ek J deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher eiter ö25“ Eduard Ottmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Idem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Wo wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 eträgt: f 3 für gtchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3————— at Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 7 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Die Burg Helvin, oder die letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir, von Kerarry. Ein hiſtoriſch⸗romantiſcher Roman fuͤr gebildete Leſer. Aus dem Franzoͤſiſchen frei uͤberſetzt von C. G. Hennig. Erſter Theil. Zweite Auflage. Ronneburg 1830. Im Verlag bei Friedrich Weber. Veorwort. Dem ihm gebuͤhrenden Rechte zu Fol⸗ ge, hat der Herausgeber zuweilen ei⸗ nige Anmerkungen unter den Text bei⸗ gefuͤgt. Ob er gleich uͤberzeugt iſt, dieſes Recht nicht gemißbraucht zu ha⸗ ben, ſo verpflichtet er doch nieman⸗ den, ſie zu leſen; es waͤre ihm ſogar nicht unangenehm, wenn der Leſer uͤber die, durch dieſe Anmerkungen ver⸗ anlaßte Unterbrechung verdruͤßlich, ſie einem ſtrengen Urtheile unterwuͤrfe. Dieſe Art von Beifall wuͤrde ihm viel⸗ mehr willkommen ſeyn. Verſchiedene IV derſelben haben indeſſen zum Zweck, einige Nachrichten uͤber die Sitten und Gebraͤuche eines, bis jetzt ſehr wenig bekannten Theils von Frankreich, mit⸗ zutheilen, der, in Ermangelung eines Geſchichtſchreibers, es wohl verdiente, ſeinen Walthers Scott zu finden. Der Herausgeber will ſich nicht weitlaͤuftig uͤber die Schwierigkeiten verbreiten, die ſich ihm entgegen ſtell⸗ ten, denn er darf ſich nicht ſchmeich⸗ eln, ſie alle beſeitigt zu haben. Das Schickſal dieſes Geiſtesprodukts ſei uͤbrigens welches er wolle, ſo iſt er der feſten Ueberzeugung, daß ein talent⸗ voller Schriftſteller denſelben Stoff zu einem hoͤchſt intereſſanten Gemaͤlde haͤtte benutzen koͤnnen, und wegen der Wahl deſſelben leicht wuͤrde Verzei⸗ hung hoffen duͤrfen. Vor laͤnger als vierzig Jahren laß der Herausgeber V den geſchichtlichen Zug, um den ſich alles dreht, in einer alten Anekdoten⸗ ſammlung, wo er einen Raum von kaum zwoͤlf Zeilen einnahm. Seitdem iſt er ihm nie wieder aus dem Ge⸗ daͤchtniß gekommen, immer hat er ihm als ein Stoff vorgeſchwebt, der un⸗ gemein erhabene, dramatiſche Situ⸗ ationen enthalte, ſobald man ſie nur gehoͤrig aufzufaſſen und zu entwickeln verſtehe. Endlich konnte er der Ver⸗ ſuchung, ſich ſelbſt daran zu wagen, nicht widerſtehen; hat ihn ſeine Eigen⸗ liebe getaͤuſcht, ſo moͤgen ihn die Kunſt⸗ richter dafuͤr zuͤchtigen; immer wird er ſich aber uͤberzeugt halten, daß der Hauprſtoff deſſelben zur Grundlage ei⸗ nes hoͤchſt erhabenen Gebildes geeig⸗ net ſei, und daß es ihm nur an Ge⸗ ſchicklichkeit gefehlt habe, ihn gehoͤrig zu bearbeiten. Was die Schilderung der Sirten von Niederbretagne betrifft, VI ſo kann er deren Treue verbuͤrgen, er hat ſich bemuͤht, ſie bei der Anwen⸗ dung auf ſeine Erzaͤhlung in ihrer gan⸗ zen Wahrheit wiederzugeben, und hofft in dieſer Hinſicht keinen Vorwurf zu verdienen. Vier ganze Baͤndchen bloß mit den Begebenheiten einer, in der Dun⸗ kelheit einer entfernten Provinz, ohne allem mittelbaren oder unmittelbaren Verkehr mit der Hauptſtadt, lebenden Familie anzufuͤllen, dieſe Begebenhei⸗ ten auf einen Umkreis von einer Qua⸗ dratmeile zu beſchraͤnken, auf die be⸗ liebten Nachahmungen von Mond⸗ ſcheingemälden, Sonnenuntergangs⸗ ſchilderungen und Darſtellungen von Gegenden, die dem Auge des Leſers in einen kuͤrzern Zeitraum, als der Maler zu deren Zeichnung gebraucht hat, wieder entſchwinden, moͤglichſt VII zu verzichten; drei Frauen von ver⸗ ſchiedenem Charakter immerwaͤhrend auf der Scene erſcheinen zu laſſen, ſich der Einmiſchung jedes Liebesaben⸗ theuers, ſelbſt der ehelichen Liebe zu enthalten; dies waren, nach dem von ihm einmal entworfenen Plane, durch⸗ aus nothwendige Erforderniſſe, er wird ſich gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn es ihm, bei Befolgung deſſelben, gelun⸗ gen iſt, die Aufmerkſamkeit der Leſer einiger Maßen zu feſſeln. Waͤre dies der Fall, dann wuͤrde ſein Buch, in Bezug auf die Hauptbegebenheit, es moͤchte ihr nun Wahrheit oder Dichtung zum Grunde liegen, zur romantiſchen Gattung gehoͤren, und, in Hinſicht auf die Ausfuͤhrung, klaſſiſch genennt werden koͤnnen. Die Maͤnner vom Fache, deren billigen Pruͤfung ſeine Arbeit der Herausgeber unterwirft, wuͤrden ſeine Bemuͤhungen zu beurthei⸗ VIII len vermoͤgen, den uͤbrigen wuͤrden ſie Vergnuͤgen machen, und dies waͤre fuͤr ihn der ſchoͤnſte Loßn. Der Herausgeber bittet um Ver⸗ zeihung, wenn er, ohnerachtet er die Scene in das Departement von Mor⸗ bihan verlegt, dennoch einige Gebraͤu⸗ che aus dem Departement von Finis⸗ terre dahin verpflanzt hat, mit deſſen Gewohnheiten er bekannter iſt. Waͤre dies ein Fehler, ſo wuͤrde er von ge⸗ ringem Nachtheile ſeyn, denn der Un⸗ terſchied zwiſchen beiden Gegenden, die in derſelben Provinz an einander grenzen, iſt nur unbedeutend. ——— —— Die Burg Helvin . oder die letzten Zweige des Hauſes Beaumanoir. 1. Theil. 1 —— Erſtes Kapitel. Der Beruf. Eine Stunde von der kleinen, in fruͤhe⸗ ren Kriegen von Bretagne beruͤhmten, Stadt . Ploͤermel wanderte ein Geiſtlicher von ho⸗ her Statur auf der Straße, die von Ren⸗ nes nach Vannes fuͤhrt. Er ſchien mehr ſpatzieren zu gehen, als ein beſtimmtes Ziel vor Augen zu haben, ob er gleich von Zeit zu Zeit ſich mit der Rechten auf einen langen Stock von Ebenholz ſtuͤtzte, 1* — 4 und ſein, uͤber den linken Arm herab⸗ haͤngender karmoiſinſammtner Reiſeſack, au⸗ ßer ſeinem Brevier, einen Ueberſchlag und die, zu einer Abweſenheit von einigen Tagen noͤthige Waͤſche enthielt. Feſt und ruhig ſchritt er einher, man haͤtte glauben ſollen, er habe ſich ſchon vor vielen Jahren dem Dienſte des Got⸗ tes der Chriſten geweiht, und doch haͤtte der Ausdruck dieſer von Natur Achtung gebietenden Phyſionomie, deren ſtarke Zuͤge ſich, unter einem braunem Haare und blaſ⸗ ſer Farbe, aus einem laͤnglich runden Ge⸗ ſicht heraushoben, den Beobachter auf den erſten Blick irre geleitet. Bei genauerer Unterſuchung entdeckte man jedoch, viel⸗ leicht mit einem fluͤchtigen Gefuͤhl von Schmerz, jugendlichere Formen in derſel⸗ ben, als der Geiſt der ſie belebte, anzu⸗ 5 deuten ſchien. Man unterſchied ſogar in ihnen die Spuren eines gewiſſen kraͤftigen Organismus, uͤber welchem, als ein reden⸗ der Beweis von der Freiheit des menſch⸗ lichen Willens, die Staͤrke der Seele vor der Zeit den Sieg davon getragen hatte. Dieſe Spuren glichen halb verloſchenen Schriftzuͤgen, und man glaubte eine jener Handſchriften zu durchblaͤttern, auf welche die Alten die herrlichen Werke eines Ho⸗ mers oder Virgils geſchrieben hatten, und die in dem Mittelalter unvollkommen aus⸗ radirt, andaͤchtigen Betrachtungen uͤber die Geheimniſſe des Chriſtenthums Platz machen mußten. Es war gerade im Juni des Jahres ſiebenzehnhundert fuͤnf und ſtebenzig, an ei⸗ nem der ſchoͤnſten Morgen, den dieſer, an Gaben und Hoffnungen ſo reiche, Monat 6 je hat anbrechen ſehen. Die ewige Liebe, die ihre Geſchenke mit freigebiger Hand verbreitete, ſprach durch die Sinne ein⸗ druͤcklicher zu den Herzen der Erdbewoh⸗ ner. Die milde Luft der fruͤhen Morgen⸗ ſtunden, die in reicher Pracht ſich ausbrei⸗ tende laͤndliche Gegend, der laute Jubel des Hirten, ſelbſt das frohe Gebloͤke ſei⸗ ner Heerde verkuͤndigte in Thaͤlern und auf den Huͤgeln, daß der Schoͤpfer aller dieſer Herrlichkeiten, Kraft und Willen habe, auch ihr Erhalter zu ſeyn; froͤhlich und vertrauensvoll ſchien die Natur ſich an dieſe Worte der diebe zu halten. Ge⸗ ruͤhrt von dieſem Gemaͤhlde, in welchem alle Weſen als bewegliche Ringe einer, aus lebenden und Leben erzeugenden Geſchoͤpfen beſtehenden, bis zu den Schoͤpfer, dem Anfang und Inbegriff alles Lebens, hin⸗ aufreichenden Kette erſcheinen, eutfernte 7 ſich der Geiſtliche einige Schritte von der Landſtraße, und ſetzte ſich auf einen Ab⸗ hang nieder, von wo ſein Blick einen wei⸗ ten Geſichtskreis umfaßte. Nachdem er hier, in frommes Schweigen verſunken, ſei⸗ ne Augen rings um ſich her hatte ſchwei⸗ fen laſſen, brach er mit gedaͤmpfter Stim⸗ me, doch ſo daß ein hinter ihm ſtehender ihn leicht haͤtte verſtehen koͤnnen, in fol⸗ gende Worte aus. „Wohl mir! Ich werde alſo ein Diener dieſes allmaͤchtigen Weſens ſeyn; die Hinderniſſe ſind gehoben; mein Geiſt hat ſeine Feſſeln zerbrochen; ich„wer⸗ de den Weg desjenigen bereiten, der da kommen ſollu Jal der be⸗ ſtaͤndig„nahe iſt“, denn vergeht wohl ein Augenblick, in welchem nicht die Ewig⸗ keit fuͤr den ſchwachen Sterblichen beginnt⸗ 8 der hienieder bald ins Leben tritt, bald es verlaͤßt.— Ich,— ſelbſt ein ſchwaches Geſchoͤpf, werde das Wort des Allerhoͤch⸗ ſten verkuͤndigen, und meinen Worten, den Worten des Sohnes des Staubes, wird Er ſelbſt, der Hocherhabene, ſein gnaͤdi⸗ ges Ohr neigen! In ſeinem Namen wer⸗ de ich uͤber die Saaten und die Huͤtten den Segen ſprechen, ich werde den Armen an ſeinem niedrigen Herde troͤſten, und den Reichen in ſeinen vergoldeten Säaͤlen erſchuͤttern, allen werde ich die großen Wahrheiten des Heils predigen. Wenn ich nun meine Bruͤder, auf ihrer Wallfahrt durch das Leben dieſer Erde, die gleich ei⸗ ner Arche durch die Unermeßlichkeit der Raͤume aus dem Nichts nach der Ewigkeit dahin rollt, nach meinen beſten Kraͤften geleitet habe, moͤge auch ich dann an mei⸗ nem Theil ſichern Schrittes hinuͤbergehen, 9 und meine gebrechliche Huͤlle von mir wer⸗ fen, wie der Wanderer im brennenden Strahl der Sonne ſich gern eines laͤſtigen Oberkleids entledigt!“ Voll von dieſem erhabenen Gefuͤhl der Begeiſterung, dem er ſich ſo eben uͤber⸗ laſſen hatte, verließ der Geiſtliche feinen Sitz, um ſeine Wanderung fortzuſetzen. Die ſo eben angefuͤhrten Worte, der Ausdruck eines von der Heiligkeit und Wuͤrde ſeines Berufs durchdrungenen Ge⸗ muͤths, kamen aus dem Munde des ehr⸗ wuͤrdigen Dermot, aͤlteſten Sohnes des durch ſeine ſchoͤne Seegeltuchfabrik, noch mehr aber durch ſeine gewiſſenhafte Red⸗ lichkeit in Bretagne bekannten Kaufmanns dieſes Namens. Der junge Jonathan war das einzige Kind, das dieſem zaͤrtli⸗ 10 4 chen Vater aus ſeiner erſten Ehe mit ei⸗ ner reichen Creolin von der Inſel Bour⸗ bon übrig geblieben war.. 4* Lange Heit hatte Herr Dermont den Hang bekaͤmpft, der ſeinen Sohn zum Dienſt des Altars hinzog. Dieſer ausge⸗ zeichnete Juͤngling⸗ nachdem er fuͤnf Jahre lang ein Zoͤgling des Humaniſten Herrn Germe's geweſen war, hatte ſeinen philo⸗ ſophiſchen Curſus unter dem Profeſſor Abbé, le Marchant) an der Univerſitaͤt zu Rennes beendigt, ohne das Ziel aller ſeiner Wuͤnſche erreicht zu haben. Dieſe beiden achtungswuͤrdigen Profeſſoren, bekleideten unmittelbar nach den Jeſuiten die Leh⸗ rerſtellen auf dieſer Univerſitaͤt. Der Herausge⸗ ber dieſer Geſchichte hat den Unterricht des Er⸗ ſtern ebenfalls genoſſen, der noch im Jahr 1803 emeritirker Rector dieſer Akademie war. 9 11 „Wenn ich nicht mehr lebte, mein lie⸗ ber Freund, ſagte der ehrwuͤrdige Greis zu ihm, ſo wuͤrdeſt du, ohne Zuſtimmung eines Familieuraths nicht einmal uͤber einen Morgen Landes, geſchweige denn uͤber dei⸗ ne Perſon verfuͤgen koͤnnen: ſo lange mich nun Gott dir zur Seite laͤßt, vertrete ich bei dir die Stelle dieſes Familieuraths, und ich werde nie zugeben, daß du einen un⸗ wiederruflichen, Schritt thuſt, indem du dich fuͤr einen Stand eutſcheideſt, der zwar meine volle Achtung hat, aber der, da er den Menſchen mit den natuͤrlichſten Ge⸗ fuͤhlen ſeines Herzens in Widerſpruch bringt, von niemanden ergriffen werden ſollte, der nicht ſchon in dem Leben ſo weit vorgeruͤckt iſt, um den Werth eines Opiers beurtheilen zu koͤnnen. teber Jonathan, wenn man ſich le⸗ liche Verpflichtungen auferlegt, ſo 12 muß man auch ſeine Kraͤfte hinlaͤnglich ge⸗ pruͤft haben.“ „In jenen Jahrhunderten, wo das ehe⸗ loſe Leben keine ſo unumgaͤnglich nothwen⸗ dige Bedingung dieſes ehrwuͤrdigen Stan⸗ des war, wuͤrde ich deiner Bitte ohne Widerrede nachgegeben haben. Ich weiß, daß unſere Edelleute, durch die Aus ſicht auf Abteien, Bisthuͤmer und ſelbſi auf blo⸗ ße Pfruͤnden angezogen, ihn gern ergrei⸗ fen; aber bedenke es wohl mein Sohn! der Ruf an ſolche Stellen gelangt auch bloß an die juͤngern Soͤhne ablicher Haͤu⸗ ſer, denn von ihrer Geburt an gehoͤren dieſe Stellen zu ihrem Erbtheil, und dies iſt, unter uns geſagt, der Grund, daß ſo viele wurmſtichige Kloͤtzer die hoͤchſten Sproſſen auf der hierarchiſchen Leiter ein⸗ nehmen; und ſo leicht auch die Engel, die 2 —— 13 auf Jakobs Himmelsleiter auf und abſtie⸗ gen, geweſen ſeyn moͤgen,„ſetzte der Greis etwas ſarkaſtiſch hinzu,“ ſo fuͤrchte ich doch, das jene mit einer ſolchen Stuͤtze, ihren Weg noch ſchneller zuruͤckgelegt haben wuͤrden. Dem jungen Dermot mißfiel dieſer Vergleich, doch ließ er, aus Ehrfurcht vor dem Munde dem er entſchluͤpft war, ſein Mißvergnuͤgen ſich nicht merken. Der brave Geſchaͤftsmann endigte ſeine eben ſo verſtaͤndige als freundliche Rede mit fol⸗ fenden Worten: „SDeine oͤkonomiſche Lage ſichert dir, Dank ſei es meinen Bemuͤhungen, eine ehrenvolle Unabhaͤngigkeit; bringe eini⸗ ge Zeit bei uns zu, arbeite auf meiner „ Schreibſtube, mache dich mit meinen Ge⸗ — — 14 ſchaͤften bekannt, ſie verlangen deine Auf⸗ merkſamkeit, denn ich fange an alt zu wer⸗ den. Sieh dich in der Welt um, genieße ihre anſtaͤndigen Freuden, und beharreſt du auf deinem Vorſatze, ſo werde ich, mit dem Tage, an welchem du dein fuͤnf und zwanzigſtes Jahr zuruͤcklegſt, dir ſelbſt die Thuͤre des Seminars oͤffenen. Wir wer⸗ den dann uns treunen, ich werde mich uͤber deinen Schritt betruͤben, aber mei⸗ nen Willen unter dem Willen eines groͤ⸗ ßern Herrn beugen; bis dahin kann ich, dein natuͤrlicher Vormund, dem die Erhal⸗ tung deiner geſellſchaftlichen Rechte, ſo wie der deines Bruders und deiner Schwe⸗ ſter, bei denen du vielleicht einmal meine Stelle vertreten mußt, anvertraut iſt, in nichts einwilligen. 4 Jonathan Dermot, dieſer Stimme, die er nie verkannte, folgſam, obgleich das Erb⸗ . 15 theil ſeiner Mutter, in deſſen Beſitz er ſich durch die Guͤte ſeines Vaters bereits befand, den vaͤterlichen Einſtuß bei man⸗ chen andern vermindert haben wuͤrde, theilte nun ſeine Stunden zwiſchen den Handelsgeſchaͤften ſeines Hauſes und ſei⸗ nen wiſſenſchaftlichen Arbeiten. Lange Zeit ſchien es, als ob er den Gedanken, ſich aus der Welt zuruͤck zu ziehen, aufgege⸗ ben habe. Sein fuͤnf und zwanzigſtes Jahr verſtrich, ohne daß von einer Veraͤnderung in ſeinen Verhaͤltniſſen die Rede war. Ja, ſein Herz gerieth ſogar in Feſſeln, die es gern zu tragen ſchien. Er liebte; aber, von dem Gegenſtand ſeiner Zaͤrtlichkeit ge⸗ rade in dem Zeitpunkte getaͤuſcht, in dem er ſich vornahm, dieſes Band durch die Weihe der Kirche noch enger zu knuͤpfen, kehrte er, mit einer Art von Heftigkeit zu ſeinem erſten Entſchluß zuruck, wie der Pil⸗ 16 ger von dem Ruheplatze, den er ſich eben bereitet hat, bei dem Anblick einer ſich zu ihm hinſchleichenden Natter nicht ohne Ent⸗ 4 ſetzen zuruͤckprallt, ſeinem Weg eilig fort⸗ ſetzt, und aller feruern Ruhe entſagt. Der Juͤngling war tief in ſeinem In⸗ nern verwundet, beſonders fuͤhlte ſich ſein Stolz dadurch beleidigt, daß er ſich, wie er nun einſah, durch einen bloß ſinnlichen Reitz beinahe hatte hinreißen laſſen, ein Buͤndniß zu ſchließen, das fuͤr ſeine ganze Zukunft haͤtte verderblich werden muͤſſen. Unter heißen Thraͤnen uͤber ſeine ſich ver⸗ gebene Wuͤrde, eilte er, ſeinen Pascal in der Hand, ſeine Klagen an heiliger Staͤtte ausſtroͤmen zu laſſen, und faßte in ſeinem acht und zwanzigſten Jahre, mit maͤnnlichen Muthe bewaffnet, den unwiderruflichen Ent⸗ ſchluß, ſich wegen der ihm widerfahrnen 17 Kraͤnkung auf die einzige Art zu raͤchen, welche fein fühlende Seelen, wenn ſie, was nur ſelten der Fall iſt, mit einem kraͤftigen Charakter verbunden ſind, ſich er⸗ lauben. Das Seminarium zu Rennes wuͤnſchte ſich Gluͤck zu dem Beſitz eines ſo merkwuͤrdigen Novizen, der ihm als ein dem Altare abwechſelnd verſprochnes, beſtrittenes und zuruͤckgegebenes Opfer er⸗ ſchien. Seine neuen Obern freuten ſich dieſes glaͤnzenden Siegs der himmliſchen Gnade, und was den Werth deſſelben in ihren Augen noch erhoͤhte, war der Um⸗ ſtand, daß Herr Dermot, von der Heiligkeit des Standes, dem er ſich zu weihen im Begriff war, durchdrungen, um des Gluͤcks ihm anzugehoͤren, ſich noch wuͤrdiger zu machen, ſich entſchloſſen hatte, der menſch⸗ lichen Geſellſchaft als Weltprieſter zu nuͤtz⸗ en, ſtatt ſich einem contemplativen Le⸗ 1. Theil. 2 —2 ben hinzugeben. Außer ſeiner richtigen Urtheilskraft, die ihm die prieſterliche Wuͤrde nirgends anders finden ließ, fuͤhlte er in ſeinen Innern die Gefahren, denen ein nicht ganz erſtarrtes, fuͤr das Gefuͤhl des Werths ſeines gebrachten Opfers noch empfaͤngliches Herz, in Ermangelung einer zweckmaͤßigen Beſchaͤftigung, bei der lang⸗ weiligen Einfoͤrmigkeit eines moͤnchiſchen Einſtedlerlebens ausgeſetzt iſt. Sehr vernuͤnftig war dieſe Anſicht des Herrn Dermot. Gruͤndliche Studien, durch die er mit den groͤßten Schriftſtel⸗ lern des alten Griechenlands und Roms vertraut geworden war, richtige, im geſell⸗ ſchaftlichen Leben, welches er weder ge⸗ flohen, noch dem er ſich leichtſinnig hinge⸗ geben hatte, geſammelte Erfahrungen. Kenntniß der baiden erſten lebenden Spra⸗ 19 chen Europa's; zwei Reiſen nach London und Paris, zu einer Zeit, wo ſich der Ein⸗ wohner der Provinz nur ſelten von ſeinem Heerde entfernte; eine bereits erlangte große Herrſchaft uͤber ſich und ſeine Leiden⸗ ſchaften; ein durch innere Ueberzeugung befeſtigter lebendiger Glaube,(denn die wuͤrdigſte Verehrung des Ewigen kann nur aus einer vernuͤnftigen Aufklaͤrung hervor gehen,) eine gluͤhende Einbildungskraft endlich, die er jedoch zu zuͤgeln gelernt hatte, in dem er ihre Schoͤpfungen den Geſetzen der Vernunft unterwarf, verbuͤrg⸗ ten in ihm der Kirche einen Vertheidiger, der die Waſſen einer gewandten Dialektik zu fuͤhren verſtand und den guten Sitten eine Stuͤtze, gegen deren Anſehen um ſo weniger einzuwenden ſeyn konnte, da ihm bis in ſein reiferes Alter das mannichfal⸗ ige Thun und Treiben der Menſchen nicht 4 4 2*† 20 fremd geblieben war. Von einem weibli⸗ chen Weſen betrogen, verrathen, deſſen buhleriſchen Kuͤnſten er nur mit Muͤhe ſich hatte entziehen koͤnnen, war er dennoch den natuͤrlichen Gefuͤhlen nicht abgeſtorben, aber „er hatte ſie bezaͤhmt, und ſo war es kein vertrocknetes Gemuͤth, das ſich erſchoͤpft zu den Stufen des Altars ſchleppte, ſondern ein Weſen, das, in dem vollem Gebrauch ſeiner Vernunft und ſeiner Kraft, ſich durch die Erbauung ſeiner Bruͤder auf ein beſſeres Daſeyn vorbereiten zu muͤſſen glaubte. Der Ruf des Seminars zu St. Sul⸗ zice wuchs taͤglich. Dermot's Abſicht war, dieſe beruͤhmte Anſtalt zu beſuchen, ſobald er den Grad eines Subdiakonus erhalten haben wuͤrde, wozu er im Vannes durch den ehrwuͤrdigen Amelot geweihet zu wer⸗ —— 21 den hoffte, der mit dem Herrn Courtoit de Preſſigny, Biſchoff von St. Malo, die Beſorgung der Ordinationen des Dioͤceſes von Rennes, in Abweſenheit ſeiner Mag⸗ nificenz des Herrn Le Barreau de Girac, theilte. Denn dieſen, das Oberhaupt des Sprengels, rief ſein Hang ſehr oft nach Paris, wo nach ſeinem Vorgeben ſeine Gegenwart als Praͤſident der Staͤnde von Niederbretagne, zu Wahrung der Rechte und Freiheiten dieſer Provinz noͤthig war, und er war eben daher kein ſtrenger Be⸗ obachter ſeiner Ephoralpflichten. Unter der Begleitung eines Eudiſten,“) des Profeſſors der Dogmatik an dem gro⸗ *) So wurden die Bruͤder einer, aus Layen⸗ prieſtern beſtehenden Congregation in Frankreich genannt, welche der Pater Eudes Mezarai, (ein Bruder des Geſchichtſchreiber dieſes Na⸗ 22 ßen Seminare, wo ſie die verſchiedenen theologiſchen Grade erhalten, und ihre Vorbereitung zur Ordination vollendet hat⸗ ten, wanderten ſieben Diakonen, um zu Prieſtern geweihet; zwoͤlf Subdiakonen, um zum Diakonat befoͤrdert zu werden; und eilf Abbe's, die ſchon die vier nie⸗ dern Weihen empfangen hakten, um das Subddiakonat zu erhalten, von Rennes nach Vannes. Herr Dermot, der aͤlteſte unter allen, gehoͤrte unter dieſe letztere Klaſſe. Er hatte die Erlaubniß erhalten, ſich ei⸗ nen Tag in Ploͤermel aufhalten zu duͤrfen, um ihn in der Geſellſchaft eines alten Schulfreundes, Pfarrers einer benachbar⸗ n mens) im Jahr 1643, unter dem Namen der Congregation Jeſu und Maria geſtiftet hat. Der Hauptzweck dieſes Ordens war auf Miſſionen, Seminarien, und auf Vorbereitung junger Leute zu den dazu gehoͤrigen Lehrern, gerichtet. Anm. d. Ueberſ. 23 ten Gemeinde, zu verleben, und war da⸗ her von ſeiner Reiſegeſellſchaft zuruͤckge⸗ blieben, mit der er nun wieder in dem biſchoͤfflichen Sitze, dem gemeinſchaftlichen Ziele ihrer Fußreiſe zuſammentreffen, und wo dem darauf folgenden Tag ſein Name fuͤr immer in das Buch der Leviten des neuen Bundes, eingeſchrieben werden ſollte. Zweites Kapitel. Ein Gewieter zieht auf. Da der Aufbruch des jungen Geiſtlichen von Ploͤermel ſich etwas uͤber die be⸗ ſtimmte Stunde verzoͤgert, und unſer Wan⸗ derer ſich mehrere Male unter Wegs ver⸗ halten hatte, um die verſchiedenen Aus⸗ ſichten, die ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen, zu genieſen, ſo war er, als die Sonne ſich zum Untergange neigte, noch 95 fuͤnf Stunden von dem biſchoͤfflichen Sitze entfernt, den er noch vor Nachts zu er⸗ reichen ſich vorgenommen hatte. Der, durch die Strahlen des Tagesgeſtirns, die ſeit dem Morgen von keinem Wölkchen ver⸗ huͤllt geweſen waren, erhitzte Dunſtkreis, verbreitete eine erſtickende Gluth; kein Abendwind, deſſen wohlthaͤtiges Saͤußeln die an das Meer grenzenden Laͤnder ge⸗ woͤhnlich zu erquicken pflegt, hatte wie ſonſt, vor dem Eintritt der Abenddaͤmme⸗ rung die Luft abgekuͤhlt. Herr Dermot verdoppelte ſeine Schritte. Heiße Schweiß⸗ tvopfen auf der Stirn, ſuchte er die ver⸗ lohrne Zeit einzubringen, denn da er eine Brieftaſche bei ſich hatte, die mit Anwei⸗ ſungen auf die oſtindiſche Compagnie an⸗ gefuͤllt war, welche an die Ordre des al⸗ ten Herr Dermot, der ſie discontirt hatte, lauteten, und deren Betrag zu Bezahlung 26 einer bereits nach Rennes verſandten Par⸗ tie Hauf beſtimmt war, ſo fuͤhlte er, wie gerathen es ſei, noch vor voͤlligem Ein⸗ bruch der Nacht den Saum eines uͤbelbe⸗ ruͤchtigten Waldes zuruͤckzulegen, den zwei Stunden von Vannes die Landſtraße nach ſeiner ganzen Laͤnge durchſchneidet; allein ſeine Anſtrengungen waren vergeblich, die Sonne war ſchon hinter dieſen Wald hin⸗ abgeſunken, deſſen Gipfel ſich in weiter Ferne zeigten. Nicht weit von dem Flecken Helvin, den er hinter ſich gelaſſen hatte, ſah Der⸗ mot zu ſeiner Rechten den alten viereck⸗ igen Thurm, der dieſen Namen fuͤhrt, und in den fruͤhern Jahrhunderten mit dem Namen eines Schloſſes beehrt wurde. Mit⸗ ten in einem ungeheuren Gehoͤlze gelegen,⸗ iſt dieſe Steinmaſſe, von ſchwerfaͤlliger Bau⸗ 1) 7 27 art, mehr geeignet, dem Wanderer Schauer einzufloͤßen, als ihn einzuladen, dort ein Obdach zu ſuchen. Da indeſſen der Se⸗ minariſt einſah, daß es zu ſpaͤt wurde ſei⸗ nen Weg fortzuſetzen, ſo wendete er ſich an einen Bauer, der aus dem Gehoͤlze kam, quer uͤber die Landſtraße ging, und einen entgegengeſetzten Feldweg einſchlug, und fragte dieſen, was für eine Aufnahme man ſich wohl auf dieſem Landſitze zu ver⸗ ſprechen habe. Ie „Ihr werdet willkommen ſeyn, antwor⸗ tete der Landmann in ſchlechren, mit cel⸗ tiſchen Woͤrtern vermiſchten franzoͤſiſchen, denn das Schloß von Helvin wird, wie je⸗ dermann weiß, ſeit undenklichen Jahren von einer alten adelichen, und wohlthaͤti⸗ gen Familie bewohnt. Ich fuͤrchte nur, daß es in ein Trauerhaus verwandelt ſeyn 98 — wird, denn ich habe gehoͤrt, daß die ein⸗ zige Tochter der achtungswuͤrdigen Wittwe der es gehoͤrt, vor zwei Tagen, durch ein ſchreckliches Ereigniß, ihrer ungluͤcklichen Mutter entriſſen worden ſey.“ Dieſe Nachricht war nicht geeignet „Herrn Dermot zur Wahl dieſes Zufluchts⸗ orts einzuladen, es lag nicht in ſeiner Denkungsart, zudringlich zu ſeyn. Waͤh⸗ rend ſeiner Unentſchluͤſſigkeit kam ihm noch ein anderer Reiſender entgegen; es war ein aͤltlicher, nach Art der dortigen, Land⸗ wirthſchaft treibenden, Buͤrger gekleideter Reiter. Nachdem er ihm ſo nahe gekom⸗ men war, um ihn errufen zu koͤnnen, rich⸗ tete ſich der Alte auf ſeinem Gaule, deſ⸗ ſen Trab er anhielt, empor und rief ihn mit lauter Stimme zu: 29 „Herr Abbé, Sie thaͤten eben ſo wohl umzukehren, und wenn es ihnen gefaͤllig iſt, ſich hinter mich aufzuſetzen, um in Helvin zu uͤbernachten, denn von dort her zieht ein ſchweres Gewitter auf.“ Herr Dermot dankt, und entſchuldigt ſich, von ſeiner Einladung keinen Ge⸗ brauch machen zu koͤnnen, da er genoͤthigt ſei, den folgenden Morgen vor neun Uhr in Vannes anweſend zu ſeyn. Der Rei⸗ ter ſchlaͤgt einen großen Mantel von grau⸗ en Kamlot auseinander, wirft ihn ſich uͤber die Schultern, und gibt ſeinem Pferde die Sporen. Herr Dermot ſeiner Seits beeilt ſich mehr; aber nie war die Luft druͤckender geweſen. Bald ſteigen dicke, ſchwarze, gegen die Blaͤuc des Himmels, furchtbar abſtechende Wolken langſam auf, unmerklich ziehen ſie empor, ohne ſich vom 30 verdunkelten Horizont loszureißen. Der Wiederſchein der untergehenden Sonne, unvermoͤgend ihre dichte Dunkelheit zu durchdringen, erreicht kaum den bleifarbi⸗ gen Rand derſelben, um ſich verloͤſchend in ſie zu tauchen. Kein Luͤftchen regt ſich noch, aber die ganze Natur ſcheint in Erwartung. Waͤhrend dieſes ernſten Schweigens gehen zwei Tagloͤhner mit ihren Werkzeugen uber die Landſtraße: „Das wird eine ſtuͤrmiſche Nacht werden, ſagt der aͤltere zu ſeinen Gefaͤhrten, die Raben ſind eine Stunde eher als gewoͤhn⸗ nach dem Walde gezogen, und ob man gleich noch kein Luͤftchen ſpuͤrt, ſo kraͤu⸗ ßeln ſich doch die Blaͤtter um ſich ſelber.“ Dies hoͤrt Herr Dermot, und zoͤgert nicht laͤnger, er laͤßt die Landſtraße zur Rechten, und eilt mit ſchnellen Schritten —— 31 dem einzigen, in Umkreis von einer Stunde befindlichen, bewohnten Gebaͤude zu. Durch Geſtraͤuche und jungen Auflug von Eichen⸗ holz, naͤhert er ſich dem Schloſſe Helvin, oder vielmehr dem viereckigen Thurme, der dieſen Namen fuͤhrt. „Dies iſt vielleicht der Anfang mei⸗ nes apoſtoliſchen Berufs,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Ich werde bei einer Mutter, wel⸗ cher nur ihr Schmerz uͤbrig geblieben iſt, ein trauriges Obdach ſuchen. Zum Erſatz fuͤr ein gaſtfreundliches Nachtquartier, wer⸗ de ich einige Worte des Troſtes in ein zerriſſenes Herz gießen, ach ſte werden vielleicht fruchtlos ſeyn, bei Rahel, die ſich nicht wird troͤſten laſſen, weil es mit ihrem Kinde aus iſt,*) denn —üÿ *) Jerem. Kap. 31. V. 158. Anm. d. Ueberſ. 32 ——— wenn mit herben Schmerzen der Schooß des Weibes ſich von dem Weſen trennt, dem er das Leben gab, ſo ſind der ar⸗ men Mutter Leiden noch viel heftiger, wenn ſie den Tag erlebt, an welchem ihr zum zweiten Male die Frucht ihres Lei⸗ bes das Grab entreißt. 4 „Wenn ich ihr indeſſen im Voraus den Reichthum der ewigen Erbarmung eroͤffnen, und der Tiefgebeugten im Geiſte die Toch⸗ ter zeigen koͤnnte, die aus dem ſeligen Wohnſitz eines beſſern Lebens ihre Arme nach ihr ausſtreckt, wenn mir, dem Boten des Evangeliums fuͤr die Weinenden, durch die Kraft desjenigen, deſſen Worte untruglich ſind, es gelaͤnge, in dieſem troſtloſen Gemuͤthe, die Gewißheit einer zutuͤnftigen, ſeligen Wiedervereinigung zu befeſtigen, dann wuͤrde mein Beſuch we⸗ 33 nigſtens nicht laͤſtig ſeyn. Es wuͤrden in die blutenden Wunden einige Tropfen Oehls des barmherzigen Samariters fließen, und die uͤberſchwengliche Gnade des himmli⸗ ſchen Vaters, wuͤrde mein ſchwaches Werk vollenden.“ Herr Dermot ward durch drei, hinter ihn herſpringende Ferſen,“*¹) die mit weit offen ſtehenden Nuͤſtern fuͤr ſich allein den Heimweg nach den Meierhof ſuchten, in ſeinen Betrachtungen unterbrochen. Schuͤch⸗ tern ſchluͤpfte ihm zur Seite der geaͤng⸗ ſtigte Vogel ins Gebuͤſch, graue Schatten deckten ſchon fruͤber als gewoͤhnlich die Landſchaft, denn die dicken Wolken, die gleich einem ſchwarzen Vorhang vom Meere 9 Oder Kalben, junge, noch nicht traͤchtig ge⸗ weſene Kuͤhe. Anm. d. Ueberſ. 1 Theil. 3 ————— 34 herauf zogen, nahmen immer mehr Raum am Himmel ein, und mit Ausnahme eines ſchmalen Streifs am oͤſtlichen Theil deſ⸗ ſelben, war er, von einem Ende zum an⸗ dern, bedeckt. Roͤthliche Blitze zertheilten in Nordweſten auf mehreren Punkten die dunkeln Wolken, und es donnerte zum er⸗ ſten Male, als der Wanderer den Klopfer an dem gothiſch gewoͤlbten Thore des al⸗ ten Ritterſitzes ergriff. Der Geiſtliche hatte alle Zeit die grau⸗ en Mauern mit ihren zackigen Zinnen auf allen vier Seiten zu betrachten, eine ſon⸗ derbare und traurige Bauart, die noch aus den Zeiten ſtammte, in welchen Bretagne der Schauplatz der haͤufigen Kriege war, zu denen die Streitigkeit Veranlaſſung ga⸗ ben, die ſeine Herzoge bald gegen die Koͤ⸗ nige von England, bald gegen die von —— 35 Frankreich und die Herzoge von der Nor⸗ mandie zu fuͤhren hatten. Die durcheden Einſturz des Mauerwerks halb veyſchuͤtte⸗ ten Graben waren von wildwachſenden Gewaͤchſen beſchattet, deren maſtige Pege⸗ tation durch die Feuchtigkeit aunteyhalten wurde, die ihre„Wurzeln einſaugten. Von dieſem duͤſtern Gruͤn umgeben, ſchien dies feſte Schloß ſich aus einem ſchwar⸗ zen Abgrunde zu erheben, und wenn man den Blick nach ſeinen Zinnen erhob, ſo war der Anblick der nackten Einfoͤrmigkeit dieſes Gebaͤudes, das außerhalb faſt ohne alle Fenſter war, recht dazu geeignet, die Seele mit einem eiſigen Schauer zu er⸗ fuͤllen. Die losgelaſſenen Hunde bellten in dem von dem Gebaͤude ringsum eingeſchloſ⸗ ſenen Hofe, und noch ͤruhte das Thor 3 † unbeweglich auf ſeinen Angeln. Nur durch eine Spalte, die der Zahn der Zeit zwiſchen zwei auseinander gewichenen Pfo⸗ ſten geoͤffnet hatte, bemerkte Herr Dermot einen Schein von Lichtern, die ſich in den Gallerien des Schloſſes hin und her be⸗ wegten; endlich gebietet eine weibliche Stimme den Hunden Stillſchweigen, eine Seitenthuͤr oͤffnet ſich und man fragt den Reiſenden nach ſeinem Begehren. Herr Dermot.— Ich bitte um Obdach bis morgen fruͤh um fuͤnf Uhr. Die Ausgeberin.— Dies koͤnnen wir nicht gewaͤhren, mein Herr. Das Ge⸗ baͤude iſt verfallen, und die wenigen be⸗ wohnbaren Zimmer ſind beſetzt. Herr Dermot.— Ich erbitte mir von Ihrer, in der ganzen Nachbarſchaft bekannten, Guͤte nur die Erlaubniß, den 37 Abend an ihrem Heerdfeuer zubringen zu duͤrfen. Die Ausgeberin.— Zwei Dienſt⸗ boten ſind abweſend. Wir haben Kranke, welche die Pflege der andern in Anſpruch nehmen; und warum ſollte ich es Ihnen verſchweigen, daß die Frau vom Hauſe, in Verzweiflung uͤber den Verluſt einer einzigen Tochter, die uns vor zwei Tagen der Tod geraubt hat, verſuchen will, nach vielem Jammer einige Ruhe zu genießen, die Sie gewiß nicht zu ſtoͤren wuͤnſchen, und die ihr ohne kuͤnſtliche aͤrztliche Bei⸗ huͤlfe, nicht einmal zu Theil werden wuͤrde. Herr Dermot.— Ich bin von Ih⸗ rem Gram unterrichtet; ſeien ſie von mei⸗ ner Theilnahme uͤberzeugt. Aber Madam, werden Sie einen Fremden, einen Reiſen⸗ den nnbarmherzig von Ihrer Thuͤre zuruͤck⸗ 1 38 weiſen, wenn ein furchtbares Gewitter im Anzug iſt, und er in dieſer unwirthbaven⸗ Gegend nicht weiß, wo er einen Zufluchts⸗ ort finden ſoll? Wollen Sie mich wie ei⸗ nen verworfenen Miſſethaͤter behandeln? Die Ausgeberin.— Nach einer kurzen Pauſe:„Wenn Sie ſich rechts wenden, und den Fußſteig hinabgehen, ſo werden Sie zweihundert Schritte von hier einen kleinen Weiler finden, der nur aus zwei Meierhoͤfen beſteht. In den erſten gehen Sie nicht, denn der Tod und der Jammer haben ihren Wohnſitz darinnen aufgeſchlagen. Es ſtarb geſtern in dem⸗ felben eine junge Frau im Kindbette, und ihe ungluͤcklicher Vater, der an einer Bruſtentzuͤndung hart darniederliegt, macht uns auch um ſein Leben beſorgt; wahr⸗ ſcheinlich haͤlt ſein Zuſtand den Pfarrer 39 bei ihm zuruͤck, außerdem wuͤrde er gewiß in dieſem Hauſe ſeyn, wo wir ſeines geiſtlichen Beiſtandes ſo ſehr beduͤrfen; aber gehen Sie uͤber den, beiden Meierhoͤ⸗ fen gemeinſchaftlich angehoͤrigen, Hof, und Sie werden, einem großen Kaſtanienbaum gegenuͤber, eine zweite Thuͤr finden, an die Sie nur herzhaft klopfen und erklaͤren duͤrfen, daß Sie Frau Allote,(dies iſt mein Name) dahin geſchickt habe. War⸗ ten Sie zwei Minuten, ich werde dem kleinen Maͤdchen des Gaͤrtners ſagen, Sie nach dem Weiler zu fuͤhren, und ihr ei⸗ nen weißen Bettuͤberzng und eine Jlaſche Wein fuͤr Sie mitgeben.“ Indem Madame Allotte dieſe letzten Worte ſprach, ließ ſie ein zweifacher Blitz, der mit Feuerzuͤgen die von dem Sturme nach Weſten gepeitſchten Wolken zerriß, 40 deutlich erkennen, daß ſie ſich mit einem in feines Tuch gekleideten Geiſtlichen von imponirenden Aeußern unterhielt, was ſie nicht hatte vermuthen koͤnnen, da ſie keine Laterne bei ſich hatte; es bedurfte nichts weiter um ſie auf einen andern Gedanken zu bringen; ſie eilt nach dem Zimmer der Frau von Beaumanoir. Vermoͤge der Wir⸗ kung des Opiums, welches Madame Al⸗ lote, ohne ihr Vorwiſſen, unter die Man⸗ delmilch gemiſcht hatte, die ſie endlich, ehe ſie ſich auf ihr Bette warf, auf vieles Zureden derſelben zu ſich uahm, fing dieſe ungluͤckliche Mutter ſo eben an, einzuſchlum⸗ mern. Das durch den ſchnellen Eintritt der Ausgeberin entſtandene Geraͤuſch hatte die Wirkung des Schlaftrunks unkerbro⸗ chen, und es eutſpann ſich zwiſchen beiden Frauen ein Geſpraͤch, deſſen Ton, durch die Bekanntſchaft mit ihren gegenſeitigen 4¹ Verhaͤltnißen, dem Leſer bald erklaͤrlich werden wird. Frau Allote.— Liebe Karoline, ein Geiſtlicher bittet um ein Obdach fuͤr dieſe Nacht, mich duͤnkt, er erſcheint zu recht gelegener Zeit fuͤr uns, und man koͤnnte ihn erſuchen, ſtatt eines andern die Functionen ſeines Amtes zu verrichten, denn ich fuͤrchte ſehr daß unfer guter Pfar⸗ rer von den Pachter Baſtien aufgehal⸗ ten, und nicht ſo bald erſcheinen wird, als er verſprochen hat. Uebrigens weißt du liebe Vicomteſſe, daß Mariane allein da iſt, da Georg und Fanchon ſich ausgebe⸗ ten haben, die Nacht vor der Beerdigung ihrer Schweſter nach Landesſitte im Trau⸗ erhauſe zuzubringen. Frau von Beaumanoir.— Ich bin ganz deiner Meinung Henriette, richte ˖ —— 5 —jj— 42 alles nach deinem beſten Ermeſſen ein, und fuͤhre den Prieſter in das Zimmer einer geliebten Tochter, von der der mor⸗ gende Tag uns fuͤr immer trennen wird. Ach ich hoffte ihre Huͤlle noch auf einige Stunden dem Grabe ſtreitig machen zu koͤnnen; ich glaubte der Schlaf wuͤrde mei⸗ ne Augen fuͤr immer geflohen haben; ich freute mich ſogar darüber, und nun dieht mir eine unwiderſtehliche Gewalt die Au⸗ gen zu! Die widerſtrebende Natur will dem Herzen einer Mutter nicht erlauben, den letzten Abend bei ihrem Kinde zuzu⸗ bringen. Frau Allote.— Beklage dich nicht ber dieſe Wohlthat des Himmels, meine theure Freundin, da er dir jemanden ſen⸗ det der dieſe traurige Pflicht ſeals deiner erfuͤllen kann. 43 Frau von Beaumanoir.— Geh Henriette, eile den Geiſtlichen einzulaſſen, denn ich hoͤre den Donner durch die Woͤl⸗ bungen unſerer traurigen Gemaͤcher wieder⸗ hallen. Vergiß nicht dem wuͤrdigen Manne etwas zu eſſen zu geben, und ehe du ihn das Zimmer meiner Tochter oͤffneſt, ſo unterrichte ihm vor allen Dingen, ohne ihm etwas zu verheimlichen, von der Ur⸗ ſache meines Jammers. Frau Allote.— Ich werde ihn zuvor in den kleinen Speiſeſaal neben meinem Zimmer fuͤhren, und waͤhrend er ſich in etwas erholen wird, lihm alle unſere Leiden erzaͤhlen. Ein gegenſeitiger zaͤrtlicher Kuß un⸗ terbrach dier auf einige Auzeni ſs⸗ das Geſpraͤch. Frau von Beaumanoir.— Geh Henriette, ich kann, ich weiß nichts mehr beizufuͤgen! Mein Gott, ich glaubte ein Mittel gefunden zu haben, noch auf einige Momente Mutter zu ſeyn, ich hatte dem ſchmerzvollen Andenken eine traurige und ſuͤße Nahrung bereitet. O Tod! iſt denn jeder Kampf mit dir unmöglich? Dein grauſamer Bruder, der Schlaf, hat mich uͤberwaͤltigt... Henriette vergiß nicht, daß ich dir aufgetragen habe, mich zu be⸗ nachrichtigen,... mich zu wecken ehe... Ich verlange es, ich bitte dich darum, ich befehle es dir, meine geliebte Henriette!“ Das Haupt der Frau von Beaumanoir ſank auf das von Thraͤnen durchnaͤßte Kopf⸗ kiſſen zuruͤck, und die treue Frau Allote wuͤnſchte ſich Gluͤck zu der, durch ihre Sorgfalt veranſtaltete, Unterbrechung des — Jammers dieſes zerriſſenen Herzens, und eilte ſo geſchwind die Treppe hinunter, als es eine zehntaͤgige Anſtrengung ihr erlaubte. Drittes Kapitel. Gaſtfreundlichkeit auf einem al⸗ ten Ritterſitze. —— Diesmal hatte die thaͤtige Ausgeberin auf dem Schloſſe Helvin die Vorſicht ge⸗ braucht, ſich mit einer Laterne zu verſehen. „Treten Sie ein, ſagte ſie zu Herrn Der⸗ mot, der unter dem Portale ſtand, und welchem die großen und warmen Regen⸗ tropfen bereits die Kleider zu durchnaͤſſen begannen; treten Sie ein, wir ſehen Ihre 47 Erſcheinung als eine Fuͤgung der Vorſe⸗ hung an. Das Kleid, welches Sie tra⸗ gen, laͤßt mich mit Zuverſicht hoffen, daß Sie es uns nicht abſchlagen werden, Ihre frommen Gebete an dem Sarge meiner jungen Freundin zu verrichten, eines Eng⸗ els in Menſchengeſtalt, mit welchem mein Lebensgluͤck, und jede Erdenfreude der Frau von Beaumanoir auf ewig ver⸗ ſchwunden ſind.“ Herr Dermot antwortete mit beweg⸗ ter Stimme: „Der Dienſt des Altars, dem ich mich geweiht habe, verpflichtet mich, meinen Fuß in das Haus der Trauer, ſo wie in das der Froͤhlichkeit zu ſetzen; in jenes, um zu troͤſten wenn ich kann, und die Er⸗ barmung der ewigen Liebe, ſelbſt fuͤr die traurigen Reſte der Sterblichkeit zu er⸗ flehen, in dieſes, vermoͤge eines, dem An⸗ ſcheine nach weniger betruͤbten, aber viel⸗ leicht ſchwierigern Berufs, da er ner zu oft uns veranlaßt, auf die Entfernung der thoͤrigten Zerſtreuungen dieſes Erdenlebens zu dringen.“ Unter der Leitung ſeiner Fuͤhrerin, ging der Seminariſt uͤber einen weitlaͤnf⸗ tigen Hof, in welchem das Gras auf manchen Stellen das Pflaſter einfaßte, an andern es den Blicken der Voruͤbergehen⸗ den gaͤnzlich entzog. An die vier unge⸗ heuren Mauern, die dieſen Raum ein⸗ ſchloſſen, ſtießen vier Fluͤgel, die wie be⸗ deckte Gallerien mit einander in Verhin⸗ dung ſtanden. Der noͤrdliche Theil ſchien ſeit langer Zeit unbewohnt, auch hatten die, von dem Meere her kommenden Win⸗ de, und die ſtrenge Jahreszeit die Dach⸗ „ 49 ung beſchaͤdigt. Menſchenhaͤnde, dieſe Ne⸗ benbuhlerinnen der Elemente, oder um mich richtiger auszudruͤcken, ſie, die oͤfters die Verwuͤſtungen derſelben zu beuutzen ſuchen, hatten an gewiſſen Stellen den Einſturz beſchleunigt, um dieſen Theil des Gebaͤudes, der ſich vor Zeiten zu der glei⸗ chen Hoͤhe, wie die Seitenmauern erhob, in Schuppen und Staͤlle mit flachen Woͤl⸗ bungen zu verwandeln. Dieſe Seiten⸗ mauern, von allen Bewurf entbloͤßt, be⸗ ſchraͤnkten den Einfluß des Tageslichts, das ſich nur ungern in dieien engen Raum zu ergießen ſchien, und boteu einen Au⸗ blick von Zerſtoͤrung ohne Majeſtaͤt dar. Im Ganzen erregte dieſer alte Sitz, der ehedem den Rittern, nach ihren Einfaͤllen in das platte Land, zum Zufuuchtsort diente, mehr duͤſtere als wehmuͤthige Ge⸗ fuͤhle. Wie die letzten Nachkommen des 1. Theil. 4 50 alten Stammes der Beaumanoir hierher kamen, wird man bald erfahren. Als Dermot empor blickte, bemerkte er, daß alle Fenſter des ſuͤdlichen Theils des Schloſſes, mit Ausnahme zweier mo⸗ derner Fenſterſtoͤcke, erleuchtet waren, die andern, durch Granitkreutze getheilten, an deren ſcharfen Kanten unbewegliche Fen⸗ ſterkreutze befeſtigt waren, glaͤnzten in verſchiedenen Reflexen, welche die, inner⸗ halb befindlichen, Lichter auf den mit bunt gemahlten Wappen verzierten Scheiben hervorbrachten. Aus dieſer Erſcheinung ſchloß unſerer Reiſender, daß das Haus mehr Bewohner enthalte, als man ihm hatte wollen glauben machen. Vorſichtig ging Madame Allote vor ihm her, und wendete das Licht der Laterne 31 nach ihm zu, indem ſie ihn eine ſteinerne Treppe hinauffuͤhrte, deren ausgetretene Stufen die Spuren der mit Naͤgeln be⸗ ſchlagenen Holzſchue der dortigen Landleute trugen. Da es Herrn Dermot nicht un⸗ bekannt war, daß er ſich auf dem Land⸗ ſitze der Vicomteſſe von Beaumanoir be⸗ fand, der Wittwe des letzten Zweigs der juͤngern Linie dieſes in Bretagne ſo be⸗ ruͤhmten Hauſes, deren aͤltere Linie durch Verbindungen der weiblichen Nachkommen mit andern Familien erloſchen war, ſo er⸗ kundigte er ſich bei Madame Allote, ob es ihm erlaubt ſei, der Dame vom Hau⸗ ſe ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. Die Aus⸗ geberin, oder vielmehr diejenige, die deren Stelle vertrat, entſchuldigte die Verweige⸗ rung ſeines Wunſches, mit der unſchuldi⸗ gen Liſt, zu der ſie ihre Zuflucht habe neh⸗ men muͤſſen, und mit dem erkuͤnſtelten 4 — Schlaf der Frau von Beaumanoir der eine Folge derſelben war. Unterdeſſen verſiche erte ſie ihn, daß, wenn die Vicomteſſe felbſt mitten in der Nacht erwachen ſoll⸗ te, ſie ihn ſogleich davon benachrichtigen nüede 1 S 18 Aber, fuhr Intdame Allote fort, i dieſem Falle, wuͤrde ſie ſelbſt Ihnen 2 vorkommen. Zu wichtige Gruͤnde, von de⸗ nen ich nicht ſzumen werde ſie zu unter⸗ richten, wuͤrden ſie auffordern, Sie um Ih⸗ ren Beſuch zu bitten. Die ungluͤckliche, vorteefftiche Frau! Ihr Schmerz reibt die wenigen KRraͤfte, die ihr noch aͤbrig bleiben, auf, und nun muͤſſen wir auch noch fuͤr ihr Leben zittern, gleich als ob wir nicht an dem gemeinſchaftlichen Schmerz genus iu tragen hatten. 53 Bei dieſen unter einem Seufzer aus⸗ geſprochenen Worten, oͤffnet Madame Al⸗ lote, immer von dem Geiſtlichen begleitet, die Thuͤre eines kleinen geſchmackvoll de⸗ korirten, und mit religioͤſen Kupferſtichen verzierten Zimmers, nimmt aus einem nuß⸗ baumenen Schrauke verſchiedene kalte Spei⸗ ſen, ſetzt ſie dem Reiſenden vor, erſucht ihn ſich zu ſetzen, entfernt ſich einen Au⸗ genblick, kehrt dann mit einer Flaſche alten Weins zuruͤck, ſetzt ſie auf den Tiſch, und nachdem ſie Herrn Dermot genoͤthigt hat, etwas zu genießen, verlaͤßt ſie zum zweiten Male das Zimmer. Dieſer hatte ſchon ſeinen karmoiſinen Reiſeſack abgelegt und ſeinen Stock von Ebenholz mit dem darauf befindlichen Hute in eine Ecke des Zimmers gelehnt. Seit er ſich von ſeinem alten Schulfreunde trenn⸗ te, hatte er nicht das geringſte gendſſen, zwiefach erinnerte ihn ſein Magen an dies Beduͤrfniß, und ſein Durſt war ſo bren⸗ nend, daß er damit anfing, ihn auf Ko⸗ ſten des Bordeauxweins zu ſtillen. Nur wenig genoß er von der kalten Kuͤche und hielt ſich dagegen an einige eingemachte Fruͤchte, die in dieſer fruͤhen Jahreszeit noch allein den Nachtiſch ausmachten; nach dieſer leichten Mahlzeit erwartete er nicht ohne Unruhe die nochmalige Zuruͤckkunft von Madame Allote, die ohne Zweifel mit der Vicomteſſe beſchaͤftigt war. Naturlich blieb Herrn Dermot, bei den unzureichenden Winken die er erhalten hatte, nichts uͤbrig, als ſeine Phanta⸗ ſie von Vermuthungen zu Vermuthungen ſchweifen zu laſſen, die aber alle die Farbe der Oertlichkeit, das Gepraͤge des Ernſtes 55 trugen: tiefe Stille herrſchte im ganzen Hauſe; von Außem pfiff der Wind in ſchneidenden Toͤnen durch die Schießſchar⸗ ten der alten Mauern, und die ſie um⸗ gebenden Epheuranken und Fliederbaͤunte. Von Zeit zu Zeit miſchte der Blitz ſeinen weißen, ſchnell verſchwindenden Glauz in den blaſſen Schimmer der einzigen, auf dem Tiſche ſtehenden Kerze. Jetzt ſtand das Wetter uͤber dem Schloffe, und kuͤn⸗ digte ſeinen voͤlligen Ausbruch in erſchuͤt⸗ ternden Donnerſchlaͤgen an. Mitten un⸗ ter dieſen furchtbaren Naturerſcheinungen, dachte unſer Reiſender an den alten Ta⸗ geloͤhner, der zu ſeinem Kammeraden ſag⸗ te:„das wird eine ſtuͤrmiſche Nacht wer⸗ den,“ und ohnerachtet der natuͤrlichen Feſtigkeit ſeines Charakters, fuͤhlte er ſich durch dieſe Erinnerung in ſeinem Innern bewegt. 4 Sei es nun, daß Madame Allote bei'm Eintreten eine Verwandlung in den Zuͤgen des von ihr aufgenommenen Frem⸗ den bemerkte, oder daß ſie ſich fuͤr ganz beſonders verbunden hielt, die Pflichten eines traurigen Gaſtrechts an ihm aus z uͤben, ſie bot ihm ein Glas Alieanten⸗ wein an. Erquicken Sie ſich, ehrwuͤrdi⸗ diger Pater, ſagte ſte zu ihm, waͤhrend ſte das Glas mit dem edeln Safte fuͤllte, Sie haben die Laſt des Tages getragen; die Hitze war druͤckend und Ihre Kleider ſind noch vom Regen durchnetzt. Ich kann es mir kaum verzeihen, kein Feuer ange⸗ macht zu haben, um ſie zu trocknen; aber Ihre Nachſicht wird dieſe Vergeſſenheit mit der Verwirrung entſchuldigen, in die uns ein allzugrauſames Schickſal verſetzt hat. 83: —— 57 Dieſe guͤtige Behandlung beruhigte Dermots aufgeregtes Gemüth, ſeine Stirne entfaltete ſich, er fing an ſich der einzigen Perſon, die ihm bis jetzt in dem Thur⸗ me von Helvin aufgeſtoßen war, mehr zu naͤhern, und wagte es, ſie uͤber das, was er geſehen und gehoͤrt hatte, zu befragen. Er konnte nicht zweifeln, daß die Dame ihm fuͤr einen, dem Dienſte des Altars ſchon laͤngſt geweiheten, Geiſtlichen hielt, und da ſein Alter und der Ausdruck, der in ſeinen Zuͤgen lag, mehr noch als ſeine Kleidung geeignet waren, ſie in dieſer Vermuthung zu beſtaͤrken, ſo fand er es nicht fuͤr noͤthig, ſie uͤber einen Irrthum aufzuklaͤren, der im Grund fuͤr nieman⸗ den nachtheilig ſeyn konnte. Eben ſchlug es acht auf der Schloß⸗ uhr und Madame Allote hielt fuͤr zweck⸗ 3 N — — 5 — 5 2 Z 5 ·—= 28— 2— 2 E * S A 2 22 — — ‿ . 28 E tzutheilen, was der Leſer im fol⸗ nige mi genden Kapitel finden wird. 59 Viertes Kapitel. Eine Familie aus dem Ende des — verfloſſenen Jahrhunderes. We der Frau von Beaumanoir noch ich ſtammen aus der Bretagne, und doch ſind bereits achtzehn Jahre verfloſſen, ſeit wir das Schloß Helvin bewohnen. Ein In⸗ fanterielieutenant, der letzte Sproͤßling diefes beruͤhmten Stammes der Beauma⸗ noir, aber arm, da er einer juͤngern Li⸗ nie angehoͤrte, deren Einküͤnfte durch die ¹*½ . Abfindungen mit mehreren Nebenlinien gaͤnzlich erſ ſchoͤpft waren, diente in dem Re⸗ giment Auvergne, welches verſchiedene Mo⸗ nate hindurch in Liſieux in Garniſon ſtand. Dieſer Ofſizier machte hier die Bekannt⸗ ſchaft mit Fraͤulein von Freville, der ein⸗ zigen Erbin des reichen Kaufmanns die⸗ ſes Namens, die ſeit fünf Jahren in dem Hauſe, und unter dem Schutze ihres Oheims muͤtterlicher Seite, als feine Pfle⸗ gebefohlne, wohnte. Der Großmuth die⸗ ſes Biedermannes, in deſſen D Dienſten meine Aeltern eine Reihe von Jahren ge⸗ ſtanden hatten, und der, als ein anſtecken⸗ des Fieber alle beide innerhalb acht Tagen von meiner Seite riß, ſich meiner huͤlf⸗ loſen Kindheit menſchenfreundlich annahm, hatte ich es zu verdanken, in demſelben Hauſe erzogen zu werden, und deſſelben Unterrichts wie ſeine Nichte zu genießen. 61 Ja er ſorgte ſo waͤrerlich fuͤri meine Aus⸗ bildung, deren Fortſchritte ſeiner gutmuͤ⸗ thigen Eitelkeit ſchmeichelten, daß ſein er⸗ ſter Handlungsdiener, der ſelbſt einen An⸗ theil am Geſchaͤft hatte, mich ſeiner Wahl wuͤrdig fand, und um meine Hand bat. — 22 4. „ 0 1 Den geſellſchaftlichen Nang abgerech⸗ ret, deſſen Unterſchied durch meine Ver⸗ bindung zum Theil verſchwand, knuͤpfte eine Art von Gleichheit unſerer Verhaͤlt⸗ niſſe, mich innig an Fraͤulein von Freville. Beiderſeits Waiſen, ſahen wir uns von einer und derſelben Hand unterſtuͤtzt, un⸗ ſere, durch dieſe freundliche Beziehung erhöhte Freundſchaft wuchs, der Ungleich⸗ heit unſerer Vermoͤgensumſtaͤnde ungeach⸗ tet, mit jedem Jahre. Wir waren unzer⸗ trennlich. Nur zwei Jahre aͤlter als Ka⸗ roline, ſchien dennoch dieſer unbedeutende 62— Unterſchled ihr Vertrauen in meine ſchwa⸗ chen Einſichten zu rechtfertigen. Vor ihr verheirathet, wurde ich die Vertraute ihrer Neigung zu dem Vicomte von Beaumanoir, und natuͤrlich beguͤnſtigte ich ſie. Wir waren beide noch ſo jung, daß wir die Wichtigkeit eines Buͤndniſſes fuͤr das ganze Leben nicht gehoͤrig einſahen. Ich ließ mich fuͤr die Abſichten des Vicomte ge⸗ winnen, und that Unrecht daran, nur zu bald ſahe ich es ein, denn eine ſolche Ver⸗ bindung, paßte weder fuͤr Fraͤulein von Freville, noch fuͤr ihren Bewerber, dem ohne Zweifel das große Vermoͤgen dieſer reichen Erbin eben ſo ſehr, als ihre ſeltene Schoͤnheit anzogen, waͤhrend die uͤbrigen viel trefflichern Vorzuͤge meiner liebenswuͤr⸗ digen Freundin in ſeinen Augen weit weni⸗ ger Werth zu haben ſchienen. 63 Erlauben Sie mir bei dieſer Gelegen⸗ heit eine Bemerkung, die ich waͤhrend meines Aufenthaltes in der Bretagne zu⸗ machen Veranlaſſung hatte. Wie hart auch das Loos mehrerer Familien ſei, die in fruͤhen Zeiten zu den edelſten der Pro⸗ vinz gehoͤrten, auf welche niedrige Stufe das Schickſal ſie gezwungen habe, herab⸗ zuſteigen, immer iſt ihnen noch ihr alter Glanz gegenwaͤrtig, da das Andenken an denſelben das Einzige iſt, was ihnen von ihrer verſchwundenen Groͤße uͤbrig blieb, ſo haͤngen ſie, gleichſam um dem Geſchicke Trotz zu bieten, inniger als je an dem⸗ ſelben, ja es gereicht ihnen gewiſſer Ma⸗ ßen zu einem Troſt, dieſer Groͤße, einen noch hoͤhern Werth beizulegen. So ſchien der Herr Vicomte von Beaumanoir, ob⸗ gleich der Beſitz meiner geliebten Karoline ſein lebhafteſter Wunſch war, dennoch in 64 ſeinem Innern uͤberzeugt, daß ſie ſich durch ſeine Bewerbung ſehr geehrt fuͤhlen muͤffe. Wiklleicht vermied er ſogar uͤber dieſen Punkt ſich ſelbſt ſtreng zu befragen, aus Furcht, vor ſeinen hochadeligén Ah⸗ nen erroͤthen zu muͤſſen. Wenigſtens war, ſeiner Meinung nach, die Reihe, ſich zum Dank verpflichtet zu fuͤhlen, nicht an ihm. Zwar huͤtete ern ſich wohl es zu ſagen, aber ich errieth ſeine Geſinnungen ſehr bald. Achiie es war ſchon zu ſpaͤt. Ich wuͤrde das Herz meiner Freundin zerriſ⸗ ſen haben, wenn ich ihr die Augen haͤtte affnen wollen; dazu fehlte es mir an Muth. Das unpaſſendſte Buͤndniß wurde, wider den Rath eines ehrwuͤrdigen Oheims, der die Verhaͤltniſſe des Lebens aus Erfah⸗ rung kannte, beſchloſſen; durch ein Un⸗ gluͤck, an das zu denken, mir nicht einſtel, wurde mein. Schickſal an das meiner 4 — 65 Freundin unwiderruflich gekettet; in mei⸗ nem achtzehnten Jahre, wenige Monate nach meiner Verheirathung, ward ich Witt⸗ we, und entſchloß mich, auf die dringen⸗ den Bitten der Fraͤulein von Freville, ihr in dieſen alten Thurm zu folgen, wo wir beider Seits Thraͤnen genug vergoſſen haben. Herr von Beaumanoir hatte dieſen un⸗ geheuern viereckigen Thurm, und das uner⸗ meßlich große Stuͤck Schlagholz, das ihn umgiebt, von einem Seitenverwanden, ich weiß nicht genau, ob geerbt oder erſtan⸗ den. Ich vermuthe, daß ein Theil des baaren Vermoͤgens ſeiner Gattin zur Be⸗ zahlung dieſes Beſitzthums verwendet wur⸗ de, von welchem der Vicomte wenige Mo⸗ nate vor ſeiner Vermaͤhlung Eigenthuͤmer ward, und wodurch die Eitelkeit des neu⸗ en Gutsherrn ſich geſchmeichelt fuͤhlte, In 1. Theil. 5 66 einem Regimente, ſo zu ſagen, erzogen, hatte er in ſeinem Leben nichts eigenthuͤm⸗ lich beſeſſen, und er fand nichts geeigne⸗ ter einen berühmten Namen wieder zu he⸗ ben, als den Beſitz eines Steinhaufens, den man fuͤr gleichzeitig mit dem Glanze deſſelben halten konnte, und der noch uͤber⸗ dies das Verdienſt hatte, in der Gegend, welche die Wiege ſeiner Familie*) geweſen *) Die Familie Beaumanoir, was auch Mo⸗ reri ſagen mag, ſtammt urſpruͤnglich aus Bretagne und nicht aus Maine. Wahr iſt's, das eine juͤn⸗ gere Linie dieſes Hauſes, die Herren von Beſſo und von Lavardin, ſich in der Provinz Maine niederließen, wo ſie jedoch nicht uͤber das funf⸗ zehnte Jahrhundert hinaufſteigt, wie dieſer Schrift⸗ ſteller behauptet; aber der Stamm war— lange vorher als alten bretanniſchen Urſprungs bekannt: und die aͤltere Linie hat die Bretagne nie verlaſ⸗ ſen.— Man findet in dem Adelsbuch dieſer Pro⸗ vinz, hieruͤber folgende Nachricht:„Hervé von Beaumanoir lebte im Jahr 1202, dieſer war einer der vornehmſten adeligen Gutsbeſitzer der Bretag⸗ ne, die ſich in Vannes verſammelten, um einen 67 war, die Blicke der Reiſenden auf ſich zu ziehen. Ein langer Aufenthalt in der Normandie, erweckte in ihm die Ueberzeu⸗ gung, daß er ſich durch den Landbau be⸗ reichern koͤnne. Kaum verheirathet, ent⸗ ſagte er dem Kriegesdienſte und fuͤhrte zwei junge, an die Vergnuͤgungen einer Handelsſtadt, und an alle Bequemlichkeiten eines Hauſes, welches einen ausgezeichneten Rang in dieſer Stadt behauptete, gewoͤhnte Frauen hierher, mitten in dieſe Waͤlder, fern von allen menſchlichen Wohnungen, ich moͤchte ſagen, fern von allen geſelligen Weg ausfindig zu machen, den durch Johann oh⸗ ne Land, Koͤnig von England an dem Artus, ſei⸗ nem Neffen, dem Sohne erſter Ehe Conſtanzens Herzogin von Bretagne und Gottfrieds von Eng⸗ land, Grafen von Anjou veruͤbten Mord zu raͤ⸗ chen.“ Der Name Hervs iſt ein neuer Beweis fuͤr meine Behauptung, da derſelbe einzig und allein in Niederbretagne im Gebrauch iſt. 5* ——————.— ————— 68 Verbindungen. Unſere erſten Thraͤnen, es waren Thraͤnen der Ueberraſchung, ich moͤchte ſagen des Schreckens, konnten wir den Blicken des Herrn von Beaumanoir nicht entziehn, die folgenden ſuchten wir ihm moͤglichſt zu verbergen, denn wir wein⸗ ten ſie gemeinſchaftlich, und fanden darin⸗ nen ſelbſt, eine ſo große Erleichterung, daß uns ſchon der Gedanke aͤngſtigte, uns dieſes Troſtes beraubt zu ſehn. In der That entwickelte ſich die despotiſche Laune des Gemahls Karolinens auf eine Art, die uns fuͤrchten ließ, er werde uns trennen, ſobald er in unſerer Vertraulichkeit etwas bemerkte, das ihm nur den geringſten Eintrag thun koͤnne, ein gemeinſchaftlicher Schmerz wuͤrde in ſeinen Augen unſtreitig dieſen Character gehabt haben. Er ſtand mit verſchiedenen Edellenten der Bretagne in Verbindung, die ſeiner 69 Eitelkeit ſchmeichelten, indem ſie ihn auf die Jagd begleiten, wovon er allein die Koſten trug,(denn dies war die einzige vermehrte Benutzung ſeiner Guͤter), und fand nicht fuͤr anſtaͤndig, daß die Freun⸗ din ſeiner Gemahlin bei ſolchen Veranlaf⸗ ſungen, an der Seite der Vicomteſſe von Beaumanoir bei Tafel erſchien. Aus Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr dieſe vortreffliche Frau, legte ich meinem Ehrgefühle Stillſchweigen auf, und unterließ an ſolchen Tagen, an denen der Stolz des Herrn vom Hauſe den Vor⸗ ſitz fuͤhrte, bei Tafel zu erſcheinen. Ich fand in dieſer Zumuthung nur eine Be⸗ leidigung, keine Entbehrung. Bald aber erhielt ich die Weiſung, in Zukunft auf meinem Zimmer zu ſpeißen, im Fall ich nicht mit der Dienerſchaft eſſen wollte, womit ja meine Aeltern auch zufrieden ge⸗ weſen waͤren.„Ich machte mich zur Ab⸗ 70 reiſe fertig, mein Koffer war gepackt; mein gekraͤnktes Selbſtgefuͤhl wieß mich nach Liſteux, an den edeln Beſchuͤtzer mei⸗ ner Kindheit. Herr Delport war noch am Leben, er haͤtte mich mit offnen Armen aufgenommen, lieber haͤtte ich der unterſte weibliche Dienſtbote bei dieſem biedern Greiſe ſeyn, als in dem Verhaͤltniſſe blei⸗ ben wollen, das mir Herr von Beauma⸗ noir anzuweiſen fuͤr gut fand, aber die heißen Thraͤnen, womit mich Karoline be⸗ deckte, ihre zaͤrtlichen Liebkoſungen, der Gedanke, ſte in der traurigſten Lage zu verlaſſen, das innige Vertrauen, wodurch ſte mich fuͤr die mir zugefuͤgte Beleidi⸗ gung zu entſchaͤdigen ſuchte, und die of⸗ fene und unverholene Darſtellung ihres Jammers, die zarten, wenn auch groͤßten Theils geheimen Beweiſe ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit, entwaffneten mich gegen dieſe neue Demuͤthigung. Ich willigte in alles, und war von nun an nichts weiter, als die Ausgeberin in der alten Burg Helvin! Ein kleines allegoriſches Gemaͤlde, das ich bei dieſer Veranlaſſung entwarf, und das mir ziemlich gelang, verewigte das Anden⸗ ken meines Opfers. Ich hatte mich felbſt in meinem Zimmer gemahlt, wie ich mich mit den Zeichen meines neuen Berufs be⸗ kleidete, und die Sinnbilder meiner fruͤ⸗ hern Verhaͤltniſſe, eine Guitarre, einen Farbenkaſten und einige Toilettenbeduͤrf⸗ niſſe zuruͤck wieß, waͤhrend der Stolz, mit dem Ausdruck der Haͤrte in ſeinen Zuͤgen, mir den Ruͤcken kehrte, und ſich nach ei⸗ ner offenen Thuͤr wendete, die zu einem reich dekorirten Saal fuͤhrte, indeß auf der entgegengeſetzten Seite mit ſanftem und furchtſamen Blick die Freundſchaft un⸗ ter den leicht zu errathenden, mir ſo theu⸗ 72 ern, milden Formen eine andere Thuͤre oͤffnete, um ſich mir zu naͤhern. Karoline gab dieſem Gemaͤlde die Ueberſchrift: Wahl des Herzens, und wieß ihm einen Platz in ihrem Kabinette an, wo der Vicomte nicht ohne ein bitteres Laͤch⸗ eln die gelungene Arbeit an demſelben⸗ lobte. Er hatte mich verſtanden, ich fuͤhlter mich minder gedemuͤthigt, dies war meine ganze Rache. 23 Nie lernten Frauen die Schaͤtze, wel⸗ che die Freundſchaft in ſich begreift, beſſer kennen, als wir, ſie waren uns ſuͤßer als die Liebe, wenigſtens waren ſie frei von ihren Stuͤrmen. Wir waren einander un⸗ entbehrlich, und verließen uns hoͤchſt ſel⸗ ten. Waͤhrend der haͤufigen Abweſenhei⸗ ten des Vicomte, beſchaͤftigten wir uns faſt immer mit einander in demſelben Zim⸗ 73 mer, wir laßen zuſammen, oder wir gingen ſpatziren, wir beſuchten arme Landleute, unterſtuͤtzten ſie gemeinſchaftlich,(und wie viele Elenda giebt es nicht in dieſer Ge⸗ gend!) Auch dieſe Lebensweiſe hatte ihr Angenehmes; wir fuͤhlten es; ſo wieder⸗ fuhr es uns denn wohl mehr als einmal, daß wir lachten, und uns uͤber das, was uns anfangs empoͤrt hatte, beluſtigten. Selbſt mein neuer Dienſtbotenſtand gab uns Veranlaſſung zum Scherz. Ich machte den Anfang, als Ausgeberin, ſie erwie⸗ derte ihn als, Erb⸗ Lehn⸗ und Gerichts⸗ herrin dieſer fuͤrchterlichen Burg; ſo ver⸗ floſſen unſere Tage, und wir waren nicht ganz ungluͤcklich.“ „Aber, ich vergeſſe mich, ehrwuͤrdiger Vater, und erzaͤhle Ihnen die Geſchichte meiner Gefuͤhle, waͤhrend ich mich auf die 74 meiner Freundin beſchraͤnken wollte. Von nun an werde ich mich kuͤrzer faſſen.“ Herr Dermot war innig gerührt. Sein natuͤrliches Gefuͤhl blickte dur rch die Züge/ die nur durch anhaltendes Studieren und ſcharfes Denken einen Anſtrich von Strenge erhalten hatten; ſeine, durch die Beſchaͤf⸗ tigung, in welcher er ſte beſtändig erhal⸗ ten hatte, erſtarkte Seele, wurde durch das Schauſpiel der intracht und der ſchuldloſen Zerſtreuungen zweier Freundin⸗ 4 nen erweicht, die im Lenze des Lebens in eine Einoͤde verwieſen waren, wilder als die Landſchaften eines Salvator Roſa „Fahren Sie fort, Madame, antwor⸗ tete er. Die Gottheit mißbilligt die Ruͤck⸗ erinnerungen an einen Zeitpunkt des Le⸗ bens nicht, auf welchen wir ruhig hin⸗ blicken koͤnnen, ohne zu erroͤthen und ohne b 75 den Tadel unſerer Vernunft ertragen zu muͤſſen. Glauben Sie mir, er wird ſo viel Tugend und Unſchuld nicht unbelohnt laſſen.“ Madame Allote fuhr fort: „Karoline wurde Mutter, und dies Ereigniß war nicht ausſchließlich nur fuͤr ſie intereſſant, denn das Kind gehoͤrte uns beiden an. Auf vieles Bitten erhielt Ka⸗ raline die Erlaubniß, dieſem liebenwuͤrdi⸗ gen, kleinem Weſen ſelbſt die Bruſt zu reichen; ich wartete es, ich wiegte es auf meinen Knieen ein, es ging aus den Armen der einen, in die der andern. Meine Freundin wollte der Kleinen mei⸗ nen Namen geben, ich war dagegen, in der Ueberzeugung, daß dieſe Kuͤhnheit dem Vicomte mißfallen wuͤrde; aber er brauchte Geld, und bedurfte hierzu der ſchriftlichen 76 Einwilligumg ſeiner Gattin, und um ſie zu erhalten, ließ er ſich zu dieſer Gefaͤl⸗ ligkeit herab, wobei er mir jedoch ins Ge⸗ ſicht erklaͤrte, daß Haͤuſer von hohen Range es ſich erlaubten, in Ermangelung naͤherer Verwandten, Pathen und Pathin⸗ nen aus dem niedern Staͤnden zu neh⸗ men; er befaͤnde ſich jetzt gerade in die⸗ ſem Falle, und da ein Herr von Beau⸗ manoir im funfzehnten Jahrhundert ſeine Tochter nach einer alten Aufſeherin in ſei⸗ nem Schloſſe habe Gertrud nennen laſ⸗ ſen, ſo glaube er ſich durch dieſen Vor⸗ gang hinlaͤnglich berechtigt, in einer ſo unbedeutenden Sache, der Vicomteſſe ih⸗ ren Willen zu laſſen. Ja, wenn von ei⸗ nem maͤnnlichen Erben die Rede waͤre, fuͤgte er in einem wichtigen Tone hin⸗ zu, dann wuͤrde er es ſchon genauer neh⸗ men.“ 27 „Dieſes Uebermaß von Unverſchaͤmt⸗ heit erregte nur mein Mitleiden, verſtat⸗ tete mir aber nicht, mich durch dies neue Band an die Tochter meiner Freundin zu knuͤpfen. Ich fuͤrchtete, daß ſelbſt ein ſtillſchweigendes Geltenlaſſen der nur zu deutlich ausgeſprochenen Beweggruͤnden zu dem Entſchluſſe des Vicomte, fuͤr die ganze fernere Zeit meines Aufenthalts in ſeinem Hauſe, von den unangenehmſten Folgen fuͤr mich ſeyn koͤnnte. Ich wußte nachzugeben, auch zu dulden, wenn es ſeyn mußte, aber mich ſelbſt zu Demuͤthigungen zu verſtehen, das konnte ich nicht. Ich kannte den Charakter dieſes Mannes zu genau, um nicht zu wiſſen, daß, wenn ich ihm einen einzigen Vortheil dieſer Art uͤber mich einraͤumte, mir nichts weiter uͤbrig bleiben wuͤrde, als nachzugeben, oder unaufhoͤrlich durch ſeinen Hochmuth den 78 herbſten Beleidigungen ausgeſetzt zu ſeyn. Karoline verſtand mich, und da ſie nun auch ihrer Seits ſich weigerte, dem Kinde ihren eignen Namen zu geben, in welchem ſie nur eine traurige Vorbedeutung fuͤr die Zukunft ſah, ſo dachten wir darauf⸗ einen andern zu waͤhlen. Das Mittel, deſſen wir uns bedienten, um uͤber dieſen Gegenſtand, eine Staatsangelegenheit auf unſerer duͤſtern Burg, zu einer Entſchei⸗ dung zu gelangen, war ſeltſam genug. Ich werde Sie damit bekannt machen ehr⸗ wuͤrdiger Herr, waͤr's auch nur, um Ih⸗ nen einen Begriff von der Zartheit unſe⸗ rer Verhaͤltniſſe zu geben;z wir kamen uͤber⸗ ein, daß jede von uns drei Namen, oh⸗ ne ſie einander mitzutheilen, in ein Koͤrb⸗ chen werfen, und dieſe Art von Abſtim⸗ mung ſo lange fortſetzen ſollte, bis auf beiden Billets derſelbe Name befindlich 79 ſeyn wuͤrde. Schon bei dem erſten Zuge entſchieden beide Zettel fuͤr den Namen: Klementine von Beaumanoir; wir ſprachen uͤber der Wiege des lieblichen Kindes dieſen Namen laut und feierlich aus, und umarmten uns weinend.“ „Ach, ehrwuͤrdger Vater, wie liebens⸗ wuͤrdig war dies Kind, welche ruͤhrende Herzensguͤte, welche Natuͤrlichkeit des Cha⸗ rakters!— Man ſpricht von Engeln; glauben Sie mir, man braucht ſie nicht erſt im Himmel zu ſuchen; haͤtten Sie un⸗ ſere junge Geſellſchafterin geſehen, haͤtten Sie nur vier und zwanzig Stunden mit ihr unter dieſem Dache gelebt, Sie wuͤr⸗ den meiner Meinung ſeyn. Sie wuchs unter unſern Augen heran, wir gaben ihr Unterricht. Wir lehrten ſie, was wir wußten; ihr natuͤrlicher Verſtand ging zu⸗ 80 weilen daruͤber hinaus, und berichtigte ſelbſt unſere Ideen. Aber, in allem was ſie uns ſagte, ſprach ſich ſtets die ganze Of⸗ fenheit ihrer Seele, die ganze Reinheit ih⸗ rer Anſichten aus; es war immer ein oöͤf⸗ fentliches Bekenntniß ihrer innerſten Ge⸗ fuͤhle. Kaum hatte Klementine von Beau⸗ manoir ihr neuntes Jahr erreicht, als ſie ſchon an unſern unbedeutendſten Angelegen⸗ heiten Antheil nabm, und da ſie den Ur⸗ ſprung unſerer Freundſchaſt kannte, jeden Beweggrund zu unſern Handlungen ſich erklaͤren konnte, ſo beſtand unſer Verein aus drei Frauen.“ „Ich hatte oͤfters Gelegenheit zu be⸗ merken, daß der Antheil, den jede von uns an der Liebe hatte, die das Herz die⸗ ſes Kindes erfuͤllte, nicht voͤllig gleich war. In der That hatte ich einen Vor⸗ 81 zug, den ſie zu wenig verheimlichte. An⸗ fangs, ich geſtehe es, uͤberließ ich mich mit Vergnuͤgen dieſer veraͤnderten Ord⸗ nung der Natur; aber endlich erſchien ſie mir in ihrem wahren Lichte, und bald ward mein Gewiſſen dadurch beunruhigt, denn wenn es in der moraliſchen Wuͤrde⸗ rung der an andern veruͤbten Beraubungen verſchiedene Grade giebt; ſo behauptet wohl der an einer Mutter begangene Raub der Zaͤrtlichkeit eines Kindes, die erſte Stelle. Mochte ich noch ſo ſehr uͤber mich wachen, mochte ich alle meine Beziehungen auf Klementinen einer gewiſ⸗ ſen Zuruͤckhaltung unterwerfen, ich weiß nicht wie es zuging, ſie befand ſich oͤfter an meiner Seite, als an der ihrer Mut⸗ ter. An den Tagen, wo ſich ihr Vater auf der Jagd oder ſonſt abweſend befand, war ihr erſter Ruf bei'm Erwachen: I. Theil. 6 82 „Heute werden wir bei Madame Allote fruͤhſtücken, und zu Mittag eſſen!“ Ich war oſſenbar ihr erſter Gedanke. Mit eigner Hand beſorgte ſie das Couvert fuͤr mich; jedes Mal legte ſie mir meine Lieb⸗ lingsblume darunter, und alle im ganzen Hauſe ließ ſie an ihrer Freude Theil neh⸗ men. Man konnte keinen guͤnſtigeren Au⸗ genblick benutzen, um ihr wegen irgend eines Fehlers einen Verweis zu geben, denn ihr Frohſinn hatte dann das Eigene, daß ſie, wenn ſie ihn erhalten hatte, nur noch zaͤrtlicher und gefaͤlliger wurde. Es war dies eine Wirkung ihres trefflichen Herzens, ſo wie eine junge Pflanze im milden Strahle der Sonne an einem ſchoͤ⸗ nen Brühlingsmorgen deſtd ſeoglicher ge⸗ deihet.“ „ Sie ging ſeit einigen Monaten in dieſen Beweiſen von inniger Anhaͤnglich⸗ — 83 keit ſo weit, daß ich mit vollem Rechte mich fuͤr verpflichtet hielt, ihren Gefuͤh⸗ len die gehörige Richtung zu geben, und mich deshalb, in einer geheimen Unterre⸗ dung, an Klementinen ſelbſt wendete. Nachdem ſie mich mit einer ernſten Mie⸗ ne, die gegen ihr jugendliches und lieb⸗ liches Geſicht gewaltig abſtach, angehoͤrt hatte, antwortete ſie mir.„Gluͤcklicher als jedes andere Maͤdchen, habe ich zwei Muͤtter. Eine hat mir die Natur, die andere hat ſich mir ſelbſt gegeben, welche foll ich vorziehen? Karoline weiß es wohl, und ſieht dies Verhaͤltniß aus dem rechten Geſichtspunkte an.“ Urtheilen Sie ſelbſt ehrwuͤrdiger Vater, welchen Eindruck die⸗ ſe, von den friſchen Purpurlippen ausge⸗ ſprochnen Worte eines feſt an meine Bruſt ſich ſchmiegenden, zwoͤlfjaͤhrigen Kindes, auf mich machen mußten. Verſchwunden 6* 84 war vor einer ſolchen Scene, Einoͤde und traurige Haide, der beleidigende Stolz, und der dicke, haͤßliche, viereckige Thurm. Bald uͤberzeugte ich mich, daß Karoline, (ſo nannten wir unter uns die Vicomteſſe,) weit entferne, dieſe uͤberfließenden Gefuͤhle, die ſich zu meinen Gunſten ausſprachen, zu verhindern, ſie vielmehr zu unterſtuͤtzen ſchien. Eines Abends, als wir zuſam⸗ men ſpatzieren gingen, und einige Schritte vor uns, Klementine auf den mit. Eichen beſetzten Vorſprung eines Huͤgels Schluͤſ⸗ ſelblumen pfluͤckte, erlaubte ich mir ſie auf die Nachtheile dieſes Verhaͤltniſſes, wenn es noch laͤnger dauern ſollte, aufmerkſam zu machen. Die Vicomteſſe ergriff mit ei⸗ ner ihrer Haͤnde meinen Arm, noͤthigte mich, mich ruͤckwaͤrts zu wenden und zeigte mit dem andern nach dem Schloſſe, das wir nun im Geſicht hatten, und in dieſer 85 Stellung redete ſie mich in folgenden Wor⸗ nten an, die meinem Gedaͤchtniß ewig ein⸗ gepraͤgt bleiben werden.“— „Was Du mir ſagſt Henriette, kann „vielleicht wahr ſeyn, ich will es nicht un⸗ „terſuchen, aber hier haſt du meine Ant⸗ „wort: Betrachte dieſes furchtbare Gebaͤu⸗ „de, welches ſeit funfzehn Jahren nur „„von dem Getoͤne der Jagdhoͤrner und „Gebelle der Hunde widerhallet, betrachte „dieſe verfallenen Mauern, die, gleich ei⸗ „nem Aufenthalte fuͤr Miſſethaͤter, mitten „in einer Gegend liegen, deren wilde Nackt⸗ „heit nicht einmal das Verdienſt hat mah⸗ ‚„leriſch zu ſeyn, denke an die Perſonen, „die auf dieſem Schauplatze erſcheinen, an „das Leben das man dort fuͤhrt, und ſage „mir, ob du glaubſt, daß deine Karoline „in einer ſolchen Hoͤhle ohne deine troͤſtende 86 „Gegenwart ihr Daſeyn ſo lange haͤtte fri⸗ „ſten koͤnnen. Fuͤr mich, fuͤr mich allein „haſt du allen Reizen der Natur entſagt. „Dein Gatte hatte dir ſo viel hinterlaſſen, „um, wo du wollteſt, unabhaͤngig leben zu „koͤnnen; du konnteſt neue Bande knuͤpfen, „dein Alter und dein Aeußeres berechtig⸗ „ten dich dazu; du haſt mir alles aufge⸗ „opfert, alles, ſelbſt das Gefuͤhl deiner „perſoͤnlichen Wuͤrde, ſteten Beleidigungen „ausgeſetzt, wollteſt du nicht geſtatten, daß „ein armes Kind, deſſen fruͤhzeitige Reife „der Gefuͤhle oder des Inſtinkts, ſchon „lange in das Geheimniß unſeres Kummers „eingedrungen iſt, ſich fuͤr ein ſo großes „Opfer dankbar gegen dich bezeige? Ach, „wie wohlthaͤtig iſt fuͤr mich der Gedan⸗ „ke, daß ich nicht gaͤnzlich unfaͤhig bin, „meine Schuld abzutragen, da ich dich „durch Klementinens Liebe euntſchaͤdigen 87 „kann! Und, wenn in meiner ſchrecklichen „Lage, unſere Dankbarkeit nur in Liebe „beſtehen kann, willſt du ſie zuruͤckſtoßen? „Quaͤle mich alſo nicht laͤnger, meine Hen⸗ „riette, ermuͤde meine Tochter nicht fer⸗ „ner mit deinen Verweiſen: laß dich von „ihr vorzugsweiſe lieben, weil ſie ihr „Gluͤck darinnen findet. Du liebſt ſie „dennoch nicht mehr, als ich ſelbſt ſie „liebe! Dies iſt zu meiner Gluͤckſeligkeit „hinreichend! Waͤrſt du im ganzen Sinne „des Worts Mutter, wie ich, vielleicht „wuͤrdeſt du mich beſſer verſtehen.“ „Ein Ereigniß, das uns ganz uner⸗ wartet uͤberraſchte, ohne uns jedoch dieſe Elemente unſerer ſtillen und ruhigen Zu⸗ friedenheit rauben zu koͤnnen, gab unſern Gedanken eine andere Richtung. Es war wichtig genug um dieſe Wirkung hervor⸗ 8 zubringen; denn es war der Tod des Vi⸗ comte von Beaumanoir, den ein ſeitenſte⸗ chendes Fieber, Folge einer zu heftigen Erhitzung auf der Jagd, dahinraffte. Er blieb ſelbſt in der letzten Handlung ſeines Lebens ſeinem Charakter getreu. Ich hatte vergeſſen Ihnen zu ſagen, daß Ka⸗ roline, in dem erſten Jahre unſeres Au⸗ fenthaltes in Helvin zu fruͤhzeitig mit ei⸗ nem Kinde maͤnnlichen Geſchlechts nieder⸗ kam, das nur im Schoße der Mutter leb⸗ te. Vermoͤge ſeines Adels, ſeiner Titel und ſeines Eigenthumsrechts, wollte es der Vicomte an den Stufen des Hochal⸗ tars der Pfarrkirche, neben welcher Sie heut vorbeigegangen ſind, beerdigen laſſenz ein anderer Gerichtsherr aber, obgleich von minder hoher Geburt, bewies durch ſein Wappen, welches dem auf dem ver⸗ langten Grabe befindlichen, vollkommen 89 glich, ſein Recht auf dieſe Kirchengruft. Ohnerachtet nun die Kirchenvorſteher ihm ein Seitengewoͤlbe, welches einer ausge⸗ ſtorbenen Familie gehoͤrt hatte, uͤberlaſſen wollten, ſo nahm Herr von Beaumanoir dies doch nicht an, ſondern ließ ſein Kind auf den Kirchhof einer kleinen, be⸗ nachbarten Pfarrei beiſetzen, wohin er den feierlichen Zug, an der Spitze eines zahl⸗ reichen und ziemlich laͤrmenden Gefolgs ſeiner Freunde, begleitete. Dort wollte er nun ſeine eignen Ueberreſte beigeſetzt haben, und nur um uns dieſen ſeinen Befehl bekannt zu machen, oͤffnete er den Mund. Da wir den ehrwuͤrdigen Geiſt⸗ lichen, der an jener Pfarrei, wohin viele zu dem Schloſſe Helvin gehoͤrige Unter⸗ thanen eingepfarrt ſind, angeſtellt iſt, ſehr ſchaͤten, ſo befolgten wir dieſen Befehl um ſo lieber. Leider iſt es der Wille 90 Goktes, daß wir jetzt dieſer Gruft, viel koſtbarere Ueberreſte anvertrauen ſollen! „Das tranrige Schickſal dieſes Mannes hatte uns, trotz alle dem, ſehr ergriffen, wir haben ihn aufrichtig beweint. Spaͤter⸗ hin habe ich mich ſelbſt uͤber den Beweg⸗ grund zu unſerm Schmerze befragt, und nach einer gewiſſenhaften Pruͤfung, bin ich geneigt zu glauben, daß wir aus Ruͤh⸗ rung uͤber unſer eignes Geſchick weinten, indem wir alle uns von ihm zugefuͤgte Beleidigungen wieder in unſer Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckriefen. Ich habe meine Gedan⸗ ken hieruͤber Karolinen niemals mitthei⸗ len wollen, um ihrem gewiß uneigennuͤtzi⸗ gen Schmerze ſein ganzes Verdienſt zu laſſen, ohnerachtet ich uͤterzeugt bin, daß es ſchwer halten moͤchte, einen andern 1 8 9. —— — 91 Grund zu äheens Thraͤnen ansſtadige 7 machen.“ Herr Dermont gab durch eine vernei⸗ nende Bewegung des Kopfes zu erkennen/ daß ſeine Meinung in Bezug auf die Wuͤrdigung dieſer Gefuhle von der ihri⸗ gen abweiche. 1 „Ich fuͤrchte, daß Sie ſich uͤber Ihre eignen Gefuͤhle taͤuſchen,“ ſagte er;„noch viel weniger haben Sie, nach meiner An⸗ ſicht, die Empfindungen der Frau von Beau⸗ manoir errathen. So groß auch das uns von jemanden zugefuͤgte Unrecht ſeyn mag, ein großes, ihn treffendes Ungluͤck ruͤhrt uns ſtets, ſelbſt ohne alle perſoͤnli⸗ iche Ruͤckſicht auf uns, und wenn dieſes Weſen uns naͤher angeht, wenn unſere Verbindung mit demſelben es zum Theil⸗ nehmer an dem Daſein unſeres Kindes 92 gemacht hat, ſo bin ich uͤberzeugt, daß irgend ein geheimer Zug in unſerem In⸗ nern durch ſein Ungluͤck in Bewegung ge⸗ ſetzt wird. Line Gattin ſteht, in dem auf feinen Sch nerzenlager ſeoͤhnenden Gatten, den Urheber ihres Mutterglüͤcks, wenn ſie ihre Blicke auf die Frucht ihres Buͤnd⸗ niſſes ſenkt, ſo ſieht ſie ſich genoͤthigt, ſie auch nach ihm zu erheben. Aber unſere heilige Religion gibt dieſen Verhäͤltniſſen einen noch hoͤhern Grad von Feierlichkeit. Die letzten Augenblicke derjenigen, an de⸗ ren Seite uns ein Theil unſerer Lebens⸗ tage verfloß, ſeien es nun Freunde oder Feinde geweſen, iſt immer ein ernſter, furchtbarer Zeitpunkt! Er beſtimmt die Zu⸗ kunft der einen, zerreißt jedes irdiſche Band, und druͤckt das Siegel der Ewig⸗ keit auf die Empfindungen des Haſſes ſo gut, wie auf die Gefuͤhle der innigſten 93³ Zaͤrtlichkeit. Die Hand des Todes gebie⸗ tet Ehrfurcht, wohin ſie auch treffe, denn es iſt die Hand Gottes ſelbſt, die ſeinem Geſchoͤpf zu einem andern Daſein winkt. Dieſer Gedanke hat ſo viel innere Wahr⸗ heit, daß es vielleicht keinen Winkel der Erde gibt, wo der Anblick eines Leichen⸗ zugs ſelbſt auf den gleichguͤltigſten Zu⸗ ſchauer, nicht einen ernſten Eindruck ma⸗ che, und beſonders bei Ihrem Geſchlechte Gefuͤhle erregt, die ſich auch durch aͤußere Zeichen. ausſprechen. Dies Madame, glau⸗ ben Sie mir, war die Urſache Ihrer Thraͤ⸗ nen. Nach einer Pauſe von einigen Secun⸗ den fuͤgte Herr Dermot noch folgende Bemerkung hinzu. 1 „Ich bin uͤberzeugt Madame, daß es keinen, auch noch ſo argen Boͤſewicht, kei⸗ 94 nen noch ſo großen Verbrecher auf Erden gibt, dem, wenn er ſie verlaͤßt, nicht ir⸗ gend ein Weſen eine aufrichtige Thraͤne nachweine, und dies wird dem Strafbaren dereinſt ganz beſonders zum Vorwurf ge⸗ reichen. Dieſe wohlwollende Empfindung fuͤr ihn, wird dem gefuͤhlvollen Weſen, das ihm dieſe Thraͤne weiht, nicht als ein Verge⸗ hen angerechnet werden, aber auf ihm wird die Schuld laſten, dieſem Gefuͤhle, dem charakteriſtiſchen Kennzeichen unſeres Ge⸗ ſchlechts, Hohn geſprochen zu haben. Nur zu wohl ſehe ich das Unrecht des Herrn von Beaumanoir ein: aber das groͤßte hat er ſich ſelbſt zugefuͤgt, denn er hat ſich um das Gluͤck gebracht, welches ihm die Geſellſchaft dreier Frauen, wie es de⸗ ren wenig gibt, haͤrte gewaͤhren koͤnnen. Wenn er ſich aber hierin feindſelig gegen ſich ſelbſt bewieſen hat, ſo haben Sie und 95 Ihre liebenswuͤrdigen Gefaͤhrtinnen viel⸗ leicht dieſer Verwirrung ſeines Geſchmacks und ſeiner Einbildungskraft die Tugenden zu verdanken, welche dieſe Einoͤde, man kann wohl ſagen, durch Ihrem lieblichen Duft erquickt haben, und deren Keime eine gluͤcklichere Lage vielleicht erſtickt haͤt⸗ te. Fahren Sie fort Madame, Sie koͤn⸗ nen nicht glauben, wie anziehend Ihre Erzaͤhlung fuͤr mich iſt.“ Der Ausdruck in der Stimme des Herrn Dermot war ergreifend, denn mit der Wuͤrde verband ſie einen Wohllaut der aus dem Herzen kam, und folglich den Weg zum Herzen derjenigen fand, an die ſie gerichtet war. Auch auf Madame Allote verfehlte ſie ihre Wirkung nicht; ſie ſtimmte den Bemerkungen des wuͤrdigen Geiſtlichen bei, und fuhr in ihrer Erzaͤh⸗ lung fort, die nur zuweilen durch die hef⸗ tigen Donnerſchlaͤge des furchtbaren Ge⸗ witters unterbrochen wurde. „Die Wittwe eines Beaumanoir konn⸗ te ſich nach der ſtrengen Sitte in der Pro⸗ vinz einer zweijaͤhrigen Trauer, nicht ent⸗ ziehen.* Karoline entſchloß ſich das ganze erſte Jahr in dieſer Einoͤde zuzu⸗ bringen. Daß auch ich unter dieſen Um⸗ ttänden hier blieb, verſteht ſich von ſelbſt, ich fuͤhlte ſo gut wie ſie, daß wenn wir ſogleich nach Liſteux abreiſten, es ſcheinen muͤſſe, als wenn wir auf das Ereigniß ge⸗ wartet haͤtten, das uns den Weg dahin oͤffnete. Als unſer gefaßter Entſchluß be⸗ Es iſt bekannt, daß in Paris die Trauer einer Wittwe uͤberhaupt nur ein Jahr, und die tiefe nur ſechs Monat dauert; in der Provinz aber waͤhrt ſie noch einmal ſo lang. 97 kannt wurde, verbreitete er große Freude in den benachbarten Dorfſchaften. Sie war eine Art von Huldigung, wovon auch ich einen Theil erhielt; ich nahm ſie an, weil auch ich einiges Recht darauf zu ha⸗ ben glaubte. Entſchuldigen Sie ehrwuͤrdiger Vater dieſe Schwaͤche meines Geſchlechts.“ Ein ausdrucksvolles Beifallszeichen des Herrn Dermot verbuͤrgte ihr ſeine Nachſicht. „Acht Tage nach den Beerdigungsfeier⸗ lichkeiten des Vicomte, lud mich Karoline Zu einen Spatziergang, in dem Garten ein. Sie ſetzte ſich mit mir auf eine Raſen⸗ bank, und nahm eine meiner Haͤnde zwiſchen die ihrigen:„Von nun an meine Hen⸗ „riette, ſagte ſie, kann zwiſchen uns von „Ausgeberin und Gerichtsherrin der Burg „Helvin nicht mehr die Rede ſeyn! Von 1. Theil. 7 98 „nun an ſei eine jede von uns der an⸗ „dern das wieder, was wir im Grunde „einander ſtets geweſen ſind, und was „wir auch ſcheinbar wuͤrden aufgehoͤrt ha⸗ „ben einander zu ſeyn, ohne eine Unge⸗ „rechtigkeit, die Du ſicher vergeben haſt.“ „ Meine theure Freundin, antwortete „ich ihr, indem ich um ihre noch immer „ſchlanke Taille, meinen ihren Haͤnden ent⸗ „ſchluͤpften Arm ſchlang, warum bleiben „wir hier 2 14 „Um einer Uebereinkunft des geſell⸗ „ſchaftlichen Lebens Gnuͤge zu leiſten, „antwortete ſie.“. „Auͤch mir war ſie nicht unbekannt, er⸗ wiederte ich, Du haſt mich von deinen Bewegungsgruͤnden unterrichtet, und ich bin weit entfernt, ſie zu mißbilligen; willſt 99 du denn aber, daß meine Eile, in die Rechte wieder einzutreten, die deine Freundſchaft mir einraͤumt, der Bosheit Veranlaſſung gebe, in der ganzen Nach⸗ barſchaft auszuſtreuen, daß ich nach dem Tode deines Gatten ſeufzte, und daß meine durch ſeinen Stolz gekraͤnkte Ei⸗ genliebe nur auf das Zeichen der Freiheit warte, um ſich vor ein Paar armen Bau⸗ ern zu bruͤſten. Laß uns jetzt in unſerer angenommenen Lebensweiſe keine Aende⸗ rung treffen. Man liebt mich jetzt als Ausgeberin im Schloſſe, wer weiß ob man mich nicht als zweite Gerichtsherrin haſſen wuͤrde? Niemanden iſt unſere ge⸗ genſeitige Anhaͤnglichkeit, und das Opfer das ich dir gebracht habe, unbekannt; ei⸗ nige rechnen es mir ſelbſt zum Verdienſt an, beſonders die ehrwuͤrdrigen Pfarrer der benachbarten Kirchſpiele, mit denen ich in 71 100 Abweſenheit des Herrn von Beaumanoir an deiner Seite ſaß. Sage mir ſelbſt, mit welchen Augen wuͤrde man mich jetzt betrachten, wenn, bei den Trauerbeſuchen die man dir, waͤre es auch nur um unſer beider Mienen zu beobachten, zuverlaͤſſig machen wird, und die, wie du weiſt, we⸗ gen der Entfernung gewoͤhnlich mit einem Mittagseſſen beſchloſſen werden, ich ohne Umſtaͤnde meinen Stuhl neben den Stuhl dieſer hochadelichen Landjunker ſetzte, die ſeit funfzehn Jahren, mir viel Ehre zu erzeigen glaubten, wenn ſie ſich herablie⸗ ßen nach der guten Frau Allote, der Aus⸗ geberin, zu fragen? Ich werde nie ver⸗ geſſen, geliebte Karoline, daß du dich, nach der Entfernung dieſer Menſchen, nur um ſo mehr nach mir ſehnteſt; laß mich auf meinen Poſten, da er mich deiner Freundſchaft nicht unwuͤrdig gemacht hat. e — 101 Zwoͤlf Monate vergehen geſchwind, und dann werden wir ſehen, was wir zu thun haben.“ „Die Vicomteſſe gab meinen Wuͤnſchen nach, deren Beweggruͤnde mehr von ihrem trefflichen Herzen, als von ihren ſo rich⸗ tigen Verſtande beſtritten wurden. Kle⸗ mentine gab mir weinend recht, und alles blieb auf dem alten Fuß, wie Sie es jetzt gefunden haben. Das Jahr kam uns nichts weniger als lang vor. Wie es gekommen iſt, daß uns ſeitdem noch fuͤnf andere hier verfloſſen ſind, und wahrſchein⸗ auch hier dieſelbe Erde die Ueberreſte meiner tugendhaften Freundin, und die meinigen in Kurzen decken wird, dies, ehr⸗ wuͤrdiger Vater ſollen ſie jetzt erfahren.“ „Karoline hatte an einen ihrer Vet⸗ tern, den Sohn und Haupterben ihres 1⁰2 muͤtterlichen Oheims geſchrieben, ihr eine Wohnung in Liſieux zu beſorgen. Seine Familie war um ſo mehr uͤber ihren Ent⸗ ſchluß erfreut, ihren Aufenthalt in dieſer Stadt zu nehmen, als alle ihre Verwand⸗ ten beinahe foͤrmlich mit den ſtolzen Vi⸗ comte gebrochen hatten, da ſie nicht ge⸗ neigt waren, ſeinen abſtoßenden Uebermuth zu ertragen, den er unter der Maske ei⸗ ner ſtolzen Hoͤflichkeit nur ſchlecht verhuͤll⸗ te, wenn er ihn nicht etwa gar in offen⸗ bare Beleidigungen ausbrechen ließ, und die daher auch mit ihr ſeit ihrer Verhei⸗ rathung nur wenig in Beruͤhrung gekom⸗ men waren. Nur wenn ihre Handelsge⸗ ſchaͤfte ſie nach Niederbretagne riefen, ſprachen ſie gelegentlich auf der Burg Helvin ein, einige ſetzten auch ihre Reiſe fort, ohne dieſen Umweg zu machen, und die andern reiſten denſelben Tag wieder 103 ab, an dem ſie angekommen waren. Unſere Ruͤckkehr in die Normandie konnte alſo fuͤr alle als ein Wiedervereinigungsfeſt ange⸗ ſehen werden. Ueberdies trat Frau von Beaumanoir mit einem Rufe, den die giftigſte Schmaͤſucht nicht hatte beſchmitzen koͤnnen, wieder in Liſteux auf. Eine ar⸗ tige Wittwe, ein glaͤnzender Titel, dreißig⸗ tauſend Livres Renten, welche die Sorg⸗ falt ihres Oheims ihr gerettet hatten, dies war mehr als hinreichend ihr eine gute Aufnahme zu bereiten. Unſere Koffer waren gepackt; man befeſtigte ſie eben auf eine alte vierraͤderige mit Utrechter Pluͤſch ausgeſchlagene Kut⸗ ſche, die man ſeit acht Tagen aus der Schuppe geholt hatte, dawit der Wagner des Dorfs das Geſtell wieder in Stand ſetzen koͤnne, waͤhrend ich mit Beihuͤlfe der 104 weiblichen Dienſtboten des Hauſes die Borten ausbeſſerte. Alle dem Herzen Karolinens theure, auf Wohlthaͤtigkeit Be⸗ zug habenden Verfuͤgungen waren mit dem vorzuͤglichſten Notar des Diſtricts verab⸗ redet worden; zu beſtimmten Terminen ſoll⸗ ten gewiſſe Geldſummen den Geiſtlichen der drei angrenzenden Pfarreien zur Ver⸗ theilung unter die Duͤrftigen zugeſtellt wer⸗ den. Schon ließen ſich's die Ackergaͤule der Paͤchter, die uns auf die naͤchſte Sta⸗ tion bringen ſollten, in den geraͤumigen Schloßſtalle bei dem Haber wohl ſeyn, der ihren Muth beleben ſollte; als ſich ein dumpfes Getoͤße von Stimmen und Holz⸗ ſchuen inner⸗ und außerhalb des Schloß⸗ hofes hoͤren ließ. Wir hatten nicht Zeit die Fenſter zu erreichen; die Thuͤre von Karolinens Zimmer, wo wir uns alle drei befanden, oͤffnete ſich, und eine große An⸗ —yj— 105 zahl Bauern zeigten ſich uns im Hinter⸗ grund des Korridors: ſchweigend und mit duͤſterm Blicke ſtanden ſie da, nur ein all⸗ gemeines Schluchzen unterbrach die dumpfe Stille. Ein Greis mit kahlem Kopfe tritt vor, waͤhrend die uͤbrigen ſich in ehrfurchts⸗ voller Entfernung halten, er ſchreitet uͤber das Zimmer ohne ein Wort zu ſprechen, und ergreift unter einer Verbeugung die Hand meiner Freunndin. „Dieſer Greis, ehrwuͤrdiger Vater, war, wie Sie gekleidet; es war der treff⸗ liche, wuͤrdige Pfarrer des benachbarten Kirchſpiels. Mit einem Jone, dem er, trotz ſeiner tiefen Ruͤhrung, einige Feſtig⸗ keit zu geben verſuchte, erhob er ſeine Stimme and redte uns(ich ſage uns, denn Sie werden hoͤren, daß eine unſchuldige Liſt ſeiner wahrhaft chriſtlichen Liebe, auch 106 mich, ſeinen Wuͤnſchen geneigt zu machen ſuchte) mit folgenden Worten an: 1 „Frau Vicomteſſe, wenn Sie mich hier in einer bittenden Stellung vor ſich ſehen, ſo erſuche ich Sie, ſich uͤberzeugt zu halten, daß dieſer Zoll meiner Ehrer⸗ bietung weder Ihrem Rang noch Ihrem Reichthum gilt. Als Sie, es wird nun, wenn ich mich nicht irre, im verfloſſenen Monat zwoͤlf Jahr geweſen ſeyn, auf dem Schloſſe Helvin ankamen, ſahe ich nichts als Ungluͤckliche um mich. Da ich bei meiner geringen Pfruͤnde ſelbſt arm war, ſo konnte ich bei den groͤßten Einſchraͤn⸗ kungen von meiner Seite bloß ſo viel er⸗ zwecken, daß ich das Elend meiner, mir anvertrauten Heerde, durch die Laſt mei⸗ ner eigenen Beduͤrfniſſe nicht noch ver⸗ mehrte. Ich kann mir das Zeugniß ge⸗ — 107 ben, daß ich dieſen Vorwurf nie verdient habe. So beſchraͤnkte ſich denn alles, was ich fuͤr ſie thun konnte, auf mein nutzloſes Mitleiden und auf mein Gebet. Ach! ich vermiſchte meine Thraͤnen mit den ih⸗ rigen! Da erſchienen Sie, und mein apoſtoliſcher Beruf wandelte ſich plötzlich aus einem Dienſt des Jammers, in ei⸗ nen Dienſt der Freude und Zufriedenheit um. Jetzt gibt es wenig Duͤrftige im Kirchſpiel, und die es find, wollen es ſeyn.) Diejenigen, die Sie, Frau Vi⸗ *) Die Sprache in dem Munde eines Pfar⸗ rers in nieder Bretagne, zu den Zeiten, in wel⸗ che dieſe Geſchichte faͤllt, darf niemand befremden. Man kann ſich keinen Begriff machen, wie ſehr die Gegenwart eines reichen, vom Gefuͤhl der Wohlthaͤtigkeit beſeelten Gutsherrn, eine ganze Gegend beleben konnte. Dreißig tauſend Liyres Renten, die im Schloſſe Helvin verzehrt wur⸗ den, hatten auf ſeine Umgebungen einen ſo wohlthaͤtigen Einfluß, wie der Hof auf Verſailles. 108 comteſſe auf dieſe Art zu ewiger Dank⸗ barkeit ſich verpflichtet haben, befinden ſich vor ihrer Thuͤre, in Ihrem Hofe, vor demſelben, denn das Schloß koͤnnte ſie nicht alle faſſen; ich benachrichtige Sie davon, weil ich gern,(moͤge es mir der Beſchuͤtzer der Demuͤthigen und Barmher⸗ zigen verzeihen) in ihrem Herzen einen frommen Stolz erregen moͤchte, ich ſage es Ihnen, ſie ſind hier und fragen Sie durch meine Stimme, durch meine Thraͤ⸗ nen, uͤber die ich nicht erroͤthe, ob Sie wirklich entſchloſſen ſind, uns zu ver⸗ laſſen?“ „Gleich anfangs hatte Karoline den ehrwuͤrdigen Pfarrer, Herrn Leny aufge⸗ richtet, und ihn an ihre Seite ſetzen laſ⸗ ſrn. Sie konnte ihm nicht laͤnger ver⸗ heelen, wie geruͤhrt ſie von dem Schau⸗ 109 ſpiele war, das ſich ihren Blicken darbot, und unterbrach ihn ſo ſchnell ſie konnte: Verehrter Paſtor, ſagte ſie, allerdings habe ich eine lange Reihe Jahre hier ver⸗ lebt. Ohne Zweiſel iſt der beſte Theil meines Daſeyns hier verfloſſen; vielleicht wuͤrde ich fuͤr meine Perſon einwilligen, meine Tage bei Ihnen, mein verehrungs⸗ wuͤrdiger Freund, und bei den braven Land⸗ leuten, die Ihrer Leitung anvertraut ſind, in Ruhe zu beſchließen: aber ich bin nicht allein, ich habe eine Lochter, es iſt Zeit⸗ daß ich ihr die Erziehung gebe, zu der ſie ihre Geburt berechtigt; ich habe eine . Freundin, die hier nicht an ihrer Stelle iſt.. „Sie verſtehen mich nicht, Frau Vicom⸗ teſſe, erwiederte der brave Pfarrer, Gott bewahre mich, daß ich mich unterfangen 110 ſollte, Ihnen ein ſo herbes Opfer zu zu⸗ muthen, und zu verlangen, daß Sie, Ihre liebenswuͤrdige Tochter und die wuͤrdige Freundin, die Sie in Ihrem Wohlwollen ſo treulich unterſtuͤtzt, ſich fuͤr immer auf dieſen Landſitz begraben ſollten; Nein edle Frau! das iſt meine Meinung nicht, und Ihre Wohlthaten haben keinen von uns ſich ſo weit vergeſſen laſſen, um ſolche unvernuͤnftige Forderungen an Sie zu ma⸗ chen. Gehen Sie, ſehen Sie Ihre Fa⸗ milie wieder, von der ſie nur zu lange ſchon getrennt ſind; ſuchen Sie fuͤr Fraͤu⸗ lein Klementine die noͤthigen Lehrer, ob ich gleich nicht weiß, welche Talente ſie fuͤr einen Biedermann noch liebenswuͤrdiger machen koͤnnten, als diejenigen ſind, die ſie ſchon durch Ihre und Madam Allot's Be⸗ muͤhungen beſitzt. Ich ſehe es ſelbſt ein, daß, da ſie alle drei fuͤr eine gewaͤhlte Ge⸗ —;—Qͤ—;— 111 ſellſchaft gemacht ſind, ſie nicht in einer ſteten feindſeligen Trennung vor der Welt leben duͤrfen. Lange genug iſt dieſes Schloß Zeuge ihrer Langenweile und viel⸗ leicht Ihres Kummers geweſen; aber bre⸗ chen Sie nicht ganz mit uns, rauben Sie uns die Hoffnung nicht, Sie wieder zu ſehen; wir wuͤrden ſonſt fuͤrchten, daß der Segen des Himmels aus unſern Huͤtten gewichen waͤre, und dies wuͤrde ein ſo fuͤndhafter Gedanke ſeyn, daß Sie uns gewiß nicht gern veranlaſſen wollen, uns deſſen ſchuldig zu machen..... Frau Vi⸗ eomteſſe, ſechs Wintermonate, ſelbſt mehr noch, wenn ſie es wuͤnſchen in Liſteux! aber verſagen Sie einige Sommermonate Ihren alten Freunden nicht! ſie werden mit jedem Antheil, den Sie ihnen zuge⸗ ſtehen, zufrieden ſeyn, und ſich dadurch 112 neue Anſpruͤche auf ihre Dankbarkeit er⸗ werben. „Glauben Sie mir, antwortete Karo⸗ line mit inniger Ruͤhrung, daß ich Sie und dieſe guten Menſchen nie vergeſſen werde. Ich habe ſolche Verfuͤgungen getroffen, daß nichts durch meine Entfernung leiden ſoll. 7 „ Ich weiß alles, erwiederte der Die⸗ ner der Roligion, ob Sie gleich durch Geheimhaltung meinen Schmerz haben ſchonen wollen. Der Doktor Bonnet hat Ihre Befehle in Hinſicht auf die Kranken erhalten, der Schulunterricht wird ſeinen Fortgang haben; die Hebamme iſt nicht vergeſſen worden; der brave Herr Ar⸗ noult iſt beauftragt, uns die noͤthigen Sum⸗ men zuzuſtellen. Alles iſt mir bekannt; aber, gnaͤdige Frau, es iſt nicht Ihr Geld 413 wonach wir trachkten; glauben Sie, uns von zwei Frauen zu trennen, die zwei troͤſtenden Engeln gleich, in unſere Ein⸗ oͤde herabgeſtiegen zu ſeyn ſchienen, und von einem liebenswuͤrdigen Kinde das uns hoffen ließ durch ſeine Vermittelung die⸗ ſes Buͤndniß des Himmels auch mit der kuͤnftigen Generation aufrecht zu erhalten. Hier fuͤllte eine Thraͤne aufs neue das Auge des Pfarrers; einen Augenblick zit⸗ terte ſie an ſeinen Wimpern, dann rollte ſie uͤber ſein ehrwuͤrdiges Antlitz herab. Er fuhr fort, indem er einige Stellen der Schrift in ſeine Worte verflocht, die er, wenn ich mir ein Urtheil anmaßen darf, mit vieler Salbung auf den vorliegenden Fall anwendete:„Verehrte Frauen! ſagte er, Sie wiſſen ſo gut wie ich, wie elend und armſelig dieſer Winkel der Erde iſt. I. Theil. 8 ——yyy————õ—B—B——ee 114 Die Vorſehung hatte, nach ihren gnaͤdigen Rathſchluſſe, Sie hierher gefuͤhrt; muß es jetzt uns allen nicht ſo vorkommen, als ob ſie in ihren Zorne Sie von uns abrufe. Wird eine Trennung fuͤr immer, nicht alle Herzen mit Muthloſigkeit erfuͤllen? Ach ich ſehe es nur zu gut voraus, nach Ih⸗ rer Abreiſe wird der von mir ausgeſtreute Saamen des Evangeliums, nur auf ein vertrocknetes Land fallen!“ Karoline und ich ſchwiegen, und ſahen einander traurig an, es ſchien als ob die ei⸗ ne wartete, daß die andere ſie der Verle⸗ genheit das Wort zu nehmen, uͤberheben werde. Klementine hatte mit geſpannter Aufmerkſamkeit alles mit angehört; jetzt naͤherte ſie ſich ihrer Mutter:„Berathe dich mit Madame Allote,“ ſagte ſie zu ihr,„ich maße mir keine Stimme an; 115 aber du ſiehſt, wie ſehr wir hier geliebt werden, und wo wuͤrden wir drei vereint nicht gluͤcklich ſeyn?“ Ich wurde alſo zu einem kleinen Fa⸗ milienrath gezogen, der ſogleich ſtatt fand. Sie werden wohl glauben, ehrwuͤrdiger Vater, daß ich keiner andern Meinung als derjenigen beipflichten konnte, die mit ſo viel Anmuth und aus einem ſo unſchuldigen Munde kam, und ſo wurde denn beſchloſſen, daß wir jeden Sommer auf dem Schloſſe Helvin zubringen wollten. Um das Opfer vollſtaͤndig zu machen, und da der Mai beinahe zu Ende ging, ent⸗ ſchied man ſich nach dem Vorſchlage Kle⸗ mentinens, die auf dem Lande erzogen war, und deren Gemuͤth ſt ſich an den ein⸗ fachen Freuden der Natur erquickte, un⸗ ſern Aufenthalt auf dem Landſitze bis zum 8* 116 erſten Ockober zu verlaͤnggern. Wie ſollten wir auch in der Blumen und Bluͤthenzeit das Land verlaſſen, was koͤnnte man in dieſer Jahreszeit Schoͤneres in der ſchoͤn⸗ ſten Stadt Frankreichs finden? Dieſer Entſchluß, der die kuͤhnſten Erwartung des trefflichen Pfarres uͤber⸗ traf, erfuͤllte ihn mit der lebhafteſten Freu⸗ de. Er eilte die Treppe hinnab, und ver⸗ kuͤndigte ihn mit lauter Stimme:„Sie bleiben bei uns,“ rief er mit einem wich⸗ tigen Tone, der jedoch mehr eine Wir⸗ kung ſeiner innern Zufriedenheit, als des Triumphs ſeiner Eitelkeit war.„Sie bleiben bei uns, wiederholte jeder, vom Greiſe an, der ſein graues zitterndes Haupt nach unſerm Fenſter emporhob, und ſeine baumwollene Muͤtze auf ſeinem Stocke ſchwenkte, bis zu dem Kinde das mit ſei⸗ 117 nen Nußſchaalen ſpielte, und blos aus Inſtinkt freudig umher huͤpfte. Von dieſem Looſungswort begleitet und unter den Seg⸗ nungen der Landleute die er mit uns theilte, gelangte Herr Leny in den Hof. Nicht ohne Ruͤhrung hoͤrten wir, wie er den Pachter Jacob Lemeur mit feierlicher Stimme bedeutete, die Pferde in den Pachthof zuruͤckzufuͤhren, und die Koffer abzupacken. Sie konnen ſich wohl vor⸗ ſtellen, daß ſeine Befehle augenblicklich vollzogen wurden; man ſtritt ſich darum, wer die Pakete in das Zimmer zuruͤcktra⸗ gen ſollte; ich glaube der Herr Pfarrer haͤtte ſelbſt mit Hand angelegt, wenn man ihn nicht benachrichtigt haͤtte, daß er wegen einer Taufhandlung in ſeiner kleinen Kirche erwartet werde. Jetzt for⸗ derte er den ganzen Zug, der ihn hierher begleitet hatte, auf, ihm in die Kirche zu 118 folgen: Meine Freunde, ſagte er, der Ta⸗ geloͤhner Calvez laͤßt mich zur Taufe ſei⸗ nes Sohnes rufen; er ſei uns willkom⸗ men, denn er kommt an einem gluͤcklichen Tage! Seine Geburt ertheilt uns das Recht, ein Loblied in den Tempel des Ewigen zu ſingen. Ich werde das: Te Deum anſtimmen, meine lieben Kinder, und ich erlaube einem jeden unter euch, ſeinen Inhalt zu beziehen, worauf es ihm paſſend ſcheint, auch ich behalte mir dieſe Freiheit ausdruͤcklich vor. Seid uͤber⸗ zeugt, daß dem Sohne des braven Cal⸗ vez deshalb kein Leid wiederfaͤbrt, wenn er auch heute ein wenig vergeſſen wird!“ Dieſer Vorfall wurde uns noch den⸗ ſelben Abend, mitten unter der Freude unſerer Dienſtboten, und unter unſern eig⸗ nen frohgeruͤhrten Empfindungen hinter⸗ 119 bracht. Er erregte unter den benachbarten Edelleuten vielen Neid, und raubte ſogar den Herrn Leny, das Wohlwollen einiger derſelben; denn in dieſer armen Gegend iſt es nicht gebraͤuchlich das Te Deum anders, als gegen Bazahlung zu ſingen, und daher geſchieht dies nur bei der Tau⸗ fe der Kinder von Edelleuten, Notarien, Fiskalprokuratoren und reichen Pachtern. Uebrigens fand weder in unſern Ein⸗ richtungen, noch in unſern Gewohnheiten eine Veraͤnderung ſtatt. Was mich be⸗ traf, ſo hatte Karoline alles vorausge⸗ ſehen. So wie uns Herr Leny, nach un⸗ ſerer, wie er ſpaͤterhin oͤffters ſcherzhaft ſich ausdruͤckte, abgeſchloſſenen Kapitula⸗ tion, verlaſſen hatte, ſagte die Vicemteſſe⸗ zu mir, indem ſie mich an ihr Herz druͤck⸗ te:„Ich kenne dich, gute Henriette, auch 120 diesmal biſt du das Opfer unſeres ab⸗ geaͤnderten Entſchluſſes, denn du wirſt nun immer noch die Ausgeberin auf dem Schloſſe Helvin bleiben wollen!— Ja, antwortete ich, immerfort Ausgeberin, aus⸗ genommen, wenn wir in Liſteux ſeyn wer⸗ den. Dort werde ich bloß Karolinens und Klementinens Freundin ſeyn; und un⸗ ter uns geſagt, meine liebe VPicomteſſe, mein Schickſal wird durch ſeine Eigen⸗ thuͤmlichkeit einen beſondern Reiz erhal⸗ ten, und fuͤr eine feine Eigenliebe in der That ſchmeichelhaft ſeyn. Unabhaͤngig und deines Gleichen in der Stadt, auf dem Lande deine Kammerfrau, geehrt wenn ich auch nicht mehr befehle, bald dem An⸗ ſchein nach unterthaͤnig, und in der Wirk⸗ lichkeit Befehle ertheilend, aber ſtets deine Freundin, werde ich meine Verhaͤltniſſe geaͤndert haben, ohne etwas von meiner — 121 Gluͤckſeligkeit zu verliehren, und ich werde mich wenigſtens ſchmeicheln duͤrfen, mei⸗ ne Tage frei von ermuͤthender Einfoͤrmig⸗ keit verlebt zu haben.“ „Der erſte Winter der uns in Liſteup verfloß, gab uns, trotz der glaͤnzenden Auf⸗ nahme, die wir dort fanden, Veranlaſſung, uns zu unſerm gefaßten Eutſchluſſe Gluͤck zu wuͤnſchen. Zwoͤlf auf einander folgende Nonate in einer Provinzialſtadt zugebracht, wo der Haupthebel der geſellſchaftlichen Unterhaltung in der neugierigen Ausſpaͤ⸗ hung der Handlungen anderer beſteht, um die wir uns, nach den Anforderungen ei⸗ ner ſtrengen Moral, durchaus nicht be⸗ kuͤmmern ſollten, dauern ſehr lange. Moch⸗ ten die drei und dreiſſig jaͤhrige Karoline auch noch ſo viel Anbeter finden, und meine fuͤnf und dreiſſig Jahre ſich mancher 122 Huldigung erfreuten, die oͤffters ein Ge⸗ praͤge von Wahrheit trugen, welche mit dem Boden, auf den ſie entſproß, in Wi⸗ derſpruch zu ſtehen ſchien,(denn in jedem Lebensalter hat der Reiz der Geſundheit ſeinen eigenthuͤmlichen Werth, und dies war ein Vorzug, welchen wir dem Land⸗ leben zu verdanken hatten), mit jedem ruͤckkehrenden April klopfte unſere Bruſt den aufbrechenden Knospen freudig entge⸗ gen. Klementine, obgleich ein Gegenſtand beſonderer Auszeichnung in unſerer Va⸗ terſtadt, hatte nichts Eiligeres, als uns die Annaͤherung des Fruͤhlings anzukuͤndi⸗ gen. Sie koͤnnen ſich, ehrwuͤrdiger Vater, keinen Begriff von dem Vergnuͤgen ma⸗ chen, was drei Frauen empfanden, deren eine in der ſchoͤnſten Bluͤthe ſtand, indeſ⸗ ſen uͤber die beiden andern das Todesur⸗ theil der Veralterung auch noch nicht ge⸗ 123 faͤllt worden war, ſich von der erſten Haͤlfte des Mai's an, in einen haͤßlichen, vier⸗ eckigen Thurm zu begraben, nach welchem der, von der Nacht uͤberfallene Wanderer, von der Landſtraße her, nur mit Grauſen blickte. „Klementine war in der That eines der liebenswuͤrdigſten Weſen auf welches je ein menſchlicher Blick gehaftet hatte. Ich will nicht verſuchen das reizende Gan⸗ ze ihrer ſchoͤnen Zuͤge zu ſchildern, die mit dem Ausdrucke des Wohlwollens, der ſie beſeelte, in dem entzuͤckendſten Einklange ſtanden; Sie werden, ehrwuͤrdiger Herr, davon aus den uns uͤbrig gebliebenen Re⸗ ſten urtheilen koͤnnen. Hier hatte unſere Gluͤckſeligkeit ihren Gipfel erreicht. Ver⸗ zeihen Sie, wenn ich in Ihrer Gegen⸗ wart, mich dem Verguuͤgen uͤberlaſſen habe, 124 vor meiner Phantaſte die Augenblicke vor⸗ uͤberziehen zu laſſen, die noch vor vierzehn Tagen uns einen Schatz von koͤſtlichen Ruͤck⸗ erinnerungen darboten, und die nun, gleich einem anfangs durch ſeine Suͤßigkeit taͤu⸗ ſchenden Trank nichts als einen bittern Nachgeſchmack zuruͤck laſſen werden. Zwei furchtbare Kataſtrophen, haben das Gebaͤu⸗ de der Gluͤckſeligkeit umgeſtuͤrzt, unter deſſen Schutze meine Freundin und ich un⸗ ſere Laufbahn in Frieden zu endigen hoff⸗ ten. Ein Strahl des erzuͤrnten Himmels hat dieſe Burg getroffen, waͤren ihre Be⸗ wohner beſtimmt, irgend ein großes unbe⸗ kanntes Verbrechen, durch noch groͤßere Un⸗ gluͤcksfaͤlle abzubuͤßen, und ſollte die ganze fuͤrchterliche Laſt derſelben gerade uns zer⸗ ſchmettern?“ Bei dieſen Worten erblaßte der zu⸗ kuͤnftige Diener des Altars, doch bald er⸗ 125 holte er ſich von einem, wie ihm duͤnkte, grundloſen Schrecken:„Huͤten wir uns,“ ſagte er,„wirklichen Uebeln noch die ei⸗ ner heftig aufgeregten Einbildungskraft beizufuͤgen.“ „Was koͤnnte unſer Ungluͤck wohl ver⸗ groͤßern? Das Maß iſt voll; Schmerz und Trauer ſind von nun an unſer Theil.“ „Wer hat Ihnen das geſagt, meine Freundin, erwiederte Herr Dermot, mit einem Ausdruck von Strenge, welcher be⸗ wieß, daß er ſich wieder ermannt hatte? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, die Zu⸗ kunft auf dieſe Weiſe voraus zu beſtimmen? Gehoͤrt dieſe Zukunft Ihnen zu, und ſeit wenn haͤtte ſie denn aufgehoͤrt, in Dun⸗ kel gehuͤllt zu ſeyn; Sie verſichern mich, daß die Hand des Ungluͤcks ſchwer auf dieſem Hauſe laſtet, ich theile Ihren 126 Dammer von ganzen Herzen; aber, als Sie es zuerſt betraten, hofften Sie da⸗ mals das Gluͤck innerhalb ſeiner Mau⸗ ern zu finden? Gewiß nicht; und doch haben Sie es mit Ihrer verehrungs⸗ wuͤrdigen Freundin hier gefunden, und nach Ihrer mir ſo eben davon entworfe⸗ nen Schilderung, ſo rein und ungetruͤbt genoſſen, als es nur ſelten der Himmel, nach ſeiner unendlichen Guͤte, denen die ihrer wuͤrdig ſind, zu Theil werden laͤßt.“ „Ich weiß, fuhr Herr Dermot in milderen Tone fort, das ihre liebenswuͤr⸗ digen Eigenſchaften und die Beſcheidenheit ihrer Wuͤnſche, ſich mit der Gnade des Himmels verbunden haben, um Ihnen dieſe ruhigen und unſchuldigen Genüͤſſe zu ver⸗ ſchaffen, die ich ſelbſt Tugenden nennen moͤchte; aber waren denn ſelbſt dieſe Ei⸗ 127 genſchaften, die Sie fuͤr dieſe Wohlthaten des Himmels empfaͤnglich machten, nur erborgt? Kann er nicht eine Quelle des Gluͤcks fuͤr Sie und fuͤr die vortreffliche Frau eroͤffnen, an deren Schickſal Sie ei⸗ ne ſo innige Theilnahme in mir zu erregen gewußt haben, ohne daß ich ſie noch bis jetzt geſehn habe? Sie war Mutter und Sie waren es durch ihre Freundin. Ihre Schilderung hat mir einem Begriff von dem Umfange dieſer Mutterfreuden gege⸗ ben, ſie muͤſſen unbeſchreiblich ſuͤß ſeyn! Sie haben ſie genoſſen. Nun meine Freun⸗ din, Sie, die es wiſſen, daß wir Kinder eines liebenden Vaters ſind, waͤren Sie vermeſſen genug zu glauben, daß dieſer himmliſche Vater ſeine, durch Kummer ge⸗ beugten Geſchoͤpfe weniger liebt, als Sie das Kind der Wahl Ihres Herzens.“ 4 „Ehrbuͤrdiger Vater, ankwortete Ma⸗ dame Allote, wie ſehr wuͤnſchte ich, daß dieſe Worte des Troſtes in dem Herzen meiner Freundin Eingang finden koͤnnten! Ich zweifle nicht, ſie wuͤrden ein lindern⸗ der Balſam fuͤr ſie ſeyn. Ihr Zuſtand macht ſie unfaͤhig einer ſolchen Wohlthat ſich erfreuen zu koͤnnen, der ſie betroffene Schlag hat ſie niedergeſchmettert. Wenn ich in dieſem Augenblicke mehr Kraft habe, als ſie, ſo hat ſie dies mir in gluͤcklichern Tagen voraus geſagt, und ich fuͤhle es jetzt, daß, ob ich gleich ihre Empfindungen theilte, ich doch nicht Mutter war wie ſte.“ „Von nun an habe ich Ihnen nichts als ungluͤckliche Ereigniſſe mitzutheilen, ich werde Ihr Mitleiden ſchmerzlich in An⸗ ſpruch nehmen, Sie werden mit mir kla⸗ gen, ehrwuͤrdiger Mann.— Ach! ja, ge⸗ 3 129 wiß werden Sie es.— Aber eben hoͤre ich, daß die Schloßuhr neune ſchlaͤgt; ehe ich meine Erzaͤhlung beendige, habe ich noch zwei theure Perſonen zu beſuchen; die eine iſt allein und ſchlummert, die an⸗ dere ſchlummert auch, aber ach! es iſt der eiſerne Schlaf des Todes! Dennoch werde ich den Kuß zur guten Nacht, den Ab⸗ ſchiedskuß auf ihre Lippen druͤcken, den eine ihrer Muͤtter ihr nicht mehr geben kann... Wundern Sie ſich nicht Ehr⸗ wuͤrdiger, dieſes Trauerhaus beinahe gaͤnz⸗ lich verlaſſen zu finden, der Gaͤrtner iſt ſeit acht Tagen an einem Rheumatismus bettlaͤgerig, ſeine vierzehnjaͤhrige Tochter vertritt meine Stelle bei meiner Freun⸗ din. Die guͤtige Frau hat ihre Dienſtbo⸗ ten gern um ſich, und iſt deshalb nicht minder gut bedient. Die Kammerfrau hat uns einige Tage vor unſerm Ungluͤck I. Theil. 9 130 verlaſſen, um nach Liſieux zuruͤckzukehren, wohin ſie die Pflege ihrer alten Aeltern rief, der Kammerdiener und die Koͤchin, die Kinder eines der aͤrmſten Zinßleute des Schloſſes, die mehrere Naͤchte an dem Lager ihrer Frau zugebracht hatten, ha⸗ ben mich um die Erlaubniß gebeten, die heutige in dem benachbarten Pachthofe, wo ich Sie, ehrwuͤrdiger Vater, dieſen Abend unterbringen wollte, bei der Leiche ihrer Schweſter durchwachen zu duͤrfen. Sie hatten nur den Hof verlaſſen, als Sie ſich an dem Thore meldeten. Sie fuͤhlen, daß ich ohne Grauſamkeit ihnen ihre Bitte nicht haͤtte abſchlagen koͤnnen, denn Sie ſind mit der Landesſitte gewiß bekannt genug, um zu wiſſen, daß die Pflicht gegen die Verſtorbenen bei den Einwohnern fuͤr eine ihrer vorzuͤglichſten 131 Religionspflichten gehalten wird. Ich er⸗ warte alle Augenblicke Herrn Leny, der mir verſprochen hat, zwiſchen neun und zehn Uhr mit zwei bejahrten Frauen zu kommen, die ſich noch vor dem Erwachen der Vicomteſſe einem traurigen Geſchaͤfte unterziehen ſollen. Dann ſind auch die Dorfſchaften in dieſer Gegend ſo weit von einander entfernt, und das Gewitter iſt ſo furchtbar geworden, daß ich unſern armen Nachbarn, nachdem ich ſie in den verfloſſnen Tagen ſo ſehr augeſtrengt hat⸗ te, einige Ruhe habe goͤnnen wollen. In⸗ deſſen bin ich uͤberzeugt, daß ſo wie der Morgen graut, zwei ganze Kirchſpiele ſich verſammeln werden.“ Bei dieſen Worten ergriff Madame Allote einen, der auf dem Tiſche ſtehenden Leuchter, wendete ſich, nach demjenigen 9* 132 Fluͤgel des Schloſſes, wohin ſie eben ſo zaͤrtliche als ſchmerzliche Gefuͤhle riefen, und uͤberließ Herrn Dermot ſeinen einſa⸗ men Berrachtungen. 133 Fuͤnftes Kapitel. Das Trauerhaus.— Die Mutter. Erxrrexeerrereee eerrere, 1 Unter den verſchiedenen Eindruͤcken, die ihre Wirkungen auf unſern Reiſenden an dieſem Abend geaͤußert hatten, war eine ſchwermuͤthige Ruͤhrung der vorherrſchende, alle uͤbrige ſchienen ſich in dieſem aufzu⸗ loͤſen. Die heftigen, ſchnell auf einander 8 folgenden Donnerſchlaͤge verbanden noch eine Art von religiöſen Schauer mit der⸗ 134 ſelben. So ſehr uͤbrigens der Geiſtliche die Seelenſtaͤrke der Madame Allote be⸗ wunderte, die mitten unter dem allgemei⸗ nen Jammer, gleich einer Saͤule, die in Syriens Wuͤſten, mitten aus den ungeheu⸗ ern Truͤmmern, vor der annaͤhernden Ka⸗ ravane emporſteigt, ſich allein aufrecht er⸗ halten hatte; ſo konnte er doch nicht um⸗ hin, in den Worten dieſer, von Natur guten und ſanften, aber mit einer unge⸗ woͤhnlichen Feſtigkeit des Charakters aus⸗ geſtatteten Frau, etwas Geheimnißvolles zu finden, von dem er ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben vermochte. Was er bereits gehoͤrt hatte, was man ihn hatte errathen laſſen, und was ihm eben jetzt noch mitgetheilt werden ſollte, verſetzte ihn, zumal in einem zum Theil halb ver⸗ fallenen, zum Theil durch Sauberkeit und ſelbſt durch Luxus des neuern Geſchmacks 135 ausgeſchmuͤckten Hauſe, in eine, beinahe aͤngſtliche Spannung. Die Stunde, die Einſamkeit, die durch den blaſſen Schim⸗ mer des zuruͤckgebliebenen Lichtes nur in einem engen Umkreiſe unterbrochene Dun⸗ kelheit, und das ſtets forttobende Unge⸗ witter, waren nur zu ſehr im Einklang mit dem ernſten Charakter einer Scene, auf welche wie es ſchien, man ihn hatte vorbereiten wollen. „Welch ein Abend, ehrwüͤrdiger Va⸗ ter!“ rief Madame Allote, im Hereintre⸗ ten aus,„und wie froh bin ich uͤber den Schlummer, in welchen der Doctor Bon⸗ net die arme Karoline verſenkt hat! Wenn die durch das Ungluͤck aberglaͤubig gewor⸗ dene Vicomteſſe, bei unſerer Unterhal⸗ tung gegenwaͤrtig waͤre, ſo wuͤrde ſie be⸗ haupten, daß wir noch nicht am Ziele un⸗ 136 ſerer Leiden wuͤren; ſie wuͤrde uns ver⸗ ſichern, daß dieſe Nacht ſich nicht ohne eine neue Kataſtrophe endigen werde.“ Herr Dermot fuhr unwillkuͤrlich zu⸗ ſammen. Madame Allote ruͤckte jetzt ihren Rohr⸗ ſeſſel neben den Stuhl des angehenden Diener des Altars, und fuhr folgender⸗ maßen in ihrer Erzaͤhlung fort. „Karoline hatte, nach dem Tode ihres Gemahls, ſich ſowohl in den Umgebungen von Helvin, als ſelbſt in den hoͤhern Cir⸗ keln von Vannes, nach einem jungen Manne umgeſehn, der es wuͤrdig waͤre daß Klementine ihren Namen mit dem ſeinigen vertauſche. Sey es nur, daß der Rathſchluß des Unerforſchlichen es an⸗ ders uͤber ſie verhaͤngt hatte, ſey es, daß 137 unſere Vorurtheile uns irre leiteten, un⸗ ter einer ziemlich großen Anzahl von Be⸗ werbern fand ſich auch nicht einer, dem wir das Lebensgluck unſerer Tochter haͤt⸗ ten anvertrauen moͤgen. Die Erziehung des Bretagne'ſchen Adels wird ſehr ver⸗ nachlaͤſſigt. Wenn ein junger Mann von Stande, fechten und reiten gelernt hat, und ſich als ein guter Jaͤger auszeichnet, ſo iſt man der Meinung, daß nicht viel mehr an ſeiner Erziehung fehle; kann er vollens tanzen und auf einem Inſtrumente kratzen oder klimpern, dann haͤlt man ſie fuͤr vollendet. Die aͤltern Familien⸗ ſoͤhne reiſen nun nach der Hauptſtadt, von wo ſie gewoͤhnlich mit einem Hang zur Verſchwendung und in zerruͤtteten Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnden, dem Werke irgend einer Schauſpielerin, auf ihr Stammgut zuruͤck⸗ kehren. Die juͤngern Soͤhne ſtudieren ih⸗ 138 ren Bezout,*) und widmen ſich dann faſt ausſchließlich dem Seedienſte. Im Allgemeinen bringen ſie von ihren Reiſen freie Sitten, einen rauhen Ton, einen vorherrſchenden Hang zu den Freuden der Tafel, ſelbſt zu einem Uebermaße derſel⸗ ben, zuruͤck. Es iſt noch ein großes Gluͤck, wenn ſich unter dieſen jungen Edel⸗ leuten dann und wann einer findet, der, nach fuͤnf oder ſechsjaͤhrigen Land⸗ oder Seedienſt, ſich entſchließt, eine Rathsſtelle im Parlemente von Bretagne anzunehmen. Bis zu dieſem Zeitpunkt von allen Kennt⸗ niſſen entbloͤßt, fuͤhlen ſie endlich das Be⸗ duͤrfniß, ſich deren zu erwerben, und ſind dann verſtaͤndig genug, ſich, unter der Lei⸗ tung eines alten Rechtsgelehrten, in ihr 4 *) Der ſehr bekannte Verfaſſer eines Lehr⸗ buchs der Mathematik. Anm. d. Ueb. 139 Fach einzuarbeiten, und auf ſolche Weiſe hat dieſer hohe Gerichtshof manches, wirk⸗ lich achtungswerthe Mitglied erhalten. Da aber diejenigen, welche zu dieſer letzten Klaſſe gehoͤren, ſich groͤßten Theils in Rennes aufhalten, und gewoͤhnlich dort anſaͤſſig werden: ſo waren wir in unſerer Wahl auf die Seeleute der Bezirke von L' Orient und Breſt, und auf die aͤlteſten Söhne der Familien beſchraͤnkt, die kuͤrzlich von Paris mit dem Vorſatz zuruͤckgekom⸗ men waren, auf ihren Guͤtern zu leben, eine moͤglichſt reiche Partie zu treffen, ſich durch die Mitgabe die Mittel zu verſchaf⸗ fen, dann und wann fuͤr ihre Perſon eine Luſtreiſe nach Paris zu machen; oder ſich durch die Fuchs⸗ und Schweinejagd den ſchoͤnen Ruhm Nimrodis zu erwerben, von dem die Schrift ſagt: Er war ein ge⸗* waltiger Jaͤger vordem Herrn.“ 140 Durch das Laͤcheln, das Madame Al⸗ lote durch ihre Gelehrſamkeit dem Reiſen⸗ den ablockte, das erſte, welches ſich bis jetzt auf ſeiner Miene zeigte, ermuthigt, fuͤgte ſie mit einem leichten Anflug von wohl verzeihlicher Heiterkeit, die einem ſchnell erſcheinenden und verſchwindenden Sonnenblicke an einem kärmiſchen Tage glich, noch hinzu: „Ungluͤcklicher Weiſe,(denn jetzt fange ich an es fuͤr ein Ungluͤck zu halten,) hat⸗ ten die Vicomteſſe und ich einen etwas ſchwer zu befriedigenden Geſchmack.„Nein,“ ſagte Karoline laͤchelnd zu mir,„wir wol⸗ „len unſere niedliche Klementine nicht mit „ſo vieler Sorgfalt erzogen haben, daß „das ganze Ziel ihres Strebens ſich dar⸗ „auf beſchraͤnke, von einer Bowle Punſch „unterſtuͤtzt, dereinſt die Nebenbuhlerin 141 „eines zu hetzenden Haaſens, oder einer „Operntaͤnzerin zu werden!“ „Karolinen war unſere reichhaltige fran⸗ zoͤſiſche Litteratur nicht fremd. Wenn die Lectuͤre ibres Gemahls ſich auf den Mer⸗ kur beſchraͤnkte, von dem wir Abonnenten geblieben waren: ſo hatten wir in unſern Winterabenden unſere trefflichen Schrift⸗ ſteller der beiden letzten Jahrhunderte ge⸗ leſen, und was uns noch mehr Vortheil brachte, wir hatten waͤhrend des Leſens nachgedacht. Indem wir der natuͤrlichen An⸗ muth der Frau von Sevigné und des gu⸗ ten Lafontaine alle Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren ließen, erlaubten wir uns demohngeach⸗ tet zuweilen anderer Meinung zu ſeyn.— Dieſe Lectuͤre und unſere eingeſtreueten Bemerkungen hatten den Geiſt unſerer Klementine genaͤhrt, ohne ihrer Unſchuld 142 nachtheilig zu werden. Wir wußten, daß ihr richtiges und zartes Gefuͤhl ſich ſchwer⸗ lich in einen Gatten haͤtte finden koͤnnen, dem dieſe Quelle, aus welcher wir die reinſten Genüſſe fuͤr Geiſt und Herz zu ſchoͤpfen gewohnt waren, fremd geweſen waͤren. Gatten muͤſſen jeden Genuß mit einander theilen koͤnnen, und wir wuͤrden ein Buͤndniß, in welchem fuͤr die Theil⸗ nehmer nichts als Tiſch und Bette gemein geweſen waͤre, als eine ſehr traurige Ver⸗ bindung fuͤr unſere geliebte Tochter be⸗ trachtet haben.“ „Erlauben Sie mir, Sie auf einen Augenblick zu unterbrechen, ſagte Herr Dermot; ich mißhillige ſo wie Sie, alle, aus Mangel an moraliſcher Uebereinſtim⸗ mung, ungleiche Verbindungen. Indeſſen glaube ich, daß bei einem wohluͤberlegten 143 Heirathsplaue, uͤbertriebene Forderungen jeder Art, ſelbſt in Beziehung auf geiſtige Gefuͤhle und Genuͤſſe nicht ſtatt finden durfen. Von Rechtswegen ſoll ein jeder nie eine andere Verbindung ſchließen, als die der Landesſitte, den geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen, dem Range und den Ver⸗ moͤgensumſtaͤnden, in denen er ſich befin⸗ det, angemeſſen iſt. Ich weiß, daß meh⸗ rere der von Ihnen ſo treffend geruͤgten Fehlern unſerm jungen Adel vorgeworfen werden koͤnnen; aber, es gibt auch Aus⸗ nahmen. Auf dem ſchlimmſten Fall mußte, ſo ſcheint mir es wenigſtens, Frau von Beaumanoir die ſtrengen Ruͤckſichten, die ihr Stand erfordert, als ein Ungluͤck an⸗ ſehn, dem ihre Vernunft ſich unterwerfen mußte, indem ſie diejenige Wahl traf, die ihr am wenigſten nachtheilig ſchien, denn die Vorſehung, indem ſie uns einen 144 gewiſſen Stand anweißt, will, daß wir uns mit demjenigen Grade von Gluͤckſeligkeit, der mit demſelben verbunden iſt, begnuͤgen ſollen. Uebrigens beſtehe ich nicht auf einer ſo ſtrengen Anwendung meines Grundſatzes, daß es nicht erlaubt ſeyn ſollte, in ſeinen Umgebungen, und ſelbſt in einer groͤßern Entfernung, die Grund⸗ lagen zu einer rechtmaͤßigen, und mit dem Vorſchriften des Chriſtenthums in Ein⸗ klang ſtehenden, Gluͤckſeligkeit aufzuſu⸗ chen; meine einzige Abſicht war blos, Sie auf die zuweilen ſtrengen Verpflich⸗ tungen eines hohen Standes aufmerkſam zu machen; Verpflichtungen denen man ſich vielleicht nicht ohne Unrecht entziehen kann wenn man die Vortheile dieſes Stan⸗ des genoſſen hat. „Verehrungswuͤrdiger Mann e fuhr Mademe Allote fort,„es iſt moͤglich daß 145 Sie Recht haben.— Ja, ich glaube Sie haben Recht, fuͤgte ſie nach einer Pauſe von einigen Secunden hinzu. „Karoline die darauf Verzicht that, einen Schwiegerſohn in ihrer Naͤhe zu finden, beguͤnſtigte die Wuͤnſche des ein⸗ zigen Sohnes eines ihrer Vettern; er war unermeßlich reich, hatte es aber waͤh⸗ rend unſereg Aufenthalts in der Normandie, nie gewagt ſeine Augen bis zu der Fraͤu⸗ lein von Beaumanoir zu erheben. Der Vater, der noch in ſeinen beſten Jahren ſtand, und deſſen Eitelkeit, ſich den ganz neuen Titel eines Sekretairs des Koͤnigs zu verſchaffen gewußt hatte, war aus der erſten Klaſſe des Buͤrgerſtandes, in die letzte des Adels uͤbergegangen, ohne da⸗ durch an Glanz zu gewinnen, denn dieſer muß verdient und kann nicht erkauft wer⸗ I. Theil. 10 146 den. Karoline und ich fuͤhlten dies, der Sohn fuͤhlte es auch, aber wie ſehr hiel⸗ ten nicht die liebenswuͤrdigſten, mit ei⸗ nem ungeheunern Vermoͤgen verbundenen Eigenſchaften dieſem unguͤnſtigen Umſtande das Gleichgewicht. Das feinſte Zartge⸗ fuͤhl, mit einem Anſtrich von Maͤnnerkraft verbunden, die eine innere Feſtigkeit zur Grundlage hatte, ausgebreitete Kenntniſſe frei von aller Anmaßung, ein Wohlwollen, das ſich ſelbſt vergaß, und es gewiſſer Maßen demjenigen, dem es zum Dank ver⸗ pflichtet hatte, zum Verdienſt anrechnete ſeine Dienſte angenommen zu haben; ein⸗ fache, aber immer unter den edelſten, ge⸗ ſchmackvollſten Formen ganz ungeſucht durch⸗ ſchimmernde Neigungen, waren fuͤr Eduard Delpont die guͤnſtigſten Empfehlungen, und floͤßten zugleich auf den erſten Anblick ſeiner edeln Zuͤge eine Art von Hochach⸗ 147 kung ein. Dieſer Eindruck mußte wohl ſehr ſtark ſeyn, da man ſein hoͤchſt ange⸗ nehmes Aeußere daruͤber ganz vergaß, ſo daß ich oͤfters in ſeiner Gegenwart andere junge Leute wegen weit geringern koͤrper⸗ lichen Vorzuͤgen, ruͤhmen hoͤrte. In der That ſchien Karolinens Neffe jedem der ſich ihm naͤherte zu weit hoͤheren Anfor⸗ derungen als blos vergaͤnglichen aͤußern Annehmlichkeiten zu berechtigen, und uͤber die Vorzuͤge ſeines Geiſtes und ſeines Herzens bemerkte man kaum die regelmaͤ⸗ ßige Schoͤnheit ſeiner Zuͤge. Sehen Sie, ehrwuͤrdiger Vater, fuͤgte Madame Allote hinzu, indem ſie den Geiſtlichen offen und ohne Ziererei ins Geſicht ſah, ſo unge⸗ faͤhr muͤſſen Sie in ſeinem Alter ausge⸗ ſehen haben, und ſo wuͤrde er wahrſchein⸗ lich geworden ſeyn, wenn ihm die Vor⸗ ſicht das Ihrige haͤtte erreichen laſſen!“ 10* 148 Herr Dermot ſchlug die Augen nie⸗ der, ſeine blaſſen Wangen faͤrbten ſich mit einer beſcheidenen Roͤthe, aber dieſe in⸗ nere Bewegung, die ihn ſelbſt in Verle⸗ genheit ſetzte, dauerte nur einen Augenblick, gleich als ob das Blut, das ſich nur durch Zufall nach dieſen hoͤhern, laͤngſt ſchon von ihm verlaſſenen Theilen, gedraͤngt hatte, nicht ſchnell genug in ſeinen gewoͤhnlichen Kreislauf haͤtte zuruͤcktreten koͤnnen. Ma⸗ dame Allote fuhr in ihrer Erzaͤhlung ohne Unterbrechung fort. „Seit mehreren Jahren Wittwer, dachte Herr Delpont der Vater, ungeach⸗ tet ſeines großen Reichthums, an keine zweite Verbindung. Er liebte ſeinen Sohn ungemein, oder er war vielmehr ſtolz auf ihn, und ſeine Vaterliebe hatte in die⸗ ſem Stolze beinahe ihrem einzigen Grund. 149 Deshalb verzichtete er auch auf jedes neue Buͤndniß, das vielleicht, wenn auch nur mittelbar, dem Sohne in ſeiner gluͤcklichen Laufbahn haͤtte hinderlich werden koͤnnen, und begnuͤgte ſich damit, ſeinen fruͤhzeiti⸗ gen Wittwerſtand in den Zerſtreuungen und Genuͤſſen von Paris zu vergeſſen. Dies waren die Beweiſe, die er ſeinem Sohne von ſeiner Vaterliebe gab, er waͤhnte ihm dadurch ein Opfer zu bringen, und wenn ihm hieruͤber, wie dies oͤfters geſchah, etwas Verbindliches geſagt wur⸗ de, ſo nahm er die Ehre dieſes gebrach⸗ ten Opfers mit einem halb unterdruͤckten Laͤcheln an, das auch dem Kurzſichtigſten nicht entgehen konnte. Eduard, ohne den Zoll der Dankbar⸗ keit, auf den ſein Vater Anſpruch machte, ihm zu verweigern, haͤtte indeſſen lieber 150 geſehen, wenn er zu einer neuen, durch die Gebraͤuche der Kirche geweihten Ver⸗ dindung in einem Alter geſchritten waͤre, in welchem, wie die Lebensweiſe dieſes Neuadligen bewieß, das eheloſe Leben ihm eine druͤckende Laſt war. „Ueber ſeine zukuͤnftige Laufbahn noch in Ungewißheit, ſchwankte Eduard in der Wahl eines Berufs, als eine Einkadung ſeiner Tante Karoline ihn beſtimmte, uns in den erſten Tagen des letzt verfloſſenen Monats Mai, nach dem Schloſſe Helvin zu begleiten. Von den Reizen ſeiner Cou⸗ ſine im Geheim geruͤhrt, die ihn eben⸗ falls nicht mit gleickguͤltigen Augen be⸗ trachtet hatte, noch mehr von ihren treff⸗ lichen Eigenſchaften entzuͤckt, ſahe er ſich durch dieſe Einladung, dem Ziele ſriner Wuͤnſche nahe. Nichts ſtand ihnen mehr 151 entgegen; ihn zu dieſer Begleitung aufzu⸗ fordern, hieß ſo viel, als ihn berechtigen, dieſe Wuͤnſche auszuſprechen. Delponts Vater ſah in dieſem projectirten, und ſo⸗ gleich genehmigten Heirathsplan ein Mit⸗ tel, den alten, von ſeinen Voraͤltern er⸗ erbten Wohlſtand ſeines Hauſes noch zu vergroͤßern, und feinem jungen, von ihm erſt erworbenen Adel etwas an Alter ge⸗ winnen zu laſſen. Vor unſerer Trennung verſicherte er uns, daß, da er zu Berich⸗ tigung wichtiger Rechnungen, uber eine Unternehmung, an welcher er Antheil ha⸗ be, drei Wochen in Paris zubringen muͤſſe, er ſeinen Weg durch die Bretagne nehmen, und gegen die Mitte des July auf dem Schloſſe Helvin eintreffen wer⸗ de, um der prieſterlichen Weihe dieſes Buͤndniſſes den vaͤterlichen Segen beizu⸗ fuͤgen. 152 „Noch waren wir gluͤcklich, ehrwuͤrdi⸗ ger Mann, denn ich bin der Geſchichte unſeres Jammers einige Tage vorgeeilt: hoͤren Sie wie der Blitz vor unſerer Seite niedergefahren iſt, hoͤren Sie wie uns ſein Feuerſtrahl getroffen hat „Eduard ritt alle Morgen nach den be⸗ nachbarten Doͤrfern oder auf der Landſtraße ſpatzieren. Am haͤufigſten beſuchte er die Huͤtten armer Bauern, deren Rothwaͤlſch (patois) er in einer Geſchwindigkeit ge⸗ lernt hatte, die uns in Verwunderung ſetzte. Klementine ſprach es ebenfals ſehr gut, und es war fuͤr ihn ein neuer Ge⸗ nuß, ſich mit dieſem bezaubernden Maͤd⸗ chen auch auf dieſe Weiſe zu verſtehen, indem er ſich mit demſelben in dieſem, ihm neuen Dialekt uͤber ihre gemeinſchaft⸗ lichen Plaͤne zur Bofoͤrderung des allge⸗ 153 meinen Wohlſtands ihrer Untergebenen unterhielt, oder in ihrer Begleitung, zu⸗ weilen auch ohne dieſelbe, der Ausſpender ihrer Wohlthaten wurde. „Am Montage der vorigen Woche er⸗ warteten wir ihn, um wie gewoͤhnlich, ge⸗ meinſchaftlich zu fruͤhſtuͤcken; zweimal kling⸗ elten wir ihm vergebens, er erſchien nichtz wir beunruhigten uns indeſſen deshalb nicht, und das Fruͤhſtuͤck, das heiterſte Mahl des ganzen Tages, unſtreitig deswe⸗ gen, weil es alle Familienglieder nach lan⸗ ger Trennung verſammelt, wurde von uns moͤglichſt abgekuͤrzt, denn wir hatten uns entſchloßen, nach deſſen Beendigung un⸗ ſerm jungen Freunde entgegen zu gehen, den wir gewiß waren anzutreffen, da er Klementinen in das Geheimniß ſeines Morgenſpatzierritts gezogen hatte. Er hatte 154 naͤmlich einen Maurer beauftragen wollen, die Huͤtte einer armen Wittwe wieder her⸗ zuſtellen, um dann mit dieſem neu erwor⸗ benen Anſpruch auf Klementinens Wohl⸗ wollen vor ihr zu erſcheinen, denn wenn die helfende Hand verborgen bleiben ſoll, ſo hat der Eheſtand das Suͤße, daß, da Gatte und Gattin nur ein Weſen ausma⸗ chen, durch eine ſolche vertrauliche Mit⸗ theilung dies Gebot niemals uͤbertreten wird. „Klementine ging voraus; funfzig Schrit⸗ te hinter ihr, ihre Mutter und ich. Mit entzuͤckenden Hoffnungen erfuͤllt, ſprachen wir von der Zukunft, auch der NRuͤckblick auf die Vergangenheit, war zuweilen nicht ohne Reize,„Apropos“ ſagte endlich Ka⸗ roline zu mir, ich habe dir eine Einla⸗ dung mitzutheilen, und zog mit dieſen 155 Worten aus ihrem Arbeitsbeutel einen Brief vom neueſten Datum, durch welchen uns Eduards Vater dringend bat, ihn fuͤr drei Monate mit unſern Beſuch in ſeinen ſchoͤnen Hotel in der Straße Ti⸗ chelien in Paris zu erfreuen. Sein be⸗ quemer Reiſewagen, der ihn ſelbſt vorher nach Paris bringen ſollte, wuͤrde den Tag nach der Vermaͤhlung zu unſern Dienſten ſeyn. Als Anſpielung auf eine Auße⸗ rung ſeines Sohnes, der, um unſere in⸗ nige Vereinigung auszudruͤcken, uns mit drei auf einem Stengel ſo eng zuſammen gedraͤngten Blumen verglich, daß ſie nicht ohne Beſchaͤdigung von einander getrennt werden koͤnnten, fuͤgte Herr Delpont als Nachſchrift bei:„Es verſteht ſich meine „Damen, daß ich das ganze Bouquet „von Helvin, ungetrennt nach Paris ver⸗ „pflanzt zu ſehn wuͤnſche;“ und ſteh einmal, 156 5 bemerkte ich Karolinen, deren Arm in dem meinen ruhte,„wie weit unſere Knoſpe voraus iſt. Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als ein lauter Schrei un⸗ ſer Ohr traf, und in denſelben Augenbli⸗ cke ſahen wir Klementinen auf den Raſen niederſtͤrz zen. „Urtheilen Sie von unſerm Schrecken ehrwuͤrdiger Vater. Keine von uns ver⸗ mochte ein Wort zu ſprechen, wir eilten hin zu ihr, aber, welch ein Schauſpiel er⸗ wartete uns. Am Ende eines Fußſteigs, der den Hohlweg quer durchſchnitt, ſahen wir einen Menſchen auf dem niedergetre⸗ tenen Graſe ausgeſtreckt liegen, neben ihm lag ein zerbrochener Degen, und ein mit Staub bedeckter Hut. Dieſer Menſch war Eduard, er ſchwamm in ſeinem Blute, das zwiſchen einem, am Untertheile des 157 Leibes ſchlecht angelegten Verband her⸗ ausquoll. Beym Anblick dieſes liebens⸗ wuͤrdigen, ſchaͤndlicher Weiſe ermordeten Juͤnglings,(wenigſtens war dieſe Ver⸗ muthung die natuͤrlichſte,) war Klemen⸗ tine bewußtlos zu Boden geſunken. So ſtanden zwei ungluͤckliche Frauen ploͤtz⸗ lich zwiſchen den Leichnamen eines gelieb⸗ ten Neffen und ihrer leiblichen und er⸗ waͤhlten Tochter, die kein Lebenszeichen von ſich gab, ohne eine lebendige Seele in ihrer Naͤhe zu haben.— Nein, eine entſetzlichere Lage iſt nicht denkbar! „Karoline hatte ſich auf ihre Tochter geworfen. Sie bedeckte ſie mit ihren Kuͤſſen, redete ſie in den zaͤrtlichſten Aus⸗ druͤcken an, und ſuchte den koſtbaren Le⸗ bensfunken anzufachen, deſſen Abweſenheit das Mutterherz bricht, und bei deſſen 158 Ruͤckkehr es beinahe der Freude erliegt. Auch in ihrem Stillſtande gab die Natur noch kein Zeichen von der Fuͤgung des Himmels in Bezug auf dies geliebte We⸗ ſen. An dem jungen Delpont bemerkte ich hingegen einige Lebenszeichen. Ich flog dem naͤchſten Pachthofe zu, und er⸗ hob meine Stimme am Eingange des da⸗ hinfuͤhrenden Hohlwegs. Es war mehr ein Jammergeſchrei als artikulirte Toͤne. Einige benachbarte Landleute, die auf ei⸗ nem nahen Acker mit Jaͤten des Buch⸗ waizens beſchaͤftigt waren, erkannten mich. Eben wie ſie ihren Acker verließen, und das Gehoͤlz mit einer Geſchwindigkeit er⸗ reichten, welche bei unſern Bauern ziemlich ſelten iſt, die, obſchon von Natur gut⸗ muͤthig, bei ſolchen Vorfaͤllen der Lang⸗ ſamkeit geziehen werden koͤnnten, zeigte 159 8 ſich von der entgegengeſetzten Seite eine Art von Zug. „Zwei Edelleute gingen vor einer von zwei jungen Bauern getragenen Trage⸗ bahre her, die mit einem Bette und ei⸗ nem mit Haberpreu gefuͤllten Kopfkiſſen bedeckt war, welche man von einem Zins⸗ bauer der Vicomteſſe geborgt hatte. So wie ſie uns ſahen, entfernte ſich einer der Edelleute ſchnell. Der andere, der Ritter Delisle, naͤherte ſich mir, als derjenigen die ihm noch am erſten gefaßt ſchien, ihn anzuhoͤren indem er zu mit ſagte:„Sie „ſehen in mir Madame den hoͤchſt ſchmerz⸗ „lich betruͤbten Zeugen eines großen Un⸗ „gluͤcks, welchem zuvor zu kommen, ich „mich vergebens bemuͤht habe.“ „Ich bat vor allen Dingen um Stille. Hierauf legten wir den ungluͤcklichen Del⸗ 160 pont auf die Tragbahre, um ihn nach den Schloſſe zu bringen, und dieſe Bewegung, ob man gleich die Vorſicht gebraucht hat⸗ te, den Verband feſter anzulegen, und obgleich die Traͤger moͤglichſt gleichen Schritt hielten, hatte anfangs die Wir⸗ kung, die Lebensgeiſter Eduards zuruͤckge⸗ rufen, verurſachte aber auch gleich darauf eine ſtaͤrkere Blutvergießung. Indeſſen beorderte ich Herrn Delisle,(denn meine Stimme hatte, ohne daß ich es ſelbſt wußte, etwas Gebieteriſches angenommen,) ich beorderte, ſage ich, dieſen Edelmann, den Verwundeten nach dem Schloſſe zu begleiten, auf das Schleunigſte einen Bo⸗ ten nach dem Doctor Bonnet zu ſchicken, (was man indeſſen ſchon beſorgt, und ſich zu dem Ende des Pferds Eduards bedient hatte,) und mich zu erwarten, um mir die Umſtaͤnde dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes 4 161ʃ mit zu theilen, nachdem ich zuvor der Vi⸗ comteſſe wuͤrde behuͤlflich geweſen ſeyn, Klementinen wieder ins Leben zuruͤckzu⸗ rufen, und ſie auf eine oder die andere Art nach dem Schloſſe zu bringen. „Der junge Mann gehorchte mir mit einem Blicke, der mich um Verzeihung zu bitten, und mir zugleich anzudeuten ſchien, daß er ſeinen Willen dem meinigen un⸗ terwerfe. „Dies mußte ſo ſeyn, bemerkte Herr Dermot: denn die gewoͤhnliche Folge un⸗ ſeres Unrechts, oder was dem Unrecht⸗ gleicht, beſtehet darinnen, daß es uns der Willkuͤhr jedes ſich uns naͤhernden We⸗ ſens Preis gibt. Dann wuͤrde ein Kind Maͤnnern befehlen koͤnnen, ſo maͤchtig iſt der Einfluß des Rechten auf die Herzen! Eine ſchlechte Handlung begehen, oder an I. Theil. 11 162 ihr Theil nehmen, heißt ſich in Feſſeln ſchlagen laſſeen. So bald uns das Ge⸗ wiſſen in wichtigen Faͤllen ſtraft, gehoͤren wir uns ſelbſt nicht mehr an, der Erſte der Beſte floͤßt uns Furcht ein, ein Vor⸗ uͤbergehender noͤthigt uns zum Gehorſam, ein Baum ſetzt uns in das toͤblichſte Schrecken. So hat die Vorſehung, un⸗ ſtreitig zur Erhaltung des Ganzen, es ge⸗ fuͤgt, das der geringſte Zufall das Ver⸗ brechen entwaffnen kann. „Waͤhrend Herr Delisle die Trag⸗ bahre die ſich dem Schloſſe langſam naͤ⸗ herte, begleitete,“ fuhr Madame Allote in ihrer Erzaͤhlung fort,„naͤherte ich mich der traurigen Gruppe, die meine beiden Freundinnen bildeten. Ich hielt der Toch⸗ ter Riechſalz vor, das mir der Ritter zu⸗ ruͤckgelaſſen hatte; Klementine oͤffnete die 163 Augen auf einen Augenblick, um ſie ſo⸗ gleich, mit einem Ausdrucke des Entſet⸗ zens, wieder zu ſchließen; denn ich hatte die Unvorſichtigkeit begangen, ein blutiges Schnupftuch, das zu dem erſten Verband gedient hatte, neben ihr hinzulegen. Ich glaube ſogar, daß ſich ihr Blick auf den zerbrochenen Stuͤcken des Degens und auf den Hut ihres Vetters, die ich einem Bauer zu tragen gegeben hatte, verweilte. Was ſoll ich Ihnen ſagen, wuͤrdiger Die⸗ ner Gottes? nach manchem Schrei, nach heftigen Nervenzufaͤllen, die von der Art waren, uns alles fuͤr dieſes ſaufte Ge⸗ ſchoͤpf fuͤrchten zu laſſen, das wir im Namen unſerer Zaͤrtlichkeit anflehten, ſich zu beruhigen, und es ſelbſt uͤber Eduards wahren Zuſtand taͤuſchten, brachten wir es mit unendlicher Muͤbe dahin, Klementinen bis in den Hof von Helvin zu fuͤhren; aber, 11 ¼ 164 da man die Unvorſichtigkeit begangen hatte, ein Fenſter in einem unterm Saale, wo der junge Menſch ohne alle Lebenszeichen ausgeſtreckt lag, offen zu laſſen, ſo verfiel ſie in einen convulſiviſchen Zuſtand, und unter den ſchrecklichſten Zufaͤllen ſchleppten wir ſie endlich auf das Bette ihrer Mut⸗ ter. So wie ſie ſich in etwas zu be⸗ ruhigen ſchien, lud die Vicomteſſe mich ein, herunter zu kommen, mit einem Zei⸗ chen der Hand das ich verſtand und mit einem Blicke, der mein Innerſtes durch⸗ drang, denn in dieſem ſchmerzlich gen Himmel emporgehobenen Blicke lag ein ganzes Gebet. „Herr Delpont hatte ſeinen letzten Seufzer noch nicht ausgehaucht; es fand ſich ſogar die Sprache wieder, aber die Worte, die ſeinen entfaͤrbten Lippen, wie 165 es faſt ſchien, wider ſeinen Willen ent⸗ ſchluͤpften, waren ſchwer zu verſtehn, und der Sinn derſelben ſo unzuſammenhaͤngend, daß, wenn man ſie auch zuſammeunſtellte, es doch unmoͤglich war etwas Beſtimmtes uͤber dieſes tragiſche Erreigniß daraus er⸗ fahren zu koͤnnen. Uebrigens kam der Name Klementine ſo oft darinnen vor, ſei es nun, daß ſie an dieſer Kataſtrophe Theil hatte, oder daß die Seele dieſes wuͤrdigen Juͤnglings, auf dem Punkt, ſich von einem theuren Gute treunen zu muͤſſen, mit allen ihren Kraͤften an daſſelbe ſich an⸗ zuketten ſchien, daß aus dieſem Gemiſche von Gefuͤhlen und halbverſtaͤndlichen Aus⸗ druͤcken, alles hervorging, was die Bruſt des Zuſchauers zerreißen, und ſo viel als nichts, was auf die Entdeckung der Wahrheit fuͤhren konnte. 4166 un Der Doktor Bonnet kam zugleich mit ſeinem Sohne, der kuͤrzlich außeror⸗ dentlicher Lehrer an der medieiniſchen Fa⸗ eultaͤt in Paris geworden war. Die Ger ſchwindigkeit mit der er ſich einſte llbe,“ ge⸗ reichte ſeinem gefuͤhlvollen Herzen zur Ehre. Kaum hatte er den Verband ab⸗ genommen, als eine ploͤtzliche Veraͤnderung ſeiner Geſichtszuͤge uns alle uͤber das Schickſal des Verwundeten in Unruhe ſetz⸗ te, der zum dritten Male ohumaͤchtig wur⸗ de. Der Arzt rief noch zwei fremde Ge⸗ huͤlfen zur Unterſtuͤtzung des Kranken herbei, und erſuchte mich das Zimmer zu verlaſſen. Der Ritter Delisle folgte mir in ein benachbartes Zimmer; hier erfuhr ich von ihm, daß der junge Adel der Gegend, aufgebracht uͤber die von Frau von Be⸗ aumanoir in einer andern Provinz getrof⸗ fene Wahl eines Gatten, für die einzige 167 Erbin eines beruͤhmten Namens und eines großen Vermoͤgens, unter einander uͤber⸗ eingekommen waͤren, dem zukuͤnftigen Ge⸗ 8 mahle derſelben die Ehre dieſer Verbin⸗ dung theuer bezahlen zu laſſen. Vor al⸗ len hatte der Baron Laroche, ein eitler, auf ſein Aeußeres und auf ſeine Geſchicklich⸗ keit im Fechten eingebildeter Geck, ſich anheiſchig gemacht, Eduarden, der mit die⸗ ſen bretoniſchen jungen Adlichen wenig Umgang hatte, herauszufordern. Seit ei⸗ nigen Tagen durchſtreifte der Baron, von einem Bedienten der ihm zwei De⸗ gen*) nachtrug, begleitet, die Umgegend von Helvin, und ſuchte Gelegenheit Ka⸗ rolinens Reffen in Abweſenheit der Frauen durch beleidigende Reden zu reizen. End⸗ *) Dieſe Thorheit war zu jener Zeit an der Ta⸗ gesordnung; die Gewohnheit ſich auf Piſtolen zu ſchlagen, iſt um viele Jahre juͤnger. 168 lich trafen ſie auf der weſtlichen Seite des Schloſſes, an dem Abhange eines Huͤgels zuſammen, und zum großen Leidweſen des Ritters Delisle, welcher, da er von die⸗ ſem unſinnigen Projekte Nachricht erhielt, hinzueilte, entſpann ſich der Streit auf eine Weiſe, die des ſunfzehnten Jahrhun⸗ derts wuͤrdiger, als des unſrigen war. „Herr von Laroche naͤherte ſich ſeinem beguͤnſtigten Nebenbuhler ſo weit, um den Zuͤgel ſeines Pferdes faſſen zu koͤnnen, und that in einem hochfahrenden und zu⸗ gleich hoͤhniſchen Tone folgende ſonder⸗ bare Frage an ihn: „Waͤre Ihnen vielleicht die Farbe und der Geſchmack ihres Blutes bekannt Herr Delpont?“ „Erlanben Sie mir Herr Baron“ er⸗ wiederte Eduard,„dieſe Frage nicht eher 169 zu beantworten, als bis ich ſie verſtanden habe; denn ich muß geſtehen, daß wenn ich auch fuͤr den Augenblick die Abſicht derſelben vermuthe, ich deren ganzen, Sinn doch nicht faſſen kann.“ „Nun denn ſo will ich mich deutlicher „erklaͤren. Wenn man eine Verbindung „mit dem beruͤhmten Hauſe der Beauma⸗ „noir eingehen will, ſo muß man wiſſen, „daß, als am Tage der Schlacht bei Tri⸗ „dent, ein Beaumanoir, welcher Anfuͤhrer „der Bretagner war, mit Wunden bedeckt naus dieſem harten Kampfe kam, und ſich „uͤber einen brennenden Durſt beklagte, „ein Tintiniac, derſelbe der an dieſem „Tage den Preis der Tapferkeit davon „trug, die bekannten merkwuͤrdigen Worte „zu ihm fagte:„Nun Beaumanoir ſo „loͤſche deinen Durſt in deinem 170 „Blute!“ Deswegen moͤchten wir, offen⸗ „herzig geſprochen, von Ihnen gern wiſſen, „ob Sie jemals in den Falle geweſen waͤ⸗ whren, den Geſchmack und die Farbe ihres „Blutes kennen zu lernen? 7 „„Nachdem ihn Eduard mit kaltem Blute angehöͤrt hatte, antwortete er ihm mit Wuͤrde: 5 „Mein Herr, es it mir, ſo wie der „Familie, um deren ehrenvolle Verbindung „ich mich bewerbe, genug, zu wiſſen, daß „ein ziemlich heißes Blut in meinen Adern „kreißt. Was ſeinen Geſchmack und ſeine „Farbe berrißt, wenn Jemand dieſe ge⸗ „nauer kennen lernen will, ſo ſcheint es „mir, daß es nicht mir zutömmt, ihn „davon zu unterrichten.“ „Der Baron verlohr den Kopf, ließ ſcch „zu noch anderen beleidigenden Aeußerun⸗ „gen verleiden, die er mit folgenden Wor⸗ „ten ſchloß;b 1 „Soviel iſt gewiß, daß, in Folge ih⸗ „ver bevorſtehenden Verbindung, der Enkel „eines Beaumanoir, da er erſt zwei Ah⸗ „nen zaͤhlt, an der Thuͤre des Verſamm⸗ Jlungsſaales der Stände von Bretagne „wird warten mäſſen) bis die Ahnenprobe „ſeinen Erben den Eingang verſtattet, und „bis dahin werden ſie beider Seits alle Zeit „haben, ſich vor der Thuͤre das Kalte An⸗ „ter die Naͤgel kommen zu laſſen.“*) * Anſpielung auf eine Verordnung, nach wel⸗ cher die Soͤhne der adelichen Familien, als lge⸗ borene Mitglieder der ſouveraͤnen Gewalt in der Bretagne, das Recht hatten, mit ihrem fuͤnf und zwanzigſten Jahre in den ſtaͤndiſchen Verſamm⸗ lungen dieſer Provinz zu erſcheinen, die aller zwei Jahre in Rennes, oder in irgend einer an⸗ dern, ſeit der Vereinigung dieſes Herzogthums 172 „Eduard zoͤgerte nicht lange mit der Antwort:“„Sie vergeſſen Herr Baron, „ſagte er,“ daß, als ein auf eine Lieute⸗ nantsſtelle bei der Infanterie beſchraͤnkter Beaumanoir meiner Familie die Ehre er⸗ zeigte, ſich aus ihr eine reiche, ſchoͤne und tugendhafte Erbin zur Gemahlin zu waͤhlen, die Staͤnde von Bretagne ſich we⸗ der um ihn, noch um ſeine Titel kuͤmmer⸗ ten. Uebrigens wird das, unter uns geſagt, nur eine Ruͤckgabe ſeyn; wir haben ei⸗ nem Beaumanoir eine Gattin gegeben; die Beaumanoir werden uns eine, ihrer Mut⸗ ter wuͤrdige, zuruͤckgeben: alles Uebrige iſt meine Sorge.“ mit der Krone von dem Koͤnige zu beſtimmenden Stadt gehalten wurden, waͤhrend die Kinder der Neugeadelten erſt im dritten Gliede zu dieſer Ehre gelangten. Anm. des Herausgeb. 173. „Nach dieſer, mit eben ſo viel Wuͤrde als Ruhe ausgeſprochenen, Antwort, ſtieg Eduard, als er den Bedienten mit den zwei Degen erblickte, vom Pferde.“ „Es wurde um die Degen gelooßt. Trotz aller Vorſtellungen des Ritters, der ſich ſogar ſtellte, als wolle er ſich entfer⸗ nen, um nicht Zeuge dieſes unſelgen Zweikampfes zu ſeyn, kam es doch endlich zur Ausfuͤhrung. Herr Delport, in al⸗ len ritterlichen Uebungen, die zur Erzie⸗ hung eines jungen Mannes von Stande gehoͤren, geuͤbt, bemerkte bald ſeine Ue⸗ berlegenheit uͤber den prahleriſchen Ba⸗ ron. Er ſchonte ihn auf eine ſo auffal⸗ lende Weiſe, daß der Ritter Delisle ſei⸗ nen Freund ſelbſt darauf aufmerkſam mach⸗ te, und ihn ſogar um ſeiner Ehre willen aufforderte, bei ſeiner offenbar geringern 174 Fertigkeit in der Fechtkunſt, ſeine Plaͤnkelei gegen ſeinen Mann einzuſtellen, in deſſen Hand ſo augenſcheinlich ſein Leben ſtehe. Allein Herr von Laroche, deſſen Eigenlie⸗ be dadurch nur noch mehr verwundet wur⸗ de, wollte ſeinen Mangel an Geſchicklich⸗ keit durch eine blinde Wuth erſetzen, die am Ende Karolinens Neffen gefaͤhrlich zu werden drohte. Dieſer ſah nun wohl, daß es Zeit ſei, dem ungleichen Kampfe ein Ende zu machen. Menſchlich bei ſei⸗ nem Siege, wollte er von ſeinem Vortheile keinen Gebrauch machen, und begnuͤgte ſich damit, den Degen des Barons mit dem ſeinigen aus der Hand zu ſchlagen, und den Oberarm zu ritzen; was er ſo geſchickt ausfuͤhrte, daß Herr von Laroche, als er ſich verwundet fuͤhlte, ausrief: „Ich habe genug, ich war ein Thor und halte Sie fuͤr einen braven und biedern 175 Freund, wenn Sie einwilligen mir dieſen Namen zuzugeſtehn.“ „Uugluͤcklicher Weiſe, glitt in demſel⸗ ben Augenblicke Eduards Fuß aus, er fiel auf den zu Bodeu liegenden Degen, der in den Weichen des ungluͤcklichen Juͤng⸗ lings zerbrach.“ „Dies, ehrwuͤrdiger Diener unſerer heiligen Religion, erzaͤhlte mir der Ritter Delisle mit thraͤnenden Augen. Sein Schmerz, ſo wie der meine, ſtieg aufs Hoͤchſte, als der Doctor in das Zimmer trat, mit dem Obertheile ſeiner Hand uͤber die Augenwimpern fuhr und zu mir ſagte:„Ich wuͤrde Unrecht thun Sie zu „taͤuſchen, Madame, Herr Delpont hat „keine zwei Stunden mehr zu leben; er „hat faſt alles Blut verlohren. Die „Schenkelmuskelpulsader iſt verletzt; ich 176 „bin genoͤthigt geweſen, die Wunde zu „erweitern, um, mittelſt der krummen Na⸗ „del, den Verband anlegen zu koͤnnen. Es „iſt ein ſehr gefaͤhrlicher Stich, und er „wird ſchwerlich den Abend erleben.“ Ich will mich kurz faſſen: dieſer, ei⸗ nes beſſern Looſes wuͤrdige Juͤngling ſteht noch zu lebhaft vor meinen Augen, ſein Bild iſt noch zu tief in meinem In⸗ nern eingedruͤckt, als daß ich Kraft genug haͤtte, auf alle einzelne, ſchmerzliche Um⸗ ſtaͤnde zuruͤckzukommen. Eduard unterhielt ſich einige Zeit mit dem wuͤrdigen Herrn Leny, dann ließ er mich rufen: er ver⸗ langte meine Hand, die die ſeinige auf⸗ ſuchen mußte, und ſprach mit ſchwacher Stimme, aber dennoch mit einer gewiſſen, den Tiefen ſeiner Seele ſich entwindenden, Feſtigkeit, folgende Worte, die noch jetzt, 177 wie die letzten Toͤne einer ſchoͤen und ruͤh⸗ renden Harmonie, in meinen Herzen wieder⸗ hallen:„Treffliche Henriette! zweite Mutter n„meiner Klementine, Freundin der tugend⸗ „haften Frau der ſie das Leben verdankt, „ich weiß was ich verliehre; ich bekenne „Ihnen ſogar, daß es mich bitter, ſehr „bitter ſchmerzt! aber aus Liebe zu mir, „(denn Sie wiſſen, gute Henriette, daß „ich nicht gekommen war, um dieſen ſchoͤ⸗ „nen Bund zu trennen,)... Wachen Sie huͤber das, was ich hienieden zuruͤcklaſſe. „Ich vertraue Sie alle drei eine der an⸗ „dern an... Erinnern Sie ſich ſtets (aß ich jede von Ihnen fuͤr zwei Freun⸗ „dinnen verantwortlich mache!— Koͤnn⸗ nten Sie mir denn gleichguͤltig ſeyn? wer⸗ „den Sie meiner nicht ſtets gedenken? „werde ich nicht immer noch in Ihrer „Mitte ſeyn?... Ich verlange uͤbrigens I. Theil. 12 124 „nicht, daß ſie darauf Verzicht thue, ndas Herz eines wuͤrdigen Mannes mit „all' der Wonne zu begluͤcken, mit wel⸗ „ſcher Sie das meinige ſchon beſeligt hat. „Hoͤren Sie Henriette? Ich weiß das „ſte mich nie vergeſſen wird, und das iſt „mir genug 4. Ihre Seele iſt ſo rein, „wie die reizende Huͤlle mit der ſie ver⸗ „bunden iſt. Um zu verhuͤten, daß ſie „dereinſt nicht vor meinen Umarmungen „Zuruͤckſchaudern moͤchte, endige ich mein „Leben in der Bluͤthe meiner Jahre. Ich waͤre untroͤſtlich geweſen, wenn meine „Klementine von mir haͤtte ſagen koͤnnen; ner hat einen Menſchen getoͤder! „deshalb habe ich den Raſenden geſchont; „wafuͤr werde ich hienieden beſtraft: ich „hoffe, ja ich hoffe, jenfeits dafuͤr belobnt „zu werden... Mein Vater wird ſich „tröͤſten.... Empfangen Sie mein Lebe⸗ 125 „wohl, Henriekte, empfangen Sie es fuͤr „alle drei Freundinnen, und noch ein „ganz beſonderes inniges fuͤr....“ „Das Wort erſtarb ihm auf den Lip⸗ pen: er hatte nicht mehr die Kraft es auszuſprechen, es waren die letzten An⸗ ſtrengungen der Natur. Ich druͤckte ſeine edle kalte Hand, die meinen Druck nicht mehr zu erwiedern vermochte. Jetzt ſah ich genauer hin; die Augen waren ge⸗ ſchloſſen, aber der Mund noch halbgeoͤff⸗ net gleich als ob er, bevor er ſich ſchloͤſſe, noch einem einzigen vergeſſenen Worte den Durchgaug haͤtte verſtatten wollen!— Er war nicht mehr. „Von einem Todenbette eilte ich zu einem Schmerzenslager. Schon meine Ge⸗ genwart ſchien Letzteres ebenfalls in das Erſte zu verwandeln, und loͤſchte den letz⸗ 12*¼ 180 ten Hoffnungsfunken in Karolinens Buſen aus. Sie, Doctor Bonnet und ich, beob⸗ achteten die geringſte Bewegung Klemen⸗ tinens, die in einen von oͤfftern krampf⸗ haften Bewegungen unterbrochenen Schlaf verſunken war. Wir befragten uns ge⸗ genſeitig nur durch Blicke. Sollten Sie es glauben, ehrwuͤrdiger Vater, unſere Augen waren thraͤnenleer. Wir fuͤhlten in der Tiefe unſerer gebrochenen Herzen, daß unſer Schmerz fuͤr einen lauten Aus⸗ bruch zu ungeheuer ſey, wir hofften, daß eine Ruͤckkehr von Empfindung, ein Funken von Beſinnung bei dieſem theuren Weſen, uns die Wohlthat weinen zu koͤnnen ge⸗ waͤhren wuͤrde. Der Arzt war ſehr un⸗ ruhig. Ach! er war zu ſehr unſer Freund, als daß, trotz aller Gewalt, die er ſich an⸗ that, ſeine Angſt nicht haͤtte ſichtbar wer⸗ den ſollen.— Herr Leny, der den ganzen * 181 Tag in Klementinens Zimmer mit unes zugebracht hatte, machte ſich traurig auf den Weg nach ſeiner Pfarrei, wenigſtens ſagte er uns, daß er dahin gehen wolle; aber wir erfuhren am andern Morgen, daß man durch die Fenſterſcheiben, waͤhrend der Nacht, bei dem blaſſen Schimmer der Lampe die vor dem Altar brennt, ihn auf den Fußboden der kleinen Kirche von Sankt Nolf auf ſeinen Knien liegen ge⸗ ſehen habe. 6 Nach Verlauf von acht und vierzig Stunden wurde der verblichene Leichnam Eduards zu ſeiner Ruhſtaͤtte gebracht, und da er das Recht in der Kirche beerdigt zu werden, noch nicht erlangt hatte, ſo nahm der Allgemeine Gottesacker ihn in ſeinen beſcheidenen Schoos auf. Wir hatten alles ſo veranſtaltet, daß von dieſem in ernſter Stille gefeierten Leichenbegaͤngniß, wenn der Zug durch den Schloßhof hinaus, nach der Landſtraße zu, ſich in Bewegung ſetzen wuͤrde, unſere theure Kranke von ih⸗ rem Geſchicke nichts ahnen ſollte. Ach, ehrwuͤrdiger Diener der Gottheit, ſeuf⸗ zend haben wir die Erfahrung machen muſ⸗ ſen, daß unſere Vorſichtsmaßregeln uͤber⸗ fluͤfſig waren! Wie haͤtten die Glocken⸗ toͤne und die Grabgeſaͤnge das Ohr er⸗ reichen koͤnnen, zu welchem die zaͤrtlich⸗ ſten, von lautem Schluchzen unterbrochenen, Worte einer Mutter und einer innigen Freundin, nicht mehr Zugang fanden. „Ein neuer Tag, zwei, drei auf ihm folgende, brachten keine Veraͤnderung in unſerer Lage hervor: kaum hatte Klemen⸗ tinevon einem unregelmaͤßigen Nerven⸗ fieber verzehrt, eine heftige, mit Abwo⸗ 5 9.* „. ſenheit des Geiſtes verbundene Kriſis uͤberſtanden, als ſie in eine, Seele und Koͤrper laͤhmende Starrſucht verfiel, waͤh⸗ rend welcher ein eiskalter Schweiß alle ihre Glieder bedeckte. Ein oder wei⸗ mal ſchien ſie uns zu kennen; ihr Auge belebte ſich, und uͤberblickte alle Umſtehen⸗ den.„O! meine Mutter, meine Freun⸗ din,“ ſagte ſie,„denn zuverlaͤſſig ſeid „ihr beide in meiner Naͤhe, ich weiß, „daß ich Euch betruͤbe! Glaubt mir, ich „wuͤnſchte zu geneſen, mehr um euret⸗ „als um meinetwillen, aber es haben mich „zwei harte Schlaͤze getroffen: ich fuͤrchte, „ſie werden für mich toͤdtlich ſeyn.“ Bei dieſen Worten legte das liebenswuͤrdige Maͤdchen ſeine Hand auf ſein Herz, und dann auf ſeine Stirn.“ „Urtheilen Sie von unſerm Jammer: dieſe herzerſchuͤtternden Worte waren hin⸗ 184 reichend, aus unfern Augen die Thraͤnen hervorquellen zu laſſen, die ſich in ihnen zuſammengedraͤngt zu haben ſchienen. Wir umarmten uns, Karoline und ich, in ei⸗ nem Gefuͤhl von Freude. Klementine ſprach mit uns! ihre Vernunft war nicht verloſchen! wir hatten unſer Kind wieder⸗ gefunden, denn Sie koͤnnen ſich nicht den⸗ ken, wie ſchrecklich es iſt, unzuſammen⸗ haͤngende Reden, ohne Sinn aus dem Munde eines Weſens, das man liebt, zu hoͤren! Man koumt in Verſuchung zu glauben, daß der Tod ſich ſeiner Beute ſchon bemaͤchtigt habe, daß er ſein Spiel mit ihr treibe, und daß das goͤttliche Ge⸗ ſchenk der Sprache einem Geſpeuſt zu Theil worden ſei, um ſeine Freunde zu er⸗ ſchrecken. Es iſt gewiſſermaßen eine gei⸗ ſterartige Erſcheinung, auf welche nie⸗ mand vorbereitet iſt, und wenn der Köͤr⸗ per dem ſie angehoͤrt, nicht aus der Gruft heraufſteigt, ſo ſcheint er wenigſtens im Begriff, in ſie hinabzuſinken, und das theure Weſen, deſſen lebendes Schatten⸗ bild er iſt, mit ſich hinabzureißen. Klementine in ihrem Angſtgeſchrei, Klementine, die uns durch die Ankuͤndi⸗ gung ihres nahen Endes das Herz brach, war uns ein milderer, ein wohlthuenderer Anblick, als die, den Traͤumen einer regello⸗ fen Phantaſie Preis gegebene Klementine. Wir benutzten dieſe lichten Augenblicke, um Herrn Leny rufen zu laſſen, deſſen Ankunft ihr, mitten in ihrem Leiden ein freundliches Bewillkommnungslaͤcheln ab⸗ noͤthigte, und mit dem ſie ſich einige Mi⸗ nuten unterhielt, wie eine Tochter mit ih⸗ rem Vater, die ſich vor einer feierlichen Handlung deſſen Zuſtimmung erbittet. 8 186 Mehr zu unſerer als zu ihrer Erbauung genoß ſie die geweihte Hoſtie, ſie bezeug⸗ te ſelbſt ihr Verlangen nach dieſem hei⸗ ligen Male, und in ihrer andachtsvollen Herzenserhebung glich ſie einem lieblichen und reinen Weſen hoͤherer Ordnung und das Sacrament, ſtatt ſich zur Erde herab⸗ zulaſſen, ſchien ſich zum Himmel emporzu⸗ heben. Ach, feitdem hat ſie ihr Bewußt⸗ ſeyn nur noch einmal wieder erhalten, und da hat ihre Mutter, ihre troſtloſe Mutter nicht das Gluͤck gehabt ſie zu ſehen und zu hoͤren. Mit tief verwundetem Gefuͤhle hat mich Karoline um dieſen ſchmerzlichen Vorzug beneidet, um den ſie durch einen aus Ermattung eingetretenen Schlummer in welchem ſie zu ſtoͤren, Klementine durch⸗ aus unterſagte, gekommen war. „Henriette“ ſagte geſtern dieſes theu⸗ re geliebte Weſen zu mir, indem es ſich 187 an mich anſchmiegte, ungefaͤhr zwei Stun⸗ den zuvor ehe es ſeine reine Seele, ſei⸗ nem Schoͤpfer, von dem es ſie empfangen hatte, wieder uͤberlieferte, Henriette ſagte Klementine, mit einer Klarheit der Ge⸗ danken und Ausdruͤcke, die noch jetzt mich in Erſtaunen ſetzt, ſo wie ſie mir eine ungemeine Freude, ach, nur von zu kurzer Dauer gewaͤhrt hatte... ℳ Hier nahm Herr Dermot, mit einer beifaͤligen Bewegung das Wort, indem er Madame Allote durch folgende Bemer⸗ kung unterbrach. „Dieſe Wirkung verehrte Frau, oder vielmehr dieſe moraliſche Erſcheinung bei großen Krankheiten, hat mich eben ſo wie Sie, in Erſtaunen geſetzt. Da ich einige Schwierigkeiten fand, mir ſte durch Gruͤnde die laus dem Organismus der Meuſchen 188 hergeleitet werden koͤnnten, zu erklaͤren; ſo habe ich geglaubt, ſie in etwas Hoͤ⸗ heren, etwas unſerm Geſchlecht naͤher⸗ liegenden ſuchen zu muͤſſen. Ohne Zwei⸗ fel, dachte ich mir, iſt es nicht der Wille des Ewigen, wenn er das Vollendetſte ſei⸗ ner Geſchoͤpfe auf dieſem Planeten wieder zu ſich ruft, das es des erhabenen Vor⸗ zugs, womit er es ausſchließlich begabt hat, beraubt, dieſes Leben verlaſſe. Er giebt ihm den Gebrauch ſeiner Vernunft, dieſes ſchoͤnen Vorrechts des Menſchenge⸗ ſchechts wieder, damit es, unter ihrer Leitung, durch ſeinen Glauben, oder durch ſeine Reue, ſeine letzten Augenblicke hei⸗ ligen, und ſie ſeinem Gott weihen koͤnne! Seien Sie uͤberzeugt, der Allmaͤchtige will nicht, daß die zu einer neuen Laufbahn in hoͤhern Sphaͤren beſtimmte Seele, daß die Seele ſeiner Heiligen, bei dieſem ern⸗ 189 ſten Schritte ihre Thaͤtigkeit verliere, und gleich dem Thiere ohne Gefuͤhl und ohne Vernunft hinuͤbergehe. Dieſer geiſtige Licht⸗ ſtrahl, der gewoͤhnlich unſere letzten Augen⸗ blicke erhellt, der der Seele des ſcheidenden Vaters Klarheit genug verleiht, ſein Kind zu ſegnen, dem durch den Segen des Va⸗ ters geſtärkten Sohne, Muth gibt, feſten Schritts den dunkeln Pfad durch das Thal des Todes anzutreten, und den Freund be⸗ geiſtert, durch ſeine letzten Worte ſein An⸗ denken bei ſeinen Freunden unvergeßlich zu machen, enthaͤlt in der That etwas Uebernatuͤrliches. Ich fuͤr meinen Theil finde darinnen einen Beleg fuͤr die Erha⸗ benheit unſerer Natur, und einen Beweis unſerer Unſterblichkeit.*) ) Der Doctor Bonnet haͤtte vielleicht dieſe voruͤbergehenden, lichten Augenblicke, die gewoͤhn⸗ lich kurz vor dem Ende ſolcher Kranken, welche 160 „Fahren Sie fort, verehrte Frau; wenn ich Sie zuweilen durch meine An⸗ nerkungen unterbreche, ſo geſchieht es bloß deswegen, damit die tiefe Ruͤhrung, — in heftigen Phantaſten gelegen haben, eintutre⸗ ten pflegen, einer andern Veranlaſſung zugeſchrie⸗ ben. Er haͤtte Herrn Dermot den Einwurf ma⸗ chen koͤnnen, daß die aeuten Krankheiten, die uns den freien Gebrauch unſerer Vernunft rau⸗ ben, gewoͤhnlich von einem heftigen Reize auf das Gehirn herruͤhren, und es daher naturlich iſt, daß, bei dem allgemeinen Nachlaſſe, der dem Tode vorausgeht, die Abſpannung der Gehirnner⸗ ven den Lebensgeiſtern ihre Ruhe wieder gibt, und die freie Ausuͤbung der Denkkraft wieder eintre⸗ ten laͤßt. Indeſſen haͤtte Herr Dermot am Ende immer dagegen erwiedern koͤnnen, daß dieſe Ab⸗ ſpannung kurz vor dem Tode, eben darum ſtatt faͤnde, damit der Sterbende von dieſen lichten Augenblicken Gebrauch machen koͤnne. 1 Wenn uͤbrigens ſeine Meinung, aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, ſich auch nicht voͤllig der Wahrheit naͤhern ſollte, ſo iſt ſie wenigſtens religiès, und dem Charakter der Zeit, in welche dieſe Geſchichte fäͤllt, und dem damaligen Zuſtan⸗ de der Wiſſenſchaften in jenen Gegenden, ange⸗ 161 in welche Sie mich verſetzen, nicht dieſelbe Wirkung hervorbringe. Es iſt gewiſſer Ma⸗ ßen eine Art von Waffenſtilleſtand, um den ich bei Ihnen nachſuche. Ihre Erzaͤhlung ergreift mich ſchmerzlich, ſie macht mich traurig, aber ſie iſt fuͤr mich im hoͤchſten Grade, anziehend. Nie wird mir dieſe Abendunterhaltung aus dem Gedaͤchtniß kommen, und ich kann nicht umhin, die geſchilderten Charakter aͤußerſt intereſſant zu finden.“ 1 Allerdings mußte auch, durch die Dar ſtellung dieſer herzergreifenden Ereigniſſe, aus dem Munde einer tief empfindenden und gerührten Frau, mitten unter einem meſſen, ſie ſtcht außerdem mit der geſunden Ver nunft nicht in Widerſpruch, und ſo hat der Her⸗ ausgeber dieſer Geſchichte fuͤr Pflicht gehalten, ſie ganz getren wiederzugeben. Anm. d. Herausg. 192 furchtbaren Wetter in der zehnten Stunde der Nacht, in einem einſamen Schloſſe, in welchem der Tod bereits ein Opfer hin⸗ gerafft hatte, und das zweite nur darauf wartete, daß ihm die Religion den Ein⸗ gang in die Wohnungen des Friedens er⸗ oͤffne, waͤhrend in dem Nebenzimmer ein unruhiger Schlummer, den Jammer einer Mutter nur unvollkommen zu beſchwichti⸗ gen vermochte, ſich Herr Dermot in eine Lage verſetzt ſehen, die wohl vermöͤgend war, ein gefuͤhlvolles Gemuͤth zu erſchut⸗ tern. 1 „Was ſagte Ihnen denn dieſes ſanf⸗ te, dieſes engelgleiche Weſen,“ fuͤgte er hinzu, und ſeine Zuͤge nahmen unver⸗ merkt einen Ausdruck von Wohlwollen an, der das Gepraͤge ſeiner immer lebhafter werdenden Theilnahme trug. 4 193 Madame Allote nahm aufs neue den Faden ihrer Erzaͤhlung auf.„Folgende Worte,“ fuhr ſte fort,„wurden mir, ſo zu ſagen, von der mir wohlbekannten, ſuͤ⸗ ßen Stimme, ins Ohr gehaucht: „Henriette, Ich beſchwoͤre dich, wecke meine Mutter nicht auf! Ich habe dir etwas allein zu ſagen. Laſſen wir ſie ruhen! ich habe ihr ſo ſchon Jammer ge⸗ nug zugefuͤgt.“ Ich ſchlang einen meiner Arme um Klemenrinens Nacken, theils aus Zaͤrt⸗ lichkeit, theils um ſie zu halten, und voll Entzücken uͤber eine ſo gluͤckliche, ſo un⸗ erwartete Veraͤnderung,(denn die Bemuͤ⸗ hungen zweier am Abend zuvor aus Van⸗ nes gekommenen, und bereits wieder ab⸗ gereiſten Aerzte waren ohne Erfolg ge⸗ 1 Theil. 13 164 blieben,) beſiegelte ich mein Verſprechen mit einem Kuſſe. „Hat er vor ſeinem Tode von mir geſprochen? fragte mich Klementine. Ich wußte nicht, was ich auf dieſe Frage antworten ſollte, ſo ſehr uͤberraſchte ſie mich. Nach einer kurzen Pauſe wie⸗ derholte ſie Klementine, und mit einer um ſo ruͤhrendern Bewegung, da nichts Ue⸗ berſpanntes darin lag, fuͤgte ſte hinzu: „Ich weiß, daß er den Todesſtoß, „deſſen Urheber ich dir nennen koͤnnte, „denn ich habe ſeinen Brief auf dem blu⸗ „tigen Schnupftuche gefunden, einige „Stunden uͤberlebt hat. Seine Abwe⸗ „ſenheit aus dem Zimmer meiner Mutter, „als ich auf daſſelbe gebracht wurde, dei⸗ „ne Ruͤckkehr an mein Lager, haben mich — 1 195 „von dem Uebrigen unterrichtet; das iſt nalles was ich in der Verwirrung meiner „Gedanken mir habe entraͤthſeln koͤnnen, „und was dieſe Verwirrung vollendet hat; „verbirg mir nichts Henriette: hat er „ mit dir von mir geſprochen?“ „Und ihre Seele, ſchien in der Er⸗ wartung ganz in die meinige verſunken zu ſeyn. „Eine ſchnelle Ueberlegung war hinrei⸗ chend um mich zu uͤberzeugen, daß unter dieſen Umſtaͤnden alle Verheimlichung un⸗ zweckmaͤßig, und ſelbſt fuͤr die Geſand heitsumſtaͤnde der Kranken, die ſich durch einem Widerſpruch nur verſchlimmern koͤnn⸗ ten, nachtheilig, und folglich ganz nutzlos ſeyn wuͤrde. Ich unterrichtete daher Kle⸗ mentinen mit wenig Worten von den Ge⸗ fuͤhlen, mit welchen Eduard die Welt ver⸗ 13* 196 laſſen hatte. Ich ſagte ihr, daß ſie ſein letzter Gedauke geweſen waͤre, und daß, wenn ihr Name nicht der letzte geweſen ſey den ſeine ſterbenden Lippen ausgeſpro⸗ chen haͤtten, er unter dem Siegel des maͤchtigen Todes, als ein heiliges Unter⸗ pfand, in dem Herzen dieſes tugenhaften Juͤnglings zuruͤckgeblieben ſei. „Wohl, ſagte Klementine, dies erwar⸗ tete ich, bald werden wir uns wieder⸗ finden, denn nur auf eine kurze Zeit iſt er mir vorausgegangen.“ „Als ſie ſah, daß dieſe traurige Vor⸗ ausverkuͤndigung, mir Thraͤnen erpreßte, fuüͤgte ſie noch hinzu: „Ich thue Unrecht, Henriette, Dich zu berruͤben, ich weiß es; aber ich fuͤhle, daß der furchtbare Schlag mich hierher getroffen hat,(hier machte ſie mit der 497 Hand eine Bewegung nach der Stirn, gleich als ob ſie haͤtte andeuten wollen, daß der Sitz ihres Schmerzes im Gehirn ſey, womit auch die Meinung der Aerzte uͤbereinſtimmte, die ſich geſtern Abend durch den Trepan davon uͤberzeugt haͤtten, wenn Klementine ein Bauermaͤdchen geweſen waͤre,) ich will nicht, daß du und meine gute zaͤrtliche Murter die getaͤuſchten O⸗ pfer einer leeren Hoffnung werdet. O⸗ meine theuren Freundinnen, ich will euch nicht wie ein ſchlechtes Geſchoͤpf heimlich verlaſſen! Henriette, Karoline, meine Lip⸗ pen koͤnnen eure Namen noch ausſprechen, ich benutze die Zeit, die mir noch aͤbrig bleibt, um ſie zu wiederholen. Dies iſt ein Troſt, wenigſtens bin ich hierinnen gluͤcklicher als Eduard!“ 193 „Zwei Thraͤnen, zwei Thraͤnen der Liebe glaͤnzten in ihren langen Wimpern, von denen ſie auf meine Hand ſielen.“ „Ich verſuchte es ihre Beſorgniſſe zu verſcheuchen, und ihre, bei dem Hin⸗ blick auf die dunkle Kluft, die ſich vor ihr öffnete, zagende Seele zu ermuthigen, als ſie ploͤtzlich ihren Gedanken eine an⸗ dere Richtung gab, ja, wie es ſchien, ſich durch die ihr gleichſam zur Natur gewor⸗ denen Gefuͤhle des Wohlwollens zu zer⸗ ſtreuen fuchte, indem ſte uͤber verſchiedene arme Bauern, an deren Schickſale ſie Antheil nahm, mit mir ſprach. Beſon⸗ ders legte ſie mir den Bau des Huͤtktchens der armen Wittwe ans Herz. Sie ſchien ihre Verhaͤltniſſe zu Eduard dadurch fort⸗ ſetzen zu wollen. Durch dieſe dem Wohl⸗ thun gewidmeten Mittheilungen, die ſie 199 gleichſam als ein uns beſtimmtes Ver⸗ maͤchtniß betrachtete, geſtaͤrkt, fuhr ſie, mit zaͤrtlichen, auf unſere im Sopha ru⸗ hende gemeinſchaftliche Freundin gerich⸗ teten Blicken fort: „Du kannſt nicht glauben mit zwel⸗ „chem ſuͤßen Gefuͤhle ich dieſe edle Mutter „einige Ruhe genießen ſehe. Waͤre es „einer Tochter erlaubt ihre Mutter zu ſeg⸗ „Inen, ich wuͤrde uͤber dein Haupt, treffliche „Frau, treffliche Schweſter unſerer Henri⸗ nette alle Segnungen des Himmels er⸗ „flehn. Nur die Ehrfurcht haͤlt dein Kind „zuruͤck;z aber es wird vor dir zum ewigen „Vater der Gnade und Erbarmung hinuͤber⸗ „gehen. Dort wird es ſeinen Gefuͤhlen „keinen Zwang mehr anlegen duͤrfen, dort „werden wir unſere Rollen wechſeln: dann 200 „wird die Reihe an mir ſeyn, uͤber dein „Gluͤck zu wachen.“ „Ihr Gluͤck ſagſt du? und ſprichſt „davon uns zu verlaſſen?“ Durch dieſe Unterbrechung hoffte ich ihr Herz, das nur zu bereit ſchien ſich der Feſſeln des Irdiſchen zu entledigen, zu ſeinen natuͤrlichen Empfindungen wieder zuruͤckzufuͤhren. „Klementine, fuhr ich fort, meine theure Klementine, treibe mit unſern Jammer kein ſo grauſames Spiel. Du weißt, daß deine Mutter, unter einem gleichmuͤthigen und ruhigen Aeußern, ein Gemuͤthe birgt, deſſen Bewegungen es oͤff⸗ ters nicht an Lebhaftigkeit fehlt, und die wenigſtens ſiets aus der innerſten Tiefe des Herzens hervorgehn, du ſelbſt haſt 201 dieſe Bemerkung oͤffters mit mir gemacht; wenn ſie uns gehört haͤtts, welchen Ein⸗ druck wuͤrden wohl deine Worte auf ſie hervorbringen? Wuͤrden ſie ihr nicht den Todesſtoß verſetzen?“ „Destoegen theile ich dir, waͤhrend „ſie ſchlaͤft, meine Empfindungen mit, er⸗ „wiederte ſie; denn ſo traurig auch immer „das letzte Lebewohl ſeyn mag, ſo muß n„es doch endlich einmal dazu kommen; und „mit dieſer Bothſchaft will ich dich beauf⸗ „tragen... Ich kann nur in Beziehung auf „Perſonen, die uns gleichguͤltig ſind, die „neue Mode billigen, die unſer junger, von „Paris gekommener Adel in die franzoͤſtſchen „Sitten einzufuͤhren ſucht, naͤmlich, ſich zu „entfernen, ohne Abſchied zu nehmen.*) Sie *) In der That ſchreibt ſich aus dem Zeit⸗ unkte, in welchen dieſe Bemerkung Klementi⸗ 202 „iſt ſehr kalt, ſehr leichtſinnig, wie ſie ſelbſt. „Ach! ſie haben mir ſehr wehe gethan.... „Doch, zur Sache.. Verſprich mir Ka⸗ „rolinen in die Normadie zu bringen, ſo⸗ „bald als.. Du verſtehſt mich!.. So⸗ „gleich!.. Nimm „dieſen Kuß; und dieſen bewahre fuͤr ſie „auf; ein gewiſſes Gefuͤhl ſagt mir, daß, „wenn ſie erwachen wird, ich ihr ihn nicht „mehr ſelbſt werde darbieten koͤnnen.„ Genug hiervon.. „Nach dieſem Geſpraͤch, ſchien ſie ein⸗ zuſchlummern. Gegen Abend erlaubte mir nens faͤllt, bei den Leuten von guten Ton der Gebrauch her, einen Geſellſchaftsſaal, einen Land⸗ ſitz zu verlaſſen, ohne ſich von irgend jemanden zu beurlanben. Wenn man ſich nicht wie ein Dieb, der einen Gannerſtreich hat ausgehen laſſen, davon ſchleicht, ſy kommt man ſehr in Verdacht, nichts weiter als ein Neuling aus der Provinz zu feyn. Anm. des Herausgeb. 203 der fortdauernde Schlaf der Mutter, hin⸗ unterzugehen, um den Dienſtboten einige Auftraͤge zu ertheilen; ich hatte bei bei⸗ den die kleine Mariane, ein artiges Maͤd⸗ chen, von vierzehn Jahren; Klementinens Pathe, gelaſſen. Ich konnte mich auf ſie verlaſſen, und war um ſo ruhiger, da keine Nachricht von oben mich hinderte, meine Abweſenheit zu verlaͤngern. Ich durchſchritt ſogar dreimal den Garten, nach ſeiner ganzen Laͤnge. Es war mir eine Art von Erquickung, nach ſo vielen jammervollen Tagen und Naͤchten, friſche Luft zu ſchoͤpfen. Voll Hoffnung im Her⸗ zen, mit laͤchelndem Blicke, kehrte ich in das Zimmer der Vicomteſſe, das auch zu⸗ gleich der Aufenthalt ihrer Tochter ge⸗ worden war, zuruͤck; ich naͤherte mich Kle⸗ mentinen, deren Schlummer Mariane, mit ihrem, ſie jedoch nicht beſchaͤftigenden Ro⸗ 204 ſenkranz in der Hand, aufmerkſam beob⸗ achtete... Es war, voruͤber. Kle⸗ mentine war nicht mehr!.. Es wuͤrde unmoͤglich ſeyn den Aus⸗ druck des Entſetzens zu beſchreiben, der ſich in dieſem Augenblicke, in allen meinen Zuͤgen ausgeſprochen haben mag, wo ich glaubte, ein kaltes und ſpitziges Eiſen in meinem Buſen zu fuͤhlen, das ihn durchwuͤhle und zugleich zuſammen⸗ ſchnuͤre. Doch hatte ich noch ſo viel Be⸗ ſinnungskraft, um zu uͤberlegen, daß mir noch eine Freundin uͤbrig bliebe, und daß ich nicht dem Kinde gleichen duͤrfe, das, aus Verdruß, einen ihm beſonders theu⸗ ern Gegenſtand ſich entriſſen zu ſehen, alle uͤbrige nun voll Unmuth von ſich wirft. Ich legte die Finger auf die Lippen, denn ich hatte nicht die Kraft zu ſprechen, und 205 gab mit der andern Hand Marianen ein Zeichen, die Dienſtboten ohne Geraͤuſch heraufkommen zu laſſen. Die Hauptſache war jetzt, Karoline, von dieſem Schau⸗ platz des Schreckens zu entfernen; ihr fe⸗ ſter, durch das Beduͤrfniß der Natur, die ihre Rechte behauptete, herbeigefuͤhrter Schlaf, erlaubte es mir, und wir brach⸗ ten ſie in ein Zimmer, wo ihr Schlum⸗ mer, dieſe traurige Wohlthat eines erzuͤrn⸗ ten Himmels, ſich bis zu den erſten Strah⸗ len der Morgenſonne verlaͤngerte. Um fuͤnf Uhr ließ ſich der Doctor Bonnet an⸗ ſagen, welcher nach Verlauf von zehn Minuten, die er bei Klementinen zuge⸗ bracht hatte, mit einem Kopff ſchuͤtteln ein⸗ trat, und ein ausdrucksvolles Stillſchwei⸗ gen behauptete. Ich erfuhr kein Wort von ihm. Troͤſtlicher war mir die Erſchei⸗ 3 nung des ehrwuͤrdigen Leny; ich behielt 206 beide bei mir, denn ich ſah voraus, daß dieſe Unterſtuͤtzung mir noͤthig ſeyn wuͤrde. „In der That; die Augen oͤffnen, ſie 4 auf uns werfen, uͤber ihre Lage erſtau⸗ nen, und den ganzen Umfang ihres Un⸗ gluͤcks errathen, war bei Karolinen das Werk eines Augenblicks. Alle Taͤuſchung waͤre vergeblich geweſen, die Wunde war offen, man mußte ſie ausbluten laſſen. Aber ein neuer Zug, den ich nie erwar⸗ tet hatte, den ich mir nicht haͤtte traͤumen laſſen, entwickelte ſich ploͤtzlich in ihrem Charakter. Frau von Beaumanoir war nicht mehr jene ſanfte, biegſame, faſt moͤchte ich ſagen weiche, obgleich zuweilen auf Angenblicke uͤberſpannte, Frau, die, bei wenig eignen Wuͤnſchen, kein groͤße⸗ res Vergnuͤgen kannte, als ſich ſelbſt in die Launen ihrer Umgebungen zu fuͤgen. 207 Kaum hatte ſie ſich von ihrem Lager er⸗ hoben, als ſie verlangte, ihre Tochter zu ſehen; vergebens wollten wir ſie zuruͤck⸗ halten, vergebens machte ihr der wuͤrdige Paſtor, als Organ des goͤttlichen Dul⸗ ders, der das groͤßte aller Opfer brachte, im Namen dieſes Muſters von Ergebung, die dringendſten Vorſtellungen, ſie beſtand auf ihren Willen, mit einer Keaftaͤuße⸗ rung, deren ich ſie nicht fuͤr faͤhig gehal⸗ ten haͤtte. Ich warf mich ihr zu Fuͤßen, ich umklammerte ihre Knie, und in der Hoffnung, ihren Wuͤnſchen eine andere Richtung zu geben, erbot ich mich, ihr die ruͤhrende Unterhaltung mit Klementi⸗ nen, die ich Ihnen ſo eben mitgetheilt ha⸗ be, zu erzaͤhlen. Sie ließ ſich endlich auf dem Sopha nieder, und zeigte ihre Bereitwilligkeit, mich anzuhoͤren. Ich ver⸗ gaß kein Wort, keine Bewegung, keinen 208 Zug, denn ich wuͤnſchte ihrer Zaͤrtlichkeit reichliche Nahrung zu geben. Meine Er⸗ zaͤhlung erregte ihre Aufmerkſamkeit, ruͤhr⸗ te ſie oͤfters, doch nie bis zu Thraͤnen. lötzlich ſtand ſie mit einer Art von Ent⸗ ſchloſſenheit auf, ihr Anſtand nahm, un⸗ abhaͤngig von ihrem, von Natur vortheil⸗ haften Wuchſe, etwas Gebieteriſches an. Mit einem feſten Tone, mit einer gewiſ⸗ ſen, unwiderſtehlichen Wuͤrde im Aus⸗ drucke, ſprach ſie, indem ſie ihre Schritte nach der Thuͤre richtete, deren Griff ich ſchon in der Hand hielt, da ich ihre Ab⸗ ſicht errathen hatte. „Was du mir ſo eben erzaͤhlt haſt, „iſt mir ein Beweis, daß ſie dich bis an „ihr Ende vorgezogen hat, ich mache ihr „deshalb keine Vorwuͤrfe, aber wenn ich „dir Jahre lang dieſen Vorzug einge⸗ 209 „raͤumt habe, ſo hoffe ich doch, daß ich „wenigſtens jetzt in die von Gott und der „Natur mir verliehenen Rechte wieder ein⸗ „treten werde, und daß du wenigſtens in „dieſem Augenblicke, mir ſie nicht ſtreitig „machen wirſt.“ „Waͤhrend ihre Lippen dieſe Worte ausſprachen, heftete ſie einen, ich moͤchte beinahe ſagen, auf ihre muͤtterliche Ver⸗ zweiflung ſtolzen Blick auf mich, den ich vorher auch nie an ihr wahrgenommen hat⸗ te, er ſchmetterte mich zu Boden; ich ver⸗ mochte nichts, als zu ſchweigen. Herr Leny rieth mir mit gedaͤmpfter Stim⸗ me, nachzugeben. Der Arzt befahl es, und erklaͤrte, daß er im entgegengeſetzten Falle fuͤr die Folgen nicht ſtehen koͤnne, und unter Vortritte der Vicomteſſe, der ich Platz machte, ohne es nur zu wagen I. Theil. 14 216 die Augen zu ihr empor zurichten, erhob ſich der traurige Zug, laͤngs einer dunkeln Gallerie, nach dem Todenbette einer an⸗ gebeteten Tochter. Was mich betraf, ſo folgte ich der Jugendfreundin, noch ge⸗ beugt von der Demuͤthigung, die mich, (ſo ſagte mir wenigſtens mein Gefuͤhl) ſo eben getroffen hatte. Ich weiß nicht ob Karolinens ernſter Ton mich in Verwirrung geſetzt, oder ob die Macht der Wahrheit, ein geheimes Gefuͤhl der Schuld in meinen Innern re⸗ ge gemacht hatte, aber ihre mich erſchuͤt⸗ ternden Worte hatten auf mich dieſelbe Wirkung hervorgebracht, als pb ich eines Raubes angeklagt und uͤberwieſen worden ſey.„Ehrwuͤrdiger Diener der Religion, fuhr Madame Allote unter Vergießung einiger ſie erleichternden Thraͤnen fort, 211 ich verſichere Sie, daß dies die ſchmerz⸗ lichſte Stunde meines Lebens war, und daß ich lieber auf den Reſt deſſelben, deſſen Verlaͤngerung vielleicht im Rathe der Vorſehung beſchloſſen iſt, in dieſem Augenblicke Verzicht leiſten wollte, als ein Gefühl dieſer Art zum zweiten Male zu ertragen.“. „Ich tadle Niemanden,“ antwortete der Geiſtliche, Madame Allote, welche, nach ihrem aufmerkſamen Blick zu urthei⸗ len, die Geſinnungen ihres Gaſtes, vielleicht um ihrer zukuͤnftigen Gemuͤthsruhe willen, erforſchen zu wollen ſchien.„Ich tadle Niemanden, die Frau Vicomteſſe und Sie hatten ſich in Ihrer Einſamkeit eine ganz eigne Exiſtenz, eine Art von Gluͤckſelig⸗ keit geſchaffen, von der man bis jetzt nooch gar keine Idee hatte.— Indeſſen 14*. 2¹2 moͤgte ich nicht wagen, ſie uͤber jeden Ta⸗ del erhaben zu erklaͤren, zwar ſehe ich auf beiden Seiten, Großmuth, Zaͤrtlich⸗ keit, Tugend, Guͤte und tauſend Eigen⸗ ſchaften, die der menſchlichen Natur zur Ehre gereichen. Verzeihung Madame, ich will den Lobredner nicht machen, denn der Dienſt zu welchem ich berufen bin, iſt kein Dienſt der Schmeichelei, aber ich fuͤrchte, daß ſich zu ſo vielen Verdienſten, von bei⸗ den Seiten auch etwas Selbſttaͤuſchung geſellt habe. Es gibt gewiſſe Gefuͤhle in unſern Herzen, gegen die man vergeb⸗ lich auf ſeiner Hut iſtz vielleicht hat Frau von Beaumanoir ſich der ſuͤßeſten aller Rechte, zum Vortheil ihrer Freundin all zu ſehr begeben, vielleicht haben Sie ſelbſt zu viel von ihr angenommen;) es iſt ſehr ſchwer zu Gunſten einer andern aufzuhoͤren Mutter zu ſeyn, beſonders wenn die Stell⸗ 213 vertreterin eines ſolchen Opfers wuͤrdig iſt. Nein ich vermag hier nicht zu ent⸗ ſcheiden, hier kann bloß ihr Herz Ihnen ſagen, ob Ihre Freundin ſich dabei beruhi⸗ gen konnte. Wer, o Hinmel häͤtte ver⸗ muthen koͤnnen, daß die unfoͤrmliche Maſ⸗ ſe dieſes durch die Stuͤrme in Truͤmmern verwandelten, mitten in die Haiden des alten Armorikas(der Himmel weiß durch welchen Lehnsherrn) verſetzten Schloſſes, in ſeinen verfallen Mauern, den Stoff zu einem ſolchen Problem liefern wuͤrde? O Vorſehung! welche unuͤberſchwengliche Gefuͤhle laͤßt du, wenn es dein Wille iſt, dem Buſen deines armen Geſchoͤpfs ent⸗ ſtroͤmen! Um eine Bewegung, deren Ausbruch ihm unangenehm ſeyn wuͤrde, ſo viel als moͤglich zu unterdruͤcken, zog Herr Der⸗ 214 mot ſeine goldene Uhr aus der Taſche, und ließ ſie an ſeinem Ohre repetiren. Dies hieß Madame Allote auf eine zarte Weiſe erinnern, ihre Erzaͤhlung zu vollen⸗ den, und da ſie ſelbſt befuͤrchtete, daß der wahrſcheinlichen Wirkung des, der Vicom⸗ teſſe beigebrachten Schlaftrunks ungeach⸗ tet, ihre Gegenwart bei ihrer Freundin noͤthig ſeyn koͤnnte, ſetzte Henriette ihre Erzaͤhlung folgender Geſtalt fort: „Mit feſtem Schritte hatte ſich Ka⸗ roline der Thuͤre zu Klementinens Zimmer genaͤhert. Sie betrat es eben als einige Weiber mit Fertigung des Sterbekleides beſchaͤftigt waren, ſchon ſeit laͤnger als ei⸗ ner Stunde war das Bette gemacht und weiß uͤberzogen worden. Noch hatte man die Jungfrau nicht angeruͤhrt, deren Seele ſchoͤnern Sphaͤren bereirs zugeeilt war, 215 und deren Huͤlle die Erde bald den Au⸗ gen ihrer Freundin entziehen ſollte. Der Weihkeſſel und der Pſopbuͤſchel zwiſchen zwei brennenden Wachskerzen, waren die erſten Gegenſtaͤnde, auf welche der Blick derjenigen fiel, die unſer aller Aufmerk⸗ ſamkeit ausſchließlich auf ſich zog.„Wie! ſchon!“ ſagte ſie mit ſtrengem Tone und befahl dieſe traurigen Geraͤthſchaften ſo⸗ gleich in den untern Saal hinab zu tra⸗ gen.— Man gehorchte. „Sollten Sie es wohl glauben, ehr⸗ wuͤrdiger Herr! gleich als ob der Himmel das furchtbare Urtheil der Trennung zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter noch nicht aus⸗ geſprochen, gleich als ob Klementine noch nicht aufgehoͤrt haͤtte fuͤr ſie als das theure Kind zu leben, deren Anmuth und Seelenreinheit ihre Liebkoſungen ſo oft empfangen hatten, ſetzte ſich Frau von Be⸗ aumanoir, ohne Scheu, faſt ohne ſichtbare Bewegung, auf das Lager, wo die theuern Reſte ruhten, und zog den lebloſen Leich⸗ nam auf ihren Schooß! Es war ein herz⸗ zerreißendes Schauſpiel, dieſe Mutter zu ſehn, die, mit Kuͤſſen und den zaͤrtlichſten Schmeichelworten dem noch maͤchtigern Tod ſeine Beute entreißen zu wollen ſchien! Ach Sie wiſſen nur zu gut wer den Sieg davon getragen hat! bald ſollte, wie es ſchien, dieſer furchtbare Feind ſich eines zweifachen Triumphs erfreuen, denn bald mußten wir Karolinen auf ihr Zimmer zu⸗ ruͤckſchaffen, die ſich in einen um ſo groͤßern Zuſtande von Erſchoͤpfung befand, da ſte ſich nicht durch Thraͤnen erleichtern konnte. Doctor Bonnet erklaͤrte, daß er einen ſich mittheilendern Erguß ihres Schmerzes wuͤnſche, ja, daß er ſogar unumgaͤnlich noͤ⸗ à17 thig ſey, und da er einen kranken Edel⸗ mann an dem andern Ende des Kirchſpiels (wir konnten errathen, welchen,) zu beſu⸗ chen hatte, ſo verließ er uns. Seine ganze Verordnung bei ſeinem Abſchiede, beſtand in ſechs Worten:„Lindenbluͤth⸗ waſſer, und Erfuͤllung jedes ihrer Befehle.“ „Nachdem der ehrwuͤrdige Pfarrer noch einige Zeit auf dem Schloſſe verweilt hatte, machte auch er Anſtalten uns zu verlaffen; ſchon laͤngſt war er in tiefes Schweigen verſunken, hoͤchſtens rezitirte er mit leiſer Stimme einige Stellen aus den Pſalmen.„Gegen ſolche Schlaͤge,“ ſagte der gute Alte ſchluchzend,„fehlt es mir an Kraft. Ich hielt mich fuͤr ſtark genug andere zu unterſtuͤtzen, und nun bin ich ſelbſt zu Boden geſchmettert! die goͤttliche Gnade hat meiner Vermeſſenheit ihre Uuterſtuͤtzung verſagt.“ 218 Kaum war er gegangen, als Frau von Beaumanoir jedermann, ſelbſt der jungen Mariane befahl, ſich zu entfernen, und mich zu ſich an die Ottomanne, auf die wir ſie geſetzt hatten, rief. „Ich bin, ſagte ſie, hart, vielleicht ungerecht gegen dich geweſen, vielleicht haſt du auch zu wenig Nachſicht mit mei⸗ ner Lage gehabt; es thut mir leid. Du liebſt mich Henriette, du haſt mir zu viele Beweiſe davon gegeben, als das ich daran zweifeln koͤnnte, und doch, meine Henriette, erwarte ich noch einen neuen von deiner Guͤte, laß mich ſagen, von deinem Mit⸗ leiden.“ „Sprich, antwortete ich, ſprich Karo⸗ line; deine Wuͤnſche waren von jeher die meinigen, jetzt ſind ſie mir Befehle.“ 219 „ Ja, erwiederte ſte, heut,(auf dieſes Wort legte ſie einen beſondern Nachdruck) heut habe ich mir das Recht zu gebieten erworben; ich habe es zu theuer bezahlt, als das irgend jemand es mir ſtreitig ma⸗ chen koͤnnte, du haſt es ſelbſt ſo eben ge⸗ ſagt, vergiß es nicht Henriette.“ „ „Und nun wendete ſich dieſe ungluͤck⸗ liche Mutter, in den waͤrmſten und leb⸗ hafteſten Ausdruͤcken, einer immer kraͤfti⸗ ger als der andere, mit einer Bitte an mich, die ich am allerwenigſten erwartete, und die mir die aller ſeltſamſte ſchien, die ich je haͤtte erwarten koͤnnen.“ Herr Dermot verdoppelte ſeine Auf⸗ merkſamkeit. „Sie bat mich inſtaͤndig, ihr Tochter mit ihrer eleganteſten Robbe zu bekleiden, 220 und vor allen das Corſet nicht zu vergeſ⸗ ſen, ihr weiße Schue anzuziehen, die Haare zu flechten, und einige Blumen hin⸗ einzuwinden; kurz, ſie zum letzten Male, um mich ihrer eignen Worte zu bedienen, in den Zuſtand zu verſetzen, in welchem dieſes liebliche Maͤdchen ihr Mutterherz und Auge ſo oft erfreut habe. „Ich war tief bewegt, mein Herz war ſchmerzlich verwundet, aber doch glaubte ich, ihre Bitte ihr verſagen zu muͤſſen, weil ich die moͤglichen Folgen einer ſolchen Nachgiebigkeit voraus ſah. Der ehrwuͤrdige Dermot winkte ihr mit dem Kopfe Beifall zu. „Wie! erwiederte Frau von Beauma⸗ noir, du haͤtteſt dich an allem was an dieſem ſuͤßen Kinde Liebenswuͤrdiges und 221 —, Bezauberndes war, ungeſtoͤrt geweidet, du haͤtteſt ſie geliebt, du waͤreſt von ihr in der Bluͤthe ihrer Jugend und Unſchuld geliebt worden, nichts haͤtte den Gefuͤhlen dieſer reinen Seele gegen dich Eintrag gethan, und jetzt wollteſt du einer Mut⸗ ter den Troſt verſagen, ihre Tochter ſo zu ſehen, wie ſie ſolche am liebſten ſah, ſo, wie ſie ſich begnuͤgte, ſie zu ſehen, waͤhrend dieſes geliebte Kind deine Ar⸗ me ſuchte und dich in die ihrigen ſchloß! Du willſt mir ſie alſo nur ſo zeigen, wie der Tod ſie jetzt umgewandelt hat, mir, die ihre letzten Worte nicht hat verneh⸗ men koͤnnen, der man ihren letzten Kuß, ihren letzten Hauch geraubt hat, du koͤnn⸗ teſt den Muth haben, Granſame! fuͤr al⸗ les was du mir entzogen haſt, mir den geringen Erſatz einer kurzen Taͤuſchung von wenig Stunden zu verweigern? Fuͤrch⸗ 222 eeſt du dich gegen eine Mutter, der du ſo wenig gelaſſen haſt, dich zu großmuͤthig zu bezeigen?“ „Und ploͤtzlich ſtuͤrzt ſie ſich, ohne daß ich es hindern konnte, zu meinen Fuͤ⸗ ßen, und, mit einer Stimme, in welche alle Thraͤnen aͤbergegangen zu ſeyn ſchie⸗ nen, die unglücklicher Weiſe ſich durch ihre Augen keinen Ausweg oͤffnen konnten, fuͤgte ſie hinzu: „Henriette, theure Schweſter, denn nie, dies kannſt du wohl behaupten, ward eine Schweſter ſo wie du geliebt, weiß die Bitte deiner Karoline, auf welcher die Hand des Herrn ſo ſchwer laſtet, dei⸗ ner Karoline, die deine Knie umfaßt, die ihre Mutterrechte zu deinen Fuͤßen legt, waͤhrend der Ausdruck ihres Schmerzes dir ſchon genuͤgen ſollte, weiß ihre Bitte 223 nicht zuruͤck! Bedenke, daß, um nur noch auf einen kurzen Augenblick mich mit dem Titel zu ſchmuͤcken, den ſie an dir ver⸗ ſchwendet hat, ich mich flehend an dich wende. Sei, ich beſchwoͤre dich, nicht unbarmherziger als das Grab, das mir Klementinen noch nicht ganz geraubt, als der Tod, der bis jetzt die Reinheit ihrer Formen ehrfurchtsvoll verſchont, und da⸗ durch in dieſe Erleichterung meines Jam⸗ mers gewilliget hat.“ „Ich konnte, ehrwuͤrdiger Mann, nicht laͤnger widerſtehen. Ich verſprach alles, ich that alles was ſie wuͤnſchte. Die Freundin meiner Jugend zu meinen Fuͤ⸗ ßen, in ihrem Eigenthum meine Barm⸗ herzigkeit anflehend, dies war ein Schau⸗ ſpiel, deſſen Anblick meine Kraͤfte uͤber⸗ ſtieg. Nachdem ich mit Frau von Beau⸗ 224 1 manoir uͤber einige Bedingungen uͤberein⸗ gekommen war, deren erſte darinnen be⸗ ſtand, ſo viel als moͤglich ihr ſo heftig bewegtes Gemuͤth zu beruhigen zu ſuchen, und die andere, nur zwei Stunden bei ihrer Tochter zuzubringen, und dieſen Zeit⸗ raum in zwei Beſuche abzutheilen,(von denen jedoch, Dank ſei dem Himmel und dem Laudanum des Arztes, der letzte, wie ich hoffe, nicht ſtatt finden ſoll) ließ ſie es ſich endlich gefallen, ein wenig Po⸗ meranzenbluͤthenwaſſer zu ſich zu nehmen, und ſogar, waͤhrend meiner Abweſenheit, wozu mich ihre grauſame Hartnaͤckigkeit noͤthigte, auf ihrem Bette zu ruhen. Im⸗ mer war wenigſtens etwas gewonnen.“ „Sie fuͤhlen gewiß, ehrwuͤrdiger Mann, was es mich gekoſtet hat, den Wuͤnſchen meiner Freundin mich zu fuͤgen. Welche 225 Lage, gerechter Himmel, welch ein trauri⸗ ges Geſchaͤft. Heilig kann ich verſichern, daß kein Gedanke von Scheu ſich unter die Gefuͤhle miſchte, mit denen ich eine Toilette beſorgte, die blos fuͤr die gehei⸗ ligten Blicke einer Mutter beſtimmt war. Der einzige Gedanke der mich erſchuͤtterte, als meine Haͤnde ihre weiche kalte Haut beruͤhrten, die keine Lebenskraft mehr er⸗ waͤrmte, die aber demohngeachtet die re⸗ gelmaͤßigſten Umriſſe umgab, daß dieſe wenigen Reize die der Tod noch verſchont hatte, nur zu bald ins Leichentuch gehuͤllt, und in der feuchten Erde entſtellt und aufgeloͤßt werden wuͤrden; und alles dies hatte ich noch vor Kurzem voller Leben geſehn, es hatte an meinem Buſen geruht, war von meinen Kuͤſſen bedeckt worden! Ach wie hatten Mutter und Tochter ſeit einigen Tagen mein innerſtes Weſen ſo J. Theil. 15 226 tief erſchuͤttert, wie hatten beide, freilich ohne ihre Schuld, mein Herz zerriſſen. Heiß geliebt von dieſen ſeltenen Frauen, wie ſchmerzlich war der Zoll den ich da⸗ fuͤr ihrer Liebe darbrachte! Von Marianen unterſtuͤtzt, die ihrer Seits nichts von der, ihrem Alter ſonſt eig⸗ nen, Bewegungen der Furcht zeigte, wofuͤr ſie ohnſtreitig die zarte Ehrfurcht bewahrte, die ſie fuͤr ihre junge Pathe empfand, hatte ich mein Verſprechen in Kurzem erfuͤllt. In ein Gewand von weißen Atlas gekleidet, das ſich an ihre ſchoͤnen Formen male⸗ riſch anſchloß, mit weißen Handſchuen, unter denen ihre Arme ihre Rundung be⸗ hielten, mit weißen ſeidenen Struͤmpfen und Schuen, wie ſie ſie am letzten Balle bei der Marquiſe Dugrego in Vannes ge⸗ tragen hatte, wo ſie alle Herzen feſſelte, haͤtte man auf den erſten Anblick glauben 227 koöͤnnen, die vom Tanz ermuͤdete Klemen⸗ tine ſchlummern zu ſehen. So ſchwebte ſie wenigſtens meiner Phantaſie vor. Ich ſage nicht zu viel, ihre Ueberreſte waren noch voller entzuͤckender Anmuth, die mehr als Schoͤnheit anzog. Ihre blonden, na⸗ tuͤrlich geringelten Haare, ſtachen nicht zu ſehr gegen ihre Schultern ab, auf die einige Locken davon in reizender Nachlaͤſ⸗ ſigkeit herabrollten. In ein Paar andern, die ihre Stirne beſchatteten, hatte ich ein paar blaſſe Roſen goſteckt, Ueberreſte eines Halten Kopfputzes, der ſeinen Glanz uͤber⸗ lebt hatte; als ich ſte angebracht, und nun meine Blicke auf das farbenloſe Ge⸗ ſicht meiner jungen Freundin herabſenkte, preßte mir dieſe dem Original und ſei⸗ nem Sinnbilde gemeinſchaftlich, Hinnfaͤllig⸗ keit aller irdiſchen Schoͤnheit manchen weh⸗ muͤthigen Seufzer aus. Ich entdeckte nur zu 15* 228 gut, ach, mit gepreßten Herzen, die Spu⸗ ren des ſie getroffenen Todesſtreichs; ihre mehr als im naruͤrlichen Zuſtande geſchloſ⸗ ſenen Lippen, und die unmerklich eingezo⸗ genen Naſenloͤcher ſagten mir, daß ſie uns nicht mehr angehoͤre; aber, wenn unſere Anſprüche auf ſie ihre Entſchaft erreicht hatten: ſo zeigte uns die, uͤber ihr Ge⸗ ſicht verbreitete Ruhe und Heiterkeit, die ſanft herabgeſunkenen, ſeidnen, von ihren ſchwarzen Bogen umkreißten, Augen⸗ wimpern, ihre krampfloſen Zuͤge, ein uͤber das ſchoͤne Ganze verbreiteter, ſeliger Frieden, daß der Himmel, der ſeine Rechte auf ſie in Anſpruch genommen hatte, nicht der Zerſtoͤrer ihrer Schoͤnheit geweſen war. Man haͤtte glauben ſollen, der En⸗ gel, der ſich bei Vollziehung ſeiner himm⸗ liſchen Antraͤge, hienieden verweilt habe, 229 erwarte nur ſein Erwachen, um in ſein eigentliches Vaterland zuruͤckzukehren.“ Waͤhrend Madame Allote, von den Ge⸗ genſtaͤnden, womit ſie ſich erſt vor Kurzem beſchaͤftigt hatte, noch ganz erfuͤllt, ihre Gefuͤhle in Ausdruͤcken uͤberſtroͤmen ließ, die jenen Gefuͤhlen entſprachen, mochten ſie auch immer das Gepraͤge einer gewiſ⸗ ſen Ueberſpannung tragen, zogen ſich zwi⸗ ſchen den Augenbraunen des Herrn Der⸗ mot duͤſtere Falten zuſammen. Seine Zuͤ⸗ ge druͤckten ein gewiſſes Mißvergnuͤgen aus, mit dem ſich ein Anſtrich von Unruhe, und eine Art von uͤbler Laune vermiſch⸗ ten, die er Muͤhe hatte zu unterdruͤcken, er bat die Ausgeberin im Schloſſe Helvin, dieſe, ſo ins einzelngehende Darſtellungen abzukürzen, da er laͤngſt die Gewohnheit verloren habe, ein Geſchlecht zu beobach⸗ 139 ten, auf welche ſie Bezug haͤtten. Madame Allote ſchien indeſſen ſeine innern Ge⸗ fuͤhle nicht ganz zu verſtehn.— Sie fuhr in ihrer Erzaͤhlung fort. „Nachdem ich die Fenſterladen ver⸗ ſchloſſen, und die Vorhaͤnge zugezogen hatte, zuͤndete ich zwei Wachskerzen an, ſtellte ſie aufs Kamin und verfuͤgte mich in das Zimmer, wo Frau von Beauma⸗ noir ſchlummerte, mit dem Vorſatze, ihr das Reſultat meiner Beſchaͤftigung zu ver⸗ heimlichen, wenn es mir gelingen ſollte, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Dies war indeſſen, wie Sie gleich hoͤren werden, eine ganz grundloſe Hoff⸗ nung. Sie war aufgeſtanden und er⸗ wartete mich, nicht ohne eine Art von Er⸗ gebung und Seelenſtaͤrke, die mich uͤber⸗ raſchte, denn die Erſchuͤtterungen, denen . 231 ſie ausgeſetzt geweſen war, haͤtten, meiner Meinung nach, ihre weit zaͤrtere Konſti⸗ tution, als die meinige, weit mehr an⸗ greifen muͤſſen, aber ich uͤberzeugte mich bald, daß das Herz einer Mutter einen Reichthum von Lebenskraft umfaßt, der ſie aufrecht erhaͤlt, ja, ſo lange ſeine Lie⸗ be noch einige Nahrung findet, ſich ihrer ganz bemeiſtert. „Wollen wir gehen?“ ſagte Karo⸗ line,—„Es ſei“ antwortete ich trau⸗ rig; ſchnell ergriff ſie meinen Arm, nicht um ſich darauf zu ſtuͤtzen, ſondern um mich im eigentlichen Sinne zu fuͤhren, um mich aufrecht zu erhalten. Kaum hatte ſie den Fuß in das Zimmer ihrer Tochter geſetzt, als ihr Auge ſogleich meine ganze Veran⸗ ſtaltung mit einem Blicke uͤberſchaut hatte. „Ja! gerade ſo wie ich es wuͤnſchte,“ 232 ſagte ſie zu mir, indem ſie mich nmarmte, was ſie ſeit beinahe einer Woche nicht gethan hatte, ein Beweis, daß die zaͤrt⸗ lichſte Freundſchaft ſich vor der Natur, ſtets mit Verluſt zuruͤckziehen muß. „Sie naͤherte ſich dem Bette, hob ei⸗ ne von Klementinens Haͤnden, deren Fin⸗ ger durch die offnen Handſchuh nicht be⸗ deckt waren, in die Hoͤhe und druͤckte ihre Lippen darauf, die bei der erſten Beruͤh⸗ rung ſich zuruͤckzuziehen ſchienen, aber ſich ſchnell durch einen langen Kuß ihr wieder näherten, als ob ſie dieſer Hand die ihr fehlende Waͤrme einhauchen wollten. Sie ſetzte ſich nun auf ein hinter ihr ſiehendes Sopha, und ſagte zu mir:„Jetzt, Hen⸗ „griette bin ich mit dir zufrieden, du biſt „doch immer die gute, die liebenswuͤrdige „Ausgeberin von Helvin, auch mit mir 233 „bin ich zufrieden; zum erſten Male, ſeit „vier und zwanzig Stunden athme ich wie⸗ „der freier. Ich fuͤhle, daß ſich eine druͤ⸗ „ckende Laſt von meiner Bruſt abgewaͤlzt, „ſte hebt ſich wieder leichter, du haſt mich „geſtaͤrkt, meine treffliche, meine einzige „Freundin! laß dich deine Bemuͤhung al⸗ „ſo nicht gereuen! Hier werde ich mit dir „leiſe ſprechen koͤnnen, wie ehedem des „Morgens an Klementinens Bette, wenn, „um mich der Worte zu bedienen, mit „denen ſie ſich nach einem verſtellten „Schlaf, uns uͤberraſchend, ploͤtzlich in „unſere Arme warf, wir beide uns fuͤr „ihr Gluͤck zuſammen verſchworen. Jetzt „uͤrfen wir ſie nicht wecken, denn ſie „ſchlaͤft wirklich: nein, nein, wir wecken „ſie nicht Henriette, verlaß dich darauf!“ „Dieſer Ton, dieſe Art ſich auszudruͤ⸗ cken, ſingen an mich zu beängſtigen. 234 Wahrſcheinlich las ſie es in meinen Bli⸗ cken, denn ſie ſuchte mich ſo ſchnell als moͤglich zu beruhigen. „Jetzt will ich alles thun was du „willſt, fuhr ſie fort. Bin ich nicht an „der Seite meiner beiden Schweſtern, mei⸗ „ner beiden Freundinnen? Was bedarf ich „mehr? Du haſt mir es zum Vorwurf „gemacht, daß ich ſeit zwei Tagen nichts „genoſſen habe: um dir gefaͤllig zu ſeyn, „werde ich hier ſpeiſen; ja, ich glaube „ich werde eſſen koͤnnen, du ſollſt dich „nicht uͤber mich zu beklagen haben. „Und nun ließ ſie ſich einen großen Teller voll Suppe bringen, der zu meiner großen Verwunderung nicht, wie geſtern und vorgeſtern, unangeruͤhrt wieder weg⸗ getragen werden durfte. Waͤhrend dieſer Trauermahlzeit verſchlang ſie gleichſam von Minute zu Minute mit ihren Blicken dies angebetete Kind, vom Scheitel bis zu den Fußſohlen. Es war die höchſte Zeit dieſe Scene zu endigen; ſie wurde mir beinahe ſchauerlich, und ich bat die Vicomteſſe, in ihr Zimmer zuruͤckzukeh⸗ ren. Neues Erſtaunen meinerſeits. Sie ſteht auf, gibt ihrer Tochter einen Kuß auf die Stirn, den Abendkuß, wie ihn Klementine jeden Tag vor Schlafengehn bei ihr abzuholen pflegte, und indem ſie mich am Arm nahm, ſagte ſie zu mir: „Ich muß ihr heute wohl zuvorkommen, „das arme Kind! es iſt nicht ſeine Schuld! „Webrigens iſt dein Verlangen gerecht; ich unterwerfe mich, denn ſo waren unſre „Bedingungen... Nur bitte ich dich zu be⸗ „merken, daß noch kein Lebewohl uͤber „meine Lippen gekommen iſt! 236 „In dem Augenblick wo wir das Zimmer verließen, fuͤgte ſie hinzu, nachdem ſie ihr Auge ſehnſuchtsvoll nach dem Bet⸗ te zugewendet hatte.„Du ſiehſt Henriette, ich bin gehorſam; verſprich mir, mich da⸗ fuͤr zu entſchaͤdigen, indem du mir erlaubſt, meinen naͤchſten Beſuch zu verlaͤngern, den letzten!— Wir werden ihn in aller nicht ausſprechen! Wer koͤnnte einen zum Tode Verdammten zwingen ſein Urtheil ſelbſt bekannt zu machen. Verſprich es mir,“ wiederholte ſie mit jenem Laͤcheln, das ein zerbrochnes Herz, auf den Lippen der Ungluͤcklichen zittern laͤßt, um ihren Freunden Jammerthraͤnen zu erpreſſen. „Indem ich mich anſchickte, ſie ent⸗ kleiden zu helfen, um ſie zu Bette zu brin⸗ 237 gen, was einen Punkt der neuen, mit ihr abgeſchloſſenen Verhandlungen ausmachte, hoͤrte ich im Hofe Huftritte eines Pferdes. Ich hielt es ſogleich fuͤr ein Zeichen von der Ankunft des Doctors Bonnet, auf die ich noch vor Einbruch der Nacht rechnete, denn er hatte mir eine baldige Ruͤckkehr verſprochen. Da ich es fuͤr weſentlich nothwendig hielt, ihn von dem, waͤhrend ſeiner Abweſenheit Vorgefallenen, in Kennt⸗ niß zu ſetzen; ſo bediente ich mich, um hinunter zu gehn, des Vorwands eines, dieſen Morgen an unſere Freunde in Li⸗ ſieux geſchriebenen Briefs, den man ver⸗ geſſen hatte dem Poſtboten mitzugeben. Ich vertraute Frau ven Beaumanoir der Sorgfalt Marianens und Hanchens, unſrer Koͤchin an, welche in Abweſenheit der Kammerfrau, ihre Stelle bei der Vicom⸗ teſſe vertrat. Uebrigens war Karoline 238 nie ruhiger, nie gehorſamer, um mich ih⸗ res eignen Ausdrucks zu bedienen, gewe⸗ ſen. Alle Beſorgniß waͤre in dieſem Au⸗ genblicke uͤberfluͤſſig geweſen. Auf meine Einladung kam der Arzt zu mir in den Speiſeſaal. Er ſetzte ſich hierher wo Sie ſitzen, und nachdem er meinen Bericht ver⸗ nommen hatte, zog er die Augenbraunen zuſammen: 8 „Sie haben recht gethan, ſagte er zu mir ihrem Verlangen nachzugeben, es iſt eine muͤtterliche Schwaͤrmerei, und dies iſt nun das zweite Mal, daß ich etwas Aehnliches erlebt habe. Ich werde Ihnen einmal erzaͤhlen, bei welcher Veranlaſſung es das erſte Mal, und zwar von dem gluͤcklichſten Erfolge begleitet, ſtatt fand; aber hier nimmt es eine ſchlimme, eine ſehr ſchlimme Wendung. Dieſe Stille, 239 dieſe ſcheinbare Ruhe, die mehr von ei⸗ nem eingenommenen Gehirn, als von ei⸗ nem in ſeinen Ausbruͤchen ſanften oder heftigen, aber wenigſtens natuͤrlichen Ge⸗ fuͤhl(herruͤhrt, iſt mir nicht angenehm. Noch weniger freue ich mich uͤber die ne⸗ ben einem Todtenbette hinuntergeſchluckte Suppe.“„Hat ſie geweint?“ fragte. mich jetzt der Arzt, auf meine verneinende Antwort, fuhr er fort:„Wir muͤſſen ſchleu⸗ nigſt eine andere Batterie ſpielen laſſen. Das hier, ſagte er, indem er mir ein Glaͤschen Opium in die Hand gab, muß auf gute Art zu zwei gleichen Theilen unter Mandelmilch geſchuͤttet werden, die ich in Gegenwart der Vicomteſſe verord⸗ nen werde, denn wir armen Diener Aeſ⸗ kulaps, ſind öffters, wenn unſer Spiel ſchlecht ſteht, gezwungen, unſere Kranken zu betruͤgen, und dennoch verliehren wir 240 oft die Partie. Dies wird der wuͤrdigen Frau einen wenigſtens zehnſtuͤndigen Schlaf verſchaffen, vor deſſen Beendigung der Pfarrer, zu folge den bei meiner Ruͤck⸗ kehr von mir zu erhaltenden Anordnungen, meine arme Klementine einſargen, fort⸗ kragen und beerdigen laſſen wird. Armes Kind! Ich will ſie noch einmal ſehen, be⸗ vor ich dieſe haͤßliche Burg verlaſſe; denn ſie war wohl das liebenswuͤrdigſte, inter⸗ eſſanteſte Geſchoͤpf, das mir ſeit meiner zwanzigjaͤhrigen Praxis in dreißig Kirch⸗ ſpielen dieſes Bezirks vorgekommen iſt! „Ich weiß den Weg, meine liebe „Frau Allote, fuͤgte der Doctor im Auf⸗ „ſtehen noch hinzu; ich werde naͤchſtens „wiederkommen, und mir von Ihnen Un⸗ „terricht im Muthe geben laſſen, deſſen „ich in meinem abſcheulichen Metier ſo 241 „ſehr bedarf. Ich bewundere Sie mehr „als ſie ſich vorſtellen. Gehen Sie jetzt „zu ihrer achtungswuͤrdigen Freundin, „in fuͤnf Minuten bin ich wieder bei „Ihnen. 7 Die Hand vor den Augen ging jetzt der Doctor Bonnet nach dem Zimmer Klementinens, waͤhrend ich zu Frau von Beaumanoir zuruͤckkehrte. 1. Theil. 16 Sechſtes Kapitel. 1S Vorrichtungen zu einer Begvaͤb⸗ nißnacht. — Nach einem minutenlangen Stillſchweigen, waͤhrend welchem ſich die Ermattung der Erzaͤhlerin, deren Kraft nicht mehr durch die Aufmerkſamkeit unterſtuͤtzt wurde, die ſie auf ihre Darſtellung wenden mußte, in jedem ihrer Zuͤge ausſprach, richtete dieſe Frau, die durch ihre natuͤrlichen und erworbenen, vorzuͤglichen Eigenſchaften, ſich 824 243 uͤber ihre Verhaͤltniſſe zu erheben gewußt hatte, folgende Worte an Herrn Dermot: „Wuͤrdiger Mann, Sie kennen nun alles Ungluͤck, das dieſes Haus betraf, und das ſeine Mauern umſchließen, Sie kennen die gegenſeitigen Verhaͤltniſſe der Hausfrau und ihrer Untergebenen, und eben ſo gut wiſſen Sie, warum ich, da mir ihr ehrwuͤrdiger Stand nicht bekannt war, Ihnen beinahe den Eintritt in das Schloß verweigert haͤtte. Als Sie an das Thor klopften, hatte uns der Doctor erſt kuͤrzlich verlaſſen, und ich hatte mei⸗ ner ungluͤcklichen Freundin ſo eben den Trank gereicht, durch welchen ich ſo viel Zeit gewann, Sie durch meine ztraurige und getreue Erzaͤhlung zur Theilnahme an nnſern Schmerz aufzufordern. AI. 3. 3 Ann GC dee 91ℳ r 16* 244 „Ehe noch die Wirkung des Lauda⸗ nums eintrat, gab mir Frau von Beau⸗ manoir, welche ich von Ihrer Anweſenheit unterrichtete, und die durch die heftigen Donnerſchlaͤge, die, wie mir es ſcheint, immer noch fortdauern,(bemerkte Mada⸗ me Allote, indem ſie nach dem Fenſter blickte,) Ihretwegen beſorgt wurde, den Auftrag, Sie aufzunehmen. Erfuͤllen Sie hier, ehrwuͤndiger Mann, die Pflichten Ihres heiligen Amtes. Ich werde Sie in das Zimmer fuͤhren, wo die Ueberreſte eines uns uͤber alles theuern Weſens ru⸗ hen, das wir in dem Augenblick, wo wir uns auf ewig von ihm trennen muͤſſen, vielleicht noch zu ſehr lieben. Zuverlaͤſſig wird der Abbé Leny dem Auftrage des Doctors Folge leiſten, er wird bald mit zwei Matronen hier ſeyn, die unſerer ge⸗ liebten Klementine das Sterbekleid anle⸗ gen werden, worauf er ſie dann ſelbſt zu hrar Aahaſtite bringen wird.“ Heiße Thraͤnen rollten bei diefen Wor⸗ ten über Madame Allote's Wangen;„Sie werden alſo,“ fuhr ſi ſie fort,„nicht allein ſeyn, unterdeſſen wil ich meine Freundin von dem Feldbette beobachten, das ich neben dem Lager der Frau von Beauma⸗ noir habe rufſchlagen laſſen, um meinen Gliedern einige Ruhe zu goͤnnen, die mir ich fuͤhle es, außerdem den Dienſt in Kurzen verſgen wüͤrden. 2 kar„Madame, antwortete he Dermot, ich wußte, als ich meinen Fuß uͤber die Schwelle dieſes Hauſes ſetzte, daß ich eine Wohnung betrat, in welcher bereits vor mir die Trauer eingezogen war. Was ich ſo eben vernommen habe, uͤbertrifft aber alles, was meine Einbildungskraft ſich Schreckliches denken konnte. Allein, ſich ſeinem Schmerz zu unbedingt hinge⸗ ben, heiſt, ſich wider den Himmel auf⸗ lehnen, und ein zu unmaͤßiger Gram um ein uns entriſſenes Gut ſteht in einem unſtatthaften Widerſpruche mit unſerer Na⸗ tur, nach deren Geſetzen die zaͤrtlichſte Anhaͤnglichkeit, ſelbſt wenn die Vorſehung ihre Dauer nicht unterbricht, ſich unmerk⸗ lich aber unabaͤnderlich vermindert.“ „O, ehrwuͤrdiger Mann, erwiederte Madame Alote, haͤtten Sie Klementinen gekannt, Sie wuͤrden, in Beziehung auf ſie, eine Ausnahme gelten laſſen. Das Wenige was ſie von ihr noch ſehen wer⸗ den, wird Sie, wie ich glaube, veran⸗ laſſen, dasjenige, was ihr Urtheil uͤber die mess hlichen Gefuͤhle Harsss aehi⸗ zu mildern.*.. n 2 247 „Es iſt moͤglich, Madame, verſetzte der Seminariſt, mit einer Bewegung, die er dadurch zu verbergen ſuchte, daß er nach dem Winkel des Saales ging, wo ſein Stock nebſt ſeinem Hute lehnte, „aber ich bitte Sie, nicht zu vergeſſen, daß die Gegenſtaͤnde unſerer irdiſchen Zu⸗ neigung nicht immer die Eigenſchaſten be⸗ halten, die unſere Wahl beſtimmt hatten, daß das lieblichſte Aeußere ſich in der Jahre fluͤchtigem Laufe verwiſcht, daß ſelbſt die Beduͤrfniſſe unſerer Sympathie eine veraͤnderte Richtung erhalten, und daß in dieſem Pruͤfungsthale, nichts be⸗ ſtaͤndig iſt, weder Anmuth, noch Schoͤnheit weder Geiſtesgaben, noch Gluͤcksguͤter, am aller wenigſten das Herz des zur Wall⸗ fahrt durch dieſes Erdenleben beſtimmten ſterblichen Menſchen„/ 147 „Bei dieſem Worten zog Herr Der⸗ mot aus ſeinem karmoiſtnenen Sack, den er neben ſeinen Stock aufgehangen hatte, ein noch ganz neuwaſchenes Chorhemde, und nachdem er ſeinen Prieſterrock mit dieſem Sinnbilde der Herzensreinheit uͤber⸗ kleidet hatte, oͤffnete der Levit des neuen Bundes ſein Brevier, und ſchlug die Pſal⸗ men und Gebete auf, die von der Kirche vorgeſchrieben ſind, um die Barmherzigkeit Gottes fuͤr die Verſtorbenen zu erflehen. Er bezeichnete die Seitenzahlen dieſer fei⸗ erlichen Trauergebete mit Streifen von verſchiedenen Farben, nahm das Buch in die rechte Hand und ergriff mit der an⸗ dern ſeinen Hut, nebſt dem ſammetnen Reifeſack. So ging er, unter dem Vor⸗ tritt der Madame Allote, deren Augen bei dem Anblick dieſer einfachen Vorberei⸗ tung ſich mit Thraͤnen fuͤltten, und die um 249 den Gang zu erhellen, einen der in dem Zimmer befindlichen Leuchter ergriff, ern⸗ ſten Schrittes und ſtillſchweigend nach dem Zimmer, wo ſeinem Munde„Worte des Lebens zum ewigen Leben“ entſtroͤmen ſollten. Eben ertoͤnte der zehnte Glocken⸗ ſchlag auf der Schloßuhr.„Er war, ſag⸗ te Madame Allote, noch vor weniger als vierzehn Tagen das Ruhezeichen fuͤr die Bewohner dieſes Hauſes, das ſie ſaͤmmt⸗ lich, Herrſchaft und Dienſtboten zum ge⸗ meinſchaftlichen Gebete rief, Klementine ſprach die vornehmſten Bibelverſe, und wir fanden eine Art von Erbauung darinnen die Responsoria*) darauf zu ſprechen. Ach! wie iſt unſere kleine Heerde ſo zer⸗ ſtreut!“ 4 een 8710 Its nler *) Antworten des Chors auf die Anreden oder Geſaͤnge(Intonatio) des Prieſters, beim katholiſchen Ritus. Anm. des Ueb. 250 Herr Dermot rief ſich die Worte des Propheten Zacharias ins Gedaͤchtniß, die dieſer Stelle vorhergehen im XIII Kapi⸗ tel, wo es heißt: Ich werde den Hir⸗ ten ſchlagen. Unwillkuͤrlich entſchluͤpf⸗ ten ſie leiſe ſeinen Lippen,“*) und dieſe Anwendung griff ihn ſelbſt ungemein an. Da es noch immer wetterleuchtete, obgleich nicht ſo heftig als bei dem Ein⸗ bruch der Nacht, ſo erhellten die Blitze mehr noch als der Schein der Kerze, ih⸗ ren Weg durch einen langen Korridor. Nachdem ſie vor der Thuͤre der Vicom⸗ teſſe und der zu einem, zwiſchen den Zim⸗ meru der beiden Freundinnen befindlichen *) Schlage den Hirten, ſo wird die Heerde ſich zerſtreuen. Zachar. XIII V. 7. Ich werde den Hirten ſchlagen, und die Schafe werden ſich rerſtreuen. Mare. Kap. XIV V. 2 71. — 251 Kabinet fuͤhrenden Thuͤre, wo Klementine vor ihrem Zufall ſchlief, voruͤbergegangen waren, offnete Madame Allote, mit einem nicht zu beſchreibenden Herzklopfen, eine dritte, und naͤherte ſich dem holden Ge⸗ ſchoͤpfe, deſſen Zuͤge ſie zum letzten Male erblicken ſollte. Der Diener des Altars war einige Schritte hinter ihr ſtehen ge⸗ blieben, und ließ ſeine Blicke im Zimmer umherſchweifen, um ſie dann, nicht ohne ſichtbare Bewegung, auf das Bette von orangefarbenen Damaſt zu ſenken, auf welchem die Hoffnung eines erlauchten Geſchlechts in ſeinen letztem Sproͤßling erloſchen war. Ein uͤber Klementinens Haar herabſinkender Schleier von Mali⸗ nes bedeckte ihr Geſicht. Madame Allote ſetzte ſich in einem neben dem obern Theil des Bettes befindlichen Armſtuhl, und hob den Schleier empor. Unbeweglich mitten 262 im Zimmer wo er ſtehen geblieben war, folgte der Geiſtliche dieſer Bewegung mit ſeinem Blicken. Fraͤulein von Beauma⸗ noir ruhte mit der Stirn auf einem Kopf⸗ kuͤſſen und zeigte ſich ſo im profil; dieſe Lage, welche das Kalte und Leichenartige, das der Mangel an Leben uͤber ihre Zuͤge verbreitete, den Augen der Umſtehenden entzog, machte den Eindruck von Milde, den eine reine Seele darauf zuruͤckgelaſ⸗ ſen hatte, um ſo bemerklicher. Am Mor⸗ gen ihres Lebens mit trauriger Eile von der Senſe des Todes beruͤhrt, war ſie, was ihr Aeußeres betraf, der Entſtellung einer langwuͤrigen Krankheit entgangen. Man konnte ſie gewiſſer Maßen einer Blume vergleichen, die vor ihrem gaͤnzli⸗ chen Entfalten vom Stengel geſchnitten, ihre Friſche und ihren Wohlgeruch laͤnger behaͤlt, als eine, deren voͤllig aufgebluͤhte 253 Krone an einem regnerigen Herbſttage gebrochen worden. Der Tod hatte hier zwar allerdings Beſitz ergriffen, aber dies war um ſo beklagenswerther, da er ſelbſt fuͤr das Haupt das er erobert hatte, Ach⸗ tung zu haben, und das Kennzeichen der gaͤnzlichen Aufloͤſung zu erwarten ſchien, um ſeine dſchs nen Zuͤge zu zerſtoͤren. Aus Sherun Dermot Bruſt entwand ſch ein tiefer Seufzer. Er machte ſich uͤber ſeine Ruͤhrung, die er fuͤr Schwaͤche hielt⸗ Vorwuͤrfe! ohne ſich von der Stelle zu bewegen, durchlief er mit ſeinem ſtren⸗ gen Blicke das Zimmer zum zweiten Male. Es war dies, wie wir ſchon erwaͤhnt haben, das Zimmer der Vicomteſſe von Beaumanoir. Man hatte, als Klementi⸗ ne hierher gebracht worden war, keine Veraͤnderung in dieſem Gemach des Schlo⸗ 2⁵⁴4 ſes Helvin getroffenz von welchem, zu dem Zeitpunkre„ als der Vicomte die Ge⸗ wißheit hatte, eine reiche und liebenswuͤr⸗ dige Gefaͤhrtin hinein zu fuͤhren, ein gan⸗ zer Fluͤgel prunkvoll dekorirt worden war. Man mußte zu jener Zeit alles was ein ſolcher Aufenthalt in den Augen einer jungen Frau Unerfreuliches hatte, moͤg⸗ lichſt zu verbergen ſuchen. Das ganze war keiner Umwandlung faͤhig, und ſo be. gnuͤgte man ſich, einen Theil deſſelben zu erneuern. Im Erdgeſchofe waren der Empfangsſaal, und im erſten Stock das Zimmer Karolinens, welches, ausgenommen bei zahlreichen Beſuchen, deſſen Stelle ver⸗ trat, Gegenſtaͤnde einer vorzuͤglichen Auf⸗ merkſamkeit geweſen. Dies letzte Zimmer war das einzige regelmaͤßige im ganzen Schloſſe, und dieſen Vorzug hatte es le⸗ diglich der Ueberzeugung des„Herrn von Beaumanoir, von der Nothwendigkeit es durch die Hand der Gewerken gaͤnzlich umgeſtalten zu laſſen, zu verdanken. An die Stelle eines ungeheuxen Rauchfangs, unter welchem eine ziemlich zahlreiche Familie Platz fand, ohne ſich jedoch an demſelben vor Froſt ſchuͤtzen zu koͤnnen, waren ein Neben⸗ und zwei Hauptgeſimſe von weißen Marmor aus Nantes gekommen, deren zweckmaͤßig angebrachten Schweifun⸗ gen der Waͤrme verſtatteten, ſich zum Vortheile der Dame vom Hauſe und ih⸗ rer Gaͤſte gleichmaͤßig zu verbreiten. Die eichenen, kaum behauenen Balken, verſchwanden unter einer Gipsdecke die von italiaͤniſchen Stukkatureren verfertigt wurde.*) Statt einer einzigen, unge⸗ . In der That entſtanden um dieſe geit ddie erſten Plafonds„ die man in der Bretagne fand, und waren das Werk italiaͤniſcher Arbeiter. 256 heuern vier Fuß von dem Boden be⸗ ginnenden Fenſteroͤffnung, wurden zwei Fenſter durch die Mauer gebrochen, und zwiſchen beiden ruhte auf einem vergolde⸗ ten Sokel ein großer Pfeilerſpiegel, und das zu ſtark blendende Licht, das durch ſie hereinſiel, wurde durch einen doppel⸗ ten Vorhang von gelben Damaſt und ge⸗ ſtickten mit leichten Franzen beſetzten Mouſſelin, gemildert. Aller fuͤnf Jahre wurde das Moͤblement in Karolinens Zim⸗ mer friſch polirt, dieſe in der Provinz ungewoͤhnliche Reinlichkeit war ihr zum Beduͤrfniß geworden. Der Tod des Vi⸗ comte hatte dieſe Gewohnheit unterbrochen, indeſſen blieb man doch dabei, und nachdem Die Spuren des Plafonds von Helvin ſind noch zetzt in dem gegen Mittag beündlichen Theil die⸗ ſes alten Ritterſitzes zu ſehen. 257 man die nothwendig gewordenen Repara⸗ turen immer verſchoben hatte, ſo wurden, bei der Annaͤherung des Fruͤhlinzs, wel⸗ cher von Klementinens Verbindung mit ihrem Vetter Zeuge ſeyn ſollte, von der Vicomteſſe ſelbſt die noͤthigen Anordnun⸗ gen getroffen, um die erwaͤhnten Gemaͤcher in ihren erſten Glanz wieder herzuſtellen. Dieſe Anordnungen erſtreckten ſich auch auf das Zimmer, welches Madame Allote bewohnte, das an die Zimmer der beiden Freundinnen ſtoßende Kabinet Klementi⸗ nens nicht zu vergeſſen, welches Frau von Beaumanoir fuͤr ſeine fruͤhere Beſtimmung, als Toilettenkabinet der Vicomteſſe, wie⸗ der einrichten zu laſſen ſich vorgenommen hatte, ſobald ſie das junge Paar in eine ſehr artige, mit eben ſo viel Geſchmack als Gemuͤthlichkeit eingerichtete Reihe von Zimmern, im weſtlichen Theile des J. Theil. 17 * 258 Schloſſes wuͤrde eingewieſen haben. Leere Entwuͤrfe, durch welche die Vorſehung, nach ihren ſtrengen Rathſchluͤſſen, einen Strich gemacht hatte. Zur Vervollſtaͤndigung dieſer Lokalno⸗ tizen fuͤgen wir noch bei, daß ein Forte⸗ piano, welches die Vicomteſſe und ihre Tochter mit ungewoͤhnlicher Fertigkeit ſpiel⸗ ten, den Raum zwiſchen dem einen Fenſter und dem Kamine einnahm, und zugleich das Zimmer zierte. Zwei ſchoͤne Kupfer⸗ ſtiche nach Raphael von Volpato’s Grab⸗ ſtichel aus ſeiner frühern Zeit, das Bild⸗ niß Klementinens und der Frau Allote, in halber Groͤße mit Landſchaften im Hin⸗ tergrunde, beides Arbeiten dieſer Letztern, unterbrachen die Einfoͤrmigkeit des friſch mit Bleiweiß uͤberfirnißten Taͤfelwerks, und das Himmelbette der Frau von Beau⸗ 1 259 manvir, mit Vorhaͤngen von gleichen Stoff und Farbe wie die Fenſtergardinen, nahm die breite Seite des Zimmers ein. Auf dieſem Bette ſchien die Holde, noch vor Kurzem vom Himmel augenſcheinlich begünſtigte Jungfrau, nicht fowohl den traurigen Zoll der Natur, zu welchem je⸗ des Geſchoͤpf, bei ſeinem Eintritt in die Welt beſtimmt iſt, bezahlt zu haben, als vielmehr den Augenblick zu erwarten, wo ſie dem muͤtterlichen Kuſſe entgegen fliegen koͤnnte. Herr Dermot ſtand mit ſeinem Chor⸗ hemde bekleidet, dem Todtenlager gegen⸗ uͤber, deſſen Umgebungen durchaus nicht geeignet waren, den heiligen Schauer einer Todtenhalle einzufloͤßen, und fuͤhlte ſich von einer hoͤchſt peinlichen Empfindung durchdrungen. Dieſe Annafſende Eleganz 147* ns 260 ſetzte ihn in Erſtaunen, und beuntuhigte ſein Gemuͤth weit meht, als wenn er von lauter Sinnbildern des Todes Wengsban ebeſen waͤre. icht 5:1. Mit einem Male entkleidete er ſich von ſeinem Chorhemde, legte es zuſam⸗ men und ſteckte es in ſeinen uͤber den Arm haͤngenden Reiſeſack, wobei er ſic folgender Maaßen vernehmen ließ. ich ein religioͤſes Gewand ablege, das mit der Pracht dieſes Zimmers in einem ſo groſſen Widerſpruch ſteht. Nichts deſto weniger werde ich fuͤr das unſchul⸗ dige Geſchoͤpf, deſſen Ueberreſte noch dem Tode trotzen zu wollen ſcheinen, mein Ge⸗ bet gen Himmel ſchicken. mnicht deutlich genug verſtanden haͤtte, ſo wuͤrde ich in die Verſuchung gerathen, mich Wenn ich Sie „Madame, es iſt ſehr natuͤrlich, daß 264 zu fragen, was ich hier thun ſoll? Be⸗ ſinde ich mich im Hauſe des Schmerzes, wie man mir geſagt hat, oder in dem Hau⸗ ſe der Freude, wie die Pracht die ich hier ſehe, mich kͤnnte vorausſetzen laſſen? Kaum hatte der Geiſtliche dieſe Be⸗ merkung vollender, als er ſich bittere Vor⸗ wuͤrfe daruͤber machte, und um in ihm die ſchmerzlichſte Reue zu erwecken, bedurfte es in der That der ffolgenden Antwort nicht: „Aus meinen Thraͤnen, erwiederte Ma⸗ dame Alote, moͤgen Sie ſchließen, in welch einer Wohnung Sie ſich befinden. Ue⸗ brigens habe ich ihre Mißbiligung ſchon befürchtet, und war ſelbſt auf Veranlaſſung der Frau von. Beaumanoir eben im Be⸗ griff, mich wegen einer Nachgiebigkeit, zu entſchuldigen, die nichts anderes zum 262 Zweck hatte, als noch groͤßerem Ungluͤcke vorzubeugen; ich glaubte, das beſte Mit⸗ tel auf Ihre Nachſicht Anſpruch machen zu duͤrfen, wuͤrde ſeyn, wenn ich Ihnen die Urſache unſeres Jammers vertraute. Meine Erzaͤhlung ſchien einigen Eindruck auf Sie zu machen: es wuͤrde mir ſchmerz⸗ lich ſeyn mich geirrt zu haben.“ Durch eine unwillkuͤhrliche Empfindung, von der er ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben wagte, hingeriſſen, war der ehr⸗ wuͤrdige Dermot uͤber ſeine eigne Anſicht hinausgegangen, oder er war vielmehr weit entfernt geweſen, in den ſtrengen . Bemerkungen, die er ſich erlaubt hatte, den wahren Sinn derſelben auszuſprechen, was er jetzt noch mit einer minder feſten Stimme hinzufuͤgte, kam demſelben weit naͤher. 333 26³3 „ch habe mich, fagte er, ohne Zwei⸗ fel falſch ausgedruͤckt, Madame Allote, da ich unbedachtſamer Weiſe Ihren zu brennenden Schmerz aufs neue erregt ha⸗ „be. Seien Sie feſt uͤberzeugt, daß meine ganze Seele daran Theil genommen, daß Sie Ihnen den Zoll des Mitleids reich⸗ lich, ja, vielleicht mit zu weniger Zuruͤck⸗ haltung, dargebracht hat. Ich habe bloß ſagen wollen, daß, wenn die Hand Gottes uns getroffen hat, es nicht wohlgethan ſei, ſich die Spuren derſelben zu verheelen, beſonders wenn die unter dieſer maͤchtigen Hand ſtehenden Ueberreſte unſerer abge⸗ ſchiedenen Lieben immer noch ſo manches behalten haben, was unſern Geiſt auf Be⸗ merkungen hinleiten koͤnnte, bei denen ſich zu verweilen nicht mehr erlaubt iſt.“ Geruͤhrt fuͤgte er hinzu: 234 wi,Gehen Sie in Frieden, Madame, zu Ihrer verehrungswerthen Freundin; ſagen Sie Ihr morgen, wenn ſie aus ih⸗ rem Schlummer erwacht ſeyn wird, daß ihrer menſchenfreundlichen Erlaubniß zu Folge, Ihr wirthliches Dach waͤhrend die⸗ ſer kurchtbaren Gewitternacht einen. Gaſt beherbergt, deſſen Herz ſich vor Ihrem Jammer nicht verſchloſſen hat! Sagen Sie es Ihr, und moͤgen Sie ſelbſt die Suͤſſigkeit der Ruhe genießen, deren Sie ſo ſehr beduͤrfen! Seyn Sie uͤberzeugt, daß ich mich lange Zeit der traurigen Mittheilung errinnern werde, waͤhrend welcher ihr vortreffliches Herz, Ihr Geiſt, und(wenn einem Manne meines Standes in einem ſolchen Augenblicke dieſe Be⸗ merkung erlaubt iſt) Ihre liebenswuͤrdigen Eigenſchaften, die lebhafteſte Theilnahme bei mir erregt haben. 4 „Nun, gute Nacht, Madame Allote. Ich hoffe daß mich, wie Sie mir verſichert haben, Herr Leny nicht lange allein laſfen wird., Ich werde indeſſen das Gebet fuͤr die Todten ſprechen und in meinem Bre⸗ vier leſen.“— Nun ſchritt Herr Dermot, der bis jetzt noch immer mitten in dem Zimmer geſtanden hatte, mit ernſter Haltung zum Bette hin, naͤherte ſich dem Kopfkuͤſſen, und zog den Spitzenſchleier, den die zweite Mutter des Maͤdchens zurückgeſchlagen hat⸗ te, uͤber Klementinens Stirn herab; trat dann einige Schritte zuruͤck, und warf ſich, von einer frommen und wuͤrdevollen Trauer durchdrungen, auf ſeine Kniee. Waͤhrend dies geſchah, kam die bis zum Tode ermuͤdete Mariane zu Madame Allote, um ſie zu fragen, ob ſie ihr noch 266 etwas aufzutragen habe„ und nahm hier⸗ auf den Weg nach ihrer Schlafſtelle, die durch einen Berſchlag von dem Bette ih⸗ res Grosvaters, des Gaͤrtners Philipp getrennt war. Allein ſie war kaum hin⸗ unter, als ſich das Gebell der Hofhunde er⸗ hob, und die Burgthorglocke ertoͤnte, deren, in einem Winkel des Thores angebrachter, Zug faſt allen Fremden den Dienſt ver⸗ ſagte, da nur die Bewohner des Schloſ⸗ ſes und die genauern Bekannten derſelben mit der Behandlung vertraut waren. Au⸗ genblicklich trat das junge Maͤdchen wieder vor Madame Allote, eben wie dieſe ſich von ihrem Lehnſtuhl erhob, um ſich, der Aufforderung des Geiſtlichen gemaͤß, zu der Vicomteſſe zu verfuͤgen.— — Nachdem ſie der Ausgeberin einiges ins Ohr geſagt, und ihr einen mitgebrach⸗ — —— 267 ten Brief uͤbergeben hatte, entfernte ſich Mariane zum zweiten Male, und kehrte bald mit einem jungen Burſchen zuruͤck, deſſen Geſichtsbildung vielen geſunden Menſchenverſtand verrieth, und deſſen vom Regen triefendes Haar feſt auf ſeinen Schultern lag. Seinem Wuchſe nach zu urtheilen, war er etwa funfzehn Jahre alt, und ſchien der Ueberbringer des Briefs zu ſeyn. Wirklich war es der Knabe das aͤlteſte Kind des Pves Calvez, eines Ta⸗ geloͤhners aus dem Kirchſpiele St. Nolf. Der gute Pfarrer Leny, der ſich ſeit ei⸗ ner Stunde in der Huͤtte des braven Cal⸗ vez befand, hatte fuͤr noͤthig erachtet au Madame Allote zu ſchreiben; und der jun⸗ ge Yoon, hatte ſich, trotzt des Wekters, und mitten in der Nacht um ſo williger zum Brieftraͤger erboten, da er, wie er ſich ausdruͤckte, nicht ruhig ſterben koͤnnte, 268 wenn er die treffliche Fraͤulein des Schloſ⸗ ſes, die ſeinen duͤrftigen Aeltern ſo oft unter die Arme gegriffen habe, nicht noch einmal mit, Weihwaſſer beſprengt haͤtte. Was der Rektor.,(welcher ſtets ſein Schreibzeug bei ſich fuͤhrte, in dem ſich eine, Feder und ein zuſammengerollter Bogen Papier befand, um bei unvorherge⸗ ſehenen Vorfaͤllen, in einer Gegend, wo die Wohnungen, ja ſelbſt die elendeſten Huͤtten oft ſehr weit von einander entfernt ſind, mit Schreibmaterialien verſehen zu ſeyn,) an Madame Allote geſchrieben hatte⸗ ſollen unſere Leſer ſogleich erfahren. Sie naͤherte ſich der auf den Vorſprung des Kamins befindlichen Kerze, um den Hir⸗ ————— » In Bretagne, heiſen die oberſten Geiſt⸗ lichen des Sprengels Rektoren(KReteurs) und ihre Vikarien Pfarrer(curés.) Wenig⸗ ſtens war dics der Fall vor der Revolution. .269 tenbrief beſſer zu entziffern, da es Yvon unmoͤglich geweſen war, ihn vor der Naͤſ⸗ ſe zu ſichern, ob er ihn gleich auf der blo⸗ ßen Bruſt aufbewahrt hatte, indem der das Gewitter begleitende Schlagregen, die, freilich nur durch eine ungebleichte grobe Leinwand vertheidigte, Verſchanzung beinahe erſtuͤrmte. Herr Dermot, welcher bei der Erſcheinung des Brieftraͤgers auf⸗ geſtanden war, erwartete an Madame Al⸗ lot's Seite nicht ohne innere Unruhe, die ſich ſogar in ſeinen Geſichtszuͤgen ausſprach, den Inhalt des Schreibens zu vernehmen, und die Freundin der Vicomteſſe, die mit den Schriftzuͤgen des wuͤrdigen Paſtors bekannt war, uns kein Geheimniß aus demſelben machte, laß folgendes mit lau⸗ ter Stimme vor: „Meine liebe Frau Alpte; ich billige in allen Stuͤcken ihre und des Herrn Dok⸗ 270. tors Bonnet Abſicht, der mir ſolche mitge⸗ cheilt hat. Wir wollen bald moͤglichſt der Erde das Beſte und Liebenswuͤrdigſte zuruͤckgeben, was ſie nach den Willen des Himmliſchen Vater vielleicht jemals hervorgebracht hat. Es iſt Zeit dieſen Gegenſtand den Augen einer Mutter zu entziehen. Jairi's Toͤchterlein*) wird ge⸗ wiß, nach der Verheißung unſeres Herrn und Meiſters, wieder erwachen, ob dies ein wenig eher oder ein wenig ſpaͤter geſchehe, was iſt daran gelegen! Er wird den Koͤrper ſeiner Heiligen nicht im Gra⸗ be laſſen, und hat den Gegenſtand unſrer Thraͤnen fuͤr die Trennung von ſeiner Huͤlle bereits uͤberſchwenglich deentſchaͤdigt. „) Marci Kap. V V. 39. Ohne Zweifel ts der Rector dieſe Stelle im Sinne... 271 „Ich wuͤrde in dieſem Augenblicke ſchon auf dem Schloſſe ſeyn, wenn ich nicht zu der Gattin des Tageloͤhners Cal⸗ vez gerufen worden waͤre, die kuͤrzlich nie⸗ dergekommen iſt, ſich uͤbrigens Dank ſey es dem Doctor, außer Gefahr befindet, und, wie Sie wiſſen ihre Wohnung am entgegengeſetzten Ende des Kirchſpiels hat. Mein Pferd iſt unter mir zuſammenge⸗ ſtuͤrzt, und meine Kleider ſind durch den Gewitterregen voͤllig durchnaͤßt. Ich wer⸗ de hier bis fruͤh drei Uhr bleiben, und waͤhrend mein Thier ein wenig gruͤne Rog⸗ genſpitzen freſſen wird, will ich mich auf den Laubſack der Kinder ſtrecken, und ver⸗ ſuchen ein wenig zu ruhen. Der Aelteſte wird Ihnen dieſen Brief uͤberbringen. Die Wohlthaten Ihrer geliebten Tochter ſtehen tief in ſein Gedaͤchtniß gegraben; er moͤchte ſie gern noch einmal ſehen, und 272 fuͤr ſie beten. Seien Sie uͤberzeugt, ver⸗ ehrungswuͤrdige Frau, daß der Himmel die Dankbarkeit erhoͤrt, wenn ſie fuͤr die Guͤte betet! Ich fende Ihnen den armen Jungen mitten unter Donner und Blitz, Regen und Wind, und bin ſeinetwegen eben ſo wenig in Sorgen als er es felbſt iſt. Da ſie mich indeſſen dazu berechtigt haben, ſo melde ich Ihnen, daß einige Uuter⸗ ſtuͤtzung hier nicht uͤberfluͤſſig ſeyn wuͤrde. Mit Ausnahme des Bettes der Kranken, mag ich bereits wohl das Beſte im ganzen Hauſe in Beſchlag haben, und woraus es beſteht, koͤnnen Sie ſich denken! aber unter dieſem Strohdache wohnt Redlich⸗ keit; und ſo wird weder Gott noch gute Menſchen ſich mit Veuaubt u von n in wegwenden. Moͤge der Himmel Ihnen, rreffüche Fraͤu, und der edeln und tugendhaften 273 Rahel*) von Helvin aus dem ein zweites Rama geworden iſt, Kraft verleihen. Ich ſehe ſie ſchon im Begriff ihr Kind von mir armſeligen Greiſe zu fordern, der es ihr nicht wieder geben kann! Ich bin ein Arbeiter im Weinberge des Herrn, aber es iſt eine betruͤbte Zeit. Ach es waͤre mir ſo ſuͤß geweſen den Blitzſtrahl von dieſem theuern Hauſe abwenden zu koͤnnen, und gerade dieſes mußte er treffen Ach wie hat mich der Herr gedemuͤthigt. Er gibt mir dadurch zu erkennen, daß mein Gebet ihm nicht wohl gefaͤllig iſt. Hart ſtraft mich Gott hienieden, aber wenigſtens *) Eine andere Anſpielung auf die bekannte Stelle Jerem. XXXI V. 16. Man hoͤrt eine laͤgliche Stimme und bitteres Wei⸗ nen auf der Hoͤhenz Rahel weinet uͤber ihre Kinder, und will ſich nicht troͤſten laſſen uͤber ihre Kinder, denn es iſt aus mit ihnen. I Theil. 18 274 hoffe ich, daß in einem beſſern Leben ich, mit allen den unſchuldigen, mir anvertrau⸗ ten Weſen, vor den himmliſchen Vater werde treten koͤnnen, und es wagen duͤrfen die erhabenen Worte zu wiederholen, die unſer goͤttlicher Meiſter ſelbſt von dem koͤ⸗ niglichen Propheten entlehnte:„Herr, die „du mir gegeben haſt, die habe ich be⸗ „wahrt, und iſt keines von ihnen ver⸗ lohren.*) „Ich ſchreibe Ihnen weitlaͤuſig, weil ich waͤhrend des Wetters mich nicht zweck⸗ maͤßiger zu beſchaͤftigen weiß, und daun werden Sie mir erlauben, ein wenig der Meinung unſerer armen Vicomteſſe zu ſeyn, welche, bei Gelegenheit meiner letzten Pre⸗ digt, wo ich fuͤrchtete ein wenig zu weit⸗ ,) Pſalm ꝛ08, Joh. VvuIu. 25 laͤufg geworden zu ſeyn, mir mit ſoviel Guͤte ſagte,„daß die Spartaner eine zu gedraͤngte Art ſich auszudruͤcken haͤtten, um bei ihnen an ein gutes Herz glauben zu koͤnnen.“ „Leben eie woht meine theure und verehrungswuͤrdige Madame Allote, und rechnen Sie baldigſt auf mich. Ich wer⸗ de im Vorbeigehen die beiden guten Wei⸗ ber mit bringen, die woͤchentlich die Hei⸗ lige*) ankleiden, was, wie ſie wohl wiſ⸗ —=) Vir vermuthen, daß der gute Rektor hier die alte Frau im Sinne hat, welche vollkommen erhalten ſechzig Jahre nach ihrem Tode, dem Zeugniſſe zweier Greiſe zu Folge, die ſie in ihrer Jugend als Bettlerin vor der Kirchthuͤre gekannt hatten, auf dem Kirchhofe zu Helvin wieder aus⸗ gegraben wurde. Statt dieſes Ereigniß einer na⸗ tuͤrlichen Urſache zu zuſchreiben, ſahen die Land⸗ leute des Belirks in dieſen Umſtande einen of⸗ ſenbaren Beweis ihrer Heiligkeit und brachten 18*† NG ſen, eben nicht nach meinem Geſchmack iſt. Ich bitte Gott, den Troͤſter der Betruͤb⸗ ten, aus dem Grund meines Herzens, ſei⸗ ne reichſten Segnungen uͤber das Schloß 8 4 14 ihren Koͤrper mit frommer Ehrfurcht in das Re⸗ liquienbehaͤltniß. Alle Sonnabende Abends war⸗ fen die Baͤuerinnen aus der Nachbarſchaft, Han⸗ den, Leibchen, Schuͤrzen und Röcke durch die ei⸗ ſernen Staͤbe jenes Behaͤltniſſes hinein, um die Heilige darein zu kleiden, und woͤchentlich unter⸗ zogen ſich auch ins Geheim zwei bejahrte Frauen dieſem Geſchaͤfte. Vergehens bemuͤhete ſich im Jahre 1801 Herr von Panſemont, Biſchoff von Morbihan, dieſen Gebrauch abzuſchaffen, welchen man, als er ſeinen biſchoͤfflichen Sitz einnahm, wieder einfuͤhrte, nachdem man die Heilige, waͤhrend der ſturmiſchen Zeiten der Revolution, ſorg⸗ fältig verſteckt gehalten hatte: er mußte dieſe Wir⸗ kung einer wenig aufgeklärten Froͤmmigkeit dul⸗ den. Sie beſteht noch jetzt. Die Toilette der Heiligen wird noch wie vor beſorgt, und alle Monate wird ihre uͤberfluſſige Garderobe zum Vortheil der Kirche, auf deren Gottesacker der mit ſeinem vertrockneten Fleiſche annoch bekleidete Leichnam gefunden worden iſt, oͤffentlich an die Meiſtbietenden verkauft. 82 martün 277 Helvin zu verbreiten! Ich bin Ihretwe⸗ gen ein wenig ruhiger, ſeitdem ich von einem Knaben aus dem Pachthofe erfahren habe, daß Sie einen reiſenden Geiſtlichen gaſtfreundlich aufgenommen haben. 1 6 ſSceny Prieſter. Herr Dermot hatte Anfangs der Vor⸗ leſerin aufmerkſam zugehoͤrt. Er ſtand neben Madame Allote, die er um einen ganzen Kopf an Groͤße uͤbertraf; faſt un⸗ willkuͤrlich hatte er mit ſeinen Blicken die Zeilen verfolgt, die ſie laut vorlas, er war ihr ſogar vorgeeilt, aber von der Stelle an, durch die er erfuhr, daß der Rector in einem Bauernhauſe zuruͤckgehal⸗ ten, vor Verlauf von einigen Stunden nicht im Schloſſe eintreffen wuͤrde, hoͤrte er nur noch unverſtaͤndliche Taͤne. Uabe⸗ weglich in derſelben Stellung, ſeinen Blick 278 unveraͤndert nach der gleichen Richtung gekehrt, ſchien er zu leſen, zu hoͤren, waͤhrend alles in einem Nebel vor ſeinen Augen zerfloß, ein verwirrter Schall ſein Ohr traf, ohne einen deutlichen Begriff in ſeiner Seele zuruͤckzulaſſen. Dieſe Befangenheit ging ſo weit, daß ſie ſeiner Phyſiognomie einen unheimlichen Zug auf⸗ druͤckte. Haͤtte in dieſem Augenblicke die Freundin der Frau von Beaumanoir ſich umgeſehn, ſie wuͤrde vor der Blaͤſſe des Geiſtlichen erſchrocken ſeyn, aber der Schluß der Vorleſung machte dieſer Geiſtesabwe⸗ ſenheit ein Ende, und Herr Dermot, wel⸗ cher in dem Augenblicke, wo ſeine Wirthin zu leſen aufhoͤrte, wieder zu ſich ſelber kam und deſſen Ohr die letzten Worte des Briefs, wo von ihm ſelbſt die Rede war, mechaniſch aufgefaßt hatte, ſchien, nach der Art, mit welcher er fortfuhr in * 3 279 den Sinn derfelben zu ſprechen, dem gan⸗ zen Brief eine ununterbrochene Aufmert⸗ ſamkeit gewidmet zu;haben. „ch ſehe ſcon, fagte er, der Rector weiß, daß ich hier bin; und da er nicht kommen kann, ſo werde ich wohl ohne ihn die Nachtwache uͤbernehmen muͤſſen. Ich werde es thun, Madame, ich werde es thun.“ „Wäͤhrend dieſe wenigen Worte auf den vorherrſchenden Gedanken ſchließen ließen, der einige Minuten lang ſeine gan⸗ zen Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hatte, druͤckte die Modulation des To⸗ nes, in welchem ſie ſeinen Lippen ent⸗ ſchluͤpften, jene Ergebung aus, mit der ſich unſer Wille einer unabaͤnderlichen Notbwendigkeit fuͤgt. Madame Allote glaubte, daß der Reiſende, der einen Con⸗ 280 frater, deſſen Bekanntſchaft er gern gemacht haͤtte, vergeblich erwartet hatte, bloß ſein Mißbehagen uͤber die Vereitlung ſeines Wunſches zu erkennen geben wolle, und um in ſeine Ideen einzugehen. bejeugte ſie ihm deshalb ihr Bedauern, nicht ohne auf eine verbindliche Weiſe dieſen neuen Grund herauszuheben, ſich wegen ſeiner Anweſenheit Glůͤck zu wuͤnſchen. Sie wendete ſich nun zu dem jungen Pvon, der ſein langes ſchwarzes, von Waſſer triefendes Haar ausrang, und ſich bemuühete es unter ſeine Muͤtze zu zwin⸗ gen, mit der er dieſelbe Operation be⸗ reits vorgenommen hatte; ſie machte ſich ſelbſt Vorwuͤrfe, den ohne Zweifel von der naͤchtlichen Wanderung ermuͤdeten Kna⸗ ben ſo lange vergeſſen zu haben. Auf ein Zeichen der Ausgeberin naͤherte ſich 281 Mariane und empfing ihre leiſen Auftraͤge, die ſie mit ungewoͤhnlichem Eifer vollzog, denn ſie flog augenblicklich aus dem Zim⸗ mer, und kam eben ſo ſchnell mit einem Handkoͤrbchen voll Lebensmittel zuräͤck, aus welchem zwei verſiegelte Flaſchenhaͤlſe her⸗ vorragten, und die Wohlthaͤtig keit der Be⸗ wohner Helvins verriethen, die fuͤr die armen Krauken der Nachbarſchaft nicht blos geringen Wein beſtimmten. Das junge Kammermaͤdchen hielt überdies eine ſchon angebrochene Flaſche in der Hand, mit deren Inhalt es die Kehle des Bo⸗ then anzufriſchen Sorge trug. Da dieſer jedes andere feſte Nahrungsmittel aus⸗ ſchlug, ſo ſagte Madame Allote in der den Landleuten der Umgegend von Vannes eigenthuͤmlichen Bauernſprache zu ihm: „Jetzt YPvon ſprich dein Gebet und dann kehre zu deinen Aeltern zuruͤck. Ich werde morgen dem Fleiſcher Morvan und dem Becker des Flecken ihretwegen die noͤthigen Auftraͤge ertheilen.“* „Ich hoffe“ fuͤgte Herr Dermot auf gut franzoͤſiſch hinzu,„daß Madame Allote mir erlauben wird, ihrer Freigebigkeit ei⸗ nen kleinen Beitrag an Geld hinzuzufägen, denn in dieſer beſten Welt wird die Ge⸗ kegendeie Gutes zu thun nie ſo gemein werden, daß ſich nicht zwei Perſouen zu einem wohlthaͤtigen 3wece vereinigen dürften. 7 Nun ſchlug der ehrwuͤrdige Geiſtliche einen Theil ſeines Prieſterrocks zuruͤck, und zog aus ſeiner Weſtentaſche einen langen gruͤnſeidenen Geldbeutel. Auf dem einen Ende ſchimmerte Gold durch die Maſchen, die andere Seite enthielt Sil⸗ bergeld: er ließ den Ring, der ſie zuſam⸗ 283 menzog, durch ſeine Finger laufen, nahm zwei Laubthaler heraus, und hielt ſie lange Zeit zwiſchen Vvons Daumen und Zeige⸗ ſinger, ohne daß dieſem nur der Gedanke einkam, ſte durch die geringſte Bewegung ſeiner Finger feſt zu halten. Der junge Burſche traute ſeinen Augen nicht, zum erſten Male hatte er eine ſolche Summe in den Haͤnden gehabt. Vielleicht hatten ſich ſelbſt in den Haͤnden ſeines Vaters zwei Laubthaler nicht wieder zu gleicher Zeit befunden, ſeitdem dieſer brave Mann vor ſeiner Verheirathung, von ſeinem muͤhſam erſparten Tagelohn, in einer Ver⸗ ſteigerung fuͤr ſechs und dreißig Franken eine hoͤlzerne Bettſtelle, einen Klappen⸗ tiſch und eine Lade gekauft hatte, das einzige Hausgeraͤth der aͤrmlichen Woh⸗ nung, die er noch uͤberdies nur als Mieths⸗ mann und unter der Obliegenheit inne 284 hatte, waͤhrend der ganzen Ernte Frohn⸗ dienſte zu leiſten. Was jetzt Pvon auf ſeiner Hand liegen ſah, war, den Tag zu ſechs Sols angeſchlagen„ richtig be⸗ rechnet, das vierzigtaͤgige, oder nach Ab⸗ zug der Feſtrage, beinahe zweimonatliche Handlohn eines 2 tuͤchtigen Feldarbeiters. Er ſchien, nach ſeiner Stellung zu urthei⸗ len, erſt noch die Beſtaͤtigung ſeines Be⸗ ſitzſtandes zu erwarten, ſo ſehe erregte ein ſolches Geſchenk ſein Erſtannen! Er hob abwechſeind ſeine Augen von den bei⸗ den Laubthalern nach Herrn Dermot em⸗ por, gleichſam um ihn wiederholt zu fra⸗ gen, und in der Beſorgniß eines Verſe⸗ hens, von der ſeine einfache Redlichkeit keinen Vortheil haͤtte ziehen mogen; er ſprach kein Wort, aber feine Lippen zit⸗ terten, beinahe unvermoͤgend einen Dant zu ſtammeln. Madame Allote hielt end⸗ 285 lich für Baa dieſe ſtumme Serne zu en⸗ digen. Wetit ünn: 1 58 8366 8„Dvon,“ ſagte ſte,„bedanke 4 bei dem Herrn, ſtecke deine Thaler in deine Taſche und eile dein; de profundis*) zu beten, um dann zu den deinigen zu⸗ ruͤck zu kehren. Sage Herrn Leny, daß ich mich auf ſein Verſprechen verlaſſe; trot deiner geſunden Beine wirſt du, bei dem abſcheulichen Wetter, wohl unter ei⸗ ner Stunde nicht nach Hauſe kommen kön. nen„“ außden der junge Menſch ſeine Tha⸗ ler in einen kleinen, ledernen Beutel, der bereits einige kleine Kupfermuͤnze ent⸗ hielt, geſteckt, und ihn wieder in ſeinen — — „ Das Gebet fur die Verſtorbenen. Anm. des Ueberſ. 286 hanfenen Rock von gruͤnlicher Farbe,(denn der Hanf dazu war beinahe ungeroͤſtet) verwahrt hatte, ließ er ſich folgender Ma⸗ zen vernehmen: 1 Ine „da der Herr wiſchoff,.(denn nur ein Viſchoff, oder einer, der Biſchoff wer⸗ den ſoll, kann ſo freigebig ſeyn) es ein⸗ mal ſo haben will, ſo will ich das Geld behalten, und alle Tage, die uns der liebe Gott ſchenken wird, wollen wir fuͤr ihn beten, wie wir es fuͤr die guten Damen im Schloſſe Helvin thun. Ich weiß ſchou im Voraus, daß dies auch der Wille mei⸗ ner Aeltern ſeyn wird. Und wegen der Zeit zum Ruͤckwege, ſo wuͤrde Pvon, mit allen den guten Nachrichten, deren Ueber⸗ bringer er iſt, ſehr ungluͤcklich ſeyn, wenn er nicht wuͤßte, daß ſeit dem vorjaͤhrigen b —— — Kaͤmmerchenſpiel, er im Laufen ſeinen Meiſter ſucht. 35 „Gott Lob,“ fuͤgte er hinzu, indem er niederkniete und ſeine braune Mütze unter den Arm nahm,„Niemand wird weniger als Yvon vergeſſen, fuͤr dit liebe Fraͤulein Klementine zu beten, die wohl das deſte Geſchoͤpf im ganzen Kirchſpiel iſt; aber ſo dumm wird er gewis nicht ſeyn„ das de profundis zu beten. „Das Geld, das du erhalten haſt, hat dir den Kopf verdreht Pvon,“ ver⸗ ſetzte Madame Allote,„du ſche inſt nicht daran zu denken, daß du Fraͤulein von Beaumanoir, die vor noch nicht vierzehn Tagen deiner kleinen Schweſter, Kleid⸗ chen und Waͤſche, die ſie mit eigner Hand verfertigt hatte, ſelbſt uͤberbrachte, heute zum letzten Male ſiehſt. T2r5n 288 „Dpvon.— Ich weiß, was ich thue, Madame Allote; und ob mir gleich die zwei Laubthaler viele Freude machen, ſo machen ſi ſie mich doch nicht verwirrt, denn hier iſt etwas, was mir mehr am Herzen liegt als das Geld, und ich werde mich wahr⸗ haftig huͤten, das de profundis zu beten. Mein Pater noster und mein Ave Maria fuͤr Fräͤulein Klementine„ ja, ſo oft ſi ſie wol⸗ len. Aber, für jetzt noch, Gott Lob, wird dies mein einziges Gebet ſeyn, denn wie ſie ſelbſt wiſſen, hat ſie Gott noch nicht in fein himmliſches Freudenreich ab⸗ gerufen. Warum koͤnnte ſie denn nicht wieder geſund werden? Sie ſieht freilich ein wenig blaß aus, aber hat denn mei⸗ ne Mutter nach ihrer letzten Niederkunft nicht auch alle Farbe verlohren?““ Ppvon Calvez Irrthum war leicht er⸗ klärbar. Durch den Anzug, der den Tod 289 mit dem Scheine des regſten Lebens uͤberkleidete, getaͤuſcht, fing der junge Menſch an, mit ſchnell bewegten Lippen, aber doch leiſe ſein Pater und Ave herzu⸗ beten. Seine lebhaften und glaͤnzenden Augen, aus denen von Zeit zu Zeit gro⸗ ße Thraͤnentropfen rollten, die jedoch kei⸗ nesweges ein Schmerzgefuͤhl auszupreſſen ſchien, zeigten deutlich an, daß der brave Junge ſich heimlich Gluͤck wuͤnſchte, ſei⸗ nen Altern die frohe Nachricht uͤberbringen zu koͤnnen, daß ihre junge Wohlthaͤterin, den Ungluͤcklichen, deren Stuͤtze ſie war, noch nicht entriſſen ſei. „Reißen Sie wenigſtens den armen Bauerknaben aus dem Jrrthum,“ ſagte Herr Dermot, indem er ſich zu der Aus⸗ geberin wandte, welcher dieſer Auftritt unausſprechlich ſchmerzhaft war. I. Theil. 19 290 „Sei nicht unverſtaͤndig Yvon, ſagte Madame Allote mit erſtickter Stimme, be⸗ lte fuͤr die Ruhe der Seele des Fraͤuleins von Beaumanoir, welches Gott von dieſer Welt abgerufen„ und das man blos der Mutter zu gefallen ſo angekleidet hat. 49 2 131 vypon, bei dem die erſten Eindruͤcke noch immer vorherſchend waren, antwor⸗ tete mit Unbefangenheit Sthi 9„Ich denke immer, liebe Madame Allote, wir machen zu viel Geraͤuſch da das liebe Fraͤuleiu ſchlaͤft, und es kommt mir faſt ſelbſt ſo vor, als ob ihr Schlaf nicht grade der natuͤrlichſte iſt, da ſie von un⸗ ſerm Geraͤuſche nicht erwacht. aber, wenn wir unſere liebe Frau von Auray und den heiligen Vicent Ferrier anrufen...“ aan IaSa h. rfauan 88 0¾ 1*8 291 Jetzt erhob Herr Dermot ſeine ernſte Stimme, und ſagte zu ihm im feierli⸗ chen Tone: „Ja, junger Menſch, ſie ſchlaͤft, ſie genießt der Nuhe der Seligen, die be⸗ reits Gottes Angeſicht ſchauen.”“ „Wenn Sie es denn ſo befehlen, er⸗ wiederte Yvon Calvez, weniger durch den Inhalt der Rede als durch den imponi⸗ renden Ton des Geiſtlichen erſchreckt, ſo will ich das Gebet fuͤr die Verſtorbene ſprechen, aber es ſoll mir gewiß in mei⸗ nem Leben nicht wieder begegnen, daß ich es verrichte ohne daß ich den Prieſter mit der Stola vor mir ſehe, und ohne Kerze, ohne Kreuz, ſelbſt ohne ein wenig Weih⸗ waſſer mit dem Pſopbuͤſchel, wenn es auch nur in einer Fayeeneſchuͤſſel waͤre. Und doch koͤnnte ich den ſilbernen Weihkeſſel 19* mit dem neuen Weihwedel des Kirchſpiels vor mir ſehen, ohne daß ich es wagte, das liebe Fraͤulein, in dieſem Zuſtande nur mit einem Tropfen zu beſprengen, denn ſie iſt heut wahrlich huͤbſcher als ſie es am Feſte des Schutzheiligen war. Aus allem ergab ſich, daß der Sohn des Tageloͤhners Calvez, trotz dem, daß er ſein de profundis herbetete, in ſeinem Unglauben beharrte. Als er ſein Gebet geendiget hatte, griff er mit trauriger Miene nach dem zu ſeiuem Fuͤßen ſtehen⸗ den Koͤrbchen, haͤngte es an ſeinen linken Arm, und, nach einem Abſchiedsgruß, bei welchem ſein erſtaunter, faſt koͤnnte man ſagen, forſchender Blick eine gewiſſe Un⸗ ruhe uͤber den geſunden Menſchenverſtand der Bewohner von Helvin zu verrathen ſchien, folgte er, mit einem bedeutungs⸗ 293 vollen Kopfſchuͤtteln Marianens Schritten. Dieſe, die ſſich ſehr nach einiger Ruhe ſehnte, eilte vor Pvon her, um ihm das Pfoͤrtchen neben den Schloßthore zu oͤffnen. Sie hatten ſchon die lange Gallerie zuruͤckgelegt, und die helle Stimme des jungen Menſchen ertoͤnte, am Fuß der Treppe, wo er, mit dem Anziehen ſeiner Holzſchue beſchaͤftigt, die er an der un⸗ terſten Stufe hatte ſtehen laſſen, mit der Enkelin des Gaͤrtners Philipp uͤber den Zuſtand des Fraͤuleins von Beaumanoir ſich noch lebhaft zu ſtreiten ſchien, als Herr Dermot im Trauerzimmer das Stil⸗ ſchweigen brach, das ſeit ihrer Entfernung eingetreten war. Gott ſoll mich bewahren, ſagte er, die Wunde wieder aufzureißen, in die ich ſo ſehnlichſt wuͤnſchte, den Balſam der 294 Religion gießen zu koͤnnen! aber, Sie ſe⸗ hen, Madame, dieſer ſchlichte, einfache Knabe, hat Ihnen eine ernſtere Lekzion gegeben, als die meinige war. Er ſuchte vergebens das heilſame Waſſer, das uns bei unſerer Geburt abwaͤſcht, und zuletzt unſer Leichentuch reiuigt, und noch ſo vie⸗ les andere, was er nicht fand. Seine Blicke haben mich ſelbſt nach der Trauer⸗ bekleidung meines Standes gefragt. Sein Erſtaunen konnte mich nicht befremden. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß hier das Le⸗ ben, das nach einem unwiderruflichen Ge⸗ ſetze, verloſchen iſt, unſern Blicken ſeinen ganzen truͤgeriſchen Schein zuriͤckgelaſſen hat. Ich weiß wohl, daß der Menſch ſich huͤten ſoll, durch eine ſtrafbare und ſchaͤndliche Lebensweiſe, die das edelſte Geſchoͤpf der Erde zu einem wandelnden, verweſenden Leichname macht, ſich die Far⸗ 295 be des Todes zu geben; aber eben ſo wenig ſoll der Tod den Schein des Le⸗ bens annehmen, und die geheiligten Rechte deſſelben uſurpiren, in dem er, waͤr's auch nur fuͤr Augenblicke, Bande wieder anzuknuͤpfen ſucht, die auf immer getrennt ſind. „Madame, fuhr der Geiſtliche in min⸗ der ſtarkem Tone fort, was war die Ab⸗ ſicht der Frau Vicomteſſe von Beauma⸗ noir, was ſuchte ſie darunter, als ihre ſich verirrende Zaͤrtlichkeit, das junge Maͤd⸗ chen auf dieß Bette legen ließ, das mit einem Todenlager durchaus keine Aehnlich⸗ keit hat?“(Hier wandten ſich beider Blicke nach dem Bette.) Sie wiſſen ſo gut wie ich was ſie wollte; die Gegenwart ih⸗ der Tochter laͤnger genießen als die Na⸗ tur es erlaubt, ſie ſich noch lebend den⸗ 296 ken, da ihre letzte Stunde bereits geſchla⸗ gen hatte, folglich die Gewalt des Hoͤch⸗ ſten uͤber das Werk ſeiner Haͤnde in Zwei⸗ fel ziehen, durch Taͤuſchung ſich begluͤcken, ohne Ihn, gegen ſeinen Willen, da er den lebendigen Athem ſchon von ihr ge⸗ nommen hat, mit einem Worte, den Be⸗ ſitz desjenigen behaupten, Ihm das ſtrei⸗ tig machen, was Er ſelbſt in Anſpruch ge⸗ nommen hat,— das wollte ſie. „Ich habe nichts mehr zu fagen, Na⸗ dame Allote; der arme Knabe iſt die Ur⸗ ſache, daß ich auf dieſen traurigen Ge⸗ genſtand nochmals zuruͤckgekommen bin. Wiſſen Sie wohl, daß wir ihn nicht üͤber⸗ zeugt haben? Er hat alle ſeine fruͤhern Vorſtellungen noch im Kopfe, ſo iſt er fortgegangen, und ſie köoͤnnen ſich nur auf die erbaulichen Erzaͤhlungen, die er ver⸗ 1 297 breiten wird, gefaßt machen, denn ſeinen Urtheilen fehlt es nicht an einem gewiſſen Scharfſinn." 21. Nach einigen gegenſeitigen Bemer⸗ kung trennten ſich der Reiſende und die trauernde Madame Allote; vorher naͤherte ſich jedoch dieſe Klementinen, hob mit ei⸗ ner Hand den Schleier in die Hoͤhe, den Herr Dermot vor Kurzem herabgelaſſen hatte, und indem ſie ſich mit der andern auf das Kopftiſſen ſtütte, waͤhrend ihre Blicke auf den ſchoͤnen Zuͤgen, die im Kurzen nur noch in dem Andenken einiger Freunde fortleben ſollten, wehmuͤthig ruh⸗ ten, entſtroͤmten ihrem gepreßten Herzen folgende, ſchmerzliche Abſchiedsworte: „Gute Nacht, du liebenswuͤrdigſtes und geliebteſtes aller Weſen, du haſt uns am Morgen deines Lebens verlaſſen, aber 298 meine traurigen Vorahnungen ſagen mir, daß du uns nur die Bahn gebrochen haſt. Schlummre in Frieden in deiner ſtillen Ruheſtaͤtte, theure Klemeutine, lange wirſt du nicht alein bleiben!.. Du weißt es a, das Boüiauet von Helvin kann keine Teennung ertragen! J. J Hierauf näͤherte Madame⸗ Alloe ihren Mund den blaſſ ippen der holden J zung⸗ frau⸗ duückte zwei Kuͤſſe darauf, ließ den Sleiet fauft erngteiten, und entfernte ſich aus dem Zimmer mit thraͤneuvollen NI Augen. Tief bewegt von dieſer, der Tugend uud Schänheit dargebrach ten, ein⸗ fachen un 8d ruͤhrenden Huldizung, beglei⸗ tete der Geiſtliche die Freundin der Vi⸗ comteſſe bis au die Thuͤre, wuͤnſchte ihr mit Herzlichkeit gute Nacht, und ver⸗. ſchloß hinter ihr das Zimmer. Ent — ———— Siebentes. Kapirel. Das Todtenamt.— Fortdauern⸗ des Ungewitter.— Daukbarkeit. —-— Das Ungewitter ſchien nur die Entfer. nung von Madame Allote erwartet zu ha⸗ ben, um ſeine Heftigkeit zu verdoppeln. Nach einem kurzen Stillſtand ſing der Donner aufs Neue zu rollen an, daß es durch die Gallerien der Burg Helvin furcht⸗ bar wiederhallte. Sein Getoͤſe vermiſchte ſich mit dem Geheul des Windes in ver⸗ 300 wirrten Toͤnen, denen, bei einem Meer⸗ ſturme aͤhnlich. Das Zimmer in welchem ſich Herr Dermot befand, war wohl ver⸗ ſchloſſen, nur ſelten warf der Blitz ſeinen blaſſen Schein durch die Spalten der Wetterdaͤcher, und die doppelten Vorhaͤnge der Feuſter. Der Seminariſt, deſſen See⸗ le ſich eine unerklaͤrbare Unruhe bemeiſtert hatte, die ihn wuͤnſchen ließ, daß die Stunden dieſer Nacht ihren Lauf beſchleu⸗ nigen moͤchten, ſetzte ſich unterdeſſen an eine Kommode, auf welche er, als er ſei⸗ ne Boͤrſe zog, ſein Ritual gelegt hatte. So ſaß er dem von zwei Kerzen erleuchte⸗ ten Kamine gegenuͤber, und auf dieſe Wei⸗ ſe befand ſich das Bette zu ſeiner Linken, deſſen Anblick unſer Reiſender ſonach ver⸗ mied. Ach er hatte genug geſehen, um ſich bei demſelben nicht zu verweilen. Die Urſache ſeiner Unruhe war nur zu 301 natuͤrlich. Ein einziger Blick hatte ihn ſogleich bemerken laſſen, daß Klementine, dieſer Gegenſtand ſo vieler Thraͤnen, von der Natur dieſelben Zuͤge, dieſelbe Ge⸗ ſichtsbildung erhalten harte, wie das weib⸗ liche Weſen, deſſen Reize ihn einſt feſ⸗ ſelten, und ſeinem Herzen, das, vielleicht minder reizbar als andre, aber in den Ge⸗ fuͤhlen die ſich ſeiner einmal bemaͤchtigt hatten, deſto heftiger war, das Gluͤck der Liebe hatte hoffen laſſen. Das, wofuͤr er ſich gefuͤrchtet, was er geflohen hatte, befand ſich jetzt nur zwei Schritte von ihm. Die vertrauten Mittheilungen der Dame Allote hatten es durch den Zauber der Tugend verſchoͤnert, und der Tod, der gewoͤhnlich alles was er beruͤhrt entſtellt, hatte hier einen Ausdruck, einen Zug von Güͤte zuruͤckgelaſſen, ganz geeignet die Täuſchung eher zu verlaͤngern, als ſie zu zerſtoͤren. Aus dieſer Aehnlichkeit ließen ſich nun alle ſeit einer halben Stunde von Herrn Dermot geaͤußerten Anſichten alle Handlungen deſſelben, ſeine ſtrengen ſo wie ſeine abgebrochenen Bemerkungen hin⸗ laͤnglich erklaͤren. Vielleicht iſt hier der Ort der Demoiſelle Morin zu erwaͤhnen, die ſich in Rennes, waͤhrend eines langen Zeitraums, durch ihren Geiſt und ihre Schoͤnheit eine Art von Ruf erworben, und trotz des Schattens der ihre Geburt umhuͤllte, ein allgemeines Uebergewicht zu erringen gewußt hatte. Das Schickſal dieſer Dame iſt ganz eigen. Geboren vor der kirchlichen Verbindung ihrer Ael⸗ tern, die ſie nie foͤrmlich anerkennen woll⸗ ten) vereinigte ſie um ſich den glaͤndzenſten 4 21 A , De 85 91) die rau Marzuiſe von Salvaire. Manche Erinnerungen aus jener Zeit, werden ſich an die unſrigen auſchließen. Gewiß 303 Zirkel von Bretaßne. Der hoͤchſte Adel, die oberſten Behoͤrden rechneten es ſich zur Ehre in demſelben Zutritt zu haben. Mit dem anſtaͤndigen Tone der darinnen herrſchte bekannt, erlaubten ſie ihren Soͤhnen daran Theil zu nehmen. Es konnte nicht fehlen, daß Demoiſelle Mo⸗ rin, bei ſehr vieler Liebenswuͤrdigkeir mehr als ein Maͤnnerherz feſſelte. Auch Herr Dermot fuͤhlte die Macht ihrer Reize, ach zu feinem Ungluͤcke, er machte auf einen ungetheilten Beſitz, den einzigen welcher wahre Liebe gnuͤgen kann, Anſpruch, Demoiſelle Morin konnte dieſer Forde⸗ rung nicht entſprechen. Auf einem groͤ⸗ ern S hadtnhe wuͤrde ſe eine aninoni 4 gibt es noch viele Bewohner von Bretagne die Demoiſelle Morin gekannt haben, uͤbrigens war der Zeitraum in welchen dieſe Geſchichtt fällt, die Epoche ihres hoͤchſten Glanzes. 304 mit allen ihren Reizen, mit allen ihren Fehlern, mit allen ihren Tugenden gewe⸗ ſen ſeyn. Auf ſeinem Stuhle unbeweglich, er⸗ griff jetzt unſer Wanderer ſein Gebetbuch. Er ſchlug die von ihm bezeichneten Stel⸗ len auf. Er laß mit lauter Stimme die Worte des koͤniglichen Sohnes Iſai's und die ruͤhrenden Klagen des von den Schlaͤ⸗ gen des Ungluͤcks hart getroffenen arabi⸗ ſchen Scheicks.*) Zuweilen folgten ſeine Gedanken, den Gedanken des Pſalmiſten, oͤffters noch bezog er ſie auf ſeine eigne Lage, und,(was er ſich nicht verheimli⸗ chen konnte) ſtatt ſein frommes Gebet auf das holde Geſchoͤpf anzuwenden, an deſſen Seite er es ſprach, wurde es, ſo „ Hiob's. Anm. des Ueberſ. 305 wie es uͤber ſeine Lippen ſtroͤmte, je an⸗ daͤchtiger er den Sinn deſſelben verfolgte, zum Jammerlaut ſeines eignen Schmerzes. Als er endlich an die Stelle des XXXVII Pfalms kam, wo es heiſt:„Herr vor dir iſt alle meine Begierde, und mein Seuf⸗ zer iſt dir nicht verborgen!*³) gerieth er in eine ſolche Bewegung, daß er nicht weiter leſen konnte. Sein Glaube wurde beinahe erſchuͤt⸗ tert, als ſein Mund die traurige und feierliche, an Gott gerichtete Frage Hiobs mit leiſer Stimme wiederholte, Kap. VII V. 17.„Was iſt der Menſch, daß du ihn groß achteſt, und bekuͤmmerſt dich mit *9 Dieſe und die folgenden Stellen, 3 nd ein getreuer Auszug aus dem Gebete fuͤr die Ver⸗ ſtorbenen, nach der Vorſchrift des katholiſchen Kultus. 1. Theil. 20 306 ihm? Du ſuchſt ihn taͤglich heim, und verſuchſt ihn alle Stunden. Warum thuſt du dich nicht von mir, und laͤſſeſt nicht ab bis ich meinen Speichel ſchlinge! Warum machſt du mich, daß ich auf dich ſtoße, und bin mir ſelbſt eine Laſt?“ Die bittere Klage des Idumaͤers, der ſeinem Schoͤpfer verwirft, ihn ins Leben gerufen zu haben, hallte in den Tiefen ſei⸗ ner Seele wieder, und der Wehrmuthsbe⸗ cher ergoß ſich uͤber ſeine Lippen, als ſei⸗ ne Augeu auf folgende Stelle trafen:— „Warum haſt du mich aus Mutterlei⸗ be kommen laſſen? Ach! daß ich waͤre um⸗ gekommen und mich nie kein Auge geſehen haͤtte!?“? „So waͤre ich, als, die nie geweſen ſind, von Mutterleibe zum Grabe gebracht.“ 307 „Will denn nicht ein Ende haben mein kurzes Leben, und von ir ſhs daß ich ein wenig erquicket wuͤrde*)! Die Worte der Trauer, welche die Kirche von dem Bewohner des Landes Uz) entlehnt hat, um in dem Jammer der Glaͤubigen einzuſtimmen, druͤckten die See⸗ le Dermot's zu Boden. Zu einer andern Zeit haͤtte er Muth aus ihnen geſchoͤpft, er wuͤrde ſich uͤberzeugt haben, daß in die⸗ ſem erhabenen Gedichte, das Elend dieſes Erdenlebens nur deshalb mit vieler Bered⸗ ») Hier weicht die Lutheriſche Ueberſetzung von der lateiniſchen der Vulgata, in welcher dieſe Gebete geſprochen werden, in etwas ab, dieſe lau⸗ tet ſo: Num quid non paueitas dierum meorum finietur brevi? Dimitte ergome, ut plangam baululum dolerem meum! Anm. des Ueh⸗ ) Hiob⸗ 8 Anmerk. des leb. 20* 308 ſamkeit dargeſtellt iſt, um den Ewigen zu beſchwoͤren, ihm ein Ziel zu ſetzen, um ihn als Schoͤpfer aufzufordern, dem aus ſeinen Haͤnden hervorgegangenen Weſen, dem Weſen, welchem er, nach ſeinem fruͤhern Plane, die Stelle neben ſeinen Engeln anweiſen wollte,*) ein beſſeres Loos zu Theil werden zu laſſen. Dieſer neue und originelle Beweis fuͤr den Glauben an ein zukuͤnftiges Leben hatte zu andern Zeiten, den gelehrten Seminariſten wohlthaͤtig an⸗ 1 —— *) Pfalm VIII. v. 6. Auch hier weicht Lu⸗ thers Ueberſetzung von der Vulgata ab. Luther uͤberſetzt:„Du wirſt ihn laſſen eine kleine Zeit „von Gott verlaſſen ſeyn, aber mit Ehre und „Schmuck wirſt du ihn kroͤnen.“ Ganz anders lautet dieſe Stelle nach der Vulgata: minuisti eum paulo minus ab angelis,'gloria honore coronasti eum, und dieſem Sinne naͤhert ſich auch Paulus wenn er Ebr. III v. 7. Die Wor⸗ ke Davids ſo anfuͤhrt:„Du haſt ihn eine kleine „Zeit der Engel mangeln laſſen, mit Preis und Ehre haſt du ihn gekroͤnet.“ Anm. des Uebr. 309 geſprochen; jetzt fand er nichts, als die Beſchwerden eines tief verwundeten Her⸗ zens und dem lauten Ausdruck ſeiner eig⸗ nen Leiden darinnen.. Troͤſtlicher entſprachen dem gegenwaͤrti⸗ gen Beduͤrfniſſe ſeines Innern, die, ob⸗ gleich ſtille Trauer athmenden, Worte des koͤniglichen Dichters. Die darinnen herr⸗ ſchende, Gott ergebene Schwermuth hatte fuͤr ihn etwas Salbungsvolleres und Ein⸗ dringlicheres; mit ſanfterer Ruͤhrung wie⸗ derholte er die Worte Davids in XXIII Pſalm. „Der Herr iſt mein Hirte, mir wird nnichts mangeln. Er weidet mich auf ei⸗ „ner gruͤnen Aue, und fuͤhret mich zum „friſchen Waſſer. Er erquicket meine „„Seele.“ 310 Folgender Ausruf des heiligen Schrift⸗ ſtellrs beruhigte ſein bewegtes Gemuͤth noch mehr. „Nach dir Herr verlanget mich.“ „Mein Gott, ich hoffe auf dich. Laß „mich nicht zu Schanden werden!“—— „Der Herr iſt gut und fromm, darum un⸗ „terweiſet er die Suͤnder auf dem We⸗ „ge:—— Die Wege des Herzen ſind neitel Guͤte und Wahrheit, denen die ſei⸗ „nen Bund und Zeugniß halten*) 3 Und ſein Vertrauen wuchs, als er von denſelben Empfindungen des koͤnigli⸗ chen Propheten beſeelt, ausrief: „Der Herr iſt mein Licht und mein „Heil, vor wem ſollt' ich mich fuͤrchten?“ —— *) Pfalm XXV. 311 „Eins bitte ich vom Herrn, das haͤtte „ich gern, daß ich im Hauſe des Herrn „bleiben moͤge mein Lebelang, zu ſchauen „die ſchoͤnen Gottesdienſte des Herrn, und „ſeinen Tempel zu beſuchen.“*) Das Leſen dieſer troͤſtlichen mit ſeiner Lage in ſolchen Einklang ſtehenden Stellen hatte ihn erquickt, aber ſeine Kraft ermat⸗ tete aufs Neue bei folgender Aeußerung des Schmerzensmannes. „Willſt du wider ein fliegend Blatt „ſo ernſt ſeyn, und einen duͤrren Halm „verfolgen. Denn du ſchreibeſt mir an „Betruͤbniß, und willſt mich umbringen, „um der Suͤnden Willen meiner Jugend. „Du haſt meinen Fuß in Stock gelegt, „und haſt Acht auf alle meine Pfade, und *) Pfalm XXVII. 312 „ſiehſt auf die Fußtapfen meiner Fuͤße, „der ich doch wie ein faulendes Aas ver⸗ „gehe, und wie ein Kleid das die Motten „freſſen.(*) Indeſſen folgte den peinlichen, Ein⸗ druͤcken, die dieſes ſtarke Gemaͤlde zuruͤck⸗ ließ, eine Ruͤhrung die nichts Schmerzli⸗ ches hatte, als er mit gedaͤmpfter Stim⸗ me folgende Worte deſſelben Verfaſſer ablaß: „Der denſch, vom Weibe geboren, lebet kurze Zeit und iſt voll Unruhe: ge⸗ het auf, wie eine Blume, und fleucht wie ein Schatten, und bleibet nicht.**). Dieſes, von den angenehmſten und unſchuldigſten Gegenſtand, den die Natur *) Hiob Kap. XIII. **) Ebend. Kap. XIV. 313 darzubieten hat, hergenommene Bild, fuͤhr⸗ te die Ideen des Hern Dermot auf das liebliche Maͤdchen zuruͤck, deſſen Huͤlle vor ihm ruhete. Er hatte bis jetzt vermie⸗ den, ſeine Augen nach dieſer Seite hin⸗ zukehren, jetzt blickte er hin, er fuͤhlte ſich ſeltſam bewegt, er verſuchte ſeinen Blick abzuwenden, ach nur zu bald wurde er durch einen unerklaͤrbaren Zauber wieder auf denſelben Gegenſtand zuruͤckgezogen. Es war nicht der herrliche, zwar lebloſe aber darum nicht minder durch beſcheidene Reize verſchoͤnerte weibliche Koͤrper, der ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, oder ſie vielmehr feſſelte; es waren die zwei wonnevollſten Jahre ſeines Lebens, es waren die reinſten Genuͤſſe ſeines Herzens und ſeines Geiſtes, die ihm in ihrer gan⸗ zen Seeligkeit vorſchwebten. Alle Fi⸗ bern ſeines Herzens geriethen in Bewe⸗ 314 gung; eine verhaͤngnißvolle Aehnlichkeit hatten ſie erweckt, ihre Schwingungen hallten durch ſein Inneres in ſuͤßen Ac⸗ orden, und obgleich ihre Harmonien dem Trauergeſang des Verbannten glichen, der von dem Gipfel eines Huͤgels, zufaͤlliger Weiſe, das Land ſeiner Vaͤter erblickte, ſo erfuͤllten ſie doch das Ohr des Herrn Der⸗ mot mit ſanfter Freude. Klementine uͤbertraf bei ihren Lebzei⸗ den Demoiſelle Morin, an Eigenſchaften des Gemuͤths, und noch im Tode behaup⸗ tete ſie uͤber dieſe beruͤhmte Schoͤnheit den Vorzug, den der Ausdruck von Her⸗ zensguͤte uͤber die edlen regelmaͤßig ſchoͤ⸗ nen Zuͤge eines blaſſen Geſichts verbreitet. Das Bild des Fraͤuleins von Beau⸗ manoir von Madame Allote's Haͤnden, mit Kunſt und Liebe gemalt, hing, wie wir ——ℳ—— —— 315 ſchon orwaͤhnten, zwiſchen dem Bette der Vicomteſſe und dem Kamine. Von die⸗ ſem Bilde ſenkten ſich die Augen des Se⸗ minariſten auf das Original, das die Hand des Todes in Kurzem aufloͤßen ſollte, und die ihm bis jetzt nichts als das In⸗ carnat der Wangen zu entziehen vermocht hatte.— Noch immey war die lebloſe Klementine ſchoͤner als ihr Bild. Dieſe Be⸗ merkung erfuͤllten den Geiſtlichen mit ei⸗ nem Erſtaunen, in welches ſich eine Art von Unmuth miſchte.„Wem trrotzt man hier,„murmelt er zwiſchen ſeinen Lippen“ Gott, der Kunſt, oder der Natur? Koͤnnen ſterbliche, der Aufloͤſung nahe Reize es wa⸗ gen, mit einem ſolchen Uebermuthe, uͤber den Pinſel, ja ſelbſt uͤber das Leben zu tri⸗ umphiren, oder waͤre ich, ohne es zu ah⸗ nen, unter der Macht einer furchtbaren Taͤuſchung befangen? 316 Herr Dermot, der ſich ſelbſt von dem was er beobachtet hatte, noch genauere Re⸗ chenſchaft geben wollte, machte in der That die Bemerkung, daß das mit einer Spitzen⸗ ſtickerei bedeckte Geſicht des Fraͤuleins von Beaumanoir durch dieſes Transparent be⸗ guͤnſtigt, ſich in einem halben und ſo ſchwa⸗ chen Lichte zeige, daß wahrſcheinlich die ein⸗ zelnen Zerſtoͤrungen in den Zuͤgen deſſelben dadurch verſteckt wuͤrden, und das Ganze ſich noch immer in einer Art von Einklang erhalten koͤnne. Entſchloſſen dieſe ihn em⸗ poͤrende Taͤuſchung zu vernichten, dem durch das Halbdunkel bewirkten optiſchen Betrug ein Ende zu machen, und(denn er fuͤhlte, daß es die hoͤchſte Zeit ſei) endlich ſeiner felbſt wieder maͤchtig zu werden, legt nun der Diener des Evangeliums ſein Buch aufgeſchlagen, die Blaͤtter zu unterſt, auf die Marmorplatte der Kommode, ſteht auf, — 317 naͤhert ſich dem Bette mit feſtem Schritte, ergreift den durchſichtigen Schleier und wirft ihn uͤber Klementinens Stirn mit einer Geſchwindigkeit zuruͤck, die er ohn⸗ geachtet des Zitterns ſeiner Hand, fuͤr Muth haͤlt, und den er durch folgenden Ausruf zu bewaͤhren ſucht:„Der Chriſt „ſoll dem Tode ins Angeſicht ſchauen, es waͤre ſeiner unwuͤrdig ſich durch den truͤ⸗ „geriſchen Schein einer irdiſchen Pracht „taͤuſchen zu laſſen.“ Der Eindruck, welchen der durch dieſe raſche Handlung des Freidlings zu Hel⸗ vin bewirkte Anblick auf ihn machte, war von ungewoͤhnlicher Art. Obgleich ſchon fruͤher uͤber der ſich ihm aufdraͤngenden Aehnlichkeit der Zuͤge, betroffen, als er bey ſeinem Eintritte in das Zimmer einen fluͤchtigen Blick auf das Fraͤulein von 318 Beaumanoir warf, hatten ſie indeſſen nur ein undeutliches Bild in der Phantaſie des Herrn Dermot zuruͤckgelaſſen. Er glaubte mit Gewißheit, bei genauerer Betrachtung, des Todes widrige Spuren zu entdecken, er erwartete davon erſchreckt zu werden, und— er erſchrack es nicht zu ſeyn. Wohl ließ ſich bei dem Gegenſtand, der ſich ſeinen Blicken darbot, wahrnehmen, daß das Band, welches den Geiſt an den Koͤrper feſſelte, geloͤßt ſei, aber man wagte nicht zu entſcheiden, ob der zuruͤckgebliebene Theil ebenfalls dem Himmel angehoͤre, zu dem ſich der geiſtige bereits emporge⸗ ſchwungen hatte, oder ob die Erde auf dieſe ſchoͤnen Ueberreſte, Anſpruch mache, denn waͤhrend das Grab ſeine unbeſtreit⸗ bare Anwartſchaft auf ſie zu beurkunden ſich bemuͤhte, ſchien die uͤber das Ganze verbreitete Ruhe und Heiterkeit, die auf 319 der Stirn, von welcher noch der Abglanz einer jungfraͤulichen Seele wiederſtrahlte, zuruͤckgebliebene Anmuth, und ein mildes kaum bemerkbares Laͤcheln, wie ſich zuwei⸗ len in einem Augenblick der Erleichterung auf den Lippen einer edeln, aber ihren Schmerz kraftvoll beſtegenden, Dulderin zeigt, ihre nicht minder guͤltigen Rechte auf ein ſchoͤneres Loos zu behaupten. Aus dieſen Kennzeichen, auf welche der Tod die Sicherheit ſeiner Anforderun⸗ gen gruͤndete, und aus dieſen Zuͤgen in denen ſich das Erhabenſte was dieſes Er⸗ denleben darzubieten vermag, und die ſicherſte Buͤrgſchaft, fuͤr eine hoͤhere Be⸗ ſtimmung ausſprach, ging ein ſo harmoni⸗ ſches Ganze hervor, das fuͤr den chriſtli⸗ chen Beobachter von dem hoͤchſten Inter⸗ eſſe ſeyn mußte. Es war Herrn Dermot 320 unmoͤglich, ſich ihm zu entziehen. Er ſtand am Kopfkiſſen, ſeine Augen ruhten auf dieſer ſchoͤnen und zarten Huͤlle, oder waren vielmehr in dem Anſchauen dieſes Weſens, das zwiſchen den Grenzen zweier Welten zu ſchweben ſchien, verſunken. Leiſe, unzuſammenhaͤngende Worte, ohne Sinn, machten endlich folgendem von man⸗ chen Pauſen unterbrochenen Ausruf Platz: „Angebetete Tochten einer zaͤrtlichen und tugendhaften Mutter, Gegenſtand der Freundſchaft einer nicht minder verdienſt⸗ vollen Frau, die du vielleicht erſt belehrt haſt, daß ſie ein Herz hatte, ſo biſt du denn dem Boden, auf dem du geboren wurdeſt, den Huͤtten, zu denen dich deine durch Wohlthun bezeichneten Schritte lei⸗ teten, entriſſen. Im Lenz des Lebens hat dich die Hand des Todes erfaßt, aber 321 er hat es nicht vermocht, die Bluͤthen des Fruͤhlings abzuſtreifen, und noch er⸗ kennt man, welcher Jahreszeit du ange⸗ hoͤrteſt. Und ich Fremdling war beſtimmt, nachdem der Blitz dich holde Blume ſchon getroffen hatte, deinen ſchlanken Stengel noch zu bewundern, und im Geiſt die ſuͤ⸗ ßen Wohlgeruͤche an der Stelle ſelbſt einzuathmen, wo dein Kelch ſie aushauchte. Mit der Morgenroͤthe erwacht, glaͤnzteſt du am Morgen: aber durch welches Wun⸗ der, Tochter des Himmels⸗ fand dich, ob⸗ gleich geknickt, doch unverwelkt der Abend? Fuͤr wen haͤtteſt du dieſe Reize, den Stolz dieſes alten Ritterſitzes, die Wonne der gluͤcklichſten Mutter aufbewahrt, dieſe Rei⸗ ze, welche jene, die ſie mir in die Erin⸗ nerung zuruͤckgerufen, ſo weit uͤbertref⸗ fen?..— I. Theil. 1 21 322 1 Geruͤhrt fuhr er fort:* „Niichts geſchieht hienieden ohne 3wes die hoͤchſte Weisheit iſt lanter Guͤte, du lieferteſt den Beweis hiervon holdes Ge⸗ ſchopf!—— Wie hoch wuͤrde dein B zeſitz einen Gatten begluͤckt, mit welcher reinen Wolluſ wuͤrde er ihn aberſtrumt haben, wenn er ſich bei ſeinem Erwachem an jedem jun⸗ gen Tag durch einen Blick uͤberzeugt haͤt⸗ ke, daß du neben ihm rußteſt, und deine Liebe ihm dafäͤr gebuͤrgt hätte, dich jeden Rorgen an ſeiner Seite zu ſinden?.. Zitternd vor dem was er ſo eben geſagt hat, haͤlt Herr Dermot mit einen Male inne. Von Entſetzen uͤber ſeine eignen Worte ergriffen, bedeckt ein kalter Schweis ſeine heiße Stirn, er gluͤht und ſchaudert zu gleicher Zeit. Nachdem er ſeinen brennenden Durſt durch die von * 11Q0 332.4 323 Marianen auf dem Kamin zuruͤckgelaſſene Flaſche Wein gelöoͤſcht hatte, fuͤhlt er, wie nothig es ſei, ſeine Vernunft zu Huͤlfe zu rufen. Er entfernt ſich einige Schritte von dem Todtenlager, ein mißbilligender Zug zieht ſeine Augenbraunen zuſammen und er haͤlt ſich ſelbſt folgende Strafrede: „Ei, was geht dieſes Gluͤck dich an, kommt es dir zu, ſolche Gemaͤhlde zu ent⸗ werfen, iſt es dir erlaubt in dieſer ernſten Stunde nur daran zu denken, und deine Phantaſte an ſolchen Trugbildern zu wei⸗ den?— Erroͤthe Ungluͤcklicher! wenn dieſen Formen noch ein verfuͤhreriſcher Reiz geblieben iſt, der ſich nie, ach nie deinen Blicken haͤtte darbieten ſollen, wird er nicht bald eine Speiſe der Wuͤrmer werden. Willſt du vielleicht dort deine Nebenbuher fuchen, und ihnen ihre Beute ſtreitig ma⸗ 21 324 chen? Berufener Diener des Altars gehe in dich!“ Ein bitteres Laͤcheln zog bei dieſen Worten ſeine Lippen krampfhaft zuſammen... Er nahm das Gebet fuͤr die Verſtorbenen wieder vor. und— nach oͤfteren Un⸗ terbrechungen— vollendete er es endlich unter lauten Schluchzen. 8 Unterdeſſen begann der anbrechende Morgen die Gipfel der hohen Eichen des nahen Waldes zu erhellen. Der Reiſende bemerkte es aus dem Kabinette Klementi⸗ nens, wohin er ſich zuruͤckgezogen hatte, und welches, wie ſchon erwaͤhnt, mit den Zimmern der beiden Freundinnen in Ver⸗ bindung ſtand. An dem geoͤffneten Fen⸗ ſter ſitzend, mit dem Ellenbogen auf den Rand deſſelben geſtuͤtzt, das Geſicht mit einer ſeiner Haͤnde ſich bedeckend, erwartete 325 er mit Ungeduld den erſten Schimmer der Morgenroͤthe, deren Anbruch ihn zugleich durchſchauderte, und erfreute. Er warf ſich auf ſeine Knie, die ganz erſtarrt ihn an dieſe Stelle feſſeln zu wollen ſchienen, und kehrte nach kurzer Friſt in das Zim⸗ mer zuruͤck, wo die lebloſen Reſte der holden Jungfrau ſchlummerten. Hier ſprach er noch einige feierliche Abſchiedsworte und verließ es. Beinahe geraͤuſchlos hatte ſich die Thuͤre geoͤffnet und wieder ver⸗ ſchloſſen, bald ließen ſich leiſe Schritte laͤngs dem Korridor kaum hoͤrbar verneh⸗ men, der Riegel des Pfoͤrtchens knarrte und Hundegebell erſchallte im Hofe. Schon batte der Gaſt die Ringmauern des Rit⸗ terſitzes hinter ſich, als er ſich von einem der Bewohner zuruͤckrufen hoͤrte. Sein Inneres fühlte ſich ergriffen; aber um ſich 326 dieſes neue Ereigniß zu erklaͤren iſt es noͤ⸗ thig fuͤr einen Augenblick auf das Zimmer der Frau von Beaumanoir zuruͤck zukehren. „. 4 1 5 2 242 42 4 4 ———— * 1 3 1 3 4 1.„ A 4 4 Ke o— 327 Achtes Kapitel. Lohn einer Trauernachtwache. „ Entweder hatte das Opium aus einer Apotheke in der Provinz, wo die Arznei⸗ mittel oͤffters zu lange aufbewahrt werden, ſeine Kraft verlohren, und daher die von dem Doctor Bonnet beabſichtigte Wirkung verfehlt, oder Madame Allote hatte nicht die erforderliche Doſis unter die Man⸗ delmilch gemiſchts kurz ſeit einer Stunde 328 lag die Vicomteſſe von Beaumanoir nur in einem leichten Schlummer, und war ſeit einer halben Stunde, ſo zu ſagen, voͤllig munter. Ihr Zuſtand hatte ſchon ziemlich lange dem einer Perſon geglichen, die noch halb ſchlaftrunken, aber dem Er⸗ wachen nahe, an allem was um ſie her vorgeht, wenn auch etwas unzuſammen⸗ haͤngend, Theil nimmt, die Begriffe auf⸗ gefaßt und ſie zu verfolgen vermag. Sie rief Madame Allote, deren Ruhe ſie ſehr ungern unterbrach, welche uͤber den zu baldigen Nachlaß der Wirkung des Schlaf⸗ trunks auf die Sinnenwerkzeuge dieſer ungluͤcklichen Mutter nicht minder erſtaunt als bekuͤmmert war. Jetzt entſpann ſich unter den beiden Freundinnen folgendes Geſpraͤch. Frau von Beaumanoir.—„Der Kopf iſt mir etwas ſchwer, Henriette, 1 329 vielleicht iſt es eine Folge der geſtern ge⸗ noſſenen Suppe. Wenigſtens vermuthe ich es. Schon ſeit einer Stunde beinahe habe ich aufgehoͤrt zu ſchlafen, ohne mich doch eigentlich im Zuſtande des Wachens zu befinden. Indeſſen bedaure ich es, aus mehr als einem Grunde, gerade nicht, ob mich gleich ein herzzereißender Gedanke unaufhoͤrlich verfolgt. Vor allen Dingen liebe Allote, wirſt du doch dein Verſpre⸗ chen nicht vergeſſen haben, nicht wahr? Und da es bald Tag zu werden ſcheint, ſo wird es gut ſeyn mich bereit zu hal⸗ ten dir zu folgen.... Du autworteſt mir nicht Henriette? Madame Allote.— Grauſame Freundin, ſo ſoll denn kein Tropfen Wer⸗ muth in dem Leidenskelch zuruͤckbleiben! Glaubſt du denn, wenn deine Henriette 330 dich denſelben in langen. ſieht, daß ſie den bittern Mochgeſähinau nicht mit dir theile? Frau von Beaumanoir.— Ver⸗ mehre meine Leiden nicht, ſie ſind ſchon groß genug. Verkenne auch die Natur meines Schmerzes nicht, es gab nur ein Mittel in der Welt ihn einiger Maaßen zu lindern: deine Nachgiebigkeit hat es gefunden. Theure Allote, bald werden un⸗ ſerer nur noch zwei ſeyn, kannſt du es faſ⸗ ſen, Henriette? nur noch zwei!— Bis dahin laß mich wenigſtens der Gegenwart der dritten noch genießen! Ach, es wird nicht lange dauern, du weißt es, habe nur noch dieſe kurze Zeit Nachſicht mit mir, und ich will dir dann fuͤr meine gan⸗ ze uͤbrige Lebenszeit gehorchen.!— Ahme den braven Geiſtlichen nach, den du in ———— ———— 331 dieſes Dbanerhaus eingeführt haſt: ich ver⸗ ſichere dich, er wuͤrde mit meinem Jam⸗ mer Mitleiden gehabt haben, gewiß er wuͤrde es! 4 Madame Allote. Du koͤnnteſt dich irren Karoline. Woraus willſt du dies uͤbrigens ſchließen, da du ihn weder ge⸗ ſehn noch gehoͤrt haſt? Frau von Beaumanoir. Geſehen habe ich ihn zwar nicht, liebe Freundin, aber was ſeine Perſönlichkeit betrifft, ſo kenne ich ihn bloß aus dem Wenigen, was du mir von ihm geſagt haſt, als du zu⸗ ruͤckkamſt, nachdem du ihm das Thor auf⸗ gemacht hatteſt; aber gehoͤrt habe ich ihn allerdings, wenn auch nicht ganz deutlich, und das darf dich nicht wundern, denn vor wenigſtens einer Stunde iſt er in Kle⸗ mentinens Kabinett gegangen vjelleicht 332 um ſich ein wenig zu erholen. Aber fort⸗ dauernd eutſtroͤmte ein heißes Gebet ſei⸗ nen Lippen, das ſich zuweilen mit einer Inbrunſt ergoß, die mein Mutterherz er⸗ quickte; ſogar einige unterdruͤckte Seufzer drangen zu meinem Ohre. Es iſt ein Mann von trefflichem Herzen, dafuͤr buͤr⸗ ge ich dir Henriette! Seit beinahe ei⸗ ner Stunde hoͤre ich ihn nicht mehr, und ſchließe daraus daß er ruht. Madame Allote.— Ich glaube in der That liebe Karoline, daß dieſer Geiſt⸗ liche beſtimmt iſt, ſich einſt in ſeinem Stande auszuzeichnen. Ich haͤtte nie er⸗ wartet, daß, unbeſchadet der Salbung mit welcher er ſprach, er ſeinen Worten ein ſolches Gewicht haͤtte geben koͤnnen. In gewiſſen Augenblicken erſchreckte er mich beinahe durch ſeine ſtrengen Aeußerungen; 333 in andern druͤckte ſeine eigne Ruͤhrung, deren er ſich jedoch immer zu erwehren ſuchte, ſeinen Reden ein Gepraͤg von zar⸗ ter Theilnahme auf. Waͤhrend ich ihm unſere Ungluͤcksfaͤlle erzaͤhlte, ſahe ich oft, wie ſich die Thraͤnen in ſeinen Augen an⸗ haͤuften, aber, ich weiß nicht wie er es anfing, nicht eine ſahe ich fallen. Frau von Beaumanoir.— So ſind die Maͤnner! ſie rechnen es ſich zur Ehre gefuͤhllos zu ſcheinen. So wie ich dich kenne, haben der ſanfte Ton deiner Spra⸗ che und dein Zartgefuͤhl ihre Wirkung auf ihn nicht verfehlen koͤnnen. Sie ha⸗ ben dir, liebe Allote, die Zuneigung und ſelbſt die Hochachtung aller Pfarrer der benachbarten Kirchſpiele erworben, und es haͤtte mich wundern ſollen, daß ein Frem⸗ der den trefflichen Eigenſchaften meiner 334 Henriette nicht Gerechtigkeit haͤtte wieder⸗ fahren laſſen. Hat mir der Vicomte nicht mehr als einmal geſagt, daß, wenn er dich nicht Selircinet haͤtte, er dich alelicht haben wuͤrde? Man. Allote.— Und du. weißt⸗ daß ich von ihm blos gefuͤrchtet ſeyn wollte.. Hier trat ein augenbl lickliches Still⸗ ſchweigen ein, dann nahm die Vicomteſſ das Wort wieder auf. Frau von Beaumanoir.—„Ich wuͤnſchte ihm etwas zuſtellen zu laſſen Hen⸗ riette; glaubſt du wohl daß man ihm ei⸗ nen Luisd'or anbieten koͤnnte? Mad. Allote.— Das laß dir nicht einfallen liebe Freundin, er iſt uͤber jedes Geſchenk an Geld zu erhaben. Druͤckte 335 er nicht dem Yvon Calvez) der mir ge⸗ ſtern Abends von dem Rektor einen Brief brachte und mich um Unterſtuͤtzung fuͤr ſei⸗ nen kranken Vater anſprach, zwoͤlf Franken in die Hand? Er zog in meinem Beiſeyn eine goldne Uhr auf und ließ ſie repetiren; und du weißt wohl Karoline daß hier zu Lande unſere wohlhabenſten Prieſter hoͤch⸗ ſtens ſilberne haben, und manche Vikare tombackene tragen, ohne daß ſie deshalb den Graham'ſchen*) an Guͤte gleichen, wie der arme Pfarrer Stumer von der ſeini⸗ gen behauptete, und doch herzlich froh war ſie gegen die ſchöne Jagduhr Eduards zu vertauſchen, der ſeit langer Zeit eine Gelegenheit ſuchte, ſie ihm anbieten zu koͤnnen. —— — Ein beruͤhmter engliſcher Uhrmacher, der beſonders in Verfertigung aſtronomiſcher Uhren ſich auszeichnete. Annm. des Ueb. 3 6 — Frau von Beaumanoir. Sollten wir vielleicht ohne es zu wiſſen, den Dom⸗ herrn aufgenommen haben, den man an die Stelle des alten Domſtiftslehrer(theo- logal) erwartet? Mad. Allote.— Moͤglich! aber nach ſeinen Manieren zu ſchließen, ſcheint dieſer Geiſtliche einer Familie von hohem Ran⸗ ge anzugehoͤren. Und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo haben Herzensangelegenheiten ihm Kummer gemacht. Mitten unter den Aeußerungen von Strenge, die mir dein unabaͤnderliches Verlangen zugezogen hat, (denn ich habe deinetwegen Verweiſe und zwar recht ernſtliche Verweiſe hoͤren muͤſ⸗ ſen, liebe Karoline,) blickte ein tiefes Ge⸗ fuͤhl hindurch, das ſich deutlicher ausſprach, als er es ſelbſt wuͤnſchen mochte. Ob⸗ gleich kaum vierzig Jahr alt, hat dieſer 337 Mann die Widerwaͤrtigkeiten des Lebens zuverlaͤſſig kennen gelernt; ſeiner Geſchich⸗ te wuͤrde es gewiß nicht an Intereſſe fehlen, aber wahrſcheinlich wuͤrde es trau⸗ riger Art ſeyn. Frau von Beaumanoir.— Wie ſagſt du? vierzig Jahre? ſeiner Stimme nach, ſo viel ich aus einigen lateiniſchen Phraſen und aus einigen franzoͤſiſchen Ausrufungen, die ſeinen Lippen entſchluͤpf⸗ ten und das Gepraͤge meines Schmerzes zu tragen ſchienen, habe urtheilen koͤnnen, iſt er nicht dreiſſig Jahre alt.... Hen⸗ riette! er weinte uͤber Klementinen, die er nicht einmal gekannt hat! Ach, wenn werde ich, die ſie gekannt hat, wenn wer⸗ de ich Thraͤnen finden. Ach ich bin Mut⸗ ter, und wenn ſie kommen, dann wird es auf lange Zeit geſchehen, waͤhrend er I Theil. 22 338 nur ein Fremder iſt, bei dem die Quelle derſelben bald vertrocknet ſeyn wird.— Indeß er hat um ſie geweint, und ich will, ja ich will, daß er ein Andenken mitnehme.— Nad. Allo te.— Und. was für eines liebe Freundin? Fr. von Beaumanoir.— Ich ha⸗ be einen Gedanken Henriette, den ich dir mittheilen will, du ſollſt ihn ausfuͤhren; denn auch hierzu bedarf ich deiner.... Ich denke, da der Tag anbricht, wir muͤſ⸗ ſen uns nun bald ankleiden; denn da ei⸗ ne von uns dreien, eine lange Reiſe an⸗ treten wird, ſo muͤſſen wir beiden uͤbri⸗ gen aufs wenigſte ſo fruͤh auf ſeyn wie ſie.... Weine doch nicht liebe Freun⸗ din.. Hoͤr einmal ich habe dich um zweierlei zu bitten, das Erſte wirſt du 8 339 wie ich uͤberzengt bin, mit Vergnuͤgen thun, naͤmlich aufzuſtehn und mir etwas zu trin⸗ ken zu geben, was du willſt, denn mich quaͤlt ein brennender Durſt. Mad. Allote.— Und das Zweite. Fr. von Beaum.— Und das Zweite werde ich dir ſagen, wenn du mir das Lindenbluͤthwaſſer gebracht haſt. In der That weiß ich, daß man mich hier zu ſehr liebt, als daß der Kuͤchenheerd nicht mit Toͤpfen und Kaffekannen zu meiner Ver⸗ fuͤgung, ach leider jetzt einzig zu der mei⸗ nigen, beſetzt ſeyn ſollte., Die Vicomteſſe irrte ſich nicht, Ma⸗ dame Allote ſtand ſchnell auf, und es war ihr ander ſchleunigen Erfuͤllung ihrer Bitte um ſo mehr gelegen, da ihr der gluͤckliche Gedanke einſiel den Reſt des Opiums un⸗ ter das Lindenbluͤthwaſſer zu miſchen. Sie 22 340 dankte dem Himmel fuͤr dieſe guͤnſtige Veranlaſſung!, durch die ſie hoffte den Schloßbewohnern einen Kummer und ih⸗ rer theuren Freundin eine Verlaͤngerung ihres Jammers zu erſparen. Bald kam ſie mit einer Porzellantaſſe zur Vicomteſſe zurück, die Letztere mit folgenden Worten annahm: „Henriette, die Gefäͤlligkeit die ich von dir erwarte iſt dieſe; vor noch nicht voͤllig zwei Jahren machte jede von uns Klementinen ein Geſchenk mit einem Rin⸗ ge, es war gerade an dem Tage, an wel⸗ chem du mich einſt zum erſten Male als Mutter begruͤßteſt. Klementine huͤtete ſich wohl, den Saphir, den ſie von deiner Freundſchaft erhielt, von dem Brillanten zu trennen, den ſie aus meinen Haͤnden empfing. Der gleiche Finger nahm beide Symbole unſerer Liebe auf; geſtern ſahe 341 ich ſie noch: nein, ich habe den Muth nicht ſie ihr zu rauben!— In einiger Zeit gib mir den orientaliſchen Saphir,/ den ſie deiner Freundſchaft dankt, er wird mir ewig theuer ſeyn. Ich wuͤnſche daß du auf den zweiten Ring den naͤmlichen Werth legen mögeſt. Ach! ein trauriger Tauſch den ich nie mit dir zu trefſen wäͤhnte! Aber meine Tochter traͤgt noch einen dritten Ring, wie du weißt, mit einem ſchoͤnen geſchnittenen Steine, den ſie von ihrem Vetter erhielt, der ihn auf ſeiner Reiſe nach Italien gekauft hatte. Man haͤlt ihn fuͤr aͤcht antik: deſto beſſer! ſein Anblick wuͤrde mir peinlich ſeyn, da er mich ſtets an einen doppelten Verluſt erinnern muͤßte, der Schlag auf Schlag mich getroffen hat. Ueberreiche ihn in meinem Namen dieſem ehrwurdigen Geiſtlichen, ſage ihm, 342 daß es das Geſcheuk einer Mutter und ihrer Tochter ſey; vergiß nicht nach ſei⸗ nem Namen zu fragen, denn da ich ihn noch nicht von dir erfahren habe, ſo muß ich vermuthen, daß er dir ihn bis jetzt nicht geſagt hat.— Geh jetzt Henriette, es thut mir weh, dir ein ſolches Ge⸗ ſchaͤft uͤbertragen zu muͤſſen.... Klemen⸗ tine, arme Klementine, wenn du nun ein⸗ mal beraubt werden mußt, ſo ſei es we⸗ nigſtens die Hand der Freundin die dieſe traurige Obliegenheit vollziehe!...„ In dieſem Augenblicke hoͤrte man aͤnnertritte auf der Gallerie. Karoline und Henriette vermutheten nicht ohne Grund, daß der Fremde ſich entferne. Madame Allote ließ nun die Vicomteſſe ihren Trank zu ſich nehmen, und verließ traurig das gemeinſchaftliche Zimmer, um K 343 in dasjenige zu gehen, wohin ſie eine letzte, traurige Pflicht rief.— Alle Wunden ihres Herzens oͤffneten ſich von Neuem; doch fehlte es ihr nicht an Muth; indeſſon iſt nicht zu laͤugnen, daß der Schmerz, mit dem ſie ſich dem einſamen Lager Klementinens nahte, etwas Verſchloſ⸗ ſenes hatte, und vielleicht nicht ſo mild war als derjenige, von dem ſie ſich am vorhergehenden Abend durchdrungen fuͤhl⸗ te, denn das zweite Lebewohl hat das Peinliche, daß, da es nicht mehr von je⸗ ner Art von Schwaͤrmerei unterſtäͤtzt wird, die gewoͤhnlich unſere Ergebung in große, zu bringenden Opfer begleitet, es die Seele in eine gaͤnzliche Muthloſtgkeit ſtuͤrzt, und ihr die Oede, welche die Schlaͤge eines harten Geſchicks in ihr zu⸗ rüͤcklaſſen, doppelt fuͤhlbar macht. Muͤn⸗ der feierlich als das fruͤhere Gefuͤhl unſe⸗ 344 res Opfers laͤßt es uns unſre Armuth in ihrem ganzen fuͤrchterlichen Umfange uͤber⸗ ſchauen. 3 Dies war ungefaͤhr die Empfindung der Madame Allote, als ſie beim blaſſen Schimmer der letzten Kerze, die den be⸗ reits erloſchenen zu folgen drohte, und kaum noch in der Tille flackerte, mit ih⸗ rer Hand Klementinens erſtarrte Haͤnde beruͤhrte. Sie ergriff gerade diejenige, der ſie das Geſchenk des vorangegangenen Geliebten entwenden ſollte. Das weiche Fleiſch ließ ihr den Ring ohne Wider⸗ ſtand vom Finger ziehen, und dies hielt Nadame Allote fuͤr ein Zeichen von der eingetretenen Aufloͤſung der Huülle ihrer jungen Freundin. Zum erſten Male fuͤhlte ſſie jetzt, daß ſich eine Empfindung von Schauer zu ihrer Liebe geſellte, nicht als 8 * 8 ob ihr Klementine minder theuer geweſen waͤre, aber ſo armſelige Geſchoͤpfe ſind wir, daß mitten in dem Gefuͤhle des lebhafte⸗ ſten Schmerzes, neben dem entſeelten Leich⸗ name eines, von uns angebeteten Weſens, ein geheimer Inſtinkt der Selbſterhaltung uns packt, und uns ſogar die reinen Em⸗ pfindungen unſers Jammers verkuͤmmert. Die arme Henriette machte ſich uͤber ein Gefuͤhl, das doch in unſerer Natur begruͤndet iſt, beinahe Vorwuͤrfe; mit ge⸗ ſenktem Blicke, und mit einer unausſprech⸗ lichen Beklemmung, als ob ſie einen Kir⸗ chenraub begangen haͤtte, entfernte ſie ſich, und ließ die beiden andern Ringe an Klementinens Finger; denn das Hunde⸗ gebelle ſagte ihr, daß es Zeit ſei, den Schritten des Geiſtlichen zu folgen, wenn ſie den Wunſch der Frau von Beauma⸗ 346 noir erfuͤllen wollte. Uebrigens war ſie entſchloſſen, die gaͤnzliche Vollziehung des, von ihrer Freundin erhaltenen Auftrags den andern Weibern anzuverkranen. Die Treppe iſt ihr bekannt genug, um, trotz der Dunkelheit, ohne Gefahr den Weg hinun⸗ ter zu finden; ſie eilt uͤber den weitlaͤuf⸗ tigen Hof, geht durch das aͤußere Thor, das ſte offen ſindet, und deren Schwelle unſer Fremdling ſo eben verlaſſen hatte. Herr Dermot wanderte ſchnell vorwarts, und ſchien beim Geraͤuſch des Thorfluͤgels binter ihm, ſeine Schritte zu verdoppeln. Da er ſich endlich rufen hoͤrte, ſtand er ſtille, ohne ſich umzukehren, wie jemand der mit ſich ſelbſt zu Rathe geht. Auf den zweiten Ruf drehte er ſich um, und, ohne ſich vorwaͤrts zu bewegen, begnugte er ſich damit zu antworten:„Wos befeh⸗ len Sie Madame. 347 Die Ausgeberin auf Helvin naͤherte ſich dem Reiſenden, deſſen Stirn in die⸗ ſem Augenblicke die erſten Strahlen der Morgenſonne erhellten. Die Ermuͤdung ſchien die edle Regelmaͤßigkeit ſeiner Zuͤge veraͤndert zu haben, und der Glanz ſei⸗ ner Augen war merklich getruͤbt, was dem Scharfblick der Madame Allote nicht ent⸗ gehen konnte. Kaum hatte ſie den Namen der Frau von Beaumanoir genannt, als der Geiſtliche, welcher glaubte, die Vi⸗ comteſſe wuͤnſche ſeine Gegenwart auf dem Schloſſe, die Hinderniſſe, die ſich dieſem vermeintlichen Wunſche entgegenſtellten, nicht verheelte, und ſich mit folgenden Worten entſchuldigte: 89¹ „Ich habe es Ihnen mehrere Male geſagt, daß mich dringende Angelegenhei⸗ ten dieſen Morgen nach Vannes rufen; 348 ich kann ſie nicht umgehen, vielleicht habe ich ſchon zu lange gezoͤgert.... Sagen Sie ihrer verehrungswuͤrdigen Freundin, wie ſehr ich es bedaure, aber es iſt mir unmoͤglich 4 Dieſe letzten Worte ſtammelte er bei⸗ nahe nur. Madame Allote beeilte ſich ihn aus ſeinem Irrthum zu reißen. „Ich will Sie nicht veranlaſſen, ſag⸗ te ſie, ins Schloß zuruͤckzukehren, denn ich fuͤrchte, die Vicomteſſe von Beauma⸗ noir moͤchte, trotz der Theilnahme, die Sie ihr, in dem lichten Augenblicke wo ſie ihrer bewußt war, eingefloͤßt haben, außer Stand ſeyn Sie zu unterhalten; aber ich habe Ihnen ein Geſchenk in ih⸗ rem Namen zuzuſtellen.“ 8 9 * 349 Herr Dermot.— Mir, ein Ge⸗ ſchenk! ich verdiene keines— Madame— Gott weiß es, ich habe keines verdient— Gott weiß es— Liebe Madame Allote Ihre gaſtfreundliche Aufnahme iſt mir ſuͤß und peinlich zugleich geweſen.... denn mein Schmerz hat dem ihrigen geglichen. Mit meinen eignen Leben moͤchte ich das holde Weſen, das Sie beweinen, das ich ſelbſt beweine, ins Leben zuruͤckrufen.. Mad. Allote.— Dasvon eben hat ſich Frau von Beaumanoir uͤberzeugt— Ihre Klagen ſind bis zu ihren Ohren gedrungen. Herr Dermot.— Wie, ſie haͤtte mich gehoͤrt!.. Ich haͤtte ihren Schlum⸗ mer geſtoͤrt!— Sie ſagen, daß.... 350 Mad. Allote.— Daß Sie ein Ruheplaͤtzhen in dem Kabinette ihrer Tochter geſucht und dort in Ihrem Ge⸗ bete fuͤr unſere geliebte Klementine fort⸗ gefahren haben. Dies hat Karolinen ge⸗ ruͤhrt, es iſt ſogar das erſte wehmuͤthige Gefuͤhl geweſen, das ſie ſeit jenem ſchreck⸗ lichen Schlage empfunden hat.— Wuͤr⸗ diger Diener der Religion, dies haben wir Ihnen zu danken! Herr Dermot.— Ach, nicht fuͤr dieſen Engel haben wir Urſache zu be⸗ ten!— nicht mehr fur ihn!... Sie iſt gluͤcklich, wir nur ſeufzen unter dem Joche der Suͤnden. Ich rede nicht von Ihnen Madame. Das Schloß Helvin iſt eine Wohnung der Tugend.. Ich weiß es.. Der Himmel prüft Sie, aber er pruͤft Sie nur. Ihre Zukunft gehoͤrt Ihnen, 351 Ihnen ganz allein.... Ihre junge Freundin wird Sie liebend und ſchuͤtzend umſchweben; nein, das Grab trennt die ſuͤßen Bande gefuͤhlvoller Herzen nicht.. Sagen Sie dies in meinem Namen der Frau von Beaumanoir; Sagen Sie es ihr!....* e de, e Mad. Allote.— In ihren Namen und in dem Namen ihrer Tochter, um mich der eignen Worte der Vicomteſſe zu bedienen, uͤbergebe ich Ihnen dieſen Ring, den ich ſo eben von Klementinens Finger gezogen habe. i a Mit dieſen Worten uͤberreichte ihm die Ausgeberin von Helvin den Ring.— Der Fremde tritt einen Schritt zuruͤck, und zieht die Augenbraunen, mit fol⸗ genden Worten zuſammen: 352 Herr Dermot.— Klementinens Ring!... In der That, noch vor einer Viertelſtunde hatte ſte ihn an dem Finger; und dieſer wird mir in ihrem und ihrer Mutter Namen geſandt! Sie irren ſich Madame!... Verzeihen Sie; ich wie⸗ derhole es nochmals, Sie irren ſich; weder Klementine noch ihre Mutter haben Ihnen dieſen Auftrag geben koͤnnen, Sie durften es nicht! Es war... ja es war der Ring einer Jungfrau— gebuͤhrt es mir ihn zu tragen? Mad. Allote.— Theilnehmender Mann! haben Sie nicht bei ihr gewacht? Haben Sie nicht meine traurige Erzaͤh⸗ lung angehoͤrt? Haben Sie nicht uͤber das Ungluͤck dieſes Hauſes geſeufzt? Nehmen Sie dies Pfand der Dankbarkeit von ei⸗ ner Mutter an, deren Schmerz durch den Ihrigen gemildert worden iſt; behalten Sie ihn als ein Andenken an dieſe trau⸗ rige Nacht, es werden ſich ſchwermuͤthig fuͤße Ruͤckerinnerungen an ihn knuͤpfen. Ihr Stand kann Ihnen dieſe Gefuͤhle nicht unterſagen. Vielleicht wird, um dieſer beiden Freundinnen willen, auch Frau Allote einen Platz in Ihrem An⸗ denken erhalten.“ Das Herz des Seminariſten war zerriſſen. Doch wurde der Ausdruck in ſeinen Zuͤgen nach und nach milder. Er nimmt den Sardonix aus den Haͤnden der Madame Allote, und ſteckt ihn, ohne die darauf befindliche Zeichnung anzuſehn, mit einer Bewegung an den Finger, die keiner Beſchreibung faͤhig iſt, und die noch bitterer wurde, als er einen Mann mit einer Bahre auf den Schultern, laͤngs I. Theil. 23 354 der hohen Mauer dem Pfeoͤrtchen zuſchlei⸗ chen ſah, den Madame Allote aber nicht bemerken konnte, da ſie mit dem Nuͤcken nach ihm gekehrt war. Die Hand noch immer auf den Ring haltend, antwortete Herr Dermot der Ausgeberin in feierlichen Tone: 8 „Dies iſt der erſte Ring den ich trage, es wird auch der einzige ſeyn! Nie, ſo lange ich lebe, werde ich wieder einen an⸗ nehmen noch anbieten, aber nur mit mei⸗ nem Leben wird dies Vermaͤchtniß die Stelle verlaſſen, die Sie ihm angewieſen haben!“ Madame Allote: Ich erbitte mir dagegen fuͤr mich und meine Freundin Ih⸗ ren Namen! Herr Dermot.— Mein Namel... Was kann Ihnen der Name eines Un⸗ glücklichen nuͤtzen?—.. Sie wuͤuſchen es: wohl, ich werde dereinſt auf die Burg Helvin zuruͤckkommen, und ihn dort be⸗ kannt machen. Wenn, kann ich jetzt nicht genau beſtimmen, denn ich habe eine Reiſe vor mir... aber, 5½ werde zu⸗ verlaͤſſig kommen. Mein erſter Beſuch nach meiner Zuruͤckkunft ſoll auf dieſem Schloſſe ſeyn... Ich bin es ihm ſchul⸗ dig.. Was ich hier geſehen, was ich hier empfunden habe, wird mit unaus⸗ loͤſchlichen Zuͤgen in meinem Innern ein⸗ gegraben bleiben. Von nun an, Gott iſt mein Zeuge, vereinigen ſich alle meine Wuͤnſche fuͤr Ihr Wohl und fuͤr die Ruhe Ihrer wuͤrdigen Freundin!— Leben Sie wohl. In der Ueberzeugung, daß der Rei⸗ ſende ſeinen Beſuch auf dem Schloſſe 23* 356 nicht ſogar weit hinausſchieben wuͤrde, waͤre es auch nur um in das Herz der Vicom⸗ teſſe einige Worte des Troſtes fließen zu laſſen, drang Madame Allote nicht weiter auf die Erfuͤllung ihrer Bitte. Sie reichte ihm die Hand, die er mit einer krampf⸗ haften Bewegung zwiſchen den ſeinigen drückte, und ſagte ihm mit jenem ruͤh⸗ renden Tone Lebewohl, der bei einigen edeln Frauen der Wiederhall eines tief⸗ und zartfuͤhlenden Gemuͤths iſt. Kaum hatte Herr Dermot ſich ihrem Blicke ent⸗ zogen, als die beiden alten Baͤuerinnen ankamen, deren Herr Leny in ſeinem Briefe erwaͤhnt hatte. Der wuͤrdige Pfarrer, deſſen baldige Ankunft zu melden ſie be⸗ auftragt waren, hatte ſich noch in Baſti⸗ en's Pachthofe verhalten, um dort die Leidtragenden durch ſein frommes Ge⸗ bet zu erbauen und zu troͤſten. Fanchon 357 und ihr Bruder, von der Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auf dem Schloſſe uͤber⸗ zeugt, begleiteten Perrine Moyſan und Katherine Synvenn, denen Klementinens Huͤlle uͤbergeben werden ſollte. Bei dem Eintritte dieſer beiden Parzen in die Burg Helvin, deren duͤſteres Gemaͤuer mit der traurigen Geſtalt und dem Grauenerregen⸗ den Koſtuͤme derſelben in Einklang ſtand, konnte ſich die liebenswuͤrdige und gute Alote nicht enthalten, ſie in den Gedanken mit zwei Kraͤhen zu vergleichen, die in die Truͤmmern einer alten Warte niederflat⸗ tern, um uͤber eine vom Blei getroffene, und den Nachſuchungen des Jaͤgers ent⸗ gangene, todte Taube herzufallen. Nachdem Madame Allote die noͤthigen Befehle uͤberall ertheilt hatte, eilte ſie in das Zimmer der Vicomteſſe von Beauma⸗ 8 58 noir, die ſie zu ihrer Freude in einem ſchlafartigen Zuſtand fand. Sie glaubte nun ſich ſelbſt einige Stunden Ruhe goͤn⸗ nen zu koͤnnen, deren ihr Geiſt und ihr Koͤrper im hoͤchſten Grade bedurfte. Faſt erliegend unter den ſchmerzlichen Eindruͤ⸗ cken, die ſeit langer Zeit, und beſonders in den letzten Tagen ſie erſchuͤttert hatten, empfand ſie nur zu ſehr, daß wenn ſtarke Seelen die widrigen Schickſale beſſer als ſchwache Gemuͤther zu ertragen vermoͤgen, jene dagegen, weil ſie verſchwenderiſcher mit ihren Kraͤften umgehen als die letztern, gewoͤhnlich mit einer gaͤnzlichen Erſchoͤ⸗ pfung endigen. 8 359 Neuntes Kapitel. Der Leichenzug.— Veraͤnderung in der Wahl des Berufs.— Un⸗ vermuthetes Zuſammentreffen. 663 — Herr Dermot ſchlug die naͤchſte Straße ein, die ſich ihm zeigte. Ohne einen zu⸗ ſammenhaͤngenden Gedanken faſſen zu koͤn⸗ nen, ging er in gerader Linie eine halbe Stunde lang raſch vorwaͤrts, waͤhrend ſein Gemuͤth von mannichfachen, ſich durchkreu⸗ zenden Ideen heftig bewegt wurde. Dieſe 360 Gemuͤthsbewegungen waren ſo erſchuͤtternd geweſen, und in dem kurzen Zeitraume von einem Tage ſo oft zuruͤckgekehrt, daß ſein geiſtiges Vermoͤgen endlich nicht fer⸗ ner gegen ſie Stand halten konnte. Im eigentlichen Sinne des Worts, durch eine mechaniſche Bewegung fortgeriſſen, glich er einem ſchwer, vielleicht toͤdlich verwunde⸗ ten Menſchen, der demohngeachtet, der fruͤhern Richtung folgend, zum großen Erſtaunen der Zuſchauer, erſt in einer ge⸗ wiſſen Entfernung von dem Orte, wo er den Todesſtoß erhaleon hat, zu Boden ſtuͤrzt. Gerade ſo ging es dem jungen Seminariſten. e ma hn Haſtig und in einem Athem eilte er jetzt vorwaͤrts, bis zu einem, von Birken umgebenen und beſchatteten Huͤgel. Hier blieb er, nicht eigentlich mit Vorſatz, 36¹1 ſondern im Gefuͤhl einer gaͤnzlichen Er⸗ ſchoͤpfung ſtehens hier war es auch, wo er ſeinen Stock von Ebenholze zu erſt vermißte, den er in dem kleinen Speiſe⸗ ſaal, wo er Madame Allote's Erzaͤhlung anhoͤrte, vergeſſen hatte. Er hatte keine Luſt, deshalb wieder zuruͤckzukehren, ob ihn gleich nur ein Zwiſchenraum von eini⸗ gen hundert Schritten von der ehrwuͤrdi⸗ gen Burg Helvin trennte; denn, da er in dieſem Theile der Bretagne undekannt war, ſo konnte er freilich nicht vermuthen, daß der von ihm betretene, in einer ſchie⸗ fen Linie vor ihm hin laufende, Fußpfad, ſtatt ihn, nach ſeinen Wuͤnſchen, auf die Landſtraße zu fuͤhren, ihn nur auf eine Anhoͤhe gebracht hatte, von welcher er rückwaͤrts eine groͤßere Flaͤche Landes uͤberblickte, und hinter einem Stuͤcke Wal⸗ dung die Thurmſpitze der kleinen Kirche 362 von St. Nolf, bei welcher Herr Leny als Pfarrer angeſtellt war, hervorragen ſah. Schon drang von dort her der helle Ton von zwei Glocken zu ſeinen Ohren, deren ungleiches Gelaͤute zwei verſchiedene Leichenbegaͤngniſſe andeutete, zu welchen Bauern und Baͤuerinnen aus ihren Ge⸗ hoͤften von allen Seiten herbeiſtroͤmten. Faſt alle trugen, nach ihren Mitteln, beſ⸗ ſere oder geringere Trauerkleider. Die Weiber, deren Vermoͤgensumſtaͤnde ihnen nicht erlaubten, ſich ſchwarz zu kleiden, hatten wenigſtens, einen, mit gruͤner Serge gefuͤtterten Mantel mit einer Ka⸗ puze von dieſer Farbe um; andere mit ih⸗ ren kleinen Hauben von weißer Leinwand und ſteifen abſtehenden Backen, in ihren, in dortiger Gegend gewoͤhn lichen gruͤnen Roͤcken, hatten Korſette von ſchwarzem Tuche an, deren lange und breite Schoͤße, 363 nach Art der Domino's, in denen die Domherren im Winter die Fruͤhmetten be⸗ ſuchen, bis auf die Sohlen hinabreichten. Eine zu groteske Tracht, um auf das Auge einen angenehmen Eindruck machen zu kännen. 4 Bald darauf ſchien ein filbernes, von den erſten Strahlen der Sonne be⸗ leuchtetes Kreuz, ſich zwiſchen den Baͤu⸗ men vorwaͤrts zu bewegen, und da die Kirche, woher es kam, in einem tiefen Thale lag, und der, in dem Hohlwege fortſchreitende Traͤger des Kreuzes nicht geſehen werden konnte, ſo ſah man ge⸗ raume Zeit nur das oberſte Ende deſſel⸗ ben unter dem Trauergelaͤute, dem Anſe⸗ hen nach, von ſelbſt nach dem Ritterſitze hinſchweben, um ſeine Bewohner aufzu⸗ fordern, ihm ſeine ſchoͤnſte Zierde auszu⸗ 364 liefern. Dieſes Schauſpiel machte auf Herrn Dermot einen um ſo traurigern Eindruck, da es ihm ſo unerwartet kam, indem er ſich, ohne es zu wiſſen, an die Spitze eines Dreiecks geſtellt hat⸗ te, von welchem der Thurm der Dorf⸗ kirche, und die duͤſtre Steinmaſſe der Burg Helvin die Baſis ausmachten. Die Pro⸗ ceſſion zog quer vor ihm voruͤber, nach dem Schloſſe hin. Eine lichte Stelle läͤngſt dem bluͤhenden Pfriemenkraut, wo ſie vorbeiziehen mußte, ließ dem Semina⸗ riſten bemerken, daß die Geiſtlichkeit, un⸗ ter deren Anfuͤhrung der Zug ſich vorwaͤrts bewegte, aus fuͤnf oder ſechs bejahrten, mit ihren Chorhemden bekleideten, Prie⸗ ſtern beſtand, welche ohne Zweifel den be⸗ nachbarton Kirchſpielen angehoͤrten, und es fuͤr eine traurige, aber ihren Herzen theure Pflicht gehalten hatten, die er⸗ 365 lauchte Tochter eines Hauſes, deſſen Thore ihnen immer wohlwollend geoͤffnet worden waren, zu ihrer Ruheſtaͤtte zu begleiten. Er konnte es ſich ſehr leicht erklaͤren, warum keiner von ihnen mit der Stola bekleidet war, durch die ſich bloß der An⸗ fuͤhrer des religioͤſen Zugs auszeichnete. Dieſer Zug vergroͤßerte ſich immer mehr durch das fortdauernde Herbeiſtroͤmen der Landleute, die ſich nicht ſchnell genug an⸗ ſchließen konnten. Sie folgten in einer kleinen Entfernung den Geiſtlichen, zuerſt die Maͤnner, dann die Weiber, mit einer Stille, die nur durch die, von dem koͤ⸗ niglichen Dichter nach Gewohnheit ent⸗ lehnten Gebetsſtellen augenblicklich unter⸗ brochen wurde. Dieſe, waͤhrend einer ſolchen feierlichen Stille mit zieterndem Toune angeſtimmten Stellen, wurden durch eben ſo unſichre Stimmen fortgeſetzt, und 25 386 kaum gelangten die Schlußworte dieſes Trauergeſanges bis zu Herrn Dermot's Ohren. Der Reiſende vereinigte in Gedanken ſein Gebet mit dieſen Klagetoͤnen. Mehr als ein Mal murmelten ſeine, durch eine unwillkuͤhrliche Bewegung ſich oͤffnenden Lippen die Antwortgeſaͤnge,(Repons) und als aus der Entfernung folgende Worte des Gebets zu ihm heruͤbertoͤnten:„Hoͤre mein Gebet Herr, und vernimm mein Schreien“ ſo antwortete er mit dem dar⸗ auf folgenden Verſe, die ſeinen, wenn gleich noch dunkel in ſeiner Seele liegen⸗ den Entſchluß ausdruͤckten:„Schweige nicht uͤber meine Thraͤnen, denn ich bin beide dein Pilgrim und dein Buͤrger, wie alle meine Vaͤter!“ 367 Nach einigen unterbrochenen und un⸗ zuſammenhaͤngenden Ausrufungen, konnte er ſich nicht enthalten, den Blick auf den Trauerzug geheftet, in dieſe Worte aus⸗ 1 zubrechen: Dies iſt alſo, hoͤchſt wahrſcheinlich, die letzte Huldigung, welche einem Weſen erzeugt wird, das, haͤtte es laͤnger ge⸗ lebt, auf jedem ſeiner Schritte mit Eh⸗ renbezeugungen uͤberhaͤuft worden waͤre, und deſſen Lippen die Schmeichelei ihren ſuͤßeſten Nektar wuͤrde dargeboten haben! Als Tochter, Freundin, Gattin haͤtte ſie auf jede Lebensfreude Anſpruch machen koͤnnen: und nun iſt alles fuͤr ſie, und ſie iſt fuͤr alle dahin, fuͤr ihre Mutter, fuͤr ihre zaͤrtliche Freundin, fuͤr dieſe guten Landleute, die ſie jetzt abholen, und(ach warum ſollte ich nicht hinzufuͤgen) fuͤr mich ſelbſt! Denn, hat ſie nicht, ſelbſt unter den Schatten des Todes, mit tau⸗ ſend Reizen geſchmuͤckt, ſich meinem Bli⸗ cken gezeigt? Es war nichts Geborgtes, es war keine taͤuſchende Folie, die ihr die⸗ ſen Liebreiz liehen: nein, ſie leuchtete in ihrer Blaͤſſe mit eigenthuͤmlichen Glanze, eine treue Erzaͤhlung ſchilderte mir ihre Tugenden, und wenn aus meinen fruͤheren Erinnerungen, ein Wiederſchein jenes Zau⸗ bers, der mich, ach nur zu lange irre fuͤhrte, von ihrem Bilde zuruͤckſtrahlte, ſo bemaͤchtigte ſie ſich doch bloß durch die Gewalt ihrer Liebenswuͤrdigkeit, meiner ganzen Seele!—— Ungluͤcklicher! hat dich der letzte Schimmer von Vernunft ſo ganz verlaſſen, daß du die Thorheit dei⸗ ner Rede nicht mehr fuͤhlſt! konnten dich die Reize feſſeln, die ein Sarg umſchließt, konnte kalter Staub deinem ganzen zu⸗ 369 kuͤnftigen Geſchicke eine andere Richtung geben?— Ach und doch iſt's mit mir dahin gekommen! denn zuverlaͤſſig werde ich mich nun nicht mehr zur prieſterlichen Salbung melden, ich erkenne den Arm der mich zuruͤckſtoͤßt; der Herr, dem zu dienen ich nicht mehr wuͤrdig bin, iſ, wie er ſelbſt ſagt, ein Gott der Lebendigen und nicht der Todten. Da aber durch eine Verwirrung meiner Sinnen, die ich mir ſelbſt nicht erklaͤren kann, ein anderes Bild ſich meines Herzens bemaͤchtigt hat, da ich mich einem andern Dienſt geweiht, und mir einen andern Altar errichtet habe, ſo ſchwoͤre ich ihm jetzt ewige Treue!— In dieſem Augenblicke fiel Herrn Dermot plöͤtzlich das Geſchenck ein, das die Freundin der Vicomteſſe von Beau⸗ manoir ihm vor Kurzen uͤbergeben hatte, I. Theil. 24 370 und er ſetzte ſein Gaufseſxrih fol gender Maßen fort: an dun 3 „ein Ring wurde mir äberſchickt, ich habe ihn angenommen, wider die herge⸗ brachte Sitte iſt er von Frauenhand an die meinige uͤbergegangen. Kann ich meine Verbindlichkeit verkennen? Iſt ſie unge⸗ woͤhnlicher Natur, verpflichtet ſie mich dem Grabe, ſo habe ich neue Obliegenheiten zu erfuͤllen, ich habe Vertraͤge mit dem Tode abgeſchloſſen, wie er, muͤſſen ſie von ewiger Dauer ſeyn. Ich bin ſie einge⸗ gangen, und es iſt meine Pflicht nich ih⸗ nen zu unterwerfen.) Eine heiße Thraͤne faͤllt auf den Ring in dem Augenblicke, wo er einen Blick auf ihn richtet, und die Hand die ihn traͤgt, gegen ſeine Bruſt empor hebt. Aber ploͤtzlich uͤberlaͤuft ihn ein kalter Schauer 371 als er den Gegenſtand naͤher betrachtet, den der griechiſche Künſtler auf dieſen Sardonix mit einer Vollendung ausge⸗ fuͤhrt hatte, der ihm einen vorzuͤglichen Rang unter den Kunſtwerken des Alter⸗ thums anwieß.— Er ſtellte einen ſtehen⸗ den Genius mit uͤbereinander geſchlagenen Fuͤßen vor, der in einer ſchwermuͤthigen Stellung, auf eine abgebrochene Saͤule geſtutzt, mit umwoͤlkter Stirn und geſenk⸗ ten Haupte die zu ſeinen Fuͤßen zerſtreu⸗ ten Truͤmmern eines zerbrocheuen Aſchen⸗ krugs zu beſeufzen ſchien. Die ganze Darſtellung war eine bildliche Ueberſetzung eines der ſchoͤnſten Verſe Virgils*) aus der beruͤhmten, den Manen der Tochter Auguſts gewidmeten Stelle. Die Gelehr⸗ 5 Sed frons laeta parum, et d.jesta Im. mina vultn. Virg. Aeneid Lib. VII. 24* 372 ten und namentlich der beruͤhmte Winkel⸗ mann hatten dieſe herrliche Kamaͤe einem Sirakuſiſchen Steinſchneider zugeſchrieben, der ihrer Meinung nach damit auf die Zerſtoͤrung ſeiner Vaterſtadt anſpielen wollte. Es iſt naͤmlich bekannt, daß, nach dem durch die tiefen Kenntniſſe Archimeds drei Jahre laug verzoͤgerten, Siege des Marrellus, Syrakus der Pluͤnderung Preis gegeben wurde, und daß der Durſt nach Beute weder die alten Denkmale noch die Graͤber verſchonte. Wie Herr Dermot wieder emporblickt, bemerkt er, daß der Trauerzug vor dem Weiler ſtille haͤlt, der ihm von der Aus⸗ geberin in Helvin zum Nachtlager ange⸗ wieſen worden war, ehe man ſich zur gaſtfreundlichen Aufnahme auf der Burg ſelbſt entſchloſſen hatte. Dieſer Still⸗ ' 373 ſtand dauerte indeſſen nur kurze Zeit; bald ſetzt ſich der Zug wieder in Bewegung, das Kreuz wie gewoͤhnlich voran, nach ihm der Sarg der jungen, in dieſem Hauſe verſtorbenen Frau, auf einem von zwei Ochſen langſam gezogenen Karren*) er * Es geſchieht nicht um ſich einer Muͤhe zu uͤberheben, daß die Landleute von Niederbretagne die Saͤrge ihrer Verwandten nicht nach dem Kirchhof tragen. Die Gewohnheit, den Leich⸗ nam auf einen Wagen zu ſetzen, der von zwei Ochſen gezogen wird, die ſie jedoch bei dieſer Ge⸗ legenheit durchaus nicht antreiben, und die der, mit entbloͤßtem Haupte neben her gehende, Fuͤh⸗ rer bloß lenkt, hat verſchiedene Urſachen zum Grunde, wohin man, unter andern auch die Ver⸗ bindlichkeit rechnen kann, ſich bei Leichenzuͤgen keiner andern, als der ſogenannten Zwangſtraßen zu bedienen, auf denen oͤffters fuͤr die uͤbrige Begleitung, wegen der darauf befindlichen Pfuͤtzen, nicht fort zu kommen iſt; auf dieſen bleibt alſo bloß der Leichenwagen, waͤhrend die Begleiter die Schlagbaͤume der verbotenen Wege und die Einfriedigungen der benachbarten Felder uͤber⸗ ſpringen, was mit dem Sarge ſelbſt nicht ge⸗ 374 nimmt ſeine Richtung ohne Geſang, wahr⸗ ſcheinlich aus Nuͤckſicht fuͤr den Zuſtand der Frau von Beaumanoir, nach dem Schloſſe; und verliert ſich nebſt der Haͤlfte der ihn begleitenden Landleute unter dem gothiſch⸗ gewoͤlbten Burgthore, gleichſam als eine traurige Ehrfurchtsbezeugung, womit die Tochter des Pachters, der Tochter der Lehnsherrin annoch huldigt. So zogen denn, einander gegenſeitig begleitend, zwei weibliche Weſen in der Bluͤthe ihrer Jah⸗ re, zu ihrer letzten Wohnung hin, die eine, ihrer arbeitſamen Familie entriſſen, entging wahrſcheinlich der Laſt eines muͤ⸗ ſchehen kann, vor dem auch kein ſolcher Schlag⸗ baum niedergelaſſen werden darf, weil außerdem, nach der, Geſetzeskraft habenden, allgemein an⸗ genommenen Meinung, von dieſem Augenblicke an, ein ſolcher Weg jedermann offenſtehen, und, als der ganzen Genolne zuſtaͤndig, betrachtet werden wuͤrde. 375 hevollen Lebens, waͤhrend vielleicht der weiſe Rathſchluß der Vorſehung, die an⸗ dere den gefaͤhrlichen Reizungen eines glaͤn⸗ zenden Erdengluͤcks entziehen wollte. Der Himmel war wolkenlos, und das naͤcht⸗ liche Gewitter ſchien die Baͤume nur dar⸗ um eines Theils ihres Schmucks beraubt zu haben, um den letzten Weg, den die ihrer Mutter entriſſenen Jungfrau, und die zum Opfer ihrer Mutterpflicht gewor⸗ dene Gattin noch zuruͤckzulegen hatten, mit dieſer ſinnvollen Beute zu beſtreuen. Nun zeugte ſich auch der Anfuͤhrer dieſer traurigen Ceremonie. Es war ein Greis im Silberhaar, um ſeinen Hals ſchlang ſich die feierliche Stola, und ſiel in zwei Streifen zu beiden Seiten uͤber die Bruſt, bis an das Ende des Chorhemdes hinab. Der Zug, an ſeiner Spitze ſein ſiche⸗ rer Fuͤhrer, das Zeichen des Heils, zoͤ⸗ gerte nicht, in eben der ernſten Stille, die er bei ſeinem Eintritte beobachtet hat⸗ te, ſich wieder heraus zu bewegen; eine Stille, die durch eine nothwendige Ruͤck⸗ ſicht geboten, einen nicht minder religiö⸗ ſen und feierlichen Charakter, als die lauteſten Geſaͤnge an ſich trug. Herr Dermot, der dieſe Bewegung bemerkte, fuͤhlte ſich nicht ſtark genug, einen zwei⸗ ten Blick darauf zu werfen. Unter hefti⸗ gen Schluchzen ſteht er auf, reißt einen Schoͤßling aus einer benachbarten Haſel⸗ ſtaude, und nachdem er die Blaͤtter abge⸗ ſtreift hat, ſucht er ſich ſo gut als moͤg⸗ lich zu orientiren, und wandert mit ſtar⸗ ken Schritten gegen Vannes zu. gwei Stunden waren verfloſſen; ſchon ſtand die Sonne geraume Zeit uͤber den Horizont, als, nach mehreren, durch ſte⸗ 377 hende Waſſer veranlaßten Umwegen, die die Wanderung des Reiſenden verlaͤngert hatten, er endlich auf die Landſtraße kam, aber kaum eine Stunde von der, zu Hel⸗ vin gehoͤrigen Feldmark entfernt war. Noch zeigte ſich ſeinen Blicken der viereckige Thurm; nach und nach ſchien er jedoch hinter einen Wald hinabzuſinken, der zwi⸗ ſchen unſern Reiſenden und dieſe traurige Steinmaſſe trat, deren Anblick ihn mit Betruͤbniß erfuͤllte; er fuͤhlte ſich in der That dadurch angegriffen, und donnoch kehrte er, durch ein grauſames Verhaͤng⸗ niß gleichſam gezwungen, ſich aller Augen⸗ blicke um, und ließ ſeine Blicke darauf ru⸗ hen. Als endlich der Thurm hinter dem Gehoͤlze gaͤnzlich verſchwunden war, drehte er ſich noch einmal um, und ein tiefer Seufzer ſtieg aus ſeiner Bruſt. Kaum ein halber Tag war verfloſſen, als Herr 378 Jonathan Dermot an das Thor des al⸗ ten Sitzes der Beaumanoir geklopft hat⸗ te; aber dieſer halbe Tag hatte ſein in⸗ nerſtes Weſen durchſchnitten, und es in zwei Theile getrennt, wie unter dem Sen⸗ ſenhiebe die Pflanze außer Verbindung mit ihrer Wurzel geſetzt wird. Was ſollte aus ihm werden? Wozu ſollte er ſich ent⸗ ſchließen? Dies waren die Fragen, welche er an ſich ſelbſt richtete, als er ploͤtzlich zu ſeinem großen Erſtaunen, ſich bei ſei⸗ nen Namen rufen hoͤrte.— Die Stimme, die zu ſeinen Ohren drang, kam aus einem mit zwei guten Poſt⸗ pferden beſpannten Kabriolet, welches mit einem Male mitten auf[der Straße anhielt, nachdem es ihn einige Schritte hinter ſich gelaſſen hatte. Die Figur ei⸗ nes Seemannes mit hochrothen Geſicht, 379 aber lebhaften und geiſtvollen Zuͤgen, eine Schiffmuͤtze auf dem Kopfe, legte ſich mit halben Leibe zum Kabriolet heraus. Hin⸗ ter dem Wagen auf dem Kofferbrete, ſaß ein junger leicht gekleideter Menſch, baarfuß, der einen Bothengang verrichtet zu haben ſchien.— Folgendes Zweige⸗ ſpraͤch entſpann ſich zwiſchen dem Reiſen⸗ den im Wagen und dem Wanderer auf dem Fußſtege. „Mein lieber Jonathan, ich hoͤre nicht auf dich zu rufen,(begann eine ſtarke Stimme) aber du ſcheinſt auf mich eben ſo wenig zu hoͤren, als ein Korſar auf ein Kriegsſchiff, und haͤtte ich nicht end⸗ lich geentert, ſo waͤren zwei Schulkame⸗ raden unter demſelben Wind bei einan⸗ der voruͤbergeſegelt, ohne einmal ſich zu ſalutiren. 380 — Ach ſind Sie es Kapitain Ferec! erwiederte der Wanderer, in einem Tone der ſein Erſtaunen, aber noch mehr ein gewiſſes Gefuͤhl von Erleichterung aus⸗ druͤckte, das einem einſamen Reiſenden, beſonders wenn er mit ſich ſelbſt unzufrie⸗ den iſt, ein unvermuthetes Zuſammentref⸗ fen gewaͤhrt. 2 „Ja wohl, Jonathan bin ich's! Aber was Teufel machſt du ſo fruͤh auf dieſer Straße mit deinem paar Ruderſtangen, vermuthlich warteſt du auf die Fluth, die dich flott machen und irgend wohin fuͤh⸗ * ren ſoll?“ℳ — Ich gehe nach Vannes. ¹ — Und ich auch; ich werde auf die Hoͤhe des alten Venetas ſegeln, und wenn ich die Kuͤſte von Auray umſchifft 1 381 habe, ſo hoffe ich, ehe die Sonne im Me⸗ ridian ſteht, vor Lorient anzulegen, wo mich ein guter, fuͤr Rechnung der wohl⸗ anſehnlichen weſtindiſchen Compagnie be⸗ frachteter Segler am Bord erwartet. — Nun ſo waͤnſche ich Ihnen gluͤck⸗ liche Reiſe und baldige Zuruͤckkunft. — Mordelement— iſt das eine Art mit einem alten Schulkameraden zu par⸗ lementiren? Jonathan, Du warſt immer ein braver Kerl, obgleich deine Barke ei⸗ nen traurigen und truͤbſeligen Gang hatte, es kam mir immer vor, als ob weder friſcher noch ſchwacher Wind ſie in Bewe⸗ gung haͤtte ſetzen koͤnnen. Du haſt dich nicht veraͤndert ich ſehe es wohl, und ſo wollen wir auch kein Wort weiter daruͤber verliehren. Du halfſt mir oͤfter bei mei⸗ nen Schularbeiten und erklaͤrteſt mir alles —— 382 ſo deutlich, daß ich dem Herrn Abbe Ger⸗ me Red' und Antwort geben konnte, als ob ich alles ſelbſt gemacht haͤtte: es iſt mir noch ganz lebhaft im Gedaͤcht⸗ niß, alſo, Kamerad, mache mir das Ver⸗ gnuͤgen und ſteige in mein Kahn. Deine Bagage iſt nicht ſchwer und unſer Ballaſt wird die Segel nicht hindern ihre Schul⸗ digkeit zu thun. Siehſt du dieſe beiden bemaͤhnten Aeol'sſoͤhne,(du wirſt bemer⸗ ken, daß ich mein Latein noch nicht ver⸗ geſſen habe,) mit ihrer Huͤlfe werden wir beilaͤufig vier Loglienknoͤpfe*) zuruͤcklegen, und waͤhrend wir vorwaͤrts ſegeln, wollen wir einander einige Seiten aus unſern alten Schiffsregiſtern mittheilen.“ *) Vorrichtung vermittelſt einer ſich abwin⸗ denden in Knoten abgetheilten Leine, die Ge⸗ ſchwindigkeit des Laufs eines Schiffes zu beſtim⸗ men. Anm. des Ueb. 383 Mit dieſen Worten oͤffnete der Kapi⸗ tain den Schlag des Kabriolets. Herr Dermot hatte ſeinen Entſchluß gefaßt, ohne ihn eigentlich in Ueberle⸗ gung gezogen zu haben, wie es zu gehen pflegt, wenn man ploͤtzlich zu einer Ent⸗ ſcheidung gedraͤngt wird, die unſerm Ge⸗ ſchmack, den Umſtaͤnden und vielleicht den Verhaͤltniſſen zuſagt, deren Druck uns in Verlegenheit ſetzt. Die beiden Schul⸗ kameraden ſaßen neben einander, drei⸗ mal knallte die Peitſche des Poſtillions, und huͤllte die an ihrem Ende befindliche Schwippe in Staub, und nach einem klei⸗ nen Aufenthalte, der ſo lange dauerte, als das ſo eben mitgetheilte Geſpraͤch, rollte die kleine Equipage auf der Land⸗ ſtraße wieder fort. Die Unterhaltung wurde im Wagen fortgeſetzt, doch ehe 384 wir davon Notiz nehmen, muͤſſen wir ei⸗ nige Worte uͤber den Kapitain Ferec ſa⸗ gen. Sohn eines mit Recht geachteten No⸗ tars, in der, im benachbarten Bisthume gelegenen Baronin Pont— L'abbé, war er von ſeinen Aeltern auf die Univerſitaͤt Rennes geſchickt worden, um dort die ſchoͤ⸗ nen Wiſſenſchaften, und dann die Rechte zu ſtudieren, in welchen Wiſſeenſchaften er, ſeinen natuͤrlichen Anlagen zu folge, ſchnelle Fortſchritte wuͤrde gemacht haben, wenn ſie nur von einem gewoͤhnlichen Fleiße unterſtuͤtzt worden waͤren. Allein, ungluͤcklicher Weiſe trug ſein angenehmes Aeußere nur noch dazu bei, ſeine Abnei⸗ gung gegen ſitzende Arbeiten zu vermeh⸗ ren. Die Gegenſtaͤnde zur Zerſtreuung vervielfaͤltigten ſich mit jedem Augenblicke, und ſeine Juͤnglingsjahre entflohen, ohne ihn zu den Hoffnungen zu berechtigen, vor dem Gerichtshofe von Rennes ehrenvoll auftreten zu koͤnnen, der damals in ſo großem Rufe ſtand, daß man nur, mit gruͤndlichen Kenntniſſen ausgeruͤſtet, es wagen durfte, an ſeinen Schranken zu er⸗ ſcheinen. Um einige Juhre aͤlter als Herr Dermot, war er ein Mitſchuͤler dieſes jungen Mannes, der durch die fruͤhe Aus⸗ bildung ſeines geiſtigen Vormoͤgens, die Aufmerkſamkeit ſeiner Lehrer auf ſich zog. Man weiß nicht wie es zuging, aber bald knuͤpfte die innigſte Freundſchaft ſie an einander. Dieſe Verbindung erregte Erſtaunen, denn weder Aehnlichkeit der Neigungen noch des Charakters, ſchien ſie zu rechtfertigen. Aber vielleicht war ge⸗ rade dieſe entgegengeſetzte Geſinnung das I. Theil, 25 4 6 386 Band derſelben, denn der junge Ferec, lebhaft, feurig, zu Zerſtreuungen geneigt, aber gut und großmuͤthig, fand in dem jungen Dermot ein Gegengewicht, deſſen Beduͤrfniß er fuͤhlte. Sein Leichtſinn wuͤrde ihn ohne Jonathans ernſtlichen War⸗ nungen oͤfters zu wirklichen Thorheiten, und dieſe zu offenbaren Vergehungen hin⸗ geriſſen haben. Die geſetzte Denkungs⸗ art des Einen, maͤßigte die aufbrauſende Heftigkeit des Andern. Nicht als ob der Juͤngere, welchem in dieſem ſonderbaren Buͤndniſſe die entſcheidende Stimme zu Theil worden war, ſelbſt von Leidenſchaf⸗ ten frei geweſen waͤre, im Gegentheil, er fuͤhlte, daß ſie viel Gewalt uͤber ihn hat⸗ teu, und da er weiſe genug war ſie zu fuͤrchten, ſo vermied er faſt immer ſich mit ihnen in Kampf einzulaſſen. Daher betrachtete man ſehr oft ſeine Empfin⸗ 387 dung aus einem falſchen Geſichtspunkte. Da, wo man ihn fuͤr ſtreng hielt, war er nur klug; man gab ihm Stolz und Ei⸗ genliebe Schuld, wenn er ſich dem Luſt⸗ partien ſeiner Kameraden entzog, und er war nur ſtreng gegen ſich ſelbſt; was man fuͤr Kaͤlte hielt, war eine auf Selbſtpruͤfung gegruͤndete, vorſichtige Zuruͤckhaltung, ſeine Bekannten zeiheten ihn des Menſchen⸗ haſſes wegen ſeines Hanges zur Einſam⸗ keit, und doch lag ihm nur ein Gefuͤhl von Schwermuth zum Grunde, das zu⸗ gleich eine Folge ſeiner Seelenſtaͤrke, und eines ihm natuͤrlichen Mißtrauens war. Wenn eine dieſer Eigenſchaften, in ſo fern ſie negativ war, ihn veranlaßte, ſich ſchuͤchtern in ſich ſelbſt zuruͤckzuziehen, ſo lehrte ihn die andere, indem ſie ihn mit dem ganzen Umfange ſeiner, ihm in⸗ wohnenden Kraft bekannt machte, dieſe — 25 † 388 literariſche Zuruͤckgezogenheit zur Entwi⸗ ckelung jener Kraft zu benutzen. Der junge Ferec, mit einem außer⸗ ordentlichen natuͤrlichen Scharſinn begabt, hatte durch eine Art von Inſtinkt, die innerſten Falten des Gemuͤths feines Freundes ergruͤndet. Ohne daß dieſer ihm ſeine Geheimniſſe vertraute, war er doch im Beſitz derfelben, aber nie ſetzte er ſich den Entſchluͤſſen ſeines Freundes entgegen, was auch ganz vergeblich ge⸗ weſen ſeyn muͤrde,(denn Herr Dermot zeigte in allen ſeinen Handlungen eine um ſo unerſchuͤtterlichere Feſtigkeit, da er alles vorher wohl uͤberlegte,) aber er benutzte die Anſichten, die ihm dieſer Umgang ge⸗ waͤhrte, zur Richtſchnur fuͤr ſein eignes Betragen. Der Rath ſeines Freundes vermochte ihn die Laufbahn eines Proku⸗ 389 rators zu verlaſſen, auf welcher er nie glänzende Fortſchritte gemacht haben wuͤr⸗ de, dagegen widmete er ſich dem See⸗ weſen, worinnen er ſich bald einen Namen erwarb. In ſeinem dreißigſten Jahre, nach ſeiner zuruͤckgelegten dritten Seereiſe, war er Schifſslieutenant, ohne jedoch zum königlichen Marinekorps zu gehoͤren, ein Vorzug, zu dem er nicht gelangen konnte, da er nicht aus einer adelichen Familie abſtammte; allein ohnerachtet er nur unter der ſogenanten blauen Marine(Marine vleue) diente, die in Kriegszeiten als ein Huͤlfskorps der erſten betrachtet wurde, ſo hatte er doch bereits ſeinen Ruf als talentvoller Seeofſicier begruͤndet. Seine fruͤheſte Jugendverbindung mit Herrn Dermot bot dem Beobachter noch eine, der Bemerkung wuͤrdige Eigenthuͤm⸗ 390 lichkeit dar. In den Verhaͤltniſſen, zu de⸗ nen ſie Veranlaſſung gab, benahm ſich naͤmlich Ferec gegen ſeinen Freund ſtets mit einer Freimuͤthigkeit und Vertrau⸗ lichkeit, die von dieſem nicht erwiedert zu werden ſchien. Indeſſen trog hier der Schein, denn, wenn man die vorherge⸗ hende Charakterſchilderung Dermots er⸗ wogen hat, ſo mußte er ihr zu folge, wenig zur Mittheilung, und noch weniger zur Erklaͤrung geneigt ſeyn. Kaum hatte er ſeine fruͤheſten Jugendjahre zuruͤckge⸗ legt, ſo hoͤrte er auch auf, ſeine Freunde, ſeine Verwandten, ſelbſt ſeinen Bruder und ſeine Schweſter zu dutzen; er verſtat⸗ tete indeſſen dieſe Freiheit in Bezug auf ſich recht gern, es machte ihm ſogar Ver⸗ gnuͤgen, er bediente ſich ihrer aber nie ge⸗ gen irgend jemand, wenigſtens nie oͤffent⸗ lich. Gewiß iſt, daß, wenn je in ſeinem 391 Leben ein ſolcher Ausdruck von Vertran⸗ lichkeit ihm entſchluͤpfte, er nur allein der Liebe dadurch huldigte. Nach ſechsjaͤhriger Trennung erneu⸗ erten die beiden Schulkameraden ihre alte Bekanntſchaft. Die Bewegung des Wa⸗ gens ſtoͤrte ſie nicht in ihrer Unterhal⸗ tung, die vielmehr einen ziemlich ange⸗ zwungenen Gang nahm. Nicht als ob Herr Dermot ſich gerade zu wortreichen Ergießungen geſtimmt gefuͤhlt haͤtte, im Gegentheil war er wohl niemals weniger geneigt geweſen ſeinen zuruͤckhaltenden Charakter zu verlaͤugnen, aber der Kapi⸗ tain Ferec war nicht der Mann, der ohne ein Wort zu reden neben einem andern ſitzen konnte, und nur ſeine Seemaͤniſche Freimuͤthigkeit war im Stande, bei ſeinem ehemaligen Mitſchuͤler etwas, einer Her⸗ 7 392 zeuserleichterung Aehnliches, hervorzuru⸗ fen. Der Einfluß den dieſes Zuſammen⸗ treffen auf den Entſchluß des Herrn Der⸗ mot hatte, macht es nothwendig, das Ge⸗ ſpraͤch der beiden Reiſenden, nach ſeinem ganzen Inhalte, mitzutheilen. „Sage mir, Jonathan, welche Lage haſt du denn geſtern erhalten, und ſe⸗ gelſt du denn ſchon in den Gewaͤſſern des heiligen Vaters, wie man mir vor noch. nicht acht und vierzig Stunden, in dei⸗ nem vaͤterlichen Hauſe verſichert hat, wo⸗ hin ich aus zweierlei Urſachen gekommen war; erſtens um dich zu ſehen, und dann, weil ich mit deinem Vater fuͤr einem mei⸗ ner Freunde, Herrn Perrier, einen Rhe⸗ der, der ſeine Segeltuͤcher aus den Nieder⸗ lagen deines Hauſes bezieht, Rechnungen zu berichtigen hatte. 393 — Sie haben es ſchon aus meinen Nunde gehoͤrt, mein lieber Ferec, daß ich nach Vannes gehe. Was den geiſtlichen Stand betrifft, ſo war ich noch geſtern entſchloſſen, mich ihm zu widmen, dies beweiſt meine Reiſe, aber ſeit heute habe ich darauf verzichter. —„Uebrigens ſcheint es nicht, als ob dich dies viel heiterer gemacht habe, lie⸗ ber Jonathan; denn der Ton, mit wel⸗ chem du mir es ſagſt, iſt ſo froͤhlich wie ein Leichenbegaͤngniß. Ja, ein Leichen⸗ begaͤngniß am Bord iſt ſogar nicht einmal ſo traurig als deine Figur. Da liegt der Leichnam auf dem Oberlauf(tillac), zuweilen an eine Kanonenkugel gebunden, wenn man ſie uͤbrig hat, der Prieſter, wenn einer da iſt, ſpricht das Gebet: fi⸗ delium Deus omnium; das Schiffovolk ſagt amen; man beſprengt den Verſtorbe⸗ 394 nen mit Weihwaſſer; dann gehts mit ihm auf den Gottesacker, das heißt: ins Meer. Nun waſchen die Schiffsjungen die Stelle mit einem Schwamme ab, und dann ſagt man, das Auge mit der verkehrten Hand ſich trocknend:„Der arme Paul, der arme Franz, dahin iſt er nun, es war doch ein guter Kerl. Nun heiſt's:„An die Arbeit Kinder, ſeht mir einmal aus dem Maſtkorbe, was das dort fuͤr ein ſchwarzer Punkt iſt, der ſich mit der Welle hebt und ſenkt! Freund oder Feind, man muß ihn ſalutiren, al⸗ ſo aufgemerkt, auf ſaͤmmtlichen Poſten! — Nun Kapitain, ſo etwas Aehnliches hab' ich geſtern und heut geſehn. — Und wo Teufel haͤtteſt du denn die Nacht zugebracht. 395 — Auf dem Schloſſe Helvin. — Ach nun iſt mir alles klar, Kamme⸗ rade. Vorgeſtern Abends kam ich zu mei⸗ nem alten Schwiegervater, der ſeit langer Zeit auf einem recht artigen Landgute, zwei Stunden von dem Schloſſe wohnt, ich komme jetzt gerades Wegs von daher. Kaum hatte ich den Fuß zur Erde geſetzt, ſo erzaͤhlten mir auch der gute Alte und ſeine Tochter das Ungluͤck der trefflichen Frau von Beaumanoir. Weißt du wohl daß ich ſie kenne, ſie und ihre liebens⸗ wuͤrdige Freundin? Weißt du auch, daß ich ſogar auf einem Balle, vor hoͤchſtens anderthalb Jahren neben ihrer holden Klementine manoͤvrirt habe? Ich will dir erzaͤhlen, durch welchen guͤnſtigen Wind, auf den ich gar nicht rechnete, wir einan⸗ der naͤher kamen. Arme Klementine! 396 Bin ich doch da auf einmal auch zum Lei⸗ chenbegaͤngniß gekommen! fuͤgte der Ka⸗ pitain in Beziehung auf ſeine fruͤhere Beſchreibung hinzu, indem er mit dem Zeigefinger ſeiner fleiſchichen Hand an ſeine Augenwimpern fuhr.„In zwiſchen,“ fuhr er fort,„muß ein Mann ſich auch daruͤber iu troͤſten wiſſen.“ — Ich habe ales ſehr ernſtlich uͤber⸗ legt, mein lieber Ferec, und mich uͤber⸗ zeugt, daß ich füͤr den geiſtichen Stand niuhe geboren bin. — Dies wußte ich eher wie du Jona⸗ than. Du warſt ſo enig beſtimmt einen Chorrock zu tragen, und den Ruͤcken mit dem Meßgewande zu bedecken, als ich, mich in eine Advocaten⸗oder Prokurator⸗ robbe zu ſtecken, ich ſagte mir dies, als ich dich, gleich einem Seeraͤnber, um die 397 Korvette der Demoiſelle Morin ſchwaͤrmen ſah. Du hatteſt es mit einer ſchlauen Seglerin zu thun. Vielleicht rechnete ſie auf eine ernſtlichere Verbindung; denn ich hoͤre, daß ſte jetzt die Gabare unſeres braven Landsmannes Leboncher) bugſtert. Wenn ſie dir indeſſen auch entgangen iſt, deswegen ſollteſt du nicht gleich deine See⸗ gel einziehen, lieber Freund. Eine an⸗ dere Fahrt bot ſich dir dar, wenigſtens wuͤrde es dir nicht mehr an Erfahrung gefehlt haben: das Meer iſt groß, und es giebt Korvetten genug, die ſich gerne entern laſſen. Iſt eine Fahrt nicht gluͤck⸗ —. —) Herr Leboucher, ein reicher und mit Recht geſchaͤtzter Kaufmann in Rennes, erſuchte Made⸗ moiſelle Morin, nach dem Verluſte ſeiner Gat⸗ rin, zu ihm zu ziehn, um die Erziehung ſeiner Kinder zu uͤbernehmen, welche in der Folge fuͤr die wohlerzogenſten in der ganzen Provinz gehal⸗ ten wurden. 398 lich geweſen, ſo entſchaͤdigt die zweite faſt . immer den braven Seemann.“ 4ℳ Herr Dermot hielt es fuͤr gerathen ſeinem Freunde etwas uͤber ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe mitzutheilen, er unterhielt ihn von ſeiner fruͤhern Abſicht, noch am letzten verfloſſenen Abend Vannes zu erreichen, um dort mit den, ſo wie er zur Ordina⸗ tion beſtimmten, jungen Geiſtlichen wieder zuſammen zu treffen. Dann kam er auf die Mittheilung der Madame Allote, er⸗ zaͤhlte ihm die naͤhern, dem Kapitain un⸗ bekannten Umſtaͤnde, nicht ſowohl in Be⸗ ziehung auf das bereits in der ganzen Umgegend ruchbar gewordene Duell des Herrn Delmot, als vielmehr ruͤckſichtlich der durch die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit ver⸗ anlaßte Verzoͤgerung der Beerdigung des Fraͤuleins von Beaumanoir, und brach 399 endlich von ſeiner, durch alle dieſe Ereig⸗ niſſe gereizten Phantaſie, und ſelbſt von der Erinnerung an den Leichenzug, der ſo eben ſeinen Blicken entſchwunden war, er⸗ griffen, mit einer auffallenden Veraͤnde⸗ rung der Stimme und der Geſichtszuͤge, die in dieſem Augenblicke in einem trauri⸗ gen Einklange ſtanden, in folgenden Wor⸗ ten aus: Kapitain, ich geſtehe Ihnen, daß, wenn ich jetzt mein Herz befrage, ich in demſelben, zu meinem Leidweſen, durchaus nichts finde, was den Charakter eines re⸗ ligioͤſen Berufs andente! Vielleicht iſt die goͤttliche Gnade von mir gewichen! Viel⸗ leicht bin ich ihrer nie wuͤrdig geweſen. Lieber Freund, ſpotten Sie meines Schmer⸗ zes nicht, er iſt unermeßlich, er iſt ſo groß, daß Ihr Auge vor ſeiner furchtba⸗ 400 ren Tiefe erſchrecken wuͤrde. Nach einem ſo unſichern Hin⸗ und Herſchwanken mei⸗ ner Anſichten, nach einer ſ olchen Unbeſtaͤn⸗ digkeit in meinen Worſätzen, woruͤber die Geſellſchaft das vollkommenſte Recht hat, mir Vorwuͤrfe zu machen, habe ich den Entſchluß gefaßt, mich fuͤr einige Zeit zu entfernen; aber glauben Sie mir Ka⸗ pitain, es geſchieht nicht, um meine Ei⸗ genliebe zu ſchonen, die ihre Rechnung mit der Welt abgeſchloſſen, und auf mich hienieden keinen Einfluß mehr hat. Ich habe mir in meinen eignen Augen einen ſo niedrigen Platz angewieſen, daß ich von andern in dieſer Hinſicht nichts mehr zu befuͤrchten habe; ein trauriges Spiel mei⸗ nes Eigenduͤnkels, wuͤnſche ich nur, daß meine Familie nicht zu viel darunter lei⸗ de. Ich weiß, daß es meinem alten Va⸗ ter ſehr ſchmerzlich ſeyn wird. Er hat 401 meinen Entſchluß, mich dem geiſtlichen Stande zu widmen, nie gebilligt, und im Grunde wird er es nicht mißbilligen, daß ich ihn geandert habe, aber er kann, er muß mich mehr als je der Unuͤberlegt⸗ heit in meinen Entwuͤrfen beſchuldigen. Wenigſtens halte ich es fuͤr unumgaͤnglich nothwendig, dieſem wuͤrdigen Greiſe die Kraͤnkung zu erſparen, die ihm meine Gegenwart in ſeinem Wohnort oder in deſſen Naͤhe, fuͤr den erſten Augenblick verurſachen wuͤrde. — Mein Freund, es iſt Schade daß ich Befehl erhalten habe, morgen fruͤh un⸗ ter Seegel zu gehen, denn der zu zwan⸗ zig Sols taͤglich verfrachtete arme Teufel iſt geſtern von Lorient als Aviſo abgeſee⸗ gelt, um mir deshalb das beſtimmte Sig⸗ nal zu geben. Da er lahm iſt, ſo ſchiſſte I. Theil. 206 — 402 er eben nicht mit vorzüͤglichen Nudern, was mich bewogen hat, ihn auf meiner Ruͤckreiſe ſtatt Boje“) hiuten auf zu pa⸗ cken, obendrein befuͤrchte ich zu ſpaͤt auf die Hoͤhe von Lorient zu gelangen. Ich werde hoͤchſtens noch einen Abend dort liegen bleiben, außerdem wuͤrde ich dir vorgeſchlagen haben, mit mir ſeewaͤrts zu gehen; du haͤtteſt die ſuͤdliche Halbku⸗ gel und ihre Erzeugniſſe, die wohl den unſfrigen die Wage halten, kennen gelernt, du haſt wahrlich eine günſtige Gelegen⸗ heit verſaͤumt! — Und wohin lautet Ihre Beſtimmung Kapitain? *) Boje. Ein an ein Seil befeſtigtes Stuͤck Holz, Kork oder Faß, um die Stelle wo die Anker liegen, oder wo verborgene Klippen befind⸗ lich ſind, zu bezeichnen. Anm. des Uehe 403 — Zuerſt werde ich das beruͤhmte Vor⸗ gebirge umſchiffen, jenſeits, welchem Vasco de Gama zuerſt den Weg nach Oſtindien aufgefunden hat, hierauf loͤſche ich mit meiner Ladung in Isle de France, und hole eine andere in Pondicheri. Dazu brauche ich achtzehn Monate. — Es wuͤrde Ihnen alſo nichts ver⸗ ſchlagen mich auf Isle de France zu laſſen; wo ich Gelegenheit nach Isle de Bour⸗ bon, dem Vaterlande meiner Mutter, finden wuͤrde? — Was verſchlagen? Es gereicht mir zur groͤßten Freude! Aber wie geſagt Kamrade, hoͤchſtens funfzehn Stunden in Lorient und dann in See, ſo lauten meine Ordres. Jetzt trat eine augenblickliche Stille im Kabriolette ein. Herr Dermot bonutzte 9*† —— 404 ſie, um ſich einem kurzen Nachdenken zu uͤberlaſſen, bevor er einen feſten Entſchluß faßte/ aber der Kapitain Ferec zoͤgerte nicht, ihn durch ein, beinahe konvulſivi⸗ ſches Lachen in ſeiner Ueberlegung zu ſtoͤ⸗ ren. Er unterbrach es nur um ſeinem Freunde, deſſen Erſtaunen beinahe au Em⸗ pfindlichkeit grenzte, folgende Bemerkung zum Beſten zu geben: 4 Jonathan, ich muß bekennen daß du da einen beſondern Schifferanzug anhaſt! Meiner Treu lieber Freund, es waͤre mir unmoͤglich, dich in dieſen Aufputz mitzuneh⸗ men. Wir haben auch einen Schiffspa⸗ ter, aber er traͤgt einen kurzen Rock. Es iſt ein ziemlich luſtiger Bernhardiner, nun du wirſt ſeine Bekanntſchaft machen: nur muß ich dir im Voraus bemerken, deß er lieber, wenn er mit mir Piquet 40⁵ ſpielt, ſeine Quinte und vierzehen As aus ſeiner Karte zaͤhlen wird, als mit dir im Brevier zu leſen. Was deinen Chorrock betrifft. Ach ich weiß es nur zu gut, ich haͤtte ihn nie tragen ſollen... Uebrigens be⸗ ruhigen Sie ſich, mein lieber Freund, ein einziger Abend wird hinreichen, um die Veraͤnderung, die mir eben ſo ſehr als ihnen am Herzen liegt, zu bewirken. Da wir beide ſo ziemlich von einer Groͤße ſind, ſo werde ich Sie, wenn wir nach Lorient kommen, bitten, mir ein Kleid zu borgen, woruͤber der Schneider mir das „Maaß nehmen kann; alſo, Scherz bei * Seite! Was Ihren Schiffspater betrifft, ſo werden wir, bevor wir in eine genau⸗ ere Bekanntſchaft mit ihm treten, erſt unterſuchen, worinnen einer dem andern nuͤtzlich ſeyn kann. AuE 40e z — Ganz nach Deinem Gefallen mein lieber Dermot! Nachdem ich dich zum Schulkameraden gehabt habe, werde ich mich ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, dich zum Rei⸗ ſegeſellſchafter zu haben, wir werden von unſern alten Zeiten mit einander reden, und von dem guten Abbe Germe, der je⸗ der Zeit weinte, wenn er uns eine, we⸗ nigſtens meinerſeits immer wohlverdiente Strafe auferlegte; wir werden mit ei⸗ nander philoſophiren, denn, wie du weißt, bringſt du mich immer zum Nachdenken.... und um die Gewohnheit nicht zu verlieh⸗ ren, erlaube mir Jonathan eine Verglei⸗ chung zwiſchen dieſem Abſchnitt deines ge bens und dem Ende eines beruͤhmten Mannes aufzuſtellen. Du ſiehſt, ich neh⸗ me die Sache ernſtlich. Wenn mich mein Gedaͤchtniß nicht truͤgt, ſo ließ ein ge⸗ wiſſer Abbe Bouthillier, genannt de Rance ein gelehrter Doktor der Gottesgelahrtheit, der aber, meiner Meinung nach, ein ſehr ſchlechter Kuͤſtenlotſe geweſen ſeyn wuͤrde, im Angeſicht der Brandung, an welcher die Barke ſeiner Geliebten, der Marquiſe von Montbazon geſtrandet hatte, auch die ſeinige umſchlagen. Ich ſage dir Jona⸗ than, daß er, trotz ſeiner Eigenſchaft als Sorboniſt, wie ein Narr umſchlug, denn viel beſſer war es nicht, da er ſich unter den Felſen de la Trappe begrub, wo er dieſen beruͤhmten Moͤnchsorden ſtif⸗ tete; aber du mein Freund biſt wenigſtens vernuͤnftiger, denn nachdem du dein gan⸗ zes Fahrzeug abgetakelt haſt, ruͤſteſt du ein friſches aus, und ruͤckſt wieder in die Linie, und dies im Angeſicht einer nied⸗ lichen, ebenfalls umgeſchlagenen Barke, wel⸗ che, meiner Meinung nach, wohl eben ſo viel werth war, als die der Madame de 408 Monthazon, und die unter deiner Leitung zuverlaͤſſig keine unrichtige Straße wie jene eingeſchlagen haben wuͤrde; denn aufrichtig geſprochen, die ſchoͤne Marquiſe war uichts als ein Seeraͤuber. Hm! was ſagſt du dazu Jonathan?— Ich ſage, mein Freund, daß Sie es ſich angelegen ſeyn laffen, mich zu kraͤ⸗ ken, und daß, im Fall Sie ſich vorge⸗ nommen haben, waͤhrend der Reiſe einen aͤhnlichen Scherz mit mir zu treiben, ich auf den Troſt, den mir dieſelbe verſprach/ verzichte. Glauben Sie mir, lieber Fe⸗ 1 rec, ich fuͤhle mein Elend ſo ſchon tief genug, ohne daß Ihre Sarkasmen es un⸗ aufhoͤrlich in meinem Innern aufzuregen brauchen. Mein Unrecht ſey ſo groß es b wolle, als Ungluͤcklicher habe ich Anſpruͤche auf Ihr Mitleiden, vielleicht ſogar auf 409 die Achtung, die mein Mißgeſchick ſelbſt von denen fordern koͤnnte, die ſich nicht unter meine Freunde zaͤhlen; es iſt ge⸗ nug daß die Hand Gottes ſo ſchwer auf mir laſtet, die Ihrige ſollte deshalb nicht noch auf mich ſchlagen.... Uebrigens habe ich Ihnen mein Wort noch nicht ge⸗ geben, Kapitaͤn Ferec... Sie haben mir ſo eben einen Aufenthalt angezeigt, der fuͤr mich paſſender ſeyn wuͤrde, als ihr Schiff.— Oefters gibt der Leicht⸗ ſinn, in ſeiner Unuͤberlegtheit heilſame Rathſchlaͤge.. Dieſe aus einem gebrochenen Herzen kommende Klage ruͤhrte dem Kapitain innig. Er entſchuldigte ſich wegen ſeiner Abſicht: er verſprach alles Moͤgliche; er wollte ſie mit Schwuͤren begleiten, welche Herr Dermot auf ſeinen Lippen zuruͤckhielt, I. Theil. 27 410 und nachdem er endlich ſeinen Freund, der ſein fruͤheres Uebergewicht noch immer behauptete, moͤglichſt beruhigt hatte, und ſie bereits Vannes mit ſeinem Glocken⸗ thuͤrmen und alten Veſtungswerken deut⸗ lich vor ſich liegen ſahen; druͤckte er Herrn Dermots Haͤnde zwiſchen den ſei⸗ nigen, und gab mit einem unnachahmli⸗ chen Ausdruck folgende Erklaͤrung als Buͤrgſchaft fuͤr den neuen, ganz zu Gun⸗ ſten des Herrn Dermot abgeſchloſſenen Vertrag von ſich; „Sei ohne Sorgen wegen neines ſtuͤrmiſchen Weſens; ſind wir nur einmal am Bord mein lieber Jonathan, dann ſollſt du ganz nach deinem Sinne leben. Ob wir uns gleich gegenſeitig lieben und achten, ſo weiß ich dach gar wohl, daß unſere Gewohnheiten ſchon ſeit langer — 411 Zeit ganz verſchieden ſind; ich werde dies nie vergeſſen. Das aͤußere Anſehen dei⸗ ner Barke mag auch noch ſo gut ſeyn, ihre Bauart iſt nicht die dauerhafteſte, ihr Fockmaſt druͤckt ſie beinahe zuſammen, ein kleiner dreizackiger Segel iſt fuͤr ſie ſchon hinreichend, in der That, das iſt alles was ſie zu tragen vermag, und bei alle dem darf man die Reefs nicht zu ſehr nachlaſſen. Ich mache mich anheiſchig darauf Acht zu geben, mein lieber Jona⸗ than. Biſt du nicht mein Freund, der Freund meiner fruͤhſten Jugend? Warum wollts ich dir das Herz ſchwer machen? Du biſt ein bloßer Pafſagier auf der „liebenswuͤrdigen Eliſabeth“ und haſt nicht noͤthig mit zu mansvriren. Du ſollſt ein artiges Gemach erhalten, wo es dir frei ſteht in meinem Robinſon den ich dir leihen werde, oder in dem di⸗ 27* 412 cken Buche, das du unter dem Arm traͤgſt, zu leſen, oder nachzuſinnen, dich zu lang⸗ 1 weilen, zu ſchlafen zu beten, auf dem Verdecke herum zu ſpatziren, alles wie dir's beliebt; ich werde dich durchaus nicht ſtoͤren. Iſt dir's angenehm ſo wol⸗ len wir zuſammen eſſen, wo nicht, ſo ſchicke ich dir deine Portion zu: Du ſollſt ſie reichlich erhalten; ich werde dich unſerm Schiffskoch empfehlen, und da mir ſehr wohl bekannt iſt, daß der Schiffs⸗ keller uͤber welchem ich die Aufſicht ſtets ſelbſt fuͤhre, dem Patron eben ſo am Her⸗ 2 zen liegt, als wir uns fuͤr ſeine Kuͤche intereſſiren, ſo ſtehe ich dir dafuͤr, daß du unter der Schiffsmannſchaft nicht am ſchlechſten bedient ſeyn ſollſt.“ Der Paſſagier der„liebenswuͤrr⸗ digen Eliſabeth“ antwortete ſeinem 413 Schulkameraden durch einen herzlichen Haͤndedruck. Sie gelangten in Vannes an, wo ſie fruͤhſtuͤckten. Herr Dermot fand unter der beſtimmten Adreſſe einen Brief von ſeinem Vater, worauf er ſchon im iſt die Antwort entwarf, ſo wie er ſol⸗ e von Lorient ablaufen zu laſſen ſich vornahm. Ein paar Gaͤnge waren hinrei⸗ chend, um ſeine uͤbrigen Empfehlungs⸗ ſchreiben abzugeben; und friſche Poſtpferde befanden ſich vor dem Kabriolet, das ſeit fruͤh zehn Uhr auf der Straße von Au⸗ rai, einer der bergigſten in Frankreich, raſch vorwaͤrts eilte. Ende des erſten Theils. 4 In unſerm Verlag iſt erſchienen: Bertolotti, Dav., Riswinde und Le⸗ bedio, oder der Einfall der Ungarn in Italien im Jahr Neunhundert. Ein hi⸗ ſtoriſcher Roman. Aus dem Italieniſchen uͤberſetzt von C. G. Hennig. 3. 1824. 1 Thlr. 3 Gr. — Erzaͤhlungen. Frei ach dem Italieni⸗ ſchen uͤberſetzt von C. G. Hennig. 8. 1824. 1 Thlr. 3 Gr. Boſſi, L., aͤltere und neuere Geſchichte Spaniens, 1. Theil. 1 Thlr. 8 Gr. Eiſenſchmid, G. B., Licht und Salz, oder der damit bemerkbar gemachte hohe Beruf eines chriſtlichen Predigers, nach Anleitung der Worte Jeſu Matth. 5, 13. 14. bei Gelegenheit einer Synodal⸗ verſammlung. 8. 9 Gr. — Das religioͤs⸗ ſittliche Leben eines chriſt⸗ lichen Predigers, nach Pauli Anweiſung und Johann Hornbeeks Leitung. Ein Handbuch fuͤr Prediger und ſolche, die es werden wollen. 8. 1 Thlr. 12 Gr. — Ueber Kirchenregiment und Kirchenge⸗ walt. Fuͤr Freunde der Wahrheit aus allen Staͤnden. 8. 1 Thlr. 15 Gr. — Luthers Schriften wider die Tuͤrken und deren unausloͤſchlichen Haß gegen die Chriſten. 8. 12 Gr. — — Eiſenſchmid G. B., Freimuͤthige Be⸗ merkungen uͤber einige Gebraͤuche, Sit⸗ ten und Gewohnheiten in der proteſtan⸗ tiſchen Kirche. 8. 21 Gr. — Die Briefe des Apoſtels Petri, uͤber⸗ ſetzt, erlaͤutert und mit erbaulichen Be⸗ trachtungen begleitet. 3. 1824. 1 Thlr. 15 Gr. 3 Erinnerungen aus einer Reiſe von Curland aus nach Daͤnemark und einen Theil des noͤrdlichen Deutſchlandes nach Ronneburg im Spaͤtſommer. Von D. W. G. K. 8. 1819. 16 Gr. Glaube oder Vernunft c. 8 Gr. Hahn, D. J. 3. H., des Feindes Sturz, der Teutſchen Aufſchwung. Einige Vor⸗ traͤge uͤber die, ſeit dem Wiener Congreß bis zur abermaligen Entthronung Napo⸗ leons in der buͤrgerlichen Welt erfolgten großen Ereigniſſe, mit beſonderer Hin⸗ ſicht auf die neue teutſche Bundesverfaſ⸗ ſung. gr. 8. 8 Gr. — Ode auf die hohe teutſche Bundesver⸗ ſammlung. Dazu eine Herzensergießung uͤber die herrlichſte gedenkbare Tripelal⸗ lianz: Politik, Moral und Reli⸗ gion im heiligen Bundenc. 4. 8 G. Hecht, H. A., die Wichtigkeit der Pfar⸗ rer fuͤr den Staat. Den Stnatsmaͤn⸗ nern und allen Staͤnden zu treuer Beher⸗ zigung dargeſtellt. 8. 9 Gr. . ** A Hecht, H. A., Erſter Liederkranz fuͤr Maͤdchen, geflochten am Pianoforte, zur Belohnung fuͤr ſie, ſobald ſie die erſten Anfangsgruͤnde erlernt haben. kl 4. 9 Gr — Geſchichte der goͤttlichen Fuͤrſorge fuͤr Entſtehung, Bildung und Vollendung der wahren Religion. Zum Aufbau des Rei⸗ ches Gottes in allen Seelen und Schu⸗ len einzig nach der Bibel vorgetragen. 3. 1 Thlr. 6 Gr. 4 Klotz, J. Chr., Beſchreibung der Herr⸗ ſchaft und Stadt Gera. 8. 1818. 15 Gr. Limmer, Karl, allgemeine Grundſaͤtze fuͤr die Beurtheilung und Wuͤrdigung der geoffenbarten Religion, mit ſteter Ruͤck⸗ ſicht auf die eigenen Ausſpruͤche der Bi⸗ bel. gr⸗ 8. 1824.(Auch unter dem Ti⸗ tel: die goͤttliche Offenbarung in der Vernunft, nach den eigenen und deut⸗ lichſten Ausſpruͤchen der Bibel ſelbſt. 1 Theil.) 15 Gr. — Philologiſch⸗ hiſtoriſche Deduction des Urſprungs des Hochfuͤrſtl. Namens: Reuß 8. 4 Gr.(in Commiſſion) Muͤller, E., laͤndliche Dichtungen. 20 Gr. Nabuch, Tragoͤdie in 3 Acten Italieniſch und Deutſch 21 Gr. Nuͤndel, J. G., Geiſtes⸗ und Herzens⸗ kinder. 8. 16 Gr. 4 4 8 Dnſinmanannamanmeſnammamm 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19