4 IE-=e====e=e5 V Leihbibliothek ——A deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und ICeſebedingungen. 1. Oſtensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 83. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 8 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: 3———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 8 .= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch —y—B—— dafür zu ſtehen haben. ——. ———— —— Die Burg Helvin, oder die letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir, von Keratry. Ein hiſtoriſch⸗ romantiſcher Roman fuͤr gebildete Leſer. Aus dem Franzoͤſiſchen frei uͤberſetzt von C. G. Hennig. Zweiter Theil. Zweite Auflage. Ronneburg 1830. Im Verlag bei Friedrich Weber. *) 7 2 4 . 1 Zehntes Kapitel. Lorient.— Entfernung aus dem Vaterlande. —— Seit geraumer Zeit waren, um mich des Ausdrucks eines der beiden Reiſenden zu bedienen, die Freunde in dem Wagen neben einander geſtaut,“*) ohne ein Wort zu wechſeln; denn der Kapitain befuͤrch⸗ tete durch vorlaute Aeußerungen ein wun⸗ des Herz zu beruͤhren, und Herr Dermot, welcher mit ſeinem eignen Gedanken ge⸗ *) Schiffsausdruck. Anm. des Ueberſ. II Theil. 1 nug zu thun hatte, vermied ſo viel moͤg⸗ lich, die eines andern zu verfolgen. Nach einem Selbſtgeſpraͤch, wie es ſchien, rich⸗ tete er endlich den Kopf in die Hoͤhe und unterbrach dies lange Stillſchweigen: —„Kennen Sie,“ ſagte er„die Fa⸗ milie Beaumanoir ſchon lange Kapitain?“ —„Bald zwei Jahre, mein lieber Jo⸗ nathan, ich machte naͤmlich dieſe Bekannt⸗ ſchaft vor meiner letzten Seereiſe, und ich geſtehe, daß die Art wie ich ſie mach⸗ te, eine ausgezeichnete Stelle in meinem Tagebuche verdient, ich habe ſogar nie et⸗ was in mein Schiffsregiſter eingetragen, das mich ſo intereſſirt haͤtte.“ Ermuthigt durch die Aufmerkſamkeit ſeines Freundes, fuhr Herr Ferec fort⸗ —— 5 „Die Marquiſe Degrego gab einen Ball in ihrem Hotel am Walle in Van⸗ nes: ich wurde dazu geladen, ob ich gleich nicht zum Adel gehoͤrte, denn ich hatte dem Marquis Wein mitgebracht, mit dem er zufrieden war, er wuͤnſchte Kolonial⸗ waaren von vorzuͤglicher Guͤte, und glaub⸗ te, daß ich einigen Werth auf ſeine Hoͤf⸗ lichkeit legen wuͤrde; vielleicht hoffte er ſo⸗ gar dieſe Hoͤflichkeit in Anſchlag zu brin⸗ gen, um mir ſeine Auftraͤge zu ertheilen, ohne mir die dazu benoͤthigten Gelder einzuhaͤndigen, denn obgleich reich an ſchoͤ⸗ nen Beſitzungen, fuͤhrte er doch das Pa⸗ ketboot ſeiner Finanzen ziemlich unordent⸗ lich, und ſein Waſſerſtand war immer niedrig. Wenn er ſich aber ſchmeichelte mein Schuldner zu werden, ſo ſuchte ich durch eine Geſchichte aus meiner vorher⸗ gegangenen Seereiſe ihn bald möglichſt 1 6 auf andere Gedanken zu bringen, ich er⸗ zaͤhlte ihm naͤmlich, daß zwei Stunden zu⸗ vor, ehe ich mich in Martinique ausſchiffte, ich meinem Gedaͤchtniß zu Huͤlfe zu kom⸗ men ſuchte, indem ich die verſchiedenen Noti⸗ zen zu den mir aufgetragenen Einkaͤufen in Ordnung brachte, und da dies bei einem friſchen Winde, mit welchem wir in Fort⸗ Royal einliefen, auf dem Verdecke ge⸗ ſchah, ich die Vorſicht gebraucht hatte, um zu verhindern, daß dieſe leichten Zet⸗ tel nicht weggeweht wuͤrden, auf jeden, den dazu erhaltenen Betrag zu legen, daß ich aber wirklich durch die Schuld ei⸗ nes heftigen Windſtoßes, zu meinem Be⸗ dauern außer Stand geſetzt wurde, die mir von zwei braven Sdelleuten meiner Bekanntſchaft in Auftrag gegebenen feinen Likoͤre bei Madame Anfon einzukaufen, da ihre Noten vor meinen Augen von dem 7 Winde fortgefuͤhrt wurden, weil ich ſie nicht, wie die andern, mit dieſem Ballaſte beſchweren konnte, der die uͤbrigen am Bord erhielt. Recht wohl erwiederte Herr Dermot, mit einem beinahe unmerklichen Laͤcheln, dem erſten, das ſeit dem Zuſammentreffen mit dem Kapitain Ferec ſeine Lippen um⸗ ſchwebte, aber dadurch erfahre ich immer noch nicht, wie Sie die Damen von Hel⸗ vin haben kennen gelernt. —„Wenn du es wünſcheſt, ſo will ich es dir mit Vergnuͤgen erzaͤhlen; dies wird bald geſchehen ſeyn, nur ſage ich dir im Voraus, daß, da ich mich nicht beſſer als in der Sprache, die mir am gelaͤufigſten iſt, ausdruͤcken kann, du dir manche, aus dem Woͤrterbuche der See⸗ fahrer entlehnte Redensarten, wirſt muͤſſen gefallen laſſen.“ Nach einem beifaͤlligen Kopfnicken des Herrn Dermot, begann der Kapitain ſeine Erzaͤhlung folgender Geſtalt. Nachdem ich an dem durch die Einladung beſtimmten Tage, meine Schanzkleider*) gehoͤrig vorgezogen hatte,(pavoisé) ergreife ich mein Steuerruder und richte meinen Lauf gerades Wegs nach dem Hotel Du Grego. Das Vorhauß, ſelbſt die Treppen waren belemmert*i), und die dort ſtatio⸗ *) An feierlichen Tagen wird rings um den Bord des Schiffes ein Stuͤck rothes Tuch gezo⸗ gen, was man Schanzkleid nennt. Anm. des Ueb. **) Schiffsausdruck, der ſo viel als durch Waaren, Ballen, Faͤſſer u. ſ. w. verſperrt an⸗ deutet. Anm. des Ueb. 9 nirten Bedienten und Dienſtmaͤdchen mit ihren Laternen, bildeten beinahe einen Ar⸗ chipel, zwiſchen welchen man durchſteuern mußte. Vor mir ſegelten zwei allerliebſte Fregatten, Corvetten moͤchte ich lieber ſa⸗ gen, ſo nett gebaut waren ſie, ſo wie die artige Felucke, die unter derfelben Flagge den gleichen Weg einſchlug. Ich betrach⸗ tete ſie mit dem Vergnuͤgen, das ein ſolcher Aublick dem Manne vom Handwerk ge⸗ waͤhrt, als ein Toͤlpel, ein wahrer Unter⸗ leger*), der Himmel weiß durch wolchen Windſtoß getrieben, an eine der Fregat⸗ ten anprallt, die durch den Stoß ſogleich rhedelos wird, und gleich einem, an die Kuͤſte getriebenen, Schiffe, ſich an das Ge⸗ laͤnder druͤckt, und vergeblich daran feſtzu⸗ —— *0 Eine Art von flacher Barke mit einem Maſte, deren man ſich beim Ausbeſſern der Schiffe bedient. Anm. des Uebſ. halten ſucht; allein der Fuß gleitet ihr aus oder dreht ſich vielmehr auf den Ab⸗ ſatz des niedlichen Schuhes, und ſie ſchlaͤgt um und ſtuͤrzt in meine Arme. Du weißt Jonathan, der Kapitain Ferec iſt feſt auf den Beinen, ich hob die junge Dame, die lachend uͤber einen Schmerz am Knoͤchel klagte, ohne alle Beſchwerde, weder fuͤr ſie noch fuͤr mich, in die Hoͤhe, und trug ſie in den Saal, ſchneller als man eine Schaluppe uͤber Bord eines Schiffs von vier und ſieben⸗ zig Kanonen hißt. Ich hatte der zweiten Fregatte und der huͤbſchen Felucke den Wind abgewonnen, beide folgten mir unmittelbar; nachdem ich meine, mich we⸗ nig laſtende Buͤrde auf einem Sopha nie⸗ dergelegt hatte, empfing ich ihren Dank; auch Madame Alote, ſo hoͤrte ich ſie nen⸗ —— 11 nen, brachte mir den ihrigen dar. Waͤh⸗ rend ein Oberwundarzt, oder vielleicht ein Barbiergeſelle, der ſich dafuͤr ausgab, mit ſeiner Hand den Sitz des Uebels befuͤhl⸗ te, ſagte ſie zu mir:„Dies iſt ſeit funf⸗ zehn Jahren das erſte Mal, daß ich ei⸗ nen Ball beſuche, Herr Kapitain. Ich habe den Wuͤnſchen der Marquiſe, mit welcher ich in Liſteux in Verbindung ge⸗ ſtanden habe, nachgegeben; eine Gefaͤllig⸗ keit die mir, ohne Ihre Aufmerkſamkeit, ein wenig theuer haͤtte zu ſtehen kommen koͤnnen. Uebrigens weiß ich nicht, war⸗ um es gerade auf meine Fuͤße abgeſehen ſeyn ſollte, da ich nicht tanze.“ Madame, erwiederte ich ſogleich, indem ich einen Blick auf ihren niedlichen, und ſo nett wie ein Beſaansmaſt geformteu Fuß warf, dadurch raͤchen Sie ſich hart an uns. gelten) wurde ich auf ihr Schloß einge⸗ Dieſe Antwort, welche nicht mißfiel, hatte zur Folge, daß die Segel laͤngs der Marsſtange etwas tiefer herabgelaſſen wurden, und ein Unterroͤckchen von Flo⸗ rence bedeckte die Schleife eines elegan⸗ ten Schues; dies Manoͤver war in der Ordnung, und es ließ ſich nichts dagegen einwenden. 1 38a Aus dem Geſpraͤch der Umſtehenden erfuhr ich, daß ich es mit den Damen von Helvin zu thun hatte. Dieſe Flo⸗ tille, mein lieber Jonathan, konnte au Werth jeder andern die Spitze bieten! Die drei Frauen ſuchten, jede in ihrer Art, an Liebenswuͤrdigkeit ihres Gleichen. Von ihnen mit Guͤte uͤberhaͤuft,(denn alle hiel⸗ ten ſich fuͤr verbunden mir das, was ich fuͤr eine von ihnen gethan hatte, zu ver⸗ 13 laden, ich verſprach es und hielt mehr als einmal Wort, denn ich habe endlich Schlaͤge*) genug gemacht, und genug Un⸗ tiefen gelothet, um die Kuͤſte zu kennen, die ich befahre; uͤberzeugt, ihnen ſtets ge⸗ legen zu kommen, warum haͤtte ich nicht von ihrer Eelaubniß Gebrauch machen ſol⸗ len, um nach einem, der Beſitzung mei⸗ nes Schwiegervaters ſo nahen, Ritterſitze zu ſteuern? Von einer Menge junger Edelleute falutirt, die ſich um den Vorzug bewarben, Fraͤulein von Beaumanoir auf ihren Ma⸗ noͤrren zu begleiten, willigte ſie in die Wuͤnſche der Marquiſe, und tanzte zwei Polonaiſen, nach deren Beendigung ſie — Eine Strecke Wegs, die ein Schiff mit einem und demſelben Winde zuruͤcklegt. Anm. des Ueberſ. ſich an die Seite der Madame Allote ſetzte, an deren anderen ihre Mutter ſaß. Der glaͤndzenſte junge Adel umringte uns, und mit mehr Grazie, als der beſte Seg⸗ ler, den je die Wellen getragen haben, ausgeſtattet, zog Klementine ununterbrochen aller Augen auf ſich. Ich lag in meiner kleinen Bai ruhig vor Anker, die ich nicht zu lichten gedachte, und doch geſchah es: ein gewiſſer Baron von Boisbriant naͤ⸗ herte ſich dem Damen von Helvin; ich erkannte ihn, ob er gleich ſeinen Mantel abgelegt hatte, wahrſcheinlich erkannten ſie ihn auch trotz der Unbefangenheit die er affectirte. Es war der Uuterleger, deſſen Anprallen die niedliche Barke der Madame Allote in meine Arme geſenkt hatte, die jedoch zum Gluͤck, nach ihrer Verſicherung nur noch einen unbedeuten⸗ den Schmerz verſpuͤrte. Er bleibt vor 15 Klementinen ſtehen, langweilt ſie mit je⸗ nem gehaltloſen Geſchwaͤtz, wie es zwi⸗ ſchen Fahrzeugen deſſelben Landes Statt findet, die in dem gleichen Hafen zuſam⸗ men treffen, und endigt damit, ſie um den naͤchſten Kontertanz zu bitten, es war der letzte bei welchem die Damen von Helvin gegenwaͤrtig ſeyn konnten, da die Vicom⸗ teſſe erklaͤrt hatte, ſich gleich nach dem⸗ ſelben entfernen zu wollen. Wirſt du es glauben Jonathan? Kle⸗ mentine antwortete ihm, indem ſie ihre blauen Augen, ſchoͤner als der reinſte Him⸗ mel der Antillen, auf mich richtet: ich be⸗ daure Herr Baron, ich habe dieſen Tanz dem Kapitain Ferec bereits verſprochen. „„Ja mein lieber Dermot, und wenn ich luͤge, ſo will ich in meinem Leben weder Schiff noch Fregatte, noch Korvette, noch Goelette, noch Schalupe oder Kahn unter meinen Fuͤßen haben; ja, ſage ich dir, es war die erfreulichſte Aufforderung die ich in meinem Leben erhalten hatte! ich weiß recht gut, daß man dadurch einen unwillkommenen Taͤnzer abfertigen wollte, aber die Art und Weiſe, wie man mich ihm unterſchob, ohne dazu gezwungen zu ſeyn, da man ja nur gar nicht weiter zu tanzen brauchte, hatte etwas ſo ſchmei⸗ chelhaftes, der Ton der Stimme, mit wel⸗ chem man mich davon benachrichtigte, war ſo bezaubernd, daß, haͤtte meine Barke nicht bereits ſchon einen ſo guten Anker⸗ grund gefunden gehabt,(denn du mußt wiſſen, daß ich damals ſeit ſechs Monaten verheirathet war,) ich haͤtte, hoͤrſt du Jo⸗ nathan, unter Donner und Sturm dieſer niedlichen Felucke als Geleitsſchiff dienen wollen! Ich weiß recht wohl, ſo ein Pro⸗ 5 4 17 jekt waͤre Thorhheit geweſen. Der Un⸗ terſchied des Standes und des Vermoͤgens ſtanden, wie eine ſteile Kuͤſte, mir gegen⸗ uͤber, um meine Landung zu verhindern; aber verlaß dich auf das Wort des Ka⸗ pitains Ferec, wenn ich es mir einmal in den Kopf geſetzt haͤtte, und wenn ich haͤtte bei dieſem herrlichen Weſen zum Seeraͤu⸗ ber werden muͤſſen; nur der Tod wuͤrde mich von ihm haben trennen koͤnnen!“ Der Kapitain ſprach dieſe letzten Worte mit einer ganz beſondern Lebhaftigkeit, und ein duͤſteres Feuer durchzuckte mit Blittzesſchnelle die Augen ſeines Freundes. Es war noch hoch am Tage als un⸗ ſere Reiſenden in Lorient eintrafen. Herr Ferec ſtieg mit ſeinem Reiſegeſell⸗ ſchafter im Gaſthofe zum Schwerd ab, und ſchickte ſich vor allen Dingen an, auf dem II. Theil. 2 18 Komptoir der weſtindiſchen Kompagnie, ſich uͤber ſein Fahrzeug die noͤthige Aus⸗ kunft zu verſchaffen. Nachdem er ſeinen Reger Julian, ſo wie ſeine Garderobe, dem Herrn Dermot zur Bedienung uͤber⸗ laſſen hatte, ging er einige Zeit laͤngs der Kirchgaſſe hin, wendete ſich dann links und befand ſich auf dem Kaufmanns⸗ kai Calorie, wo er ſich auf die Rhede am Bord der„liebenswuͤrdigen Eli⸗ ſabeth“ von zwoͤlf vier und zwanzig Pfuͤndern und vier hundert Tonnen brin⸗ gen ließ, ſie hatte zwanzig Fuß Laͤnge und hinlaͤnglichen Raum fuͤr den Super⸗ kargo und funfzehn Paſſagiers, war ſegel⸗ fertig, und erwartete nur die Ankunft des Kapitains, um die Anker zu lichten. Im Frak ſeines Schulkameraden, der ihm ziemlich paßte, beſorgte Herr Dermot 8 1„ 19 die ihm von ſeinem Vater uͤbertragenen Handelsgeſchaͤfte. Es gelang ihm ohne Schwierigkeit einen Theil ſeiner ihm uͤb⸗ rig gebliebenen Wechſel auf den Zahlmei⸗ ſter der weſtindiſchen Kompagnie, gegen Papier auf die Inſeln zu vertauſchen, das Uebrige hatte er zu Tilgung der Haͤlfte des Betrags fuͤr den von Vannes an das Haus Dermot in Rennes ſpedierten Hanf verwendet. Ehe er ſich mit der Korre⸗ ſpez denz nach dieſer letztern Stadt be⸗ ſchaͤftigte, die ihm bei dem bloßen Gedan⸗ ken daran, wie ein Stein auf dem Her⸗ zen lag, hielt er fuͤr noͤthig, fuͤr zweck⸗ maͤßige Kleidung zu ſorgen. Inlian er⸗ haͤlt Befehl, einen Schneider rufen zu laſ⸗ ſen. Dieſer iſt ſchnell bei der Hand. Er nimmt das Maß, und indem er ſeine Schnitte und Zeichen in ſeinen Pergament⸗ ſtreifen macht, ruft er einmal uͤber das 3 2* 8** 5 andere aus:„Es iſt außerordentlich! ich werde es ſogleich ganz genau unterſuchen; ja es iſt kein Zweifel!“ und mit dieſen Worten haͤlt er auf ein Mal in ſeiner Beſchaͤftigung inne. „Nehmen Sie doch Ihr Maß vol⸗ lends, wiederholte ihm zum zweiten Male Herr Dermot; wie ich Ihnen ſchon ge⸗ ſagt habe, ich brauche zwei vollſtaͤndige Kleider, von dem feinſten ſchwarzem Tu⸗ che, nehmen Sie ſo viel Gehuͤlfen dazu als Sie brauchen, laſſen Sie die Nacht durch arbeiten, daß ſie ſchleunigſt fertig werden, ich bezahle was man verlangt, aber ich bitte Sie, verliehren Sie keine Zeit, denn morgen fruͤh um vier Uhr reiſe ich mit der liebenswuͤrdigen Eliſa⸗ beth ab, und Sie begreifen wohl, daß ich zweier Kleider wegen, mich nicht der A1 Gefahr ausſetzen will, eine Gelegenheit, die ſich mir ſchwerlich alle Tage darbieten wuͤrde, zu verſaͤumen.“ Nachdem der Schneider ſeine Scheere in die Seitentaſche ſeines Ueberrockes, wo er ſich uͤber die Bruſt anſchließt, geſcho⸗ ben hatte, rollte er ſein Pergament uͤber die Finger, und antwortete mit affektir⸗ ter Wuͤrde:„Mein Herr, ich werde Ihre Kleider nicht machen.“ —„Wie,“ erwiederte Herr Dermot im hoͤchſten Erſtaunen,„Sie wollen meine Kleider nicht machen! Und warum denn nicht?“—„Weil ſie ſchon gemacht ſind,ℳ erwiederte der Lieferant, in einem Tone von Selbſtgenuͤgſamkeit, der eine zweifache Zufriedenheit ausdruͤckt, an welcher der angenehme Kützel, die Feinheit ſeines 2 Wites glaͤnzen zu laſſen, keinen geringen Theil hatte. „Es waͤre mir ein Leichtes geweſen, fuͤgte er nach einer kurzen Pauſe hinzu⸗ gegen Sie mit meiner Geſchicklichkeit zu prahlen, wie ſo mancher von meinen Mit⸗ meiſtern die ich Ihnen nennen koͤnnte zu⸗ verlaͤſſig gethan haben wuͤrde, und Ihnen 6 morgen fruͤh ins Geſicht zu behaupten, daß zehen Gehuͤlfen, maͤnlichen und weib⸗ lichen Geſchlechts die ganze Nacht geſeſſen haͤtten, um Sie zu bedienen. Aber, mein lieber Herr, ich bin gewohnt meine Pro⸗ feſſion als ein Ehrenmann zu treiben. Ich werde ſtets daran denken was mein Vater ſeliger, ein ehrlicher Bauersmann aus dem Bezirk Pont l'Abbé, was mir auch die Kunde des Herrn Kapitain Ferec verſchafft hat, immer ſagte: Wenn man Luͤgen ausſaͤet ſo erntet man Schande. 23 Laſſen Sie ſich geſagt ſeyn, daß, trotz meiner ſchoͤnen Worte, ich Sie wuͤrde hin⸗ tergangen haben, wenn ich Ihnen ver⸗ ſprochen haͤtte, zwei vollſtaͤndige Kleider vom Abend bis zum andern Morgen zu liefern. Aber vor vierzehn Tagen landete hier ein Amerikaniſcher Pflanzer, grade von ihrer Groͤße und Taille, in der Abſicht nach Paris zu reiſen, wohin ihn Geſchaͤfte von Wichtigkeit riefen. Er bedurfte mei⸗ ner Nadel und ſein Auftrag glich voll⸗ kommen dem Ihrigen, denn dieſer brave Herr Terrien(dies war ſein Name) hatte ſeine Gattin waͤhrend der Ueberfahrt ver⸗ lohren. Noch floſſen ſeine Thraͤnen um ſie. Ich bedung mir acht Tage zur Ab⸗ lieferung aus, die er mir zugeſtand. So verarbeitete ich denn das beſte Tuch, das jemals unter meine Scheere gekommen iſt, ſoviel kann ich ſagen! Als alles fertig war ging ich in den Gaſthof zum Schwerd, wo dieſer rechtſchaffene Edelmann, ich glaube es war in derſelben Stube, logirte, um es ihm anzuprobiren. Ach der arme Ame⸗ rikaner war nicht mehr in der Lage an meine Kleider zu denken! Eben hauchte er ſeinen letzten Seufzer in den Armen ſeiner Tochter aus, eines jungen Maͤdchens von hoͤchſtens ſiebzehen Jahren, das an ſeinem Bette weinte, bald eine ſeiner Haͤnde er⸗ griff, bald die ihrige auf ſein Herz legte, und ihren jammervollen Blick gen Himmel emporhob! Der Sterbende, dem Gram, wie es mir wenigſtens vorkam, unterlie⸗ gend, hatte das Bewußtſeyn verlohren. Indeſſen ſchien bei der Stimme ſeiner Tochter etwas Leben in ihn zuruͤckzukeh⸗ ren, und der erſte Gebrauch, den er von der Ruͤckkehr ſeiner Kraͤfte machte, wa⸗ ren folgende Worte, die er zu ſeiner 25 Tochter ſagte: Jofephine, auf alle Faͤlle bezahle den Schneider“ „Nein“ rief ich mein Fraͤulein, Sie ſol⸗ len den Schneider zuverlaͤſſig nicht be⸗ zahlen, bis ihr Herr Vater, wills Gott, wieder hergeſtellt ſeyn wird, um von mei⸗ ner Arbeit Gebrauch machen zu koͤnnen;“ mit dieſen Worten ging ich ſchmerzhaft betruͤbt meines Wegs, denn das„auf alle Faͤlle!“¹ verfolgte mich. Ich dachte nicht mehr an meine Kleider, ſte ſind fuͤr einen Biedermann verfertigt worden; ſind ſie Ihnen anſtaͤndig, wie ich nicht zweifle, ſo haben ſie ihre Beſtimmung nicht ver⸗ aͤndert. Ich will ſie um keinen Sol uͤber⸗ theuern, und erbitte mir nur noch zwei Stunden, um ſie zu biegeln, und die Auf⸗ ſchlaͤge fertig zu machen die erſt ange⸗ ſchlagen ſind. — Sie ſchiffen ſich am Bord der„lie⸗ benswuͤrdigen Elſiabeth“ ein, wie Sie ſagen, dann haben Sie alle Zeit bis morgen fruͤh ſieben Uhr. Niemand kann dies beſſer wiſſen als ich, denn mein Sohn, der eine Reiſe, nicht etwa durch Frankeich, nein um die Welt vor ſich hat, geht mit am Bord. Ich empfehle den Knaben in Ihr Wohlwollen. Der kleine Bolaré iſt ein feiner Fuchs und voller kleiner Tuͤcke wie der Teufel, aber von Natur gutmuͤthig. Nicht eine Viertel⸗ ſtunde kann er grollen. Er hat mir nicht eher Ruhe gelaſſen, bis ich in ſeine Ab⸗ reiſe eingewilligt habe, er wuͤrde ſich ſehr gluͤcklich ſchaͤten, wenn Sie waͤhrend der Ueberfahrt von ſeinen geringen Dienſten Gebrauch machen wollten. 553* Dem Schneider, der eine zahlreiche Familie hatte, wuͤrde es nicht unangenehm 27 geweſen ſeyn, durch ſeine Geſchwaͤtzigkeit einem ſeiner Kinder fuͤr ſein kuͤnftiges Fortkommen eine Ausſicht zu eroͤffnen. Herr Dermot nahm den Vorſchlag des Meiſters Bolaré, wegen der beiden Klei⸗ der an, und behielt ſich vor, den zweiten noch in genauere Ueberlegung zu ziehen, obgleich das ganze Weſen des Schneiders ein Gepraͤge von Ehrlichkeit trug, das ſehr zu ſeinem Vortheil ſprach. Nach der Entfernung des Schneiders, ſich allein uͤberlaſſen, ging der Freund des Kapitains Ferec mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und ab, und begann endlich mit ſich folgendes Selbſtgeſpraͤch: „Es iſt entſchieden, uͤberall verfolgt mich der Tod, hab' ich denn mit ihm ein Buͤndniß abgeſchloſſen?— Ich komme aus einem Trauerhauſe, an dieſen Fin⸗ —yyꝛÿꝛ— ger trage ich eine ihm entriſſene Beute, und in eine zweite werde ich mich kleiden, indeſſen gehoͤrte ſie wenigſtens einem Bie⸗ dermanne an, der in dieſem, zu einem augenblicklichen Ruhepunkt fuͤr Durchrei⸗ ſende beſtimmten, Orte ſeine leidenvolle Laufbahn endigte, und wo ich mich jetzt ebenfalls auf einen Durchfluge befinde! Er war ein guter Gatte, ein guter Vater, er war tugendhaft, bin ich's wuͤrdig ſeine Kleider zu tragen?— O mein Gott welch ein Geſchic, 4 Unter dieſen Betrachtungen maß Herr Dermot ſein Zimmer fortwaͤhrend mit ha⸗ ſtigen Schritten; rief hierauf Julian, und verlangte Dinte und Papier. Der Ka⸗ pitain Feree war zu thaͤtig, um viel zu ſchreiben, daher ſahe ſein treuer Diener ſich genoͤthigt die Schreibmaterialien au⸗ Ferhalb des Gaſthofes zu ſuchen, was je⸗ doch geſchwind geſchehen war. Bald ſaß Herr Dermot an einem kleinen Buͤreau in der einen Hand die Feder, die andere vor die Stirn haltend, mit dem Vorſatze an ſeinen Vater zu ſchreiben; aber bei dem Zuſtroͤmen einander durchkreuzender Gedanken, die ſeiner Seele vorſchwebten, fehlte es ihm an Worten, ſie auszudruͤcken, ja er war noch nicht einmal mit ſich ſelbſt uͤber die Ordnung einig, in welcher er ſie dem Papiere anvertrauen wollte. Sein Herz glich einem von einem Sturme hef⸗ tig empoͤrt geweſenen Meere, welches, nachdem das Ungewitter voruͤber iſt, noch immer eine innere Bewegung behaͤlt. Wenn dieſe peinliche Wallung laͤnger ge⸗ dauert haͤtte, wuͤrde ſie es ihm unmoͤglich gemacht haben, den wichtigſten Gegenſtand ſeines Briefs zu verhandeln, wenn er 30 nicht auf den Gedanken gekommen waͤre, mit demjenigen den Anfang zu machen, was in ſeinem Augen nur Nebenſache und von geringen Belang war. Indem er nicht ohne einigen Zwang, ſich uͤber alle Nebenumſtaͤnde des Handelsgeſchaͤftes, wo⸗ mit er beauftragt war, verbreitet hatte, ging er endlich auf den Hauptgegenſtand uͤber. Von der Hanflieferung, die er zum Theil bezahlt hatte, kam er auf die Aufforderung ſeines Vaters, ſich baldigſt zu einem Notar zu verſuͤgen, um dort neue Vollmachten zu unterzeichnen, welche der auf Isle de Bourbon reſidirende koͤ⸗ nigliche Prokurator verlangte, und die we⸗ gen des Todes des Faktors auf der Pflan⸗ zung der Madame Dermot, Jonathans Mutter, unerlaͤßlich geworden waren. Dem Auftrage wegen dieſes weſentlich nothwendigen Dokuments ſchloß ſich die 2 31 Nachricht von der baldigen Abreiſe des Kapitains Ferec nach Isle de France an, von wo aus es leicht ſeyn wuͤrde, ſie an den Ort ihrer Beſtimmung zu bringen, hiervon nahm nun der Sohn des achtungs⸗ werthen Kaufmannes Veranlaſſung zu fol⸗ gender Mittheilung: „Die Dazwiſchenkunft eines Notars wuͤrde nunmehr unnoͤthig ſeyn, da ich ent⸗ ſchloſſen bin mich ſelbſt in Perſon vor dem koͤniglichen Prokurator in Isle de Bourbon zu ſtellen, wobei um ſo weniger Hinderniſſe ſtatt finden koͤnnen, da ich mit Ihren Briefen und mit meinem, bei der heiligen Handlung, zu der ich mich nicht eingefunden habe, erforderlichen Taufzeug⸗ niß verſehn bin.— Dieſe Erklaͤrung wird Sie ohne Zweifel uͤberraſchen, und ich nehme deshalb alle Ihre Nachſicht in An⸗ 2 32 ſpruch, deren ich leider nur zu ſehr bedarf.— Seit vielen Jahren ermuͤde ich Ihre Guͤte mit meinen ſchwankenden Geſinnungen, und mit der Unentſchloſſenheit meines Wil⸗ lens, ich belaſte Sie wenigſtens in der oͤffentlichen Meinung, mit dem Kummer uͤber meine zukuͤnftige Beſtimmung, welche ich nicht den Muth habe, feſt zu ſetzen. Mir ſelbſt ſo wie Ihnen zur Laſt, habe ich endlich einen Stand verlaſſen, von welchem mich abzuziehen, Ihre weiſen Rathſchlaͤge ſich vergeblich bemuͤht haben. O mein Vater warum habe ich nicht fruͤ⸗ her auf ſie gehoͤrt, ich wuͤrde jetzt nicht unter der Buͤrde von Demuͤthigungen bei⸗ nahe erliegen. Sie hatten mich nur zu richtig beurtheilt, nein ich war nicht wuͤr⸗ dig mich dem Altare zu naͤhern, deſſen Anblick meine Jugend erfreute, und den in meinen reifern Jahren ſchon meine 33 Gegenwart entheiligen wuͤrde! Mit reinem Herzen und mit unbeſleckten Gedanken nur geziemte es mir, meine Schritte da⸗ hin zu lenken, und ich habe beides nicht mehr, ich muß minder unheiligen Lippen das beſeligende Seſchaͤft uͤberlaſſen, das Lob des hoͤchſten zu erheben, und mich gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ich ſeinen Zorn von mir abwenden kann. „Mein Leben iſt traurig und freuden⸗ leer, es laſtet auf mir, wie die Buͤrde die den Wanderer zu Boden druͤckt, und doch verlangt das Heil meiner unſterbli⸗ chen Seele, daß ich dieſe Laſt fort⸗ ſchleppe!— Ehrwüurdiger Urheber meiner Tage, Sie hatten mir Gefuͤhl fuͤr die Tugend eingefloͤßt, ich war dazu beſtimmt ſie zu lieben, ſchon Ihr mir immer vor⸗ ſchwebendes Beiſpiel waͤre hinreichend ge⸗ II. Theil. 3 34 weſen, ſie mir liebenswuͤrdig zu machen. Ach iſt nicht vielleicht jenes eitle Streben nach einer uͤber das aͤußere gewoͤhnliche Leben erhabenen Vollkommenheit, das Sie mir ſo oft, als meinen Jahren und mei⸗ nem Standpunkte in dem geſellſchaftlichen Leben nicht angemeſſen, verwieſen haben, die Urſache meiner Verwirrung? Ich habe gegen eine widerſtrebende Natur gekaͤmpft, und bin nnterlegen. O mein Vater, ver⸗ zeihen Sie mir und bitten Sie Gott, daß er mir auch verzeihen moͤge— denn ich bin tief geſunken! Ich wage es in die⸗ ſem Augenblicke noch nicht, Sie um Ih⸗ ren Segen zu bitten; aber, bewahren Sie ihn mir auf, legen Sie ihn irgendwo ſchriftlich nieder, in einem Ihrer morali⸗ ſchen Buͤcher, in denen Sie ſo gern la⸗ ſen, in ihrer Bibel, deren Schilderung patriarchaliſcher Tugenden, Sie zum Vor⸗ 35 bild Ihrer eignen ehrwuͤrdig einfachen Lebensweiſe gemacht haben, und beſonders in Ihrem Herzen damit ich ihn, wenn ich jemals deſſelben wuͤrdig werde, dereinſt finden moͤge. „Warum habe ich nicht wie Sie ge⸗ lebt, wie Sie, der mit Ehren ſein graues Haar tragen kann, und deſſen Daſeyn hienieden Gott wohlgefaͤllig und dem Men⸗ ſchen werth iſt! moͤgen wenigſtens Ihre Freunde ſich deſſelben noch lange erfreuen! moͤgen ſie bei Ihrer Annaͤherung, von heiliger Ehrerbietung durchdrungen, Sie, theurer Vater, noch viele Jahrs als ein Muſter eines tadelloſen Wandels, und als ein aufmunterndes Beiſpiel reiner Sitt⸗ lichkeit ihren Kindern vorſtellen! Ich habe des rechten Wegs verfehlt, aber Sie ha⸗ ben ſich keine Vorwuͤrfe zu machen, ich 3* 36 hatte einen Fuͤhrer, ich habe ihm nicht gefolgt, und trage jetzt meine Schuld.... „Am Bord des vom Kapitain Ferec, demſelben, von dem Sie in Ihrem Briefe reden, gefuͤhrten Schiffe reiſe ich morgen fruͤh um ſieben Uhr ab. Ich entferne mich von Ihnen, von meinen juͤngern Ge⸗ ſchwiſtern; das Meer wird uns trennen, aber ich werde es wagen, mich recht oft in Gedanken unter das heimiſche Dach zu verſetzen. Ach daß doch auch Ihr An⸗ denken einen Ungluͤcklichen zuweilen auf der Pilgerreiſe begleiten moͤge, zu der ihn ſeine Schuld verdammt. Mich zu ent⸗ fernen war ich Ihnen, war ich mir ſelbſt ſchuldig. Sie werden dann weniger Ur⸗ ſache haben uͤber meine Vergehungen zu erroͤthen, die, wie ich hoffe, nur auf mein Haupt zuruͤckfallen werden! Gelieb⸗ —— ter Bruder, theure Schweſter, lebt wohl! Ich liege in Geiſt zu Ihren Fuͤßen ehr⸗ wuͤrdiger Vater, aber ich verlange nichts, denn ich habe kein Recht dazu: iſt es nicht ſchon zu viel, wenn ich es wage, mich am Schluße dieſer Zeilen zu nennen Ihren Sohn Jonathan D.“ Es giebt Pflichten, deren Erfüͤllung uns ſo ſchmerzlich faͤllt, daß der Vortheil nicht mehr daran denken zu duͤrfen, eine wahre Wohlthat iſt, die wir uns durch de⸗ ren Entledigung verſchaffen; wirklich fand ſich Herr Dermot, nachdem er dieſen Brief geſchloſſen und gebrochen hatte, einiger Maßen erleichtert, er ſchickte ihn ſogleich auf die Poſt; und in Erwaͤgung daß die Reiſe, deren Zufaͤllen er ſich ausſetzte, 4 38 leicht das Ziel ſeiner Laufbahn werden koͤnnte, beſchaͤftigte er ſich nunmehr mit ſei⸗ nem Teſtamente, an deſſen Ausarbeitung er alle nur moͤgliche Sorgfalt verwandte, ob es gleich nur aus zwei Artikeln be⸗ ſtand, deren Inhalt kurz und ſehr beſtimmt war. Er legte eine ſolche Wichtigkeit darauf, daß dieſer Ausſpruch ſeiner per⸗ ſoͤnlichen Wuͤnſche geheim bleibe, daß, als er zwei oder dreimal einiges Geraͤuſch an der Thuͤre des Zimmers wahrnahm, und befuͤrchtete, ſein alter Schulkamerade moͤchte ſich vielleicht die Freiheit heraus⸗ nehmen, ſei es nun unwillkuͤhrlich, oder aus Mangel an Zartgefuͤhl, ſeine Augen auf das Papier zu werfen, er es jedes Mal ſchnell in eines der Schiebfaͤcher des Buͤ⸗ reaus verbarg. Sobald er die letzte Hand an dieſem Ausdruck eines Wunſches gelegt hatte, mit deſſen Vollziehung wir, an 39 unſerer Statt unſere beſten Freunde be⸗ auftragen, und durch welchen, in den Her⸗ zen edelgeſinnter Verwandte, theure, das Andenkens wuͤrdige Verſtorbene, gewiſſer Maßen ununterbrochen fortleben, druͤckte er als Petſchaft, den auf dem Sardonix befindlichen, an einen Trauercippus ge⸗ lehnten Genius darunter. Hierauf ließ er ſich durch Julian zu Herrn Poulizac, einen das allgemeine Vertrauen beſitzenden Notar fuͤhren, und, nachdem er mit dem⸗ ſelben eine Viertelſtunde geſprochen hatte, ging er, unter Begleitung des Domeſti⸗ ken, in verſchiedene Kaufmannsgewoͤlbe, um die, theils fuͤr ſeine anzutretende Rei⸗ ſe, theils fuͤr ſeine veraͤnderte Tracht, noͤ⸗ thigen Einkaͤufe zu beſorgen. Bei ſeiner Zuruͤckkunft im Gaſthofe zum Schwerd traf er den Schneider an. 40 Neben ihm ſtand ein, dem Anſehen nach gewandter, obgleich etwas unterſetzter, junger Menſch, mit einem kugelrunden Kopfe, welchen ein paar geiſtvolle Augen belebten, ſeine Rede hatte etwas Bar⸗ ſches, aus der deutlich hervorging, daß der bedeutende Vorſprung ſeiner aufgewor⸗ fenen, purpurrothen Lippen, der Luͤge nie zum Sitz gedient hatte. Es war Alexis Boloré, er trug eines der Kleider, das in ein oſtindiſches Tuch geſchlagen war, das andere hing uͤber dem Arme ſeines Vaters, der Herrn Dermot bat, es anzu⸗ probiren. Nachdem dieſer, durch die Annahme beider, ihm vortrefflich paſſenden Kleider, den Grund zu ſeiner neuen Garderobe ge⸗ legt hatte, berichtigte er deren Betrag zur Zufriedenheit des Verkaͤufers; hier⸗ 41 auf wendete er ſich zu dem jungen Men⸗ ſchen:. —„Nun, ſagte er, mein Freund, man hat mir verſichert, daß wir mit ein⸗ ander reiſen wuͤrden?“ Alexis ſtrich mit ſeinem Unteraͤrmel auf ſeinen Hut von lackirten Leder hin und wieder, ohnerachtet ſein Glanz dieſer Reibung nicht bedurfte, die zugleich eine Folge ſeiner Verlegenheit und eine Ange⸗ wohnheit war, indem er erwiederte: —„Ja Herr Schiffsprediger.“ —„Wer hat dir denn geſagt, daß ich Schiffsprediger ſey?“ erwiederte Herr Dermot mit gerunzelten Augenbraunen. Die Antwort erfolgte unmittelbar. 42 —„Wer! Der Abgang desjenigen, den das Schiff zeither am Bord hatte, und den unvorhergeſehene Angelegenhei⸗ ten in ſeine Vaterſtadt St. Quintin zu⸗ ruͤckrufen. Wir kennen den Kapitain Fe⸗ rec, er iſt ein Lebemann aber auch ein guter Chriſt, und da ich geſehen habe, daß er Sie in ſeinen Wagen mitgebracht hat, und beſonders, ſeit ich Sie geſehen habe, Herr Abbé, ſo wollte ich gleich mein vier und zwanzig Sousſtuͤck, das mir mein Pathe dieſen Morgen geſchenkt hat, verwetten, daß der Herr Kapitain Ferec die„liebenswuͤrdige Eliſa⸗ beth“ mit einen guten Schiffsprieſter hat verſehen wollen, denn bei einem gu⸗ ten Schiffsprieſter und bei einem guten Kapitain, koͤnnen wir auch auf eine gute Fahrt rechnen!“ 43 Dieſe Antwort entſtroͤmte ſeinen Lip⸗ pen in einem Accent, der an die Nach⸗ barſchaft des Odet*) erinnerte, und mit einer Gelaͤufigkeit der Zunge, die von ſeiner Gegenwart des Geiſtes zeigte. Die Falten auf Herrn Dermot Stirn verſchwanden. Die Kleidung, in welcher er ſich beim Ausſteigen aus dem Kabrio⸗ let ſeines Freundes gezeigt hatte, und der Schnitt ſeiner Haare, die auf dem Kra⸗ gen ſeines Fracks eine zirkelformige Locke bildeten, mußten den Vermuthungen des jungen Burſchen viele Wahrſcheinlichkeit geben. Dies ſah er ein. Inzwiſchen konnte er, in Folge einer Art von Ruͤck⸗ erinnerung, ſich nicht entbrechen, zu ſich *) Kleiner Fluß in der Bretagne. Anm. des Ueberſ. 44 ſelbſt zu ſagen: Soll es denn immerwaͤh⸗ rend mein Loos ſeyn, zu ſcheinen was ich nicht bin? und, indem er ſich wieder an den jungen Schneider wandte, fuͤr welchen er eine Art von Theilnahme fuͤhl⸗ te, fuͤgte er hinzu: „Schiffsprediger oder nicht, waͤre ich nicht abgeneigt deine Dienſte am Bord des Schiffs anzunehmen, wie dein Vater zu wuͤnſchen ſcheint, wenn du mein Sohn nichts dagegen zu erinnern haſt.“ Ein Handel, der beiden contrahiren⸗ den Theilen angenehm iſt, iſt bald abge⸗ ſchloſſen, und Boloré der Vater verließ das Zimmer nicht, ohne ſeinen Sohn dem Schutze eines Mannes zu empfehlen, deſſen Herzensguͤte ſich, mitten durch eine, das Ge⸗ praͤge tiefer Schwermuth tragende, Auſſen⸗ ſeite, in jeden ſeiner Zuͤge ausſprach. Mochte. 45 auch dieſe Guͤte in Ernſt gehuͤllt ſeyn, nie verfehlte ſie ihren Hauptzweck, jedem, der mit Herrn Dermot in Verhaͤltniſſe trat, Vertrauen einzufloͤßen. Man haͤtte ihn in ge⸗ wiſſer Hinſicht mit einen von jenem truͤben Herbſttage vergleichen koͤnnen, an welchem der Reiſende mit Grunde zweifelt, ob die Sonne durch die dichte Wolkenhuͤlle werde dringen koͤnnen, aber an denen er nichts deſto weniger hofft, ſeine Wanderung ohne Regen und Sturm fortſetzen zu koͤn⸗ nen. Schon hatten ſich die Tritte des Kapitain Ferec auf der Treppe hoͤren laſ⸗ ſen, und dieſer wollte ſich eben voller Freude an ſeinen alten Freund wenden, als er beim Anblick des jungen Bolvré ausrief: „Wer hat dich hierher gerufen, kleiner Taugenichts, und warum bleibſt du nicht am Bord? Wenn ich Pont⸗l'Abbe's we⸗ 46 gen mir die Laſt mit dir abgefeimten Hunds⸗ vott uͤber den Hals gezogen habe, denkſt du, daß du bis zu unſerer Abreiſe in LOrient herumziehen kannſt, um den Leu⸗ ten eine uͤble Meinung von der Ordnung, die auf der„liebenswuͤrdigen Eli⸗ ſabeth“ herrſcht, beizubringen. In fuͤnf Minuten geht ein Boot mit zwei von unſern Paſſagieren ab, packe dich auf der Stelle von hier, wenn's beliebt, und nimm dich in Acht, daß ich dir nicht bei meiner Zuruͤckkunft zwanzig Leinenhiebe aufzaͤhlen laſſe.“ Als indeſſen der Kapitain erfuhr, daß Alexis in Herrn Dermots Dienſte getreten war, beruhigte er ſich mit einem Male. „Das iſt etwas anderes mein Sohn“ ſagte er zu ihm„da kannſt du bleiben, du gehoͤrſt nicht mehr zu meinen Leuten, 47 und ich habe dir nichts mehr zu befehlen. Nur warne ich dich, ſtoͤre ja am Bord die Schiffsarbeiten nicht, denn in dieſem Falle, verſtehſt du mich, wuͤrdeſt du ſo⸗ gleich wieder unter meine Bochmaͤßigkeit kommen, und dann... huͤte dich vor der Stelle neben der Schiffswinde.*) Hierauf ergriff der Kapitain die Hand ſeines Freundes mit veraͤnderter Stimme, was ihm nicht ſchwer ſiel, denn, obgleich bei den Seeleuten eine derbe Sprache zum Beſten des Dienſis erforderlich iſt, ſo wurde doch, ſobald dieſer nun geſich⸗ ert war, Herr Ferec wieder zum freund⸗ lichſten Manne. *) Der Ort im Schiffe, wo auf Befehl des Hochbootsmanns und der Ofſiziere die Schiffs⸗ ungen abgeſtraft werden. „Mein lieber Jonathan,“ ſagte er, „du wirſt ein allerliebſtes Gemach neben dem meinigen erhalten. Alles iſt bereit: morgen fruͤh punkt ſechs Uhr lichte ich die Anker; um vier Uhr ſchicke ich dir die Schaluppe, um dich mit deinem kleinen Schlingel abholen zu laſſen, und wenn der Wind nur ein wenig aus Oſten weht, ſo werden wir mit vollen, vaͤterlichen Se⸗ geln*) auslaufen. Aber jetzt zum Nacht⸗ eſſen. Die beiden Schulkameraden ſpeißten mit einander. Nach dieſer Mahlzeit, die bald beendigt war, kehrte Herr Ferec in Begleitung von zwei Matroſen und Ju⸗ lian, die ſein Gepaͤck trugen, zu der Rhede — „) Anſpielungen auf die der weſtindiſchen Kompagnie von dem Hauſe Dermot gelieferten Segeltuͤcher.. — 49 zuruͤck. Gute Nacht: auf baldiges Wie⸗ derſehn, ſagte er zu dem, dem buͤrger⸗ lichen Leben wiedergegebenen Seminariſten, in deſſen Phantaſie ſich die Ereigniſſe, die ſeit vier und zwanzig Stunden ſein Schickſal beſtimmt hatten, mit einer Hef⸗ tigkeit durchkreuzten, die alle ſeine Gei⸗ ſteskraͤfte in Verwirrung brachte. Es gab Augenblicke, wo Herr Dermot be⸗ fuͤrchtete, ſeinen Verſtand zu veliehren; dann glaubte er wieder, geſtuͤtzt auf die in ihm feſt gegruͤndete Ueberzeugung, von der vaͤterlichen Sorgfalt, mit der die ewige Vorſehung alle Erſcheinungen in der phy⸗ ſiſchen und moraliſchen Welt zum Beſten leitet, die, ehedem in der ſtoiſchen Schule angenommene Lehre des Fatalismus, mit dem gelaͤutertern Grundſaͤtzen des Chriſtenthums vereinigen zu koͤnnen. So feſt auch von Natur ſeine Konſtitution war, ſo hatte II. Theil. 4 50 ſie doch zu heftige Stoͤße erlikten, um nicht erſchuͤttert zu werden; Ruhe war ihm nothwendig, er fuͤhlte, daß er, frei⸗ willig oder nicht, ſich dieſem Naturgeſetze unterwerfen muͤſſe, und legte ſich daher, nachdem er ſeinem jungen Diener noch einige Befehle ertheilt hatte, zu Berte. Da kein Hinderniß dem Entſchluße des Kapitains Ferec in dem Weg getre⸗ ten war, ſo umarmten ſich die beiden Freunde, bei Sonnenaufgang, am Bord der liebenswuͤrdigen Eliſabeth! Auf das um ſechs Uhr durch einen Pfiff gegebene Signal des Oberbotsmannes, verkuͤndigte das Knarren der Schiffswinde, daß der Anker gelichtet wurde; der Wind ſchwellte die geſpannten Segel; um ſieben Uhr war das Schiff außerhalb der Rhede. Herr Derwot wurde von der Seekrankheit nicht befallen, viel weniger noch ſein Die⸗ — 51 ner, der an der Kuͤſte des Bisthums Auimper gebohren war, und mehr als ein Mal mit ſeinem Spielkameraden ſein Leben in Gefahr geſetzt hatte, indem er ſich, ohne andere Beihuͤlfe als eines elen⸗ den Ruders, auf ſchlechten, zu zwoͤlf Sols fuͤr den Tag gemietheten, unter der Be⸗ nennung„Nußſchaalen“ in dortiger Gegend bekannten Nachen, dem Meere Preis gab. Beim Annaͤhern des erſten Abends gegen ſieben Uhr, als man eben anfing die Kuͤſte von Bretagne aus dem Geſicht zu verliehren, erhob ſich unter dem Schiffs⸗ volke ein, von einer gewiſſen Unruhe be⸗ gleitetes, Gemurmel. Dieſe Bewegung entſtand daher, daß, in Ermangelung ei⸗ nes Schiffsgeiſtlichen, einige Matroſen ſich bei Seite gemacht hatten, um ſich durch Spielen die Zeit zu vertreiben, waͤhrend 4* andere, freilich in geringerer Anzahl, da⸗ von redeten, gemeinſchaftlich mit ihnen, ihr Abendgebet zu verrichten; unter die⸗ ſen Letztern befand ſich beſonders ein al⸗ ter Seemann, Namens Triſtan, welcher behauptete, ſeine Nachtwache nicht ruhig verrichten, noch in ſeiner Haͤngematte ohne Sorgen einſchlafen zu koͤnnen, wenn er nicht vorher ſein: Ave maris stella geſungen habe. Dies war das einzige Gebet das er gelernt hatte, und das er gern herſagte. Herr Dermot, welcher durch den jungen Boloré von dem Vorge⸗ gangenen Nachricht erhielt, ſprach daruͤber mit dem Kapitain, der ſogleich das ge⸗ ſammte Schiſſsvolk, und ſelbſt die Paſſa⸗ giere(deren, der Vollſtaͤndigkeit wegen zu entwerfente, Schilderung wir uns vorbe⸗ halten) beorderte, ſich auf dem Hinterka⸗ ſtelle zu verſammeln. Als die ganze, auf 53 dem Schiffe ſich befindliche Menſchenmaſſe laͤngs dem Gelaͤnder des Verdecks nach der Reihe ſich aufgeſtellt hatte, trat Herr Dermot mit ſeinem, Achtung einfloͤßenden, Anſtande durch die Lucke hervor; er war vom Kopf bis auf die Fuͤße ſchwarz ge⸗ kleidet. Sein ganzer Anzug war ſorgfaͤl⸗ tig, aber einfach. Glatte ſilberne Schnal⸗ len glaͤnzten auf ſeinen Schuhen, und ſei⸗ ne feine weiße Waͤſche ſtand ihm um ſo beſſer, jemehr ſein mouſſelinenes Halstuch und ſeine Manſchetten gegen die Farbe ſei⸗ nes Kleides abſtachen. Seine ganze Per⸗ ſon hatte eine Wuͤrde, die mehr in ſei⸗ nen gewoͤhnlichen Geſichtszuͤgen, als in einem voruͤbergehenden Ausdrucke derſel⸗ ben lag. Er gruͤßte die Verſammlung, und richtete folgende Anrede an ſie mit einem Tone in ſeiner Stimme, welcher, ſelbſt ohne dem von den Umſtaͤnden ge⸗ —₰ botenen Ernſt, feierlich genannt werden konnte. Verehrte Herren, lieben Freunde, ſo ſind wir den hier auf einigen, ſehr ge⸗ brechlichen Bretern zu einer langen Reiſe beiſammen. Unſern eignen Keaͤften uͤber⸗ laſſen, ohne auf irgend eine menſchliche Unterſtuͤtzung rechnen zu koͤnnen, beſinden wir uns zwiſchen der unermeßlichen Tiefe, die uns mit dem Tode draͤut, und dem hohen Himmel, dem Throne des Hocherha⸗ benen, und beduͤrfen alle des goͤttlichen Schutzes. Gewiß Meine Freunde hat niemand unter Euch mehr Urſache als ich, von dieſer Wahrheit durchdrungen zu ſeyn.. Wir muͤſſen uns alſo mit un⸗ ſerm Gebete an dieſe Stuͤtze wenden, oh⸗ ne welche alle unſere Anſtrengung nichts als Thorheit ſeyn wuͤrde; vor allen Ding⸗ en muͤſſen wir uns huͤten, in dem Augen⸗ blicke, wo wir uns den Gefahren einer Seereiſe ausſetzen, uns von den Gewohn⸗ heiten zu trennen, welche die Menſchen wuͤrde aufrecht erhalten, und ſogar die Entwuͤrfe fuͤr unſer irdiſches Daſeyn hei⸗ ligen, indem ſie unſere Gedanken zu dem Schoͤpfer emporheben, denn auf dem Meere wie auf dem feſten Lande koͤnnen wir uns nie ſeinen Blicken entziehen. Ein unerwartetes Ereigniß hat euch, meine Freunde, eures Schiffsgeiſtlichen beraubt, wenn ihr es mir erlaubt, ſo will ich, ſo weit ich es vermag, ihn in ſeinem heiligen Berufe zu erſetzen ſuchen. Inzwiſchen darf ich euch nicht verheelen, daß ich die geiſtliche Laufbahn, fuͤr die ich im Begriff war, mich unwiederruflich zu beſtimmen, ſeit kurzer Zeit verlaſſen habe, da mir, zu meiner eignen Betruͤbniß, die traurige Ueberzeugung geworden iſt, daß 56 ich unwuͤrdig war, mich dem Dienſte des Altars zu weihen. Wenn ihr, nach die⸗ ſer Erklaͤrung, die ich jetzt im Angeſichte Gottes mit aufrichtigen Herzen wiederhole, (bei dieſen Worten hob er ſeinen, von einer ſchmerzlich ſanften Ruͤhrung beſeel⸗ ten, Blick zum blauen Himmelsgewoͤlbe em⸗ por;) wenn, ſage ich, ihr glaubt, daß, indem ich meine Stimme, mit der eurigen vereinigen, und eurem Gebete zuweilen ei⸗ ne gemeinſchaftliche Richtung zu geben verſuche, ich etwas dazu beitragen koͤnne, fuͤr dieſes ſchwache Fahrzeug, dem wir unſer Leben und das Schickſal unſerer Familie anvertraut haben, die ſegnende Obhut des Vaters im Himmel zu erflehen, ſo will ich gern trotz meiner Unwuͤrdigkeit, vereint mit euch, auf dem unermeßlichen Oceane den Schutz desjenigen anrufen, dem Wind und Wellen gehorſam ſind. 57 Dieſer Vorſchlag, der durch den Ton der Stimme des Herrn Dermot, einen beſonders ruͤhrenden Charakter erhielt, wurde einſtimmig angenommen, und ſein Bedienter Alexis wurde beauftragt, ins Kuͤnftige die Schiffsglocke zu laͤuten. Er trat auch ſogleich ſein Amt an, alles auf dem Verdeck warf ſich auf die Knie, die geiſtlichen Geſaͤnge ſtiegen zu dem Maſt⸗ ſtangen empor, wo fuͤnf bis ſechs Matro⸗ ſen, welche auf den Raa's ſtationirt wa⸗ ren, da man die Annaͤherung eines Bo's*) befuͤrchtete, mit lauter Stimme antwor⸗ teten. Herr Dermot fuͤhlte ſich tief be⸗ wegt, er wurde es noch mehr, als er, nach vollendeten Lobgeſang auf die heilige Jungfrau, in welchen alle Anweſende ein⸗ ſtimmten, den Kapitain nicht ausgeſchloſ⸗ 3 B;, ein von Regen begleiteter Wind⸗ ſtoß. Anm. des Ueb. 58 ſen, der ohne Andaͤchtler zu ſeyn, kein Freigeiſt war, und dieſe Veranlaſſung er⸗ griff, um ſeine perſoͤnliche Achtung fuͤr ſeinen Freund oͤffentlich zu beurkunden, nun das Gebet faͤr die Verſtorbenen be⸗ gann, mit welchem, nach Schiffsgebrauch, das Abendgebet beſchloſſen wurde. Dem Gaſte der alten Burg Heloin traten in dieſem Augenblicke alle Scenen der vorgeſtri⸗ gen Nacht und der Todtenwache vor ſeine Seele. Eine Todtenblaͤſſe verloͤſchte an ſeiner Stirn und auf ſeinem Wangen die ſchwachen Spuren des Blutumlaufs; die Lebensthaͤtigkeit ſchien unterbrochen zu ſeyn, und ſeine zitternde Stimme ſchwieg ploͤtz⸗ lich. Nach einer kurzen Pauſe, fuhr er zwar fort, allein es koſtete ihm eine peinliche Anſtrengung, die ſtockenden Worte an eiu⸗ ander zu reichen. Sein leidender Zu⸗ ſtand wuͤrde von allen Anweſenden bemerkt 59 worden ſeyn, wenn der Tag nicht beinaho gaͤuzlich geſunken geweſen waͤre, als er die Worte ſprach, auf die ſich der Laie, dem die Befugniß des geweiheten Prieſters den Segen zu ſprechen nicht zuſteht, be⸗ ſchraͤnken muß: Sit nomen Domini bene- dictum!(Der Name des Herrn fey ge⸗ kobet!) Worauf die Matroſen, indem ſie ſich von den Knien erhoben und ihre Muͤtzen uͤber den Kopf ſtuͤlpten, ebenfals kateiniſch antworteten, Ex hoe, nunc er usque in saeculum!(Von nun an bis in Ewigkeit.*) Ohnerachtet des Schmerzli⸗ chen ſeiner Gefuͤhle, war dies doch ſeit acht und vierzig Stunden der erſte Au⸗ genblick, wo unſer Reiſender, mitten un⸗ ter den Qualen eines zerriſſenen Herzens, Nur dem Prieſter oder einem Diakonus iſt es erlaubt das: Dominus vobiscum(Der Herr ſegne euch und behuͤte euch) zu ſprechen. 60 die wenigſte Unzufriedenheit, mit ſich ſelbſt empfand, begann er doch aufs neue, ſein Leben der ſittlichen Vervollkommnung ei⸗ niger ſeiner Bruͤder zu weihen. Elftes Kapitel. Leichgläubigkeit und Dieberei.— Ueberraſchung und Leichenbe⸗ gaͤngniß. Der Leſer wird uns nicht zuͤrnen, wenn wir ihn wieder auf die Burg Helvin zu⸗ ruͤckfuͤhren. Vielleicht hat ihn ſchon frů⸗ her ſein Herz dahin gezogen. Wir haben dort eine Mutter mit ihren Gefuͤhlen zu⸗ ruͤckgelaſſen, welche, nachdem ſie ſich wi⸗ — 61 der ihren Willen ihrer eigenthuͤmlichen Seelenthaͤtigkeit hatte entaͤußern muͤſſen, durch die Allgewalt der Natur ſich aufs neue in dem Beſitz ihrer Geiſtes⸗ und Willens⸗ kraft befindet. Man wird ſich erin⸗ nern, daß man ſie zum zweiten Male des Lebensgefuͤhls berauben mußte, um ſie dem Gefuͤhle des Schmerzes zu ent⸗ ziehen. Wir haben auf jener Burg eine zaͤrtliche ſich ſelbſt vergeſſende Freundin zuruͤckgelaſſen, die in das groͤßte Mißge⸗ ſchick, was einer Familie wiederfahren kann, mitgezogen, zwiſchen zwei Frauen, an deren Schickſal ihr ganzes Daſeyn ge⸗ kettet iſt, geſtellt, der einen ihre Thraͤnen der andern ihre Sorgfalt weiht, dem Gan⸗ zen allein vorſteht, und alle Huͤlfsmittel hierzu aus der innern, ſich ſelbſt aufop⸗ fernden Kraft ihres Gemuͤths zu ſchoͤpfen weiß. Umringt von den Jammertoͤnen ei⸗ 4 nes harten Geſchicks, hat ſie uns bis jetzt kaum erlaubt, die Anmuth ihres liebens⸗ wuͤrdigen und gebildeten Geiſtes zu ah⸗ nen, und wenn ſie auf Augenblicke unſern Augen vorgeſchwebt hat, ſo hat ihr Schim⸗ mer dem duͤſtern Strahl des Blitzes ge⸗ glichen, der in einer Gewitternacht nur darum die Wolke zu zerreiſſen ſcheint, um dem erſchrockenen Wanderer die empoͤrte Natur in ihrer ganzen fuͤrchterlichen Groͤße zu zeigen. Unter dem Dache dieſes Trau⸗ erhauſes ſchlummert noch die Huͤlle eines jungen Maͤdchens, der Gegenſtand der be⸗ vorſtehenden herzzerreißenden Todtenfeier. Die beiden zur Leichenbeſtattung des Fraͤuleins von Beaumanoir beſchiedenen Weiber waren eben, nebſt zwei Bedienten der Vicomteſſe, zu gleicher Zeit mit Ma⸗ dame Allote in das Schloß getreten, dieſe machte ſie mit den, durch die Umſtaͤnde — noͤthig gewordenen Vorkehrungen bekannt, und kehrte dann, von den ungeheuren An⸗ ſtrengungen gaͤnzlich erſchoͤpft, zu den ein⸗ ſamen Lager ihrer Freudin zuruͤck, um an ihrer Seite einiger Ruhe zu genießen. Die Weiber wurden in Klementinens Zim⸗ mer gefuͤhrt: Fanchon uͤbergab ihnen ein großes Leichentuch von feiner Leinwand, auch vergaß ſie nicht ihnen Waizenbrod, friſche Butter, Wein und einige Mehl⸗ ſpeiſen zu bringen, womit ſie gewohnt waren, ſich zu ſtaͤrken, ehe ſie zu ihrer traurigen Beſchaͤftigung ſchritten; denn es iſt ein alter Gebrauch in Niederbretagne, das Geſicht der Todten vor den ſie be⸗ ſuchenden aufzudecken, und ihnen im Lei⸗ chenzimmer ſelbſt Erfriſchungen zu reichen. Dieſe wurden auf den kleinen Tiſch, neben welchem Herr Dermot ſein Gebet verrich⸗ tet hatte, geſetzt. Perine Moyſan und N 46 Katherine Synvenn nahmen daran Platz, und ſetzten ſich einander gegenuͤber. Perrine, eine nahe Sechzigerin, wohl beleibt, aber blaß wie eine Leiche, trug ihr nichts ſagendes ausdruckloſes Geſicht, das die Natur zu einer ewigen Unbeweg⸗ lichkeit verdammt zu haben ſchien, in allen Kapellen und Weilern des Diſtrikts von Helvin zur Schau. Ihre langen Gebete, die ſie zu ganzen Stunden, auf den Stu⸗ fen, die zu der Pfarrkirche fuͤhrten, und auf denen, die im Innern derſelben das Chor von dem fuͤr die Glaͤubigen beſtimm⸗ ten Raume trennten, verrichtete, hatten für ſie weniger Unbequemes, als man vielleicht haͤtte glauben ſollen, da ihr von Natur phlegmatiſches Temperament ſie hierzu geneigt machte. Sie lag ſogar dieſer taͤglichen Andachtsuͤbung mit allem Eifer, deſſen ſie nur immer faͤhig war, ob, 65 denn waͤhrend ſie durch ihre Finger die großen Kugeln eines Roſenkranzes rollen ließ, und dieſe Bewegung mit lateiniſchen Worten begleitete, an denen bloß ihre Lippen Theil nahmen, erſparte ſie ſich die weit groͤßere Muͤhe zu denken. Weder gut noch ſchlecht, verfolgte ſie auf dieſe Weiſe ruhig ihre Lebensbahn, in einem Rufe von Froͤmmigkeit, der ihr reichliche Almoſen einbrachte, als der Leichnam einer alten, vor einem halben Jahrhunderte be⸗ erdigten, Jungfrau, in einen Zuſtande voͤlli⸗ ger Vertrocknung, an der Morgenſeite des Kirchhofs von Helvin, von dem Todten⸗ graͤber ausgegraben wurde. Die we⸗ nig aufgeklaͤrte Froͤmmigkeit der Glaͤubi⸗ gen fand hierinnen eine ihr willkommene Nahrung. Man erklaͤrte dieſe Erſchei⸗ nung fuͤr ein Mirakely ließ vorgebliche Wunder durch Zeugen beſtaͤtigen, und II Theil. 5 66 die kleine Heiligr(ſo nannte man die⸗ ſes bloß mit der Haut bedeckte Gerippe) wurde als eine ſolche verehrt, erhielt Kerzen, Exvoto's, beinahe einen Al⸗ tar. Auch eine Garderobe bekam ſie, zu welcher der Aberglaube der Baͤuerinnen den Beſtand lieferte. Der Gedanke ſie wirklich anzukleiden war die natuͤrliche Folge der Idee, die zu dieſem Geſchenke Veranlaſſung gegeben hatte. Dieſes Ge⸗ ſchaͤft konnte jedoch nur reinen Haͤnden anvertraut werden, und einem einſtimmi⸗ gen Beſchluſſe zu folge, beauftragte man Perrine Moyſan damit, deren ſechzigjaͤh⸗ riger Nacken ſich nie unter das Joch des Eheſtandes gebeugt hatte. Ihre Korpu⸗ lenz, die ihr anfing beſchwerlich zu wer⸗ den, und einige andere koͤrperliche Ge⸗ brechen machten in Kurzen den Wunſch bei ihr rege, ſich eine Amtsgehuͤlfin bei⸗ zugeſellen. Sie entſchied ſich um ſo lie⸗ ber dafuͤr, da mit ihrer neuen Wuͤrde ihr Ruf ſich bedeutend vermehrt hatte. Der Geruch ihrer Froͤmmigkeit verbrei⸗ tete ſich ſchon uͤber mehr als ein Kirch⸗ ſpiel, und weder Frau noch Maͤdchen konnte in Helvin den Zoll der Natur bezahlen, ohne daß Perrine Moyſan nicht der Vor⸗ zug zu Theil geworden waͤre, ſie einzu⸗ ſargen. Da ſie ſich dieſes traurigen Ge⸗ ſchaͤfts mit Anſtand unterzog, ſo gab der wuͤrdige Herr Leny, ſo weit ſein Sprengel ging, ihr hierzu die Erlaubniß. Auch hatte er nichts gegen den Verein, in welchem ſie zu dieſem Entzweckemit Katharine Synvenn trat. Dieſe letzte war eben die Perſon, auf welche Perrine Moyſan ihr Augenmerk gerichtet hatte, um ſie zu ihrer ſublevi⸗ renden Ceremonienmeiſterin zu machen. 5* 68 (Ueber dieſen Gegenſtand ihrer Wahl muͤſ⸗ ſen wir noch einige Worte beifuͤgen. Katharine Synvenn war in ihrer Art eine Unglaͤubige: bei wenigem Vertrauen auf ihr eignes und anderer Gebet, war ihr Kopf nichts deſto weniger mit Aber⸗ glauben aller Art angefuͤllt. Genaͤſchig, neidiſch und verſtellt, wie dies auch ihre ſchmalen und eingebiſſenen Lippen, ihre ſpitzige Naſe und ihr zuſammengeſchrumpf⸗ tes Geſicht, das jedoch ein paar ziemlich lebhafte Augen beſeelten, zu erkennen ga⸗ ben, hatte ſie ſeit ſechs Monaten ihre Andachtsuͤbungen verdoppelt; da ſie vor⸗ ausſah, daß Perrine ſich genoͤthigt ſehen wuͤrde, noch eine fromme Perſon, als eine Art von Novize ſich zur Gehuͤlfin zu waͤh⸗ len, ſo blieb ſie an den Thuͤren der Ka⸗ pellen laͤnger auf den Knien liegen, bat in einem zuruͤckhaltendern Tone um Al⸗ ½ — 69 moſen, antwortete ſanfter wenn ſie ab⸗ gewieſen wurde, zeigte ſich in den Doͤr⸗ fern, die ſie zu durchſtreichen gewohnt war, etwas relnlicher gekleidet, und gab auf eine zuvorkommende Art, Auskunft uͤber verlaufene Kuͤhe, uͤber die Vorzei⸗ chen zu guten und ſchlechten Wetter, und uͤber die Verkaufspreiſe auf den letzten Maͤrkten. Ja, ſie wallfahrtete ſogar zwei⸗ mal barfuß zu der heiligen Anna von Au⸗ ray fuͤr Rechnung zweier reicher Bau. deren Weiber krank lagen. Was ſie voraus geſehen hatte, was ſie mit einer geheimen Ungeduld, aber mit einer ſcheinbaren Ruhe erwartete, ge⸗ ſchah. Perrine Moyſan, welche anfangs ihre verbindlichen Anerbietungen zuruͤck⸗ gewieſen hatte, ſuchte jetzt Gelegenheit, ſie noch einmal zu denſelben zu veranlaſ⸗ ſen, und es dauerte nicht lange, ſo war 70 man einig. Einige Wochen hindurch hatte die Großmeiſterin der Garderobe der Hei⸗ ligen Urſache mit ihrer Wahl zufrieden zu feyn. Katharine, welche wenigſtens funfzehen Jahre juͤnger, flinker und mehr geeignet war Beſchwerden zu ertragen,⸗ beſchraͤnkte ſich in der That nicht bloß dar⸗ auf, ihre Gefaͤhrtin in ihren traurigen Geſchaͤften treulich zu unterſtuͤtzen, ſondern ſie leiſtete ihr ſelbſt perſoͤnliche Dienſte. Anfangs begnuͤgte ſie ſich mit einer gerin⸗ gen Verguͤtung fuͤr ihre Bemuͤhungen, nach und nach aber wurde ſie begehrlicher, und als ſie es endlich dahin gebracht hatte, daß der Verdienſt in gleiche Theile ging⸗ uͤbte ſie uͤber Perrine Moyſan eine wahre Gewalt aus. Dieſe fuͤrchtete ihre Ge⸗ huͤlfun, und bereuete mehr als ein Mal in der Wahl ihrer Vertrauten ſich ſo ge⸗ taͤuſcht zu haben, mußte ſich jedoch end⸗ 71 lich, bei dieſer einmal eingegangenen Ver⸗ bindnng, in das Joch der eiſernen Noth⸗ wendigkeit fuͤgen. Der Staͤrkere, wie das immer zu gehen pflegt, ſchrieb dem Schwaͤ⸗ cheren Geſetze vor. Wenn dieſe Weiber, auf den Sei⸗ tenwegen, beim Einbruch der Nacht, gleich ein paar Schleiereulen neben ein⸗ ander hergingen, ſo konnten die jungen Burſche aus den Pachthoͤfen, wenn ſie ih⸗ nen begegneten, ſich des Schauers nicht erwehren, die jungen Bauermaͤdchen zitter⸗ ten noch weit aͤrger, und ſahen ihre Er⸗ ſcheinung als eine boͤſe Vorbedeutung an, die ſie aber dadurch abzuwenden ſuchten, daß ſie die guten Schweſtern(ſo nannten ſie ſie dann) recht freundlich gruͤß⸗ ten, und ihnen kleine Geſchenke machten. Uebrigens zeugte die Tracht der Perrine Moyſan und der Katharine Synvenn gar nicht von Duͤrftigkeit: im Gegegentheil hatten ſie aufgehoͤrt um Almoſen zu bit⸗ ten, und das was ihnen in den Maierhoͤ⸗ fen aufgehoben, oder gar in das Haus ge⸗ bracht wurde, verſchaffte ihnen einen reich⸗ lichen Unterhalt in einem Lande, wo man reich hieß, wenn man keine Noth litt. Eine ziemlich reinliche Bauerhuͤtte in der Naͤhe des Flecken Helvin, diente ihnen zur Wohnung. In ihrer Kleidung zeichneten ſie ſich nicht beſonders aus, ſie trugen nach Landesſitte, Korſets, de⸗ ren Hindertheil bis an das Ende der Roͤcke hinabſielen, nur ihre kleinen lein⸗ wandenen Backenhauben waren mit einem ſchwarzen Ueberwurf bedeckt, der die Ach⸗ ſeln verhuͤllte, und den ſie in keiner Jah⸗ reszeit ablegten. Ein Roſenkranz, an welchem ein Todtenkopf von Buchsbaum befindlich war, geweihte Knochenſplitter 73 von der heiligen Anna von Auray, und ein Krucifix von Kupfer, an einem Kreuz von Ebenholz, als Sinnbilder ihres Ge⸗ ſchaͤfts, hingen von der linken Seite ih⸗ res Guͤrtels bis zu den Fuͤßen hinab. Nachdem ſie ihren Appetit befriedigt hatten, vertheilte Katharine Synvenn den Ueberreſt des Weins in beide Becher, und es entſpann ſich folgende Zwie⸗ ſprache. K. Synvenn.— Wer haͤtte ge⸗ glaubt, daß dieſes ſchoͤne Fraͤulein, das ſo herrlich geputzt auf dieſem, noch koͤſtli⸗ cher als ein Altar am Frohnleichnamsfeſte prangenden, Bette liegt, in unſere Haͤnde fallen wuͤrde! P. Moyſan.— Es iſt Gottes Wille geweſen, der immer weiſe und gut iſt/ aber da ſie gegen jedermann ſo guͤtig ge⸗ weſen iſt, ſo wird ſie ſich dort noch beſ⸗ ſer befinden, als ſie ſich hienieden befun⸗ den ha..* 4 K. Synvenn.— Wer hat euch das geſagt, liebe Moyſan, denn kann man wohl etwas beſſeres hoffen, als was die Adelichen und ihre Kinder ſchon hier ge⸗ nießen? Was mich betrifft, ſo weiß ich wohl, daß ich meinen Antheil an dem Paradieſe um ein Billiges ablaſſen wuͤrde. P. Moyſan.— Ihr wollt immer mit dem lieben Gott handeln Katharine, und man ſollte beinahe glauben, daß Ihr von dem, was uns die Prieſter auf der Kanzel von der Seligkeit der Auser⸗ waͤhlten ſagen, eben nicht viel haltet. K. Synvenn.— Die Prieſter moͤ⸗ gen ſagen was ſie wollen, aber ſie wer⸗ den mich nicht hindern zu glauben, daß das Leben der Weiber und Toͤchter der Edelleute auf dieſer Welt augenehm ge⸗ nug iſt, um mich recht gern zu entſchlie⸗ ßen, nach ihrem und meinem Tode ihren Platz hienieden einzunehmen, ſollte ich auch nimmermehr wo anders hin kommen. P. Moyſau.— Pfui Katharine, ſo wollt ihr eure Seligkeit in die Schanze ſchlagen! Wie koͤnnt ihr ſolche Reden fuͤhren? K. Synvenn.— Ei, liebe Moyſan!— Seht nur dieſe Fraͤulein Klementine, wie das angethan war, welche Fußbekleidung, wie ſchoͤn ſtehen dieſe ſeidnen Struͤmpfe noch immer dieſen Fuͤßen!— Betrachtet dies blaue Korſett, dies hellkaſtanienbraune Haar unter dieſem geſtickten Schleier! Iſt ſie, Gott vergieb mir die Suͤnde! nicht immer noch allerliebſt? Wenn wir armes Volk dagegen ſterben, ſo ſchafft man uns ſo ſchnell als moͤglich in die Geuft, ſo furchtbar ſehen wir aus, waͤh⸗ rend man ſagen ſollte, daß der Tod ſeine Knochenhand an die reichen Leute nur darum legt, um ſie zu liebkoſen! P. Moyſan.— Ihr redet ſehr un⸗ verſtaͤndig Katharine, nehmt euch in Acht daß man euch nicht belauſche, denn wir wuͤrden alles Vertrauen verliehren. K. Synvenn.— Wahr iſt's, daß ich mich eines gewiſſen Verdruſſes nicht erwehren kann, und ich geſtehe, daß es mir ein wenig mehr Vergnuͤgen machen wird, dieſes ſchoͤne Maͤdchen zu entkleiden, um ihm ſeinen Sommer⸗ und Winterrock anzuziehen, als das trockene Gerippe un⸗ ſerer kleinen Heiligen anzuputzen. Mit dieſen Worten ſtuͤrzt Katharine Synvenn den noch im Glaſe uͤbrigen Wein hinunter, ſteht auf und zieht aus ihrer Taſche eine Nadelbuͤchſe und einen Knaul Hauszwirn, nebſt einer großen Scheere. 77 Ein geſchickter Maler haͤtte kein paſſen⸗ deres Modell zu einer Lacheſis mit allen ihren Attributen finden koͤnnen. Eine Art von bittern Laͤcheln ſchwebte auf den eingebiſſenen Lippen dieſer Frau, und zeugte von ihren neidiſchen Geſinnungen; indem ſie an ihren Munde das Ende des Zwirnsfadens anfeuchtete, ſtellte ſie ſich vor eine der Kerzen, um den Faden durch das Oehr einer mittelmaͤßig großen Naͤh⸗ nadel zu ziehen. Ihre alte Gefaͤhrtin ſchien uͤber ihre Frevelreden beſtuͤrzt zu ſeyn, und aͤußerte ſich gegen ſie, ohne vom Stuhle aufzuſtehen, folgender Maßen. „Ich haͤtte nie vermuthet, daß ihr ſo boshaft ſeyn koͤnntet; ihr geht auf dem Wege des Verderbens von Tag zu Tag weiter vorwaͤrts. Dies iſt nun das zweite Mal, daß ihr die Ehrerbietung gegen die Heilige außer Augen ſetzt. Und doch iſt 78 ſie es, der wir alles was wir ſind zu ver⸗ danken haben; nehmt euch in Acht daß ſie euch nicht ſtraft? Ich fuͤr meinen Theil zittre jedes Mal vor Furcht, wenn ich mich, in eurer Geſellſchaft, dem Reliqui⸗ enſchrank naͤhere. Glaubt ihr denn, daß ich unter ſo vielen weit verdienſtvollern Weibern und Maͤdchen, die mich darum baten, euch zur Gehuͤlfin beim Ankleiden der Heiligen gewaͤhlt haben wuͤrde, wenn ich euch ſolche Geſinnungen zugetraut haͤt⸗ te? Gott haͤtte mich dafuͤr bewahren ſollen! und es iſt doch ein guter Ver⸗ dienſt, meine liebe Katharine! und was die arme Fraͤulein Klementine betrifft, die jedermann ſo wie ihre Mutter und ihre Tante lieb hatte, was hat den dieſe euch zu Leide gethan um ſie wegen des armſe⸗ ligen Putzes zu beneiden, deſſen ihr ſie noch uͤberdies zu berauben im Begriff 79 ſteht? Wenn ihre Mutter ſich noch einige Augenblicke laͤnger als Mutter hat denken wollen, kann denn das eurem Herzen wehe thun? Man ſieht wohl, ihr habt in eurem Leben keinen Menſchen geliebt!“ Statt aller Antwort breitete die Parze das Leichentuch von feiner Leinwand aus⸗ einander, und, gleichſam um zu zeigen, daß der Verweis ſpurlos an ihren gefuͤhl⸗ loſen Herzen hinabgegleitet ſey, maß ſie an ihrem Arme, den ſie wie eine Elle ausſtreckte, das Leichentuch der ganzen Laͤnge nach, und ſagte dann in einem wich⸗ tigen halbleiſen Tone: —„Ich verſichere euch Perrine, es iſt hollaͤndiſche Leinwand, und zwar von der feinſten die zu finden iſt, denn darauf verſtehe ich mich ſo gut, daß ich mich in dieſer Hinſicht von niemanden anfuͤhren laſſe. Das Stuͤck iſt meiner Treu gewal⸗ 80 tig lang: könnten wir uns denn nicht ſo viel herunterſchneiden, daß jede ſich ein halbes Dutzend ſchoͤne Hauben davon ma⸗ chen koͤnnte? Der Teufel muß ſehr liſtig ſeyn, wenn er dahinter kommt, und da das Fraͤulein ſo gut iſt, Perrine, ſo iſt wohl darauf zu wetten, daß ſie es ihm nicht ſagen wird. Bei dieſen Worten, und da Percine ſah, daß die That den Worten folgen ſoll⸗ te, fuhr ſie, ſo aufgebracht als ihr Phleg⸗ ma es ihr erlaubte, von dem Stuhle in die Hoͤhe, und ging auf die Gehuͤlfin zu, um ihr die Scheere aus der Hand zu reiſ⸗ ſen; aber dieſe war ſchon in das Gewebe eingedrungen und hatten einen bedeutenden Einſchnitt in deſſelben gemacht, ſo daß Per⸗ rinens Anſtrengungen bloß die vaͤllige Aus⸗ fuͤhrung des verſuchten Diebſtahls verhin⸗ dern konnten. Nach wiederholten Vorwuͤr⸗ 81 fen ſetzte ſich Perrine, von der heftigen Bewegung in die ſie gerathen war, ange⸗ griffen, in einen Armſtuhl; trug ihrer gie⸗ rigen und heuchleriſchen Gehuͤlfin auf, den Koͤrper zu entkleiden, und ſchaͤrfte ihr ein, die beiden, an Klementinens Fingern zu⸗ ruͤckgebliebenen Ringe zuvor abzuziehen, welche dem ausdruͤcklich wiederholten Be⸗ fehl der Madame Allote gemaͤß, ihr am an⸗ dern Morgen zugeſtellt werden ſollten. Katharine Synvenn, uͤber ihren miß⸗ lungenen Diebſtahl, von welchem ihr nichts als die Schande zuruͤckgeblieben war, et⸗ was beſtuͤrzt, naht ſich dem Bette, greift ſogleich nach den beiden Ringen, die im blaſſen Wiederſchein der Kerzen glaͤnzten; aber in demſelben Augenblicke bewegt ein ſchneller Ruck das Todtenlager, der Arm beugt ſich gegen den Buſen, das Kopfkuͤſ⸗ ſen veraͤndert kaum merkbar ſeine Falten, II. Theil. 6 82 und eine ſchwache aber deutliche Stimme ſpricht folgende Worte:„Was habt ihr denn mit mir vor?— Ich kenne euch nicht.. Warum ſehe ich weder Henriet⸗ ten noch Karolinen? Was ſoll dieſer An⸗ zug bedeuten! Mein Gott wo bin ich denn hingebracht worden?“ Katharine Synvenn hatte ſo wenig als ihre Gefaͤhrtin die Haͤlfte dieſer Worte gehoͤrt. Sie lag zur Erde geſtreckt, in einem Zuſtande von Schrecken und Entſetzen der ihr die Kraft zu rufen benahm, und Perrine Moyſan lehnte mit vorwaͤrts ge⸗ ſunkenen Kopfe an der Ruͤckſeite des Arm⸗ ſtuhls, und hatte die Beſinnung verlohren. Waͤhrend ſich dieſes zutrug murmelte eine andere Stimme(es war die des Doktors Bonnet) auf der Treppe. Der Arzt ſagte zu Fanchon, die ihm leuchtete:„Mein Kind, ich will mein Gewiſſen frei machen, 83 denn ich habe deshalb die ganze Nacht kein Auge zuthun koͤnnen, bis ich endlich noch vor Tags mich aufs Pferd geſetzt habe, und im voͤlligen Gallop hierher geſprengt bin! Ich habe zwar erſt geſtern noch das liebe Kind geſehen; es war kalt wie Eis; aber durchaus kein Geruch in dem Zimmer zu bemerken, ſie iſt mir nicht aus den Ge⸗ danken gekommen, und ich muß mich noch genauer uͤberzeugen.“—* Mit dieſen Worten tritt er ins Zim⸗ mer und ruft aus: „Wie! die beiden Sibyllen ſind ſchon in dem Weinberge des Herrn!“ Er that einige Schritte nach dem Bette, und be⸗ merkt eine ſchwache Anſtrengung der Lenden und der Knie, wie wenn ein Kranker ver⸗ ſucht, ſeine Lage zu veraͤndern; er naͤhert ſich noch mehr und die Stimme, die ſanfte Stimme Klementinens dringt bis zu ſei⸗ nem Ohre: Kein Zweifel mehr,„9 mein Gott“ ruft er noch einmal, aber in einem ganz andern Tone als das erſte Mal, „welch' ein Gluͤck! es hatte mir geahndet; ach, und wie wenig hat gefehlt, ſo haͤtte ich eine furchtbare Schuld auf mich ge⸗ laden!“ Der Arze hat fh; zu dem Lager 1 nie⸗ dergebeugt. Er nimmt Klementinens Hand in die ſeinige. Die Scheintodte er⸗ wachte aus einer langen und tiefen Starr⸗ ſucht, von denen die Jahrbuͤcher der Heil⸗ kunde mehr als ein Beiſpiel liefern; er gibt ihr ſogleich fluͤchtige Sache zu riechen, er redet auf ſie, er ſucht ſie uͤber ihre Umgebungen, uͤber ſich ſelbſt, uͤber ihre beiden Freundinnen zu beruhigen; denn die Beſorgniſſe dieſes liebenden Weſens, das mit ſeinem Leben auch ſein Herz wieder⸗ fand, waren ihm bekannt. Ein Wort, das 8⁵ er Fanchon ins Ohr ſagte, die vor Ent⸗ zuͤcken außer ſich war, bringt ſie wieder zu ſich, und unterrichtet ſie von dem was in dieſem entſcheidenden Augenblicke ihre erſte Sorge ſeyn muß. Das junge Maͤdchen geht hinaus, und kommt in einigen Minu⸗ ten mit ihrem Bruder und Marianen zu⸗ ruͤck. Vor allen Dingen werden die bei⸗ den Sibyllen entfernt, deren eine, 505 ſie ſich gleich von ihrem erſzen Sihrechen in etwas erholt hatte, doch ihre verſtörten Blicke nach allen Seiten hinmach, waͤhrend die andere mit gelaͤufiger Zunge Gebete herplaͤrrte, an denen ihr, unter den Feſ⸗ ſeln des Aberglaubens befangener, Geiſt, keinen Antheil hatte. Der geſchickte Arzt, ſah ein, daß der Anblick dieſer beiden Geſtalten auf die annoch betaͤubten Sinne ſeiner geliebten Kranken, die im eigentlich⸗ ſten Sinne des Worts, ihren Platz wie⸗ 86 der unter den Lebendigen einnahm, einen nachtheiligen Einſluß haben koͤnne. Mit der Huͤlfe Marianens und der Scheere die der Doktor auf den Boden liegen ſah, ent⸗ kleidet er nun Klementinen, reibt ihr die Stirn, die Gelenke und die Fußſohlen mit geiſtigen Fluͤſſigkeiten; bedeckt ſie mit ei⸗ nem doßßeltzulammengeiegten Teppich und befehtt de dem jungen Kammermaͤdchen, ſich feiner wenigen Kleidungsſtüͤcke zu entledigen, und ſich neben ſeine Gebieterin zu legen, deren Lebensgeiſter, in Ermanglung warmer Tuͤcher, durch Reiben und Erwaͤrmung mit⸗ telſt menſchlicher Ausduͤnſtung anzufachen, wefentlich nothwendig iſt. Zugleich floͤßt der Arzt Klementinen eine leichte Herz⸗ ſtaͤrkung ein, er brennt Federn an, be⸗ ſprengt das Zimmer mit Weineſſig; kurz er vernachlaͤfſigt keine Vorkehrung, die bei ſolchen Vorfaͤllen auf dem Lande getrof⸗ 87 fen werden koͤnnen. Die Beſſerung haͤlt an, der Puls wird regelmaͤſſig, die geiſti⸗ gen Verrichtungen treten wieder in Thaͤ⸗ tigkeit, die Rede hat Zuſammenhang und Sinn, aber die mit Recht empfohlene Ru⸗ he hemmt ihren Lauf und nach allen Kenn⸗ zeichen der beurtheilenden Heilkunde iſt Fraͤulein von Beaumanoir gerettet. Als der Dokter ſich von allen Umſtaͤn⸗ den hinlänglich vergewiſſert hatte, und durch die Leichtfaͤnge der Fenſterlaͤden der Tag im⸗ mer heller ſchimmerte, glaubte er Marianen aufſtehen laſſen zu koͤnnen, und nachdem er ihr hierzu die Erlaubniß gegeben hatte, trug er ihr auf, Madame Allote zu we⸗ cken, und ſie zu erſuchen, ſich in das zwi⸗ ſchen beiden Zimmern befindliche Kabinett zu begeben, wo er mit ihr zu ſprechen wuͤnſchte. Er ſchaͤrfte dem jungen Maͤd⸗ chen ernſtlich ein, uͤber das wichtige Er⸗ 88 eigniß⸗ von welchem es Zeuge geweſen war, ein ſtrenges Stillſchweigen zu beo⸗ bachten. Ob dies gleich fuͤr Marianen eine ſchwere Aufgabe war, ſo gehorchte ſie dennoch, beſchraͤnkte ſich auf Ausrich⸗ tung ihres Auftrags, und ſchwieg. In⸗ deſſen wuͤrde der Ausdruck in ihren Zuͤ⸗ gen ihre Freude verrathen haben, wenn ſie ihre Worte nicht in einer beinahe gaͤnzlichen Finſterniß(eine Folge der ver⸗ ſchloſſenen Fenſterlaͤden) vorgebracht haͤtte, und doch geſtand Madame Allote ſpaͤter⸗ hin, von dem Tone der Stimme, in wel⸗ chem Mariane ihr den Wunſch des Arztes, deſſen fruͤhen Beſuch ſie nicht erwartete, hinterbracht habe, nicht wenig bewegt worden zu ſeyn. Als dieſer und die Freundin der Vi⸗ comteſſe in dem Kabinet zuſammengetroffen waren, wo der offne Fenſterfluͤgel alle 89 Gegenſtaͤnde deutlich erkennen tieß, er⸗ griff der Dokter Madame Allote’'s Hand, und ſagte zu ihr in demjenigen Tone, den er durch die Gewohnheit ſeines Berufs ſich angeeignet hatte, und der die Unruhe ſeines Gemuͤths ſo wenig als moͤglich ver⸗ rieth:„Verehrte Freundin, was ich Ih⸗ nen auch immer zu vertrauen haben moͤge, ich erbitte mir von Ihnen ein leidenſchaft⸗ loſes ruhiges Verhalten vor und nach mei⸗ ner Mittheilung; oder ich fordere viel⸗ mehr von Ihnen, daß Sie mir ohne Hef⸗ tigkeit antworten, denn die Sache iſt fuͤr uns alle von der groͤßten Wichtigkeit.“ „Ich verpflichte mich um ſo lieber dazu, erwiederte die Ausgeberin von Helvin da ich mich genoͤthigt geſehen habe, der Vicomteſſe vor nicht gar zwei Stunden die zweite Doſis Ihres Lauda⸗ nums zu reichen, und da ihr Schlaf das 90 zweite Mal ſo unruhig iſt, daß ich fuͤrchte, es wird uns an Zeit zu unſerer traurigen und herzzerreißenden Feierlichkeit gebre⸗ chen. Ach! wie wohl haben Sie gethan, ſo fruͤh zu uns zu kommen! ich fuͤrchte alles lieber Doktor im Fall wir von Ka⸗ rolinen uͤberraſcht werden ſollten! „— Nun denn, theure, charmante Frau, nehmen Sie alle Ihre Kraͤfte zu⸗ ſammen, und gedenken Sie Ihres Ver⸗ ſprechens: ich ſage Ihnen die Feierlich⸗ keit wird nicht Statt finden. Klementine iſt uns nicht entriſſen, Klementine lebt! ſie hat mit mir geſprochen, ich habe mit ihr geſprochen, ſie hat Sie, ſie hat ihre Mutter genannt, ihr Kopf iſt ruhig und heiter. Klementine iſt uns ganz wieder⸗ gegeben. Ich ſtehe fuͤr ſie, ſtehen Sie mir fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr die Vicomteſſe!“ 91 Der Doktor endigte zum groͤßten Gluͤcke ſeine Rede, die von einer kluͤg⸗ lich uͤberlegten und wohl berechneten Kuͤrze war. Aengſtlich erwartete Madame Al⸗ lote dieſe Pauſe um freier zu athmen. Die Furcht ihn in ſeiner Erzaͤhlung zu ſtoͤren, oder ein einziges ſeiner Worte zu verliehren, wuͤrde ihr den Athen benom⸗ men haben, wenn Herr Bonnet ſich weit⸗ laͤuſiger oder mit mehr Langſamkeit aus⸗ geſprochen haͤtte. Mit leiſer Stimme, wie der Dokter mit ihr geredtet hatte, zitternd vor Furcht, die Toͤne, die ihr Ohr beruͤhrt hatten falſch verſtanden zu haben, machte ſie einen Einwurf, und doch wuͤrde eine Antwort, welche die Hoffnung, die ſich bereits in ihren Buſen geſchlichen hat⸗ te, vernichtet huͤtte, ſie auf der Stelle getoͤdtet haben. Sie erzaͤhlte, wie ſie, da ſie ſich Klementinens Lager genaͤhert, 92 um dem Verlangen der Frau von Beau⸗ manoir zu entſprechen, in der Feuchtigkeit der Haͤnde ein Zeichen der Aufloͤſung zu ſinden geglaubt habe. —„Sie haben ſich geirrt, erwicggrte der Doctor. Ich ſchmeichele mir, daß ich anders wuͤrde geurtheilt haben. Ich habe mir ohnehin genug vorzuwerfen, um auch noch dieſen Vorwurf uͤber mich zu nehmen. Als Sie die Hand dieſes ge⸗ liebten Kindes ergriffen, begann aufs Neue der Umlauf des Blutes; die um die Gegend des Herzens conzentrirten Lebens⸗ geiſter, wo ſelbſt ſie ſich durch ein Wunder erhalten haben, ſuchten ihren Wirkungskreis zu vergroͤßern und gewannen an Ausdeh⸗ nung. Indem ich auf eine Aufloͤſung, die Ihnen vorſchwebte, und die das einzige ſichere Zeichen des Todes nach einer hef⸗ tigen Krankheit iſt, zu wenig Ruͤckſicht 7 93 nahm, haͤtte ich beinahe ein hoͤchſt ungluͤck⸗ liches Ereigniß durch meine Einwilligung zur Beerdigung veranlaßt; es wuͤrde ver⸗ borgen geblieben ſeyn, aber ich waͤre da⸗ rum icht minder ſtrafbar geweſen. Des⸗ halb habe ich auch dieſe Nacht kein Auge zu thun koͤnnen. Glauben Sie alſo was ich Ihnen ſage meine liebe Madame Al⸗ lote, ich bin nicht hierher gekommen um Ihnen durch eine grundloſe frohe Nach⸗ richt aufs Neue einen Dolch in die Bruſt zu ſtoßen. Danken Sie mit mir dem Him⸗ mel! aber vor allen Dingen kein Geraͤuſch, denn Sie wiſſen nur zu gut, mit wem wir es auf beiden Seiten zu thun haben. Bei dieſen Worten deutete der Arzt auf die beiden Zimmer zur Rechten und Linken. Madame Allote richtet noch ei⸗ nen durchdringenden Blick auf ihn, gleich⸗ ſam um ſich zu uͤberzeugen, daß er ſeiner 94 Sinne vollkommen maͤchtig ſeyz dann aber wirft ſie ſich ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen in ſeine Arme, preßt ihn an ſich, und bedeckt ihn mit Kuͤſſen. Mariane, die auf den Fußzehen herbei kommt, um Madame Allote zu ſagen, daß Klementine nach ihr verlangt, war ihr ein Gegenſtand aͤhnlicher Freudenerguͤſſe. In dieſem Augenblicke haͤtte ihr aͤrgſter Feind vor ihr erſcheinen koͤnnen, ſie wuͤrde ihn, wie ihren Freund behandelt haben, dieſelben Ausbruͤche ihres Wonnegefuͤhls wuͤrden ihm zu Theil ge⸗ worden ſeyn. „Jetzt fuhr der Doktor fort, ſuchen Sie ſich zu beruhigen, indeſſen ich Ihre Ankunft vorlaͤufig ankuͤndigen werde. Ver⸗ heimlichen Sie was vor der Hand ver⸗ heimlicht werden muß, veranſtalten ſie alles Noͤthige. Ich verlaſſe mich auf Ihre Geiſtesgegenwart; fehlt es den Frau⸗ 7 95 en wohl je daran? Ich habe die beiden Ehrendamen der kleinen Heiligen bereits fortgeſchickt; eine davon ſcheint mir, unter uns geſagt, ihr Geſchaͤft als Heuchlerin zu treiben, ein lebhafter Angriff auf ein Stuͤck hollaͤndiſche Leinwand hat mich davon uͤberzeugt. Ich wollte wetten, daß in dem Augenblick, als ſie zu ſchneiden anfing, Klementine zu ſprechen angefangen hat, und die Spitzbuͤben vor Schrecken zu Boden geſtuͤrzt iſt; aber unſer liebes Kind, deſſen Ideen zuverlaͤſſig noch nicht geord⸗ net geweſen ſind, wird ſich nicht haben er⸗ klaͤren koͤnnen, was die beiden Sibyllen hier zu ſuchen gehabt haben, und ich hoffe daß ſie es nicht vermuthen wird. Ver⸗ geſſen Sie es nicht, daß es unumgaͤng⸗ lich noͤthig iſt, ſie vor allen Todesgedanken zu huͤten. Die Natur iſt noch ſchwach, wir muͤſſen ſie ungeſtoͤtt eue Kraͤfte ſammeln 96 laſſen. Ich rechne auf Ihre und Ma⸗ rianens Klugheit; hoͤrſt du wohl Kleine? Was Sie betrifft, Madame Allote, ob Sie gleich die ſtandhafteſte Frau in der Burg Heloin ſind, ſo werde ich doch da⸗ fuͤr ſorgen, daß Sie einige Minuten Zeit gewinnen, um ſich zu ſammeln; ich werde Klementinen ſagen, daß ihre Mutter ſchl laͤft, daß ich Sie verlaſſen habe, als Sie eben im Begriff waren aufzuſtehen, und daß Sie jetzt mit Ihrem Anzuge be⸗ ſchaͤftigt ſind.— Auf baldiges Wieder⸗ ſehen..„ In der That herrſchte eine gewiſſe Unordnung uͤber die ganze Perſoͤnlichkeit der Ausgeberin, die ihr jedoch nicht uͤbel ſtand, ihre Freude und ihre Thraͤnen, ver⸗ ſchoͤnerten ſie, aber weder ſie noch der Doktor hatten darauf geachtet, und als ſte ſich verließen, chien es keines von 97 beiden bemerkt zu haben.— Werden die Frauen ſich je uͤberzeugen daß ige Wohl⸗ wollen ſie reitzend genug macht⸗ und daß ſie nicht nöthig haben, zußere Verſchoͤne⸗ rungsmittel aufzuſuchen, wenn ein zartes Gefühl den Ausdruck ſchrer Zuͤge belebt? —„Was iſt das“ rief der Doktor, indem er durch ein eines in den Hof 5 geheldes Scitenfenſter den Leichenzug er⸗ blickte, der bereits mit der Leiche der im Kindbette geſtorbenen jungen Frau inner⸗ 3 halb der Wurgmauer eingezogen war, die ganze Begleitung hatte ſich in der tiefſten Stille vorwaͤrts bewegt, und dar durch den allgem in in Schmerz weit lebhaf⸗ ter— als es die lauteſten Trauergeſaͤnge haͤtten thun koͤnnen. Herr Bonnet fuͤhlte es, ar wichi ſich mit ſei⸗ 4 dem Tuche die Augen, und hdie zu Ma⸗ dame Alote:* * II. Theil. —ᷣꝓꝓ * 7 98 Dieſe armen Leute verſtehen zu lie⸗ ben!— Aber, liebe Madame, dieſer ganze Zug muß ſich ſo ſchnell als moͤglich entfernen, und zwar, ohne Geſang und Klang, wie er gekommen iſt: Auch mit dieſem Auftrage muß ich Sie belaͤſtigen: gehen Sie durch die Thuͤre Ihres Zimmers, ich werde durch dieſe gehen; ſagen Sie Herrn Leny ein Wort ins Ohr, und der gute Rektor wird dafuͤr ſorgen, daß wir nicht noch im Hafen Schiffbruch leiden. Gehen Sie, ich kehre zur Kranken zuruͤck. Alles wurde puͤnktlich vollzogen: die thaͤtige Freundin der Vicomteſſe richtete ihre Schritte, ohne Zoͤgerung nach dem Korridor. Unterwegs dachte ſie uͤber die Art und Weiſe nach, wie es anzufangen ſeyn moͤchte, den Leichenzug zu entfernen. Sie ging mit ſich zu Rathe⸗ ob ſie unter einem wahrſcheinlichen Vorwande, etwa ei⸗ 99 ner, von der Frau von Beaumanoir ver⸗ langten, annoch ſtattfindenden Berath⸗ ſchlagung der Aerzte, den Herrn Leny, uͤber das gluͤckliche Ereigniß, das ſeine Dienſte nunmehr entbehrlich machte, in Irthum laſſen, oder ob ſie ihm alles offen mittheilen ſollte. Ueberzeugt, daß, mit⸗ telbar oder unmittelbar, die frohe Nach⸗ richt ſich bald verbreiten, und wohl fuͤh⸗ lend“, wie ſehr der ehrwuͤrdige Pfarrer ei⸗ nes Vertrauens werth ſei, das ihn mit der reinſten Freude erfuͤllen wuͤrde, enr⸗ ſchied ſie ſich fuͤr das Letztere. Kaum war ſie in den weiten Hof getreten, ſo hatte ſie Urſache ſi ſich zu ihrem Entſchluſſe Gluͤck zu wuͤnſchen, denn ſie bemerkte dort Katharine Synvenn und Perrine zruppen waren, wo man, nach den Mie nenſpiel der baͤueriſchen Phyſiognomien 7 8 . . Moyſan, welche der Mittelpunkt zweier —— 100 urtheilen, erſtaunenswuͤrdige Dinge er⸗ zaͤhlte und erzaͤhlen hoͤrte. Nachdem Madame Allote Herrn Leny zu ſich auf die unterſten Stufen der Treppe gerufen hatte, unterhielt ſie ſich einen Augenblick mit ihm, worauf ſich der treffliche Pfarrer den uͤbrigen Geiſtlichen naͤherte, und mit der Hand ein Zeichen gab, daß er zu ſprechen wuͤnſche. Nun erhob er die Stimme, mitten unter den allgemeinen Schweigen, laut genug, um von ſeinem naͤchſten Nachbarn gehoͤrt zu werden, aber doch nicht ſo ſtark, das ſie in die Zimmer des erſten Stocks, deren Fenſterladen noch verſchloſſen waren, dringen konnte.„Meine Freunde,“ ſagte er,„mag die Hand des Herrn ſchlagen oder heilen, immer muͤſſen wir ſie anbeten. Der Herr hat große Dinge in dieſem Hauſe gethan, ich bitte euch, ſie, ſo viel an euch iſt, zu unterſtuͤtzen, — 101 indem ihr euch alles Geraͤuſches enthaltet. Ich werde euch von allem unterrichten; es witd euer Herz erfreuen, aber, wenn ihr es ſchon ahndet, ſo erinnert euch lie⸗ ben Kinder,(hier ſireckte der gute Pfar⸗ rer feine Hand gegen den Sarg aus, deſ⸗ ſen obern Theil er mit ſeinen Finger⸗ ſpitzen beruͤhrte,) erinnert euch, daß dieſes Leichentuch die Huͤlle einer braven Frau bedeckt, welcher wir die letzte Ehre zu er⸗ zeigen haben, und daß ihre leidtragenden Verwandten ſich in eurer Mitte befinden! Nachdem die Gemeindevorſteher nach allen Seiten hin, den Befehl ſtillzuſchwei⸗ gen wiederholt hatten, ſetzte ſich der Wa⸗ gen in Bewegung, ohne daß die Ochſen einen Schlag bekamen, denn, nach einer alten Sitte, legte ſich der Fuhrmann mit ſeiner Linken auf das Joch, und verhielt ſie mit der Rechten voͤllig leidend. Die⸗ —— 102 ſer Bewegung folgend, ging der Leichen⸗ zug aus dem Schloſſe Helpin, wie er her⸗ eingekommen war. Man bemerkte, daß Herr Leny, waͤhrend er dem Sarge folgte, ſich abwechſelnd mit den ihn begleitenden Geiſtlichen unterhielt, und daß die beiden Sibyllen, an der Stelle wo ſie ſich unter der Reihe der Weiber befanden, eine Art von Verwirrung hervorbrachten. Bei mehrerer Aufmerkſamkeit wuͤrde man et⸗ was Aehnliches, da wo der Zug der Maͤn⸗ ner begann, haben beobachten koͤnnen, und bei einiger perſoͤnlicher Bekanntſchaft mit dieſem Landleuten wuͤrde man endlich entdeckt haben, daß der junge Bauer, der Urheber dieſes kleinen Auflaufs, um den ſich alles herumdraͤngte, niemand anders als Yvon Calvez war, deſſen wir ſchon fruͤher in dieſer Geſchichte gedacht haben. Die kleine Storung dauerte jedoch nicht 103 lange, und ſo wie man weit genug von der Burg entfernt war, um dort nicht mehr gehoͤrt zu werden, begannen die frommen Lobgeſaͤnge aufs neue. So lebhaft auch das Intereſſe ſeyn mag, das uns auf das Schloß Helvin zu⸗ ruͤckzeiht, ſo koͤnnen wir doch nicht umhin, dieſe braven Landleute vorerſt in das naͤchſte Kirchſpiel zu begleiten; denn da dasjenige was ſich dort zutrug, mit un⸗ ſerer Geſchichte zuſammenhaͤngt, und die Gegenwart des Herrn Leny bei dem fer⸗ neren Ereigniſſe, von denen die Burg der Schauplatz ſeyn wird, unumgaͤnglich noͤthig iſt, ſo muͤſſen wir um mit Ordnung zu Werke zu gehen, uns gedulden, bis dieſer achtungs⸗ wuͤrdige Geiſtliche die religioͤſen Feierlich⸗ keiten bei der Beerdigung eines ſeiner rechtlichſten Beichtkinder vollzogen habe. 104 Obgleich die Nachricht, daß Fraͤulein von Beaumanoir ins Leben zuruͤckgekehrt ſey, mit ſehr verſchiedenen Lesarten unter den Reihen der Leichenbegleiter in Umlauf war, und bei Alt und Jung allgemeine Freude erregt hatte, ſo behielt demohnge⸗ achtet der Leichenzug, der ſich nach ſeinem Ziele, dem kleinen Kirchthurme von St. Nolf, hinbewegte, den, ſeinem Zwecke ent⸗ ſprechenden Anſtand, nur hatten ſich, als man in die Naͤhe der Kirche kam, mehrere junge Burſche in gleicher Abſicht von dem Gefolge getrennt, und waren auf ihnen be⸗ kannten Fußſteigen nach dem benachbarten Pachthoͤfen geeilt, aber noch vor beendig⸗ tem Todtenamt erſchienen ſie wieder auf dem Kirchhofe, und als der hinter dem Sarge herſchreitende Herr Leny unter die Kirchhalle trat, fand er ſie ſaͤmtlich in zwei Reihen geordnet, die Huͤte unter den 105 Armen, und jeden mit einer Schaufel auf der Schulter. Dieſer Anblick wuͤrde den Rektor unerwartet geweſen ſeyn, wenn Yvon Calvez, welcher einer der Anfuͤhrer war, ihn nicht von der Beſtimmung diefer laͤndlichen Werkzeuge unterrichter haͤtte. Dieſe Pachters⸗ oder Tageloͤhners⸗ kinder waren groͤßten Theils durch die Wohlthaten der Damen des Schloſſes Helvin, entweder fuͤr ihre eigne Perſon, oder als Angehoͤrigen ihrer Familie, dieſen edeln Frauen verpflichtet, und hatten ſich, voller Begierde ihre Dankbarkeit nach ih⸗ rer Art zu erkennen zu geben, aus den naͤchſten Huͤkten dieſe Schaufeln geholt, mit welchen ſie alle auf einmal, und mit einem Wurfe das fuͤr das Fraͤulein be⸗ ſtimmte Grab ausfuͤllen und durch diefe feierliche Handlung mit aller Kraft ihrer 106 Wuͤnſche ihre junge Gebieterin gleichſam aufs Neue an das Leben feſſeln wollten. „Wohl meine Kinder! antwortete der Diener des Altars, ich habe nichts dage⸗ gen; aber, ſo lange eure Mitſchweſter hier noch vor eurem Augen iſt, werdet ihr, hoffe ich, die ihr ſchuldigen letzten Ehrenbezeugungen nicht ſtoͤren wollen, ich erwarte vielmehr, daß euer Gebet fuͤr ſie zugleich mit dem meinigen, und dem ihrer Verwandten und Freunde zu dem Pater der Darmherzigkeit emporſteigen wird. Hernach koͤnnt ihr euer Vorhaben ausfuͤh⸗ ren. Indeſſen, meine Freunde, fuhr der Paſtor in einem etwas ernſtern Tone fort, bedenkt wohl daß die Stimme der Freude aus dieſen Mauern verbannt iſt, und wenn euch durch eine hoͤchſt ſeltene Gnade des Himmels jetzt vergoͤnnt iſt, das, fuͤr ein tugendhaftes, ſeiner Familie wiederge⸗ 107 ſchenktes Maͤdchen beſtimmte, Grab wieder auszufuͤllen, dieſe andern Graͤber nicht leer ſind, ſondern die Gebeine eurer Vaͤ⸗ ter umſchließen!“ 8r Dieſe Ermahnung hatte die von dem wuͤrdigen Diener der Religion beab ſich⸗ tigte Wirkung. Die Beerdigungsfeier⸗ lichkeit wurde mit Andacht beſchloſſen; hierauf umringten die jungen Landleute von Helvin das leere und um ſeine Beute ſo zu ſagen betrogene Grab. Ruͤhrend war es, als ſaͤmtliche Schaufeln taktmaͤ⸗ ßig und in einen Nu, in die ausgewor⸗ fene Erde drangen, die ſeit undenklichen Zeiten im eigentlichen Sinne des Worts, dem Tode zum Werkzeuge ſeiner Siege uͤber das Leben diente, und jetzt dem Le⸗ ben zum Werkzeuge ſeines Siegs uͤber den Tod dienen mußte. Ein Greis ſtand an der Spitze, im Begriff den Uebri⸗ —— 108 gen das Zeichen zu geben. Der Pfarrer noch immer mit ſeiner Stola bekleidet, und von ſeinem geſſtlichen Mitbruͤdern in ihren Chorhemden umgeben, naͤherte ſich der Gruppe; er fuͤhlte ſich innig bewegt, und es war ihm unmoͤglich ſeine Gefuͤhle zu unterdruͤcken. Er nahm aus Yvon Calvez Haͤnden das Werkzeug, und warf damit etwas Erde in das Grab, ohne je⸗ doch die Abſicht zu haben, den Augenblick zum Beginnen ihrer Arbeit zu beſtimmen: aber im gleichen Moment war auch die Grube verſchwunden, und den uͤbrigen Theile des Friedhofs gleich gemacht, und doch hatte diesmahl kein Deckel, der ei⸗ nen Vater, oder eine Gattin, oder irgend ein anderes geliebtes Weſen bedeckte, un⸗ ter den hinabrollenden Erdſchollen in dum⸗ pfen Toͤnen wiedergehallt, kein Jammer⸗ geſchrei ſein ewiges Lebewohl verkuͤndet! —— —O—C—Q—ę—ę——ę—ę—L—L—⸗— 109 Herr Leny entfernte ſich mit den Worten des Apoſtels:„Tod wo iſt dein Stachel, Grab wo iſt dein Sieg?“*) dies war das erſte und wahrſcheinlich auch das letzte Mal, daß ihm vergoͤnnt war, von dieſer Stelle eine ſo woͤrtliche Anwendung zu wachen. Er beurlaubte ſich von ſeinen Freunden, bedauerte, ſie dieſen Abend nicht bei ſich behalten zu koͤnnen, und ſchlug den Weg nach der Burg Helvin ein, wo man, wie er wußte, ſeine Gegen⸗ wart ſehnlichſt wuͤnſchte, und zu deren Be⸗ wohnern ſein eignes Herz ihn unwieder⸗ ſtehlich hinzog. — ) Erſten Korinther Kap. XV. 110 Zwoͤlftes Kapitel. Nuͤckkehr ins Leben. Gefählvol,, aber ſtets ihrer maͤchtig, weil ihr trefflliches Herz von ſehr vielen Ver⸗ ſtand und einer großen Seelenſtaͤrke ge⸗ leitet wurde, hatte Madame Allote das Zimmer des Fraͤuleins von Beaumanoir bloß mit der einfachen Bewegung betreten, die ein nicht gehofftes frohes Ereigniß in uns erregt, das bei der hoͤchſten mo⸗ raliſchen Gewißheit in unſern Innern im⸗ mer noch einer Art von Zweifel unterliegt, bis unſern phyſiſchen Organe, dieſe Erfor⸗ ———-—— 111 ſcher der Sinnenwelt, von der Wirklich⸗ keit ſich uͤbrzeugt haben. So wie ſte in der Thuͤre erſchien, gab ihr der Dokrer durch ein Zeichen mit der Hand zu erken⸗ uen, daß ſie langſam naͤher treten, und ſich in einen ganz nahe bei dem am Kopf⸗ kuͤſen des Lagers befindlichen Armſtuhl ſetzen moͤchte. Dies war ihr ſehr er⸗ wuͤnſcht; denn es hatte ſi ſie ein Herzklopfen aͤberfallen, deſſen ſie ſich gern erwehrt haͤtte. Mit welcher Wonne betrachtete ſie, als ſie neben Klementinen Platz ge⸗ nommen hatte, die in dieſem Augenblicke in einem leichten Schlummer lag, dieſe 1 Zuͤge, auf denen ein roſenfarbener Schim⸗ mer ſich wieder zu verbreiten anfing! Dieſe Roͤthe war noch ſehr ſchwach; aber es war genug, um Leben und Gluͤck aufs Neue zu verbreiten. Schon bei dem blo⸗ ßen Gedanken erzitternd, durch eine un⸗ 112 vorſichtige Bewegung, die wundervollen Anſtrengungen der Natur zu ſtoͤren, die ſo zu ſagen ſichtbar an der voͤlligen Wie⸗ derherſtellung der geliebten Kranken ar⸗ beitete, blieb Madame Allote unbeweglich. Aber die milde Begeiſterung, welche uͤber ihr nach dem Bette hingeneigtes Geſicht verbreitet war, der auf den Gegenſtand ihres Entzuͤckens haftende Blick, ihre halb⸗ eroͤffneten Lippen, das ſanfte Wogen des Buſens, und der ihr ganzes Weſen beſee⸗ lende Ausdruck von Bewunderung, machte ſie einem jener, unter einem geſchickten Meiſel hervorgegangenen, anbetenden En⸗ gel aͤhnlich, die auf beiden Seiten eines chriſtlichen Altars ſtehen, und das große Geheimniß der goͤttlichen Liebe*) mit *) Wahrſcheinlich meint unſer Verſaſſer das bei dem Katholicken auf dem Hochaltar befindli⸗ che Tabernakel in welchem die geweihte Hoſtie auf⸗ bewahrt wird. Anm. d. Ueb. — 113 ihren Fluͤgeln zu decken, und ihm, in ſtiller Ehrfurcht zu huldigen. Klementine oͤffnet die Augen, ſte ſpricht, ſte wendet ſich an Henrietten, welche ihr ohne ſcheinbare Verlegenheit antwortet; denn Madame Allote war ge⸗ gen ſich ſelbſt auf der Hut. Sie gab ſich dem erneuten Genuſſe ihrer Freundin mit Entzuͤcken hin; es war fuͤr ſie eine Art von Beſitzergreifung, eine voͤllige Wiedererken⸗ nung, vielleicht noch etwas beſeligenderes, allein der Ausbruch der Wonne uͤber dieſes Wiedererkennen, war ſchon im Kabinette erfolgt. Wenigſtens fiel die Ueberraſchung, die es haͤtte gefaͤhrlich machen koͤnnen, weg, und neben der ins Leben zuruͤckge⸗ kehrten Fraͤulein von Beaumanoir, fuͤhlte ſich Madame Allote von einer Empfin⸗ dung durchdrungen, die mit jedem Au⸗ genblick an Suͤßigkeit gewann, was ſie an Lebhaftigkeit verlohr. II. Theil. 8 114 Was Klementinen betraf, ſo bemerkte ſie keine Luͤcke zwiſchen der Trennung von ihren Freunden, und dem Augenblicke, der ihr ſie wiedergab. Die Abweſenheit aller Beziehungen waͤhrend ihrer Lethar⸗ gie hatte in ihrer Seele ein dunkles Be⸗ wußſeyn von ihrer Ohnmacht zurückgelaſ⸗ ſen, die aber frei von jeder Furcht, und beſonders von jenem bangen Schmerzge⸗ fuͤhlen war, die uns das Herz deurchboh⸗ ren, wenn wir gewahr werden, wie ſich rings um uns die heiligſten Bande unſe⸗ rer Seele aufloͤſen. Sie war durch die Bemerkung, daß Madame Allote und ſelbſt der Arzt ſie mit einer beinahe noch zaͤrt⸗ lichern Sorgfalt, als fruͤher behandelten, tief geruͤhrt, und da ihr unbekannt blieb, daß ſie der Gegenſtand eines ſo bittern Schmerzen geweſen war, ſo erregte dieſe vermrhrte zarte Sorgſamkeit nicht etwa 115 eine groͤßere Aengſtlichkeit in ihr, was vielleicht bei der Kenntniß von der erhoͤh⸗ ten Gefahr haͤtte der Fall ſeyn koͤnnen, ſondern das uͤberſtroͤmende Gefuͤhl der Dankbarkeit, von welchem ſie durchdrungen war, ergoß ſich uͤber ihre Umgebungen. Sie glaubte ſich noch inniger geliebt, und fuͤhlte ſich verpflichtet, ihre Gegenliebe, waͤre es moͤglich, zu erhoͤhen. Dieſe Pflicht fiel ihr nicht ſchwer, und ihr lie⸗ bendes Herz konnte ihr voͤllig Gnuͤge leiſten. e„Ich bin ſehr krank geweſen, nicht wahr, ſagte ſie zu Madame Allote. Jetzt befinde ich mich viel beſſer. Es iſt Zeit, daß ich aufhoͤre Dir und meiner guten Mutter Kummer zu machen! ich fuͤhle, daß mein Kopf nicht mehr ſo eingenom⸗ men iſt, und hoffe nunmehr am Leben zu bleiben meine Henriette! Dies wird die Mutter und D Dich erfreuen... Aber ſage 116 mir doch, wie kam es, daß ich angekleidet war, als der Docter und Mariane mich ins Bette gebracht haben, und ſo ſonder⸗ bar angekleidet! Durch welchen Zufall be⸗ fand ich mich aͤberdies auf den Bette mei⸗ ner Mutter?“ Der Arzt, welcher befuͤrchtete, Mada⸗ me Allote moͤchte durch dergleichen Fragen zu ſehr in Verlegenheit geſetzt werden, unterſagte alles Sprechen, was in allen aͤhnlichen Faͤllen immer nachtheilig iſt; aber die Ausgeberin zoͤgerte keinen Au⸗ genblick mit ihrer Antwort: „Du phantaſirteſt, meine gute, kleine Klementine, du ſprachſt von Baͤllen, von Einladungen der Marquiſe Degrego; du wuͤnſchteſt, daß man ſie annehmen moͤchte, dn wollteſt angekleidet ſeyn, und drohteſt uns zu verlaſſen, wenn wir dir dein Be⸗ gehren verſagten. Deine Mutter beeilte N 117 ſich wie immer deine Wuͤnſche mit noch groͤßern Eifer zu erfuͤllen, als du ſie aus⸗ geſprochen hatteſt. Meine entgegenge⸗ ſetzte Meinung fand keine Unterſtuͤtzung: ich mußte nachgeben. O mein Kind, du kannſt nicht glauben, wie viel Ueberwin⸗ dung es mich gekoſtet hat, dieſem eignen Verlangen mich zu fuͤgen!“ — Und Sie thaten wohl nachzugeben, fiel der Dokter ein, indem er ſein Ta⸗ ſchentuch herauszog, und ſich anſchickte ei⸗ ne Priſe Taback zu nehmen, ohne zu be⸗ merken, daß er durch dieſe Bewegung, die⸗ jenige, welche er bereits zwiſchen ſeinen Fingern hielt, zu Boden fallen ließ.— Er fuhr fort: „Nie muß man ſich ohne wichtige Gruͤnde, den Wuͤnſchen der Kranken und der Muͤtter widerſetzen. Es ſpricht aus ihnen eine gewiſſe geheime Stimme, die 118 ſie gewoͤhnlich, ohne das ſie es ſelbſt wiſſen, leitet. Verlaſſen Sie ſich auf meine Er⸗ fahrung in dieſer Hinſicht meine beſte Ma⸗ dame Allote. Ich wenigſtens wuͤrde ſehr boͤſe auf Sie geworden ſeyn, wenn Sie die unſchuldige Bitte Ihrer Freundin ver⸗ weigert haͤtten... Ich deuke, Sie wer⸗ den mich verſtehen, Frau Ausgeberin! Doch genug hiervon. Ich gebe von nun an nicht mehr zu, daß auch nur ein einzi⸗ ges Wort in dieſem Zimmer geſprochen werde.“ Madame Allote laͤchelte; man fuͤgte ſich dem aͤrztlichen Befehle, und das Still⸗ ſchweichen dauerte eine ganze Viertelſtunde, nach deren Verlauf Fraͤulein von Beau⸗ manoir, den Kopf ohne alle Anſtrengung vom Kiſſen erhebend, mit eiuer zweiten Frage zum Vorſchein kam, die ſie mit fol⸗ genden Worten einleitete: Meine Mutter! 119 ach ja, daran erkenne ich ſte! ſie hat mich immer an Balltagen mit beſondern Ver⸗ gnuͤgen umarmt; Dieſe Art von Staat iſt nach ihrem Geſchmack Aber ich habe zwei fremde Weibsperſonen eine Zeit lang an dieſen Tiſche ſitzen ſehen, deren Aeußeres mir widrig war. Ich verſtand wenig von ihrer Unterhaltung, ob⸗ ſie gleich viel und ſehr lebhaft mit einander ſprachen... Die eine ſchien mir beſon⸗ ders zankſuͤchtig und boshaft. Sie naͤherte ſich mir, um mir meine Ringe abzuziehen, und da war es wo ich voͤllig erwachte. Wo ſind dieſe Weiber hingekommen? und wer hat ſie hereingelaſſen? Dies beun⸗ ruhigt mich ungemein. Henriette.. Haͤtten ſie vielleicht meine Mutter auch beſtehlen wollen?“. Lebaft wendete ſich Madame Allote ſogleich gegen die kleine Mariane, die am 120 Fuße des Bettes ſaß, und bei den Ae⸗ ßerungen ihrer jungen Gebieterin ganz Ohr war. „Da haben wir es“ ſagte ſie zu ihr in einem verdrieslichen Tone;„Mamſell Mariane hat den beiden Zigeunerinnen, die ſeit zwei Tagen um die Burg herumſchli⸗ chen, wider meinen Willen den Eintritt verſtattet! Du weißt es, daß ich dir es ausdruͤcklich verboten hatte. Wenn deine junge Gebieterin angekleidet zu werden verlangte, ſo war dies noch kein Grund um zu glauben, daß ihr Zuſtand ihr er⸗ lauben wuͤrde, dieſe alten Klatſchen an⸗ zuhoͤren. Wenigſtens haͤtteſt du, da du einmal den Fehler begangen hatteſt, ſie herein zu fuͤhren, auch bei ihnen hier bleiben ſollen. Ueberhaupt ſeit du bei den Paͤchtern zu Rocken geweſen biſt, haſt du nichts anders als verlohrene und wie⸗ 121 derfundene Sachen, gehobene Schaͤtze und Geſpenſtergeſchichten im Kopfe.. Mariane, obgleich noch ſehr jung, be⸗ ſaß vielen Scharfſinn. Sie ließ ſich aus⸗ ſchmaͤhlen, und verließ, wie es ſchien, ſchmollend das Zimmer. Klementine legte eine Vorbitte fuͤr ſie ein, und Madame Allote fuhr in ihren Bemerkungen alſo fort: 3 „Wer ſteht uns dafuͤr, meine geliebte Freundin, wenn dieſes junge Maͤdchen aͤhnliche Geſellſchaften beſucht, daß ſie nicht naͤchſtens aus dem in ein Glaß Waſ⸗ ſer geſchlagenen Eiweiſe, und den daraus ſich bildenden Stralen, oder aus einem Eimer Waſſer, aus dem Monde und, was weiß ich, aus was allem, tauſend ſonder⸗ bare Dinge prophezeihen wird? habe ich ſie nicht ſchon mehr als ein Mal ertappt, daß ſie die Stacheln an den Blaͤttern der 122 Stechpalme zaͤhlte? In der That, ſie hat ſehr Unrecht gehabt, dich, zum fruͤ⸗ hen Morgen, mit dieſem beiden Hexen allein zu laſſen, die, indem ſie deine Hand, unter dem Vorwande dir daraus wahrzuſagen, ergriffen, dir leicht deine Ninge haͤtten wegpraktiziren koͤnnen; ich weiß daß dieſe Weiber behaupten, Heil⸗ mittel gegen alle Krankheiten zu beſitzen, und da man im Flecken von deiner Krank⸗ heit geſprochen hat, ſo haben ſie wahr⸗ ſcheinlich, durch das Vorgeben, dir zu hel⸗ fen, Marianen gewonnen, aber wir brau⸗ chen Gott Lob ihre Specifica, die ſoviel als ſie ſelbſt werth ſind, nun nicht mehr.... Ich hoffe Doktor, fuͤgte die Ausgeberin hinzu, indem ſie Herrn Bonnet anſah, daß, wenn mir zuweilen mit einander in Streit gerathen ſind, Sie wenigſtens jetzt den Oelzweig des Friedens von mir an⸗ 123 nehmen werden, da Sie ſehen, wie ich Ihre Gerechtſame vertheidige, und zu verhindern ſuche, daß man Ihnen ins Ge⸗ hege gerathe. — Wahr iſt's, erwiederte der Dok⸗ tor, man uͤberlaͤßt gewoͤhnlich die Kranken ſolchem Volke nicht eher, als bis der Zu⸗ ſtand verzweifelt iſt, und davon ſind wir jetzt ſo weit entfernt, nicht wahr meine liebe Madame Allote, daß mir in der That dieſe Kur keinen großen Ruhm erwerben kann, aber bei meinem Leben, glauben Sie mir, ich freue mich ſo ſehr daruͤber, als wenn ſie meiner Erfahrung und meiner Geſchicklichkeit zur groͤßten Ehre gereichte. Mit dieſen Worten, ſchlug der Dok⸗ tor ein Knie uͤber das andere, ſtuͤtzte ſich mit dem Ellenbogen auf den kleinen Tiſch, legte die Hand unter das Kinn und warf einen Blick auf die Ausgeberin, gleich als 124 ob er vor einer Gegenwart des Geiſtes, die ſie beide aus einer hoͤchſt gefaͤhrlichen Lage gezogen hatte, die Seegel ſtreichen wollte. Alle ſeine Geſichtszuͤge ſprachen nach Erſtaunen und Zufriedenheit aus, als Herr Leny eintrat. Der wuͤrdige Paſtor hatte ſich mit Marianen, eben da ſie aus Klementinens Zimmer in das Zimmer der Vicomteſſe gehen wollte, auf dem Korri⸗ dor unterhalten. Er hatte ſich gegen ſein eigenes Gefuͤhl nicht ſo gewaffnet, als Herr Bonnet und Madame Allote, und ſeine Augen fuͤllten ſich daher mit Thraͤnen, ſo wie er Fraͤulein von Beaumanoir er⸗ blickte. Klementine, die dieſes mehr der Trauer als der Freude gewidmete Zeichen falſch verſtand, war die erſte, ſich mit iuihh rem geiſtlichen Fuͤhrer zu unterhalten. „Mein lieber Herr Leny, ſagte ſie zu ihm, kuͤmmern Sie ſich meinetwegen 125 nicht ſo ſehr. Ich kann Ihnen verſichern, daß ich mich viel beſſer befinde, beſſer als man erwarten konnte, beſſer als ich ſelbſt hoffen durfte. Dies habe ich Ihrem Ge⸗ bete and dem Gebete Ihrer Freunde zu danken, ich weiß es. Ich werde mit Schulden beladen dieſes Bette verlaſſen, auch das weiß ich. Aber ich werde alles bezahlen hoffe ich, ich bitte nur um einige Nachſicht, und hoffe daß man mir ſie freundlich zugeſtehen wird.”“ Dieſe Aeußerungen waren freilich nicht geſchickt die Thraͤnen des trefflichen Geiſt⸗ lichen zu hemmen. Die Ruͤhrung wurde vielmehr anſteckend, und der Daktor konnte ſich nicht enthalten zwiſchen den Zaͤhnen folgende Worte zu murmeln:„Es waͤre in der That ewig Schade geweſen, wenn dieſes bezaubernde Geſchoͤpf uns entriſſen worden waͤre; aber jetzt vollends mag ſie 126 es ſich ja nicht einfallen laſſen zu ſterben, wenn ich den Kopf nicht ganz verliehren ſoll!„Mit dieſen Gedankeu beſchaͤftigt, trat er ans Fenſter, deſſen innern Laden Georg ſchon vor einiger Zeit geoͤffnet hat⸗ te, weniger um ſeiner Obliegenheit als Kammerdiener nachzukommen, als viel⸗ mehr, um die ſo Allgeliebte nach ihrer Auferſtehung wieder zu ſehen.“ Herr Leny ſtammelte einige Worte die nicht ohne Beredſamkeit waren, denn es ſprach ſich in ihnen ſein innerſtes Ge⸗ fuͤhl aus, und er verwebte in ſeine Rede keeinige Verſe aus jenem Buche, mit dem er ſo vertraut war, und das fuͤr unſern Unterricht und fäͤr unſern Troſt, je nach den Beduͤrfniſſen unſeres Geiſtes und Her⸗ zens, reich an trefflichen, auf die verſchie⸗ denſten Lagen des menſchlichen Lebens wunderbar paſſenden, Stellen reich iſt. Schon wurde Klementinens Farbe lebhafter; ihre ſchoͤnen blauen Augen fin⸗ gen von Neuem an, in ihrem ſanften Feuer zu glaͤnzen. Schritt vor Schritt zog ſie ſich von dem Abgrunde zuruͤck, in welchem ſie zu ſtuͤrzen in Begriff geweſen war, und an deſſen Rande ſie, ohne es zu wiſſen, einen langen und ſchrecklichen Stillſtand gemacht hatte: Jetzt glaubte der Arzt, ſei es Zeit, ſie eine Kraftſuppe genieſen zu laſſen, die von vortrefflicher Wirkung war; nachdem die Kranke ſie ohne Wider⸗ willeu zu ſich genommen hatte, ſchlummerte ſie ein. Die Ruhe, deren Fraͤulein von Beau⸗ manoir genoß, erlaubte ihrer treuen Freun⸗ din den Arzt und den Rektor in das Ka⸗ binet zu rufen, und ſie zu veranlaſſen, ſich mit der Vicomteſſe zu beſchaͤftigen, die man auf das Wiederſehen ihrer Toch⸗ 128 ter vorbereiten mußte. Je heftiger der muͤtterliche Schmerz ſich gezeigt hatte, je mehr ſtand zu befuͤrchten, daß eine uner⸗ wartete Freude die traurigſten Folgen fuͤr ſie haben koͤnnte;„denn“ bemerkte Herr Bonnet,„die beiden Theile, aus denen unſere armſelige Maſchine beſteht, ſcheinen eine ſolche genaue Aehnlichkeit in ihren Beziehungen auf einander zu haben, daß die ſchwerſten phyſiſchen und moraliſchen Krankheiten faſt immer aus dem zu ploͤtz⸗ lichen Uebergang eines Zuſtandes in den andern zu entſtehen pflegen; bei dem Koͤrper z. B. aus einer warmen Tempe⸗ ratur, in eine kalte Luft, und bei der Seele, aus einem heftigen Schmerz zu einer un⸗ gemeinen Freude. Aus Mangel an weiſer Ruͤckſicht auf dieſe Uebergaͤnge habe ich große Fehler in der Heilkunde begehen ſehen, und werde deren wahrſcheinlich noch 129 viele zu ſehen Veranlaſſung haben. So z. B. waͤhlen Sie in einem Dorfe eine ruͤſtige Amme; ſie iſt geſund und wohl, hat eine friſche und lebhafte Geſichts⸗ farbe, und Ueberfluß an Milch; aber, Sie uͤberlegen, daß dieſe Frau arm, daß ſie ſchlecht genaͤhrt iſt, und daß der junge Erbe darunter leiden koͤnne, und geſchwind aͤndern Sie die ganze Diaͤt der guten Baͤuerin, die Sie in Ihrem Hotel oder in Ihrem Schloſſe aufnehmen! Sie be⸗ denken nicht, daß der Geſundheitszuſtand derſelben aus feinem Gleichgewichte kommt, daß ihre Milch alle ihre Beſtandtheile ver⸗ aͤndern, und daß ſie Ihnen nach Jahres⸗ friſt ſtatt eines froͤhlichen und ſchoͤnen Saͤuglings, nur ein ſchwaͤchliches und rachi⸗ tiſches Kind uͤberliefern wird.“ Der Doktor ging in ſeiner Theorie noch weiter und behauptete, daß ein zu II Theil. 9 130 ſchneller Wechſel in der Lage eines menſch⸗ lichen Weſens, durch das aufgehobene Ver⸗ haͤltniß zwiſchen ſeinen fruͤhern Empfindun⸗ gen, und den neuen Mitteln, in deren Be⸗ ſitze es ſich ploͤtzlich beſindet, ſelbſt ſeine Tugenden zerſtoͤren koͤnne. Er wagte ſo⸗ gar die Behauptung, daß gewiſſe Veraͤn⸗ derungen im Leben, wenn ſie zu unerwar⸗ tet eintreten, uns in die Lage der Amme verſetzen, deren Geſundheit gerade durch die Sorgfalt leidet, die man anwendet ſie zu verbeſſern, und er wollte eben unter⸗ ſuchen, warum dieſe Uebergaͤnge, wenn ſie im entgegengeſetzten Sinne eintreten, z. B. von einer hohen Gluͤcksſtufe zu gering⸗ ern Vermoͤgensumſtaͤnden, von einer ausge⸗ ſuchten Koſt, zu einem einfachen frugalen Tiſch, trotz ihrer Haͤrte, weniger nachtheilig ſind, als umgekehrt, als Madame Allote ihre Hand auf ſeine Achſel legte, und ihn 5 131 auf den eigentlichen Gegenſtand ihrer Berathung aufmerkſam machte. „Recht wohl Doktor, ſagte ſie, uͤber alles dies wollen wir, wie ich hoffe, in einem unſerer naͤchſten kleinen Kraͤnzchen uns naͤher ausſprechen, denn Sie wiſſen, wir alle drei, ſo wie unſer guter⸗ Herr Leuy, hoͤren Ihnen mit Vergnuͤgen zu; aber in dieſem Augenblicke muß uns ein dringenderer Gegenſtand beſchaͤftigen. Zur Sache jetzt, ich will Ihnen meine Fragen vorlegen: was ſollen wir der Vicomteſſe ſagen? Wie ſollen wir es ſagen? Wer ſoll es ihr ſagen?“ Das geheime Kabinet trat in Bera⸗ thung. Was den erſten Punkt betraf, ſo ſahe man ein, daß man die eben ſo zarke als kraͤftige Konſtitution der Frau von Beaumanoir ſchonen, und ihr Herz erſt nach und nach der Hoffnung oͤffnen 9*† 132 muͤſſe. Zu dieſem Ende kam man dahin uͤberein, daß man ihr ſagen wolle, Herr Bonnet ſei mit dem fruͤhſten Morgen nach der Burg gekommen, und da er gefunden habe, daß in dem vorliegenden Falle eines der vorzuͤglichſten Zeichen des Todes fehle, ſo haͤtte er ſich der Beerdigung ſo lange widerſetzt, bis er ſich mit zwei andern Aerzten von Vannes, an di ie deshalb be⸗ reits geſchrieben worden ſei, daruͤber be⸗ rathen habe. In Hinſicht auf den zweiten Punkt, war man der Meinung, den Augenblick des Erwachens der Vicomteſſe zu erſpaͤhen, ſie dann ſogleich in Beſchlag zu nehmen, ehe der Aufſchwung ihrer gereitzten Phan⸗ taſie es ohnmoͤglich mache ſie in den Schranken nuͤchterner Beſonnenheit zu er⸗ halten, und ihr nun die Mittheilung uͤber die man uͤbereingekommen war, auf eine 133 ſo geſchickte Weiſe zu machen, daß ſie die Moͤglichkeit eines gluͤcklichen Ausgangs ahnden koͤnne, ohne doch ſogleich ſich einer ſuͤßen Hoffnung zu unbedingt hinzuge⸗ ben, die der Scharfſinnn einer Mutter ohnehin bald genng in Gewißheit umwan⸗ deln wuͤrde. Die Ausfuͤhrung des dritten Punktes hatte mehr Schwjerigkeiten. Ohnerach⸗ tet der Freude, die Madame Allote emp⸗ pfand, die Ueberbringerin einer guten Nach⸗ richt zu ſeyn, erklaͤrte ſie doch, daß trotz ihrer vorgeblichen Gegenwart des Geiſtes, deren Werth der Doctor ſo eben, vielleicht (fuͤgte ſie hinzu,) in einer etwas boshaf⸗ ten Beziehung auf ein Geſchlecht, geprie⸗ ſen habe, das zu dieſem Vertheidigungs⸗ waffen ſeine Zuflucht nehmen muß, ſie nicht fuͤr ſich ſelbſt ſtehen könne, wenn die Vicomteſſe in eine jener heftigen Be⸗ 134 wegung gerieth, vor denen die arme Aus⸗ geberin von Helvin ſchon am vorherge⸗ gangenen Morgen, die Segel hatte ſtrei⸗ chen muͤſſen.„Hier iſt es ein anderer Fall,“ ſagte ſie,„als wie bei unſerer gu⸗ ten Klementine, die wir ſteben oder acht Tage lang hintergehen koͤnnen, wenn wir es darauf anlegen, fuͤr deren Scharfſenn jedoch die geringfuͤgigſten Umſtaͤnde hin⸗ reichend ſeyn werden, um ſie mit der Ge⸗ fahr bekannt zu machen, in welcher ſie geſchwebt hat. Uebrigens kenne ich Ka⸗ rolinen, ich kenne mich ſelbſt, ich wuͤrde nicht die Kraft haben, meine Jugendfreun⸗ din, meine zweite Schweſter leiden zu ſe⸗ hen. Wir kennen einander gegenſeitig zu genau, als daß ſie nicht auf den erſten Blick mein Inneres durchſchauen ſollte.— Alſo trete ich zuruͤck.“ —— ——ᷣ—Q—O;ꝙ—ũ— „Und ich ebenfalls“ ſagte der wuͤrdige Rektor,„denn ich geſtehe, daß hierzu eine gewiſſe Feinheit im Ausdrucke, und eine gewiſſe mit Verſtellung verbundene Feſtig⸗ keit der Stimme gehoͤrt, wozu ich mich durchaus unfaͤhig fuͤhle „Sehr wohl“ erwiederte Herr Bonnet, ich ſehe ſchon, daß ich dieſe ſchoͤne Rolle werde uͤbernehmen muͤſſen, und daß, bei der Weigerung des ſehr ehrwuͤrdigen Herrn Abbé Leny, treuverdienten Paſtors an der Sukkurſalkirche von Helvin und der ehr⸗ und tugendbelobten Frau Henriette Allote, wuͤrdigen Ausgeberin auf dem Schloſſe gleiches Namens, der arme Dorf⸗ doktor dazu verurtheilt werden wird, als ein feiner, frecher und unverſchaͤmter Luͤg⸗ ner aufzutreten.“ Der Rektor war ganz beſtuͤrzt, er be⸗ dauerte daß ſeinen Worten ein ſo harter 136 Sinn untergeſchoben wuͤrde, und verſuchte ſich zu entſchuldigen. Zweimal ſchon hatte er in ſchmeichelnden Tone ausgerufen, „Doktor, lieber Doktor!“ als dieſer fortfuhr: „Ich bin ein guter Chriſt, und ver⸗ gebe dieſe Beleidigungen um ſo williger, da meine Vermittelung hier nothwendig iſt. Sie wird mir ſogar zur Pflicht; denn iſt nicht hier von den mehr oder min⸗ der zweideutigen Kennzeichen des Todes, von einer Conferenz unter Aerzten, die ſich gegenſeitig mit großer Gravitaͤt beob⸗ achten werden, ſo bald ſie nur merken, daß man ſie beobachtet, von Searificazio⸗ nen von Brand mit gluͤhenden Eiſen oder Siegellack, von Anwendung des Biſtou⸗ ri's die Rede, aller uͤbrigen ſchrecklichen Anſtalten nicht zu gedenken. Wenn bei dieſer Darſtellung gelogen werden muß, ſo 137 hoffe ich wenigſtens, daß mich der Rektor wegen meiner Abſolution nicht an einen Jeſuiten verweiſen wird; und ſomit will ich den Auftrag uͤbernehmen. Alles dies wurde von dem dirigiren⸗ den Ausſchluß beſchloſſen, und mit großen Beifall angenommen, aber von allen die⸗ ſen mit ſo viel Umſicht ergriſſenen Maß⸗ regeln kam auch nicht eine zur Ausfuͤh⸗ rung, wie das gar haͤufig mit den, von den erfahrenſten Staatskuͤnſtlern entworfe⸗ nen Plaͤnen, mit den von den geſchickte⸗ ſten Rechtsgelehrten uͤber den Ausgang eines Rechtsfalls in Voraus gefaͤllten Ur⸗ theilen, und mit den Ausſpruͤchen der ge⸗ lehrteſten Aerzte uͤber den Verlauf heftiger oder chroniſcher Krankheiten, zur Schande der Staatskünſtler, der Rechtsgelehrten und der Aerzte, ſo oft der Fall iſt. Das Kapitel von den unvorhergeſehenen Ereig⸗ 138 niſſen, enthaͤlt fuͤr ſich allein die ganze Geſchichte des Menſchengeſchlechts, und behauptete auch ſein Recht in der Ge⸗ ſchichte der Familie Beaumanoir. In dem Augenblicke, wo der erwaͤhnte Beſchluß die Sankzion der berathſchlagen⸗ den Verſammlung erhielt, traten zwei Abgeordnete durch die beiden Seitenthuͤ⸗ ren in das Kabinet. Der eine,(es war Fanchon) berichtete dem Arzte, daß Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir leichte, von Uebel⸗ keiten begleitete, Verzuckungen bekommen haͤtte, die ſeine Gegenwart erforderten; die andere(Mariane) meldete der Madame Allote, daß die Vicomteſſe voͤllig munter ſei, ihre Uhr habe repetiren laſſen, und befohlen habe, die Ferſterladen zu oͤffnen, ſich jetzt ſelbſt anzoͤge, und daß ihr bit⸗ tere Klagen uͤber Henrietten entſchluͤpf⸗ ten. Ich habe vorgegeben, einen Schluͤſ⸗ 139 ſel in dieſem Zimmer vergeſſen zu haben, um Sie davon zu benachrichtigen, fuͤgte das junge Maͤdchen hinzu, und war im Begriff ſich zu entfernen, wenn man ſie nicht zuruͤckgehalten haͤtte. Jetzt galt es Eile, der Doktor war ſchon auf ſeinen Poſten bei Klementinen; Madame Allote ſah die Nothwendigkeit ein, ſich ebenfalls zu ihr zu verfuͤgen. Uebrigens beſtaͤrkte ſie das, was ſie ſo eben gehoͤrt hatte, in ihrem Vorſatze, bis auf Weiteres, die Gegenwart der Frau von Beaumanoir zu vermeiden. Es wurde beſchloſſen, daß Herr Leny zur Vicomteſſe gehen ſollte, ſobald ſie ſichtbar ſeyn wuͤrde, was er durch ein von Marianen gegebe⸗ nes Zeichen erfahren wuͤrde. Dies Zei⸗ chen wurde bald gegeben, und der ehr⸗ wuͤrdige, auf ſeine Sendung ſchlecht vor⸗ bereitete, Geiſtliche trat in ihr Zimmer, 140 mit einer heftigen Gemürhsbewegung, die ſich aber auf eine hochſt zweideutige Art auszuſprechen ſchien, da die ernſten Worte, die er hervorbrachte, einer zweifachen, ein⸗ ander ganz entgegengeſetzten Deutung faͤ⸗ hig waren, und beinahe die traurigſten Folgen gehabt haͤtten. „Madame,“ hatte der gute Prieſter zu ihr geſagt,„das Leben iſt mancherlei Pruͤfungen unterworfen, aber oͤfters iſt es der Wille des Herrn, daß es nichts als bloße Pruͤfungen ſeyn ſollten; oͤfters 5) heilt der die Wunden auch wieder, der ſie geſchlagen hat. Gott oͤffnet und ſchlie⸗ ßet nach ſeinen Willen die Pforten des Lebens und des Todes, derjenige, der Ihnen die Tochter genommen hat, kann —) Hiob Kap. V V. 18. 1 B. der Könige Kap. II V. 6. 141 ſie Ihnen auch wiedergeben, ich will nicht ſagen ſogleich, allein da oͤfters die Zei⸗ chen des leiblichen Todes ungewiſſer ſind, als die des geiſtlichen, ſo laſſen ſie uns unſer Vertrauen immer noch anf den Aller⸗ hoͤchſten ſetzen! Man hat nach Vannes geſchrieben... Der treffliche Mann hielt hier inne, theils von ſeinen eignen Gefuͤhl bei dem Gedanken ergriffen, daß er das Wort, das einzige Wort auf ſeiner Zunge habe, wel⸗ ches eine Mutter mit uͤberſchwenglicher Wonne erfuͤllen koͤnnte, und daß es ihm unterſagt war, es auszuſprechen, und dann, weil Frau von Beaumanvir, das was ſie ſo ehen von ihm gehoͤrt hatte, im bildlichen Sinne von dem zukuͤnftigen Leben verſtand, und auf den Gedanken gerieth, der Rek⸗ tor ſey nach der Beerdigung ihrer Toch⸗ ter an ſie geſchickt worden, um ihr die Perſoͤnlichkeit. Meine Tochter gehoͤrt mir, Troſtgruͤnde der Religion darzubieten. Daher ſiel ſie ihm mit Heftigkeit in die Rede, wozu ſie hauptſaͤchlich die Aeußerung veranlaßte, daß man nach Vannes geſchrie⸗ ben habe, denn ſie ſtellte ſich vor, man wollte einen alten muͤrriſchen Chorherrn, einen Verwandten ihres Gatten, mit wel⸗ chem ſie ſeit vielen Jahren alle Verhaͤlt⸗ niſſe abgebrochen hatte, auf die Burg kommen laſſen. In dieſer Vorausſetzung antwortete ſie: Herr Leny, ich verehre ihre Rechte, aber ſie erſtrecken ſich nicht bis auf die 1 und ich bin erſtaunt, daß man es ſich er⸗ laubt hat, ſei es nun Sie oder irgend je⸗ mand anders, ſie mir zu entreißen; man hatte mir Verſprechnngen gemacht, die man nicht gehalten hat. Man hat mich hintergangen, großer Gott! und— wer 143 hat es gethan! Ich verlangte doch ſo we⸗ nig und es haͤtte niemanden viel gekoſtet meine Bitte zu erfuͤllen! Wie konnten Sie, den ich fuͤr ſo gut und gefuͤhlvoll hielt, ihre Hand zu einer ſolchen Gewalt⸗ thaͤtigkeit bieten? Man hat ſich ſehr be⸗ eilt mir dasjenige fuͤr immer zu rauben, das mir doch durch die heiligſten Rechte angehoͤrte! Wer hat es gewagt? ſind Sie es geweſen? reden Sie! ich habe auch Rechte, und wiſſen Sie wohl, daß ich, trotz Ihnen, ſie noch jetzt ausuͤben kann! dieſe Worte ſprach ſie mit einer beinahe ungeſtuͤmmen Heftigkeit. Der arme Greis, welcher einſah, daß er die unwillkuͤrliche Urſache eines großen Irrthums war, zerfloß in Thraͤnen, und wiederholte unaufhoͤrlich, ohne daß Frau von Beaumanoir auf ihn härte: Frau Vi⸗ comteſſe, theure verehrungswuͤrdige Frau, Ihre Befuͤrchtungen ſind ohne Grund; niemand hat uͤber Ihre Tochter verfuͤgt; Sie werden ſie bald wiederſehen, fruͤher als Sie vielleicht glauben, denn der guͤtige und barmherzige Gott kann ſie Ihnen wiederſchenken. Hatte Abraham ſeinem Sohn Iſaak nicht auf Moria gefuͤhrt?*) Glauben Sie meinen Thraͤnen, es iſt nur eine kurze Trennung geweſen, ſie werden einander bald genug wiedergegeben ſeyn, ſo wie Sie jetzt noch bei einander ſind. Wir haben das Grab wieder zugeſchuͤttet, ich habe die erſte Schaufel Erde hineinge⸗ worfen. So lange ich lebe wird es nicht wieder geoͤffnet werden, wenigſtens bitte ich Gott darum!“ Der wuͤrdige Prieſter bemerkte nicht, daß er zu viel und zu wenig ſagte. Des⸗ *) 1 B. Moſe Kap. XII. halb dauerte auch das Mißverſtaͤndniß immer fort, und als er vom zugeſchuͤtteten Grabe ſprach, war Frau von Beaumanoir ihrer nicht mehr maͤchtig. Sie ſtieß den zu ihren Fuͤßen ſchluchzenden Greis zuruͤck, und fuhr mit einer außer ihrem Charakter liegenden Heftigkeit fort: „Und ich, mein Herr, ſage Ihnen, daß es wieder geoͤffnet werden wird! Ich verſichere Sie, daß ich mich auf der Stelle nach ihrem Kirchhofe begeben werde, und dann wollen wir ſehen, wer von uns beiden mehr Rechte auf dieſes Kind hat!— Dieſe ganze Unterredung hatte ohne Geraͤuſch nicht Statt finden koͤnnen, der laute Ton der Stimmen hatte Madame Allote auf den Gedanken gebracht, daß etwas Unangenehmes vorgefallen ſei. Klementine befand ſich wieder beſſer, nach⸗ II. Theil. 10 146 dem ſie einen Theil der Kraftbruͤhe, der fuͤr ihren Magen zu viel war, wieder von ſich gegeben hatte. Der Doktor gab ſich ſelbſt einige Schuld, da die Reizbar⸗ keit eines ſeit ſo langer Zeit außer Thaͤ⸗ tigkeit geweſenen Organs ſehr natuͤrlich war, er freute ſich vielmehr, daß dieſer Theil noch ſo viel naͤhrende Fluͤſſigkeit bei ſich behalten hatte, und da er die Be⸗ ſorgniß Henriettens theilte, ſo eilte er nach dem Zimmer der Vicomteſſe. Ein Blick, den er auf den Schauplatz, und auf die handelnden Perſonen warf, und die letzten Worte, die er vernahm, erklaͤrten ihn alles. Es war dahin ge⸗ kommen, daß man es nicht mehr wagen durfte, die Taͤuſchung durch unzeitige Schonung zu verlängern. „Ob Sie gleich Ihrem guten Rektor keinen Glauben beimeſſen wollen, gnaͤdige Frau, ſagte er, indem er die Hand der Vicomteſſe ergriff, die in der ſeinen con⸗ vulſtviſch zitterte; ſo hoffe ich doch, daß Sie den Worten Ihres Aeskulaps ein wenig trauen werden. Ihre Tochter iſt hier, neben an, in Ihrem eignen Zimmer. Der Himmel hat ſie Ihnen wiedergege⸗ ben, wir wollten bei der Mittheilung die⸗ ſer Nachricht Ihr Gefuͤhl moͤglichſt ſcho⸗ nen. Außer Ihnen haben ſchon alle im Hauſe mit ihr, und ſie hat mit allen ge⸗ ſprochen; ich habe ihr ſo eben einige Loͤf⸗ fel Fleiſchbruͤhe gegeben; aber Ihre laute Heftigkeit, verehrte Frau, muß nothwen⸗ dig bis zu ihr dringen, und ich fuͤrchte, daß es ihr nachtheilig ſeyn koͤnne, beden⸗ ken Sie dies wohl Frau Vicomteſſe!“ Keine Antwort!— Dieſe leidenſchaft⸗ liche, man koͤnnte ſagen, ſtolze Frau, war in die natuͤrliche Schwaͤche ihres Ge⸗ 10* 148 ſchlechts zuruͤckgeſunken: ihre Lippen wur⸗ den blaß und zitterten, der Athem wurde ihr ſchwer, die Fuͤße ſchlotterten ihr, ſie war wie zu Boden gefchmettert. Der Arzt unterſtuͤtzt ſie, indem er ſie nach ihrem Ruheſeſſel mehr traͤgt als fuͤhrt. Hin iſt alle Kraft, ihre Nerven haben den Ton verlohren, alle Saiten ſind abgeſpannt, ſie iſt zum Kinde geworden. Die Natur hatte alle ihre Kraͤfte dem Schmerze geo⸗ pfert, und ſo blieben ihr keine fuͤr die Freude mehr uͤbrig, und in der That koͤnnte man eine Mutter eher durch die Freude als durch den Schmerz toͤdten: gluͤcklich durch die Frucht ihrer Liebe, ver⸗ mag ſie zu ſterben, ihr Geſchaͤft iſt voll⸗ endet. Ungluͤcklich durch ſie, muß ſie le⸗ ben, um zu weinen! Indeſſen ging dieſe Tonloſigkeit doch nicht bis zur gaͤnzlichen Ohnmacht. Auch bei dieſer Gelegenheit 149 verließ den Herrn Bonnet ſeine große Gegenwart des Geiſtes nicht. Hier war eine moraliſche Ableitung noͤthig, und er ußte ſie mit vieler Gewandtheit zu ver⸗ Alaſte 1 „Meine liebe Vicomteſſe, rief er aus, ſehen Sie nur den armen Rektor! Wie Sie ihn gemißhandelt haben, und dies blos deshalb, weil er unſrer Sprache nicht maͤchtig iſt, und Ihnen nicht wie ich, in guten verſtaͤndlichen Frauzoͤſiſchen hat ſagen koͤnnen, daß ein liebenswuͤrdi⸗ ges Maͤdchen auf der Burg Helvin eine ſechs und dreißigſtuͤndige Starrſucht uͤber⸗ ſtanden hat. Ich hoffe, gnaͤdige Frau, daß Sie ſich wenigſtens bei dieſem braven Manne entſchuldigen werden. Frau von Beaumanoir richtete in der That ihre Augen auf den wuͤrdigen Geiſt⸗ lichen, welcher ſich noch in der Unordnung „ 150 befand, in die ihn ſein Fall verſetzt hatte. Sein Hut und ſein Sammerkaͤppchen, wa⸗ ren, ſo wie ſein Brevier drei Schritte hinter ihn geflogen; ſein kahler, von ei⸗. nigen Silberhaaren bekraͤnzter Kopf ſchien ſchon im Voraus von einer Glorie rein menſchlicher Tugenden umgeben zu ſeyn; große Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen, und doch ſtrahlte aus feinen Zuͤgen ein Ausdruck innerer Zufriedenheit. Der ehrwuͤrdige Greis konnte ſich nicht eut⸗ halten die ihn betrachtende Vicomteſſe anzulaͤcheln. Sie reichte ihm die Hand, denn ſie fand nun in ſeinen Worten kei⸗ nen Doppeltſinn mehr: „Mein lieber Paſtor,“ ſagte ſie zu ihm, wenn ich Kraft genug haͤtte, ſo wuͤrde ich Sie ſelbſt aufhebenz aber der Herr hat zu große Dinge an mir gethan, als daß ich mich uͤber meine augenblickliche 151 Schwaͤche beklagen duͤrfte, ja daß ſelbſt Sie ſich daruͤber beklagen koͤnnten. Ich bin alſo noch Mutter!... Sie verſich⸗ ern es mir!.... Mein Gott, habe ich es verdient?... Mein lieber Herr Leny welche heftige Behandlung habe ich mir gegen Sie zu Schulden kommen laſ⸗ ſen! Wuͤrdiger Mann, werden Sie, koͤn⸗ nen Sie es mir verzeihen?... Ein Strom von Thraͤnen entſtuͤrtzte ihren Augen; mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme bat ſie den Rek⸗ tor ſich neben ihr zu ſetzen, was er auch that, indem er zu ihr ſagte:„Verehrte Frau, ich fuͤhle mich doppelt verpflichtet Ihnen zu verzeihen, da derjenige, deſſen unwuͤrdiger Diener ich bin, ſein gnuden⸗ volles Antlitz heute ganz beſonders uͤber dieſes Haus leuchten laͤßt. Er wuͤrde mich von ſeinem Angeſicht verſtoßen, wenn 152 ich gegen diejenigen mich unfreundlich be⸗ zeigte, von denen er die Pfeile des Un⸗ gluͤcks gnaͤdig abgewendet hat.“ „Uebrigens“ fuͤgte der Doktor Bonnet hinzu,„iſt der Fall in der That zu be⸗ denklich um ihn nicht lieber niederzuſchla⸗ gen. Einen Prieſter umgeſtoßen zu haben, die Geſetze der heiligen Kirche nehmen dergleichen Vergehungen ſehr ernſtlich, und ſie, dieſe Kirche, die jene Geſetze be⸗ ſtaͤigt hat, hat auch fuͤr ihre Aufrechter⸗ haltunz Sorge getragen. Wiſſen Sie wohl meine ſchoͤne Dame, daß ſie ſich einer Kirchencenſur ausgeſetzt haben? Waͤr' ich ich in demſelben Falle, ich glaube, ich koͤnnte ganzer acht Tage lang kein Auge des Nachts zu thun.“ „Ich ſehe es ein, erwiederte noch im⸗ mer weinend die Vicomteſſe, ich habe mich gegen alle vergangen und bedarf aller 153 Verzeihung. Ich rechne auf die des treffli⸗ chen Herrn Leny, und ſelbſt auf die Ihri⸗ ge, Doktor, ob ich gleich am Schluſſe der letzten Nacht gewahr worden bin, daß derjenige, der von achttaͤgigee Schlaflo⸗ ſigkeit ſpricht, die Mittel hat, ſeine Freunde ein wenig laͤnger als ſie es wuͤnſchen, ſchlafen zu laſſen. Haͤtte er vielleicht nicht ſelbſt der Verzeihung von Noͤthen?“— „Ja, und mehr als Sie glauben, murmelte der Doktor zwiſchen den Zaͤhnen, wahrſcheinlich weil ihm die Gefahr wie⸗ der vorſchwebte, von welcher Klementine beinahe das Opfer geweſen waͤre. Seufzend rief jetzt Frau von Beau⸗ manoir, nachdem ſie aus dem Munde des Herrn Bonnet mehrere Umſtaͤnde, die zu wiſſen ihr Muͤtterherz begierig war, er⸗ fahren hatte: Ich habe alſo alle Men⸗ ſchen von mir verſcheucht! Und Allote, 154 was iſt aus der geworden? Warum bleibt ſte zuruͤck? „Es war nicht raͤthlich Ihre Tochter allein zu laſſen, verſetzte der Arzt. Ich werde die gute Ausgeberin abloͤſen: in zwei Minuten ſoll ſte bei Ihnen ſeyn. Aber warum wollten denn Sie ihr nicht entgegen gehen? Haben Sie nicht noch Jemanden von Ihrer Bekanntſchaft zu beſuchen, oder wollten Sie vielleicht gar mit ihr ſchmollen? „Nein Doktor, antwortete die Vicom⸗ teſſe,„fuͤr jetzt nicht, dieſer Beſuch muß, zum Beſten aller, annoch verſchoben werden. Sehen Sie ſelbſt, die Thraͤnen entſtroͤmen noch immer meinen Augen, und nach dem, was Sie mir geſagt haben, bedarf Kle⸗ mentine aller nur moͤglichen Schonung. Wem kommt es mehr zu als mir dieſe wichtigen Ruͤckſichten zu ehren? Glauben 155 Sie mir, meine Lage iſt in dieſem Augen⸗ blicke hoͤchſt angenehm, doch dies iſt zu wenig geſagt, es fehlt mir an Worten, mein Gluͤck auszuſprechen. Laſſen Sie es mich ruhig genießen, ich bin noch nicht einmal darauf vorbereitet.... Aber ſa⸗ gen Sie es Henrietten, es draͤngt mich, dieſe treue Freundin zu umarmen, doch werde ich ſie bald zuruͤckſchicken. Es wird mir wohlthun einige Stunden allein zu ſeyn.. Dann Doktor bitte ich Sie um Ihren Arm, hoͤren Sie? Ich fuͤhle es, diesmal werde ich eines ſtuͤtzenden Arms nicht entbehren koͤnnen... Da ich ungluͤcklich war, haͤtte ich euch alle uͤber⸗ waͤltigt, jetzt wuͤrde mich ein Kind von zwei Jahren uͤber den Haufen werfen koͤnnen!“ Der Doktor fuͤhlte ihr an den Puls, und ſagte: So iſt's recht, ſo wollt ich ſie haben.“ Nun ging er nach Klementinens Zim⸗ mer, und benachrichtigte durch die halb⸗ offene Thuͤr Madame Allote von der Sehnſucht der Vicomteſſe ſie zu ſehen. „Alles geht gut,“ fuͤgte er hinzu,„ſie weiß alles, ſie hat damit angefangen den Pfarrer zu ſchlagen, jetzt weint ſie, daß es ein Vergnuͤgen iſt, ſie hat nicht mehr Kraft wie ein Huͤhnchen, ſo will ich ſie haben. Wir haben gewonnen, ich ſtehe dafuͤr. Nun wechſelten die Krankenwaͤr⸗ ter. Der Doktor ſetzte ſich ſtatt der liebenswuͤrdigen Ausgeberin in den nahe am Bett ſtehenden Lehnſtuhl, und dieſe flog zu der Jugendfreundin. Keine von beiden ſprach; wenigſtens beſtand ihre Sprache nur im Mienenſpiel, in Liebkoſungen und in einigen abgebrochenen Worten. Das ganze Daſeyn dieſer beiden Frauen war 157 in einander verſchmolzen, und ſie machten eigentlich nur ein einziges gemeinſchaftli⸗ ches Weſen aus, ſie hatten ihre ganze Liebe auf einen einzigen Gegenſtand kon⸗ zentrirt, von ihm gingen alle ihre ſuͤßeſten Erinnerung aus, auf ihn bezogen ſich ihre ſchönſten Plaͤne. Erſtere liebte allerdings Klementinen dem Geſetze der Natur ge⸗ maͤß, die zweite liebte ſie als die Tochter ihrer Wahl, aber wenn beide ſie nicht in Folge eines zarten Einklangs ihrer beiderſeitigen Gefuͤhle geliebt haͤtten, viel⸗ leicht wuͤrde ſie trotz ihrer anziehenden Eigenſchaften beiden minder theuer gewe⸗ ſen ſeyn. Sie war der Vereinigungs⸗ punkt, wo beide ſicher waren ſich immer, zu finden.— Sich die Hand druͤcken, ſich anblicken, weinen, gegenſeitig ſich in die Arme ſchließen, die Beſtaͤtigung der frohen Nachricht ohne Unterlaß ſich wieder⸗ 158 holen laſſen, dies waren die Beſchaͤfti⸗ gungen waͤhrend einer halben Stunde, nach deren Verlauf Frau von Beaumanoir Henrietten zu ihrer Tochter ſchickte, weil ſie, wie ſie ſchon fruͤher geaͤußert hatte, allein zu bleiben wuͤnſchte. Noch ehe dieſe letzte Zuſammenkunft Statt fand, hatte ſich der gute Rektor beſcheiden zuruͤckgezogen. Es war drei Uhr Nachmittags, und wider die auf dem Schloſſe eingefuͤhrte Gewohnheit, nach welcher punkt zwoͤlf Uhr geſpeißt wurde, hatte noch Niemand einen Biſſen genoſſen. Herr Leny war im Begriff ſich nach ſei⸗ ner kleinen Pfarrei auf den Weg zu machen, als der Doktor Bonnet ihm den beſtimmt erhaltenen Auftrag mittheilte, dem zu Folge ihm Herr Leny, in Madame Al⸗ lote's Abweſenheit, die aus Vorſicht ſich vorgenommen hatte, in der Naͤhe ihrer 6 159 beiden Freundinnen zu bleiben, bei Tiſche Geſellſchaft leiſten ſollte. Der Greis fuͤgte ſich dieſem Wunſche, unter der Beding⸗ ung zuvor einige Stellen aus ſeinem Brevier im Garten leſen zu duͤrfen. Er hielt feſt uͤber dieſes Geſetz der geiſtli⸗ chen Disziplin, nicht als ob er dieſe Auf⸗ gabe alle Abende mit aͤngſtlicher Genau⸗ igkeit vollendet haͤtte, wenn eintretende Paſtoralpflichten ſeine Thaͤtigkeit ander⸗ waͤrts in Anſpruch nahmen, aber er glaubte in dieſer taͤglichen Lektuͤre mit Grund eine kraͤftige Nahrung fuͤr ſeinen Geiſt, und ein zweckmaͤßiges Mittel gegen die Langeweile in der Einfoͤrmigkeit eines ein⸗ ſiedleriſchen Lebens zu finden. Auf dieſe Weiſe hatte ſich ſein Gedaͤchtniß mit ei⸗ ner Menge Stellen aus der Schrift an⸗ gefuͤlt, deren Anwendung ihn erquickte und troͤſtete, wenn ſie auch ohne Wir⸗ 160 kung auf andere blieben. Schon auf der, nach den Garten fuͤhrenden, Wendeltreppe fing er an ſolche Bibelſtellen zu rezitiren, bald nahm er ſie aus den Geſaͤngen des Sohnes Iſai, bald aus den Weiſagungen des Propheten von Anathoth*) der aus einer zur Trauer geſtimmten Laute zuwei⸗ len einige Freudentoͤne zu locken wußte. Er wiederholte die Worte des Letztern 8) „Alsdann werden die Jungfrauen froͤlich „am Neigen ſeyn, dazu die junge Mann⸗ „ſchaft und die Alten miteinander. Denn „ich will ihr Trauern in Frende verkeh⸗ „ren, und ſie troͤſten, und ſie erfreuen „nach ihrer Betruͤbniß, und ich will der „Prieſter Herz voll Freude machen.“ Dann rief er, mit den koͤniglichen Pſal⸗ *) Jeremias. Anm. des Ueb. **½) Jerem. Kap. XXXI. V. 13 und 14. 161 miſten:„Dies iſt der Tag den der Herr gemacht hat, laſſet uns freuen und frölich darinnen ſeyn.“ So ertoͤnten jetzt von den Lobgeſaͤngen des ehrwuͤrdigen Dieners der Religion, die Granitgewoͤlbe der alten Burg, die noch vor Kurzen ſeine Klagelie⸗ der wiederhallten. Der geiſtliche Arzt der Bewohner der Burg Helvin, und ihr leiblicher ſpeiß⸗ ten jetzt zuſammen, mit einer Froͤlichkeit, die durch das Vorgefuͤhl, bald wieder gemeinſchaftlich mit dem Gebieterinnen im Schloſſe an der gaſtfreundlichen Tafel zu ſitzen, noch erhoͤht wurde. Der Abend brach herein, die Beſſerung hatte bei Klementinen den beſten Fortgang. Man vermuthete, Frau von Beaumanoir werde ſich in das Zimmer ihrer Tochter begeben: aber dieſe Mutter, die wir ſo uͤberſpanrt in ihren Gefuͤhlen, und ſo gebieteriſch in II. Theil. 11 162 ihren Wuͤnſchen geſehn haben, verſchob auf den andern Morgen eine Zuſammen⸗ kunft, vor der ſie ſich beinahe zuruͤckzu⸗ ziehen ſchien, ſo viel Genuß ſie ſich auch von derſelben verſprach. Die Ausgebe⸗ rin machte ihrer Freundin dieſen Aufſchub dadurch ertraͤglich, daß ſie ſte im Vertrau⸗ en von der Liſt unterrichtete, die man ange⸗ wendet hatte, um die heftige Nervenbe⸗ wegung der Vicomteſſe zu mindern, welche jetzt, wie ſie der Kranken vorſpiegelte, von Neuem in einen natuͤrlichen und ge⸗ ſuͤndern Schlummer verſunken ſey. Klemen⸗ tine beruhigte ſich dabei um ſo leichter, da wenige Stunden zuvor die laute Stimme ihrer Mutter bis zu ihren Ohren gedrun⸗ gen war. Dieſe Nachricht hinterbrachte Mariane den beiden Tiſchgenoſſen, und dem celtiſchen Hipocrates war die getrof⸗ fene Vorkehrung ganz recht... Die 163 Nacht fuͤhrt ihren Balſam bei ſich,(ſagte er, indem er ſich ein Stutzglas voll alten Bordeauxwein unter die Naſe hielt, der ebenfalls ſeinem Balſamduft aushauchte) ſie beſaͤnftigt manches bekuͤmmerte Herz, ſie lindert mancher Wunden Schmerz, und hat, um mich des Ausdrucks des gu⸗ ten Michael Cervantes zu bedienen, in ihrem Gefolge den Schlummer, der gleich einem Freunde die ungluͤcklichſten Weſen in ſeinem Mantel huͤllt. Hoͤren Sie, Rek⸗ tor, ich habe ſo eben der Vicomteſſe ein wenig Suppe und zwei weiche Eier ver⸗ ordnet, ſie wird ſie ohne großen Appetit genießen, denn ſie hat jetzt eine andere Nahrung, aber ſie wird ſie doch genießen, ſich dann niederlegen, und drei Stunden wachbleiben, ja, drei Stunden, auf weniger darf ich ſie nicht beſchraͤnken, um ſich mit ſich ſelbſt zu unterhalten, und ihrem Gluͤcke recht nachzuhaͤngen, denn hier kommt eine 11* 164 Art von Sinnlichkeit ins Spiel, die an Wollſt grenzt, pertentant gaudia pectus“) dann wird ſie ſechs Stunden ſchlafen, und wenn ſie morgen beim Fruͤhſtuͤck er⸗ ſcheinen, ſo werden Sie nicht wieder beim Kragen gepackt werden. Wiſſen Sie wohl, mein lieber Rektor, daß Sie ihr an Kraͤf⸗ ten nicht gewachſen waren, und daß Sie ohne meine Dazwiſchenkunft uͤbel daran geweſen ſeyn wuͤrden? Wie konnten Sie ſich aber auch beigehen laſſen, von zuge⸗ ſchuͤtteten Graͤbern, von ihren Schaufel⸗ wuͤrfen, und hauptſaͤchlich von den nach Vannes geſchriebenen Briefen zu ſprechen, ohne deren Inhalt naͤher anzugeben, wie mir die Vicomteſſe noch vor zwei Minu⸗ ten erzaͤhlte?— Und nun vollends mit ihren aus den heiligen Kirchenvaͤtern ge⸗ zogenen Anſpielungen!. ℳ *) Latonae tacitum pertentant gaudia pec- tus.(Virg. Aaneid. Lib. I.) 165 „Es waren Worte der Schrift“ be⸗ merkte Herr Leny, Worte des frommen Hiobs, und uͤberdies habe ich von dieſen Schriftſtellen einen ſehr vorſichtigen Ge⸗ brauch gemacht. 1 „Von Moſen und den Propheten mit mir, lieber Freund, ſo viel Sie wollen; aber mit Muͤttern muß man anders zu Werke gehen. Auf die Art wie Sie mit Frau von Beaumanoir ſprachen, war Ze⸗ hen gegen Eins zu wetten, daß man Sie entweder gar nicht oder falſch verſtand. Warum ſagten Sie ihr nicht:„Gunaͤdige Frau, die Beerdigung iſt verſchoben wor⸗ den, denn der Zuſtand des Todes iſt noch nicht außer allen Zweifel geſetzt. Der Koͤrper dieſer von Ihnen ſo geliebten Tochter iſt noch hier, man wird ihn nicht beruͤhren, als um ihn wieder zu beleben, wenn es moͤglich iſt. Nur ſtoͤren Sie 166 uns nicht in unſern Masregeln. Beten Sie unterdeſſen wenn Sie es fuͤr zweck⸗ maͤßig halten, aber warten Sie.“ Statt einer ſolchen Darſtellung, reden Sie mit ihr von Briefen, die nach Vannes abge⸗ gangen ſind, ohne allen weitern Nachſatz, und mit einem Male verliehrt die Dame den Kopf. Sie ſtellt ſich vor, man habe an den muͤrriſchen Abbè Desnos geſchrie⸗ ben, um Beſitz von der ehrwuͤrdigen Burg zu nehmen, oder mit ihr zu beten, was ſte eben nicht ſehr unterhaltend gefunden haben wuͤrde! Und was Ihren ehrlichen Hiob betrifft, mein lieber Rektor, ſo wer⸗ den Sie mir erlauben, gegen Sie zu be⸗ haupten, daß von zwanzig Frauen dieſes armſeligen Fleckens, nicht eine einzige ſich, nach ſeinem Beiſpiele, uͤber den Verluſt ihrer ſieben großen Soͤhne und drei mann⸗ baren Maͤdchen troͤſten wuͤrde, die auf ei⸗ 167 ner der unter ſich nach der Reihe her⸗ umgehenden Gaſtereien erſchlagen wurden, wenn man ihr gleich ſieben andere große Jungen, und drei erwachſene Maͤdchen wieder gaͤbe, und waͤren es auch die nett⸗ ſten in den ganzen Umfange der Gerichts⸗ barkeit von Helvin, wie Jemima, Keſia und, hieß die dritte nicht Keren? zu ihrer Zeit die Schoͤnheiten im Lande Uz waren“) Doktor, verzeihen Sie daß ich Sie unterbreche, ſagte Herr Leny, fuͤgen Sie dem letzten Namen das Wort Habuch bei, was ſo viel als: Horn des Heils he⸗ deutet. Durch dieſes Wort ſagt uns die Schrift deutlich, daß Gott dieſen guten Vater troͤſtete, und ſein verwundetes Herz wieder heilte. So druͤckt ſich auch die heilige Schrift durch den Mund des Pro⸗ *) Hiob Kap. XXXXII. 168 pheten Jeremias aus, wenn, nachdem ſte von der Troſtloſigkeit Rahels geredet har, die in Rama ihre Kinder beweint, ſie unmittelbar darauf dieſe Troſtworte folgen laͤßt:„Laß dein Schreien und weinen, und „die Thraͤnen deiner Augen, denn deine „Arbeit wird wohl belohnt werden.*) Warum ſollten wir denn nicht glauben, daß derjenige der betruͤbt, auch wieder troͤſten kann? Sind wir nicht in ſeinen Haͤnden ein weiches Wachs? Der die Er⸗ de mit Finſterniß deckt, und nach ſeinem Willen die Sonne ſcheinen laͤßt, hat er nicht auch dieſelbe Macht uͤber unſer Ge⸗ muͤth? Die heiligſten Verbindungen unſe⸗ rer Herzen ſind ſein Werk, und nur ſie gewaͤhren dieſen Herzen den reinſten Ge⸗ *) Jerem. Kap. XXXI V. 16. 169 1 nuß. Wenn er ſie trennt, kann er ſie nicht anderwaͤrts wieder anknuͤpfen? „Mein lieber Rektor, entgegnete Herr Bonnet, dies gehoͤrt ins Reich der Gnade, und wir armen Praktiker muͤſſen einen an⸗ dern Weg einſchlagen, beſonders mit den Frauen, und wenn von Frauen die Rede iſt. Ihr Faſerngewebe und ihr Nerven⸗ ſiſtem iſt von eigner Natur. Sie leben um zu lieben, und lieben um zu leben; denn bei Ihnen iſt ohne Liebe kein Leben gedenkbar. Sagen Sie ſelbſt, in welch' einer Lage befindet ſich eine alte Jungfer, in Vergleichung mit einer verheiratheten Frau? Iſt Letztere noch jung und verliert ſie einen Gatten, der ſie ungluͤcklich ge⸗ macht hat, ſo wird ſie demohngeachtet zu zweiten Ehe ſchreiten, ſie iſt einem Feinde entronnen, und wird ſich auf ihre Gefahr einen Freund ſuchen; das iſt ſehr natuͤr⸗ 170 lich. Laſſen ſie ihr dagegen im gleichen Alter einen geliebten Gatten verliehren, ſo wird ſie ihn, ſage ich Ihnen lieber Rektor, von Herzen beweinen, und trotz manches ſchlechten Witzes uͤber dieſen Ge⸗ genſtand ſoll mich doch der Himmel be⸗ wahren, in die Aufrichtigkeir ihres Schmer⸗ zes nur den geringſten Zweifel zu ſetzen! aber eben weil ſie geliebt hat, iſt ihr die Liebe zum Beduͤrfniß geworden. Hat ſie mehrere. geliebte Kinder, ſo iſt's moͤglich, daß ſie im Stande ſind ihr Herz auszu⸗ fuͤllen; im entgegengeſetzten Falle wird ſie wieder heirathen, oder wenu ſie nicht findet was ſie ſucht, noch etwas Schlim⸗ meres thun.. li Auch wenn der Tod ihr ihre Kinder aus den Armen reißt, ſind die Verhaͤlt⸗ niſſe verſchieden. Solche Schläge ſind auch dem Gatten empfindlich, ob ſie ihn ——— 171 gleich oͤfters nur in ſeinen Berechnungen ſtoͤren, oder ſeine Eigenliebe verwunden: aber bei der Gattin iſt die Wunde viel tiefer, den die Mutterſchaft haͤngt mit ihren„Ich“ zu genau zuſammen. Mag auch ein ſpaͤtergebohrnes Kind herzlich von ihr geliebt werden, nie wird es das An⸗ denken an das verlorne aus ihren Herzen verdraͤngen koͤnnen, und Ihre Geſchichte von Hiob, in welcher mehrere Kapitel wahre Meiſterſtuͤcke von Dichtkunſt und Beredtſamkeit ſind, ſteht in dieſem Punkte mit den rein menſchliſchen Gefuͤhlen in Widerſpruch. Nachdem die Vicomteſſe ihre Tochter ſo unausſprechlich geliebt hat, wie Sie ſich jetzt davon uͤberzeugt haben, frage ich Sie, welchen Troſt es ihr gewaͤhren koͤnne, nach ſiebenzehn oder achtzehen Jahren eine andere Klementine an ihrer Seite zu ſehen, wenn man ihr 172 . auch die vierzigtauſend Schafe, die ſechs⸗ tauſend Kameele, die tauſend Eſelinnen und die zweitauſend Ochſen mit in den Kauf geben wollte, die doch auch etwas zum Troſt des frommen Mannes Hiobs beitrugen, indem ſie ſein Vermoͤgen ver⸗ doppelten. Glauben Sie mir, lieber Rek⸗ tor, eine Frau haͤtte kein ſo ſchwaches Gedaͤchtniß gehabt!“ Herr Leny, dem der lebhafte Angriff auf das Herz des Patriarchen von Idu⸗ maͤg unangenehm war, behauptete, das die Geſchichte deſſelben in einem Zeitpunkt falle, deſſen Sitten uns zu unbekannt und zu fremd waͤren, um ſie richtig wuͤr⸗ digen zu koͤnnen. Uebrigens mußte er zu⸗ geben, daß man heut zu Tage ein ande⸗ res Linderungsmittel fuͤr das wunde Herz einer Mutter aufſuchen muͤſſe, in deren Augen ein Kind nie die Stelle eines 173 Tauſchmittels vertreten koͤnne. Es koſtete ihm ein wenig Ueberwindung dies dem Doktor einraͤumen zu muͤſſen, und er wuͤrde vielleicht noch einige Zeit ſeine Anſicht verfochten haben, wenn die Strahlen der Sonne, nachdem ſie die Wipfel der Eichen vergoldet hatten, nicht horizontal durch die Fenſter gefallen waͤren, und ihm an den Heimweg erinnert haͤtten. Er brachte ſein Kaͤppchen wieder in Ordnung, welches ſeit dem Vorfall an dieſen Morgen eine etwas ſchiefe Richtung nach Art der klei⸗ nen Huͤtchen der Provengalen erhalten hatte, worauf ihn beſonders ſein Widerſacher, der durch das mittaͤgliche Frankreich ge⸗ reiſt war, aufmerkſam machte, nahm ſein Brevier und ſein ſpaniſches Rohr mit ſil⸗ bernen Knopf, und trat mit feſten Schritte (denn ſeine Maͤßigkeit hielt die Beſchwer⸗ 174 den des Alters von ihm noch entfernt) den Weg nach ſeiner Pfarrei an. Die letzten Stralen des ſcheidenden Tagsgeſtirns und die erſten des Geſtirnes der Nacht, deſſen glaͤnzende Scheibe ſo eben am Horizont emporſtieg, erhellten die Schritte des Biedermannes. Reich an Freuden, die ſeine Bruſt erfuͤllten, wan⸗ derte er frohen Muthes vorwaͤrts. Der Vorſehung huldvolle Fuͤgungen erhielten ihm ſeine Freundinnen, und die Freundin⸗ nen ſeiner Beichtkinder, denn es lag am Tage, daß der Tod des einen jener drei intereſſanten Weſen, welche das Schloß Helvin bewohnten, nothwendig auch die beiden andern der Gruft zufuͤhren wuͤrde: Mehr als ein Mal verhielt er ſich auf ſei⸗ nen Heimweg, um mit einigen Landleuten, die von ihren Feldern zuruͤckkehrten, zu ſprechen. Die frohe Nachricht die er je⸗ 175 dem von ihnen mittheilte, war von einem Haͤndedruck begleitet, mit dem er diesmal mehr als gewoͤhnlich freigebig war. Hier⸗ durch verſpaͤtet, klopfte er erſt gegen zehen Uhr mit ſeinem Stocke an ſeine niedre Hausthuͤr, und im Eintreten hoͤrte ihn ſeine alte Haushaͤlterin folgende Worte leiſe vor ſich hin ſprechen: Ich rief dieſen Morgen: mein Gott, mein Gott warum haſt du mich verlaſſen“). Dieſen Abend kann ich mit den eoͤnigli⸗ chen Propheten ausrufen: Singet dem Herrn ein neues Lied, die Gemeine der Heiligen ſoll ihn loben! 7) 0 Marc. Kap. XV V. 34. **) Pſalm, CXLIX V. 1. Dreizehentes Kapitel. 1 Eine Familie; was man wahres Gluͤck nennt. 2 Zum erſten Male ſeit vierzehen Tagen genoſſen die Bewohner der Burg Helvin die Wohlthat eines ruhigen Schlafs. Der Doktor war auf den Schloſſe geblie⸗ ben, und hatte einer erfahrenen Waͤchterin, die man aus dem Flecken hatte kommen laſſen, und der er ihren Platz neben Kle⸗ mentinens Bette anwieß, befohlen, ihn ſo⸗ gleich zu wecken, wenn ſich in dem Zuſtande des Fraͤuleins von Beaumanoir eine Ver⸗ aͤnderung zeigte; aber er wurde ſo wenig geſtoͤrt, daß er am andern Morgen ganz 177 erſtaunt war, ſich um ſieben Uhr noch in den Federn zu befinden. Von der Toch⸗ ter ging er zu der Mutter. Sie ſchienen ihm beide ſo heiter, daß, als er aus dem Zimmer der Vicomteſſe in Klementinens Zimmer zurückkehrte, er zu dieſer ſagte: Ich ſchmeichle mir meine junge Freun⸗ din, daß ſie nicht ungehalten ſeyn werden, wenn ich in meinem Namen zwei Perſonen von meiner Bekanntſchaft und auch ein wenig von der Ihrigen bei Ihnen zum Fruͤhſtuͤck einlade; und da Sie den Kaffee noch nicht mit aller Grazie einer Miß oder Lady wuͤrden einſchenken koͤnnen, ſo werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie fuͤr heut dieſes Geſchaͤfts zu uͤberheben. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich den Tiſch neben ihr Bette ſtellen laſſen, und mit den Schlag Zehen meine Gaͤſte bringen. II Theil. 12 Dieſe Verfuͤgung des Doktors wurde den beiden Freundinnen mitgetheilt, deren Beifall ſie erhielt. Unter Vortritt Hen⸗ riettens, vom Arme des Doktors unter⸗ ſtuͤtzt, ging Frau von Beaumanoir uͤber den Korridor. Noch war ihre Schwaͤche ſehr groß, und nie hatte ſie einer Stuͤtze noͤthiger bedurft. Die Befangenheit ihres Geiſtes war auffallend. Vergebens ſuchte Herr Bonnet, durch ſeine gute und heitere Laune ſie in etwas zu vermindern. Endlich ſagte er zu Madame Allote heimlich:„Veran⸗ laſſen Sie Klementinen zum Sprechen, ehe wir ſie ſehen; dieſe fragte nun, laut genug, um in dem Zimmer, deſſen Thuͤre ſie oͤffnete, verſtanden zu werden, ob man bereit waͤre, die beiden Fremden zu em⸗ pfangen, die man geſtern Abends eingela⸗ den habe dieſen Morgen mit ihrer jungen Nachbarin Kaffee zu trinken?„Seyen Sie V 179 herzlich willkommen, meine Damen, ant⸗ wortete Klementine, die edle Erbin der Burg Helvin fuͤhlt ſich durch Ihren Be⸗ ſuch ſehr geehrt⸗ 44 Der Ton ihrer Stimme drang der Vi⸗ comteſſe durch's Herz. Sie zitterte, die Fuͤße verſagten ihr beinahe den Dienſt, Aber der Eindruck war von guͤnſtigen Fol⸗ gen, denn er verminderte offenbar die Er⸗ ſchuͤtterung des erſten Wiederſehens. Um ihn ſo gut als moͤglich zu benutzen, ver⸗ doppelte er ſeine Schritte, und trat mit ſeiner Begleiterin in die Freiſtaͤtte ſanfter Freude, worinnen noch vor Kurzen nur Jammerlaute ertoͤnten. Aufangs ſchlug Frau von Beaumanoir die Augen nieder, gleich als ob ſie gefuͤrchtet haͤtte, ſie nach ihrer Tochter zu wenden; dies dauerte etwa zwei Sekunden, hierauf richtete ſie, wahrſcheinlich noch immer in demſelben 12* * 180 Gefuͤhle, ihren Blick faſt verſtohlen nach dem Bette hin. Es war ein ſchneller Blick, aber es war der einer Mutter, welche durch die Beſtaͤtigung eines Ereig⸗ niſſes, deſſen bloße Erwartung ſie getoͤd⸗ tet haͤtte, einen Theil ihrer Kraͤfte wieder erhielt, den Arm ihres Fuͤhres entſchluͤpf⸗ te, und ſich auf ihr Kind ſtuͤrzte. Dieſes ganz natuͤrliche Entzuͤcken ward indeſſen bald durch die Ueberlegung gemaͤßigt; denn bei ſehr vieler Sanftmuth, ſelbſt bei einer ſich hingebenden Milde im freund⸗ ſchaftlichen Umgange, vermoͤge welcher ſie alle in das Leben ſtoͤrend eingreifende Ver⸗ haͤltniſſe und die kritiſchen Lagen, die ei⸗ ne Folge davon ſind, immer zu beſeitigen ſuchte, zeigte ſich jedoch die Vicomteſſe, ſobald ſie ſich einmal darein verwickelt ſah, als eine Frau von feſtem Charakter. Wenigſtens fand man bei ihr zuverlaͤſſig T 3 181 den Muth und ſelbſt das Feuer eines ſchnellen Entſchluſſes, worauf ſie freilich nicht ſelten ihrem zarten Nervenbaue un⸗ terlag, ohne jedoch ihre Wuͤrde zu ver⸗ laͤugnen. Als ſie in dem Beſitz ihrer Tochter ihren Ruhepunkt gefunden hatte, behauptete ſie ſich auf demſelben in ſtiller Wonne. Sie genoß, wie ſich Herr Bon⸗ net ausdruͤckte, ihres Gluͤcks erſt mit Ver⸗ ſtande, und nach dem erſten Aufwallen ih⸗ rer Liebe, wuͤrde in der That ein auf⸗ merkſamer Beobachter in der Anſchauung, deren Zauber ſie in langen Zuͤgen einſog, weniger Heftigkeit und Ueberſpannung ge⸗ funden haben, als in der ſuͤßen Trun⸗ kenheit, in der die Ausgeberin von Helvin verſunken war.— Der Tiſch wurde an Klementinens Belte gebracht. Dem ruͤhrenden Famili⸗ enverein ſchloß ſich noch der Rektor an, 182 welchen nach gehaltener Meſſe, unwill⸗ kuͤrlich und auf die Gefahr zudringlich zu werden, wie er in ſeiner Gutmuͤthigkeit erzaͤhlte, ſeine Fuͤſſe gerades Wegs nach dem Schloſſe zu getragen hatten. Ehe man ſich trennte„erhob ſich ein Geraͤuſch an der Thuͤre. Es war der alte Gaͤrt⸗ ner Philipp, welcher, von der Enkelin unterſtuͤtzt, trotz ſeiner noch nicht ganz ge⸗ hobenen rheumatiſchen Beſchwerden der jungen Gebieterin ſeine Ergebenheit be⸗ zeugen wollte; denn eer war der einzige unter den Dienern des Hauſes der ſich dieſer Pflicht noch nicht entledigt hatte. „Fraͤulein Klementine,“ ſagte er,„ich hatte dieſem Kinde,(er deutete auf Ma⸗ rianen) vor noch keiner Stunde befohlen, mir ein ſchoͤnes Roſenbouquet zu pfluͤcken, das ich Ihnen zu uͤberreichen gedachte;— koͤnnen Sie ſich wohl denken, daß ſie mir 183 antwotete, es waͤren keine Roſen mehr in dem Garten. Ich weiß, antwortete ich ihr, daß vorgeſtern Abends die jungen Maͤdchen des Kirchſpiels alle weiße Roſen fuͤr das arme liebe Fraͤu⸗ lein geholt haben; aber die andern? Die andern, antwortete mir Mariane haben ſie alle geſtern Abends gepfluͤckt, um zu Hauſe ihre aus Faience geformten heiligen Jung⸗ frauen*) damit heraus zu putzen; ſo daß ich, fügte der Greis hinzu, wenigſtens zwei Tage warten muß, ehe ich Ihnen einige Roſen bringen kann.“ *) Man findet in Nieder⸗ Bretagne faſt in allen Huͤtten heilige Jungfrauen von Faience, die in der Mauer in kleinen Niſchen ſtehen. Dieſe, mit Goldpapier, Baͤndern und Flittergold ausgeſchmuͤckte Vertiefung, wird alle heilige Abende von den Kindern des Pachters, und oͤffters von den Pachterinnen ſelbſt mit Blumen umkraͤnzt. 184 —„Was erzaͤhlt da Vater Philipp,“ ſagte Fraͤulein von Beaumanoir: wozu brauchte ich oder andere weiße Roſen? „Der Unbeſonnene!“ murmelte der Doktor heimlich, indem er mit beiden Haͤnden an ſeiner Peruͤcke ruͤckte, welche doch, ſeit ſie Georg, der getreue Kam⸗ merdiener der Vicomteſſe, dem Doktor auf⸗ geſetzt und gepudert hatte, nicht i im min⸗ deſten verſchoben worden war. Ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, beantwortete der Rektor dieſe Fragen, in⸗ dem er erzaͤhlte, daß am vorigen Tage mehrere junge Maͤdchen aus dem Flecken zum erſten Male communicirt haͤtten, und daß er da viele von ihnen mit Kraͤnzen von weiſen Roſen geſehen habe, die wahr⸗ ſcheinlich aus dem Garten von Helvin ge⸗ holt worden waͤren. Der wieder beruhig⸗ te Doctor fuͤgte mit ſeiner gewoͤhnlichen — 185 Heiterkeit hinzu:„Mag der Garten ſeine Roſen immer verlohren haben, wenn nur das Schloß die ſeinigen behaͤlt! Es blei⸗ ben uns richtig gezaͤhlt drei uͤbrig, die in wenig Tagen ſo ſchoͤn bluͤhen werden, wie die des Vaters Philipp bluͤhten, als ſie ein milder Regen erquickt hatte, und damit es auch nicht an Verſchiedenheit der Farben fehle, ſo wird vielleicht die eine ein wenig blaͤſſer als die beiden andern ſeyn.... Nun warum werfen Sie ei⸗ nen ſo grimmigen Blick auf mich Frau Ausgeberin? In der That ich habe dies nicht wegen Ihrer ſechs und dreiſſig Jah⸗ re geſagt: — Wenn ich einen Theil meiner ſechs und dreiſſig Jahre Ihnen abgenommen haͤtte, lieber Doktor, ſo wuͤrden ſie Ihnen vielleicht nicht ſo zu wider ſeyn, entgegne⸗ te Frau Allote, und doch tragen Sie die 186 ganze Summe Ihres Erwerbs in dieſer Art, ſo kraͤftig, ſte gehen ſo flink unter dem Druck dieſer Buͤrde einher, daß ich nicht weiß, ob man ohne Gefahr fuͤr die Roſen von Helvin, in eine ſolche Abgabe willi⸗ gen koͤnnte ee— — Ich habe mich unbeſonnener Weiſe zu weit vorwaͤrts gewagt, und muß mich nun mit Verluſt zuruͤckziehen, und das will ich auch thun meine Damen, indem ich mich Ihnen empfehle“ ſagte der Doktor. Und machte einen Spatziergang ins Ge⸗ hoͤlze.. Da am folgenden Tage die Beſſerung des Geſundheitszuſtandes der Familie Be⸗ aumanoir im Ganzen und im Einzeln noch mehr Fortſchritte gemacht hatte, ſo kehr⸗ te Herr Bonnet, nachdem er Klementinen eine, wie er behauptete nothwendige, Diaͤt vorgeſchrieben hatte, zu feinen Kranken f 187. zuruͤck, die damals gluͤcklicher Weiſe nicht zahlreich waren, was fuͤr ſeine menſchen⸗ freundliche Geſinnungen, die ihn beſtaͤndig zur Verminderung ihrer Leiden aufforderten, nicht weniger als fuͤr ſeine Erfahrung und Geſchicklichkeit, die ihn immer die paſſend⸗ ſten Mittel für ihre Uebel waͤhlen ließ, ehrenvoll war.„Die aͤrztliche Landpra⸗ ris, ſagte dieſer erfahrne Mann, iſt die leichteſte unter allen, wenn man nur eini⸗ ger Maßen eine richtige Urtheilskraft und Beobachtungsgabe, weder eine Apotheke noch eine Pharmakopaͤe*) in Aufnahme zu bringen hat, und zu rechter Zeit einige Laubthaler aus dem Beutel ziehen kann: da ich nicht reich bin, fuͤgte er hinzu, ſo habe ich mich uͤber dieſen letzten Artikel mit Frau von Begumanoir verſtanden.“ 3 *) Arzneibereitungslehrbuch. Anm. d. Uebſ. 188 Herr Leny ſeiner Seits widmete ſich ſeinen Beichtkinder wieder etwas mehr, als er es in dieſen letzt verfloſſenen Ta⸗ gen gethan hatte. Klementine verließ ſeit vierzehn Tagen ihr Bette zum erſten Ma⸗ le; dies gab Veranlaffung zu einem klei⸗ nen haͤuslichen Feſte. Wir muͤſſen hier eines kaum glaublichen und doch zuverlaͤſ⸗ ſigen Umſtands erwaͤhnen. Die Vicomteſſe, ihre Tochter und Madame Allote waren wegen der Ausuͤbung einer milden Wohl⸗ thaͤtigkeit allgemein bekannt, ihre Seele ſtand jedem edele Gefuͤhle offen, es gab keinen Kummer, den ſie nicht zu lindern be⸗ muͤht waren, keine Thraͤne, deren Quelle ſie nicht gern verſtopft haͤtten; kurz, um eine Redensart des Doktors Bonnet zu entlehnen;„Nie hatten drei liebendere Herzen unter einem Schnuͤrleibchen geſchla⸗ gen, und doch hatten ſie ſeit acht und vier⸗ 189 zig Stunden nur ſelten an das ſchreckliche Ereigniß gedacht, das ihnen Herrn Del⸗ pont geraubt hatte! Wir wollen jedoch deshalb weder ſie noch die menſchliche Na⸗ tur anklagen. Ein ungeheures Ungluͤck hatte dieſe Familie bedroht; ein furchtba⸗ rer Schlag, der in ſeiner Ruͤckwirkung ein geliebtes Haupt getroffen hatte, beugte bereits die beiden andern nieder; jenen zarten Pflanzen aͤhnlich, die nur in Ver⸗ bindung mit einander ſich erhalten koͤnnen, gingen Frau von Beaumanoir und ihre Freundin zuverlaͤſſig denſelben dunkeln Pfad, den ihnen Klementinens Sarg bahnte, wenn nicht das unerwartetſte, das am wenigſten zu hoffende Ereigniß, das annoch leere Grab der Tochter wieder ausfuͤllte, und mit ihr, Mutter und Freundin erhielt. Erſchoͤpft vom Schmerze, den ihnen der Verluſt eines Weſens verurſachte, das ei⸗ 190 nen unabloͤsbaren Theil ihrer Exiſtenz aus⸗ machte, vergaſſen ſie daruͤber jeden andern Kummer, und es war der Natur gemaͤß, daß, bei der Freude ſich wieder vereint zu ſehen, nachdem der Blitz an ihrer Seite eingeſchlagen hatte, ſich ihre erſten Gefuͤhle nur auf ſich ſelbſt bezogen und nicht auf das ihren Blicken bereits entzogene Opfer des adelichen Stolzes. aue Es iſt ein trauriges Vorrecht unferas Erdenlebens, daß die Befuͤrchtung eines noch ſchrecklichern Ungluͤcks die Erinne⸗ rung an ein bereits erfahrenes verdraͤngt, gleich als ob die durch das Ungluͤck eroͤff⸗ neten Laufgraͤben unſeres Schickſals nur durch das Ungluͤck ſelbſt wieder ausgefuͤllt werden köoͤnnten; der Menſch iſt dazu ver⸗ dammt, ſich hienieden uͤber ſeine Leiden nur durch das Uebermaß ſeines neu da⸗ zukommenden Elends zu troͤſten. Zuver⸗ —— * 191 laͤſſig wuͤrde, ohne den Zufall, welcher in der Perſon Klementinens das Gluͤck einer ganzen Familie zu Grunde zu richten ſchien, der junge Unglüͤckliche, deſſen Verluſt die Damen von Helvin ſo bedauert hatten, ihnen keinen Augenblick aus dem Ge⸗ dächtniß gekommen ſeyn. Auch muͤſſen wir allerdings bemerken, daß das Anden⸗ ken an ihren Vetter Fraͤulein von Beau⸗ manoir ſehr bald wieder beſchaͤftigte. Er war der erſte Gegenſtaud, an dem ihre Erinnerungskraft haftete, nachdem ſie aus dieſen ſuͤßen und entſetzlichen Zuſtand von Betaͤubung erwacht war, der ſie noch be⸗ netzt von den an ihren Todtenbette ver⸗ goſſenen Thraͤnen ihrer Lieben, aus den Armen des Todes in die Arme der zaͤrt⸗ lichſten Freundſchaft zuruͤckfuͤhrte. Als ſie ſich die Haͤnde wuſch, bemerkte ſie, daß ihr einer der Ringe fehlte. Ihre Augen 192 wurden feucht, und ihre dringenden Fra⸗ gen erheiſchten eine Antwort, auf die man ſich vorbereitet hatte: aber wir muͤſſen hier nachholen, was die beiden liebenswuͤrdi⸗ gen Wittwen, in Beziehung auf dieſen Umſtand beſchloſſen hatten.. Die Vicomteſſe bereute es, zu Gun⸗ ſten eines Fremden uͤber dieſen ſchoͤnen Sardonix verfuͤgt zu haben. Ihn zuxuͤck⸗ zufordern waͤre unſchicklich, und der Er⸗ folg nach zweifelhaft geweſen. Wo ſollte man den Geiſtlichen aufſuchen, deſſen Na⸗ men man nicht einmal wußte? Da er ver⸗ ſprochen hatte, auf das Schloß zuruͤckzu⸗ kehren, und ihn dann bekannt zu machen, war es nicht unnoͤthig, dem Zeitpunkte dieſer Ruͤckkehr vorgreifen zu wollen, der doch ſo gar weit nicht entfernt ſeyn konn⸗ te? Es war vorauszuſetzen, daß, wenn er das frohe Ereigniß erfuͤhre, durch wel⸗ 193 ches eine Tochter ihrer Mutter wiederge⸗ ſchenkt wurde, er ſich beeilen wuͤrde, ihn der Hand zuruͤckzugeben, der er entzogen worden war. Sein Zartgefuͤhl berechtig⸗ te zu dieſer Vermuthung. Aber mußte man ſich nicht, auf der andern Seite, ge⸗ wiſſer Maßen zu dem Verſchwinden eines Unterpfands der Liebe Gluͤck wuͤnſchen, das in den Herzen des Fraͤuleins von Beaumanoir die ſchmerzlichſten Erinnerun⸗ gen unaufhoͤrlich erweckt haben wuͤrde? Alles wohl erwogen, entſchieden ſich die beiden Freundinnen, die hierrinnen keinen Widerſpruch von irgend jemanden zu be⸗ fuͤrchten hatten, die allerdings wahrſchein⸗ liche Meinung geltend zu machen, daß dieſer Sardonix entweder auf der Ruͤck⸗ kehr aus dem das Schloß umgebenden Gehoͤlze, oder in den Zimmern ſelbſt, an jenem ſchrecklichen Tage verlohren gegan⸗ II Theil. 13 194 gen ſei. In dieſem Sinne beantworteten ſie die Anfragen ihrer jungen Gefaͤhrtin, und veranſtalteten Nachſuchungen, von de⸗ ren Nutzloſigkeit ſie im Voraus uͤberzeugt waren. Die Verlobte des Herrn Delpont empfand indeſſen dieſen Verluſt ſchmerzlich: ſie war hieruͤber mit der Vicomteſſe und Madame Allore nicht einverſtanden, und hatte die beiden am vorigen Morgen bei ihr eingefuͤhrten Weiber in Verdacht. Frau von Beaumanoir machte ſich ſchon Vorwuͤrfe, durch dieſes Vorgeben zwei ar⸗ me unſchuldige Geſchoͤpfe einem ſo belei⸗ digenden Argwohn Preis gegeben zu ha⸗ ben, als ſie aber von Madame Allote, den von ihnen beabſichtigten Diebſtahl erfuhr, waͤhrend ſie mit einem traurigen und bei allen Voͤlkern fuͤr heilig gehaltenen Ge⸗ ſchaͤft beauftragt waren, ſo verſchwanden ihre Gewiſſensſcrupel, nur erzitterte ſie — 195 aufs Neue bei der Ruͤckerinnerung an die⸗ ſe Trauernacht vor einer Gefahr, die nicht mehr vorhanden war. Tage verſtrichen, und die Wiedergene⸗ ſung, dieſe holde Goͤttin, die durch eine ſtufenweiſe Ruͤckkehr zum Leben ſelbſt die geringſten Wohlthaten deſſelben den Sterb⸗ lichen theuer macht, ſchien mit Wohlgefal⸗ len in dieſer ehrwuͤrdigen Burg ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu haben. Nicht nur ein Geſundheitszuſtand war ihrer erquickenden Sorgfalt anvertraut: Drei Frauen erwarteten von ihr die Verguͤnſti⸗ gung, in dem Leben einer derſelben das ihrige zu begruͤnden. So wie ſie eine Luft athmeten, ſo haͤtte man ſagen koͤnnen, daß nur ein Leben ſie beſeelte. So lei⸗ tet ein aufmerkſamer Landwirth eine reine Waſſerquelle, in einen vertrockneten Kanal, und alle benachbarte Pflanzen, deren Blaͤt⸗ 13.* 196 ter ſich traurig zur Erde neigten, um die Trockenheit in der ſie zu verſchmachten Gefahr liefen, anzudeuten, richten zu glei⸗ cher Zeit ihren erquickten Stengel feoͤh⸗ lich empor. Klementine genoß der Won⸗ ne, indem ſie ſelbſt wieder in den Be⸗ ſitz ihre Anmuth und der Bluͤthe ihrer Schoͤnheit trat, den Wiederſchein davon auf der Stirn der beiden Perſonen glaͤn⸗ zen zu ſehen, die ihr die liebſten auf der Welt waren. Wenn ſie indeſſen auch wie⸗ der in ihrer reitzenden Fuͤlle und in ihrer Jugendfriſche prangte, ſo war doch nicht zu laͤugnen, daß der Charakter ihrer Phi⸗ ſiognomie ſich merklich veraͤnderte. Das Ungluͤck welches ſie erfahren hatte, das Bild ihres vor ihren Augen ſterbenden Vetters, hatten ihr Gepraͤge darauf zuruͤck⸗ gelaſſen. Ohne einen ihrer Reitze verloh⸗ ren zu haben, bemerkte man doch, daß ihr die Leiden der Seele nicht fremd waren, 197 und ſo mild auch ihr Laͤcheln ſeyn mochte, ſo erkannte man doch gleich an dem Ern⸗ ſte ihres Blickes, daß ihre Lippen den Kelch der Leiden wenigſtens beruͤhrt, wenn auch nicht ſeine ganze Bitterkeit geſchmeckt hatten. Man koͤnnte ſogar ſagen, daß wenig Tage voruͤber gingen, an welchen nicht verſchiedene Vorfaͤlle ihr Veranlaſ⸗ ſung zu traurigen aber ſtets willkommenen Ruͤckerinnerungen gaben. Zu verſtaͤndig erzogen, als daß die Zuueigung, welche den Tod ihres Verlobten in ihrem Herzen uͤberlebte, ſich zur Leidenſchaft haͤtte ſtei⸗ gern koͤnnen, war jedoch Fraͤulein von Be⸗ aumanoir von Natur zu zartfuͤhlend und zu ſehr mit den Tugenden und ſeltenen Eigenſchaften deſſelben befreundet, um ihn je vergeſſen zu koͤnnen. Sie betrachtete ihn in ihrem Innern als einen Gaſt, der unſere ganze Theilnahme zu erregen ge⸗ 198 wußt hat, und an den man fleißig denkt, ob man gleich die Hoffnung verlohren hat, ihn an dem Familientiſch oder am friedli⸗ chen Heerd, wo er durch ſeine Erzaͤhlun⸗ gen alles entzuͤckte, je wieder zu ſehen. Ehe die Damen von Helvin ſich wie⸗ der ihren gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen widmeten, glaubten ſie ſich nicht beſſer darauf vorbereiten zu koͤnnen, als indem ſie ſich derjenigen Pflichten entledigten, zu welchen ſie ſelbſt ihre zum Theil uͤber⸗ ſtandenen Leiden aufforderten: einige Be⸗ ſuche waren durchaus nothwendig, und der erſte gehoͤrte von Rechtswegen dem Tem⸗ pel des Herrn. Die alte Kutſche wurde noch einmal aus dem Schopfen gezogen. Der Zeitgenoſſe dieſes ſeiner Leitung an⸗ vertrauten Fuhrwerks, der gute Philipp beſtieg den Kutſchbock mit einer Art von Stolz, an dem die Freude ſeine Gebiete⸗ 199 rinnen zu fahren, eben ſo viel Theil hatte, als das Gefuͤhl der Wichtigkeit ſeines neuen Amtes. Es war an einem Sonn⸗ tage des Auguſts. Frau und Fraͤulein von Beaumanoir, ſo wie ihre Freundin, in einer Halbtrauer, die ſie nicht unvor⸗ theilhaft kleidete, ſtiegen vor der Kirche von St. Nolf aus den Wagen. Sie lag wie alle religioͤſen Gebaͤude des alten Armonika's mitten auf dem Gottesacker; ſo daß die guten Landleute das Gottes⸗ haus weder beſuchen noch verlaſſen konn⸗ ten, ohne den Boden zu betreten, der durch die entſeelten Huͤllen ihrer Freunde und Verwandten immer neuen Zuwachs erhielt. Dieſe Nachbarſchaft der Grenz⸗ ſteine des Lebens mit dem Altare, an deſ⸗ ſen Stufen die Gebete zu demjenigen em⸗ porſteigen, von dem wir es mit allen ſei⸗ nen freudigen und traurigen Ereigniſſen erhalten haben, huͤllte die Andacht der Le⸗ benden in eine ſanfte Schwermuth, und predigte ihnen eine Art von laͤndlicher prunkloſer und jedermann verſtaͤndlicher Le⸗ bensphiloſophie. Laͤngs der Mauer von halber Mannshoͤhe, die das kleine Tod⸗ tenfeld einſchloß, ſtanden mehrere Land⸗ leute, und trotzten mit ihren verbrannten Geſichtern der heiſſen Mittagsſonne; ſie er⸗ warteten hier den Kuͤſter, der zugleich Kirchendiener und Glockeninſpector war, und unter deſſen Aufſicht, die an den Straͤngen haͤngenden Knaben die ehernen Maſſen in Bewegung ſetzten, worauf er dann herauskam, und mit ſeiner an einen hoͤlzernen Griff befeſtigten Handklingel das Zeichen gab, daß die Meſſe beginnen werde. Ihre Muͤtter, ihre Gattinnen, ihre Toͤchter, denen die herkoͤmmliche Sitte nicht erlaubte vor ihnen in dem 201 fuͤr ſie beſtimmten hinterſten Ende des Schiffs der Kirche Platz zu nehmen, ſaßen in gleicher Erwartung am Fuße einiger hundertjaͤhrigen Eſchen, waͤhrend der juͤn⸗ gere Anſlug des Kirchſpiels, unter den Malven und blaſſen Maßliben auf den Graͤbern ihrer Großvaͤter und Voraͤltern ſpielten. Drei oder vier Haufen auf Farrenkrautblaͤttern liegender ſchwarzer Suͤßkirſchen und Aniskuchen, nebſt eben ſo viel Koͤrbchen trockener Nuͤſſe, waren dazu beſtimmt, den Appetit der lieben Jugend, je nach dem, im Ganzen ſehr beſchraͤnkten ſinanziellen Maaßſtabe der Familie, zu rei⸗ zen oder zu befriedigen. Ddie Annaͤherung der Damen von Hel⸗ vin ſetzte alle dieſe verſchiedenen Gruppen zu gleicher Zeit in Bewegung: Die Kin⸗ der unterbrachen ihre Spiele, die Weiber ſtanden auf, und die Maͤnner luͤpften alle, 202 ohne Ausnahme auf einen Augenblick ihre Huͤte oder Muͤtzen, eine Ehrenbezeugung, mit welcher der Armorikaniſche Landmann, obgleich, ſo zu ſagen ſchon in der Wiege an den Baum der Lehnsverfaſſung geket⸗ tet, im Allgemeinen eben nicht freigebig iſt, und trotz der Geſetze und Servituten die ihn feſſeln, ſeinen freien Willen gel⸗ tend zu machen ſcheint, und auf den ge⸗ meinſchaftlichen Urſprung nicht wenig Ge⸗ wicht legt, der von Generation zu Gene⸗ ration, wie der Stammbaum der Patriar⸗ chen, das Menſchengeſchlecht bis zu den Schoͤpfer hinauf fuͤhrt.*) Mancherlei Empfindungen, die, nach den mannigfachen, *) Der war ein Sohn Enos, der war ein Sohn Seths, der war ein Sohn Adams, der war Gottes.(Luc. Kap. III V. 38) Nichts wuͤrde aus dem Kopf des Landmanns von Niederbretagne die Vorſtellung von dieſer ſchoͤnen gemeinſchaftlichen Abkunft verdraͤngen 203 uͤber die Ruͤckkehr ins Leben des Fraͤu⸗ leins von Beaumanoir im Umlauf geweſe⸗ nen, Geruͤchten, ſich motivirten, ſprachen ſich in den Bewegungen, Stellungen und Blicken dieſer biedern Landleute aus. Al⸗ ter und Geſchlecht bezeichueten die verſchie⸗ denen Abſtufungen derſelben, bei den einen druͤckten ſich bloße Neugierde aus; bei den andern war es ein, mit Bewunderung ver⸗ bundenes Erſtaunen, bei noch andern ging dies Erſtaunen ins Schauerliche uͤber, aber alle dieſe Ausdruͤcke verlohren ſich in ein allgemeines Gefuͤhl von Wohlwollen, das ſich immer lebendiger zu erkennen gab, ſo wie die drei Unzertrennlichen ſich der Vor⸗ halle des kleinen Tempels naͤhrten. ——— koͤnnen. Bei ſolchen Geſinnungen laͤßt ſich wohl nicht denken, daß in dieſem Lande ſich irgend jemand konnte geneigt finden laſſen, die Pferde auszuſpannen, um ihre Stelle zu vertreten und Triumphwagen zu ziehn. 204 Der allgemeine Beifall hat ſtets et⸗ was Berauſchendes, er mag ſich nun durch eine Verſammlung in oͤffentlichen Ehren⸗ aͤmtern ſtehender Perſonen, oder durch einfache Menſchen von geringer Herkunft ausſprechen. Die laͤrmende Freude dieſer armen Bauern, die Gluͤckwuͤnſche dieſer entzuͤckten Paͤchter, die lebhaften Blicke dieſer jungen Maͤdchen, der ernſthafte aber wohlwollende Gruß dieſer Bauern, und die Segenswuͤnſche dieſer Duͤrftigen in ihren neuwaſchenen wenn auch aͤrmlichen Kleidern mußten das Herz des Fraͤuleins von Beaumanoir und ſeiner beiden Beglei⸗ terinnen ergreifen. Voll ſuͤßer Ruͤhrung, theilten ſie weder Geſchenke noch Allmoſen aus, aber jeden riefen ſie bei ſeinen Na⸗ men:„Wir werden euch bald beſuchen“ ſagten ſie zu den wohlhabenden Paͤchtern. „Beſucht uns doch bald,“ zu den Wei⸗ 205 bern der armen Tageloͤhner. Was die Kinder betraf, ſo nahm ſich Klementine vor, nach der Meſſe die im Graſe aufge⸗ ſtellten Obſt⸗ und Kuchenkoͤrbe unter ſie zu vertheilen; allein bei ihrem Austritt aus der Kirche wurde ſie durch einen Ein⸗ druck anderer Art von dieſem Gedanken abgezogen, und die Ausfuͤhrung deſſelben auf eine andere Woche verſchoben. Der ehrwuͤrdige Leny erwartete im Meßgewande, die Vicomteſſe an der Kirch⸗ thuͤre, um ihr das Weihwaſſer zu reichen, und begleitete die Damen von Helvin nach ihrem Stande mit einem Beifalslaͤcheln uͤber ihren Entſchluß, vor allen Dingen dem Ewigen den Zoll ihres Dankes darzu⸗ bringen. Die drei Frauen nahmen ihre Plaͤtze ein, und zogen ſogleich die Aufmerk⸗ ſamkeit mehrerer Edelleute, die bereits in ihrem mit Wappen bemahlten Staͤnden be⸗ 7 206 findlich waren, auf ſich; ſie ſchienen dies jedoch nicht zu bemerken, und uͤberlieſen ſich, bloß mit dem was am Altare vorging beſchaͤftigt, ihren frommen Empſindungen, deren Charakter ſich vielleicht nach den Geſichtszuͤgen einer jeden modiſicirte. Durch eine treue Zeichnung dieſer Zuͤge waͤre es moͤglich einiger Maßen in das Geheimniß jener Empfindungen einzudrin⸗ gen. Ein, von der lieblichſten unter den bildenden, die menſchlichen Formen und Empfindungen darſtellenden, Kuͤnſten, her⸗ genommener Vergleich wird uns hier beſ⸗ ſere Dienſte leiſten, als eine ins Einzelne gehende Unterſuchung, und eine immer un⸗ vollkommen bleibende Aufzaͤhlung gerader und gebogener Linien. Die Jahre der Frau von Beaumanoir und ihrer Jugend⸗ freundin werden fuͤr das Paſſende der Ver⸗ gleichung kaum ſtoͤrend ſeyn, da ſich beide 207 ſo gut, als wohl nur wenig Frauen, erhal⸗ ten hatten, und der feinſte Kenner ihnen ihr Alter nicht anſehen konnte, und ſo koͤn⸗ nen wir, ohne uns den Vorwurf der Schmei⸗ chelei zu zuziehen, verſichern, daß in dem edeln und erhabenen Style des ſchoͤnen Kopfes einer der Damen von Helvin es nicht an Aehnlichkeiten mit Raphaels Ma. donna della Sedia fehlte; daß ihre Toch⸗ ter, an deren Stirn, ſeit ihrem Ungluͤcke, zuweilen ein Woͤlkchen voruͤber zu ziehen ſchien, in mehrerer Hinſicht an die heilige Caͤcilie deſſelben Meiſters erinnerte, die ihren Arm nebſt dem Saitenſpiel, mit ei⸗ nem auf ihren Lippen ſchwebenden Zug von zuruͤckweiſender Gleichguͤltigkeit, hinab⸗ ſinken laͤßt, waͤhrend die ſtille Begeiſterung des obern Theils ihres Geſichts anzudeuten ſcheint, daß ihr Ohr bereits das himm⸗ liſche Konzert der Engel vernommen hat; 208 und daß ihre durch ihre eben ſo gutmůͤ⸗ thigen als feinen und geiſtvollen Zuͤge, an⸗ ziehende Freundin, einen Vergleich mit der, unter der Benennung der heiligen Jungfrau mit dem Koͤrbchen be⸗ kannten, Madonna des Correggio ohne Nachtheil haͤtte aushalten koͤnnen. Waͤhrend der Meſſe gingen zwei Maͤn⸗ ner,(es waren die amtirenden Kirchvaͤter) jeder mit einem Handkorbe verſehen, in der Kirche herum. Derjenige, welcher den groͤßten hatte, ſammelte zur Rechten und zur Linken haͤnfene auf ihre Spindeln mit bunten Floretſeidnen Baͤndern befeſtigte Rocken, leinwandene mit tuͤrkiſchen Korn angefuͤllte Bauerhauben, buͤchene Faͤschen voll friſcher mit Brombeerblaͤttern bedeckter Butter und ſelbſt Haͤhne und Huͤhner ein, freundliche Gaben, die faſt alle von Wei⸗ bern herruͤhrten, denn das ſchwaͤchere und lie⸗ 209 bende Geſchlecht ſcheint vorzuͤglich zu from⸗ men Fuͤrbitterinnen beſtimmt zu ſeyn. Der Kirchenvater ging bei den Damen von Helvin voruͤber, ohne ſich aufzuhal⸗ ten, denn ſchon fruͤher hatte jede von ihnen, als der Almoſenſammler ſich mit ſeiner groſſen kupfernen, friſch polirten Schuͤſſel bei ihnen meldete, ganz ohne Ge⸗ raͤuſch ein Goldſtuͤck darauf gelegt. Der zweite Kirchenvater hatte in ſeinem Korbe kleine gelbe Wachsſtoͤckchen, die beſtimmt waren waͤhrend des Eingangs(Preface) der Meſſe, auf einer langen eiſernen Lei⸗ ſte, die in gleichen Zwiſchenraͤumen mit Stacheln verſehen war, um den Wachs⸗ ſtock darauf befeſtigen zu koͤnnen, ange⸗ zuͤndet zu werden. Er ging mit ſeinem Korbe uͤberall herum, wohin ihn die Andacht der Glaͤubigen beſchied, die mit einer kleinen Kupfermuͤnze ſich das „—— 14 210 Vergnuͤgen verſchafte, das Heiligthum durch das beſcheidene Flaͤmchen ihrer klei⸗ nen Gabe auf einige Minuten erleuchtet zu ſehen. Bald waren alle Wachsſtoͤckchen vergriffen, und der Korbkraͤger ſahe ſich genoͤthigt, in die Sakriſtei zuruͤckzukehren, um friſche abzuſchneiden. Man konnte be⸗ merken, daß an dem aͤußerſten Ende des Schiffs der Kirche ſein Aufenthalt am laͤngſten dauerte. Madame Allote machte ihre beiden Nachbarinnen(denn immer ſaß ſie zwiſchen Mutter und Tochter) auf die kleine Illumination aufmerkſam, welche der Erfolg dieſer Sammlung war. Sie laͤchelte und allen dreien netzte ſanfte Ruͤhrung die Augen. Die Predigt des ehrwuͤrdigen Paſtors war heut weit kuͤrzer als gewoͤhnlich, aber ſo paſſend, daß ſie aller Gemuͤther, ja vielleicht ein wenig zu lebhaft bewegte, 211 denn Herr Leny hatte zum Text das Wun⸗ der gewaͤhlt, auf welches er in ſeinen, aus der Huͤtte des Pvon Calvez geſchriebenen, Brief im prophetiſchen Geiſt angeſpielt hatte: aller Augen waren auf den zur Burg Helvin gehoͤrigen Stand gerichtet, als er die an die Freunde des Jairus ge⸗ richteten Worte Jeſu wiederholte: Weinet nicht, das Maͤgdlein iſt nicht todt ſondern ſchlaͤft. Unter allen Zuhoͤrern konnte die eindringliche Kraft dieſer Anwen⸗ dung, uͤber welche die Mutter erblaßte, nie⸗ mand weniger empfinden, als Klementine; kaum war dieſe dagegen aus der Kirche ge⸗ treten, als ein blendend weißer Leichenſtein von Granit, den bei ihrem Eingange in die Kirche eine Gruppe Kinder ihrem Blick entzogen hatte, ihr plöͤtzlich vor die Augen kam. Sie zitterte vor Entſetzen: Madame Allote, der dieſer ſchmerzliche 14* 212 Eindruck nicht entgangen war, ſuchte ver⸗ gebens Fraͤulein von Beaumanoir auf die ſchmeichelhafte Anhaͤnglichkeit, deren Ge⸗ genſtand die Damen von Helvin waren, aufmerkſam zu machen:„Klementine, ſagte ſie zu ihr, ſind dieſe Huldigungen nicht fuͤßer, als diejenigen, welche Dir auf dem letzten Balle der Marquiſe zu Theil wurden?“ Nach einigem Zoͤgern erwiederte Klementine mit einem tiefen Seufzer: „Theure Allote, wie unendlich wohlthuen⸗ der wuͤrden ſie ſeyn, wenn unſerer viere daran Theil nehmen koͤnnten! Aber... ſieh her... hier liegt er... wir gehen an ihm voruͤber, ohne daß er unſere Stim⸗ me vernehmen kann.. Armer Delpont!“ Die Ankunft und die Begruͤßungen des Doktors und des Rektors, die auf das Schloß zum Mittagseſſen eingeladen waren, machten dieſen ſchmerzlichen Bemer⸗ 213 kungen ein Ende, oder was vielmehr wahr⸗ ſcheinlicher iſt, unterbrachen deren weitere Mittheilung. Unter frohen und ſchmerz⸗ lichen Empfindungen wie beinahe das Ganze menſchliche Leben, doch ſo daß die erſtern oorherrſchend waren, verſtrich den drei Da⸗ men dieſer Tag, im Ganzen genommen, ziemlich angenehm. Am Schluſſe deſſel⸗ ben, eine Stunde vor Schlafengehn, mach⸗ ten ſie noch einen kurzen gemeinſchaftlichen Spatziergang laͤggs dem Graben des Schloſſes, deſſen Zinnen die letzten Strah⸗ len der Sonne vergoldeten; denn nur un⸗ gern ſchloſſen ſich Klementine und beſon⸗ ders Henriette in den, von hohen Mauern umgebenen, Schloßgarten ein, zu welchem eine kleine, auf der Weſtſeite der Burg befindliche, Thuͤre fuͤhrte, auch war dieſes Stuͤck Land, trotz ſeinem an beiden Enden mit einer Jasmin⸗ und Geisblattlaube 214 „ verſehenen, Buchengange im Grunde nichts weiter als ein Gemuͤßgarten fuͤr den Be⸗ darf des Schloſſes. Ehe Frau von Beau⸗ manoir ſich in ihr Zimmer zuruͤckzog, ergriff ſte Madame Allotens Arm und ſagte zu ihr:„unſere Bekannten, unſere Freunde, kurz die ganze Gegend weiß auf welchem Fuß wir alle drei zuſammen leben. Nie⸗ manden iſt unbekannt, daß wir uns lieben, und wir haben keinen Grund es zu ver⸗ heimlichen; laßt uns alſo, geliebte Freun⸗ dinnen keine Komaͤdie ſpielen, indem wir Rollen von Oberherrſchaft und Abhaͤngig⸗ keit uͤbernehmen, die Niemanden taͤuſchen, zumal ſeit dieſes verhaßte Maͤdchen wieder unter die Lebenden zuruͤckgekehrt iſt; alſo Henriette von nun an werde Niemand mehr belogen, von nun an ſei von keiner Ausgeberinn mehr die Rede, darauf drin⸗ ge ich! 245 „Keine Ausgeberin mehr, rief Klemen⸗ tine, indem ſie Madame Allote in ihre Arme ſchloß!“ „Nur weil ich etwas traͤge bin, willige ich ein, daß meine Tochter und meine Freundin ſich ein wenig mehr mit den haͤuslichen Angelegenheiten beſchaͤftigen, als ich. In der That, wenn ich auch wenigſtens in Vergleichung mit den Vermoͤgensumſtaͤnden des groͤßten Theils der Einwohner dieſer Gegend, reich genennt werden koͤnnte; ſo bin ich doch noch nicht reich genug, um eine Oberauf⸗ ſeherin bezahlen zu koͤnnen, die, wie du Henriette, zu Folge der, nach dem Tode meines Oheims ſtatt gefundenen Auseinan⸗ derſetzung unter ſaͤmtlichen Handlungsge⸗ ſellſchaftern des Haußes, ſelbſt mehr als hunderttauſend Franken Kapital oder fuͤnf⸗ tauſend Lirves jaͤhrliche Einnahme hat, aber 216 ich habe wenigſtens ſoviel Geiſteskraͤfte um den Geiſt meiner Freundin wuͤrdern zu koͤnnen, und mein Herz hat Gefuͤhl ge⸗ nug um den hohen Werth des ihrigen zu ſchaͤtzen“ 8 Ohne weitern Widerſpruch fuͤgte ſich Madame Allote den Wuͤnſchen der Mutter und der Tochter. Wenn dieſe Maßregel auch nichts in den fruͤhern Verhaͤltniſſen der Freundinnen aͤnderte, ſo dienten ſie doch dazu, dieſelben auf eine feierliche Weiſe anzuerkennen, und die gegenſeitige Stel⸗ lung der Mitglieder des kleinen Kreiſes auf der Burg Helvin auch fuͤr die Frem⸗ den öffentlich zu beſtimmen. Die Vicom⸗ teſſe beſaß in der That zuviel richtige Urtheilskraft, um die Laͤcherlichkeit nicht zu fuͤhlen, ihre beſte Freundin, die liebens⸗ wuͤrdigſte Frau vielleicht, die ſich je ent⸗ ſchloſſen hatte, mit einer andern Familie 217 Freud und Leid unbedingt zu theilen, noch ferner an gewiſſen Tagen in den Winkel einer Speiſekammer zu verbannen. Moch⸗ ten auch einige Landedelleute daruͤber die Naſe ruͤmpfen, ſie war entſchloſſen, und da ſie ſich vorgenommen hatte, ſo bald ſie ihre Beſuche bei ihren adelichen Nach⸗ barn wuͤrde abgeſtattet haben, ein großes Mittagseſſen zu geben, ſo beſtimmte ſie ihr Zartgefuͤhl nicht auf halben Wege ſtehen zu bleiben, und ſie wieß daher, an dem zu dieſem Gaſtgebote angeſetzten Tage, ihrer Freundin den Platz, ihr gegenuͤber an der Mitte der Tafel an und ſagte zu den Gaͤſten mit eben ſo viel Anmuth als Wuͤrde:„Meine lieben Nachbarn, ich habe ſchmerzliche Seelenleiden zu tragen gehabt, ſie hatten die Guͤte daran Theil zu nehmen; ich wuͤnſchte Ihnen meine Dankbarkeit an den Tag zu legen, und ich 218 fühle daß ich meinen Zweck nicht beſſer werde erreichen koͤnnen, als wenn ich mei⸗ ne theuere Jugendfreundin bitte, mich bei Erfuͤllung meiner Verpflichtungen gegen Sie freundlich zu unterſtuͤtzen. Niemand gab ein Zeichen von Miß⸗ billigung, in einem Lande, das in Bezie⸗ hung auf Adelſucht und Adelſtolz ſich zu Frankreich verhaͤllt, wie Deutſchland zu dem uͤbrigen Europa. Die beiden Edel⸗ leute, zwiſchen denen Madame Allote ſaß, zeichneten ſie auf alle nur moͤgliche Art aus, und ſie hatte das Gluͤck ihnen ſo zu gefallen, daß/ wenn ſie nicht mit den Witzfunken ihres gebildeten Geiſtes die zarte Zuruͤckhaltung einer auf Achtung Anſpruch machenden Frau zu rechter Zeit verbunden, und ſo dem etwas ſchnellen Er⸗ guß einer ſchon auf den Lippen der Gaͤſte ſchwebenden Erklaͤrung zuruͤckzuhalten ge⸗ 216 wußt haͤtte, ſie mit der Frau von Sevigné wuͤrde haben ſagen koͤnnen,„daß der „Nachbar aus der Breragne nach dem „Eſſen drollig wird. 4 Dieſem Gaſtmahle waren mehrere Be⸗ fuche vorausgegangen, einen aber hatten ſie ſich noch vorbehalten, der zwar der Rangordnung nach ſehr unbedeutend war, deſſen Erzaͤhlung wir jedoch einige Seiten widmen wollen, da er mehr als alle unſere Auseinanderſetzungen geeignet iſt, die Art von Glluͤckſeligkeit darzuſtellen, deren Be⸗ ſitz die drei Freundinden ſich zu ſichern ſuchten. 3 220 Vierzehntes Kapitel. Fortſetzung— Ruͤckblicke in die Vergangenheit.— Ein Zeitver⸗ treib an welchem der Stolz kei⸗ nen Theil hat. Einige Worte, deren Sinn dem Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir nicht recht verſtaͤnd⸗ lich war, und es auch ſo lange bleiben mußte, als ihm die Groͤße der Gefahr in welcher es geſchwebt hatte, unbekannt blieb waren dieſer jungen Dame zu Ohren gekommen, und hatten ihre Neugirde er⸗ regt. Um ihrem Scharfſinne die Muͤhe einer Nachforſchung zu uͤberheben, entſchloſ⸗ ſen ſich ihre Gefaͤhrtinnen, ihr die Er⸗ eigniſſe, die ſich auf der Burg Helvin zu⸗ getragen hatten, von dem Augenblicke an 221 wo es allem geſchienen hatte, daß der Name Beaumanoir mit dem letzten Zweige dieſes alten Geſchlechts ins Grab ſinken wuͤrde, getreulich mitzutheilen. Da die Vicomteſſe erklaͤrt hatte, daß es ihr ſchlechter Dings an Kraft gebraͤche, dieſe Erzaͤhlung zu uͤbernehmen, ja ſogar ſie nur mit anzuhoͤren, ſo war es auch dies⸗ mal Madame Allote, welche eines Tags, eine Stunde vor dem Mittagseſſen, den Arm ihrer jungen Freundin ergriff, und ſich mit ihr in die im Garten befindliche Geisblattlaube ſetzte. Man kann ſich die Erzaͤhlung der einen, und die Betrachtun⸗ gen zu welchen ſie der andern Veranlaſ⸗ ſung geben mußte, leicht denken; indeſſen koͤnnen wir uns das Vergnuͤgen einige Auszuͤge davon mitzutheilen, doch nicht verſagen. 22 „Du wollteſt wiſſen, liebes Kind, be⸗ gann Madame Allote, welche Art von Eindruck es auf mich machte, als ich dich, dem Auftrage Karolinens zu Folge, an⸗ kleidete; keinen der meine Sinne erſchreckte, keinen vor welchem mein Gefuͤhl zuruͤck⸗ geſchaudert waͤre. Als ich dich in meinen Armen hielt, koſtete es mir Muͤhe mir zu denken, daß meine junge Freundin ſich in der Gewalt des uner⸗ bittlichen Todes befaͤnde.„Wie Schade“ ſagte ich zu mir ſelbſt, daß ſo viele Reize morgen ins Grab geſenkt werden ſollen. Mitten unter meinen, mit Taͤuſchung durchwebten Schmerz,(denn es gab Au⸗ genblicke, in denen Du fuͤr mich nicht todt warſt,) kuͤßte ich mehrmals deine Schul⸗ tern, meine gute theure Klementine, und nen Buſen, in welchem der koͤſtliche Le⸗ bensfunken noch glimmte; aber ich huͤtete * 2 f 223 * mich wohl dem Geiſtlichen, welcher bei dir wachte, etwas davon merken zu laſſen, weil ich ſicher war, daß er mir daruͤber Vorwuͤrfe machen wuͤrde! und doch war dieſer Mann ſo gut, ſo mitleidig, und vielleicht zaͤrtlicher als er ſcheinen wollte. Er hatte ſchon das reifere Alter er⸗ reicht, und ſchien dreiſſig bis fuͤnf und dreiſſig Jahr alt. Ich weiß nicht wie er ſich ohne ſeinen Stock, den er hier ver⸗ geſſen hat, wird haben behelfen koͤnnen, denn er ging etwas vorwaͤrts gebuͤckt. Er ſprach ſehr gut, es war eine Beredt⸗ ſamkeit die aus dem Herzen kommt, aber in ſeinen Dorſchriften war er ſtreng. Dieſe ſtrengen Grundſaͤtze ſchienen indeſſen mehr die Folge eines dem Weiſen, der die Kraͤfte der menſchlichen Natur nach ihrem Umfange kennt, eigenen Mißtrauens als Wirkung eines Rigorismus zu ſeyn, . 5 224 welcher andern gern ſtrenge Geſetze auf⸗ legt. Ich muͤßte mich ſehr irren, oder er iſt durch ſein Herz ungluͤcklich gewor⸗ den. Nie haben Worte einen ſo tiefen Eindruck auf mich gemacht, als die ſeini⸗ gen. Ob er mich gleich auf Augenblicke einſchuͤchterte, ſo zog er mich doch an ſich, denn es entſchluͤpften ihm zuweilen Zuͤge, die von der ganzen Schoͤnheit ſeines treff⸗ lichen Charakters zeugten. —„Kanſt du es glauben? er ſchauderte, als ich ihm, ich weiß nicht durch welche Veranlaſſung vermocht, die naͤhere Schil⸗ derung einer Toilette entwarf, der einzi⸗ gen vielleicht, an welcher das weibliche Weſen, dem ſie galt, keinen Theil genom⸗ men hat. Und du kanſt dir, als er in dein Zimmer trat, keinen Begriff von der erſtaunenswuͤrdigen Beweglichkeit ſeiner Geſichtszuͤge machen, die mit der Unbe⸗ 1 225 weglichkeit ſeines uͤbrigen Koͤrpers im groͤßten Widerſpruche ſtand. Ich wuͤnſchte dir ihn darſtellen zu koͤnnen, wie er auf dem zweiten Quadrate des Fußbodens am Fuß deines Bettes ſtand; wie er dich erſt betrachtete, und dann ſchnell den Blick abwendete, und die Augen rings um ſich her auf die Moͤbeln warf, dann wieder auf dich kehrte, ſein Chorhemde mit einem Anfluge uͤbler Laune ablegte, und dann ernſten Schrittes ſich dir naͤherte, um dir den Schleier uͤber das Geſicht zu ſchlagen, in der That man haͤtte glauben ſollen, er wage es nicht dir ins Geſicht zu bli⸗ cken... Uebrigens gebe ich zu, geliebte Klementine, daß du fuͤr eine Verſtorbene gar nicht uͤbel ausſaheſt, und wenn Eury⸗ dice nach dem Stiche, ſich den Blicken Pluto's ſo gezeigt hat, ſo nimmt es mich II. Theil. 41415 226 nicht Wunder, wenn er ſie gern im Schat⸗ tenreiche behalten haͤtte. 9r. — Meine allzuguͤtige Henriette, ich bin geneigt, deinem Komplimente einigen Glauben zu ſchenken, da du mir vorhin ſagteſt, Yvon Calvez waͤre ebenfalls der⸗ ſelben Meinung geweſen. — Ich verſichere dich, dieſer kleine gute Bauerburſche war in ſeiner Hartna⸗ ckigkeit unbegreiflich. Ohne auf die zwoͤlf Franken, mit denen ihn der Geiſtliche be⸗ ſchenkt hatte, Ruͤckſicht zu nehmen, ſperrte er ſich bis auf den letzten Augenblick ſein de prolundis zu beten; und endlich that er es nur aus Gefaͤlligkeit, und nicht ohne eine Art von Mitleiden mit unſern, wie er uͤberzeugt war, irrigen Anſichten. Aber deshalb darfſt du liebe Freundin ſeinem Scharfblicke nicht mehr Ehre wiederfahren laſſen, als ihm wirklich gebuͤhrt. Du warſt 227 geſchmackvoll gekleidet, von Veranſtaltung— zu einer Beerdigung war nichts zu ſehen, und ſo hielt er dich fuͤr lebend; unter ei⸗ nem Furcht einfloͤßenden Leichentuche haͤtte er dich mit Weihwaſſer beſprengt, und er wuͤrde uns uͤber die Anwendung ſeiner Pater nolter keine Schwierigkeiten gemacht haben.— Jetzt wuͤrde man ihn weniger als je von ſeinen vorgefaßten Ideen ab⸗ bringen koͤnnen. Auch hat ihm wirklich dieſes Ereigniß im ganzen Kirchſpiele eine Art von Ruf verſchafft, und man ver⸗ ſichert mich, daß ſeine Stimme in dem ſeiner Wohnung am naͤchſten gelegenen Dorfe Glandour bereits von bedeutenden Gewichte ſey.— So kommt man in An⸗ ſehen!— Ich fuͤr meinen Theil, liebes Kind, rechne ihm den guten Gedanken weit hoͤher an, den er, wie man behaup⸗ tet, zuerſt gehabt hat, das zweite Geſchaͤft 15.* 228 des Todtengraͤbers, das deine Wiederkehr ins Leben noͤthig machte, zu einer Hand⸗ lung oͤffentlicher Frrlichkeit zu erheben, ein Umſtand uͤber den ich am Ende gar vergeſſen habe, die traurige Arbeit des Erſtern zu bezahlen. — Berichtige es ſobald als moͤglich liebe Freundin, damit dieſer Mann nitht etwa Aereſt auf mich legt! Ach wie ſehr hat mich deine Darſtellung der Scene mit dem zugeworfenen Grabe geruͤhrt, noch fuͤhle ich mich davon angegriffen, weißt du wohl daß ſie herzerſchuͤtternd iſt. Vor vierzehen Tagen waͤre ich noch nicht ſtark genug ge⸗ weſen, eine ſolche Erzaͤhlung anzuhoͤren. Der kreffliche Pfarrrer Leny! wie gut und edel hat er ſich benommen! Henriet⸗ te, unter ſolchen Umgebungen duͤrfen wir vielleicht noch frohe Tage hoffen. Aber dieſer kleine Yvon intereſſirt mich. Phi⸗ lipp wird alt, waͤrſt du nicht der Meinung, ihm dieſen jungen Menſchen zum Geßül⸗ fen zu geben? Man beſchloß mit Frau von Beau⸗ manoir hieruͤber Ruͤckſprache zu nehmen, welche, ob ſie gleich die zu einer guten Bedienung nothwendige Dienſtboten hielt, ſich doch vor dem, ſo vielen adelichen Haͤuſern in Bretagne verderblich gewor⸗ denen, Abweg huͤtete, deren oͤkonomiſche Lage, wegen ihres koſtbaren Prunks mit einer uͤbermaͤßigen Dienerſchaft, ſich taͤglich verſchlimmerte. Eben trat die Vicomteſſe ein. Klementine flog ihr in die Arme. „So habe ich theure geliebte Mutter, „dir alſo zweimal das Leben zu danken! „rief ſte aus, Du wollteſt deine Tochter in dem Anzuge ſehen, worinnen ſie Deinen „Mutteraugen am reitzendſten ſchien: und „durch dieſe fein erſonnene Liſt, wodurch „ 230 „Du mich ſo lange als moͤglich in Dei⸗ „ner Naͤhe zu behalten ſuchteſt, haſt Du „mir das Leben getettet; Empfange dafuͤr „guͤtige Mutter meinen Dank, meine heißen „Umarmungen! Du haſt ſo viel fuͤr mich „gethan, daß ich Dir nur durch ein Zu⸗ „ſammentreffen aͤhnlicher außerordentlicher „und trauriger Ereigniſſe vergelten koͤnnte. . Nein, nein, ich will ewig Deine „Schuldnerin bleiben!“ „Mein Kind“ antwortete Frau von Beaumanoir, Du biſt mir nichts ſchuldig, giebt es denn fuͤr mich in der Welt etwas Theureres als Du und dieſe haͤßliche, jetzt ihres Dienſtes entlaſſene, Ausgeberin, die ſich meinen Willen kuͤhn wiederſetzte, die ich knieend um eine viertelſtuͤndige Friſt anflehen mußte, und die ich doch jetzt eben ſo innig an mein Herz druͤcke, als ob ich nicht wuͤßte, wie viel ſchlimme Streiche 231 ſte mir im Einverſtaͤndniß mit ihrem ab⸗ ſcheulichen Docktor geſpielt hat, der ſich, ich glaube wahrhaftig, trotz ſeiner funfzig Jahre beigehen laͤßt, ihr den Hof zu ma⸗ chen?... Alles hatte ſich gegen uns beide, meine arme gute Klementine, ver⸗ ſchworen, aber ich merke auch in der That, daß ich anfange boshaft zu werden. Bedenke indeſſen wohl, daß du noch nicht alt genug biſt, um das Recht zu haben, mir hierinnen nachzuahmen! Nach dieſen Herzensergießungen, theilte die Vicomteſſe ihrer Tochter und ihrer Freundin einen Plan mit, den ſie ſo eben entworfen hatte, und der ihren voͤlligen Beifall erhielt. Es war von nichts we⸗ nigeren als von einer Reiſe in das mit⸗ taͤgliche Frankreich die Rede, welcher ein drei woͤchentlicher Aufenthalt in Paris vorausgehen ſollte. Um jedoch unter den 232 Domeſtiken keinen Neid zu erregen, und einige Freunde nicht ſchon im Voraus zu betruͤben, kam man dahin überein, bis zu Ende des Winters dieſen Entſchluß geheim zu halten. Den Winter ſelbſt wollte man diesmal, der Ordnung wegen, und aus oͤkonomiſchen Gruͤnden, auf der Burg zu⸗ bringen. Jeder Aufenthalt in Liſieux, mit Inbegriff der Reiſe und der Einrich⸗ tung, koſtete der Frau von Beaumanoir zwei tauſend Thaler, und da dieſe von den andern, mit Klugheit angeordneten, und vom Geiſte der Wohlthaͤtigkeit gelei⸗ teten Beſtimmungen, ihrer Einkuͤnfte nichts abbrechen wollte, ſo wuͤnſchte ſie jene Summe auf eine Reiſe zu verwenden, ſ die nicht laͤnger als vier, und nicht weni⸗ ger als drei Monate dauern ſollte. Man wollte in einen großen vierſitzigen Wagen, den man aus Rennes kommen zu laſſen 233 beſchloß, dem Doktor einen Platz anbieten, wodurch er Gelegenheit erhielt, ſeinen Sohn, der kuͤrzlich wieder nach Montpellier gegangen war, zu beſuchen. Im Fall er ihr Anerbieten annehmen wuͤrde, ſollte die flinke und geſcheute Mariane, und der ſchon in reifern Jahren ſtehende Ge⸗ org ihrer Herrſchaft in einem Kabriolette folgen. Eine abſchlaͤgliche Antwort des Herrn Bonnet, wodurch der vierte Platz im Wa⸗ gen fuͤr Marianen bliebe, wuͤrde alsdann eine andere Einrichtung noͤthig machen. In dieſem Falle ſollte Georg die Damen von Helvin zu Fuße begleiten, was nicht ſehr ermuͤdend fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, da Frau von Beaumanoir ſich vorgenommen hatte, nicht ſo zu reiſen um nur ſchnell an Ort und Stelle zu kommen. Hierauf ſprach man mit der Vicom⸗ teſſe wegen des jungen Yvon. Dieſe ließ ſich nicht nur bereitwillig finden, die Wuͤnſche ihrer Tochter unter der beilaͤufi⸗ gen Bemerkung zu erfuͤllen, daß durch dieſen Zuwachs und durch die Ruͤckkehr von Mamſell Grivier, ihrer Kammerjung⸗ fer, ihr Dienſtperſonale uͤbervollzaͤhlig ſei, ſondern ſie genehmigte auch, daß man Calvez Huͤtte zum Ziele eines Spazier⸗ ganges zu Fuße waͤhle, deſſen Ausfuͤh⸗ rung zwei Tage ſpaͤter beſtimmt wurde. Es war ein Weg von einer Stunde. Georg und Mariane begleiteten ihre Ge⸗ bieterinnen, ein Eſel wurde mit einer kleinen Mundproviſion beladen, ſie beſtand in Wein, Zucker, Kaffee, und Weißbrod, denn man hatte ſich vorgenommen, das uͤbrige Beduͤrfen fuͤr dieſen Tag, als But⸗ ter, Rahm, Obſt, Eier und Mehl, in der Nachbarſchaft einzukaufen, und dann den Ueberreſt der eingefuͤhrten oder er⸗ kauften Lebensmittel den Bewohnern der Huͤtte zuruͤckzulaſſen. Um ſechs Uhr Morgens ſetzte ſich die Karavane in Be⸗ wegung, und nachdem ſie einige Male Halt gemacht hatte, kam ſie ohne Hinder⸗ niß an dem Orte ihrer Beſtimmung an. Alles kam in der Huͤtte des armen Tageloͤhners in Bewegung. Noch nie war ſie mit einem ſolchen Beſuche beehrt wor⸗ den, und durch einen gluͤcklichen Zufall befanden ſich gerade an dieſem Tage ſaͤmmtliche Bewohner zu Hauſe, obgleich die Kornernde weit genug vorgeruͤckt war, um allen denen, deren Kraͤfte es erlaubten daran Theil zu nehmen, Beſchaͤftigung zu verſchaffen. Wirklich war Calvez der Va⸗ ter nebſt ſeinem aͤlteſten Sohne, bloß durch das unaufſchiebbare Geſchaͤft des Son⸗ derns des maͤnnlichen Hanfs von dem weib⸗ lichen in ſeiner Huͤtte zuruͤckgehalten worden. 236 Er benutzte das einzige Stuͤck Landes, uͤber welches er nach ſeinem Pachte ver⸗ fuͤgen konnte, Jahr aus Jahr ein zum Anbau dieſes Erzeugniſſes, nachdem er zu⸗ vor zur Nahrung fur ſeine Kuh waͤhrend des Winters Ruͤbenblaͤtter und Kornſaat darauf erzeugt und eingeſammelt hatte.— Der Vater eilte ſogleich herbei, um den Eſel ſeiner Koͤrbe zu entledigen, und ſchnitt dann einige Haͤnde Gruͤnes von den Rai⸗ nen ſeines Hausgaͤrtchens ab. Die Haus⸗ frau war ganz außer ſich, und verlohr ſich in Komplimenten und Gluͤckwuͤnſchen, die ſie auf verſchiedene Weiſe einkleidete, wie ihr es der im Gebiete des Bisthums Vannes gewoͤhnliche Dialekt erlaubte; und Yvon heftete ſeine weit aufgeriſſenen Augen auf die Damen, hauptſaͤchlich auf Fraͤulein von Beaumanoir, nicht ohne durch ein Laͤcheln errathen zu laſſen, welche 227 hohe Begriffe er von ſeiner eignen wer⸗ then Perſon gefaßt hatte; uͤbrigens trug ſeine Mutter, die dieſem Uebergewicht ge⸗ wiſſer Maßen zu huldigen ſchien, nicht wenig dazu bei, das Gefuͤhl deſſelben in ſeinem Innern zu naͤhren: die uͤbrigen Kinder hatten ſich bei Annaͤherung der Fremden alle verſteckt, mit Ausnahme ei⸗ nes Knaben von zwoͤlf Jahren, der in den Wald gegangen war, um Heidelbeeren zu ſuchen. Die andern drei erſchienen nach und nach. Ihre Dreiſtigkeit nahm ſtufenweis zu; zuerſt begnuͤgten ſie ſich da⸗ mit, die Reiſenden von weiten anzuſehen; hierauf naͤherten ſie ſich, um die kleinen Geſchenke die man ihnen mitgebracht hatte in Empfang zu nehmen, und wurden end⸗ lich ſo bekannt, daß ſie mit den gruͤnen mit Franzen beſetzten Sonnenſchirmchen ſpielten und ſogar mit ihren ſchmutzigen 238 Fingern die Beſetzung der Kleider angrif⸗ fen, was ihnen von Seiten ihrer Ael⸗ tern einen Verweis zuzog. Dieſe Huͤtte diente einer rechtlichen Familie zum Obdach: aber dies war auch alles. Der Fußboden beſtand aus feſtge⸗ ſchlagenen Letten; die Decke aus einigen mit Stroh bedeckten Stangen; und die Wandbekleidung auf allen vier Seiten aus den nackten Mauern. In einem Winkel war die Streu beſindlich, auf welcher alle Abende die Kuh ruhete, in dem andern ein Bette, welches aus vier in den Boden geſteckten Pfaͤlen beſtand, auf welchen zwei Querhoͤlzer lagen, die mit Pfriemenkraut und duͤrrem Laube, und zwei breiten mit etwas Haberſpreu angefuͤllten Saͤcken be⸗ deckt waren, zwiſchen welche alle Abende zwei niedliche kleine Maͤdchen krochen. Nicht weit davon prangten ein zweites 239 fuͤr die drei Knaben beſtimmtes eben ſo uͤp⸗ piges Lager, endlich der Koffer mit dem gekruͤmmten Deckel, der Klappentiſch, und das beruͤhmte verſchloſſene Bette, welches jeden Abend die beiden Eheleute mit ih⸗ rem Juͤngſtgebohrnen aufnahm.*) Alles glaͤnzte wie Spiegel, denn es wurde taͤg⸗ lich forgfaͤltig abgerieben. *) Dieſe verſchloſſenen Betten findet man in allen Bauerwirthſchaften von Nieder⸗Breta⸗ gne; es ſind große viereckige, beinahe wuͤrfelfoͤr⸗ mige Kaͤſten, in die eine kleine zum ſchieben ein⸗ gerichtete Thuͤre fuͤhrt, und in welchen drei, vier bis fuͤnf Perſonen, auf die Gefahr zu erſticken, zwiſchen zwei mit Spreu gefuͤllten Betten, die Nacht zubringen. Der Geſundheitszuſtand der darinnen Liegenden ſei, welcher er wolle, die dazu gehoͤrigen Schlafgeſellen, ſtellen ſich puͤnktlich ein; aber die anſteckenden Krankheiten richten in die⸗ ſer Gegend auch große Verwuͤſtungen auf dem Lande an. An dem Bette ſteht gewoͤhnlich mit großen Buchſtaben der Name des Verfertigers, und des Bauern der es hat machen laſſen, ge⸗ ſchrieben. 240 Da dieſe Duͤrftigkeit mit Reinlichkeit gepaart war, ſo hatte ſie nichts Widriges. Mariane war ſo gluͤcklich in einem benach⸗ barten Dorf voͤllig reife Spaͤtkirſchen, treff⸗ lichen Rahm, friſche Eier, und ſogar ein Koͤrbchen Magdalenenbirnen von einem ſehr angenehmen muskateller Geſchmack zu fin⸗ den. Zleich nach ihrer Zuruͤckkunft nahm ſie den Heerd in Beſchlag. Nit der laͤnd⸗ lichen Kochkunſt bekannt, machte ſie Weiz⸗ zen Mehl und Mehl von tuͤrkiſchen Korne zu gleichen Theilen in Milch ein, that Eier und Farinenzucker hinzu, und knetete es zu einem Teige, aus dem ſie in einer eiſernen Pfanne ein ſehr wohlſchmeckendes Gebaͤck bereitete. Dies war das Haupt⸗ gericht beim Mittagseſſen, welches der Hunger wuͤrzte; die ganze Familie des Calvez lebte noch den folgenden Tag, von den zuruͤckgelaſſenen Ueberreſten; noch nie 241 hatte ſie an einem ſolchen Feſt Theil ge⸗ nommen. Die Freude uͤber den augen⸗ blicklichen Genuß zeugte von ihrer gewoͤhn⸗ lichen kuͤmmerlichen Lebensweiſe. Der Vor⸗ ſchlag wegen des aͤlteſten Sohnes wur⸗ de mit Dankbarkeit angenommen. Schon ſchien dieſer junge Menſch ſich an Klementinen anzuſchließen; er glaubte von dieſem Au⸗ genblicke an in ihren Dienſten zu ſtehen, er belauſchte ihre leiſeſten Wuͤnſche. Man gab dem alten Calvez vortrefflichen Bor⸗ deaux Wein zu trinken, der die Erinne⸗ rung daran noch nicht verlohren hatte; ſei⸗ ne Frau, die ihn nicht weniger gut fand, zog das Glas von den Lippen mit einem ſcheinbaren leichten Widerwillen zuruͤck; ei⸗ ne unter den daſigen Baͤuerinnen gewoͤhn⸗ liche Sitte, wodurch ſie einen Beweis von ihrer Maͤßigkeit abzulegen vermeinen, die doch bei mancher noch einigem Zweifel II. CTheil. 16 242 unterworfen ſeyn moͤchte. Man liebkoſte dem Saͤugling, die Mutter vertraute ihn den Armen der Madame Allote an, welche ihn, nach dem Wunſche des Fraͤuleins von Beaumanoir, ihr uͤber den Tiſch hinreichte. In dieſem Augenblicke zogen ſich ſaͤmmtli⸗ che Stirnen der Bauernfamilie in Falten! denn, ſei es nun aus Achtung fuͤr den Tiſch, der ihre Speiſen traͤgt, oder aus einem andern Grunde, welchen die Celti⸗ ſche Akademie vielleicht einmal aufſuchen wird, die Landleute von Armorika ſind uͤber⸗ zeugt, daß fuͤr ein Kind nichts Nachthei⸗ ligeres ſei, als es über einen Tiſch yer⸗ um zu reichen, und, nach ihrer aberglaͤu⸗ bigen Meinung, bleibt, um das es bedro⸗ hende Ungluͤck abzuwenden, nichts uͤbrig, als es auf demſelben Wege wieder zuruͤck gehen zu laſſen, woher es uͤber den Tiſch gekommen iſt.„Wenn iman indeſſen, fuͤg⸗ 243 te der Tageloͤhner ſehr ernſthaft hinzu, die⸗ ſe Vorſicht verabſaͤumet haͤtte, ſo waͤre das letzte Mittel um das Kind zu retten, wenn man eine geweihete Kerze anzuͤn⸗ dete und den Herrn Rektor baͤte, das hei⸗ lige Evangelium zu verleſen nachdem man zuvor das Kreuz des Meßgewandes auf den Kopf des Kindes gelegt haͤtte; aber es wuͤrde große Muͤhe koſten den Herrn Leny dazu zu bewegen. Zum Gluͤk⸗ ke ſind die benachbarten Pfarrer nicht ſo bedenklich, ſie thun es fuͤr zwei Sols.“ Aus Beſorgniß die Ruhe dieſer Fa⸗ milie unnoͤthiger Weiſe zu ſtoͤren, gab Klementine den Saͤugling mit allen em⸗ pfohlnen Vorſichtsmaßregeln an Madame Allote wieder zuruͤck. Anfangs beluſtigten ſich die drei Frauenzimmer unter einander uͤber dieſes laͤcherliche Vorurtheil, bald dar⸗ auf aber fuͤhlten ſie, daß man eher daruͤ⸗ 16* 244 ber ſeufzen muͤſſe, und die Vicomteſffe nahm ſich vor, mit einigen der reichſten Gutsbeſitzer der Gegend bald moͤglichſt Ruͤckſprache zu nehmen, um einige Volks⸗ ſchulen zu ſtiften, das einzige Mittel den aberglaͤubigen Ideen, deren naͤchſte Wir⸗ kung, uͤberall wo ſie Eingang finden, da⸗ hin gehet, das edelſte Geſchenk der Gott⸗ heit, den menſchlichen Verſtand herabzuwuͤr⸗ digen, einen Damen entgegen zu ſetzen. Am Schluſſe dieſer kleinen Szene, trat Yvon's zweiter Sohn, mit Lippen die mit Campechenholz gefaͤrbt zu ſeyn ſchienen, in die Huͤtte; in ſeinen eben ſo geſchwaͤrzten Haͤnden hielt er eine buchene Schuͤſſel voll Heidelbeere, uͤber den Ruͤ⸗ cken hing ihm, wie ein Wehrgehaͤnge, eine, aus der abgeſchaͤlten Rinde eines im Safte ſtehenden jungen Kaſtanienbaums gemachte, Buͤchſe. Dieſer an dem einen Ende mit wenn du wieder einmal einen Angriff auf Blaͤttern zugeſtopfte Cylinder war mit denſelben Beeren angefuͤllt, die unſere Bauern einem niedlichen Strauche verdan⸗ ken, welcher unſern Boranikern unter der Benennung Myrtillus, und unter dem aͤl⸗ tern Namen Vaccinium bekannt iſt. So wie der Vater den jungen Burſchen an⸗ ſichtig wurde, bezeugte er ihm ſeine Un⸗ zufriedenheit etwas lebhafter, als ihm viel⸗ leicht ums Herz war, aus Furcht, die Vi⸗ comteſſe moͤchte ihm, wegen des ihrem Holze durch das unvorſichtige Abſchaͤlen zugefuͤgten Schadens, damit zuvorkommen. Wahrſcheinlich waͤre Frau von Beauma⸗ noir den Frevel nicht einmal gewahr gewor⸗ den, jetzt ſagte ſie durch das Brummen des Vaters veranlaßt, zu dem Kleinen: „Ich miſche mich in dergleichen Dinge zwar nicht, mein kleiner Freund, aber 426 meine Kaſtanienbaͤume machſt, ſo nimm dich wohl in Acht, daß dich mein Holzfoͤrſter nicht ertappt; denn der ſpaßt nicht und geht niemals ohne ſein Gewehr und ſei⸗ nem großen Saͤbel aus.“ So wußte ſie durch eine freundliche Warnung ihr Recht mit ihrer Guͤte zu vereinigen. Unterdeſſen ſtanden die Heidelbeeren auf dem Tiſche, und das Kind weinte bit⸗ terlich, daß es Frau von Beaumanoir be⸗ leidigt habe, dieſe, um das Corpus delicti aus dem Wege zu ſchaſſen, kaufte ihm nun die Buͤchſe mit ſammt den Heidelbeeren fuͤr einen halben Laubthaler ab, und nach⸗ dem ſie einige davon genoſſen hatte, trug ſie Marianen auf, die Buͤchſe in einen der Koͤrbe zu legen, allein Klementine be⸗ maͤchtigte ſich derſelben, und ihr Inhalt den man erſt im Schloſſe verzehren wollte, war in einem Augenblick verſchwunden. 4 8 247 Freilich verdarben das Fraͤulein und Ma⸗ dame Aallote einen Theil davon, indem ſie ſich gegenſeitig das Geſicht damit ſchwaͤrzten, wovon aber die Farbe ſo feſt haftete, daß es ihnen unmoͤglich war, vor ihrer Ruͤckkehr alle Spuren davon zu ver⸗ tilgen. Bis dahin laß man, unter den Schatten eines Baums gelagert, wohin man ſich auch den Kaffee hatte bringen laſſen, einige Seiten aus Geßners Idyllen. Da man uͤbereingekommen war, daß Pvon Calvez ſchon dieſen Abend ſeine Gebieterinnen nach dem Schloſſe begleiten ſollte, ſo erſchien er jetzt mit ſeiner Gar⸗ derobe, die in einen kleinen Sack zuſam⸗ men gepackt war„ und kaum den in dem einem Korbe befindlichen Sonnenſchirmen, Ueberkleidern und leeren Flaſchen zum Gegengewicht wuͤrde haben dienen koͤnnen. Die Vicomteſſe, die bereits entſchloſſen 248 war, ihn neu zu kleiden, befahl ihm, ſei⸗ nen Bruder mit dieſen aͤrmlichen Klei⸗ dungsſtuͤcken zu beſchenken, und nachdem ſie noch andere Zeichen ihrer Freigebig⸗ keit in der Huͤtte zuruͤckgelaſſen hatte, gab ſie in der froͤlichſten Stimmung ihren Ge⸗ faͤhrtinnen das Zeichen zum Aufbruch. Sie waren noch nicht weit von der laͤndlichen Wohnung entfernt, als Herr Bonnet auf einem Seitenwege, denn ſie eben einſchlagen wollten, ihnen begegnete. Er hatte von einer Anhoͤhe die Damen von Helvin bemerkt, ſein Pferd tuͤchtig angetrieben, und die Damen auf dieſe Weiſe bald erreicht. 1 „Wie, rief er lachend aus, nur zwei Maͤnner und noch dazu ein unbaͤrtiger dar⸗ unter, um eine Karavane zu decken, bei welcher ſich vier Frauen befinden, die wohl an Werth manche andere aufwiegen! fuͤrch⸗ 249 ten denn die Frau Vicomteſſe weder Ara⸗ ber noch Beduinen?“ Nachdem er die reiſenden Damen noch genauer betrachtet, und auf ihren niedli⸗ chen Lippen und roſigen Wangen die Spu⸗ ren des Heidelbeerſaftes bemerkt hatte, fuͤgte er ſchnell hinzu:“ „Uebrigens ſehe ich wohl, daß ich mich irre, und daß ich es hier mit Moh⸗ rinnen oder Zigeunerinnen zu thun habe, und von dieſen zu den Beduinen oder Ara⸗ bern iſt nur ein Schritt. Da nun ihre Geſellſchaft, meine Damen fuͤr mich eine treffliche Sicherheitskarte iſt, ſo erlauben ſie mir wohl mich an Ihren Zug anzu⸗ ſchließen. Der Doktor erkundigte ſich nach den Geſundheitsumſtaͤnden einer jeden der drei Freundinnen, auf die Antwort Klementi⸗ nens, nahm er ſie bei Seite, und ſagte zu. 250 ihr:„Es iſt nicht alles ſo, wie ich es wuͤnſche mein Kind. Befolgen Sie die Ihnen von mir vorgeſchriebene Diaͤt ein wenig genauer, und lachen Sie mir nicht ſo unter die Naſe mein Fraͤulein, denn es geziemt einem jungen Maͤdchen wie Sie gar nicht, in Gegenwart des Doktors ſich wohlbefinden zu wollen, wenn er das Ge⸗ gentheil behauptet.“ Herr Bonnet war ſchon vorher vom Pferde geſtiegen:„Wiſſen Sie wohl meine Damen, fuhr er fort, indem er den Zaum deſſelben dem jungen Calvez gab, daß ich mich beinahe verſucht fuͤhle, vor dieſen Patrone hier Reſpekt zu ſpeißen, ſeitdem er bei einem hoͤchſt merkwuͤrdigen Ereigniß bewieſen hat, daß er ſeine Sa⸗ che beſſer als ich verſteht.“ Pvon der drei Monate lang bei einem Hufſchmidt des Fleckens gedient hatte, 251 verſtand ſogleich die Anſpielung des Dok⸗ tors, und antwortete, indem er den Hut zog: „Mit Erlaubniß der verehrten Da⸗ men bin ich der Meinung, daß der Herr Bonnet die Sache eben ſo gut und noch beſſer einſah, als ſo ein armer Junge wie ich, denn ohne den Biſchoff geſehen zu haben, der die Nacht auf dem Schloſſe zubrachte, und der ſelbſt kein einziges Ge⸗ bet bei Fraͤulein Klementinen ſprach, iſt er doch auf ſeinem braven Gaule nach der Burg gekommen, um Perrine und Katha⸗ rine in ihrem traurigen Geſchaͤfte zu un⸗ terbrechen; und Katharine Synvenn mag immer uͤberall erzaͤhlen, daß die kleine Heilige, von welcher ſie gerade an die⸗ ſem Tage eine Schuͤrze getragen, meine guͤtige Gebieterin gerettet habe; ſo be⸗ haupte ich fuͤr meine Perſon dennoch, daß 4 252 wir dies dem Herrn Doktor zu danken haben. Dies hat mir auch Mariane ge⸗ ſagt, als ich, nach Zuwerfen des Grabes, wieder auf das Schloß kam.“ 3 „Deine Katharine Synvenn und Per⸗ rine Moyſan, ſind zwei Spitzbuͤbinnen, die ich dem Herrn Leny und ſelbſt dem koͤ⸗ niglichen Prokurator empfehlen werde, er⸗ wiederte Doktor Bonnet. Was dich be⸗ trifft Pvon, ſo will ich hoſſen, daß du ſo brav wie dein Vater ſeyn, und dich der Gnade der Frau Vicomteſſe wuͤrdig ma⸗ chen wirſt. Nimm dich nur in Acht, daß du kein Schmeichler wirſt, denn die liebo ich nicht.“ Der Doktor begleitete die Damen bis funfzig Schritte vor der Burg, unterwegs meldete er ſich im Voraus auf einem der naͤchſten Tage zum Mittagseſſen an, da er einen wichtigen Auftrag erhalten habe, —— deſſen er ſich gern ſo bald als moͤglich entledigen moͤchte. Er hatte in einen ſehr ernſten Tone geſprochen; Herr ſeiner Stimme, hatte er ſogar ein gewiſſes Ge⸗ wicht hineingelegt; aber niemand war des⸗ halb beunruhigt, und kaum hatte er den Ruͤcken gewandt, als die beiden Freundin⸗ nen, eine zu der andern ſagte:„Was ſteht die Wette es iſt von einem Heiraths⸗ antrage die Rede!„Ach ich fuͤrchte es“ fuͤgte Klementine hinzu. Nach ihrer Ankunft auf dem Schloſſe erwartete ſie, der Berfuͤgung der Vicom⸗ teſſe zu Folge, ein Abendeſſen, das ein wenig mehr Nachhalt als ihr Mittagsbrod hatte, beim Nachtiſche und als ſich die Domeſtiken entfernt hatten, entſpann ſich unter den Tiſchgenoſſen von Helvin fol⸗ gendes Geſpraͤch: 3 2⁵4 Frau von Beaumanoir. Wo mag dieſer Antrag herkommen? Mad. Allote. Wir wuͤrden es ſo⸗ gleich wiſſen koͤnnen, wenn wir das Ta⸗ gebuch des Doktors bei der Hand haͤtten. Laßt einmal ſehen, wer rings um uns her einen Landſitz bewohnt: der Ritter de la Motte„Beauvert, die Familien Dup⸗ leſſis“”“ Grenedan und Botderu, der Narquis du Gage, die Marquiſe von Boisbriant und ihr Sohn, die Marquiſe du Grego und ihr Verbuͤndeter, Jobic Kerſtrat, der Parlementsrath von Bre⸗ tagne Brehouſou. u. ſ. w. u. ſ. w. Nun laßt uns einmal die Kranken, ſelbſt die aſthmatiſchen, und kakochemiſchen nicht aus⸗ genommen durchgehen, denn unſer Be⸗ werber kann ſich auch bei einer alten Ma⸗ ma, oder einen podagraiſchen Oheim befin⸗ den, und es wuͤrde ihm um ſo mehr Ehre 155 machen, wenn ihm bis jetzt die Erbfolge nicht zu ſehr am Herzen gelegen haͤtte. Und die in Ruhſtand verſetzte Ausge⸗ berin fing nun an alle Kranken der Nach⸗ barſchaft an ihren niedlichen Fingern her⸗ zuzaͤhlen. In ſich gekehrt ſchwieg Kle⸗ mentine, und die Vicomteſſe nahm das Wort: Frau von Beaumanoir. Ich bin uͤberzeugt, wenn wir Henrietten ge⸗ waͤhren laſſen, ſo wird ſie am Ende den Liebhaber perſoͤnlich in dies Zimmer ein⸗ fuͤhren, und ihn uns, ohne ihr Farbenbret (palette) zu Huͤlfe zu nehmen, Zug fuͤr Zug abmahlen, ja vielleicht im Namen des Zukuͤnftigen und in Ausdruͤcken, die er ſelbſt nicht beſſer waͤhlen koͤnnte, ihre Worke vorbringen, ſo daß, wenn der Doktor mor⸗ gen Mittags erſcheint, er uns nichts mehr mitzutheilen haben wird. 256 Madame Allote. Liebe Vicomteſſe, ich theile deine Anſichten; laß ſehen! Wir ſind unſer drei; wollen wir ledig bleiben? Im Fall des Gegentheils brauchen wir drei Maͤnner. Mit einiger Einrichtung wird das Schloß recht gut drei Haushal⸗ tungen aufnehmen koͤnnen, die, bei voll⸗ kommener Eintracht, es in ein kleines Ely⸗ ſium umwandeln werden. Aber drei Wirthſchaften, jede in ihrem Innern einig, und unter ſich ſtets in guten Einverſtaͤnd⸗ niß, hieße das nicht zuviel verlangt? faſt fuͤrchte ich's: wir werden uns alſo wohl nur auf eine einzige beſchraͤnken muͤſſen. Auch zweifle ich ſehr, ob einer unſerer Nieder⸗Bretagniſcher Edelleute, die alle ſo ſtolz wie Schottlaͤnder ſind, ſich zu mir herablaſſen wuͤrde, es muͤßte denn nach Tiſche ſeyn’, nicht wahr Karoline? 257 Frau von Beaumanoir. Unſere geſcheute Frau iſt heut ganz ausgelaſſen. Henriette uͤberlege doch, daß ich dich nicht frage, laß Klementinen ſprechen; ihre Meinung iſt's die wir hoͤren muͤſſen. Klementine.— Wenn du in meinem Herzen leſen kannſt, theure Mutter, wenn ihr beide, meine verehrte Freundin⸗ nen es verſteht, ſo werdet ihr darinnen we⸗ nig Neigung zum Eheſtande finden. Be⸗ finde ich mich hier nicht im Beſitz aller Gluͤckſeligkeit, welcher ich annoch zu ge⸗ nießen faͤhig bin? Was bliebe mir noch zu wuͤnſchen uͤbrig, fuͤgte das liebende We⸗ ſen hinzu, indem es den einen Arm um den Hals ſeiner Mutter ſchlang, und mit dem andern Madame Alloten umfaßte; ich frage Euch ſelbſt, was bliebe mir ührig Indeſſen... II Cheil. 1 258 Madame Allote. Das nenne ich vernuͤnftig reden!— Indeſſen!— Ein guter Vorderſatz, dem der Nachſatz ganz nahe liegt: ich werde mich verheirathen, wenn man es wuͤnſcht, iſt's nicht ſo? Frau von Beaumanoir. Bitte, bitte Henriette ein wenig ernſthaft wenn es moͤglich iſt, denn die Sache verdient es wohl. Klementine. Die Mutter hat recht, liebe Allote; ich will alſo offen und vernuͤnftig ſprechen, wie du mich denken und reden gelehrt haſt: „Ein an tauſend liebenswuͤrdigen Ei⸗ genſchaften reicher, edler Mann hatte mich ſeiner Hand wuͤrdig gehalten; er iſt nicht mehr! Ich hatte ihm mein Herz ge⸗ ſchenkt; ich weiß nicht, ob ich daruͤber noch einmal verfuͤgen kann, ja ich weiß nicht einmal ob es der Muͤhe lohnt zum zwei⸗ ten Mal daruͤber zu verfuͤgen? Die Worte des ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, der die Nacht an meinem Todenlager zugebracht, und die mir Allote mitgetheilt hat, enthalten einen tiefen Sinn, und toͤnen immer vor meinen Ohren, als ob ich ſie aus ſeinem Munde vernaͤhme. Vielleicht mag zur wahren Gluͤckſeligkeit noch etwas mehr gehoͤren, aber gibt es uͤberhaupt hienieden ein un⸗ getruͤbtes Gluͤck? ich bezweifle es. „ Je hoͤber der Stand iſt, aͤußerte er, je weniger kann bei den Ehebuͤndniſſen freie Wahl ſtatt finden. Wir haben liebe Freundinnen, das Ungluͤck oder den Vor⸗ zug einen gewiſſen Rang in der Geſell⸗ ſchaft einzunehm en 3 nun dann, wir muͤſſen uns darein ergeben! Die Wahl eines Fremdlings hat nur zu traurige Folgen fuͤr uns gehabt; wir ſind gewiſſer Maßen ſelbſt Fremdlinge, und ſo moͤchte es viel⸗ 17* 1 260 leicht die Klugheit erfordern, uns in die⸗ ſer Provinz Stuͤtzen zu verſchaffen. Laßt mich dieſes zwiſchen euch und dem Vater⸗ lande eurer Wahl ſo nothwendige Band werden. Wenn der Mann, der ſich mir zum Gatten antraͤgt, nur einiges Gefuͤhl fuͤr Ehre und Sittlichkeit, und ein gutes Herz beſitzt, das ihn geneigt macht, Euer Gluͤck zu befoͤrdern, oder es wenigſtens nicht zu ſtoͤren, ſo will ich ſeine Hand an⸗ nehmen. Nach dem Uebrigen werde ich nicht einmal fragen. Habe ich nicht Euch beide bei mir, wird er mich hindern koͤn⸗ nen, Euch zu lieben?“— Frau von Beaumanoir war ganz er⸗ ſtaunt, aus dem Munde ihrer kaum ſieben⸗ zehenjaͤhrigen Tochter dieſe Aeußerungen zu vernehmen. Auch Madame Allote⸗ wunderte ſich daruͤber, ſchrieb jedoch dieſe fruͤhe Entwickelung einer kaͤltern Vernunft, 261 verbunden mit dieſer ſchwermuͤthigen aber ſo zarten als ruͤhrenden Verzichtleiſtung auf eignes Gluͤck, den harten Pruͤfungen zu, welche ihre junge Freundin ſchon ſo fruͤhzeitig betroffen hatten. Zwar hatte Fraͤulein von Beaumanoir Romane gele⸗ fen, aber immer in Geſellſchaft ihrer Mutter und vorzuͤglich Henriettens, deren Scharfſinn das Uebertriebene in derglei⸗ chen Producten ſogleich auffand, und die daher leicht im Stande war, ihre junge Freundin auf jene Auswuͤchſe der Empfin⸗ dung aufmerkfaͤm zu machen, denen, um uns durch Schilderung leidenſchaftlicher Situationen hinzureißen, das Verdienſt der Wahrheit in der Darſtellung gewoͤhn⸗ lich ganz abgeht. Einer der groͤßten Vorzuͤge von Ma⸗ dame Allote, beſtand darinnen, daß ſie mit einem gefuͤhlvollen Herzen eine ſo richtige 262 und ſcharfe Urtheilskraft verband, um je⸗ des Erdengut und Erdenuͤbel nach ſeinem wahren Werthe zu ſchaͤtzen. Vielleicht brachte ſie bei ihrer Schaͤtzung den con⸗ venzionellen Werth, der doch auch ein Werth iſt, nicht hinlaͤnglich in Anſchlag. Ihr feiner Takt machte ihr jede muͤndliche oder ſchriftliche Unterhaltung, jedes Buch, worinnen ſich eine erkuͤnſtelte Empfindung ausſprach, widrig, ſie litt dabei ſo viel, als ein muſikaliſches Gehoͤr bei unharmo⸗ niſchen Toͤnen, auch war in dieſen Faͤllen ihr Urtheil ſtreng und unerbittlich. Al⸗ les Gezierte und Unnatuͤrliche griff ſie mit den leichten Waffen der Ironie und des ſtechenden Witzes an. Bei ſolchen Grund⸗ ſaͤtzen geraͤth man ſelten in Begeiſterung, noch ſeltener in Entzuͤcken, aber wenn es geſchieht, dann rechtfertigt der Gegenſtand dieſe Gefuͤhle; ſie zeigen ſich in ihrer ganzen Staͤrke, es ſind heilige tugendhafte Bewegungen, die bis in die Tiefen der Seele dringen, und von denen man ſich Rechenſchaft geben darf, ohne vor einer Ueberraſchung erroͤthen zu muͤſſen. Die Vicomteſſe war ſtolz auf ihre Tochter, und da der Einfluß Henriettens unverkennbar war, ſo gingen ihre Liebko⸗ ſungen von der Tochter auf die wuͤrdige Freundin uͤber, die ſo gluͤckliche Anlagen ſo trefflich ausgebildet hatte.„Henri⸗ ette, ſagte ſie, wenn wir vor nun bald neunzehn Jahren ſo verſtaͤndig geweſen waͤren, ſo wuͤrde ich jetzt wahrſcheinlich nicht die Wittwe eines Beaumanoir ſeyn. So war man den auf dem Schloſſe Helvin vorbereitet den Doktor zu em⸗ pfangen, ihn anzuhoͤren, und ihn zu ant⸗ worten. Klementine hatte ſich erklaͤrt, dieſe natuͤrliche Erklaͤrung beſtimmte das 264 zukuͤnftige Verhaͤltniß der Familie, man 1.. blieb dabei, hoͤrte indeſſen doch nicht auf . on dem zu erwartenden Antrag zu ſchwa⸗ Ken, bis der Vertraute, der ſich deſſel⸗ ben unterzogen hatte, ſelbſt erſchien. Funfzehentes Kapitel. Erklaͤrung— Befremdende Ant⸗ wort— Letzte Anſtrengungen des Bretagniſchen Feudalgeiſtes. Zwei Tage darauf trat der Doktor in das Zimmer der Frau von Beaumanoir, die eine kuͤrzlich aus Paris erhaltene Bro⸗ ſchuͤre durchlief. Als Klementine und Madame Allote, die in den Zimmer der letztern mit Zeichnen beſchaͤftigt waren, ſeine Tritte vernahmen, legten ſie ihre 265 Zeichenſtifte aus der Hand, und erſchie⸗ nen ebenfalls. „Meine Damen, ſagte der Doktor, mi* gehaltenem Tone, es iſt mir ſtets u3e nehm Sie alle drei beiſammen zu finden. Waffnen Sie ſich mit Muth oder wenig⸗ ſtens mit Geduld, um mich anzuhoͤren, denn ich habe Ihnen etwas ſehr Ernſt⸗ haftes mitzutheilen... Sie laͤcheln Frau Vicomteſſe, ſollte Sie mein ernſthaftes Ausſehen den Gegenſtand der mich hier⸗ her fuͤhrt nicht ahnden laſſen?“ „So fragt man die Kinder aus Dok⸗ tor“ antwortete die Vicomteſſe. „Nun, nahm der Doktor das Wort, ſo wollen wir denn das Kind fragen. Fraͤulein Klementine, errathen Sie wohl, was ich Ihnen zu ſagen habe?“ „Sie haben es uns ja ſchon vorge⸗ ſtern geſagt, erwiederte ebenfalls laͤchelnd 266 Fraͤulein von Beaumanoir, wiſſen wir nicht alle, daß von Heirathen die Rede iſt?“ Der Doktor.— Es iſt noch kein Wort davon uͤber meine Lippen gekommen, Uebrigens ſcheint es, daß Sie ſich davor eben nicht allzuſehr entſetzen, und das iſt mir ſehr lieb. Aber wenn der Scharfſinn zweier dieſer Damen ſie in das Geheim⸗ niß meiner Sendung hat einweihen koͤnnen, ohne noch etwas von mir hieruͤber ver⸗ nommen zu haben; ſo waͤre ich doch be⸗ gierig zu wiſſen, ob die dritte vielleicht gar ſo gluͤcklich ſeyn wird, den Namen des Bewerbers zu errathen? Ich gebe Ih⸗ nen eine Viertelſtunde Zeit dazu! Sehen Sie, fuͤgte Herr Bonnet hinzu, indem er ſeine Uhr aus der Taſche zog, und ſie am Band in die Hoͤhe hielt, ge⸗ nau elf Uhr und zehn Minuten! „Mein lieber Doktor, nahm Madame Alloke ſogleich das Wort, da Sie der Marquis von Boisbriant beauftragt hat, fuͤr ihn um die Hand des Fraͤuleins von Beaumanoir anzuhalten, ſo nehmen Sie geſchwind Ihren Merkursſtab zur Hand, und entledigen Sie ſich Ihres Auftrags mit Grazie; es iſt immer ehrenvoll dem Pannier der Boisbriant zu folgen.“ Das iſt doch in der That zu ſtark! rief der Doktor, indem er ſeine Uhr wie⸗. der einſteckte. Ich habe die Lippen nicht bewegt, und doch iſt die ganze Sache be⸗ kannt!“ Madame Allote uͤberreicht ihm ein Billet, das zur Haͤlfte aus ſeiner Weſten⸗ taſche hervorgeragt, und das ſie ihm ge⸗ ſchickt herausgezogen hatte. „Wenn man, ſagte ſie, Briefe von Wichtigkeit erhaͤlt, ſo muß man ſie nicht 268 leichtſinniger Weiſe fremden Blicken Preis geben, noch weniger aus ſeiner Taſche ſo gebrochen herausgucken laſſen, daß man zwei drittel der Unterſchrift leſen kann. Der Doktor.— Ich ſchwoͤre Ih⸗ nen, daß das Billet, wodurch mich Frau von Boisbriant erfucht, ihre Kammerfrau zu beſuchen, welche ſeit drei Tagen an ei⸗ ner Verrenkung bettlaͤgrig iſt, kein Wort von einer Heirath enthaͤlt; noch mehr, ich kann Ihnen ſagen, daß der Sohn mir noch geſtern morgen verſicherte, uͤber ſein Vor⸗ haben mit keiner lebendigen Seele, nicht einmal mit ſeiner Mutter geſprochen zu haben... „Und Sie koͤnnen ihm antworten, er⸗ wiederte Klementine, daß ich, ebenfalls ohne meine Mutter zu Rathe gezogen zu haben, ſeinen Antrag, ſo ſchmeichelhaft er fuͤr mich iſt, zuruͤckgewieſen habe. Frau von Beaumanoir.— Aber meine Tochter, geſtern fuͤhrteſt du, wie mir's ſchien, eine andere Sprache! Klementine— Mein Gott, nein, theure Mutter.— Es leben vielleicht rings um uns herum zehen Edelleute, die weder das Aeußere, noch das Vermoͤgen, noch die hohe Abkunft des Marquis ha⸗ ben, und von denen ich doch keinen ab⸗ weiſen, oder wenigſtens Dir es uͤberlaſſen wuͤrde, die verneinende Antwort auszu⸗ ſprechen, wem ſie ertheilt werden ſollte: was aber den Marquis von Boisbriant betrifft, von dieſem mag ich nichts wiſſen. Ich will nicht unterſuchen, ob er mich gluͤcklich machen wuͤrde: ſelbſt bei ſehr vielen Untugenden, liebt man oͤfters, waͤr's auch nur aus Egoismus, ſeine Kinder und eine leidliche und reiche Frau, die ihre Mutter iſt. Dies koͤnnte auch der 270 Fall bei dem Marquis ſeyn, aber zuver⸗ laͤſſig wuͤrde er weder dich noch unſere Henriette gluͤcklich machen. Lieber Doktor ich will mich offen gegen Sie erklaͤren, denn Sie ſind unſer Freund. Herr von Boisbriant iſt kalt, eigenſuͤchtig, ſtolz und in ſich ſelbſt vernarrt. Frau von Beaumanoir.— Wo⸗ her weißt du das? Wir ſind kaum zwei oder drei Mal mit ihm zuſammen geweſen. Klementine.— Iſt das nicht hin⸗ laͤnglich um einen Mann kennen zu lernen, wenn man Augen und Ohren hat? Der Doktor.— Meine Damen, ehrfurchtsvoll beuge ich mich vor Ihnen, und zittre fuͤr mich und alle meine Freunde maͤnnlichen Geſchlechts. Ich willige ein, wozu ich mich bis jetzt noch nie verſtanden habe, einen Heirathsantrag, und zwar in dieſem Hauſe, zu uͤbernehmen; ich habe 271 noch kein Wort davon verlauten laſſen, und man hat mich ſchon errathen, ich nenne nicht einmal den erſten Buchſtaben des Bewerbers, und man ruft mir mit lauter Stimme den ganzen Namen deſſelben zu; ich habe mit Herzaͤhlung ſeiner Tugenden noch nicht angefangen,(denn jeder hat doch hienieden ſeine guten Seiten, die ſein Leichenprediger oder ſein Brautwer⸗ ber ins vortheilhafteſte Licht zu ſtellen verpflichtet iſt:) und ein junges Maͤdchen von ſtebenzehen Jahren durchſchaut mei⸗ nem Empfohlenen, den ſie kaum einmal geſehen hat, bis ins Innere! Was wuͤrde erſt werden, meine Damen, wenn Sie alle drei es daranf anlegten; muͤßte nicht alle Sicherheit aus dem geſellſchaftlichen Ver⸗ kehr verſchwinden. Wie mit Glasfenſtern vor unſerm Herzen wuͤrden wir armen Suͤn⸗ der, Ihrer Willkuͤhr Preis gegeben, vor 222 Ihrer allmaͤchtigen Scharfſichtigkeit daſtehen. Erlauben Sie mir erhabene Vicomteſſe, herrliche Erbgraͤfin, himmliſche Pfoͤrtnerin daß ich fuͤr meine Perſon mich Ihnen demuthsvoll zu Fuͤßen werfe, und mich gluͤcklich ſchaͤtze, wenn meine vergangenen, gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Vergehun⸗ gen(denn nichts was in das Gebiet der Zeit gehoͤrt kann ihrem Scharfſinne entge⸗ hen) Ihnen geſtatten einen Blick der Er⸗ barmung auf mich zu werfen. Madame Allote hielt den Doktor zu⸗ ruͤck, der eine Bewegung machte, die Stel⸗ lung anzunehmen, von der er ſo eben ge⸗ ſprochen hatte, und ſagte ihm: Sie glauben zu ſcherzen, allein was ſie ſagen iſt die reine Wahrheit. Der Himmel war unſerer Schwaͤche eine Waffe ſchuldig, und er hat ſie uns gegeben, es iſt der Scharfſinn. Sehen Sie, ich, die ich mit Ihnen ſpreche, der Gegenſtand Ihrer ewigen Feindſeligkeiten, habe in Ihrer Seele, in Ihrem Herzen ſo gut wie Sie ſelbſt geleſen. Die Vicomteſſe iſt in dem⸗ ſelben Falle. Wollen Sie wiſſen, wie ich darinne angeſchrieben ſtehe? Herr Bonnet erroͤthete vor dem lebhaf⸗ ten Blicke Henriettens, er ſtotterte etwas Unverſtaͤndliches.„Seien Sie ruhig, mein lieber Doktor“ fuhr Henriette mit einem holden Laͤcheln fort. Ein weibliches Weſen ſieht alles dies, ehe man oͤfters noch daran denkt es ihm zu ſagen; es antwortet nicht darauf, wenn es ſeine Graͤnde hat zu ſchweigen, wird aber nie daruͤber aufgebracht. Alſo hier meine Hand zum Friedenszeichen. Da Sie mei⸗ ne ganze Achtung beſitzen, ſo iſt Ihnen anch meine ganze Freundſchaft, ſoviel ich davon zu ſpenden vermag, gewidmet. II Theil. 18 274 „Laſſen Sie uns jetzt auf Ihrem Marquis von Boisbriant noch ein Mal zuruͤckkommen; ich will mich jedes Urtheils aͤber ihn enthalten, denn Klementinen kommt es zu ſich hieruͤber zu erklaͤren, aber ich bin uͤberzeugt, daß Sie gegen das was Sie Ihnen ſagen wird nichts werden ein⸗ wenden koͤnnen.“. 1 Der Doktor.— Nun denn! ich ſtelle den Marquis vor; ich befinde mich vor meinen Richtern, ich ſitze auf dem Armenſuͤnderſtuͤhlchen, ich erwarte mein Urtheil. Armer Marquis, in was fuͤr Haͤnde ſind Sie gefallen! M Frau von Beaumanoir.— Jede meine Tochter. Du weißt daß der ver⸗ nuͤnftige Menſch nie verfehlt, die Gruͤnde zu ſeiner Handelsweiſe anzugeben. Klementine. Hier ſind die mei⸗ nigen: erſtlich hat Herr von Boisbriant 275 die Augen auf mich geworfen, ohne vorher den Rath ſeiner Mutter gehoͤrt zu haben, und dies wuͤrde entweder ein Beweis von einer ſehr unpaſſenden Ruͤckſichtloſigkeit ge⸗ gen eine Perſon ſeyn, der er auf alle Faͤlle mehr als eine bloße Bekanntmachung ſeines Vorhabens ſchuldig iſt, oder er muͤßte von dieſer Seite Widerſpruch be⸗ fuͤrchten. Beide Faͤlle koͤnnen weder mir, noch meiner Mutter angenehm ſeyn. „Ein zweiter Grund mich uͤber ihn zu beklagen iſt folgender; es wird bald zwei Jahr ſeyn, daß er ſich uns, ohne es ſelbſt zu vermuthen, in einem ſehr nachtheiligen Lichte o⸗zeigt hat. Wie! Nachdem er eine junge Dame, meine und der Frau von Beau⸗ manoir Freundin auf einer Treppe umge⸗ rennt hat, ſetzt der Unbeſonnene ſeinen Weg ruhig fort, und uͤberlaͤßt dem guten Kapitain Ferec, der ſich durch eine Fuͤg⸗ . 18* 276 8 ung der Vorſicht gerade dort befand, laͤßt, ſage ich, einem Fremden die Sorge, ei⸗ nem Falle der huͤchſt gefaͤhrlich werden konnte, zuvorzukommen! Nachdem er auf den Ballſaal zuruͤckgekehrt iſt, wo der Vor⸗ fall einiges Aufſehen erregt hatte, haͤlt er es nicht einmal der Muͤhe werth, ſich bei derjenigen, die er durch ſein inhumanes Betragen ſo in Gefahr geſetzt hat, zu entſchuldigen, erſt nachdem er ſieht, daß ſie ein Gegenſtand der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit iſt, erſt nach der auffallenden Auszeichnung, die unſerer liebenswuͤrdigen Henriette zu Theil wird, haͤlt er es des Muͤhe werth, ſich uns zu naͤherng gleich als ob er uns vorher fuͤr zu gering gehal⸗ ten haͤtte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen. „Er glaubte, werden Sie mir viel⸗ leicht ſagen, daß die Schuld, die er an ¹ 4 277 Henriettens Unfall hatte, Niemanden be⸗ kannt ſei: aber bei einigem Edelmuthe war dies ein Grund mehr, um ſich als Veranlaſſung zu demſelben zu bekennen! Doch die Entſchuldigungen, zu denen man gegen den Geringſten verpflichtet iſt, wenn man ihn auf ſeinem„Wege geſtoßen hat, koſteten ſeinem Stolze zu viel. Nein meine lieben Freundinnen, ein ſolcher Menſch thut nichts fuͤr andere! es iſt ein kalter Egoiſt; trotz ſeines großen Reich thums, iſt alles an ihm armſelig und ge⸗ ckenhaft. Auch verſagte ich ihm, als er mich zum letzten Contretanz aufforderte, meine Hand, wie ich ſie ihm heute fuͤr einem Ball von etwas laͤngerer Dauer, auf dem noch mehr Uebereinſtimmung in den Pas erforderlich iſt, verſagen werde. Seit jenem Tage war ich mit meinem Ur⸗ theile uͤber ihn aufs Reine!“ 2* ‧‿ 90 Der Doktor.— Ich ſchmeichle mir noch immer, daß es nicht unwiederruf⸗ lich ſeyn wird. Da ich in dieſem Augen⸗ blicke ſeine Stelle vertrete, ſo wage ich es Ihnen, meine Damen, bemerklich zu ma⸗ chen, daß es ihrer wohlvollenden Geſin⸗ nungen unwuͤrdig ſeyn wuͤrde, wenn Sie eine jugendlichen Unbeſonnenheit mit ſol⸗ cher Strenge beurtheilen wollten. Frau von Beaumanoir.— Ich hatte dieſen kleinen, Ihrem Schuͤtzlinge, lieber Doktor, wenig Ehre machenden Vorfall ganz vergeſſen. Was mich be⸗ trifft, ſo billige ich Klementinens Ent⸗ ſchluß. Hier liegt Stolz oder Bosheit zum Grunde, denn der Herr von Beis⸗ briant iſt eben nicht ſchuͤchtern. Ju bei⸗ den Faͤllen iſt der Marquis kein Mann fuͤr uns. Wir haben in der That von dieſen beiden Fehlern, deren einer dem andern öͤff⸗ 279 ters zur Maske dient, zu viel zu erdulden gehabt, um uns einer ſolchen Gefahr zum zweiten Male auszuſetzen. Uebrigens ſehe ich duch den Widerſpruch der Mutter ſchon voraus, in deren Augen unſer Adel in aufſteigender Linie die Ahnenprobe zu wenig aushaͤlt, um die Wahl ihres Soh⸗ nes rechtfertigen zu koͤnnen. Der Doktor.— Daß er ſich indeſ⸗ ſen unmittelbar an Sie wendet, iſt ein Beweis ſeiner Liebe, denn er iſt zuverlaͤſ⸗ ſig in Fraͤulein von Beaumanoir ſterblich verliebt. Er iſt uͤbrigens Herr ſeines Willens, theils wegen ſeiner ſieben und zwanzig Jahre, theils wegen ſeines gro⸗ ßen vaͤterlichen Vermoͤgens; iſt alles in Richtigkeit, ſo theilt er es ſeiner Mutter mit, welche alles genehmigen wird. Wo⸗ her koͤnnen Sie uͤbrigens mit Gewißheit wiſſen, daß ſie nicht von den Abſichten des 280 Herrn von Boisbriant unterrichtet ſei⸗ bloß meine Unvorſichtigkeit koͤnnte Sie dies vermuthen laſſen, und Sie ſind nicht die Leute, um aus einem von mir begangenen Fehler Vortheil ziehen zu wollen. Uebri⸗ gens weiß ich, daß es der lebhafteſte Wunſch der Familie iſt, den Marquis zu einer Verbindng zu beſtimmen; ſeine Reiſe nach Paris hat ihm ſchon ſehr viel gekoſtet, und ſeine vornehmen Verwandte, welche fuͤrchten, daß er ſeine jugendlichen Genuͤſſe auf eine ſtuͤrmiſche Weiſe verlaͤn⸗ gern moͤchte, werden ſich Gluͤck wuͤnſchen, ihnen durch ein ſo vortheilhaftes Buͤnd⸗ niß ein Ziel zu ſetzen, und die Marquiſe ſelbſt wird Ihnen am Ende noch die Haͤn⸗ de dafuͤr kuͤſſen. Madame Allote.— Merken Sie denn nicht Doktor, daß Sie zum foͤrmlichen Apotheker geworden ſind, und, was das Schlimmſte iſt, daß Sie unſere liebenswuͤrdige Klementine in Juleps und Elixir verwandeln. Sie ſind auf ſo gutem Wege, daß ich noch nicht verzweifle zu erfahren, daß Sie unſere junge Freundin, dem Marquis, ſtatt Pillen oder Purgier⸗ traͤnkchen angeboten haben; und da er noch nicht gaͤnzlich abgeſtumpft iſt, ſo wird ihm, wie es ſcheint, dieſe, ſo gut wie ei⸗ ne andere anſtaͤndig ſeyn. Pfui Doktor, ſo weit iſt es mit Fraͤulein von Beau⸗ manoir doch noch nicht gekommen, um den Leidenſchaften eines jungen eingebildeten Geckens zum Abkuͤhlungsmittel zu dienen, welcher, nachdem er Unbeſonnenheiten ohne Zahl in der Welt begangen hat, die Lauf⸗ bahn ſeiner tollen Streiche mit einer ſchoͤ⸗ nen Frau und wenigſtens zweimal hundert⸗ tauſend Thaler Mitgabe zu ſchließen ge⸗ denkt, um den Egoiſten zu Hauße zu ma⸗ 282 chen, denn des Egoismus iſt er foͤrmlich beſchuldigt und uͤberwieſen, lieber Doktor. Der Doktor.— Ich verwerfe Nadame Allote als Parthei im Prozeſſe! Madame Allote. Und doch darf ich als Corpus delicti nicht fehlen! Frau von Beaumanoir.— Herr Bonnet, Sagen Sie mir offenherzig, fin⸗ den Sie es nicht einiger Maßen beleidi⸗ gend, durch einen Beauftragten um die Hand meiner Tochter bei mit anhalten zu laſſen, wenn man ſeit laͤnger als einem Jahre nicht daran gedacht hat, mich mit einem Beſuche zu beehren. Der Doktor.— Es iſt mir auch ſo vorgekommen, Frau Vicomteſſe, aber ich habe geglaubt, daß dieſe Vergeſſenheit An⸗ fangs durch die fruͤher von Ihnen getrof⸗ fene Wahl, und in der Folge durch die 283 neuerlich im Schloſſe Helvin vorgefallenen Ereigniſſe entſchuldigt werden koͤnnte. Klementine. Eben deswegen war es, wie meine Mutter ſagt, um ſo mehr in der Ordnung, die Bekanntſchaft durch einen Beſuch anzuknuͤpfen. Mein lieber Doktor, ich will Ihnen nicht verheimli⸗ chen, was auch weder meiner Mutter noch Henrietten unbekannt iſt: ich bin ent⸗ ſchloſſen, bei der Wahl eines Gatten nicht zu ſtreng zu ſeyn. Ehrgefuͤhl und gutes Herz, das iſt alles was ich verlange, und ehe ich den Marquis heirathete, wuͤrde ich mich lieber dem Jobic Kerſtrat an den Hals werfen, der, nach der Erzaͤhlung ſei⸗ ner leichtſinnigen Kameraden, die ſich im⸗ mer auf ſeine Koſten luſtig machen, ſich ſeine Briefe ſchreiben und leſen laͤßt, der aber ein guter Menſch, wohlwollend und gefaͤllig iſt, einer achtungswuͤrdigen Familie 284 angehoͤrt, und der uns wenigſtens alle drei in Ruhe laſſen wuͤrde, waͤhrend er ſeine Hunde abrichtete, und ſeine Sehner⸗ ven bis zur Ermattung anſtrengte, um das an ſeine Angelſchnur befeſtigte Stuͤck Kork laͤngs den Teichen und Fluͤſſen zu verfolgen. 4 Der Doktor.— Dem Maraquis iſt alſo ſein Urtheil geſprochen? Madame Allote.— Ja, durch einſtimmige Entſcheidung.— Der Aktuar kann das Protokoll ſchließen. Der Doktor. Ich beſchwere mich. nicht daruͤber, ich ſchließe mich Ihnen ſo⸗ gar an, da jetzt meine Rolle als Braut⸗ werber geendet iſt; und wenn mir die Frau Vicomteſſe die Ehre erzeugt haͤtte, wich als Freund um Rath zu fragen, ſo wuͤrde der Freier durch vier Stimmen ſtatt durch dreie verworfen worden ſeyn. Nur eine Laune veranlaßte ihn, Fraͤulein Klementinen das Schnupftuch zuzuwerfen. Da er mich die traurigen und freudigen Ereigniſſe auf dem Schloſſe Helvin ſeiner Mutter erzaͤhlen hoͤrte, ſo aͤußerte er al⸗ lerdings, daß Fraͤulein von Beaumanoir die erſte Partie in einem Umkreiſe von zwanzig Stunden ſei, und eben ſo wenig kann ich bergen, daß einige naͤhere Um⸗ ſtaͤnde, die ich ihr uͤber die Beſorgung ei⸗ ner Toilette, an der ich Antheil zu neh⸗ men nothgedrungen war, erzaͤhlte, einen lebhaften Eindruck auf ihn machten; kurz es ſchien ihn die Idee, eine Wiedererſtan⸗ dene zu heirathen, beſonders anzuziehen. Er verſicherte mir, daß Ihre Antwort ihn entweder in vier und zwanzig Stunden zu Ihren Fuͤßen oder in acht und vier⸗ zig auf die Straße nach Paris fuͤhren wuͤrde. Eine von Ihnen, meine Damen, 286 wird ſich alſo wohl nicht ruͤhmen koͤnnen, ihn aus Verzweiflung getoͤdtet zr haben, und ich ermahne Fraͤulein Klementine dieſe Ihren Reizen zugefuͤgte Beleidigung ge⸗ duldig zu ertragen. Aber mein Himmel wie gut verſtehen Sie es jemanden in ſeiner Bloͤße darzuſtellen. Wahrhaftig, ich kann Sie nicht genug bewundern. Uebrigens iſt der Ahnenſtolz in der Fami⸗ lie des Marquis von Boisbriant ein muͤt⸗ terliches Erbſtuͤck; laſſen Sie ſich erzaͤhlen was mir auf dem Schloſſe ſeiner Tante, waͤhrend meines Aufenthalts im Bisthu⸗ me St. Pol⸗ de⸗Leon, wo ſie noch jetzt ihren Landſitz hat, wiederfahren iſt. „Jetzt nicht gleich, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, erwiederte Frau von Beau⸗ manoir. Man ſagt mir ſo eben daß die Suppe aufgetragen iſt: zum Nachtiſch ſol⸗ len Sie uns die Geſchichte zum Beſten 287 geben. Leider gehoͤrt ein wenig Medi⸗ ſance zum Lebensgenuß, aber ich wuͤnſche nicht, daß unſere Domeſtiken an dieſer Wuͤrze unſeres Deſſerts Antheil nehmen, denn wir naͤhren ſonſt in unſerm Buſen die Raͤcher derjenigen, die vielleicht Ur⸗ ſache haben koͤnnten, ſich uͤber unſer ſtren⸗ ges Urtheil zu beſchweren.“ Man ſpeißte mit um ſo groͤßerer Hei⸗ terkeit, je lebhafter, unterhaltender, offen⸗ herziger und unbefangener, das der Mit⸗ tagstafel vorhergegangene Geſpraͤch gewe⸗ ſen war. Nun, lieber Doktor, laſſen Sie uns Ihre Geſchichte hoͤren, ſagte die Vicom⸗ teſſe, indem ſie den Kaffee bringen ließ; dies iſt das zweite Mal daß Sie ihrer erwaͤhnen, und ich moͤchte ſie wohl hoͤren, um zu wiſſen, wie ich mich noͤthigen Falls gegen die Frau von Coatanscour zu beneh⸗ 288 men habe, von der man mir unglaubliche Dinge erzaͤhlt hat. 4 Der Doktor.— Was ich Ihnen erzaͤhlen will iſt wahr, denn ich werde Ih⸗ nen nur das ſagen, wovon ich perſoöͤnlich Zeuge geweſen bin; uͤbrigens muß ich es mir gefallen laſſen, ob Sie mir es glau⸗ ben wollen, oder nicht. „Nachdem ich in Montpellier,(wohin ich jetzt meinen Sohn geſchickt habe, um ſich durch die Beſuchung der Vorleſungen einiger der beruͤhmteſten Lehrer dieſer Uni⸗ verſitaͤt in ſeiner Wiſſenſchaft noch mehr zu vervollkommen,) promovirt hatte, ging ich als ausuͤbender Arzt nach Saint⸗ Pol⸗ de⸗Leon, wo ich, wie dies bei angehenden Aerzten gewoͤhnlich der Fall iſt, zwei Jahr ohne Praxis verlebte. Da ich indeſſen mit Beſuchung des klei⸗ nen Hospitals dieſer Stadt beauftragt 7 289 war, ſo hatte ich Gelegenheit zwei oder drei merkwuͤrdige Kuren zu machen, ein Umſtand der mir nicht nur zu dem unſchaͤtzbaren Gluͤck verhalf, die Aeltern eines liebens⸗ wuͤrdigen, mir theuern Maͤdchens zu ver⸗ moͤgen, ihre Einwilligung zu unſerer Ver⸗ bindung zu geben, ſondern mir auch einen Zulauf verſchafte, der mehr als einem Pariſer Arzt ſo wuͤnſchenswerth ſcheint, daß er ſich von gedungenen Perſonen in der Nacht mit vielem Geraͤuſch herauspo⸗ chen laͤßt, ſo daß die ganze Nachbarſchaft in der Ruhe geſtoͤrt wird. Ein Manoͤver, das, beilaͤufig und unter uns geſagt, nicht ſo uͤbel berechnet iſt; denn waͤhrend man⸗ cher von den aus dem Schlaf aufgeſchreck⸗ ten Nachbarn auf die große Beruͤhmtheit des Aesculaps flucht, und wieder einzu⸗ ſchlafen ſucht, haͤlt er doch ein paar Mi⸗ nuten Nuͤckſprache mit ſeinem Kopfkiſſen, II. Theil. 19 290 nimmt ſich ad notam, daß er das Gluͤck hat neben einem Wundermann zu wohnen, und gelobt es ſich, bei eintretendem Falle, ſeine Huͤlfe zu ſuchen, das iſt immer ein guter Anfang zu einer zukuͤnftigen Kund⸗ ſchaft. „Schon ließ man mich auf die benach⸗ barten Ritterſitze holen. Das in dem Kirchſpiel Plouzerede gelegene Schloß Kerham, war der Sitz der Frau Marquiſe von Coatanscours, Wittwe eines Mannes,. den ſie genoͤthigt hatte, ihren Namen zu fuͤhren, ſtatt daß ſie den ſeinigen haͤtte an⸗ nehmen ſollen. Der einzige mir bekannte Fall in Nieder⸗Bretagne, zu welchem folgender Umſtand Veranlaſſung gab. Fraͤulein von Coatanscour, war fruͤhzeitig zur Waiſe und zur Beſitzerin eines gro⸗ ßen Vermoͤgens geworden; ſie hatte noch zwei juͤngere Schweſtern, auf welche jedoch 291 nur ein ſehr kleiner Theil der ganzen Verlaſſenſchaft fiel, da außer den Zweidrit⸗ teln des vaͤterlichen und muͤtterlichen Ver⸗ moͤgens, die ihr nach der Adelstheilung zukamen, ſie einzige Erbin eines Nachlaſſes von zwei ſteinreichen Oheimen wurde, weil nach dem in Bretagne guͤltigen Rechte der Erſtgeburt, ihre Schweſtern keinen Anſpruch darauf machen konnten. Die Erſtgebornen haben in jener Provinz uoch andere wichti⸗ ge Vortheile, die ihnen uͤbrigens die juͤn⸗ gern Geſchwiſter ohne Murren uͤberlaſſen, da ihnen die geiſtlichen Pfruͤnden und die Officierſtellen offen ſtehen. Eine der Schweſtern des Fraͤuleins von Coatans⸗ cours ging in ein Kloſter mit der Ausſicht ihm bald als Abtiſſin vorzuſtehen; die zweite heirathete den Marquis von Bois⸗ briant, der ſelbſt reich genug war, um bloß auf eine Verbindung mit einem vor⸗ 19* 292. nehmen Hauſe Ruͤckſicht nehmen zu koͤn⸗ nen. Was die aͤlteſte betraf, ſo hatte ſie, als Erbin ſehr bedeutender Guͤter, eines beruͤhmten Namens, und des damit verknuͤpften Stolzes, von den oberſten Behoͤrden einen Beſchluß ausgewirkt, ver⸗ moͤge welches ihr zukuͤnftiger Gatte be— rechtigt wurde, ſeinen Geſchlechtsnamen abzulegen, und den von Coatanscour an⸗ zunehmen.“. Hier wurde der Doktor von Madame Allote unterbrochen, die ſich an Fraͤulein von Beaumanoir wandte. „Wie ſtehts“ ſagte ſie zu ihr,„da deine Lage gerade dieſelbe iſt, werden wir auch einen aͤhnlichen Beſchluß auswirken muͤſſen?“— „Ich wuͤrde“ antwortete Klementine, „nur eine einzige Bedenklichkeit dabei finden, meine Freundin, die naͤmlich, daß 293 ein Mann der ſich dazu verſtehen koͤnnte, nicht mein Mann ſeyn wuͤrde.“ „Wenigſtens“ fuͤgte die Vicomteſſe hinzu„iſt es immer ein Anerkenntniß unſeres geringen Werthes, und nach un⸗ ſeren Sitten, iſt es fuͤr einen Mann ſtets unangenehm, bei jedesmaliger Unterſchrift ſeine eigene Herabwuͤrdigung zu unterzeich⸗ nen, und ich ſehe uͤberdies nicht ein, was eine Frau dabei gewinnen kann.“ „Meine Damen,“ fuhr der Doktor ſort, um darinnen einen Genuß zu finden, bedarf es nur einiger feſt eingewurzelter Vorurtheile, an denen es, mit Gottes, oder vielmehr des Teufels und der Do⸗ meſtiken Huͤlfe, Ihrem Geſchlechte nie fehlen wird. Unſere verheiratheten Baͤu⸗ erinnen behalten zwar auch ihren Geſchlechts⸗ namen bei, aber ſie tragen ihn doch nicht auf ihre Maͤnner uͤber. Wenn uͤbrigens 294 die Kinder ſich nach ihren Muͤttern nennen, ſo wird wenigſtens niemand betrogen. Aber der Stolz iſt ſeiner Natur nach un⸗ fruchtbar, und der beruͤhmte Name der Marquiſe von Coatanscours wird mit ihr ausſterben, denn gegenwaͤrtig beſteht wahr⸗ ſcheinlich ihre ganze Umgebung aus zwei armen weitlaͤufigen Verwandtinnen(a la mode de Bretagne) ihrem Fiskalpro⸗ kurator und ihren alten Kapellan. Ich hatte letztern eine Gefaͤlligkeit erzeigt, und wurde auf das Schloß Kerham zum Mit⸗ tagseſſen gebeten. Es war große Geſell⸗ ſchaft dort. Die Marquiſe, die, nach der unter dem hohen Adel gewoͤhnlichen Sitte, am oberſten Ende der Tafel ſaß, hatte ihren Gaͤſten, nach Maßgabe der Wuͤrdig⸗ keit die ſie in ihren Augen hatten, ihren Platz an derſelben angewieſen. Die Mar⸗ quis und Grafen von ihrer Verwandt⸗ 295 ſchaft, dann die Ritter nahmen die Ehren⸗ plaͤtze ein, und ſo ging es in unmerklichen Abſtufungen bis zu den Buͤrgerlichen her⸗ ab, von denen der Fiskalprokurator den Anfang machte, und die mit dem armen Kapellan endigten, welcher mit zwei oder drei andern Pfarrern aus der Nachbar⸗ ſchaft ganz nahe bei der Thuͤre ſaßen. Mir wurde der Platz uͤber dieſen Letztern angewießen. „Wir, ſo wie einige Edelleute von mei⸗ ner Bekanntſchaft, die zu dem niedern Adel gehoͤrten, ſtanden noch, als die Mar⸗ quiſe ihre Stimme erhob, und ſich mit folgenden merkwuͤrdigen Worten an uns wendete:„Meine Herren, ſetzen Sie ſich doch, die Coatanscours haben alle Platz genommen.“„Ich merke“ ſagte ich laut genug, um von meinen Nachbarn verſtan⸗ 296 den zu werden, daß es hier gut iſt zur Familie zu gehoͤren.**) Die Damen von Helvin erhoben ſich mit lauter Stimme gegen dieſe Erzaͤh⸗ kung, und beſchuldigten den Doktor der Uebertreibung. Dieſer behauptete das Ge⸗ gentheil. Er erzaͤhlte, daß das Schloß Kerham von ſeiner hochadelichen Beſitz⸗ erin auf den Kriegsfuß unterhalten wuͤrde, daß ſeine Zinnen, die Graͤber, die Waͤlle mit Feldſchlangen beſetzt, und Schieß⸗ — *) Wir fuͤrchten, daß ſich Herr Bonnet eine Verwechſelung zu Gunſten der Frau von Cotans⸗ cours hat zu Schulden kommen laſſen; dieſer Zug kommt eigentlich auf Rechnung der Graͤfin von Rob... den wir ihr hiermit wieder zuruͤck⸗ zugeben fuͤr Schuldigkeit halten. Indeſſen ver⸗ dient dies noch eine genauere Unterſuchung, denn alles folgende, hierauf Bezug habende, iſt ſo woͤrtlich wahr, daß wir uns wohl vorſehen muͤſ⸗ ſen, ehe wir die Wahrhaftigkeit des Doctors in Zweifel ziehen, oder ſein Gedaͤchtniß eines Irr⸗ thums zeihen. ſcharten durch die Mauern gebrochen waͤ⸗ ren, daß die mit Eiſen beſchlagenen Thore nebſt ihren Fallgattern im beſten Zuſtand erhalten muͤrden, und daß alle Abende auf ein, mit einer Slocke gegebenes Zei⸗ chen, die Bruͤcke aufgezogen, und der Schluͤſſel dazu, ſo wie zu dem geheimen Pfoͤrtchen, der Frau Marquiſe zugeſtellt wuͤrde, welche ſie unter ihr Kopfkuͤſſen legte.„Jetzt traf,“ fuhr der Doktor fort, „die Reihe den Fiskalprokurator, der das Fieber bekam: ich wurde gerufen, es war in der jetzigen Jahreszeit; ich komme ſehr erhitzt an, ich reite uͤber die Zugbruͤcke, und Frau von Coatanscours, welche ge⸗ genwaͤrtig war, hatte die Guͤte mich ſelbſt in das Gemach ihres Schloßhauptmannes, (denn der Kranke begleitete beide Aemter,) zu fuͤhren. Dieſes Zimmer war neben dem Ar⸗ chiv, aber um dahin zu gelangen, mußte man 298 uͤber eine lange Gallerie gehen, die mit Familiengemaͤlden tapezirt war, davon ei⸗ nige geharniſcht mit Armen⸗ und Beinſchie⸗ nen, offenem Viſtr und mit der Lanze in der Fauſt, andere unter großen Allonge⸗ peruͤcken begraben, oder in Parlementar⸗ kleidung, dargeſtellt waren. Wir waren allein, ſie oͤffnet die Thuͤre und ploͤtzlich ſehe ich ſie die Knie beugen, und ſich ſo tief verneigen, daß, wenn die tkoͤnigliche Gemahlin Georg des Dritten im Thea⸗ ter von Covent⸗Garden, ein gleiches gethan haͤtte, das Parterre nicht gerufen haben wuͤrde:„Tiefer Charlotte!“ Umſonſt warf ich meine Augen in jede Ecke der Gallerie, ich konnte keine audere menſchliche Figur, die unſrige ausgenom⸗ men, gewahr werden, als die Bildniſſe der Ritter und ernſten Magiſtratsperſonen, von denen wir umringt waren. Da es 4 299 moͤglich war, daß ich mich, bei dem Ue⸗ bergang von dem hellen Tageslichte zu dieſem ziemlich dunkeln Saale taͤuſchte, ſo fragte ich die Marquiſe, ob ſie jeman⸗ den ſaͤhe der uns entgegen kaͤme?“ Nein, mein Herr, antwortete ſie trocken, ich be⸗ gruͤſſe bloß meine edlen Ahnen.„Bei. dieſer Aeußerung ging mir die Geduld aus, und meine bretagniſche Offenherzig⸗ keit machte ſich Luft. Gnaͤdige Frau“ ſagte ich ſehr ernſthaft, da ich nicht die Ehre habe zu der Familie zu gehoͤren, und ich, auf Ihre Einladung, in dieſer Hitze hierhergekommen bin, ſo werden Sie mir erlauben meinen Hut aufzubehalten.“ „Die Marquiſe fuͤhlte den Stich und vergab mir ihn nie. Kaum war ich den andern Morgen in meiner Wohnung zu Saint Paul⸗ de⸗ Leon angekleidet als wir ein Bedienter in ihrem Namen 300 einen Beutel mit hundert Thalern nebſt, einem Briefchen uͤberreichte, worinnen ſie mir unterſchriebene Rechnung abforderte. Da ich nicht wollte, daß eine Coatans⸗ cours mit ihrem Golde freigebiger gegen mich waͤre, als ich es gegen ihre hochade⸗ ligen Ahnen mit meiner Geſundheit gewe⸗ ſen war, ſo nahm ich mir aus dem Beu⸗ tel das Honorar fuͤr drei Beſuche, die ſie mir ſchuldig war, und legte dem Ue⸗ berreſte, den ich ihr zuruͤckſchickte, eine Quittung bei und hierauf beſchraͤnkten ſich unſere ganzen Verhaͤltniſſe zu einander. Madame Allote.— Geſtehen Sie nur Doktor, Sie hatten das Mittags⸗ mahl der Marquiſe ſchlecht verdaut und waren uͤbel gelaunt. Uebrigens buͤrgt, meiner Meinung nach, eine Ihrer Anek⸗ doten fuͤr die Wahrheit der andern, und wenn Sie uns noch eine dritte zu erzaͤh⸗ — 1 -— 301 8 len haͤtten, bei welcher die Farben noch ein wenig lebhafter aufgetragen waͤren, ſo wuͤrde ich nicht das geringſte Außeror⸗ dentliche darinnen finden. Es iſt alles ge⸗ ſagt, wenn eine Gattin in ihrem Manne nichts als den Gaͤrtner ihres Stammbaums ſteht, in einem ſolchem Falle laͤßt ſich al⸗ les von ihr erwarten. Nachdem in den erſten Scenen des Geitzigen, Harpagon dem Bedienten, den er aus dem Dienſte jagt, die Taſchen durchſucht, und, als er ihm beide Haͤnde oͤffnen laſſen, noch nach der deitten fragt, ſo hat man ſeinen Mann weg, und Moliere haͤtte nicht noͤ⸗ thig gehabt, das Geſchenk eines Rocks zur Bedingung der Einwilligung deſſelben in die Heirath ſeines Sohnes zu machen. Um wieder auf die Marquiſe zu kommen, ſo braucht es kaum noch eines Schrittes, um es ganz in der Ordnung zu finden, daß 302 die werthe Dame, als die letzte ihrer Fa⸗ milie, ſich vor ihrem eignen Bilde in den Pfeilerſpiegeln ihres adelichen Sitzes Kerham verneige. 7 „Meine Damen“ fuhr der Doktor fort, ich will nicht fatyriſcher ſcheinen, als ich bin, und lege hier den Pinſel nieder, dagegen erlauben Sie mir Ihnen zu be⸗ merken, daß ich als junger Mann ein we⸗ nig herumgereiſt bin, denn mein Vater, ein ehrlicher Weinhaͤndler im Großen zu Quimper, wo man viel Wein verkauft, weil man viel trinkt, ſahe es gern, daß ich die Welt ein wenig kennen lernte. Ich kann Ihnen alſo ſagen, daß ich mehr als eine Provinz Frankreichs beſucht, und daß ich beinahe uͤberall bei, dem Adel bloß Eitelkeit, und nur in Brekagne Stolz und zuweilen Hochmuth gefunden habe. Dies hat ſeine Gruͤnde und ich will Ih⸗ nen meine Anſichten hieruͤber auseinander ſetzen wenn ich die Frau Vitomteſſe nicht zu ſehr langweile.“ Nachdem Frau von Beaumanoir er⸗ klaͤrt hatte, daß es ihr viel Vergnuͤgen machen wuͤrde, den Doktor uͤber die oͤf⸗ fentlichen Angelegenheiten einer Provinz ſprechen zu hoͤren, mit deren Einrichtungen ſie nicht hinlaͤnglich vertraut ſei, fuhr dieſer fort: „Der Bretagniſche Adel hat beinahe gar keine geſchichtliche Beruͤhmtheit*) kaum iſt er franzoͤſiſch zu nennen, aber er iſt Bretagniſch, und dies iſt vielleicht beſſer fuͤr ihn und das Land. Nie, unter keiner Regierung, hat er ſich dem Hofe angeſchloſſen, ſelten hat man ihn im *) Wenn man die Gueselin, Cliſſon, Tanne⸗ guy⸗Duchatel, u. ſ. w. ausnimmt. 304 deil de boeuf“) oder in den Vorzimmern der Miniſter geſehn, auch hat er, ſo viel ich weiß, nie eine Maͤtreſſe unſern Koͤ⸗ nigen gegeben; ſein Blut fuͤr Koͤnig und Vaterland zu vergießen, weiter hat er es nicht bringen koͤnnen, daher auch keine Kommandoſtaͤbe, kein großer in die Ge⸗ ſchichte der Monarchie eingreifender Name, keine blauen Baͤnder, keine ungeheuern Reichthuͤmer, dagegen aber auch, als Ent⸗ ſchaͤdigung fuͤr dieſe ſcheinbar unguͤnſtigen Verhaͤltniſſe, mehr wahre Unabhaͤngigkeit und Wuͤrde im Charakter. Indeſſen duͤr⸗ fen wir dieſe Vorzuͤge dem Adel unſerer *) Ocil- de- boeuf(Ochſenauge) ein großes Zimmer im kdoͤniglichen Schloſſe zu Ver⸗ ſailles, in welches das Licht durch die in den Plafont angebrachten Fenſter faͤllt, und wo an groſſen Courtagen die koͤnigliche Familie von dem hohen Adel die Aufwartung annahm. Anm. des Ueb. Provinz nicht zu hoch anrechnen; ſie ent⸗ ſpringen, wie dies oft der Fall zu ſeyn pflegt, aus einem andern Grunde, naͤmlich der Verfaſſung derſelben. Sie haben dieſe Verfaſſung zu benutzen gewußt, das it alles. Der Bretagniſche Edelmann, ſelbſt der juͤngere Sohn eines adelichen Hauſes hat, ſobald er durch ſein Taufzeugniß beweiſen kann, daß er ſein fuͤnf und zwanzigſtes Jahr zuruͤckgelegt hat, Theil an der Sou⸗ verainetaͤt, er polirt nun ſeinen Raufdegen, ſattelt ſein Pferd, oder das Pferd ſeines Pachters wenn er ſelbſt keines hat; ſteckt funfzehn Franken, mag er ſie nun ſelbſt beſitzen oder borgen, in ſeine Taſche, und macht ſich nach Rennes auf den Weg, in⸗ dem er waͤhrend der Reiſe ſeine kleine am Sattelknopf haͤngende Mundportion verzehrt. Was macht er dort? werden Sie fragen; Geſetzte, Frau Vicomteſſe, denn er hat das II. Theil. 20 306 Recht dazu, wenigſtens was die Finanzan⸗ gelegenheiten betrifft, oder er wacht doch uͤber die Aufrechterhaltung derjenigen, die durch den Freiheitsbrief ſeiner Pro⸗ vinz ſankzionirt ſind! „Sie werden mir einwenden, daß die Intendanten, die Kommandanten, die Praͤſt⸗ denten der Adelsverſammlung, die der Hof an die Spitze dieſer Klaſſe geſetzt hat, und die im Grunde weiter nichts als koͤ⸗ nigliche Commiſſarien ſind, dieſe ſchoͤnen Privilegien von Tag zu Tag beſchraͤnken; Sie werden mir die Bemerkung machen, daß die offnen Tafeln waͤhrend der Staͤn⸗ deverſammlung, daß die Geſchenke und Verſprechungen der Miniſter die Energie des Adelſtandes von Bretagne abſtumpfen: es mag an dem was man Ihnen hieruͤber geſagt hat etwas Wahres ſeyn, aber ſehr viel uͤbertrieben. Und wenn auch der Bre⸗ 307 tagniſche Edelmann aus ſeiner Stellung weiter keinen andern Vortheil, als das Ge⸗ fuͤhl ſeiner Wichtigkeit zoͤge, wenn dieſer Vortheil ſich auch nur darauf beſchraͤnkte, daß er weiß er kann Widerſtand, und zwar mit Erfolg Widerſtand leiſten, ſo waͤre dies ſchon ſehr viel. Aber es liegt hier etwas Weſentlicheres zum Grunde als man vielleicht glaubt. Der Adel von Bretagne iſt von einem Patriotismus be⸗ ſeelt, wie er nur immer mit den jetzigen Zei⸗ ten und Sitten vereinbar iſt; er hat ſehr oft gegen die unumſchraͤnkte Gewalt ge⸗ kaͤmpft, und, was ihm Ehre macht, er hat fuͤr den Vortheil ſeiner Provinz gekaͤmpft, der einzigen im Koͤnigreiche die das Recht ſich ſelbſt zu verwalten„ behauptet, der einzigen die ſich vor dem Bedruͤckungen der Fiskus zu bewahren gewußt hat; ſo daß wenn einmal die Verfaſſung von Frank⸗ 20* 308 reich eine Erſchuͤtterung leiden ſollte, die⸗ ſer Adel vor dem der uͤbrigen Provinzen und noch mehr von dem Hofadel einen nicht zu berechnenden Vorzug haben wuͤrde⸗ den naͤmlich, gleich an der Spitze des Volksintereſſes zu ſtehen. Anderwaͤrts iſt der Edelmann nichts, wenn er nicht eine glaͤnzende Livree annimmt, um ſich die Mittel zu verſchaffen, die ſeinige einigen Lakaien zur Schau tragen zu laſſen: in Bretagne erkennt er keinen Herrn an, iſt aber ſelbſt nichts weiter als der erſte Staatsbuͤrger ſeiner Provinz.. „Dieſen Verhaͤltniſſen, gnaͤdige Frau⸗ verdankt er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, die Wuͤrde ſeines Charakters. Das Gefuͤhl dieſer Wuͤrde, hat bei ihm ſo tiefe Wur⸗ zel geſchlagen, daß das Daſeyn eines an⸗ dern Adels, als des von Bretagne ihm kaum denkbar iſt, daß er von ſich ſelbſt einen ſehr hohen Begriff hat, vielleicht ei⸗ nen hoͤhern als er ſollte, was indeſſen nichts zu ſagen hat, und daß er den Hof⸗ dienſt verachtet. Man hoͤrt oft ſagen: Worauf kann ſo ein Landjunker ſtolz ſeyn, der ſeinen Brodkuchen an einer Buſchecke verzehrt? Das iſt Pariſer Geſchwaͤtz, Frau Vicomteſſe, denn bei der Annaͤhe⸗ rung der Staͤndeverſammlung kann dieſer Landjunker, indem er die Hand eines an⸗ dern ſeines Gleichen faßt, die Frage auf⸗ werfen: Werden wir die Antraͤge des Koͤnigs annehmen oder verwerfen? und 4 Sie werden mir zugeben, daß in dieſer Frage etwas Erhabeneres liegt, als was im oeil- de- Boeuk zu finden iſt. „Daher die Eigenliebe, welcher man ſich in dieſem Lande ſo gern uͤberlaͤßt. Wuͤrnde dieſes Gefuͤhl richtig geleitet, ſo koͤnnte es zu Allem was edelmuͤthig ge⸗ 310 naunk werden kann hinfuͤhren; aber bei einem weiblichen Weſen, das auf ſeine Individualitaͤt beſchraͤnkt iſt, erhaͤlt es einen Anſtrich von Laͤcherlichkeit, weil es unpaſſend iſt, weil es keinen Zweck hat. Es iſt die Ohnmacht der Selbſtſucht, es iſt der Stolz als Karikatur, aber immer iſt es Stolz, und anderwaͤrts, habe ich, wie ſchon geſagt, nichts als Eitelkeit ge⸗ funden. 1 „Ehe ich mich empfehle muß ich Ih⸗ nen noch bei dieſer Veranlaſſung eine ſehr ſchmerzhafte Demuͤthigung erzaͤhlen, die erſt ganz neuerlich der Marquiſe von Co⸗ atanscours wiederfahren iſt, wenigſtens meldet mir dieſe Neuigkeit einer meiner Kollegen, der in St.⸗Pol Miethsmann des Haußes iſt, worinnen die ganze Mit⸗ gabe meiner Frau beſtand.“ 311 Madame Allote fiel ihn ploͤtzlich ins Wort:„Dachte ich es doch, daß Sie die arme Marquiſe nicht zufrieden laſſen werden, ſo lange ſie noch das geringſte Lebenszeichen von ſich giebt? O mache ſich doch ja Niemand einen Arzt zum Feinde, vergeſſen Sie nicht, lieber Doktor, daß ich mich immer zu der Zahl Ihrer Freundin⸗ nen rechnen werde.— Frau v. Beaumanoir.— Doktor, ich rathe Ihnen den Vertrag anzuneh⸗ men, der Ihnen angeboten wird, denn Henriette beſchraͤnkt ſich, wie Sie wiſſen nicht auf den bloßen Vertheidigungskrieg. Der Doktor.— Ich weiß es Frau Vicomteſſe, Macht gegen Macht reſpektirt ſich gegenſeitig, und ich werde die Feind⸗ ſeligkeiten nicht beginnen. Aber fuͤrchten Sie nichts fuͤr die Marquiſe, obgleich aͤlter als ich, wird, wenn nicht ein zweiter Vorfall, 312 wie derjenige, den ich Ihnen ſo eben er⸗ zaͤhlen werde, ihr wiederfaͤhrt, ſie uns doch alle begraben laſſen. Denn ſie iſt ſehr maͤßig im Genuß der Nahrungsmittel und befindet ſich vortrefflich; der Stolz naͤhrt ſich von ſeiner eignen Subſtanz. Auf Eh⸗ re, ich wuͤrde erſt dann anfangen fuͤr ſie zu zittern, wenn im Koͤnigreiche die Lehn⸗ rechte in Gefahr waͤren.*) Iyhr Schloß Kerham, obgleich ſein Ur⸗ ſprung ſich im grauen Alterthume verliert, iſt kein Freiſitz, und geht unmittelbar von der Herrſchaft Maille zur Lehn, die dem *) Wenn mir uns nicht in der von Herrn Bonnet bezeichneten Perſon irren, ſo iſt ſeine Prophezeihung auf eine ſehr traurige Weiſe in Erfuͤllung gegangen; denn die Frau Marquiſe von E.. wurde in einem ſehr hohen Alter, auf eine unmenſchliche Art, aus ihrem feſten Schloſſe fort, vor ein revolutionaͤres Tribunal geſchleppt, und 1794 in Breſt guillotinirt. 313 Hauſſe Rohan Chabot gehoͤrte. Einer der letzten Erben dieſes Herzoglichen Hau⸗ ſſes hat kuͤrzlich dieſe ſchoͤne Beſitzung an einen Edelmann aus der Grafſchaft Nantais fuͤr die Summe von ſiebenmalhun⸗ dert tauſend Livres verkauft. Der neue Beſitzer fand fuͤr gut, was ihm auch nicht zu verdenken war, ſeine Gerechtſame gel⸗ tend zu machen. Man hatte die Mar⸗ quiſe von Coatanscours hiervon benach⸗ richtigt, die ſich jedoch dadurch gar nicht beunruhigen ließ. Sie konnte ſich nicht den⸗ ken, daß ein bloßer Bretagniſcher Edel⸗ mann jemals die Kuͤhnheit haben koͤnnte, wie ſie ſich ausdruͤckte, in ihrem Hofe zu Kerham einen Pfahl mit einem fremden Wappen ſetzen zu laſſen. Da ihr uͤber⸗ dies die ſanfte und beſcheidene Sinnes⸗ art des neuen Beſitzers von Maille be⸗ kannt war, ſo achtete ſie gar nicht mehr 314 auf das ihr zu Ohren gekommene Geruͤcht. Unglücklicher Weiſe hatte ſie aber nicht bedacht, daß dieſer Edelmann eine junge, artige, geiſtreiche aber nichts deſto weniger nach den oberherrlichen Gerechtſamen, trotz einer alten Marquiſe, luͤſterne Dame zur Gemahlin hat. Mit einem Male ſetzt die Frau Graͤfin von Cadeville ihren Gemahl in Trab, er muß mi⸗ ſeinem Fisk alproku⸗ rator und zwei Gerichtsdienern(huissieurs) in ihrer Amtstracht den Wagen beſteigen, ſie laͤßt den verhaͤngnißvollen Pfahl mit dem Wappen hinten aufbinden, ſchickt zehn Bediente zu Pferde mit Ober⸗ und Unter⸗ gewehr bewaffnet, voraus, fuͤgt dem Zu⸗ ge noch zwei mit den noͤthigen Werkzeu⸗ gen verſehene Forſtknechte bei, um das Pflaſter aufzureißen und den Pfahl in den Boden zu befeſtigen. 315 „Dieſe ganze Prozeſſton kommt fruͤh acht Uhr vor dem hochadeligen Schloſſe an. Die Marquiſe von Coatanscours er⸗ blickt den Wagen mit dem Pfahle, und traut ihren Augen nicht. Ihre Leute ſind hier und da zerſtreut, keiner antwor⸗ tet auf ihre Befehle, aus ihrem Fenſter ertheilt ſie Ordre die Bruͤcke aufzuziehen; niemand hoͤrt ſie, und die Zugbruͤcke bleibt unbeweglich. Die Stufen vor der Bruͤcke ſind bereits erſtiegen, ſie eilt herbei; von ihren Nichten unterſtuͤtzt, verſucht ſie die Hebel, die dieſe Schutzwehr emporhe⸗ ben, in Bewegung zu ſetzen: Vergebene Anſtrengung, nichts ruͤhrt ſich; die beiden Ketten veraͤndern nicht einmal die krum⸗ me Linie, die ſie in der Luft beſchreiben. Ganz unvorbereitet bricht dieſer Schlag uͤber die Marquiſe herein. Die Reiter ruͤcken uͤber die Bruͤcke in den Schloßhof 316 ein, triumphirend folgt ihnen der Wagen mit dem fuͤrchrerlichen Pfahle, und Todes⸗ angſt uͤberfaͤllt unſre Dame. Mit ſtarrem Blick, die Zaͤhne knirſchend, in einer Ecke ihres bis jetzt noch nie durch ein fremdes Wappen entweihten Hofes mehr hinge⸗ ſchleudert als ſitzend, iſt die Marquiſe Zeu⸗ ge der ſchrecklichen Vorrichtung! Ihr Schloßhauptmann und ihr Kapellan wer⸗ den durch den Laͤrm herbei gezogen.„Pro⸗ teſtiren Sie; ruft ſie dem einem zu, ex⸗ communiziren Sie, dem andern, denn nie wuͤrde ſich ein Rohan eine ſo ſchaͤndliche Behandlung gegen mich erlaubt haben, wie dieſer zweitaͤgige Beſitzer!... Das Wort erſtirbt ihr im Munde. Unter dem Schutze der fremden zu beiden Seiten der Zugbruͤcke aufgeſtellten Bedienten, fangen die Forſtknechte an das fuͤr den Wappen⸗ pfahl beſtimmte Loch zu graben. Die ——ͤ— 3 217 Huiſſiers protokolliren in Gegenwart des Fiskalprokurators und ihres Gerichtsherrn, die Unterſchriften werden beigefuͤgt, und der Pfahl wird aufgerichtet! Nachdem der Herr Graf von Cade⸗ ville ſeine lehnsherrlichen Rechte auf dieſe Art verwahrt hat, entfernte er ſich. Man verſichert, daß er bei dieſer Unternehmung vom großem Gluͤcke zu ſagen gehabt habe. Seine Freunde glauben ſogar, daß/ wenn er den ganzen Umfang der Gefahr gekannt haͤtte, er ſich ihr vicht wuͤrde ausgeſetzt haben. Niemand zweifelt die Marquiſe wuͤrde, wenn ſie in Zeiten von dem Vor⸗ haben des Grafen unterrichtet geweſen waͤre, eine foͤrmliche Belagerung ausgehal⸗ ten, und ihre Feldſchlangen haben ſpielen laſſen, ehe ſie ſich einer ſolchen Demuͤthi⸗ gung unterworfen haͤtte; der guͤnſtige Er⸗ folg der Expedition war alſo bloß eine 318 Folge der Sicherheit, in der ſie durch die ſcheinbare Unmoglichkeit einer ſolchen Kuͤhnheit beſtaͤrkt wurde. Daß der Pfahl herausgeriſſen, und ſo wie der Tiſch, der die Schuld auf ſich geladen hatte, dem Protokollbogen zur Unterlage gedient zu haben, verbrannt wur⸗ de, daß die Marquiſe drei Tage bett⸗ laͤgrig war, daß ſi ſie alle Schloßbewohner ausſchalt, daß ſie waͤhrend drei ganzer Wochen keinen Fuß in den hochadeligen Ahnenſaal ſetzte, darf man denen nicht erſt ſagen, die mit ihrem Charakter bekannt ſind; Släalher Weiſe ſcheint der Zeit⸗ geiſt eine andere Richtung nehmen zu wollen! „Allerliebſt vorgetragen“ rief die Vicomteſſe aus.— Und wenn ich von dem Himmel das Talent der Dichtkunſt erhalten haͤtte, fuͤgte Madame Allote hin⸗ 319 zu, ſo wuͤrde ich in dieſer Erzaͤhlung Stoff zu einem epiſchen Gedichte finden. Die Unterhaltung drehte ſich noch einige Zeit um dieſen Gegenſtand. Jemehr Klementine darüber nachdachte, jemehr wuͤnſchte ſie ſich zu ihrem Entſchluſſe Gluͤck, der ſie vor der Verbindung mit einer Familie bewahrte, deren Hochmuth unbekraͤnzt iſt. Frau von Beaumanoir, welche mit Vergnuͤgen die vernuͤnftigen Anſichten Klementinens in Beziehung auf eheliche Verbindung bemerkte, ſahe demohngeachtet ſehr wohl ein, daß ein ſo wichtiger Schritt nicht von dem Zufalle der erſten beſten Bewerbung abhaͤngen duͤrfe, und gab daher dem Doktor den Auftrag, uͤber die jetzt in der Provinz vorhandenen paſſenden Partien einige Nachrichten einzuziehen, mit haupſaͤchlicher Beruͤckſichtigung derjenigen Eigenſchaften, 320 wodurch das Gluͤck ihrer Tochter moͤglichſe geſichert werden koͤnnte. Was die dem Marquis von Boisbriant ſchuldige Ant⸗ wort betraf, ſo uͤberließ man dieſe der Klugheit desjenigen, der ſich ſo thaͤtig fuͤr ihn verwendet hatte. Madame Allote errinnerte ihn das Saͤftchen moͤglichſt zu verſuͤßen.„Seien Sie außer Sorgen, erwiederte er, ein beſſerer Apotheker als ich wird ihm dieſen Dienſt leiſten, ich meine ſeine Eigenliebe.“ Ehe er Klementinen verließ, unter⸗ ſuchte er nochmals ihrem Puls und drang auf genauere Beobachtung der vorge⸗ ſchriebenen Diaͤt:„Ich weiß noch nicht, ſagte er, indem er ſeinen Hut und feine Gerte ſuchte, ob ich Ihnen nicht noch die Bewegung des Reitens verordnen werde. Unterdeſſen mein Fraͤulein, die Fußbaͤder und das Feilſpaͤnewaſſer nicht vergeſſen. 321 Sonſt werde ich mich genoͤthigt ſehen, meine Huͤlfstruppen in dem benachbarten Sumpf zu ſuchen, was mir wegen Ihres kleinen Eckels dafuͤr Leid thun ſollte. . 41 Sechzehntes Kapitel. Stolz und Niedertraͤchtigkeit.— Unruhe, und vertrauliche Er⸗ oͤffnung. Der Doktor hatte ſich in doppelter Hin⸗ ſicht geirrt; denn erſtlich fand ſich die Eigenliebe des Marquis üͤber alle Maßen durch die abſchlaͤgige Antwort gekraͤnkt, die ihn jener uͤberbrachte, und da⸗ durch zu mildern ſuchte, daß er verſicherte, Fraͤulein von Beaumanoir beduͤrfe nach einer ſolchen Kriſis der Ruhe und ihre II. Theil. 21 —— 322 zerruͤttete Geſundheit einer beſondern Pfle⸗ ge, ja vielleicht aͤrztlicher Behandlung und einer Reiſe, auf die der Doktor durch eine Art von Ahndung gefallen war, denn erſt ſpaͤter wurde ihm von den Damen in Helvin dies projekt vertraut, und zweitens ließ ſich der Herr von Bois⸗ briant nicht ſogleich abweiſen, wie man geglaubt hatte, im Gegentheil ſteigerte, was man nicht erwartet haͤtte, ſeine ver⸗ wundete Eitelkeit, eine voruͤbergehende Laune zur Leidenſchaft, welche freilich durch die ausgezeichnete Schoͤnheit genaͤhrt wur⸗ de, die er an dem Tage, an welchem die Familie Beaumanoir dem Hochamte in St. Nolf beiwohnte, zu bewundern Gele⸗ genheit gehabt hatte. In ſeinen Augen ſtraften die zarte Roͤthe auf Klementinens Wangen, und die Fuͤlle ihres Koͤrperbaues, das Vorgeben des Arztes Luͤgen⸗ Durch 323 die Hinderniſſe und durch die eingezogenen naͤhren Nachrichten uͤber die liebenswuͤrdi⸗ gen Eigenſchaften dieſer jungen Dame nur noch mehr aufgereizt, und laͤngſt da⸗ von unterrichtet, daß weder der Vicomteſſe noch Madame Alloten die Sitten der gro⸗ ßen Welt fremd waren, wurde er in ſei⸗ ner Ueberzeugung, daß man dieſe Angele⸗ genheit ein wenig zu leicht behandelt ha⸗ be, noch mehr beſtaͤrkt. Entſchloſſen ſie ernſtlicher zu betreiben, weil ihm der Er⸗ folg wichtiger geworden war, hielt er den⸗ ſelben fuͤr unfehlbar, wenn er ſeine Mut⸗ ter zu einem perſoͤnlichen Schritt vermoͤ⸗ gen koͤnnte. Dies hieß die maͤchtigſten Hebel in Bewegung ſetzen. Aber, wie es anzufangen, um eine ſtolze, hochfahrende Frau hierzu zu bewegen, die die Verdienſte nur nach Ahnen abwaͤgt, die in ihrem ge⸗ ſellſchaftlichem Kreiſe den Vicomte von 21* 324 Beaumanoir mehr als ein Mal der Ehre verluſtig erklaͤrt hat, dem beruͤhmten Hauſe dieſes Namens anzugehoͤren, welches ihr zu folgen laͤngſt verloſchen war, die ſei⸗ ner Wittwe ihre dreiſſig kauſend Livres Renten, und noch mehr den Gebrauch den ſte davon macht, beneidete, die ſich ſogar ſo weit vergeſſen hatte, ſie die kleine Buͤr⸗ gersfrau zu nennen, die ſich immer auf ihren Sonntag freuete? Wie das anfan⸗ gen?— Ihr Sohn erreichte ſeinen Ameck in einer Vierkelſtunde. Er tritt in das Zimmer der Vicom⸗ teſſe, und, mit dem Ruͤcken an die Mar⸗ morplatte des Kamins gekehrt, ſagte er zu ihr in einem leichten Tone: Der Marquis.— So eben hab' ich mir einen Korb geholt. Die Marquiſe.— Ich verſtehe Sie nicht Herr Marquis Der Marquis.— Laſſen Sie ſich alſo ſagen, gnaͤdige Frau, daß ich vor fuͤnf oder ſechs Tagen den Doktor Bou⸗ net, der Ihre Demoiſelle Hervè beſuchte, veranlaßt habe, in meinem Namen um die Hand des Fraͤuleins von Beaumanoir an⸗ zuhalten; nun denn; er ſchreibt mir daß ich abgewieſen bin! Da, leſen Sie! Die Marquiſe, nachdem ſie das Biller geleſen hat, gibt es ihm mit folgenden Worten zuruͤck: Du verdienteſt dieſe Demuͤthigung! Das Buͤrgermaͤdchen hat mehr Verſtand als ich ihr zugetraut haͤtte. Sie hat wohl eingeſehen, daß, da mein Name in dieſer Angelegenheit fehlte, ich nie meine Einwilligung zu einer ſolchen Mishei⸗ rath geben wuͤrde. Der Marquis.— Und Sie wer⸗ den ſie doch geben, ja, noch mehr, Sie 326 werden ſich entſchließen muͤſſen, die Auwer⸗ bung in meinem Namen perſoͤnlich zu wie⸗ derholen. Die Marquiſe.— Biſt du von Sinnen? Iſt es Scherz— Bedenken Sie Herr Marquis, daß ich in dieſen Falle keinen verſtehe. Als ich mich mit dem Boisbriant verband, glaubte ich nicht un⸗ ſere beiden Namen dereinſt in den Koth verſunken zu ſehen! Der Marquis.— Welche Ueber⸗ treibung!— Wozu dies Aufbrauſen! Ihre Schweſter koͤnnte ſich nicht heftiger gebaͤrden; als ob eine Beaumanoir ein nichtswuͤrdiges Maͤdchen, und als ob zwei⸗ mal hunderttauſend Thaler Mitgift fuͤr nichts zu rechnen waͤre! Die Marquiſe.— Und wird Ihre Frau Hoffaͤhig ſeyn Herr Marquis, und von welchen Orden werden Ihre Kin⸗ der Ritter werden, nicht einmal ein Mal⸗ theſerkreuz werden Sie in das Knopfloch ihver juͤngern Soͤhne knuͤpfen koͤnnen. Der Marquis.— Aber, abge⸗ wießen fage ich Ihnen, gnaͤdige Frau, dies iſt das groͤßte Ungluͤck, das mir und Ih⸗ nen haͤtte wiederfahren koͤnnen. 4 Die Marquiſe.— Mir! Ich moͤchte doch wiſſen, was eine Coatansco⸗ urs mit einer Enkelin eines Freville ge⸗ mein haben kann! Der Marquis.— Sie ſollen es gleich erfahren, als Sie den Marquis hei⸗ ratheten, haben Sie ihm nichts, oder ſo⸗ viel als nichts mitgebracht, um ſeine Guͤter ſchuldenfrei zu machen. Aber ſier haben gewiß nur zu bald erfahren, daß dieſe Guͤter ſeit langer Zeir verſchuldet waren, und daß mein Grosvater ihm ein Erbtheil 328 mit Vorbehalt der Rechtsbeguͤnſtigung des Inventariums*) hinterlaſſen hat, welches niemals aufs Reine gebracht worden iſt, ſo wenig als ich das von ihm auf mich übergegangene je aufs Reine werde brin⸗ gen koͤnnen. Ich benutze es wie mein Vater, in der Eigenſchaft eines Pachters. Wenn ich aber die wichtigſten Familien⸗ guͤter nicht bald ſchuldenfrei mache, ſo wer⸗ den wir aus dem Beſitzſtand geſetzt. Schon iſt das Creditweſen in Rennes an⸗ haͤngig, man meldet mir ſogar, daß das Locationsurtheil parat liegt. Alles ſteht auf dem Spiele. Ich brauche Geld. 0) Es war bei den adelichen Haͤuſern in Bretagne ſehr gewoͤhnlich, daß die Guͤter von einem Erben auf den andern unter der Rechts⸗ wohlthat des Inventariums(sub beneficio in- ventarii) pachtweis, oder vermoͤge eines ausge⸗ wuͤrkten Moratoriums, auf die aͤlteſten Soͤhne, bis zum gaͤnzlichen Ruin der Glaͤubiger und der gan⸗ zen Familie, uͤbergingen. — Ohne Hypothek kann ich jetzt keinen Sol auftreiben; Heirathe ich morgen Fraͤulein von Beaumanoir, ſo ſtehen hunderttauſend Thaler zu meinen Dienſten; ich kann uͤber die Kaſſen aller Kapitaliſten verfuͤgen, und unſer Haus ſteht wieder feſt. Dies iſt meine Lage, gnaͤdige Frau, jetzt urthei⸗ len Sie ſelbſt, ich unterwerfe mich Ihrer Entſcheidung. Die Marquiſe.— Ich bin un⸗ gluͤcklich genug um einzuſehen, daß viel Wahres in dieſer Darſtellung iſt. Herr von Beaubriant ſeliger, ſagte mir oͤfters, daß er ſeinen Erben zwei Inventaria aufs Reine zubringen hinterlaſſe; aber dies be⸗ unruhigte ihn wenig, er trank, er jagte und wenn Sie Herr Marquis ihn hierin⸗ nen nicht durchaus nachahmen, ſo machen Ihre Ausfluͤge nach Paris Ihre Angele⸗ genheit wenigſtens nicht beſſer. 330 Der Marquis.— Allerdings hat mich meine letzte Reiſe nach Paris fuͤnf⸗ hundert Louisd'or gekoſtet, keinen Pfennig mehr; aber fuͤnfhundert Louisd'or köoͤnnen mich jetzt nicht mehr retten. Ihre Schwe⸗ ſter, das wiſſen Sie ſelbſt, wuͤrde ſich Ih⸗ rentwegen nicht von einem Sack von tau⸗ fend Thalern trennen. Sie kennt auf Erden nichts Hoͤheres als den Namen: Coatanscours! 93 Die Marquiſe.— Wollte der Himmel ich haͤtte ihn eben ſo wenig auf⸗ gegeben als ſie, ſo waͤre ich jetzt nicht genoͤthigt mich zu Erniedrigungen herabzu⸗ laſſen. Ihr Grosvater, Herr Marquis, hatte Thorheiten begangen wie Sie, und er endigte mit einer Mißheirath; es ge⸗ lang mir das Andenken daran zu verloͤ⸗ ſchenz aber nun kommt die Reihe an den Herrn Marquis, und ſo werden denn die 331 Boisbriaut in einem Jahrhundert zweimal genoͤthigt geweſen ſeyn, ihre Beſßtungen mit Koth zu duͤngen. Der Marquis.—(Seine Mutter umarmend) Was hilft es, liebe Marquiſe; haͤtten Sie ſie ein wenig fetter geduͤngt, ſtatt ſich darauf zu beſchraͤnken uns eines der ſchoͤnſten Wappenſchilder von Bretagne mitzubringen, ſo beduͤrfte es jetzt dieſer Wiederholung nichk. Die Marquiſe.—(Die Umar⸗ mung ihres Sohnes duldend) Wenn nur Cherin*) ſich nicht beigehen laͤßt, Ihrer zukuͤnftigen Gemahlin den Namen Beau⸗ manoir ſtreitig zu machen! Ein ſolcher Schlag fehlte noch zu unſerm gaͤnzlichen Sturze!. *) Ein damals beruͤhmter Genealogiſt in Frankreich. 332 Zwei Stunden nach dieſer Unhaltung, (von der wir, Falls jemand ſich deshalb einen Zweifel erlauben koͤnnte, auf Schrift⸗ ſtellerwort verſichern, daß ſte zwiſchen Mutter und Sohne ſtatt fand, und erſt bei dem Eintritte des Doktors Bonnet aufhoͤrte, der gekommen war, um das Bein der Kammerfrau der Marquiſe zu behandeln) wird auf der Burg Helvin ein Billet durch ſichre Hand uͤbergeben. Ma⸗ dame Allote, an welche es gerichter iſt, oͤffnet es. Es war folgenden Inhalts: „Liebe Madame Allote, ich habe nur ſo viel Zeit Sie zu benachrichtigen, daß Sie, wenige Minuten nach Empfang die⸗ ſes den Beſuch des Marquis und der Marquiſe von Boisbriant zu erwarten ha⸗ ben. So eben wird angeſpannt. Zerriſ⸗ ſen iſt der angenehme Zirkel zu Helvin, wenn Klementine Ihnen entfuͤhrt wird. 333 Das arme Kind wuͤrde nicht gluͤcklicher ſeyn als Sie. Wenn man wenigſtens ih⸗ re Vorzuͤge und die liebenswuͤrdigen Ei⸗ genſchaften der Vicomteſſe und ihrer Freundin in Anſchlag braͤchte,(denn mein Urtheil uͤber alle drei iſt Ihnen bekannt) ſo wollte ich noch nichts ſagen, aber hier demuͤthigt ſich der Stolz vor dem Gelde. Ich haͤtte es nie erwartet. Bei unſerer naͤchſten Zuſammenkunft werde ich Ihnen alles erzaͤhlen.— Ich muß mich in dieſem Hauſe verſtellen, und ſpiele eine Rolle die mir im hoͤchſten Grade zuwider iſt. Aber, wie kann ich anders, meine liebens⸗ wuͤrdige Freundin? Ich bin Bezirksarzt; ich werde aͤlter und noͤchte nicht gerne meine Station noch einmal veraͤndern, uͤb⸗ rigens werde ich nie vergeſſen, wie mir es, nach meiner Antwort in der Gallerie von Kerham erging. 334 Lieber Jobic Kerſtrat, zehn Mal lie⸗ ber, verſtehen Sie mich! Verbrennen Sie dies Billet. Ich kuͤſſe Ihnen die Haͤnde. Bonnet.“ Das duͤſtere Schloß Helvin hatte al⸗ ſo einen Beſuch zu erwarten, der als das außerordentlichſte, erſtaunungswuͤrdigſte, unglaublichſte Ereigniß betrachtet werden konnte, kurz, der alle auf einander gehaͤufte Superlative der Frau von Sevigné ver⸗ diente, womit ſie die Verbindung eines Gascogniſchen Cadets mit der Enkelin Heinrichs IV ankuͤndigt. Diejenige, die dem Vicomte bei ſeinen Lebzeiten ſeine Abkunft ſtreitig gemacht hatte, war im Begriff ſich vor ſeiner Wittwe zu demuͤ⸗ thigen, auf eine Mißheirath im eigentli⸗ chen Sinne des Worts anzutragen, ohne zu bedenken, daß ſie ihren Enkeln den Eintritt in die Kutſchen des Koͤnigs ver⸗ 335 ſchloß. Man darf naͤmlich nicht vergeſſen, daß zu jener Zeit, in welche dieſe Ge⸗ ſchichte faͤllt, die Zulaſſung in die koͤnigliche Kutſche, ob politiſch oder nicht, als Schei⸗ dungslinie zwiſchen dem, Hofaͤmter beklei⸗ denden, und dem armen in der Dunkelheit lebenden Adel, angenommen wurde. Der Bretagniſche Adel hatte die Unklugheit gehabt in dieſe Falle zu gehen, ohne zu merken, daß dadurch ſeine ganze Kraft ge⸗ laͤhmt wurde. Das Billet wurde ein und zwei Mal geleſen, und dann verbrannt. Kaum hatte man den darauf Bezug habenden Entſchluß gefaßt, als die elegante Equipage der Boisbriant in den Burghof einrollte. Die Marquiſe ließ ſich anſagen, und ſtieg, auf den Arm des Marquis geſtuͤtzt, die Treppe hinauf. Sie wurde mit den her⸗ koͤmmlichen Hoͤflichkeitsbezeugungen in dem 336 Zimmer der Frau von Beaumanoir em⸗ pfangen. Die drei Freundinnen waren bei einander; die Vicomteſſe wollte es ſo. Nach einigen Komplimenten uͤber den bluͤhenden Geſundheitszuſtand der drei Da⸗ men, der allerdings ſchwer abzulaͤngnen geweſen waͤre, nach einigen mehr affectir⸗ ten als durch ein wahres Gefuhl einge⸗ gebenen Exklamazionen uͤber Klementinens Ruͤckkehr ins Leben, knuͤpfte die Marquiſe in einem einſchmeichelnden Tone die Un⸗ terhaltung an, waͤhrend Madame Allote ſich uͤber ihren Stickrahmen beugte; Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir ſchien dem Mar⸗ quis anzuhören, der ſte mit Augen, denen man die Abſicht haͤtte unterlegen koͤnnen, voor Liebe trunken ſcheinen zu wollen, mit gedaͤmpfter Stimme von den letzten Baͤl⸗ len in Rennes unterhielt; von dieſem kam er auf die Opernbaͤlle, dann auf den großen Beifall des Barbiers von Sevilla und auf das treffliche Spiel der Demoi⸗ ſelle Contat, deren Leiſtungen ſpaͤterhin in der Rolle der Suſanna ſo vollendet wa⸗ ren:*) Die Marquiſe.— Wir ſind Nachbarinnen, Vicomteſſe, und doch ſchei⸗ nen wir es beinahe zu vergeſſen! Ich fuͤr meinen Theil verzeihe mir es kaum; ach, wir muͤſſen uns oͤfter ſehen. Die Vicomteſſe.— Es wird mir immer ſchmeichelhaft ſeyn, mit un⸗ ſern verehrter Nachbarinnen in freund⸗ ſchaftlichen Verhaͤltniſſen zu ſtehen. Die Marquiſe.— Eben dies wuͤnſche ich auch, und erbitte mir es fuͤr *) Wirklich wurde der Barbiek von Sevilla 1775 zum erſten Male gegeben. Dazincourt ſchuf die Rolle des Figarol, Mademoiſelle Contat hob die der Suſanng erſt einige Jahre ſpaͤter. II Theil. 22 338 mich und meinen Sohn. Nicht war Chri⸗ ſtian, Verhaͤltniſſe?.5 Der junge Marquis beſtaͤtigte die Ver⸗ ſicherung ſeiner Mutter; dieſe fuhr fort: „Zum Beiſpiel Vicomteſſe, es iſt mir— geſagt worden, daß Sie im Spaͤtjahre nach Paris zu reiſen gedaͤchten, mein Sohn ligt mir ſchon ſeit langer Zeit an, dieſe Reiſe zu machen. Obgleich zehen Jahre juͤnger als meine Schweſter, hab ich es ihm immer abgeſchlagen; aber, wenn Sie von der Partie ſind, ſo nehme ich es an. Das waͤre allerliebſt; als getreue Nachba⸗ rinnen wuͤrden wir uns nie verlaſſen. Wir koͤnnten uns ſogar einrichten, mit einander zuruͤck zukommen. Hoͤren Sie wohl mein leichtfertiger Herr, diesmal wird man ein wachſames Auge auf ſie haben! Die Vicomteſſe.— Es iſt man⸗ ches Unrichtige in dem was man Ihnen 339 hieruͤber geſagt hat, Frau Marquiſe; es iſt moͤglich daß wir kuͤnftiges Fruͤhjahr ei⸗ ne kleine Reiſe machen, aber wir bringen den ganzen Winter auf dem Lande zu. Die Marquiſe.— Wie, den gan⸗ zen Winter, aber das iſt eine abſcheuliche Jahreszeit. Ich fuͤr meinen Theil habe einem andern Geſchmack als meine Schwe⸗ ſter, die nicht aus ihrem Schloſſe Kerham kommt. Wahr iſt'’s, das heißt ein Schloß!— Ein ſehenswuͤrdiges Schloß in der That. Inzwiſchen wuͤrde ih doch vor langer Weile ſterben, wenn ich bis zum Monat November dort bleiben ſollte. Die Vicomteſſe.— Ich geſtehe, daß Helvin ſich bei weitem der Vorzuͤge nicht ruͤhmen kann, die das Schloß Ihrer Frau Schweſter darbietet; aber ich habe hier viele Jahre verlebt; meine Tochter iſt hier gebohren, ſie gefaͤllt ſich hier; meine 22* 340 Freundin hat ſich aus Sympathie unſern Geſchmack angeeignet; wir ſind faſt immer beſchaͤftigt, und die guten Menſchen, von denen wir umgeben ſind, nehmen ſo vielen Theil an uns! Die Marquiſe.— Sie verdie⸗ nen es in jeder Hinſicht Vicomteſſe. Ich komme wenig aus„ aber ich rechne darauf, daß Sie, als die Juͤngſte unter den bei⸗ den Nachbarinnen, mich in Boisbriant be⸗ ſuchen werden. Madame Allote wird, wie ich hoffe, Sie begleiten. Sie iſt, wie ich hoͤre, eine vollendete Landſchaftmahlerin, wir haben ihr koͤſtliche Ausſichten darzu⸗ bieten(hier machte Madame Allote eine ehrfurchtsvolle Verbeugung.) Was die Ihnen ſchuldigen Beſuche betrifft, meine liebe Vicomteſſe, werden Sie wohl die Gnade haben, meinem Sohne das Recht einzuraͤumen, ſie abſtatten zu duͤrfen? 341 Die Vicomreſſe.— Warum nicht Frau Marquiſe? Die Marquiſe.— O! dann ſind alle meine Waͤnſche erfuͤllt! Sie erlauben ihm alſo zu hoffen? Er wird fuͤr Freudo außer ſich ſeyn. Die Vicomteſſe.— Als Nachba⸗ rin Frau Marquiſe, und da ich zu einer Frau von Stande rede, halte ich mich fuͤr verpflichtet, mich mit derjenigen Frei⸗ muͤthigkeit zu erklaͤren, welche man in ei⸗ ner Provinz gewohnt iſt, die mir die Ehre erzeugt hat, mich zu adoptiren. Schon vor zwei Tagen hat uns der Doktor von dieſem Gegenſtande unterhalten; wir wiſ⸗ ſen nicht, ob es mit Ihren Willen geſche⸗ hen iſt; unſere Antwort war ausweichend, ſie konnte nicht anders ausfallen, diesmal ſoll ſie beſtimmt und ohne Umſchweife ſeyn 342 „Wenn meine Tochter, als Folge ih⸗ rer Krankheit, noch eine leichte Unbehag⸗ lichkeit fuͤhlt, ſo ſchmeichle ich mir, daß dies hoͤchſtens noch einige Wochen dauern wird; ich geſtehe ſogar, daß ſie kaum be⸗ merkbar iſt.“ (Bei dieſen Worten, warf die zaͤrtliche Mutter einen wohlgefaͤlligen Blick auf ihre Tochter, welche ſich von der Unterhal⸗ tung des Marquis losgemacht hatte, der ſeiner Seits mit geſpannter Aufmerkſamkeit dem Geſpraͤche der beiden Muͤtter zuhoͤrte. Die Vicomteſſe fuhr fort:) „Ohne gerade das Alter erreicht zu haben, in welchem man gewoͤhnlich an eine Veraͤnderung dieſer Art denkt, befindet ſich Klementine doch in den Jahren, wo man ſie nicht von ſich weiſt. Dankbar er⸗ kennt ſie die Ehre Ihrer Bewerbung, aber ſie hat wenig Bekanntſchaft unter 343 dem jungen Adel von Bretagne, und ſchmeichelt ſich, daß, da alle ſtoͤrende Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen ihm und uns, ſelbſt durch unſer Ungluͤck hoffentlich aufgehoben ſind, es ihr moͤglich ſeyn werde, ihn genauer kennen zu lernen, um ihre dereinſtige Wahl zu beſtimmen, die jedoch nach ihrem feſtem Entſchluß nicht unter zwei Jahren Statt ſinden wird; dann wird ſie nicht viel uͤber neunzehen Jahr alt ſeyn. Da ihr Vorhaben meinen ganzen Beifall hat, ſo bin ich, um in ihre Anſichten moͤglichſt einzugehen, entſchloſſen, nach Beendigung der kleinen Reiſe, deren ich erwaͤhnt habe, ein Hotel in Vannes und das darauf fol⸗ gende Jahr eines in Rennes zu miethen, wo ich waͤhrend zwei Wintern die Perſo, nen, die uns mit ihrer Gegenwart beeh⸗ ren wollen, mit Vergnuͤgen aufnehmen werde.“ 344 Die Marquiſe.—(In einem ce⸗ remonioͤſen Tone)— Allerdings hat das Fraͤnlein die Wahl, und Anſpruͤche auf die glaͤnzenſten und reichſten Partien; dieſer Stolz iſt ihr erlaubt; ich glaubte indeſſen daß die Familie meines Sohnes nicht von geſtern her iſt, und daß unſere Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde.... Die Vicomteſſe.—(giemlich lebhaft) Ich habe mich wahrſcheinlich falſch ausgedruͤckt, Frau Marquiſe, denn ich habe das Ungluͤck gehabt, von Ihnen mißverſtanden zu werden. Klementine macht weder Anſpruͤche, noch iſt ſie von einem falſchen Stolze beſeelt, eben ſo we⸗ nig als ich, wir wiſfen zu gut daß ſie nicht gluͤcklich machen. Eine vornehme Geburt iſt allerdings ein Vorzug, und hat ihren Werth, es waͤre in meinem Munde doppelt unpaſſend, dies nicht zugeben zu 345 wollen. Indeſſen gibt es in Bretagne wenig adeliche Haͤuſer, die ſich nicht ohne Entwuͤrdigung, mit einander verbinden koͤnnten, und ich kenne meine Tochter hin⸗ laͤnglich, um uͤberzeugt zul ſeyn, daß ſie in dieſer Hinſicht bei ihrem zukuͤnftigen Gatten die vorherrſchende Idee eines Ue⸗ bergewichts, die zwar in den geſellſchaft⸗ lichen Verhaͤltniſſen etwas Schmeichelhaf⸗ tes haben kann, aber in den haͤuslichen man⸗ ches Unangenehme hat, nicht wuͤnſchens⸗ werth finden wuͤrde. Die Marquiſe.— Aber meine lie⸗ benswuͤrdigen Nachbarinnen haben ſo etwas nicht zu befuͤrchten. Wer haͤtte wohl mei⸗ nem Sohne Anſpruͤche aͤhnlicher Art Schuld geben koͤnnen? Einige Neider, einige Feinde. Zwiſchen den Boisbriant und den Beaumanoir iſt, wie Sie ſo eben ſehr richtig bemerkten, kein Unterſchied. Viel⸗ A 6 6 346 leicht haben ſogar die Beaumanoir zuwei⸗ len den Vorrang gehabt. In der Schlacht bei Trident haben ſie ſich ein ehrenvolles Denkmahl errichtet! 1 Die Vicomteſſe.— Großer Reichthum wuͤrde von ihr noch weniger beruͤckſichtigt werden. Meine Tochter be⸗ ſitzt ein Vermoͤgen von zweimal hundert⸗ tauſend Thalern, vielleicht noch mehr, ohne meine Diamanten und einige Erſparniſſe in Anſchlag zu bringen! ſie iſt alſo in dem Falle bloß auf perſoͤnlichen Vorzuͤge zu ſehen; und aufrichtig geſagt, ein zu großes Vermoͤgen wuͤrde uns ein wenig erſchrecken. Es veranlaßt zu ſo Vielem, es verlangt eine ſo umſichtige Verwal⸗ tung!... Sie haben nur einen Sohn und ſind ſehr reich Frau Marquiſe. Die Marquiſe.— Weniger als man uns ſchaͤtzt, liebe Vicomteſſe, weit 347 weniger! Wenn Sie hier zu Lande zwan⸗ zig tauſend Livrees Renten haben, ſo gibt man Ihnen gleich funfzig!— haben Sie funfzig, ſo werden Sie bald hundert haben. Dies iſt unſere Lage. Nur Sie laͤßt man in dieſer Hinſicht ungehudelt. Ich habe Sie immer fuͤr eine Dame von dreiſſig tauſend Franken Einkuͤnfte gehal⸗ ten, aber niemand ſchlaͤgt ſie hoͤher an. Das kommt wohl daher, weil man Sie nicht beneidet! Dieſe letzten Worte waren ein un⸗ willkuͤhrlicher Blitzſtrahl aus der Tiefe ihres Charakters, und zwang den drei Freundinnen ein Laͤcheln ab. Der Mar⸗ quis war wortkarg und ſchien uͤbler Laune zu ſeyn. Man ſchied von einander hoͤflich, aber kalt. Acht Tage darauf wurde der Beſuch auf dem hochadelichen Schloſſe Boisbriant erwiedert, wo man die drei — ͤ 348 Freundinnen mit aller gerichtsherlichen Feierlichkeit und Wuͤrde empfing. Der Sohn war abweſend, er traf Anſtalten nach Rennes, und wenn es ihm gelaͤnge ein Moratorium zu erlangen, von da nach Paris zu reiſen. Bei ſeiner Zuruͤck⸗ kunft von Helvin, hatte er ſeiner Mutter bewieſen, daß Frau von Beaumanoir nicht nur den Vortheil der leichten Unterhal⸗ tung vor ihr voraus gehabt habe, ohne ſich zu etwas verbindlich zu machen, ſon⸗ dern auch(worinnen er ſich jedoch irrte) die Marquiſe auf eine feine Art zu pein⸗ lichen Einraͤumungen und Geſtaͤndniſſen verleitet habe. Von jetzt an hoͤrten alle Verhaͤltniſſe zwiſchen den Bewohnern der beiden Schloͤſſer auf. Mißvergnuͤgt mit ſich ſelbſt und mit der Rolle, die ſie ge⸗ ſpielt hatte, ſchwur die wuͤrdige Schwe⸗ ſter der Marquiſe von Coatanscours den 240 349 Allote hatte es vorausgeſehen. Kaum rollte der Wagen der Boisbriant aus dem Burgthor von Helvin, als Henriette die Vicomteſſe mit dieſen Worten umarmte. Dn biſt das ganz geweſen, was du ſeyn mußteſt, hoͤflich, Frau von gutem Tone, zaͤrtliche Mutter, Frau von Beaumanoir, ja ſogar Fraͤulein von Freville; dies freut mich ſehr; Die Marquiſe dagegen mit ih⸗ ren hochfahrenden Arten iſt nichts als eine Naͤrrin geweſen. Ihr Sohn fuͤhlte es wohl. Ich habe es bemerkt, wie er an den Naͤgeln kauete, und gegen das Ende der Unterhaltung ſich zwei bis drei Mal nen zwei unverſoͤnliche Feindinnen haben, darauf koͤnnen wir rechnen. Die Marquiſe wird es dir, liebe Karoline, nie vergeben, Beaumanoirs einen ewigen Haß. Madame in die Lippen biß. Aber daß wir an ih⸗ ſte dahin gebracht zu haben, dir zu ſagen, ——õÿ— — X daß die Beaumanoir den Vortritt vor den Boisbriant haben koͤnnten, und hauptſaͤch⸗ lich die große Meinung von ihrem Reich⸗ thume ſelbſt herabgeſtimmt zu haben. Mit Ausnahme dieſer letzten Aeußerung war in ihrem Tone und in ihren honigſuͤ⸗ ßen Worken nichts als Falſchheit; ſei uͤberzeugt, ein ſolches Geſtaͤndniß beweiſt die Verlegenheit in den Finanzen dieſes Hauſes! Wie? in Boisbriant gaͤbe es koͤſt⸗ liche Ausſichten fuͤr den Pinſel der Ma⸗ dame Allote! Dieſe Worte allein laſſen keinen Zweifel mehr uͤbrig.“ Die Anwerbung, der man ſich ſo eben entzogen hatte, enthielt gerade nichts, was Klementinen haͤtte beſonders ſchmerz⸗ lich ſeyn koͤnnen, und doch hatte ſie auf ihr junges Gemuͤth einen traurigen Ein⸗ druck gemacht. Als ſie ſich am folgenden Abend in dem Garten befand, den ſie 351 wenig und nur dann beſuchte, wenn der Himmel mit Gewittern drohte, erfuͤllte ſte der Gedanke mit Wehmuth, daß ohne den Tod des Herrn Delpont ſie keinen aͤhnlichen Zudringlichkeiten ausgeſetzt ſeyn wuͤrde, denen jetzt nur eine Heirath ein Ziel ſetzen koͤnne. Aber was fuͤr eine Heirath? Dunkel umhuͤllts dieſe Frage, und zugleich das Gluͤck oder das Ungluͤck ihres Lebens, ſelbſt das ihrer geliebten Gefaͤhrtinnen: waͤhrend bei Eduard dieſe Frage uͤberfluͤſſig, und nur Zufriedenheit fuͤr die Gegenwart, und Sicherheit fuͤr die Zukunft zu erwarten geweſen ſeyn wuͤrde! Thraͤnen fuͤllten ihre Augen und fielen auf das Tuch, das ſie in den Haͤnden hatte; und der Anblick der beiden Ringe gaben ihr Veranlaſſung, ſich uͤber die ver⸗ geblichen Nachfuchungen zu betruͤben, zu welchen der Sardonix Gelegenheit gegeben — ꝗᷣ———— 352 ⸗ hatte. Folgendes kurze und traurige Selbſtgeſpraͤch war eine Folge dieſer Be⸗ merkung: 1 Slain „Eduard ſagte zu mir, als er mir dieſen Ring an den Finger ſteckte: „Ich werde ihn immer gern an dieſer Stelle ſehen, er wird mir ein Unter⸗ pfand Deiner Anhaͤnglichkeit und Dei⸗ ner Treue ſeyn. Nun denn, antwortete ich ihm, immer ſoll er an dieſen Finger bleiben, lieber Freund, ſelbſt die Stunden des Schlummers ſollen ihn nicht davon verdraͤngen!“ Wenn Eduard noch lebte, wuͤrde er mir laͤchelnd vorwerfen, ich haͤtte ihm die Treue gebrochen? er wuͤrde es ſa⸗ gen aber nicht glauben. Und werde ich nun doch nicht gezwungen ſeyn, einem an⸗ dern... fort von mir ſchrecklicher Gedanke! Sollten nicht bei Handlungen, denen unſer Herz widerſtrebt, Gefuͤhl und Erinnerung uns verlaſſen. Schnell entflohen die Tage, der Oe⸗ tober naͤherte ſich ſeinem Ende, und die Familie Beaumanoir genoß einer Ruhe, deren ſie ſich eben ſo ſehr erfreute, als ſie den ſie umgebenden, ehrlichen Landleu⸗ ten zum Vortheil gereichte. Nachdem die erſten Beſuche voruͤber waren, die das In⸗ tereſſe, welches ein merkwuͤrdiges Ereig⸗ niß bei uns erregt, herbeizog, und an de⸗ nen die Neugierde ihren großen Antheil hatte, ſchraͤnkten ſich die Damen von Hel⸗ vin wieder auf ihren gewoͤhnlichen Um⸗ gang ein. Hierzu gehoͤrten ein halbes Dutzend Edelleute mit ihren achtbaren Gat⸗ tinnen, der wuͤrdige Herr Leny, und die junge und ſanfte Gattin des Kapitain Fe⸗ rec: aber dieſe Letztern ſahe man nur ſel⸗ ten auf der Burg, ohnerachtet der gegen⸗ II. Theil. 23 — — — — 354 ſeitigen Zuneigung, die ſie dahin haͤtte ziehen ſollen. Denn wenn ein Weg von zwei Stunden fuͤr einen kraftvollen Mann, der ſeine Buͤchſe auf den Ruͤcken, und ſeinen Jagthund vor ſich her laufen hat, fuͤr nichts zu rechnen iſt, ſo treten bei ei⸗ ner Dame, welcher kein Wagen zu Ge⸗ bote ſteht, andere Bedenklichkeiten ein. Daher unternahm Madame Ferec nur von Zeit zu Zeit, und wenn ſich eine ſchick⸗ liche Begleitung fand, dieſe Wandrung, und blieb dann gewoͤhnlich auf der Burg uͤber Nacht, wenn ſie nicht der biedere Herr Arnoult zu ihrem Vater zuruͤckbrach⸗ te, welchem aber freilich ſeine Notariats⸗ geſchaͤfte nur ſelten erlaubten, ſich vom Schloſſe zu entfernen, da er ſelbſt Sonn⸗ tags ſich ihnen widmen mußte, indem dieß der Tag iſt, an welchem der Landmann am liebſten feine Zahlungen leiſtet, und ſeine Lehnsangelegenheiten beſorgt. Was den Doktor Bonnet betraf, ſo hielt ihn nur eine einzige, von der Vi⸗ comteſſe bitter getadelte Ruͤckſicht ab, oͤff⸗ ters auf dem Schloſſe zu erſcheinen, da naͤmlich alle ſeine Beſuche in Rechnung ge⸗ bracht wurden, ſo huͤtete er, ſelbſt auf Koſten ſeiner Neigung ſich moͤglichſt, ſie zu vermehren.. Mochte ihm Frau von Beaumanoir auch immer vorſtellen, wie vortheilhaft es fuͤr eine, auf dem Lande wohnende Familie ſei, ihren Arzt ſo oft als nur moͤglich zu ſehen, beſonders wenn er in einer ziemlich weiten Entfernung von ihr wohnte, mochte ſie ihm immer die richtige Bemerkung machen, daß, bei oͤf⸗ tern Zuſammenkommen, man ihn mit den geringſten Veraͤnderungen in dem Geſund⸗ heitszuſtand bekannt machen kann, die durch 23* 356 ſeinen guten Rath gleich im Entſtehen wie⸗ der in Ordnung gebracht werden koͤnnen, und wegen welcher man oͤfters Anſtand nimmt, einen Boten nach ihn abzufertigen, aus Furcht ſich laͤcherlich zu machen; der treffliche Mann huͤtete ſich wohl dieſe An⸗ ſicht zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Seit einem Monate indeſſen ſchien er ſei⸗ ne gewohnte Zuruͤckhaltung vergeſſen zu haben, und man war noch nicht weit im Oktober, als man ihn ſicher einen Tag um den andern auf Burg Helvin treffen konnte.— Mit großer Strenge wachte er ſelbſt uͤber die genaue Befolgung der, Kle⸗ mentinen vorgeſchriebenen, Diaͤt. Eines Abends fanden ihn die Freun⸗ dinnen ganz wieder ſeine Gewohnheit in ſich gekehrt; ja beim Abſchied ſchien ſein ganzes Benehmen eine unbegreifliche Be⸗ fangenheit zu verrathen; dies war ihnen 357 ſehr ſchmerzlich, und die Vicomteſſe em⸗ pfahl Madame Alloten den Doktor auf ei⸗ ne zarte Weiſe uͤber ſeine pekuniaͤren Ver⸗ haͤltniſſe anszuforſchen, und wenn eine Verlegenheit dieſer Art entweder fuͤr ſei⸗ ne Perſon oder fuͤr ſeinen Sohn ihn be⸗ unruhige, ihn entweder als Geſchenk oder Vorſuchsweiſe, wie er es wuͤnſchen wuͤrde, einen Beutel mit fuͤnfhundert Piſtolen au⸗ zubieten. „Das iſt meine Sache, liebe Karoli⸗ ne, ſagte Henriette; Deine Verfuͤgungen wegen unſerer Reiſe duͤrfen durchaus nicht geſtoͤrt werden. Ich habe Erſparniſſe todt da liegen und es wird mir angenehm ſeyn, dieſem Biedermanne meine perſoͤnliche Ach⸗ tung bezeugen zu koͤnnen. Den folgenden Tag redete Madame Allote den Doktor folgender Maßen au: 358 „Lieber Doktor, Sie haben mich nun ſeit vielen Jahren zu Ihrer Kunde, aber bereichert haben Sie ſich an mir nicht; ein Mal habe ich ein Schnupfenfieber gehabt, aus dem beinahe eine Bruſtent⸗ zuͤndung geworden waͤre; vor ein paar Jahren dreimal Fieberanfaͤlle, und Sie werden ſich wohl erinnern, daß die Heftigkeit des Letzten Sie veranlaßten ſelbſt bei mir zu wachen, ſpaͤterhin hatte ich von der großen Hitze eine Entzuͤndung am Beine bekommen, weil ich ſo unvorſich⸗ tig geweſen war, unter einem Baume ſiz⸗ zend zu leſen. So zaͤhlte ihm die liebenswuͤrdige Frau alle dieſe und aͤhnliche Faͤlle an den Fingern her, dann fuhr ſie fort: Sie ſcheinen mich aber fuͤr zahlungs⸗ unfaͤhig zu halten. Wiſſen Sie alſo, mein Herr daß ich reich, ſehr reich, und(was 359 nicht immer mit großem Vermoͤgen verei⸗ nigt iſt) nicht unbillig bin. Und ſo neh⸗ men Sie denn, oder laffen bei mir einen Sack von funfzehn hundert Franken in Empfang nehmen, auf dem bereits ihr gan⸗ zer Namen ausgeſchrieben ſteht, denn er gehoͤrt Ihnen!“ „Liebe Madame Allote, antwortete der Doktor, Sie ſind mir nichts ſchuldig. Wenn Sie ein gutes Gedaͤchtniß haben, ſo iſt das meinige auch noch nicht ge⸗ ſchwaͤcht; und wenn die Frau Vicomteſſe meine Quittung aufbewahrt hat, ſo koͤn⸗ nen Sie ſich durch den Augenſchein uͤber⸗ zeugen, daß alle Ihre großen Krankheiten, wovon Sie ſo vieles Aufhebens machen, ob ſie gleich vielleicht, kaum einen Dorf⸗ bader Heerdholz auf drei Wochen verſchaf⸗ fen koͤnnten von Jahr zu Jahr in demſel⸗ ben aufgefuͤhrt ſind, denn ich ſehe mich 360 wehl genoͤthigt, meine Rechnung mit ſol⸗ chen Kleinigkeiten anzufuͤllen, damit es nur nicht herauskommt, als ob ich das Geld, das ich aus dieſem Hauſe erhalte, gerade zu geſchenkt bekaͤme. „Aber““ fuhr Madame Allote fort, „wenn man ſich auch beigehen laͤßt, meine Geldſchulden zu bezahlen, ſo wird man doch wenigſten mich nicht hindern, dieje⸗ nigen abzutragen an die mein Herz mich mahnet. Ich hoffe, lieber Freund, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen auf ei⸗ ne oder die andere Art meine Dankbar⸗ keit zu erkennen zu geben. Alſo Ooktor, nehmen Sie den Sack, ich werde Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie mir davon helfen, aufrichtig geſagt, herzlichen Dank. Ich will ihn eben ſo gern Ihnen, als Karo⸗ linen geben, die ihn nicht braucht, und 361 mich vielleicht auch mit ſammt meinem Sacke fortſchicken wuͤrde!“ „Theure Frau,“ erwiederte Herr Bonnet„ich kenne Sie nicht erſt ſeit heute; ich weiß daß Sie mir das Geld aus gu— ten Herzen anbieten. Laſſen Sie es gut ſeyn, ich brauche es nicht. Mein Sohn, ein trefflicher Menſch, hat, bei ſeiner An⸗ kunft in Monkpellier, wo er ſich noch zwei Jahre aufhalten wird, das Gluͤck gehabt, als oberſter Gehuͤlfe bei einem Kranken⸗ hauße angeſtellt zu werden, wo er alles frei hat, ſo daß er ohne mich etwas zu koſten, ſeine Studien vollenden kann, und ich bin, auf Ehre in dieſem Augenblicke ſo wenig in Geldverlegenheit, daß ich ſo gar einem Freunde mit fuͤnf und zwanzig Louisd'or aushelfen kann.“ So ſtritten Sie ſich noch lange uͤber dieſen Gegenſtand, endlich verglich man 36² ſich dahin, daß die funfzehnhundert Fran⸗ ken zwar vor der Hand bei Madame Allote als ein Depoſitum liegen bleiben ſollten, daß aber, ſo bald Herr Bonnet Geld brauchen wuͤrde, er ſie ohne weitere Um⸗ ſtaͤnde abholen ließe. Ein Handkuß beſte⸗ gelte den Traktat. Der Doktor war bei ſeinen fernern Beſuchen auf dem Schloſſe wieder heiterer oder doch weniger duͤſter; allein es war nicht ſchwer die Gewalt zu bemerken, die er ſich anthat, um, in Gegenwart der Da⸗ men von Helvin eine vorherrſchende Idee zu verdraͤngen deren ſtete Ruͤckkehr ihm hoͤchſt peinlich war. Madame Allote's Scharfblick ließ ſie hieruͤber nicht in Zwei⸗ fel; aber bald machte ſie ſich ihre Nach⸗ forſchung hieruͤber zum Vorwurf, denn, ſagte Sie zu ſich ſelbſt, wenn unſere Freunde gegen uns zuruͤckhaltend ſind, ſo muß man ihr Geheimniß zu achten verſte⸗ hen. Dieſe ſich ſelbſt aufgelegten zarten Ruͤckſichten wuͤrden ſie dennoch nicht ab⸗ gehalten haben den Gram des Doktors ſehr bald in ſeinen Blicken zu leſen, wenn Herr Bonnet ſich nicht endlich ſelbſt ent⸗ ſchloſſen haͤtte, mit blaſſem Geſicht und zit⸗ ternder Sprache, ihr den Grund ſeines Kummers zu entdecken. Der kuͤrzeſte Weg um den Leſer damit bekannt zu machen, iſt, ihm dasjenige mit⸗ zutheilen, was ſich vierzehen Tage vor dieſer Eroͤffnung auf dem Pfarrhauſe zuge⸗ tragen hatte. Funfzig Minuten auf Zwoͤlf war der Doktor Vonnet vor der Thuͤre des Rek⸗ tors vom Pferde geſtiegen, und hatte, in Abweſenheit des Bedienten Mathurin, ſein Pferd ſelbſt an die pfarrherrliche Krippe gebunden; von da, war er hin auf das Zim⸗ 364 mer des Herrn Leny geſtiegen, den er uͤber ſeiner Bibel angetroſſen hatte:„Ich komme um mit Ihnen zu eſſen, alter Freund“ ſagte er, denn ich habe wichtige Dinge mit Ihnen zu ſprechen. Der Paſtor rief ſchnell ſeine Haushaͤl⸗ terin:„Monika“ ſagte er„gibt es heut etwas zu eſſen?“ Monika.— Ja, Herr Rektor, heut iſt unſer Kochtag, und ich habe im Spei⸗ ſeſchranke noch ein tuͤchtiges Huhn, das ich Ihnen morgen mit dem heut uͤbrig ge⸗ bliebenen Rindfleiſch zurichten wollte, aber ehe Sie mit der Suppe und dem Fleiſche fertig ſind, ſoll das Huhn gar ſeyn, denn es iſt zart wie Leber. Der Pfarrer.— Wein iſt nicht mehr da— nicht wahr? und doch exultatio animae et corporis vinum moderate po- tatum, ſagt der Weiſe. 365 Monika.— LFreilich wuͤrde keiner mehr da ſeyn, wenn ich nicht dafuͤr geſorgt haͤtte; denn Sie befahlen mir ja die letzte Flaſche aus dem letzten Korbe dem alten Hieronymus, dem Schwiegervater des Kir⸗ chendieners hinzutragen, und das iſt ſchon lange her. Zum Gluͤck dachte ich daran, als die Damen von Helvin in die große Meſſe kamen, und gab der Madame Allote auf eine feine Art zu verſtehen, daß der Herr Pfarrer keinen alten Wein mehr habe, zur Staͤrkung nach einem ſaurem Tage. Der Pfarrer.— Wohl geſprochen in der That, gegen Leute die den leiſeſten Wink verſtehen. Monika.— Wenn ich nun aber nicht daran gedacht haͤtte, ſo haͤtten Sie heute keine gute Flaſche Wein dem Herrn Doktor vorzuſetzen. Es wird nicht viel 366 an ſechs Wochen fehlen, daß, in Folge meiner Erinnerung, Mathurin aus der Burg auf der jungen Stute zwei tuͤchtige Koͤrbe mit ſechzig rothgeſtegelten Flaſchen brachte. Sie ſind nicht alle mehr da, denn auf Ihrem Befehl, habe ich gewiß zwoͤlf weggegeben und eben ſo viel haben Sie getrunken! Der Pfarrer.— Doktor, ich weiß nicht, ob, wenn man dreihundert Kirch⸗ ſpiele unſeres alten Bretagne durchſtrich, man drei, dieſer herrlichen Vicomteſſe, ih⸗ rer Tochter und ihrer Freundin aͤhnliche Frauen finden wuͤrde: meiſtens eſſe, trinke,— gebe ich ſogar von dem Ihrigen, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Monika, ſie, die im⸗ mer ſo geſcheut ſeyn will, haͤtte mich doch hiervon unterrichten ſollen, daß ich wenig⸗ ſtens meinen Dank haͤtte abſtatten koͤnnen? Decke Sie jetzt.“ 4 7 „Nicht in dem kleinen Saale, wenn es Ihnen nichts verſchlaͤgt,“ bat der Dok⸗ tor.„Die Thuͤre iſt gerade der Kuͤche gegenuͤber und dem Anlauf ſtets ausgeſetzt; und wenn ich nicht irre lieber Freund, habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich etwas mit Ihnen zu reden habe. Den Anlauf lieber Doktor, erwiederte Herr Leny, kann ich nicht hindern. Das Pfarr⸗ haus, iſt das Gemeindehaus des Kirchſpiels, beſonders einer armen Filialgemeinde; aber Monika ſoll in meinem Zimmer decken, und wenn man nach mir fragen ſollte, kann ſie ſa⸗ gen, ich ſei bei dem Doktor oder auf der Burg Helvin. Vergeſſe ſie es nicht Monika!— Omnis homo mendax lieber Bonnet. Da haben Sie's; aber unſere Luͤge ſchadet Niemanden und wir werden ungeſtoͤrt eſſen und reden koͤnnen, inter privatos parietes.“ 368 Zu einer andern Zeit wuͤrde Herr Bonnet auf die lateiniſche Weisheit des Rektors geantwortet haben; aber ſeine Bruſt war zu gepreßt, und ſein ganzes Beſtreben ging jetzt nur dahin, die Spu⸗ ren ſeiner Beklommenheit nicht in ſeinen Zuͤgen ſichtbar werden zu laſſen, denn es war ihm zu gut bekannt, daß die bei einem unverheiratheten Manne befindlichen weibli⸗ chen Dienſtboten, und beſonders die Haus⸗ haͤlterinnen eines alten Geiſtlichen jedes Ge⸗ heimniß, das Ihnen vorenthalten wird, als einen Eingriff in ihre Rechte anſehen. Nachdem einige alte Predigtbuͤcher, ein Meßbuch, einige einzelne Baͤnde von Boſſuet und Bourdaloue, die beiden Theile von der Bibel des Robertus Stephanus, die Herr Leny gern in ihrer doppelten Ueberſetzung laß, und einige Hefte ſeiner Predigten, die mehr auf Popularitaͤt als 369 auf redneriſchen Schmuck Anſpruch machen konnten, den Tiſch hatten raͤumen muͤſſen, breitete die Haushaͤlterin das Tiſchtuch, wel⸗ ches aus dem von ihrer Hand in Winteraben⸗ den geſponnenen Garne, gewoben war, dar⸗ aͤber, verſah ihn mit zwei Tellern und da⸗ zu gehoͤrigen Servietten von derſelben gro⸗ ben Leinwand wie das Tiſchtuch, und ſil⸗ berne Loͤffel, Meſſer und Gabeln glaͤnzten neben den Gedecken; ein unerhoͤrter Luxus bei dem Pfarrer an einer kleinen Beikirche in Nieder⸗Bretagne, den aber die Vi⸗ comteſſe zu verantworten hatte, die da⸗ durch nicht nur den zinnernen Loͤffel und die eiſerne Gabel des Herrn Leny verdraͤngt, ſondern auch dafuͤr geſorgt hatte, daß er ſogar einen Gaſt mit gleichem Tiſchgeraͤthe verſehen konnte. Ohne Umſtaͤnde nahm der gute Pfarrer Platz und lud, mit der Stelle aus dem funfzehnten Kapitel der II Theil. 24 370 Spruͤche Salomon: Es iſt beſſer ein Gericht Kraut mit Liebe, denn ein gemaͤſteter Ochſe mit Haß, ſei⸗ nen Freund ein, ein Gleiches zu thun. Die Bedienung bei Tiſche war puͤnkt⸗ lich, und die aufmerkſame Monika machte ſich nicht wenig wichtig dabei. Sie hatte unten alles vorbereitet, und empfing oben an der Treppe die Schuͤſſeln aus der Hand eines jungen Bauermaͤdchens, welches erſt kuͤrzlich in Dienſt genommen worden war, um die wenigen haͤuslichen Arbeiten zu ver⸗ richten, deren ſich die Haushaͤlterin wegen ihres hohen Alters nicht mehr unterziehen konnte. Eine Schuͤſſel mit Rind⸗ und ge⸗ ſalzenen Schweinefleiſch vertrat die Stelle der Suppe, dieſem folgte das Huhn in ſeiner Bruͤhe. Mittelmaͤßiger, in einem ſteinernen Krug von Croiſic befindlicher, Obſtmoſt(cidre) diente den beiden Freunden zu Loͤſchung des Durſtes, bis die zweite Schuͤſſel aufgetragen wurde, mit welcher zugleich die verſprochene roth geſiegelte Flaſche erſchien. Der Wein der Vicomteſſe fand Beifall: nie ward er zweckmaͤßiger angewendet, denn wenn auch das edle Gewaͤchs den einen der beiden Tiſchgenoſſen nicht zur Froͤhlichkeit begei⸗ ſterte, ſo ſchien es ihm doch wenigſtens ſei⸗ ner gewohnten ſtillen Heiterkeit naͤher zu bringen. Reife Birnen von der beſten Gattung aus dem kleinen Pfarrgarten ka⸗ men nun an die Reihe; und ſobald der Kaffee, deſſen aromatiſche Theile durch zu langes Kochen groͤßten Theils verfluͤchtigt waren, in geflickten chineſiſchen Taſſen her⸗ umgegeben war, begann Herr Bonnet, der ſich nun vor jeder Zudringlichkeit geſichert glaubte, ſeinen Vortrag: 24* 372 „Mein kheurer Freund, ſagte er, Sie ſehen mich heut ſchmerzlich betruͤbt, ja in Wahrheit, kaum weiß ich mich zu faſſen, und zwar aus Theilnahme fuͤr die achtungs⸗ werthe Familie, die uns beiden gleich theuer iſt. Der Tod Eduard Delpont's iſt ein großes Ungluͤck, lieber Freund, groͤßer noch als wir geglaubt haben. Herr Leny.— Es iſt wahr, daß ſein Vater durch eine ſchoͤne, kokette und ehrgeitzige Frau beruͤckt, zur zweiten Ehe geſchritten iſt; Haec est enim tentatio ho- minum; aber die Vicomteſſe iſt reich ge⸗ nug, um den Antheil an ſeiner dereinſtigen Verlaſſenſchaft, der ihr dadurch entgeht, verſchmerzen zu koͤnnen. Auch ihre Toch⸗ ter legte eben ſo wenig Werth darauf, und als ſie mit mir davon ſprachen, ſchien mir die eine wie die andere ſo wenig da⸗ — 373. 1 von uͤberraſcht, als ob ſie es gar nicht anders erwartet haͤtten. Herr Bonnet.— Davon iſt jetzt die Rede nicht mein lieber Rektor. Die jungen Leute liebten ſich, ſie waren beina⸗ he am Vorabend ihrer Verbindung, und es fehlte nur noch Ihr Conjungo vos, als ein Elender den braven Delpont das Le⸗ ben raubte. Herr Leny.— Ich weiß es wohl, Doktor, denn die Vicomteſſe erzaͤhlte mir, daß der Schwiegervater eben im Begriff geweſen ſei, nach Bretagne abzureiſen, als er die traurige Nachricht erhielt. Aber was hilft's mein lieber Hippokrates, wir koͤnnen es nicht aͤndern. Kurz iſt die uns zugemeſſene Lebenszeit. Siehe meine Tage ſind eine Hand breit bei 374 dir, und mein Leben iſt wie nichts vor dir.*) „Herr Bonnet.— Ich wollte ein Noͤſel von meinen Blute darum geben, wenn Sie das junge Paar getraut haͤtten! Herr Leny.— Wozu niüftzen dieſe bittern Klagen, der herrliche junge Mann wird uns deshalb doch nicht wiedergege⸗ ben. Laſſen Sie uns bedenken Doktor daß das Leben des Menſchen ei⸗ nem Hauche zu vergleichen iſt, und daß ſeine Augen nicht wie⸗ derkommen zu ſuchen das Gute.*) Herr Bonnet.— Ach leider nicht mein Freund! und das iſt es eben was mich ſo unausſprechlich bekuͤmmert; denn— heraus muß es nun einmal, die jungen —— *) Pſalm XXXIX V, 6. 42) Hiob Kap. VII. V. 7. Leute haben ſich vergeſſen, und die arme Klementine wird zu gleicher Zeit Mutter und Wittwe! Herr Leny.—(Lebhaft und Ent⸗ ſetzen im Blicke) Was ſagen Sie Doktor? Sind Sie bei Sinnen! wie koͤnnen Sie mich ſo erſchrecken Quare conturbas me „(Warum betruͤbſt du mich))— „Furcht und Zittern iſt mir an⸗ „gekommen, und Grauen hat „mich uͤberfallen. 29) Herr Bonnet.— Mein theurer Freund, ich bin ganz wohl bei Sinnen; ſeit einem Monate kaͤmpfe ich mit angſt⸗ vollen Zweifeln. Ich habe mich durch ei⸗ ne Starrſucht koͤnnen taͤuſchen laſſen, die, mit Ausnahme eines einzigen Zeichens, alle *) Pſalm XLII. ec. **) Pfalm VL ꝛc. 376 uͤbrigen Zeichen des Todes an ſich trug; denn, ob mich gleich eine Ahnung noch vor der verhaͤngnißvollen Stunde an das Bette jenes liebenswuͤrdigen Weſens zuruͤck⸗ gefuͤhrt hat; ſo geſtehe ich doch offenherzig, daß ich zu dieſem beklagenswerthen Irr⸗ thume meine Hand geboten habe; ich will mich auch deshalb gar nicht entſchuldigen. Aber die Zeichen der Schwangerſchaft ſind mir endlich bekannt, und hier ſind ſie ſo klar wie der Tag. Vor Verlauf von vier Monaten werden Sie leider durch den Erfolg eben ſo uͤberzeugt ſeyn, wie ich es jetzt ſchon bin.“ℳ Herr Leny hielt die Hand ungefaͤhr eine Minute lang vor die Stirn und Au⸗ gen, dann erhob er ſtolz das Haupt, und antwortete ſeinem Freunde mit feſtem Tone: Herr Leny.— Denken Sie, was Sie wollen, moͤgen Sie geſehen haben, —õ: —õ: 377 was Sie zu ſehen geglaubt haben; ich verſichere Sie bei meiner Seele, das Maͤdchen iſt keuſch und rein! Die Er⸗ gießungen des Herzens im Beichtſtuhl ſind ein heiliges unverletzliches Geheimniß. Wenn der Suͤnder ſein eigener Anklaͤger geworden iſt, ſo hat er vor ſeinem Gott geredet, und Gott laͤßt dem Reuigen durch den Mund ſeines unwuͤrdigen Dieners Vergebung ankuͤndigen, ja, in Seinem Na⸗ men verſichern wir ihn, daß ſeine Verge⸗ hungen vergeſſen ſeyn ſollen: aber wenn die Stimme eines Engels vor dieſem hei⸗ ligen Richterſtuhle Worte des Heils und der Erbauung lispelt, dann iſt es dem Biedermanne nicht verboten, jene Worte in ſein Gedaͤchniß zuruͤckzurufen. Was mir meine Erinnerung ſagt, ſpricht lauter als Ihre Wiſſenſchaft! ſie wiederholt mir unaufhoͤrlich, daß dies theure Kind noch 378 im voͤlligen Beſitz ſeiner jnngfraͤulichen Un⸗ ſchuld iſt. Ich kann von ihr mit Gewiß⸗ heit behaupten, was die Schrift von der keuſchen Suſanne in der Geſchichte von Suſanna und Daniel ſagt: Non ellet in- venta in ea res turpis*). Alſo Doktor, was ich an Eides bezeuge, koͤnnen Sie mir glauben. Was fuͤr Kennzeichen Ihre Kunſt Ihnen auch an die Hand geben köͤnnte, meſſen Sie ihnen keinen Glauben bei, und bauen Sie auf die Tugend dieſes jungen Maͤdchens, bauen Sie darauf, bei meiner Seele! Herr Bonnet fing an zu ſchwanken. Die Unterhaltung mit dem redlichen Pfarr⸗ herrn verzoͤgerte die Ausfuͤhrung ſeines fruüher gefaßten Entſchluſſes, Madame Al⸗ „) V. 63.(Daß nichts Unehrliches in ihr erfunden ward.) 3 379 lote ſeine Befuͤrchtungen mitzutheilen. Eine Woche verfloß, und jene Zeichen, ſo erfreulich fuͤr das Auge des Gatten, jene Zeichen die ſich der Gattin in ihrem Schooße bemerkbar machen, und ſie mit Entzuͤcken und mit dem beſeligenden Vor⸗ gefuͤhle des ſchoͤnen Berufs erfuͤllen, dem die Natur ſie geweihet hat; ſtellten ſich von Neuem dem Beobachterauge des Doktors dar, moſhte er nun die Kennt⸗ niß davon entweder ſeiner eignen Unter⸗ ſuchungen, oder den genauen Mittheilun⸗ gen des Fraͤuleins von Beaumanoir, ver⸗ danken. In der That endeckte Klemen⸗ tine, auf die beſcheidenen Fragen des Herrn Bonnet, ihm jedes Gefuͤhl, deſſen ſie ſich, als Folge der organiſchen Veraͤn⸗ der ung ihrer Geſundheitsumſtaͤnde bewußt war, aber in ihren Worten zeigte ſich nicht das Geringſte, was auf eine mora⸗ 380 liſche Unruhe haͤtte hindeuten koͤnnen, die ſtets ein Ereigniß, das ſolche Veraͤnde⸗ rungen veranlaßt, begleitet und nach ſich zieht. Der Doktor war eine Beute der toͤdlichſten Unruhe, ſeine Verlegenheit war, nach ſeiner Ueberzeugung ohne Beiſpiel, zwei entgegengeſetzte Meinungen beſtuͤrm⸗ ten ihn, folgte er den Angaben ſeiner Kunſt, ſo war er uͤberzeugt, daß Klemen⸗ tine ſich hatte uͤberraſchen laſſen; hielt er ſich dagegen an die Aeußerungen diefer liebenswuͤrdigen Unſchuld, ſo brachten die⸗ ſe die gegruͤndetſten Merkzeichen zum Schweigen, und die unverkennbarſten Symptome ſchwanden vor der ſiegreichen Gewalt der Tugend. Als vorſichtiger und rechtlicher Mann, hielte er fuͤr Pflicht, ſo lange dieſe zweifelhafte Lage dauerte, die Rechte des Ungluͤcks oder der Tugend zu ehren; und waͤhrend ſeiner Unentſchloſſen⸗ 381 heit, ob er Madame Allote auf eine Er⸗ ſcheinung, die ihn zugleich in Erſtaunen und in Kummer verſetzte aufmerkſam machen ſollte, oder nicht, glich er einem Natur⸗ forſcher, der zufaͤlliger Weiſe auf eine in der Einſamkeit bluͤhende koͤſtliche Blume geſtoßen iſt; er brennt vor Begierde, den kuͤnſtlichen Bau derſelben zu unterſuchen, bewundert ſie, fuͤrchtet, ſie ſchon durch ſei⸗ nen Hauch ihrer Friſche zu berauben, und zoͤgert, dieſen mit Wohlgeruͤchen angefuͤll⸗ zten Kelch zu beruͤhren, im Gefuͤhl ſeines Mitleids feſt uͤberzeugt, daß der Augen⸗ blick, in welcher er ſie beruͤhrt, ihn durch den Anblick des Dahinſchwindens dieſes lieblichen und anmuthsvollen Gebildes ſchmerzlich betruͤben wird. Der Doktor hatte mit Herrn Leny eine zweite Unterhaltung, deren Inhalt 4 2 ganz der erſten glich, nur daß Herr Bon⸗ net diesmal ſich mehr auf die techniſchen Kennzeichen einließ, auf die er ſeine ue⸗ berzeugung gruͤndete, ohne dadurch die ſeines Freundes zu erſchuͤttern. Da er endlich erklaͤrte, daß er feſt entſchloſſen ſei Madame Alloten ſeine Anſicht uͤber dieſen peinlichen Gegenſtand ohne Ruͤck⸗ halt mitzutheilen, indem ſeine Ehre es er⸗ 1 fordere, dieſe traurige Eroͤffnung auch nicht einen Tag laͤnger zu verſchieben, ſo nahm der Rektor ſeine Zuflucht zu Bitten, um noch eine neue Friſt zu erlangen, waͤhrend welcher er ſelbſt mit Fraͤulein von Beau⸗ 1 manoir ſprechen wollte. „Ich mache es Ihnen zur Gewiſſens⸗ ſache mein lieber Rektor, antwortete ihm Herr Bonnet, mit feierlichem Ernſte, denn die Zeit draͤngt mehr als Sie es ſich den⸗ ——— liebenswuͤrdigen Frauen in einen beque⸗ 383 ken. Wir ruͤcken mit ſtarken Schritten in dem December vor, und das arme Maͤdchen wird das Ende des Monats Maͤrz nicht erreichen, ohne Sie Luͤgen zu ſtrafen. Wenn alle Welt blind iſt, ſo bin ich es nicht, und wenn es mir nach ginge, ſo ſetzte ich morgen des Tages dieſe drei men Reiſewagen, und ſchickte ſie nach Pa⸗ ris, nach Plombieres ja ſelbſt zum T... ehe ich ſie hier ließe. Herr Leny machte zwei, drei Beſuche auf der Burg Helvin, und beſtaͤrkte ſich in ſeiner Meinung. Der Tag nach dem letzten dieſer Beſuche fruͤh um zehn Uhr, trat der Doktor, welcher erfahren hatte, daß Mutter und Tochter, um die heitere, in Bretagne ſo ſeltene Herbſtſonne zu ge⸗— nießen, mit einander laͤngs dem Schloßgra⸗ 384 ben ſpatzieren gegangen waren, in das Zimmer der Madame Allote, die eben mit Ordnen einiger Papier beſchaͤftigt war; er ſchloß die Thuͤre mit geheimnißvoller Mie⸗ ne ab, und theilte ihr dann, aus der Fuͤlle ſeines bekuͤmmerten Herzen, ſeine Vermu⸗ thungen mit. Ende des Zweiten Theils. Verbeſſerungen. Im 1 Thl. S. 384 3. 4. ſtatt„Barpnin“ lies „Baronie.“— Im 1 Thl. S. 381 3 4. u. im 11 Thl. S. 18. Z. 1. S. 19. Z. 5. ſo wie an ei⸗ nigen andern Stellen lies jedes Mal ſtatt„Weſt⸗ indiſche“„Oſtindiſche.“ — —— ſnſſ 9 10 1 1n!nnnnnnmnſnmnſnſiſſſſſſſiiiſſſſiſiſſſſſſſſ 1 12 13 14 15 16 17 18 19