Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 4 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Aßends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2. 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:; auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3—*„= 5 3„—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e — . Phantaſtiſche Erzaͤhlungen. Von Mar i Krlilrr. Erſtes Baͤndchen. Hans Brahe oder der Sonderling im ſchwarzen Mantel. Sorau und Sagan. Verlag und Eigenthum von Fr. Aug. Julien. 14 8 2 7. 17 Wans Brahe. Oder: der Sonderling im ſchwarzen Mant el von Karl Keller. Sorau und Sagan. Verlag und Eigenthum von Fr. Aug. Julien. 1 8 2 7. Sr. Durchlaucht dem Herrn Herrn Ludwig Heinrich Hermann Fuͤrſt von Puckler⸗Muskau, Freiherr von Groditz, Erbherr auf Branitz, Groß⸗Döbbern, Haſow, Gallinchen, Kikebuſch, Klein⸗Buckow, wie auch auf Wetteſingen, Weſtheim, Altliebel, Jemlitz, Merzdorff und Neudorff, Königl. Preuß. Obriſt, des Königl. Preuß. rothen Adler⸗Ordens Commandeur, und Johanniter⸗Ordens Ritter, Großkreuz des Königlich Verdienſt⸗Ordens, Commandeur des Königlich Schwe⸗ diſchen Nordſtern⸗Ordens, Ritter des franzöſiſchen Militair⸗ Verdienſt⸗Ordens vom heiligen Ludwig, und des Kaiſerlich Ruſſiſchen St. Wladimir⸗Ordens, Domherr zu Magdedurg 2c. ꝛc. 1c. dem hohen Beſchuͤtzer Befoͤrderer aller Kunſt und Wiſſenſchaft widmet dieſes als Beweis der innigſten Hochachtung und Verehrung Der Verleger. ——— — Vorwort. Die abſtoßende Außenſeite gebildeter und guter Menſchen hat, wenn ſie, von einer unabhaͤngi⸗ gen Lage unterſtuͤtzt, ins Bizarre uͤbergeht, nicht ſelten ihren Grund in einer Verwundung des Herzens, die nicht zur rechten Zeit geheilet wurde. Sie iſt fuͤr den Pſychologen ein nicht unwichtiger Gegenſtand, weil ſie bei der Unter⸗ ſuchung durch die Aufſchluͤſſe, zu denen ſie fuͤhrt, bisweilen auf eine angenehme Weiſe uͤberraſcht. Sey es auch, daß ſie gewoͤhnlich aus einer Grille entſpringt— auch in ſeinem Eigenſinn bleibt das menſchliche Herz intereſſant, weil dieſer die Mannichfaltigkeit der Charaktere, die dem Beobachter im Leben begegnen, ver⸗ mehrt und noͤthigt, den Menſchen auch da zu lieben, wo ſich mit einem verzerrten Charakter eine achtungswerthe Seite verbindet. Mit dieſer Ueberzeugung uͤbergiebt der Verfaſſer des Hans Brahe, zwar ſchuͤchtern aber doch nicht mit Bangigkeit, dem Publikum ſeine Dichtung, von der er ſich bewußt iſt, Anſichten aufgeſtellt zu haben, die das Herz zu einer frohen Stimmung erheben, und wenn auch nur einen fluͤchtigen, doch wohl nicht un⸗ angenehmen Eindruck zuruͤcklaſſen duͤrften. Er verbirgt es ſich nicht, daß der ſtrenge Sitten⸗ richter wuͤnſchen wird, fuͤr die Bekanntſchaft Brahe's mit Angla moͤge ſich der Pinſel in eine glanzloſe Halbtinte getaucht haben; aber er fuͤrchtet auch nicht, daß man ihn einer ver⸗ letzenden Abſicht beſchuldigen werde, wenn er in ſeiner Darſtellung der Natur nah zu kommen ſuchte und die Seele des Edlen in der Ver⸗ ſuchung den Sieg uͤber die ſtuͤrmiſche Leiden⸗ ſchaft erringen laͤßt. Der Verfaſſer. Die ſpaniſche Wand. Mag man es immerhin eine Sonderbarkeit nen— nen, daß ich die Leute, die man, ihrer Sonderbar⸗ keit wegen, Sonderlinge ſchimpft, mit einer unwi⸗ derſtehlichen Paſſion aufſuche, ja ihnen ſogar nach⸗ laufe, um Gelegenheit zu finden, in das geheime Kabinet ihres Geiſtes und Herzens ſo tief, als es nur immer ſeyn kann, einzudringen— ich bin, trotz der Gefahr, unter die Sonderlinge gezaͤhlt zu wer⸗ den, bisweilen recht reich fuͤr meine Neugierde be⸗ lohnt worden. Mir ward Aufſchluß uͤber dasjenige, was manchem Gleichguͤltigen ein Raͤthſel blieb, und ich glaubte immer recht viel gewonnen zu haben, wenn ich entdeckte: aus welchem Grunde ſolche auf⸗ fallende Menſchen die Fuͤße nach ihrer eignen Ma— nier ſetzten und im Schlenkern der Arme von der beſtehenden Gewohnheit abwichen; warum der Zu⸗ ſchnitt ihrer Kleider ſo eigenſinnig erſchien; warum das Aushaͤngeſchild der Seele, ihre Phyſiognomie, ſich ſo auslaͤndiſch gebildet hatte; aus welcher Abſicht A 8 2 ſie den Hut die Queere trugen, wenn die Normal⸗ krempe ſo klein geworden war, daß man ſie kaum noch anfaſſen konnte; und weswegen ſie ſich auf einen Stock ſtuͤtzten, waͤhrend Jung und Alt mit einem Staͤbchen ſcherzweiſe figurirte. Das zu wiſſen, was man auch dagegen einwenden mag, iſt doch, warlich! kein kleiner Gewinn, wenn es auch weiter fuͤr Niemanden als fuͤr den, der einen Werth darein legt, intereſſant iſt. Beim erſten Anblick urtheilte ich immer, daß ein ſogenannter Sonderling eine horrende Corfaͤge haben muͤſſe, daß es warlich keine Kleinigkeit ſey, ohne einen Alliirten, gegen alle Welt in die Schran⸗ ken zu treten, und daß eine abſonderliche Kuͤhnheit dazu gehoͤre, im ſelbſtgebildeten Urtheil von dem allgemeinen Geſchrei abzuweichen und den maͤnnlichen Durton feſtzuhalten, wenn alle Stimmen in den lieblichſten Mollarten nieſelten. Unbedenklich zaͤhlte ich ihn unter die Helden, vor denen ich, von Herkules bis zur vollendeten Hoͤhe des Don Quixote, eine unbegrenzte Ehrfurcht habe, und bewunderte zunaͤchſt an ihm die Ruhe, mit dem er das Geziſche des goͤttlichen Tadels ertraͤgt, und den feſten Schritt, mit dem er, im Gefuͤhl ſeines eignen Werths, gleich einem Simſon unter den Philiſtern einhergeht. b5 2 1 3 Dieſe Sonderbarkeit, dergleichen Leute aufzu⸗ ſuchen, entſpringt aber bei mir nicht, wie man doch leicht vermuthen koͤnnte, aus einer partheiiſchen Vorliebe fuͤr dieſes Heldenthum, und noch viel weniger aus dem Ringen nach aͤhnlichen Lorbeeren. Wenn ich auch manche gluͤckliche Anlage dazu beſaͤße, mir fehlt der belebende Antrieb— der Muth. Ich gebe aufrichtig den Grund dieſer Erſcheinung an, und geſtehe freimuͤthig, daß nur die Liebe zur Be⸗ quemlichkeit meine Neigung auf dieſen Weg geleitet hat. Denn wo ſich mir uͤberall Geſichter und Roͤcke, wie in einer Form gegoſſen, zeigen und der hochge⸗ feierte Weltton die Herzen und Koͤpfe, wie der Wind die Segel, einer projektirten Eroberung ent⸗ gegen fuͤhrt: da befaͤllt mich immer eine unausſprech⸗ liche Angſt, weil es mir viel zu beſchwerlich iſt, hinter den glaͤnzenden Nebeln die liebe Natur aufzuſuchen. Mein erſter Lehrer, deſſen Erklaͤrungen ein Muſter der Deutlichkeit waren, und dem der fuͤhlbare Be⸗ weis, mit welchem er durch das erſchuͤtterte Ruͤcken⸗ mark aufs Gehirn wirkte, immer zur Hand lag, hat mich, das Deutliche zu ſuchen, ſo nachdruͤcklich angeleitet, daß ich, wie oft ich mich auch nachher bemuͤhte, von dieſem Wege abzugehen, dies nie uͤber mich gewinnen konnte. Deswegen feſſeln mich A 2 4 4 auch am meiſten diejenigen Gemaͤlde, deren Drucker der feine Geſchmack Kleckſe nennt, denn ſie aͤngſti⸗ gen mich nicht mit ungewiſſen Vermuthungen, ſon— dern erſcheinen meinem Auge in argloſer Beſtimmt⸗ heit. Kein Wunder! daß mir auch die, von der Natur ſtark und kraͤftig angepinſelten Menſchenfſi⸗ guren zum Umgange die liebſten ſind. Denn ein Quentlein Gewinn, den man leicht und bequem haben kann, iſt doch wohl demjenigen vorzuziehen, der erſt nach langem Gruͤbeln gefunden wird; und da ich mich uͤberrede, daß es doch auch gut ſey, in Betreff der Menſchenkenntniß das vitam impendere vero zu befolgen: ſo waͤhle ich mir zur Beobachtung diejenigen, die man ausziſcht, oder bei deren An⸗ blick man mit dem Zeichen des Kreutzes, wie gegen ein unheimliches Geſpenſt, ſich bewaffnet, damit ich nicht lange im Truͤben fiſchen darf. Faſt weiß ich meine Freude nicht zu maͤßigen, wenn ich ein Subjekt dieſer Art durch die Welt ſtolpern ſehe. Je lauter man uͤber daſſelbe ſchreit, je unerſchoͤpflicher man es mit dem Geifer der Witzelei beſpritzelt, und je unerbittlicher es der ver⸗ nuͤnftige Tadel als einen Ketzer verdammt, deſto brennender wird meine Begierde, mich ihm zu naͤhern. Das hat nun freilich ſeine großen Schwie⸗ 9 5 rigkeiten, weil Sonderlinge faſt immer alles außer ſich in eine Klaſſe werfen, und nicht ſelten eine tiefe Verachtung gegen die Menſchen uͤberhaupt in einem finſtern Geſicht an den Tag legen; weil ſie in der Regel gegen diejenigen, die ihnen in der Sonder⸗ barkeit am aͤhnlichſten ſind, ſich am meiſten erbittert fuͤhlen, und daher ein großer Wall uͤberſtiegen werden muß, ehe man in ihre Behauſung einge⸗ laſſen wird. Dabei laͤuft man fuͤr ſeine eigne Perſon große Gefahr. Das allgemeine Urtheil ſtellt uns mit den Verhaßten in eine Klaſſe, und aus den Maͤulern der Tadler wird man mit dem Geplapper bitterer Bemerkungen unaufhoͤrlich beſchoſſen, zumal wenn man noch nicht alle ruhmwuͤrdigen Praͤdikate eines Sonderlings an der Stirn traͤgt. Demun⸗ geachtet ſuch ich meinen Mann auf, und ruhe nicht eher, als bis ſich mir mit einem altdeutſchen Haͤnde⸗ druck ſein Inneres aufthut. Oft gewinne ich dann mehr, als wenn mich Hunderte durch einen Strom von Worten von der Aufrichtigkeit ihrer Freundſchaft zu uͤberzeugen ſuchen. Als ich in B. lebte, ward in einer Abendgeſell ſchaft viel von Hans Brahe geſprochen, der ſchon mehrere Jahre ſich dort aufhielt, von dem man viel und nicht viel wiſſen wollte, und den doch Niemand 6 recht kannte. Von wo er hergekommen war, ließ ſich nicht ausmitteln, und noch weniger, wer ſein Vater und ſeine Mutter geweſen ſey, und was er einſt in der Welt getrieben habe. Wer von ihm eine hohe Meinung hatte, leitete ſeine Abkunft von dem beruͤhmten Tycho Brahe her, weil man mit Beſtimmtheit an ihm wahrgenommen hatte, daß er gern die Sterne bekucke; und wer ihn recht tief ſtellte, meinte, er ſey ein Neffe des Peter Brahe, dem der Kuͤſter in Bremen, Nilolaus Klimen, die Ehre erwies, ihn in ſeiner weltbe⸗ ruͤhmten Todtenliſte aufzufuͤhren. Auch die Polizei, welche von der Landesregierung angewieſen worden war, ihn am Orte zu dulden, konnte uͤber ihn keine naͤhere Auskunft geben. Man ſchimpfte ihn ſchlecht⸗ weg einen Sonderling, weil er, wenn er auf der Straße ſich ſehen ließ, im ſchwarzen Mantel, wie ein Geleitsmann der Todten einherging, ſich um Niemand bekuͤmmerte und wenn man ihn auch gruͤßte, doch nicht dankte. Der Mann lag mir im Sinne, und ich ging oft in die Gegend, wo man ihn wollte geſehen haben, um mich ihm zu naͤhern. Aber Monate vergingen, ohne daß er mir vor die Augen kam, wie oft ich mich auch in der Naͤhe ſeiner Wohnung 7 aufhielt. Endlich brachte mich der Zufall mit ihm zuſammen. Als ich eines Abends unter den bluͤhenden Linden am rauſchenden Strome auf und abging, trat mir ein hagerer, alter Mann, in einen ſchwarzen Mantel gehuͤllt, entgegen und ſchritt, ohne auf mich zu achten, an mir voruͤber. Da wir auf der Mitte des Weges wiederholt an einander ſtreiften, und ihm mein beharrliches Verweilen an dieſem Orte zu erkennen gab, daß ich ſo gut, wie er, die milde Abendluft genießen und im Lichte des Vollmonds mich baden wolle; ſo glaubte ich zu bemerken, daß das Feuer in dem hellblickenden Auge neben der Adlernaſe lebendiger wurde, und daß das, unter dem großen Hut auf die Schultern herabwallende Silberhaar, vom Unwillen geſchuͤttelt, wilder um⸗ herfloͤge. Wie ein Paar Geſpenſter blieben wir hier bis Mitternacht, wo ſein finſteres Geſicht allmaͤhlig anfing, ſich zu glaͤtten. An einer Stelle, wo das volle Licht des Mondes auf ſein Angeſicht ſich ergoß, vertrat er mir den Weg, und ſchaute mir mit hellleuchtendem Blick tief ins Auge.— Was bannt Sie an dieſen Ort? fragte er mit rauher Stimme, und hielt mich zuruͤck, als ich trotzig an ihm voruͤbergehen und ihm keine 8 Antwort geben wollte. Ich frage Sie, wiederholte er finſterer: was Sie an dieſen Ort bannt? Die Antwort, erwiederte ich kalt: koͤnnen Sie ſich ſelbſt geben, denn ich bin berechtigt, dieſelbe Frage zu thun, weil fuͤr mich, wie fuͤr Sie, die Nacht in ihrer Herrlichkeit vorhanden iſt. Nun ſo gehen wir lieber neben einander, ver⸗ ſetzte er etwas freundlicher: damit wir uns nicht ſo oft begegnen. Mir iſt das auch recht! ſtimmte ich ihm gleich⸗ guͤltig bei. Begegnen und Ausweichen ſind mir uͤberhaupt aͤrgerliche Dinge, zumal wenn man beim Nebenhergehen weder verliert noch gewinnt.— Ich ſtellte mich an ſeine Seite, und im Tackt ſchrit⸗ ten wir auf und nieder. Laut rauſchte der Strom durch die Stille der Nacht, kein Blatt regte ſich, kein Windhauch entfuͤhrte den Duft der Bluͤthen, und faſt erſchreckte uns der Thautropfen, der, vom Blatt herabrinnend, bisweilen ſchwer auf die Erde fiel. Jetzt ſchlug die Glocke zwoͤlf Uhr. Hans Brahe blieb ſtehen, ſah mich verwundert an und fragte: Bemerken Sie nichts?— Ohne umherzu⸗ blicken antwortete ich kurz: die Uhr geht zu ſpaͤt. So iſts! erwiederte er. Unwiſſenheit, Faſelei oder Nachlaͤſſigkeit brummen in dieſen Schlaͤgen 9 ſinnverkehrend hinein in die ſchoͤne Ordnung der Welt, und maßen ſich an, kluͤger ſeyn zu wollen, als die feſte Regel, nach der im Umſchwunge der Erde die Zeit gemeſſen wird. Eine konfuſere Uhr, wie die hieſige, iſt mir nirgends vorgekommen. Ent⸗ weder man mißt die Zeit nach dem Punkte, wo zwei Sterntage an einander grenzen, oder nach der hoͤhern Culmination der Sonne, oder ſtellt die Uhren nach der mittlern Sonnenzeit. Von dem allen aber weiß der hieſige Beherrſcher der Zeit Nichts. Obgleich in jetziger Jahreszeit Sonnen— und Thurmuhren beinahe uͤbereinſtimmen ſollten, ſo hat doch der Uhrſteller die Zeit um eine halbe Stunde verruͤckt. Das aͤrgert mich auch! erwiederte ich trocken. Da er ſich wieder in Bewegung ſetzte, ſchritten wir auf und ab, als koͤnnten oder wollten wir nicht mit einander ſprechen. Meine Gedanken hatten den Gegenſtand, an den ſie Hans Brahe feſſeln wollte, laͤngſt ſchon verlaſſen, und ſchweiften in gewoͤhnlicher Ungebundenheit, nach ihrer beliebigen Fluͤchtigkeit, zu den entfernteſten Dingen, als er mich wieder zu ſeinem Thema zuruͤckzufuͤhren ſuchte. Mir mißfaͤllt es immer, ſprach er: wenn die himmliſche Ordnung ihr Recht nicht auf der Erde 10 behaupten kann, und wenn die Willkuͤhr der Men⸗ ſchen, als duͤrfe ſie ſich an keine Regel binden, Alles bunt unter und uͤber einander wirft, und dabei ſich anſtellt, als haͤtte ſie dazu das groͤßte Recht und ſogar etwas recht Vorzuͤgliches ausgerichtet. Der Haſenfuß von Uhrſteller kuͤmmert ſich nicht um den Lauf der Sonne, gebraucht weder Sextant, noch die Auskunft der Aequationstafel, und ſteckt nicht einmal beim Sonnenaufgang die Naſe in den Ka— lender. Ich glaube, wenn der Kerl nicht fuͤrchtete, geſteinigt zu werden, er machte aus Mittag Abend. Es taugt uͤberhaupt nicht, ſiel ich ein: wenn, um die Uhr zu ſtellen, eine rohe Hand den Zeiger dreht, die Laſt am Pendul auf⸗ und niederſchiebt, die Schwere des Gewichtkaſtens vermehrt oder ver⸗ mindert, und das Zeitmaaß der Sekunde ſo verkuͤrzt oder verlaͤngert, daß, gleichviel, ob in Monaten oder erſt in Jahren, eine auffallende Verruͤckung der Zeit entſteht. Dann wird freilich der Tag zur Nacht. Meinen Sie das auch? erwiederte er mit Feuer, faßte an meiner Bruſt einen Rockknopf, und ſchaute mir tief ins Auge, als wolle er mein Innerſtes ergruͤnden.— Es liegt zwar in der Einrichtung der Welt, fuhr er gemaͤßigter fort: daß auf den 8 11 Tag die Nacht folgt, aber es iſt doch eine bitter boͤſe Sache, die Leute uͤberreden zu wollen, es ſey ſchon Mittag, wenn erſt der Morgen angebrochen, oder es ſey noch heller Tag, wenn ſchon die Nacht ge⸗ kommen iſt, wobei dann der liebe Mond fuͤr die helle Sonne angeſehen werden muß. Mag nun der Uhrſteller aus Leichtſinn oder Unwiſſenheit dieſe Verkehrtheit veranlaſſen, meinen Sie nicht auch, daß es etwas ſehr Schlimmes iſt, den Leuten die Zeit zu verruͤcken, und ſie ſchlafen zu laſſen, wenn ſie eigentlich arbeiten ſollen? Ich glaube, man iſt ſehr uͤbel berathen, wenn man der Regentſchaft der Sonne nicht mehr gehorchen will. Das waͤre beinahe eben ſo, als wenn man Ver⸗ nunft und Sittengeſetz nichts mehr wollte gelten laſſen, ſtimmte ich bei und glaubte, daß nun an mich die Reihe gekommen ſey, ihn forſchend an⸗ zublicken. Wohl wahr, fuhr er fort, ohne auf mich zu merken: das ſind Sonnen, die niemals untergehen, die als leuchtende und waͤrmende Fackeln nie verloͤ⸗ ſchen muͤſſen. Ihre Bahnen liegen im Kopf und in der Bruſt der Menſchen, aber nicht uͤber ihren Haͤuptern. Wo ihre Flamme verglimmt iſt, da 12 giebt es auch keinen Sonnentag mehr, und keinen Sterntag; da iſt Nebel und Nacht. Aber Tag und Nacht muß doch wechſeln, ent⸗ h gegnete ich: es geſchehe in vier und zwanzig Stun⸗ ⸗ den, oder, wie am Pol, in einem Semeſter. Wohl wechſeln beide, verſetzte er. Aber auf der Erde— koͤnnten wir ſie unter unſern Fuͤßen hinwegrollen laſſen, wie das Steigerad unter den hemmenden Fingern der Unruh ſich umwendet— wuͤrde, behielten wir ſo die Sonne im Auge, nie⸗ mals die Nacht eintreten. Die Erde taucht ſich nur zur Haͤlfte in ihren eignen Schatten, und mit ihr alle Bewohner, die an dem, ihnen angewieſenen Punkte kleben. In der Nacht ſehen ſie die leuch⸗ tende Sonne nicht; aber ſie iſt dennoch in ihrem vollen Glanze vorhanden. So bleibt auch immer das Licht der Erkenntniß. Fuͤr das eine Volk er⸗ ſcheint es im Auf⸗ fuͤr das andere im Niedergang; auf manches gießt es ſeinen reichen Strom aus ſenk⸗ rechter Hoͤhe, fuͤr ein anderes ſteigt es nur wenige Grade uͤber den Horizont und giebt ihm einen kurzen Tag. Wo aber an der Stirn und Bruſt dicke Eisklumpen liegen, da ſcheint es wohl hin, doch ohne zu ſchmelzen und zu erwaͤrmen. Die Voͤlker neigen ſich zum Lichte, oder entfernen ſich von ihm; 13 aber fuͤr alle kann es nicht zu gleicher Zeit Tag ſeyn, denn nur in einem Meridian ſteht die Sonne. Es giebt auch hier einen natuͤrlichen Verlauf des Wechſels, und einen Zeiger an der Uhrtafel des Geſchicks, deren Ziffern jedoch ſelten Jemand recht verſteht. Kleine und große Sprudelkoͤpfe ruͤcken am Zeiger, kleine und große Geiſter machen die Schwingungen des Penduls behender und traͤger; aber der Sonnentag verlauft dennoch nicht lang⸗ ſamer und nicht geſchwinder. Faſt moͤcht' ich glauben, daß ſich Ihre Be⸗ hauptung zum Fatalismus neigt, entgegnete ich etwas ironiſch: und daß Sie die ſchoͤne Idee von der Erziehung des Menſchengeſchlechts verwerfen. Sie ſcheinen meine Anſicht ſehr einſeitig auf⸗ gefaßt zu haben, ſprach er ohne Empfindlichkeit. Es gehoͤren viele Sonnentage dazu, den bluͤhenden Fruͤhling, den lebenreichen Sommer und den frucht⸗ ſchweren Herbſt zu bilden. Mit der jaͤhrlichen Rotation iſt der Lauf der Erde nicht abgeſchloſſen. Es giebt fuͤr ſie kein Aufhoͤren und kein Beginnen. Eine Haͤlfte des Erdballs wuͤrde verſengt werden, und die andere zu Eis erſtarren, wenn es nur eine jaͤhrliche und keine taͤgliche Rotation gaͤbe. Wie lange dieſer Umſchwung dauern, und was er 22* 2 gen ſich ins Unendliche, fuͤr das wir zwar ein 14 aus dem Erdball bilden wird— das wiſſen wir nicht. Verſtehen Sie dieſe Andeutung? Nicht ganz. Sie muͤßten denn meinen, daß die ſteigende und fallende Stufenfolge des Lichts in der Kultur der Voͤlker fuͤr die Erziehung der Menſch⸗ heit eben ſo nothwendig ſey, als der Wechſel des Tages und der Nacht auf Erden, und daß viele Sonnentage der Bildung dazu gehoͤren, ehe ein Bluͤthen⸗ und Fruchtjahr ſich abſchließt; daß das Fortſchreiten der Menſchheit auf der Bahn, die einen Zirkel zu beſchreiben ſcheint, nicht aufhoͤren koͤnne; daß ein Bildungsjahr dem andern die Hand reicht und daß kein Sterblicher wiſſen koͤnne, zu welcher Hoͤhe der Vollendung ſich zuletzt die Menſch⸗ heit erheben werde. Ob ſie dann herabſteigen wird bis zum Winterſchlaf, und aus ihm wieder zu einem neuen Fruͤhling, Sommer und Herbſt erwachen; ob eine ſolche Zeit fuͤr ſie in hunderttauſend Jah⸗ ren, als ihr Sonnenbildungsjahr ablaͤuft; ob ſie nur ein ſolches Sonnenbildungsjahr durchleben wird, oder ob ſich hunderte oder tauſende an einander anſchließen ſollen, das—— O ſchweigen Sie! rief er freudig. Sie verſtei⸗ 15 Wort, aber keinen faßlichen Begriff haben. Ha! rief er voll Begeiſterung: in einem ſolchen Son⸗ nenbildungsjahre flimmert das Leben eines Menſchen gleich einem Sonnenſtaͤubchen. Loͤſt man es ab von der großen Maſſe des Lichts— die Tageshelle er⸗ ſcheint nicht vermindert. Und doch gehoͤrt das Staͤubchen zur Kroßen Flut, die aus dem Sonnen⸗ quell herniederſtroͤmt. Mag ſich jedes Einzelleben in dem großen Ozean des Lebens verlieren, mag man ſein Kommen und ſein Verſchwinden nicht beachten— es gehoͤrt zum Ganzen, das, von ihm abgeloͤſt, immer ein ſchimmerndes Fuͤnckchen bleibt, und das nicht ohne Abſicht mit dem großen Strom auf die Erde ſich ergoß. Ermuͤdet von der naͤchtlichen Wanderung ſetzten wir uns auf einen Baumſtamm, den die Art ſchon fuͤr die kuͤnftige Beſtimmung zubereitet hatte, und ſchauten ſchweigend auf den rauſchenden Strom, aus deſſen Wellen das Licht der Sterne heraufflim⸗ merte.— Wie viel, ſprach Brahe: glauben wir von den Thaten der Menſchheit begriffen zu haben! und doch ſpiegelt ſich in den Buͤchern der Geſchichte ihr Daſeyn ſo ungewiß ab, wie die Sterne in dieſen Gewaͤſſern. Nur der Punkt, auf den ſich lange der Blick richtet, wird uns deutlich. Koͤnnen Sie alle 16 die Sterne, welche uͤber uns und um uns glaͤnzen, in dieſem, mit Waſſer angefuͤllten Erdgruͤbchen vor unſern Fuͤßen wiederfinden? Wie hell iſt ihr Licht dort Oben, wie matt hier Unten! Die Stern⸗ fackeln eines kleinen Raums erblicken Sie nur in dieſem Spiegel. Welch ein elendes Bild vom ſchoͤ⸗ nen Himmel! haͤtten wir ihn nicht geſehen, wir wuͤrden ihn im Wiederſchein nicht wiedererkennen. So unvollkommen ſind die Geſchichtsbuͤcher, in denen wir die Vergangenheit aufſuchen, und durch die wir uns zu einem Urtheil uͤber die Menſchheit erheben laſſen. Aber wie groß ſind die Taͤuſchun⸗ gen, denen wir unterworfen bleiben! Oft bewun⸗ dern wir den hellglaͤnzenden Planeten mehr, als den, im eignen Lichte ſtralenden Fixſtern.— Aber ſehen Sie, dort ſchleicht die Daͤmmerung herauf! Wir haben uns unſern Gegenfuͤßlern zugeſellt, fuͤr welche die Sonne ſich neigt und die Zeit der Ruh anbricht. Nun muͤſſen wir den ſchoͤnen Morgen, der uns wecken ſollte, verſchlafen. Wir tadelten den Uhrſteller, und haben doch noch mehr das Maaß der Zeit uͤberſchritten. Auch ein Sterntag iſt ſchoͤn, und die Beobachter des Himmels ſtellen nach ſeiner Hoͤhe ihre Uhren! ſprach ich, indem ich Brahe'n herzvoll anblickte. 17 Wohl wahr! erwiederte er. Bald aber wird der Morgenthau niederfallen, und ſein Schauer, mit dem er die unberufnen Nachtwandler ergreift, koͤnnte unſrer Geſundheit ſchaden. Laſſen Sie uns nach Hauſe geh'n. Werden wir uns auf den Abend wiederfinden? fragte ich aͤngſtlich, weil ich eine Verneinung fuͤrchtete. Er reichte mir die Hand mit einer freund⸗ lichen Bejahung, huͤllte ſich tief in den Mantel und ging. Noch wandelte ich unter den Linden, den Blick zum blaͤulichen Gewoͤlbe gerichtet und mich freuend des jungen Tages, der ſeine ſilberhelle Grenze immer weiter am Himmelsbogen ausdehnte, und die er— bleichenden Sterne mit ſeinem heitern Gewande bedeckte. Um mich jauchzten die Voͤgel, und uͤber der Aue ſchwebte der erquickende Opferdampf des Morgens. Ein ſanft geroͤtheter Hauch flog nach und nach heruͤber, durch ihn entzuͤndeten ſich die Luͤfte zur hohen Roſenglut, bis ſie zuletzt in reinſter Vergoldung ſich verklaͤrten. Im lieblichen Wieder⸗ ſchein lachte die Gegend, und ſchoͤner leuchtete zwi⸗ ſchen Gebuͤſchen und Auen der Silberſtreif des Stroms. Ueber und unter der Erde ſtralt dieſer Glanz des kommenden und verſchwindenden Lichts! ſprach 18 ich freudig, und faltete zum Gebet die Haͤnde. Untergang und Aufgang umhuͤllen ſich mit einem lieblichen Schimmer, und eben ſo ſchoͤn glaͤnzen die erwachenden und untergehenden Voͤlker in der Glorie des Heldenthums. Von dem einen ſcheidet, zu dem andern wendet ſich die Herrlichkeit des Tages, und im poetiſchen Glanz entſchwindet und erwacht ihr Leben. Du, Menſch dort Unten! blickſt vielleicht mit einer Thraͤne dem ſcheidenden Lichte nach, und ſiehe, ich jauchze ihm entgegen! O wie war der Augenblick ſelig, wo nach der Daͤmmerung der Kindheit, nach dem Roſenſchimmer und der Glut⸗ roͤthe des Juͤnglingsalters, der geſegnete Stral der Erkenntniß meinen Geiſt durchblickte, das ungewiſſe Licht aus meinem Geſichtskreiſe verſchwand, und die Raͤthſel ſich loͤßten! O wie zitterten meine Knie, wie ſank ich mit einem freudigen Schrei betend nieder, als ich das Maaß an den ewigen Raum und an die ewige Zeit legte, es dann als unnuͤtz zerbrach, und bang und entzuͤckt die Schwingen erhob, das Ungemeßne zu durchfliegen! Es war der ſchoͤnſte Augenblick des Selbſtbewußtſeyns und des Kraft⸗ gefuͤhls, der, gleich einer angeſchlagnen Saite, nun durch mein ganzes Leben forttoͤnt, und wie die Aeolsharfe vom neuen Hauche belebt, durch jeden 8 —,— 19 beziehenden Gedanken angeregt, lauter ſeine, zur Veredlung rufende Stimme erhebt. Die Sonne ſchwang ſich empor, und ſandte ihre ſegnenden Stralen uͤber die Erde. Welch ein feier⸗ licher Moment! rief ich im hohen Entzuͤcken. Den Stral, den ſie andern entzieht, ſendet ſie dem er⸗ wachenden Geſchlechte, und diejenigen, denen er leuchtete, legen ſich zur Ruh und ſchlafen nach ihrem vollbrachten Tagewerk. Je laͤnger ſie hier Oben ſegnet, deſto weniger verweilt ſie dort Unten; je ſchoͤner ſie hier den Sommer bildet, deſto trauriger iſt der Winter der Antipoden. So beſitzen Einige viel, die Andern wenig. O wohl mir, daß ich den Tag ſehe! Ich will ja nicht alle Guͤter, die er her⸗ vorbringt, beſitzen. Aber freuen will ich mich ihres Daſeyns, jubeln will ich, daß auch mir das Licht aufgegangen iſt und einen ſeiner Stralen auf mich ausgießt. Es wird der Abend kommen, und die Nacht, und ich werde entſchlafen mit dem Geſchlecht, das jetzt mit mir die Sonne ſieht. Aber ich werde nicht trauern, wenn die fuͤr mich untergehende Herr⸗ lichkeit des Lebens andern aufgeht, und die Bruſt von Millionen mit dem Frohgefuͤhl des Lebenbeſitzes erfuͤlt wird!— Freudig bewegt im Herzen ging ich in meine Wohnung, wo auf dem Ruhebette ein B 2 20 ſanfter Schlummer mich uͤberfiel, nach deſſen Er⸗ quickung ich mein ernſtes Tagewerk begann. Ain Abend kehrte ich zuruͤck zu den duftenden Linden, wo Hans Brahe meiner ſchon harrte. Er reichte mir die Hand zum Gruß, und bald war der Austauſch unſrer Gedanken wieder im Gange. Doch wir verweilten heute hier nur eine kurze Zeit, weil ein heraufziehendes Gewitter uns noͤthigte, bald unter unſer Obdach zu fliehen. Er lud mich beim Abſchiede ein, naͤchſtens in ſeine Behauſung zu kommen, und ich war im Herzen froh, der Erſte zu ſeyn, dem er ſeine Wohnung, die kein Einheimiſcher fuͤr den geſelligen Umgang belreten ſatte⸗ aufſchloß. Die erſte Freiſtunde, die mir von meinen Ge— ſchaͤften uͤbrig blieb, benutzte ich, zu ihm zu eilen. Ein von der Stadt entferntes, von einem freund⸗ lichen Gaͤrtchen umgebenes Haus, an deſſen Thuͤr eine Laube ihre ſchattenden Zweige ausbreitete, war ſeine Wohnung. Er hatte mich ſchon in der Ferne erblickt, und erwartete mich mit einem herzlichen Willkommen an der Thuͤr. In einen engen, aber freundlichen Gemach, wo an mehrern Plaͤtzen, neben und uͤber einander, aufgeſchlagene Buͤcher lagen, und wo an einer Wand die Ueberwindung 21 Typhons abgebildet war, bot er mir einen Ss und ſetzte ſich an meiner Seite. Wo in aller Welt, fragte ich: haben Sie am hieſigen Orte einen Kuͤnſtler, der dieſes Gemaͤlde auf die Wand goß, finden koͤnnen? Wie es nur moͤglich iſt, ward der gigantiſche Gedanke aufge⸗ griffen und verſinnlicht. Hier im Vordergrunde ſtaunende und zagende Goͤtter als Zuſchauer, hinter ihnen das weite Meer, und druͤben in der Ferne das uͤberwundene, befiederte Ungeheuer, mit dem borſtigen Haar an Haupt und Knie, mit dem wuth⸗ vollen Angeſicht, mit den, an den Himmel reichen⸗ den Armen und mit dem fuͤrchterlichen Schlangen⸗ guͤrtel; und dort die hohe Geſtalt des ſiegenden, von Blitzen umleuchteten Gottes, wie er durch den allmaͤchtigen Wurf das Ungeheuer mit dem Aetna bedeckt. Welche herrlichen Verkuͤrzungen! welche Sicherheit in der Zeichnung! welch ſchoͤnes Colorit iſt uͤber das Ganze ausgegoſſen! O weſſen Hand hat dieſes Meiſterſtuͤck gefertigt? Daß man doch ſogleich nach dem Kuͤnſtler fraͤgt, erwiederte er: als wenn erſt durch ſeinen Namen das Gemaͤlde einen Werth erhalten koͤnnte, oder wenn es einen behauptet, ihn verlieren muͤßte. Wenn ich Ihnen nun ſage, daß ich ſelbſt dieſes AaA 22 Gemaͤlde verfertigte, wird es dann noch denſelben Eindruck auf Sie machen? O einen um ſo waͤrmern, antwortete ich: denn ich darf mich dann uͤberzeugen, daß der tiefe Sinn, den ich in demſelben finde, abſichtlich hineingelegt wurde. Nicht wahr? Sie haben den Kampf des Guten mit dem Boͤſen, und die Ueberwindung des letztern darſtellen wollen! Es entſteht auf der Erde, wie jenes Ungeheuer; aber es wird zuletzt durch die vermittelnde hoͤhere Regierung gefeſſelt. Wenn es auch, gleich dem Aetna mit der ſchreckenden Feuer⸗ ſaͤule an den Himmel langt, und unter hohlem Donnergekrach wuͤthet— ſeine Zerſtoͤrungen kann es doch nur uͤber ein kleines Stuͤck Land verbreiten. Darum hebt es nicht die Erde, wie ſchrecklich es auch droht, aus ihren Angeln, und zerreißt nicht die Bande der heiligen Ordnung, die im Wechſel der Dinge ſich kund thut. Schwimmt nicht der Erdball ſo gut, wie die Sterne, im ewigen Raume des Himmels? Eine hoͤhere Macht traͤgt ihn, und weckt und foͤrdert auf ihn alle Erſcheinungen, aus denen ſich nach und nach die vollkommenſten Gebilde geſtalten. Auf ihm herrſchen zahlloſe Uebel; aber ſie ſind eine gefeſſelte Schreckensmacht, die ihre Zerſtoͤrungen nur bewirkt, wie ein im Thal f * 23 hinbrauſender Strom, der die Gipfel der Berge nicht erſteigen kann. Typhon lebte in ſeinen Kindern fort, aber es fand ſich ein Herkules, der die Kraft und den Willen hatte, ſie zu uͤberwinden. Auch gegen die Uebel der Erde giebt es uͤberwindende, heilende Mittel. Haben dieſe ihre Wirkung gethan, erbluͤhen nicht dann die Keime der friſcheſten Ver⸗ juͤngung? Das war, verſetzte er: meine Idee, als ich dieſes Gemaͤlde hinwarf, und die wir der griechiſchen Fabel, ohne ihr Zwang anzuthun, unterlegen koͤn⸗ nen. Wenn Sie ein Freund ſolcher Darſtellungen ſind, ſo treten Sie in mein Schlafgemach, wo Sie mehr finden werden.— Er oͤffnete eine Thuͤr, und vor mir that ſich ein ſchoͤnes, geraͤumiges und helles Zimmer auf. Ich aͤußerte mein Befremden, daß er nicht lieber die Ordnung in der Einrichtung der Gemaͤcher umgekehrt habe, woruͤber er mich aber bald belehrte. Manche Menſchen, ſprach er: zeigen dem erſten Anblick Alles, was ſie beſitzen, und fuͤhren uns, wenn wir in ihre Behauſung kommen, in ihr einzig, beſtes Gemach. Bald ermuͤden uns die weitgedehnten, kahlen Waͤnde, und wir ſuchen in einem Nebengemache Erholung. Aber wir finden —;⸗⸗nnn 24 nichts als Schmutzwinkel und finſtere Kammern. Wir gefallen uns nicht bei ihnen, und gehen un— willig, mit dem Entſchluß, nicht wiederzukehren,⸗ von dannen. Zeigt man der Welt nur einé, Vl⸗ leicht die finſterſte und unheimlichſte Seite ſeines Weſens, und begnuͤgt man ſich, das Schoͤnſte und. Beſte, was man beſitzt, fuͤr ſich zu behalten: dann gehen freilich Tauſende an uns mit Verachtung vor⸗ uͤber, weil die meiſten nicht glauben wollen, daß hinter einer unheimlichen, dunklen Kammer ein lichtvoller Saal, wo einem wohl zu Muthe wird, liegen koͤnne. Man wird nicht von Muͤcken und Fliegen umſchwaͤrmt, und braucht, da man nicht von der zudringlichen Menge heimgeſucht wird, auch nicht taͤglich um ſich herum zu fegen, und von dem eignen Rocke den Schmutz abzuklopfen. Tritt aber Jemand mit biederm Herzen in unſer Vorgemach, und ſcheint es ihm in dem engen, dunklen Stuͤbchen zu gefallen— nun ſo oͤffnet man ihm auch zur Ab⸗ wechslung das innere Heiligthum, und erquickt ihn mit dem heitern Lichte, das uͤber daſſelbe ausge⸗ goſſen iſt. Treten Sie herein, ſprach er freundlicher, indem er mich bei der Hand nahm und mich auf einem ſchoͤn verzierten Seſſel niederſitzen hieß: und uͤber⸗ 25 zeugen Sie ſich, daß ich Ihnen mein ganzes Innere aufſchließe, und Sie einen Blick thun laſſe in mein verborgenſtes Geheimniß. Mit Waͤrme druͤckte er mir die Hand, und ſetzte ſich mir gegenuͤber. Da, fuhr er fort: wo der Menſch gewoͤhnlich allein ſich aufhaͤlt, muß es am hellſten und freund⸗ lichſten ſeyn. Immer wird ihn dann das Licht, das er dort eingeſogen hat, hinausgeleiten in die Daͤm⸗ merung und Nacht, wenn er ſich in ſie verirren muß. Wie Sie ſehen, umfaͤngt mein Bett eine ſpaniſche Wand, hinter deren Umſchirmung ich, wie der Fromme unter dem Schilde ſeines Glau— bens, ſanft und ungeſtoͤrt ruhe. Mag die Eifer⸗ ſucht, oder der Haß gegen das Licht, oder die Schaamhaftigkeit, oder der verbrecheriſche Wille, oder jene Liebe zum Schlaf, welche jede Stoͤrung haßt, dieſe Umſchirmung des Bettes erfunden haben, das kuͤmmert mich nicht. Ich bin von Jugend auf gewohnt, unter einer Aegide zu ruhen, und wenn ich ſie auch im Schlaf nicht ſehe, ſo macht mich doch beim Erwachen ihr Anblick immer recht froh. Ich glaubte, daß die ſpaniſche Wand nur ein Geſtelle ſey, von dem die gruͤn ſeidenen Vorhaͤnge im ſchoͤnſten Faltenwurf zur Erde herniederſtroͤmten. Aber Brahe, der jetzt die Vorhaͤnge in die Hoͤhe 26 zog, uͤberraſchte mich durch den Anblick eines Ge⸗ maͤldes, das von Figuren wimmelte, und deren Sinn ich mir nicht zu deuten wußte. Sie ſcheinen erſtaunt, ſprach er: und ſchauen das Gewirre an, wie der Menſch, der den Sturm der Weltereigniſſe ſich nicht zu deuten weiß, und mit Grauen ihre raͤthſelvolle Verſchlingungen be⸗ trachtet. Lieber haͤtt' ich auf einer groͤßern Flaͤche meine Ideen hingegoſſen, aber dann ſtaͤnden ſie nicht auf einer ſpaniſchen Wand. Meine Darſtel⸗ lung hat dadurch nichts verloren, denn große, weit⸗ gedehnte Gegenſtaͤnde muͤſſen in ein kleines Bild zuſammengezogen werden, wenn ſie deutlich werden ſollen. Helles Licht faͤllt auf das Gemaͤlde, rief ich: aber umſonſt bemuͤhe ich mich, die wunderlichen Zuſammenſtellungen zu entraͤthſeln. Es ergeht mir wie der heißhungrigen Neugierde, die alles auf einmal entziffern will, und daher keinen Anfang und, wie es nicht anders ſeyn kann, auch kein Ende zu finden weiß.. Wenn es Ihnen gefaͤllt, nahm er wieder das Wort, ſo gebe ich Ihnen die Ideen an, die meinen Pinſel geleitet haben. Ihnen einen vorlaͤufigen Begriff von dem Ganzen zu geben, muß ich Ihnen A 4* 27 zuvor anzeigen, daß ich den Fruͤhling eines Sonnen⸗ bildungsjahrs der Menſchheit malen wollte. Herrlich! rief ich. Dieſer Schluͤſſel oͤffnet mir den Zugang in dies geheimnißvolle Gewirre. Laſſen Sie uns, ſprach er: zunaͤchſt bei dem Mittelgrunde anfangen, und dabei immer einen Blick auf das, was hinter ihm liegt, werfen, ehe wir unſre Aufmerkſamkeit den Gebilden des Vorder⸗ grundes ſchenken. Auf dieſer Seite verkuͤndet das aufgehende Roth den Morgen. In der duftenden Aue haben ſich einige Familien gelagert, durch welche das idylliſche Leben, wie es die Dichter ſchildern, verſinnlicht erſcheint. Der milde Himmel macht die Kleidung entbehrlich, aber die edlen Geſtalten tragen ſchon ein heiliges Gefuͤhl im Herzen, denn Huͤften und Lenden werden vom Schurtz der Schaamhaftigkeit umfangen. Unſchuld ſpricht aus den Zuͤgen des heitern Angeſichts, reine Liebe blickt aus den Augen, und das Laͤcheln des Wohlwollens umſchwebt den ſchoͤngeformten Mund, den noch keine Leidenſchaft entſtellte. Wie innig ſchmiegt ſich jener Mann an die Gattin, welche dem Saͤugling die Bruſt reicht! wie froh weidet ſich ſein Blick an den Kindern, die vor ſeinen Fuͤßen mit den ſchoͤnſten Baumfruͤchten 28 ſpielen und unter Liebkoſungen ein Lamm mit Blu⸗ men bekraͤnzen! Nuͤhrt Sie nicht der Anblick dieſes Maͤdchens, das den Blick zum Himmel er⸗ hebt, und deſſen begeiſtertes Angeſicht Ihnen an⸗ deutet, daß ſich in dem wogenden Gefuͤhl ſeiner Bruſt die Grundzuͤge zu einer Hymne bilden?— Gluͤckliches Geſchlecht! Im freudigen Traume liegſt du an der Bruſt der Natur, und im Uebermaaß des Entzuͤckens findeſt du den Vater, der die Auen mit Kraͤutern und Blumen ſchmuͤckt, am Zweige die Frucht reifen laͤßt, und in den Aeſten der Baͤume die frohen Saͤnger begeiſtert. Suͤßes Leben voll Reiz und Freude! du nimmſt nur ein kleines Plaͤtzchen auf meinem Gemaͤlde ein, denn dein Charakter iſt Ruhe und Genuß, welche dir ohne Anſtrengung und Opfer geworden ſind. Es kann nicht lang ſo bleiben, weil ohne Kampf wenig Genuß iſt. Das hoͤchſte Entzuͤcken reift, wenn die Gefahr uͤberwunden iſt, im Siege. Blicken Sie jetzt auf jenen Mann, der, Thraͤ— nen vergießend und die Haͤnde ringend, neben ſeiner verblichnen Gattin knie't. Sein Blick ſtarrt, Troſt ſuchend, zum Himmel. Welch ein kurzer Schritt zu jener beruhigenden Hoffnung, die mit dem Schmerz der Trennung und mit den Zerſtoͤrungen 29 des Todes verſoͤhnt! Neben dem Jammernden ſitzt ein Knabe, der entweder nichts von dem Schmerz des Vaters empfindet, oder ſchon ſeine Thraͤnen getrocknet hat. Er ſpielt mit einer Schlange. Iſt nicht dieſes Thier ein Sinnbild der luͤſternen Be⸗ gierde? Durch dieſe Zuſammenſtellung wollt' ich den Ausbruch derſelben bei den kuͤnftigen Geſchlech— tern andeuten. Sie fuͤhrt zum Großen, aber auch zum ſelbſtgeſchaffnen Uebel. Iſt ſie nicht fuͤr die Menſchheit der belebende Odem, der die Kraft weckt, aber dieſelbe auch ſehr oft uͤber die Grenzen, in denen ſie ſich bewegen ſoll, hinaustreibt? Die Hand des Knabens langt nach dem, uͤber ſeinem Haupte flatternden Vogel. Bald wird er den Bo⸗ gen und den toͤdtenden Pfeil erfinden, um das, wornach er ſich ſehnt, todt oder lebendig fuͤr ſeinen Beſitz zu gewinnen. Hinter dieſen Gruppen hat ſich ſchon der Kampf mit der Noth eroͤffnet. Ein ſchwarzes Ungewitter entſteigt dem Horizont und verdunkelt den ſtralenden Morgen. Es uͤberſchuͤttet die Berge mit Schnee, der ſeine eiſigte Decke auch bald uͤber die frucht⸗ reichen Thaͤler ausbreiten wird. Dort brennt ſchon ein erquickliches Feuer, und fleißige Haͤnde regen ſich fuͤr die Erbauung einer Huͤtte; hier ſchleudert 30 man Steine auf einen Loͤwen, der die zahme Heerde verſchuͤchterte, und bruͤllend fuͤr das blutende, unter ſeiner Tatze liegende Lamm ſich ruͤſtet zum hartnaͤcki⸗ gen Widerſtand. Noth und Begierde ſind die großen Lehrer der Menſchheit. Ohne die letztere wuͤrde er der erſtern unterliegen. Durch den Kampf mit ihr erwacht das Gefuͤhl ſeiner Kraft, und gebrochen iſt die Bahn fuͤr das Unendliche ſeiner Ausbildung. Noch heute ſind ſie die regierenden Hebel, und ich betrachte ſie als eine Mitgift der Menſchheit, die im Wucher ſich tauſendfaͤltig verzinſet. und doch iſt, unterbrach ich ihn: des Schreiens uͤber den Druck der einen, und uͤber den zerſtoͤrenden Ausbruch der andern kein Ende. Man jammert uͤber die Noth als eine quaalvolle Grauſamkeit, und belegt die auflodernde Begierde mit dem harten Fluch der Verdammniß. Ihre Allgewalt richtet freilich große Zerſtoͤrungen an; aber ein neuer, ein reicherer Seegen erbluͤht auf den Feldern, uͤber welche ſich ihre Verwuͤſtungen verbreiteten. Man ſollte nicht das Wohlthaͤtige des waͤrmenden Feuers und des erquickenden Stroms verdammen, weil das eine bisweilen Waͤlder anzuͤndet und der andere die Frucht der Auen, die ſeiner Gewalt ausgeſetzt ſind, verſchlingt. 8 . ——— 31 Ueberlaſſen Sie, fuhr er ruhig fort: die Sache denen, welche mehr wiſſen, als die Erfahrung lehrt, und kluͤger ſeyn wollen, als die Einrichtung der Welt. Betrachten Sie jetzt weiter das wilde Ge⸗ wirre dieſer, zum hitzigſten Kampf entruͤſteten Streiter. Schleuder, Lanze und Bogen, die der Menſch, die wilden Thiere von ſich abzuwehren, erfand, ſind gegen die Bruſt des eignen Geſchlechts gerichtet worden, und Sichel und Senſe, die man zum Abmaͤhen des gepfluͤgten Feldes gebrauchte, zerſpalten das Haupt der Bruͤder. Man ſtreitet um das, der Natur mit Muͤhe abgewonnene Eigenthum, weil das Rauben leichter iſt, als das Erwerben, und weil fuͤr die vermehrten Geſchlechter die Scholle Land, die ſie bewohnen, zu klein wurde. Die Furcht vor dem Tode, der in den Haͤnden der Bruͤ⸗ der liegt, verjagt die Sanften und Weichherzigen aus den Thaͤlern, die ſie fruchtbar machten, und aus ihnen, fuͤr den Schutz und die Bequemlichkeit er⸗ bauten Huͤtten. Die Berge ſind nun nicht mehr zu hoch, nicht zu wild bewachſen— ſie werden uͤber⸗ ſtiegen; die Fluͤſſe nicht mehr zu tief und zu breit— ſie werden auf dem Ruͤcken des ſchwimmenden Baum⸗ ſtamms uͤberſchritten; ſogar das fern liegende Eiland wird hinter der tobenden Meereswelle aufgeſucht. So verbreiten ſich die Geſchlechter uͤber das Land, und entfernen ſich weiter von der Wiege, wo ihnen die Sonne zuerſt ſtralte. Aber ſie ſind auch hier nicht geſichert. Bald verfolgen ſie, von der eignen Noth bedraͤngte Voͤlkerſtaͤmme mit dem toͤdtenden Speer, oder es droht ihnen mit wuͤr— gender Fauſt der Neid, die Habgier, und die wilde Kampfluſt, welche die Kraft des Koͤrpers meſſen und das Beduͤrfniß des Lebens unter Gefahren er⸗ ringen will. Familie gegen Familie ſteht auf. Schon zerreißt der boͤſe Wille die heiligſten Bande, und uͤberall raßt die Zerſtoͤrung und die Wuth des Todes. Die Menſchheit iſt in Gefahr ſich aufzu⸗ reiben, und ihr Daſeyn mit eigner Hand zu ver⸗ nichten. Die Noth, der Erhaltungstrieb ſind wieder ihre großen Lehrer. Richten Sie jetzt Ihren Blick auf dieſen ehrwuͤrdigen, grauen Alten, um den ſich eine Schaar kraͤftiger Maͤnner, die ihre Waffen ablegten, gelagert hat. Das lange Silberhaar des Bartes gebietet Ehrfurcht, die hohe, glanzvolle Stirn und das hellblitzende Auge erwecken Ver— trauen zu ſeiner Weisheit und ſeiner gelaͤuterten Erfahrung. Er ſitzt an dem Fuße einer Saͤule, unter der ich das Sittengeſetz andeuten wollte. 33 Seine Rechte zeigt nach der Spitze, die in den Himmel ragt und in dem reinen Aether deſſelben zerfließt, waͤhrend ſein Mund das belehrende, den rohen Willen beugende Wort verkuͤndigt. Daß man ſeinen Ruf als Geſetz anerkennt und dem Gebot deſſelben die wilde Kraft unterwirft, das zeigen die ruhenden Waffen. Bruͤderlich reichen ſich die Hor⸗ chenden die Haͤnde, und als erwache das Gefuͤhl der vereinten Staͤrke, ſo blickt aus ihren Augen die Kuͤhnheit, das Vertrauen zur gezaͤhmten, von einem Willen geleiteten Kraft, der Haß gegen verderblichen Andrang von Außen, und die Liebe fuͤr den ununterbrochenen Frieden in ihrem Kreiſe. Neben dieſem Lehrer ſitzt ein anderer, gleich ehr⸗ wuͤrdiger Alter. In ſeinem Schooß ruht eine Steinplatte, auf der er mit dem Meißel zeichnet. Es iſt der vielfach benannte Theut, der Erfinder der Buchſtabenſchrift. Welche Worte koͤnnten ſeine hohe Erfindung wuͤrdiger ehren, als die, welche er dem harten Stein eingraͤbt. Sie heißen Geſetz und Buͤndniß. Sin8d ſie nicht der Grundſtein des Entwickelungsgebaͤudes, das die Menſchheit auffuͤhrt? Liegen ſie nicht in der geſellſchaftlichen Ordnung in der Mitte? Wo die Ehrfurcht vor dem Geſetz und die Bundespflicht verletzt wird, da C 34 wanken die Saͤulen, auf denen das Gebaͤude ruht; das Ganze verſinkt krachend und bildet einen trau⸗ rigen Schutthaufen. O wie viel ſolcher Gebaͤude liegen in Truͤmmern, rief ich traurig: wie viel Voͤlker ſind untergegangen und zerſtaͤubt! Auf einem Theil der zerrißnen Werkſtuͤcke ſitzt ſtumpfſinnig die rohe Barbarei; der andere Theil ſchiffte uͤber das Meer, und ward die Baſis fuͤr eine ſchoͤnere Ordnung der Dinge. Gut, verſetzte er raſch: daß Sie einen ſolchen Troſt ihrer Klage beifuͤgten. Wenn die Herrlichkeit eines Volks untergeht, ſo wird in dem Sonnen⸗ bildungsjahre der Menſchheit ein Sonnentag be⸗ ſchloſſen. Doch wieder zur Sache. Sehen Sie, was die geſetzgebenden Belehrungen des Weiſen be⸗ wirkten? Hinter ihm offenbart ſich der Seegen ſeiner wohlthaͤtigen Entwuͤrfe. Der Meißel glaͤttet den rohen Stein, die Axt den regelloſen Balken. Zum Himmel deutet die Rechte des Weiſen, und fuͤr die Verehrung der unſterblichen Allmacht bildet man die erſten Prachtgebaͤude. Fuͤr ihre Form findet man in der Natur die Regel. Der ſchlanke Berg mit ſeinem waldumkraͤnzten Fuße, us auf ihm ruhende Wolke giebt die Idee zur Saͤule, ₰ 4 1. 7 35 und der weitgedehnte Himmel den ſchoͤnen Gedanken des, auf den Saͤulen ruhenden, kuͤnſtlich gewoͤlbten Daches. In die Mitte des Heiligthums, wie er in der Mitte der Welt gebietend ſteht, ſtellt man das Bild des Gottes. Es iſt eine Menſchenfigur. Der Menſch weiß ſich nichts Vollkommneres zu denken, als das Goͤttliche im Menſchen in unbe⸗ grenzter, hoͤchſter Vollendung. Sobald der Sterbliche das goͤttliche Geſetz in ſeiner Bruſt gefunden hat, o dann iſt zwiſchen ihm und dem Himmel ein unaufloͤslicher Bund geſtiftet. Die Religion nimmt ihn nun in ihre Arme, ſie erhebt ihn uͤber den Staub der Erde, und ſein Herrſcherthum uͤber das Irrdiſche wird vollendet. Aus den undeutlichen Nebeln der Erkenntniß tritt, von ihr gerufen, die Tugend in glanzvoller Schoͤn⸗ heit hervor, und legt ſegnend ihre Hand auf das Haupt ihrer Verehrer. Alles Große, Gute, Wahre und Schoͤne, deſſen der Menſch faͤhig iſt, entwickelt in unaufhaltſamer Raſchheit ſeine Keime, und dieſes geheiligte Leben, fuͤr welches die Menſchenbruſt ſich erweitert, trinkt ſchon der Saͤugling in den Armen der liebenden Mutter. Die Verwandſchaft mit den Thieren iſt zerriſſen; wie ein Gott ſchreitet der Menſch, ſeine Verwandſchaft mit dem Himmel er⸗ C 2 36 kennend, uͤber die Erde. Maͤchtig toͤnt ihm der Ruf: ad divos adeunto caste, pietate adhibento! O wie wahr! rief ich. Wo dieſes Gefuͤhl er⸗ wacht iſt, da wird es unter den beſeelenden Kraͤften, von denen ſich ein Volk fortgeriſſen fuͤhlt, bald die maͤchtigſte. Daſſelbe geht mit raſchen Schritten ſeiner Veredlung entgegen, und erhebt ſich mit Leichtigkeit von einer Bildungsſtufe zur andern. Im Innern wogen heilige Gefuͤhle, und durch ſie erweitert ſich fuͤr die ſchoͤnſten Ahnungen das Herz im harrenden Entzuͤcken. Der Hymnus entſtroͤmt der hochbegeiſterten Bruſt, das Unendliche ſchließt ſich auf, und der Geiſt durchfliegt es in der Hoͤhe und in der Tiefe. Schauen Sie dorthin, nahm er wieder das Wort: rechts von der Saͤule des Sittengeſetzes. In den Luͤften ſchweben bunt durcheinander die ſonderbarſten Nebelgeſtalten. Koͤnnten Sie wohl erſt lange rathen, was ſie andeuten? Der hoch⸗ flammende, zur unendlichen Tiefe des Himmels gerichtete Blick, die luftigen Gewaͤnder, an denen man die Kraft des Fittigs wahrzunehmen glaubt, dieſe Lauten, an deren Saiten das Plektrum hin⸗ abſtreift— das alles ſagt Ihnen: es ſind die Dichter. 37 Eine herrliche Gruppe! unterbrach ich ihn voll Begeiſterung. Welch einen himmliſchen Chor bil⸗ den die Propheten, die auf der heitern Glanz⸗ wolke einherſchwebenden Griechen, und die an ſie ſich anſchließenden Roͤmer. Faſt blendet das wun⸗ derbare Licht, das von ihnen ausſtroͤmt, mein Auge; es wirkt magiſch auf meine Bruſt, daß ſie mit einem hohen Entzuͤcken ſich erfuͤllt, und ein wohlthaͤtig erwaͤrmendes Feuer ſich durch mein ganzes Weſen ergießt. Sehr charakteriſtiſch haben Sie zu ihnen die goͤttlichen Saͤnger der neuen Welt geſellt. Wie kenntlich ſind ſie alle von Homer bis auf den prieſterlichen Klopſtock, und Schiller!— Aber warum zerfließen dort Unten ſo viele ver⸗ zerrte Geſtalten in Nebel, daß man ſie nicht mehr zu deuten weiß? Das ſind die Dichter, die ſich ſelbſt nicht ver⸗ ſtehen und die kein Sterblicher begreifen kann, erwiederte er. Das große Geraͤuſch, das ſie von ſich machen, deuten jene Poſaunen an, deren Mundſtuͤck ſich in den Nebeln verliert, ſo daß Niemand wiſſen kann, weſſen Hauch in das laͤr⸗ mende Inſtrument ſtoͤßt. Der Aberglaube ſinkt, vom ſchmetternden Ruf betaͤubt, auf die Knie, denn er haͤlt ihn fuͤr die Stimme einer neuen unter lautem Jauchzen an. Wie wuͤrden die Herren 4 der goͤttlichen Kunſt zuͤrnen, wenn das Geſchrei zu - 38 Offenbarung, und betet das Undeutliche, was er fuͤr goͤttlich haͤlt, weil er es nicht begreifen kann, als die Kundmachung eines himmliſchen Geiſtes, ihren Ohren dringen koͤnnte! wie wuͤrden ſie die verwirrende Poſaune zertreten! Dort Unten er⸗ gießt ſich eine durchnaͤſſende Wolke in einem ver⸗ ſinſternden Platzregen. Hagelkoͤrner zerſchmettern die ſchoͤn angebauten Felder, in eine tiefe Schnee⸗ wolke verhuͤllt ſich weiterhin die bluͤhende Landſchaft, und der Froſt, der ſich uͤber ſie ausgießt, ertoͤdtet die erwachenden Keime. Was aus der Erſtarrung ſich rettet, und wieder einiges Leben gewinnt, ge⸗ ſtaltet ſich als ein verkruͤppeltes Gewaͤchs, und traͤgt duͤrftige Bluͤthen und verkuͤmmerte Fruͤchte. Aber, frug ich erſtaunt: warum haben denn jene bunt gekleideten Dichter, deren Gewaͤnder im ſchoͤnſten Faltenwurf die Glieder umhuͤllen, deren Finger ſo ſicher in die Saiten der Laute greifen, ein ſo verzerrtes Geſicht? Der Anblick jener Saͤule, an welcher der Weiſe ſitzt, ſcheint ſie mit Grauen zu erfuͤllen. Sie ſind ſonſt ſo lieblich von Geſtalt, und verdienen es gewiß, daß ihre, auf der Erde knieenden Verehrer im Entzuͤcken die Haͤnde zu ihnen 39 erheben. Aber die Lorbeerbluͤthen fallen ja wie ſtuͤrmendes Laub aus ihren wild zerrauften Haaren. Ha! welche verruchte Hand wuͤthet gegen dieſe Prieſter des Schoͤnen! Zuͤrnen Sie nicht! erwiederte Brahe. Sie ereifern ſich allzu ſehr fuͤr die unſittlichen Dichter, welche, wenn ſie jene Saͤule anſehen muͤſſen, das Geſicht ſo uͤbel verzerren. Wie die Schlangen ſtralen ſie in den Farben des Edelſteins, und be⸗ geifern, wie ſie, mit ihrem Gifte das Herz der Unſchuld, und ertoͤdten, wen ſie umklammern, mit dem Pfeile des Laſters. Ihre Laute erklingt lieb⸗ lich, aber die Toͤne derſelben ſchweben einher wie ein giftiger Hauch, von deſſen Beruͤhrung die zar⸗ teſten Blumen verwelken und die edelſten Lebens⸗ keime zerſtoͤrt werden. Sind es nicht ſklaviſche Diener der Sinnlichkeit, die den Becher des Bachus nicht aus den Haͤnden laſſen, und in den cypriſchen Myrthenhainen die unreinſten Suͤmpfe aufſuchen, daß ſie der Fluch der erzuͤrnten Goͤtter in Froͤſche verwandeln moͤchte, welche am Arme frecher Dirnen auf dem Altare die Gaben der Huldigung fuͤr ſie niederlegen? Die lieblichen Roſen jener Dichter ſind die Bluͤthe eines, am Kern verdorbenen Aſtes, den das Meſſer des Gaͤrtners abloͤſt, damit nicht 40 die entzuͤndliche Krankheit, welche das Mark ergriff, ſich bis zur Wurzel herabſenke. Moͤchte man doch niemals das hingeworfene Reis auf den vaterlaͤndi⸗ ſchen Boden verpflanzen!— Und wenn es geſchieht, wenn man es ſogar haͤtſchelt und pflegt, daß es als ein neuer Stamm uͤppig emporſchießt— dann will ch, wenn ich dieſe ſchaamloſe Zeit noch ſehe, mein Angeſicht verhuͤllen und ſchmerzlich ausrufen: der Sonnentag der Deutſchen neigt ſich zum Niedergang! Neben jenen neblichten Geſtalten finden Sie ein Gewirre der ſeltſamſten Figuren. Ich will Sie nicht lange in Ungewißheit laſſen, und muß Ihnen kurz ſagen, daß ich mir unter ihnen die Philoſophen dachte. In eine ſchoͤne Gruppe vereinten ſich jene Weiſen, welche den Zirkel, das Lineal, das Senk⸗ blei und das Winkelmaaß gebrauchen. Sie er⸗ kunden die Geſetze, nach denen das Schoͤne ſich bildet, das Wahre ſich aufſchließt, und das Gute zur Bluͤthe und Frucht ſich entfaltet. Auf einfache Pergamentrollen verzeichnen ſie das Gefundene, denn indem ſie jedes Ding von der Schaale ent⸗ bloͤßen und nur an den Kern ſich halten, ſo be— duͤrfen ſie fuͤr das Reſultat ihrer Forſchungen, das ſie in nackten Worten verzeichnen, nur einen kleinen Platz. Sie gehen an der Hand der Erfahrung oft * * v 41 den Erſcheinungen voran und verkuͤnden ſie im prophetiſchen Wort, weil ſie die Urgeſetze, nach denen ſich alle Gebilde geſtalten, erforſchten. Wie klein und glanzlos auch ihr Fund erſcheint, er gleicht dem unanſehnlichen Saamenkorn, das auf dem fel⸗ ſigten Lande verdorrt, aber im fruchtbaren Boden einen Baum entwickelt, unter deſſen Zweigen ſichs luſtig wohnen laͤßt. Ehe wir auf die Folgen ihres gedeihlichen For⸗ ſchens blicken, goͤnnen wir im Vorbeigehen einen Augenblick der Aufmerkſamkeit jenen Zwitterge⸗ ſtalten, die hinter ihnen ſich befinden. Da hat es Leute in den allerluſtigſten Kappen, in rohen und bunten, reichen und zerfetzten Gewaͤndern, an Kruͤcken hinkend und von flatternden Fahnen fort⸗ geriſſen. Einige ſchweben zwiſchen Himmel und Erde, und haben eine ſo ſpaßhafte Bildung, daß man nicht weiß, ob man ſie zu den Nebel⸗ oder Erdgeſtalten zaͤhlen ſoll; andre liegen, wie feſtge— wurzelt, am Boden, und ſehen ſich blind an einem Steine, den ſie fuͤr das Weltall halten. Eine fuͤrchterliche Balgerei verliert ſich in den daͤmmern— den Nebeln, und Einige, die am heftigſten zuͤrnen, tragen die Quinteſſenz ihrer Forſchung wie ein Schimpfwort an der Stirn. 42 Faſt ſieht es im tiefſten Hintergrunde aus, unterbrach ich ihn: als erbauten die Giganten einen Berg, mit dem es auf die Erſtuͤrmung des Himmels abgeſehen zu ſeyn ſcheint. Sind die Werkſtuͤcke etwa die Syſteme? Wie deuten Sie aber den Blitz, der die aufgethuͤrmten Maſſen aus einander ſchleudert? Ich dachte mir mancherlei dabei, erwiederte er: muß Sie aber bitten, mir die Erklaͤrung zu er⸗ laſſen. Ein ſchlaues Laͤcheln verbreitete ſich uͤber ſein Angeſicht, indem er einige Worte, die uͤber die Zunge wollten, zu zerkauen ſchien. Nein! fuhr er fort: ich koͤnnte erſt manche Leute in ihrer hohen Meinung, die ſie von ſich haben, befeſtigen, wenn ich mit meiner jetzigen Anſicht nicht hinter dem Berge halten wollte. Richten Sie Ihren Blick lieber auf die Schuͤler des ehrwuͤrdigen Halbkreiſes. Sie finden dieſelben in großer Thaͤtigkeit. In ge⸗ regelter Form bilden ſich die mannigfaltigſten Pracht⸗ gebaͤude, und dort faͤhrt man an der Winde hinab in die ausgehoͤhlte Erde; hier wird durchs Sehrohr der Himmel erforſcht und der Stern nach Groͤße und Entfernung gemeſſen, dort das heilende Kraut ſecirt und der Sterbende von den Ufern des Ache⸗ rons zuruͤckgerufen; hier dreht ſich am Drilling das 43 zahnreiche Rad, hier in der Kapſel der Magnet, und dort durchſchneidet, unter dem Jauchzen des Volks, das ſchwerbeladene, ſicher ſegelnde Schiff die offne See. Wie koͤnnt' ich ſie alle nennen, die großen Erfindungen, zu denen die Menſchheit, ge— leitet von einer kleinen Summe aufgefundner Ur⸗ wahrheiten, fortſchritt. Nun bemerken Sie noch, daß Leute in den verſchiedenſten Kleidungen, mehr oder weniger, mit vollen oder halben Blicken auf den ehrwuͤrdigen Halbkreis bettelnd ſchauen, und einige Brocken fuͤr die Saͤtigung ihres hungrigen Magens verlangen. Viele uͤberſaͤtigen ſich an der hingeworfnen Nahrung, andre glauben an einem kleinen Broſamen genug zu haben, und leiden darum lange an Uebelkeiten und Bauchgrimmen. Wollen Sie etwa damit andeuten, fragte ich: daß alle Wiſſenſchaften fuͤr ihre Ernaͤhrung einige Biſſen von der Philoſophie ſich erbetteln? daß einige ſogar—. Deuten Sie die Sache, wie Sie wollen, unter⸗ brach er mich raſch. Es iſt freilich eine ſchoͤne Sache um die kerngeſunde Vernunft. Aber der liebe Gott hat auch viele Dinge geſchaffen, welche ohne die ſauerſehende Vernunft recht froͤhlich ge⸗ 44 deihen. Ich habe ſchon oft den Gedanken gehabt, dieſe Stelle, welche Sie zu dieſer Bemerkung ver⸗ leitet, zu uͤberpinſeln, wenn ich dafuͤr nur etwas Beſſeres zu erfinden gewußt haͤtte. Da ich das nicht vermochte, ſo mag ſie, wie viele Dinge in der Welt, die einer vielfachen Deutung unterworfen ſind, ſtehen bleiben, weil ich mit einem Klecks nicht den Anblick des Ganzen ſtoͤren will. Schauen Sie jetzt nach jener Hoͤhe. Sie er⸗ kennen ſie ohne Muͤhe fuͤr Golgatha. Die Ge— ſetztafeln liegen an einem Schaft, der die Form der vielbemerkten Saͤule hat, auf welchem ſich das Kreuz erhebt. Es ſteht im hellſten Glanze, und wendet einen Arm hinuͤber in den tiefen Himmel, den andern, wie eine rufende Hand, heruͤber zur Erde. Von Kronen bluͤht der Berg. Die gefeier⸗ ten Tugendhelden legten ſie hier als dankbare Opfer nieder. Wie viele von denen, die zu dem Kreuz geſchworen haben, und zu denen der helle Glanz heruͤberſtralt, wenden ihm den Ruͤcken! Laſſen Sie uns voruͤbergehen bei dem loſen Frevel, den ſie treiben und bei den Unthaten, die ſie veruͤben. Sie zeigen hinter ſich, als beriefen ſie ſich, ihr Thun zu rechtfertigen, auf das Licht, das druͤben ſtralt, und achten nicht des Fluchs, mit dem geguaͤlte * 45 Geſchlechter ſie umheulen. Betrachten Sie lieber dieſe Maͤnner im ſchlichten Gewande. Wie voll faͤllt der Stral der Glorie auf ihr entzuͤcktes An⸗ geſicht! wie heben ſie die Haͤnde freudig dankend zum Himmel empor! Blumen entfalten ſich unter ihren Fuͤßen, und in ſuͤßer Ruhe hat ſich neben ihnen ein Lamm, das Symbol der Unſchuld und des Friedens gelagert. Ueber einer zerbrochnen Kette gruͤnt die Palme, und verbreitet im uͤppigen Wuchs ihre Zweige uͤber das aufgeſchlagene Bibelbuch. Sie leſen in ihm die Worte:„Darinnen wird mein Vater geehrt, daß ihr viel Frucht bringet und werdet meine Juͤnger.«« Eine hohe Flammenſaͤule ſprudelt dort in die Luͤfte, fuhr er nach einer Pauſe fort, in der er freudig die Hand ans Herz druͤckte und den Blick dankend zum Himmel erhoben hatte. Es iſt kein Vulkan, es iſt eine durch die Erfindung des Men⸗ ſchen hervorgerufene Kraft— eine Pulverexploſion. Der donnernde Schooß der Zerſtoͤrung ſchwebt uͤber dem feuchten Ruͤcken des Meeres und uͤber der zitternden Erde. Als habe eine diebiſche Hand das bruͤllende Feuer aus den Wolken herabgeriſſen, und den, uͤber die Erde gebietenden Himmel ſeiner Rechte beraubt, ſo flammt es in wilder Empoͤrung. 2 46 In die hohen Luͤfte ſendet es den ſauſenden Wurf, daß die geſchleuderte Zerſtoͤrung herabſtuͤrzt wie ein zuͤndender, zermallmender Blitz; und aus dem Schooß der Erde bricht es wuͤthend hervor mit fuͤrchterlich zerſplitterndem Beben. Archimed! koͤnn⸗ teſt du aufſtehen, zu hoͤren den bruͤllenden Ton, zu ſchauen den verwuͤſtenden Gang des eiſernen Klumpen! Und wenn du allein ſtaͤndeſt hinter dem Schutz der Mauer— der uͤberraſchende Speer des Roͤmers ſollte dich nicht durchbohren! Dieſe Kraft hat die Riegel verſchloßner Erd⸗ theile geſprengt, und mit ihr beherrſcht Europa die zagende Welt. Wie ein Gott ſitzt einer ſeiner Be⸗ wohner auf jenem erhabnen Stuhl. Mit der eiſernen Peitſche verwundet er den Ruͤcken des Amerikaners, der mit verbißnem Grimm ſeine Ketten ſchuͤttelt und mit Erſtaunen wahrnimmt, daß von den wunden Haͤnden und Fuͤßen das eherne Band ſich abſtreifen laͤßt. Der Afrikaner ſcheint von einem heftigen Froſt durchruͤttelt zu werden, waͤhrend der Aſiat vor dem Stuhle ſeine reichen Schaͤtze niederlegt. Hinter dem Gebieter grinzt— uns in einem tuͤckiſchen, affenartigen Geſicht der Repraͤſentant des fuͤnften Welttheils an. Hier iſt an keine bruͤderliche Umarmung zu denken, denn 47 der Trieb der Selbſterhaltung verſetzt ſie in das Reich der Unmoͤglichkeiten. Ich wuͤrde ein feier⸗ liches Halleluja ſingen, wenn eine Verſoͤhnung ſich ſtiften ließe. Wir kommen jetzt zum letzten Gegenſtande im weitgedehnten Mittelgrunde. Umhergeſchleuderte Truͤmmer ruͤcken aus der tiefſten Ferne hervor, und bilden ſich nach mancherlei Uebergaͤngen zu deut⸗ lichen Gegenſtaͤnden. Sie ſehen das Ganze fuͤr eine zerſtoͤrte, ſich bildende, und hin und wieder vollendete Stadt an. Was ſind Staaten anders, als wohl eingerichtete Doͤrfer und Staͤdte im Großen. So lange die Menſchen zu geſellſchaftlichen Ver⸗ bindungen ſich vereinigten, hat man an dieſen Ge⸗ baͤuden gekuͤnſtelt, aber niemals den Bau ſo vol— lendet, daß er jeder zerſtoͤrenden Gewalt getrotzt haͤtte. Zu eilfertig begnuͤgte man ſich haͤufig mit einem bloßen Schirmdach gegen die unguͤnſtige Wit⸗ terung; ein andermal ging man zu langſam und ſchlaͤfrig zu Werke, verſaͤumte fuͤr den Bau die ſchickliche Zeit, und ſiedelte ſich an in einer, aus Noth erbauten Huͤtte, welche der Wind zerzauſte, und welche weder feuerfeſt noch waſſerdicht war; auch brach man oft die Front ab, und baute ſie in einem andern Styl, verſaͤumte aber daruͤber din 48 innere bequeme Einrichtung. Was erzaͤhlt uns nicht alles davon die Geſchichte! Auf dem großen Marktplatz ſehen Sie die Hauptſymbole der Formen, in welchen die Regie— rungen der Voͤlker erſcheinen. Ein Tieger ſpielt mit Laͤmmern, und erwuͤrgt ſie blutduͤrſtig, blos zum Vergnuͤgen. Niemand, als das geduldige Lamm wird in ſeinem Bereich geduldet, denn es verſtummt unter ſeiner Tatze, und begnuͤgt ſich mit einigen Grashaͤlmchen. Aber es pfluͤgt auch nicht den fruchtreichen Boden, und martert ſich umſonſt, den ſchwerbeladenen Karren zu ziehen. Wir ſchau⸗ dern vor dem Anblick eines ſolchen Tyrannen, und wenden uns von ihm mit unbezwinglichem Entſetzen. Zu beiden Seiten dieſes Wuͤrgers erblicken Sie zwei Kegelgeſtalten. Einer ſteht auf der Spktze, der andere auf der breiten Flaͤche. Der erſtere ſteht nur, indem er ſich mit ſeiner Laſt in die Erde druͤckt, und zeigt die Verfaſſungen an, in denen das Volk die hoͤchſte Gewalt uͤbt, um das Ganze zu halten, ſeine Kraft in einer widerna⸗ tuͤrlichen Richtung nach Unten zu in einem Punkte vereinigen muß. Sie ſehen wohl, daß die Baſis klein, und die auf ihr ruhende Maſſe dick und ſchwerfaͤllig iſt. Wie leicht kann auf einer Seite —.— 49 die Laſt von dem erzwungenen Geſetz abweichen, und nicht mehr in ſchiefer, ſondern in ſenkrechter Richtung nach Unten ſtreben. Muß nicht dann der Kegel wanken und umſtuͤrzen? Geſchieht dies, o dann gehoͤrt eine ungeheure Kraft dazu, ihn wieder aufzurichten und auf die Spitze zu ſtellen. Und geſetzt, es wollten ſich tigerartige Weſen auf ſeinem Gipfel lagern— wie viel haben ihrer dort Platz! wie werden ſie, wenn ſie den Kegel zu einem trich— terfoͤrmigen Schlunde aushoͤhlen, Alles, was ſie wuͤrgen wollen, in ſeiner Tiefe begraben koͤnnen! Bei dem andern bildet das Volk die Baſis, und es traͤgt, da die auf ihm ruhende Maſſe weit ge⸗ ringer iſt, als ſeine Stutzkraft, mit Leichtigkeit das Ganze. In ſchoͤner Form ſtreben die Linien, von einer gleich gerundeten Zirkelflaͤche ausgehend, alle nach einem Punkte, und vereinigen ſich in dem, am hoͤchſten ſtehenden Monarchen. Dieſer uͤber— ſchaut alles, was unter ihm liegt, und aller Blicke koͤnnen ſich auf ihn richten. Welche Kraft gehoͤrt dazu, das, auf die allein ſicherſte Art baſirte Ganze aus der Lage zu heben! Und wollte ſich auch die Spitze aus dem Mittelpunkt, in dem ſie ruht, hinwegruͤcken, ruht ſie nicht noch immer auf einer ſenkrechten Linie? zieht ſie nicht die, auf der ent⸗ D 50 gegengeſetzten Seite am Fuße liegende Gegenkraft wieder zuruͤck auf den ſichern Grund? Nur Stuͤrme von Außen, welche die beſchraͤnkte Macht des Sterb⸗ lichen nicht alle abwehren kann, vermoͤgen es bis⸗ weilen, den Kegel zu einer aͤngſtlichen Neigung zu bringen— aber werfen ſie ihn nicht ganz um, ſo richtet er ſich leicht durch ſeine eigne Schwere wieder in die Hoͤhe. Die egyptiſchen Pyramiden ſtehen deswegen ſeit Jahrtauſenden ſo ſicher und unerſchuͤttert, weil ſie die Form des Kegels haben. Unter vielen Gebaͤuden, an denen abgebrochen und wieder gebaut wird, ſteht hier eins in ſchoͤnſter Vollendung. Es iſt mit Wall und Graben, zum Schutz gegen die andringende Außenmacht, umgeben und an den Eingaͤngen, welche offen ſtehen, be— merken Sie ſolche Vorkehrungen, daß ſie jeden Augenblick verſchloſſen werden koͤnnen. Sicherheit gegen aͤußere Anfaͤlle iſt das dringendſte Erforder⸗ niß. Das Gebaͤude ruht auf Saͤulen, von denen die Menſchlichkeit, die Religion und das buͤrgerliche Geſetz die ſtaͤrkſten ſind. Die uͤbrigen koͤnnen Sie auf die verſchiednen Staͤnde, Berußsthaͤtigkeiten, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften deuten. Am hohen Portal lautet die Inſchrift: Eingang zur Wohlfahrt. Die Symmetrie des Ganzen, wie mannichfaltig — 51 auch die Einzelheiten deſſelben ſind, wird durch keine falſche Linie, durch keine unſichere Anord⸗ nung geſtoͤrt. Daß im Innern Ordnung und Be⸗ triebſamkeit herrſche, laͤßt uns das heitere Licht vermuthen, das aus allen Gemaͤchern hervorſtroͤmt, deren Oeffnungen mehr Glanz auszuſenden, als von Außen einzunehmen ſcheinen. Durch das ge⸗ oͤffnete Thor laͤßt ſich ein Theil des froͤhlichen Weſens, der geregelten Thaͤtigkeit und des Gluͤcks, welche dort herrſchen, bemerken, und die Volks⸗ menge, welche mit froͤhlichen Geſichtern aus⸗ und einſtroͤmt, fuͤhrt zu der Vermuthung, daß drinnen gut wohnen ſey. Doch, will man die hohe Weisheit, welche drinnen Alles ordnet und leitet, die verſchiedenartigſten Kraͤfte weckt und zaͤhmt, die mannigfaltigſten Intereſſen zu einem Zweck vereinigt, und in dem entfernteſten Winkel⸗ Freude verbreitet; will man die Liebe fuͤr den Gebieter, den Eifer fuͤr die Foͤrderung des Na⸗ tionalgluͤcks und die bruͤderliche Vereinigung Aller fuͤr die Erreichung einer hoͤchſten Abſicht, naͤher erkennen und ganz begreifen: dann muß man ſich in einem der geraͤumigen Gemaͤcher anſiedeln und eine Kraft mitbringen, die zu gebrauchen iſt; dann muß man dieſe Kraft dem Staatsſchatz an⸗ D 2 52 vertrauen und nach hoͤhere Anweiſung damit wu⸗ chern. Zufriedenheit und dauerndes Gluͤck iſt der Gewinn, den man davontraͤgt. Ob Sie dieſes Gebaͤude fuͤr eine Idee, nach der man rings umher baut, oder fuͤr ein, in der Wirklichkeit, in hoher Vollendung Vorhandenes halten wollen, das uͤberlaß ich Ihrer Einſicht.— Sie blicken forſchend nach der Seite, und ſcheinen zu fragen, ob nicht noch mehrere Felder an meine ſpaniſche Wand ſich anſchließen. Es wundert Sie wohl, daß ich mit dieſem Gegenſtande den Mittel⸗ grund ſchließe? 4 Ich bejahte ſeine Bemerkung, und erlaubte mir, nachzuſehen, ob ſich hier wirklich ſein ſonder— bares Gemaͤlde endige. Bleiben Sie! rief er mir zu, und noͤthigte mich, wieder neben ihm Platz zu nehmen. Hier endigt ſich mein Gemaͤlde aus einem ſehr einfachen Grunde. Seit die Idee eines Staatsgebaͤudes ge⸗ bildet wurde, hat man an dieſem Gegenſtande fort⸗ dauernd gearbeitet. Noch heute iſt es der Bau, fuͤr welchen Millionen Haͤnde thaͤtig ſind, und fuͤr deſſen Anordnung und Autfuͤhrung ſich unzaͤhlige Koͤpfe muͤde ſinnen. Die Abſicht des Baues bleibt — 53 immer dieſelbe, welche die Inſchrift des Portals angiebt, aber vom Glacis bis in den tiefſten Winkel des Gebaͤudes ihr zu genuͤgen, das bleibt die ſchwie⸗ rige Aufgabe, welche von Decennium zu Decennium neue Erfindungen, neue Kraͤfte, neue Mittel und neue Anſtrengungen erfordert. Manches Gebaͤude ward durch eine innere Exploſion aus einander ge⸗ riſſen, ein anderes durch zerſtoͤrende, von Außen andringende Gewalten zerſplittert. So lange die Menſchheit in der Entwickelung fortſchreitet, darf der Waͤchter niemals ſchlummern. Sein Blick muß ſich immer auf die Windfahne an der Spitze des Hauſes richten, um jedes heraufziehende politiſche Ungewitter zur rechten Zeit zu bemerken, und das Haus gegen ſeine Stuͤrme zu bewahren. Denn mit ihnen koͤmmt Fruchtbarkeit, aber fuͤr den Schla⸗ fenden und kleinmuͤthig Verzagten, Verderben. Meine lange Erklaͤrung hat Sie ermuͤdet. Wir beduͤrfen einiger Erholung, ehe wir zu den Gebilden des Vordergrundes uͤbergehen.— Brahe entfernte ſich einen Augenblick, und kehrte dann mit Glaͤſern und einer Flaſche Burgunder zuruͤck.— Hier eine kleine Erfriſchung fuͤr einen neuen Anhauch der Begeiſterung! ſprach er, und reichte mir das ge⸗ fuͤllte Glas. ——ᷓ’— 54 Auf das Heil der Staaten, an deren hohen Portal jene ſchoͤne Inſchrift in goldnen Buchſtaben leuchtet! rief ich, indem meine Vaterlandsliebe ſich aufflammte, und mein Herz freudig ſich bewegte: Die Glaͤſer erklangen, und lebendiger brannte das Feuer in Brahes Augen, angefacht von dem Ge⸗ fuͤhl dankbarer Freude. Wir ſagten uns nicht, was wir empfanden; aber die Begeiſterung, die ſich uͤber unſer ganzes Weſen verbreitete, uͤberzeugte uns wechſelſeitig, daß wir gluͤckliche Soͤhne eines gluͤck⸗ lichen Vaterlandes waͤren. In ſolchen Augenblicken iſt der Saft der Traube ein, von den Goͤttern dar⸗ gereichter Nektar, und durch ſein Feuer entzuͤndet ſich in unſrer Bruſt jene Glut des Hochgefuͤhls, in deſſen dauernden Beſitz die Unſterblichen ſelig ſind. Als die Flaſche geleert war, fuhr Brahe alſo fort. Wir gehen nun zu den nahen Gegenſtaͤnden, mit denen der Vordergrund uns bekannt macht. Eine Maſchine, die Sie leicht fuͤr eine Buchdrucker⸗ preſſe erkennen, ſteht in der Mitte, und iſt der Hauptgegenſtand, auf den Alles, was rund umher ſich zutraͤgt, ſich bezieht. Auf dem bleiernen Ge— wicht des Bengels ſitzt ein holder, im heitern Glanze ſtralender Juͤngling, deſſen hohe Geſtalt und himmliſches Angeſicht, das ihm Aehnlichkeit 55 giebt mit dem Sonnengott der Alten, Sie ver⸗ muthen laſſen, er ſey goͤttlichen Urſprungs. Es iſt der Genius der Menſchheit. Die bewegliche Stange, welche durch die Kraft ihres Schwunges wie ein Zauberſchlag wirkt, wird von einem graubaͤrtigen, ernſten Manne, den Sie ſich als den Repraͤſententen der Erfahrung denken koͤnnen, an einem ſchwachen Faden feſtgehalten, und, wie es ſcheint, regiert. Wie leicht koͤnnte der kraͤftige Juͤngling das ſchwache Leitſeil zerreiſſen, wie leicht durch einen maͤchtigen Schwung den ſchwachen Greis in den Staub wer⸗ fen! Aber faſt moͤchte man ſich uͤberreden, es ſey ihm wohl in dieſer Beſchraͤnkung, er habe ſich dem Eigenſinn des leitenden Alten unterworfen und moͤge ſeiner Grille nicht widerſtreben. Wahrſcheinlich noͤthigt ihn dazu die Ueberzeugung, ein ungezaͤhmtes, muthwilliges Hinausſchwingen uͤber die nothwendige Grenze koͤnne die ganze Maſchine zerſplittern. Sie wundern ſich vielleicht, daß ich der ſchoͤnſten Lichtgeſtalt meines Gemaͤldes einen ſo luftigen, ſchauckelnden Sitz, auf einem mit Schwaͤrze be⸗ fleckten Geſtelle, wo ſie ihre Bewegungen nur vor⸗ und ruͤckwaͤrts machen kann, angewieſen habe. Aber das that ich, es kann ſeyn aus Kurzſichtigkeit und aus dem falſchen Glauben, das Sonnenbil⸗ 56 dungsjahr der Menſchheit, von dem ich nicht weiß, ob es das erſte iſt, oder ob ihm ſchon mehrere vor⸗ angegangen ſind, habe in dieſer Maſchine, wie uͤberhaupt im Maſchinenweſen den Culminations⸗ punkt erreicht. Denn wie ein Gott hat der Menſch in dieſen Dingen maͤchtige Thaͤtigkeiten geſchaffen, welche ſeine Koͤrperkraft vertreten, fuͤr ihn ſich an⸗ ſtrengen und beſſer, als er es ſelbſt vermag, fuͤr ihn die ſchwerſten Verrichtungen uͤbernommen haben. Das Unglaublichſte iſt erreicht, aber noch iſt nicht Alles vollendet. Es bedarf nur noch einer kleinen, freilich weſentlichen Erfindung, und der hoͤchſte Triumpf iſt errungen— eine Maſchine, die fuͤr den Menſchen denkt! Eine Gedankenſpinnerei iſt gewiß ein weſentliches Beduͤrfniß. Aller Streit uͤber das Wahre und Nichtwahre hoͤrte dann auf, und dennoch wuͤrden durch den conſequenten Gang der Maſchine, Entdeckungen gemacht werden, von denen ſich jetzt nicht einmal die entfernteſte Ahnung traͤumen laͤßt. Gluͤckliches Geſchlecht, dem dieſe ſchoͤne Zeit vorbehalten iſt! Das fatale Gruͤbeln wird dir keine Kopfſchmerzen verurſachen. Ich lachte laut auf, zog aber dabei ein ſo bitte⸗ res Geſicht, als haͤtte ich von einer ſauren Frucht des Mittelalters gekoſtet. Brahe ließ ſich jedoch 57 nicht ſtoͤren, ſondern fuhr mit ernſter Beſonnenheit alſo fort. Mit laͤchelndem Wohlgefallen blickt der Genius auf eine Gruppe, die ſich unter ihm gelagert hat, und uͤber welcher er wie ein regierender Gott ſchwebt. Jedes Einzelweſen dieſes Vereins traͤgt etwas Ueberirdiſches an ſich. Die hohen Lehrer, welche durch ihre großen Erfindungen in dem Gebiet der menſchlichen Thaͤtigkeit den Weltſinn, wie mit einer Zauberruthe beruͤhrten und, gleich einem brauſenden Orkan, die Kraͤfte ganzer Geſchlechter fuͤr einen Stoß zuſammenrollten, haben ſich hier in bruͤderlicher Befreundung neben einander ge— lagert. Die aͤlteſte Welt verklaͤrte ſie durch eine dankbare Apotheoſe, aber die folgenden Zeitalter, welche der Eigenduͤnkel verblendete, beſchimpften ſie, ließen einige vor Hunger ſterben, toͤdteten andere mit Gewalt, oder peitſchten ſie mit den Kraͤnkungen des Undanks und mit der Geißel der Schmach aus dem Leben. Hier neigt der Genius uͤber ſie eine, wie aus Aetherſtoff gewobene Fahne, auf welcher wie in Sonnenglut die Worte brennen: Meine Soͤhne an denen ich Wohlgefallen habe! Auf der andern Seite giebt es ein ſonderbares Gewuͤhl. Es verbreitet ſich uͤber die Stufen, 58 welche zur Preſſe, wie zu einem Hochaltar fuͤhren. Nach jedem Stoß, wenn der Bengel zuruͤckſchlaͤgt und die Schraube in die Hoͤhe ſpringt, faͤllt ein Regen von Goldſtuͤcken herab, als wuͤrde hier nur Gold gepraͤgt. Diejenigen, welche dem untern Gedraͤnge entronnen ſind und die hoͤchſte Stufe er— reichten, haben ſich ſo ſelbſtgefaͤllig und wohlbehag⸗ lich, als haͤtten ſie dieſen Platz gepachtet, gelagert, und ihre Taſchen mit dem gelben Metall ſo reichlich angefuͤllt, daß ſie nicht leicht Jemand, wegen der erlangten Schwere, aus dem Gleichgewicht bringen wird. Je weiter herab, deſto groͤßer der Tumult, deſto groͤßer die Zahl der Manuſcripte, die man zum Opfer bringt. Ob der Hunger nach Gold, oder nach Ehre, oder aber ein anderer, mir un⸗ bekannter Beweggrund dieſes Gewuͤhl verurſacht; ob die drohenden, geballten Faͤuſte aus Noth, oder mit dem Regentenſinn der Wahrheit erhoben wer— den; ob das Fangeballſpiel mit einigen menſchen⸗ aͤhnlichen Weſen, im Scherz oder im Ernſt ge⸗ trieben wird; ob das Naſendrehen, womit ſich einige honnett gekleidete Leute abgeben, blos zur Vervoll⸗ ſtaͤndigung des bunten Lebens gehoͤrt— das bleibt der gruͤbelnden Vermuthung, die hier ein reiches Feld findet, zur Entſcheidung uͤberlaſſen. Mich 59 freuen die ernſten, geſetzten Maͤnner, die mit feſtem Schritt hinaufſteigen, und denen man mit einer gewiſſen Ehrerbiethung Platz macht. Ihr Geſicht, das den Charakter der Beſonnenheit und Zuverſicht traͤgt, giebt zu erkennen, daß ſie recht gut wiſſen, was ſie dort Oben wollen. Sie tragen Schaͤtze voll Werth und Gehalt hinauf, Heiligthuͤmer, die ſie aus den Tiefen verſunkner Zeiten und aus dem Schacht der Wahrheit muͤhſam heraufholten; aber ſie werden fuͤr ihre Anſtrengung, die Niemand recht ſchaͤtzen will, weil ſie nicht vor den Augen der Welt gemacht wurde, nur mit Silber oder mit Papier abgefunden. Aber, freuen Sie ſich, ſie wandeln in der Naͤhe ſenes Heroenkreiſes, und der Wieder⸗ ſchein des Glanzes, der von dort ausſtroͤmt, um⸗ leuchtet ſie. Der Genius haͤlt uͤber ihnen weihend die Hand, und Lorbeerbluͤthen fallen reichlich auf ihre Haͤupter. Was ſollte aus der Menſchheit werden, wenn jene Maſchine auf einmal zerbraͤche, wenn in den Fabriken kein Blaͤttchen Papier mehr gefertigt wuͤrde! Jetzt leben Sie auf ihrer Stube in der ganzen Welt, dann aber lebten Sie blos in ihrer Stube; jetzt erweitert ſich Ihre Bruſt durch den Odem, mit dem die Stimme der Menſchheit Sie 60 anweht, dann aber verſchwaͤnde Ihnen die Wonne des Mitgefuͤhls, denn Sie ſaͤßen wie in einer Fels⸗ hoͤhle, wo Ihnen von den finſtern Waͤnden nur die Seufzer und Klagen Ihrer zuſammengepreßten Bruſt wiedertoͤnten; jetzt ſchwebt Ihr Geiſt frei uͤber die ganze Erde, hinauf zu den Entdeckun— gen in das Reich der Sterne, hinunter in das Grab entſchwundner Zeiten, hinunter zu den Voͤlkern, die unter dem Guͤrtel des Horizonts wohnen, und dann waͤren Sie an die Kette ge⸗ ſpannt, an welche die beſchraͤnkte Gegenwart und Ihr einfoͤrmiger Beruf Sie ſchmiedet, und koͤnnten mit offnen Augen und Ohren nicht mehr ſehen und hoͤren. Großer Geiſt! dir den ſchoͤnſten Kranz fuͤr deine hohe Erfindung! Guttenberg! dir die dankbarſte Verehrung der neuen Welt! Ohne deine Erfindung waͤren die groͤßten Geiſter einſame Wan⸗ derer geblieben, die nur nach einer langen Tagereiſe ein freundliches Haus faͤnden, wo man ſie noͤthigt, einzukehren und zu herbergen. Jetzt ſitzen ſie leh— rend in der Mitte ihres Volks, ja ihr Ruf er⸗ toͤnt uͤber ganze Theile der Erde, und wer Ohren hat zu hoͤren, vernimmt ihre goͤttliche Stimme. Was an dem einen Ende der Erde erkannt ward, wird bis zum andern noch empfunden, und immer 61 ausgedehnter und inniger wird der erhabne Bund der freien Geiſter. Noch iſt mir etwas unerklaͤrlich, unterbrach ich ihn voll Ungeduld. Es ſtoͤrt das hohe Entzuͤcken, mit dem mich der Gedanke an die große geiſtige Verbindung beſeligt. Ich erblicke dort ein ſchlaues Weſen, das neben der Preſſe Pulver einpackt. Das iſt das Gift, das im gedruckten Papier verkauft wird, erwiederte er ruhig. Jede gute Sache iſt dem Mißbrauch unterworfen, der zerſtoͤ— rend wirkt, wie ein anſteckender Krankheitsſtoff. Der Giftpulverfabrikant ſteht ziemlich verſteckt, und kaum bemerkt man das Geſchaͤft, das er doch mit vielem Eifer ins Große treibt. Seine Handlanger ſtehen in tiefer Verborgenheit hinter den ehrlichen Leuten, die mit redlicher Offenheit zu Werke gehen. Wollen Sie das auf die Ohnmacht, mit der er im großen Reiche der Geiſter wirkt, oder auf die Sicher— heit, mit der er im Verſteck ſein Geſchaͤft treibt, beziehen, das gilt mir gleich. Bei den einſichtsvollen und reinen Seelen gehoͤrt ſeine Waare unter die verrufnen Artikel, wenn ſie das Aushaͤngeſchild auch noch ſo einladend anlockt. Die letzte Gruppe bleibt uns nun noch zu er— klaͤren uͤbrig. Sie ſchwebt in den Luͤften, gezogen, 5 . 8. 62 wie Helios, von einem ſchnaubenden Geſpann. Auf ſchoͤn geſchnitztem Wagen ſteht der Gott des Krieges mit zorndrohendem Blick, ſtreitluſtigem Hohnlachen und mit aufgehobener Lanze. Sein Arm iſt gebietend ausgeſtreckt, als rufe er den ſchreckensvollen, Vernichtung bringenden Schaaren, als wolle er ſie hinuͤberſtoßen in den Donner der Schlacht und an die trotzende Mauer befeſtigter Staͤdte. Aber Minerva, die neben ihm ſteht, feſſelt die rufende Hand, und der Schreckliche ſcheint nur frei zu werden, wenn ſie es will, und wenn ſie das Toben ſeines Grimms fuͤr die Ausfuͤhrung ihrer Entwuͤrfe bedarf. Jetzt wird die Maͤnnerſtaͤrke vom Genie der Kunſt und Wiſſenſchaft gebunden, und wo die perſoͤnliche Tapferkeit nicht mit ihm im Bunde ſteht, da wird der Sieg nicht errungen. Vor dem maͤchtigen Gott erheben einige Schlan⸗ gen das kluge, tiefblickende Auge, und ihr Geziſch ſcheint den Lauf der ſchnellfuͤßigen Roſſe zu lenken. Hinter dem Gott, ihm den Ruͤcken zuwendend, ſitzt Chlio, die aufgeſchlagene Rolle im Schooß, und in der Hand den verewigenden Griffel haltend. Ihr Blick iſt ſinnend gerichtet auf die Spur der Naͤder, welche in feuriger und blutiger Narbe unter ihr liegt. Denn tief verwunden die eiſernen, mit 63 gebognen, ſcharfen Hacken verſehenen Raͤder, und wenn, von ihrer ſtuͤrmenden Gewalt ergriffen, die Berge wanken, die Fluͤſſe ausweichen, die Saaten wie Spreu zerſtaͤuben, die Waͤlder niederbrechen, und Palaͤſte und Staͤdte wie die, von Kindern er⸗ bauten Kartenhaͤuſer zuſammenſtuͤrzen, da dampft eine ſchwarze Wolke empor, und weit hin leuchten und donnern die zuckenden Blitze. Auch uͤber die Haͤuſer, die wir zuletzt im Mittelgrunde betrachte⸗ ten, ſtuͤrzt oft klirrend und raſſelnd der zermalmende, zuͤndende Wagen, und zerreißt die Daͤcher und Haͤupter der Saͤulen. Oft zuͤndet die wild herab⸗ ſtroͤmende Flamme, und mit vulkaniſchem Gebruͤll langt des Gebaͤudes Brand in die Tiefe des Him— mels. Raubthiere bewohnen dann die leergebrannte Ruine, und ſie koͤnnen nur aus der graulichen Lager⸗ ſtaͤtte vertrieben werden durch einen Schrecken, der maͤchtiger iſt, als der ihrige. Will man ſich wieder anſiedeln in den veroͤdeten Mauern, dann muß man eilends die Waͤnde ausbeſſern und fuͤr eine gute Bedachung ſorgen, weil die ungeſtuͤme Witterung ſonſt die Zerſtoͤrung der letzten Pfeiler vollenden wuͤrde. Schrecklich iſt der Anblick der ewig jungen Roſſe. Ihr Hauch iſt das Donnergewoͤlk des Schreckens, 64 und ihr flammendes Auge blickt wie die Feuerſaͤule in der dunklen Nacht, mit welcher der zuͤrnende Gott den weit gedehnten Heereszug beleuchtet. Sie flackert empor wie eine, vom wilden Getuͤmmel umjauchzte Opferflamme, die man dem Gewaltigen zu Ehren anzuͤndet, ehe die wuͤrgende Schlacht beginnt, denn ſeine Gunſt wird nur durch ſcheuß⸗ liches Brandopfer gewonnen.— Das Roß zur Rechten prallt vor einem Haufen Goldes zuruͤck, aber der nachbarliche Gefaͤhrte ſetzt mit einem kuͤh⸗ nen Sprunge uͤber denſelben hinweg. Alſo auch hierher erſtreckt das Gold ſeine allge⸗ waltige Macht? rief ich. Iſt das der Tribut, wo⸗ durch die bedraͤngten Voͤlker ſo oft den feurigen Wagen von ihrem Nacken ablenkten, oder ſchlug der Huf des kriegeriſchen Roſſes das verehrte Metall ans Tageslicht, oder wird der Kriegsgott durch daſſelbe gewonnen, daß er fuͤr diejenigen, die es im Ueberfluß beſitzen, ſeine ſiegenden Waffen erhebt und fuͤr ihr ungezaͤhmtes Begehr das Blut von Hunderttauſenden vergießt? Worauf ſoll ich rathen? Auf alle dieſe Faͤlle, wenn 6 wollen, oder auf keinen, antwortete Brahe. Mit bloßen Ein⸗ faͤllen muß man es, wenn ſie uͤberhaupt ſonderbar ſind, nicht ſo genau nehmen. Wenn Sie etwas 65 bei dieſem Gegenſtande erwaͤhnen wollen, ſo koͤnnen Sie meine Grille, die das ſchwere Metall in die Luͤfte verſetzte, recht ſcharf tadeln, und das mit gutem Grunde. O nein! nein! rief ich mit heftigem Eifer. Fuͤr viele, ſich gluͤcklich preiſende Erdbewohner iſt es der anbetungswuͤrdige Gott, zu dem ſie ihre, nach Hilfe verlangenden Haͤnde erheben und den ſie, weil er ſichtbar iſt, ernſtlicher und vertrauensvoller vereh⸗ ren, als den Unſichtbaren. Tauſende wuͤrden be— haupten, daß dort Oben ſeine rechte Stelle ſey, weil das wahre Gluͤck nur in einem gediegenen Goldorgan auf die Erde ſtroͤmt. Nun noch einen Blick auf die Zuͤgel der Roſſe. Weder Minerva, noch Mars, noch die klugen Thiere zu den Fuͤßen des Gottes haben ſie ergriffen. Droben, im ewigen Raum, wo ſie in einem hei⸗ tern Strom des Lichts ſich verlieren, werden ſie regiert und mit Feſtigkeit angezogen. Es wird mir jetzt warm ums Herz und ein heiliger Glaube baͤn⸗ digt mit ſeiner Kraft jede Unruhe in meinem Innern und jeden Zweifel, mit dem das Gewirre auf Erden uns aͤngſtigt, gerade ſo wie damals, als ich durch den letzten Pinſelſtrich die Erde mit dem Himmel verband und ſie zu ihm hinuͤberzog. Eine E 66 unſichtbare Macht, deren ewige Guͤte im ſegnenden Glanz der Himmelslichter herabſtroͤmt, baͤndigt das ſtuͤrmende Geſpann und leitet es nach ihrem heiligen Willen. Mit ihm wird alles Schreckliche, was in ſeinem Gefolge einherzieht, zur rechten Zeit ge— zuͤgelt. Wie der Pflug das Land fuͤr die Entwicke⸗ lung der Pflanzen fruchtbar macht, ſo erbluͤht die Menſchheit unter dem verwundenden Rade, in neu geweckter Kraft fuͤr die hoͤhere Veredlung. Denn im Kampf mit der Noth entwickeln ſich ihre unerſchoͤpf⸗ lichen Anlagen. Was ſie noch auffinden, wodurch ſie ſich noch verherrlichen wird, das iſt vor unſern Augen verborgen. Wir uͤberblicken nur einen klei— nen Theil ihres jetzigen Sonnenbildungsjahrs. Ueberſchauen wir einſt, wenn wir mit den, im Erdenleben errungenen Keimen an einem reinern Sonnenlichte aufbluͤhen, was uns hier verborgen blieb— o dann rollt kein dunkles Gewoͤlk mehr uͤber den Sonnentag, der uns aufging, und keine Thraͤne der Bekuͤmmerniß entfaͤllt mehr dem ver⸗ klaͤrten Auge!— Hiemit ließ er den Vorhang nieder, und bedeckte, was ich noch lange anzuſchauen wuͤnſchte. Eine Thraͤne des freudigen Glaubens war in mein Auge getreten, und zitterte am Wimper. Es 67 war mir, als reinigte ſich meine Seele durch ſie von jedem irdiſchen Zweifel. Brahe ſah die Thraͤne, und verſtand ihre tiefe Bedeutung. Ich reichte ihm dankend die Hand, an der er mich an ſein Herz zog, zum Zeichen, wir waͤren auf immer be⸗ freundet. Ich eilte hinaus ins Freie, denn das ſeelige, in mir wogende Gefuͤhl trieb mich, auszu⸗ ruhen an der Bruſt der Natur. Die Sonne ſchied oben unter dem freudigen Nachruf des Voͤgelchors, und die ermuͤdeten Arbeiter kehrten, mit der Sichel im Arm, heim zur Huͤtte, von der Hitze der Erndte zu ruhen. Dul rief ich, indem ich in den tiefen Himmel ſchaute: der du die Sonne geſchaffen, und die Erde ſo ſchoͤn gebildet haſt, der du Geſchlechter aus dem Staube riefſt, und wieder in die Urne der Vergangenheit verſenkteſt— dein heiliges Regieren iſt keine Taͤuſchung! das ſchoͤne Leben der Menſchen iſt kein bloßer Traum! Die Nachtreiſe. Iſt uns der erſte Anlauf gegen einen queerkoͤpfi⸗ gen Sonderling gelungen, und haben wir die Boll— werke, mit denen er ſein Herz gegen den Andrang der ſpuͤrſuͤchtigen Neugierde verſchanzt, im kuͤhnen Sturmſchritt erſtiegen: dann bleiben die Zugaͤnge zu ſeinem Gemuͤth, von denen die plappernde Erobe⸗ rungsſucht, die ſich im Haſchen nach Bekanntſchaften außer Athem rennt, durch ein niederſtuͤrzendes Fall⸗ gatter in der Regel mit einer langen Naſe abgewie— ſen wird, fuͤr uns offen; ja wir duͤrfen uns ſogar nach und nach in ſeiner Naͤhe anſiedeln, und einen verſtohlen lauſchenden Blick, den er nicht uͤbel deu⸗ tet, auf ſein Inneres werfen. Wie ein wunderlicher Wirth, von dem nach dem Willkommen das froſtige Weſen abthaut, und der, um den erſten uͤblen Ein⸗ druck zu verwiſchen, endlich in allem Ernſt darauf zu denken ſcheint, unſern Aufenthalt angenehm zu machen, fuͤhrt er uns mit zuvorkommender Zutrau⸗ 69 lichkeit in den Gemaͤchern ſeines Geiſtes umher, und verſchafft uns ſogar Gelegenheit, die buntfarbigen und duͤſtern Nebel, die an dem Horizont ſeiner Vor⸗ ſtellungen in wunderbaren Geſtalten aufdaͤmmern, naͤher zu unterſuchen. Finden wir an ſeinem Um— gange Behagen und entdeckt er in unſern Eigen⸗ thuͤmlichkeiten etwas Beifallwuͤrdiges; ſo tauft er uns endlich mit die Glutwogen ſeines Gemuͤths, und giebt uns dadurch die Weihe fuͤr den Eintritt in das innere Heiligthum ſeines Herzens. Taͤglich hebt er den Vorhang, hinter dem ſich fuͤr den fernen Beobachter ſein wahres Weſen verbirgt, fuͤr uns weiter auf, und das kahle, felſigte Eiland, das uns in dem finſtern Murrkopf zu begegnen ſchien, ver⸗ wandelt ſich nicht ſelten in den anmuthigſten Zauber⸗ garten. Durch luſtige und ſchauerliche Gefilde ſteigen wir mit ihm empor zum Erkenntnißgipfel, auf dem er ſich niederließ, und von dem er mit ungetruͤbter Heiterkeit auf die Raͤthſel der Welt herabblickt. Seine harmloſe Zufriedenheit etheilt ſich uns mit, und wir fuͤhlen uns angeregt, auf Erweckung eines gleichen Frohſinns bedacht zu ſeyn. So erging es mir mit Hans Brahe, dem ich mich durch ſcheinbar trotzende Gleichguͤltigkeit naͤ⸗ herte, aber deſſen Herz, das ſich unter dem ſchwarzen 70 Mantel der Sonderlinge vor der Welt verbarg, mir mit unerwarteter Zutraulichkeit entgegen kam, und zuletzt ſeine geheimſten Falten vor mir enthuͤllte. Seine ſpaniſche Wand, auf der er ſeine Anſicht von dem Entwickelungsgange der Menſchheit in einem ſonderbaren Gemaͤlde dargeſtellt hatte, ließ einen ſo tiefen Eindruck in meiner Seele zuruͤck, daß mir jeder Tag, der mich nicht einige Stunden zu ihm fuͤhrte, wie ein ungebrauchter Stein in dem Brettſpiel meines Lebens erſchien. Knaben wieſen zwar auf mich mit Fingern, vornehme Leute ruͤmpf⸗ ten die Naſe, erbaͤrmliche Alltagsmenſchen ſchuͤt⸗ telten die Koͤpfe, Geheimnißkraͤmer quaͤlten ſich mit den abgeſchmackteſten Vermuthungen, und klug⸗ ſichtige Plaudertaſchen, die den Wahrſagergeiſt im braunen Getraͤnk einſchluͤrften, gaben mit Gewiß⸗ heit die Stunde an, wenn ich einen Mantel nach Brahe's Schnitt und Farbe umhaͤngen, das Tages⸗ licht fliehen, unter den Sternen umherſtolpern und mit mir ſelber reden wuͤrde. Aber wie ſehr ich auch fuͤrchten mußte, von dem weit verbreiteten Orden der Zungendreſcher in taͤgliche Arbeit genommen zu werden, und fuͤr die verſaͤumte Theilnahme an ſeinen Beſchaͤftigungen die bitterſte Rache zu er⸗ fahren— ich ſuchte Brahe'n auf, wenn ich Muße * 71 dazu hatte, und ging um ſo ſtolzer neben ihn her, je aͤrger und lauter die Verleumdung hinter mir herziſchelte. Ein heißer Tag, den ich groͤßtentheils am Ar⸗ beitstiſche, wo der ungerufene Morpheus mich mehrmals mit ſeinen Banden zu feſſeln ſuchte, ver⸗ lebt hatte, milderte, indem Helios auf ſteiler Bahn die Roſſe abwaͤrts lenkte, ſeine Gluten, und der friſche Hauch, mit dem die Kuͤhlung von den Ge⸗ birgen herabwehte, rief mich aus der duͤſtern Werk⸗ ſtaͤtte ins Freie. Die Raͤthſel, uͤber deren Loͤſung ich mich muͤde geſonnen hatte, wurden bei Seite geworfen, und ich ergriff Hut und Stock mit einer Haſt, und eilte mit einer Schnelligkeit die Treppe hinunter, als habe die Stunde der Befreiung meinen Kerker geſprengt, und ein lang vermißtes Gut mir wiedergegeben. Mein Weg, ohne daß ſeiner Er⸗ waͤhlung die Ueberlegung voranging, fuͤhrte mich durch die Vorſtadt zu Hans Brahe. Ich ſchritt ihm deſto haſtiger entgegen, je mehr ich mich ſeiner Wohnung naͤherte. Es ſchien, als haͤtt' er mich ſchon erwartet; denn er trat mir an der Hausthuͤr mit dem Zuruf entgegen: draußen iſts heute beſſer! Von meinem 72 Angeſicht traͤufelte der Schweiß, und das leichte Sommerkleid lag wie eine druͤckende Buͤrde auf 3 meinen Schultern. Demungeachtet hatte Brahe den ſchweren wollnen Mantel uͤbergeworfen, wahr⸗ ſcheinlich um der Hitze zu ſpotten und zu verſuchen, wie lange man unter ſeiner brennenden Schwaͤrtze das Erſticken abwehren koͤnne. Nur mit Muͤhe unterdruͤckte ich das laute Gelaͤchter, zu dem ich mich durch ſeinen Anblick gereitzt fuͤhlte; denn ich uͤberredete mich, es muͤſſe eine ausnehmend ſonder⸗ bare Grille ſeyn, die ihn zu dieſem Anzug beſtimmen konnte. Eine Unrichtigkeit in ſeinem Kopfe, oder ein Geluͤbde bei ihm vorauszuſetzen, ließ die Mei— nung uͤber ihn, die mir ſeine Bekanntſchaft aufge⸗ drungen hatte, nicht zu. Wie oft ich auch mit meinem voreiligen Urtheil uͤbel angekommen war, ſo konnte ich mich jetzt doch nicht enthalten, zwiſchen den Zaͤhnen zu murmeln: Eine naͤrriſche Unab⸗ haͤngigkeit und Conſequenz! Brahe hatte dieß Wort verſtanden und er wendete ſich warnend zu mir mit dem freien Blick ſeines großen Auges und mit ſeiner ernſten, ausdrucksvollen Miene, daß ich ſogleich jeden Gedanken an ſeine auffallende Außenſeite, und den Hang zum Spott in mir unterdruͤckte. Er muß doch einen Grund dazu haben, dacht' ich, * — 73 gleichviel ob vernuͤnftig oder phantaſtiſch, wenn es nur ein Grund iſt. So beruhigte ich mich uͤber die mancherlei Fragen, zu denen mich nichts als die Neugierde, der ich gram bin, weil ſie mehr Leute mit der Wißbegierde verwechſeln, genoͤthigt hatte. Schweigend ſchlenderten wir, von einem ſpie⸗ lenden Inſektenheer munter umſchwaͤrmt, hinauf an den Ufern des brauſenden Stroms, der ſeine Gewaͤſſer uͤber das, in ſeinem Bett liegende Geſtein hinabrollte, und am felſigten Ufer hie und da zuͤrnend emporſchaͤumte. Immer hoͤher und ſchroffer ſtiegen die Waͤnde des Flußbettes empor, ſchauer⸗ licher thuͤrmten ſich die kahlen Felſen, ſchlanker erhob die immergruͤne Tanne ihr Haupt in die Luͤfte, und die Stimme der raſchen Gewaͤſſer hallte tief unter unſern Fuͤßen wie ein, aus dem Grabe ru⸗ fendes Seufzen. Ohne uns umzuwenden, erſtiegen wir den Gipfel des Berges, wo der Blick die herrliche Gegend rund umher ungehindert durch⸗ fliegen konnte, und ſetzten uns auf einen Stein, den die Natur fuͤr ihre Bewundrer als Ruheſitz hingewaͤlzt zu haben ſchien. Hinab auf den Spiegel des Stroms, hinuͤber zu ſeinen bunten, hier in ſanften Abhaͤngen, dort in rieſigten Maſſen auf⸗ gethuͤrmten Ufern, hinaus in die Ebene, die im 74 fernen Daͤmmerlicht unter dem, auf ihr ruhenden Himmelsgewoͤlbe ſich verlor, und hinauf zu den heitern, vom ſchraͤgen Licht verklaͤrten Bergen wendete ſich das Auge, waͤhrend das Ohr auf das beredte Saͤuſeln lauſchte, das auf den Wipfeln der Baͤume, die ihr Schattendach uͤber uns ausbreiteten, herniederſchwebte. Heller ſtrahlte der Wiederſchein von den Bergen, und verwandelte ſich nach und nach in eine brennende Roſenglut, uͤber der ein durchſichtiger, ſanft geroͤtheter Nebelſtrom hinflog, daß es ſchien, die Natur habe ein Opfer angezuͤndet, mit dem ſie vom Himmel den Frieden der Nacht fuͤr die Erdenbewohner zu erflehen ſuche. Brahe ſchaute unverwandt hinauf zu den ver⸗ klaͤrten Berggipfeln, faltete die Haͤnde, und mur⸗ melte ein Gebet in einer mir unbekannten Sprache. Dreimal neigte er das Haupt und kreuzte dann die Arme uͤber der Bruſt. Alle ſeine Bewegungen hatten den Charakter der Ehrfurcht, und aus den ernſten Zuͤgen ſeines Angeſichts ſprach eine Andacht, wie ſie nur bei den Voͤlkern der waͤrmern Climate durch den Anblick wundervoller Erſcheinungen, die im gluͤhenden Farbenlicht am Himmelsbogen ſich entzuͤnden, hervorgerufen wird. Ob mir gleich Brahe's Betragen ſo neu war, wie das Gebet 75 eines Bramanen; ſo beobachtete ich ihn doch nur mit einem ſchielenden Blick, weil ich nicht durch ſtoͤrende Neugierde den weitern Ausbruch ſeiner Empfindungen hindern wollte. Doch bald uͤber⸗ zeugte ich mich, daß dieſe Vorſicht nicht noͤthig ſey; denn Brahe uͤberließ ſich ganz ſeinem Gefuͤhl und ſchien gar nicht daran zu denken, daß ſeine Andachtsuͤbung von einem Zeugen beobachtet wuͤrde, und daß dieſelbe allerlei Mißdeutungen veranlaſſen koͤnne. Die wohlklingenden Toͤne, in denen ſich ſein Herz ergoß, wurden von einem tiefen Seufzer unterbrochen, wobei er ſeine Arme weit ausbrei— tete, und dann beide Haͤnde bedeutungsvoll aufs Herz legte. Endlich warf er ſich aufs Angeſicht, beruͤhrte mit der Stirn dreimal die Erde, winkte mit der Hand nach der Gegend, wo die Sonne in der Abendglut verſank, verhuͤllte ſeine Augen mit dem Mantel wie einer, den ein angſtvolles Grauen anwandelt, und ſchaute dann wieder ruhig zu den glaͤnzenden Berggipfeln. Mir ward immer unheimlicher zu Muthe, und ſchuͤchtern ruͤckte ich von dem raͤthſelhaften Manne abwaͤrts; denn mich noͤthigte eine unerklaͤrliche Bangigkeit, mich ſeiner Naͤhe zu entziehen. Der Eindruck jedes unbekannten Ceremoniels, durch 76 welches der Strom geheiligter Empfindungen ſich ergießt, hat fuͤr den Beobachter etwas Schauer— liches, zumal wenn er von dem Gebrauch deſſelben uͤberraſcht und unwillkuͤhrlich in ſeinen Zauberkreis hineingezogen wird. Man muß ſich erſt durch einen wiederkehrenden Anblick mit demſelben be⸗ freundet und das Erſtaunen uͤberwunden haben, wenn man das Bedeutungsvolle, das in ihm liegt, mit unbefangnen Sinn fuͤhlen, und diejenigen, die es uͤben, von einem fluͤchtigen Ausbruch des Wahn⸗ ſinns freiſprechen will. Noch ſchwankte ich in dem Entſchluß, zu ent— rinnen und zu bleiben, weil jetzt Brahe ein fremd— artiges Weſen, das meine Unbefangenheit auf eine ernſte Probe ſtellte, fuͤr mich geworden war, als er ſich zu mir wendete, mir die Hand reichte, und mit einem Blick, aus dem die tiefſte Bewe⸗ gung der Seele ſprach, mich anſchaute. Wundern Sie ſich nicht, redete er mich an: uͤber den Aus⸗ bruch meiner Empfindungen, zu dem mich der An⸗ blick des herrlichen Abends hinriß. Wer den Hi— nelaya beſtieg und dort an der Bruſt der Natur im ſeligſten Entzuͤcken ſchwelgte, kann dieſe Er⸗ ſcheinung auf den Bergen nicht anſchau'n, ohne in Gedanken in jene Gegenden verſetzt zu werden. , . 77 Dieſes Wort, das mich nach einer Menge neuer Aufſchluͤſſe, welche mir die Raͤthſel, in die ſich Brahe huͤllte, loͤſen ſollten, luͤſtern machte, zog mich wieder naͤher an ſeine Seite, und ſpannte meine neugierige Erwartung aufs hoͤchſte. Brahe ſchien mein Begehr zu errathen, denn er ſah einige Augenblicke uͤberlegend vor ſich nieder, als ob er uͤber die Gewaͤhrung meines Verlangens Rath halte. Dann nickte er einigemal bejahend mit dem Haupte und ſchlug dabei mit der geballten Hand aufs Knie. Nun ſchien er entſchloſſen, das, was er bisher als ein Geheimniß bewahrt hatte, mir aufzudecken. Verſtehen Sie den Blick, der von jenen ver— klaͤrten Berggipfeln ſo beredt heruͤberſtrahlt, und das feierliche Wort, das aus der Stimme des Stroms ſo uͤberzeugend, wie der Donner der Nacht⸗ wolke zu unſerm Herzen ſpricht? fragte Brahe, und ſah mich forſchend an, als wolle er das ver— borgenſte Heiligthum meines Gemuͤths durchſuchen. Wenn die Stroͤme des Entzuͤckens, die von dort heruͤberfluthen, nicht wie die toͤnende Welle in Ihr wogendes Herz hinabſtuͤrzen, und in ihm nicht eine heftige Empfindungsglut wie in einem, am Mee⸗ resrande belegenen Vulkan zum Ausbruch bringen, 78 daß Ihr ganzes Weſen erbebt unter dem Feuer⸗ ſtrom, mit dem die Begeiſterung ſich Luft macht— o dann laſſen Sie mich ſchweigen von dem uner⸗ klaͤrlichen Aufflug, zu dem ich mich einſt erhob, und den ich aufs Neue verſuche, wenn die Herr⸗ lichkeit des Abends durch den heiligen Ruf der An— dacht die Feſſeln meiner Seele ſprengt. Sie wuͤr⸗ den mich doch nicht verſtehen, wenn ich Ihnen von raͤthſelhaften Begegniſſen erzaͤhle, die fuͤr mich ihren dunklen Schleier fallen ließen, und denen mein Herz einen ungeſtoͤrten Frieden verdankt. Der Ausdruck ſeines Geſichts hatte einen wun⸗ derbaren Charakter und ſeine Stimme einen ſo feierlichen Ton angenommen, daß ich ihn in einer Anwandelung von Erſtaunen als eine fremde Er— ſcheinung anſah, die, weil ſie aus unbekannten Regionen zu uns kommt, eine Empfindung uns abgewinnt, welche zwiſchen Zutrauen und Beſorgniß in der Mitte liegt. Als muͤßt' ich mich beſinnen und von einer Ueberraſchung erholen, ſo war mir zu Muthe, und ie gelaͤufig ich auch ſonſt Brahe'n. antwortete: mit ſeinen Andeutungen von Geheim⸗ niſſen hatte er meine Redſeligkeit gehemmt/ und durch das eigenſinnige Vorurtheil, womit ich die Glaubwuͤrdigkeit deſſen, was er mir noch nicht 79 enthuͤllt hatte, bezweifelte, war die Luſt, ihm zu antworten, von mir gewichen. Doch ich half mir mit einer Bewegung des Kopfes, die er eben ſo gut bejahend als verneinend deuten konnte, aus dieſer Verlegenheit; und da Brahe ſchon zur Mit⸗ theilung entſchloſſen war, und gern erzaͤhlen wollte, ſo legte er in meine undeutliche Erklaͤrung einen be⸗ ſtimmten Sinn, wodurch er die letzten Bedenklich⸗ keiten zu heben ſuchte. Wohlan, wandte er ſich zu mir mit einer ab⸗ ſonderlichen Freundlichkeit, wie man ſie an den⸗ jenigen bemerkt, denen man durch die Bereitwillig⸗ keit, ihre Mittheilungen anzuhoͤren, einen Ge⸗ fallen erweiſt: ſo will ich Ihnen denn von meiner merkwuͤrdigſten Fahrt das Naͤhere erzaͤhlen. Moͤgen Sie die Sache nehmen, wie Sie wollen, als einen Spiegel, in dem Sie mich in meiner Eigenthuͤm⸗ lichkeit erblicken, oder als eine raͤthſelhafte Er⸗ ſcheinung, uͤber welche die Klugen und Thoren zugleich lachen, oder als eine Unterhaltung, die man ſich gefallen laͤßt, weil man eben Langeweile hat, und das immerwaͤhrende Gaͤhnen durch ein ſanftes Reizmittel zum Schlafen zu vertreiben wuͤnſcht, oder als eine ſpaßhaft ernſte Dichtung, die man heute ſinnreich, morgen ſchaal, und uͤber⸗ 80 morgen laͤcherlich nennt— das gilt mir alles gleich. Ich bin zufrieden, wenn ich Ihnen Gelegenheit gebe zur Ausſoͤhnung mit meinem ſchwarzen Mantel, der Ihnen doch aͤrgerlich iſt, ob er Sie gleich meine Bekanntſchaft wuͤnſchen ließ, und der Ihnen wohl manchmal ſchwaͤrzer erſcheinen mag, als er wirklich iſt, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Knaben mit Fingern auf mich weiſen. Brahe faͤngt es auf die rechte Art an, dachte ich bei mir, meine Neugierde aufs Hoͤchſte zu ſpan⸗ nen und mich dann wie einen Geaͤfften ſtehen zu laſſen, wenn alle Geheimniſſe, die er zu loͤſen ver⸗ ſpricht, ſich in einer Grille concentriren, die ſich wie ein Spinnengewebe durch ſeinen Kopf geflochten hat. Erſt will er mich uͤberreden, er werde mich mit etwas Unerhoͤrtem bekannt machen, und dann wirft er den Gegenſtand in die Klaſſe alltaͤglicher Dinge, uͤber die man mit ſeinem Urtheil ſchwankt, und von denen man nicht genau anzugeben weiß, ob ſie anziehen oder abſtoßen. Zuletzt bringt er noch den aͤrgerlichen Mantel, den er vielleicht aus keinem andern Gruͤnde umhaͤngt, als weil er ihn tragen will, damit in Verbindung. Rede du nur. Bei ein wenig Geduld und Unbefangenheit wird ſichs ausmachen laſſen, ob man uͤber den Sonderling 81 ſpotten, oder ihn bedauern ſoll. Ich verſicherte ihn, daß ich ganz Ohr ſey und daß ich mit Begierde die Erzaͤhlung von ſeiner merkwuͤrdigſten Fahrt erwarte. Schon in meinen Juͤnglingsjahren, fuhr er fort: als mein Urtheil uͤber die wichtigſten Dinge des menſchlichen Wiſſens die Feſſeln einer fremden Au⸗ toritaͤt abwarf, ſehnte ich mich, das, was die Vorzeit der Gegenwart in traurigen Truͤmmern als Erbe uͤberließ, mit eignen Augen zu betrachten. Ich befand mich in einer unabhaͤngigen Lage, denn meine Eltern, die ich fruͤh verlor, hatten mir ein ſehr bedeutendes Vermoͤgen hinterlaſſen, ſo daß ich nicht ohne Hoffnung mich den Wuͤnſchen, die mich ſtuͤndlich beſchaͤftigten, hingeben durfte. Was den Geiſt bildet und die reinſten Gefuͤhle im Herzen anregt, eignete ich mir aus dem Reiche des Wiſſens mit unermuͤdetem Eifer an, ohne auf die Vorberei⸗ tung fuͤr einen beſtimmten Wirkungskreis bedacht zu ſeyn. Mein Sinn ſtand hinaus ins Weite, und ihm bei meiner Vollaaͤhrigkeit nachzukommen, er⸗ lernte ich, ſo weit ich Gelegenheit fand, orientali⸗ ſche Sprachen, von denen ich bald Gebrauch machen wollte.. Das Zuſammentreffen mit einem Maͤdchen, in deſſen Seele ich einen Zuſammenfluß alles Goͤtt⸗ F 82 lichen, das ſich in einem menſchlichen Weſen ver⸗ einigen kann, erblickte, zog mich von meinen Ent⸗ wuͤrfen eine Weile ab. Die Allgewalt der Liebe ließ mich mein Streben vergeſſen, und durch ſie ward ich am maͤchtigſten hingeriſſen fuͤr das Gluͤck an Hymens Altar, das ich mir damals als das wuͤnſchenswertheſte Gut ertraͤumte. O wie ſelig waren die Tage, die aus dem Bereich des Himmels in meinem Weibe auf mich herabkamen! wie ent⸗ zuͤckend die Hoffnungen, die den haͤuslichen Heerd umgauckelten, und mich mit ihrem Reichthum ſo eng umringten, daß ich keinen Augenblick aus meinen ſuͤßen Traͤumen erwachte! Mein Gluͤck ging unter in dem Mutterkampfe, der meinem Weibe und Sohne zugleich das Leben raubte, und mein Auge ward nicht trocken unter den Truͤmmern, die nach dem Zuſammenſturz meines Freudenhimmels mich umringten. Nachdem der Gram lange die Vertilgung meines Lebens vergeblich verſucht hatte, und die heftigſten Qualen des Schmerzes einem ruhigen Beſinnen weichen mußten, da erwachten die Neigungen und Wuͤnſche meiner Jugend aufs Neue, und heftig ſehnte ich mich hinweg aus einer Umgebung, wo mich Alles an mein verlornes Gluͤck und an meine Schmerzen erinnerte. Taͤglich bildete ich den Plan zu einer großen Reiſe weiter aus und durch den Ankauf von Wechſeln ſuchte ich mir einen angeneh⸗ men und wirthlichen Aufenthalt in den Gegenden, die ich durchſtreifen wollte, zu erſchaffen. An der Gruft, die mein Gluͤck in ſich ſchloß, verweilte ich vom Sonnenniedergang an bis um Mitternacht, wo ich den Reiſewagen beſtieg und mich unter dem fried⸗ lichen Schein der Sterne von einem Orte entfernte, wo ich die Wonne und den Schmerz im vollſten Maaße empfunden hatte. Ueber die Alpen ſtieg ich hinab in die herrlichen Gefilde Italiens, mehr die Schoͤnheiten der Natur, als die Schoͤpfungen der Menſchenhaͤnde aufſuchend. Ich ſchweifte von der großen Heerſtraße weit ab, und verweilte dort am laͤngſten, wo die Rauhheit der Gegend meinen Truͤbſinn Nahrung gab, oder wo in einer einſamen Huͤtte mich das einfache Gluͤck ſeiner Bewohner ruͤhrend und wohlthaͤtig beſchaͤf⸗ tigte. Die Zeit hatte fuͤr mich keinen Werth; ich verſchleuderte ſie wie ein Genußſuͤchtiger, dem ſein leidenſchaftliches Begehr die kleinlichſten Dinge hoͤchſt wichtig macht, ſo daß ich mich oft da am gluͤcklichſten fuͤhlte, wo ein beſtimmter Reiſezweck die unertraͤg⸗ lichſte Langeweile mich haͤtte empfinden laſſen. . F 2 84 So gelangte ich auf Wegen, die vielleicht vor mir kein ferner Reiſender betrat, nach Rom, wo ich einige Monate verweilte. Dort irrte ich taͤglich unter den einſamen Truͤm⸗ mern umher, und achtete wenig auf die Herrlichkeit der neuen Welt, die wohl am meiſten ihren be⸗ wunderten Reitz dem Boden, auf dem ſie ſich lagerte, verdankt. Wie oft ich mich auch wegen meiner Vorurtheile einen Thoren ſchalt— immer beherrſchte mich der Gedanke: die Umbildung Ita⸗ liens gleiche einem Enkel, deſſen Angeſicht die edle Abſtammung nicht verleugnen kann, in dem ſich aber die Zuͤge der Haͤßlichkeit, welche die bewunderte Mutter geſchickt zu verſtecken wußte, in den ab⸗ ſtoßendſten Verzerrungen ausbildeten. Mein Vor⸗ urtheil zu beſiegen, ſah ich der Tochter bisweilen ſo lange in das helle geiſtvolle Auge, das ſich mir von einer Seite des Angeſichts immer freundlich winkend zuwendete, bis ich mir geſtehen mußte, daß man ſich auch in ein Geſicht, das auf den erſten Anblick nicht bezaubert, vernarren koͤnnte. Sehr natuͤrlich, daß ich nun das kokette Weib auch im Negligée zu ſehen wuͤnſchte und der Begierde nicht widerſtand, die andere Seite des Geſichts, die von einem dichten Schleier bedeckt wurde, naͤher zu betrachten. Aber 85 meine Neugierde ward durch eine ſchreckende Viſion beſtraft; denn ich uͤberredete mich, ſtatt des Auges eine leere Hoͤhle zu erblicken, aus der ſich ein Strom von Blut ergoß, den der freundliche Wink des Wimpers vergeblich zu bedecken ſuchte. Mich ergriff ein unbezwingliches Entſetzen. Die ganze Nacht ſtand dieſes geſpenſtartige Bild vor meiner Seele, und ich zitterte wie ein Fieberkranker, auf den die beruhigende Vorſtellung keinen Eindruck macht. Am naͤchſten Morgen eilte ich, vom Schrek⸗ ken gejagt, dem alten Brunduſium entgegen. Erſt auf dem Meere, wo im Sturm das feuchte Element ſeine wuͤrgenden Arme nach mir ausſtreckte, um mich in ſeinen Schooß hinabzuziehen, ward ich wieder ruhiger, und waͤhrend meine Begleiter zit⸗ terten, ſang ich in meinem Herzen Hymnen zum Preiſe der Allmacht. Gluͤcklich landete ich in der Naͤhe des alten Korinths. Verwundert ſah ich Brahe'n an, indem ich ihm durch So und Hm zu erkennen gab, wie ich dafuͤr halte, daß er nun erſt aus dem Regen in die Traufe gekommen ſey, weil er ſich in die Naͤhe eines ſchrecklichen Ungeheuers begeben habe. Schon war ich gefaßt, zu erfahren, wie er bald 86 wieder unter Segel gegangen ſey, um die ver⸗ laßne Heimath, wo es doch am beſten iſt, auf⸗ zuſuchen. Ich verſtehe Ihre Anmerkung, fuhr er fort: wie dunkel Sie auch dieſelbe ausdruͤcken moͤgen. Die Phiſiognomie des Tuͤrkenſtaats macht freilich keinen gewinnenden Eindruck auf den Beſchauer. Doch der ungebildete Menſch ſchreckt nicht ſo ſehr ab, als ein von der Schoͤnheit verwahrloſtes, ko⸗ kettes Weib, das ſich vor dem Spiegel der Welt⸗ geſchichte nicht einen Augenblick verhuͤllen kann, und, um die Schaamroͤthe zu verbergen, die Wiſſen⸗ ſchaft als Schminke gebraucht, durch welche aber die charakteriſtiſchen Geſichtszuͤge, aus denen die Seele ſpricht, nicht im Mindeſten veraͤndert wer⸗ den. In der Naͤhe einer Perſon, die durch Nichts zur Selbſtbeſchauung aufgefordert wird, und die das Gepraͤge ihrer abſtoßenden Geſinnungen an der Stirn traͤgt, iſt ein kurzer Aufenthalt nicht ſo un⸗ heimlich, als man ſich uͤberredet, wenn man nie mit ihr zuſammentraf, ſondern blos durch Andere uͤber ihre Eigenthuͤmlichkeiten unterrichtet wurde. Iſt ſie einem gebeißigen Thiere aͤhnlich, dann zeigt ſie uns ſchon von Ferne den knurrenden Zahn, und die Schlange, die uͤber der Huͤfte das Gewand 87 umguͤrtet, ſchielt wenigſtens nicht durch den zer⸗ riſſnen Mantel der Liebe. Ich hatte nichts zu ſchaffen mit den zwietraͤch⸗ tigen Voͤlkern, von denen das eine dem andern den Fuß auf den Nacken ſetzt, weil Wuͤnſche das Geſchick der Menſchen nicht aͤndern und die Umwandelung deſſelben durch einen neugebornen Sinn bewirkt werden muß. Wie wir daheim auf der todten Charte die entfernten Lande durchſtreifen, wollte ich mich umhertreiben auf dem klaſſiſchen Boden, und durch meine Phantaſie das ergaͤnzen, was die ſtuͤrmende Zeit mit ihrem Feuerodem vertilgte. Vor meinen Augen erſtanden die Prachtgebaͤude Korinths, und ich ſaß als Zuſchauer bei den iſthmiſchen Spielen, wo fuͤr den Sieger im nahen Hain die Krone ge⸗ brochen wurde. Aus der Hypokrene trank ich jene Begeiſterung, welche einſt die ſo bezaubernd duften⸗ den Bluͤthen der Mythe uͤber dieſen Boden aus— ſtreute, und uͤberirdiſche Geſtalten tanzten vor mei⸗ nen Blicken; vom Helikon toͤnte der Geſang der Muſen, und hinter dem Schleier, mit dem der Olymp ſein Haupt umhuͤllt, erblickte ich die ver⸗ ſammelten Goͤtter. Bei Thermopylaͤ und Marathon erheben ſich die Gefallnen aus dem verwitterten Staube, und ich entbloͤßte mein Haupt vor der 88 Heldengroͤße, die ohne die Abſicht, ſich zu verewi⸗ gen, dennoch durch ihren heroiſchen Drometenruf die ferne Nachwelt begeiſtert. Von der gefeierten Akropolis ſchaute ich auf das ausgedehnte Athen, das ſeinen Sokrates vergiftete und ſeinen Domeſthe⸗ nes aus ſeinen Mauern verjagte. Nur einen Tag feſſelte mich Conſtantinopel, durch das Roms kraͤf⸗ tiger Wuchs ſich in einen andern Boden, der ihm nicht zuſagte, verpflanzt ſah, und daher wie ein Gewaͤchs, welches den Standpunkt, wenn es ſchon Saamen traͤgt, verwechſeln muß, verdorrte. Ein Grieche zeigte mir unter zuruͤckgehaltenen Thraͤnen den Ort, wo der letzte, von dem hilfreichen Europa verlaßne byzantiniſche Kayſer heldenmuͤthig fiel. Ich verhuͤllte mein Geſicht, und beweinte einen Todten, den der herbeieilende Arzt retten konnte, wenn er nicht die Zeit der Huͤlfe verſchlafen haͤtte. Wie man an den Ufern des Fluſſes hinauf⸗ wandert bis zu ſeiner Quelle, ſo ſchritt ich hinauf an dem Bette, in dem ſich der Bildungsſtrom der Menſchheit ergoß. Nach Kleinaſien, und von da nach Delta und zu den Pyramiden, wo ich an den Hieroglyphen voruͤberging wie an den unbegreiflichen Erſcheinungen der Weltregierung, hin zu dem Grabe des Einzigen, deſſen reinen und heiligen Willen 89 erſt wieder die neuſte Zeit verſtehen lernte, und deſſen Namen der blinde Eifer ſo oft laͤſterte, ſetzte ich meinen Stab, und verweilte in frommer An⸗ dacht auf dem Boden, dem die Erloͤſung der Welt entſproß. O welch ein Gefuͤhl ergriff mein Herz, welch ein heiliger Hauch umwehte mich an den Ufern des Jordans, zu welcher Begeiſterung ward meine Seele entflammt fuͤr das Ewigreine und Wahre auf jenen Hoͤhen, die der Fuß des Fuͤhrers der Menſchheit heiligte! Brahe blieb lange in ſtiller Erinnerungen ver⸗ ſunken, und der Glanz der Freude leuchtete hell von ſeinem Angeſicht. Mir war die Waͤrme, mit der ſein Gefuͤhl dem Herzen entſtroͤmte, ein Raͤth⸗ ſel, denn ich konnte das Ceremoniel, das er bei unſrer Ankunft auf dem Berggipfel beobachtete, nicht aus dem Sinne bringen, und noch immer murmelte das fremde Gebet vor meinen Ohren. Seine Seele erſchien mir als eine Ciſterne, in welcher jedes Land, in dem er verweilte, einige Tropfen Bildungsaͤther zur Aufbewahrung nieder⸗ legte, und die der ſcharfe Lufthauch des Nordens weder auftrocknen noch bewegen konnte. Gleich einem Seefahrer, dem die weit von einander entfernten Inſeln, wo er vor Anker ging, allein von ſeiner weiten Fahrt gegenwaͤrtig bleiben; ſo erinnere ich mich an die Denkſteine, die auf der großen Straße, die ich verfolgte, mich zu einer kurzen Ruhe aufforderten. Warum ſollte ich Sie aufhalten an den Orten, die mir durch weiter nichts merkwuͤrdig wurden, als durch ein Nachtlager und Morgenbrod; warum Ihre Aufmerkſamkeit mit den Gefahren beſchaͤftigen, die der Reiſende, um inte⸗ reſſant zu erzaͤhlen, oft groͤßer und furchtbarer dar⸗ ſtellt, als ſie wirklich waren; wozu Ihnen ſchildern die eigenthuͤmliche Lebensweiſe, welche die Erfah⸗ rung in jenen Laͤndern als die beſte darſtellt, und zu der ſich der Fremde bequemen muß, wenn er unter dem unbekannten Himmelsſtrich nicht ein Opfer ſeiner eigenſinnigen Gewohnheiten werden will. Ich durchſtreifte unter dem Schutze einer Ca⸗ ravane die Wuͤſte, und ſuchte Thadmor, das im Alterthum hochberuͤhmte Palmyra, unter deſſen glaͤnzenden Ruinen ich uͤber die Zerſtoͤrungswuth der Menſchen trauerte. Ward irgendwo die Herrlichkeit menſchlicher Schoͤpfung und die zerlumpte Armuth im ſchauerlichen umim neben einander geſtellt, ſo iſt es dort, wo ſich an die Prunkpfeiler der Tempel und Palaͤſte die Strohhuͤtte der neuern 91 Zeit anlehnt. Der weltgeſchichtliche Wechſel lief vor meiner Seele voruͤber; das verwitterte Geſtein erinnerte mich an die zerſtaͤubten Voͤlker und Reiche, das umgeſtuͤrzte Capital, auf dem die Duͤrftigkeit von dem Kampf mit ihren Entbehrungen ausruht, an die erbaͤrmliche Eitelkeit meiner Mitwelt, die ihre, aus gebrannten Ziegelſteinen errichteten Werke fuͤr unvergaͤnglich haͤlt. Der Geiſt, deſſen maͤchtige Stimme aus den Syalten des ſo herrlich aufge⸗ thuͤrmten Geſteins mich anrief; der ſchauerliche Ernſt, der in der ſtillen Nacht dieſe Ruinen be— wohnt und umlagert; die Ohnmacht, mit welcher der Strom der Zeit uͤber die Pfeiler und Saͤulen herabſtuͤrzte, indem er nur einzelne Truͤmmer in ſeinem Bette fortwaͤlzt, ohne das Ganze zu unter⸗ wuͤhlen und mit einem Sturz in dem Schlamm der Vergangenheit zu begraben; die Stille und Einſamkeit, welche jeden empfangenen großen Ein⸗ druck in der Bruſt des Beſchauers zur forttoͤnenden Stimmung des Gemuͤths ausbildet— das hielt mich laͤnger, als ich gewollt hatte, hier feſt, und mit einem immergruͤnen Zweige, den ſich mein wunderbar ergriffnes Herz fuͤr ſeinen Frieden brach, verließ ich die Palmenſtadt nach einem Aufenahat von meßieben Wochen. 92 Mein Weg fuͤhrte mich nach dem verwitterten Babylon, deſſen Groͤße einſt ans Wunderbare ſtreifte, und die nun, in Staub aufgeloͤſt, nichts mehr von ihrem geprieſenen Daſeyn errathen laͤßt. Es ſteht tiefer in der Geſchichte der Vorwelt als Palmyra; aber die Fluthen des Euphrats haben hier eine groͤßere Gewalt ausgeuͤbt, als die Sand— wolken der Wuͤſte. In gefluͤgelter Eil entfernte ich mich; denn die Stimme der Vorzeit erklingt hier wie das Lallen eines kindiſchen Greiſes, von dem uns, wenn die Zeit ſeiner Kraft uns in einem deutlichen Bilde erſcheinen ſoll, andere, die ihn als Zeugen begleiteten, erzaͤhlen muͤſſen. In der Naͤhe von Schiras beſuchte ich Tachti Dſchemſchid, oder wie es gewoͤhnlicher genannt wird, Tſchehelminar, das alte perſiſche Capitol, wo die Reichthuͤmer und Kunſtſchaͤtze des Reichs einſt fuͤr Alexanders Zerſtoͤrungswuth aufgehaͤuft wurden. Die buhleriſche Thais gab dem goͤttlichen Zerrbild, das ſeine Vorwelt zu zerſtoͤren ſuchte, um fuͤr die Grille ſeiner Schoͤpfung Platz zu gewinnen, die Brandfackel in die Hand, und der Palaſt ſtuͤrtzte zum erſtenmal zuſammen. Wieder aufgebaut uͤbte nochmals die Zerſtoͤrung an ihm eine noch furcht⸗ barere Gewalt. Aber was die Kunſt des Meißels 93³ auf dem Gipfel des weitgedehnten Felſens bildete, das blieb unverruͤckt ſtehen, und noch jetzt erſchei— nen die Schoͤpfungen der Menſchenhaͤnde wie ein, durch eine erloſchne Naturkraft erzeugtes Gebilde, deſſen Zerſtoͤrung gleich den felſigten Haͤuptern der Berge nur dem Blitz des Himmels uͤberlaſſen bleibt. Perſepolis erhielt ſich in ſeinen Grundveſten und Treppen, wo an den Seitenwaͤnden die Abbildun— gen verſunkener Voͤlker wie ſcheuchende Geſpenſter zuruͤckblieben. Die ſteilen Schutzwaͤnde, die den Anlauf des feindlichen Ueberfalls abwehrten, ſeine Thuͤren und Fenſter mit den verewigten Helden— thaten Ruſtam's und mit mancherlei Schriftzuͤgen in ungeſtoͤrter Friſche, ſeine Saͤulen, an denen nur das Erdbeben ruͤttelt, ſeine Grabmaͤler, aus denen laͤngſt der Leichengeruch verſchwand, ſeine Waſſer⸗ leitungen, die der wehende Wind unter aufgehaͤuf⸗ ten Sandhuͤgeln vergrub, ſind noch da, und ver⸗ kuͤnden eine Thatkraft, die in keinem Werke der Nachwelt ſich wiederfindet. Das Große und Unverwuͤſtliche des ausgedehn⸗ ten Werks, deſſen Umfang aus den Ueberreſten der, aus dem Felſen gewachſenen Grundpfeiler er⸗ kannt wird, und an deſſen Wiederherſtellung auch die kuͤhnſte Phantaſie verzweifelt, erfuͤllte mich mit 2 94 Ehrfurcht fuͤr eine Welt, die mit einem ſolchen Denkmal ihr Daſeyn ins Buch der Weltgeſchichte einſchrieb, und nur an Ort und Stelle von ihrer Macht und Thatkraft eine beredte Erzaͤhlung giebt. Aber ich ging noch erſtaunenswuͤrdigern Dingen entgegen, indem ich von Abuſchaͤhhr aus, den Indus voruͤber, nach Bombay ſegelte, und von dort aus die Inſel Elephanta beſuchte. Angeweht von den Bluͤthenduͤften Hindoſtans, bezaubert von dem reinen Himmel, der ſeine milde Decke mit einem ſtuͤndlich erfuͤllten Segensſpruch uͤber dieſes Land ausbreitet, von Bewunderung hin⸗ geriſſen fuͤr eine nie ruhende Schoͤpferkraft, welche das Koͤſtlichſte in den mannigfaltigſten Formen und unter dem gluͤhendſten Farbenglanz im Ueberfluß ſpendet, und ein frohes Menſchengeſchlecht am ſanften Gaͤngelbande durchs Leben leitet, hatte ich die paradieſiſche Welt, deren Herrlichkeit dem karg bedachten Europaͤer wie eine Fabel erſcheint, be⸗ treten. Bei dem unaufhoͤrlichen Entzuͤcken, das mich berauſchte, ſchien es mir, als ſey ich durch eine zweite Geburt in ein neues Daſein verſetzt worden. Die Menſchheit wird dort nicht durch die Stuͤrme der Noth und des Wechſels emporge⸗ riſſen und niedergeworfen, und durch den brennenden — —— 95 Schmerz des Beduͤrfniſſes nicht aufgeruͤttelt aus der ſuͤßen Ruhe, in der ſie an der Bruſt des ewigen Gluͤcks ſelig traͤumend ſchlummert. Sie genießt das Erbe der Vorwelt harm⸗ und kummerlos, und was die lachende Fernezeit, die hinter Jahrtauſenden ſich verliert, erfand, lehrte, genoß und als Ge⸗ wohnheit feſtſtellte, das hat ſich als unveraͤnderliches Erbe erhalten. Auf dem europaͤiſchen Boden haben die Werke der Vorzeit nur ein hiſtoriſches Intereſſe; was aber hier unter dem Meißel ſich bildete, und was der religioͤſe Glaube als Offenbarung empfing, das behielt ſeine friſche Jugend, und unzerriſſen blieb der Bund zwiſchen Brama und ſeinen Soͤhnen. Raͤthſellos liegt die Vorzeit vor dem Blick der Be⸗ wohner dieſer Laͤnder, und mit dem Glauben und Sinn entwichner Jahrtauſende blieb der Hindus einheimiſch in ſeinen uralten Tempeln. Auf Ele⸗ phanta ſchien der Baumeiſter ſein Werk fuͤr eine endloſe Zeit berechnet zu haben, denn die heiligen Gemaͤcher wurden in den Fels gemeißelt, die Ge⸗ bilde, von denen einige die Meiſterſchaft des Kuͤnſt⸗ lers bezeugen, ſcheinen aus den Waͤnden heraus⸗ zuwachſen, und die Saͤulen und die auf ihnen ru⸗ hende Decke blieben tief unter dem hochaufſteigenden 2 96 4 Berge von dem Urfels ſtehen. Der naͤmliche Glaube, der einſt hier wunderbar ſchaffend wirkte, reinigt noch die innern Gemaͤcher, und die im Fort⸗ ſchritt gehemmte Intelligenz, die ſich ſchon von Jahrtauſenden abſchloß, verſteht noch die Bedeu— tung der dreikoͤpfigen und vielarmigten Bildwerke, daß man glauben moͤchte, die Verſinnlichung des Ueberſinnlichen habe hier bald die rechte Form ge⸗ funden, und die Copia davon nur in ſchwaͤchern und undeutlichen Umriſſen hinauf nach dem Norden verſendet. Keine allgewaltige Revolution zerriß die Kette, welche hier die entfernteſten Zeiten zu einem Gan⸗ zen verſchlingt. Noch jetzt ruhen die verzaͤrtelten Nachkoͤmmlinge in der Wiege, in welcher die muͤt⸗ terliche Natur die Urbewohner dieſes Landes einſt ſo liebevoll pflegte. Ihre Geſchwiſter, die von der Mutter ſich trennten, aber die erſten Eindruͤcke in die noͤrdlichen Wohnſitze mit ſich nahmen, und in ihrer weitern Entwickelung es vergaßen, wo ſie dieſelben empfangen hatten, werden durch die Sehn⸗ ſucht nach dem, was hier der ewige Fruͤhling ſpen⸗ det, an ihre Abkunft nur dunkel erinnert. Immer maͤchtiger regte ſich die Begierde nach den Beduͤrf⸗ niſſen des erſten Heimathslandes; ihre ſtuͤrmiſche 97 Forderung entwurzelte das Zartgefuͤhl der Dank⸗ barkeit, und, was man oft ſah, die habſuͤchtige Tochter erhob mit ſchonungsloſer Haͤrte den metall⸗ nen Zepter uͤber die gealterte Erzeugerinn. Goa voruͤber, zwiſchen Ceylon und dem feſten Lande, ſegelte ich in den bengaliſchen Meerbuſen, und weiter hinauf nach Calcutta, wo ich einige Wochen unter den mich umringenden Zaubern ver⸗ weilte. Auf dem Markte, wo die Reichthuͤmer Hindoſtans um die Kaͤufer zur weiten Verſendung ſich ſammeln, wo die Hab- und Gewinnſucht Men⸗ ſchen aus den entfernteſten Zonen zuſammenfuͤhrt, wo der Tod im Hauch erfriſchender Luͤfte ſeine Opfer uͤberfaͤllt, und eine gefallſuͤchtige Fee alle ihre blen⸗ denden Zauber, um die ſtaunende Bewunderung um ſich her feſt zu bannen, im verſchwenderiſchen Glanze darſtellt— da ſah ich dem bunten Gewirre der Anſtrengung, die ſich fuͤr das Machtgebot der Leidenſchaften abmartert, mit immer neuen Intereſſe zu, und fand mich lange von den uͤberraſchenden Reitzen gefeſſelt. Zuletzt fuͤhlte ich mich am meiſten zu dem Urvolke, das hier in engen und ſchmutzigen Straßen ſich ſammelte, hingezogen. Bei einem reichen Hindus fand ich viel Freundſchaft und zu⸗ vorkommendes Wohlwollen. G 2 98 Am Horgly, in dem der geheiligte Ganges einen Theil ſeiner Fluthen dem Ocean entgegen waͤlzt, und auf deſſen Ruͤcken Europa ſeine ſchwim⸗ menden Haͤuſer bis zur Stadt ſendet, beſaß der Baniane, deſſen herzige Aufrichtigkeit mich feſſelte, ein, faſt ganz im europaͤiſchen Geſchmack erbautes Haus, aus deſſen hohen, luftigen Zimmern das Auge den weit gedehnten Waſſerſpiegel uͤberſchaute, und gern im Anblick der flatternden Wimpel ver⸗ weilte. Auf dem Dache ruhte der Schatten hoher Palmen, und im Garten wetteiferte, das Ver⸗ gnuͤgen des Aufenthalts zu erhoͤhen, neben dem wohlriechenden Geſtraͤuch der gluͤhende Schmelz der Blumen, welche ein gezaͤhmter Affe, ohne ihre Schoͤnheit zu bewundern, taͤglich aus einer Gieß⸗ kanne traͤnkte. Die Waͤnde des Hauſes umflocht die Rebe, und zum Fenſter herein winkten die koͤſtlichen Trauben, waͤhrend neben dem ſchatten⸗ den Geſtraͤuch des Gartens die Ananas duftete, und der gluͤhende Granatapfel ſich zu ihr herabneigte, um zu ſeinen Zweigen die Ranken des Betels hin⸗ auf zu ziehen. Hier fuͤhlte ich mich von allen Banden, welche die Seele mit Traͤgheit beengen, befreit. Der Strom meiner Empfindungen ergoß ſich in einer „ 1 99 gluͤhenden Begeiſterung, die mich zum Dichter machte, und meiner Bruſt Geſaͤnge gab, wie ſie daheim nie in meinem Innern erwachten. Wie ein Kind, das von der Freude berauſcht wird, ließ ich mich an dem bezaubernden Gaͤngelbande des Vergnuͤgens leiten, indem ich in den Genuͤſſen jedes wonnereichen Augenblicks verſank, ohne uͤber mich ſelbſt und meinen Zuſtand nachzudenken, und ohne etwas zu wuͤnſchen oder zu hoffen. Wenn ich ſtill vor mich hinblickte, und mir der Pfau die glaͤnzen⸗ den Spiegel ſeines hochgeſchwungnen Rades zeigte, der Colibri in den Blumen ſich wiegte, und ge⸗ ſchwaͤtzige Papageien durch ihr glaͤnzendes Gefieder mein Auge blendeten; wenn ich die Wolluſt der von Bluͤthen gewuͤrzten Luͤfte athmete und von allen Seiten her die harmoniſchen Geſänge der Froͤhlich— keit mein Ohr bezauberten— da ſammelte ſich in meiner Bruſt das zuſtroͤmende Entzuͤcken bis es ſeine Ufer uͤberſchlug und mich zu kindiſchen Aus⸗ bruͤchen der Freude fortriß. Niemand ſuche das Paradies außer den Grenzen der Erde; am Horgly liegen ſeine Gefilde. Meine Vorliebe fuͤr die Schoͤnheiten des Auf⸗ enthalts gewann den Banianen, mir ein Zimmer in ſeinem Hauſe einzuraͤumen. Da ich an allem, G 2 *„ 100 was die Familie betraf, den innigſten Antheil nahm, ſo ward ich wie ein Glied ſeines Hauſes gehalten. Von ihm erhielt ich die erwuͤnſchten Aufſchluͤſſe uͤber die laͤndlichen Eigenthuͤmlichkeiten, uͤber die ſich meine Wißbegierde zu unterrichten ſuchte. Da ich jeden, mir geleiſteten Dienſt reich— lich vergalt, obgleich der Baniane bei der Menge ſeiner Guͤter meine Wiedererſtattung nicht bedurfte, ſo ſicherte ich dadurch meinem Aufenthalt eine lange Dauer, und meiner Perſon die erwuͤnſchte Unab⸗ haͤngigkeit. Einfach und maͤßig, wie es hier Sitte iſt, lebte ich mit dieſen gluͤcklichen Menſchen, und ich erhielt in dieſem verfuͤhreriſchen Clima meine Geſundheit, indem ich in keinem Genuß ausſchweifte und mich niemals im Vergnuͤgen bis zur Erſchoͤ⸗ pfung berauſchte. Bei einem Feſte, das der Baniane bei der Ver⸗ heirathung ſeiner aͤlteſten Tochter veranſtaltete, er⸗ griffen mich gewaltſamer als jemals Gefuͤhle, die ich, weil ſie ſo lange geſchwiegen hatten, fuͤr er⸗ loſchen hielt. Mein Herz ergluͤhte fuͤr eine der Bajaderen, die durch ihre Kunſt das Feſt zu ver⸗ herrlichen gekommen waren. Auf einem friſchen Raſenplatze, den duftende Blumen und wohlrie⸗ chende Hecken umzaͤunten, entwickelten dieſe froͤh⸗ * , 101 lichen Kinder die Schoͤnheiten ihrer Kunſt und ſuchten durch ihre bezaubernden Reitze die Blicke und das Herz der Zuſchauer zu gewinnen. In der Mitte das Brautpaar, ſaß ich mit den Gaͤſten unter einem, aus reichen Stoffen geſchuͤrzten, pracht⸗ voll erleuchteten Baldachin, wo der orientaliſche Ueberfluß ſeine Koſtbarkeiten rings umher verſchwen⸗ deriſch ausbreitete. Roſenwaſſer und andere ge⸗ wuͤrzreiche Wohlgeruͤche umſprudelten uns in bunt gefaͤrbten Strahlen und ohne Aufhoͤren folgte eine goldne Schaale der andern voll des koͤſtlichſten, ſchoͤn geformten Zuckerwerks, ſo daß ich mich uͤber⸗ redete, die Maͤrchenwelt, die in den Jahren der Kindheit meine Phantaſie ſo angenehm beſchaͤftigte, habe mich ploͤtzlich mit ihren glaͤnzenden Zaubern umfangen. 1 Anfaͤnglich, als die Taͤnzerinnen auftraten, folgte ich ihren Bewegungen blos mit jenem auf⸗ merkſamen Blick, mit dem man neue Erſcheinungen betrachtet und wenig gefeſſelt durch den eintoͤnigen Geſang hoͤrte ich mehr auf meinen gefaͤlligen Wirth, der mich mit dem Sinn dieſer Darſtellung vertraut zu machen ſuchte. Je deutlicher mir derſelbe wurde, deſto aufmerkſamer betrachtete ich die ernſten und ſcherzenden Bewegungen der ſchlanken Geſtalten, * 102 deren natuͤrliche Reitze durch die leichte Kleidung, welche die ſchoͤn geformten Glieder lieblich um— gauckelten, nur noch mehr gehoben und fuͤr den ſorgloſen Beobachter aͤußerſt verfuͤhreriſch wurden. Mit der ſteigenden Schauluſt wurde mein Herz immer feſter in dieſen Zauberkreis gebannt, und wie unbeſtechlich meine Bruſt bei dem Anblick dieſes, an weiblichen Schoͤnheiten ſo reichen Landes ge— blieben war, das Garn, das dieſe Huldgeſtalten in ihrem unbefangenen Weſen ſchmeichelnd und mit lockender Sicherheit auswarfen, umſtrickte meine Sinne ſo feſt, daß der Waͤchter in meiner Bruſt entſchlummerte, und der Wirbel, in dem ſich Alles vor mir bewegte, mich unaufhaltſam mit ſich fortriß. Nach einem muntern Scherzando, das bisweilen von einem feierlichen Maeſtoſo unterbrochen wurde, bildeten die Taͤnzerinnen einen Kreis, und umflogen dann, waͤhrend ſie die Gloͤckchen an ihren Haͤnden heftiger ſchuͤttelten, und mit dem gefluͤgelten Fuß kaum den Boden beruͤhrten, eine ihrer Schweſtern, die, hinter einer Hecke hervorſchwebend, ploͤtzlich unter ſie getreten war, und von ihnen ehrerbietigſt begruͤßt wurde. Die Kette ihrer verſchlungenen Arme oͤffnete ſich gegen die Zuſchauer, und von 103 dem bezaubernden Glanz der Schoͤnheit umſtrahlt, verbeugte ſich die liebliche Bajadere gegen das Brautpaar und die Gaͤſte. Die Fuͤlle der Anmuth ergoß ſich uͤber die ſchoͤn geformten Glieder, die von dem milden Farbenglanz der Roſe und Lilie umſchimmert wurden. Ein enges Mieder, das ſich in einem ſchmalen Streif uͤber der Schulter feſt⸗ hielt, umfing die volle, Bruſt, und entzog dem luͤſternen Blicke die Schoͤnheitsfuͤlle, die unter dem Gruͤbchen des Halſes lockend ſich zeigte, und um ſo maͤchtiger an ſich riß, je keuſcher ſie in der ver⸗ raͤtheriſchen Verhuͤllung zu verſinken ſchien. Von den Huͤften herab flatterte ein ſchleierhelles Ge⸗ wand, und unter demſelben umfing ein leichter Stoff, der ſich uͤber den Knoͤcheln befeſtigte, die grazids bewegten Glieder. Auf die Schulter herab wallte in leichten Locken das ſchwarze Haar, das ein ſchwelgender Hauch zerſtreut zu haben ſchien, und rund und voll bewegte ſich unter ihm ein ebenmaͤßig geformter Arm, deſſen kleine, von zarter Roͤthe angehauchte Hand die Becken zum Tackt— ſchlagen feſthielt. Aber wie weit blieben dieſe Reitze hinter dem bezaubernden Ausdruck ihres huldvollen Angeſichts, in deſſen Zuͤgen die Unſchuld bluͤhte und die harmloſe Freude in himmliſcher ſich eine Seele, die auf den Wellen der Empfindung 104 Reinheit ſich verklaͤrte. Lieblich verdichtete ſich das friſche Roth der Wange im freundlichen Gruͤbchen, und unter dem ſchwarzen Wimper ſtrahlte ein Auge, das durch ſeinen geiſtvollen Ausdruck und durch das Feuer ſeiner Blicke den Beſchauer tief im Herzen verwundete. Sanft wie die plaͤtſchernde Welle bewegten ſich die Toͤne der Muſik, und das Girren der Floͤte verſchmolz in ein wolluͤſtiges Seufzen, als ſolle das Herz erweicht werden fuͤr die Fuͤlle der Schoͤn⸗ heit, welche die Bajadere umſtrahlte, und das Auge gefeſſelt werden von den Reitzen, die mit jeder Bewegung ſiegreicher ſich enthuͤllten. Im ſcherzenden Allegro, als werde ſie von den immer friſcher herzuſtroͤmenden Toͤnen geſchauckelt, ſchwebte die liebliche Taͤnzerin einher, und verſtaͤrkte durch den Klang der Becken den rauſchenden Ausbruch der Freude, wenn ſie auf der Spitze des zarten Fußes im ſchnellen Wirbel, als wuͤrde ſie von dem flatternden Gewande getragen, umherflog. Be⸗ * deutungsvoll legte ſie die Hand aufs Herz, und oͤffnete den roſigten Mund zum Geſange. Sie pries in glaͤnzenden Bildern das Gluͤck der Liebenden, und in dem Strom der Begeiſterung offenbarte 105 in meine Bruſt ſich ergoß, und in dem Silberton einer herzreichen Stimme mein ganzes Weſen durch⸗ bebte. Je waͤrmer das Feuer ihrer Bruſt die Toͤne durchgluͤhte, deſto anmuthiger ſpielte ſie mit den Becken, deſto raſcher bewegte ſich in den Pauſen ihr Fuß im gefluͤgelten Tanze, und deſto hinreißen⸗ der umgauckelten immer neue Zauber die Schoͤnheit ihrer Glieder. Inniger ward der Ausdruck ihrer Stimme, als ſie alle die ſeligen Freuden, welche die Treue am friedlichen Heerde pflegt, enthuͤllte; aber ihren Geſang durchbebte eine unterdruͤckte Weh⸗ muth, daß es ſchien, die unbefriedigte Sehnſucht nach dem Beſitz eines ſolchen Gluͤcks erfuͤlle allein ihr ganzes Weſen.. Jetzt entwich die Freude, die Becken entſanken ihren Haͤnden, durch einen ſchnellen Wurf ſammelte ſich das ſchoͤn zerſtreute Haar uͤber ihrem Herzen, im bebenden Schmerz erhob ſie den Blick zum Himmel, ſtarrte dann, von peinvoller Angſt er⸗ griffen, vor ſich hin, und ſank unter lauten Klagen zur Erde nieder. Mein Auge fuͤllte ſich bei dieſem Anblick mit einer Thraͤne, und mitleidsvoll bebte mein Herz in lauten Schlaͤgen. Dem zerſtoͤrenden Schiwa, der die Seelen der Abgeſchiedenen ent⸗ fuͤhrt und das Band der liebenden Herzen trennen Pe gauckelte das bezaubernde Weſen vor meiner Seele, und ſchon ſprang ich auf, es aufzuſuchen 106 will, galt ihr erſchuͤtterndes Trauerlied. Als be⸗ klage ſie ihr eignes Ungluͤck, ſo wahr erſchien ihr Schmerz, ſo ergreifend war der durchbebende Ton ihrer zitternden Stimme. Langſam erhob ſie ſich, ging ernſt und ſchweigend umher, und mit einem friedevollen Angeſicht, das ſich nach und nach in einem himmliſchen Entzuͤcken verklaͤrte, ſtuͤrzte ſie ruͤcklings hinter ihre Schweſtern, wie die Wittwen, die ſich mit ihrem Gatten verbrennen, in der toͤd— tenden Flamme verſinken. Ich ſtuͤrzte ihr nach, waͤhrend ihre Gefaͤhrtin⸗ nen, die einen rauſchenden Jubelgeſang anſtimmten, mir erſchrocken auswichen, dann mit einem lauten Gelaͤchter, in das die Zuſchauer einſtimmten, mir nachblickten, und laut uͤber mein thoͤrichtes Be⸗ tragen ſpotteten. Die Bajadere entſchluͤpfte mit einem lauten Schrei hinter eine Hecke, und ich ſtuͤrzte beſchaͤmt nach einer andern Seite, wo ich mich im Garten verlor, und, als habe der gluͤhende Landwind mich mit ſeinen erſchlaffenden Banden gefeſſelt, gegen die Beklemmung, die mich uͤberfallen hatte, zu kaͤmpfen ſuchte. Je mehr ich mich aber bemuͤhte, mein Inneres zu beruhigen, deſto leben⸗ 107 und im Wonnegefuͤhl der Liebe an mein Herz zu druͤcken, als das Gelaͤchter des Spotts aus der Ferne wieder zu mir heruͤberſchallte, und mich auf einen Augenblick zur Beſinnung brachte, bis der Sturm der aufgeregten Empfindung mich wieder uͤberwaͤltigte. Im glaͤnzenden Silberſchein des Mondes hatte ſich der Abend auf die friſch duftenden Hecken ge⸗ lagert. Noch immer toͤnte die Muſik, und wiegte mich tiefer ein in die Traͤume, die in der Huld— vollen, die meinen Blicken gegenwaͤrtig blieb, mich umgauckelten. Das gluͤhende Haupt auf die zit⸗ ternde Hand geſtuͤtzt ſaß ich da, und ſah der Thraͤne nach, welche die Leidenſchaft aus meinem Auge preßte und die vor meinen Fuͤßen auf die Erde fiel. Lauter pochte mein Herz, maͤchtiger rief das Verlangen in meiner Bruſt, und ergoß ſich in einem tiefen Seufzer, als es in meiner Naͤhe fluͤſterte: Biſt Du es? Europaͤer! Ich blickte erſchrocken auf, und zuͤrnte uͤber die Unterbrechung meiner Gedanken und reitzenden Vorſtellungen, in denen ich fortdauernd zu ſchwel⸗ gen wuͤnſchte, als vor mir die Matrone ſtand, welche die Taͤnzerinnen fuͤhrte, und die mich waͤh— rend des Spiels ihrer Toͤchter, wie ich zu bemerken .— richt die herrlichſten Fruͤchte trug, und daß in der 108 glaubte, aufmerkſamer als jeden andern betrachtet hatte. Biſt Du krank? fragte ſie mit theilneh⸗ mender Stimme, indem ſie mir naͤher trat, und mich in wenig Worten verſtaͤndigte, daß ich ihr noch kein Geſchenk fuͤr ihre Toͤchter gegeben habe. Mit einigen Goldſtuͤcken, die ihre Habgier ſchmun— zelnd in der Hand wog, befriedigte ich ihre For⸗ derung, und uͤberließ mich wieder meinen Traͤumen, indem ich nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß ich wuͤnſche, allein zu bleiben. Doch ſie achtete nicht auf mein Begehr und betrachtete mich lange mit einer Aufmerkſamkeit, als wolle ſie, was in mir vorging, errathen, und mit einer Verlegenheit, als ſcheue ſie ſich, das, was ſie auf dem Herzen hatte, mir zu eroͤffnen. Willſt Du noch etwas? fragte ich halb unwillig, und wendete mich von ihr ab, als habe ich eben kein Verlangen, ihre Antwort anzuhoͤren. Wenn ich mich nicht taͤuſche, erwiederte ſie mit ſchmunzelnder Freundlichkeit, die nahe an Zu⸗ traulichkeit grenzte: ſo hat Dir das Spiel meiner Toͤchter gefallen und einen angenehmen Eindruck bei Dir zuruͤckgelaſſen. Ja ja, ich darf mich ruͤh⸗ men, ohne ruhmredig zu ſeyn, daß mein Unter⸗ — — 109 ganzen Gegend keine Erzieherin mit mir wetteifern darf.— Nicht wahr? ſetzte ſie, indem ſie mich ſcharf beobachtete, nach einer Weile hinzu: die lieb⸗ liche Angla iſt ein reitzendes Kind, das durch ſeine Anſpruchloſigkeit und durch ſeinen ſeelenvollen Ge— ſang eben ſo ſehr, wie durch die wunderſamen Bluͤthen ſeiner Schoͤnheit jedes Auge bezaubert. Haſt Du jemals eine ſchoͤnere Bajadere geſehen? Angla heißt die Reitzende? rief ich, indem ein Strom des Entzuͤckens ſich in meiner Bruſt ergoß und ein dunkler Flor meine Augen zu umhhuͤllen ſchien. Du meinſt doch die Saͤngerin, welche ihre Schweſtern an Schoͤnheit und Talent ſo unaus⸗ ſprechlich uͤberſtrahlte und gleich einem, dem Himmel entſtammten Weſen in den Luͤften, wie in ihrem Element ſchwebte? Wen anders, erwiederte ſie mit liſtigem Blick, und ſchickte ſich an, neben mir Platz zu nehmen. Es iſt Dir wohl nicht unlieb, wenn ich von ihr ein Weilchen mit Dir plaudere. Du hatteſt ſo viel Aufmerkſamkeit fuͤr ſie, und wurdeſt, wie ich wahr⸗ zunehmen glaubte, ſo maͤchtig von ihrem Spiel er⸗ griffen, daß ich vermuthen muß, Deinen Wuͤnſchen entgegen zu kommen, wenn ich Dir nochmals ver⸗ 110 ſichere, ſie iſt das lieblichſte Kind, das enai unter meiner Hand aufwuchs. Ob ich gleich die Zudringliche mit der Hand von mir abzuwehren ſuchte, ſo machte ich ihr doch Platz in meiner Naͤhe, indem ich mir geſtand, daß ſie meine lebhafteſten Wuͤnſche errathen habe. Mir iſts eben recht, ſprach ich mit ſcheinbarer Gleich⸗ guͤltigkeit: da ich Langeweile habe, wenn Du mir etwas von der kleinen Zauberin erzaͤhlſt. Meine zitternde Hand bewegte ſich nach dem hoͤrbar klo⸗ pfenden Herzen, waͤhrend ich den Blick an den Boden feſſelte, und die Glut, die ſich uͤber mein Angeſicht ergoß, vor ihr zu verbergen ſuchte. Was ſoll ich Dir aber von meiner Angla er⸗ zaͤhlen, da Du ſie geſehen, und ihre Kunſt bewun⸗ dert haſt. Du weißt ja ſchon Alles, was ſich von ihr ſagen laͤßt. Jede Schilderung bleibt weit zuruͤck hinter dem, was deine Augen geſehen haben. Du ſollſt mir ihre Seele enthuͤllen, unterbrach ich ſie ungeduldig, und mir das Herz aufſchließen, das einen Theil ſeiner Gluten in dem ruͤhrenden Geſange ergoß, ach, und auf deſſen Grunde ein Verlangen, das in keinem Seufzer laut werden durfte, ſeine Marter verbirgt. 111 Was Du doch naͤrriſch biſt in Deinem Begehr! erwiederte ſie voll Schalkheit. Genuͤgt Dir nicht der Glanz, der meine Angla umſtrahlte? Hat ſie nicht alle Zauber, uͤber die ſie gebieten darf, vor Deinem luͤſternen Auge enthuͤllt? Sprach nicht ihre Seele zu Dir in den Toͤnen ihrer Stimme, in der Glut ihrer Gedanken, welche der Augenblick der Begeiſterung gebar, und in den mannigfaltigen Bewegungen ihrer Glieder, in denen ſie eine Schoͤn⸗ heit nach der andern ſo uͤberraſchend enthuͤllte. Wie kannſt Du mehr von ihr wiſſen wollen, da die liebliche Anmuth der Unſchuld das innere Heilig— thum vor Dir aufſchloß, und Deinem Auge alles ſpendete, womit ſie durch die Huld der Goͤtter ſo reichlich ausgeſtattet wurde. Du haſt Deinem Berufe als Erzieherin auf eine uͤberzeugende Weiſe genuͤgt, erwiederte ich mit ſcheinbarer Kaͤlte, um die gluͤhenden Empfindungen, die die Erinnerung in mir anregte, zu verbergen. Ich muß Dir geſtehen, daß Angla die reitzendſte Bajadere iſt, welche jemals mein Auge ſah. Nicht wahr? fuhr ſie ſicherer fort und legte die Hand vertraulich auf meine Schulter. Und doch wirſt Du es nicht glauben wollen, wenn ich Dir 112 verſichere, daß ſie mir bis jetzt meine Muͤhe am wenigſten lohnte. Wie? Angla waͤre undankbar, und belohnt Dir nicht die Kunſt, deren Geheimniſſe Du ihrem Herzen anvertraut haſt? Verleumde ſie nicht, denn ſie findet in mir einen Beſchuͤtzer. Nein nein! Du luͤgſt, wenn Du ſie der Undankbarkeit beſchuldigſt. Du verſtehſt mich nicht. Wenn Du ihre Dar⸗ ſtellungen und dem Eindruck meinſt, den ſie durch Neuheit der Erfindung ſelbſt auf mich macht, dann fuͤhl ich mich reich belohnt fuͤr die Muͤhe, die ich auf ihren Unterricht verwendete. Was kannſt Du denn mehr von ihr fordern? Begnuͤgſt Du Dich nicht mit dieſer Vergeltung, nicht mit dem Beifall, den ihr die Bewunderung zollt? Den Geiſt zu vergnuͤgen und das Herz zu beherrſchen, gelingt ja Deiner Tochter; ſie ver⸗ wirrte ſogar meine Sinne und verſenkte mich in eine Selbſtvergeſſenheit, daß ich mich wie ein Narr ge⸗ behrdete und dafuͤr mit einem ſchallenden Gelaͤchter verſpottet wurde. Was willſt Du mehr? O ſie gewaͤhrt mir, wenn Du den Lohn in dieſe Grenzen einſchließeſt, noch etwas Beſſeres. Sie zeigt mir ein dankbares Herz. Du ſollteſt ſie 113 ſehen, wenn ſie im Erguß der kindlichen Liebe ſich an meine Bruſt wirft, ihren runden Arm um meinen Nacken ſchlingt, und mit der zarten Hand mich ſtreichelt; wenn ihr ganzes Herz mir aus ihren Blicken entgegen ſtrahlt, und ihren ſchoͤn geformten Mund ein himmliſches Laͤcheln umfliegt, daß ich mich hingeriſſen fuͤhle, im wiederholten Kuß es von ihrer bluͤhenden Wange hinwegzu⸗ ſtehlen; wenn in ihrer melodiereichen Stimme ein Seelenwort nach dem andern mich anweht, wie der erfriſchende Hauch, der von der See heruͤber⸗ ſchwebt— Weib! Du ſprichſt, als ſeyſt Du nicht ihres Geſchlechts, rief ich und ſchaute ſie voll Erſtaunen an, weil ihr ſchon gealtertes Geſicht ſich jugendlich verjuͤngte, und ein unreines Feuer in ihrem Auge ſich zu entzuͤnden ſchien. Was Du ſagſt, das hab ich oft gewuͤnſcht. O daß ich nicht ihres Geſchlechts waͤre! verſicherte ſie mit einer Wahrheit, die einen aͤußerſt widrigen Eindruck auf mich machte. Ich wuͤrde alle meine Habe hingeben, um mit ihr ein Stuͤndchen koſen zu duͤrfen. Weib! ſprich nicht ſo unnatuͤrlich! fuhr ich ſie an und kehrte ihr unwillig den Ruͤcken. H 114 Kann ich mir, fuhr ſie raſcher fort: beim An⸗ blick ihrer bezaubernden Schoͤnheit die Augen ver⸗ binden? Iſt mir's zu verargen, wenn ich, allein bekannt mit ihren hoͤchſten Reitzen, mich uͤberrede, Angla ſey unmittelbar von Brama gezeugt worden. Wie oft zittern heftig meine Haͤnde, wenn ich ſie am Morgen ſchmuͤcke, und, um die Beſchauer nicht um ihren Verſtand zu bringen, die Reitze ihrer Schoͤnheit unter dem neidiſchen Gewande verbergen muß; wenn das weiche Lockenhaar meine Haͤnde durch ſanftes Schmeicheln verhindern will, ihr das Leibchen, das den ſchoͤnſten Theil ihrer Geſtalt ver⸗ birgt und ihr Zwang anthut, anzulegen; wenn ich ihre Arme mit den Spangen umguͤrte, und die Roſengruͤbchen ihrer vollen Hand mich auffordern, ihre ſanften Reitze mit Lobſpruͤchen zu bewundern— wenn— Du machſt mich raſend! rief ich, indem ich beide Haͤnde vor die Augen hielt, mich zu ver— bergen vor den Lockungen, die vor mir voruͤber⸗ gauckelten.— Erſtaunt ſah mich die Matrone an, und ſchien ſich uͤber meine Heftigkeit zu verwundern. Als werde ſie ungewiß uͤber den Erfolg ihrer Bemuͤhun⸗ gen, ſo ſchuͤttelte ſie zweifelnd den Kopf, murmelte 5 3. 1„ * 115 einige Verwuͤnſchungen zwiſchen den Zaͤhnen, und ruͤſtete ſich zu einem neuen Angriff, ihren Sieg zu vollenden. Alſo Angla hat Dir gefallen? fragte ſie wieder leicht forſchend, und blickte, die Antwort erwartend, in die Glut meines Angeſichts. Gefeſſelt hat ſie mich, ſprach ich begeiſtert: verwundet hat ſie auf immer mein Herz mit dem Pfeil ihrer Blicke. Ihr gauckelndes Bild verfolgte mich in dieſe Einſamkeit, und legt ſeine brennende Hand an meine Bruſt, daß ich vor Schmerz aͤchze, und wie ein Gemarterter um Mitleid flehe. . O dafuͤr iſt Huͤlfe! ſiel ſie raſch ein. Ich kenne dieſe Krankheit, und habe ſie oft ſchon geheilt. Hundert Rupien zerreiſſen das Garn, und kuͤhlen die Glut in Deinem Innern. Wie? Ich verſtehe Dich nicht! Mit Abſcheu blickte ich die Matrone an, denn in mir erwachte ein aͤngſtlicher Argwohn, der mich bei ihr ein Ge— werbe vermuthen ließ, das im Heimathlande die guten Sitten ſchaͤndet. Man ſieht es, daß Du ein Europaͤer biſt, und die Sitten unſers Landes nicht kennſt. Verſtehſt Du es noch nicht, wenn ich Dir vorhin ſagte, Angla habe meine Muͤhe wenig belohnt? 4 H 2 rannen wie das Eis unter dem Blick der Sonne; 116 Wahrhaftig! Du treibſt Dein Handwerk mit viel Geſchicklichkeit, verſicherte ich, indem ich mich voll Abſcheu von ihr abwendete. O Angla! warum biſt du in den Haͤnden eines ſolchen Weibes! Warum hab ich an einen Thoren, der unſre Sitten nicht kennt und nicht ehren will, meine Zeit verſchwendet, die mir anderswo eintraͤglicher geweſen waͤre! Die Aufſicht, die ich fuͤhre, wiſſe, uͤbernehmen einſt Brama's Soͤhne, und ihnen iſt der Gewinn, den die verbluͤthen Reitze meiner Toͤchter eintragen, ſehr willkommen. Haſt Du nichts an Angla zu beſtellen? fragte ſie mit mildem, Mitleid erflehenden Ton der Stimme, indem ſie Anſtalt machte, mich zu verlaſſen. Hundert Rupien! hatt' ich ſchon auf der Zunge, als ich mich beſchaͤmt vor die Stirn ſchlug, und voll Unwillen uͤber die Luͤſternheit, die mich in dieſen Handel verſitzen wollte, gegen mich ſelbſt zuͤrnte. Nein! rief ich: lieber entſagen, als ein feiles Gluͤck, das am Ende mit bittern Vorwuͤrfen martert, um Geld erkaufen. Da fragte hinter mir Jemand die Matrone, ob ſie nicht bald zuruͤckkehre. Ich wendete mich um, und erblickte— Angla. Alle Vorſaͤtze zer⸗ 117 mein Auge verſchlang die Schoͤnheit, die der Mund durch eine Oeffnung der Zweige mit ſeinem Glanze verherrlichte. Unendlich uͤbertraf ihre Gegenwart das Bild, das die Erinnerung feſtgehalten hatte. Wie ein Unſinniger ſtuͤrtzte ich zu ihren Fuͤßen nie⸗ der, und zog ſie, indem ich ihre Hand ergriff, an mein Herz. Hundert Rupien und ein Geſchenk fuͤr Angla! ſprach die Matrone. Wirſt Du nun noch mit Deiner europaͤiſchen Grille Dein eigner Quaͤler ſeyn?— Ihre Forderung ward befriedigt, und ſie entfernte ſich. Voll Verwunderung betrachtete ich Brahe's ver⸗ juͤngtes Geſicht, und konnte ein unwillkuͤhrliches Laͤcheln, das mich uͤberraſchte, nicht unterdruͤcken, wie gern ich es auch verborgen haͤtte. Er bemerkte es, und drohte mit dem Finger. Daß man doch ſo gern richtet, ſprach er: bevor man den Ausgang einer Begebenheit in ſeiner Entwickelung uͤberblickt. Sie halten dafuͤr, daß alle Bande der Sitte, in denen ich aufwuchs, nun zerriſſen wurden, und daß mein hochſchlagendes Herz in der Wonne, von der es umfluthet ward, ſeine reinen Gefuͤhle abwuſch, und nun den Schmutz der Sinnlichkeit zu ſeinem 8 1 1 ſuchte. Deine Fuͤhrerin hat Dich in meine Haͤnde 118 Lebenselement erwaͤhlte. Sparen Sie Ihr Urtheil bis ans Ende. Die verdiente Erinnerung, gegen welche jedoch gewaltige Zweifel in meinem Herzen aufſtiegen, noͤthigte mich, die Augen niederzuſchlagen, und um Entſchuldigung meiner voreiligen Vermuthung, zu der mich der Gegenſtand ſeiner Erzaͤhlung veranlaßt habe, zu bitten. Brahe war bald mit mir ausge⸗ ſoͤhnt, und fuhr alſo fort. Ich hob die zitternde Angla, die neben mir niedergeſunken war, auf, und noͤthigte ſie, neben mir zu ſitzen, indem ich ihre Hand hielt, ihre Schulter umſchlingen, und einen Kuß auf ihre Lippen druͤcken wollte. Da erblickte ich eine helle Thraͤne in ihrem Auge, und wie den Unbeſonne⸗ nen, der an einem Abgrund ſchwebt, ein warnender Zuruf zur Beſinnung bringt, ſo mahnte mich dieſes Zeichen der innern Angſt, von ihr zu laſſen. Engel der Freude, haſt Du Herzweh? fragte ich nach einer Weile, in der ich die Herrſchaft uͤber mich ſelbſt zu erringen ſuchte, waͤhrend ſie ihre rechte Hand unter dem Mieder an die Bruſt legte, und einen aufſteigenden Seufzer zuruͤckzuhalten 119 geliefert. Ich darf wohl nicht zweifeln, daß Du bei mir bleibſt, weil Du gern gehorchſt. Weil ich gehorchen muß, ſprach ſie halblaut und weinend, indem ſie die zarten Finger auf das Auge druͤckte, waͤhrend ihre Bruſt ſich aͤngſtlich hob, und das auf ſie herabwallende gelockte Haar zitternd ſich bewegte. Aber bald ergriff ſie meine Hand, und druͤckte ſie an ihr Herz, mehr, wie es ſchien, nach der Anleitung ihrer Erzieherin, als von der Macht ihres Gefuͤhls dazu angetrieben. Mit Deinen Thraͤnen wirſt Du mir den hohen Preiß, um den ich Dein Hierſeyn erkaufte, wenig vergelten! Sie trocknete ihre Augen, und mit einem Laͤ⸗ cheln, in dem ſich ein Himmel eroͤffnete, mit einem Blick, den zwar der Wimper freundlich umwinkte, aber in dem ein ſchreiendes Weh der Bruſt ſich er⸗ goß, ſchaute ſie mich an, und entſchloß ſich nach einigem Beſinnen, ihren Arm um meinen Nacken zu ſchlingen. Ihr Pflichtgefuͤhl kaͤmpfte gegen den Widerwillen, der ihr ganzes Weſen durchbebte, waͤhrend in meinem Innern ein maͤchtiger Gott. ſeine Stimme erhob, und mich noͤthigte, das arme Kind zu ſchonen. 120 Dein Herz gluͤht wohl in Liebe fuͤr einen Juͤng⸗ ling unter Deinem Volk, und deswegen ſind Dir die Europaͤer verhaßt? Wenn Dir meine Naͤhe laͤſtig iſt, und Du das Verlangen, zu Deiner Mutter zuruͤck⸗ zukehren, nicht beherrſchen kannſt, ſo will ich Dich von der Pflicht, bei mir zu bleiben, entbinden. Sie ſah mich voll Erſtaunen an, und forſchte mit erheitertem Blick, ob ich Wahrheit geſprochen habe. Dann ſchlug ſie das Auge nieder, ſeufzte und ſpielte voll Verlegenheit mit dem Schleier. Ich wuͤrde mit Scheltworten empfangen werden, erwiederte ſie halbleiſe, indem ſie es nicht wagte, den Blick zu mir zu erheben. Als eine ungehorſame Tochter, fuhr ſie ſtotternd fort: wuͤrde ich wohl nicht mit Unrecht einen ſtrengen Verweis verdienen. Ich muß Dir vielmehr geſtehen, daß ich mich nicht ungern in der Naͤhe eines Europaͤers erblicke, der, wie mich die Matrone belehrte, am gluͤhendſten unſre Schoͤnheit bewundert, und am zaͤrtlichſten unſre Kuͤſſe erwiedert. Raſch ſchlang ſie den vollen Arm um meinen Nacken, heftete den roſigten Mund an meine brennenden Lippen, und legte die runde Hand an meine gluͤhende Wange. Da wankten die Entſchließungen, durch die ich uͤber mein ſinnliches Begehr den Sieg errungen zu 121 haben glaubte. Die ſtuͤrmende Leidenſchaft, deren ſelaviſches Joch ich laͤngſt abgeſchuͤttelt zu haben glaubte, riß mich mit ſich fort, und heftig umfing ich ſie mit meinen Armen, und im wilden Ungeſtuͤm druͤckte ich ſie an mein laut pochendes Herz. Es iſt ein erkauftes Gluͤck, rief es leiſe in meinem Innern, das in deine Bruſt einen Stachel druͤckt, von deſſen Verwundung du vielleicht nie wieder geneſen wirſt. Wie einer, der von der errafften Beute ploͤtzlich ablaͤßt, ſo ſanken meine Arme wie gelaͤhmt nieder, und unvermerkt wehrte ich die bethoͤrende Zauberin von mir ab. Liebliches Kind! ſprach ich mit zitternder Stimme: ſieh, ich habe eine Frage an Dich, die Du mir beantworten mußt. Erklaͤre mir, warum ſich vorhin Dein Auge mit Thraͤnen fuͤllte. Ich kann mich dem Wonnerauſch, in den Dein Kuß mich verſenkt, nicht hingeben, wenn es mir nicht vergoͤnnt iſt, Deine Bekuͤmmer⸗ niß zu loͤſen und die Urſache Deiner Thraͤnen von Deinem Herzen hinwegzunehmen. Du biſt ein ſonderbarer Menſch; erwiederte ſie traurig, indem die Spuren des Schmerzes, die ſie unter der Hand zu verbergen ſuchte, uͤber ihr er— bleichendes Angeſicht flogen. O ich habe auch das Recht zu einer recht ernſten Frage. Haſt Du denn 222 von der Alten auch mein Herz fuͤr dieſe Nacht er⸗ handelt? Du blickſt mich voll Erſtaunen an, weil Du in Deinem Begehr weiter gehſt, als es Dir die erkauften Rechte erlauben. Mein Inneres iſt mein, und auch Dein Geſchenk, mit dem Du mich am Morgen belohneſt, legt mir nicht die Pflicht auf, es Dir zu enthuͤllen. Ich unterwerfe mich Deinem Begehr, weil ich muß; aber mein Herz bleibt frei, denn das allein iſt mein unveraͤußerliches Eigenthum. Auch dann, rief ich mit einem Ton der Stimme, in dem ſich meine ganze Seele ergoß und bei dem die Zeugen meiner Aufrichtigkeit in hellen Thraͤnen hervorbrachen: wenn ich mich Dir ganz hingebe und mich nie wieder von Dir trenne; wenn ich mit Dir theile den Schmerz und die Freude dieſes Lebens, und in dem Beſitz Deines Weſens den Himmel auf Erden finde? O Angla! kannſt Du ungeruͤhrt bleiben bei der Liebe, die mich an Dich feſſelt? kannſt Du mich untergehen laſſen in der Quaal, die, fern von Dir, mich toͤdten wird? Die Seele, welche in Deinem bezaubernden Spiel ſich offenbarte, riß mich maͤchtiger zu Dir hin, als der Reitz Deiner Schoͤnheit. Dein Geſang hallt ſert in meinem Innern und nimmt alle meine 123 Empfindungen fuͤr Dich gefangen. O ſtille mit einem verheißenden Blick der Liebe die Sehnſucht, die mich martert, und aus der Freiheit, die ich Dir gebe, kehre als der Engel meines Gluͤcks wieder in meine Arme. Entzuͤckt von dem milden Laͤcheln, mit dem ſie das Staunen uͤberwand, hingeriſſen von der Hoffnung, die in ihren ſeelenvollen Blicken fuͤr mich aufging, ergriff ich ſtuͤrmiſch ihre Hand, bedeckte ſie mit gluͤhenden Kuͤſſen und hielt ſie dann lange an meinem Herzen. Fremdling! ſtammelte ſie aͤngſtlich zweifelnd: wenn Du Wahrheit ſpraͤchſt— Angla! rief ich betheuernd: wenn Du zweiffelſt an der Aufrichtigkeit meines Sinns, o dann kehre zuruͤck zu Deiner Mutter. Jeden Abend will ich Deine Gegenwart erkaufen, und jeden Morgen will ich Dich mit dem keuſchen Sinn, mit dem ich Dich rief, wieder zu ihr bringen, bis Du ſagen wirſt: ich will Dein Weib ſeyn und Dich nie ver⸗ laſſen. Hoch loderte die Freudenglut in ihren Blicken, und eine himmliſche Verklaͤrung uͤberflog ihr An⸗ geſicht, daß ich ſie wie ein hoͤheres Weſen anſtaunte. Sie kreutzte vor der Bruſt die Haͤnde und richtete das fragende Auge zum Himmel. Bramal betete 124 ſie: ach koͤnnteſt Du mich erwaͤhlen fuͤr einen Be⸗ ruf, dem mich Dein ſtrenges Gebot entzogen hatte!— Fremdling! wendete ſie ſich zu mir mit ſchwaͤrmeriſchen Blicke, Du ſuchſt meine Seele, ach, und wenn ich ſie Dir gebe, dann wirſt Du mich verſtoßen aus Deiner Naͤhe, und mich zuletzt mit dem Schmerz der Verachtung ermorden. In hingebender Glut ſtuͤrtzte ſie an mein Herz, preßte auf meinen Mund ihre Lippen, und umhalßte mich mit einer Innigkeit, daß ich faſt dem Sturm meiner Empfindungen erlag. Eine Thraͤne, uͤber die ich ungewiß war, ob ein banges Gefuͤhl oder das ſeligſte Entzuͤcken ihren Quell geoͤffnet habe, glitt uͤber ihre Wange, wo ſie in dem Gruͤbchen derſelben vertrocknete. Da ein banger Zweifel wieder ihr Herz be— unruhigte und ihre innigen Liebkoſungen unterbrach, ſo verſicherte ich ihr aufs Neue, daß ich ohne ſie nicht leben, und allein in ihrer Liebe die ſchoͤnſten Blumen des Erdengluͤcks brechen wuͤrde. Jal rief ſie außer ſich vor Entzuͤcken: mit Dir will ich leben und Dein ſeyn mit meiner ganzen Seele, wenn Du mich befreiſt von den Banden, an denen mich die Alte fuͤhrt. Aber ſie wird einen hohen Preiß auf mich ſetzen, und einen um ſo * 125 hoͤhern, weil Du ein Europaͤer biſt. Sieh, ich weinte vorhin, weil mich mein Geſchick verdammt, mein Gluͤck nie am eignen Heerde pflegen zu duͤrfen. Meine Mutter iſt aus dem Stamme der Bramanen, aber mein Vater war ein Paria, der ſie taͤuſchte und nach der Entdeckung wines Betrugs ſein Ver⸗ brechen mit dem Tode buͤßte. Ein Kind von ſieben Jahren ward ich der Matrone zur Erziehung uͤber⸗ geben, und mein Loos verdammt mich zu einem Berufe, den mir mein Widerwille unertraͤglich macht. O Du willſt mich zu Deinem Weibe machen, und die Traͤume, die mein Lied aus voller Seele beſang, zur Wahrheit bringen. Sie ſtuͤrtzte wieder an meine Bruſt, und weinte vor Freude, waͤhrend ſie in ſeliger Begeiſterung das Loos pries, das meine Hand ihr reichte. Ihr reiches Gemuͤth ſchloß ſich mir auf, und mit jedem Worte, durch das ſich ihre ſchoͤne Seele enthuͤllte, ſtieg das Entzuͤcken, mit dem ich ſie jetzt ſchon die Meine nannte. In voller Unſchuld unter⸗ richtete ſie mich uͤber die Begebenheiten ihres Le— bens, und was auf dem Grunde ihres Herzens lag, das entdeckten ihre Lippen, ſo daß ich in wenig Stunden ihr ganzes Weſen durchſchaute, und immer tiefer verſank in dem Entzuͤcken, mit dem richterlichen Spruch dazu zwingen. 3 126 ihr Beſitz mich beſeligte. Was wirſt Du mir einſt ſeyn, rief ich: wenn ich mit Dir aufs innigſte verbunden, angeſchaut von dieſem reinen Himmel und in den Auen dieſes Paradieſes, unter Deiner Hand die Freuden bluͤhen und reifen ſehe, die Deine Liebe pflegen und Deine zarte Seele ver⸗ edeln wird! Kaum grau'te der Morgen, als die Matrone 3 erſchien, Angla zuruͤckzufordern. Sie iſt mein, und wird mein Weib, rief ich ihr entgegen. Be⸗ ſtimme, um welchen Preiß ich ihren Beſitz von Dir erkaufen ſoll. Wenn Du von Deiner Krankheit noch nicht geheilt biſt, ſprach die Alte mit ſchelmiſchen Laͤcheln: ſo wird mein gutes Kind ſo oft zu Dir zuruͤckkehren, bis Du ihrer nicht mehr bedarfſt. Du zahlſt an jedem Abend dieſelbe Summe, aber mit jedem Morgen fordere ich die Tochter wieder. Iſt Angla Deine Sklavin? Muß ſie immer die ehrloſen Ketten tragen, mit denen Du ſie ge⸗ bunden haſt? Weib fordere, was Du willſt. Kein Preiß iſt fuͤr dieſen Engel zu hoch. Willigſt Du nicht in ihre Befreiung, dann werd ich Dich durch —— —— 127 Glaubſt Du denn, daß ich mich vor Deinen Drohungen fuͤrchte, und zittern werde vor einem Gericht, das mich ſchuͤtzt und meine Rechte ver⸗ theidigt. Sie lachte mit einer Bitterkeit und mit einem Hohn, daß ich mich aufs heftigſte gereitzt fuͤhlte. Was Du doch fuͤr ein Thor biſt, fuhr ſie ſpottend fort: um eine Taͤnzerin ſo viel Aufhebens zu machen. Wiſſe, daß ich mich von Angla nicht trennen kann, weil ſie mir unter den Kindern, die ich zog, das liebſte iſt. Sieh Dich um, wenn Du durchaus an eine Taͤnzerin Dich binden willſt, und Du wirſt Muͤtter und Maͤdchen finden, welche leichter, als ich und Angla in Deine Forderungen willigen. Jedes andere meiner Kinder will ich Dir uͤberlaſſen, nur nicht dieſes. Wenn aber Angla bei mir bleiben, und ſich von Dir trennen will— wirſt Du ſie daran ver⸗ hindern. Sie kennt die Pflicht, die ſie an mich bindet, und ſie iſt klug genug, dem tuͤckiſchen Geſpraͤch eines Europaͤers, der ſie ihrem Berufe entziehen will, nicht zu trauen. Unter meiner Aufſicht und im Verband mit mir genießt ſie eine Freiheit, um die ſie die Toͤchter des Landes beneiden. Sie ge— winnt alle Suͤßigkeiten einer nie alternden Liebe, 128 wo ſie ſich nur ſehen laͤßt, durch den Sieg ihrer Kunſt, und wo ihr begeiſtertes Feuerauge hinblickt, da entzuͤndet ſie in jeder Maͤnnerbruſt das heftige Begehr nach den Freuden, die Brama's Geſetz heiligte. Wenn ſie den ſingenden Mund oͤffnet, dann lauſcht jedes Ohr dem Locken ihrer ſuͤß toͤ⸗ nenden Stimme, und durch die bezaubernde Ge⸗ walt ihres Tanzes befeſtigt ſie die Schlingen, in denen ſie taͤglich fuͤr ſich ein immer neues Ver⸗ gnuͤgen, und fuͤr meine Hand reiche Schaͤtze ein⸗ fuͤhrt. O Du kennſt nicht den roſigten Himmel, der uͤber dem harmloſen Leben einer Bajadere ſchwebt, und unter dem die Luſt des Koſens nie altert, und die Einfoͤrmigkeit nie den Scherz der Freude verſcheucht. 2 Immer hoͤher ſtieg mein Abſcheu vor dieſem Weibe, das ich nach den Sitten meines Vater⸗ landes beurtheilte, und in dem ich nur eine ſchaam— loſe Kupplerin erblickte. Ich ſann auf verwun⸗ dende Ausdruͤcke, mit denen ich ſie fuͤr ihr ſitten⸗ loſes Geſchwaͤtz ſtrafen und ihr das Haͤßliche ihres Berufs zeigen wollte, waͤhrend der Zorn in meinem Innern aufkochte und meine Zunge laͤhmte. Wie kannſt Du dann hoffen, fuhr ſie beredt fort: meine Angla zu entſchaͤdigen. Was wuͤrde 129 ſie an Deiner Seite anders ſeyn, als eine be⸗ jammernswuͤrdige Magd, die in den Banden, die ſie beengen, in wenig Wochen mit der entfliehenden Heiterkeit auch ihrer Schoͤnheit beraubt wird. Wenn Du fuͤr die ſchoͤnſte meiner Toͤchter etwas empfindeſt, o dann entferne den Gedanken, ſie dem froͤhlichen Gluͤck, das ſie taͤglich in ſeinen weichen Armen wiegt, entreiſſen zu wollen. In dem ein⸗ foͤrmigen Leben, fuͤr das Du ſie durch Deine thoͤ⸗ richten Vorſpiegelungen zu gewinnen ſuchſt, wuͤrden bald die Roſen ihrer Wangen verbluͤhen, und die Fuͤlle ihrer hinreiſſenden Geſtalt wuͤrde wie der Lotas, deſſen Wurzeln eine freche Hand verletzte, verwelken. Nein nein! das Gluͤck meines Kindes noͤthigt mich, Deine Forderung zu verweigern. Jetzt ſtuͤrtzte Angla vor ihr nieder, und beſchwor ſie unter Thraͤnen und laut klagend, ſie mir zu uͤberlaſſen. Winſelnd umfaßte ſie die Kniee der Alten; aber dieſe beſtand trotzend auf ihren Rechten und ſtieß ſie zuͤrnend von ſich. Ich ſtuͤrtzte auf ſie los und hielt ihre Haͤnde, um die Mißhandlung, mit der ſie die Abtruͤnnige zum Gehorſam zuruͤckfuͤhren wollte, zu verhindern. Nicht einen Schritt weiter! ſchrie ich: oder Du biſt des Todes. 3 130 Laß mich, bat ſie kleinmuͤthig, indem ſie einen durchbohrenden Blick auf das Maͤdchen warf: ich werde ihr nicht wehe thun. Jetzt hab ich die Sache mit ihr allein abzumachen. Hindere mich nicht, ſie an meine Rechte zu erinnern und ihre Verir— rung wenigſtens durch Worte zu beſtrafen. O ich kenne Dein hartes Herz, ſchrie Angla voll Verzweiflung: und die Bosheit, mit der Du mich ſpaͤter zuͤchtigen wirſt.— O errette mich von dieſer Grauſamen, flehte ſie, indem ſie ſich an meine Bruſt warf und laut weinte. Wenn Du es redlich meinſt und Dein Mund nicht log, dann befreie mich von einem Berufe, den ich haſſe. Undankbare! ſchrie die Matrone: belohnſt Du ſo meine muͤtterliche Treue und die Muͤhe, die mich Deine Bildung koſtete? Jetzt, wo Du mir vergelten ſollſt die lange Pflege und Ernaͤhrung, wo ich erndten ſoll die Frucht von den vielen Opfern, die ich Dir brachte— jetzt willſt Du nicht abtragen die Schuld, die Du nur durch Gehorſam tilgen kannſt? Verworfene! ſoll ich Dich ſtrafen mit meinem Fluche, den die Goͤtter erfuͤllen werden? Die Geaͤngſtete zitterte in meinen Armen und weinte noch heftiger. Fluche mir nicht, flehte ſie: hab Erbatmen mit Deiner ungluͤcklichen Tochter! — —“ꝑſ 131 Nein! lenkte die Matrone ſchmeichelnd ein: Du kannſt Deine Mutter nicht verlaſſen. Haſt Du meine Liebe vergeſſen? den Vorzug, den ich Dir immer vor Deinen Schweſtern gab? die Zaͤrtlichkeit, die Dich ſo oft an meinem Herzen ruhen hieß, und die Dir immer das Beſte der Speiſen reichte? die Auszeichnungen, die ich bei den Taͤnzen fuͤr Dich veranſtaltete, um die Bewunderung fuͤr Dich allein zu gewinnen? Komm an mein Herz, und bereue die Thorheit, die Dich von mir entfernen wollte. Folge nicht dieſem Verfuͤhrer, der Dich nach wenig Monden verſtoßen wird. Der Ton ihrer Stimme war ſo weich, und ihr Blick ſo liebevoll und zaͤrtlich, ihre Hand ſtreichelte ſo ſanft des Maͤdchens Wange, daß ich fuͤrchtete, Angla werde ſich anders beſinnen. Aber ſie blieb an meiner Bruſt und flehte angſtvoller und dringen⸗ der um ihre Rettung. 3 Weißt Du nicht, ſprach die Matrone mit finſterm Ernſt: daß wir in einigen Tagen nach Benares ziehen, wo Du vor den Soͤhnen der Goͤtter und vor den verſammelten Fremden, in der geheiligten Stadt, den Triumph Deiner Kunſt feiern und die Feſte verherrlichen ſollſt? Kann es Dir wohlgehen, J 2 132 wenn Du Dich dieſer Pflicht entziehſt? Wird Dich nicht der Zorn der Goͤtter verfolgen? Angla wendete ſich ab, verhuͤllte mit dem Schleier ihr erbleichendes Angeſicht und zitterte vor Angſt. Dann flehte ſie, als muͤſſe ich ſie vom Tode erretten, ſie nicht zu verſtoßen, aber ſie auch nicht dem Zorn der Goͤtter hinzugeben. Sie entſcheidet fuͤr mich, ſprach ich meines Siegs mich freuend. Hoͤre meinen Vorſchlag. Mit fuͤnf hundert Pfunde kaufe ich ſie los. Sie zieht mit Dir nach Benares; aber ich begleite euch. Dort mag ſie den Triumph ihrer Kunſt feiern. Nach Beendigung der Feſte wird ſie mein Weib. Von dieſer Stunde an verhandelſt Du ſie nie mehr an die luͤſterne Begierde. Willſt Du das, ſo ſchlage ein. Nach einigem Beſinnen entſchloß ſich die Ma⸗ trone zur Einwilligung, indem ſie behauptete, daß es die erſte Nacht ſey, welche Angla, fern von ihrem Herzen, hingebracht habe. Außer ſich vor Freude kuͤßte ihr die Befreite die Haͤnde, tanzte jauchzend um mich her und warf ſich dann an meine Bruſt. Aber bald riß ſie ſich wieder los, erhob die Haͤnde zum Himmel, und dankte den Goͤttern —— —,— 136 nengenuß in die Grenzen der Maͤßigung zuruͤck⸗ draͤngt, erhob, und durch die Weichheit und un⸗ nennbare Guͤte ihrer Seele, vermoͤge welcher ſie auf dem Grunde ihres Herzens jede ſchoͤne und edle Tugend entwickelte. Darf ich Ihnen erſt ſagen, daß ich fuͤr mein Gluͤck, um es zu ſchildern, keine Worte habe? Oft ſchaute Angla mit mir hinauf zu den daͤm⸗ mernden Bergen, denen die geheiligten Fluten entſtroͤmen, und theilte mit mir die Sehnſucht, von den nahen und fernen Gipfeln die rund umher ausgebreitete Herrlichkeit zu uͤberſchauen. Wollen wir hinaufziehen, ſprach ich eines Abends, als die Sonne die Berggipfel vergoldete und ein ro⸗ ſigter Schleier am Himmelsgewoͤlbe ſchimmerte: zu dem ſchauerlichen Felſen, wo die Stimme des Stroms hinaufbruͤllt an den ſteilen Waͤnden, um unter den Wolken zu verhallen? Wo, dem Himmel naͤher, das Herz freier ſchlaͤgt, und das Land der unſterblichen Geiſter im Schweif der Wolken ſeine Grundſaͤulen an die Wipfel der Baͤume lehnt; wo die Hand des Sterblichen in dem voruͤberſchwe⸗ benden d Nebel den Hauch der Geiſter beruͤhrt, durch den ſie das lebendige Waſſer aus dem todten Felſen hervorrufen, damit in der ſtroͤmenden Flut —— —„— 133 mit einer Ruͤhrung, deren Anblick meine Augen mit Thraͤnen fuͤllte, und uͤber den Aufgang meines Gluͤcks eine entzuͤckende Herrlichkeit ausbreitete. Nach einigen Tagen ward die Reiſe angetre— ten. Ich miethete von Station zu Station fuͤr Angla einen Palankin, den vier Kulis trugen, neben denen ich herging auf jeden Wink des Maͤd⸗ chens achtend, waͤhrend die Matrone mit ihren Toͤchtern im raſchen Schritt folgte. Nur in den Morgen⸗ und Abendſtunden ſetzten wir die Reiſe fort, und ruhten am Mittag und in der Nacht, wo wir gewoͤhnlich in elenden, aus Lehm und Bambusrohr erbauten Huͤtten unſer Lager auf⸗ ſchlugen. Mit welcher Innigkeit dankte mir Angla fuͤr die Bequemlichkeiten, die ich ihr auf der weiten Reiſe verſchaffte! mit welcher Heftigkeit riß ſie mich oft, wenn wir die Herberge erreichten, an ihre Bruſt! Immer blickte ſie mir traurig nach, wenn ich mich von ihr losriß, und ſie die Nacht unter ihren Freundinnen hinbringen hieß. Sie entfernte ſich weit von ihren Gefaͤhrtinnen, wenn ſie taͤglich im Ganges badete, wobei mir ihr ver⸗ langender Blick zu verſtehen gab, daß ſie die freie Sitte ihres Landes zu Wuͤnſchen hinriß, die ich nicht errathen mochte. Laſſen Sie mich ſchweigen von der Fruchtbar⸗ keit des lachenden Stromthals, von ſeinen Erzeug⸗ niſſen und mannigfaltigen Farben, von den heiligen Orten, wo wir anhielten, von den hochgefeierten Prieſtern, die dort verweilen, und von dem großen Reichthum alles Schoͤnen und Herrlichen, das uns auf jedem Fußtritt begegnete. Ich lebte nur fuͤr mein Gluͤck; und die Wunder, die mich umgaben, die Duͤfte, die mich umwehten, die ſcherzende Freude, die mich umringte— Alles ſchien nur vorhanden zu ſeyn, das Meer voll Seligkeit, auf dem mein Lebenskahn einherglitt, in einen bunten Glanz zu kleiden, und das Wellenſpiel der Em⸗ pfindungen in unaufhoͤrlicher Bewegung zu er⸗ halten. Ich ſah die Feſte und Opfer, die man zu Benares feierte, und faſt neidiſch machte mich die Bewunderung, die man meiner Verlobten zollte. Man erinnerte ſich nicht, durch Pantomimen ſo ſinnvoll und ſchoͤn, wie ſie dieſelben anordnete und ausfuͤhrte, entzuͤckt worden zu ſeyn, und einige Bramanen dachten im Ernſt darauf, ſie auf immer fuͤr den Dienſt in ihren Pagoden zu gewinnen. Als die Feſte beendigt waren, ſchied ſie von ihrer Erzieherin, und ſtuͤrzte entzuͤckt in meine Arme, —X,— 135 indem ſie mir zufluͤſterte: Nun bin ich Dein! Mache mich zu Deinem Weibe. Noch zur Stunde fuͤhrte ich ſie aus Benares, weiter hinauf am Ganges, wo ich in einer Huͤtte, die ich auf einige Zeit miethete, die Hochzeitfackel anzuͤndete, und wo Angla mit ihrem reichen Herzen ganz die Meine ward. Wochen flogen dahin wie ein Traum; wir lebten im wechſelſeitigen Anſchau'n unſers Weſens, und mit dem Reichthum ihrer Guͤte und Liebe pflegte Angla mein Gluͤck, gleich dem ewig freundlichen Himmel, der uͤber jenem Lande leuchtet und es unaufhoͤrlich mit friſchen Freuden aͤberſchuͤttet. Ich ward ihr Lehrer, indem ich die unerſchoͤpf⸗ lichen Anlagen ihrer ſchoͤnen Seele entwickelte. Was durch Gewohnheit und Umgebung ſich als eine wilde Ranke mit ihrem Weſen verbunden hatte, das ſuchte ich zu vertilgen durch den zarten Sinn fuͤr eine reinere Sitte, zu dem ſie ſich ſo maͤchtig hinneigte, und ſo pflege ich an ihrem Herzen das Edle und Schoͤne, wofuͤr ſie ſo ganz empfaͤnglich war. Und wie leicht ward mir mein Beſtreben durch jene Folgſamkeit, die mit dem Weſen der Liebe verbunden iſt, durch die Leichtigkeit, mit der ſie ſich zu jeder ſchoͤnren Vorſtellung, die den Sin⸗ 137 den Thaͤlern die erzeugende Kraft zugefuͤhrt werde— dort oben, eingehuͤllt in den Schleier des Himmels und erhoben uͤber die Schranken der Tiefe, da iſt gut ſeyn! In einem reinern Aether funkeln die Sterne, und ſchon umgiebt uns das heitere Son⸗ nenlicht, wenn tief unten der ſchwarze Mantel der Nacht noch im ernſten Schweigen das froͤhliche Leben bedeckt. In den kuͤhlern Luͤften erſtarrt die Schlange, die unter den Blumen der Ebene ihr Gift ſammlet, und mit ihrem Geifer die koͤſtlichſten Freuden toͤdtet; die Hoͤhen ſind die Heimath des hochfliegenden Adlers, der, ein Bote der Goͤtter, die Wuͤnſche der Sterblichen emportraͤgt in die ewi⸗ gen Hallen des Lichts. O laß uns eilen, rief Angla voll Begeiſterung: unſre Liebe hinaufzutragen auf die Berge, daß ſie in der ſchaͤrfern, reinern Luft entkleidet werde von dem irdiſchen Stoff, an dem ſich ihre Flamme ent⸗ zuͤndete. Der Strahl der erwachenden und ſchei⸗ denden Sonne, die durch ihre laͤuternde Glut vom Herzen die Schlacken trennt, ſoll dort unſern Sinn mit dem Lichtaͤther vermaͤhlen, und wenn ihr erſter und letzter Blick hoch uͤber der ruhenden Erde zu uns fliegt, da ſoll er in unſrer Bruſt das Entzuͤcken des Himmels aufſchließen. 138 Angla ſank an mein Herz, indem ſich ihr Auge mit einer Thraͤne der Ruͤhrung und Sehnſucht fuͤllte. Ihr Blick hing verlangend an den Berg— gipfeln, die der Abendſchein ſchoͤner vergoldete, und auf ihren Lippen ſchwebte ein leiſes Gebet. Am naͤchſten Morgen traten wir unſre Reiſe auf die gewohnte Art an. Taͤglich ſtiegen wir weiter hinauf zu den Bergen, zwiſchen denen der Strom eilender ſeine Fluten ergoß, und wo die kuͤhlende Luft die, von den Thaͤlern aufſteigende Hitze abwehrte. Angla zitterte vor Furcht, als ihr Blick hinabfiel zu dem donnernden Waſſer, das am nackten Geſtein emporſchaͤumte und uͤber die duͤſtre Beengung, die den blauen Himmel nur in einem ſchmalen Streif zur Tiefe blicken ließ, grellend und heulend zuͤrnte; als aus den waldbedeckten Bergen ein dumpfes Brauſen, wie die hohle Stimme eines ſchreckenden Geiſtes, zu ihr heruͤberrauſchte, und von der andern Seite das ferne Gebruͤll eines flammenden Gewitters ſich hoͤren ließ. Sie hatte lange mit ihrem Gefuͤhl zu kuaͤmpfen, ehe ſie mit mir das Entzuͤcken, das in dieſen erhabnen Wundern der Natur uns ent⸗ gegenſtroͤmt, theilen konnte. Auf den grotesken Haͤuptern der Berge uͤber⸗ raſchten uns taͤglich neue Freuden, und immer tiefer ———— 139 drangen wir hinauf in die unwegſamen, duͤſtern Waͤlder, wo oft ein freier Standpunkt mit ſeiner herrlichen Ausſicht uns Stundenlang feſſelte, bis die Einbildungskraft ſich jeder neuen Erſcheinung, um ſie nie wieder zu verlieren, bemaͤchtigt hatte. Wir uͤbernachteten bei gaſtfreundlichen Hirten, und, gelagert am Heerde, ergoͤtzten wir uns an der na— tuͤrlichen Sitte dieſer Voͤlter. Der Frieden und die Seligkeit unſrer Liebe verwandelte die wildeſte Gegend in ein Paradies, wo das Entzuͤcken, das in unſrer Bruſt wohnte, das naͤchtliche Grauen der Thaͤler erhellte, und die finſtre und grauenhafte Geſtalt der Gegenſtaͤnde mit einem bunten Farben⸗ licht umkleidete. Eines Tages vefolgten wir in der Naͤhe des, tief unten donnernden Ganges einen Fußpfad, der neben der ſchwindelnden Tiefe am hochgethuͤrmten Felſen ſich fortwand, und dann auf einmal ſo ſchreckend hinausbog, daß es ſchien, ſein Ende ſey der Sturz in einen bodenloſen Abgrund. Wir ver⸗ ließen dieſen Weg, da wir keinen Fuͤhrer bei uns hatten, und ſtiegen, indem ich Angla, die mir zagend folgte, die Hand reichte, hinauf zu dem kahlen Gipfel. O wie reich wurden wir fuͤr unſre Anſtrengung belohnt! In einer unabſehbaren Tiefe 140 donnerte unter uns laut bruͤllend der Strom, oft mit einem ſo lauten Krachen, daß wir glaubten, er ruͤttle ungeheure Felsſtuͤcke aus ihrem Lager; gegen⸗ uͤber erhob ſich in grauſender Geſtalt, uͤber das Waſſer weit heruͤberlangend, der hochgethuͤrmte Fels, aus deſſen Spalten hie und da ein rieſigter Baum ſeine Nahrung ſog. Weit druͤben, im tief liegenden Lande konnte das Auge die ſilberhelle Kruͤmmung des Stroms verfolgen, waͤhrend auf der entgegengeſetzten Seite der Blick ſcheu und aͤngſtlich hinaufflog zu der rauhen, ſchauerlich wilden Gegend, zu den hellſtrahlenden Eisgebirgen, an denen die Sonnenglut des Suͤdens ohnmaͤchtig vor⸗ uͤbergeht. Staunend verſanken wir in dieſem Anblick, und ſetzten uns, ihn recht lange zu genießen, auf einen Stein, der ſich uns als eine bequeme Ruhebank darbot. Schwelgend im Entzuͤcken, und vor Angſt erbebend lag Angla an meiner Bruſt, und jauchzte und zagte, je nachdem ihr Auge an den heitern Gegenſtaͤnden ſich weidete, oder zu den ſchauerlichen emporſtarrte. Ein wunderſames Gemiſch von Empfindungen, wie ſie mich noch nie beſtuͤrmten, ſprach ſie: wechſelt in meiner Bruſt, und es iſt mir, als wuͤrde ich 141 von dem Froſt jener Eisgebirge gelaͤhmt, und dann wieder durch den heitern Anblick der lachenden Thaͤler von der aͤngſtlichen Beklemmung befreit. Mir iſt zu Muthe, als weile ich hier zwiſchen Tod und Leben, und als werde ich von einem unerbitt⸗ lichen Rufe in meinem Innern angetrieben, mich in dieſem Augenblick fuͤr eins von beiden zu ent⸗ ſcheiden. Der ungewohnte Anblick, erwiederte ich beru— higend: regt gewoͤhnlich einen maͤchtigen Sturm der Empfindung in unſerm Innern an, und Bangigkeit und Freude ſtreiten mit einander um die Obergewalt. Ich ward von einem aͤhnlichen Gefuͤhl ergriffen, als ich das erſtemal auf den aͤtheriſchen Hoͤhen ſtand, und die rieſigten Stuͤtzen des Himmelsge— woͤlbes, die kein menſchlicher Fuß betrat, uͤber mir erblickte. Jetzt kehrt mir mit dem freudigen Er— ſtaunen die Erholung wieder, in welche ſich zuletzt in meiner Bruſt das aͤngſtliche Wogen aufloͤſete, und im freudigen Jubel fliegt meine Seele hinauf uͤber jene Gipfel, zu denen uns der Zugang ver⸗ ſchloſſen bleibt. Nur mit einem fluͤchtigen Blick wendete ſich Angla visweilen zu dem ſchauerlichen Eisgebirge, und ſchaute dann lange zu den lachenden Thaͤlern, * 142 um den beaͤngſtigenden Eindruck zu verwiſchen. Wo die belebende Kraft, ſprach ſie: entwichen iſt, und 8 im Spiegel des Eiſes die Sonne nur ſich und keine ihrer Erzeugniſſe erblickt; wo fuͤr ſie die jubelnde Stimme des Dankes verſtummt, und ihren Gruß die ſchimmernde Freudenthraͤne des Thaus nicht mehr erwiedert— da wird der erwaͤrmende Blick der Liebe verſchmaͤht, und der blitzende Wiederſchein des blendenden Lichts koͤmmt mir vor, wie ein bitterer Spott, mit dem die herzige Bitte um Auf⸗ nahme von der ſproͤden, liebeleeren Bruſt vergolten wird. Ach, Brahe! wenn Du einſt ſo empfin⸗ dungslos gegen die Glut meiner Liebe wuͤrdeſt, wie jene Berge gegen den Blick der Sonne!— Ihrem Aug' entfiel eine ſchwere Thraͤne, ihre Bruſt hob ſich im angſtvollen Seufzen, und mit ihren Armen umſchlang ſie mich ſo innig, als wolle ſie in mich ihr ganzes Weſen verſenken. Angla! rief ich: welch ein Zweifel erſchreckt Dich mitten in den ſeligſten Freuden der Liebe! Du haſt mir den Himmel aufgeſchloſſen, und Freu⸗ den in meine Naͤhe gezaubert, von denen man ſich nicht abwenden kann, wenn man ſich nicht ſelbſt verlaſſen will. Wuͤrde ich nicht den Fluch, der die bluͤhenden Gefilde in eine todte Sandwuͤſte ver⸗ 2— 143 wandelt, uͤber mich ausſprechen, wenn ich jemals gegen Deine Liebe unempfindlich werden koͤnnte?— Heftiger druͤckte ich ſie an mein Herz, und hoͤher hoob das Entzuͤcken meine Bruſt. Heiter laͤchelte ſie mich an, und mit Selbſtzu⸗ friedenheit ſchien ſie die Groͤße des Gluͤcks, das ſie mir gewaͤhrte, zu empfinden. Schmeichelnd legte ſie die Hand an mein Herz, und horchte mit wohlgefaͤlligem Laͤcheln auf das Klopfen in meiner Bruſt. Nein! das kann nicht luͤgen! ſprach ſie, und ſchaute mir tief ins Auge, die Verſicherung von der Wahrheit ihrer Behauptung in ihm zu leſen. Ach koͤnnteſt Du es ganz empfinden, fuhr ſie nach einer Weile fort: was Du mir alles gegeben haſt mit Deiner Liebe! Was ich nie zu beſitzen hoffte, iſt mir geworden, und gern warf ich, um in Deinem Beſitze zu leben, alle die Freuden hin, welche Beifall und Bewunderung der Bajadere ſo reichlich zollten. Mir ſind Empfindungen erwacht, von denen ich nie traͤumte, und Seligkeiten, auf deren Genuß nur die Kinder des Himmels ein Recht haben, fand ich an Deinem Herzen. Ich wuͤrde ſterben, wenn ich ſie verlieren muͤßte. Himmel, eine Erſtarrung, die mich mit Schauder 144 Soll ich Dir ſagen, um Dich zu beruhigen, erwiederte ich freudig: daß Du mir mehr, als mir einſt entriſſen ward, wiedergegeben haſt? Ver⸗ ſcheuche den finſtern Zweifel, der in Deine Bruſt ſich einſchleicht und die Heiterkeit, die der Glanz unſers Gluͤcks uͤber Dein ganzes Weſen ausgoß, von Dir nimmt. Angla! es wuͤrde die letzte Thraͤne der Beſorgniß ſeyn, die jetzt Deinem Auge entfaͤllt, wenn Du Dich ganz uͤberzeugen koͤnnteſt, daß ich ohne Deine Liebe die Quaal des Lebens nicht er⸗ tragen wuͤrde. Und doch lebſt Du, ob Du Dich ſchon einſt an den Buſen eines ſchoͤnern Weibes, das die gleiche Erziehung und gleiches Beduͤrfniß des Herzens aufs innigſte mit Deinem Weſen verband, in den Zau⸗ bergaͤrten des Gluͤcks verloren hatteſt. Sieh! rief ſie mit einem Ausdruck der Empfindung, der durch meine Seele ſchnitt: jene Eisgipfel waren einſt nicht ſo verſtarrt, nicht ſo unempfindlich gegen den Anblick der Sonne. Man ſagt, auf ihnen habe einſt auch das Leben in bunten Farben geſpielt,. und der duftreiche Kelch der Bluͤthen habe ſich dort unter dem ſchwirrenden Geſang der Voͤgel aufgeſchloſſen. Und doch konnte, ſo nah dem 145 erfuͤllt, ſich lagern. Mancher Fremdling, wenn er die ſchoͤnſten Blumen Hindoſtans gebrochen, und an ihrem Dufte ſich berauſcht hatte, warf ſie dann von ſich, und ſah ſie in wenig Stunden gefuͤhllos vor ſeinen Fuͤßen verwelken. Wenn ich Dich mit gleichen Zweifeln quaͤlen wollte, entgegnete ich faſt empfindlich: haͤtte ich nicht auch dazu ein Recht? Die heitere, ſcherzende Bajadere, veraͤnderlich in ihrem Begehr, wie der leichte Scherz ihres Spiels und ihrer Taͤnze, und abhold der ernſten Sitte, an der Hand eines Mannes, eingeengt in die Bande der Treue, dem Reitz des wechſelnden Vergnuͤgens zu entſagen, koͤnnte mir wohl auch marternde Zweifel aufs Herz waͤlzen! O nein! rief ſie mich unterbrechend: Du kennſt nicht die Herzensglut des ſuͤdlichen Himmels, nicht die Gewalt der Liebe, die den verblichnen Gatten in ihre Arme nimmt, und in der toͤdtenden Flamme mit ihm zu den Sternen emporfliegt. O dieſe Bruſt, die nur fuͤr Dich ſchlaͤgt, uͤberwindet nicht den Schmerz des Grams und das Leid der Tren⸗ nung. Sie lebt nur, ſo lange der Hauch der Liebe ihr entgegen weht. Wiſſe, auf ewig ſchließen Bramas K 146 Toͤchter den Bund, der ſie mit einem gleichfuͤhlen⸗ den Weſen vermaͤhlte. Aber ich gehoͤre nicht zu Deinem Volk, erwie⸗ derte ich betroffen. Was koͤnnte Dich bewegen, mir zu folgen, wenn mich der Tod von Deiner Seite entfuͤhrte, und wenn mein letztes Wort von Dir flehte, wieder zuruͤckzukehren in die Mitte Deiner Schweſtern, und im heitern Spiel und froͤhlichen Scherz den Ernſt der Trauer zu ver⸗ ſcheuchen? Eine hohe Glut entzuͤndete ſich auf ihren Wan⸗ gen, und heroiſche Kuͤhnheit flammte aus ihren Blicken. Sie ſprang auf, erhob die Haͤnde zum Himmel und betheuerte feierlich, daß ihre Liebe ſie auf ewig an mich binde, und daß ſie nur lebe, um mich zu lieben. Du biſt meine Welt! rief ſie und ſtuͤrzte an meine Bruſt. Sobald ich hier nicht mehr ruhen darf, weil die Mitempfindung ver⸗ klungen iſt, o dann ſchließ ich freiwillig mein Auge und hemme den Schlag meines Herzens. Von Dir haͤngt es ab, wie lange ich Dich im Genuß meines Gluͤcks umgauckeln, wie lange ich das Licht ſehen und die Wolluſt des Lufthauchs athmen ſoll. Brahe! ohne Dich iſt fuͤr Angla kein Leben! Die Toͤne der letzten Worte waren ſo weich, ihren Mund 4 147 umſchwebte ein ſo ſchoͤnes Laͤcheln, ihr Buſen hob ſich unter den ſchwarzen Locken ſo flehend und ver⸗ langend, daß ich, voll Ruͤhrung in ſie verſunken, ihr betheuerte, meine Seele habe im Vollgenuß ihres Gluͤcks nur noch Raum fuͤr das Verlangen, es immer zu beſitzen. Wie an jenem Abend, wo ich ſie zuerſt erblickte, umſchwebte ſie mich jetzt im froͤhlichen Tanz, und alle die Reitze, welche mich damals in ihren Banden verſtrickten, erſchienen jetzt noch ſchoͤner in der froͤhlichen Bewegung ihrer Glieder. Indem ſie ihre Blicke hochbegeiſtert auf mich heftete, erh ihre ſeelenvolle Stimme, und in herzigen die das Bruͤllen des Stroms in ſchneidend dis harmonie durchſtuͤrmte, beſang ſie das Entzuͤcken, in dem ihre liebende Seele ſchwelgte. Als habe mich die Glut des Sommers und der Nachtſturm des Winters in die Mitte genommen, ſo durchbebten mich wonnevolle und bange Gefuͤhle, bis die Weh— muth, in der ihr Lied verſeufzte, in mein Auge eine Thraͤne lockte, welche Angla, ſobald ſie die⸗ ſelbe bemerkte, mit dem Kuß ihrer Roſenlippen trocknete. Froͤhlicher umkreiſete ſie mich im leichten, ge⸗ fluͤgelten Tanz, dann neigte ſie ſich zu den Blumen, K 2 48 à 148 die auf der felſigten Hoͤhe bluͤhten, um ſie zu pflicken, waͤhrend ich mich an ihrer huͤpfenden Be⸗ wegung ergoͤtzte, und einige Zweige von den Baͤu⸗ men brach. Als ſie den Schleier, der von ihrer Schulter herabfloß, angefuͤllt hatte, ſetzte ſie ſich neben mich, und wand unter einem froͤhlichen Liede groͤßere und kleinere Kraͤnze, die ſie mit Baum— blaͤttern durchflocht. Die Sonne neigte ſich eben zum Niedergang, und im jenſeitigen Hain erſchallte der frohe Geſang der Voͤgel. Heller glaͤnzten die Berge, duͤſtre Thaunebel lagerten ſich auf den Thaͤlern, hie und da blickte neben den dunklen Ufern der Glanzſtreif des Stroms, waͤhrend unter dem verbleichenden Licht die Ebene weiter hinaus— zuruͤcken ſchien und die entfernteſten Gegenſtaͤnde deutlicher dem Auge ſich zeigten. Angla verſank in dem herrlichen Anblick. In ſtaunender Bewunderung betrachtete ſie die feurige Kugel, die im Augenblicke des Niedergangs ihren blendenden Strahl hinter dem roſigten Schleier des Abendhimmels mildert. Sie ſchreckt ihre Be⸗ wunderer nicht mehr von ihrem keuſchen Angeſicht zuruͤck, ſondern ruft ſie vielmehr auf, im Anblick des goldnen Tempels, den ſie uͤber ihrem Schlum⸗ mergemach erbaut, zu verweilen. Hoͤher roͤthete 149 die Abendglut das bluͤhende Angeſicht meines Wei⸗ bes, und lieblicher umflog ihren ſchoͤnen Mund das Laͤcheln der Freude. In demuͤthiger Ehrfurcht neigte Angla das Haupt, kreutzte uͤber der Bruſt die Arme, und ſprach ein Gebet, das ich Ihnen dolmetſchen wuͤrde, wenn ich mir nicht gelobt haͤtte, niemals vor dem Ohr eines Sterblichen ſeinen In⸗ halt auszuſprechen. Wie eine Verklaͤrte, die den Himmel offen ſieht, und in deren Bruſt jedes irdiſche Begehr ver— ſtummte, ſtand ſie neben mir in Andacht verſunken. So verherrlicht hatte ich die edle Geſtalt nie ge— ſehen, ſo ſchoͤn und rein ſprach ihre Seele noch nie aus ihrem Angeſicht. Ich wollte ſie an mein Herz ziehen, aber ſie bedeutete mich, ſie in ihrer Andacht nicht zu ſtoͤren. Unter leiſen Gebeten ergriff ſie einen Kranz nach dem andern, und warf ihn als Opfer hinab in die tobende Flut. Ich trat weiter hinaus an den Rand der ſchwindelnden Tiefe, und bog das Geſtraͤuch aus einander, um den Kraͤnzen nachzublicken, die der Strom unter den ſchneehellen Schaum hinabriß. Angla warnte mich, als ſie den letzten Kranz hinabwarf, durch einen aͤngſtlichen Zuruf. Aber zu ſpaͤt. Denn unter mir brach ſchon das lockere Geſtein, und ich ſtuͤrzte in die Tiefe. 4 150 Brahe entbloͤßte ſein kahles Haupt, und zeigte mir die tiefe Narbe, die von jenem Sturz zuruͤck⸗ geblieben war. Er nahm meine Hand, und legte ſie auf die Stelle, wo der Fall den Hirnſchaͤdel durchbrochen hatte, und wo ſich uͤber der Verwun⸗ dung nur eine duͤnne Haut gebildet hatte. Heftig pochte der Puls unter meinem Finger, daß ich ihn erſchrocken zuruͤckzog. Aus dieſer Oeffnung machte ich meine Nachtreiſe! ſprach er, und ſchickte ſich ruhig an, in ſeiner Erzaͤhlung weiter fortzufahren. Meine Neugier ſtieg aufs hoͤchſte, denn ich uͤber⸗ redete mich, der Augenblick ſey gekommen, wo ich Brahe'n auf dem Ankergrunde ſeiner Sonderbar⸗ keiten, durch die er fuͤr alle Neugierige ein Raͤthſel geworden war, erblicken wuͤrde. Ich ruͤckte naͤher an ihn hinan, und hing mit einem Blick an ſeinem Munde, als ſollte mir eine Offenbarung enthuͤllt werden. Ich wage viel, ſprach er mit einem Anſchein von Beſorgniß; wenn ich Ihnen, was ich bis jetzt gleich einem Geheimniß in meiner Bruſt bewahrte, aufſchließe. Vielleicht gebe ich Ihnen Veranlaſſung zum Spott und zum Gelaͤchter, da ich auf dem Wege bin, mich Ihnen als einen Phantaſten, der an ſeine Viſionen glaubt, darzuſtellen. Doch wie, 151 Sie auch die Sache aufnehmen und was Sie auch von ihr denken moͤgen: ich kann Ihnen die Ver⸗ ſicherung geben, daß ich in dieſer Nachtreiſe einen Frieden errungen habe, den mir kein Sturm des Geſchicks entreiſſen konnte. Den ſchmerzlichſten Verluſt, den ich erlitt, ertrug ich mit Ruhe, und ſeit jener Zeit ſah ich auf alle Raͤthſel des Ge⸗ ſchicks mit einer Gleichguͤltigkeit, als haͤtte ich ihre Knoten geloͤſt und den Schluͤſſel zum Geheimniß derſelben gefunden. Sie werden glauben ein Maͤrchen zu hoͤren, und es wird Ihnen bisweilen vorkommen, es rede mit Ihnen ein Fieberkranker. Meine Verſicherung, daß ich gewohnt ſey, in den Sonderbarkeiten— bei dieſem Worte ſchlug ich mich auf den Mund, und bereuete, es ausge⸗ ſprochen zu haben— in den Eigenthuͤmlichkeiten, corrigirte ich den Sprach⸗- und Gedankenfehler, die ich bis jetzt an ihm bemerkt haͤtte, einen guten Sinn oder eine uͤberraſchende Bedeutung wahrzu⸗ nehmen, wodurch meine Anſicht an Erweiterung und mein Gemuͤth an Frohgefuͤhl gewonnen habe. Ich ſey ganz Ohr, und brenne vor Begierde, ihm auf ſeiner Nachtreiſe zu folgen, ob ich gleich noch nicht wiſſe, in welches Gebiet ſie mich fuͤhren, und welche Sonderbarkeiten, ja! corrigirte ich 152 wieder: auf welche ſonnenhelle Hoͤhe ſie mich er⸗ heben wuͤrde. Brahe ſah ſich aͤngſtlich um, und lauſchte nach allen Seiten, um zu erkunden, ob wir etwa von einem unberufenen Zuhoͤrer beobachtet wuͤrden. Da kein Blatt ſich regte und kein Fußtritt uns er⸗ ſchreckte, ſo blickte er wieder ruhig vor ſich hin, indem er mich wiederholt warnte, meine Erwartung nicht zu hoch zu ſpannen. Dann, meinte er: Sie koͤnnten ſich mit einem mitleidigen Laͤcheln von mir abwenden, und mich noch heut als einen bedauerns⸗ wuͤrdigen Traͤumer, in deſſen Kopfe die Narrheit ſpukt, mit dem Entſchluſſe verlaſſen, nie wieder in meine Naͤhe zuruͤckzukehren. Und das waͤre mir doch nicht lieb, weil ich in Ihnen einen Menſchen fand, der ſein Urtheil bis ans Ende aufſpart, wenn auch bisweilen die Ungeduld Sie den Aus⸗ gang nicht will erwarten laſſen. Sehr oft aber wird unſer Endurtheil durchs Vorurtheil beſtochen, weil man ſich die Sache in ihrer Entwickelung anders, als ſie wirklich erfolgte, dachte, und indem man ihr unbefriedigt den Ruͤcken zuwendet, wird man ſelbſt ungerecht gegen das Beachtenswerthe, das ſich uns bemerkbar machen wollte, das ſich aber 5 153 hinter voreilig gebildeten Vorſtellungen verlieren mußte. Doch zur Sache. Ich ſtuͤrzte, wie ich Ihnen vorhin ſagte, von der ſteilen Felsſpitze herab, und hoͤrte nur Angla's Schrei und das Toſen der Truͤmmer, die mir nach⸗ folgten. Unter mir bruͤllte ein dumpfer Donner, der ſich in ein fuͤrchterliches Geraſſel aufloͤſte, und dem ein betaͤubender Schlag folgte, auf den, als ſpraͤnge das Thor der undurchdringlichen Nacht, die mich umgab, ploͤtzlich auf, es um mich wieder hell ward. Wie Kettengetoͤn, das aus einer tiefen Felsgruft aufſteigt, klirrte es unter mir, und ziſchend, wie Sturmwinde, die ſich durch enge Spalten draͤngen, wimmerte es um mich von allen Seiten. Jetzt kam es mir vor, als wuͤrden tauſend Bande, die mich umklammerten, mit einem Schlage zerriſſen, als wuͤrde die ſchwarze Nacht, die mein Auge aufs Neue zudruͤcken wollte, wie eine wir⸗ belnde Rauchwolke durch ein maͤchtiges Wort, das ich nicht verſtand, fortgetrieben, als traͤte ich mit einem ſchnellen Sprunge, unter dem die Erde zu⸗ ruͤckzufallen ſchien, hervor aus der Beengung, die mich beaͤngſtigend umklammerte, und wie die quet⸗ ſchende Laſt eines ungeheuren Klumpens auf mir gelegen hatte.* in ihm ſey. Forſchend hielt er die Hand auf dem 154 Gleich einem leichten Gewoͤlk, das am Himmel hinfliegt, und mit der Schnelle der Gedanken die Raͤume durchſegelt, ſo fuͤhlt' ich mich emporgehoben. Als ich umherſchaute und unter mich blickte, ſah ich dieſelbe Gegend, in der ich mit Angla verweilte, und wo der Strom die Kraͤnze, die ſie ihm opferte, auf den tiefen Grund hinabwirbelte. Ich ſchwebte in einer ungemeßnen Hoͤhe; aber gleich dem Aar, der pfeilgeſchwind herabſchießt, glitt ich hernieder und verweilte zwiſchen den Felswaͤnden, welche einſt die ſtuͤrmende Flut von einander riß. Hier erblickte ich an der Seite, wo das Geſtein unter meinem Fuß abbroͤckelte, hoch uͤber dem Waſſer, unter dem weit heruͤber hangenden Felſen, eine Huͤtte, um⸗ geben von einem Blumengaͤrtchen, aus der ein alter, finſterer Mann in einem langen, faltigen Talar, uͤber dem bis an den blutrothen Guͤrtel ein ſilberweißer Bart niederwallte, hervortrat. Voll Erſtaunen und ſchmerzlicher Theilnahme blickte der Alte zum Schilfdach der Huͤtte, wo eine aͤchzende Geſtalt lag, die ich ſogleich fuͤr den Koͤrper erkannte, den ich ſo eben verlaſſen hatte. Be⸗ hutſam zog er den Leichnam herab und legte ihn auf den Boden, um zu unterſuchen, ob noch Leben 155 langſam ſchlagenden Herzen, und da die Feder, mit der er vor dem Munde das Leben pruͤfte, noch vom Hauche der Bruſt bewegt ward, ſo un⸗ terſuchte er die Kopfwunde, die er vom Blute reinigte, genauer. Nachdem er einigemal die Schlaͤfe mit einem kraͤftigen Balſam beſtrichen hatte, ſo erfolgte ein tiefer Athemzug, mit dem aber der letzte Reſt des Lebens zu entfliehen ſchien. Demungeachtet verband er die Wunde, und hoͤrte nicht auf, durch allerlei Reitzmittel meine koͤrper⸗ liche Huͤlle zu beleben. Ich war aͤußerſt unwillig uͤber ſeine eigenſinni⸗ gen Bemuͤhungen, und wuͤnſchte in allem Ernſt, er moͤge von ſeinem vorwitzigen Unternehmen ab⸗ laſſen, weil ich mich unausſprechlich gluͤcklich fuͤhlte, den traͤgen Gefaͤhrten, uͤber deſſen Beſchraͤnkungen ich mich ſo oft beklagte, losgeworden zu ſeyn. Denn das Herumtappen auf der Oberflaͤche de Gegenſtaͤnde, wozu ich vor Kurzem noch verdammt war, und zu dem ich wieder zuruͤckzukehren viel⸗ leicht gezwungen werden konnte, verurſachte mir einen ſolchen Schreck, daß ich wie eine, vom Blitz gerißne Wolke hin und her ſchwankte, und um den Alten ſo raſch und fluͤchtig herumwirbelte, daß ſein langer Bart, wie vom Sturmwind gefaßt, in die Sie rief laut klagend meinen Namen, wand die 156 Hoͤhe flog, und ſein Auge voll Beſorgniß umher⸗ blickte. Ich las in ſeiner Seele, daß er ſich von der Gewalt eines boͤſen Geiſtes ergriffen glaubte, gegen den er eine Beſchwoͤrungsformel im Munde fuͤhrte, und daß er warten wolle, bis der Sturm, der ihn nur allein traf und kein Blatt und keine Blume beruͤhrte, voruͤber ſeyn wuͤrde. Da ich ab⸗ ließ, ihn an ſeinen Verſuchen zu verhindern, ſo wiederholte er dieſelbe aufs Neue, waͤhrend ich mir feſt vornahm, aus ſeiner Naͤhe zu entweichen, um ſein Beſtreben zu vereitlen. Obgleich die geheimen Kraͤfte der Natur meine Aufmerkſamkeit feſſelten, und ich hier das im Em— bryo pulſirende Leben deutlich wahrnahm, und dort die verborgenen Wirkungen, die dem koͤrperlichen Auge nur in dem koͤrperlich Entwickelten ſichtbar werden, in ihrer wunderbaren Thaͤtigkeit vor mir aufgedeckt lagen, ſo mußte ich doch bei ihnen mit einem fluͤchtigen Hinblick voruͤbereilen, weil ein anderer Gegenſtand mich durch ſeine Klagen zu ſich rief. Angla, mein liebes Weib, die mir wie ein aus Aetherſtoff gewebtes Bild, das man durchblickt, erſchien, ſtand mit zerrauftem Haar auf der Fels⸗ ſpitze und ſtarrte hinab zu der wirbelnden Flut. 157 Haͤnde und druͤckte ſie voll Verzweiflung an die ent⸗ bloͤßte Bruſt. Ihre Seußzer erſtoͤhnten wie das dumpfe Beben der Erde, denn unter mir wankte das Element, in dem ich mich aufhielt. Ich nahte mich ihr wie ein linder Hauch, ward aber von ihren Seufzern weit fortgeſtoßen. Immer kehrte ich wieder, und bewegte ihr lockigtes Haar und ihren Schleier, beruͤhrte koſend ihre Hand, ihre Lippen und ihre Augen, und waͤlzte dann ſchnell auf ſie eine ſaͤuſelnde Luftwelle, daß ſie ſich von einem leiſen Schauder ergriffen fuͤhlte. Das iſt das Wehen ſeines Geiſtes! rief ſie freudig, und ſchlug mich durch den Strom dieſer Worte bis dorthin zuruͤck, wo der Ruf ihrer Stimme im weiten Raum verhallte. Doch ich kehrte blitz⸗ ſchnell zuruͤck, um ſie abzuhalten von der Ausfuͤh- rung eines Entſchluſſes, der gleich einer zwingenden Natter ihren Willen umwand. Zu Brama ſtieg ihr Seufzen, und die Haͤnde vor das Geſicht gehalten, ſtuͤrzte ſie in die Tiefe. Die Richtigkeit, die ihr die Federkraft des Fußes gegeben hatte, fuͤhrte ſie dort, wo mein Koͤrper lag, voruͤber, und verſenkte ſie in der brauſenden Flut. Ich ſchwebte uͤber dem Waſſer, und ſah das Abbild meines Weſens, das auf einer ruhigen Welle 158„ wie der Schatten einer Wolke hin und herſchwankte. In der Mitte war ein heller Punkt, den ich bald fuͤr mein ſchattenloſes Ich erkannte. Um denſelben waͤlzten ſich ſonderbare Geſtalten, die, ihn zu ver— dunkeln, ſich unaufhoͤrlich beſtrebten, und den maͤch⸗ tigen Lichtglanz, der ihre bald einzeln, bald mit voller Geſammtkraft unternommenen Anfaͤlle zu⸗ ruͤckſchlug, zu vertilgen ſuchten. In einer ziſchenden Schlange, die ihren habgierigen Zahn in dem auf⸗ geſperrten Rachen entbloͤßte, und mit ihrem maͤch— tigen Schweif die uͤbrigen Leidenſchaften peitſchte, erkannte ich den Ehrgeitz, der damals mit ſeiner Geißel ein hochloderndes Feuer in meiner Bruſt ſo oft angeſchuͤrt und mich haͤufig ſehr empfindlich verwundet hatte. Unter den gewaltigen Schwin⸗ gungen des ſich immer weiter ausdehnenden Schweifs flatterte hier ein Geier, die raffende Kralle weit aufgeſpreitzt, empor; erhob ſich dort unwillig ein zuͤrnender Loͤwe, ſeine Tatze zu einem zerſchmettern⸗ den Schlage ausſtreckend; dehnte ſich hier ein ſcheuß⸗ licher Wolf, mit haͤßlicher Geberde einen giftigen Geifer um ſich her ſprudelnd; regte dort eine ver⸗ pantzerte Schildkroͤte ihre Gelenke und klammerte ſich an das Netz einer Spinne, die mit ihr einen ungleichen Kampf begann. Alle nahmen einen 3 159 wilden Anlauf gegen den Lichtpunkt, um ihn aus⸗ zuloͤſchen; mußten ſich aber mit einer Eilfertigkeit, als ob ihr Gelenke verſengt worden waͤren, ent— fernen, und konnten ſeine Grenzen nicht uͤber⸗ ſchreiten. Jetzt regten ſich die ehernen Arme einer Zange. In dem einen erkannte ich die Selbſtſucht, in dem andern den Eigennutz. Die tobenden Thiergeſtalten legten ihre Faͤuſte an die Griffe, und preßten die Glanzſaͤule mit einer ſolchen Gewalt, daß ſie zu⸗ ſammen ſchrumpfte wie das Fuͤnklein einer ver⸗ loͤſchenden Lampe, und in einem matten Glimmen zu verſchwinden ſchien. Aber aus dem ewigen Aether herab ſchwebte ein engelgleiches Kind, ge— tragen von goldnen Fluͤgeln, und geſtuͤtzt auf das Ruder einer ſchoͤn bluͤhenden Lilie. O es war die, durch den Glauben geborne, heilige Liebe. Das Kind legte den Finger ſeiner Rechten auf das matte Fuͤnklein, und hauchte daran mit dem Odem ſeines Mundes. Schnell wie der Blitz loderte unter ſeiner Hand eine Flamme empor, gleich der Lichtſaͤule, die man unter dem Monde im Spiegel des Sees erblickt. Die haͤßlichen Ungeheuer ſanken in die Tiefe, und uͤber ihnen lagerte ſich ein ſchleieraͤhnlicher Daͤmmerſchein, der ihre ſchwarzen 160 Schattengeſtalten unkenntlich machte und ihre Ge⸗ lenke verzehrte wie Koͤrper, die der aͤtzende Zehr⸗ ſtoff einer maͤchtigern Maſſe aufloͤſt. Ich muß Ihnen geſtehen, daß mich dieſer Kampf vergnuͤgte, und daß der Spiegel, in dem ich mich hier erblickte, mir meine innern Erſchei⸗ nungen, die mir ſo oft raͤthſelhaft waren, erklaͤrte. Ich erlangte eine befriedigende Kenntniß von den Eigenthuͤmlichkeiten meines Seelenlebens, und von dem Kampf, den ich ſo oft in meiner Bruſt wahr⸗ genommen hatte, in welchem ein reiner Wille, der, ein maͤchtiger Strom, aus dem Lichtquell der Erkenntniß und dem Glutmeer der Liebe ſich ergoß, zuletzt gewoͤhnlich ſiegte. Nun kannte ich die Waffen, mit dem die Ungeheuer der Leidenſchaft zu bezwingen ſind, und die Huͤlfe, durch die ſich in der Bruſt der Friede vermitteln laͤßt. Seit dieſem Augenblicke war ich frei, und die Feſſeln, die mich hier zuruͤckhielten und dort gewaltſam fortriſſen, lagen vor meinen Fuͤßen wie die gebrochnen Bande des erloͤßten Sklaven, fuͤr den der Blick in die Welt ſeine Schranken verliert, und der im leichten Sprunge auf die Karre, an die er geſchmiedet war, ſteigt, um ſich zu uͤberzeugen, daß der Horizont ſeines Blicks in unendlichen Raͤumen ſich verliere. 161 Jetzt wendete ich meine Aufmerkſamkeit dorthin, wo ſich Angla aus Liebe zu mir in den Strom be⸗ graben hatte. Ich ſah, wie die toſende Flut ſie hin und herriß, wie aus den zuckenden Gliedern ſich das Leben in ihrem Herzen ſammelte, und wie es dann, gleich einer hochflammenden Feuerſaͤule aus dem Waſſer heraufſtieg, und unruhig auf und niederflackerte. Ich naͤherte mich, und wie im leiſen Wehen der Kuß der Lippe beruͤhrt, bevor er ſich in der vollen ſinnlichen Empfindung verkoͤrpert, ſo flog ihr Weſen an mich heran. Wie zwei Waſſer⸗ tropfen in einander fließen, ſo verſchmolz ſich mit meiner Seele ihre Seele. O daß ich Ihnen nennen koͤnnte das unausſprechlich ſelige Gefuͤhl, das bei dieſer Vermaͤhlung mich durchrieſelte, und den Frieden, der ſich wie Sternenglanz auf mich her⸗ abſenkte. Sie haben davon eine dunkle Ahnung, wenn es jemals fuͤr Sie einen Augenblick gab, wo jedes irdiſche Begehr in Ihnen ſchwieg, und wo dann, durch das Entzuͤcken der Liebe ganz vergeiſtigt, Ihr Weſen im Sturm eines großen Gedankens uͤber die Sonne und uͤber die Grenzen neuer Sonnen hinausflog. O wie herrlich hatte ſich der Lichtpunkt meines Ichs verklaͤrt! Die Mißgeſtalten, die es umlagert L — —ÿ— ͦ¼ ¾¾—— 162 hatten, waren umgewandelt, und erhoben nur noch bisweilen ihre zerbrochnen Gelenke, die ſie aber bald, von einer ſchmerzhaften Ohnmacht uͤberwaͤltigt, fallen ließen. Je hoͤher ich mich erhob, deſto herr⸗ licher wurde der Glanz, der uͤber dem Waſſerſpiegel ſchwebte, deſto geſtaltloſer ballten ſich die beſiegten Ungeheuer in einen Klumpen, der ſich zuletzt ganz von der Glanzſaͤule trennte. Jetzt erſt fuͤhlte ich das Gluͤck meiner Freiheit, und mit ihr die entbundene Kraft, deren Daſeyn ich oft ahnete, die aber wegen unbezwinglicher Hinderniſſe niemals in volle Thaͤtigkeit treten, und mich daher auch nie von ihrer Allgewalt uͤberzeugen konnte. Die engen Grenzen der innern Sinne waren zerriſſen, und die Schranken, in denen ſie ſich bei dem, im engen Koͤrper eingeſperrten Men⸗ ſchen bewegen, daß er, wie der Maulwurf in ſeiner dunklen Kammer, auf einen kleinen Empfindungs⸗ kreis beſchraͤnkt iſt, waren verſchwunden. Nun blickte ich hinab bis auf den Kern der Erde, wo in einem wunderbaren Quell die Wurzeln, aus denen ſich das Leben in der Natur ergießt, ihre Nahrung an ſich ſaugen, zwiſchen Felsgeflechten bis zur Oberflaͤche emporſteigen, und allenthalben, auch in dem todten Geſtein, zur Bildung reicher Adern ihre * * —— 163 Thaͤtigkeit abſetzen. In ewiger Gaͤhrung brauſt das Leben empor, und quillt hinauf in das Geaͤder der Pflanzen und in die Kelche ihrer Bluͤthen und Fruͤchte, wo ſich die kraͤftigſten Stoffe in kleinen Kammern ſammeln und zu neuen Lebenstraͤgern ſich bilden. Haͤtt' ich weinen koͤnnen, ich wuͤrde Thräͤnen einer engelgleichen Ruͤhrung vergoſſen haben beim Anblick der Geſetze, nach denen ſich alle Bildungen geſtalten, die Koͤrper ſich binden und loͤſen, und nach denen das Leben, nachdem es die vielfaͤltigſten Verkoͤrperungen durchwandert hat, endlich in die edle Menſchennatur uͤberfließt, dort durch die Macht des Gedankens mit dem Weltall in Verbindung tritt, und in den Raͤumen der Sterne von einem Pol zum andern ſeine herrlichſten Bluͤthen verbreitet. Ja im Menſchen tritt das Leben uͤber das koͤrper⸗ liche Gehaͤuſe hinaus, und ſchwebt uͤber demſelben wie die Rauchſaͤule uͤber der Flamme, die in hoͤhern Regionen dem koͤrperlichen Blick ſich entzieht, und in den aͤtheriſchen Raͤumen, fuͤr die ſie geboren ward, ſich verliert. Die Luſt zum Aufflug, die mich an wandelte, trieb mich hinaus uͤber den Dunſtkreis, der ſich, als ich mich uͤber ihn erhoben hatte, unter mir wie L2 2 164 ein ſtuͤrmiſches Meer bewegte. Unaufhoͤrlich ſtiegen aus ihm die befreiten Seelen in den wunderbarſten Geſtalten, von denen keine der andern aͤhnlich war, empor. In ihm brauß'ten die Wuͤnſche und Gebete, die Seufzer und Klagen, das froͤhliche Jauchzen und die Fluͤche, die in der Bruſt der Sterblichen geboren werden. Das Geheul des Schmerzes tobte wie ein Wirbelwind, der den froͤhlichen Troſt des Glaubens, welcher wie Sternenſchein niederflim⸗ merte, mit ſich fortriß, und aus dem hie und da das fluchende Gebruͤll eines muthwilligen Quaͤlers aufſchrie. Wie Wellen, die in der Brandung am Felſen zerſchellen, ertoͤnte das millionenfache Begehr, das in wiederſinnigen Gebeten emporſtuͤrmte, und die Faͤden, an denen das Geſchick der Menſchheit geleitet wird, zu zerreiſſen ſuchte. Aber die Faͤden wankten nicht, und ungehindert, als verſitze ſie ein im Sturm ſegelnder Aar, bildeten ſie ein zirkel⸗ foͤrmiges Gewebe, das die ganze Erde umſpannte, und das ſich ungeachtet der unberufenen Haͤnde, die an ihm riſſen, feſt und dicht verſchlang. Auf dem Grunde des bewegten Meers krochen Molche und Schlangen, ſprangen Tieger und tobten allerlei Ungeheuer, welche die ganze Flut truͤbe zu machen, und fuͤr diejenigen, welche in die Hoͤhe ſchauten, 165 die Sonne, die uͤber ihren Haͤuptern leuchtete, zu verdunkeln ſuchten. Sie erhoben bisweilen ein Gebruͤll, das noch fuͤrchterlicher ertoͤnte, als das Raſſeln der Ketten, von denen ihre tauſendfachen Gelenke gefeſſelt wurden, und womit ſie im laͤſtern— den Grimm bisweilen an die Felſen ſchlugen, um die reichen Muſchelbaͤnke in einem blutigen Staub zu verwandeln. Waͤre ihre gewaltige Kraft nicht ſo feſt an den Erdraum geſchmiedet worden, und haͤtten ſie ihre drohenden Faͤuſte hoͤher erheben koͤnnen, ſie wuͤrden das Schickſalsgewebe zerriſſen und die einzelnen Faͤden in ein unaufloͤsliches Ge⸗ wirre zuſammen geballt haben. Nur ſelten erhob ſich ein gelaͤuterter Gedanke und ein frommes Gebet uͤber den Dunſtkreis. Aber wo er aufſtieg, da umſchwebte er als ein harmonie⸗ reicher Klang den Erdball, und vermaͤhlte ſich mit dem Glanzſchleier, der von dem Angeſicht der Sonne herabfließt. Wie Froſchgequake in den Suͤmpfen, d wie das Eulengeſchrei in der Nacht, quarrte d kraͤchzte es neben den gebundenen Ungeheuern, welche dieſe Toͤne gern hoͤrten, und ſie in ihrem Herzbeutel, der wie eine Felsſchlucht ausſah, zu verbergen ſuchten. Bisweilen erhoben ſie ein ſchal⸗ lendes Gelaͤchter, womit ſie ſich ſelbſt, und die 166 Mißgeburten, von denen ſie umlagert wurden, ver⸗ ſpotteten. Dabei ſchwoll die Kraft in ihren Adern wie Stroͤme, die ihre Ufer uͤberſtuͤrtzen, und mit einer Allgewalt riſſen ſie an ihren Ketten, daß ich mit Schaudern dem heulenden Jubelgeſchrei, mit dem ſie ihre Freiheit verkuͤnden wollten, entgegen⸗ horchte. Aber ein maͤchtiger Seraph ſchwebte her⸗ nieder, ſetzte den kryſtallnen Fuß auf ihren, von unzaͤhligen Nattern umraſſelten Kopf, vertilgte die verſchiedenen Namen der Laͤſterung, die auf ihrer Stirn ſtanden, und druͤckte ſie mit dem feurigen Schwerte ſeiner Rechten in den Staub. Wie die vollendete Muͤcke den Mantel abwirft, und uͤber das Element, in dem ſie als Larve lebté, emporſteigt; ſo nahmen die vollendeten Scelen, die ihr Wohnhaus im Tode verließen, ihren Aufſchwung. Aber ſie ſchlugen nicht eine Bahn ein, und nicht alle nahmen die Richtung zur Hoͤhe. Viele flatter⸗ ten wie ein ſchwarzer Schatten empor, und waͤlzten ſich unter ſchauerlichen Kruͤmmungen der ewigen Nacht zu, die abgewendet von der Sonne hinter dem Erdball ſich lagert; andere flogen wie ein Rauch⸗ woͤlkchen einher, das ſich weit ausdehnte, und ſich nicht wieder ſammelte; noch andere flackerten wie ein Irrlicht hin und heruͤber, und ſuchten uͤber den 167 Suͤmpfen der Erde den Nahrungsſtoff, den ihnen der hoͤhere Aether nicht gewaͤhren konnte. Bei einigen erſchien das ausgehauchte Weſen wie ein Schaum, der bald zerrinnt, und bei andern als ein bloßer Dunſt, den der Sonnenblick der Ewigkeit als einen zitternden Thautropfen auf die Erde zu⸗ ruͤckwarf. Aber die Seelen, die aus dem Quell der Wahrheit getrunken, und im reinen Willen ein gottaͤhnliches Wirken auf Erden vollendet hatten, empfing ein wunderbarer Geſang, der von den Sternen herabtoͤnte, und ein Jubelruf, der wie das Murmeln von unzaͤhligen Daatheiaallipden mich umbrauſete. Zu der Sonne hin flogen die Faͤden, an welche das Geſchick der Einzelweſen verſchlungen war. Ich ſchaute uͤber mich, und gewahrte, daß auch mein Weſen, und die mit mir verbundene Angla, an einem ſanften Bande gehalten wurden, und daß ich ſchneller an demſelben emporſchwebte, je heftiger das Verlangen nach der ewigen Guͤte und Weisheit in mir ſich regte. Ein Blick unter mich zeigte mir die aufgebundenen Raͤthſel, die mich einſt in ihrer Verſchuͤrtzung beunruhigten; und alle Dunkelheiten, die ſich im ſchmerzlichen Begegniß uͤber mich waͤlz- ten, erſchienen mir wie eine durchſichtige Wolke, — als ich ſtaunend das Ganze uͤberſchaute und den 168 die nach und nach vom Sonnenblick zerriſſen wird. Jede Entwickelung gab mir Freude, und mit jeder Aufloͤſung wurden die glaͤubigen Gedanken, die mich getroͤſtet hatten, beſtaͤtigt. Nun ſah ich, daß das Schmerzlichſte, woruͤber ich einſt Thraͤnen vergoß, fuͤr mich am gewinnreichſten geworden war, und mit dem Entzuͤcken der Engel, die die Entwuͤrfe der Gottheit kennen, uͤberſchaute ich das Bleibende, was ich im ruhigen Entſagen und wil⸗ ligen Erdulden errungen hatte. So mußte es ſeyn! ſagte ich zu mir, und weit umher wieder⸗ holten unzaͤhlige Donnerſtimmen das Wort, das ich dachte, und die Ueberzeugung, die mir der Glaube gegeben hatte. Vor mir lagen nun die Gebilde, die ſich auf der Erde unter Quaal und Blutvergießen, durch die Weisheit und Thorheit ihrer Bewohner, durch den Zwang der Leidenſchaften und durch beſonnenes Wirken, durch den Fluch der Bosheit und durch das milde Wort des Segens entwickelt hatten. Jede Zeit hatte ihr Gluͤck, jedes Einzelweſen ſeine Freude, jedes Geſchick ſeine weiſe Verkettung, jeder Untergang ſeine Entſchaͤdigung, jeder Kampf ſeinen Sieg und jede Tugend ihren Lohn. Und 169 Entwicklungsgang der Menſchheit durchflog, und den Bau maß, an den das lebende Menſchenge⸗ ſchlecht ſeine Hand vertrauensvoll legte; als ich voll Verwunderung hinſtarrte auf das Geſetz, das die Zeiten regierte, den Wechſel und die ſcheinbare Verwirrung in ein Ganzes ordnete, und uͤber Alles einen reinen Glanz der Herrlichkeit ausgoß: da rief es aus den Truͤmmern untergegangner Werke, und aus den Graͤbern verſunkener Voͤlker: Gut iſt, was die ewige Liebe ſchuf und zerſtoͤrte! Ein lauter Donner bebte dem Worte nach; er ſchlug wie die brandende Welle an den Damm, der die Zukunft von der Gegenwart ſcheidet; aber hinter demſelben hallte das Wort in der ewigen Tiefe wieder. Staunend ſah ich hinaus in die Tiefe des Welt⸗ gebaͤudes, aus deſſen hinterſtem Grunde mir das Licht von Millionen Sonnen entgegenſtroͤmte, das ich nicht ertragen konnte und von deſſen Beruͤhrung ich zuſammenſank wie eine Pflanze, die in der Sonnenhitze welkt. Mich ergriff die wirbelnde Bewegung des Schickſalgewebes, und gewaltſam fortgeriſſen kehrte ich zuruͤck in die Behauſung, von der ich ausgegangen war. Der Alte hielt mich in ſeinen Armen, und mit einem frohen, triumphi⸗ M 170 renden Laͤcheln erwiederte er den Blick., mit dem ich ihn aus dem wiedergeoͤffneten Auge anſtarrte. Seine Balſame und Kraͤuter heilten in kurzer Zeit meine Wunden, und als ich geneſen war, da huͤllte er mich in einen ſchwarzen Mantel, und geleitete mich neben der ſchwindelnden Tiefe, an dem Felſen hin, auf den Pfad, den ich mit Angla zuletzt betreten, aber, da er am Abgrunde zu enden ſchien, verlaſſen hatte. Ich ſtieg hinab ans Ufer des Stroms, wo ich den Leichnam meines Weibes fand. Ich ver⸗ ſenkte ihn unter Thraͤnen ins Grab und blickte dann freudig zum Himmel; denn ihr Weſen ward ja mit dem Meinigen vermaͤhlt, und keine Gewalt zerreißt die Verbindung, in der ich mit ihm lebe. Duͤrfen Sie ſich nun noch wundern, daß ich niemals den ſchwarzen Mantel ablege? Er er⸗ innert mich an meine geiſtige Vermaͤhlung mit Angla; er iſt das Brautkleid, mit dem ich vor der Welt trauere, unter dem ich aber das Gluͤck ver⸗ berge, mit dem das ungeſtoͤrte Leben in meiner Angla mich beſeligt. Doch die Nacht iſt hereingebrochen, die Luͤfte wehen kuͤhl und fordern uns auf zuruͤckzu⸗ kehren in unſre Wohnung. Brahe ſtand auf und ging, und ich folgte ihm ſchweigend. Hell ſchimmerten uͤber uns die Sterne, 4— —4 * 33 * 171 lauter brauſte der Strom durch die ſtille Nacht, und am Horizont lachte der Gruß des erwachenden Mondes. Raſch legten wir den Weg zuruͤck und ſchieden von einander mit einem ſtummen Haͤnde⸗ druck. In ſeiner Viſion erkannte ich eine der wun⸗ derbaren Troͤſtungen, mit denen die hoͤhere Guͤte den Sterblichen uͤber ſein hartes Geſchick beruhigt und fuͤr unwiederbringliche Verluſte entſchaͤdigt, und uͤberredete mich, daß der Grund auffallender Außenſeiten, die wir ſo gern beſpoͤtteln, tief im Herzen liegen, und uns den, der ſie zeigt, wenn wir ihn kennen lernen, oft recht achtungswerth machen koͤnne. vuckfehler. Kinn ſt. Knie. Heroen— Herren. Stützkraft— Stutzkraft. hoch— ſich. nach— noch. Clio— Chlio. Goldregen— Goldorgan. eben— oben. manche— mehr. aus— auf. ver⸗— erſchaffen. vor— von. Copie— Copia. den— dem. Mond— Mund. einfahyt— fährt. Lotos— Lotas. pflegte— pflege grollend— grellend. Erhebung— Erholung. erſtarrt— verſtarrt. dieſelben— dieſelbe zer⸗— gebrochnen. Geringere Druckfehler wird der Leſer ſelbſt zu verbeſſern gebeten. 4 —— — — 4 ſſſſnnſſſnſnſinſn 5 16 17 18 19 20 Rſnſſnnſinſ 9 11 12 13 14 1 * —