erkennen, erſtlich derjenige Stelle, wo der fromme Mann ſeinen Freunden vorwirft ihn verlaſſen zu haben*) dann derjenigen wo er ausruft:„Mein Weib ſtellt ſich fremd e.**) Dieſe Erinnerung hatte keinen guͤnſtigen Einfluß auf die Miſſion des Herrn Leny 4 in deſſen Innern ſelbſt ſeine ganze fruͤhere Abneigung gegen dieſe Ehe erwachte, zu welcher er doch rathen ſollte. Da er indeſſen demjenigen was gemeimſchaftlich beſchloſſen worden *) Meine Naͤchſten haben ſich entzogen, und meine Freunde haben mein vergeſſen. Hiob Kap. XIX V. 14. **) Ebend. V. 19. 1 war, nicht entgegen wirken wollte, ſo 3 uͤbergab der wuͤrdige Geiſtliche der ihn begleitenden Klementine noch auf der Trep⸗ pe, die von dem Doktor erhaltenen Ab⸗ ſchriften der beiden Briefe. „Nehmen Sie dieſe beiden Briefe, liebe Klementine“ ſagte er,„und leſen Sie ſie in einer ruhigern Stunde. Viel⸗ leicht werden Sie mehr zum Vortheil des armen Suͤnders ſprechen, als alle meine Vorſtellungen. Der gute Doktor Bonnet ſetzt ſeine ganze Hoffnung auf ſie. Ich wuͤnſche, daß die Vorſehung Sie theure Tochter regieren moͤge, was ſie thut, das iſt wohlgethan. Laſſen Sie uns nur ja niemals die Reue zuruͤckſtoßen, denn ſie iſt eine Wirkung der, goͤttlichen Gnade, aber aus demſelben Grunde iſt die Ver⸗ zeihung nicht minder lobenswerth, denn 265 die Barmherzigkeit iſt mehr werth als Opfer.“— — Was geht mich die Reue dieſes Menſchen an? antwortete mit ſtarker Stimme Madame Delpont. Mein Ent⸗ ſchluß in Ruͤckſicht auf den Strafbaren ſteht feſt, nichts kann ihn aͤndern. Mor⸗ gen will ich mit ihm reden, ſein Schickſal ſei, wie Gott will; ich ſchaͤme mich nur, daß Sie mich haben gewiſſer Maßen fuͤr ihn einnehmen wollen. Herr Leny.— Es ſei! Aber be⸗ denken Sie wenigſtens, daß man den Zer⸗ knirſchten nicht mit zu vieler Bitterkeit begegnen darf.“ Spotte des Betrübten nich e.) ſagte der demuͤthige Diener des Altars, indem er ſein Pferd beſtieg, das ihm der ») Jeſus Sirach Kap. VII V. 12. — alte Philipp hielt. Er gab dem Gaͤrtner ein kleines Trinkgeld von einigen Sols, und ritt, ob es gleich ſchon voͤllig Nacht war, gerades Wegs nach der Wohnung des Doktors. Die Ermahnung des Paſtors zur Maͤ⸗ ßigung, und die harte Rede Klementinens ehe ſie in ihr Zimmer zuruͤckkehrte, waren dem Alexis Bolord, der eben aus dem Flecken gekommen war, und mit dem Nacht⸗ ſack ſeines Herrn auf der Schulter die Treppe hinaufſtieg, nicht eutgangen. Voll Angſt theilte er ſeine Beſorgniſſe Herrn Dermot mit, gegen deſſen Leben er irgend einem geheimen Anſchlag befuͤrchtete. Die⸗ ſer, ſeinem Syſtem einer gaͤnzlichen Erge⸗ bung getreu, erklaͤrte, daß er die Burg nicht verlaſſen werde. Er wuͤnſchte ſich ſogar in ſeinen Gedanken Gluͤck, dieſe Ge⸗ legenheit zu finden, ſeine Unterwuͤrſigkeit 267 unter die Fuͤgungen Gottes, waͤre ihre gerechte Strenge auch noch ſo druͤckend fuͤr ihn, an den Tag zu legen.„Der Baum“ ſagte er zu ſich ſelbſt, muß ſeine Fruͤchte tragen, auf die Ausſaat des Ver⸗ brechens folgt der Rache Ernte, ich mur⸗ re nicht, wenn nur der Hoͤchſte, nach ſeiner Barmherzigkeit, nicht mit mir ins Ge⸗ richt gehet.*) Ganz anders als ſein Herr, ſah der treue Diener die Sache an; freilich be⸗ trachtete er ſie aus einem ganz entgegen⸗ geſetzten Geſichtspunkt. In den Augen Alexis Boloré hatte ſich Herr Dermot nie anders als ein frommer, maͤßiger, keuſcher und mitleidiger Mann gezeigt. Zwar hat⸗ ten ſeine Tugenden zuweilen einen Anſtrich von Sonderbarkeit, und trugen immer das *) Pſalm 143. v. 2. 268 Gepraͤge einer tiefen Schwermuth; doch was ſchadete dies, ſie waren darum fuͤr die Geſellſchaft nicht minder wohlthaͤtig. War Herr Dermot ungluͤcklich, was aus ſeinem ganzen Weſen hervorzugehen ſchien, ſo war es um ſo verdienſtlicher, daß er, wie dies ſeit ſieben Jahren der Fall war, ſeine perſoͤnlichen Leiden vergaß⸗ um ſich mit den Leiden anderer zu beſchaͤftigen, deren Buͤrde zu erleichtern er ſeine ganze Thaͤtigkeit aufbot. Dieſer hohe Begriff von ſeinem Herrn war ſo feſt in der Seele des jungen Menſchen begruͤndet, daß alles was die Ruhe deſſelben zu bedrohen ſchien, in ſeinem Augen ein Eingriff in das Na⸗ tur⸗ und Voͤlkerrecht war. Grotius und Puffendorf haͤtten ihn hiervon nicht feſter uͤberzeugen koͤnnen. Feſt entſchloſſen, nichts zu verſaͤumen, um Herrn Dermot aus der, nach ſeiner Ueberzeugung, ihm 269 drohenden Gefahr zu retten, und da er bezweifelte ihn zur Flucht zu bereden, hatte er ſich vorgenommen in das Zimmer des Fraͤuleins von Beaumanoir zu dringen, ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen, ihre religioͤ⸗ ſen Grundſaͤtze, in Hinſicht auf ihr mor⸗ gendes Vorhaben, in Anſpruch zu nehmen, und, wenn alles fehlſchluͤge, ſich an ihr Herz zu wenden, welches er doch nicht fuͤr alles Mitleiden verſchloſſen glaubte. Allein Klementine hatte Willens die Briefe des Kapitains Ferec zu leſen, und dann Herrn Dermot durch ein Billet wieder in den Gebrauch ſeiner perſoͤnlichen Freiheit zu ſetzen, deswegen hatte ſie denn freilich ih⸗ ren Dienſtboten ſolche Befehle ertheilt, die den Wuͤnſchen des treuen Alexis nichts weniger als guͤnſtig waren. „Halt“ rief der Sohn des Tageloͤh⸗ ners Calvez dem Sohne des Schneider⸗ 270 meiſters in Lorient, der nach Madame Del⸗ ponts Zimmer hinging, zu,„ich habe die Ordre deines Herrn reſpektirt, als ihr euch im Wirthshauſe zum rothen Hute aufhieltet, wo ihr euer Haußrecht behaup⸗ tetet; hier iſt nun an euch die Reihe die Ordre meiner Gebieterin zu reſpektiren, denn hier ſind wir zu Hauße. Dies Ka⸗ binet, fuͤgte er hinzu, und zeigte auf ein halb offen ſtehendes Gemach am Eingang des Korridors„iſt mein Schilterhaͤuschen, und wenn Du den Verſuch noch ein Mal wagſt, ſo haſt du es mit mir zu thun.“ In der That hatte t nenane heng len, dem Fremden zu benachrichtigen, im Fall er das Verlangen bezeugen wuͤrde, bei ihr Zutritt zu erhalten, daß ſie ihm erſt morgen ſehen koͤnne: natuͤrlich mußte dieſe Weiſung ſich noch weit mehr auf den Bedienten erſtrecken. 4. 1 271 Tief beteuͤbt zog ſich Alexis nach der Kuͤche zuruͤck, und da er hier Marianen allein traf, die ihm mehr Vertrauen als das ganze uͤbrige weibliche Perſonale der Burg eingefloͤßt hatte, ſo benutzte er dieſe wenigen Augenblicke, um ihr ſeine Beſorg⸗ niſſe uͤber das Schickſal ſeines Herrn mit⸗ zutheilen, woruͤber ſie ihn moͤglichſt zu beruhigen ſuchte. 2 „Es ſcheint“ ſagte ſie,„daß Madame Delpont einige wichtige Urſachen zu haben glaubt, unzufrieden mit Ihrem Herrn zu ſeyn, und daß unſer guter Rektor verge⸗ bens verſucht hat, jene unangenehmen Ein⸗ druͤcke aus ihrem Gedaͤchtniſſe zu verdraͤn⸗ gen. Seien Sie uͤbrigens verſichert, daß, wenn ſie Unrecht hat, ſie gewiß ſehr bald von ihren unrichtigen Anſichten zuruͤckkom⸗ men wird. Indeſſen muß ich wohl geſte⸗ hen, daß ich ſie ſelten ſo aufgebracht als 272 dieſen Abend geſehen habe. Ich gaͤbe wie viel darum, wenn der Doktor, der uns, trotz ſeiner Laͤhmung von Zeit zu Zeit beſucht, recht bald kaͤme. Er hat viel Gewalt uͤber ſie, und oͤfters gelingt es ihm noch eher ſie fuͤr ſeine Anſicht zu gewinnen, als dem Rektor, ob er gleich nicht ſo viel Latein in ſein Geſpraͤch ein⸗ fließen laͤßt, als dieſer. Aber wenn er auch ſeine Bibel nicht ſo gut im Kopfe hat, als der Pfarrer, ſo weiß er doch beſſer, wie man die Weiber behandeln muß. Der gute, brave Mann, wir alle haben rechten Antheil an ſeinem Leiden genommen.— Er allein hat ihr noch zu⸗ weilen ein Laͤcheln abzuzwingen gewußt.“ Alexis hatte dieſe Bemerkung aufge⸗ faßt, er dachte fuͤr ſich in ſeinem Bette, wo er kein Auge zuthun konnte, daruͤber weiter nach, und ſeine Anhaͤnglichkeit hatte 273 ihn bald zu einem Entſchluſſe beſtimmt, zu deſſen Ausfuͤhrung er auch fruͤh, mit dem Schlage ſechs Uhr ſchritt: er verließ naͤmlich ganz in der Stille die Burg, fragte den erſten, der ihm begegnete, nach dem Wege zur Wohnung des Herrn Bonnets, und ſchritt ſo tuͤchtig auf, daß er, ob er gleich zwei Mal irre gegangen war, dennoch mit Tages Anbruch bei dem Doktor an die kleine Pforte anklopfte. Man machte ihm auf: er bat zu dem Herrn Bonnet gefuͤhrt zu werden. Dieſe Bitte, um dieſe Zeit befremdete.„Iſt es wegen eines Kranken“ ſagte man ihm, ſo muͤſſen ſie ſich an den jungen Doktor wen⸗ den, er wird ſie gleich vorlaſſen; der Va⸗ ter geht nicht mehr aus, als aͤußerſt ſel⸗ ten etwa ein Mal auf die Burg.— Eben in Bezug auf die Burg, bitte ich um ei⸗ nige Augenblicke Gehoͤr, ich komme von IV Cheil. 148 274 daher.— Run, ſo laſſen Sie ihn um ſo mehr noch ein wenig ruhen, denn, nach dem er geſtern Abends noch ganz ſpaͤt mit dem Rektor geſprochen hatte, hat er befoh⸗ len den kleinen Wagen des Herrn Arn⸗ oult fuͤr ihn zu holen, um mit demſelben gegen neun Uhr nach der Burg zu fah⸗ ren.— Verzeihen Sie, ich muß ihn durch⸗ aus noch vor ſeiner Abfahrt ſprechen.“ Dies Geſpraͤch, konnte in einem klei⸗ nen Hauße, wo der Schall ſich leicht ver⸗ breitete und welches nur breterne Schei⸗ dewaͤnde hatte, nicht ohne Geraͤuſch Statt finden. Der Doktor, der bereits wach war, rief⸗ erkundigte ſich nach dem Inhalt der Unterredung, wunderte ſich, daß ein fremder Bote von der Burg ſo fruͤh an ihn abgeſchickt wuͤrde, fuͤrchtete irgend einen neuen Unfall, oder irgend eine ungluͤck⸗ liche Uebereilung der allzu lebhaften und 275 heftigen Klementine, und befahl den Boten in das Zimmer zu fuͤhren. So bald ſich dieſer mit Herrn Bon⸗ net allein ſah, erzaͤhlte er ihm, daß er ſeit ſieben Jahren in Herrn Dermots Dienſten ſtehe, dem er bei dieſer Gele⸗ genheit eine Lobrede hielt, nicht wie ein Akademiker, ſondern wie ein Biedermann, der nicht durch ſeine Beredſamkeit glaͤnzen, ſondern nur der Wahrheit huldigen und aͤberzeugen will; und es gelang ihm, denn er ſprach, wie er dachte und ſagte nichts, als was er ſelbſt fuͤr wahr hielt. Nach⸗ dem er ein fluͤchtiges Gemaͤlde von dem merkwuͤrdigen Abentheuern ſeines Herrn — auf den Inſeln entworfen, und erzaͤhlt hatte, daß er eine Verbindung mit dem ſchoͤnſten Maͤdchen, und der reichſten Erbin von St. Yago ausgeſchlagen habe; kam er auf die durch die Barbaresken Statt 18.* 276 gefundene Wegnahme des Kauffahrers, auf welchem ſich Herr Dermot fuͤr Europa eingeſchifft hatte, ſchilderte mit wenigen Worten den Charakter Ibrahim Melck, und das eintraͤgliche Gewerbe dieſes rei⸗ chen Algierers und beruͤhrte dann die Fol⸗ gen eines Ereigniſſes, das bei den Be⸗ wohnern dieſer umwirthbaren Kuͤſte noch immer in friſchen Andenken iſt. Wir laſſen Alexis ſelbſt ſprechen, ob er ſich gleich fuͤr verpflichtet hielt, zum Beſten der Sache, zu deren Vertheidigung ihn ſein dankbares Herz aufforderte, etwas weit auszuholen. „Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, ſagte er, hatte mein Herr ſein großes Vermoͤgen wovon er einen ſo edlen Gebrauch machte, bei den erſten Wechſelhaͤuſern in Frank⸗ reich und Spanien untergebracht; einer der reichſten Kaufleute in Kadix war ihm 277 eine große Summe ſchuldig; aus Vor⸗ ſorge, hatte ich die Dokumente daruͤber zwiſchen das Futter meines aͤlteſten Rocks genaͤhet, und mein Herr vertraute mir in dem Augenblicke, wo wir in die Haͤnde der Barbaren ſielen, einen Medaillon von großem Werthe an, den ich ihm dadurch rettete, daß ich ihn unter die Brandſohle eines meiner Schuhe verbarg. Unſer Loos war gerade nicht hart, wir waren in den Gaͤrten angeſtellt. Eine Entdeckung ſeiner Verhaͤltniſſe, auf die er nach Ver⸗ lauf von einigen Monaten gefaßt ſeyn mußte, machte ſeine Lage ſchrecklich, ich ſpreche von der des Herrn Dermot, denn ich war frei; aber aus einer Hartnaͤckigkeit, de⸗ ren Grund ich mir noch immer nicht erklaͤren kann, wollte er, obgleich ſein Loͤſegeld, niedriger angeſetzt war, als das meinige, 278 ſich durchaus nicht loskaufen, und antwor⸗ tete auf alle meine Bitten, ſelbſt auf meine Thraͤnen, daß er durch den Willen Gottes in die Sclaverei gerathen ſei, und nicht eher daraus befreit ſeyn wolle, als bis es dem Himmel gefallen wuͤrde, ſeine Feſſeln zu zerbrechen. „Ich hatte mit tiefen Kummer be⸗ merkt, daß, ſo wie wir uns Europa naͤ⸗ herten, ſeine Ideen immer duͤſterer und ſchwermuͤthiger wurden; wenn er aber auch mit denſelben traurigen Empfindungen in den Sklavenſtand trat, ſo verließen ihm doch ſeine wohlwollenden Geſinnungen nicht einen Augenblick. Wir hatten eine ziemliche Anzahl Ungluͤcksgefaͤhrten, deren Loͤſegeld, ſo wie das unſrige, bereits feſt⸗ geſetzt war: alle ſtanden mit ihrem Vater⸗ lande, unter Vermittelung eines Juden⸗ der in dem Hauſe Ibrahims Zutritt hat⸗ 279 te, in ſchriftlicher Verbindung. Vier fran⸗ zoͤſiſche Sklaven, deren feſtgeſetztes Loͤſe⸗ geld ihr Vermoͤgen uͤberſtieg, ſeufzten ſeit geraumer Zeit entfernt von ihrem heimath⸗ lichen Heerde, denn die zu Loskaufung der Gefangenen vereinigte Bruͤderſchaft, wirkte, ohne Anſehen der Perſon, nach ei⸗ ner nicht zu tadelnden Ruͤckſicht, auf die Befreiung der groͤßtmoͤglichſten Anzahl hin; mit einem Male erhielten drei von dieſen Ungluͤcklichen zu ihrem großen Erſtaunen die zu ihrer Loskaufung beforderliche Sum⸗ me: es war ihnen durchaus unbekannt, welcher Hand ſie das ihren Weibern oder Freunden zugeſandte Geld zu verdanken hatten. Ibrahim hatte noch andere Skla⸗ ven gekauft, und einige davon, deren Aeu⸗ ßeres eine gaͤnſtige Meinung von ihrer Sittlichkeit einfloͤßte, wurden ebenfalls auf dieſelbe Weiſe befreit, namentlich ein kuͤrz⸗ 280 lich erſt in Kadix etablirter Kaufmann, der, uͤber die Trennung von ſeiner jungen Gat⸗ tin untroͤſtlich, oͤfters mitten unter der Arbeit vor Schmerz laut aufſchrie, daß er nie das Gluͤck haben werde, ſie wieder zu ſehen, da das von ihm verlangte Loͤſegeld das Einbringen ſeiner Frau und ſein ei⸗ genes Vermoͤgen uͤberſtiege. Der bis jetzt in Dunkel gehuͤllte Urheber dieſer groß⸗ muͤthigen Handlungen wurde endlich, ſey es nun durch den Mangel an Verſchwie⸗ genheit von Seiten des Juden, oder viel⸗ leicht durch meine Loskaufung entdeckt, fuͤr die ſich wohl ſchwerlich jemand anderes als Herr Dermot wuͤrde verwendet haben. „Gegen Sonnenuntergang gab mir mein Herr ein Zeichen, ihm nach einem et⸗ was abgelegenen Theil des weitlaͤuftigem Gartens, den wir bearbeiteten, zu folgen.“ Alexis ſagte er zu mir, morgen biſt du 281 frei. Iſack Weil wird im Namen deines Vaters das fuͤr dich feſtgeſetzte Loͤſegeld bezahlen, und dich mit ſich nehmen. Ich befehle dir, daß du durchaus nicht thuſt, als ob du mich kenuteſt, daß du nicht um mich jammerſt und beſonders, daß Du dich deiner Befreiung nicht widerſetzeſt. Hier haſt du ein Billet von zwanzigtau⸗ ſend Franken auf deine Vaterſtadt lau⸗ ſtend, das ich ſo gluͤcklich geweſen bin, ver⸗ ſteckt halten zu koͤnnen; ich habe es an dich girirt; und ich mache dir mit der Haͤlfte dieſer Summe ein Geſchenk, zur Dankbarkeit fuͤr deine vieljaͤhrige treue Anhaͤnglichkeit, die andere Haͤlfte wende zur Gruͤndung einer frommen Stiftung an, woruͤber die Urkunde bereits in der Expedition des koͤniglichen Notars Herru Poulizac in Lorient niedergelegt iſt. Der Jude wird dir die zur Ueberfahrt nach 282 Frankreich noͤthigen Gelder einhaͤndigen. Bleibe immer ein ehrlicher Mann und ein guter Chriſt. Lebe wohl!“ „Vergebens warf ich mich meinem Herrn zu Fuͤßen, vergebens bat ich ihn, unter erſtickten Schluchzen, mich nicht von ihm zu trennen, beſchwor ihn, nicht ſein eigner Moͤrder zu werden, und doch einen Theil ſeines großen Vermoͤgens zu ſeiner eignen Befreiung anzuwenden. Trotz ſeiner Wei⸗ gerung wiederholte ich meine flehentliche Bitte, ich wagte es ſogar ſeine Hand⸗ lungsweiſe grauſam, thoͤrigt u ſ. w. zu nennen.„Du vergißt dich“ fagte er mir, mit jenem ernſten Tone, den er zuweilen annahm, und der dann keinen Widerſpruch wertrug.„Wer hat dir das Recht 09 dir ein Urtheil uͤber mich anzumaßen? Ich erklaͤre dir hiermit, daß von dem Augenblicke an, wo du aufhoͤrſt 283 mir zu gehorchen, ich mich nicht mehr um dich bekuͤmmere. Reiſe ab, und iſt's der Wille der Vorſehung, ſo werde ich dich dereinſt in Lorient wiederſehen, denn der Himmel kann mich nur aus dieſem Lande fuͤhren, um mich nach Bretagne zu ſenden; dort habe ich noch andere Schulden ab⸗ zutragen.“ „Dieſe letzten Worte machten damals auf mich keinen beſondern Eindruck, hier erſt fange ich an zu begreifen, von welchem Umfange ihre Bedeutung ſeyn mag. Den andern Morgen erhielt ich meine Freiheit; aber noch an demſelben Abend erfuhr ich von Iſaak Weil, daß man meinem Herrn in einen Kerker geworfen habe, und daß der Aufſeher uͤber die Sclaven Ibrahims Willens ſei, ihn auf die Folter zu ſpan⸗ nen, um ihn zur Entdeckung der großen Reichthuͤmer zu zwingen, in deren Beſitz 284 er ſich befinden muͤſſe, um eine ſo große Anzahl Gefangener loskaufen zu koͤnnen. „Sie begreifen, daß ich nach dieſer Nach⸗ richt Algier nicht verlaſſen konnte, wo mein heißes Flehen(denn das war alles was ich vermogte) fuͤr die Befreiung meines guͤtigen Herrn zum Himmel empor ſtieg. Mein Gebet ward auch nach zehen, ach fuͤr mich wie ſo langen, traurigen Tagen erhoͤrt. Mein theurer Gebieter kam mit einem herr⸗ lichen Pelz bekleidet, in einer von Ibra⸗ hims Dienern getragenen Krankenſänfte⸗ bei dem Juden an. Folgende Umſtaͤnde erfuhr ich aus ſeinem Munde, in Gegen⸗ wart eines barmherzigen Bruders, mit dem er gleich bei ſeiner Ankunft eine Unterredung hatte, und in welcher er zum erſten und letzten Male dieſen Gegenſtand beruͤhrte. „Seit acht Tagen hatte man ihn alle Abende gefoltert. Da, nach ſeiner Ue⸗ berzeugung, ſein Leben fuͤr dieſe Welt we⸗ nig Werth hatte, ſo war er entſchloſſen, weil es der Wille der Vorſehung zu ſeyn ſchien, es lieber unter den Martern auf⸗ zugeben, als ſich zu einer Entdeckung zwin⸗ gen zu laſſen, zu der er keine Verpflich⸗ tung hatte, und die er nie anders, als der Wahrheit gemaͤß haͤtte von ſich geben koͤnnen. in deren Folge man ihn auf eine oder die andere Weiſe ſeiner Guͤter, und alſo des Gluͤcks beraubt haben wuͤrde, ſeinen Bruͤdern nuͤtzlich ſeyn zu koͤnnen. Zum neunten Male ſollte er jetzt auf die Marterbank geſpannt werden. Waͤhrend man ihn zu einer großen Kohlenpfanne hinſchleppte, denn ſeine vom Feuer ſchon beſchaͤdigten Fuͤße, verſagten ihm ihre Dienſte, wurde einer der aͤlteſten Gefange⸗ 286 nen, uͤber welchen ſich Herr Dermot mit Recht zu beſchweren hatte, an dem er ſich aber nur durch eine Wohlthat raͤchen woll⸗ te, vor Ibrahim gerufen, der eben die fuͤr ſeine Befreiung verlangten vier Beu⸗ rel erhalten hatte, und ihm ſeine Freiheit ankuͤndigte.„Ich weiß, ſagte dieſer, wem ich mein Loͤſegeld zu danken habe, es iſt der Mann, deſſen Jammertoͤne du jetzt vernimmſt, und den der Sclavenaufſeher jetzt foltert, denn ich habe auf Erden Nie⸗ manden ſonſt, der ſich um mich bekuͤmmert.“ Ibrahim, dem es nicht an einer Art von Muſelmaniſcher Seelengroͤße fehlte, befahl, ihm Herrn Dermot vorzufuͤhren. Unterrichtet von dem was ſeit fuͤnf Mona⸗ ten in ſeinem Palaſte vorging, redete er ihn alſo an: „Wer biſt du elender Unglaͤubiger, deſſen Loͤſegeld ich auf die armſelige Sum⸗ 287 me von zweihundert Piaſtern beſtimmt habe, und der ſich weigert ſie zu bezahlen, waͤhrend er mit großen Koſten die Ran⸗ zion meiner andern Sclaven berichtigt?“ „Herr Dermoet antwortete ihm in Mauriſcher Sprache, die er zu ſprechen anfing: 4 „Wenn ich auch mir ſelbſt veraͤchtlich bin, ſo kann ich es doch nicht in deinen Augen ſeyn, denn ich bin Menſch und Chriſt. Wenn ich deine Sclaven befreie, ſo geſchieht es deswegen, weil ſie meine Bruͤder in Jeſu Chriſto ſind, wenn ich dein Gefangener bleibe, ſo iſt dies mein freier Wille.“ „Und was haſt du fuͤr einen Grund dazu?“ fragte ihn Ibrahim. „Weil“ erwiederte mein Gebieter, „Gott es iſt, der mich, und ohne Zweifel zum Beſten einiger meiner Mitchriſten, 288 zu deinem Sclaven gemacht hat, und der mich auch befreien kann, wenn es nicht ſein heiliger Wille iſt, daß ich in deinen geſ⸗ ſeln ſterben ſoll.“ „Deine Antwort gefaͤllt mir, verſetzte Ibrahim, ein rechtglaͤubiger Moslemin koͤnnte nicht beſſer ſprechen. Allah iſt un⸗ ſer aller Gebieter; vergebens ſind alle Anſtrengungen der Sterblichen. Allah regiert auf Erden wie im Himmel! und um dir zu beweiſen, wie ſehr deine Worte meinen Beifall haben, ſo ſchenke ich dir hiermit die Freiheit ohne Loͤſegeld. Sage, wo meine Selaven dich hinbringen ſollen, nachdem man dich zuvor mit ei⸗ nem Ehrenpelz bekleidet haben wird.“ „Die Wunden meines Herrn waren furchtbar. Nach ihrer Heilung ſchifften wir uns fuͤr Kadix ein, wo uns, nachdem wir unter dem gaſtfreundlichen Dache des 289 Kaufmanns den einſt Herr Dermot ſeiner Gattin wiedergab, einige Tage verweilt hatten, ein fuͤr Marſeille befrachtetes Schiff am Bord nahm. Dort fanden wir ein Brick, daß uns nach Lorient brachte. Den Tag nach unſerer Ankunft erhob mein Herr den Betrag des Wechſels, den ich ihm wieder zugeſtellt hatte, wovon er die eine Haͤlfte in Gold und Silber, mit ſich in den Wagen nahm, und mit der an⸗ dern großmuͤthiger Weiſe eine meiner Schweſter ausgeſtattet, und zweien meiner Bruͤder das Meiſterrecht erkauft hat. „Und dieſen Mann haͤlt Madame Delpont auf ihrem Schloſſe zuruͤck, und ſcheint ihm ein trauriges Loos bereiten zu wollen! Ich kann mir aber auch die Ge⸗ walt nicht erklaͤren, die ſie ſich uͤber ihn zu verſchaffen gewußt hat, noch mit wel⸗ chem Rechte ſie ihm Geſetze vorzuſchreiben IV Cheil. 19 290 wagt; alles was ich weiß, iſt, daß mein armer Herr ſeit ſieben Jahren das Opfer eines geheimen Schmerzes iſt, und daß eine druͤckende Buͤrde auf ſeinem Herzen laſtet. Anfangs glaubte ich, daß eine un⸗ gluͤckliche Liebe die Quelle ſeiner Leiden fei, denn ich ſah ihn zwei oder drei Mal ſeine Lippen auf den ſchon erwaͤhnten Me⸗ daillon druͤcken; allein ſeine ſtrengen Sit⸗ ten, ſein Hang zur Einſamkeit, ſeine Be⸗ gleitung der Leichenzuͤge und ſeine reli⸗ gioͤſe oder doch ernſthafte Lektuͤre, haben mich von dieſem Gedanken zuruͤckgebracht. Uebrigens glaube ich, daß er waͤhrend der Zeit, daß ich in ſeinen Dienſten ſtehe, nicht zwei Zeilen an ein weibliches Weſen geſchrieben, noch von einer Frauenhand er⸗ halten hat.— Doch ich irre mich. Vorge⸗ ſtern gegen acht Uhr Abends hat ihm Madame Delpont ein Billet zuſtellen laſ⸗ 291 ſen, und es thut mir nur leid, daß es durch meine Haͤnde gegangen iſt, denn ſeit dieſem Augenblicke befindet ſich Herr Dermot in einem ſolchen Zuſtande von Unruhe, daß er ſich gar nicht mehr aͤhn⸗ lich iſt. Jeder andere, der nicht ſo wie ich durch das Reiſen aufgeklaͤrt worden waͤre, und dem vaterlaͤndiſchen Aberglauben entſagt haͤtte, wuͤrde behaupten, man habe es ihm gethan; in unſerm Nieder⸗Bre⸗ tagne wuͤrde man ſogar verſichern, er ſei feas,*) oder unvermoͤgend„ dem ihn ver⸗ folgenden Ungluͤck Widerſtand zu leiſten... „) Dies Wort, das noch bei einigen aͤltern Bewohnern von Armorika im Gebrauch iſt, wird von einem Menſchen geſagt, der von einem wi⸗ drigen Geſchick zu Boden gedruͤckt iſt, und ſeinem traurigen Schickſale unterliegt. Auch dies iſt noch ein Ueberreſt von dem Glauben an das Feen⸗ reich, von welchem man noch Spuren in den alten, unter den Landleuten in Bretagne, in Schwange gehenden Sagen findet. 19* 292 4 So viel iſt gewiß, daß das Geheimniß dieſes traurigen Verhaͤngniſſes nahe daran zu ſeyn ſcheint, offenbar zu werden. Al⸗ les deutet darauf hin, daß etwas ſchreck⸗ liches im Innern der Burg vorgehen wird... Wenn dem alſo iſt, wenn die Beſitzerin, ſei es nun durch ihr Anſehen, oder durch aͤbernatuͤrliche Kraͤfte, uͤber meinem Herrn eine ſolche Gewalt erhalten hat, ſo be⸗ ſchwoͤre ich Sie, haben Sie Erbarmen mit dieſem braven Manne, ich gebe Ihnen mein Wort daß er deſſen wuͤrdig iſt. Obgleich von Natur reitzbar, hat er doch, ſoviel mir bekannt iſt, in ſeinem Leben kein Kind beleidigt.— Nur gegen ſich ſelbſt iſt er ſtreng.“ Alexis warf ſich hier, von Schmerz uͤberwaͤltigt, vor dem Bette des Doktors auf die Knie nieder und fuhr fort: 293 „Man hat mich verſichert, daß Sie bei der Dame vom Schloſſe Helvin viel gelten. Ihr Diener hat mir ſogar eben geſagt, daß Sie ſie bald ſehen wuͤrden; haben Sie die Guͤte lieber Herr, und ſu⸗ chen Sie ſie zu beſaͤnftigen, denn nach den Aeußerungen, welche ich geſtern Abends aus ihrem Munde vernommen habe, ver⸗ ſichere ich Sie, daß ſich Herr Dermot in einer um ſo groͤßern Gefahr befindet, da er ihr weder ausweichen will, noch kann.“ Herr Bonnet erſuchte mit freundlichen Worten den treuen Diener, aufzuſtehen. Man kann ſich denken, daß dieſe Erzaͤhlung, die wir im Zuſammenhange wieder gegeben haben, durch Fragen, Antworten, Ausru⸗ fungen u. ſ. w. oͤfters unterbrochen wurde. Der Doktor fuͤhlte ſich von derſelben in der That ergriffen, ſuchte den aͤngſtlichen 294 Alexis moͤglichſt zu beruhigen, und ver⸗ ſprach ihm, um neun Uhr auf der Burg zu ſeyn. eEr hielt Wort: aber bevor wir ihm folgen, duͤrfen wir nicht vergeſſen, daß ſich Klementine in ihr Zimmer eingeſchloſ⸗ ſen hatte, um noch einmal an den Frem⸗ den zu ſchreiben, und die Briefe des Ka⸗ pitains Ferec an ſeine Gattin zu leſen. Da ſie ſie eben noch in der Hand hielt, ſo fielen ihre Blicke unwillkuͤrlich darauf. Gleich bei den erſten Zeilen ſteigerte eine, ihr unerklaͤrliche Theilnahme ihre Aufmerk⸗ ſamkeit. Ohnmoͤglich konnte es ihr ent⸗ gehen, daß ſie, obgleich immer unſichtbar, in der Erzaͤhlung des Kapitains die erſte Rolle ſpielte, und ſelbſt aus dem Dunkel des Grabes dem verſcheuchten Pilger, mochte er nun den wuͤthenden Sturm uͤber ſein Haupt herab rufen, oder laͤngs den Citronenalleen die Huͤlle einer jungen Mutter oder Jungfrau zu ihrer Ruhe⸗ ſtaͤtte begleiten/ ſtets noch fortfuhr Geſetze vorzuſchreiben. Dieſe Lektuͤre leitete ſie auf Betrachtungen, welche, obgleich immer 2 traurig und ſchwermuͤthig, dennoch ihr auf⸗ gereitztes Gemuͤth nicht wenig beruhigten. Klementine ging ſogar ſo weit, ſich die Moͤglichkeit zu denken, daß, wenn dieſer Mann, unter minder traurigen Verhaͤlt⸗ niſſen, auf die Burg gekommen waͤre, er ſich ihr naͤhern, in Geſellſchaft ihrer Mut⸗ ter und Madame Allote's ſich wohlbefin⸗ den, vielleicht ihre Gunſt ſich haͤtte er⸗ werben koͤnnen; und, ſo fragte ſie ſich jetzt, ob ein ſolcher Mann von Himmel haͤtte auserleſen ſeyn koͤnnen, ſie gluͤcklich zu machen. In dem Augenblicke aber, wo ein ſolcher Gedanke in ihr aufſtieg, hielt ſie ihn auch fuͤr ein Verbrechen, der Schauder 296 des Entſetzens rieſelte ihr durch alle Glie⸗ der, und ſie ſagte ſich ſelbſt, daß, ohne ſeine ſchreckliche Verwirrung jetzt in An⸗ ſchlag zu bringen, ein ſo unbiegſamer Charakter die Harmonie eines Verhaͤlt⸗ niſſes zerſtoͤrt haben wuͤrde, deſſen Beſtand⸗ theile nur Guͤte, Sanftmuth und Liebe waren; und, ſonderbar genug, ſie glaubte uͤberzeugt zu ſeyn, daß Herr Dermot nicht mit jenem Mitgefuͤhle, mit jener un⸗ ermuͤdlichen Nachſicht unter ihnen aufge⸗ treten ſeyn wuͤrde, welche die maͤnnliche Ueberlegenheit, zu der die Frauen ſo gern ihre Zuflucht nehmen, dieſen Letztern ſo angenehm machen. Dieſe Vorſtellung ſchien allerdings mit dem furchtbaren Falle des Fremden in Widerſpruch zu ſtehen⸗ und vielleicht griff der feine Takt des Fraͤuleins hierrinnen doch nicht fehl. Man wird ſich uͤbrigens nicht wundern, daß eine 297 ſolche Anſicht demjenigen, deſſen Schickfal Klementinen jetzt ſo aͤngſtlich beſchaͤftigte, eben nicht vortheilhaft ſeyn konnte. Die Einſtedlerin auf Helvin konnte ihm zwar eine Art von Mitleiden nicht verſagen, aber dies Mitleiden hatte nichts Zaͤrtliches. Und wenn die Ungluͤckliche vollends daran dachte, daß der Mann, zu deſſen Gunſten man ſich jetzt bei ihr verwendete, ihr das Theuerſte auf Erden geraubt, und ſie mit Trauerſcenen ſchon untringt hatte, ſo er⸗ hielt ihr Entſchluß, ihm in einem ernſten und kurzen Billet die Freiheit ſich zu entfernen, wieder zu ertheilen, immer mehr Feſtigkeit in ihrer Seele. Der Entſchluß wurde ſogleich zu Papiere ge⸗ bracht, er war der Erbin eines beruͤhmten Namens wuͤrdig, da es aber ſchon ſpaͤt in der Nacht war, ſo verſchob Madame 298 Delpont die Abſchrift auf den folgenden Morgen. Spaͤter als gewoͤhnlich evwacht hatte ſie kaum ihre Fenſterlaͤden geoͤffnet, als ſie auch ſchon im Hofe Herrn Arnoult bemerkte, der, nebſt zwei Bedienten, an ſeiner kleinen Chaiſe beſchaͤftigt war, den Doktor Bonnet herauszuheben, uͤber deſ⸗ ſen heitere Stirn eine ſchoͤne neue Peruͤcke mit zwei weißgepuderten Knoten auf bei⸗ den Seiten prangte. Fraͤulein von Be⸗ aumanoir ging ihrem Freund entgegen, und kam eben hinunter, als man ihn, nicht ohne Muͤhe, auf einen weiten Armſeſſel geſetzt hatte. Da das Hinaufſchaffen deſſelben in Madame Delponts Zimmer, noch eine Beihuͤlfe erheiſchte, ſo war Ale⸗ xis Bolors gleich bei der Hand, und fuͤhlte ſich durch einen freundlichen Blick des trefflichen Mannes unausſprechlich gluͤcklich. Waäͤhrend dieſes Transports hielt Herr Bonnet mit derjenigen Hand, deren Gebrauch ihm noch geblieben war, die Hand Klementinens, und fuͤhrte ſie mehrere Mal an ſeine Lippen. Aber nur zu bald entdeckte ſein praktiſcher Blick auf ihrer, des Jugendglanzes vor der Zeit beraubten Stirn, die Verherungen des Schmerzes, und er hatte nur zwei oder drei Mal das boͤſe trockene Huͤſteln gehoͤrt, als er ſogleich, wie fruͤher ſein Sohn, die Symptomen des zweiten Studiums der Lungenſucht erkannte. Hierdurch tief erſchüttert, that er ſich allen nur moͤgli⸗ chen Zwang an, um weder durch Worte noch durch Mienen zu verrathen, was fuͤr einen herzzerreiſſenden Eindruck eine ſolche Entdeckung auf ihn machte. Der trauri⸗ gen Anzeige ſeines praktiſchen Blicks zu 300 Folge, eilte alſo auch das dritte Schlacht⸗ opfer ſeiner Aufloͤſung entgegen. So bald der Armſeſſel in Klementi⸗ nens Zimmer niedergelaſſen worden war, und Herr Arnoult, auf ihre Einladung neben ſeinem Reiſegefaͤhrten Platz genom⸗ men hatte, wendete ſich Herr Bonnet mit folgenden Worten an Madame Delpont: „Sie ſehen, geliebte Klementine, daß Ihr alter Doktor, ſo elend er auch iſt, Ihnen ſeinen Beſuch abſtattet, ob wohl er noch ein wenig mehr Urſache gehabt haͤtte⸗ den Ihrigen zu erwarten, denn, meine liebe Dame, glauben Sie mir, ſol⸗ che kleine Ausfluͤge wuͤrden Ihnen beſſer bekommen, als das einſtedleriſche Leben, dem Sie ſich uͤberlaſſen haben, gewiß zum großen Nachtheil Ihres zarten Teints und Ihrer Kraͤfte; denn wiſſen Sie wohl 301 daß mir weder dieſe brennende Hitze Ihrer Haͤnde, noch dieſe hochrothen Lippen, und noch weniger Ihr trocknes Huͤſteln ge⸗ fallen?“ „Ich kuͤmmere mich daruͤber weniger als Sie, mein trefflicher Freund, erwie⸗ derte Klementine. Das Leben iſt ſehr langweilig, wenn es ſeinen ganzen Gehalt verlohren hat, und ſtets neuen Demuͤthi⸗ gungen ausgeſetzt iſt. Ich habe immer gehoͤrt, man muͤſſe unter zwei Uebeln das kleinſte waͤhlen.“ „Entſchlagen wir uns zatt, ſolcher traurigen Gedanken“ verſetzte Herr Bon⸗ net! Wenn ſie auch der Pfarrer gut heiſt, ſo wiſſen Sie, daß ſie bei mir hoch ver⸗ poͤrt ſind. Uebrigens komme ich dies Mal nicht bloß als Arzt, ſondern haupt⸗ ſaͤchlich als Freund zu Ihnen. Sie wer⸗ den wohl ſchon mehr als ein Mal meine 30020 5 Sucht bemerkt haben, guten Rath zu er⸗ theilen, und dies Mal werden Sie dem meinigen ſich nicht entziehen koͤnnen.“ „Wohl, antwortete Klementine, aber erlauben Sie mir, daß ich in Ihre Rolle als Arzt eingehe, waͤre es auch nur in Beziehung auf die Aehnlichkeit der Seelen⸗ leiden mit denen des Koͤrpers, und Ih⸗ nen bemerklich mache, daß nicht jede Me⸗ dizin allen Konſtitutionen zuſagt.“ „Wohl geſprochen“ fuhr Herr Bonnet fort, aber ich hoffe auch, daß mir erlaubt ſeyn wird, der Erb⸗Lehn⸗ und Gerichts⸗ herrin auf Schloß Helvin einige Mitthei⸗ lungen zu Gunſten des Gefangenen zukom⸗ men zu laſſen, den ſie ſeit vier und zwanzig Stunden auf dieſer hochadelichen Burg im Gewahrſame haͤlt. „Meine Freunde“ verſetzte Fraͤulein von Beaumanoir in einem ernſten Tone, 303 haben das ſicherſte Mittel gefunden, alle Bedenklichkeiten, die man ſeinetwegen noch hegen koͤnne, zu beſeitigen. Was Sie, gegen alle meine Erwartungen, von mir fuͤr ihn verlangt haben, iſt von der Art, daß, wenn er ſich nicht entfernen wuͤrde, wozu ich ihn eben auffordern wollte, als Sie beiderſeids in den Hof fuhren, mir nichts uͤbrig bleiben koͤnnte, als ihm Platz zu machen.“ Herr Bonnet ſah jetzt ein, daß er ei⸗ nen Seitenweg einſchlagen, und den Feind zu umgehen ſuchen muͤſſe, ſtatt ihn von vorn anzugreifen. „Es iſt gerade nicht dieſer Gegenſtand Klementine, ſagte er, den ich mit Ihnen abhandeln will. Nur wuͤnſche ich, daß der Entſchluß, welchen Sie faſſen, es ſei welcher es wolle, gehoͤrig uͤberkegt ſei; denn ein mit ſo viel Scharfſinn begabtes 3⁰4½ Weſen wie Sie,(haͤtte ich ein anderes Weib vor mir, ſo wuͤrde ich mich wohl huͤten, einen andern Vorzug unberuͤhrt zu laſſen, der auch ſeinen Werth hat) ein ſo verſtaͤndiges Weſen, ſage ich, kann in ei⸗ ner wichtigen Angelegenheit nichts entſchei⸗ den, ohne vorher von ſeiner Urtheilskraft den gewiſſenhafteſten Gebrauch gemacht zu haben. Um Sie in den Stand zu ſetzen, dies zu thun, ſind wir, der achtungswuͤr⸗ dige Herr Arnoult und ich, zu Ihnen ge⸗ kommen; wir bitten nur um ein kurzes Gehoͤr, die Entſcheidung ſoll Ihnen ganz allein aͤberlaſſen bleiben. Nach einigen andern freundlichen Aeu⸗ ßerungen, wodurch er die junge liebens⸗ wuͤrdige Frau fuͤr ſeine Abſicht zu ge⸗ winnen ſuchte, und wobei er auch nicht vergaß, ſein Anſehen als Pathe geltend zu 305 machen,) erzaͤhlte er, daß er dieſen Mor⸗ gen den Beſuch des Kammerdieners des Herrn Dermot gehabt habe, und fuͤgte laͤchelnd hinzu: „Sie ſehen alſo meine allerliebſte Freundin, daß, wenn Sie auch den Herrn ſelbſt nicht haben außer Faſſung bringen koͤnnen, es Ihnen doch wenigſtens gelun⸗ gen iſt den Diener in Jurcht zu ſetzen. Jetzt erlaube ich mir Ihnen bemerklich zu machen, daß der Gegenſtand, uͤber welchem wir uns mit Ihnen unterhalten wollen, zwei verſchiedene Anſichten hat, naͤmlich —3.. 4. 3 3 *) Dies Verhaͤltniß gilt heut zu Tage nicht viel mehr, aber man gehe funfzig Jahre zuruͤck, und man wird finden, daß es denjenigen, die es in Anſchlag bringen konnten, allerdings eini⸗ gen Einfluß verſtattete. Aus dem, im Nachlaſſe des Doktors Bonnet gefundenen Papieren erhellt, daß er in Geſellſchaft der verſtorbenen Gattin des Herrn Arnoult, das Fraͤulein von Beauma⸗ noir aus der Taufe gehoben hatte. IV. Theil. 20 die der Perſon, und die der Sache: Herr Arnoult wird Ihnen ſeine Meinung uͤber die Letztere mittheilen, die fuͤr Ihr Mut⸗ terherz nicht anders als ſehr wichtig ſeyn kann, ich habe es uͤbernommen uͤber die Erſtere mit Ihnen zu ſprechen und ich bitte um ein geneigtes Gehoͤr.“ Sie wiiliggte ſtillſchweigend ein, ob ſie gleich dieſe Erlaubniß als einen ihr durch die Beharrlichkeit des Doktors abgedrun⸗ genen Sieg betrachtete, und Herr Bonnet beruͤhrte mit Gewandheit alles, was in den Briefen des Kapitains Ferec zum Vortheil des Herrn Dermot geſagt wurde, eben ſo geſchickt wußte er die ſo ruͤhrenden Be⸗ weiſe des tiefen Reuegefuͤhls ſeines Cli⸗ enten, von welchem durchdrungen dieſer den Boden Frankreichs wider betreten hatte, in ein guͤnſtiges Licht zu ſetzen, ein um ſo mehr Theilnahme erregendes Gefuͤhl, da * 307 es durch kein, in den gewoͤhnlichen Gang des Menſchenlebens eingreifendes, Ereigniß bedingt war, denn der Schuldige hatte weder von der Ruͤckkehr des Fraͤuleins von Beaumanoir ins Leben, noch von der Geburt ſeines Sohnes Rie geringſte Ahn⸗ dung. Mit vieler Kunſt verſuchte der Doktor den Herrn Dermot, als einen Mann von erhabenen Charakter darzuſtel⸗ len, der durch einen furchtbaren Sturm aus ſeiner Laufbahn geſchleudert worden ſei. Zu Unterſtuͤtzung dieſer Behauptung fuͤhrte er ſeine, eben ſo edle als religioͤſe, Handelsweiſe in Afrika an, die das ſchoͤnſte Gepraͤge trage, womit der edle Menſch ſeinen wahren Charakter bezeichnen koͤnne, in dieſem Pruͤfungslande, wo jeder Erden⸗ pilger mehr oder weniger in den Fall kommt, ſeine ſelbſt gepraͤgte Muͤnze zu ſeiner Ehre oder zu ſeiner Schande in 20 1 308 Umlauf zu ſetzen, und auf den Eindruck rechnend, den der Ausruf des jungen Bo⸗ lorè auf ihn gemacht hatte, bediente er ſich beinahe der eignen Worte deſſelben: „Und dieſem Manne, meine junge Freun⸗ din, meine vielgeliebte Pathe, rief er aus, dieſem Manne koͤnnten Sie Ihre Verzeihung verweigern, Sie koͤnnten ſie ihm dann noch verweigern, wenn Ihre Nachſicht allein im Stande waͤre, die Spuren eines großen Vergehens zu ver⸗ tilgen, und eine Menge Unannehmlich⸗ keiten zu beſeitigen, die Ihnen Ihr wuͤr⸗ diger Kurator naͤher auseinander zu ſeben, ſich vorbehalten hat!“ Herr Bonnet beging einen großen Fehler, daß er nach dem lebhaften Ein⸗ drucke, den er ſo gluͤcklich geweſen war, durch ſeine Darſtellung auf Fraͤulein von Beaumanoir hervorzubringen, die rechtli⸗ 1 4 309 chen Anſichten, wie er ſie nannte, gerade jetzt auseinander ſetzen ließ; haͤtte er ſo⸗ gleich auf eine Entſcheidung gedrungen, ſie wuͤrde in dieſem Augenblicke ſeinen Wuͤnſchen gemaͤß ausgefallen ſeyn, denn Klementine war geruͤhrt. Ihre von Natur große Seele hatte ſich dem Gefuͤhle hingegeben, welchem allein ſie ſich noch oͤffnen konnte, ihr, von einem neuen Feuer erglaͤnzender Blick, ſprach ihren Enthuſiasmus fuͤr die edlen Handlungen Dermot's aus, an denen ſie ſich ſchmei⸗ chelte, nicht geringen Antheil zu haben, und ihre feuchten Augen, die ſchon ihre ſeidnen Wimpern zu benetzen anfingen, be⸗ zeugten, daß die zarteſten Saiten ihres Gemuͤths auf eine unwiderſtehliche Weiſe beruͤhrt worden waren; aber Herr Arnoult, mit ſeinen Rechtsgruͤnden und ſeinen Du⸗ parc⸗Pouillain verdarb alles. Er redete 310 von Laͤndereien, von Pachthoͤfen, von Ein⸗ kuͤnften, die den jungen Eduard gerettet werden muͤßten, und drohete dagegen mit gerichtlichen Klagen, mit ſkandaloͤſen Prozeſſen, und ehrenruͤhrigen Vermuthun⸗ gen, er umringte ſchon im Geiſte den Sarg des Fraͤuleins von Beaumanoir mit ſchlechtgeſinnten Verwandten, und gieri⸗ gen Erben, er rief die Geiſter der bei⸗ den Freundinnen Klementinens aus ihren Graͤbern herauf, um Zeugen dieſer Greuel⸗ ſcenen zu ſeyn, und bemerkte nicht, daß er, ohne es nur zu ahnden, die widrige Geſtalt des Herrn Dermot, als einzige 4 Urſache alles dieſes Ungluͤcks, im Hinter⸗ grunde auftreten ließ. Anf dieſe Art mußte der ganze Plan ſcheitern. Klementine hatte bald jene kaum erwachten mildern Gefuͤhle bekaͤmpft, und antwortete mit feſten Tone, daß ſe 1 311 Herrn Dermot alle ihr perſoͤnlich zugefuͤg⸗ ten Uebel verzeihe, daß es ein Ungluͤck fuͤr ihn ſei von den beiden liebenswuͤrdi⸗ gen Weſen, die er ins Grab geſtuͤrzt habe, dieſelbe Verguͤnſtigung nicht mehr erhal⸗ ten zu koͤnnen, daß ſie ſich aber nicht fuͤr verpflichtet hielt, ihren Moͤrder zu heira⸗ then, weil er kein Boͤſewicht von Profeſ⸗ ſion ſei. Herr Bonnet verſuchte es nun, Edu⸗ ards Sache zu verfechten, aber vergeblich; die Mutter erwiederte, ſie werde ihr Kind ſo erziehen, daß es noͤthigen Falls irdi⸗ ſcher Gluͤcksguͤter entbehren koͤnne, und uͤbrigens unverzuͤglich ſolche Verfuͤgungen treffen, wodurch ſeine Zukunft auch in die⸗ ſer Hinſicht geſichert wuͤrde. Der Doktor wurde waͤrmer. Einwuͤrfe wurden gemacht und beantwortet, ein Wort gab das an⸗ dere, und er bemerkte nicht, daß ihn alle 312 Maͤßigung verließ, endlich vergaß er ſich ſo weit, mit bedeutungsvoller Betonung ſich folgende Aeußerung gegen ſie zu er⸗ lauben, die er gern mit ſeinem Blute zu⸗ ruͤckerkauft haͤtte: „Sie ſchmeicheln ſich, Madame,“ ſagte er,„ſolche Verfuͤgungen zu treffen, wodurch die Zukunft Ihres Kindes ge⸗ ſi ſchert werden koͤnne, und wer kann Ihnen denn Ihr Leben ſolbſt noch auf drei Mo⸗ nate verbuͤrgen, wenigſtens ich und mein Sohn vermoͤgen dies nicht.“ Kaum waren ihm dieſe Worte eut⸗ ſchluͤpft, als er daruͤber beinahe in Ver⸗ zweiflung gerieth; aber auf Klementinen brachten ſie eine ganz entgegengeſetzte Wirkung hervor. Sie naͤherte ſich Herrn Bonnet, nahm ihn bei der Hand, und ſagte zu ihm im ſanfteſten Tone: 313 „Mein theurer Freund, das aͤndert die Lage der Dinge und muß meinen An⸗ ſichten allerdings eine andere Richtung ge⸗ ben: vielleicht verſtehen wir uns am Ende doch noch. Sie ſind mir die Wahrheit aus mehr als einem Grunde ſchuldig, ich erwarte ſie von Ihnen. Wie ſie auch laute, ſeyen Sie verſichert, ſie wird mir nicht ſchmerzlich, vielleicht ſogar erfreulich ſeyn. Ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, ob Sie glauben, daß mich der funfzehnte April noch im Schloſſe Helvin finden wird, und Sie wiſſen, daß ich es nur auf einem einzigen Wege verlaſſen kann.“ Schmerzlich betruͤbt und beſtürzt, wuͤnſchte ſich der Doktor hundert Meilen weit von der Burg. Anfangs ſchwieg er, dann ſtammelte er etwas von einer zu befolgenden verſchiedenen Lebensweiſe, von einer zu unternehmenden Reiſe, von 3414 dem guͤnſtigen Einfluß des Klima's im ſuͤdlichen Frankreich. u. ſ. w. Fraͤulein von Beaumanoir unterbrach ihn aber und wiederholte ihre Frage: „Bedenken Sie, mein theurer Freund“ fuhr ſie fort, daß eine mit Ihrer mir bekannten Gewiſſenhaftigkeit, in Ihren und Ihres Sohnes Namen gegebene Ant⸗ wort von der groͤßten Wichtigkeit fuͤr mich werden kann, und daß ich Sie auf Ihre Ehre frage.“ Herr Bonnet ſchwieg noch immer: „Ich verſtehe Ihr Stillſchweigen, ſchloß ſte endlich,„mein Entſchluß iſt gefaßt, Jedermann wird mit mir zufrieden ſeyn, wenn ich nur nicht mit mir ſelbſt alin unzufrieden ſeyn muß.“ Herr Bonnet und Herr Arnoult er⸗ riethen die heldenmuͤthige Seele, und ver⸗ ließen, nach eingenommenen hoͤchſt trauri⸗ 1 315 gen Mittagsmahle, und nach den herzlichſten Umarmungen von Seiten Klementinens noch vor Nachts die Burg. Vielleicht hatte dies Lebe wohl fuͤr ſie etwas Ruͤh⸗ renderes als gewoͤhnlich, aber ohne alle Ueberſpannung, ja es ſchien, dieſer Tren⸗ nung ſogar eine gewiſſe Feierlichkeit ab⸗ zugehen, die in dieſen gegenſeitigen Ver⸗ haͤltniſſen wohl zu erwarten geweſen waͤre. So lange Klementine in der Meinung geſtanden hatte, dem Erdenleben annoch anzugehoͤren, hielt ſie dafuͤr, alles fuͤr ihre beleidigte Ehre thun zu muͤſſen, ſo bald ſie aber uͤber ihren Geſundheitszuſtand aufs Reine war, glaubte ſie ſich nun auch an⸗ dern Gefuͤhlen uͤberlaſſen zu duͤrfen, ohne jedoch die Sicherheitsmaaßregeln, die ſie ſich ſelbſt ſchuldig war, aus den Augen zu verliehren. Die Eroͤffnung, die man ihr ſtillſchweigend gemacht hatte, war allerdings 316 * von der groͤßten Wichtigkeit; aber, trotz ihres duͤſtern Inhalts, ſchien dieſe helden⸗ muͤthige Frau, ſie, wie eines jener unvor⸗ hergeſehenen Ereigniſſe im Menſchenleben aufzunehmen, dem man ruhige Ueberle⸗ gung entgegen ſetzen muß, um die geeig⸗ netſten Maßregeln, zur beſtmoͤglichen Be⸗ ſeitigung der nachtheiligen Folgen deſ⸗ ſelben, mit gehoͤriger Geiſtesgagenwart ergreifen zu koͤnnen. Zwei und dreiſſigſtes Kapitel. Verſprechen— Tiſchgenofſen⸗ ſchaft— Abreiſe. ¹ Zu ſeinem großen Erſtaunen, und zu gro⸗ ßer Freude ſeines Bedienten, war Herr Dermot eingeladen worden, an den Mit⸗ — — — . 317 tagseſſen, welches Fraͤulein von Beauma⸗ noir zweien von den ihr noch uͤbriggeblie⸗ benen drei Freunden hatte bereiten laſſen, Theil zu nehmen; er bat, ihn ſeiner Ge⸗ ſundheit wegen zu entſchuldigen, und man rechnete ihm dieſen Entſchluß zum Ver⸗ dienſt an. Eine Stunde nachdem der kleine Wagen die Burg verlaſſen hatte, ließ Madame Delpont dem Fremden wiſ⸗ ſen, daß ſie auf ſein Zimmer kommen wuͤrde⸗— Er erwartete ſie mit großer Bangigkeit, doch war ſie von kurzer Dauer, denn Klementine erſchien ſehr bald.“ „Mein Herr, ſagte ſte, ohne ſich nie⸗ derzuſetzen, zu Herrn Dermot, der bei ihrem Eintritt ſogleich ehrerbietig aufge⸗ ſtanden war, ich hatte meine Freunde be⸗ auftragt, uͤber die Art und Weiſe der Genugthuung zu entſcheiden, welche Sie 318 dem Hauſe Beaumanoir ſchuldig ſind; denn ich fuͤr meine Perſon erwarte keine, ſo wenig als ich ſie wünſchtd, mir gnuͤgt, bis zum letzten meiner Tage den Verluſt zweier Weſen zu beweinen, ohne welche das Lebeu fuͤr mich nichts weiter als eine druͤckende Buͤrde iſt; meine Freunde ha⸗ ben meine Hoffnungen getaͤuſcht. Sie ſollen wiſſen, mein Herr, das ich den Vor⸗ ſchlag derſelben fuͤr die groͤßte Beleidi⸗ gung angeſehen habe; indeſſen komme ich doch auf demſelben zuruͤck, und ich bin Ih⸗ nen uͤber einen Entſchluß Rechenſchaft ſchuldig, der Sie in Erſtaunen ſetzen wird, da er das meinige noch in dieſem Augen⸗ blicke erregt, wo ich Ihnen denſelben mittheile. Ich wußte, daß meine Geſund⸗ heit ſehr zerruͤttet iſt, aber, daß ich dem Ziele meiner Laufbahn ſo nahe waͤre, 319 wußte ich nicht. Durch ein Geſtaͤndniß des Herrn Bonnet„ oder gielmehr durch eine Uebereilung deſſelben, wofüͤr ich ihm Dank weiß, habe ich erfahren, daß ich im Kurzen mit dem theuerſten Gegenſtaͤnden meiner Zaͤrtlichkeit fuͤr immer vereinigt ſeyn werde. Aus dieſem einzigen Grunde, und zum Beſten meines Kindes, willige ich ein, vier und zwanzig Stunden vor meinem Tode Sie zu eheligen. Die mir von dem Doktor und ſeinem Sohne be⸗ ſtimmte Friſt iſt ungefaͤhr ein Vierteljahr; beſchaͤftigen Sie ſich waͤhrend dieſes Zeit⸗ raums mit Ihren Angelegenheiten, in ſofern ſolche auf dieſen Schritt Bezug haben; ſchaffen Sie die zu dieſer heiligen Hand⸗ lung nothwendigen Dokumente herbei, und kehren Sie daun zuruͤck In drei Mo⸗ naten alſo, mein Herr!“ 3²0— Dieſe letten Worte wurden mit einer Beſtimmtheit betons, die Herrn Dermot mit Schauder erfuͤllte. Klemeutine blieb unbeweglich ſtehen, indem ſie ſich mit dem Fingerſpitzen der rechten Hand auf den Ueberzug eines Spieltiſches ſuͤtzte. 3 4 „Gunaͤdge Frau““ erwiederte der un⸗ gluͤckliche, Sie kuͤndigen mir in der That zwei bevorſtehende Ereigniſſe an, deren Trennung ich gern mit den ſchrecklichſten Qua⸗ len erkaufen moͤchte. Das eine, ohne das andere, wuͤrde mich mit der hoͤchſten See⸗ ligkeit erfuͤlen, doch dann wuͤrde ich deſ⸗ ſelben unwuͤrdig ſeyn, aber, ob ſie mich gleich in ihrer Verbindung wie ein Blitz⸗ ſtral der raͤchenden Gottheit treffen, ſo bleibt mir doch nichts uͤbrig, als mich Ih⸗ nen in Demuth zu unterwerfen. Ich weiß, daß mir in Ihrer Gegenwart kein 8 321 Urtheil zuſteht, wie viel weniger koͤnnte ich zu murren wagen.“ „Ich will“ antwortete Klementine, mit immer gleicher Feſtigkeit, doch ohne ver⸗ ſtaͤrkte Stimme,„uber Sie nicht verfuͤgen, wie Sie uͤber mich verfuͤgt haben. Wenn Sie in andern Verbindungen ſtehen, ſo werde ich ſie zu ehren wiſſen. Das Schickſal des Kindes, das ich mir nicht eher in Ihrer Gegenwart zu ſehen erlau⸗ ben werde, als an dem Tage, wo ich mei⸗ nen Namen zugleich mit meinem Leben aufgebe, wuͤrde dann freilich um ſo unge⸗ wiſſer ſeyn, aber immer wird ihm ſein himmliſcher Vater bleiben. Wie viele andere, welche dieſelben Anſpruͤche haben, ſind mit ihm in dem gleichen Falle.“ „Gnaͤdge Frau, erwiederte Herr Dermot, ich habe keine andere Verbind⸗ lichkeit, als die mir mein Verbrechen auf⸗ IV. Theil, 21 322 erlegt, und dies Verbrechen, ich wage es in Ihrer Gegenwart zu erklaͤren, hat ſeit ſieben Jahren mein hoͤchſtes Gluͤck bedingt, ſo wie es mir ſeit jener Zeit die fuͤrchter⸗ lichſten Qualen bereitet hat. Ich habe in meinem fortdauernden Wahnſinne nie aufgehoͤrt ein Weſen zu beweinen, das mich nie geſehen hatte, alſo nie ekwas fuͤr mich empfinden, ja, ſelbſt nach mei⸗ ner Ueberzeugung„ fuͤr mich nichts mehr ſeyn konnte, Gott iſt gerecht, ich habe dieſe furchtbarſte aller Qualen verdient, ſie iſt ſo unerhoͤrt, wie mein Verbrechen.“ „Und der Medaillon den Sie beſitzen, und die Haare die er einſchließt?’") Dieſe Frage entſchluͤpfte den Lippen Klementinens beinahe ohne ihr Wiſſen. Es war eine ploͤtzliche Reminiscenz jener Erzaͤhlung Marianens von ihrer Zuſam⸗ menkunft mit dem Fremden am Burg⸗ 323 pförtchen. Sogleich zog Herr Dermot aus ſeinem Buſen den Medaillon, und reichte ihn dem Fraͤulein von Deaumanoit mit dieſen Worten dar: „Es ſind die Ihrigen, Mädgei Frau, es war ein zweiter Raub! Er hat mich aͤberall begleitetz es war das einzige Gut das mir in das Grab folgen ſollte, weil ich glaubte, es ihm entriſſen zu haben.“ enKlementine ergriff den Medaillon, betrachtete ihn, erroͤthete, legto ihn, ohne ein Wort zu ſprechen auf den Vor⸗ ſprung des Kamins, ſchlug die Augen nieder, und zog ſich fuuſchueiound in ha Kabinet zuruͤck. 149 n Den andern Morgen erhielt Herr Dermot ein Billet folgenden Inhalts:— „Mein Herr, da es nun ein Mal entſchie⸗ den iſt, daß irgend noch ein Verhaͤltniß hie⸗ nieden unter uns Statt ſinden ſoll, fo bin 21* 324 7 ich der Meinung, man muͤſſe ſich ſo be⸗ nehmen, daß die beſchloſſene Verbindung, ſo wohl in Bretagne ſelbſt, als unter meinen Dienſtboten, ſo wenig als moͤglich Auffehen errege. um ihr alles Befrem⸗ dende zu benehmen, waͤre es wohl raͤthlich uns ſo gegen einander zu betragen, als wenn wir uns ſchon von laͤngerer Zeit her kennten, damit es nicht ſcheine, als wenn Sie gerades Wegs, wie herge⸗ zaubert, hier auftreten? Halten Sie es, ſo wie ich, der Klugheit fuͤr angemeſſen, die Gemuͤther auf ein Ereigniß vorzube⸗ reiten, das, trotz alle dem, einen unerwar⸗ teten, und verſchiedenartigen Eindruck auf ſie machen wird, ſo verweilen Sie noch einige Tage auf der Burg, und ſpeißen in Gegenwart der Dienerſchaft mit mir gemeinſchaftlich. Nur vergeſſen Sie nicht, dies verlange ich ausdruͤcklich von Ihnen, 325 in Abweſenheit der Dienſtleute nie mit mir zu ſprechen, nie, weder vor noch nach Ihrer Abreiſe eine Zeile an mich zu ſchreiben, und in Gegenwart einer dritten Perſon, in Beziehung auf unſere Verhäͤlt⸗ niſſe, weder von mir noch von Ihnen etwas zu aͤußern. 1 1 88s den 28 Noyember 1782 Klementine von Beaumanoir. Eine Virtelſtunde nach Abſendung die⸗ fes Billets wurde Klementinen folgende Antwort uͤberbracht: Gnaͤdige, Frau! Sie wiſſen, daß Sie nah oder fern aͤber mich zu gebieten haben. Ich fuͤge mich in alles, was Sie fuͤr gut finden, ich werde bleiben und abreiſen, wie Sie es anordnen. 2 Ihr ganz gehorſamſter Diener. Jonathan Dermot. 326 Nachdem Herr Dermot durch ſeinen Bedienten das Billet dem Fraͤulein von Beaumanoir hatte uͤbergeben laſſen, legte er ſich ſelbſt die Frage vor, ob er in der Achtung des Fraͤuleins wirklich ſo tief geſunken ſei, um ſich ſolche Geſetze vor⸗ ſchreiben laſſen zu muͤſſen?„Ja, Elender, rief er aus, du biſt es, ernte nun den Lohn am Ende deines Tagewerks ein! Bleibe hier, um glaͤnzende Taͤuſchungen zu unterſtuͤtzen! Siehſt du nicht wie man be⸗ reits die Brautkammer ausſchmuͤckt? Der Traualtar wird dort errichtet; zwar wird er ſich in ein Todtenbette verwandeln, aber darfſt du dich daruͤber beklagen, kann eine ſolche Verwandlung dich befremden! Biſt du nicht vielleicht unter den Sterb⸗ lichen der Erſte, der von dem Grabe das verlangt hat, was nur das Leben gewaͤh⸗ ren kann! Du wurdeſt erhoͤrt, das Grab 14 * 327 hat dir Schande und Schmerz geboh⸗ ren.... Vor deiner Unthat war das Grab keuſch, nur ernſte und reine Ge⸗ danken waren ſeine Begleiter, es floͤßte nur Furcht und Schrecken ein. Der Tod, glich einer reinen Jungfrau; nur mit dem Cypreſſenzweige in der Hand, und mit ge⸗ ſenkten Wimpern war es erlaubt, ſich ihr zu naͤhern, du haſt ſie durch deinen frechen Blick entweiht. Wer von euch beiden hat die Augen weggewendet? Sie nicht, die furchtbare Jungfrau, du eben ſo wenig, ſo unterwirf dich auch nun ihren An⸗ ſpruͤchen! Sie ladet dich zu ihren Feſten ein, Sie gibt dir alles was ſie beſitzt, ſie verſchwendet an dich ihre Wohlthaten, ſie erfuͤllt deine Wuͤnſche; murre alſo nicht, und wenn ihr Geſetzbuch dir ſtreng⸗ ſcheint; ſo vergiß nicht, daß du es ſelbſt entworfen haſt! 328 Dies ganze Selbſtgeſpraͤch war bloß eine Umſchreibung der Schreckensworte, die dem Schuldbewußten unaufhoͤrlich in den Ohren gaͤllten:„In drei Mona⸗ ten alſo, Herr Dermot!“ Wahre Donnerworte von denen ihm ſein Gewiſſen Allerdings hatte ſich Fraͤulein von Beaumanoir aus Gruͤnden der Klugheit be⸗ wogen gefunden, den Brief, deſſen In⸗ halt den reuigen Suͤnder zu ſolchen angſt⸗ vollen Selbſtbetrachtungen veranlaßte, ge⸗ rade in dieſen Sinne abzufaſſen, aber die furchtbare Haͤrte der letzten Zeile hatte ihren eigentlichen Grund in einer Unzufrie⸗ denheit mit ſich ſelbſt; ſie machte es ſich naͤmlich zum Vorwurf, durch ihre unpaſ⸗ ſende Frage den Herrn Dermot zu Vor⸗ zeigung des, ihre Haare enthaltenden Me⸗ daillons aufgefordert zu haben, und hegte 329 die grundloſe Furcht, daß ihr ſchwer⸗ muͤthiger Gaſt daraus irgend einen Vor⸗ theil ziehen moͤchte; wenn ſie indeſſen ihre innerſten Gefuͤhle einer ſtrengen Pruͤ⸗ fung unterworfen haͤtte, ſo wuͤrde ſie ſich haben geſtehen muͤſſen, daß ſich die Schuld des Herrn Dermor durch dieſen Raub in ihren Augen nichts weniger als vergroͤßert habe. Durchdrungen von den ungeheuer⸗ ſten Schmerzen und der heſtigſten Erbit⸗ terung, verkannte ſie in dieſem ſchrecklichen Augenblicke den Einfluß des Geſchlechts, 4 von dem ſie ſich doch unwillkuͤrlich leiten ließ, oder ſie war vielmehr mit ſich ſelbſt unzufrieden, ihn empfunden zu haben. Dem ſei wie ihm wolle, ihre Worſchrift wurde mit einer gewiſſenhaften Puͤnktlich⸗ keit beobachtet. Herr Dermot befolgte ſie nicht minder ſtreng, als ſie ſelbſt; ſeit dieſem Tage gab ſich Klementine waͤhrend 330 des Mittags⸗ und Abendtiſches, in Ge⸗ genwart Marianens und der beiden Die⸗ ner Georg und Alexis, ſcheinbar ohne den geringſten Zwang, zu einer Unterredung uͤber allgemeine Gegenſtaͤnde her, die von beiden Seiten mit einer Feinheit fort⸗ geſetzt wurde, welche den hohen Grad von Bildung beider Tiſchgenoſſen bewies: kaum hatte ſich aber die Dienerſchaft ent⸗ fernt, als den oͤfters aͤußerſt intereffanten Mittheilungen und Bemerkungen ein ſtar⸗ res Schweigen folgte, zu welchem Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir ſogleich durch die — ernſte Miene, die ſie annahm, das Zeichen gab; mitten im Fluß der Rede wurde die Unterhaltung abgebrochen, ein Zu⸗ ſchauer, der Zeuge einer ſolchen Scene geweſen waͤre, haͤtte ſie fuͤr die Wirkung irgend einer zauberiſchen Kraft halten muͤſſen. Dieſer Zauber beſtand in der 331 eigenthuͤmlichen Feſtigkeit zweier ſtarken Seelen, die es einander an Energie zu⸗ vorthun wollten, die eine, um ſich in ih⸗ rer Hoheit, die ſich nie verlaͤugnet hatte, unverruͤckt zu erhalten, die andere, um dieſe Hoheit, von der ſie durch ihre be⸗ jammernswuͤrdigen Verirrungen herabge⸗ ſunken war, wieder zu erringen. Die lobenswerthen Anſtrengungen des Herrn Dermot waren nicht ganz verlohren, denn nicht nur, daß der Reuige vor dem Ant⸗ litz des allbarmherzigen Richters uͤber den Sternen, in Hinſicht auf die taͤglich zunehmende Veredlung ſeines innern Men⸗ ſchen, je mehr und mehr Gnade fand; ſo gewaun er auch mit jedem Tage in der Achtung Klementinens. Wenigſtens floͤßte er ihr das mildernde Gefuͤhl des Mitleids ein, ja es gab ſogar Augenblicke, wo das weibliche Weſen, welches ſich ſo ſehr uͤber 4 332 eine, ohnfehlbar in einem ungluͤcklichen Augenblick von uͤbergehenden Wahnſinn begangene, Unthat zu beſchweren hatte, Eigenſchaften an dem Ungluͤcklichen ent⸗ deckte, die, auf einem groͤßern Schauplatze, ſich zuverlaͤſſig herrlich entwickelt haben wuͤrden. Fraͤulein von Beaumanoir, deren vielſeitige Bildung keine Erziehung in der Provinz vermuthen ließ, die freilich aber auch angebohrne edle Geſinnungen, und eine ſeltene Geiſteskraft ungemein be⸗ guͤnſtigt hatten, war im Stande, die Ge⸗ dankenfuͤlle und Gediegenheit in der Un⸗ terhaltung und den Erzaͤhlungen des Herrn Dermot nach ihrem ganzen Umfange zu beurtheilen, und nicht ſelten draͤngte dieſe genußreiche Wuͤrderung, die graͤßlichſte aller Erinnerungen ganz in den Hinter⸗ grund ihrer Seele zuruͤck. Die Ueberzeu⸗ gung von den ſeltenen Verdienſten dieſes 333 Mannes, und die traurige Gewißheit von ſeinem Falle, ſtanden mit einander in ei⸗ nen ſo ſchreienden Widerſpruch, daß die Vernunft ſich weigerte, ſie ſich als moͤg⸗ lich zu denken. Klementine, gezwungen dieſe traurige Vereinigung anzuerkennen, empfand das peinliche dieſer Ueberzeugung, in ihrem ganzen graͤßlichen Umfange. Ein Mal indeſſen fuͤhlte ſie ſich frei genug von jenem ſchmerzlichen Eindrucke, um ſich dem angenehmern mit einer Selbſtvergeſſenheit hingeben zu koͤnnen, die nicht reizlos fuͤr ſie war. Der Gaſt, von Fraͤulein von Beaumanoir ſelbſt frei⸗ lich in Gegenwart der Domeſtiken, aufge⸗ fordert, hatte ſeine Zuſammenkunft mit Ibrahim mit fluͤchtigen Worten erzaͤhlt. „Madame“ ſagte er„ich weiß nicht wer Sie von dieſem Umſtand bereits hat in Kenntniß ſetzen koͤnnen, uͤber welchem 334 ich bis jetzt das ſtrengſte Stillſchweigen beobachtet hatte; wahrſcheinlich hat ſich Alexis dieſe Voreiligkeit zu Schulden kom⸗ men laſſen, woruͤber ich ihm meine Unzu⸗ friedenheit bezeugen werde, fuͤgte er hinzu, indem er den jungen Bolore mit den Au⸗ gen ſuchte, der aber den Speiſeſaal be⸗ reits verlaſſen hatte. „Mein Schickſal“ fuhr er fort„war, wie ich glaubte, entſchieden: das Leben ekelte mich an, der Gegenſtand meiner ſehnſuchtsvollen Zaͤrtlichkeit befand ſich nicht mehr hienieden, ich hoffte, die we⸗ nigen, mir vom Himmel noch beſtimmten, Tage in Afrika zu beſchließen. Wenn ein Schatten von Glluͤckſeligkeit ſich mei⸗ ner Einbildungskraft darſtellte, ſo war es der Gedanke an das mancherlei Gute, was ich noch durch mein bedeutendes Vermoͤ⸗ gen ſtiften koͤnnte. Wenn man das Un⸗ 33⁵ gluͤck gehabt hat, ſo tief wie ich zu ſinken, ſo hat man Urſache dem Allerbarmer zu danken, auf dieſe Weiſe ſein Leben be⸗ — fehließen zu koͤnnen. „Dies Vermoͤgen gilt fuͤr ſehr amfeln lich? bemerkte Klementine. 1 „Es iſt es auch in der That, Mada⸗ me, antwortete Herr Dermor ſeufzend, ſo daß es mich oͤffters erſchreckt hat;z denn ich habe kein Handelsunternehmen gewagt, das mir nicht gegluͤckt haͤtte. Ich wil Ihnen als Beiſpiel erzaͤhlen, was mir einen Monat vor meiner Abreiſe von St. Yago wiederfuhr. Eine Geſellſihaft Kaufleute hatte zwei Kaper ausgeruͤſtet, um die zum Unterhalt der engliſchen Trup⸗ pen, in den noch nicht geendigten Ameri⸗ kaniſchen Unabhaͤngigkeitskriege, beſtimm⸗ ten Transportſchiffe wegzunehmen. Die Eigenthuͤmer hatten noch vier Actien jede von 336 ſieben hundert und funfzig Piaſtern, zu begeben, die ſie mir anboten. Anfangs ſchlug ich ſie aus, aber ein Gedanke, der mir wie ein Blitzſtrahl durch die Seele fuhr, beſtimmte mich, ſie unter einer Be⸗ dingung anzunehmen, die ſie in Erſtaunen ſetzte, ſie beſtand naͤmlich darinnen, daß man mir erlaube, den beiden Schiffen, zwei Frauennamen, nach meiner Wahl, geben zu duͤrfen; ſie willigten ein. Es waren Namen, die meinem Gedaͤchtniſſe aus der fuͤrchterlichſten Nacht meines Le⸗ bens vorſchwebten. Noch waren nicht zwanzig Tage verfloſſen, als eines dieſer Fahrzeuge mit gemachten Priſen, am Werth von beilaͤufig drei Millionen Pi⸗ aſtern, einlief, wovon der funfzehente Theil auf mich fiel. Ich erblaßte als der zweite Kaper zuruͤckkam, deſſen Expedizion noch glänzender abgelaufen war. Der 337 Name, unter deſſen Einfluſſe das Gluͤck mich mit ſeinen Gaben verfolgte, trieb mich nach Europa zuruͤck. Ich entſchloß mich nach Bretagne zuruͤckzukehren; allein meine Gefangenſchaft gab meinen Ideen eine andere Richtung. In Feſſeln fuͤhlte ich mich an meinem rechten Platze. We⸗ nigſtens lag Gottes Hand auf mir, und ich dankte demjenigen dafuͤr, von deſſen Angeſicht ich mich ſchon verworfen glaubte. Meine unerwartete Befreiung iſt mir ein Beweis, daß mir ein anderes Loos be⸗ ſtimmt ſeiz es erwartet mich in dieſer Burg. Ach wie iſt es doch zu gleicher Zeit ſo herrlich und ſo ſchrecklich, wie ſo ſchmei⸗ chelhaft und zugleich unerbitterlich ſtreng gegen mein Verbrechen. Ach, gnaͤdge Frau, moͤge mir nur einen Augenblick ver⸗ goͤnnt ſeyn, an die Moͤglichkeit meiner Ab⸗ buͤſung zu glauben;— denn das hoͤchſte 338 Gluͤck das ich mir in meiner verruchten Phantaſie getraͤumt habe, zeigt ſich mir jetzt, aber— o ewige Gerechtigkeit— mit einem Dolch bewaffnet, der mir das Herz durchbohrt! 3 Die beiden Tiſchgenoſſen fanden ſich unvermerkt, allein, was bis jetzt noch nicht geſchehen war; Klementine, von der in⸗ tereſſanten Erzaͤhlung angezogen, war ganz Ohr geweſen, und hatte Marianen hin⸗ ausgehen laſſen, ohne ſelbſt vom Tiſche auf⸗ zuſtehen, wie ſie nach jeder Mahlzeit zu thun gewohnt war. Ihr Gefuͤhl war nicht mehr bloßes Mitleiden; mit ruͤhrender, milder Stimme, deren Ton vielleicht zum erſten Male frei von jedem Vorwurf war, ſagte ſie zu ihm: „Reiſen Sie morgen ab, Herr Der⸗ mot, reiſen Sie, und kehren Sie zur be⸗ ſtimmten Zeit zuruͤck! Doch ich fuͤhle mich 339 ſo erſchoͤpft, daß vielleicht Ihre Gegen⸗ wart noch eher noͤthig ſeyn wird. Laſſen Sie alſo Ihre Adreſſe zuruͤck.. Sie und ich, meine Mutter und meine Henriette waren wohl ſaͤmmtlich eines beſſern Schick⸗ ſals werth.. Reiſen Sie!“ „Gnaͤdge Frau, erwiederte Herr Der⸗ mot ehrerbietig, aber von tiefſten Schmerze durchdrungen, ich werde gehorchen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Rennes werde ich unbemittelte Freunde beſuchen, denen mein Diener laͤſtig ſeyn wuͤrde; wenn Sie es erlauben, ſo wird er auf die Burg zu⸗ ruͤckkehren, von wo aus er, da ihm meine Adreſſe bekannt iſt, mir Ihre Befehle ſo⸗ gleich uͤberbringen kann.) Nach dieſer Verabredung trennten ſich die beiden Tiſchgenoſſen. Nachdem Herr Dermot wieder auf ſein Zimmer zuruͤck⸗ 22* 340 gekehrt war, befahl er Alexis, Anſtalten zur Abreiſe zu treffen; und Fraͤulein von Beaumanoir, welche auch anfing, ſich den Ideen von einem vorherbeſtimmten Ver⸗ haͤngniß hinzugeben, zu welchen ſich ihr, in jeder Hinſicht merkwuͤrdiger Gaſt hin⸗ neigte, rief laut aus, ohne zu bemerken, daß ihre Kammerfrau neben ihr ſtand: „Vielleicht giebt es auf Erden nur einen Mann, der im Stande waͤre, ſo tief zum Verbrechen herabzuſinken, und ſich mit ſolcher Wuͤrde wieder zu erheben, und ge⸗ rade dieſer muß mir auf meinem Lebens⸗ wege begegnen! Harte Pruͤfung der Vor⸗ ſehung, oder grauſame Strenge eines trau⸗ rigen Schickſals, warum muß ich euch un⸗ terliegen? Unter welch einem fuͤrchterlichen Einfluſſe eines feindlichen Geſtirns bin ich ins Leben getreten. Waren denn in 4 341 allen Jahrhunderten die Beaumanoirs zu unerhoͤrten Zumuthungen auserſehen?*) Bei dem Anblicke Marianens, bereute Klementine ſich ſo ohne Zuruͤckhaltung ausgeſprochen zu haben. Allein ſeit der Ankunft des Fremden war die wirkliche Lage des Fraͤuleins von Beaumanoir fuͤr Yvons Gattin kein Geheimniß mehr. Als dieſer Herrn Dermot hatte in den Hof treten ſehen, ver⸗ ſicherte er ſeiner Frau ſogleich, daß der Fremde wirklich und wahrhaftig der Bi⸗ ſchoff ſei,**) deſſen Grosmuth die Fa⸗ milie des armen Calvez damals zwei ſechs Frankenſtuͤcke zu verdanken hatte. *) Anſpielung auf die beruͤhmten Worte ei⸗ nes Tinteniae zu einem Beaumanoir: Trinke dein Blut.(Siehe den erſten Theil) **) So hatte der junge Calvez Herrn Der⸗ mot genannt. Man ſehe den erſten Theil. 34² * Von der Wichtigkeit dieſer, durch ihre eigne Erinnerungskraft beſtaͤtigten Ent⸗ deckung uͤberzeugt, ermangelte demohnge⸗ achtet Mariane nicht, die Meinung ihres Mannes hieruͤber zu beſtreiten;z aber ohne Erfolg, denn die Begierde, mit ſeiner fruͤ⸗ hern und jetzigen Penetrazionsgabe wenig⸗ ſtens gegen irgend Jemanden zu glaͤnzen, war zu groß. Alles was ſie uͤber ihn vermochte, war, ihm das Verſprechen ab⸗ zudringen, ſo wohl innerhalb als außer⸗ halb der Burg in ſeinen Aeußerungen vorſichtig zu ſeyn; auch brach er dies Ver⸗ ſprechen nicht gerade zu, bei dem gebie⸗ teriſchen Beduͤrfniſſe jedoch, uͤber den Fremden zu ſprechen, von welchem er uͤbrigens keine nachtheilige Meinung ge⸗ faßt hatte, denn ſein Scharfſiun ging nicht ſo weit als der ſeiner Frau, waͤhlte er den Großvater dieſer Letztern den alten 343 Philipp, um ihm einen Theil ſeines Ge⸗ heimniſſes anzuvertrauen. Ungluͤcklicher Weiſe konnte dieſer, von aberglaͤubiſchen Ideen eingenommener Mann, trotz ſeiner Furcht vor Katharine Synvenn, es ſich nicht verſagen, mit dieſem boshaften Ge⸗ ſchoͤpfe ſich dann und wann zu unterhal⸗ ten, das durch ſeine Vorausverkuͤndigung aufs gerade Wohl von Froͤſten, Regen, guten und ſchlechten Wetter, ja ſelbſt von Todesfaͤllen und Heirathen, ihn ganz fuͤr ſich eingenommen hatte. Noch waren nicht drei Tage ſeit der Aufnahme des Herrn Dermot und ſeines Dieners auf der Burg Helvin verſtrichen; und ſchon hatte die Sibylle es auszukund⸗ ſchaften gewußt. In ihrem, der alten Burgmauer au Farbe gleichenden Gewan⸗ de ſchlich ſie ſich in der Abendaͤmmerung zur aͤußeren Gartenpforte hin, wo ſie den 344 Greis traf, der eben Duͤngung auf die Spargelbeete fuhr. Philipp widerſtand ziemlich lange ihren wiederholten Verſu⸗ chen ihn auszuforſchen; aber er hatte es mit einem zu liſtigen Weſen zu thun, und durch vieles Fragen außer Faſſung geſetzt, erzaͤhlte er ihr endlich Alles, was er ſelbſt wußte. So erfuhr ſie, daß nach einem allge⸗ meinen Tiſchgeſpraͤche, in Beiſeyn der Die⸗ nerſchaft, bei deren Entfernung, zwiſchen den beiden Tiſchgenoſſen, ein vollkommenes Still⸗ ſchweigen eintrete, und aus dieſen Angaben ſetzte ſie nun ein Maͤhrchen zuſammen, aus deſſen Gewebe der Wunſch, ſich an dem Frem⸗ den zu raͤchen, allenthalben durchblickte. Sie nahm an, was auch in Beziehung auf den letzten Abend gewiſſer Maßen nicht unge⸗ gruͤndet war, daß dem allgemeinen Geſpraͤ⸗ che eine beſondere, leiſe fortgeſetzte Un⸗ terhaltung folge, und machte aus dem 345 neuen Gaſte einen eben aus Großbrittan⸗ nien angekomnen Engliſchen Spion. Dieſe Erklaͤrung paßte um ſo beſſer in ih⸗ ren Plan, da ſie bereits zum Verſuch, in dem Flecken einige Worte in dieſem Sin⸗ ne hatte fallen laſſen, welche gute Aufuah⸗ me gefunden hatten, und der Kriegszu⸗ ſtand, in welchem ſich die beiden, durch den Kanal getrennten Reiche, gegen einander befanden, mit dieſem Vorgeben wenigſtens nicht in Widerſpruch ſtand. Sie ſaͤumte nicht, dieſe Neuigkeit der Marquiſe von Boisbriant als zu verlaͤſſtig zu hinterbring⸗ en, und dieſe, ſtatt ſich an die Behoͤrden von Vannes, gegen die ſie mißtrauiſch ge⸗ worden war, zu wenden, erſtattete dem, in Rennes reſidirenden Intendanten der Provinz, unmittelbar hiervon Bericht. Dies war ein großes Wagſtuͤck, wel⸗ ches das feindſelige Gemuͤth der Synvenn⸗ 346 die im Grunde bloß das Werkzeug eines andern Haſſes war, doch einiger Maßen in Unruhe verſetzte; es war dieſer Schlange daran gelegen, daß die Hand, die den er⸗ ſten Streich gefuͤhrt hatte, verborgen bliebe, deshalb ſuchte ſie noch ein Mal den leicht⸗ glaͤubigen Gaͤrtner auf, und war ſo gluͤck⸗ lich, ihn wieder an derſelben Stelle außer⸗ 4 halb der Schloßmauer zu treffen, eben als die Nacht mit dichterem Schleier die Erde bedeckte. Was ſie jetzt erfuhr kam der Wahrheit etwas naͤher, denn Yvon war, ohne ſich etwas Arges dabei zu denken, noch geſchwaͤtziger geweſen. Die Sibylle erfuhr, daß der Fremde mit dem Seminariſten, der ſieben Jahre fruͤher bei dem Fraͤulein von Beaumanoir die Tod⸗ ten Vigilie gehalten hatte, eine und die⸗ ſelbe Perſon ſei. Von ſelbſt bot ſich ihr hierdurch neuer Stoff zur Fortſetzung und 347 Ausſchmuͤckung jenes Maͤhrchens an die Hand, das die alte Hexe ſchon vor gerau⸗ mer Zeit verbreitet hatte, und welches die aberglaͤubiſchen Begriffe des Alten mehr anſprach, als jene andere Beſchuldigung. Nach der Behauptung der Wahrſagerin, konnte Herr Dermot Niemand anders als der Fuͤrſt der Finſterniß feyn, nachdem er den Verlobungsring zuruͤckgegeben hatte, kam er, nun ſeine Braut abzuholen, und beide wuͤrden, nach Katharinens Verſiche⸗ rung, eines Abends mit einander zugleich verſchwunden ſeyn. Der alte Philipp Lecorre ſperrte bei dieſem teufliſchen Geſchwaͤtz Maul und Naſe auf. Er zitterte am ganzen Leibe, denn daß der Ring zuruͤckgegeben wor⸗ den, war ihm nur zu gut bekannt, und noch war es keine vier und zwanzig Stun⸗ den her, daß Tymen von Treogar, ſo wie 348 er, einer der Aelteſten im Kirchſpiele, ihn geheimnißvoll bei Seite gezogen, und ihn gewarnt hatte, ſich vor dem Gaſte auf der Burg zu huͤten; eine Warnung, die auf folgenden Umſtand Bezug hatte; Herr Dermot hatte naͤmlich an einem der letzten Morgen ſeinen Spatziergang bis zu dem kleinen Hauſe des Doktors Bon⸗ net fortgeſetzt, war von da nach St. Nolf gegangen, wo er den Pfarrer auf einen Augenblick beſuchte, hierauf hatte er auf dem Kirchhof knieend gebetet, und bei ſei⸗ nem Austritte aus demſelben, war er von dem Greiſe bemerkt worden. Dieſer er⸗ innerte ſich ſogleich an die verdaͤchtige Ge⸗ ſtalt, die ihm in den Gehoͤlze von Helvin begegnet, und dann bei der Erſcheinung des Kreuzes entflohen war. Die ſchadenfrohe Katharine Synvenn freute ſich uͤber die Angſt, in die ſie den 349 alten Gaͤrtner verſetzt hatte, und um den Landmann, der ſo gut wie alle ſeine Nach⸗ barn mit Leib und Seele an dergleichen äbernatuͤrlichen Sagen hing, in ſeiner Ueberzeugung noch mehr zu befeſtigen, ließ ſie, ehe ſie von ihm ſchied, ſich noch folgender Maßen gegen ihn vernehmen: „Man verſichert, daß die liebe Dame oder Fraͤulein ſchon viel gelitten hat, ſeit ſich der ſchwarze Mann mit ihr auf dem Schloſſe einſperrt. Ihr werdet ſehen Philipp, ſie wird zum Schatten werden, noch ehe die Hochzeit vor ſich geht. Iſt ſie ehedem ſchoͤn geweſen, wie man uͤberall auspoſaunt hat, ſo wird in dem Augen⸗ blick der Entfuͤhrung nichts als Haut und Knochen an ihr ſeyn. Glaubt mir's oder glaubt mir's nicht, wie ein Strohhalm ſo leicht wird ſie ſeyn!— Aber, wen hat ſie auch zum Manne gewaͤhlt!!“ 350 Kaum hatte ſie ihre Rede mit ge⸗ daͤmfter Stimme vollendet, als ſich fol⸗ gende, freilich in einem ganz andern Sin⸗ ne, und mit einer Donnerſtimme ausge⸗ ſprochenen Worte hoͤren ließen, vor wel⸗ chen die beiden Zuhoͤrer vor Entſetzen erſtarrten: „Ja, abſcheuliche Hexe, die Vermaͤh⸗ Inng wird Statt finden, und der Ewige wird vielleicht nach ſeiner Erbarmung mit gnaͤdigen Augen den heißen Thraͤnen des reuigen Suͤnders Verzeihung von ſeinem Throne herabwinken! Aber wie kannſt du auf Verzeihung rechnen, die du nicht auf⸗ hoͤrſt die Unſchuld zu laͤſtern, die du ein Gerippe, das dir zum ſchauerlichen Spiel⸗ werke dient, zur Taͤuſchung ehrlicher Land⸗ leute mit Kleidern behaͤngſt, die du, in der Naͤhe einer Leiche, die zum Sterbekleid be⸗ ſtimmte Leinwand zu ſtehlen ſuchſt, die 351 du durch einen hoͤlliſchen Trank, das Ende einer Freundin beſchleunigt haſt, welche dich dem Elende entriß? Die Hoͤlle oͤffnet ſich unter deinem Fuͤßen; zittre, und— wenn du es noch kannſt— beßre dich!!!“ Die drei handelnden Perſonen bei dieſer furchtbaren Scene waren in einem Augenblick verſchwunden. Die eine blieb fuͤr immer unbekannt; der alte Gaͤrtner floh ins Schloß zuruͤck, wo ihn ein Fieber uͤberfiel, das ihm die Ueberreſte ſeiner ein⸗ zelnen Zaͤhne zuſammenſchlug und ſeine Enkelin noͤthigte, einige Stunden in der Nacht bei ihm zuzubringen, um ihn zu pflegen und zu beruhigen. An Katha⸗ rine Synvenn aber, wurde der Ausſpruch des Weiſen wahr: Wer andern eine Grube graͤbt, faͤllt ſelbſt hinein. Durch ihre eigne erhitzte Einbildungskraft ge⸗ taͤuſcht, entſetzt uͤber das Kundbarwerden 352 von Verbrechen, von denen ſie glaubte, daß kein Sterblicher etwas ahnen koͤnne, waͤhnte ſie, in dem Geſpenſte, das ſie ihr vorwarf, die ſataniſche Geſtalt zu erblicken, die ſie boshafter Weiſe erdichtet hatte, um ſie an Fraͤuleins von Beaumanoir Seite zu ſtellen. Das Maͤhrchen ihrer Erfindung wurde in ihrem verwirrten Sinn zur ſchrecklichen Wahrheit, und um dieſer furchtbaren Erſcheinung zu entfliehen, ſchlug ſie uͤber Hals und Kopf die Stra⸗ Fe ein, die zu dem naͤchſten Pachthof fuͤhr⸗ te. Sie lief ſo ſchnell ihre Fuͤße ſich bewegen konnten, das Schrecken gab ihr Fluͤgel; ungluͤcklicher Weiſe blieb ihr ſchwarzer Mantel an einer alten Wurzel haͤngen, ſie glaubte ſich von einer unſicht⸗ baren Hand aufgehalten, und fiel beſinn⸗ ungslos neben einem Waſſertroge nieder, der den Baͤuerinnen in der Nachbarſchaft ⁸ 353 zum Waſchen diente. Es war ſchon ſpäͤt, alle Landleute waren vom Feld heimge⸗ kehrt. Katharine kam erſt am andern Morgen wieder zu ſich; aber ſie war an allen Gliedern braun und blau, und ihr Kopf war in einer Verwirrung, die ihr nicht erlaubte, von der Stelle zu gehen, zumal da ihr Mantel noch immer an der Wurzel hing. Ihre Vernunft wurde nun voͤllig zerruͤttet, in dieſer Beziehung war auch alle angewandte Huͤlfe der, mit Tags Anbruch auf den Waſchplatz gekommenen Baͤuerinnen, vergeblich, und als ſie Katha⸗ rinens unzuſammenhaͤngende Reden hoͤrten, als ſie ihren Leib mit Blutbeulen bedeckt ſahen, ſo waren ſie alle der einſtimmigen Meinung, daß die gute Schweſter von den Nachtwaͤſcherinnen eingeladen worden ſei, Waͤſche mit ihnen zu ringen, IV Cheil. 23 354 und die Unvorſichtigkeit begangen habe, es in der entgegengeſetzten Richtung zu thun, wodurch jene die Macht erhalten haͤtten, ſte zu mißhandeln.*)„Was uns uͤbrigens ſehr Wunder nimmt,“ murmel⸗ ten einige alte Weiber einander zu, denn Katharine iſt geſcheidet, und wenn ſie nicht irgendwo den Abend bei der Flaſche zuge⸗ bracht, und zu tief ins Glas gekukt hat, ſo haͤtten ihr die Nachtwaͤſcherinnen gewiß nichts anhaben koͤnnen.“ *) Guelhèreèës oder couhèrés an noz Nachtwaͤſcherinnen, ſo nennt man in Nie⸗ derbretagne, gewiſſe geſpenſtiſche weibliche Weſen, die mit freundlichen Worten den naͤchtlichen Wan⸗ derer einladen, ihre Waͤſche mit ihnen zu ringen, und die ihn erdroſſeln, wenn er ſo ungluͤcklich iſt, die Waͤſche in entgegengeſetzter Richtung zu ringen, wie man es der Natur der Sache gemaͤß, gewoͤhnlich thut. Dies iſt eine der ſonderbarſten aberglaͤubiſchen Meinungen von Bretagne, und man findet unter den Sagen anderer Voͤlker nichts Aehnliches. 355 Man fuͤhrte die Hexe in ihre Woh⸗ nung, wo ſie in eine gaͤnzliche Geiſtesab⸗ weſenheit verſiel. Der junge Doktor Bon⸗ net, der ſie beſuchte, machte wenig Hoff⸗ nung, und man ſprach ſchon davon, ſie nach Lormind zu bringen, eine kleine be⸗ nachbarte Stadt, wo die Geiſteskranken aus der ganzen Provinz aufgenommen wurden, wo ſie aber leider, aus Mangel an zweckmaͤßigen Anſtalten, mehr ein Zucht⸗ als ein Irrenhauß fanden. Das traurige Loos dieſer Frau ging uͤbrigens, wie man deutlich ſah, Niemanden zu Herzen, ob⸗ gleich einige Bauern, die ihre Hexereien fuͤrchteten, ſich alles Urtheils enthielten. Kaum gab man ſich die Muͤhe, ſie vier und zwanzig Stunden lang in ihrer Woh⸗ nung zu bewachen, bis man in Erfahrung gebracht haben wuͤrde, was die Marquiſe von Boisbriant, von welcher man wußte, 4 23* 356 daß ſie mit ihr bekannt war, fuͤr ſie thun wuͤrde; aber die Marquiſe ſchien ſich gar nicht um ſie bekuͤmmern zu wollen, ſie that ſogar, als wenn ſie ſie gar nicht kennte; der einzige Simon Duchesne beſuchte ſie, und brachte ihr einige Lebensmittel mit, wovon ſie einen Theil den Neugierigen ins Geſicht warf. Zuweilen ſchrie ſie, man ſollte die Damen vom Schloſſe exor⸗ ziſiren, aber der Rektor des Fleckens Hel⸗ vin, der uͤbrigens weder die Kenntniſſe noch die richtigen Anſichten des Pfarres von St. Nolf beſaß, war der Meinung, man muͤſſe vielmehr ſie eporziſiren. Matthes Lalande endlich, ſagte Jederman, in ſeiner Schmidtſprache, daß die Sibylle nicht die vier Hufeiſen eines Hundes werth ſei, und daß die Nachtwaͤſcherinnen ihr ſchon laͤngſt des Garaus haͤtten machen ſollen. 357 Dieſe Geſchichte war die Neuigkeit des Tages im Flecken Helvin, als Herr Dermot des andern Morgens in ſeinem Wagen dort ankam. Er ließ vor dem Wirthshauße zum rothen Hute halten, um ſeine Zeche zu berichtigen, und die Wirthin hatte Urſache, mit de reichlichen Bezah⸗ lung zufeieden zu ſeyn. Vergebens ver⸗ ſuchte der junge Bolorè, der ſich uͤber eine Stunde in der Wirthsſtube aufgehal⸗ ten, und dort uͤber den, Katharinen zuge⸗ ſtoßenen Unfall mehr als zwoͤlf verſchie⸗ dene Erzaͤhlungen geſammelt hatte, dieſe Geſchichte zu einem Gegenſtand der Unter⸗ haltnng im Wagen aufs Tapet zu bringen, Herr Dermot behauptete ein hartnaͤckiges Stillſchweigen: ihm gingen andere Gedank⸗ en durch den Kopf, und andere Empfin⸗ dungen bewegten ſein Gemuͤth. 358 Gluͤcklicher war Alexis, als er, um Herrn Dermot aus ſeinem Tiefſinne zu reißen, ihm ſeine Verwunderung uͤber eine ſo unerwartete Abreiſe zu erkennen gab. „Mein theuerſter Herr, ſagte er, vor acht Tagen ſchienen Sie ungern auf dieſer Burg zu bleiben, und doch blieben Sie: wie kommt es, daß wir jetzt, wo es Ih⸗ nen dort zu gefallen ſchien, ſie nun ver⸗ laſſen?“ 4 N enre ain. „ Das laͤßt ſich leicht erklaͤren, erwie⸗ derte Herr Dermot: die Perſon, welche das Recht hatte, mir zu gebieten, daß ich bleiben ſollte, hatte auch dasjenige mir zu befehlen, mich zu entfernen; ſie hat von dem einem und von dem andern Ge⸗ brauch gemacht. Meine Freuden und meine Leiden kommen hienieden nie mehr in Anſchlag.“ Nun rief der Verlobte des Fraͤuleins von Beaumanoir, gleich als ob er allein im Wagen waͤre, indem er aufwaͤrts blick⸗ te: Weſſen Leben war wohl je ſo heftig bewegt als das meinige, aber wer rief auch vorſaͤtzlicher Stuͤrme und Unwetter auf ſein Haupt herab als ich! Ein ſolches Zuſammentreffen von Unthaten und Un⸗ faͤllen hat auf der Weltbuͤhne nicht zwei Mal Statt gehabt!... Doch, ſo wollte es der hoͤchſte Wille, und dieſer muß in Erfuͤllung gehen, mir widerfahre was er uͤber mich verhaͤngt hat... Ge⸗ horſam iſt meine einzige Pflicht, mich zu unterwerfen das einzige Verdienſt, deſſen ich mich nicht begeben habe... 4 Ein Vorfall von einer andern Art un⸗ terbrach jetzt das Selbſtgeſpraͤch des einen Reiſenden, und das Erſtaunen des andern, uͤber die ſonderbaren, durch Seufzer un⸗ 8 360 terbrochenen Reden, die er jetzt zum erſten Male vernahm. Vier Reiter von der Marechauſſee trabten ſeit Ploërmel zu beiden Seiten des Wagens her, ohne daß es Herr Dermot anfangs bemerkt hatte. In Plelan, wo man die Pferde wechſelte, wurden ſie, mit Ausnahme ei⸗ nes Einzigen, von einer andern Brigade abgeloͤßt, die den Wagen bis Mordel be⸗ gleitete. Schon fragte ſich der Ungluͤck⸗ liche, ob vielleicht die menſchliche Gerech⸗ tigkeit der goͤttlichen vorgreifen wolle? Nach mancherlei Vermuthungen machte er es ſich zu einem neuen Vorwurf, die offe⸗ nen und rechtlichen Geſinnungen des Fraͤu⸗ leins nur einen Augenblick in Zweifel gezogen zu haben; bald aber verſchwand das Geheimnißvolle dieſer Begleitung, kals der Brigadier die an ihn gerichteten Fragen beantwortend, hinzufuͤgte: Ihro 4 361 Gnaden, ich fuͤrchte, daß man ſich in Ih⸗ rer Perſon geirrt hat, was man gewiß ſehr bedauern wird, denn es ſcheint mir, daß Sie fuͤr einen Englaͤnder das Fran⸗ zoͤſſche zu gut, wenigſtens eben ſo gut als ich ſprechen.“ Jetzt ſiel beiden Reiſenden die War⸗ nung ein, die der eine von ihnen, durch den Barbier Teurtrois, waͤhrend ihres kurzen Aufenthalts im rothen Hute, er⸗ halten hatte, und Alexis dankte Gott fuͤr die ſchnelle Beſtrafung der Urheberin dieſer faͤlſchlichen Anklage; aber ſein Herr gab ihm daruͤber einen Verweis:„Laß uns nicht begehren,„ſagte er“ daß jedes Unrecht ſtreng beſtraft werde, denn wir wuͤr⸗ den dann nur zu oft in dem Falle ſeyn, den Zorn des Himmels auf unſer Haupt herab zu rufen.“ 362 3 Bei ſeiner Ankunft in Rennes wurde Herr Dermot unmittelbar nach dem Hotel des Intendanten gefuͤhrt, wo Herr Ber⸗ trand de Molleville, auf die Erklaͤrung ſei⸗ ner erſten Sekretairs, ihn fuͤr frei erklaͤr⸗ te, und im Stillen die feindſeligen Geſin⸗ nungen der Dame verwuͤnſchte, denen er ſeit mehreren Jahren ſo viele, ſeinem Buͤreau zugekommenen, und ſpaͤterhin als falſch befundene Angaben zu verdanken hatte. Der Vater des Herrn Dermot war nicht mehr am Leben. Nach den erſten Umarmungen uͤbergab ihm ein Stiefbruder unſeres Reiſenden ein, in einen Umſchlag eingeſiegeltes Buch, mit der einfachen Ue⸗ berſchrift: An meinen Sohn Jona⸗ than. Das Papier wird ſchnell zerriſſen, das Buch durchblaͤttert; es war ein Theil der„Verſuche von Michael Montaigne.“ 363 Im fuͤnften Kapitel des dritten Buchs, auf der Seite, wo von dem Koͤnige Periander und ſeiner Gemahlin Meliſſa die Rede iſt, fiel ihm ein verſtegeltes Billet in die Au⸗ gen; Herr Dermot geht mit demſelben in das ehemalige Zimmer ſeines ehrwuͤrdigen Vaters, erbricht das Siegel und ließt folgende, in ihrer Enſachgeit ſo gehalt⸗ vollen Worte: „Mein Sohn, Du verlangſt meinen Se⸗ gen; ich bin Dir ihn ſchuldig, wenn Du ſchuldlos biſt, und biſt Du ſtrafbar, aber reuevoll, ſo gebe ich Dir ihn dennoch.“ Die Stelle, bei welcher das Billet hefeſtigt war, uͤberzeugte den ungluͤcklichen Mann, daß ſein Vater, durch Zuſammen⸗ ſtellung verſchiedener Geruͤchte und genau⸗ erer Eroͤrterung mehrerer Thatſachen, der Wahrheit ziemlich auf die Spur gekommen war. Herr Dermot warf ſich vor dem 364 Bildniß ſeines Vaters nieder, bedeckte die Segensworte des frommen Vaters mit ſeinen Kuͤſſen, und hoffte wenigſtens die zweite Bedingung erfuͤllt zu haben. Sein Aufenthalt in Rennes war von kurzer Dauer, er kehrte auf derſelben Straße zuruͤck, die er eingeſchlagen hatte, um ſeine Geburtsſtadt zu beſuchen, und kam nochmals an der Burg Helvin vorbei, auf welcher ſeine Blicke unverwandt haf⸗ teten. Nachdem er ſeinem Diener das feierliche Verſprechen abgenommen hatte, die ſtrengſte Verſchwiegenheit uͤber dasje⸗ nige, was er ihm mittheilen wuͤrde, zu be⸗ obachten, und ihn hierauf den Ort genannt, den er zu ſeinem Aufenthalt gewaͤhlt hat⸗ te, bis es dem Fraͤulein von Beaumanoir gefallen wuͤrde, ihn zur Vollziehung der bevorſtehenden feierlichen und heiligen Handlung, berufen zu laſſen, befahl er dem 365 Poſtillion, die Straße nach Vannes einzu⸗ ſchlagen; Alexis Bolord aber ſtieg, mit Thraͤnen in den Augen ab, und nahm ſei⸗ nen Weg nach der alten Burg. Drei und dreiſſigſtes Kapitel. Vermaͤhlung. Der junge Doktor Bonnet hatte ſich in ſeiner traurigen Berechnung der phyſiſchen Kraͤfte des Fraͤuleins von Beaumanoir ein wenig geirrt. Man haͤtte ihm viel⸗ leicht ſogar den Vorwurf machen koͤnnen, daß er ſie zu hoch angeſchlagen habe, wenn die letzte Erſchuͤtterung, die dieſe zarte Maſchine erlitt, ſie nicht allzu ſchnell dem Ziele entgegen gefuͤhrt haͤtte, an deſ⸗ ſen Riffe ſie ſcheitern ſollte. In der 366 That lag es auch nicht innerhalb der Graͤnzen der Kunſt die Gemuͤthsbewegung⸗ en, die Beſtuͤrzung, die Kaͤmpfe, die Wi⸗ derſetzlichkeiten und Widerſpruͤche des eig⸗ nen Herzen, welche die Erſcheinung des Herrn Dermot bei dieſem intereſſanten Weſen erregen mußte, zu berechnen. Kle⸗ mentine glich einem, von milden Sonnen⸗ blicken fruͤher angelaͤchelten, und in einem guten Lande emporgezogenen Baume, unter deſſen Wurzeln aber ſpaͤterhin unterirdi⸗ ſche wilde Gewaͤſſer den Boden ausgehoͤ⸗ lert hatten. Ohne feſte Stuͤtze, vegetirt der junge Baum, bloß durch ſein eignes Gleichgewicht aufrecht erhalten; eine lieb⸗ liche Blaͤtterkrone ſchmuͤckt ihn, ſeine Schoͤnheit erfreut das Auge; aber ploͤtzlich erhebt ſich ein Sturm, den Wurzeln mang⸗ elt der feſte Boden, und nur zu bald be⸗ truͤbt ſein Fall den Wanderer, der ſich 367 noch geſtern ſeines gaſtfreundlichen Schat⸗ tens erfreute. Auch Klementinen hatte der Orkan getroffen, die einzige Woche, in welcher Herr Dermot ihr Tiſchgenoſſe geweſen war, hatte ihre Lebenskraft auf eine kaum glaubliche Weiſe verzehrt. So bald ihr Gaſt ſie verlaſſen hatte, verfiel ſie in einen Zuſtand von Schwaͤche, den ſie vergebens zu verbergen ſuchte. Dem⸗ ohngeachtet verließ ſie noch immer um die gewoͤhnliche Stunde das Bette, ſie beſorgte ihre haͤuslichen Geſchaͤfte wie vorher, und ſo verfloſſen ihr ihre einſamen Stunden, zwiſchen dieſen Beſchaͤftigungen und dem Leſen erbaulicher Büͤcher getheilt, ohne ihr wenigſtens langweilig vorzukommen. Der alte Doktor Bonnet, von ſeinem Sohne und Herrn Arnoult begleitet, brachte ihr Eduarden zuruͤck, der die Impfung gluͤcklich uͤberſtanden hatte; mit muͤtterlicher 368— Freude empfing ſie ihn liebkoſend nach dieſer Trennung. Je mehr er ihr koſtete, je mehr fing er an ihr theuer zu werden. „Ich bin im Begriff“ ſagte ſie zu ihm, indem ſie ihn umarmte,„dir ein großes Opfer zu bringen, ein Opfer, vor welchen Anfangs mein Muth und meine Kraͤfte zuruͤckgeſchaudert haben! Wenig⸗ ſtens, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich ge⸗ gen Herrn Arnoult wandte, verſprechen Sie mir, daß er nicht den Schmerz haben wird, den Schatten ſeiner Mutter neben ſich vor den Gerſchtshbfen herumirren zu ſehen?“ „Das Geſetz, ngene, ſagte der brave Notar, wird ihn ſchuͤtzen. Herr Dermot hat mir unumſchraͤnkte Vollmacht gegeben, den Ehekontrakt nach meinen beſten Ein⸗ ſichten zu entwerfen, ich ſtehe Ihnen fuͤr die Buͤndigkeit deſſelben, werde ihn jedoch . 369 einer nochmaligen ſtrengen Pruͤfung unter⸗ werfen; und was die Anerkennung Edu⸗ ard's betrifft, ſo habe ich ſie noch durch eine gerichtliche Erklaͤrung verſtaͤrkt, zu welcher man, wie ich hoffe, niemals genoͤ⸗ thigt ſeyn wird, ſeine Zuflucht zu nehmen. Uebrigens iſt eine von Vater und Mutter gemeinſchaftlich ausgeſprochene Anerken⸗ nung unangreifbar, und man kennt kein Beiſpiel, daß in einem ſolchen Falle ein Beſitzthum ſtreitig gemacht worden waͤre. Ein anderer Umſtand beruhigt mich hieruͤber noch mehr, bemerkte der alte Dok⸗ tor, es iſt eine, fuͤr das menſchliche Herz wenig ehrenvolle, aber ihm eigenthuͤmliche Tendenz. Koͤnnen gierige Seitenverwandte einen rechtmaͤßigen Erben ſeines Eigen⸗ thums berauben, und ihn an den Bettel⸗ ſtab bringen, ſo werden ſie ihn ohne Ver⸗ zug zu Leibe gehen; aber ſollte die Ent⸗ IV Theil. 24 370— ziehung eines Theils der Erbſchaft dem Beſitzer eines großen Vermoͤgens nur ei⸗ neu unbedeutenden Nachtheil bringen, ſo wird keiner mit dem Angriffe den Anfang machen wollen; im Gegentheile wuͤrden alle bereit ſeyn, noͤthigen Falls, zu Sicher⸗ ung des ganzen Beſitzſtandes nach Kraͤften beizutragen, ſo ſehr ſchmeichelt es der Eigenliebe, mit einem durch Reichthum oder andere Gluͤcksguͤter ausgezeichneten Manne oder Weibe in verwandſchaftlichen Verhaͤltniſſen zu ſtehen. In dieſem Fall nun befindet ſich unſer kleiner Freund. Es waͤre wohl moͤglich geweſen, daß man ihm fruͤher oder ſpaͤter einen tuͤchtigen Prozeß an den Hals geworfen, wenn er nichts als das Vermoͤgen ſeiner Mutter zu verliehren gehabt haͤtte: jetzt aber, da der Reichthum des Herrn Dermot's, eines wahren Nabob's, wie das Geruͤcht ſagt, 371 dazukommt, ſtehe ich Ihnen dafuͤr, daß ihn kein Menſch beunruhigen wird. „Dies iſt nur zu wahr, fuͤgte der ſo eben angekommene Rektor von St. Nolf hinzu; aber erlauben Sie mir, lie⸗ ben Freunde, fuͤr das Loos desjenigen zu zittern, dem ſo viele Mittel zu Gebote ſtehen, neben dem rechtmaͤßigen Gebrauch der Guͤter dieſer Welt einen eben ſo großen Mißbrauch davon zu machen. Das Herz wird aufgeblaſen, oft vertrocknet es auch; man ſchreibt ſich Verdienſte zu, die man nicht beſitzt, und man vergißt den Urquell aller Guͤter ſo weit, daß man am Ende glaubt, ſich alles ſelbſt zu verdanken zu haben. Fortitudo mea, et robur ma- nus meae, haec omniamihi praestiterunt.*) **) Meine Kraͤfte, und meiner Haͤnde Staͤrke haben mir dieſes Vermoͤgen ausgerichtet. 5 Moſe, VIII V. 17., 24* 372 Lieber Rektor, erwiederte Herr Bon⸗ net, Ihre Anwendungen von Bidbelſtellen ſind oͤfters ſehr paſſend; aber in dieſem Hauſe werde ich nie ruhig mit anhoͤ⸗ ren, daß Sie, waͤr's auch mit der Bibel in der Hand, die irdiſchen Gluͤcksguͤter uͤber die Gebuͤhr herunterſetzen, denn Sie wiſſen, daß ſeit ſechs und zwanzig Jahren, drei, unſerer ganzen Hochachtung wuͤrdige, Frauen ihren Reichthum auf die edelſte Weiſe angewendet haben. Laſſen Sie uns hoffen, daß Eduard ſeinen Vorgaͤnge⸗ rinnen Ehre machen wird.““ Dieſe, dem Andenken einer Mutter und einer Freundin dargebrachte Huldigung⸗ ruͤhrte Klementinen bis zu Thraͤnen.— Man trennte ſich endlich, und mit einem tiefen Seufzer, rief der alte Doktor aus, als er in den Wagen gebracht wurde: „So werde ich alſo dieſes uͤberirdiſche Weſen, dieſen Engel in Menſchengeſtalt zum letzten Male geſehen, zum letzten Male mit ihm geſprochen haben!— Sei auf deiner Hut, mein Sohn, dieſer himm⸗ liſche Geiſt kann ſich jedem Tag ſeiner Huͤlle entwinden. Unſre theure Klemen⸗ tine iſt nie fieberfrei, und an ihren hoch⸗ rothen Wangen, deren Farbe ſich noch vor unſrer Abreiſe ſo auffallend erhoͤhete, er⸗ gibt ſich, daß die Fieberanfaͤlle ſich verdop⸗ peln. Hier iſt nicht zu ſpaßen, bedenke es wohl. — Was kann ich thun, lieber Vater, antwortete der junge Doktor, Madame Delpont hat verlangt, daß ich ſie erſt zwei Tage zuvor, von ihrer bevorſtehenden Auf⸗ loͤßung unterrichten ſoll. Sie ſetzt voraus, daß Herr Dermot ſich in der Naͤhe auf⸗ haͤlt, und behauptet, daß dieſer Zeitraum, 374 zu dem was noch zu thun äͤbrig Lleibe⸗ mehr als hinreichend ſei. — Glaube mir, mein Sohn, entge⸗ gente der alte Praktikus, bei Krankheiten dieſer Art kann man mit dem Tode keine ſo genaue Rechnung halten, daß er uns nicht uͤberraſchen koͤnne. Es iſt eine trok⸗ kene Schwindſucht, und wenn dieſe einen gewiſſen Grad erreicht hat, ſo rafft ſie den Kranken hin, ehe man es ſich verſieht! Laß eine neue Gemuͤthsbewegung, ſie ſei von welcher Art ſie wolle, eintreten, und ich ſtehe keinen Augenblick fuͤr ihr Leben! Ueberdies wird die feierliche Handlung ſie angreifen; was meinen Sie Rektor?— Da die Meinung des Herrn den die Anſicht des alten Herrn Bonnet unter⸗ ſtuͤtzte, und Herr Arnoult ihr ebenfalls bei⸗ trat, ſo beſchloß der junge Doktor bei ſich ſelbſt, nach dem morgenden Beſuche einen 375 beſtimmten Entſchluß zu faſſen, wenn nicht ein guͤnſtigerer Geſundheitszuſtand eintre⸗ ten wuͤrde, was nicht zu hoffen ſtand, denn der Huſten ging oͤfters zum Erbre⸗ chen uͤber, und die faſt ununterbrochenen Bruſtbeklemmungen vergoͤnnten der Krank⸗ en keinen Augenblick Erholung. Indeſſen war ſie noch nicht bettlaͤgrig. Der naͤchſte Beſuch aber machte aller Ungewißheit ein Ende. Klementine hatte ſich nur drei Stunden, in einem Armſtuhl ſitzend, außer dem Bette aufhalten koͤn⸗ nen, und um die Knoͤchel und Handge⸗ lenke ſetzte ſich eine waͤſſerige Geſchwulſt an.„Ich bin Ihrer Meinung“ antwor⸗ tete ſanft die Kranke ihrem Arzte, dem die wenigem, kaum verſtaͤndlichen Worte, womit er ihr ſeine Anſichten mittheilte, die Bruſt vor Schmerz beinahe zuſammen⸗ ſchnuͤrten, und deren Sinn ſie ſich erſt 376 ſelbſt ergaͤnzen mußte:„Es iſt nun Zeit, und morgen ſoll Alexis abreiſen.“ Kaum hatte der treue Diener dieſe traurige und wichtige Nachricht erhalten, als er ſich das beſte Pferd im Stalle ſat⸗ teln ließ, und ſich, dem Auftrag ſeines Herrn gemaͤß, zu dem wuͤrdigen Rektor von St. Nolf verfuͤgte, und ihm ein Bil⸗ let des Herrn Dermot uͤbergab, worinnen ihm dieſer dem Wunſch aͤußerte, am Tage der eheligen Einſegnung, die Handarbeiter und armen Paͤchter des Kirchſpiels im Schloßhofe verſammelt zu ſehen, da er die Abſicht hatte, durch reichliche Geſchenke den Tag, an welchem ihm Fraͤulein von Beaumanoir mit ihrer Hand beehrte, zu verherrlichen. Der zukuͤnftige Gemahl machte uͤber dies ſich ſelbſt die richtige Bemerkung, daß es ganz unpaſſend ſeyn wuͤrde, dieſes Buͤndniß gleichſam heimlich 377 ſchließen zu wollen. Der grade Gang bei dieſem wichtigen Schritte, war das ſicherſte Mittel, allem vergeblichen Geſchwaͤtz am ſchnellſten ein Ende zu machen. Es war ſogar moͤglich, daß, wenn man fruͤhere freundſchaftliche Verhaͤltniſſe zwiſchen den Damen von Helvin und Herrn Dermot vorausſetzen, man vielleicht glauben koͤnne, daß ein zartes Freundſchaftsgefuͤhl ihn be⸗ ſtimmt habe, durch dieſe Verbindung die Ehre Klementinens und das Schickſal des Kindes gegen alle Angriffe ſicher zuſtellen. Wenn man dieſe Wirkung keinem luͤgen⸗ haften Vorgeben zu danken hatte, wenn ſie bloß als das Reſultat der Erfuͤllung einer Pflicht, die man ſich ſelbſt und einem ed⸗ len Hauſe ſchuldig war, angeſehen werden konnte, ſo durfte man ſich ohne Vorwurf darzu Gluͤck wuͤnſchen. Dies war die An⸗ ſicht des Herrn Dermot uͤber dieſen Ge⸗ 378 genſtand, und es lag gewiß nichts Unzar⸗ tes in derſelben. Den 21 Februar 1782 gegen drei Uhr Nachmittags verließ Herr Dermot die große Landſtraße in ſeinem Reiſewagen, eine Stunde oberhalb dem Flecken Helvin. Da es gerade Markttag war, ſo begegnete er einer großen Anzahl Landleute, denen das Geruͤcht von der auf der Burg zu feiernden Hochzeit zu Ohren gekommen war. Dies Mal war der Reiſewagen mit zwei ſchoͤnen, reich angeſchirrten Pferden beſpannt; ein Kutſcher, deſſen Ausſehen der eleganten Equipage entſprach, ſaß auf dem Bocke, und zwei Livreebedienten wig⸗ ten ſich hinten auf dem Wagen. Um vier Uhr fuhr Herr Dermot, mit einer Ge⸗ muͤthsbewegen, die ſich nicht beſchreiben laͤßt, in den Burghof; er ſah nur auf ei⸗ nen Augenblick Fraͤulein von Beaumanoir, 379 die alle Zeichen eines ſchnellen Dahin⸗ ſchwindens an ſich trug. Noch waren nicht zwei Monate verſtrichen, ſeit er ſich dem Befehle zu ſeiner Entfernung unter⸗ worfen hatte, und ſchon trugen dieſe himm⸗ liſchen Zuͤge, die die reiche Mutter Natur in einem heiligen Augenblicke uͤberſtroͤmen⸗ der Liebe gebildet zu haben ſchien, das Gepraͤge der Zerſtoͤrung! Man glaubte vor einem, jener herrlichen von der Zeit und den Barbaren verheerten, Tempel in den Wuͤſten Palmyra's zu ſtehen, deren hier und da zerſtreute ſchlanke Saͤulenfchaͤfte, mit ihren, im edelſten Style geformten, nun zertruͤmmerten Kapitaͤlern und Architra⸗ ven noch jetzt den ſinnigen Reiſenden uͤber⸗ zeugen, wie ſehr das Ganze in ſeiner Pracht dazu geeignet war, das Herz des Sterblichen bis zur Anbetung zu entflam⸗ men. Aber ach, dieſes herzerhebende 380 Gefuͤhl wurde bei Herrn Dermot zum herbſten Schmerze. Waͤre er nicht ent⸗ ſchloſſen geweſen, mit Aufopferung aller ſeiner phyſiſchen und moraliſchen Kraͤfte, das zu vollenden, was in dem ewigen Rathſchluße der Gottheit beſtimmt war, ſo wuͤrde er jetzt den Himmel um ſeinen Tod, als die hoͤchſte aller Wohlthaten angefleht haben, ſo ſehr druͤckte ihn die Erinnerung nieder, ſo fuͤhlte er ſich, durch die fuͤrch⸗ terlichſten Vorwuͤrfe, die wie aufgethuͤrmte Gebirge auf ſeinem Gewiſſen laſteten, zermalmt! Fraͤlein von Beaumanoir konnte nur wenige Worte mit ſchwacher Stimme au ihn richten, aber ihre Klarheit bewies die Kraft, die ihr Geiſt ſelbſt auf ihre Orga⸗ ne aͤußerte. „Morgen früh alſo Herr Dermot“ ſagte ſie, ich fuͤhle es, daß meine Kraft — — 381 bis dahin ausreichen wird.— Ich habe Sie ſtudiert, ich habe uͤber Sie nachge⸗ dacht, und Sie haben bei dieſer Pruͤfung nichts verlohren; ich kenne Sie jetzt, we⸗ nigſtens glaube ich Sie zu kennen. Die zu ſehr abgeſchliffenen Muͤnzen ſind die Zeit nicht werth, die man uͤber ihre Ent⸗ raͤthſelung verliehrt... Sie waren kein Heuchler, dies iſt mir genug. Ich haͤtte vor ſieben Jahren Ihnen Jemanden vor⸗ ziehen koͤnnen, aber es iſt moͤglich, daß ich ſte jedem Andern vorgezogen haͤtte... Alſo auf morgen! ich habe verordnet, daß das Zimmer, was meine Mutter einſt fuͤr Herrn Delpont beſtimmet hatte, fuͤr Sie eingerichtet werde, bringt jetzt Herrn Dermot hin„ Da die Verbindung, durch welche dieſes Zimmer mit dem der Fraͤulein von Beaumanoir zuſammenhing, nicht geoͤffnet 382 war; ſo ſahe ſich Herr Dermot genoͤthigt, in Begleitung ſeines Dieners, der ihm leuchtete, uͤber den Hof zu gehen, um in das, ſehr anſtaͤndig fuͤr ihn eingerichtete Zimmer, wo ſein Bette ſtand, zu gelangen. Welch' eine Nacht verlebte er in demſel⸗ ben! Das Daſeyn waͤre zu theuer bezahlt, wenn es um dieſen Preis erkauft werden muͤßte, und derjenige, der es darum auch nur fuͤr einen Tag erkaufen koͤnnte, waͤre deſſen unwuͤrdig. Herr Dermot gehoͤrte ſich ſelbſt nicht mehr an, darinnen allein beſtand das Geheimniß ſeines uͤbermeuſch⸗ lichen Muthes, ihm verdankte er die Kraft, das Unertraͤglichſte zu ertragen. Weniger ſchuldbeladen, waͤre er vielleicht weniger reſignirt geweſen, und waͤre unter der Laſt erlegen. Blaß, truͤbe, wie der Tag den ſie er⸗ leuchten ſollte, ſtieg am zwei und zwanzig⸗ 383 ſten Februar, die Sonne am Horizont her⸗ auf. Eine unzaͤhlige Menge Volks erfuͤll⸗ te ſchon den Burghof.— Der Braͤuti⸗ gam ging uͤber denſelben hin, aber nicht ſchwarz gekleidet, und ſtatt des Stocks von Ebenholz ſtuͤtzte ſich ſeine Hand auf ein ſchoͤnes Rohr mit goldenem Knopf. Ein Frack von ſcharlachnen Tuche mit goldener Stickerei umſchloß ſeine vortheilhafte, ob⸗ gleich etwas vorwaͤrts gebeugte Toille. Die uͤbrigen Stuͤcken ſeines Anzugs ent⸗ ſprachen der Koſtbarkeit des Hauptklei⸗ dungsſtuͤckes, und eine Garnitur Points zierte ſeine Haͤnde und wogte um ſeine Bruſt. Zwei Bedienten folgten ihm mit vol⸗ len Geldſaͤcken: der eine theilte Laubtha⸗ ler unter die Kinder beiderlei Geſchlechts aus, der andere gab jedem Hausvater un⸗ 384 ter? den Tageloͤhnern einen Louis'dor; ſie nahmen ihn weinend, denn alle wußten, daß die Wohlthaͤterin ihrer Huͤtten ihrem Ende nahe war. Nie hatte man noch mit ſo traurigen Mienen Geld in Empfang nehmen geſehen. Nur der alte Tymenn von Treogat, obgleich in duͤrftigen Um⸗ ſtaͤnden, weigerte ſich, von dieſer Verthei⸗ lung etwas anzunehmen: ſein Geiſt war durch die Maͤhrchen, womit ihn Katha⸗ rine Synvenn unterhalten hatte, und von welchen ſie ſelbſt ein Opfer geworden war, ſo befangen, daß er erklaͤrte, er werde fuͤr all' das Geld das man vertheile, nicht einmal ſeine alte Kuh hingeben, da dieſe Art Geld, wie er gewiß wiſſe, gleich einem Rauche in der Taſche, oder in dem Schranke derjenigen, an die das verſchenkt worden ſei, vergehe; uͤberdies 385 hatte ihn das rothe Kleid erſchreckt*) und er ſahe ihm und ſeinem Bedienten unaufhoͤrlich auf die Fuͤße. Als Herr Dermot in das Zimmer krat, wo er erwartet wurde, bezeugte ihm Klementine uͤber ſeinen Anzug ihr Erſtau⸗ nen, von welchem er ſie jedoch bald durch folgende Bemerkung zuruͤck brachte: „Seit mehreren Jahren war ich an⸗ ders gekleidet, und ich hatte nur zu viel Urſache dazu; aber ich dachte mir, daß der Mann, den Sie zu Ihrem Gatten zu waͤhlen, ſich entſchloſſen haben, der Welt zeigen muͤſſe, daß er eine ſo große Ehre zu ſchaͤtzen wiſe Wenn der Himmel mir je das große Geſchenk wieder naͤhme, das *) Der Bauer von Nieder⸗Bretagne iſt uͤberzeugt, daß, wenn der Teufel eine menſchliche Geſtalt annimmt, er hauptſaͤchlich rothgekleidet erſcheint.. 386 ich ſo wenig verdient habe, und das er mir in dieſem Augenblicke zeigt, moͤchten Sie dann, Hochverehrte ahnden, daß ich nicht ganz unwuͤrdig geweſen waͤre, es von Fern zu erblicken. Sollte ich auch als Gatte des Fraͤuleins von Beaumanoir ſpaͤterhin dem fuͤrchterlichſten Schmerze zur Beute werden, ſo muß mich doch heute dies hohe Gluͤck mit gerechtem Stol⸗ ze erfuͤllen. Alexis mag morgen mit mei⸗ nem Feierkleidern machen, was ihm beliebt. Dieſe Antwort mißſiel der Braut um ſo weniger, da ſie auf Dermot's Stirn die Spuren ſeiner Anſtrengung gewahrte, um ſeine Mienen und ſeine Sprache dieſer merkwuͤrdigen Feier anzu⸗ paſſen; ſein tiefer Gram war kein gemei⸗ ner Jammer, und ſeine Verzweiflung nicht ohne Wuͤrde: ſchon als Weib konnte ſeine ganze Haltung ihr nicht gleichguͤltig ſeyn. 387 Der junge Doktor und der Vikar des Herrn Leny hatten die Nacht bei der Kranken zugebracht, beide waren der Mei⸗ nung, daß ſie, bei der aͤußerſten Schwaͤ⸗ che, in der ſie ſich befand, das Bette nicht verlaſſen ſolle, und man ſie bloß durch Huͤlfe der Kopfkiſſen aufrecht zu erhalten ſuchen muͤſſe. Auf dieſe Weiſe von ih⸗ ren Frauen unterſtuͤtzt, verlangte ſie einen Spiegel und ordnete ihren einfachen, be⸗ ſcheidenen, und dennoch aͤußerſt geſchmack⸗ vollen Brautſchmuck ſelbſt an. Ein mit koſtbaren Spitzen garnirtes Kopfzeug ver⸗ barg einen Theil der Verheerungen, wel⸗ che das Uebel, dem ſie nun bald unter⸗ liegen ſollte, angerichtet hatte, ein mouſ⸗ ſelinenes, auf dieſelbe Art beſetztes, Nacht⸗ kleid bedeckte den Flanell, unter welchem ihre abgezehrten Glieder bald vor Froſt zitterten, bald vor Gluth brannten, und Kopf⸗ 25* 388 zeug und Nachtkleid zierten einige Band⸗ ſchleifen, die ſie mit eignen Haͤnden dar⸗ auf angebracht hatte. Nachdem Klementine einige ooͤffel Gelee zu ſich genommen, die man fuͤr ſie auf Verordnung des Arztes ohne alle Citronenſaͤure bereitet hatte, fuͤhlte ſie ihre Lebensgeiſter aufs Neue belebt. In⸗ zwiſchen war Herr Leny gekommen, und billigte nicht nur die bereits getroffenen Anordnungen, ſondern willgte auch ein, die Brautmeſſe in dem Zimmer Klemen⸗ tinens zu leſen. Die erforderlichen Ge⸗ genſtaͤdde zu der heiligen Opferung wur⸗ den aus der Schloßkapelle herbeigebracht, und ein feines damaſtenes Tafeltuch wurde auf eine, zum Hausaltar beſtimmte Kom⸗ mode gebreitet. Das Sinnbild der Er⸗ loͤſung ſtand zwiſchen den beiden Bildniſ⸗ ſen der Vicomteſſe und der Madame Al⸗ 389 lote, die man mit einem Perkaltuch ver⸗ haͤngen wollte, als die Kranke mit einer, beinahe zaͤrtlichen Stimme, Herrn Leny fragte, ob die Gemaͤlde nicht unbedeckt bleiben koͤnnten? So, in der Naͤhe, zur Seite des Got⸗ tes des Friedens und der verzeihenden Liebe, ſchienen ſie mir die Gewisheit mei⸗ ner baldigen Vereinigung mit meinem Schoͤpfer, und mit dem was ich nach ihm am meiſten hienieden geliebt habe, zuzu⸗ laͤcheln. 4 Auch hierzu gab der Paſtor von St. Nolf ſeine Einwilligung:„Ich ſehe nicht ein“ ſagte er, warum wir dieſe beiden Bildniſſe verhuͤllen ſollten, die das Ge⸗ praͤge einer himmliſchen Guͤte tragen, ſind es nicht die Zuͤge, welche uns zwei chriſt⸗ lich geſtunte und tugendhafte Frauen ver⸗ gegenwaͤrtigen. Sie beten jetzt in hoͤhern 390 Sphaͤren daſſelbe hochheilige Weſen an, das wir jetzt in dieſen beſcheidenen Mau⸗ ern zu verehren uns anſchicken. Domus mea domus orationis vocabitur: Mein Haus heißet ein Bethauß.*) Der Tem⸗ pel des Herrn iſt uͤberall, wo ein redliches Herz den Gott der Wahrheit anruft.“ In dem Zimmer war wenig oder nichts veraͤndert, aber ſo wie Herr Leny in ſei⸗ ner prieſterlichen Kleidung es betrat, be⸗ kam alles ein hoͤhres feierliches Anſehen; die Gegenwart eines einzigen Menſchen war hinreichend, um die Vereinigung des Himmliſchen mit dem Irdiſchen anzuküuͤn⸗ digen. Bevor der Paſtor zu der heiligen Handlung ſchritt, genehmigte er, daß Herr Arnoult den Ehevertrag zur Unterzeich⸗ nung vorlegte. Alle Anweſende unter⸗ *) Jeſ. LVI V. 7. Matth. XXI V. 13. 391 ſchrieben, niemand las ihn; eine einzige Hand zitterte, als ſie das Papier beruͤhr⸗ te; es war nicht Klementinens Hand, ob ſie gleich zwei Namen zu ſchreiben hatte, nur ihr Koͤrper war hinfaͤllig, ihre Seele ſtand mit Gott und mit ſich ſelbſt in Frieden. Bevor Herr Leny vor den Altar trat, wandte er ſich gegen Herrn Dermot, mit folgenden, in einem feſten, aber beſcheide⸗ nen, Tone ausgeſprochenen Worten; „Mein Herr, es iſt Ihnen gewiß nicht unbekannt, daß das Sakrament zu welchem Ihnen jetzt die Kirche den Zu⸗ tritt verſtattet, von ſeinem goͤttlichen Stif⸗ ter ſelbſt eingeſetzt worden iſt, eben ſo wiſſen Sie zuverlaͤſſig, daß wir in unſerm beklagens⸗ wuͤrdigen ſuͤndigen Zuſtande, uns demſelben nicht eher naͤhern koͤnnen, bis wir uns durch 392 1 ein anderes darauf vorbereitet haben, das unſere Seele von aller Unſauberkeit rei⸗ nigt. 18 1 S5. „Ehrwuͤrdiger Herr, antwortete Herr Dermot mit achtungsvoller Miene und geſenktem Blicke, ich wuͤrde wo moͤglich noch viel beklagenswuͤrdiger ſeyn, wenn ſeit nun beinahe ſieben Jahren, waͤhrend welcher ich aus meinem Vaterlande ent⸗ fernt bin, ich nicht mehr als ein Mal meine Zuflucht zu dieſem Brunquell der Guade genommen haͤtte, den die goͤttliche Barmherzigkeit allen Suͤndern eroͤffnet hat. Ich bemerke Ihnen außerdem noch, ohne mir es uͤbrigens zum Verdienſte anzurech⸗ nen, denn hienieden mache ich auf nichts mehr Anſpruch, als auf die Vergebung meiner Suͤnden, ich bemerke Ihnen, ſage ich, daß ich dieſe letzt vergangenen fuͤnf 393 Wochen in den Karthauſe von Auray*) verlebt habe. „Sehr wohl“ erwiederte der Paſtor von St. Nolf, naͤherte ſich nun dem Al⸗ tar, vor welchem er ſtehen blieb, und die Meſſe zu leſen begaun, welche die Ver⸗ bindung der beiden Verlobten auch durch die Bande der Religion befeſtigen ſollte. Fraͤulein von Beaumanoir heftete einen Blick voller Ruͤhrung auf denjenigen, der nun ihr angehoͤrte, und deſſen abgeſpannte Zuͤge nur zu ſehr die harte Lebensweiſe beurkundeten, welcher er ſich freiwillig un⸗ terworfen hatte. *) Nahe bei Auray in der Nachbarſchaft von Vannes, folglich nicht weit von der Burg Helvin, war, vor der Revoluzion ein Karthaͤuſer⸗ kloſter befindlich, welches jetzt einer Abtheilung des Gotteshauſes von Sankt⸗Acheul, unter der Be⸗ nennung der Vaͤter des Glaubens Platz gemacht hat. 394 Bei der, durch das Nitnal zur eheli⸗ gen Einſegnung bezeichneten Stelle verließ der Paſtor von St. Nolf den Altar, und naͤherte ſich dem Bette des Fraͤuleins von Beaumanoir: und jetzt erſchien zum erſten Make unter den vaͤterlichen Augen, und unter denen ſeiner Mutter, die es nun endlich auch vor Gott anerkennen konnte, das Kind, deſſen Daſeyn, durch dieſen Akt einen geſetzlichen und religioͤſen Cha⸗ rakter erhielt. 84 Der ſeidene Ueberwurf, mit welchem ſich der ehrwuͤrdige Prieſter umgab, wenn er an hohen Feſttagen ſeine Dorfgemeine mit der geweihten Hoſtie einſegnete, wur⸗ de als Trauungsſchleier uͤber Herrn Der⸗ mot, den jungen Eduard und Klementinen ausgebreitet. Der eine ſtand zu den Haͤupten des Bettes, der andere ein we⸗ nig weiter unten, Herr Arnoult und der 395 junge Doktor Bonnet hielten den Ueber⸗ wurf an den beiden Enden uͤber alle drei Haͤupter empor. Der neue Vikar im Chorhemde ſtand mit dem, von ihm geweih⸗ ten Waſſer, noch feuchten Wedel in Bereit⸗ ſchaft, um ihn ſeinem Vorgeſetzten zu uͤber⸗ reichen und Alexis trug, neben ſeinem Herrn auf den Knien liegend, die Kerze, die mit ihrer Flamme ein heiliges und ſpaͤtes Buͤndniß erleuchtete. Alle Anwe⸗ ſende fuͤhlten ſich von dieſer Scene, trotz ihrer Einfachheit tief ergriffen. Das Bet⸗ te, um welches ſie verſammelt waren, er⸗ innerte lebhafter als je daran, das dieſes Hausgeraͤth uͤberhaupt der Schauplatz der wichtigſten Ereigniſſes dieſes, mit vielen Leiden und nur wenigen Freuden durchweb⸗ ten Erdenlebens iſt. Hier berauſcht, im Erguß ihrer gegenſeitigen jugendlichen Lie⸗ be, die zaͤrtliche Gattin ihren Vielgetreuen 396 mit keuſcher Wolluſt; hier bringt ſie ei⸗ nige Monate ſpaͤter unter bangen Schmer⸗ zen das erſte Pfand Ihrer Liebe zur Welt, und hier endlich, gequaͤlt von eigner Angſt, und von den Jammertoͤnen der ihr Todten⸗ bette umringenden Weſen, die ſich auf der⸗ ſelben Stelle einſt ihrem Schooße entwan⸗ den, haucht ſie auch ihren Geiſt aus! Dieſe drei Epochen, welche die wohlthaͤtige Natur gewoͤhnlich durch ruhige Zwiſchen⸗ raͤume von einander trennt, ſchienen hier auf einen einzigen konzentrirt zu ſeyn; Die Anerkennung eines Kindes, ein ge⸗ ſchloſſenes Ehebuͤndniß am Rande einer Gruft, in welche der eine Theil der Neu⸗ verbundenen hinabzuſinken im Begriff iſt/ und der Schleier, der ein ſiebenjaͤhriges Daſeyn aller drei Theilnehmenden umhuͤllte, machten einen ſo heftigen Eindruck auf die Seele, daß es ihr unmoͤglich geweſen waͤre, 397 alle dieſe Gefuͤhle in einem einzigen Ge⸗ danken zuſammen zufaſſen. Herr Leny richtete die gewoͤhnlichen Fragen an das Brautpaar„ auf welche die bejahenden Anworten ohne Zoͤgern er⸗ folgten. Nur als der Paſtor Fraͤulein von Beaumanoir fragte/ ob ſie das neben ihr ſtehende Kind auch fuͤr das ihrige er⸗ kenne, antwortete ſie: Ja, ehrwuͤrdiger Vater,„und mit leiſer Stimme fuͤgte ſte hinzu,“ von jetzt an habe ich gegen meinen Mutterſtand nichts mehr einzuwenden.“ Herr Dermot, der dieſe Worte dem⸗ ohngeachtet verſtanden hatte, neigte ſeinen Mund ehrfurchtsvoll auf Klementinens Hand. Ddie heilige Bindungsformel war aus⸗ geſprochen worden, und dadurch eine uner⸗ klaͤrbare Fatalitaͤt, Niemand an einen Trau⸗ 398 ring gedacht hatte, ſo wurde der Sardo⸗ nip, mit dem auf eine Urne geſtuͤtzten Ge⸗ nius, noch ein Mal zum heiligen Unter⸗ pfande dieſes Buͤndniſſes. Ein trauriger Gegenſtand des Nachdenkens! faſt haͤtte man in die Verſuchung gerathen koͤn⸗ nen, zu glauben, der Himmel ſelbſt ver⸗ ſage einer Verbindung von wenigen Stun⸗ den ein Sinnbild, das ihm eine laͤngere Dauer koͤnne ahnden laſſen. Herr Leny ſchwieg. Die Lage eines jeden der Theilnahmer war durch ſich ſelbſt zu beredt, um noch etwas beifuͤgen zu koͤn⸗ nen.— Herrſchaft, Dienſtboten, Zuſchau⸗ er, alle waren tief ergriffen; jedes ſagte ſich ohnehin ſchon ſelbſt, das, was er wuͤr⸗ de geſagt haben. Noch floſſen keine Thraͤ⸗ nen; aber ſie fuͤllten aller Augen, und es waͤre unuͤberlegt geweſen, ihre Quelle zu bald zu oͤffnen. 399 Nachdem die gottesdienſtlichen Gegen⸗ ſtaͤnde bei Seite gebracht worden waren (ach! nur fuͤr kurze Zeit,) gab Madame Dermot durch ein Zeichen mit der Hand zu verſtehen, daß ſie etwas zu ſagen ha⸗ be, ein tiefes Schweigen trat ſogleich ein. „Es fehlt unſerm Kreiſe ein ſehr theurer Freund, bemerkte ſie,“ ohne Zwei⸗ fel hat ihn ſein letzter Beſuch auf der Burg zu ſehr angegriffen. Ich ha⸗ be mit Vergnuͤgen ſeine Unterſchrift neben der meines Oheims des Kanonikus auf dem Ehekontrakt bemerkt. Ich trage ſeinem wuͤrdigen, hier gegenwaͤrtigen Soh⸗ ne auf, ihm dafuͤr meinen Dank, meine heißen Wuͤnſche, ſelbſt die Verſicherung meiner kindlichen Zaͤrtlichkeit dafuͤr zu uͤberbringen! Nach einer Pauſe, fuhr ſie fort: Einer der koͤſtlichſten Augenblicke mei⸗ nes Lebens, vielleicht ſage ich noch zu we⸗ nig, war derjenige, wo ich bei meinem Er⸗ wachen aus einem zweitaͤgigen Scheintode, alles was ich liebte, an meinem Bette ver⸗ ſammelt fand. Man fruͤhſtuͤckte neben mir... Wir werden freilich weder Karolinen noch Henrietten, noch den guten Doktor bei uns haben; aber ich wuͤnſchte dies kleine Mal in meiner Gegenwart noch ein Mal wiederholt zu ſehen.. Ich wuͤnſchte wenigſtens das Andenken deſſel⸗ ben zu feiern! Herr Leny iſt noch nuͤch⸗ tern.—— Geſchwind!— Die Domeſtiken beſorgten den Tiſch ſchnell, aber beſtuͤrzt. Jeder glaubte ei⸗ nem Leichenmale beizuwohnen. Man ge⸗ noß wenig, man that nur als ob man aͤße, dieſer Zwiſchenackt an einem Trauer⸗ tage, wie der gegenwaͤrtige, gab indeſſen 401 Veranlaſſung zu zwei bemerkenswerthen Eroͤrterungen; zu der einen gab der junge Vikar Gelegenheit, welcher Herrn Dermot zwei Mal Wein anbot, der aber immer ſein Glas zuruͤckzog, ein Umſtand welcher der Aufmerkſamkeit ſeiner Gattin nicht entgehen konnte. „Es iſt wahr“ ſagte ſie„Herr Der⸗ mot trinkt keinen Wein. Ich habe es ſchon bemerkt; aber ich habe vergeſſen ihn zu fragen, aus welchem Grunde er ſich den Genuß veſſelben verſagt.“ Dieſe Bemerkung erheiſchte eine Ant⸗ wort:— „Ehedem trank ich Wein“ erwiederte er, aber ſeit beinahe ſieben Jahren habe ich darauf Verzicht gethan.“ Herr Leny, welchem der alte Doktor den letzten Brief von Madame Alloten mitgetheilt hatte, in welchem von einer 1V. Theil. 26 402 Flaſche Portowein die Rede war, die in jener fuͤrchterlichen Nacht aus Verſehen geleert wurde, rief mit dem Ausdruck des Entſetzens in ſeiner Miene: Sacerdos et Propheta nescierunt prae ebrietate, absor- pti sunt a vino erraverunt in ebrietate.*) Herr Dermot, der dieſe Stelle des Jeſaias nur zu wohl verſtand, druͤckte dem neben ihm ſitzenden Pfarrer von St. Nolf, zum Zeichen ſeiner Beiſtimmung, die Hand. Die zweite Bemerkung veranlaßte Klementine. Alexis ſagte ſeinem Herrn etwas ins Ohr, worauf dieſer eine ſchwere Boͤrſe mit Gold aus der Taſche zog, und ſie ihm zuſtellte; Alexis hatte ihm naͤmlich benachrichtigt, daß die beiden Saͤcke leer waͤren, und nicht zugereicht haͤtten. 2 Denn beide, Prieſter und Propheten ſind toll von ſtarken Getraͤnke, ſind im Weine erſoffen, und taumeln von ſtarken Getraͤnke. Jeſ. XXVIII. v. 7. 403 „Waͤhrend ihres hieſigen Aufenthalts zu Anfang des vorigen Monats ſagte ſie, (denn ich und mein Mann ſind ſchon alte Bekannte, nicht wahr Herr Dermot.) Bei dieſen Worten verwandelten ſich die Zuͤge deſſen, an den ſie gerichtet waren. „Ja“ fuhr ſie fort„waͤhrend wir Tiſchgenoſſen waren, habe ich von Ihnen eine Bemerkung gehoͤrt, die meinen ganzen Beifall hatte; naͤmlich, daß reiche Geſchen⸗ ke an Geld dem Landmanne von Nieder⸗ Bretagne weit weniger nuͤtzlich waͤren, als ein Pflug, ein paar Ochſen, einige Schef⸗ fel Getraide, mit denen man ihm zu rech⸗ ter Zeit aushuͤlfe. Sie fuͤgten noch hin⸗ zu, daß die Wetterbaͤche die Felder ver⸗ heerten und nur der Thau und die milden Regen das Land fruchtbar machten... unterdeſſen hat mich doch Mariane ins Geheim verſichert, daß Ihre Leute im 26*¾ 404 1 Hofe Summen von Gold und Silber ver⸗ theilen, und jetzt uͤberzeugen ſich meine Augen ſelbſt davon.... Wie vereiniget ſich dies mit Ihrer fruͤhern Aeußerung? Herr Dermot antwortete: „Ich bin noch immer derſelben Mei⸗ nung, theure und verehrungswuͤrdige Kle⸗ mentine, erlauben Sie aber, daß mein heutiges geſticktes Kleid auch hierauf ant⸗ worte.“ Klementine laͤchelte— Ach! es ſprach ſich in dieſem himmliſchen Laͤcheln, die ganze Anmuth einer zart empfindenden Seele und der ganze Schmerz einer ewi⸗ gen Trennung aus. 3 Einige Augenblicke ſpaͤter ließ Herr Dermot den kleinen Eduard rufen„ und ſtellte ihn den in dem Zimmer Anweſen⸗ den unter dem Namen des Vicomte von Beaumanoir vor, welchen Rang er, Kraft — eines mit dem großen Reichsſiegel verſe⸗ henen Kabinetsbeſchluſſes, dem erſten die⸗ ſer Ehe entſproſſenen, maͤnnlichen Erben, beizulegen berechtigt war. Eduard legte das Patent daruͤber auf das Bette ſeiner Mutter, es war das Reſultat einer ziem⸗ lich koſtſpieligen Verhandlung, deren Be⸗ treibung ſich ein, in der Hauptſtadt befind⸗ liches, ehrwuͤrdiges Mitglied der barmher⸗ zigen Bruͤderſchaft, auf Anſuchen des Herrn Dermot, der demſelben in der Bar⸗ barei bedeutende Dienſte geleiſtet hatte, aus Dankbarkeit mit ſo guͤnſtigem Erfolge unterzogen hatte. Waͤhrend das Kind mit der Kapſel, in der das große gruͤne Siegel befindlich war, ſpielte, und ſich ver⸗ gebens bemuͤhte ſie zu oͤffnen, ſagte Kle⸗ mentine leiſe zu den neben ihr ſtehenden Freunden Herrn Arnoult und Herrn Leny: 406⁶ „Dieſer Mann hat mir viel Leid zu⸗ gefuͤgt, aber ich muß geſtehen, daß er meine letzten Stunden, durch alles was ſie verſuͤßen kann, zu erheitern ſucht. Bis jetzt hatte Madame Dermot an der Unterhaltung ohne ſcheinbare heftige Leiden und mit einer großen Seelenruhe Theil genommen. Aber nun ſtellte ſich der Huſten ein, ihm folgten Kraͤmpfe, und dieſen, ſchmerzhaftes Erbrechen. Alle An⸗ weſende konnten es ſich leider nicht ver⸗ heelen, daß das erhabene Opfer ſi ſich ſei⸗ nem Ziele nahe. Nachdem ſich Klementine von dieſem Anfalle ein wenig erholt hatte, ſagte ſie mit ſchwacher Stimme: „Es iſt ſchon lauge her, daß Fanny nicht geſchrieben hat... Ich bin uͤber⸗ zeugt, ſie wird untroͤſtlich ſeyn, daß ſie mir nicht hat Wort halten koͤnnen, denn — 407 ſchwerlich werden wir nun zuſammen in St. Nolf die Meſſe hoͤren. Sie betrachtete nun zwei Minuten lang die uͤber der Komode haͤngenden Ge⸗ maͤlde, dann neigte ſie ſich gegen Herru Leny, deſſen Armſtuhl ihr Kopfkiſſen be⸗ ruͤhrte, und ſprach einige Augenblicke mit ihm. Der wuͤrdige Paſtor gab mit dem Kopfe ein beifaͤlliges Zeichen, denn er war zu geruͤhrt, um ſich durch Worte ausdruͤk⸗ ken zu koͤnnen. Ihre Aeußerungen waren ein Ausfluß ihres kindlichen und freund⸗ ſchaftlichen Herzens: „Als ich zu St. Nolf war,“ hatte ſie dem Paſtor zugefluͤſtert,„habe ich be⸗ merkt, daß zwiſchen beiden noch ein Plaͤtz⸗ chen iſt... Ich komme zuletzt, ich wuͤrde alſo mich bloß meines Rechts be⸗ dienen, und ſie nicht boͤslicher Weiſe von einander trennen, wie ſie mir zuweilen, 408 unter zaͤrtlichen Liebkoſungen, im Scherze vorwarfen.“ Klementine ſpielte auf die unter den drei Gefaͤhrtinen eingefuͤhrte Gewohnheit an, auf ihren Spatziergaͤngen, bei Tiſche, in der Kirche, unter den Schatten eines Baumes ſitzend, in Geſellſchaften u. ſ. w. Madame Alloten immer in der Mitte zu haben. Ihre Naͤhe war ein Gewinn, in den ſich Frau und Fraͤulein von Beauma⸗ noir mit einander theilen, den aber keine der andern rauben wollte. Sie zog den Sardonix vom Finger, den ſie ſeit zwei Stunden trug, rief ihren Gatten, uͤberreichte ihm den Ring und begleitete dieſes Geſchenk mit folgenden einfachen Worten, aber von einem tiefern Sinne, als ihre oberflaͤchliche Deuuumg zu enthalten ſchien. Nehmen Sie ihn... Dies Mal bin ich es, die Ihnen denſelben darbietet... Er iſt gereinigt.“ Madame Dermot's Kraͤfte nahmen ſichtlich ab. Das Athmen wurde ihr immer beſchwerlicher. Es gab Augenbli⸗ cke, wo ihr die Luft unter den aͤngſtlichſten Symptomen gaͤnzlich fehlte, bis eine wie⸗ derholte Anſtrengung der Natur die Or⸗ gane der Lunge aufs Neue belebte, aber dies geſchah immer nur auf Koſten des geringen Lebensreſtes. Denn eine ſolche Anſtrengung war ſtets mit Kraͤmpfen be⸗ gleitet. Wenn Klementine aus einem ſolchen Zuſtande wieder zu ſich ſelbſt kam, ſo hatte ſie immer einige zaͤrtliche Worte fuͤr ihre anweſenden oder entfernten Freun⸗ de, oder auch fuͤr ihre Dienſtboten in Be⸗ reitſchaft, gleichſam um den ſchmerzlichen Eindruck eines ſolchen Anfalls zu ver⸗ 410 wiſchen. So ſagte ſie zu dem jungen Doktor: „Ueberbringen Sie dieſen Haͤndedruck Ihrem Vater, er iſt ſo kraͤftig, als ich ihn noch zu geben vermag.. Dies iſt einer derjenigen Menſchen, die ich am meiſten geliebt habe, ob er mich gleich immer aus⸗ geſchmaͤlt hat, ich wußte wohl wie er es mein⸗ te... Zwar liebte er Alloten noch etwas mehr als mich, aber ſir verdiente es auch.. Das liebenswuͤrdige Weſen!.... Die auf der Burg anweſenden Per⸗ ſonen uͤberzeugten ſich ſaͤmmtlich, daß nur die Wohlthat, welche der Himmel ihr er⸗ zeigte, ihre Empfindungen ausſprechen zu koͤnnen, ihren Lebensfunken noch auf eine kurze Zeit erhielt. Die Gefuͤhle ihres liebenden Herzens ſchienen mild von einem Gegenſtand auf den andern uͤberzugehen. Ihr Leben, nur noch durch die Erinne⸗ — 411 rung an Zuͤge von Edelmuth und Freund⸗ ſchaft angefacht, glich einem leichten Flaͤmmchen, das den ausgebrannten Koͤr⸗ per, der ihm zur Nahrung diente, bald, ver⸗ laͤßt, bald wieder an ihn zu haften ſcheint, bis es zum letzten Male emporflackernd, ihn aus Mangel an Brennſtoff, fuͤr immer verlaͤßt. Vor ihrem Bette knieend druͤckte Herr Dermot eine Hand ſeiner Gatttin in den ſeinigen. Der Schmerz dieſes Un⸗ gluͤcklichen war nicht geraͤuſchvoll, nur gro⸗ ße Thraͤnentropfen ſielen, ohne daß er es ſelbſt bemerkte, auf Klementinens Nacht⸗ kleid. „Sie ſind ein Mann“ ſagte ſie zu ihm,„Sie glauben an ein ſeliges Wieder⸗ finden jenſeits der Graͤber, und weinen ſo heftig?“ „Ach! antwortete er,„wenn es mir nicht erlaubt iſt, das himmliſche Weſen zu 412 beweinen, das der einzige Gegenſtand mei⸗ ner armſeligen Liebe geweſen, und der er⸗ habenen Zuneigung der Engel wuͤrdig iſt, ſo laſſen Sie mich wenigſtens uͤber mich ſelbſt weinen, denn ich bin es, der Sie toͤdtet!“ 48 Tief geruͤhrt, lispelte Klementine die folgenden Worte, die aber nur noch füͤr ein ſehr aufmerkſames Ohr vernehmlich waren: „Umarme mich, mein Freund.— Man ſoll nicht ſagen, daß Du Deine Gattin nur im Sarge gekuͤßt habeſt!“ Herr Dermot verlaͤßt ſogleich ſeine kniende Stellung, er neigt ſeinen Mund auf ihre Lippen und— ſchreit laut auf! „Gerecht ſind Deine Wege, heilger Gott! Selbſt ihre verzeihende Liebe hat Deinen Zorn nicht entwaffnen koͤnnen. — 413 Nur ihrer Leiche darf ich den Gattenkuß aufdruͤcken! Und ſein Mund beruͤhrt die kalte Stirn der Vollendeten. „Dies ſei der letzte Kuß den je ein menſchliches Weſen von mir erhalten hat,“ ruft er aus, und taummelt in ſeinen Arm⸗ ſtuhl zuruͤck! Und er hielt Wort, nie hat man ihn ſeinen Sohn, ſo heiß er ihn liebte, jemals umarmen ſehen. nur ſelten hat er ſich von dem Kinde liebkoſen laſſen. In dieſer furchtbaren Kriſis befreite ihn ein heftiger, von einer tiefen Ohnmacht begleiteter Nervenzufall, fuͤr eine kurze Zeit, von dem Gefuͤhle ſeines unendlichen Jammers. 41⁴4 Vier und dreiſſigſtes Kapitel. Letzte Todtenfeier.— Rede eines alten Geiſtlichen. Es war gerade acht Uhr als das liebens⸗ wuͤrdige Weib, dem Herrn Dermot ſeinen Namen gegeben hatte, den letzten Athem⸗ zug that, und man den Ungluͤcklichen voͤl⸗ lig beſinnungslos auf ſein Zimmer brachte. Sein treuer Alexis zog ihn aus, brachte ihn ins Bette, und pflegte ihn mit der zaͤrtlichſten Sorgfalt. Als er nach gerau⸗ mer Zeit die Augen öͤffnete, bemerkte er an ſeinem Bette den kleinen Eduard, den man vom Schlafe abzuhalten geſucht hatte, den er jedoch ſanft zuruͤck wieß. Jetzt * 415 trat Herr Leny ins Zimmer und uͤbergab ihm ein offenes Billet folgenden Inhalts: „Mein Freund, ich benutze Ihre Ab⸗ weſenheit, um Ihnen nach Beendigung der heiligen Handlung, ein paar Worte zu ſchreiben. Waͤhrend acht Tagen und zwei langer Monate haben Sie mir gewiſſen⸗ haft gehorcht; was werden Sie wohl zu meiner Anmaßung ſagen, kaum bin ich Ihre Frau, und ſchon will ich wieder be⸗ fehlen, aber nur drei Tage lang, die ich mir von ihrer Freundſchaft erbitte, ſie ſol⸗ len mir fuͤr die Flitterwochen gelten. Doch der gute Rektor wird Ihnen das Weitere in meinem Namen ſagen. Er wird damit anfangen, Sie zu erinnern, daß ich Ihnen verziehen habe, und daß ich von Ihnen verlange, daß Sie ſich auch verzeihen... Dann... Doch ich vergeſſe daß er an 416 meiner Stelle ſprechen ſoll. Leben Sie wohl. den 22 Februar Abends. Klementine D. geboh. v. Beaumanoir. Ehrwuͤrdiger Mann, wie lauten Ihre Auftraͤge, ich unterwerfe mich ihnen im Voraus“ ſagte Herr Dermot, nachdem er das Billet geleſen hatte. „Mein Vikar und ich, antwortete Herr Leny, werden mit der Dienerſchaft die Nacht bei der Leiche in ihrem Zimmer zubringen; morgen ſoll ſie in den untern Saal gebracht werden, wo die guten Land⸗ leute, die ihr ſo viel zu danken haben, die Todtenwache unter Uebungen der Andacht bei ihr uͤbernehmen werden, waͤhrend ich einige Stunden ruhe: da Ihre Gemahlin ſich denken konnte, welch' einen Eindruck eine ſolche Scene auf Sie machen wuͤrde, ſo wuͤnſchte ſie, daß Sie keines dieſer 417 beiden Gemaͤcher, waͤhrend dieſer Zeit, be⸗ ſuchen, und uͤberhaupt dem Leichenbegaͤng⸗ niß weder in der Naͤhe noch aus der Ent⸗ fernung beiwohnen moͤchten. — Als ein, wenn auch gerechter Vor⸗ wurf, waͤre dieſe Verfuͤgung von ihrer Seite zu herbe, als guͤtige Sorgfalt fuͤr mich, iſt es mehr als ich verdiene: auf jeden Fall werde ich mich ihrer Verord⸗ nung fuͤgen. — Sie wuͤnſcht ferner, daß Sie in drei Tagen abreiſen, und ihren Sohn mit⸗ nehmen, und macht es Ihnen zur Pflicht, ſich jaͤhrlich nur vierzehn Tage von ihm zu trennen. — Ach ich erkenne e ihre große und edel⸗ muͤthige Seele. Alles iſt Wohlwollen bei ihr, wenigſtens hat ſie nie eine andere Empfindung geleitet. Aber kann dieſes IV. Theil, 27 418 engliſche, dieſes uͤberirdiſche, Weſen ſich denken, mir einen Dienſt zu leiſten, indem es mich noch einige Zeit in einer Welt zuruͤck haͤlt, die keine Anſpruͤche mehr auf mich zu machen hat? Gott iſt mein Zeu⸗ ge: ich kehrte nur nach Frankreich zuruͤck, um hier ein Grab zu ſuchen, fuͤr wen auf Erden koͤnnte auch wohl mein Leben eini⸗ gen Werth haben? Es hat keinen mehr fuͤr mich ſelbſt. Kann denn dieſes Kind nicht, auch ohne meinen Einfluß, eine zweckmaͤßige und chriſtliche Erziehung er⸗ halten, otwa in einer gewiſſenhaft gewaͤhl⸗ ten Erziehungsanſtalt wie z. B. die von Soreze?*)— Doch ſie wuͤnſcht es ſo, ich werde gehorchen!“ * Die vornehmen Familien in Bretagne, ver⸗ trauten damals ihre Kinder vorzuͤglich dieſer An⸗ ſtalt an, wozu der verehrungswerthe Herr Frelus den Grund gelegt hatte. 419 Nachdem Herr Leny erklaͤrt hatte, daß ſein Auftrag ſich nur auf dieſe beiden Ge⸗ genſtaͤnde beziehe, hielt er ſich, vermoͤge ſeines Amtes, fuͤr verpflichtet, einige Bal⸗ ſamtropfen des himmliſchen Troſtes in das zerriſſene Herz dieſes Ungluͤcklichen zu gie⸗ ßen.— Vergebliche Muͤhe! Herr Der⸗ mot rief aus: „Habe ich nicht erſt vor einer Stunde dem Ende der Gebieterin dieſes Schloſſes beigewohnt. Drei, der Verehrung der ganzen Erde wuͤrdige Frauen wohnten friedlich unter dieſem Dache; rings um ſich her verbreiteten Sie Gluͤck; auch Sie wurden durch ihre wohlthaͤtige Wirkſam⸗ keit erfreut! Warum wollten Sie es laͤug⸗ nen ehrwuͤrdiger Hirte dieſer Gemeinde? Ich habe es aus dem Munde derjenigen erfahren, die mir zu meinem Ungluͤcke und zu dem ihrigen dieſe Pforte eroͤffnet hat? 27* 420 Sie trugen gemeinſchaftlich mit Ihnen da⸗ zu bei, daß der Name des Allerhoͤchſten auch in dieſem unbekannten Winkel der Erde dankbar erhoben werde: ich erſchien, und alles verheerte mein Athem, glich einer wilden Feuersgluth! Niemand lebt mehr innerhalb dieſer Mauern, welcher die Klage des Ungluͤcklichen anhoͤren, oder ſeiner Stimme und der Ihrigen antwor⸗ ten koͤnne! Gleich einem Belialskinde habe ich die Engel aus ihrem Wohnſitze ver⸗ trieben, wo Ihre Bitten ſie zuruͤckgehalten hatten. Edler Mann! Sie ſtehen nun ganz allein in dieſem Jaaine thale) und das iſt mein Werk!“ Allerdings, autwortete der brave Geiſt⸗ liche, ohne zu bemerken, daß er ſich dem⸗ ſelben Gefuͤhl uͤberließ, deſſen Einfluß er zu bekaͤmpfen ſuchte, allerdings hat dieſe Gegend ſeit einigen Jahren, ſehr viel ver⸗ 421 lohren. Ich bin weit entfernt Ihren Schmerz vermehren zu wollen, er iſt oh⸗ nehin furchtbar genug, und ich bitte Gott, daß er ihn, nach ſeiner Barmherzigkeit, lindern wolle, aber ich kann Ihnen nicht bergen, daß in dieſen Mauern, ſeit dem Ungluͤck des Fraͤuleins von Beaumanoir, unendlich viele Thraͤnen vergoſſen worden ſind: Deffiebant prae lacrymis oculi mei, conturbata erant viscera mea, effun- debatur in terram jecur meum propter conqunssationem filiae populi mei. ³) — Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, ehrwuͤrdiger Greis! alles dies iſt mein Werk, wohl kann ich durch Ihre Hand einige armſelige Entſchaͤdigungen den be⸗ 8 *) Meine Augen fließen mit Thraͤnen Tag und Nacht, und hoͤren nicht auf, denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks, iſt graͤulich zerplagt und jaͤmmerlich geſchlagen. Jerm. XIV. v. 17. 422 klagenswerthen Bewohnern dieſer Huͤtten zu Theil werden laſſen, wenn ſie mich wuͤr⸗ digen ſie anzunehmen; aber kann ich ihnen die Erquickung erſetzen, die ſie, bei der ruͤhrenden Erzaͤhlung ihrer Leiden, aus den himmliſchen Zuͤgen des Mitleids die⸗ ſer engelgleichen Weſen ſchoͤpften, den ſanften Ton der Stimme, der noch weit troͤſtlicher war, als ihre milden Gaben. Auch Ihren trefflichen Doktor Bonnet habe ich auf das Siechbette hingeſtreckt. Meine Schlaͤge haben ihn in dem Weſen getroffen, das er mit einer keuſchen und reinen Zuneigung verehrte! Dieſes Schloß, dieſer Steinhaufen, nach welchem der Land⸗ mann ſein Auge hoffnungsvoll zu erheben ſich endlich gewoͤhnt hatte, wird wieder in den Zuſtand zuruͤckſinken, aus welchem es die Ankunft der Frau von Beaumanoir und ihrer Freundin in Bretagne empor⸗ 423 gehoben hatte: bald wird es wieder das Schrecken der Gegend werden. Der Vor⸗ uͤbergehende wird einen Augenblick vor ihm verweilen, und daun ſchaudernd weiter gehn; und der Phantaſie des Fremdlings, der von fern dieſe nackten Mauren ſieht, welche ſeine Blicke von ſich zuruͤckzuſtoßen und die Bewohnor derſelben, Geaͤchteten gleich, von der ganzen Natur zu trennen ſcheinen, wird ſich der Gedanke eines hier begangenen großen Verbrechens aufdring⸗ en, und ach! ſie wird ihn nicht geraͤuſcht haben! „Nein, ſie wird ihn nicht getaͤuſcht ha⸗ ben“ wiederholte der Ungluͤckliche, und kruͤmmte ſich troſtlos auf ſeinem Lager. Herr Leny, geruͤhrt uͤber dieſen herzzer⸗ reißenden Anblick, glaubte ſich verpflichtet, zu den Mitteln, die ihm ſein heiliger Beruf an die Hand gab, ſeine Zuflucht zu nehmen, um dieſen Ausbruͤchen der Verzweiflung Einhalt zu thun. Er wandte ſich an ihn, im Namen der erbarmenden Gottheit, er machte ihn mit den kraͤftigen Worten des Apoſtels darauf aufmerkſam, daß, wenn in dem alten Bunde„der Ochſen und der Boͤcke Blut, und die Aſche vonder Kuh geſprenget, die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit heiligte, wie viel mehr das Blut Chriſti in dem geweihten Brode unſer Gewiſſen reinigen werde, von den todten Werken.*) Quanto magis sanguis Chri- sti emundavit conscientiam nostram ab operibus mortis!“ Aber kaum hatte der Greis das Zim⸗ mer verlaſſen, ſo konnte er, als er uͤber — *) Hebraͤer IX V. 10. 42⁵ den Hof ging, um zu Klementinens Huͤlle zuruͤckzukehren, ſich nicht enthalten, mit dem Propheten Jeſaias laut auszurufen: „Das Land wirdleer und beraubt, es ſtehet jaͤmmerlich und verderbt Deserta est omnis laetitia, et translatum est gaudium terrae;*) Das Gehoͤlz um Helvin wird bald zur Wuͤſte werden. Et factus est Saron sicut desertum. e Das Leichenbegaͤngniß Klementinens wurde weit prunkloſer begangen, als das ihrer Mutter. Der Verluſt ihres alten Familiennahmens, ihre Verheirathung, wel⸗ che ihr ihn zum zweiten Male raubte, hiel⸗ ten den benachbarten Adel ab, dabei zu erſcheinen. Die vier Enden des Leichen⸗ tuchs wurden von keinen vornehmen Haͤn⸗ den getragen. Der Pfarrer, der ſich im *) Jeſ. XXIV. Ebendaſ. XXIII. 426 Stillen daruͤber kraͤnkte, murmelte fuͤr ſich die Worte des Predigers, in Beziehung auf die Eitelkeit aller menſchlichen Ent⸗ wuͤrfe und Hoffnungen:„Ich ſahe an alle“ ſagte er mit den Weiſen,„die Unrecht leiden unter der Sonne, und ſiehe, da waren Thraͤnen de⸗ rer die Unrecht litten, und hat⸗ ten keinen Troͤſter.— Da lobte ich die Todten, die ſchon geſtor⸗ ben waren, mehr denn die Leben⸗ digen, die noch das Leben hatten) Eben wie der Zug in die Kirche von St. Nolf eintrat, hielt ein Reiſewagen an der Thuͤr des Kirchhofs, ein Mann in ſeinen beſten Jahren und ein Frauenzim⸗ mer in tiefer Trauer ſtiegen aus demſel⸗ ſelben, Letztere fuͤhrte ein ebenfalls ſchwarz *) Pred. Sal.“Kap. IV V. 1 u. 2. 427 gekleidetes Kind an der Hand. Mit ſchnel⸗ len Schritten eilte die junge Frau, in Begleitung des Kindes, nach der Vorhalle der kleinen Kirche, aber, da der Sarg ſchon durch das Schiff getragen, und vor dem Chorgelaͤnder niedergeſetzt worden war, und die Fremde die Unmoͤglichkeit ſah, ſich durch die, zwiſchen ihr und dem Sarge befindliche, Volksmenge durchzudraͤn⸗ gen, entſchloß ſie ſich, in der, fuͤr die Wei⸗ ber, waͤhrend des heiligen Meßopfers be⸗ ſtimmten Abtheilung der Kirche, zu ver⸗ weilen. 19 Nach der Abluzion“) legte Herr Leny das Meßgewand ab, und beſtieg, wie man auch nicht anders erwartet hatte, bloß mit dem Chorhemde und der Trauerſtola be⸗ kleidet, die Kanzel. Sein Herz war noch *) Das Waſchen der Haͤnde des Prieſters nach vollendetem Meßopfer. Anm. des Ueb. 428 mehr von Schmerz zuſammengepreßt, als an den Trauertagen, wo er den entſeelten Huͤllen der Vicomteſſe und der Madame Allote die letzte Pflicht erzeigt hatte. Man bemerkte dies allgemein, aber als er nach einem kurzem Gebete ſich wieder von ſei⸗ nen Knien erhob, ſchien es, als ob neue Ideen ſeinen Geiſt erhellten, und mit ei⸗ ner feſten Stimme wiederholte er die troſt⸗ vollen Worte Jeſaias:„Aber deine Todten werden leben, und mir dem Leichname auferſtehen. Wa⸗ chet auf und ruͤhmet die ihr lie⸗ get unter der Erde, denn dein Thau iſt ein Thau des gruͤnen Feldes) Dieſer Text wurde in dem Munde des Paſtors von St. Nolf ein Hymnus auf *) Jeſaias Kap. XXVI V. 19. 429 die Unſterblichkeit, ohne der beſchraͤnkten Denkkraft der Landleute unverſtaͤndlich zu werden, ſchien er die Tugenden der drei Wohlthaͤterinnen von Helvin nur deshalb heraus zu heben, um dadurch Veranlaſſung zu finden, die troͤſtliche Wahrheit von ei⸗ nem zukuͤnftigen Leben, wo die, uns oft ſo dunkelſcheinenden Wege der Vorſehung, in bellem Lichte ſi ſich unſern verklaͤrten Au⸗ gen darſtellen werden, in aller Herzen recht feſt zu begruͤnden. „Ihr ſehet hier vor euch,“ ſagte er, „und nur noch auf wenige Minuten, die ſterblichen Reſte der letzten dieſer Frauen, die an allen euern Leiden ſo treuen An⸗ theil gewonnen haben, die euch in euern Huͤtten beſuchten, nach euern Kuͤmmerniſ⸗ ſen ſich erkundigten, und durch welche die Vorſehung unſeres Gottes, mitten unter euerm Jammer und euern Beduͤrfniſſen 430 ſich ſo oft und ſo herrlich an euch bewaͤhr⸗ te. Glaubt ihr wohl, meine Freunde, daß dieſe wohlthaͤtigen Frauen, weil ſie ſich dem Anſcheine nach in einer aͤußerlich gluͤcklichern Lage als ihr befanden, den Lohn ihrer Tugenden hienieden ſchon er⸗ halten haben? Ich kann es euch ſagen, wenn es euch nicht ſchon bereits zu Ohren gekommen iſt, ich kann es euch verſichern, der ich ihre, von Thraͤnen rothen Augen ſo oft geſehen habe, deren Seufzer mein Herz ſo oft mit Kuͤmmerniſſen erfuͤllt, und deren große Truͤbſale ſeit ſieben Jahren mir ununterbrochen vor Augen geſchwebt haben, Gott hat ſie hienieden hart gepruͤft, und, ſo wahr als Gott gerecht iſt, ſo wahr kann ihnen ihr Lohn jenſeits nicht entgehen. Aber, wenn er euch betruͤbt, indem er eure theuern Wohlthaͤterinnen zu ſeinen 434 Freuden eingehen ließ, ſo ruft deshalb nicht aus:„Was ſoll aus uns wer⸗ den,“ dieſes Mißtrauen in die goͤttliche Vorſehung waͤre ſehr ſtrafbar, derjenige, welcher das Lamm zur Decke fuͤr die Kaͤlte des Winters mit Wolle bekleidet, wird uns, wenn es ſein heiliger Wille iſt, an⸗ dere Wohlthaͤter erwecken, und findet er es nicht fuͤr gut, meine Bruͤder... ſo wird uns, wenn wir nur in chriſtlicher Ge⸗ duld ausharren, fruͤh oder ſpaͤt ein ſeliger Tod von allen Uebeln erloͤſen, und uns zur Seligkeit des Himmels einfuͤhren. Wie ſtolz iſt doch der Sterbliche! damit Gottes Wege vor ſeiuen kurzſichtigen Augen un⸗ tadelhaft erfunden werden, ſollen vielleicht reiche Staͤdte und Familien ewig bluͤhen? Iſt es denn ſo nothwendig, daß das arme kleine Dorf St. Nolf, deſſen Boden der Pflug kaum erſt den Haiden und Steppen von Bretagne abgewonnen hat, ſich eines ſteten Daſeyns erfreue? Nein meine Freunde! Koͤnigreiche und große Haupt⸗ ſtaͤdte ſind ohne Spur von dem Erdhoden verſchwunden; aber, bei der hier vor ench liegenden Huͤlle dieſer wahrhaft chriſtlichen Frau, der letzten ihres Namens und ihres Geſchlechts, ermahne ich euch, ſeyd gerecht, ſeyd menſchlich, und dieſer kleine Winkel der Erde, in deſſen Mitte ſich das beſchei⸗ dene Gotteshaus erhebt, im welchem ich zu euch ſpreche, dieſer kleine Acker Gottes, beſtimmt, auch unſer Gebein dereinſt auf⸗ zunehmen, er wird vor dem Antliz des Ewigen ſo viel gelten als die Truͤmmern von Theben, Tyrus und Babylon; denn ſollte ſich am großen Vergeltungstage die Gruft eines einzigen Gerechten nicht wieder eroͤffnen, ſo wuͤrde es dann einen Punkt auf Erden geben, auf welchen der Ewige 433 nicht herabblicken koͤnnte, ohne ſich ſeiner Ohnmacht zu ſchaͤmen, oder ſich ſeine Ver⸗ geſſenheit zum Vorwurf zu machen! Laß, o du allerheiligſtes Weſen, eine ſolche Laͤſterung fern von mir ſeyn!“— Der Paſtor verließ, mit den Spuren tiefer Traurigkeit in ſeinen Zuͤgen, die Kanzel, auf welcher er noch nie in dieſem Geiſte geſprochen hatte. Herr Arnoult und der junge Doktor gaben einander ge⸗ genſeitig ihre Verwunderung daruͤber zu erkennen, und glaubten den Ausdruck eines gewiſſen bittern, und zugleich religioͤſen Schmerzes darinnen zu finden. Es war nicht die Stimme der Verzweiflung, im Gegentheil, die Hoffnung eines beſſern Le⸗ bens jenſeits konnte nicht lebendiger aus⸗ geſprochen werden; es war das wehmuͤ⸗ thige Verzichtleiſten auf das Leben hienie⸗ den, der letzte Seufzer eines Greiſes der IV Cheil. 28 434 alles, was den einſamen Abend deſſelben noch ſchwach erhellt hatte, ſich entriſſen ſah. Kaum hatte ſich der Zug durch die Kirchthuͤre nach dem Gottesacker in Bewe⸗ gung geſetzt, als die eben erwaͤhnte junge, ſchwarz gekleidete Frau, ſich dem Sarge naͤherte, und ihm nach der Gruft folgte, obgleich keine andere Perſon Ihres Ge⸗ ſchlechts ſie begleitete. Es war die Gat⸗ tin des Kapitains Ferec, der ſelbſt, mit ſeinem kleinen, ſiebenjaͤhrigen Maͤdchen an der Hand, naͤher herbei trat. Als die Huͤlle Klementinens fuͤr einige Augenblicke, auf den, aus dem Grabe her⸗ ausgeworfenen, Sandhuͤgel niedergeſetzt worden war, warf ſich Fanny auf den ſchwarz bedeckten Sarg, umſchlang ihn mit beiden Armen, und rief laut aus: „Zaͤrtlich geliebte Freundin, auf dieſe Art alſo iſt mir nur vergoͤnnt, mein, Dir / * 435 gegebenes Wort zu loͤſen. Aber du weißt, daß, ſo bald ich meinem Vater die Augen zugedruͤckt hatte, ich mich zu dir auf den Weg machte. Bloß um dich zu ſehen, ganz ausſchließlich Deinetwegen unternahm ich dieſe Reiſe mitten im Winter! Theu⸗ re, liebenswuͤrdige Frau, ich hoffte Dich zu bereden, uns unter einen mildern Him⸗ melsſtrich zu folgen. Unſer Haus und unſere Herzen ſtanden Dir offen. Aber im Buche des Schickſals ſtand es geſchrie⸗ ben, daß keine Macht, weder im Leben, noch im Tode, die drei Freundinnen von einander trennen ſollte. Ruhe denn ſanft himmliſches Weſen, trauriges Opfer des furchtbarſten Geſchicks, ruhe an der Seite deiner Lieben, an der Seite derer, die unſer aller Huldigung ſo wuͤrdig waren. Ach, was fuͤr Reitze deckt dieſer kalte Bo⸗ den!— Theure Klementine, Fanny hatte 28* 436 Dich nicht vergeſſen: wir ſind zuſammen in der Meſſe von St. Nolf geweſen! aber ach, welch ein ſchwacher Troſt fuͤr mich, denn nicht ſo, nein, nicht auf dieſe Weiſe glaubte ich ſie mit dir zu beſuchen!“ 2 deme Ferer ſahe ſich genoͤthigt ih⸗ ren ſch nerzlichen Herzensergießungen Ein⸗ halt zu thun, um den Todtengraͤber Platz zu machen. Waͤhrend er mit zwei Land⸗ leuten beſchaͤftigt war, die Seile, mittelſt deren der Leichnam der Tochter zwiſchen Mutter und Freundin hinabgelaſſen werden ſollte, unter den Sarg hinzuziehen, waren die Augen aller Anweſenden nach dem un⸗ terſten Theil des Grabes gerichtet. Da der Raum zwiſchen den beiden fruͤher Be⸗ erdigten nur ſchmal war, ſo hatten die Seitenwaͤnde beider aͤltern Saͤrge der Hacke des Todtengraͤbers nachgegeben, und ſo geſchahe es, daß auf der einen Seite 437 der Schenkel und das Schienbein der Vicomteſſe, jedoch nur noch als Knochen, und auf der andern, einige Stuͤcken von dem Kleide, in welchem Henriette hatte beerdigt ſeyn wollen, zum Vorſchein kamen. Auf Befehl des Rektors, ſtieg der Kuͤſter hinab, um dieſe ehrwuͤrdigen Ueberreſte wieder in ihre Lage zu bringen, und meh⸗ rere Umſtehende warfen ihm ihre Tuͤcher zu, mittelſt deren er ſich dieſer letzten Pflicht entledigte. Madame Ferec reichte ihm mit eigner Hand ihren ſchwarzen Schleier hinab, um das braune Haar der Ausgeberin von Helvin, das durch einen zweiten Durchbruch des Sarges ſichtbar geworden war, zu bedecken. Der junge Doktor Bonnet, der Zeuge dieſes ganz natuͤrlichen Ereigniſſes gewe⸗ ſen war, rief von tiefer Schwermuth durch⸗ drungen uͤberlaut: 438 „Wenn mein Vater hier waͤre, ſo wur⸗ de er ſich nicht enthalten koͤnnen, mit thraͤ⸗ nenden Augen auszurufen:“„In dieſem Zuſtande befindet ſich alſo jetzt der Roſen ſtock von Helvin!“ Herr Leny, der dieſe Neußerana hoͤrte, antwortete ſchnell: 38h „Ja mein Sohn, dies iſt der Roſen⸗ ſtock von Helvin, den die Stuͤrme dieſes Lebens entwurzelt haben, aber er bluͤht nun unter einem ſchoͤnern Himmel fuͤr Ewig⸗ keiten. Heil dem, der einſt dort ſeine Wohlgeruͤche athmen kann!“ Laudate, qui habitatis in pulvere quia ros lucis, ros tuus*)(Wachet auf und ruͤhmet, die ihr lieget unter der Erde, denn dein Thau iſt ein Thau des gruͤnen Feldes!) Nun beſprengte er den Grabhuͤgel, und alle *) Jeſ. XXVI. v. 29. 439 Umſtehenden mit Weihwaſſer, und ſprach den Segen uͤber ihn und ſie. Trotz der wiederholten Bitten des Herrn Arnoult und des jungen Doktors, und obgleich der Kapitain, fuͤr den die Ereigniſſe auf der Burg Helvin noch im⸗ mer in einem geheimnißvollen Schleier ge⸗ huͤllt waren, im Grunde gewuͤnſcht haͤtte, ſeinen alten Schulfreund ſprechen zu koͤn⸗ nen, deſſen Verheirathung und Aufenthalt im Schloſſe er erſt jetzt erfuhr, fand Ma⸗ dame Ferec nicht fuͤr gut, den Vorſtel⸗ lungen ihrer Freunde, und den Wuͤnſchen ihres Gatten fuͤr dies Mal nachzugeben. Sie eilte, mit ihrem Kinde an der Hand, ſchnell ihrem Wagen zu, jedoch nicht ohne mehrere Male auf die drei, jetzt in eine gemeinſchaftliche Gruft verwandelten Grab⸗ huͤgel zuruͤckzublicken, und gab dem Poſtil⸗ lon Befehl, den Weg nach der Landſtraße 440 einzuſchlagen, denn ſie kounte es kaum er⸗ warten, ein Land zu verlaſſen, an welches ſie fortan keine weitern freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe feſſelten. Man verſicherte denſelben Abend, waͤh⸗ rend eines dichten Nebels, einen Mann von langer Statur, oder vielmehr ein Geſpenſt geſehen zu haben, welches den Kirchhof nach verſchiedenen Richtungen durchſchritten, und ſich vor den drei Grab⸗ huͤgeln niedergeworfen haͤtte, man wollte ſogar ein, ſich ſeiner Bruſt entwindendes, ſchmerzliches Stoͤhnen vernommen haben, und am Fuße jener Graͤber bemerkte man, wie die Sage ging, am audern Morgen die Einſchnitte eines Stocks, mit welchem man ein laͤngliches Viereck gezeichnet hat⸗ te, deſſen Umfang zu einem Grabe voll⸗ kommen zureichte.. Noch weit ſonderba⸗ rere Geruͤchte verbreiteten ſich uͤber die 441 Entwickelung dieſer traurigen Geſchichte: Die Alten geboten den Kindern zu ſchwei⸗ gen, wenn ſie davon zu reden anſingen, und die jungen Maͤdchen ſtellten ſich auf die Winkel zuſammen, um dasjenige, was ſte daruͤber in Erfahrung gebracht hatten, einander zuzufluͤſtern. In der letzten Haͤlfte des Jaͤnners verließen die Waͤſche⸗ rinnen dem Waſchplatz am großen Gehoͤlze immer eine halbe Stunde eher als ge⸗ woͤhnlich. Der Kuͤſter haͤtte ſich im Win⸗ ter um keinen Preis bewegen laſſen, nach dem Abendlauten(angelus) in die Kirche von St. Nolf zuruͤckzukehren, er behaup⸗ tete, Stimmen gehoͤrt zu haben, die ihn gerufen haͤtten, aber er ſei ſo vorſichtig geweſen, ſeinen Weg fortzuſetzen, ohne ſich umzuſehen, und als er eines Abends den Schluͤſſel an der Kirchthuͤre aus Ver⸗ ſehen habe ſtecken laſſen, ſei er des an⸗ 442 dern Morgens auf dem Grabe der Frau von Beaumanoir gefunden worden. Gewiſſenhaft hatte Herr Dermot dem erhaltenen Befehle Gnuͤge geleiſtet, und war, nachdem er das Kind der Obhut ei⸗ nes treuen Dieners empfohlen hatte, am Begraͤbnißtage in aller Fruͤhe ganz allein aus der Burg gegangen; erſt ſpaͤt in der Nacht kehrte er zuruͤck; man erfuhr nie wo er dieſe achtzehn Stunden zugebracht hatte, und hoͤrte nicht, daß er in irgend einer Bauernhuͤtte eingetreten ſei, um et⸗ wa einige Nahrungsmittel zu genießen, ob er gleich die Burg, ohne Mundvorrath mit zu nehmen, verlaſſen hatte. Am dritten Tage gegen Abend reiſte er mit ſeinem Sohne ab, nachdem er zu⸗ vor dem Herrn Arnoult, in Hinſicht auf die Verwaltung des, dem kleinen Eduard gehoͤrigen, Beſitzthums unumſchraͤnkte Voll⸗ 443 macht zuruͤckgelaſſen, und alle frommen und wohlthaͤtige Stiftungen der Vicomteſſe und Klementinens beſtaͤtigt hatte. Alle, in ihren Dienſten geſtandene Domeſtiken, wurden reichlich beſcheukt. Seiner aus⸗ druͤcklichen Verordnung zu Folge, wurden die Zimmer und der Garten, in demſelben Zuſtande, wie ſie Madame Dermot ver⸗ laſſen hatte, unterhalten. Yvon Calvez und ſeine Gattin waren mit dieſem Ge⸗ ſchaͤfte beſonders beauftragt, wofuͤr ihnen, außer einer Leibrente von dreihundert Franken, freie Wohnung auf dem Schloſſe angewieſen war. Aber die Furchtſamkeit des alten Philipps, den die Traͤumereien der Katharine Synvenn den Kopf verwirrt hatten, noͤthigten ſie nach einigen Jahren auf dieſen letztern Vortheil Verzicht zu leiſten. Sie bezogen mit ihrer Familie, die ſich ſchon ziemlich vermehrt hatte, 44 ein artiges Haus im Flecken; indeſſen brachte doch Pvon mit Marianen, zum großen Verdruſſe ſeines Schwiegervaters, der ſich wohl huͤtete ihnen zu folgen, alle Jahre drei oder vier Tage auf der Burg zu, denn bis zu ſeinem Tode verfehlte Herr Dermot nie, zwiſchen den dreizehnten und vierzehnten Juni dort einzutreffen. Herr Leny, obgleich hoch bejahrt, kam ſei⸗ ner Seits um dieſe Zeit ebenfalls dahin, um ihn zu empfangen, und beide ſchloſſen ſich dann drei Stunden lang in Klementi⸗ nens Zimmer ein, wo ſie einen Theil der Nacht im Gebet und im Andenken an ih⸗ re theuere Vorangegangenen zubrachten. Der gute Rektor ging dann in Madame Allote's Zimmer zur Ruhe, was unterdeſ⸗ ſen mit Herrn Dermot vorging, hat man nie erfahren; wenigſtens mußte er ſich je⸗ des Mal nach dieſen naͤchtlichen Andachts⸗ 445 uͤbungen in einem ſchrecklichen Zuſtande befinden, wenn man von derjenigen Kriſis, in welche er waͤhrend der Nacht vom 13 ten zum 14 ten Juni 1789 verfiel, und die ihn hinderte, ſeine gewoͤhnliche naͤchtliche Wanderung anzutreten, auf die vorherge⸗ gangenen Anfaͤlle ſchließen darf. Der traurige Erinnerungsmorgen des Jahres 1790 war uͤber die Burg Helvin, aber ohne Herrn Dermot's Gegenwart, angebrochen. Vierzehn Tage vergingen ohne Nachricht von ihm, zum großen Er⸗ ſtaunen des Herrn Leny. Aber am Mor⸗ gen des 29 ſten dieſes Monats zogen auf der großen Landſtraße zwei ſchwarz uͤber⸗ zogene Wagen die Aufmerkſamkeit der Voruͤbergehenden auf ſich. Unter Anfuͤh⸗ rung eines Wegweiſers verließen ſie ſol⸗ che, und ſchlugen den Weg durch das Holz von Helvin ein, nahmen jedoch, ohne bis 446 an die Burg zu kommen, ihre Richtung nach der kleinen Kirche von St. Nolf. Hier ſtieg aus einer der Kutſchen der junge Eduard, in Begleitung ſeines Hof⸗ meiſters, und uͤbergab dem Herrn Leny ei⸗ nen Brief, der folgende, mit zitternder Hand geſchriebene, Zeilen enthielt. „Wuͤrdiger und frommer Greis! meine Leiden haben geendet; moͤchte durch Sie meine Schuld abgebuͤßt worden ſeyn! Ich bitte Sie um ein Ruheplaͤtzchen zu den Fuͤßen meiner drei Schlachtopfer. Ich bin nicht eine der Thraͤnen werth, die Sie, ehrwuͤrdiger Freund, derjenigen, die meine unſelige Liebe dem Tode geweiht hat, um ſie vergoſſen haben, auch bin ich weit ent⸗ fernt, darauf Anſpruch zu machenz aber meine Reue erlaubt mir vielleicht Sie um Ihre Fuͤrbitte anzuflehen, und darauf al⸗ lein beſchraͤnkt ſich meine Hoffnung. Paris den 11 Juny 1790. J. Dermot.“ Der Leſer wird ſogleich vermuthen, daß der zweite Wagen den Leichnam des Herrn Jonathan Dermot enthielt, er war einbalſamirt und in einem doppelten Sarg befindlich. Alexis Bolors begleitete ihn. Bei dem Anblicke dieſer traurigen Ueber⸗ reſte, welche die Ahndungen des Herrn Leny bereits erwarteten, rief dieſer aus: „Alles iſt vollbracht! Die Abbuͤßung iſt ſo groß geweſen, als das Verbrechen! O mein Gott! ich habe alle meine Freun⸗ de uͤberlebt; ich habe drei Menſchenge⸗ ſchlechter vor mir dahin fließen ſehen wie Waſſerbaͤche, ſicut fluctus aquarum. Gleich dem ermuͤdeten Arbeiter habe ich zu dir gefleht, mich meines Tagewerks zu ent⸗ 448 laſſen, aber Du haſt mir befohlen auszu⸗ harren, ohne Zweifel damit auch in die⸗ ſem Winkel der Erde ein unwiderſprechlicher Zeuge deiner Gerichte uͤbrig bleibe, ut juſtificeris in sermonibus tuis*) Jetzt, da das von Dir ausgeſprochene Urtheil durch mich vollzogen werden wird, jetzt laß auch mich in Frieden fahren, Laß mich ruhen bei meinen Vaͤtern. Dormiam cum patribus meis.**) Heiliger Gott, wie furchtbar biſt Du, wenn Du ſchon hienie⸗ den ſtrafſt, aber wie viel furchtbarer, wenn es erſt jenſeits geſchieht. A facie domini quis sustinebit**) Der Pfarrer von St. Nolf traf die noͤthigen Anſtalten. Noch an demſelben *) Auf daß Du Necht behalteſt in Deinem Worten. Pſalm LI V. 6 *) 1 Buch Möoſe XLVII V. 3o0. 9 ***) Wer kann vor Deinem Angeſicht beſtehen! 449 Abend brachte er, von ſeinem Vikar unter⸗ ſuͤtzt, beim blaſſen Scheine einiger Fackeln die Huͤlle des Reuigen zu ſeiner Ruhe⸗ ſaͤtte, wo er zu den Fuͤßen der drei Frauen, welche noch immer in der ganzen Gegend in geſegnetem Andenken ſtehen, den Auferſtehungsmorgen erwartet. In⸗ deſſen dienten die, von Herrn Leny zur Vermeidung zweckloſen Geſchwaͤtzes ergrif⸗ fenen Vorſichtsmaßregeln nur dazu, andere, dem Aberglauben der Dorfbewohner an⸗ gemeſſene Geruͤchte, im Umlauf zu bringen. Zwei ſchwarz uͤberzogene Kutſchen, eine unterhalb der Graͤber der Damen von Hel⸗ vin angebrachte Gruft, eine Beerdigung bei Fackelſchein, der ſeinen Schimmer weit uͤber die naͤchtliche Landſchaft verbreitete, eine geheimnißvon. Ankunft, eine nicht minder myſterioͤſe Abreiſe, enthielten mehr Stoff als noͤthig war, um Bretagniſche Bauern⸗ koͤpfe in Gaͤhrung zu bringen. IV Cheil. 29 450. Seit dieſem Zeitpunkt naͤhert ſich in den Abendſtunden ſelten ein Landmann der Burg Helvin. Hat er ſich verſpaͤtet, ſo macht er gewiß, beſonders im Winter, einen Umweg, um ſie zu vermeiden. Man erzaͤhlt, daß alljaͤhrlich in der Nacht von 13 auf den 14 Juny die wenigen, in die Mauer angebrachten, nach vorn heraus⸗ gehenden Oeffnungen der Burg, dem Rei⸗ ſenden hell erleuchtet erſcheinen, und wenn er vor dem Burgthore voruͤber koͤmmt, er das Innere des Gebaͤudes noch glaͤn⸗ zender erleuchtet ſieht, daß er Stimmen ertoͤnen hoͤrt, die Trauerpſalmen in klaͤg⸗ lichen Weiſen ſingen. Der Landmann verſichert, an dieſem Tage, einen langen, ſchwarz gekleideten Mann, mit einem Stocke von Ebenholz in der Hand, nach dem Vor⸗ hof der Kirche von St. Nolf hingehen geſehen zu haben; andere behaupten er ſei ihnen an der Waldſpitze begegnet, noch andere wollen ihn auf den Kirchhof von 451 St. Nolf, andere ſogar in der Kirche ſelbſt, bald bei Eroͤffnung, bald beim Verſchlie⸗ ßen der Kirchthuͤre, erblickt haben. Katherine Synvenn iſt, bis an ihrem, noch vor dem Ableben des Herrn Dermot erfolgten, Tod, in dem Hospital von La⸗ miné geblieben, und hat dort, aus unbe⸗ kannter Quelle, Unterſtuͤtzung erhalten. Der Marquis von Boisbriant iſt aus dem Beſitzſtand ſeiner bedeutenden Guͤter geſetzt worden, und die Marquiſe hat dem Schmerze uͤber dieſes Ungluͤck erliegen muͤſſen. Alexis Boloré, welchem durch ſeinen Herrn eine ehrenvolle Unabhaͤngigkeit geſichert worden, hat in Lorient ein klei⸗ nes Geſchaͤft in Kolonialwaaren errichtet. Er unterhaͤlt ſeine Freunde in den langen Winterabenden gern von ſeinen Reiſen, aber uͤber die Schickſale ſeines ehemaligen Gebieters, beobachtete er ein tiefes Still⸗ ſchweigen, und keine Fragen konnten ihn vermoͤgen es zu brechen. 29* 6 452 Der Kapitain Ferec erwarb ſich den Ruf eines kuͤhnen Seefahrers und eines braven Mannes; gab aber ſpaͤterhin ſeine Seereiſen auf, und ließ ſich mit ſeiner Gat⸗ tin in Finisterre nieder, wo ſeine Familie einen ehrenvollen Rang behauptet. Deer wuͤrdige Paſtor Leny hat die Be⸗ erdigungsfeierlichkeiten des Herrn Dermot nur kurze Zeit uͤberlebt. Lebensſatt, und von ſeinen guten Werken nach jenſeits be⸗ gleitet, iſt er hinuͤbergegangen zum Herrn des Weinbergs, um den Lohn in Empfang zu nehmen, den er keinen ſeiner treuen Arbeiter vorenthaͤlt. Eine ungeheure Volks⸗ menge folgte ſeiner Leiche, denn ſeit vielen Jahren ſtand er weit umher in verdientem Anſehen, wozu ſeine große Beleſenheit in der heiligen Schrift hauptſaͤchlich beitrug, und noch jetzt iſt er unter dem Namen des Bibelpfarrers bekaunt. Der Barbier Teurtrois hat, ſeit dem Tode des trefflichen Doktors Bonnet, nicht 45³ eine einzige Peruͤke zu friſteren gehabt, dagegen ſtanden vor der Schmiede des ehrlichen Matthes Lalande, bis an ſeinen Tod, alle Sonnabende fruͤh zwei Reihen Pferde zum Beſchlagen, die ihn eine froͤh⸗ liche Hypothek auf die in den Kellern der Weinſchenken des Fleckens lagernden Wei⸗ ne von Blayes und Cohors zuſicherten. Noch auf ſeinem Todtenbette aͤrgerte ſich Herr Simon Duchesne uͤber die, jeden erſten Sonntag im Oktober alljaͤhrlich an die vier maͤßigſten Tageloͤhner des Fleckens vertheilten Kuͤhe, und zu ſeinem Ungluͤck ſtarb er an einer Bruſtentzuͤndung gerade als dieſe wohlthaͤtige Stiftung aufgehoben wurde. Uebrigens iſt ſehr zu bezweifeln, ob, nach dem vielen Verdruſſe, welchen dieſe Stiftung der Vicomteſſe von Beaumanoir verurſacht hat, in dem ganzen Departe⸗ ment von Morbihan, das von Finisterre mit inbegriffen, ſich irgend Jemand wieder fin⸗ 454 den werde, der den Muth haͤtte, ſie wie⸗ der zu erneuaeern. sepuc Im Jahre 1793 wurde das, auf der Burg Helvin befindliche Mobiliare„ in Abweſenheit des Haupterben,*) auf Befehl der Verwaltungskammer des Bezirks Re⸗ don, öffentlich an die Meiſtbietenden ver⸗ kauft. Der Doktor Bonnet, theils durch eigene wehmuͤthig angenehme Erinnerung „» Wenn man annehmen koͤnnte daß dieſe, theils nach dem Tagebuche des Doktors Bonnet, theils nach dem handſchriftlichen Nachlaſſe des Herrn Dermot, erzaͤhlten Begebenheiten, ſich einige Jahre ſpaͤter, als die angegebenen Jahrzahlen be⸗ ſagen, ereignet haͤtten, ſoswaren wir geneigt zu alüe, daß der junge Eduard, eben derjenige etzte Sproͤßling dieſer beruͤhmten Familie ſei, deſ⸗ ſen unter dem Titel eines Baryns von Beau⸗ manoir, der als Emigrirter außerhalb Frankreich geſtorben ſeyn ſoll, in den von Herrn Barbier herausgegebenen kritiſchen Unterſuchungen der hi⸗ ſoriſchen Woͤrterbuͤcher, erwaͤhnt wird, aber in einer ſo kietzlichen Marerie, wagen wir es nicht, bloße Vermuthungen zur Gewißheit zu. erheben. Vielleicht haben wir nur die letzten Schickſale ei⸗ ner weniger bekannten Linie dieſes, in den Jahr⸗ buͤchern von Bretagne beruͤhmten, Hauſes, deſſen Stammort die kleine Stadt Joſſelin iſt, ſeizzirk. Die Liebhaber der Nationalalterthuͤmer koͤnnen dieſem Gegenſtande genauer nachſpuͤren. veranlaßt, theils aus dankbaren Andenken an ſeinen wuͤrdigen Vater, zezus⸗ dem Verkaufe bei, um die Bildniſſe der drei Freundinnen an ſich zu bringen, aber ſie waren verſchwunden. Moͤge man ihre Zuͤge in dieſem Gemaͤlde wiederfinden, zu welchem dieſe drei Frauen durch ſo manche ſchriftliche Bemerkung den Erzeugniſſen ih⸗ rer Muſeſtunden, oder dem Nachhalle ih⸗ res Schmerzes beigetragen haben! Karo⸗ line, Henriette, Klementine! Dornen wach⸗ ſen jetzt auf euern, faſt unkenntlich gewor⸗ denen Grabſtaͤtten. Der Hirt, der bei jedem Schneegeſtoͤber, und bei jedem Un⸗ gewitter, das ihm uͤber den Kirchhof nach der Vorhalle der Kirche von St. Nolf treibt, mit ſeinen eiſenbeſchlagenen Holz⸗ ſchuen uͤber ſie wegtrabt, geht pfeifend und ſingend voruͤber, ohne zu ahnden, daß in ſeiner Naͤhe das Liebenswuͤrdigſte, was je die Erde trug, den eiſernen Todesſchlaf ſchlaͤft; und pfeifend und gefuͤhllos kehrt 1 er zu ſeinen Schaafen zuruͤck, und treibt zum Zeitvertreib das welke Herbſtlaub raſchelnd uͤber die Graͤber hin. Aber das junge Maͤdchen, das ſeine verlohrne Kal⸗ be ſucht, oder auf deſſen Buſen ein ge⸗ heimer Kummer laſtet, kniet andaͤchtiger auf einem dieſer, jetzt nicht mehr von ein⸗ ander zu unterſcheidenden Graͤber nieder; und hofft, daß ihr Liebling ſich wiederfin⸗ den, und ihr Herz beruhigt werden wird, wenn ſie ſo gluͤcklich geweſen iſt, zu erſt auf denjenigen Grabſtein zu treffen, unter welchem die Ausgeberin von Helvin ruht: freundlicher und unſchuldiger Aber⸗ glaube, der dieſe tugendhaften Frauen uͤber⸗ lebend, noch jetzt die Herzensguͤte der Edeln beurkundet, deren Andenken er ſelbſt in ſeinem Ferſahne huldigt. Ende. —— 4 ſſſſſſnſnſſ 5 16 17 1 Fſſnſnſſn 8 8 11 12 13 14 1