* 1 7 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ——=A von 8. Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..„ 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ b den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Büchern: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„—.„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Burg Helvin, — oder die letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir, von Kerarry. Ein hiſtoriſch⸗romantiſcher Roman fuͤr gebildete Leſer. ——— Aus dem Franzoͤſiſchen frei uͤberſetzt von C. G. Hennig. Dritter Theil. Zweite Auflage. Ronneburg 1830. Im Verlag bei Friedrich Weber. Siebenzehentes Kapitel Unglaͤubigkeit, Ueberraſchung, Schmerz. Die liebenswuͤrdige Freundin der Frau von Beaumanoir hoͤrte Herrn Bonnet mit vieler Aufmerkfamkeit, ja ſelbſt mit einer ſchmerzlichen Beſtuͤrzung an; allein, zum großen Erſtaunen des Doktors, war der Schreck gerade nicht der vorherrſchende Ausdruck in den Zuͤgen der Madame Al⸗ hte. Als er ſeinen Vortrag geendiget hadte gab ſie ihm Folgendes zur Antwort: „Mein lieber Herr Bonnet, die Ver⸗ aͤnderung in dem Geſundheitszuſtande un⸗ ſerer Klementine iſt uns nicht entgangen, III. Theil. 1 eine Veraͤnderung, die Ihre Kunſt ſeit einigen Monaten bekämpft, und uͤber die ſie, wie wir hoffen, naͤchſtens voͤllig ſiegen wird. Sie iſt eine natuͤrliche Folge des Schlags der ſie zu Boden geſchmettert hat, und der merkwuͤrdigen Starrſuchte, die ſie uns beinahe geraubt haͤtte. Die merkliche Zunahme ihrer ſonſt ſo ſchoͤnen Taille, ob ſie gleich nur nach und nach Statt fand, hat ihre Mutter ſo wie ich nicht minder bemerkt; und ſo vielen Grund wir auch haben, ſie den erwaͤhnten Urſachen zu⸗ zuſchreiben, ſo hätte ſie mich doch vielleicht beunruhigen koͤnnen, wenn mich Karoline nicht daran erinnert haͤtte, daß einſt bei ihr eine bloße Vernachlaͤſſigung eine aͤhn⸗ liche Wirkung auf ihre Conſtitution waͤh⸗ rend vier Monaten hervorbrachte, die auch bis zu ihrer Verheirathung fortdauerte. Dieſe Erinnerung, und die natuͤrlichen Be⸗ 5 ziehungen zwiſchen Mutter und Tochter, waͤren allein ſchon hinlaͤnglich geweſen, jede Bedenklichkeit zu verſcheuchen; allein Kle⸗ mentine, die ſchon einiger Maßen durch Ihre forſchenden Blicke, und durch Ihre befremdenden Fragen in Unruhe verſetzt war, hat ganz kürzlich mit dem guten Herrn Leuy eine Unterredung gehabt, nach deren Beendigung ſie halb lachend halb aͤrgerlich uns ihr Herz ausſchuͤttete. Wiſ⸗. ſen Sie wohl, daß ſie ein wenig empfind⸗ lich uͤber Sie war, ja, daß es ſogar bis 1 zu Thraͤnen kam:„Ich glaubte, ſagte ſie, dieſem haͤßlichen Doktor etwas mehr Ach⸗ tung fuͤr die Tochter ſeiner beiden Freun⸗ dinnen eingefſoͤßt zu haben, diesmal aber haben wir alle drei, meine Mutter, Ma⸗ dame Allote und ich, Urſache uns uͤber ihn zu beſchweren!“ hierauf läͤchelte ſie, nahm ein Buch und ging zu ihren Blu⸗ — 1* 6 men. Seien Sie alſo ruhig, mein lieber Doktor, nur nicht uͤber die Geſundheit dieſes liebenswuͤrdigen Weſens, denn was dieſe anbetrifft, ſo geſtehe ich, daß ich es ſelbſt durchaus gar nicht bin. Sicher aber werden wir die Gruͤnde die Sie be⸗ fuͤrchten nicht haben, den Tod Eduards Delpont zu beklagen. Fraͤulein von Be⸗ aumanonir, iſt, wie Sie wiſſen, nicht kin⸗ diſch, haͤtte ſie gefehlt, ſo wuͤrde ſie die Folgen ihres Fehlers hinlaͤnglich zu beur⸗ theilen vermoͤgen, und uns durch nutzloſe Verſtellung nicht in Ungewisheit uͤber ihn laſſen. Wir wuͤrden ſie tadeln, beklagen, ſeufzen und Ihrem Rathe lieber Doktor⸗ folgen. Erinnern Sie ſich noch, auf welche Weiſe ſie ſich in Ihrer Gegenwart aͤußerte, 216 von Heirathsantraͤgen die Rede war; und alle Ihre Bedenklichkaſtan werden gehoben ſeyn! Alſo lieber Herr 7 Bonnet, widmen Sie ihr ferner Ihre aͤrzt⸗ liche Sorgfalt. Bloß, weil das, was Sie bemerkt haben, auch von andern bemerkt werden koͤnnte, und um nicht genoͤthigt zu ſeyn, mich gar zu haͤufig auf aͤhnliche Erlaͤuterungen einzulaſſen, da nachſichts⸗ volle Milde bei Beurtheilung anderer eben nicht die vorzuͤglichſten Eigenſchaft des ho⸗ hen Bretagniſchen Adels iſt; ſo werde ich kuͤnftig dafuͤr ſorgen, daß ſich Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir ſo lange ein wenig mehr ſchnuͤre, bis ihre Geſundheit voͤllig wiederhergeſtellt iſt. Der Doktor befand ſich in der groͤß⸗ ten Verlegenheit. Er wußte nicht was er glauben, welche Idee er feſthalten ſollte! Ungewiß in ſeinen Vermuthungen, ohne von dem Ungrunde ſeiner Beobach⸗ tungen ſich uͤberzeugen zu koͤnnen, ient⸗ fernte er ſich Kopfſchuͤttelnd.„In die⸗ ſer ungluͤckfeligen Burg“ murmelte er vor ſich hin,„wird mein bischen Kunſt doch im⸗ mer zu Schanden. Bald werde ich alſo nicht mehr wiſſen, weder wer gebohren wer⸗ den noch wer ſterben ſoll? hier ſcheitert meine Wiſſenſchaft, und, wenn das ſo fortgeht, am Ende gar mein Verſtand.“ Nach dieſer Unterredung hielt es uͤb⸗ rigens der Doktor fuͤr nothwendig, bei Klementinen mit verdoppelter Aufmerkſam⸗ keit auf die genaueſte Befolgung der vorge⸗ ſchriebenen Diaͤt zu dringen. Er wurde kuͤhner in ſeinen aͤrztlichen Verordnungen, aber bald erſchrack er uͤber die Nervenzu⸗ faͤlle, die er fuͤr eine Folge derſelben hal⸗ ten mußte, er hielt an; verſuchte dann nochmals auf dem betretenen Wege fort⸗ zugehen, nahm zu heftigen bluttreibenden Mtteln(emmenaguoges) ſeine Zuflucht, fetzte ſie aber endlich erſchrocken wieder — 9 aus, kam auf ſeine fruͤhern Befuͤrchtungen zuruͤck, aͤußerte ſie mit mehrerer Zuverlaͤſ⸗ ſigkeit als je, ſtuͤtzte ſie auf Gruͤnde, die ſeiner Meinung nach, unwiderleglich waren, und erklaͤrte, daß ſein Gewiſſen ihm niche erlaube, in einer Behandlungsart fortzu⸗ fahren, von der, nach ſeiner Ueberzeugung, Fraͤulein von Beaumanoir das Opfer wer⸗ den koͤnne. Dieſe Erklaͤrung entſprach ganz den Wuͤnſchen der Vicomteſſe, welche von der Tugend ihrer Tochter voͤllig uͤberzeugt war; auch nach Klementinens Sinn war ſie, die ſich alle Morgen und alle Abende vor ihrem Gott das beſeligende Zeugniß ihrer rein bewahrten Unſchuld geben konnte, und die, ob ſie gleich die in ihrem Koͤr⸗ per vorgehende große, ihr ganz neue, Ver⸗ anderungen deutlich wahrnahm, ſichdoch nicht bergen konnte, daß uͤbrigens ihr * 1 10 Geſundheitszuſtand nicht ſchlecht ſei. Ihr Spiegel vereinigte ſich mit Karolinen, um ihre Bedenklichkeiten deshalb zu heben. Madame Allote ſtellte ſich wenigſtens be⸗ ruhigt, wenn ſie es auch nicht voͤllig war. Zuweilen, wenn ſie ſich einem ernſtlichern Nachdenken uͤber den Zuſtand ihrer jungen Freundin aͤberließ, wurde ihr Blick, unſtaͤt und zerſtreut; ja es gab Augenblicke, wo ſie von den ſchrecklicheen Vermuthungen des Doktors ſich ſo ergriffen fuͤhlte, daß ſie auf dem Punkte war, eigenmaͤchtig Poſtpferde von der naͤchſten Station kom⸗ men zu laſſen, und die beiden Freundinnen zu noͤthigen, ſich mit ihr in den morſchen Wagen zu werfen, der in der Scheune ſtand. Wenn ſie aber ihre Vernunft zu Huͤlfe nahm, ſo ſahe ſie ſehr bald ein, daß eine ſo ſchnelle Abreiſe, mitten im Winter, ganz das Anſehen einer Flucht * 11 haben, und den falſchen Herdacht eher be⸗ ſtaͤtigen als entfernen„Hder, wo er noch nicht Wurzel gefaßt, ihm erſt erregen wuͤrde. In der Lage der Familie Beau⸗ manodir, mußte alles, was Auffehen erregen konnte, vermieden werden. Dies wieder⸗ holte ſich die ſcharfſinnige Henrierte un⸗ aufhoͤrlich. Von der ſichtbaren Niederge⸗ ſchlagenheit des Herrn Bonnet uͤber alle Maßen angegriffen, nahm ſie mit Herrn Leny ihre Zuflucht zu moraliſchen Beruhi⸗ gungsgruͤnden, den ſicherſten unter allen, wie dieſer wuͤrdige Geiſtliche behauprete, die ihr eine Art von Vertrauen einfloͤßten, das indeſſen bei dem Anblick des Weſens, welches der Gegenſtand deſſelben war, nicht ſelten geſtoͤrt wurde; denn auch die Augen haben ihre Logik'. Jaͤnner und Hornung verſtrichen in dieſem aͤngſtlichen Zuſtande, ſelbſt der fol⸗ 12 gende als verhaͤg nisvolles Ziel beſtimmte Monat naͤherte, ſich ſeinem Ende. Kle⸗ mentinens Taille ſchien von ihrer Staͤrke zu verlieren, dies Kennzeichen wurde als eine guͤnſtige Vorbedeutung fuͤr einen gu⸗ ten Ausgang angenommen. Karoline und Henriette wurden wieder froh, ſchon ſcherzte man uͤber die Vorherſagung des Doktors und ſeinen funfzehnten Maͤrz, und wuͤnſchte ſich Gluͤck, daß man ſich nicht habe zu ſehr erſchrecken laſſen. Erſtaunt verſucht ſelbſt der Doktor ſeine eigne Theorie der Unzuverlaͤſſigkeit zu zeihen, und da die Bedenklichkeiten, in Bezug auf Verſchwie⸗ genheit, nach ſeiner Meinung, keine Be⸗ ruͤckſichtigung mehr verdienten, ſo war er ſchon entſchloſſen, auf eine Berathung mit mehreren geſchickten Aerzten, zur Beſtim⸗ mung eines zweckmaͤßigen Verfahrens, an⸗ zutragen, als in der Nacht vom 14 zum 13 15 April, Yvon Calvez in großer Haſt vor ſeiner Wohnung zu Coat⸗Glas er⸗ ſchien. Das Stillſchweigen des jungen Menſchen macht alle ſeine fruͤhern Beſorg⸗ niſſe wieder rege, Herr Bonnet wagt nicht ihn zu fragen, wirft ſich ſchnell in ſeine Kleider, ſchwingt ſich auf ſein Pferd, das er nach allen Kraͤften antreibt, zerbricht ſich unterwegs den Kopf mit Rechnen, verliehrt ſich in Nachdeuken uͤber den ſeltenen Fall, und koͤmmt eben noch zu rechter Zeit an, um die Geburt eines Knaben befoͤrdern zu helfen, auf welchen zwei ſeiner Thraͤnen fruͤher, als alle die uͤbrigen fallen, womit die unerwartete Ankunft dieſes neuen Le⸗ bensbuͤrgers gefeyert werden ſollte. Es war ein Donnerſchlag fuͤr die edle Burg Helvin!— Der Doktor war ein Mann von Ver⸗ ſtand.„Ich vermuthe, ſagte er, zu Ma⸗ 14 dame Allote, daß ſich unſerer guten Kle⸗ mentine ihr Braͤutigam im Schlafe genaͤ⸗ hert hat. Dies oder etwas Aehnliches muß geſchehen ſeyn. Ich werde daruͤber mit ihr ſprechen, ich werde ſie beruhigen; nehmen Sie ſich der Mutter an, unter⸗ ſtuͤtzen Sie ſie; ſagen Sie ihr, es ſey ein Ungluͤck, aber ich ſtaͤnde fuͤr ihre Tochter und, alles wohl uͤberlegt, ſei es beſſer, ſie als keuſche Mutter(worauf ich ſchwoͤren wollte) erhalten, denn als Jungfrau ver⸗ lohren zu haben, wie wir vor neun Mo⸗ naten beinahe das Ungluͤck gehabt huͤtten. Die Vicomteſſe darf ſich nicht durch ein wenig Gerade erſchrecken laſſen; Sie hat dreiſſigkauſend Livres Renten, in vier Wochen ſpaͤtſtens iſt Klementine wieder⸗ hergeſtellt, ſie verreiſen dann alle drei, mit dem kleinen Ankoͤmmling, oder laſſen mir ihn hier, was vielleicht noch beſſer 15 ſeyn wird, gehen nach Paris, wo alle Wetl Unterkommen finden kann, dort verheira⸗ then Sie die junge Mutter ohne ein Wort zu verliehren, es waͤre denn ein Bieder⸗ mann von geſundem Menſchenverſtande; es iſt nicht die erſte, die am Schluſſe die⸗ ſes Jahrhunderts in demſelben Falle ge⸗ weſen waͤre, und bei dieſem Vorfalle wird niemand mehr zu beklagen ſeyn, als der arme Leny und ihr gehorſamſter Diener, denn hoͤchſt wahrſcheinlich werde ich Sie nie wiederſehen, und was die Burg nach Ihrer Entfernung fuͤr Reize fuͤr mich ha⸗ ben wird, wiſſen Sie ſelbſt... Da ha⸗ ben Sie meine Anſicht! Der treffliche Mann goß allen ſeinen Muth in Allotens Buſen. Frau von Be⸗ aumanoir, durch Henriette mit aller nur moͤglichen Vorſicht auf dieſe unerwartete Niederkunft vorbereitet, betrachtete An⸗ 16 fangs das Kind mit zuͤrnenden Blicken; einige Augenblicke ſpaͤter kuͤßte ſie es weinend, und machte die Bemerkung, daß es wohlgebildet ſei.„Wir haͤtten dem Doktor glauben ſollen:“ fuͤgte ſie hinzu⸗ er hat Recht; alles was ſich in unſerer Naͤhe zutraͤgt, iſt außerordentlich. Dies Haus iſt eine Wohnung des Ungluͤcks, wir wollen es fliehen, theure Allotel... Es iſt ein wenig ſpaͤt! ach! ja, zu ſpaͤt! Guter Gott, was werden unſere Sdelleute ſagen? und ihre keuſchen Ehehaͤlften?... und ihre eiferſuͤchtigen Toͤchter?.. und die Boisbriant?... Henriette, ich wuͤnſchte ich haͤtte nie einen Fuß in dieſen alten Thurm geſetzt! fuͤrchtete ich mich nicht der Suͤnde, ich wuͤrde den Tag ver⸗ wuͤnſchen, wo... Aber der Dokter hat die richtige Anſicht. Wir muͤſſen reifen: danke ihm ſtatt meiner, empſiehl ihm meine 17 Tochter. Das arme Geſchoͤpf in welch' einem Zuſtand mag ſte ſich befinden.... Umarme ſie in meinem Namen!— Ver⸗ zeihe ihr in meinem Namen, wenn ihr et⸗ was zu verzeihen iſt! Aber nein; Kle⸗ mentine iſt unſchuldig... und doch, wie hat ſie Mutter werden koͤnnen?. Ach junger Mann, Du haſt uns durch deine Liebe, wie durch deinen Tod gleich wehe gethan! Auf dieſe Art ſprach ſich der erſte Aus⸗ bruch des Schmerzes bei der Frau von Beaumanoir aus. Die Gedanken haͤuften ſich in ihrem Kopfe, die Empfindungen draͤngten und durchkreuzten ſich in ihrem Herzen ehe ſie ſich durch Worte ausdruͤck⸗ ken.— Madame Allote hatte, ſobald ſte ſich von Klementinens Zuſtand uͤber⸗ zeugte, ſogleich nach dem Doktor geſchickt, ohne erſt die Frau von Beaumanoir davon 1II. Theil. 2 18 zu benachrichtigen. Ganz unerwartet kam ihr daher dieſer Donnerſchlag; auch war die Wirkung deſſelben furchtbar. Nach der erſten Beſtuͤrzung, die ſich durch die unzuſammenhaͤngenden, aber einen nur zu tiefen Sinn bergenden Reden, die wir eben angefuͤhrt haben, aͤußerte, erhob ſie ſich von ihrem Lager, kleidete ſich an, und ſagte in einem geſetzten Tone:„Du ver⸗ ſicherſt mich daß meine Tochter unſchuldig iſt, auch der Doktor behauptet es; Herr Leny hat nie daran gezweifelt; ich ſelbſt glaube es: und ſo will ich ſie umarmen!“ In der That, nach zwei Minuten lag die Vicomteſſe in Klementinens Armen, . die, ihre Mutter ſanft zuruͤckhaltend, dieſe Bewegung mit folgenden Worten beglei⸗ tete: „Ehe ich Deinen Kuß annehme, theu⸗ re Mutter, bin ich es mir ſelbſt ſchuldig, ⸗ 19 vor Gort, der mich hoͤrt, vor unſerer Hen⸗ riette und vor Herrn Bonnet, deren gu⸗ tes Herz mich noch immer liebt, feierlich zu erklaͤren, daß ich an Deinen Thraͤnen unſchuldig bin! Nein kein Vergehn von meiner Seite hat mich zur Mutter dieſes Kindes gemacht! frage mich nicht weiter, denn nur Gort und der Ungluͤckliche, der wahrſcheinlich jetzt vor ihm ſteht, koͤnnten deine Fragen beantworten!“ Waͤhrend ſie ſprach, waren ihre ſchoͤ⸗ nen aufwaͤrts blickenden Augen, ruhig und hell, und der Ton ihrer Stimme hatte et⸗ was feyerliches und Heiliges. „Genug meine Tochter“ erwiederte Frau von Beaumanoir, ich bin es uͤbor⸗ zeugt, und es freut mich beſonders, daß du in meiner Gegenwart dieſe der Wahr⸗ heie gemaͤße Erklaͤrung von Dir gibſt; Deine Mutter dankt Dir dafuͤr. 2 20 Der Doktor und Henrjekte ſchloſſen ſich an dieſem Ausbruch des Gefuͤhls an, um den Erguß deſſelben in ſeinen Schran⸗ ken zu halten. Nach dieſen gegenſeitigen⸗ auf eine ungeſchwaͤchte Achtung gegruͤnde⸗ ten, Zaͤrtlichkeitsbezeugungen, verlangte Klementine zu aller Erſtaunen nach ihrem Kinde. 8 „Sie halten mich fuͤr rein und uͤber jeden Vorwurf erhaben, ſagte ſie mit ei⸗ ner, in ihrer ſanften Majeſtaͤt beinahe Ehr⸗ furcht gebietenden, Stimme; Nun denn, ich will mein Kind ſelbſt ſaͤugen. Das ungeheure Vergehen des Vaters, der nicht anweſend iſt, um es anzuerkennen, kaun mich weder meiner Mutterwuͤrde berauben, noch meinen Mutterpflichten entziehen. Jene habe ich nicht geſucht, aber dieſe werde ich zu erfuͤllen wiſſen. Es iſt moͤg⸗ lich, meine theuren Freundinnen, daß die 21 Folgen dieſes Eneſchluſſes Euch betruͤben; aber ich werde alles thun was in meinem Kraͤften ſteht, um Euch zu entſchaͤdigen... Denkt Ihr denn vielleicht daß mein Ge⸗ ſchick noch nicht entſchieden ſey?“ Ein bitteres Laͤcheln begleitete dieſe Frage. „Bedenken Sie Fraͤulein“ nahm Herr Bonnet das Wort,„daß dadurch zugleich das Schickſal Ihrer Mutter und ihrer. Freundin entſchieden ſeyn wuͤrde!“’“ Von elner Großmuth hingeriſſen, wel⸗ cher kein Opfer zu theuer war, ſollte es auch auf der Stelle gebrache werden muͤſ⸗ ſen, antwortete die Bicomteſſe: „So ſey denn jetzt Mutter nach dei⸗ ner Wahl, meine arme Klemementine, da du einſt, in einer in furchbares Dunkel ge⸗ huͤllten Stunde, es ohne deinen Willen geworden biſt! Sey Mutter, fern ſey es von mir dich davon abhalten zu wollen. 2 Auch mir wird es, wenn's gilt, nicht an Muth fehlen, bleiben mir doch meine Toch⸗ ter und Henriette; Doktor ich rechne auf Sie, ſo wie auch auf den wuͤrdigen Herrn Leny! mehr bedarf ich nicht; und biete al⸗ len Boisbriant auf Erden Trotz!”"“ Vergebens wuͤnſchten Madame Allore, und Herr Bonnet, daß dieſer in einem Augenblick von Ueberſpannung gefaßte Entſchluß, der manche Unannehmlichkeiten zur Folge haben konnte, vorerſt genauer gepruͤft, ehe er als unwiederruflich angeſe⸗ hen wuͤrde; Frau von Beaumanoir ver⸗ langte, man ſolle ſich dem Willen Klemen⸗ tinens fuͤgen, die waͤhrend dieſer kurzer Eroͤrterung ſich anſtrengte, um in ei⸗ nen Zuſtande von Ruhe zu bleiben, nach welchem aber, einer traurigen Erfahrung zu Folge, gewooͤhnlich Aeußerungen der heftigſten Gemuͤthsbewegungen zu befuͤrih⸗ 1 23 ten waren: man reichte alſo dem Kinde die Mutterbruſt. So verging der erſte Tag: eben war man in Begtüff dem Rektor zu ſchreiben, als dieſer erſchien. Ein dumpfes Geruͤcht, das ihm in zweideutigen Aeußerungen zu Ohren kam, da der Gegenſtand, an dem die Laͤſterſucht ihre Wuth auslaſſen ſollte, noch nicht recht klar war, veranlaßte ihn, nach beendigter Meſſe ſeinen Stock zu er⸗ greifen, und mit eiligen Schritten und be⸗ klemmten Herzen ſich nach der Burg Hel⸗ vin auf den Weg zu machen. Herr Bonnet, der auf dem Schloſſe die Nacht zugebracht hatte, ſah ihn nicht ſo bald annoch in weiter Entfernung, als er ihm entgegen ging; ohne ſeiner fruͤhern Winke zu ge⸗ denken, die er ihm nicht wieder ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrufen wollte, denn die Ei⸗ genliebe verſtummt, wo die Freundſchaft 24 leidet, ſprach er mit ſchmerzlicher Theil⸗ nahme von den traurigen Vorfalle, erklaͤrte ſich laut fuͤr Klementinens Tugend, ohne im Grunde ſelbſt recht zu wiſſen, wie er ſte mit der Lage dieſer jungen Woͤchnerin in Einklang bringen koͤnnte, und verſi⸗ cherte uͤbrigens, ſich ſo lange beruhigen zu wollen, bis Lucifer oder ein anderer Engel des Lichts das Raͤthſel loͤſen wuͤrde. Herrn Leny blutete das Herz; er ſtieg hinter Herrn Bonner die Treppe hinauf, ſtand aber in ſeiner tiefen Betruͤbniß jeden Au⸗ genblick ſtille, ſich auf das Gelaͤnder ſtuͤtzend und die Worte Jeremia's halblaut wieder⸗ holend:„Die Krone unſeres Haup⸗ tes iſt abgefallen. O wehe, daß wirſo geſuͤndigt haben.“) Kaum war er in Klementinens Zimmer getreten,(denn *) Klagelieder Jeremis V. t6. 25 —— Madame Allots hacte fuͤr zweckmaͤßig ge⸗ balten, ihr unter dieſen Umſtaͤnden das ih⸗ rige abzutreten, und das Kabinett zu be⸗ iehen,) als Fraͤulein von Beaumanois ihm zwiſchen den geoͤffneten Vorhaͤngen ihres Bettes heraus belds Haͤnde entgegenſtreckte, und in einem mehr liebevollen als bieten⸗ den Tone zu ihm ſagte: Mein Vater, Sle finden mich in einem unausſprechlich angſt⸗ vollen Zuſtand, er erfuͤllt mich mit Ent⸗ ſetzen: aber, wenn Sie in meiner Seele leſen koͤnnen, ſo darf ich mich ohne Scham⸗ roͤthe vor Ihnen ſehen laſſen. Sie ha⸗ ben mein Bekenntniß mehr als ein Mal angehoͤrt Sia haben mir Fragen vorge⸗ legt, die vielleicht uͤber meln Faſſungsver⸗ mogen gegangen ſind, aber immer habe ich ſie in der Aufcichtigkelt meines Her⸗ zens beautwortet; das Opfer eines grau⸗ ſamen Verhängniſſes has nur vir Wart 26 zu ſeiner Rechtfertigung beizufuͤgen: nie habe ich Ihnen Unwahrheit geſagt!“ Mein Kind, erwiederte der Paſtor, mit einer Ruͤhrung, die er nicht zu unterdruͤ⸗ 8&„. 2 cken vermochte, ſo wie ich Ihnen immer geglaubt habe, ſo glaube ich Ihnen noch, aber ſeyen Sie uͤberzeugt, daß hienieden kein blinder Zufall herrſcht. Gottes Au⸗ ge wacht über Sie. Er pruͤft Sie jetzt, und wird, wenn Seine Zeit kommt, Ihre Uuſchuld offenbar werden laſſen. Die Unſchuld der Tochter des Helcias kam eudlich an den Tag, Engel erheben die der Tochter Joachims; auf irgend jeman⸗ den laſtet eine ſchwere Schuld, aber Sie liebe Tochter anzuklagen, das ſey fern. Der Aübarmherzige ſei ſeiner Seele gnaͤ⸗ dig. Was Sle betrifft mein Kind, ſo ſetzen Gie, trotz dem anſcheinenden Un⸗ 1 gluͤck das Sie betroffen hat, Ihr Vertrauen 27 auf den Herrn.— So ich aber thue das ich niche will, ſo thue ich daſ⸗ ſelbige nicht; ſondern die Suͤnde die in mir wohnet.) Der Apoſtel bedient ſich dieſer Worte ſinnbildlich, in Beziehung auf unſere arme menſchliche Natur; aber auf Sie, liebe Tochter, koͤnnte man ſie wohl im Buchſtabdichen Werſeande anwenden.“ Da es dem Zartgefüht des Herrn Lend nicht entgehen konnte, daß es von unan⸗ genehmen Folgen ſeyn duͤrfte, wenn man dies geheimnißvolle Kind in die Kirche briugen wollte, ſo erhielt der Saͤugling Klementinens in den untern Saale des Schloſſes die heilige Taufe. Hier im Ver⸗ borgenen benetzte dies reinigende Waſſer des Lebens die Stirn des letzten Beau⸗ —— * Noͤmer VII. V. 20 298 manoir. Minder gluͤcklich als der Sohn eines Landmannes oder Tageloͤhners, wurde der letzte der Zweige dieſes alten Hauſes von dem dunch den hohen Prieſter des neuen Bundes geweihten heiligen Becken zuruͤckgewieſen, die Kirche ließ keine Ge⸗ ſänge an ſeiner Wiege ertoͤnen, die Glo⸗ cken blieben ſtumm; nichts verkuͤndete den Unterthanen, daß ihm ein Herr geboren ſey, nur das Schluchzen einiger Freunde bezeichneten den Eintritt des Ungluͤcklichen in die chriſtliche Welt. Dieſer traurige Kontraſt zwiſchen den geſellſchaftlichen Ver⸗ haͤltniſſen, und der Wieklichkeit in der Ord⸗ nung der Natur machte auf alle Anweſende den wehmuͤthigſten Eindruck. Herr Bonner und Madame Allote, die als Pathen, mit dem Leuten im Hauſe, vor denen man die Nie⸗ derkunfe des Fraͤuleins niche hatte verheim⸗ lichen koͤnnen, der Taufhandlung beiwohn⸗ 29 ten, zitterten„ als ſie das zarte Geſchoͤpf der Hand des taufenden Pfarrers unter⸗ hielten. Sie ſchienen einander durch je⸗ den ihrer Blicke zu ſagen, daß das Gluͤck dieſes Hauſes fuͤr immer zertruͤmmert ſey. Umſonſt ließ der Dokror, durch ſeine na⸗ uarliche Froͤlichkeit ermuntert, obgleich ſtets mild und gefuͤhlvoll, nachdem die Ceremo⸗ nie voruͤber war, einige Funken von Hei⸗ terkeit durch dieſes Dunkel blinken„ um⸗ ſonſt wagte er es, dieſe Trauerſzene durch einige Frohſinn athmende Worte zu er⸗ hellen, es gelang ihm hoͤchſtens zu bezeu⸗ gen, daß das naͤhere Verhaͤltniß, in welches er durch die gemeinſchaftliche Pathenſtelle mit der intereſſanten Frau, die ſich ſeine ganze Zuneigung erworben hatte, getreten war, ſelbſt unter den bitterſten Schmerzen niche ohne Reize fuͤr ihm ſey. Die Vi⸗ comteſſe war auf ihrem Zimmer gebliebey, 30 man brachte ihr den kleinen Edua rd; ſie kuͤßte ihn auf die Stirn mit beinahe abgewandten, in Thraͤnen ſchwimmenden Au⸗ gen. An moraliſchem Muthe gebrach es ihr nicht, aber waͤhrend der halbe Stunde, wo ſie ganz allein geblieben war, hatte ſich das traurige Gemaͤlde ihrer Zukunft, und der Zukunft ihrer Tochter vor ihrem geiſtigen Blicke entwickelt, und dieſe Aus⸗ ſicht war fuͤr ihre mehr reizbare als feſter Konſtitution zu peinlich geweſen. Das Unbeſtimmte in der Dauer eines Uebels iſt in der That die groͤßte Seelenqual,⸗ alle Energie geht in dieſem, in Dunkel ge⸗ huͤllten, uns zwecklos ſcheinenden Kampfe verlohren/ indeſſen ein Leiden, deſſen Grenzen man kennt, uns mit jedem Au⸗ genblicke die Fortſchritte bezeichnet, durch. die wir uns. ſeinem Ziele nahen. A — 31 Nachdem Herr deny einige Worte des Troſtes, die aber wenig Eindruck zu ma⸗ chen ſchienen, gaſpendet harte, empfahl er mit weit beſſerm Erfolge den Dienſtboten, ihre junge Gebieterln, die nur ungluͤcklich ſei, nach wie vor zu lieben und zu ehren, hierauf entfernte er ſich mit den Notizen, die er noͤthig hatte, um die Taufe dieſes Kindes in das Kirchenbuch einzutragen. Indeſſen behielt er ſich vor, mit Herrn Arnould, dem Geſchaͤftsfuͤhrer der Frau von Beaumanoir, noch zuvor deshalb Ruͤckſprache zu nehmen, denn der Gegen⸗ ſtand dieſer Regiſtratur war von zu zar⸗ ter Art, als daß deren Abfaſſung nicht vorher reiflich zu erwaͤgen geweſen waͤre. Die Gegenwart des Herrn Bonner war auf der Burg unumgaͤnglich noͤthig, man bedurfte ſeiner mehr als Freund, denn als Arzt. Er fuͤhlte dies, und er⸗ 32 ſparte den Dammn dio Muhe, deshalb eine Einlavung an ihn ergehen zu laſſen, die es ſchon auf allen Geſichtern laß. Seine Er⸗ klaͤrung, vierzehn Tage, mit Ausnahme ei⸗ niger Ausfluͤge, wozu ihn ſein Beruf auf⸗ forderte, auf der Burg zubringen zu wollen, war das einzige und wirkſamſte Linderungsmittel des Jammers dieſer troſt⸗ loſen Familie. Klementine verließ bereito das Bette. Ihre beinahe nicht zu beſte⸗ gende Traurigkeit fand nur einige Min⸗ derung in der Erfuͤllung ihrer Mutter⸗ pflichten; gemeiniglich ſchaͤrfte zwar der erſte Augenblick, in welchem ſie den Saͤug⸗ ling in ihre Armen nahm, ihren Schmerz; ſo oft man ihr ihn brachte, haͤtte man, nach der ploͤtzlichen Veräͤnderung der Farbe und der Zuͤge, glauben ſollen, daß ein Dolch⸗ ſtoß ihren Buſen zerfleiſche, oder daß ſie vor einem Geſpenſte zuruͤckſchauders, aber 29 33 bald kehrte nach und nach die Farbe auf ihre Wangen zuruͤck, ihre Stirn erheiter⸗ te ſich, und ein Gepraͤg von Schwermuth diente nur dazu, dem immer noch hoͤchſt anmuthsvollen Ganzen einen ruͤhrenden Charakter aufzudruͤcken. Wenn ihre Wimpern, welche das dunkelblaue Auge halb verſchleierten, ſich gegen ihr Kind niederſenkten, wenn ein Zug von Zaͤrtlich⸗ keit gegen das Weſen um ihre Lippen ſchwebt, welches, ohne es zu ahnden, ſo viel Ungluͤck uͤber ſie gebracht hatte, ſo glich ſie dem Freunde, der, indem er von einer theuern Hand aus Irrthum ſchwer verwundet wird, laͤchelt und verzeiht. Henrierte und Karoline fingen an ſich in etwas zu beruhigen. Die benachbarten Landleute hielten ſich entfernt; ihre Frauen gaben wo moͤglich noch weniger Lebens⸗ zeichen von ſich; aber man war ſchon laͤngſt III Theil. 3 * 34 auf dieſer duͤſtern Burg gewohnt, ſich ſelbſt zu gnuͤgen, man nahm ſeine Zuflucht zu ſeinen fruͤhern Unterhaltungen; man kehrte zur Lektuͤre zuruͤck, man unterſtuͤtzte arme Landleute, und ſchaͤtzte ſich beinahe gluͤck⸗ lich Duͤrftige zu finden, um ihre Lei⸗ den zu lindern. Die Vicomteſſe und Ma⸗ dame Allote gingen wenig aus; Klemen⸗ tine nie, außer in den Garten, wo ſie ſich zwei oder drei Minuten mit ihrem Kinde auf dem Arme ein wenig erging, dann ſagte Henriette zu ihrer Freundin:„Sieh einmal deine Tochter, liebe Karolinel wie ſchoͤn iſt ſiel hat ſie nicht etwas Himmliſches in ihrer Mutter⸗ wuͤrde, zwar umflort ihre Stirn ein Zug des Schmerzes, aber es iſt der Schmerz eines Engels! Koͤnnten wir, die wir ſie erzogen haben, wir, denen ihre jungfraͤn⸗ liche Reinheit bekannt iſt, uns nicht unter dieſen Zuͤgen die keuſche Gattin Joſephs 35 vorſtellen, wie ſie auf Ihrer Ruͤchkehr von Jeruſalem nach Nazareth mit ihrer heiligen Buͤrde unter den Schatten einer Syriſchen Palme ruht?— Ja, antwor⸗ tete die Vicomteſſe, aus einem traurigen Vorgefuͤhl, aber die Flucht nach Egypten, und beſonders die Schriftgelehrten und Golgatha waren nicht weit davon ent⸗ fernt. Indeſſen hatten doch nicht alle Freunde der Bewohnerinnen des Schloſ⸗ ſes Helvin, den Weg dahin vergeſſen. Der gute Herr Leny, der achtungswuͤr⸗ dige Herr Arnoult, die junge Dame Fe⸗ rec und der treffliche Doktor brachten ei⸗ nige Abwechſelung in den Truͤbſinn der Familie Beaumanoir. Ein Gegenſtand der Achtung und des Reſpects fuͤr dieſe Edeln, fuͤhlte Klementine in dieſen Freun⸗ deskreiſe, immer lebhafter, daß ſie das Recht 3* 36 geachtet zu werden noch nicht verlohren habe: Ohne ſich uͤber ihr Ungluͤck zu taͤu⸗ ſchen, kehrte ſie zu den Bewußtſeyn eige⸗ ner Wuͤrde zuruͤck: beſonders war ihr der Umgang mit Madame Ferec troͤſtend und aangenehm. Dieſe junge Frau war nur zwei Jahre aͤlter als Klementine; Mutter wie ſie, waͤhrend der Abweſenheit ihres immer auf Reiſen ſich befindenden Gatten,⸗ wurde ſie Klementinen durch dieſe anſchei⸗ nende, wenn auch nur voruͤhergehende Aehnlichkeit in ihren Verhaͤltniſſen, beſon⸗ ders theuer. Fanny, dies war der Name der Gattin des Kapitains, hatte ſich ge⸗ raume Zeit ohne Nachricht von ihrem Manne befunden. Endlich theilte ſie ih⸗ rer Freundin die frohe Kunde mit, daß ſie zu ihrer großen Freude, nach einem neun monatlichen Schweigen, einem Brief erhalten habe, der ſchon vor zwei Mona⸗ ten ihr haͤtte zukommen ſoll llen, und was das Sonderbarſte iſt, fuͤgte ſie hinzu, ſo ſcheint Herr Ferec, indem er mich von ſeiner langen Reiſe unterhaͤlt, ſich's zum Geſchaͤft gemacht zu haben, mir beinahe ausſchließlich von einem Paſß fagier r, einem ehemaligen Schulkameraden von ihm, vor⸗ zuerzaͤhlen, der die Reiſe auf der lie⸗ Bon euthed gen Eliſabeth mit ihm gemacht, und beinahe Wunder auf derſel⸗ ben bewirkt hat. „Denken Sie ſich meine Damen, fuhr die junge Fanny fort, daß dieſer Wunder⸗ mann, deſſen Namen mir mein Mann uͤb⸗ rigens verſchweigt, vor ihm, und zwar nach einer fuͤrchterlichen Nacht, auf der Straße nach Lorient, wohin mein Mann mit Poſt reiſte, um dem Befehl des Di⸗ rectors der oſtindiſchen Geſellſchaft ge⸗ maͤß, den audern Morgen unter Segel zu 38 . gehen, in ſein Kabriolet aufgenommen wurde. Mehrere Paſſagiers befanden ſich ſchon am Bord, faſt alle Schauſpieler und Schauſpielerinnen oder Kreolen, Soͤh⸗ ne unſerer reichſten Familien,(denn Sie mäſſen wiſſen, daß ich ſelbſt Kreolin bin) und dieſe ganze Geſellſchaft hatte ſich nach Isle de France eingeſchifft, die einen, nachdem ſie ihr Geld in Paris ver⸗ zehrt hatten, die andern, um welches zu gewinnen, und es auch in Darſs verzeh⸗ ren zu koͤnnen. Madame Allote unterbrach hier die Erzaͤhlung ihrer Rachbarin.„Das alles koͤnnte mich, ſagte ſie zu ihr, fuͤr den Kopf oder fuͤr die Tugend des Kapitains zittern machen, den ich uͤbrigens, wie Sie wiſſen, von Herzen liebe, ſeit er mich bei der Marquiſe Dugrego in ſeinen maͤchti⸗ gen Schutz genommen hat. Wie hat er 39, ſo vielen Schoͤnheiten widerſtehen koͤnnen, die hoͤchſtwahrſcheinlich alles aufgeboten haben, um ihm zu gefallen, und auf welche Art iſt es ihm gelungen, der Unordnung, die bei einem ſolchen Gemiſch beider Geſchlechter an ſeinem Borde beinahe un⸗ vermeidlich ſeyn mußte, vorzubeugen?“ „Auf welche Art?“ erwiederte Mada⸗ me Ferec, ſehr gut iſt es ihm gelungen. Ich kenne dem Kapitain, ſo ſehr er ſich die Liebe des Schiffvolks und der Paſſa⸗ giere zu erwerben verſteht, fuͤr deren Si⸗ cherheit er wie ein Vater wacht, ſo ſehr weiß er ſich auch, zum Vortheil der Manns⸗ zucht, in Furcht zu ſetzen. Indeſſen ge⸗ ſteht er, daß er in dieſer Hinſicht dem Paſſagiere, deſſen ich ſo eben gedacht ha⸗ be, manche Verbindlichkeit ſchuldig ſey. Gleich bei ſeiner Ankunft hat dieſer Mann zu allen mit einer gewiſſen Wuͤrde geſpro⸗ 40 chen, die man ſich gar nicht hat erklaͤren koͤnnen, wenn man ſie nicht vielleicht als eine Wirkung ſeines erſten Entſchluſſes betrachten wollte, ſich dem geiſtlichen Stande zu widmen, dem er entſagt hat, ohne daß jemand die Veranlaſſung dazu hat erfahren koͤnnen, denn er wuͤrde alle Verpflichtungen, die ihm dieſer Stand aufgelegt haͤtte, gewiß treulich erfuͤllt ha⸗ ben. In Ermangelung des Schiſſsgeiſtli⸗ chen, der das Schiff kurz vorher ehe die Anker gelichtet wurden, verlaſſen hatte, hat er mit Salbung das Abendgebet ge⸗ ſprochen, und die ganze Mannſchaft nebſt den Paſſagieren hat andaͤchtig im Chor geantwortet. Den Tag uͤber hat er die Muͤſſigen durch erbauliche oder unterrich⸗ tende Lektuͤre beſchaͤftigt. Nachdem ihm, (denn er iſt ſehr reich) die Koͤniginnen und die Kammermaͤdchen manche zaͤrtliche 8 41 Blicke, ohne Erfolg zugeworfen hatten, haben ſie ihm nicht allein in Ruhe gelaſ⸗ ſen, ſondern ſich auth aller Stoͤrungen am Bord enthalten, ſo daß man, Dank ſey es dem geheimnißvollen und ſchwer⸗ muͤthigen Jugendfreunde meines Mannes, eher haͤtte glauben ſollen er lande mit ei⸗ ner frommen Bruͤderſchaft, als mit einer Schauſpielertruppe und einem Haufen lu⸗ ſtiger Bruͤder in Isle de France. Alle Nachſchriften an den Briefen meines Gat⸗ ten ſind mit Bemerkungen uͤber dieſen au⸗ ßerordentlichen Mann angefuͤllt, und ich geſtehe, er hat mir eine ſolche Theilnahme eingefloͤßt, daß ich den Kapitain gebeten habe, mir in ſeinen naͤchſten Briefen die Fortſetzung der Begebenheiten ſeines Freun⸗ des mitzutheilen, wenn er weiter etwas von ihm erfahren hat. Ich bin in der 42 That begierig darauf, auch ſeinen Namen muß ich erfahren. Der Doktor, welcher bei dieſer Er⸗ zaͤhlung anweſend war, nahm das Wort, um Madame Ferec zu fragen, ob ſie ſich der Zeit der Abreiſe ihres Mannes genau erinnern koͤnne? — Ob ich mich ihrer erinnern koͤnne? erwiederte ſie, ich muͤßte wahrhaftig ein ſehr ſchlechtes Gedaͤchtniß haben, um einen der furchtbarſten Gewitterſtuͤrme zu ver⸗ geſſen, die ſeit meiner Ankunft in Frank⸗ reich gewuͤthet haben, das Wetter in der Nacht von 14 zum 15 Juni des vorigen Jahres. Des 14 Juni! wiederholten erblaſſend die Vicomteſſe und Madame Allote. Es war gerade damals, als unſere arme Klementine uns ſchon verlaſſen zu 1 43 haben ſchien, und am Morgen ein Wun⸗ der ſie unſern Thraͤnen zuruͤck gab. Die Unterhaltung wurde abgebrochen, man enthielt ſich, aus Ruͤckſichten gegen Frau von Beaumanoir, ſie fortzuſetzen, da ſie durch die Erinnerung an dieſen ver⸗ haͤngnißvollen Zeitpunkt ſichtbar angriffen war. Die Stunde der Trennung erſchien. Kadame Ferec, welche verſprochen hatte, die folgende ganze Woche mit ihrem Kinde auf der Burg zuzubringen, wuͤnſchte, die drei Tage, die ihrer Abweſenheit vor⸗ ausgingen, 3 ihrem alten Vater ganz zu widmen. Herr Arnoult brachte ſie in ſei⸗ nem kleinen Wagen nach Hauſe, und da man im Mai noch nicht weit vorgeruͤckt war, ſo mußte man aufbrechen, ehe ſich die Sonne dem Untergange naͤherte, um nicht in die dunkle Nacht zu kommen. 44 Als die liebenswuͤrdige Fauny die Treppe hinabſtieg, bot ihr der Doktor fei⸗ nen Arm an, und waͤhrend Herr Arnoult zuruͤckgeblieben war, um mit den Damen von Helvin noch zu ſprechen, fragte er ſie, ob es ihr unangenehm ſeyn wuͤrde, ſich auf kurze Zeit von dem Briefe ihres Mannes zu trennen, und ob er ſich, ohne zu große Unbeſcheidenheit, erlauben duͤrfe, 8 ihn einem kranken Freunde mitzutheilen, dem er gewiß eine angenehme Unterhal⸗ tung gewaͤhren wuͤrde. —„Der Brief iſt ſehr lang, ſage ich Ihnen im Voraus, bemerkte die junge Dame, wie dies auch ſeyn muß, wenn man ſich nur aller ſechs Monate ſchreibt.“ Deſto beſſer, erwiederte Herr Bonnet, um ſo intereſſanter wird er fuͤr meinen Freund ſeyn. 45 —„In dieſem Falle ſteht er Ihnen zu Dienſten, antwortete Madame Ferec. Morgen fruͤh koͤnnen Sie ihn abholen laſ⸗ ſen; und doch bin ich wahrlich ein bischen unbeſonnen, denn mein liebes Maͤnnchen hat in ſeine Epiſtel zwei oder drei Zeilen einfließen laſſen, in denen ſich ſeine Zaͤrtlichkeit in etwas ſtarken Aus⸗ druͤcken ausſpricht, und die ich doch nicht gern jedermann Preis geben moͤchte.“ „Kleben Sie einen Streifen Papier daruͤber, ich ſtehe Ihnen dafuͤr, daß ſich Niemand daran vergreifen ſoll, und ohne mich daran zu vergreifen, kann ich mir denn nicht denken, was ein Seemann, der ſo gluͤcklich iſt, eine junge und liebens⸗ wuͤrdige Frau zu beſitzen, und ſo ungluͤck⸗ lich, ſich von ihr trennen zu muͤſſen, ihr zu ſchreiben hat? Wenn die Briefe, die Herr Ferec an Sie ſchreibt, nichts der⸗ 46 gleichen enthielten, ſo wuͤrde ich ihre Authenticitaͤt bezweifeln.— Die Mittheilung des Briefs ward un⸗ ter dem ausbedungenen Vorbehalt verſpro⸗ chen; da der Doktor eine große Wichtig⸗ keit darauf legte, ſo holte er ihn ſelbſt ab, und mußte bei Herren Manſel, dem Vater der Madame Ferec den Mit⸗ tag zubringen. Da dieſer Brief mit dem Inhalte dieſer wahrhaften Geſchichte ge⸗ nau zuſammen haͤngt, ſo mag er auch in derſelben ſeinen Platz finden. Achtzehntes Kapitel. 4 Ein Brief, durch welchem man dem Fluͤchtlinge auf die Spur kommt. Ein Vorfall, der wichtige Folgen haben wird. Port Louis 19 Weinmonat 1775. Meine theure Fanny, ich habe Dir, vor etwas mehr als vier Monaten, von Lori⸗ ent aus, ehe ich die Anker lichten ließ, ein paar Zeilen geſchrieben, und hoffe, daß Dir mein Billet, ob ich es gleich durch einen Quidam, der ein wenig geladen hat⸗ te, uͤberſchickt habe, richtig zugekommen ſeyn wird. Jetzt da ich in Isle de France angekommen bin, bin ich dir die Erzaͤhlung meiner Reiſeabentheuer ſchuldig. Du — 48 ſollſt ſie nach Deinem, im Augenblicke der Trennung mir geaͤußerten, Wunſche, ſo viel mir moͤglich iſt, ohne Einmiſchung von Schiffsausdruͤcken erhalten. Freilich biſt Du mit dieſer Sprache, die, nach meiner Ueberzeugung, geſchickter als jede andere iſt, um Handlungen und Gedanken darzu⸗ ſtellen, zu wenig vertraut, und ſie iſt Dir daher weniger angenehm, als es mir Dei⸗ ne lieblichen Madagaskariſchen Geſaͤnge ſind. Ich werde mich alſo Deinem Ge⸗ ſchmacke fuͤgen, was mir in der muͤndli⸗ chen Unterhaltung ſchwer werden wuͤrde, bei der ſchriftlichen jedoch wenig Schwie⸗ rigkeiten haben wird, wohl verſtanden in⸗ deſſen, daß, Falls wir auch einmal ein Aus⸗ druck desjenigen Berufs, dem ich Deine Bekanntſchaft verdanke, entſchluͤpfen ſollte, du keine zu finſtre Miene machſt, wenn du unverhofft auf ihn ſtoͤßſeſt. In der 49 6 That wenn der Paſſat⸗Wind zu wehen beginnt, muß man die Seegel aufſpannen, oder im Hafen bleiben. „Ich habe wohl kaum noch gegen dich eines alten Schulkameraden erwaͤhnt, den ich auf der Straße nach Vannes an⸗ traf; und doch muß ich Dir ſagen, daß er mir waͤhrend der Ueberfahrt von nicht geringem Nutzen geweſen iſt. Dieſem ſon⸗ derbaren Manne iſt es ploͤtzlich eingefallen, dem geiſtlichen Stande, deſſen Kleidung er bereits trug, zu entſagen, und mich nach Jole de France zu begleiten: allerdings beſitzt er von ſeiner Mutter eine Pflanzung auf Isle de Bourbon, aber ich glaube, ich haͤtte koͤnnen zu den Esquimauy reiſen, und er wuͤrde ſich entſchloſſen haben, mir dahin zu folgen. Iſt es Widerwille ge⸗ gen das Seminariſtenleben? Behuͤte der Himmel!, denn er ſchifft noch immer in III. Cheil. 4 50 demſelben Meere, er hat nur die Flagge geaͤndert, und iſt in Erfuͤllung ſeiner Religionspflichten, ſo eifrig als je; nur ſcheint ein tiefer durch irgend einen uner⸗ warteten Schlag des Schickſals herbeige⸗ fuͤhrter, Gram, oder die Reue uͤber irgend ein Vergehen, das er ſich vorzuwerfen hat, immerwaͤhrend auf ihm zu laſten. So viel iſt gewiß, daß er einen Zufluchtsort ge⸗ gen die Stuͤrme dieſes Lebens am Bord der liebenswuͤrdigen Eliſabeth geſucht hat, wo unſere werthen Perſonen wenigſtens nicht gegen die Stuͤrme des Oceans geſichert ſind. Wir haben nur eine einzige Boͤ, aber dieſe auch recht tuͤch⸗ tig gehabt, und ich glaube darauf hofte unſer Mann, auch hat er ſich vortrefflich dabei benommen. Bevor ich indeſſen die⸗ ſes Abentheuer auf unſerer Ueberfahrt dir erzaͤhle, muß ich dir zuvor ſeinen er⸗ 51 ſten Auftritt unter der Schiffsmannſchaft und den Paſſagieren ſchildern.“ (Hier findet ſich in dem Briefe ungefaͤhr dieſelbe Erzaͤhlung uͤber die Art, wie er ſich ſelbſt zum Schiffsgeiſtlichen der liebenswuͤr⸗ digen Eliſabeth aufwarf, die wir ſchon im zweiten Theile beruͤhrt haben, wir uͤber⸗ ſchlagen daher dieſe Stelle, die nur eine Wie⸗ derholung des bereits Geſagten ſeyn wuͤrde.) Waͤhrend des Gebets hatte ich Gele⸗ genheit meine Paſſagiere, die auf beiden Seiten des Hinterkaſtells in Reihe und Glied ſtanden, zu muſtern; ihre Anzahl war groͤßer als ich mir gedacht hatte, denn unſer Superkargo hatte bei ihrer Aufnahme ein wenig durch die Finger ge⸗ ſehen; fuͤnf oder ſechs Pflanzer, Kreolen, kehrten auf ihre Zuckerplantagen zuruͤck, uͤber dies hatte ich eine kleine Schauſpie⸗ lergeſellſchaft am Bord, die, der Auffor⸗ 4* 52 derung des Gonverneurs zu Folge, komiſche Opern vor deinen Landsleuten ſpielen ſollte. Ich bat ſaͤmmtliche Mitglieder, ſich um mich zu verſammeln.„Meine Herren, redete ich ſie an, es kommt mir nicht zu, die Verhaͤltniſſe, die unter Ihnen Statt finden koͤnnen, einer Unterſuchung zu un⸗ terwerfen, aber meine Pflicht, ſo wie der Vortheil der Oſtindiſchen Compagnie er⸗ fordert es, fuͤr die Ordnung auf dem mir anvertrautem Schiffe zu ſorgen. Wenn unter Ihnen eheliche Verbindungen Statt finden, ſo muß ich damit bekannt gemacht werden, um dafuͤr ſorgen zu koͤnnan, daß ſie in Ehren gehalten werden; ich werde davon in meinen Schiffsregiſter Vormer⸗ kung machen, und ſo wie ich ans Land trete, dem Herrn Gouverneur davon An⸗ zeige machen. Alle andere Verhaͤltniſſe werde ich unter keinen Vorwandte dulden. 33 Waͤhrend vier Monate wenigſtens ſind wir alle das Beiſpiel einer anſtaͤndigen Auf⸗ fuͤhrung der Schiffsmannſchaft ſchuldig, deren Mannszucht die Bedingung unſerer eigenen Sicherheit iſt, und ich erklaͤre, daß ich diejenigen, die ſte, waͤre es auch nur ſcheinbar, ſtoͤren koͤnnten, wuͤrde verhaften laſſen, zu welchem Zwecke bereits ein Be⸗ haͤltniß eingerichtet iſt.“ „Nun ſchritt ich zu einem Verhoͤre, wobei ich meine Wuͤrde nach Moͤglichkeit zu behaupten ſuchte. Die eheliche Ver⸗ bindung des Herrn und der Frau Fier⸗ ville, unter deren Direction die Geſellſchaft ſtand, wurde anerkannt. Ich hielt ſie fuͤr die einzige, allein ein Saͤnger, Namens Gagnerot, machte Anſpruch auf elne nied⸗ liche ziemlich anziehende Schauſpielerin, die ſich Mademoiſelle Huat nannte. Da ich mein Erſtaunen aͤußerte, daß ſie beide - 54 nicht einerlei Namen fuͤhrten, erhielt ich zur Antwort, daß, nach einer beim Theater eingefuͤhrten Sitte, es dem Schauſpiele⸗ rinnen erlaubt ſei, auch verheirathet, die Namen, unter welchem ſie ſich beim Pub⸗ licum auf eine vortheilhafte Art bekannt gemacht haͤtten, beizubehalten.„Wenn Sie in Port⸗Louis angekommen ſind, antwortete ich, indem ich mein Geſicht, ſo gut ich es vermochte, in ernſte Falten leg⸗ te, dann koͤnnen Sie thun, was Ihnen gutduͤnkt, aber waͤhrend der Reiſe wird Demoiſelle Huat ſich Madame Gagnerot nennen. Hier mochte wohl eine kleine Taͤuſchung obwalten, allein es kam hier nicht ſowohl auf eine ſtrenge Unterſuchung, als vielmehr darauf an, den Verbindun⸗ gen, mochten ſie ſeyn von welcher Art ſie wollten, eine anſtaͤndige Außenſeite zu ge⸗ ben, und jeden Anſchein von Liebesintri⸗ — 55 gue unter den Paſſagieren zu entfernen. Und damit iſt es mir vollkommen gelun⸗ gen, Dank ſey es dem guten Rathe und der Unterſtuͤtzung meines verſtaͤndigen und ſchwermuͤthigen Schulkammerads, denn von ihm ruͤhrt die gluͤckliche Idee meiner rich⸗ terlichen Unterſuchung her. So ſegelten alſo liebe Fanny, unter meiner Bedeckung nur zwei verheirathete Paare, indeß ſich, waͤhrend dieſer vier Monate, auf der klei⸗ nen Oberflaͤche einiger Breter die den be⸗ deutungsvollen Namen„liebensw üͤr⸗ dige Eliſabeth“ fuͤhrten, mehr als hundert Perſonen beiderlei Geſchlechts be⸗ wegten. 1 „Meine gebrauchte Vorſicht war um ſo noͤthiger, da wir vier oder fuͤnf ſehr angenehme Frauen am Bord hatten, deren Beſitz man ſich haͤtte ſtreitig machen koͤn⸗ nen, und die, gern oder ungern, die Tu⸗ 56 gendhaften ſpielen mußten. Die Demoi⸗ ſelle Lerour, Pecinadec und Vaudemont, obgleich letztese mehr die Rolle einer Eh⸗ renhuͤterin uͤbernommen hatte, waren an⸗ ziehend genug. Die ſich Wittwe nennende Dame Verdot iſt ſehr haͤßlich, und es ſollte mich wundern, wenn ſie auf Isle de France Gluͤck machte: indeſſen darf man an nichts verzweifeln, denn es giebt keine Schauſpielerin, die nicht fuͤr Inſulaner ihren Talisman haͤtte. Ich habe mir vorbehalten, eines bei der Geſellſchaft als Figurantin angeſtellten Maͤdchens beſonders zu erwaͤhnen, das wohl das ſchoͤnſte Geſchoͤpf iſt, auf welches je ein Blick gehaftet hat: ich rede von der Saint⸗Ange, beruͤhmt durch die, mit der Todesſtrafe ſich endigenden, Liebe des Garde⸗Ofſiciers, Ritters de Saig⸗ nes, der, um zu ihr zukommen, aus dem 57 Fort⸗ O' Eveque, wo ſeine Glaͤubiger ihn gefangen hielten, zu entſpringen ver⸗ ſuchte, und bei dieſer Gelegenheit zwei Kerkerthuͤren aufſprengte und zwei Kerker⸗ meiſter toͤdtete, deren Tod er auch mit ſei⸗ nem Leben bezahlen mußte. Nach ſeinem Wun⸗ ſche empfing die Saint⸗Ange in eigner Per⸗ ſon ſein letztes Lebewohl auf dem Blutgeruͤ⸗ ſte, wo ſie ohnmaͤchtig niederſtuͤrzte. Der Her⸗ zog von Chartres*) der Umgang mit ihr ge⸗ habt hatte, uͤberſandte ihr zweihundert Louis⸗ dor, mit einem Paſſe von Herrn von Sar⸗ tines fuͤr die oͤſtlichen Colonien.— Nie habe ich ein von der Natur beguͤnſtigeres weib⸗ liches Weſen geſehen. Von gewöhnlicher Taille, ſteht auf einem wunderſchoͤn ge⸗ formten Halſe ein Grazienkopf von einem 1 *) Derſelbe, der nach dem 1785 erfolgten Tode ſeines Vaters, den Titel als Herzog von Orleans annahm. 58 dunkelkaſtanienbraunen ſeidenweichen Haar — umlockt, und von einem ſo zarten und doch friſchen Teint, daß man ſich geneigt fuͤhlt, ſie vor jedem Sonnenblick zu warnen. Waͤhrend der acht Tage, die ich, nach mei⸗ ner Ankunft in Marſeille, zu meinem Ver⸗ gnuͤgen in der Hauptſtadt zubrachte, habe ich die Buͤſte dieſes Maͤdchens im Palaig⸗ Royal bei Curtius geſehn, der es wegen ſeiner beruͤhmten Schoͤnheit in Wachs boſſtirt hatte, und bei meiner Zuruͤckkunft nach Helvin mir Dir bereits daruͤber ge⸗ ſprochen, aber ich verſichere Dich, ſie iſt viel ſchoͤner als dieſe Buͤſte, die mir ſo reitzend vorkam. Wenn es mir erlaubt waͤre, zwiſchen zweien, in zwei ſehr verſchie⸗ denen Lagen ſich befindend n, Frauen eine Aehnlichkeit aufzuſtellen, ſo wuͤrde ich Dir ſagen, daß Fraͤulein von Beaumanoir, die am Abend vor meiner Abreiſe ihrer Fami⸗ . 59 lie auf eine ſo traurige Weiſe entriſſen worden iſt, die einzige unter Evens Toͤch⸗ tern war, welche mir eben ſo bezaubernd vorgekommen iſt. „Geliebte Fanny, laß keinen Zweifel an meiner Treue Dich beunruhigen: weißt Du nicht, daß Du..... „(Hier war ein Papierſtreif ſorgfaͤltig von einer geſchickten und zarten Hand uͤber einige Zeilen geklebt. Da der Doktor Bonnet, zu Folge der von ihm eingegange⸗ nen Bedingung, dieſe verſiegelte Stelle reſpectirt hat, wie er dies in ſeiner Ab⸗ ſchrift, die vor uns liegt, erklaͤrt, ſo erlau⸗ ben wir uns nicht, waͤr's auch nur im Gei⸗ ſte, dieſen, ſeiner Angabe nach, drei Fin⸗ ger breiten Streifen abzuloͤßen, aus deſſen Umfange erhellet, daß der Kapitain unge⸗ faͤhr acht Zeilen dem Lobe der Reize ſei⸗ ner jungen Gattin gewidmet hatte; und hieruͤber darf man ihm in der That keine Vorwuͤrfe machen, wenn man bedenkt, daß er durch einen Zwiſchenraum von beinahe zweitauſend Stunden von ihr getrennt war. Der Leſer mag alſo dieſe Lücke ausfuͤllen, ſo gut er kann. Wollte man vielleicht gar noch die Bemerkung machen, daß es ein wenig Koketterie von Seiten der Madame Ferec verrathe, nicht eine Zeile mehr bedeckt zu haben, ſo koͤnnten wir antworten, daß der Papierſtreif, der ihr in die Haͤnde ſiel, vielleicht gerade nicht breiter war; da aber das junge Weib⸗ chen dem Doktor ſchon geſagt hatte, daß der Brief des Kapitains einige lebhafte Ausdruͤcke der Zaͤrtlichkeit und Freundſchaft enthielt, was vorausſetzen laͤßt, daß ſie verdient waren, ſo darf man ſich nicht wundern, daß die treuherzige Kreolin eine Art von Merkzeichen hatte ſtehen laſſen, 61 welches fuͤr ihre Wahrhaftigkeit zeugen konnte. Nach dieſer zur Ehrenrettung der guten Fanny noͤthigen Einſchaltung, fahren wir in der Mittheilung des Brie⸗ fes fort:) „Lebhaft und eigenwillig, wie alle glaͤn⸗ zende Schoͤnheiten ſind, war die St. Ange klug genug, waͤhrend der ganzen Reiſe eine Art von Anſtand zu beobachten, der ſie vortrefflich kleidete. Vielleicht hatte das ſchreckliche Beiſpiel, von welchem ſie Zeuge geweſen war, einen tiefen Eindruck auf ſie zuruͤckgelaſſen, vielleicht hatte ſie auch gefuͤhlt, daß es ihr Vortheil erhei⸗ ſche, ſich mit mehr Zuruͤckhaltung als ihre uͤbrigen Gefaͤhrtinnen zu betragen, da ihre Ankunft dem Gouverneur unmittelbar durch den Ober⸗Polizeilieutenanr angeküͤndigt worden war. Indeſſen konnte es meinem ſeemaͤniſchen Scharfblicke nicht entgehen, 26 daß ſie ihre Signale mehr als ein Mal auf meinen Anachoreten richtete, und ſich ihm zu gefallen ein wenig ins Zeug warf, Du wirſt mich fragen, was es ihr helfen konnte, ihre Batterien gerade auf dieſen Mann ſpielen zu laſſen, darauf laß Dir dienen, Fanny, daß mein Schulkammerad ein ſehr ausgezeichnetes Aeußere hat, und daß keiner unſerer jungen Kreolen ihm den Preis jener maͤnnlichen und zugleich anziehenden Schoͤnheit, die unſerm Ge⸗ ſchlechte ſo wohl ſteht, ſtreitig machen konnte, uͤberdies muß ich Dir noch ſagen, daß ſich unter der Schiffsmannſchaft ein alter Matroſe befand, welcher verſicherte, die Pflanzung der Mutter meines Freun⸗ des ſehr wohl zu kennen, und ſie fuͤr die bedeutenſte und am beſten unterhaltenen auf der Inſel Bourbon erklaͤrte; ſind ſol⸗ 63 che Gruͤnde unter der Linie nicht eben ſo gewichtig als in Paris? Bald einige junge Seemaͤnner um ſich ver⸗ ſammelnd, um ſich mit ihnen uͤber Gegenſtaͤnde der chriſtlichen Sittenlehre zu unterhalten, bald in ſtilles Nachdenken verſunken, bald, wie ein ſtrenger Ordensbruder, in ſei⸗ nem Brevier leſend, glich dieſer unerklaͤr⸗ bare Mann einem querliegenden*) Kriegs⸗ ſchiffe, das keine Annaͤherung zu dulden, und keinen Feind zu fuͤrchten ſcheint. Ei⸗ nes Abends indeſſen, da wir nach dem Nachteſſen im Conferenzgemache mit dem Superkargo,(der dort ſeine Schlafſtelle hat) allein waren, ließ ich mir beigehen, *) Ein Schiff quer legen, heiſt in der mili⸗ taͤriſchen Schiffsſprache, ihm eine ſolche Stellung geben, um von demſelben eine Feſtung, oder eine Batterie u. ſ. w. beſchließen zu koͤnnen. Anm. d. Ueberſ. 64 ihm zu bemerken, daß die Augen der St. Ange noch lebhafter zu glaͤnzen ſchienen, wenn ſie auf ihn gerichtet waͤren. Nimm dich in Acht alter Freund, fuͤgre ich hinzu, daß deine Tugend nicht in dem Indiſchen Ozean, dem wir uns naͤhern, ſcheitre, der Riff iſt nicht weit entfernt.— Kapitain, antwortete er mit heftiger Stim⸗ me, dergleichen Aeußerungen erbitte ich mir; denken Sie an Ihr Verſprechen. Woher wiſſen Sie uͤberdies ob ich nicht ſchon auf das Riff geſtoßen bin? Waͤre ich vielleicht verpflichtet Sie davon in Kenntniß zu ſetzen? Soviel ſage ich Ih⸗ nen: meine Liebe gehoͤrt dieſer Welt nicht mehr an!“ 3 Bei dieſen Worten umduͤſterten ſich ſeine Zuͤge, was auch der Super Kargo bemerkte, der mich verſicherte, daß er bei ſeinem Anblicke Muͤhe gehabt habe, ſich 65 eines gewiſſen Schauers zu erwehren; drei Tage lang ſprach unſer Tiſchgenoſſe mit keinen von uns ein Wort. Man häͤtte glauben ſollen, er wolle ſich ſelbſt, wegen einer unbeſonnenen Aeußerung, durch eine uͤbermaͤßige Zuruͤckhaltung be⸗ ſtrafen. Bald nach dieſem kleinen Auf⸗ tritte wurde unſer Schiff in der Nacht von einer Boͤ ergriffen: ſie dauerte nur fuͤnf Stunden, aber(wie man denn von einer uͤberſtandenen Gefahr mit demjeni⸗ gen Weſen am liebſten ſpricht, das uns am theuerſten iſt,) ich geſtehe Dir, daß damals meine Fanny und mein Schoͤpfer, nach meiner innigen eberzenaug, meine letzten Gedanken waren..⸗— Ganz unerwartet vom„ Sbuem ber, fallen, hatten wir nicht Zeit gehabt, alle unſere Segel aufzugeien; denn der wacht⸗ habende Matroſe hatte uns etwas zu ſpaͤt III Theil. 5 66 davon benachrichtiget. Das Schlingern*) des Schiffs, deſſen zuſammengeruͤtteltes Segelwerk es gewaltſam von einer Seite zur andern wiegte, hatte mich ſchon aus dem Schlafe aufgeſchreckt. Vergebens ſprang ich auf's Verdeck und rief die Mannſchaft durch das Sprachrohr zuſam⸗ men, die noͤthigen Vorkehrungen verzoͤger⸗ ten ſich um eine halbe Stunde. Der Wind trieb uns mit Heftigkeit gegen die Afrikaniſche Kuͤſte, die Stroͤmungen riſſen uns nach dem Kanal von Mozambique fort, und hinderten uns oͤſtlich zu ſteuern, wo⸗ hin man den Lauf, einige hundert See⸗ meilen lang, ununterbrochen richten muß, um einen guͤnſtigen Wind zu gewinnen. Gluͤcklicher Weiſe war der Himmel ziem⸗ *) Schiffsausdruck, das heftige Schwanken des Schiffs anzudeuten. Anm. d. Uebſ. ³ 67 lich helle, aber der Sturm was ſo heftig, daß die Matroſen Muͤhe hatten ſich auf dem Verdeck zu erhalten, und waͤren die auf den Raa's befindlichen, nicht ſo tuͤchti⸗ ge und kraͤftige Armorikaner geweſen, ſo zweifle ich ſehr, ob ſie der Gewalt des Sturms haͤtten widerſtehen üunen. Wirk⸗ lich habe ich auch das Ungluͤck gehabt, ei⸗ neun Mann zu verliehren, den ein Wind⸗ ſtoß ins Meer ſchleuterte. Endlich gelang es uns, die Segel, bis auf einen einzigen, zum Steuern noͤthigen, einzuziehen, und 2 ſo Meiſter vom Schiffe zu werden, das 4 troz dem wie ein Pfeil auf den Fluthen dahin flog. Es gab Augenblicke, wo es ſchneller als die Welle welche es trug, zeinahe nie der vordern Haͤlfte in der Luft ſchwebte, bis es von ſeinem eignen Gewicht niedergedruͤckt, in dem Abgrunde zu verſinken ſchien. Eine zweite Welle, 5* 68 die ſich an ſeinem Vordertheile zerſchlug, ergriff es dann aufs Neue; und bedeckte uns, ehe das Schiff ins Gleichgewicht kom⸗ men konnte, mit Waſſer und Schaum. Da wir eine uͤbermaͤßig ſchwere Ladung hatten, und man uns die Zunahme eines Lecks — man ſchon ſeit einigen Tagen vergebe ſucht, der uns aber wenig beunruhigt hatte, ſo wurde das angeſtreng⸗ 4 teſte Pumpen zur eeraeen tat SJch erhielt dieſe 5 ihe als bei⸗ . gelfongen war: ſogleig ftalle ſich me˖ 9 — Sühaltamleraden nit— und Aualtte ſit ab, wie ein Galeerenſklav. Sein Rock von feinſten ſchwarzem Tuche hing in Fetzen um ihm herum; ſeinen Hut 69 hatte laͤngſt der Sturm fortgefuͤhrt, ſein braunes Haar lag feſt an ſeinen Schlaͤfen/ als wenn es in Oehl getraͤukt waͤre, und mitten unter dem Geſchwirre des Tauwerks, und dem Krachen der Maſten, richtete er mit ſtarker Stimme kurze aber erhebende Ermahnungen an die Matroſen. Da iche mich in ſeiner Naͤhe befand, ſo hoͤrte ich ihn einmal, mit einem Ausdrucke des 5 Schmerzes, der zuverlaͤffig aus dem In⸗ nern ſeiner Seele kam, ausrufen:„Mein Gott, verſchone dieſer Unſchuldigen, gern weih ich mich fuͤr ſie dem Tode, mich dem Strafbaren, mich allein treffe Dein Zorn!² Ich fuͤrchte, Fanny, daß die uͤberſpannten religiöſen Ideen, die in dieſem Kopfe gaͤhren, em Ende zu einem traurigen Aus⸗ gang fuͤhren; und doch iſe dieſer Mann uͤbrigens ſehr beſonnen, und ſeine Ur⸗ theile im Allgemeinen zeugen von uͤber⸗ wiegenden Geiſteskraͤften. Der Superkar⸗ go und ich halten ihn fuͤr das Opfer ei⸗ ner Liebe zu einem Weſen, das, in Folge eines ſchrecklichen und außerordentlichen Ereigniſſes, der Tod hingeraft hat. Ohne ſein Geheimniß zu wiſſen, nach dem zu forſchen ich nicht wagen moͤchte,(denn ſeit unſrer fruͤhſten Jugend hat er immer ein weſentliches Uebergewicht uͤber mich zu behaupten gewußt) habe ich mich verpflich⸗ tet, ſeinen Namen in meinen Briefen nie zu nennen. Wuͤßte er, daß ich ſo viel uͤber ihn geſchrieben haͤtte, er waͤre im Stande, von Port⸗Louis, wo er ſich ge⸗ ſtern Abends ausgeſchifft hat, zu mir am Bord zu kommen, und darauf zu dringen, ihm meinen Brief auszuliefern, und ich glaube auf Ehre, ich haͤtte nicht den Muth ihn denſelben zu verweigern. 71 Den Morgen nach dieſem heftigen Un⸗ wetter hatte ich das Gluͤck unſerm Leck auf die Spur zu kommen, da er ſich nur bei hoher See zeigte, ſo vermuthete ich, daß er ſich in der Naͤhe der Ladewaſ⸗ ſerlinie*) befinden muͤſſe, und ich hatte mich nicht geirrt, denn wir fanden am Hintertheile der„liebenswuͤrdigen Eliſabech“ eine Stelle, wo die Ver⸗ kleidung losgegangen, und die ſogar ein wenig unter der Waſſerlinie war. Der Zimmermeiſter und der Kalfaterer trieben ſte wieder an, und da wir zu Erleichte⸗ rung der Arbeit dem Schiffe vermittelſt der Segel eine ſchiefe Lage geben wußten, ſo war es leicht die ſchadhaft geweſene Stelle zu theeren, das war unſere einzige „* *) Ligne de flottaison iſt der Punkt wo das Waſſer dem Bauch des Schiffes beruͤhrt. Anm. des Ueberf. 2 — Haverei*) man muͤßte den die Wuch⸗ ling**) dahin rechnen wollen, die wir an unſern zweiten Maſtbaum auzulegen ge⸗ noͤthigt waren 1289 Ich habe vergeſſen, Dir, meine liebe kleine Kreolin, zu ſagen, daß wir eine Art von Saturnalien feyerten, als wir die Linie paſſirten, worauf ich mich auch ſchon gefaßt gemacht hatte. Unſere Ko⸗ mödianten ſpielten dabei im Allgemeinen eine erbaͤrmliche Rolle. Unſere Matroſen erließen das Untertauchen ſelbſt den Frauen nicht. Eine einzige blieb verſchont, was ſte bloß ihrer Schoͤnheit zu danken hatte, ich brauche ſie Dir alſo nicht zu nennen. Schon naͤherten ſie ſich ihr, als ſie wie *) Seeſchaden. Anm. des Ueb. 2*0 Eine Schiene zu Befeſtigung eines ſchadhaft gewordenen Maſtes. Anm. des Ueb. 3 73 von den Zauberſtabe einer Fee beruͤhrt, ſtarr vor ihr ſtanden. Es war nicht Be⸗ wunderung, es war Entzuͤcken, was ſich aller bemaͤchtigte. S inn Der Zauber ihrer Schoͤnheit ent⸗ wickelte ſeine ganze Macht; einige wichen beinahe furchtſam zuruͤck, die andern fuͤhl⸗ ten ſich hoch begluͤckt, die Hand zu kuͤſſen, die ſie ergriffen hatten. Die St. Ange genoß ihres Sieges beſcheiden, aber ſie genoß ihn nichts deſto weniger. Dieſe Gewalt der Schoͤnheit iſt etwas Erſtau⸗ nenswuͤrdiges, daruͤber mußt Du mir, bei meiner Ruͤckkehr Aufſchluß geben. Was unſern Freund betraf, ſo har man es gar nicht gewagt, ihm nur ein Wort von Taufe zu ſagen, ſo groß war die Ehrerbietung die er allen einzufloͤßen gewußt hatte! Dies war ein Zauber einer anderer Art. Er ſchien allen ein Weſen von hoͤherer 1 74 Gattung, und nur beſtimmt Befehle zu ertheilen, aber nie welche zu empfangen. Ich glaube, wenn ein Windſtoß in jener Sturmnacht mich auch vom Verdecke ge⸗ rafft haͤtte, man wuͤrde ihn zum Kapitain ernannt haben. Ich weiß nicht wie es zugeht, denn obgleich im Grunde ſehr menſchenfreundlich und wohlthaͤtig, wuͤrde ſeine Nachſicht doch nie in Schwaͤche ausarten. Aber freilich iſt er gegen ſich nicht minder ſtreng als gegen andere. Man ſollte darauf ſchwoͤren, dieſer Mann habe in der Hoͤhle des Trophonius geſchla⸗ fen: ich glaube nicht daß ich ihn habe zweimal lachen ſehen. Dein mythologi⸗ ſches Woͤrterbuch wird Dir erklaͤren, was ich damit ſagen will. Er zog ſich zuruͤck, und ſchickte der Mannſchaft drei Louisdor, blieb aber waͤhrend dieſer Taufe groͤßten⸗ theils in ſeinem Gemache, und ſchien an 75 dieſer laͤcherlichen Ceremonie, womit die Seeleute den Uebergang eines jeden neuen Reiſenden nach der ſuͤdlichen Halbkugel feiern, wenig Geſchmack zu finden. Der uͤbrige Theil der Reiſe wurde ohne weitere merkwuͤrdige Vorfaͤlle zuruͤck⸗ gelegt, der Ankergrund iſt hier gut, ich bleibe am Bord, waͤhrend der Superkar⸗ go aus Land geſtiegen iſt. Aber das Haus will ich beſuchen, worinnen Du ge⸗ bohren biſt, wo Dein trefflicher Vater Dich gefaͤhrliche Zauberin, die mir den Kopf verruͤckte, erzogen hat. Lebe wohl Fanny, denke an mich; noch zwei Reiſen und dann ruhe ich an Deiner Seite aus. Aber Deine Zukunft, die meinige, und die eines dritten Weſens, deſſen Be⸗ kanntſchaft Du fruͤher als ich machen wirſt, muß erſt geſichert ſeyn. Lebe nochmals wohl, ich umarme Dich, Dich, die ich 76 zehn Mal mehr liebe, als ein Nedpolita⸗ niſcher Matroſe ſeine hubſche Faſhets Ganz der Deinige Der Anpitgineven N. S. Mein Menſchenfeind ſcheint froh geweſen zu ſeyn, mir zu entwiſchen. Er hatte mir verſprochen, mich noch ein Mal an Bord zu beſuchen; aber eben mel⸗ det er mir durch ein Billet, daß er noch dieſen Abend nach der Inſel Bourbon ab⸗ reiſe. Er hat eine Bekehrung unter den Schauſpielerinnen bewirkt, an die ich nicht gedacht hatte; naͤmlich die der Dame Ver⸗ dot, welche den Bretern entſagt hat, um das Geſchaͤft einer barmherzigen Schwe⸗ ſter zu uͤbernehmen; dieſe arme Frau hat gefuͤhlt, daß ihre theatraliſche Laufbahn beendigt iſt, und daß es am beſten ſeyn wuͤrde, dasjenige Gott zu widmen, was die Menſchen ohnehin verſchmaͤhen. Aber 771 findeſt du meinen Schulkammeraden nicht ganz originell? Wer Teufel haͤtte ſich ſo was denken koͤnnen. Wenn er wenigſtens ſein Netz nach der Saint⸗Ange ausge⸗ worfen haͤtte, wie ich ihm vorſchlug, da haͤtte er ein chriſtliches Werk verrichtet! Dieſen Stein des Anſtoßes dem Erden⸗ pilger aus dem Wege geraͤumt zu haben, waͤre allerdings verdienſtlich geweſen; aber eine haͤßliche Frau weniger im geſellſchaft⸗ lichen Leben wird den Satan nicht hin⸗ dern ſein Weſen fortzutreiben. Uebrigens hat die Neuaufgenommene eine artige Leib⸗ rente dabey erworben. Zuverlaͤſſig hat nur reines Mitleiden ihn dazu bewogen, denn es blieb ihr nur dies einzige Mittel uͤb⸗ rig, um ſich ihren Unterhalt zu ſichern. Ich umarme dich noch ein Mal und wieder ein Mal. Schreibe mir ein paar Worte nach Isle de⸗ France;— ob wir gleich 78 in wenig Tagen die Auker lichten werden, ſo habe ich doch einige Vermuthung, daß der Superkargo uns noch ein Mal an dieſe Kuͤſten zuruͤckfuͤhren wird. Nachdem Herr Bonnet dieſen Brief mit aller derjenigen Aufmerkſamkeit gele⸗ ſen hatte, die er verdiente. Schrieb er ihn bis zur letzten Zeile ab. Er unter⸗ brach dieſe Arbeit nur dadurch, daß er ſich ſchriftlich an einen alten Freund wandte, den er in dem Seminarium in Vannes hatte, und von welchem er in zweimal vier und zwanzig Stunden folgende Ant⸗ wort erhielt. Vannes den 10 Mai 1776. Aus Gruͤnden deren Unterſuchung mir nicht zuſteht/ fragen Sie, lieber Bonnet, bei mir an, ob vor bald zehen und einen halben Monak unſer Seminarium nicht ein beſonders ausgezeichnetes Subject ver⸗ 79 lohren habe, welches auf den geiſtlichen Stand verzichtet, und ſich nach den Colo⸗ nien eingeſchifft haͤtte? Es war genug, daß die Sache Ihnen wichtig war, um mich zu veranlaſſen, die ſchleunigſten Nach⸗ forſchungen deshalb zu veranſtalten; aber Sie haben zu keinem Reſuleate gefuͤhrt, ich kann Ihnen daher auch nur eine ver⸗ neinende Antwort geben. Nur daran er⸗ innert mich Ihre Frage, daß zu derſelben Zeit mein College, welcher, in Abweſenheit Sr. Herrlichkeit des Herrn Bareau de Girac, ſeit langen Jahren dieſelbe Lehrſtell in Ren⸗ nes inne hatte, die ich hier bekleide, un⸗ gefaͤhr zwanzig Seminariſten aus jener Diozoͤſe zu unſerer Ordinazion hierher brachte, und daß wir eine Zeitlang, wegen des Herrn Jonathan Dermot, eines aus⸗ gezeichneten jungen Mannes, der unſerm Biſchof zum Sub⸗Diaconus vorgeſchla⸗ 80 gen war, in großen Sorgen ſchwebten. Er war bei der heiligen Handlung nicht gegenwaͤrtig, ob er gleich ſeine Gefaͤhrten, unter denen er der aͤlteſte war, bis nach Ploërmel begleitet hatte. Die goͤttliche Gnade hatte ihn der Welt entriſſen, und der Religion dieſen Sieg bereitet. Acht Tage nach der Ordinazion zog uns ſein Vater aus der Ungewißheit. Zu unſerm leb⸗ haften Bedauern wußten wir erfahren, daß, auf ſeinen Befehl, dieſes treffliche Subjekt welches, wie ich hoffe, dennoch ſeinem erſten Beruf, wieder gegeben werden wird⸗ wegen einer Handelsangelegenheit nach den Inſeln, abgereiſt iſt: So wird denn, mein theurer Freund, ſo lange Adamskin⸗ der hienieden wallen, das Irdiſche dem Himmliſchen immer vorgehen! Wir koͤn⸗ nen uns daruͤber betruͤben, aber duͤrfen deshalb nicht murren. eine ſensties 81 Der Verſicherung eines unſerer Bruͤ⸗ der Eudiſten zu Folge, der ein beſſeres Gedaͤchtniß hat, als ich, haͤtte ſich Herr Dermot am Bord des der oſtindſchen Kom⸗ pagnie gehoͤrigen Kauffahrers, die liebens⸗ wuͤrdige Eliſabeth, unter Kapitain Ferec eingeſchifft. Es thut mir leid, lie⸗ ber Freund, Ihren Wuͤnſchen nicht beſſer entſprechen zu koͤnnen, aber immer iſt es mir erfreulich geweſen, durch dieſe Veran⸗ laſſung von Ihrem Befinden Nachricht zu erhalten, mit dem meinigen geht es leid⸗ lich, ſeit der Kriſis, aus der mich Ihre Kunſt geriſſen hat. Ein wenig eher, ein wenig ſpaͤter werden wir auf jeden Fall eine noch laͤngere Reiſe, als Herr Dermot antreten muͤſſen, immer bin ich Ihnen fuͤr den mir verſchafften Aufſchub dankbar. Ihr Freund Serand our. Prieſter Doktor der Gottesgelehrtheit. III Theil. 6 82 N. S. Es haben ſich uͤber die Toch⸗ ter einer ſehr achtungswerthen Dame aus Ihrer Nachbarſchafft ſehr unangenehme Geruͤchte verbreitet; ich hoffe, daß ſie ſich nicht beſtaͤtigen werden. Der Doktor hatte, nach reiflicher Ue⸗ berlegung, bei der Niederkunft des Fraͤu⸗ leins von Beaumanoir, wie ſolche, nach gewiſſen Vorausſetzungen eintreten mußte, eine Abweichung von dem gewoͤhnlichen Gang der Natur bemerkt, von dem ſie ſich nur in hoͤchſt ſeltenen Faͤllen entfernt. Der Unterſchied konnte nicht weniger als zehn Tage betragen, und wenn das Geſetz, der Ruhe der Familien wegen, eine ſolche Abweichung gelten laͤßt, ſo kann ſie doch, in den Augen eines erfahrnen praktiſchen Arztes, nicht umhin, ihn zu wahrſcheinli⸗ chern Vermuthungen zu berechtigen. Alle Ungewißheit war bei Herrn Bonnet ver⸗ 83 ſchwunden, der erſte der beiden Briefe, die wir geleſen haben, hatte ihn von der an einem vertheidigungsloſen Weſen be⸗ gangenen Unthat unterrichtet, der zweite nannte ihm den Thaͤter. Er ſchauerte uͤber das auf dieſes ſchreckliche Ereigniß verbreitot Licht, und fuͤhlte doch zugleich, mit welcher Vorſicht man hierbei zu Werke gehen muͤſſe, und welche Schonung die Verhaͤltniſſe der Familie erforderten, deren Nuhe ihm ſo ſehr am Herzen lag. Da er von Herrn Leny nichts Nachtheiliges zu befuͤrchten hatte, ſo hielt er fuͤr zweck⸗ maͤßig, ihn mit den auf dieſes Ereigniß Bezug habenden Papieren, bekannt zu ma⸗ chen, waͤre es auch nur, um den Damen von Helvin die ganze Wirkſamkeit jenes geiſtlichen Schutzes zu ſichern, der ihnen immer noͤthiger wurde, und der durch ſein Gewicht alle Gemuͤther der zu dem Spren⸗ 6* 84 gel gehoͤrigen Landleute den von dem „Seelenſorger geachteten Mitgliedern deſ⸗ ſelben geneigt macht. Uebrigens war es, wie wir gleich ſehen werden, die hoͤchſte Zeit, die Angriffe unſchaͤdlich zu machen, welche auf die Ruhe der drei ſchuldloſen Weſen gerichtet waren, und die der Neid, weniger wegen des Vergehens das man ih⸗ nen aufbuͤrdete, als wegen des vielen Gu⸗ ten, das ſie rings um ſich her großmuͤ⸗ thig verbreiteten, ſtrafbar fand. Der Doktor hatte den Brief, der ihm von der Madame Ferec anvertraut worden war, ihr eigenhaͤndig wieder zuge⸗ ſtellt. Er gab zu, daß der Kapitain ſeine Erzaͤhlung ſehr anziehend vorgetragen ha⸗ be, glaubte aber demohngeachtet, ſich die Bemerkung erlauben zu duͤrfen daß eine zu große Verbreitung des Inhalts dieje⸗ nige Perſon, die den Hauptgegenſtand deſ⸗ — ſelben ausmachte, in Verlegenheit bringen koͤnnte. Die junge Dame fand dieſe An⸗ ſicht richtig, und dies war es, was Herr Bonnet wuͤnſchte, der dadurch den Gedan⸗ ken von ihr entfernen wollte, der Familie Beaumanoir dieſe Lektuͤre vielleicht mitzu⸗ theilen. Mit der Abſchrift deſſelben und dem Original der Antwort des Abbe Serandour in der Taſche, machte er ſich auf dem Weg nach der Burg Helvin, wo er wußte den Rektor an dieſem Tage an⸗ zutreffen. 8 In einiger Entfernung von dem alten Siz⸗ ze wurde er Yvon Calvez gewahr; der ihm mit ſtarken Schritten entgegen kam, aber zu ſehr mit irgend einem wichtigen Gegenſtande beſchaͤftigt zu ſeyn ſchien, um ſich durch ein Hinderniß auf ſeinem Wege ſtoͤren zu laſſen. Der brave Junge ſtand ploͤtzlich 86 ſtill, als er ſich in der Naͤhe des Doktors ſah, welcher, nachdem er ihn vom Kopf bis auf die Fuͤße gemeſſen hatte, ihn zu⸗ erſt in einem rauhen, aber frennpſchafeli. chen Tone anredete. Herr Bonnet.— Wohin, du Strick, in dieſem Zuſtande, mit deinem braun 3 und blau unterlaufenen Auge und blut⸗ euͤnſtigen Geſicht? tn Yvon.— Zu Ihnen Herr Dottod) um mich ein wenig guten Raths bei Ih⸗ nen zu erholen, den ich recht noͤthig habe. Herr Bonnet.— Seit wenn ſucht denn der Kranke den Arzt ſelbſt auf, einem Zuſtand wo er in ſeinem Bette lie⸗ gen ſollte. Weißt du, daß, wenn du nicht wie ein Blinder beinahe an mich angerennt waͤreſt, du noch eine gute halbe Stunde zu laufen gehabt haͤtteſt, ehe du zu meiner Wohnung gekommen waͤreſt. Aber ſage * 87 mir nur, wer dich in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzt hat? Yvon laͤchelnd.— Mein Zuſtand beunruhigt mich nicht im Geringſten, lie⸗ ber Herr Doktor, und der, welcher mich in denſelben verſetzt hat, iſt nicht ſo gut weggekommen, denn den habe ich tuͤchtig zu⸗ gedeckt. Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, wenn er ohne Beiſtand hat nach Boisbriant kom⸗ men koͤnnen, er einige Tage dort bleiben wird, ehe er ſich bei mir die ander Haͤlfte holen kann. — Nach Boisbriant, rief der Doktor erſtaunt, und einiger Maßen beunruhigt, 1 indem er die Folgen bedachte, welche eine Schlaͤgerei zwiſchen den Bedienten der Vicomteſſe mit dem der Marquiſe von Boisbriant haben koͤnnte.— Nach Bois⸗ briant! Yvon, ſtreitſuͤchtige Leute ſind kei⸗ ner Herrſchaft angenehm, und ich haͤtte 5 88 gedacht, du wuͤrdeſt der Frau von Beau⸗ manoir mehr Veranlaſſung zur Zufrieden⸗ heit geben. Vermuthlich hat ſie dich fort⸗ gejagt, du verdienſt es, was kann ich hier⸗ hbei thun? — Wie koͤnnte ſie mich fortgejagt ha⸗ ben, da auf dem Hofe noch kein Menſch ein Wort davon weiß, daß ich mit dem Pariſer Jasmin, dem Jokai des Marquis eine Schlaͤgerei gehabt habe? Als ich geſtern Abends in den Flecken kam, habe ich jedermann geſagt, ich ſei vom Pferde gefallen; das hat man mir nun auch zwar geglaubt, aber ich wollte mich doch wegen dieſes Vorfalls bei Ihnen Raths erholen, gewiß es thut mir ſehr leid, aber wuͤrden Sie an meiner Stelle Ihre Herrſchaft in einem Wiethshauſe oͤffent⸗ lich haben beſchimpfen laſſen ohne los⸗ zuſchlagen? 89 „Aber was hatteſt du denn in dem Wirthshauſe zu thun? daruͤber wird dir der Rektor den Kopf tuͤchtig wa⸗ ſchen. Iſt er auf der Burg angekommen?“ Pvon verneinte dieſe zweite Frage, und uͤber die erſte entſpann ſich zwiſchen beiden ein ziemlich langes Geſpraͤch, bei deſſen Anfang ſchon Herr Leuy dazu kam. Allein, um jedem Mißverſtande bei der Er⸗ 1 zaͤhlung dieſes, wegen ſeiner Folgen hoͤchſt wichtigen Vorfalls zuvorzukommen, und ſtatt den jungen Calvez die Sache, nach ſeiner unzuſammenhaͤngenden Art, vortragen zu laſſen, die uns zu immerwaͤhrenden und doch unvollſtaͤndigen Einſchaltungen noͤthi⸗ gen wuͤrde, wollen wir die Leſer lieber ſelber auf den Schauplatz fuͤhren, und von dem, was ſich den Abend zuvor, gegen neun Uhr im Flecken Helvin, bei Simon 90 Duchesne, in dem nicht weit von der Land⸗ ſtraße gelegenen Wirthshauße zum rothen Hute zutrug, Zeugen ſeyn laſſen. 4 Neunzehentes Kapitel. Zank.— Heuchelei und Aber⸗ glaube.— Gekraͤnktes Gefuͤhl uͤber eine unwuͤrdige Handlung. Ehriſtliche Liebe. Frau von Beaumanoir hatte Yvon be⸗ fohlen, im Flecken auf das Felleiſen zu warten, und dem Poſtillon eigenhaͤndig einen Brief, nebſt einem halben Laubtha⸗ ler zu uͤbergeben, das wirkſamſte Mittel, um ſich der richtigen Abgabe deſſelben an den ehrbaren Meiſter Drean, Sattler und Kut⸗ ſchenfabrikant in Rennes verſichert halten 91 zu koͤnnen. Die Vicomteſſe bat ihn darin⸗ nen dringend um die ſchleunigſte Zuruͤck⸗ ſendung ihres Wagens, und trug ihm auf, ſo bald ſolcher in voͤlligen Stand ſei, ihn durch Poſtpferde auf die Burg zu ſchicken. Pvon entledigte ſich ſeines Auftrags mit der Puͤnktlichkeit, die man von ſeinem ſtets regen Dienſteifer erwarten konnte. Er befand ſich durch die Freigebigkeit der Damen des Schloſſes gerade bei Kaſſe, und da er jetzt das Pferd wiederholen wollte, worauf er nach den Flecken gerit⸗ ten war, und welches bei dem Schmid ſtaud, in deſſen Stalle die Leute der Frau von Beaumanoir gewoͤhnlich ihre Pferde zogen, wenn ſie im Flecken etwas zu ver⸗ richten hatten, ſo konnte er ſich die Freu⸗ de nicht verſagen ſeinen alten Lehrherrn, den Meiſter Matthes Lalande zu erſuchen, im rothen Hut eine Flaſche mit ihm zu leeren. In Nieder⸗Bretagne weißt Niemand ein ſolches Anerbieten von der Hand; nur eine erklaͤrte Feindſchaft koͤnnte die Erfuͤllung einer ſolchen Bitte verwei⸗ gern; aber dann muͤßte man ſich ſchlagen, und immer wuͤrde das Ende von Liede ein gemeinſchaftliches Trinkgelag ſeyn, und warum dann nicht lieber gleich damit an⸗ fangen? Pvon und ſein ehemaliger Meiſter traten in die große Wirthsſtube, die zu⸗ gleich zur Kuͤche nnd zum allgemeinen Ver⸗ ſammlungsſaal diente. Man brachte ihnen ein Maas ſchweren Kahors, der wenigſtens das Verdienſt hatte, daß man ihn im Halſe ſpuͤrte. Matthes machte mit ſeinem ehe⸗ maligen Lehrling keine Umſtaͤnde, er be⸗ maͤchtigte ſich, ob er gleich nichts bezahlte, ſogleich der Flaſche, fuͤllte beide Glaͤſer, und ſetzte ſie in die Mitte. Waͤhrend ⁴ 93 dieſe Libazion nicht weit von der Stuben⸗ thuͤr ſtatt fand, ſaß weiter oben, dem brei⸗ ten Heerde gegenuͤber eine andere Geſell⸗ ſchaft in derſelben Beſchaͤftigung. Jasmin, Jokai des Marquis von Boisbriant, ſchenkte ebenfalls trefflichen Kahors dem Barbier Teurtrois und dem Wirthe im rothen Hute Herrn Duchesne ein, der es nicht verſchmaͤhte, die Guͤte ſeines Weins da⸗ durch zu beurkunden, daß er fleißig mit trinken half. 4 Es war gerade in der Abenddaͤmme⸗ rung, und dieſe verhinderte die Geſichts⸗ zuͤge einer in einem ſchwarzen Mantel gehuͤllten Frau zu unterſcheiden, die am Feuer ſaß, und in deren Hand der rothe Lebensſaft ebenfalls im Glaſe perlte. Dieſe Frau gehoͤrte offenbar zum zweiten Zechtiſche, naͤmlich zu dem des Jokais, der fuͤr die Flaſche und fuͤr die Unterhal⸗ 94 tung zugleich Sorge trug. Dieſe drehte ſich um die Vorfaͤlle auf der Burg Helvin. Weunn man nach den letzten Worten die dem Yvon Calvez und dem Meiſter La⸗ Lande zu Obren kamen, urtheilen will, ſo war ſie ſehr feindſeliger Art. e..„Und in einem ſolchen Hauſe ſollte ſich mein Herr eine Gattin ſuchen“ ſagte Jasmin, indem er mit dem von dem Lippen ſo eben zuruͤckgezogenen Glaße heftig auf den Tiſch ſchlug,„da haͤtten wir eben ſo wohl gethan uns eine aus dem Palais⸗Royal beim Schimmer der Re⸗ verberen zu holen!“ 1 Der Barbier, der eben von feiner Reiſe durch Frankreich zuruͤckgekommen war, und vermuthlich den Sinn dieſer Redensart verſtand, lachte laut auf. Der Wirth'’, Herr Simon Duchesne that es ebenfalls aus allen Kraͤften, vielleicht bloß 95 um glaubend zu machen, daß er ihm ver⸗ ſtaͤnde, und die Frau im weiten Mantel, von einem Theil des eben auflodernden Reiſſigbuͤſchels, erleuchtet, ſchien ihren lippenloſen Mund noch ſchaͤrfer einzuzie⸗ hen, um den Beifall, den man in ihrem Geſichte las, nicht zu deutlich zu erkennen zu geben. Was Yvon und ſeinen Freund Matthes betraf, denen dieſe Sprache unver⸗ ſtaͤndlich war, ſo gielten de fuͤrs beſte zu ſchweigen. 115 Der ſich wichtig machende Herr Si⸗ mon Duchesne, nahm dem Jokai das Wort: „Ob ich mir's gleich denken kann, ſagte er, was in Palais ⸗Royal vorgehen mag, ſo weiß ich dies doch nicht genau, aber was durch die hinterliſtigen Kniffe der Vicomteſſe von Beaumanoir ſeit fuͤnf oder ſechs Jahren in meinem Hauſe vor⸗ 96 geht, das weiß ich leider. Ich kann je⸗ dermann beweiſen, daß ich acht Pipen) Obſtmoſt(cidre) und vier reichliche Bar⸗ riken Wein weniger verſchenke,(den Bran⸗ dewein gar nicht gerechnet) ſeit dieſe ſchoͤne Dame auf den Gedanken gekommen iſt, alljaͤhrlich zu Michaelis drei oder vier alte Kuͤhe zu kaufen, um ſie unter dieje⸗ nigen Tageloͤhner des Kirchſpiels zu ver⸗ theilen, die am ſelteſten bei mir oder bei einem andern Wirthe eingeſprochen haben. Iſt das erlaubt, mit dreiſſig elenden Thalern, bringt ſie mich jaͤhrlich um mehr als zweihundert. Trotz all des Guten, was der Rektor nicht aufhoͤrt uns von . ) Die Pipe Moſt enthaͤlt, nach ihrer ver⸗ ſchiedenen Groͤße, drei his fuͤnf Barriken, und die Barrike zweihundert und vierzig Pinten. Dies Getraͤnke haͤlt ſich ſehr lange und gut auf den Hefen, und in den großen, in der Normadie und Bretagne gewoͤhnlichen, Stuͤckfaͤſſern. 97 den Damen von Helvin zu erzaͤhlen, nimmt es mich nicht Wunder, wenn auf ihrem Schloſſe alles einen ſchlimmen Ausgang nimmt, kann man Gluͤck haben, wenn man die buͤrgerliche Nahrung auf dieſe Art zu Grunde richtet? Denn, wenn ich weni⸗ ger Moſt und Wein verkaufe, ſo kann ich auch weniger einkaufen, und man weiß ja, daß das Geld fuͤr den Moſt im Lande bleibt!“ „Ganz richtig“ nahm der Barbier das Wort„wenn die Muͤhle nicht ſtille ſtehen ſoll, muß ſie Waſſer haben, und jeder fin⸗ det ſeine Rechnung dabei, vom Muͤller bis zum Becker und dem kleinen Baͤcker⸗ burſchen!“ Dieſer Witz fand großen Beifall.. „Zu den Zeiten des verſtorbenen Vi⸗ comte ging alles beſſer“ bemerkte Herr * III. Theil. 7 98 Simon Duchesne; damals war die Familie noch nicht ſo im Verfall wie jetzt.“ „Alles geht in der That ſeinen eignen ſonderbaren Gang in dieſem Hauſe,(nahm jetzt die am Feuer ſitzende Frau das Wort, die ſich endlich den neu Angekommenen durch ihre Stimme als Katharine Synvenn zu erkennen gab;) man denkt dort an keine Dankbarkeit, denn ohne Ruhm zu melden, bin ich es, die voriges Jahr daß junge Fraͤulein gerettet hat, und ich bin bloß mit Undank belohnt worden. Wenn man aͤbrigens die ganze Geſchichte ſo wüßre, wie ich ſte weiß!...“ Dieſe Worte ſprach ſie in einem ge⸗ heimnißvollen Tone aus, der ganz dazu geeignet war, die Neugierde zu reizen; auch verfehlten ſie ihre Wirkung bei Herrn S. Duchesne nicht: 99 „Nun“ ſagte er„fromme Schweſter, ſo erzaͤhlt uns doch die Geſchichte, wir koͤnnten ja, waͤhrend wir euch zuhoͤren, noch eine Flaſche trinken, meinen Sie nicht Herr Jasmin? Ich habe das Faß erſt vor zwei Tagen angeſteckt, ſo gut habe ich lange keinen Wein gehabt. Wie ſchmeckt er Ihnen, Herr Teurtrois? Der Barbier beſtaͤtigte die Guͤte des Weines, Herr Jasmin warf mit ſtolzer Miene ei⸗ nen halben Laubthaler auf den Tiſch. Frau Simon betrachtete ihn genau, holte dann aus ihrem Tiſchkaſten zwei und drei⸗ ßig Sols Kupfermuͤnze, die ſie herauszu⸗ geben hatte, und die Magd ging in den Keller. Katharine nahm eine noch ernſtere und wichtigere Miene an, und begann nun folgender Maßen: ₰ * 100, „Es iſt bekannt, ob es gleich Leute giebt, die es gern vergeſſen moͤchten, daß Fraͤulein von Beaumanoir, ſo wie ich mich ihr mit der Schuͤrze der kleinen Hei⸗ ligen naͤherte, ins Leben zuruͤckkehrte: Denn dieſer kann kein Zauber widerſtehen; aber Niemand weiß wer der Geiſtliche, oder vielmehr der große ſchwarz gekleidete Mann war, der bei ihr gewacht hat, kein Menſch weiß es, ſage ich euch. Wer hat von ihm reden hoͤren?— kein Menſch! Uebrigens iſt mir wohl bekannt, daß die Frau Vicomteſſe es nicht an Nachforſchun⸗ gen hat fehlen laſſen, daß ihre Frau Al⸗ lote, um ihn ausfindig zu machen, nach al⸗ len Gegenden Leute ausgeſchickt hat. Von mir haben ſie ſich zuruͤckgezogen um ohne ſchamroth zu werden, undankbar ſeyn zu koͤnnen, vielleicht auch weil ich ihnen mehr uͤber dieſen Mann haͤtte ſagen koͤn⸗ 101 nen, als ihnen lieb geweſen waͤre, denn, kurz von der Sache, dieſer Prieſter war kein Prieſter..... ich wollte es wohl anders ſagen wer es iſt! denn, Dank ſei Gott und der kleinen Heiligen, ich hoffe nunmehr vor ſeinem Grimm in Sicherheit zu ſeyn, aber, es war kein Prieſter. Verſteht ihr mich?“ Bei dieſen Worten naͤherten ſich die Zuhoͤrer der Erzaͤhlerinnen ganz beſtuͤrzt. Am andern Ende des Tiſches ließ die zitternde Hand der Wirthin ihre ſchon abgezaͤhlten Kupferſols wieder in den Tiſch⸗ kaſten zuruͤckfallen, die ihres Mannes, welche die erſte Flaſche gefaßt hatte, um den noch darin befindlichen Reſt in einen der Becher zu gießen, verſagte ihm bei⸗ nahe den Dienſt, und die Magd, im Be⸗ griff ſie durch eine zweite zu erſetzen, zer⸗ brach ein Glas, der Barbier und Haar⸗ 102 kraͤusler Teurtrois bemerkte nicht, daß ſein Kamm, der zwiſchen dem Seitenhaare und dem linken Ohre ſtack, durch die Be⸗ wegung ſeines Kopfes auf die Erde ge⸗ fallen war, und der Jokai, der ſich das Anſehen eines ſtarken Geiſtes geben woll⸗ te, noͤthigte halb lachend, halb erſchrocken Katharinen Synvenn in ihrer Erzaͤhlung fortzufahren, waͤhrend Yvon Calvez und Matthes Lalande mit offenſtehendem Mun⸗ de die Fortſetzung erwarteten. Die Erzaͤhle⸗ rin ließ nur ſo lange auf ſich warten, als nothwendig war, um durch dieſe Pauſe die geheimnißvolle Wichtigkeit derſelben annoch zu erhoͤhen, und fuhr ſolgender Maßen fort: „Ich denke daß ich es uͤberhoben ſeyn kann euch dieſen Mann zu nennen, oder euch zu ſagen wer er ſei; jeder wird ihn wohl leicht errathen. Seit jener ſchreck⸗ lichen Nacht hat Niemand weiter von ihm D 103 8 ſprechen gehoͤrt. Er hatte erklaͤrt, daß Angelegenheiten von Wichtigkeit ihn an⸗ derwaͤrts hinriefen, und doch hat man ihn waͤhrend der Beerdigung der jungen Pach⸗ terinn von der Burg bemerkt... Ja man hat ihn fruͤh um ſechs Uhr, dem Schloſſe gegen uͤber auf dem Bergruͤcken des Gehoͤlzes ſitzen ſehen, mit ſeinen Beſchwoͤrungen beſchaͤftigt und Zauberworte murmelnd, um den von mir eine Stunde zuvor geloͤßten Zauber von Neuem in Wirkſamkeit zu ſetzen... Man hat ihn 1 ſogar, waͤhrend der Leichenzug im Schloß⸗ hofe hlelt, geſehen, aber bei dem Erſchei⸗ nen des Kreutzes iſt er verſchwunden. Nan darf nur den alten Tymen von Treo⸗ gat fragen, um zu erfahren ob ich wahr rede, der iſt jenen Morgen an dem Ge⸗ ſpenſte vorbei gegangen, lange Zeit hat er gar kein Wort davon reden wollen, und 104 hat es mir erſt geſtern Abends vertraut. Ich habe ihm dagegen manchen guten Rath gegeben, mir aber hat er nichts Neues geſagt, ich wußte lange daß die arme Kranke durch den ſchwarzen Mann in die⸗ ſen unnatuͤrlichen Schlaf verſenkt worden war, und ohne die Schuͤrze der kleinen Heiligen haͤtte er ſie gewiß mit ſich fortgefuͤhrt. Ihr koͤnnt mir's glauben, bloß deswegen ſchlich er noch in der Ge⸗ gend herum. Und wer kann fuͤr die Zu⸗ kunft ſtehen? Es iſt ſehr ſchlimm, daß Herr Leny angefangen hat, die Gruft wieder zuzuwerfen, ohne ſeine Stola abge⸗ legt zu haben.“ Das Schrecken in der Kuͤche des ro⸗ then Huts war allgemein; es herrſchte ein tiefes Schweigen, und doch iſt ſehr zu bezweifeln, ob das Geraſſel einer vierraͤ⸗ derigen Kutſche vor dem Wirthshauße die 1 105 Auweſenden aus ihrer Beſürzuns wuͤrde geriſſen haben.“ „So aberglaͤubig auch Pvon war, ſo war er doch daruͤber hoͤchſt unzufrieden, daß man ſich beigehen ließ, ſeine junge Gebieterin, als eine von dem Boͤſen Be⸗ ſeſſene darzuſtellen; es fehlte wenig daß er nicht die Sibylle Luͤgen geſtraft haͤtte. Dieſe fuhr fort: „In dem Zuſtande, in welchem ſich Fraͤulein von Beaumanoir befand, war je⸗ doch alles fuͤr ſie zu fuͤrchten. Aus chriſt⸗ licher Liebe habe ich eben ſo wenig, als der alte Tymen davon geredet; aber, da man mir durch Verlaͤumdung ſeine Dank⸗ barkeit bezeugt, ſo glaube ich, daß es mir erlaubt ſein wird, mich zu meiner Recht⸗ fertigung unverholen zu erklaͤren. Man hat mich beſchuldigt, den Ring entwendet zu haben, den das Geſpenſt ſpaͤter am 106 Finger gehabt hat; denn der ehrliche Nann, der ihm uͤber die Achſel geblickt, ohne nur die Natur dieſes Weſens zu ahnen, hat geſehen, wie es an den Fin⸗ ger den Ring hin und her drehte, dieſes Unterpfand eines Buͤndniſſes, in deſſen Fol⸗ ge das Fraͤulein, ohne die Schuͤrze der Heiligen, bereits in den Klauen ihres hoͤlliſchen Gebieters ſich befinden wuͤrde.“ Jetzt brach das Wetter los. Yvon Calvez, blaß vor Zorn, ſtand auf, naͤherte ſich Katharinen Synvenn, und ſchrie ſie mit der geballten Fauſt, und einer Stim⸗ me an, die nicht aus dem Munde eines kaum ſechzehnjaͤhrigen Juͤnglings zu kom⸗ men ſchien: „Ihr habt gelogen, alte Hexe! wir wiſſen alle, daß meine junge Gebieterin das Ungluͤck gehabt hat, waͤhrend des Schlafs uͤberfallen zu werden; dies hat 107 uns nicht nur Herr Bonnet, ſondern auch der Herr Rektor, der in dieſen Stuͤcken ſonſt keinen Spaß verſteht, verſichert, und was eure Geſchichte mit dem Ringe betrifft, ſo iſt dies eine andere Luͤge aus eurer Fabrik, um etwas Schlimmeres da⸗ hinter zu verſtecken, verſteht ihr mich Ka⸗ tharine Synvenn?“ Katharine war aufangs ſehr außer Faſſung, denn von der Theilnahme, mit welcher man ihre Erzaͤhlung beehrt hatte, ganz berauſcht, hatte ſie den jungen Cal⸗ vez, von welchem ſie wohl wußte, daß er bei den Damen von Helvin in Dienſten ſtand, dem ſie aber nicht ſoviel Feſtigkeit zutraute, die Ehre dieſer Damen ſo maͤnn⸗ lich zu vertheidigen, einer nur geringen Aufmerkſamkeit gewuͤrdigt; uͤberdies hatte Katharine einen doppelten Beweggrund zu ihrer Handlungsweiſe, denjenigen ſich 108 wegen vorgeblicher unwuͤrdiger Behandlung zu raͤchen, war nicht der haupſaͤchlichſte, noch ein anderer wichtiger Einfluß veran⸗ laßte ſie zu ſolchen Schmaͤhreden. Bald hatte ſie ihre Haltung wieder gewonnen, und antwortete in einem ſuͤßlichen Tone, dem ſie einem geheimnißvollen Anſtrich zu geben wußte: „Armer Yvon, ihr ſprecht da von ei⸗ ner Angelegenheit, wie ſie ſich Gott lob nur ſelten ereignen. Ihr ſeit noch zu zu jung, um das einzuſehen. Ach, es iſt in der That etwas ſehr Trauriges! und ſo viel Urſache zum Mißvergnuͤgen ich auch habe, ſo iſt doch Gott mein Zeuge, daß ich das Fraͤulein gern gerettet haͤtte! wenigſtens hat es mir ſein Leben zu dan⸗ ken. Was das Uebrige anbetrifft, ſo habe ich ihr freilich das, was ſie verloh⸗ ren hat, nicht wiedergeben koͤnnen. Re⸗ 109 det mit den alten Tymen, der wird euch ſagen, ob ich, in Bezug auf den Ring, wahr geſprochen habe: er hat ihn mit eig⸗ nen Augen in der Hand des Geſpenſtes geſehen! aber das verſichere ich euch, die Geſchichte mit dem Ringe iſt noch nicht zu Ende. Derjenige der ihn geraubt hat, wird ihn auch wiederbringen, verlaßt euch auf mich. Der Tag, an welchem ihn das Fraͤulein wieder an dem Finger ſteckt, wird ein eben ſo ſchrecklicher Tag fuͤr ſie ſeyn, als derjenige an welchem ſie ihm verlohren hat, und dann... „Ihr ſeyd eine Spitzbuͤbin, erwiederte der junge Calvez, und ihr wuͤrdet hier nicht ſo viele ſchaͤndliche Luͤgen erzaͤhlen, wenn ihr nicht wuͤnſchtet, daß man eure Betruͤgereien daruͤber vergeſſen ſolle. Die Einſchnitte eurer Scheere ſind noch in den Linnen zu ſehen, in die ihr meine arme 110 Gebieterin als Leiche huͤllen wolltet. Geht auf den Hof, und man wird ſie euch zei⸗ gen; das iſt zuverlaͤſſiger als eure dum⸗ men Luͤgen, ihr Natterzunge! Der Doktor und Mariane wiſſen wie viel ihr werth ſeid, auch Perrine Moyſan, denn da ſie den Raub nicht mit euch theilen wollte, hat ſie Madame Allote alles erzaͤhlt.“ Durch dieſe Worte zu Boden geſchmet⸗ tert, beklagte ſich Katharine Synvenn bit⸗ ter uͤber die, ihr, in Gegenwart ſo ach⸗ tungswuͤrdiger Perſonen wie Herr und Frau Simon und Herr Jasmin, zugefuͤgte Beleidigung, ſchluchzend kuͤßte ſie bald das Krucifix von Ebenholz, bald die Knochen der heiligen Anna, die an ihrem Roſen⸗ kranze hingen. Herr Simon Duchesne nahm ſich ihrer an, aber Yvon brachte ihn ohne Heftigkeit zum Schweigen: 111 „Herr Simon“ ſagte er, ich bitte Sie, miſchen Sie ſich nicht in das, was ich mit dieſer boshaften Hexe auszuma⸗ chen habe. Sie haben ſo ſchon den Um⸗ ſtand wegen der Kuͤhe unrichtig vorgetra⸗ gen; denn die Frau Vicomteſſe kauft alle Jahre auf der Herbſetmeſſe die vier ſchoͤn⸗ ſten jungen Kuͤhe mit den Kaͤlbern, um ſie denjenigen vier Tageloͤhnern zu geben, die das Wirthshaus am ſeltenſten be⸗ ſucht haben. Es thut mir leid, wenn Ih⸗ nen dies einigen Nachtheil bringt, aber vor drei Jahren hat mein Vater eine er⸗ halten, die eine treffliche Melkkuh iſt und fur die er achtzehn baare Thalee ausge⸗ ſchlagen hat, die ihm der Pachter von Glandour dafuͤr geben wollte.“ Der Wirth zum rothen Hut, der ſich vor ſeiner Frau fuͤrchtete, die, wie er bemerkt hatte, Yvon durch Winke ihren 112 Beifall zu erkennen gab, begnüuͤgte ſich, ſtatt der Antwort damit, das Feuer anzu⸗ ſchuͤren, das doch ganz gut brannte. Da⸗ gegen uͤbernahm Herr Jasmin die Verthei⸗ digung der Sibylle, wozu er ſich als na⸗ kuͤrlicher Beſchuͤtzer einer Perſon verpflich⸗ tet hielt, die er ſelbſt eingeladen hatte, und die ſeit beinahe ſechs Wochen auf dem Schloſſe Boisbriant mit Auszeichnung auf⸗ genommen wurde. Mit einer uͤberlegenen Miene ſchlug er YPvon mit ſeinen Stoͤckchen auf die Schulter:„Mein kleiner Niederbretagner ſagte er,„ihr betragt euch hier wie ein Grobian. Waͤret ihr in Paris geweſen, ſo wuͤrdet ihr wiſſen, daß man den Damen immer Achtung ſchuldig iſt. Mein Herr ſchont auch die eurigen, ob ſie gleich al⸗ les aufgeboten haben, um ihn in ihr Netz 2 2 113 zu ziehen. Ich rathe euch alſo eure Worte ein wenig mehr abzuwaͤgen.“ Freund, verſetzte Yvon, der beſte Be⸗ weis, daß meine Gebieterinnen deinem Herren keine Netze geſtellt haben, iſt der, daß er mit deiner widerwaͤrtigen Marquiſin uns aufgeſucht, und daß man euch fortge⸗ ſchickt hat, euer Heil anderwaͤrts zu ver⸗ ſuchen. Aber, wer biſt du denn um mir befehlen zu wollen? Weißt Du wohl daß ich dich Mores lehren werde?“ — Du? 1 — Ja, ich!„. Und ein kraͤftiger Fauſtſchlag begleitet dieſes„ich“ des jungen Domeſtiken vom Schloſſe Helvin, an deſſen Stirn ſo eben das Stoͤckchen zerſplitterte. Es koͤmmt zum Handgemenge, Frau Simon und ihre * Magd ſchreien aus vollem Halfe, Katharine Spynvenn ſchleicht ſich nach der Thuͤr, III Cheil. 8 114 Herr Teurtrois macht den Zuſchauer, Herr Simon ſchickt ſich an, auf die Seite des Herrn Jasmond zu treten:„Halt Gevar⸗ ter, ſagt der Schmidt, oder ich menge mich auch darein, und du weißt daß meine Fauſt es mit jeder andern aufnimmt! Yoon hat nicht Unrecht, frag einmal deine Frau, er vertheidigt die Ehre ſeiner Herr⸗ ſchaft, die man ſeit einer Stunde in dei⸗ nem Wirthshauſe beleidigt. Die Partie iſt vollkommen gleich. Der Pariſer iſt wenigſtens um zwei reichliche Jahre aͤlter 3 als mein ehemaliger Lehrling; aber Nvon weiß auch ſeine Arme zu gebrauchen. Nachdem er zuerſt den Blaſebalg gezogen hatte, wußte er den Hammer recht ordent⸗ lich zu fuͤhren: laßt ſie einander abwal⸗ ken, und hernach wollen wir den Sieger zu Ehren, noch eine Flaſche leeren, fahrt zu, der Schulmeiſter iſt nicht da. — 115 In weniger als zwei Minnten rann beiden Kaͤmpfern das Blut uͤber das Ge⸗ ſicht herunter, aber bald zeigte ſich Yvons Ueberlegenheit, und ſeine lebhafte Gewandt⸗ heit ein wenig Nazionalſtolz, und ein un⸗ umſchraͤnktes Vertrauen in ſeine gute Sa⸗ che erhoͤhten ſeine Kraͤfte. Gefuͤhllos ge⸗ gen die Schlaͤge die er erhielt, ließ er die ſeinigen hageldick hinter die Ohren und auf das ſchoͤne Kollet des Jokai's fallen, deſſen Treſſen bald herunter geriſſen waren, da ſich die Klopffechter bei den Kragen gepackt hatten. Einen Augenblick befand ſich Rvon im Nachtheil, als die Haare her⸗ halten mußten, denn die ſeines Gegners waren kuͤrzlich unter der Scheere des Herrn Teurtrois geweſen; aber der Landmann ließ muthig eine Handvoll in den Haͤnden des Feindes; und verſuchte jetzt einen an⸗ dern Angriff: ploͤtzlich erbebte unter den 8* — 116 feindlichen Kopfſtoͤßen die Bruſt des Herrn Jasmin, der von dieſer Kampfart betaͤubt, und durch ein geſtelltes Bein zu Boden geworfen der Schlaͤgerei durch ſeine Rie⸗ derlage ein Ende machte. Man bat um Gnade fuͤr den Pariſer, den der Sieger, der die Schwaͤche, mit welcher er ſeine Streiche ausparirte, ſehr bald innen ward, bereits hatte fahren laſſen. Ruhig ſteckte er den Reſt ſeiner Haare unter ſeinen Hut und wandte ſich, waͤhrend dieſer Be⸗ ſchaͤftigung, mit folgenden Worten an den Jokai:„Herr Jasmin, ich kann euch nur danken, daß ihr durch eure Vertheidigung der Hexe mir Veranlaſſung gegeben habt, euch zu zuͤchtigen, denn als der Vater Matthes und ich in den Saal eintraten, hoͤrte ich aus euerm Munde Dinge, die ich nicht recht verſtand, die mir aber kei⸗ nen guten Sinn zu haben ſchienen. Ich 8 — 117 rechne darauf, daß ihr, die ihr ſo viel von Achtung gegen die Damen ſprecht, in Zukunft diejenige, die ihr den Damen von der Burg Helvin ſchuldig ſeid, nicht mehr außer Augen ſetzen werdet. Habt ihr uͤbrigens noch nicht genug, ſo wißt ihr mich zu finden.“ Dieſe Worte waren uͤberfluͤſſig; der Jokai/ außer Stand geſetzt, ſie zu verneh⸗ men, ſtieß ein lautes Jammergeſchrei aus. Man richtete ihn in die Hoͤhe, aber er konnte ſich nicht aufrecht erhalten. Man fetzte ihn in den großen Lehnſtuhl an das Feuer, wo er fortfuhr zu ſtoͤhnen und zu ſchluchzen. Seine Klagen verdoppelten ſich, als er einen eingeſchlagenen Zahn in das Schnupftuch ſpukte, auch der Zuſtand ſeines Kollets ging ihm zu Herzen. Der Barbier ſagte ihm ins Ohr, daß er ihm das Beinſtellen lehren wolle, und dann 118 koͤnne er ſeinen Gegner zu einem zweiten Gange auffordern, allein er antwortete ganz laut, daß er ſich in Zukunft huͤten werde, mit einem ſolchen Grobian ſich gemein zu ma⸗ chen. Unterdeſſen hatte der Schmidt die verſprochne Flaſche holen laſſen; allein Yvon hatte die ſeinige ſchon bezahlt, und war eilig auf den Hof zuruͤckgekehrt. Der Wein war indeſſen gekommen, er mußte getrunken werden, und wurde richtig ge⸗ trunken. Man bot dem Jokai ein Glas an, der es aber ausſchlug, woraus die Anweſenden auf ſeinen gefaͤhrlichen Zuſtand. ſchloſeen, denn ein Niederbretagniſcher Bauer ſtirbe mit dem Glaſe an den Lippen; ihre tapfern Voraͤltern tranken noch einen Schluck, wenn ſie in den Steigbuͤgel ſtie⸗ gen, ihre Urenkel, und die Urenkel ihrer Unterthanen thun noch einen Schluck, wenn ſie die große Reiſe jenſeits antreten. 119 Sollte man auch wirklich die zwei oder drei Beiſplele von braven Bretagnern, die nach ihrem Tode getrunken haben ſollen, in Zweifel ziehen wollen,(ohnerachtet ſie auf glaubwuͤrdigen Zeugniſſen beruhen,) ſo kann man doch behaupten, daß keiner, ſelbſt in der Todesſtunde den Trau⸗ beuſaft verſchmaͤht hat. Dahin war es indeſſen mit dem Jokai des Marquis von Boisbriant noch nicht gekommen. Nichts war verrenkt, nichts zerbrochen an ihm, aber er war, was man ſagt, wlndelweich geſchlagen. Da er kei⸗ nen Schritt gehen konnte, und auch die Nacht nicht im rothen Hute zubringen wollte, ſo mußte man ihn auf ein Pferd heben, und ihm nach Bolsbriant geleiten, wozu ſich Herr Simon Duchesne mit Ver⸗ gnuͤgen verſtand, ob es ihm gleich ange⸗ nehmer geweſen waͤre, ihn als Sieger 120 dahin zu bringen. Ganz Boisbriant war noch auf den Beinen als man mitten in der Nacht dort ankam. Katharine Syn⸗ venn, die dahin vorausgelaufen war, hatte in dem Schloſſe das Geruͤcht verbreitet, daß man im rothen Hute einen der Be⸗ dienten des Marquis umbringe. Nachdem man nun den drei bewaffneten Bedienten, die freilich ein wenig zu ſpaͤt zur Ver⸗ theidigung Jasmins dahin abgehen ſollten, Gegenbefehl ertheilt hatte, gaben ſich Mutter und Sohn gegenſeitig das Wort, an den Thaͤter eine ſurihtbare Rache zu nehmen. Mit Ausnahme dieſer letzten Umſtaͤnde, von denen Herr Bonnet und ſein Freund erſt ſpaͤter unterrichtet wurden, hatte ih⸗ nen Yvon Calvez den ganzen Vorfall ziem⸗ lich getreu erzaͤhlt. Der Doktor hatte mehr als je Urſache uͤber die Geruͤchte, 121 welche Uebelgeſtnute in Beziehung auf die Damen von Helvin zu verbreiten ſich zum Vergnuͤgen machten, ſchmerzlich bekuͤmmert zu ſeyn. Der gute Herr Leny war nicht— weniger daruͤber gekraͤnkt; er betrachtete ſich als Glied dieſer Familie, der er gern ſeine eigne Ruhe zum Opfer gebracht haͤtte, und in dieſem Sinne und in Be⸗ ziehung auf die im Wirchshauſe zum ro⸗ then Hut vorgefallene Seene rief er aus: „Die am Thore ſitzen, waſchen von mir, und in den Zechen ſinget man von wir.*)“ Die beiden Freunde tadelten weder den YPvon Calvez, noch lobten ſie ihn in ſeiner Gegenwart, ob ſie gleich ſeine Han⸗ delsweiſe in ihrem Innern billigten. Ein zweites Zuſammentreffen dieſes jungen Menſchen mit den Leuten der Familie — *) Pſalm LXIX V. 13. 122 Boisbriant, konnte indeſſen, nach ihrer An⸗ ſicht, die ungluͤcklichſten Folgen haben, ſtewie⸗ then ihm daher, ſich ſo wenig als moͤglich von der Burg Helvin zu entfernen, und beſonders ſich dem Flecken gleiches Na⸗ mens nicht zu naͤhern, dagegen trugen ſie ihm auf, ihre baldige Ankunft auf dem Schloſſe anzukuͤndigen. Sobald ſie ihn aus dem Geſichte verlohren hatten, kam Herr Bonnet mit dem Rektor dahin aͤberein, den Auftritt im Wirthshauſe in der allgemeinen Unterhaltung mit Still⸗ ſchweigen zu uͤbergehen, dann fuhr er fort: „Ich wuͤnſche, lieber Freund, daß Sie zwei Briefe leſen, die ich bei mir habe, es iſt mir daran gelegen, Ihre Meinung daruͤber zu hören. Waͤhrend ich ein we⸗ nig raſcher vorwaͤrts gehe, koͤnnen Sie ſte durchſtudieren, und nach dem Mittagseſſen folgen Sie mir, ohne daß es aufaͤllt, in 123 den Garten, um mir die Eindruͤcke„ die ſte auf Sie gemacht haben, mitzutheilen ⸗ Fangen Sie mit den Briefe des Kapi⸗ tain Feree an, es iſt zwar nur eine Ab⸗ ſchrift, aber ich habe Sie ſelbſt Senommen, 3 und ſtehe fuͤr die Richtigkeit.“ Seit einer halben Stunde unterhielt ſich Herr Bonnet mit den Damen von Heloin, als der Pfarrer eintrat. Seine Zuͤge waren ganz verſtoͤrt, ſelbſt der Ton ſeiner Stimme merklich veraͤndert; aber was beſonders aufſiel, und dem Scharf⸗ blicke des Doktors nicht entging, war, daß Herr Leny den drei Frauen, die, ver⸗ möͤge einer traurigen und ruͤhrenden Ge⸗ meinſchaft des Schickſals, durch das Un⸗ gluͤk der einen, ſaͤmtlich zu Boden ge⸗ ſchmettert wurden, noch einen hoͤhern Grad von Achtung als fruͤher bezeugte. Be⸗ ſonders unterhielt er ſich mit Klementinen wie ein Vater mit einer geliebten Tochter, welcher alle ſeine Kraͤfte aufbietet, um den durch eine unverdiente Kraͤnkung nie⸗ dergedruͤckten Liebling zu zerſtreuen. Der treffliche Greis ſuchte alle zaͤrtliche und ruͤhrende Ausdruͤcke, die ihm zu Gebote ſtanden, auf, um dem Ohre und dem Her⸗ zen dieſer jungen Ungluͤcklichen wohl zu thun. Seine Aeußerungen trugen durch⸗ aus nicht das Gepraͤge eines, dem ge⸗ woͤhnlichen Uebeln der Menſchheit gewid⸗ meten Mitleids, ſte waren die Sprache einer mit Hochachtung verbundenen Zaͤrt⸗ lichkeit, und gingen ſo weit, daß der wuͤr⸗ dige Pfarrer dem Fraͤulein von Beauma⸗ noir ſagte; von Allem was die Erde dem Himmel zuruͤckgeben muͤſſe, ohne es von ihm unmittelbar erhalten zu haben, be⸗ haupte ſie, in ſeinen Augen, die erſte Stelle, ſo durchdrungen war er von dem 125 Gefuͤhle ihrer Unſchuld! Sein Beifall war fuͤr Klementinen im hoͤchſten Grade wohl⸗ thaͤtig;z er troͤſtete ſie ſogar, denn ſie ſchmeichelte ſich, daß ſelbſt ihre Mutter und ihre Freundin nicht gleichguͤltig gegen ihn ſeyn wuͤrden. Nach dem Mittageſſen ging Herr Leny in den an das Schloß ſtoſenden Garren, um dem Doktor dort aufzuſuchen. Schon von Ferne rief er ſeinem Freunde zu, in⸗ dem er ſich der Worte der Schrift be⸗ diente, wodurch ſie mit dem Kindern Ja⸗ kobs die von den Benjamiten an der Gat⸗ tin des Leviten von Ephraim veruͤbte Schandthat beklagt,„Solches iſt nicht geſchehen noch g eſehen, ſeit der Zeit die Kinder Israel aus Ae⸗ gyptenland gezogen ſind, bis 126 auf dieſen Tag*) und indem er ſelnen Ideengange eine Stelle aus dem Pro⸗ pheten Jeremias anpaßte, fuͤgte er hinzu: „Ach du Tochter Jeruſalem wem „ſoll ich dich vergleichen, und „wo fuͤr ſoll ich dich rechnen, du „Jungfrau Tochter Zion? Wem „ſoll ich dich vergleichen, damlt „ich dich troͤſten moͤchte? Denn „dein Schade i ſt groß wie ein „Meer, wer kann dich heilen? Herr Bonnet ſuchte dieſen mit einem heiligen Eifer verbundenen Schmerz, der die Stirn des Dieners des Altars um⸗ woͤlkte, zu mildern; vergebens! Der Greis gab ihm die beiden Briefe mit fol⸗ genden Worten zuruͤck: *) Buch der Richter Kap. XXI. 4 **) Klagelieder Jeremia Kap I1 V. 13. 127 Nun iſt alles klar, Doktor, ein ein⸗ ziger dieſer Briefe waͤre ſchon hinreichend, um ein fnrchtbares Licht uͤber dieſes Er⸗ eigniß zu verbreiten, der andere war auͤberfluͤſſig. Ihre Kunſt hat Sie eben ſo wenig getaͤuſcht, als mich die Kenntniß dieſes reinen, eines himmliſchen Weſens wuͤrdigen, Herzens. Der Elende! ich wuͤnſchte das Recht zu haben ihm fluchen zu duͤrfenz aber Bileam ſelbſt nahm An⸗ ſtand bloß auf Befehl des Koͤnigs von Moab ſeinen Fluch auszuſprechen! wie duͤrfte ich es wagen, mein Herr und Gott! „Siehe, unter ſeinen Knechten i ſt keiner ohne Tadel, und in ſeinen Boten finder er Thorheit.“)„Wenn das Salz dumm wird, womit ſoll „man ſalzen? Es iſt zu niches — *) Hiob Kap IV P. 18. . „hinfort nuͤtze, denn daß man es hinausſchuͤtte, und laſſe es die Leute zertreten!*) Conculce- tur ab hominibus ſchrle der Prieſter von Helvin und ſtampfte heftig mit dem Fuße. Hier glaubte der Doktor ſich berech⸗ tigt das Wort zu nehmen. 4 „Aus dem Briefe von Isle de Fran⸗ ce,“ ſagte er, haben Sie Spuren von Reue bei dieſen Manne wahrnehmen muͤſ⸗ ſen, den die Natur nicht fuͤr Ihren Stand beſtimme hatte, der ihm auch noch nicht angehoͤrte, und den eine gefaͤhrliche Ueber⸗ ſpannung ſeiner Ideen, auf eine traurige Weiſe, wie ſo viele andere, uͤber ſeinen Beruf irre geleitet hat. Die Gewiſſens⸗ vorwuͤrfe ſind ein Seufzer der Tugend, oder vielmehr ein Widerſtand derſelben *) Mathaͤi Kap. V V. 13. 129 gegen die auf ſie gerichteten Angriffe. So lange wir noch ihre leiſe tadelnde Stimme hoͤren, ſo lebt ſie noch in unſerm Innern, aber allen Ihren Buͤchern zum Trotz, die nur immer einen Gemeinplatz wiederholen, von dem ich mich bis jetzt noch nicht habe uͤberzeugen koͤnnen, fuͤhlt der Boͤſewicht keine Gewiſſensbiſſe, und bei dieſen, man muß es geſtehen, zeigen ſie ſich in furchtbarer Groͤße: man darf alſo nicht fluchen.... —„Habe ich ihm denn geflucht, Doktor? —„Nein, mein Freund, aber Sie ſind nahe daran geweſen es zu thun. —„Nun denn ich will ihm nicht flu⸗ chen; ich will das zerſtoßene Rohr nicht zer⸗ brechen, nein, ich will das glimmende Oocht nicht verloͤſchen, denn es ſteht geſchrieben: Arundinem quassatam non confringet et III Cheil. 9 130 linum fumigans non extingult.*) Aber daß er ſich zu dem Herrn bekehre! con- vertatur ad Dominum! das verlange ich von ihm, und doch... 3 —„Rektor, Sie haben einen Neffen, der Advokat auf der Inſel Bourbon iſt? — Sie haben Recht mein lieber Bon⸗ net, ich will ihm ſchreiben, ich werde es ihm zur Pflicht machen, den Jammerlaut unſeres Schmerzes zu dem Ohre des Strafbaren zu bringen, das ſchreckliche Schauſpiel der verlaͤumdeten Unſchuld, der tugendhaften, dem Geſpoͤtte Preis gege⸗ bene Schoͤnheit, ihm vor die Augen zu ſtellen. — und gerade das iſt's, was ver⸗ mieden werden muß! durch dieſe falſche Masregeln wuͤrden Sie alles verderben, Matth. XII V. 20. 131 und den Sturz des Hauſes Beaumanoir vollenden. Hier iſt das, was Sie und ich wiſſen, Niemanden weiter bekannt, ſo muß es bleiben. Das Maͤhrchen, was die Sibylle zuſammengeſetze hat, kommt der Wahrheit nahe, aber es iſt eine offen⸗ bare luͤgenhafte Erfindung, obgleich ich gern geſtehe, daß fuͤr aberglaͤubige Gaͤſte das Gericht gut zubereitet iſt. Was ſollte dieſer Mann in Helvin? wer moͤchte ihn haben? welche Rolle wuͤrde er ſelbſt ſpie⸗ len? Mag er bleiben wo er iſt. Das Ungluͤck iſt geſchehen: fuͤr den Augenblick wuͤrde er nichts helfen koͤnnen; erſt ſpaͤ⸗ ter kann die Zeit kommen, wo es zum Vortheil eines armen Weſens, welches das Leben nicht verlangt hat, noͤthig ſeyn wird, zu erfahren, was aus jenem Manne geworden, wie ſeine Auffuͤhrung iſt, und wo er lebt? Ohne auf irgend eine Art .. 9* 132 in das Geheimniß eingeweiht zu ſeyn, kann ihr Neffe ſich darauf beſchraͤnken, ein wachſames Auge auf dieſen ſonderbaren Mann zu haben. Dies iſt es, was ich Ihnen zu ſagen hatte, mein lieber Leny. — Wohl geſprochen, ich bin mit Ih⸗ nen einverſtanden, und Ihre Anſicht wird mir bei Abfaſſung meines Briefs vor⸗ ſchweben. 8— — Noch einen guten Rath erlaube ich mir mein lieber Rektor, er iſt dem⸗ jenigen aͤhnlich, welchen die junge Mada⸗ me Ferec dem Kapitain gegeben hat, naͤm⸗ lich in Ihren Brief nicht ſo viele Bibel⸗ ſtellen einzuſchalten, als Sie in der muͤnd⸗ lichen Unterhaltung zu thun gewohnt ſind. Sie wenden ſie im Allgemeinen richtig an, aber eine zu unmittelbare Beziehung auf den Gegenſtand der uns jetzt beſchaͤftigt, 133 wuͤrde den Nachtheil haben, ihn in ein helles Licht zu ſetzen. — Was verlangen Sie von mir, mein Freund? Die heilige Schrift iſt beinahe das einzige Buch das ich kenne, aber ich kenne es genau. In kummervol⸗ len Tagen gereicht es mir zum Troſt, zu ſehen, wie ein anderer, der wie ich gelit⸗ ten, fein Herz vor dem Herrn ausgeſchuͤt⸗ tet hat, und geſtaͤrkt worden iſt. Meine Freuden geniehe ich doppelt, wenn ich mir ſagen kann, die Propheten haben ſie ge⸗ wiſſer Maßen vorausgeſehen, und der Himmel hat ſchon im Voraus den Aus⸗ druck derſelben heiligen wollen. Eloquia Domini eloquia casta, die Rede des Herrn iſt lauter*) Wenn Sie mir die Schrift nehmen, ſo bin ich nichts wei⸗ *) Pfalm XII. v, 7. 134 ter als eine klingende Schelle. Hienie⸗ den muͤſſen wir in dem Herrn trauern, und uns in ihm freuen. Seine Hand iſt ſtets unſer Troſt mag ſie uns nun vom unrichtigen Pfad auf beſſere Wege leiten, oder unſere Schwachheit unterſtuͤtzen. Dein Stecken und Stab troͤſten mich.*) Machen Sie es denn nach Ihrer Weiſe, mein lieber Leny, ich verlaſſe mich auf Ihre Vorſicht, vergeſſen Sie nur nicht, daß es hauptſaͤchlich darauf ankommt, die⸗ ſen Menſcheu im Auge zu behalten. Mn Die beiden Freunde trennten ſich. Der Doktor kehrte nach ſeiner Wohnung zu⸗ ruͤck, aber Herr Leny ließ ſein niedriges Dach links liegen, um ſich, beguͤnſtigt von der bereits eingetretenen Dunkelheit, an *) Pſalm XXIII. b. 4. 135 den Stufen des Altars auf ſeine Knie zu werfen, was er oͤfters, wenn Kummer ſein Herz druͤckte, zu thun pflegte. Der Schluͤſ⸗ ſel zu einer kleinen Seitenthuͤre, den er ſtets bei ſich fuͤhrte, eroͤffnete ihm, ſo oft er es wuͤnſchte, den Eingang in die dem heiligen Nolf gewidmete Sukkurſalkirche von Helvin. In der feierlichen, einſamen Stille des 1 Heiligthums⸗ welches der matte Schimmer einer Lampe, die in der Hoͤhlung eines vom Rauche geſchwaͤrzten Pfeilers angebracht war, nur ſparfam erleuchtete, erhob er ſeine Stimme;„Herr“ ſo betete er, wüͤrdige die Burg Helvin eines Blik⸗ tes Deines Erbarmens, erinnere Dich, daß Du zwei tugendhafte Wittwen dahin beru⸗ 2 fen haſt, die Deines Wohlgefallens werth ſind, da Du ja uns alle nach dem Bilde Deiner heiligen Engel geſchaffen⸗ haſt. Au⸗ 136 b V ßer ihnen lebt noch ein ſanftes und un⸗ ſchuldiges Weſen unter ihrem Dache. Gleichfalls Wittwe ohne Gatten, ſchwinder ihr, dem Opfer eines ſchweren Verbrechens, wie vielleicht die Nacht noch nie ein Aehn⸗ liches in ihre Schatten gehuͤllt hat, der Fruͤhling des Lebens unter Jammer dahin. Laß o Allerbamer, ſie und ihre Gefaͤhrtin⸗ nen nicht der Verzweiflung zur Beute werden. Lauge ſchon haſt Du ſie mit Thraͤnenbrod geſpeiſet, und mit großem Maße von Thraͤnen getraͤnket,*) und ich un⸗ wuͤrdiger Diener des Altars, den Du in das ſchreckliche Geheimniß ibrer Unſchuld einzudringen vergoͤnnt haſt⸗ ich muß ſchwei⸗ gen vor den Mewſchen; aber vor Dir Herr, vor Dir, Sonne der Gerechtigkeit⸗ will ich reden, im Namen dieſer ungluͤckli⸗ * Pſalm CXXX, E. d 137 chen Frauen! Ich will reden in der Be⸗ truͤbniß meiner Seele.“) Ich werde zu meinem Gott ſagen: Verdamme uns nicht, laß uns wiſſen, warum Du mit uns ha⸗ derſt. Gefaͤllt dir's daß Du uns der Ver⸗ läͤumdung Preis gibſt, und uns verwirfſt, die Deine Haͤnde gemacht haben?. Ge⸗ denke Herr, wie es uns gehet, ſchaue und ſiehe an unſere Schmach.**) Denn die uns anſehen ſpotten unſerer und ſchuͤtteln den Kopf**) indem ſie uns mit kraͤnken⸗ den Worten verhoͤhnen. O mein Gott neige deine Ohren zu uns;**4) wir ver⸗ derben, wenn uns Dein Arm nicht ſchuͤtzt. — *) Hiob Kapitel X. v. 1. 2. 3. 4. Dieſe Stelle iſt uͤbrigens nach der Vulgata uͤberſetzt, und weicht von Luthers Ueberſetzung weſentlich ab. — 4 Anmk. d. Uebſ. **) Klagl. Jerm. Kap. V. v⸗ ***) Pſ. XXII. p. g. 44½) Pſ. XXXI. v. 2. 138 Hilf uns Herr um Deines Namens Ehre Willen! Propter gloriam nominis tui, Domine salva nos!*) Alle dieſe Schriftſtellen entferziter dem Munde des Greiſes, und die Einge⸗ bungen ſeines Schmerzens brachten ſie un⸗ ter einander in Zuſammenhang. Der Ge⸗ danke, den Allbarmherzigen mit den eig⸗ nen Worten der durch Seinen Geiſt getrie⸗ benen Maͤnner anzurufen, gab ſeinem Ge⸗ bet eine eigne Art von Beredſamkeit. Es war Sonnabends in der Nacht. Der Pfarrer erhob ſich geſtaͤrkt, und auf dem Heimweg nach ſeiner Pfarrei machte er in Gedanken den Entwurf zu einer, am morgenden Sonntag zu haltenden, kurzen Rede uͤber die kuͤhnen und liebloſen Ur⸗ theile. Herr Leny, der immer einen Satz *) Pf. LXXIX. v. 9. 139 aus der chriſtlichen Sittenlehre, die er ſtets aus der Quelle ſchoͤpfte, zum Gegen⸗ ſtand ſeines Vortrags machte, ſprach heute, durch die Theilnahme an dem Schickſale der Familie Beaumanoir noch mehr er⸗ waͤrmt, mit vorzuͤglicher Beredſamkeit. Ehe er die Kanzel verließ wagte er es, ſeine Schlußanwendung noch ganz beſonders auf das unerwartete Ereigniß in der Burg Helvin zu beziehen: „Ich weiß, meine Bruͤder, ſagte er, daß es Perſonen gibt, die uͤber das, was ſich in einem der angeſehenſten Haͤuſer dieſes Kirchſpiels zugetragen hat, unuͤber⸗ legte Urtheile ſich erlauben; ich glaube ſie werden wohlthun, ſich in Zukunft mit mehr Zuruͤckhaltung zu aͤußern. Ich betheure, daß diejenigen, welche jenes Haus beſiz⸗ zen, bei mir an der ihnen immer gewid⸗ meten Achtung und Ehrfurcht nichts ver⸗ 140 lohren haben. Dieſe letztere hat vielmehr durch ihr Ungluͤck, an welchem ſie keine Schuld haben, noch zugenommen. Ob⸗ gleich eine gewiſſe heilige Handlung ge⸗ rade nicht in dieſem Tempel verrichtet worden iſt, kann ſie desalb nicht ander⸗ waͤrts Statt gefunden haben? habe ich mich daruͤber gegen irgend wen erklaͤrt?... Maͤßigen wir uns daher doch ja in unſern Aeußerungen, die oft ſo ruͤckſichtslos das Herz unſerer Bruͤder verwunden! Und en blich ſind diejenigen die den erſten Stein auf andere werfen auch immer ſo rein? „Richtet nicht, ſo werdet ihr auch nicht „gerichtet; verdammet nicht, ſo werdet ihr „auch nicht verdammet.*)— — 1 *) Luc. XI. 37. 141 Zwanzigſtes Kapitel. Die Familie Beaumanoir trifft Schlag auf Schlag. Bei der naͤchſten Zuſammenkunft ſagte der Doktor zu Herrn Leny:„Ich billige Ihre Predigt am letzten Sonntage; Sie haben ſich uͤber die Familie Beaumanoir ein wenig weitlaͤufig ausgelaſſen, indeſſen, ob dies gleich unter dem Adel ein gewiſ⸗ ſes Aufſehen erregt hat; ſo bin ich doch weit entfernt Sie deshalb zu tadeln.“ Der Pfarrer ſah allerdings ein, daß eer etwas zu weit gegangen war; er ge⸗ ſtand ſogar, daß er, durchdrungen von der Unſchuld des Fraͤuleins von Beauma⸗ 142 noir, und tief gekraͤnkt uͤber die, dieſen tugendhaften Frauen wiederfahrne, Demuͤ⸗ thigung, ſich von ſeinem gerechten Eifer uͤber die gehoͤrigen Grenzen habe hinrei⸗ ßen laſſen koͤnnen, die zu uͤberſchreiten, bei kaͤltern Blute er ſich nicht wuͤrde er⸗ laubt haben. Es war allerdings viel fuͤr einen ſo geraden Mann, vermuthen zu laſſen, ja ſelbſt zu verſtehen zu geben, daß ein heimliches Ehebuͤndniß*) Fraͤulein von Beaumanoir mit ihrem Vetter Del⸗ pont vereinigt habe, waͤhrend dieſem Manne wohlbekannt war, daß der Schmerzens⸗ LeEe——n ») Ehe die Gemeinderegiſter einem Beamten von Civilſtande anvertraut wurden, war nichts gewoͤhnlicher, als die, den guten Sitten und dem Familienwohlſtande ſo nachtheiligen heimli⸗ chen Heirathen. Die Dispenſationen, wegen des Aufgebots konnten ſich die Reichen leicht ver⸗ ſchaffen, und die Geiſtlichen gaben den Wuͤnſchen der Eheſtandesaspiranten gern nach. ſohn, der ſo vielen Kummer verbreitete, einem ganz andern unbegreiflichen Ereig⸗ niſſe das Leben zu danken hatte.„Ich habe unwahr geſprochen, ſagte innig be⸗ wegt der wuͤrdige Diener des Altars, aber ich hoffe deshalb Verzeihung zu erlangenz denn ich habe keine Suͤnde wider den heiligen Geiſt begangen.*) Ach wie ſehr ſind Freunde, die ſich auf dieſe Art ver⸗ gehen, zu entſchuldigen! Und wie liebens⸗ wuͤrdig iſt ſelbſt die Religion, wenn ſie ſich zu unſern Unvollkommenheiten men⸗ ſchenfreundlich herablaͤßt, unſerer Schwaͤche wohlwollend nachgibt, und aus Gerechtig⸗ keitsliebe ihre eignen Vorſchriften auf kurze Zeit vergißt. Mochten, um uns bildlich auszudruͤcken, der Doktor und der Pfarrer immer eine *) Luca XII. 10. — 6——öööſͤſſſſ 144 Cireumvallazionslinie um das Schloß Hel⸗ vin ziehen, die den ehrenruͤhrigen Ge⸗ ruͤchten, den bittern Spoͤttereien und ei⸗ ner Verlaͤumdungsſucht, der man den mil⸗ dern Namen Mediſance beilegte, den Zu⸗ gang verſperren ſollte; ſo verwundeten nichts deſto weniger tauſend kleine Vor⸗ ſaͤlle taͤglich das Herz der Damen von Beaumanoir; deshalb ſeufzten ſie auch mit der liebenswuͤrdigen Henriette nach dem Augenblicke, wo ihr Wagen ankommen wuͤrde. Zu was ſie ſich nach ihrer Ab⸗ reiſe entſchließen, was ſie thun wuͤrden, daruͤber waren ſie noch ungewiß; nur ab⸗ zureiſen, daruͤber waren ſie einig. Auch Herr Bonnet war dieſer Meinung, ſo ſchmerzhaft ihm auch eine hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich ewige Trennung fallen mußte. Ungluͤcklicher Weiſe konnte der Sattler den Wagen nicht bis zu der beſtimmten 7 b b b 143 Zeit herſtellen. Er bat um einen Auf⸗ ſchub von vierzehn Tagen, den man ihm zugeſtehen mußte, unterdeſſen waren ſchon alle Vorkehrungen getroffen, die eine Veraͤnderung des Wohnorts erfordert, de⸗ ren Zweck und Ziel noch unbeſtimmt iſt. Eines Nachmittags, es war in den erſten Tagen des Juni's, unterhielten ſich die drei Freundinnen, auf ihren geſchnuͤr⸗ ten Koffern, mitten unter großen und kleinen Paketen ſitzend, als ſich Pferde⸗ getrappel im Hofe hoͤren ließ. Da ſie zum Fenſter hinunter ſahen, erblickten ſie zwei Reiter von der Marechauſee mit ihren gelben uͤbers Kreuz umhaͤngenden Bandelie⸗ ren und ihren mit ſilbernen Treſſen einge⸗ faßten Huͤten, die von den Pferden ſtie⸗ gen, welche ſie an die in die Mauer be⸗ feſtigten eiſernen Hacken banden. Dieſe 8 Erſcheinung ſetzte ſie mehr in Erſtaunen III. Theil. 10 146 als in Schrecken, denn, vermoͤge einer ſehr lobenswuͤrdigen polizeilichen Verfuͤ⸗ gung, durchſtreifte die Marechauſſe das platte Land, und vergaß nicht, die vor⸗ nehmſten Gutsbeſitzer uͤber die etwanigen Vorfaͤlle in ihrer Gegend, ſo wie uͤber alles dasjenige, was die oͤffentliche Ruhe gefaͤhrten koͤnnte, zu befragen. Die Rei⸗ ter verlangten der Vicomteſſe vorgeſtellt zu werden, und waͤhrend der eine in ſei⸗ ner Brieftaſche ein Papier hervorſuchte, erklaͤrte ihr der andere mit aller Hoͤflich⸗ keit, daß ſie aus dem Dorfe Glandour kaͤmen, wo ſie ſich der Perſon des Yvon Calvez haͤtten verſichern ſollen, um ihn, in Folge eines Befehls des koͤniglichen Pro⸗ kurators, nach Vannes ins Gefaͤngniß zu bringen, daß ſie aber dort zu ihren gro⸗ ßen Erſtaunen erfahren haͤtten, der frag⸗ liche junge Mann befaͤnde ſich ſchon ſeit 147 mehreren Monaten in Dienſten der Frau von Beaumanoir. Nach einigen Zwiſchen⸗ reden und gegenſeitigen Erklaͤrungen, die in Uebereinſtimmung mit dem Verhaftsbe⸗ fehl keinen Zweifel uͤbrigließen, daß eine, von ſehr erſchwerenden Thaͤtlichkeit beglei⸗ tete, Zaͤnkerei die Verhaftung Yvons noͤthig mache, erklaͤrte die Vicomteſſe, daß ſie der Ausfuͤhrung des Befehls nichts ent⸗ gegen zu ſetzen habe, daß ſie aber wuͤn⸗ ſche, da der Beſchuldigte, auf dem Schloſſe nie ein Wort von den ihm zur Laſt ge⸗ legten Vergehungen erwaͤhnt haͤtte, vor ſeiner Abfuͤhrung mit ihm zu ſprechen, da ſie Urſache habe, ihn fuͤr unſchuldig zu halten, und wuͤnſche den koͤniglichen Pro⸗ kurator von ſeiner Schuldloſigkeit ſelbſt zu uͤberzeugen. Die Gensd'armes fuͤgten ſich ehrerbietig dem Wunſche der Frau von Beaumanoir, und begaben ſich in den 10- 148 untern Saal, wo man ſie mit Erfriſchung⸗ ten bediente. Pvon wurde zu den Damen gerufen: er geſtand alles. Seine Erzaͤhlung ſtimmte in allen Stuͤcken mit der bereits mitge⸗ theilten uͤberein. Einige Scenen gewan⸗. nen in ſeinem Munde an Lebhaftigkeit des Kolorits, und wenn die drei Freun⸗ dinnen Urſache hatten, uͤber eine Belei⸗ digung aufgebracht zu ſeyn, welche der Doktor und der Pfarrer vor ihr zu ver⸗ heimlichen moͤglichſt bemuͤht geweſen wa⸗ ren, ſo waren ſie nicht minder uͤber den Muth geruͤhrt, mit welchem ſie der Sohn eines armen Tageloͤhners vertheidigte, ſo wie uͤber das Zartgefuͤhl, mit dem er uͤber einen Vorfall, der ihn in der Gunſt ſeiner Gebieterinnen noch mehr befeſtigen mußte, ein ſo tiefes Stillſchweigen beobachtet hatte. Eine doppelte Urſache lockte ih⸗ 149 nen daher die Thraͤnen in die Augen. Wir wollen abreiſen, liebe Mutter, ſagte Klementine, aber Yvon duͤrfen wir nicht zuruͤcklaſſen; und Madame Allote fuͤgte hinzu:„Ich wuͤrde lieber den braven Bur⸗ ſchen in Vannes abholen, und dort auf ihn warten. Diener von dieſem Schlage ſind zu ſelten, liebe Freundinnen, um uns ſeiner nicht eben ſo anzunehmen, wie er ſich unſer angenommen har! Die Bois⸗ briant haben die Haͤnde im Spiel, laſſet uns das unſrige mit Muth und Offenheit beendigen, und wir werden die Partie ge⸗ winnen⸗“ 1 n u!.. Was Frau von Beaumanoir betriffe, ſo war dieſer Vorfall ihr unangenehmer) als ſie es ſich in Gegenwart ihrer Tochter merken ließ. Wenn man ſchlauer Weiſe, und um die Rechtlichkeit des koͤniglichen Prokurators irre zu leiten, ihm verheim⸗ licht hatte, daß der junge Calvez zum Hauſe der Vicomteſſe gehoͤrte, ſo iſt es nicht minder wahr, das die Bosheit der Boisbriant ſie bei dieſer Gelegenheit ſo weir irre geleitet hatte, die unter den Familien von Stande eingefuͤhrte Sitte zu oͤffentlich außer Augen zu ſetzen; deun be⸗ vor ſie eine gerichtliche Klage erhoben, erforderte ihre erſte Pflicht, bei der Frau von Beaumanoir zuvor um Genugthuung zu bitten. Eine ſolche Vernachlaͤfſigung war in ihren Augen ohne Entſchuldigung. Man fuͤllte Yvon Calvez Beutel mit Geld; Klementine druͤckte ihm ſogar die Hand; die Vicomteſſe ſchrieb ſeinetwegen an dem koͤniglichen Prokurator„ und gab den Brief einem der Reiter zur Beſtellung, und Henriette, um die truͤben Wolken, die ſich auf der Stirn der Bicomteſſe zu⸗ ſammenzogen, zu vertreiben, ſagte zu dem 151 jungen Menſchen: Mein Freund du haſt deine Sporen verdient, du haſt dich fuͤr den Ritter der Damen von Beaumanoir gegen einen unritterlichen Knappen er⸗ klaͤrt, dir gebuͤhrt der Ritterkuß,('accola- de). Zugleich umarmte ſie ihn mit einer Ruͤhrung, der ſie durch dieſe Anrede einen Anſtrich von Froͤhlichkeit zu geben wußte. Dies hinderte indeſſen die drei Damen von Helvin nicht zu ſeufzen, als ſie bald darauf aus ihrem Fenſter den armen Bur⸗ ſchen, wie einen von der Gerechtigkeit feſt⸗ gehaltenen Verbrecher zwiſchen den bei⸗ den Reitern gehen ſahen. Doch hatten ſie noch den kleinen Troſt ihn nach weni⸗ gen Schritten, Wahrſcheinlich in Folge der erhaltenen Erlaubniß, ſich hinten auf das eine Pferd ſchwingen zu ſehen. Noch war keine Viertel⸗Stunde ſeit ſeiner Entfernung verſtrichen, als Herr Bonnet in das Zimmer trat, wo ſich die drei Freundinnen aufhlelten. ‚Meine Damen, ſagte er im Eintreten, ich weiß alles. Es iſt ſchaͤndlich, man hat den elen⸗ den Tropf Jasmin ins Bette gelegt, ihn mit Umſchlaͤgen und Servietten bedeckt, mit Balſambuͤchſen und Latwergen umge⸗ ben; man hat zwei Aerzte von Vannes holen laſſen,(denn Sie muͤſſen wiſſen, daß ich nicht mehr Arzt des Hauſes Bo⸗ isbriant bin, was mich auch wenig kuͤm⸗ mert,) und ſie ein in beſter Form abge⸗ faßtes Protokoll unterzeichnen laſſen, unter welchem, als Zeugen, die Unterſchriften von Simon Duchesne, Gaſtwirth zum rothen Hut, und die Spitzbuͤbin Synvenn, Geſell⸗ ſchaftsdame einer ausgetrockneten Mumie, Hexe und Diebin von Profeſſion zu finden ſind. Nach dieſem Protokolle waͤre der Pariſer, wie ihn der brave Pvon nennt, 153 in aller Form moͤrderiſch uͤberfallen wor⸗ den, und zwar in Gegenwart von ſechs Perſonen, die ruhige Zuſchauer abgegeben haͤtten. Sollte dieſe Sache noch weiter getrieben werden, ſo wird man auf eine Gegenunterſuchung und ein Zeugenverhoͤr antragen muͤſſen; denn es befanden ſich noch mehrere Perſonen in dem Wirths⸗ hauſe, als der Vorfall Statt fand. Ich weiß daß der Barbier Teurtrois und Frau Duchesne fuͤr Calvez ſind; und obgleich ſeit jenem Abend ſich, in Folge der from⸗ men Maͤhrchen Kathikens*) bei der Magd periodiſche Geiſtesverwirrungen gezeigt haben, ſo wird auch dieſe zu ſeinen Gunſten zeugen. Was Matthes Lalande betrifft, der die Stelle eines Waffenherolds bei *0) Eine unter den Landleuten von Nieder⸗ Bretagne gewoͤhnliche Abkuͤrzung! des Namens Katbarine. 154 dieſem Vorfalle vertreten hat, ſo erklaͤrt er laut und oͤffentlich, daß er dem Pari⸗ ſer das Garaus machen werde, wenn er ſich beigehen lieſe, je wieder einen Fuß in den Flecken zu ſetzen; und daß der Narre ſeine Pferde koͤnne beſchlagen laſ⸗ ſen, wo er wolle. Erſt beleidigt dieſer Schuft die Leute, und dann verſteht er weder ſich zu ſchlagen noch zu trinken! Ich muß wohl ſagen, er iſt meiſterlich durchgegerbt worden: aber Yvon haͤtte die doppelte Tracht Schlaͤge bekommen koͤnnen, und doch haͤtte er mir beim Glaſe Beſcheid gethan, darauf kenne ich ihn, der Jokai aber hat mir es abgeſchlagen.“ Ein kaum merkbares Laͤcheln umſchwebte die Lippen der Damen von Helvin; es wurde noch ſichtbarer, als der Doktor bei⸗ fuͤgte:„Der Schmid, einer der Hono⸗ ratioren im Flecken, nimmt offenbar Ihre 155 Partie. Es ſind gute und treffliche Frauen, wiederholt er jedem, der in ſeine Schmie⸗ de kommt, wenn er von Ihnen dreien ſpricht, und es thut ihm nur leid ſein „Aber“ hinzu ſetzen zu muͤſſen, denn auch er kann, ſo wenig als ſein Gevatter im rothen Hute, die Geſchichte mit den vier Kuͤhen verwinden, die durchaus nicht ſei⸗ nen Beifall hat; er nennt das eine ge⸗ faͤhrliche Neuerung, die den Handel zu Grunde richten wird. So kann man die Gewohnheiten eines Landes, waͤren ſie auch noch ſo nachtheilig fuͤr das Familiengluͤck, nie ohne Gefahr angreifen. Den Wein⸗ ſchank einſchraͤnken wollen, heißt in Nie⸗ dern⸗ Bretagne ſich an der Landesſitte vergreifen. 3 llnoime Die Vicomteſſe hatte eine ſehr unruhige Racht, aber, wie ward ihr zu Muthe, als Herr Leny wieder ſeine Gewohnheit ſich 156 am andern Morgen ſchon um ſieben Uhr bei ihr anmelden, ſie jedoch bitten ließ, im Bette zu bleiben, und ihm nur ein fuͤnf Minuten langes Gehoͤr zu vergoͤnnen, was fuͤr ſeinem Zweck hinreichend ſeyn wuͤrde? „Ein neues Ungluͤck!“ ſagte ſie, als ſie den Pfarrer mit Madame Alloten eintre⸗ ten ſah. „ Nein gnaͤdige Frau, verſetzte der wuͤr⸗ dige Mann, ich erwarte im Gegentheil et⸗ was Vortheilhaftes von der Reiſe, zu der ich veranlaßt werde. Seiner hochwuͤrdgen Gnaden haben mich, aus einem Grunde den ich ahne, ob Sie mir ihn gleich nicht angegeben haben, nach Vannes beſchieden, und ich habe fuͤr Schuldigkeit gehalten, Sie perſoͤnlich, von dieſer kurzen Abweſen⸗ heit zu unterrichten. Es blieb mir nichts aͤbrig, als meinem Vorgeſetzten zu gehor⸗ chen, denn: In allen Laͤndern hat 2 1 3 157 Gott Herrſchaften geordnet, aber uͤber Israel iſt er ſelbſt Herr ge⸗ worden.*) „Nach dieſer Anwendung einer Stelle des Jeſus Sirach, eroͤffnete Herr Leny der Vicomteſſe, daß er glaube, die aus der biſchoͤfflichen Kanzlei an ihn ergang⸗ ene Citation ſei eine Folge ſeiner am verwichenen Sonntag gehaltenen Pre⸗ digt, und des nachtheiligen Berichts, den man dem Praͤlaten daruͤber vielleicht erſtat⸗ tet habe; daß er ſich aber Gluͤck wuͤnſche, eine ſo paſſende Gelegenheit zu finden, dieſe geiſtliche Behoͤrde uͤber einen an⸗ dern, weit wichtigern Gegenſtand aufzu⸗ klaͤren. Uebrigens machte er noch bemerk⸗ lich, daß ſein Aufenthalt in Vannes, ohne deshalb laͤnger als ſeine Angelegenheit *) Jeſ. Sirach Kap. XVII. 9. 14 und 15. 4 3 158 erfordere, ausgedehnt zu werden, fuͤr den braven Pvon nicht unnüuͤtzlich ſeyn wer⸗ de.— In zweimal vier und zwanzig Stunden hoffte er dieſen rechtſchaffenen jungen Menſchen wieder auf das Schloß zuruͤckbringen zu koͤnnen. Auf Anrathen der Madame Allote, mit welcher Herr Leny zuvor Ruͤckſprache nahm, hatte er um dieſe Unterredung mit Frau von Beaumanoir gebeten, und die⸗ ſer Nath war ſehr zweckmaͤßig, dieſe Dame, die durch die Abholung ihres Be⸗ dienten ſchon gereitzt war, wuͤrde die Ab⸗ reiſe des wuͤrdigen Pfarrers allzuſehr an⸗ gegriffen haben, wenn ſie die unerwartete Nachricht davon durch die dritte Hand erfahren haͤtte. Trotz aller Vorſicht, die man bei dieſer Angelegenheit gebrauchte, verſiel ſie dennoch in eine gaͤnzliche Nie⸗ dergeſchlagenheit, die ſte, unter mancherlei . 159 Vorwande, den Blicken ihrer Tochter zu entziehen ſuchte, welche aber dem der Freundin nicht entging.. Wir verlaſſen ſie auf einige Augen⸗ blicke, um den guten Pfarrer an der Beikirche von Helvin auf ſeiner Reiſe zu begleiten. Herr Leny hatte auf ſeiner kleinen Stute die ſieben Stunden, die ihn von Vannes trennten, bald zuruͤckgelegt. Er verweilte bloß einige Minuten im Se⸗ minar, und verfuͤgte ſich dann zu dem Biſchoff, wo man ihn bereits zu erwarten ſchien. Von den Aelteſten des Kapitels umgeben, die bei ihm zu Mittag geſpeißt hatten, ging der ehrwuͤrdige Amelot im Biſchofsmantel, und mit dem goldnen Kreuze auf der Bruſt, im Garten des biſchoͤfflichen Palaſtes ſpatzieren. Seine Stirn umwoͤlkte ſich, bei dem Anblick des alten Pfarrers, und ſein Auge bewaffnete ſich mit Strenge. „Mein Herr“ ſagte der Praͤlat zu ihm, Sie haben auf der Kanzel von ei⸗ ner geheimen Eheverbindung geſprochen, die in ihrem Filialſprengel ſtatt gefunden haben ſoll: wo haben Sie denn meine Dispenſation von dem Aufgebote, ohne welche weder die Kirchen„noch die Staats⸗ geſetze Ihnen erlaubten, dieſe Ehe einzu⸗ ſegnen?“ 3 Gnaͤdiger Herr, antwortete Herr Leny⸗ mit beſcheidener Feſtigkeit, ich koͤnnte Euer hochwuͤrdgen Gnaden anworten, daß ich mich bloß darauf beſchraͤnkt habe, die Moͤg⸗ lichkeit dieſes Ehebuͤndniſſes zu erklaͤren, um einem eben ſo ſchaͤndlichen als unge⸗ rechten Gerede Einhalt zu thun, allein ich habe zu meiner Rechtfertigung meinem geiſtlichen Oberhaupte noch einen wichtigern 161 Grund anzufuͤhren, und da ich ohne Nach⸗ theil anderer dabei betheiligter Perſonen ihn nicht oͤffentlich bekannt machen kann, ſo bitte ich Euer Hochwuͤrdigen Gnaden mir in Dero Kabinet eine Privataudienz zu geſtatten. 2 Von dem beſcheidenen Dorfgeiſtlichen gefolgt, kehrte der Biſchoff in den Pallaſt zuruͤck, er ſtieg die breite Treppe hinauf, oͤfnete die Thuͤre ſeines Kabinets, ohne ſein ernſtes Benehmen zu veraͤndern, ohne ein Wort zu ſprechen, und gab ihm mit der Hand ein Zeichen vor ihm in das Gemach einzutreten.— Der Fuͤrſt der Kirche und Herr Leny blieben eine halbe Stunde zuſammen ein⸗ geſchloſſen. Von ihrer Unterhaltung hat niemand etwas erfahren; aber als ſie ne⸗ ben einander die Treppe hinab in den Vor⸗ ſaal gekommen waren, deſſen Thuͤren auf III. Theil. 11 162 die Gartentreppe hinaus gingen, ſagt der Biſchoff zu den auf den Vorſprung der⸗ ſelben verſammelten Geiſtlichen: Meine Herren, ich freue mich Ihnen ſagen zu koͤnnen, daß ich, als einen Beweis meiner beſondern Achtung, dem Heren Leny die durch den Tod des Abbès Roisgautier erledigte Pfarrei von Ploermel*) ſo eben angeboten habe, die er aber ausgeſchlagen hat, um ſich nicht von der kleinen Heerde, welche die Vorſehung ſeiner Obhut an⸗ vertraut hat, trennen zu duͤrfen, zu glei⸗ cher Zeit druͤckte der Praͤlat die Hand eines ſeiner geringſten Untergebenen in der ſeinigen, und ein Anflug von Trau⸗ rigkeit hatte dem Ausdrucke des Miß⸗ vergnugens, mit welchem er den Pfarrer *) Kleine Stadt in der Naͤhe von Helbin, jetzt Hauptort des Bezirks, und eine der bedeu⸗ tenſten Pfruͤnden des alten Dieioͤſes von Vannes. 163 von Helvin empfangen hatte, in den Zuͤgen des Biſchoffs Platz gemacht. Wir wollen nicht verſuchen, in das Ge⸗ heimniß der Unterhaltung des Herrn Leny mit ſeinem wuͤrdigen Vorgeſetzten einzu⸗ dringen, alles was wir uns zu bemerken erlauben, iſt, daß er ſeine Grosvica⸗ rien und einige andere anweſende Mit⸗ glieder der hohen Geiſtlichkeit wiederholt verſicherte, nie einem vom aͤchten Geiſte der Religion ſo durchdrungenen Mann, als dieſen einfachen Pfarrer von Helvin gefunden zu haben, und in ſeinem ganzen Sprengel keinen mit der Schrift ſo ver⸗ trauten Geiſtlichen kenne, ein Verdienſt, das in ſeinen Augen ein guͤnſtiges Vorur⸗ theil fuͤr ſeine uͤbrigen Paſtoraltugenden erwecke. Wahrſcheinlich hatte der gute Greis dem Vergnuͤgen, einige Schriftſtel⸗ len in ſein Geſpraͤch mit ſeinem Vorge⸗ 11* 164 ſetzten zu verweben, nicht wiederſtehen koͤnnen. „Laudans invocabo Dominum ich will den Herrn loben und anrufen“ rief Herr Leny als er die Anhoͤhe nach dem Semi⸗ narium hinaufſtieg, et ab inimicis meis sal- vus ero ſowerde ich von meinen Fein⸗ den erloͤſet.“) Denn der Herr hat meine Stimme von Seinem Tempel erhoͤret, und mein Ge⸗ ſchrei iſt vor ihm zu ſeinen Oh⸗ ren gekommen.“**) Obgleich erſchoͤpft, ließ der brave Mann dennoch den Tag nicht verſtreichen, ohne ſich zu dem koͤniglichen Prokurator zu verfuͤgen, um auf die Entlaſſung Pvons aus ſeiner Haft anzutragen. Der Beamte, bereits durch den Brief der Vicomteſſe ) Pſalm. XvIII V. 4. **) Ebendaſ. V. 8. 4 165 von der Sache unterrichtet, fah ein, daß hier nur von einem durch den klagenden Theil ſelbſt veranlaßten Zwiſte unter Dienſtboten die Rede war, und bedauerte, daß man ihm den Vorfall in einem ganz falſchen Lichte vorgetragen habe. Er laͤugnete nicht, daß der Verhaftsbefehl durch die Frau Marquiſe von Boisbriant ausgewirkt worden ſey, deren Verlangen er ſich nicht ſo ſchnell gefuͤgt haben wuͤrde, wenn ihm nicht gaͤnzlich unbekannt geweſen waͤre, daß der Beklagte zur Dienerſchaft der Vicomteſſe von Beaumanoir gehoͤre. Nach einem kurzen Geſpraͤche, welches die Ereigniſſe, von denen die Burg Helvin der Schauplatz geweſen war, zum Gegen⸗ ſtand hatte, und in welchem Herr Leny, ohne die Regeln einer klugen Vorſicht aus den Augen zu verliehren, und ohne der Wahr⸗ heit zu nahe zu treten, ſeine Freundinnen in den Augen des koͤniglichen Beamten voͤllig zu rechtfertigen wußte, entfernte er ſich mit einem in aller Form ausgefertigten Befehl zur Verhaftsentlaſſung des Gefan⸗ genen. Es war ſchon ſpaͤt, und er trat mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhl in das Se⸗ minar, Calvez noch eine Nacht im Gefaͤng⸗ niſſe laſſen zu muͤſſen. Von dieſem Gefuͤh⸗ le durchdrungen, ſchloß er den guten Juͤng⸗ ling in ſein Abendgebet. Um ihn der goͤttlichen Gnade zu empfehlen betete er den ganzen ſechs und zwanzigſten Pſalm, welcher mit den Worten anfaͤngt:„Herr ſchaffe mir Recht, denn ich bin unſchuldig, aber ehe er an den letzten Vers kam, entſchlief er unter den troͤſt⸗ lichen Gedanken, den Juͤngling dem goͤtt⸗ lichen Schutze anvertraut zu haben. Sobald er den andern Morgen ſein 4 Fruͤhſtuͤck mit den Profeſſoren genoſſen hat⸗ 167 te, denen bereits die ehrenvolle Aeußerung des Biſchoffs uͤber den chriſtlichen Eifer des ſilberlockigten Greiſes zu Ohren ge⸗ kommen war, eilte der Pfarrer von Hel⸗ vin, ſeinen Gefangenen zu befreien. Der zweitaͤgige Verhaft hatte Yvon gerade nicht niedergebeugt, im Gegentheil kam er ſich in ſeinen eignen Augen um zwei Zoll groͤßer vor. Seine Freude auf die Burg zuruͤckkehren zu koͤnnen war nicht gering, und er berauſchte ſich zum Voraus in dem Empfang, auf welchen er rechnete, nicht in der Meinung daraus Nutzen zu ziehen, ſondern, weil er es ſich in ſeinem edelmuͤthigen Jugendfener ſelbſt Dank wußte, die Tugend ſeiner Gebieterinnen vertheidigt zu haben. Der ganze Vorfall war uͤbrigens fuͤr ihn nur eine Veranlaſ⸗ ſung, ſeinen Dienſteifer und ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit an ſte zu erhoͤhen. Herr Leny 4168 tadelte uͤbrigens dieſen Beweggrund, der von der Herzensguͤte des Juͤnglings zeugte, nicht im Geringſten. Da das Lebensſchiff einmal eines Segels bedarf, ſagte er, ſo mag Yvons Segel leicht mehr Werth ha⸗ ben als manches andere. Ohne die Freu⸗ de des jungen Mannes zu unterdruͤcken, ermahnte er ihn jedoch bei dieſer Gele⸗ genheit, diejenigen Haͤuſer zu vermeiden, wo jeder Eintretende fuͤr ſein Geld das Recht zu haben glaubt, ſeiner Zunge frei⸗ en Lauf laſſen, und die gewagteſten Aeuße⸗ rungen gegen die Ehre der Familien ſich erlauben zu koͤnnen. Da die Stute der Ruhe bedurfte, ſo blieb man bis zum an⸗ dern Tag in Vannes, und machte dort auch noch Mittag. Der Schritt des armen Thieres war ſo abgemeſſen, daß Calvez ihm ohne Anſtrengung folgen konnte. Eben ſank die Sonne unter den Horizont, als 169 die beiden Reiſenden die Landſtraße verlie⸗ ßen, um ſich in gerader Linie links nach dem Buſchholz zu ſchlagen, aus deſſen Mitte ſich die alte Burg erhebt. Noch einige Zeit verfolgten ſie gemeinſchaftlich den gleichen Weg, dann trennten ſie ſich, der Pfarrer ſchlug den naͤchſten nach ſeiner Pfarrei ein, und Yvon eilte mehr zu Sprunge als im Schnellſchrittte dem alter⸗ thuͤmlichen Schloſſe zu. Haͤtte der Einbruch der Nacht den Herrn Leny nicht gemahnt, ſo bald als moͤglich ſeine Wohnung zu erreichen zu ſuchen, ſo haͤtte er ſich gewiß ein Feſt dar⸗ aus gemacht, der Frau von Beaumanoir den treuen Diener ſelbſt wieder zuzufuͤhren. Allein er nahm ſich vor, ſich den endern Morgen fuͤr dieſen Verluſt zu entſchaͤdigen, mit dem Stocke in der Hand den Weg nach dem Schloſſe zu Fuß zu machen, und 4 170 ſeinen Beichtkindern den Erfolg einer Reiſe mitzutheilen, bei welcher ſie dop⸗ pelt intereſſtrt waren. Die Stute war bockſteif, und der gute Pfarrer, der ſo viel Theil an den Leiden ſeiner Nebenmenſchen nahm, war auch nicht gefuͤhllos gegen die Leiden der Thiere. Seines hohen Alters wegen war ihm ein Reitpferd unentbehr⸗ lich; ein anderes anzuſchaffen hatte aus guten Gruͤnden, große Schwierigkeiten. Wohl wußte der ehrwuͤrdige Greis, daß auf dem ſchlimmſten Fall, die Damen der Burg ihn nicht wuͤrden zu Fuße gehen laſſen, aber eben aus dieſem Grunde hielt er es fuͤr pflicht, ſeine Stute moͤg⸗ lichſt zu ſchonen. Auf dem Ruͤckwege traf er noch in ſpaͤter Abenddaͤmmerung auf Katharine Synvenn; nach einem ſehr ernſtlichen Vorhalt, rieth er ihr ſich nicht wieder im Bereich ſeiner Kirchfahrt bli⸗ d b 171 cken zu laſſen, wenn ſie nicht Luſt haͤtte dem koͤniglichen Prokurator in die Haͤnde zu fallen. Yvon war, wie man ſich denken kann, auf der Burg herzlich willkommen, indeſ⸗ ſen war der arme Schelm bei weiten nicht der Gegenſtand einer ſo allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit, als er im Stillen erwartet hatte, ſeine eigne Freude wurde nur all⸗ zu bald in Traurigkeit verwandelt. Seit vier und zwanzig Stunden befand ſich die Vicomteſſe bettlaͤgrig; alle ihre Leute wa⸗ ren um ſie beſchaͤftigt, ihre Tochter und ihre Freundinn wichen nicht von ihrer Seite, und der Doktor widmete ihr ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Die Krankheit, ohne noch einen beſtimmten Charakter an⸗ genommen zu haben, zeigte ſich unter ſehr bedenklichen Symptomen. Die Fieberan⸗ faͤlle verdoppelten ſich, ohne regelmaͤßigen Verlauf; eine wiederholte Aderlaſſe, welche der Doktor, wegen des beinahe unertraͤg⸗ lichen Kopfſchmerzes, der die Kranke quaͤlte, fuͤr noͤthig hielt, hatte die Heftigkeit des Fiebers nicht vermindert. Die Vicomteſſe, der es um ſo ſchwerer fiel, bei den Er⸗ eigniſſen der beiden vorhergehenden Tage ſich aufrecht zu erhalten, jemehr ſie ſich bemuͤhte, den Eindruck, den jene Vorfaͤlle auf ſie gemacht hatten, zu verbergen, und die ſchon an Kopfweh, nur in minderem Grade litt, wauͤnſchte ſich noch vor der gewoͤhlichen Schlafſtunde auf ihr Bett zu ſtrecken, in der Hoffnung, daß die Ruhe ihre Schmerzen lindern wuͤrde. Kaum hatte ſie ihr Zimmer erreicht, als Fanchon, in Abweſenheit ihrer Tochter und ihrer Freundin, die mit den Kammerfrauen und dem Kinde im Garten ſaßen, ihr einen Brief uͤberbrachte, den ein Bote auf den —— Kuͤchentiſch hingelegt hatte. Die Vicom⸗ teſſe eroͤffnet das Billet, lieſt, brennt das ungluͤckſchwangere Papier an der Flamme der Kerze an, wirft es ins Ka⸗ min, und ſinkt bewußtlos zu Boden. Der Brief war von der Hand der Marquiſe von Boisbriant.— Wohl war der Kopf der Frau von Beaumanoir in dieſem Augenblicke wenig geeignet, ſelbſt den ſchwaͤchſten Erſchuͤtterungen Widerſtand zu leiſten, indeſſen mußten die von der Vicomteſſe nur fluͤchtig durchlaufenen Zei⸗ len von einem, alle Schranken der Maͤſ⸗ ſigung uͤberſchreitenden, Inhalte ſeyn, um eine ſolche Wirkung hervorzubringen. Madame Allote, die auf das Geſchrei der Koͤchin, welche ihre Gebieterin auf das naheſtehende Bette geſchleppt hatte, eher als alle uͤbrigen herbei geeilt war, erhielt dieſe traurige Ueberzeugung. Der Geruch 174 des verbrannten Papiers war ihr aufge⸗ fallen, in dieſem Augenblick errieth ſie alles Uebrige. Als ſie ihre Freundin in eine ertraͤgliche Lage gebracht hatte, ſuch⸗ te ſie die den Flammen entgangenen Bruchſtuͤcke des Briefs vorſichtig zuſam⸗ men, ging bei Seite, und laß folgende Worte in der unzuſammenhaͤngenden Ord⸗ nung, wie ſie vom Feuer verſchont geblie⸗ ben waren. Ihr Scharfſinn ergaͤnzte nur zu bald die Luͤcken des Brandes. „Sie triumphiren Madame! ich weiß „das ihr Bedienter, nachdem er den Kam⸗ „merdiener meines Sohnes moͤrderiſch „uͤberfallen hat freigeſpr..(nun fehlten „mehrere Zeilen)..... Es war doch „zu unverſchaͤmt, ſich durch den Mund die⸗ „ſes elenden Wichtes, dergleichen Dinge „zu ruͤhmen. Nie hat jemand ein ſolches „Anſuchen an Sie ergehen laſſen.“.. 175 (hier war wieder eine Lücke).... Die Tochter einer eiteln Buͤrgerlichen, der Zoͤg⸗ ling einer Bediententochter....(Luͤcke.) ... Wahr iſt's daß der Landmann der ſeinen Boden duͤngen muß..(Die Flam⸗ me hatte hier einen Theil der Schrift ver⸗ nichtet nur das Ende konnte man noch auf dem verſengten Papiere erkennen).... wenigſtens zugeben, daß der Duͤnger von einer etwas zu fruchtbaren Art itſtt.... Marquiſe von Boisbriant, gebohren von Coatanscour. Alles Uebrige dieſes ſchaͤndlichen Briefs war verſchwunden, und Madame Allote eilte, mit Thraͤnen in den Augen, das was die Flamme nicht verzehrt hatte, zu vernichten. Nun naͤherte ſie ſich dem Lager Karolinens, und ſagte zu ihr:„Ich wollte wetten liebe Freundin, daß die Mar⸗ quiſe von Boisbriant Dir geſchrieben hat. 176 Sage mir, koͤnnten Dir denn die Be⸗ leidigungen eines Geſchoͤpfs kraͤnkend ſeyn, das ſich vielleicht ſo weit vergeſſen hat, unſeres Ungluͤcks zu ſpotten?“ „Ja, erwiederte die Vicomteſſe, ſie hat mir geſchrieben. Die Mutter, die Freundin, die Frau von Ehre, die Wittwe eines Beaumanoir, mein ganzes Weſen iſt in ſeinen innerſten Tiefen verwundet.“ — Ach von woher kommen dieſe Pfeile! tief aus niedrigen Schlamme, meine liebe Karoline. Wenn man ſich ſolche Nieder⸗ traͤchtigkeiten erlaubt, dann geſchieht es ge⸗ woͤhnlich deswegen, weil jeder andere feind⸗ ſelige Verſuch geſcheitert iſt. Du wirſt ſe⸗ hen, der koͤnigliche Prokurator wird uns unſern kleinen Pvon zuruͤckgeben, und un⸗ ſer guter Pfarrer wird von ſeinem Bi⸗ ſchoffe keine Unannehmlichkeiten zu erfah⸗ ren haben; der... ———nn— 177 — Eine Stelle dieſer ehrenloſen Schrift laͤßt mich dies vermuthen. — Ich werde gewiß auch meinen Theil erhalten haben, aber ich lache nur dar⸗ aͤber, verlaß Dich darauf. Erzaͤhle mir alles, wir wollen gemeinſchaftlich das Ver⸗ dammungsurtheil uͤber ſie faͤllen. — Dies iſt unmoͤglich. Nie werde ich Dir, nie einem Menſchen den Inhalt die⸗ ſes Briefes mittheilen, mein Selbſtge⸗ fuͤhl wuͤrde zu ſehr darunter leiden, wenn jemand anders, waͤre es auch meine beſte Freundin, ja, Du ſelbſt Henriette, von demjenigen, was auf einen Moment mei⸗ nen Blick empoͤrt hat, unterrichtet waͤre! — und wird die Boisbriant ſich nicht damit beruͤhmen: — Mag ſie, wenigſtens ſoll man es nicht durch mich erfahren. Ich weiß nicht ob ich dieſen Schlag uͤberleben werde, ich III. Theil. 12 / 178 weiß es nicht!— Wie aber auch Gott uͤber mich gebiete, verſprich mir Henriette, meine Tochter auf keinen Fall zu verlaſſen. Das arme Kind! Nie biſt du ihr noth⸗ wendiger geweſen. — und ihre Mutter, ihre liebenswuͤr⸗ dige Mutter, iſt ſie ihr nicht noch viel unentbehrlicher. Ein wenig Muth gefaßt, liebe Karoline, durch Dich geht er auf uns alle uͤber; ſchuͤtte Dein Herz in das meinige aus; Du haſt mir bis jetzt noch nichts verheimlicht: habe ich mich denn Deines Vertrauens unwerth gemacht? — Nein liebe Freundin; aber es gibt Dinge, die ich ſelbſt vergeſſen moͤchte; urtheile ſelbſt, ob ich ſte Dir ſagen ſoll! Entweder muß ich ſie vergeſſen, oder ſter⸗ ben.... Henriette, gaͤbe es nicht viel⸗ leicht noch einen Gegenſtand, uͤber welchen wir beiderſeits das Stillſchweigen beobach⸗ 179 ten, obgleich unſere beiterſeitigen Anſich⸗ ten daruͤber dieſelben ſind? Madame Allote erblaßte... In dem⸗ ſelben Augenblicke verdoppelte ſich bei der Vicomteſſe die Heftigkeit des Fiebers, und das Geſpraͤch konnte nicht fortgeſetzt wer⸗ den. Henriette hatte gewuͤnſcht, ihre Ju⸗ gendfreundin zu einer vertraulichen Eroͤff⸗ nung zu vermoͤgen, um ihr dadurch die Laſt eines in ſich verſchloſſenen Schmer⸗ zes zu erleichtern: jetzt ſahe ſie zu ihrer Betruͤbniß die Unausfuͤhrbarkeit ihres Ver⸗ ſuchs, und machte ſich Vorwuͤrfe, daß ſie ſich in ein Geheimniß habe eindraͤng wollen, zu dem ihr ihre Freundin den Zutritt verweigere habe. Furchtba⸗ res Zeichen eines ungeheuren Schmerzes, bejammernswerther Grund zu ſeiner Er⸗ hoͤhung! Zum erſten Male zeigte ſich, daß das innige unumſchraͤnkte Vertrauen aus 12* 180 den Mauern von Helvin gewichen war,⸗ denn man hatte ſich etwas zu verſchweigen. Wenn die heftigen Leiden der Frau von Beaumanoir ſie ein wenig zur Be⸗ ſinnung kommen ließen, dann erſchienen ihr die Verhaftung ihres Dieners, und die an Herrn Leny ergangene Vorladung, als eben ſo viele unmittelbar auf ſie gerich⸗ tete Angriſſe, ſie ſahe den Geiſt der Verfolgung gegen ihre Ruhe wuͤthen; ſie vergegenwaͤrtigte ſich Frau von Boisbri⸗ ant, wie ſie ſich bemuͤhete, ihr uͤberall, ſelbſt in der unterſten Klaſſe der Landleute, einde zu erwecken.„Ich wundre mich nicht, ſagte ſie, als ſie Klementinen ins Nebenzimmer gehen ſah, daß dieſe ſtolze Frau ſo wenig Ruͤckſicht auf meinen Kum⸗ mer nimmt: denn es findet zwiſchen ihr und meiner armen Tochter der große Un⸗ terſchied Statt, daß Frau von Boisbriant 181 ein Kind zur Welt gebracht hat, ohne daß jemals ihr Sohn ſie daran erinnere, daß ſie Mutter iſt, waͤhrend Klementine nur durch ihr Kind gelernt hat Mutter zu ſeyn. „Theure Karoline, ſagte Madame Al⸗ lote, die an ihrem Bette ſaß, ich be⸗ ſchwoͤre Dich, verachte großherzig Beleidi⸗ gungen, die Dich nicht treffen koͤnnen. Mag die boshafte Frau von Boisbriant uns immer treten wollen, wir bleiben den⸗ noch der Altar an dem ſie geopfert hat.“— „Das iſt es eben was ſie nicht ver⸗ geben kann“ murmelte der Doktor zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen. Herr Bonnet, uͤber die furchtbaren Fortſchritte der Krankheit beſtuͤrzt, verbot alle Unterhaltung, die das Gemuͤth der Frau von Beaumanoir bewegen koͤnnte. Er verordnete abwechſelnd und oͤfters auch zu 182 gleicher Zeit naſſe Kopfumſchlaͤge und Senffußbaͤder„ denn nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung, war an einer wenigſtens theilweiſen Entzuͤndung des Gehirns nicht mehr zu zweifeln. Er ließ Blutegel an die Schlaͤfe ſetzen. Zwei Aerzte wurden von Vannes berufen; unter denen ſich der Doktor Lai⸗ nec befand, deſſen Ruf ſich ſchon damals auszubreiten begann.) Alle erkannten ſogleich, wie ihr Kollege, die eingetretene Hirnentzuͤndung, und gaben ihre lebhaften Beſorgniſſe uͤber den Ausgang der Krank⸗ heit zu erkennen. Der konvulſtviſche Zu⸗ ſtand der Kranken wurde nur von einem tiefen Schlafe unterbrochen. Ihre ganze *) Oheim desjenigen, welcher gegenwaͤrtig in Paris mit Auszeichnung praktizirt. Er war ein vortrefflicher ausuͤbender Arzt, und hat ſich in mehreren Staͤdten von Bretagne beſonders in Nantes auf eine ehrenvolle Weiſe bekannt ge⸗ macht. 4 183 Krankheit war das traurige Reſultat des zweimonatlichen furchtbaren Kampfes, den ſie gegen ſich ſelbſt zu beſtehen hatte, und in welchem die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit mit der Ehre und der Verlaͤumdung unaufhoͤr⸗ lich in Streit lag. Glorreich ging nun zwar die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit aus die⸗ ſen fuͤrchterlichen Stuͤrmen hervor, aber Frau von Beaumanoir mußte ein Opfer derſelben werden. Auszuſprechen, was Klementine und Henriette waͤhrend dieſes ganzen Zeitrau⸗ mes litten, hieße der Sprache Kraft ge⸗ nug zu trauen, um, wenn Freundſchaft und Natur von einem furchtbaren Schlage be⸗ droht ſind, alles was das Gefuͤhl Zaͤrtli⸗ ches, ſeine Beaͤngſtigung Grauſames, und die Bewegungen des Herzens einer Toch⸗ ter und einer Freundin Schmerzliches ha⸗ ben auszudruͤcken, aber hierzu iſt die Sprache 184 zu arm! Die gewoͤhnlich ſo troͤſtende obgleich ernſte Stimme der Religion ließ ſich aller⸗ dings durch den Mund des, bei ſeiner An⸗ kunft in Helvin ſelbſt tief erſchuͤtterten, Herrn Leny vernehmen, aber ach ihre Troͤ⸗ ſtungen verhallten fruchtlos! Denn welche Kraft konnten die, einem zerriſſenen Bu⸗ ſen ſich entwindenden, Worte des Friedens haben, die von dem Schluchzen des Grei⸗ ſes unterbrochen, dem Ohre kaum vernehm⸗ lich wurden. In der That, noch nie hatte die Burg Helvin einen ſo duͤſtern Anblick gewaͤhrt. Waͤhrend Klementinens Krankheit hatte wenigſtens jedes dem Mißgeſchicke die ganze Kraft ſeiner Seele entgegengeſtellt; mit reinem Sinn und jugendlichen Muthe hatte man den Kampf gegen das Ungluͤck ge⸗ wagt, der Schmerz war groß, aber er ſprach ſich laut und kraͤftig aus, noch druͤckte das demuͤthigende Joch der Entehrung den Nak⸗ 185 ken nicht zu Boden. Jetzt reichte nur die Ver⸗ zweiflung der Verzweiflung ihre ſtarre Hand. Noch nicht acht und dreiſſig Jahr alt, erlag nach einer viertaͤgigen Krankheit Frau von Beaumanoir den Konvulſionen, dem gewoͤhnlichen Ausgange heftiger Hirn⸗ entzuͤndungen. Der Himmel entzog der Erde eine der edelſten Frauen, er trennte die ſanfteſten und theuerſten Bande, und eine Harmonie, gleich der der Sphaͤren wurde durch den Schrei des wuͤthendſten Schmerzes unterbrochen; die liebenswuͤr⸗ dige, die treffliche Karoline war nicht mehr, zerriſſen war Helvins duftender Blumen⸗ ſtrauß! Klementine hielt die kalte Hand der Mutter feſt in der ihrigen.„Wenigſtens“ rief ſie, indem ſie ihren Blick auf dem Doktor wandte„wenigſtens werden Sie ſie ſo lange nicht beerdigen laſſen, als 186 die Natur uns erlaubt in ihrer Naͤhe zu bleiben. O Mutter! wir wollen dich lan⸗ ge behalten!“— Dieſe Worte ſchienen einem Vorwurf zu enthalten; ſo nahm ſie wenigſtens Herr Bonnet, aber in einer ſolchen Lage war alles verzeihbar, und er begnuͤgte ſich mit einer Bewegung des Kopfs, die ſeine eig⸗ ne tiefe Traurigkeit bezeugte, zu antwor⸗ ten:„Ihr Auftrag iſt ſtreng, ich hoffte Ihren Wuͤnſchen zuvor kommen zu koͤnnen, aber Sie befehlen, Sie haben ein Recht dazu, und ich werde gehorchen.“ —„Doktor erwiederte Klementine, Sie werden dem Wahnſinn des Schmer⸗ zes einer Tochter verzeihen, die ihre Mut⸗ ter getoͤdet hat. Fern ſei von mir der Gedanke, das Andenken an eine fruͤhere Taͤuſchung zu erneuern! Mein einziger Jammer iſt, daß ſie nicht vollendet wurde. 187 Ach noch jetzt, und jetzt mehr als je, wuͤrde ich mit Freuden einwilligen! Aber ſie, wuͤrdiger Freund meiner Mutter, werden der Tochter nicht zuͤrnen, der Tochter die durch die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit dem To⸗ de mit Gewalt und mit einem Erfolge entriſſen worden, den ich jetzt bejammern muß; Sie werden ihr nicht zuͤrnen, wenn ſie die angebetete, unter den Schlaͤgen der Toch⸗ ter dahin geſunkene Mutter ſo lang als moͤglich in ihrer Naͤhe zu behalten ſucht!“ Kaum konnte ſich der Doktor, bei die⸗ ſen herzzerreiſſenden Worten, vor Schmerz aufrecht erhalten. Er ergriff und kuͤßte die Hand Klementinens, dann wandte er ſich zu dem bis ins Innerſte erſchuͤtterten Paſtor und ſagte leiſe zu ihm:„Der An⸗ fang iſt gemacht, mein Freund, bald wer⸗ den die beiden andern und wir ebenfalls nachfolgen!“ 8 188 Unterdeſfen verſuchte der Pfarrer von Zeit zu Zeit einige Tropfen jenes himm⸗ liſchen Thaues, womit die Religion ihre Verehrer in den Stunden der Pruͤfung er⸗ quickt, in die blutenden Herzen zu gie⸗ ßen.— Vergebliches Bemüuͤhen, man hoͤrte nicht auf ihn, und, um das Maaß des Jammers voll zu machen, ſchien ſelbſt das Vertrauen des Dieners der Kirche er⸗ ſchuͤttert zu ſeyn, ſo ſchwach bewaͤhrte ſich fein Glaube am eignen zerriſſenen Herzen! Er zuͤrnte auf ſich ſelbſt uͤber ſeine un⸗ maͤßige Traurigkeit, und durch die lebhafte Vergegenwaͤrtigung der Wuͤrde ſeines, nicht bloß auf dieſe Welt berechneten, Berufs geſtaͤrkt, gelang es ihm endlich ſich zu er⸗ mannen. Nun richtete er ſeine Worte an Madame Allote, die in dumpfen Schmerz verſunken, unbeweglich, wie die Marmor⸗ bilder eines Grabmahls, vor ſich hinſtarrte, ———% 189 und nur dann und wann ihre Lippen ſtill⸗ ſchweigend auf die kalte Stirn der Freun⸗ din druͤckte.* Madame, ſagte er zu ihr, ich erlaube mir von Ihnen etwas mehr als von die⸗ ſem armen Geſchoͤpf zu verlangen, das hier neben Ihnen den Verluſt ſeiner Mut⸗ ter beweint. Ich habe das Recht im Na⸗ men der Freundſchaft, deren letzte Seuf⸗ zer Ihnen eine Wittwe und ihr Kind ver⸗ machten, auf etwas mehr Muth anzutra⸗ gen, dies erfordern ſchon die irdiſchen Verhaͤltniſe. Aber mit noch weit groͤße⸗ rem Rechte fordere ich von Ihnen dieſen Muth, im Namen des Gottes, deſſen Hand uns geſchlagen hat! Wir alle verliehren unendlich viel an dieſer edlen Frau, wir liebten ſie zaͤrtlich, ſie vergalt uns mit Gegenliebe; aber lebt ſie denn nicht mehr fuͤr uns, nicht mehr fuͤr ſich ſelbſt. Iſt 190 ſie denn etwa fuͤr ewig verſchwunden wie ein Hauch? sicut fumus? Nein Madame, laſſen Sie unſere Liebe ſich himmelan er⸗ heben, und uns mehr Vertrauen in die Verheißung Gottes ſetzen! Dieſe Glieder werden ſich dereinſt wieder beleben, dieſes edle Gebilde wird ſich einſt wieder empor rich⸗ ten, denn„Ich weiß daß mein Erloͤ⸗ ſer lebt: scio quod retemptor meus vi- vit“) und ich werde in meinem Fleiſche Gott fehen: et in carne mea videbo Deum! Ein Strahl himmliſchen Troſtes dur. ſtroͤmte Madame Alloten und Madame Del⸗ pont bei dieſen Worten. Es waren die *) Hiob Kap. XIX V. 25. Uebrigens darf man es einem katholiſchen Landgeiſtlichen wohl verzeihen, wenn er dieſe Stelle anf die Aufer⸗ ſtehung der Todten bezieht, von der, nach einer gelaͤutertern Erggeſe, hier gar nicht die Rede iſt. Anm. des eh. 191 einzigen, die einen beruhigenden Einfluß auf ihr Gemuͤthe aͤußerten. Auch Herr Bonnet fuͤhlte ſich dadurch erhoben, ein Beweis, daß der Gedanke an Leben und Fortdauer das wirkſamſte Mittel iſt, um den großen Leiden der Menſchheit und ſelbſt dem Tode, dem unheilbarſten unter allen, ihre Bitterkeit zu benehmen. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Leichenbegaͤngniß einer viel be⸗ weinten, edeln Frau. Wenn man die drei Frauen, die einen Theil Ihres Lebens in den Mauern der Burg Helvin friedlich dahin fließen ſahen, beobachtet hat, ſo wird man gefunden ha⸗ ben, daß ſie, bei einem treflichen Grunde 192 von einfachen Naturgefuͤhlen, hinlaͤnglich verſchiedene und doch gegenſeitig ſo ſympa⸗ thiſtrende Eigenſchaften fuͤr den geſell⸗ ſchaftlichen Verkehr beſaßen, um unter ein⸗ ander in einen anmuthigen Einklang zu verſchmelzen. Als harmdniſcher Uebergang und angenehme Schattirung zwiſchen Mut⸗ ter und Tochter konnte Madame Allote angeſehen werden, die im eigentlichen Sinn zwiſchen beiden den Vereingungspunkt aus⸗ machte, man koͤnnte vielleicht bezweifeln, ob ſie, ohne dieſen gemeinſchaftlichen Ge⸗ genſtand ihrer Zaͤrtlichkeit, einander ſo in⸗ nig geliebt haben wuͤrden. Frau von Be⸗ aumanoir, über die wir noch einige Worte ſagen wollen, beherrſchte nicht ſowohl die⸗ ſen kleinen Verein, als ſie ihm vielmehr Wuͤrde verlieh, und zwar durch eine Er⸗ habenheit der Gedanken, und einen Edel⸗ muth der Gefuͤhle, die auf dem erſten 193 Anblick mit einer gewiſſen zur Gewohnheit gewordenen Traͤgheit unvereinbar ſchienen, was indeſſen keine ſogar ſeltene Erſchein⸗ ung iſt.— Die Milde des Charakters ſchloß, wie wir ſchon fruͤher in dieſer Ge⸗ ſchichte erinneet haben, und wie dies bei den Frauen oͤfters der Fall iſt, bei der Vicomteſſe die Lebhaftigkeit der erſten Ein⸗ druͤcke nicht aus. Dieſe, ſchnell und heftig, gaben Frau von Beaumanoir einen Anſchein von Feſtigkeit und Muth: ſie waren um ſo maͤchtiger, da ſie auf ein zartes Tempera⸗ ment einwirkten, und aus demſelben Grunde war es natuͤrlich, daß, da die Natur immer und ſehr bald wieder in ihre Rechte ein⸗ tritt, ſie die Urſache die ſie erregt hatte, nicht lange uͤberlebten. Auf dieſe Art laſſen ſich die von uns bemerklich gemachten phyſiſchen und mora⸗ liſchen Anſtrengungen der Vicomteſſe, ſo wie III Theil. 13 194 die Energie erklaͤren, mit welcher ſie, oh⸗ ne das Maß ihrer Kraͤfte genau berechnet zu haben, ſich vornahm, der oͤffentlichen Meinung zu trotzen, und als ihre Tochter ſo unerwartet Mutter wurde, den Kampf mit dem Schickſal gleichſam zu wagen. Ein ſolcher Charakter war zu ſehr von aller konvenzionellen Huͤlle entbloͤßt, er hatte ſich zu wenig in die Formen eines hoͤhern Standes geſchmiegt, um in Nieder⸗ bretagne nach ſeinem Werthe anerkannt zu werden. In jedem andern Lande wuͤrde dieſe Frau angebetet worden ſein, wie ſie es auch wirklich von der kleinen Anzahl derer war, die ſo gluͤcklich waren, zu dem engern Kreis ihrer naͤhern Umgebungen zu gehoͤren, aber ungeſtraft hatte ſie es nicht wagen duͤrfen, ſich, bloß durch Reich⸗ thum und Schoͤnheit beguͤnſtigt, auf den er⸗ ſten Rang einer auf ihre Titel ſtolze Nob⸗ leſſe in der Provinz erhoben zu ſehen, der ſte ſich angeſchloſſen hatte, ohne ihren Vor⸗ urtheilen zu froͤhnen. Mit Maͤßigung von demjenigen Gebrauch machen, was ſie nach ſeinem wahren Gehalte beurtheilte, und worauf jener Adel einen uͤbertriebenen Werth legte, ſchien den Edelleuten, welche die Burg Helvin beſuchten, eine Herab⸗ wuͤrdigung; großmuͤthig ohne Prunk, hoͤf⸗ lich, ohne empoͤrende Herablaſſung zu ſeyn, war ein zweites Unrecht, in einem Lande, wo nichts denkbar war, das fuͤr den zum Opfer dargebrachten Stolz haͤtte entſchaͤdi⸗ gen koͤnnen. So endete in der Bluͤthe ihrer Jahre, und ohne des Beifalls, deſſen ſie ſo wuͤrdig war, nach ſeinem ganzen Um⸗ fange ſich erfreuen zu koͤnnen, die liebens⸗ wuͤrdige Karoline, die, um aller der Vor⸗ theile theilhaftig zu werden, zu denen ſie ihr Standpunkt in der Geſellſchaft berech⸗ 13* 196 tigte, nur einige Fehler mehr, und einige Tugenden weniger haͤtte haben ſollen. Mit mehreren der vorzuͤglichſten Ei⸗ genſchaften der Mutter, und denſelben aͤu⸗ ßeren Reizen begabt, beſaß Klementine weit mehr Feſtigkeit des Charakters. Dieſe Anlage hat der Leſer in manchen Verhaͤltniſſen ihres Lebens zu beobachten Gelegenheit gehabt, er hat ſogar den Keim zu einem Willen entdecken muͤſſen, der unter gewiſſen Umſtaͤnden ſich nie wuͤrde beugen laſſen. Ihr Schmerz war unermeßlich. Offenbar war nur ſie die Veranlaſſung zu dem Verluſte, den ſie er⸗ litten hatte, genau genommen, klagte ſie ſich deshalb nicht an, denn ſie fuͤhlte ſich ſchuldlos, aber ſie ſeufzete daruͤber mit ei⸗ nem ſo bittern Gefuͤhle, daß ſie dadurch einen Anſtrich von Menſchenhaß bekam. Das Leben wurde ihr zum Eckel, und ſie 197 zweifelte keinen Augenblick, daß es fuͤr andere ein eben ſo trauriges Geſchenk ſeyn muͤſſe, als es fuͤr ſie war. Seit fechs und dreiſſig Stunden verſagte ſie ihrem Kinde, ohne es fuͤr ſtrafbarer als ſich zu halten, ihre Bruſt, und dies arme Geſchoͤpf erhielt ſich nur durch die Nahrung, die es aus den Haͤnden der beiden Kammerfrauen em⸗ fing. Der Doktor Bonnet wurde hiervon benachrichtigt. Weniger fuͤr den Saͤugling beſorgt, ohnerachtet er ſichtbar verſtel, als fuͤr die Mutter, bei welcher die zuruͤcktre⸗ tende Milch ſehr nachtheilig auf den Koͤr⸗ per einwirken konnte, ſetzte er den Rek⸗ kor hiervon in Kenntniß. „Mein Freund“ ſagte er, ſo lange die kalte Hand des Todes noch kein Fa⸗ milienglied beruͤhrt hat, iſt es uns ver⸗ goͤnnt, unſere Stimme zu erheben, man hoͤrt auf uns ſo lange man noch hofft: 198 aber wenn unſere Kunſt beſiegt worden iſt, muß man, um fuͤr das beſte der Ue⸗ bergebliebenen zu wirken, ſeine Zuflucht zu euch nehmen. Verſoͤhnen Sie alſo eine Mutter mit ihrem Kinde; die Sache hat Eile. Geſtern haben Sie ihren Ein⸗ fluß auf die Freundin bewieſen, moͤge es Ihnen gelingen Ihr Anſehen auch bei der Tochter geltend zu machen. Die Sache iſt von der groͤßten Wichtigkeit lieber Rektor!. Von Marianen, welche den kleinen Eduard auf den Arm trug, begleitet, wollten Herr Leny und Herr Bonnet Klementinen, deren Tritte ſich im Korri⸗ dor hoͤren ließen, aufhalten; aber ſie eilte voruͤber, um in das Zimmer der Vicomteſſe zu fluͤchten. „Was hat es zu ſagen? bemerkte Herr Leny, laſſen Sie uns ihr in dies Zimmer 199 folgen, unſere Worte werden dort nicht an Kraft verliehren.“ 1 Meine verehrte Dame(redete der Greis gleich einem andern Vinzenz vom Paula ſie an) wir bringen Ihnen hier Ihren Sohn, der nach Nahrung ſchmach⸗ ket, und ſie werden ſie ihm nicht verſa⸗ gen, denn Sie wiſſen aus der heiligen Schrift, daß der Herr ſelbſt die jungen Raben in den Waͤldern und auf den Spi⸗ tzen der Felſen durch ihre Aeltern ernaͤhrt.“ „Wie! erwiederte Madame Delpont, wird mich denn dieſes Geſchoͤpf bis zu den Fuͤßen derjenigen verfolgen, der es den Tod gegeben hat, bis an das Lager meiner Mutter!“ Warum nicht meine Freundin, verſetzte Herr Leny, weil Sie es anderwaͤrts nicht aufnehmen wollen? Hier wird es Ihnen ſagen, daß es Ihr Blut iſt, daß ihm 200 keine Feindſchaft gegen irgend Jemanden angebohren ſeyn kann, und daß, wenn dieſe wuͤrdige Frau noch ſprechen koͤnnte, Sie, ſo wie ich, Sie auffordern wuͤrde, es nicht laͤnger ſchmachten zu laſſen; denn ob ſie gleich eine Mutter verlohren haben, ſo haben Sie deshalb doch nicht aufge⸗ hoͤrt Mutter zu ſeyn.“ Madame Allote nahm das Kind aus Marianens Haͤnden, und wollte es auf die Knie der Madame Delpont legen, die es jedoch fortwaͤhrend von ſich ſtieß. Jetzt wandte ſich der wuͤrdige Pfarrer an ſie und ſprach mit feſter Stimme: „Nun Madame, ſo befehle ich Ihnen denn das Kind zu ſaͤugen, im Namen Ihrer Mutter, die ihm verziehen hat, und die mit Beifall auf mich herabblickt, wenn ich hier bei ihrer ehrwuͤrdigen Huͤlle ihre 201 3 1 4 Stelle vertrete, um Sie an Ihre Pflicht zu mahnen.“ Nie hatte der Pfarrer von Helvin mit mehr Wuͤrde geſprochen. Die andeu⸗ tende Bewegung der Hand nach dem Bette der Frau von Beaumanoir, mit der er ſeine Aufforderung begleitete, und die Gewalt ſeiner ſtark betonten Worte wirk⸗ ten unwiderſtehlich. Das Kind trat wie⸗ der im Beſitz des einzigen Eigenthums, das die Natur dem neugebornen Erden⸗ buͤrger angewieſen hat, im Beſitz der Bruſt ſeiner Mutter! Inzwiſchen konnte es ſich Klementine nicht verſagen, ihm mit leiſer Stimme zu zufluͤſtern:„Trinke denn Un⸗ gluͤcklicher, vielleicht haſt du auch ein gro⸗ ßes Verbrechen zu begehen!“ „Madame, fuhr Herr Leny in einer mildern Stimmung fort, was wir geſehen haben laͤßt ſich entſchuldigen, und Niemand 202 — wird Ihnen ſein Mitleid verfagen. Da aber dieſes ſchwache Geſchoͤpf endlich Gnade vor Ihnen gefunden hat, ſo muͤſſen ſie ihm nun auch das, was Sie ihm darrei⸗ chen, aus liebevollen Herzen geben; denn unſer himmliſcher Vater ruͤckt uns die Nahrung, die er uns giebt, nicht vor, er hat verſprochen, daß der Gerechte ſein Brod mit Freude genießen ſoll, und wer von uns allen frage ich Sie, iſt gerechter als dieſes arme Kind?— Solcher iſt das Reich Gottes.*) Geliebte Klementine! fuͤgte Herr Bonnet geruͤhrt hinzu, ich empfing Sie in meine Armen, als ich Ihre Mutter entband, ſie litt ſehr, aber doch laͤchelte Sie ſie an. Ich habe Frauen in der Niederkunft beigeſtanden, die ein Opfer Matth. Kap. XIX v. 14. 4 derſelben wurden, und vor ihrem Tode ihr Kind zu ſehen verlangten! Sie haben gewuͤnſcht ihr Kind ſelbſt zu ſaͤugen, es war nicht mein Wille; da Sie aber den Ihrigen durchgeſetzt haben, ſo bitte ich Sie nun auch, Muth zu faſſen um folge⸗ recht zu handeln. Beruhigter aͤußerte ſich Madame Del⸗ pont gegen dem Pfarrer und dem Doktor mit Guͤte und Freundſchaft. Die Ver⸗ nunft hatte die Oberhand behalten, oder vielmehr ſie hatte ſich mit dem Schmerze vereinigt. Nuͤhrend war die Gruppe, welche das Zimmer der Frau von Beau⸗ manoir darbot. Ein Arzt, ein edler, ge⸗ fuhlvoller Mann beſeufzte die Unzulaͤng⸗ lichkeit ſeiner Kunſt, eine zwanzigjaͤhrige Freundin rief die Geſpielin ihrer Jugend vergebens von ihrem Todtenlager empor, ein armer Landgeiſtlicher blickte zum letzten 204 Male auf die Ueberreſte ſeiner Wohlthaͤ⸗ terin und der ſeiner Beichtkinder hin, waͤhrend ein Saͤugling, die eigentliche Ur⸗ ſache des allgemeinen Ungluͤcks, an der Bruſt lag, die ihm eine troſtloſe Mutter, neben der Leiche der, durch ihn den Tod geweihten, Grosmutter nur ungern uͤber⸗ ließ. Herr Manſell und Madame Fereec ka⸗ men Tags darauf nach der Burg, Herr Ar⸗ noult hatte ſte in ſeiner bedeckten Kaleſche begleitet. Alle drei vereinigten ſich um Henrietten und Klementinen zu veranlaſ⸗ ſen, mit Marianen und dem Kinde einige Tage bei Herrn Manſell zuzubringen, Herr Arnoult wollte in der Burg bleiben, bis die Beerdigung der Frau von Beau⸗ manoir voruͤber waͤre. Madame Delpont, welcher dieſe Ein⸗ ladung nichts weniger als gelegen kam, 205 ſahe Madame Alloten an, und ſagte zu ihr:„Henriette, wir ſind bei unſern Be⸗ rathungen jetzt nur noch zwei... „Noch nicht“ erwiederte Madame Al⸗ lote, indem ſie die Hand der Leiche em⸗ por hob. Dies hieß den Wuͤnſchen Klementi⸗ nens entgegen kommen; dem zu Folge erklaͤrten die beiden Freundinnen, daß ſie das Schloß Helvin nicht verlaſſen wuͤrden. Ohne dem ſchmerzlichen Gefuͤhle, wel⸗ ches aller Herzen erfuͤllte, eine andere Rich⸗ tung zu geben, trugen Fanny und ihr Vater wenigſtens dazu bei, die allgemeine Trauer ſanfter und milder zu machen, und ſie in ſtille Wehmuth umzuwandeln. Bei Menſchen von einer kalten und ſtrengen Gemuͤthsart aͤußern ſich nicht ſelten Ein⸗ druͤcke dieſer Gattung auf eine ungewoͤhn⸗ liche heftige Weiſe, dies war der Fall 206 bei Herrn Arnoult. Man hielt ſich uͤb: rigens im Zimmer der Vicomteſſe aufz es gab Augenblicke, wo das Andenken an 1 das was geſchehen war ſich ganz verlohren zu haben ſchien, man ſprach von der Ver⸗ 1 ſtorbenen, als wenn ſie gegenwaͤrtig waͤre, und alles mit anhoͤre. Zwei bis dreimal vergaßen ſich Klementine und Henrirtte ſogar ſo weit, ſie zu fragen, und ſich im Geſpraͤch an ſie zu richten. Das wider⸗ ſtrebende Gefuͤhl an eine grauſenvolle Wirklichkeit zu glauben, Gewohnheit und Beduͤrfniß des Herzens bewirkten vereint dieſe Erſcheinung. In der That, wenn auch der Tod die ſuͤßeſten Bande loͤßt, und die Glieder einer ſich liebenden Fa⸗ milie von einander trennt, ſo ſtrebt doch der lebende Theil noch immer nach Annaͤ⸗ herung, und treibt ſo zu ſagen die Sproͤß⸗ linge ſeiner Liebe immer nach dem 207 Abgeſchiedenen hin. Aber ſtets waren dieſe Verirrungen herzzerreißend, und es 3 folgte ihnen ein ſchmerzliches Schweigen, waͤhrend welches die Seele ſeine Verluſte uͤberzaͤhlte und damit endigte, ſie alle durch den letzten uͤbertroffen zu fuͤhlen. Die Mittagsſtunde verſammelte die Tiſchgenoſſen; aber von einer Mahlzeit war nicht die Rede, die Schuͤſſeln waren bloß Schaugerichte: aller Augen waren unwillkuͤrlich nach einen einzigen Platz ge⸗ richtet, welcher, ob ihn gleich Madame Ferec eingenommen hatte, nichts deſto we⸗ niger allen unbeſetzt ſchien. Von Herrn Arnoult und Herrn Manſel begleitet, kehrten die Frauen auf ihren Poſten zuruͤck, ach es war der des Jam⸗ mers. Waͤhrend Fanny's Vater unter die Ergieſſungen ſeines wahrhaft gefuͤhlvollen Herzens ſeine gewoͤhnlichen Klagen, uͤber 208 das, was er das gradweiſe kaͤlter werden der Atmoſphaͤre nannte, miſchte, unterhiel⸗ ten ſich Herr Bonnet und Herr Leny mit einander im Garten. Mein lieber Freund, ſagte der Doktor, unſere Damen haben wohlgethan, das Schloß nicht zu verlaſſen, da ſie es einmal nicht vermeiden konnten vor ihrer Abreiſe wieder zuruͤckzukehren, wenn ſie anders noch reiſen, woran ich zweiffe. Die Ruͤckkehr in ein Hauß, in welchem man eine theure Perſon verlohren hat, erweckt alle fruͤheren Erinnerungen, reißt alle Wunden wieder auf, es heißt, einen Kranken unnuͤtzer Weiſe erſchuͤttern, weit beſſer iſt's, es gar nicht zu verlaſſen. Ich danke Ihnen fuͤr das was Sie fuͤr das Kind gethan haben. Die Mutter wird ſelbſt ihre Rechnung dabei finden, mehr beſchaͤftigt, wird ſie ihren Schmerz weniger empfinden. 209 Herr Leny.— Haben Sie die Worte verſtanden, die Sie vor ſich hin murmelte als ſie das Kind anlegte? Sollte ſie die graͤßliche Wahrheit ahnen? Herr Bonnet.— Ich glaube nicht. Es war bloß der letzte Seufzer eines ſich unterwerfenden Willens. Ich bin nicht froͤmmer als ein anderer, lieber Rektor, aber meinem Gefuͤhle nach, war es ihr un⸗ moͤglich Ihnen zu widerſtehen. Wenn wir armen Aerzte nicht haben heilen koͤn⸗ nen, dann bleibt uns nichts uͤbrig, als un⸗ ſerer Wege zu gehen! aber der Seelen⸗ arzt darf ſprechen, weil er unſerm langen ewigen Scheiden den Anſchein einer nur kurzen Trennung zu geben verſteht. Dies iſt eine große Kunſt. Herr Leny.— Sage Sie, eine große Wahrheit, Doktor, und eine in dem innern Weſen des menſchlichen Herzens III Theil. 14 „ gegruͤndete Wahrheit; denn die Vernich⸗ tung einer geliebten Perſon annehmen, hieße zugleich einen Theil unſeres mit ihr vereint geweſenen„Ichs“ vernichten. Indem man auf dieſe Weiſe unſere frühe⸗ ren Erinnerungen aus unſerm Gedaͤchtniſſe zu vertilgen unternaͤhme, wuͤrde man ge⸗ gen ſich ſelbſt handeln, und unſere Gruft graben, ehe wir hinabſtiegen. Der Menſch hat nie den Willen ſein Daſeyn zu endi⸗ gen, mein lieber Bonnet, er moͤchte viel⸗ mehr ſeinen Namen, mit Stahl und Dia⸗ mant in das Buch des Lebens eintragen!“ Quis mihi tribuat ut scribantur sermones mei? quis mihi det ut exarentur in libro, stylo ferreo?*) *) Ach, daß meine Reden geſchrieben wuͤr⸗ den! ach, daß ſie in ein Buch geſtellt wuͤrden. Mit einem eiſernen Griffel. Hiob XIX, 23. 24. 211 Herr Bonnet.— Ich bin weit entfernt Rektor, dies beſtreiten zu wollen, und da die Frauen durch weit mehrere zarte Bande an ihre Umgebung gefeſſelt ſind, als die Maͤnner, und dieſe Bande, die einen integrirenden Theil ihres We⸗ ſens ausmachen, ihnen unendlich theuer geworden ſind, ſo muß der Glaube an ein zukuͤnftiges Leben ſie beſonders anſpre⸗ * chen. Sie laſſen ſich daruͤber in gar kei⸗ ne weitern Unterſuchungen ein. Dadurch, daß das Chriſtenthum dieſes Beduͤrfniß ihres Herzens auf eine beſtimmtere Weiſe, als jede andere Religion beguͤnſtigt, hat es ſich,(mit aller Achtung fuͤr das Dog⸗ ma, das ich anzugreifen durchaus nicht ge⸗ ſonnen bin, da ja meine Bemerkung es . vielmehr unterſtuͤtzt) ſeine Herrſchaft uͤber das weibliche Gemuͤth zu ſichern gewußt. ... Uebrigens mein Freund, treffen V 14* 212 Sie Ihre Einrichtungen fuͤr morgen fruͤh. Schon ſind zwei Tage ſeit dem Tode ver⸗ floſſen; troz der Eſſigraͤucherungen wird der Geruch ſtaͤrker. Dieſe Nacht muͤſſen wir unſere erme Vicomteſſe beerdigen; laͤn⸗ ger wuͤrde es niemand um die Leiche aus⸗ halten koͤnnen!“ Alſo auf Morgen. Herr Bonnet nahm auch wirklich die Gelegenheit wahr, Madame Allote von ſeinem Vorhaben zu unterrichten, er be⸗ wieß ihr die traurige Nothwendigkeit, in⸗ dem er Sie auf das ſchon ganz entſtellte Geſicht aufmerkſam machte. Die ſchoͤnen Zuͤge diefer herrlichen Geſichtsbildung floſ⸗ ſen bereits in einander, das mit der Er⸗ innerung im Bund ſtehende Herz fand ſie freilich noch immer heraus, und nur der praktiſche Blick des Mannes von Profeſ⸗ ſion bemerkte, daß die Vicomteſſe der zer⸗ ſetzenden Gewalt des Todes verfallen war. 213 Man ſahe ſich endlich nothgedrungen dem Doktor Recht zu geben; indeſſen konnte er Madame Alloten nur unter Thraͤnen die Einwilligung zur Beerdigung entreiſſen, wovon Klementine noch nichts ahnte. Die Einladung an die benachbarten Edelleute wurde noch denſelben Abend be⸗ ſorgt. Um Mitternacht, als endlich Kle⸗ mentine durch die dringendſten Bitten be⸗ ſiegt, ſich von dem Leichnam der Mutter hatte wegbringen laſſen, entledigten ſich die Dienerinnen der Frau von Beauma⸗ noir und die Wittwe eines ihrer Verwalter, unter der Aufſicht des Doktors, der letz⸗ ten traurigen Pflicht gegen ihre Gebiete⸗ rin. Durch ein ſonderbares Zuſammen⸗ treffen von Umſtaͤnden, wurde ſie in daſſel⸗ be Leichentuch geſchlagen, das fruͤher ihre Tochter den Augen ihrer Lieben auf im⸗ mer entziehen ſollte, und der zu demſelben Zweck beſtimmte Sarg nahm die entfeelte Huͤlle der Mutter auf. Beinahe ein Jahr war er hinter alten Reifen und duͤrrem Laube, wie eine zum Gebrauch daſtehende Moͤbel verſteckt geweſen, und war endlich auf den Querbalken des Dachſtuhls der Wagenſchuppe vergeſſen worden, außerdem er zuverlaͤſſig von dem Leuten der Vicom⸗ teſſe verbrannt worden waͤre; als nun eben der brave Gaͤrtner mit kummervollen Herzen nach dem Flecken ging,, um die traurige Beſtellung zu beſorgen, ſtuͤrzte Katharine Synvenn, gleich einer der He⸗ xen in Shakeſpear's Macbeth aus einer Felſenſchlucht hervor, und ſchrie ihn mit einer Ungluͤckverkuͤndigenden Stimme an: „Wo haſt du denn deine Gedanken, alter Diener auf der Burg Helvin? Kann denn das Kleid der Tochter nicht der Mutter dienen, da ſie von einer Groͤße ſind? Sieh 245 doch in deinem Schuppen nach, und du wirſt ſinden was du bedarfſt“. In der That erinnerte ſich nun Philipp von ſei⸗ ner Enkelin Mariane gehoͤrt zu haben, daß der Sarg in jenen Schuppen geſtellt worden ſey, als der Leichenzug der jungen im Kindbette geſtorbenen Frau im Burg⸗ hofe hielt, und beſchraͤnkte daher ſeinen Einkauf auf ein Dutzend Schraubennaͤgel, deren Beſorgung ihm Herr Arnoult aufge⸗ tragen hatte. Obgleich der Doktor Bonnet zu nichts weniger als zu aberglaͤubigen Ideen ge⸗ neigt war, ſo konnte er doch nicht ohne einen unwillkuͤhrlichen Schauer an das dunkle Verhaͤngniß denken, welches dasje⸗ nige, was zu dem Leichenbegaͤngniß der Tochter dienen ſollte, fuͤr die Mutter hatte aufbewahren laſſen. Allem was ſich iſeit einem Jahre in dieſem Hauſe ereignet hatte, ſchien der Stempel des unalicts aufgedruͤckt zu ſeyn. Gegen zehn Uhr Morgens, drei Tage nach dem Tode, wurde der Leichnam in den untern Saal des Schloſſes gebracht. Die junge Fanny Ferec, die in der Burg die Naͤchte zugebracht hatte, blieb bei Kle⸗ mentinen und Madame Alloten, die ſie mehr durch ihre ſanften Liebkoſungen als durch Troſtworte aufrichtete, denn wozu kann unſere Gegenwart in ſolchen Augen⸗ blicken nuͤtzen, wenn wir nicht lieben und weinen koͤnnen?— Sie uͤbergab ihnen im Namen des Doktors eine Locke der Vicomteſſe, in die ſie ſich theilten, nach⸗ dem ſie ſie mit ihren Kuͤſſen bedeckt hat⸗ ten. Der wuͤrdige Leny zeigte ſich einen Augenblick an der Zimmerthuͤr der Ma⸗ dame Delpont, wo er ſich an die Waiſe von Helvin, und an die traurende Hen⸗ 217 riette mit folgenden Worton wandte:„Ich will mich geliebte Toͤchter nicht von Ihnen entfernen, ohne Ihnen zu melden, daß ich dieſen Abend wiederkommen werde, und ohne Ihnen meinen Segen zu ertheilen. Das iſt alles was ich hienieden beſitze, aber ich hoffe daß ihn der Ewige beſtaͤti⸗ gen wird, denn Sie ſind gut und ſeines Vaterblickes wuͤrdig!! Und nun ſprach er uͤber ſie den Segen.„ Der Zug ſetzte ſich in Bewegung; alle Prieſter der benachbarten Kirchſpiele hat⸗ ten ſich ihm angeſchloſſen. Der Sarg wurde von den Lehnsleuten der Vicomteſſe getragen, welche, ohnerachtet der Laͤnge des Wegs, und mit Beſeitigung der ein⸗ gefuͤhrten Gewohnheit, die Leiche durch Och⸗ ſen fahren zu laſſen, ſich um die Ehre ſtritten abwechſelnd dieſe theure Laſt zu uͤbernehmen. Die vier Enden des Leichentuchs an de⸗ 218 nen das alte Wappen der Beaumanoir (elf ſilberne Schindeln in blauen Felde und in der Ordnung von vier, drei und vier,) angebracht war, trugen der Marquis Du⸗ grego, der Graf Du Pleſſis, der Ritter Grignart de Champſavoye und der Graf Boisderu. Bei ihrer Ankunft in der Burg hatte jeder ein paar weiße Hand⸗ ſchue, einen Krepp um den Hut, und einen um den Degen vorgefunden; der Doktor, Herr Arnoult und Herr Manſell, ſaͤmmtlich ſchwarz gekleidet, gingen unmittelbar hinter dem Sarge. Ihnen folgte die Diener⸗ ſchaft der Vicomteſſe, mit Ausnahme der jungen Mariane, die bei ihren Gebiete⸗ rinnen zuruͤckblieb, welche ſich der in Bre⸗ tagne eingefuͤhrten Sitte fuͤgten und ihre Zimmer nicht verließen. Denn nie beglei⸗ ten bei den Adeligen und dem Buͤrger⸗ ſtande jener Provinz die naͤchſten Ver⸗ 219 wandten beiderlei Geſchlechts ihre Todten, waͤr es auch die Huͤlle eines Vaters oder einer Gattin. Hingegen wendet der im gleichem Grade verwandte Landmann oder Handwerker ſeine Blicke von den kalten Ueberreſten ſeiner Lieben nicht eher weg, bis das Grab ſie deckt. Der Zug ruͤckte langſam vorwaͤrts, und der Schmerz ſprach ſich mehr durch ein langes und dumpfes Stoͤhnen, als durch lautes Jammergeſchrei aus, ſo tief fuͤhlte man den allgemeinen Verlutt. C Ploͤtzlich wurde der Zug noch in der Naͤhe des Schloſſes durch ein Hinderniß aufgehalten, und da der Weg ſehr ſchmal war, ſo ſahen ſich die Landleute, welche den Sarg trugen, gendͤthigt ſich heruͤber nach dem Graben zu zudraͤngen, um ei⸗ nen mit einem leinewandenen Ueberzug be⸗ deckten und mit Poſtpferden beſpannten —yy——— Reiſewagen vorbei zu laſſen, der ſeine Richtung nach der Burg Helvin nahm. Ach, es war der von der Vicomteſſe vor drei Monaten in Rennes beſtellte Reiſe⸗ wagen, den der Sattler Drean, ihrem Verlangen gemaͤß, aber leider zu ſpaͤt uͤber⸗ ſchickte! „Ungluͤcklicher Wagen! rief der Doktor, warum biſt du nicht drei Wochen fruͤher gekommen, die edelſte der Frauen wuͤrde dann noch am Leben ſeyn! Kaum wurde dieſer Umſtand und ſeine Erklaͤrung be⸗ kannt, als Thraͤnen aus aller Augen ſich ergoſſen;z das Schluchzen wurde lauter und uͤbertoͤnte die Stimmen der Prieſter. Dieſe Begegnung ſchien ſelbſt ſo auffallend durch ihren Kontraſt mit der letzten Reiſe, welche eine angebetete Frau ihrer Familie entriß, daß Herr Bonner fuͤr noͤthig hielt, den Zug zu verlaſſen, um ſo viel moͤglich 221 dieſen Reiſewagen den Blicken Klemen⸗ tinens und Henriettens zu entziehen, oder wenigſtens den ſchrecklichen Eindruck dieſer Erſcheinung zu ſchwaͤchen. Nachdem er ſo gluͤcklich geweſen war, ihn unbemerkt in den Schuppen bringen zu laſſen, kehrte er zu dem Zuge zuruͤck, mit dem feſteu Eutſchluſſe, in ſeine Freundinnen zu drin⸗ gen, ſo bald als moͤglich von den Wagen Gebrauch zu machen, und traf noch auf den Leichenkondukt ehe der Sarg die Vor⸗ halle der Beikirche von Helvin erreicht hatte. Eine zahlreiche Volksmenge erwartete hier die Leiche; ſie fuͤllte die kleine ſchwarz ausgeſchlagene Kirche und den ganzen Kirchhof. Die Ordnung, die gewoͤhnlich bei den religioͤſen Verſammlungen in Ar⸗ morika herrſcht, ward diesmal außer Au⸗ gen geſetzt; Maͤnner und Weiber waren 2 — untermiſcht, und das tiefe, durch eine ſolche Unregelmaͤßigkeit beurkundete, Gefuͤhl eines 4 allgemeinen Verluſtes gab dem ganzen Kirch⸗ ſpiele das Anſehen einer einzigen zur Trauer uͤber ſein Oberhaupt zuſammenberufenen Familie. Die Beweiſe von Anhaͤnglichkeit, welche zwei ſo allgemein geachtete Maͤnner wie Herr Bonnet und Herr Leny dem Hauſe Beaumanoir ununterbrochen zollten, die Reiſe des letztern nach Vannes, die Auszeichnung, womit ihm ſein Biſchof oͤf⸗ fentlich beehrt, die Verbeſſerung die er edelmuͤthig von der Hand gewieſen hatte, indem er auf die Verſetzung auf eine beſ⸗ ſere Pfruͤnde verzichtete, die nie ermuͤdende Wohlthaͤtigkeit der Damen des Schloſſes Helvin, ihre unveraͤnderliche Guͤte, die Reinheit ihrer Sitten ſeit einer Reihe von Jahren, alle dieſe zuſammengeſtellten und vereinigten Urſachen hatten die Gemuͤther 223 fuͤr dieſe liebenswuͤrdigen Frauen ſo guͤn⸗ ſtig geſtimmt, daß, wenn in dieſem Augen⸗ blicke ſich Klementine mit ihrem Kinde auf dem Arme im Trauerzug gezeigt haͤt⸗ te, ſie mit Segnungen uͤberhaͤuft worden waͤre. 8 Die Verlaͤumdung wagte es nicht mehr ihre Stimme zu erheben; mit Ausnahme des Hauſes Boisbriant gab es keine ad⸗ liche Familie in der Nachbarſchaft, die nicht den Beerdigungsfeierlichkeiten beige⸗ wohnt haͤtte, die Kaufleute und die Hand⸗ werker des Fleckens fanden ſich ein; alle Laͤden, alle Gewoͤlbe hatte man, wie an einem Feiertage geſchloſſen, nur nicht das Wirthshauß zum rothen Hut, wo Herr Simon Duchesne mit großen Schritten auf und nieder ging, und nur immer an die vier Kuͤhe dachte, ohne, waͤhrend ſechs langer Stunden einen einzigen Gaſt kom⸗ 225 men zu ſehen, der eine Pinte Obſtmoſt verlangt haͤtte. Selbſt ſeine Frau hatte ihm ſeine Habſucht vorgeworfen, und war dann in ihrem ſchoͤnen Kleide von ſchwar⸗ zen Ettamin in die Kirche gegangen, denn ſie hatte eine wahrhafte Anhaͤnglichkeit an die Vicomteſſe, die ſich eines ihrer kran⸗ ken Kinder ſorgfaͤltig angenommen, und ſeitdem ſo gar nicht unter ihrer Wuͤrde gehalten hatte, zwei oder dreimal ihr Haus perſoͤnlich zu beſuchen. Herr Leny hatte ſich auf eine kurze Darſtellung der Tugenden der Frau von Beaumanoir vorbereitet. Dieſes gerechte Lob konnte vor einem Sarge, der den Red⸗ ner nicht Luͤgen ſtrafte, alles redneriſchen Prunks entbehren. Nachdem er das ſchwarz und weiße Meßgewand abgelegt und bloß das Chorhemde und die Stola anbehalten hatte, beſtieg der Pfarrer vor 225 dem Offertorium**) die Kanzel; kniete eine halbe Minute nieder, ſtand alsdann auf und wiederholte mit zitternder Stim⸗ me die Worte des koͤniglichen Propheten: Thue mir auf die Pforten der Ge⸗ rechtigkeit, daß ich dahineingehn und dem Herrn danke!**) Aber der gute Pfarrer hatte den Vers noch nicht beendigt, als er bemerkte, daß rings um ihn alles ſchluchzte; ſeine Augen ſelbſt umflorten ſich; er hielt innen, und da er fuͤhlte daß er nicht die Kraft haben wuͤrde, ſeine entworfene Rede vollſtaͤndig vorzutragen, ſo begnuͤgte er ſich, den Blick auf den ſchwarz behaͤngten Sarg geheftet, ſtatt derſelben, folgende wenige Worte zu ſprechen: . ₰ Ein Theil der Meſſe, welcher der Conſe⸗ eration der Hoſtie vorhergeht Anm, des Ueb. **½) Pſalm CXVIII. v. III. Theil. 15 236 „Jedes Lob wuͤrde uͤberfluͤſſeg ſeyn, meine Bruͤder. Nur ſolchen Menſchen, die Gott augenehm geweſen ſind, folgen ſo laute ſo— allgemeine Klagen. Wenn die Liebe zu Gott mit der Liebe zu un⸗ ſern Naͤchſten aufs innigſte verbunden iſt, ſo hatte dieſe edle Frau das Geſetz er⸗ fuͤlet, wir wollen uns daher nach der opferung damit begnuͤgen, das Gebet fuͤr die Verſtorbene glaubensvoll zu ſpre⸗ chen, und Gott bitten, daß der Allbarm⸗ herzige die achtungswuͤrdige Tochter und treffliche Freundin derjenigen, die er nach ſeinen unerforſchlichen Rathſchluͤſſen ſchon ſo fruͤh in ſein himmliſches Freudenreich gerufen hat, mit ſeinen goͤttlichen Troſte erfuͤllen moͤge.“ Dies war die ganze Leichenrede, zu Ehren der Hoch⸗ und Wohlgebornen Frau Vicomteſſe von Beaumanoir, der letzten 227 dieſes Namens, aber ſie verfehlte ihren Eindruck nicht, und noch immer erinnern ſich ihrer die Vorſteher der Kirche von Helvin. Nun nahm die Erde die beſte der Muͤtter und die zaͤrtlichſte der Freundinnen in ihren kuͤhlen Schoos auf. Herr Leny konnte die von der Kirche vorgeſchriebenen letzten Abſchiedsworte nicht ausſprechen, ohne den Schmerz eines Vaters zu fuͤhlen, der ſein Kind zum letzten Male ſieht; und Herr Bonnet ſenkte ſein truͤbes Auge in die Gruft, die ſo viele Tugenden, ſo viel Liebenswuͤrdigkeit verſchloß, es wollte ihm nicht in den Sinn, daß es ohnmoͤglich ſey, die Ordnung der Natur umzukehren, und er warf die verwegene Frage auf, warum ſo viel unnuͤtze ſogar ſchaͤdliche Menſchen gleichſam vorzugsweiſe auf der Erde bleiben.„Mein lieber Rektor ſagte 15* 228 er, indem er ſich mit der umgekehrten Hand uͤber die Augen fuhr, waͤren ſie nicht eben ſo troſtlos als ich, ſo wuͤrde ich Sie auffordern dieſe Frage mit mir zu beleuchten. Nach dieſer traurigen Handlung ver⸗ lohr ſich der große Haufe, aber mehrere Bauern und Baͤuerinnen beteten noch ge⸗ raume Zeit kniend am Grabe. Eben wollte ſich Herr Bonnet von dem Rektor trennen, um nach Hauſe zu gehen,(denn ſeit fuͤnf Tagen hatte er ſeine Wohnung nicht geſehen) als ſie un⸗ ter einen Haufen Landleuten, die ſich noch in einer Ecke des Kirchhofs, aufhielten, eine Bewegung bemerkten. Sie wurden Yvon Calvez gewahr, der eben einen Stein aus der Hand fallen ließ. Da ſeine Zuͤge ein Gemiſch von Schmerz und Un⸗ willen ausdruͤckten, ſo aͤußerte der Pfarrer ſeine Beſorgniſſe die er auf den heftigen Charakter des jungen Menſchen gruͤndete, deſſen Zwiſt im Flecken ſo traurige Fol⸗ gen nach ſich gezogen hatte. Aber bald aͤnderte er ſeine Meinung, als er erfuhr, daß Katharine Synvenn ſo eben ſich aus dem Haufen fortgedraͤngt habe, nachdem ſie zuvor, nach ihrer Gewohnheit, trau⸗ rige Vorausverkündigungen verbreitet hatte. Ohne Ruͤckſicht auf daß ihr vor Kurzen eingeſchaͤrfte Verbot des Herrn Leny, hatte dieſes Weib mit einer von Heuchelei un⸗ terſtuͤtzten Unverſchaͤmtheit behauptet, daß, zu folge einer ihr durch die kleine Hei⸗ lige gewondene Offenbarung, die beiden andern Damen auf dem Schloſſe Helvin der Beerdigten in kurzem nachfolgen wuͤr⸗ den.“ Zum Beweis erwaͤhnte ſie nochmals ihre fruͤhere Bemerkung, daß der Rektor, als er vor elf Monaten beim Zuwerfen 230 des Grabes Klementinens, mit Hand an⸗ gelegt habe, vergeſſen haͤtte, die Trauerſto⸗ le abzulegen, was, nach der Behauptung der Sibylle, eine ſichere Vorbedeutung ſei, daß die ſelbe Hand, die gleiche Pflicht bei der ganzen Familie zu erfuͤllen genoͤ⸗ thigt ſeyn wuͤrde. Man kann ſich von der Wirkung die⸗ ſer traurigen, in dem Augenblick der Be⸗ erdigung der Frau von Beaumanoir, an einem ſolchen Orte, aus einem ſolchen Munde kommenden Vorausſagung auf die Gemuͤther der Landleute keine Vorſtellung machen. Dieſer Ausfluß der ſataniſchen Bosheit der Wahrſagerin, ſchien einigen eine Stimme des Himmels. Yvon, der ſte mit hoͤchſten Unwillen ebenfals gehoͤrt hatte, war nicht dieſer Meinung, und drohete der Prophetin mit Steinwuͤrfen, wenn ſie ſich nicht fortpacken wuͤrde:„Sohn 231 des Tageloͤhners Calvez, rief dieſe ihm zu, ſeid nicht ſo vermeſſen, denn die Rei⸗ he wird auch an euch kommen, ehe ihr's denkt! Dieſer Boden iſt dem Tode ge⸗ weiht, und ich habe daſſelbe Recht ihn zu betreten wie ihr., Mit dieſen Worten, ergriff Katharine, die wohl wußte mit wem ſie zu thun hat⸗ te, die Flucht, und der Stein entſank der Hand des Juͤnglings. Einer der Kirch⸗ vaͤter, noch ganz beſtuͤrzt uͤber dieſen Auf⸗ tritt,(denn ohne die Kuͤhnheit des jungen Menſchen zu tadeln, zitterte er dennoch fuͤr eihn) erzaͤhlte den ganzen Vorfall Herrna Bonnet. So wie dieſer nach Hau⸗ ſe kam, ſchrieb er noch denſelben Abend an dem koͤniglichen Prokurator in Vannes; und Tags darauf holte ein Reiter von der Marechauſee Katharine Synvenn ab, allein nach vierzehn Tagen erhielt ſie von 232 einer maͤchtigen Empfehlung beguͤnſtigt, ih⸗ re Freiheit wieder. Indeſſen ließ ſie ſich doch einige Jahre lang nicht wieder bei Tage auf dem zu dem Kirchſpiel von Hel⸗ vin gehoͤrigen Territorium blicken. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Schwacher Troſt in großem Jam⸗ mer. Die Freundſchaft auf der Probe. Gecreu ſeinem Verſprechen kehrte der Rektor Nachmittags auf das Schloß zu⸗ ruͤck. Ohne ſich anmelden zu laſſen trat er in das Zimmer der Damen von Helvin. Schon ſeine Gegenwart ſagte ihnen, daß von den vielgeliebten und vielbeweinten Weſen auf Erden nichts als das Anden⸗ ken einiger Freunde zuröuͤckgeblieben ſei. 233 Er hatte unterwegs uͤber einige Troſt⸗ reden nachgedacht, die er fuͤr geeignet hielt, das Herz und den Geiſt ſeiner bei⸗ den Beichtkinder in etwas zu beruhigen. Als er aber vor ihnen ſtand, konnte er kein Wort davon uͤber ſeine Lippen brin⸗ gen. Gluͤcklicherweiſe gab ihm Madame Allote, die ſich zuerſt an ihn wandte, Gelegenheit, einige treffende Bemerkun⸗ gen anzubringen, die den Schmerz von der entgegengeſetzten Seite, der einzigen angreifbaren, zu ſchwaͤchen vielleicht geeig⸗ net waren. „Sie ſind ſehr guͤtig lieber Rektor, uns zu beſuchen, ſagte Henriette zu ihm, ob gleich ſelbſt Ihr Beſuch uns die letzte Beſtaͤtigung unſeres großen und unerſetz⸗ lichen Verluſtes uͤberbringt. „Wir haben ſie recht herzlich lieb Herr Leny, fuͤgte Klementine hinzu, aber ich hoffe nicht, daß Sie ſich vorgenom⸗ men haben, uns zu troͤſten, das iſt ge⸗ wiß nicht Ihr Wille!„ „Meine geliebten Kinder,, erwieder⸗ te der wuͤrdige Geiſtliche„die Schrift ſagt: „Selig ſind die da Leid tragen.,,) Fern ſei von mir, dieſen von der hoͤchſten Weisheit ausgeſprochenen Satz jemals, und am wenigſten in dieſem Augenblicke bezwei⸗ feln zu wollen, und doch, wer wird im Leiden eine Gluͤckſeligkeit ſinden, gewiß Niemand, denn das Thraͤnen Brod iſt ſehr bitter! Indeſſen kann die Schrift nicht luͤgen, ſie muß alſo mit dieſer, in Bezug auf die Leiden der Menſchheit befremden⸗ den, Erklaͤrung eine Hoffnung und zwar eine ſehr ſuͤße Hoffnung verbinden; und dies iſt allerdings der Fall: denn ſie ſetzs 4) Math. V. 45 235 unmittelbar hinzu: Denn ſie ſollen getroͤſtet werden. Jetzt meine lieben Toͤchter ſei mir die Bemerkung erlaubt, naͤmlich, daß, wenn der Troſt wirkſam ſeyn ſoll, er dem Uebel angemeſſen ſeyn muß. 3. B. Die Demuͤthigen finden Gnade, ſagt ebenfalls die Schrift, die da hun⸗ gert und duͤrſtet nach der Gerech⸗ tigkeit ſollen ſatt werden, und diejenigen, denen der Tod ihre Freunde entriſſen hat, ſollten dieſe ſie nicht wieder finden? Gewiß meine Freundinnen, auch ich fuͤhle daß Beduͤrfniß dieſe treffliche Frau dereinſt jenſeits wieder zuſehen, fuͤgte der Greis hinzu, indem er ſich Gewalt anthat, ſeine innere Bewegung zu unter⸗ druͤcken— und es wird zuverlaͤſſig geſche⸗ hen. Dieſe ſelige Hoffnung iſt tief in meinem Innern begruͤndet!“ 236 Ein milder Thraͤnenerguß erleichterte jetzt die Herzen der Traurenden.„Gute Mutter, rief Karoline, ich habe Dir zwei Mal das Leben zu danken, ach ein Mal ohnſtreitig zu viel! Koͤnnte ich je vergeſ⸗ ſen, daß du mir zugleich Mutter, Schchaſter und Freundin warſt. Holde Jugendgeſpielin! fuhr Madame Allote fort, auch ich beklage in dir den Verluſt einer Schweſter und einer Freun⸗ din. Verdanke ich Dir edelſte der Frauen, nicht fnnfzehn in dieſer duͤſtern Einoͤde in Zufriedenheit und ungetruͤbter Gluͤckſelig⸗ keit verlebte Jahre? Und Sie beklagen ſich, verſetzte der ehrwuͤrdige Greis! Wie! Sie geben zu, funfzehen Jahre in Zufriedenheit verlebt zu haben, und koͤnnen noch klagen! Ueber⸗ legen Sie, liebe Toͤchter, daß es wohl wenig Sterbliche giebt, die ſich ruͤhmen 237 koͤnnten, daß es ihnen hienieden ſo wohl geworden waͤre. Der fromme Erzvater Jakob hatte auch Freud und Leid erfahren; der Herr hatte ihn eines naͤhern Umgan⸗ ges gewuͤrdigt; er beſaß als Oberhaupt feines Stammes große Reichthuͤmer, er war von allen ſeinen Soͤhnen umgeben, als er von dem geliebteſten derſelben dem maͤchtigen Koͤnige Pharao vorgeſtellt wurde, und doch, als der Monarch nach ſeinem Alter fragte, antwortete er ihm:„We⸗ nig und boͤſe iſt die Zeit meines Lebens, und langet nicht an die Zeit meiner Vaͤter in ihrer Wall⸗ fahrt“*) Da nun der Mann, der das Gluͤck gehabt hatte, Gott von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht zu ſehen,(weshalb er auch den Nahmen Israel erhielt) da, ſage *) 1 Buch Moſe XLII V. 9 * 20 23 8 ich, ein ſolcher Mann ſich berechtigt hielt, auf dieſe Weiſe von ſeinem muͤhevollen Leben zu reden, ſo iſt Ihr Loos, liebe Toͤchter noch immer nicht der ſchlechteſten eines unter den Menſchenkindern geweſen! Aber das iſt es ja eben was unſer jetziges Ungluͤck uns doppelt fuͤhlbar macht erwiederten die beiden Freundinnen.“ Indeſſen trug dieſe Unterhaltung und die Gegenwart der jungen Gattin des Kapitains Ferec allerdings dazu bei, ih⸗ ren brennenden Schmerz in etwas zu lin⸗ dern. Die erſte Erleichterung, vielleicht die einzige bei einem großen Verluſte, iſt davon ſprechen zu koͤnnen, und in dieſer Hinſicht war man dem Herrn Leny aller⸗ dings Dank ſchuldig. Dieſer ſchickte ſich nun gegen den Abend zur Ruͤckkehr nach ſeiner Pfarrei an; da er aber diesmal in der Eil⸗ fertigkeit, mit welcher er wieder auf das 239 Schloß zu kommen ſuchte, ſeinen Stock vergeſſen hatte, ſo trug er Marianen auf, ihm einen zu verſchafſen, um ihm in der Finſterniß durch einige Hohlwege zur Stuͤtze zu dienen. Mariane brachte ihm den Stock von Ebenholz, den der Geiſtliche, welcher waͤhrend Klementinens Starrſucht eine Nacht bei ihr wachte, zuruͤckgelaſſen hatte. „Was iſt das fuͤr ein Stock“ fragte der Rektor, ich habe ihn noch nie auf der Burg geſehen. Aber kaum hatte er Ant⸗ wort erhalten, als er ihn mit Schaudern zuruͤckſchob. Wie, rief er mit bebender Stimme aus, in meinen Haͤnden, der Stock.... Verbrenne ihn mein Kind; denn dies iſt ein Ungluͤckszeichen in dieſem Hauſe, verbrenne ihn!“ Dann ſich beſin⸗ nend fuͤgte er kluͤglich im gemaͤßigtern Tone hinzu. Er koͤnnte in der That deine junge Gebieterin an eine ſehr jammervolle Nacht erinnern. Da es indeſſen moͤglich iſt, daß er zuruͤckverlangt wuͤrde, ſo iſt es beſſer ihn ihren Augen zu entziehen, und ihn irgend wo aufzuheben. Vergiß es nicht meine Tochter, und hohle mir den Stock von Weißdorn deines Grosvaters Philipp.“ 3 Dies ſagte er in einer Art von Verwirrung, und dachte dabei an die Ge⸗ ſchichte Juda's und der Thamar. Sobald Mariane ihn den Stock gebracht hatte, machte er ſich auf; aber auf dem ganzen Heimweg murmelte er unaufhoͤrlich die Stelle aus dem erſten Buche Moſes: De viro cujus haec sunt concepi; cognosce cujus sit annulus et armilla, et baculus.*) So endet dieſer Tag der Trauer, an welchem ſich der Schmerz aus der Burg *) 1 Buch Moſes Kap. XXXVIII. 241 Helvin, als ſeinem Mittelpunkte uͤber die ganze, ſie umgebende Landſchaft verbreitete, und von da auf ſeinen Poſten, als ſeinem Heiligthum zuruͤckzukehren ſchien. Indeſ⸗ ſen verbreitete ſich das Geruͤcht, daß in der Nacht, einige Perſonen, die ſich auf dem Kirchhof verſpaͤtet hatten, wahrſchein⸗ lich um ihrer entſchlummerten Wohlthaͤte⸗ rin das Thraͤnenopfer ihrer Dankbarkeit zu bringen, zwei junge Frauen in ihre Pelze gehuͤllt geſehen, die ſich ſchweigend dem Grabe der Frau von Beaumanoir genaͤhert haͤtten, aus Reſpekt habe man ſich zuruͤck⸗ gezogen, um ihnen den Zugang frei zu laſſen, ſie waͤren einige Zeit mit in einan⸗ der geſchlungenen Haͤnden am Grabhuͤgel ſtehen geblieben, dann haͤtten ſie ſich auf den vom Abendthaue feuchten Boden auf die Knie geworfen, und nachdem ſie, ohne einen Laut von ſich zu geben, einige Mi⸗ III. Theil. 16 242 nuten in dieſer Stellung geblieben waͤren, haͤtten ſie ſich erhoben, und dieſen Ort der Trauer verlaſſen. Am folgenden Morgen erſtattete man dem Herrn Leny hiervon Bericht, aber, ob man ihm gleich verſicherte, daß man auf dem friſch aufgeworfenen Grabhuͤgel noch die Spuren von den Knien ſehen koͤnne, ſo ſchrieb er doch dieſe Erzaͤhlung den in dieſer Gegend herrſchenden aber⸗ glaͤubigen Ideen zu. In den darauf folgenden Tagen ſtat⸗ teten die benachbarten Edelleute ihre Be⸗ ſuche auf der Burg ab, die Frauen ließen ſich nach dem Befinden der Madame Del⸗ pont erkundigen; dieſe Beweiſe von Ach⸗ tung erhoben den Muth der beiden Freun⸗ dinnen ein wenig, auch der Doktor ließ ſie in ihrem traurigen Schickſale nicht al⸗ lein. Sein eigenes Herz trieb ihn auf 243 die Burg, und er widmete ihnen jeden freien Augenblick. Ueberzeugt, daß er ih⸗ nen ſtets willkommen war, hatte er das Zartgefuͤhl, ſich nie zu lange von ihnen erwarten zu laſſen, auch war er uneigen⸗ nuͤtzig genug, Madame Delpont und ihrer Freundin eine baldige Abreiſe dringend anzurathen, ohnerachtet er fuͤhlte, wie ſchmerzlich eine ſolche Trennung fuͤr ihn ſeyn wuͤrde. Bey jeder Gelegenheit wie⸗ derholte er ſeine diesfalſigen Vorſtellungen, und nahm die äͤberzeugendſten Gruͤnde, die ſein Verſtand und ſeine ſich ſelbſt ver⸗ geſſende Freundſchaft ihm darboten, zu Huͤlfe. Nach einigen Wochen wurde dieſe edelmuͤthige Aufforderung durch die An⸗ kunft zweier Muhmen Klementinens noch mehr beguͤnſtigt, ſie kamen mit Poſt auf das Schloß, um die beiden Freundinnen 16* 244 und das Kind nach Liſienx abzuholen. Madame Allote, an alles was vom Hauſe Beaumanoir uͤbrig geblieben war, unwie⸗ derruflich gefeſſelt, war entſchloſſen, der Tochter ihrer geliebten Karoline uͤberall hin zu folgen. Ohne ſich uͤber die Zweck⸗ maͤßigkeit der Entfernung von der Burg ein Urtheil zu erlauben, war ſie doch mit dem Doktor der Meinung, daß, wenn man ſich einmal dafuͤr entſchied, Paris beſſer zum Aufenthalt der Freundinnen geeignet ſeyn wuͤrde, als eine Provinzialſtadt, in welcher Herr Delpont mit ſeiner jungen und anmaßenden Frau faſt jeden Winter zubrachte. Man hatte gerade nicht Urſa⸗ che das Benehmen dieſes Mannes zu ruͤh⸗ men, der, von einer Frau unterjocht, de⸗ ren Wunſch dahin ging, ihn zum Vater einer neuen Familie zu machen, zwar noch nicht gerade zu erklaͤrt hatte, daß der 245 kleine Eduard nicht ſein Enkel ſey, ſich aber dem ohngeachtet weigerte, ihn geſetz⸗ lich anzuerkennen, und ſogar kuͤrzlich Kle⸗ mentinen das Recht, den Namen ſeines Sohnes zu fuͤhren, ſtreitig gemacht hatte. Waͤre Herr Delpont mit hinlaͤnglichen Do⸗ kumenten verſehen geweſen, ſo wuͤrde ſein Verfahren, ob es gkeich nicht das Verfah⸗ ren eines wohlgeſinnten Verwandten haͤtte genannt werden koͤnnen, dennoch zu ent⸗ ſchuldigen geweſen ſeyn. Bei den unvoll⸗ ſtaͤndigen Aufſchluͤſſen, die er uͤber die La⸗ ge der Dinge haben konnte, war es un⸗ menſchlich und unnatuͤrlich. Als endlich dieſe Aufforderungen ei⸗ nen ſo ernſtlichen Charakter angenommen. hatten, daß ſie eine Antwort durchaus noͤ⸗ thig machten, bat Klementine ihre Ver⸗ wandtinnen, indem ſie ihnen ihre innigſte Dankbarkeit fuͤr ihr freundliches Anerbie⸗ ——OOO;’::::—— 246 ten zu erkennen gab, zu bedenken, daß der Entſchluß, zu welchem man ſie zu be⸗ ſtimmen ſuche, noch einiger Ueberlegung beduͤrfe, die man doch wohl Niemanden ſicherer uͤberlaſſen koͤnne, als denjenigen beiden Perſonen, deren Gluͤck man ſo theilnehmend beabſichtige. Die Augenblicke, wo man ſich auf dem Lande noch vor Schlafengehn ſieht, und einander gute Nacht ſagt, waren ſeit dem Tode der Vicomteſſe den vertraulichen Privatunterhaltungen zwiſchen Klementinen und ihrer Freundin gewidmet. Sie ka⸗ men jetzt gewoͤhnlich in dem ehemaligen Zimmer der Madame Allote zuſammen, das Madame Delpont gleich nach der Ge⸗ burt ihres Kindes bezogen hatte; denn in den, auf Karolinens Beerdigung folgen⸗ den Tagen, hatte man fuͤr noͤthig gehal⸗ ten, das Kabinet dem kleinen Eduard und 247 Marianen einzuraͤumen, damit er der ar⸗ men Mutter ſo nahe als moͤglich waͤre, und Henriette hatte es ſich gefallen laſſen, einſtweilen das Zimmer der Frau von Be⸗ aumanoir anzunehmen, das zwar viel ſchoͤner und geraͤumiger war, wo aber al⸗ les was ſie umgab, was ſie beruͤhrte, ſie nur allzulebhaft an ihren unerſetzlichen Ver⸗ luſt erinnerte. Die Frage wegen der Abreiſe wurde von allen Seiten erwogen: Madame Al⸗ loten war fuͤr ihre Perſon gar nicht ſo viel daran gelegen Helvin zu verlaſſen; aufrichtig geſagt, wuͤnſchte ſie es nicht ein⸗ mal: allein ſie war der Meinung, das der Vortheil Klementinens eine, wenn auch nur kurze Abweſenheit erfordere. Uebrigens fand ſie es nicht fuͤr zweckmaͤ⸗ ßig, nach Liſieux zu gehen. Nach Klemen⸗ tinens Anſicht hingegen hieß, nach Paris, 248 oder wohin es auch ſeyn moͤchte, reiſen, nichts anders, als eine Einſamkeit mit der andern vertauſchen; und wem wollte man denn in Helvin vermeiden? Schon ſeit langer Zeit ſahe man keine Fremden mehr, wollte man dem Doktor, oder Herrn Leny ausweichen, in dieſem Falle haͤtte man alſo die einzigen, noch uͤbrigen geſellſchaftlichen Bande aufloͤßen wollen. Auch konnte es wohl nicht deshalb geſchehen, um ſich ei⸗ nigen ehrlichen Landleuten oder armen Lageloͤhnern zu entziehen, die man in ih⸗ rer Duͤrftigkeit unterſtuͤtzte, denn dadurch wuͤrde man ſich ja ſelbſt des einzigen, noch uͤbrigen Genuſſes beraubt haben. Hatte man das Projekt, ſich ſelbſt einen Zirkel zu bilden, ſeine Verbindungen auszubrei⸗ ten, ſich an glaͤnzende Sozietaͤten anzuſchlie⸗ ßen, oder gar die Seele und der Mittel⸗ punkt derſelben zu werden? Klementine 249 erklaͤrte, daß dieſe Lebensweiſe nicht nach ihrem Geſchmack ſey. Oder wuͤnſchte man zu Schonung der Eigenliebe, einen Ort zu verlaſſen, wo ſie gekraͤukt worden war. Klementine meinte, daß alles Ungluͤck das man uͤberhaupt erfahren koͤnne, in Helvin ſeinen Anfang genommen, ſeinen Fortgang gehabt, und ſein Ziel erreicht haͤtte, daß es die Uebelwollenden entweder entwaffnet oder eines Beſſern belehrt habe, und daß die beiden Freundinnen ihren Wohnplatz nur deshalb anderwaͤrts aufſchlagen wuͤr⸗ den, um von Neuem einen Gegenſtand kraͤnkender Fragen und Nachforſchungen ab⸗ zugeben, und endlich uͤberall die Demuͤthi⸗ gung ihrer wandelnden Hausgoͤtter erfah⸗ ren zu muͤſſen. Was Liſieux betraf, ſo war an eine Wahl dieſes Orts nicht zu denken; uͤber dieſen Punkt war man laͤngſt einig. In 250 der That, welche Rolle wuͤrde Klementine dort geſpielt haben. Ihr Oheim, der Vetter der Vicomteſſe, brachte alle Winter dorten zu, man wuͤrde ſich dort einer jungen, ſtolzen und ehrſuͤchtigen Frau, die den glei⸗ chen Namen fuͤhrte, gegenuͤbergeſehen haben. Sollte die Tochter der Frau von Beauma⸗ noir es darauf ankommen laſſen, daß man ihr vielleicht dieſen Namen, ihrem Kinde ſeinen Stand ſtreitig mache, oder daß eine auf ihr großes Vermoͤgen eingebildete Tante in ihrer Großmuth einwillige, Mut⸗ ter und Kind in Ruhe zu laſſen, verſteht ſich unter jenen beleidigenderen Vorbe⸗ halten und halb wahren Vorausſetzungen, die eine, blos dem Mitleiden zu verdan⸗ kende Duldung, begleiten? Und ſollte man in dem gerichtlichen Angriffe, von welchem man bedroht wurde, unterliegen, war es dann nicht beſſer den Urtheilsſpruch in 251 Helvin zu erfahren, wo alle Bekanntſchaft ſich auf drei oder vier edle Menſchen be⸗ ſchraͤnkte, in deren Achtung man, auf den ſchlimmſten Fall, gewiß war, gegen die Schlaͤge des Schickſals Troſt zu finden. Madame Allote war mit mehreren dieſer, gegen den Aufenthalt in einer Pro⸗ vinzialſtadt angefuͤhrten Gruͤnde, einverſtan⸗ den, meinte jedoch, daß ſie auf einen Aufenthalt in Paris nicht anwendbar waͤ⸗ ren, fuͤr den ſie geneigt zu ſeyn ſchien, nicht als ob es ihr Wunſch geweſen waͤre, die Hauptſtadt Frankreichs, wo ſie nie ge⸗ weſen war, zu ſehen, und dort zu leben, da ihr aber durch den letzten Willen einer Freundin, welcher ſie bereits den groͤßten Theil ihres Lebens zum Opfer gebracht hatte, die Sorge fuͤr einen theuren Nach⸗ laß anvertraut worden war, ſo glaubte ſie diefem, ihr heiligen Willen nicht beſſer er⸗ 252 fuͤlen zu koͤnnen, als, indem ſie ſich be⸗ muͤhte, die Erbin eines beruͤhmten Namens in den Augen des Publicums ſo viel als moͤglich zu heben. Mit einem Worte, Ma⸗ dame Allote, die immer noch die Mutter in der Tochter liebte, dachte ſich in der Zukunft der ſich ſelbſt wiedergegebenen Fraͤulein von Beaumanoir die Moͤglichkeit, einer durch heftige Stuͤrme geſtoͤrte Lauf⸗ bahn eine ehrenvolle Richtung zu geben, und auf dieſe Weiſe die traurenden Ma⸗ nen ihrer theuern Karoline zu beruhigen. Klementine verſtand die Meinung ih⸗ rer Freundin ganz falſch. „Willſt Du mich verlaſſen Henriette? fagte ſie mit einem Seufzer. Du haſt Deinen freien Willen. Ich werde denken, daß Du eigentlich meine Mutter liebteſt, die auch ich haͤtte mehr lieben ſollen? De⸗ ne Abreiſe wird mich hiervon voͤllig uͤber⸗ 253 zeugen, ich werde meinen Verluſt bewei⸗ nen, aber Dich darum nicht weniger lie⸗ ben; was du auch thuſt, immer wird mir die Erinnerung an eine ſchoͤne Vergangen⸗ heit bleiben.— Ja die Erinnerung theure Henriette, die doch, wie ich mich immer mehr uͤberzeuge, in Zukunft den beſten Theil meines Daſeyns ausmachen wird!“ „Nie habe ich den Verluſt unſerer ge⸗ liebten Karoline mehr gefuͤhlt als jetzt“ erwiederte Madame Allote. Jetzt ſind wir nur unſerer Zwei, und verſtehen uns nicht mehr! Ich Dich verlaſſen, Klementine! Was haͤtteſt Du mir Haͤrteres ſagen koͤn⸗ nen? Nie hat Deine Mutter mir ſo et⸗ was geſagt, Deine Mutter, die ich anbe⸗ tete, welche in Dir noch fort lieben zu koͤnnen mir ſuͤßer Troſt iſt. Ach, zu wem ſollte ich mich denn wenden? Wem koͤnnte ich denn, außerhalb dieſer Mauern, in de⸗ 254 nen mir ſo ſchoͤne Tage verfloſſen ſind, den Reſt eines hinwelkenden Lebens wei⸗ hen, als der Tochter derjenigen, die mich wie eine Schweſter geliebt, und mir ſter⸗ bend, das was ihr am theuerſten war, was jetzt ihren Platz in meinem Herzen behauptet, empfohlen hat? Dein Leben hat erſt angefangen, es ertraͤglicher, Dei⸗ ner wuͤrdiger zu machen, meine Klementi⸗ ne, das war mein einziger Zweck. „Henriette, verſetzt Madame Delpont, warum wollteſt Du mich nicht meine Mutter lieben laſſen, wie Du ſie ſelbſt geliebt haſt? Iſt es nicht in dieſen Mauern, wo ſie zwanzig Jahre von ihrem Leben hat verfließen ſehen? Iſt es nicht die Gegend, die wir hier aus dieſem Fenſter uͤberblik⸗ ken, die Sie ſo gern mit uns durchſtrich? Ruht ihre Huͤlle nicht in der Naͤhe dieſer Burg? Wollen wir uns mit dem einzigen 255 Beſuche begnuͤgen, zu welchem Du den erſten Gedanken hergabſt, und der mich ſo erquickt hat? Die zukuͤnftigen werden noch wohlthaͤtiger fuͤr mein Herz ſeyn, wenn ſie in Deiner Geſellſchaft Statt finden, in Karolinens Naͤhe werden wir uns im⸗ mer verſtehen! laß uns alſo Helvin nicht verlaſſen! Wuͤnſcheſt Du daß ich das ein⸗ zige Gluͤck genieße, deſſen ich noch fuͤhig bin, dies allein iſt es, es iſt das Ziel al⸗ ler meiner Erdenwuͤnſche... Ich weiß daß meine Mutter Dir unendlich theurer war als ich es Dir je ſeyn werde, und daß Du ihr mit Freuden jeden Deiner Tage bis zum Letzten geweiht haͤtteſt; fern ſei es von mir Dir deshalb zu zuͤrnen; aber koſtet es dir nicht zu viele Aufopfe⸗ rung mit mir zu leben; ſo bleibe, und laß uns Sie gemeinſchaftlich beweinen!“ 256 Madame Allote warf ſich in Klementi⸗ nens Arme. Man ſah ein, daß man ſich nur aus Mißverſtand ſtritt, und es ward unabaͤnderlich beſchloſſen, daß die beiden Freundinnen auch fernerhin auf der Burg Helvin bleiben wuͤrden. 4 „Ich habe eben ſo wenig Luſt in der Welt umher zuziehen, als du, ſagte Hen⸗ riette laͤchelnd. Deine Couſinen werden aus dem Wolken fallen; Madame Ferec und ihr Vater werden erſtaunen, vornehm⸗ lich aber unſere Freunde Bonnet und Leny; dieſen beſonders werden wir durch unſern Entſchluß großes Vergnuͤgen machen. Nur aus Grosmuth rieht uns dieſer Letztere zur Reiſe, denn ich bin uͤberzeugt, daß dieſem guten und wuͤrdigen Manne unſere Abreiſe ſehr ſchwer gefallen ſeyn wuͤrde. Er wird auf uns ſchmaͤlen, aber im Grunde wieder ſehr zufrieden ſeyn. Warum ſag⸗ ₰ 257 teſt du mir es denn nicht, daß du mit Deinem gegenwaͤrtigen Geſchick zufrieden ſeyſt, daß Du bei dem Grabe Deiner Mutter, unſerer trefflichen Karoline blei⸗ ben wollteſt? Wir waͤren dann gleich ein⸗ verſtanden geweſen!“ Der Entſchluß der beiden Frauen wuͤrde den Leſer nur in ſofern in Erſtau⸗ nen ſetzen, in ſofern wir ſelbſt uns einen argen Mißgriff hatten zu Schulden kommen laſſen, indem wir die Zuͤge ihres Charak⸗ ters mit zu wenig Treue wiedergegeben haͤtten. Madame Allote hatte ſich ſo mit ganzer Seele an Frau von Beaumanoir angeſchloſſen, daß ihre Freundſchaft fuͤr Klementinen in ihrer ganzen Lebhaftig⸗ keit immer noch durch unzaͤhlige oft un⸗ merkliche Faͤden an die Vieomteſſe geknuͤpft war. Madame Delpont wurde nicht bloß um ihrer ſelbſt willen geliebt, ſondern auch III Theil. 17 noch mittelſt des Wiederſcheins einer fruͤ⸗ hern Liebe. Sie hatte dies wohl gefuͤhlt, und daher ſchrieb ſich der leiſe Vorwurf her, von welchem Klementinens Worte das Gepraͤge trugen. Ihr Entſchluß war laͤngſt gefaßt; in ihren Augen hatte ihr Geſchick ſeine traurige Beſtimmung erreicht. Sie hatte ihre Mutter wenigſtens eben ſo heiß geliebt, als die zaͤrtlichſten Kinder ihre Aeltern nur immer lieben koͤnnen, was ſie als Uebermaaß an Liebe Madame Alloten gab, war eine, den liebenswuͤrdigen Eigenſchaften der ehemaligen Ausgeberin von Helvin, vielleicht auch dem Gefuͤhl eines uͤber ſeinen Standpunkte erhabenen Verdienſtes, dargebrachte Huldigung, oder eine jener Sympathien, die unſern Willen beherrſchen, und deren unausſprechlicher Zauber unſer ganzes Weſen ſo zu ſagen in das Weſen eines andern, von uns angebeteten 259 Gegenſtands, verſenkt, und nur indieſem leben kann. Auf der Burg mit Henrietten bleiben, dies war die ganze Gluͤckſeligkeit, deren der moraliſche Zuſtand Klementinens fortan faͤhig war; und in der That, ſie war auf dieſer Burg geboren, ſie hatte im Fruͤh⸗ jahr das ſie umgebende Buſchholz durch⸗ ſtrichen, um an ſeinem Abhange die Prie⸗ melchen zu pfluͤcken? von denen er uͤberſaͤet iſt und im Herbſt Nuͤſſe und wilde Maul⸗ beeren zu ſuchen. Ihre erſten Herzens⸗ erhebungen, die das Gemuͤth ſo wunder⸗ voll ergreifen, wenn beſonders die oͤffent⸗ liche Gottesverehrung im Tempel des Herrn ſich mit der haͤuslichen Andacht ver⸗ einigt, hatten in der kleinen Kirche zu Helvin Statt gefunden. Ihre Spatzier⸗ gaͤnge, die ihr noch in der Erinnerung im roſigen Lichte vorſchwebten, welche die Herzen mehr noch als die Augen mit 17* 260 dem Gefuͤhl fuͤr die ſchoͤne Natur erfuͤllten, hatte ſie mit der Vicomteſſe, mit Madame Allote, mit Eduard in der Umgegend des Schloſſes gemacht, und den alten Kirch⸗ thurm nie aus dem Geſichte verlohren. Wie konnte ſie einen Wohnſitz verlaſſen, in deſſen Naͤhe die Huͤlle ihrer Mutter, und die des einzigen Mannes, den ſie ge⸗ liebt hatte, ruhten. Ihr Geiſt hatte, wie wir ſchon bemerkten, noch keine er⸗ kuͤnſtelte Richtung genommen, ihre Ge⸗ fuͤhle waren unabhaͤngiger als ſelbſt die ihrer Mutter geblieben, welche eine ſtaͤdti⸗ ſche Erziehung genoſſen hatte, wenn dieſe junge Frau alſo ihren Wohnſitz nicht ver⸗ ließ, ſo blieb ſie ſich nur ſelbſt getreu. Ihr Daſeyn hing, in ihrem harmen⸗ loſen Selbſtgefuͤhl, an dieſem Boden, und war an ihn durch tauſend Erinnerungen gekettet, die ſie von ihrer Wiege bis zu 261 ihrem Grabe, ohne Grauſen vor ihm zu erregen, begleiteten. Wenn ſie nach Van⸗ nes, ja ſelbſt nach Liſteuxr zu Verwandten reiſte deren Eitelkeit ſich durch die koͤr⸗ perlichen und geiſtigen Vorzuͤge ihrer Cou⸗ ſine geſchmeichelt fuͤhlte, ſo kam es ihr vor, als ſei ſie in fremden Landen, und ſie glaubte ins Vaterland zuruůck zu kehren, wenn ſie wieder in Helvin ankam. Wer koͤnnte an der Wahrheit dieſer Eindruͤcke zweifeln? Jeder, der tiefes Ge⸗ fuͤhl mit lebhafter Erinnerungskraft ver⸗ bindet, wird das Vaterland lieben, eigent⸗ lich iſt Vaterlandsliebe nur eine beſon⸗ dere Modiftcation der Liebe zum Leben, und zum Genuſſe deſſelben in der Ver⸗ gangenheit. Das Vaterland verlaſſen, heiſt ſein fruͤheres Daſein aufopfern, nie⸗ derreißen um anders wo es wieder aufzu⸗ bauen. Der herumziehende Araber bricht 262 ſein Zelt ab, zieht die Pfloͤcke, an die es befeſtigt war, aus dem Boden, um ſie anderwaͤrts in fetten Triften, nach dem Beduͤrfniße ſeiner Heerde einzu⸗ ſchlagen: der gebildete Europaͤer erbaut ſich auf Felſen, ſteinerne Wohnungen, ſchließt ſein Gebaͤude an das ſeines Nach⸗ barn an, pflanzt Baͤume von denen er erſt ſpaͤt Fruͤchte erwarten kann, er ſelbſt wurzelt ein, auf dem Boden ſeiner Wahl: er muß bleiben, oder ſeine ganze Natur aͤndern, oder— ſterben. Klementinens Verwandtinnen, welche nicht dieſelben Gruͤnde hatten ſich in der Einoͤde von Helvin zu gefallen, fanden ſie, wie ſie wirklich war, einfoͤrmig, ohne reiche Vegetazion, wild ohne Abwechſelung und ohne uͤberraſchende Anſichten, und ver⸗ ließen ſie nach einigen Tagen, von dem Erfolg ihrer Reiſe wonig befriedigt; und 263 aͤberzeugt daß der Geiſt ihrer jungen Ver⸗ wandtin von romanenhaften Ideen ange⸗ fuͤllt ſei, wußten ſie es Madame Alloten keinen Dank dem Fraͤulein von Beauma⸗ noir ſo wenig Geſchmack fuͤr das geſell⸗ ſchaftliche Leben eingefloͤßt zu haben. Dies Urtheil war oberflaͤchlich, aber es hielt ſchwer ein gruͤndlicheres zu faͤllen. Die der Natur getreuen und ſtarken Seelen kommen ſo wenig vor, daß ſie ſelten ver⸗ ſtanden werden. Sich ſelbſt uͤberlaſſen, fanden ſich die beiden Freundinnen weniger einſam als fruͤher. Ihre Unterhaltungen waren zwang⸗ loſer. Dem Rathe der naͤchſten natuͤrli⸗ chen und muͤtterlichen Verwandten zu Fol⸗ ge, wurde Klementine unter der Curatel des Herrn Arnoult zur Vormuͤnderin ih⸗ res Kindes erklaͤrt. Man haͤtte noͤthigen Fals um eine Muͤndigkeitserklaͤrung bei 264 der untern Kanzelei fuͤr ſie einkommen koͤnnen, allein, der Meinung einiger ange⸗ ſehenen Maͤnner, wie des Biſchoffs und des koͤniglichen Prokurators zu Folge, wurde ſie, in der mit wohlwollenden Ruͤck⸗ ſichten ausgefertigten Vormundſchaftsbeſtaͤ⸗ tigung„Wittwe“ genannt, was zugleich eine Vollbuͤrtigkeitserklaͤrung in ſich ſchloß. Die dringenden Arbeiten, welche ihre An⸗ gelegenheiten erforderten, und in denen ſie von Madame Allote unterſtuͤtzt wurde, gaben ihr Beſchaͤftigung und Zerſtreuung. Sie beſtaͤtigte alle von ihrer Mutter zum Beſten der Duͤrftigen getroffenen Verfuͤg⸗ ungen. Das Schickſal der Kranken und Waiſen wurde von Neuem ſicher geſtellt, als der September zu Ende ging, fragte ſie den Rektor und Herrn Leny um Rath, ob die Vertheilung der vier Kuͤhe unter die ordentlichſten Handarbeiter vielleicht von nachtheiligen Folgen ſeyn koͤnne, denn da ſie wußte, daß der zur Belohnung der Maͤßigkeit fuͤr Landleute ausgeſetzte preis einiges Murren erregt hatte, ſo wollte ſie ihn nur in ſo fern beſtehen laſſen, als er den Beifall einſichtsvoller Perſonen erhal⸗ ten wuͤrden. Die trefflichen Wirkungen dieſer Stiftung bewaͤhrten ſich, und ſie wurde daher trotz dem Herrn Simon Du⸗ chesne beibehalten. — So gewiſſenhaft und zweckmͤßig benutzte man die Zeit; ſo verging unter der ſorgſamen Pflege eines Kindes, unter den Beſuchen der kleinen Anzahl uͤbrig⸗ gebliebener Freunde, und unter nuͤtzlicher Lektuͤre der Tag ohne Langeweile bis zu Sonnenuntergang ja ſelbſt bis zur Schlaf⸗ ſtunde, aber— ach—, gluͤcklich war man nicht mehr! Es verfloſſen einige Monate und Ma⸗ dame Allote, die noch immer das Zimmer der Vicomteſſe bewohnte, hielt es fuͤr un⸗ ſchicklich das ſchoͤnſte Gemach des Schloſſes, das einzige das in neuern Geſchmack her⸗ geſtellt worden war, fernerhin in Beſitz zu behalten. Sie ließ es ins Geheim neu ausſtafſiren. Eine geſchmackvolle Papier⸗ tapete von lichter Farbe, die ſie nach Mu⸗ ſtern welche ſie ſich von Lorient*) kommen ließ, ausgeſucht hatte, erſetzten die verſchoſ⸗ ſene ſeidne, neue mouſſelinene Vorhaͤnge traten an die Stelle der alten, die Lam⸗ bris erhielt einen doppelten Anſtrich von einer ſchoͤnen weißen Farbe; auch das Bettbehaͤnge wurde zweckmaͤßig veraͤndert: *) Um dieſe Zeit ſahe man auch die erſten bunten Papiertapeten in Bretagne. Lorient, was ſich damals im groͤßten Flor befand, gab fuͤr die umliegenden kleinen Staͤdte den Ton an. 267 das Bild der Vicomteſſe, welches Madame Allote unter dem Vorwande einiges daran zu verbeſſern, hatte wegnehmen laſſen, er⸗ hielt einen neuen geſchmackvollen vergolde⸗ ten Rahmen. Sie ließ ihrem eignen die⸗ ſelbe Ehre wiederfahren, und Klementinens Portraͤt, das ſeinen Platz dem Bilde der Mutter einraͤumen mußte, wurde zu einer andern Beſtimmung herabgenommen. Alle dieſe Einrichtungen wurden uͤberdacht und getroffen, ohne daß Madame Delpont, welche der ſtets lebhafte Schmerz uͤber ih⸗ ren Verluſt von der Schwelle dieſes Zim⸗ mers zuruͤckhielt, das Geringſte davon ahnete. Endlich an ihrem Geburtstage den 4 April wurde Klementine erſucht, ſich in Madame Alote's Zimmer zu verfuͤgen. Es wuͤrde Geiſtesſchwaͤche verrathen haben, ſie dieſe Einladung nicht anzunehmen; 268 fuͤhlte dies, und doch konnte ſie ſich eines gewiſſen Schauers nicht enthalten, als ſie in Begleitung ihrer Freundin das Zimmer betrat. Ihre erſten Blicke ſielen auf das Bild ihrer Mutter, die naͤchſten auf das Bette, wo ſie zum letzten Male die Ue⸗ berreſte dieſer angebeteten Frau geſehen hatte. Nun erſt fielen ihr der Glanz der Gemaͤlde, die Neuheit der Tapeten, die ele⸗ gante Drapirung der Gardinen und die Schoͤnheit des Moͤblements auf. Sie laͤchelte, und ſagte zu Madame Allote, in⸗ dem ſie ſie umarmte:„Ich freue mich liebe Henriette, daß Du Deine Einoͤde ein wenig ausgeſchmuͤckt haſt. Die ſchoͤ⸗ pferiſche Hand und der Wohnſitz einer Frau von Geſchmack ſind hier unverkennbar.“ Ich moͤchte Dir grollen, boͤſes Kind⸗ antwortete Madame Allote,(die ein gro⸗ ßes und breites Gemaͤlde unter dem Arm 269 hatte,) daß du meine Abſicht nicht erraͤths, Seit heute iſt dies Zimmer Dein Aufent⸗ halt, ich verlange es. Willſt Du, daß man zehn Stunden im Umkreiſe ſage, Madame Allote, indem ſie ſich das Zimmer der Frau von Beaumanoir angemaßt habe, haͤtte ſich ein Air von Groͤße in dieſem ehrwuͤr⸗ digen Schloſſe gegeben, als ob die ehemalige Ausgeberin auf der Burg die hochfahrende Beſitzerin derſelben geworden ſei. Gewiß wirſt Du mir erlauben ein wenig beſſer fuͤr meinen Ruf Sorge zu tragen!“ Madame Delpont.— Allerliebſte Freundin! alſo galt mir dieſe Ueberraſch⸗ ung! Ja, es iſt kein Zweifel, da Dein eigenes Bild, von dem du weißt wie theuer mir es iſt, die Spuren Deiner Sorgfalt fuͤr ſeine Verſchoͤnerung traͤgt! Madame Allote.— Und Deines nehme ich mit, wie Du ſiehſt/ es ſoll 270 ebenfalls ſogleich reſtaurirt werden; aber ich werde Dir noch mehr als einen Be⸗ ſuch machen, denn ich wuͤnſchte das Bild Deiner Mutter auch fuͤr mich zu kopieren. Du ſollſt es nicht allein beſitzen, verſtehſt Du mich? Madame Delpont.— Theure Henriette, ja, ich nehme dieß Zimmer an, aber unter der einzigen Bedingung, daß Dein Zimmer, das ich jetzt bewohne, in demſelben Geſchmack eingerichtet werde, wie das meiner trefflichen Mutter. Wir wollen die noͤthigen Gewerken und Kuͤnſt⸗ ler bald moͤglichſt kommen laſſen; bis da⸗ hin bleibe ich, wo ich bin. — uUnd ich gehe mit meinem Bilde, ant⸗ wortete Madame Allote, indem ſie mit der flachen Hand auf Klementinens Por⸗ trait ſchlug, denn außer dem habe ich hier nichts mehr was mir angehoͤrt! Un⸗ 271 ſer beiderſeitiges Mobiliare iſt bereits ausgetauſcht, ohne daß Dn etwas davon gemerkt haſt. In dieſer Toilette wirſt Du Dein Kopftuch von Perkal Deine Spitzen⸗Nachthaube, Deine Pantof⸗ feln, Deine Kaͤmme und Deine Riech⸗ flaͤſchchen, in dieſen Schraͤnken Deine Robben, Deine Roͤcke, Deine Leibchen, in dieſer Komode, Deine Leibwaͤſche finden, und was das beſte von der Sache iſt, ich habe auf dieſelbe Weiſe von meinem fruͤ⸗ hern Quartier Beſitz genommen. Alle meine Sachen, bis auf einige Kleinigkei⸗ ten ſind ſchon darinnen. Wenn Du ge⸗ ſtern vor Schlafengehen auf den Einfall gekommen waͤreſt, Deine Schubfaͤcher zu oͤffnen, ſo waͤre alles verrathen geweſen. Dieſes Zimmer war mein Eigenthum, und ich habe mich wieder in ſeinen Beſitz ſetzen wollen. Allerdings iſt mir die kleine 272 gute Mariane ein bischen behuͤlflich dabei geweſen. Es iſt ein allerliebſtes Maͤdchen, und ich werde es fuͤr ſeine Verſchwiegen⸗ heit belohnen. Was Deine Gewerken und Kuͤnſtler betrifft, ſo brauche ich Nie⸗ manden als allenfalls Nvon, um einige Latten zu befeſtigen, und einige Naͤgel ein⸗ zuſchlagen. In vierzehen Tagen wirſt Du ſehen, daß aus meinem Stuͤbchen alles geworden iſt, was daraus hat werden koͤn⸗ nen, und was ich daraus zu machen wuͤnſche. — Wenigſtens werde ich Dir helfen, erwiederte Klementine, wir wollen gemein⸗ ſchaftlich daran arbeiten! — Ich bin es ſehr wohl zufrieden. Kuͤſſe wurden gegeben, empfangen, ausgetauſcht; zugleich betrachtete man das Bild der Frau von Beaumanoir, man richtete zaͤrtliche Worte an daſſelbe, man fuͤhrte einige Reden der Vicomteſſe an, 273 und verſuchte ſie auf dieſe Art wieder ins Leben einzufuͤhren; man ſtellte ſich in die⸗ ſem Augenblicke vor, daß man noch zu dritt ſei, man laͤchelte, aber dieſem Laͤcheln folg⸗ ten Thraͤnen, denn es war nur ein Bild, und man verließ traurend das Zimmer. Die ſchoͤnen blauen Augen Klementinens ſtanden voll Waſſer, Henriettens ihre brachten ihrem Verluſte denſelben Zoll, und doch draͤngte die Freundin ihre ſchmerzlich⸗ ſten Seufzer in den zerriſſenen Buſen zuruͤck. Dieſe Epiſode eines einſamen und melankoliſchen Lebens hatte ſich Vormit⸗ tags ereignet. Zuweilen uͤberraſchten der Pfarrer und noch oͤfter Herr Bonnet die Damen von Helvin, und baten ſich zu Tiſch; gerade an dieſem Tage kamen ſie alle beide, und, da ſie die Augen roth von Thraͤnen fanden, bezeugten ſie ihnen III. Theil. 18 274 ihre Unzufriedenheit. Der Doktor fuͤgte ſeinem Verweiſe noch folgendes hinzu: „Sie haben, meine Damen“ ſagte er, „uns unſern Beifall uͤber Ihren Entſchluß in dieſem duͤſtern Ritterſitz zu bleiben ab⸗ gewinnen wollen, und behauptet, daß ſie hier mehr Troſt als an jedem andern Orte faͤnden: aber geben Sie uns jetzt davon einen Beweis? An Sie wende ich mich vorzuͤglich Madame Allote: wird es Sie freuen, das Herz dieſes ungluͤcklichen Weſens vom Jammer gebrochen, und jetzt, da es im Begriff iſt zu entwoͤhnen, das Opfer eines Milchverſatzes zu ſehen, in⸗ dem ſie ſo zugleich die Pflichten gegen ſich ſelbſt vergeſſen und den Reſt Ihrer Geſundheit zerſtoͤren? Wahrhaftig Madam, ſie haben zu dieſem Zwecke den beſten Weg eingeſchlagen; moͤgen Sie doch immer fuͤr Ihre werthe Perſon ſcheinbar die groͤßte 275 Sorgfalt tragen, und in Ihrer Trauer, wenigſtens nach meinem Geſchmacke ſich ſo vortheilhaft, wie die artigſten Graͤfinnen oder Marquiſen in Vannes ausnehmen, glauben Sie denn, daß ein alter Arzt wie ich, die Verwuͤſtungen nicht bemerken wer⸗ de, die der Schmerz auf dieſer Stirne und an dieſen Schlaͤfen angerichtet hat, und die Sie vergeblich hinter den vollen Locken zu verbergen ſuchen, ich laſſe mich dadurch nicht taͤuſchen. Seien Sie ehr⸗ lich Madame Allote, und geſtehen Sie nur, daß Sie ihren Rockbund um zwei gute Zoll, und den obern Theil Ihres Leibchens um drei Finger haben verengen muͤſſen!“ Henriette erroͤthets, ſtammelte Anfangs einige unverſtaͤndliche Worte, und fragte dann laͤchelnd den Doktor, ſeit wenn die Maͤnner ſich denn beigehen ließen ſo uͤber. 18* 276 alle Maßen unbeſcheiden zu ſeyn, um in die großen Geheimniſſe der Frauentoilette eindringen zu wollen? — Sehen Sie mich denn in dieſem Augenblicke fuͤr einen Mann an? erwie⸗ derte der Doktor verdrieslich. Nein mei⸗ ne Damen, beim Henker ich bin kein Mann, ich bin Ihr Arzt! In dieſer Ei⸗ genſchaft rede ich mit Ihnen, und ich ver⸗ lange, daß man auf mich hoͤre. Denn wenn ich fuͤr meinen Theil ein geheimes Vergnuͤgen empfunden habe, daß Sie wie⸗ der meinen Wunſch auf dieſer alten Burg bleiben, ſo wollte ich Sie doch lieber in Kochinchina, oder wo der Pfeffer waͤchſt wiſſen, als mich genoͤthigt ſehen, eine nach der andern hier begraben zu laſſen! Madame Allote.— Nun beru⸗ higen Sie ſich nur Doktor, ich will Jh⸗ nen ganz ehrlich ſagen, wovon zwiſchen 277 uns die Rede geweſen iſt; ich habe ſo eben Klementinen ihr Zimmer wieder ein⸗ geraͤumt, nachdem ich es zuvor wieder ein wenig hatte herrichten laſſen, ich hatte dem Gemaͤlde Karolinens an einigen Stellen nachgeholfen, wodurch es allerdings an Ausdruck gewonnen hat.„Man behaup⸗ tet, ſagten wir, indem wir es betrachte⸗ ten“ daß die Verſtorbenen, wenn ſie nach einigen Monaten in ihre Wohnungen zu⸗ rüͤckkehren koͤnnten, mit den waͤhrend ihrer h Abweſenheit getroffenen Veraͤnderungen hoͤchſt unzufrieden ſeyn wuͤrden; aber wenn Du liebenswuͤrdige Frau wieder unter uns erſchieneſt, ſo wuͤrdeſt Du keine Aenderung⸗ en treffen! Ach! wenn es Deiner Tochter und Deiner Freundin erlaubt waͤre, Deinen ſo oft geaͤußerten Lieblingswunſch zu ver⸗ 9 wirklichen, die Jahre, die jede von uns zu leben haͤtte, zuſammen zu werfen, und ſte 278 dann unter uns drei in gleiche Theile zu vertheilen, wie gern wollten wir Dir, theure Karoline, den Dich treffenden An⸗ theil von den unſrigen abtreten, und wie ſelig ſollten uns noch ein Dutzend Jahre, ein paar Jahre auf oder ab, an Deiner Seite verfließen! — Ich waͤr's zufrieden, und wollte meinen Antheil, es ſei nun viel oder we⸗ nig, dazu beitragen, fuͤgte der Doktor heftig hinzu. 1 — Und ich, ſagte der gute Pfarrer, wuͤrde Sie bitten, mich auch in die Ge⸗ ſellſchaft mit aufzunehmen, wenn ich nicht befuͤrchten muͤßte, daß die uͤbrigen Mit⸗ glieder allzu kurz dabei kaͤmen! denn ich bin den Jahren nahe, welche der Koͤnig David als das gewoͤhnliche Ziel unſerer Laufbahn annahm, wenn er im neunzigſten Pſalm ſagt:„Unſer Leben waͤhret ſieb⸗ 279 zig/ wenns hoch kommt achtzig Jahre;“ „was druͤber iſt,“ fuͤgte der Sohn Jeſſe hinzu, iſt nichts als Schmerz und Be⸗ ſchwerde*)— Dieſe aus dem Munde eines Greiſes und eines ſo redlichen Mannes kommende Aeußerung, hatte etwas Nuͤhrendes, ſo wie die Veranlaſſung die dazu Gelegenheit gegeben hatte. Beide zwangen Herru Bonnet nach ſeinem Taſchentuch zu grei⸗ fen. Troz aller von ſeiner Seite ange⸗ wandten Vorſicht bemerkte es Madame Allote und ſagte zu ihm: 1 *) Pſalm XGC. v. 10 u. 1I. Hier weicht die Vulgata, nach welcher Herr Leny dieſe Stelle uͤberſetzt, ganz von Luthers Ueberſetzung ab; denn in unſerer deutſchen Bibel lautet die Stelle ſo: und wenn es koͤſtlich geweſen iſt, ſo iſt's Muͤhe und Arbeit geyeſen, da⸗ hingegen die Vulgata dieſer Stelle einen ganz andern Sinn unterlegt, ſie ſagt naͤmlich: Et am- plius eorum dolor et labor. Anm. d. Veb. 280 — Nun Doktor, da waͤren Sie ja ſo weit wie wir! Klementine und ich haben nichts anderes gethan, lohnte ſich's nun wohl der Muͤhe, uns deshalb ſo ſchrecklich auszuſchmaͤlen. Darf denn das, was das Herz eines Arztes ruͤhrt, nicht auch auf ein paar arme Frauen Eindruck machen! Ein ander Mal ſehen Sie ſich beſſer vor wenn Sie auf Jemanden einen Stein wer⸗ fen wollen, er moͤchte ſonſt ahf Ste zu⸗ ruͤckfallen. —„Was beweiſt dies,“ erwiederte der Doktor. Daß Sie mir eine Schlinge gelegt haben, daß ich mich habe fangen laſſen, und daß, wenn uns boͤſe Gedan⸗ ken aufſteigen, wie mir es jetzt begegnet iſt, man ſie unterdruͤcken ſr. — Sachte, fiel der Rektor ins Wort, das ſind keine boͤſen Gedanken: ſie koͤnnen einen ſegensvollen Einfluß auf das Ge⸗ 281 müth haben, und es gegen die Beſchwer⸗ den, ja ſelbſt gegen die Irrwege des Le⸗ bens mit Kraft unterſtuͤtzen. —„Nichts, nichts, mein lieber Rektor! Wenn ich meine Freunde und meine Kran⸗ ken auf ſolche magere Koſt herabſetzen wollte, ſo wuͤrden Sie Ihnen bald mehr Beſchaͤftigung geben als mir. Iſt Ih⸗ nen an Beerdigungen, an Trauerfeierlich⸗ keiten und Seelenmeſſen gelegen, ſo iſt dies das ſicherſte Mittel darzu. 76 Es ſchien ſich hieruͤber ein foͤrmlicher Streit entſpinnen zu wollen, denn der ehrliche Paſtor machte ſich eben zur Ant⸗ wort fertig, was ſein etwas gegen den Boden ſich neigender Kopf, und das, drei Zoll von ſeiner Stirn gehaltene Obertheil ſeiner geoͤffneten Hand unwiederruflich an⸗ deuteten; als zwei Reiſende zu Pferde in den Hof ritten, es waren Herr Arnoult 282 und die Gattin des Kapitain Feree, welche ſeit einer Woche ihr Kind entwoͤht hat⸗ te.— Herr Bonnet ging ihnen entgegen. So wie Fanny abgeſtiegen war, weu⸗ dete ſie ſich an den Doktor und ſagte ihm ins Ohr: ehe „Ich habe einen Brief vom n Rapitaim erhalten. Dorktor. Wahrſcheinlich iſt er weit von Isle de France?d Fanny. Nein, er hat ſich gensthigt geſehen dahin zuruͤck zukehren. Doktor. Erwaͤhnt er etwas von ſeinem reuigen Suͤnder? 4 Fanny. Allerdings, und zwar ſehr viel. Ich bin Willens den Brief, mit Weglaſſung der auf die arme Vicomteſſe Bezug habenden Stellen, hier vorzuleſen: er wird einige Zerſtreuung gewaͤhren, denn er enthaͤlt manche ziemlich intereſſante 283 Dinge. Der Kapitain hat wie gewoͤhnlich ſeiner frohen Laune hier und da freien. Lauf gelaſſen. 4 21 Doktor. Wollen Sie mir ihn ei⸗ nen Augenblick zukommen laſſen? Ich werde ihn im Garten ein wenig durchlau⸗ fen, und Ihnen dann meine Meinung äͤber ihren Vorſatz mittheilen. Fanny. Recht gern, da iſt er. In der Vorausſetzung, daß ſie ihn mir viel⸗ leicht abfordern koͤnnten, habe ich gewiſſe Stellen mit Papierſtreifen uͤberzogen... Doktor. Ich werde ſie reſpectiren. Der Brief glitt aus ihrer in ſeine Hand, ohne daß es Jemand bemerkte. Der Doktor entfernte ſich ohngefaͤhr zehen Min⸗ ten lang, nach deren Verlauf er Madame Ferec erklaͤrte, daß er von dieſer Lektuͤre eben keine gute Wirkung erwarte. Seine Gruͤnde wuͤrde er ihr nach einer zweiten 284 aufmerkſamern Durchleſung dieſes wichti⸗ gen Briefes morgen mittheilen, deswegen er ſie auch um die Erlaubniß bat, ihn bis dahin behalten zu duͤrfen, was ihm lehr gern bewilligt wurde. Zum erſten Male ſeit dem Tode der Frau von Beaumanloir war auf der Burg Helvin eine ſo zahlreiche Tiſchgeſellſchaft beiſammen, welche Madame Delpont mit herzlicher Dankbarkeit fuͤr die treue An⸗ haͤnglichkeit ihrer Freunde venkeandi⸗ be⸗ ieiheeae 3 Drei und zwanzigſtes Kapitel. Schnell abgemachte Geſchaͤfte.— Abgrund, den kein Senkblei er⸗ reicht. Die Mittagstafel verlaͤngerte ſich ein wenig mehr als gewoͤhnlich, denn der Dok⸗ 285 tor, welcher von einem ſeiner Freunde in Rennes einen Brief erhalten hatte, be⸗ ſaß die den Mäͤnnern von ſeinem Metier eigne Geſchicklichkeit, die Unterhaltung waͤhrend des Nachtiſches auf einen Gegen⸗ ſtand zu leiten, von welchem er mit Sach⸗ kenntniß ſprechen konnte. Es war von der neuen Beguͤnſtigung die Rede, welche Ludwig XVI dem Herrn de la Chalotais hatte zu Theil werden laſſen, deſſen Be⸗ ſitzung Caradeuc zu einem Marquiſat er⸗ hoben worden war. Jeder machte ſeine Bemerkungen uͤber die verſchiednen Schick⸗ ſale, welche dieſer große Staatsbeamte in ſeinem viel bewegten Leben erfahren hatte, und jedermann freute ſich, ihn end⸗ lich den Lohn ſeiner Tugenden, das Wohl⸗ wollen ſeines Koͤnigs, und die Achtung Frankreichs und ganz Europa's genießen zu ſehen. Da Madame Delpont von dem 286 wichtigſten Ereigniß in dem Leben dieſes beruͤhmten Mannes nur unvollkommen un- terrichtet ſchien, ſo wurde Herr Bonnet gebeten, einige Zuͤge davon der Geſell⸗ ſchaft zum Beſten zu geben, was ihm um ſo leichter ſeyn mußte, da man wußte, daß er mit dem ehemaligen Sekretair des Herrn von Chalotais in einigen Verhaͤlt⸗ niſſen ſtand. Zuvor erbat ſich jedoch Herr Arnoult ein kurzes Gehoͤr von Madame Delpont, wegen zweier wichtigen Mittheilungen, die keinen Aufſchub geſtatten; und ſo ſtand man denn vom Tiſch auf. Klementine ging in Begleitung des Herrn Arnoult und Henriettens, die ihren wiederholten Bitten nachgab, auf ihr Zimmer, und nach⸗ dem man den Garten zum allgemeinen Wiedervereinigungspunkt beſtimmt hatte, 287K zerſtreuete ſich die uͤbrige Geſellſchaft nach verſchiedenen Richtungen. Der biedere Notar bemerkte zuerſt, daß, da das Verfahren des Herrn Delpont, in Beziehung auf die Befugniß ſeiner Richte ſeinen Namen zu fuͤhren, einen gerichtlichen Charakter angenommen habe, man von Seiten der naͤchſten Verwandten als Obercuratoren fuͤr dringend erachtet, habe, eine Unterſuchung zu beſeitigen, die, es ſei der Ausgang wie er wolle, noth⸗ 1 wendig unangenehme Folgen nach ſich ziehen— 6 V muͤſſe. Durch dieſen Beweggrund veranlaßt, whatte Herr Arnoult, in Folge eines ziemlich ſtuͤrmiſchen Briefwechſels, einen Vergleich entworfen, laut welchem Klementine berech⸗ tigt war, den Namen Delpont, ohne Wider⸗ ſpruch von Seiten ihres Oheims zu fuͤhren, unter der Bedingung und unter Specialhypo⸗ thek ihres muͤtterlichen Vermoͤgens, ihn und, b 288 ſeine Nachkommen in gerader Linie, ſo wie, eintretenden Falls, ſeine Wittwe gegen alle Anforderungen auf den Grund eines Erbrechts, von Seiten des jungen Eduard oder deſſen Erbnehmer, an das Vermoͤgen des Herrn Delpont, Sekretair des Koͤnigs, zur Zeit wohnhaft in Paris in ſeinem Ho⸗ tel, Straße Richelieu, zu vertreten. Die⸗ ſer Vergleich war in doppelter Abſchrift von Herrn Delpont unterzeichnet in Liſieux angekommen, wo die Unterſchriften der gemeinſchaftlichen Verwandten ebenfalls beigefuͤgt wurden, und was das Merkwuͤr⸗ digſte war, und Herrn Arnoult in Erſtau⸗ nen ſetzte, ſo hatte der einzige von dem Herrn Vicomte von Beaumanoir anerkannte Verwandte, der Chorherr Denos, zu wel⸗ chem ſich Herr Arnoult perſoͤnlich nach Vannes verfuͤgte, um ihm deu Vergleich zur Beſtaͤtigung vorzulegen, und von dem 289 er die meiſten Schwierigkeiten befuͤrchtete, ihm im Gegentheil ſehr viel Verbindliches uͤber die Klugheit geſagt, mit welcher er dieſe kuͤtzliche Angelegenheit geleitet habe. Allerdings hatte der alte Kanonikus ge⸗ aͤußert, daß er dieſer Sache wegen zuvor mit dem Herrn Biſchoff Ruͤckſprache ge⸗ nommen habe. Auch Madame Allote ſtimmte in das Lob des alten Herrn ein, und Klementine ergriff mit Wuͤrde die Feder und unterzeichnete, ohne ein Wort zu ſagen, alle Seiten beider Abſchriften. Nachdem Herr Arnoult beide gleich⸗ lautende Aktenſtuͤcke, die noch einiger For⸗ malitaͤten bedurften, um foͤrmliche Rechts⸗ kraft zu erlangen, gebrochen und in ſeine Brieftaſche vorwahrt hatte, erklaͤrte er mit dem ihm eignen kalten und ernſthaften Weſen, daß er mit einem Heirathsantrag von Seiten eines charakteriſtrten Mannes III Theil. 19 290 von Stande und anerkannter Rechtſchaffen⸗ heit beauftragt ſey; ſeine Vermoͤgensum⸗ ſtaͤnde waͤren zwar nur mittelmaͤßig, wie die Umſtaͤnde aller juͤngern adelichen Soͤhne in Bretagne, er habe aber einen ſchlichten Charakter und untadelhafte Sitten, und ſei, vermoͤge ſeiner Herzensguͤte dazu ge⸗ ſchaffen, eine Frau gluͤcklich zu machen. Die beiden Freundinnen ſahen einander laͤchelnd an, denn beide fielen zugleich auf denſelben Namen, aber es war nur ein Funken jenes Frohſinns, dem ſie ſich ehemals in ihrer ſuͤßen Unſchuld uͤberlie⸗ ßen; und Madame Delpont, dem ernſten Charakter getreu, der ihr nun ſchon bald natuͤrlich zu werden anfing, bat den Notar, ſie der Verlegenheit zu uͤberheben, den Namen des achtbaren Mannes zu erfahren, durch deſſen Antrag ſie ſich geehrt fuͤhle, und deſſen Wuͤnſchen ſie doch nicht ent⸗ 291 ſprechen koͤnne, da der Entſchluß, nie eine Verbindung dieſer Art einzugehen, bei ihr unabaͤnderlich feſt ſtehe. 1 So endigte ſich die Unterhaltung der beiden Freundinnen mit Herrn Arnoult. Klementine verließ ihr Zimmer in einer noch weit ernſtern Stimmung, als ſie es betreten hatte, und ihre Stirn war noch nicht ganz entwoͤlkt, als ſie zur Geſell⸗ ſchaft in den Garten kam. Man ſetzte ſich im Halbkreis, unter eine Gruppe von Baͤumen, die anfingen Knospen zu treiben, und kam auf den Gegenſtand zuruͤck, dem man beim Nach⸗ tiſch nur beruͤhrt hatte. Herr Bonnet gab der allgemeinen Bitte nach, und nahm das Wort:“ „Meine Damen“ ſagte er ich habe Ihnen keine Lebensbeſchreibung des Herrn de la Chalotais verſprochen. Sie ver⸗ 19* 29² dient in einem Lande wo es ein Vater⸗ land gibt, aufgezeichnet zu werden, und ohne Zweifel wird dies einſt geſchehen. Ich wollte Ihnen nur einige Worte uͤber die große Gefahr ſagen, in der er in ei⸗ nem fruͤhern Zeitpunkte ſich befand, und uͤber die Staͤrke der Seelen, die er bei dieſer Gelegenheit bewies. Das Wenige was ich Ihnen daruͤber ſagen werde, iſt buchſtaͤblich wahr, denn ich weiß es von meinem Freunde Thebault, einem Bider⸗ manne, dem man nur einen Mangel an Feſtigkeit in ſeinen Neigungen zum Vor⸗ wurf machen koͤnnte, denn, nachdem er zu⸗ erſt wie ich, die Arzneikunde ſtudiert hatte, iſt er nach und nach Oekonomiſt, Landmann, Profeſſor der Mathematik und jetzt Bu⸗ reauchef der zum Kanalbau von den Staa⸗ ten von Bretagne in Rennes niedergeſetz⸗ ten Kommiſſton geworden. Dem ſei nun 293 wie ihm wolle, ſeine Wahrhaftigkeit iſt keinen Zweifel unterworfen, und da er Privatſekretair bei dem Herrn de lo Cha⸗ lotais, wahrend ſeines berüchtigten Pro⸗ zeſſes, und zugleich mit dieſem Staatsbe⸗ amten und ſeinem Sohne, bis zum Tage ihrer Befreiung, eingekerkert war, ſo konnte wohl niemand von dieſen Vorgaͤngen ge⸗ nauer als er unterrichtet ſeyn.**) Jedermann iſt bekannt auf welch eine fuͤrchterliche Weiſe die Abgaben gegen das Ende der Regierung des verſtorbenen Koͤnigs vervielfaͤltigt wurden. Um die Impoſtedicte durchzuſetzen, nahm man ſeine Zuflucht zu Gewaltſtreichen, welche die ouergiſchten Staatsbuͤrger trafen, und da *) Der Herausgeber dieſer Nachrichten hat im Jahr 1786 ebenfalls Gelegenheit gehabt, die Erzaͤhlung dieſer Ereigniſſe aus den Munde des Herrn Thebault zu vernehmen. 294 dieſe in ihren Landsleuten, deren berufene Stellvertreter ſie waren, ihre Vertheidi⸗ ger fanden, ſo mußten dieſe Gewaltſtreiche ge⸗ gen Einzelne, endlich auch zu gewaltthaͤtigen Einſchreitungen gegen ganze Korporazionen und Provinzen fuͤhren. Bretagne, dieje⸗ nige Provinz Frankreichs, wo der meiſte Gemeingeiſt herrſcht, trafen dieſe Schlaͤge in vollem Maaße. Es hatte durch ſeine aus dem Adel beſtehenden Staͤnde, und durch ſein Parlament, welches ebenfalls dazu gehoͤrt, dem Hofe Widerſtand ge⸗ leiſtet. Umſonſt hatte Herr von Laverdy, Generalkontroleur der Finanzen, vor un⸗ gefaͤhr zehen Jahren, die unumſchraͤnkte Souveraͤnitaͤt des Koͤnigs*) uͤber dieſes Herzogthum, als ein Axiom aufzu⸗ ſtellen verſucht, die Bewohner von Bre⸗ — *) Ditel eines im Jahr 1765 von Herrn von Laverdy herausgegebenen Buchs. 295 tagne antworteten, ſie waͤren eine Nation geweſen, ehe ſie mit der Krone vereinigt worden waͤren, ſie waͤren es noch, da ſie eine eigne in Wirkſamkeit ſich befindende Konſtitution beſaͤßen, und Herr de la Cha⸗ lotais, von welchem man einige hoͤchſt witzige Aeußerungen erzaͤhlt, erklaͤrte auf ironiſche Weiſe,„daß die unumſchraͤnkte Souveraͤnitaͤt des Koͤnigs offenbar am Tage laͤge, da die Urkunde, welche ihm dieſes Bisthum zuſichere(der Ehekontrakt zwiſchen Ludwig XlI und der Herzogin Anna) ihn zugleich verpflichte, die Gerecht⸗ ſame der Staaten von Bretagne, wie ſol⸗ che vor ihm ausgeuͤbt worden waͤren, auf⸗ recht zu erhalten, wobei er als einen noch uͤberzeugendern Beweis hinzufuͤgte:„Ver⸗ langten nicht, Kraft dieſer Souveraͤnitaͤt, dieſelben Staͤnde, die Barone an ihrer Spitze, von Franz II unſerm letzten Her⸗ 296 zog, an deſſen Hoflager der gute Koͤnig Ludwig XII ſich einige Zeit aufhielt, daß ihnen der Großſchatzmeiſter und Liebling Landais ausgeliefert wuͤrde, der auch, trotz aller Bemuͤhungen des Fuͤrſten, dieſen Gal⸗ genſtrick zu retten, deſſen Vater ein arm⸗ ſeliger Schneider in Vitrè war, zum Tode verurtheilt und 1485 gehenkt wurde.*) Eine maͤchtige Familie hatte ſich befon⸗ ders uͤber dieſen Bretagniſchen Beamten zu beſchweren, der die Angriffe auf die Gerechtſame feines Vaterlandes durch bei⸗ ſende Epigramme auf diejenigen raͤchte, welche die vorgeſchriebenen gewaltſamen — Der Kanzler Chriſtian lieferte den Rich⸗ tern dieſen Unterdruͤcker ſeiner Mithuͤrger aus, und er wurde, ohne Vorwiſſen des Herzogs, deſ⸗ ſen Schwaͤche gegen Landais man fuͤrchtere, hin⸗ gerichtet. Franz II war der Vater der Herzogin Anna, die ihren beiden Gemahlen das Herzog⸗ thum Bretagne zur Morgengabe mitbrachte. 297 Maasregeln gegen die Provinz ausfuͤhrten. Es wird Ihnen meine Damen bekant ſeyn, wie der Herzog von Aiguillon es nie hat vergeſſen koͤnnen, daß Herr von Chalotais dieſen koͤniglichen Befehlshaber welcher, waͤhrend des Treffens bei St. Caſt in einer Muͤhle Poſto gefaßt, und dort den Aus⸗ gang der Schlacht abgewartet hatte, ſeinen Landsleuten mit Mehl ſtatt, mit Ruhm bedeckt, darſtellte.*) Das feſte Schloß von St. Malo war der Lohn des kuͤhnen Witz⸗ lings und die zerſtreueten Juͤnger Loyo⸗ la's freueten ſich in ihren Zufluchtsoͤrtern uͤber das Schickſal des Verfaſſers der Darſtellung ihrer Conſtitutio⸗ nen. 88) *) Ein beruͤhmtes Bon Mot des Herrn von Chalotais. *) Ein Werk des Herrn von Chalotais voll Kraft und logiſcher Ordnung. Es enthaͤlt die beiden Vortraͤge dieſes Beamten in der beruͤchtig⸗ 298 Die von Maupeou mit Gewalt einge⸗ ſchobenen Parlementsglieder hatten(was von Eingedrungenen etwas Seltenes iſt, und wofuͤr man ihnen Dank wiſſen muß) ſich geweigert, uͤber den ehemaligen Gene⸗ ralprokurator ein Urtheil zu faͤllen, oder mit andern Worten, ihn zum Tode zu ver⸗ dammen. Nun wurde eine Commiſſion nie⸗ dergeſetzt, um dieſes Urtheil zu ſprechen. Der Praͤſident derſelben, Herr von Calon⸗ ne hat mit dieſem Urtheilsſpruch ſeine jet⸗ zige Stelle als Intendant in Metz bezahlt. Herr von Chalotais wurde ins Geheimge⸗ faͤngniß Cecret) geſetzt, und ihm kein Ad⸗ vokat zugelaſſen, aber er vertheidigte ſich ſelbſt mit eben ſo viel Kraft als Geſchick⸗ lichkeit. Da er weder Tinte, noch Feder, ten Sache gegen die Jeſuiten, die er vor dem Parlament von Rennes gehalten hat, nebſt den darauf erfolgten Urtheilsſpruͤchen. 299 noch Papier hatte, ſo machte er ſich Tinte aus Rus, eine Feder aus einem Zahnſto⸗ cher, die Blaͤtter eines Gebetbuchs lieferten ihm Papier, und ſein patriotiſcher Feuergeiſt machte ihn beredt.“ Hier unterbrach der Pfarrer von Hel⸗ vin Herrn Bonnet:„Das nimmt mich gar nicht Wunder mein Freund, ſagte er, die Worte der Schrift, die er auf den Blaͤttern finden mußte, waren wohl geeig⸗ net, dieſen großen, durch das Gefuͤhl ſei⸗ ner Unſchuld ſchon ermuthigten, Mann zu begeiſtern.“ e Mein lieber Rektor fuhr der Arzt, der ſeinem Freunde nicht widerſprechen wollte, fort, rechnen Sie dazu einen tuͤchtigen Bretagniſchen Kopf und wir werden alles beiſammen haben. Denn der Muth, wel⸗ cher den Herrn von Chalotais beſeelte, erfuͤllte mit weniger Ausnahme die Herzen 300 des ganzen Adels dieſer Provinz. War es nicht zu derſelben Zeit, wo Herr Char⸗ rete de la Gacherie, welcher aus eben die⸗ ſer Urſache eingekerkert war, dem wachha⸗ benden Ofſtzier, der ihn ſeine Dienſte an⸗ bot und, vielleicht mit einem wohlwollen⸗ den Gefuͤhl, ihn fragte, worinnen er ihm nuͤtzlich ſeyn koͤnnte, im Geiſt eines Roͤ⸗ mers der fruͤhern Zeit die rauhe, kurze Antwort gab„Nun, ſo ziehe mir die die Stiefeln aus!“ Ich habe ſchon vor einiger Zeit die Quelle dieſer National⸗ kraft angegeben. „Das Todesurtheil war ausgeſprochen; es war dem Beklagten bereits bekannt ge⸗ macht; er wußte nur ſoviel, daß, wenn es nicht ſogleich vollzogen wuͤrde, es bloß an der Beſtaͤtigung des Koͤnigs laͤge, die man von Verſailles erwarte. Waͤhrend dieſes Aufſchubs, der fuͤr andere eine ununter⸗ 301 brochene Todesangſt vielleicht geweſen ſeyn wuͤrde, war der Generalprokurator immer ruhig, ein wahrer Stoiker. Sogar einige Aeußerungen eines unerkuͤnſtelten Froh⸗ ſinns entſchluͤpften feinen Lippen, aber mit jener Zuruͤckhaltung, welche die Staͤrke der Seele desjenigen beurkundet, der ſie ſich erlaubt.— Sei es nun Eifer der Unterbeamten, oder Folge geheimer Inſtruc⸗ tionen von Seiten des Herrn von Calon⸗ ne, der alles in Bereitſchaft ſetzen zu laſ⸗ ſen wuͤnſchte, um den von ihm ſehnlich er⸗ warteten Befehl ſogleich vollziehen zu koͤn⸗ nen, man arbeitete an dem Blutgeruͤſte, auf dem das Haupt des Herrn de la Cha⸗ lotais fallen ſollte, und man hatte die Aufmerkſamkeit, es ganz in der Naͤhe von dem Gefaͤngniſſe aufzurichten, ſo daß der Verurtheilte jeden Hammerſchlag, der auf die Breter und Bohlen fiel, dentlich ver⸗ 302 nehmen konnte. Der Generalprokurator ward dadurch nicht erſchuͤttert, wohl aber wurde ſein wuͤrdiger Sohn Herr von Ca⸗ radeuc*) davon auf das Schmerzlichſte er⸗ griffen, ſo daß dieſe verſchiedene Gemuͤths⸗ ſtimmung beider, jedem von ihnen zur Ehre gereichte.„Thebault, ſagte der Herr de la Chalotais zu ſeinen Sekrataͤr, in Be⸗ ziehung auf den Zimmermann, der ſeine Naͤgel einſchlug, der gute Menſch ahndet nicht, daß jeder ſeiner Schlaͤge fuͤr mich ein Ruf aus der Ewigkeit iſt, uͤbrigens kann *) Nachdem dieſer achtungswerthe Bretag⸗ ner eine ſolche Kriſis uͤberlebt hat, iſt es ſehr zu beklagen, ihn ſpaͤter in Paris als ein Opfer des Revolutionstribunals fallen zu ſuchen. Die Kom⸗ miſſion von St. Malo hatte nur ſeinem Vater verdammt, er uͤberlebte ihn neun Jahr bis 1794 und hatte wohl ſchwerlich ein ſolches Ende vermu⸗ thet. Wenn diejenigen, welche damals ſo viel von Freiheit ſprachen, ſie aufrichtig gewuͤnſcht haͤtten, ſo mußte der Name de la Chalotais, wo nicht eine Aegide, doch wenigſtens ein Schutzbrief ſeyn. 303 ich nicht ſagen, daß ſte mich ſo außeror⸗ dentlich erſchrecken; inzwiſchen werden ſie den Ohren der frommen Vaͤter von der Geſellſchaft Jeſu noch weniger mißfallen, und eine noch angenehmere Muſtk fuͤr ſie ſeyn, als das Farbenklavier ihrer Paters Caſtel.. St 1 Ein ander Mal machte er, in Bezieh⸗ ung auf dieſe Geſellſchaft folgende Bemer⸗ kung:„Jetzt, ſagte er, iſt ſie verjagt, in die Acht erklaͤrt, und trotz der Unterſtuͤtz⸗ ung Klemens XIII in vier Koͤnigreiche zer⸗ ſtreut. Nach der Wahrſcheinlichkeitsberech⸗ nung menſchlicher Angelegenheiten muͤſſen ſie alle in funfzig Jahren das ſeyn; was ich im Kunzen ſeyn werde; pulvis et um- bro(Staub und Schatten.) Aber denken Sie an mich, Thebault, ihre Aſche wird ſich noch bewegen, und ſich vielleicht wieder beleben, denn man kennt gar nicht die 304 ganze Lebenskraft dieſer Bruͤderſchaft; ſie iſt eine Lernaͤiſche Schlange.“ Auf dieſe Art, meine Damen, unterhielt er ſich noch vertrauter mit ſeinem Sekretaͤr, als mit ſeinem Sohne, deſſen tiefen Schmerz er zu ſehr ehrte.“ „Indeſſen war das Todesurtheil von Ludwig XV unterſchrieben; der Kurier, dem es unter Empfehlung der groͤßten Eile, anvertraut wurde, war ſchon ſeit zwoͤlf Stunden fort, als es der Herzog von Choiſeul auf eine hoͤchſt eigene Art aus dem Munde des Koͤnigs ſelbſt erfuhr. Der Herzog begegnete dem Koͤnig(der den Miniſter vermied) in einer der Gallerien von Verſailles, dieſer wendete ſich mit folgenden kuͤhnen Worten an den Monar⸗ chen:„Sire, ſagte er, Euer Majeſtaͤt be⸗ finden ſich nicht in Ihrer gewoͤhnlichen Stimmung, Sie haben das Todesurtheil 305 des Generalprokurators von Rennes un⸗ terſchrieben!“ Ludwig XV geſtand alles. Der Herzog hatte nebſt einem Schreibzeug auch einen Gegenbefehl bei ſich, dem nur die Unterſchrift fehlte, er erhielt ſie auf einen ſeiner Knie, gleich in der Gallerie, indem er ſeinem Gebieter vorſtellte, daß eine ſolche Handlung ohnfehlbar von vie⸗ len fuͤr eine Ungerechtigkeit und von allen fuͤr eine Grauſamkeit betrachtet werden, und den Koͤnig von Frankreich in den Au⸗ gen von ganz Europa mit Schande bede⸗ cken wuͤrde. Der Herzog hielt ſchon ei⸗ nen Kurier in der Naͤhe des Orange⸗ riehofs bereit, dem er ſeine Depeſchen mit den Worten uͤbergab:„Dein Kamme⸗ rade hat zwoͤlf Stunden Vorſprung vor Dir, reite ſo viel Pferde zu Tode als du willſt, mein Freund, Du uͤberbringſt einem Biedermanne ſeine Begnadigung!“ III. Theil. 20 306 Der Kurier, von welchem Herr The⸗ bault dieſe einzelnen Zuͤge erfahren hat, zeigte ſich ſeiner frohen Botſchaft wuͤrdig. Zehn Stunden von Rennes, nicht weit von Vitrè, holte er ſeinen Kammeraden, der das Todesurtheil zu uͤberbringen hatte, ein. „Dominique, rief er ihm ohne anzuhalten von ſeinem Pferde zu, iſt deine Beſtim⸗ mung nicht nach St. Malo?— Ja, war die Antwort—„Nun denn,“ erwiederte der Ueberbringer der froͤhlichen Botſchaft, du kannſt zuruͤckbleiben, wenn du willſt, denn ich habe den Begnadigungsbrief fuͤr Herrn de la Chalotais in der Taſche— „Von Herzen gern„ antwortete der Ein⸗ geholte, du befreieſt mich von einer ſchwe⸗ ren Kommiſſion. „Dominique, iſt ein braver Burſche“ fuͤgte der Kurier ſeiner Erzaͤhlung bei. Er ließ mich mit Vergnuͤgen voraus; ich 307 war ooͤllig erſchoͤpft, aber wenn er den Vortheil, den er vor mir voraus hatte, haͤtte benutzen wollen; ich haͤtte ihn vor den Kopf geſchoſſen, ehe ich ihn vorgelaſ⸗ ſen haͤtte.“ 4 Dieſer brave Mann, der dem Befehl des Miniſters treulich befolgend, nur vom Pferde geſtiegen war, um ſich auf ein an⸗ deres zu ſchwingen, der, als zwei davon unter ihm todt niederſtuͤrzten, ſich der Pferde der ihn von Stazion zu Stazion begleitenden Poſtillons, bemaͤchtigte, der nicht anders als mit dem Zaum in der Hand, und den Sporn in der Seite des Pferdes, gegeſſen und getrunken hatte, ſa⸗ he ſich zu ſeinem großen Schmerze genoͤ⸗ thigt, in Rennes vierzehen Stunden von St. Malo liegen zu bleiben, und ſeine Depeſchen einem andern Kammeraden an⸗ zuvertrauen, der ſich gluͤcklich ſchaͤtzte, 20* 308 ſeine Stelle uͤbernehmen zu koͤnnen, denn die Sache des Herrn de la Chalotais, war Sache einer ganzen Provinz. Man trennte ſich auf der Burg, nach⸗ dem man vorher noch mancherlei, uͤber den hohen Muth des Generalprokurators, uͤber die Schwaͤche, mit welcher ſich Lud⸗ wig XV in den letzten Jahren ſeiner Re⸗ gierung den Schmeichlern hingab, und uͤber den edeln Charakter des Herzogs von Choiſeul geſprochen hatte. Bei Er⸗ waͤhnung der Geſchwindigkeit mit welcher der Kurier in kaum dreiſſig Stunden, neunzig Stunden Wegs auf ſehr verdor⸗ benen Wegen zuruͤckgelegt hatte, war man uͤbrigens im Ganzen der Meinung, daß doch im Grunde, wenn es darauf ankommt einen Unſchuldigen zu retten, thaͤtige Menſchenliebe ſich als eine allgemeine Tu⸗ gend unſeres Geſchlechts zu erkennen gibt. 8 309 Zu Unterſtuͤttzung dieſer Wahrheit fuͤgte Herr Bonnet, aus den von ihm erhaltenen Nachrichten, annoch die Bemerkung hinzu, daß der Generalprokurator von Rennes eine ſo allgemeine Theilnahme erregt habe, wie man in dieſem Lande kein aͤhnliches Beiſpiel aufzuweiſen haͤtte. Verwandte und Fremde, alles war ihm ergeben. In jedem Buͤrger fand er einen Bruder; ſeinen Feinden war dies nicht unbekannt, daher hatten ſie auch die Veranſtaltung getroffen, ihn in einer Feſtung gefangen zu halten, zu richten, zum Tode zu ver⸗ dammen und das Todesurtheil vollziehen zu laſſen. Ob er gleich in enger Haft ſich be⸗ fand, ſo blieb ihm doch nichts unbekannt, was zu erfahren, von Wichtigkeit fuͤr ihn ſeyn konnte; man hatte ein Mittel gefun⸗ den, ihn davon zu unterrichten, indem man in den Buͤchern, deren Lektuͤre ihm erlaubt 310 wurde, diejenigen Worte mit einem ſpitzi⸗ gen Inſtrumente, um den Stich eines Buͤcherwurms nachzuahmen, bezeichnete, durch welche er die ihm mitzutheilenden Nachrichten ſich zuſammenſetzte. Kaum hatten die Gaͤſte die beiden Freundinnen verlaſſen, als ſie ſich mit ei⸗ nem Haͤndedruck gegenſeitig fragten: „Warum haben wir doch dort oben „uicht auch einen Herzog von Choiſeul ge⸗ „funden, wie die Familie des Herrn de „la Chalotais einen in Verſaille gefunden „hat? Dieſen ihnen beiden gemeinſchaftli⸗ chen Gedanken, aͤußerten ſie jedoch nur jetzt erſt unter ſich, denn ſie haͤtten be⸗ fuͤrchtet, wenn ſie ihn fruͤher laut ausge⸗ ſprochen haͤtten, das Zartgefuͤhl des Herrn Bonnet zu kraͤnken. Nun unterhielten ſie ſich uͤber die An⸗ gelegenheiten, die nach dem Mittagseſſen △ in weniger als einer halben Stunde auf Klementinens Zimmer in Ordnung ge⸗ bracht waren. Der unterſchriebene Ver⸗ gleich, ohnerachtet er ihre Ruhe fuͤr die Zukunft ſicherte, beſchaͤftigte ſie nur in ge⸗ ringem Maaße; es ſchien, daß man von beiden Seiten ſich fuͤrchtete, davon zu ſprechen. Doch konnte man nicht umhin, ſich bei dem bekannten Charakter des Abbè Desnos, dieſes entfernten Verwandten des Vicomte von Beaumanoir, von wel⸗ chem man nichts als Ausbruͤche uͤbler Laune und Vorwuͤrfe erwartete, daruͤber zu wundern, daß er ſich mit ſo vieler Ge⸗ faͤlligkeit dem Anſuchen des Herrn Ar⸗ noult gefuͤgt habe. Was den neuen Hei⸗ rathsantrag betraf, ſo riethen Madame Delpont und Madame Allote beiderſeits auf den Ritter Kerſtrat, deſſen Betragen gegen ſie unter allen Umſtaͤnden ſtets hoͤf⸗ 312 lich und ehrerbietig geweſen war, wobei Klementine folgende Bemerkung machte. Henriette, du haſt gewiß weder unſere Unterhaltung mit meiner Mutter, uͤber meine zukuͤnftigen Verhaͤltniſſe nach mei⸗ ner traurigen Krankheit, noch meine Er⸗ 1 klaͤrung vergeſſen, daß ich zu einer Ver⸗ bindung mit Jobic Kerſtrat, oder mit je⸗ dem andern biedern Edelmann in Bretagne bereit ſei, der, als mein Gatte uns unter ſeinem Schutze die Lebensweiſe ruhig wuͤrde fortſetzen laſſen, deren Annehmlich⸗ keiten wir bereits aus der Erfahrung kannten und zu ſchaͤtzen wußten. Du wirſt mit mir fuͤhlen, liebe Freundin, daß die Verhaͤltniſſe ſich ſeitdem anders geſtaltet ha⸗ ben. Damals waͤre jede ſtandesmaͤßige Wahl eine ehrenvolle Wahl geweſen, aber wenn jetzt die Tochter der Frau von Beaumanoir ſich den Gefahren eines ehelichen Buͤnd⸗ 313 niſſes ausſetzen wollte, ſo koͤnnte dies nur mit einem, durch glaͤnzende Vermoͤgens⸗ umſtaͤnde und perſöͤnliche Vorzuge ausge⸗ zeichneten, Manne geſchehen, außerdem man nicht anſtehen wuͤrde zu ſagen, daß ſie, nach einem jugendlichen Fehltritte, ſich, wie ſo manche andere, zu allem, vielleicht noch zu erwas geringern als ſich ihr wirklich dar⸗ geboten habe, wuͤrde bequemt haben, und ſich dem Erſten, Beſten, an den Hals ge⸗ worfen haͤtte. Vor einem Jahre wuͤrde man den Antrag des Herrn Arnoult nicht gewagt haben, und folglich kann er mich nur lebhaft an mein Ungluͤck erinuern. Wenn Jobic Kerſtrat(ich vermuthe daß er der Bewerber iſt) damals um meine Hand anzuhalten den Muth gehabt haͤtte, ich wuͤrde ihm jetzt fuͤr ſeine wiederholte Anfrage Dank wiſſen, ohne uͤbrigens ſei⸗ nen Waͤnſchen zu entſprechen; aber, liebe 314 Allote, wie demuͤthigend es fuͤr mich ſeyn muͤſſe, daß er erſt jetzt ſich dazu enrſchloſ⸗ ſen hat, fuͤhlſt du gewiß ſelbſt, ohne daß ich erſt noͤthig haͤtte dich auf den Beweg⸗ grund zu meiner Kraͤnkung aufmerkſam zu machen! Uebrigens wuͤrde von nun an der Marquis von Boisbriant, ſo wie jeder andere eine abſchlaͤgige Antwort zu erwar⸗ ten haben. Mein Schickſal iſt truͤbe, und Deine ungluͤckliche Freundin muß die Laſt deſ⸗ ſelben tragen, ſo lange ihre Kraͤfte ausreichen. Dieſe Geſinnungen waren edel und erhaben, Henriette glaubte in der Tochter die Mutter zu hoͤren, und waͤhrend ſie bei ſich den Wunſch wiederholte“„Warum ha⸗ ben wir nicht auch unſern Herzog von Choiſeul!“ kam es ihr vor, als ob ſie in Klementinen die liebenswuͤrdige Freundin ihrer Jugend wieder faͤnde. 315 Wir koͤnnen unſerm Leſer nicht bergen, daß ſeit einigen Monaten in den Ideen der Madame Delpont eine Art von Um⸗ waͤlzung vorgegangen war. Einige in ihrer Naͤhe entſchluͤpften, ihr nicht ganz verſtaͤnd⸗ lichen Worte, einfache Aeußerungen der Bedienten, die beleidigende Erzaͤhlung der Katherine Synvenn, die der junge Calvez zu ſeiner Vertheidigung hinter⸗ bracht hatte, als die Reiter von der Mar⸗ chauſſes ihn von ſeinen Gebieterinnen weg⸗ fuͤhrten, der letzte Auftritt auf dem Got⸗ tesacker, in welchem die Sibylle nochmals 3 auftrat, der Widerwille des Herrn Leny, ſich des Stocks von Ebenholz zu bedienen, was Mariane in aller Unſchuld ihrer Ge⸗ bieterin wieder erzaͤhlt hatte, alle dieſe Dinge, die ihrer Seele verworren vor⸗ ſchwebten, bedruͤckten ihren Geiſt wie ein ſchwerer Traum, deſſen beaͤngſtigende Ein⸗ 316 druͤcke man gern verwiſchen moͤchte. Aber trotz ihrer Bemuͤhungen draͤngten ſich bald der eine, bald der andere Umſtand ihrem Nachdenken auf, die ſie jedoch immer zu verſcheuchen ſuchte. Da ſie Eduard fuͤr den Urheber ihrer ſo traurigen Lage halten mußte, da es ſogar zu ihrer Ruhe gereich⸗ te ihn dafuͤr zu halten, ſo wagte ſie es gar nicht mehr uͤber dieſen Gegenſtand nachzuforſchen, ja auch nur ihre Gedanken darauf zu richten. Wenn ein neues Licht aus der Tiefe dieſes Abgrunds ihr entge⸗ gen zu glaͤnzen ſchien, dann durchbebte ein unwillkuͤhrlicher Schauer ihre Glieder und machte ihre Sinne erſtarren. In der angſtvollen Verzweiflung auf eine Aufloͤ⸗ ſung ihrer Bedenklichkeiten zu ſtoßen, vor dieſer Aufloͤſung vielleicht zuruͤckſchaudernd, floh ſie alles was ſie darauf hinleiten konnte eben ſo ſorgfaͤltig, als ſie ſich gleich nach 317 der Geburt ihres Kindes damit beſchaͤftigt hatte. Moͤglichkeiten, außerhalb dem Ge⸗ biete ihrer bis jetzt daruͤber beſitzenden Nachrichten, ſchienen ihr ſo ſchrecklich, daß ſie ſich in dem Schooß einer ſyſtematiſchen Unwiſſenheit, als in den einzigen ihr offen⸗ ſtehenden Zufluchtsort fluͤchtete. Sie haͤtte eben ſo ſehr gefuͤrchtet dergleichen Moͤglich⸗ keiten mit Madame Allote zu eroͤrtern, als fuͤr ſich ſelbſt. Ihre Freundſchaft war ſo rein, der Charakter derſelben ſo edel, daß ſie befuͤrchtet haͤtte, ihr gegenſeitiges zartes Verhaͤltniß bloß durch die Mitthei⸗ lung ihrer Bedenklichkeiten zu ſtoͤren. Ihr Stillſchweigen uͤber dieſen Punkt trug noch jetzt das Gepraͤge desjenigen, welches ihre Mutter ſo gewiſſenhaft behguptet hatte. Gewiſſe Wunden ſind ſo abſchreckend und furchtbar, daß man es nicht wagt ſie vor ſolchen Weſen, an deren Achtung uns gele⸗ 318 gen iſt, zu entbloͤßen. Man ſthweigt, wenn das Mitleiden unſer Ungluͤck nur ver⸗ groͤßert. Dies iſt die Scham, die uns große Ungluͤcksfaͤlle einfloͤßen, und die ſich wohl entſchuldigen laͤßt. Indeſſen brach⸗ ten dieſe ungewiſſen und ſich ſelbſt wider⸗ ſprechenden Gemuͤthsbewegungen eine Art von Verlegenheit bei Klementinen hervor, die aus ihrem Gemuͤthe auf ihre Geſichts⸗ zuͤge uͤberging, und auf denſelben zuweilen einen ſchwer zu beſchreibenden Ausdruck zuruͤck ließ. Sich Madame Delpont nen⸗ nen zu hoͤren, war beinahe fuͤr ſie eine taͤgliche, ja ſtuͤndliche Ueberraſchung; ein tief liegendes Gefuͤhl hinderte ſie, ſich mit dieſem Namen zu befreunden, und oͤfters vergaß ſie darauf zu antworten. Zarte Vorwuͤrfe konnten ſie dann erſt zu ſich ſelbſt bringen.„Ihr Leben und ihre Per⸗ ſon,“ verſicherte ſie dann, ſchienen ihr 319 von ſo geringen Werth, daß die Verhaͤlt⸗ niſſe derſelben ihr endlich voͤllig gleich⸗ guͤltig wurden. Vier und zwanzigſtes Kapitel. Der Brief.— Der Freunde Kreis vermindert ſich.— Geſchenk un⸗ ter der Bedingung einer Gegen⸗ gabe. — Nach ſeiner Heimkehr laß der Doktor den Brief des Kapitains Ferec an ſeine junge Gattin noch ein Mal durch. Er ſchien von ſolcher Wichtigkeit fuͤr moͤgliche Fälle, in Bezug auf Madame Delpont, daß er einen Theil der Nacht dazu an⸗ wandte, ihn abzuſchreiben, nicht um ihn ſogleich irgend Jemanden anders als dem 320 Rektor mitzutheilen, als vielmehr aus Furcht, die Urſchrift koͤnne verlohren gehen, weshalb er fuͤr noͤthig hielt den Inhalt deſ⸗ ſelben gegen moͤgliche Ereigniſſe ſicher zu ſtellen. Herr Bonnet glaubte nicht ſich dadurch eines Mißbrauchs des Vertrauens ſchuldig zu machen, deſſen ſein Zartgefuͤhl unfaͤhig geweſen waͤre. Von der Einwil⸗ ligung der Madame Ferec uͤberzeugt, un⸗ terließ er, ſie darum zu bitten, um nicht einen Verdacht zu erregen, der den Kreis und folglich auch die Gefahr der Mitwif⸗ ſenſchaft um ein Geheimniß dieſer Art zu ſehr haͤtte vergroͤßern koͤnnen. Hier folgt ſein Inhalt: Auf der Rhede von Isle de France, am Bord der liebenswuͤrdigen Eliſabeth den 15 April 1777. Geliebte Fanny, ich betrachte die Briefe die ich an Dich ſchreibe, als mein zweites 321 Schiffstagebuch. Es iſt auch das, womit ich mich am liebſten beſchaͤftige. Der Ort von woher dieſer Brief datirt iſt, wird Dich in Verwunderung ſetzen, ſo wie dies ſelbſt bei mir der Fall iſt. Indeſ⸗ ſen darfſt Du nicht glauben, daß ich ſeit meinen letzten Nachrichten muͤſſig in Port⸗ Louis ſtazionirt habe. Nein, ohne uns gerade weit zu entfernen, haben wir doch immer die offene See gehalten; aber nach dem Willen der Kompagnie haben wir uns blos darauf beſchraͤnkt, den Reſt un⸗ ſerer Ladung auf einigen der naͤchſten In⸗ ſeln des großen Indiſchen Archipels ab⸗ zuſetzen, und auf die Inſel Bourbon zu⸗ ruͤckzukehren, und Wuͤrznelken und Kaffee von der beſten Guͤte, Eden genannt, ein⸗ zutauſchen, dann haben wir unſere Ladung mit Produkten von Isle de France voll⸗ ſtaͤndig gemacht, indem wir uͤbrigens un⸗ III. Theil. 21 322 ſerer Ordre gemaͤß auf zwei Fregatten warteten, die uns, ſo wie einigen andern franzoͤſiſchen Handelsſchiffen zur Bedeckung dienen ſollten, denn es verbreitete ſich ſeit Kurzem das Geruͤcht von einem bevorſte⸗ henden Bruche zwiſchen England und Frank⸗ reich, da jenes ſeine Nord⸗Amerikani⸗ ſchen Kolonien, die ſich von dem Mutter⸗ lande zu trennen im Begriff ſind, wieder unter ſeine Herrſchaft zuruͤckzufuͤhren ſucht, und dieſes, wie man ſpricht, ſich anſchickt, die Einwohner von Boſtou in ihren Un⸗ abhaͤngigkeitsprojecten zu unterſtuͤtzen. „Bei meiner Nuͤckkehr fand ich Dei⸗ nen erſten Brief, der mir ſehr geſchwind zugekommen iſt, und ich bin Dir um ſo mehr Dank ſchuldig, daß Du meine Bitte erfuͤllt, und ihn aufs Ungewiſſe haſt abge⸗ hen laſſen, da er mir die erſtaunenswuͤrdige Nachricht von dem Wiedererwachen Deiner 323 liebenswuͤrdigen Nachbarin hinterbringt. Die Geſchichte von unſerer kleinen Hei⸗ ligen muß ſich gegen dieſe verkriechen! Und in der That findet doch ein kleiner Unterſchied zwiſchen dieſer ausgegrabenen alten Pergament⸗ und der weichen und friſchen Haut des ſchoͤnſten Maͤdchens der ganzen Provinz Statt. Es iſt ein wun⸗ dervolles Ereigniß, wie ſich kaum in Jahr⸗ hunderten ein aͤhnliches zutraͤgt. Wie groß muß die allgemeine Freude geweſen ſeyn, Klementinen aufs Neue unter den Lebenden zu ſehen. Mit welchem Ver⸗ gnuͤgen wuͤrde ich nicht ſelbſt dieſe niedliche Felucke convoyiren, die ich ſo entmaſtet und in den Wellen begraben glaubte! Wie wird das Herz der trefflichen Vicom⸗ teſſe vor Freuden geſchlagen, wie wird ſie ſich verjuͤngt haben, wie wird ſie ſtolz auf den Wiederbeſitz ihrer Tochter ſeyn! Es 21 † 324 iſt mir, als ob ich ein herrliches Schiff von Vier und ſechzig Kanonen vor mir ſaͤhe, das eine flinke Fregatte als Bedek⸗ kung begleitet; und die liebenswuͤrdige Henriette, die ihren Platz bei dieſer Flotte ſo trefflich behauptet! Ich kann mir recht lebhaft denken, wie ſehr ein ſo gluͤckliches Ereigniß das Anziehende ihrer ohne hin, wenigſtens nach meinem Geſchmack, ſo reiz⸗ zenden Zuͤge noch mehr erhoͤhen muß, Du weißt uͤbrigens wohl, liebe Fanny, daß Madame Allote die einzige Nebenbuhlerin iſt, deren Reitze Du zu fuͤrchten haſt. Ich habe mich mehr als ein Mal uͤberraſcht, im Begriff ihr eine Erklaͤrung zu machen, und eine Kriegserklaͤrung waͤre es wahr⸗ haftig nicht geweſen. Gern waͤre ich mit ihr, das kann ich Dich verſichern, mit vol⸗ len Seegeln in die ſchoͤne Bucht von Dreiſſig bis Vierzig eingelaufen, die ſte mit ſo vieler Grazie durchſchifft, ob ich gleich zweifle, daß ſie das letztere Vor⸗ gebirge umſegelt hat. „Aber es gibt noch Jemanden meine liebe Freundin, dem Deine wunderbare Erzaͤhlung eben ſo ungemein erfreulich geweſen ſeyn wuͤrde, als mir, wenn es mir moͤglich geweſen waͤre, ſie ihm mitzuthei⸗ len. Es iſt der merkwuͤrdige Paſſagier, von dem ich Dich unterhalten habe, und der, durch meinen letzten Brief, ſo viel Theilnahme bei Dir erregt hat, wenn ich nach Deinem wiederholten Anfragen um naͤhere Auskunft uͤber dieſes raͤthſelhafte Weſen urtheilen ſoll. Ich habe an dieſem Fragen die neugierige Kreolin erkannt, dafuͤr gehoͤrſt Du auch zu Evens Toͤchtern, Fanny! Dies bringt mich auf den Gedan⸗ ken, ob nicht das irdiſche Paradies eine Inſel, vielleicht eine Suͤdſeeinſel geweſen ſei, wo ein traͤges, folglich der Neugier froͤhnendes Leben eine nothwendige Folge des Klima's ſeyn mußte. Deshalb waͤre ich auch geneigt zu glauben, wenn nicht hier von Erſchaffung der Welt, die allen andern Schoͤpfungen vorherging, die Rede waͤre, daß Eva eine Kreolin geweſen ſei, wie Du. Nun wohlan denn, unausgear⸗ tete Tochter Deiner Mutter, ich will Dei⸗ ne Neugierde befriedigen: „Dieſer Paſſagier, den ich Dir nicht nennen noch auf eine beſtimmtere Weiſe kenntlich machen kann,(da ein Seemann vor allen Dingen ſein gegebenes Wort halten muß,) hat Fraͤulein von Beauma⸗ noir in ſeinem Leben nur ein einziges Mal geſehen; ob er gleich nur ſelten mit mir von ihr geſprochen hat, ſo iſt es doch nie anders als mit Waͤrme und Lebhaf⸗ tigkeit in den Ausdruͤcken geſchehen, die 327 mich den Charakter einer entſchiedenen Leidenſchaft darinnen wuͤrde haben erkennen laſſen, wenn mir nicht die Umſtaͤnde be⸗ kannt waͤren, unter welchem dieſes ſchoͤne Geſchoͤpf ſich ſeinen Blicken dargeſtellt hat, und die wahrhaftig nicht geeignet wa⸗ ren, das Entſtehen aͤhnlicher Gefuͤhle zu beguͤnſtigen. Uebrigens iſt dieſer Mann ein in allen Stuͤcken ſo außerordentliches 3 Weſen, daß er mich mehr als ein Mal in meinen Anſichten, die ich mir uͤber ihn zuſammengeſtellt hatte, irre gemacht hak. Ich hatte ihn beinahe ganz aus dem Ge⸗ ſichte vorlohren, als ich mich vorige Wo⸗ che der Inſel Bourbon naͤherte, um mit⸗ telſt Transportfahrzeugen den Kaffee nebſt den Wuͤrznelken an Bord zu bringen, den unſer Superkargo fuͤr Rechnung der Kom⸗ pagnie eingekauft hatte, welche ſeit zwei Jahren dem Koͤnig ſein ausſchließliches 328 Recht auf die Produkte dieſer Inſel ab⸗ getreten hat. Ein großes Schiff kann nur für Augenblicke ganz nahe bei ihr anlegen, denn die Kuͤſte iſt, mit Felſen⸗ riffen und bis zum Waſſerſpiegel empor⸗ ſteigenden Klippen ſo beſaͤet, daß es un⸗ tlug waͤre, zwiſchen ihnen durch ſchiffen zu wollen, da der kleinſte Wind und die hier ſo veraͤnderlichen Stroͤmungen es der au⸗ genſcheinlichſten Gefahr ausſetzen wuͤrden. Ich ließ daher die liebenswuͤrdige Eliſabeth in einer anſehnlichen Entfer⸗ nung vor Anker legen, und mich auf einer unſerer Schaluppen ans Land ſetzen. Mein Erſtes war, mich nach meinem ehe⸗ maligen Paſſagier zu erkundigen. Die Perſonen an welche ich mich anfaͤnglich wandte, konnten meine Neugierde nicht be⸗ friedigen. Sogar ſein Name war nicht bekannt. Endlich, nach vielen Nachforſch⸗ 329 ungen, gelangte ich zu ſeiner Pflanzung, die in der That eine der eintraͤglichſten und der an beſten angebauten des Quar⸗ tiers von St. Suſanne, des fruchtbarſten der ganzen Inſel, iſt. Ich meldete mich im Hauptgebäͤude, und erklaͤrte meinen Wunſch, meinen Schul⸗ kammeraden zu ſehen. Ich erhielt zur Antwort, daß man die Perſon die ich zu ſprechen wuͤnſchte nicht kenne. In der Meinung, daß mein Freund ſich, in Folge eines ſeiner gewoͤhnlichen Anfaͤlle von Menſchenhaß, verlaͤugnen laſſe, oder ſeinen Namen veraͤndert habe, um den Beſuchen der Europaͤer auszuweichen, ward ich dringender. Nun fuͤhrte mich ein Neger bei einem dicken, kurzen, unter⸗ ſetzen Manne ein, der ſich mir als der Eigenthuͤmer der Beſitzung nannte, und mich veranlaßte den Kaufmann von St. Denys ⁷) der mich auf meine Anfrage da⸗ hin gewieſen hatte, zum Henker zu wuͤn⸗ ſchen. Indeſſen war ſeine mir gegebene Auskunft doch nicht ganz ſo unrichtig, als ich anfangs glaubte, und der Pflanzer, bei dem ich weiter nachforſchte, benachrich⸗ tigte mich, daß mein ehemaliger Mitſchuͤ⸗ ler waͤhrend der zehn Monat, in welcher ich den Indiſchen Ozean durchkreuzt und meine Franzoͤſiſchen Waaren abgeſetzt hat⸗ te, auf dieſer Pflanzung allerdings gelebt, und den Namen ſeiner Mutter gefuͤhrt, aber endlich ſeine liegenden Gruͤnde ver⸗ kauft habe und eines Tages pluͤtzlich abgereiſt ſei, ohne daß jemand erfahren haͤtte, wo⸗ hin. Ich verdoppelte meine Nachforſchung⸗ en, und hier haſt Du das Reſultat der⸗ ſelben, in Beziehung auf unſern Fluͤcht⸗ 4 —— *) Hauptort des Quartiers. 331 ling; ich wuͤnſche, daß es Dich einiger Maaßen unterhalten moͤge. Wenn(du das liebſt, was von der gewoͤhlichen Re⸗ gel abweicht, wie dies, wenn ich nicht ir⸗ re, bei allen Frauen von lebhafter und be⸗ weglicher Einbildungskraft der Fall iſt, ſo venke ich, daß es auf deine Theilnahme Anſpruch machen kann. Als mein Freund ſich als Eigenthuͤ⸗ mer der Pflanzung ausgewieſen, wovon ſeine Mutter die Haͤlfte beſeſſen hatte, nnd die ihm durch den ſeitdem erfolgten Tod eines Verwandten muͤtterlicher Seite ganz zugefallen war, ſo befand er ſich im Beſitz des ſchoͤnſten Grundſtuͤcks der ſechs Quartiere, aus denen auf Bourbon der ſogenannte Diſtrikt uͤber den Wind beſteht. Obgleich dieſe Laͤndereien nicht ſchlecht verwaltet worden waren, ſo geſtaltete mein Freund bei ſeiner Ankunft dennoch alles 332 um. Das Schickſal der vierhundert Schwarzen, welche den Boden beſtellten, und das Huͤttenweſen betrieben, wurde nicht allein merklich verbeſſert, ſondern die Pflanzung gewann ſelbſt an Einkuͤnf⸗ ten und Werth. Die Krankenanſtalt wurde beſſer unterhalten, und hatte bald weniger Kranke zu verpflegen; woͤchentlich wurde den Sklaven ein Tag freigegeben, um den Strich Landes, deſſen Benutzung ihnen uͤberlaſſen iſt, gehoͤrig beſtellen zu koͤnnen. Eine Stunde war taͤglich dem Unterrichte in der Moral und Religion geweiht, nach deren Beendigung ſie deſto froͤlicher an ihre Arbeit zuruͤckkehrten, da ihnen allen die Hoffnung zur Freiheit, durch die Moͤglichkeit vorſchwebte, ſich von ihren Erſparniſſen in Kurzen loskaufen zu koͤnnen. Dieſe Einrichtung war von einem bewunderungswuͤrdigen Erfolge. Reiche Erndten bedeckten den Boden, den Weiber und Kinder frohen Muthes beſtellten; die von dieſen zaͤrtern Haͤnden gepflegten Kaf⸗ fee⸗ und Nelkenbaͤume brachten reichliche Fruͤchte, die Reis⸗Mais⸗ und Zuckerrohr⸗ Felder gediehen unter den Haͤnden der Maͤnner; ja, einige Marron⸗Neger*), die in fruͤhern Jahren von der Beſitzung ent⸗ laufen waren, kehrten, durch den froͤhli⸗ chen Geſang und die gluͤckliche Lage ihrer ehemaligen Kammeraden angezogen, aus ih⸗ ren Schlupfwinkeln auf die Pflanzung zuruͤck. Aber mitten unter dem Aufſehen, das eine ſolche Verbeſſerung im ganzen Di⸗ *) So nennt man diejenigen Neger, die von den Pflanzungen entwichen ſind, und ſich in den Gebirgen verſteckt halten, wo ſie ſich ſchon oft durch ihre Einfaͤlle in die Pflanzungen furchtbar gemacht haben. Anm. des Ueb. 334 ſtrikte uͤber den Wind machte, blieb mein alter Schulkammerade gerade ſo unbekannt, wie das Kahn eines armen Fiſchers in einer Bucht an der Kuͤſte von Nieder⸗ Bretagne. Man ſah ihn blos Sonntags in der Kirche, wohin er, auf einen Bam⸗ busſtock ſo lang wie er geſtuͤtzt, ſtets ganz allein ging, vom Kopf bis auf die Fuͤße ſchwarz gekleidet, ein Koſtum, woran ſich die Augen der Pflanzer und der Sklaven um ſo weniger gewoͤhnen konnten, da ſelbſt die Geiſtlichen, wegen der großen Hitze, dieſer Tracht entſagt haben. Man nannte ihn deswegen auch nur den großen ſchwarzen Papa und drohte, wie man ſagt, in den Negerhuͤtten den unartigen Kindern, mit ſeiner Erſcheinung. Wenn man ihn außerdem zuweilen oͤf⸗ fentlich ſah, ſo geſchah dies bloß dann, wenn er laͤngs den Citronenalleen dem . Sarge einer jungen Regerin oder Kreolin, den ihre Geſpielinnen nach dem Kirchhofe von St. Derys begleiteten, in der Entfernung folgte. Man ſagte, daß ein zu Rom in die Haͤnde des heiligen Vaters abgelegtes Geluͤbte ihn verpflichte, dieſen Beerdigungsfeierlichkeiten beizuwohnen. Ue⸗ brigens ſahe man ihn nie außerhalb der Grenzen ſeiner Pflanzung, er hat einige Beſuche von ſeinen Nachbarn erhalten, ohne ſie jedoch zu erwiedern, ſie ſchienen ihm ſogar laͤſtig, und mit einem Male war er verſchwunden, nachden er ſein ſchoͤnes Beſitzthum fuͤr fuͤnfmal hundert tauſend Livres an den Pflanzer verkauft hatte, von welchem ich dieſe naͤhern Umſtaͤnde erfuhr, und der ihn drei Wochen zuvor ſechsmal hundert und funfzig tauſend da⸗ fuͤr geboten hatte, ein Gebot, welches er aus einem ruͤhrende Zuge von Guͤte, der 333 ihm die Segnungen ſeiner Neger noch nach ſeiner Entfernung erwarb, auf obige Summe freiwillig herabſetzte, unter der dem Kauf⸗ kontrakte ausdruͤcklich beigefuͤgten Beding⸗ ung, daß die Pflanzung, nach den von ihm getroffenen Einrichtungen, auch fer⸗ nerhin verwaltet, und die den Negern von ihm zugeſicherten Freiheiten in ihrem ganzen Umfange beibehalten wuͤrden. Man glaubt, daß er trotz dieſes gro⸗ ßen Opfers, dennoch eine bedeutende Summe, ſowohl in guten Papieren als in Naturalien mit ſich genommen habe, denn die Erben ſeines fruͤhern Geſchaͤfts⸗ fuͤhrers hatten ihm zweijaͤhrige Ruͤckſtaͤnde zu verrechnen. Uebrigens waren alle meine Nachforſchungen, um ihn ausfindig zu machen, vergeblich; er hat in Bourbon keine andern Spuren zuruͤckgelaſſen, als das Gute was er geſtiftet, die Unterſtuͤ⸗ tzung die er mehrerern vornehmen Kre⸗ olen, die groͤßtentheils eben ſo arm als eitel ſind, hat zukommen laſſen, und die Verſchoͤne⸗ rung des Gottesackers von St. Denys, der jetzt mit einer Mauer umgeben, mit wohl⸗ riechenden Geſtraͤuchen bepflanzt und an ſeinem weſtlichen Ende mit einem, wie man ſagt in London gearbeiteten, Basrelief von weißem Marmor verziert iſt, welches ein junges Maͤdchen vorſtellt, mit einem Kranze von Roſen auf dem Kopfe, im Be⸗ griff in die Gruft zu ſteigen. Das Kunſt⸗ werk iſt gut ausgefuͤhrt und wuͤrde unſerer Kreolinnen nicht uͤbel gefallen, wenn nicht einige bibliſche Stellen darauf angebracht waͤren, in denen von Wuͤrmern und von Verweſung die Rede iſt, mit denen man nicht Luſt hat, in naͤhe⸗ re Verwandtſchaft zu kommen Deswe⸗ gen ſagen ſie auch, wenn ſie an dieſem III Theil. 22 338 kleinen Denkmale voruͤbergehen, daß der ſchwarze Grosvater, der nichts wie andere Leute habe machen koͤnnen, ihre Blicke nur, um ſie zu betruͤben, auf dieſes Denkmal habe lenken wollen: im Ganzen genommen hat er auf der Inſel einen Ruf von Herzensguͤte zuruͤckgelaſſen, und mit Ausnahme der Kinder, die ſich noch immer vor ihm fuͤrchten, ohne ihn je geſehen zu haben, wird er allgemein bedauert, denn ſeiner Reichthuͤmer unerachtet haͤlt man ihn doch fuͤr ungluͤcklich Dies iſt es, liebe Fanny, was ich Dir uͤber dieſen Mann ſagen kann, von welchem man hoͤchſt wahrſcheinlich nie wieder et⸗ was hoͤren wird. Ueberhaupt, wer in den Kolonien Luſt hat jede Spur von ſich zu verloͤſchen, darf ſich nur von einer Inſel nach der andern wenden. Gebraucht er 239 die Vorſicht, ſeinen Namen zu aͤndern, ſo iſt ſein Kielwaſſer*) verſchwunden. Ich beauftrage Dich uͤbrigens aus⸗ druͤcklich und gebe Dir das Signal, den Damen von Helvin meine Ehrerbietung zu bezeugen. Ich habe noch nie weder unter einem Dache von Europa, noch unter ei⸗ nem Kolonialgebaͤude ein weibliches Klee⸗ blatt gefunden, das zu gleicher Zeit, ſo gut und ſo huͤbſch geweſen waͤre. Du kannſt nicht glauben, wie viele Freude mir Dein Brief ſchon deshalb gemacht hat, weil er die Nachricht enthielt, daß dieſe liebenswuͤrdige Verbindung in ihrer dreifa⸗ chen Einheit noch exiſtirt. Ich habe eine Parthie Parfuͤmerien fuͤr Paris am Bord, die ich ſaͤmmtlich dieſen bezaubernden Frauen zu Fuͤßen legen moͤchte, und um — *) Die Spur die ein Schiff in dem Waſſer hinter ſich laͤßt. Anm. des Ueb. 22* A 340 die Gabe ihnen noch erfreulicher zu ma⸗ chen, wuͤrde ich Dich meine Fanny mit meiner Sendung beauftragen. Unter die⸗ ſen Wohlgeruͤchen befinden ſich zwei Stuͤck grauer Ambra von beſter Guͤte, womit mich ein Bewohner von Madagaskar, mit welchem ich in einigen Verhaͤltniſſen ſtand, beſchenkt hatte, um ſie Dir zu uͤberſchicken: eines behalte fuͤr Dich, und eines trage auf die Burg, aber ich ſage Dir im Vor⸗ aus, ihr Geruch iſt ſo ſtark, daß man ſie wenigſtens einige Jahre lang auf den Bo⸗ den verwahren muß, wenn ſie den Kopf nicht einnehmen und bertaͤuben ſollen. Waͤre es nicht beinahe ein aͤhnlicher Fall mit den Schmeicheleien, womit die Weiber zuweilen ohne alles Maas und Ziel be⸗ raͤuchert werden? Wie viele unſerer von Moſches duftender Stutzer moͤchte man 341 nicht auf den Boden verbannen, um ſie dort ein wenig ziefern zu laſſen? Du wirſt hoffentlich mit mir zufrieden ſeyn, liebe Fanny, mein Brief iſt lang genug, ohne nur zehn Worte in der Spra⸗ che zu enthalten, die auf dem kleinſten Kahne, wie auf dem erſten Linienſchiffe im Gebrauch iſt und doch, wie viele Som⸗ mer und Winter meines herumirrenden Lebens ſind mir ſchon in dieſer Art von Wohnungen verfloſſen. Heil dem Augen⸗ blicke, wo ich mich wieder in Deiner Naͤhe, in meiner Huͤtte und unter meinem Zelte in Helvin befinden werde, an deren Klima ſich endlich Vater Manſell, wie ich hoffe, gewoͤhnen wird! Du wirſt ſehen, daß, wenn ich uͤber Dich meine Schiffsſprache ver⸗ geſſen habe........ Der Kapitain Ferec. 342 Hier wurde Herr Bonnet durch das bereits erwaͤhnte Hinderniß in ſeiner Lek⸗ tuͤre unterbrochen; und ſelbſt dieſe letzten Worte wuͤrden vor ſeinen Blicken verdeckt geweſen ſeyn, wenn ſie ſich nicht gerade am Schluſſe einer Seite befunden haͤtten, wo es vielleicht Ziererei verrathen haͤtte, einen Streifen Papier daruͤber zu kleben. Wenigſtens mußte doch bewieſen werden, daß die Befeſtigung eines ſolchen Strei⸗ fen auf einen großen Theil der andern Seite nothwendig geweſen ſei, und der Kreolin war, wie wir ſchon fruͤher erin⸗ nert haben, viel daran gelegen, ihr Zart⸗ gefuͤhl in dieſem Punkte außer Zweifel zu ſetzen. Die halbe Zeile am Schluſſe der Seite, diente ihr zum unverwerflichen Zeugniſſe ihrer Wahrhaftigkeit, und blieb deswegen unbedeckt. 343 Als der Doktor den vier Bogen ſtar⸗ ken Brief gewiſſenhaft abgeſchrieben hatte, gab er das Original an Madame Ferec zuruͤck, und beſtimmte ſie ohne Muͤhe bei ihrem naͤchſten, den Damen von Helvin zu machenden Beſuche, den Brief bloß muͤnd⸗ lich in Auszug mitzutheilen, wie ſie es auch mit den vorhergehenden gehalten hatte; und, was den Unbekannten betraf, welcher zwei drittel der neuſten Epiſtel ausfuͤllte, ſo machte Herr Bonnet die richtige Be⸗ merkung, daß dasjenige, was diesmal von ihm erzaͤhlt wuͤrde, nur fuͤr die von wirk⸗ lichen Intereſſe ſeyn koͤnne, denen die Ge⸗ ſchichte der Ueberfahrt bekannt waͤre, und daß, wenn man aus dem erſten Briefe ein Geheimniß gemacht habe, man auch von dem zweiten ſchweigen muͤſſe, und es ge⸗ lang ihm ohne Muͤhe Fanny fuͤr ſeine Anſicht zu gewinnen; aber ungemein 344 ſchmerzte es ihn, als er von ihr erfuhr, daß ihr Vater ſich vorgenommen haͤtte, ſeinen Wohnort zu veraͤndern. Allerdings hatte ſich Herr Manſel ſchon ſehr oft uͤber die kuͤhle Temperatur der Luft, und beſon⸗ ders uͤber das feuchte Klima in Bretagne beſchwert. Dieſer Greis konnte ſich gar nicht uͤberzeugen, daß die Schuld nicht ausſchluͤßlich an dem Armorikaniſchen Him⸗ mel liege, und daß, wenn ein kaͤlteres Blut durch unſere Adern fließt, wir mit eben ſo vielem Rechte das Klima herab⸗ ſetzen wuͤrden, als die Fruͤchte die uns nicht mehr ſo faftig, oder die Frauen die uns minder reitzend wie ehedem, ſcheinen, oder das Menſchengeſchlecht im Ganzen, das in unſern Augen einer ſchnellen Aus⸗ tarkung entgegeneilt und uͤberhaupt als die Dinge außer uns, von denen wir glauben, daß ſie ſich einem gaͤnzlichen Verfalle na 3 345 hern, waͤhrend alle dieſe Anſichten nur ei⸗ ne traurige Erinnerung an unſere eigene Hinfaͤlligkeit ſind, woran uns der Himmel mahnt, indem er uns den Sinn fuͤr die Geſchenke, ſeiner Huld hienieden unmerk⸗ lich entzieht! Indeſſen wuͤrde man den Herrn Man⸗ ſel zu ſtreng beurtheilen, wenn man an⸗ nehmen wollte, daß ſeine Behauptungen ganz grundlos geweſen waͤren. Wenn er auch aus Bretagne herſtammte, ſo muß man doch bedenken, daß er eine lange Reihe von Jahren in den oͤſtlichen Kolo⸗ nien verlebt hatte. Er hatte ſich auf Isle de France verheirathet, und vermißte nun den Meridian derſelben, und wenn ihn auch ſeine Einbildungskraft, indem ſie ihn in den Zeitpunkt zuruͤck verſetzte, wo er dieſe Verbindung ſchloß, ein wenig in ſeiner Wuͤrderung der jetzigen Beſchaffen⸗ 2 346 heit der Klima's taͤuſchte, ſo war es drum nicht minder wahr, daß das mittaͤgliche Frankreich, indem es ihn der Nothwendig⸗ keit uͤberhob, ſich mit ſo viel Flanell zu bekleiden, ihm auch noch die ſchoͤne Hoff⸗ nung im Hintergrunde zeigte, in ſeinem hoͤhern Alter einer beſſern Geſundheit zu genießen, und ſein Leben zu verlaͤngern; da er aͤberdies einen Schwager in Mar⸗ ſeille hatte, ſo war der Wunſch ſich ihm zu naͤhern, ſehr natuͤrlich. Madame Ferec, uͤberzeugt, daß ihre Entfernung einen ſchmerzlichen Eindruck auf der Burg Helvin hervorbringen wuͤrde, verzoͤgerte ſo viel als moͤglich die Bekannt⸗ machung dieſes Entſchluſſes, der die Da⸗ men von Helvin zuverlaͤſſig ſehr betruͤben mußte, das beklagenswerthe Schickſal Kle⸗ mentinens und Henriettens machten ihr dieſen Aufſchub zur Pflicht. Beiden gleich 347 theuer, liebte ſie beide aufs Zäͤrtlichſte. Sie war in fruͤhern gluͤcklichern Zeiten von ihnen liebevoll aufgenommen worden, und freute ſich innig, etwas zur Linderung ihres Kummers in den Tagen des Jam⸗ mers beitragen zu koͤnnen. So groß auch ihr Ungluͤck war, ſo war doch die Geſell⸗ ſchaft fuͤr ſie noch immer die angenehmſte in der Provinz und vielleicht findet man nur in der Provinz eigentlich gute Geſell⸗ ſchaft, wenn man unter dieſen Ausdrucke eine Verbindung mit Menſchen verſteht, die uns kennen, Theil an uns nehmen, deren Theilnahme wir erwiedern, und mit denen wir gemeinſchaftlich Freud und Leid aus der Hand des Schickſals empfangen. In der Antwort, welche Madame Ferec auf gut Gluͤck*) an den Kapitain abge⸗ —— *) Da die Schiffe einander auf ihrer Fahrt oft begegnen, ſo verſuchen es die Familien haͤufig 348 hen ließ, wurde dieſer von der feſt be⸗ ſchloffenen Veraͤnderung ihres Wohnorts benachrichtigt. Den Antrag Fanny's, wel⸗ chen ſte und Herr Manſell, der darzukam, dem Doktor Bonnet machten, ihren Ent⸗ ſchluß den Damen von Helvin mitzuthei⸗ len, wies dieſer mit Beſtimmtheit zuruͤck, die Gruͤnde die ihn dazu vermochten, wa⸗ ren nicht aus der Luft gegriffen. „Ich bin gewiß, ſie tief zu betruͤben, fagte er, und wie koͤnnen Sie von mir vevlangen, mich dazu herzugeben, mich, der ich dieſe weiblichen Herzen ſchon ſo oft habe verwunden muͤſſen, ohne bis jetzt noch einen lindernden Verband finden zu koͤnnen. Der ſcheinbare Mangel an Ge⸗ faͤlligkeit gegen Sie von meiner Seite, Briefe auf dieſe Weiſe den ihrigen zu kommen zu laſſen; aber bei weiten nicht alle erreichen das Ziel ihrer Beſtimmung. 349 mag Ihnen, wenn es noͤthig waͤre, zum Be⸗ weiſe dienen, wie ſehr Sie geliebt wer⸗ den, wie hart den Damen die Trennung von Ihnen fallen, und, ich kann es mit Wahrheit hinzuſetzen, wie ungluͤcklich man ſich nach Ihrer Abreiſe fuͤhlen wird! Glauben Sie mir Madame, wenn traurige Nachrichten jemals ertraͤglich werden koͤn⸗ nen, und wenn der Schmerz den ſie ver⸗ urſachen, auf irgend eine Weiſe gelin⸗ dert werden kann, ſo kann es nur geſche⸗ hen, wenn ſie aus dem Munde einer jun⸗ gen, liebenswuͤrdigen Frau kommen, die ſelbſt weit entfernt iſt unempfindlich dabei zu ſeyn. Dieſe Trennung wird Ihrem Herzen viel koſten, ich bin es uͤberzeugt, um ſo mehr kommt es Ihnen zu ſie an⸗ zukuͤndigen! Sie veranlaſſen dieſen Kum⸗ mer, ich will nicht ſagen, daß Sie ihn heilen koͤnnen, ſo weit werden leider Ihre 350 Kraͤfte nicht reichen, aber da Sie Ihren eignen Schmerz uͤber dieſe Trennung nicht werden verlaͤugnen koͤnnen, ſo wird die Aehnlichkeit deſſelben mit dem Ihrer Freundinnen das beſte Linderungsmittel fuͤr dieſe ſeyn. Mit einem Worte, der beſte. Balſam fuͤr dieſe Herzenswunden iſt in Ihrer Hand, und es waͤre grauſam von mir, zwei ſo ungluͤckliche Weſen, die ſo⸗ gleich meine ſo wie Ihre innigſten Freun⸗ dinnen ſind, deſſelben berauben zu wollen!“ Fanny ſahe ſich genoͤthigt, dieſen Gruͤnden nachzugeben, gegen die ſie in der That nichts Weſentliches einzuwenden hatte. Vierzehen Tage nach dieſer Unter⸗ redung(es war in der Mitte des Sep⸗ tembers) machte ſie ſich mit dem eben er⸗ haltenen Ambra auf den Weg nach der Burg, um dort die Nachricht von ihrer baldigen Abreiſe zu uͤberbringen, eine Nach⸗ 1 351 richt welche den von dem Doktor voraus⸗ geſagten Eindruck hervorbrachte. Indeſ⸗ ſen ſprach ſich der Schmerz, den beide Freundinnen in gleichen Maße fuͤhlten, bei jeder von ihnen auf eine verſchiedene Weiſe aus. Madame Delpont, von die⸗ ſem Schlage uͤberraſcht, ſchien anfangs von ihm zu Boden gedruckt zu werden, aber bald ermannte ſie ſich, und antworte⸗ te mit Feſtigkeit, daß dieſe Abreiſe ſie betruͤbe, ohne ihr unerwartet zu kommen, und daß ſie ſeit langer Zeit, mit dem Schickſale im Kampfe, darauf gefaßt ſei⸗ von allen, auch den ſchmerzlichſten Seiten angegriffen zu werden. „Dieſer Angriff iſt allerdings fuͤr mich im hohen Grade ſchmerzlich“ fuhr ſie fort: indeſſen werde ich Sie, theure Fan⸗ ny, deshlb nicht minder lieben, denn ich weiß, welcher heiligen Pflicht Sie gehor⸗ . 352 chen; jedoch werden Sie mir die Bemer⸗ kung erlauben, daß der Schlag gut berech⸗ net iſt.“ In Madame Allote Schmerz lag etwas Milderes und Ausdrucksvolleres. Trotz ihrer ſichtlichen Anſtrengungen, die Ausbruͤ⸗ che deſſelben zu unterdruͤcken, brachen ihre Thraͤnen hervor, doch floſſen die meiſten im Verborgenen! Ach, dieſer Entſchluß machte ploͤtzlich einen Strich durch eine ge⸗ heime und wichtige Rechnung ihrer Zaͤrt⸗ lichkeit. Die Stuͤtze einer bejammernswuͤr⸗ digen Zukunft entzog ſich ihrer bekuͤmmer⸗ ten Vorſorge, zwar betraf dieſer Verluſt ſte nicht perſoͤnlich, aber eben deshalb war ſie uͤber denſelben um ſo untroͤſtlicher. Man verſprach einander, vor der Ab⸗ reiſe, die ſchon in drei Wochen Statt fin⸗ den ſollte, ſich ſo oft als moͤglich zu ſehen; Herr Manſel beſchleunigte ſie, um den hef⸗ —— 35³3 tigen Regengüſſe zuvorzukommen, die waͤh⸗ rend des Herbſtes in Bretagne ſehr ge⸗ woͤhnlich ſd. Man hielt Wort, aber ach, wie unzureichend iſt der Troſt, den man in dieſen oͤftern Zuſammenkuͤnften zu finden ſich ſchmeichelt, und der am Ende die bren⸗ nenden Schmerzen des Lebewohls nur er⸗ ſchwert! Aber, wenn man der grauſamen Nothwendigkeit alles raubt, was man ihr noch zu rauben im Stande iſt, ſo hat ſich das Herz wenigſtens keine Vorwuͤrfe zu machen, etwas vernachlaͤſſigt zu haben. Es mag nun der Tod, oder eine lange Ent⸗ fernung, die fuͤr ein liebendes Herz faſt eben ſo ſchrecklich iſt, die fuͤr einander ge⸗ ſchaffenen Seelen trennen, ſo thut es doch wohl, ſich nicht anklagen zu duͤrfen mit dem Tode oder der Reiſe gleichſam gemein⸗ ſchaftliche Sache gemacht zu haben, um die Scheideſtunde zu beſchleunigen. Wel⸗ III. Theil. 23 334 ches Recht koͤnnte man auch in der That noch haben, ſich uͤber die Trennung zu be⸗ ſchweren, wenn man die Zeit, die uns noch uͤbrig bleibt, nicht einmal benutzt. Als am Vorabend der Reiſe Klemen⸗ tine die Gattin des Kapitains zum letzten Male an das gewoͤlbte Schloßthor beglei⸗ tete, blieb ſie ploͤtzlich ſtehen, und ſagte, den Blick gegen die Wagenremiſe gewen⸗ det, zu Madame Ferec:„Sie muͤſſen mir, theure Fanny, ehe Sie mich verlaſſen, noch einen Gefallen thun! Sie haben mir geaͤußert, daß ſie geſonnen waͤren, in Ren⸗ nes oder in Nankes, durch welche von dieſen beiden Staͤdten Sie nun Ihr Weg fuͤhren wuͤrde, einen bequemern Wagen, als Ihr Kabriolet zu ſuchen, machen Sie mir daher das Vergnuͤgen mich von dem⸗ jenigen zu befreien, der in dieſer Remiſe ſteht, und ſo oft wir den Fuß in den Hof 355 ſetzen Alloten und mich durch ſeinen An⸗ blick ſchmerzhaft erſchuͤttert. Ich hoffe Sie werden mir dieſen Beweis Ihrer Freundſchaft nicht abſchlagen, und dies geringe Zeichen der meinigen freundlich auf⸗ nehmen!“. Madame Ferec, welcher dieſes Aner⸗ bieten um ſo erwuͤnſchter kam, da es ihr angenehm war, ſich gleich auf ihrem Land⸗ ſitze fuͤr eine laͤngere Reiſe einrichten zu koͤnnen, ſtatt ſich bis zu einer jener Staͤdte mit ihrem, wenn auch ziemlich weiten Ka⸗ briolet, behelfen zu muͤſſen, in welchem ſte ſich mit Vater, Kammerfrau und Kind ſehr unbequem befunden haben wuͤrde, er⸗ klaͤrte, daß ſie den Wagen nach der Taxe oder den Fakturenpreis mit Vergnuͤgen annehmen wuͤrde. Die Vermoͤgensumſtaͤn⸗ de des Herrn Manſel erlaubten ihm aͤbri⸗ gens recht gut, dieſe zu ſeinem Wegzuge 1 4 23* 356 unentbehrliche Ausgabe zu machen, die noch uͤber dem doch nur bis zu ihrer An⸗ kunft in die naͤchſte groͤßere Stadt haͤtte verſchoben werden koͤnnen. So verſtand es indeſſen Madame Delpout nicht; ſie beſtand darauf, Fanny ſolle den Wagen zum Geſchenk annehmen: Laſſen Sie mir dies zum Beweis dienen, daß ich noch nicht ganz aus dem Buche des Lebens ausgeſtrichen bin, und noch einen Willen fuͤr mich habe, ich werde es als ein an⸗ genehmes Ereigniß anſehen, das ich Ihnen zu danken habe, vielleicht das Letzte wo⸗ fuͤr ich meinem Geſchicke Dank iſes kann.“. 1 Madame Ferec, welche wohl wußte, daß hier von einem Geſchenke Klementi⸗ nens von wenigſtens tauſend Thalern, und folglich von Erſparniß einer gleichen Sum⸗ me fuͤr ihrem Vater die Rede war, be⸗ 357 ſtand, trotz der zarten Art, mit der Ma⸗ dame Delpont ihr Anerbieten vortrug, auf ihrer Verweigerung, endlich ſchlug ſich Madame Allote ins Mittel: „Ich hoffe, ſagte ſie, daß Sie es auf meine Entſcheidung werden ankommen laſ⸗ ſen, denn, Sie werden ſehen, daß mein Vorſchlag auf nichts weiter als auf eine Vereinigung oder auf einen billigmaͤßigen Vergleich zwiſchen den ſtreitenden Par⸗ teien, wie ſich der wackere Herr Arnoult auszudruͤcken pflegt, hinauslaͤuft. Du Klementine willſt Madame Ferec dies freundliche Geſchenk machen, Sie Fanny finden Bedenken, das von einer Freundin anzunehmen, was ſie einer vielleicht nicht ganz unbedeutenden Ausgabe uͤberheben wuͤrde, und wollen den Betrag dafuͤr ent⸗ richten; ich will verſuchen Sie beide zu vereinigen. 358 4 Kich gegen Madame Delpont wendend) Die Eine will keine Bezahlung ennehe men; iſt's nicht ſo Klementine? 8 Madame Delpont. Allerdings Henriette. 9 Madame Allote.(Zu Madame Ferec.) Die andere will den Wagen be⸗ zahlen, nicht wahr Fanny? Madame Ferec. Ganz richtig! Madame Allote. Nun denn, ich rechne daß eine Reiſe von hier nach Mar⸗ ſeille und zuruͤck nicht viel weniger als tauſend Thaler koſten wird, als ſo hoch ſich die Rechnung des Sattlers Dreau belaͤuft, und Fanny wird jetzt feierlich ver⸗ ſprechen, dieſe Reiſe in gedachtem Wagen zu machen, unter der ausdruͤcklichen Beding⸗ ung, Klementinen wenigſtens ein Mal von Marſeille aus zu beſuchen, ehe ſie einan⸗ der ein ewiges Lebewohl ſagen, was ein 359 wenig traurig iſt, und was man ſo weit wie moͤglich hinaaszuſcjelur ſich benähen wird. Madame Ferec. 34 gebe mit Vergnuͤgen dies Verſprechen, und nehme das, was man mir ſo freundlich bietet, dankbar an; aber ich bewundere die Kunſt mit welcher man mir meine eigenen laͤngſt entworfenen Plane zur Bedingung macht, und einen Preis auf ihre Ausfuͤhrung ſetzt. Ich, ſo wie mein Mann haben Ver⸗ wandte in dieſer Provinz, natuͤrlich muß es uns angenehm ſeyn, ſie wieder ein Mal beſuchen zu koͤnnen. Klementine nimmt ohnſtreitig mit den erſten Platz in meinem Herzen ein, und von Rechts wegen gebuͤhrt ihr mein erſter Beſuch. Aber nur das Einzige kraͤnkt mich, fuͤgte Fanny hinzu, indem ſie die Hand von Madame Alloten ergriff, daß die liebenswuͤrdige Henriette 390 ſich ganz vergißt, indem ſie von der Gaſt⸗ — freundſchaft redet, auf die ich im Schloſſe Helvin, wie ich hoffe, werde Anſpruch ma⸗ chen duͤrfen. Klementine, Henriette, nein nie werdet ihr in meinem Herzen von einander getrennt ſeyn! Madame Allote antwortete keine Syl⸗ be, und erwiederte die Aeußerung Fanny's bloß durch einen innigen Druck der Hand, die ſie in der ihrigen hielt. Der Traktat wurde abgeſchloſſen„ge⸗ nehmigt, der Abſchiedskuß beſiegelte ihn, und man trennte ſich, den erſten Anſcheine nach etwas gefaßter. Man begleitete ſo⸗ gar Madame Ferec eine Viertel Stunde weit, bis zu einem kleinen Bach, wo ſie der Kammerdiener ihres Vaters mit ei⸗— nem auf engliſche Art geſattelten Pferde erwartete, auf welches ſie ſich mit vielen Anſtande ſchwang. Hier nun wurde das 361 Lebe wohl wiederholt, die Verſprechungen erneuert und der Schmerz, deſſen Aus⸗ bruch nicht mehr unterdruͤckt werden konnte, zeigte ſich in den naſſen Augen. Nach einer ungeſtoͤrten Verbindung muͤßten drei Frauen, wenig Anhaͤuglichkeit fuͤr einander haben, wenn ſie ſich in der Stunde einer ewigen Trennung nicht gegenſeitige Be⸗ weiſe ihrer zaͤrtlichen Gefuͤhle geben woll⸗ ten. Man hat mit Recht behauptet, daß, wenn ſich Freunde trennen, die zuruͤck⸗ bleibenden am meiſten zu beklagen ſind: ſie werden durch die Beſchaͤftigungen, die eine vorhabende Reiſerſtets verurſacht, und durch die bei einer Veraͤnderung des Wohn⸗ orts unvermeidliche Unruhe nicht zerſtreutz ihr Herz oͤffnet ſich ganz dem Schmerze, ihre Seele haͤngt mit ihrem ganzen Ge⸗ fuͤhle in der Einſamkeit eines unthaͤtigen Lebens ihren Jammer nach; denn, nach 362 ſolchen Schlaͤgen des Schickſals, gelingt Res uns nur durch kraftvolle Anſtreng⸗ ung Herr uͤber uns ſelbſt, und in den gewohnten Kreis unſerer Berufsarbei⸗ ten wieder einheimiſch zu werden. Ue⸗ berdem gibt es in unſerm innern Leben oͤffters Augenblicke, in denen das Uebermaß unſeres Elends und die Duͤrftigkeit unſeres Gemuͤths ſo groß iſt, daß es uns niche gleichguͤltig ſeyn kann, ob ein Weſen, an das wir durch Gewohnheit gekettet ſind, waͤr es auch gerade nicht in die innerſten Geheimniſſe unſerer Seele eingeweiht, um uns bleibt oder uns entriſſen wird. Dies war das Verhaͤltniß Klementinens und Henriettens, in Beziehung auf Ma⸗ dame Ferec; jung, lebhaft, angenehm ſelbſt gefuͤhlvoll fehlte ihr dennoch etwas, um ihren Bunde ganz anzugehoͤren, ſie 363 1 hatte noch nicht die Feuertaufe des Schmer⸗ zes empfangen. Ddiie beiden Freundinnen kehrten Arm in Arm, ſchwermuͤthigen Schrittes nach der Burg zuruͤck. Sie gingen einige Zeit ſtillſchweigend neben einander hin. Ma⸗ dame Delpont war die Erſte die dieſe ſtumme Scene unterbrach, indem ſie ihre Freundin auf zwei ſchoͤne am Wege ſte⸗ hende Tannen, aufmerkſam machte. Du wirſt Dich erinnern, liebe Allote, ſagte ſie, daß wir alle Jahre, mit Aus⸗ nahme dieſes und vielleicht des vorigen, im Monat Juni die Stelle, wo dieſe Baͤu⸗ me ſtehen, beſucht haben, und mehr als einmal mit meiner Mutter ſtehen geblie⸗ ben ſind, um uns des angenehmen An⸗ blicks zu freuen den im Fruͤhjahr ihr jun⸗ ger Trieb gewaͤhrt, der mit ſeinem hellgruͤ⸗ nen Saume aus den vorjaͤhrigen dunklern 364 * Zweigen an deren Stelle er uun tritt, froͤh⸗ lich hervorbricht. Jetzt im Herbſt haben dieſe Sommerlatten ſchon gebraͤunt, ſchon zeich⸗ nen ſie ſich weniger aus, und bald wird ſich ihre Farbe in der Farbe des Ganzen auf⸗ loͤſen, deſſen Aeſte, ſo wie ſie ſich von ihrem hundertjaͤhrigen Stamme entfernen, nach und nach ſelbſt ihre Nadein verlieren. So geht es mit dem Leben Henriette, ſo geht es uns jetzt. Unſer Gruͤn iſt ver⸗ blichen und bald werden wir unter dem dunkeln Geſtraͤuch verſchwinden. 4 81 „Meine junge Freundin, antwortete Henriette, noch glaͤnzeſt Du an der Spitze Deines Zweigs, wie der junge eben her⸗ vor geſchoſſene Trieb, und fern noch iſt die Zeit, die Dein Gruͤn braͤunen koͤnnte. Aber um bei Deinen Bilde zu bleiben, wuͤrden wir uns hienieden nicht gluͤcklich ſchaͤtzen koͤnnen, wenn dieſelbe Ordnung⸗ 365 auf die Du mich bei dieſen Tannen auf⸗ merkſam machſt, auch bei dem Menſchen⸗ geſchlecht Statt faͤnde. Stufenweis zie⸗ hen ſich dieſe zarten Zweige, von noch zuͤngern Reiſern verdraͤngt, nach dem ſcharzrothen Stamm gleichſam zuruͤck, ge⸗ meinſchaftlich machen ſaͤmmtliche Sproͤß⸗ linge von einem Triebe, den folgenden Platz, in einem Fruͤhjahr entſtanden, braͤunt ſte derſelbe Winter, und ihre Na⸗ deln fallen an einem Tage. Aber wie anders Klementine, iſt unſer Loos.. Du weißt es, ich war aͤlter als ſie, und ich mußte zuruͤck bleiben;— In⸗ deſſen!... Unter ſolchen mehr wehmuͤthigen als peinlichen Bemerkungen kamen ſie an das gothiſch gewoͤlbte Burgthor, an welchem noch Ueberreſte der vor vielen Jahren von den Leuten des Vicomte geſchoſſenen und 366 angenagelten Raubvoͤgel herabhingen. Dieſe nach und nach verſchwindenden Reſte ga⸗ ben zu neuen Erinnerungen Veranlaſſung. Ehe Madame Delpont in ihr Zimmer hinaufging, befahl ſie, daß ihr Reiſewa⸗ gen, den folgenden Morgen nach der Woh⸗ nung des Herrn Manſell gebracht wuͤrde. Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Seelenſtaͤrke. Wochen und Monate verſtrichen, ohne eine weſentliche Aenderung in der Lage Klementinens und ihrer Freundin hervor⸗ zubringen. Ihr Schmerz verlohr nichts an ſeiner Bitterkeit; zwar brach er ſelte⸗ ner in laute Klagen aus, aber vielleicht war dies bloß Folge der Zwanges, den 367 ſie ſich gegenſeitig auflegten. Hatte ihr freundſchaftliches Verhaͤltniß an Innigkeit verloren, oder vermieden ſie aus Scho⸗ nung gegen einander einen ſo traurigen Gegenſtand zu beruͤhren. Beide, von glei⸗ chem Gram uͤber den Verluſt der Vicom⸗ teſſe durchdrungen, beweinten ſie nicht mehr mit einander gemeinſchaftlich. Man haͤtte verſucht werden koͤnnen, dieſe beiden ſo liebenswerthen Weſen mit einer Lyra zu vergleichen, deren mittelſte zur Harmo⸗ nie unentbehrliche Saite geſprungen waͤre.— Wenn ſich zwiſchen Perſonen gleichen Geſchlechts, die unter einem Dache woh⸗ nen, eine Verbindung bildet, ſo muß fuͤr ſie die Zahl drei, eine vollkommene Zahl ſeyn, nicht als ob etwas Myſtiſches dabei obwalte. Dieſe Vollkommenheit be⸗ ruht bloß darauf, daß, trotz der zarten Sympathie, welche zwei Herzen und zwei 368 Seelen einander naͤher bringt, ſich doch zuweilen eine Abweichung in Hinſicht auf Geſchmack und Meinungen zeigt, die ein drittes Weſen erſt in Einklang bringt, ja ſelbſt wenn ſie in ihren Anſich⸗ ten auch nur unbeſtimmt und ſchwankend ſind, ſo iſt es gut, wenn eine, beiden gleich theure Perſon, zu dem Bunde gehoͤrt, die ihrer Ungewißheit ein Ende macht; ſeiner Zeit kommt dann die Reihe als Vermittle⸗ rin aufzutreten auch an ſie; ſo loͤßen ſich alle Diſſonanzen in Akkorde auf, ohne Murren gibt die Eigenliebe zwei Stimmen nach, dieſe Nachgiebigkeit hat dann nicht das Anſehen eines immerwaͤhrenden Opfers, und der Bund gewinnt durch dieſe kleinen haͤuslichen Zwiſte nur an Reizen, welche außerdem, bei einem Umgange von lan⸗ ger Dauer, wenn die gegenſeitigen Ge⸗ 360 fuͤhle kuͤhler zu werden drohen, leicht eine foͤrmliche Aufloͤſung herbeifuͤhren koͤnnten. Klementine und Henriette liebten ſich herzlich, aber Karoline und Henriette hatten ſich noch inniger geliebt, oder, um mich genauer auszudruͤcken(denn nichts ging uͤber die Zaͤrtlichkeit Klementinens fuͤr Madame Allote,) es hatten zwiſchen der Vicomteſſe und ihrer Geſpielin mehr Beruͤhrungspunkte Statt gefunden, als zwiſchen der Tochter und der Freundin. Jene Zeiten, in denen dieſe Letztere ihre Freiheit und ihre perſoͤnliche Wuͤrde der Frau von Beaumanoir zum Opfer gebracht hatte, waren fuͤr ſie Tage des Gluͤcks, und hatten die ſuͤßeſten Erinnerungen bei ihr zuruͤckgelaſſen, viel⸗ leicht fand ſie in ihnen die erquickendſten Ruhepunkte ihres Daſeyns. In der That hatten ſie der Ausgeberin von Hel⸗ III Theil. 24 370 vin in ihren eignen Augen das Verdienſt der hoͤchſten Selbſtverlaͤugnung fuͤr den Gegenſtand ihrer Zaͤrtlichkeit, aber auch die koͤſtlichſte Belohnung dafuͤr erworben, indem ſie alle Suͤßigkeit der innigſten Freundſchaft genoß, der ſelbſt iu ihren Widerwaͤrtigkeiten der Reiz des Geheim⸗ niſſes nicht fehlte. Gewiß wuͤrde Klemen⸗ tinens Tod fuͤr beide Freundinnen ein großes Ungluͤck geweſen ſeyn, ſie hatten bereits alle Schmerzen eines ſolchen trau⸗ rigen Ereigniſſes empfunden, und doch laͤßt ſich vermuthen, daß die Wirklichkeit deſſelben in ihren Herzen keine ſolche graͤß⸗ liche Leerd zuruͤckgelaſſen haben wuͤrde, als diejenige war, welche der Tod der Vicom⸗ teſſe in den Herzen der Madame Delpont und Henriettens zuruͤckließ. Dieſe Letztere fuͤhlte ſich durch den Verluſt ihrer theuern Karoline wie aus 371 dem Leben verbannt.— Es iſt eine ſchreckliche Aufgabe andern Muth einzufloͤ⸗ ßen, wenn man in ſich ſelbſt keinen mehr findet. Von dem Schickſale Klementi⸗ nens, die ihre mutterliche Freundinn an⸗ betete, tief geruͤhrt, und von ihrer Pflicht durchdrungen, ihr mit dem Beiſpiele der Ergebung vorleuchten zu muͤſſen, bekaͤmpfte Henriette ihren eignen Gram mit einem ſcheinbaren aͤußerlichen Erfolge, der aber gegen ihr Inneres wuͤthete; denn, indem ſie alle Kraft ihrer Seele in den Buſen ihrer Gefaͤhrtin ergoß, verarmte ſie durch dieſe Verſchwendung ihres Muths endlich ſelbſt daran. Natuͤrlich mußte ihre Ge⸗ ſundheit durch dieſen fortdauernden Kampf untergraben werden, und nur ſo ließ ſich die ſchnelle Zerſtoͤrung einer in ihren Grundlagen ſo gluͤcklichen Konſtitution er⸗ klaͤren, die allen Schlagen des Ungluͤcks 24* — 2 372 Widerſtand geleiſtet haben wuͤrde, wenn nur das belebende Prinzip derſelben in dem Gegenſtande ihrer Zaͤrtlichkeit ver⸗ ſchont geblieben waͤre, aber bei Madame Allote war der Keim des Lebens angegrif⸗ fen, dieſe Ueberzeugung beunruhigte ſie fuͤr ihre Perſon ſehr wenig, aber tief be⸗ truͤbte ſie der Gedanke, die Tochter ihrer Freundin mitten in einer wilden Einoͤde allein zuruͤcklaſſen zu muͤſſen, die bloß fuͤr Herzen, die durch gegenſeitige Zaͤrtlichkeit ſich begluͤckt fuͤhlen, ertraͤglich ſeyn konnte. Sie bemuͤhte ſich, das was ſie ſich ſelbſt nicht verheelen konnte, wenigſtens vor an⸗ derer Augen zu verbergen. Von jeher ſchon als Weib ſorgfaͤltig in ihrem Anzu⸗ ge, nahm ſie jetzt, jemehr ſie die Abnahme ihrer Lebenskraft bemerkte, deren Ener⸗ gie ſich bloß durch ihren feſten Willen, noch einiger Maßen aufrecht erhielt/ zu 373 Toilettenkuͤnſten ihre Zuflucht, um die zu beunruhigenden Verheerungen ihres Aeu⸗ ßern zu verbergen. Ihre Zaͤrtlichkeit lehrte ſie durch eine Art von Eleganz den Reſt ihrer ſchwindenden Reize herauszuheben, und ſo ihre Freundin uͤber ihren wahren Zuſtand zu taͤuſchen. Vielleicht war es das erſte Mal, daß ein anderes Gefuͤhl, als der Wunſch zu gefallen, ein weibliches Geſchoͤpf vor dem Spiegel fuͤhrte. Man konnte den kaum denkbaren und doch wahren Erfahrungsſatz aufſtellen, daß eine heldenmaͤßige Selbſtverlaͤugnung auf der Burg Helvin in dem zweckmaͤßigſten Ge⸗ brauch phyſiſcher Verſchoͤnerungsmittel ei⸗ nen traurigen und unſchuldigen Unterricht ertheilte. Herr Bonnet hatte ſich einige Monate lang durch dieſe Liſt taͤuſchen laſſen, end⸗ lich aber war er dahinter gekommen, und 374— hatte ſich beſonders an dem Tage wo der Austauſch der Zimmer vor ſich gegangen war, davon uͤberzeugt. Seit jener Zeit hatte ſich das Uebel taͤglich vermehrt; und trotz Madame Allote's Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt, verfolgte es der Doktor mit Schrecken Schritt vor Schritt, denn nicht nur der Scharfblick des Arztes, ſondern das Auge einer zarten Freundſchaft beob⸗ achtete ſeine traurigen Fortſchritte! Er hatte ſich gegen Madame Delpont einige Bemerkungen, jedoch nur in einer leichten, mehr freundlichen Antheil als ernſthafte Beſorgniſſe verrathenden, Tone, hieruͤber verlauten laſſen; denn da er den Grund der von Madame Allote beobachteten Vor⸗ ſicht durchſchaute und ehrte, ſo wuͤrde er es ſich zum Vornpurf gemacht haben, die Wirkung derſelben vorſetzlich zu ſchwaͤchen. Unter vier Augen ſprach er aber ſich ge⸗ 375 gen dieſe weit ſtaͤrker aus, er vereinigte die Bitten des Freundes mit dem Rathe des Arztes, er drang flehentlich auf Be⸗ folgung ſeiner Rathſchlaͤge; man verſprach es; da es aber hier auf eine Umaͤnderung der Gefuͤhle ankam, denen eine andere Richtung zu geben man nicht vermochte, ſo blieben jene Rathſchlaͤge unbefolgt. Geruͤhrt von der Theilnahme des Freun⸗ des, konnte Henriette ihre Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, ſie legte die Hand auf den Arm des biedern gefuͤhlvollen Mannes, und ſagte zu ihm mit einem ſchwermuͤthigen Laͤcheln:„Es iſt zu ſpaͤt lieber Doktor! Sie wiſſen was ich verlohren habe, ſo wie es Ihnen nicht unbekannt iſt, wie eng der Kreis meiner Bekanntſchaften war, ſchmerzlich wird mir die Trennung von vier bis fuͤnf Perſonen ſeyn, worunter Sie in der Reihenfolge die zweite ſind!“ 376 Herr Bonnet war uͤber die Folgen ihres Grames mehr bekuͤmmert, als er⸗ ſtaunt. Er hatte ſie voraus geſehen, und deshalb gewuͤnſcht, daß ſich die beiden Freundinnen wenigſtens waͤhrend achtzehen Monaten von ihrem Wohnort entfernen moͤchten; die Hartnaͤckigkeit mit der ſie darauf beſtanden, in der alten Burg zu bleiben, wo Ungluͤcksfaͤlle aller Art Schlag auf Schlag uͤber ſie hereingebrochen wa⸗ ren, hatte ihn gleich Anfangs mit den ernſtlichſten Beſorgniſſen erfuͤlt. Nun waren leider ſeine Befuͤrchtungen durch den Erfolg nur zu ſehr gerechtfertigt; in⸗ deſſen hatte er doch noch nicht alle Hoff⸗ nung aufgegeben, die vortreffliche Konſti⸗ tution Henriettens uͤber die traurige Ur⸗ ſache die ſie einer gaͤnzlichen Vertrocknung entgegenfuͤhrte, endlich noch ſiegen zu ſehen. Noch ſchien ihm ihre Natur nicht gaͤnzlich erſchoͤpft. Er haͤtte gewuͤnſcht dieſe Feuerſeele ſo wie ihre Freundin durch zweckmaͤßige Beſchaͤftigung zerſtreuen zu koͤnnen. Ungluͤcklicher Weiſe zog das Kind⸗ das in ihrer Naͤhe empor wuchs, ihre Auf⸗ merkſamkeit nur in einem geringen Grade Jauf ſich; gleich als ob ihm ſeine Geburt zum Verbrechen gemacht wuͤrde, war es im⸗ mer weniger im Stande dem Schmerze der beiden Freundinnen eine andere Richtung zu geben, jemehr es ſich von demjenigen Zeitpunkte des Lebens entfernte, in wel⸗ chem weibliche Pflege und Sorgfalt un⸗ entbehrlich ſind, und in welchem es, wenn auch nicht Liebe, doch wenigſtens Mitlei⸗ den einfloͤßte. Klementine ſchien es zu bereuen, das Kind mit ihrer Milch genaͤhrt zu haben, ſie machte ſich dieſen Trieb muͤt⸗ terlicher Zaͤrtlichkeit, von dem ſie ſich in der Stunde der Entbindung hatte hinrei⸗ 378 ßen laſſen, den man vielleicht fuͤr die Stimme des Pflichtgefuͤhls zu halten haͤt⸗ te verſucht werden koͤnnen, und welchen Frau von Beaumanoir zu bekaͤmpfen nicht den Muth gehabt hatte, zum Verbrechen. Dies ungluͤckliche Geſchoͤpf waͤre zu bekla⸗ genswuͤrdig geweſen, wenn es das Jam⸗ mervolle ſeiner Lage in ſeinem ganzen Umfange haͤtte fuͤhlen koͤnnen. Von ſeiner Mutter nur ſelten geliebkoßt, noch ſeltner von Madame Allote, und nur allenfalls in Gegenwart der erſtern, ward es von den beiden Perſonen, auf deren Schutz es die groͤßten Anſpruͤche hatte, hoͤchſtens nur ge⸗ duldet. Sein liebenswuͤrdiges Aeußeres, verbunden mit der Anmuth des kindlichen Alters, und begleitet von ſeltenen Geiſtes⸗ fähigkeiten und der reinſten Herzensgüͤte, machten, daß die Dienſtboten, wie dies oͤf⸗ ters der Fall iſt, es ins Geheim fuͤr die Ver⸗ 379 nachlaͤßigung der Herrſchaft entſchaͤdigten. Der junge Eduard, der ſchon von der Wie⸗ ge an das traurige Geheimniß ſeiner Ge⸗ burt gewiſſer Maßen ahnte, ließ unter den Augen ſeiner wenig nachſichtsvollen Mutter und Pathe ſeiner natuͤrlichen Leb⸗ haftigkeit nur ſelten freien Lauf, und ſo ternten ſie eine gewiſſe Feſtigkeit des Cha⸗ rakters, die ſich nur dann bei ihm zeigte, wenn er aus ihren Augen entfernt war, gar nicht einmal kennen. Dem ohngeachtet wuͤrde man ihm ſehr uneecht gethan haben, wenn man ſein Herz haͤtte anklagen wollen; die Furcht ſeinen Gebieterinnen zu mißfal⸗ len, war graͤnzenlos, und ſeit ſeinem vier⸗ ten Jahre durfte man ihm nur bemerken, daß ſeine Wuͤnſche einer derſelben mißfal⸗ len koͤnnten, um jeden weitern Verſuche ſie zu erreichen bei ihm ein Ende zu machen. 380 Eine ſolche Pflanze haͤtte wohl einer aufmerkſamern Pflege verdient, die darauf verwandte Sorgfalt wuͤrde gewiß reichlich belohnt worden ſeyn, aber dies arme Kind war weit entfernt auf die im Schloſſe ein⸗ gefuͤhrte gewoͤhnliche Lebensweiſe den ge⸗ ringſten Einfluß zu haben, ſeine Entfer⸗ nung wuͤrde keine Leere auf der Burg, und in der Seele ſeiner Mutter nur das er⸗ neuerte Gefuͤhl eines ſchwarzen Verhaͤng⸗ niſſes zuruͤckgelaſſen haben, dem ſie ſich in dumpfer Ergebung unterwerfen zu muͤſ⸗ ſen glaubte. Die beiden Freundinnen ſprachen ſchon davon, es irgend wohin in die Koſt zu thun. Henriette hoffte, daß der Doktor, nach der Zuruͤckkunft ſeines Sohnes, welcher gebeten worden war, der ſeiner Leitung anvertrauten Krankenanſtalt noch eine Zeit lang vorzuſtehen, ſich dazu wuͤrde bereitwillig finden laſſen. Man ——— 381 hatte auch den Gedanken gehabt, den jun⸗ gen Eduard den Haͤnden des Herrn Leny zu uͤbergeben, allein der ehrwuͤrdige Pfar⸗ rer war dem Antrag bereits zuvorgekom⸗ men, indem er ſein hohes Alter vorſchuͤtz⸗ te, obgleich der Biſchof von Vannes ihm vor Kurzem auf ſein Anſuchen einen jun⸗ gen Geiſtlichen zur Unterſtuͤtzung beigegeben hatte, der hauptſaͤchlich dazu beſtimmt war, Sonn⸗ und Feiertags in Helvin Meſſe zu leſen, wenn es dem wuͤrdigen Greiſe wegen, ſeiner Amtsverrichtungen in St. Nolf unmoͤglich war, ſeine beiden Beicht⸗ kinder perſoͤnlich zu beſuchen. Es ſchien⸗ als ob Klementinens Antrag Herrn Leny ganz unerwartet gekommen ſei, da er, wi⸗ der ſeine Gewohnheit, der Tochter ſeiner Wohlthaͤterin eine Bitte abſchlug, deren Erfuͤllung noch uͤberdies auf unbeſtimmte Zeit annoch ausgeſetzt war. Er war mit 382 ſich ſelbſt unzufrieden, daß er ſeinen Wi⸗ derwillen nicht beſſer habe verbergen koͤn⸗ nen, und doch konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, als er das Kind im Hofe traf, laut genug, daß es der Doktor aus dem Fen⸗ ſter hoͤren konnte, die Worte der Schrift auf daſſelbe auzuwenden:„Dieſer wird geſetzt zu einem Falle Vie⸗ ler in Iſrael.. Dieſe Stelle war uͤbrigens eine Abkuͤrzung, oder vielmehr nur ein Theil der Prophezeihung des from⸗ men Greiſes Simeon, in Bezug auf das goͤttliche Kind Jeſus, das gekommen war „Zu einem Falle und Auferſtehen vieler in Israel“; aber der gute Rektor, von der Vorſtellung all' des Un⸗ gluͤcks ergriffen, welches das arme Kind unſchuldiger Weiſe verurſacht hatte, und aͤber dasjenige bekuͤmmert, womit es eine — *) Luc. 11 v. 34. 383 Familie, deren trauriges Geſchick er nie aufhoͤrte zu bejammern, annoch in der Zukunft bedrohte, hatte ſich dieſe unrich⸗ tige Anwendung einer Schriftſtelle verzie⸗ hen, was er unter allen andern Umſtaͤn⸗ den ſich nie erlaubt haben wuͤrde. Die Bewohner der Burg Helvin konn⸗ ten an keinen andern Ereigniſſen mehr Theil nehmen, als an ſolchen, von denen der Keim in ihnen ſelber lag. Die ein⸗ zige Zeitſchrift, welche ſie hielten, der Rerkur, wuͤrde auch die einzige Quelle aller literariſchen Neuigkeiten geweſen ſeyn, die den Scharfſinn und die richtige Ur⸗ theilskraft der beiden Freundinnen haͤtte beſchaͤftigen koͤnnen, wenn ihnen der Dok⸗ tor nicht die neuſten Ereigniſſe und Flug⸗ ſchriften aus der Provinz mitgetheilt haͤt⸗ te, die damals auch viel Intereſſantes ent⸗ hielten, Herr Leny hatte zwar zwei Mal 384 Briefe von ſeinem jenfeits des Meeres lebenden Neffen erhalten, aber ſie waren nicht zur Mittheilung geeignet. Der er⸗ ſte beſtaͤtigte die Nachrichten des Kapitains Ferec, in Bezug auf den Aufenthalt ſeines Paſſagiers in Isle de Bourbon, nur mit dem Unterſchied, daß er die Spuren der traurigen Gemuͤthsſtimmung des Reiſen⸗ den noch mehr heraushob; es erhellte aus dieſem Berichte, daß bloß der Wunſch, den Zudringlichkeiten ſeiner franzoͤſiſchen Landsleute auszuweichen, ihn beſtimmt ha⸗ be, ſeine ſchoͤne Pflanzung in St. Suzan⸗ ne zu verkaufen. Ob er gleich dieſe Art von Flucht ſehr geheim gehalten hatte, ſo vermuthete man doch, daß er den ſpani⸗ ſchen Theil der großen Antillen zu ſeinem Zufluchtsort gewaͤhlt habe. Der Zweite Brief, der dieſen Umſtand zur Gewisheit erhob, enthielt ſo außer⸗ ordentliche Umſtaͤnde uͤber das Leben die⸗ ſes Fremdlings, und uͤber das eigene Ver⸗ haͤngniß das ihn nach St. Jago gefuͤhrt —— hatte) daß die beiden Freunde fuͤr gerathe⸗ ner hielten, auch dieſe neuern Mittheilung⸗ en fuͤr ſich zu behalten, ſo wie dies mit den fruͤhern auch der Fall geweſen war. Uebrigens glaubte der Neffe des Paſtors von St. Nolf, der bloß durch einen Zu⸗ fall zu ſo genauen Nachrichten gekommen war, daß Herr Dermot noch immer unter fremden Namen in andern Gegenden herum⸗ irre, und fragte ſeiner Seits bei ſeinem Oheime an, ob dieſer Mann vielleicht in Europa ſich irgend eine ſtrafbare Hand⸗ lung habe zu Schulden kommen laſſen.“ „Dies waͤre in der That ſehr traurig, fuͤgte er hinzu“ denn aͤberall befoͤrdert er das Gute, und aͤberall wird er zuletzt, man weiß ſelbſt nicht warum, ein Gegen⸗ ſtand des Mitleids. Dieſe Berichte ga⸗ ben zu mehr als einer geheimen Unterre⸗ dung zwiſchen dem guten Rektor und dem Arzte, jedes Mal, wenn ſie ſich auf der Burg, oder auf den benachbarten Pacht⸗ hoͤfen trafen, Veranlaßung. III. Theil. 25 386 Um Klemeutinen und Henrietten durch ein kleines laͤndliches Feſt zu zerſtreuen, und womoͤglich aͤhnlichen Ereigniſſen, wie diejenigen, welche man ſo ſchmerzlich be⸗ klagte, vorzubengen, machte Herr Bonnet, nachdem er zuvor mit Heerrn Leny Ruͤck⸗ ſprache genommen hatte, der der Idee ſeinen ganzen Beifall gab, Madame Del⸗ pont den Vorſchlag, den jungen Calvez und Mariane Lecorre, bei denen ſie die Zeichen einer gegenſeitigen tugendhaften Zuneigung bemerkt hatten, mit einander zu verbinden. Der als Kammerdiener auf dem Schloſſe angeſtellte Liebhaber, hatte ſein ein und zwanzigſtes Jahr zu⸗ ruͤckgelegt, die ihm beſtimmte Gefaͤhrtin, welche man, ſeit Eduard der engern weib⸗ lichen Aufſicht entwachſen war, eigentlich und hauptſaͤchlich zur Bedienung der Ma⸗ dame Allote gewaͤhlt hatte, ſtand am Schluſſe ihres neunzehnten. Klementine hatte nichts dagegen einzuwenden, und 387 machte Yvon ein Geſchenk von funfzig Louisd'oren; Henriette dagegen, die ſich ebenfalls uͤber dieſe Verbindung freute, nahm die Ausſteuer Marianens uͤber ſich. Nach dem dritten Aufgebote erhielt das junge Paar die prieſterliche Einſegnung in der Schloßkapelle, in Gegenwart ſeiner guͤtigen Gebieterinnen, denen die harmloſe Freude zweier treuen Dienſtboten ein leich⸗ tes Laͤcheln abnoͤthigte: ach! es war der letzte Schimmer eines ſchwindenden Tages⸗ es waren Blumen einer ſpaͤtern Jahres⸗ zeit, welche die Herbſtſonne noch zur Bluͤthe gebracht hatte: blaß war ihre Krone, unmerklich faſt ihr Geruch, die Waͤrme hatte gefehlt, und doch war ihre Beſtimmung, als Roſen aufzubluͤhen. Klementine und Henriette mußten ſehr ungluͤcklich ſeyn, um ihr Herz bei anderer Gluͤck nicht ganz der Freude zu oͤffnen. Bei dieſer Veranlaſſung fiel mehre⸗ rern Anweſenden die Veraͤnderung in Ma⸗ dame Allote's Zuͤgen auf. Obgleich Ma⸗ 25. 388 dame Delpont ihre Freundin taͤglich ſah, und daher an dieſe langſame Abnahme ge⸗ woͤhnt war, deren ernſte Folgen ſie nicht ahnte, ſo wurde ſie doch endlich daruͤber in die lebhafteſte Unruhe verſetzt. Sie rief Herrn Bonnet zu ſich, und beſchwor ihn uͤber die Geſundheit dieſer ihrem Her⸗ zen ſo unendlich theuern Frau zu wachen; ihre Thraͤnen floſſen an den entfaͤrbten Wangen der Freundin, ſie druͤckte die Ge⸗ liebte feſt an ihr Herz, und dieſe bedurfte ihrer ganzen Kraft, um, wenn auch minder kraͤftig, dieſen Druck zu erwiedern. Unterdeſſen wurde dieſe Kriſis, waͤh⸗ rend welcher der Doktor mehr als ein Mal traurig den Kopf geſchuͤttelt hatte, als eine voruͤbergehende Unpaͤßlichkeit be⸗ trachtet. Nachdem Henriette ihrer jungen Freundin verſprochen hatte kuͤnftig ſorg⸗ fäͤltiger auf ihre Geſundheit Ruͤckſicht zu nehmen, zog ſie ſich auf ihr Zimmer zuruͤck. Am Abend des folgenden Tages beſuchte Sie Klementinen, welche einen Theil des 389 Morgens an ihrem Bette zugebracht hat⸗ te, und verſicherte, daß ſie ſich beſſer be⸗ faͤnde. Ihr Anzug war gewaͤhlter als gewoͤhnlich, ſie ſprach mit vieler Theilnah⸗ me von einer Unterredung, die ſie Vormit⸗ tags mit Herrn Leny gehabt habe, deſſen helle Anſichten und wahrhaft evangeliſchen Sinn ſie nicht genug loben konnte, und nachdem ſie Madame Delpont einige Mal zaͤrtlich gekuͤßt, und ſelbſt das Kind herz⸗ licher als gewoͤhnlich umarmt hatte, ging ſte wieder auf ihr Zimmer, trug aber zu⸗ vor Yvon auf, den andern Morgen mit Tages Anbruch, ein Billet, das ſie auf den Tiſch wo ſie ihr Licht nahm, vor ihm hin⸗ legte, zu dem Doktor Bonnet zu tragen. „Ich bin alle Morgen ſehr fruͤh munter“ fuͤgte ſie hinzu,„wenn Du keine Gegen⸗ ordre erhaͤltſt, ſo mache dich ohne weiteres auf den Weg, ſprich aber gegen Nieman⸗ den davon. Gute Nacht mein lieber Yvon,⸗ ſage Marianen daß ich ſie recht herzlich liebe, und daß ſie dasjenige nicht vergeſ⸗ 390 ſen moͤge, woran ich ſie erinnerte, als ich ſite geſtern Abends umarmte.“ Als ſie dieſe Worte ſprach, hatte ſie nur noch drei bis vier Schritte in ihr Zimmer. Die Kerze zitterte ihr in der Hand, und Calvez, durch den Ton ihrer Stimme erſchreckt, ſchlug ihr vor, Maria⸗ nen zu rufen, was ſie aber verbot, indem ſte zu ihm ſagte:„Habe ich ſie nicht erſt vor einer Viertel Stunde zu Bette ge⸗ ſchickt? Mein Befinden iſt dieſen Abend ſo leidlich, daß ich ihre Dienſte entbehren kann. Yvon behalte dein braves Weib⸗ chen immer lieb, und vergiß nicht daß Klementine ſie Dir gegeben hat.“„Auch aus Ihrer Hand habe ich ſie erhalten“ erwiederte der brave Burſche:“ und Gott ſegne Sie beider Seits, denn, eine beſſere Herrſchaft giebt es nicht!“ Da Yvon vor Tags Anbruch,(es war in den erſten Tagen des Fruͤhlings) kei⸗ nen Gegenbefehl erhielt, ſo machte er ſich mit ſchnellen Schritten nach dem artigen 391 kleinen, an einem Buchenwaͤldchen nahe bei dem Flecken Helvin gelegenen, Wohnhau⸗ ße des Herrn Bonnet, auf den Weg. Er klopfte an das Thor, als es grade die Sonne mit ihren erſten Strahlen beleuch⸗ tete. Der Doktor war eben aufgeſtanden; er oͤffnete das Fenſter, und als er den Schwiegerſohn des Gaͤrtners ſah, ging er ſelbſt hinunter, um ihn herein zu laſſen. Pvon hatte bereits den Zaum ſeines Pferds durch den zu dieſem Enzweck durch⸗ bohrten in der Mauer befindlichen Stein gezo⸗ gen, die Hausthuͤr ſchlug hinter ihm von ſelbſt zu, er trat in den Vorſaal und uͤbergab Al⸗ lote's offnes Billet an ſeine Beſtimmung. Hier ſein Inhalt: „Schoͤnen guten Abend, lieber Dok⸗ tor! Ich habe Ihnen morgen fruͤh Pa⸗ piere von Wichtigkeit eigenhaͤndig zu uͤber⸗ geben, ja eigenhaͤndig und perſoͤnlich: kom⸗ men Sie alſo gleich nach Empfang des Gegenwaͤrtigen, und nehmen Sie ſich in Acht Klementinen zu wecken, bevor Sie 392 auf meinem Zimmer geweſen ſind. Sie kennen meine Freundſchaft fuͤr Sie, lither Freund, heut werden Sie weniger als je daran zweifeln“ Henviette. 27 Maͤrz 1780. Der Doktor erßlaßes bei Durchleſung dieſer beinahe bedeutungsloſen Worte. Er laͤßt ſogleich ſein Pferd ſatteln, ſchwingt ſich ohne ein Wort zu ſprechen⸗ darauf, eilt immer ſchweigend, von dem jungen Calvez gefolgt raſch vorwaͤrts. In⸗ dem ſie auf einen dunkeln Waldpfad hin⸗ traben, ſtoͤßt Yvon einen lauten Schrei aus. Schon ſind ſie der Burg nahe. . Herr Bonnet ſieht ſich um, und da ihm der unbedeutende Grund ſeines Entſetzens ſchon bekannt iſt, ſo nimmt er ſich nicht die Mühe ihn deshalb zu fragen. Man reitet durchs Burgthor. Herr Bonnet ſpringt vom Pferde, und iſt mit wenig 85 Schritten in Madame Allote’s Zimmer. Ende des dritten Theils. 1 8 ſnnnſinſnnſſnſnſnſnſiſſſſſ imumm mnm ſunaan 7 1 8 9 11 12 13 14 15 16